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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
I
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaft als Lebens
Zwolf offentlicbe Vortrdge
gehalten zwischen dem 30. Oktober 1913
und 23. April 1914
im Architektenhaus zu Berlin
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen,
nicht wortlichen und teilweise liickenhaften Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlajRverwaltung
Die Herausgabe besorgten Karl Boegner und Johann Waeger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
Veroffentlichung
«Geisteswissenschaft als Forderung unserer Zeit»,
zwolf Einzelhefte als Reihe, Basel 1936-1940
Bibliographie-Nr. 63
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0630-5
2.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als
«miindliche 5 nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daft
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Die geistige Welt und die Geisteswissenschaft.
Ausblicke in die Ziele der Gegenwart
Berlin, 30. Oktober 1913 9
II. Theosophie und Antisophie
Berlin, 6. November 1913 47
III. Geisteswissenschaft und religioses Bekenntnis
Berlin, 20. November 1913 76
IV. Vom lode
Berlin, 27. November 1913 Ill
V. Der Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele
Berlin, 4. Dezember 1913 145
VI. Michelangelo und seine Zeit vom Gesichtspunkte
der Geisteswissenschaft
Berlin, 8. Januar 1914 183
VII. Das Bose im Lichte der Erkenntnis vom Geiste
Berlin, 15. Januar 1914 224
VIII. Die sittliche Grundlage des Menschenlebens
Berlin, 12. Februar 1914 261
IX. Voltaire vom Gesichtspunkte der Geistes-
wissenschaft
Berlin, 26. Februar 1914 292
X. Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen
Berlin, 19. Marz 1914 327
XI. Homunkulus
Berlin, 26. Marz 1914 361
XII. Geisteswissenschaft als Lebensgut
Berlin, 23. April 1914 397
Hinweise 431
Personenregister 440
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 443
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . .451
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaftund
konnten auf ein regelmaftig wiederkehrendes Publikum rechnen,
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder
gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1913/14 gehalte-
nen 12 Vortrage bilden die elfte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelma&g durchfiihrte.
Kurz zusammengefalk wird darin dargestellt, wie die Geisteswis-
senschaft Materialismus und Antisophie durch «geistige Chemie»,
durch Unterscheidung des Seelisch-Geistigen vom Leiblichen iiber-
winden und das religiose Empfinden zur geistigen Anschauung brin-
gen kann. Im weiteren wird geschildert, wie die geisteswissenschaft-
liche Erkenntnis des Todes, der Unsterblichkeit und der Wiederge-
burt den Sinn zu zeigen vermag, der dem Tod junger Menschen
zugrundeliegt, wodurch sich ein neues Bild der individuellen und
gesamtmenschheitlichen Geschichte ergibt. Aus dieser Erkenntnis
heraus wird die gewaltige Umwandlung der fruheren Bildhauer-
kunst durch Michelangelo betrachtet. Das Bose wird als am falschen
Ort wirkende Kraft, und als Grundlage des sittlichen Handelns das
eigene Bewufttsein in der geistigen Welt dargestellt. Es wird auf
Voltaires Tragik, in sich selbst den Zusammenhang mit der geistigen
Welt nicht gefunden zu haben, und auf Hamerlings «Homunkulus»,
der die Konsequenzen des modernen Materialismus zeigt, eingegan-
gen. Ausklingend wird betont, daft Geisteswissenschaft fur das Le-
ben die grofte Schule der Liebe und ein Lebensgut fur die Gesundheit
sein kann.
CI
DIE GEISTIGE WELT
UND DIE GEISTESWISSENSCHAFT
Berlin, 30. Oktober 1913
Wie nun schon seit einer Reihe von Jahren werde ich mir
auch in diesem "Winter gestatten, von diesem Orte aus
eine Anzahl von Vortragen aus dem Gebiete der Geistes-
wissenschaft zu halten, der Geisteswissenschaft, wie sie nun
eben schon in den Vortragen gemeint ist, die seit einer
Reihe von Jahren hier von mir gehalten worden sind. Ich
werde mich auch in diesem Winter bemuhen, in der Reihe
der Vortrage von diesem geisteswissenschaftlichen Stand-
punkte aus moglichst verschiedene Gebiete des Lebens, der
Erkenntnis und des Wissens zu beleuchten und darf daher
heute im Beginne des Vortragszyklus wie in den verflos-
senen Jahren wieder bitten, den heutigen Vortrag nicht so
sehr als einzelnen zu nehmen, sondern in Betracht zu
ziehen, daft der ganze Zyklus dieser Vortrage als ein mehr
oder weniger geschlossenes Ganzes betrachtet wird, ob-
wohl ich mich moglichst bemuhen werde, auch jeden ein-
zelnen Vortrag in sich abzurunden.
Die Gebiete des geistigen, des sittlichen, des kunstle-
rischen Lebens mochte ich in dieser Vortragsreihe beriihren,
um so zu zeigen, wie Geisteswissenschaft ein aufklarender
Kulturfaktor fur die verschiedensten Ratselfragen werden
kann, welche der Seele der Gegenwart berechtigterweise
aufgehen miissen. Es ist, um noch einmal zu betonen, was
in den verflossenen Jahren oft gesagt worden ist, keines-
wegs ein in der Gegenwart etwa anerkannter oder be-
liebter Gesiditspunkt, von dem aus hier diese Vortrage
gehalten werden. Im Gegenteil: der Gesiditspunkt der
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wird in der
Gegenwart gegnerisch, miftverstandlich, audi wohl feind-
lich behandelt, und gleich von vornherein sei es gesagt,
daft liber diese Auffassung des geisteswissenschaftlichen
Standpunktes derjenige am allerwenigsten verwundert ist,
der auf diesem Standpunkte selber stent. Denn wieviel aus
den Vorstellungen und aus den Denkgewohnheiten der
Gegenwart heraus, aus alledem, was man heute wissen-
schaftlich oder sonst berechtigt glaubt, wieviel von solchen
Gesichtspunkten aus gegen diese Geisteswissenschaft - mit
vermeintlichemRecht heute noch vorgebracht werden kann,
das versteht derjenige am besten zu wiirdigen, der gerade
in diese Geisteswissenschaft recht eingedrungen ist. Neh-
men Sie also die Versicherung hin, daft dem, der hier
spricht, Widerspruch, Gegnerschaft, Miftverstandnis durch-
aus nichts Unbegreifliches oder Unverstandlich.es sein kann.
Die Miftverstandnisse, die sich gegen diese Geisteswissen-
schaft aufwerfen, sie liegen ja auf verschiedenen Gebieten.
Da wird von einer Seite her geglaubt, daft diese Geistes-
wissenschaft sich aufbaue auf irgendwelche alten, vom
Orient oder anderswoher kommenden Religionsbekennt-
nisse, weil man eine gewisse Ahnlichkeit einzelner Punkte
glaubt herausfinden zu konnen mit dem, was solche Reli-
gionsbekenntnisse vertreten haben. Daft es sich mit solchen
Ahnlichkeiten ganz anders verhalt, kann man erst im Ver-
laufe der Geisteswissenschaft selbst erkennen. Doch dariiber
nur diese Andeutung.
Daft Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nichts
mit irgendwelchen Traditionen oder Oberlieferungen zu
tun hat, sondern daft sie auf einem unmittelbaren, in der
Gegenwart zu erreichenden Forschungsresultat beruht, auf
einer Forschungsweise, zu der man keineswegs irgend-
welche Oberlieferungen braucht, geradesowenig wie zu den
Forschungsresultaten der Chemie, der Physik oder einer
anderen Wissenschaft, das mochte idi wie in einer Vorrede
sagen; wie es sich belegen und beweisen lafit, das werden
die Vortrage selbst zeigen. Von anderer Seite werden der
Geisteswissenschaft insofern Mifiverstandnisse entgegen-
gebracht, als man sie wie eine Art neues Religionsbekennt-
nis, wie eine Art Sektenglauben hinnimmt. Aber sie ist
ebensowenig ein Religionsbekenntnis, ein Sektenglaube,
wie irgendeine andere Wissenschaft der Gegenwart. Gera-
desowenig wie man von denen, welche sich zur Pflege der
Chemie vereinigen, sagen kann, sie seien eine Sekte der
Chemie, sowenig kann man, wenn man in den Geist der
Geisteswissenschaft eindringt, bei ihr von einem Sekten-
glauben sprechen. Aber die Gegnerschaft gegen die Geistes-
wissenschaft kommt aus ganz anderen Voraussetzungen
heraus. Die Religionsbekenntnisse der verschiedensten Rich-
tungen glauben - das sei wie eine Vorrede heute bemerkt
dafi sie irgendwie ein neues Religionsbekenntnis zubefiirch-
ten haben; sie furchten, ein neuer Glaube wolle in ihr Feld
einziehen und das religiose Leben uberhaupt gef ahrden. Man
wird sich allmahlich uberzeugen, dafi es mit dieser Geistes-
wissenschaft so gehen wird, wie es mit der Naturwissen-
schaft gegangen ist, als sie ihre neuzeitHche Richtung, sagen
wir etwa, im Zeitalter des Kopernikus erlebte. Wie man
damals geglaubt hat, dafi durch die kopernikanische Welt-
anschauung, weil sie mit vielem Alten brechen mufite, das
religiose Leben der Menschheit gef ahrdet sei, wie man durch
Jahrhunderte in den verschiedenen Religionsgemeinschaften
den Kopernikanismus verbannt hat, so mag es in der Ge-
genwart mit der Geisteswissenschaft gehen, die in bezug
auf den Geist eine ahnhche Aufgabe hat, wie Kopernikus
eine entsprediendeAufgabe inderNaturwissensdiaft hatte.
Zuletzt wird man einsehen, dafi ein ahnliches Verhaltnis
zwischen Geisteswissenschaft und den Religionswissen-
schaften besteht, wie zwischen dem Kopernikanismus und
religiosen Bekenntnissen, und dafi man gegen das, was
die Kultur fordert, ebensowenig auf dem Gebiete des Gei-
stes etwas wird ausridbten konnen, wie man es auf dem
Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gekonnt
hat. Diese Dinge mogen nur beriihrt werden; denn wie es
sich mit ihnen verhait, das wird im Verlaufe der Vortrage
ersichtlich werden.
Ein anderer gewichtiger Einwand kommt aber von der
Seite selber, die eigentlich die Geisteswissenschaft wie eine
Art Fortsetzung ihrer eigenen Bestrebungen ansehen miifite,
wenn sie sich recht verstiinde: kommt von derjenigen Seite,
die da glaubt auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher
Forschung, naturwissenschaftlichen Denkens und Vorstel-
lens zu stehen. Es sei heute zunachst wie bildlich, aber in
dem Bilde ist mehr als ein bloftes Bild gemeint, darauf auf-
merksam gemacht, wie sich das, was die moderne Geistes-
wissenschaft sein will, zu der Stromung naturwissenschaft-
licher Erkenntnis verhait. Niemand kann mehr als gerade
derjenige, welcher auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft
steht, den hohen Wert und die grofie Kulturkraft der mo-
dernen naturwissenschaftlichen Denkweise anerkennen, und
diejenigen der verehrten Zuhorer, welche seit Jahren diese
Vortrage horen, werden wissen, wie griindlich diese An-
erkennung naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens
gerade von dieser Geisteswissenschaft aus betont wird. Und
wer konnte es wollen, heute eine geistige Stromung in die
Kultur einflieften zu lassen, der sich in Gegensatz zu dem
naturwissenschaftlichen Denken glaubt stellen zu miissen?
Er mufke ja nicht sehen, was dieses naturwissenschaft-
lidie Denken der Mensdiheit im Laufe der letzten Jahr-
hunderte, bis in unsere Tage herein an Kulturwerken ge-
schaffen hat I Er miifite nidit verstehen, wie tief nicht nur
in den Inhalt, sondern in die ganze Art der Erkenntnis-
fragen und der Erkenntnisratsel die Naturwissenschaft ein-
gegriffen hat. Gegen die berechtigten Anspriiche naturwis-
senschaftlicher Errungenschaften wird im Laufe dieser
Vortrage gewifi nichts eingewendet werden. Die Menschheit
sah sie heraufbliihen und herauffluten, diese naturwissen-
schaftliche Erkenntnis, sah sie einziehen in das Leben un-
serer Technik, in das Leben unseres Verkehrs, sah sie die
iiufiere materielle Weltkultur umgestalten und das soziale
Leben der Volker tiber den Erdkreis herum erobern. Aber
gerade weil die moderne Geisteswissenschaft dies versteht,
deshalb zieht sie aus dem, was die Naturwissenschaft lei-
sten kann, die Erkenntnis: wenn diese Naturwissenschaft
lebendig, nicht abstrakt, nicht theoretisch oder dogmatisch
erfafit wird, dann kann aus dieser Naturwissenschaft selbst
und ihren Denkgewohnheiten etwas folgen, was die Men-
schenseele nicht nur aufklart liber die aufieren Gesetze der
Sinneswelt, der aufieren materiellen Krafte und Stoff e, son-
dern auch tiber das Leben der Seele selber, iiber das Schick-
sal der Seele, was sich einschlie£t in die Fragen nach Tod
und Unsterblichkeit und in den ganzen Umfang des geisti-
gen Lebens. Denn das sei hier von vornherein betont: dafi
Geisteswissenschaft hier nicht etwa wie eine Zusammen-
fassung der verschiedenen Kulturwissenschaften gemeint
ist, wofur heute auch oft der Name « Geisteswissenschaft »
angewendet wird - fur Geschichte, Soziologie, Kunstge-
schichte, Rechtsgeschichte und dergleichen, sondern dafi
Geisteswissenschaft hier gemeint ist als eine Erkenntnis von
einem wirklichen Geistesleben, welches so wahrhaft ist, wie
das Naturleben um uns herum, und dem der Mensch mit
seinem Geiste und mit seiner Seele so wahrhaft angehort,
wie er mit seinem Leibe demjenigen angehort, woruber uns
die Naturwissenschaft Aufklarung zu geben vermag.
Damit steht man allerdings sogleidi auf einem Felde,
wo, und noch einmal sei es betont, in begreiflicher Weise,
viele Geister der modernen Zeit nodi nicht mitgehen kon-
nen, deshalb noch nicht mitgehen konnen, weil fiir sie die
ganze Art, wie sich diese Geisteswissenschaft dem Geistigen
und den Lebensratseln nahert, noch etwas ganz Phanta-
stisches und Traumerisches ist, wie im Grunde genommen
auch die kopernikanische Weltanschauung ihren Zeitgenos-
sen phantastisch und traumerisch war. Aber Naturwissen-
schaft und Geisteswissenschaft, das sei hier im Bilde gesagt,
verhalten sich etwa in folgender Weise: Wenn ein Land-
mann im Herbst seine Friichte einerntet, so wird der grofite
Teil dieser Friichte zunachst zur menschlichen Nahrung ver-
wendet, und dieser Teil spielt dann, indem er umgebildet
wird, seine Rolle im Leben als menschliche Nahrung. Ein
Teil dieser Friichte aber mulS, wenn das Leben weitergehen
soil, zur neuen Aussaat verwendet werden. Er darf nicht
zur Nahrung verwendet werden, sondern er mufi in der
Art verarbeitet werden, indem er seinen Elementen iiber-
geben wird, wie das von der Erde und den anderen Ele-
menten verarbeitet worden ist, was zumSchlufi die mensch-
liche Nahrung abgegeben hat. So ist in berechtigter Weise
der grofke Teil desjenigen, was die Naturwissenschaft an
glanzenden Errungenschaften geleistet hat, dazu bestimmt,
iiberzugehen in das technische, in das soziale, in das Ver-
kehrsleben, ist dazu bestimmt, die materielle Kultur zu
befruchten, zu durchstromen und das Leben der Mensch-
heit im Fortschritt zu gestalten. Aber gerade in dem, was
uns die Naturwissenschaft gibt, ist auch etwas enthalten,
was wiederum der menschhchen Seele ubergeben werden
kann, ohne in das materielle Leben hinauszufliefien, was in
dieser Menschenseele verarbeitet werden kann in der Art,
wie ich es gleich nachher andeuten werde, und was, wenn
es niclit theoretisch oder dogmatisch, sondern wenn es so
von der Seele aufgenommen wird, daft es in ihr lebt, sich
dann so in der Seele ausnimmt wie das Samenkorn, das in
die Erde gelegt worden ist. Was so von der Menschenseele
aufgenommen werden kann, das gestaltet sich dann in ihr
um und wird zu jener hellseherischen Kraft, die hier ge-
meint ist, fern von allem Aberglauben und ailem Ob-
skurantismus, als jene hellseherische Kraft, welche in die
geistige Welt dann die Blicke hineinwerfen kann. Denn
das unterscheidet die Geisteswissenschaft von anderen heute
gepflegten Zweigen der Erkenntnis: dafi diese Geisteswis-
senschaft eine Entwickelung der menschlichen Seele vor-
aussetzt iiber den Gesichtspunkt hinaus, der sonst in der
heutigen Wissenschaftlichkeit gilt. In dieser Wissenschaft-
lichkeit nimmt man den Menschen, wie er einmal ist, nimmt
ihn so, wie er, mit seiner Erkenntniskraft, mit der sinn-
lichen Beobachtung und der Intellektualitat ausgeriistet,
die Welt rings herum beobachtet, die Gesetze der Natur
sucht und dadurch die Wissenschaft zusammenstellt. Man
nimmt, sage ich, den Menschen, wie er ist, und der Mensch
nimmt sich selber, wie er ist, um in diese Wissenschaftlich-
keit einzudringen.
So ist es nicht in der Geisteswissenschaft. Die geistige
Welt ist fur den Menschen, so wie er unmittelbar dasteht,
wie er sich nehmen mufl auch in der iibrigen Wissenschaft,
zunachst eine verborgene Welt, eine Welt, die nicht da ist
fur die Sinne, die auch nicht da ist fur den gewohnlichen
Verstandes- und Vernunftgebrauch, eine Welt, die hinter
der Welt der Sinne liegt, obwohl das, was der Mensch in
seinem tief sten Wesen ist, dieser ubersinnlichen Welt, wenn
wir den Ausdruck gebrauchen diirfen, angehort. Der Mensch
mit seiner Erkenntniskraft, wenn er sich so fafit, wie er ist,
gehort selber dieser Sinneswelt und dieser Verstandeswelt
an. Im tieferen Sinne gehort er der geistigen Welt an; aber
er mufi diesen tieferen Sinn erst entwickeln. Mit anderen
Worten: so wahr es ist, daJS sich der Mensch fiir die ge-
wohnliche Wissenschaft so nimmt, wie er ist, so wahr ist es,
dafi er sich fiir die Geisteswissenschaft, fiir die Erkenntnis
des Geistes, erst umgestalten mufi, damit er in die geistige
Welt eindringen kann. Die Erkenntniskrafte, das Erkennt-
nisvermogen fiir die geistige Welt mufi erst ausgebildet
werden; der Mensch mufi sich erst umgestalten, damit in
ihm das schlummernde Erkenntnisvermogen erwacht. Aber
dieses schlummernde Erkenntnisvermogen ist in ihm, und
er kann es zur Erweckung bringen. Das ist allerdings ein
Gesichtspunkt, der nicht nur unbequem, sondern in vieler
Beziehung fiir die Gegenwart unbegreiflich ist. Denn diese
Gegenwart ist, wenn es sich um Fragen des hoheren Lebens
handelt, so sehr geneigt, zunachst die Frage aufzuwerfen:
Was kann der Mensch erkennen? - Und dann kommen man-
che, die in den Denkgewohnheiten der Gegenwart leben,
darauf, und mit Recht kommen sie darauf: dafi ja des
Menschen Erkenntnisvermogen begrenzt ist und gar nicht
in eine geistige Welt eindringen kann. Auf der einen Seite
gibt es viele Menschen, welche sagen: eine solche geistige
Welt mag es geben, aber das menschliche Erkenntnisvermo-
gen ist nicht fahig, in sie einzudringen. Andere sind radi-
kaler und sagen: niemandem zeigt sich eine geistige Welt,
folglich gibt es keine. Das ist die Anschauung des Materia-
lismus oder, wie man ihn heute nobler nennt, des Monis-
mus.
Dariiber kann gar kein Streit sein, dafi der Mensch, so wie
er ist, in die geistige Welt nicht eindringen kann, wenn er
sie wissenschaftHch erfassen will, wenn er sie nicht durch
einen blofien Glauben erfassen will. Ein soldier blofier
Glaube geniigt aber der Menschheit heute nicht mehr - und
wird ihr immer weniger geniigen, da die naturwissen-
schaftliche Erziehung durch die letzten Jahrhunderte ge-
flossen ist. Ein Erkenntnisvermogen fiir die geistige Welt
mufi aber in der Menschenseele erst herangezogen werden;
es miissen erst die Bedingungen herangezogen werden, durch
welche der Mensch in die geistige Welt eindringen kann.
Nun hat man, wenn man sich schon darauf einlafit,
daE so etwas moglich ist, gewohnlich dann die Vorstellung:
das miissen ganz besonders abnorme Krafte sein! Das rntis-
sen Krafte sein, welche durch abnorme Verhaltnisse herbei-
gefuhrt werden, wodurch der Mensch in die geistige Welt
eindringen soil. Auch das ist ein Miftverstandnis. Um was
es sich dabei handelt, das ist, dafi die Erkenntnis, jene
Krafte der Seele, durch welche der Mensch in die geistige
Welt eindringt, in der Menschenseele im Grunde genom-
men vorhanden sind, dafi sie in unserem gewohnlichen all-
taglichen Leben durchaus, insofern fiir dieses alltagliche
Leben die Seele in Betracht kommt, auch die Seele beherr-
schen; aber sie gehen gleichsam unter in diesem Alltags-
leben, sie beherrschen untergeordnete Gebiete des Lebens,
oder wenn sie wichtigere Gebiete beherrschen, so beherrschen
sie dieselben in der Weise, dafi man ihre Krafte und ihren
Einfluft nicht bemerkt. Was in der Seele immer vorhanden
ist, was in keiner Seele fehlt, was aber im alltaglichen Leben
nur in geringer Kraft und in geringem Mafie vorhanden ist,
das mufi, zu einer gewissen Hohe und zu einer gewissen
Starke ausgebildet, Erkenntniskrafte fiir die Geisteswissen-
schaft geben. Auf eine Eigenschaft der Seele sei aufmerksam
gemacht - weil ich ja nicht im Abstrakten herumreden,
sondern gleich ins Konkrete eindringen will auf eine
Eigenschaft, die jeder kennt, die eine Rolle spielt, die aber
nur von ihrer geringen Hohe zu einer gewissen Intensitat
gebracht, eine Grundkraft fiir die Geisteswissenschaft gibt.
Jeder Mensch kennt das, was man nennt: die Aufmerk-
samkeit der Seele auf irgend etwas richten. Wir miissen im
Leben die Aufmerksamkeit der Seele, wir konnten auch
sagen, unser Interesse, auf die verschiedensten Gegenstande
richten; denn wir haben notig, von diesen verschiedensten
Gegenstanden uns solche Vorstellungen zu machen, die uns
bleiben, die in der Erinnerung bleiben und fortwahrend
unsere Seele beeinflussen. Welche Rolle Aufmerksamkeit
oder Interesse im Menschenleben spielen, das wird der-
jenige bemerken, der liber die Giite oder die Schwache des
Gedachtnisses schon einmal nachgedacht hat. Diejenigen,
die sich mit der Giite oder der Schwache des Gedachtnisses
befaftt haben, werden wissen, daft ein starkes, gutes Ge-
dachtnis in vieler Beziehung eine Folge der Mogiichkeit ist,
auf die Dinge Aufmerksamkeit zu wenden, sie mit Inter-
esse zu verfolgen. Etwas, worauf wir intensive Aufmerk-
samkeit verwendet haben, etwas, bei dem wir mit unserm
vollen Interesse dabei waren, das grabt sich in unserer
Seele ein, das bewahrt sich in unserm seelischen Leben. Wer
fluchtig an den Dingen vorbeigeht, wer sich nicht ergrei-
fen laftt von den Dingen, der wird zu klagen haben iiber
ein schwaches, unbrauchbares Gedachtnis. Aber noch in an-
derer Beziehung ist das, was wir Aufmerksamkeit, Hin-
wenden des Interesses auf die Dinge des Lebens nennen,
fiir dieses menschliche Leben wichtig. Denn davon, daft wir
die Dinge behalten, vorstellungsmaftig behalten, mit denen
wir einmal in Verbindung gestanden haben, davon hangt
das ab, was wir die innere Integritat des fiir uns notwen-
digen Seelenlebens nennen konnen. Jeder, der sich mit dem
Seelenleben befalk hat, weifi, daft es fiir das gesunde See-
lenleben notwendig ist, dafi der Mensch den Zusammen-
hang zwischen der Gegenwart und den vergangenen Erleb-
nissen behalt. Wer im umfanglichen Mafie nidit wissen
wiirde, wie sich sein Selbstbewufksein, sein Ich, in den ver-
gangenen Jahren verhalten hat, so dafi er, riickschauend,
nicht erkennen wiirde, da£ er es erlebt hat, fiir wen das Ich
immer eine neue Erfahrung ware, der hatte kein gesundes
Seelenleben. So fiihrt zuletzt unser gesundes Seelenieben
darauf zuriick, dafi wir imstande sind, Aufmerksamkeit
auf die Dinge des Lebens zu wenden. Das ist also eine
Grundkraft der Seele, die im Leben eine Rolle spielt, die
immer da ist.
Nun konnte jemand sagen: Also erzahlst du uns, indem
du von Geisteswissenschaft berichten willst, von etwas ganz
Alltaglichem und behauptest, da£ diese Aufmerksamkeit
weiter ausgebildet werden mufi, zu einer besonderen Inten-
sitat gebracht werden muE?
Und doch ist es so! Was im Leben schwach sein darf,
wenn es auch noch so stark ware fiir das auftere Leben,
was schwach sein darf gegeniiber der Intensitat, die es
beim Geistesforscher annimmt, das i$t gerade diese Auf-
merksamkeit. Denn die Steigerung der Aufmerksamkeit ist
etwas, was der Geistesforscher immer wieder und wieder
iiben muli, was er zu einer solchen Intensitat bringen mufi,
gegen welche der Grad von Aufmerksamkeit, die man im
gewohnlichen Leben entwickelt, ein verschwindender ist.
Man konnte sagen: Es konnte scheinen, dafi es leicht ware,
den Boden der geisteswissenschaftlichen Forschung zu errei-
chen, weil es sich nur um die Ausbildung von etwas han-
delt, was im gewohnlichen Leben immer vorhanden ist.
Aber es gilt auch davon das von Goethe im «Faust» ge-
brauchte Wort: «2war ist es leicht, doch ist das Leichte
schwer.» Es gehoren jahrelange, in Ausdauer verbrachte
Dbungen der Seele dazu, um die Seelenkraft zu entwkkein,
die uns im gewohnlichen Leben in geringem Mafie als Auf-
merksamkeit entgegentritt, und wir nennen in der Geistes-
wissenschaft dieses gesteigerte Leben in Aufmerksamkeit
Konzentration des geistigen Lebens. Wir nennen es Kon-
zentration des geistigen Lebens, weil der menschliche Geist
oder die menschliche Seele, so wie diese einmal sind, im
Alltage ihre Krafte iiber ein weites Gebiet ausbreiten, iiber
ein Gebiet, das alles umfafit, was die aufiere Sinneswelt
bietet und was der Verstand an diesen aufieren Sinnes-
wahrnehmungen sich heranbildet. Verbreitet wird auch im
gewohnlichen Leben das, was seelische Krafte sind, iiber
alles, was der Mensch will, was er wiinscht, woriiber er in
AfTekte kommen kann und so weiter; kurz, das Seelen-
leben ist zunachst zerstreut. Was bei dem, was der Geistes-
forscher in sich ausbilden mufi als eine Zubildung des gei-
steswissenschaftlichen Apparates, die er sich auf geistigem
Gebiet ebenso zubereiten mufi, wie der Chemiker im Labo-
ratorium auf materiellem Gebiete seine Apparate zube-
reitet, was dabei geschehen mufi, das ist, diese sonst iiber
das Leben zerstreuten Seelenkrafle gleichsam in einem
Punkte zu sammeln, die Aufmerksamkeit auf einen Punkt
zu wenden. Auf was fur einen Punkt? Auf einen selbst ge-
wahlten Punkt im inneren Er leben der Seele. Das heifit: der
Geistesf orscher hat sich irgendeine Vorstellung, irgendemen
Seelenimpuls, einen Empfindungs- oder Willensimpuls zu
bilden und in den Mittelpunkt seines Seelenlebens zu stel-
len. Am besten ist eine solche Vorstellung, ein soldier Im-
puls, der zunachst nichts zu tun hat mit irgendeiner Aufien-
welt: ein Bild, ein Sinnbild.
