Geisteswissenschaft als Lebensgut

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



I 



RUDOLF STEINER 



Geisteswissenschaft als Lebens 

Zwolf offentlicbe Vortrdge 
gehalten zwischen dem 30. Oktober 1913 
und 23. April 1914 
im Architektenhaus zu Berlin 



1986 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, 
nicht wortlichen und teilweise liickenhaften Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlajRverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Karl Boegner und Johann Waeger 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986 



Veroffentlichung 

«Geisteswissenschaft als Forderung unserer Zeit», 
zwolf Einzelhefte als Reihe, Basel 1936-1940 



Bibliographie-Nr. 63 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0630-5 



2.u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als 
«miindliche 5 nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daft 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Die geistige Welt und die Geisteswissenschaft. 
Ausblicke in die Ziele der Gegenwart 
Berlin, 30. Oktober 1913 9 

II. Theosophie und Antisophie 

Berlin, 6. November 1913 47 

III. Geisteswissenschaft und religioses Bekenntnis 
Berlin, 20. November 1913 76 

IV. Vom lode 

Berlin, 27. November 1913 Ill 

V. Der Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele 

Berlin, 4. Dezember 1913 145 

VI. Michelangelo und seine Zeit vom Gesichtspunkte 
der Geisteswissenschaft 

Berlin, 8. Januar 1914 183 

VII. Das Bose im Lichte der Erkenntnis vom Geiste 

Berlin, 15. Januar 1914 224 

VIII. Die sittliche Grundlage des Menschenlebens 

Berlin, 12. Februar 1914 261 



IX. Voltaire vom Gesichtspunkte der Geistes- 
wissenschaft 

Berlin, 26. Februar 1914 292 

X. Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen 

Berlin, 19. Marz 1914 327 

XI. Homunkulus 

Berlin, 26. Marz 1914 361 

XII. Geisteswissenschaft als Lebensgut 

Berlin, 23. April 1914 397 

Hinweise 431 

Personenregister 440 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 443 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . .451 



ZU DIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaftund 
konnten auf ein regelmaftig wiederkehrendes Publikum rechnen, 
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden 
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden 
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder 
gegeben wurden.» (Marie Steiner) 

Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1913/14 gehalte- 
nen 12 Vortrage bilden die elfte der offentlichen Vortragsreihen, 
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelma&g durchfiihrte. 

Kurz zusammengefalk wird darin dargestellt, wie die Geisteswis- 
senschaft Materialismus und Antisophie durch «geistige Chemie», 
durch Unterscheidung des Seelisch-Geistigen vom Leiblichen iiber- 
winden und das religiose Empfinden zur geistigen Anschauung brin- 
gen kann. Im weiteren wird geschildert, wie die geisteswissenschaft- 
liche Erkenntnis des Todes, der Unsterblichkeit und der Wiederge- 
burt den Sinn zu zeigen vermag, der dem Tod junger Menschen 
zugrundeliegt, wodurch sich ein neues Bild der individuellen und 
gesamtmenschheitlichen Geschichte ergibt. Aus dieser Erkenntnis 
heraus wird die gewaltige Umwandlung der fruheren Bildhauer- 
kunst durch Michelangelo betrachtet. Das Bose wird als am falschen 
Ort wirkende Kraft, und als Grundlage des sittlichen Handelns das 
eigene Bewufttsein in der geistigen Welt dargestellt. Es wird auf 
Voltaires Tragik, in sich selbst den Zusammenhang mit der geistigen 
Welt nicht gefunden zu haben, und auf Hamerlings «Homunkulus», 
der die Konsequenzen des modernen Materialismus zeigt, eingegan- 
gen. Ausklingend wird betont, daft Geisteswissenschaft fur das Le- 
ben die grofte Schule der Liebe und ein Lebensgut fur die Gesundheit 
sein kann. 



CI 



DIE GEISTIGE WELT 
UND DIE GEISTESWISSENSCHAFT 



Berlin, 30. Oktober 1913 



Wie nun schon seit einer Reihe von Jahren werde ich mir 
auch in diesem "Winter gestatten, von diesem Orte aus 
eine Anzahl von Vortragen aus dem Gebiete der Geistes- 
wissenschaft zu halten, der Geisteswissenschaft, wie sie nun 
eben schon in den Vortragen gemeint ist, die seit einer 
Reihe von Jahren hier von mir gehalten worden sind. Ich 
werde mich auch in diesem Winter bemuhen, in der Reihe 
der Vortrage von diesem geisteswissenschaftlichen Stand- 
punkte aus moglichst verschiedene Gebiete des Lebens, der 
Erkenntnis und des Wissens zu beleuchten und darf daher 
heute im Beginne des Vortragszyklus wie in den verflos- 
senen Jahren wieder bitten, den heutigen Vortrag nicht so 
sehr als einzelnen zu nehmen, sondern in Betracht zu 
ziehen, daft der ganze Zyklus dieser Vortrage als ein mehr 
oder weniger geschlossenes Ganzes betrachtet wird, ob- 
wohl ich mich moglichst bemuhen werde, auch jeden ein- 
zelnen Vortrag in sich abzurunden. 

Die Gebiete des geistigen, des sittlichen, des kunstle- 
rischen Lebens mochte ich in dieser Vortragsreihe beriihren, 
um so zu zeigen, wie Geisteswissenschaft ein aufklarender 
Kulturfaktor fur die verschiedensten Ratselfragen werden 
kann, welche der Seele der Gegenwart berechtigterweise 
aufgehen miissen. Es ist, um noch einmal zu betonen, was 
in den verflossenen Jahren oft gesagt worden ist, keines- 
wegs ein in der Gegenwart etwa anerkannter oder be- 



liebter Gesiditspunkt, von dem aus hier diese Vortrage 
gehalten werden. Im Gegenteil: der Gesiditspunkt der 
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wird in der 
Gegenwart gegnerisch, miftverstandlich, audi wohl feind- 
lich behandelt, und gleich von vornherein sei es gesagt, 
daft liber diese Auffassung des geisteswissenschaftlichen 
Standpunktes derjenige am allerwenigsten verwundert ist, 
der auf diesem Standpunkte selber stent. Denn wieviel aus 
den Vorstellungen und aus den Denkgewohnheiten der 
Gegenwart heraus, aus alledem, was man heute wissen- 
schaftlich oder sonst berechtigt glaubt, wieviel von solchen 
Gesichtspunkten aus gegen diese Geisteswissenschaft - mit 
vermeintlichemRecht heute noch vorgebracht werden kann, 
das versteht derjenige am besten zu wiirdigen, der gerade 
in diese Geisteswissenschaft recht eingedrungen ist. Neh- 
men Sie also die Versicherung hin, daft dem, der hier 
spricht, Widerspruch, Gegnerschaft, Miftverstandnis durch- 
aus nichts Unbegreifliches oder Unverstandlich.es sein kann. 
Die Miftverstandnisse, die sich gegen diese Geisteswissen- 
schaft aufwerfen, sie liegen ja auf verschiedenen Gebieten. 
Da wird von einer Seite her geglaubt, daft diese Geistes- 
wissenschaft sich aufbaue auf irgendwelche alten, vom 
Orient oder anderswoher kommenden Religionsbekennt- 
nisse, weil man eine gewisse Ahnlichkeit einzelner Punkte 
glaubt herausfinden zu konnen mit dem, was solche Reli- 
gionsbekenntnisse vertreten haben. Daft es sich mit solchen 
Ahnlichkeiten ganz anders verhalt, kann man erst im Ver- 
laufe der Geisteswissenschaft selbst erkennen. Doch dariiber 
nur diese Andeutung. 

Daft Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nichts 
mit irgendwelchen Traditionen oder Oberlieferungen zu 
tun hat, sondern daft sie auf einem unmittelbaren, in der 
Gegenwart zu erreichenden Forschungsresultat beruht, auf 



einer Forschungsweise, zu der man keineswegs irgend- 
welche Oberlieferungen braucht, geradesowenig wie zu den 
Forschungsresultaten der Chemie, der Physik oder einer 
anderen Wissenschaft, das mochte idi wie in einer Vorrede 
sagen; wie es sich belegen und beweisen lafit, das werden 
die Vortrage selbst zeigen. Von anderer Seite werden der 
Geisteswissenschaft insofern Mifiverstandnisse entgegen- 
gebracht, als man sie wie eine Art neues Religionsbekennt- 
nis, wie eine Art Sektenglauben hinnimmt. Aber sie ist 
ebensowenig ein Religionsbekenntnis, ein Sektenglaube, 
wie irgendeine andere Wissenschaft der Gegenwart. Gera- 
desowenig wie man von denen, welche sich zur Pflege der 
Chemie vereinigen, sagen kann, sie seien eine Sekte der 
Chemie, sowenig kann man, wenn man in den Geist der 
Geisteswissenschaft eindringt, bei ihr von einem Sekten- 
glauben sprechen. Aber die Gegnerschaft gegen die Geistes- 
wissenschaft kommt aus ganz anderen Voraussetzungen 
heraus. Die Religionsbekenntnisse der verschiedensten Rich- 
tungen glauben - das sei wie eine Vorrede heute bemerkt 
dafi sie irgendwie ein neues Religionsbekenntnis zubefiirch- 
ten haben; sie furchten, ein neuer Glaube wolle in ihr Feld 
einziehen und das religiose Leben uberhaupt gef ahrden. Man 
wird sich allmahlich uberzeugen, dafi es mit dieser Geistes- 
wissenschaft so gehen wird, wie es mit der Naturwissen- 
schaft gegangen ist, als sie ihre neuzeitHche Richtung, sagen 
wir etwa, im Zeitalter des Kopernikus erlebte. Wie man 
damals geglaubt hat, dafi durch die kopernikanische Welt- 
anschauung, weil sie mit vielem Alten brechen mufite, das 
religiose Leben der Menschheit gef ahrdet sei, wie man durch 
Jahrhunderte in den verschiedenen Religionsgemeinschaften 
den Kopernikanismus verbannt hat, so mag es in der Ge- 
genwart mit der Geisteswissenschaft gehen, die in bezug 
auf den Geist eine ahnhche Aufgabe hat, wie Kopernikus 



eine entsprediendeAufgabe inderNaturwissensdiaft hatte. 
Zuletzt wird man einsehen, dafi ein ahnliches Verhaltnis 
zwischen Geisteswissenschaft und den Religionswissen- 
schaften besteht, wie zwischen dem Kopernikanismus und 
religiosen Bekenntnissen, und dafi man gegen das, was 
die Kultur fordert, ebensowenig auf dem Gebiete des Gei- 
stes etwas wird ausridbten konnen, wie man es auf dem 
Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gekonnt 
hat. Diese Dinge mogen nur beriihrt werden; denn wie es 
sich mit ihnen verhait, das wird im Verlaufe der Vortrage 
ersichtlich werden. 

Ein anderer gewichtiger Einwand kommt aber von der 
Seite selber, die eigentlich die Geisteswissenschaft wie eine 
Art Fortsetzung ihrer eigenen Bestrebungen ansehen miifite, 
wenn sie sich recht verstiinde: kommt von derjenigen Seite, 
die da glaubt auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher 
Forschung, naturwissenschaftlichen Denkens und Vorstel- 
lens zu stehen. Es sei heute zunachst wie bildlich, aber in 
dem Bilde ist mehr als ein bloftes Bild gemeint, darauf auf- 
merksam gemacht, wie sich das, was die moderne Geistes- 
wissenschaft sein will, zu der Stromung naturwissenschaft- 
licher Erkenntnis verhait. Niemand kann mehr als gerade 
derjenige, welcher auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft 
steht, den hohen Wert und die grofie Kulturkraft der mo- 
dernen naturwissenschaftlichen Denkweise anerkennen, und 
diejenigen der verehrten Zuhorer, welche seit Jahren diese 
Vortrage horen, werden wissen, wie griindlich diese An- 
erkennung naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens 
gerade von dieser Geisteswissenschaft aus betont wird. Und 
wer konnte es wollen, heute eine geistige Stromung in die 
Kultur einflieften zu lassen, der sich in Gegensatz zu dem 
naturwissenschaftlichen Denken glaubt stellen zu miissen? 
Er mufke ja nicht sehen, was dieses naturwissenschaft- 



lidie Denken der Mensdiheit im Laufe der letzten Jahr- 
hunderte, bis in unsere Tage herein an Kulturwerken ge- 
schaffen hat I Er miifite nidit verstehen, wie tief nicht nur 
in den Inhalt, sondern in die ganze Art der Erkenntnis- 
fragen und der Erkenntnisratsel die Naturwissenschaft ein- 
gegriffen hat. Gegen die berechtigten Anspriiche naturwis- 
senschaftlicher Errungenschaften wird im Laufe dieser 
Vortrage gewifi nichts eingewendet werden. Die Menschheit 
sah sie heraufbliihen und herauffluten, diese naturwissen- 
schaftliche Erkenntnis, sah sie einziehen in das Leben un- 
serer Technik, in das Leben unseres Verkehrs, sah sie die 
iiufiere materielle Weltkultur umgestalten und das soziale 
Leben der Volker tiber den Erdkreis herum erobern. Aber 
gerade weil die moderne Geisteswissenschaft dies versteht, 
deshalb zieht sie aus dem, was die Naturwissenschaft lei- 
sten kann, die Erkenntnis: wenn diese Naturwissenschaft 
lebendig, nicht abstrakt, nicht theoretisch oder dogmatisch 
erfafit wird, dann kann aus dieser Naturwissenschaft selbst 
und ihren Denkgewohnheiten etwas folgen, was die Men- 
schenseele nicht nur aufklart liber die aufieren Gesetze der 
Sinneswelt, der aufieren materiellen Krafte und Stoff e, son- 
dern auch tiber das Leben der Seele selber, iiber das Schick- 
sal der Seele, was sich einschlie£t in die Fragen nach Tod 
und Unsterblichkeit und in den ganzen Umfang des geisti- 
gen Lebens. Denn das sei hier von vornherein betont: dafi 
Geisteswissenschaft hier nicht etwa wie eine Zusammen- 
fassung der verschiedenen Kulturwissenschaften gemeint 
ist, wofur heute auch oft der Name « Geisteswissenschaft » 
angewendet wird - fur Geschichte, Soziologie, Kunstge- 
schichte, Rechtsgeschichte und dergleichen, sondern dafi 
Geisteswissenschaft hier gemeint ist als eine Erkenntnis von 
einem wirklichen Geistesleben, welches so wahrhaft ist, wie 
das Naturleben um uns herum, und dem der Mensch mit 



seinem Geiste und mit seiner Seele so wahrhaft angehort, 
wie er mit seinem Leibe demjenigen angehort, woruber uns 
die Naturwissenschaft Aufklarung zu geben vermag. 

Damit steht man allerdings sogleidi auf einem Felde, 
wo, und noch einmal sei es betont, in begreiflicher Weise, 
viele Geister der modernen Zeit nodi nicht mitgehen kon- 
nen, deshalb noch nicht mitgehen konnen, weil fiir sie die 
ganze Art, wie sich diese Geisteswissenschaft dem Geistigen 
und den Lebensratseln nahert, noch etwas ganz Phanta- 
stisches und Traumerisches ist, wie im Grunde genommen 
auch die kopernikanische Weltanschauung ihren Zeitgenos- 
sen phantastisch und traumerisch war. Aber Naturwissen- 
schaft und Geisteswissenschaft, das sei hier im Bilde gesagt, 
verhalten sich etwa in folgender Weise: Wenn ein Land- 
mann im Herbst seine Friichte einerntet, so wird der grofite 
Teil dieser Friichte zunachst zur menschlichen Nahrung ver- 
wendet, und dieser Teil spielt dann, indem er umgebildet 
wird, seine Rolle im Leben als menschliche Nahrung. Ein 
Teil dieser Friichte aber mulS, wenn das Leben weitergehen 
soil, zur neuen Aussaat verwendet werden. Er darf nicht 
zur Nahrung verwendet werden, sondern er mufi in der 
Art verarbeitet werden, indem er seinen Elementen iiber- 
geben wird, wie das von der Erde und den anderen Ele- 
menten verarbeitet worden ist, was zumSchlufi die mensch- 
liche Nahrung abgegeben hat. So ist in berechtigter Weise 
der grofke Teil desjenigen, was die Naturwissenschaft an 
glanzenden Errungenschaften geleistet hat, dazu bestimmt, 
iiberzugehen in das technische, in das soziale, in das Ver- 
kehrsleben, ist dazu bestimmt, die materielle Kultur zu 
befruchten, zu durchstromen und das Leben der Mensch- 
heit im Fortschritt zu gestalten. Aber gerade in dem, was 
uns die Naturwissenschaft gibt, ist auch etwas enthalten, 
was wiederum der menschhchen Seele ubergeben werden 



kann, ohne in das materielle Leben hinauszufliefien, was in 
dieser Menschenseele verarbeitet werden kann in der Art, 
wie ich es gleich nachher andeuten werde, und was, wenn 
es niclit theoretisch oder dogmatisch, sondern wenn es so 
von der Seele aufgenommen wird, daft es in ihr lebt, sich 
dann so in der Seele ausnimmt wie das Samenkorn, das in 
die Erde gelegt worden ist. Was so von der Menschenseele 
aufgenommen werden kann, das gestaltet sich dann in ihr 
um und wird zu jener hellseherischen Kraft, die hier ge- 
meint ist, fern von allem Aberglauben und ailem Ob- 
skurantismus, als jene hellseherische Kraft, welche in die 
geistige Welt dann die Blicke hineinwerfen kann. Denn 
das unterscheidet die Geisteswissenschaft von anderen heute 
gepflegten Zweigen der Erkenntnis: dafi diese Geisteswis- 
senschaft eine Entwickelung der menschlichen Seele vor- 
aussetzt iiber den Gesichtspunkt hinaus, der sonst in der 
heutigen Wissenschaftlichkeit gilt. In dieser Wissenschaft- 
lichkeit nimmt man den Menschen, wie er einmal ist, nimmt 
ihn so, wie er, mit seiner Erkenntniskraft, mit der sinn- 
lichen Beobachtung und der Intellektualitat ausgeriistet, 
die Welt rings herum beobachtet, die Gesetze der Natur 
sucht und dadurch die Wissenschaft zusammenstellt. Man 
nimmt, sage ich, den Menschen, wie er ist, und der Mensch 
nimmt sich selber, wie er ist, um in diese Wissenschaftlich- 
keit einzudringen. 

So ist es nicht in der Geisteswissenschaft. Die geistige 
Welt ist fur den Menschen, so wie er unmittelbar dasteht, 
wie er sich nehmen mufl auch in der iibrigen Wissenschaft, 
zunachst eine verborgene Welt, eine Welt, die nicht da ist 
fur die Sinne, die auch nicht da ist fur den gewohnlichen 
Verstandes- und Vernunftgebrauch, eine Welt, die hinter 
der Welt der Sinne liegt, obwohl das, was der Mensch in 
seinem tief sten Wesen ist, dieser ubersinnlichen Welt, wenn 



wir den Ausdruck gebrauchen diirfen, angehort. Der Mensch 
mit seiner Erkenntniskraft, wenn er sich so fafit, wie er ist, 
gehort selber dieser Sinneswelt und dieser Verstandeswelt 
an. Im tieferen Sinne gehort er der geistigen Welt an; aber 
er mufi diesen tieferen Sinn erst entwickeln. Mit anderen 
Worten: so wahr es ist, daJS sich der Mensch fiir die ge- 
wohnliche Wissenschaft so nimmt, wie er ist, so wahr ist es, 
dafi er sich fiir die Geisteswissenschaft, fiir die Erkenntnis 
des Geistes, erst umgestalten mufi, damit er in die geistige 
Welt eindringen kann. Die Erkenntniskrafte, das Erkennt- 
nisvermogen fiir die geistige Welt mufi erst ausgebildet 
werden; der Mensch mufi sich erst umgestalten, damit in 
ihm das schlummernde Erkenntnisvermogen erwacht. Aber 
dieses schlummernde Erkenntnisvermogen ist in ihm, und 
er kann es zur Erweckung bringen. Das ist allerdings ein 
Gesichtspunkt, der nicht nur unbequem, sondern in vieler 
Beziehung fiir die Gegenwart unbegreiflich ist. Denn diese 
Gegenwart ist, wenn es sich um Fragen des hoheren Lebens 
handelt, so sehr geneigt, zunachst die Frage aufzuwerfen: 
Was kann der Mensch erkennen? - Und dann kommen man- 
che, die in den Denkgewohnheiten der Gegenwart leben, 
darauf, und mit Recht kommen sie darauf: dafi ja des 
Menschen Erkenntnisvermogen begrenzt ist und gar nicht 
in eine geistige Welt eindringen kann. Auf der einen Seite 
gibt es viele Menschen, welche sagen: eine solche geistige 
Welt mag es geben, aber das menschliche Erkenntnisvermo- 
gen ist nicht fahig, in sie einzudringen. Andere sind radi- 
kaler und sagen: niemandem zeigt sich eine geistige Welt, 
folglich gibt es keine. Das ist die Anschauung des Materia- 
lismus oder, wie man ihn heute nobler nennt, des Monis- 
mus. 

Dariiber kann gar kein Streit sein, dafi der Mensch, so wie 
er ist, in die geistige Welt nicht eindringen kann, wenn er 



sie wissenschaftHch erfassen will, wenn er sie nicht durch 
einen blofien Glauben erfassen will. Ein soldier blofier 
Glaube geniigt aber der Menschheit heute nicht mehr - und 
wird ihr immer weniger geniigen, da die naturwissen- 
schaftliche Erziehung durch die letzten Jahrhunderte ge- 
flossen ist. Ein Erkenntnisvermogen fiir die geistige Welt 
mufi aber in der Menschenseele erst herangezogen werden; 
es miissen erst die Bedingungen herangezogen werden, durch 
welche der Mensch in die geistige Welt eindringen kann. 

Nun hat man, wenn man sich schon darauf einlafit, 
daE so etwas moglich ist, gewohnlich dann die Vorstellung: 
das miissen ganz besonders abnorme Krafte sein! Das rntis- 
sen Krafte sein, welche durch abnorme Verhaltnisse herbei- 
gefuhrt werden, wodurch der Mensch in die geistige Welt 
eindringen soil. Auch das ist ein Miftverstandnis. Um was 
es sich dabei handelt, das ist, dafi die Erkenntnis, jene 
Krafte der Seele, durch welche der Mensch in die geistige 
Welt eindringt, in der Menschenseele im Grunde genom- 
men vorhanden sind, dafi sie in unserem gewohnlichen all- 
taglichen Leben durchaus, insofern fiir dieses alltagliche 
Leben die Seele in Betracht kommt, auch die Seele beherr- 
schen; aber sie gehen gleichsam unter in diesem Alltags- 
leben, sie beherrschen untergeordnete Gebiete des Lebens, 
oder wenn sie wichtigere Gebiete beherrschen, so beherrschen 
sie dieselben in der Weise, dafi man ihre Krafte und ihren 
Einfluft nicht bemerkt. Was in der Seele immer vorhanden 
ist, was in keiner Seele fehlt, was aber im alltaglichen Leben 
nur in geringer Kraft und in geringem Mafie vorhanden ist, 
das mufi, zu einer gewissen Hohe und zu einer gewissen 
Starke ausgebildet, Erkenntniskrafte fiir die Geisteswissen- 
schaft geben. Auf eine Eigenschaft der Seele sei aufmerksam 
gemacht - weil ich ja nicht im Abstrakten herumreden, 
sondern gleich ins Konkrete eindringen will auf eine 



Eigenschaft, die jeder kennt, die eine Rolle spielt, die aber 
nur von ihrer geringen Hohe zu einer gewissen Intensitat 
gebracht, eine Grundkraft fiir die Geisteswissenschaft gibt. 

Jeder Mensch kennt das, was man nennt: die Aufmerk- 
samkeit der Seele auf irgend etwas richten. Wir miissen im 
Leben die Aufmerksamkeit der Seele, wir konnten auch 
sagen, unser Interesse, auf die verschiedensten Gegenstande 
richten; denn wir haben notig, von diesen verschiedensten 
Gegenstanden uns solche Vorstellungen zu machen, die uns 
bleiben, die in der Erinnerung bleiben und fortwahrend 
unsere Seele beeinflussen. Welche Rolle Aufmerksamkeit 
oder Interesse im Menschenleben spielen, das wird der- 
jenige bemerken, der liber die Giite oder die Schwache des 
Gedachtnisses schon einmal nachgedacht hat. Diejenigen, 
die sich mit der Giite oder der Schwache des Gedachtnisses 
befaftt haben, werden wissen, daft ein starkes, gutes Ge- 
dachtnis in vieler Beziehung eine Folge der Mogiichkeit ist, 
auf die Dinge Aufmerksamkeit zu wenden, sie mit Inter- 
esse zu verfolgen. Etwas, worauf wir intensive Aufmerk- 
samkeit verwendet haben, etwas, bei dem wir mit unserm 
vollen Interesse dabei waren, das grabt sich in unserer 
Seele ein, das bewahrt sich in unserm seelischen Leben. Wer 
fluchtig an den Dingen vorbeigeht, wer sich nicht ergrei- 
fen laftt von den Dingen, der wird zu klagen haben iiber 
ein schwaches, unbrauchbares Gedachtnis. Aber noch in an- 
derer Beziehung ist das, was wir Aufmerksamkeit, Hin- 
wenden des Interesses auf die Dinge des Lebens nennen, 
fiir dieses menschliche Leben wichtig. Denn davon, daft wir 
die Dinge behalten, vorstellungsmaftig behalten, mit denen 
wir einmal in Verbindung gestanden haben, davon hangt 
das ab, was wir die innere Integritat des fiir uns notwen- 
digen Seelenlebens nennen konnen. Jeder, der sich mit dem 
Seelenleben befalk hat, weifi, daft es fiir das gesunde See- 



lenleben notwendig ist, dafi der Mensch den Zusammen- 
hang zwischen der Gegenwart und den vergangenen Erleb- 
nissen behalt. Wer im umfanglichen Mafie nidit wissen 
wiirde, wie sich sein Selbstbewufksein, sein Ich, in den ver- 
gangenen Jahren verhalten hat, so dafi er, riickschauend, 
nicht erkennen wiirde, da£ er es erlebt hat, fiir wen das Ich 
immer eine neue Erfahrung ware, der hatte kein gesundes 
Seelenleben. So fiihrt zuletzt unser gesundes Seelenieben 
darauf zuriick, dafi wir imstande sind, Aufmerksamkeit 
auf die Dinge des Lebens zu wenden. Das ist also eine 
Grundkraft der Seele, die im Leben eine Rolle spielt, die 
immer da ist. 

Nun konnte jemand sagen: Also erzahlst du uns, indem 
du von Geisteswissenschaft berichten willst, von etwas ganz 
Alltaglichem und behauptest, da£ diese Aufmerksamkeit 
weiter ausgebildet werden mufi, zu einer besonderen Inten- 
sitat gebracht werden muE? 

Und doch ist es so! Was im Leben schwach sein darf, 
wenn es auch noch so stark ware fiir das auftere Leben, 
was schwach sein darf gegeniiber der Intensitat, die es 
beim Geistesforscher annimmt, das i$t gerade diese Auf- 
merksamkeit. Denn die Steigerung der Aufmerksamkeit ist 
etwas, was der Geistesforscher immer wieder und wieder 
iiben muli, was er zu einer solchen Intensitat bringen mufi, 
gegen welche der Grad von Aufmerksamkeit, die man im 
gewohnlichen Leben entwickelt, ein verschwindender ist. 
Man konnte sagen: Es konnte scheinen, dafi es leicht ware, 
den Boden der geisteswissenschaftlichen Forschung zu errei- 
chen, weil es sich nur um die Ausbildung von etwas han- 
delt, was im gewohnlichen Leben immer vorhanden ist. 
Aber es gilt auch davon das von Goethe im «Faust» ge- 
brauchte Wort: «2war ist es leicht, doch ist das Leichte 
schwer.» Es gehoren jahrelange, in Ausdauer verbrachte 



Dbungen der Seele dazu, um die Seelenkraft zu entwkkein, 
die uns im gewohnlichen Leben in geringem Mafie als Auf- 
merksamkeit entgegentritt, und wir nennen in der Geistes- 
wissenschaft dieses gesteigerte Leben in Aufmerksamkeit 
Konzentration des geistigen Lebens. Wir nennen es Kon- 
zentration des geistigen Lebens, weil der menschliche Geist 
oder die menschliche Seele, so wie diese einmal sind, im 
Alltage ihre Krafte iiber ein weites Gebiet ausbreiten, iiber 
ein Gebiet, das alles umfafit, was die aufiere Sinneswelt 
bietet und was der Verstand an diesen aufieren Sinnes- 
wahrnehmungen sich heranbildet. Verbreitet wird auch im 
gewohnlichen Leben das, was seelische Krafte sind, iiber 
alles, was der Mensch will, was er wiinscht, woriiber er in 
AfTekte kommen kann und so weiter; kurz, das Seelen- 
leben ist zunachst zerstreut. Was bei dem, was der Geistes- 
forscher in sich ausbilden mufi als eine Zubildung des gei- 
steswissenschaftlichen Apparates, die er sich auf geistigem 
Gebiet ebenso zubereiten mufi, wie der Chemiker im Labo- 
ratorium auf materiellem Gebiete seine Apparate zube- 
reitet, was dabei geschehen mufi, das ist, diese sonst iiber 
das Leben zerstreuten Seelenkrafle gleichsam in einem 
Punkte zu sammeln, die Aufmerksamkeit auf einen Punkt 
zu wenden. Auf was fur einen Punkt? Auf einen selbst ge- 
wahlten Punkt im inneren Er leben der Seele. Das heifit: der 
Geistesf orscher hat sich irgendeine Vorstellung, irgendemen 
Seelenimpuls, einen Empfindungs- oder Willensimpuls zu 
bilden und in den Mittelpunkt seines Seelenlebens zu stel- 
len. Am besten ist eine solche Vorstellung, ein soldier Im- 
puls, der zunachst nichts zu tun hat mit irgendeiner Aufien- 
welt: ein Bild, ein Sinnbild. 

