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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Wege der geistigen Erkenntnis
und der Erneuerung
kiinstlerischer Weltanschauung
Dreizehn Vortrage, gehalten in Dornach
zwischen dem 9. Januar und 2. Mai 1915
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1980
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999
Friiher erschienene Einzelausgaben und
Verdffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise S. 281f.
Bibliographie-Nr. 161
Zeichnungen im Text nach den Skizzen der Stenografen in den Nachschriften,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1610-6
2.u den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerischesWerk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner ursprunglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Be-
stimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da
Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nach-
schriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsver-
offentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben
nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nach-
gesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wort-
laut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermajKen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSTERVORTRAG, Dornach, 9. Januar 1915
Die vierfache Wesenheit des Ich: von aufien wahrnehmbar - als
Sprache und Gesang - als schopferische Phantasie - als Innenerlebnis.
Die Fruchtbarkeit von aus der Geisteswissenschaft heraus erarbeiteten
schematischen Aufstellungen. Die Bedeutung der Anthroposophie fiir
die Erneuerung einzelner Lebensgebiete wie Rezitation und Gesang.
ZWEITERVORTRAG, 10. Januar 1915
Das Weiterwirken der alten Saturnkrafte in der Schicksalsgestaltung
des Menschen, der alten Mondenkrafte in der Embryonalentwicke-
lung. Die Wandlungen im Verhaltnis des Menschen zu den Gedanken.
Das Wirken von Sonnenwesen in der philosophischen Entwickelung
der Menschheit. Das Empfinden fiir solche Tatsachen bei Christian
Morgenstern.
DRITTERVORTRAG, 30. Januar 1915
Echte Kunst geht zuriick auf die Geheimnisse der Initiation. Die
Einweihung des Brunetto Latini. Sein EinfluU auf Dante und die
Konzeption der Gottlichen Komodie. Das Wirken des Christus-
Impulses in den unbewufiten Seelenkraften. Kaiser Konstantin. Die
Jungfrau von Orleans. Die Erneuerung der Kunstimpulse durch die
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft.
VlERTER VORTRAG, 2 . Februar 1915
Der Maja-Charakter des Erdenlebens. Die Spiegelung verschiedener
vorgeburtlich-kosmischer Erlebnisse in den Lebensabschnitten bis
zum Ende der Kindheit. Der Zusammenhang dieser Erlebnisse mit den
friiheren planetarischen Zustanden der Erde. Die Bedeutung solcher
Erkenntnisse fiir die Padagogik. Das Leben des Erwachsenen als
Spiegelung von Vorgangen aufierhalb der sichtbaren Welt. Das Wesen
der menschlichen Freiheit. Die Bedeutung des Todesaugenblickes.
FONFTERVORTRAG, 5. Februar 1915
83
Die Schwierigkeit wirklicher Selbsterkenntnis. Das Beispiel von Ernst
Mach. Im Unterbewufken wirksame Seelenkrafte und ihre Maskierung
in unserer Vorstellungsmaja. Die Bedeutung solcher Zusammenhange
fiir die Dichtkunst. Die Novelle «Die Sangerm» von Herman Grimm
und die darin enthaltene sachgemafie Schilderung einer im Verborge-
nen waltenden Schicksalsbeziebung.
SECHSTERVORTRAG, 6. Februar 1915 103
Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, gefimden durch Julius
Robert Mayer, ist wirksam auch im geistig-seelischen Bereich. Das
Weiterwirken der unverbrauchten Atherkrafte friihverstorbener Men-
schen. Das Todesspektrum und das darin enthaltene unausgelebte
Karma, dargestelk am Beispiel der angefiihrten Novelle von Herman
Grimm und des «Hamlet» von Shakespeare. Ein weiteres Beispiel
dafur in Herman Grimms Roman «Uniiberwindliche Machte». Die
nach dem Tod eintretende Trennung zwischen kosmisch werdenden
und mit der Individuality verbunden bleibenden Kraften. Das nach-
todliche Weiterleben einer ganz mit der Geisteswissenschaft verbunde-
nen Seele: Frau Grosheintz.
SlEBENTERVORTRAG, 7. Februar 1915 123
Selbstlosigkeit als Bedingung fiir das Erforschen des nachtodlichen
Lebens. Ein Spruch von Goethe als Meditationsstoff. Das Erwachen
der Seele nach dem Tode als ein Herabdampfen des zu starken
Bewufltseins. Von der Einheit des Gedankenmeeres zu der Vielheit der
einzelnen hierarchischen Wesen. Verwandtheit der kunstlerischen
Betatigungen mit den nachtodlichen Erlebnissen. Befruchtung der
Kiinste durch geisteswissenschaftliche Gedanken. Zwei Beispiele fiir
die Furcht moderner Kiinstler vor der geistigen Welt. Unsere Verbun-
denheit mit den Seelen jiingst Verstorbener. Theo Faiss. Frau Colazza.
Fritz Mitscher als Vorbild der uns notigen Selbstlosigkeit und Objekti-
vitat.
ACHTERVORTRAG, 27. Marz 1915 153
Die Gewinnung iibersinnlicher Erkenntnisse durch die Loslosung
geistiger Krafte aus dem physischen Organismus. Drei Arten von
Hellsehen und ihre Unterschiede. Das Kopfhellsehen als das unserer
Zeit angemessenste. Das Eindringen geistiger Wesenheiten in unsere
Gedankenwelt als Forderung der Gegenwart. Das Erahnen dieser
Notwendigkeit durch den Materialisten Ludwig Feuerbach. Das
Hinneigen zu Oberflachlichkeit und inkonsequentem Denken als
Feind der Geisteswissenschaft.
NEUNTER VORTRAG, 28. Marz 1915
173
Wilhelm Jordan als Erneuerer des Nibelungenliedes. Vom Inhalt des
alten Nibelungenliedes. Das Oberragende der Personlichkeiten von
Siegfrid und Brunhilde durch das Nachwirken friiherer Inkarnationen.
Einige Proben aus der Neugestaltung Jordans. Das Erloschen der alten
Sonnenseherkraft, dargestellt in dem Mythos von Baldur und Nanna,
weiterwirkend in der Tragik des Nibelungenliedes. Ahnendes Empfin-
den Jordans fiir diese Zusammenhange. Unverstandnis dafiir im 17.,
18. Jahrhundert. Ein Brief Friedrichs des II. an Christoph Heinrich
Muller als Ausdruck dieses Unverstandnisses. Das Verblassen eines
innerlichen Verhaltnisses zur Sprache, und Jordans Versuch zu seiner
Erneuerung.
ZEHNTERVORTRAG, 2. April 1915 199
Das Verstummen der Glocken von Karfreitag bis Ostern. Die alte
keltisch-germanische Verbundenheit mit den Geistwesen in der Natur.
Die Trauer iiber den Verlust dieses Naturgefuhls, ausgedriickt in dem
Mythos von Baldurs Tod. Sein Abstieg zur Hel als Bild fiir das
Herabsinken der lebendigen Bildekrafte in die unterbewufken Tiefen
der Menschenseele. Wiederbelebung dieser Krafte durch den auferste-
henden Christus. Die Trauer iiber den Verlust der Naturgeistigkeit,
nachklingend in der Evangelienharmonie des Otfried von Weifien-
burg. Das Gefiihl fiir die Verbundenheit des Christus mit den Natur-
gewalten im «Heliand».
ELFTERVORTRAG, 3. April 1915 216
Die Stimmung der Kar-Tage. Das Hindurchgehen des Christus durch
Tod und Grablegung. Sein Kampf gegen Luzifer und Ahriman. Die
Bedeutung dieser Ereignisse fiir unser kiinftiges Leben auf dem Jupi-
ter. Das Wiederaufleben des ErdenbewufStseins innerhalb des Jupiter-
daseins. Die Errettung der Menschenseele vor der Macht Luzifers und
Ahrimans. Das «Jungste Gericht» von Michelangelo als Ausdruck
eines friiheren Christus -Verstandnisses. Ein Wortlaut dazu von Her-
man Grimm. Das neue Christus-Verstandnis Christian Morgensterns.
ZWOLFTERVORTRAG, 1. Mai 1915 233
Ein Wortlaut des Philosophen Otto Liebmann. Sein Stehenbleiben vor
dem Tore der Anthroposophie. Das Zuriickverlegen der Denktatigkeit
vom Atherleib in den Astralleib bei der Initiation. Der Atherleib als
Spiegelungsapparat. Ausbildung eines Atherherzens. Das Gangliensy-
stem und seine Bedeutung fur die Zukunft. Kopfhellsehen durch
Hoherentwickelung der Denkkrafte. Bauchhellsehen durch Zuriick-
spiegelung unbewufiter Begierden.
DREIZEHNTERVORTRAG, 2. Mai 1915 252
Denkkraft und Willenskraft in ihrer Aufierung nach dem Tode und bei
der Initiation. Bewufitwerden der Denkvorgange durch Spiegelung in
dem friiher Gedachten. Die Verwandlung unseres irdischen Lebens in
Wahrnehmungsorgane fiir die geistige Welt. Ubungen zur Erweite-
rung unserer Willenskrafte iiber das gewohnliche Erleben hinaus.
Schopenhauer vor dem Tore der Geist-Erkenntnis. Veraufierlichung
der Seelenforschung in der Experimentalpsychologie. Das Buch von
Starbuck. Notwendigkeit der Aufnahme des Christus-Impulses. Bei-
spiel einer Geschichtsfalschung.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe .
Hinweise zum Text
Personenregister
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
281
282
293
295
ERSTER VORTRAG
Dornach, 9. Januar 1915
Eine Anschauung dariiber, welch kompliziertes Wesen eigentlich der
Mensch ist, haben wir uns bereits angeeignet. Man beachtet das nicht
immer, weil man ja aus einer gewissen Erkenntnisbequemlichkeit heraus
nach Einfachheit, nach einer Vereinfachung des Erkennens, nach einem
gewissen Schematismus strebt. Allein ein genaueres Eingehen auf die
Dinge, die wir durch Jahre hindurch betrachtet haben, kann uns zeigen,
welch kompliziertes Wesen die Totalitat der Menschennatur ist.
Nehmen wir nun einmal die Tatsache, daft des Menschen physischer
Leib in bezug auf seine erste Anlage entstanden ist in ururferner Vergan-
genheit, wahrend der alten Saturnzeit. Das, was dazumal entstanden ist
als erste Anlage des physischen Menschenleibes, das tragen wir ja heute
noch in uns, aber so, dafi wir es aus dem Verwandlungsprodukt heraus,
das wir nach und nach geworden sind, erkennen mussen. Nachdem wir
als physischer Menschenleib durch die Sonnen-, Monden- und Erden-
entwickelung hindurchgegangen sind, ist es so, daft wir nicht mehr mit
der gewohnlichen Anschauung das erkennen konnen, was wahrend der
alten Saturnzeit entstanden ist. Denn dieser menschliche Leib ist eben
umgewandelt worden wahrend der Sonnen-, Monden- und Erdenzeit.
Er hat wahrend der Sonnenzeit eine Umwandlung dadurch erf ahren, dafi
der Atherleib ihn durchdrungen hat; wahrend der Mondenzeit hat er
eine Umwandlung erfahren dadurch, dafi der astralische Leib ihn durch-
drungen hat, und wahrend der Erdenzeit dadurch, dafi das Ich ihn
durchdrungen hat.
Wenn wir also zunachst nur den physischen Menschenleib betrachten,
noch nicht den Atherleib als solchen, nicht den astralischen Leib und
auch nicht das Ich, sondern nur den physischen Leib, so mussen wir
sagen, dafi dieser physische Leib sich in der Hauptsache viermal verwan-
delt hat.
Einstmals war er da als physischer Leib, und da waren die hoheren
Glieder der Menschennatur noch nicht darinnen. Dann hat er sich
umgewandelt unter dem Einflufi des Atherleibes, dann unter dem Ein-
flufi des Astralleibes und endlich unter dem Einflufi des Ich. Das alles ist
aber der physische Leib, ist Umwandlungsprodukt des physischen
Leibes.
Notieren wir uns das einmal: Da haben wir zunachst die erste Anlage
des physischen Leibes wahrend der alten Saturnzeit. Dann haben wir
unter dem Einflusse der Sonnenzeit dasjenige, was der atherische Leib
aus dem physischen Leibe macht, also die urspriingliche Anlage, und
das, was die Sonnenentwickelung daraus macht. Dann haben wir unter
dem Einflusse der Mondenzeit dasjenige, was der astralische Leib aus
ihm macht, und wahrend der Erdenzeit das, was das Ich aus ihm macht.
Das sind vier Verwandlungsformen des physischen Leibes (siehe Schema
Seite 13). Jetzt haben wir ins Auge gefafit, was durch den atherischen
und den astralischen Leib und durch das Ich in diesem physischen Leibe
bewirkt wird. Aber wir haben nicht die hoheren Glieder der Menschen-
natur fur sich ins Auge gefafit, nicht, was fur Veranderungen im Laufe
der Zeit mit dem atherischen Leibe, mit dem astralischen Leibe, mit dem
Ich vor sich gegangen sind. Wahrend der Sonnenzeit kommt der Ather-
leib hinzu; der macht nun wahrend der Sonnenzeit seine eigene Entwik-
kelung durch und erleidet dann Veranderungen wahrend der Monden-
zeit durch den Einflufi des astralischen Leibes und wahrend der Erden-
zeit durch den Einflufl des Ich, so dafi dieser atherische Leib wiederum
eine Dreigliedrigkeit hat. Endlich kommt wahrend der Mondenzeit
hinzu der astralische Leib; der entwickelt sich fiir sich in seiner Astralitat
wahrend der Mondenzeit und wahrend der Erdenzeit durch das Ich.
Aber nun kommt nur wahrend der Erdenzeit das Ich selber hinzu als ein
einzelnes.
Wir konnen nun das Ganze auch von einem anderen Gesichtspunk-
te aus betrachten. Wenn wir das Ich ins Auge fassen, so haben wir
eigentlich ein vierfaches Ich in uns. Wir haben in uns dasjenige, was das
Ich aus dem physischen Leibe macht. Wir haben dann dasjenige, was das
Ich aus dem Atherleibe macht, dann das, was es aus dem Astralleibe
macht und dann das Ich selbst in dem Ich.
Nun wollen wir aber einmal eine andere Frage stellen. Wenn wir den
Menschen sehen, wie er auf dem physischen Plan ist - wir wissen, wenn
wir die Abteilungen des Schemas abzahlen, dafi der Mensch eine Zehn-
heit ist -, also wenn er so auf dem physischen Plane vor uns steht, was ist
dann eigentlich von seiner ganzen Zehnheit vor uns?
I.PhysischcrLeib ZArhcrteib iAstralleib t^ch
5.Ather|cib 6.Astralkib 1 3ch
AstrQlleib 9. 3ch
10. Ich
Nun, im Grunde genommen ist zunachst von alledem nur sehr wenig
auf dem physischen Plane vor uns; das meiste von dem, was ich hier
aufgeschrieben habe von dieser Zehnheit, bleibt verborgen. Dasjenige,
was vor uns steht, ist zunachst dieses Ich hier (Schema S. 19: Ich l).Was
ist dieses Ich? Dieses Ich ist das, was der physische Leib ist, das, was das
Ich aus dem physischen Leibe gemacht hat. Bitte, achten Sie jetzt wohl
auf das, was ich sagen werde, denn man bekommt uberhaupt nur dann
davon einen richtigen Begriff .
Wenn Sie einem Menschen gegeniibertreten und ihn anschauen, die
Form seines Kopfes, die Physiognomie der Nase, des Mundes, wenn Sie
sehen, wie er ist, was er so ist - auch wenn Sie ihn als Anatom oder
Physiologe zerlegen -: dann haben Sie das, was das Ich aus seinem
physischen Leibe gemacht hat.
Das, was das Mondendasein, das Sonnendasein, das Saturndasein aus
dem physischen Leibe gemacht hat, das entgeht Ihrem Blick, das bleibt
eigentlich im Verborgenen; nur das, was das Ich aus dem physischen
Leibe macht, das haben Sie vor den physischen Augen. Also nur dann,
wenn man darauf achtet, kann man sich einen klaren Begriff von der
Sache machen.
Ich will.versuchen, Ihnen noch zu Hilf e zu kommen durch eine andere
Betrachtung, um die Sache zu erklaren. Wenn Sie ein Tier vor sich
haben, zum Beispiel einen Hund, einen Wolf, eine Katze, dann haben Sie
eine Gestalt, die durch einen astralischen Leib gemacht ist. Wenn Sie den
Menschen betrachten, haben Sie eine Gestalt, bis in die Blutzirkulation
hinein, die durch das Ich gemacht ist. Wenn Sie dagegen ein Tier
betrachten, haben Sie eine Gestalt, die durch den astralischen Leib
gemacht ist.
Verborgen bleibt die Konfiguration des physischen Leibes, welche
durch den atherischen, den astralischen und den physischen Leib sel-
ber gemacht ist. Was wir aufierlich erleben, ist eigentlich eine Verkorpe-
rung des Ich. Fassen wir das wohl ins Auge. Das ist eine Verkorpe-
rung des Ich, und wir sollten, wenn wir genau sprechen iiber den Men-
schen, so sprechen, dafi wir sagen: ein auf der Erde verkorpertes
Ich ist der Mensch in seiner ganzen Gestalt bis in die Blutzirkulation
hinein.
Also was das Ich aus dem physischen Leibe macht, das nehmen wir
wahr. Was nehmen wir aber noch nicht wahr? Was wir noch nicht
wahrnehmen, ist eben dieses Ich. Wenn Sie das hier Ich 1 nennen und
dies hier Ich 4 (siehe das Schema Seite 19), so ist Ich 1 von aufien
wahrnehmbar, Ich 4 ist das, was Sie nicht von aufien wahrnehmen,
sondern was Sie nur als Selbsterlebnis haben. Wenn Sie sich erleben in
Ihrem Selbstbewufitsein, wenn Sie erleben, was Sie wahrnehmen, was Sie
fiihlen, was Sie denken, kurz, wenn Sie sich erleben als Ich, dann nehmen
Sie dieses Ich als solches wahr: das ist das Ich, von dem die Philosophen
sprechen. Ich 4 also nehmen Sie wahr als Innenerlebnis.
Nun konnten Sie es nicht als Innenerlebnis wahrnehmen, wenn wirk-
lich nur das Ich da ware. Ich habe Ihnen schon gesagt, dal? wir nicht nur
wahrend der Nacht, sondern auch wahrend des Tages schlafen. Wir sind
uns nicht voll bewufit des ganzen inneren Erlebens, und insof ern wir bei
Tage schlafen, leben bei Tage auch in uns die Wesenheiten der hoheren
Hierarchien.
In diesem Ich leben, von der geistigen Welt aus ihre Impulse hereiner-
streckend, die Angeloi, die Archangeloi und die Archai. In dem, was am
allermeisten schlaft, in dem entschiedenen Wollen, lebt zunachst die
Kraft der Archai. Es leben schon auch die Angeloi und die Archangeloi
im Wollen, aber die tiefsten Impulse des Wollens kommen immer von
den Archai. Nur weifi der Mensch ja von seinem Wollen, wie ich Ihnen
schon auseinandergesetzt habe, sehr wenig. Im Gefuhle des Menschen
lebt die Kraft der Archangeloi und in seinem Denken die Kraft der
Angeloi. Man kann sagen: als unbewufites Selbsterlebnis sind in uns die
Willen gebenden Archai, die Gefuhle gebenden Archangeloi und die
Denken gebenden Angeloi. Und das alles strebt und webt in das Ich
hinein und wird zuletzt zu dem, was der Mensch eben sein inneres
Seelenleben nennt.
Aber bekannt ist eigentlich nur das Ich 1. Geradeso wie hinter dem,
was wir als Verkorperung des Ich anschauen, das liegt, was der astrali-
sche Leib, der atherische Leib und der physische Leib selbst aus dem
physischen Leib gemacht haben, so liegt hinter dem, was wir innerlich
erleben, dasjenige, was die Angeloi, die Archangeloi und die Archai
bewirken. So dafi wir sagen konnen: Im Grunde genommen kennt der
Mensch sehr wenig von dem, was er eigentlich ist.
Wenn der Mensch einem anderen Menschen begegnet, so nimmt er
dessen Ich 1 wahr; wenn er in sich selber hineinblickt, so nimmt er sein
Ich 4 wahr. Also acht von den zehn Gliedern bleiben zunachst im
Verborgenen liegen. Wenn aber auch diese Glieder fur sich selbst im
Verborgenen bleiben, so kann man doch sagen, dafi ihre Wirkungen in
gewissen Einzelerscheinungen des menschlichen Erlebens zutage treten.
Verborgen bleibt einmal, was das Ich aus dem atherischen Leibe macht.
Wie das Ich hier, welches ich das Ich 2 nennen mochte, im atherischen
Leibe sich benimmt, das bleibt zunachst - aber eigentlich nur scheinbar -
verborgen. Wir werden gleich sehen, dafi es auch etwas herauskommt.
Wie das Ich 1 aussieht, das gibt sich uns, wenn wir einem Menschen
gegeniibertreten, in seiner Gestalt, in seiner Form zu erkennen. So wie
das Ich 1 in der physischen Gestalt, in der physischen Form sich
kundgibt fur das aufiere Wahrnehmen, kann natiirlich das Ich 2, also das,
was das Ich aus dem atherischen Leibe macht, nur dem Hellseher
erscheinen. Der atherische Leib ist nicht ein Formenleib, sondern ein
Bewegungsleib. Ahnen konnen Sie, auch ohne Hellsehen, wie das Ich 2
den atherischen Leib in ganz bestimmte rhythmische Bewegungen ver-
setzt, so wie dem physischen Leibe das Ich 1 seine Form gibt. Aber diese
rhythmischen Bewegungen, diese inneren Bewegungen des atherischen
Leibes kommen, indem sie sich durchdriicken in den physischen Leib
hinein, im physischen Leibe zum Vorschein, oder besser gesagt, sie
kommen in der physischen Welt zum Vorschein.
Wir versuchen das, was da das Ich im atherischen Leibe darinnen an
Bewegungen erzeugen kann, ich mochte sagen, herauszuholen durch die
eurythmischen Bewegungen, soweit das in der Gegenwart schon gesche-
hen kann. Wenn Sie sich ein Gedicht oder ein Musikstiick eurythmisiert
vorstellen und Sie konnten abstrahieren, absehen von dem physischen
Leibe und nur hinsehen auf das, was der Atherleib tut, dann wiirden Sie
das Ich im atherischen Leibe darinnen in Bewegung haben.
Wir versuchen abzutrotzen dem Ahriman diese Eurythmie; denn
dadurch, dafi Ahriman in die Welt gekommen ist, ist der menschliche
Atherleib so verhartet worden, dafi er die Eurythmie nicht als natiirliche
Gabe entwickeln konnte. Die Menschen wiirden eurythmisieren, wenn
Ahriman den menschlichen atherischen Leib nicht so verhartet hatte,
dafi das Eurythmische nicht zum Ausdruck kommen kann; denn dieses
Eurythmische mufi sich durchpressen durch nur ein einziges Glied des
menschlichen physischen Leibes und wird durch die anderen Glieder des
physischen Leibes in Bann gehalten.
Der Atherleib, der beim Musikalischen, beim Singen und auch beim
Sprechen eigentlich veranlafit ist, in eurythmischen Bewegungen zu
leben, der wird durch die Schwere des physischen Leibes, also durch
Ahriman, abgehalten, diese Bewegungen wirklich auszufuhren und kann
sie nur durch ein einziges Glied zum Ausdruck bringen: er kann sie nur
in Lunge und Kehlkopf hineinlegen, indem er die Luft durch sie
hindurchprefit. Dadurch kommt die Sprache und der Gesang zustande.
Wir konnen also sagen, dafi das Ich 2, indem es den atherischen Leib
durchorganisieren, durcheurythmisieren will, sich, statt den ganzen
Menschen zu ergreifen, mit einem Teile des Menschen begniigen mufi im
Gesang und in der Sprache.
Wenn der Mensch singt oder spricht, dann kommt im Tone und in der
Vokalisierung eigentlich immer ein Spektrum des ganzen Menschen zum
Vorschein. Das, was man hort, ist der Ton, ist der Vokal. Dasjenige, was
aber alles zum Vorschein kommt fur das hellseherische Bewufitsein, das
ist im Grunde genommen ein ganzer Mensch, der ganze Mensch in einer
gewissen Bewegungsform.
A, E, I, O, U, das ist immer ein ganzer Mensch, namlich ein
Spektrum, ein atherisches Gespenst des ganzen Menschen. Nur wird in
einseitiger Weise der atherische Leib bewegt, so dafi, wenn Sie einen
Menschen sprechen horen: A, E, I, O, U das so verlauft, dafi Sie
hintereinander fiinf Menschen spektrisch sehen, nur immer in verschie-
dener Bewegungsform und so, dafi nicht immer der ganze Mensch voll
und gleichmafiig zu sehen ist, sondern manchmal mehr der Kopf,
manchmal mehr die Hande, manchmal mehr die Beine. Die anderen
Teile treten dann, ich mochte sagen, in Dunkelheit, in Dusterheit
zuriick.
Nun steht aber in Verbindung mit jenem selben Ich 2, von dem ich
Ihnen eben gesagt habe, dafi es in seinen Wirkungen in die Sprache, in
den Gesang hinein ertont, wiederum eine Wesenheit aus der Reihe der
Angeloi. Aber dieser Angelos ist gerade derjenige, von dem ich ofter in
diesen Vortragen gesprochen habe. Das ist das, was natiirlich ganz und
gar nicht zum Bewufitsein kommen kann, denn es kommt ja nicht einmal
das zum Bewufitsein, was ich Ihnen soeben erzahit habe von der Ich-
Tatigkeit im atherischen Leibe, wenn die Menschen singen oder spre-
chen. In alles das ergiefit sich ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi.
Das ist eben ein Diener des Volksgeistes, und auf diesem Wege kommt
also aus dem Volksgeiste die Sprachfarbung, die besondere Sprache in
den Menschen hinein. Dadurch, dafi der Volksgeist der Hierarchie der
Archangeloi angehort, hangt dies wieder mit den hoheren Gebieten
zusammen. Das ist ein komplizierter Weg, durch den das Volksmafiige,
das Nationale, in den Menschen hineinkommt. Aber so gliedert es sich
hinein, auf diesem Wege und an dieser Stelle. Denn hinter diesem
Angelos steht der Volksgeist, der eine Wesenheit aus der Reihe der
Archangeloi ist.
Wir wollen nun dieses nachste Ich, das wiederum verborgen bleibt,
Ich 3 nennen. Dieses Ich 3 erlebt der Mensch auch nicht unmittelbar.
Denn dasjenige, was man unmittelbar erlebt, ist Ich 4. Was man von
aufien sieht, ist Ich 1. Und wenn wir von aufien wahrnehmen die
Wirkung von Ich 2, so ist es dann, wenn der Mensch singt oder spricht.