Ein einfaches Beispiel sei gewahlt: Nehmen wir den
Satz, der zunachst keine aufiere Wahrheit hat, aber darauf
kommt es nkht an: Ich s telle mir vor, wie Licht - Licht
eines Sternes, Lidit der Sonne - mich trifft, und wie dieses
Licht durch die Welt wellende Weisheit ist. Ein Sinnbild.
Nun konzentriere ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf
dieses Sinnbild. Nicht darauf kommt es an, dafi irgend
etwas daran wahr ist, sondern dafi alle Seelenkrafte in
diesen einen Punkt zusammengezogen werden. Daher ist
es notwendig, dafi man als Vorbereitung das wahlt, was
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» weiter besprochen worden und in seinen verschie-
denen Methoden dargestellt ist; hier soli nur auf das Prin-
zip einleitend hingedeutet werden. Dazu ist notwendig,
dafi man den starken Willen entwickelt, wirklich sein gan-
zes Seelenleben auf diesen einen Punkt hin zu konzen-
trieren. Das heifit aber, dafi man imstande ist, kiinsthch das
herbeizufiihren, was sonst im Schlafzustande auf natur-
gemafie Weise eintritt. Im Schlafzustande erschlaffen un-
sereSinne; die Welt hort auf, fur uns sinnlich wahrnehmbar
zu werden. Farben, Tone, Geriiche horen auf, auf uns Ein-
driicke zu machen. Aber zugleicli scbwindet dabei unser
Bewufksein. Beim Geistesforsdier muft es gerade das Be-
wulksein sein, das willkiirlich alle aufieren Eindriicke zum
Schweigen bringt, und doch muiS zugleich das Bewufksein
voll erhalten werden. Auf gleiche Weise muE zum Still-
stand gebracht werden, was gleich im Einschlafen zum
Stillstand kommt: alles, was denWillensimpulsen entspricht,
mufi vollstandig ruhig werden. Und auch alles, was sonst
derMensch auf bringt, um sich tatkraftig in die Welt hinein-
zustellen, mufi fiir den Geistesforscher vollstandig ruhig
werden. Er mufi sein Bewufitsein von allem ablenken,
worauf es sonst gerichtet ist, und mufi den ganzen Umkreis
der Seele nur auf den einen Punkt konzentrieren, den man
sich selbst gewahlt hat. Dann erstarken unsere Seelenkrafte.
Und es erstarken gerade diejenigen Seelenkrafte, die sonst
im alltaglichen Leben verborgen bleiben, und es tritt jetzt
nach und nach etwas ein, was ich mit dem vergleichen
mochte, was sich auf dem Gebiete des aufleren materiellen
Lebens vollzieht, wenn der Chemiker zum Beispiel iiber
das Wasser forscht. Fiir den Geistesforscher steht der
Mensch da in der Welt, wie vor dem Chemiker das Wasser.
Der Mensch ist fiir den Geistesforscher eine Verbindung,
eine innige Durchdringung des Geistig-Seelischen mit dem
Korperlich-Leiblichen, wie fiir den Chemiker das Wasser
eine Durchdringung ist von Sauerstoff und WasserstofT.
Und ebensowenig wie der Chemiker jemals darauf kom-
men konnte, was das Wasser ist, wenn er nur den Wasser-
stoff untersuchen wiirde, ebensowenig kann man darauf
kommen, was der Mensch in seinem Geiste oder seiner
Seele ist, wenn man den Menschen nur in dem Leibesdasein
betrachtet. Auf diesem Gebiete mufi der Geistesforscher
ebensowenig Furcht haben, fiir einen Dualisten gehalten
zu werden, als der Chemiker auf seinem Gebiete Furcht
haben darf, wenn er Wasser zerlegt in Wasserstoff und
Sauerstoff. Man hat nicht mehr Recht, den Geistesforscher,
weil er auf seinem Felde «geistige Chemie» treibt, einen
Dualisten zu nennen, als man dazu beim Chemiker Recht
hatte, weil er nicht gelten lafit, daft das Wasser eine Einheit
ist, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, und
wie er, um die Natur des Wassers kennenzulernen, den
WasserstofT von dem Sauerstoff abtrennen mufi.
Mit denselben Mitteln, nur auf seinem Gebiete, arbeitet
der Geistesforscher. Und was ich eben angedeutet habe: die
Konzentration, die gesteigerte Aufmerksamkeit, das ruft
die in der Menschenseele zwar vorhandenen, aber im
alltaglichen Leben schlummernden Krafte hervor, durch
welche das Geistig-Seelische, das sonst mit dem Korperlich-
Leiblichen in ungetrennter Verbindung ist, von diesem
Leiblichen so herauszutrennen ist, wie der materielle Was-
serstoff aus dem Wasser herausgetrennt wird beim chemi-
schen Experiment. Und das ist es, was der Geistesforscher
erlebt, wenn er diese Aufmerksamkeitssteigerung in energi-
scher, in oft eben jahrelanger, hingebungsvoller Cbung be-
treibt: dalS tatsachlich dasjenige, was sonst iiberhaupt in sei-
ner Wirklidikeit leicht angezweif elt werden kann, namlich
das Geistig-Seelische, fiir ihn unmittelbares Erlebnis wird, so
dafi es fiir ihn einen unmittelbar erlebten Sinn hat zu sagen:
Ich erlebe mich unabhangig vom Leibe im Geistig-See-
lischen; ich weifi jetzt erst, was das Geistig-Seelische ist,
weil ich mich im Geistig-Seelischen erlebe! - Nicht so sehr,
dafi der Geistesforscher Erkenntnisse derselben Art, wie
es die naturwissenschaftlichen sind, zu diesen hinzuzufiigen
hatte; sondern, obwohl seine Art des Forschens ganz im
naturwissenschaftlichen Geiste, namentlich im Geiste des
Wissens ist, so ist doch seine Forschungsmethode ganz an-
ders geartet; und gerade weil sie den Wissensgesetzen treu
bleiben will, mufi sie eine andere Form annehmen als die
unmittelbar auf das materielle Gebiet gerichteten naturwis-
senschaftlichen Methoden. Der Geistesforscher erlangt auf
diese Weise zum Beispiel ein Bewufitsein uber das f olgende.
In unserer Gegenwart wird man, und zwar mit einem
gewissen vollen Recht, sagen: Nun, hat denn die Natur-
wissenschaft, wenn auch nicht Beweise, so doch wenigstens
die hypothetische Berechtigung geliefert der Ansicht, daft
das menschliche Denken, wie es uns eben am Menschen ent-
gegen tntt, eine Funktion oder ein Ergebnis des Gehirnes
ist? Hier an diesem Punkte setzt zumeist alles dasjenige
ein, was Gegner der Naturwissenschaft oder Anhanger der
Geisteswissenschaft im nicht ganz modernen Sinne vor-
bringen, namlich nicht in dem Sinne, der hier als modern
gemeint ist, Es gibt viele Menschen, die den Geist aner-
kennen mochten und deshalb von vornherein gegen eine
solche Behauptung Stellung nehmen: das menschliche Den-
ken sei an das Zentralnervensystem gebunden, sei ein Aus-
fluft des Zentralnervensystems. Und viel wird an Polemik
entwickelt gegeniiber dem, was die Naturwissenschaft zwar
nicht bewiesen hat, wovon sie aber glaubt, es als eine
Hypothese hinstellen zu konnen: daft das mensdiliche Den-
ken eine Funktion des Gehirnes sei; und bei vielen Men-
schen wird gleich die Geisteswissenschaft fiir gefahrdet
gehalten, wenn man glaubt zugeben zu miissen, daft das
menschliche Denken an das Gehirn gebunden ist, daft man
ohne ein Zentralnervensystem ja doch nicht denken kann.
Nicht einmal in diesem Punkte hat die Geisteswissenschaft
den berechtigten Anforderungen der Naturwissenschaft zu
widersprechen; denn wahr ist es, daft das Denken, wie wir
es im gewohnlichen Leben entwickeln, an das Zentral-
nervensystem und an das iibrige Nervensystem gebunden
ist. Aber wahre Geisteswissenschaft lehrt uns erkennen, daft
diejenige Formation, diejenige Gestaitung des Gehirnes,
des Zentralnervensystemes, welche zum Denken im Alltag
herbeigefuhrt werden muft, aus dem Geiste herausgeflossen
ist, daft der Geist unsern Leib erst so aufbaut, daft dieser
Leib das Werkzeug des Denkens werden kann. Geistes-
wissenschaft steigt nicht bloft in das Denken hinab, sie
behauptet nicht, daft das Denken, wie es uns im Alltage ent-
gegentritt, ewig und unsterblich sei, sondern sie lehrt uns
erkennen, daft dasjenige, was unsern Denkapparat auf-
baut, unser wahres geistig seelisches Leben ist, dasjenige,
was hinter unserm Denkapparat, was iiberhaupt hinter
unserer Leiblichkeit lebt. Und die geisteswissenschaftlichen
Methoden, wie sie angedeutet worden sind, fiihren zu die-
sen wirkenden, schaffenden Kraften, die hinter allem Mate-
riellen stehen.
So dringt die geisteswissenschaftliche Methode, weil sie
zugleidi in dem drinnen sein mufi, was sie vom Leibe ab-
trennt, zu einer ganz anderen Art des Erlebens und zu
einer ganz anderen Seelenverfassung vor, als die Art des
Erlebens und der Seelenverfassung des gewohnlichen Le-
bens und audi der gewohnlichen Wissenschaft sind. Nur
eines sei gleich von vornherein angedeutet, weil ich eben in
konkreten Tatsachen sprechen mochte. "Was sich sonst in
unserm Denken und Vorstellen aufiert, und was im alltag-
lichen Leben an das Gehirn gebunden ist, das trennt sich
durch die Konzentration, wie sie andeutungsweise geschil-
dert worden ist, wirklich von dem Leiblichen ab; und der
Geistesforscher kommt dazu, in sich zu erleben, wie er sich
innerlich erkraftet, eben erlebbar fuhlt, wie er aufierhalb
seines Zentralnervensystems ist, mit dem er sonst in allem
Denken, Fiihlen und Woilen verbunden ist, und dafi wie
ein anderer Gegenstand, dem man gegeniibersteht, die
eigene Leiblichkeit diesem geistig-seelischen Erleben gegen-
iibersteht. Mit anderen Worten: Wie man sich im gewohn-
lichen Leben innerhalb seines Leibes erlebt, so erlebt man
sich, wenn man die geisteswissenschafHichen Methoden auf
sich selber anwendet, au^erhalb seines Leibes. Man erlebt
sich, wenn man besonders diese Konzentrationsmethoden
des Denkens anwendet, aufierhalb seines Gehirnes. Man
weift jetzt erst, wie das Gehirnwerkzeug ist. Denn ich
erzahle Ihnen keine Marchen und keine Phantasiebilder,
sondern etwas, was fur den Geistesforscher erlebbar ist,
indem ich sage: er fuhlt, sich selber erlebend, wie sein Ge-
hirn umkreisend, fuhlt sich wie im Umkreise seines Gehir-
nes. Er weifi, was es heilk, nicht so denken, wie man im
gewohnlichen Leben denkt, sondern denken bloft im gei-
stig-seelischen Element und das Gehirn aufierhalb dieses
Elementes fiihlen - ja, es sogar wie etwas fiihlen, was
Widerstand leistet, an dem man anstolk, wie man an einem
aufieren Gegenstande anstoEt. Ich habe audi hier schon ein-
mal die Steigerung solcher Erlebnisse zu einem umfang-
licheren Erfahren geschildert, habe es audi geschildert in
meiner kleinen Schrift. «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des
Menschen».
Wenn der Geistesforscher seine Obungen fortsetzt und
wirklich die Hingabe hat, nicht auf ein Bild, sondern auf
Hunderte und Hunderte von Bildern sein ganzes Seelen-
leben zu konzentrieren, so daE sich die Krafte selbst immer
mehr und mehr steigern, dann kommt eben das, was ich in
der eben genannten Schrift als ein erschutterndes Ereignis
bezeichnet habe. Es tritt fiir den einen in der einen Form,
fur den anderen in einer andern Form ein, hat aber immer
etwas Typisches. So wie ich es schildere, wird es sich fiir
jeden ausnehmen konnen. Es kann der Mensch, sogar mitten
im Alltagsleben, wenn er lange genug Obungen dazu ge-
macht hat - und es wird ihn, wenn die Obungen richtig
gemacht worden sind, das aufiere Leben nie storen -, dazu
kommen, sich zu sagen: Was ist es, was sich dir aus dem
alltaglichen Vorstellen heraus offenbaren will? - Es ist et-
was, was auf dich eindringen will, aber auf dich eindringen
will wie etwas, was sonst nur aus deiner eigenen Seele auf-
steigt. Aber es kann auch eindringen wollen wie etwa ein
Traum, wenn man aus dem Schlaf e erwacht, was aber wie-
der unendlich mehr ist als ein Traum, was hereintritt, und
von dem man sich sagt: "Was geschieht jetzt? - Es geschieht
etwas, was sich etwa wie ein in den Raum einschlagender
Blitz ausnimmt, den man durch sich durchgehend fiihlt.
Und man kann sich sagen: Es ist, wie wenn dein Leib von
dir abfallt und zerstort wiirde. Aber man wei$ jetzt: Du
kannst in dir drinnen sein, ohne in deinem Leibe zu sein!
Von diesem Augenblicke an - denn diesen Wert hat dieses
Erlebnis, das es immer gegeben hat, wenn es audi eben in
der aufieren Welt nicht bekanntgegeben worden ist - weifi
man, wenn man es zum ersten Male erlebt, was die Geistes-
forscher gemeint haben, die gesagt haben: Wer das Ewige
im Menschen, das Geistig-Seelische, erlebt, der mufi heran-
treten an die Pforte des Todes. Man erlebt an sich selber
den Tod im Bilde. Man erlebt im Bilde in der realen, nicht
eingebildeten Imagination, was es heifit: Das Geistig-See-
lische trennt sich ab vom Leibe und hat seinen Bestand, wie
es sich abtrennt, wenn der Mensch durch die Pforte des
Todes schreitet. Wir werden iiber dieses alles noch zu spre-
chen haben; heute will ich nurwie in einer Vorrede angeben,
welches das Wesen des geistigen Lebens und der damit zu-
sammenhangenden Geisteswissenschaft ist. - Eine Summe
von inneren Erlebnissen tritt hervor, die zunachst dazu
fiihren, zu wissen was es heilk, «geistige Chemie» treiben,
was es heifit: «abtrennen das Geistig-Seelische von dem
Leiblichen», urn die Schicksale des Geistig-Seelischen zu er-
forschen und um zu wissen, dafi es eine wirkliche Abtren-
nung des Geistigen vom Leiblichen gibt und ein selbstan-
diges Leben des Geistes gegeniiber dem Leibe. Sich also
aufierhalb seines Leiblichen zu wissen, das ist die Frucht der
gesteigerten Aufmerksamkeit, der gesteigerten Konzentra-
tion. Man merkt schon auf verhaltnismaftig elementaren
Stufen dieses Aufier-dem-Leibe-Stehen insbesondere in be-
zug auf das Zentralnervensystem. Wenn man sich fiihlt wie
denkend und vorstellend gleichsam hingezogen von der
geistigen Welt sozusagen aufierhalb seines Gehirnes, also
seines Leibes, dann hat man ja, weil man zunachst im ge-
wohnlichen Leben als Erdenmensch darin steht, immer wie-
der und wieder die Notwendigkeit, zum gewohnlichen
Vorstellen zuriickzukehren und so zu denken, wie man im
normalen Leben eben denkt. Aber man erlebt den Augen-
blick, wo man sich sagen mufi: Du warst jetzt aufierhalb
deines Leibes; du mufit wieder zuriickkehren in deinen Leib
und das, was du aufierhalb des Leibes erlebt hast, so gestal-
ten, dafi du dein Gehirn davon ergreifen lafit, da£ die Ge-
danken, welche du aufierhalb des Leibes gehabt hast, Ge-
hirngedanken werden!
Dieses Sichhineinbegeben in das Gehirn erlebt man, und
das ist mit etwas verkniipft, was gut vorbereitet sein mufi,
was aber gut vorbereitet sein kann, wenn man die Obungen
durchgemacht hat, die in dem Buche «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» geschildert sind. Man
weifi dann, indem man mit dem Denken in das Gehirn
untertaucht, da£ das Gehirn Widerstand leistet, und dafi in
der Tat der Denkprozefi des gewohnlichen Lebens eine Zer-
storung des Zentralnervensystems ist, echte Zerstorungs-
prozesse, die aber wieder durch den Schlaf aufgehoben
werden. Alles Denken ist im Grunde genommen ein Zer-
setzungsprozeB, und der Schlaf gleicht immer wieder diesen
Zersetzungsprozeft aus. Wenn man aber im geistigen Uben
fortschreitet, so erlebt man sich untertauchend in einen Auf-
losungsprozefi; und das driickt sich, wenn man nicht die
richtigen Gef uhle in der Vorbereitung ausgebildet hat, darin
aus, daft man Furcht hat, in den Organismus wieder unter-
zutauchen. Der Mensch steht ja jetzt aufierhalb des eigent-
lichen Erdenleibes. Wie in einen Abgrund fiihlt man sich
untertauchen. Und man mufi daher gerade solche Ubungen
machen, die einem Gelassenheit, die einem AfFektlosigkeit
gegeniiber dem geben, was sonst als Angstlichkeit, als Furcht
auftreten kann. Also eine gewisse Art der Seelenstimmung,
der Seelenverfassung ist es, die in dem sich ausdriickt, was
Erkenntniskraft, was Forschungsmethoden fiir die hoheren
Wei ten sind.
Noch etwas anderes muE hinzutreten, wenn wirkliche
Kunde, wirkliche Offenbarung aus den geistigen Welten in
die Menschenseele hereindringen soli. Eine andere Kraft
mufi bis zur hochsten Intensitat gesteigertwerden: die Hin-
gabe, Liebe zu dem, was uns entgegentritt. Man hat ja diese
Hingabe bis zu einem gewissen Grade im gewohnlichen Le-
ben notig. Aber diese Hingabe mufi bei dem Wege in die gei-
stigen Welten soweit gesteigert werden, dafi der Mensch bis
in seinen tiefsten Organismus hinein vollig verzichten, jede
Regsamkeit unterdriicken lernt. Nach und nach gesteigerte
"Obung bringt es dazu, die willkiirlidien Bewegungen, die
aus der Ichheit des Menschen kommen, zu unterdriicken
und sozusagen vollig hingegeben sein an den Strom des
Daseins, der vor uns hinstromt; aber nicht nur dies, sondern
audi bis zu einem gewissen Grade das als etwas Aufierliches
zu empfinden, was unwillkiirliche Bewegungen sind. Bis in
die Gefafiorgane hinein lernt sich der Mensch bei diesen
Ubungen empflnden. Dann kann der Mensch von der gei-
stigen Welt sagen: Du erlebst sie aufierhalb deines Leibes;
du wirst sie als eine gegliederte Welt erleben, in der Wesen-
heiten auftreten - wie die Naturwelt, in der Naturwesen-
heiten auftreten. Durch Konzentration, das heifit durch
eine gesteigerte Aufmerksamkeit, und durch Meditation,
das heiik durch eine gesteigerte Hingabe findet der Mensch
den Weg in die geistige Welt, wie er den Weg in die Natur
findet, wenn er sie mit den aufieren Augen und mit dem
Verstande betrachtet. Dann allerdings, wenn der Mensch so
durch einen Prozefi geistiger Chemie sein Geistig-Seelisches
von dem Leiblichen abgetrennt hat, dann erf afk er sich auch
in seiner Unendlichkeit; dann erfaEt er sich in dem Dasein,
das aufierhalb von Geburt und Tod oder, wenn man will,
von Empfangnis und Tod liegt. Dann erkennt er sich in
dieser seiner ewigen Wesenheit so, dafi er jene Entwicke-
lungs-Idee, von der in diesen Vortragen noch oft gesprochen
werden soli, ergreift, welche auf dem Gebiete des mensch-
lichen Geisteslebens jener Entwickelungs-Idee entspricht,
der die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete in der neueren
Zeit so viel verdankt: dann ergreift der Mensch die Idee
der wiederholten Erdenleben, die Tatsache, dafi das voile
Menschenleben besteht in wiederholten Erdenleben, zwischen
welchen Leben in rein geistigen Welten liegen. Die Idee der
Reinkarnation unterscheidet Leben im Leibe zwischen Ge-
burt und Tod und Leben zwischen Tod und neuer Geburt
in einem rein geistigen Dasein.
Alle diese Dinge werden, noch einmal sei es betont, in
begreiflicherweise von denen, die in den naturwissenschaft-
lichen Denkgewohnheiten festzustehen glauben, sehr leicht
als Traumereien und Phantastereien angesehen; und es wird
ja in unserer heutigen Zeit durch die Forschungen iiber
Traum, Hypnose, Suggestion, Auto-Suggestion und so wel-
ter oft darauf hingedeutet, wie aus den Tiefen des unterbe-
wufiten Seelenlebens allerlei auftauchen kann, was in dem
Menschen das tauschende Bewuft tsein hervorruf en kann : Du
erlebst etwas, was Bedeutung hat aufierhalb deines leiblichen
Lebens. Alle diese Dinge sind theoretische Einwande; sie
wird derjenige nicht mehr machen, der defer in die Geistes-
wissenschaft eindringt. Denn viele Einwande werden wir im
Verlaufe dieser Vortrage erheben und werden zeigeh, wie
sich die Geisteswissenschaft dazu zu stellen hat. Nur auf ein
Prinzipielles sei heute aufmerksam gemacht.
Es kann leicht gesagt werden: Wenn so der Geistesforscher
sein Geistig-Seelisches in seiner Selbstandigkeit erlebt hat
und dann wie in einem erweiterten Gedachtnis auf fruhere
Erdenleben oder auf sein letztes Erdenleben zuriickzublicken
meint, so kann das nichts anderes sein als seine umgestal-
teten Wiinsche, als sein Wunschesleben, das im Unterbe-
wulken spielt und das heraufschillert ins Tagesbewufitsein,
wodurch er sich Tauschungen, Halluzinationen und so wei-
ter bildet. - Es ist begreiflich, dafi das ungebildete Denken
in einem solchen Falle von selbstgebildeten Wunschen, von
Illusionen, Halluzinationen und so weiter spricht; aber man
weift nicht, worum es sich handelt. Wer sein geistig-seelisches
Leben von dem Leiblichen durch geistige Chemie losgetrennt
hat, der merkt, wenn er ein solches Zuriickblicken in ein
f riiheres Erdenleben wirklich erlebt, dafi es nicht ein umge-
bildeter Wunsch oder etwas ist, was aus seinem Unterbe-
wulksein herauftauchen kann; denn es darf das Wort ge-
braucht werden: Gewohnlich ist das, was man im Geistigen
erlebt, sehr verschieden von dem, was man sich traumen
lassen kann. Es wird ja auf dem Gebiete, das hier als Gei-
steswissenschaft bezeichnet wird, sehr viel Unfug getrieben.
Auf keinem Gebiete ist Scharlatanerie so verbreitet, wie
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft; und manchen, der
in das hineingesehen hat, was Geisteswissenschaft ist, der
einige von ihren Lehren aufgenommen hat und auch die
Oberzeugung gewonnen hat, daft diese Lehren wahr sind,
den hort man sprechen: Der oder jener hatte in einem fru-
heren Leben dieses oder jenes erlebt, ware in einem friiheren
Leben dieses oder jenes gewesen. Nun, man kann viel Unfug
auf diesem Gebiete erleben. Gewohnlich sieht man den Aus-
sagen, die auf diesem Gebiete gemacht werden, sehr wohl
an, dafi sie gewissen menschlichen Wiinschen entsprechen;
denn was die Leute alles gewesen sein wollen, welche an-
geben, wie ihre friiheren Leben verflossen sind, das nimmt
manchmal recht merkwurdige Gestaltungen an. Zumeist
sind es recht beruhmte, hervorragende Personlichkeiten, die
man ja nicht gerade durch die geisteswissenschafUiche For-
schung, sondern auch durch die Geschichte kennen lernen
kann! Wer aber in die geistigen Welten wirklich eindringt,
dem stellen sich die Dinge ganz anders dar. Daher f olgendes
Beispiel: Jemand tut, nachdem er die geisteswissenschaft-
lichen Methoden auf seine Seele angewendet hat, einen Blick
in ein friiheres Erdenleben, wie es moglich und sogar selbst-
verstandlichist, wenn die geistesforscherischen Methoden bis
zu einem gewissen Grade auf die Seele wirksam geworden
sind; dann tritt das Bild fruherer Erlebnisse in einem friihe-
ren Erdenleben auf. Aber dabei wird man bemerken, dafi
diese Erlebnisse so sind, da$ man im gegenwartigen Augen-
blick, wo man sie in der erweiterten Gedachtnisriickschau er-
blickt, nichts Rechtes mit ihnen anzuf angen wei$ ; aulSer dem,
da£ sie die Erkenntnis bereichern, wird man im gewohn-
lichen Leben nichts mit ihnen anf angen konnen. Man merkt,
dafi man in einem friiheren Leben gewisse Geschicklichkei-
ten, gewisse Kenntnisse und so weiter gehabt hat. Jetzt tritt
einem das im Bilde entgegen. Man ist aber im gegenwartigen
Leben zu alt, um sich diese Geschicklichkeiten und Kennt-
nisse wieder anzueignen. In der Regel wird das eintreten,
was man sich nicht traumen lafk, was keine Phantasterei
ersinnen kann; das wirkliche Leben ist in der Regel ganz
anders als das phantastische Bild, das man sich vielleicht
uber ein friiheres Erdenleben macht. Oder man merkt: in
dem vergangenen Leben hattest du eineBeziehung zu dieser
oder jener Personlichkeit. Will man aber in dem Lebens-
alter, wo man das entdeckt, die Konsequenz fur das gegen-
wartige Leben ziehen, dann gestatten es die Lebensverhalt-
nisse nicht, und man ist dann auf das verwiesen, was man
das geistige Ursachengesetz nennt. Man erkennt - aber man
kann die Erkenntnis nicht auf das gegenwartige Leben an-
wenden. Man mufi auch dabei ein hingebungsvolles Seelen-
leben entwickeln und sich sagen: Was du einst als Beziehun-
gen zu Personen entwickelt hast, das wird sich ausleben;
aber du mufk warten, bis die geistigen Zusammenhange die
Ursachen aus friiheren Erdenleben zu Wirkungen im gegen-
wartigen bringen. Was man sich ertraumen mochte auf gei-
stigem Gebiete, das tritt nicht ein, wenn die Erkenntnis
eine wirkliche ist.
Wenn man in jenes Dasein, das zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt verflielk, wo man in einem rein geistigen
Leben ist, hineinschaut, so hilft einem alles Nachdenken in
Begriffen und so weiter nichts, um sich dariiber Vorstellun-
gen zu machen, wie man in jener Zeit gelebt hat. Was man
als die nachste Gestalt seiner Lebensaufgaben, seiner Inter-
essen zunachst zu betrachten hat, wie die Art seiner Um-
gebung ist, in die man der aufieren materiellen Welt nach
hineingewachsen ist, was man als Wiinsche, Begierden, Af-
fekte entwickelt hat, was die Vorstellungswelt fiir einen
Charakter angenommen hat, das ist zumeist vollstandig
entgegengesetzt dem, was man in der geistigen Welt erlebt
hat, bevor man zur jetzigen Verkorperung herabgestiegen
ist. Was man da begehrt, gewunscht hat, das entspricht nicht
den Wiinschen im irdischen Leben. Nehmen wir dafur ein
grobes Beispiel: Im Erdenleben kann man sehr leicht von
irgend einem Schicksalsschlage schmerzlich beriihrt werden.