Ein einfaches Beispiel sei gewahlt: Nehmen wir den 
Satz, der zunachst keine aufiere Wahrheit hat, aber darauf 
kommt es nkht an: Ich s telle mir vor, wie Licht - Licht 



eines Sternes, Lidit der Sonne - mich trifft, und wie dieses 
Licht durch die Welt wellende Weisheit ist. Ein Sinnbild. 
Nun konzentriere ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf 
dieses Sinnbild. Nicht darauf kommt es an, dafi irgend 
etwas daran wahr ist, sondern dafi alle Seelenkrafte in 
diesen einen Punkt zusammengezogen werden. Daher ist 
es notwendig, dafi man als Vorbereitung das wahlt, was 
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» weiter besprochen worden und in seinen verschie- 
denen Methoden dargestellt ist; hier soli nur auf das Prin- 
zip einleitend hingedeutet werden. Dazu ist notwendig, 
dafi man den starken Willen entwickelt, wirklich sein gan- 
zes Seelenleben auf diesen einen Punkt hin zu konzen- 
trieren. Das heifit aber, dafi man imstande ist, kiinsthch das 
herbeizufiihren, was sonst im Schlafzustande auf natur- 
gemafie Weise eintritt. Im Schlafzustande erschlaffen un- 
sereSinne; die Welt hort auf, fur uns sinnlich wahrnehmbar 
zu werden. Farben, Tone, Geriiche horen auf, auf uns Ein- 
driicke zu machen. Aber zugleicli scbwindet dabei unser 
Bewufksein. Beim Geistesforsdier muft es gerade das Be- 
wulksein sein, das willkiirlich alle aufieren Eindriicke zum 
Schweigen bringt, und doch muiS zugleich das Bewufksein 
voll erhalten werden. Auf gleiche Weise muE zum Still- 
stand gebracht werden, was gleich im Einschlafen zum 
Stillstand kommt: alles, was denWillensimpulsen entspricht, 
mufi vollstandig ruhig werden. Und auch alles, was sonst 
derMensch auf bringt, um sich tatkraftig in die Welt hinein- 
zustellen, mufi fiir den Geistesforscher vollstandig ruhig 
werden. Er mufi sein Bewufitsein von allem ablenken, 
worauf es sonst gerichtet ist, und mufi den ganzen Umkreis 
der Seele nur auf den einen Punkt konzentrieren, den man 
sich selbst gewahlt hat. Dann erstarken unsere Seelenkrafte. 
Und es erstarken gerade diejenigen Seelenkrafte, die sonst 



im alltaglichen Leben verborgen bleiben, und es tritt jetzt 
nach und nach etwas ein, was ich mit dem vergleichen 
mochte, was sich auf dem Gebiete des aufleren materiellen 
Lebens vollzieht, wenn der Chemiker zum Beispiel iiber 
das Wasser forscht. Fiir den Geistesforscher steht der 
Mensch da in der Welt, wie vor dem Chemiker das Wasser. 
Der Mensch ist fiir den Geistesforscher eine Verbindung, 
eine innige Durchdringung des Geistig-Seelischen mit dem 
Korperlich-Leiblichen, wie fiir den Chemiker das Wasser 
eine Durchdringung ist von Sauerstoff und WasserstofT. 
Und ebensowenig wie der Chemiker jemals darauf kom- 
men konnte, was das Wasser ist, wenn er nur den Wasser- 
stoff untersuchen wiirde, ebensowenig kann man darauf 
kommen, was der Mensch in seinem Geiste oder seiner 
Seele ist, wenn man den Menschen nur in dem Leibesdasein 
betrachtet. Auf diesem Gebiete mufi der Geistesforscher 
ebensowenig Furcht haben, fiir einen Dualisten gehalten 
zu werden, als der Chemiker auf seinem Gebiete Furcht 
haben darf, wenn er Wasser zerlegt in Wasserstoff und 
Sauerstoff. Man hat nicht mehr Recht, den Geistesforscher, 
weil er auf seinem Felde «geistige Chemie» treibt, einen 
Dualisten zu nennen, als man dazu beim Chemiker Recht 
hatte, weil er nicht gelten lafit, daft das Wasser eine Einheit 
ist, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, und 
wie er, um die Natur des Wassers kennenzulernen, den 
WasserstofT von dem Sauerstoff abtrennen mufi. 

Mit denselben Mitteln, nur auf seinem Gebiete, arbeitet 
der Geistesforscher. Und was ich eben angedeutet habe: die 
Konzentration, die gesteigerte Aufmerksamkeit, das ruft 
die in der Menschenseele zwar vorhandenen, aber im 
alltaglichen Leben schlummernden Krafte hervor, durch 
welche das Geistig-Seelische, das sonst mit dem Korperlich- 
Leiblichen in ungetrennter Verbindung ist, von diesem 



Leiblichen so herauszutrennen ist, wie der materielle Was- 
serstoff aus dem Wasser herausgetrennt wird beim chemi- 
schen Experiment. Und das ist es, was der Geistesforscher 
erlebt, wenn er diese Aufmerksamkeitssteigerung in energi- 
scher, in oft eben jahrelanger, hingebungsvoller Cbung be- 
treibt: dalS tatsachlich dasjenige, was sonst iiberhaupt in sei- 
ner Wirklidikeit leicht angezweif elt werden kann, namlich 
das Geistig-Seelische, fiir ihn unmittelbares Erlebnis wird, so 
dafi es fiir ihn einen unmittelbar erlebten Sinn hat zu sagen: 
Ich erlebe mich unabhangig vom Leibe im Geistig-See- 
lischen; ich weifi jetzt erst, was das Geistig-Seelische ist, 
weil ich mich im Geistig-Seelischen erlebe! - Nicht so sehr, 
dafi der Geistesforscher Erkenntnisse derselben Art, wie 
es die naturwissenschaftlichen sind, zu diesen hinzuzufiigen 
hatte; sondern, obwohl seine Art des Forschens ganz im 
naturwissenschaftlichen Geiste, namentlich im Geiste des 
Wissens ist, so ist doch seine Forschungsmethode ganz an- 
ders geartet; und gerade weil sie den Wissensgesetzen treu 
bleiben will, mufi sie eine andere Form annehmen als die 
unmittelbar auf das materielle Gebiet gerichteten naturwis- 
senschaftlichen Methoden. Der Geistesforscher erlangt auf 
diese Weise zum Beispiel ein Bewufitsein uber das f olgende. 

In unserer Gegenwart wird man, und zwar mit einem 
gewissen vollen Recht, sagen: Nun, hat denn die Natur- 
wissenschaft, wenn auch nicht Beweise, so doch wenigstens 
die hypothetische Berechtigung geliefert der Ansicht, daft 
das menschliche Denken, wie es uns eben am Menschen ent- 
gegen tntt, eine Funktion oder ein Ergebnis des Gehirnes 
ist? Hier an diesem Punkte setzt zumeist alles dasjenige 
ein, was Gegner der Naturwissenschaft oder Anhanger der 
Geisteswissenschaft im nicht ganz modernen Sinne vor- 
bringen, namlich nicht in dem Sinne, der hier als modern 
gemeint ist, Es gibt viele Menschen, die den Geist aner- 



kennen mochten und deshalb von vornherein gegen eine 
solche Behauptung Stellung nehmen: das menschliche Den- 
ken sei an das Zentralnervensystem gebunden, sei ein Aus- 
fluft des Zentralnervensystems. Und viel wird an Polemik 
entwickelt gegeniiber dem, was die Naturwissenschaft zwar 
nicht bewiesen hat, wovon sie aber glaubt, es als eine 
Hypothese hinstellen zu konnen: daft das mensdiliche Den- 
ken eine Funktion des Gehirnes sei; und bei vielen Men- 
schen wird gleich die Geisteswissenschaft fiir gefahrdet 
gehalten, wenn man glaubt zugeben zu miissen, daft das 
menschliche Denken an das Gehirn gebunden ist, daft man 
ohne ein Zentralnervensystem ja doch nicht denken kann. 
Nicht einmal in diesem Punkte hat die Geisteswissenschaft 
den berechtigten Anforderungen der Naturwissenschaft zu 
widersprechen; denn wahr ist es, daft das Denken, wie wir 
es im gewohnlichen Leben entwickeln, an das Zentral- 
nervensystem und an das iibrige Nervensystem gebunden 
ist. Aber wahre Geisteswissenschaft lehrt uns erkennen, daft 
diejenige Formation, diejenige Gestaitung des Gehirnes, 
des Zentralnervensystemes, welche zum Denken im Alltag 
herbeigefuhrt werden muft, aus dem Geiste herausgeflossen 
ist, daft der Geist unsern Leib erst so aufbaut, daft dieser 
Leib das Werkzeug des Denkens werden kann. Geistes- 
wissenschaft steigt nicht bloft in das Denken hinab, sie 
behauptet nicht, daft das Denken, wie es uns im Alltage ent- 
gegentritt, ewig und unsterblich sei, sondern sie lehrt uns 
erkennen, daft dasjenige, was unsern Denkapparat auf- 
baut, unser wahres geistig seelisches Leben ist, dasjenige, 
was hinter unserm Denkapparat, was iiberhaupt hinter 
unserer Leiblichkeit lebt. Und die geisteswissenschaftlichen 
Methoden, wie sie angedeutet worden sind, fiihren zu die- 
sen wirkenden, schaffenden Kraften, die hinter allem Mate- 
riellen stehen. 



So dringt die geisteswissenschaftliche Methode, weil sie 
zugleidi in dem drinnen sein mufi, was sie vom Leibe ab- 
trennt, zu einer ganz anderen Art des Erlebens und zu 
einer ganz anderen Seelenverfassung vor, als die Art des 
Erlebens und der Seelenverfassung des gewohnlichen Le- 
bens und audi der gewohnlichen Wissenschaft sind. Nur 
eines sei gleich von vornherein angedeutet, weil ich eben in 
konkreten Tatsachen sprechen mochte. "Was sich sonst in 
unserm Denken und Vorstellen aufiert, und was im alltag- 
lichen Leben an das Gehirn gebunden ist, das trennt sich 
durch die Konzentration, wie sie andeutungsweise geschil- 
dert worden ist, wirklich von dem Leiblichen ab; und der 
Geistesforscher kommt dazu, in sich zu erleben, wie er sich 
innerlich erkraftet, eben erlebbar fuhlt, wie er aufierhalb 
seines Zentralnervensystems ist, mit dem er sonst in allem 
Denken, Fiihlen und Woilen verbunden ist, und dafi wie 
ein anderer Gegenstand, dem man gegeniibersteht, die 
eigene Leiblichkeit diesem geistig-seelischen Erleben gegen- 
iibersteht. Mit anderen Worten: Wie man sich im gewohn- 
lichen Leben innerhalb seines Leibes erlebt, so erlebt man 
sich, wenn man die geisteswissenschafHichen Methoden auf 
sich selber anwendet, au^erhalb seines Leibes. Man erlebt 
sich, wenn man besonders diese Konzentrationsmethoden 
des Denkens anwendet, aufierhalb seines Gehirnes. Man 
weift jetzt erst, wie das Gehirnwerkzeug ist. Denn ich 
erzahle Ihnen keine Marchen und keine Phantasiebilder, 
sondern etwas, was fur den Geistesforscher erlebbar ist, 
indem ich sage: er fuhlt, sich selber erlebend, wie sein Ge- 
hirn umkreisend, fuhlt sich wie im Umkreise seines Gehir- 
nes. Er weifi, was es heilk, nicht so denken, wie man im 
gewohnlichen Leben denkt, sondern denken bloft im gei- 
stig-seelischen Element und das Gehirn aufierhalb dieses 
Elementes fiihlen - ja, es sogar wie etwas fiihlen, was 



Widerstand leistet, an dem man anstolk, wie man an einem 
aufieren Gegenstande anstoEt. Ich habe audi hier schon ein- 
mal die Steigerung solcher Erlebnisse zu einem umfang- 
licheren Erfahren geschildert, habe es audi geschildert in 
meiner kleinen Schrift. «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des 
Menschen». 

Wenn der Geistesforscher seine Obungen fortsetzt und 
wirklich die Hingabe hat, nicht auf ein Bild, sondern auf 
Hunderte und Hunderte von Bildern sein ganzes Seelen- 
leben zu konzentrieren, so daE sich die Krafte selbst immer 
mehr und mehr steigern, dann kommt eben das, was ich in 
der eben genannten Schrift als ein erschutterndes Ereignis 
bezeichnet habe. Es tritt fiir den einen in der einen Form, 
fur den anderen in einer andern Form ein, hat aber immer 
etwas Typisches. So wie ich es schildere, wird es sich fiir 
jeden ausnehmen konnen. Es kann der Mensch, sogar mitten 
im Alltagsleben, wenn er lange genug Obungen dazu ge- 
macht hat - und es wird ihn, wenn die Obungen richtig 
gemacht worden sind, das aufiere Leben nie storen -, dazu 
kommen, sich zu sagen: Was ist es, was sich dir aus dem 
alltaglichen Vorstellen heraus offenbaren will? - Es ist et- 
was, was auf dich eindringen will, aber auf dich eindringen 
will wie etwas, was sonst nur aus deiner eigenen Seele auf- 
steigt. Aber es kann auch eindringen wollen wie etwa ein 
Traum, wenn man aus dem Schlaf e erwacht, was aber wie- 
der unendlich mehr ist als ein Traum, was hereintritt, und 
von dem man sich sagt: "Was geschieht jetzt? - Es geschieht 
etwas, was sich etwa wie ein in den Raum einschlagender 
Blitz ausnimmt, den man durch sich durchgehend fiihlt. 
Und man kann sich sagen: Es ist, wie wenn dein Leib von 
dir abfallt und zerstort wiirde. Aber man wei$ jetzt: Du 
kannst in dir drinnen sein, ohne in deinem Leibe zu sein! 

Von diesem Augenblicke an - denn diesen Wert hat dieses 



Erlebnis, das es immer gegeben hat, wenn es audi eben in 
der aufieren Welt nicht bekanntgegeben worden ist - weifi 
man, wenn man es zum ersten Male erlebt, was die Geistes- 
forscher gemeint haben, die gesagt haben: Wer das Ewige 
im Menschen, das Geistig-Seelische, erlebt, der mufi heran- 
treten an die Pforte des Todes. Man erlebt an sich selber 
den Tod im Bilde. Man erlebt im Bilde in der realen, nicht 
eingebildeten Imagination, was es heifit: Das Geistig-See- 
lische trennt sich ab vom Leibe und hat seinen Bestand, wie 
es sich abtrennt, wenn der Mensch durch die Pforte des 
Todes schreitet. Wir werden iiber dieses alles noch zu spre- 
chen haben; heute will ich nurwie in einer Vorrede angeben, 
welches das Wesen des geistigen Lebens und der damit zu- 
sammenhangenden Geisteswissenschaft ist. - Eine Summe 
von inneren Erlebnissen tritt hervor, die zunachst dazu 
fiihren, zu wissen was es heilk, «geistige Chemie» treiben, 
was es heifit: «abtrennen das Geistig-Seelische von dem 
Leiblichen», urn die Schicksale des Geistig-Seelischen zu er- 
forschen und um zu wissen, dafi es eine wirkliche Abtren- 
nung des Geistigen vom Leiblichen gibt und ein selbstan- 
diges Leben des Geistes gegeniiber dem Leibe. Sich also 
aufierhalb seines Leiblichen zu wissen, das ist die Frucht der 
gesteigerten Aufmerksamkeit, der gesteigerten Konzentra- 
tion. Man merkt schon auf verhaltnismaftig elementaren 
Stufen dieses Aufier-dem-Leibe-Stehen insbesondere in be- 
zug auf das Zentralnervensystem. Wenn man sich fiihlt wie 
denkend und vorstellend gleichsam hingezogen von der 
geistigen Welt sozusagen aufierhalb seines Gehirnes, also 
seines Leibes, dann hat man ja, weil man zunachst im ge- 
wohnlichen Leben als Erdenmensch darin steht, immer wie- 
der und wieder die Notwendigkeit, zum gewohnlichen 
Vorstellen zuriickzukehren und so zu denken, wie man im 
normalen Leben eben denkt. Aber man erlebt den Augen- 



blick, wo man sich sagen mufi: Du warst jetzt aufierhalb 
deines Leibes; du mufit wieder zuriickkehren in deinen Leib 
und das, was du aufierhalb des Leibes erlebt hast, so gestal- 
ten, dafi du dein Gehirn davon ergreifen lafit, da£ die Ge- 
danken, welche du aufierhalb des Leibes gehabt hast, Ge- 
hirngedanken werden! 

Dieses Sichhineinbegeben in das Gehirn erlebt man, und 
das ist mit etwas verkniipft, was gut vorbereitet sein mufi, 
was aber gut vorbereitet sein kann, wenn man die Obungen 
durchgemacht hat, die in dem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» geschildert sind. Man 
weifi dann, indem man mit dem Denken in das Gehirn 
untertaucht, da£ das Gehirn Widerstand leistet, und dafi in 
der Tat der Denkprozefi des gewohnlichen Lebens eine Zer- 
storung des Zentralnervensystems ist, echte Zerstorungs- 
prozesse, die aber wieder durch den Schlaf aufgehoben 
werden. Alles Denken ist im Grunde genommen ein Zer- 
setzungsprozeB, und der Schlaf gleicht immer wieder diesen 
Zersetzungsprozeft aus. Wenn man aber im geistigen Uben 
fortschreitet, so erlebt man sich untertauchend in einen Auf- 
losungsprozefi; und das driickt sich, wenn man nicht die 
richtigen Gef uhle in der Vorbereitung ausgebildet hat, darin 
aus, daft man Furcht hat, in den Organismus wieder unter- 
zutauchen. Der Mensch steht ja jetzt aufierhalb des eigent- 
lichen Erdenleibes. Wie in einen Abgrund fiihlt man sich 
untertauchen. Und man mufi daher gerade solche Ubungen 
machen, die einem Gelassenheit, die einem AfFektlosigkeit 
gegeniiber dem geben, was sonst als Angstlichkeit, als Furcht 
auftreten kann. Also eine gewisse Art der Seelenstimmung, 
der Seelenverfassung ist es, die in dem sich ausdriickt, was 
Erkenntniskraft, was Forschungsmethoden fiir die hoheren 
Wei ten sind. 

Noch etwas anderes muE hinzutreten, wenn wirkliche 



Kunde, wirkliche Offenbarung aus den geistigen Welten in 
die Menschenseele hereindringen soli. Eine andere Kraft 
mufi bis zur hochsten Intensitat gesteigertwerden: die Hin- 
gabe, Liebe zu dem, was uns entgegentritt. Man hat ja diese 
Hingabe bis zu einem gewissen Grade im gewohnlichen Le- 
ben notig. Aber diese Hingabe mufi bei dem Wege in die gei- 
stigen Welten soweit gesteigert werden, dafi der Mensch bis 
in seinen tiefsten Organismus hinein vollig verzichten, jede 
Regsamkeit unterdriicken lernt. Nach und nach gesteigerte 
"Obung bringt es dazu, die willkiirlidien Bewegungen, die 
aus der Ichheit des Menschen kommen, zu unterdriicken 
und sozusagen vollig hingegeben sein an den Strom des 
Daseins, der vor uns hinstromt; aber nicht nur dies, sondern 
audi bis zu einem gewissen Grade das als etwas Aufierliches 
zu empfinden, was unwillkiirliche Bewegungen sind. Bis in 
die Gefafiorgane hinein lernt sich der Mensch bei diesen 
Ubungen empflnden. Dann kann der Mensch von der gei- 
stigen Welt sagen: Du erlebst sie aufierhalb deines Leibes; 
du wirst sie als eine gegliederte Welt erleben, in der Wesen- 
heiten auftreten - wie die Naturwelt, in der Naturwesen- 
heiten auftreten. Durch Konzentration, das heifit durch 
eine gesteigerte Aufmerksamkeit, und durch Meditation, 
das heiik durch eine gesteigerte Hingabe findet der Mensch 
den Weg in die geistige Welt, wie er den Weg in die Natur 
findet, wenn er sie mit den aufieren Augen und mit dem 
Verstande betrachtet. Dann allerdings, wenn der Mensch so 
durch einen Prozefi geistiger Chemie sein Geistig-Seelisches 
von dem Leiblichen abgetrennt hat, dann erf afk er sich auch 
in seiner Unendlichkeit; dann erfaEt er sich in dem Dasein, 
das aufierhalb von Geburt und Tod oder, wenn man will, 
von Empfangnis und Tod liegt. Dann erkennt er sich in 
dieser seiner ewigen Wesenheit so, dafi er jene Entwicke- 
lungs-Idee, von der in diesen Vortragen noch oft gesprochen 



werden soli, ergreift, welche auf dem Gebiete des mensch- 
lichen Geisteslebens jener Entwickelungs-Idee entspricht, 
der die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete in der neueren 
Zeit so viel verdankt: dann ergreift der Mensch die Idee 
der wiederholten Erdenleben, die Tatsache, dafi das voile 
Menschenleben besteht in wiederholten Erdenleben, zwischen 
welchen Leben in rein geistigen Welten liegen. Die Idee der 
Reinkarnation unterscheidet Leben im Leibe zwischen Ge- 
burt und Tod und Leben zwischen Tod und neuer Geburt 
in einem rein geistigen Dasein. 

Alle diese Dinge werden, noch einmal sei es betont, in 
begreiflicherweise von denen, die in den naturwissenschaft- 
lichen Denkgewohnheiten festzustehen glauben, sehr leicht 
als Traumereien und Phantastereien angesehen; und es wird 
ja in unserer heutigen Zeit durch die Forschungen iiber 
Traum, Hypnose, Suggestion, Auto-Suggestion und so wel- 
ter oft darauf hingedeutet, wie aus den Tiefen des unterbe- 
wufiten Seelenlebens allerlei auftauchen kann, was in dem 
Menschen das tauschende Bewuft tsein hervorruf en kann : Du 
erlebst etwas, was Bedeutung hat aufierhalb deines leiblichen 
Lebens. Alle diese Dinge sind theoretische Einwande; sie 
wird derjenige nicht mehr machen, der defer in die Geistes- 
wissenschaft eindringt. Denn viele Einwande werden wir im 
Verlaufe dieser Vortrage erheben und werden zeigeh, wie 
sich die Geisteswissenschaft dazu zu stellen hat. Nur auf ein 
Prinzipielles sei heute aufmerksam gemacht. 

Es kann leicht gesagt werden: Wenn so der Geistesforscher 
sein Geistig-Seelisches in seiner Selbstandigkeit erlebt hat 
und dann wie in einem erweiterten Gedachtnis auf fruhere 
Erdenleben oder auf sein letztes Erdenleben zuriickzublicken 
meint, so kann das nichts anderes sein als seine umgestal- 
teten Wiinsche, als sein Wunschesleben, das im Unterbe- 
wulken spielt und das heraufschillert ins Tagesbewufitsein, 



wodurch er sich Tauschungen, Halluzinationen und so wei- 
ter bildet. - Es ist begreiflich, dafi das ungebildete Denken 
in einem solchen Falle von selbstgebildeten Wunschen, von 
Illusionen, Halluzinationen und so weiter spricht; aber man 
weift nicht, worum es sich handelt. Wer sein geistig-seelisches 
Leben von dem Leiblichen durch geistige Chemie losgetrennt 
hat, der merkt, wenn er ein solches Zuriickblicken in ein 
f riiheres Erdenleben wirklich erlebt, dafi es nicht ein umge- 
bildeter Wunsch oder etwas ist, was aus seinem Unterbe- 
wulksein herauftauchen kann; denn es darf das Wort ge- 
braucht werden: Gewohnlich ist das, was man im Geistigen 
erlebt, sehr verschieden von dem, was man sich traumen 
lassen kann. Es wird ja auf dem Gebiete, das hier als Gei- 
steswissenschaft bezeichnet wird, sehr viel Unfug getrieben. 
Auf keinem Gebiete ist Scharlatanerie so verbreitet, wie 
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft; und manchen, der 
in das hineingesehen hat, was Geisteswissenschaft ist, der 
einige von ihren Lehren aufgenommen hat und auch die 
Oberzeugung gewonnen hat, daft diese Lehren wahr sind, 
den hort man sprechen: Der oder jener hatte in einem fru- 
heren Leben dieses oder jenes erlebt, ware in einem friiheren 
Leben dieses oder jenes gewesen. Nun, man kann viel Unfug 
auf diesem Gebiete erleben. Gewohnlich sieht man den Aus- 
sagen, die auf diesem Gebiete gemacht werden, sehr wohl 
an, dafi sie gewissen menschlichen Wiinschen entsprechen; 
denn was die Leute alles gewesen sein wollen, welche an- 
geben, wie ihre friiheren Leben verflossen sind, das nimmt 
manchmal recht merkwurdige Gestaltungen an. Zumeist 
sind es recht beruhmte, hervorragende Personlichkeiten, die 
man ja nicht gerade durch die geisteswissenschafUiche For- 
schung, sondern auch durch die Geschichte kennen lernen 
kann! Wer aber in die geistigen Welten wirklich eindringt, 
dem stellen sich die Dinge ganz anders dar. Daher f olgendes 



Beispiel: Jemand tut, nachdem er die geisteswissenschaft- 
lichen Methoden auf seine Seele angewendet hat, einen Blick 
in ein friiheres Erdenleben, wie es moglich und sogar selbst- 
verstandlichist, wenn die geistesforscherischen Methoden bis 
zu einem gewissen Grade auf die Seele wirksam geworden 
sind; dann tritt das Bild fruherer Erlebnisse in einem friihe- 
ren Erdenleben auf. Aber dabei wird man bemerken, dafi 
diese Erlebnisse so sind, da$ man im gegenwartigen Augen- 
blick, wo man sie in der erweiterten Gedachtnisriickschau er- 
blickt, nichts Rechtes mit ihnen anzuf angen wei$ ; aulSer dem, 
da£ sie die Erkenntnis bereichern, wird man im gewohn- 
lichen Leben nichts mit ihnen anf angen konnen. Man merkt, 
dafi man in einem friiheren Leben gewisse Geschicklichkei- 
ten, gewisse Kenntnisse und so weiter gehabt hat. Jetzt tritt 
einem das im Bilde entgegen. Man ist aber im gegenwartigen 
Leben zu alt, um sich diese Geschicklichkeiten und Kennt- 
nisse wieder anzueignen. In der Regel wird das eintreten, 
was man sich nicht traumen lafk, was keine Phantasterei 
ersinnen kann; das wirkliche Leben ist in der Regel ganz 
anders als das phantastische Bild, das man sich vielleicht 
uber ein friiheres Erdenleben macht. Oder man merkt: in 
dem vergangenen Leben hattest du eineBeziehung zu dieser 
oder jener Personlichkeit. Will man aber in dem Lebens- 
alter, wo man das entdeckt, die Konsequenz fur das gegen- 
wartige Leben ziehen, dann gestatten es die Lebensverhalt- 
nisse nicht, und man ist dann auf das verwiesen, was man 
das geistige Ursachengesetz nennt. Man erkennt - aber man 
kann die Erkenntnis nicht auf das gegenwartige Leben an- 
wenden. Man mufi auch dabei ein hingebungsvolles Seelen- 
leben entwickeln und sich sagen: Was du einst als Beziehun- 
gen zu Personen entwickelt hast, das wird sich ausleben; 
aber du mufk warten, bis die geistigen Zusammenhange die 
Ursachen aus friiheren Erdenleben zu Wirkungen im gegen- 



wartigen bringen. Was man sich ertraumen mochte auf gei- 
stigem Gebiete, das tritt nicht ein, wenn die Erkenntnis 
eine wirkliche ist. 