Ich 3 lebt in sehr unterbewufiten Regionen; es lebt in alle dem, dessen
der Mensch fahig ist im Umfange seines Phantasieschaffens. Alles was
der Mensch an Phantasiebildern in sich hervorbringen kann, an Bildern,
die nicht Abbilder der physischen Aufienwelt sind, das stammt von Ich
3, so dafi wir sagen konnen: es lebt als schopferische Phantasie im
weitesten Umfange.
Hier mufite auch dasjenige beschrieben werden, was Sie in meiner
«Philosophie der Freiheit» unter dem Titel «Moralische Phantasie»
finden. Da kommt sie zum Vorschein als Moralprinzipien schaffende
Phantasie. Alles Schopferische, im Guten und im Bosen, gehort an diese
Stelle der menschlichen Wesenheit. Ich sagte: «Im Guten und im
B6sen», denn Sie konnten ja der Meinung sein, es gebe viele Menschen,
die einen auffallenden Mangel an Phantasie zeigen. Da kann man nur
sagen: Oh, hatten sie mehr wirkliche Phantasie, diese Menschen! Denn
ein wenig Pflege der wirklichen Phantasie ist ein gutes Heilmittel
gegeniiber gewissen Schaden des Lebens.
Ich mochte Sie nur auf eines aufmerksam machen. Es gibt Menschen,
die scheinen gar keine Phantasie zu haben auf den Gebieten, auf denen
man oftmals Phantasie sucht. Ja, wenn sie manchmal Gelegenheit neh-
men, sich iiber die Phantasie zu aufiern, zeigen sie sogar einen ausgespro-
chenen Hafi gegen alle Phantasieschopfungen. Wenn man ihnen aber zu
Leibe oder, ich mochte sagen, zur Seele riickt, zeigen sie, dafi sie im
Grunde sehr viel Phantasie haben: kaum horen sie namlich da oder dort
ein Wort iiber ihren Nebenmenschen, das ihm abtraglich ist, so erfinden
sie ganze Geschichten und erzahlen die tollsten Dinge iiber ihren
Nebenmenschen. Alles, was man so liigt, ist ja Geschopf der Phantasie,
ist ein Umwandlungsprodukt der Phantasie ins Bose. Und wenn Sie
diese Erwekerung der Phantasie ins Bose nehmen, so werden Sie gewahr
werden, dafi die Phantasie doch ziemlich verbreitet ist in der Welt der
Menschen. Wenn Sie alle die Schopfungen der Phantasie ins Auge fassen,
welche die Menschen zuwege bringen, indem sie iiber ihre Mitmenschen
dieses oder jenes sagen, oder auch sonst dieses oder jenes zum besten
geben, so werden Sie ein ziemliches Quantum von Phantasie finden auch
bei denjenigen Menschen, die im gewohnlichen, im edleren Sinne phan-
tasiearm sind. Die menschlichen Fahigkeiten verschlagen sich eben
manchmal, und Liigenhaftigkeit und Verleumdungssucht sind eben ver-
schlagene Phantasie.
Im ganzen konnen wir sagen: Da unten in der Stromung der menschli-
chen Wesenheit, da ruht Ich 3, denn in allem, was der Mensch schaffen
kann aus sich selber, was aus den Tiefen seines Seelenlebens heraufspru-
delt im Guten und im Bosen, ist dasjenige, was vom Ich 3 kommt. Aber
auf dieses Ich 3 haben Einflufi Wesenheiten aus der Kategorie der
Angeloi und Wesenheiten aus der Kategorie der Archangeloi, im Gu-
ten und im Bosen mit luziferischer und ahrimanischer Natur.
Jch ^ von oufich wohrtiehmbdi'
Jch^ ats Tnnehci-lebniJ
3ch^ als 5ch6pfCM*ft>ii> PKantofic
Sie bekommen ein Bild von der Menschennatur, wenn Sie dieses hier
abgrenzen. (Siehe Schema: Ich 4, Ich 3, Ich 2, Ich 1.) Wenn Sie dieses
abgrenzen, haben Sie auf der einen Seite die Offenbarung des menschli-
chen Ich nach aufien; wenn Sie hier abgrenzen, haben Sie die Offenba-
rung des menschlichen Ich nach innen. Zwischen den beiden haben Sie
dasjenige, was, ich mochte sagen, halb aufien ist, die Aufierung des
Inneren nach aufien; das ist Ich 2. Ich 3 ist das, was nur halb innerlich ist,
namlich von unbekannten Tiefen in das Innere hereinkommend. Dasje-
nige dagegen, was nach aufwarts von dieser schragen Linie hier liegt, ist
etwas von der gegen die physische Natur hin liegenden verborgenen
Menschennatur. Was unterhalb dieser schragen Linie liegt, das sind die
nachsten geistigen Hierarchien, die mit dem Menschen in Zusammen-
hang stehen.
Im Grunde genommen, wenn man auf der Erde vom Menschen
spricht, hat man kaum etwas anderes im Auge als das, was innerhalb
dieser Linie liegt. Dariiber aber ist alles das, was als Residuum, als Rest
im Menschen vorhanden ist von der alten Saturn-, Sonnen- und Mon-
denzeit.
Wenn Sie hier eine Linie ziehen ( J) ), so bekommen Sie alles das, was
aus der Mondenzeit im Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier (O)
eine Linie ziehen, bekommen Sie alles das, was aus der Sonnenzeit im
Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier ( f? ) eine Linie ziehen, alles
das, was aus der Saturnzeit im Menschen verborgen liegt.
Ziehen Sie hier eine Linie ( % ), so bekommen Sie das, was wahrend der
Jupiterzeit offenbar werden wird, wo der Mensch unter den Angeloi
leben wird. Ziehen Sie hier eine Linie (9)> so bekommen Sie das, was
wahrend der Venuszeit offenbar werden wird, und hier zum Schlusse
bekommen Sie das, was wahrend der Vulkanzeit offenbar werden wird.
Nach einer gewissen Seite hin gibt Ihnen dieses Schema ungefahr einen
Begriff von der Kompliziertheit der Menschennatur. Es ist gut, die
Dinge nicht nur so zu betrachten, wie sie sich im Verlaufe unserer
Zyklen darbieten, sondern wir sollen auch die einzelnen Dinge miteinan-
der in Beziehung bringen. Ich wollte Ihnen heute ein Beispiel geben, wie
diese Dinge miteinander in Beziehung gebracht werden konnen.
Ein solches Schema kann man ja auf verschiedene Weise finden. Ich
will Ihnen zuerst sagen, wie etwa der Hellseher auf ein solches Schema
kommt. Der Hellseher wird sich sagen: Ich trete einem Menschen
gegeniiber; von diesem Menschen nehme ich zunachst mit der physi-
schen Wahrnehmung seine aufiere Gestalt wahr, alles was zum Aufleren
gehort, Aber ich kann nun hellseherisch diese Gestalt vertiefen; da
komme ich gewissermafien auf den Grund der aufieren Gestalt. Sehe ich
dann ab von der auCeren Gestalt, dann nehme ich ein atherisches Wesen
wahr, und in dieses atherische Wesen spielen hinein die Sprache, der
Gesang, wie iiberhaupt alle Tonaufierungen. Das vertieft mir das
Aufiere. Ebenso kann ich mein Inneres vertiefen. Ich kann zunachst
mein Selbstbewulksein so entwickeln, wie man es im gewdhnlichen
physischen Leben entwickelt. Dann kann man es aber auch vertiefen.
Man kann in die Welt, die sonst nur als Phantasiewirkung sich aufkrt,
sein Innenleben hineinergiefien. Dann entsteht aber etwas Reales. Dann
entsteht wirklich Imagination, dann hort die Phantasie auf, blofie Phan-
tasie zu sein. Es gelangt der Mensch in ein Gefiihl hinein, das ihm sagt:
die Phantasie ist nicht mehr blofi Phantasie, sondern taucht unter in ein
Reales. Da kommt einem etwas entgegen und man weifi, das ist das
Innere, und dies ist das Aufiere (siehe Zeichnung), und die kommen
einander entgegen.
Das ist die Form, wie das hellseherische Bewufitsein dies erlebt. Dann
mu!5 es sich wie daranstiickeln das, was es in der Anschauung erleben
kann, indem es sich versetzt in die Monden-, Sonnen- und Saturnzeit.
Auf diese Weise kann man hellseherisch, schopferisch die Notwendig-
keit eines solchen Schemas in sich erleben. Derjenige, der die ersten
Stufen der Initiation durchgemacht hat, kann das so erleben.
Aber selbst wenn man diese Stufe noch nicht erreicht hat, kann man
sich bis zu einem gewissen Grade helf en, damit man nach und nach dazu
kommt, das auch innerlich zu erleben, was von aufien an einen heran-
tritt. Wenn man alles das zusammennimmt, was bis jetzt vorgetragen
worden ist iiber die Geisteswissenschaft, dann konnen Sie dieses Schema,
so wie es hier aufgeschrieben ist, sich selbst zusammenstellen. Sie miissen
sich nur die Miihe geben, nicht nur hintereinander fort zu lesen, sondern
zu versuchen die Dinge zu verbinden, die vorgetragen worden sind. Man
kann sich dieses Schema aus dem vorhandenen Zyklenmaterial bilden.
Und das ist sehr niitzlich, denn indem man so das Material verarbeitet,
das in den Zyklen geboten ist, schreitet man weiter von einem aufierli-
chen Aufnehmen zu einem innerlichen Verarbeiten. Dieses innerliche
Verarbeiten hat einen hohen Wert fur das wirkliche Vorwartskommen.
Ich habe Ihnen heute ein Beispiel gegeben, wie man aus den Zyklen
sich ein solches Schema aufbauen kann. Ich hoffe nun, dafi viele von
Ihnen sich solche Schemata nach und nach aufbauen werden. Dann wird
erstens das wesenlose Spekulieren iiber den Inhalt der Zyklen geringer
werden, und das ist sehr gut; und zweitens werden durch solche
Zusammenstellungen wirklich innere Evolutionen durchgemacht. Es
werden die einzelnen weiterkommen, wenn solche fruchtbaren Zusam-
menstellungen gemacht werden. Man kann nicht nur ein paar solcher
Zusammenstellungen aus den Zyklen machen. Aus dem, was jetzt als
Zyklenmaterial vorliegt, kann man, wenn man sie fruchtbar macht, nicht
nur Hunderte, sondern viele, viele Tausende, vielleicht noch mehr, von
solchen Zusammenstellungen machen. Also Sie sehen, man hat genug zu
tun, wenn man in entsprechender fruchtbarer Weise dasjenige anwendet,
was in den Zyklen gegeben ist.
Geht man wiederum von einem solchen Schema zu einer Erweiterung
des Schemas, dann kommt man erst recht weit. Wenn Sie dasjenige, was
eigentlich auf dem physischen Erdenplane vorliegt, absondern, diese
vierfache Gestaltung des Ich, so konnen Sie sagen: Unter dem Diagonal-
streifen liegt alles das hier, und iiber ihm liegt alles das da. Bei diesen
Punkten miissen wir nur die Anordnung umkehren. Was hier unten
eingeschrieben worden ist, miissen Sie oben hinsetzen. Dann haben wir
die sechs Punkte oben; wir miissen also da oben sechs Punkte machen
und muflten das, was hier sechs Glieder sind, an diese sechs Punkte
schreiben. Das, was hier oben ist, miifiten wir unten hineinschreiben.
Wir konnten wieder sechs Punkte machen, und wir konnten die sechs
Punkte da hinschreiben, wo die oberen Punkte sich befinden.
Das brauchen wir aber nicht zu tun, derm das hat schon der Kosmos
fur uns gemacht. Das, was auf der Erde ist, ist da; und obzwar das, was
aus der Saturn-, aus der Sonnen- und der Mondenzeit in uns lebt,
/''/.
//',"
A..
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zunachst verborgen ist, und das, was als Jupiter-, Venus- und Vulkanzeit
einst kommen wird, auch verborgen ist, so sind doch die Spuren dazu
vorhanden im Weltall, im Zodiakus, im Tierkms.
Man kann also dieses Schema erweitern. Alles das, was auf der Erde
nicht Mensch ist, finden wir auch, wenn wir hinauf- oder hinunterstei-
gen. Es ist dies nur eine Andeutung, wie Sie verbinden konnen unsere
elementarischen Lehren mit dem, was in den Zyklen enthalten ist iiber
die geistigen Hierarchien und ihren Zusammenhang mit den Weltenkor-
pern.
Aber auch mancherlei werden Sie finden in bezug auf, sagen wir,
Padagogik. Selbst Padagogik wird sich ergeben, wenn wir so etwas, wie
wir es jetzt auseinandergesetzt haben, in der richtigen Weise betrachten.
Bedenken Sie, dafi wir darauf gekommen sind, dafi in Ich 2 Sprache
und Gesang vorhanden sind. So dafi wir sagen konnen: die Sprache und
der Gesang sind zusammengedrangt durch Ahrrman aus der ganzen
Menschennatur. Wenn das einmal richtig verstanden werden wird, wird
sich etwas aufierordentlich Wichtiges fur das wirkliche Leben ergeben.
Erstens wird sich ergeben fur die Gesangspadagogik der Grundsatz, dafi
man ein Bewufitsein hervorrufen mufi bei dem Singen-Lernenden von
dem Anteil, den der Atherleib dabei hat: gleichsam von dem fortwahren-
den Uberleiten der Tone auf den Atherleib. Erst dann, wenn diese
Anteilnahme des Atherleibes beim Singen wirklich in Betracht gezogen
werden wird, wird auch jener Umwandlungsimpuls eintreten, der mit
Bezug auf die Gesangspadagogik notwendigerweise aus unseren Prinzi-
pien heraus erfolgen mui Praktisch gesprochen wird sich das darin
zeigen, dafi die Gesangslehrer und -lehrerinnen den Schiiler immer mehr
dahin bringen werden, weniger mit Bewufksein zu verbinden das Gefuhl
in den physischen Organen, dafiir aber mehr Bewufitsein zu entwickeln
in dem, was gewissermafien diesen physischen Organen anliegt. Der
Singende mufi ein Gefuhl haben, nicht so sehr von der Bewegung der
Organe, sondern von dem, was die Luft in ihm und um ihn in ihrer
Bewegung tut. Eine Emanzipation des bewulken Erlebens des Tones in
der Luft von dem Erleben des Tones im Organe ist dasjenige, was aus
dem richtigen Erkennen der geisteswissenschaftlichen Grundsatze in der
Gesangspadagogik folgen wird.
Ebenso wird man mit Bezug auf die Sprachtechnik, namentlich was
das Rezitieren betrifft, immer mehr darauf kommen, dafi auch da es sich
handelt um ein wirkliches Bewufitwerden von dem elementarischen
Umwobensein, wahrend man kiinstlerisch spricht.
Dadurch nun ist es moglich, dafi der Ton zum wirklichen Kunstton
wird, dafS der Sprecher ein Gefuhl erhalt von dem Bewufitsein, dafi man,
indem man kiinstlerisch spricht, nicht bloft in seiner Haut eingeschlossen
lebt; sondern ich mdchte es so ausdriicken: derjenige, der kiinstlerisch
spricht, wird den Ton fiihlen in der Luft, den Laut fiihlen in der Luft als
lebendiges Wesen, und durch dieses Den-Laut-Fiihlen als lebendiges
Wesen wird er etwas wie einen Unterton haben, wie eine Unternuance
im Sprechen. Den Laut fiihlen im lebendigen Sprechen: das wird wie-
derum eine Bereicherung der Rezitationspadagogik ergeben.
Gerade durch das Eingehen auf die Intimitaten der Geisteswissen-
schaft wird sich fur das Lehren und das Lernen im Leben Bedeutungs-
volles ergeben. Vieles von dem, was anklingt, wenn man solche Dinge
beriihrt wie diejenigen, die heute beriihrt worden sind, ist eigentlich der
Menschheit heute noch recht wenig bewufit. Zum Beispiel ware es gut,
ein Bewufitsein davon zu entwickeln, wie eine gewisse neue Lautformu-
lierung in einzelnen Gebieten meiner Mysteriendramen versucht worden
ist. Am leichtesten ist das im siebenten Bilde des ersten Mysteriendramas
zu verfolgen. Aber auch in den anderen Mysteriendramen sind solche
Partien, wo das verfolgt werden kann.
Ein gewisses inneres Gestalten des Lautes - neben all dem, was sonst
darinnen liegt - ist es, in dem sich ausdriickt ein neues Element im
poetischen Schaffen, von dem heute kaum irgendwo eine Spur vorhan-
den ist, das aber an die Stelle treten wird dessen, was Reim, Endreim
oder Anfangsreim in friiheren Zeiten war. Ein gewisses innerliches, ich
mochte sagen, ein atherisch-poetisches Erleben des Lautes gegeniiber
dem mehr aufierlich-physischen Erleben des Lautes, wie es im Endreim
oder im Anfangsreim ist. Das Bediirfnis ist ja vorhanden, schon in
unserem immer mehr prosaisch werdenden Rezitieren, die alten Formen
abzustreifen. Nicht leicht lafit sich heute jemand darauf ein, den
Anfangsreim, die Alliteration, wie Jordan es versucht hat, zu gebrau-
chen; und nicht sehr lafit sich heute ein Rezitator darauf ein, den
Endreim so zu betonen, wie er urspriinglich betont war. Man betont
lieber sinngemafi. Aber das ist Prosa; das ist keine poetische Sprache,
wenn man blofi sinngemafi rezitiert. Poetisches Rezitieren wiirde sein:
ein Rezitieren mit vorzuglicher Betonung desjenigen, was nicht das
prosaische Element ist in der kiinstlerischen Gestaltungsart. Das wird
aber erst wiederum moglich sein, wenn man, statt in das Aufterliche der
Lautkonfiguration im Reim oder aufieren Rhythmus, sich in jenen
inneren Rhythmus einlebt. So wird man sich hineinleben mussen in den
Laut in der Weise, wie ich es auf einem anderen Gebiete besprochen
habe: wie ich es besprochen habe in den Vortragen der letzten Zeit, wo
ich von dem Hineinleben in den einzelnen Ton beim musikalischen
Komponieren in der Zukunft sprach.
Alle diese Beispiele zeigen, dafi es mit dem Lernen der Theorien der
Geisteswissenschaft durchaus nicht getan ist, sondern dafi es ankommt
auf ein innerliches Erleben desjenigen, was wir aufnehmen und auf ein
Durchdringen der ganzen Seele mit dem, was die Geisteswissenschaft
will, wie ich es bei einer anderen Gelegenheit schon gesagt habe.
Eben gerade damit sollte ein Anfang gemacht werden bei unserem
Bau. Soweit etwas, was eine Anregung zu geben vermag, aufierlich
hingestellt werden kann, sollte es in diesem Bau hingestellt werden, um
durch das Anschauen von Formen und Farben eine Wirkung zu erfiihlen
in der ganzen Seele und nicht bloft im Auge. Vollig wird aber das, was
angedeutet worden ist, nur erreicht werden, wenn wir uns veranlafit
fiihlen, das ganze Leben in derselben Weise zu gestalten - da, wo es
heute schon moglich ist -, wie es bei diesem Bau versucht wurde. Aber
dann mufi man eben auch versuchen, die Geisteswissenschaft wirklich
lebendig zu machen, sie wirklich hineinzugiefien in das, was wir unter-
nehmen und tun wollen. Es ist notwendig sich bewufk zu werden, dafi
mit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung etwas gegeben wer-
den soil, was eine Art neuen Menschen in jenem alten Menschen erzeugt,
der wie ein Erbstiick friiherer Erdenevolution auf uns gekommen ist.
Wir nehmen zu gleicher Zeit mit der Geisteswissenschaft die Vorbedin-
gungen in uns auf, die dazu dienen, dem zur Geburt zu verhelfen, was
geboren werden soil fur die Erdenzukunft.
Wenn man das will, dann mufi man allerdings tief, tief mit seinem
ganzen Wesen die Geisteswissenschaft verbinden. Wir haben da und
dort schon schone Beispiele von einem solchen Durchdringen erlebt.
Von einem hervorragenden Beispiele haben wir des ofteren schon
gesprochen. Ich mochte bei dieser Gelegenheit einige Worte unseres
Freundes Christian Morgenstern zum Schlusse erwahnen, welche solch
ein Beispiel darstellen, wie unter uns Geisteswissenschaft als Seelenerleb-
nis in Herz und Seele eindringen kann. Nicht dadurch, dal$ wir sie
theoretisch aufnehmen, dringt ja die Geisteswissenschaft in uns wirklich
so ein, wie sie es kann, sondern erst dann, wenn sie sich in jede Fiber
unseres Wesens hineinlebt.
Und das ist ein Beispiel, ein Beispiel unter vielen, dafi Geisteswissen-
schaft so schon in einem Gedichte wie demjenigen Christian Morgen-
sterns zum Ausdruck gekommen ist, Scheinbar konnte dieses Gedicht
auch aus einer anderen Weltanschauung geschrieben worden sein, in
Wirklichkeit atmet es aber ganz, in jeder Zeile nicht nur, sondern auch in
der Vokalisierung - aber Vokalisierung hier seelisch genommen - den
Geist unserer Geisteswissenschaft:
Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren,
ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben,
ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben.
Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben,
dann gait es dies Gegebne zu erwerben,
Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben.
Da wollte Stolz es mittendrin verderben,
und es ward Dir, und Du warst ihm verloren . . .
Bis dafi Du iibermachtig mich beschworen!
Da ward ich Dir zum andernmal geboren:
denn ich verstand zum erstenmal zu sterben,
denn ich empfand zum erstenmal zu leben.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 10. Januar 1915
In Erinnerung an das, was wir gestern zu betrachten versuchten, denken
wir daran, wie es zunachst mit dem, was wir die Saturnentwickelung des
Menschen nennen, eigentlich beschaffen sein mufi.
Wenn wir das ins Auge fassen, was wir gestern ausgefiihrt haben, so
wissen wir, dafi in uns, ich mochte sagen, in unserer Menschenwesenheit
auf verborgene Art dasjenige vorhanden ist, was in der Saturnzeit zuerst
in uns verpflanzt worden ist: die erste Anlage der physischen Leiblich-
keit. Das was die alte Saturnentwickelung an uns getan hat, das ist heute
nicht mehr irgendwo innerhalb unserer aufieren Welt anzutreffen. Diese
alte Saturnentwickelung ist in urferner Vergangenheit einmal heraufge-
zogen, ist wiederum vergangen, hat Eigentiimlichkeiten, Krafte gehabt,
die wir heute, wenn wir um uns herumblicken, zunachst vergeblich
suchen. Denn auch, wenn wir zu den Sternen aufschauen in den Welten-
raum hinaus, finden wir heute zunachst nicht das, was innerhalb der
alten Saturnentwickelung herrschend war.
Es ist ja, nachdem diese alte Saturnentwickelung abgedammert war,
die Sonnenentwickelung und dann die Mondenentwickelung gekom-
men. Heute leben wir innerhalb der Erdenentwickelung. Drei Entwicke-
lungsperioden sind vergangen. Das, was ihre Eigentiimlichkeiten waren, ist
mitvergangen, ist jetzt nicht mehr, ich mochte sagen, in unserem Blickf elde.
Nur unter den verborgenen, unter den okkulten Wirkungen, die die Welt
durchwallen, konnen wir das finden, was Eigentiimlichkeit der alten
Saturnentwickelung war. Wir konnen noch die Krafte gewissermafien
entdecken, die dazumal an unserem physischen Leibe gearbeitet haben.
Wenn Sie sich erinnern an das, was in meiner «Geheimwissenschaft im
Umrifi» dargestellt ist, so werden Sie wissen, dafi damals tatig war ein
Zusammenwirken der Geister des Willens und der Geister der Person-
lichkeit. Dieses Zusammenwirken ist auch heute noch da, aber, wie
gesagt, wir konnen es nicht im aufieren Blickfelde finden. Wir finden es,
wenn wir in das hineinblicken, was wir unser personliches Schicksal
nennen. Unser personliches Schicksal wird ja so gewoben, dafi in den
aufeinanderfolgenden Inkarnationen das, was uns trifft, wie Ursache und
Wirkung zusammenhangt. Und was da wirksam ist in unserem personli-
chen Schicksalsstrom, das sind keine Krafte, die der aufiere Naturwis-
senschafter untersuchen kann. Denn er wird unter den Kraften, die er
auf dem Gebiete der Physik, Chemie, Biologie, Physiologie und so
weiter entdeckt, nichts finden, was hervorruft jenen Zusammenhang von
Ursache und Wirkung, der in unserem personlichen Karma zum Aus-
druck kommt. Die Gesetze, die da waken, entziehen sich der physikali-
schen Beobachtung. Aber sie entziehen sich auch der historischen Beob-
achtung, derjenigen Beobachtung, die die sogenannten Kulturwissen-
schafter materialistischer Farbung heute pflegen. Wie man untersucht,
was im geschichtlichen Werden vor sich geht, wie man heute Geschichte
schreibt, von den persischen, agyptischen, griechischen und romischen
Zeiten bis in unsere Gegenwart, das enthalt Gesetze, die nichts zu tun
haben mit jenen Kraften, die in unserem Karma wirksam sind. Daher
kommt der Historiker, der heutige Kulturwissenschafter materialisti-
scher Farbung auch nicht auf die Gesetze, die abhangen von dem
personlichen Karma der Menschen.
Die Geschichte wird so betrachtet wie ein f ortlauf ender Strom, und es
wird zum Beispiel ganz aufier acht gelassen, inwiefern das geschichtliche
Werden davon abhangt, daft, sagen wir, Menschenseelen, die Personlich-
keiten waren in der alten Romerzeit, heute wiederum vorhanden sind,
dafi sie teilnehmen an den Ereignissen, die um uns herum sind, und so
teilnehmen, daft die Art, wie sie heute teilnehmen, aus ihrem personli-
chen Karma flielk. Das wird ausgeschaltet bei dem Historiker materiali-
stischer Farbung.
Also wenn wir suchen, was noch vorhanden ist an Kraften, die, ich
mochte sagen, die Naturkrafte der alten Saturnentwickelung waren, so
miissen wir zu der Gesetzmafiigkeit unseres personlichen Karmas gehen.
Erst wenn wir lernen, den Kosmos, der in unserem Blickfelde ist, nicht
blofi zu betrachten, sondern zu lesen das, was in ihm ist, dann bekom-
men wir einen Einblick, wie in dem, was um uns herum ist, noch immer
die alten Saturngesetze in einer gewissen Weise wirksam sind.
Wenn wir die Anordnung und Ausstrahlung der zwolf Tierkreiszei-
chen wie eine kosmische Schrift ins Auge fassen, wenn wir ins Auge
fassen, welche Krafteausstrahlungen sich hineinergiefien in das Men-
schenleben von Widder, Stier, Zwillingen und so weiter, dann denken
wir im Sinne derjenigen Krafte, die Saturnkrafte waren. Und wenn wir
versuchen, das personliche Karma in Zusammenhang zu bringen mit den
Konstellationen, die sich auf diese Tierkreiszeichen beziehen, dann leben
wir ungef ahr in der Sphare der Weltbetrachtung, die angewendet werden
miiflte auf die Gesetze der alten Saturnepoche.
