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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MlTGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
KOSMISCHE UND M ENS C HL I C H E GESCHI CHTE
Band I : Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergrunde der
menschlichen Geschichte
15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 170
Band II: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die
Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Okto-
ber 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 171
Band III: Das Karma des Bemfes des Menschen in Ankniipfung an
Goethes Leben
10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 172
Band IV: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der
Unwahrhaf tigkeit - Erster Teil
13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in
Basel am 21. Dezember 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 173
Band V: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der
Unwahrhaf tigkeit - Zweiter Teil
12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 174
Band VI: Mitteleuropa zwischen Ost und West
12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. September, 3. Dezember 1914,
23. Marz, 29. November 1915, 18., 20. Mar z 1916, 19., 20. Mai 1917,
14., 17. Februar, 2., 4. Mai 1918
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 174a
Band VII: Die geistigen Hintergrunde des Ersten Weltkrieges
16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. September 1914, 13., 14. Fe-
bruar, 22. bis 24. November 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai
1917, 23., 24. Februar, 23., 26. April 1918, 21. Marz 1921
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr 174b
RUDOLF STEINER
Das Ratsel des Menschen
Die geistigen Hintergriinde der
menschlichen Geschichte
Kosmische und menschliche Geschichte
Erster Band
Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 29. Juli bis 3. September 1916
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung
Die Herausgabe der 1. u. 2. Auflage besorgten R. Friedenthal und J. Waeger
Die 3. Aufiage besorgte Susi Lotscher
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1964
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1978
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
Friihere Veroffentlichungen siehe Seite 272
Bibliographie-Nr. 170
Zeichnungen im Text auf Grand von Skizzen in den
Nachschriften, ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1700-5
2.u den Veroffentlicbungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstleri-
sches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Geselischaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festgehalten wiirden, da
sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen»
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehler-
hafte Horernachschriften angef ertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeit-
mangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren
konnte, mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbe-
halt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach 29. Juli 1916
Begriifiung der Mitarbeiter am Bau des Goetheanum. Die neuen Baufor-
men. Das dekadente Genie (Otto Weininger). Das Mannliche und das Weib-
liche. Lebensbild Weiningers. Zerrbilder imaginativer Erkenntnis. Das Her-
einwirken der nachsten Inkarnation in die jetzige.
Zweiter Vortrag, 30. Juli 1916
Die beiden Gebiete des Naturseins und des seelischen Lebens im Menschen:
Das Reich der Regelmafiigkeit und der unregelmafiigen Wirksamkeiten. Das
Jubeljahr des althebraischen Volkes als Formkraft der Seelen. Die okkulte
Zahleneinteilung. Das Weltjubeljahr im Kosmos.
Dritter Vortrag, 3 1 . Juli 1 9 1 6
Der Mensch als Ausdruck einer Doppelnatur des Himmlischen und des
Irdischen. Uranos und Gaa; deren Ausdruck im Menschen in Kopf und
iibrigem Leib. Die ersten vierzehn Lebensjahre des Menschen in bezug auf
Himmlisches und Irdisches, Mannliches und Weibliches. Die menschliche
Freiheit. Das Hiniiberwirken einer Inkarnation in die nachste: Metamor-
phose der Leiblichkeit.
Vierter Vortrag, 5. August 1916
Der menschliche Organismus, das Ergebnis vorgeburtlicher Formungs-
krafte. Der Mensch, ein Doppelwesen. Der Leib eine bildhafte, das Haupt
eine zeichenhafte Darstellung der dahinterstehenden geistigen Krafte. Das
Verhaltnis der dreifachen menschlichen Organisation zur Erkenntnis,
Asthetik und Moralitat: Wahrheit, Schonheit, Giite.
Funfter Vortrag, 6. August 1916
Das Hineinwachsen des Menschen in die drei geistigen Reiche der Weisheit,
Schonheit und Giite. Deren Herunterstrahlung in den Geistesteil des Men-
schen. Imaginative psychische Physiologie: der Mensch innerhalb der
Sphare der Moralitat, der asthetischen Impulse und der Wahrheitsimpulse.
Metamorphose von Versen aus Goethes «Faust» (Arielszene) durch Rudolf
Steiner. Der Mensch und die Elementarwesen. Schilderung eines Geist-
Erlebnisses durch Jan Kasprowicz.
Sechster Vortrag, 7. August 1916 93
Die Umwandlung der Krafte des iibrigen Leibes zum Kopfe der nachsten
Inkarnation. Die menschliche Erkenntnis in ihrer kosmischen Bedeutung.
Wissen der Chaldaer, Agypter und Griechen im Verhaltnis zum Erkennen
der Gegenwart. Die Profanierung des Wissens. Verschwendetes Wissen geht
in Ahrimans Dienst tiber.
SlEBENTER VORTRAG, 12. AugUSt 1916 1 05
Der Zusammenhang der menschlichen Wesenheit mit dem Weltenall. Die
zwolf Sinnesbezirke und die sieben Lebensprozesse. Entsprechungen zwi-
schen Makrokosmos und Mikrokosmos. Die Sinne wahrend des Monden-
daseins. Die Zahlengeheimnisse.
Achter Vortrag, 13. August 1916 122
Die Spiegelungen der Zwolfheit, der Siebenheit, der Vierheit, der Dreiheit.
Uber krankhafte Seeienerlebnisse (Carl Ludwig Schleich). Das Riickwarts-
Vorstellen als Ubung fur geistiges Erleben (Christian von Ehrenfels).
Neunter Vortrag, 15. August 1916 143
Verlebendigung der Sinnesprozesse und Durchseelung der Lebensprozesse.
Heutige Sinnesorgane Lebensorgane auf dem alten Mond. Krankhaftes
Zuriickfallen in Mondenvisionen. Atmung, Warmung, Ernahrung; Abson-
derung, Erhaltung, Wachstum, Reproduktion. Asthetisches Geniefien und
asthetisches Schaffen. Der asthetische Mensch bei Aristoteles und bei
Schiller. Kunst und Kunstgenufi. Schwinden der Fahigkeit, Tatsachen zu
erfassen. Logik und Wirklichkeitssinn.
Zehnter Vortrag, 21. August 1916 167
Das Abhandenkommen des Orientierungsgefuhls fur Wirklichkeit und die
Ohnmacht des modernen Wahrheitskriteriums. Ernst Mach, Richard Wahle,
William James, C. S. Peirce, F. C. S. Schiller, Vaihinger, Lorentz, Einstein,
Schaffle, Hermann Bahr, Boutroux, Maine de Biran, Bergson, Eucken,
Nietzsche, Diihring. Die Wiederkehr des Gleichen.
Elfter Vortrag, 26. August 1916 192
Eingravierungen in die atherische Weltensubstanz wahrend der Mondenzeit
und Gedachtnis der Erdenzeit. Das Wirken hoherer Wesenheiten durch den
Menschen in der Mondenzeit und Gewohnheiten in der Erdenzeit. - Luzi-
fers und Ahrimans Unterstiitzung des Gedachtnisses in der 5. nachatlan-
tischen Zeit. - Luzifer, Eva und Adam; Ahriman, Faust und Gretchen.
Goethes «Faust».
Zwolfter Vortrag, 2 7. August 1 9 1 6 207
Die Metamorphosen des Gedachtnisses. Das Eingravieren der Gedanken in
die Weltensubstantialitat. Verantwortungsgefiihl gegeniiber den Gedanken.
Denken als Suchen - eine Forderung fur die Zukunft. Gegenwartige Ten-
denzen zu Liige und Leidenschaft. Notwendige Metamorphosen der Ge-
wohnheit Nachahmung und Gewissen als Reste des Mondendaseins.
Lebendige geistig-moralische Impulse statt abstrakter Moral-Ideen.
Dreizehnter Vortrag, 28. August 1916 222
Die Zuteilung der menschlichen Gesamtgestalt zum Weltenall. Kopf und
iibriger Leib. Die zwolf Nervenansatze des Hauptes. Metamorphose der
Arme zum Sprachsinn, der Knie zum Tastsinn der nachsten Inkarnation.
Physische Organisation des Menschen und technische Erfindungen. Das
Wirken Luzifers und Ahrimans. Abirrungen des Okkultismus. Zusammen-
stofie des wirklichkeitsgemafien mit dem wirklichkeitsfeindlichen Denken.
Vierzehnter Vortrag, 2. September 1916 238
Die zwolf Sinne des Menschen. Die Anschauung der aufieren Wissenschaft
liber die Sinne. - Der ganze Mensch: Sinnesorgan fur den Ichsinn. Das Le-
bendige, das dem Physischen zugrunde liegt: Sinnesorgan fur den Denksinn.
Der in sich bewegbare Mensch: Sinnesorgan fur den Wortsinn oder Sprach-
sinn. Warmesinn konzentriert im Brustteil des Menschen. - Ichsinn, Denk-
sinn, Sprachsinn und ihre Metamorphosen durch ahrimanische Einflusse.
Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn und deren Metamorphosen durch
luziferische Einflusse.
Funfzehnter Vortrag, 3. September 1916 254
Die Lebensprozesse Atmung, Warmung, Ernahrung und ihre Umgestaltung
durch ahrimanische, Erhaltung, Wachstum und Reproduktion und ihre
Umgestaltung durch luziferische Machte. - Ein Spruch von Basilius Valen-
tinus als Zeugnis eines vor wenigen Jahrhunderten noch lebendigen atavisti-
schen Wissens. Materialismus und Geisteswissenschaft im 5. nachatlanti-
schen Zeitraum. Die Idolwissenschaft bei Baco von Verulam (Bacon).
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 271
Hinweise zum Text 273
Namenregister 284
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 285
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 287
ERSTER VORTRAG
Dornach, 29Julil916
Mit einer grofien Befriedigung begriifie ich es, dafi wir wiederum fur
eine Weile hier zusammen sein konnen, und mit nicht minder grofier
Befriedigung habe ich es zu begriifien, dafi in der Zeit, in der wir nicht
hier zusammen sein konnten, unser Bau in einer so schonen Weise fort-
geschritten ist. Allen denjenigen Freunden, welche mit der dazu ja so
notwendigen Hingabe an den Aufgaben dieses Baues mitwirken, mufi
wirklich von seiten des Strebens, das in unserem Sinne der Zeit dienen
will, der schonste Dank zum Ausdruck gebracht werden. Lassen Sie es
mich heute als einen Grufi aussprechen, dafi jedes Stuck Fortgang in
unseren Arbeiten, das sich wiederum einmal durch Monate hindurch
vollzogen hat, etwas sehr Bedeutsames ist innerhalb unserer geistigen
Bewegung. Jetzt, in dieser schweren Zeit, wo die Schicksale geistiger
Bewegungen, man kann sagen, auf das Unbestimmte der Zukunft ein-
gestellt sind, miissen wir uns ja vor alien Dingen das Bewufitsein rege
halten von der ewigenBedeutung dessen,was gerade mit einem soichen
Werke, wie es hier ersteht, geschieht. Was auch immer die Zukunft in
ihrem Schofie tragen mag, wichtig ist, dafi an einem soichen Werke
einmal gearbeitet worden ist, dafi alles dasjenige, was geistig zusam-
menhangt mit diesem Werke, durch eine Anzahl menschlicher Seelen
und Herzen gezogen ist, dafi es von einer Anzahl menschlicher Augen
geschaut worden ist und dadurch wirksam geworden ist im Entwicke-
lungsverlaufe des menschlichen Strebens. Wir diirfen hoffen, dafi fiir
die lieben Freunde, die hier mitarbeiten, dasjenige, was hier durch ihre
Seelen gezogen ist, noch in der mannigfaltigsten Weise auch draufien
in der Welt wird fruchtbar werden konnen. Und es wird schone Friichte
tragen miissen, weil es von vornherein verbunden ist mit dem Geiste
des Fortschrittes und des Fortwirkens, des Fortstrebens unserer Zeit.
Tiefe Befriedigung zum Beispiel hat es mir gemacht, als ich beim
ersten Gang vorbeigehen konnte an dem in der Nahe des Westportales
nun aufgerichteten Hause. Es ist von Bedeutung, dafi auch dieses Haus
hier innerhalb unseres Bereiches steht. Man kann sagen, es ist von Be-
deutung, dafi solch ein Haus einmal gebaut werden konnte. Denn es
steht da als ein lebendiger Protest gegen alles Althergebrachte im Bau-
stil und in der Bauart, das eigentlich nicht mehr beruf en ist, sich, so wie
es ist, hineinzustellen in den Entwickelungsgang der Gegenwart. Es
steht da auch dieses Hauschen als eine Vorverkundigung eines Neuen.
Und dafi sich in unserem Kreise Verstandnis dafiir fand, solch ein
Neues hier aufzustellen, das ist viel bedeutsamer, als man zunachst
denken kann. Dafi dieses Haus hier steht, das ist von einer gewissen
grofien Bedeutung! Was auch immer heute noch eingewendet wird ge-
gen diese Bauart, gegen diesen Baustil - es ist doch die Bauart, es ist
doch der Baustil der Zukunft. Und wenn man versucht, die kiinstle-
rischen Sehnsuchten unserer Zeit kennenzulernen, man findet iiberall:
dunkles Streben ist vorhanden, aber man weifi nicht innerhalb dieses
dunklen Strebens, wohin man will. Man wird lernen, dafi man schon
im Dunklen doch das sucht, was hier angestrebt wird. Man wird ler-
nen erkennen, dafi man sich hineinfinden mufi in die Formen, die ja
hier aus dem Schofie der Geisteswissenschaft heraus sich entwickeln.
Wie schockierend vielleicht manches an unseren Bauformen auch ist,
es wird nicht lange dauern, so wird es nicht mehr schockierend sein, so
wird es als das selbstverstandliche Ergebnis des Empfindens und Fiih-
lens der Gegenwart und der nachsten Zukunft erscheinen. Und gegen-
wartig, wo so vieles ist, das unseren Schmerz erregen mufi, gibt es doch
fur uns dieses Erhebende, dafi wir in das so unbestimmte Schicksal
der Gegenwart hineinstellen diirfen, was die Zukunft der Menschheit
braucht.
Ich mochte nun heute und morgen die Zeit dazu verwenden, einiges
mit Ihnen durchzusprechen, das die Seele hinweisen kann auf alles das-
jenige, was in den Tiefen dieser Seele wurzelt, so wurzelt, dafi vieles
fur die eigene Seele Unverstandliche aus den Tiefen des Menschen
kommt, so kommt, dafi des Menschen inneres Schicksal abhangt von
dem, was da heraufwogt aus der Seele, was die wahre Selbsterkenntnis
schwierig macht. Je mehr man sich dieser Selbsterkenntnis nahert, desto
mehr losen sich manche Wolken, die das Leben triiben, auf. Also von
der Menschennatur, von dem Unbestimmten, oftmals so Undefinier-
baren der Menschennatur wollen wir sprechen.
Von einem Beispiel will ich zunachst ausgehen; in unserer Zeit gibt
es viele solcher Beispiele. Sie wissen ja, dafi man lange Zeit hindurch
sogar ein gewisses Wohlgefallen daran gefunden hat, sich so recht als
ein Kind unserer Zeit zu fiihlen, und dabei diese Zeit zu nennen die
Zeit der «decadence». Man fuhlte geradezu etwas, was sich so gehort,
was sich so schkkt in unserer Zeit: ein «decadent» zu sein; und fur
viele Menschen hat es als eine Art von Evangelium gegolten: Willst du
nicht ein Philister sein, so mufit du einen gewissen Grad von Nervosi-
tat haben. Man ist schon wirklich, wenn man nicht nervos war, ein
knuppeldicker Philister gewesen oder irgendein nicht auf der Hohe
der Zeit stehender Mensch. So fuhlten wirklich nicht wenige in den
allerletzten Jahrzehnten. Vornehm zum mindesten war man nur, wenn
man dekadent war; den neuen Adel, den echten geistigen Adel hatte
man nur, wenn man dekadent war.
Ein Typus eines Dekadenten soli uns heute zunachst als Beispiel be-
schaftigen, damit wir dann weitere, allgemeinere Weltanschauungs-
erkenntnisse darauf aufbauen konnen. Wie gesagt, ein Typus eben. Er
soil auch nur als Typus behandelt werden; denn dieFalle sind zahlreich
in der Gegenwart, und ebensogut konnte ein anderer Fall uns beschaf-
tigen.
Als Fall will ich heute besprechen einen verhaltnismafiig jung dahin-
gegangenen Menschen, der zwei auf sehenerregende Biicher geschrieben
hat. Das erste heifk: «Geschlecht und Charakter», und das zweite
wurde von seinen Freunden sogar erst nach seinemTode herausgegeben
und tragt den Titel: «Uber die letzten Dinge». Otto Weininger ist es,
den ich meine, der als ein richtiges Genie der Gegenwart von vielen
Menschen angesehen worden ist. «Geschlecht und Charakter», ein
dickes Buch, das er geschrieben hat, hat viel, viel Aufsehen gemacht,
und die Urteile, die iiber dieses Buch gef allt worden sind, die sind sehr,
sehr voneinander verschieden. Es gibt Leute, welche dieses Buch wie
ein neues, gewissermafien aus dem Urgeist der Gegenwart gefallenes
Evangelium hingestellt haben, welche behauptet haben, dafi die tief sten
Wahrheiten der Gegenwart, wenn auch einseitig, wenn auch vielleicht
nicht ganz ausgesprochen, so doch beriihrt worden seien in diesem
Buche «Geschlecht und Charakter» von Otto Weininger. Es gibt auch
andere Menschen, sagen wir zum Beispiel diejenigen, die von Profes-
sion Irrenarzte sind, die behaupten, dafi die beiden Biicher «Geschlecht
und Charakter» und «Ober die letzten Dinge» in keine andere ernst-
hafte Bibliothek gehoren als in die Bibliothek der Irrenhauser, und
zwar nicht in diejenige Bibliothek, welche die Patienten lesen, sondern
welche die Arzte lesen, urn an diesen beiden Buchern einen Fall von
typischem Irrsinn der Gegenwart studieren zu konnen.
Sie sehen, man kann sich keine grofteren Extreme des Urteils den-
ken. Also auf der einen Seite eine bis zur Anbetung gehendeVerehrung
eines grofien, genialen Werkes, auf der anderen Seite die Verurteilung
desselben als ein Produkt des vollendeten Irrsinnes. Kurios ist ja aller-
dings manches, was in diesem Buche «Geschlecht und Charakter» stent.
Oberraschend aber ist es nur fiir den, der sich weniger intensivbeschaf-
tigt hat mit mancherlei Gedanken, die die letzten Jahrzehnte an die
Oberflache getrieben haben.
Weininger sagt zunachst - nicht mit diesen Worten, ich mufi ein
Buch, das so dick ist, kurz charakterisieren -: Wie man den Menschen
bisher angesehen hat, das ist Philisteranschauung, Pedantenanschauung.
Und diese Philisteranschauung, diese Pedantenanschauung, die hat
immer geglaubt, dalS zweierlei Menschen auf der Welt sind: Manner
und Frauen. Aber solches Vorurteil, dafi Manner und Frauen auf
der Welt sind, das kann nur ein richtiger Philister haben. Wer die
Welt wirklich versteht, der erhebt sich uber dieses Philisterurteil; denn
es ist nicht wahr, meint Weininger, daft es Manner und Frauen gibt:
es gibt nur mannliche und weibliche Eigenschaften. Die mannlichen
Eigenschaften bezeichnet er - er driickt sich sehr korrekt und diploma-
tisch aus - als M, und die weiblichen Eigenschaften als W. Aber es gibt
kein Individuum in der Welt - nach Weininger -, welches ganz M oder
ganz W ware. Das ware auch schlimm, wenn es ein solches Individuum
gabe, das man ganz als M oder ganz als W bezeichnen mufite. Denn,
sagt Weininger, was ist ein richtiges Weib? Ein richtiges Weib ist gar
nicht einmal Etwas, sondern ist die Negation des Etwas, ist das
Nichts. Nun sind aber solche Individuen doch da, die eigentlich gar
nicht rechtmafiigerweise auf der Welt sind, sondern nur als Maja vor-
handen sind. Sie waren gar nicht da, diejenigen Individuen, die blofi
W bedeuten, wenn sie eben blofi W waren. Die Sache ist vielmehr so,
dafi jedes menschliche Individuum aus M+W besteht. Irgendwelche
mannlichen und weiblichen Eigenschaften hat jedes menschliche Indi-
viduum. Wenn das M etwas uberwiegt, so macht das Individuum den
Eindruck eines Mannes; wenn das W etwas uberwiegt, so macht das
Individuum den Eindruck einer Frau. Und weil sie noch sehr viel M
in sich hat, die Frau, so ist sie audi Etwas und nicht Nichts. Der
Grundcharakter eines menschlichen Individuums hangt nun ganz und
gar davon ab, wieviel das betreffende Individuum von dem M oder
von dem W in sich hat, wie die Mischung ist.
So also betrachtet Weininger die Menschheit, und er sagt, alles
hange davon ab, dafi man sich endlich bequeme, dieses alte Vorurteil,
als ob Manner und Frauen vorhanden waren, aufzugeben. Sehr viel,
meint er, hangt davon ab, dafi man endlich einsehe, dafi jedes mensch-
liche Individuum dadurch etwas ist, dafi es mannliche Eigenschaften
hat - dafi es ein W mit Etwas ist, insofern es mannliche Eigenschaf-
ten hat, und ein W mit Nichts ist, insofern es weibliche Eigenschaften
hat. Aus Etwas und Nichts ist also im Grunde genommen jederMensch
zusammengesetzt.
Nun, auf dieser Anschauung basiert das ganze dicke Buch. Und
alles, was in der "Welt sich vollzieht, von dem einzelnen menschlichen
Leben bis zum geschichtlichen Leben, wird nun unter diesem Gesichts-
punkte betrachtet, richtig mathematisch betrachtet. So findet selbst-
verstandlich Weininger den Grundcharakter eines menschlichen Indi-
viduums sehr stark davon abhangig, in welcher Quantitat, in welchem
Quantum, sagen wir zum Beispiel W dem menschlichen Individuum
beigemischt ist, dieses Nichts dem menschlichen Individuum beige-
mischt ist. Ist sehr viel beigemischt von dem "W, so kommt ein anderer
menschlicher Typus zustande, als wenn weniger von dem W beige-
mischt ist.
Sie verzeihen, wenn ich aus dem Weiningerschen Gedankengange
einiges darlege. Sie konnten vielleicht die Ansicht haben, dafi das nicht
einmal ganz anstandig ware, alles so darzulegen; aber man darf nicht
wie der Vogel Straufi den Kopf in den Sand stecken, sondern mufi die
Dinge kennenlernen; ich schildere einen Typus. Viele Menschen denken
so, und viele von denjenigen, die so denken in der Gegenwart, wissen
es nur nicht. Also Sie miissen schon entschuldigen, es sind nicht meine
Urteile, die ich jetzt aussprechen werde, sondern Weiningers Urteile.
Nehmen wir also an: Viel W ware einem menschlichen Individuum
beigemischt, ein gewisses Maximalquantum ware beigemischt; dann
hat man es mit einem Typus von Menschen zu tun, der in der Maja-
gestalt der Frau einem entgegentritt. 1st weniger beigemischt, dann
hat man es mit einem anderen Typus zu tun, der nur so auflerlich wie
eine Frau aussieht. 1st viel beigemischt von dem W, dann hat man es
mit dem Typus der Mutter zu tun, ist wenig beigemischt, so hat man
es mit dem der Hetare zu tun. So dafi also dadurch zwei neue Grund-
charaktere menschlicher Individuality gegeben sind: die Mutter und
die Hetare. Die Mutter ist der zuriickgebliebenste Typus der Mensch-
heit; sie schwebt ganz in den untersten Planen des Daseins und kann
nur die Freundin werden der philistrosesten Manner, kann nichts bei-
tragen zum Kulturfortschritt, denn sie nahert sich am meisten dem
Nichts, weil am meisten W beigemischt ist. Ist weniger W beigemischt,
so erhalt man den Typus derjenigen Frau, welche der genialen Manner
Freundin werden kann: der Typus der Frau, die Hetare, wie Weininger
sich ausdriickt, die teilnehmen kann an dem menschlichen Kulturfort-
schritt, die schon in hoheren Regionen des Daseins lebt.
Auch die andere Art von menschlichen Individuen, die Manner -
Manner darf man natiirlich nur sagen, wenn man den althergebrachten
Ausdruck gebraucht - zerfallen in solche, die viel von dem M haben,
und in solche, die weniger von dem M haben. Solche, die viel von dem
M haben, die haben den groiRen Vorzug, grofie Schuld auf sich zu laden
und grofies Boses zu verrichten; solche, die wenig von dem M haben,
stehen mehr in den unteren Regionen des Daseins; die haben weniger
Fahigkeit, Boses zu tun, Schuld in die Welt zu setzen. Was ist nun die
grofite Schuld, die diejenigen Individuen auf sich laden konnen, die
viel M haben in ihrer Natur? Was ist uberhaupt die grofite Schuld, die
es gibt zunachst innerhalb unseres begrenzten physischen geschicht-
lichen Daseins? Ja, sehen Sie, ich sagte Ihnen vorher, in der Theorie
Weiningers ist das W eigentlich das Nichts. Aber wie kann das Nichts
in der Welt sein? Warum ist denn uberhaupt das Nichts, das W, in der
Welt? Was ist denn dieses W, dieses Nichts, wenn man naher darauf
eingeht? Es ist nichts anderes als die Schuld des Mannes. Also das W
hat iiberhaupt kein wirkliches Dasein, sondern es ist blofi durch die
Schuld des M da, so dafi es also Frauen gar nicht geben wiirde, wenn
nicht die Manner die Schuld auf sich geladen hatten, durch ihre Be-
gierden die Frau zu schaffen.DieFrau ist ein Geschopf der mannlichen
Schuld. Das ist der Siindenfall der Menschheit.
Ja, Sie alle, die dem aufieren Ansehen nach wie Frauen ausschauen,
Sie mussen sich also vorstellen, dafi Sie, nach der Theorie Weiningers,
im Grunde genommen durch die Schuld der Manner ins Dasein gerufen
worden sind auf irgendeine unbekannte,okkulteWeise! Das wird, man
kann schon sagen, mit grofier Genialitat in dem Buch ausgefiihrt, wie
man in den letzten Jahrzehnten eben vielfach menschliche Genialitat
aufgefafit hat. Es ist sogar von einem Kritiker iiber die Weiningersche
literarische Leistung gesagt worden: Es beweise, dafi man doch noch
einige Freude an dem Leben der Gegenwart, dieser philistrosen, pe-
dantischen Gegenwart haben konne, dafi es solche Geister gibt, wie
Weininger einer sei!
Das Buch ist nicht unernsthaft gemeint; es ist kein blofie^s belletristi-
sches Produkt. Der Mann, der das geschrieben hat, hat mit dem ersten
Teil davon - nicht mit dem Ganzen, mit den ersten zwei, drei Bogen -
seinen Doktor an einer Universitat gemacht. Es wurden also die ersten
Bogen als Doktordissertation an einer Universitat angenommen. Er
hat sie spater etwas verandert. Man mufi ja naturlich das, was man
genial schreibt, ein bifichen ins Pedantische umsetzen, wenn man eine
Doktordissertation macht, und das hat er naturlich auch gekonnt. Also
es ist ganz ernst genommen worden, und es sind manche Theorien dann
aufgebaut worden. Das Buch hat grofies Aufsehen gemacht, und nicht
blofi das, es hat auch grofien Einf lufi gehabt.
Sehen wir uns den Mann ein wenig naher an. Weininger war von
Anfang an, was man ein begabtes Kind nennt, hat schon in der aller-
ersten Zeit viele kluge Gedanken gehabt, woriiber viele Eltern ja so
sehr froh sind. Er war ein ernstes Kind, das sich mit geistigen Dingen
beschaf tigt hat. Als es in die Schule kam, kann man nicht einmal sagen,
dafi es den Lehrern die Sache nicht recht gemacht hatte - das ist ja fast
selbstverstandlich, nicht wahr; aber die Lehrer konnten es ihm nicht
recht machen! Weininger mufite immer etwas anderes machen, als die
Lehrer von ihm haben wollten, insbesondere als er ins Gymnasium ge-
kommen war. Wahrend die Lehrer nach seiner Ansicht sehr langweilige
Dinge sagten, las er allerlei Dinge fur sich. Das tun zwar andere auch
in der Praxis; man lafit den da reden, der sagt ja doch nichts anderes,
als was im Buche stent, das kann man dann zu Hause kiirzer lesen;
und, nicht wahr, so unter der Bank - - !