Wenn man in jenes Dasein, das zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt verflielk, wo man in einem rein geistigen 
Leben ist, hineinschaut, so hilft einem alles Nachdenken in 
Begriffen und so weiter nichts, um sich dariiber Vorstellun- 
gen zu machen, wie man in jener Zeit gelebt hat. Was man 
als die nachste Gestalt seiner Lebensaufgaben, seiner Inter- 
essen zunachst zu betrachten hat, wie die Art seiner Um- 
gebung ist, in die man der aufieren materiellen Welt nach 
hineingewachsen ist, was man als Wiinsche, Begierden, Af- 
fekte entwickelt hat, was die Vorstellungswelt fiir einen 
Charakter angenommen hat, das ist zumeist vollstandig 
entgegengesetzt dem, was man in der geistigen Welt erlebt 
hat, bevor man zur jetzigen Verkorperung herabgestiegen 
ist. Was man da begehrt, gewunscht hat, das entspricht nicht 
den Wiinschen im irdischen Leben. Nehmen wir dafur ein 
grobes Beispiel: Im Erdenleben kann man sehr leicht von 
irgend einem Schicksalsschlage schmerzlich beriihrt werden. 
Dann kann man - ich habe in meiner letzten Schrift «Die 
Schwelle der geistigen Welt» darauf aufmerksam gemacht, 
wie die Dinge liegen, und wie die Einwande, die von mate- 
rialistischer Seite sehr leicht gemacht werden konnen, durch- 
aus nicht ausschlaggebend sind — , wenn man irgend etwas 
als schmerzlich empfindet, und wenn dieses als schmerzlich 
Empfundene keinem Wunsche, auch nicht einmal im Unter- 
bewufitsein, entspricht, so kann man sehr leicht glauben, 
dafi in der geistigen Welt, wo man vorher war, unser ganzes 
Wunschesleben, unsere Stellung zur geistigen Welt ahnlich 
war, wie jetzt unsere Stellung dem Leben gegeniiber ist. Das 
ist aber nicht der Fall. Das Empfinden in der geistigen Welt 
vor unserer Verkorperung ist ein durchgreifend anderes. 



Daher hat man sich vorzustellen, dafi man selbst alles her- 
beigefiihrt hat, um diesen Schmerz zu erleben, der einen 
jetzt getroffen hat. Was man ganz gewifi nicht wiinscht, ja, 
wovon man zugeben mufi, dafi man es im Erdenleben so 
wenig als moglich wiinscht, von dem erf ahrt man, dafi man 
es vor seinem Erdenleben selbst gewiinscht und ersehnt 
hat, weil man durch das Erleben und durch das Sichher- 
ausarbeiten aus diesem Schmerz zur Vervollkommnung sei- 
nes Seelenlebens kommen kann. Denn die Schicksalsfrage 
wird durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, wie wir 
noch sehen werden, zu einer Vervollkommnungsfrage. 

Wenn wir das geistige Leben in dieser Weise uns vor die 
Seele stellen, so erscheint es in der Tat dem gesteigerten 
Innenleben als eine geistige Umwelt, wie die natiirliche Um- 
welt den Sinnen und dem Verstande erscheinen. Und vieles 
hat der Geistesforscher zu uberwinden, damit er das, was er 
zu beobachten in der Lage ist, zum Range einer Wissen- 
schaft erheben kann. Denn nach der ganzen Art, wie ich 
geschildert habe, konnen Sie sich vorstellen, dafi die Erleb- 
nisse, die der Geistesforscher haben mufi, die ihm die geistige 
Welt bekunden, erst errungen werden miissen. Sie werden 
so errungen, dafi sie zuerst so schwach auftreten, dafi die 
schwachsten, fast ganz verblafiten Erinnerungsbilder des 
gewohnlichen Lebens manchmal gegenuber diesen Mani- 
f estationen der geistigen Welt stark genannt werden miissen, 
und dafi diese wie verblassende Erinnerungen - jetzt aber 
Erinnerungen aus der geistigen Welt — verstarkt und er- 
kraftet werden miissen. Diese Erstarkung tritt erst nach und 
nach im fortgesetzten Sichhineinleben und Sichhineiniiben 
in die geistigen Verhaltnisse auf. Dieses Erstarken, dieses 
Erkraften des Seelenlebens ist die Grundbedingung fur die 
geistige Forschung. Dann mufi aber noch etwas anderes 
hinzukommen. 



Wir werden im Verlaufe der Vortrage sehen, wie es un- 
begriindet ist, aber begreif lidierweise leicht geschehen kann, 
dafi der materialistische Denker sagt: Was so durch Kon- 
zentration, durch Hingabe des Seelenlebens, durch Medita- 
tion erreicht wird, das untersdieidet sich ja gar nicht von 
den Illusionen und Halluzinationen eines krankhaften See- 
lenlebens. Man kann sagen, wenn man die Dinge aufierlich 
betrachtet, dafi das, was der Geistesforscher erlebt, sich nicht 
da von unterscheidet. Man kann sogar sagen: Wenn der Gei- 
stesforscher diese Dinge beschreibt, dann ist es ja wirklich 
so, wie wenn ein Traumer seine Traume beschreibt. In den 
Traumen, die der Traumer beschreibt, spricht sich etwas aus, 
was audi in der auBeren Welt erlebt wird: Reminiszenzen 
an die aufiere Welt sprechen sich darin aus. Und man kann 
daher in einem gewissen Sinne sagen: Was der Geistesfor- 
scher als sein Geistig-Seelisches abtrennt von dem Leiblichen 
und als Wesen einer Bilderwelt vor seine Seele hinstellt, das 
ist, wenn er es beschreibt, doch so, dafi die Eigenschaften der 
Bilder hergenommen sind von den Eigenschaften der Wesen 
der aufieren Welt. Wer sich das ansieht, was in meiner «Ge- 
heimwissenschaffc im Umrifi» steht, wird, wenn er durchaus 
will, sagen konnen: Was du da beschreibst von Dingen, die 
nur in den iibersinnlichen Welten fur eine Geisteswissen- 
schaft zu erreichen sind, das sind Dinge, die man audi in der 
aufieren Welt erf ahrt, wenn audi nicht so zusammengestellt. 
Man kann es in gewisser Weise sagen, obwohl die Ein- 
wande, die heute von mancher Seite gegen das erhoben 
werden, was die Geisteswissenschaft sagt, etwas naiv sind. 
Wenn jemand zum Beispiel sagt : Was in einer solchen Schrift, 
wie der «Geheimwissenschaft», steht, das sei wie durch eine 
Art geprelken inner en Erlebens phantastisch zusammenge- 
stellt, und es sei eine solche Darstellung eigentlich Phan- 
tastik und keine Wirklichkeit, so merkt man sehr bald, wes 



Geistes Kind solche Logik ist. Denn wenn man naher darauf 
eingeht, wird man merken, daiS es dieselbe Logik ist, wie 
wenn ein Kind, welches bisher nur einen holzernen Lowen 
gesehen hat, nun sagt, wenn es einmal einen wirklichen Lo- 
wen sieht: Das ist kein wirklicher Lowe, denn der wirkliche 
ist ja von Holz. So machen es oft die Gegner der Geistes- 
wissenschaft. Weil sie die Dinge nicht richtig kennen, werfen 
sie dem Geisteswissenschafter vor, dafi sie nicht so sind, wie 
die Dinge, die sie aus dem gewohnlichen Leben her kennen. 
Aber man kann einwenden, dafi die Schilderungen des 
Geistesforschers Reminiszenzen aus dem gewohnlichen Le- 
ben sind. Dieser Einwand ist aber ebenso viel wert wie etwa 
der Einwand jenes Kindes, oder wie der Einwand eines 
Menschen, der nicht lesen kann, und der sagt: Was ich da 
vor mir sehe, das sind allerlei Formen; da sehe ich etwas, 
das hat einen Strich von links unten nach rechts oben, dann 
einen Strich von links oben nach rechts unten und dann 
einen Querstrich! - wogegen derjenige, welcher lesen kann, 
dieses als ein A empfindet. 

Das ist es nicht, was man so unmittelbar erreicht und 
schaut, was von der Beobachtung der geistigen Welt aus in 
die Sinneswelt iiberzugehen hat; sondern das ist es, dafi 
man lesen lernt an demjenigen, was man schaut. Denn das 
Geschaute mufi erst in der richtigen Weise gelesen werden. 
Aber man lernt dieses Lesen gleichzeitig in dem Oben. 
durch das man sich in die geistige Welt hineinfindet. Und 
wenn jemand in den Schilderungen der Geisteswissenschaft 
nur Reminiszenzen aus der gewohnlichen Welt sieht und 
sagt: Das sind, wenn so von fruheren Erdenleben ge- 
sprochen wird, doch nur Begriffe, welche sich sonst im 
Leben auch finden, nur nicht so gruppiert, - so gleicht ein 
soldier einem Menschen, der einen Brief anschaut und zu 
einem anderen sagt: Du wills t daraus etwas Neues er- 



fahren? Ich weifi aber schon alles, was darin steht; denn es 
stehen nur alle Buclistaben darin, die ich schon kenne, gar 
nichts Neues! Genau so ist es, wenn gesagt wird: Was der 
Geistesforscher schildert, das sind doch nur Reminiszenzen 
aus der Sinneswelt! Aber auf das kommt es bei diesen 
Schilderungen an, was dahinter ist als Wesenhafles, was 
sich da off enbart. 

So ist die Geisteswissenschafl; dasjenige, was beim Geistes- 
forscher als Resultat der Erlebnisse auftritt, die er hat. Und 
das ist das Schwierige, das heute noch so Mifiverstandene, 
das mit den heute gesetzten Zielen des Lebens scheinbar so 
wenig Obereinstimmende der Geisteswissenschafl;, dafi der 
Geistesforscher bei dem, was fur ihn Erfahrung, Beobach- 
tung wird, immer dabei sein mufi, immer bei allem darin- 
nen sein mufi, dafi er zwar nicht seinen Leib, sondern seine 
Seele zu Markte tragt, wenn er von den Verhaltnissen in 
der geistigen Welt spricht, wenn er wirkliche Geisteswissen- 
schafl vertritt. Wahrend die gewohnliche Welt den Men- 
schen absondert, wenn er etwas von dem «Objektiven» 
erkennen soil, mufi der geisteswissenschaftliche Forscher in 
das untertauchen, worauf sich seine Wissenschaft bezieht, 
mufi mit ihm eins werden. Das sieht man aber heute nur 
als blofies «subjektives» Erlebnis an. Man merkt nicht, dafi 
die angedeuteten Methoden das geistig-seelische Leben un- 
abhangig von allem machen, was wir subjektiv erleben. 
Denn wenn wir es noch so sehr erleben, und wenn es noch 
so sehr «Mystik» genannt wird: was wir subjektiv erleben, 
das wird im Leibe erlebt; was der Geistesforscher erlebt, 
wird aufier dem Leibe erlebt, kann aber im Leibe ein- 
gesehen werden von der im Leibe funktionierenden Ver- 
nunft, von dem gewohnlichen Verstande. Denn audi jener 
Einwand ist nicht berechtigt, dafi derjenige, welcher von 
den geistigen Welten Kenntnis haben will, selbst Geistes- 



forscher sein miisse. Zum Kennenlernen, zum Auffinden 
und Erforschen der geistigen Tatsachen und Wesenheiten 
mufi man Geistesforscher sein, nicht aber zum Aufnehmen, 
zum Begreif en geisteswissenschaftlicher Mitteilungen. Dazu 
geniigt, dafi man sie mit gesundem Menschenverstand und 
gesundem Sinn aufzunehmen weifi, wie man das aufnimmt, 
was die Chemiker oder Physiker durch ihreMethoden finden. 

Wenn man in dieser Weise die Geistesforschung ins Auge 
fafit, dann wird sie als das erscheinen, in das die Natur- 
wissenschaft gewissermaften einlaufen mufi, zu dem sich die 
Naturwissenschaft erheben raufi. Wie die Naturwissen- 
schafl der Menschheit materielle Ziele gewiesen hat, wie sie 
das materielle Leben nicht nur auf vielen Gebieten, son- 
dern radikal umgestaltet hat, so wird die Geisteswissen- 
schaft das, was seelisch-geistiges Erleben der Menschheit 
sein mufi, befruchten und so umgestalten, wie es den Zielen 
der Gegenwart und der Zukunft der Menschheitsentwicke- 
lung angemessen ist. Von diesen Zielen der Menschheits- 
entwickelung, wie sie sich hier schon off enbaren, wenn auch 
nicht klar erkennbar - klar erkennbar offenbaren werden 
sie sich der Geisteswissenschaft darf gesagt werden, was 
ein Mann der Gegenwart gesagt hat, der eine grofie Rolle 
in der Gegenwart spielt, namlich was Wilson, der President 
der Vereinigten Staaten von Amerika, in bezug auf etwas 
mehr Aufierliches gesagt hat, das aber von den Zielen der 
Geisteswissenschaft ganz allgemein gilt. Wilson spricht in 
dem kiirzlich von ihm erschienenen Buche von den Refor- 
men, die er erlebt hat - ich wahle gerade dieses Beispiel, 
um gewissermafien keinem wehe zu tun oder Anstofi zu 
erregen, der nicht erregt werden soil; denn Geisteswissen- 
schaft soli nicht zum Streit, sondern zum Frieden der Men- 
schen beitragen - er sagt, dafi sich das au£erliche materielle 
Leben vollstandig umgestaltet hat, dafi anstelle des alten 



patriarchalischen Verhaltnisses zwischen Arbeitgeber und 
Arbeitnehmer ganz andere Verhaltnisse eingetreten sind. 
Korporationen von Arbeitnehmern treten so den Arbeit- 
gebern gegeniiber, daft das, was die friiheren Verhaltnisse 
waren zwischen den Faktoren des Lebens, sich vollig um- 
gestaltet hat. Dafi es so gekommen ist, das ist eine Folge 
des modernen Lebens; das ist vor allem fiir den, der die 
Sache richtig einsieht, eine Folge des Naturerkennens der 
gegenwartigen Menschheit. Aber nun sagt Wilson: was man 
als Formen des gesetzma&gen Zusammenlebens habe, ent- 
sprache noch vielfach dem, was in friiheren Zeiten Platz 
gegriffen hat, was man fiir richtig befunden hat, als der 
einzelne Arbeiter seinem Arbeitgeber in einem patriarcha- 
lischen Verhaltnisse gegeniiberstand. Und Wilson fordert 
nun, dalS Harmonie geschafTen werden sollte zwischen dem 
gesetzmafiigen Zusammenleben der heutigen Menschen und 
dem, was die Kultur geschafTen hat. Darin gipfelt vieles in 
der aufierordentlich interessanten Literatur des amerika- 
nischen Prasidenten. Was er fiir mehr aufterliche Verhalt- 
nisse sagt, das kann mit Bezug auf das Innerlichste der 
Ziele der Gegenwart, fiir das ganze seelische menschliche 
Erleben heute gesagt werden. Man mochte, wenn man so 
etwas im Zusammenhange mit den geistigen Zielen der 
Gegenwart bedenkt, an Denker erinnern, welche ganz an- 
deren Zeiten der menschlichen Entwickelung angehbrten: an 
Archimedes, den Begriinder der Mechanik, und an Plato, 
den grofien griechischen Philosophen. Sie waren der Mei- 
nung und haben es audi ausgesprochen, daft die Anwen- 
dung der Wissenschaft auf die Technik des Lebens dem 
menschlichen Geiste sogar Abbruch tue, ihn schwache. Man 
kann es begreifen, dafi hervorragende Geister anderer Zei- 
ten diese Meinung gehabt haben; aber nach solchen Mei- 
nungen richtet sich der Weltengang ebensowenig wie nach 



dem, was man heute zwar weniger glaubt, was aber Leute 
geglaubt haben, als die erste Eisenbahn in Deutschland ge- 
baut werden sollte. Damals sollte ein sehr gelehrtes Kolle- 
gium, das bayrische Medizinalkollegium, ein Sachverstan- 
digenurteil dariiber abgeben, ob man Eisenbahnen bauen 
solle oder nicht. Und dieses Kollegium gab sein Urteil 
dahin ab: Man solle keine Eisenbahnen bauen, denn wenn 
man welche bauen wiirde, so wiirden die Menschen, die 
darin fahren wiirden, sehr an ihrem Nervensystem ge- 
schadigt werden; wenn es aber schon so kommen sollte, dafi 
Menschen in Eisenbahnen fahren wiirden, so miifite man 
wenigstens links und rechts hohe Bretterwande errichten, 
damit die in der Nahe wohnenden Menschen nicht im An- 
sehen und Anhoren der voriiberfahrenden Zuge geschadigt 
wiirden. - Heute lachelt vielleicht mancher iiber das, was 
damals ein sachverstandiges Medizinalkollegium gemeint 
hat. Aber wenn man audi dariiber lachelt, man kann es 
sogar begrundet finden. Denn man kann weder fiir noch 
gegen Stellung nehmen und kann sagen: wenn auch das 
bayrische Medizinalkollegium sich die Sadie phantastisch 
vergrofiert hat, so ist es doch fiir den, der die Geschichte 
nicht nur aufierlich, sondern innerlich kennt, wahr gewor- 
den, was es angenommen hatte, und man kann sagen: dieses 
Kollegium hat einen guten Blick gehabt. Man hat aber 
trotzdem nicht notig, dagegen Stellung zu nehmen. Warum 
nicht? Weil die Geschichte ihrerseits dazu Stellung nimmt! 
Und gleichgiiltig, wie die einzelnen Menschen dariiber den- 
ken mogen: der Gang der Weltentwickelung geht weiter, 
und der Mensch hat sich dem Gang der Entwickelung an- 
zupassen. Das ist ja auch die Forderung, welche Wilson 
aufstellt: der Gang der Entwickelung hat gewisse Kultur- 
vorgange gebracht, und der Mensch hat sich dem an- 
zupassen. 



Erweitert man dies auf die Seelenverhaltnisse, so kann 
man sagen: In dem, was aus dem Gange der Zeiten den 
Seelen erflossen ist, haben sich Ziele ergeben, die unendlich 
komplizierter waren, als diejenigen der vergangenen Zeiten. 
Fur die Aufienwelt kann man sich diesen Umschwung leicht 
ausmalen; aber auch fur das, was die Seele braucht zu ihrem 
unmittelbaren Tagesbedarf, hat sich das Leben geandert. 
Wer glauben wurde, daft man mit den Seelenkraften, die 
in berechtigter Art friiher den Menschen in die Geistes- 
welten hinaufgelenkt haben, dies heute noch in gleicher 
Weise tun konnte, der berucksichtigt nicht, was sich im Wel- 
tengange vollzieht: er beriicksichtigt nicht, daft wir nicht 
nur vier Jahrhunderte der Naturwissenschaft hinter uns 
haben, sondern, was mehr ist, vier Jahrhunderte natur- 
wissenschaftlicher Erziehung, und dafi es heute notwendig 
geworden ist, die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in die 
Herzen und Seelen hineinzutragen. Und wenn es auch den 
Einzelheiten entsprechen mag, dafi der Gang der Welt- 
geschichte dies nicht immer gestattet, so mufi man doch 
sagen: Wenn heute jemand gegen das, was die Geisteswissen- 
schaft sein will, etwas einwendet, sei es vom Standpunkte 
des von ihm vermeintlich gefahrdet geglaubten religiosen 
Bekenntnisses, oder sei es von irgendeinem anderen Stand- 
punkte aus, dann konnte es sein, dafi er in einer nicht so 
fernen Weise dem bayrischen Medizinalkollegmm gliche, 
welches Bretterwande neben den Eisenbahnen aufrichten 
wollte, damit die in der Nahe wohnenden Menschen nicht 
geschadigt wiirden: der Gang der Entwickelung ginge iiber 
ihn hinweg. Dem Menschen ist es aber nicht gegeben, sich 
zu den Zielen der Weltentwickelung so zu stellen, dafi er 
sie sich selbst uberlaflt, sondern ihm ist die Kraft gegeben, an 
der Gestaltung und an dem Bau der Verhaltnisse mitzuwir- 
ken. Das aber, was im aufieren Leben und aus dem aufieren 



Leben heraus als Anforderungen an die Menschenseele 
herantritt, was sich als au£ere Ziele zeigt, das f ordert innere 
Ziele der Seele. Und die inneren Ziele der Seele sind die 
Ziele der Geisteswissenschaft, sind die Ziele, nach denen 
die Seele strebt, wenn sie weift: Die Naturwissenschaft hat 
das aufiere Weltbild umgestaltet, den Leib der Kultur. Die 
Kultur aber braucht eine Seele. Und diese Seele soil die 
Sckopfung der Geisteswissenschaft sein. Den Leib der Kul- 
tur zu durchdringen mit Seele und Geist, das ist das Ziel 
der Geisteswissenschaft. Und wenn dieses Ziel der Geistes- 
wissenschaft so gefalk wird, dann wird leicht einzusehen 
sein, dafi der Geistesforscher mit Ruhe alles das betrachten 
kann, was sich heute noch als Widerspruch, Gegnerschaft 
und MiEverstandnis gegen diese Geisteswissenschaft auf- 
tut. Die Lebensverhaltnisse, die der Gang der Menschheits- 
entwickelung uns zeitigt, fordern eine solche Wissensart 
von der geistigen Welt, in welcher sich die Seele stark fuhlt, 
so stark fiihlt, dafi sie fiir ihr Wesen nicht nur aus dem 
Krafte zieht, was die Sinneswelt gibt, sondern aus dem, 
was eine Erkenntnis der geistigen Welt geben kann. Immer 
mehr wird man erkennen: Fiir das moderne Leben braucht 
die Seele Krafte, welche ihr nicht nur aus der Erkenntnis 
des Sinnenseins zufliefien, sondern aus der Erkenntnis des 
geistigen Seins, in welchem die Seele doch ihre wahre Hei- 
mat hat. Mit diesen starken Kraften wird sich die Seele wie 
mit einem Lebenselixier durchdringen, wird den Sinn ihres 
Wesens hinausgehend fuhlen iiber Geburt und Tod, wird 
in sich jene Eigenschaft der Seele erleben, welche man mit 
dem Worte «Unsterblichkeit» bezeichnet, und wird sich so, 
mit dem Lebenselixier als Lebensblut durchflossen, den 
Aufgaben gewachsen zeigen, welche die Gegenwart und 
die Zukunft der Menschheitsgeschichte an sie stellen miissen. 
Nur mit einigen Worten wollte ich iiber die Gegenwart 



und Zukunft der Menschenseele sprechen. Alle weiteren 
Ausftihrungen werden in den folgenden, einzelnen Vor- 
tragen gegeben werden. Nur ein Gefiihl von dem, was der 
Gelstesforscher in sich tragt, habe ich in der heutigen Vor- 
rede hervorrufen wollen, ein Gefiihl, das bei ihm aus einer 
Art Verstandnis fiir den Sinn des gegenwartigen Lebens 
und seiner Bedurfnisse erfliefit. Vom Standpunkte der 
Geisteswissensdiaft aus so zu sprechen, wie ich es gern in 
diesen Vortragen tun mochte, kann ja nur unter zwei Vor- 
aussetzungen geschehen. Was der Geistesforscher aus der 
wirklichen geistigen Forschung heraus mitzuteilen hat, das 
weicht zunachst, obwohl es die unmittelbare Konsequenz 
der Menschheitsentwickelung der letzten Jahrhunderte ist, 
von dem, was heute vielfach geglaubt und fiir rich tig an- 
geschaut wird, so ab, daft der, welcher dieses Geisteswissen- 
schaftliche behauptet, entweder gegeniiber diesem geistigen 
Leben Scharlatan, Unsinnredner, frivoler Mensch sein muft 
- oder aber, daft er die Moglichkeit haben muft, in sich zu 
wissen, daft Wahrheit ist, was er zu sagen hat. Es mag die 
verschiedensten Nuancen dieser zwei Extreme geben; aber 
Zwischenstufen sind fast nicht da. Mit diesem Bewufitsein, 
daft man als das eine oder das andere angesehen werden 
kann, spricht man ja ohnehin als Geistesforscher. Aber die 
Geistesforschung selber, wir haben es gesehen, ist etwas, 
womit der Mensch so verknupft ist, dafi er in ihr seine Seele 
zu Markte tragt, wenn er wirklicher Geistesforscher ist; 
und da er einmal so seine Seele zu Markte tragt, so weifi er 
auch die eine oder die andere Urteilsweise zu ertragen, die 
man iiber ihn haben kann. Und wer in dieser Geisteswissen- 
schaft drinnen steht, der kann das Bewufitsein, die Kraft, 
iiber diese Geistesforschung zu sprechen, ja doch nur da- 
durch entwickeln, daft er auf der einen Seite durch sein 
Zusammensein mit den geistigen Wahrheiten ihre Erkennt- 



niskraft und ihre Wahrheitskraft zu ermessen wei£ und aus 
diesem BewuEtsein der Wahrheits- und Erkenntniskraft 
heraus audi standzuhalten weifi den Mi$verstandnissen 
oder bewufit falschen Ansdiuldigungen, die gegen die Gei- 
steswissenschaft vorgebracht werden. Auf der anderen Seite 
aber fiihrt die Geisteswissenschaft audi in das unmittelbare 
geistige Leben, wie audi in das geistige Leben der Zeit und 
lehrt den Geistesforscher, mag seine Neigung, seine Sym- 
pathie vielleicht audi nach anderen Zielen als nach der 
Vertretung dieser Geisteswissenschaft gehen, wie diese Ver- 
tretung der Geisteswissenschaft in unserer Zeit eine Not- 
wendigkeit ist. Wenn auch diese Notwendigkeit geistiger 
Erkenntnis von den eigenen Zeitgenossen nicht oft klar aus- 
gesprochen wird: als dunkles Bediirfnis nach den Erkennt- 
nissen des Geistes ist es vorhanden. In den Tiefen der 
Seelen merkt man heute den Schrei nach geistiger Erkennt- 
nis, wenn auch oftmals dem bewufken Denken unserer 
Mitmenschen dieser Schrei selbst nicht vernehmlich ist; 
denn unsere Zeit bedarf der Erkenntnis des Geistes. Und 
alle andere Wissenschaft, die sonst unserer Zeit angemessen 
ist, wiirde diesen Geist dampfen, wiirde diesen Geist aus 
den Seelen ausloschen, wie er auch von anderen Stromun- 
gen des Geisteslebens her wirkt, wenn die Geisteswissen- 
schaft ihn nicht anfacht. Die Geistesforschung weiiR, dafi 
die menschliche Seele den Geist braucht, und sie hofftdaher, 
dafi es zu den Zielen der Menschheitsentwickelung in der 
Zukunft gehoren wird, diesen Geist zu pflegen. 

Wir haben gesehen, dafi sich die Menschenseele umgestal- 
ten mufi, wenn sie den Geist erreichen will. Daraus ist 
ersichtHch, dafi es bequemer ist den Geist zu lassen, wo er 
ist, und sich nicht um ihn zu kummern, als in der Seele das- 
jenige zu unternehmen, was zum Geiste fiihrt. Bequemer ist 
es aber auch mit dem, was einem gesunden Menschenver- 



stande und emern gesunden Wahrheitsgefuhle sich ergibt, 
einfach die materiellen Zusammenhange der Natur ein- 
zusehen, als einen scharferen Verstand zu entwickeln und 
den zu verwenden, um das einzusehen, was die Geistes- 
wissenschaft sagt. Bequemer lebt es sich ohne den Geist. 
Aber der Geist hat eine Eigenschaft, die Eigenschaft, dafi 
er, wenn man ohne ihn leben will, ebensoviel Schaden 
bringt, wie er an Frucht und Nutzen bringt, wenn man mit 
ihm leben will. Wenn man mit ihm leben will, belebt er 
die Seele, durchwarmt sie mit Lebensmut, durchdringt sie 
mit all den Geschicklichkeiten, die wir zum Leben brau- 
chen. Wenn man ihn verleugnen will, dann zieht er sich 
zuriick und dampft und ertotet das seelische Leben in dem- 
selben Mafie, als dieses nichts von ihm wissen will. Wenn 
man ihn verleugnen will, dann nimmt er nach und nach 
ebensoviel von Lebensmut — und gibt dagegen Lebensver- 
zweiflung, Lebensunmut und Angstlichkeit, als er an Lebens- 
frucht verleiht, wenn man sich zu ihm bekennt. Man kann 
den Geist zwar ableugnen, man kann ihn aber nicht ver- 
nichten. Leugnet man ihn ab, dann zeigt er sich wie in sei- 
nem Gegenbilde im Innern der Seele - und verlangt in der 
Menschenseele selber nach sich. Das fuhlt der Geistes- 
forscher, der von der Geisteswissenschaft als einem Ziele 
der Gegenwart spricht. Deshalb baut er darauf - was auch 
noch heute gegen diese Geistes wissenschaft sprechen mag -: 
Sie wird sich einleben, weil die Menschheit zwar die Augen 
zumachen kann vor dem Geiste, aber seine Wirkungsweise 
nicht verhindern kann. Diese Wirkungsweise verwandelt 
sich aber zuletzt in die Forderung, diesem Geist ins Auge 
zu schauen. Das ist es, was ich, in ein kurzes Wort die Emp- 
findungen zusammenfassend, die der heutige Vortrag ent- 
falten sollte, in der folgenden Weise ausdriicken mochte. 
Der Geist kann verleugnet werden; denn es ist bequemer, 



viel bequemer, ohne den Geist die Welt begreifen und in 
ihr leben zu wollen, als mit dem Geist. Aber den Forderun- 
gen des Geistes kann mit seiner Verleugnung nicht wider- 
standen werden. Daher wird das, was die Geisteswissen- 
schaft als ein Lebenselixier der Kultur einverleiben will, 
dieser Kultur durch die eigene Kraft einverleibt werden. 
Denn die Menschenseele verleugnet oft den Geist; sie wird 
ihn aber stets aus ihrer innersten Natur, aus ihren tiefsten 
Zielen her aus fordern miissen! 