Dann kann man - ich habe in meiner letzten Schrift «Die
Schwelle der geistigen Welt» darauf aufmerksam gemacht,
wie die Dinge liegen, und wie die Einwande, die von mate-
rialistischer Seite sehr leicht gemacht werden konnen, durch-
aus nicht ausschlaggebend sind — , wenn man irgend etwas
als schmerzlich empfindet, und wenn dieses als schmerzlich
Empfundene keinem Wunsche, auch nicht einmal im Unter-
bewufitsein, entspricht, so kann man sehr leicht glauben,
dafi in der geistigen Welt, wo man vorher war, unser ganzes
Wunschesleben, unsere Stellung zur geistigen Welt ahnlich
war, wie jetzt unsere Stellung dem Leben gegeniiber ist. Das
ist aber nicht der Fall. Das Empfinden in der geistigen Welt
vor unserer Verkorperung ist ein durchgreifend anderes.
Daher hat man sich vorzustellen, dafi man selbst alles her-
beigefiihrt hat, um diesen Schmerz zu erleben, der einen
jetzt getroffen hat. Was man ganz gewifi nicht wiinscht, ja,
wovon man zugeben mufi, dafi man es im Erdenleben so
wenig als moglich wiinscht, von dem erf ahrt man, dafi man
es vor seinem Erdenleben selbst gewiinscht und ersehnt
hat, weil man durch das Erleben und durch das Sichher-
ausarbeiten aus diesem Schmerz zur Vervollkommnung sei-
nes Seelenlebens kommen kann. Denn die Schicksalsfrage
wird durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, wie wir
noch sehen werden, zu einer Vervollkommnungsfrage.
Wenn wir das geistige Leben in dieser Weise uns vor die
Seele stellen, so erscheint es in der Tat dem gesteigerten
Innenleben als eine geistige Umwelt, wie die natiirliche Um-
welt den Sinnen und dem Verstande erscheinen. Und vieles
hat der Geistesforscher zu uberwinden, damit er das, was er
zu beobachten in der Lage ist, zum Range einer Wissen-
schaft erheben kann. Denn nach der ganzen Art, wie ich
geschildert habe, konnen Sie sich vorstellen, dafi die Erleb-
nisse, die der Geistesforscher haben mufi, die ihm die geistige
Welt bekunden, erst errungen werden miissen. Sie werden
so errungen, dafi sie zuerst so schwach auftreten, dafi die
schwachsten, fast ganz verblafiten Erinnerungsbilder des
gewohnlichen Lebens manchmal gegenuber diesen Mani-
f estationen der geistigen Welt stark genannt werden miissen,
und dafi diese wie verblassende Erinnerungen - jetzt aber
Erinnerungen aus der geistigen Welt — verstarkt und er-
kraftet werden miissen. Diese Erstarkung tritt erst nach und
nach im fortgesetzten Sichhineinleben und Sichhineiniiben
in die geistigen Verhaltnisse auf. Dieses Erstarken, dieses
Erkraften des Seelenlebens ist die Grundbedingung fur die
geistige Forschung. Dann mufi aber noch etwas anderes
hinzukommen.
Wir werden im Verlaufe der Vortrage sehen, wie es un-
begriindet ist, aber begreif lidierweise leicht geschehen kann,
dafi der materialistische Denker sagt: Was so durch Kon-
zentration, durch Hingabe des Seelenlebens, durch Medita-
tion erreicht wird, das untersdieidet sich ja gar nicht von
den Illusionen und Halluzinationen eines krankhaften See-
lenlebens. Man kann sagen, wenn man die Dinge aufierlich
betrachtet, dafi das, was der Geistesforscher erlebt, sich nicht
da von unterscheidet. Man kann sogar sagen: Wenn der Gei-
stesforscher diese Dinge beschreibt, dann ist es ja wirklich
so, wie wenn ein Traumer seine Traume beschreibt. In den
Traumen, die der Traumer beschreibt, spricht sich etwas aus,
was audi in der auBeren Welt erlebt wird: Reminiszenzen
an die aufiere Welt sprechen sich darin aus. Und man kann
daher in einem gewissen Sinne sagen: Was der Geistesfor-
scher als sein Geistig-Seelisches abtrennt von dem Leiblichen
und als Wesen einer Bilderwelt vor seine Seele hinstellt, das
ist, wenn er es beschreibt, doch so, dafi die Eigenschaften der
Bilder hergenommen sind von den Eigenschaften der Wesen
der aufieren Welt. Wer sich das ansieht, was in meiner «Ge-
heimwissenschaffc im Umrifi» steht, wird, wenn er durchaus
will, sagen konnen: Was du da beschreibst von Dingen, die
nur in den iibersinnlichen Welten fur eine Geisteswissen-
schaft zu erreichen sind, das sind Dinge, die man audi in der
aufieren Welt erf ahrt, wenn audi nicht so zusammengestellt.
Man kann es in gewisser Weise sagen, obwohl die Ein-
wande, die heute von mancher Seite gegen das erhoben
werden, was die Geisteswissenschaft sagt, etwas naiv sind.
Wenn jemand zum Beispiel sagt : Was in einer solchen Schrift,
wie der «Geheimwissenschaft», steht, das sei wie durch eine
Art geprelken inner en Erlebens phantastisch zusammenge-
stellt, und es sei eine solche Darstellung eigentlich Phan-
tastik und keine Wirklichkeit, so merkt man sehr bald, wes
Geistes Kind solche Logik ist. Denn wenn man naher darauf
eingeht, wird man merken, daiS es dieselbe Logik ist, wie
wenn ein Kind, welches bisher nur einen holzernen Lowen
gesehen hat, nun sagt, wenn es einmal einen wirklichen Lo-
wen sieht: Das ist kein wirklicher Lowe, denn der wirkliche
ist ja von Holz. So machen es oft die Gegner der Geistes-
wissenschaft. Weil sie die Dinge nicht richtig kennen, werfen
sie dem Geisteswissenschafter vor, dafi sie nicht so sind, wie
die Dinge, die sie aus dem gewohnlichen Leben her kennen.
Aber man kann einwenden, dafi die Schilderungen des
Geistesforschers Reminiszenzen aus dem gewohnlichen Le-
ben sind. Dieser Einwand ist aber ebenso viel wert wie etwa
der Einwand jenes Kindes, oder wie der Einwand eines
Menschen, der nicht lesen kann, und der sagt: Was ich da
vor mir sehe, das sind allerlei Formen; da sehe ich etwas,
das hat einen Strich von links unten nach rechts oben, dann
einen Strich von links oben nach rechts unten und dann
einen Querstrich! - wogegen derjenige, welcher lesen kann,
dieses als ein A empfindet.
Das ist es nicht, was man so unmittelbar erreicht und
schaut, was von der Beobachtung der geistigen Welt aus in
die Sinneswelt iiberzugehen hat; sondern das ist es, dafi
man lesen lernt an demjenigen, was man schaut. Denn das
Geschaute mufi erst in der richtigen Weise gelesen werden.
Aber man lernt dieses Lesen gleichzeitig in dem Oben.
durch das man sich in die geistige Welt hineinfindet. Und
wenn jemand in den Schilderungen der Geisteswissenschaft
nur Reminiszenzen aus der gewohnlichen Welt sieht und
sagt: Das sind, wenn so von fruheren Erdenleben ge-
sprochen wird, doch nur Begriffe, welche sich sonst im
Leben auch finden, nur nicht so gruppiert, - so gleicht ein
soldier einem Menschen, der einen Brief anschaut und zu
einem anderen sagt: Du wills t daraus etwas Neues er-
fahren? Ich weifi aber schon alles, was darin steht; denn es
stehen nur alle Buclistaben darin, die ich schon kenne, gar
nichts Neues! Genau so ist es, wenn gesagt wird: Was der
Geistesforscher schildert, das sind doch nur Reminiszenzen
aus der Sinneswelt! Aber auf das kommt es bei diesen
Schilderungen an, was dahinter ist als Wesenhafles, was
sich da off enbart.
So ist die Geisteswissenschafl; dasjenige, was beim Geistes-
forscher als Resultat der Erlebnisse auftritt, die er hat. Und
das ist das Schwierige, das heute noch so Mifiverstandene,
das mit den heute gesetzten Zielen des Lebens scheinbar so
wenig Obereinstimmende der Geisteswissenschafl;, dafi der
Geistesforscher bei dem, was fur ihn Erfahrung, Beobach-
tung wird, immer dabei sein mufi, immer bei allem darin-
nen sein mufi, dafi er zwar nicht seinen Leib, sondern seine
Seele zu Markte tragt, wenn er von den Verhaltnissen in
der geistigen Welt spricht, wenn er wirkliche Geisteswissen-
schafl vertritt. Wahrend die gewohnliche Welt den Men-
schen absondert, wenn er etwas von dem «Objektiven»
erkennen soil, mufi der geisteswissenschaftliche Forscher in
das untertauchen, worauf sich seine Wissenschaft bezieht,
mufi mit ihm eins werden. Das sieht man aber heute nur
als blofies «subjektives» Erlebnis an. Man merkt nicht, dafi
die angedeuteten Methoden das geistig-seelische Leben un-
abhangig von allem machen, was wir subjektiv erleben.
Denn wenn wir es noch so sehr erleben, und wenn es noch
so sehr «Mystik» genannt wird: was wir subjektiv erleben,
das wird im Leibe erlebt; was der Geistesforscher erlebt,
wird aufier dem Leibe erlebt, kann aber im Leibe ein-
gesehen werden von der im Leibe funktionierenden Ver-
nunft, von dem gewohnlichen Verstande. Denn audi jener
Einwand ist nicht berechtigt, dafi derjenige, welcher von
den geistigen Welten Kenntnis haben will, selbst Geistes-
forscher sein miisse. Zum Kennenlernen, zum Auffinden
und Erforschen der geistigen Tatsachen und Wesenheiten
mufi man Geistesforscher sein, nicht aber zum Aufnehmen,
zum Begreif en geisteswissenschaftlicher Mitteilungen. Dazu
geniigt, dafi man sie mit gesundem Menschenverstand und
gesundem Sinn aufzunehmen weifi, wie man das aufnimmt,
was die Chemiker oder Physiker durch ihreMethoden finden.
Wenn man in dieser Weise die Geistesforschung ins Auge
fafit, dann wird sie als das erscheinen, in das die Natur-
wissenschaft gewissermaften einlaufen mufi, zu dem sich die
Naturwissenschaft erheben raufi. Wie die Naturwissen-
schafl der Menschheit materielle Ziele gewiesen hat, wie sie
das materielle Leben nicht nur auf vielen Gebieten, son-
dern radikal umgestaltet hat, so wird die Geisteswissen-
schaft das, was seelisch-geistiges Erleben der Menschheit
sein mufi, befruchten und so umgestalten, wie es den Zielen
der Gegenwart und der Zukunft der Menschheitsentwicke-
lung angemessen ist. Von diesen Zielen der Menschheits-
entwickelung, wie sie sich hier schon off enbaren, wenn auch
nicht klar erkennbar - klar erkennbar offenbaren werden
sie sich der Geisteswissenschaft darf gesagt werden, was
ein Mann der Gegenwart gesagt hat, der eine grofie Rolle
in der Gegenwart spielt, namlich was Wilson, der President
der Vereinigten Staaten von Amerika, in bezug auf etwas
mehr Aufierliches gesagt hat, das aber von den Zielen der
Geisteswissenschaft ganz allgemein gilt. Wilson spricht in
dem kiirzlich von ihm erschienenen Buche von den Refor-
men, die er erlebt hat - ich wahle gerade dieses Beispiel,
um gewissermafien keinem wehe zu tun oder Anstofi zu
erregen, der nicht erregt werden soil; denn Geisteswissen-
schaft soli nicht zum Streit, sondern zum Frieden der Men-
schen beitragen - er sagt, dafi sich das au£erliche materielle
Leben vollstandig umgestaltet hat, dafi anstelle des alten
patriarchalischen Verhaltnisses zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer ganz andere Verhaltnisse eingetreten sind.
Korporationen von Arbeitnehmern treten so den Arbeit-
gebern gegeniiber, daft das, was die friiheren Verhaltnisse
waren zwischen den Faktoren des Lebens, sich vollig um-
gestaltet hat. Dafi es so gekommen ist, das ist eine Folge
des modernen Lebens; das ist vor allem fiir den, der die
Sache richtig einsieht, eine Folge des Naturerkennens der
gegenwartigen Menschheit. Aber nun sagt Wilson: was man
als Formen des gesetzma&gen Zusammenlebens habe, ent-
sprache noch vielfach dem, was in friiheren Zeiten Platz
gegriffen hat, was man fiir richtig befunden hat, als der
einzelne Arbeiter seinem Arbeitgeber in einem patriarcha-
lischen Verhaltnisse gegeniiberstand. Und Wilson fordert
nun, dalS Harmonie geschafTen werden sollte zwischen dem
gesetzmafiigen Zusammenleben der heutigen Menschen und
dem, was die Kultur geschafTen hat. Darin gipfelt vieles in
der aufierordentlich interessanten Literatur des amerika-
nischen Prasidenten. Was er fiir mehr aufterliche Verhalt-
nisse sagt, das kann mit Bezug auf das Innerlichste der
Ziele der Gegenwart, fiir das ganze seelische menschliche
Erleben heute gesagt werden. Man mochte, wenn man so
etwas im Zusammenhange mit den geistigen Zielen der
Gegenwart bedenkt, an Denker erinnern, welche ganz an-
deren Zeiten der menschlichen Entwickelung angehbrten: an
Archimedes, den Begriinder der Mechanik, und an Plato,
den grofien griechischen Philosophen. Sie waren der Mei-
nung und haben es audi ausgesprochen, daft die Anwen-
dung der Wissenschaft auf die Technik des Lebens dem
menschlichen Geiste sogar Abbruch tue, ihn schwache. Man
kann es begreifen, dafi hervorragende Geister anderer Zei-
ten diese Meinung gehabt haben; aber nach solchen Mei-
nungen richtet sich der Weltengang ebensowenig wie nach
dem, was man heute zwar weniger glaubt, was aber Leute
geglaubt haben, als die erste Eisenbahn in Deutschland ge-
baut werden sollte. Damals sollte ein sehr gelehrtes Kolle-
gium, das bayrische Medizinalkollegium, ein Sachverstan-
digenurteil dariiber abgeben, ob man Eisenbahnen bauen
solle oder nicht. Und dieses Kollegium gab sein Urteil
dahin ab: Man solle keine Eisenbahnen bauen, denn wenn
man welche bauen wiirde, so wiirden die Menschen, die
darin fahren wiirden, sehr an ihrem Nervensystem ge-
schadigt werden; wenn es aber schon so kommen sollte, dafi
Menschen in Eisenbahnen fahren wiirden, so miifite man
wenigstens links und rechts hohe Bretterwande errichten,
damit die in der Nahe wohnenden Menschen nicht im An-
sehen und Anhoren der voriiberfahrenden Zuge geschadigt
wiirden. - Heute lachelt vielleicht mancher iiber das, was
damals ein sachverstandiges Medizinalkollegium gemeint
hat. Aber wenn man audi dariiber lachelt, man kann es
sogar begrundet finden. Denn man kann weder fiir noch
gegen Stellung nehmen und kann sagen: wenn auch das
bayrische Medizinalkollegium sich die Sadie phantastisch
vergrofiert hat, so ist es doch fiir den, der die Geschichte
nicht nur aufierlich, sondern innerlich kennt, wahr gewor-
den, was es angenommen hatte, und man kann sagen: dieses
Kollegium hat einen guten Blick gehabt. Man hat aber
trotzdem nicht notig, dagegen Stellung zu nehmen. Warum
nicht? Weil die Geschichte ihrerseits dazu Stellung nimmt!
Und gleichgiiltig, wie die einzelnen Menschen dariiber den-
ken mogen: der Gang der Weltentwickelung geht weiter,
und der Mensch hat sich dem Gang der Entwickelung an-
zupassen. Das ist ja auch die Forderung, welche Wilson
aufstellt: der Gang der Entwickelung hat gewisse Kultur-
vorgange gebracht, und der Mensch hat sich dem an-
zupassen.
Erweitert man dies auf die Seelenverhaltnisse, so kann
man sagen: In dem, was aus dem Gange der Zeiten den
Seelen erflossen ist, haben sich Ziele ergeben, die unendlich
komplizierter waren, als diejenigen der vergangenen Zeiten.
Fur die Aufienwelt kann man sich diesen Umschwung leicht
ausmalen; aber auch fur das, was die Seele braucht zu ihrem
unmittelbaren Tagesbedarf, hat sich das Leben geandert.
Wer glauben wurde, daft man mit den Seelenkraften, die
in berechtigter Art friiher den Menschen in die Geistes-
welten hinaufgelenkt haben, dies heute noch in gleicher
Weise tun konnte, der berucksichtigt nicht, was sich im Wel-
tengange vollzieht: er beriicksichtigt nicht, daft wir nicht
nur vier Jahrhunderte der Naturwissenschaft hinter uns
haben, sondern, was mehr ist, vier Jahrhunderte natur-
wissenschaftlicher Erziehung, und dafi es heute notwendig
geworden ist, die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in die
Herzen und Seelen hineinzutragen. Und wenn es auch den
Einzelheiten entsprechen mag, dafi der Gang der Welt-
geschichte dies nicht immer gestattet, so mufi man doch
sagen: Wenn heute jemand gegen das, was die Geisteswissen-
schaft sein will, etwas einwendet, sei es vom Standpunkte
des von ihm vermeintlich gefahrdet geglaubten religiosen
Bekenntnisses, oder sei es von irgendeinem anderen Stand-
punkte aus, dann konnte es sein, dafi er in einer nicht so
fernen Weise dem bayrischen Medizinalkollegmm gliche,
welches Bretterwande neben den Eisenbahnen aufrichten
wollte, damit die in der Nahe wohnenden Menschen nicht
geschadigt wiirden: der Gang der Entwickelung ginge iiber
ihn hinweg. Dem Menschen ist es aber nicht gegeben, sich
zu den Zielen der Weltentwickelung so zu stellen, dafi er
sie sich selbst uberlaflt, sondern ihm ist die Kraft gegeben, an
der Gestaltung und an dem Bau der Verhaltnisse mitzuwir-
ken. Das aber, was im aufieren Leben und aus dem aufieren
Leben heraus als Anforderungen an die Menschenseele
herantritt, was sich als au£ere Ziele zeigt, das f ordert innere
Ziele der Seele. Und die inneren Ziele der Seele sind die
Ziele der Geisteswissenschaft, sind die Ziele, nach denen
die Seele strebt, wenn sie weift: Die Naturwissenschaft hat
das aufiere Weltbild umgestaltet, den Leib der Kultur. Die
Kultur aber braucht eine Seele. Und diese Seele soil die
Sckopfung der Geisteswissenschaft sein. Den Leib der Kul-
tur zu durchdringen mit Seele und Geist, das ist das Ziel
der Geisteswissenschaft. Und wenn dieses Ziel der Geistes-
wissenschaft so gefalk wird, dann wird leicht einzusehen
sein, dafi der Geistesforscher mit Ruhe alles das betrachten
kann, was sich heute noch als Widerspruch, Gegnerschaft
und MiEverstandnis gegen diese Geisteswissenschaft auf-
tut. Die Lebensverhaltnisse, die der Gang der Menschheits-
entwickelung uns zeitigt, fordern eine solche Wissensart
von der geistigen Welt, in welcher sich die Seele stark fuhlt,
so stark fiihlt, dafi sie fiir ihr Wesen nicht nur aus dem
Krafte zieht, was die Sinneswelt gibt, sondern aus dem,
was eine Erkenntnis der geistigen Welt geben kann. Immer
mehr wird man erkennen: Fiir das moderne Leben braucht
die Seele Krafte, welche ihr nicht nur aus der Erkenntnis
des Sinnenseins zufliefien, sondern aus der Erkenntnis des
geistigen Seins, in welchem die Seele doch ihre wahre Hei-
mat hat. Mit diesen starken Kraften wird sich die Seele wie
mit einem Lebenselixier durchdringen, wird den Sinn ihres
Wesens hinausgehend fuhlen iiber Geburt und Tod, wird
in sich jene Eigenschaft der Seele erleben, welche man mit
dem Worte «Unsterblichkeit» bezeichnet, und wird sich so,
mit dem Lebenselixier als Lebensblut durchflossen, den
Aufgaben gewachsen zeigen, welche die Gegenwart und
die Zukunft der Menschheitsgeschichte an sie stellen miissen.
Nur mit einigen Worten wollte ich iiber die Gegenwart
und Zukunft der Menschenseele sprechen. Alle weiteren
Ausftihrungen werden in den folgenden, einzelnen Vor-
tragen gegeben werden. Nur ein Gefiihl von dem, was der
Gelstesforscher in sich tragt, habe ich in der heutigen Vor-
rede hervorrufen wollen, ein Gefiihl, das bei ihm aus einer
Art Verstandnis fiir den Sinn des gegenwartigen Lebens
und seiner Bedurfnisse erfliefit. Vom Standpunkte der
Geisteswissensdiaft aus so zu sprechen, wie ich es gern in
diesen Vortragen tun mochte, kann ja nur unter zwei Vor-
aussetzungen geschehen. Was der Geistesforscher aus der
wirklichen geistigen Forschung heraus mitzuteilen hat, das
weicht zunachst, obwohl es die unmittelbare Konsequenz
der Menschheitsentwickelung der letzten Jahrhunderte ist,
von dem, was heute vielfach geglaubt und fiir rich tig an-
geschaut wird, so ab, daft der, welcher dieses Geisteswissen-
schaftliche behauptet, entweder gegeniiber diesem geistigen
Leben Scharlatan, Unsinnredner, frivoler Mensch sein muft
- oder aber, daft er die Moglichkeit haben muft, in sich zu
wissen, daft Wahrheit ist, was er zu sagen hat. Es mag die
verschiedensten Nuancen dieser zwei Extreme geben; aber
Zwischenstufen sind fast nicht da. Mit diesem Bewufitsein,
daft man als das eine oder das andere angesehen werden
kann, spricht man ja ohnehin als Geistesforscher. Aber die
Geistesforschung selber, wir haben es gesehen, ist etwas,
womit der Mensch so verknupft ist, dafi er in ihr seine Seele
zu Markte tragt, wenn er wirklicher Geistesforscher ist;
und da er einmal so seine Seele zu Markte tragt, so weifi er
auch die eine oder die andere Urteilsweise zu ertragen, die
man iiber ihn haben kann. Und wer in dieser Geisteswissen-
schaft drinnen steht, der kann das Bewufitsein, die Kraft,
iiber diese Geistesforschung zu sprechen, ja doch nur da-
durch entwickeln, daft er auf der einen Seite durch sein
Zusammensein mit den geistigen Wahrheiten ihre Erkennt-
niskraft und ihre Wahrheitskraft zu ermessen wei£ und aus
diesem BewuEtsein der Wahrheits- und Erkenntniskraft
heraus audi standzuhalten weifi den Mi$verstandnissen
oder bewufit falschen Ansdiuldigungen, die gegen die Gei-
steswissenschaft vorgebracht werden. Auf der anderen Seite
aber fiihrt die Geisteswissenschaft audi in das unmittelbare
geistige Leben, wie audi in das geistige Leben der Zeit und
lehrt den Geistesforscher, mag seine Neigung, seine Sym-
pathie vielleicht audi nach anderen Zielen als nach der
Vertretung dieser Geisteswissenschaft gehen, wie diese Ver-
tretung der Geisteswissenschaft in unserer Zeit eine Not-
wendigkeit ist. Wenn auch diese Notwendigkeit geistiger
Erkenntnis von den eigenen Zeitgenossen nicht oft klar aus-
gesprochen wird: als dunkles Bediirfnis nach den Erkennt-
nissen des Geistes ist es vorhanden. In den Tiefen der
Seelen merkt man heute den Schrei nach geistiger Erkennt-
nis, wenn auch oftmals dem bewufken Denken unserer
Mitmenschen dieser Schrei selbst nicht vernehmlich ist;
denn unsere Zeit bedarf der Erkenntnis des Geistes. Und
alle andere Wissenschaft, die sonst unserer Zeit angemessen
ist, wiirde diesen Geist dampfen, wiirde diesen Geist aus
den Seelen ausloschen, wie er auch von anderen Stromun-
gen des Geisteslebens her wirkt, wenn die Geisteswissen-
schaft ihn nicht anfacht. Die Geistesforschung weiiR, dafi
die menschliche Seele den Geist braucht, und sie hofftdaher,
dafi es zu den Zielen der Menschheitsentwickelung in der
Zukunft gehoren wird, diesen Geist zu pflegen.
Wir haben gesehen, dafi sich die Menschenseele umgestal-
ten mufi, wenn sie den Geist erreichen will. Daraus ist
ersichtHch, dafi es bequemer ist den Geist zu lassen, wo er
ist, und sich nicht um ihn zu kummern, als in der Seele das-
jenige zu unternehmen, was zum Geiste fiihrt. Bequemer ist
es aber auch mit dem, was einem gesunden Menschenver-
stande und emern gesunden Wahrheitsgefuhle sich ergibt,
einfach die materiellen Zusammenhange der Natur ein-
zusehen, als einen scharferen Verstand zu entwickeln und
den zu verwenden, um das einzusehen, was die Geistes-
wissenschaft sagt. Bequemer lebt es sich ohne den Geist.
Aber der Geist hat eine Eigenschaft, die Eigenschaft, dafi
er, wenn man ohne ihn leben will, ebensoviel Schaden
bringt, wie er an Frucht und Nutzen bringt, wenn man mit
ihm leben will. Wenn man mit ihm leben will, belebt er
die Seele, durchwarmt sie mit Lebensmut, durchdringt sie
mit all den Geschicklichkeiten, die wir zum Leben brau-
chen. Wenn man ihn verleugnen will, dann zieht er sich
zuriick und dampft und ertotet das seelische Leben in dem-
selben Mafie, als dieses nichts von ihm wissen will. Wenn
man ihn verleugnen will, dann nimmt er nach und nach
ebensoviel von Lebensmut — und gibt dagegen Lebensver-
zweiflung, Lebensunmut und Angstlichkeit, als er an Lebens-
frucht verleiht, wenn man sich zu ihm bekennt. Man kann
den Geist zwar ableugnen, man kann ihn aber nicht ver-
nichten. Leugnet man ihn ab, dann zeigt er sich wie in sei-
nem Gegenbilde im Innern der Seele - und verlangt in der
Menschenseele selber nach sich. Das fuhlt der Geistes-
forscher, der von der Geisteswissenschaft als einem Ziele
der Gegenwart spricht. Deshalb baut er darauf - was auch
noch heute gegen diese Geistes wissenschaft sprechen mag -:
Sie wird sich einleben, weil die Menschheit zwar die Augen
zumachen kann vor dem Geiste, aber seine Wirkungsweise
nicht verhindern kann. Diese Wirkungsweise verwandelt
sich aber zuletzt in die Forderung, diesem Geist ins Auge
zu schauen. Das ist es, was ich, in ein kurzes Wort die Emp-
findungen zusammenfassend, die der heutige Vortrag ent-
falten sollte, in der folgenden Weise ausdriicken mochte.
Der Geist kann verleugnet werden; denn es ist bequemer,
viel bequemer, ohne den Geist die Welt begreifen und in
ihr leben zu wollen, als mit dem Geist. Aber den Forderun-
gen des Geistes kann mit seiner Verleugnung nicht wider-
standen werden. Daher wird das, was die Geisteswissen-
schaft als ein Lebenselixier der Kultur einverleiben will,
dieser Kultur durch die eigene Kraft einverleibt werden.
Denn die Menschenseele verleugnet oft den Geist; sie wird
ihn aber stets aus ihrer innersten Natur, aus ihren tiefsten
Zielen her aus fordern miissen!
