Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Wege der geistigen Erkenntnis 

und der Erneuerung 
kiinstlerischer Weltanschauung 

Dreizehn Vortrage, gehalten in Dornach 
zwischen dem 9. Januar und 2. Mai 1915 



1999 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1980 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999 



Friiher erschienene Einzelausgaben und 

Verdffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise S. 281f. 



Bibliographie-Nr. 161 

Zeichnungen im Text nach den Skizzen der Stenografen in den Nachschriften, 

ausgefuhrt von Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1610-6 



2.u den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerischesWerk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf 
Steiner ursprunglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte 
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Be- 
stimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften 
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da 
Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nach- 
schriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsver- 
offentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben 
nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nach- 
gesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wort- 
laut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermajKen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTERVORTRAG, Dornach, 9. Januar 1915 

Die vierfache Wesenheit des Ich: von aufien wahrnehmbar - als 
Sprache und Gesang - als schopferische Phantasie - als Innenerlebnis. 
Die Fruchtbarkeit von aus der Geisteswissenschaft heraus erarbeiteten 
schematischen Aufstellungen. Die Bedeutung der Anthroposophie fiir 
die Erneuerung einzelner Lebensgebiete wie Rezitation und Gesang. 



ZWEITERVORTRAG, 10. Januar 1915 

Das Weiterwirken der alten Saturnkrafte in der Schicksalsgestaltung 
des Menschen, der alten Mondenkrafte in der Embryonalentwicke- 
lung. Die Wandlungen im Verhaltnis des Menschen zu den Gedanken. 
Das Wirken von Sonnenwesen in der philosophischen Entwickelung 
der Menschheit. Das Empfinden fiir solche Tatsachen bei Christian 
Morgenstern. 



DRITTERVORTRAG, 30. Januar 1915 

Echte Kunst geht zuriick auf die Geheimnisse der Initiation. Die 
Einweihung des Brunetto Latini. Sein EinfluU auf Dante und die 
Konzeption der Gottlichen Komodie. Das Wirken des Christus- 
Impulses in den unbewufiten Seelenkraften. Kaiser Konstantin. Die 
Jungfrau von Orleans. Die Erneuerung der Kunstimpulse durch die 
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft. 



VlERTER VORTRAG, 2 . Februar 1915 

Der Maja-Charakter des Erdenlebens. Die Spiegelung verschiedener 
vorgeburtlich-kosmischer Erlebnisse in den Lebensabschnitten bis 
zum Ende der Kindheit. Der Zusammenhang dieser Erlebnisse mit den 
friiheren planetarischen Zustanden der Erde. Die Bedeutung solcher 
Erkenntnisse fiir die Padagogik. Das Leben des Erwachsenen als 
Spiegelung von Vorgangen aufierhalb der sichtbaren Welt. Das Wesen 
der menschlichen Freiheit. Die Bedeutung des Todesaugenblickes. 



FONFTERVORTRAG, 5. Februar 1915 



83 



Die Schwierigkeit wirklicher Selbsterkenntnis. Das Beispiel von Ernst 
Mach. Im Unterbewufken wirksame Seelenkrafte und ihre Maskierung 
in unserer Vorstellungsmaja. Die Bedeutung solcher Zusammenhange 
fiir die Dichtkunst. Die Novelle «Die Sangerm» von Herman Grimm 
und die darin enthaltene sachgemafie Schilderung einer im Verborge- 
nen waltenden Schicksalsbeziebung. 

SECHSTERVORTRAG, 6. Februar 1915 103 

Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, gefimden durch Julius 
Robert Mayer, ist wirksam auch im geistig-seelischen Bereich. Das 
Weiterwirken der unverbrauchten Atherkrafte friihverstorbener Men- 
schen. Das Todesspektrum und das darin enthaltene unausgelebte 
Karma, dargestelk am Beispiel der angefiihrten Novelle von Herman 
Grimm und des «Hamlet» von Shakespeare. Ein weiteres Beispiel 
dafur in Herman Grimms Roman «Uniiberwindliche Machte». Die 
nach dem Tod eintretende Trennung zwischen kosmisch werdenden 
und mit der Individuality verbunden bleibenden Kraften. Das nach- 
todliche Weiterleben einer ganz mit der Geisteswissenschaft verbunde- 
nen Seele: Frau Grosheintz. 

SlEBENTERVORTRAG, 7. Februar 1915 123 

Selbstlosigkeit als Bedingung fiir das Erforschen des nachtodlichen 
Lebens. Ein Spruch von Goethe als Meditationsstoff. Das Erwachen 
der Seele nach dem Tode als ein Herabdampfen des zu starken 
Bewufltseins. Von der Einheit des Gedankenmeeres zu der Vielheit der 
einzelnen hierarchischen Wesen. Verwandtheit der kunstlerischen 
Betatigungen mit den nachtodlichen Erlebnissen. Befruchtung der 
Kiinste durch geisteswissenschaftliche Gedanken. Zwei Beispiele fiir 
die Furcht moderner Kiinstler vor der geistigen Welt. Unsere Verbun- 
denheit mit den Seelen jiingst Verstorbener. Theo Faiss. Frau Colazza. 
Fritz Mitscher als Vorbild der uns notigen Selbstlosigkeit und Objekti- 
vitat. 

ACHTERVORTRAG, 27. Marz 1915 153 

Die Gewinnung iibersinnlicher Erkenntnisse durch die Loslosung 
geistiger Krafte aus dem physischen Organismus. Drei Arten von 
Hellsehen und ihre Unterschiede. Das Kopfhellsehen als das unserer 
Zeit angemessenste. Das Eindringen geistiger Wesenheiten in unsere 
Gedankenwelt als Forderung der Gegenwart. Das Erahnen dieser 
Notwendigkeit durch den Materialisten Ludwig Feuerbach. Das 
Hinneigen zu Oberflachlichkeit und inkonsequentem Denken als 
Feind der Geisteswissenschaft. 



NEUNTER VORTRAG, 28. Marz 1915 



173 



Wilhelm Jordan als Erneuerer des Nibelungenliedes. Vom Inhalt des 
alten Nibelungenliedes. Das Oberragende der Personlichkeiten von 
Siegfrid und Brunhilde durch das Nachwirken friiherer Inkarnationen. 
Einige Proben aus der Neugestaltung Jordans. Das Erloschen der alten 
Sonnenseherkraft, dargestellt in dem Mythos von Baldur und Nanna, 
weiterwirkend in der Tragik des Nibelungenliedes. Ahnendes Empfin- 
den Jordans fiir diese Zusammenhange. Unverstandnis dafiir im 17., 
18. Jahrhundert. Ein Brief Friedrichs des II. an Christoph Heinrich 
Muller als Ausdruck dieses Unverstandnisses. Das Verblassen eines 
innerlichen Verhaltnisses zur Sprache, und Jordans Versuch zu seiner 
Erneuerung. 



ZEHNTERVORTRAG, 2. April 1915 199 

Das Verstummen der Glocken von Karfreitag bis Ostern. Die alte 
keltisch-germanische Verbundenheit mit den Geistwesen in der Natur. 
Die Trauer iiber den Verlust dieses Naturgefuhls, ausgedriickt in dem 
Mythos von Baldurs Tod. Sein Abstieg zur Hel als Bild fiir das 
Herabsinken der lebendigen Bildekrafte in die unterbewufken Tiefen 
der Menschenseele. Wiederbelebung dieser Krafte durch den auferste- 
henden Christus. Die Trauer iiber den Verlust der Naturgeistigkeit, 
nachklingend in der Evangelienharmonie des Otfried von Weifien- 
burg. Das Gefiihl fiir die Verbundenheit des Christus mit den Natur- 
gewalten im «Heliand». 



ELFTERVORTRAG, 3. April 1915 216 

Die Stimmung der Kar-Tage. Das Hindurchgehen des Christus durch 
Tod und Grablegung. Sein Kampf gegen Luzifer und Ahriman. Die 
Bedeutung dieser Ereignisse fiir unser kiinftiges Leben auf dem Jupi- 
ter. Das Wiederaufleben des ErdenbewufStseins innerhalb des Jupiter- 
daseins. Die Errettung der Menschenseele vor der Macht Luzifers und 
Ahrimans. Das «Jungste Gericht» von Michelangelo als Ausdruck 
eines friiheren Christus -Verstandnisses. Ein Wortlaut dazu von Her- 
man Grimm. Das neue Christus-Verstandnis Christian Morgensterns. 



ZWOLFTERVORTRAG, 1. Mai 1915 233 

Ein Wortlaut des Philosophen Otto Liebmann. Sein Stehenbleiben vor 
dem Tore der Anthroposophie. Das Zuriickverlegen der Denktatigkeit 
vom Atherleib in den Astralleib bei der Initiation. Der Atherleib als 



Spiegelungsapparat. Ausbildung eines Atherherzens. Das Gangliensy- 
stem und seine Bedeutung fur die Zukunft. Kopfhellsehen durch 
Hoherentwickelung der Denkkrafte. Bauchhellsehen durch Zuriick- 
spiegelung unbewufiter Begierden. 



DREIZEHNTERVORTRAG, 2. Mai 1915 252 

Denkkraft und Willenskraft in ihrer Aufierung nach dem Tode und bei 
der Initiation. Bewufitwerden der Denkvorgange durch Spiegelung in 
dem friiher Gedachten. Die Verwandlung unseres irdischen Lebens in 
Wahrnehmungsorgane fiir die geistige Welt. Ubungen zur Erweite- 
rung unserer Willenskrafte iiber das gewohnliche Erleben hinaus. 
Schopenhauer vor dem Tore der Geist-Erkenntnis. Veraufierlichung 
der Seelenforschung in der Experimentalpsychologie. Das Buch von 
Starbuck. Notwendigkeit der Aufnahme des Christus-Impulses. Bei- 
spiel einer Geschichtsfalschung. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe . 

Hinweise zum Text 



Personenregister 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 



281 
282 



293 
295 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 9. Januar 1915 

Eine Anschauung dariiber, welch kompliziertes Wesen eigentlich der 
Mensch ist, haben wir uns bereits angeeignet. Man beachtet das nicht 
immer, weil man ja aus einer gewissen Erkenntnisbequemlichkeit heraus 
nach Einfachheit, nach einer Vereinfachung des Erkennens, nach einem 
gewissen Schematismus strebt. Allein ein genaueres Eingehen auf die 
Dinge, die wir durch Jahre hindurch betrachtet haben, kann uns zeigen, 
welch kompliziertes Wesen die Totalitat der Menschennatur ist. 

Nehmen wir nun einmal die Tatsache, daft des Menschen physischer 
Leib in bezug auf seine erste Anlage entstanden ist in ururferner Vergan- 
genheit, wahrend der alten Saturnzeit. Das, was dazumal entstanden ist 
als erste Anlage des physischen Menschenleibes, das tragen wir ja heute 
noch in uns, aber so, dafi wir es aus dem Verwandlungsprodukt heraus, 
das wir nach und nach geworden sind, erkennen mussen. Nachdem wir 
als physischer Menschenleib durch die Sonnen-, Monden- und Erden- 
entwickelung hindurchgegangen sind, ist es so, daft wir nicht mehr mit 
der gewohnlichen Anschauung das erkennen konnen, was wahrend der 
alten Saturnzeit entstanden ist. Denn dieser menschliche Leib ist eben 
umgewandelt worden wahrend der Sonnen-, Monden- und Erdenzeit. 
Er hat wahrend der Sonnenzeit eine Umwandlung dadurch erf ahren, dafi 
der Atherleib ihn durchdrungen hat; wahrend der Mondenzeit hat er 
eine Umwandlung erfahren dadurch, dafi der astralische Leib ihn durch- 
drungen hat, und wahrend der Erdenzeit dadurch, dafi das Ich ihn 
durchdrungen hat. 

Wenn wir also zunachst nur den physischen Menschenleib betrachten, 
noch nicht den Atherleib als solchen, nicht den astralischen Leib und 
auch nicht das Ich, sondern nur den physischen Leib, so mussen wir 
sagen, dafi dieser physische Leib sich in der Hauptsache viermal verwan- 
delt hat. 

Einstmals war er da als physischer Leib, und da waren die hoheren 
Glieder der Menschennatur noch nicht darinnen. Dann hat er sich 
umgewandelt unter dem Einflufi des Atherleibes, dann unter dem Ein- 



flufi des Astralleibes und endlich unter dem Einflufi des Ich. Das alles ist 
aber der physische Leib, ist Umwandlungsprodukt des physischen 
Leibes. 

Notieren wir uns das einmal: Da haben wir zunachst die erste Anlage 
des physischen Leibes wahrend der alten Saturnzeit. Dann haben wir 
unter dem Einflusse der Sonnenzeit dasjenige, was der atherische Leib 
aus dem physischen Leibe macht, also die urspriingliche Anlage, und 
das, was die Sonnenentwickelung daraus macht. Dann haben wir unter 
dem Einflusse der Mondenzeit dasjenige, was der astralische Leib aus 
ihm macht, und wahrend der Erdenzeit das, was das Ich aus ihm macht. 
Das sind vier Verwandlungsformen des physischen Leibes (siehe Schema 
Seite 13). Jetzt haben wir ins Auge gefafit, was durch den atherischen 
und den astralischen Leib und durch das Ich in diesem physischen Leibe 
bewirkt wird. Aber wir haben nicht die hoheren Glieder der Menschen- 
natur fur sich ins Auge gefafit, nicht, was fur Veranderungen im Laufe 
der Zeit mit dem atherischen Leibe, mit dem astralischen Leibe, mit dem 
Ich vor sich gegangen sind. Wahrend der Sonnenzeit kommt der Ather- 
leib hinzu; der macht nun wahrend der Sonnenzeit seine eigene Entwik- 
kelung durch und erleidet dann Veranderungen wahrend der Monden- 
zeit durch den Einflufi des astralischen Leibes und wahrend der Erden- 
zeit durch den Einflufl des Ich, so dafi dieser atherische Leib wiederum 
eine Dreigliedrigkeit hat. Endlich kommt wahrend der Mondenzeit 
hinzu der astralische Leib; der entwickelt sich fiir sich in seiner Astralitat 
wahrend der Mondenzeit und wahrend der Erdenzeit durch das Ich. 
Aber nun kommt nur wahrend der Erdenzeit das Ich selber hinzu als ein 
einzelnes. 

Wir konnen nun das Ganze auch von einem anderen Gesichtspunk- 
te aus betrachten. Wenn wir das Ich ins Auge fassen, so haben wir 
eigentlich ein vierfaches Ich in uns. Wir haben in uns dasjenige, was das 
Ich aus dem physischen Leibe macht. Wir haben dann dasjenige, was das 
Ich aus dem Atherleibe macht, dann das, was es aus dem Astralleibe 
macht und dann das Ich selbst in dem Ich. 

Nun wollen wir aber einmal eine andere Frage stellen. Wenn wir den 
Menschen sehen, wie er auf dem physischen Plan ist - wir wissen, wenn 
wir die Abteilungen des Schemas abzahlen, dafi der Mensch eine Zehn- 



heit ist -, also wenn er so auf dem physischen Plane vor uns steht, was ist 
dann eigentlich von seiner ganzen Zehnheit vor uns? 

I.PhysischcrLeib ZArhcrteib iAstralleib t^ch 
5.Ather|cib 6.Astralkib 1 3ch 

AstrQlleib 9. 3ch 
10. Ich 

Nun, im Grunde genommen ist zunachst von alledem nur sehr wenig 
auf dem physischen Plane vor uns; das meiste von dem, was ich hier 
aufgeschrieben habe von dieser Zehnheit, bleibt verborgen. Dasjenige, 
was vor uns steht, ist zunachst dieses Ich hier (Schema S. 19: Ich l).Was 
ist dieses Ich? Dieses Ich ist das, was der physische Leib ist, das, was das 
Ich aus dem physischen Leibe gemacht hat. Bitte, achten Sie jetzt wohl 
auf das, was ich sagen werde, denn man bekommt uberhaupt nur dann 
davon einen richtigen Begriff . 

Wenn Sie einem Menschen gegeniibertreten und ihn anschauen, die 
Form seines Kopfes, die Physiognomie der Nase, des Mundes, wenn Sie 
sehen, wie er ist, was er so ist - auch wenn Sie ihn als Anatom oder 
Physiologe zerlegen -: dann haben Sie das, was das Ich aus seinem 
physischen Leibe gemacht hat. 

Das, was das Mondendasein, das Sonnendasein, das Saturndasein aus 
dem physischen Leibe gemacht hat, das entgeht Ihrem Blick, das bleibt 
eigentlich im Verborgenen; nur das, was das Ich aus dem physischen 
Leibe macht, das haben Sie vor den physischen Augen. Also nur dann, 
wenn man darauf achtet, kann man sich einen klaren Begriff von der 
Sache machen. 

Ich will.versuchen, Ihnen noch zu Hilf e zu kommen durch eine andere 
Betrachtung, um die Sache zu erklaren. Wenn Sie ein Tier vor sich 
haben, zum Beispiel einen Hund, einen Wolf, eine Katze, dann haben Sie 
eine Gestalt, die durch einen astralischen Leib gemacht ist. Wenn Sie den 
Menschen betrachten, haben Sie eine Gestalt, bis in die Blutzirkulation 
hinein, die durch das Ich gemacht ist. Wenn Sie dagegen ein Tier 
betrachten, haben Sie eine Gestalt, die durch den astralischen Leib 
gemacht ist. 



Verborgen bleibt die Konfiguration des physischen Leibes, welche 
durch den atherischen, den astralischen und den physischen Leib sel- 
ber gemacht ist. Was wir aufierlich erleben, ist eigentlich eine Verkorpe- 
rung des Ich. Fassen wir das wohl ins Auge. Das ist eine Verkorpe- 
rung des Ich, und wir sollten, wenn wir genau sprechen iiber den Men- 
schen, so sprechen, dafi wir sagen: ein auf der Erde verkorpertes 
Ich ist der Mensch in seiner ganzen Gestalt bis in die Blutzirkulation 
hinein. 

Also was das Ich aus dem physischen Leibe macht, das nehmen wir 
wahr. Was nehmen wir aber noch nicht wahr? Was wir noch nicht 
wahrnehmen, ist eben dieses Ich. Wenn Sie das hier Ich 1 nennen und 
dies hier Ich 4 (siehe das Schema Seite 19), so ist Ich 1 von aufien 
wahrnehmbar, Ich 4 ist das, was Sie nicht von aufien wahrnehmen, 
sondern was Sie nur als Selbsterlebnis haben. Wenn Sie sich erleben in 
Ihrem Selbstbewufitsein, wenn Sie erleben, was Sie wahrnehmen, was Sie 
fiihlen, was Sie denken, kurz, wenn Sie sich erleben als Ich, dann nehmen 
Sie dieses Ich als solches wahr: das ist das Ich, von dem die Philosophen 
sprechen. Ich 4 also nehmen Sie wahr als Innenerlebnis. 

Nun konnten Sie es nicht als Innenerlebnis wahrnehmen, wenn wirk- 
lich nur das Ich da ware. Ich habe Ihnen schon gesagt, dal? wir nicht nur 
wahrend der Nacht, sondern auch wahrend des Tages schlafen. Wir sind 
uns nicht voll bewufit des ganzen inneren Erlebens, und insof ern wir bei 
Tage schlafen, leben bei Tage auch in uns die Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien. 

In diesem Ich leben, von der geistigen Welt aus ihre Impulse hereiner- 
streckend, die Angeloi, die Archangeloi und die Archai. In dem, was am 
allermeisten schlaft, in dem entschiedenen Wollen, lebt zunachst die 
Kraft der Archai. Es leben schon auch die Angeloi und die Archangeloi 
im Wollen, aber die tiefsten Impulse des Wollens kommen immer von 
den Archai. Nur weifi der Mensch ja von seinem Wollen, wie ich Ihnen 
schon auseinandergesetzt habe, sehr wenig. Im Gefuhle des Menschen 
lebt die Kraft der Archangeloi und in seinem Denken die Kraft der 
Angeloi. Man kann sagen: als unbewufites Selbsterlebnis sind in uns die 
Willen gebenden Archai, die Gefuhle gebenden Archangeloi und die 
Denken gebenden Angeloi. Und das alles strebt und webt in das Ich 



hinein und wird zuletzt zu dem, was der Mensch eben sein inneres 
Seelenleben nennt. 

Aber bekannt ist eigentlich nur das Ich 1. Geradeso wie hinter dem, 
was wir als Verkorperung des Ich anschauen, das liegt, was der astrali- 
sche Leib, der atherische Leib und der physische Leib selbst aus dem 
physischen Leib gemacht haben, so liegt hinter dem, was wir innerlich 
erleben, dasjenige, was die Angeloi, die Archangeloi und die Archai 
bewirken. So dafi wir sagen konnen: Im Grunde genommen kennt der 
Mensch sehr wenig von dem, was er eigentlich ist. 

Wenn der Mensch einem anderen Menschen begegnet, so nimmt er 
dessen Ich 1 wahr; wenn er in sich selber hineinblickt, so nimmt er sein 
Ich 4 wahr. Also acht von den zehn Gliedern bleiben zunachst im 
Verborgenen liegen. Wenn aber auch diese Glieder fur sich selbst im 
Verborgenen bleiben, so kann man doch sagen, dafi ihre Wirkungen in 
gewissen Einzelerscheinungen des menschlichen Erlebens zutage treten. 
Verborgen bleibt einmal, was das Ich aus dem atherischen Leibe macht. 
Wie das Ich hier, welches ich das Ich 2 nennen mochte, im atherischen 
Leibe sich benimmt, das bleibt zunachst - aber eigentlich nur scheinbar - 
verborgen. Wir werden gleich sehen, dafi es auch etwas herauskommt. 

Wie das Ich 1 aussieht, das gibt sich uns, wenn wir einem Menschen 
gegeniibertreten, in seiner Gestalt, in seiner Form zu erkennen. So wie 
das Ich 1 in der physischen Gestalt, in der physischen Form sich 
kundgibt fur das aufiere Wahrnehmen, kann natiirlich das Ich 2, also das, 
was das Ich aus dem atherischen Leibe macht, nur dem Hellseher 
erscheinen. Der atherische Leib ist nicht ein Formenleib, sondern ein 
Bewegungsleib. Ahnen konnen Sie, auch ohne Hellsehen, wie das Ich 2 
den atherischen Leib in ganz bestimmte rhythmische Bewegungen ver- 
setzt, so wie dem physischen Leibe das Ich 1 seine Form gibt. Aber diese 
rhythmischen Bewegungen, diese inneren Bewegungen des atherischen 
Leibes kommen, indem sie sich durchdriicken in den physischen Leib 
hinein, im physischen Leibe zum Vorschein, oder besser gesagt, sie 
kommen in der physischen Welt zum Vorschein. 

Wir versuchen das, was da das Ich im atherischen Leibe darinnen an 
Bewegungen erzeugen kann, ich mochte sagen, herauszuholen durch die 
eurythmischen Bewegungen, soweit das in der Gegenwart schon gesche- 



hen kann. Wenn Sie sich ein Gedicht oder ein Musikstiick eurythmisiert 
vorstellen und Sie konnten abstrahieren, absehen von dem physischen 
Leibe und nur hinsehen auf das, was der Atherleib tut, dann wiirden Sie 
das Ich im atherischen Leibe darinnen in Bewegung haben. 

Wir versuchen abzutrotzen dem Ahriman diese Eurythmie; denn 
dadurch, dafi Ahriman in die Welt gekommen ist, ist der menschliche 
Atherleib so verhartet worden, dafi er die Eurythmie nicht als natiirliche 
Gabe entwickeln konnte. Die Menschen wiirden eurythmisieren, wenn 
Ahriman den menschlichen atherischen Leib nicht so verhartet hatte, 
dafi das Eurythmische nicht zum Ausdruck kommen kann; denn dieses 
Eurythmische mufi sich durchpressen durch nur ein einziges Glied des 
menschlichen physischen Leibes und wird durch die anderen Glieder des 
physischen Leibes in Bann gehalten. 

Der Atherleib, der beim Musikalischen, beim Singen und auch beim 
Sprechen eigentlich veranlafit ist, in eurythmischen Bewegungen zu 
leben, der wird durch die Schwere des physischen Leibes, also durch 
Ahriman, abgehalten, diese Bewegungen wirklich auszufuhren und kann 
sie nur durch ein einziges Glied zum Ausdruck bringen: er kann sie nur 
in Lunge und Kehlkopf hineinlegen, indem er die Luft durch sie 
hindurchprefit. Dadurch kommt die Sprache und der Gesang zustande. 
Wir konnen also sagen, dafi das Ich 2, indem es den atherischen Leib 
durchorganisieren, durcheurythmisieren will, sich, statt den ganzen 
Menschen zu ergreifen, mit einem Teile des Menschen begniigen mufi im 
Gesang und in der Sprache. 

Wenn der Mensch singt oder spricht, dann kommt im Tone und in der 
Vokalisierung eigentlich immer ein Spektrum des ganzen Menschen zum 
Vorschein. Das, was man hort, ist der Ton, ist der Vokal. Dasjenige, was 
aber alles zum Vorschein kommt fur das hellseherische Bewufitsein, das 
ist im Grunde genommen ein ganzer Mensch, der ganze Mensch in einer 
gewissen Bewegungsform. 

A, E, I, O, U, das ist immer ein ganzer Mensch, namlich ein 
Spektrum, ein atherisches Gespenst des ganzen Menschen. Nur wird in 
einseitiger Weise der atherische Leib bewegt, so dafi, wenn Sie einen 
Menschen sprechen horen: A, E, I, O, U das so verlauft, dafi Sie 
hintereinander fiinf Menschen spektrisch sehen, nur immer in verschie- 



dener Bewegungsform und so, dafi nicht immer der ganze Mensch voll 
und gleichmafiig zu sehen ist, sondern manchmal mehr der Kopf, 
manchmal mehr die Hande, manchmal mehr die Beine. Die anderen 
Teile treten dann, ich mochte sagen, in Dunkelheit, in Dusterheit 
zuriick. 

Nun steht aber in Verbindung mit jenem selben Ich 2, von dem ich 
Ihnen eben gesagt habe, dafi es in seinen Wirkungen in die Sprache, in 
den Gesang hinein ertont, wiederum eine Wesenheit aus der Reihe der 
Angeloi. Aber dieser Angelos ist gerade derjenige, von dem ich ofter in 
diesen Vortragen gesprochen habe. Das ist das, was natiirlich ganz und 
gar nicht zum Bewufitsein kommen kann, denn es kommt ja nicht einmal 
das zum Bewufitsein, was ich Ihnen soeben erzahit habe von der Ich- 
Tatigkeit im atherischen Leibe, wenn die Menschen singen oder spre- 
chen. In alles das ergiefit sich ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi. 
Das ist eben ein Diener des Volksgeistes, und auf diesem Wege kommt 
also aus dem Volksgeiste die Sprachfarbung, die besondere Sprache in 
den Menschen hinein. Dadurch, dafi der Volksgeist der Hierarchie der 
Archangeloi angehort, hangt dies wieder mit den hoheren Gebieten 
zusammen. Das ist ein komplizierter Weg, durch den das Volksmafiige, 
das Nationale, in den Menschen hineinkommt. Aber so gliedert es sich 
hinein, auf diesem Wege und an dieser Stelle. Denn hinter diesem 
Angelos steht der Volksgeist, der eine Wesenheit aus der Reihe der 
Archangeloi ist. 

Wir wollen nun dieses nachste Ich, das wiederum verborgen bleibt, 
Ich 3 nennen. Dieses Ich 3 erlebt der Mensch auch nicht unmittelbar. 
Denn dasjenige, was man unmittelbar erlebt, ist Ich 4. Was man von 
aufien sieht, ist Ich 1. Und wenn wir von aufien wahrnehmen die 
Wirkung von Ich 2, so ist es dann, wenn der Mensch singt oder spricht. 
Ich 3 lebt in sehr unterbewufiten Regionen; es lebt in alle dem, dessen 
der Mensch fahig ist im Umfange seines Phantasieschaffens. Alles was 
der Mensch an Phantasiebildern in sich hervorbringen kann, an Bildern, 
die nicht Abbilder der physischen Aufienwelt sind, das stammt von Ich 
3, so dafi wir sagen konnen: es lebt als schopferische Phantasie im 
weitesten Umfange. 

Hier mufite auch dasjenige beschrieben werden, was Sie in meiner 



«Philosophie der Freiheit» unter dem Titel «Moralische Phantasie» 
finden. Da kommt sie zum Vorschein als Moralprinzipien schaffende 
Phantasie. Alles Schopferische, im Guten und im Bosen, gehort an diese 
Stelle der menschlichen Wesenheit. Ich sagte: «Im Guten und im 
B6sen», denn Sie konnten ja der Meinung sein, es gebe viele Menschen, 
die einen auffallenden Mangel an Phantasie zeigen. Da kann man nur 
sagen: Oh, hatten sie mehr wirkliche Phantasie, diese Menschen! Denn 
ein wenig Pflege der wirklichen Phantasie ist ein gutes Heilmittel 
gegeniiber gewissen Schaden des Lebens. 