Es ist also zuriickgeblieben gewissermafien nichts, was man sehen
kann, sondern etwas Unsichtbares, was aber noch aus den Zeichen des
Kosmos zu deuten ist. Derjenige, der glauben wiirde, der Widder, der
Stier, die Zwillinge machen sein Schicksal, der wiirde in demselben
Irrtume leben wie derjenige, der durch einen gewissen Gesetzesparagra-
phen verurteilt wird und nun auf diesen Gesetzesparagraphen einen
besonderen Hafi bekame und glaubte, dafi der ihn ins Gefangnis
geschickt habe. So wenig ein einzelner Gesetzesparagraph - das, was auf
dem weifien Blatt als Druckschrift stent - einen Menschen verurteilen
kann, so wenig konnen der Widder, der Stier oder die Zwillinge das
Schicksal bewirken. Aber lesen kann man dasjenige aus der Sternen-
schrift, was aus dem Kosmos heraus mit dem Menschenschicksal zusam-
menhangt. Wir konnen also sagen: Das, was so aus der Sternenschrift
folgt, ist ein Rest der alten Saturnentwickelung, ist die alte Saturnentwik-
kelung, rein geistig geworden, nur ihre Zeichen zuriicklassend in der
Sternenschrift des Kosmos.
Wenn wir von der alten Saturnentwickelung fortschreiten zur Mon-
denentwickelung, dann miissen wir uns klarmachen, dafi wir auch
zunachst von der Mondenentwickelung so unmittelbar - ich sage:
zunachst, so unmittelbar - nichts in unserem Blickfelde haben, das uns
umgibt. Das, was aufiere Naturwirkungen sind, enthalt zunachst in der
Hauptsache keine Krafte, die etwa gleichkamen den Kraften der alten
Mondenentwickelung. Auch die Krafte der alten Mondenentwickelung
haben sich gewissermafien ins Verborgene zuruckgezogen, aber sie sind
noch nicht in demselben Grade geistig geworden wie die alten Saturnge-
setze. Die alten Saturngesetze sind so geistig geworden, dafi wir sie in
den Gesetzen unseres personlichen Schicksals, also ich mochte sagen,
ganz aufierhalb des Raumes und der Zeit nur erforschen konnen. Wenn
wir das Menschenleben im ganzen betrachten, so finden wir heute noch
diese alten Saturngesetze, finden noch das, was wir, wenn wir dem
Menschen entgegentreten in der physischen Welt, nicht sehen konnen.
Wir haben gesagt: Wenn wir dem Menschen in der physischen Welt
entgegentreten, haben wir den physischen Leib als Rest der alten Saturn-
entwickelung, den Atherleib als Rest der alten Sonnenentwickelung, den
Astralleib als Rest der alten Mondenentwickelung, und das Ich. Und
eigentlich nur die Verkorperung dieses Ich sehen wir nicht als Rest,
wenn wir den Menschen aufterlich anschauen, wenn wir seine Gestalt
betrachten. Die Gesetze also, die waltend und wirksam sind, indem das
Ich sich den Menschen gestaltet, sich verkorpert, sind die Erdengesetze.
Und schon die Gesetze des astralischen Leibes, die Gesetze der Monden-
entwickelung, haben sich zuriickgezogen, sind nicht mehr aufierlich
wirksam. Aber sie sind so, dafi wir, wenn wir dem Menschen gegeniiber-
treten, sagen werden: Du, Mensch, bist, wie du mir gegeniibertrittst als
materieller Mensch, eine Verkorperung des Ich. Aber tief im Hinter-
grunde deines Wesens liegt dein unsichtbares, personliches Schicksal. -
Wie dieses unsichtbare, personliche Schicksal bestimmt ist, so waken in
ihm die alten Saturngesetze. Da appellieren wir schon an etwas ganz
Geistiges, wenn wir von der Verkorperung des Ich, also von den
Erdengesetzen, auf die alten Saturngesetze hinblicken. Nicht etwas so
Geistiges ist es, wenn wir von dem, was vor uns steht im Menschen,
hinblicken auf das, was in ihm von den alten Mondengesetzen noch
waltet. Aber auch das hat sich zuriickgezogen von der aufieren Welt-
wirksamkeit, auch das ist nicht so unmittelbar sozusagen unter den
Wirkungskraften des Erdendaseins.
Wo miissen wir es suchen, was von der alten Mondenwirksamkeit
zuruckgeblieben ist? Wir miissen es suchen geschiitzt und eingebettet,
verhiillt vom Erdendasein. Denn es ist wirksam in der Zeit bevor der
Mensch durch seine physische Geburt ins Erdendasein tritt, es ist
wirksam bevor der auftere, physische Lichtstrahl in sein Auge dringen
kann, es ist wirksam bevor er den ersten Atemzug begonnen hat. Es ist
wirksam von der Empfangnis bis zur Geburt, wirksam im Embryonal-
leben, aber nicht wirksam - das bitte ich ausdriicklich zu beachten - in
dem, was sich zum aufieren physischen Menschen entwickelt von der
Eizelle aus, also in dem, was von der Eizelle aus wachst, durch f ortwah-
rende Zellteilung grower und grofler wird - da sind die Erdengesetze
drinnen -, sondern wirksam in dem, was nur in der Mutter vorhanden ist
und abstirbt wahrend der Embryonalentwickelung, um sich mit der
Geburt zu verlieren und in den Tod iiberzugehen. In dem, was da die
Mutter umhullt und fur die Ernahrung des Erdenmenschen sorgt,
solange er noch nicht geboren ist, was einhullt den werdenden Menschen
und dann von ihm abfallt: in dem waken die alten Mondengesetze. Und
mit dem hangt zusammen dasjenige, was iiber das einzelne Menschenle-
ben hinausgeht, was einen Zusammenhang schafft zwischen dem einzel-
nen Menschen und seinen Vorfahren, was sich einschliefit in den Begriff
der Vererbung.
So sehen wir allerdings dasjenige noch wirksam, was wahrend der
alten Mondenentwickelung da war, aber nicht in der aufieren Welt. In
der aufieren Welt wirkt es nur gleichsam als Absterbendes im Menschen-
werden. Es wird iiberwunden, sobald der Mensch seinen ersten, wirksa-
men Atemzug fur sein Erdenleben tut.
Will man die Gesetze des alten Mondenseins studieren, rein physiolo-
gisch, nicht hellseherisch, so wiirde es heme keinen anderen Weg geben
- wenigstens fur einen Teil dieser Gesetze der alten Mondenwirksam-
keit -, als die Gesetze zu studieren, die wirksam sind in den Hiillen, die
den menschlichen Embryo umgeben, bevor er seinen ersten Atemzug
tut, die ihn umhullen und ernahren. Was da eingeschlossen ist im Leibe
der Mutter, was da gedeihen kann wahrend der Erdenentwickelung nur
unter der schiitzenden Hiille des Mutterleibes, das war ganz Natur
wahrend der alten Mondenentwickelung, das erfiillte das ganze Blickf eld
wahrend der alten Mondenentwickelung.
So ersterben nicht nur die Wesen, insofern sie eine Hiillennatur haben,
sondern so ersterben ganze Typen von Naturgesetzlichkeiten und sind
blofi noch in ihren Resten vorhanden in den folgenden Zeiten.
Nun werden Sie die Frage aufwerfen miissen: Wie ist es denn mit dem,
was von der Sonne herriihrt? - Betrachten wir das gestrige Schema. Wir
haben gesehen, dafl durch all die Komplikationen, die hier eintreten, wir
es zu tun haben bei dem vollstandigen Menschen mit seinem physischen
Leibe, Atherleibe, Astralleibe, Ich; Atherleib, Astralleib, Ich; Astralleib,
Satoni 5onn*> Alond irde
PhyUstMtr „ ^f h ro1 " „>*'"' ^
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lch; und mit dem lch selber. Im Grunde genommen ist alles das, was hier
oben ist (iiber der Abgrenzung), der verborgene Teil der Menschenna-
tur. Wenn wir die in der physischen Leibesanlage wirksamen Gesetze
studieren wollen, miissen wir hinblicken auf das, was im Menschen
schicksalbestimmende Gesetze, iibersinnliche, schicksalbestimmende
Gesetze sind. Wenn wir hinschauen auf das, was im Astralleibe waltet
und seine Verkdrperung findet im physischen Leibe, dann haben wir
nicht so Geistiges, nicht so Obersinnliches, aber wir haben ein sich vom
Sinnlichen ins Obersinnliche Auflosendes. Denn das, was da abfallt von
dem menschlichen Embryo, das wird immer, ich mochte sagen, atomisti-
scher und atomistischer, je mehr der Mensch zur Geburt heranreift; es
geht materiell seiner Auflosung entgegen. Und in demselben MafSe, in
dem es materiell seiner Auflosung entgegengeht, wird es geistiger und
geistiger, denn was sich da angliedert an den Menschen als astralischer
Leib und atherischer Leib, das entsteht durch die Vergeistigung dieser
abfallenden Teile der Hiillen, der embryonalen Hiillen.
Nun konnte die Frage entstehen: Wie ist es denn nun aber mit dem
Sonnenteile? Konnen wir irgendwo in der Welt finden den Sonnenteil? -
Auch dieser Sonnenteil entzieht sich der sinnlichen Beobachtung. Wah-
rend das, was wir Karma nennen, das personliche Schicksal, ich mochte
sagen, der Saturnteil des Menschen, in hochgeistigen Regionen liegt,
brauchen wir, wie wir gesehen haben, beim Mondenteil nicht so hoch
hinaufzusteigen, denn wir finden ihn noch im Sinnlichen verhiillt. Beim
Sonnenteil brauchen wir auch nicht so hoch hinaufzusteigen wie beim
Saturnteile. Er ist gleichsam noch ergreifbar, dieser Sonnenteil des
Menschen, aber er wird nicht leicht erkannt. Ergreifbar ist er, aber er
ist nicht leicht zu erkennen.
Ich mochte ein Beispiel anfiihren fur etwas, wo Sie den Sonnenteil, der
wirksam ist, noch erkennen konnen, wenn auch nur verhiillt auf ihn
aufmerksam gemacht werden kann. Diejenigen der lieben Freunde,
welche sich bekannt gemacht haben mit meinem Buche in der neuen
Auflage «Die Ratsel der Philosophic, im Umrifi dargestellt», werden
gefunden haben, dafi unterschieden worden sind vier Epochen der
philosophischen Entwickelung. Eine erste Epoche, die etwa wahrt - ich
habe sie iiberschrieben «Die Weltanschauungen der griechischen Den-
ker» - vom Jahre 800, das ist rund genommen, oder 600 vor Christus bis
zu Christi Geburt, also bis in die Zeit der Entstehung des Christentums ;
eine zweite Epoche, welche wahrt von der Entstehung des Christentums
bis etwa 800 bis 900 Jahre nach Christo, also bis zu der Zeit des Johannes
Scotus Eriugena; dann eine Zeit, welche ich genannt habe «Die Welt-
anschauungen im Mittelalter»; eine dritte Epoche, die etwa dauert vom
Jahre 800 oder 900 bis zum 16. Jahrhundert nach Christo; und eine
vierte Epoche vom 16. Jahrhundert bis auf weiteres. Wir sind grade
drinnen in dieser Epoche. Sieben- bis achthundertjahrige Epochen in der
Philosophiegeschichte sind angegeben worden, so wie ich sie darstellen
konnte in diesem Buche fur die noch ganz von der Geisteswissenschaft
unberiihrte Welt.
Es sollte etwas gegeben werden, was anregen kann, wenigstens einmal
die geistige Struktur dieser Epochen auf sich wirken zu lassen. Das
Eigentiimliche der ersten Epoche besteht darinnen, dafi der Ubergang
gefunden wird aus einem sehr merkwiirdigen alten Denken zu dem, was
man nennen kann das Leben des Gedankens im alten Griechenland.
Unsere Zeit ist ja wirklich noch nicht sehr weit in dem Verstehen solcher
Unterschiede wie desjenigen zwischen dem Gedankenleben unserer Zeit
und dem Gedankenleben des alten Griechenlands. Unser grobklotziges
Denken meint, der Gedanke habe in einem alten griechischen Kopf so
gelebt, wie der Gedanke in einem jetzigen Kopfe lebt. In Sokrates, in
Plato und auch in Aristoteles lebte der Gedanke in ganz anderer Weise
als in einem modernen Menschen, und dieses Gedankenleben ist im 7.
oder 6. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung im Grunde erst
erwacht. Vorher gab es nicht so recht ein eigentliches Gedankenleben. So
wie es in meinem Buche dargestellt ist, kann man von einem Anfange,
von einer Geburt des Gedankenlebens in dieser Zeit des alten Griechen-
lands sprechen.
Die kuriosesten Vorstellungen hat man gefafit iiber die ersten griechi-
schen Philosophen, iiber jene grofien Philosophengestalten Thales, Ana-
xagoras, Anaximenes und so weiter, indem man zum Beispiel hingewie-
sen hat darauf, dafi Thales die Welt aus dem Wasser entstehen liefi,
Anaximenes aus der Luft, Heraklit aus dem Feuer. Ich habe darauf
hingewiesen, daft diese alten Philosophen ihre Philosophien noch aus
dem menschlichen Temperamente hervorgehen liefien, dafi diese Lehren
nicht auf Spekulation beruhten, sondern dafi Thales das Wasser als den
Urgrund der Dinge hinstellte, weil er von wasserigem Temperamente
war, dafi Heraklit die Feuerphilosophie fand, weil er von feurigem
Temperamente war und so weiter. Das finden Sie im einzelnen nachge-
wiesen in meinem Buche.
Dann kommt das eigentliche Gedankenleben. Und noch in der Epo-
che, die hier geschildert ist, ist dieses Gedankenleben anders als das
heutige Gedankenleben, wesentlich anders als das heutige Gedankenle-
ben. Der griechische Denker zieht nicht den Gedanken aus dem Grunde
seiner Seele herauf, sondern bei ihm offenbart sich der Gedanke, wie sich
fur den heutigen Menschen der aufiere Ton oder die Farbe offenbart.
Der Grieche nimmt den Gedanken wahr; von auften her nimmt er ihn
wahr, und wir miissen, wenn wir von der griechischen Philosophic
sprechen, nicht von einem solchen Denken sprechen, wie heute gedacht
wird, sondern von Gedankenwahrnehmung. Also in der ersten Epoche
haben wir es zu tun mit Gedankenwahrnehmung. Plato und Aristoteles
denken nicht so, wie ein heutiger Philosoph denkt, sondern sie denken
so, wie man heute anschaut, wie man heute wahrnimmt. Sie blicken
gleichsam in die Welt hinein und nehmen die Gedanken, die sie uns
erzahlen in ihren Philosophien, so wahr, wie man eine Symphonie
wahrnimmt. Sie sind Gedankenwahrnehmer. Die Welt offenbart ihnen
ein Gedankenwerk: das ist das Wesentliche der griechischen Denker.
Und in bezug auf diese Wahrnehmung des Gedankenwerkes der Welt
bringen es die griechischen Denker zu einer hohen, zu einer hochsten
Vollendung.
Wenn heute die Philosopher! glauben, das schon verstanden zu haben,
was Plato und Aristoteles wie eine grofte Weltsymphonie von Gedanken
wahrgenommen haben, so riihrt dies nur von einer kindischen Einstel-
lung der gegenwartigen Philosophen her. Das, was Aristoteles als Entele-
chie, was er als Seelenglieder der Menschennatur - Asthetikon, Orekti-
kon, Kinetikon und so weiter - darlegt, vollstandig zu begreifen, dazu
werden die modernen Philosophen noch lange Wege machen miissen.
Jenes innere Gedankenarbeiten, wo man die Gedanken aus sich heraus-
holt, wo man subjektive Anstrengungen machen mufi, um zu denken,
das gab es in Griechenland noch gar nicht. Ganz unsinnig ist es, zu
glauben, dafi Plato gedacht hat; er hat Gedanken wahrgenommen. Dafi
Aristoteles im heutigen Sinne schon gedacht hatte, ist ein Unsinn; er hat
Gedanken wahrgenommen.
Wie das eigentlich ist, kann der moderne Mensch sich kaum denken,
weil er sich gar keine Vorstellung macht von der wirklichen Entwicke-
lung. Er bekommt eine leichte Gansehaut, wenn man ihm sagt, Plato und
Aristoteles haben gar nicht gedacht im modernen Sinne; und dennoch ist
es so. Damit das Denken im modernen Sinne uberhaupt Platz greifen
konnte in der modernen Menschenseele, mufite ein Impuls kommen, der
das Innerste dieser Menschenseele erfafite, ein Impuls, der nichts zu tur^
hat mit der Gedankensymphonie in der Umwelt des Menschen, sondern
der ins innerste Wesen des Menschen hineingreift. Dieser Impuls kam
von dem Mysterium von Golgatha. Daher geht geradezu bis zu Christus
diese philosophische Epoche.
In der zweiten Epoche haben wir es zwar schon mit einem Denken zu
tun, aber mit einem Denken, das eigentlich noch kein eigenes Denken
der Menschen ist, das durch einen Impuls, der von der geistigen Welt
kommt, angeregt ist. Gehen Sie durch die Gedankensysteme all der
Philosophen dieser zweiten Epoche, so werden Sie iiberall finden, wie
der christliche Impuls darinnen waltet bis zu Scotus Eriugena herauf. Es
ist, man mochte sagen, etwas ausgeflossen von Christus selber, was den
ersten Antrieb, Gedanken von innen heraus zu erzeugen, in dem Men-
schen hervorbringt. Das gibt der patristischen Philosophic, der Philoso-
phie der Kirchenvater, der Philosophic des Augustinus, der Philosophic
herauf bis zu Scotus Eriugena das Geprage, die Physiognomic So dafi wir
sagen konnen: Jetzt haben wir es nicht mehr mit Gedankenwahrneh-
mung zu tun, sondern mit vom Geiste angeregter Gedankeninspiration.
Wieder anders wird es in der dritten Epoche, wo dieser innere Impuls,
der vom Christentum ausgeht, beginnt von den Menschen selber erfalk
zu werden. Der Mensch wird jetzt, in dieser dritten Epoche, gewahr, daf$
er es ja ist, der denkt. Plato und Aristoteles haben noch nicht gedacht.
Die konnten daher ebensowenig zweifeln, dafi der Gedanke eine voile,
objektive Giiltigkeit habe, wie der Mensch zweifeln kann daran, dafi,
wenn er Griin am Baume sieht, das Griin wirklich voile, objektive
Giiltigkeit hat.
In der zweiten Epoche, da war es der intensive Glaube an den
Christus-Impuls, der dem erwachenden Denken Sicherheit gegeben hat.
Aber jetzt begann die Epoche, wo die Menschenseele anfing zu sagen:
Ja, du bist es doch eigentlich selbst, der denkt, die Gedanken steigen aus
dir heraus. - Der Christus-Impuls verblalke allmahlich, der Mensch
wurde gewahr, die Gedanken steigen aus ihm heraus, und er kam zu der
Frage: Machst du dir vielleicht Gedanken, die gar nichts zu tun haben
mit dem, was draufien ist? Konnte nicht vielleicht die objektive Aufien-
welt nichts zu tun haben mit deinen Gedanken?
Denken Sie sich den grofien Unterschied gegeniiber dem Denken des
Plato und Aristoteles! Plato und Aristoteles nahmen Gedanken wahr; da
konnten sie nicht zweifeln, dafi die Gedanken draufien sind. Jetzt, in der
dritten Epoche, wurden sich die Menschen bewulk: Man erzeugt selber
den Gedanken, und sie begannen zu fragen: Ja, was haben denn die
Gedanken mit dem objektiven Sein drauften zu tun? - Und nun entstand
das Bedurfnis, dem Denken Sicherheit zu geben, wie man sagte, das
Denken zu beweisen. Erst in dieser Epoche konnte zum Beispiel Anselm
von Canterbury daran denken, einen Beweis fur die Giiltigkeit der Idee
Gottes zu schaffen. Das ware friiher volliger Unsinn gewesen in dem
griechischen Denken, aus dem Grunde, weil man da die Gedanken
gesehen hat. Wie soli man zweifeln, daft Gott existiert, wenn man so
sieht, aufien, die Gedanken der Gotthek, wie man draufien sieht die
Griinheit des Baumes? Der Zweifel begann erst in der dritten Epoche, als
man sich klar wurde, daft man selbst es ist, der denkt. Es entstand das
Bediirfnis, zu beweisen, nachzudenken iiber den Zusammenhang dessen,
was man denkt, mit dem, was da draufien ist. Und das ist im wesentli-
chen die Epoche der Scholastik: das Gewahrwerden der Subjektivitat des
Denkens.
Wenn Sie das ganze Gedankengebaude des Thomas von Aquino
nehmen, so steht es in dieser Epoche drinnen, ist ganz von dieser Epoche
beherrscht. Uberall ist das Bewufksein vorhanden: die Begriffe werden
im Inneren erzeugt, die Begriffe werden so zusammengefugt, wie die
Gesetze der Subjektivitat sind. Also mufi man eine Stiitze finden dafiir,
dafi das, was in dem Inneren erzeugt wird, auch aufterlich vorhanden ist.
Es wird noch zunachst appelliert an die iiberlief erte Dogmatik, aber man
ist nicht mehr in solcher Weise verkniipft mit dem Christus-Impulse,
wie es in der zweiten Epoche der Philosophie-Entwickelung der Fall
war.
Dann kommt die vierte Entwickelungsperiode, das freie Walten des
Gedankens im Inneren, ein noch weiteres Emanzipieren des Gedankens
von der aufSeren Gedankenwahrnehmung, jenes freie Gedankenschaffen
im Inneren, das so grofiartig hervortritt in den Gedankengebauden des
Giordano Bruno, Spinoza, des Cartesius und der Folgenden, Leibniz und
so weiter. Wenn wir diese Gedankengebaude verfolgen, so merken wir
an ihnen, dafi sie ganz aus dem Inneren heraus geschaffen sind. Und
iiberall finden wir das intensive Bediirfnis dieser Denker, Griinde dafiir
anzugeben, dafi das, was sie im Inneren schaffen, auch wirklich eine
aufiere Gultigkeit habe. Spinoza schafft ein wunderbares Ideengebaude.
Die Frage entsteht aber: Ja, ist das alles blofi drinnen im menschlichen
Geiste geschaffen, oder hat es eine Bedeutung da draulSen in der Welt?
Giordano Bruno, Leibniz schaffen die Monade. Die Monade soil etwas
Reales sein. Wie kommt dasjenige, was die Menschen ausdenken als
Monade, dazu, da draufien in der Welt etwas Reales zu sein? Alle
Fragen, die seit dem 16., 17. Jahrhundert heraufgekommen sind, stehen
noch immer unter dem Eindruck dieses Strebens, das freie Gedanken-
schaffen in Einklang zu bringen mit dem Weltendasein draufien. Der
Mensch fiihlt sich vereinsamt, verlassen von der Welt in seinem freien
Gedankenschaffen. Da stehen wir noch jetzt mitten darinnen.
Was ist denn aber das Ganze jetzt hier? (Siehe Schema.) Wenn wir
zuriickgehen in die Gedankenwahrnehmung, wie sie war bei den alten
griechischen Philosophen, dann miissen wir sagen: Das philosophische
Denken im alten Griechenland wirkt so, dafi - trotzdem im allgemeinen
im alten Griechenland die Zeit der Verstandes- oder Gemiitsseele ist -
dieses alte Denken noch ein Wahrnehmungsdenken ist, tief beeinflulk
noch ist von der Empfindungsseele, sogar noch von dem Empfindungs-
leibe, dem astralischen Leibe. Es haftet noch an dem Aufteren.
Das Denken des Thales, der ersten Philosophen, war noch beeinflulk
von dem Atherleibe. Das Temperament sitzt im Atherleibe und aus dem
Temperament heraus schaffen sie ihre Wasser-, Luft-, Feuerphiloso-
phien; so dafi man sagen kann: der Philosophic des Empfindungsleibes
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geht eine Philosophic des Atherleibes voraus. - Dann kommen wir in die
christliche Zeit hinein. Der christliche Impuls dringt in die Empfin-
dungsseele. Die Philosophic wird innerlich erlebt, innerlich empfunden,
aber in Zusammenhang mit dem, was man glauben, was man fuhlen
kann; es sind da die Einfliisse der Empfindungsseele vorhanden.
In der dritten Epoche, in der Epoche der Scholastik, da haben wir als
das wesentliche Element des philosophischen Werdens die Verstandes-
oder Gemiitsseele. Sie sehen, das philosophische Werden geht einen
anderen Gang als die allgemeine Menschheitsentwickelung. Und jetzt
erst, seit dem 16. Jahrhundert, haben wir allerdings die Philosophic
zusammenfallend mit dem, was auch sonst allgemeine Menschheitsent-
wickelung ist: da haben wir den freien Gedanken in der Bewufitseins-
seele waltend. Das groflartigste Beispiel, wie der freie Gedanke von der
Abstraktion des Seins bis in die hochste Geistigkeit hinauf waltet, wie
ein Gedankenorganismus, ganz von der Welt ausgehend, nur in sich
selber waltet, das ist die Philosophic Hegels: der nur im Bewufltsein
lebende Gedanke.
Wenn Sie das hier verfolgen, so ist es allerdings der Teil, den ich nicht
in meinem Buche darstellen konnte fur die Aufienwelt; aber es liegt
darinnen. Und wenn Sie die Beschreibungen lesen, die von den einzelnen
Epochen gegeben werden, so werden Sie, wenn Sie ordentliche Anthro-
posophen sind, sehr klar auf das hingewiesen werden, was ich hier links
(siehe Schema) angeschrieben habe. Es entwickelt sich alles etwa so, wie
sich der Mensch selber entwickelt: vom Atherleib zum Empfindungs-
leibe, zur Empfindungsseele, zur Verstandesseele, zur Bewufitseinsseele.
Wir verfolgen einen Gang, wie den Gang der Menschheitsentwickelung,
aber anders geordnet. Es ist nicht der Gang der Menschheitsentwicke-
lung, es ist etwas anderes. Wesen entwickeln sich, und die benutzen die
menschlichen Krafte in der Empfindungsseele, in der Verstandesseele
und so weiter. Durch den Menschen und sein Arbeiten gehen andere
Wesen hindurch mit anderen Gesetzen, als die Gesetze des Menschen-
werdens sind.
Sehen Sie, das sind Wirksamkeiten der Sonnengesetze. Da brauchen
wir nicht in solch ubersinnliche Regionen hinauf zusteigen, wie wenn wir
das personliche Schicksal untersuchen. Von dem, was als Rest der
Sonnengesetze hier zu suchen ist, davon sehen wir ein Beispiel in der
philosophischen Entwickelung der Menschheit.