Wenn er Aufsatze machte, ja, da ging es ihm so, dafi er zumTeil das
Erstaunen, aber zum Teil auch den Abscheu der korrigierenden Lehrer
hervorrief. Auch wollte er sich nichts gefallen lassen in der Schule.
Als er dann zur Universitat kam, erwies er sich als ein sehr begabter
Mensch, der iiber vieles Ideen hatte, was da vorgebracht wurde, Dann
bekam er von den verschiedensten Seiten her tiefgehende literarische
Einfliisse. Die verschiedenen geistigen Richtungen Ende der neunziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts wirkten sehr bedeutend auf ihn. Auch
die Gesellschaft, in der er war, wirkte selbstverstandlich auf ihn sehr
bedeutsam. Er lebte in Wien am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
in einem Kreise von Leuten, von denen man mit Recht sagte, dafi viele
Genies, aber eben dekadente Genies, darunter waren. Man hat von
diesem Kreis gesagt, in dem Weininger da um die Wende des Jahrhun-
derts lebte, dafi die Begabtesten unter ihnen, wenn sie zwanzig Jahre
alt sind, Raffael fur einen Trottel halten. Mit zwanzig Jahren ist man
selbstverstandlich ein ganzes Genie und reformiert die Welt jeden Tag.
Dazu gehorte er auch, aber eben als ein genialer, begabter Mensch mit
Ideen. Denn schhefilich, was ich Ihnen vorgefiihrt habe, sind ja doch
Ideen. Man mag sie fur so irrtiimlich wie moglich halten, es sind Ideen.
Es sind auch neue Ideen.
Dann wirkten auf Weininger besonders gewisse in unserer Zeit ja
sehr tiefe Wurzeln schlagende Rassentheorien. Er war Jude und machte
sich friih bekannt mit der Entwickelung der Menschheit, wie sie hin-
geordnet ist auf das Mysterium von Golgatha, beschaftigte sich viel
mit dem Christus. Nun bildete er sich eine sehr eigentiimliche Theorie
aus. Der Christus war ihm auf der einen Seite Jude, aber gerade weil
er Jude war, konnte er das Judentum am intensivsten iiberwinden.
Ein vollstandiges Umschlagen, wie er es da zu beobachten glaubte in
der Menschheitsentwickelung, es iibte einen tiefen Eindruck aus auf
Weininger. Und wahrend er vorher eigentlich mit einem gewissen Pes-
simismus gerade sein Judentum verfochten hatte, wurde er beseligt in
dem Gedanken, uberzutreten, ein Christ zu werden, es dem Christus
nachzumachen, umzuschlagen. Und da gofi sich in seine Ideen hinein
etwas wie von einem modernen Christus, nur dafi der Christus die
Menschheit von dem Ubel befreit hat, von der Siinde, von der Erb-
siinde; Weininger aber - das sprach er nicht aus, aber man sieht, das
waltete in seiner Seele - meinte, er habe, weil er noch Tieferes erkannt
habe, die moderne Menschheit von allem Weib lichen, von allem W zu
erlosen; erst dann konne die Menschengeschichte sich fortentwickeln,
wenn sie von allem W, nicht nur von aller Siinde erlost sei; denn gibt
es nicht mehr das W, so gibt es selbstverstandlich die Schuld des M
nicht mehr, denn das W ist nur die Schuld des M. Und das sah Wei-
ninger als eine Art Erfullung des Christentums an, dafi er als Jude die
Menschheit von dem W erlosen konne; das sah er gewissermafien als
seine Sendung an.
Unter solchen Gedanken und Empfindungen war er zwanzig-, ein-
undzwanzigjahrig geworden. Er hat in verhaltnismafiig kurzer Zeit
dieses riesendicke Buch «Geschlecht und Charakter» geschrieben, in
dem viel, viel Gelehrsamkeit und Wissenschaft der Gegenwart aufge-
arbeitet ist, das durchdrungen ist mit Ideen von der Art, wie ich sie
Ihnen angedeutet habe. Dann kam eine Zeit iiber ihn, wo er dariiber
nachzudenken begann, wie ein solches Genie, wie er es ist, doch nicht
verstanden werden kann in der Gegenwart. Alle diejenigen Individuen,
meint er, bei denen das W irgendeine besondere Rolle spielt, also alle,
die dem aufieren Ansehen nach als Frauen in der Welt herumgehen,
und auch diejenigen, die dem aufieren Ansehen nach nicht Frauen sind,
die aber ein grofies Stuck des W in sich haben, die konnen Weininger
von vornherein nicht verstehen, auf die mufi er verzichten. Das ist ja
naturlich weit, weit iiber die Halfte der Menschheit. « Frauen werden
mich niemals verstehen», hat Weininger zu seinem Vater gesagt. Sie
sind ganz kaltgestellt.
Dann bekam er eine Art Wandertrieb, als sein Buch erschienen war.
Er muflte Reisen machen, und da reiste er nach Italien. Da kann man
nun eine merkwurdige Entdeckung machen, denn da hat er seine Ideen
niedergeschrieben auf der Reise bis nach Sizilien, und diese Ideen wur-
den dann in dem nachgelassenen Werke «0ber die letzten Dinge» von
seinem Freunde Rappaport veroffentlicht.
Merkwurdige Ideen sind darinnen, viel radikaler noch als die in
dem Buche «Geschlecht und Charakter», radikalere Ideen, aber doch
von einem sehr, sehr eigentiimlichen Charakter, Ideen, die alle erinnern
an dasjenige, was wir imaginative Erkenntnis nennen, Ideen so ziem-
lich iiber den ganzen Umfang des menschlichen Lebens, aphoristisch
ausgesprochen. Allerdings, was da zum Beispiel iiber Krankheiten
gesagt wird, das allein geniigt, um jeden Arzt zu iiberzeugen, dafi
Weininger vollstandig irrsinnig war. Aber alle diese Ideen, die da in
dem Buch «t)ber die letzten Dinge» gesammelt sind, sind eigentlich
wie imaginative Erkenntnis, paradox, aber wie imaginative Erkennt-
nis. Sie sind nach der Art der imaginativen Erkenntnis aufgebaut.
Nehmen wir eines: Bei dem Menschen tritt auf das Bose, sagte er, und
tritt auf die Neurasthenic Schauen wir uns die Neurasthenie an, meint
Weininger, ja, wir finden doch, die Neurasthenie, sie wachst uberall
draufien, denn die ganze Pflanzenwelt ist verkorperte Neurasthenie!
Sie ist das Gleichnis fur Neurasthenie. Lebt dasjenige im Menschen
iiberwiegend, was in der Pflanzenwelt an seiner rechten Stelle lebt,
dann wird der Mensch neurasthenisch, denn der Mensch ist in gewis-
sem Sinne eine Pf lanze, und er ist in dem Mafie neurasthenisch, als das
Pflanzliche das Ubergewicht bekommt. Paradox! Eine ganz und gar
nicht unsinnige Idee, paradox ausgefuhrt! Man mochte sagen: Etwas,
was innerhalb der imaginativen Erkenntnis gehalten werden mufi, ist
hereingezerrt in die verstandesmafiige Erkenntnis und dadurch zur
Karikatur geworden.
Ebenso, sagt er, lebt im Menschen das Bose; aber schauen wir hin-
aus: Uberall, wo Hunde sind, lebt das Bose. Der Hund ist das Symbo-
lum des Bosen. Der Mensch ist ebenso, wie er eine Pf lanze ist, und da-
durch ein Neurastheniker, auch wie ein Hund, und dadurch ein Boser.
Es ist zum Beispiel durchaus wahr, dafi im Menschen die ganze iibrige
Natur konzentriert ist; alles, was draufien in der Natur ausgegossen
ist, ist im Menschen, das kommt vor in ihm. - Dabei kommen tief ge-
fuhlvolle Apercus aus Weiningers Seele heraus: Er stent auf einem
f euerspeienden Berge. Womit er den vergleicht, will ich gar nicht wie-
derholen; aber er sieht die untergehende Sonne und sagt so ungefahr:
Diese untergehende Sonne ist nur ertraglich hier auf diesem Grund
und Boden, wo man zu gleicher Zeit den Krater unter sich hat; sonst
wiirde sie storen.
Sie sehen, merkwiirdig empfindet diese Seele: Wo andere Seelen
wunderschdne, groftartige Empfindungen beim Sonnenuntergange ha-
ben, ist es ihm nur ertraglich, wenn es zum Kontrast wird. Und so ist
vieles ganz anders in dieser Seele als bei anderen Menschen. Interessant
ist es, wie er da beschreibt, wie es ist, wenn man den Menschen ent-
gegentritt und ihnen in die Augen schaut, wie aus dem einen Auge
dieses, aus dem andern Auge jenes Wesen heraussieht. Er bekommt es
genau heraus; er hat imaginative Schauungen, bringt sie aber in einer
wahnsinnig verzerrten Weise zum Vorschein.
Dann kommt er nach Hause, ist nun gerade in der letzten Zeit voller
Klagen iiber den Unverstand der Welt, fragt sich, wie lange es dauern
wird, bis so etwas, wie er es zu schreiben hat, von der Welt wird ver-
standen werden konnen. Der Vater ist durchaus iiberzeugt, trotzdem
der Sohn weggezogen war, weil er nicht mit der Familie wohnen
konnte,dafi er es mit einem genialen jungen Manne zu tun hat,bemerkt
nichts irgendwie Unnormales an ihm, obwohl er selbstverstandlich
mit den Ideen nicht einverstanden ist; aber wenn alle Eltern, die mit
den Ideen ihrer Sonne oder Tochter nicht einverstanden sein konnen,
sie deshalb f iir Wahnsinnige halten wollten, nicht wahr, so wiirde etwas
Schones in der Welt herauskommen!
Dann nimmt er eines Tages ein Zimmer im Sterbehause von Beet-
hoven. Nach einigen Tagen, die er dort gewohnt hat, erschiefit er sich
darin ganz programmafiig, nachdem er vorher einer Gesellschaft von
jiingeren Freunden angekiindigt hat, er werde sich erschiefien, weil das
seiner Individuality gerade so entspreche. Er war da etwa dreiund-
zwanzig Jahre alt. Er erschiefk sich im Sterbehause Beethovens.
Ja, nun sehen Sie, wir haben eine merkwiirdige Personlichkeit vor
uns, und eine typische Personlichkeit. Es gibt viele so Geartete, wenn
das auch ein herausgerissenes Beispiel ist, wo gewisse Ideen ifi beson-
derer Weise ausgebildet sind. Es gibt viele Individuen unter den Men-
schen in der Gegenwart, die so geartet sind wie Weininger. Fiir den
Irrenarzt ist es ganz selbstverstandlich, dafi sowohl das Buch «Ge-
schlecht und Charakter», wie das «Ober die letzten Dinge» verriicktes
Zeug sind. Der Irrenarzt vergleicht die Biographie Weiningers mit die-
sen Ideen, die er vorgebracht hat, und findet selbstverstandlich uberall
Anzeichen des Abnormen. Es gibt kaum irgendeinen Menschen, bei
dem man nicht solche Anzeichen finden kann. Das kommt ja wirklich
mehr oder weniger auf den subjektiven Standpunkt an. Nur weifi das
der Irrenarzt nicht. Aber wie gesagt, man kann leicht beweisen, daft
schon eine Abnormitat darinnen liegt, wenn jemand seinen Lehrern so
widerstrebt, wie es der Weininger getan hat, wenn man so die Bucher
unter der Bank liest, wahrend der Lehrer ganz anderes vortragt. Ein
bedenklicher Zug ist es ja, wenn jemand sich als einen Propheten an-
sieht, ein bedenklicher Zug ist es, wenn jemand sich just in das Sterbe-
haus Beethovens einmietet, um sich dort zu erschiefien! So sind viele
Ziige bei Weininger, und man mufi sagen: Eine psychiatrische Schrift,
die iiber Weininger geschrieben ist, ist ganz zutreffend, nur konnte
man iiber viele Leute solch eine Schrift schreiben. Aber sie ist dennoch
ganz zutreffend. Was aber am meisten ganz ernsthaftig und bedeut-
sam auf f allt, das ist, daft man einen gewissen Grundzug, einen gewissen
Grundcharakter der verzerrten, karikierten Gedanken in «Geschlecht
und Charakter», in «Uber die letzten Dinge» dennoch sehen mufi. Man
kann ruhig zugeben, das Ganze ist wahnsinniges Zeug, aber es mufi
einen interessieren durch die Art, wie die Gedanken gebildet sind.
Wenn man nach strenger, durchgeistigter, gesunder Wissenschaft
diesen Grundcharakter zu begreifen sucht, so mufi man sagen: Wir
sehen, wie alles, was sich ausdehnt draufien in der Welt als Makro-
kosmos, wie ein Gleichnis ist, wie der Mensch ein Mikrokosmos ist,
der alles in sich tragt, was draufien ist. Wenn der Gedanke bei Wei-
ninger auf tritt, wenn auch in solch verzerrter Art, karikiert, diePflanze
sei verkorperte Neurasthenie, der Hund das verkorperte Bose, so ist es,
ich mochte sagen, nach dem Musterbilde der imaginativen Erkenntnis
aufgefaftt, wie wenn jemand richtige imaginative Erkenntnis in die
Karikatur verzerrt; aber es ist nach dem Musterbilde imaginativer Er-
kenntnis aufgefafit. Und dennoch, im Grunde genommen ein fur das
Leben ganz unbrauchbarer Mensch, dieser Weininger, ein fiir das Le-
ben ganz und gar nicht irgendwie in Betracht kommender Mensch!
Denn im Grunde genommen kann doch aus den beiden Biichern nie-
mand etwas lernen, und es ist nur charakteristisch fiir unsere Zeit, dafi
die Literaten vielf ach an solchen Kraftproben viel mehr Interesse fin-
den, als wenn ihnen imaginative Erkenntnis so entgegentritt, wie sie
sein soil. Da interessiert es sie nicht. Wenn es aber in wahnsinnigen
Ideen ihnen entgegentritt, da interessiert es sie.
Also wir haben es wirklich zu tun mit imaginativer Erkenntnis, die
nur als Zerrbild erscheint. Was liegt da eigentlich vor? Da ein solcher
Charakter wie der Weiningers doch fiir das Leben nicht brauchbar ist,
so mufi man dahinterkommen konnen, was eigentlich vorliegt. Wo-
durch ist denn Weininger eben gerade dieser sonderbare Mensch ge-
worden? Ja, sehen Sie, wenn man beobachtet haben wiirde - das sage
ich jetzt als Hypothese, weil ich ja den Fall Weininger nicht personlich
beobachtet habe, aber was ich als Hypothese sage, ist ganz gewifi rich-
tig wenn man Weininger beobachtet haben wiirde als schlafenden
Menschen in den Zeiten, in denen er gesunden Schlaf hatte - den er
allerdings sehr wenig gehabt haben wird -, dann wiirde man gefunden
haben, dafi im Ich und im astralischen Leib, die wahrend des Schlafens
heraufien waren aus dem physischen Leibe, wirklich grandiose Intui-
tionen und Imaginationen aus der geistigen Welt vorhanden waren.
Wiirden wir also dieses Ich und diesen astralischen Leib abgesondert
vom physischen und Atherleib betrachten, so wiirden wir wahrneh-
men eine grandios-geniale Seele mit wunderbaren Intuitionen und
Imaginationen, die treffend richtig sind. Diese Seele, richtig verstan-
den, wiirde tatsachlich ein grofier Lehrer fiir unsere Zeit sein konnen;
aber sie diirfte nur so als Lehrer wirken, dafi sie den physischen Leib
und den Atherleib schlafen lafit, und die Schiiler diirfen nur dasjenige
wahrnehmen, was ihnen im schlafenden Zustande das Ich und der
astralische Leib des Betreffenden zu sagen haben. Aber nun war Wei-
ninger selber nicht so weit, das wahrzunehmen. Er war nicht aufge-
weckt, das wahrzunehmen, er war nicht durchgegangen durch das-
jenige, was man in unserer Zeit als eine Initiation bezeichnet. Also er
wufke selber nichts von dem, was da in seinem Ich und in seinem astra-
lischen Leibe lebte, wenn er aufierhalb des physischen und des Ather-
leibes war. Wenn Weininger hatte werden sollen ein Mensch, der seinen
Mitmenschen heute in geistiger Beziehung viel sein konnte - wie hatte
er dann werden mussen? Nun, er hatte so werden mussen, dafl er seine
grofien Anlagen, die nur hervortreten konnten, wenn das Ich und der
astralische Leib aufier dem physischen und dem Atherleibe waren,
durch Initiation zum Schauen gebracht hatte aufierhalb des physischen
und Atherleibes, und dafl er dann hatte untertauchen konnen in den
physischen und Atherleib, um mit den geistigen Kraften und Fahig-
keiten, die man im physischen und im Atherleib hat, das anzuschauen,
was er wahrnahm aufierhalb des physischen und des Atherleibes. Mit
anderen Worten, wenn er wachend hier gewesen ware in der physi-
schen Welt, so hatte er auf seine grofien Ideen als auf Inspirationen
und Imaginationen hinschauen mussen. Er hatte nicht glauben mussen,
dafi er diese so hervorzubringen hat, wie man mathematische Wahr-
heiten hervorbringt, aus dem physischen Leib heraus.
Statt dessen ist etwas anderes eingetreten. Statt dessen ist das Fol-
gende eingetreten: Denken Sie sich einmal, dieses ware der physische,
dieses der Atherleib und dieses der astralische Leib Weiningers gewesen
(es wird gezeichnet). Wenn man also diesen astralischen Leib mit dem
Ich beobachten wiirde, wurde man die schonsten, bedeutendsten Dinge
sehen. Er hat sie selber gehabt. Nun tauchen also dieser astralische Leib
und das Ich in den physischen Leib unter, sind jetzt darinnen. Statt
dafi sich der Mensch nun sondern kann und hinschauen kann auf das
Astralische, driickt sich, prefit sich das Astralische in den physischen
Leib hinein und wird im physischen Leib so lebendig, wie sonst nur das
lebendig ist, was ein normaler Mensch im Astralleib hat. Also das, was
der astralische Leib an grofier Imagination hat, was im astralischen
Leib verbleiben sollte, das driickt sich in den physischen Leib hinein.
So dafi in das Gehirn, statt dafi es aufgebaut ist, wie es fiir den Men-
schen des jetzigen Zyklus normal ist, hineingepreik wird wie in eine
weicheWachsmasse, was Imagination blofi im astralischen Leib bleiben
soil. Denken Sie sich, das Gehirn ist wirklich wie Butter oder wie
Wachs. Statt dafi es nun die Form hat, die es beim Menschen haben
mufi, so dafi der astralische Leib gleichsam nur untertaucht wie Luft,
die das durchsetzt und ungeandert lafit, statt dessen wird hineingeprefit
in das Gehirn dasjenige, was im astralischen Leibe bleiben soil. Das
driickt sich im Gehirn nun selbst aus, und der Mensch spricht als phy-
sischer Mensch das aus, was er als geistiger Mensch aussprechen soil.
Und wodurch ist denn das geschehen? Wodurch wirkt dieser astra-
lische Leib, gewissermaflen wie sich hineinpressend in den physischen
Leib, was er nicht tun soil? Wodurch geschieht das?
Ja, meine lieben Freunde, dafi das so ist, das hat seine guten Griinde;
denn was da bei Weininger heute als Intuition und Imagination zum
Ausdruck gekommen ist, das sind wirkliche Ideen der Zukunft! Bitte
lassen Sie sich dadurch nicht storen, dafi Sie etwa glauben konnten,
alles das, was hier iiber das Mannliche und Weibliche entwickelt wor-
den ist, sei Idee der Zukunft. Das sind nicht Ideen der Zukunft, das
sind schon die ins Gehirn hereingeprelken karikierten Ideen. Aber die
sind wirklich nicht blofi dieses M+W. Wenn sie da drinnen abgeson-
dert beobachtet werden, da sind sie etwas, was ganz grandios ist, was
die heutige Menschheit noch nicht versteht, sondern erst in der Zu-
kunft verstehen wird, wenn wirklich ausgegossen werden wird ixber die
Menschheit etwas, wodurch sich die Menschen nicht nur so gegemiber-
stehen werden wie heute, durch das Geschlecht, sondern wodurch sie
sich mehr als Menschen gegenuberstehen werden. Es ist wirklich, wenn
man sie abgesondert beobachtet und sie nicht durch das Hereinpressen
in den physischen Leib erklart, in diesen Ideen Zukiinftiges vorhan-
den. Aber wir miissen alle Ideen zukiinftige nennen; denn wahrend
Sie jetzt hier im zwanzigsten Jahrhundert leben, entwickeln Sie Ge-
danken fur das zwanzigste Jahrhundert; aber in den Untergriinden,
im astralischen Leib und im Ich drinnen sind schon die Ideen, die Sie
fur Ihre nachste Inkarnation brauchen, die Sie als Frucht von hier mit-
nehmen miissen. Die sind in jedem Menschen schon ein bifichen drin-
nen, nur kommen sie jetzt nicht heraus. Wie der Keim in der Pflanze
drinnen ist, so sind schon die Ideen der nachsten Inkarnation drinnen,
die da im Gehirn wirken. Das, was bei Weininger dieser abgesonderte
Astralleib und das Ich in seinem physischen und Atherleib jetzt tun,
das ist mit Unrecht getan, denn das sollte sich erst vorbereiten durch
die 2eit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und mit aufbauen
den nachsten Leib. Da ware es richtig, wenn es sich da hineinprefite in
den nachsten Leib.
Sie sehen, urn was es sich handelt: die gegenwartige und die nachst-
folgende Inkarnation stimmen nicht zusammen. Die storen sich gegen-
seitig, die halten sich nicht ordentlich auseinander. Es spukt die nach-
ste Inkarnation in die gegenwartige Inkarnation hinein. Was in der
nachsten Inkarnation wirklich etwas Bedeutsames und Richtiges sein
wiirde, spukt herein in den gegenwartigen Leib, den es nur stdrt, und
kommt hier in Karikierungen zum Vorschein.
Ich habe Ihnen ofter gesagt, wir leben jetzt in einer Zeit des Uber-
ganges, und es kommen Zeiten, in denen die gegenwartig lebenden
Menschen wieder inkarniert sein werden. Da werden sich diese Men-
schen in ein anderes Verhaltnis zu den vorhergehenden Inkarnationen
stellen miissen. Sie werden zuriickschauen miissen auf die vorher-
gehende Inkarnation, anders als jetzt, wo jeder nur von seiner gegen-
wartigen Inkarnation ein Bewufitsein hat. Das bereitet sich vor, und
da kommen Unregelmafiigkeiten hinein. Und gerade bei solchen Indi-
viduen wie Weininger kommt das als eine Unregelmafiigkeit zustande.
Bis in die letzten Konsequenzen hinein kommt das als eine Unregel-
mafiigkeit zustande. Denn, warum sterben wir denn eigentlich? Damit
wir in der nachsten Inkarnation leben konnen! Zu den vielen Dingen,
die den Tod grofiartig machen, gehort auch dieses, dafi wir - ich rede
jetzt von vollendeten Lebenslaufen wenn wir in einer Inkarnation
leben, dann durch die Pforte des Todes gehen, die Friichte des Lebens
forttragen und uns unser nachstes Dasein damit aufbauen, mit diesen
Friichten. Aber es gehort das Sterben ebenso zum Leben wie das Ge-
borenwerden oder das Wachsen. Geradeso, wie die Pflanze eigentlich
getotet wird durch den Keim, der in ihr steckt - der Keim bringt sie
zum Welken; erst wachsen die Blatter, dann die Bluten, dann die
Friichte, und dann fangt sie an zu welken -, so totet uns gewisser-
mafien unsere nachste Inkarnation. Ist unsere nachste Inkarnation ver-
trackt, verdreht, so kann sie auch etwas von dem verdreht machen, was
sie rechtmafSigerweise machen mufi: Regelmafiigerweise bringt sie den
Tod der gegenwartigen Inkarnation. Die nachste Inkarnation, die in
der vorhergehenden spukt: bei Weininger bringt sie den Tod als eine
Karikatur, als den Selbstmord. Dieses Nicht-Zusammenstimmen des-
sen, was als nachste Inkarnation in der gegenwartigen ruhen soil, statt
dessen aber spukt, das bewirkt die Karikatur des Todes, den Selbst-
mord. Bis in diese Konsequenz hinein konnen Sie verfolgen ein Nicht-
Zusammenstimmen zwischen physischem und Atherleib auf der einen
Seite, Ich und Astralleib auf der andern Seite bei diesem menschlichen
Individuum.
Ich mochte sagen, herausgestellt wie in einem besonderen Beispiele
sehen wir etwas, was heute in vielem lebt. Nur Geisteswissenschaft
wird das so begreifen konnen. Aber wichtig ist es, da, wo es erscheint
in der Gegenwart, es zu verstehen, sich darauf einzulassen. Fur den
unverstandigen Literaten mag Weininger das Genie der Gegenwart
sein, fur den Irrenarzt ist er ein Wahnsinniger, fur denjenigen, der ver-
stehen will die Zeiten, der sich mit liebevoller Erkenntnis in die Ereig-
nisse hineinversetzen will, ist er der Typus fur das Obergangsleben
unserer Zeit, einer der interessantesten Typen. Wichtig ist es, das Leben
an solch interessanten Beispielen anzufassen. Denn hier ist es so, wo
Geisteswissenschaft praktisch wird, weil wir in der Zeit leben, in der
das Leben immer schwieriger wird, in der die Menschen immer mehr
und mehr mit sich zu tun haben, in der Selbsterkenntnis immer schwe-
rer sein wird, und immer bedruckender jenes Heraufdringen dessen,
was da unten wogt und lebt, und was uns selbst oftmals so unverstand-
lich und mit Depressionen behaftet erscheinen lafit. Aus den Erkennt-
nissen der Geisteswissenschaft miissen wir uns ein Verstandnis des
Menschlichen erwerben.
Davon wollen wir dann morgen weiterreden und es zu einem gro-
fieren Thema ausbilden.
2 WE ITER VORTRAG
Dornach,30.Julil916
Ausgehen mochte ich heute in unseren Betrachtungen von einer ein-
f achen, vor aller Augen liegenden Tatsache. Wenn wir den Blick schwei-
fen lassen iiber die Naturvorgange, so erscheinen uns diese, wenn wir
sie verstandig, aufmerksam betrachten, doch eigentlich als zwei von-
einander stark unterschiedene Reiche: ein Reich der allergrofiten Re-
gelmafiigkeit, der allergrofiten Ordnung, und ein Reich von zunachst
fast undurchdringlichen Zusammenhangen, von Unregelmafiigkeit,von
vielfacher Unordnung; so wenigstens wird es empfunden. Die gewohn-
liche Naturwissenschaft unterscheidet nicht klar zwischen diesen zwei
Gebieten des Naturdaseins, und doch sind diese zwei Gebiete streng
voneinander getrennt.Da haben wir auf der einen Seite alles dasjenige,
was vorgeht mit jener Regelmafligkeit, mit der etwa jeden Morgen die
Sonne aufgeht, jeden Abend die Sonne untergeht, mit der die Sterne
auf- und untergehen, sowie alles das, was in einem gewissen Zusammen-
hange mit Sonnenauf- und -untergangen erscheint: MitRegelmafiigkeit
erscheinen im Friihling die Wachstumstriebe, entwickeln sich wahrend
des Sommers, welken, schwinden im Herbst dahin. Und vieles Xhn-
liche, das mit einer grofien Regelmafiigkeit und Ordnung empfunden
werden mul5, sehen wir in dem einen Gebiete der Natur.
Aber es gibt ein anderes Gebiet der Natur, das nicht in derselben
Weise empfunden werden kann. Man kann nicht in derselben Weise,
wie man den Sonnenaufgang am Morgen, den Sonnenuntergang am
Abend erwartet, ein Ge witter erwarten; das kommt nicht mit solcher
Regelmafiigkeit. Mit einer solchen Bestimmtheit, wie wir sagen: Mor-
gen, wenn es zehn Uhr sein wird, werden wir die Sonne an einer be-
stimmten Stelle am Himmelsgewolbe sehen, konnen wir nicht sagen:
Wir werden an einer Stelle ein gewisses Wolkengebilde sehen, oder gar
dariiber etwas sagen, wie dieses Wolkengebilde aussehen wird. Auch
werden wir nicht mit einer gleichen Bestimmtheit, wie wir dieses oder
jenes Mondenviertel voraussagen, sagen konnen: zu der oder jener Zeit
wird hier den Dornacher Bau ein Sturm oder ein Regenwetter iiber-
raschen. Man wird mit einer gewissen Sicherheit berechnen konnen,
wann nach Jahrhunderten Sonnenfinsternisse, Mondenfinsternisse sein
werden; man wird aber nicht mit der gleichen Sicherheit angeben kon-
nen, wann Erdbeben oder Vulkanausbriiche stattfinden.