THEOSOPHIE UND ANTISOPHIE
Berlin, 6. November 1913
Bereits vor acht Tagen, als ich hier die Art der geistes-
wissenschaftlichen Forschung und ihre Beziehung zur gei-
stigen Welt auseinanderzusetzen versuchte, gestattete ich
mir darauf aufmerksam zu machen, wie es gerade den-
jenigen, welcher in dieser Geisteswissenschaft darinnensteht,
welcher in einer gewissen Beziehung seine Lebensziele in ihr
erkennt, durchaus nicht Uberrascht, wenn diese Geistes-
wissenschaft von den verschiedensten Gesichtspunkten der
Gegenwart aus die mannigfachste Gegnerschaft, Mifiver-
standnis und so weiter findet. Nun werde ich es durchaus
nicht als meine Aufgabe betrachten, in eine ja wenig f rucht-
bare Darlegung einzelner Gegnerschaften oder einzelner
Gesichtspunkte einzutreten, von denen aus solche Mifiver-
standnisse und Gegnerschaften erwachsen ; denn es gibt einen
anderen Standpunkt, den man dieser Sache gegeniiber ein-
nehmen kann. Das ist der, zu versuchen, einmal die Wur-
zeln einer jeden moglichen Gegnerschaft gegen die Geistes-
wissenschaft aufzudecken. Versteht man diese Wurzeln, dann
wird audi mancherlei einzelnes von Gegnerschaft erklarlich.
Nun mochte ich dasjenige, was ich mir nun schon seit
Jahren von diesem Orte aus als Geisteswissenschaft vor-
zutragen gestatte, durchaus nicht als einerlei erklaren mit
dem, was von dieser oder jener Seite her «Theosophie»
genannt wird. Denn, was heute zuweilen Theosophie ge-
nannt wird, bietet wenig Anreiz, um sich mit ihm irgend-
wie einverstanden zu erklaren. Aber nicht vom Standpunkte
zeitgenossischer Vorurteile aus, nicht vom Standpunkte
irgendwelcher ehrgeiziger Aspirationen aus, die den Namen
Theosophie okkupieren, sondern von elnem berechtigten
Gesichtspunkte aus kann die hier vertretene Geisteswissen-
schaft theosophisch genannt werden. Und damit rechtf ertigt
sich das Thema des heutigen Abends, welches das Verhalt-
nis besprechen will zwischen der Theosophie und dem-
jenigen, was in der menschlichen Natur selber sich, ich
mochte sagen, gegen diese Theosophie aufbaumt, was man
als eine Stimmung in der Menschenseele bezeichnen konnte,
die nur allzuleicht vorhanden ist, und die aus Leidenschaft,
aus Affekt, oftmals aber auch aus einem bestimmten Glau-
ben heraus sich gegen Theosophie wenden zu miissen denkt,
und die hier bezeichnet werden soil als Antisophie.
Wenn Sie ins Auge fassen, was heute vor acht Tagen
gesagt worden ist, so werden Sie sich erinnern, wie darauf
aufmerksam gemacht worden ist, dafi Geisteswissenschaft
oder, wollen wir heute sagen, weil eben Geisteswissenschaft
als theosophisch aufgefafit werden soli, dafi Theosophie
zu ihren Erkenntnissen kommt, wenn die Menschenseele
nicht einfach dort stehen bleibt, wo sie im alltaglichen
Leben steht, sondern wenn diese Menschenseele durch ihren
eigenen Antrieb, durch ihre eigene Tatigkeit in sich selber
eine Entwickelung durchmacht. Und diese Entwickelung
kann durchgemacht werden. Aus den Andeutungen, die
im ersten Vortrage dieses Winters gemacht worden sind,
haben wir gesehen, da£ die Menschenseele durch eine solche
Entwickelung zu einer ganz anderen inneren Verfassung
kommt, als sie dem alltaglichen Leben gegeniiber ist, dafi
die Art ihres Sich-Erfuhlens, die Art ihres Sich-Hinein-
stellens in die Welt eine ganz andere wird, als sie im All-
tage ist. Es wird gleichsam in der Menschenseele durch die
hier gemeinte Entwickelung etwas geboren, was wie ein
hoheres Selbst in dem gewohnlichen Seibst ist, ein hoheres
Selbst, welches, urn das Fichtesche Wort zu gebrauchen,
mit hoheren Sinnen ausgestattet ist, mit Sinnen, welche
eine wirkliche geistige "Welt wahrnehmen, wie die Seele mit
Hilfe der aufieren Sinne die natiirliche physische Welt
wahrnimmt. Darauf beruht alles bei der theosophischen
Erkenntnis, dafi diese Erkenntnis nicht durch die gewohn-
lidie Seelenverfassung gesucht werde, sondern durcli eine
erst zu entwickelnde Seelenverfassung. Man sieht aber
gleich, daft eine gewisse Voraussetzung dem eben Gesagten
zugrunde liegt, eine Voraussetzung, die allerdings fur den-
jenigen keine grofie Voraussetzung bleibt, der den in der
Schilderung dieser Entwickelung angedeuteten Weg wirk-
lich macht. Was eine Voraussetzung scheint, das wird fiir
ihn ein wirkliches Erlebnis, eine erfahrene Tatsache. Vor-
aussetzung scheint das, was im Grunde genommen, soviel
man audi dagegen einwenden mag und soviel dagegen ein-
gewendet wird, doch in jeder Menschenseele als Sehnsucht
lebt; Voraussetzung scheint es, dafi der Mensch, wenn er
nur tief genug in seine Seele hinuntersteigt, in dieser Seele
etwas findet, was ihn zusammenbindet mit dem gottlich-
geistigen Weltengrunde des Daseins. Den Punkt im eigenen
Selbst zu flnden, wo die selbstbewufite Seele in dem gott-
lich-geistigen Weltengrunde wurzelt, das ist doch das Ziel,
die Sehnsucht jeder Menschenseele. Und zu diesem Ziele, zu
dieser Sehnsucht bekennt sich vollbewufit alles das, was
sich Theosophie nennt, oder wenigstens zu nennen berech-
tigt ist. Demgemafi ware «Antisophie» sehr leicht in eine
Idee, in einen Begriff zu fassen. Es ware die Gegnerschaft
gegen alles das, was in der Sehnsucht mit dem Ziele lebt,
jenen tief en Punkt in der Menschenseele aufzufassen, in
welchem diese Menschenseele mit den ewigen Urquellen des
Daseins zusammenhangt.
Wie kann sich eine soldie Antisophie in der menschlichen
Seele entwickeln?
Man konnte zunachst glauben, dafi es paradox, sonder-
bar sei, dafi sidi eine Gegnerschaft gegen das erheben kann,
was man doch als das edelste Streben der Menschenseele
anerkennen miisse.Doch siehe da: gerade die Geisteswissen-
schaft zeigt, dafi Antisophie gar nicht etwas so ganz Will-
ktirliches in der menschlichen Seele ist, sondern dafi sie im
Gegenteil in der Menschenseele in einer gewissen Beziehung
notwendig begriindet ist, dafi sie in einer gewissen Be-
ziehung zur Natur, zum Wesen dieser Menschenseele ge-
hort. Die Menschenseele ist von vornherein eigentlich nicht
theosophisch gesinnt; sie ist von vornherein eigentlich anti-
sophisch gesinnt. Man mufi in einige Erkenntnisse der Gei-
steswissenschaft selber eingehen, wenn man diesen scheinbar
paradoxen Ausspruch in gehoriger Weise wiirdigen will.
Wenn der Geistesf orscher wirklich etwas von dem durch-
macht, was im vorigen Vortrage geschildert worden ist,
wenn er die charakterisierte Umstimmung, die andere Ver-
fassung seiner Seele erreicht, dann tritt er in eine wirkliche
geistige Welt ein. Vor seinem geistigen Blick ist dann das,
was aufiere Natur, auUeres Sinnensein genannt werden
kann, gleichsam wie unmittelbar ausgeloscht, ist nur wie
eine Erinnerung noch vorhanden an das, was im gewohn-
lichen Bewufitsein erfahren worden ist, und eine wirkliche,
reale Geisteswelt tritt auf, eine Geisteswelt, in welcher die
Menschenseele nicht nur in der Zeit zu erkennen ist, die sie
durchlebt zwischen Geburt oder Empfangnis und dem
Tode, sondern audi zu erkennen ist in der Zeit zwischen
dem Tode und einer nachsten Geburt. Es ist auf die wieder-
holten Erdenleben schon im letzten Vortrage aufmerksam
gemacht worden. Auf jenes Dasein also wird der Mensch
verwiesen, in welchem er ein Geist unter Geistern ist, in
welchem er ist, wenn er sein korperliches Dasein mit dem
Tode abgelegt hat. Und diese Welt wird erfahren, wie fiir
die aufieren Sinne die aufiere Natur Erfahrung ist; in dieser
Welt ist die Seele mit denjenigen Kraften, die dem Men-
schen nicht nur im gewohnlichen Bewufitsein entgegentre-
ten, sondern die dieses gewohnliche Bewulksein selber
zusammensetzen. Ja, das ist audi die Welt, welche die
Werkzeuge fiir das gewohnliche Bewufitsein und die ge-
samte Leiblichkeit mit dem gesamten Nervensystem auf-
baut. Eine Wahrheit wird es fiir den Geistesforscher, dafi
wir als Menschen nicht nur aus dem heraus aufgebaut sind,
was an Kraften in der Vererbungslinie liegt, was von un-
seren Ahnen abstammt, sondern dafi in das System dieser
physischen Krafte dasjenige eingreift, was aus geistig-see-
lischen Regionen herabkommt und ein System vongeistigen
Kraften darstellt, welche die physische Organisation er-
greifen, die uns von Vater und Mutter gegeben ist, und
darinnen dasjenige plastisch ausbilden, was wir gemaft den
fruheren Erdenleben werden sollen, die wir durchlebt
haben. Etwas wie eine Erweiterung der Erinnerung tritt
durch jene geistige Wissenschaft auf, von der ich das letzte
Mai gesprochen habe, eine Erweiterung der Erinnerung
uber das gegenwartige Erdendasein hinaus in Regionen
eines geistigen Erlebens.
Wenn wir die Welt und das menschliche Werden so be-
trachten, dann stellt sich eine gewisse Grenze, die in diesem
menschlichen Leben eintritt, ein gewisser Scheidepunkt in
einer ganz besonderen Weise vor die Seele. Es ist der
Scheidepunkt, der in der ersten Kindheitsentwickelung des
Menschen liegt. Da sehen wir, wie der Mensch in der aller-
ersten Kindheitsentwickelung etwas wie ein traumhaftes
Leben lebt, etwas lebt, wie ein Leben, welches sich die voile
Deutlichkeit des Ich-Bewufitseins, die voile Deutlichkeit
des Sich-Erinnerns an Erlebnisse erst aneignen mui Ein
dumpfes Bewufitsein ist dasjenige des ersten Kindheits-
alters. Der Mensch schlaft oder traumt sich sozusagen in das
Dasein herein, und das, wodurch wir uns eigentlidi als
Menschen ftihlen, unser entwickeltes Innenleben mit seinem
deutlichen Mittelpunkte des Selbstbewulkseins, das tritt
eben erst an einem bestimmten Wendepunkte unseresKind-
heitslebens auf. Was stellt sich im Sinne der Geisteswissen-
schaft eigentlidi vor diesem Wendepunkte dar?
Wenn der Geistesforscher das Kind betrachtet, bevor es
an diesen Wendepunkt gekommen ist, dann schaut er, wie
die geistigen Krafte, die aus der geistigen Welt herunter-
gekommen sind und den Organismus ergriflfen haben, um
ihn plastisch durchzubilden in Gemafiheit der friiheren Er-
denleben, voll arbeiten an dem ganzen Organismus. Und
weil die Gesamtheit der geistigen Krafte, welche die Seele
des Menschen ausmachen, sich in alles ergiefit, was im Or-
ganismus lebt und webt, was den Organismus bildet und
aufbaut und ihn so organisiert, dafi er spater das Werkzeug
des selbstbewufiten Wesens werden kann, weil also alles
an Kraflen in der Seele zum Aufbau dieses Organismus
verwendet wird, deshalb bleibt nichts zuriick, was im aller-
ersten Kindheitsalter irgendwie ein deutliches Selbst-
bewufitsein ergeben konnte. Die samtlichen Seelenkrafte
werden zum Aufbau des Organismus verwendet; und ein
Bewufitsein, das sich zum Aufbau des organischen Wesens
verwendet, kann es hochstens bis zur Traumhafbigkeit brin-
gen, ist aber zum grofien Teil ein schlafendes Bewufitsein,
Was tritt nun f iir das menschlkhe Wesen in jenem Wende-
punkte auf, von dem ich gesprochen habe?
Da bietet sich vom Organismus, vom Leibe her allmah-
lich immer mehr und mehr Widerstand. Man konnte diesen
Widerstand so bezeichnen, dafi man sagt: der Leib ver-
festigt sich allmahlich in sich selber; insbesondere das Ner-
vensystem verfestigt sich, lafit sich nicht mehr von den
Seelenkraften vollstandig frei, plastisch bearbeiten, bietet
Widerstand. Das heifit, ein Teil der Seelenkraft kann sich
nur in die menschliche Organisation hineinergieften; ein
anderer Teil wird gleichsam zuriickgeschlagen, kann nicht
Angriffspunkte finden, um sich in diese menschliche Or-
ganisation hineinzuarbeiten. Ich darf vielleicht ein Bild
gebrauchen, um zu zeigen, was da eigentlich vorgeht. Warum
konnen wir uns, wenn wir vor einem Spiegel stehen, immer
in dem Spiegel selber beschauen? Wir konnen es, weil die
Lichtstrahlen durch die spiegelnde Flache zuriickgeworfen
werden. In dem bloften Glase konnen wir uns nicht be-
schauen, weil die Lichtstrahlen durchgehen. So ist es beim
Kinde in seinem ersten Lebensalter: es kann kein Selbst-
bewufltsein entwickeln, weil alles, was an Seelenkraften
vorhanden ist, so durchgeht, wie die Lichtstrahlen durch
das blofie Glas. Erst von dem Augenblicke an, wo sich der
Organismus in sich selber verfestigt hat, wird ein Teil der
Seelenkraft zuriickgeworfen, so wie die Lichtstrahlen von
der Spiegelscheibe zuriickgeworfen werden. Da reflektiert
sich das Seelenleben in sich selber; und das sich in sich selber
reflektierende Seelenleben, das sich in sich selbst erlebt, ist
das, was als Selbstbewufitsein aufglanzt. Das ist es, was
unser eigentliches menschlich-wesenhaftes Erleben im Erden-
leben ausmacht. Und so leben wir denn, wenn der gekenn-
zeichnete Wendepunkt eingetreten ist, in diesem zuriick-
geworfenen Seelenleben.
Was bedeutet gegeniiber diesem Seelenleben nun die Ent-
wickelung, die der Geistesforscher durchmacht?
Diese Entwickelung, wie ich sie das letzte Mai geschildert
habe, sie ist tatsachlich, wie ich sagen mochte, ein Sprung
iiber einen Abgrund. Sie ist so, daft der Geistesforscher die
Region des zuriickgeworfenen Seelenlebens verlassen mufi,
dafi er alles verlassen mufi, was sidi eben nadi diesem
Wendepunkte als Seelenleben herausgestellt hat, und ein-
dringen mufi in diejenigen schopferisch tatigen, plastizie-
renden Seelenkrafte, welche vorhanden sind vor diesem
Wendepunkt. Nur mufi der Geistesforscher in das, was im
Menschen vor diesem Wendepunkte im zartesten Kindheits-
alter vorhanden ist, mit dem vollen Bewufitsein hmunter-
tauchen, mit demjenigen Bewufitsein, das er sich in dem re-
flektierten Seelenleben herangebildet hat. Da taucht er hin-
unter in jene Krafte, die den Organismus des Menschen im
zartesten Kindesalter aufbauen, die man spater nicht mehr
wahrnehmen kann, weil sich der Organismus wie zu einem
Spiegel umbildet. Ober diesen Abgrund mufi in der Tat
die Entwickelung des Geistesforschers schreiten. Aus dem,
was durch die organische Natur zuriickgeworfenes Seelen-
leben ist, mufi er eintreten in das schopferische geistig-see-
lische Leben. Er mufi, um diesen philosophischen Ausdruck
zu gebrauchen, von dem Geschaffenen zum SchafFenden
vordringen. Dann nimmt er etwas ganz Bestimmtes wahr,
wenn er in jene Tiefen hinuntertaucht, die gleichsam hinter
dem organischen Spiegel liegen. Dann nimmt er eben wirk-
lich jenen Punkt wahr, wo sich die Seele mit dem schaffen-
den Weltenquell des Daseins zusammenschliefit. Aber
aufierdem nimmt er noch etwas anderes wahr: er nimmt
wahr, wie es einen Sinn hat, dafi dieses Zuriickwerfen ge-
schehen ist. Ware der Wendepunkt nicht eingetreten, wiirde
das Zuriickwerfen nicht geschehen, dann hatte der Mensch
niemals zur vollen Entwickelung des Erdenbewufitseins,
zum deutlichen Selbstbewufitsein kommen konnen. In dieser
Beziehung ist das Erdenleben die Erziehung zum Selbst-
bewufitsein. Der Geistesforscher kann in die Region, die
sonst nur als Traum vom Menschen durchlebt wird, audi
nur dadurch eindringen, dafi er sidi die Vorbedingungen
dazu innerhalb des Erdenlebens erst geholt hat, dafi er sidi
zum Selbstbewulksein erzogen hat, und dann mit diesem
Selbstbewufttsem in jene Region eindringt, die sonst ohne
Selbstbewufksein durchlebt wird. Daraus aber ist ersicht-
lich, dafi das Wertvollste, was sich der Mensch fiir das
Erdenleben erwerben kann, das wache Selbstbewufitsein -
urn dessentwillen wir eigentlich in das Erdenleben herein-
gehen, fiir das gewohnliche Erleben abgesdilossen ist von
dem Erleben der eigentlichen Wurzeln des Daseins. Im All-
tage und in der gewohnlichen Wissenschaft lebt der Mensch
innerhalb desjenigen, was nach diesem Wendepunkte sein
Seelenleben durchwellt und durchwebt. Er mufi darin
leben, damit er gerade sein Erdenziel erreichen kann. Es
ist damit nicht gesagt, dafi er als Geistesforsdier nicht so-
zusagen daraus herausgehen darf und sich umschauen darf
in der anderen Region, wo seine Wurzeln liegen. - Viel-
leicht darf ich mich audi so ausdriicken: Der Mensch
mufi aus der Region der schaffenden Natur heraustreten,
um in seiner, in sich selber zuriickgeworfenen Wesenheit
sich gegeniiberzustellen und sich selbst zu finden gegeniiber
der geistig-seelischen Natur, die mit den Quellen des Da-
seins zusammenhangt.
So ist der Mensch tatsachlich, wie wir sehen, wegen seiner
Erdenaufgabe herausgestellt aus derjenigen Region, in der
er als Geistesforscher das finden mufi, was innerhalb der
Geisteswissenschaft gefunden werden kann. Wiirde der
Mensch, ohne die geisteswissenschaftliche Schulung zu haben,
jemals durcheinanderwerfen, was er in der einen oder in
der anderen Region erleben kann, so wiirde er niemals zu
einem wirklich deutlichen Drinnenstehen in der Welt in
solchen Momenten des Durcheinanderwerf ens kommen kon-
nen. Alles menschliche Sinnensein beruht darauf, dafi der
Mensch gerade herausgestellt ist aus dem, wo die Quelien
und Wurzeln des Daseins, wo die geistige Welt in ihrer
Intimitat zu finden ist. Und je mehr der Mensch in der
Sinneswelt leben will, je klarer er sich in dieselbe hinein-
stellen und sich in ihr erfuhlen will, desto mehr mufl er aus
der hoheren Welt heraustreten. Was wir als gewohnliches
alltagliches praktisches Wissen haben, das hat gerade seine
Starke, seine Kraft durch jenes Heraustreten, wie ich es
eben geschildert habe.
Ist es demgegenuber verwunderlich, wenn der Mensch
audi zunachst das schatzen lernt, was er hat, indem er aus
der geistigen Welt herausgestellt ist? Er steht ja im ge-
wohnlichen Leben nicht in der geistigen Welt drinnen, steht
nicht in demjenigen, was den Quell seines Daseins aus-
macht. Und er mufite aus diesem herausgestellt werden, um
sein Erdendasein in entsprechender Weise zu leben. Da-
durch entwickelt sich im Menschen ganz naturgemafi zu-
nachst die Schatzung alles desjenigen, was nicht mit dem
Quell des Daseins zusammenhangt. Es entwickelt sich die
Schatzung eines Wissens und ein Festhalten an allem, was
aufierhalb des Daseinsquells steht. So ist es naturlich, dafi
der Mensch, der eine solche Schatzung entwickelt, in dem
Augenblicke, wo etwas an ihn herantritt, was ihm Kunde
aus einer Welt bringen will, in der er zunachst nicht drin-
nen ist, dafi er dies ablehnt. Denn er mufi es im Grunde
genommen als etwas bezeichnen, aufierhalb dessen er natur-
gemafi steht. Der Mensch ist also durch sein Leben in seiner
Seele nicht daraufhin gestimmt, dasjenige anzuerkennen,
was ihn sozusagen mit dem Innersten der Welt zusammen-
halt, sondern das anzuerkennen, was ihn zusammenhalt in
sich selber, insofern er aufierhalb dieser geistig-seelischen
Weltenwurzel steht. Der Mensch ist im gewohnlichen Le-
ben antisophisch, nicht theosophisch gestimmt, und es ware
eine Naivitat, wenn man glauben wollte, dafi das gewohn-
lidie Leben anders als antisophisch gestimmt sein konnte.
Es kann erst theosophisdi gestimmt werden, wenn wie eine
Ruckerinnerung an eine verlorene Heimat in der Seele zu-
nachst die Sehnsudit - und dann durch das gesunde Er-
kennen immer mehr und mehr der Drang entsteht, in die
geistig-seelische Weltenwurzel selber einzudringen. Die
theosophische Gesinnung mufi aus der antisophischen Ge-
sinnung erst erworben werden. Das ist in einem Zeitalter,
wie es das unsrige ist, vielen Seelen im Grunde genommen
innerlich recht zuwider. In unserm Zeitalter, wo die aufiere
Kultur zu so bewundernswiirdigen Errungenschaften ge-
kommen ist, hat sich etwas herausgebildet, was ein natur-
gemafies Empfinden fiir das aufiere Erleben hervorruft,
einen naturgemafien Hang fiir das auftere Erleben, der
diese eben angedeutete Sehnsucht zuriickdrangt. Gerade
unserer Zeit gegeniiber ist es durchaus begreiflich, dafi die
Menschenseele antisophisch gestimmt ist. Aber man mufi
tatsachlich auf der einen Seite in der ganzen Natur der
menschlichen Entwickelung und auf der anderen Seite ge-
rade in dem, was sich in der Gegenwart darstellt, die Not-
wendigkeit einer theosophischen Vertiefung der Menschheit
fiir unsere Zeit anerkennen. Denn dem Betrachter der
menschlichen Geistesentwickelung treten so mancherlei
Dinge vor Augen. Es sei auf eines hingewiesen, was uns
zeigen kann, wie in unserer Zeit gewissermafien eine anti-
sophische Stimmung etwas wie eine Selbstverstandlich-
keit ist.
Diogenes Laertius erzahlt uns, wie einmal der alte grie-
chische Weise Pythagoras, der von dem Beherrscher von
Phlius, Leon, als ein sehr weiser Mann angesehen worden
ist, von diesem gefragt wurde, wie er sich eigentlich in das
Leben hineinstelle, wie er sich im Leben fiihle. Da soil
Pythagoras das Folgende gesagt haben: Mir kommt vor,
das Leben ist wie eine Festversammlung. Da kommen dann /
Menschen hin, urn sich als Kampfer an den Spielen zu be-
teiligen; andere kommen hin als Handler um des Gewinnes
willen; aber es gibt eine dritte Art von Leuten, die kommen
nur, um sich die Sache anzuschauen. Sie kommen weder, um
mit ihrer personlichen Teilnahme an den Spielen mitzutun,
nodi um des Gewinnes willen, sondern um sich die Sache
anzuschauen. So erscheint mir auch das Leben: die einen
gehen ihrem Vergniigen nach, die anderen gehen ihrem Ge-
winn nach; dann gibt es aber solche wie ich, der sich einen
Philosophen nennt als Forscher nach Wahrheit. Die sind
da, um sich das Leben anzuschauen; sie kommen sich vor
wie aus einer geistigen Heimat in die Erdenwelt versetzt,
sehen sich das Leben an, um in diese geistige Heimat dann
wieder zuriickzukehren.
Nun mufi man einen solchen Ausspruch selbstverstand-
lich als einen Vergleich nehmen, als ein Bild. Und man
wiirde wohl auch die vollstandige Ansicht des Pythagoras
erst bekommen, wenn man erganzend etwas hinzufugt,
ohne das dieser Ausspruch sehr leicht so gedeutet werden
konnte, als wenn die Philosophen nur die Gaffer und
Taugenichtse des Leben waren. Denn natiirlich meint Py-
thagoras, dafi die Philosophen bei ihrem Schauen nicht nur
dadurch ihren Mitmenschen niitzen konnen, indem sie diese
selber zum Schauen anregen, sondern indem sie das suchen,
was nicht unmittelbar in den Nutzen des Lebens gestellt ist.
Das ist aber das, was, indem es in sich selber immer weiter
und weiter ausgebildet wird, zu dem Wurzelquell des Da-
seins fuhrt; so dafi dieses, was gleichsam «ohne Nutzen»
erschaut wird, das ist, was zum Ewigen in der Menschen-
seele fuhrt. Das miifite man hinzufiigen. Aber Pythagoras
meinte, etwas Besonderes ausdrucken zu wollen: dafi man
in dem, was nicht in der Entwickelung der Menschenseele
in den aufieren Nutzen gestellt wird, sondern das in sidi
selber vertieft wird, den Antrieb findet, um in das ewig
Unvergangliche unterzutauchen; dafi man also etwas in der
Seele entwickeln miisse, was sich nicht im aufieren Leben
unmittelbar anwenden lafit, sondern das die Menschen-
seele aus einem inneren Drange, aus innerer Sehnsucht und
Zielstrebigkeit entwickelt. Die Anerkennung eines solchen
Strebens liegt uns da in grauer Vorzeit des europaischen
Geisteslebens bei Pythagoras vor.
Wenden wir jetzt den Blick auf eine Erscheinung der
neueren Zeit, die ich nicht erwahne, um philosophische Ku-
riosa zu erwahnen, sondern weil sie wirklich bezeichnend
ist fur die Art des Geisteslebens unserer Zeit.
Von Amerika aus hat sich nach Europa verbreitet - und
wird in Europa audi von einzelneh Personlichkeiten ge-
schatzt - eine Weltanschauung, die man Pragmatismus
nennt. Diese Weltanschauung nimmt sich gegemiber dem,
was Pythagoras von einer Weltanschauung fordert, recht
sonderbar aus. Ob irgend etwas, was die Menschenseele als
ihre Erkenntnis ausspricht, vor irgend etwas anderem als
dieser Menschenseele wahr oder falsch ist, darnach fragt
diese Weltanschauung des Pragmatismus im Grunde ge-
nommen gar nicht, sondern nur darnach, ob ein Gedanke,
den sich der Mensch als einen Weltanschauungsgedanken
bildet, fruchtbar und niitzlich ist fiir das Leben. Also nicht
darnach, ob irgend etwas in irgendeinem objektiven Sinne
wahr oder falsch ist, fragt der Pragmatismus, sondern zum
Beispiel nach folgendem. Nehmen wir gleich einen der be-
deutsamsten BegrifFe des Menschen: Soil der Mensch den-
ken, dafi ein einheitliches Selbst in ihm ist? Dieses einheit-
liche Selbst nimmt er ja nicht wahr. Wahr nimmt er die
Aufeinanderfolge von Empfindungen, Vorstellungen, Ideen
und so weiter. Aber es ist niitzlich, die Aufeinanderfolge der
Empfmdungen, Vorstellungen, Ideen so aufzufassen, als
wenn ein gemeinsames Selbst vorhanden ware; dadurch
kommt Ordnung in die Auffassung hinein, dadurch ver-
richtet der Mensch das, was er aus der Seele heraus ver-
richtet, wie aus einem Gusse heraus, dadurch zersplittert
sich nicht das Leben. Oder gehen wir zur hochsten Idee.