Wir haben gestern, als entsprechend dem Atherleibe, hierher Angeloi
zu schreiben gehabt.
Solche Angeloi entwickeln sich. Und wahrend die Menschen glauben
selber zu philosophieren, wirken in ihnen, indem sie die Sonnenentwik-
kelung in sich tragen - das heifit das, was als Sonnenentwickelung in
'/tts,,,,,,* ;fsssxjjssSrss*'ffr-s*s, ss'ss f "SSi/'' SS • S S -i-ss* ' ' ' ' Sett's dS ,
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ihrem physischen Leibe veranlagt war und auch in ihrem Atherleibe
wirkt -, die Gesetze des Sonnendaseins. Und die Gesetze des Sonnen-
daseins, von Epoche zu Epoche wirkend, sie wirken so, dafi die Philoso-
phic so wird, wie sie eben ist. Weil es Sonnengesetze sind, kann in ihnen
auch der Christus, das Sonnenwesen, eingreifen in der zweiten Epoche.
Es wird vorbereitet durch die erste Epoche, und dann greift der Chri-
stus, das Sonnenwesen, in der zweiten Epoche ein.
Sie sehen, wie sich alles zusammenschlielfo. Aber indem der Christus,
das Sonnenwesen, eingreift, kommt er in Zusammenhang mit einer
Entwickelung, die nicht die menschliche Entwickelung ist, nicht die
menschliche Erdenentwickelung, sondern eigentlich Sonnenentwicke-
lung innerhalb des Erdendaseins.
Sonnenentwickelung innerhalb des Erdendaseins! Denken Sie sich
einmal, wozu wir da in dieser Betrachtung eigentlich kommen. Wir
betrachten den Gang der philosophischen Entwickelung, betrachten den
Lauf des philosophischen Denkens seit der alten griechischen Zeit, und
wir sagen uns, wenn wir das alles vor uns hinstellen, wie das philosophi-
sche Denken von Philosoph zu Philosoph sich entwickelt hat: Da sind
wirksam darinnen nicht Erdengesetze, sondern Sonnengesetze. Die
Gesetze, die dazumal sich abgespielt haben zwischen den Geistern der
Weisheit und den Erzengeln, treten in dem philosophischen Weisheits-
streben auf der Erde wiederum zutage. Lesen Sie nach in der «Geheim-
wissenschaft», wie wahrend der Sonnenentwickelung die Geister der
Weisheit eingreif en. Jetzt wiederholen sie dieses Eingreif en wahrend der
Erdenentwickelung, nicht in der neuen, sondern in den Resten der alten
Sonnenentwickelung. Und indem der Mensch nicht bemerkt, dafi in der
philosophischen Entwickelung die Geister der Weisheit sein Gemiit
durchpulsen, entwickelt er seine Philosophic. Das alte Sonnendasein lebt
in der philosophischen Entwickelung. Es lebt wirklich und wahrhaftig
darinnen. Dadurch aber, dafi das die alte Sonnenentwickelung ist, lebt
auch herein damit etwas Zuriickgebliebenes, etwas, was mit der alten
Sonnenentwickelung zusammenhangt.
Die Menschen, von Generation zu Generation gehend, entwickeln
sich als aufiere menschliche Personlichkeiten in der Erdenentwickelung.
Aber jetzt geht eine philosophische Entwickelung da hindurch, von
Thales bis auf unsere heutige Zeit: da geht die Sonnenentwickelung
hinein. Das gibt Anlafi, daft Wesenheiten, die zuriickgeblieben sind,
beniitzen konnen die Krafte der philosophischen Entwickelung, um ihr
altes Sonnendasein weiterzufuhren, Wesen, die zuriickgeblieben sind
wahrend der alten Sonnenzeit, die dazumal versaumt haben, die Entwik-
kelung durchzumachen, die man durchmachen kann in seinem Ather-
leib, Empfindungsleib und in der Empfindungsseele, im Zusammenwir-
ken von Geistern der Weisheit und Archangeloi. Diese Geister, die ihre
Entwickelung wahrend der Sonnenzeit versaumt haben, die konnen die
menschliche philosophische Entwickelung beniitzen, um als Parasiten in
der menschlichen Entwickelung darinnen zu sein. Das sind ahrimanische
Geister!
Ahrimanische Geister unterliegen der Verlockung, in das, was die
Menschen philosophisch erstreben, parasitisch hineinzukriechen und ihr
eigenes Dasein dadurch zu pflegen. So konnen sich die Menschen
philosophisch entwickeln, sind aber zugleich mit dieser philosophischen
Entwickelung ausgesetzt ahrimanischen Geistern, mephistophelischen
Geistern.
Sie wissen, dafi Ahriman und Luzifer schadliche Geister sind, solange
man ihrer nicht gewahr wird, solange sie gleichsam im Verborgenen
wirken. Solange sie nicht so heraustreten, dafi die Menschen sich ihnen
im Geiste Auge in Auge gegenuberstellen, sind Ahriman und Luzifer
schadliche Geister, schadlich in dieser oder jener Weise. Nehmen wir an,
ein Philosoph tritt auf und entwickelt den Gedanken, und zwar den
Gedanken, insofern man ihn im blofien Erdensein erfassen kann. Dann
entwickelt er den Gedanken so, wie er leben kann durch das Instrument
der irdischen Vernunft. Das ist der Hegelsche Gedanke! Er ist reiner
Gedanke, aber nur ein Gedanke, wie er gefafit werden kann mit dem
Werkzeug des physischen Leibes, der aber abstirbt mit dem Tode.
Hegel hat das Tiefste gedacht, was gedacht werden kann im Erdenle-
ben, was aber in seiner Konfiguration mit dem Tode abstirbt. Und
Hegels Tragik besteht darinnen: er hat nicht bemerkt, dafi er den Geist
in der Logik, in der Natur, im Seelenleben erfafit, aber nur denjenigen
Geist, der in der Form des Gedankens existiert, der aber nicht mitgeht,
wenn wir durch den Tod gehen. Um dieses klar vor die Seele zu stellen,
hatte er sich sagen miissen: Wenn ich glauben konnte, dafi das, was
durch das Denken hindurchgeht, was ich also denke vom abstrakten Sein
durch die Logik, durch die Naturgedanken, durch die Seelengedanken
und herauf bis zur Philosophic, wenn ich glauben konnte, daft das mich
hinter die Kulissen des Daseins fuhrt, dann ware ich von Mephistopheles
verlockt!
Das hat ein anderer wahrgenommen, das hat Goethe wahrgenommen,
und das hat er in seinem «Faust» dargestellt: den Kampf des denkenden
Menschen mit Mephistopheles, mit Ahriman. Und in dieser vierten
Epoche der philosophischen Entwickelung sehen wir, wie in die Sonnen-
entwickelung hineinragt Ahriman und wie man in klarer Weise sich
diesem Ahriman gegeniiberzustellen hat, indem man seine Wesenheit
wirklich erkennend erfafit.
Deshalb stehen wir heute an einer Wende auch des aufieren philoso-
phischen Denkens, deshalb mufi dieses philosophische Denken, um
nicht den Verlockungen des Ahriman zu verfallen, um nicht mephisto-
phelische Weisheit zu sein, hinter diese Wesenheit kommen, mufi sie
erfassen, mufi einmunden in die Geisteswissenschaft.
Lesen Sie nach die beiden Kapitel, welche dem Schlufikapitel des
zweiten Bandes meiner «Ratsel der Philosophie» vorangehen, wo ich die
Weltanschauungen darzustellen versuchte, die draufien als philosophi-
sche Weltanschauungen existieren, um dann das Schluflkapitel hinzuzu-
fiigen «Skizzenhaft dargestellter Ausblick auf eine Anthroposophie».
Da werden Sie sehen, wie die Philosophic heute im freien, emanzi-
pierten Gedankenleben zwar darstellt etwas, was heraufgeht bis in die
Bewufkseinsseele, wie sie aber innerhalb dieses Lebens in der Bewulk-
seinsseele erfassen mufi das, was vom Geistselbst kommt - zunachst
philosophisch -, da sonst die Philosophic in die Dekadenz verfallen, sich
auflosen miifite.
So sehen Sie wenigstens ein Beispiel des Hereinwirkens der Sonnen-
entwickelung in das menschliche Erdenleben. Ich sagte, man kann diese
Sonnengesetze erhaschen, indem man den Werdegang der Philosophic
studiert, aber man erkennt nicht immer, dafi darinnen die Sonnengesetze
wirksam sind. Die Geisteswissenschaft hat das zu erkennen. Denken Sie
nur einmal, dafi in Wahrheit sich eine Wesenheit entwickelt, die nach
und nach dieselben Glieder ansetzt wie der Mensch selber.
Wenn man noch weiter zuriickgehen wiirde in den alten Zeiten, so
wiirde man finden, dafi nicht nur der Atherleib, sondern auch der
physische Leib Veranlasser war von Weltanschauungsimpulsen. Es ist
schwierig, jene Zeit, die hinter das 12. bis 14. Jahrhundert vor Christi
Geburt zuriickgeht, die also vor Homer liegt, klarzumachen in ihren
Eigentiimlichkeiten, denn sie geht ja hinter alle Geschichte zuriick. Da
aber entwickelt sich etwas, was nun nicht Mensch ist, so wie der Mensch
auf der Erde lebt.
In der Geschichte lebt etwas, was durch den Atherleib, durch den
Empfindungsleib und so weiter geht: eine wirkliche, reale Wesenheit.
Ich habe in meinem Buche gesagt: In der griechischen Zeit wird der
Gedanke geboren. Aber in der neueren Zeit kommt der Gedanke
wirklich zum Selbstbewufitsein in der Bewufitseinsseele. Der Gedanke
ist ein selbsteigen wirksames Wesen. Dieses letzte konnte natiirlich nicht
gesagt werden in einem exoterischen, fur die ganze aufiere Welt
bestimmten Buch. Der Anthroposoph wird es aber finden, wenn er das
Buch sinnend liest und merkt, was eigentlich das Beherrschende der
Darstellung gewesen ist, was aber nicht hineingetragen ist, sondern sich
eben aus der Sache selbst ergibt.
Sie sehen daraus, dafi viele, viele Umwandlungsimpulse in bezug auf
das geistige Leben in unserer Zeit sich geltend machen. Denn wir haben
hier etwas sich weiter entwickeln sehen, was wie ein Mensch ist, nur dafi
es eine langere Lebensdauer als der einzelne Mensch hat. Der einzelne
Mensch lebt auf dem physischen Plane: sieben Jahre entwickelt er den
physischen Leib, sieben Jahre den Atherleib, sieben Jahre den Empfin-
dungsleib und so weiter. Und das Wesen, das sich als Philosophie
entwickelt - wir nennen es mit dem abstrakten Namen «Philosophie» -,
das lebt im Atherleibe 700 Jahre, im Empfindungsleibe 700 bis 800 Jahre
- die Zeit ist ja nur approximativ - in der Empfindungsseele 700 bis 800
Jahre, in der Gemiits- oder Verstandesseele 700 bis 800 Jahre und
wiederum in der Bewulkseinsseele 700 bis 800 Jahre. Ein Wesen entwik-
kelt sich herauf, von dem wir sagen konnen: Blicken wir auf die
allerersten Anfange der griechischen Philosophie, dann hat dieses Wesen
gerade die Entwickelungsstufe erlangt, die beim Menschen der
Geschlechtsreife entspricht: geradeso ist es als Wesen wie der Mensch,
wenn er sein 14. bis 16. Jahr erreicht hat. Dann lebt es herauf bis zu der
Zeit, wo der Mensch das erlebt, was er vom 14. bis zum 21. Jahre erlebt:
das ist die Zeit der griechischen Philosophie, des griechischen Denkens.
Dann kommt die Zeit der nachsten sieben Jahre, was der Mensch vom
21. bis 28. Jahre erlebt: der Christus-Impuls geht hinein in die philoso-
phische Entwicklung. Dann kommt die Zeit von Scotus Eriugena bis in
die neuere Zeit hinauf: dieses Wesen entwickelt in den nachsten 700 bis
800 Jahren dasjenige, was der Mensch entwickelt im Alter vom 28. bis
zum 35. Jahre. Und jetzt leben wir in der Entwickelung dessen, was der
Mensch in seiner Bewufitseinsseele erlebt: wir erleben die Bewufitseins-
seele der Philosophie, des philosophischen Gedankens. Die Philosophie
ist tatsachlich in die Vierziger jahre gekommen, nur dafi sie ein Wesen ist,
das eine viel langere Lebensdauer hat. Was bei dem Menschen ein Jahr
ist, das ist bei diesem philosophischen Wesen ein Jahrhundert. Da sehen
wir durch die Geschichte ein Wesen hindurch waken, fur das ein
Jahrhundert ein Jahr ist. Man nimmt es nur nicht wahr; dieses Wesen
entwickelt sich eben mit Sonnengesetzlichkeit.
Und dahinter liegt dann erst dasjenige, was noch iibersinnlicher ist als
dieses Wesen, das sich wie ein Mensch entwickelt, nur eben wie ein
Mensch, bei dem ein Jahr wie ein Jahrhundert lang ist: hinter diesem
stent ein Wesen, welches sich so entwickelt, daft sein aufierer Ausdruck
unser personliches Schicksal ist, wie wir dieses tragen durch noch langere
Zeitraume, von Verkorperung zu Verkorperung. In diesem leben sich
die unser aufteres Schicksal regelnden Geister aus, fur die eine noch
langere Lebensdauer vorhanden ist als fiir jene, von denen wir sagen
miissen, dafi fiir sie ein Jahrhundert gleich einem Jahre ist.
So sehen Sie, wie wir da hineinblicken gleichsam in Schichtungen von
Wesenheiten, und wie wir, wenn wir nur wollen, sogar, ich mochte
sagen, die Biographie eines Wesens schreiben konnten, das um so viel
hoher steht als der Mensch in bezug auf Geistigkeit, wie ein Jahrhundert
langer ist als ein Jahr.
Versucht ist einmal worden, die Biographie eines solchen Wesens zu
schreiben, das seine Geschlechtsreife zur Zeit des Thales hatte, zur Zeit
des Anaxagoras, und jetzt zum Gebrauche seines Selbstbewufitseins
gekommen ist, das seit dem 16. Jahrhundert gleichsam in die Vierziger-
jahre getreten ist: die Biographie dieses Wesens ergab eine Geschichte
der Philosophic.
Daraus ersehen Sie aber zugleich, wie wirklich die Geisteswissenschaft
das, was sonst abstrakt ist, lebendig macht, richtig belebt. Was fiir
trockenes Gestriipp ist zuweilen das, was man sonst «Geschichte der
Philosophie» nennt! Und was wird aus dieser Geschichte der Philoso-
phic, wenn man weift, sie ist die Biographie eines Wesens, das da
hineinverwoben ist in unser Dasein, nur dafi es sich statt mit Erdengeset-
zen mit Sonnengesetzen entwickelt!
Solches wollte ich noch hinzufiigen zu allem, was ich Ihnen in diesen
Zeiten gesagt habe iiber die Lebenskrafte, die uns aufgehen, wenn wir die
Geisteswissenschaft nicht wie eine Theorie betrachten, sondern wenn
wir in ihr suchen die Fiihrerschaft zum Lebendigen. Und wir finden das
Lebendige eben durch die Geisteswissenschaft. Dasjenige, was so unle-
bendig ist, so strohern wie die Geschichte der Philosophic oftmals ist,
das wird, wenn wir uns der Fiihrung der Geisteswissenschaft anver-
trauen, so, dafi uns aus dem Nebel der Geschichte der Philosophic ein
Wesen entgegentritt, zu dem wir aufschauen wie zu einer Gottin, die
herabsteigt aus gottlichen Wolkenhohen, die wir jung sehen in alten
Zeiten, die wir heranwachsen sehen, allerdings mit der Langsamkeit, dafi
ein Jahrhundert einem Jahre des Menschenlebens entspricht. Aber
lebendig wird das alles. Die Sonne geht uns auf, wie die Sonne innerhalb
des Erdendaseins selber. Denn so wie die Sonne aufgeht auf dem
physischen Plan, so sehen wir die alte Sonne noch hereinstrahlen in die
Erdenwelt in einem Wesen, das eine langere Lebensdauer hat wie der
Mensch. Wie wir das Werden eines Menschen auf dem physischen Plan
von der Geburt bis zum Tode verfolgen, so verfolgen wir das philoso-
phische Werden, indem wir ein Wesen in ihm schauen.
Wenn wir so anschauen das, was uns die Anthroposophie sein kann,
dann kommen wir dazu, in dieser Anthroposophie zu schauen eine
wirkliche Fuhrerin nicht nur zur Erkenntnis, sondern eine Fiihrerin zu
lebendigen Wesen, die uns umgeben, ohne dafi wir von ihnen etwas
wissen.
Ja, meine lieben Freunde, so etwas erfuhlte auch Christian Morgen-
stern. Und indem er solches fiihlte, fiihlte in dem Tiefsten seines
Seelenwesens, konnte er aufzeichnen - unser Freund Christian Morgen-
stern - eine schone Empfindung, die so recht eine anthroposophische
Empfindung ist, die zeigt, wie eine Seele sich aussprechen kann, welche
im tiefsten Inneren sich eins weifi mit unserer Anthroposophie, nicht
blofi als mit etwas, was uns Erkenntnis iiber dieses oder jenes gibt,
sondern als etwas, was uns belebt. Ein wunderbares Beispiel fur ein
solches Sich-Belebenlassen von der Anthroposophie ist das, was wir in
dem schonen Gedicht «Lucifer» unseres Christian Morgenstern finden,
in jenem Gedichte, das, ich mochte sagen, in bezug auf die Empfindung
so ganz in dem Hauche lebt, von dem man etwas fiihlt, wenn man so,
wie es heute versucht worden ist anzudeuten, den Ubergang f indet von
der Darstellung der Idee in der Anthroposophie zu dem Ergreifen
lebendiger Wesenheiten.
Ich will mein Licht vor eurem Licht verschliefien,
ich will euch nicht, ihr sollt mich nicht geniefien,
bevor ich nicht ein Eigenlicht geworden.
So bring ich wohl das Bose zur Erscheinung,
als Geist der Sonderheit und der Verneinung,
doch neue Welt erschafft mein Geisterorden.
Aus Widerspruch zum unbeirrten Wesen,
aus Irr-tum soil ein Gotterstamm genesen,
der sich aus sich - und nicht aus euch - entscheidet.
Der nicht von Anbeginn in Wahrheit wandelt,
der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt,
der sich die Wahrheit handelnd erst erleidet.
Wenn Sie die Empfindung dieses Gedichtes so nehmen, dafi Sie dabei
bedenken, wie lebendig werden kann das, was in der Anthroposophie
theoretisch verstanden wird, so dafi man gleichsam durch unsere Gei-
steswissenschaft anfassen kann die Wesen, die aus dem dunklen
Abgrunde des Seins an uns herantreten, wenn Sie dieses Gedicht so
nehmen, wie Sie angeregt werden konnen durch die Empfindungen, die
ich durch den heutigen Vortrag anregen wollte, dann werden Sie sehen,
dafl diese Gestalt des Luzifer wirklich in wunderbarer Weise empfun-
den, gestaltet ist. Damit ist ein Musterbeispiel gegeben, wie dasjenige,
was die Anthroposophie an uns heranbringt, in uns lebendig werden
kann, unsere ganze Seele ergreifen kann.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 30. Januar 1915
Im Grunde genommen geht aus den mannigfaltigen Betrachtungen, die
wir nun im Laufe der Zeit hier angestellt haben, doch hervor, daft
wirkliche, echte Kunst zuletzt zuriickgeht auf die Geheimnisse der
Initiation. Wir haben das ja an verschiedenen speziellen Beispielen,
wenigstens schon hinweisend, erortert. Grofte Kunstepochen, solche
Kunstepochen, in denen iiber die Menschheit hinleuchtende kiinstleri-
sche Taten geschehen, ziehen ihre kiinstlerischen Quellen immer wieder
und wiederum aus der Initiation heraus. Damit ist darauf hingewiesen,
wie die Kunst das spirituelle Leben hereinbringt ins physische Leben.
Die Initiation eroffnet dem Menschen die Moglichkeit, fortzuschreiten
von dem physischen Plan in die geistigen Welten hinein, und was dann in
den geistigen Welten erfahren, erlebt werden kann, mehr oder weniger
bewuftt, das wird von wahrer Kunst heruntergetragen in die physischen
Formen, durch die sich die Kunst zum Ausdruck bringt.
Nun wird man den ganzen Zusammenhang, der hiermit gemeint ist,
doch erst so recht durchschauen, wenn man darauf Riicksicht nimmt,
dafi die letzten Jahrhunderte der Menschheitsentwickelung wirklich
vieles zugedeckt haben, unsichtbar, unwahrnehmbar gemacht haben fur
die weitaus meisten Menschen, was selbst vor fiinf, sechs, sieben Jahr-
hunderten noch durchaus nicht in demselben Grade ein Geheimnis war,
wie es heute fur diejenigen, die sich Kulturmenschen nennen, ein Ge-
heimnis ist.
Um auf eine bedeutsame Tatsache hmzuweisen, sei das Beispiel eines
ja wirklich iiber die Zeiten hinleuchtenden Kunstwerkes gewahlt, der
«G6ttlichen Kom6die» Dantes. Wer wird, wenn er wirklich die «G6ttli-
che Kom6die» auf sich wirken lafit, nicht den spirituellen Zug walten
sehen durch dasjenige, was Dante zum Ausdruck gebracht hat! Heute
wird man gerne geneigt sein, wenn es sich darum handelt, zu sagen, wie
Dante zu den grandiosen Bildern seines Gedichtes gekommen ist, das
Wort «Phantasie» zu gebrauchen und sich zufrieden geben damit, dafi
man sagt: Nun ja, in Dante hat eben die kiinstlerische Phantasie ge-
wirkt. - Selbstverstandlich soil nicht geleugnet werden, dafi in Dante die
kiinstlerische Phantasie gewirkt hat. Aber selbst historisch, aufierlich
historisch ware es unrichtig, wenn man glauben wollte, dafi Dante, so
wie aus dem Nichts heraus, aus der Phantasie sein ganzes grandioses
Gedicht geschaffen hatte.
Dante hatte einen Lehrer und Freund, Brunetto Latini, und ich denke,
man wird aus dem, was wir gleich werden zu sagen haben, erkennen, dafi
Brunetto Latini im wahrhaften Sinne ein Initiierter genannt werden
kann. Wenn wir damit also den Zusammenhang eines nach den Verhalt-
nissen seiner Zeit Initiierten mit Dante haben, so haben wir ja den
Zusammenhang, den wir gerade gegeniiber unseren Anschauungen aufs
griindlichste betonen miissen.
Eines wufke die damalige Zeit: dafi man den Weg durch die Wiederge-
burt des Menschen gehen musse, wenn man hinter die Geheimnisse des
Daseins kommen will. Und das war vor alien Dingen in der damaligen
Zeit noch unbedingt lebendig, dafi der Weg zur Welterkenntnis durch
die Selbsterkenntnis ftihrt. Nur darf man diese Selbsterkenntnis nicht so
oberflachlich betrachten, wie man heute oftmals von Selbsterkenntnis
spricht. Wer glaubt nicht, in der Lage zu sein, iiber sich selbst etwas zu
wissen! Ich mochte durch ein kleines Beispiel einleitend Ihnen zum
Bewufitsein bringen, wie schwierig Selbsterkenntnis schon in den aller-
elementarsten Dingen ist, wie wenig der Mensch eigentlich geneigt ist,
auf das wirklich loszugehen, was man Selbsterkenntnis nennen kann.
Ich habe hier ein Buch von einem ganz beriihrnten Philosophen der
Gegenwart, ein Buch von Dr. Ernst Mach> der eine ganze Reihe fur die
Gegenwart durchaus charakteristischer Werke geschrieben hat. Er macht
gleich auf Seite 3 seiner «Analyse der Empfindungen» eine Anmerkung,
wo er iiber den Zusammenhang des Physischen mit dem Psychischen
spricht, eine Anmerkung, die ganz charakteristisch ist. Er sagt: «Als
junger Mensch erblickte ich einmal auf der Strafie ein mir hochst
unangenehmes, widerwartiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht
wenig, als ich erkannte, dafi es mein eigenes sei, welches ich an einer
Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte
Spiegel wahrgenommen hatte. »
Also er ging, und sein Karma trug ihn vorbei an einer Spiegelnieder-
lage, wo zwei Spiegel so geneigt waren, dafi er sich selbst sehen konnte.
Und da sah er dieses ihm unangenehme Gesicht, von dem er dann
entdeckte, dafi es sein eigenes sei. Also selbst in bezug auf dieses
Aufierlichste ist es nicht ganz leicht, auch nur die elementarste Selbst-
erkenntnis zu gewinnen.
Aber noch eine andere Anmerkung macht der Betreffende. Er wird
Universitatsprofessor und hat sich so eine Anschauung gebildet, wie ein
hoherer Schulmeister aussieht. « Vor nicht langer Zeit stieg ich nach einer
anstrengenden nachtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermudet in einen Omni-
bus, eben als von der anderen Seite auch ein Mann hereinkam. <Was
steigt doch da fiir ein herabgekommener Schulmeister ein>, dachte ich.
Ich war es selbst, denn mir gegeniiber hing ein grofier Spiegel. » Und nun
fugt er erklarend hinzu: «Der Klassenhabitus war mir also viel gelaufiger
als mein Spezialhabitus.» Er hatte sich die Vorstellung gebildet von
einem Schulmeister, und das wufite er, dafi der, der da hereinstieg, so
aussah wie ein herabgekommener Schulmeister. Erst hinterher entdeckte
er, dafi er es selber war.
Das ist ein schones Beispiel fiir die oft recht mangelnde Selbsterkennt-
nis, selbst in bezug auf die aufiere Gestalt; aber mit der seelischen
Selbsterkenntnis geht es noch schwieriger. Dennoch ist ja diese individu-
ell-personliche Selbsterkenntnis nichts anderes als der allerelementarste
Anfang, der Anfang jenes Weges, der durch den Menschen hindurch in
die weiten, universellen Geheimnisse des Daseins fiihrt.
Wenn wir aufierlich auf dem physischen Plan die Welt betrachten, so
haben wir ja innerhalb dieser physischen Welt wirklich nur alles dasje-
nige, was zum alleraufiersten Wesen des Menschen gehort, namlich zum
Gefiige des physischen Menschenleibes. Wir konnen sagen: Wenn wir
die weite Umgebung, die wir uberschauen konnen auf dem physischen
Horizont, ins Auge fassen, dann haben wir da alles dasjenige, was
verwandt ist unserem aufieren physischen Menschenleib. Wir miissen
uns klar sein, dafi das nur ein Teil unserer Gesamtwesenheit ist, dafi
dahinter der Atherleib liegt. Aber was alles ahnlich dem Atherleib in der
Umgebung des Menschen ist, das ahnt ja der Mensch zunachst nicht;
noch weniger ahnt er, was ahnlich ist seinem Astralleib, was ahnlich ist
seinem Ich.