Sie sehen da voneinander getrennt zwei Gebiete des Naturdaseins:
eines, welches mit grower, fur unseren Verstand durchdringbarer Re-
gelmaftigkeit auftritt, und ein anderes Gebiet, das nicht in derselben
Weise empfunden werden kann, das als Unregelmafiiges auftritt. Und
das, was wir Gesamtnatur nennen, das ist im Grunde genommen ein
Zusammenflufi, ich mochte sagen, der groften Regelmaftigkeit und der
Unregelmaftigkeit; denn in jedemAugenblicke ist der Gesamteindruck,
den wir haben von dem Naturdasein, bestimmt durch das, was durch
den regelmafiigen Verlauf geschieht und was sich in diesen regelmafii-
gen Verlauf der Dinge an Geschehnissen hineinmischt, die uns Ober-
raschungen gewahren konnen, und die eigentlich immer wiederkehren,
bis zu einem gewissen Grade wenigstens.
Nun haben wir ja ofter in den verschiedensten Zusammenhangen
unserer Betrachtungen einer tiefen Wahrheit gedacht, der Wahrheit,
daft der Mensch ein Mikrokosmos gegeniiber dem Makrokosmos ist,
daft wir im Menschen in einer gewissen Weise wiederfinden, was wir
drauften im Universum im groften finden. Wir konnen also erwarten,
daft auch im Menschen in einer gewissen Beziehung so etwas wie zwei
Gebiete zu finden sein miissen, ein Gebiet von grofierer Regelmaftig-
keit und ein Gebiet von einer gewissen Unregelmaftigkeit. Im Men-
schenleben wird sich das allerdings in anderer Art ausdriicken konnen,
verschieden von der Art, die drauften in der Natur ist; aber an die
Zweiheit in der Natur von Regelmaftigkeit und Unregelmaftigkeit,
Ordnung und Unordnung wird uns etwas erinnern miissen im Men-
schen. Und nun gedenken Sie desjenigen, was wir gestern an einem
typischen Beispiel darzustellen versuchten.
Jene typische Personlichkeit konnte gut logisch denken, wenn es
eben darauf ankam, logisch zu denken, konnte rechnen, Urteile fallen,
die Erscheinungen der Welt in einem gewissen Zusammenhange sehen,
das Leben bis zu einem gewissen Grade regelmaftig geordnet iiber-
schauen und iiberdenken und danach handeln, hatte also alles das, was
aus der Regelmafiigkeit des Wirkens unseres Verstandes, unserer Ver-
nunft, unserer Empfindungsfahigkeit, unserer Willensimpulse kommt.
Daneben aber hatte diese Personlichkeit ein anderes Leben, das sich
ausgepragt hat in den beiden Werken, die ich angefiihrt habe, ein Le-
ben, von dem Sie haben sehen konnen aus dem wenigen, das ich aus
dem Inhalte der Biicher angefiihrt habe, wie es stiirmisch verlaufen ist,
wie es irregular verlaufen ist gegeniiber dem, was der gewohnliche,
regelmafiige Verstand dem Menschen darbietet. Da waren unten in der
Seele Stiirme, tiefe Stiirme, die sich auslebten in der Weise, wie wir es
gestern schildern konnten. Und wahrhaftig, so wie in den regelmafii-
gen Sonnen- und Mondengang, in das regelmafiige Auf keimen, Welken
und Hinsterben der Gewachse die kommenden und gehenden Gewitter-
und Wetterstiirme und Winde hineinspielen, so spielen hinein in den
regelmafiigen Gang dessen, was sich aus dem menschlichen Kopf und
dem regelmafiigen Gang des menschlichen Herzens herausentwickelt,
jene Stiirme, die uns wie wache Traume erscheinen miissen oder wie
geniale Lichtblitze, die die Seele so durchzucken wie Gewitter und sich
wie Gewitter entladen. Aber Sie werden nicht daran zweifeln, dafi
dasjenige, was nur in einer extremen, radikal paradoxen Art bei Otto
Weininger aufgetreten ist, sich in der Anlage in jeder Menschenseele
findet. Auf dem Grunde jeder Menschenseele ist das vorhanden. Es
tritt bei den gewdhnlichen Menschenseelen, die nicht Veranlagung
haben, sich so genial zu finden, wie Weininger sich gefunden hat, in
Form von Traumen auf - aber von Traumen immer. Jeder Mensch hat
Traume, und die Traume sind ja schliefilich das, was aus den Tiefen
des astralischen Leibes herausquillt und dadurch zur Offenbarung
kommt, dafi der astralische Leib sich spiegelt im Atherleibe. In jeder
menschlichen Natur ist das tagwache Bewufitsein vorhanden, das ein
Mensch wie Weininger das philistrose Bewufitsein nennt, das pedan-
tische Bewufitsein, und auch das andere Bewufitsein, in das hinein-
schlagen die Traume.
Sehen Sie, diese Traume, diese ganze Traumwelt, man soil nicht von
ihr sagen, sie ist nur dann vorhanden, wenn man weifi, in der Nacht, da
traumt man oder man hat getraumt. Der Mensch traumt namlich fort-
wahrend. Wirklich traumen, was man so nennt wirklich traumen, das
tritt nur dann ein, wenn man das fortwahrende Traumen eine Weile
beobachtet. Aber in Wirklichkeit traumt man fortwahrend. Und alle,
die Sie hier sitzen - neben dem, daft die Gedanken, die jetzt in diesem
Vortrage ausgesprochen werden, in Ihnen leben, wie ich hof fe trau-
men Sie alle. Sie traumen alle auf dem Untergrunde Ihrer Seele. Und
das Traumen, das Sie in der Nacht haben, unterscheidet sich von dem,
das Sie jetzt haben, nur dadurch, dafi Sie jetzt die anderen Gedanken
als die bewufiteren, als die starkeren haben, und die iiberwiegen bei
weitaus den meisten, denke ich; wahrend, wenn das Wachbewufitsein
hinabgedampft ist und nicht wahrgenommen werden kann, zu gleicher
Zeit aber der Schlaf unterbrochen wird, dann fur eine Weile herauf-
kommen kann, was jetzt im Unterbewufitsein vertraumt wird. Da-
durch ist ein bewufiter Traum da. Aber das Traumleben geht fort-
wahrend vor sich.
Tatsachlich, es ist ein solcher Gegensatz in der Menschennatur vor-
handen zwischen der Regelmafiigkeit des gewohnlichen Denkens und
der Unregelmafiigkeit des Traumlebens. Und wenn man diese Regel-
mafiigkeit des gewohnlichen Denkens nicht hat, wenn man nicht die
Dinge verstandesmafiig zu nehmen weifi und sie das eine Mai so, das
andere Mai anders nimmt, nicht wie die Sonne, die jeden Morgen zu
entsprechender Zeit in gleicher Weise aufgeht, so ist man geistig nicht
gesund. Neben diesem gesunden Wachbewufitsein hat man in seiner
Seele, auf dem Grunde seiner Seele, das andere Gebiet, ich mochte
sagen, das sturmische Gebiet, das unregelmafiige Gebiet.
Es ist wirklich in uns eine Nachbildung des astronomischen Ganges
der Gestirne am Himmel in den Kraften, die das WachbewuStsein
zusammensetzen. Wir hatten kein Wachbewufitsein, wenn wir es nicht
hatten von dem Gang der Sterne. Aber die Krafte, die da draufien
spielen - Sie konnen das auch aus einer Bemerkung entnehmen, die ich
in dem Vortragszyklus iiber «Die geistige Fuhrung des Menschen und
der Menschheit» gemacht habe — , die wir in den meteorologischen Er-
scheinungen, in Wind und Wetter, in Gewitter und Erdbeben beobach-
ten, die spielen unten in den Tiefen des Seelischen, im halb- und unter-
bewufiten Leben des Menschen. Wir wiederholen wirklich auch in
dieser Beziehung mikrokosmisch den Makrokosmos.
Heute ist ein geringes Bewufitsein vorhanden von diesen Dingen,
denn wir leben ja in dem Zeitalter, das die Menschheit aufgerufen hat,
sich mehr und mehr auf den physischen Plan zu beschranken, materia-
listisch zu werden, und die geistige Begleiterscheinung des Materialis-
mus ist die blofie Verstandes- und Vernunftbildung, die keine Spiritua-
litat hat. Aber die Menschheit wird, wie wir oftmals hier ausgefuhrt
haben, auch iiber dieses Zeitalter hinauskommen. Und vorbereiten
sollte die geisteswissenschaftliche Bewegung, was wiederum als ein spi-
ritueller Einschlag kommen solL
Aber es war nicht immer so, dafi die Menschen so gewissermafien
Geist-los gelebt haben wie jetzt, geistlos insofern, als sie wenig Be-
wufitsein davon haben, daft ein Zusammenhang besteht zwischen dem,
was der Mensch hier auf der Erde treibt, was in alien Geschehnissen,
in alien Tatsachen des Erdenseins vorgeht, und den geistigen Welten.
Das spricht sich darin aus, daft heute bei den menschlichen Einrich-
tungen wenig RUcksicht darauf genommen wird, wie die geistigen
Welten hereinspielen in die physischen Welten. Erinnern Sie sich nur,
dafi ich einmal dargestellt habe, wie Numa Pompilius, der zweite ro-
mischeKonig, dieEinrichtungen des physischen Planes gestalten wollte.
Das wird symbolisch erzahlt, aber hinter dieser symbolischen Erzah-
lung liegt eine bedeutsame Tatsache. Er hat sich an die Nymphe Egeria
gewandt, die hat ihm aus der geistigen Welt heraus gesagt, wie die
Epochen zu verlaufen haben, und er hat dann die Epoche des Romulus
als die erste, seine eigene als die zweite bezeichnet, und noch fiinf dazu,
damit es eine Siebenheit geworden ist, und innerhalb dieser Siebenheit
konnen wir in einer merkwiirdigen Weise finden, wie sich gerade diese
romische Konigsgeschichte mit derselben Gesetzmafiigkeit aufbaute,
mit der sich die sieben Glieder unseres Organismus aufbauen. Es war
in fruheren Zeiten eine Tendenz vorhanden, den physischen Plan so
einzurichten, dafi seine Einrichtung den Anforderungen der geistigen
Welt entspricht, gewissermafien ein Abbild ist desjenigen, was in der
geistigen Welt vor sich geht. Heute beachten dies die Menschen nicht.
Ich habe ofter erwahnt, wie die Menschen heute nicht einmal mehr
pietatvoll jener Einrichtung gegeniiber empfinden, welche die Oster-
zeit des Jahres, das Osterfest ist. Es denken heute schon gewisse Men-
schen daran, den Ostersonntag auf einen bestimmten Tag zu verlegen,
nicht zu einem beweglichen Fest zu gestalten nach dem Gang der
Sterne, wie es heute ist, sondern ihn vielleicht den ersten Sonntag im
April sein zu lassen; denn die Kontobucher sind dadurch leichter zu
fuhren, Geschafte sind leichter abzuwickeln, als wenn man jedes Jahr
in diesen Biichern eine andere Osterzeit hat. Aber das ist nur ein kras-
ses Beispiel fiir Unzahliges, was heute angefiihrt werden kann zum
Beweise, wie wenig die Menschen heute einen Sinn dafiir haben, in
ihren Einrichtungen hier auf dem physischen Plan ein Abbild zu schaf-
fen dessen, was in den geistigen Welten vorgeht und in den Sternen
sich ausdriickt. Aber nicht immer war es so; sondern es gab schon
Zeiten - und es sind eben die alteren Zeiten der Menschheit, in denen
es noch atavistisches Hellsehen gab wo ein tiefes BewujStsein davon
vorhanden war, dafi der Mensch hier auf der Erde so leben soil, dafi
sein Leben und auch das Zusammenleben der einzelnen Menschen ge-
wisse Dinge abbildet, die sich in der geistigen Welt vollziehen und in
den Sternen ausbreiten.
Wir wollen ein Beispiel nehmen. Die alten Hebraer hatten als Kir-
chenjahr, also als dasjenige Jahr, auf das es ankam, ein Mondenjahr,
354 3 /8 Tage. Nun, das ist etwas kiirzer als das Sonnenjahr; so dafi
immer, wenn man Mondenjahre zahlt - denn das Mondenjahr fullt das
Sonnenjahr nicht aus-, gewisse Tage ubrigbleiben. Nach einer bestimm-
ten Zeit bleiben immer mehr und mehr Tage ubrig. Nun wurden Aus-
gleiche geschaffen. Aber diese Ausgleiche zwischen Monden- und Son-
nenjahr wurden im hebraischen Altertum auf erne ganz besondere Art
geschaffen. Ich will diese Art nur andeuten, denn es kommt uns heute
weniger darauf an, diese Sache im einzelnen kennenzulernen, als den
ganzen Geist und Sinn dieser Sache einmal vor unsere Seele zu fuhren.
Es gab unter den alten hebraischen Gebrauchen das sogenannte Jubel-
jahr. Nach 49 Sonnenjahren namlich - das ist etwas mehr als 50 Mon-
denjahre - wurde ein Jahr eingefugt, welches ein allgemeines Versoh-
nungs-, Aussohnungsjahr war. In solchem Aussohnungsjahr wurden
gewisse Dinge vergeben, die der eine dem anderen vorzuwerfen hatte.
Wer Schulden gemacht hatte, demkonnten oder sollten sie erlassen wer-
den, wer sein Eigentum verloren hatte, sollte es zuriickbekommen, und
ahnliches. Es war ein Jahr des Ausgleiches, ein Jahr der Versohnung
nach 7 mal 7 Sonnenjahren, nach 49 Sonnenjahren oder 50 Monden-
jahren - 50 1 /2 eigentlich, aber 50 kann man sagen, weil ja das Jahr
eine Zeitlang dauert und man daher den Anfang nehmen kann. 50 mal
354 Tage also dauerte die Jubelperiode, die Periode, in der sich aller-
lei anhaufen konnte, was dann ausgesohnt wurde. - Wenn man in
Betracht zieht, dafi ein Ausgleich geschaffen werden sollte zwischen
dem Monden- und Sonnenjahr, und dadurch 7 mal 7 gleich 49 Sonnen-
jahre in 50 Monden jahren kommt, so kann man sagen, dafi dieses Ju-
beljahr nach der Zahl Sieben geordnet ist. Also es lag eine gewisse
Anschauung von der Bedeutung der Siebenheit diesem Jubeljahr zu-
grunde.
Wir wollen aber, um uns den ganzen Geist der Sache vor die Seele
zu fiihren, auf folgendes heute besonders sehen. Wir wollen darauf
sehen, dafi man also im hebraischen Altertum so lebte, dafi man sich
sagte: Man erlebt Tage, einen Tag nach dem anderen, man erlebt 354
Tage, dann beginnt ein neues Jahr. Und man erlebt diese Jahre 49- be-
ziehungsweise 50 mal hintereinander, dann beginnt ein besonderes
Festesjahr fur die Menschheit. Und nun, denken Sie, verlief alles das,
was der Mensch durchlebte, so, dafi fortwahrend diese Nebenempfin-
dung da war, man wufite: 7, 8, 9 Jahre ist es her, seitdem ein Jubeljahr
war, und soundso lange hat man zu warten, bis wieder ein Jubeljahr
ist. Aber das ist nicht willkurlich gemacht, sondern das ist so eingerich-
tet, dafi da eine okkulte Einteilung nach Zahlen zugrunde liegt.
Sie werden keinen Zweifel darein setzen, dafi die, sagen wir, im 24.
Jahre nach einem Jubeljahr Lebenden, 24 zuruckrechneten zum vor-
hergehenden Jubeljahr, 26 weiter rechneten zum nachsten Jubeljahr,
und sich so drinnenstehend fuhlten in der Zeit zwischen dem vorher-
gehenden und dem nachfolgenden Jubeljahr. Das ist ein gewisses Sich-
hineinstellen in die Zeit, das heifit hier auf der Erde beschaftigt die
menschlichen Seelen etwas, was sie in eine gewisse Zahlenordnung hin-
einstellt, und sie fuhlten immer mit dieser Zahlenordnung; diese Zah-
lenordnung geht gleichsam als eine fortdauernde Stromung durch die
Seelen. Durch Jahrtausende hindurch haben sich die Seelen gewohnt,
dies zu fuhlen, gewissermafien zu leben mit dem, was ich jetzt eben
charakterisiert habe. Ja, das pragt sich dem Leben ein, was man immer
wieder und wiederum in Wiederholungen erlebt, das gehort dann zum
Leben dazu, das formt, das figuriert die Seelen, so dafi, wenn man der
alten hebraischen Seele nachgeforscht hat, man gefunden hat: In ihr
war ein Bewufitsein von einer solchen Formung, von einer solchen
Konfiguration, von einem solchen Drinnenleben in der Zeit von Jubel-
jahr zu Jubeljahr. Jeder Tag stellt sich dadurch in einer gewissen Weise
in die Zeitordnung hinein. Die Seele gewohnt sich in eine Ordnung
hinein, die bedingt ist auf der einen Seite von 354 und auf der anderen
Seite von 49 (7 mal 7) beziehungsweise 50, das tragt sie jetzt mit sich
herum.
Man kann das damit vergleichen, dafi man in der Jugend als Kind
rechnen lernt und dann das Rechnen spater anwenden kann; man hat
es dann. Es bildet eine gewisse Konfiguration der Seele. Das wollen
wir uns merken und jetzt etwas anderes betrachten.
Der Planet Merkur hat, wenn man nach der heutigen Astronomie
rechnet, einen Umlauf um die Sonne, der weit schneller ist als der Um-
lauf der Erde, so dafi, wenn wir den Umlauf des Merkur nehmen, wir
ein solches Bild bekommen: Die Erde geht langsam um die Sonne und
der Merkur geht schnell. Nun fassen Sie einmal einen Merkurumlauf
ins Auge, den wollen wir 354 mal nehmen; wir konnten ihn sogar
354 3 /8mal nehmen; und dann wiederum nehmen wir ihn 49- bezie-
hungsweise 50 mal. Bilden Sie sich also einfach diese Zahlen. Sie den-
ken einmal einen Merkurumlauf wie eine Art Himmelstag, dann
waren 354 solcher Merkurumlaufe wie eine Art Monden-Himmels-
jahr auf dem Merkurplaneten, und das nehmen Sie 49- beziehungsweise
50 mal. Dann wiirde das ein Himmels- Jubeljahr sein. Ein Himmels-
Jubeljahr, das ist naturlich viel langer als ein Erden- Jubeljahr, aber
es ist eben auch nach dem Merkur berechnet.
Wir rechnen also in bezug auf den Merkur jetzt einmal geradeso,
wie die alten Hebraer ihr Jubeljahr nach den Monden- beziehungsweise
nach den Erdentagen gerechnet haben. Sie haben einen Erdentag nach
dem anderen erlebt, 354 3 /smal. Das war ein Jahr. Das, 7 mal 7 genom-
men (49 beziehungsweise 50), gibt ein Jubeljahr fiir die alten Hebraer.
Dem entspricht ein Umlauf des Merkur 354 3 /8mal, und das 50- bezie-
hungsweise 49mal. Das ist natiirlich em ganz anderer Zeitraum, aber
es liegen da doch die gleichen Zahlen zugrunde, nur dafi die Zeiteinheit
eine ganz andere ist als ein Erdenjahr.
Jetzt finden wir noch eine andere Zahl. Wir nehmen den Jupiter.
Der Jupiter gehtviel langsamer, geht sehr langsam. Z wolf Jahre braucht
er, um einmal um die Sonne herumzugehen. Der Merkur geht viel
schneller als die Erde, der Jupiter viel langsamer. Nun nehmen wir
den Jupiter und betrachten jetzt einen solchen Jupitertag. Eigentlich
ist es ein Jupiterjahr, aber wir betrachten das, weil es am Himmel ist
und dort alle Mafie grofi genommen werden konnen, als einen Tag.
So wie unseren Erdentag, so betrachten wir solch eine lange Periode,
in der der Jupiter um die Sonne herumgeht, als einen Tag. Dann hat-
ten wir, wenn wir diese Periode 354 3 /smal nehmen wiirden, ein gro-
fies Jupiterjahr, so wie man das Mondenjahr bildet, ein grofies Jupiter-
jahr. Wir nehmen es jetzt nicht 7 mal 7 Male, sondern nur einmal, weil
der Jupiter so lange braucht. Das ware ein grofies Jupiterjahr. Bei dem
Merkur haben wir uns ausgerechnet ein Jubeljahr; beim Jupiter rech-
nen wir uns nur uberhaupt ein Jahr aus nach derselben Methode.
Dann betrachten wir noch einen anderen Planeten, der den alten
Hebraern ja noch nicht bekannt war; aber es war ihnen dafur die
Sphare bekannt, und sie haben gedacht, daft das die Kristallsphare
draufien ist, das Himmelsgewolbe selber. Er ist ja viel spater gefunden
worden, man kann aber trotzdem vom Uranus sprechen. Nur dachten
die alten Hebraer, es ware die Sphare da, wo spater dann der Uranus
hingesetzt worden ist. Und vom Uranus - der geht nun sehr langsam -
nehmen wir 49 beziehungsweise 50 Umlaufe. Und jetzt vergleichen
wir alles das mit Erdenjahren.
Nicht wahr, man kann sagen, das wiirde eine bestimmte Anzahl
von Erdenjahren sein. Also wenn der Merkur 354 3 /smal 50 mal um
die Sonne herumgeht, so wiirde das eine bestimmte Anzahl von Erden-
jahren ergeben. Der Umlauf des Jupiter 354 3 /smal wiirde wieder eine
bestimmte Anzahl von Erdenjahren ergeben: ein grofies Jupiterjahr.
Und 49 (50) Umlaufe des Uranus werden wiederum eine bestimmte
Anzahl von Erdenjahren ergeben.
Das Merkwiirdige ist, dafi das immer dieselben Erdenjahre gibt.
Man bekommt eine bestimmte Anzahl von Erdenjahren dadurch, dafi
man die 50 beziehungsweise 49 Umlaufe des Uranus nimmt. Die glei-
che Anzahl von Erdenjahren bekommt man dadurch, dafi man 354 3 /s
Umdrehungen des Jupiter nimmt, und dafi man 50 mal 354 3 /s Um-
drehungen des Merkur nimmt: Immer eine bestimmte Anzahl von
Erdenjahren. Beim Uranus 50mal; beim Jupiter 354 3 /smal; beim Mer-
kur 50 mal 354 3 /s mal - eine Art Merkur- Jubeljahr im Kosmos drau-
ften, sagte ich schon. Alle drei geben dieselbe Zahl.
Und was hat der alte Hebraer bei dieser Zahl empfunden? Diese
Zahl war - naturlich, es kommen da immer gewisse Unregelmafiigkei-
ten hinein, die ihre gute Bedeutung haben, die wir heute iibersehen
konnen - die Zahl 4182. Alle drei Zahlen sind 4182. Man kann immer
sagen ungefahr, aber man kann ganz genau darauf gehen, weil die
Unregelmafiigkeiten sich wiederum durch andere ausgleichende Be-
wegungen erklaren, 4182 Erdenjahre! Was konnte also der alte He-
braer sagen? Er konnte sagen: Hier auf dieser Erde erlebst du in deiner
Seele den Erdentag 354 mal 50 mal; dann ist ein Jubeljahr, ein grofies
Versdhnungsjahr. Aber draufien in der Weltengedankenbildung geht
etwas vor sich. Wenn irgendein Weltenwesen den Merkurumlauf als
einen Tag rechnet und dann weiter geradeso empfindet im Makro-
kosmos draufien, wie du hier mit deiner Seele gegeniiber dem Jubel-
jahre, so wttrde dieses Wesen draufien im Makrokosmos so empfinden,
dafi es sagte: Ein Merkurumlauf wie ein Tag, das 354 3 /smal und 49-
beziehungsweise 50 mal gleich ein Jubeljahr, blofi auf den Merkur be-
rechnet; gleichzeitig ein Jahr vom Jupiter aus gerechnet, und 50 mal
Umlauf des Himmelsgewolbes, also die gleiche Zahl, die den beiden
anderen zugrunde liegt.
Nun rechnete das hebraische Altertum den Erdenanf ang mit Grund
so - wenn wir auch heute ein anderes Ereignis dorthin setzen, wo das
alte hebraische Altertum den Erdenanf ang rechnete, wir setzen auch
ein Ereignis - dafi, wenn es von dem Erdenanf ang 4182 Jahre weiter-
rechnete, dann das grofie Weltenversohnungsjahr kam, da der Christus
im Fleische erschien. Das heifit, das hebraische Altertum stimmte sich
die Zeitenordnung so ab, dafi es von dem von ihm angenommenen
Beginne der Erdenentwickelung bis zu dem Erscheinen des Christus im
Fleische rechnete ein grofles Merkur-Jubeljahr, ein Jupiterjahr, und
50 Umlaufe der aufiersten Sphare, was wir heute die Uranusbahn
nennen.
Da haben Sie dieses wunderbare Beispiel, dafi sich vorbereiten sollte
die Menschenseele auf das grofie Welten-Jubeljahr dadurch, dafi sie in
ihren sozialen Einrichtungen hier auf der Erde nach 354 3 /s und 7 mal
7 beziehungsweise 50 darauf abgestimmt war, die Ordnung draufien
im Kosmos mitzuerleben, das heifit die Formen dafur in der Seele zu
f igurieren. Es ist etwasUngeheures,ein ungeheuer tiefer Zusammenhang.
Und wenn nun diejenigen, die aus dem Judentum herausgewachsen
sind, in ihren Gedanken verfolgt werden sollen, so kann man sagen:
diese Menschen haben vorausgesetzt, dafi der Christus aus den Sonnen-
hohen zur Erde herabkommen wird nach dem Gedanken, den unend-
lich erhabene Wesen im Kosmos draufien denken, und der angezeigt,
interpretiert wird durch die Bewegungen der Sternenregelmafiigkeit.
Da draufien wird gedacht nach 354 3 /s, nach 7 mal 7. Und so wird es
angeordnet, dafi, wer zum Beispiel nach der Uhr des Merkur geht,
abzuzahlen hat einen Merkurjahresumlauf als einen Tag, und dann
ein Jubeljahr zu zahlen hat vom Weltenanfang bis zum Mysterium
von Golgatha. Wie der Mensch jetzt nach seinen Erdentagen denkt, so
denken die Weltenwesen von dem Moment, wo das Judentum die Welt
erstehen lafit bis zur Erscheinung des Mysteriums von Golgatha, nach
kosmischen Mafien. Und hier wurde durch die soziale Ordnung die
Seele zubereitet, diesen grofien Gedanken, der da ausgeschwebt ist, im
Werdegang zu denken, sich dafur zu formen. Diejenigen, die in der
Zeit der Entstehung des Christentums das Mysterium von Golgatha in
bezug auf seine Hereinstellung in die Zeit zu verstehen hatten, die
waren durchgegangen durch diese Vorbereitung, die hatten ihre Seele
so geformt. Daher konnten sie wissen: das Mysterium von Golgatha
wird kommen. Die konnten dann die Evangelien verfassen; denn ein
Verstandnis fur das, was zugrunde liegt dem Herabkommen des kos-
mischen Sonnengeistes auf die Erde, ein solches Verstandnis setzt vor-
aus, dafi man die Seele dazu vorbereitet hat.