THEOSOPHIE UND ANTISOPHIE 
Berlin, 6. November 1913 



Bereits vor acht Tagen, als ich hier die Art der geistes- 
wissenschaftlichen Forschung und ihre Beziehung zur gei- 
stigen Welt auseinanderzusetzen versuchte, gestattete ich 
mir darauf aufmerksam zu machen, wie es gerade den- 
jenigen, welcher in dieser Geisteswissenschaft darinnensteht, 
welcher in einer gewissen Beziehung seine Lebensziele in ihr 
erkennt, durchaus nicht Uberrascht, wenn diese Geistes- 
wissenschaft von den verschiedensten Gesichtspunkten der 
Gegenwart aus die mannigfachste Gegnerschaft, Mifiver- 
standnis und so weiter findet. Nun werde ich es durchaus 
nicht als meine Aufgabe betrachten, in eine ja wenig f rucht- 
bare Darlegung einzelner Gegnerschaften oder einzelner 
Gesichtspunkte einzutreten, von denen aus solche Mifiver- 
standnisse und Gegnerschaften erwachsen ; denn es gibt einen 
anderen Standpunkt, den man dieser Sache gegeniiber ein- 
nehmen kann. Das ist der, zu versuchen, einmal die Wur- 
zeln einer jeden moglichen Gegnerschaft gegen die Geistes- 
wissenschaft aufzudecken. Versteht man diese Wurzeln, dann 
wird audi mancherlei einzelnes von Gegnerschaft erklarlich. 

Nun mochte ich dasjenige, was ich mir nun schon seit 
Jahren von diesem Orte aus als Geisteswissenschaft vor- 
zutragen gestatte, durchaus nicht als einerlei erklaren mit 
dem, was von dieser oder jener Seite her «Theosophie» 
genannt wird. Denn, was heute zuweilen Theosophie ge- 
nannt wird, bietet wenig Anreiz, um sich mit ihm irgend- 
wie einverstanden zu erklaren. Aber nicht vom Standpunkte 



zeitgenossischer Vorurteile aus, nicht vom Standpunkte 
irgendwelcher ehrgeiziger Aspirationen aus, die den Namen 
Theosophie okkupieren, sondern von elnem berechtigten 
Gesichtspunkte aus kann die hier vertretene Geisteswissen- 
schaft theosophisch genannt werden. Und damit rechtf ertigt 
sich das Thema des heutigen Abends, welches das Verhalt- 
nis besprechen will zwischen der Theosophie und dem- 
jenigen, was in der menschlichen Natur selber sich, ich 
mochte sagen, gegen diese Theosophie aufbaumt, was man 
als eine Stimmung in der Menschenseele bezeichnen konnte, 
die nur allzuleicht vorhanden ist, und die aus Leidenschaft, 
aus Affekt, oftmals aber auch aus einem bestimmten Glau- 
ben heraus sich gegen Theosophie wenden zu miissen denkt, 
und die hier bezeichnet werden soil als Antisophie. 

Wenn Sie ins Auge fassen, was heute vor acht Tagen 
gesagt worden ist, so werden Sie sich erinnern, wie darauf 
aufmerksam gemacht worden ist, dafi Geisteswissenschaft 
oder, wollen wir heute sagen, weil eben Geisteswissenschaft 
als theosophisch aufgefafit werden soli, dafi Theosophie 
zu ihren Erkenntnissen kommt, wenn die Menschenseele 
nicht einfach dort stehen bleibt, wo sie im alltaglichen 
Leben steht, sondern wenn diese Menschenseele durch ihren 
eigenen Antrieb, durch ihre eigene Tatigkeit in sich selber 
eine Entwickelung durchmacht. Und diese Entwickelung 
kann durchgemacht werden. Aus den Andeutungen, die 
im ersten Vortrage dieses Winters gemacht worden sind, 
haben wir gesehen, da£ die Menschenseele durch eine solche 
Entwickelung zu einer ganz anderen inneren Verfassung 
kommt, als sie dem alltaglichen Leben gegeniiber ist, dafi 
die Art ihres Sich-Erfuhlens, die Art ihres Sich-Hinein- 
stellens in die Welt eine ganz andere wird, als sie im All- 
tage ist. Es wird gleichsam in der Menschenseele durch die 
hier gemeinte Entwickelung etwas geboren, was wie ein 



hoheres Selbst in dem gewohnlichen Seibst ist, ein hoheres 
Selbst, welches, urn das Fichtesche Wort zu gebrauchen, 
mit hoheren Sinnen ausgestattet ist, mit Sinnen, welche 
eine wirkliche geistige "Welt wahrnehmen, wie die Seele mit 
Hilfe der aufieren Sinne die natiirliche physische Welt 
wahrnimmt. Darauf beruht alles bei der theosophischen 
Erkenntnis, dafi diese Erkenntnis nicht durch die gewohn- 
lidie Seelenverfassung gesucht werde, sondern durcli eine 
erst zu entwickelnde Seelenverfassung. Man sieht aber 
gleich, daft eine gewisse Voraussetzung dem eben Gesagten 
zugrunde liegt, eine Voraussetzung, die allerdings fur den- 
jenigen keine grofie Voraussetzung bleibt, der den in der 
Schilderung dieser Entwickelung angedeuteten Weg wirk- 
lich macht. Was eine Voraussetzung scheint, das wird fiir 
ihn ein wirkliches Erlebnis, eine erfahrene Tatsache. Vor- 
aussetzung scheint das, was im Grunde genommen, soviel 
man audi dagegen einwenden mag und soviel dagegen ein- 
gewendet wird, doch in jeder Menschenseele als Sehnsucht 
lebt; Voraussetzung scheint es, dafi der Mensch, wenn er 
nur tief genug in seine Seele hinuntersteigt, in dieser Seele 
etwas findet, was ihn zusammenbindet mit dem gottlich- 
geistigen Weltengrunde des Daseins. Den Punkt im eigenen 
Selbst zu flnden, wo die selbstbewufite Seele in dem gott- 
lich-geistigen Weltengrunde wurzelt, das ist doch das Ziel, 
die Sehnsucht jeder Menschenseele. Und zu diesem Ziele, zu 
dieser Sehnsucht bekennt sich vollbewufit alles das, was 
sich Theosophie nennt, oder wenigstens zu nennen berech- 
tigt ist. Demgemafi ware «Antisophie» sehr leicht in eine 
Idee, in einen Begriff zu fassen. Es ware die Gegnerschaft 
gegen alles das, was in der Sehnsucht mit dem Ziele lebt, 
jenen tief en Punkt in der Menschenseele aufzufassen, in 
welchem diese Menschenseele mit den ewigen Urquellen des 
Daseins zusammenhangt. 



Wie kann sich eine soldie Antisophie in der menschlichen 
Seele entwickeln? 

Man konnte zunachst glauben, dafi es paradox, sonder- 
bar sei, dafi sidi eine Gegnerschaft gegen das erheben kann, 
was man doch als das edelste Streben der Menschenseele 
anerkennen miisse.Doch siehe da: gerade die Geisteswissen- 
schaft zeigt, dafi Antisophie gar nicht etwas so ganz Will- 
ktirliches in der menschlichen Seele ist, sondern dafi sie im 
Gegenteil in der Menschenseele in einer gewissen Beziehung 
notwendig begriindet ist, dafi sie in einer gewissen Be- 
ziehung zur Natur, zum Wesen dieser Menschenseele ge- 
hort. Die Menschenseele ist von vornherein eigentlich nicht 
theosophisch gesinnt; sie ist von vornherein eigentlich anti- 
sophisch gesinnt. Man mufi in einige Erkenntnisse der Gei- 
steswissenschaft selber eingehen, wenn man diesen scheinbar 
paradoxen Ausspruch in gehoriger Weise wiirdigen will. 

Wenn der Geistesf orscher wirklich etwas von dem durch- 
macht, was im vorigen Vortrage geschildert worden ist, 
wenn er die charakterisierte Umstimmung, die andere Ver- 
fassung seiner Seele erreicht, dann tritt er in eine wirkliche 
geistige Welt ein. Vor seinem geistigen Blick ist dann das, 
was aufiere Natur, auUeres Sinnensein genannt werden 
kann, gleichsam wie unmittelbar ausgeloscht, ist nur wie 
eine Erinnerung noch vorhanden an das, was im gewohn- 
lichen Bewufitsein erfahren worden ist, und eine wirkliche, 
reale Geisteswelt tritt auf, eine Geisteswelt, in welcher die 
Menschenseele nicht nur in der Zeit zu erkennen ist, die sie 
durchlebt zwischen Geburt oder Empfangnis und dem 
Tode, sondern audi zu erkennen ist in der Zeit zwischen 
dem Tode und einer nachsten Geburt. Es ist auf die wieder- 
holten Erdenleben schon im letzten Vortrage aufmerksam 
gemacht worden. Auf jenes Dasein also wird der Mensch 
verwiesen, in welchem er ein Geist unter Geistern ist, in 



welchem er ist, wenn er sein korperliches Dasein mit dem 
Tode abgelegt hat. Und diese Welt wird erfahren, wie fiir 
die aufieren Sinne die aufiere Natur Erfahrung ist; in dieser 
Welt ist die Seele mit denjenigen Kraften, die dem Men- 
schen nicht nur im gewohnlichen Bewufitsein entgegentre- 
ten, sondern die dieses gewohnliche Bewulksein selber 
zusammensetzen. Ja, das ist audi die Welt, welche die 
Werkzeuge fiir das gewohnliche Bewufitsein und die ge- 
samte Leiblichkeit mit dem gesamten Nervensystem auf- 
baut. Eine Wahrheit wird es fiir den Geistesforscher, dafi 
wir als Menschen nicht nur aus dem heraus aufgebaut sind, 
was an Kraften in der Vererbungslinie liegt, was von un- 
seren Ahnen abstammt, sondern dafi in das System dieser 
physischen Krafte dasjenige eingreift, was aus geistig-see- 
lischen Regionen herabkommt und ein System vongeistigen 
Kraften darstellt, welche die physische Organisation er- 
greifen, die uns von Vater und Mutter gegeben ist, und 
darinnen dasjenige plastisch ausbilden, was wir gemaft den 
fruheren Erdenleben werden sollen, die wir durchlebt 
haben. Etwas wie eine Erweiterung der Erinnerung tritt 
durch jene geistige Wissenschaft auf, von der ich das letzte 
Mai gesprochen habe, eine Erweiterung der Erinnerung 
uber das gegenwartige Erdendasein hinaus in Regionen 
eines geistigen Erlebens. 

Wenn wir die Welt und das menschliche Werden so be- 
trachten, dann stellt sich eine gewisse Grenze, die in diesem 
menschlichen Leben eintritt, ein gewisser Scheidepunkt in 
einer ganz besonderen Weise vor die Seele. Es ist der 
Scheidepunkt, der in der ersten Kindheitsentwickelung des 
Menschen liegt. Da sehen wir, wie der Mensch in der aller- 
ersten Kindheitsentwickelung etwas wie ein traumhaftes 
Leben lebt, etwas lebt, wie ein Leben, welches sich die voile 
Deutlichkeit des Ich-Bewufitseins, die voile Deutlichkeit 



des Sich-Erinnerns an Erlebnisse erst aneignen mui Ein 
dumpfes Bewufitsein ist dasjenige des ersten Kindheits- 
alters. Der Mensch schlaft oder traumt sich sozusagen in das 
Dasein herein, und das, wodurch wir uns eigentlidi als 
Menschen ftihlen, unser entwickeltes Innenleben mit seinem 
deutlichen Mittelpunkte des Selbstbewulkseins, das tritt 
eben erst an einem bestimmten Wendepunkte unseresKind- 
heitslebens auf. Was stellt sich im Sinne der Geisteswissen- 
schaft eigentlidi vor diesem Wendepunkte dar? 

Wenn der Geistesforscher das Kind betrachtet, bevor es 
an diesen Wendepunkt gekommen ist, dann schaut er, wie 
die geistigen Krafte, die aus der geistigen Welt herunter- 
gekommen sind und den Organismus ergriflfen haben, um 
ihn plastisch durchzubilden in Gemafiheit der friiheren Er- 
denleben, voll arbeiten an dem ganzen Organismus. Und 
weil die Gesamtheit der geistigen Krafte, welche die Seele 
des Menschen ausmachen, sich in alles ergiefit, was im Or- 
ganismus lebt und webt, was den Organismus bildet und 
aufbaut und ihn so organisiert, dafi er spater das Werkzeug 
des selbstbewufiten Wesens werden kann, weil also alles 
an Kraflen in der Seele zum Aufbau dieses Organismus 
verwendet wird, deshalb bleibt nichts zuriick, was im aller- 
ersten Kindheitsalter irgendwie ein deutliches Selbst- 
bewufitsein ergeben konnte. Die samtlichen Seelenkrafte 
werden zum Aufbau des Organismus verwendet; und ein 
Bewufitsein, das sich zum Aufbau des organischen Wesens 
verwendet, kann es hochstens bis zur Traumhafbigkeit brin- 
gen, ist aber zum grofien Teil ein schlafendes Bewufitsein, 

Was tritt nun f iir das menschlkhe Wesen in jenem Wende- 
punkte auf, von dem ich gesprochen habe? 

Da bietet sich vom Organismus, vom Leibe her allmah- 
lich immer mehr und mehr Widerstand. Man konnte diesen 
Widerstand so bezeichnen, dafi man sagt: der Leib ver- 



festigt sich allmahlich in sich selber; insbesondere das Ner- 
vensystem verfestigt sich, lafit sich nicht mehr von den 
Seelenkraften vollstandig frei, plastisch bearbeiten, bietet 
Widerstand. Das heifit, ein Teil der Seelenkraft kann sich 
nur in die menschliche Organisation hineinergieften; ein 
anderer Teil wird gleichsam zuriickgeschlagen, kann nicht 
Angriffspunkte finden, um sich in diese menschliche Or- 
ganisation hineinzuarbeiten. Ich darf vielleicht ein Bild 
gebrauchen, um zu zeigen, was da eigentlich vorgeht. Warum 
konnen wir uns, wenn wir vor einem Spiegel stehen, immer 
in dem Spiegel selber beschauen? Wir konnen es, weil die 
Lichtstrahlen durch die spiegelnde Flache zuriickgeworfen 
werden. In dem bloften Glase konnen wir uns nicht be- 
schauen, weil die Lichtstrahlen durchgehen. So ist es beim 
Kinde in seinem ersten Lebensalter: es kann kein Selbst- 
bewufltsein entwickeln, weil alles, was an Seelenkraften 
vorhanden ist, so durchgeht, wie die Lichtstrahlen durch 
das blofie Glas. Erst von dem Augenblicke an, wo sich der 
Organismus in sich selber verfestigt hat, wird ein Teil der 
Seelenkraft zuriickgeworfen, so wie die Lichtstrahlen von 
der Spiegelscheibe zuriickgeworfen werden. Da reflektiert 
sich das Seelenleben in sich selber; und das sich in sich selber 
reflektierende Seelenleben, das sich in sich selbst erlebt, ist 
das, was als Selbstbewufitsein aufglanzt. Das ist es, was 
unser eigentliches menschlich-wesenhaftes Erleben im Erden- 
leben ausmacht. Und so leben wir denn, wenn der gekenn- 
zeichnete Wendepunkt eingetreten ist, in diesem zuriick- 
geworfenen Seelenleben. 

Was bedeutet gegeniiber diesem Seelenleben nun die Ent- 
wickelung, die der Geistesforscher durchmacht? 

Diese Entwickelung, wie ich sie das letzte Mai geschildert 
habe, sie ist tatsachlich, wie ich sagen mochte, ein Sprung 
iiber einen Abgrund. Sie ist so, daft der Geistesforscher die 



Region des zuriickgeworfenen Seelenlebens verlassen mufi, 
dafi er alles verlassen mufi, was sidi eben nadi diesem 
Wendepunkte als Seelenleben herausgestellt hat, und ein- 
dringen mufi in diejenigen schopferisch tatigen, plastizie- 
renden Seelenkrafte, welche vorhanden sind vor diesem 
Wendepunkt. Nur mufi der Geistesforscher in das, was im 
Menschen vor diesem Wendepunkte im zartesten Kindheits- 
alter vorhanden ist, mit dem vollen Bewufitsein hmunter- 
tauchen, mit demjenigen Bewufitsein, das er sich in dem re- 
flektierten Seelenleben herangebildet hat. Da taucht er hin- 
unter in jene Krafte, die den Organismus des Menschen im 
zartesten Kindesalter aufbauen, die man spater nicht mehr 
wahrnehmen kann, weil sich der Organismus wie zu einem 
Spiegel umbildet. Ober diesen Abgrund mufi in der Tat 
die Entwickelung des Geistesforschers schreiten. Aus dem, 
was durch die organische Natur zuriickgeworfenes Seelen- 
leben ist, mufi er eintreten in das schopferische geistig-see- 
lische Leben. Er mufi, um diesen philosophischen Ausdruck 
zu gebrauchen, von dem Geschaffenen zum SchafFenden 
vordringen. Dann nimmt er etwas ganz Bestimmtes wahr, 
wenn er in jene Tiefen hinuntertaucht, die gleichsam hinter 
dem organischen Spiegel liegen. Dann nimmt er eben wirk- 
lich jenen Punkt wahr, wo sich die Seele mit dem schaffen- 
den Weltenquell des Daseins zusammenschliefit. Aber 
aufierdem nimmt er noch etwas anderes wahr: er nimmt 
wahr, wie es einen Sinn hat, dafi dieses Zuriickwerfen ge- 
schehen ist. Ware der Wendepunkt nicht eingetreten, wiirde 
das Zuriickwerfen nicht geschehen, dann hatte der Mensch 
niemals zur vollen Entwickelung des Erdenbewufitseins, 
zum deutlichen Selbstbewufitsein kommen konnen. In dieser 
Beziehung ist das Erdenleben die Erziehung zum Selbst- 
bewufitsein. Der Geistesforscher kann in die Region, die 
sonst nur als Traum vom Menschen durchlebt wird, audi 



nur dadurch eindringen, dafi er sidi die Vorbedingungen 
dazu innerhalb des Erdenlebens erst geholt hat, dafi er sidi 
zum Selbstbewulksein erzogen hat, und dann mit diesem 
Selbstbewufttsem in jene Region eindringt, die sonst ohne 
Selbstbewufksein durchlebt wird. Daraus aber ist ersicht- 
lich, dafi das Wertvollste, was sich der Mensch fiir das 
Erdenleben erwerben kann, das wache Selbstbewufitsein - 
urn dessentwillen wir eigentlich in das Erdenleben herein- 
gehen, fiir das gewohnliche Erleben abgesdilossen ist von 
dem Erleben der eigentlichen Wurzeln des Daseins. Im All- 
tage und in der gewohnlichen Wissenschaft lebt der Mensch 
innerhalb desjenigen, was nach diesem Wendepunkte sein 
Seelenleben durchwellt und durchwebt. Er mufi darin 
leben, damit er gerade sein Erdenziel erreichen kann. Es 
ist damit nicht gesagt, dafi er als Geistesforsdier nicht so- 
zusagen daraus herausgehen darf und sich umschauen darf 
in der anderen Region, wo seine Wurzeln liegen. - Viel- 
leicht darf ich mich audi so ausdriicken: Der Mensch 
mufi aus der Region der schaffenden Natur heraustreten, 
um in seiner, in sich selber zuriickgeworfenen Wesenheit 
sich gegeniiberzustellen und sich selbst zu finden gegeniiber 
der geistig-seelischen Natur, die mit den Quellen des Da- 
seins zusammenhangt. 

So ist der Mensch tatsachlich, wie wir sehen, wegen seiner 
Erdenaufgabe herausgestellt aus derjenigen Region, in der 
er als Geistesforscher das finden mufi, was innerhalb der 
Geisteswissenschaft gefunden werden kann. Wiirde der 
Mensch, ohne die geisteswissenschaftliche Schulung zu haben, 
jemals durcheinanderwerfen, was er in der einen oder in 
der anderen Region erleben kann, so wiirde er niemals zu 
einem wirklich deutlichen Drinnenstehen in der Welt in 
solchen Momenten des Durcheinanderwerf ens kommen kon- 
nen. Alles menschliche Sinnensein beruht darauf, dafi der 



Mensch gerade herausgestellt ist aus dem, wo die Quelien 
und Wurzeln des Daseins, wo die geistige Welt in ihrer 
Intimitat zu finden ist. Und je mehr der Mensch in der 
Sinneswelt leben will, je klarer er sich in dieselbe hinein- 
stellen und sich in ihr erfuhlen will, desto mehr mufl er aus 
der hoheren Welt heraustreten. Was wir als gewohnliches 
alltagliches praktisches Wissen haben, das hat gerade seine 
Starke, seine Kraft durch jenes Heraustreten, wie ich es 
eben geschildert habe. 

Ist es demgegenuber verwunderlich, wenn der Mensch 
audi zunachst das schatzen lernt, was er hat, indem er aus 
der geistigen Welt herausgestellt ist? Er steht ja im ge- 
wohnlichen Leben nicht in der geistigen Welt drinnen, steht 
nicht in demjenigen, was den Quell seines Daseins aus- 
macht. Und er mufite aus diesem herausgestellt werden, um 
sein Erdendasein in entsprechender Weise zu leben. Da- 
durch entwickelt sich im Menschen ganz naturgemafi zu- 
nachst die Schatzung alles desjenigen, was nicht mit dem 
Quell des Daseins zusammenhangt. Es entwickelt sich die 
Schatzung eines Wissens und ein Festhalten an allem, was 
aufierhalb des Daseinsquells steht. So ist es naturlich, dafi 
der Mensch, der eine solche Schatzung entwickelt, in dem 
Augenblicke, wo etwas an ihn herantritt, was ihm Kunde 
aus einer Welt bringen will, in der er zunachst nicht drin- 
nen ist, dafi er dies ablehnt. Denn er mufi es im Grunde 
genommen als etwas bezeichnen, aufierhalb dessen er natur- 
gemafi steht. Der Mensch ist also durch sein Leben in seiner 
Seele nicht daraufhin gestimmt, dasjenige anzuerkennen, 
was ihn sozusagen mit dem Innersten der Welt zusammen- 
halt, sondern das anzuerkennen, was ihn zusammenhalt in 
sich selber, insofern er aufierhalb dieser geistig-seelischen 
Weltenwurzel steht. Der Mensch ist im gewohnlichen Le- 
ben antisophisch, nicht theosophisch gestimmt, und es ware 



eine Naivitat, wenn man glauben wollte, dafi das gewohn- 
lidie Leben anders als antisophisch gestimmt sein konnte. 
Es kann erst theosophisdi gestimmt werden, wenn wie eine 
Ruckerinnerung an eine verlorene Heimat in der Seele zu- 
nachst die Sehnsudit - und dann durch das gesunde Er- 
kennen immer mehr und mehr der Drang entsteht, in die 
geistig-seelische Weltenwurzel selber einzudringen. Die 
theosophische Gesinnung mufi aus der antisophischen Ge- 
sinnung erst erworben werden. Das ist in einem Zeitalter, 
wie es das unsrige ist, vielen Seelen im Grunde genommen 
innerlich recht zuwider. In unserm Zeitalter, wo die aufiere 
Kultur zu so bewundernswiirdigen Errungenschaften ge- 
kommen ist, hat sich etwas herausgebildet, was ein natur- 
gemafies Empfinden fiir das aufiere Erleben hervorruft, 
einen naturgemafien Hang fiir das auftere Erleben, der 
diese eben angedeutete Sehnsucht zuriickdrangt. Gerade 
unserer Zeit gegeniiber ist es durchaus begreiflich, dafi die 
Menschenseele antisophisch gestimmt ist. Aber man mufi 
tatsachlich auf der einen Seite in der ganzen Natur der 
menschlichen Entwickelung und auf der anderen Seite ge- 
rade in dem, was sich in der Gegenwart darstellt, die Not- 
wendigkeit einer theosophischen Vertiefung der Menschheit 
fiir unsere Zeit anerkennen. Denn dem Betrachter der 
menschlichen Geistesentwickelung treten so mancherlei 
Dinge vor Augen. Es sei auf eines hingewiesen, was uns 
zeigen kann, wie in unserer Zeit gewissermafien eine anti- 
sophische Stimmung etwas wie eine Selbstverstandlich- 
keit ist. 

Diogenes Laertius erzahlt uns, wie einmal der alte grie- 
chische Weise Pythagoras, der von dem Beherrscher von 
Phlius, Leon, als ein sehr weiser Mann angesehen worden 
ist, von diesem gefragt wurde, wie er sich eigentlich in das 
Leben hineinstelle, wie er sich im Leben fiihle. Da soil 



Pythagoras das Folgende gesagt haben: Mir kommt vor, 
das Leben ist wie eine Festversammlung. Da kommen dann / 
Menschen hin, urn sich als Kampfer an den Spielen zu be- 
teiligen; andere kommen hin als Handler um des Gewinnes 
willen; aber es gibt eine dritte Art von Leuten, die kommen 
nur, um sich die Sache anzuschauen. Sie kommen weder, um 
mit ihrer personlichen Teilnahme an den Spielen mitzutun, 
nodi um des Gewinnes willen, sondern um sich die Sache 
anzuschauen. So erscheint mir auch das Leben: die einen 
gehen ihrem Vergniigen nach, die anderen gehen ihrem Ge- 
winn nach; dann gibt es aber solche wie ich, der sich einen 
Philosophen nennt als Forscher nach Wahrheit. Die sind 
da, um sich das Leben anzuschauen; sie kommen sich vor 
wie aus einer geistigen Heimat in die Erdenwelt versetzt, 
sehen sich das Leben an, um in diese geistige Heimat dann 
wieder zuriickzukehren. 

Nun mufi man einen solchen Ausspruch selbstverstand- 
lich als einen Vergleich nehmen, als ein Bild. Und man 
wiirde wohl auch die vollstandige Ansicht des Pythagoras 
erst bekommen, wenn man erganzend etwas hinzufugt, 
ohne das dieser Ausspruch sehr leicht so gedeutet werden 
konnte, als wenn die Philosophen nur die Gaffer und 
Taugenichtse des Leben waren. Denn natiirlich meint Py- 
thagoras, dafi die Philosophen bei ihrem Schauen nicht nur 
dadurch ihren Mitmenschen niitzen konnen, indem sie diese 
selber zum Schauen anregen, sondern indem sie das suchen, 
was nicht unmittelbar in den Nutzen des Lebens gestellt ist. 
Das ist aber das, was, indem es in sich selber immer weiter 
und weiter ausgebildet wird, zu dem Wurzelquell des Da- 
seins fuhrt; so dafi dieses, was gleichsam «ohne Nutzen» 
erschaut wird, das ist, was zum Ewigen in der Menschen- 
seele fuhrt. Das miifite man hinzufiigen. Aber Pythagoras 
meinte, etwas Besonderes ausdrucken zu wollen: dafi man 



in dem, was nicht in der Entwickelung der Menschenseele 
in den aufieren Nutzen gestellt wird, sondern das in sidi 
selber vertieft wird, den Antrieb findet, um in das ewig 
Unvergangliche unterzutauchen; dafi man also etwas in der 
Seele entwickeln miisse, was sich nicht im aufieren Leben 
unmittelbar anwenden lafit, sondern das die Menschen- 
seele aus einem inneren Drange, aus innerer Sehnsucht und 
Zielstrebigkeit entwickelt. Die Anerkennung eines solchen 
Strebens liegt uns da in grauer Vorzeit des europaischen 
Geisteslebens bei Pythagoras vor. 

Wenden wir jetzt den Blick auf eine Erscheinung der 
neueren Zeit, die ich nicht erwahne, um philosophische Ku- 
riosa zu erwahnen, sondern weil sie wirklich bezeichnend 
ist fur die Art des Geisteslebens unserer Zeit. 