Der Mensch mulS, weil er ja zunachst hier auf der Erde fiir sich selbst
das einzige Beispiel ist, welches ihm aus der geistigen Welt Dokumente
hertragt, er muB durch diese seine eigenen Dokumente durchgehen, er
mufi durch sich hindurchgehen! Das haben alle diejenigen, die etwas von
der Initiation erlebt haben, gewufit; das hat auch Brunetto Latini ge-
wuftt.
Nun ist bei ihm, bei diesem Lehrer und Freund Dantes, besonders
charakteristisch, daft - was sehr haufig ist - durch ein besonderes
Ereignis ausgelost wird dasjenige, was man Initiation nennt. Im Grunde
genommen erwartet eigentlich ein jeder, der sich auf den Pfad der
Geisteswissenschaft begibt, daft uber kurz oder lang fiir ihn die Tore der
geistigen Welten sich offnen werden. Sie werden es auch. Es kann ja
allerdings vorkommen und kommt oftmals vor, daft das Hineingehen in
die geistige Welt allmahlich erfolgt, daft wir langsam hineinwachsen in
die geistige Welt; aber sehr haufig ist es auch so, daft durch eine Art
plotzlichen Ereignisses, wie durch eine Art Lebensschock, der liber uns
hereinbricht, die geistige Welt uns geoffnet wird. Und so erzahlt denn
Brunetto Latini selber, wie er als Gesandter zum Beherrscher Kastiliens
geschickt worden war, wie er wieder zuriickkehrte, wie er auf dem Wege
erfuhr, daft aus Florenz seine Partei, die Welfische Partei, vertrieben
worden war, daft Florenz sich vollstandig verandert hatte wahrend seiner
Abwesenheit. Das brachte ihn in Verwirrung. Mit solcher Verwirrung
der aufteren, fiir die physische Welt geeigneten Seelenverfassung ist
oftmals das verbunden, was den Anfangspunkt bildet fiir das Herein-
kommen in die geistige Welt.
Er erzahlt weiter, wie er infolge der Verwirrung statt nach Hause in
einen benachbarten Wald hineingeritten ist, ganz besinnungslos, wie er
nachher in der Erinnerung glauben muft. Als er zur Besinnung kam, war
es ihm ganz eigentiimlich: da sah er nicht die gewohnliche Welt des
physischen Planes um sich herum, sondern da sah er etwas wie einen
machtigen Berg vor sich. Er kam nicht zur Besinnung in dem Bewuftt-
sein, das zunachst der physischen Welt gegeniibersteht, sondern er kam
zum Bewufttsein gegeniiber einer ganz anderen Welt, als diejenige war,
die ihn physisch umgab. Ein machtiger Berg. Die Dinge waren aber so,
daft sie kamen und gingen, entstanden und wieder vergingen. Und an der
Seite dieses Berges stand eine Frau, nach deren Befehlen dasjenige, was
entstand, entstand, und dasjenige, was verging, verging.
Die Gesetzmafiigkeit des natiirlichen Geschehens sah Brunetto Latini
in der Form einer Imagination. Die ganzen Natnrgesetze und ihre
Gesetzmafiigkeit, die schaffende, webende, wesende Natur kamen ihm
vor in der Imagination in der Gestalt einer Frau, die die Bef ehle gab, wie
da die Dinge entstehen und vergehen sollten.
Wir sehen, wir leben in der Zeit des 13., 14. Jahrhunderts, wir leben in
der Zeit, in welcher die naturwissenschaftliche Denkweise nach und
nach heranriickt. Dasjenige, was man spater abstrakt die Naturgesetz-
lichkeit nannte, wovon man sich spater durchaus nicht hat vorstellen
wollen, dafi etwas Wesenhaftes dahinter ist, das sah Brunetto Latini in
Form der Imagination von einer Frau, aus deren Geiste, wie in einem
diese von ihm auch imaginierte Natur beherrschenden Worte, dasjenige
hervorging, was spater in abstrakter Form als Naturgesetzmafiigkeit
empfunden wurde. Diese Frau sagte ihm dann - so erzahlt er -, er solle
seine Seelenkrafte vertiefen, dann werde er immer tiefer in sich hinein-
kommen. - Und nun ist es interessant, wie sie, gleichsam ihre Kraft iiber
ihn ausstrahlend, ihm die Moglichkeit gibt, immer tiefer in sich hinein-
zukommen. Es ist das Untertauchen in die eigene Wesenheit. Und die
Reihenfolge, die er angibt, ist wirklich fur gewisse Verhaltnisse die
richtige Reihenfolge der Initiation.
Das erste, sagt er, was er nun kennenlernte, das waren die Seelen-
krafte. Also indem man da in sich untertaucht, lernt man das, was einem
ja sonst unbewufSt bleibt, wirklich kennen: die eigenen Seelenkrafte.
Und dieses Erkennen der eigenen Seelenkrafte, das ist ja allerdings etwas,
was leicht der Mensch, wenn er wirklich an sie herankommt, flieht.
Denn es ist schon wirklich oftmals so, daft uns diese Seelenkrafte, wenn
wir sie wahrnehmen, unsympathisch vorkommen, dafi wir uns sagen:
Was fur eine unsympathische Seele ist das! - Und das will man dann
nicht. Gerade so, wie es dem guten Professor gegangen war, als er seine
eigene Gestalt gesehen hat und sie ihm recht unangenehm vorkam. Man
will sie nicht sehen! Denn innerhalb dieses Chores von Seelenkraften
sieht man so manches, was man an sich hat, was man sich durchaus im
gewohnlichen Leben nicht zuschreibt. Aber man sieht es in einer Weise,
dafi es an der Gesamtheit unseres Wesens arbeitet, an der Erhohung,
aber auch an der Verringerung unseres Wesens, daft es uns wertvoller
oder weniger wertvoll macht fiir das Gesamtdasein des Universums.
Also wir steigen da zuerst herein in die Seelenkrafte. Die nachste
Stufe, die man dann erlebt, ist diejenige der vier Temperamente. Wie wir
da zusammengewoben sind aus dem cholerischen, melancholischen,
sanguinischen, phlegmatischen Temperament, und wie dieses Zusam-
menweben tief er unten liegt als die Seelenkrafte, das wird zunachst klar.
Und erst wenn man durch die Temperamente gegangen ist, kommt man
zu dem, was man im okkulten Sinne die fiinf Sinne nennen kann. Denn
so wie der Mensch zunachst von diesen fiinf Sinnen spricht, ist es ja nur,
wie er sie von aufien kennt. Er kennt sie ja nur von aufien, diese fiinf
Sinne. Innerlich kann man die Sinne nur kennenlernen, wenn man durch
die Temperamente heruntergestiegen ist in tiefere Regionen des eigenen
Selbstes. Dann sieht man die Augen, die Ohren, die anderen Sinne von
innen, das heifk, man erlebt zum Beispiel seine eigenen Augen, seine
eigenen Ohren, sie ausfiillend von innen. Sie miissen sich, sagen wir,
folgendes vorstellen: Statt dafi Sie hier hereingehen durch diese Tiir in
diesen Saal und hier die Gegenstande und Personen wahrnehmen, die
schon darinnen sind, so kommen Sie, wenn Sie dieses Hinuntersteigen-
in-sich-Selbst durchmachen, in die Region, sagen wir, Ihrer Augen oder
Ohren. Innerhalb dieser Region nehmen Sie wahr, wie von innen heraus
die Krafte arbeiten, um das Sehen und das Horen zustande zu bringen.
Sie nehmen eine ganz komplizierte Welt wahr, eine Welt, von der ein
Mensch, der nur den aufieren physischen Plan kennt, keine Ahnung hat.
Gewifi wird mancher sagen: Nun ja, aber imponieren wird mir doch
nicht diese Welt der Augen und Ohren! Die Welt des physischen Planes,
die ich um mich habe, ist grofi, aber die Welt der Augen und Ohren ist
klein; da schaue ich in eine kleine Welt hinein. - Das aber ist eine Maja!
Was Sie iiberschauen, wenn Sie in Ihrem eigenen Ohre drinnen sind,
wenn Sie in Ihrem eigenen Auge drinnen sind, ist viel grofier, viel voller
als die aufiere physische Welt; da haben Sie eine viel reichere Welt um
sich herum.
Und dann erst, wenn man durch diese Region durchgegangen ist,
kommt man in die Region der vier Elemente. Wir haben ja von all diesen
Eigentiimlichkeiten der einzelnen Elemente auch gesprochen. Dann erst
fiihlt man sich darinnen im Erdigen, im Wasserigen, Luftformigen und
Warmeartigen.
So wie der Mensch seine Sinne kennt, kennt er sie von aufien, aber hier
lernt er sie von innen kennen. Also er geht hier mit dem Bewulksein von
innen in das Auge hinein, durchbricht dann das Auge, und so durch das
Auge brechend, kommt er in die vier Elemente hinein. Er kann auch
durch das Ohr durchbrechen oder durch den Geschmackssinn. Von
diesen Elementen ist der Mensch fortwahrend umgeben, aber er weift
doch nicht, wie sie innerlich sind. Wie sie innerlich sind, das kann man
nicht sehen mit den aufieren Sinnesorganen; da muE man zuerst aus
diesen Sinnesorganen herauskommen, aber von innen, mufi sie dann
wieder wie durch Tore verlassen, mufi hinaussteigen durch seine Augen
und seine Ohren. Da schliipft man also durch das Auge durch, schliipft
durch das Ohr durch und kommt dann in die Region der Elemente
hinein. Dadurch lernt man kennen, was in dieser Region der Elemente
selber als Geistiges lebt: also die verschiedenen Arten von Naturgeistern
und diejenigen Wesenheiten, die zu den an die Menschen zunachst
angrenzenden Hierarchien gehoren.
Dann kommt man weiter, kommt in die Region der sieben Planeten
hinein. Da ist man schon weiter draufien, da lernt man schon dasjenige
kennen, was schopferisch mit uns verbunden ist im grofien Universum.
Und dann hat man, wie es immer genannt worden ist, Okeanos, den
Ozean, zu durchschreiten.
Seelenkrafte
vier Temperamente
funf Sinne
vier Elemente
sieben Planeten
Ozean
Dieses Durchschreiten des Ozeans bedeutet das Folgende: Man kann an
die Planeten noch herankommen, wenn man, ich mochte sagen, mit dem
letzten Teil seines Seelenwesens im Physischen noch drinnen ist. Aber
wenn man so durch die Tore der Sinne hinausgeht, durch die Elemente
und die Planeten hindurch, dann mufi man zuletzt selbst die letzten
Reste von seinem Seelenwesen nachziehen, so dafi man bewufit in den
Zustand hineinkommt, in dem man sonst nur im Schlafe ist. Wenn man
so mit den Planeten ist, ist man noch immer gleichsam mit einem Stuck
seines Seelenwesens im Leibe drinnen (siehe Zeichnung). Zieht man dies
noch heraus, dann kommt einem das so vor, als ob man durchschwim-
men wiirde den universellen Ozean des geistigen Daseins.
''6 /
..>■ /,'., A,,,. , , 'M -'V'-
Dies alles unternimmt nun Brunetto Latini; er erzahlt, wie er jeden
dieser Schritte unternommen hat auf das Geheifi der Frau, die ihm in
seiner imaginativen Erkenntnis erscheint. Dann ermahnt ihn die Frau, er
solle weitergehen. Diese Ermahnung trifft ihn aber in einem besonderen
Augenblick, und das ist sehr charakteristisch.
Also bedenken Sie: Der Mann reitet, weil er perplex ist uber dasjenige,
was in seiner Vaterstadt geschehen ist, in einen Wald, kommt zu einer
Besinnung, die ihn aber nicht in die physische Welt ftihrt, sondern durch
alle diese Regionen durch. Dann tritt fur ihn der Moment ein, wo er
-jetzt nicht durch einen Zufall, wie man so sagt, sondern durch die
Aufforderung der Frau - sich in dem Wald drinnen erblickt. Also
nachdem er das alles durchgemacht hat, nachdem er hindurchgestiegen
ist durch die Seelenkrafte und die Temperamente, durch die Sinne
geschritten ist in die elementare Welt, dort schon reiches, geistiges Leben
wahrgenommen hat, nachdem er die sieben Planeten wahrgenommen
hat, durch die sieben Planeten hindurch die hoheren Hierarchien, wie sie
Kreis an Kreis geschlossen haben, dann sich gefiihlt hat, nicht wie auf
festem Grunde, sondern wie den Ozean durchschwimmend, wacht er
auf in der physischen Welt.
Und dies ist das aufterordentlich Wichtige, das wir auch wiedererken-
nen bei alien diesen Initiationsvorgangen: dafi die Betreffenden einen
Kreislauf durchmachen, daft sie zuriickkommen in die physische Welt.
Brunetto Latini f uhlt sich, nachdem er das alles durchlebt hat, wieder
in seinem Walde. Jetzt ist er von dem, was ihn physisch umgibt, wirklich
umgeben. Gleich darauf steht die Frau wieder da, aber so, dafi er jetzt
den physischen Wald um sich hat, und sie sagt ihm, er solle nun nach der
rechten Seite reiten. Und da gibt sie ihm Anweisung, wie er kommt zur
Philosophic, zu den vier menschlichen Tugenden, und zur Erkenntnis
des Gottes der Liebe.
Merken Sie, was da Bedeutsames dahinterliegt! Der Mensch der
Gegenwart wird ohne weiteres sagen: Philosophic, na, das kenne ich, ich
habe die ganze Geschichte der Philosophic studiert, weifi was Philoso-
phic ist, was sie lehrt. Vier Tugenden: Plato hat sie genannt Weisheit,
Mut, Gleichgewicht oder Mafiigkeit, Gerechtigkeit. Nun, und der Gott
der Liebe, wer kennt ihn nicht? - man braucht nur die vier Evangelien zu
lesen! Kurz, der Mensch der Gegenwart kennt das alles. Das ist aber das
Charakteristische mit Bezug auf die geistige Erkenntnis: man fangt an zu
sehen, dafi man das alles nicht kennt, dafi man erst hindurchgehen mufi
durch das Begreifen der geistigen Welt und dann zuriickkommen mufi
zu dem, was die physische Welt gibt, und dann erst die physische Welt
begreifen kann.
Also Brunetto Latini wiirde, wenn er jetzt aufstehen wiirde, und es
wiirde zu ihm ein sehr gelehrter Herr der Gegenwart kommen, nehmen
wir an, ein ganz beriihmter Professor der Philosophic, und er wiirde
sagen: Ich kenne die ganze Philosophic -, da wiirde Brunetto Latini
antworten: Ja, gewifi kennst du sie, aber in Wahrheit weifit du gar nichts
von ihr. Du mufit zunachst kennenlernen das Aussehen der iibersinnli-
chen Welten, mufit wissen, wie es in den iibersinnlichen Welten beschaf-
fen ist; dann kommst du zuriick zur Philosophic und dann ist sie fur
dich etwas ganz Neues, dann erst wirst du anfangen, eine Ahnung zu
haben von dem, was du jetzt glaubst, ganz genau zu wissen.
Man konnte dieselbe Sache auch noch anders beschreiben. Nicht
wahr, wer wiirde es nicht absurd finden, wenn man sagen wiirde: ein
ganz beriihmter philosophischer Kopf schreibt ein philosophisches
Buch, aber er versteht es nicht. Das mufi er doch verstehen, nicht wahr?
Wenn er ein philosophisches Buch schreibt, wie sollte er das nicht
verstehen, was er selber geschrieben hat! Ja, aber es ist buchstablich
wahr, dafi er das Buch geschrieben haben kann und doch nichts davon zu
verstehen braucht, was er geschrieben hat. Es ist heute gar nicht
schwierig, Biicher zu schreiben: sie schreiben sich von selber. Die Dinge,
nicht wahr, die man nachsagen gelernt hat, die komponiert man zusam-
men, aber man braucht deshalb nicht einzudringen in den tieferen Sinn
der Sache. Das ist das Gewaltige, das uns bei Brunetto Latini entgegen-
tritt, dafi er durch geistiges Erkennen dasjenige kennenlernen will, was
die anderen durch aufieres Studium kennenlernen, und dafi er erst,
nachdem er hindurchgegangen ist durch die geistige Welt, dann wie-
derum antrifft das, was die anderen zu haben glauben von der physi-
schen Welt her: die Erkenntnis der Philosophic, die Erkenntnis der vier
Tugenden und die Erkenntnis des Gottes der Liebe.
Ich mochte gerne, daft dies, was ich mit den letzten Auseinanderset-
zungen meine, ganz verstanden werde, meine lieben Freunde! Gewifi,
eine bestimmte Art von Kenntnis der Dinge ist schon zu erlangen, auch
ohne geistiges Erkennen; aber die Dinge erscheinen in einem ganz neuen
Lichte, erscheinen als etwas ganz anderes, wenn man sich zuerst bekannt
gemacht hat mit dem, was hinter der physischen Welt liegt. Und so
sehen wir gerade an dem Beispiel des Zusammenhanges des Brunetto
Latini mit Dante, das ich nur aus diesem Grunde angefuhrt habe, wie
aufieres kiinstlerisches Schaffen zusammenhangt mit der Initiation, so
sehen wir, wie in der Tat das grofie Kunstwerk Dantes zusammenhangt
mit der Initiation. Dante hatte zu seiner eigentumlichen Art, sich zur
geistigen Welt zu stellen, nicht kommen konnen, wenn er nicht Brunetto
Latini zum Freund und Lehrer gehabt hatte, der ihn hinaufgezogen hat
in die geistige Welt.
Jedes Zeitalter hat eine besondere Art, die geistige Welt zu suchen.
Wir finden schon in den dem Danteschen Zeitalter vorangehenden
Jahrhunderten immer wieder und wiederum bei den verschiedensten
Initiierten jene Frau, von der auch Brunetto Latini spricht, jenes Hinein-
gefuhrtwerden in die geistige Welt durch diese Frau. Einzelne - und
diese ganze Entwickelung geht ja zuriick bis ins 7., 8. Jahrhundert -,
einzelne nennen geradezu diese Frau «Natura», die lebendige, schaffende
Natur. Alte Eingeweihte beschrieben diese Frau, die lebendige, schaf-
fende Natur als die Beraterin des Nus, des die Welt durchschaffenden
Verstandes, der die Welt als Nus durchsetzenden, weisheitsvollen Ver-
nunft, und sie nennen diese Frau eine Verwandte der Urania. Wahrend
Nus draufien im Kosmos beraten wird von Urania, wird er in unseren
Gegenden, unseren irdischen Gegenden beraten von der Natura. Und
wenn man die ganze Sache durchschaut, so wird man zuruckgefiihrt auf
die andere Art, durch welche in viel alteren Zeiten die Eingeweihten
gewissen Geheimnissen des Daseins nahezukommen versuchten, und
dann finden wir in alteren Zeiten diese Frau wieder in Proserpina, in der
Persephone, die der Mutter Demeter das Gewand webt. So verandern
sich die Imaginationen im Verlaufe der Jahrhunderte, aber aus all diesen
Imaginationen miissen wir entnehmen, dafi das, was im fortlaufenden
Strom der Menschheit gewirkt hat, eben die Geheimnisse der Initiation
sind.
Um diesen Dingen recht nahezukommen, gehort allerdings dazu, dafi
man sich durchdringt mit dem lebendigen Gefiihle, dafi in allem, was in
der Welt geschieht, nicht nur diejenigen Krafte und Wesenhaftigkeiten
wirksam sind, welche die aufieren Sinne und der aufiere Verstand
wahrnehmen konnen, sondern dafi iiberall das Geistige wirksam ist. Wir
miissen aber rechnen damit, dafi dasjenige, was der Mensch heute, und
schon seit langer Zeit, «geistige Entwickelung» nennt, ja nichts anderes
ist als die Entwickelung jener Krafte, die an die physische Leiblichkeit
gebunden sind. Man nennt ja heute vielfach geistige Entwickelung die
Entwickelung der Krafte, die an die physische Leiblichkeit gebunden
sind. Das hat sich nach und nach entwickelt. Wir wissen ja, dafi in alten
Zeiten Hellsehen als der normale menschliche Zustand vorhanden war.
Dieses ist allmahlich abgeflutet und abgedammert, und das, was wir
heute geistige Entwickelung nennen, ist etwas, was durchaus an den
physischen Menschen gebunden ist.
In der Zeit des Mysteriums von Golgatha trat allerdings mit diesem
Mysterium von Golgatha etwas in die menschliche Entwickelung ein,
das grofi, so gewaltig ist, dafi es erst nach und nach ganz wird begriffen
werden konnen. Was der Mensch bisher hatte, war eine Art Tradition.
Mit dem Aufwand der letzten Reste atavistischer Hells eherkraft haben
die Evangelienschreiber aufgezeichnet, was geschehen ist; aber das ist,
wie gesagt, ein letzter Aufwand. Und jetzt fangen wir an, mit der
neuerschlossenen Hellseherkraft die ersten Wahrheiten des Mysteriums
von Golgatha wiederum zu begreifen. Wir miissen begreifen, dafi die
kommenden Zeiten tiefer und tiefer hineindringen werden in diese Ge-
heimnisse des Mysteriums von Golgatha. Wir stehen durchaus erst am
Anfang davon. Doch wir fangen eben an. Gewirkt hat der Impuls des
Mysteriums von Golgatha aber seit jenem Zeitpunkt, seit dem das
Christus-Leben durch die Erde durchgegangen ist. Hatten die Men-
schen vom Christentum - ich habe das schon ofter betont - nur das-
jenige gehabt, was sie einsehen konnen, dann hatten sie nicht viel vom
Christentum gehabt. Hatte der Christus-Impuls nur durch dasjenige
wirken konnen, was sie haben begreifen konnen, dann hatten sie in den
verflossenen Jahrhunderten wirklich recht wenig von dem Christus
gehabt.
Ich habe ofter zwei Beispiele angefiihrt - ich konnte viele anfuhren -,
aus denen wir sehen, wie der Christus wirkt in der menschlichen Seele,
in dem, was also durch die historische Entwickelung der Menschheit
durchgeht, von dem die Menschen aber nichts wissen konnen. Denn
wahrhaftig, das, was der Kaiser Konstantin gewufit hat vom Christus-
Impuls, als er selbst sich zum Christentum bekehrt hat und das Chri-
stentum zur Staatsreligion gemacht hat, war sicher herzlich wenig. Aber
dadurch, dafi Konstantin, der Sohn des Constantius Chlorus, des Bias-
sen, den Sieg errungen hat iiber Maxentius, wurde in Rom der Anstofi
zur Einfuhrung des Christentums gegeben. Die ganze Einrichtung ist so,
dafi spezielle Krafte zugrunde liegen, so dafi iiberall dieser Christus-
Impuls wirkt. Die Sibyllinischen Biicher wurden von Maxentius zu Rate
gezogen. Sie gaben ihm die Auskunft - ich habe das zum Beispiel im
Leipziger Zyklus vor einem Jahre erwahnt wie er es machen sollte
gegeniiber dem heranriickenden Heere des Konstantin. Aber auch einen
Traum hatte er. Diesem Traum und den Sibyllinischen Biichern f olgend,
ging er mit dem Heer, das viermal starker war als das Heer des
Konstantin, aus der Stadt dem Konstantin entgegen, was nach alien
Kriegsregeln ein Fehler war.
Konstantin traumte auch davon, dalS er siegen wiirde, wenn er seinem
Heere vorantragen lassen wiirde das Symbolum des Kreuzes Christi, was
er auch tat. Nicht durch alle menschliche Weisheit, deren man da-
mals hatte teilhaftig werden konnen, sondern durch Traume wurde
alles entschieden. Aber durch die Traume hindurch wirkte etwas, was
nicht begriffen werden konnte, was aber doch der lebendige Christus-
Impuls war. Wirklich, es konnten die Menschen nicht verstehen, was in
ihnen wirksam, tatig, lebendig wirkte, und was die Weltentwickelung
weiter brachte, was dazumal dem europaischen Kontinent sein Antlitz
gab.
Und wiederum finden wir eine Zeit, in welcher wir sehen konnen, wie
die Menschen mit ihrer Vernunft, mit ihrem Verstand, auch mit ihrem
Gefiihlsvermogen sich herumzanken iiber allerlei Dogmen, Dogmen, die
heute den Aufgeklarten recht sonderbar vorkommen: ob es richtig sei,
die Kommunion unter einer oder unter zwei Gestalten zu nehmen und
so weiter. Wir wissen, mit welcher Heftigkeit diese Streitigkeiten spiel-
ten, die dann spater im Hussitismus, bei Wiclif und so weiter, zum
Austrag gekommen sind. Aber solche Streitigkeiten gab es immer. Sie
sind ein Beweis dafiir, wie wenig heranreichte der Verstand des Men-
schen an dasjenige, was der Christus-Impuls wirklich war.
Wo aber kam in einem wichtigen Augenblick der Christus-Impuls
wirklich zum Vorschein? Ich habe auch darauf ofter hingewiesen. In
einem Hirtenmadchen, in der Jungfrau von Orleans kam er in einer Art
Schau zum Vorschein. Und nun miissen wir uns klar sein, daft das eine
Art Nachhilfe ist der iibersinnlichen, der spirituellen Krafte, die da
hereinwirken in das Gefiihl der Menschen in einer Zeit, wo sie noch
nicht in die menschlichen Begriffe hereinwirken konnten.
Bei Jeanne d'Arc war die Sache ja ganz besonders interessant. Ihr
Inneres war aufgeschlossen; aber nicht dasjenige war aufgeschlossen,
was an den physischen Leib gebunden ist, sondern aufgeschlossen war
das Wahrnehmen ihres atherischen, ihres astralischen Wesens. Aber es
war so aufgeschlossen, daft wir in der Tat ein Analogon bei ihr f inden fur
die Initiation. Inwiefern?
Nun, erinnern Sie sich einmal, wie wir neulich in einem gehorigen
Zeitpunkt hier zum Vortrage gebracht haben die Geschichte von Olaf
Asteson: wie Olaf Asteson die Tage nach Weihnachten durchschlief und
erst wieder aufwachte am Dreikonigstag, am 6. Januar. Wir haben daran
gewisse Bemerkungen gekniipft: daft in der Jahreszeit, wo die aufteren
physischen Sonnenstrahlen die geringste Kraft haben, die geistige Kraft,
welche die Erde umhiillt, die grofite ist. Deshalb ist das Weihnachtsfest
mit groftem Recht in die Zeit gelegt, in der physisch die groftte Finsternis
ist. In der Finsternis kommt die geistige Erleuchtung iiber die menschli-
che Seele, die der Erleuchtung fahig ist. Deshalb wird uns die Legende
von Olaf Asteson erzahlt: wie er gerade in der Zeit sein Seelisch-Inneres
stimmt so, daft die Krafte, die als geistig-spirituelle Lichtkrafte von der
Sonne hineingehen in die Erdenaura in der Zeit, wo die auftere Sonnen-
kraft am schwachsten ist, seine Seele ergreifen, und er wirklich bis in die
Zeit des 6. Januar durchmacht dasjenige, was man nennen kann: ein
Hereinschreiten in die geistige Welt.