Hier sehen Sie ein wunderbares Beispiel, wie die Menschenseele
durch soziales Zusammenleben, das geistig geregelt wird von den
Initiierten, vorbereitet wird, ein gewisses Ereignis zu verstehen und
iiberhaupt aufzufassen. Was spricht sich darinnen aus? Nun, ein
tiefes Bewulksein davon, dafi dasjenige, was wir auch in bezug auf das
menschliche Zusammenleben ausdenken sollen in unserem Wach-
bewufitsein, einen gewissen Zusammenhang haben soli mit der Sternen-
welt. Man kann das Mysterium von Golgatha nicht begreifen, man
kann es nicht hereinkriegen in das Begreifen mit der Vernunft, wenn
man nicht durchschaut den Zusammenhang der Vernunft selber mit
dem Gang der Gedanken, die sich in dem Umlauf der Sterne nach
Zahlenverhaltnissen ausdriicken. Alles, was so zusammenhangt mit
unserem Wachbewufitsein, hangt entweder bewuflt oder unbewufit -
bewufit wie in diesem Falle, geregelt durch die Initiierten - mit dem
regelmafiigen Sternengange zusammen. Und aus dem Schofie unserer
Seele steigt dasjenige herauf, was sich auf diese Weise, wie ich es ge-
schildert habe, in den Traumen ankiindigt, oder in solch genialen
Blitzen, wie sie bei Weininger sind, was zuweilen nicht diesem Sternen-
gange entspricht, was sich, wie bei Weininger, erst in den nachsten In-
karnationen, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, entwickeln wird.
Womit hangt denn dies zusammen, dieses andere? Wahrend also
entweder unbewufit oder sogar bewufit unser Kopf denkt, unser Herz
fiihlt, kurz, alles das, was demWachbewufitsein angehort,dem Sternen-
gang entsprechend ist, entspricht dasjenige, was in unserem mehr traum-
artigen oder Phantasiebewufitsein oder auch oftmals genialischen
Bewufitsein ist, mehr den Elementarwelten der Erdengeschehnisse, von
denen auch Gewitter, Sturm, Hagel, Erdbeben und dergleichen ab-
hangen. Und tief sehen wir hinein in das Naturdasein, das fur uns
dadurch das werden kann, was einigermafien initiierteMenschen schon
immer gesagt haben: Was ist denn die Natur, insof ern sie nicht geregelt
ist von dem regelmafiigen Gang der Sonne, des Mondes und derglei-
chen, insoferne sie also nicht in geregelter, regelmafiiger Ordnung ver-
lauft? Was ist die Natur, insofern es Hagel, Regen, Sturm, Gewitter,
Erdbeben, Vulkanausbriiche gibt? - Diese Initiierten haben immer ge-
sagt: Diese Natur mit ihren Erscheinungen ist eine Somnambule!
Und jetzt blicken wir hin zu dem Gang der Sterne, der uns in den
regelmafiigen Zahlenverhaltnissen auch in okkultistischer Beziehung
entgegentritt: da haben wir dasMakrokosmische unseres Wachbewufit-
seins. Und dann blicken wir hinein in unser Traumbewufksein, auf
das, was mehr oder weniger durch dieses Traumbewufitsein sich aus-
spricht, und wir haben dasjenige, was sich draufien in den unregel-
mafiigen Erscheinungen unserer Erde vollzieht wie ein Spiegelbild. Wir
schauen hinauf zum Himmel und seiner Sternenweite und haben da
draufien das Makrokosmische fiir unser Wachbewufitsein. Wir blicken
hinunter auf die Erde mit ihren Erscheinungen und wir haben ein Bild,
wie wenn die Natur als Somnambule, als somnambule Traumerin
draufien spiegelte dasjenige, was in dem tiefen Schofie unserer Seele
vor sich geht. Unser wacher Geist denkt nach der Astronomic Unser
traumendes, phantasieerfiilltes, oftmals somnambules Seelenleben lebt
und webt nach dem grofien somnambulen Bewufitsein der Erdennatur.
Das ist eine tiefe Wahrheit.
Denken Sie bis morgen einmal dariiber nach, inwiefern Sie Astro-
nomie in Ihrem Wachbewufksein waltend haben und Meteorologie in
Ihrem Unterbewufitsein. Gestern haben wir an Otto Weininger ein
Beispiel gehabt des Zusammenwirkens von Astronomie im Menschen,
die aber gleichsam abgedampft war durch die Meteorologie. Davon
wollen wir dann morgen sprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach,31.Julil916
Wenn wir zuriickblicken auf das in diesen zwei verflossenen Tagen
Besprochene und uns das Hauptergebnis vor die Seele fiihren, so ist es
ja das, dafi der Mensch im Grunde genommen der Ausdruck ist einer
Doppelnatur. Wir haben gesehen, wie wir alles das, was die Menschen-
seele belebt im Wachbewufitsein, zuriickzufiihren haben auf Einf liisse,
Eindriicke, die - wenn der Ausdruck kosmisch genommen wird - dem
Menschen aus dem Himmlischen, aus dem Universellen eingepragt
sind. Was gewissen tieferen Regionen der Menschennatur zugrunde
liegt, was nur im normalen Leben heraufwogt in das Bewufitsein im
Traum, das ist zuriickzufiihren auf Einfliisse, Eindriicke des Terrestri-
schen, des im engeren Sinne Irdischen.Wenn wir im geisteswissenschaft-
lichen Sinne die Welt betrachten, dann mufi uns alles, was den Sinnen
erscheint, wie ein wirklicher Ausdruck des Geistigen sein.
Nun ist wirklich der Mensch auch mit Bezug auf seine bildliche Er-
scheinung, mit Bezug auf seine sinnliche Offenbarung ein Ausdruck
dieser seiner Doppelnatur. Am besten kann man sich das vergegen-
wartigen, weil es da am deutlichsten wird, wenn man das Skelett be-
trachtet, das sehr deutlich aus zwei Teilen besteht: dem Kopf, dem
Schadelteil und dem iibrigen Korperteil, und beide hangen im Grunde
genommen nur durch einen diinnen Skelettstrang zusammen. Der Kopf
ist eigentlich nur aufgesetzt. Man kann ihn herunterheben. Das gibt
auch aufierlich, bildlich den Ausdruck jener Doppelnatur; denn da-
durch, dafi der Mensch sein Haupt, seinen Schadel, seinen Kopf hat,
hat er Wachbewufitsein; dadurch, dafi er die ubrige Natur hat, die
beim Skelett am Kopfe daranhangt, hat er alles das, was sich mehr
oder weniger im Unterbewufiten abspielt und heraufwogt in denTrau-
men, heraufwogt dann auch dadurch, dafi es durchgluht, durchfeuert,
durchleuchtet das gewohnliche Wachbewufitsein in der schopferischen
Phantasie des Dichters, des Kiinstlers. Da wirkt immer, wenn auch das
Edelste der irdischen Natur, so doch eben die irdische Natur durch das,
was sonst gewohniiches Wachbewufitsein ist, durchaus mit. Wir haben
gestern gesehen, wie man aus dem Bewufitsein einer gewissen Zeitkul-
tur, der hebraischen Kultur heraus geradezu hinweisen kann darauf,
wie die Menschen Erkenntnisse gehabt haben, ausfuhrliche, griindliche
Erkenntnisse des Zusammenhanges des menschlichenWachbewufitseins
mit den iiberirdischen Vorgangen, den iiberirdischen Tatsachen. Wir
haben gesehen, wie eigentlich das, was man die kosnrische Gedanken-
welt nennen kann, die sich ausdnickt in den Bewegungen der Sterne,
sich ihr Abbild schafft in dem, was der Mensch als sein Wachbewufit-
sein hat, was er dadurch hat, dafi er sich fiir das Wachbewufitsein zu-
nachst des Organes seines Kopfes bedient. Jenes wunderbare Darinnen-
stehen des Menschen in dem gesamten Universum, gewissermaflen in
den himmlischen und irdischen Tatsachen zugleich, das haben wir be-
trachtet.
Wenn man all dem, was mit diesen schwerwiegenden, bedeutungs-
vollen Tatsachen zusammenhangt, gerecht werden will, dann mu£ man
sich schon von Vorurteilen losmachen. Und ein solches ahrimanisches
Vorurteil ist ja besonders bei denen vorhanden, welche in einem ge-
wissen Sinne doch Mystiker sein wollen. Es ist das Vorurteil, das sich
in einer gewissen Empfindung ausspricht und das darin besteht, dafi
man sagt: Das Irdische ist das Wertlose, was man unbedingt zu iiber-
winden hat, es ist der rohe, gemeine Stoff, von dem ein wirklich der
Geisteswelt zustrebender Mensch gar nicht spricht; wonach man stre-
ben muft, das ist das Geistige! - Wenn man dabei auch oftmals von
diesem Geistigen die verworrensten Vorstellungen hat und sich viel-
leicht blofi sinnliche Bilder davon macht, so empfindet man doch so.
Deshalb sage ich, es driickt sich das, was in Betracht kommt, mehr in
einer Art Empfindungsrichtung aus. Aber man wird niemals die We-
senheit sowohl des Menschen wie der Welt verstehen konnen, wenn
man nur in dieser vorurteilsvollen Empfindung leben will. Denn diese
Empfindung kann man nur haben, wenn man in einem gewissen ein-
seitigen Sinne als auf der Erde im physischen Leibe lebender Mensch
die Erde betrachtet, und von dieser Erdenbetrachtung aus die ja gewifi
berechtigteSehnsucht hat nach dem, was iiberirdisch ist und was durch-
lebt werden mufi zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber
man wird niemals vollstandig eine Art verstandnisvollen Gefuhles
haben konnen fur das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt, wenn man so, wie ich es eben angedeutet habe, iiber das Irdische
spricht. Denn, so paradox es klingen mag, es ist wahr, und aus gewissen
Zyklen werden Sie das deutlich entnehmen konnen, wo Sie es im ein-
zelnen dargestellt finden: Was dem Menschen zwischen Geburt und
Tod, also dem Menschen im physischen Leibe vorschwebt, wenn er
von dem Himmel spricht, das schwebt dem Toten, der zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt steht, dem im Geiste und in der Seele
lebenden Menschen, so vor, dafi er in demselben Sinne von der Erde
spricht. Den im Himmel lebenden Menschen, denen ist das Jenseits die
Erde, denen ist das Wertvolle, auf das sie blicken, die Erde. Die reden
von der Erde so, wie wir von dem Himmel reden. Es ist das Land ihrer
Sehnsucht, zu dem sie wieder hinwollen in einer neuen Verkorperung,
das Land, nach dem sie streben. Und man bekommt ein falsches Ge-
fiihl von dem, wie die Toten leben, wenn man dieses nicht ins Auge fafk.
Ich habe ofters darauf aufmerksam gemacht, dafi man nicht pedan-
tisch sein darf und glauben, daft der Grundsatz «im Geistigen ist alles
umgekehrt», einfach nun so angewendet werden konne, dafi man sagt:
Man stellt sich die geistige Welt richtig vor, wenn man sie umgekehrt
gegeniiber der physischen vorstellt. Da wird gar nichts Besonderes her-
auskommen durch eine abstrakte Anwendung eines solchen Satzes. Es
miissen schon die Tatsachen im einzelnen betrachtet werden, aber es
ist wahr, dafi dieser Grundsatz von der Umkehrung, wie ich ihn eben
angedeutet habe, fiir vieles gilt. So zum Beispiel kann derjenige, der in
geistigen Welten forschend lebt, ein merkwiirdiges Land kennenler-
nen, ein Land, in dem sich einzelne Menschen befinden unter anderen
Menschen. Die anderen Menschen, unter denen sich diese einzelnen be-
finden, sind normale Menschen, so wie die glaubigen Erdenmenschen -
ich sage die glaubigen Erdenmenschen. - Das sind die, die ein gewisses
Gefiihl haben fiir das Himmlische, ein gewisses Gefuhl fiir das Irdische.
Aber unter diesen anderen leben einzelne in dem Lande, von dem ich
spreche, die leugnen vollstandig das Irdische, leugnen alle Materie,
alien Stoff, die sagen, es gabe nur Geistiges, und es sei ein Aberglaube,
von Materie zu sprechen. Das Land, von dem ich Ihnen erzahle, ist
allerdings nicht hier in der physischen Welt, sondern es ist ein Geist-
gebiet, das man entdeckt, wenn man den Blick hinrichtet auf gewisse
Teile der geistigen Welt, etwa, sagen wir, von der Mitte des achtzehn-
ten bis zu der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Da lebten Sie alie
in der geistigen Welt noch, man kann wohl sagen, wenigstens im ersten
Teil lebten wir alle noch in der geistigen Welt, und waren so im Durch-
schnitt Menschen in der geistigen Welt, die als Seelen Empfindungen
hatten von dem Himmlischen, in dem wir drinnen waren, und von
dem Irdischen, nach dem wir strebten, und das dort ein Jenseits ist.
Dann aber gab es einige, die betrachteten das Reden von dem Irdischen
als einen Aberglauben, die behaupteten, es gebe nur Geistiges, und alles
Irdische, Stoffliche sei eine Traumerei. Ja, diese Menschen wurden
natiirlich dann auch geboren. Sie trugen die Namen Ludwig Biichner,
Ernst Haeckel, Carl Vogt und so weiter. Diese Menschen, die Sie ja in
bezug auf ihr Ausleben in der physischen Welt geniigend kennen, sind
diejenigen, die gerade in ihrem letzten Stadium wahrend ihres Herein-
lebens in die physische Welt alles Materielle als einen Aberglauben
erkiart haben, die das Geistige als das einzig Wirkliche anerkannt
haben, weil das um sie herum war, und weil sie nicht auf etwas blicken
wollten, was nicht um sie herum war, was im Jenseits war. Sie werden
fragen: Woher kommt es denn, dafi diese Menschen dann geboren wur-
den und sich allmahlich zu solchen Seelen entwickelten, welche von
der Materie als dem einzig Vorhandenen sprechen? - Das werden Sie
fragen, aber das konnte Ihnen doch verstandlich sein, denn diese Men-
schen haben ja doch, bevor sie geboren wurden, kein Verstandnis fur
die Materie gezeigt, und das ist ihnen geblieben; denn wer die Materie
als absolut bezeichnet und nicht als etwas, was blofi Ausdruck des
Geistes ist, der versteht eben nichts von der Materie, und ein Materia-
list ist man nicht, wenn man den Materialismus so vertritt wie die ge-
nannten Personlichkeiten, ein Materialist ist man nicht dadurch, dafi
man das Materielle als Materielles versteht, sondern eben gerade da-
durch, dafi man das Materielle als Materielles nicht versteht. Also
darin haben sie sich nicht geandert, dafi sie kein Verstandnis fiir das
materielle Leben haben.
Da sehen Sie gleich ein Gebiet, in dem eine vollstandigeUmkehrung,
eine richtige Umkehrung vorliegt fiir die geistige Welt gegeniiber dem,
was man in der physischen Welt hier nach den Erscheinungen glaubt.
Aber wie gesagt, man darf diesen Grundsatz nicht in abstrakter Art
nun iiber alles ausdehnen. Ich sage das alles, namentlich das von dem
Jenseitscharakter des Irdischen wahrend unseres Lebens zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, damit man den Gegensatz, der in der
alten griechischen Mythologie durch die zwei Worte «Uranos» und
«Gaa» ausgedriickt wird, nicht so fasse, als ob das eine das absolut
Wertvolle und das andere das absolut Minderwertige ware, sondern
damit man ihn so fafit, als ob es eben zwei entgegengesetzte Pole wa-
ren eines Einheitlichen. Uranos ist gewissermafien der Umkreis, und
der polarische Gegensatz des Umkreises ist der Mittelpunkt, die Gaa.
Die Griechen haben zunachst gar nicht gedacht an das eng begrenzte
Geschlechtliche der Menschen oder des Irdischen, wenn sie von Uranos
und Gaa gesprochen haben, sondern diesen Gegensatz, den wir jetzt
charakterisiert haben - das Himmiische, das Irdische diesen Gegen-
satz als solchen haben sie gemeint.
Ich mufite das auseinandersetzen, weil wir sonst gar kein Verstand-
nis gewinnen konnten fur das, was ich im weiteren zu sagen habe. Es
ist ja ohnedies heute sehr schwierig, gewisse tiefere Wahrheiten der
Menschheit schon zuganglich zu machen. Abergewissermafien antippen
kann man doch, und das soli auch geschehen, soweit es eben moglich ist.
Zu diesen Betrachtungen, die wir nun zu pflegen haben, bitte ich
Sie also, ganz genau festzuhalten, in welchem Sinne der Mensch eine
Doppelnatur ist, und wie sich diese Doppelnatur aufierlich in seiner
Leibesgestaltung ausdriickt dadurch, dafi er aus dem Kopf und dem
iibrigen Leib besteht. Der Kopf des Menschen erfahrt seine hauptsach-
lichste Gestaltung, seine ganze Formung eigentlich schon wahrend der
Zeit zwischen dem letzten Tod und der neuen Geburt. Selbstverstand-
lich wird der physische Kopf irdisch erzeugt; darauf kommt es aber
nicht an, sondern die Form, die er bekommt, die Art, wie er geformt
wird, die hangt zusammen mit Kraften, die in der Zeit weit zuriick-
liegen. Der Mensch bekommt seinen Kopf tatsachlich aus demHimmel
heraus geformt, denn alle die Krafte, die da wirken zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, sind wirklich dazu angetan, dem Men-
schen seinen Kopf zu bilden. Wenn auch der Kopf den Weg durch
die physische Geburt und die physische Vererbung machen mufi, der
Mensch hat seinen Kopf vom Himmel. Nur den ubrigen Korper hat er
von der Erde. So dafi der Mensch seiner Leibesgestaltung nach ein Pro-
dukt von Uranos und Gaa 1st: dem Kopfe nach ein Ergebnis himm-
lischer Krafte, dem ubrigen Leibe nach ein Ergebnis irdischer Krafte,
Uranos und Gaa.
Nun tritt der Mensch ins Dasein, und wenn er geboren wird, so ist
das ganz stark in ihm ausgepragt, so stark, dafi man sagen kann: Da
wird etwas hereingesetzt in die physische Welt, das ist dem Kopfe
nach wirklich ein Abdruck derjenigen Krafte, die himmlisch wirken,
und da ist der Leib, der ein Abbild ist der Krafte, die irdisch wirken.
Das ist, wenn der Mensch eben geboren worden ist, besonders stark
ausgepragt. Fur den, der mit tiefer Erkenntnis den Menschen durch-
schauen kann, ist da ein starker Gegensatz zwischen dem Kopf und
dem ubrigen Leib. Beim kleinen Kinde ist wirklich ein starker Gegen-
satz. Man mufi nur lernen, solche Dinge unbefangen zu beobachten,
dann merkt man schon, dafi ein grofier, gewaltiger Gegensatz ist zwi-
schen dem Kopf, dem Uranosgebiet des Menschen, und dem ubrigen
Leib, dem Gaagebiet des Menschen.
Betrachten wir dasLeben bis zu dem ersten bedeutsamen Einschnitt,
bis zum siebenten Jahre ungefahr, bis zum Zahnwechsel. Wir wissen,
dafi das der erste bedeutungsvolle Lebensabschnitt des Menschen ist.
Diese Zeit ist sehr wichtig, denn jetzt kommt das Paradoxe, das in der
rechten Weise zu verstehen wichtig ist. Denn in dieser Zeit zwischen
der Geburt und dem siebenten Jahre oder dem Zahnwechsel wird der
Mensch eigentlich von denen, die ihn physisch betrachten, ganz falsch
betrachtet. Ich habe schon ofter von anderen Gesichtspunkten aus dar-
auf hingewiesen. Es wird der Mensch in seinen ersten sieben Lebens-
jahren, wollen wir kurz sagen, so betrachtet, als ob er schon mannlich
oder weiblich ware. Das ist vom hoheren Gesichtspunkte aus vollstan-
dig falsch. Nur der heutige Materialismus ist dieser Ansicht, daher
betrachtet der heutige Materialismus auch immer Aufierungen in den
ersten sieben Lebensjahren schon wie sexuelle Aufierungen, die sie gar
nicht sind. Viel gesiinder wird eine Anschauung einmal sein, die wissen
wird, dafi das Kind in den ersten sieben Lebensjahren uberhaupt noch
kein sexuelles, sondem ein asexuelles Wesen ist. Wenn ich mich trivial
ausdriicken darf, so mochte ich sagen, es schaut nur so aus, als ob der
Mensch in den ersten sieben Jahren schon mannlich oder weiblich ware.
Und zwar deshalb schaut es so aus, weil in dem, was fur den Materia-
lismus einzig und allein da ist, im Physischen, kein rechter Unterschied
auftritt zwischen dem, was der Mensch heute in den ersten sieben Le-
bensjahren irrtumlicherweise mannlich nennt und was er spater so
nennt, und ebenso was er weiblich nennt. Das Spatere sieht aus wie
eine Fortsetzung dessen,was schon da ist; das ist es aber gar nicht.Und
jetzt bitte ich Sie wirklich, das, was ich gesagt habe, recht sehr in Ihre
Empfindungen aufzunehmen, damit Sie es nicht mifiverstehen und
nach dem Muster, wie man das heute auf anderen Gebieten tut, wo
man nicht mehr objektiv, sondern nur nach Werturteilen urteilt, auch
da gleich wiederWerturteile einmischen, wo nur Objektives gemeint ist.
Das, was in den ersten sieben Jahren mannlich aussieht - und hier
bitte ich Sie zu beriicksichtigen, was ich iiber Uranos und Gaa gesagt
habe -, das ist nicht mannlich als solches, sondern ist nur aufierlich so
gestaltet, damit dasjenige, was sonst auf den Kopf wirkt, das Himm-
lische, fort wirkt und den Menschen und die menschliche Gestalt nach
dem Aufierirdischen, Himmlischen formt. Dadurch sieht es so aus wie
das Mannliche. Es ist gar nicht mannlich, es ist nach dem Uranos ge-
formt, nach dem Aufierirdischen! Ich sagte: vorzugsweise ist der Kopf
des Menschen himmlisch, der ubrige Korper irdisch. Aber sowohl hat
das Irdische eine Hereinstrahlung des Himmlischen, wie das Himm-
lische eine Hereinstrahlung des Irdischen. Alles steht in Wechselwir-
kung; es ist nur das eine oder das andere iiber wiegend. Ich mochte
sagen, das Himmlische uberschattet bei der einen Sorte des Menschen
den Korper, auch den aufierkopflichen Korper, und macht ihn so, dafi
man sagt, er ist mannlich. Aber das hat nichts mit dem Geschlecht-
lichen zu tun, es ist nur eine Organisation, die mehr uranisch ist, und
eine andere Organisation bei anderen Individuen ist mehr terrestrisch,
gaisch. Gar nicht ist der Mensch ein Geschlechtswesen in den ersten
sieben Jahren; das ist Maja. Unterschiedlich sind sie dadurch, dafi bei
dem einen Korper mehr der Himmel, bei dem andern mehr die Erde
wirkt. Und ich habe vorausgeschickt, dafi fur eine universelle Welt-
betrachtung das Irdische geradesoviel wert ist wie das Himmlische,
damit kein Werturteil Platz greifen kann, damit nicht geglaubt wer-
den kann, es sollte inWeiningerscherWeise dasWeibliche herabgewiir-
digt werden dadurch, dafi es von einem erhabenen mystischen Stand-
punkte aus nur irdisch ist oder gaisch. Es ist jedes der Pol des anderen,
hat aber noch nichts mit dem Geschlechte zu tun.
Nun, was findet statt im Menschlichen, in der menschlichen Orga-
nisation wahrend der ersten sieben Jahre? Alles das, was ich sage, miis-
sen Sie so auffassen, dafi es hauptsachlich stattfindet, es ist immer auch
der Gegensatz da, aber das, was ich charakterisiere, ist eben in der
Hauptsache da. Sehen Sie, in den ersten sieben Jahren sind fort-
wahrende Stromungen, Kraftewirkungen vorhanden von dem iibrigen
Organismus nach dem Haupte hin. Gewifi sind auch Stromungen
vom Kopf nach dem iibrigen Organismus, die sind aber in dieser Zeit
schwach im Verhaltnis zu den starken Stromungen, die von dem Leib
nach dem Kopfe gehen. Wenn der Kopf wachst in den ersten sieben
/
Jahren, wenn er sich noch weiter ausbildet, so ruhrt das da von her, daft
der Leib eigentlich seine Krafte in den Kopf hineinschickt; der Leib
driickt sich in den Kopf hinein in den ersten sieben Jahren, und der
Kopf pafit sich der Leibesorganisation an. Das ist das Wesentliche in
der menschlichen Entwickelung, dafi sich der Kopf in den ersten sieben
Jahren der Leibesorganisation anpafit. Daher dieses Eigentumliche,
was man beobachten kann, wenn man einen feinen Sinn hat fur das
Verwandeln des menschlichen Antlitzes in den ersten sieben Lebens-
jahren, dieses Heraufstromen der iibrigen Organisation. Beachten Sie
das nur einmal, wie das Gesicht des Kindes ist, und wie es nach dem
Zahnwechsel ganz anders geworden ist, wo sich der ganze Leib gewis-
sermafien in den Gesichtsausdruck hineinergossen hat.
Dann kommt die Zeit ungefahr vom siebenten bis zum vierzehnten
Lebensjahre, der zweite Lebensabschnitt des Menschen, bis zur Ge-
schlechtsreife. Da findet das gerade Entgegengesetzte statt: ein fort-
wahrendes Stromen der Kopfkrafte in den Organismus hinein, in den
Leib hinein; da paflt sich der Leib dem Kopfe an. Das ist sehr interes-
sant wahrzunehmen, wie eine vollstandige Revolution im Organismus
stattfindet: ein Stromen, ein Hinaufkraften des Leibes in den Kopf in
den ersten sieben Jahren, was dann den Abschlufi findet im Zahnwech-
sel, und dann eine Umkehrung, ein Hinunterstr6men,Hinunterkraften.
Und durch dieses Hinunterstromen,Hinunterkraften wird der Mensch
erst ein Geschlechtswesen. Jetzt wird der Mensch erst ein sexuelles
Wesen. Und das, was die vorerst himmlischen oder irdischen Organe
zu Geschlechtsorganen macht, das kommt aus dem Kopf, das ist Geist.
Die physischen Organe - man kann es geradezu so aussprechen - sind
gar nicht fur Sexualitat bestimmt; sie werden erst angepafk der Sexua-
litat. Und wer behauptet, sie waren ursprunglich der Sexualitat an-
gepafit, der urteilt nur nach der aufieren Meinung. Sie sind so, dafi die
einen angepalk sind dem Himmlischen, die anderen dem Irdischen.
Abbilder sind sie. Der Geschlechtscharakter wird ihnen erst aufge-
driickt durch das, was aus der Kopfstromung kommt vom siebenten
bis zum vierzehnten Jahre. Da erst wird der Mensch ein Geschlechts-
wesen.
Es ist aufierordentlich bedeutsam, dafi man diese Dinge genau ins
Auge fafit; denn man erlebt es heute in der Praxis alle Augenblicke,
dafi Leute kommen mit den kleinsten Kindern und dariiber klagen,
dafi sie geschlechtliche Ungezogenheiten haben. Das ist vor dem sie-
benten Jahre gar nicht moglich, weil das, was dann vorhanden ist,
tiberhaupt nichts Geschlechtliches ist, gar nicht diese Bedeutung hat.
Und es wiirde auf medizinische Weise eine Heilung hier nicht eintreten
konnen, sondern auf normale Weise dadurch, dafi man diese Dinge
nicht mehr mit falschen Namen benennt und dadurch ihnen falsche
Begriffshiillen uberwirft. Erwerbe man sich doch wiederum jene, ich
mochte sagen, heilige Unschuld, welche die Alten hatten mit Bezug
auf diese Dinge, denen es gar nicht eingefallen ware bei ihrem noch
atavistischen Wissen aus der geistigen Welt, bei Kindern schon von
der Sexualitat zu sprechen. Von anderen Gesichtspunkten aus habe ich
ja auf diese Dinge schon hingedeutet.
Wenn Sie aber das nehmen, was wir so herausholen konnten aus der
geistigen Welt an bedeutungsvollen Wahrheiten iiber den Menschen
und seinen Zusammenhang mit der irdischen und himmlischen Welt,
dann werden Sie erst recht sehen, wie ein solcher Mensch wie Weininger
in der Karikatur gewissen berechtigten Ideen entspricht. Denn wiirde
er die Dinge so durchschauen, wie sie hier dargestellt worden sind,
dann wiirde er mit einer gewissen Berechtigung sagen konnen: Der
Mensch wird aus der geistigen Welt in die physische so hereingestellt,
dafi er erst durch das, was sein Kopf in den ersten sieben Jahren hier
in der physischen Welt erwirbt, aus dem Himmlischen ein Mannliches,
aus dem Irdischen ein Weibliches macht. Es wird spater unsere Auf-
gabe sein, auf gewisse Stromungen und Kraf tungen, die in den spateren
Lebensjahren noch fur die menschliche Entwickelung wichtig sind,
zuruckzukommen. Jetzt mochte es gut sein, dafi wir einmal auf die
menschliche Entwickelung der ersten vierzehn Jahre unser Augenmerk
richten. Durch solche Dinge bekommen Sie erst eine Vorstellung da-
von, wie wahr es ist, dafi das aufiere Leben eigentlich ein Leben in der
Maja ist, in der grofien Tauschung. Denn es ist wirklich eine Tau-
schung, und nichts mehr als eine Tauschung, dafi die Menschen als
mannlich und weiblich in die Welt hereingestellt sind. Erst das Irdische,
das sie in den sieben Jahren mit ihrem Kopfe erwerben, das macht sie
auf der Erde zu Geschlechtswesen.