Auf den Wahrheitsgehalt des Gottes-BegrifTes kommt es
dem Pragmatismus gar nicht an, sondern er fragt: soil man
den Gedanken eines gottlichen Wesens fassen? Und er
kommt zu der Antwort: Es ist gut, dafi man den Gedan-
ken eines gottlichen Wesens fafk, denn wiirde man den
Gedanken nicht fassen, dafi die Welt regiert wiirde von
einem gottlichen Urwesen, so bliebe die Seele trostlos und
ode; es ist also gut fur die Seele, wenn sie diesen Gedanken
annimmt. - Da wird der Wert der Weltanschauung im
ganz entgegengesetzten Sinne gedeutet wie bei Pythagoras.
Bei diesem soil die Weltanschauung das deuten, was nicht
in den Nutzen des Lebens gestellt wird. Gegenwartig aber
breitet sich eine Weltanschauung aus, und es ist Aussicht
vorhanden, dafi sie viele Kopfe erfassen wird, die geradezu
sagt ~ und in der Praxis hat sie es schon getan -: Wertvoll
ist das, was so gedacht wird, als ob es da ware, damit das
Leben in der nutzbringendsten Weise fur den Menschen
verlauft!
Wir sehen: die Menschheitsentwickelung hat sich so voll-
zogen, dafi geradezu das Gegenteil dessen fur das Kenn-
zeichen einer richtigen Weltanschauung angesehen wird,
was sozusagen im Aufgange des europaischen Weltanschau-
ungslebens als solches angesehen worden ist. Das ist der
Weg, den die Menschheitsentwickelung in der Gesinnung
durchgemacht hat von der pythagoraischen Theosophie
zu der modernen pragmatischen Antisophie. Denn dieser
Pragmatismus ist durchaus Antisophie - ist Antisophie aus
dem Grunde, weil er alle Vorstellungen, die sidi die Seele
iiber etwas machen kann, was aufierhalb der Sinneswelt
liegt, unter dem Gesichtspunkte des praktisdien Wertes
und des Nutzens fur die Sinneswelt betrachtet. Das ist das
Bedeutsame, und das ist der andere Gesichtspunkt, den ich
zu erwahnen habe: dafi sidi gegen unsere Gegenwart zu
etwas in die Menschenseelen hineindrangt wie ein t)ber-
handnehmen der antisophischen Stimmung. Wie ist heute
das verbreitet, was einstmals Du Bois-Reymond als ein
glanzender Vertreter der Naturwissenschaft auf einer Na-
turforsdierversammlung in Leipzig (1872) als seine Igno-
rabimus-Rede entwickelte! Du Bois-Reymond gibt zu, und
er entwickelt es aufierordentlich geistvoll, dafi das, was im
rechten Sinne Wissenschaft genannt werden soil, es nur zu
tun haben konne mit den Gesetzen der aufieren Welt, der
Raumes- und Zeitwelt, und niemals dazu fiihren konne,
audi nur das geringste Element des Seelenlebens als solches
zu verstehen. Spater hat Du Bois-Reymond sogar noch
von «sieben Weltratseln» gesprochen - Wesen von Materie
und Kraft, Ursprung der Bewegung, erste Entstehung des
Lebens, zweckmafiige Einrichtung der Natur, Entstehen
der einfachen Sinnesempfindung und des Bewufitseins,
verniinftiges Denken und Ursprung der Sprache, Willens-
freiheit -, von denen er sagt, dafi sie die Wissenschaft
nicht ergreifen kann, weil die Wissenschaft schon ein-
mal auf ein Gebiet angewiesen ist, welches das des
«Naturalismus» sein mufi. Und charakteristisch endete
damals Du Bois-Reymond 1872 seine Auseinandersetzun-
gen, indem er meinte: man miifite in etwas ganz anderes
eindringen, wenn man audi nur das geringste Element des
Seelenlebens begreifen wollte, als in das Element der Wis-
senschaft: Mogen sie es doch mit dem einzigen Ausweg ver-
suchen, dem des Supranaturalismus. Und er fugte die
bedeutungsvollen Worte hinzu, die hinzugefiigt werden
sollen nicht als ein Beweis, denn jeder, der seine Ausein-
andersetzungen nimmt, kann sich davon tiberzeugen, dafi
sie nicht ein Beweis sind fiir irgend etwas, was von da oder
dort hergeleitet wird, wofiir diese oder jene Griinde an-
gegeben werden, sondern als etwas hinzugefiigt werden,
was er aus seiner Seelenstimmung heraus in ganz dogma-
tischer Weise gel tend macht: Nur da£, wo Supranaturalis-
mus anfangt, Wissenschaft aufhort.
Was heilk eine solche Hinzufiigung zu dem anderen
Satze, dafi man, um nur das einf achste seelische Element zu
begreifen, zum Supranaturalismus seine Zuflucht nehmen
mufi, dafi man hinzufiigt: Nur daiS, wo Supranaturalismus
anfangt, Wissenschafl; aufhort? Man kann eine eigentiim-
liche Entdeckung machen, die ich allerdings heute nur wie
eine Art Behauptung hinstellen kann, die aber durch vieles
in den folgenden Vortragen noch vollstandig aufgehellt
werden wird -, man kann eine merkwiirdige Entdeckung
machen, wenn man bei dem Umschau halt, was wissen-
schaftliches Leben der Gegenwart ist. Und um gleich bei
diesem zweiten Vortrage dieser Serie gegen ein Mifiver-
standnis, das immer wieder und wieder auftaucht, wenig-
stens einige Worte zu sagen, bemerke ich, dafi diese gan-
zen Vortrage hier in keiner Weise irgendwie gegnerisch
gegen die zeitgenossische Wissenschafl gemeint sind, son-
dern dafi sie von dem Gesichtspunkte einer vollen An-
erkennung dieser zeitgenossischen Wissenschaffc gehalten
werden, - insofern sich diese in ihren Grenzen halt. Ich
mufi das sagen, weil gerade immer wieder und wieder - ich
will nicht sagen, wie geartete Behauptungen auftreten, dafi
diese Vortrage hier in einem antiwissenschaftlichen Sinne
gehalten wiirden. Es ist das aber nicht der Fall. Trotzdem
also eine vollstandige Anerkennung der grofien glanzen-
den, bewunderungswiirdigen Erfolge moderner Wissen-
schaft allem zugrunde Hegt, was hier gesagt wird, mufi doch
darauf aufraerksam gemacht werden, dafi man streng be-
weisen kann: Nirgends im weiten Gebiete des ganzen
wissenschaftlichen Lebens findet sich fiir eine solche Behaup-
tung, dafi, wo Supranaturalismus anfangt, Wissenschaft
aufhort, audi nur die geringste Begrundung! Es findet sich
keine Begrundung. Man macht die Entdeckung, da& eine
solche Behauptung getan wird ohne jegliche Begrundung,
aus einem Willensakte, aus einer Empfindung heraus, aus
einer Seelenstimmung heraus, aus antisophischer Stim-
mung heraus. Und warum, das mufi die nachste Frage sein,
wird eine solche Behauptung getan? Dariiber kann nun
wieder die Geisteswissenschaft eine Art von Aufschlufi geben.
Eine solche Stimmung ist namlich gerade als «Stimmung»
au£erlich begreiflich aus alledem heraus, was heute aus-
einandergesetzt worden ist. Ich mufi allerdings, indem ich
auf die geisteswissenschaftliche Erklarung des oben Cha-
rakterisierten eingehen will, einiges voraussetzen. Es gibt
in der Menschenseele sehr vieles, was man bezeichnen kann
als unterbewufke Seelenerlebnisse, als Seelenerlebnisse,
welche so verlaufen, dafi sie durchaus in der Seele vorhan-
den sind, dafi sie unser seelisches Leben bestimmen, aber
nicht vollig in das klare Bewulksein des Tages herauf-
leuchten. Es gibt Tiefen des menschlichen Seelenlebens, die
nicht in Begriff en, Vorstellungen, Willensakten, wenigstens
nicht in den bewufiten, sich ausleben, sondern nur in dem
Charakter, der Art des Wollens, in dem Geprage des mensch-
lichen Seelenlebens. Ein unterbewufites Seelenleben gibt es;
und es ist alles, was im bewufiten Seelenleben sein kann,
was dann eine Rolle spielt, auch im Unterbewufiten. Affekte,
Leidenschaften, Sympathien und Antipathien, die wir im
gewohnlichen Leben in bewufiter Weise deutlidi in der Seele
erfuhlen, sie konnen audi in den unterbewufiten Regionen
sein, werden aber in diesen nicht wahrgenommen, sondern
wirken in der Seele wie eine Naturkraft, wirken so in der
Seele, wie zum Beispiel die Verdauung im Organismus un-
bewufit vor sich geht, - nur dafi sie seelisch und nicht phy-
sisch sind. Es gibt eine ganze Region des unterbewufiten
Seelenlebens. Und vieles von dem, was der Mensch im Le-
ben behauptet, was er im Leben glaubt und meint, das
glaubt und meint er durchaus nicht auf solche Vorausset-
zungen hin, deren er sich vollig bewuik 1st; sondern er
glaubt und meint es und vertritt es aus dem unterbewufi-
ten Seelenleben her aus, weil Affekte, Neigungen, deren er
sich nicht bewuEt ist, ihn dazu drangen. Sogar die aufiere
empirische Psychologie kommt in ihren besten Vertretern
heute schon darauf, dafi das, was der Mensch behauptet,
nicht in seinem vollen Umfange in der blofien Vernunft
Hegt, in dem, was der Mensch bewufit iiberschaut. Es gibt
einen ganzen Zweig der heutigen experimentellen Psycho-
logic, der sich damit beschaftigt. Stern ist ein Vertreter
dieser Richtung, die sich damit befafit, zu zeigen, wie der
Mensch selbst in wissenschafllichsten Behauptungen etwas
hat, was von seinen Sympathien und Antipathien, von
seinen Neigungen und Affekten die Farbung und die To-
nung erhalt. Und auch die bloft aufierliche Psychologie
wird nach und nach beweisen, dafi es ein Vorurteil ist,
wenn jemand glaubte, er konnte wirklich im alltaglichen
Leben oder in der gewohnlichen Wissenschaft alles iiber-
schauen, was ihn zum Aufstellen seiner Behauptungen
fuhrt. Es ist also heute, selbst fiir die aufiere Psychologie
oder Seelenlehre, durchaus nicht mehr eine absurde Be-
hauptung, wenn man unbedenklich die Entdeckung, die
eben genannt worden ist, so charakterisiert, dafi man sagt:
Wenn jemand davon spricht: Wo Supranaturalismus an-
fangt, hort Wissenschaft auf - das ist zwar als eine
Grundstimmung ausgesprochen von Du Bois-Reymond,
aber es ist audi eine Grundstimmung unzahliger Seelen der
Gegenwart, die gar nichts davon wissen so ist es kein
Wunder, wenn man es als aus dem unterbewufken Seelen-
leben herauftauchend auffafit. Aber wie kommt es herauf ?
Was drangt die Seele dazu, als Dogma hinzustellen: Wo
Supranaturalismus anfangt, hort Wissenschaft auf? Was
arbeitete damals in dem unterbewufiten Seelenleben bei
Du Bois-Reymond, und was arbeitet heute im unterbewufi-
ten Seelenleben bei Tausenden und Tausenden von Men-
schen, die im Leben tonangebend sind, wenn der Ausspruch
ertont oder so gefuhlt wird, als wenn er ihnen unterbewufit
zugrunde liegt? Dariiber gibt die Geisteswissenschafl fol-
gende Antwort.
Wir kennen im menschlichen Leben sehr wohl einen
AfFekt, den wir als Furcht, Schrecken, als Angstlichkeit
bezeichnen. Wenn dieser AfFekt der Furcht, des Schreckens
im gewohnlichen Leben auftritt, so ist er etwas, was jede
Menschenseele kennt. Audi iiber solche A£Fekte wie Furcht,
Schrecken, Angstlichkeit gibt es heute ganz interessante,
aufierliche wissenschaftliche Untersuchungen; so zum Bei-
spiel empfehle ich jedem, sich einmal die ausgezeichneten
Untersuchungen des danischen Forschers Lange iiber die
Gemiitsbewegungen anzusehen;unter diesen sind audi solche
iiber Furcht, Angstlichkeit und so weiter. Wenn wir im
gewohnlichen Dasein Schreck erleben, so tritt ja, insbeson-
dere wenn der Schreck einen gewissen Grad erreicht, etwas
ein, was in einer leisen Art den Menschen betaubt, so dafi
er seinen Organismus nicht mehr vollig in der Gewalt hat.
Man wird «starr vor Schrecken», man hat einen besonderen
Gesichtsausdruck, aber es treten audi allerlei besondere
Begleiterscheinungen des Schreckens im Leibesleben auf.
Diese Begleiterscheinungen sind heute auch schon von der
aufieren Wissenschaft ziemlich gut beschrieben, wie zum
Beispiel bei dem genannten Forscher. Soldier Schrecken
wirkt hinein bis in die Gef afinatur des Menschen und stellt
sich symptomatisch in derselben dar. Leiblich veranderte Zu-
stande undbesonders dasBediirfnis, sich auiSerlich an etwas
anzuhalten, treten beim Schreck auf. «Ich falle um» hat
schon mancher gesagt, der erschreckt war. Das weist tiefer
auf die Natur des Erschreckens hin, als man gewohnlich
meint. Das riihrt davon her, daf$ der Organismus, wenn die
Seele Schreck erlebt, Veranderungen erleidet. Es werden
die Krafte des Organismus wie krampf baft auf das Nerven-
system konzentriert; dieses wird gleichsam mit Seelenkraft
iiberladen; dadurch spannen sich gewisse Gefafie an, und
diese Spannung kann sich dann nicht auswirken.
Nun kommt aber die Geistesforschung und untersucht
die menschliche Seele dann, wenn sie in der Tatigkeit des
Denkens und Vorstellens ist, welches an die aufSere Natur,
an die aufiere Welt bingegeben ist. Man kann namlich die
Natur jener Art von Tatigkeit untersuchen, in welcher eine
Seele ist, die den ganzen iibrigen Leib in Ruhe, in einer ge-
wissen Verfassung Vi&t und das nach au£en gerichtete Den-
ken auf das au£ere Experiment, auf die au£ere Beobach-
tung lenkt. Wenn man sich geisteswissenschaftlich das Bild
eines solchen Menschen vorhalt, so ist es genau dasselbe wie
dasjenige eines Menschen, der in einem leisen Schreck ist.
So paradox dieser Ausspruch klingt: es ist so, dafi die Ab-
lenkung der Krafte der Seele von dem Gesamtorganismus
etwas ganz Ahnliches bewirkt wie Schrecken, wie Betau-
bung durch den Schreck. Jene «Kuhle» des Denkens, die
man in der wissenschaftlichen Beobachtung erzeugen mufi,
ist, so paradox es eben klingt, dem Schreck, der Angst ver-
wandt, namentlich der Furcht verwandt ; und ein angestreng-
ter Forscher, der wirklich in seinen Forschungsgedanken
drinnen lebt, ist, wenn seine Gedanken nach auiSen gerichtet
sind, oder wenn er iiber etwas nachdenkt, was in der Aufien-
welt ist, in einer Verfassung, die der Furcht verwandt ist.
Das unterscheidet das Hingegebensein an die Aufienwelt
gegemiber der geistesforscherischen Entwickelung, dafi diese
letztere darauf beruht, dafi die Seelentatigkeiten vom blo-
fien Gehirn losgelost werden, so dafi nicht das eintritt, was
bewirkt wird durch eine einseitige krampfhafte Anstren-
gung der Seelentatigkeit und des Hinfliefienlassens des
einen Teiles der Korpertatigkeit auf Kosten des anderen.
Und dieser, der Furcht verwandte Zustand erzeugt das,
was ich vorhin charakterisierte. Diese Furcht, von der ich
jetzt spreche, kann natiirlich jeder ableugnen, denn sie tritt
im Unterbewulken auf. Aber sie ist dort um so sicherer
vorhanden. In einer gewissen Beziehung ist der Forscher,
der sein Auge auf das Aufiere richtet, perennierend, fort-
flielSend in einer solchen Seelenstimmung, daft in den unter-
bewufiten Regionen seines Seelenlebens dasselbe waltet,*
was bewufit in einer Seele waltet, die in Furcht ist. Und
jetzt werde ich etwas sagen, was einfach klingt, was nicht
einfach gemeint ist, was aber vielleicht gerade durch die
Einf achheit eine Verstandigung bilden kann. Wenn jemand
in Furcht ist, so kann er sehr leicht in die Stimmung kom-
men, die sich mit den Worten bezeichnen lafit: Ich mufi
mich an etwas anhalten; ich brauche etwas, woran ich mich
halten kann, denn ich falle sonst um! Das ist die Stim-
mung des wissenschaftlichen Forschers, wie sie eben jetzt
geschildert worden ist: Er mufi sich auf das einseitige Den-
ken konzentrieren; er entwickelt unterbewulk Furcht und
braucht die aufiere sinneskraftige Materie, an der er sich
anhalten kann, damit er nicht in der unterbewufken Furcht
versinkt, die, wenn sie nidit zur Theosophie vorriickt, nichts
findet, woran sie sich halten kann, und die sonst, wie der
Furchtsame, der sich an irgendeinem Gegenstande halten
mochte, sidi an die Materie halt. Gebt mir etwas, was im
aufieren Materlellen ist, woran ich mich halten kann! -
diese Stimmung lebt im Unterbewufttsein des gewohnlichen
Wissenschafters. Das fuhrt zu den unterbewufiten Affekten
hin, als Wissenschafl: nur das gelten zu lassen, was keine
Furcht zulafit, weil man sich an die materialistische Ge-
staltung der Welt anhalt. Und das gibt die antisophische
Stimmung ein: Wo Supranaturalismus anfangt, hort Wis-
senschafl auf - hort namlich dasjenige auf, woran man
sich halten kann.
Es ist aber damit etwas gekennzeichnet, was begreif-
licherweise in einem Zeitalter vorhanden sein mufi, wo die
ganze Natur, die ganze Wesenheit des Zeitalters das Auf-
gehen in der aufierenBetrachtung und in der aufieren Natur
in vieler Beziehung fordert. Es ist damit etwas angedeutet,
was nicht in dem Einzelnen persbnlich lebt, sondern was
wirklich in alien denjenigen lebt, die heute eine antisophi-
sche Stimmung entwickeln, ob nun diese so auftritt, dafi ge-
sagt wird: Theosophie ist etwas, was die Wissenschafl iiber-
fliegt ; da ist keine Sicherheit drinnen, das verlafk den sicheren
Boden der Wissenschafl;, oder ob sie so auftritt, dafi jemand
sagt: Das fuhrt doch nur zu innerem oder aufierem Unfug,
was da die Leute als Theosophie vertreten; sicher ist doch
auf diesem Gebiete im wissenschaftlichen Sinne nichts, son-
dern man mufi dazu einen blofien Glauben entwickeln, der
von da oder dort herkommt. Ob jemand sagt: Mir wird
meine Familienordnung zerrissen, wenn sich ein Mitglied
der Familie zur Theosophie bekennt, oder ob ein anderer
sagt: Wenn ich mich der Theosophie hingebe, so werden
mir die Freuden des Lebens vergallt, - alle diese Dinge sind
naturlich nicht richtig, aber sie werden aus einer gewissen
Stimmung heraus gesagt: sie sind eine Verbr aiming der
antisophisdhen Stimmung. Und diese antisophisdie Stim-
mung ist begreif lich. Denn dem wirklich theosophisch Emp-
findenden, der da weiJft, dafi die Menschenseele dodi zu
ihrem Heil und zu ihrer Gesundheit immer den Zusam-
menhang mit der Welt suchen mufi, mit der sie in ihren
tiefsten Wurzeln zusammenhangt, ist nichts begreiflicher,
als die antisophisdie Stimmung. Jede Art von Gegnerschaft,
jede Art von Mifiverstandnis, jede Art sogar von Schimpfe-
rei, von Aufregung gegen dieTheosophie ist ja verstandlidi,
ganz verstandlidi. Und wer solche Mi^verstandnisse, solche
Gegnerschaft und dergleichen vorbringen mag, der sollte
doch nur immer bedenken, dafi er, wie er audi, sagen wir
gleich das Argste, wiiten mag oder zornig sein mag oder
sich Luft machen mag gegeniiber der Theosophie, damit
dem theosophisch Empfindenden nicht das allergeringste
Unverstandliche und Uberraschende sagt, weil dieser ihn
ja verstehen kann. Der theosophisch Empfindende unter-
scheidet sich von ihm nur dadurch, dafi der, welcher so
kampft oder wutet, selbst gewohnlich nicht weift, warum
er es tut, weil die Quellen dazu in dem Unterbewufken
liegen, das aus sich heraus die antisophisdie Stimmung an-
regt; wahrend der theosophisch Gesinnte zugleich wissen
kann, dafi diese antisophische Stimmung so lange das
Allernatiirlichste von der Welt ist, solange man nicht be-
griffen hat, was der Menschenseele edelstes Streben ist.
Nicht dafi man gut geurteilt hat, nicht dafi man logisch
gedacht hat, zeigt man, wenn man in der antisophischen
Stimmung ist, sondern nur das, dafi man noch nicht den
Schritt unternommen hat, um zu begreif en, dafi Theoso-
phie aus den Quellen des Daseins heraus spricht.
Und auch derjenige, welcher nicht Geistesforscher ist,
kann diese Theosophie verstehen, kann sie voll aufnehmen
und zum lebendigen Elixier, im geistigen Sinne gesprochen,
seines Seelenlebens machen. Denn warum? Weil das, was
vom Geistesforscher gleichsam jenseits des gewohnlichen
sinnlichen Erlebens erlebt wird, ausgedriickt werden kann
in derselben Sprache, in welcher die Erlebnisse des alltag-
lidien Lebens und der alltaglichen Wissenschaft ausgedriickt
werden. Das ist das Bemiihen gerade dieser Vortrage, dafi
dieselbe Sprache fiir die geistigen Regionen gesprochen
wird - nicht die auftere Sprache, sondern die Sprache der
Gedanken-, wie sie in der aufieren Wissenschaft gesprochen
wird. Allerdings kann man das Sonderbarste erleben, zum
Beispiel daft man bei denjenigen, welche sich gegen die
Theosophie aus der antisophischen Stimmung heraus wen-
den, die Sprache, die sie fiir das aufiere Leben und die
auftere Wissenschaft gelten lassen, nicht wiedererkennen
kann, wenn sie sich iiber das geistige Gebiet ergehen.
Was die Theosophie dem Menschen sein kann, das ist,
ihm die Moglichkeit eines Zusammenhanges mit dem Ur-
quell seines Daseins zu geben, ihn dann hinzuweisen auf
denjenigen Punkt, wo die Tiefen seiner Seele mit den Tie-
fen der Welt zusammenhangen. Dadurch dafi der Mensch
in der Theosophie die gottlich-schopferischen Krafte er-
greift, die ihn selber organisieren, die mit ihm ins Dasein
treten und seinen Leib ergreifen, um ihn plastisch durch-
zugestalten, dadurch steht der Mensch mit der Theosophie
innerhalb derjenigen Weltenkrafb drinnen, die neben dem
Leibe audi der Seele Gesundheit und Kraft, Sicherheit und
Hoffnung und alles, was sie fiir das Leben braucht, geben
kann. Wie der Mensch gegeniiber allem, was hinter der
physischen Welt ist, mit der Theosophie in den schopfe-
rischen Quell des Daseins eindringt, so dringt er auch in
bezug auf sein moralisches Leben in den schopferischen
Quell des Daseins ein. Das Dasein wird erhoht, im besten
Sinne erhoht. Der Mensdi fiihlt in der Theosophie seine
Bestimrnung, seinen Wert, fiihlt aber audi seine Aufgaben
und Pflichten in der Welt, weil er sich in Wahrheit mit
demjenigen zusammenhangend findet, an dem er sonst nur
ein unbewufites Glied ist. Das Leben aufierhalb dieses
Quelles, das Leben in Antisophie verodet das Dasein der
Seele. Im Grunde genommen ist alle Seelenode, aller Pessi-
mismus, aller Zweifel am Dasein, alles Niditzurechtkom-
men mit seinem Pflichtenleben, ist alles Fehlen von mora-
lischen Impulsen aus der antisophischen Stimmung des Le-
bens entsprungen. Theosophie ist nicht dazu da, um irgend
welche Ermahnungen und dergleichen zu geben, sondern
um auf den Wahrheitsgehalt des Lebens hinzudeuten. Wer
diesen Wahrheitsgehalt erkennt, der wird daraus die Im-
pulse des Lebens auf aufierem wie auf moralischem Gebiete
selber fmden. Theosophie setzt sozusagen die Menschen-
seele in den Stand, den sie haben mufi; denn sie gibt der
Seele das, wodurch sich diese wirklich wie versetzt fiihlt in
eine Fremde, in welche sie kommen mufite. Denn Theoso-
phie ist nicht erdenfeindlich. Wenn der Mensch sich durch
sie selbst versteht, dann versteht er sich so, daft er aus einer
Fremde, in der er sein mufi, um zu seiner vollen Menschen-
bedeutung zu kommen, wieder auf steigen mufi in die Welt,
in der er seine Wurzeln hat, in der seine Heimat liegt. Und
aus dieser Heimaterkenntnis, aus diesem Heimatempfmden
heraus, das die Theosophie geben kann, fliefien der Seele
Lebensmut, Lebenserkenntnis, Klarheit iiber ihre Pflichten,
iiber die Impulse des Lebens zu, die unter der antisophi-
schen Stimmung immer dunkel und stumpf bleiben, wenn
man audi meint, dafi sie noch so hell und klar sind. Theoso-
phie erzeugt in Wahrheit diejenige Stimmung, die, wenn
das Wort nicht mifibraucht wird, eine monistische Seelen-
stimmung werden kann, ein Sich-eins-Fuhlen mit dem die
Welt durchwebenden und durdilebenden Geiste. Und ein
Sich-Wissen in diesem Geiste ist Theosophie, ein soldies
Sich-Wissen in diesem Geiste, dafi man weiiS: Was in mir
lebt und webt, das wird durchpulst und durchkraftet von
dem Geiste, der durch alles Dasein zieht.
Eins fiihlten sich die besten Geister der Menschheits-
entwickelung dennoch mit dieser Theosophie, wenn sie audi
nicht immer zu dem aufgestiegen sind, was im Beginne des
zwanzigsten Jahrhunderts, denn die Weltentwickelung
schreitet vor, als Welterkenntnis gegeben werden kann.