Fur eine grofte historische Mission soil die Jungfrau von Orleans
angeregt werden. In ihrer Seele sollten die Impulse anwesend sein, die
mit dem Christus-Impuls durch die Welt wallen und wogen. Die sollten
darinnen sein in ihrer Seele. Wie konnten sie hineinkommen? Sie hatten
hineinkommen konnen, wenn die Jungfrau von Orleans zu irgendeiner
Zeit ihres Lebens etwas Ahnliches durchgemacht hatte wie Olaf Aste-
son: wenn sie geschlafen hatte die dreizehn Tage nach Weihnachten und
am 6. Januar aufgewacht ware. Das hat sie allerdings nicht getan wie
Olaf Asteson; aber in gewissem Sinne hat sie in einem Schlafzustand
durchgemacht diese Zeit, die der Initiation giinstig ist, in den letzten
dreizehn Tagen ihrer Embryonalzeit. Sie wurde von ihrer Mutter so
getragen, dafi sie durchmachte in den letzten dreizehn Tagen ihrer
Embryonalzeit die Weihnachtszeit im Leibe ihrer Mutter, und dafi sie
am 6. Januar geboren wurde: denn das ist der Geburtstag der Jungfrau
von Orleans. Das ist ein Hindurchgehen gerade durch diejenige Zeit, in
der die geistigen Krafte besonders stark in der Erdenaura walten.
Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, wenn die aufieren
Dokumente es selbst feststellen, dafi die Dorfbewohner an jenem 6.
Januar 1412 durcheinandergerannt sind, gefiihlt haben, dafi etwas
geschehen ist. Was denn eigentlich geschehen war an diesem 6. Januar,
wufite man allerdings erst spater, als die Jungfrau von Orleans ihre
Mission auszufuhren hatte. Fur denjenigen, der die geistigen Zusammen-
hange durchschaut, bedeutet es etwas Ungeheures, daft in unserem
Geburtskalender eingeschrieben steht, dafi Jeanne d'Arc am 6. Januar
geboren ist.
Die Zusammenhange in der Welt sind eben tief, und der Mensch, der
auf geklart ist, kann auch wissen - er braucht es ja nur nachzuschauen im
Konversationslexikon -, wann die Jungfrau von Orleans geboren ist.
Aber er weifi damit natiirlich nur das Allerwenigste. Erst derjenige, der
die Bedeutung des 6. Januar durch die Geisteswissenschaft kennt, lernt
die ganze Bedeutung dieses Faktums erkennen.
So sehen wir selbst bei so weithin leuchtenden Tatsachen, wie man
gleichsam hindurchgehen mufi durch ein Begreifen der geistigen Angele-
genheiten, wie man dann wiederum zuriickkommen mufi zu den irdi-
schen Angelegenheiten und diese dann erst im vollen Sinne des Wortes
verstehen kann.
Auch diese Betrachtung habe ich wiederum aus dem Grunde ange-
stellt, um zu zeigen, dafi wirklich dasjenige, was man heute gemeiniglich
Geisteskultur nennt, alt geworden ist, diirr und trocken geworden ist,
und wie derjenige, der irgend etwas begreift von den tieferen Impulsen,
die durch die Welt- und Menschheitsentwickelung gehen, sich klar
werden mufi, daft wir vor einer Erneuerung stehen miissen, an der wir
selber teilnehmen durch unser Begreifen, teilnehmen durch unsere Sehn-
sucht nach der spirituellen Welt. Und je intensiver wir uns vorstellen,
dafi eine Erneuerung eintreten mufi, desto besser werden wir auch die
Moglichkeit finden, mitzuwirken an einer solchen Erneuerung.
Mit dem blofien kleinlichen Verandern und Reformieren des Alten ist
fur die Zukunft nicht mehr gedient; es handelt sich um eine radikale
Erneuerung desjenigen, was man menschliches Geistesleben nennen
kann. Denn so verschieden dasjenige ist, was Geisteswissenschaft in
unserem Sinne genannt wird, von dem, was heute in den weitesten
Kreisen draufien \iber das geistige Leben geiehrt wird, so verschieden
wird die Zukunftskultur von der Kultur der Gegenwart sein. Und wenn
heute die Menschen leicht finden, dafi dasjenige, was Geisteswissen-
schaft treibt, eine Phantastik, vielleicht eine Narretei ist, so bedeutet das
nichts Geringeres, als dafi die Menschen der Gegenwart alles, was die
Geisteskultur der Zukunft beherrschen wird, zugleich eine Phantasterei,
eine Narretei nennen.
In solcher Zeit aber mufi eine Wiedergeburt des menschlichen Seelen-
iebens stattfinden. Da miissen sich alle Zweige des menschlichen Lebens
in den Impuls dieser Erneuerung, dieser Wiedergeburt hineinleben. Da
mul5 auch alles Kunstlerische wiederum nahe an die Initiation heran-
kommen. Und damit haben wir die Griinde angegeben, warum einmal
versucht werden mufite, in unserem Dornacher Bau ein Anf angswerk zu
schaffen, das bei alien seinen Unvollkommenheiten dennoch in alien
seinen Einzelheiten zusammenhangt mit dem, was die Wissenschaft der
Initiation fur unsere Gegenwart zu sagen hat.
Nur dadurch, dafi die Ergebnisse der Geisteswissenschaft lebendig in
unseren Seelen werden und als lebendiges Ergebnis in der aufieren Form
zum Ausdruck kommen, nur dadurch hat dasjenige, was in unserem Bau
entsteht, seinen entsprechenden Wert, und wird ihn haben als Ausgangs-
punkt, nicht als etwas, was schon vollendet ist. Man mochte wiinschen,
dafi die Sache so angesehen wird und dafi insbesondere in unserem
Kreise intensiv das Bewufitsein vorhanden ist: Es besteht ein inniger
Zusammenhang zwischen dem, was wir die Jahre hindurch uns aneignen
wollten als Geisteswissenschaft, und dem, was in jeder Linie, in jeder
Einzelheit unseres Baues enthalten ist. Dann, wenn wir selber von dieser
Erkenntnis durchdrungen sind, werden wir durch unseren Bau der Welt
dasjenige sagen konnen, was der Welt notwendigerweise gesagt werden
mufi. Und dann werden wir mit Befriedigung in die Zukunft sehen
konnen, die aus den elementaren, primitiven Anfangen dieses Dornacher
Baues heraus immer Vollkommeneres und Vollkommeneres - aber in
seiner Art - wird zu schaffen haben.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 2. Februar 1915
Es ist schon ofter bei unseren Auseinandersetzungen die Gelegenheit
gewesen, darauf aufmerksam zu machen, dafi derjenige, welcher das
Leben und das Dasein wirklich verstehen will, nicht eigentlich sich auf
den Satz berufen darf, dafi das Leben und das Dasein etwas Einfaches sei.
Auf die Kompliziertheit und das Mannigfaltige der Weltenharmonie, in
welche der Mensch einverwoben ist, mufite ofter aufmerksam gemacht
werden, schon aus dem Grunde, weil man ja immer wieder und wieder
hort, dafi die Leute sagen, die Wahrheit - und sie meinen damit
gewohnlich die Wahrheit iiber die allerhochsten Dinge - miisse einfach
sein. Und am liebsten haben es die Menschen, wenn ihnen jemand diese
Wahrheit iiber die allerhochsten Dinge so charakterisiert, daf$ man sie
eigentlich nicht zu erlernen braucht, sondern dafi man sie ohne alles
Lernen, so wie durch sich selbst, einfach hat.
Jeder Mensch - ich habe das ofter gesagt - gibt zu, dafi er eine Uhr
nicht verstehen kann, wenn er nicht gelernt hat, das Ineinandergreifen
der Rader und des sonstigen Mechanismus zu begreifen. Nur gegeniiber
der grofien, herrlichen, gewaltigen Weltenschopfung mochten die Men-
schen gern, daf$ man sie verstehen kann, ohne sich irgendwie anzustren-
gen. Nun ist im Grunde genommen die ganze Geisteswissenschaft dazu
da, uns langsam und allmahlich ein Verstandnis zu gewahren von dem,
was eigentlich der Sinn, die Bedeutung des Daseins und des Lebens ist.
Ich mochte heute ein Kleines hinzufiigen zu den Dingen, die wir
schon betrachtet haben; ich mochte dabei ankniipfen an uns gelaufige
Begriffe und Ideen, an Ideen, die wir ofter in uns aufgenommen haben.
Ausgehen mochte ich davon, dafi wir oftmals vom Standpunkte der
Geisteswissenschaft aus die Worte gebrauchen miissen: Das aufiere
Dasein, in dem wir leben, ist eine Maja oder die Maja, die grofte
Tauschung. - Ich habe betont: Nicht das kann unsere Anschauung
innerhalb der abendlandischen Weltanschauung sein, als ob alles, was
uns umgibt, Tauschung ware im Sinne davon, dafi es unwahr ware.
Nicht die Welt als solche, die auf unsere Sinne einwirkt, die wir erfassen
mit unserem Verstande, ist eine Maja; diese Welt ist in dem innersten
Wesen wahrhafte Wirklichkeit. Aber die Art, wie sie der Mensch
anschaut, wie sie dem Menschen erscheint, das macht die Welt zur Maja,
das macht sie zur groEen Tauschung. Und wenn wir durch unsere innere
Seelenarbeit dahin kommen, zu dem, was uns die Sinne zeigen, zu dem,
was uns unser Verstand sagt, die eigentlich tieferen Grundlagen zu fin-
den, dann werden wir bald einsehen, inwiefern die aufiere Welt als eine
Tauschung aufgefafit werden kann. Denn dann erscheint sie uns in ihrem
wahren Lichte, erscheint sie uns in der Wahrheit, wenn wir sie iiberall zu
erganzen, zu durchdringen wissen mit dem, was uns gegemiber der
ersten Betrachtung, die wir der Welt zuwenden, verborgen sein mul
Das gibt dem Menschen gerade sein Wesen, seine Wiirde, seine
Bestimmung, dafi er vom Weltenall, vom Universum nicht wie ein
unmiindiges Kind behandelt wird, dem man die Wahrheit so ohne
weiteres in den Schofi wirft, sondern dafi vorausgesetzt wird, daf$ er sich
durch seine eigene Arbeit, die Arbeit seines ganzen Lebens, die Wahrheit
erarbeitet. Gewissermafien rechnen die Weltenmachte auf unsere Mitar-
beit beim Erringen der Wahrheit, sie rechnen auf unsere Freiheit, auf
unsere Wiirde.
Nun ist das ganze Menschenleben, so wie es zunachst verlauft zwi-
schen Geburt und Tod, eine Maja, eine Tauschung. Es mu!5 dieses
Menschenleben eine Tauschung sein aus dem Grunde, weil wir ja stets,
wenn wir die Welt nur in bezug auf ihre aufieren physischen Dinge und
Vorgange betrachten, aufier acht lassen die andere Seite der Welt und
dieses Weltendaseins, soferne es den Menschen betrifft, aufier acht lassen
dasjenige, was der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt.
Nun mochte man gewi£ sagen: Man versteht das Menschenleben
zwischen der Geburt und dem Tode, wenn man es einfach betrachtet;
wozu braucht man denn da die andere Seite, das Leben zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt? - Aber schon dieses ist eine ganz
unrichtige Auffassung, einfach aus dem Grunde, weil das Leben zwi-
schen der Geburt und dem Tode eine Spiegelung ist des Lebens zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Dasjenige, was wir durchlebt haben
in dem Leben, das unserem jetzigen physischen Leben vorangegangen
ist, spiegelt sich ab in dem Leben, das wir verbringen zwischen der
Geburt und dem Tode.
Zum Verstandnis dieser Spiegelung ist es notwendig, daft wir noch
zwei Dinge ins Auge fassen. Das erste ist, dafi wir gewisse Etappen,
gewisse Hauptpunkte unseres Lebens zwischen der Geburt und dem
Tode betrachten, und gerade untersuchen, inwiefern sich diese Punkte
spiegeln, herausspiegeln aus dem Leben zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt. Dann ist es notwendig, ins Auge zu fassen, dafi das Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in viel intensiverem Mafie
verbunden ist mit den unbekannten Welten, von denen wir sprechen
durch die Geisteswissenschaft: mit jenen Vorgangen, die sich vor unserer
Erdenbildung auf dem abgespielt haben, was wir den alten Saturn, die
alte Sonne und den alten Mond nennen. Diese Vorgange auf dem Saturn,
der Sonne und dem Monde sind viel mehr verbunden mit dem Leben,
das wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, als mit
dem Leben, das wir durchleben zwischen der Geburt und dem Tode.
Wir konnen sogar so sagen: Das Leben zwischen dem Tode und der
Geburt ist von alien Seiten her iiberall beeinflufit von jenen vergangenen
Leben, die wir kennen als die vergangenen planetarischen Leben von
Saturn, Sonne und Mond. Dasjenige, was das Saturn-, das Sonnen- und
Mondenleben bewirken in unserem verborgenen Erdenleben zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt, spiegelt sich wiederum in dem Leben
zwischen der Geburt und dem Tode, so dafi das Leben zwischen der
Geburt und dem Tode ein Spiegelbild dessen ist, was zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt vor sich geht, und das, was zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt vor sich geht, das wird direkt beeinflufit
von dem, was sich auf dem alten Saturn, der alten Sonne und dem alten
Monde abspielte.
Gewisse Hauptpunkte, gewisse Etappen unseres Erdenlebens miissen
wir ins Auge fassen, wenn wir den Vorgang im einzelnen besser verste-
hen wollen.
Das erste, was zum Erdenleben gehort, ist ja das, was wir im physi-
schen Dasein des Menschen die Empfangnis nennen, auf welche das
Embryonalleben des Menschen folgt. Dann erst erfolgt ja die Geburt des
Menschen, sein Betreten des physischen Planes.
Nun enthullt sich der Geisteswissenschaft eine sehr eigentiimliche
Tatsache in bezug auf das Menschenleben. Eigenthch haben wir in
unserem ganzen Menschenleben, insofern wir es im physischen Leibe
verbringen, nur einen einzigen Vorgang, der durchaus zusammenhangt
mit dem Erdenleben, der also gewisserma£en rein aus dem Erdenleben
heraus erklarbar ist: und das ist die Empfangnis. Sonst nichts im
menschlichen Leben als die Empfangnis hat im Grunde etwas zu tun mit
dem Erdenleben, unmittelbar, ausschliefilich. Auf dieses Wort «aus-
schliefilich» bitte ich "Wert zu legen. Dasjenige, was geschieht bei der
Empfangnis, hat nichts zu tun mit dem Monden-, Sonnen- und Saturn-
leben; sondern zu dem, was durch die Empfangnis geschieht, sind die
Ursachen geschaffen innerhalb des Erdenlebens.
Weil die aufSere Biologie, die aufiere physische Wissenschaft vorzugs-
weise sich mit dem Erdenleben nur befassen will, und von ihrem
Gesichtspunkte aus alles, was auf das Monden-, Sonnen- und Saturn-
leben geht, als Narrheit betrachtet, so kann diese aufiere Wissenschaft
Wahrheit im physischen Wortsinne nur iiber die Empfangnis finden.
Daher finden wir auch, wenn wir solche Werke wie etwa die von Ernst
Haeckel durchlesen, daf? am allerausfuhrlichsten behandelt wird das, was
den Menschen zusammenstellt mit den Vorgangen in den anderen
Organismen und dafi man sich immer auf dasjenige verlegt, was mit der
Empfangnis irgendwie zusammenhangt. Uberlegen sie sich das, und
vergleichen Sie es mit dem, was die aufiere Wissenschaft zu sagen hat,
und Sie werden es bewahrheitet finden. Es geht die physisch-wissen-
schaftliche Betrachtung, wenn sie die Vorgange im Menschen betrachtet,
gewohnlich zuriick bis zu den einfachsten Zellenwesen. Solche Zellen-
wesen, von deren Gestalt ja auch der Mensch ausgeht - er entwickelt sich
ja auch aus der befruchteten Eizelle -, solche Zellenwesen hat es aber
wirklich auf dem alten Saturn, der alten Sonne und dem alten Monde
nicht gegeben. Diese finden sich nur auf der Erde, und auf der Erde
findet eine solche Vereinigung von Zellen statt, auf die ein so grofier
Wert gelegt wird von der aufieren physischen Wissenschaft.
Diese besondere Stufe unseres Lebens ist nun nichts anderes als die
Spiegelung eines wirklichen realen Vorganges, der vor der Empfangnis
sich schon abspielt und der mit dem menschlichen Leben zusammen-
hangt. Wir sind selbstverstandlich in den letzten Zeiten unseres Lebens
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber auch zu der Zeit, da
wir physisch empf angen werden, in der geistigen Welt. Da geht immer
etwas im geistigen Leben vor sich mit uns; und von dem, was da vor sich
geht, ist die Empfangnis nichts anderes als ein Spiegelbild, eine Maja.
Der wirkliche Vorgang spielt sich in der geistigen Welt ab, und dasje-
nige, was sich in der physischen Welt abspielt, ist ein Spiegelbild, eine
Maja. Dasjenige aber, was in der geistigen Welt geschieht, ist ein
Vorgang, der sich abspielt zwischen der Sonne und der Erde, und zwar
so, dafi das weibliche Element dabei die Beeinflussung von der Sonne
her, das mannliche Element die Beeinflussung von der Erde her erfahrt.
Also es ist der Vorgang der Empfangnis die Spiegelung eines Zusammen-
wirkens von der Sonne und der Erde.
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Dadurch allerdings wird dieser Vorgang, den die Menschen oftmals in
ein die Menschheit so erniedrigendes Reich herunterdriicken, zu dem
bedeutsamen Mysterium, zu der Spiegelung eines kosmischen Welten-
vorganges. Interessant ist dabei noch, auf einige Details aufmerksam zu
machen. In demjenigen, der sich dem Zeitpunkte nahert, da er die Erde
wieder betreten soil, bildet sich seelenhaft die Vorstellung der Eltern,
durch die er die Erde betritt. Wie er gerade zu dem einen Elternpaar hin
getrieben wird, davon kann ein anderes Mai gesprochen werden, das
hangt mit dem Karma des Menschen zusammen. Das aber, worauf ich
heute aufmerksam machen will, das ist, dafi derjenige, der zur Geburt
schreitet, von dem, was auf der Erde physisch vorhanden ist, ein Bild,
hauptsachlich zunachst von der Mutter, erhalt. Also es schaut derjenige,
der zur Geburt schreitet, vorzugsweise auf die Mutter herab. Von dem
Vater erhalt er - und ich bitte das ins Auge zu fassen, denn es ist eine sehr
bedeutsame Erscheinung - em Bild dadurch, dafi die Mutter von dem
Vater ein Bild in ihrer Seele tragt. Der Vater wird also gesehen durch das
Bild, das die Mutter von dem Vater in ihrer Seele tragt.
Das ist naturlich etwas, ich mochte sagen, radikal ausgesprochen, aber
es ist im wesentlichen das Richtige. Man kann ja iiber diese iibersinnli-
chen Vorgange nur so sprechen, dafi man sie im wesentlichen charakteri-
siert. Damit Sie nicht eine allzu f este Vorstellung bekommen, mochte ich
hinzufugen, dafi allerdings dann zum Beispiel, wenn es sich darum
handelt, daf? die geistig-seelische Erbschaft von des Vaters Seite her eine
besondere Rolle zu spielen hat, dafi also besondere geistig-seelische
Eigenschaften von dem Vater auf den Menschen, der geboren werden
soli, iibertragen werden sollen, auch ein direktes Bild des Vaters
zustande kommen kann. In demselben Mafie aber, wie das Bild des
Vaters direkt zur Wahrnehmung kommt, schwacht sich das Bild der
Mutter ab.
Die nachste Stufe des physischen Erdenlebens ist dann das Leben, das
zwischen der Empfangnis und der Geburt zugebracht wird. Auch dieses
Leben ist im wesentlichen - wir nennen es das Embryonalleben - die
Spiegelung eines anderen Vorganges, der sich vor diesem zuerst genann-
ten Vorgang in der geistigen Welt abspielt. Wahrend also die Geburt im
physischen Leben selbstverstandlich auf die Empfangnis folgt, geht
dasjenige, wo von die Geburt eine Spiegelung ist, voran jenem Sonnen-
Erdenvorgange, von dem die Empfangnis eine Spiegelung ist.
Dieses Leben, das der Mensch zubringt zwischen der Empfangnis und
der Geburt, ist schon ganz und gar nicht erklarbar aus den Verhaltnissen,
die sonst auf der Erde sind; und es erklaren wollen aus den Kraften, aus
den Gesetzen der Erde, ist einfach nichts anderes als ein ganz gewohnli-
cher Unsinn. Denn es ist eben die Spiegelung eines vorgeburtlichen
Vorganges, und dieser vorgeburtliche Vorgang ist im wesentlichen
beeinflujKt von dem, was von dem vorirdischen Mond und von der
vorirdischen Sonne geblieben ist. Es ist ein Vorgang, der sich zwischen
der Sonne und dem Monde abspielt, also wesentlich ein iiberirdischer
Vorgang.
4'' 4/ I
Die Krafte, die da tatig sind, sind vorzugsweise diejenigen, welche
spielen zwischen der Sonne und dem Monde. Die aufiere Wissenschaft
hat in ihrem Bewufitsein noch etwas bewahrt von dieser Tatsache, indem
sie das Embryonalleben nach Mondmonaten zahlt und davon spricht,
dafi es zehn Mondmonate in Anspruch nehme.
So aufgef alk, haben wir zu beriicksichtigen, dafi wir in dem Leben, das
wir verbringen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, einen
realen, wirklichen Einflufi erfahren von der Sonne und dem Monde her,
daf5 wir aber in dem Leben, das wir spater physisch zubringen, zwischen
der Empfangnis und der Geburt, abspiegeln diesen Vorgang, der ein
Sonnen- und Mondenvorgang ist.
Beachten Sie, dafi selbstverstandlich hier das Wort spiegeln in einem
etwas anderen als dem raumlichen Sinne gebraucht ist. Beim raumlichen
Spiegeln hat man den Gegenstand und das Bild zugleich, aber hier hat
man das, was der reale Vorgang ist, sich zutragend vor der Geburt; das,
was sich spiegelt, spiegelt sich zeitlich spater. Es ist also eine Maja eines
ubersinnlichen, vorgeburtlichen Vorganges.
Was wir dann ins Auge fassen miissen, ist zunachst die Zeit zwischen
der Geburt und jenem oftmals erwahnten, wichtigen Zeitpunkte des
Menschenlebens, wo wir beginnen, unser Ich-Bewufksein zu entfalten,
wo wir anfangen, in bewulker Weise zu uns «Ich» zu sagen. Wir konnen
es das eigentliche Kindheitsleben nennen. Diese Zeit, die wir da zubrin-
gen, die erste Kindheit - meinetwillen nenne man es das Sauglingsleben -
ist wieder eine Spiegelung eines Vorganges, der nun noch weiter zuriick-
liegt im Geistigen. Der reale Vorgang, der sich spiegelt in der Zeit, wo
wir anfangen zu lallen, ohne da!5 wir das Sprechen mit dem Ich-
Bewufksein in Beziehung bringen, ist eine Spiegelung eines vorgeburtli-
chen Vorganges, der noch weiter in den Kosmos hinausreicht. Und zwar
wirken da zusammen, wir konnen sagen, die Sonne und die gesamte
Planetenwelt, welche zur Sonne gehort, also die Sonne und ihre Planeten
rings um sie herum, mit Ausnahme des Mondes. Die Krafte, die zwi-
schen der Sonne und ihren Planeten spielen, wirken herein in unser
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dieses, was da
lange vor unserer Geburt entsteht, spiegelt sich in dem Leben, das wir in
den allerersten Kindesjahren zubringen.
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Sie sehen daraus, dafi das Kind in sein Leben hereinspielen hat die
Spiegelung desjenigen, was noch mehr als der Mond von dem Irdischen
abgelost ist. Dies hat eine ungeheure, eine tief bedeutungsvolle, prakti-
sche Konsequenz; es hat die Konsequenz, dafi der Mensch nicht gestort
werden darf in dieser Zeit seines Lebens in bezug auf das Empf angen der
Krafte, respektive in bezug auf die Verwertung der Krafte, die er
empfangen hat. Bedenken Sie nur einmal, was da eigentlich vorliegt. Vor
unserer Geburt haben Krafte aus dem Kosmos heraus auf uns gewirkt,
die zwischen der Sonne und ihren Planeten spielen. Diese Krafte sind in
dem Kinde, das durch die Geburt gegangen ist und das Erdenleben
betreten hat. Diese Krafte wollen aus dem Kinde heraus. Diese Krafte
sind wirklich in dem Kinde. Insofern ist das Kind, wenn wir auf sein
innerstes Wesen sehen, ein Himmelsbote, und die Krafte wollen heraus.
Wir konnen im Grunde genommen nichts anderes tun, als diesen
Kraften die grofkmogliche Gelegenheit geben, herauszukommen. Darin
besteht im Grunde genommen alles, was wir zu tun haben bei der ersten
Sauglingserziehung des Menschen: wir diirfen nicht storen die Krafte,
die herauskommen wollen.
Ich mochte sagen, ein Zug von demiitiger Gesinnung geht aus von
einer solchen Erkenntnis. Wahrend der Mensch gewohnlich glaubt, dafi
er dem Kinde ungeheuer viel sein kann, handelt es sich vor alien Dingen
darum, dafi er moglichst wenig stort dasjenige, was heraus will. Nicht als
ob der erziehende Mensch dem Kinde nichts ware. Er ist ihm schon
etwas. Denn das, was da herauskommt - beachten Sie das wohl -, ist ja
ein Spiegelbild, und diesem Spiegelbild miissen wir Realitat verleihen als
Erzieher; diesem Spiegelbild miissen wir Festigkeit geben.
Was wir tun als Erzieher, das lafit sich folgendermafien vergleichen:
Wenn wir hier einen Gegenstand haben, und der spiegelt sich dort, so
haben wir hier das Spiegelbild, und dann haben wir in das Spiegelbild
etwas hineinzutragen, das es innerlich fester mache, als es ist als Bild.
§e9en$tand \ Spiegelbild
i^/f/i-if i/ii • If ill'- •//•• ///.»/ JT
Der Mensch kommt in der Tat als Spiegelbild zur Welt, und er mufi sich
erwerben das Festmachen, das Realwerden dieser Spiegelung. Das ist
eben seine Entwickelung zwischen der Geburt und dem Tode. Das, was
heraus will, miissen wir moglichst wenig storen. Heraus kommen die
Spiegelbilder der Vorgange, die wir uns schon vor der Geburt aus dem
Kosmos heraus erworben haben. Aber durch unser Einwirken miissen
wir das, was da als Spiegelbild herauskommt, zur Realitat befestigen,
und insofern wir es zur falschen Realitat befestigen, also korrigieren
wollen, insofern konnen wir es storen. Aber es ist etwas Aufierirdisches.