Nun mufi ja fur den, der solche Dinge nicht blofi mit dem Kopfe,
sondern auch mit dem ganzen Herzensverstandnis nimmt, eigentlich
eine Frage auftauchen, uber die man nicht so leicht hinweggehen kann:
Wie kommt es denn eigentlich, dafi der Mensch in der Maja lebt, in
der Tauschung lebt? Hat denn das eine Bedeutung? Ist es denn nicht
im Grunde genommen etwas, was einen traurig stimmen konnte, dafi
der Mensch in der Tauschung lebt? Ware es denn, konnte man sagen,
nicht viel richtiger von der Gottheit und den Gottern gewesen, wenn
sie den Menschen iiberhaupt gar nicht in der Tauschung leben liefien,
sondern ihn die Welt so anschauen liefien, dafi er nicht erst hinter den
Erscheinungen die Wahrheit zu suchen hat und nicht in der Tauschung
zu leben braucht? Warum mufi denn der Mensch zunachst eigentlich
in der Tauschung leben? - Es konnte eine sehr pessimistische Welt-
anschauung begriinden diese Frage, warum der Mensch in der Tau-
schung leben mufi. Nun, es hat seine guten Grunde, dafi der Mensch in
der Tauschung leben mufi; denn wiirde der Mensch von vornherein in
die Wahrheit hereingeboren werden, wiirde ihm die Wahrheit ange-
boren sein, wiirde er sie nicht suchen mussen, so wiirde der Mensch
niemals eine Personlichkeit werden konnen, niemals frei werden kon-
nen. Der Mensch kann nur innerhalb der Erdensphare Freiheit errin-
gen. Das kann er aber nur dadurch, dafi er im irdischen Streben zur
Personlichkeit wird. Dafi ihm zunachst aufierlich entgegentritt das-
jenige, was noch Schein ist, und er erst das Innere dieses Scheins suchen
mufi, das entfesselt in seinem Innern erst die Krafte, welche ihn all-
mahlich und durch viele Inkarnationen hindurch zur freien Person-
Hchkeit machen. Sie konnen sich das durch einen Vergleich leicht klar-
machen. Nehmen Sie einmal irgendein wertvolles Buch, sagen wir
Dantes «Gottliche Kom6die». Theoretisch, und nicht nur theoretisch
ware es durchaus denkbar, dafi der Mensch auf eine ganz andere Weise
heute zur Kenntnis von Dantes «G6ttlicher Kom6die» kame, als es der
Fall ist. Wie kommt denn der Mensch heute zur Kenntnis von Dantes
«Gottlicher Komodie»? Entweder dadurch, dafi sie ihm vorrezitiert
wird, dafi er sie hort, also aufierlich in Tonen, die gar nichts zu tun
haben mit dem Inhalt der «G6ttlichen Kom6die», oder dafi er sie liest.
Wenn er sie liest, hat er in WirkHchkeit nichts vor sich als Zeichen, die
nicht das Geringste zu tun haben mit dem Inhalt der «G6ttlichen Ko-
modie». Es konnten ja geradesogut auch andere Zeichen sein, theore-
tisch. Ja, so lernt der Mensch heute den Inhalt eines wertvollen Werkes
kennen. Von aufien her lernt er ihn kennen durch Rezitieren, aber das
Sprechen hat nichts zu tun mit dem Inhalt des Werkes, wie es aus
Dantes Kopf entsprungen ist, es ist nur eine aufierliche Vermittlung.
Und theoretisch - aber nicht nur theoretisch, sage ich ausdriicklich —
ware es auch moglich, dafi wir auf eine andere Weise zum Inhalt der
«G6ttlichen Kom6die» kamen: Von innen heraus, indem einfach in
einem gewissen Lebensalter der Inhalt in unsere Seele heraufstiege, in
unser Wachbewufitsein durch einen Traum. Es ist dies nicht nur theo-
retisch, sondern es konnte ganz gut sein, wenn die Welt nicht so ein-
gerichtet ware, dafi wir erst durch Maja hindurchgehen miifiten. Wenn
wir nicht erst durch Maja hindurchgehen miifiten, dann ware namlich
die Sache so: Das, was schon geleistet ist, sagen wir von Homer, Dante,
Plato und so weiter, wiirden wir eines schonen Tages heraufsteigen
sehen wie einen Traum. Wir brauchten uns nicht durch eine Vermitt-
lung von aufien Kenntnis davon zu verschaffen. Raffael hatte nicht
seine Bilder zu malen, sondern sie nur lebendig in seinem Geiste zu
fassen gebraucht, und es wiirden diejenigen, die nachher leben, ohne
dafi sie etwas anderes bekommen wiirden als eine Art Direktion hin zu
Raffael, sie aus sich selber aufstehen lassen konnen.
Das, wovon ich Ihnen erzahle, ist gar nicht einmal eine Hypothese,
sondern auf dem Mond verhielt es sich so mit uns, da wurde alles so
vermittelt. Da war es wirklich so. Auf dem Mond lernte man nicht
lesen, da erstand alles aus dem Inneren heraus. Es mufite einmal da-
gewesen sein; dann aber stieg es aus dem Innern heraus. Aber frei
konnte man nicht sein. Man war ganz und gar wie ein Automat der
Vorzeit. Die Vorzeit liefi alles in einem erstehen. Eine freie Person-
lichkeit konnte man da nicht werden. Nicht deshalb erlangen wir
unsere Kenntnisse, damit wir eine iiberfliissige Wiederholung machen
dessen, was doch schon drauften ist, sondern damit wir freie Person-
lichkeiten werden. Nur dadurch, daft wir uns erharten an dem, was
zunachst gar nichts zu tun hat mit dem, wozu wir kommen, dadurch
werden wir zur freien Personlichkeit. Und das ist der Fortschritt von
der Mondenzeit zur Erdenzeit, daft wir dazumal eben keine freien
Wesen waren, sondern alles in uns als Imagination heraufstieg. Und
jetzt miissen wir nach auften gelangen. Und dadurch, daft wir im An-
schauen nun den geistigen Prozeft durchmachen, der darin besteht, daft
wir lesen oder horen, dadurch werden wir zu freien Personlichkeiten.
Wenn man sagt, daft der Mensch sich seine Erkenntnisse erwirbt um
der Erkenntnis willen, so ist das nicht ganz richtig. Der Mensch erwirbt
sich seine Erkenntnisse, damit er ein freies personliches Wesen wird.
Das ist das eine, was wir ins Auge fassen wolien.
Das andere, was wir ins Auge fassen wolien, kann durch eine wei-
tere Frage eingeleitet werden. Es kann die Frage entstehen: Ja, wozu
denn uberhaupt diese Wiederholungen der Auftenwelt durch unsere
Begriffe und Vorstellungen? Wozu denn das eigentlich? Warum wie-
derholt denn der Mensch in seinen Gedanken und Vorstellungen iiber-
haupt noch einmal die Auftenwelt, das kann doch die Auftenwelt gar
nicht interessieren, daf$ wir sie wiederholen! - Sie merken den Gedan-
ken am genauesten, wenn Sie Ihr Denken auf das Folgende hinlenken :
Ein Mensch ist da. Wenn er in der Jugend ermordet worden ware, ware
er nicht da. Dadurch, daft er da ist, lebt aufier dem, daft die Welt da
ist, seine Erfahrungswelt in seinem Innern, gewissermaften eine Wie-
derholung, ein Bild der Welt. Das konnte aber ganz fehlen, wenn er in
der Jugend ermordet worden ware. Das Auftere wiirde sich dadurch
nicht andern. Wenn er eingreift, dann ist das etwas anderes, aber die
Aufienwelt, fur die ist das, was in unserem reinen Erkennen lebt, nur
eine reine Wiederholung. Waren wir Automaten und wiirden von
aufien her angeregt, auch noch das zu tun, was wir als Menschen zwi-
schen Geburt und Tod vollbringen, dann wiirde unsere Erkenntnis
vollstandig iiberfliissig sein. Wir wiirden also noch das tun, was durch
uns geschehen mufi, und wir hatten in der Erkenntnis eine ganz uber-
fliissige Parallelerscheinung. Daraus aber konnen Sie sich die Vorstel-
lung bilden, dafi der Mensch in seiner Erkenntnis etwas mit sich tragt,
das zu der Natur, zu dem Universum eigentlich hinzukommt, und es
kann der Natur, dem Universum ziemlich gleichgiiltig sein, dafi da
noch so etwas hinzukommt. Die Natur konnte sich ebensogut Auto-
maten machen, die nicht mit Gedanken und Begriffen das, was vor-
geht, verfolgen. Denn es andert schliefilich draufien nichts, ob wir die
Ereignisse der Welt verfolgen, ob wir mit unseren Gedanken und Be-
griffen Abbilder schaffen oder nicht. Wenn Sie durch einen Photo-
graphenapparat eine Gegend aufnehmen, so ist aufier der Gegend noch
das Bild da, aber der Gegend ist es hochst gleichgiiltig, ob das Bild da
ist oder nicht. Etwas ganz Ahnliches liegt eigentlich unseren Vorstel-
lungen zugrunde. Sie kommen hinzu. Warum ist denn nicht die Natur
so eingerichtet? - konnte man fragen. Wir alle, die wir uns schon so
gewohnt haben an das Denken, denen das Denken so liebgeworden ist,
wir stellen diese Frage nicht mehr, weil uns das Denken etwas Ge-
wohntes ist wie das Essen und Trinken; deshalb ist fiir uns diese Frage
nicht vorhanden. Aber Sie wissen, wie viele Menschen draufien in der
Welt sind, die ganz froh waren, wenn sie nicht zu denken brauchten,
wenn sie wie Maschinen arbeiten konnten, denen das Denken zu
schwer ist, die eigentlich jeden Gedanken fliehen. Nun, das ist wieder
der Ausdruck der Frage: Ja, warum hat denn die Natur die Menschen
nicht so veranlagt, dafi sie das Denken nicht in ihrem Besitz haben?
Einen Teil dieser Frage haben wir ja schon beantwortet. Die Men-
schen werden durch ihr Denken freie Personlichkeiten. Aber solch eine
Frage beantwortet sich immer auf mannigfaltige Weise. Es ist nicht
das einzige, was uns zum Verstandnis fiihren kann.
Nehmen wir an, wir waren so organisiert, dafi wir als Kinder ge-
boren wiirden, der Himmel gibt uns unseren Kopf, die Erde gibt uns
unseren Leib, durch die Wesenheiten der Hierarchien, der Angeloi,
Archangeloi und so weiter wiirden wir hingestellt, wiirden dasjenige
tun, was wir zu tun haben, wir wiirden aber nicht dadurch, dafi wir
innerlich ein Seelenleben entwickeln mit all seinen Schmerzen und
Qualen, das es oftmals bildet, abstrapaziert werden. Nehmen wir an,
wir waren so; dann wiirde etwas Bedeutsames die Folge sein. Wir
konnten nur dann so sein, wenn wir nur einmal geboren wiirden und
einmal sterben wiirden, wenn es nicht wiederholte Erdenleben geben
miifite. Eine Pflanze, welche wachst, ohne in der Bliite eine Frucht zu
entwickeln, lebt einmal. Im Keime kann sie sich fortentwickeln. Da-
durch, dafi wir ein Seelenleben entwickeln, entwickeln wir den Keim
fur das nachste Erdenleben. Da drinnen liegt der Keim. Wiirden wir
kein Seelenleben entwickeln mit den Erkenntnissen, wiirde unser Le-
ben mit unserem irdischen Tode sein Ende haben miissen. Also nicht
blofi eine Wiederholung dessen, was draufien ist, sondern die Zukunft
tragen wir in uns, indem wir unser Seelenleben erkenntnismafiig ge-
stalten. Das ist so bedeutsam. Alles das, was wir aufier dem Erkennt-
nismafiigen an uns und mit uns tragen, das ist gewissermafien so, dafi
die Vergangenheit an uns gearbeitet hat. Alles das, was wir an Erkennt-
nismafiigem in uns entwickeln, das stellt dar den realen Keim des Zu-
kiinftigen. In unserem Erkenntnismafiigen entwickelt sich in uns der
reale Keim des Zukiinftigen.
Und nun will ich einen Gedanken zum Schlusse anschlagen, der der
Leitgedanke unserer nachsten Vortrage sein wird, die uns dann in wich-
tige Regionen des menschlichen Welt-Seins fiihren werden.
Wir tragen also in uns alles das, was unsere Erkenntnis ist, sei es das
naivste Erkennen, sei es das abstrakte Erkennen - so furchtbar unter-
schieden sind die beiden nicht, man schatzt das nicht richtig ein -, wir
tragen das in uns, tief unter der Oberflache, aber Ubersinnlich, denn
der Inhalt der Erkenntnis ist natiirlich etwas Obersinnliches. Es ist in
Wirklichkeit eine Summe von Kraften, die in uns ruht. Wir gehen
durch die Pforte des Todes, was geschieht alsdann? Nun, ich habe es
ja oftmals beschrieben, was geschieht, aber ich mochte jetzt vom Ge-
sichtspunkt dieser Krafte aus es noch einmal beschreiben.
Wir bestehen als Menschen aus dem Leib und aus dem Kopf. Unser
Kopf, er mag Ihnen noch so wertvoll sein, aber es gilt doch das von
ihm: unser Kopf hat eigentlich «vertan». Ich rede immer von den
Kraften, nicht von den aufieren Formen, und Sie konnen naturlich den
Leib des Menschen verwesen lassen oder verbrennen, die Kraftform
bleibt vorhanden, die zergeht nicht, die bleibt draufien vorhanden,
auch das dem Korper zugrunde Hegende Geistige. Aber der Kopf, der
verschwindet. Es hilft nichts, Sie mogen ihn, wie gesagt, fur ein noch
so wertvolles Glied des Organismus halten, mit dem Kopf ist es nach
dem Tode nichts Besonderes. Das bezieht sich selbstverstandlich nicht
auf den Seeleninhalt, sondern auf die aufiere Form des Kopfes. Denn
was eigentlich jetzt fur den Himmel wichtig wird bei dem Durchgang
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist dasjenige, was Sie
im letzten Erdenleben erst von der Erde bekommen haben: der iibrige
Leib. Der wird mit seinen Kraften in einen neuen Kopf umgewandelt
in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier haben Sie
den Kopf, da haben Sie den ubrigen Leib. Dieser Kopf war ein Leib in
Ihrem friiheren Leben; Ihr jetziger Leib wird ein Kopf in Ihrem nach-
sten Leben. Und die Krafte, die Sie im jetzigen Leben durch Ihren
Kopf entwickeln, die wandeln die Krafte Ihres Leibes zu einem neuen
Kopf furs nachste Leben um. Der Leib wird Ihnen von der Erde dazu-
gegeben. Und der Kopf, den Sie jetzt tragen, das ist Ihr umgewandel-
ter Leib aus dem vorigen Leben, denn Metamorphose gilt uberall im
Leben. Nicht nur, dafi das Pflanzenblatt sich in das Bliitenblatt ver-
wandelt, nicht nur die Metamorphose der untersten Gestalt gilt, son-
dern die Metamorphose gilt auf alle Falle. Ihr Leib ist ein noch nicht
gewordener Kopf, Ihr Kopf ist ein umgewandelter Leib.
Also diesen Gedanken mochte ich anschlagen. Sie tragen jetzt Ihren
Kopf an sich. Die Phrenologen studieren den Kopf nach seinen For-
men, aber diese Phrenologie hat keinen groften Wert, wenn sie nicht
auf Initiation beruht, weil jeder seinen eigenen Kopf hat. Es ist schon
nicht anders - der Kopf ist das Erbe seines Leibes vom vorhergehenden
Leben. Der Kopf jedes Menschen ist vom Kopf jedes anderen Men-
schen verschieden, und die typischen Eigenschaften, die man heraus-
findet, sind im Grunde genommen nur grobe Feststellungen.
Denken Sie, dafi dieser wunderbare Zusammenhang besteht: Der
Mensch ist eine Doppelnatur, aber aufier dem, dafi er eine Doppel-
natur ist, tragt er Vergangenheit und Zukunft auch schon in seiner
aufieren Gestaltung an sich. Die Reinkarnation ist mit Handen zu
greifen an unserem Haupte, denn was wir am Haupte geformt finden,
es ist das Ergebnis des vorhergehenden Lebens. Der Kopf, den wir im
nachsten Leben tragen werden, wird die Umwandlung unseres Leibes
sein. Metamorphose ist iiberhaupt etwas, was dem Dasein zugrunde
liegt, wenn man dieses Dasein in seinen Tiefen betrachtet. Man kann,
wenn man solche Dinge iiberblickt, wie wir sie jetzt auseinandergesetzt
haben, tief, tief hineinschauen in das Werden, in das Sein der Welten-
wesen, der Menschheitswesen. Und ich wollte diesen Gedanken, der
wie gesagt das Leitmotiv bilden wird der nachsten beiden Vortrage,
anschlagen: wie hiniiberwirkt die eine Inkarnation in die nachstfol-
gende, wie heriiberwirkt auch die vorhergehende Inkarnation in die
jetzige, indem eine Metamorphose besteht zwischen der Korperlichkeit
des Menschen und der Kopf lichkeit des Menschen, wenn ich so sagen
darf.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 5. August 1916
Wenn wir die Art, wie heute der Mensch iiber Seelisches und Leibliches
spricht, vergleichen mit der Art, sagen wir nur, wie in Griechenland
daruber gesprochen worden ist - wir brauchen gar nicht weiter zuriick-
zugehen so finden wir, daft in Griechenland der Beziehung zwischen
dem Seelischen und dem Leiblichen weit mehr noch Rechnung getragen
ist als in unserer Zeit, wobei es aufterordentlich wichtig ist, sich klar-
zumachen, daft innerhalb der griechischen Weltanschauung von einem
materialistischen Ausdeuten des Zusammenhanges zwischen Seelischem
und Leiblichem nicht die Rede sein konnte. Wenn heute jemand davon
spricht, daft diese oder jene Stirnwindung Sprachzentrum ist, so deutet
er sich die Sachlage recht materialistisch. Zumeist denkt er iiberhaupt,
daft an der betreffenden Stelle des Gehirns der Sprachlaut mehr oder
weniger erzeugt wird, rein mechanisch. Oder wenigstens denkt er, auch
wenn er nicht direkt Materialist ist, sich dooh den Zusammenhang so,
daft derjenige, der den wahren Zusammenhang kennt, die Aussage als
mehr oder weniger materialistisch auffassen mufi. Der Grieche hat viel
weitergehend von der innigen Beziehung zwischen dem Seelischen und
Leiblichen gesprochen, ohne materialistische Nebenempfindungen da-
bei zu haben, weil er noch ein lebendiges Gefuhl davon hatte, daft,
wenn wir von den Dingen der Aufienwelt sprechen, wir von diesen
Dingen so sprechen, daft sie Offenbarungen, Manifestationen des Gei-
stigen sind. Der heutige Mensch, der vom Sprachzentrum im Gehirn
spricht, denkt nicht daran, daft aus irgendeinem Geistigen heraus die-
ses Sprachzentrum erst aufgebaut ist, daft dasjenige, was materiell da
ist, nur wie ein Zeichen, wie ein Symbol, wie ein Gleichnis eines da-
hinterstehenden Geistigen ist, ganz abgesehen von dem, was sich in
der menschlichen Seele als Geistiges abspielt. Daran hat der Grieche
immer gedacht: den ganzen Menschen, wie er dasteht in der physischen
Welt, als ein Gleichnis anzusehen, als ein Symbol des Ubersinnlich-
Geistigen, das dahintersteht. Es ist ja durchaus zuzugeben, daft diese
Vorstellung heute den meisten Menschen nicht ganz leicht wird, weil
die Seele, selbst wenn sie es nicht will, heute schon stark an materia-
Hstischen Vorstellungen haftet. Nehmen Sie nur einmal an, was ja
schon, wenigstens andeutungsweise, in dem letzten Vortrage gesagt
worden ist: Der Kopf des Menschen wird eigentlich in der geistigen
Welt gebildet, in der geistigen Welt veranlagt; zwischen dem letzten
Tode und dieser Geburt ist der Kopf im wesentlichen gebildet worden.
Nicht wahr, man mochte sozusagen den Menschen in der Gegenwart
kennen, der nun nicht sagen wird: Man weifi doch ganz genau, dafi
der Kopf im Leibe der Mutter wahrend der Zeit der Schwangerschaft
entsteht, und es ist doch eine Verrikktheit, zu sagen, dafi er haupt-
sachlich in der langen Zeit gebildet wird, die zwischen dem letzten
Tode und dieser Geburt oder Empfangnis liegt, - Wer heute ganz ma-
terialistisch denkt, und, man mochte fast sagen, naturgemafi so denkt,
der mufi die eben angefiihrte Behauptung mehr oder weniger a Is eine
Art Verriicktheit ansehen.
Aber, sehen Sie, Sie kommen, wenn Sie sich die Sache in der folgen-
den Art vorstellen, schon zu der Moglichkeit, einen entsprechenden
Gedanken zu gewinnen.
Naturlich, vor der Empfangnis ist alles das, um was es sich handelt
am menschlichen Kopf, unsichtbar; es fahrt naturlich kein Meteor aus
Himmelshohen in den Leib der Mutter hinein. Aber die Krafte, die in
Betracht kommen, namentlich auch die Formungskrafte, die gestal-
tenden Krafte des menschlichen Hauptes, die sind tatig in der Zeit
zwischen dem Tod und einer neuen Empfangnis. Denken Sie sich ge-
wissermafien eine unsichtbare Form des Kopfes ausgebildet, die man
nur sichtbar zeichnet, also die Linien, die ich jetzt hier andeute, die
sind naturlich dann unsichtbar. Das alles sind nur Krafte (siehe Zeich-
nung Seite 58).
Diese Krafte mufi man sich auch nicht so vorstellen, dafi sie die
physische Form des Kopfes haben. Aber es sind Krafte vorhanden,
welche diese physische Form des Kopfes bewirken, bedingen. Und
wahrend der Vorbereitungszeit des menschlichen Hauptes im Mutter-
leibe setzt sich die Materie an diese Krafte an; im Sinne dieser Krafte
setzt sich die Materie an. Nicht die Form des Kopfes wird gebildet,
sondern nach der Form, die aus kosmischen Weiten in den Mutterleib
versetzt ist, wird der Kopf gebildet. Das ist schon einmal wahr. An
diese Formen setzt sich die physische Materie an, und dann wird es
natiirlich erst sichtbar. Es kristallisiert sich die Materie gewissermalten
um bestimmte unsichtbare Bildekrafte. Gewifi, es spielen noch die mit
der Vererbung zusammenhangenden Kraf te hinein, aber die hauptsach-
lichsten Bildekrafte des Kopfes sind kosmischen Ursprungs, sind ge-
wisse Kristallisationskrafte, mochte ich sagen, an die sich die Materie
im Mutterleib ansetzt.
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Also das mufi man schon festhalten, dafi das, was man sieht, gewis-
sermafien angeschossen ist, angeschossene Materie. Die Kraftlinien, die
sind aus dem Kosmos. Sehen Sie, das Materielle des Hauptes konnen
Sie sich wirklich so vorstellen wie etwa, wenn Sie einen Magneten
haben, und sich nach bestimmten Kraftlinien Eisenfeilspane anordnen;
ja, die Eisenfeilspane ordnen sich nach den unsichtbaren Kraftlinien
des Magneten an. So unsichtbar wie der Magnet seine Strahlen aus-
sendet, miissen Sie sich auch die Form des Kopfes vorstellen, wie sie
aus dem Kosmos hereinwirkt. Und wie sich die Eisenfeilspane nach
Mafigabe der magnetischen Linie ordnen, so ordnet sich das, was die
Mutter hergibt, nach Mafigabe der kosmischen Formen, die dem Haupte
eingegliedert sind.
Wenn Sie diese Vorstellung zu Hilfe nehmen, dann werden Sie
sich schon einen entsprechenden Gedanken bilden konnen davon, dafi
an dem menschlichen Haupt gearbeitet wird wahrend der Zeit zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, und dafi die Bildekrafte fiir
den iibrigen Organismus - aber auch wiederum nur mehr oder weniger,
nicht vollstandig - angesetzt werden vom Irdischen aus, von dem, was
in den Vererbungsverhaltnissen durch die Generationen liegt. Insof erne
ist der Mensch irdischen und kosmischen Ursprungs, kosmischen Ur-
sprungs in bezug auf seinen Hauptesteil in der Hauptsache, irdischen
Ursprungs in bezug auf seinen iibrigen Leib. In diesen Sachen spielen
die allertiefsten Mysterien, und man kann immer nur einzelne Dinge
daraus besprechen; ungeheuer tiefgehende Geheimnisse, die aufschlufi-
gebend sind nicht nur fur die Menschheitsentstehung, sondern eigent-
lich fiir den ganzen Kosmos, fur das Verstandnis des ganzen Kosmos,
spielen da hinein.
So konnen wir den Menschen von diesem Gesichtspunkte aus schon
als eine Art Doppelwesen auffassen. Und weil er ein solches Doppel-
wesen ist, muE man beim Studium scharf unterscheiden zwischen all
dem, was zum Haupt gehort und mit dem Haupt zusammenhangend
ist, und dem, was zum iibrigen Organismus gehort und mit ihm zu-
sammenhangt.
Und da kommen wir zu einer Sache, die insbesondere fiir unsere
jetzige Zeit dem Verstandnis aufierordentlich grofie Schwierigkeiten
macht. Denn heute will man eigentlich alles in gleicher Weise erklaren,
alles iiber einen Leisten schlagen. Das kann man nicht, wenn man Rea-
litaten ins Auge fafit, und die materialistische Wissenschaft fafit am
wenigsten Realitaten ins Auge! Alles, was zum menschlichen Leibe
gehort, mit Ausschlufi des Hauptes, mufi so betrachtet werden, dafi
dieser menschliche Leib - abgesehen vom Haupt - eine bildhafte,
gleichnishafte Darstellung dessen ist, was an geistigen Kraften dahin-
tersteht. Alles, was mit dem Haupt zusammenhangt, ist nicht in dem-
selben Sinne eine bildhafte Darstellung, sondern mehr eine zeichen-
hafte Darstellung. Beim Bilde hat das, was im Bilde ist, noch mehr
Ahnlichkeit mit dem, was zugrunde liegt, als beim blofien Zeichen.
Der Maler, der Bildhauer versucht in den Bildern gewisse Ahnlich-
keiten mit demOriginale wiederzugeben; derjenige, der etwas schreibt,
gibt in den Buchstaben sehr wenig Ahnlichkeit mit dem Origi-
nal. Buchstaben sind im aufiersten Falle Zeichen; Gemalde, Bild-
hauerwerke sind Bilder, die haben noch sehr viel zu tun mit dem
Original.