Wenn Fichte, scharf in den Gedankengangen konturiert,
die Natur des menschlichen Ich hinzustellen versucht, durdi
ganze Biicher hindurch, und wenn sich ihm das, was sich
ihm aus ganz andersartigen Gedankengangen heraus, als
sie hier auseinandergesetzt sind, als Stimmung ergibt, gleich-
sam in die Worte zusammenkristallisiert: Der Mensch, der
sich in seinem Ich wirklich erlebt, erlebt sich in der geistigen
Welt drinnen -, dann ist das theosophische Stimmung, theo-
sophisches Weltbewufksein. Dann ist das etwas, was aus die-
sem theosophischen Weltbewufitsein eben gerade in Fichte
die schonen Worte gepragt hat, die sich wie eine notwen-
dige Konsequenz aus dem theosophischen Weltenbewufit-
sein heraus ausnehmen. Es ist ja wahrhafKg grandios, wie
Fichte in seinen Vorlesungen «Uber die Bestimmung des
Gelehrten» einige Satze gepragt hat, wo sich ihm wieder
das, woriiber er viel, viel gedacht hat, und was sich wie
eine theosophische Stimmung ausnimmt, in die Worte zu-
sammenkristallisiert: Wenn ich mich erkannt habe in mei-
nem Ich, in der geistigen Welt drinnen stehend, so habe ich
mich auch erkannt in meiner Bestimmung! Wir wiirden
sagen: dafi das Ich den Punkt gefunden habe, wo es in
seinem eigenen Sein mit den Wurzeln des Weltenseins zu-
sammenhangt. Und weiter sagt Fichte: «Ich hebe mein
Haupt kiihn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und
zu dem tobenden Wassersturz und zu den krachenden, in
einem Feuermeer schwimmenden Wolken und sage: ich bin
ewig und trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich,
und du Erde und du Himmel vermischt euch im wilden
Tumulte, und ihr Elemente alle, schaumet und tobet und
zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstaubchen
des Korpers, den ich mein nenne - mein Wille allein mit
seinem festen Plane soil kiihn und kalt iiber den Triim-
mern des Weltalls sdiweben. Denn idi habe meine Bestim-
mung ergriffen, und sie ist dauernder als ihr; sie ist ewig
und ich bin ewig wie sie.» Das ist ein Wort, das aus einer
theosophischen Stimmung kommt. Bei einer anderen Ge-
legenheit, als er die Vorrede zu seiner «Bestimmung des
Gelehrten» schrieb, hat er gegen den antisophischen Geist
die bedeutungsvollen Worte gesprochen: «Dafi Ideale in
der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir
anderen vielleicht so gut, als sie, vielleicht besser. Wir be-
haupten nur, dafi nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt,
und von denen, die dazu die Kraft in sich fiihlen, modifi-
ziert werden miisse. Gesetzt» - so sagt Fichte; ich wiirde mir
vielleicht nicht gestatten, dies so ohne weiteres zu sagen,
wenn es eben nicht Fichte sagte - «sie konnten auch da von
sich nicht iiberzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie
einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit
verliert nichts dabei. Es wird dadurch blofi das klar, dafi
nur auf sie nicht im Plane der Veredelung der Menschheit
gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fort-
setzen; iiber jene wolle die giitige Natur walten und ihnen
zu reenter Zeit Regen und Sonnenschein, zutragliche Nah-
rung und ungestorten Umlauf der Safte, und dabei - kluge
Gedanken verleihen!»
So sagt Fichte. Und einig fiihlt man sich in der theoso-
phischen Stimmung, wenn audi, wie gesagt, Geister ver-
gangener Zeiten uber die geistige Welt nicht in so konkreter
Weise sprechen konnten, wie es heute moglich ist, einig
fiihlt man sich mit diesen Personlichkeiten, welche dieses
theosophische Fiihlen, diese theosophische Stimmung hat-
ten. Darum fiihle ich mich, indem ich noch so Gewagtes in
diesen Vortragen sage, immer in jedem Worte, in jedem
Satze einig mit Goethe -und insbesondere einig mit Goethe
in der theosophischen Stimmung, die alles, was er gedacht
und gedichtet hat, voll und lebendig durchzieht; so dafi er
audi ein gutes Wort mit Bezug auf die theosophische und
antisophische Stimmung sagen konnte, ein Wort, mit dem
ich mir gestatten werde, diese heutige Betrachtung uber
«Theosophie und Antisophie» zum Abschlufi zu bringen.
Goethe hatte ein recht antisophisches Wort gehort, das von
einem glanzenden, bedeutenden Geiste, von Albrecht von
Haller, ausgegangen ist. Aber Albrecht von Haller lebte
im Grunde genommen in einer besonders antisophischen
Stimmung, obwohl er ein grower Naturforscher seiner Zeit
war; dennoch ist es ein antisophisches Wort, wenn er sagt:
Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Gliickselig! wem sie nur
Die aufire Schale weist!
Goethe empfand dies, wenn er audi nicht die Worte theo-
sophisch und antisophisch gebraucht, als eine antisophische
Stimmung. Und er charakterisiert etwas drastisch, aber
mit Worten, wodurch er eine solche Art der Betrachtung
abweisen wollte, den Eindruck, den das antisophische Wort
Hallers auf ihn machte, dem Gedanken Ausdruck gebend,
dafi die Seele unter einer solchen Betrachtungsweise sozu-
sagen sich selbst verlieren miifke, verlieren miifke die Kraft
und die Wiirde, die ihr gegeben sind, um sich selbst zu er-
kennen:
«In$ Innre der Natur -»
O du Philister! -
«Dringt kein erscbaffner Geist»,
Mich und Gescrrwister
Mogt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken, Ort fiir Ort
Sind wir im Innern.
«GlUckselig y wem sie nur
Die aufire Scbale weist!»
Das hor' ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend, tausend Male:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich priife du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
GEISTESWISSENSCHAFT
UND RELIGIOSES BEKENNTNIS
Berlin, 20. November 1913
Bevor ich in dieser Vortragsserie zu den einzelnen Ergeb-
nissen der Geisteswissenschaft, die im Laufe dieses Winters
angefiihrt werden sollen, iibergehe, was vom nachsten Vor-
trage an geschehen soil, sei heute einleitend eine Betrach-
tung angestellt iiber eines der vielen Mifiverstandnisse,
welches von unserer gegenwartigen Zeitbildung der hier
gemeinten Geisteswissenschaft entgegengebracht wird.
Immer wieder und wieder kann man ja unter den ver-
schiedenerlei Einwanden auch den horen, da£ die Geistes-
wissenschaft den Menschen von dem abbringe, was ihm als
religioses Bekenntnis, als religioses Leben, als religiose
Weltauffassung wert und teuer, ja vielleicht innerlich intim
notwendig ist. Und warum sollte man denn in der Gegen-
wart in einer gewissen berechtigten Weise nicht eine solche
Befiirchtung haben, gerade wenn die Geisteswissenschaft,
wie es ja hier schon betont worden ist und noch ofter wird
betont werden miissen, im wirklichen echten Sinne die
Fortsetzerin und Erfiillerin der Naturwissenschaft sein
will, wie sie sich seit drei bis vier Jahrhunderten in unserm
Geistesleben herausgebildet hat. Wie sollte man dies denn
nicht befiirchten, da doch in weiten Kreisen unserer gegen-
wartigen Gebildeten gerade die Meinung vertreten wird,
dafi die naturwissenschaftliche Denkweise, daft eine Welt-
anschauung, die, wie man so sagt, auf dem festen Boden
der Naturwissenschaft aufgebaut ist, nichts zu tun haben
konne mit jenen Voraussetzungen, diedem religiosen Leben
zugrunde liegen? Es ist tatsachlich die Meinung vieler, daft
derjenige, der sich in der Gegenwart wirklidi bis zu jener
Hohe emporarbeitet, welche die, wie man eben so sagt,
«wahre Wissenschaft» der Gegenwart gibt, sicli frei machen
miisse von dem, was man durch lange Zeiten menschlicher
Entwickelung hindurdi religioses Leben, religioses Bekennt-
nis genannt hat. Und in vielen Kreisen gilt es ja, dafi reli-
giose Vorstellungsart, religioses Fiihlen und Denken einer
Art kindlidier Entwickelungsstufe der Menschheit ent-
spreche, wahrend wir in das reife Zeitalter menschlicher
Geistesentwickelung eingetreten seien, das dazu berufen
sei, die alten religiosen Vorurteile, die eben einer kind-
lichen Auffassung entsprachen, abzustreifen und zu dem-
jenigen iiberzugehen, was eine rein wissenschaftliche Vor-
stellungsweise oder vielleicht Weltanschauung ist.
Wenn man bei vielen Menschen der Gegenwart Umschau
halt, so wird man eine solche Stimmung, wie sie eben
charakterisiert worden ist, heute sehr haufig finden. Aber
auch ein geschichtlicher Uberblick iiber die allerjiingste
Phase menschlichen Geisteslebens, iiber die letzten Zeiten
des neunzehnten Jahrhunderts kann den Eindruck hervor-
rufen, der etwa in folgender Weise zu charakterisieren
ist: Religiose Geister, Menschen, denen es um die Rettung,
um die Pflege religiosen Sinnes zu tun war, sie fuhlten sich
- das ist eine charakteristische Erscheinung vielfach gerade
des neunzehnten Jahrhunderts da sie die Religion ge-
fahrdet glaubten, von einem bestimmten Gesichtspunkte
aus gezwungen, das Gebiet des religiosen Lebens gegeniiber
dem Ansturm des neuzeitlichen wissenschaftlichen Lebens
zu retten. Das geht wiederum bis in unsere Tage herein.
Und zahlreich sind dieSchriften, die Li teraturwerke, welche
gerade in unseren Tagen von philosophischen oder anderen
Standpunkten aus sich die Aufgabe stellen, die Notwen-
digkeit des religiosen Lebens fiir die menschliche Seele
auseinanderzusetzen gegeniiber alien Anforderungen der
wissenschaftlichen Denkweise und Weltanschauungen. Es
miifite ja allerdings viel auseinandergesetzt werden, wenn
auf die Grundlagen hingewiesen werden sollte, die so zahl-
reidi zu solchen Behauptungen berechtigen, wie sie eben
gemacht worden sind. Es konnte zum Beispiel, weil dies
eine charakterisusche, eine symptomatische Ersclieinung ist,
diebezeugt, wiebei einzelnen DenkerpersonKchkeiten etwas
lebte, was in den Herzen vieler schlummerte, es konnte hin-
gewiesen werden auf die Bestrebungen der Ritschl-Her-
mann'schen Theologenschule. Nicht um diese Schule zu
charakterisieren, nidit um den ausgezeichneten Religions-
denker Ritschl zu charakterisieren, sei darauf hingedeutet,
oder um das zu charakterisieren, was Ritschl und seine An-
hanger erstrebten. Weniger sei der eigentliche Inhalt der
Ritschl-Hermann'schen Anschauung hier gegeben, als viel-
mehr die Stimmung, aus der sie herausgewachsen ist.
Man sieht in Ritschl einen Denker, einen tief religiosen
Denker, der sich eben dazu berufen fuhlte, die Religion, als
religioses Gut, gegeniiber dem Ansturm wissenschafUicher
Erkenntnis zu schutzen. Wie suchte er dies zu vollbringen?
Er suchte es zu vollbringen, indem er sagte: Nehmen wir
einmal die Wissenschaft, wie sie sich im Laufe der letzten
drei bis vier Jahrhunderte herauf entfaltet hat, so zeigt sie,
wie sie Errungenschaft uber Errungenschaft in bezug auf
eine Naturerkenntnis erreicht hat, wie der menschliche Ver-
stand in die Geheimnisse der materiellen Auftenwelt ein-
gedrungen ist. Und wenn man Umschau halt uber alles,
was so im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte er-
rungen worden ist, so mufi man sagen: Aus alledem etwas
herauszupressen - so sagte sich Ritschl -, was die mensch-
lidie Seele so ergreifen konnte, wie die religiosen Wahr-
heiten und das religiose Bekenntnis die menschliche Seele
ergreifen sollen, - das kann man nicht. Daher suchen
Ritschl und seine Schiiler nach einer ganz anderen Quelle
fur das religiose Bekenntnis. Sie sagen sich: Stets wird die
Religion gefahrdet sein, wenn man sie auf jene Erkenntnis-
art stiitzen will, wie sie audi in der Naturwissenschaft iiblich
ist, und stets wird man vor der Unmoglichkeit stehen, aus
der naturwissenschaftlichen Denkart selbst etwas heraus-
zupressen, was die Menschenseele begeistern und durch-
dringen konnte. Daher mufi man ein fiir allemal darauf
verzichten, in die Religion etwas einzumischen, was Gegen-
stand der Wissenschaft ist. Aber dafiir gibt es in der mensch-
lichen Seele ein urspriingliches Glaubensleben, das sich nur
frei halten miisse, sich ganz getrennt halten miisse von jeg-
licher Invasion der Wissenschaft, und das, wenn es sich ent-
faltet und sich innerlich belebt, zu in sich selbst bestehenden
Erlebnissen, zu innerlichen Tatsachen kommen konne,
welche die Menschenseele in Zusammenhang bringen mit
dem, was eben Inhalt des religiosen Bekenntnisses sein
miisse.
So also sucht diese Schule das religiose Bekenntnis zu
retten, indem sie dasselbe zu reinigen versucht von jeglicher
Invasion des Wissenschafllichen. Wenn so die Seele, die
darauf verzichtet im religiosen Glaubensleben etwas zu
haben, was auch nur von feme dem ahniich sehen konnte,
was auf wissenschaftlichem Wege errungen wird - wenn so
die Seele dieses in ihr selber gereinigte Leben entfaltet,
dann steigt ihr innerlich das auf, was ihren Zusammenhang
mit den gottlichen Urgrunden des Daseins bedeutet; dann
fiihlt sie, dafi sie innerlich, als seelische Tatsache, ihren Zu-
sammenhang mit dem Gottlichen in sich tragt.
Wenn man nun auf solche Bestrebungen wie die der
Ritschl-Hermann'schen Schule, die ja viele, namentlich
theologische Denker heute noch beherrscht, tiefer eingeht,
dann sieht man aber sofort: Ja, wie der Mensch heute ist,
wie sein gegenwartiges Seelenleben ist mit allem, was in
diesem Seelenleben lebt, so kann ja in einer gewissen Weise,
man mochte sagen, eine Art sehr durchdestillierten Mysti-
zismus aus dieser Seele herausgeholt werden; aber wenn
es sich darum handelt - das zeigt gerade die Ritschrsche
Schule - wirklich einzelne religiose oder Glaubenswahr-
heiten zu haben, dann sieht sich eine solche Denkrichtung
dazu gezwungen, doch von irgendwoher die Seele mit
einem Inhalt anzufiillen, weil sie sonst in einem ganz engen
mystischen Leben befangen bleiben mufke. Und so nimmt
diese selbe Ritschrsche Schule auf der anderen Seite doch
wiederum das Evangelium auf, nimmt die Wahrheiten
auf, die durch das Evangelium vermittelt werden und lafit
eine tiefe Klufl zwischen ihrer Anforderung: nur aus der
Seele selbst heraus die Glaubenswahrheiten, die gottlichen
Wahrheiten zu entwickeln - wodurch aber in dieser Schule
nimmer eine einzelne Seele dazu kommen konnte, den-
selben Inhalt aus sich heraus zu entwickeln, der in den
Evangelien steht - lafit eine tiefe Klufl zwischen dem, was
die Seele aus sich heraus gewinnen kann und dem, was die
Seele dann doch wieder von aufien durch die Off enbarun-
gen der Evangelien in sich herein nimmt- Ja, zu einer noch
tiefer en Klufl kann es kommen, und das haben die An-
hanger dieser Schule selbst bemerkt, wenn sie sagten: Jeder
Mensch kann, wenn er sich unbefangen dem iiberlafit, was
in seiner Seele sprielk und sproftt, zu einem gewissen Zu-
sammenhange mit dem Gottlichen kommen, das in seine
Seele hereinspricht. Du stehst ja mit deiner Seele in einem
gottlich-geistigen Zusammenhange. Aber die einzelnen See-
len konnten nicht zu solchen inneren Erlebnissen kom-
men, wie sie etwa Paulus oder Augustinus gehabt haben.
Solche Erlebnisse mussen daher doch auch von aufien her-
eingenommen werden. Kurz, in dem Augenblick, wo eine
solche Richtung, die rein durch das religiose Gefuhl, eben
mit Austreibung aller Wissenschaftlichkeit, zu dem religio-
sen Bekenntnis kommen will, wo eine solche Schule einen
wirklichen Inhalt begehrt, wo sie nicht nur begehrt in den
allgemeinen Gefuhlen des gottlichen inneren Erlebens my-
stisch zu weben, sondern wo sie anstrebt in Gedanken aus-
zusprechen, wie der Zusammenhang der Seele mit dem
Gottlichen ist: da ist sie gezwungen, ihr eigenes Prinzip zu
sprengen! Und zu denselben widerspruchsvollen Anschau-
ungen wiirden wir gefuhrt werden, wenn wir versuchen
wollten, die religios-philosophischen Anschauungen des
neunzehnten Jahrhunderts, wie sie sich bis in unsere Zeit
hinein entwickelt haben, vor unserer Seele voriiberziehen
zu lassen.
Das aber mufi doch gesagt werden: Es ist charakteristisch,
daft viele ernste, sehr ernste Denker auf dem Gebiete der
Religionsforschung gerungen haben nur nach einem Begriff,
nach einer Idee, nach einer Definition der Religion, und
dafi man im Grunde genommen, wenn man iiber das Um-
schau zu halten versucht, was auf diesem Gebiete geleistet
worden ist, nicht einmal einen befriedigenden BegrifF von
dem finden kann, was Religion ist, wie Religion in der
menschlichen Seele entsteht, aus welchen Impulsen der
Menschenseele sie hervorquillt. Das ist etwas, was gerade
bei den ernsten Religionsforschungen des neunzehnten Jahr-
hunderts, und bis in unsere Zeit herein, durchaus in ein
weites Netz von Polemik verstrickt ist. Da gibt es Leute,
die davon sprechen, dafi die Menschen von einer gewissen
Art, die Natur zu verehren, dazu aufgestiegen sind, hinter
den Naturerscheinungen ein Gottliches, ein Geistiges zu
vermuten und dann dieses Gottliche, dieses Geistige in der
Natur zu verehren. Da gibt es solche Forscher, die der an-
deren Meinung sind, dafS das religiose Bediirfnis von dem
ausgegangen sei, was -man Seelenkult nennen konnte. Der
Mensch sah zum Beispiel, um gleich auf das Konkrete ein-
zugehen, die Mensdien hinsterben, die ihm teuer waren,
und er konnte sich nicht denken, dafS das, was ihren inner-
sten Wesenskern ausmacht, vergangen sei; so versetzte er
sie in eine "Welt, in der er sie weiter verehrte. Ahnen-Ver-
ehrung, Seelenkult, so meinen solche Forscher, sei der Ur-
sprung des reKgiosen Fiihlens und Empfindens. Dann seien
die Menschen weitergegangen, hatten das, was sie in dem
Menschen fiihlten und verehrten, auch in die Natur hinaus-
versetzt; so dafi die Vergottlichung der Naturkrafte dadurch
entstanden sei, dafi man urspriinglich nur Ahnenseelen als
f ortlebend angenommen habe, aber solche verehrten Ahnen-
seelen habe man ins Gottliche erhoben und zu Herrschern
iiber Naturkrafte und Welten gemacht. - Eine dritte Stro-
mung, deren Meinung insbesondere der Religionsforscher
Leopold von Schroeder klar ausgesprochen hat, sagt, es
zeige sich in der menschlichen Natur, und gerade die Er-
forschung auch der primitivsten Volker bezeuge dies, ein
Trieb, ein tatsachlicher Trieb und Impuls, hinter alien Er-
scheinungen eine gute Wesenheit anzunehmen, welche iiber
das Gute in der Welt wache; und die Ausbildung dieses
Triebes und Impulses sehe man in den verschiedenen Re-
ligionen und religiosen Bekenntnissen.
Gegen jede solche Anschauung kann man zeigen - die
Zeit reicht heute dazu nicht aus, ich kann es nur andeuten -,
wie sie auf irgend etwas nicht pafit, was man, wenn man
einfach ein Verstandnis fur das religiose Leben und das
religiose Bekenntnis des Menschen hat, nach diesem Ver-
standnisse doch als Religion bezeichnen raui Da sich die
Geisteswissenschaft so, wie sie hier gemeint ist, als etwas
unserer Geistesbildung Neues in die Menschheitsentwicke-
lung hineinstellen will, so wiirde es wenig fruchten, wenn
diese Geisteswissenscliaft sich mit all diesen Anschauungen
liber die Grundlagen, uber Ursprung und Wesen des reli-
giosen Bekenntnisses auseinandersetzen wollte. Denn das
muft gesagt werden, dafi der BHck auf alle diese Ausein-
andersetzungen im Grunde genommen die eine Frage un-
befriedigt laiSt: Wie steht es mit dem religiosen Bekennt-
nis innerhalb der Gesamtheit der menschlichen Natur, der
menschlichen Personlichkeit? Daher werde ich audi dies-
mal in ahnlicher Art verfahren, wie ich das letzte Mai mit
der Erorterung uber «Antisophie» verfahren bin. Wie ich
nicht darauf einging, was an Antisophie da oder dort
hervortritt, sondern gerade vom geisteswissenschaftlichen
Standpunkte aus einleitend zu zeigen versuchte, wie Anti-
sophie in der menschlichen Natur als soldier, begriindet
ist, und wie man sich nicht zu wundern braucht, wenn sie
da oder dort auftritt, so werde ich versuchen, den Grund
der Religion in der menschlichen Natur zu schildern, um
dann zeigen zu konnen, wie die Geisteswissenschaft, die als
solche auf das Ganze der menschlichen Natur geht oder
wenigstens gehen will, sich im ganzen in das Leben hinein-
stellt, das in der menschlichen Seele von einem religiosen
Bekenntnis getragen sein will.
Geisteswissenschaft ist ja ihrer ganzen Anlage, ihrem
ganzen Wesen nach weniger dazu berufen, sich in pole-
mische Auseinandersetzungen einzulassen; sie ist vor alien
Dingen dazu berufen, zu schildern, wie sich die Dinge ver-
halten, um es dann jedem selbst zu iiberlassen, welches
Verhaltnis diese Geisteswissenschaft zu den einzelnen Zwei-
gen und Stromungen des menschlichen Seelenlebens haben
kann. Daher soli es audi heute nicht meine Aufgabe sein,
mich mit dem religiosen Bekenntnis als solchem geistes-
wissenschaftlich auseinanderzusetzen, sondern zu zeigen,
was Geisteswissenschaft sein will, und was religioses Be-
kenntnis sein kann, urn es dann im Grunde genommen
jedem selbst zu iiberlassen, was daraus in bezug auf das
Verhaltnis der beiden fiir Schliisse zu Ziehen sind. Da wird
es sich vor alien Dingen darum handeln, auf einiges auf-
merksam zu machen, was audi schon in diesen einleitenden
Vortragen iiber das Charakteristische der Geisteswissen-
schaft gesagt worden ist, und es in Zusammenhang zu brin-
gen mit einigen der tieferen Grundlagen der menschlichen
Natur.
Geisteswissenschaft, Geistesforschung, so ist auseinander-
gesetzt worden, beruht darauf, dafi die menschliche Seele
sich umzuwandeln vermag, eine innere, intime Entwicke-
lung durchzumachen vermag, wodurch sie iiber das gewohn-
liche Anschauen des Alltags und auch iiber die gewohnlichen
Anschauungen der au£eren Wissenschaft hinauswachst und
zu einer besonderen Erkenntnisart sich aufschwingt. Gei-
steswissenschafl setzt voraus, da£ ihr Forschungen zugrunde
liegen, welche aus einer so von dem Korperlich-Physischen
unabhangig gemachten Seele stammen, aus einer Seele, die
in ihren Erlebnissen von der physischen Korperlichkeit
unabhangig geworden ist. "Wenn diese Seele durch ihre
Entwickelung im Seelisch-Geistigen sich und die Welt selber
erlebt, dann kommt sie zu Anschauungen, welche nicht die
Sinneswelt, sondern welche die Geisteswelt betreffen. Der
Geistesforscher versetzt sich also durch die schon angedeu-
teten Obungen, die in den folgenden Vortragen weiter be-
sprochen werden sollen, mit seiner Seele, nachdem er diese
umgewandelt hat, in die geistige Welt hinein. Er ist dann
in der geistigen Welt darinnen und redet, innerhalb ihrer
stehend, von den Wesenheiten und Vorgangen der geistigen
Welt. Dieses Sichhineinversetzen in die geistige Welt wird
erreicht in versduedenen Stufen, und im Grunde genom-
men habe idi diese Entwickelung, welche die Seele dabei
durchmacht, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?» auseinandergesetzt. Wir wer-
den zu der heutigen Betrachtung gerade diese Stufen etwas
diarakterisieren miissen.
Wenn durch eine solche Steigerung der Aufmerksamkeit,
der Hingabe, wie sie in den beiden Vortragen «Die geistige
Welt und die Geisteswissenschaft» und «Theosophie und
Antisophie» angedeutet worden ist, die menschliche Seele
zum Erleben unabhangig von dem Physisch-Leiblichen
kommt, dann ist ihr Erleben zuerst so, dafi man die Vor-
stellungen, die Empfindungen, den ganzen Seeleninhalt, zu
welchem die Seele dann kommt, eine imaginative Welt nen-
nen kann, eine imaginative Welt nicht aus dem Grunde,
weil diese Welt eine blofie Einbildung ware, sondern weil
in der Tat das, was die Seele in sich erlebt, wenn sie sich
gleichsam von dem Miterleben mit der Sinneswelt abhebt,
wie aus dem Meere des Innenseins heraufkommt, sich
herauferhebt und zunachst eine innerliche, rein geistige
Bilderwelt, eine voll gesattigte Bilderwelt ist, Falsdi ware
es, wenn jemand in diesef Bilderwelt, die also aus dem
Meere des menschlidienSeelenlebens herausspriefit, sogleich
eine Kundgebung der geistigen Welt selber sehen wiirde;
denn diese Bilderwelt, diese imaginative Welt bezeugt zu-
nachst nichts anderes, als dafi das Innerliche, Seelische sich
erkraftet, verstarkt hat, so dafi es nicht nur aus sich heraus
Vorstellungen, Empfindungen, innere Impulse in Anleh-
nung an aufiere Sinneseindriicke erleben kann, sondern dafi
es sich eben so verstarkt hat, dafi aus seinem eigenen Schofie
eine Bilderwelt hervorquillt, in der die Seele leben kann.
Diese Bilderwelt, die namentlich durch eine Steigerung
dessen erreictit wird, was man im gewohnlichen Leben
Aufmerksamkeit nennt, ist sozusagen zunachst nur ein
Mittel, urn in die wirkliche geistige "Welt hineinzudringen.
Denn wie diese Bilderwelt auftritt, kann niemals von
irgendeinem Bilde gesagt werden, ob es einer geistigen Wirk-
lichkeit entspreche oder nidit; sondern da mufi etwas an-
deres hinzutreten, was wieder erreicht wird durch eine
Steigerung der Hingabe, damit nun von einer ganz anderen
Seite her, als es der Mensch gewohnt ist, namlich von der
geistigen Welt her, in diese Bilder Inhalt quillt. Durch seine
weitere Entwickelung erreicht der Geistesforscher, dafi er
von einem solchen Bilde sagen kann: Da hinein quillt
geis tiger Inhalt; es ofFenbart sich dir durch dieses Bild,
das du in deiner Seele aufsteigen gefuhlt hast, ein Wesen
oder ein Vorgang der geistigen Welt. Wie du die aufteren
Farben als Ausdruck der aulSeren Sinnesvorgange und der
aufieren Sinneswesen ansiehst, so darfst du diese Welt, weil
sich darin die geistige Welt einsaugt, als ein Bild der gei-
stigen Welt ansehen. Anderes mu£t du ablehnen. - Man
lernt auf diese Weise diese Bilderwelt mit Bezug auf die
geistige Welt so erleben, wie die Buchstaben fiir das ge-
wohnliche Leben. Wie die Buchstaben nur etwas ausdriicken,
wenn man sie im Geiste zu Worten zusammenzufiigen
versteht, die bedeutungsvoll sind, wie die Buchstaben da
erst Ausdrucksmittel sind, so sind die Bilder der geistigen
Welt erst wirklich die Kundgebungen einer geistigen Welt,
wenn sie Ausdrucksmittel werden fiir eine Welt, in die sich
die Seele des Geistesforschers hineinzuversetzen vermag.
Dabei geht in der Tat das vor sich, was man nennen konnte
ein volliges Ausloschen der gesamten imaginativen Welt.