Jetzt konnen Sie die ungeheuer bedeutungsvolle Konsequenz einse-
hen, die sich daraus ergibt. Angewiesen ist derjenige, der ein Kind
aufziehen will, darauf, dafi er in seiner eigenen Seele, die er so darlebt
neben dem Kinde, iibersinnliche Vorstellungen und Empfindungen hat;
denn durch alles, was wir an blofi materiellen Vorstellungen, an blofi an
das Materielle ankniipfenden Empfindungen an das Kind heranbringen,
storen wir die Entwickelung des Kindes.
Oftmals wird gefragt: Was konnen wir am besten tun, um ein Kind
aufzuziehen? Wie bei so vielen Sachen handelt es sich nicht so sehr
darum, dafi wir ein paar Grundsatze auf stellen, die wir in der Westenta-
sche oder im Pompadour herumtragen, um uns darnach richten zu
konnen; es handelt sich darum, dalS wir bei uns selber anfangen, dafi wir
uns bemuhen, einen Fond iibersinnlicher Vorstellungen in uns zu tragen,
dafi wir von einer ins Obersinnliche gehenden Gesinnung und Empfin-
dung durchdrungen sind. Denn diese wirken viel mehr als dasjenige, was
wir nach aufierlichen Verstandesgrundsatzen und nach einer Verstandes-
padagogik bewirken konnen. Ein liebevolles Gemiit, das durchdrungen
ist von der ubersinnlichen Welt und dadurch alle Empfindungen vertieft,
kommt dadurch auch in die Lage, ich mochte sagen - bitte das Wort
nicht miflzuverstehen mit der Kindeserziehung einen gewissen Kultus
zu treiben, der aber darin besteht, dafi wir ein Wesen lieben, das uns aus
der geistigen Welt geschickt worden ist, der in einer Vergeistigung der
Kindesliebe besteht, in einem Durchdrungensein von dem Gefiihl:
dadurch, dafi wir dem Kinde die Hande reichen, konnen wir uns sagen:
Du reichst dem Kinde etwas durch die Hand, aber du mufe ihm ein
Reprasentant sein derjenigen Krafte, die nicht auf der Erde zu finden
sind, sondern im Ubersinnlichen.
Alles was man auskliigeln kann uber mancherlei padagogische Grund-
satze, wird ungeheuer wenig fruchten, solange die Wissenschaft auf
materialistischen Bahnen wandelt. Erst dasjenige wird fruchtbar fur die
wirkliche Erziehung des Kindes sein konnen, was sich aus der Geistes-
wissenschaft ergibt. Und das Wichtigste ist das, was wir aus uns selber
machen. In der aufieren, materiellen Welt mogen wir viel wirken durch
das, was wir tun; als Erzieher wirken wir viel mehr durch dasjenige, was
wir sind. Ich bitte, das wohl zu beachten. Wir konnen geradezu als ein
Motto, als eine Devise einer guten Padagogik betrachten den Grundsatz:
Fur die aufiere materielle Welt wirkst du durch das, was du tust; als
Erzieher wirkst du durch das, was du bist.
Dann folgt die Zeit, in der wir das Knaben- oder Madchenalter
vollbringen, das Alter, in dem wir noch immer erzogen werden, in der
Tat aber in einer anderen Weise erzogen werden als in der Zeit, wahrend
welcher wir Sauglinge sind. Das ist die weitere Etappe, die weitere Stuf e,
die wir betrachten wollen. Sie soli alles dasjenige umfassen von dem
Zeitpunkte an, wo der Mensch anfangt, bewufit zu sich «Ich» zu sagen,
bis zu dem Zeitpunkte, wo wir ihn entlassen diirfen aus der eigentlichen
Erziehung, wo er frei in das Leben hinaustritt, dem Zeitpunkt, wo er
sich als wohlerzogener oder ungezogener Mensch dem Strudel des
Lebens zu iibergeben hat.
Auch dies ist eine Spiegelung, aufierlich durchaus Maja, und zwar eine
Spiegelung wiederum von Vorgangen, die vorher liegen. Die realen
Wirklichkeiten liegen nun wieder zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. Und zwar wirkt hier zusammen das vollstandige Planetensy-
stem von der Sonne bis hinauf zum Saturn, oder, wenn Sie nach der
neueren Astronomie wollen, bis zum Neptun. Also das ganze Planeten-
system wirkt hier zusammen mit dem gesamten Sternenhimmel, und was
sich da abspielt zwischen dem Sternenhimmel und dem gesamten Plane-
tensystem, das sind Krafte, die in uns tatig sind in der Zeit, in der wir
erzogen werden.
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""' , ; £mpffinq. tmbrMOhol- Kin&heifi- Knobm-
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"planeteh- Sonne 5onne trbz
So wenig begreift man die Realitat des Menschen aus den blofien
Vorgangen auf der Erde, dafi man diesen Menschen nur verstehen kann
in bezug auf die Zeiten, wo er erzogen wird, wenn man sich klar ist
dariiber, dafi da Krafte in ihm spielen in dem Gesamtleben, die nicht auf
der Erde sind, die nicht einmal im Planetensystem, sondern aufierhalb
des Umkreises der Planeten liegen und wirken im Zusammenspiel mit
dem ganzen Sternenhimmel.
Haben wir ein Kind vor uns, das schon zu sich «Ich» sagt, das wir also
in gewissem Sinne als einen Menschen ansprechen, so miissen wir uns
klar sein dariiber: in ihm wohnt etwas, was eine Spiegelung ist von
etwas, das nicht nur aufterhalb unserer Erde, sondern aufierhalb unseres
Planetensystems tatig ist.
Daher gilt natiirlich viel mehr noch und in viel hoherem Mafie fiir die
spatere Erziehung, was fiir die erste Kindeserziehung gesagt worden ist,
namlich der Satz: Eine gute Padagogik wird es erst dann geben, wenn die
Padagogik aus der Geisteswissenschaft geschopft sein wird, wenn der
Lehrer durchdrungen ist davon, dafi aufierhalb des Planetensystems eine
Welt vorhanden ist, die im Menschen sich entfaltet, und wenn er nicht
nur theoretisch, sondern in seiner Empfindung und in seiner Gesin-
nungsweise durchdrungen ist davon, wenn er selbst durchlebt hat die
Wahrheit dieser iiberplanetarischen Welt. Die Tapserei eines solchen
Lehrers kann oftmals besser sein als die ausgekliigelten padagogischen
Grundsatze eines materialistischen Lehrers. Denn das, was wir tapsen,
was unsere Torheit vollbringt, das bessert sich im Laufe des Lebens.
Nicht korrigiert sich im Laufe des Lebens aber das, was von uns aus
geschieht durch das, was wir sind.
Es ware zu wiinschen, dafi unter dem mancherlei, was die Geisteswis-
senschaft metamorphosieren oder transformieren soli, auch dieses ware:
man sollte immer mehr und mehr einsehen, dafi diejenigen, die Lehrer
und Erzieher werden wollen - im Grunde genommen also auch alle, die
Eltern werden wollen -, darauf zu sehen haben, dafi sie gute Erzieher
werden durch Aufnahme spiritueller Vorstellungen, die sie in ihrer
eigenen Seele ansammeln. Die meiste Arbeit hat man an sich selber
vorzunehmen, wenn man ein guter Erzieher werden will. Und mehr
kommt zum Beispiel beim Lehrer in Betracht, daf? er in dem Lehrstoff,
den er am nachsten Tage in der Schule durchnehmen will, mit seinem
ganzen Herzen lebt, bevor er die Schule betritt, als dafi er moglichst gute
padagogische Grundsatze hat, wie er das oder jenes machen soil. Nach-
dem er den Lehrstoff liebgewonnen hat, ihn geistig innerlich in Liebe
geboren hat, kann er selbst tapsen in der Unterrichtsstunde - obwohl ich
das nicht empf ehlen will und er wird Besseres leisten als derjenige, der
mit alien moglichen Grundsatzen die Schule betritt, in die sein Gehirn
eingeschniirt ist wie in spanische Stiefel, und der alles weifi, wie man es
am richtigsten macht.
Wir wissen, dafi vorlaufig noch in entgegengesetztem Sinne in der
Welt verf ahren wird. Diejenigen, die heute Erzieher sein sollen, die priift
man ja vor alien Dingen in bezug auf dasjenige, was sie wissen, was sie an
inhaltlichem Wissen in sich aufgenommen haben. Fast mochte man ja
schon sagen: man priift sie iiber dasjenige, was sie in Biichern finden
konnen, wovon es besser ware, daft sie sich dariiber eine Bibliothek
anlegten. Man priift am allermeisten iiber das, was man jederzeit in der
Bibliothek nachschlagen kann, wenn man das Nachschlagen gelernt hat.
Namentlich bei der Lehrerpriifung miifke die Hauptsache nicht dasje-
nige sein, was der Betreffende, wenn er es braucht, leicht finden kann;
auf das Wissen ware weniger Wert zu legen. Dagegen mufite jeder Lehrer
angesehen werden daraufhin, wie er in seiner Gesinnung, in seiner
Empfindung verbunden sein kann mit dem, was die Menschen sich als
Erkenntnis, als Gefiihl fur die Entwickelung des ganzen Universums
aneignen konnen. An dem Gefiihl, das man gegeniiber der Menschen-
und Weltenentwickelung hat, sollte abgemessen werden, ob ein Mensch
als Lehrer tauglich ist oder nicht. Dann wiirden allerdings diejenigen in
ihrem Examen durchfallen, welche nur am meisten wissen, und diejeni-
gen wiirden das Examen am besten bestehen, die im geistigen Sinne gute
Menschen sind.
Dahin wird es auch zuletzt noch kommen. Das ist das, wohin wir
zuletzt tendieren miissen: Ein Mensch, der kein guter Mensch ist, dessen
Seele nicht dem geistigen Leben zugeneigt ist, wiirde kiinftig beim
Lehrerexamen durchfallen, wenn er auch noch so viel weifi, wenn er
auch alles im kleinen Finger hat, was man wissen mufi heute.
So wird gerade hier sich das Feld eroffnen, auf dem weniger auf das
Gehirnwissen Wert gelegt wird, sondern viel mehr auf die ganze Entfal-
tung der Seele. Noch einmal sei es betont: Da kommt es nicht darauf an,
dafi wir wertvoll sind durch das, was wir im aufieren materiellen Felde
bewirken, durch das, was wir tun; als Erzieher sind wir vor allem
wertvoll durch dasjenige, was wir sind.
Nun handelt es sich darum, dafi wir alles das beachten, was sich auf
jenen realen Vorgang bezieht, der sich in der Empfangnis abspiegelt.
Alles das gehort der Erde an. Aber insofern es vor der Geburt liegt,
gehort es dem Zusammenwirken von Sonne und Erde an; es vollzieht
sich in der Erdenaura. In der Erdenaura spielt sich vor der menschlichen
Empfangnis ein bedeutungsvoller geistiger Vorgang ab, der sich dann
wieder in der Empfangnis spiegelt. Dasjenige, was sich dann zwischen
dem Zeitpunkte, der sich in der Geburt spiegelt und dem eben genannten
Zeitpunkt abspielt, das ist, in der Realitat, vor der Geburt ein Zusam-
menwirken von Sonne und Mond, und dieses ist im wesentlichen eine
Wiederholung der Vorgange, die sich friiher abgespielt haben wahrend
der alten Mondenzeit der Erde.
Also wahrend des Embryonallebens spielt sich ab die Spiegelung eines
realen Vorganges, und der reale Vorgang spielt sich vor der Geburt ab,
und der ist wie eine Wiederholung der Vorgange, die sich auf dem alten
Mond abgespielt haben. Ebenso ist dasjenige, was sich abspielt in dem
Vorgange, der widergespiegelt wird durch die Zeit zwischen dem Ende
der Kindheit, dem Zeitpunkt, wo der Mensch zum bewulken Ich-sagen
kommt, und dem Zeitpunkt der Geburt, eine Wiederholung der alten
Sonnenwirkung. Dasjenige, was sich noch vorher abspielt, was sich in
dem Erziehungszeitalter spiegelt, das ist eine Wiederholung der alten
Saturnvorgange der Erde.
Und nun gar, wenn wir als wohlerzogener oder ungezogener Mensch
entlassen werden aus der Erziehung und frei in die Welt hinausgeschickt
werden, was spiegeln sich denn dann fur Vorgange? Dann spiegeln sich
Vorgange, die noch vor der Saturnzeit liegen, dann spiegeln sich Vor-
gange in uns, die iiberhaupt nicht zur sichtbaren Welt gehoren, nicht
einmal so zur sichtbaren Welt gehoren, dafi sie ein Korrelat haben in den
aufieren sichtbaren Sternen. Das Korrelat von dem, was wir bis zum
Ende unserer Eziehung erleben, davon konnte man sagen, man sieht es
doch noch. Die auflersten Sterne, die noch sichtbar sind, haben noch
Beziehung dazu. Aber das, was wir dann noch erleben, was dann noch in
uns gebildet werden kann, gehort ganzlich der unsichtbaren Welt an.
Aus aller sichtbaren Welt werden wir entlassen, wenn wir unsere Erzie-
hung wirklich vollendet haben.
Und da handelt es sich naturlich dann darum, daft wir unsere Seele
bereichern oder schon bereichert haben durch dasjenige, was Wahrhei-
ten der iibersinnlichen Welten sind. Denn nur dadurch finden wir den
Weg durch das Leben wirklich; sonst sind wir eine Puppe, ein Popanz,
gefuhrt von den Kraften, von denen gefuhrt zu werden wir eigentlich
nicht berufen sind. Der Mensch, der nach der Saturnspiegelung in seiner
Entwickelung frei in die Welt entlassen ist, und der in seiner Seele keine
Vorstellung hat von einer iibersinnlichen Welt, der ist nicht in dem
Elemente, zu dem er eigentlich berufen ist, sondern er wird mitgenom-
men von den unsichtbaren Kraften, wie der Harlekin, die Marionette
mitgenommen werden von den Kraften, welche in den Faden, an denen
man zieht, vorhanden sind.
Dasjenige in sich aufnehmen, was Geisteswissenschaft geben kann, das
bedeutet Mensch werden, das bedeutet nicht Popanz, nicht Marionette,
nicht Puppe der sinnlichen Welt bleiben, sondern zur Freiheit kommen,
welche sozusagen das Element sein soil, in dem der Mensch wirkt und
lebt sein Leben lang. Die Freiheit ist iiberhaupt nur zu verstehen aus
solchen Begriffen heraus, welche nicht aus der sinnlichen Welt stammen.
Denn mit allem, was wir aus der Sinnenwelt haben, konnen wir nicht frei
werden. Das hatte ich im Auge, als ich meine «Philosophie der Freiheit»
schrieb, wo ich betont habe - wie es sozusagen ohne die Vorstellungen
der Geisteswissenschaft geschehen kann -, daft die Grundlagen der
Ethik, der Sittenlehre bezeichnet werden mussen als moralische Phanta-
sie; das heifit, sie mussen gefunden werden auf Grundlage der morali-
schen Phantasie, obwohl man das naturlich nicht blofi als Phantasiebild
betrachten darf, was sittlich ist, aber sie mussen gefunden werden durch
die moralische Phantasie, durch dasjenige, was aus keiner Sinnenwelt
heraus genommen werden kann. Das ganze Kapitel, das geschrieben
worden ist iiber «die moralische Phantasie» ist eine Bekraftigung davon,
dafi der Mensch sein Leben hindurch, insofern er es in Freiheit zubrin-
gen soli, sich in Zusammenhang wissen mull mit dem, was ihm kein aus
der Sinnenwelt heraus genommenes Bild ist, sondern was in ihm frei
aufsteigen mufi, was er in sich tragt, was selbst iiber die sichtbaren Sterne
erhaben ist, was er nicht aus der sinnlichen Welt schopf en kann, was er
einzig schopfen kann durch innerliches, schopferisches Verfahren. Das
ist gemeint gewesen mit dem Kapitel iiber die moralische Phantasie.
Es war dies wieder eine Betrachtung, dazu bestimmt zu zeigen, wie
mannigfaltig die Zusammenhange sind, in die wir im Leben hineinge-
stellt werden. Wie das Leben vor der Geburt vorbereitend ist fur seine
Spiegelung, so ist wieder die Spiegelung zwischen der Geburt und dem
Tode vorbereitend fur das geistige Leben, das nachher kommt zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt. Je mehr wir hineintragen konnen aus
diesem Leben in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
desto reicher kann die Entfaltung in diesem Leben sein. Denn selbst die
Begriffe, die wir uns aneigenen mussen fur jenes Leben, fur die Wahrhei-
ten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diese Begriffe mussen
sehr verschieden sein von denjenigen, die wir uns fur die irdische Maja,
wenn wir sie verstehen wollen, aneignen mussen. Einige von jenen
Begriffen, die wir uns aneignen mussen, finden Sie in dem Wiener
Vortragszyklus von 1914 «Inneres Wesen des Menschen und Leben
zwischen Tod und neuer Geburt». Da werden Sie finden, wie man sich
neue Begriffe zum Verstandnisse desjenigen aneignen mufi, was als die
andere Seite des menschlichen Lebens verfliefk zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Es ist manchmal recht schwierig, nach und nach die
Begriffe und Ideen herauszuarbeiten, die man fur dieses andersgeartete
Leben braucht. Und Sie werden es gerade einem solchen Vortragszyklus,
wenn Sie ihn durchlesen, anmerken, wie nach Ausdriicken gerungen
wird, die einigermafien diese ganz andersartigen Verhaltnisse wieder-
geben.
Insbesondere mochte ich in diesem Zeitpunkte, in dem in unser
anthroposophisches Leben die Tode teurer Mitglieder hineinspielen, auf
eines aufmerksam machen. Eine andere Rolle spielt im Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt der Zeitpunkt des Todes, als in
unserem jetzigen Leben zwischen der Geburt und dem Tode der Zeit-
punkt der Geburt. Der Zeitpunkt der Geburt ist derjenige Zeitpunkt, an
den sich unter gewohnlichen Verhaltnissen des irdischen Lebens der
Mensch nicht erinnert. Der Mensch erinnert sich nicht an seine Geburt
im gewohnlichen Leben. Der Zeitpunkt des Todes ist aber derjenige,
welcher fur das ganze Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt den allertiefsten Eindruck zuriicklalk, der am meisten von alien
erinnert wird, der immer dasteht gewissermafien, aber in einer anderen
Gestalt, als er angesehen wird von dieser Seite des Lebens aus. Von
dieser Seite des Lebens aus erscheint der Tod als eine Auflosung, als
etwas, wovor der Mensch leicht Furcht und Grauen hat. Von der
anderen Seite erscheint der Tod als der lichtvollste Anfang des geistigen
Erlebens, als dasjenige, was etwas Sonnenhaftes ausbreitet iiber das
ganze spatere Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt,
dasjenige, was am meisten mit Freuden die Seek durchwarmt im Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dasjenige, auf das immer
wieder mit tiefer Sympathie zuriickgeblickt wird. Das ist der Moment
des Todes. Wenn wir ihn in irdischen Ausdriicken schildern wollen: Das
Allererfreulichste, das Allerentzuckendste im Leben zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt ist, von der anderen Seite angesehen, der
Moment des Todes.
Wenn wir uns die Vorstellung etwa aus der materialistischen Weltan-
schauung heraus gebildet haben, dafi der Mensch mit dem Tode das
Bewulksein verloren habe, wenn wir keine richtige Vorstellung gewin-
nen konnen iiber diesen Fortgang des Bewufitseins - ich spreche das am
heutigen Tage besonders aus, weil die Ursache, die Veranlassung dazu
das Zusammenleben mit den lieben Toten ist, die in der letzten Zeit von
uns gegangen sind -, wenn wir uns so schwer eine Vorstellung davon
machen konnen, dafi ein Bewulksein iiber den Tod hinaus existiert,
wenn man glaubt, das Bewulksein verdunkelt sich - es scheint auch so,
daft sich das Bewulksein nach dem Tode verdunkelt dann miissen wir
uns klar sein: Es ist nicht wahr, derm es ist das Bewulksein ein iiberaus
helles, und nur weil der Mensch noch ungewohnt ist, in der allerersten
Zeit nach dem Tode in diesem iibermalkg klaren Bewulksein zu leben,
tritt zunachst unmittelbar nach dem Tode etwas wie ein Schlafzustand ein.
Dieser Schlafzustand ist aber das Entgegengesetzte von dem Schlafzu-
stande, den wir im gewohnlichen Leben verbringen. Im gewohnlichen
Leben schlafen wir, weil das Bewulksein herabgedampft ist. Nach dem
Tode sind wir in gewissem Sinne bewulklos, weil das Bewulksein zu
stark, zu kraftig ist, weil wir ganz in Bewulksein leben, und was wir
brauchen in den ersten Tagen, ist ein Hineinleben in diesen iibermafiigen
Bewufitseinszustand. Wir miissen uns erst orientieren lernen in diesem
iibermafiigen BewulStseinszustande, Wenn es uns dann gelingt, uns so
weit darinnen zu orientieren, daf5 wir wie aus der Fiille der Weltgedan-
ken heraus aufgehen fiihlen: Das warst du! - in dem Augenblicke, wo
wir zu unterscheiden anfangen aus der Fiille der Weltgedanken unser
vergangenes Erdenleben, erleben wir in dieser Fiille des Bewufitseins
darinnen den Moment, von dem wir sagen konnen: Wir wachen auf. -
Wir werden vielleicht erweckt durch ein Ereignis, das besonders bedeut-
sam in unser Erdenleben eingegriffen hat, das auch in die Ereignisse nach
unserem Erdenleben eingreift.
Also es ist ein Sich-Gewdhnen an das ubersinnliche Bewufitsein, an
das Bewufltsein, das nicht auf der Grundlage und Stiitze der physischen
Welt aufgebaut ist, sondern das in sich selber wirkt. Das ist es, was wir
«Aufwachen» nennen nach dem Tode. Man mochte sagen, dieses Auf-
wachen besteht in einem Sich-Zurechttasten des Willens, der, wie Sie
wissen und wie Sie aus dem angefuhrten Vortragszyklus ersehen kon-
nen, nach dem Tode sich besonders entwickeln kann. Ich habe da
gesprochen von dem gefuhlsartigen Willen, von dem willensartigen
Gefuhl. Wenn dieses willensartige Gefuhlsleben sich hineintastet in die
ubersinnliche Welt, wenn es den ersten Taster macht, dann ist das
Aufwachen eingetreten.
Das sind die Dinge, iiber die wir, wenn die Ereignisse es gestatten,
noch weiter reden wollen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 5. Februar 1915
Ich mochte jetzt, in der Zeit, in der uns der Tod so viel heimgesucht hat,
einige geisteswissenschaftliche Fragen im Zusammenhang mit dem Pro-
blem des Todes beriihren, und zwar in der Weise, daft ich heute eine Art
Einfiihrung in diese Probleme geben werde, morgen des Nahern iiber
manches, was mit dem Thema zusammenhangt, sprechen werde, und am
Sonntag dann den Ubergang finden werde von diesem Probleme auch zu
allgemeineren Fragen der kiinstlerischen Auffassung des Lebens, was
uns dann wiederum zu einigen Betrachtungen iiber unseren Bau zuriick-
fiihren wird.
Wir miissen, wenn wir jene Erlebnisse ins Auge fassen wollen, die mit
dem Problem des Todes zusammenhangen, uns vor alien Dingen dar-
iiber klar sein, dafi der Mensch iiber seine eigentliche Wesenheit, dasje-
nige, was in ihm waltet und webt, im Grunde genommen recht unwis-
send ist. Nicht nur unwissend in bezug auf die tiefere Seite des eigenen
verborgenen Daseins, sondern auch in bezug auf vielerlei, was in die
alltaglichen Erlebnisse eigentlich recht bedeutungsvoll hereinspielt. Wir
miissen ja durchaus uns klar sein dariiber, dafi wir uns eigentlich
sozusagen mit den allerwichtigsten Erkenntnisorganen, die wir fiir die
physische Welt haben, mit den Sinnen, fast ausschliefilich nur von aufien
anschauen, und dafi bei diesem Anschauen von aufien in der Tat dasje-
nige, was wir unsere Haut nennen konnen, uns abtrennt von der
Anschauung unseres eigentlichen wahren menschlichen Wesens. Und
sobald wir urteilen iiber unser wahres menschliches Wesen, sobald wir
uns ein Bild machen wollen von diesem wahren menschlichen Wesen,
miissen wir unseren Verstand, unser Vorstellungsvermogen anwenden.
Dieser Verstand, dieses Vorstellungsvermogen aber ist im Laufe unse-
rer Entwickelung, die wir vollbringen in dem physischen Leib, sehr
stark beeinflufit, sowohl von ahrimanischer Seite her wie von luzi-
ferischer Seite her, und alle diese Einfhisse,-die von ahrimanischer
und von luziferischer Seite auf unseren Verstand, insofern er an das
Gehirn gebunden ist, ausgeiibt werden, die sind geeignet, im hoch-
sten Mafie das Urteil zu triiben, das wir uns iiber uns selber machen.
Es ist ja wirklich heute mit aller menschlichen Selbsterkenntnis so, wie
in dem aufiersten Falle, den ich das vorige Mai wahrend unserer Betrach-
tung angefiihrt habe, mit jenem Universitatsprofessor, der selber erzahlt,
wie er als junger Mann iiber die Strafie ging und plotzlich an sich
herankommen sah einen jungen Menschen mit einem ihm furchtbar
unsympathischen Gesicht, und wie er erschrak, als er sah, dafi er sich
selbst gesehen hatte durch die Zusammenstellung zweier Spiegel, die ihm
seine eigene Physiognomie entgegenkommend zeigten; so dafi man sieht,
dafi er also keine Ahnung hatte, wie er seiner aufieren Physiognomie
nach, die ihm aufierordentlich unsympathisch war, ausschaute. Wie er
einen zweiten ahnlichen Fall von sich erzahlt, ich habe es angefiihrt. Es
steht aber wirklich nicht anders mit dem, was wir unsere genauere
Selbsterkenntnis nennen, Dasjenige, was mit uns den Weg der Welten-
wanderung antritt, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind,
unser Ich, unser Astralleib, das entzieht sich ja der Betrachtung wahrend
unseres physischen Lebens; denn wenn wir aufwachen, so zeigt sich uns
ja nicht dieses Ich und dieser Astralleib. Sie zeigen sich uns nicht in ihrer
wahren Gestalt, sondern sie zeigen sich uns so, wie sie gespiegelt werden
durch die Bilder, die der Atherleib und der physische Leib von dem Ich
und Astralleib entwerfen. Wir wiirden zwar zwischen dem Einschlafen
und Aufwachen unser astralisches Wesen und unser Ich in der wahren
Gestalt sehen konnen, wenn wir dann nicht in bewufttlosem Schlafzu-
stand waren. Auch die Traume, wie sie im gewohnlichen Leben sich
abspielen, sind nur im mangelhaften Sinne wirkliche Ausleger unseres
Wesens, weil sie ja Spiegelungen sind desjenigen, was sich in unserem
Astralleib vollzieht aus unserem Atherleib heraus, und weil wir erst
notwendig haben, die Sprache der Traume gewissermafien zu verstehen,
um die richtige Deutung zu vollziehen. Dann konnen wir ja allerdings,
wenn wir die Sprache der Traume verstehen, aus den Traumvorgangen
Erkenntnis gewinnen iiber unser wahres Wesen. Aber in unserem
gewohnlichen Leben sind wir gewohnt, die Bilder des Traumes einfach
hinzunehmen. Das aber ist nicht gescheiter, als wenn wir erne Schrift
nicht wirklich lesen wiirden, sondern sie nach den Zeichen der Buchsta-
ben nehmen, die Buchstaben beschreiben wiirden.