Ich mochte Sie nur auf eines aufmerksam machen. Es gibt Menschen, 
die scheinen gar keine Phantasie zu haben auf den Gebieten, auf denen 
man oftmals Phantasie sucht. Ja, wenn sie manchmal Gelegenheit neh- 
men, sich iiber die Phantasie zu aufiern, zeigen sie sogar einen ausgespro- 
chenen Hafi gegen alle Phantasieschopfungen. Wenn man ihnen aber zu 
Leibe oder, ich mochte sagen, zur Seele riickt, zeigen sie, dafi sie im 
Grunde sehr viel Phantasie haben: kaum horen sie namlich da oder dort 
ein Wort iiber ihren Nebenmenschen, das ihm abtraglich ist, so erfinden 
sie ganze Geschichten und erzahlen die tollsten Dinge iiber ihren 
Nebenmenschen. Alles, was man so liigt, ist ja Geschopf der Phantasie, 
ist ein Umwandlungsprodukt der Phantasie ins Bose. Und wenn Sie 
diese Erwekerung der Phantasie ins Bose nehmen, so werden Sie gewahr 
werden, dafi die Phantasie doch ziemlich verbreitet ist in der Welt der 
Menschen. Wenn Sie alle die Schopfungen der Phantasie ins Auge fassen, 
welche die Menschen zuwege bringen, indem sie iiber ihre Mitmenschen 
dieses oder jenes sagen, oder auch sonst dieses oder jenes zum besten 
geben, so werden Sie ein ziemliches Quantum von Phantasie finden auch 
bei denjenigen Menschen, die im gewohnlichen, im edleren Sinne phan- 
tasiearm sind. Die menschlichen Fahigkeiten verschlagen sich eben 
manchmal, und Liigenhaftigkeit und Verleumdungssucht sind eben ver- 
schlagene Phantasie. 

Im ganzen konnen wir sagen: Da unten in der Stromung der menschli- 
chen Wesenheit, da ruht Ich 3, denn in allem, was der Mensch schaffen 
kann aus sich selber, was aus den Tiefen seines Seelenlebens heraufspru- 
delt im Guten und im Bosen, ist dasjenige, was vom Ich 3 kommt. Aber 
auf dieses Ich 3 haben Einflufi Wesenheiten aus der Kategorie der 



Angeloi und Wesenheiten aus der Kategorie der Archangeloi, im Gu- 
ten und im Bosen mit luziferischer und ahrimanischer Natur. 




Jch ^ von oufich wohrtiehmbdi' 
Jch^ ats Tnnehci-lebniJ 

3ch^ als 5ch6pfCM*ft>ii> PKantofic 



Sie bekommen ein Bild von der Menschennatur, wenn Sie dieses hier 
abgrenzen. (Siehe Schema: Ich 4, Ich 3, Ich 2, Ich 1.) Wenn Sie dieses 
abgrenzen, haben Sie auf der einen Seite die Offenbarung des menschli- 
chen Ich nach aufien; wenn Sie hier abgrenzen, haben Sie die Offenba- 
rung des menschlichen Ich nach innen. Zwischen den beiden haben Sie 
dasjenige, was, ich mochte sagen, halb aufien ist, die Aufierung des 
Inneren nach aufien; das ist Ich 2. Ich 3 ist das, was nur halb innerlich ist, 
namlich von unbekannten Tiefen in das Innere hereinkommend. Dasje- 
nige dagegen, was nach aufwarts von dieser schragen Linie hier liegt, ist 
etwas von der gegen die physische Natur hin liegenden verborgenen 
Menschennatur. Was unterhalb dieser schragen Linie liegt, das sind die 
nachsten geistigen Hierarchien, die mit dem Menschen in Zusammen- 
hang stehen. 



Im Grunde genommen, wenn man auf der Erde vom Menschen 
spricht, hat man kaum etwas anderes im Auge als das, was innerhalb 
dieser Linie liegt. Dariiber aber ist alles das, was als Residuum, als Rest 
im Menschen vorhanden ist von der alten Saturn-, Sonnen- und Mon- 
denzeit. 

Wenn Sie hier eine Linie ziehen ( J) ), so bekommen Sie alles das, was 
aus der Mondenzeit im Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier (O) 
eine Linie ziehen, bekommen Sie alles das, was aus der Sonnenzeit im 
Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier ( f? ) eine Linie ziehen, alles 
das, was aus der Saturnzeit im Menschen verborgen liegt. 

Ziehen Sie hier eine Linie ( % ), so bekommen Sie das, was wahrend der 
Jupiterzeit offenbar werden wird, wo der Mensch unter den Angeloi 
leben wird. Ziehen Sie hier eine Linie (9)> so bekommen Sie das, was 
wahrend der Venuszeit offenbar werden wird, und hier zum Schlusse 
bekommen Sie das, was wahrend der Vulkanzeit offenbar werden wird. 

Nach einer gewissen Seite hin gibt Ihnen dieses Schema ungefahr einen 
Begriff von der Kompliziertheit der Menschennatur. Es ist gut, die 
Dinge nicht nur so zu betrachten, wie sie sich im Verlaufe unserer 
Zyklen darbieten, sondern wir sollen auch die einzelnen Dinge miteinan- 
der in Beziehung bringen. Ich wollte Ihnen heute ein Beispiel geben, wie 
diese Dinge miteinander in Beziehung gebracht werden konnen. 

Ein solches Schema kann man ja auf verschiedene Weise finden. Ich 
will Ihnen zuerst sagen, wie etwa der Hellseher auf ein solches Schema 
kommt. Der Hellseher wird sich sagen: Ich trete einem Menschen 
gegeniiber; von diesem Menschen nehme ich zunachst mit der physi- 
schen Wahrnehmung seine aufiere Gestalt wahr, alles was zum Aufleren 
gehort, Aber ich kann nun hellseherisch diese Gestalt vertiefen; da 
komme ich gewissermafien auf den Grund der aufieren Gestalt. Sehe ich 
dann ab von der auCeren Gestalt, dann nehme ich ein atherisches Wesen 
wahr, und in dieses atherische Wesen spielen hinein die Sprache, der 
Gesang, wie iiberhaupt alle Tonaufierungen. Das vertieft mir das 
Aufiere. Ebenso kann ich mein Inneres vertiefen. Ich kann zunachst 
mein Selbstbewulksein so entwickeln, wie man es im gewdhnlichen 
physischen Leben entwickelt. Dann kann man es aber auch vertiefen. 
Man kann in die Welt, die sonst nur als Phantasiewirkung sich aufkrt, 



sein Innenleben hineinergiefien. Dann entsteht aber etwas Reales. Dann 
entsteht wirklich Imagination, dann hort die Phantasie auf, blofie Phan- 
tasie zu sein. Es gelangt der Mensch in ein Gefiihl hinein, das ihm sagt: 
die Phantasie ist nicht mehr blofi Phantasie, sondern taucht unter in ein 
Reales. Da kommt einem etwas entgegen und man weifi, das ist das 
Innere, und dies ist das Aufiere (siehe Zeichnung), und die kommen 
einander entgegen. 



Das ist die Form, wie das hellseherische Bewufitsein dies erlebt. Dann 
mu!5 es sich wie daranstiickeln das, was es in der Anschauung erleben 
kann, indem es sich versetzt in die Monden-, Sonnen- und Saturnzeit. 
Auf diese Weise kann man hellseherisch, schopferisch die Notwendig- 
keit eines solchen Schemas in sich erleben. Derjenige, der die ersten 
Stufen der Initiation durchgemacht hat, kann das so erleben. 

Aber selbst wenn man diese Stufe noch nicht erreicht hat, kann man 
sich bis zu einem gewissen Grade helf en, damit man nach und nach dazu 
kommt, das auch innerlich zu erleben, was von aufien an einen heran- 
tritt. Wenn man alles das zusammennimmt, was bis jetzt vorgetragen 
worden ist iiber die Geisteswissenschaft, dann konnen Sie dieses Schema, 
so wie es hier aufgeschrieben ist, sich selbst zusammenstellen. Sie miissen 
sich nur die Miihe geben, nicht nur hintereinander fort zu lesen, sondern 
zu versuchen die Dinge zu verbinden, die vorgetragen worden sind. Man 
kann sich dieses Schema aus dem vorhandenen Zyklenmaterial bilden. 
Und das ist sehr niitzlich, denn indem man so das Material verarbeitet, 
das in den Zyklen geboten ist, schreitet man weiter von einem aufierli- 
chen Aufnehmen zu einem innerlichen Verarbeiten. Dieses innerliche 
Verarbeiten hat einen hohen Wert fur das wirkliche Vorwartskommen. 

Ich habe Ihnen heute ein Beispiel gegeben, wie man aus den Zyklen 
sich ein solches Schema aufbauen kann. Ich hoffe nun, dafi viele von 
Ihnen sich solche Schemata nach und nach aufbauen werden. Dann wird 



erstens das wesenlose Spekulieren iiber den Inhalt der Zyklen geringer 
werden, und das ist sehr gut; und zweitens werden durch solche 
Zusammenstellungen wirklich innere Evolutionen durchgemacht. Es 
werden die einzelnen weiterkommen, wenn solche fruchtbaren Zusam- 
menstellungen gemacht werden. Man kann nicht nur ein paar solcher 
Zusammenstellungen aus den Zyklen machen. Aus dem, was jetzt als 
Zyklenmaterial vorliegt, kann man, wenn man sie fruchtbar macht, nicht 
nur Hunderte, sondern viele, viele Tausende, vielleicht noch mehr, von 
solchen Zusammenstellungen machen. Also Sie sehen, man hat genug zu 
tun, wenn man in entsprechender fruchtbarer Weise dasjenige anwendet, 
was in den Zyklen gegeben ist. 

Geht man wiederum von einem solchen Schema zu einer Erweiterung 
des Schemas, dann kommt man erst recht weit. Wenn Sie dasjenige, was 
eigentlich auf dem physischen Erdenplane vorliegt, absondern, diese 
vierfache Gestaltung des Ich, so konnen Sie sagen: Unter dem Diagonal- 
streifen liegt alles das hier, und iiber ihm liegt alles das da. Bei diesen 
Punkten miissen wir nur die Anordnung umkehren. Was hier unten 
eingeschrieben worden ist, miissen Sie oben hinsetzen. Dann haben wir 
die sechs Punkte oben; wir miissen also da oben sechs Punkte machen 
und muflten das, was hier sechs Glieder sind, an diese sechs Punkte 
schreiben. Das, was hier oben ist, miifiten wir unten hineinschreiben. 
Wir konnten wieder sechs Punkte machen, und wir konnten die sechs 
Punkte da hinschreiben, wo die oberen Punkte sich befinden. 

Das brauchen wir aber nicht zu tun, derm das hat schon der Kosmos 
fur uns gemacht. Das, was auf der Erde ist, ist da; und obzwar das, was 
aus der Saturn-, aus der Sonnen- und der Mondenzeit in uns lebt, 



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zunachst verborgen ist, und das, was als Jupiter-, Venus- und Vulkanzeit 
einst kommen wird, auch verborgen ist, so sind doch die Spuren dazu 
vorhanden im Weltall, im Zodiakus, im Tierkms. 

Man kann also dieses Schema erweitern. Alles das, was auf der Erde 
nicht Mensch ist, finden wir auch, wenn wir hinauf- oder hinunterstei- 
gen. Es ist dies nur eine Andeutung, wie Sie verbinden konnen unsere 
elementarischen Lehren mit dem, was in den Zyklen enthalten ist iiber 
die geistigen Hierarchien und ihren Zusammenhang mit den Weltenkor- 
pern. 

Aber auch mancherlei werden Sie finden in bezug auf, sagen wir, 
Padagogik. Selbst Padagogik wird sich ergeben, wenn wir so etwas, wie 
wir es jetzt auseinandergesetzt haben, in der richtigen Weise betrachten. 

Bedenken Sie, dafi wir darauf gekommen sind, dafi in Ich 2 Sprache 
und Gesang vorhanden sind. So dafi wir sagen konnen: die Sprache und 
der Gesang sind zusammengedrangt durch Ahrrman aus der ganzen 
Menschennatur. Wenn das einmal richtig verstanden werden wird, wird 
sich etwas aufierordentlich Wichtiges fur das wirkliche Leben ergeben. 
Erstens wird sich ergeben fur die Gesangspadagogik der Grundsatz, dafi 
man ein Bewufitsein hervorrufen mufi bei dem Singen-Lernenden von 
dem Anteil, den der Atherleib dabei hat: gleichsam von dem fortwahren- 
den Uberleiten der Tone auf den Atherleib. Erst dann, wenn diese 
Anteilnahme des Atherleibes beim Singen wirklich in Betracht gezogen 
werden wird, wird auch jener Umwandlungsimpuls eintreten, der mit 
Bezug auf die Gesangspadagogik notwendigerweise aus unseren Prinzi- 
pien heraus erfolgen mui Praktisch gesprochen wird sich das darin 
zeigen, dafi die Gesangslehrer und -lehrerinnen den Schiiler immer mehr 
dahin bringen werden, weniger mit Bewufksein zu verbinden das Gefuhl 
in den physischen Organen, dafiir aber mehr Bewufitsein zu entwickeln 
in dem, was gewissermafien diesen physischen Organen anliegt. Der 
Singende mufi ein Gefuhl haben, nicht so sehr von der Bewegung der 
Organe, sondern von dem, was die Luft in ihm und um ihn in ihrer 
Bewegung tut. Eine Emanzipation des bewulken Erlebens des Tones in 
der Luft von dem Erleben des Tones im Organe ist dasjenige, was aus 
dem richtigen Erkennen der geisteswissenschaftlichen Grundsatze in der 
Gesangspadagogik folgen wird. 



Ebenso wird man mit Bezug auf die Sprachtechnik, namentlich was 
das Rezitieren betrifft, immer mehr darauf kommen, dafi auch da es sich 
handelt um ein wirkliches Bewufitwerden von dem elementarischen 
Umwobensein, wahrend man kiinstlerisch spricht. 

Dadurch nun ist es moglich, dafi der Ton zum wirklichen Kunstton 
wird, dafS der Sprecher ein Gefuhl erhalt von dem Bewufitsein, dafi man, 
indem man kiinstlerisch spricht, nicht bloft in seiner Haut eingeschlossen 
lebt; sondern ich mdchte es so ausdriicken: derjenige, der kiinstlerisch 
spricht, wird den Ton fiihlen in der Luft, den Laut fiihlen in der Luft als 
lebendiges Wesen, und durch dieses Den-Laut-Fiihlen als lebendiges 
Wesen wird er etwas wie einen Unterton haben, wie eine Unternuance 
im Sprechen. Den Laut fiihlen im lebendigen Sprechen: das wird wie- 
derum eine Bereicherung der Rezitationspadagogik ergeben. 

Gerade durch das Eingehen auf die Intimitaten der Geisteswissen- 
schaft wird sich fur das Lehren und das Lernen im Leben Bedeutungs- 
volles ergeben. Vieles von dem, was anklingt, wenn man solche Dinge 
beriihrt wie diejenigen, die heute beriihrt worden sind, ist eigentlich der 
Menschheit heute noch recht wenig bewufit. Zum Beispiel ware es gut, 
ein Bewufitsein davon zu entwickeln, wie eine gewisse neue Lautformu- 
lierung in einzelnen Gebieten meiner Mysteriendramen versucht worden 
ist. Am leichtesten ist das im siebenten Bilde des ersten Mysteriendramas 
zu verfolgen. Aber auch in den anderen Mysteriendramen sind solche 
Partien, wo das verfolgt werden kann. 

Ein gewisses inneres Gestalten des Lautes - neben all dem, was sonst 
darinnen liegt - ist es, in dem sich ausdriickt ein neues Element im 
poetischen Schaffen, von dem heute kaum irgendwo eine Spur vorhan- 
den ist, das aber an die Stelle treten wird dessen, was Reim, Endreim 
oder Anfangsreim in friiheren Zeiten war. Ein gewisses innerliches, ich 
mochte sagen, ein atherisch-poetisches Erleben des Lautes gegeniiber 
dem mehr aufierlich-physischen Erleben des Lautes, wie es im Endreim 
oder im Anfangsreim ist. Das Bediirfnis ist ja vorhanden, schon in 
unserem immer mehr prosaisch werdenden Rezitieren, die alten Formen 
abzustreifen. Nicht leicht lafit sich heute jemand darauf ein, den 
Anfangsreim, die Alliteration, wie Jordan es versucht hat, zu gebrau- 
chen; und nicht sehr lafit sich heute ein Rezitator darauf ein, den 



Endreim so zu betonen, wie er urspriinglich betont war. Man betont 
lieber sinngemafi. Aber das ist Prosa; das ist keine poetische Sprache, 
wenn man blofi sinngemafi rezitiert. Poetisches Rezitieren wiirde sein: 
ein Rezitieren mit vorzuglicher Betonung desjenigen, was nicht das 
prosaische Element ist in der kiinstlerischen Gestaltungsart. Das wird 
aber erst wiederum moglich sein, wenn man, statt in das Aufterliche der 
Lautkonfiguration im Reim oder aufieren Rhythmus, sich in jenen 
inneren Rhythmus einlebt. So wird man sich hineinleben mussen in den 
Laut in der Weise, wie ich es auf einem anderen Gebiete besprochen 
habe: wie ich es besprochen habe in den Vortragen der letzten Zeit, wo 
ich von dem Hineinleben in den einzelnen Ton beim musikalischen 
Komponieren in der Zukunft sprach. 

Alle diese Beispiele zeigen, dafi es mit dem Lernen der Theorien der 
Geisteswissenschaft durchaus nicht getan ist, sondern dafi es ankommt 
auf ein innerliches Erleben desjenigen, was wir aufnehmen und auf ein 
Durchdringen der ganzen Seele mit dem, was die Geisteswissenschaft 
will, wie ich es bei einer anderen Gelegenheit schon gesagt habe. 

Eben gerade damit sollte ein Anfang gemacht werden bei unserem 
Bau. Soweit etwas, was eine Anregung zu geben vermag, aufierlich 
hingestellt werden kann, sollte es in diesem Bau hingestellt werden, um 
durch das Anschauen von Formen und Farben eine Wirkung zu erfiihlen 
in der ganzen Seele und nicht bloft im Auge. Vollig wird aber das, was 
angedeutet worden ist, nur erreicht werden, wenn wir uns veranlafit 
fiihlen, das ganze Leben in derselben Weise zu gestalten - da, wo es 
heute schon moglich ist -, wie es bei diesem Bau versucht wurde. Aber 
dann mufi man eben auch versuchen, die Geisteswissenschaft wirklich 
lebendig zu machen, sie wirklich hineinzugiefien in das, was wir unter- 
nehmen und tun wollen. Es ist notwendig sich bewufk zu werden, dafi 
mit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung etwas gegeben wer- 
den soil, was eine Art neuen Menschen in jenem alten Menschen erzeugt, 
der wie ein Erbstiick friiherer Erdenevolution auf uns gekommen ist. 
Wir nehmen zu gleicher Zeit mit der Geisteswissenschaft die Vorbedin- 
gungen in uns auf, die dazu dienen, dem zur Geburt zu verhelfen, was 
geboren werden soil fur die Erdenzukunft. 

Wenn man das will, dann mufi man allerdings tief, tief mit seinem 



ganzen Wesen die Geisteswissenschaft verbinden. Wir haben da und 
dort schon schone Beispiele von einem solchen Durchdringen erlebt. 
Von einem hervorragenden Beispiele haben wir des ofteren schon 
gesprochen. Ich mochte bei dieser Gelegenheit einige Worte unseres 
Freundes Christian Morgenstern zum Schlusse erwahnen, welche solch 
ein Beispiel darstellen, wie unter uns Geisteswissenschaft als Seelenerleb- 
nis in Herz und Seele eindringen kann. Nicht dadurch, dal$ wir sie 
theoretisch aufnehmen, dringt ja die Geisteswissenschaft in uns wirklich 
so ein, wie sie es kann, sondern erst dann, wenn sie sich in jede Fiber 
unseres Wesens hineinlebt. 

Und das ist ein Beispiel, ein Beispiel unter vielen, dafi Geisteswissen- 
schaft so schon in einem Gedichte wie demjenigen Christian Morgen- 
sterns zum Ausdruck gekommen ist, Scheinbar konnte dieses Gedicht 
auch aus einer anderen Weltanschauung geschrieben worden sein, in 
Wirklichkeit atmet es aber ganz, in jeder Zeile nicht nur, sondern auch in 
der Vokalisierung - aber Vokalisierung hier seelisch genommen - den 
Geist unserer Geisteswissenschaft: 

Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren, 
ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben, 
ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben. 

Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben, 
dann gait es dies Gegebne zu erwerben, 
Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben. 

Da wollte Stolz es mittendrin verderben, 

und es ward Dir, und Du warst ihm verloren . . . 

Bis dafi Du iibermachtig mich beschworen! 

Da ward ich Dir zum andernmal geboren: 
denn ich verstand zum erstenmal zu sterben, 
denn ich empfand zum erstenmal zu leben. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 10. Januar 1915 

In Erinnerung an das, was wir gestern zu betrachten versuchten, denken 
wir daran, wie es zunachst mit dem, was wir die Saturnentwickelung des 
Menschen nennen, eigentlich beschaffen sein mufi. 

Wenn wir das ins Auge fassen, was wir gestern ausgefiihrt haben, so 
wissen wir, dafi in uns, ich mochte sagen, in unserer Menschenwesenheit 
auf verborgene Art dasjenige vorhanden ist, was in der Saturnzeit zuerst 
in uns verpflanzt worden ist: die erste Anlage der physischen Leiblich- 
keit. Das was die alte Saturnentwickelung an uns getan hat, das ist heute 
nicht mehr irgendwo innerhalb unserer aufieren Welt anzutreffen. Diese 
alte Saturnentwickelung ist in urferner Vergangenheit einmal heraufge- 
zogen, ist wiederum vergangen, hat Eigentiimlichkeiten, Krafte gehabt, 
die wir heute, wenn wir um uns herumblicken, zunachst vergeblich 
suchen. Denn auch, wenn wir zu den Sternen aufschauen in den Welten- 
raum hinaus, finden wir heute zunachst nicht das, was innerhalb der 
alten Saturnentwickelung herrschend war. 

Es ist ja, nachdem diese alte Saturnentwickelung abgedammert war, 
die Sonnenentwickelung und dann die Mondenentwickelung gekom- 
men. Heute leben wir innerhalb der Erdenentwickelung. Drei Entwicke- 
lungsperioden sind vergangen. Das, was ihre Eigentiimlichkeiten waren, ist 
mitvergangen, ist jetzt nicht mehr, ich mochte sagen, in unserem Blickf elde. 
Nur unter den verborgenen, unter den okkulten Wirkungen, die die Welt 
durchwallen, konnen wir das finden, was Eigentiimlichkeit der alten 
Saturnentwickelung war. Wir konnen noch die Krafte gewissermafien 
entdecken, die dazumal an unserem physischen Leibe gearbeitet haben. 

Wenn Sie sich erinnern an das, was in meiner «Geheimwissenschaft im 
Umrifi» dargestellt ist, so werden Sie wissen, dafi damals tatig war ein 
Zusammenwirken der Geister des Willens und der Geister der Person- 
lichkeit. Dieses Zusammenwirken ist auch heute noch da, aber, wie 
gesagt, wir konnen es nicht im aufieren Blickfelde finden. Wir finden es, 
wenn wir in das hineinblicken, was wir unser personliches Schicksal 
nennen. Unser personliches Schicksal wird ja so gewoben, dafi in den 



aufeinanderfolgenden Inkarnationen das, was uns trifft, wie Ursache und 
Wirkung zusammenhangt. Und was da wirksam ist in unserem personli- 
chen Schicksalsstrom, das sind keine Krafte, die der aufiere Naturwis- 
senschafter untersuchen kann. Denn er wird unter den Kraften, die er 
auf dem Gebiete der Physik, Chemie, Biologie, Physiologie und so 
weiter entdeckt, nichts finden, was hervorruft jenen Zusammenhang von 
Ursache und Wirkung, der in unserem personlichen Karma zum Aus- 
druck kommt. Die Gesetze, die da waken, entziehen sich der physikali- 
schen Beobachtung. Aber sie entziehen sich auch der historischen Beob- 
achtung, derjenigen Beobachtung, die die sogenannten Kulturwissen- 
schafter materialistischer Farbung heute pflegen. Wie man untersucht, 
was im geschichtlichen Werden vor sich geht, wie man heute Geschichte 
schreibt, von den persischen, agyptischen, griechischen und romischen 
Zeiten bis in unsere Gegenwart, das enthalt Gesetze, die nichts zu tun 
haben mit jenen Kraften, die in unserem Karma wirksam sind. Daher 
kommt der Historiker, der heutige Kulturwissenschafter materialisti- 
scher Farbung auch nicht auf die Gesetze, die abhangen von dem 
personlichen Karma der Menschen. 

Die Geschichte wird so betrachtet wie ein f ortlauf ender Strom, und es 
wird zum Beispiel ganz aufier acht gelassen, inwiefern das geschichtliche 
Werden davon abhangt, daft, sagen wir, Menschenseelen, die Personlich- 
keiten waren in der alten Romerzeit, heute wiederum vorhanden sind, 
dafi sie teilnehmen an den Ereignissen, die um uns herum sind, und so 
teilnehmen, daft die Art, wie sie heute teilnehmen, aus ihrem personli- 
chen Karma flielk. Das wird ausgeschaltet bei dem Historiker materiali- 
stischer Farbung. 

Also wenn wir suchen, was noch vorhanden ist an Kraften, die, ich 
mochte sagen, die Naturkrafte der alten Saturnentwickelung waren, so 
miissen wir zu der Gesetzmafiigkeit unseres personlichen Karmas gehen. 
Erst wenn wir lernen, den Kosmos, der in unserem Blickfelde ist, nicht 
blofi zu betrachten, sondern zu lesen das, was in ihm ist, dann bekom- 
men wir einen Einblick, wie in dem, was um uns herum ist, noch immer 
die alten Saturngesetze in einer gewissen Weise wirksam sind. 

Wenn wir die Anordnung und Ausstrahlung der zwolf Tierkreiszei- 
chen wie eine kosmische Schrift ins Auge fassen, wenn wir ins Auge 



fassen, welche Krafteausstrahlungen sich hineinergiefien in das Men- 
schenleben von Widder, Stier, Zwillingen und so weiter, dann denken 
wir im Sinne derjenigen Krafte, die Saturnkrafte waren. Und wenn wir 
versuchen, das personliche Karma in Zusammenhang zu bringen mit den 
Konstellationen, die sich auf diese Tierkreiszeichen beziehen, dann leben 
wir ungef ahr in der Sphare der Weltbetrachtung, die angewendet werden 
miiflte auf die Gesetze der alten Saturnepoche. 

Es ist also zuriickgeblieben gewissermafien nichts, was man sehen 
kann, sondern etwas Unsichtbares, was aber noch aus den Zeichen des 
Kosmos zu deuten ist. Derjenige, der glauben wiirde, der Widder, der 
Stier, die Zwillinge machen sein Schicksal, der wiirde in demselben 
Irrtume leben wie derjenige, der durch einen gewissen Gesetzesparagra- 
phen verurteilt wird und nun auf diesen Gesetzesparagraphen einen 
besonderen Hafi bekame und glaubte, dafi der ihn ins Gefangnis 
geschickt habe. So wenig ein einzelner Gesetzesparagraph - das, was auf 
dem weifien Blatt als Druckschrift stent - einen Menschen verurteilen 
kann, so wenig konnen der Widder, der Stier oder die Zwillinge das 
Schicksal bewirken. Aber lesen kann man dasjenige aus der Sternen- 
schrift, was aus dem Kosmos heraus mit dem Menschenschicksal zusam- 
menhangt. Wir konnen also sagen: Das, was so aus der Sternenschrift 
folgt, ist ein Rest der alten Saturnentwickelung, ist die alte Saturnentwik- 
kelung, rein geistig geworden, nur ihre Zeichen zuriicklassend in der 
Sternenschrift des Kosmos. 

Wenn wir von der alten Saturnentwickelung fortschreiten zur Mon- 
denentwickelung, dann miissen wir uns klarmachen, dafi wir auch 
zunachst von der Mondenentwickelung so unmittelbar - ich sage: 
zunachst, so unmittelbar - nichts in unserem Blickfelde haben, das uns 
umgibt. Das, was aufiere Naturwirkungen sind, enthalt zunachst in der 
Hauptsache keine Krafte, die etwa gleichkamen den Kraften der alten 
Mondenentwickelung. Auch die Krafte der alten Mondenentwickelung 
haben sich gewissermafien ins Verborgene zuruckgezogen, aber sie sind 
noch nicht in demselben Grade geistig geworden wie die alten Saturnge- 
setze. Die alten Saturngesetze sind so geistig geworden, dafi wir sie in 
den Gesetzen unseres personlichen Schicksals, also ich mochte sagen, 
ganz aufierhalb des Raumes und der Zeit nur erforschen konnen. Wenn 



wir das Menschenleben im ganzen betrachten, so finden wir heute noch 
diese alten Saturngesetze, finden noch das, was wir, wenn wir dem 
Menschen entgegentreten in der physischen Welt, nicht sehen konnen. 