Von Amerika aus hat sich nach Europa verbreitet - und 
wird in Europa audi von einzelneh Personlichkeiten ge- 
schatzt - eine Weltanschauung, die man Pragmatismus 
nennt. Diese Weltanschauung nimmt sich gegemiber dem, 
was Pythagoras von einer Weltanschauung fordert, recht 
sonderbar aus. Ob irgend etwas, was die Menschenseele als 
ihre Erkenntnis ausspricht, vor irgend etwas anderem als 
dieser Menschenseele wahr oder falsch ist, darnach fragt 
diese Weltanschauung des Pragmatismus im Grunde ge- 
nommen gar nicht, sondern nur darnach, ob ein Gedanke, 
den sich der Mensch als einen Weltanschauungsgedanken 
bildet, fruchtbar und niitzlich ist fiir das Leben. Also nicht 
darnach, ob irgend etwas in irgendeinem objektiven Sinne 
wahr oder falsch ist, fragt der Pragmatismus, sondern zum 
Beispiel nach folgendem. Nehmen wir gleich einen der be- 
deutsamsten BegrifFe des Menschen: Soil der Mensch den- 
ken, dafi ein einheitliches Selbst in ihm ist? Dieses einheit- 
liche Selbst nimmt er ja nicht wahr. Wahr nimmt er die 
Aufeinanderfolge von Empfindungen, Vorstellungen, Ideen 



und so weiter. Aber es ist niitzlich, die Aufeinanderfolge der 
Empfmdungen, Vorstellungen, Ideen so aufzufassen, als 
wenn ein gemeinsames Selbst vorhanden ware; dadurch 
kommt Ordnung in die Auffassung hinein, dadurch ver- 
richtet der Mensch das, was er aus der Seele heraus ver- 
richtet, wie aus einem Gusse heraus, dadurch zersplittert 
sich nicht das Leben. Oder gehen wir zur hochsten Idee. 
Auf den Wahrheitsgehalt des Gottes-BegrifTes kommt es 
dem Pragmatismus gar nicht an, sondern er fragt: soil man 
den Gedanken eines gottlichen Wesens fassen? Und er 
kommt zu der Antwort: Es ist gut, dafi man den Gedan- 
ken eines gottlichen Wesens fafk, denn wiirde man den 
Gedanken nicht fassen, dafi die Welt regiert wiirde von 
einem gottlichen Urwesen, so bliebe die Seele trostlos und 
ode; es ist also gut fur die Seele, wenn sie diesen Gedanken 
annimmt. - Da wird der Wert der Weltanschauung im 
ganz entgegengesetzten Sinne gedeutet wie bei Pythagoras. 
Bei diesem soil die Weltanschauung das deuten, was nicht 
in den Nutzen des Lebens gestellt wird. Gegenwartig aber 
breitet sich eine Weltanschauung aus, und es ist Aussicht 
vorhanden, dafi sie viele Kopfe erfassen wird, die geradezu 
sagt ~ und in der Praxis hat sie es schon getan -: Wertvoll 
ist das, was so gedacht wird, als ob es da ware, damit das 
Leben in der nutzbringendsten Weise fur den Menschen 
verlauft! 

Wir sehen: die Menschheitsentwickelung hat sich so voll- 
zogen, dafi geradezu das Gegenteil dessen fur das Kenn- 
zeichen einer richtigen Weltanschauung angesehen wird, 
was sozusagen im Aufgange des europaischen Weltanschau- 
ungslebens als solches angesehen worden ist. Das ist der 
Weg, den die Menschheitsentwickelung in der Gesinnung 
durchgemacht hat von der pythagoraischen Theosophie 
zu der modernen pragmatischen Antisophie. Denn dieser 



Pragmatismus ist durchaus Antisophie - ist Antisophie aus 
dem Grunde, weil er alle Vorstellungen, die sidi die Seele 
iiber etwas machen kann, was aufierhalb der Sinneswelt 
liegt, unter dem Gesichtspunkte des praktisdien Wertes 
und des Nutzens fur die Sinneswelt betrachtet. Das ist das 
Bedeutsame, und das ist der andere Gesichtspunkt, den ich 
zu erwahnen habe: dafi sidi gegen unsere Gegenwart zu 
etwas in die Menschenseelen hineindrangt wie ein t)ber- 
handnehmen der antisophischen Stimmung. Wie ist heute 
das verbreitet, was einstmals Du Bois-Reymond als ein 
glanzender Vertreter der Naturwissenschaft auf einer Na- 
turforsdierversammlung in Leipzig (1872) als seine Igno- 
rabimus-Rede entwickelte! Du Bois-Reymond gibt zu, und 
er entwickelt es aufierordentlich geistvoll, dafi das, was im 
rechten Sinne Wissenschaft genannt werden soil, es nur zu 
tun haben konne mit den Gesetzen der aufieren Welt, der 
Raumes- und Zeitwelt, und niemals dazu fiihren konne, 
audi nur das geringste Element des Seelenlebens als solches 
zu verstehen. Spater hat Du Bois-Reymond sogar noch 
von «sieben Weltratseln» gesprochen - Wesen von Materie 
und Kraft, Ursprung der Bewegung, erste Entstehung des 
Lebens, zweckmafiige Einrichtung der Natur, Entstehen 
der einfachen Sinnesempfindung und des Bewufitseins, 
verniinftiges Denken und Ursprung der Sprache, Willens- 
freiheit -, von denen er sagt, dafi sie die Wissenschaft 
nicht ergreifen kann, weil die Wissenschaft schon ein- 
mal auf ein Gebiet angewiesen ist, welches das des 
«Naturalismus» sein mufi. Und charakteristisch endete 
damals Du Bois-Reymond 1872 seine Auseinandersetzun- 
gen, indem er meinte: man miifite in etwas ganz anderes 
eindringen, wenn man audi nur das geringste Element des 
Seelenlebens begreifen wollte, als in das Element der Wis- 
senschaft: Mogen sie es doch mit dem einzigen Ausweg ver- 



suchen, dem des Supranaturalismus. Und er fugte die 
bedeutungsvollen Worte hinzu, die hinzugefiigt werden 
sollen nicht als ein Beweis, denn jeder, der seine Ausein- 
andersetzungen nimmt, kann sich davon tiberzeugen, dafi 
sie nicht ein Beweis sind fiir irgend etwas, was von da oder 
dort hergeleitet wird, wofiir diese oder jene Griinde an- 
gegeben werden, sondern als etwas hinzugefiigt werden, 
was er aus seiner Seelenstimmung heraus in ganz dogma- 
tischer Weise gel tend macht: Nur da£, wo Supranaturalis- 
mus anfangt, Wissenschaft aufhort. 

Was heilk eine solche Hinzufiigung zu dem anderen 
Satze, dafi man, um nur das einf achste seelische Element zu 
begreifen, zum Supranaturalismus seine Zuflucht nehmen 
mufi, dafi man hinzufiigt: Nur daiS, wo Supranaturalismus 
anfangt, Wissenschafl; aufhort? Man kann eine eigentiim- 
liche Entdeckung machen, die ich allerdings heute nur wie 
eine Art Behauptung hinstellen kann, die aber durch vieles 
in den folgenden Vortragen noch vollstandig aufgehellt 
werden wird -, man kann eine merkwiirdige Entdeckung 
machen, wenn man bei dem Umschau halt, was wissen- 
schaftliches Leben der Gegenwart ist. Und um gleich bei 
diesem zweiten Vortrage dieser Serie gegen ein Mifiver- 
standnis, das immer wieder und wieder auftaucht, wenig- 
stens einige Worte zu sagen, bemerke ich, dafi diese gan- 
zen Vortrage hier in keiner Weise irgendwie gegnerisch 
gegen die zeitgenossische Wissenschafl gemeint sind, son- 
dern dafi sie von dem Gesichtspunkte einer vollen An- 
erkennung dieser zeitgenossischen Wissenschaffc gehalten 
werden, - insofern sich diese in ihren Grenzen halt. Ich 
mufi das sagen, weil gerade immer wieder und wieder - ich 
will nicht sagen, wie geartete Behauptungen auftreten, dafi 
diese Vortrage hier in einem antiwissenschaftlichen Sinne 
gehalten wiirden. Es ist das aber nicht der Fall. Trotzdem 



also eine vollstandige Anerkennung der grofien glanzen- 
den, bewunderungswiirdigen Erfolge moderner Wissen- 
schaft allem zugrunde Hegt, was hier gesagt wird, mufi doch 
darauf aufraerksam gemacht werden, dafi man streng be- 
weisen kann: Nirgends im weiten Gebiete des ganzen 
wissenschaftlichen Lebens findet sich fiir eine solche Behaup- 
tung, dafi, wo Supranaturalismus anfangt, Wissenschaft 
aufhort, audi nur die geringste Begrundung! Es findet sich 
keine Begrundung. Man macht die Entdeckung, da& eine 
solche Behauptung getan wird ohne jegliche Begrundung, 
aus einem Willensakte, aus einer Empfindung heraus, aus 
einer Seelenstimmung heraus, aus antisophischer Stim- 
mung heraus. Und warum, das mufi die nachste Frage sein, 
wird eine solche Behauptung getan? Dariiber kann nun 
wieder die Geisteswissenschaft eine Art von Aufschlufi geben. 

Eine solche Stimmung ist namlich gerade als «Stimmung» 
au£erlich begreiflich aus alledem heraus, was heute aus- 
einandergesetzt worden ist. Ich mufi allerdings, indem ich 
auf die geisteswissenschaftliche Erklarung des oben Cha- 
rakterisierten eingehen will, einiges voraussetzen. Es gibt 
in der Menschenseele sehr vieles, was man bezeichnen kann 
als unterbewufke Seelenerlebnisse, als Seelenerlebnisse, 
welche so verlaufen, dafi sie durchaus in der Seele vorhan- 
den sind, dafi sie unser seelisches Leben bestimmen, aber 
nicht vollig in das klare Bewulksein des Tages herauf- 
leuchten. Es gibt Tiefen des menschlichen Seelenlebens, die 
nicht in Begriff en, Vorstellungen, Willensakten, wenigstens 
nicht in den bewufiten, sich ausleben, sondern nur in dem 
Charakter, der Art des Wollens, in dem Geprage des mensch- 
lichen Seelenlebens. Ein unterbewufites Seelenleben gibt es; 
und es ist alles, was im bewufiten Seelenleben sein kann, 
was dann eine Rolle spielt, auch im Unterbewufiten. Affekte, 
Leidenschaften, Sympathien und Antipathien, die wir im 



gewohnlichen Leben in bewufiter Weise deutlidi in der Seele 
erfuhlen, sie konnen audi in den unterbewufiten Regionen 
sein, werden aber in diesen nicht wahrgenommen, sondern 
wirken in der Seele wie eine Naturkraft, wirken so in der 
Seele, wie zum Beispiel die Verdauung im Organismus un- 
bewufit vor sich geht, - nur dafi sie seelisch und nicht phy- 
sisch sind. Es gibt eine ganze Region des unterbewufiten 
Seelenlebens. Und vieles von dem, was der Mensch im Le- 
ben behauptet, was er im Leben glaubt und meint, das 
glaubt und meint er durchaus nicht auf solche Vorausset- 
zungen hin, deren er sich vollig bewuik 1st; sondern er 
glaubt und meint es und vertritt es aus dem unterbewufi- 
ten Seelenleben her aus, weil Affekte, Neigungen, deren er 
sich nicht bewuEt ist, ihn dazu drangen. Sogar die aufiere 
empirische Psychologie kommt in ihren besten Vertretern 
heute schon darauf, dafi das, was der Mensch behauptet, 
nicht in seinem vollen Umfange in der blofien Vernunft 
Hegt, in dem, was der Mensch bewufit iiberschaut. Es gibt 
einen ganzen Zweig der heutigen experimentellen Psycho- 
logic, der sich damit beschaftigt. Stern ist ein Vertreter 
dieser Richtung, die sich damit befafit, zu zeigen, wie der 
Mensch selbst in wissenschafllichsten Behauptungen etwas 
hat, was von seinen Sympathien und Antipathien, von 
seinen Neigungen und Affekten die Farbung und die To- 
nung erhalt. Und auch die bloft aufierliche Psychologie 
wird nach und nach beweisen, dafi es ein Vorurteil ist, 
wenn jemand glaubte, er konnte wirklich im alltaglichen 
Leben oder in der gewohnlichen Wissenschaft alles iiber- 
schauen, was ihn zum Aufstellen seiner Behauptungen 
fuhrt. Es ist also heute, selbst fiir die aufiere Psychologie 
oder Seelenlehre, durchaus nicht mehr eine absurde Be- 
hauptung, wenn man unbedenklich die Entdeckung, die 
eben genannt worden ist, so charakterisiert, dafi man sagt: 



Wenn jemand davon spricht: Wo Supranaturalismus an- 
fangt, hort Wissenschaft auf - das ist zwar als eine 
Grundstimmung ausgesprochen von Du Bois-Reymond, 
aber es ist audi eine Grundstimmung unzahliger Seelen der 
Gegenwart, die gar nichts davon wissen so ist es kein 
Wunder, wenn man es als aus dem unterbewufken Seelen- 
leben herauftauchend auffafit. Aber wie kommt es herauf ? 
Was drangt die Seele dazu, als Dogma hinzustellen: Wo 
Supranaturalismus anfangt, hort Wissenschaft auf? Was 
arbeitete damals in dem unterbewufiten Seelenleben bei 
Du Bois-Reymond, und was arbeitet heute im unterbewufi- 
ten Seelenleben bei Tausenden und Tausenden von Men- 
schen, die im Leben tonangebend sind, wenn der Ausspruch 
ertont oder so gefuhlt wird, als wenn er ihnen unterbewufit 
zugrunde liegt? Dariiber gibt die Geisteswissenschafl fol- 
gende Antwort. 

Wir kennen im menschlichen Leben sehr wohl einen 
AfFekt, den wir als Furcht, Schrecken, als Angstlichkeit 
bezeichnen. Wenn dieser AfFekt der Furcht, des Schreckens 
im gewohnlichen Leben auftritt, so ist er etwas, was jede 
Menschenseele kennt. Audi iiber solche A£Fekte wie Furcht, 
Schrecken, Angstlichkeit gibt es heute ganz interessante, 
aufierliche wissenschaftliche Untersuchungen; so zum Bei- 
spiel empfehle ich jedem, sich einmal die ausgezeichneten 
Untersuchungen des danischen Forschers Lange iiber die 
Gemiitsbewegungen anzusehen;unter diesen sind audi solche 
iiber Furcht, Angstlichkeit und so weiter. Wenn wir im 
gewohnlichen Dasein Schreck erleben, so tritt ja, insbeson- 
dere wenn der Schreck einen gewissen Grad erreicht, etwas 
ein, was in einer leisen Art den Menschen betaubt, so dafi 
er seinen Organismus nicht mehr vollig in der Gewalt hat. 
Man wird «starr vor Schrecken», man hat einen besonderen 
Gesichtsausdruck, aber es treten audi allerlei besondere 



Begleiterscheinungen des Schreckens im Leibesleben auf. 
Diese Begleiterscheinungen sind heute auch schon von der 
aufieren Wissenschaft ziemlich gut beschrieben, wie zum 
Beispiel bei dem genannten Forscher. Soldier Schrecken 
wirkt hinein bis in die Gef afinatur des Menschen und stellt 
sich symptomatisch in derselben dar. Leiblich veranderte Zu- 
stande undbesonders dasBediirfnis, sich auiSerlich an etwas 
anzuhalten, treten beim Schreck auf. «Ich falle um» hat 
schon mancher gesagt, der erschreckt war. Das weist tiefer 
auf die Natur des Erschreckens hin, als man gewohnlich 
meint. Das riihrt davon her, daf$ der Organismus, wenn die 
Seele Schreck erlebt, Veranderungen erleidet. Es werden 
die Krafte des Organismus wie krampf baft auf das Nerven- 
system konzentriert; dieses wird gleichsam mit Seelenkraft 
iiberladen; dadurch spannen sich gewisse Gefafie an, und 
diese Spannung kann sich dann nicht auswirken. 

Nun kommt aber die Geistesforschung und untersucht 
die menschliche Seele dann, wenn sie in der Tatigkeit des 
Denkens und Vorstellens ist, welches an die aufSere Natur, 
an die aufiere Welt bingegeben ist. Man kann namlich die 
Natur jener Art von Tatigkeit untersuchen, in welcher eine 
Seele ist, die den ganzen iibrigen Leib in Ruhe, in einer ge- 
wissen Verfassung Vi&t und das nach au£en gerichtete Den- 
ken auf das au£ere Experiment, auf die au£ere Beobach- 
tung lenkt. Wenn man sich geisteswissenschaftlich das Bild 
eines solchen Menschen vorhalt, so ist es genau dasselbe wie 
dasjenige eines Menschen, der in einem leisen Schreck ist. 
So paradox dieser Ausspruch klingt: es ist so, dafi die Ab- 
lenkung der Krafte der Seele von dem Gesamtorganismus 
etwas ganz Ahnliches bewirkt wie Schrecken, wie Betau- 
bung durch den Schreck. Jene «Kuhle» des Denkens, die 
man in der wissenschaftlichen Beobachtung erzeugen mufi, 
ist, so paradox es eben klingt, dem Schreck, der Angst ver- 



wandt, namentlich der Furcht verwandt ; und ein angestreng- 
ter Forscher, der wirklich in seinen Forschungsgedanken 
drinnen lebt, ist, wenn seine Gedanken nach auiSen gerichtet 
sind, oder wenn er iiber etwas nachdenkt, was in der Aufien- 
welt ist, in einer Verfassung, die der Furcht verwandt ist. 

Das unterscheidet das Hingegebensein an die Aufienwelt 
gegemiber der geistesforscherischen Entwickelung, dafi diese 
letztere darauf beruht, dafi die Seelentatigkeiten vom blo- 
fien Gehirn losgelost werden, so dafi nicht das eintritt, was 
bewirkt wird durch eine einseitige krampfhafte Anstren- 
gung der Seelentatigkeit und des Hinfliefienlassens des 
einen Teiles der Korpertatigkeit auf Kosten des anderen. 
Und dieser, der Furcht verwandte Zustand erzeugt das, 
was ich vorhin charakterisierte. Diese Furcht, von der ich 
jetzt spreche, kann natiirlich jeder ableugnen, denn sie tritt 
im Unterbewulken auf. Aber sie ist dort um so sicherer 
vorhanden. In einer gewissen Beziehung ist der Forscher, 
der sein Auge auf das Aufiere richtet, perennierend, fort- 
flielSend in einer solchen Seelenstimmung, daft in den unter- 
bewufiten Regionen seines Seelenlebens dasselbe waltet,* 
was bewufit in einer Seele waltet, die in Furcht ist. Und 
jetzt werde ich etwas sagen, was einfach klingt, was nicht 
einfach gemeint ist, was aber vielleicht gerade durch die 
Einf achheit eine Verstandigung bilden kann. Wenn jemand 
in Furcht ist, so kann er sehr leicht in die Stimmung kom- 
men, die sich mit den Worten bezeichnen lafit: Ich mufi 
mich an etwas anhalten; ich brauche etwas, woran ich mich 
halten kann, denn ich falle sonst um! Das ist die Stim- 
mung des wissenschaftlichen Forschers, wie sie eben jetzt 
geschildert worden ist: Er mufi sich auf das einseitige Den- 
ken konzentrieren; er entwickelt unterbewulk Furcht und 
braucht die aufiere sinneskraftige Materie, an der er sich 
anhalten kann, damit er nicht in der unterbewufken Furcht 



versinkt, die, wenn sie nidit zur Theosophie vorriickt, nichts 
findet, woran sie sich halten kann, und die sonst, wie der 
Furchtsame, der sich an irgendeinem Gegenstande halten 
mochte, sidi an die Materie halt. Gebt mir etwas, was im 
aufieren Materlellen ist, woran ich mich halten kann! - 
diese Stimmung lebt im Unterbewufttsein des gewohnlichen 
Wissenschafters. Das fuhrt zu den unterbewufiten Affekten 
hin, als Wissenschafl: nur das gelten zu lassen, was keine 
Furcht zulafit, weil man sich an die materialistische Ge- 
staltung der Welt anhalt. Und das gibt die antisophische 
Stimmung ein: Wo Supranaturalismus anfangt, hort Wis- 
senschafl auf - hort namlich dasjenige auf, woran man 
sich halten kann. 

Es ist aber damit etwas gekennzeichnet, was begreif- 
licherweise in einem Zeitalter vorhanden sein mufi, wo die 
ganze Natur, die ganze Wesenheit des Zeitalters das Auf- 
gehen in der aufierenBetrachtung und in der aufieren Natur 
in vieler Beziehung fordert. Es ist damit etwas angedeutet, 
was nicht in dem Einzelnen persbnlich lebt, sondern was 
wirklich in alien denjenigen lebt, die heute eine antisophi- 
sche Stimmung entwickeln, ob nun diese so auftritt, dafi ge- 
sagt wird: Theosophie ist etwas, was die Wissenschafl iiber- 
fliegt ; da ist keine Sicherheit drinnen, das verlafk den sicheren 
Boden der Wissenschafl;, oder ob sie so auftritt, dafi jemand 
sagt: Das fuhrt doch nur zu innerem oder aufierem Unfug, 
was da die Leute als Theosophie vertreten; sicher ist doch 
auf diesem Gebiete im wissenschaftlichen Sinne nichts, son- 
dern man mufi dazu einen blofien Glauben entwickeln, der 
von da oder dort herkommt. Ob jemand sagt: Mir wird 
meine Familienordnung zerrissen, wenn sich ein Mitglied 
der Familie zur Theosophie bekennt, oder ob ein anderer 
sagt: Wenn ich mich der Theosophie hingebe, so werden 
mir die Freuden des Lebens vergallt, - alle diese Dinge sind 



naturlich nicht richtig, aber sie werden aus einer gewissen 
Stimmung heraus gesagt: sie sind eine Verbr aiming der 
antisophisdhen Stimmung. Und diese antisophisdie Stim- 
mung ist begreif lich. Denn dem wirklich theosophisch Emp- 
findenden, der da weiJft, dafi die Menschenseele dodi zu 
ihrem Heil und zu ihrer Gesundheit immer den Zusam- 
menhang mit der Welt suchen mufi, mit der sie in ihren 
tiefsten Wurzeln zusammenhangt, ist nichts begreiflicher, 
als die antisophisdie Stimmung. Jede Art von Gegnerschaft, 
jede Art von Mifiverstandnis, jede Art sogar von Schimpfe- 
rei, von Aufregung gegen dieTheosophie ist ja verstandlidi, 
ganz verstandlidi. Und wer solche Mi^verstandnisse, solche 
Gegnerschaft und dergleichen vorbringen mag, der sollte 
doch nur immer bedenken, dafi er, wie er audi, sagen wir 
gleich das Argste, wiiten mag oder zornig sein mag oder 
sich Luft machen mag gegeniiber der Theosophie, damit 
dem theosophisch Empfindenden nicht das allergeringste 
Unverstandliche und Uberraschende sagt, weil dieser ihn 
ja verstehen kann. Der theosophisch Empfindende unter- 
scheidet sich von ihm nur dadurch, dafi der, welcher so 
kampft oder wutet, selbst gewohnlich nicht weift, warum 
er es tut, weil die Quellen dazu in dem Unterbewufken 
liegen, das aus sich heraus die antisophisdie Stimmung an- 
regt; wahrend der theosophisch Gesinnte zugleich wissen 
kann, dafi diese antisophische Stimmung so lange das 
Allernatiirlichste von der Welt ist, solange man nicht be- 
griffen hat, was der Menschenseele edelstes Streben ist. 
Nicht dafi man gut geurteilt hat, nicht dafi man logisch 
gedacht hat, zeigt man, wenn man in der antisophischen 
Stimmung ist, sondern nur das, dafi man noch nicht den 
Schritt unternommen hat, um zu begreif en, dafi Theoso- 
phie aus den Quellen des Daseins heraus spricht. 

Und auch derjenige, welcher nicht Geistesforscher ist, 



kann diese Theosophie verstehen, kann sie voll aufnehmen 
und zum lebendigen Elixier, im geistigen Sinne gesprochen, 
seines Seelenlebens machen. Denn warum? Weil das, was 
vom Geistesforscher gleichsam jenseits des gewohnlichen 
sinnlichen Erlebens erlebt wird, ausgedriickt werden kann 
in derselben Sprache, in welcher die Erlebnisse des alltag- 
lidien Lebens und der alltaglichen Wissenschaft ausgedriickt 
werden. Das ist das Bemiihen gerade dieser Vortrage, dafi 
dieselbe Sprache fiir die geistigen Regionen gesprochen 
wird - nicht die auftere Sprache, sondern die Sprache der 
Gedanken-, wie sie in der aufieren Wissenschaft gesprochen 
wird. Allerdings kann man das Sonderbarste erleben, zum 
Beispiel daft man bei denjenigen, welche sich gegen die 
Theosophie aus der antisophischen Stimmung heraus wen- 
den, die Sprache, die sie fiir das aufiere Leben und die 
auftere Wissenschaft gelten lassen, nicht wiedererkennen 
kann, wenn sie sich iiber das geistige Gebiet ergehen. 

Was die Theosophie dem Menschen sein kann, das ist, 
ihm die Moglichkeit eines Zusammenhanges mit dem Ur- 
quell seines Daseins zu geben, ihn dann hinzuweisen auf 
denjenigen Punkt, wo die Tiefen seiner Seele mit den Tie- 
fen der Welt zusammenhangen. Dadurch dafi der Mensch 
in der Theosophie die gottlich-schopferischen Krafte er- 
greift, die ihn selber organisieren, die mit ihm ins Dasein 
treten und seinen Leib ergreifen, um ihn plastisch durch- 
zugestalten, dadurch steht der Mensch mit der Theosophie 
innerhalb derjenigen Weltenkrafb drinnen, die neben dem 
Leibe audi der Seele Gesundheit und Kraft, Sicherheit und 
Hoffnung und alles, was sie fiir das Leben braucht, geben 
kann. Wie der Mensch gegeniiber allem, was hinter der 
physischen Welt ist, mit der Theosophie in den schopfe- 
rischen Quell des Daseins eindringt, so dringt er auch in 
bezug auf sein moralisches Leben in den schopferischen 



Quell des Daseins ein. Das Dasein wird erhoht, im besten 
Sinne erhoht. Der Mensdi fiihlt in der Theosophie seine 
Bestimrnung, seinen Wert, fiihlt aber audi seine Aufgaben 
und Pflichten in der Welt, weil er sich in Wahrheit mit 
demjenigen zusammenhangend findet, an dem er sonst nur 
ein unbewufites Glied ist. Das Leben aufierhalb dieses 
Quelles, das Leben in Antisophie verodet das Dasein der 
Seele. Im Grunde genommen ist alle Seelenode, aller Pessi- 
mismus, aller Zweifel am Dasein, alles Niditzurechtkom- 
men mit seinem Pflichtenleben, ist alles Fehlen von mora- 
lischen Impulsen aus der antisophischen Stimmung des Le- 
bens entsprungen. Theosophie ist nicht dazu da, um irgend 
welche Ermahnungen und dergleichen zu geben, sondern 
um auf den Wahrheitsgehalt des Lebens hinzudeuten. Wer 
diesen Wahrheitsgehalt erkennt, der wird daraus die Im- 
pulse des Lebens auf aufierem wie auf moralischem Gebiete 
selber fmden. Theosophie setzt sozusagen die Menschen- 
seele in den Stand, den sie haben mufi; denn sie gibt der 
Seele das, wodurch sich diese wirklich wie versetzt fiihlt in 
eine Fremde, in welche sie kommen mufite. Denn Theoso- 
phie ist nicht erdenfeindlich. Wenn der Mensch sich durch 
sie selbst versteht, dann versteht er sich so, daft er aus einer 
Fremde, in der er sein mufi, um zu seiner vollen Menschen- 
bedeutung zu kommen, wieder auf steigen mufi in die Welt, 
in der er seine Wurzeln hat, in der seine Heimat liegt. Und 
aus dieser Heimaterkenntnis, aus diesem Heimatempfmden 
heraus, das die Theosophie geben kann, fliefien der Seele 
Lebensmut, Lebenserkenntnis, Klarheit iiber ihre Pflichten, 
iiber die Impulse des Lebens zu, die unter der antisophi- 
schen Stimmung immer dunkel und stumpf bleiben, wenn 
man audi meint, dafi sie noch so hell und klar sind. Theoso- 
phie erzeugt in Wahrheit diejenige Stimmung, die, wenn 
das Wort nicht mifibraucht wird, eine monistische Seelen- 



stimmung werden kann, ein Sich-eins-Fuhlen mit dem die 
Welt durchwebenden und durdilebenden Geiste. Und ein 
Sich-Wissen in diesem Geiste ist Theosophie, ein soldies 
Sich-Wissen in diesem Geiste, dafi man weiiS: Was in mir 
lebt und webt, das wird durchpulst und durchkraftet von 
dem Geiste, der durch alles Dasein zieht. 