Nun ist der Unterschied, den wir hier ins Auge f assen, nicht so grofi
wie der zwischen einem Bild und einem Geschriebenen, aber ahnlich
liegen die Dinge. Der iibrige Leib, also aufter dem Haupte, ist mehr
Bild; alles, was am Haupte ist, ist mehr Zeichen fiir das, was zugrunde
liegt. Es ist zwischen dem, was wir mit physischen Augen am Haupte
sehen, und dem, was dem Haupte zugrunde liegt, eine geringere Ahn-
lichkeit als zwischen dem, was wir mit physischen Augen sehen beim
iibrigen Leib und dem, was ihm zugrunde liegt. Das driickt sich schon
bei der Betrachtung des Atherleibes sehr stark aus; noch mehr bei der
Betrachtung des astralischen Leibes oder gar des Ich. Also beim Haupt
haben wir es mehr mit Zeichen zu tun in den Formen, im Ausdruck
und so weiter; beim iibrigen Leib haben wir es mehr mit Abbildung zu
tun, mit einer grofieren Ahnlichkeit zwischen dem, was unsere phy-
sischen Augen sehen, und dem, was geistig zugrunde liegt an Kraften,
an ubersinnlichen und unsichtbaren Kraften. Diesen Unterschied muiS
man machen; denn heute liegt dieTendenz vor,beides in gleicher Weise
zu betrachten. Der Mensch bekennt sich am liebsten dazu, dafi er sagt:
«Alles Vergangliche ist nur ein Gieichnis.» Das ist ja richtig - aber in
verschiedenem Grade ein Gleichnis. Ich mochte den ganzen Menschen
als ein Gleichnis des Ubersinnlichen betrachten, aber so: ein bildhaftes
Gleichnis ist der Leib; aber im hoheren Sinne sogar Gleichnis ist das
Haupt. Und das hangt damit zusammen, dafi der iibrige Leib mehr
gebildet wird durch die irdischen Krafte, in deren Mitte wir zwischen
Geburt und Tod leben, und das Haupt mehr bestimmt wird durch die-
jenigen Krafte, in deren Mitte wir zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt leben beziehungsweise einer neuen Empfangnis. Wollen wir
aber den vollstandigen Menschen betrachten mit Bezug auf sein Durch-
gehen einerseits durch das Leben zwischen Geburt und Tod, und an-
dererseits durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
dann miissen wir allerdings auch noch etwas ins Auge f assen, was ja
am Menschen immer, auch hier in der physischen Welt, streng iiber-
sinnlich bleibt.
Das, was dem Menschen eigen ist und an ihm streng iibersinnlich
bleibt, das bezeichnet man ja, ich mochte sagen, seit relativen Urzeiten
mit drei Worten, denen man immer eine grofie typische Bedeutung
beigelegt hat, die auch zuweilen, wie viele solche Worte, zu Phrasen
werden, aber eben nicht Phrasen sein miissen, wenn man sie ihrer vol-
len Bedeutung nach nimmt: Der Mensch lebt innerhalb seiner Ent-
wickelung sich ein in die Wahrheit, in die Schonheit, in die Giite. Das
Wahre, Schone, Gute, das sind ja die drei Begriffe, von denen, wie
gesagt, seit relativen Urzeiten viel gesprochen wird. Schon eine ober-
flachliche Betrachtungsweise kann Ihnen einen gewissen Zusammen-
hang mit Bezug auf diese drei Ideen enthullen. Das, was man gewohn-
lich als Wahrheit bezeichnet, hangt mit dem Vorstellungsleben zu-
sammen, was man als Schonheit bezeichnet, mit dem Gefuhlsleben,
was man als Giite bezeichnet, mit dem Willensleben. Man kann auch
sagen: mit dem Willensleben steht im Zusammenhang die Moralitat.
Alles asthetische Geniefien oder asthetische Hervorbringen, also alles
Asthetische steht im Zusammenhang mit dem Gefuhlsleben. Alles
Wahrheitsmafiige steht im Zusammenhang mit dem Vorstellungs-
leben.
Die Dinge sind natiirlich immer wieder im engeren Sinne gemeint.
Eines spielt ja ins andere hiniiber. Es sind nur immer die signifikanten
Dinge der Wahrheit. Indem sich der Mensch einlebt in das moralische
Leben, in das asthetische Leben, in das Wahrheitsleben, entwickelt er
sich hier auf dem physischen Plane. Aber nur ein ganz krasser Materia-
list konnte den Glauben haben, dafi mit dem, was eigentlich durch die
Ideen: Moralitat, Asthetisches, Wahrheitsgemafies gemeint ist, irgend
etwas physisch Greifbares angedeutet werden konnte. Es weisen diese
drei Dinge durchaus auf ein Obersinnliches hin, in dem der Mensch
hier in der physischen Welt lebt.
Nun, von diesem Gesichtspunkte aus ist es bedeutsam, das geistes-
wissenschaf tliche Ergebnis kennenzulernen, das zutage tritt, wenn man
sich fragt: Wie kommt dasjenige zustande, was der Mensch als Wahr-
heit erstrebt, wie das, was der Mensch als kunstlerisches, asthetisches
Geniefien oder als kunstlerisches asthetisches Schaffen erstrebt, wie
das, was er als Moralitat erstreben mufi? Sehen Sie, alles Wahrheits-
gemafie hangt zunachst hier fur die physische Welt mit den Kraften
zusammen, die durch das physische Haupt entwickelt werden. Und
zwar so, dafi das Wahrheitsmafiige auf der Wechselwirkung zwischen
dem physischen Haupte und der irdischen Aufienwelt beruht; selbst-
verstandlich in den Kosmos hinein, aber der irdischen Aufienwelt.
Also man kann sagen: Beim Wahrheitsgemafien liegt ein Verhaltnis
unseres Kopfes zur AulSenwelt vor.
Wie ist es da, wo das Schonheitsmaflige, das Asthetische in Betracht
kommt? Alle solche Dinge beruhen namlich auf Verhaltnissen, auf Be-
ziehungen; das Wahrheitsmaftige auf der Beziehung des Kopfes zur
Aufienwelt. Was fiir ein Verhaltnis kommt nun in Frage beim Asthe-
tischen, beim Kunstlerischen? Da kommt in Frage das Verhaltnis zwi-
schen dem Haupt und dem iibrigen Leibe. Das ist sehr wichtig, sich das
in entsprechender Weise einmal klarzumachen. Sehen Sie, vollstan-
diges, unbedingtes, absolutes Wachbewufitsein ist ja notwendig zur
Erfassung der Wahrheit hier in der physischen Welt. Derjenige, der
Traume ohne weiteres fiir wahr halt, in demselben Sinne, wie wir
Wahrheit hier auf dem physischen Plan anerkennen, der ist ungesund,
nicht wahr? Also fiir das vollstandige Wachbewufitsein kommt unser
Haupt in Betracht, unser Haupt als Organ. Und dasjenige, was fiir das
Wahrheitsbewufitsein und was an Wahrheitsbewufltsein entwickelt
werden mufi, beruht zunachst hier auf Erden auf dem Wechsel verhalt-
nis zwischen dem Haupt und der Aufienwelt, natiirlich namentlich
auch dem Geistigen der Aufienwelt, das wir erreichen konnen, aber es
ist eben die uns umgebende Welt. Fiir das Asthetische kommt in Be-
tracht das, was im Kopfe lebt und das, was im iibrigen Organismus
lebt; denn das Asthetische kommt dadurch zustande, dafi entweder
unser Kopf traumt von dem, was im iibrigen Organismus vorgeht,oder
unser iibriger Organismus traumt von dem, was im Kopfe vorgeht. Es
ist ein Wechselverhaltnis, das sich nicht vollstandig im gewohnlichen
Vorstellungsleben erschopft, sondern dem schon etwas Unterbewufites
zugrunde liegt; was eben darauf beruht, dafi eigentlich, wenn wir
Schones geniefien, unser Leib in einem innerlichen, mehr unterbewufi-
ten Wechselverhaltnis mit unserem Haupt steht. Das wogt hin und
her; das ist ein Hin- und Herwogen desselben Elementes, was wir sonst
im Traum vor uns haben. Und das ist die Hauptsache beim asthetischen
Genufi: das Traumen des Kopfes vom Inhalte des iibrigen Leibes, oder
das Traumen des iibrigen Leibes vom Inhalte des Kopfes. Und
dann bringen wir uns das aus unserem Innern heraus wieder zum
Wachbewufitsein. Dieses Wachbewufitsein ist erst das Zweite. Das,
was jedem Leben im asthetischen Genufi, im Kiinstlerischen okkult
zugrunde liegt, ist dieses Wogen, dieses Weben zwischen dem Kopf
und dem ubrigen Organismus. Bei den niederen asthetischen Geniis-
sen ist es so, dafi der Kopf traumt vom Leib, und bei den hoheren
und hochsten asthetischen Geniissen ist es so, dafi der Leib traumt vom
Kopfe.
Auf dieser Tatsache, die ich Ihnen jetzt vorgefiihrt habe, beruht
vieles von dem, was ich nennen mochte - verzeihen Sie die barbarische
Wortbildung - den so weitverbreiteten Botokudismus, das Botokuden-
mafiige der Menschen in bezug auf das Asthetische. Nicht wahr, nach
Wahrheit streben schon die Menschen alle; nach dem Gewissenhaften,
dem Guten auch; aber in bezug auf das Asthetische ist in weiten Krei-
sen viel botokudenmafiige Gesinnung vorhanden. Schonheitsgefiihl
betrachtet man nicht in demselben Mafie als notwendig fur den Men-
schen hier in der physischen Welt wie das Wahre und Gute. Einer, der
nicht die Wahrheit erstrebt, hat einen menschlichen Def ekt; einer, der
sich gegen das Gute straubt, hat auch einen menschlichen Def ekt. Aber
nicht ohne weiteres werden Sie einen Menschen, der nichts von der
Sixtinischen Madonna versteht - und Sie werden mir zugeben, dafi es
viele Menschen gibt, die nicht auf das Kiinstlerische eines solchen
Kunstwerks eingehen konnen als mit einem menschlichen Def ekt
behaftet ansehen. Es ist allgemeines menschliches Bewufitsein, dafi man
das nicht tut. Aber das beruht eben darauf, dafi im Grunde genommen
das Asthetische ein recht Innerliches ist, dadurch, dafi es etwas ist, was
der Mensch mit sich selber abmacht, ein Wechselverhaltnis zwischen
seinem Hauptesteil und seinem ubrigen Leibesteil,und dafi der Mensch
gewissermafien mit Bezug auf das Asthetische dadurch nur sich selbst
gegenuber verantwortlich ist und niemand anderem. Einer, der nichts
auf die Wahrheit halt, wird schadlich der ubrigen Menschheit; einer,
der nichts auf das Gute halt, wird schadlich der ubrigen Menschheit,
und, wir wissen,auch fur die geistigeWelt. Einer, der nur ein Botokude
ist in bezug auf den Schonheitssinn, der verliert fur sich etwas, aber er
schadet der ubrigen Menschheit nicht - aufier den wenigen, die selber
es als etwas Unschones empfinden, dafi so wenige Menschen fiir die
Schonheit ein offenes Organ haben.
Von dem Guten hat unsere materialistische Zeit eigentlich die aller-
unrichtigste Vorstellung; denn das Gute betrachtet man ungefahr so,
als ob es in derselbenWeise an den Menschen herankame wie dasWahre.
Aber das ist ein volliger Unsinn. Das Gute bedeutet ein Wechselver-
haltnis zwischen dem Leib des Menschen und der Aufienwelt, nur dafi
jetzt zum ganzen Leib der Kopf hinzugehort.
Also,hier gehen die Dinge natiirlich ineinander! Wenn wir von dem
Wahrheitsstreben reden, so haben wir den Kopf im Verhaltnis zur
Aufienwelt; wenn wir von dem Schonheitsstreben reden, so haben wir
den Kopf im Verhaltnis zum Leibe; und wenn wir von Moralitat spre-
chen, haben wir den Leib im Verhaltnis zur Aufienwelt, aber so, daft
der Kopf jetzt mitgerechnet ist zum Leibe, also den ganzen Menschen
in einem Verhaltnis zu einer, und zwar jetzt nur geistigen Aufienwelt.
Alles Moralische beruht auf einem Verhaltnis des Gesamtmenschen zur
Aufienwelt; nicht zur physischen Aufienwelt, sondern zu dem, was uns
an geistigen Kraften und Machten umgibt.
Meine Heben Freunde, Sie wissen, wenn ich von materialistischer
Wissenschaft rede, rede ich von etwas Berechtigtem, nicht von etwas
Unberechtigtem; ich habe hier viele Vortrage dariiber gehalten, wie
berechtigt der Materialismus in der aufieren Wissenschaft ist, wenn er
seine Grenzen einhalt. Aber von jener Beziehung, die die Moralitat hat
zum Menschen, wird dieser Materialismus in der Wissenschaft noch
lange nicht das Richtige sagen konnen aus dem einf achen Grunde, weil
ja unsere materialistische Wissenschaft an einer Grundkrankheit heute
noch leidet, die erst behoben werden mufi. Ich habe ja diese Grund-
krankheit ofter erwahnt; aber wenn man von ihr spricht, so ist es fiir
den heutigen Wissenschafter schon so, als ob man als ein blutiger Di-
lettant reden wiirde.
Sie wissen, dafi die heutige Wissenschaft davon spricht, dafi der
Mensch zweierlei Nerven hat: sogenannte sensitive Nerven, die zur
Empfindung, zur Wahrnehmung da sind, und motorische Nerven, die
die Willensregungen, die Willenshandlungen des Menschen vermitteln
sollen. Sensitive Nerven, die von der Peripherie hineingehen in das
Innere des Menscheti, motorische Nerven, die von dem Innern des
Menschen nach der Peripherie gehen. Und es wiirde also ein Nerv, der
von dem Gehirn aus vermittelt, dafi ich die Hand hebe,ein motorischer
Nerv sein; wenn ich etwas beriihre, es als warm empfinde oder als
glatt, so wiirde es ein sensitiver Nerv sein. Also zweierlei Nerven gibt
es, so nimmt der heutige Anatomie-Physiologe an. Dies ist ein volliger
Unsinn. Aber man wird das noch lange nicht als einen Unsinn erken-
nen. Obwohl man weifi, anatomisch weifi, dafi es einen Unterschied
zwischen motorischen und sensitiven Nerven nicht gibt, wird man
doch noch lange nicht gelten lassen, dafi es nur eine Art von Nerven
gibt, und dafi auch die motorischen Nerven nichts anderes sind als
sensitive Nerven. Die motorischen Nerven dienen namlich nicht zur
Erregung desWillens, sondern sie dienen dazu, den Vorgang, der durch
den Willen ausgelost wird, wahrzunehmen. Also, wenn ich eine Hand
bewege, so mufi ich, damit ich mein voiles Bewufitsein habe, die Hand-
bewegung wahrnehmen. Es handelt sich nur um einen inneren sensi-
tiven Nerv, der die Handbewegung wahrnimmt. Ich kenne natiirlich
ganz gut alles das, was dagegen einwendbar ist, wie es ist bei Rucken-
markskranken und dergleichen; aber wenn man die Dinge in der ent-
sprechenden Weise versteht, so sind sie keine Einwande, sondern ge-
rade Beweise f ur das, was ich jetzt sage.
Also es gibt nicht diese zweierlei Nerven, die heute in der materia-
listischen Wissenschaft spuken, sondern nur einerlei Nerven. Die so-
genannten motorischen Nerven sind nur da, damit dieBewegung wahr-
genommen werden kann; sie sind auch Wahrnehmungsnerven, indem
innerlich gelegene Wahrnehmungsnerven sich nach der Peripherie des
Korpers hin erstrecken, um wahrzunehmen. Doch, wie gesagt, das wird
man erst nach und nach erkennen; und dann erst wird man das Ver-
haltnis einsehen konnen, in dem die Moralitat zum Willen und un-
mittelbar zum ganzen Menschen steht, weil die Moralitat wirklich
unmittelbar auf das wirkt, was wir das Ich nennen. Von da aus wirkt
es dann herunter in den Astralleib, in den Atherleib, und von da in den
physischen Leib. Wenn also aus Moralitat eine Handlung begangen
wird, so strahlt gewissermafien der Moralitatsimpuls in das Ich, von
da in den Astralleib, von da in den Atherleib, von da in den physischen
Leib. Da wird er Bewegung, da wird er dasjenige, was der Mensch
aufterKch tut, was erst wahrgenommen werden kann durch die soge-
nannten motorischen Nerven.
Moralitat ist wirklich etwas, was unmittelbar aus der geistigen Welt
in den Menschen hereinwirkt, was starker aus der geistigen Welt her-
aus wirkt, als zum Beispiel Schbnheit und Wahrheit. Bei der Wahrheit
Hegt die Sache so, daft wir die rein geistigen Wahrheiten hineingestellt
finden in eine Sphare, in der auch die physischen Wahrheiten mit-
sprechen miissen. In einer ahnlichen Weise, wie die gewohnliche phy-
sische Wahrnehmung durch die Sinne vermittelt wird, kommen auf
dem Umwege durch den Kopf die geistigen Wahrheiten in uns herein.
Die moralischen Impulse, auch wenn wir sie ganz geistig fassen als
moralische Ideen, kommen nicht auf dem Umwege des Kopfes, son-
dern die beriihren den ganzen Menschen. Das ist als Tatsache festzu-
halten: die wirken auf den ganzen Menschen.
Um diese Sache voll zu verstehen, ist es sehr wichtig, dafi Sie ins
Auge fassen, wie sich nun weiter die Verschiedenheit zwischen dem
Haupte und dem ubrigen Leib des Menschen ausdriickt. Der Kopf des
Menschen, dasHaupt ist so, dafi bei ihm am meisten inBetracht kommt
das, was wir physischen Leib nennen und Atherleib; die sind so recht
ausgepragt hier auf dem physischen Plan im Haupte. Wenn ich so ein
Haupt auf dem physischen Plan vor mir habe, so mufi ich sagen: Ja,
das driickt mir aus als Zeichen: physische Form, physischer Leib,
Atherleib; aber Astralleib schon weniger, und Ich - das bleibt fast
heraufien, das ist fast ganz blofi seelisch fur das Haupt, das kann nicht
sehr stark hinein in die Bildekrafte des Hauptes. Also beim Kopf ist
das Ich eigentlich sehr seelisch; es durchtrankt, durchkraftet seelisch
das Haupt, aber es ist als Seehsches ziemlich selbstandig. Beim ubrigen
Leib ist das nicht so. Da ist eigentlich - so paradox, so sonderbar das
klingt, aber wahr ist es doch -, da ist eigentlich das Physische und
Atherische viel weniger anwesend im physischen Leib, da ist mehr das
Ich und der astralische Leib wirksam; das Ich in der Zirkulation des
Blutes. Alle diese Krafte, die in der Zirkulation des Blutes regelnd da
sind, sind eigentlich ein aufierer Ausdruck des Ich. Und alles, was sonst
im Leib lebt, ist sehr stark ein Ausdruck des Astralischen, wahrend
eigentlich das, was am physischen Leib physisch ist - ich meine, was
von physischen Kraften beherrscht ist, was physischen Kraften unter-
liegt -, auch das, was von Atherkraften beherrscht wird, so unmittel-
bar gar nicht wahrgenommen werden kann.
In dieser Beziehung wird man sich natvirlich furchtbar tauschen.
Wenn man die materialistischen Mafistabe nimmt, so wird jeder sagen:
Wenn der Mensch atmet, so ist das doch ein physischer Vorgang; die
Luft geht in ihn hinein; infolge der Atmung findet ein gewisser Pro-
zefi im Blute statt und so weiter, alles physische Vorgange. Selbstver-
standlich, alles physische Vorgange, aber die Krafte, die zugrunde
liegen, sind in den chemischen Blutvorgangen vom Ich kommend. Das
eigentlich Physische wird gerade beim Leibe des Menschen viel we-
niger beach tet. Physische Krafte driicken sich beim Leibe des Men-
schen aus, wenn er zum Beispiel als Kind zuerst kriecht und dann all-
mahlich in die Vertikalstellung ubergeht. Das ist die eine Art von
Oberwindung der Schwere; diese eigentiimlichen Gleichgewichts- und
Schwerewirkungsverhaltnisse sind immer in ihm. Aber das ist eigent-
lich nicht physisch sichtbar, es ist das, was wir in der Geisteswissen-
schaft den physischen Leib nennen: Es sind zwar physische Krafte,
aber es sind als solche im Grunde genommen unsichtbare Krafte. So, wie
wenn wir eine Waage haben und einen Hebel: in der Mitte das Hypo-
mochlion, auf der einen Seite eine Kraft, die infolge eines Gewichts
wirkt, und auf der andern Seite wieder eine Kraft, die infolge eines
Gewichts wirkt. Die Krafte, die da wirken, sind nicht die Schniire, an
denen dieGewichte hangen,sondern die sind unsichtbar, sind aber doch
physische Krafte. So miissen wir das, was wir beim physischen Leib
des Menschen physisch nennen, uns zum grofien Teil als Krafte
denken.
Und wenn wir ins Atherische kommen, da ist auch noch ziemlich
viel, was unbeachtet bleibt - denn das sind physische Vorgange, die im
Atherleib spielen, die sich abspielen, wenn die Sinneswahrnehmung
wirkt, wenn der Geschmack wirkt in den Geschmacksnerven. Aber
das alles sind im Grunde genommen sehr feine Vorgange.
Dann kommen wir zu dem, was sich in Muskeln und so weiter ab-
spielt, was aufierlich als Gleichnis, als Bild physisch wahrzunehmen
ist, was aber von astralischen Kraften abhangt. Auch das, was in den
Nerven sich abspielt, ist vom Astralischen abhangig.
Und dann kommen wir zur Blutzirkulation, zu den Ich-Kraften. So,
wie das Ich und der astralische Leib wirksam sind bei all dem, was wir
durch die Vererbung in der Generationenfolge haben, in der gleichen
Weise sind sie nicht wirksam im Kopf des Menschen - vor allem nicht
das Ich. Man kann sagen, das Ich ist sehr tatig im Kopf, wenn der
Mensch wacht; aber es ist eigentlich niemals so, dafi es im Kopfe eine
solche innerliche Tatigkeit verrichtet wie im ubrigen Leib, im Blute,
und das Blut, das zum Kopf geht, ist ja auch vom ubrigen Leib ab-
hangig. Deshalb, sagte ich, kann man die Dinge nicht so trennen. Es
spielt eines in das andere hinein. Aber dasjenige, was der Impuls des
Blutes ist, kommt eben nicht aus dem Kopf, sondern es wird in den
Kopf hineingedrangt. Das geht von dem Ich aus, insoferne es vom
Leib abhangig ist.
So dafi man wirklich sagen kann: Sehen wir uns den Kopf eines
Menschen an, so ist das Hervorstechendste, das Wichtigste das, was
herausgeprefit ist in den physischen Leib und in den Atherleib. Sehen
wir uns den ubrigen Leib an, so ist das wichtigste das, was in ihm pul-
siert und ihn erkraftet, das, was vom Ich kommt und vom astralischen
Leib. Also, wenn Sie diesen Gegensatz nehmen, einerseits den Kopf und
andererseits den ubrigen Leib, so wiirden wir im Kopf hervorstechend
astralis'H^/
Leib /
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haben: physischen Leib und Atherleib, und relativ selbstandig, das
durchflutend, astralischen Leib und Ich. Im ubrigen Leib wiirden wir
Ich und astralischen Leib haben, die geradezu in den physischen Vor-
gangen drinnen wirken; und das iibrige liegt eigentlich als unsicht-
bares Geriist, als physisches und atherisches Geriist, das gewdhnlich
gar nicht beachtet wird, zugrunde. Es ist wirklich das Ich physisch in
unserer Blutzirkulation.
Dasjenige nun, was wir gewissermafien die moralisch-atherische
Aura nennen, wie wirkt denn die auf uns? Sie wirkt zunachst auf den
ganzen Menschen. Aber sie wirkt auf das Ich, und das Ich wirkt eigent-
lich im ganzen ubrigen Leib, sagen wir zum Beispiel im Blut. Nicht
wahr, es ist ja das Ich das Hauptsachlichste im Blute. Die Moralitat
wirkt auf das Blut. Sie mttssen nicht so sehr das physische Blut ins Auge
fassen, das eigentlich nur da ist, ich mochte sagen, um die Stelle im
Raum auszufiillen, wo die Ich-Kraf te wirken, sondern das Blut imSinne
dessen auffassen, was ich gesagt habe. Also die Moralitat wirkt auf das
Ich. Es begegnet sich gleichsam dasjenige, was in unserem Blute wirkt
als Ich-Kraf te, mit den Kraften der Moralitat. Wenn der Mensch hier
in der physischen Welt steht, so ist es schon so: was in seinem Blute
pulsiert, begegnet sich geistig mit den Kraften, die aus der moralischen
Sphare hereinspielen, und zwar so, dafi der eigentlich moralische Im-
puls dasjenige, was gewissermafien aufsteigt aus dem Blute, heraus-
treibt. Also stellen Sie sich vor, wir hatten hier einen Blutstrom, und
da stromt das Ich und wirkt die Moralitat (siehe Zeichnung S. 69). Dann
mufi die Moralitat entgegenwirken dem zunachst stromenden Ich, mufi
die Gegenkraft zu diesem stromenden Ich sein. Das ist auch der Fall.
Wenn jemand unter einem stark en moralischen Impuls steht, so ist
eine unmittelbare Wirkung des moralischen Impulses auf das Blut vor-
handen. Die geht voran selbst der Wahrnehmung des moralischen Vor-
ganges, des moralischen Prozesses durch den Kopf . Daher hat Aristo-
teles, der diese Dinge immer noch genauer gesehen hat, nicht nur die
physischen, sondern auch die moralischen Dinge, ein wunderbares
Wort gesagt: dafi die Moralitat auf einer Fertigkeit beruht, das heilk
entbunden ist in bezug auf ihre eigentliche Tatigkeit, entbunden ist
dem intellektuellen Urteil.
Der Kopf schaut zu, radikal gesprochen. Also wir haben, indem wir
hier auf dem physischen Plan herumgehen, eine Wechselwirkung zwi-
schen gewissen Kraften, die als Ich zugrunde liegen unserer Blutpulsa-
tion, und den moralischen Impulsen, die aus einer geistigen Welt in uns
herein dringen. Diese Wechselwirkung beruht im wesentlichen darauf,
dafi wir mit unserem ganzen Leib im Wachbewufitsein sind; das gehort
schon dazu, dafi wir im Wachbewufitsein sind. Es mufi das Ich wirk-
lich pulsieren als bewulkes Ich im Blute. Sie werden vielleicht sagen -
das will ich gewissermafien in Paren these einschalten -: Ja, aber im
Schlafe, da ist doch das Ich und der astralische Leib heraufien, die sind
heraufien aus dem physischen Leib und Xtherleib. Wenn hier haupt-
sachlich das Ich und der astralische Leib wirksam sind, dann ist ja
nichts mehr drinnen von dem Ich und dem astrahschenLeib imSchlafe.
Aber die Formen und Bewegungen bleiben doch! - Gewi£ ist das We-
sentliche draufien, aber eigentlich - ich habe es ofters betont -: das
Heraussein bezieht sich wesentlich auf den Kopfteil. Ich habe aus-
drttcklich gesagt, die Wechselwirkung zwischen dem Ich und dem
astralischen Leib, wenn sie nicht auf den Kopf wirkt, ist um so inten-
siver in bezug auf den ubrigen Organismus. Das ist oftmals hier gesagt
worden. Beim ubrigen Organismus ist das Ich und der astralische Leib
nicht so getrennt.
Aber wenn nun auch die Moralitat sich in unserer Blutsphare mit
den Ich-Kraften begegnet, so stromt sie doch so ein, dafi sie durch den
Kopf geht. Deshalb habe ich friiher auch gesagt: Hier gehdrt der dazu,
zum ganzen Leib dazu. Sie mufi durch den Kopf gehen, sie darf nicht
direkt in den Leib einstromen. Das heilk, der Mensch mufi wach sein.
Denn wiirde der Mensch schlafen und das Ich und der astralische Leib
aus dem Kopf heraufien sein, so konnte die Moralitat nicht durch das
Geistige, sondern miifite durch das Physische und Atherische, womit
sie gar nichts zu tun hat, in den Kopf, in den physischen Leib einstro-
men. Das wiirde unmoglich sein.
Sie konnen sich von dem, was ich jetzt sage, wenn Sie ganz ehrlich
sind gegen sich, durch etwas sehr Einfaches iiberzeugen. Fragen Sie
sich einmal, ob Sie im Schlafe oder im Traum so durchaus moralisch
sind - wenn die Moralitat nicht eine Reminiszenz aus dem physischen
Leben 1st! Mit der Moralitat im Traum, mit dem, was man Moralitat
nennt, steht es zuweilen recht schlimm, nicht wahr? Es kann ja etwas
amoralisch sein, das heifit, dafi der Mafistab des Moralischen gar nicht
anwendbar ist, wie es bei der Pflanzenwelt der Fall ist. Aber der
moralische Impuls als solcher kann nur fur das Wachbewufitsein gel-
ten. So sehen Sie, wie wir in der Moralitat eine Wirkung unserer gei-
stigen Umwelt haben unmittelbar auf diejenigen Krafte, die in uns
Ich-Strahlung sind.