Denn die Bilder setzen sich um, kombinieren sich in der
mannigfachsten Weise. Wie die Buchstaben aus dem Setz-
kasten des Setzers genommen und zu Worten geformt
werden, so werden gleidisam die Imaginationen durchein-
andergeworfen im geistigen Wahrnehmen und werden zu
Ausdrucksmitteln fur erne geistige Welt, wenn sich der
Geistesforscher zu der zweiten Stufe einer hoheren Er-
kenntnis erhebt, die man nennen kann - man stofte sich
nicht an dem Ausdruck — die inspirierte Erkenntnis, die
Erkenntnis durch Inspiration. Da fiigt sich innerhalb der
inspirierten Erkenntnis in diese Bilder, zu deren Erleben
man in der Seele fahig geworden ist, die objektive geistige
Welt hinein. Aber in dieser Inspiration erlangt man doch
nur etwas, was man bezeichnen konnte als die Aufienseite
der geistigen Vorgange und Wesenheiten. Man mufi sozu-
sagen, um in die geistige Welt wirklich hineinzukommen,
in die Dinge untertauchen, mufi eins werden mit den Din-
gen der geistigen Welt. Das geschieht in der Intuition, in
der dritten Stufe geistiger Erkenntnis. So steigt der Geistes-
forscher durch Imagination, Inspiration und Intuition in
das Gebiet der geistigen Welt hinein. Mit der Intuition
stent er in der geistigen Welt so darinnen, dafi dann sein
eigenes geistig-seelisches Selbst unabhangig geworden ist
von allem Leiblichen, wie es naher beschrieben ist in «Wie
erlangt manErkenntnisse der hoheren Welten?» und unter-
getaucht ist in die geistigen Wesenheiten der Welt, soweit
das fur seine Befahigung moglich ist. Damit ist das charak-
terisiert, was man nennen kann das Verhaltnis der Geistes-
forschung zu der geistigen Welt, ein Drinnenstehen in der
geistigen Welt, ein Sich-Einsfiihlen und ein mit den Wesen
und Vorgangen der geistigen Welt einhergehendes Erleben
des Geistigen. Das mufi als das Charakteristikum der Gei-
steswissenschaft aufgefafit werden.
Nun handelt es sich darum: Wenn eine solche Geistes-
wissenschafl: entsteht, wie sie auf dem Wege einer solchen
Forschung entstehen kann, wie kann dann ein Verhaltnis
dieser Geisteswissenschafl, dieser Geistesforschung zu dem
religiosen Bekenntnis gedacht werden?
Das wird sich ergeben, wenn wir nun das menschliche
Seelen- und Personlichkeitsleben, wie es im Weltenganzen
drinnen steht, in seiner Totalitat, in seiner Ganzheit be-
trachten. Da bietet sich uns etwas dar, was genannt werden
konnte die Klimax der Seelenentfaltungen, und von dieser
Klimax der Seelenentfaltungen mochte ich heute zu Ihnen
sprechen.
In der Tat entfaltet sich die menschliche Seele im wirk-
lichen vollen Leben drinnen, man mochte sagen, in vier
Stufen. Damit kein Mifiverstandnis entsteht, damit nicht
der Glaube entstehen konnte, als ob durch das Wort Klimax
die eine oder die andere Stufe als vornehmer oder hoher
bezeichnet werde, so mochte ich nur sagen, dafi vier ver-
schiedene Stufen, tiber deren Wert gar nichts ausgesagt wer-
den soil, in der menschlichen Seelenentf altung unterschieden
werden. Da haben wir zunachst die Stufe, welche wir be-
zeicVinen konnen als das sinnlicVie Erleben der Aufienwelt.
Im sinnlichen Erleben der AufSenwelt steht der Mensch in
der Tat in dem ganzen Weltgeschehen darinnen, wenn auch
nur im materiellen Weltgeschehen; und es geht gar nicht an,
dafi man den Menschen anders betrachtet, insofern er sich
auf der Stufe des sinnlichen Wahrnehmens befmdet, als
mitten drinnen stehend in der materiellen Welt.
In bezug auf das, was hier gemeint ist, erlebt man gerade
in der Gegenwart ganz sonderbare Dinge. Als diejemgen,
welche jetzt mehr oder weniger weit uber die erste Lebens-
halfte hinaus sind, jung waren und damals vielleicht philo-
sophische Studien getrieben haben, da gait es ja als etwas
Selbstverstandliches, daft man sich wenigstens in der einen
oder anderen Form zu dem Kant-Schopenhauerschen Satze
bekannte: «Die Welt ist meine Vorstellung.» Ich habe schon
darauf aufmerksam gemacht, dafi das ganz gewohnliche
Erleben, so trivial es klingt, diesen Satz umwerfen mui
Denn man mufi, wenn man sich in die Wirklichkeit hinein-
stellen will, trotz all der Ausfuhrungen, die auf diesem
Gebiete gemacht worden sind und die auf nichts anderem
als auf Mifiverstehen beruhen, sagen: Der gesund Erlebende
mufi unterscheiden zwischen seiner Vorstellung und dem,
was er Wahrnehmung zu nennen beruf en ist. Wenn zwischen
Vorstellung und Wahrnehmung kein Unterschied ware,
wenn das ganze Tableau der Aufienwelt meine Vorstellung
ware, so miifke der Mensch ein Snick heiftes Eisen von
500 ° Celsius, das er sich nur vorstellt, ebenso empfinden,
wenn er es an sein Gesicht legt, wie ein wirkliches Stuck
Eisen von 500 °. Der Mensch mufi, indem er sinnlich wahr-
nimmt, in der Stromung der AuEenwelt drinnen stehen.
Und jetzt kann man es erleben, dafi Philosophen wie zum
Beispiel Bergson wiederherzustellen versuchen, was man
in der Jugend Naivitat nannte. Man nannte es einen
«naiven Realismus», wenn man den Menschen in dem
Strome der materiellen Welt unmittelbar drinnen stehend
erblickte. Bergson sucht wieder zu zeigen, geradeso, als
wenn die Philosophie bei ihm erst wieder beginnen wiirde,
dafi diese Anschauung die richtige ist, dafi man sich den
Menschen als sinnlichen Wahrnehmer drinnen stehend den-
ken mull in der Welt der sinnlichen Gesetze. Da steht man
also sinnlich wahrnehmend in der Welt drinnen, und das
Charakteristische ist, dafi die einzelnen Sinne gleichsam ge-
trennte Weltengebilde wahrnehmen: eine Welt der Farben
und des Lichtes, eine Welt der Tone, eine Welt der Warme-
differenzierungen, eine Welt der Harte und Weichheit und
so weiter. Die einzelnen Sinne stehen auf dieser ersten
Stufe des menschlichen Welterlebens in dem Strom des
Weltgeschehens drinnen. Da bekommen wir auf dem Wege
der Wahrnehmung, unmittelbar drinnen stehend in der
sinnlichen, materielien Welt, ein Weltbild. Dieses Welt-
bild begleitet uns durch das Leben; mit diesem Weltbilde
betatigen wir uns, unter seinem Eindruck handeln wir, es
beherrscht uns, und wir beherrschen wiederum ein Stiick
Welt von diesem Weltbilde aus. So stent der Mensch, indem
er ganz in den sinnlichen Weltenweiten lebt, in dem Strom
des Weltgeschehens darinnen, insofern dieser materiell ist.
Er ist gleichsam selbst ein Stiick dieses Weltgeschehens,
fiihlt und erlebt sich und bekommt auf diese Weise sein
Weltbild.
Eine zweite Stufe dieses Welterlebens kann genannt
werden die Stufe des asthetischen Erlebens, gleichgultig, ob
sie im kiinstlerischen Schaffen oder im kunstlerischen Emp-
finden und Anschauen auftritt. Wenn man sich nur ober-
flachlich klar machen will: Wie erlebt man im asthetischen
Erleben? - so mufi man sagen: In erster Linie ist das astheti-
sche Empfinden gegeniiber dem blofien sinnlichen ein inner-
liches Erleben. Wenn man Licht und Farben wahrnimmt,
so ist man durch das Auge an Licht und Farben hingegeben;
wenn man Tone wahrnimmt, ist man durch das Ohr an
die Welt der Tone hingegeben; man ist gleichsam partiell
an die Aufienwelt hingegeben und steht mit einem Stiick
seines Seins in der Welt drinnen. Jeder aber, der iiber das
kiinstlerische Schaffen oder iiber den kunstlerischen Genuft,
iiber das kiinstlerische Anschauen und iiber das asthetische
Empfinden nachgedacht hat, wird wissen, daft das astheti-
sche Empfinden erstens wesentlich inner licher ist, als das
blolSe sinnliche Wahrnehmen; und zweitens ist es umfang-
licher, indem es aus dem Einheitlichen der menschlichen
Natur herauskommt. Daher geniigt zum asthetischen Emp-
finden nicht, dafi wir eine Summe von Farben sehen oder
eine Summe von Tonen horen; es mufi der Enthusiasmus,
die innere Freude beim asthetischen Erleben hinzutreten.
Wenn ich bloE wahrnehme, so nehme ich Farben wahr und
suche ein Bild des sinnlich gegebenen Dinges zu bekommen;
wenn ich asthetisch anschaue, so lebt meine ganze Person-
lichkeit mit. Was von einem Bilde, das einen kiinstlerischen
Inhalt hat, in mich uberstromt, das ergreift mich ganz,
Freude, Sympathie oder Antipathie, Lust, Erhebung durch-
stromt mich; die ergreifen aber die ganze Personlichkeit.
Wir werden im Verlaufe dieser Vortrage horen, daft zu
einem solchen Erleben, das verinnerlicht ist, wenn es sich
audi an Dinge der Auftenwelt, an Kunstwerke oder an
die schone Natur anschliefk, ein zweites Glied der mensch-
lichen Natur notwendig ist. Wenn auch eine solche An-
nahme in unserm gegenwartigen Geistesleben verpont ist,
wenn auch schon der Ausdruck fur ein solches Glied der
menschlichen Natur verpont ist, die Annahme wird sich
rechtfertigen. Wenn der Mensch mit seinem korperlichen,
sinnlichen Wahrnehmen der Aufienwelt gegeniiber steht,
wenn er gleichsam blofi den Strom des aufieren Geschehens
an sich herankommen lafit, also mit seinem physischen
Leibe die Vorgange erlebt, so erlebt er als asthetisch An-
schauender etwas mit, was viel innerlicher mit ihm, mit
seiner Wesenheit zusammenhangt: er erlebt mit dem, was
wir den asthetischen Menschenleib oder das asthetische
Menschenwesen nennen, das nicht an ein einzelnes Organ
gebunden ist, sondern den ganzen Menschen als eine Ein-
heit durchdringt. Der Mensch macht sich im asthetischen
Genufi, indem er allerdings von der Sinneswelt ausgeht,
von dieser Sinneswelt frei. Von diesem Freimachen, von
diesem innerlich Freiwerden hatte eine 2eit, welche die
Zeit Goethes ist, viel mehr eine Vorstellung als unsere
Zeit. Unsere Zeit ist ja - wir werden uber diese Erscheinun-
gen noch viel zu sprechen haben - die Zeit des Materialis-
mus, die Zeit des Naturalismus. Die empfindet es schon
als etwas Ungerechtfertigtes, wenn sich der Mensch in
kiinstlerischem Anschauen abtrennen will von dem aufler-
lich-sinnlichen Anschauen, von der sinnlichen Wahrneh-
mung; daher verbietet man gleichsam im heutigen Natura-
lismus solches kunstlerische Schaffen, das sich von dem
aufieren, sinnlichen Anschauen losmacht.
Das Goethesche Zeitalter, insbesondere Goethe und
Schiller selber, liefien allerdings das, was nur Nachahmung
der Natur ist, was etwas vor uns hinstellt, was schon in
der Natur ist, nicht als wirkliche Kunst gelten, sondern es
forderte, dafi dasjenige, was Kunst sein soil, innerlich vom
Menschen ergrifFen und umgeformt sein miisse. Aber es
sieht dabei noch auf einen anderen Gedanken. Goethe
spricht ihn aus, spricht ihn besonders schon aus, als er durch
Italien wandert, wo sich sein Ideal, die alte Kunst zu
studieren, erfullt hat. Nachdem er vorher zu Hause mit
Herder und anderen den spinozistischen Gott studiert hat,
da schreibt er nach Hause: «Die hohen Kunstwerke sind
zugleich als die hochsten Naturwerke von Menschen nach
wahren und natiirlichen Gesetzen hervorgebracht worden.
Alles Willkiirliche, Eingebildete fallt zusammen: da ist
Notwendigkeit, da ist Gott.» Das ist dieselbe Gesinnung,
wie wenn Goethe einmal sagt: Die Kunst ist eine Mani-
festation geheimer Naturgesetze, die ohne sie nicht offen-
bar werden konnten. Oder wenn er sagt: der Kiinstler hat
es nicht mit einer Phantastik zu tun, sondern er kommt ge-
radezu durch das Anschauen des aufterlichen Leiblichen
audi in das Kunstlerische hinein. Daher reden Goethe und
Schiller von einem Wahren in der Kunst und bringen das
Erleben des Kiinstlers mit dem Erleben des Erkennenden
zusammen. Sie fuhlen, dafi sich der Kiinstler zwar von
der aufieren Natur trennt, sondert, dafi er aber in dem,
was er innerlidi erlebt, naher stent demjenigen, was hinter
alien Naturerscheinungen geistig waltet und wirkt. Daher
sprechen solche Mensdien von einem Wahren in diesem
asthetischen Schauen, in diesem asthetischen Erleben. Goethe
sagt sogar einmal sehr schon, als er einen von ihm ver-
ehrten Asthetiker, Wmckelmann, bespricht, dafi Kunst eine
Fortsetzung und menschlicher Abschlufi der Natur ist,
«denn, indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt
ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in
sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu
steigert er sich, indem er sich mit alien Vollkommenheiten
und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie
und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion
des Kunstwerkes erhebt.» - Es wiirde zu weit fuhren, wenn
ich nun wiederum zeigen wollte, wie in der Tat der Mensch,
indem er sich also in der asthetischen Anschauung zwar von
der aufieren Naturanschauung entfernt, innerlich aber eine
Wahrheit ergreift, wie in der Tat fur denjenigen, der asthe-
tisch erleben kann, es eine tiefe Bedeutung hat, gegeniiber
einem Bilde, gegeniiber einem Drama, einem Skulptur-
werke oder einem Musikwerke das eine Mai zu sagen: Das
hat eine innerliche Wahrheit - oder das andere Mai: Es ist
verlogen, ohne dafi gemeint ist, es sei der Natur nach-
geahmt. Von kimstlerischer "Wahrheit in der Asthetik zu
sprechen ist etwas, was in der menschlichen Natur tief be-
griindet ist. Es gibt eine Wahrheit und einen Irrtum auf
diesem Gebiete, der nicht blofi darin besteht, dafi man
schlecht die aufiere Natur nachbildet.
Dennoch, man kommt, wenn man also zum asthetischen
Anschauen vorriickt, aus dem Gebiete derjenigen Anschau-
ung, die im gewohnlichen Sinne wirklich zu nennen ist,
in das Gebiet der Pbantasie hinein, in eine Bilderwelt.
Schon aufierlich angesehen stellt sich die Phantasiewelt
der Kunst, verglichen mit der imaginativen Welt des Gei-
stesforschers, so dar, dafi sich die Phantasiewelt wie ein
wirklidies Schattenbild zwar, aber doch wie ein Schatten-
bild ausnimmt. Die imaginative Welt des Geistesforschers
dagegen ist voll gesattigt von einer neuen Wirklichkeit.
Die Phantasiewelt der Kunst ist das, was sich aus der un-
mittelbaren sinnlichen Anschauung zurikkzieht und wie
im inneren Erleben gerade noch einen Zusammenhang mit
der Menschenseele behalt, einen Zusammenhang, der aber
nicht derjenige mit der Sinneswelt ist. Daher ist die Kunst
- man braucht sich daruber nur einigen Aufschlufi in Schil-
lers Briefen iiber die « Asthetische Erziehung des Menschen»
zu holen - das, was den Menschen in freier Art iiber das
sklavische Hereinnehmen der Anschauungen der Sinnes-
welt heraushebt. Die Kunst ist das, was den Menschen von
der Sinneswelt loslost und ihm zum ersten Male das Be-
wufitsein gibt: Du erlebst, auch wenn du nicht blofi die
Sinneswelt in dich einstromen lafit; du stehst in der Welt
drinnen, auch wenn du dich loslosest von der Welt, in die
sinnlich dein Leib hineingestellt ist. - Diese Stimmung, die
durch die Kunst gegeben wird, ist das, was dem Menschen
in seiner Entwickelung ein Gefiihl von seiner Bestimmung
gibt, von seinem nicht blofi Gebanntsein in die physische
Welt. Aber tatsachlich ist es so, wie wenn in der Kunst das
imaginative Leben sich wie in einem Schattenbild zeigte.
Mit vollerem Leben gesattigt als das blojRe Phantasieleben
ist das imaginative Leben. Das ware die zweite Stufe in
der Klimax der menschlichen Seelenentfaltung.
Die dritte Stufe in dieser Klimax ist nun dadurch zu
charakterisieren, dafi man sagt: Der Mensch verinnerlicht
skh durch diese dritte Stufe noch mehr. In der Kunst hat
er sich von aufien nach innen bewegt, hat sich losgelost von
der AuEerlichkeit. Nun ist es denkbar, daft der Mensch
iiber das aufiere Erleben vollig hinwegsieht, rein innerlich
erlebt, sich nur auf sich selbst stellt, so sich auf sich selbst
stellt, dafi er nidit wie in der Kunst, wie in der Phantasie-
schopfung dasjenige, was er vorstellt, mit dem durch-
trankt, was er wahrgenommen hat, obwohl er es von der
Wahrnehmung befreit, sondern gar nichts von Wahrge-
nommenem in sidi hereinlafk. Da wiirde er der Sinneswelt
noch entfernter mit seinem ganz vereinsamten, vollig ent-
leerten inneren Leben dastehen, finster und stumm um ihn
herum die aufiere Welt, Sehnsucht nach irgend etwas in
seiner Seele, nichts aber gegenwartig, wenn nicht von einer
ganz anderen Seite her in diese Seele etwas hereinkommen
konnte, die also von aller Aufkrlichkeit entleert ist. Ge-
radeso wie die materielle Welt von auiften an uns heran-
kommt, wenn wir ihr unsere Sinne entgegenhalten, so
kommt uns die geistige Welt innerlich entgegen, wenn wir
in der geschilderten Weise nichts in unsere Seele herein-
lassen und doch im wachen Zustande wartend dastehen.
Was wir da erleben, das erst kann uns von unserem wahren
Menschenwesen iiberzeugen; das zeigt uns erst, uns in un-
serer wahrsten Selbstandigkeit, in unserer wahrsten Inner-
lichkeit. Und dafi da etwas hereinkommen kann, was nicht
von aufien hereinkommt, das bezeugt das Vorhandensein
der religiosenVorstellungen aller Zeiten. Der Mensch bewegt
sich, wenn er sich von der sinnlichen Wahrnehmung zu der
asthetischen Anschauung hinbewegt, im normalen Leben
gleichsam bis zu einem Strome des Vergessens, des Nicht-
erlebens. Ober diesen Strom schwimmt er hiniiber in seine
Innerlichkeit hinein. Wenn in seine Innerlichkeit Inhalt
kommt aus einer ganz anderen Welt, dann ist dieser Inhalt
der religiose Inhalt. Es ist der Inhalt, durch den der Mensch
wissen kann, dafi es iiber die Sinneswelt hinaus eine Welt
gibt, cine Welt, die durch keine aufieren Sinnesorgane, die
audi niciit durdi eine solche Verarbeitung der Sinnesein-
driicke, wie es durch die Phantasie geschieht, erreicht wer-
den kann, sondern die mit Ausschlufi alles Phantasielebens
in rein innerlicher Hingebung aus dem Unsichtbaren herein-
stromen lalk, was nun die Seele von innen geistig tragt und
halt, geradeso, wie unseren Korper die aufiere Natur tragt
und halt, der ja gar nicht bestehen konnte, wenn er nicht
als ein Stiick der aufteren Natur bestehen wiirde. Sich als
ein Stiick der aufiersinnlichen, geistigen Welt zu erfiihlen,
ist dem Menschen ebenso selbstverstandlich, wie es ihm
beim auikrlichen Farbenwahrnehmen selbstverstandlich ist,
dafi er Gegenstande voraussetzt, wenn er solche Farben
wahrnimmt.
Nun mufi an diesem Punkte auf etwas sehr Wichtiges
aufmerksam gemacht werden. Es gab, wie wir noch sehen
werden, in der menschlichen Entwickelung Zeiten, in denen
es dem Menschen ebenso absurd vorgekommen ware zu
sagen: ich fuhle etwas, aber dieses Gefiihl wird nicht an-
geregt von einer gottlich-geistigen Welt, wie es heute dem
Menschen, wenn er gesund denkt, absurd vorkommt, dafi
er die Hand ausstreckend Warme fiihlen und nicht sagen
wiirde: da ist ein Gegenstand, der mich brennt. Fur das
gesamte menschliche Seelenleben ist es, wenn man so etwas
fiihlt, ebenso gesund zu sagen: da ragt eine geistige Welt
in uns herein, wie es gesund ist, wenn uns etwas brennt,
auf einen brennenden Gegenstand hinzuweisen. Nun liegt
hier etwas vor, was uns klar werden wird, wenn wir zwar
heute noch nicht ganz herausgekommene Anschauungen ins
Auge fassen; aber es leben diese Anschauungen schon auf
dem Grunde der Seelenwelten. Immer mehr verbreitet sich
durch die Naturwissenschaft die Anschauung, dafi alles,
was der Mensch erlebt, nur seine Vorstellungen seien. Ich
habe schon darauf hingewiesen. Es 1st schon unter den
Naturgelehrten ganz gang und gabe zu sagen: Was ich
als Farben wahrnehme, das besteht nur in meinem Auge;
was ich als Tone hore, ist nur in meinem Ohr; da draufien
sind uberall nur bewegte Atome. - Wie kann man es doch
immer wieder lesen: Wenn ich eine Farbe wahrnehme, so
schwingen draufien Atherwellen mit so und so schneller
Geschwindigkeit; da draufien ist nur bewegte Materiel Es
ist naturlich eine Inkonsequenz, wenn man Farben leugnet,
noch die Materie anzunehmen! Daher gibt es heute schon
die sogenannten Immanenz-Philosophen, welche sagen, dafi
alles, was wir wahrnehmen, nur eine subjektive Welt ware.
Und denkbar ware es, das liegt zwar nodi in der Zukunft,
dafi gesagt wiirde: Daft ich mit meinen Augen Licht und
Farben wahrnehme, ist ja gewifi; aber von irgend etwas zu
wissen, was Licht und Farben veranlafit, das ist unmog-
lich; dafi ich mit meinen Ohren Tone wahrnehme, ist ge-
wift; aber von dem, was die Tone hervorbringt, etwas zu
wissen, das ist unmoglich. Was auf diesem Gebiete die-
jenigen sagen, welche die Gelehrten sein wollen, das sagen
schon seit Jahrhunderten die zur materialistischen An-
schauung vorriickenden Menschen im allgemeinen gegen-
iiber dem inner lich Erlebten. Wie heute der vorurteilsvolle
Philosoph sagt: Die Farbe, die ich wahrnehme, habe ich
nur in meinem Auge; was sie veranlafit, das weifi ich nicht, -
so sagt sich die Menschheit im allgemeinen: Mein Gefiihl
habe ich in mir; wie es aber von der geistigen Welt herein
bewirkt wird, dariiber kann nichts gewufit werden. In
bezug auf das Innenerleben bezieht man eben durch ein
Vorurteil seit Jahrhunderten, ja, schon seit Jahrtausenden
das Erlebte nicht mehr auf ein Objektives, das in diesem
Falle ein Geistiges sein wiirde, wie gewisse Philosophen die
Eindrucke der AuEenwelt nicht mehr auf wirkliche Vor-
gange des aufieren Lebens beziehen wollen. Gesundes
menschliches Seelenleben aber fiihlt sich, wie es sich mit
seinen Farbenwahrnehmungen in der materiellen Sinnes-
welt drinnen fiihlt, so mit seinen Gefuhlen in der Welt der
Geistigkeit, in dem Strome des geistigen Erlebens drinnen.
Und wie es fur das gesunde Seelenleben absurd ist zu glau-
ben, die Farbe spricht nur aus dem Auge heraus, so ist es
fur ein wirklich gesundes Seelenleben absurd zu behaupten:
das Gefiihl spricht nur aus der Seele heraus, es sei nicht
angeregt durch eine gottlich-geistige Welt aufier uns. Und
dieses gesunde Gefiihl der Seele entspricht einem dritten
Gliede der menschlichen Natur, jenem Gliede, von dem
wir zeigen werden, dafi es sich im Schlafe aus dem phy-
sischen Leibe herausbewegt, wahrend des Wachens aber in
demselben drinnen ist: Wir haben dies den astralischen Leib
des Menschen genannt. Unser atherischer Leib vermittelt
uns die asthetischen Anschauungen; unser astralischer Leib,
wenn er sich nicht dem ungesunden Glauben hingibt, dafi
aus dem Nichts heraus in ihm selber sein Inhalt quillt, son-
dern wenn er wei$, da£ aus der geistigen Welt, wenn er
darinnen lebt, die Gef iihle und so weiter entstehen -, unser
astralischer Leib erlebt sich religios. Er ist naturgemafi der
Teil unserer Natur, der sich religios erleben mufi. Es ist
kein Wunder, dafi sehr leicht unmittelbar aus der mensch-
lichen Organisation heraus ein Ableugnen, ein Sichauf-
lehnen gegen die religiosen Wahrheiten entstehen kann,
oder besser gesagt, gegen die religiosen Erlebnisse entstehen
kann; denn das gewohnliche menschliche Erleben ist so
organisiert, dafi dieser Astralleib, wenn er im Schlafe aus
dem physischen Leib heraustritt, unbewufk wird, dafi er
dann fur sich keine Erlebnisse hat, sondern erst wieder Er-
lebnisse hat, wenn er in den physischen Leib untertaucht,
wenn er durch die physischen Organe wahrnimmt. Daher
konnen nur im physischen Leben die eigenen Erlebnisse
des Astralleibes wie aus dunklen, unbekannten Unter-
griinden herauftauchen.
So stellen sich die religiosen Erlebnisse wie aus dunklen,
unbekannten Untergriinden herauftauchend, lrinein in das
gewohnliche Leben des Menschen, das in der Sinneswelt bei
wachem Tageszustande ablauft. Dann aber, wenn der Gei-
stesf orsdier die Seele so erkraftet, dafi sie sich mit dem, was
im normalen Leben wahrend des Schlafes unbewufit bleibt,
bewufit, wachend erlebt, unabhangig vom physischen Leibe,
dann lebt sich diese geistesforscherisch zubereitete Seele in
das hinein, was als religioser Inhalt, als religioses Erleb-
nis wie aus dunklen, unbekannten Untergriinden der Seele
beim gesundlebenden Menschen heraufleuchtet. Die religi-
osen Erlebnisse rechtfertigen sich dadurch gerade in der gei-
stesforscherischen Anschauung. Was so dem Menschen un-
bekannt bleibt, wenn er mit dem Schlafzustande aus seiner
Absonderung im Leibe in den SchoS des geistigen Lebens
zuriickkehrt, und was er dort erleben wiirde, wenn er wah-
rend des Schlafes wissen wiirde, das taucht, angeregt durch
das aufiere Leben, im religiosen Fiihlen auf . In der geistes-
wissenschafllichen Forschung aber taucht das, was dieses
religiose Fiihlen im Lande des Unbekannten anregt, in sei-
ner Deutlichkeit als unmittelbare Anschauung auf. Daher
wird das, was religioses Empfinden im Alltagsleben sein
kann, zur geistigen Anschauung in der geisteswissenschaft-
lichen Erkenntnis. AufSer in der Welt des Sinnlichen, in der
wk mit unserer physischen Leiblichkeit leben, leben wir
audi in der Welt des Geistigen. Diese Welt des Geistigen
bleibt zunachst fiir die aufiere menschliche Organisation
unsichtbar. Aber der Mensch lebt dennoch in dieser Welt
des Geistigen darinnen, und absurd ware es zu glauben, dafi
nur das vorhanden ware, was der Mensch im physischen
Leben sehen kann. Wenn der Mensch sein Seelenleben so
erkraftet, dafi er Geistiges um sich herum sehen kann, dann
sieht er eben die Wesen und Vorgange der geistigen Welt,
die sonst nur das anregen, was wie aus unbekannten Tief en
als religioses Leben heraufsteigt. Der Geistesforscher er-
reicht in seinem geistigen Erleben die Anschauung derjeni-
gen Wesen und Vorgange des Geistigen, die f iir das religiose
Leben sonst unbekannt bleiben, die aber ihre Impulse in
das religiose Leben hineinsenden miissen und den Menschen
durchdringen mit dem Geftihl seines Zusammenhanges mit
der geistigen Welt. Da sehen wir aber auch, wie wir mit
dem religiosen Leben, wenn wir es seinem Wesen nach be-
trachten, hineingehen miissen in die eigene menschliche Na-
tur. Wir kommen sozusagen in das Subjektive der mensch-
lichen Natur hinein.