Wir haben gesagt: Wenn wir dem Menschen in der physischen Welt 
entgegentreten, haben wir den physischen Leib als Rest der alten Saturn- 
entwickelung, den Atherleib als Rest der alten Sonnenentwickelung, den 
Astralleib als Rest der alten Mondenentwickelung, und das Ich. Und 
eigentlich nur die Verkorperung dieses Ich sehen wir nicht als Rest, 
wenn wir den Menschen aufterlich anschauen, wenn wir seine Gestalt 
betrachten. Die Gesetze also, die waltend und wirksam sind, indem das 
Ich sich den Menschen gestaltet, sich verkorpert, sind die Erdengesetze. 
Und schon die Gesetze des astralischen Leibes, die Gesetze der Monden- 
entwickelung, haben sich zuriickgezogen, sind nicht mehr aufierlich 
wirksam. Aber sie sind so, dafi wir, wenn wir dem Menschen gegeniiber- 
treten, sagen werden: Du, Mensch, bist, wie du mir gegeniibertrittst als 
materieller Mensch, eine Verkorperung des Ich. Aber tief im Hinter- 
grunde deines Wesens liegt dein unsichtbares, personliches Schicksal. - 
Wie dieses unsichtbare, personliche Schicksal bestimmt ist, so waken in 
ihm die alten Saturngesetze. Da appellieren wir schon an etwas ganz 
Geistiges, wenn wir von der Verkorperung des Ich, also von den 
Erdengesetzen, auf die alten Saturngesetze hinblicken. Nicht etwas so 
Geistiges ist es, wenn wir von dem, was vor uns steht im Menschen, 
hinblicken auf das, was in ihm von den alten Mondengesetzen noch 
waltet. Aber auch das hat sich zuriickgezogen von der aufieren Welt- 
wirksamkeit, auch das ist nicht so unmittelbar sozusagen unter den 
Wirkungskraften des Erdendaseins. 

Wo miissen wir es suchen, was von der alten Mondenwirksamkeit 
zuruckgeblieben ist? Wir miissen es suchen geschiitzt und eingebettet, 
verhiillt vom Erdendasein. Denn es ist wirksam in der Zeit bevor der 
Mensch durch seine physische Geburt ins Erdendasein tritt, es ist 
wirksam bevor der auftere, physische Lichtstrahl in sein Auge dringen 
kann, es ist wirksam bevor er den ersten Atemzug begonnen hat. Es ist 
wirksam von der Empfangnis bis zur Geburt, wirksam im Embryonal- 
leben, aber nicht wirksam - das bitte ich ausdriicklich zu beachten - in 
dem, was sich zum aufieren physischen Menschen entwickelt von der 



Eizelle aus, also in dem, was von der Eizelle aus wachst, durch f ortwah- 
rende Zellteilung grower und grofler wird - da sind die Erdengesetze 
drinnen -, sondern wirksam in dem, was nur in der Mutter vorhanden ist 
und abstirbt wahrend der Embryonalentwickelung, um sich mit der 
Geburt zu verlieren und in den Tod iiberzugehen. In dem, was da die 
Mutter umhullt und fur die Ernahrung des Erdenmenschen sorgt, 
solange er noch nicht geboren ist, was einhullt den werdenden Menschen 
und dann von ihm abfallt: in dem waken die alten Mondengesetze. Und 
mit dem hangt zusammen dasjenige, was iiber das einzelne Menschenle- 
ben hinausgeht, was einen Zusammenhang schafft zwischen dem einzel- 
nen Menschen und seinen Vorfahren, was sich einschliefit in den Begriff 
der Vererbung. 

So sehen wir allerdings dasjenige noch wirksam, was wahrend der 
alten Mondenentwickelung da war, aber nicht in der aufieren Welt. In 
der aufieren Welt wirkt es nur gleichsam als Absterbendes im Menschen- 
werden. Es wird iiberwunden, sobald der Mensch seinen ersten, wirksa- 
men Atemzug fur sein Erdenleben tut. 

Will man die Gesetze des alten Mondenseins studieren, rein physiolo- 
gisch, nicht hellseherisch, so wiirde es heme keinen anderen Weg geben 
- wenigstens fur einen Teil dieser Gesetze der alten Mondenwirksam- 
keit -, als die Gesetze zu studieren, die wirksam sind in den Hiillen, die 
den menschlichen Embryo umgeben, bevor er seinen ersten Atemzug 
tut, die ihn umhullen und ernahren. Was da eingeschlossen ist im Leibe 
der Mutter, was da gedeihen kann wahrend der Erdenentwickelung nur 
unter der schiitzenden Hiille des Mutterleibes, das war ganz Natur 
wahrend der alten Mondenentwickelung, das erfiillte das ganze Blickf eld 
wahrend der alten Mondenentwickelung. 

So ersterben nicht nur die Wesen, insofern sie eine Hiillennatur haben, 
sondern so ersterben ganze Typen von Naturgesetzlichkeiten und sind 
blofi noch in ihren Resten vorhanden in den folgenden Zeiten. 

Nun werden Sie die Frage aufwerfen miissen: Wie ist es denn mit dem, 
was von der Sonne herriihrt? - Betrachten wir das gestrige Schema. Wir 
haben gesehen, dafl durch all die Komplikationen, die hier eintreten, wir 
es zu tun haben bei dem vollstandigen Menschen mit seinem physischen 
Leibe, Atherleibe, Astralleibe, Ich; Atherleib, Astralleib, Ich; Astralleib, 



Satoni 5onn*> Alond irde 

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lch; und mit dem lch selber. Im Grunde genommen ist alles das, was hier 
oben ist (iiber der Abgrenzung), der verborgene Teil der Menschenna- 
tur. Wenn wir die in der physischen Leibesanlage wirksamen Gesetze 
studieren wollen, miissen wir hinblicken auf das, was im Menschen 
schicksalbestimmende Gesetze, iibersinnliche, schicksalbestimmende 
Gesetze sind. Wenn wir hinschauen auf das, was im Astralleibe waltet 
und seine Verkdrperung findet im physischen Leibe, dann haben wir 
nicht so Geistiges, nicht so Obersinnliches, aber wir haben ein sich vom 
Sinnlichen ins Obersinnliche Auflosendes. Denn das, was da abfallt von 
dem menschlichen Embryo, das wird immer, ich mochte sagen, atomisti- 
scher und atomistischer, je mehr der Mensch zur Geburt heranreift; es 
geht materiell seiner Auflosung entgegen. Und in demselben MafSe, in 
dem es materiell seiner Auflosung entgegengeht, wird es geistiger und 
geistiger, denn was sich da angliedert an den Menschen als astralischer 
Leib und atherischer Leib, das entsteht durch die Vergeistigung dieser 
abfallenden Teile der Hiillen, der embryonalen Hiillen. 

Nun konnte die Frage entstehen: Wie ist es denn nun aber mit dem 
Sonnenteile? Konnen wir irgendwo in der Welt finden den Sonnenteil? - 
Auch dieser Sonnenteil entzieht sich der sinnlichen Beobachtung. Wah- 
rend das, was wir Karma nennen, das personliche Schicksal, ich mochte 
sagen, der Saturnteil des Menschen, in hochgeistigen Regionen liegt, 
brauchen wir, wie wir gesehen haben, beim Mondenteil nicht so hoch 
hinaufzusteigen, denn wir finden ihn noch im Sinnlichen verhiillt. Beim 
Sonnenteil brauchen wir auch nicht so hoch hinaufzusteigen wie beim 



Saturnteile. Er ist gleichsam noch ergreifbar, dieser Sonnenteil des 
Menschen, aber er wird nicht leicht erkannt. Ergreifbar ist er, aber er 
ist nicht leicht zu erkennen. 

Ich mochte ein Beispiel anfiihren fur etwas, wo Sie den Sonnenteil, der 
wirksam ist, noch erkennen konnen, wenn auch nur verhiillt auf ihn 
aufmerksam gemacht werden kann. Diejenigen der lieben Freunde, 
welche sich bekannt gemacht haben mit meinem Buche in der neuen 
Auflage «Die Ratsel der Philosophic, im Umrifi dargestellt», werden 
gefunden haben, dafi unterschieden worden sind vier Epochen der 
philosophischen Entwickelung. Eine erste Epoche, die etwa wahrt - ich 
habe sie iiberschrieben «Die Weltanschauungen der griechischen Den- 
ker» - vom Jahre 800, das ist rund genommen, oder 600 vor Christus bis 
zu Christi Geburt, also bis in die Zeit der Entstehung des Christentums ; 
eine zweite Epoche, welche wahrt von der Entstehung des Christentums 
bis etwa 800 bis 900 Jahre nach Christo, also bis zu der Zeit des Johannes 
Scotus Eriugena; dann eine Zeit, welche ich genannt habe «Die Welt- 
anschauungen im Mittelalter»; eine dritte Epoche, die etwa dauert vom 
Jahre 800 oder 900 bis zum 16. Jahrhundert nach Christo; und eine 
vierte Epoche vom 16. Jahrhundert bis auf weiteres. Wir sind grade 
drinnen in dieser Epoche. Sieben- bis achthundertjahrige Epochen in der 
Philosophiegeschichte sind angegeben worden, so wie ich sie darstellen 
konnte in diesem Buche fur die noch ganz von der Geisteswissenschaft 
unberiihrte Welt. 

Es sollte etwas gegeben werden, was anregen kann, wenigstens einmal 
die geistige Struktur dieser Epochen auf sich wirken zu lassen. Das 
Eigentiimliche der ersten Epoche besteht darinnen, dafi der Ubergang 
gefunden wird aus einem sehr merkwiirdigen alten Denken zu dem, was 
man nennen kann das Leben des Gedankens im alten Griechenland. 
Unsere Zeit ist ja wirklich noch nicht sehr weit in dem Verstehen solcher 
Unterschiede wie desjenigen zwischen dem Gedankenleben unserer Zeit 
und dem Gedankenleben des alten Griechenlands. Unser grobklotziges 
Denken meint, der Gedanke habe in einem alten griechischen Kopf so 
gelebt, wie der Gedanke in einem jetzigen Kopfe lebt. In Sokrates, in 
Plato und auch in Aristoteles lebte der Gedanke in ganz anderer Weise 
als in einem modernen Menschen, und dieses Gedankenleben ist im 7. 



oder 6. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung im Grunde erst 
erwacht. Vorher gab es nicht so recht ein eigentliches Gedankenleben. So 
wie es in meinem Buche dargestellt ist, kann man von einem Anfange, 
von einer Geburt des Gedankenlebens in dieser Zeit des alten Griechen- 
lands sprechen. 

Die kuriosesten Vorstellungen hat man gefafit iiber die ersten griechi- 
schen Philosophen, iiber jene grofien Philosophengestalten Thales, Ana- 
xagoras, Anaximenes und so weiter, indem man zum Beispiel hingewie- 
sen hat darauf, dafi Thales die Welt aus dem Wasser entstehen liefi, 
Anaximenes aus der Luft, Heraklit aus dem Feuer. Ich habe darauf 
hingewiesen, daft diese alten Philosophen ihre Philosophien noch aus 
dem menschlichen Temperamente hervorgehen liefien, dafi diese Lehren 
nicht auf Spekulation beruhten, sondern dafi Thales das Wasser als den 
Urgrund der Dinge hinstellte, weil er von wasserigem Temperamente 
war, dafi Heraklit die Feuerphilosophie fand, weil er von feurigem 
Temperamente war und so weiter. Das finden Sie im einzelnen nachge- 
wiesen in meinem Buche. 

Dann kommt das eigentliche Gedankenleben. Und noch in der Epo- 
che, die hier geschildert ist, ist dieses Gedankenleben anders als das 
heutige Gedankenleben, wesentlich anders als das heutige Gedankenle- 
ben. Der griechische Denker zieht nicht den Gedanken aus dem Grunde 
seiner Seele herauf, sondern bei ihm offenbart sich der Gedanke, wie sich 
fur den heutigen Menschen der aufiere Ton oder die Farbe offenbart. 
Der Grieche nimmt den Gedanken wahr; von auften her nimmt er ihn 
wahr, und wir miissen, wenn wir von der griechischen Philosophic 
sprechen, nicht von einem solchen Denken sprechen, wie heute gedacht 
wird, sondern von Gedankenwahrnehmung. Also in der ersten Epoche 
haben wir es zu tun mit Gedankenwahrnehmung. Plato und Aristoteles 
denken nicht so, wie ein heutiger Philosoph denkt, sondern sie denken 
so, wie man heute anschaut, wie man heute wahrnimmt. Sie blicken 
gleichsam in die Welt hinein und nehmen die Gedanken, die sie uns 
erzahlen in ihren Philosophien, so wahr, wie man eine Symphonie 
wahrnimmt. Sie sind Gedankenwahrnehmer. Die Welt offenbart ihnen 
ein Gedankenwerk: das ist das Wesentliche der griechischen Denker. 
Und in bezug auf diese Wahrnehmung des Gedankenwerkes der Welt 



bringen es die griechischen Denker zu einer hohen, zu einer hochsten 
Vollendung. 

Wenn heute die Philosopher! glauben, das schon verstanden zu haben, 
was Plato und Aristoteles wie eine grofte Weltsymphonie von Gedanken 
wahrgenommen haben, so riihrt dies nur von einer kindischen Einstel- 
lung der gegenwartigen Philosophen her. Das, was Aristoteles als Entele- 
chie, was er als Seelenglieder der Menschennatur - Asthetikon, Orekti- 
kon, Kinetikon und so weiter - darlegt, vollstandig zu begreifen, dazu 
werden die modernen Philosophen noch lange Wege machen miissen. 
Jenes innere Gedankenarbeiten, wo man die Gedanken aus sich heraus- 
holt, wo man subjektive Anstrengungen machen mufi, um zu denken, 
das gab es in Griechenland noch gar nicht. Ganz unsinnig ist es, zu 
glauben, dafi Plato gedacht hat; er hat Gedanken wahrgenommen. Dafi 
Aristoteles im heutigen Sinne schon gedacht hatte, ist ein Unsinn; er hat 
Gedanken wahrgenommen. 

Wie das eigentlich ist, kann der moderne Mensch sich kaum denken, 
weil er sich gar keine Vorstellung macht von der wirklichen Entwicke- 
lung. Er bekommt eine leichte Gansehaut, wenn man ihm sagt, Plato und 
Aristoteles haben gar nicht gedacht im modernen Sinne; und dennoch ist 
es so. Damit das Denken im modernen Sinne uberhaupt Platz greifen 
konnte in der modernen Menschenseele, mufite ein Impuls kommen, der 
das Innerste dieser Menschenseele erfafite, ein Impuls, der nichts zu tur^ 
hat mit der Gedankensymphonie in der Umwelt des Menschen, sondern 
der ins innerste Wesen des Menschen hineingreift. Dieser Impuls kam 
von dem Mysterium von Golgatha. Daher geht geradezu bis zu Christus 
diese philosophische Epoche. 

In der zweiten Epoche haben wir es zwar schon mit einem Denken zu 
tun, aber mit einem Denken, das eigentlich noch kein eigenes Denken 
der Menschen ist, das durch einen Impuls, der von der geistigen Welt 
kommt, angeregt ist. Gehen Sie durch die Gedankensysteme all der 
Philosophen dieser zweiten Epoche, so werden Sie iiberall finden, wie 
der christliche Impuls darinnen waltet bis zu Scotus Eriugena herauf. Es 
ist, man mochte sagen, etwas ausgeflossen von Christus selber, was den 
ersten Antrieb, Gedanken von innen heraus zu erzeugen, in dem Men- 
schen hervorbringt. Das gibt der patristischen Philosophic, der Philoso- 



phie der Kirchenvater, der Philosophic des Augustinus, der Philosophic 
herauf bis zu Scotus Eriugena das Geprage, die Physiognomic So dafi wir 
sagen konnen: Jetzt haben wir es nicht mehr mit Gedankenwahrneh- 
mung zu tun, sondern mit vom Geiste angeregter Gedankeninspiration. 

Wieder anders wird es in der dritten Epoche, wo dieser innere Impuls, 
der vom Christentum ausgeht, beginnt von den Menschen selber erfalk 
zu werden. Der Mensch wird jetzt, in dieser dritten Epoche, gewahr, daf$ 
er es ja ist, der denkt. Plato und Aristoteles haben noch nicht gedacht. 
Die konnten daher ebensowenig zweifeln, dafi der Gedanke eine voile, 
objektive Giiltigkeit habe, wie der Mensch zweifeln kann daran, dafi, 
wenn er Griin am Baume sieht, das Griin wirklich voile, objektive 
Giiltigkeit hat. 

In der zweiten Epoche, da war es der intensive Glaube an den 
Christus-Impuls, der dem erwachenden Denken Sicherheit gegeben hat. 
Aber jetzt begann die Epoche, wo die Menschenseele anfing zu sagen: 
Ja, du bist es doch eigentlich selbst, der denkt, die Gedanken steigen aus 
dir heraus. - Der Christus-Impuls verblalke allmahlich, der Mensch 
wurde gewahr, die Gedanken steigen aus ihm heraus, und er kam zu der 
Frage: Machst du dir vielleicht Gedanken, die gar nichts zu tun haben 
mit dem, was draufien ist? Konnte nicht vielleicht die objektive Aufien- 
welt nichts zu tun haben mit deinen Gedanken? 

Denken Sie sich den grofien Unterschied gegeniiber dem Denken des 
Plato und Aristoteles! Plato und Aristoteles nahmen Gedanken wahr; da 
konnten sie nicht zweifeln, dafi die Gedanken draufien sind. Jetzt, in der 
dritten Epoche, wurden sich die Menschen bewulk: Man erzeugt selber 
den Gedanken, und sie begannen zu fragen: Ja, was haben denn die 
Gedanken mit dem objektiven Sein drauften zu tun? - Und nun entstand 
das Bedurfnis, dem Denken Sicherheit zu geben, wie man sagte, das 
Denken zu beweisen. Erst in dieser Epoche konnte zum Beispiel Anselm 
von Canterbury daran denken, einen Beweis fur die Giiltigkeit der Idee 
Gottes zu schaffen. Das ware friiher volliger Unsinn gewesen in dem 
griechischen Denken, aus dem Grunde, weil man da die Gedanken 
gesehen hat. Wie soli man zweifeln, daft Gott existiert, wenn man so 
sieht, aufien, die Gedanken der Gotthek, wie man draufien sieht die 
Griinheit des Baumes? Der Zweifel begann erst in der dritten Epoche, als 



man sich klar wurde, daft man selbst es ist, der denkt. Es entstand das 
Bediirfnis, zu beweisen, nachzudenken iiber den Zusammenhang dessen, 
was man denkt, mit dem, was da draufien ist. Und das ist im wesentli- 
chen die Epoche der Scholastik: das Gewahrwerden der Subjektivitat des 
Denkens. 

Wenn Sie das ganze Gedankengebaude des Thomas von Aquino 
nehmen, so steht es in dieser Epoche drinnen, ist ganz von dieser Epoche 
beherrscht. Uberall ist das Bewufksein vorhanden: die Begriffe werden 
im Inneren erzeugt, die Begriffe werden so zusammengefugt, wie die 
Gesetze der Subjektivitat sind. Also mufi man eine Stiitze finden dafiir, 
dafi das, was in dem Inneren erzeugt wird, auch aufterlich vorhanden ist. 
Es wird noch zunachst appelliert an die iiberlief erte Dogmatik, aber man 
ist nicht mehr in solcher Weise verkniipft mit dem Christus-Impulse, 
wie es in der zweiten Epoche der Philosophie-Entwickelung der Fall 
war. 

Dann kommt die vierte Entwickelungsperiode, das freie Walten des 
Gedankens im Inneren, ein noch weiteres Emanzipieren des Gedankens 
von der aufSeren Gedankenwahrnehmung, jenes freie Gedankenschaffen 
im Inneren, das so grofiartig hervortritt in den Gedankengebauden des 
Giordano Bruno, Spinoza, des Cartesius und der Folgenden, Leibniz und 
so weiter. Wenn wir diese Gedankengebaude verfolgen, so merken wir 
an ihnen, dafi sie ganz aus dem Inneren heraus geschaffen sind. Und 
iiberall finden wir das intensive Bediirfnis dieser Denker, Griinde dafiir 
anzugeben, dafi das, was sie im Inneren schaffen, auch wirklich eine 
aufiere Gultigkeit habe. Spinoza schafft ein wunderbares Ideengebaude. 
Die Frage entsteht aber: Ja, ist das alles blofi drinnen im menschlichen 
Geiste geschaffen, oder hat es eine Bedeutung da draulSen in der Welt? 
Giordano Bruno, Leibniz schaffen die Monade. Die Monade soil etwas 
Reales sein. Wie kommt dasjenige, was die Menschen ausdenken als 
Monade, dazu, da draufien in der Welt etwas Reales zu sein? Alle 
Fragen, die seit dem 16., 17. Jahrhundert heraufgekommen sind, stehen 
noch immer unter dem Eindruck dieses Strebens, das freie Gedanken- 
schaffen in Einklang zu bringen mit dem Weltendasein draufien. Der 
Mensch fiihlt sich vereinsamt, verlassen von der Welt in seinem freien 
Gedankenschaffen. Da stehen wir noch jetzt mitten darinnen. 



Was ist denn aber das Ganze jetzt hier? (Siehe Schema.) Wenn wir 
zuriickgehen in die Gedankenwahrnehmung, wie sie war bei den alten 
griechischen Philosophen, dann miissen wir sagen: Das philosophische 
Denken im alten Griechenland wirkt so, dafi - trotzdem im allgemeinen 
im alten Griechenland die Zeit der Verstandes- oder Gemiitsseele ist - 
dieses alte Denken noch ein Wahrnehmungsdenken ist, tief beeinflulk 
noch ist von der Empfindungsseele, sogar noch von dem Empfindungs- 
leibe, dem astralischen Leibe. Es haftet noch an dem Aufteren. 

Das Denken des Thales, der ersten Philosophen, war noch beeinflulk 
von dem Atherleibe. Das Temperament sitzt im Atherleibe und aus dem 
Temperament heraus schaffen sie ihre Wasser-, Luft-, Feuerphiloso- 
phien; so dafi man sagen kann: der Philosophic des Empfindungsleibes 

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geht eine Philosophic des Atherleibes voraus. - Dann kommen wir in die 
christliche Zeit hinein. Der christliche Impuls dringt in die Empfin- 
dungsseele. Die Philosophic wird innerlich erlebt, innerlich empfunden, 
aber in Zusammenhang mit dem, was man glauben, was man fuhlen 
kann; es sind da die Einfliisse der Empfindungsseele vorhanden. 

In der dritten Epoche, in der Epoche der Scholastik, da haben wir als 
das wesentliche Element des philosophischen Werdens die Verstandes- 



oder Gemiitsseele. Sie sehen, das philosophische Werden geht einen 
anderen Gang als die allgemeine Menschheitsentwickelung. Und jetzt 
erst, seit dem 16. Jahrhundert, haben wir allerdings die Philosophic 
zusammenfallend mit dem, was auch sonst allgemeine Menschheitsent- 
wickelung ist: da haben wir den freien Gedanken in der Bewufitseins- 
seele waltend. Das groflartigste Beispiel, wie der freie Gedanke von der 
Abstraktion des Seins bis in die hochste Geistigkeit hinauf waltet, wie 
ein Gedankenorganismus, ganz von der Welt ausgehend, nur in sich 
selber waltet, das ist die Philosophic Hegels: der nur im Bewufltsein 
lebende Gedanke. 

Wenn Sie das hier verfolgen, so ist es allerdings der Teil, den ich nicht 
in meinem Buche darstellen konnte fur die Aufienwelt; aber es liegt 
darinnen. Und wenn Sie die Beschreibungen lesen, die von den einzelnen 
Epochen gegeben werden, so werden Sie, wenn Sie ordentliche Anthro- 
posophen sind, sehr klar auf das hingewiesen werden, was ich hier links 
(siehe Schema) angeschrieben habe. Es entwickelt sich alles etwa so, wie 
sich der Mensch selber entwickelt: vom Atherleib zum Empfindungs- 
leibe, zur Empfindungsseele, zur Verstandesseele, zur Bewufitseinsseele. 
Wir verfolgen einen Gang, wie den Gang der Menschheitsentwickelung, 
aber anders geordnet. Es ist nicht der Gang der Menschheitsentwicke- 
lung, es ist etwas anderes. Wesen entwickeln sich, und die benutzen die 
menschlichen Krafte in der Empfindungsseele, in der Verstandesseele 
und so weiter. Durch den Menschen und sein Arbeiten gehen andere 
Wesen hindurch mit anderen Gesetzen, als die Gesetze des Menschen- 
werdens sind. 

Sehen Sie, das sind Wirksamkeiten der Sonnengesetze. Da brauchen 
wir nicht in solch ubersinnliche Regionen hinauf zusteigen, wie wenn wir 
das personliche Schicksal untersuchen. Von dem, was als Rest der 
Sonnengesetze hier zu suchen ist, davon sehen wir ein Beispiel in der 
philosophischen Entwickelung der Menschheit. 

Wir haben gestern, als entsprechend dem Atherleibe, hierher Angeloi 
zu schreiben gehabt. 

Solche Angeloi entwickeln sich. Und wahrend die Menschen glauben 
selber zu philosophieren, wirken in ihnen, indem sie die Sonnenentwik- 
kelung in sich tragen - das heifit das, was als Sonnenentwickelung in 



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3ch* als ichopferifcV PhanfQfio 

ihrem physischen Leibe veranlagt war und auch in ihrem Atherleibe 
wirkt -, die Gesetze des Sonnendaseins. Und die Gesetze des Sonnen- 
daseins, von Epoche zu Epoche wirkend, sie wirken so, dafi die Philoso- 
phic so wird, wie sie eben ist. Weil es Sonnengesetze sind, kann in ihnen 
auch der Christus, das Sonnenwesen, eingreifen in der zweiten Epoche. 
Es wird vorbereitet durch die erste Epoche, und dann greift der Chri- 
stus, das Sonnenwesen, in der zweiten Epoche ein. 

Sie sehen, wie sich alles zusammenschlielfo. Aber indem der Christus, 
das Sonnenwesen, eingreift, kommt er in Zusammenhang mit einer 
Entwickelung, die nicht die menschliche Entwickelung ist, nicht die 
menschliche Erdenentwickelung, sondern eigentlich Sonnenentwicke- 
lung innerhalb des Erdendaseins. 

Sonnenentwickelung innerhalb des Erdendaseins! Denken Sie sich 
einmal, wozu wir da in dieser Betrachtung eigentlich kommen. Wir 
betrachten den Gang der philosophischen Entwickelung, betrachten den 
Lauf des philosophischen Denkens seit der alten griechischen Zeit, und 
wir sagen uns, wenn wir das alles vor uns hinstellen, wie das philosophi- 
sche Denken von Philosoph zu Philosoph sich entwickelt hat: Da sind 



wirksam darinnen nicht Erdengesetze, sondern Sonnengesetze. Die 
Gesetze, die dazumal sich abgespielt haben zwischen den Geistern der 
Weisheit und den Erzengeln, treten in dem philosophischen Weisheits- 
streben auf der Erde wiederum zutage. Lesen Sie nach in der «Geheim- 
wissenschaft», wie wahrend der Sonnenentwickelung die Geister der 
Weisheit eingreif en. Jetzt wiederholen sie dieses Eingreif en wahrend der 
Erdenentwickelung, nicht in der neuen, sondern in den Resten der alten 
Sonnenentwickelung. Und indem der Mensch nicht bemerkt, dafi in der 
philosophischen Entwickelung die Geister der Weisheit sein Gemiit 
durchpulsen, entwickelt er seine Philosophic. Das alte Sonnendasein lebt 
in der philosophischen Entwickelung. Es lebt wirklich und wahrhaftig 
darinnen. Dadurch aber, dafi das die alte Sonnenentwickelung ist, lebt 
auch herein damit etwas Zuriickgebliebenes, etwas, was mit der alten 
Sonnenentwickelung zusammenhangt. 

Die Menschen, von Generation zu Generation gehend, entwickeln 
sich als aufiere menschliche Personlichkeiten in der Erdenentwickelung. 
Aber jetzt geht eine philosophische Entwickelung da hindurch, von 
Thales bis auf unsere heutige Zeit: da geht die Sonnenentwickelung 
hinein. Das gibt Anlafi, daft Wesenheiten, die zuriickgeblieben sind, 
beniitzen konnen die Krafte der philosophischen Entwickelung, um ihr 
altes Sonnendasein weiterzufuhren, Wesen, die zuriickgeblieben sind 
wahrend der alten Sonnenzeit, die dazumal versaumt haben, die Entwik- 
kelung durchzumachen, die man durchmachen kann in seinem Ather- 
leib, Empfindungsleib und in der Empfindungsseele, im Zusammenwir- 
ken von Geistern der Weisheit und Archangeloi. Diese Geister, die ihre 
Entwickelung wahrend der Sonnenzeit versaumt haben, die konnen die 
menschliche philosophische Entwickelung beniitzen, um als Parasiten in 
der menschlichen Entwickelung darinnen zu sein. Das sind ahrimanische 
Geister! 