Gehen wir jetzt zur Schonheit, zu dem, was asthetisch wirkt. Wir
wissen schon: es beruht auf einer Wechselwirkung des Kopfteiles und
des iibrigen Leibes. Es ist so, dafi der Kopf traumt von dem ubrigen
Leib, und der ubrige Leib traumt von dem Kopf. Untersucht man das,
was zugrunde liegt, so findet man, dafi alles Asthetische auch aus ge-
wissen Impulsen der geistigen Umwelt kommt, welche diese Wechsel-
wirkung in uns anregt. Diejenigen, von welchen ich vorhin gesagt habe,
dafi sie das botokudische Element darstellen, die sind fur diese Impulse
wenig empfanglich; die lassen sich nicht anregen durch dasjenige, was
im Innern diese Wechselwirkung hervorruft. Aber diese Impulse wir-
ken nun nicht auf das Ich, sondern sie wirken unmittelbar auf den
astralischen Leib, wahrend die moralischen Impulse unmittelbar auf
das Ich wirken. Und jenes Unbewufite, welches im Moralischen liegt,
das den Charakter des unbewufiten, halb unterbewufiten Gewissens
ausmacht, das beruht eben darauf, dafi das Moralische durch den Kopf
durchgeht, und - da das Ich nicht so intensiv mit dem Kopf verbunden
ist - in das mehr Unterbewufite des Leibes eintritt, den ganzen Men-
schen ergreift. Dasjenige, was aus einer asthetischen Sphare kommt,
wirkt nun unmittelbar auf den astralischen Leib. Und es wirkt so, dafS
eben jenes eigentiimliche Spiel entsteht zwischen dem astralischen Leib,
der intensiv verbunden ist mit aller Regsamkeit, sei es Nerven-, sei es
Muskelregsamkeit des Leibes, und dem astralischen Leib, der weniger in-
tensiv mit derMuskel- und Nervenregsamkeit des Kopf es verbunden ist.
Der astralische Leib stent eben in einem andern Verhaltnis zum Kopfe
als zum ubrigen Leib. Dadurch hat der Mensch diese zwei Astralitaten:
eine gewissermafienfreiere Astralitat imKopfteil, und eine an diephysi-
schen Vorgange gebundene Astralitat im ubrigen Leib. Und diese gebun-
dene und freie Astralitat, die spielen ineinander durch die asthetischen
Impulse. Das ist ein Durcheinanderwogen und Durcheinanderweben.
Und wenn wir ins Gebiet der Wahrheit kommen: Wahrheit ist auch
etwas Obersinnliches, wirkt aber in den Kopf direkt hinein. Wahrheit
als solche hat es unmittelbar mit den Tatigkeiten, mit den Prozessen
des Kopfes zu tun. Aber das Eigentiimliche alles dessen, was Wahrheit
ist, das ist,dafi es so wirkt auf denMenschen,und daher so erfafit wird,
dafi es unmittelbar in den atherischen Leib einstromt. Aus vielen Aus-
einandersetzungen, die gepflogen worden sind, konnen Sie das ent-
nehmen. Indem die Wahrheit in Form der Gedanken im Menschen
lebt, lebt sie im atherischen Leib - das habe ich ja oft gesagt -, lebt mit
den Gedanken im atherischen Leib. Wahrheit erfafit unmittelbar den
Atherteil des Kopfes und iibertragt sich da naturlich als Wahrheit auf
den physischen Teil des Kopfes.
Sehen Sie, so ist das Ergriffenwerden des Menschen von Wahrheit,
Schonheit, Giite, von Erkenntnis, von Asthetik, von Moralitat. Er-
kenntnis, Wahrnehmung, Wahrheit erfafit den Menschen so, dafi die
aufiere Welt unmittelbar - durch das Ich und den astralischen Leib
hindurchstrdmend, insofern die am Kopfteil teiinehmen - bis in den
Atherleib hinein von aufien her wirkt. Da wird unmittelbar der Ather-
leib ergriffen. Und weil der Mensch mit seinem Bewufitsein nicht so
untertaucht in seinen Atherleib, kommt ihm die Wahrheit als etwas
Fertiges vor. Das ist gerade das Bestiirzende, das Oberraschende der
Initiation, dafi man beginnt, die Wahrheit, wie sie da hineinpulst in
den Atherleib, als etwas ebenso Freies zu empfinden, wie man sonst
das Hereinpulsieren der Moralitat empfindet oder der Schonheit in
den astralischen Leib. Das ist dieses Bestiirzende, Oberraschende aus
dem Grunde, weil es den Menschen, der irgendeine Initiation durch-
gemacht hat, in ein viel freieres Verhaltnis zur Wahrheit bringt, und
dadurch in ein viel verantwortungsvolleres Verhaltnis zur Wahrheit.
Tritt die Wahrheit ganz unbewufit in uns herein, dann ist sie fertig,
und dann sagen wir einfach mit der gewohnlichen Logik: das ist wahr,
das ist unwahr. Dann hat man ein viel geringeres Verantwortlichkeits-
gefiihl gegeniiber der Wahrheit, als wenn man weifi, dafi die Wahrheit
geradeso im Grunde abhangig ist von tiefliegenden Sympathie- und
Antipathiegefuhlen wie die Moralitat und wie die Schonheit, so dafi
man ein gewisses freies Verhaltnis zur Wahrheit hat.
Hier liegt wiederum einMysterium,und zwar jetzt ein bedeutsames
subjektives Mysterium vor, das sich darin aufSert, dafi manche, die nicht
in rich tiger, wiirdigerWeise sich dem Erlebnis der Initiation nahern,an
ihrem Wahrheitsgefuhl nicht so gewinnen, dafi sie ein grofieres Verant-
wortlichkeitsgefuhl entwickeln, sondern dafi sie das Verantwortlich-
keitsgef iihl, das sie gegeniiber der aufgezwungenen Wahrheit haben,ver-
lieren und in ein gewisses unwahres Element hineinkommen. Oh, hier
liegen sehr viele bedeutungsvolle Dinge in der menschlichen Entwicke-
lung zur spirituellen Wahrheit, die dann in ihrer hochsten Lauterung
Weisheit ist. Indem sie gewissermafien durchstromt durch das Ich und
den astralischen Leib, wirkt sie unmittelbar in das Atherische, in den
Atherleib des Menschen. Das Schone wirkt in den astralischen Leib des
Menschen herein; das Ich durchdringt das Moralische; der moralische
Impuls wirkt in das Ich herein. Das Wahre hat also nur noch, indem es
aus dem Kosmos, aus dem Universum in uns einstromt, auf den phy-
sischen Leib zu wirken, hat sich nur noch im physischen Leib abzu-
driicken,das heilk im physischen Gehirn; es wird im Physischen Wahr-
nehmung. Das Schone mufi, indem es von aufien, vom Universum in
unser Astralisches einstromt, noch in den Atherleib hineinwirken, und
dann in den physischen Leib. Das Gute, der Impuls des Guten wirkt
auf das Ich, und mufi so stark auf das Ich wirken, dafi das wieder
weitervibriert in den astralischen Leib, Atherleib und physischen Leib
hinein, wo es dann erst wirksam werden kann in dem physischen Leib.
So stent der Mensch zum Wahren, Schonen, Guten. Im Wahren off-
net er seinen Atherleib, zunachst den Atherteil des Kopf es, unmittelbar
dem Kosmos. Im Schonen offnet er seinen astralischen Leib unmittel-
bar dem Kosmos. In der Moralitat offnet er unmittelbar sein Ich dem
Kosmos. Im Wahren - wir werden diese Dinge morgen weiter aus-
fiihren und dann auch die Gesetze des Lebens zwischen Geburt und
Tod und auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt anfuhren -,
im Wahren haben wir etwas, was am langsten schon vorbereitet ist fur
den Menschen. Im Schonen haben wir etwas, was verhaltnismafiig
kiirzer vorbereitet ist; und im Moralischen haben wir etwas, was erst
jetzt auf der Erde seinen Anf ang nimmt. Was in der Wahrheit lebt, die
sich zur Weisheit lautert, nimmt eigentlich schon wahrend der Sonnen-
entwickelung seinen ersten Anfang, hat dann in einer gewissen Weise
seinen Hohepunkt in der Mondenentwickelung, lebt sich weiter ein in
der Erdenentwickelung, und wird im wesentlichen schon vollendet
sein bei dem, was wir als die Jupiterentwickelung kennen. Da wird das
menschliche Wesen mit Bezug auf den Inhalt der Weisheit einen ge-
wissen vollen Abschlufi erlangt haben. Schonheit - was eine sehr inner-
liche Sache fur den Menschen ist - nimmt ihren Anfang wahrend der
Mondenentwickelung, setzt sich wahrend der Erdenentwickelung fort,
wird den Abschlufi erlangen wahrend der Venusentwickelung, was wir
die Venusentwickelung nennen. Diese Dinge sind alle so, daft da, wo
aus dem Okkulten heraus Namen gewahlt werden, sie schon ihre gute
Bedeutung haben. Ich nenne nicht umsonst diese Entwickelung « Venus-
entwickelung* ; sie wird eben mit Bezug auf die mafigeblichen Prozesse
schon so genannt.
Von Moralitat konnte man wahrend der Mondenentwickelung noch
nicht sprechen, denn da war der Mensch in bezug auf das, was er tat,
noch in eine Notwendigkeit, fast in eine Naturnotwendigkeit einge-
schaltet. Moralitat beginnt erst auf der Erde. Und die Vollendung wird
sie erreichen in der Vulkanentwickelung, wenn alles das, was in den
Feuerprozessen des Blutes pulsiert, gelautertes Ich sein wird, von der
Moralitat gelautertes Ich, von der Moralitat ganz ergriffenes Ich:
wenn Ich-Krafte des Menschen und Moralkrafte eines und dasselbe
sein werden, und sein Blut, das heifit seine Blutwarme - denn das Ma-
terielle ist ja nur das aufiere Zeichen -, wenn seine Blutwarme das hei-
lige Feuer des Vulkans sein wird. Ober diese Dinge wollen wir morgen
weitersprechen.
FONFTER vortrag
Dornach, 6. August 1916
Ich werde im wesentlichen heute die Zeit dazu beniitzen, einige Grund-
lagen zu entwickeln, aus denen sich dann gewisse Dinge ergeben wer-
den, zu denen wir morgen kommen wollen - Grundlagen, die Erweite-
rungen des gestern Ausgefiihrten darstellen werden.
Denken wir daran, dafi der Mensch durch die Geburt, oder sagen
wir durch die Empfangnis hereintritt in das physische Leben, in das
Leben, das er zubringt zwischen der Geburt und dem Tode auf dem
physischen Plane. Denken wir daran, wie der Mensch in dieses phy-
sische Leben eintritt, so wie wir es die Jahre her dargestellt haben. Wir
wissen ja, dafi der Mensch in gewissem Sinne ein Zusammenflufi ist der
niederen Naturreiche - des mineralischen, des pflanzlichen, des tie-
rischen Reiches - und sich iiber diese drei Reiche, die in ihm gleichsam
zur Symbiose verbunden sind, dann erhebt. Aber er wachst als geistig-
seelisches Wesen in diese drei Reiche hinein. So dafi wir sagen konnen:
Der Mensch wachst, indem er heruntersteigt zum physischen Plan, in
das mineralische, pflanzliche, tierische Reich hinein und wird Mensch.
Nun steigt er ja nach dem Tode wieder hinauf. Fur die geistige An-
schauungsweise ist etwas Ahnliches der Fall: So wie dieses Hinein-
wachsen in die Reiche des physischen Daseins geschieht, vollzieht sich
etwas sehr Ahnliches im Geistgebiete. Sie miissen bei all soichen Dar-
stellungen, die ich da gebe, sich natiirlich immer klar sein, dafi alles
das, was wir schon gesagt haben iiber das Hineinwachsen des Men-
schen in die geistige Welt nach dem Durchgang durch die Todespforte,
bestehen bleibt, und dafi dieses, was wir als weitere Ausfuhrungen an
uns herantreten lassen, eben nur noch dazu gilt. So dafi wir sagen kon-
nen: Der Mensch wachst hinein in die geistige Welt so, daft ihn auf-
nimmt das moralische Reich, das asthetische Reich, das Weisheitsreich
oder Wahrheitsreich. Nur natiirlich, wenn wir im Leben hier sprechen
vom moralischen Reich, von dem Reich des Guten, vom asthetischen
Reich, dem Reich des Schonen und dem Reich der Wahrheit, der Weis-
heit, dann meinen wir die Dinge mehr oder weniger abstrakt. In der
geistigenWelt aber sind die Krafte,in die der Mensch da hineinwachst,
und die er wieder verlalk, wenn er ins physische Dasein kommt, ganz
konkret, sind wirkliche geistige Daseinsformen. Wir fassen sie nur mit
solchen Namen zusammen. Dasjenige nun, was den Menschen auf-
nimmt, wenn er in die geistige Welt hinaufkommt, das ist gewisser-
mafien wie in Resten in seiner Aura hier auf der Erde vorhanden. Der
Mensch wachst als physisches Wesen auf dem physischen Plan hinein
ins mineralische, ins pflanzliche, ins tierische Reich, nachdem er das
Reich der Weisheit, der Schonheit, der Moralitat verlassen hat. Aber
die Herunterstrahlungen dieser drei geistigen Reiche, die gehen noch
hinein in seine Aura; so dafi der ganze Mensch, wenn wir den Geistes-
teil des Menschen eben zum Menschen hinzunehmen, erstens in dem
lebt, was er mineralisch, pflanzlich, tierisch, physisch-menschlich ist,
und ferner auch in dem, was ihn gewissermafien umschwebt, durch-
strahlt, durchwebt aus den drei geistigen Reichen herunter, die ihn
iiberstrahlen, iiberleuchten. Nun konnen wir uns durch eine Art sche-
matischer Zeichnung, die aber, wie gesagt, eben nur eine schematische
Zeichnung sein soli, versinnlichen, wie das nun eigentlich ist, was da
mit der Natur des Menschen zusammenhangt. Was ich jetzt aufzeich-
nen werde, ist durchaus schematisch, aber es kann Ihnen viel erklaren,
wenn Sie es griindlich betrachten. Damit wir mdglichst klar die Dinge
haben, will ich einmal alles das, was zum Ich gehort, in dieser Weise
darstellen (griin). Alles, was zum astralischen Leib gehort, gelb, alles,
was zum atherischen Menschen gehort, lila, was zum physischen Men-
schen gehort, rot. (Siehe Zeichnungen Seiten 78, 81, 82.)
Und nun wollen wir den Menschen einmal schematisch betrachten.
Wir wollen ihn betrachten, so wie er im Weltenall drinnensteht als
moralischer Mensch, das heifit als Mensch, der an den Moralkraften
des Weltenalls Anteil hat. Dann wollen wir ihn betrachten als Mensch,
der an den asthetischen Impulsen des Weltenalls Anteil hat in dem
Sinne, wie wir gestern das betrachtet haben. Und dann wollen wir den
Menschen betrachten, wie er an den Weisheitsimpulsen Anteil hat. Also
wir wollen gewissermafien eine psychische Physiologie - verzeihen Sie
das etwas unsinnig gebildete Wort, aber Sie werden verstehen, was ich
damit meine - entwerfen, die ja naturlich imaginativ gemeint ist.
Wenn wir den Menschen, insofern er in der Moralitatssphare drin-
nensteht, betrachten, da werden wir besonders an dasjenige erinnert,
was ich gestern darlegte: dafi die Griechen noch mehr das Verhaltnis
des Geistig-Seelischen und des Physischen gefiihlt und empfunden ha-
ben, als es heute der Fall ist. Daher hat Plato zum Beispiel noch ganz
deutlich dieses eigentiimliche Verhaltnis dargestellt, wie der Mensch
erfafit, ergriffen wird von den Moralitatsimpulsen aus dem geistigen
Universum heraus. Plato sagt: Eigentlich gibt es vier Tugenden. Von der
Gesamtmoralitat wird der Gesamtmensch erfaik. - Aber alles das ist
natiirlich mit dem bekannten grano salis zu nehmen. Natiirlich wiirde,
wenn der ganze Mensch erfaik wird, er auch wiederum nach den ein-
zelnen Tugenden abgeteilt. Die erste Tugend, von der Plato spricht,
ist die Weisheit - Weisheit als Tugend jetzt genommen, nicht als Wis-
senschaft. Weil diese Weisheit als Tugend verwandt ist mit dem, was
in der Wahrheit erlebt wird, so wenden sich die Krafte, die gerade die
Weisheit aus der Moralitatssphare heraus ergreift, auch noch an das
Haupt des Menschen, so dafi wir die Sache so darstellen konnen:
(Zeichnung I). Plato sagte also: Es wird erfafit beim moralischen
Menschen der Kopfteil von der Weisheit, der Brustteil von dem, was
man nennen konnte die Tugend der Herzhaftigkeit - ich kann kein
besseres Wort finden Starkmut, Tiichtigkeit, aber solche Tiichtig-
keit, dafi die herzhaften Krafte drinnen sind: seelische Tiichtigkeit.
Weise - das Wort im Sinne der Tugendhaftigkeit gemeint - ist der-
jenige Mensch, der sich nicht blofi seinen tierischen Trieben iiberlafit,
sondern der aus der Moral heraus gewisse Ideen hat, die er erfafit, und
nach denen er sich richtet. Aber es strahlt schon der moralische Impuls
in das Korperliche, in das Leibliche hinein, auch wenn dieser morali-
sche Impuls in moralischen Weisheitsideen erfafit wird. Daher konnen
wir sagen: Da strahlt herein in den Menschen die Moralitat so, daft wir
uns das Hereinstrahlen ins «Ich» vorstellen diirfen (grim). Das ware
also die platonische Weisheitssphare der Moralitat.
Der Brustteil, der das Herz umschliefit, ware das Gebiet, wo die
Herzhaftigkeit, der Starkmut, die seelische Tiichtigkeit aus der Mora-
litatssphare einstrahlt. Wir konnen sagen: Da ergreift die Moralitat,
indem sie weiterstrahlt, insbesondere das Astralische und belebt den
Brustteil mit dem Herzen. Wir konnen also dieses weitere Erstrahlen
so zeichnen (gelb). So dafi wir haben: Weisheit als Tugend im Kopf-
teil (griin), Herzhaftigkeit als Tugend im Brustteil (gelb).
Eine dritte Tugend ist, was Plato die Besonnenheit, Sophrosyne,
nennt, und die schreibt er dem Unterleib zu, was ganz richtig ist. Der
Unterleib ist der Erreger der Triebe des Menschen, aber der Mensch,
der mit seinem Nachdenken und Nachfiihlen und Nachempfinden die
Triebe beherrscht, ist ein besonnener Mensch. Das blofie Ausleben der
Triebe, das auch das Tier kennt, ist keine Tugend, sondern erst das
Durchsetzen der Triebe mit dem Grade von Bewufitsein, der eben
moglich ist, ist Besonnenheit. Das wird dann im Atherleib erfafit, weil
Gedanken, Besonnenheit, Mut, insofern sie menschlich sind, im Ather-
leibe erfafit werden.Wir miissen also die Zeichnung so gestalten(violett).
Also es erfafit schon die Moralitatssphare den physischen Menschen als
Ganzes, wie ich gestern ausgefiihrt habe. Der Kopf ist dabei, das habe
ich gestern ausdriicklich gesagt.
Und als vierte umfassende Tugend, die nun in den ganzen physischen
Leib stromt, von dem ich Ihnen gestern gezeigt habe, dafi er eigentlich
unsichtbar ist, nennt Plato Dikaiosyne. Das miissen wir iibersetzen mit
Gerechtigkeit, obwohl das "Wort Gerechtigkeit in den modernen Spra-
chen nicht vollstandig damit ubereinstimmt; denn Gerechtigkeit mtis-
sen wir so nehmen: dafi der Mensch sich zu richten weifi, gerecht,
richtungsgemafi, dafi er einer menschlichen Richtung folgt im Leben.
Also es ist nicht das abstrakte Wort Gerechtigkeit blofi gemeint, son-
dern das Sich-Richtung-Gebende, Sich-Auskennende, Sich-Orientie-
rende im Leben. So dafi wir sagen konnen: Da hat die Einstromung der
Moralitatssphare in den ganzen physischen Leib Anteil als Gerechtig-
keit (rot). Auf diese Weise hatten wir schematisch angedeutet, wie in
der menschlichen Aura die MoraHtatsimpulse hereinstrahlen in den
Menschen.
Jetzt wollen wir andeuten, wie die asthetischen Impulse in den Men-
schen hereinstrahlen (Zeichnung II). Da sind die Dinge etwas verscho-
ben, und zwar einfach um eins hinauf verschoben. Da mufi man dasje-
nige, was man vorher noch in das Haupt hereingezeichnet hat, hoher
zeichnen, so dafi es das Haupt gleichsam umschwebt. Im Asthetischen
wird das Ich umflossen und das Asthetische strdmt gleich in den astrali-
schen Leib herein, so dafi man den Eindruck hat, wie wenn das Haupt
von dem Ich im Asthetischen umschwebt wiirde. Wer ein wenig Gefuhl
und Empfinden des Schonen hat, der kann schon, ohne besonders stark
hellfuhlend zu sein, empfinden, wie er beim Anblick irgendeines Kunst-
werkes eigentlich in einer aufieren Umgebung des Kopfes lebt. Da-
gegen die unmittelbare Ergreifung des Menschen, die ist im Kopf
drinnen; da wird der astralische Leib ergriffen, so dafi wir hier die
Strahlungen so zu zeichnen hatten.
Dagegen der Brustteil wird so ergriffen beim Schonen, damit dieses
Auf- und Abwogen, das ich gestern beschrieben habe, stattfinden
kann, dafi jetzt das Atherische den Brustteil durchgliiht, konnte man
sagen. Und das wirklich Schone wirkt so, dafi aufier der Kopfaura,
dem Kopf und dem Brustteil eigentlich nichts in Betracht kommen
soil. Also dasjenige, worin die Sophrosyne lebt, das soil fiir die Be-
trachtung des Schonen in Wirklichkeit gar nicht in Betracht kommen.
Unser materialistisches Zeitalter aber zeichnet sich gerade dadurch aus,
dafi es die Sexualsphare fiir die kiinstlerische Betrachtung so sehr
heranzog - ein Unfug unseres materialistischen Zeitalters -, denn die
kommt gerade bei der Betrachtung des Schonen absolut nicht in Be-
tracht, sondern ist absolut ausgeschlossen. So dafi wir also nur das
Allerniederste der asthetischen Betrachtung, was nicht mehr in das
Reich der Kunst gehort, in das Physische zu verlegen hatten (rot).
Jetzt wollen wir dasselbe Schema anwenden fiir den Menschen, in-
sofern er nach Wahrheit strebt (Zeichnung III). Da ist es wiederum ver-
schoben, gewissermafien hinaus verschoben. Ich habe gestern gesagt:
Beim Wahrheitsstreben wird durchflossen das Ich und der astralische
Leib, und die Wahrheit stromt gleich in den Atherteil des Kopfes herein,
wo die Gedanken erzeugt werden. Dann mufi ich das so zeichnen, dafi
ich hier direkt fiir den Kopf das Hereinstromen des Athers in den Ather-
leib des Kopfes zeichne, wo die Gedanken erzeugt werden. Dagegen,
wenn wir die Wahrheit erfassen - das merkt man erst nach der In-
itiation so wirkt sie zuerst aufSer uns in der Aura durch das Ich und
den astralischen Leib, stromt dann in den Atherteil des Kopfes, und
der Brustteil wird hier schon durchlebt als physischer Leib (rot). Wollen
wir die Wahrheit fiihlen - und wir miissen sie fiihlen -, dann muE sie
herunterwirken, dann mufi sie herunterstrahlen in den Brustteil; es mufi
das Spirituelle so erlebt werden wie die Moralitat.
Also das ist alles fur den physischen Plan, das lebt alles in der Aura
des physischen Planes. Da hat dasjenige, in das wir eintreten nach dem
Tode, Anteil an der Aura des physischen Planes. Geradeso, wie wir
mit den Kraften der mineralischen, pf lanzlichen, tierischen Welt durch
unseren physischen Organismus zusammenhangen, hangen wir mit den
Kraften der geistigen Welt in dieser Weise durch die Moralitatssphare,
durch die asthetische Sphare, durch die Weisheitssphare zusammen.
Ich mochte, obwohl einzelnes, was ich jetzt sage, noch sehr schlecht
geraten ist - es wird vielleicht spater besser geraten -, es Ihnen doch
heute vorbringen, weil es in den ganzen Zusammenhang hineingehort.
Man kann sagen: Wahrend wir hier mit dem physischen Werden zu-
sammenhangen durch den physischen Leib, hangen wir durch das Ge-
hirn mit Elementarwesen, namentlich der Weisheitssphare angehorigen
Elementarwesen zusammen. Dasjenige, was bei Zeichnung II schon
drinnen ist und als gelb bezeichnet wird, das ist bei Zeichnung III noch
draufien. Weiter drauflen ist das Griine, das hier (Zeichnung II) das
Haupt umschwebt. In diesem Griin, in dem das Ich lebt und worin mit
uns die elementarischen Wesen leben, in diesem Griin, das bei der
asthetischen Betrachtungsweise unmittelbar unser Haupt umschwebt,
da wiirden wir die elementarischen Wesenheiten finden, von denen die
My then und Sagen sprechen und ihnen Namen geben: Elf en, Alben
und so weiter; das umschwebt unser Haupt, wenn wir asthetisch ge-
niefien.
Hier (Zeichnung III) umschweben uns aber noch geistigere Wesen-
heiten, die der Astralsphare angehoren. Wollte man darstellen etwa
den Menschen, wie er, wenn er aus dem Schlafe aufwacht, sich hinein-
lebt in die Wahrheitssphare, so konnte man das durch gewisse Worte
ausdriicken,wie erda - was man imPhysischen nicht sieht- umschwebt
und umspielt und ergriffen wird, indem die Wahrnehmung, die Wahr-
heit ihn ergreift; wie er da erfafit wird, wie er empfangen wird, das
konnte man darstellen durch gewisse Worte. Die Worte sind heute
noch schlecht, sie werden vielleicht spater besser werden; aber ich will
doch in gewisse Worte bringen, wie der Mensch, nachdem er aufwacht,
sich einlebt in diese Sphare, in die Weisheits- Wahrheitssphare. Zu den
Geistern,die ihn da umgeben und ergreif en, konnte mandann sprechen:
Die ihr im Haupt erstrahlt aus lichtem Kreise,
- zu den Geistern gesprochen! -
Erf afit es - das Haupt -
Erfafit es jetzt nach reiner Geister Weise,
Erdampfet seines Hirnes wirren Wahn;
- die geordnete Gedankenfolge, die den Wahn zerstreut -
Erdampfet seines - des Menschen - Hirnes wirren Wahn
Entwirrt den Zweifel brennend bangen Strebens,
- fiihlen Sie nur die Worte! Der Zweifel wird dadurch zerstreut, ge-
bannt, dafi die Weisheit hereinstrahlt -
Sein Innres lenket von verkehrter Bahn.
- er wiirde verkehrter Bahn folgen,wenn er nur derTraumwelt folgen
wtirde; indem er sich in Weisheit einlebt, reinigt diese Geisterwelt, die
ihn umf liefit, sein Inneres von verkehrter Bahn -
Vier sind der Ziele taglichen Erlebens;
- wir werden davon noch zu sprechen haben; alles lafit sich hier vier-
gliedrig darstellen -
Vier sind der Ziele taglichen Erlebens;
Nun ohne Kleinmut fuhret ihn heran.
- den Menschen zu den Zielen -
Erst strebt zum Antlitz lichterf iillet hin,
Dann haltet fest des Geistes Krafteringen.
Erstarkt ist bald der flugellahme Sinn,
Kann er befreit den Tag vollbringen.
- befreit von allem Traumhaften, Unwillkiirlichen, notwendig Be-
stimmenden -
Erfiillt der Geister wahrste Pf iicht,
Tragt ihn hin durchs heilge Licht.
So konnte man zu den Geistern sprechen, die da den Menschen ergrei-
fen, indem er erwacht zum Weisheitsleben.