Wenn wir das berucksichtigen, so wird uns aber auch
klar, weil dieses Subjektive viel mannigfaltiger ist als das
auEere Leibliche, wie in einem hoheren MalSe dasjenige,
was sich da aus der geistigen Welt hereinlebt, von der sub-
jektiven Natur des Menschen abhangig sein wird, als die
aufiere physische Wirklichkeit von der aufieren Natur des
Menschen abhangig ist. Zwar wissen wir, daft unser Welt-
bild sich verandert, wenn unsere Augen besser oder schlech-
ter sehen; wir wissen auch, daft es zum Beispiel Farben-
blindheit gibt; aber die auftere korperliche Natur ist viel
allgemeiner gleich fiir alle Menschen, als die innere indivi-
duelle Natur. Daher wird sich das viel mehr abstufen, was
innerlich wahrnehmbar wird, und wird selbstverstandlich,
wenn man die Sache nur durchschaut, nicht als ein iiber die
ganze Erde ausgegossenes religioses Bekenntnis erscheinen
konnen. Es wird die selbstverstandlich iiberall gleiche gei-
stige Welt so erscheinen, dafi sie gefarbt erscheint je nach
den Anlagen, nach den besonderen Beschaffenheiten der
menschlichen Organisation. Die Menschen unterscheiden
sich besonders in ihren Bekenntnissen je nach den Unter-
schieden in Klima, Rasse und dergleichen.
So sehen wir iiber den Erdkreis hin, und durch die ge-
schichtliche Entwickelung hindurch, abgestuft nach dem ver-
schiedenen Individuellen des Seelenlebens, die verschiede-
nen Religionen auftreten. Wenn wir so die religiosen Be-
kenntnisse ansehen als nuanciert durch die menschliche
Natur aber wurzelnd in der gleichen Geisteswelt, in der
alle Menschen mit ihrem Astralleibe wurzeln, so haben wir
nicht das Recht, nur einer Religion die «Wahrheit» zuzu-
schreiben, sondern wir miissen sagen: Diese verschiedenen
Religionen sind das, was wie aus unbekannten Untergrun-
den in der Menschenseele aufsteigen kann, als herriihrend
von einer besonderen Kundgebung der geistigen Welt durch
den menschlichen Astralleib.
Nun findet man hier, dafi der Geistesforscher in der Kli-
max der menschlichen Seelenentfaltung aufsteigt zu dem,
was eine vierte Stufe darstellt, wo die Intuition eintrkt.
Auf dieser Stufe tritt das eigentliche Erleben der vollen
menschlichen Innerlichkeit erst auf, aber so, dafi der Mensch
mit seiner Innerlichkeit jetzt wirklich aufierhalb seiner
physischen Sinne ist und jetzt wirklich in der geistigen
Welt drinnen lebt. Da erlebt er, gleichgiiltig, wie er als
Menschenindividuum auf der Erde organisiert ist, die ein-
heitliche geistige Welt. Dafi wir dieser oder jener besondere
Mensch mit so und so gef arbten Gefiihlen und Empfindun-
gen sind, das riihrt davon her, dafi das Seelisch-Geistige zu-
sammenlebt mit dem korperlichen. Dadurch individualisiert
sich das, was wir sind. Als Geistesforscher aber werden wir
unabhangig von der Korperlichkeit. Nehmen wir ganz
aufierhalb des Korperlich-Physischen wahr, dann nehmen
wir die einheitliche Geisteswelt wahr, in der aller dings der
Mensch jede Nacht ist, wenn er in Schlaf versinkt, aber un-
bewufit. Der Geistesforscher hat nur sein Seelenleben so
erkraftet, daiR die noch geringeren Krafte, welche den Men-
schen in der Geisteswelt unbewulk sein lassen, bei ihm er-
starkt sind, so dalS er bewufit in jener Welt ist, in welcher
der Mensch wahrend des Sdilafens unbewufk ist. Dann er-
lebt er die geistigen Wesenheiten und Vorgange, die ihre
Impulse in den menschlichen Astralleib hineinsenden, die
aber in ihrer wahren Wesenhek dann erlebt werden kon-
nen, wenn das Ich, das Selbst des Menschen vollstandig un-
abhangig geworden ist. Dann erlebt man das, was Men-
schen, die von ihrem Gesichtspunkte aus in diese Tiefen der
menschlichen Wesenheit einzudringen versuchten, als ein
Groikes im menschlichen Erleben schon angedeutet haben
- wie zum Beispiel Goethe in dem wunderbaren Gedicht
«Die Geheimnisse», wo uns die verschiedenen Erlebnisse,
die der Mensch mit den iiber den Erdball ausgebreiteten
Religionen haben kann, in zwolf Menschen vorgefuhrt
werden, die sich in einem gleichsam klosterartigen Gebaude
zusammengeschlossen haben, um miteinander zu erleben -
wechselseitig zu erleben, was sie aus den verschiedensten
Gegenden der Erde, aus den verschiedenen Klimaten, Ras-
sen und Epochen als die individuellen Religionsbekennt-
nisse sich mitgebracht haben, und was sie nun aufein-
ander wirken lassen wollen. Das geschieht unter der Fuh-
rung eines Dreizehnten, der uns zeigt, wie dem, was uns
die Zwolf als die verschiedenen religiosen Bekenntnisse
darstellen, ein einheitliches Geistiges zu Grunde liegt. Wie
gleichsam ein wunderbarer Organismus iiber die Erde hin
in den religiosen Bekenntnissen ausgegossen ist, die sich je
nach Rassen und Epochen nuancieren, und wie mit dem
Aufsteigen in die wirkliche geistige Welt das, was in den
einzelnen religiosen Bekenntnissen lebt, und sich nuanciert,
in einem grofien, zusammengehorigen Ganzen geschaut
wird, das stellt in wunderbarer Weise Goethe dar. So nimmt
er gleichsam voraus, was gerade durch die Geisteswissen-
schaft in bezug auf die religiosenBekenntnisse geleistet wer-
den soli: dafi sie in ihrem inner en Wesenskern, in ihrer
inneren Wahrheit erkannt werden sollen. Denn die Geistes-
wissenschaft erlebt das Geistige unmittelbar im Geiste.
Wenn man zum Beispiel iiber das christliche Bekenntnis
exemplifizierend von der Geisteswissenschaft aus sprecben
wollte, so wiirde man zu zeigen haben, wie durdi diese Gei-
steswissenschaft dasjenige, was den Inhalt des Bekenntnisses
des Christentums bildet, aus der geistigen Welt heraus er-
kannt wird, ja selbst erkannt werden konnte, audi wenn es
nicht, das sei jetzt einmal hypothetisch angefiihrt, irgend-
eine Oberlief erung, irgendeine Urkunde geben wiirde. Neh-
men wir fur einen Augenblick an: alles, was in den Evan-
gelien-Urkunden enthalten ist, gabe es nicht, denn der gei-
steswissenschaftliche Forscher stellt sich zunachst au£erhalb
aller dieser Urkunden; so wiirde er dann, wenn er auf dem
geistigen Felde den Geschichtsverlauf beobachtet, wahrneh-
men, wie die Menschheit von den Urzeiten bis zu einem
Punkte, der in der griechisch-romischen Zeit liegt, eine ab-
steigende Entwickelung an inneren Erlebnissen und Erfah-
rungen durchmacht, und wie zu einer wiederaufsteigenden
Entwickelung ein Impuls kommen muiKte, den wir den
Christus-Impuls nennen, der sich in die Menschheitsent-
wickelung hineinstellte, der ein einmaliger Impuls ist, wie
der Schwerpunkt einer Waage ein einziger nur sein kann.
Aus der geistigen Erkenntnis heraus wiirde sich die ganze
Stellung und Funktion der Christus-Wesenheit in der Welt
ergeben. Dann wiirde man mit einer solchen Erkenntnis an
die Evangelien-Urkunden herantreten und wiirde in ihnen
diese oder jene Ausspruche wiederfinden, wie die Christus-
Wesenheit hervorgetreten ist wie aus unbestimmten Tiefen
heraus und sich in die Menschheits-Entwickelung hereinge-
stellt hat, wie sie aber erkannt werden kann, wenn in der
geisteswissenschaftlichen Forschung uber die Inspiration zur
Intuition hinaufgeschritten wird. Das gesamte religiose Le-
ben wird aus einem einheitlichen Urquell heraus sichtbar
vor der geisteswissenschaftlichen Anschauung, wo sich diese
zur Intuition erhebt.
So tritt in der Klimax der menschlichen Seelenentf altung,
wie sie die Gesamtheit der Menschennatur darstellt, her-
vor, dafi die Intuition das Leben im Ich ist, wie das religiose
Leben das Leben im Astralleibe ist, wie die kunstlerische
Anschauung das Leben im Atherleibe ist, und wie das sinn-
liche Wahrnehmen das Leben im Sinnesleibe ist. Und so
wahr in dieser Klimax sich ausdriickt, wie die Menschen-
natur ist, so wahr gehort es zum gesamten Menschenleben,
dafi der Mensch ein religioses Leben entfaltet; und so wahr
diese Klimax, diese viergliedrige menschliche Seelenentf al-
tung besteht, so wahr erreicht die geisteswissenschaftliche
Erf ahrung unmittelbar die Anschauung dessen, was im reli-
giosen Leben aus unbekannten Tiefen heraus erlebt wird.
Daher kann fur eine unbefangene Beurteilung die Geistes-
wissenschafl: niemals eine Feindin irgend eines religiosen
Bekenntnisses sein; denn sie zeigt gerade die Grundquelle,
die Grundnatur der religiosen Bekenntnisse, und sie zeigt
auch, wie diese Bekenntnisse alle aus einem einheitlichen
geistigen Weltengrunde hervorquellen, - wenn auch immer
wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht werden
mufi, daJS diese Anschauung, wie sie jetzt entwickelt wor-
den ist, himmelweit verschieden ist von jenen Abstraktionen
und Dilettantismen, die von der «Gleichheit aller Religio-
nen» und der Gleichwertigkeit aller religiosen Bekenntnisse
sprechen. Denn diese stehen in bezug auf ihre Logik auf
keinem anderen Standpunkte, als wenn man immer nur her-
vorheben wollte: die Schnecke ist ein Tier, und der Hirsch
ist audi ein Tier, und das «Gleiche» mufi man immer iiberall
aufsuchen. Es ist selbstverstandlich nur religionsphilosophi-
sdier Dilettantismus, von einer abstrakten Gleichheit aller
Religionen zu sprechen; denn die Welt ist in Entwickelung
begriffen. Und wer die Entwickelung wirklich iibersieht, von
der geistigen Welt aus iibersieht, der sieht dann audi, wie die
einzelnen religiosen Bekenntnisse in ihren verschiedenen
Kundgebungen hintendieren nach dem, was sicli wie ein reli-
gioses Ergreifen aller religiosen Bekenntnisse im Christen-
tum darstellt. Das Christen turn verliert - durch seine einzig-
artige Stellung in seinem Hervorgehen aus dem judischen
Monotheismus - nichts von seiner Kulturaufgabe in der
Welt dadurch, dafi diese Dinge geistig angesehen werden.
Eines aber mulS noch gesagt werden, wenn man in der
Darstellung des Verhaltnisses des Menschen zu den religi-
osen Bekenntnissen einige Vollstandigkeit haben will.
Stehen wir der Aufienwelt gegeniiber, so stehen wir ihr ge-
geniiber mit unserer Leiblichkeit. Wir konnen als Menschen
nur einen recht indirekten Anteil nehmen an dem Verhalt-
nis der Leiblichkeit zu der gesamten physisch-materiellen
Aufienwelt. Ohne dafi wir es so recht vollstandig in uns
miterleben, ist das Verhaltnis unseres Leibes zum gesamten
Kosmos geregelt. Und wieviel kann der Mensch tun, wenn
dieses Verhaltnis ungeregelt wird, um es durch Heilmittel
und dergleichen wieder zur Regelmaftigkeit zu bringen?
Wieviel liegt in dem Verhaltnis des Menschen zur kos-
mischen Aufienwelt, die uns die Sinne vermitteln konnen,
woran der Mensch nicht unmittelbar Anteil hat? In dem
Augenblick aber, wo der Mensch beginnt sich mit seinem
Innern in den geistigen Kosmos hineinzustellen, wird alles
in ihm das miterleben, was aus diesem geistigen Kosmos in
ihn hereinpulst. Daher machen sich sof ort die inneren Erleb-
nisse geltend, wenn der Mensch sein Verhaltnis zum geisti-
gen Kosmos gewahr wird. Er f iihlt sidi getragen, gestutzt,
unterstiitzt von diesem geistigen Kosmos, und er fiihlt sein
Verhaltnis zu ihm so, daft er sich sagt: Da bin ich, und stehe
drinnen in dem geistigen Kosmos, und ich will in meinem
Bewufttsein erfiihlen dieses Drinnenstehen! Das religiose
Leben wird damit zu einem inneren Erlebnis in einem ganz
anderen Sinne, als das Erleben des materiellen Kosmos
durch den physischen Leib nach auften hin. Inneres Schicksal
wird das religiose Erleben. Es druckt sich aus, was man so
erlebt, in Verehrung, in Anbetung, in einem Sichf iihlen, daft
einem das geistige Leben zukommt in Gnade. Das macht,
daft dieses religiose Leben sich vorzugsweise im Fiihlen des
Menschen ausdriickt. Da bekommen wir den Grund, wes-
halb man sagen kann: das religiose Bekenntnis wurzelt zu-
nachst im Fiihlen. Man mufi aber erst zu der Erkenntnis
aufsteigen, warum es sich durch seine Natur im Fiihlen
auslebt. Was gefuhlt wird, was da ist an geistigen Vorgan-
gen und geistigen Wesenheiten, um gefuhlt zu werden, um
Gefuhle anzuregen, das enthiillt dann die Geisteswissen-
schaft-. Daher treten wir, indem wir religios in das Geistes-
leben eindringen, seibstverstandlich in das Gefuhlsleben des
Menschen ein, treten in die Region ein, wo der Mensch seine
Hoffnungen fur sein Menschtum sucht, wo er die Kraft
sucht, um voll in die Welt hineingestellt zu sein, um sicher
in der Welt drinnen zu stehen. Daher ist das Eintreten in
die geistige Welt auf dem Umwege des Religiosen nichts
anderes also, als daft man auf dem Wege des Gefuhles dahin
gelangt. Das wird besonders fur denjenigen hervortreten,
der erkennen lernt, wie notwendig es ist, daft der Mensch,
obwohl er sich in der Geisteswissenschafl zu Erkenntnissen,
zu fur alle giiltigen Erkenntnissen erhebt, doch als Vorbe-
reitung fiir das objektive Geist-Erleben durch sein Ge-
fiihlsleben hindurchgehen mull, durch das subjektive Ge-
fiihlsleben, das er mit all seinen Freuden und Leiden, seinen
Enttauschungen und Hoffnungen, seiner Furcht und Angst
durchzumachen hat.
Ich glaube, dafi vielleicht mancher sagen konnte, meinen
Ausfiihrungen habe das gefehlt, was gerade das Gefuhls-
element im religiosen Bekenntnisse bildet, was das religiose
Bekenntnis zu dem die Menschenseele so durchwarmenden
und so innerlich erfiillenden maclit. Wer jedoch die ganze
Gesinnung ins Auge fafk, welche durch die Geisteswissen-
schaft notwendig erzeugt wird, der wird verstehen, dafi der
Geistesforscher die Dinge einfach hinstellt, und das Gefuhl
sich an den Dingen selber erzeugen laftt. Als eine gewisse
Unkeuscliheit wiirde er es empfinden, wenn er durch sein
Wort wie suggestiv das Gefuhl gefangen nehmen wiirde.
Fiihlen soil in Freiheit jede Seele selber. Die Geisteswissen-
schafl; hat die Dinge hinzustellen, wie sie sich der Geistes-
forschung ergeben.
Inwiefern also die Geisteswissenschaft gerade die Griinde
des religiosen Bekenntnisses erhellen und beleuchten kann,
das sollte heute aus der viergliedrigen Natur des Menschen
und aus der Klimax der menschlichen Seelenentf altung er-
ortert werden. Das religiose Bekenntnis wurzelt in der
menschlichen Natur. Wahre "Wissenschaft, die sich zum Gei-
stigen erhebt, wird nimmermehr eine Feindin, besonders
nicht wenn sie eben Geisteswissenschaft ist, des wahren, des
echten, des dem Menschen notwendigen religiosen Erlebens
sein konnen. Dafi der Mensch im Grunde genommen alles,
was er geistig erlebt, auf dieselbe Weise erlebt, wie die Gei-
stesforschung durch ihre Methoden erlebt, das wird sich uns
noch durch mancherlei Ausfiihrungen in den folgenden Vor-
tragen zeigen; und dafi die Einwande, die gegen die Geistes-
wissenschaft, sowohl von wissenschaftlicher Seite wie von sei-
ten gewisser religioser Bekenntnisse, gemacht werden, unbe-
griindet sind, das wird man insbesondere sehen, wenn man
die Einzelergebnisse der Geisteswissenschafl: ins Auge fafit.
Heute wollte ich aber zeigen, nicht indem ich polemisierend
auf ein einzelnes religioses Bekenntnis eingehen wollte, wie
sich zu der Fiille, zu der Ganzheit der menschlidien Natur
die religiosen Bekenntnisse verhalten. Audi damit fuhlt
man sidi ja gerade mit der Geisteswissenschafl im Einklange
mit alien denjenigen menschlichen Seelen, die im Laufe der
Menschheitsentwickelung, Wahres ahnend, wie es in der
Geisteswissenschafl: enthiillt wird, ihre Oberzeugung hin-
gestellt haben. Noch einmal sei an Goethe erinnert; wie ich
bei dem Vortrag «Theosophie und Antisophie» an ihn erin-
nern durfte, so darf das auch heute geschehen. Wenn es
auch im wissenschaftlichen Sinne zu Goethes Zeit die Gei-
steswissenschafl; noch nicht gab, so war seine ganze Seelen-
stimmung doch eine geistesforscherische, eine theosophische;
und was aus dieser Seelenstimmung hervorquoll, war im
geistesforscherischen Sinne gedacht und empfunden. Daher
fuhlte er, dafi jene Wissenschaft, welche wirklich in die
Dinge eintaucht, das Geistige finden raufi und deshalb der
Religion nicht fremd sein kann. Daher fuhlte Goethe auch,
daft der Mensch, wenn er sich zwar in der Kunst von der
aufieren Natur frei macht, sich doch nicht von dem frei
macht, was als Geistiges der Natur zugrunde liegt. Wer mit
Wissenschaft und Kunst die Erscheinungen der Welt erlebt
- davon war Goethe iiberzeugt — , der erlebt sie so, wie sie
auch der Religiose erleben mufi, der sein Inneres in der gei-
stigen Welt wurzelnd erfuhlt. Niemand kann daher irr-
religios sein, so meint Goethe, der Wissenschaft und Kunst
besitzt. Steht man mit wahrer Wissenschaft der Welt ge-
geniiber, so lernt man sie rein geistig erkennen, kann sich
daher nicht aus der geistigen Welt herausgehoben, sondern
nur in die geistige Welt hineingestellt erleben; findet man
durch die Kunst das Wahre, so mufi die Seele, dieses Wahre
erlebend, nach und nach audi f romm werden, das heifk reli-
gios erleben, was der Welt als Geistiges zugrunde liegt. Da-
her war er sich audi klar iiber dasjenige Gebiet des au£eren
Lebens wo es fiir den, der die Dinge wirklich versteht, gar
nicht anders moglich ist, als dafi in diesem Gebiete des
aufieren Erlebens unmittelbar das Gottliche zu verspiiren
ist. Kant hat noch angenommen, dafi fiir das sktliche Leben
des Menschen der sogenannte «kategorische Imperativ» not-
wendig ist: kann der kategorische Imperativ in der Seele
sprechen, so kann sich die Pflicht in das Menschenleben hin-
einleben. Das ist so, wie wenn aus einer Welt, in welcher
der Mensch nicht drinnen ist, dieser Imperativ in die Seele
her einspr ache. So empfand Goethe nicht. Sondern er war
sich klar, dafi der, welcher die Pflicht erlebt, den Gott erlebt,
der sich in der Pflicht in die Seele hineinerlebt. Dafi man,
indem man die Pflicht Hebend erlebt, den Gott unmittelbar
im sittlichen Leben erlebt, das war Goethes Anschauung.
Sittlichkeit ist fiir ihn unmittelbares Erleben des Gottlichen
in der Welt. Kann man aber im Sittlichen den Gott durch
die Seele pulsieren fuhlen, dann steht man audi nicht weit
ab, von dem Punkte, wo man ihn in anderen Regionen er-
leben kann. Fiir Kant war es noch ein gewagtes «Abenteuer
der Vernunft», das Gottliche unmittelbar zu erleben. Ihm
wurde aber von Goethe erwidert: «Wenn wir ja im Sitt-
lichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit
uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen
annahern sollen: so durft* es wohl im Intellektuellen der-
selbe Fall sein, dafi wir uns, durch das Anschauen einer im-
mer schaffenden Natur, zur geistigen Teilnahme an ihren
Produktionen wiirdig machten. Hatte ich doch erst unbe-
wufit und aus inneremTrieb auf jenes Urbildliche, Typische
rastlos gedrungen, war es mir sogar gegliickt, eine natur-
gemafte Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr
nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie
es der Alte vom Konigsberge selbst nennt, mutig zu beste-
hen.» Kant nannte es noch ein « Abenteuer der VernunfU,
eine geistige Welt unmittelbar zu erleben. Goethe stent
schon an dem Punkte, wo er das «Abenteuer der Vernunft*
mutig bestehen will. Aber er ist davon iiberzeugt, daft man
in die geistige Welt nicht anders eintreten kann als vereh-
rend, anbetend - das heiftt mit religioser Stimmung. Reli-
gion erschlieftt als wahre, echte Religion die Tore des Ein-
tritts in die geistige Welt. Daher meint Goethe: wer schon,
sei es wissenschaftlich, sei es kunstlerisch erlebt, die religiose
Stimmung mitbringt, der bringt sich dadurch die Moglich-
keit zum Erleben der geistigen Welt mit. Daher muft sich
die Geisteswissenschaft mit Goethe im Einklange fiihlen.
Und zusammenfassend konnen wir gerade das Bekenntnis,
das er mit wenigen Worten ausgesprochen hat, audi fur die
heutige Betrachtung anwenden, zusammenfassend das, was
man «geisteswissenschaftliches Glaubensbekenntnis» nennen
kann: Wer wirkliche Wissenschaft, wer wirkliche Kunst
hat, der steht in dem wirklichen Leben so drinnen, daft er
die beste Vorbereitung fur das Erleben einer geistigen Welt
hat; wer aber weder Wissenschaft noch Kunst hat, der ver-
suche in seiner Seele jene Sehnsucht anzufachen, durch die
ihm zunachst religiose Verehrung moglich wird, dann wird
er durch den Umweg durch die religiose Stimmung seinen
Eintritt in die geistige Welt halten konnen. Das driickte
Goethe prazise aus mit den Worten:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion!
VOM TODE
Berlin, 27. November 1913
Nachdem ich mir in den drei ersten Vortragen dieser Reihe
gestattet habe, iiber Wesen und Gesinnung der Geistes-
wissenschaft im allgemeinen zu sprechen, mochte ich nun
in den folgenden Auseinandersetzungen spezielle Gegen-
stande aus dem Gebiete dieser Geisteswissenschaft bespre-
chen; und ich bemerke von vornherein, dafi dieser heutige
Vortrag und derjenige der nachsten Woche, «Der Sinn der
Unsterblichkeit der Menschenseele», die gewissermafien zu-
sammen ein Ganzes bilden, die Fragen des menschlichen
Seelenlebens behandeln werden, welche zusammenhangen
mit dem Tode und mit dem, was fur den Menschen aus dem
Tode folgt, und was ich bezeichnen mochte mit dem Worte:
der Sinn der Unsterblichkeit des Menschen.
Es ist im allgemeinen, das soil gleich voraus bemerkt
werden, nicht leicht, gerade iiber das Thema des heutigen
Abends in unserer gegenwartigen Zeit zu sprechen; denn es
bestehen viele auJftere und innere Hindernisse in der gegen-
wartigen Zeitbildung gegeniiber der Betrachtung desjeni-
gen, was mit dem Worte «der Tod» zusammenhangt. Vor
alien Dingen mufi, damit wir nicht selber durch dieBetrach-
tungen des heutigen Abends in Mifiverstandnisse gedrangt
werden, darauf aufmerksam gemacht werden, dafi die
Geisteswissenschaft es gewissermafien nicht so gut hat wie
manches andere wissenschaftliche Gebiet der Gegenwart.
Die Geisteswissenschaft ist darauf angewiesen, die Gebiete,
iiber welche sie spricht, im strengsten Sinne zu analysieren,
im strengsten Sinne logisch unterschieden von angrenzenden
Gebieten ins Auge zu fassen. Das mufi deshalb gesagt wer-
den, weil die Auseinandersetzungen, welche heute und das
nachste Mai gepflogen werden sollen, nur eine Bedeutung
fur das menschliche Erleben haben, und weil eine mehr
naturalistische Wissenschaft der Gegenwart dasjenige, was
man unter dem Tode versteht, gar sehr geneigt sein wird,
auf alles auszudehnen, was lebt. Nun zeigt es sich gerade
durch die Geisteswissenschaft, daft dasjenige, was aufterlich
fiir die verschiedenen Wesensarten dasselbe ist, innerlich
sehr verschieden sein kann, und es wird wohl audi im Laufe
der Vortrage dieses Winters Gelegenheit sein, darauf auf-
merksam zu machen, was Tod bedeutet im Pflanzenreiche,
und was er bedeutet im Tierreiche. In dieser Betrachtung ist
zunachst blofi die Absicht vorhanden, von dem Tode in
bezug auf das Menschliche zu sprechen. - Aber auch noch
manche anderen Hindernisse sind vorhanden, wenn es sich
um eine Art Auseinandersetzung iiber unser Thema vom
geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus handelt. Man
mochte, ohne in eine allgemeine Charakteristik einzugehen,
gerade von der Gesinnung der Geisteswissenschaft aus an
einzelnen Tatsachen zeigen, wie diese Hindernisse beschaf-
fen sind.
Diese Hindernisse liegen in einer, nicht deutlich in das
menschliche Bewufksein heraufkommenden, man mochte
sagen, Verangstigung vor dem Todesproblem. Man braucht
nur ins Auge zu fassen, wie sich diese Verangstigung gerade
bei erleuchtetsten Geistern der Gegenwart ausnimmt. Man
konnte auf viele, viele gerade der erleuchtetsten Personlich-
keiten der Gegenwart hinweisen : man wiirde das gleiche fin-
den. Ich will es heute tun in bezug auf den grofien Religions-
forscher und Orientalisten Max Miiller. - Wenn man sich
in seinen Schriften das aufsucht, was er da oder dort iiber
den Tod gesprochen hat, so fallt einem vor alien Dingen
bei ihm das auf, was uns bei zahlreichen Personlichkeiten
der Gegenwart entgegentritt: die Sdieu, iiberhaupt an die
Moglichkeit zu denken, iib
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