Eins fiihlten sich die besten Geister der Menschheits- 
entwickelung dennoch mit dieser Theosophie, wenn sie audi 
nicht immer zu dem aufgestiegen sind, was im Beginne des 
zwanzigsten Jahrhunderts, denn die Weltentwickelung 
schreitet vor, als Welterkenntnis gegeben werden kann. 
Wenn Fichte, scharf in den Gedankengangen konturiert, 
die Natur des menschlichen Ich hinzustellen versucht, durdi 
ganze Biicher hindurch, und wenn sich ihm das, was sich 
ihm aus ganz andersartigen Gedankengangen heraus, als 
sie hier auseinandergesetzt sind, als Stimmung ergibt, gleich- 
sam in die Worte zusammenkristallisiert: Der Mensch, der 
sich in seinem Ich wirklich erlebt, erlebt sich in der geistigen 
Welt drinnen -, dann ist das theosophische Stimmung, theo- 
sophisches Weltbewufksein. Dann ist das etwas, was aus die- 
sem theosophischen Weltbewufitsein eben gerade in Fichte 
die schonen Worte gepragt hat, die sich wie eine notwen- 
dige Konsequenz aus dem theosophischen Weltenbewufit- 
sein heraus ausnehmen. Es ist ja wahrhafKg grandios, wie 
Fichte in seinen Vorlesungen «Uber die Bestimmung des 
Gelehrten» einige Satze gepragt hat, wo sich ihm wieder 
das, woriiber er viel, viel gedacht hat, und was sich wie 
eine theosophische Stimmung ausnimmt, in die Worte zu- 
sammenkristallisiert: Wenn ich mich erkannt habe in mei- 
nem Ich, in der geistigen Welt drinnen stehend, so habe ich 
mich auch erkannt in meiner Bestimmung! Wir wiirden 
sagen: dafi das Ich den Punkt gefunden habe, wo es in 
seinem eigenen Sein mit den Wurzeln des Weltenseins zu- 



sammenhangt. Und weiter sagt Fichte: «Ich hebe mein 
Haupt kiihn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und 
zu dem tobenden Wassersturz und zu den krachenden, in 
einem Feuermeer schwimmenden Wolken und sage: ich bin 
ewig und trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich, 
und du Erde und du Himmel vermischt euch im wilden 
Tumulte, und ihr Elemente alle, schaumet und tobet und 
zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstaubchen 
des Korpers, den ich mein nenne - mein Wille allein mit 
seinem festen Plane soil kiihn und kalt iiber den Triim- 
mern des Weltalls sdiweben. Denn idi habe meine Bestim- 
mung ergriffen, und sie ist dauernder als ihr; sie ist ewig 
und ich bin ewig wie sie.» Das ist ein Wort, das aus einer 
theosophischen Stimmung kommt. Bei einer anderen Ge- 
legenheit, als er die Vorrede zu seiner «Bestimmung des 
Gelehrten» schrieb, hat er gegen den antisophischen Geist 
die bedeutungsvollen Worte gesprochen: «Dafi Ideale in 
der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir 
anderen vielleicht so gut, als sie, vielleicht besser. Wir be- 
haupten nur, dafi nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, 
und von denen, die dazu die Kraft in sich fiihlen, modifi- 
ziert werden miisse. Gesetzt» - so sagt Fichte; ich wiirde mir 
vielleicht nicht gestatten, dies so ohne weiteres zu sagen, 
wenn es eben nicht Fichte sagte - «sie konnten auch da von 
sich nicht iiberzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie 
einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit 
verliert nichts dabei. Es wird dadurch blofi das klar, dafi 
nur auf sie nicht im Plane der Veredelung der Menschheit 
gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fort- 
setzen; iiber jene wolle die giitige Natur walten und ihnen 
zu reenter Zeit Regen und Sonnenschein, zutragliche Nah- 
rung und ungestorten Umlauf der Safte, und dabei - kluge 
Gedanken verleihen!» 



So sagt Fichte. Und einig fiihlt man sich in der theoso- 
phischen Stimmung, wenn audi, wie gesagt, Geister ver- 
gangener Zeiten uber die geistige Welt nicht in so konkreter 
Weise sprechen konnten, wie es heute moglich ist, einig 
fiihlt man sich mit diesen Personlichkeiten, welche dieses 
theosophische Fiihlen, diese theosophische Stimmung hat- 
ten. Darum fiihle ich mich, indem ich noch so Gewagtes in 
diesen Vortragen sage, immer in jedem Worte, in jedem 
Satze einig mit Goethe -und insbesondere einig mit Goethe 
in der theosophischen Stimmung, die alles, was er gedacht 
und gedichtet hat, voll und lebendig durchzieht; so dafi er 
audi ein gutes Wort mit Bezug auf die theosophische und 
antisophische Stimmung sagen konnte, ein Wort, mit dem 
ich mir gestatten werde, diese heutige Betrachtung uber 
«Theosophie und Antisophie» zum Abschlufi zu bringen. 
Goethe hatte ein recht antisophisches Wort gehort, das von 
einem glanzenden, bedeutenden Geiste, von Albrecht von 
Haller, ausgegangen ist. Aber Albrecht von Haller lebte 
im Grunde genommen in einer besonders antisophischen 
Stimmung, obwohl er ein grower Naturforscher seiner Zeit 
war; dennoch ist es ein antisophisches Wort, wenn er sagt: 

Ins Innre der Natur 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Gliickselig! wem sie nur 
Die aufire Schale weist! 

Goethe empfand dies, wenn er audi nicht die Worte theo- 
sophisch und antisophisch gebraucht, als eine antisophische 
Stimmung. Und er charakterisiert etwas drastisch, aber 
mit Worten, wodurch er eine solche Art der Betrachtung 
abweisen wollte, den Eindruck, den das antisophische Wort 
Hallers auf ihn machte, dem Gedanken Ausdruck gebend, 
dafi die Seele unter einer solchen Betrachtungsweise sozu- 



sagen sich selbst verlieren miifke, verlieren miifke die Kraft 
und die Wiirde, die ihr gegeben sind, um sich selbst zu er- 
kennen: 

«In$ Innre der Natur -» 

O du Philister! - 

«Dringt kein erscbaffner Geist», 

Mich und Gescrrwister 

Mogt ihr an solches Wort 

Nur nicht erinnern; 

Wir denken, Ort fiir Ort 

Sind wir im Innern. 

«GlUckselig y wem sie nur 

Die aufire Scbale weist!» 

Das hor' ich sechzig Jahre wiederholen, 

Ich fluche drauf, aber verstohlen; 

Sage mir tausend, tausend Male: 

Alles gibt sie reichlich und gern; 

Natur hat weder Kern 

Noch Schale, 

Alles ist sie mit einem Male; 
Dich priife du nur allermeist, 
Ob du Kern oder Schale seist. 



GEISTESWISSENSCHAFT 
UND RELIGIOSES BEKENNTNIS 



Berlin, 20. November 1913 



Bevor ich in dieser Vortragsserie zu den einzelnen Ergeb- 
nissen der Geisteswissenschaft, die im Laufe dieses Winters 
angefiihrt werden sollen, iibergehe, was vom nachsten Vor- 
trage an geschehen soil, sei heute einleitend eine Betrach- 
tung angestellt iiber eines der vielen Mifiverstandnisse, 
welches von unserer gegenwartigen Zeitbildung der hier 
gemeinten Geisteswissenschaft entgegengebracht wird. 

Immer wieder und wieder kann man ja unter den ver- 
schiedenerlei Einwanden auch den horen, da£ die Geistes- 
wissenschaft den Menschen von dem abbringe, was ihm als 
religioses Bekenntnis, als religioses Leben, als religiose 
Weltauffassung wert und teuer, ja vielleicht innerlich intim 
notwendig ist. Und warum sollte man denn in der Gegen- 
wart in einer gewissen berechtigten Weise nicht eine solche 
Befiirchtung haben, gerade wenn die Geisteswissenschaft, 
wie es ja hier schon betont worden ist und noch ofter wird 
betont werden miissen, im wirklichen echten Sinne die 
Fortsetzerin und Erfiillerin der Naturwissenschaft sein 
will, wie sie sich seit drei bis vier Jahrhunderten in unserm 
Geistesleben herausgebildet hat. Wie sollte man dies denn 
nicht befiirchten, da doch in weiten Kreisen unserer gegen- 
wartigen Gebildeten gerade die Meinung vertreten wird, 
dafi die naturwissenschaftliche Denkweise, daft eine Welt- 
anschauung, die, wie man so sagt, auf dem festen Boden 
der Naturwissenschaft aufgebaut ist, nichts zu tun haben 



konne mit jenen Voraussetzungen, diedem religiosen Leben 
zugrunde liegen? Es ist tatsachlich die Meinung vieler, daft 
derjenige, der sich in der Gegenwart wirklidi bis zu jener 
Hohe emporarbeitet, welche die, wie man eben so sagt, 
«wahre Wissenschaft» der Gegenwart gibt, sicli frei machen 
miisse von dem, was man durch lange Zeiten menschlicher 
Entwickelung hindurdi religioses Leben, religioses Bekennt- 
nis genannt hat. Und in vielen Kreisen gilt es ja, dafi reli- 
giose Vorstellungsart, religioses Fiihlen und Denken einer 
Art kindlidier Entwickelungsstufe der Menschheit ent- 
spreche, wahrend wir in das reife Zeitalter menschlicher 
Geistesentwickelung eingetreten seien, das dazu berufen 
sei, die alten religiosen Vorurteile, die eben einer kind- 
lichen Auffassung entsprachen, abzustreifen und zu dem- 
jenigen iiberzugehen, was eine rein wissenschaftliche Vor- 
stellungsweise oder vielleicht Weltanschauung ist. 

Wenn man bei vielen Menschen der Gegenwart Umschau 
halt, so wird man eine solche Stimmung, wie sie eben 
charakterisiert worden ist, heute sehr haufig finden. Aber 
auch ein geschichtlicher Uberblick iiber die allerjiingste 
Phase menschlichen Geisteslebens, iiber die letzten Zeiten 
des neunzehnten Jahrhunderts kann den Eindruck hervor- 
rufen, der etwa in folgender Weise zu charakterisieren 
ist: Religiose Geister, Menschen, denen es um die Rettung, 
um die Pflege religiosen Sinnes zu tun war, sie fuhlten sich 
- das ist eine charakteristische Erscheinung vielfach gerade 
des neunzehnten Jahrhunderts da sie die Religion ge- 
fahrdet glaubten, von einem bestimmten Gesichtspunkte 
aus gezwungen, das Gebiet des religiosen Lebens gegeniiber 
dem Ansturm des neuzeitlichen wissenschaftlichen Lebens 
zu retten. Das geht wiederum bis in unsere Tage herein. 
Und zahlreich sind dieSchriften, die Li teraturwerke, welche 
gerade in unseren Tagen von philosophischen oder anderen 



Standpunkten aus sich die Aufgabe stellen, die Notwen- 
digkeit des religiosen Lebens fiir die menschliche Seele 
auseinanderzusetzen gegeniiber alien Anforderungen der 
wissenschaftlichen Denkweise und Weltanschauungen. Es 
miifite ja allerdings viel auseinandergesetzt werden, wenn 
auf die Grundlagen hingewiesen werden sollte, die so zahl- 
reidi zu solchen Behauptungen berechtigen, wie sie eben 
gemacht worden sind. Es konnte zum Beispiel, weil dies 
eine charakterisusche, eine symptomatische Ersclieinung ist, 
diebezeugt, wiebei einzelnen DenkerpersonKchkeiten etwas 
lebte, was in den Herzen vieler schlummerte, es konnte hin- 
gewiesen werden auf die Bestrebungen der Ritschl-Her- 
mann'schen Theologenschule. Nicht um diese Schule zu 
charakterisieren, nidit um den ausgezeichneten Religions- 
denker Ritschl zu charakterisieren, sei darauf hingedeutet, 
oder um das zu charakterisieren, was Ritschl und seine An- 
hanger erstrebten. Weniger sei der eigentliche Inhalt der 
Ritschl-Hermann'schen Anschauung hier gegeben, als viel- 
mehr die Stimmung, aus der sie herausgewachsen ist. 

Man sieht in Ritschl einen Denker, einen tief religiosen 
Denker, der sich eben dazu berufen fuhlte, die Religion, als 
religioses Gut, gegeniiber dem Ansturm wissenschafUicher 
Erkenntnis zu schutzen. Wie suchte er dies zu vollbringen? 
Er suchte es zu vollbringen, indem er sagte: Nehmen wir 
einmal die Wissenschaft, wie sie sich im Laufe der letzten 
drei bis vier Jahrhunderte herauf entfaltet hat, so zeigt sie, 
wie sie Errungenschaft uber Errungenschaft in bezug auf 
eine Naturerkenntnis erreicht hat, wie der menschliche Ver- 
stand in die Geheimnisse der materiellen Auftenwelt ein- 
gedrungen ist. Und wenn man Umschau halt uber alles, 
was so im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte er- 
rungen worden ist, so mufi man sagen: Aus alledem etwas 
herauszupressen - so sagte sich Ritschl -, was die mensch- 



lidie Seele so ergreifen konnte, wie die religiosen Wahr- 
heiten und das religiose Bekenntnis die menschliche Seele 
ergreifen sollen, - das kann man nicht. Daher suchen 
Ritschl und seine Schiiler nach einer ganz anderen Quelle 
fur das religiose Bekenntnis. Sie sagen sich: Stets wird die 
Religion gefahrdet sein, wenn man sie auf jene Erkenntnis- 
art stiitzen will, wie sie audi in der Naturwissenschaft iiblich 
ist, und stets wird man vor der Unmoglichkeit stehen, aus 
der naturwissenschaftlichen Denkart selbst etwas heraus- 
zupressen, was die Menschenseele begeistern und durch- 
dringen konnte. Daher mufi man ein fiir allemal darauf 
verzichten, in die Religion etwas einzumischen, was Gegen- 
stand der Wissenschaft ist. Aber dafiir gibt es in der mensch- 
lichen Seele ein urspriingliches Glaubensleben, das sich nur 
frei halten miisse, sich ganz getrennt halten miisse von jeg- 
licher Invasion der Wissenschaft, und das, wenn es sich ent- 
faltet und sich innerlich belebt, zu in sich selbst bestehenden 
Erlebnissen, zu innerlichen Tatsachen kommen konne, 
welche die Menschenseele in Zusammenhang bringen mit 
dem, was eben Inhalt des religiosen Bekenntnisses sein 
miisse. 

So also sucht diese Schule das religiose Bekenntnis zu 
retten, indem sie dasselbe zu reinigen versucht von jeglicher 
Invasion des Wissenschafllichen. Wenn so die Seele, die 
darauf verzichtet im religiosen Glaubensleben etwas zu 
haben, was auch nur von feme dem ahniich sehen konnte, 
was auf wissenschaftlichem Wege errungen wird - wenn so 
die Seele dieses in ihr selber gereinigte Leben entfaltet, 
dann steigt ihr innerlich das auf, was ihren Zusammenhang 
mit den gottlichen Urgrunden des Daseins bedeutet; dann 
fiihlt sie, dafi sie innerlich, als seelische Tatsache, ihren Zu- 
sammenhang mit dem Gottlichen in sich tragt. 

Wenn man nun auf solche Bestrebungen wie die der 



Ritschl-Hermann'schen Schule, die ja viele, namentlich 
theologische Denker heute noch beherrscht, tiefer eingeht, 
dann sieht man aber sofort: Ja, wie der Mensch heute ist, 
wie sein gegenwartiges Seelenleben ist mit allem, was in 
diesem Seelenleben lebt, so kann ja in einer gewissen Weise, 
man mochte sagen, eine Art sehr durchdestillierten Mysti- 
zismus aus dieser Seele herausgeholt werden; aber wenn 
es sich darum handelt - das zeigt gerade die Ritschrsche 
Schule - wirklich einzelne religiose oder Glaubenswahr- 
heiten zu haben, dann sieht sich eine solche Denkrichtung 
dazu gezwungen, doch von irgendwoher die Seele mit 
einem Inhalt anzufiillen, weil sie sonst in einem ganz engen 
mystischen Leben befangen bleiben mufke. Und so nimmt 
diese selbe Ritschrsche Schule auf der anderen Seite doch 
wiederum das Evangelium auf, nimmt die Wahrheiten 
auf, die durch das Evangelium vermittelt werden und lafit 
eine tiefe Klufl zwischen ihrer Anforderung: nur aus der 
Seele selbst heraus die Glaubenswahrheiten, die gottlichen 
Wahrheiten zu entwickeln - wodurch aber in dieser Schule 
nimmer eine einzelne Seele dazu kommen konnte, den- 
selben Inhalt aus sich heraus zu entwickeln, der in den 
Evangelien steht - lafit eine tiefe Klufl zwischen dem, was 
die Seele aus sich heraus gewinnen kann und dem, was die 
Seele dann doch wieder von aufien durch die Off enbarun- 
gen der Evangelien in sich herein nimmt- Ja, zu einer noch 
tiefer en Klufl kann es kommen, und das haben die An- 
hanger dieser Schule selbst bemerkt, wenn sie sagten: Jeder 
Mensch kann, wenn er sich unbefangen dem iiberlafit, was 
in seiner Seele sprielk und sproftt, zu einem gewissen Zu- 
sammenhange mit dem Gottlichen kommen, das in seine 
Seele hereinspricht. Du stehst ja mit deiner Seele in einem 
gottlich-geistigen Zusammenhange. Aber die einzelnen See- 
len konnten nicht zu solchen inneren Erlebnissen kom- 



men, wie sie etwa Paulus oder Augustinus gehabt haben. 
Solche Erlebnisse mussen daher doch auch von aufien her- 
eingenommen werden. Kurz, in dem Augenblick, wo eine 
solche Richtung, die rein durch das religiose Gefuhl, eben 
mit Austreibung aller Wissenschaftlichkeit, zu dem religio- 
sen Bekenntnis kommen will, wo eine solche Schule einen 
wirklichen Inhalt begehrt, wo sie nicht nur begehrt in den 
allgemeinen Gefuhlen des gottlichen inneren Erlebens my- 
stisch zu weben, sondern wo sie anstrebt in Gedanken aus- 
zusprechen, wie der Zusammenhang der Seele mit dem 
Gottlichen ist: da ist sie gezwungen, ihr eigenes Prinzip zu 
sprengen! Und zu denselben widerspruchsvollen Anschau- 
ungen wiirden wir gefuhrt werden, wenn wir versuchen 
wollten, die religios-philosophischen Anschauungen des 
neunzehnten Jahrhunderts, wie sie sich bis in unsere Zeit 
hinein entwickelt haben, vor unserer Seele voriiberziehen 
zu lassen. 

Das aber mufi doch gesagt werden: Es ist charakteristisch, 
daft viele ernste, sehr ernste Denker auf dem Gebiete der 
Religionsforschung gerungen haben nur nach einem Begriff, 
nach einer Idee, nach einer Definition der Religion, und 
dafi man im Grunde genommen, wenn man iiber das Um- 
schau zu halten versucht, was auf diesem Gebiete geleistet 
worden ist, nicht einmal einen befriedigenden BegrifF von 
dem finden kann, was Religion ist, wie Religion in der 
menschlichen Seele entsteht, aus welchen Impulsen der 
Menschenseele sie hervorquillt. Das ist etwas, was gerade 
bei den ernsten Religionsforschungen des neunzehnten Jahr- 
hunderts, und bis in unsere Zeit herein, durchaus in ein 
weites Netz von Polemik verstrickt ist. Da gibt es Leute, 
die davon sprechen, dafi die Menschen von einer gewissen 
Art, die Natur zu verehren, dazu aufgestiegen sind, hinter 
den Naturerscheinungen ein Gottliches, ein Geistiges zu 



vermuten und dann dieses Gottliche, dieses Geistige in der 
Natur zu verehren. Da gibt es solche Forscher, die der an- 
deren Meinung sind, dafS das religiose Bediirfnis von dem 
ausgegangen sei, was -man Seelenkult nennen konnte. Der 
Mensch sah zum Beispiel, um gleich auf das Konkrete ein- 
zugehen, die Mensdien hinsterben, die ihm teuer waren, 
und er konnte sich nicht denken, dafS das, was ihren inner- 
sten Wesenskern ausmacht, vergangen sei; so versetzte er 
sie in eine "Welt, in der er sie weiter verehrte. Ahnen-Ver- 
ehrung, Seelenkult, so meinen solche Forscher, sei der Ur- 
sprung des reKgiosen Fiihlens und Empfindens. Dann seien 
die Menschen weitergegangen, hatten das, was sie in dem 
Menschen fiihlten und verehrten, auch in die Natur hinaus- 
versetzt; so dafi die Vergottlichung der Naturkrafte dadurch 
entstanden sei, dafi man urspriinglich nur Ahnenseelen als 
f ortlebend angenommen habe, aber solche verehrten Ahnen- 
seelen habe man ins Gottliche erhoben und zu Herrschern 
iiber Naturkrafte und Welten gemacht. - Eine dritte Stro- 
mung, deren Meinung insbesondere der Religionsforscher 
Leopold von Schroeder klar ausgesprochen hat, sagt, es 
zeige sich in der menschlichen Natur, und gerade die Er- 
forschung auch der primitivsten Volker bezeuge dies, ein 
Trieb, ein tatsachlicher Trieb und Impuls, hinter alien Er- 
scheinungen eine gute Wesenheit anzunehmen, welche iiber 
das Gute in der Welt wache; und die Ausbildung dieses 
Triebes und Impulses sehe man in den verschiedenen Re- 
ligionen und religiosen Bekenntnissen. 

Gegen jede solche Anschauung kann man zeigen - die 
Zeit reicht heute dazu nicht aus, ich kann es nur andeuten -, 
wie sie auf irgend etwas nicht pafit, was man, wenn man 
einfach ein Verstandnis fur das religiose Leben und das 
religiose Bekenntnis des Menschen hat, nach diesem Ver- 
standnisse doch als Religion bezeichnen raui Da sich die 



Geisteswissenschaft so, wie sie hier gemeint ist, als etwas 
unserer Geistesbildung Neues in die Menschheitsentwicke- 
lung hineinstellen will, so wiirde es wenig fruchten, wenn 
diese Geisteswissenscliaft sich mit all diesen Anschauungen 
liber die Grundlagen, uber Ursprung und Wesen des reli- 
giosen Bekenntnisses auseinandersetzen wollte. Denn das 
muft gesagt werden, dafi der BHck auf alle diese Ausein- 
andersetzungen im Grunde genommen die eine Frage un- 
befriedigt laiSt: Wie steht es mit dem religiosen Bekennt- 
nis innerhalb der Gesamtheit der menschlichen Natur, der 
menschlichen Personlichkeit? Daher werde ich audi dies- 
mal in ahnlicher Art verfahren, wie ich das letzte Mai mit 
der Erorterung uber «Antisophie» verfahren bin. Wie ich 
nicht darauf einging, was an Antisophie da oder dort 
hervortritt, sondern gerade vom geisteswissenschaftlichen 
Standpunkte aus einleitend zu zeigen versuchte, wie Anti- 
sophie in der menschlichen Natur als soldier, begriindet 
ist, und wie man sich nicht zu wundern braucht, wenn sie 
da oder dort auftritt, so werde ich versuchen, den Grund 
der Religion in der menschlichen Natur zu schildern, um 
dann zeigen zu konnen, wie die Geisteswissenschaft, die als 
solche auf das Ganze der menschlichen Natur geht oder 
wenigstens gehen will, sich im ganzen in das Leben hinein- 
stellt, das in der menschlichen Seele von einem religiosen 
Bekenntnis getragen sein will. 

Geisteswissenschaft ist ja ihrer ganzen Anlage, ihrem 
ganzen Wesen nach weniger dazu berufen, sich in pole- 
mische Auseinandersetzungen einzulassen; sie ist vor alien 
Dingen dazu berufen, zu schildern, wie sich die Dinge ver- 
halten, um es dann jedem selbst zu iiberlassen, welches 
Verhaltnis diese Geisteswissenschaft zu den einzelnen Zwei- 
gen und Stromungen des menschlichen Seelenlebens haben 
kann. Daher soli es audi heute nicht meine Aufgabe sein, 



mich mit dem religiosen Bekenntnis als solchem geistes- 
wissenschaftlich auseinanderzusetzen, sondern zu zeigen, 
was Geisteswissenschaft sein will, und was religioses Be- 
kenntnis sein kann, urn es dann im Grunde genommen 
jedem selbst zu iiberlassen, was daraus in bezug auf das 
Verhaltnis der beiden fiir Schliisse zu Ziehen sind. Da wird 
es sich vor alien Dingen darum handeln, auf einiges auf- 
merksam zu machen, was audi schon in diesen einleitenden 
Vortragen iiber das Charakteristische der Geisteswissen- 
schaft gesagt worden ist, und es in Zusammenhang zu brin- 
gen mit einigen der tieferen Grundlagen der menschlichen 
Natur. 

Geisteswissenschaft, Geistesforschung, so ist auseinander- 
gesetzt worden, beruht darauf, dafi die menschliche Seele 
sich umzuwandeln vermag, eine innere, intime Entwicke- 
lung durchzumachen vermag, wodurch sie iiber das gewohn- 
liche Anschauen des Alltags und auch iiber die gewohnlichen 
Anschauungen der au£eren Wissenschaft hinauswachst und 
zu einer besonderen Erkenntnisart sich aufschwingt. Gei- 
steswissenschafl setzt voraus, da£ ihr Forschungen zugrunde 
liegen, welche aus einer so von dem Korperlich-Physischen 
unabhangig gemachten Seele stammen, aus einer Seele, die 
in ihren Erlebnissen von der physischen Korperlichkeit 
unabhangig geworden ist. "Wenn diese Seele durch ihre 
Entwickelung im Seelisch-Geistigen sich und die Welt selber 
erlebt, dann kommt sie zu Anschauungen, welche nicht die 
Sinneswelt, sondern welche die Geisteswelt betreffen. Der 
Geistesforscher versetzt sich also durch die schon angedeu- 
teten Obungen, die in den folgenden Vortragen weiter be- 
sprochen werden sollen, mit seiner Seele, nachdem er diese 
umgewandelt hat, in die geistige Welt hinein. Er ist dann 
in der geistigen Welt darinnen und redet, innerhalb ihrer 
stehend, von den Wesenheiten und Vorgangen der geistigen 



Welt. Dieses Sichhineinversetzen in die geistige Welt wird 
erreicht in versduedenen Stufen, und im Grunde genom- 
men habe idi diese Entwickelung, welche die Seele dabei 
durchmacht, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» auseinandergesetzt. Wir wer- 
den zu der heutigen Betrachtung gerade diese Stufen etwas 
diarakterisieren miissen. 

Wenn durch eine solche Steigerung der Aufmerksamkeit, 
der Hingabe, wie sie in den beiden Vortragen «Die geistige 
Welt und die Geisteswissenschaft» und «Theosophie und 
Antisophie» angedeutet worden ist, die menschliche Seele 
zum Erleben unabhangig von dem Physisch-Leiblichen 
kommt, dann ist ihr Erleben zuerst so, dafi man die Vor- 
stellungen, die Empfindungen, den ganzen Seeleninhalt, zu 
welchem die Seele dann kommt, eine imaginative Welt nen- 
nen kann, eine imaginative Welt nicht aus dem Grunde, 
weil diese Welt eine blofie Einbildung ware, sondern weil 
in der Tat das, was die Seele in sich erlebt, wenn sie sich 
gleichsam von dem Miterleben mit der Sinneswelt abhebt, 
wie aus dem Meere des Innenseins heraufkommt, sich 
herauferhebt und zunachst eine innerliche, rein geistige 
Bilderwelt, eine voll gesattigte Bilderwelt ist, Falsdi ware 
es, wenn jemand in diesef Bilderwelt, die also aus dem 
Meere des menschlidienSeelenlebens herausspriefit, sogleich 
eine Kundgebung der geistigen Welt selber sehen wiirde; 
denn diese Bilderwelt, diese imaginative Welt bezeugt zu- 
nachst nichts anderes, als dafi das Innerliche, Seelische sich 
erkraftet, verstarkt hat, so dafi es nicht nur aus sich heraus 
Vorstellungen, Empfindungen, innere Impulse in Anleh- 
nung an aufiere Sinneseindriicke erleben kann, sondern dafi 
es sich eben so verstarkt hat, dafi aus seinem eigenen Schofie 
eine Bilderwelt hervorquillt, in der die Seele leben kann. 
Diese Bilderwelt, die namentlich durch eine Steigerung 



dessen erreictit wird, was man im gewohnlichen Leben 
Aufmerksamkeit nennt, ist sozusagen zunachst nur ein 
Mittel, urn in die wirkliche geistige "Welt hineinzudringen. 
Denn wie diese Bilderwelt auftritt, kann niemals von 
irgendeinem Bilde gesagt werden, ob es einer geistigen Wirk- 
lichkeit entspreche oder nidit; sondern da mufi etwas an- 
deres hinzutreten, was wieder erreicht wird durch eine 
Steigerung der Hingabe, damit nun von einer ganz anderen 
Seite her, als es der Mensch gewohnt ist, namlich von der 
geistigen Welt her, in diese Bilder Inhalt quillt. Durch seine 
weitere Entwickelung erreicht der Geistesforscher, dafi er 
von einem solchen Bilde sagen kann: Da hinein quillt 
geis tiger Inhalt; es ofFenbart sich dir durch dieses Bild, 
das du in deiner Seele aufsteigen gefuhlt hast, ein Wesen 
oder ein Vorgang der geistigen Welt. Wie du die aufteren 
Farben als Ausdruck der aulSeren Sinnesvorgange und der 
aufieren Sinneswesen ansiehst, so darfst du diese Welt, weil 
sich darin die geistige Welt einsaugt, als ein Bild der gei- 
stigen Welt ansehen. Anderes mu£t du ablehnen. - Man 
lernt auf diese Weise diese Bilderwelt mit Bezug auf die 
geistige Welt so erleben, wie die Buchstaben fiir das ge- 
wohnliche Leben. Wie die Buchstaben nur etwas ausdriicken, 
wenn man sie im Geiste zu Worten zusammenzufiigen 
versteht, die bedeutungsvoll sind, wie die Buchstaben da 
erst Ausdrucksmittel sind, so sind die Bilder der geistigen 
Welt erst wirklich die Kundgebungen einer geistigen Welt, 
wenn sie Ausdrucksmittel werden fiir eine Welt, in die sich 
die Seele des Geistesforschers hineinzuversetzen vermag. 
Dabei geht in der Tat das vor sich, was man nennen konnte 
ein volliges Ausloschen der gesamten imaginativen Welt. 
Denn die Bilder setzen sich um, kombinieren sich in der 
mannigfachsten Weise. Wie die Buchstaben aus dem Setz- 
kasten des Setzers genommen und zu Worten geformt 



werden, so werden gleidisam die Imaginationen durchein- 
andergeworfen im geistigen Wahrnehmen und werden zu 
Ausdrucksmitteln fur erne geistige Welt, wenn sich der 
Geistesforscher zu der zweiten Stufe einer hoheren Er- 
kenntnis erhebt, die man nennen kann - man stofte sich 
nicht an dem Ausdruck — die inspirierte Erkenntnis, die 
Erkenntnis durch Inspiration. Da fiigt sich innerhalb der 
inspirierten Erkenntnis in diese Bilder, zu deren Erleben 
man in der Seele fahig geworden ist, die objektive geistige 
Welt hinein. Aber in dieser Inspiration erlangt man doch 
nur etwas, was man bezeichnen konnte als die Aufienseite 
der geistigen Vorgange und Wesenheiten. Man mufi sozu- 
sagen, um in die geistige Welt wirklich hineinzukommen, 
in die Dinge untertauchen, mufi eins werden mit den Din- 
gen der geistigen Welt. Das geschieht in der Intuition, in 
der dritten Stufe geistiger Erkenntnis. So steigt der Geistes- 
forscher durch Imagination, Inspiration und Intuition in 
das Gebiet der geistigen Welt hinein. Mit der Intuition 
stent er in der geistigen Welt so darinnen, dafi dann sein 
eigenes geistig-seelisches Selbst unabhangig geworden ist 
von allem Leiblichen, wie es naher beschrieben ist in «Wie 
erlangt manErkenntnisse der hoheren Welten?» und unter- 
getaucht ist in die geistigen Wesenheiten der Welt, soweit 
das fur seine Befahigung moglich ist. Damit ist das charak- 
terisiert, was man nennen kann das Verhaltnis der Geistes- 
forschung zu der geistigen Welt, ein Drinnenstehen in der 
geistigen Welt, ein Sich-Einsfiihlen und ein mit den Wesen 
und Vorgangen der geistigen Welt einhergehendes Erleben 
des Geistigen. Das mufi als das Charakteristikum der Gei- 
steswissenschaft aufgefafit werden. 