Ahrimanische Geister unterliegen der Verlockung, in das, was die 
Menschen philosophisch erstreben, parasitisch hineinzukriechen und ihr 
eigenes Dasein dadurch zu pflegen. So konnen sich die Menschen 
philosophisch entwickeln, sind aber zugleich mit dieser philosophischen 
Entwickelung ausgesetzt ahrimanischen Geistern, mephistophelischen 
Geistern. 



Sie wissen, dafi Ahriman und Luzifer schadliche Geister sind, solange 
man ihrer nicht gewahr wird, solange sie gleichsam im Verborgenen 
wirken. Solange sie nicht so heraustreten, dafi die Menschen sich ihnen 
im Geiste Auge in Auge gegenuberstellen, sind Ahriman und Luzifer 
schadliche Geister, schadlich in dieser oder jener Weise. Nehmen wir an, 
ein Philosoph tritt auf und entwickelt den Gedanken, und zwar den 
Gedanken, insofern man ihn im blofien Erdensein erfassen kann. Dann 
entwickelt er den Gedanken so, wie er leben kann durch das Instrument 
der irdischen Vernunft. Das ist der Hegelsche Gedanke! Er ist reiner 
Gedanke, aber nur ein Gedanke, wie er gefafit werden kann mit dem 
Werkzeug des physischen Leibes, der aber abstirbt mit dem Tode. 

Hegel hat das Tiefste gedacht, was gedacht werden kann im Erdenle- 
ben, was aber in seiner Konfiguration mit dem Tode abstirbt. Und 
Hegels Tragik besteht darinnen: er hat nicht bemerkt, dafi er den Geist 
in der Logik, in der Natur, im Seelenleben erfafit, aber nur denjenigen 
Geist, der in der Form des Gedankens existiert, der aber nicht mitgeht, 
wenn wir durch den Tod gehen. Um dieses klar vor die Seele zu stellen, 
hatte er sich sagen miissen: Wenn ich glauben konnte, dafi das, was 
durch das Denken hindurchgeht, was ich also denke vom abstrakten Sein 
durch die Logik, durch die Naturgedanken, durch die Seelengedanken 
und herauf bis zur Philosophic, wenn ich glauben konnte, daft das mich 
hinter die Kulissen des Daseins fuhrt, dann ware ich von Mephistopheles 
verlockt! 

Das hat ein anderer wahrgenommen, das hat Goethe wahrgenommen, 
und das hat er in seinem «Faust» dargestellt: den Kampf des denkenden 
Menschen mit Mephistopheles, mit Ahriman. Und in dieser vierten 
Epoche der philosophischen Entwickelung sehen wir, wie in die Sonnen- 
entwickelung hineinragt Ahriman und wie man in klarer Weise sich 
diesem Ahriman gegeniiberzustellen hat, indem man seine Wesenheit 
wirklich erkennend erfafit. 

Deshalb stehen wir heute an einer Wende auch des aufieren philoso- 
phischen Denkens, deshalb mufi dieses philosophische Denken, um 
nicht den Verlockungen des Ahriman zu verfallen, um nicht mephisto- 
phelische Weisheit zu sein, hinter diese Wesenheit kommen, mufi sie 
erfassen, mufi einmunden in die Geisteswissenschaft. 



Lesen Sie nach die beiden Kapitel, welche dem Schlufikapitel des 
zweiten Bandes meiner «Ratsel der Philosophie» vorangehen, wo ich die 
Weltanschauungen darzustellen versuchte, die draufien als philosophi- 
sche Weltanschauungen existieren, um dann das Schluflkapitel hinzuzu- 
fiigen «Skizzenhaft dargestellter Ausblick auf eine Anthroposophie». 
Da werden Sie sehen, wie die Philosophic heute im freien, emanzi- 
pierten Gedankenleben zwar darstellt etwas, was heraufgeht bis in die 
Bewufkseinsseele, wie sie aber innerhalb dieses Lebens in der Bewulk- 
seinsseele erfassen mufi das, was vom Geistselbst kommt - zunachst 
philosophisch -, da sonst die Philosophic in die Dekadenz verfallen, sich 
auflosen miifite. 

So sehen Sie wenigstens ein Beispiel des Hereinwirkens der Sonnen- 
entwickelung in das menschliche Erdenleben. Ich sagte, man kann diese 
Sonnengesetze erhaschen, indem man den Werdegang der Philosophic 
studiert, aber man erkennt nicht immer, dafi darinnen die Sonnengesetze 
wirksam sind. Die Geisteswissenschaft hat das zu erkennen. Denken Sie 
nur einmal, dafi in Wahrheit sich eine Wesenheit entwickelt, die nach 
und nach dieselben Glieder ansetzt wie der Mensch selber. 

Wenn man noch weiter zuriickgehen wiirde in den alten Zeiten, so 
wiirde man finden, dafi nicht nur der Atherleib, sondern auch der 
physische Leib Veranlasser war von Weltanschauungsimpulsen. Es ist 
schwierig, jene Zeit, die hinter das 12. bis 14. Jahrhundert vor Christi 
Geburt zuriickgeht, die also vor Homer liegt, klarzumachen in ihren 
Eigentiimlichkeiten, denn sie geht ja hinter alle Geschichte zuriick. Da 
aber entwickelt sich etwas, was nun nicht Mensch ist, so wie der Mensch 
auf der Erde lebt. 

In der Geschichte lebt etwas, was durch den Atherleib, durch den 
Empfindungsleib und so weiter geht: eine wirkliche, reale Wesenheit. 
Ich habe in meinem Buche gesagt: In der griechischen Zeit wird der 
Gedanke geboren. Aber in der neueren Zeit kommt der Gedanke 
wirklich zum Selbstbewufitsein in der Bewufitseinsseele. Der Gedanke 
ist ein selbsteigen wirksames Wesen. Dieses letzte konnte natiirlich nicht 
gesagt werden in einem exoterischen, fur die ganze aufiere Welt 
bestimmten Buch. Der Anthroposoph wird es aber finden, wenn er das 
Buch sinnend liest und merkt, was eigentlich das Beherrschende der 



Darstellung gewesen ist, was aber nicht hineingetragen ist, sondern sich 
eben aus der Sache selbst ergibt. 

Sie sehen daraus, dafi viele, viele Umwandlungsimpulse in bezug auf 
das geistige Leben in unserer Zeit sich geltend machen. Denn wir haben 
hier etwas sich weiter entwickeln sehen, was wie ein Mensch ist, nur dafi 
es eine langere Lebensdauer als der einzelne Mensch hat. Der einzelne 
Mensch lebt auf dem physischen Plane: sieben Jahre entwickelt er den 
physischen Leib, sieben Jahre den Atherleib, sieben Jahre den Empfin- 
dungsleib und so weiter. Und das Wesen, das sich als Philosophie 
entwickelt - wir nennen es mit dem abstrakten Namen «Philosophie» -, 
das lebt im Atherleibe 700 Jahre, im Empfindungsleibe 700 bis 800 Jahre 
- die Zeit ist ja nur approximativ - in der Empfindungsseele 700 bis 800 
Jahre, in der Gemiits- oder Verstandesseele 700 bis 800 Jahre und 
wiederum in der Bewulkseinsseele 700 bis 800 Jahre. Ein Wesen entwik- 
kelt sich herauf, von dem wir sagen konnen: Blicken wir auf die 
allerersten Anfange der griechischen Philosophie, dann hat dieses Wesen 
gerade die Entwickelungsstufe erlangt, die beim Menschen der 
Geschlechtsreife entspricht: geradeso ist es als Wesen wie der Mensch, 
wenn er sein 14. bis 16. Jahr erreicht hat. Dann lebt es herauf bis zu der 
Zeit, wo der Mensch das erlebt, was er vom 14. bis zum 21. Jahre erlebt: 
das ist die Zeit der griechischen Philosophie, des griechischen Denkens. 
Dann kommt die Zeit der nachsten sieben Jahre, was der Mensch vom 
21. bis 28. Jahre erlebt: der Christus-Impuls geht hinein in die philoso- 
phische Entwicklung. Dann kommt die Zeit von Scotus Eriugena bis in 
die neuere Zeit hinauf: dieses Wesen entwickelt in den nachsten 700 bis 
800 Jahren dasjenige, was der Mensch entwickelt im Alter vom 28. bis 
zum 35. Jahre. Und jetzt leben wir in der Entwickelung dessen, was der 
Mensch in seiner Bewufitseinsseele erlebt: wir erleben die Bewufitseins- 
seele der Philosophie, des philosophischen Gedankens. Die Philosophie 
ist tatsachlich in die Vierziger jahre gekommen, nur dafi sie ein Wesen ist, 
das eine viel langere Lebensdauer hat. Was bei dem Menschen ein Jahr 
ist, das ist bei diesem philosophischen Wesen ein Jahrhundert. Da sehen 
wir durch die Geschichte ein Wesen hindurch waken, fur das ein 
Jahrhundert ein Jahr ist. Man nimmt es nur nicht wahr; dieses Wesen 
entwickelt sich eben mit Sonnengesetzlichkeit. 



Und dahinter liegt dann erst dasjenige, was noch iibersinnlicher ist als 
dieses Wesen, das sich wie ein Mensch entwickelt, nur eben wie ein 
Mensch, bei dem ein Jahr wie ein Jahrhundert lang ist: hinter diesem 
stent ein Wesen, welches sich so entwickelt, daft sein aufierer Ausdruck 
unser personliches Schicksal ist, wie wir dieses tragen durch noch langere 
Zeitraume, von Verkorperung zu Verkorperung. In diesem leben sich 
die unser aufteres Schicksal regelnden Geister aus, fur die eine noch 
langere Lebensdauer vorhanden ist als fiir jene, von denen wir sagen 
miissen, dafi fiir sie ein Jahrhundert gleich einem Jahre ist. 

So sehen Sie, wie wir da hineinblicken gleichsam in Schichtungen von 
Wesenheiten, und wie wir, wenn wir nur wollen, sogar, ich mochte 
sagen, die Biographie eines Wesens schreiben konnten, das um so viel 
hoher steht als der Mensch in bezug auf Geistigkeit, wie ein Jahrhundert 
langer ist als ein Jahr. 

Versucht ist einmal worden, die Biographie eines solchen Wesens zu 
schreiben, das seine Geschlechtsreife zur Zeit des Thales hatte, zur Zeit 
des Anaxagoras, und jetzt zum Gebrauche seines Selbstbewufitseins 
gekommen ist, das seit dem 16. Jahrhundert gleichsam in die Vierziger- 
jahre getreten ist: die Biographie dieses Wesens ergab eine Geschichte 
der Philosophic. 

Daraus ersehen Sie aber zugleich, wie wirklich die Geisteswissenschaft 
das, was sonst abstrakt ist, lebendig macht, richtig belebt. Was fiir 
trockenes Gestriipp ist zuweilen das, was man sonst «Geschichte der 
Philosophie» nennt! Und was wird aus dieser Geschichte der Philoso- 
phic, wenn man weift, sie ist die Biographie eines Wesens, das da 
hineinverwoben ist in unser Dasein, nur dafi es sich statt mit Erdengeset- 
zen mit Sonnengesetzen entwickelt! 

Solches wollte ich noch hinzufiigen zu allem, was ich Ihnen in diesen 
Zeiten gesagt habe iiber die Lebenskrafte, die uns aufgehen, wenn wir die 
Geisteswissenschaft nicht wie eine Theorie betrachten, sondern wenn 
wir in ihr suchen die Fiihrerschaft zum Lebendigen. Und wir finden das 
Lebendige eben durch die Geisteswissenschaft. Dasjenige, was so unle- 
bendig ist, so strohern wie die Geschichte der Philosophic oftmals ist, 
das wird, wenn wir uns der Fiihrung der Geisteswissenschaft anver- 
trauen, so, dafi uns aus dem Nebel der Geschichte der Philosophic ein 



Wesen entgegentritt, zu dem wir aufschauen wie zu einer Gottin, die 
herabsteigt aus gottlichen Wolkenhohen, die wir jung sehen in alten 
Zeiten, die wir heranwachsen sehen, allerdings mit der Langsamkeit, dafi 
ein Jahrhundert einem Jahre des Menschenlebens entspricht. Aber 
lebendig wird das alles. Die Sonne geht uns auf, wie die Sonne innerhalb 
des Erdendaseins selber. Denn so wie die Sonne aufgeht auf dem 
physischen Plan, so sehen wir die alte Sonne noch hereinstrahlen in die 
Erdenwelt in einem Wesen, das eine langere Lebensdauer hat wie der 
Mensch. Wie wir das Werden eines Menschen auf dem physischen Plan 
von der Geburt bis zum Tode verfolgen, so verfolgen wir das philoso- 
phische Werden, indem wir ein Wesen in ihm schauen. 

Wenn wir so anschauen das, was uns die Anthroposophie sein kann, 
dann kommen wir dazu, in dieser Anthroposophie zu schauen eine 
wirkliche Fuhrerin nicht nur zur Erkenntnis, sondern eine Fiihrerin zu 
lebendigen Wesen, die uns umgeben, ohne dafi wir von ihnen etwas 
wissen. 

Ja, meine lieben Freunde, so etwas erfuhlte auch Christian Morgen- 
stern. Und indem er solches fiihlte, fiihlte in dem Tiefsten seines 
Seelenwesens, konnte er aufzeichnen - unser Freund Christian Morgen- 
stern - eine schone Empfindung, die so recht eine anthroposophische 
Empfindung ist, die zeigt, wie eine Seele sich aussprechen kann, welche 
im tiefsten Inneren sich eins weifi mit unserer Anthroposophie, nicht 
blofi als mit etwas, was uns Erkenntnis iiber dieses oder jenes gibt, 
sondern als etwas, was uns belebt. Ein wunderbares Beispiel fur ein 
solches Sich-Belebenlassen von der Anthroposophie ist das, was wir in 
dem schonen Gedicht «Lucifer» unseres Christian Morgenstern finden, 
in jenem Gedichte, das, ich mochte sagen, in bezug auf die Empfindung 
so ganz in dem Hauche lebt, von dem man etwas fiihlt, wenn man so, 
wie es heute versucht worden ist anzudeuten, den Ubergang f indet von 
der Darstellung der Idee in der Anthroposophie zu dem Ergreifen 
lebendiger Wesenheiten. 

Ich will mein Licht vor eurem Licht verschliefien, 
ich will euch nicht, ihr sollt mich nicht geniefien, 
bevor ich nicht ein Eigenlicht geworden. 



So bring ich wohl das Bose zur Erscheinung, 
als Geist der Sonderheit und der Verneinung, 
doch neue Welt erschafft mein Geisterorden. 

Aus Widerspruch zum unbeirrten Wesen, 

aus Irr-tum soil ein Gotterstamm genesen, 

der sich aus sich - und nicht aus euch - entscheidet. 

Der nicht von Anbeginn in Wahrheit wandelt, 
der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt, 
der sich die Wahrheit handelnd erst erleidet. 

Wenn Sie die Empfindung dieses Gedichtes so nehmen, dafi Sie dabei 
bedenken, wie lebendig werden kann das, was in der Anthroposophie 
theoretisch verstanden wird, so dafi man gleichsam durch unsere Gei- 
steswissenschaft anfassen kann die Wesen, die aus dem dunklen 
Abgrunde des Seins an uns herantreten, wenn Sie dieses Gedicht so 
nehmen, wie Sie angeregt werden konnen durch die Empfindungen, die 
ich durch den heutigen Vortrag anregen wollte, dann werden Sie sehen, 
dafl diese Gestalt des Luzifer wirklich in wunderbarer Weise empfun- 
den, gestaltet ist. Damit ist ein Musterbeispiel gegeben, wie dasjenige, 
was die Anthroposophie an uns heranbringt, in uns lebendig werden 
kann, unsere ganze Seele ergreifen kann. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 30. Januar 1915 

Im Grunde genommen geht aus den mannigfaltigen Betrachtungen, die 
wir nun im Laufe der Zeit hier angestellt haben, doch hervor, daft 
wirkliche, echte Kunst zuletzt zuriickgeht auf die Geheimnisse der 
Initiation. Wir haben das ja an verschiedenen speziellen Beispielen, 
wenigstens schon hinweisend, erortert. Grofte Kunstepochen, solche 
Kunstepochen, in denen iiber die Menschheit hinleuchtende kiinstleri- 
sche Taten geschehen, ziehen ihre kiinstlerischen Quellen immer wieder 
und wiederum aus der Initiation heraus. Damit ist darauf hingewiesen, 
wie die Kunst das spirituelle Leben hereinbringt ins physische Leben. 
Die Initiation eroffnet dem Menschen die Moglichkeit, fortzuschreiten 
von dem physischen Plan in die geistigen Welten hinein, und was dann in 
den geistigen Welten erfahren, erlebt werden kann, mehr oder weniger 
bewuftt, das wird von wahrer Kunst heruntergetragen in die physischen 
Formen, durch die sich die Kunst zum Ausdruck bringt. 

Nun wird man den ganzen Zusammenhang, der hiermit gemeint ist, 
doch erst so recht durchschauen, wenn man darauf Riicksicht nimmt, 
dafi die letzten Jahrhunderte der Menschheitsentwickelung wirklich 
vieles zugedeckt haben, unsichtbar, unwahrnehmbar gemacht haben fur 
die weitaus meisten Menschen, was selbst vor fiinf, sechs, sieben Jahr- 
hunderten noch durchaus nicht in demselben Grade ein Geheimnis war, 
wie es heute fur diejenigen, die sich Kulturmenschen nennen, ein Ge- 
heimnis ist. 

Um auf eine bedeutsame Tatsache hmzuweisen, sei das Beispiel eines 
ja wirklich iiber die Zeiten hinleuchtenden Kunstwerkes gewahlt, der 
«G6ttlichen Kom6die» Dantes. Wer wird, wenn er wirklich die «G6ttli- 
che Kom6die» auf sich wirken lafit, nicht den spirituellen Zug walten 
sehen durch dasjenige, was Dante zum Ausdruck gebracht hat! Heute 
wird man gerne geneigt sein, wenn es sich darum handelt, zu sagen, wie 
Dante zu den grandiosen Bildern seines Gedichtes gekommen ist, das 
Wort «Phantasie» zu gebrauchen und sich zufrieden geben damit, dafi 
man sagt: Nun ja, in Dante hat eben die kiinstlerische Phantasie ge- 



wirkt. - Selbstverstandlich soil nicht geleugnet werden, dafi in Dante die 
kiinstlerische Phantasie gewirkt hat. Aber selbst historisch, aufierlich 
historisch ware es unrichtig, wenn man glauben wollte, dafi Dante, so 
wie aus dem Nichts heraus, aus der Phantasie sein ganzes grandioses 
Gedicht geschaffen hatte. 

Dante hatte einen Lehrer und Freund, Brunetto Latini, und ich denke, 
man wird aus dem, was wir gleich werden zu sagen haben, erkennen, dafi 
Brunetto Latini im wahrhaften Sinne ein Initiierter genannt werden 
kann. Wenn wir damit also den Zusammenhang eines nach den Verhalt- 
nissen seiner Zeit Initiierten mit Dante haben, so haben wir ja den 
Zusammenhang, den wir gerade gegeniiber unseren Anschauungen aufs 
griindlichste betonen miissen. 

Eines wufke die damalige Zeit: dafi man den Weg durch die Wiederge- 
burt des Menschen gehen musse, wenn man hinter die Geheimnisse des 
Daseins kommen will. Und das war vor alien Dingen in der damaligen 
Zeit noch unbedingt lebendig, dafi der Weg zur Welterkenntnis durch 
die Selbsterkenntnis ftihrt. Nur darf man diese Selbsterkenntnis nicht so 
oberflachlich betrachten, wie man heute oftmals von Selbsterkenntnis 
spricht. Wer glaubt nicht, in der Lage zu sein, iiber sich selbst etwas zu 
wissen! Ich mochte durch ein kleines Beispiel einleitend Ihnen zum 
Bewufitsein bringen, wie schwierig Selbsterkenntnis schon in den aller- 
elementarsten Dingen ist, wie wenig der Mensch eigentlich geneigt ist, 
auf das wirklich loszugehen, was man Selbsterkenntnis nennen kann. 

Ich habe hier ein Buch von einem ganz beriihrnten Philosophen der 
Gegenwart, ein Buch von Dr. Ernst Mach> der eine ganze Reihe fur die 
Gegenwart durchaus charakteristischer Werke geschrieben hat. Er macht 
gleich auf Seite 3 seiner «Analyse der Empfindungen» eine Anmerkung, 
wo er iiber den Zusammenhang des Physischen mit dem Psychischen 
spricht, eine Anmerkung, die ganz charakteristisch ist. Er sagt: «Als 
junger Mensch erblickte ich einmal auf der Strafie ein mir hochst 
unangenehmes, widerwartiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht 
wenig, als ich erkannte, dafi es mein eigenes sei, welches ich an einer 
Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte 
Spiegel wahrgenommen hatte. » 

Also er ging, und sein Karma trug ihn vorbei an einer Spiegelnieder- 



lage, wo zwei Spiegel so geneigt waren, dafi er sich selbst sehen konnte. 
Und da sah er dieses ihm unangenehme Gesicht, von dem er dann 
entdeckte, dafi es sein eigenes sei. Also selbst in bezug auf dieses 
Aufierlichste ist es nicht ganz leicht, auch nur die elementarste Selbst- 
erkenntnis zu gewinnen. 

Aber noch eine andere Anmerkung macht der Betreffende. Er wird 
Universitatsprofessor und hat sich so eine Anschauung gebildet, wie ein 
hoherer Schulmeister aussieht. « Vor nicht langer Zeit stieg ich nach einer 
anstrengenden nachtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermudet in einen Omni- 
bus, eben als von der anderen Seite auch ein Mann hereinkam. <Was 
steigt doch da fiir ein herabgekommener Schulmeister ein>, dachte ich. 
Ich war es selbst, denn mir gegeniiber hing ein grofier Spiegel. » Und nun 
fugt er erklarend hinzu: «Der Klassenhabitus war mir also viel gelaufiger 
als mein Spezialhabitus.» Er hatte sich die Vorstellung gebildet von 
einem Schulmeister, und das wufite er, dafi der, der da hereinstieg, so 
aussah wie ein herabgekommener Schulmeister. Erst hinterher entdeckte 
er, dafi er es selber war. 

Das ist ein schones Beispiel fiir die oft recht mangelnde Selbsterkennt- 
nis, selbst in bezug auf die aufiere Gestalt; aber mit der seelischen 
Selbsterkenntnis geht es noch schwieriger. Dennoch ist ja diese individu- 
ell-personliche Selbsterkenntnis nichts anderes als der allerelementarste 
Anfang, der Anfang jenes Weges, der durch den Menschen hindurch in 
die weiten, universellen Geheimnisse des Daseins fiihrt. 

Wenn wir aufierlich auf dem physischen Plan die Welt betrachten, so 
haben wir ja innerhalb dieser physischen Welt wirklich nur alles dasje- 
nige, was zum alleraufiersten Wesen des Menschen gehort, namlich zum 
Gefiige des physischen Menschenleibes. Wir konnen sagen: Wenn wir 
die weite Umgebung, die wir uberschauen konnen auf dem physischen 
Horizont, ins Auge fassen, dann haben wir da alles dasjenige, was 
verwandt ist unserem aufieren physischen Menschenleib. Wir miissen 
uns klar sein, dafi das nur ein Teil unserer Gesamtwesenheit ist, dafi 
dahinter der Atherleib liegt. Aber was alles ahnlich dem Atherleib in der 
Umgebung des Menschen ist, das ahnt ja der Mensch zunachst nicht; 
noch weniger ahnt er, was ahnlich ist seinem Astralleib, was ahnlich ist 
seinem Ich. 



Der Mensch mulS, weil er ja zunachst hier auf der Erde fiir sich selbst 
das einzige Beispiel ist, welches ihm aus der geistigen Welt Dokumente 
hertragt, er muB durch diese seine eigenen Dokumente durchgehen, er 
mufi durch sich hindurchgehen! Das haben alle diejenigen, die etwas von 
der Initiation erlebt haben, gewufit; das hat auch Brunetto Latini ge- 
wuftt. 

Nun ist bei ihm, bei diesem Lehrer und Freund Dantes, besonders 
charakteristisch, daft - was sehr haufig ist - durch ein besonderes 
Ereignis ausgelost wird dasjenige, was man Initiation nennt. Im Grunde 
genommen erwartet eigentlich ein jeder, der sich auf den Pfad der 
Geisteswissenschaft begibt, daft uber kurz oder lang fiir ihn die Tore der 
geistigen Welten sich offnen werden. Sie werden es auch. Es kann ja 
allerdings vorkommen und kommt oftmals vor, daft das Hineingehen in 
die geistige Welt allmahlich erfolgt, daft wir langsam hineinwachsen in 
die geistige Welt; aber sehr haufig ist es auch so, daft durch eine Art 
plotzlichen Ereignisses, wie durch eine Art Lebensschock, der liber uns 
hereinbricht, die geistige Welt uns geoffnet wird. Und so erzahlt denn 
Brunetto Latini selber, wie er als Gesandter zum Beherrscher Kastiliens 
geschickt worden war, wie er wieder zuriickkehrte, wie er auf dem Wege 
erfuhr, daft aus Florenz seine Partei, die Welfische Partei, vertrieben 
worden war, daft Florenz sich vollstandig verandert hatte wahrend seiner 
Abwesenheit. Das brachte ihn in Verwirrung. Mit solcher Verwirrung 
der aufteren, fiir die physische Welt geeigneten Seelenverfassung ist 
oftmals das verbunden, was den Anfangspunkt bildet fiir das Herein- 
kommen in die geistige Welt. 

Er erzahlt weiter, wie er infolge der Verwirrung statt nach Hause in 
einen benachbarten Wald hineingeritten ist, ganz besinnungslos, wie er 
nachher in der Erinnerung glauben muft. Als er zur Besinnung kam, war 
es ihm ganz eigentiimlich: da sah er nicht die gewohnliche Welt des 
physischen Planes um sich herum, sondern da sah er etwas wie einen 
machtigen Berg vor sich. Er kam nicht zur Besinnung in dem Bewuftt- 
sein, das zunachst der physischen Welt gegeniibersteht, sondern er kam 
zum Bewufttsein gegeniiber einer ganz anderen Welt, als diejenige war, 
die ihn physisch umgab. Ein machtiger Berg. Die Dinge waren aber so, 
daft sie kamen und gingen, entstanden und wieder vergingen. Und an der 



Seite dieses Berges stand eine Frau, nach deren Befehlen dasjenige, was 
entstand, entstand, und dasjenige, was verging, verging. 

Die Gesetzmafiigkeit des natiirlichen Geschehens sah Brunetto Latini 
in der Form einer Imagination. Die ganzen Natnrgesetze und ihre 
Gesetzmafiigkeit, die schaffende, webende, wesende Natur kamen ihm 
vor in der Imagination in der Gestalt einer Frau, die die Bef ehle gab, wie 
da die Dinge entstehen und vergehen sollten. 

Wir sehen, wir leben in der Zeit des 13., 14. Jahrhunderts, wir leben in 
der Zeit, in welcher die naturwissenschaftliche Denkweise nach und 
nach heranriickt. Dasjenige, was man spater abstrakt die Naturgesetz- 
lichkeit nannte, wovon man sich spater durchaus nicht hat vorstellen 
wollen, dafi etwas Wesenhaftes dahinter ist, das sah Brunetto Latini in 
Form der Imagination von einer Frau, aus deren Geiste, wie in einem 
diese von ihm auch imaginierte Natur beherrschenden Worte, dasjenige 
hervorging, was spater in abstrakter Form als Naturgesetzmafiigkeit 
empfunden wurde. Diese Frau sagte ihm dann - so erzahlt er -, er solle 
seine Seelenkrafte vertiefen, dann werde er immer tiefer in sich hinein- 
kommen. - Und nun ist es interessant, wie sie, gleichsam ihre Kraft iiber 
ihn ausstrahlend, ihm die Moglichkeit gibt, immer tiefer in sich hinein- 
zukommen. Es ist das Untertauchen in die eigene Wesenheit. Und die 
Reihenfolge, die er angibt, ist wirklich fur gewisse Verhaltnisse die 
richtige Reihenfolge der Initiation. 