Indem der Mensch erwacht zum Schonheitsleben, umschweben ihn
die Geister - nun, das kann ich Ihnen schon besser vortragen. - Das
ist also zu den in der Ich-Sphare lebenden Geistern:
Die ihr dies Haupt umschwebt im luftgen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elf en Weise,
Besanftiget des Herzens grimmen Straufi,
- es geht bis ins Herz hinein -
Entfernt des Vorwurf s gluhend bittre Pfeile,
- Vorwurf fur Gewissensvorwurf, aber fur Gefallen oder Mififallen,
also innerlich asthetisch angeschaut, das Wogende -
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
- friiher hat man es mit dem Gehirn zu tun, jetzt mit dem Innern -
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
Vier sind die Pausen nachtiger Weile,
Nun ohne Saumen fiillt sie f reundlich aus.
Erst senkt sein Haupt aufs kiihle Polster nieder,
- das entspricht den friiheren Worten: Erst strebt zum Antlitz licht-
erfiillt dahin -
Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;
- das ist bei der Weisheit: Dann haltet fest des Geistes Krafteringen -
Gelenk sind bald die krampf erstarrten Glieder,
- das entspricht im Weisheitlichen: Erstarkt ist bald der flugellahme
Sinn-
Wenn er gestarkt dem Tag entgegen ruht.
- das entspricht: Kann er befreit den Tag vollbringen -
Vollbringt der Elfen schonste Pflicht,
- es sind die Elementarwesen. Hier (Zeichnung III) sind es die Geister,
die im Atherischen leben; daher mufi es heifien: Erfiillt der Geister
wahrste Pflicht. Tragt ihn hin durchs heilge Licht -
Gebt ihn zuruck dem heiligen Licht.
Hier (Zeichnung I) haben wir es zu tun mit dem Hereinwirken der
ganzen Weltensphare: die Moralitat. Ich sagte: Es wirkt das ganze
Universum auf den ganzen Menschen. Wir miissen es so darstellen:
Die ihr dies Haupt durchstrahlt mit Tatenstarke,
- das Wollen, die Moralitat geht iiber in die Taten -
Die ihr dies Haupt durchstrahlt mit Tatenstarke,
Erweist euch bald in rechtem Weltenwerke.
- weil die Ausfiihrung des Willens auf ihn folgt in rechtem Welten-
werke -
und Besonnenheit:
Ertotet kiihn des Widersinns Bedrangnis,
- was aus dem Korper als Trieb heraufstrahlt; ich habe es gestern dar-
gestellt, wie in Zusammenhang kommen die Moralimpulse mit dem,
was aus den leibiichen Trieben waltet. -
Ertotet kiihn des Widersinns Bedrangnis,
Veredelt der Begierdegluten f instre Wucht,
Entfuhrt sein Wesen geist'gem Verhangnis
~ dem Folgen nur der tierischen Triebe. -
Vier sind die Wege menschlicher Sucht,
- als Sucht hat man friiher bezeichnet, was nur aus den Trieben, aus
dem Fleisch kommt -
Entreifiet die der kranklichen Umfangnis.
Besiegt des Sinnenf euers Stohnen,
Erleuchtet, was in Lust erstirbt.
Beseelt wird euch entgegentonen,
Was Kraft fur Ewigkeiten wirbt.
- weil das Karma der Tat in die Ewigkeiten wirkt -
Versucht des Weltenwirkens Streben,
Erweckt ihn zu gnadevollem Leben.
Da haben Sie die dreifache Art und Weise, wie der Mensch ergriffen
wird in seiner Aura von der umgebenden Welt.
Wie wird der Weisheitsmensch ergriffen von den Geistern, die ihn
erfassen?
Die ihr im Haupt erstrahlt aus lichtem Kreise,
Erfafit es jetzt nach reiner Geister Weise,
Erdampfet seines Hirnes wirren Wahn;
Entwirrt den Zweif el brennend bangen Strebens,
Sein Innres lenket von verkehrter Bahn.
Vier sind der Ziele taglichen Erlebens;
Nun ohne Kleinmut fiihret ihn her an.
Erst strebt zum Antlitz lichterf iillet hin,
Dann haltet fest des Geistes Krafteringen.
Erstarkt ist bald der f lugellahme Sinn,
Kann er bef reit den Tag vollbringen.
Erfiillt der Geister wahrste Pflicht,
Tragt ihn hin durchs heilge Licht.
Die asthetische Sphare, in die Faust sich hineinlebt, kommt ja beson-
ders im dritten Akt des zweiten Teils zum Ausdruck in der Vereini-
gung mit Helena, mit der Schonheit:
Die ihr dies Haupt umschwebt im luftgen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise,
Besanftiget des Herzens grimmen Straufi,
Entfernt des Vorwurfs gliihend bittre Pfeile,
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
Vier sind die Pausen nachtiger Weile,
Nun ohne Saumen fullt sie freundlich aus.
Erst senkt sein Haupt auf s kiihle Polster nieder,
Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;
Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
Wenn er gestarkt dem Tag entgegen ruht.
Vollbringt der Elf en schonste Pf licht,
Gebt ihn zuriick dem heiligen Licht.
Moralsphare:
Die ihr dies Haupt durchstrahlt mit Tatenstarke,
Erweist euch bald in rechtem Weltenwerke.
Ertotet ktihn des Widersinns Bedrangnis,
Veredelt der Begierdegluten finstre Wucht,
Entfiihrt sein Wesen geist'gem Verhangnis.
Vier sind die Wege menschlicher Sucht,
Entreifiet die der kranklichen Umfangnis.
Besiegt des Sinnenfeuers Stohnen,
Erleuchtet, was in Lust erstirbt.
Beseelt wird euch entgegentonen,
Was Kraft fiir Ewigkeiten wirbt.
Versucht des Weltenwirkens Streben,
Erweckt ihn zu gnadevollem Leben.
Sie sehen, wenn man geistig an die Dinge geht und wirklich das Gei-
stige erfaflt, dann erscheint manches erst in seiner vollen Tiefe. Denn
jetzt stent auf einmal der Faust des zweiten Teiles vor uns - den Goethe
umschweben lafit vom Elfenkreis -, so wie der asthetische Mensch in
der asthetisch-geistigen Sphare drinnensteht. Und parallel damit geht
das Darinnenstehen in der Wahrheits-Weisheitssphare und in der Mo-
ralitatssphare.
Man mufi, wenn man diese Dinge erfafit, wirklich auch etwas das
Gefiihl zu Hilfe nehmen. Man wird dabei fast an Nietzsches Wort
erinnert: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht!» Der Tag
bedeutet da das physische Erleben, das physische Wahrnehmen, die
physische Erfahrung. «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag ge-
dacht!» Das ist sie wirklich, und insbesondere, wenn man den Men-
schen in seiner vollen Ganzheit zu dieser Welt mitzahlt; diesen Men-
schen, der auf der Weltenbahn seiner Evolution lebt und von dem wir
eigentlich in unserem gegenwartigen Dasein noch wenig erfassen kon-
nen. Das heifit: Von uns selber erfassen wir in dem gegenwartigen
Dasein noch wenig. Es steckt so viel, so unendlich viel in dem, woraus
wir geworden sind, und was wir alles einstmals werden wissen mtissen
bei unserem Durchgang durch Jupiter-, Venus-, Vulkansphare, und es
steckt so viel in uns von dem, was noch werden soil innerhalb unserer
Erdenevolution! Erst nach und nach lebt man sich herauf aus dem,
was noch anklingt an die Vorstellungen der heutigen Zeit, zu dem, was,
weil es schon mehr geistig ist, dem Menschen schwer wird zu erfassen,
was mit den gewohnten Vorstellungen die heutige Menschheit noch
sehr wenig erfafit. Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er heute
auf der Erde lebt, so steckt ja, man konnte sagen, samenhaft in ihm
schon das, was wahrend der Jupiter-, wahrend der Venus-, wahrend
der Vulkanperiode sich entwickeln wird. Aber ebenso ist der Mensch
ein Ergebnis der Saturn-, Sonnen-, Monden-, Erdensphare. Ich sagte
gestern: Das Weisheitliche, das Wahrheitsmafiige ist schon auf der
Sonne veranlagt und wird auf dem Jupiter abgeschlossen sein. Wollen
wir uns das auch einmal graphisch darstellen.
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Fur die Keimanlage auf der Sonne wird auf dem Jupiter ein gewisser
Abschlufi erreicht sein; so daft wir also sagen konnen: Von der Sonne
zum Jupiter ist die eigentliche Entwickelung derWahrheit; sie wird auf
dem Jupiter ganz innerlich geworden sein; dann wird sie eben ganz
Weisheit sein: "Wahrheit wird Weisheit!
Auf dem Mond beginnt dann dasjenige, was die asthetische Sphare
enthalt. Das wird abgeschlossen sein auf derVenus.Wir konnen das etwa
so zeichnen: Mond, abgeschlossen Venus; wir haben also hier die Ent-
wickelung der Schonheit. Sie sehen, das greift uber.
Eigentlich ruht das alles in unseren Untergriinden, im Unterbewufi-
ten, was in diesen zwei Stromungen, und auch noch in der dritten ent-
halten ist; denn wahr end der Erdenentwickelung beginnt nun das, was
wir nennen konnen die Moralitatssphare. Sie erreicht ihren Abschlufl
auf dem Vulkan. Wir haben also eine dritte Stromung, wiederum iiber-
greifend: die Stromung der Moralitat. Dazu haben wir noch eine vierte
Stromung, die abgeschlossen sein wird, wenn einmal die Erde am Ziel
ihrer Entwickelung angelangt sein wird. Mit der Erde beginnt die Mo-
ralitat. Aber sie schliefit eine hohere Ordnung wiederum ab, eine Ord-
nung, die schon begonnen hat am Saturn; so dafi wir nun eine Ordnung,
eine Stromung haben vom Saturn zur Erde, und diese wird nun genannt:
Gerechtigkeit, in dem Sinne, wie ich friiher das Wort erklart habe. Sie
wissen, daft auf dem Saturn die Sinne zuerst veranlagt wurden. Diese
Sinne wiirden den Menschen nach alien Richtungen zerstreuen. Sie wis-
sen, zwolf Sinne unterscheiden wir - der Sinn wiirde, indem er sich ent-
wickelt durch Sonne, Mond und Erde, den Menschen zur Orientierung,
zur Gerechtigkeit tragen, wo auch die moralische Gerechtigkeit dann,
wenn sie von der Moralnatur der Erde erfafit wird, erst eingeschlossen
wird; moralische Gerechtigkeit ist erst auf der Erde vorhanden. Was
da innerlich wirkt dem Peripherischen der Sinne gegeniiber als Zen-
tralisches, das ist die Sphare oder Stromung der Gerechtigkeit.
Das alles, was man so darstellt, ist im Menschen enthalten, und Sie
wissen alle, nur ein Geringes ist dem Menschen jeweilig bewufit von
dem, was in ihm wirkt und lebt und webt. Aber es wirkt und webt und
lebt in seinem Grunde. Da kann man sich doch fragen: Wird denn so
wenig, wie es oftmals scheinen will, von dem Menschen erfafit, wie da
der Mensch in einer breiten Stromung des Seins drinnen ist und auf-
taucht aus dieser breiten Stromung des Seins, und wie er wenig weifi
von dem, was er alles ist?
So ganz blofi beschrankt auf Initiiertenkreise ist das Bewufksein
doch nicht, sondern es kommt schon an den Menschen heran. Es gibt
ja doch wirklich Menschen, die, man mochte sagen, durch eine natiir-
liche Begabung zuweilen heraufstrahlen fiihlen in besonders begnade-
ten Momenten, was da unten wirkt und lebt in den Stromungen, in die
der Mensch hineinversetzt ist. In der mannigfaltigsten Weise kommt
das zum Vorschein. Einzelne Menschen gibt es, welche in einem hohe-
ren Sinne, als das bei der aufieren philistrosen Religionsauffassung
oftmals der Fall ist, dieses Tiefere im Menschen erfiihlen. Man redet
of tmals von Schuld, und gewisse Pastoren suchen gerade den Menschen
dadurch zu vertiefen, dafi sie ihm so recht ein Schuldbewufitsein bei-
bringen. Aber das ist nur ein oberflachliches Erfassen. Es ist ja das
Oberflachliche auch berechtigt, aber man kann tiefer gehen. Und
tiefere Menschen fiihlen auch mit dem, was sonst blofi das Schuld-
bewufitsein ist, verknupft dieses Herauftonen und Heraufleuchten
eines Wakens aus den Untergriinden des menschlichen Seins. Hatten
die Menschen nicht solche Scheu und solche Furcht, sich seibst kennen-
zulernen, so wiirden sie viel haufiger sich selber kennenlernen. Aber
schon die unterbewufite Seele drangt zuriick, was da in den Unter-
griinden waltet, weil der Mensch unbewufit Furcht und Scheu und
Angst vor sich seibst, vor seinen Weiten und vor seinen Tiefen hat.
Wenn es aber einmal heraufleuchtet und heraufstrahlt, dann ist es
wirklich so, als ob alles sphinxartig ware an dem, was da heraufleuch-
tet und heraufstrahlt. Und man empfindet tief mit Menschen, welche
aus wirklicher innerer Seelenerfahrung solches haben.
Wie schon kommt in folgendem lyrischen Erzeugnis zum Ausdruck,
wie vor einer Menschenseele aufersteht in flutenden Traumen des See-
lenlebens das, was in menschlichen Untergriinden lebt. Man stelle sich
einen Menschen vor, der des Tages Arbeit und des Tages Last hinter
sich hat, der sich zur Ruhe begeben hat, aber aus der Ruhe, aus dem
Dunkel und der Finsternis heraus wie greifbar vor sich fiihlt, wie in
einem machtigen Seelentraume, dasjenige, aus dem der Mensch auf-
steigt. So schildert das einmal ein polnischer Dichter:
Und im geheimen Zauber der Nacht,
Da vor meinem Palast,
Erbaut aus dem Nebelgespinst meiner Traume,
Unerhorte B lumen mit tot en Augen
Einer tiickisch grinsenden Medusa
In dem Mondlicht-durchsattigten Tau
Ins Ungeheure aufwuchsen -
Als der Mond sich in meine Kemenate hineinstahl
Und sich auf das Bett meiner Erschopfung legte, -
Da weckte mich aus dem Schlaf die liisterne,
Ungeheuerliche Lust,
Die meine Lippen in irrem Stammeln erbeben
Und meine Augen in heifiem Fieberf euer strahlen liefi
Nach deinem Getier!
Mea culpa, mea maxima culpa!
- Meine Schuld, meine grofie Schuld! -
Diese schonen lyrischen Worte von Jan Kasprowicz sind in der Tat ein
ganz wunderbares Erlebnis, fragend, aber zugleich bervihrend etwas
von der Antwort. Fragend, weil gewissermaflen in diesem lyrischen
Erzeugnis der Ubergang lebt: Erinnerung an den Tag durch das Asthe-
tische hindurch in die moralische Sphare hinein - mea culpa, mea
maxima culpa. Man darf sich nicht scheuen vor dem Fragenden, das
da ersteht aus dem flutenden Unterleben. Diese Dinge sind nicht ge-
eignet, Furcht zu erregen, sondern Fragen zu entzunden. Die «uner-
horten Blumen mit den toten Augen, einer tiickisch grinsenden Medusa
gleich», sind aus dem Pf lanzenreich heraus gef ormte Fragewesen, Frage-
gestalten. Und wie das mit dem Monde zusammenhangt - wir brau-
chen uns nur zu erinnern an die Mondenstromungen, dann werden wir
begreifen, dafl der Mondenschein mit seinem leisen Fluten die aufiere
physische Realitat zusammenfugt mit dem Geist-Erlebnis. Es ist wirk-
lich ein wunderbares Geist-Erlebnis, mit dem man es da zu tun hat:
Und im geheimen Zauber der Nacht,
Da vor meinem Palast,
Erbaut aus dem Nebelgespinst meiner Traume,
Unerhorte Blumen mit toten Augen
Einer tiickisch grinsenden Medusa
In dem Mondlicht-durchsattigten Tau
Ins Ungeheure aufwuchsen -
Als der Mond sich in meine Kemenate hineinstahl
Und sich auf das Bett meiner Erschopfung legte, —
Da weckte mich aus dem Schlaf die liisterne,
Ungeheuerliche Lust
- erinnern Sie sich an die dritte Anrede, an die Geister bei der Morali-
tatssphare -
Da weckte mich aus dem Schlaf die liisterne,
Ungeheuerliche Lust,
Die meine Lippen in ihrem Stammeln erbeben
Und meine Augen in heifiem Fieberfeuer strahlen liefi
Nach deinem Getier!
Mea culpa, mea maxima culpa!
Dann denken Sie sich das Hereinleuchten der Moralsphare, die da be-
siegt der Sinnenfeuer Stohnen, die erleuchtet, was in Lust erstirbt, der
beseelt wird entgegentonen, was Kraft fur Ewigkeiten wirbt.
Man mufi schon das Gefiihl zu Hilfe nehmen, wenn man versuchen
will, in alle Tiefen dessen einzudringen, mit dem der Mensch zusam-
menhangt. Denn nur dadurch bekommt man allmahlich eine Vorstei-
lung, wie sich der Mensch hineinlebt in die Reiche der Geistigkeit -
Moralitat, Asthetik, in das Vorstellungsma^ige,das Wahrheitsmafiige -
geradeso, wie er sich beim Betreten des physischen Planes hineinlebt in
das Mineralische, das Pflanzliche und das Tierische. Mensch ist der
Mensch durch alle diese Reiche hindurch, und das Menschenwesen
steigt herab durch das Mineralische, Pflanzliche, Tierische, Mensch-
liche, steigt hinauf in das Moralische, Asthetische und in das Wahr-
heits-Weisheitsvolle. Und eingefiigt ist der Mensch in den Strom des
Daseins, das in wunderbarer Weise durch die Entwickelungsspharen
von Saturn, Sonne, Mond und Erde, Jupiter, Venus, Vulkan hindurch,
iibergreifend und dadurch die einzelnen Krafte miteinander verbin-
dend, den Menschen ausstattet im Laufe seiner Evolution mit alledem,
was ihm eben zugeteilt ist aus den tieferen Impulsen des Weltenalls
heraus.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 7. August 1916
Es mag manchem kompliziert vorkommen, was gesagt werden mufi,
wenn man immer wieder auf die menschliche Wesenheit und ihren Zu-
sammenhang mit dem Weltenall zu sprechen kommt. Was ist da alles
an dem Menschen! - konnte mancher sagen. Allein dieTatsache, dafi der
Mensch in einer komplizierten Weise aus dem "Weltenall heraus gebil-
det ist, liegt nun einmal vor, und man mufi sich damit abfinden. Man
mufi insbesondere in der gegenwartigen Zeit sich mit dieser Tatsache
abfinden aus dem Grunde, weil es sonst - es mufi das schon gesagt wer-
den - zu spat werden konnte. Die Menschen leben gegenwartig in In-
karnationen, in denen es gerade noch geht, nicht viel zu wissen von
der komplizierten Menschennatur; aber es werden Zeiten kommen -
die Menschenseelen werden in diesen Zeiten wieder inkarniert sein -,
da wird es nicht gehen. Da werden die Seelen beginnen mussen, end-
lich zu wissen, wie der Mensch zusammenhangt mit dem Weltenall.
Man kann sagen, gegenwartig durchschreiten wir gerade noch jenes
Zeitalter, in dem es dem Menschen noch nicht selbst iiberlassen ist, die
verschiedenen Glieder seiner Natur, die wir gestern von einem gewis-
sen Gesichtspunkte aus aufzeichnen konnten, zusammenzuhalten, wir
leben in einer Zeitepoche, in der diese verschiedenen Glieder noch zu-
sammengehalten werden ohne unser Zutun, wo der Bequemling kom-
men kann und sagen: Ach, wie kompliziert ist diese anthroposophische
Weisheit; Wahrheit aber ist einfach, und was nicht einfach ist, das
ist nicht die wirkliche Wahrheit! - Heute kann man diesen Ausspruch
noch vielfach horen. Diejenigen, die diesen Ausspruch unter der luzi-
ferischen Verfuhrung tun, haben keine Ahnung davon, wie sie sich
gerade mit solchem Ausspruch von der sogenannten Einfachheit der
Wahrheit benebeln, wie sie sich damit etwas vormachen. Denn es wer-
den eben Zeiten kommen, in denen der Mensch sich durch Erfahrung
recht kompliziert finden wird, und in denen er sich nur aus der Er-
kenntnis heraus wird zusammenhalten konnen. AlleZukunft aber mufi
vorbereitet werden, und vorbereiten die Erdenkultur-Entwickeiung
fur jenes Zeitalter, in dem der Mensch wird wissen miissen, wie er sich
zusammenzuhalten hat aus seinen verschiedenen Teilen, das ist die
Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsstrdmung.
Erinnern wir uns nun an diese Grundwahrheit, die wir in diesen
Tagen im einzelnen etwas weiter ausgefuhrt haben, dafi der Mensch im
wesentlichen eine Doppelnatur genannt werden kann, und dafi schon
sein Aufieres zeigt, dafi er eine Doppelnatur ist, indem der Kopf, das
Haupt des Menschen, man mochte sagen, von einem ganz anderen Ge-
sichtspunkte aus gebaut ist als der iibrige Organismus. Wenn wir das
Haupt eines Menschen betrachten, wie er es heute hat, so ist es im we-
sentlichen das Ergebnis dessen, was aus dem Leibe der vorhergehenden
Inkarnation geworden ist. Und aus unserem jetzigen Leibe, mit Aus-
schlufi des Hauptes, wird, wenn wir durchgegangen sein werden durch
den Zeitraum zwischen Tod und neuer Geburt, unser Haupt der nach-
sten Inkarnation. So dafi wir also schematisch den Fortgang des Men-
schen durch die Inkarnationen so zeichnen konnten: Der Mensch hat
sein Haupt, er hat seinen iibrigen Leib. Dasjenige, was jetzt sein Haupt
ist, verliert er im wesentlichen; was sein iibriger Leib ist, das wird in
der nachsten Inkarnation umgewandelt erscheinen als sein Haupt, und
seinen Leib wird er wiederum von der Erde bekommen. Dieser Leib
wird dann wieder Haupt in der nachsten Inkarnation, und seinen Leib
bekommt er dann wiederum von den Vorfahren, von der Erde. Das
Haupt geht immer verloren. Natiirlich handelt es sich dabei um die
Krafte. Die Materie des iibrigen Leibes geht selbstverstandlich auch
verloren. Aber nicht um diese aufiere Materie handelt es sich - die ist
eigentlich im wirklichsten Sinne eine Maja -, sondern um all die
Krafte, die in dem Leib mit Ausschlufi des Kopfes sitzen; die werden
umgewandelt wahrend unseres Durchgangs durch die Zeit zwischen
Tod und neuer Geburt in die Krafte des Hauptes. Und jetzt haben wir
wahrhaft in unserem Haupte diejenigen Krafte, die in unserer vorher-
gehenden Inkarnation an unseren Leib gebunden waren. Das war die
Grundvorstellung, die wir im einzelnen mehr ausgearbeitet haben.
Nun wollen wir andere Vorstellungen, die wir gewonnen haben, zu
Hilfe nehmen, um diese Dinge immer besser und besser zu verstehen.
Wodurch, fragen wir uns zunachst, wird denn eigentlich unser Leib
von jetzt, werden die Krafte unseres Leibes von jetzt umgewandelt, so
dafi er ein Kopf werden kann in der nachsten Inkarnation? Das ist ja
schon immerhin etwas, was zunachst schwer zu denken ist, dafi unser
Leib umgewandelt werde in einen Kopf. Was macht diese Umwand-
lung moglich? - so miissen wir fragen.
Um uns diese Frage zu beantworten, miissen wir einmal unseren
Seelenblick werfen auf das, was wir iiber das Vorstellungsmafiige, Er-
kenntnismafiige in der menschlichen Seele, das nun an das Haupt ge-
bunden ist, iiber das Wahrheitsmafiige, Weisheitsmafiige gesagt haben.
Gewohnlich glaubt der heutige Mensch, das, was wir in der Erkennt-
nis erwerben, sei nur dazu da, um uns Bilder von der Aufienwelt zu
machen, um von der Aufienwelt etwas wissen zu lernen. Es gibt philo-
sophische Erkenntnistheoretiker, die immer und immer wieder theore-
tisieren, wie eigentlich Begriffe oder Vorstellungen zusammenhangen,
welche geheimnisvolle Beziehung besteht zwischen der Natur des Be-
griffs und der Sache, die durch den Begriff abgebildet wird. Solche
Theorien kranken alle an einem gemeinsamen Fehler. Ich kann Ihnen
diesen Fehler zunachst nur klarmachen, indem ich mich bildhaft aus-
driicke. Denken Sie sich einmal, ein Botaniker, ein Gartner, wollte die
Natur des Weizenkorns untersuchen, und er wtirde das so anstellen,
dafi er sagt: Ich nehme die Chemie zu Hilfe und untersuche das Wei-
zenkorn, in wiefern es die Bestandteile enthalt,die der Mensch braucht,
um sich durch Weizenkorn, Weizenmehl oder dergleichen zu nahren.
Und in dieser Beziehung, die das Weizenkorn zur menschlichen Er-
nahrung hat, wiirde der Botaniker das Wesen des Weizenkorns suchen,
das heifit die Gninde, warum es aus gewissen Bestandteilen besteht.
In einem recht kuriosen Irrtum ware ein solcher Mensch, der glaubte,
dadurch iiber die Wesenheit des Weizenkorns etwas zu erfahren, dafi
er untersucht, inwieferne es ein gutes Nahrungsmittel fiir den Men-
schen ist. Das Weizenkorn entsteht innerhalb der ganzen Weizen-
pflanze als die Frucht der Weizenpflanze, und nur derjenige kann
erfahren, warum das Weizenkorn seiner Wesenheit nach ist, wie es ist,
der es daraufhin untersucht, inwiefern aus dem Weizenkorn wiederum
eine neue Weizenpflanze sich herausentwickelt. Und es ist eine voll-
standige Nebenstromung, die hinzukommt zum Wesen des Weizen-
korns, daft es die Bestandteile fiir die menschliche Ernahrung enthalt;
das hat mit der inneren Natur des Weizenkorns gar nichts zu tun. Wer
alles nur nach seiner Utilitat betrachtet und die Utilitatserkenntnisse
zu der eigentlichsten Wissenschaft machen mochte, der wird eben das
Weizenkorn chemisch untersuchen und finden: da entsteht etwas in
der Natur, das zur menschlichen Nahrung dienen kann. - Das hat aber
gar nichts zu tun mit dem Innenwesen des Weizenkorns, dafi der
Mensch sich davon nahrt. Mit dem Innenwesen hat es, wie gesagt, zu
tun, dafi aus dem Weizenkorn eine neue Weizenpflanze entstehen kann.
Fiir den, der die Dinge mit der Erkenntnis, mit dem Vorstellungs-
mafiigen durchschaut, fiir den nehmen sich die verschiedenen philoso-
phischen Erkenntnistheoretiker ebenso aus wie die Leute, die das Wei-
zenkorn untersuchen nach seiner Fahigkeit, den Menschen zu ernahren.
Denn wenn man das Weizenkorn nach seiner ursprunglichen Aufgabe
fragen wiirde, wozu es da ist, so wiirde es nicht antworten: um den
Menschen zu ernahren, sondern um eine neue Weizenpflanze entstehen
zu lassen. Die das Erkenntnismafiige, das Vorstellungsmafiige durch-
schauen, die erblicken einen solchen Fehler, wie ich ihn jetzt charak-
terisiert habe, bei den philosophischen Erkenntnistheoretikern. Denn
das, was wir das Erkenntnismafiige nennen, was als Vorstellung, als
Wahrheit, als Weisheit in uns lebt, das ist urspriinglich gar nicht dazu
da, die Dinge draufien abzubilden. Dieses Abbilden der Dinge drau-
fien, das ist ebenso ein Nebenstrom, wie es ein Nebenstrom ist fiir die
Weizenkorner, den Menschen zu ernahren. Die Erkenntnis ist gar nicht
dazu da, um Abbilder nur zu schaffen von den aufieren Dingen, son-
dern sie ist zu etwas anderem da. Sie ist dazu da, dafi sie im Menschen
in einer gewissen Weise wirkt und webt und lebt. Indem wir hier in
dem Dasein zwischen Geburt und Tod leben, haufen wir uns nach und
nach Weisheit an, und wir verwenden die Weisheit zu gleicher Zeit so,
dafi sie Abbild sein kann fiir die aufiere Welt, so wie wi
…[truncated]