Nun handelt es sich darum: Wenn eine solche Geistes- 
wissenschafl: entsteht, wie sie auf dem Wege einer solchen 
Forschung entstehen kann, wie kann dann ein Verhaltnis 



dieser Geisteswissenschafl, dieser Geistesforschung zu dem 
religiosen Bekenntnis gedacht werden? 

Das wird sich ergeben, wenn wir nun das menschliche 
Seelen- und Personlichkeitsleben, wie es im Weltenganzen 
drinnen steht, in seiner Totalitat, in seiner Ganzheit be- 
trachten. Da bietet sich uns etwas dar, was genannt werden 
konnte die Klimax der Seelenentfaltungen, und von dieser 
Klimax der Seelenentfaltungen mochte ich heute zu Ihnen 
sprechen. 

In der Tat entfaltet sich die menschliche Seele im wirk- 
lichen vollen Leben drinnen, man mochte sagen, in vier 
Stufen. Damit kein Mifiverstandnis entsteht, damit nicht 
der Glaube entstehen konnte, als ob durch das Wort Klimax 
die eine oder die andere Stufe als vornehmer oder hoher 
bezeichnet werde, so mochte ich nur sagen, dafi vier ver- 
schiedene Stufen, tiber deren Wert gar nichts ausgesagt wer- 
den soil, in der menschlichen Seelenentf altung unterschieden 
werden. Da haben wir zunachst die Stufe, welche wir be- 
zeicVinen konnen als das sinnlicVie Erleben der Aufienwelt. 
Im sinnlichen Erleben der AufSenwelt steht der Mensch in 
der Tat in dem ganzen Weltgeschehen darinnen, wenn auch 
nur im materiellen Weltgeschehen; und es geht gar nicht an, 
dafi man den Menschen anders betrachtet, insofern er sich 
auf der Stufe des sinnlichen Wahrnehmens befmdet, als 
mitten drinnen stehend in der materiellen Welt. 

In bezug auf das, was hier gemeint ist, erlebt man gerade 
in der Gegenwart ganz sonderbare Dinge. Als diejemgen, 
welche jetzt mehr oder weniger weit uber die erste Lebens- 
halfte hinaus sind, jung waren und damals vielleicht philo- 
sophische Studien getrieben haben, da gait es ja als etwas 
Selbstverstandliches, daft man sich wenigstens in der einen 
oder anderen Form zu dem Kant-Schopenhauerschen Satze 
bekannte: «Die Welt ist meine Vorstellung.» Ich habe schon 



darauf aufmerksam gemacht, dafi das ganz gewohnliche 
Erleben, so trivial es klingt, diesen Satz umwerfen mui 
Denn man mufi, wenn man sich in die Wirklichkeit hinein- 
stellen will, trotz all der Ausfuhrungen, die auf diesem 
Gebiete gemacht worden sind und die auf nichts anderem 
als auf Mifiverstehen beruhen, sagen: Der gesund Erlebende 
mufi unterscheiden zwischen seiner Vorstellung und dem, 
was er Wahrnehmung zu nennen beruf en ist. Wenn zwischen 
Vorstellung und Wahrnehmung kein Unterschied ware, 
wenn das ganze Tableau der Aufienwelt meine Vorstellung 
ware, so miifke der Mensch ein Snick heiftes Eisen von 
500 ° Celsius, das er sich nur vorstellt, ebenso empfinden, 
wenn er es an sein Gesicht legt, wie ein wirkliches Stuck 
Eisen von 500 °. Der Mensch mufi, indem er sinnlich wahr- 
nimmt, in der Stromung der AuEenwelt drinnen stehen. 
Und jetzt kann man es erleben, dafi Philosophen wie zum 
Beispiel Bergson wiederherzustellen versuchen, was man 
in der Jugend Naivitat nannte. Man nannte es einen 
«naiven Realismus», wenn man den Menschen in dem 
Strome der materiellen Welt unmittelbar drinnen stehend 
erblickte. Bergson sucht wieder zu zeigen, geradeso, als 
wenn die Philosophie bei ihm erst wieder beginnen wiirde, 
dafi diese Anschauung die richtige ist, dafi man sich den 
Menschen als sinnlichen Wahrnehmer drinnen stehend den- 
ken mull in der Welt der sinnlichen Gesetze. Da steht man 
also sinnlich wahrnehmend in der Welt drinnen, und das 
Charakteristische ist, dafi die einzelnen Sinne gleichsam ge- 
trennte Weltengebilde wahrnehmen: eine Welt der Farben 
und des Lichtes, eine Welt der Tone, eine Welt der Warme- 
differenzierungen, eine Welt der Harte und Weichheit und 
so weiter. Die einzelnen Sinne stehen auf dieser ersten 
Stufe des menschlichen Welterlebens in dem Strom des 
Weltgeschehens drinnen. Da bekommen wir auf dem Wege 



der Wahrnehmung, unmittelbar drinnen stehend in der 
sinnlichen, materielien Welt, ein Weltbild. Dieses Welt- 
bild begleitet uns durch das Leben; mit diesem Weltbilde 
betatigen wir uns, unter seinem Eindruck handeln wir, es 
beherrscht uns, und wir beherrschen wiederum ein Stiick 
Welt von diesem Weltbilde aus. So stent der Mensch, indem 
er ganz in den sinnlichen Weltenweiten lebt, in dem Strom 
des Weltgeschehens darinnen, insofern dieser materiell ist. 
Er ist gleichsam selbst ein Stiick dieses Weltgeschehens, 
fiihlt und erlebt sich und bekommt auf diese Weise sein 
Weltbild. 

Eine zweite Stufe dieses Welterlebens kann genannt 
werden die Stufe des asthetischen Erlebens, gleichgultig, ob 
sie im kiinstlerischen Schaffen oder im kunstlerischen Emp- 
finden und Anschauen auftritt. Wenn man sich nur ober- 
flachlich klar machen will: Wie erlebt man im asthetischen 
Erleben? - so mufi man sagen: In erster Linie ist das astheti- 
sche Empfinden gegeniiber dem blofien sinnlichen ein inner- 
liches Erleben. Wenn man Licht und Farben wahrnimmt, 
so ist man durch das Auge an Licht und Farben hingegeben; 
wenn man Tone wahrnimmt, ist man durch das Ohr an 
die Welt der Tone hingegeben; man ist gleichsam partiell 
an die Aufienwelt hingegeben und steht mit einem Stiick 
seines Seins in der Welt drinnen. Jeder aber, der iiber das 
kiinstlerische Schaffen oder iiber den kunstlerischen Genuft, 
iiber das kiinstlerische Anschauen und iiber das asthetische 
Empfinden nachgedacht hat, wird wissen, daft das astheti- 
sche Empfinden erstens wesentlich inner licher ist, als das 
blolSe sinnliche Wahrnehmen; und zweitens ist es umfang- 
licher, indem es aus dem Einheitlichen der menschlichen 
Natur herauskommt. Daher geniigt zum asthetischen Emp- 
finden nicht, dafi wir eine Summe von Farben sehen oder 
eine Summe von Tonen horen; es mufi der Enthusiasmus, 



die innere Freude beim asthetischen Erleben hinzutreten. 
Wenn ich bloE wahrnehme, so nehme ich Farben wahr und 
suche ein Bild des sinnlich gegebenen Dinges zu bekommen; 
wenn ich asthetisch anschaue, so lebt meine ganze Person- 
lichkeit mit. Was von einem Bilde, das einen kiinstlerischen 
Inhalt hat, in mich uberstromt, das ergreift mich ganz, 
Freude, Sympathie oder Antipathie, Lust, Erhebung durch- 
stromt mich; die ergreifen aber die ganze Personlichkeit. 
Wir werden im Verlaufe dieser Vortrage horen, daft zu 
einem solchen Erleben, das verinnerlicht ist, wenn es sich 
audi an Dinge der Auftenwelt, an Kunstwerke oder an 
die schone Natur anschliefk, ein zweites Glied der mensch- 
lichen Natur notwendig ist. Wenn auch eine solche An- 
nahme in unserm gegenwartigen Geistesleben verpont ist, 
wenn auch schon der Ausdruck fur ein solches Glied der 
menschlichen Natur verpont ist, die Annahme wird sich 
rechtfertigen. Wenn der Mensch mit seinem korperlichen, 
sinnlichen Wahrnehmen der Aufienwelt gegeniiber steht, 
wenn er gleichsam blofi den Strom des aufieren Geschehens 
an sich herankommen lafit, also mit seinem physischen 
Leibe die Vorgange erlebt, so erlebt er als asthetisch An- 
schauender etwas mit, was viel innerlicher mit ihm, mit 
seiner Wesenheit zusammenhangt: er erlebt mit dem, was 
wir den asthetischen Menschenleib oder das asthetische 
Menschenwesen nennen, das nicht an ein einzelnes Organ 
gebunden ist, sondern den ganzen Menschen als eine Ein- 
heit durchdringt. Der Mensch macht sich im asthetischen 
Genufi, indem er allerdings von der Sinneswelt ausgeht, 
von dieser Sinneswelt frei. Von diesem Freimachen, von 
diesem innerlich Freiwerden hatte eine 2eit, welche die 
Zeit Goethes ist, viel mehr eine Vorstellung als unsere 
Zeit. Unsere Zeit ist ja - wir werden uber diese Erscheinun- 
gen noch viel zu sprechen haben - die Zeit des Materialis- 



mus, die Zeit des Naturalismus. Die empfindet es schon 
als etwas Ungerechtfertigtes, wenn sich der Mensch in 
kiinstlerischem Anschauen abtrennen will von dem aufler- 
lich-sinnlichen Anschauen, von der sinnlichen Wahrneh- 
mung; daher verbietet man gleichsam im heutigen Natura- 
lismus solches kunstlerische Schaffen, das sich von dem 
aufieren, sinnlichen Anschauen losmacht. 

Das Goethesche Zeitalter, insbesondere Goethe und 
Schiller selber, liefien allerdings das, was nur Nachahmung 
der Natur ist, was etwas vor uns hinstellt, was schon in 
der Natur ist, nicht als wirkliche Kunst gelten, sondern es 
forderte, dafi dasjenige, was Kunst sein soil, innerlich vom 
Menschen ergrifFen und umgeformt sein miisse. Aber es 
sieht dabei noch auf einen anderen Gedanken. Goethe 
spricht ihn aus, spricht ihn besonders schon aus, als er durch 
Italien wandert, wo sich sein Ideal, die alte Kunst zu 
studieren, erfullt hat. Nachdem er vorher zu Hause mit 
Herder und anderen den spinozistischen Gott studiert hat, 
da schreibt er nach Hause: «Die hohen Kunstwerke sind 
zugleich als die hochsten Naturwerke von Menschen nach 
wahren und natiirlichen Gesetzen hervorgebracht worden. 
Alles Willkiirliche, Eingebildete fallt zusammen: da ist 
Notwendigkeit, da ist Gott.» Das ist dieselbe Gesinnung, 
wie wenn Goethe einmal sagt: Die Kunst ist eine Mani- 
festation geheimer Naturgesetze, die ohne sie nicht offen- 
bar werden konnten. Oder wenn er sagt: der Kiinstler hat 
es nicht mit einer Phantastik zu tun, sondern er kommt ge- 
radezu durch das Anschauen des aufterlichen Leiblichen 
audi in das Kunstlerische hinein. Daher reden Goethe und 
Schiller von einem Wahren in der Kunst und bringen das 
Erleben des Kiinstlers mit dem Erleben des Erkennenden 
zusammen. Sie fuhlen, dafi sich der Kiinstler zwar von 
der aufieren Natur trennt, sondert, dafi er aber in dem, 



was er innerlidi erlebt, naher stent demjenigen, was hinter 
alien Naturerscheinungen geistig waltet und wirkt. Daher 
sprechen solche Mensdien von einem Wahren in diesem 
asthetischen Schauen, in diesem asthetischen Erleben. Goethe 
sagt sogar einmal sehr schon, als er einen von ihm ver- 
ehrten Asthetiker, Wmckelmann, bespricht, dafi Kunst eine 
Fortsetzung und menschlicher Abschlufi der Natur ist, 
«denn, indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt 
ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in 
sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu 
steigert er sich, indem er sich mit alien Vollkommenheiten 
und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie 
und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion 
des Kunstwerkes erhebt.» - Es wiirde zu weit fuhren, wenn 
ich nun wiederum zeigen wollte, wie in der Tat der Mensch, 
indem er sich also in der asthetischen Anschauung zwar von 
der aufieren Naturanschauung entfernt, innerlich aber eine 
Wahrheit ergreift, wie in der Tat fur denjenigen, der asthe- 
tisch erleben kann, es eine tiefe Bedeutung hat, gegeniiber 
einem Bilde, gegeniiber einem Drama, einem Skulptur- 
werke oder einem Musikwerke das eine Mai zu sagen: Das 
hat eine innerliche Wahrheit - oder das andere Mai: Es ist 
verlogen, ohne dafi gemeint ist, es sei der Natur nach- 
geahmt. Von kimstlerischer "Wahrheit in der Asthetik zu 
sprechen ist etwas, was in der menschlichen Natur tief be- 
griindet ist. Es gibt eine Wahrheit und einen Irrtum auf 
diesem Gebiete, der nicht blofi darin besteht, dafi man 
schlecht die aufiere Natur nachbildet. 

Dennoch, man kommt, wenn man also zum asthetischen 
Anschauen vorriickt, aus dem Gebiete derjenigen Anschau- 
ung, die im gewohnlichen Sinne wirklich zu nennen ist, 
in das Gebiet der Pbantasie hinein, in eine Bilderwelt. 
Schon aufierlich angesehen stellt sich die Phantasiewelt 



der Kunst, verglichen mit der imaginativen Welt des Gei- 
stesforschers, so dar, dafi sich die Phantasiewelt wie ein 
wirklidies Schattenbild zwar, aber doch wie ein Schatten- 
bild ausnimmt. Die imaginative Welt des Geistesforschers 
dagegen ist voll gesattigt von einer neuen Wirklichkeit. 
Die Phantasiewelt der Kunst ist das, was sich aus der un- 
mittelbaren sinnlichen Anschauung zurikkzieht und wie 
im inneren Erleben gerade noch einen Zusammenhang mit 
der Menschenseele behalt, einen Zusammenhang, der aber 
nicht derjenige mit der Sinneswelt ist. Daher ist die Kunst 
- man braucht sich daruber nur einigen Aufschlufi in Schil- 
lers Briefen iiber die « Asthetische Erziehung des Menschen» 
zu holen - das, was den Menschen in freier Art iiber das 
sklavische Hereinnehmen der Anschauungen der Sinnes- 
welt heraushebt. Die Kunst ist das, was den Menschen von 
der Sinneswelt loslost und ihm zum ersten Male das Be- 
wufitsein gibt: Du erlebst, auch wenn du nicht blofi die 
Sinneswelt in dich einstromen lafit; du stehst in der Welt 
drinnen, auch wenn du dich loslosest von der Welt, in die 
sinnlich dein Leib hineingestellt ist. - Diese Stimmung, die 
durch die Kunst gegeben wird, ist das, was dem Menschen 
in seiner Entwickelung ein Gefiihl von seiner Bestimmung 
gibt, von seinem nicht blofi Gebanntsein in die physische 
Welt. Aber tatsachlich ist es so, wie wenn in der Kunst das 
imaginative Leben sich wie in einem Schattenbild zeigte. 
Mit vollerem Leben gesattigt als das blojRe Phantasieleben 
ist das imaginative Leben. Das ware die zweite Stufe in 
der Klimax der menschlichen Seelenentfaltung. 

Die dritte Stufe in dieser Klimax ist nun dadurch zu 
charakterisieren, dafi man sagt: Der Mensch verinnerlicht 
skh durch diese dritte Stufe noch mehr. In der Kunst hat 
er sich von aufien nach innen bewegt, hat sich losgelost von 
der AuEerlichkeit. Nun ist es denkbar, daft der Mensch 



iiber das aufiere Erleben vollig hinwegsieht, rein innerlich 
erlebt, sich nur auf sich selbst stellt, so sich auf sich selbst 
stellt, dafi er nidit wie in der Kunst, wie in der Phantasie- 
schopfung dasjenige, was er vorstellt, mit dem durch- 
trankt, was er wahrgenommen hat, obwohl er es von der 
Wahrnehmung befreit, sondern gar nichts von Wahrge- 
nommenem in sidi hereinlafk. Da wiirde er der Sinneswelt 
noch entfernter mit seinem ganz vereinsamten, vollig ent- 
leerten inneren Leben dastehen, finster und stumm um ihn 
herum die aufiere Welt, Sehnsucht nach irgend etwas in 
seiner Seele, nichts aber gegenwartig, wenn nicht von einer 
ganz anderen Seite her in diese Seele etwas hereinkommen 
konnte, die also von aller Aufkrlichkeit entleert ist. Ge- 
radeso wie die materielle Welt von auiften an uns heran- 
kommt, wenn wir ihr unsere Sinne entgegenhalten, so 
kommt uns die geistige Welt innerlich entgegen, wenn wir 
in der geschilderten Weise nichts in unsere Seele herein- 
lassen und doch im wachen Zustande wartend dastehen. 
Was wir da erleben, das erst kann uns von unserem wahren 
Menschenwesen iiberzeugen; das zeigt uns erst, uns in un- 
serer wahrsten Selbstandigkeit, in unserer wahrsten Inner- 
lichkeit. Und dafi da etwas hereinkommen kann, was nicht 
von aufien hereinkommt, das bezeugt das Vorhandensein 
der religiosenVorstellungen aller Zeiten. Der Mensch bewegt 
sich, wenn er sich von der sinnlichen Wahrnehmung zu der 
asthetischen Anschauung hinbewegt, im normalen Leben 
gleichsam bis zu einem Strome des Vergessens, des Nicht- 
erlebens. Ober diesen Strom schwimmt er hiniiber in seine 
Innerlichkeit hinein. Wenn in seine Innerlichkeit Inhalt 
kommt aus einer ganz anderen Welt, dann ist dieser Inhalt 
der religiose Inhalt. Es ist der Inhalt, durch den der Mensch 
wissen kann, dafi es iiber die Sinneswelt hinaus eine Welt 
gibt, cine Welt, die durch keine aufieren Sinnesorgane, die 



audi niciit durdi eine solche Verarbeitung der Sinnesein- 
driicke, wie es durch die Phantasie geschieht, erreicht wer- 
den kann, sondern die mit Ausschlufi alles Phantasielebens 
in rein innerlicher Hingebung aus dem Unsichtbaren herein- 
stromen lalk, was nun die Seele von innen geistig tragt und 
halt, geradeso, wie unseren Korper die aufiere Natur tragt 
und halt, der ja gar nicht bestehen konnte, wenn er nicht 
als ein Stiick der aufteren Natur bestehen wiirde. Sich als 
ein Stiick der aufiersinnlichen, geistigen Welt zu erfiihlen, 
ist dem Menschen ebenso selbstverstandlich, wie es ihm 
beim auikrlichen Farbenwahrnehmen selbstverstandlich ist, 
dafi er Gegenstande voraussetzt, wenn er solche Farben 
wahrnimmt. 

Nun mufi an diesem Punkte auf etwas sehr Wichtiges 
aufmerksam gemacht werden. Es gab, wie wir noch sehen 
werden, in der menschlichen Entwickelung Zeiten, in denen 
es dem Menschen ebenso absurd vorgekommen ware zu 
sagen: ich fuhle etwas, aber dieses Gefiihl wird nicht an- 
geregt von einer gottlich-geistigen Welt, wie es heute dem 
Menschen, wenn er gesund denkt, absurd vorkommt, dafi 
er die Hand ausstreckend Warme fiihlen und nicht sagen 
wiirde: da ist ein Gegenstand, der mich brennt. Fur das 
gesamte menschliche Seelenleben ist es, wenn man so etwas 
fiihlt, ebenso gesund zu sagen: da ragt eine geistige Welt 
in uns herein, wie es gesund ist, wenn uns etwas brennt, 
auf einen brennenden Gegenstand hinzuweisen. Nun liegt 
hier etwas vor, was uns klar werden wird, wenn wir zwar 
heute noch nicht ganz herausgekommene Anschauungen ins 
Auge fassen; aber es leben diese Anschauungen schon auf 
dem Grunde der Seelenwelten. Immer mehr verbreitet sich 
durch die Naturwissenschaft die Anschauung, dafi alles, 
was der Mensch erlebt, nur seine Vorstellungen seien. Ich 
habe schon darauf hingewiesen. Es 1st schon unter den 



Naturgelehrten ganz gang und gabe zu sagen: Was ich 
als Farben wahrnehme, das besteht nur in meinem Auge; 
was ich als Tone hore, ist nur in meinem Ohr; da draufien 
sind uberall nur bewegte Atome. - Wie kann man es doch 
immer wieder lesen: Wenn ich eine Farbe wahrnehme, so 
schwingen draufien Atherwellen mit so und so schneller 
Geschwindigkeit; da draufien ist nur bewegte Materiel Es 
ist naturlich eine Inkonsequenz, wenn man Farben leugnet, 
noch die Materie anzunehmen! Daher gibt es heute schon 
die sogenannten Immanenz-Philosophen, welche sagen, dafi 
alles, was wir wahrnehmen, nur eine subjektive Welt ware. 
Und denkbar ware es, das liegt zwar nodi in der Zukunft, 
dafi gesagt wiirde: Daft ich mit meinen Augen Licht und 
Farben wahrnehme, ist ja gewifi; aber von irgend etwas zu 
wissen, was Licht und Farben veranlafit, das ist unmog- 
lich; dafi ich mit meinen Ohren Tone wahrnehme, ist ge- 
wift; aber von dem, was die Tone hervorbringt, etwas zu 
wissen, das ist unmoglich. Was auf diesem Gebiete die- 
jenigen sagen, welche die Gelehrten sein wollen, das sagen 
schon seit Jahrhunderten die zur materialistischen An- 
schauung vorriickenden Menschen im allgemeinen gegen- 
iiber dem inner lich Erlebten. Wie heute der vorurteilsvolle 
Philosoph sagt: Die Farbe, die ich wahrnehme, habe ich 
nur in meinem Auge; was sie veranlafit, das weifi ich nicht, - 
so sagt sich die Menschheit im allgemeinen: Mein Gefiihl 
habe ich in mir; wie es aber von der geistigen Welt herein 
bewirkt wird, dariiber kann nichts gewufit werden. In 
bezug auf das Innenerleben bezieht man eben durch ein 
Vorurteil seit Jahrhunderten, ja, schon seit Jahrtausenden 
das Erlebte nicht mehr auf ein Objektives, das in diesem 
Falle ein Geistiges sein wiirde, wie gewisse Philosophen die 
Eindrucke der AuEenwelt nicht mehr auf wirkliche Vor- 
gange des aufieren Lebens beziehen wollen. Gesundes 



menschliches Seelenleben aber fiihlt sich, wie es sich mit 
seinen Farbenwahrnehmungen in der materiellen Sinnes- 
welt drinnen fiihlt, so mit seinen Gefuhlen in der Welt der 
Geistigkeit, in dem Strome des geistigen Erlebens drinnen. 
Und wie es fur das gesunde Seelenleben absurd ist zu glau- 
ben, die Farbe spricht nur aus dem Auge heraus, so ist es 
fur ein wirklich gesundes Seelenleben absurd zu behaupten: 
das Gefiihl spricht nur aus der Seele heraus, es sei nicht 
angeregt durch eine gottlich-geistige Welt aufier uns. Und 
dieses gesunde Gefiihl der Seele entspricht einem dritten 
Gliede der menschlichen Natur, jenem Gliede, von dem 
wir zeigen werden, dafi es sich im Schlafe aus dem phy- 
sischen Leibe herausbewegt, wahrend des Wachens aber in 
demselben drinnen ist: Wir haben dies den astralischen Leib 
des Menschen genannt. Unser atherischer Leib vermittelt 
uns die asthetischen Anschauungen; unser astralischer Leib, 
wenn er sich nicht dem ungesunden Glauben hingibt, dafi 
aus dem Nichts heraus in ihm selber sein Inhalt quillt, son- 
dern wenn er wei$, da£ aus der geistigen Welt, wenn er 
darinnen lebt, die Gef iihle und so weiter entstehen -, unser 
astralischer Leib erlebt sich religios. Er ist naturgemafi der 
Teil unserer Natur, der sich religios erleben mufi. Es ist 
kein Wunder, dafi sehr leicht unmittelbar aus der mensch- 
lichen Organisation heraus ein Ableugnen, ein Sichauf- 
lehnen gegen die religiosen Wahrheiten entstehen kann, 
oder besser gesagt, gegen die religiosen Erlebnisse entstehen 
kann; denn das gewohnliche menschliche Erleben ist so 
organisiert, dafi dieser Astralleib, wenn er im Schlafe aus 
dem physischen Leib heraustritt, unbewufk wird, dafi er 
dann fur sich keine Erlebnisse hat, sondern erst wieder Er- 
lebnisse hat, wenn er in den physischen Leib untertaucht, 
wenn er durch die physischen Organe wahrnimmt. Daher 
konnen nur im physischen Leben die eigenen Erlebnisse 



des Astralleibes wie aus dunklen, unbekannten Unter- 
griinden herauftauchen. 

So stellen sich die religiosen Erlebnisse wie aus dunklen, 
unbekannten Untergriinden herauftauchend, lrinein in das 
gewohnliche Leben des Menschen, das in der Sinneswelt bei 
wachem Tageszustande ablauft. Dann aber, wenn der Gei- 
stesf orsdier die Seele so erkraftet, dafi sie sich mit dem, was 
im normalen Leben wahrend des Schlafes unbewufit bleibt, 
bewufit, wachend erlebt, unabhangig vom physischen Leibe, 
dann lebt sich diese geistesforscherisch zubereitete Seele in 
das hinein, was als religioser Inhalt, als religioses Erleb- 
nis wie aus dunklen, unbekannten Untergriinden der Seele 
beim gesundlebenden Menschen heraufleuchtet. Die religi- 
osen Erlebnisse rechtfertigen sich dadurch gerade in der gei- 
stesforscherischen Anschauung. Was so dem Menschen un- 
bekannt bleibt, wenn er mit dem Schlafzustande aus seiner 
Absonderung im Leibe in den SchoS des geistigen Lebens 
zuriickkehrt, und was er dort erleben wiirde, wenn er wah- 
rend des Schlafes wissen wiirde, das taucht, angeregt durch 
das aufiere Leben, im religiosen Fiihlen auf . In der geistes- 
wissenschafllichen Forschung aber taucht das, was dieses 
religiose Fiihlen im Lande des Unbekannten anregt, in sei- 
ner Deutlichkeit als unmittelbare Anschauung auf. Daher 
wird das, was religioses Empfinden im Alltagsleben sein 
kann, zur geistigen Anschauung in der geisteswissenschaft- 
lichen Erkenntnis. AufSer in der Welt des Sinnlichen, in der 
wk mit unserer physischen Leiblichkeit leben, leben wir 
audi in der Welt des Geistigen. Diese Welt des Geistigen 
bleibt zunachst fiir die aufiere menschliche Organisation 
unsichtbar. Aber der Mensch lebt dennoch in dieser Welt 
des Geistigen darinnen, und absurd ware es zu glauben, dafi 
nur das vorhanden ware, was der Mensch im physischen 
Leben sehen kann. Wenn der Mensch sein Seelenleben so 



erkraftet, dafi er Geistiges um sich herum sehen kann, dann 
sieht er eben die Wesen und Vorgange der geistigen Welt, 
die sonst nur das anregen, was wie aus unbekannten Tief en 
als religioses Leben heraufsteigt. Der Geistesforscher er- 
reicht in seinem geistigen Erleben die Anschauung derjeni- 
gen Wesen und Vorgange des Geistigen, die f iir das religiose 
Leben sonst unbekannt bleiben, die aber ihre Impulse in 
das religiose Leben hineinsenden miissen und den Menschen 
durchdringen mit dem Geftihl seines Zusammenhanges mit 
der geistigen Welt. Da sehen wir aber auch, wie wir mit 
dem religiosen Leben, wenn wir es seinem Wesen nach be- 
trachten, hineingehen miissen in die eigene menschliche Na- 
tur. Wir kommen sozusagen in das Subjektive der mensch- 
lichen Natur hinein. 