Das erste, sagt er, was er nun kennenlernte, das waren die Seelen- 
krafte. Also indem man da in sich untertaucht, lernt man das, was einem 
ja sonst unbewufSt bleibt, wirklich kennen: die eigenen Seelenkrafte. 
Und dieses Erkennen der eigenen Seelenkrafte, das ist ja allerdings etwas, 
was leicht der Mensch, wenn er wirklich an sie herankommt, flieht. 
Denn es ist schon wirklich oftmals so, daft uns diese Seelenkrafte, wenn 
wir sie wahrnehmen, unsympathisch vorkommen, dafi wir uns sagen: 
Was fur eine unsympathische Seele ist das! - Und das will man dann 
nicht. Gerade so, wie es dem guten Professor gegangen war, als er seine 
eigene Gestalt gesehen hat und sie ihm recht unangenehm vorkam. Man 
will sie nicht sehen! Denn innerhalb dieses Chores von Seelenkraften 
sieht man so manches, was man an sich hat, was man sich durchaus im 
gewohnlichen Leben nicht zuschreibt. Aber man sieht es in einer Weise, 



dafi es an der Gesamtheit unseres Wesens arbeitet, an der Erhohung, 
aber auch an der Verringerung unseres Wesens, daft es uns wertvoller 
oder weniger wertvoll macht fiir das Gesamtdasein des Universums. 

Also wir steigen da zuerst herein in die Seelenkrafte. Die nachste 
Stufe, die man dann erlebt, ist diejenige der vier Temperamente. Wie wir 
da zusammengewoben sind aus dem cholerischen, melancholischen, 
sanguinischen, phlegmatischen Temperament, und wie dieses Zusam- 
menweben tief er unten liegt als die Seelenkrafte, das wird zunachst klar. 
Und erst wenn man durch die Temperamente gegangen ist, kommt man 
zu dem, was man im okkulten Sinne die fiinf Sinne nennen kann. Denn 
so wie der Mensch zunachst von diesen fiinf Sinnen spricht, ist es ja nur, 
wie er sie von aufien kennt. Er kennt sie ja nur von aufien, diese fiinf 
Sinne. Innerlich kann man die Sinne nur kennenlernen, wenn man durch 
die Temperamente heruntergestiegen ist in tiefere Regionen des eigenen 
Selbstes. Dann sieht man die Augen, die Ohren, die anderen Sinne von 
innen, das heifk, man erlebt zum Beispiel seine eigenen Augen, seine 
eigenen Ohren, sie ausfiillend von innen. Sie miissen sich, sagen wir, 
folgendes vorstellen: Statt dafi Sie hier hereingehen durch diese Tiir in 
diesen Saal und hier die Gegenstande und Personen wahrnehmen, die 
schon darinnen sind, so kommen Sie, wenn Sie dieses Hinuntersteigen- 
in-sich-Selbst durchmachen, in die Region, sagen wir, Ihrer Augen oder 
Ohren. Innerhalb dieser Region nehmen Sie wahr, wie von innen heraus 
die Krafte arbeiten, um das Sehen und das Horen zustande zu bringen. 
Sie nehmen eine ganz komplizierte Welt wahr, eine Welt, von der ein 
Mensch, der nur den aufieren physischen Plan kennt, keine Ahnung hat. 

Gewifi wird mancher sagen: Nun ja, aber imponieren wird mir doch 
nicht diese Welt der Augen und Ohren! Die Welt des physischen Planes, 
die ich um mich habe, ist grofi, aber die Welt der Augen und Ohren ist 
klein; da schaue ich in eine kleine Welt hinein. - Das aber ist eine Maja! 
Was Sie iiberschauen, wenn Sie in Ihrem eigenen Ohre drinnen sind, 
wenn Sie in Ihrem eigenen Auge drinnen sind, ist viel grofier, viel voller 
als die aufiere physische Welt; da haben Sie eine viel reichere Welt um 
sich herum. 

Und dann erst, wenn man durch diese Region durchgegangen ist, 
kommt man in die Region der vier Elemente. Wir haben ja von all diesen 



Eigentiimlichkeiten der einzelnen Elemente auch gesprochen. Dann erst 
fiihlt man sich darinnen im Erdigen, im Wasserigen, Luftformigen und 
Warmeartigen. 




So wie der Mensch seine Sinne kennt, kennt er sie von aufien, aber hier 
lernt er sie von innen kennen. Also er geht hier mit dem Bewulksein von 
innen in das Auge hinein, durchbricht dann das Auge, und so durch das 
Auge brechend, kommt er in die vier Elemente hinein. Er kann auch 
durch das Ohr durchbrechen oder durch den Geschmackssinn. Von 
diesen Elementen ist der Mensch fortwahrend umgeben, aber er weift 
doch nicht, wie sie innerlich sind. Wie sie innerlich sind, das kann man 
nicht sehen mit den aufieren Sinnesorganen; da muE man zuerst aus 
diesen Sinnesorganen herauskommen, aber von innen, mufi sie dann 
wieder wie durch Tore verlassen, mufi hinaussteigen durch seine Augen 
und seine Ohren. Da schliipft man also durch das Auge durch, schliipft 
durch das Ohr durch und kommt dann in die Region der Elemente 
hinein. Dadurch lernt man kennen, was in dieser Region der Elemente 
selber als Geistiges lebt: also die verschiedenen Arten von Naturgeistern 
und diejenigen Wesenheiten, die zu den an die Menschen zunachst 
angrenzenden Hierarchien gehoren. 

Dann kommt man weiter, kommt in die Region der sieben Planeten 
hinein. Da ist man schon weiter draufien, da lernt man schon dasjenige 
kennen, was schopferisch mit uns verbunden ist im grofien Universum. 
Und dann hat man, wie es immer genannt worden ist, Okeanos, den 
Ozean, zu durchschreiten. 



Seelenkrafte 

vier Temperamente 

funf Sinne 

vier Elemente 

sieben Planeten 

Ozean 

Dieses Durchschreiten des Ozeans bedeutet das Folgende: Man kann an 
die Planeten noch herankommen, wenn man, ich mochte sagen, mit dem 
letzten Teil seines Seelenwesens im Physischen noch drinnen ist. Aber 
wenn man so durch die Tore der Sinne hinausgeht, durch die Elemente 
und die Planeten hindurch, dann mufi man zuletzt selbst die letzten 
Reste von seinem Seelenwesen nachziehen, so dafi man bewufit in den 
Zustand hineinkommt, in dem man sonst nur im Schlafe ist. Wenn man 
so mit den Planeten ist, ist man noch immer gleichsam mit einem Stuck 
seines Seelenwesens im Leibe drinnen (siehe Zeichnung). Zieht man dies 
noch heraus, dann kommt einem das so vor, als ob man durchschwim- 
men wiirde den universellen Ozean des geistigen Daseins. 



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Dies alles unternimmt nun Brunetto Latini; er erzahlt, wie er jeden 
dieser Schritte unternommen hat auf das Geheifi der Frau, die ihm in 
seiner imaginativen Erkenntnis erscheint. Dann ermahnt ihn die Frau, er 
solle weitergehen. Diese Ermahnung trifft ihn aber in einem besonderen 
Augenblick, und das ist sehr charakteristisch. 

Also bedenken Sie: Der Mann reitet, weil er perplex ist uber dasjenige, 
was in seiner Vaterstadt geschehen ist, in einen Wald, kommt zu einer 



Besinnung, die ihn aber nicht in die physische Welt ftihrt, sondern durch 
alle diese Regionen durch. Dann tritt fur ihn der Moment ein, wo er 
-jetzt nicht durch einen Zufall, wie man so sagt, sondern durch die 
Aufforderung der Frau - sich in dem Wald drinnen erblickt. Also 
nachdem er das alles durchgemacht hat, nachdem er hindurchgestiegen 
ist durch die Seelenkrafte und die Temperamente, durch die Sinne 
geschritten ist in die elementare Welt, dort schon reiches, geistiges Leben 
wahrgenommen hat, nachdem er die sieben Planeten wahrgenommen 
hat, durch die sieben Planeten hindurch die hoheren Hierarchien, wie sie 
Kreis an Kreis geschlossen haben, dann sich gefiihlt hat, nicht wie auf 
festem Grunde, sondern wie den Ozean durchschwimmend, wacht er 
auf in der physischen Welt. 

Und dies ist das aufterordentlich Wichtige, das wir auch wiedererken- 
nen bei alien diesen Initiationsvorgangen: dafi die Betreffenden einen 
Kreislauf durchmachen, daft sie zuriickkommen in die physische Welt. 

Brunetto Latini f uhlt sich, nachdem er das alles durchlebt hat, wieder 
in seinem Walde. Jetzt ist er von dem, was ihn physisch umgibt, wirklich 
umgeben. Gleich darauf steht die Frau wieder da, aber so, dafi er jetzt 
den physischen Wald um sich hat, und sie sagt ihm, er solle nun nach der 
rechten Seite reiten. Und da gibt sie ihm Anweisung, wie er kommt zur 
Philosophic, zu den vier menschlichen Tugenden, und zur Erkenntnis 
des Gottes der Liebe. 

Merken Sie, was da Bedeutsames dahinterliegt! Der Mensch der 
Gegenwart wird ohne weiteres sagen: Philosophic, na, das kenne ich, ich 
habe die ganze Geschichte der Philosophic studiert, weifi was Philoso- 
phic ist, was sie lehrt. Vier Tugenden: Plato hat sie genannt Weisheit, 
Mut, Gleichgewicht oder Mafiigkeit, Gerechtigkeit. Nun, und der Gott 
der Liebe, wer kennt ihn nicht? - man braucht nur die vier Evangelien zu 
lesen! Kurz, der Mensch der Gegenwart kennt das alles. Das ist aber das 
Charakteristische mit Bezug auf die geistige Erkenntnis: man fangt an zu 
sehen, dafi man das alles nicht kennt, dafi man erst hindurchgehen mufi 
durch das Begreifen der geistigen Welt und dann zuriickkommen mufi 
zu dem, was die physische Welt gibt, und dann erst die physische Welt 
begreifen kann. 

Also Brunetto Latini wiirde, wenn er jetzt aufstehen wiirde, und es 



wiirde zu ihm ein sehr gelehrter Herr der Gegenwart kommen, nehmen 
wir an, ein ganz beriihmter Professor der Philosophic, und er wiirde 
sagen: Ich kenne die ganze Philosophic -, da wiirde Brunetto Latini 
antworten: Ja, gewifi kennst du sie, aber in Wahrheit weifit du gar nichts 
von ihr. Du mufit zunachst kennenlernen das Aussehen der iibersinnli- 
chen Welten, mufit wissen, wie es in den iibersinnlichen Welten beschaf- 
fen ist; dann kommst du zuriick zur Philosophic und dann ist sie fur 
dich etwas ganz Neues, dann erst wirst du anfangen, eine Ahnung zu 
haben von dem, was du jetzt glaubst, ganz genau zu wissen. 

Man konnte dieselbe Sache auch noch anders beschreiben. Nicht 
wahr, wer wiirde es nicht absurd finden, wenn man sagen wiirde: ein 
ganz beriihmter philosophischer Kopf schreibt ein philosophisches 
Buch, aber er versteht es nicht. Das mufi er doch verstehen, nicht wahr? 
Wenn er ein philosophisches Buch schreibt, wie sollte er das nicht 
verstehen, was er selber geschrieben hat! Ja, aber es ist buchstablich 
wahr, dafi er das Buch geschrieben haben kann und doch nichts davon zu 
verstehen braucht, was er geschrieben hat. Es ist heute gar nicht 
schwierig, Biicher zu schreiben: sie schreiben sich von selber. Die Dinge, 
nicht wahr, die man nachsagen gelernt hat, die komponiert man zusam- 
men, aber man braucht deshalb nicht einzudringen in den tieferen Sinn 
der Sache. Das ist das Gewaltige, das uns bei Brunetto Latini entgegen- 
tritt, dafi er durch geistiges Erkennen dasjenige kennenlernen will, was 
die anderen durch aufieres Studium kennenlernen, und dafi er erst, 
nachdem er hindurchgegangen ist durch die geistige Welt, dann wie- 
derum antrifft das, was die anderen zu haben glauben von der physi- 
schen Welt her: die Erkenntnis der Philosophic, die Erkenntnis der vier 
Tugenden und die Erkenntnis des Gottes der Liebe. 

Ich mochte gerne, daft dies, was ich mit den letzten Auseinanderset- 
zungen meine, ganz verstanden werde, meine lieben Freunde! Gewifi, 
eine bestimmte Art von Kenntnis der Dinge ist schon zu erlangen, auch 
ohne geistiges Erkennen; aber die Dinge erscheinen in einem ganz neuen 
Lichte, erscheinen als etwas ganz anderes, wenn man sich zuerst bekannt 
gemacht hat mit dem, was hinter der physischen Welt liegt. Und so 
sehen wir gerade an dem Beispiel des Zusammenhanges des Brunetto 
Latini mit Dante, das ich nur aus diesem Grunde angefuhrt habe, wie 



aufieres kiinstlerisches Schaffen zusammenhangt mit der Initiation, so 
sehen wir, wie in der Tat das grofie Kunstwerk Dantes zusammenhangt 
mit der Initiation. Dante hatte zu seiner eigentumlichen Art, sich zur 
geistigen Welt zu stellen, nicht kommen konnen, wenn er nicht Brunetto 
Latini zum Freund und Lehrer gehabt hatte, der ihn hinaufgezogen hat 
in die geistige Welt. 

Jedes Zeitalter hat eine besondere Art, die geistige Welt zu suchen. 
Wir finden schon in den dem Danteschen Zeitalter vorangehenden 
Jahrhunderten immer wieder und wiederum bei den verschiedensten 
Initiierten jene Frau, von der auch Brunetto Latini spricht, jenes Hinein- 
gefuhrtwerden in die geistige Welt durch diese Frau. Einzelne - und 
diese ganze Entwickelung geht ja zuriick bis ins 7., 8. Jahrhundert -, 
einzelne nennen geradezu diese Frau «Natura», die lebendige, schaffende 
Natur. Alte Eingeweihte beschrieben diese Frau, die lebendige, schaf- 
fende Natur als die Beraterin des Nus, des die Welt durchschaffenden 
Verstandes, der die Welt als Nus durchsetzenden, weisheitsvollen Ver- 
nunft, und sie nennen diese Frau eine Verwandte der Urania. Wahrend 
Nus draufien im Kosmos beraten wird von Urania, wird er in unseren 
Gegenden, unseren irdischen Gegenden beraten von der Natura. Und 
wenn man die ganze Sache durchschaut, so wird man zuruckgefiihrt auf 
die andere Art, durch welche in viel alteren Zeiten die Eingeweihten 
gewissen Geheimnissen des Daseins nahezukommen versuchten, und 
dann finden wir in alteren Zeiten diese Frau wieder in Proserpina, in der 
Persephone, die der Mutter Demeter das Gewand webt. So verandern 
sich die Imaginationen im Verlaufe der Jahrhunderte, aber aus all diesen 
Imaginationen miissen wir entnehmen, dafi das, was im fortlaufenden 
Strom der Menschheit gewirkt hat, eben die Geheimnisse der Initiation 
sind. 

Um diesen Dingen recht nahezukommen, gehort allerdings dazu, dafi 
man sich durchdringt mit dem lebendigen Gefiihle, dafi in allem, was in 
der Welt geschieht, nicht nur diejenigen Krafte und Wesenhaftigkeiten 
wirksam sind, welche die aufieren Sinne und der aufiere Verstand 
wahrnehmen konnen, sondern dafi iiberall das Geistige wirksam ist. Wir 
miissen aber rechnen damit, dafi dasjenige, was der Mensch heute, und 
schon seit langer Zeit, «geistige Entwickelung» nennt, ja nichts anderes 



ist als die Entwickelung jener Krafte, die an die physische Leiblichkeit 
gebunden sind. Man nennt ja heute vielfach geistige Entwickelung die 
Entwickelung der Krafte, die an die physische Leiblichkeit gebunden 
sind. Das hat sich nach und nach entwickelt. Wir wissen ja, dafi in alten 
Zeiten Hellsehen als der normale menschliche Zustand vorhanden war. 
Dieses ist allmahlich abgeflutet und abgedammert, und das, was wir 
heute geistige Entwickelung nennen, ist etwas, was durchaus an den 
physischen Menschen gebunden ist. 

In der Zeit des Mysteriums von Golgatha trat allerdings mit diesem 
Mysterium von Golgatha etwas in die menschliche Entwickelung ein, 
das grofi, so gewaltig ist, dafi es erst nach und nach ganz wird begriffen 
werden konnen. Was der Mensch bisher hatte, war eine Art Tradition. 
Mit dem Aufwand der letzten Reste atavistischer Hells eherkraft haben 
die Evangelienschreiber aufgezeichnet, was geschehen ist; aber das ist, 
wie gesagt, ein letzter Aufwand. Und jetzt fangen wir an, mit der 
neuerschlossenen Hellseherkraft die ersten Wahrheiten des Mysteriums 
von Golgatha wiederum zu begreifen. Wir miissen begreifen, dafi die 
kommenden Zeiten tiefer und tiefer hineindringen werden in diese Ge- 
heimnisse des Mysteriums von Golgatha. Wir stehen durchaus erst am 
Anfang davon. Doch wir fangen eben an. Gewirkt hat der Impuls des 
Mysteriums von Golgatha aber seit jenem Zeitpunkt, seit dem das 
Christus-Leben durch die Erde durchgegangen ist. Hatten die Men- 
schen vom Christentum - ich habe das schon ofter betont - nur das- 
jenige gehabt, was sie einsehen konnen, dann hatten sie nicht viel vom 
Christentum gehabt. Hatte der Christus-Impuls nur durch dasjenige 
wirken konnen, was sie haben begreifen konnen, dann hatten sie in den 
verflossenen Jahrhunderten wirklich recht wenig von dem Christus 
gehabt. 

Ich habe ofter zwei Beispiele angefiihrt - ich konnte viele anfuhren -, 
aus denen wir sehen, wie der Christus wirkt in der menschlichen Seele, 
in dem, was also durch die historische Entwickelung der Menschheit 
durchgeht, von dem die Menschen aber nichts wissen konnen. Denn 
wahrhaftig, das, was der Kaiser Konstantin gewufit hat vom Christus- 
Impuls, als er selbst sich zum Christentum bekehrt hat und das Chri- 
stentum zur Staatsreligion gemacht hat, war sicher herzlich wenig. Aber 



dadurch, dafi Konstantin, der Sohn des Constantius Chlorus, des Bias- 
sen, den Sieg errungen hat iiber Maxentius, wurde in Rom der Anstofi 
zur Einfuhrung des Christentums gegeben. Die ganze Einrichtung ist so, 
dafi spezielle Krafte zugrunde liegen, so dafi iiberall dieser Christus- 
Impuls wirkt. Die Sibyllinischen Biicher wurden von Maxentius zu Rate 
gezogen. Sie gaben ihm die Auskunft - ich habe das zum Beispiel im 
Leipziger Zyklus vor einem Jahre erwahnt wie er es machen sollte 
gegeniiber dem heranriickenden Heere des Konstantin. Aber auch einen 
Traum hatte er. Diesem Traum und den Sibyllinischen Biichern f olgend, 
ging er mit dem Heer, das viermal starker war als das Heer des 
Konstantin, aus der Stadt dem Konstantin entgegen, was nach alien 
Kriegsregeln ein Fehler war. 

Konstantin traumte auch davon, dalS er siegen wiirde, wenn er seinem 
Heere vorantragen lassen wiirde das Symbolum des Kreuzes Christi, was 
er auch tat. Nicht durch alle menschliche Weisheit, deren man da- 
mals hatte teilhaftig werden konnen, sondern durch Traume wurde 
alles entschieden. Aber durch die Traume hindurch wirkte etwas, was 
nicht begriffen werden konnte, was aber doch der lebendige Christus- 
Impuls war. Wirklich, es konnten die Menschen nicht verstehen, was in 
ihnen wirksam, tatig, lebendig wirkte, und was die Weltentwickelung 
weiter brachte, was dazumal dem europaischen Kontinent sein Antlitz 
gab. 

Und wiederum finden wir eine Zeit, in welcher wir sehen konnen, wie 
die Menschen mit ihrer Vernunft, mit ihrem Verstand, auch mit ihrem 
Gefiihlsvermogen sich herumzanken iiber allerlei Dogmen, Dogmen, die 
heute den Aufgeklarten recht sonderbar vorkommen: ob es richtig sei, 
die Kommunion unter einer oder unter zwei Gestalten zu nehmen und 
so weiter. Wir wissen, mit welcher Heftigkeit diese Streitigkeiten spiel- 
ten, die dann spater im Hussitismus, bei Wiclif und so weiter, zum 
Austrag gekommen sind. Aber solche Streitigkeiten gab es immer. Sie 
sind ein Beweis dafiir, wie wenig heranreichte der Verstand des Men- 
schen an dasjenige, was der Christus-Impuls wirklich war. 

Wo aber kam in einem wichtigen Augenblick der Christus-Impuls 
wirklich zum Vorschein? Ich habe auch darauf ofter hingewiesen. In 
einem Hirtenmadchen, in der Jungfrau von Orleans kam er in einer Art 



Schau zum Vorschein. Und nun miissen wir uns klar sein, daft das eine 
Art Nachhilfe ist der iibersinnlichen, der spirituellen Krafte, die da 
hereinwirken in das Gefiihl der Menschen in einer Zeit, wo sie noch 
nicht in die menschlichen Begriffe hereinwirken konnten. 

Bei Jeanne d'Arc war die Sache ja ganz besonders interessant. Ihr 
Inneres war aufgeschlossen; aber nicht dasjenige war aufgeschlossen, 
was an den physischen Leib gebunden ist, sondern aufgeschlossen war 
das Wahrnehmen ihres atherischen, ihres astralischen Wesens. Aber es 
war so aufgeschlossen, daft wir in der Tat ein Analogon bei ihr f inden fur 
die Initiation. Inwiefern? 

Nun, erinnern Sie sich einmal, wie wir neulich in einem gehorigen 
Zeitpunkt hier zum Vortrage gebracht haben die Geschichte von Olaf 
Asteson: wie Olaf Asteson die Tage nach Weihnachten durchschlief und 
erst wieder aufwachte am Dreikonigstag, am 6. Januar. Wir haben daran 
gewisse Bemerkungen gekniipft: daft in der Jahreszeit, wo die aufteren 
physischen Sonnenstrahlen die geringste Kraft haben, die geistige Kraft, 
welche die Erde umhiillt, die grofite ist. Deshalb ist das Weihnachtsfest 
mit groftem Recht in die Zeit gelegt, in der physisch die groftte Finsternis 
ist. In der Finsternis kommt die geistige Erleuchtung iiber die menschli- 
che Seele, die der Erleuchtung fahig ist. Deshalb wird uns die Legende 
von Olaf Asteson erzahlt: wie er gerade in der Zeit sein Seelisch-Inneres 
stimmt so, daft die Krafte, die als geistig-spirituelle Lichtkrafte von der 
Sonne hineingehen in die Erdenaura in der Zeit, wo die auftere Sonnen- 
kraft am schwachsten ist, seine Seele ergreifen, und er wirklich bis in die 
Zeit des 6. Januar durchmacht dasjenige, was man nennen kann: ein 
Hereinschreiten in die geistige Welt. 

Fur eine grofte historische Mission soil die Jungfrau von Orleans 
angeregt werden. In ihrer Seele sollten die Impulse anwesend sein, die 
mit dem Christus-Impuls durch die Welt wallen und wogen. Die sollten 
darinnen sein in ihrer Seele. Wie konnten sie hineinkommen? Sie hatten 
hineinkommen konnen, wenn die Jungfrau von Orleans zu irgendeiner 
Zeit ihres Lebens etwas Ahnliches durchgemacht hatte wie Olaf Aste- 
son: wenn sie geschlafen hatte die dreizehn Tage nach Weihnachten und 
am 6. Januar aufgewacht ware. Das hat sie allerdings nicht getan wie 
Olaf Asteson; aber in gewissem Sinne hat sie in einem Schlafzustand 



durchgemacht diese Zeit, die der Initiation giinstig ist, in den letzten 
dreizehn Tagen ihrer Embryonalzeit. Sie wurde von ihrer Mutter so 
getragen, dafi sie durchmachte in den letzten dreizehn Tagen ihrer 
Embryonalzeit die Weihnachtszeit im Leibe ihrer Mutter, und dafi sie 
am 6. Januar geboren wurde: denn das ist der Geburtstag der Jungfrau 
von Orleans. Das ist ein Hindurchgehen gerade durch diejenige Zeit, in 
der die geistigen Krafte besonders stark in der Erdenaura walten. 

Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, wenn die aufieren 
Dokumente es selbst feststellen, dafi die Dorfbewohner an jenem 6. 
Januar 1412 durcheinandergerannt sind, gefiihlt haben, dafi etwas 
geschehen ist. Was denn eigentlich geschehen war an diesem 6. Januar, 
wufite man allerdings erst spater, als die Jungfrau von Orleans ihre 
Mission auszufuhren hatte. Fur denjenigen, der die geistigen Zusammen- 
hange durchschaut, bedeutet es etwas Ungeheures, daft in unserem 
Geburtskalender eingeschrieben steht, dafi Jeanne d'Arc am 6. Januar 
geboren ist. 

Die Zusammenhange in der Welt sind eben tief, und der Mensch, der 
auf geklart ist, kann auch wissen - er braucht es ja nur nachzuschauen im 
Konversationslexikon -, wann die Jungfrau von Orleans geboren ist. 
Aber er weifi damit natiirlich nur das Allerwenigste. Erst derjenige, der 
die Bedeutung des 6. Januar durch die Geisteswissenschaft kennt, lernt 
die ganze Bedeutung dieses Faktums erkennen. 

So sehen wir selbst bei so weithin leuchtenden Tatsachen, wie man 
gleichsam hindurchgehen mufi durch ein Begreifen der geistigen Angele- 
genheiten, wie man dann wiederum zuriickkommen mufi zu den irdi- 
schen Angelegenheiten und diese dann erst im vollen Sinne des Wortes 
verstehen kann. 

Auch diese Betrachtung habe ich wiederum aus dem Grunde ange- 
stellt, um zu zeigen, dafi wirklich dasjenige, was man heute gemeiniglich 
Geisteskultur nennt, alt geworden ist, diirr und trocken geworden ist, 
und wie derjenige, der irgend etwas begreift von den tieferen Impulsen, 
die durch die Welt- und Menschheitsentwickelung gehen, sich klar 
werden mufi, daft wir vor einer Erneuerung stehen miissen, an der wir 
selber teilnehmen durch unser Begreifen, teilnehmen durch unsere Sehn- 
sucht nach der spirituellen Welt. Und je intensiver wir uns vorstellen, 



dafi eine Erneuerung eintreten mufi, desto besser werden wir auch die 
Moglichkeit finden, mitzuwirken an einer solchen Erneuerung. 

Mit dem blofien kleinlichen Verandern und Reformieren des Alten ist 
fur die Zukunft nicht mehr gedient; es handelt sich um eine radikale 
Erneuerung desjenigen, was man menschliches Geistesleben nennen 
kann. Denn so verschieden dasjenige ist, was Geisteswissenschaft in 
unserem Sinne genannt wird, von dem, was heute in den weitesten 
Kreisen draufien \iber das geistige Leben geiehrt wird, so verschieden 
wird die Zukunftskultur von der Kultur der Gegenwart sein. Und wenn 
heute die Menschen leicht finden, dafi dasjenige, was Geisteswissen- 
schaft treibt, eine Phantastik, vielleicht eine Narretei ist, so bedeutet das 
nichts Geringeres, als dafi die Menschen der Gegenwart alles, was die 
Geisteskultur der Zukunft beherrschen wird, zugleich eine Phantasterei, 
eine Narretei nennen. 

In solcher Zeit aber mufi eine Wiedergeburt des menschlichen Seelen- 
iebens stattfinden. Da miissen sich alle Zweige des menschlichen Lebens 
in den Impuls dieser Erneuerung, dieser Wiedergeburt hineinleben. Da 
mul5 auch alles Kunstlerische wiederum nahe an die Initiation heran- 
kommen. Und damit haben wir die Griinde angegeben, warum einmal 
versucht werden mufite, in unserem Dornacher Bau ein Anf angswerk zu 
schaffen, das bei alien seinen Unvollkommenheiten dennoch in alien 
seinen Einzelheiten zusammenhangt mit dem, was die Wissenschaft der 
Initiation fur unsere Gegenwart zu sagen hat. 

Nur dadurch, dafi die Ergebnisse der Geisteswissenschaft lebendig in 
unseren Seelen werden und als lebendiges Ergebnis in der aufieren Form 
zum Ausdruck kommen, nur dadurch hat dasjenige, was in unserem Bau 
entsteht, seinen entsprechenden Wert, und wird ihn haben als Ausgangs- 
punkt, nicht als etwas, was schon vollendet ist. Man mochte wiinschen, 
dafi die Sache so angesehen wird und dafi insbesondere in unserem 
Kreise intensiv das Bewufitsein vorhanden ist: Es besteht ein inniger 
Zusammenhang zwischen dem, was wir die Jahre hindurch uns aneignen 
wollten als Geisteswissenschaft, und dem, was in jeder Linie, in jeder 
Einzelheit unseres Baues enthalten ist. Dann, wenn wir selber von dieser 
Erkenntnis durchdrungen sind, werden wir durch unseren Bau der Welt 
dasjenige sagen konnen, was der Welt notwendigerweise gesagt werden 



mufi. Und dann werden wir mit Befriedigung in die Zukunft sehen 
konnen, die aus den elementaren, primitiven Anfangen dieses Dornacher 
Baues heraus immer Vollkommeneres und Vollkommeneres - aber in 
seiner Art - wird zu schaffen haben. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 2. Februar 1915 

Es ist schon ofter bei unseren Auseinandersetzungen die Gelegenheit 
gewesen, darauf aufmerksam zu machen, dafi derjenige, welcher das 
Leben und das Dasein wirklich verstehen will, nicht eigentlich sich auf 
den Satz berufen darf, dafi das Leben und das Dasein etwas Einfaches sei. 
Auf die Kompliziertheit und das Mannigfaltige der Weltenharmonie, in 
welche der Mensch einverwoben ist, mufite ofter aufmerksam gemacht 
werden, schon aus dem Grunde, weil man ja immer wieder und wieder 
hort, dafi die Leute sagen, die Wahrheit - und sie meinen damit 
gewohnlich die Wahrheit iiber die allerhochsten Dinge - miisse einfach 
sein. Und am liebsten haben es die Menschen, wenn ihnen jemand diese 
Wahrheit iiber die allerhochsten Dinge so charakterisiert, daf$ man sie 
eigentlich nicht zu erlernen braucht, sondern dafi man sie ohne alles 
Lernen, so wie durch sich selbst, einfach hat. 

Jeder Mensch - ich habe das ofter gesagt - gibt zu, dafi er eine Uhr 
nicht verstehen kann, wenn er nicht gelernt hat, das Ineinandergreifen 
der Rader und des sonstigen Mechanismus zu begreifen. Nur gegeniiber 
der grofien, herrlichen, gewaltigen Weltenschopfung mochten die Men- 
schen gern, daf$ man sie verstehen kann, ohne sich irgendwie anzustren- 
gen. Nun ist im Grunde genommen die ganze Geisteswissenschaft dazu 
da, uns langsam und allmahlich ein Verstandnis zu gewahren von dem, 
was eigentlich der Sinn, die Bedeutung des Daseins und des Lebens ist. 

Ich mochte heute ein Kleines hinzufiigen zu den Dingen, die wir 
schon betrachtet haben; ich mochte dabei ankniipfen an uns gelaufige 
Begriffe und Ideen, an Ideen, die wir ofter in uns aufgenommen haben. 
Ausgehen mochte ich davon, dafi wir oftmals vom Standpunkte der 
Geisteswissenschaft aus die Worte gebrauchen miissen: Das aufiere 
Dasein, in dem wir leben, ist eine Maja oder die Maja, die grofte 
Tauschung. - Ich habe betont: Nicht das kann unsere Anschauung 
innerhalb der abendlandischen Weltanschauung sein, als ob alles, was 
uns umgibt, Tauschung ware im Sinne davon, dafi es unwahr ware. 
Nicht die Welt als solche, die auf unsere Sinne einwirkt, die wir erfassen 



mit unserem Verstande, ist eine Maja; diese Welt ist in dem innersten 
Wesen wahrhafte Wirklichkeit. Aber die Art, wie sie der Mensch 
anschaut, wie sie dem Menschen erscheint, das macht die Welt zur Maja, 
das macht sie zur groEen Tauschung. Und wenn wir durch unsere innere 
Seelenarbeit dahin kommen, zu dem, was uns die Sinne zeigen, zu dem, 
was uns unser Verstand sagt, die eigentlich tieferen Grundlagen zu fin- 
den, dann werden wir bald einsehen, inwiefern die aufiere Welt als eine 
Tauschung aufgefafit werden kann. Denn dann erscheint sie uns in ihrem 
wahren Lichte, erscheint sie uns in der Wahrheit, wenn wir sie iiberall zu 
erganzen, zu durchdringen wissen mit dem, was uns gegemiber der 
ersten Betrachtung, die wir der Welt zuwenden, verborgen sein mul 

Das gibt dem Menschen gerade sein Wesen, seine Wiirde, seine 
Bestimmung, dafi er vom Weltenall, vom Universum nicht wie ein 
unmiindiges Kind behandelt wird, dem man die Wahrheit so ohne 
weiteres in den Schofi wirft, sondern dafi vorausgesetzt wird, daf$ er sich 
durch seine eigene Arbeit, die Arbeit seines ganzen Lebens, die Wahrheit 
erarbeitet. Gewissermafien rechnen die Weltenmachte auf unsere Mitar- 
beit beim Erringen der Wahrheit, sie rechnen auf unsere Freiheit, auf 
unsere Wiirde. 

Nun ist das ganze Menschenleben, so wie es zunachst verlauft zwi- 
schen Geburt und Tod, eine Maja, eine Tauschung. Es mu!5 dieses 
Menschenleben eine Tauschung sein aus dem Grunde, weil wir ja stets, 
wenn wir die Welt nur in bezug auf ihre aufieren physischen Dinge und 
Vorgange betrachten, aufier acht lassen die andere Seite der Welt und 
dieses Weltendaseins, soferne es den Menschen betrifft, aufier acht lassen 
dasjenige, was der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. 

Nun mochte man gewi£ sagen: Man versteht das Menschenleben 
zwischen der Geburt und dem Tode, wenn man es einfach betrachtet; 
wozu braucht man denn da die andere Seite, das Leben zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt? - Aber schon dieses ist eine ganz 
unrichtige Auffassung, einfach aus dem Grunde, weil das Leben zwi- 
schen der Geburt und dem Tode eine Spiegelung ist des Lebens zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt. Dasjenige, was wir durchlebt haben 
in dem Leben, das unserem jetzigen physischen Leben vorangegangen 



ist, spiegelt sich ab in dem Leben, das wir verbringen zwischen der 
Geburt und dem Tode. 

Zum Verstandnis dieser Spiegelung ist es notwendig, daft wir noch 
zwei Dinge ins Auge fassen. Das erste ist, dafi wir gewisse Etappen, 
gewisse Hauptpunkte unseres Lebens zwischen der Geburt und dem 
Tode betrachten, und gerade untersuchen, inwiefern sich diese Punkte 
spiegeln, herausspiegeln aus dem Leben zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. Dann ist es notwendig, ins Auge zu fassen, dafi das Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in viel intensiverem Mafie 
verbunden ist mit den unbekannten Welten, von denen wir sprechen 
durch die Geisteswissenschaft: mit jenen Vorgangen, die sich vor unserer 
Erdenbildung auf dem abgespielt haben, was wir den alten Saturn, die 
alte Sonne und den alten Mond nennen. Diese Vorgange auf dem Saturn, 
der Sonne und dem Monde sind viel mehr verbunden mit dem Leben, 
das wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, als mit 
dem Leben, das wir durchleben zwischen der Geburt und dem Tode. 

Wir konnen sogar so sagen: Das Leben zwischen dem Tode und der 
Geburt ist von alien Seiten her iiberall beeinflufit von jenen vergangenen 
Leben, die wir kennen als die vergangenen planetarischen Leben von 
Saturn, Sonne und Mond. Dasjenige, was das Saturn-, das Sonnen- und 
Mondenleben bewirken in unserem verborgenen Erdenleben zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt, spiegelt sich wiederum in dem Leben 
zwischen der Geburt und dem Tode, so dafi das Leben zwischen der 
Geburt und dem Tode ein Spiegelbild dessen ist, was zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt vor sich geht, und das, was zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt vor sich geht, das wird direkt beeinflufit 
von dem, was sich auf dem alten Saturn, der alten Sonne und dem alten 
Monde abspielte. 

Gewisse Hauptpunkte, gewisse Etappen unseres Erdenlebens miissen 
wir ins Auge fassen, wenn wir den Vorgang im einzelnen besser verste- 
hen wollen. 

Das erste, was zum Erdenleben gehort, ist ja das, was wir im physi- 
schen Dasein des Menschen die Empfangnis nennen, auf welche das 
Embryonalleben des Menschen folgt. Dann erst erfolgt ja die Geburt des 
Menschen, sein Betreten des physischen Planes. 



Nun enthullt sich der Geisteswissenschaft eine sehr eigentiimliche 
Tatsache in bezug auf das Menschenleben. Eigenthch haben wir in 
unserem ganzen Menschenleben, insofern wir es im physischen Leibe 
verbringen, nur einen einzigen Vorgang, der durchaus zusammenhangt 
mit dem Erdenleben, der also gewisserma£en rein aus dem Erdenleben 
heraus erklarbar ist: und das ist die Empfangnis. Sonst nichts im 
menschlichen Leben als die Empfangnis hat im Grunde etwas zu tun mit 
dem Erdenleben, unmittelbar, ausschliefilich. Auf dieses Wort «aus- 
schliefilich» bitte ich "Wert zu legen. Dasjenige, was geschieht bei der 
Empfangnis, hat nichts zu tun mit dem Monden-, Sonnen- und Saturn- 
leben; sondern zu dem, was durch die Empfangnis geschieht, sind die 
Ursachen geschaffen innerhalb des Erdenlebens. 

Weil die aufSere Biologie, die aufiere physische Wissenschaft vorzugs- 
weise sich mit dem Erdenleben nur befassen will, und von ihrem 
Gesichtspunkte aus alles, was auf das Monden-, Sonnen- und Saturn- 
leben geht, als Narrheit betrachtet, so kann diese aufiere Wissenschaft 
Wahrheit im physischen Wortsinne nur iiber die Empfangnis finden. 
Daher finden wir auch, wenn wir solche Werke wie etwa die von Ernst 
Haeckel durchlesen, daf? am allerausfuhrlichsten behandelt wird das, was 
den Menschen zusammenstellt mit den Vorgangen in den anderen 
Organismen und dafi man sich immer auf dasjenige verlegt, was mit der 
Empfangnis irgendwie zusammenhangt. Uberlegen sie sich das, und 
vergleichen Sie es mit dem, was die aufiere Wissenschaft zu sagen hat, 
und Sie werden es bewahrheitet finden. Es geht die physisch-wissen- 
schaftliche Betrachtung, wenn sie die Vorgange im Menschen betrachtet, 
gewohnlich zuriick bis zu den einfachsten Zellenwesen. Solche Zellen- 
wesen, von deren Gestalt ja auch der Mensch ausgeht - er entwickelt sich 
ja auch aus der befruchteten Eizelle -, solche Zellenwesen hat es aber 
wirklich auf dem alten Saturn, der alten Sonne und dem alten Monde 
nicht gegeben. Diese finden sich nur auf der Erde, und auf der Erde 
findet eine solche Vereinigung von Zellen statt, auf die ein so grofier 
Wert gelegt wird von der aufieren physischen Wissenschaft. 

Diese besondere Stufe unseres Lebens ist nun nichts anderes als die 
Spiegelung eines wirklichen realen Vorganges, der vor der Empfangnis 
sich schon abspielt und der mit dem menschlichen Leben zusammen- 



hangt. Wir sind selbstverstandlich in den letzten Zeiten unseres Lebens 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber auch zu der Zeit, da 
wir physisch empf angen werden, in der geistigen Welt. Da geht immer 
etwas im geistigen Leben vor sich mit uns; und von dem, was da vor sich 
geht, ist die Empfangnis nichts anderes als ein Spiegelbild, eine Maja. 
Der wirkliche Vorgang spielt sich in der geistigen Welt ab, und dasje- 
nige, was sich in der physischen Welt abspielt, ist ein Spiegelbild, eine 
Maja. Dasjenige aber, was in der geistigen Welt geschieht, ist ein 
Vorgang, der sich abspielt zwischen der Sonne und der Erde, und zwar 
so, dafi das weibliche Element dabei die Beeinflussung von der Sonne 
her, das mannliche Element die Beeinflussung von der Erde her erfahrt. 
Also es ist der Vorgang der Empfangnis die Spiegelung eines Zusammen- 
wirkens von der Sonne und der Erde. 



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Dadurch allerdings wird dieser Vorgang, den die Menschen oftmals in 
ein die Menschheit so erniedrigendes Reich herunterdriicken, zu dem 
bedeutsamen Mysterium, zu der Spiegelung eines kosmischen Welten- 
vorganges. Interessant ist dabei noch, auf einige Details aufmerksam zu 
machen. In demjenigen, der sich dem Zeitpunkte nahert, da er die Erde 
wieder betreten soil, bildet sich seelenhaft die Vorstellung der Eltern, 
durch die er die Erde betritt. Wie er gerade zu dem einen Elternpaar hin 
getrieben wird, davon kann ein anderes Mai gesprochen werden, das 
hangt mit dem Karma des Menschen zusammen. Das aber, worauf ich 
heute aufmerksam machen will, das ist, dafi derjenige, der zur Geburt 
schreitet, von dem, was auf der Erde physisch vorhanden ist, ein Bild, 
hauptsachlich zunachst von der Mutter, erhalt. Also es schaut derjenige, 



der zur Geburt schreitet, vorzugsweise auf die Mutter herab. Von dem 
Vater erhalt er - und ich bitte das ins Auge zu fassen, denn es ist eine sehr 
bedeutsame Erscheinung - em Bild dadurch, dafi die Mutter von dem 
Vater ein Bild in ihrer Seele tragt. Der Vater wird also gesehen durch das 
Bild, das die Mutter von dem Vater in ihrer Seele tragt. 

Das ist naturlich etwas, ich mochte sagen, radikal ausgesprochen, aber 
es ist im wesentlichen das Richtige. Man kann ja iiber diese iibersinnli- 
chen Vorgange nur so sprechen, dafi man sie im wesentlichen charakteri- 
siert. Damit Sie nicht eine allzu f este Vorstellung bekommen, mochte ich 
hinzufugen, dafi allerdings dann zum Beispiel, wenn es sich darum 
handelt, daf? die geistig-seelische Erbschaft von des Vaters Seite her eine 
besondere Rolle zu spielen hat, dafi also besondere geistig-seelische 
Eigenschaften von dem Vater auf den Menschen, der geboren werden 
soli, iibertragen werden sollen, auch ein direktes Bild des Vaters 
zustande kommen kann. In demselben Mafie aber, wie das Bild des 
Vaters direkt zur Wahrnehmung kommt, schwacht sich das Bild der 
Mutter ab. 

Die nachste Stufe des physischen Erdenlebens ist dann das Leben, das 
zwischen der Empfangnis und der Geburt zugebracht wird. Auch dieses 
Leben ist im wesentlichen - wir nennen es das Embryonalleben - die 
Spiegelung eines anderen Vorganges, der sich vor diesem zuerst genann- 
ten Vorgang in der geistigen Welt abspielt. Wahrend also die Geburt im 
physischen Leben selbstverstandlich auf die Empfangnis folgt, geht 
dasjenige, wo von die Geburt eine Spiegelung ist, voran jenem Sonnen- 
Erdenvorgange, von dem die Empfangnis eine Spiegelung ist. 

Dieses Leben, das der Mensch zubringt zwischen der Empfangnis und 
der Geburt, ist schon ganz und gar nicht erklarbar aus den Verhaltnissen, 
die sonst auf der Erde sind; und es erklaren wollen aus den Kraften, aus 
den Gesetzen der Erde, ist einfach nichts anderes als ein ganz gewohnli- 
cher Unsinn. Denn es ist eben die Spiegelung eines vorgeburtlichen 
Vorganges, und dieser vorgeburtliche Vorgang ist im wesentlichen 
beeinflujKt von dem, was von dem vorirdischen Mond und von der 
vorirdischen Sonne geblieben ist. Es ist ein Vorgang, der sich zwischen 
der Sonne und dem Monde abspielt, also wesentlich ein iiberirdischer 
Vorgang. 



4'' 4/ I 



Die Krafte, die da tatig sind, sind vorzugsweise diejenigen, welche 
spielen zwischen der Sonne und dem Monde. Die aufiere Wissenschaft 
hat in ihrem Bewufitsein noch etwas bewahrt von dieser Tatsache, indem 
sie das Embryonalleben nach Mondmonaten zahlt und davon spricht, 
dafi es zehn Mondmonate in Anspruch nehme. 

So aufgef alk, haben wir zu beriicksichtigen, dafi wir in dem Leben, das 
wir verbringen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, einen 
realen, wirklichen Einflufi erfahren von der Sonne und dem Monde her, 
daf5 wir aber in dem Leben, das wir spater physisch zubringen, zwischen 
der Empfangnis und der Geburt, abspiegeln diesen Vorgang, der ein 
Sonnen- und Mondenvorgang ist. 

Beachten Sie, dafi selbstverstandlich hier das Wort spiegeln in einem 
etwas anderen als dem raumlichen Sinne gebraucht ist. Beim raumlichen 
Spiegeln hat man den Gegenstand und das Bild zugleich, aber hier hat 
man das, was der reale Vorgang ist, sich zutragend vor der Geburt; das, 
was sich spiegelt, spiegelt sich zeitlich spater. Es ist also eine Maja eines 
ubersinnlichen, vorgeburtlichen Vorganges. 

Was wir dann ins Auge fassen miissen, ist zunachst die Zeit zwischen 
der Geburt und jenem oftmals erwahnten, wichtigen Zeitpunkte des 
Menschenlebens, wo wir beginnen, unser Ich-Bewufksein zu entfalten, 
wo wir anfangen, in bewulker Weise zu uns «Ich» zu sagen. Wir konnen 
es das eigentliche Kindheitsleben nennen. Diese Zeit, die wir da zubrin- 
gen, die erste Kindheit - meinetwillen nenne man es das Sauglingsleben - 
ist wieder eine Spiegelung eines Vorganges, der nun noch weiter zuriick- 
liegt im Geistigen. Der reale Vorgang, der sich spiegelt in der Zeit, wo 
wir anfangen zu lallen, ohne da!5 wir das Sprechen mit dem Ich- 



Bewufksein in Beziehung bringen, ist eine Spiegelung eines vorgeburtli- 
chen Vorganges, der noch weiter in den Kosmos hinausreicht. Und zwar 
wirken da zusammen, wir konnen sagen, die Sonne und die gesamte 
Planetenwelt, welche zur Sonne gehort, also die Sonne und ihre Planeten 
rings um sie herum, mit Ausnahme des Mondes. Die Krafte, die zwi- 
schen der Sonne und ihren Planeten spielen, wirken herein in unser 
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dieses, was da 
lange vor unserer Geburt entsteht, spiegelt sich in dem Leben, das wir in 
den allerersten Kindesjahren zubringen. 

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/% M i\ \ ^pfcing- £mbi-yoiial- Kindheitj- 




Sie sehen daraus, dafi das Kind in sein Leben hereinspielen hat die 
Spiegelung desjenigen, was noch mehr als der Mond von dem Irdischen 
abgelost ist. Dies hat eine ungeheure, eine tief bedeutungsvolle, prakti- 
sche Konsequenz; es hat die Konsequenz, dafi der Mensch nicht gestort 
werden darf in dieser Zeit seines Lebens in bezug auf das Empf angen der 
Krafte, respektive in bezug auf die Verwertung der Krafte, die er 
empfangen hat. Bedenken Sie nur einmal, was da eigentlich vorliegt. Vor 
unserer Geburt haben Krafte aus dem Kosmos heraus auf uns gewirkt, 
die zwischen der Sonne und ihren Planeten spielen. Diese Krafte sind in 
dem Kinde, das durch die Geburt gegangen ist und das Erdenleben 
betreten hat. Diese Krafte wollen aus dem Kinde heraus. Diese Krafte 
sind wirklich in dem Kinde. Insofern ist das Kind, wenn wir auf sein 
innerstes Wesen sehen, ein Himmelsbote, und die Krafte wollen heraus. 
Wir konnen im Grunde genommen nichts anderes tun, als diesen 
Kraften die grofkmogliche Gelegenheit geben, herauszukommen. Darin 
besteht im Grunde genommen alles, was wir zu tun haben bei der ersten 



Sauglingserziehung des Menschen: wir diirfen nicht storen die Krafte, 
die herauskommen wollen. 

Ich mochte sagen, ein Zug von demiitiger Gesinnung geht aus von 
einer solchen Erkenntnis. Wahrend der Mensch gewohnlich glaubt, dafi 
er dem Kinde ungeheuer viel sein kann, handelt es sich vor alien Dingen 
darum, dafi er moglichst wenig stort dasjenige, was heraus will. Nicht als 
ob der erziehende Mensch dem Kinde nichts ware. Er ist ihm schon 
etwas. Denn das, was da herauskommt - beachten Sie das wohl -, ist ja 
ein Spiegelbild, und diesem Spiegelbild miissen wir Realitat verleihen als 
Erzieher; diesem Spiegelbild miissen wir Festigkeit geben. 

Was wir tun als Erzieher, das lafit sich folgendermafien vergleichen: 
Wenn wir hier einen Gegenstand haben, und der spiegelt sich dort, so 
haben wir hier das Spiegelbild, und dann haben wir in das Spiegelbild 
etwas hineinzutragen, das es innerlich fester mache, als es ist als Bild. 



§e9en$tand \ Spiegelbild 

i^/f/i-if i/ii • If ill'- •//•• ///.»/ JT 



Der Mensch kommt in der Tat als Spiegelbild zur Welt, und er mufi sich 
erwerben das Festmachen, das Realwerden dieser Spiegelung. Das ist 
eben seine Entwickelung zwischen der Geburt und dem Tode. Das, was 
heraus will, miissen wir moglichst wenig storen. Heraus kommen die 
Spiegelbilder der Vorgange, die wir uns schon vor der Geburt aus dem 
Kosmos heraus erworben haben. Aber durch unser Einwirken miissen 
wir das, was da als Spiegelbild herauskommt, zur Realitat befestigen, 
und insofern wir es zur falschen Realitat befestigen, also korrigieren 
wollen, insofern konnen wir es storen. Aber es ist etwas Aufierirdisches. 

Jetzt konnen Sie die ungeheuer bedeutungsvolle Konsequenz einse- 
hen, die sich daraus ergibt. Angewiesen ist derjenige, der ein Kind 
aufziehen will, darauf, dafi er in seiner eigenen Seele, die er so darlebt 



neben dem Kinde, iibersinnliche Vorstellungen und Empfindungen hat; 
denn durch alles, was wir an blofi materiellen Vorstellungen, an blofi an 
das Materielle ankniipfenden Empfindungen an das Kind heranbringen, 
storen wir die Entwickelung des Kindes. 

Oftmals wird gefragt: Was konnen wir am besten tun, um ein Kind 
aufzuziehen? Wie bei so vielen Sachen handelt es sich nicht so sehr 
darum, dafi wir ein paar Grundsatze auf stellen, die wir in der Westenta- 
sche oder im Pompadour herumtragen, um uns darnach richten zu 
konnen; es handelt sich darum, dalS wir bei uns selber anfangen, dafi wir 
uns bemuhen, einen Fond iibersinnlicher Vorstellungen in uns zu tragen, 
dafi wir von einer ins Obersinnliche gehenden Gesinnung und Empfin- 
dung durchdrungen sind. Denn diese wirken viel mehr als dasjenige, was 
wir nach aufierlichen Verstandesgrundsatzen und nach einer Verstandes- 
padagogik bewirken konnen. Ein liebevolles Gemiit, das durchdrungen 
ist von der ubersinnlichen Welt und dadurch alle Empfindungen vertieft, 
kommt dadurch auch in die Lage, ich mochte sagen - bitte das Wort 
nicht miflzuverstehen mit der Kindeserziehung einen gewissen Kultus 
zu treiben, der aber darin besteht, dafi wir ein Wesen lieben, das uns aus 
der geistigen Welt geschickt worden ist, der in einer Vergeistigung der 
Kindesliebe besteht, in einem Durchdrungensein von dem Gefiihl: 
dadurch, dafi wir dem Kinde die Hande reichen, konnen wir uns sagen: 
Du reichst dem Kinde etwas durch die Hand, aber du mufe ihm ein 
Reprasentant sein derjenigen Krafte, die nicht auf der Erde zu finden 
sind, sondern im Ubersinnlichen. 

Alles was man auskliigeln kann uber mancherlei padagogische Grund- 
satze, wird ungeheuer wenig fruchten, solange die Wissenschaft auf 
materialistischen Bahnen wandelt. Erst dasjenige wird fruchtbar fur die 
wirkliche Erziehung des Kindes sein konnen, was sich aus der Geistes- 
wissenschaft ergibt. Und das Wichtigste ist das, was wir aus uns selber 
machen. In der aufieren, materiellen Welt mogen wir viel wirken durch 
das, was wir tun; als Erzieher wirken wir viel mehr durch dasjenige, was 
wir sind. Ich bitte, das wohl zu beachten. Wir konnen geradezu als ein 
Motto, als eine Devise einer guten Padagogik betrachten den Grundsatz: 
Fur die aufiere materielle Welt wirkst du durch das, was du tust; als 
Erzieher wirkst du durch das, was du bist. 



Dann folgt die Zeit, in der wir das Knaben- oder Madchenalter 
vollbringen, das Alter, in dem wir noch immer erzogen werden, in der 
Tat aber in einer anderen Weise erzogen werden als in der Zeit, wahrend 
welcher wir Sauglinge sind. Das ist die weitere Etappe, die weitere Stuf e, 
die wir betrachten wollen. Sie soli alles dasjenige umfassen von dem 
Zeitpunkte an, wo der Mensch anfangt, bewufit zu sich «Ich» zu sagen, 
bis zu dem Zeitpunkte, wo wir ihn entlassen diirfen aus der eigentlichen 
Erziehung, wo er frei in das Leben hinaustritt, dem Zeitpunkt, wo er 
sich als wohlerzogener oder ungezogener Mensch dem Strudel des 
Lebens zu iibergeben hat. 

Auch dies ist eine Spiegelung, aufierlich durchaus Maja, und zwar eine 
Spiegelung wiederum von Vorgangen, die vorher liegen. Die realen 
Wirklichkeiten liegen nun wieder zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. Und zwar wirkt hier zusammen das vollstandige Planetensy- 
stem von der Sonne bis hinauf zum Saturn, oder, wenn Sie nach der 
neueren Astronomie wollen, bis zum Neptun. Also das ganze Planeten- 
system wirkt hier zusammen mit dem gesamten Sternenhimmel, und was 
sich da abspielt zwischen dem Sternenhimmel und dem gesamten Plane- 
tensystem, das sind Krafte, die in uns tatig sind in der Zeit, in der wir 
erzogen werden. 



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So wenig begreift man die Realitat des Menschen aus den blofien 
Vorgangen auf der Erde, dafi man diesen Menschen nur verstehen kann 
in bezug auf die Zeiten, wo er erzogen wird, wenn man sich klar ist 



dariiber, dafi da Krafte in ihm spielen in dem Gesamtleben, die nicht auf 
der Erde sind, die nicht einmal im Planetensystem, sondern aufierhalb 
des Umkreises der Planeten liegen und wirken im Zusammenspiel mit 
dem ganzen Sternenhimmel. 

Haben wir ein Kind vor uns, das schon zu sich «Ich» sagt, das wir also 
in gewissem Sinne als einen Menschen ansprechen, so miissen wir uns 
klar sein dariiber: in ihm wohnt etwas, was eine Spiegelung ist von 
etwas, das nicht nur aufterhalb unserer Erde, sondern aufierhalb unseres 
Planetensystems tatig ist. 

Daher gilt natiirlich viel mehr noch und in viel hoherem Mafie fiir die 
spatere Erziehung, was fiir die erste Kindeserziehung gesagt worden ist, 
namlich der Satz: Eine gute Padagogik wird es erst dann geben, wenn die 
Padagogik aus der Geisteswissenschaft geschopft sein wird, wenn der 
Lehrer durchdrungen ist davon, dafi aufierhalb des Planetensystems eine 
Welt vorhanden ist, die im Menschen sich entfaltet, und wenn er nicht 
nur theoretisch, sondern in seiner Empfindung und in seiner Gesin- 
nungsweise durchdrungen ist davon, wenn er selbst durchlebt hat die 
Wahrheit dieser iiberplanetarischen Welt. Die Tapserei eines solchen 
Lehrers kann oftmals besser sein als die ausgekliigelten padagogischen 
Grundsatze eines materialistischen Lehrers. Denn das, was wir tapsen, 
was unsere Torheit vollbringt, das bessert sich im Laufe des Lebens. 
Nicht korrigiert sich im Laufe des Lebens aber das, was von uns aus 
geschieht durch das, was wir sind. 

Es ware zu wiinschen, dafi unter dem mancherlei, was die Geisteswis- 
senschaft metamorphosieren oder transformieren soli, auch dieses ware: 
man sollte immer mehr und mehr einsehen, dafi diejenigen, die Lehrer 
und Erzieher werden wollen - im Grunde genommen also auch alle, die 
Eltern werden wollen -, darauf zu sehen haben, dafi sie gute Erzieher 
werden durch Aufnahme spiritueller Vorstellungen, die sie in ihrer 
eigenen Seele ansammeln. Die meiste Arbeit hat man an sich selber 
vorzunehmen, wenn man ein guter Erzieher werden will. Und mehr 
kommt zum Beispiel beim Lehrer in Betracht, daf? er in dem Lehrstoff, 
den er am nachsten Tage in der Schule durchnehmen will, mit seinem 
ganzen Herzen lebt, bevor er die Schule betritt, als dafi er moglichst gute 
padagogische Grundsatze hat, wie er das oder jenes machen soil. Nach- 



dem er den Lehrstoff liebgewonnen hat, ihn geistig innerlich in Liebe 
geboren hat, kann er selbst tapsen in der Unterrichtsstunde - obwohl ich 
das nicht empf ehlen will und er wird Besseres leisten als derjenige, der 
mit alien moglichen Grundsatzen die Schule betritt, in die sein Gehirn 
eingeschniirt ist wie in spanische Stiefel, und der alles weifi, wie man es 
am richtigsten macht. 