Wenn wir das berucksichtigen, so wird uns aber auch 
klar, weil dieses Subjektive viel mannigfaltiger ist als das 
auEere Leibliche, wie in einem hoheren MalSe dasjenige, 
was sich da aus der geistigen Welt hereinlebt, von der sub- 
jektiven Natur des Menschen abhangig sein wird, als die 
aufiere physische Wirklichkeit von der aufieren Natur des 
Menschen abhangig ist. Zwar wissen wir, daft unser Welt- 
bild sich verandert, wenn unsere Augen besser oder schlech- 
ter sehen; wir wissen auch, daft es zum Beispiel Farben- 
blindheit gibt; aber die auftere korperliche Natur ist viel 
allgemeiner gleich fiir alle Menschen, als die innere indivi- 
duelle Natur. Daher wird sich das viel mehr abstufen, was 
innerlich wahrnehmbar wird, und wird selbstverstandlich, 
wenn man die Sache nur durchschaut, nicht als ein iiber die 
ganze Erde ausgegossenes religioses Bekenntnis erscheinen 
konnen. Es wird die selbstverstandlich iiberall gleiche gei- 
stige Welt so erscheinen, dafi sie gefarbt erscheint je nach 
den Anlagen, nach den besonderen Beschaffenheiten der 
menschlichen Organisation. Die Menschen unterscheiden 



sich besonders in ihren Bekenntnissen je nach den Unter- 
schieden in Klima, Rasse und dergleichen. 

So sehen wir iiber den Erdkreis hin, und durch die ge- 
schichtliche Entwickelung hindurch, abgestuft nach dem ver- 
schiedenen Individuellen des Seelenlebens, die verschiede- 
nen Religionen auftreten. Wenn wir so die religiosen Be- 
kenntnisse ansehen als nuanciert durch die menschliche 
Natur aber wurzelnd in der gleichen Geisteswelt, in der 
alle Menschen mit ihrem Astralleibe wurzeln, so haben wir 
nicht das Recht, nur einer Religion die «Wahrheit» zuzu- 
schreiben, sondern wir miissen sagen: Diese verschiedenen 
Religionen sind das, was wie aus unbekannten Untergrun- 
den in der Menschenseele aufsteigen kann, als herriihrend 
von einer besonderen Kundgebung der geistigen Welt durch 
den menschlichen Astralleib. 

Nun findet man hier, dafi der Geistesforscher in der Kli- 
max der menschlichen Seelenentfaltung aufsteigt zu dem, 
was eine vierte Stufe darstellt, wo die Intuition eintrkt. 
Auf dieser Stufe tritt das eigentliche Erleben der vollen 
menschlichen Innerlichkeit erst auf, aber so, dafi der Mensch 
mit seiner Innerlichkeit jetzt wirklich aufierhalb seiner 
physischen Sinne ist und jetzt wirklich in der geistigen 
Welt drinnen lebt. Da erlebt er, gleichgiiltig, wie er als 
Menschenindividuum auf der Erde organisiert ist, die ein- 
heitliche geistige Welt. Dafi wir dieser oder jener besondere 
Mensch mit so und so gef arbten Gefiihlen und Empfindun- 
gen sind, das riihrt davon her, dafi das Seelisch-Geistige zu- 
sammenlebt mit dem korperlichen. Dadurch individualisiert 
sich das, was wir sind. Als Geistesforscher aber werden wir 
unabhangig von der Korperlichkeit. Nehmen wir ganz 
aufierhalb des Korperlich-Physischen wahr, dann nehmen 
wir die einheitliche Geisteswelt wahr, in der aller dings der 
Mensch jede Nacht ist, wenn er in Schlaf versinkt, aber un- 



bewufit. Der Geistesforscher hat nur sein Seelenleben so 
erkraftet, daiR die noch geringeren Krafte, welche den Men- 
schen in der Geisteswelt unbewulk sein lassen, bei ihm er- 
starkt sind, so dalS er bewufit in jener Welt ist, in welcher 
der Mensch wahrend des Sdilafens unbewufk ist. Dann er- 
lebt er die geistigen Wesenheiten und Vorgange, die ihre 
Impulse in den menschlichen Astralleib hineinsenden, die 
aber in ihrer wahren Wesenhek dann erlebt werden kon- 
nen, wenn das Ich, das Selbst des Menschen vollstandig un- 
abhangig geworden ist. Dann erlebt man das, was Men- 
schen, die von ihrem Gesichtspunkte aus in diese Tiefen der 
menschlichen Wesenheit einzudringen versuchten, als ein 
Groikes im menschlichen Erleben schon angedeutet haben 
- wie zum Beispiel Goethe in dem wunderbaren Gedicht 
«Die Geheimnisse», wo uns die verschiedenen Erlebnisse, 
die der Mensch mit den iiber den Erdball ausgebreiteten 
Religionen haben kann, in zwolf Menschen vorgefuhrt 
werden, die sich in einem gleichsam klosterartigen Gebaude 
zusammengeschlossen haben, um miteinander zu erleben - 
wechselseitig zu erleben, was sie aus den verschiedensten 
Gegenden der Erde, aus den verschiedenen Klimaten, Ras- 
sen und Epochen als die individuellen Religionsbekennt- 
nisse sich mitgebracht haben, und was sie nun aufein- 
ander wirken lassen wollen. Das geschieht unter der Fuh- 
rung eines Dreizehnten, der uns zeigt, wie dem, was uns 
die Zwolf als die verschiedenen religiosen Bekenntnisse 
darstellen, ein einheitliches Geistiges zu Grunde liegt. Wie 
gleichsam ein wunderbarer Organismus iiber die Erde hin 
in den religiosen Bekenntnissen ausgegossen ist, die sich je 
nach Rassen und Epochen nuancieren, und wie mit dem 
Aufsteigen in die wirkliche geistige Welt das, was in den 
einzelnen religiosen Bekenntnissen lebt, und sich nuanciert, 
in einem grofien, zusammengehorigen Ganzen geschaut 



wird, das stellt in wunderbarer Weise Goethe dar. So nimmt 
er gleichsam voraus, was gerade durch die Geisteswissen- 
schaft in bezug auf die religiosenBekenntnisse geleistet wer- 
den soli: dafi sie in ihrem inner en Wesenskern, in ihrer 
inneren Wahrheit erkannt werden sollen. Denn die Geistes- 
wissenschaft erlebt das Geistige unmittelbar im Geiste. 

Wenn man zum Beispiel iiber das christliche Bekenntnis 
exemplifizierend von der Geisteswissenschaft aus sprecben 
wollte, so wiirde man zu zeigen haben, wie durdi diese Gei- 
steswissenschaft dasjenige, was den Inhalt des Bekenntnisses 
des Christentums bildet, aus der geistigen Welt heraus er- 
kannt wird, ja selbst erkannt werden konnte, audi wenn es 
nicht, das sei jetzt einmal hypothetisch angefiihrt, irgend- 
eine Oberlief erung, irgendeine Urkunde geben wiirde. Neh- 
men wir fur einen Augenblick an: alles, was in den Evan- 
gelien-Urkunden enthalten ist, gabe es nicht, denn der gei- 
steswissenschaftliche Forscher stellt sich zunachst au£erhalb 
aller dieser Urkunden; so wiirde er dann, wenn er auf dem 
geistigen Felde den Geschichtsverlauf beobachtet, wahrneh- 
men, wie die Menschheit von den Urzeiten bis zu einem 
Punkte, der in der griechisch-romischen Zeit liegt, eine ab- 
steigende Entwickelung an inneren Erlebnissen und Erfah- 
rungen durchmacht, und wie zu einer wiederaufsteigenden 
Entwickelung ein Impuls kommen muiKte, den wir den 
Christus-Impuls nennen, der sich in die Menschheitsent- 
wickelung hineinstellte, der ein einmaliger Impuls ist, wie 
der Schwerpunkt einer Waage ein einziger nur sein kann. 
Aus der geistigen Erkenntnis heraus wiirde sich die ganze 
Stellung und Funktion der Christus-Wesenheit in der Welt 
ergeben. Dann wiirde man mit einer solchen Erkenntnis an 
die Evangelien-Urkunden herantreten und wiirde in ihnen 
diese oder jene Ausspruche wiederfinden, wie die Christus- 
Wesenheit hervorgetreten ist wie aus unbestimmten Tiefen 



heraus und sich in die Menschheits-Entwickelung hereinge- 
stellt hat, wie sie aber erkannt werden kann, wenn in der 
geisteswissenschaftlichen Forschung uber die Inspiration zur 
Intuition hinaufgeschritten wird. Das gesamte religiose Le- 
ben wird aus einem einheitlichen Urquell heraus sichtbar 
vor der geisteswissenschaftlichen Anschauung, wo sich diese 
zur Intuition erhebt. 

So tritt in der Klimax der menschlichen Seelenentf altung, 
wie sie die Gesamtheit der Menschennatur darstellt, her- 
vor, dafi die Intuition das Leben im Ich ist, wie das religiose 
Leben das Leben im Astralleibe ist, wie die kunstlerische 
Anschauung das Leben im Atherleibe ist, und wie das sinn- 
liche Wahrnehmen das Leben im Sinnesleibe ist. Und so 
wahr in dieser Klimax sich ausdriickt, wie die Menschen- 
natur ist, so wahr gehort es zum gesamten Menschenleben, 
dafi der Mensch ein religioses Leben entfaltet; und so wahr 
diese Klimax, diese viergliedrige menschliche Seelenentf al- 
tung besteht, so wahr erreicht die geisteswissenschaftliche 
Erf ahrung unmittelbar die Anschauung dessen, was im reli- 
giosen Leben aus unbekannten Tiefen heraus erlebt wird. 
Daher kann fur eine unbefangene Beurteilung die Geistes- 
wissenschafl: niemals eine Feindin irgend eines religiosen 
Bekenntnisses sein; denn sie zeigt gerade die Grundquelle, 
die Grundnatur der religiosen Bekenntnisse, und sie zeigt 
auch, wie diese Bekenntnisse alle aus einem einheitlichen 
geistigen Weltengrunde hervorquellen, - wenn auch immer 
wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht werden 
mufi, daJS diese Anschauung, wie sie jetzt entwickelt wor- 
den ist, himmelweit verschieden ist von jenen Abstraktionen 
und Dilettantismen, die von der «Gleichheit aller Religio- 
nen» und der Gleichwertigkeit aller religiosen Bekenntnisse 
sprechen. Denn diese stehen in bezug auf ihre Logik auf 
keinem anderen Standpunkte, als wenn man immer nur her- 



vorheben wollte: die Schnecke ist ein Tier, und der Hirsch 
ist audi ein Tier, und das «Gleiche» mufi man immer iiberall 
aufsuchen. Es ist selbstverstandlich nur religionsphilosophi- 
sdier Dilettantismus, von einer abstrakten Gleichheit aller 
Religionen zu sprechen; denn die Welt ist in Entwickelung 
begriffen. Und wer die Entwickelung wirklich iibersieht, von 
der geistigen Welt aus iibersieht, der sieht dann audi, wie die 
einzelnen religiosen Bekenntnisse in ihren verschiedenen 
Kundgebungen hintendieren nach dem, was sicli wie ein reli- 
gioses Ergreifen aller religiosen Bekenntnisse im Christen- 
tum darstellt. Das Christen turn verliert - durch seine einzig- 
artige Stellung in seinem Hervorgehen aus dem judischen 
Monotheismus - nichts von seiner Kulturaufgabe in der 
Welt dadurch, dafi diese Dinge geistig angesehen werden. 

Eines aber mulS noch gesagt werden, wenn man in der 
Darstellung des Verhaltnisses des Menschen zu den religi- 
osen Bekenntnissen einige Vollstandigkeit haben will. 
Stehen wir der Aufienwelt gegeniiber, so stehen wir ihr ge- 
geniiber mit unserer Leiblichkeit. Wir konnen als Menschen 
nur einen recht indirekten Anteil nehmen an dem Verhalt- 
nis der Leiblichkeit zu der gesamten physisch-materiellen 
Aufienwelt. Ohne dafi wir es so recht vollstandig in uns 
miterleben, ist das Verhaltnis unseres Leibes zum gesamten 
Kosmos geregelt. Und wieviel kann der Mensch tun, wenn 
dieses Verhaltnis ungeregelt wird, um es durch Heilmittel 
und dergleichen wieder zur Regelmaftigkeit zu bringen? 
Wieviel liegt in dem Verhaltnis des Menschen zur kos- 
mischen Aufienwelt, die uns die Sinne vermitteln konnen, 
woran der Mensch nicht unmittelbar Anteil hat? In dem 
Augenblick aber, wo der Mensch beginnt sich mit seinem 
Innern in den geistigen Kosmos hineinzustellen, wird alles 
in ihm das miterleben, was aus diesem geistigen Kosmos in 
ihn hereinpulst. Daher machen sich sof ort die inneren Erleb- 



nisse geltend, wenn der Mensch sein Verhaltnis zum geisti- 
gen Kosmos gewahr wird. Er f iihlt sidi getragen, gestutzt, 
unterstiitzt von diesem geistigen Kosmos, und er fiihlt sein 
Verhaltnis zu ihm so, daft er sich sagt: Da bin ich, und stehe 
drinnen in dem geistigen Kosmos, und ich will in meinem 
Bewufttsein erfiihlen dieses Drinnenstehen! Das religiose 
Leben wird damit zu einem inneren Erlebnis in einem ganz 
anderen Sinne, als das Erleben des materiellen Kosmos 
durch den physischen Leib nach auften hin. Inneres Schicksal 
wird das religiose Erleben. Es druckt sich aus, was man so 
erlebt, in Verehrung, in Anbetung, in einem Sichf iihlen, daft 
einem das geistige Leben zukommt in Gnade. Das macht, 
daft dieses religiose Leben sich vorzugsweise im Fiihlen des 
Menschen ausdriickt. Da bekommen wir den Grund, wes- 
halb man sagen kann: das religiose Bekenntnis wurzelt zu- 
nachst im Fiihlen. Man mufi aber erst zu der Erkenntnis 
aufsteigen, warum es sich durch seine Natur im Fiihlen 
auslebt. Was gefuhlt wird, was da ist an geistigen Vorgan- 
gen und geistigen Wesenheiten, um gefuhlt zu werden, um 
Gefuhle anzuregen, das enthiillt dann die Geisteswissen- 
schaft-. Daher treten wir, indem wir religios in das Geistes- 
leben eindringen, seibstverstandlich in das Gefuhlsleben des 
Menschen ein, treten in die Region ein, wo der Mensch seine 
Hoffnungen fur sein Menschtum sucht, wo er die Kraft 
sucht, um voll in die Welt hineingestellt zu sein, um sicher 
in der Welt drinnen zu stehen. Daher ist das Eintreten in 
die geistige Welt auf dem Umwege des Religiosen nichts 
anderes also, als daft man auf dem Wege des Gefuhles dahin 
gelangt. Das wird besonders fur denjenigen hervortreten, 
der erkennen lernt, wie notwendig es ist, daft der Mensch, 
obwohl er sich in der Geisteswissenschafl zu Erkenntnissen, 
zu fur alle giiltigen Erkenntnissen erhebt, doch als Vorbe- 
reitung fiir das objektive Geist-Erleben durch sein Ge- 



fiihlsleben hindurchgehen mull, durch das subjektive Ge- 
fiihlsleben, das er mit all seinen Freuden und Leiden, seinen 
Enttauschungen und Hoffnungen, seiner Furcht und Angst 
durchzumachen hat. 

Ich glaube, dafi vielleicht mancher sagen konnte, meinen 
Ausfiihrungen habe das gefehlt, was gerade das Gefuhls- 
element im religiosen Bekenntnisse bildet, was das religiose 
Bekenntnis zu dem die Menschenseele so durchwarmenden 
und so innerlich erfiillenden maclit. Wer jedoch die ganze 
Gesinnung ins Auge fafk, welche durch die Geisteswissen- 
schaft notwendig erzeugt wird, der wird verstehen, dafi der 
Geistesforscher die Dinge einfach hinstellt, und das Gefuhl 
sich an den Dingen selber erzeugen laftt. Als eine gewisse 
Unkeuscliheit wiirde er es empfinden, wenn er durch sein 
Wort wie suggestiv das Gefuhl gefangen nehmen wiirde. 
Fiihlen soil in Freiheit jede Seele selber. Die Geisteswissen- 
schafl; hat die Dinge hinzustellen, wie sie sich der Geistes- 
forschung ergeben. 

Inwiefern also die Geisteswissenschaft gerade die Griinde 
des religiosen Bekenntnisses erhellen und beleuchten kann, 
das sollte heute aus der viergliedrigen Natur des Menschen 
und aus der Klimax der menschlichen Seelenentf altung er- 
ortert werden. Das religiose Bekenntnis wurzelt in der 
menschlichen Natur. Wahre "Wissenschaft, die sich zum Gei- 
stigen erhebt, wird nimmermehr eine Feindin, besonders 
nicht wenn sie eben Geisteswissenschaft ist, des wahren, des 
echten, des dem Menschen notwendigen religiosen Erlebens 
sein konnen. Dafi der Mensch im Grunde genommen alles, 
was er geistig erlebt, auf dieselbe Weise erlebt, wie die Gei- 
stesforschung durch ihre Methoden erlebt, das wird sich uns 
noch durch mancherlei Ausfiihrungen in den folgenden Vor- 
tragen zeigen; und dafi die Einwande, die gegen die Geistes- 
wissenschaft, sowohl von wissenschaftlicher Seite wie von sei- 



ten gewisser religioser Bekenntnisse, gemacht werden, unbe- 
griindet sind, das wird man insbesondere sehen, wenn man 
die Einzelergebnisse der Geisteswissenschafl: ins Auge fafit. 
Heute wollte ich aber zeigen, nicht indem ich polemisierend 
auf ein einzelnes religioses Bekenntnis eingehen wollte, wie 
sich zu der Fiille, zu der Ganzheit der menschlidien Natur 
die religiosen Bekenntnisse verhalten. Audi damit fuhlt 
man sidi ja gerade mit der Geisteswissenschafl im Einklange 
mit alien denjenigen menschlichen Seelen, die im Laufe der 
Menschheitsentwickelung, Wahres ahnend, wie es in der 
Geisteswissenschafl: enthiillt wird, ihre Oberzeugung hin- 
gestellt haben. Noch einmal sei an Goethe erinnert; wie ich 
bei dem Vortrag «Theosophie und Antisophie» an ihn erin- 
nern durfte, so darf das auch heute geschehen. Wenn es 
auch im wissenschaftlichen Sinne zu Goethes Zeit die Gei- 
steswissenschafl; noch nicht gab, so war seine ganze Seelen- 
stimmung doch eine geistesforscherische, eine theosophische; 
und was aus dieser Seelenstimmung hervorquoll, war im 
geistesforscherischen Sinne gedacht und empfunden. Daher 
fuhlte er, dafi jene Wissenschaft, welche wirklich in die 
Dinge eintaucht, das Geistige finden raufi und deshalb der 
Religion nicht fremd sein kann. Daher fuhlte Goethe auch, 
daft der Mensch, wenn er sich zwar in der Kunst von der 
aufieren Natur frei macht, sich doch nicht von dem frei 
macht, was als Geistiges der Natur zugrunde liegt. Wer mit 
Wissenschaft und Kunst die Erscheinungen der Welt erlebt 
- davon war Goethe iiberzeugt — , der erlebt sie so, wie sie 
auch der Religiose erleben mufi, der sein Inneres in der gei- 
stigen Welt wurzelnd erfuhlt. Niemand kann daher irr- 
religios sein, so meint Goethe, der Wissenschaft und Kunst 
besitzt. Steht man mit wahrer Wissenschaft der Welt ge- 
geniiber, so lernt man sie rein geistig erkennen, kann sich 
daher nicht aus der geistigen Welt herausgehoben, sondern 



nur in die geistige Welt hineingestellt erleben; findet man 
durch die Kunst das Wahre, so mufi die Seele, dieses Wahre 
erlebend, nach und nach audi f romm werden, das heifk reli- 
gios erleben, was der Welt als Geistiges zugrunde liegt. Da- 
her war er sich audi klar iiber dasjenige Gebiet des au£eren 
Lebens wo es fiir den, der die Dinge wirklich versteht, gar 
nicht anders moglich ist, als dafi in diesem Gebiete des 
aufieren Erlebens unmittelbar das Gottliche zu verspiiren 
ist. Kant hat noch angenommen, dafi fiir das sktliche Leben 
des Menschen der sogenannte «kategorische Imperativ» not- 
wendig ist: kann der kategorische Imperativ in der Seele 
sprechen, so kann sich die Pflicht in das Menschenleben hin- 
einleben. Das ist so, wie wenn aus einer Welt, in welcher 
der Mensch nicht drinnen ist, dieser Imperativ in die Seele 
her einspr ache. So empfand Goethe nicht. Sondern er war 
sich klar, dafi der, welcher die Pflicht erlebt, den Gott erlebt, 
der sich in der Pflicht in die Seele hineinerlebt. Dafi man, 
indem man die Pflicht Hebend erlebt, den Gott unmittelbar 
im sittlichen Leben erlebt, das war Goethes Anschauung. 
Sittlichkeit ist fiir ihn unmittelbares Erleben des Gottlichen 
in der Welt. Kann man aber im Sittlichen den Gott durch 
die Seele pulsieren fuhlen, dann steht man audi nicht weit 
ab, von dem Punkte, wo man ihn in anderen Regionen er- 
leben kann. Fiir Kant war es noch ein gewagtes «Abenteuer 
der Vernunft», das Gottliche unmittelbar zu erleben. Ihm 
wurde aber von Goethe erwidert: «Wenn wir ja im Sitt- 
lichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit 
uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen 
annahern sollen: so durft* es wohl im Intellektuellen der- 
selbe Fall sein, dafi wir uns, durch das Anschauen einer im- 
mer schaffenden Natur, zur geistigen Teilnahme an ihren 
Produktionen wiirdig machten. Hatte ich doch erst unbe- 
wufit und aus inneremTrieb auf jenes Urbildliche, Typische 



rastlos gedrungen, war es mir sogar gegliickt, eine natur- 
gemafte Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr 
nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie 
es der Alte vom Konigsberge selbst nennt, mutig zu beste- 
hen.» Kant nannte es noch ein « Abenteuer der VernunfU, 
eine geistige Welt unmittelbar zu erleben. Goethe stent 
schon an dem Punkte, wo er das «Abenteuer der Vernunft* 
mutig bestehen will. Aber er ist davon iiberzeugt, daft man 
in die geistige Welt nicht anders eintreten kann als vereh- 
rend, anbetend - das heiftt mit religioser Stimmung. Reli- 
gion erschlieftt als wahre, echte Religion die Tore des Ein- 
tritts in die geistige Welt. Daher meint Goethe: wer schon, 
sei es wissenschaftlich, sei es kunstlerisch erlebt, die religiose 
Stimmung mitbringt, der bringt sich dadurch die Moglich- 
keit zum Erleben der geistigen Welt mit. Daher muft sich 
die Geisteswissenschaft mit Goethe im Einklange fiihlen. 
Und zusammenfassend konnen wir gerade das Bekenntnis, 
das er mit wenigen Worten ausgesprochen hat, audi fur die 
heutige Betrachtung anwenden, zusammenfassend das, was 
man «geisteswissenschaftliches Glaubensbekenntnis» nennen 
kann: Wer wirkliche Wissenschaft, wer wirkliche Kunst 
hat, der steht in dem wirklichen Leben so drinnen, daft er 
die beste Vorbereitung fur das Erleben einer geistigen Welt 
hat; wer aber weder Wissenschaft noch Kunst hat, der ver- 
suche in seiner Seele jene Sehnsucht anzufachen, durch die 
ihm zunachst religiose Verehrung moglich wird, dann wird 
er durch den Umweg durch die religiose Stimmung seinen 
Eintritt in die geistige Welt halten konnen. Das driickte 
Goethe prazise aus mit den Worten: 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, 

Hat auch Religion; 

Wer jene beiden nicht besitzt, 

Der habe Religion! 



VOM TODE 



Berlin, 27. November 1913 



Nachdem ich mir in den drei ersten Vortragen dieser Reihe 
gestattet habe, iiber Wesen und Gesinnung der Geistes- 
wissenschaft im allgemeinen zu sprechen, mochte ich nun 
in den folgenden Auseinandersetzungen spezielle Gegen- 
stande aus dem Gebiete dieser Geisteswissenschaft bespre- 
chen; und ich bemerke von vornherein, dafi dieser heutige 
Vortrag und derjenige der nachsten Woche, «Der Sinn der 
Unsterblichkeit der Menschenseele», die gewissermafien zu- 
sammen ein Ganzes bilden, die Fragen des menschlichen 
Seelenlebens behandeln werden, welche zusammenhangen 
mit dem Tode und mit dem, was fur den Menschen aus dem 
Tode folgt, und was ich bezeichnen mochte mit dem Worte: 
der Sinn der Unsterblichkeit des Menschen. 

Es ist im allgemeinen, das soil gleich voraus bemerkt 
werden, nicht leicht, gerade iiber das Thema des heutigen 
Abends in unserer gegenwartigen Zeit zu sprechen; denn es 
bestehen viele auJftere und innere Hindernisse in der gegen- 
wartigen Zeitbildung gegeniiber der Betrachtung desjeni- 
gen, was mit dem Worte «der Tod» zusammenhangt. Vor 
alien Dingen mufi, damit wir nicht selber durch dieBetrach- 
tungen des heutigen Abends in Mifiverstandnisse gedrangt 
werden, darauf aufmerksam gemacht werden, dafi die 
Geisteswissenschaft es gewissermafien nicht so gut hat wie 
manches andere wissenschaftliche Gebiet der Gegenwart. 
Die Geisteswissenschaft ist darauf angewiesen, die Gebiete, 
iiber welche sie spricht, im strengsten Sinne zu analysieren, 



im strengsten Sinne logisch unterschieden von angrenzenden 
Gebieten ins Auge zu fassen. Das mufi deshalb gesagt wer- 
den, weil die Auseinandersetzungen, welche heute und das 
nachste Mai gepflogen werden sollen, nur eine Bedeutung 
fur das menschliche Erleben haben, und weil eine mehr 
naturalistische Wissenschaft der Gegenwart dasjenige, was 
man unter dem Tode versteht, gar sehr geneigt sein wird, 
auf alles auszudehnen, was lebt. Nun zeigt es sich gerade 
durch die Geisteswissenschaft, daft dasjenige, was aufterlich 
fiir die verschiedenen Wesensarten dasselbe ist, innerlich 
sehr verschieden sein kann, und es wird wohl audi im Laufe 
der Vortrage dieses Winters Gelegenheit sein, darauf auf- 
merksam zu machen, was Tod bedeutet im Pflanzenreiche, 
und was er bedeutet im Tierreiche. In dieser Betrachtung ist 
zunachst blofi die Absicht vorhanden, von dem Tode in 
bezug auf das Menschliche zu sprechen. - Aber auch noch 
manche anderen Hindernisse sind vorhanden, wenn es sich 
um eine Art Auseinandersetzung iiber unser Thema vom 
geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus handelt. Man 
mochte, ohne in eine allgemeine Charakteristik einzugehen, 
gerade von der Gesinnung der Geisteswissenschaft aus an 
einzelnen Tatsachen zeigen, wie diese Hindernisse beschaf- 
fen sind. 

Diese Hindernisse liegen in einer, nicht deutlich in das 
menschliche Bewufksein heraufkommenden, man mochte 
sagen, Verangstigung vor dem Todesproblem. Man braucht 
nur ins Auge zu fassen, wie sich diese Verangstigung gerade 
bei erleuchtetsten Geistern der Gegenwart ausnimmt. Man 
konnte auf viele, viele gerade der erleuchtetsten Personlich- 
keiten der Gegenwart hinweisen : man wiirde das gleiche fin- 
den. Ich will es heute tun in bezug auf den grofien Religions- 
forscher und Orientalisten Max Miiller. - Wenn man sich 
in seinen Schriften das aufsucht, was er da oder dort iiber 



den Tod gesprochen hat, so fallt einem vor alien Dingen 
bei ihm das auf, was uns bei zahlreichen Personlichkeiten 
der Gegenwart entgegentritt: die Sdieu, iiberhaupt an die 
Moglichkeit zu denken, iib
…[truncated]