Wir wissen, dafi vorlaufig noch in entgegengesetztem Sinne in der 
Welt verf ahren wird. Diejenigen, die heute Erzieher sein sollen, die priift 
man ja vor alien Dingen in bezug auf dasjenige, was sie wissen, was sie an 
inhaltlichem Wissen in sich aufgenommen haben. Fast mochte man ja 
schon sagen: man priift sie iiber dasjenige, was sie in Biichern finden 
konnen, wovon es besser ware, daft sie sich dariiber eine Bibliothek 
anlegten. Man priift am allermeisten iiber das, was man jederzeit in der 
Bibliothek nachschlagen kann, wenn man das Nachschlagen gelernt hat. 
Namentlich bei der Lehrerpriifung miifke die Hauptsache nicht dasje- 
nige sein, was der Betreffende, wenn er es braucht, leicht finden kann; 
auf das Wissen ware weniger Wert zu legen. Dagegen mufite jeder Lehrer 
angesehen werden daraufhin, wie er in seiner Gesinnung, in seiner 
Empfindung verbunden sein kann mit dem, was die Menschen sich als 
Erkenntnis, als Gefiihl fur die Entwickelung des ganzen Universums 
aneignen konnen. An dem Gefiihl, das man gegeniiber der Menschen- 
und Weltenentwickelung hat, sollte abgemessen werden, ob ein Mensch 
als Lehrer tauglich ist oder nicht. Dann wiirden allerdings diejenigen in 
ihrem Examen durchfallen, welche nur am meisten wissen, und diejeni- 
gen wiirden das Examen am besten bestehen, die im geistigen Sinne gute 
Menschen sind. 

Dahin wird es auch zuletzt noch kommen. Das ist das, wohin wir 
zuletzt tendieren miissen: Ein Mensch, der kein guter Mensch ist, dessen 
Seele nicht dem geistigen Leben zugeneigt ist, wiirde kiinftig beim 
Lehrerexamen durchfallen, wenn er auch noch so viel weifi, wenn er 
auch alles im kleinen Finger hat, was man wissen mufi heute. 

So wird gerade hier sich das Feld eroffnen, auf dem weniger auf das 
Gehirnwissen Wert gelegt wird, sondern viel mehr auf die ganze Entfal- 
tung der Seele. Noch einmal sei es betont: Da kommt es nicht darauf an, 
dafi wir wertvoll sind durch das, was wir im aufieren materiellen Felde 



bewirken, durch das, was wir tun; als Erzieher sind wir vor allem 
wertvoll durch dasjenige, was wir sind. 

Nun handelt es sich darum, dafi wir alles das beachten, was sich auf 
jenen realen Vorgang bezieht, der sich in der Empfangnis abspiegelt. 
Alles das gehort der Erde an. Aber insofern es vor der Geburt liegt, 
gehort es dem Zusammenwirken von Sonne und Erde an; es vollzieht 
sich in der Erdenaura. In der Erdenaura spielt sich vor der menschlichen 
Empfangnis ein bedeutungsvoller geistiger Vorgang ab, der sich dann 
wieder in der Empfangnis spiegelt. Dasjenige, was sich dann zwischen 
dem Zeitpunkte, der sich in der Geburt spiegelt und dem eben genannten 
Zeitpunkt abspielt, das ist, in der Realitat, vor der Geburt ein Zusam- 
menwirken von Sonne und Mond, und dieses ist im wesentlichen eine 
Wiederholung der Vorgange, die sich friiher abgespielt haben wahrend 
der alten Mondenzeit der Erde. 

Also wahrend des Embryonallebens spielt sich ab die Spiegelung eines 
realen Vorganges, und der reale Vorgang spielt sich vor der Geburt ab, 
und der ist wie eine Wiederholung der Vorgange, die sich auf dem alten 
Mond abgespielt haben. Ebenso ist dasjenige, was sich abspielt in dem 
Vorgange, der widergespiegelt wird durch die Zeit zwischen dem Ende 
der Kindheit, dem Zeitpunkt, wo der Mensch zum bewulken Ich-sagen 
kommt, und dem Zeitpunkt der Geburt, eine Wiederholung der alten 
Sonnenwirkung. Dasjenige, was sich noch vorher abspielt, was sich in 
dem Erziehungszeitalter spiegelt, das ist eine Wiederholung der alten 
Saturnvorgange der Erde. 

Und nun gar, wenn wir als wohlerzogener oder ungezogener Mensch 
entlassen werden aus der Erziehung und frei in die Welt hinausgeschickt 
werden, was spiegeln sich denn dann fur Vorgange? Dann spiegeln sich 
Vorgange, die noch vor der Saturnzeit liegen, dann spiegeln sich Vor- 
gange in uns, die iiberhaupt nicht zur sichtbaren Welt gehoren, nicht 
einmal so zur sichtbaren Welt gehoren, dafi sie ein Korrelat haben in den 
aufieren sichtbaren Sternen. Das Korrelat von dem, was wir bis zum 
Ende unserer Eziehung erleben, davon konnte man sagen, man sieht es 
doch noch. Die auflersten Sterne, die noch sichtbar sind, haben noch 
Beziehung dazu. Aber das, was wir dann noch erleben, was dann noch in 
uns gebildet werden kann, gehort ganzlich der unsichtbaren Welt an. 



Aus aller sichtbaren Welt werden wir entlassen, wenn wir unsere Erzie- 
hung wirklich vollendet haben. 

Und da handelt es sich naturlich dann darum, daft wir unsere Seele 
bereichern oder schon bereichert haben durch dasjenige, was Wahrhei- 
ten der iibersinnlichen Welten sind. Denn nur dadurch finden wir den 
Weg durch das Leben wirklich; sonst sind wir eine Puppe, ein Popanz, 
gefuhrt von den Kraften, von denen gefuhrt zu werden wir eigentlich 
nicht berufen sind. Der Mensch, der nach der Saturnspiegelung in seiner 
Entwickelung frei in die Welt entlassen ist, und der in seiner Seele keine 
Vorstellung hat von einer iibersinnlichen Welt, der ist nicht in dem 
Elemente, zu dem er eigentlich berufen ist, sondern er wird mitgenom- 
men von den unsichtbaren Kraften, wie der Harlekin, die Marionette 
mitgenommen werden von den Kraften, welche in den Faden, an denen 
man zieht, vorhanden sind. 

Dasjenige in sich aufnehmen, was Geisteswissenschaft geben kann, das 
bedeutet Mensch werden, das bedeutet nicht Popanz, nicht Marionette, 
nicht Puppe der sinnlichen Welt bleiben, sondern zur Freiheit kommen, 
welche sozusagen das Element sein soil, in dem der Mensch wirkt und 
lebt sein Leben lang. Die Freiheit ist iiberhaupt nur zu verstehen aus 
solchen Begriffen heraus, welche nicht aus der sinnlichen Welt stammen. 
Denn mit allem, was wir aus der Sinnenwelt haben, konnen wir nicht frei 
werden. Das hatte ich im Auge, als ich meine «Philosophie der Freiheit» 
schrieb, wo ich betont habe - wie es sozusagen ohne die Vorstellungen 
der Geisteswissenschaft geschehen kann -, daft die Grundlagen der 
Ethik, der Sittenlehre bezeichnet werden mussen als moralische Phanta- 
sie; das heifit, sie mussen gefunden werden auf Grundlage der morali- 
schen Phantasie, obwohl man das naturlich nicht blofi als Phantasiebild 
betrachten darf, was sittlich ist, aber sie mussen gefunden werden durch 
die moralische Phantasie, durch dasjenige, was aus keiner Sinnenwelt 
heraus genommen werden kann. Das ganze Kapitel, das geschrieben 
worden ist iiber «die moralische Phantasie» ist eine Bekraftigung davon, 
dafi der Mensch sein Leben hindurch, insofern er es in Freiheit zubrin- 
gen soli, sich in Zusammenhang wissen mull mit dem, was ihm kein aus 
der Sinnenwelt heraus genommenes Bild ist, sondern was in ihm frei 
aufsteigen mufi, was er in sich tragt, was selbst iiber die sichtbaren Sterne 



erhaben ist, was er nicht aus der sinnlichen Welt schopf en kann, was er 
einzig schopfen kann durch innerliches, schopferisches Verfahren. Das 
ist gemeint gewesen mit dem Kapitel iiber die moralische Phantasie. 

Es war dies wieder eine Betrachtung, dazu bestimmt zu zeigen, wie 
mannigfaltig die Zusammenhange sind, in die wir im Leben hineinge- 
stellt werden. Wie das Leben vor der Geburt vorbereitend ist fur seine 
Spiegelung, so ist wieder die Spiegelung zwischen der Geburt und dem 
Tode vorbereitend fur das geistige Leben, das nachher kommt zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. Je mehr wir hineintragen konnen aus 
diesem Leben in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
desto reicher kann die Entfaltung in diesem Leben sein. Denn selbst die 
Begriffe, die wir uns aneigenen mussen fur jenes Leben, fur die Wahrhei- 
ten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diese Begriffe mussen 
sehr verschieden sein von denjenigen, die wir uns fur die irdische Maja, 
wenn wir sie verstehen wollen, aneignen mussen. Einige von jenen 
Begriffen, die wir uns aneignen mussen, finden Sie in dem Wiener 
Vortragszyklus von 1914 «Inneres Wesen des Menschen und Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt». Da werden Sie finden, wie man sich 
neue Begriffe zum Verstandnisse desjenigen aneignen mufi, was als die 
andere Seite des menschlichen Lebens verfliefk zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt. Es ist manchmal recht schwierig, nach und nach die 
Begriffe und Ideen herauszuarbeiten, die man fur dieses andersgeartete 
Leben braucht. Und Sie werden es gerade einem solchen Vortragszyklus, 
wenn Sie ihn durchlesen, anmerken, wie nach Ausdriicken gerungen 
wird, die einigermafien diese ganz andersartigen Verhaltnisse wieder- 
geben. 

Insbesondere mochte ich in diesem Zeitpunkte, in dem in unser 
anthroposophisches Leben die Tode teurer Mitglieder hineinspielen, auf 
eines aufmerksam machen. Eine andere Rolle spielt im Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt der Zeitpunkt des Todes, als in 
unserem jetzigen Leben zwischen der Geburt und dem Tode der Zeit- 
punkt der Geburt. Der Zeitpunkt der Geburt ist derjenige Zeitpunkt, an 
den sich unter gewohnlichen Verhaltnissen des irdischen Lebens der 
Mensch nicht erinnert. Der Mensch erinnert sich nicht an seine Geburt 
im gewohnlichen Leben. Der Zeitpunkt des Todes ist aber derjenige, 



welcher fur das ganze Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt den allertiefsten Eindruck zuriicklalk, der am meisten von alien 
erinnert wird, der immer dasteht gewissermafien, aber in einer anderen 
Gestalt, als er angesehen wird von dieser Seite des Lebens aus. Von 
dieser Seite des Lebens aus erscheint der Tod als eine Auflosung, als 
etwas, wovor der Mensch leicht Furcht und Grauen hat. Von der 
anderen Seite erscheint der Tod als der lichtvollste Anfang des geistigen 
Erlebens, als dasjenige, was etwas Sonnenhaftes ausbreitet iiber das 
ganze spatere Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, 
dasjenige, was am meisten mit Freuden die Seek durchwarmt im Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dasjenige, auf das immer 
wieder mit tiefer Sympathie zuriickgeblickt wird. Das ist der Moment 
des Todes. Wenn wir ihn in irdischen Ausdriicken schildern wollen: Das 
Allererfreulichste, das Allerentzuckendste im Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt ist, von der anderen Seite angesehen, der 
Moment des Todes. 

Wenn wir uns die Vorstellung etwa aus der materialistischen Weltan- 
schauung heraus gebildet haben, dafi der Mensch mit dem Tode das 
Bewulksein verloren habe, wenn wir keine richtige Vorstellung gewin- 
nen konnen iiber diesen Fortgang des Bewufitseins - ich spreche das am 
heutigen Tage besonders aus, weil die Ursache, die Veranlassung dazu 
das Zusammenleben mit den lieben Toten ist, die in der letzten Zeit von 
uns gegangen sind -, wenn wir uns so schwer eine Vorstellung davon 
machen konnen, dafi ein Bewulksein iiber den Tod hinaus existiert, 
wenn man glaubt, das Bewulksein verdunkelt sich - es scheint auch so, 
daft sich das Bewulksein nach dem Tode verdunkelt dann miissen wir 
uns klar sein: Es ist nicht wahr, derm es ist das Bewulksein ein iiberaus 
helles, und nur weil der Mensch noch ungewohnt ist, in der allerersten 
Zeit nach dem Tode in diesem iibermalkg klaren Bewulksein zu leben, 
tritt zunachst unmittelbar nach dem Tode etwas wie ein Schlafzustand ein. 

Dieser Schlafzustand ist aber das Entgegengesetzte von dem Schlafzu- 
stande, den wir im gewohnlichen Leben verbringen. Im gewohnlichen 
Leben schlafen wir, weil das Bewulksein herabgedampft ist. Nach dem 
Tode sind wir in gewissem Sinne bewulklos, weil das Bewulksein zu 
stark, zu kraftig ist, weil wir ganz in Bewulksein leben, und was wir 



brauchen in den ersten Tagen, ist ein Hineinleben in diesen iibermafiigen 
Bewufitseinszustand. Wir miissen uns erst orientieren lernen in diesem 
iibermafiigen BewulStseinszustande, Wenn es uns dann gelingt, uns so 
weit darinnen zu orientieren, daf5 wir wie aus der Fiille der Weltgedan- 
ken heraus aufgehen fiihlen: Das warst du! - in dem Augenblicke, wo 
wir zu unterscheiden anfangen aus der Fiille der Weltgedanken unser 
vergangenes Erdenleben, erleben wir in dieser Fiille des Bewufitseins 
darinnen den Moment, von dem wir sagen konnen: Wir wachen auf. - 
Wir werden vielleicht erweckt durch ein Ereignis, das besonders bedeut- 
sam in unser Erdenleben eingegriffen hat, das auch in die Ereignisse nach 
unserem Erdenleben eingreift. 

Also es ist ein Sich-Gewdhnen an das ubersinnliche Bewufitsein, an 
das Bewufltsein, das nicht auf der Grundlage und Stiitze der physischen 
Welt aufgebaut ist, sondern das in sich selber wirkt. Das ist es, was wir 
«Aufwachen» nennen nach dem Tode. Man mochte sagen, dieses Auf- 
wachen besteht in einem Sich-Zurechttasten des Willens, der, wie Sie 
wissen und wie Sie aus dem angefuhrten Vortragszyklus ersehen kon- 
nen, nach dem Tode sich besonders entwickeln kann. Ich habe da 
gesprochen von dem gefuhlsartigen Willen, von dem willensartigen 
Gefuhl. Wenn dieses willensartige Gefuhlsleben sich hineintastet in die 
ubersinnliche Welt, wenn es den ersten Taster macht, dann ist das 
Aufwachen eingetreten. 

Das sind die Dinge, iiber die wir, wenn die Ereignisse es gestatten, 
noch weiter reden wollen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 5. Februar 1915 

Ich mochte jetzt, in der Zeit, in der uns der Tod so viel heimgesucht hat, 
einige geisteswissenschaftliche Fragen im Zusammenhang mit dem Pro- 
blem des Todes beriihren, und zwar in der Weise, daft ich heute eine Art 
Einfiihrung in diese Probleme geben werde, morgen des Nahern iiber 
manches, was mit dem Thema zusammenhangt, sprechen werde, und am 
Sonntag dann den Ubergang finden werde von diesem Probleme auch zu 
allgemeineren Fragen der kiinstlerischen Auffassung des Lebens, was 
uns dann wiederum zu einigen Betrachtungen iiber unseren Bau zuriick- 
fiihren wird. 

Wir miissen, wenn wir jene Erlebnisse ins Auge fassen wollen, die mit 
dem Problem des Todes zusammenhangen, uns vor alien Dingen dar- 
iiber klar sein, dafi der Mensch iiber seine eigentliche Wesenheit, dasje- 
nige, was in ihm waltet und webt, im Grunde genommen recht unwis- 
send ist. Nicht nur unwissend in bezug auf die tiefere Seite des eigenen 
verborgenen Daseins, sondern auch in bezug auf vielerlei, was in die 
alltaglichen Erlebnisse eigentlich recht bedeutungsvoll hereinspielt. Wir 
miissen ja durchaus uns klar sein dariiber, dafi wir uns eigentlich 
sozusagen mit den allerwichtigsten Erkenntnisorganen, die wir fiir die 
physische Welt haben, mit den Sinnen, fast ausschliefilich nur von aufien 
anschauen, und dafi bei diesem Anschauen von aufien in der Tat dasje- 
nige, was wir unsere Haut nennen konnen, uns abtrennt von der 
Anschauung unseres eigentlichen wahren menschlichen Wesens. Und 
sobald wir urteilen iiber unser wahres menschliches Wesen, sobald wir 
uns ein Bild machen wollen von diesem wahren menschlichen Wesen, 
miissen wir unseren Verstand, unser Vorstellungsvermogen anwenden. 
Dieser Verstand, dieses Vorstellungsvermogen aber ist im Laufe unse- 
rer Entwickelung, die wir vollbringen in dem physischen Leib, sehr 
stark beeinflufit, sowohl von ahrimanischer Seite her wie von luzi- 
ferischer Seite her, und alle diese Einfhisse,-die von ahrimanischer 
und von luziferischer Seite auf unseren Verstand, insofern er an das 
Gehirn gebunden ist, ausgeiibt werden, die sind geeignet, im hoch- 



sten Mafie das Urteil zu triiben, das wir uns iiber uns selber machen. 

Es ist ja wirklich heute mit aller menschlichen Selbsterkenntnis so, wie 
in dem aufiersten Falle, den ich das vorige Mai wahrend unserer Betrach- 
tung angefiihrt habe, mit jenem Universitatsprofessor, der selber erzahlt, 
wie er als junger Mann iiber die Strafie ging und plotzlich an sich 
herankommen sah einen jungen Menschen mit einem ihm furchtbar 
unsympathischen Gesicht, und wie er erschrak, als er sah, dafi er sich 
selbst gesehen hatte durch die Zusammenstellung zweier Spiegel, die ihm 
seine eigene Physiognomie entgegenkommend zeigten; so dafi man sieht, 
dafi er also keine Ahnung hatte, wie er seiner aufieren Physiognomie 
nach, die ihm aufierordentlich unsympathisch war, ausschaute. Wie er 
einen zweiten ahnlichen Fall von sich erzahlt, ich habe es angefiihrt. Es 
steht aber wirklich nicht anders mit dem, was wir unsere genauere 
Selbsterkenntnis nennen, Dasjenige, was mit uns den Weg der Welten- 
wanderung antritt, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, 
unser Ich, unser Astralleib, das entzieht sich ja der Betrachtung wahrend 
unseres physischen Lebens; denn wenn wir aufwachen, so zeigt sich uns 
ja nicht dieses Ich und dieser Astralleib. Sie zeigen sich uns nicht in ihrer 
wahren Gestalt, sondern sie zeigen sich uns so, wie sie gespiegelt werden 
durch die Bilder, die der Atherleib und der physische Leib von dem Ich 
und Astralleib entwerfen. Wir wiirden zwar zwischen dem Einschlafen 
und Aufwachen unser astralisches Wesen und unser Ich in der wahren 
Gestalt sehen konnen, wenn wir dann nicht in bewufttlosem Schlafzu- 
stand waren. Auch die Traume, wie sie im gewohnlichen Leben sich 
abspielen, sind nur im mangelhaften Sinne wirkliche Ausleger unseres 
Wesens, weil sie ja Spiegelungen sind desjenigen, was sich in unserem 
Astralleib vollzieht aus unserem Atherleib heraus, und weil wir erst 
notwendig haben, die Sprache der Traume gewissermafien zu verstehen, 
um die richtige Deutung zu vollziehen. Dann konnen wir ja allerdings, 
wenn wir die Sprache der Traume verstehen, aus den Traumvorgangen 
Erkenntnis gewinnen iiber unser wahres Wesen. Aber in unserem 
gewohnlichen Leben sind wir gewohnt, die Bilder des Traumes einfach 
hinzunehmen. Das aber ist nicht gescheiter, als wenn wir erne Schrift 
nicht wirklich lesen wiirden, sondern sie nach den Zeichen der Buchsta- 
ben nehmen, die Buchstaben beschreiben wiirden. 



Dasjenige, was unser wahres Wesen ist, entzieht sich uns wahrend 
unseres Lebens zwischen der Geburt und dem Tode. Wir miissen uns 
dabei klar sein, da$ in unserem Astralleib und in unserem Ich alle jene 
Gefiihle und alle jene Willensemotionen liegen, die uns zu unseren 
Handlungen, zu unseren Taten, aber auch zu unseren Urteilen, zu 
unseren Auffassungen iiber die Welt verleiten. Da, in den Tiefen unseres 
Wesens, wo unser Astralleib und unser wahres Ich sitzen, da haben wir 
eine ganze Welt von Emotionen, eine ganze Welt von Gefiihlen, von 
Willensimpulsen. Dasjenige aber, was wir uns als unsere eigene Ansicht 
iiber diese unsere Emotionen, Willensimpulse und Gefiihle im Alltagsle- 
ben bilden, das steht zumeist, wirklich zumeist, mit dem, was wir in 
Wahrheit im innersten unseres Wesens sind, in einem recht entf ernten 
Zusammenhang. 

Nehmen wir etwa das Folgende. Es kann im Leben durchaus vorkom- 
men, dafi zwei Menschen sich gegeniiberstehen, zwei Menschen langere 
Zeit miteinander leben, und da$ durch die eigentiimlichen Krafte, wel- 
che aus dem Unbekannten des Astralleibes und des Ich der einen Person 
in den Astralleib und das Ich der anderen Person hineinspielen - diese 
Krafte bleiben ja im Verborgenen -, dafi aus diesen Kraften heraus die 
eine Person gegeniiber der anderen geradezu ein Qualgeluste hat, eine 
Art Grausamkeitsbediirfnis. Es kann nun sein, dafi diejenige Personlich- 
keit, die ein solches Qualgeluste, ein solches Grausamkeitsbediirfnis hat, 
gar nichts ahnt von diesen Emotionen im Astralleib und Ich, und dafi sie 
iiber diese Dinge, die sie vornimmt aus dem Grausamkeitstriebe heraus, 
sich eine ganze Summe von Vorstellungen aufbaut, welche die Handlun- 
gen von ganz anderen Griinden aus erklaren, als aus dem Grausamkeits- 
trieb heraus. Es kann eine solche Personlichkeit einem erzahlen, dafi sie 
aus diesem oder jenem Grunde gegeniiber der anderen Personlichkeit 
dies oder jenes getan hat. Diese Grunde konnen sehr scharfsinnig sein, 
und dennoch sind sie nicht da, urn die Wahrheit auszudriicken. Denn die 
Begriffe, die wir uns im gewohnlichen Leben iiber die Motive unserer 
eigenen Handlungen, ja sogar unserer eigenen Gefiihle machen, die 
stehen, wie gesagt, oft in sehr, sehr entf erntem Zusammenhang mit dem, 
was wirklich in unserem Inneren lebt und webt. Ja, es kann sein, dafi die 
luziferische Macht die betreffende Personlichkeit geradezu verhindert, 



richtig verhindert, sich klarzuwerden iiber ihr Grausamkeitsbediirfnis, 
iiber ihr Bediirfnis, der anderen Personlichkeit alles mogliche zuzufiigen, 
und dafi unter dem Einflufi dieser luziferischen Macht all dasjenige, was 
diese Personlichkeit redet iiber die Griinde ihres Handelns, nur da ist, 
um eine Decke, eine Maske zu breiten iiber dasjenige, was in der Seele 
wirklich vorhanden ist. 

Die Griinde, die wir angeben im Bewulksein, konnen oftmals gerade 
dazu bestimmt sein, vor uns zu verdecken, vor uns zu vertuschen 
dasjenige, was wirklich in der Seele lebt und webt. Oftmals tragen diese 
Griinde auch den Charakter, da$ wir uns gegeniiber uns selbst verteidi- 
gen wollen, denn wir wiirden uns so unsympathisch vorkommen wie 
jenem Professor seine eigene Physiognomic So wiirden wir uns in der 
Seele unsympathisch vorkommen, wenn wir uns gestehen miifiten, 
welche Triebe, welche Emotionen eigentlich in der Seele waken. Und 
weil wir notwendig haben, uns zu schiitzen vor dem Anblick unserer 
eigenen seelischen Wesenheit, so erfinden wir mit Hilfe Luzifers allerlei, 
das uns wirklich Schutz gewahrt, Schutz gewahrt dadurch, dafi es uns 
betaubt iiber dasjenige, was wirklich in unserer Seele waltet. So wahr es 
ist, dafi dasjenige, was in der aufieren Welt uns erscheint, durch die 
Eigenart unseres Vorstellungsvermogens uns zur Maja wird, so wahr ist 
es auch, dafi dasjenige, was wir uns iiber uns selbst erzahlen, zum 
allergrofken Teil im gewohnlichen Leben eine Maja ist. 

Insbesondere verleiten uns gewisse innere Triebe und Bediirfnisse 
unserer inneren Wesenheit, uns immer wieder und wieder iiber diese 
Wesenheit zu tauschen. Nehmen wir einmal an, eine Personlichkeit sei 
eitel, leide an einer gewissen eitlen Grofimannssucht. Es soli ja solche 
Personlichkeiten in gar nicht geringer Anzahl in der Welt geben. Man 
gibt das zu. Wiirde man aber nicht in der eben geschilderten Weise eine 
Maske legen iiber das, was man in seiner Seele eigentlich tragt, so wiirde 
man noch viel mehr zugeben, dafi es eitle Grofimannssucht in vielen Seelen 
gibt, in vielen Seelen, die nichts, aber auch gar nichts davon ahnen. 

Solche Grofimannssucht wiinscht vieles; aber wenn ich sage 
«wiinscht», so verstehen Sie mich wohl: dieser Wunsch kommt nicht 
zum Bewufitsein, dieser Wunsch bleibt ganz in den Untergriinden. Solch 
eine Personlichkeit kann wiinschen, auf die eine oder auf die andere 



Personlichkeit einen gewissen beherrschenden Einflufi zu haben, aber 
weil sie sich gestehen miifite, dafi aus diesem Trieb nach beherrschendem 
Einflufl iiber die andere Personlichkeit eitle Grofimannssucht spricht, 
deshalb gesteht sich diese betreffende Personlichkeit das nicht. Nun hat 
sie, natiirlich unbewufk, zu appellieren an jene Verfiihrungskrafte, die 
Luzifer unausgesetzt auf die menschliche Seele auszuiiben vermag. Und 
unter dem unbewufiten Einflufi Luzifers kommt dann eine solche Per- 
sonlichkeit niemals dazu, sich zu sagen: Das, was in mir ist, was den 
Wunsch nach Beherrschung anderer in mir erzeugt, das ist eitle Grofi- 
mannssucht. Das sagt sie sich nicht; dagegen erfindet sie sich oftmals 
unter dem Einflufi Luzifers ein ganzes System fur die Erklarung ihrer 
Gef uhle, die sie dunkel empf indet, aber deren wahren Charakter sie sich 
nicht gestehen will. So empfindet dieser Mensch gewisse Gefuhle fur 
diese oder jene Personlichkeit, aber er kann sich nicht eingestehen, dafi 
er djese Personlichkeit eigentlich beherrschen will und nicht kann, weil 
sich diese vielleicht nicht beherrschen lafit. Da erfindet die Seele unter 
dem Einflusse Luzifers ein System. Sie erfindet das System, dafi die 
betreffende Personlichkeit etwas Boses gegen sie im Schilde fiihrt, und 
malt sich die betreffenden Dinge, welche sie im Schilde fiihren soil, in 
Einzelheiten aus; sie fiihlt sich verfolgt von dieser oder jener Personlich- 
keit. Aber dieses ganze System von Urteilen und Begriffen ist eine 
Maske, ist nur dazu da, um dasjenige, was nicht herauf soli aus dem 
inneren Seelenleben, zu verdecken, zu verhiillen in eine Hiille, eine 
wirkliche Maja. 

Ein Mann sagte mir einmal iiber eine Reihe seiner Handlungen, dafi er 
diese Handlungen alle vornehme aus dem eisernsten Pflichtgefiihl her- 
aus, aus einer unendlichen Hingabe an die Sache, die er zu vertreten 
habe. Ich hatte ihm zu erwidern: Dasjenige, was Sie als Meinung haben 
iiber die Motive Ihres Vorgehens, Ihres Handelns, das ist ganz und gar 
nicht mafigebend. Mafigebend fur ein Urteil iiber das Verhalten eines 
Menschen ist allein die Wirklichkeit, nicht das, was er als Meinung iiber 
dieses sein Handeln hat. - Die Wirklichkeit aber zeigte in diesem Falle, 
dafi die Ursache auch zu diesem Handeln der Trieb, der Hang war, nach 
einer bestimmten Richtung hin einen bestimmenden Einflufi zu gewin- 
nen. Ich sagte der betreffenden Personlichkeit ganz of fen: Wahrend Sie 



glauben, unter dem eisernen Pflichtgefiihl zu handeln, handeln Sie unter 
dem Triebe, unter dem egoistischen Drange, Einflufi zu gewinnen, und 
deuten diese Handlungsweise um in eine rein pflichtgemafie, in eine 
selbstlose. Sie tun das, was Sie tun, nicht aus dem Grunde, weil es so ist, 
sondern weil das Ihnen so gefallt, weil das Ihnen eine gewisse Wollust 
bereitet, also wiederum aus einem egoistischen Triebe heraus. 

So kann aufierst kompliziert sein das, was in unserer Seele waltet und 
webt, und was unserer Meinung, unserer Vorstellung iiber uns selber 
auch nicht im entferntesten ahnlich ist. Das kann sehr, sehr kompliziert 
sein. Dafl man solches wissen mufi, wenn es sich darum handelt, in einer 
Welt von Wahrheit zu leben, nicht in einer Welt der Maja, das werden 
Sie von vorneherein zugeben, und dafi es auch notig ist, bisweilen 
solches in radikaler Weise auszusprechen. Die Grunde, die uns als 
wirkliche, als wahrhaftige Grunde zu unserem Handeln treiben, die 
konnen uns erst allmahlich und langsam klar werden, wenn wir wirklich 
die geheimen Zusammenhange des Menschen mit der Welt durch die 
Geisteswissenschaft erkennen lernen. 

Nehmen wir einen ganz bestimmten Fall. Sie werden alle gehort 
haben, dafi es solche Menschen in der Welt gibt, die man Schwatzer 
nennt. Sie werden alle gehort haben, dafi es irgendwo in der Welt 
Menschen gibt, die Schwatzer genannt werden konnen. Wenn man 
solche Schwatzer fragt, warum sie in ihrem Kaff eeklatsche oder sonstwo 
zusammenkommen und so unendlich viel reden - sie sollen sogar 
oftmals viel mehr reden, als sie verantworten konnen -, wenn man solche 
Menschen fragt, wird man viele Grunde horen, warum sie dies oder jenes 
besprechen miissen. Man kann Menschen kennenlernen, denen man auf 
der Strafie begegnet, wie sie da- oder dorthin eilen, um schnell dort 
anzukommen; und wenn man erfahrt, was sie vorhaben, so sieht man, 
dafi es oft nur der Drang ist, das eitelste, unniitzeste, dummste 
Geschwatz dort auszufiihren. Wenn man solche Personlichkeiten nach 
den Griinden fragt, so werden diese Grunde oftmals aufierordentlich 
schon, nett, herrlich klingen, mindestens werden sie aber sehr geeignet 
sein, den wahren Sachverhalt eigentlich zu verhullen. Nun wollen wir 
einmal auf diesen wahren Sachverhalt hindeuten. 

Was geschieht denn, wenn wir schwatzen - wenn wir reden, geschieht 



selbstverstandlich dasselbe was geschieht denn da? Nun, sehen Sie, da 
setzen wir durch unsere Atmungsorgane, durch unsere Sprachorgane, 
die Luft in eine den Formen der Worte entsprechende Bewegung. Wir 
erzeugen in uns jene physischen Wellen, und selbstverstandlich auch die 
entsprechenden Atherwellen, denn indem wir sprechen, geht ja immer in 
dem Atherleib etwas sehr Bedeutsames vor. Wir erzeugen physische 
Wellen, die Luftwellen, und dann die Atherwellen, die unseren Worten 
entsprechen, die unseren Worten Ausdruck verleihen. Stellen Sie sich das 
einmal ganz genau vor: Wahrend Sie so sitzen - nein, Sie nicht, pardon! - 
wahrend ein Mensch so sitzt und das Kaffeetafichen vor ihm auf dem 
Tische stent, da setzt er einen ganzen inneren Organimus in Bewegung, 
jenen inneren Organismus, der da entspricht der Ausdrucksform, der 
aufieren physischen und atherischen Ausdrucksform seiner Worte. Er 
hat da in der Tat etwas, was wellt und webt, in sich; das erzeugt er in 
sich, aber das verspiirt er auch, das empfindet er. Dieses Sich-Bewegen 
des physischen und Atherleibes empfindet er, weil der Astralleib und das 
Ich fortwahrend daran stofien. Der Astralleib stolSt fortwahrend an die 
Atherwelle und wird die Atherwelle gewahr, und das Ich stofk sogar 
fortwahrend an die physische Welle der Luft, so dafi Astralleib und Ich 
fortwahrend, wahrend wir sprechen, etwas beruhren, etwas angreifen. 

In diesem Beruhren, in diesem Angreifen werden wir unseres Ich und 
unseres Astralleibes gewahr, und das ist das hochste Wohlgefuhl des 
Menschen: wenn er sich selbst geniefien kann. In diesem Beruhren des 
Astralleibes und des Ich mit dem Atherleib und dem physischen Leib 
geht in der Tat etwas Ahnliches vor, wie im kleinen, wenn das Kind an 
dem Bonbon schleckt, denn das Erfreuiiche, Sympathische des Bonbon- 
schleckens besteht ja darin, dafi der Astralleib sich beriihrt mit dem, was 
im physischen Leib vorgeht, und der Mensch so seiner selbst gewahr 
wird. Man wird ja seiner selbst gewahr in diesem Vorgang, man geniefit 
sich selbst. 

Selbstgenufi ist es in Wahrheit, zu dem diejenigen hineilen, die sich vor 
das Kaffeetafichen hinsetzen, um so recht einmal eine Stunde, zwei 
Stunden zu verschwatzen. Selbstgenufi ist es also, was der Mensch da 
sucht. 

Diese Dinge kann man nicht gewahr werden, wenn man nicht weifi, 



dafi der Mensch eigentlich ein viergliedriges Wesen ist, und daft bei alien 
Betatigungen in der aufieren Welt alle vier Glieder mitbeschaftigt sind. 

Es kann noch etwas anderes vorliegen in verschiedener Weise. Wir 
haben aus dem eben angefiihrten Schwatzbeispiel gesehen, wie der 
Mensch den Trieb hat, sich selbst zu geniefien durch das Anstofien seines 
Astralleibes und seines Ich an den Atherleib und den physischen Leib. 
Aber der Mensch hat auch oftmals das Bediirfnis, mit seinem Astralleib 
blofi anzustofSen an den Atherleib. Da mufi der Atherleib in einer 
gewissen Weise Bewegung erzeugen, innere Tatigkeit erzeugen, damit 
der Astralleib daran stolen kann. Solche Dinge vollziehen sich noch viel 
mehr im Unterbewufiten als andere Dinge. Es liegt ein Trieb im Men- 
schen, mit seinem Astralleib - dessen ist er sich ja nicht bewufit - an den 
Atherleib anzustofien. Bei den kuriosesten Sachen lebt sich dieser Trieb 
aus: Wir erleben es, dafi der eine oder andere junge Mann - in der 
neueren Zeit soli es auch schon bei jungen Damen vorkommen -, dafi 
der oder jener junge Mann nicht ruhen kann, bis er gedruckt ist. Das ist 
zuweilen ein ungeheuer wohliges Gefuhl, sich gedruckt zu sehen, aber 
hauptsachlich ist es deshalb ein wohliges Gefuhl, weil man bei diesem 
Sich-gedruckt-Sehen einer allerargsten Illusion sich hingibt, namlich der, 
daiK man auch gelesen wird! Nun, das letztere ist ja nicht immer der Fall, 
dafi man auch gelesen wird, wenn man gedruckt ist, aber man glaubt es 
zum mindesten, und das bereitet ein ungeheuer wohliges Gefuhl. Und 
mancher junge Mann, und wie gesagt, auch manche junge Dame, sie 
konnen es nicht aushalten, sind immerfort beunruhigt, bis sie gedruckt 
sind. Was bedeutet das? 

Ja, sehen Sie, das bedeutet, dafi, wenn wir gedruckt sind und wirklich 
gelesen werden - was ja bekanntlich heutzutage nur in den seltensten 
Fallen geschieht -, dann gehen unsere Gedanken in andere Menschen 
iiber, dann leben unsere Gedanken in anderen Menschenseelen weiter. 
Aber diese Gedanken leben in den Atherleibern der anderen Menschen. 
Bei uns selbst aber setzt sich der Gedanke fest: Das, was du selber in 
deinem Atherleib als Gedanke hattest, das lebt jetzt drauften in der Welt. - 
Man hat das Gefuhl, da draufien in der Welt, da leben unsere eigenen 
Gedanken. Wenn sie wirklich da draufien leben, wenn sie wirklich da 
draufien vorhanden sind, das heifit mit anderen Worten, wenn wirklich 



unser Gedrucktes auch gelesen wird, dann iibt es einen Einflufi aus auf 
unseren eigenen Atherleib, und dann stofien wir an das, was da draufien 
in der Welt lebt. Indem es in unserem eigenen AtherlejMebt, stofien wir 
zusammen mit unserem eigenen Astralleib. Das ist ein ganz anderes 
Zusammenstofien, als wenn wir nur mit unseren eigenen Gedanken 
zusammenstofien; dazu hat ja der Mensch nicht immer die Kraft, weil 
diese Gedanken mit einer gewissen Energie geholt werden mussen aus 
der eigenen Wesenheit. Wenn aber die Gedanken draufien leben, wenn 
wir das Bewufksein haben konnen: da drauften leben die Gedanken, die 
von dir stammen dann stofk unser Astralleib, wenigstens in unserem 
Glauben, zusammen mit dem, was von uns in der Aufienwelt ist. Das ist 
aber ein eminenter SelbstgenufS. Dieser Selbstgenufi liegt aller Ruhmes- 
sucht, aller Sucht nach Bekanntwerden, aller Sucht nach Geltunghaben 
in der Welt zugrunde. Diesem Trieb nach Selbstgenufi liegt nichts 
anderes zugrunde als ein Bedurfnis, mit unserem Astralleib auf objektive 
Gedanken unseres Atherleibes aufzustofien und uns so selbst gewahr 
zu werden im AufstolSen. Sie sehen, welch komplizierter Vorgang, ein 
Vorgang zwischen Astralleib und Atherleib, zugrunde liegt bei dem, was 
eine gewisse Rolle spielt in der aufieren Welt. 

Diese Dinge werden ja selbstverstandlich nicht gesagt, um sie gleich- 
sam als Vogelscheuche der moralischen Menschheitsbeurteilung vor Ihre 
Seele hinzustellen. Das sollen sie gewifi nicht sein, denn alles das, was 
jetzt angefiihrt worden ist, gehort zu den ganz normalen Eigentumlich- 
keiten des Lebens. Es ist einfach selbstverstandlich, dafi, indem wir 
reden, wir uns auch selbst geniefien, auch wenn das Reden nicht in 
Schwatzen besteht. Es ist auch ganz selbstverstandlich, dafi, wenn wir 
nicht aus Ruhmessucht, sondern weil wir uns verpflichtet fiihlen, der 
Welt etwas zu sagen, etwas drucken lassen, wir auch an die Gedanken 
unseres Atherleibes stofien; dann ist derselbe Vorgang vorhanden. Man 
darf also nicht etwa den Schlufi ziehen, dafi man diese Vorgange immer 
fliehen solle, dafi man diese Vorgange absolut immer als etwas Unmora- 
lisches anzusehen habe, denn ich meine all das nur symbolisch. Wenn 
der Mensch all dasjenige fliehen sollte, was von luziferischer und ahrima- 
nischer Seite auf ihn eindringt, so miifite er - ich meine das symbolisch -, 
sobald er das gewahr wird, aus seiner Haut fahren. Es ist ganz selbstver- 



standlich, dafi Luzifer und Ahriman keine anderen Wirksamkeiten auf 
uns ausiiben als die, die auch vollberechtigte normale Wirksamkeiten 
im Menschenleben sind, nur dafi Luzifer und Ahriman sie verstellt aus- 
fiihren, wie ich es ja in verschiedenen Vortragszyklen zum Aus- 
druck gebracht habe. 

Wenn Sie sich aber das alles vor die Seele fiihren, dann werden Sie 
sehen, wie unendlich mannigfaltig, wie unendlich kompliziert jene 
Faden sind im Leben, welche von Menschenseele zu Menschenseele 
spielen, und welche von der Menschenseele hinaus wiederum in die Welt 
spielen, wie unendlich kompliziert das alles ist. Aber zugleich werden Sie 
sich sagen, wie wenig, wie gar wenig der Mensch mit dem, was er 
wahrnimmt und vorstelk, \iber dies sein Verhaltnis zum Menschen und 
zur Welt wirklich weifi. Was wir uns vorstellen von uns, es ist wirklich 
ein ganz kleiner Ausschnitt von dem, was wir erleben. Und diese 
Vorstellung ist zumeist eine Maja. Nur indem wir uns die Geisteswissen- 
schaft zu einem wirklichen Lebensgut, nicht zu einer Theorie machen, 
kommen wir eigentlich hinter die Maja, konnen wir uns einigermafien 
aufklaren iiber das, was im Grunde genommen fortwahrend in uns 
spielt. Aber dadurch, dafi wir nur einen kleinen, noch dazu meist 
unwahren Ausschnitt haben von dem Gewebe, in das wir eingesponnen 
sind in bezug auf die Welt, werden die Dinge ja nicht anders; die Dinge 
sind doch so, wie sie sind. Alle diese verborgenen Krafte, dieses verbor- 
gene Gewebe von Menschenseele zu Menschenseele, von dem Menschen 
zu den verschiedenen Agenzien der Welt, all das ist da, all das spielt in 
jeder Minute des Schlafens und Wachens in die Menschenseele herein. 
Und wieviel zu tun ist, um zu einer wirklichen Erkenntnis der Men- 
schenwesenheit zu kommen, das werden Sie daraus ermessen. 

Aber es gehort zu den Gefiihlsnuancen, die wir brauchen, wenn wir 
riehtig empfinden wollen iiber dasjenige, was nicht der irdischen Inkar- 
nation, sondern der Ewigkeit angehort, dafi wir solche Betrachtungen 
anstellen, wie wir sie eben angestellt haben. Denn dadurch, dafi wir 
solche Empfindungsnuancen uns verschaffen, werden wir gewahr, wor- 
auf die Konflikte, die im Leben auftreten, eigentlich beruhen. Diese 
Konflikte, die das Leben hereinbringt und die mit Recht Inhalt der 
Dichtung und der iibrigen Kunst werden, diese Konflikte beruhen eben 



darauf, dafi eine unbekannte, verborgene Welle der Zusammengehorig- 
keit ausgedehnt ist, in der wir schwimmen im Leben, und dafi nur ein 
kleiner Ausschnitt zu unserem Bewufitsein kommt, und dieser Aus- 
schnitt zumeist noch schief ist. 

Aber leben konnen wir nicht nach diesem kleinen Ausschnitt, leben 
mussen wir mit unserer ganzen Seele nach den grofien, mannigfaltigen 
Verzweigungen, die im Leben sind. Und damit kommen die Konflikte. 
Wie soil der kleine Ausschnitt, der dann noch schief ist in vielen Fallen, 
wie soli der sich in ein richtiges Verhaltnis stellen zum Menschenleben, 
wie soli der richtig verstehen, was eigentlich im Menschenleben vorliegt? 
Weil er es nicht kann, so kommt es vor, dafi der Mensch mit dem Leben 
in Konflikt geraten mufi. Aber da, wo die Wirklichkeit spielt, da spielt 
auch die Wahrheit Die Wirklichkeit richtet sich nicht nach den Vorstel- 
lungen, die wir uns von dieser Wirklichkeit machen. Und in dem 
Augenblick, wo irgendwie Gelegenheit ist, dafi die Wirklichkeit herein- 
spielt, da sehen wir auch in unzahligen Fallen, wie diese Wirklichkeit, ich 
mochte sagen, oftmals erbarmungslos unsere Vorstellungsmaja korri- 
giert. Und diese Art der Korrektur, welche die Wirklichkeit unserer 
Vorstellungsmaja angedeihen lafit, die bietet die bedeutendsten Vor- 
wiirfe fur die Kunst, fur die Dichtung. 

Ich mochte, gemafi dem Gedankengang der heutigen Betrachtung, 
jetzt von etwas Kiinstlerischem ausgehen, zunachst von etwas Dichteri- 
schem, um dann einzumunden in dem morgigen Vortrag in eine Betrach- 
tung iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt und dann am 
Sonntag im weiteren Sinn zu dem Kiinstlerischen, das mit unserem Bau 
zusammenhangt, kommen. 

Ich mochte nicht von etwas beliebig Kiinstlerischem ausgehen, son- 
dern von etwas, das im eminentesten Sinne veranschaulicht dasjenige, 
was ich Ihnen als Erkenntnis der Wirklichkeit des geistigen Lebens 
darzustellen haben werde. Aber das Beispiel, das ich wahle, wahle ich 
aus dem Grunde, weil wirklich einmal in einem ausgezeichneten kleinen 
Kunstwerke die Wirklichkeit getroffen ist. Das kann nur der Okkultist 
beurteilen, ob das geschehen ist, weil wir an dem kleinen Kunstwerke 
sehen, wie da, wo der Mensch als Kiinstler in die tieferen Probleme des 
Lebens einzudringen versucht, er oftmals gar nicht anders kann als die 



okkulten Seiten des Lebens beriihren, die in den Konflikten, von denen 
ich gesprochen habe, aus den Untergriinden wellenartig heraufspielen in 
das Leben, das wir dann mit unserer Bewulkseinsmaja oftmals so wenig 
tief durchdringen. 

Dasjenige, was kunstlerisch-okkultistisch mir wichtig ist, das ist 
eigentlich erst am Schlusse einer Novelle enthalten, von der ich blofi wie 
von einem Beispiel sprechen will. Deshalb will ich den Anfang nur 
erzahlend skizzieren und dann die Schlufiworte vorlesen. Es handelt sich 
darum, nicht blofi von einer Dichtung zu sprechen, sondern von dieser 
Dichtung deshalb zu sprechen, weil hier ein Dichter einmal dasjenige, 
was sein konnte, nach wahrsten okkulten Gesetzen eben zur Darstellung 
gebracht hat. 

Da die Novelle schon in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts 
geschrieben ist, so werden Sie aus den Tatsachen, die ich anzufiihren 
habe, entnehmen, wie im menschlichen Bewufitsein eigentlich immer in 
einer gewissen Weise sich gespiegelt hat, sich vorbereitet hat dasjenige, 
wovon wir als Geisteswissenschaft sprechen, was in unsere Kulturbewe- 
gung der Erde notwendigerweise kommen mufi, und wie das, was durch 
die Geisteswissenschaft zum volleren Bewufitsein kommen soil, sich 
wenigstens unbewufit in mancher Seele gespiegelt hat. Vielleicht hat eine 
solche Seele auch schon etwas davon gewufk, aber weil die Zeit noch 
nicht reif war, sich nicht getraut, dieses Wissen in einer anderen Weise 
zum Ausdruck zu bringen als in der anspruchslosen Form der Dichtung. 
Verzeiht man doch in der Gegenwart viel eher, wenn jemand okkulte 
Tatsachen in Novellenform oder in Dichtungsform vorbringt. Das ver- 
zeiht man auch im materialistischen Zeitalter viel eher, als wenn jemand 
direkt mit der Wahrheit auftritt und sagt, dafi diese Dinge Realitaten 
sind. Wenn sie sich sagen kdnnen: Na, das ist ja nur erdichtet -, dann 
nehmen die Leute noch manchmal die Dinge hin. 

Die Novelle enthalt etwa das Folgende. Sie ist geschrieben, wie wenn 
eine der Personen, von denen die Novelle handelt, selber erzahlen 
wiirde. Es ist eine sogenannte «Ich-Novelle». Der Betreffende erzahlt, 
wie er befreundet ist mit Mademoiselle Manon de Gaussin - die Novelle 
spielt in Paris und wie er zu einer gewissen Zeit Tag fur Tag verkehrt 
in dem Hause jener Mademoiselle de Gaussin, die eine gefeierte Sangerin 



ist. Er erzahlt, wie er dort die verschiedensten Menschen, Bewunderer 
der betreffenden Herrin des Hauses kennenlernt, unter anderem auch 
einen Menschen, welcher im Grunde genommen immer da ist, wenn 
man in den Salon der Mademoiselle de Gaussin kommt. Aber derjenige, 
der das erzahlt, was in der Novelle vorgeht, bemerkt, dafi der Betref- 
f ende mehr als blofi f reundschaftliche Gefiihle zu der Dame hat, und er 
wird auch gewahr, dafi diese Gefiihle nicht von der Sangerin erwidert 
werden. Und das, was sich da abspielt, abspielt in der mannigfaltigsten 
Weise, das ist eigentlich ein Konflikt, der dadurch entsteht, daft ein die 
Sangerin gluhend Liebender da ist, dessen Liebe nicht erwidert wird, der 
aber auch nicht einfach abgestofien wird, der eigentlich im Grund 
genommen immer mehr und mehr herangezogen wird, der dadurch aber 
immer mehr und mehr in Unruhe, in Aufregung hineinkommt. 

Dies bemerkt derjenige, der da erzahlt, was in der Novelle geschildert 
wird, der nicht der Autor der Novelle ist - es ist eine sogenannte «Ich- 
Novelle» -, und er meint es gut mit dem "anderen. Man mufi noch 
erwahnen, dafi das eigentliche Ich der Novelle verlobt ist und sich in den 
nachsten Wochen verheiraten will, so daft ausgeschlossen ist, selbstver- 
standlich, daft eine Eifersucht vorliegen wiirde. Das Ich der Novelle 
meint es gut mit dem anderen und stellt ihm eines Tages vor, wie die 
Dinge liegen. Dadurch werden dem anderen gleichsam die Augen geoff- 
net, und er fuhlt sich gedrangt, eine Aussprache mit der Sangerin 
herbeizufiihren. Diese Aussprache hat zur Folge, daft er das Haus 
verlaftt und sich zuruckzieht in eine Gegend aufterhalb der Stadt. Aber 
trotzdem er versprochen hat, nicht mehr an diese Dame zu denken, die 
Dame zu vergessen und sich mit allem moglichen anderen zu beschafti- 
gen: er ist nicht mehr fahig dazu, ist nicht mehr fahig, aus dieser Unruhe 
herauszukommen. Die Gedanken spielen immer wieder und wieder, die 
wahrend seiner Bekanntschaft mit der Dame gespielt haben. Er verlaftt 
die Stadt und wohnt einige Zeit drauften. In dieser Zeit hat sich das Ich 
der Novelle vermahlt, muftte dann eine Reise unternehmen. Auf dieser 
Reise trifft er den anderen, trifft ihn in einem furchtbaren Zustand in 
einem Hotel. Der andere erzahlt - das kommt heraus, wahrend sie 
sprechen -, wie er sich eben zuriickgezogen hat von Paris, wie er eine 
Weile versucht hat, allein zu leben, wie er dann einen Ausritt unternahm 



nach aufierhalb seines Gutes, wie er ungliicklicherweise gerade die 
Reisegesellschaft der Dame, die auch aufierhalb von Paris war, getroffen 
hat, wie alle Gefiihle wieder aufgelebt sind, und wie er jetzt eigentlich 
mit zwei Revolvern herumgeht, urn seinem Leben bei der ersten Gele- 
genheit ein Ende zu machen. 

Das Ich der Novelle meint es mit diesem anderen noch immer gut und 
ladt ihn zu sich, dahin wo er sich ein Heim gegriindet hat: er hofft, ihn 
auf andere Gedanken bringen zu konnen. Der Betreffende folgt der 
Einladung, die geeignet ware, ihm ein sympathisches Milieu in dem 
gastlichen Hause zu gewahren. Er kann aber nicht zu sich kommen, er 
kommt vielmehr immer weiter und weiter herunter und ist endlich 
soweit, dafi er den Selbstmord beschlossen hat. Die beiden Freunde 
sprechen miteinander, und das Ich der Novelle bringt es dahin, daft der 
andere wenigstens einen kleinen Aufschub gewahrt. Das Ich der Novelle 
sagt, er miisse verreisen, und weil er nicht sagen wollte: Warte solange, 
bis ich zuriickkomme - das wiirde der andere vielleicht nicht getan 
haben, er wiirde sich inzwischen erschossen haben -, nimmt er ihm ein 
fur den anderen bindendes Versprechen ab. Er sagt: Schiitze meine Frau, 
bis ich zuriickkommen werde. 

Er reist, nachdem der andere das Versprechen gegeben hat, nunmehr 
nach Paris, mit dem Gedanken, die Sangerin zu veranlassen, auf das 
Land hinauszukommen, damit irgend etwas geschehen konne, was den 
Freund aus der elenden Situation herausbringe. Er f ahrt also in die Stadt 
und kommt mit der Sangerin zuriick aufs Land hinaus. Sie fahren zu dem 
Zaune des Landhauses des Ich der Novelle. In dem Moment, wo der 
Zaun es gestattet, bemerkt das Ich der Novelle, wie ein Mensch, der an 
dem Tore gestanden hatte, nun zuriickgelaufen ist. Sie fahren weiter auf 
das Haus zu, da fallt ein Schufi. Der andere hat sein Versprechen 
gehalten, die Frau getreulich bewacht. Er hat aber einen Wachter aufge- 
stellt, der ihm sofort melden sollte, wenn der Reisende zuriickkomme. 
Der sagt ihm: Jetzt kommt er zuriick. - Da hat er sich erschossen. 

So bringt das Ich der Novelle die Sangerin nun ins Haus, und von 
diesem Punkte an will ich Ihnen die Worte nun lesen. 

«... Am Abend erreichten wir das Schloft. Es fiel mir auf, daft, als 



ich in den Park einfuhr, ein Bauer, welcher wis erwartete, mit 
Blitzesschnelle auf das Schlofi zulief und daft, als wir kaum die halbe 
Allee durchfahren, ein Schufi fiel. So sehr war ich indes von dem 
Gelingen meiner Unternehmung erfullt, daft mir gar nicht in den Sinn 
kam, was er bedeute. Die Cberraschung sollte mir nicht lange vorent- 
halten bleiben; wir fuhren vor, es kam niemand herbei; der Kutscher 
knallte, ich sprang heraus, die Gaussin mir nach; das erste, was wir 
horen, ist der Schrei der Kammerjungfer meiner Frau, welche toten- 
bleich auf uns zukommt und mit dem Ausruf : <Er hat sich totgeschos- 
sen!> vor uns niedersank. Wir eilten nach dem Zimmer des Marquis, 
die Stube war voll Menschen, ich wies sie alle hinaus, schlofi die Tur und 
stand mit Manon allein neben der Leiche des jungen Mannes, die auf der 
Erde lag. Sie sah ihn einige Momente starr an, darauf stiefi sie einen Schrei 
aus, sank in die Knie und neben ihm zu Boden. Ohnmachtig ward sie 
nicht. Sie ergriff seine Hande, legte die ihren auf seine Stirn - er hatte die 
Wunde mitten in der Brust -, sah zu mir auf, zu ihm nieder und fing 
plotzlich mk lauter Stimme zu singen an. Das erfullte mich mit Grausen ; 
ich glaubte, sie ware wahnsinnig geworden. 

Unterdessen kam einer meiner Verwalter herbei, welcher etwas 
Arzneikunst verstand und gewdhnlich das Amt eines Doktors versah, 
wo nicht viel zu riskieren war. Nie werde ich den Todesschrecken 
vergessen, der sich auf seinem Gesichte make, als er das Paar erblickte, 
den toten Marquis und die singende Gaussin daneben. Sie schwieg 
jetzt, stand auf, sah mich noch einmal lange an und verliefi das 
Zimmer. Ich folgte ihr nach, um ihre Befehle entgegenzunehmen. Sie 
sagte: <Ich mufi ein Zimmer fur mich allein haben!> Ich fuhrte sie in 
das erste beste, liefi ihre Kammerjungfer holen und eilte zu meiner 
Frau. Ich horte zu meinem Gliick, daft sie auf einem Spaziergange 
begriffen sei, ging ihr entgegen und teilte ihr das Geschehene mit. Da 
wir beide oft iiber den Marquis gesprochen und unter alien Moglich- 
keiten auch ein solches Ende sattsam erwogen hatten, war sie weniger 
erschrocken als betriibt. Ich geleitete sie zum Schlosse und gab wegen 
des Mar
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