Dasjenige, was unser wahres Wesen ist, entzieht sich uns wahrend
unseres Lebens zwischen der Geburt und dem Tode. Wir miissen uns
dabei klar sein, da$ in unserem Astralleib und in unserem Ich alle jene
Gefiihle und alle jene Willensemotionen liegen, die uns zu unseren
Handlungen, zu unseren Taten, aber auch zu unseren Urteilen, zu
unseren Auffassungen iiber die Welt verleiten. Da, in den Tiefen unseres
Wesens, wo unser Astralleib und unser wahres Ich sitzen, da haben wir
eine ganze Welt von Emotionen, eine ganze Welt von Gefiihlen, von
Willensimpulsen. Dasjenige aber, was wir uns als unsere eigene Ansicht
iiber diese unsere Emotionen, Willensimpulse und Gefiihle im Alltagsle-
ben bilden, das steht zumeist, wirklich zumeist, mit dem, was wir in
Wahrheit im innersten unseres Wesens sind, in einem recht entf ernten
Zusammenhang.
Nehmen wir etwa das Folgende. Es kann im Leben durchaus vorkom-
men, dafi zwei Menschen sich gegeniiberstehen, zwei Menschen langere
Zeit miteinander leben, und da$ durch die eigentiimlichen Krafte, wel-
che aus dem Unbekannten des Astralleibes und des Ich der einen Person
in den Astralleib und das Ich der anderen Person hineinspielen - diese
Krafte bleiben ja im Verborgenen -, dafi aus diesen Kraften heraus die
eine Person gegeniiber der anderen geradezu ein Qualgeluste hat, eine
Art Grausamkeitsbediirfnis. Es kann nun sein, dafi diejenige Personlich-
keit, die ein solches Qualgeluste, ein solches Grausamkeitsbediirfnis hat,
gar nichts ahnt von diesen Emotionen im Astralleib und Ich, und dafi sie
iiber diese Dinge, die sie vornimmt aus dem Grausamkeitstriebe heraus,
sich eine ganze Summe von Vorstellungen aufbaut, welche die Handlun-
gen von ganz anderen Griinden aus erklaren, als aus dem Grausamkeits-
trieb heraus. Es kann eine solche Personlichkeit einem erzahlen, dafi sie
aus diesem oder jenem Grunde gegeniiber der anderen Personlichkeit
dies oder jenes getan hat. Diese Grunde konnen sehr scharfsinnig sein,
und dennoch sind sie nicht da, urn die Wahrheit auszudriicken. Denn die
Begriffe, die wir uns im gewohnlichen Leben iiber die Motive unserer
eigenen Handlungen, ja sogar unserer eigenen Gefiihle machen, die
stehen, wie gesagt, oft in sehr, sehr entf erntem Zusammenhang mit dem,
was wirklich in unserem Inneren lebt und webt. Ja, es kann sein, dafi die
luziferische Macht die betreffende Personlichkeit geradezu verhindert,
richtig verhindert, sich klarzuwerden iiber ihr Grausamkeitsbediirfnis,
iiber ihr Bediirfnis, der anderen Personlichkeit alles mogliche zuzufiigen,
und dafi unter dem Einflufi dieser luziferischen Macht all dasjenige, was
diese Personlichkeit redet iiber die Griinde ihres Handelns, nur da ist,
um eine Decke, eine Maske zu breiten iiber dasjenige, was in der Seele
wirklich vorhanden ist.
Die Griinde, die wir angeben im Bewulksein, konnen oftmals gerade
dazu bestimmt sein, vor uns zu verdecken, vor uns zu vertuschen
dasjenige, was wirklich in der Seele lebt und webt. Oftmals tragen diese
Griinde auch den Charakter, da$ wir uns gegeniiber uns selbst verteidi-
gen wollen, denn wir wiirden uns so unsympathisch vorkommen wie
jenem Professor seine eigene Physiognomic So wiirden wir uns in der
Seele unsympathisch vorkommen, wenn wir uns gestehen miifiten,
welche Triebe, welche Emotionen eigentlich in der Seele waken. Und
weil wir notwendig haben, uns zu schiitzen vor dem Anblick unserer
eigenen seelischen Wesenheit, so erfinden wir mit Hilfe Luzifers allerlei,
das uns wirklich Schutz gewahrt, Schutz gewahrt dadurch, dafi es uns
betaubt iiber dasjenige, was wirklich in unserer Seele waltet. So wahr es
ist, dafi dasjenige, was in der aufieren Welt uns erscheint, durch die
Eigenart unseres Vorstellungsvermogens uns zur Maja wird, so wahr ist
es auch, dafi dasjenige, was wir uns iiber uns selbst erzahlen, zum
allergrofken Teil im gewohnlichen Leben eine Maja ist.
Insbesondere verleiten uns gewisse innere Triebe und Bediirfnisse
unserer inneren Wesenheit, uns immer wieder und wieder iiber diese
Wesenheit zu tauschen. Nehmen wir einmal an, eine Personlichkeit sei
eitel, leide an einer gewissen eitlen Grofimannssucht. Es soli ja solche
Personlichkeiten in gar nicht geringer Anzahl in der Welt geben. Man
gibt das zu. Wiirde man aber nicht in der eben geschilderten Weise eine
Maske legen iiber das, was man in seiner Seele eigentlich tragt, so wiirde
man noch viel mehr zugeben, dafi es eitle Grofimannssucht in vielen Seelen
gibt, in vielen Seelen, die nichts, aber auch gar nichts davon ahnen.
Solche Grofimannssucht wiinscht vieles; aber wenn ich sage
«wiinscht», so verstehen Sie mich wohl: dieser Wunsch kommt nicht
zum Bewufitsein, dieser Wunsch bleibt ganz in den Untergriinden. Solch
eine Personlichkeit kann wiinschen, auf die eine oder auf die andere
Personlichkeit einen gewissen beherrschenden Einflufi zu haben, aber
weil sie sich gestehen miifite, dafi aus diesem Trieb nach beherrschendem
Einflufl iiber die andere Personlichkeit eitle Grofimannssucht spricht,
deshalb gesteht sich diese betreffende Personlichkeit das nicht. Nun hat
sie, natiirlich unbewufk, zu appellieren an jene Verfiihrungskrafte, die
Luzifer unausgesetzt auf die menschliche Seele auszuiiben vermag. Und
unter dem unbewufiten Einflufi Luzifers kommt dann eine solche Per-
sonlichkeit niemals dazu, sich zu sagen: Das, was in mir ist, was den
Wunsch nach Beherrschung anderer in mir erzeugt, das ist eitle Grofi-
mannssucht. Das sagt sie sich nicht; dagegen erfindet sie sich oftmals
unter dem Einflufi Luzifers ein ganzes System fur die Erklarung ihrer
Gef uhle, die sie dunkel empf indet, aber deren wahren Charakter sie sich
nicht gestehen will. So empfindet dieser Mensch gewisse Gefuhle fur
diese oder jene Personlichkeit, aber er kann sich nicht eingestehen, dafi
er djese Personlichkeit eigentlich beherrschen will und nicht kann, weil
sich diese vielleicht nicht beherrschen lafit. Da erfindet die Seele unter
dem Einflusse Luzifers ein System. Sie erfindet das System, dafi die
betreffende Personlichkeit etwas Boses gegen sie im Schilde fiihrt, und
malt sich die betreffenden Dinge, welche sie im Schilde fiihren soil, in
Einzelheiten aus; sie fiihlt sich verfolgt von dieser oder jener Personlich-
keit. Aber dieses ganze System von Urteilen und Begriffen ist eine
Maske, ist nur dazu da, um dasjenige, was nicht herauf soli aus dem
inneren Seelenleben, zu verdecken, zu verhiillen in eine Hiille, eine
wirkliche Maja.
Ein Mann sagte mir einmal iiber eine Reihe seiner Handlungen, dafi er
diese Handlungen alle vornehme aus dem eisernsten Pflichtgefiihl her-
aus, aus einer unendlichen Hingabe an die Sache, die er zu vertreten
habe. Ich hatte ihm zu erwidern: Dasjenige, was Sie als Meinung haben
iiber die Motive Ihres Vorgehens, Ihres Handelns, das ist ganz und gar
nicht mafigebend. Mafigebend fur ein Urteil iiber das Verhalten eines
Menschen ist allein die Wirklichkeit, nicht das, was er als Meinung iiber
dieses sein Handeln hat. - Die Wirklichkeit aber zeigte in diesem Falle,
dafi die Ursache auch zu diesem Handeln der Trieb, der Hang war, nach
einer bestimmten Richtung hin einen bestimmenden Einflufi zu gewin-
nen. Ich sagte der betreffenden Personlichkeit ganz of fen: Wahrend Sie
glauben, unter dem eisernen Pflichtgefiihl zu handeln, handeln Sie unter
dem Triebe, unter dem egoistischen Drange, Einflufi zu gewinnen, und
deuten diese Handlungsweise um in eine rein pflichtgemafie, in eine
selbstlose. Sie tun das, was Sie tun, nicht aus dem Grunde, weil es so ist,
sondern weil das Ihnen so gefallt, weil das Ihnen eine gewisse Wollust
bereitet, also wiederum aus einem egoistischen Triebe heraus.
So kann aufierst kompliziert sein das, was in unserer Seele waltet und
webt, und was unserer Meinung, unserer Vorstellung iiber uns selber
auch nicht im entferntesten ahnlich ist. Das kann sehr, sehr kompliziert
sein. Dafl man solches wissen mufi, wenn es sich darum handelt, in einer
Welt von Wahrheit zu leben, nicht in einer Welt der Maja, das werden
Sie von vorneherein zugeben, und dafi es auch notig ist, bisweilen
solches in radikaler Weise auszusprechen. Die Grunde, die uns als
wirkliche, als wahrhaftige Grunde zu unserem Handeln treiben, die
konnen uns erst allmahlich und langsam klar werden, wenn wir wirklich
die geheimen Zusammenhange des Menschen mit der Welt durch die
Geisteswissenschaft erkennen lernen.
Nehmen wir einen ganz bestimmten Fall. Sie werden alle gehort
haben, dafi es solche Menschen in der Welt gibt, die man Schwatzer
nennt. Sie werden alle gehort haben, dafi es irgendwo in der Welt
Menschen gibt, die Schwatzer genannt werden konnen. Wenn man
solche Schwatzer fragt, warum sie in ihrem Kaff eeklatsche oder sonstwo
zusammenkommen und so unendlich viel reden - sie sollen sogar
oftmals viel mehr reden, als sie verantworten konnen -, wenn man solche
Menschen fragt, wird man viele Grunde horen, warum sie dies oder jenes
besprechen miissen. Man kann Menschen kennenlernen, denen man auf
der Strafie begegnet, wie sie da- oder dorthin eilen, um schnell dort
anzukommen; und wenn man erfahrt, was sie vorhaben, so sieht man,
dafi es oft nur der Drang ist, das eitelste, unniitzeste, dummste
Geschwatz dort auszufiihren. Wenn man solche Personlichkeiten nach
den Griinden fragt, so werden diese Grunde oftmals aufierordentlich
schon, nett, herrlich klingen, mindestens werden sie aber sehr geeignet
sein, den wahren Sachverhalt eigentlich zu verhullen. Nun wollen wir
einmal auf diesen wahren Sachverhalt hindeuten.
Was geschieht denn, wenn wir schwatzen - wenn wir reden, geschieht
selbstverstandlich dasselbe was geschieht denn da? Nun, sehen Sie, da
setzen wir durch unsere Atmungsorgane, durch unsere Sprachorgane,
die Luft in eine den Formen der Worte entsprechende Bewegung. Wir
erzeugen in uns jene physischen Wellen, und selbstverstandlich auch die
entsprechenden Atherwellen, denn indem wir sprechen, geht ja immer in
dem Atherleib etwas sehr Bedeutsames vor. Wir erzeugen physische
Wellen, die Luftwellen, und dann die Atherwellen, die unseren Worten
entsprechen, die unseren Worten Ausdruck verleihen. Stellen Sie sich das
einmal ganz genau vor: Wahrend Sie so sitzen - nein, Sie nicht, pardon! -
wahrend ein Mensch so sitzt und das Kaffeetafichen vor ihm auf dem
Tische stent, da setzt er einen ganzen inneren Organimus in Bewegung,
jenen inneren Organismus, der da entspricht der Ausdrucksform, der
aufieren physischen und atherischen Ausdrucksform seiner Worte. Er
hat da in der Tat etwas, was wellt und webt, in sich; das erzeugt er in
sich, aber das verspiirt er auch, das empfindet er. Dieses Sich-Bewegen
des physischen und Atherleibes empfindet er, weil der Astralleib und das
Ich fortwahrend daran stofien. Der Astralleib stolSt fortwahrend an die
Atherwelle und wird die Atherwelle gewahr, und das Ich stofk sogar
fortwahrend an die physische Welle der Luft, so dafi Astralleib und Ich
fortwahrend, wahrend wir sprechen, etwas beruhren, etwas angreifen.
In diesem Beruhren, in diesem Angreifen werden wir unseres Ich und
unseres Astralleibes gewahr, und das ist das hochste Wohlgefuhl des
Menschen: wenn er sich selbst geniefien kann. In diesem Beruhren des
Astralleibes und des Ich mit dem Atherleib und dem physischen Leib
geht in der Tat etwas Ahnliches vor, wie im kleinen, wenn das Kind an
dem Bonbon schleckt, denn das Erfreuiiche, Sympathische des Bonbon-
schleckens besteht ja darin, dafi der Astralleib sich beriihrt mit dem, was
im physischen Leib vorgeht, und der Mensch so seiner selbst gewahr
wird. Man wird ja seiner selbst gewahr in diesem Vorgang, man geniefit
sich selbst.
Selbstgenufi ist es in Wahrheit, zu dem diejenigen hineilen, die sich vor
das Kaffeetafichen hinsetzen, um so recht einmal eine Stunde, zwei
Stunden zu verschwatzen. Selbstgenufi ist es also, was der Mensch da
sucht.
Diese Dinge kann man nicht gewahr werden, wenn man nicht weifi,
dafi der Mensch eigentlich ein viergliedriges Wesen ist, und daft bei alien
Betatigungen in der aufieren Welt alle vier Glieder mitbeschaftigt sind.
Es kann noch etwas anderes vorliegen in verschiedener Weise. Wir
haben aus dem eben angefiihrten Schwatzbeispiel gesehen, wie der
Mensch den Trieb hat, sich selbst zu geniefien durch das Anstofien seines
Astralleibes und seines Ich an den Atherleib und den physischen Leib.
Aber der Mensch hat auch oftmals das Bediirfnis, mit seinem Astralleib
blofi anzustofSen an den Atherleib. Da mufi der Atherleib in einer
gewissen Weise Bewegung erzeugen, innere Tatigkeit erzeugen, damit
der Astralleib daran stolen kann. Solche Dinge vollziehen sich noch viel
mehr im Unterbewufiten als andere Dinge. Es liegt ein Trieb im Men-
schen, mit seinem Astralleib - dessen ist er sich ja nicht bewufit - an den
Atherleib anzustofien. Bei den kuriosesten Sachen lebt sich dieser Trieb
aus: Wir erleben es, dafi der eine oder andere junge Mann - in der
neueren Zeit soli es auch schon bei jungen Damen vorkommen -, dafi
der oder jener junge Mann nicht ruhen kann, bis er gedruckt ist. Das ist
zuweilen ein ungeheuer wohliges Gefuhl, sich gedruckt zu sehen, aber
hauptsachlich ist es deshalb ein wohliges Gefuhl, weil man bei diesem
Sich-gedruckt-Sehen einer allerargsten Illusion sich hingibt, namlich der,
daiK man auch gelesen wird! Nun, das letztere ist ja nicht immer der Fall,
dafi man auch gelesen wird, wenn man gedruckt ist, aber man glaubt es
zum mindesten, und das bereitet ein ungeheuer wohliges Gefuhl. Und
mancher junge Mann, und wie gesagt, auch manche junge Dame, sie
konnen es nicht aushalten, sind immerfort beunruhigt, bis sie gedruckt
sind. Was bedeutet das?
Ja, sehen Sie, das bedeutet, dafi, wenn wir gedruckt sind und wirklich
gelesen werden - was ja bekanntlich heutzutage nur in den seltensten
Fallen geschieht -, dann gehen unsere Gedanken in andere Menschen
iiber, dann leben unsere Gedanken in anderen Menschenseelen weiter.
Aber diese Gedanken leben in den Atherleibern der anderen Menschen.
Bei uns selbst aber setzt sich der Gedanke fest: Das, was du selber in
deinem Atherleib als Gedanke hattest, das lebt jetzt drauften in der Welt. -
Man hat das Gefuhl, da draufien in der Welt, da leben unsere eigenen
Gedanken. Wenn sie wirklich da draufien leben, wenn sie wirklich da
draufien vorhanden sind, das heifit mit anderen Worten, wenn wirklich
unser Gedrucktes auch gelesen wird, dann iibt es einen Einflufi aus auf
unseren eigenen Atherleib, und dann stofien wir an das, was da draufien
in der Welt lebt. Indem es in unserem eigenen AtherlejMebt, stofien wir
zusammen mit unserem eigenen Astralleib. Das ist ein ganz anderes
Zusammenstofien, als wenn wir nur mit unseren eigenen Gedanken
zusammenstofien; dazu hat ja der Mensch nicht immer die Kraft, weil
diese Gedanken mit einer gewissen Energie geholt werden mussen aus
der eigenen Wesenheit. Wenn aber die Gedanken draufien leben, wenn
wir das Bewufksein haben konnen: da drauften leben die Gedanken, die
von dir stammen dann stofk unser Astralleib, wenigstens in unserem
Glauben, zusammen mit dem, was von uns in der Aufienwelt ist. Das ist
aber ein eminenter SelbstgenufS. Dieser Selbstgenufi liegt aller Ruhmes-
sucht, aller Sucht nach Bekanntwerden, aller Sucht nach Geltunghaben
in der Welt zugrunde. Diesem Trieb nach Selbstgenufi liegt nichts
anderes zugrunde als ein Bedurfnis, mit unserem Astralleib auf objektive
Gedanken unseres Atherleibes aufzustofien und uns so selbst gewahr
zu werden im AufstolSen. Sie sehen, welch komplizierter Vorgang, ein
Vorgang zwischen Astralleib und Atherleib, zugrunde liegt bei dem, was
eine gewisse Rolle spielt in der aufieren Welt.
Diese Dinge werden ja selbstverstandlich nicht gesagt, um sie gleich-
sam als Vogelscheuche der moralischen Menschheitsbeurteilung vor Ihre
Seele hinzustellen. Das sollen sie gewifi nicht sein, denn alles das, was
jetzt angefiihrt worden ist, gehort zu den ganz normalen Eigentumlich-
keiten des Lebens. Es ist einfach selbstverstandlich, dafi, indem wir
reden, wir uns auch selbst geniefien, auch wenn das Reden nicht in
Schwatzen besteht. Es ist auch ganz selbstverstandlich, dafi, wenn wir
nicht aus Ruhmessucht, sondern weil wir uns verpflichtet fiihlen, der
Welt etwas zu sagen, etwas drucken lassen, wir auch an die Gedanken
unseres Atherleibes stofien; dann ist derselbe Vorgang vorhanden. Man
darf also nicht etwa den Schlufi ziehen, dafi man diese Vorgange immer
fliehen solle, dafi man diese Vorgange absolut immer als etwas Unmora-
lisches anzusehen habe, denn ich meine all das nur symbolisch. Wenn
der Mensch all dasjenige fliehen sollte, was von luziferischer und ahrima-
nischer Seite auf ihn eindringt, so miifite er - ich meine das symbolisch -,
sobald er das gewahr wird, aus seiner Haut fahren. Es ist ganz selbstver-
standlich, dafi Luzifer und Ahriman keine anderen Wirksamkeiten auf
uns ausiiben als die, die auch vollberechtigte normale Wirksamkeiten
im Menschenleben sind, nur dafi Luzifer und Ahriman sie verstellt aus-
fiihren, wie ich es ja in verschiedenen Vortragszyklen zum Aus-
druck gebracht habe.
Wenn Sie sich aber das alles vor die Seele fiihren, dann werden Sie
sehen, wie unendlich mannigfaltig, wie unendlich kompliziert jene
Faden sind im Leben, welche von Menschenseele zu Menschenseele
spielen, und welche von der Menschenseele hinaus wiederum in die Welt
spielen, wie unendlich kompliziert das alles ist. Aber zugleich werden Sie
sich sagen, wie wenig, wie gar wenig der Mensch mit dem, was er
wahrnimmt und vorstelk, \iber dies sein Verhaltnis zum Menschen und
zur Welt wirklich weifi. Was wir uns vorstellen von uns, es ist wirklich
ein ganz kleiner Ausschnitt von dem, was wir erleben. Und diese
Vorstellung ist zumeist eine Maja. Nur indem wir uns die Geisteswissen-
schaft zu einem wirklichen Lebensgut, nicht zu einer Theorie machen,
kommen wir eigentlich hinter die Maja, konnen wir uns einigermafien
aufklaren iiber das, was im Grunde genommen fortwahrend in uns
spielt. Aber dadurch, dafi wir nur einen kleinen, noch dazu meist
unwahren Ausschnitt haben von dem Gewebe, in das wir eingesponnen
sind in bezug auf die Welt, werden die Dinge ja nicht anders; die Dinge
sind doch so, wie sie sind. Alle diese verborgenen Krafte, dieses verbor-
gene Gewebe von Menschenseele zu Menschenseele, von dem Menschen
zu den verschiedenen Agenzien der Welt, all das ist da, all das spielt in
jeder Minute des Schlafens und Wachens in die Menschenseele herein.
Und wieviel zu tun ist, um zu einer wirklichen Erkenntnis der Men-
schenwesenheit zu kommen, das werden Sie daraus ermessen.
Aber es gehort zu den Gefiihlsnuancen, die wir brauchen, wenn wir
riehtig empfinden wollen iiber dasjenige, was nicht der irdischen Inkar-
nation, sondern der Ewigkeit angehort, dafi wir solche Betrachtungen
anstellen, wie wir sie eben angestellt haben. Denn dadurch, dafi wir
solche Empfindungsnuancen uns verschaffen, werden wir gewahr, wor-
auf die Konflikte, die im Leben auftreten, eigentlich beruhen. Diese
Konflikte, die das Leben hereinbringt und die mit Recht Inhalt der
Dichtung und der iibrigen Kunst werden, diese Konflikte beruhen eben
darauf, dafi eine unbekannte, verborgene Welle der Zusammengehorig-
keit ausgedehnt ist, in der wir schwimmen im Leben, und dafi nur ein
kleiner Ausschnitt zu unserem Bewufitsein kommt, und dieser Aus-
schnitt zumeist noch schief ist.
Aber leben konnen wir nicht nach diesem kleinen Ausschnitt, leben
mussen wir mit unserer ganzen Seele nach den grofien, mannigfaltigen
Verzweigungen, die im Leben sind. Und damit kommen die Konflikte.
Wie soil der kleine Ausschnitt, der dann noch schief ist in vielen Fallen,
wie soli der sich in ein richtiges Verhaltnis stellen zum Menschenleben,
wie soli der richtig verstehen, was eigentlich im Menschenleben vorliegt?
Weil er es nicht kann, so kommt es vor, dafi der Mensch mit dem Leben
in Konflikt geraten mufi. Aber da, wo die Wirklichkeit spielt, da spielt
auch die Wahrheit Die Wirklichkeit richtet sich nicht nach den Vorstel-
lungen, die wir uns von dieser Wirklichkeit machen. Und in dem
Augenblick, wo irgendwie Gelegenheit ist, dafi die Wirklichkeit herein-
spielt, da sehen wir auch in unzahligen Fallen, wie diese Wirklichkeit, ich
mochte sagen, oftmals erbarmungslos unsere Vorstellungsmaja korri-
giert. Und diese Art der Korrektur, welche die Wirklichkeit unserer
Vorstellungsmaja angedeihen lafit, die bietet die bedeutendsten Vor-
wiirfe fur die Kunst, fur die Dichtung.
Ich mochte, gemafi dem Gedankengang der heutigen Betrachtung,
jetzt von etwas Kiinstlerischem ausgehen, zunachst von etwas Dichteri-
schem, um dann einzumunden in dem morgigen Vortrag in eine Betrach-
tung iiber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt und dann am
Sonntag im weiteren Sinn zu dem Kiinstlerischen, das mit unserem Bau
zusammenhangt, kommen.
Ich mochte nicht von etwas beliebig Kiinstlerischem ausgehen, son-
dern von etwas, das im eminentesten Sinne veranschaulicht dasjenige,
was ich Ihnen als Erkenntnis der Wirklichkeit des geistigen Lebens
darzustellen haben werde. Aber das Beispiel, das ich wahle, wahle ich
aus dem Grunde, weil wirklich einmal in einem ausgezeichneten kleinen
Kunstwerke die Wirklichkeit getroffen ist. Das kann nur der Okkultist
beurteilen, ob das geschehen ist, weil wir an dem kleinen Kunstwerke
sehen, wie da, wo der Mensch als Kiinstler in die tieferen Probleme des
Lebens einzudringen versucht, er oftmals gar nicht anders kann als die
okkulten Seiten des Lebens beriihren, die in den Konflikten, von denen
ich gesprochen habe, aus den Untergriinden wellenartig heraufspielen in
das Leben, das wir dann mit unserer Bewulkseinsmaja oftmals so wenig
tief durchdringen.
Dasjenige, was kunstlerisch-okkultistisch mir wichtig ist, das ist
eigentlich erst am Schlusse einer Novelle enthalten, von der ich blofi wie
von einem Beispiel sprechen will. Deshalb will ich den Anfang nur
erzahlend skizzieren und dann die Schlufiworte vorlesen. Es handelt sich
darum, nicht blofi von einer Dichtung zu sprechen, sondern von dieser
Dichtung deshalb zu sprechen, weil hier ein Dichter einmal dasjenige,
was sein konnte, nach wahrsten okkulten Gesetzen eben zur Darstellung
gebracht hat.
Da die Novelle schon in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts
geschrieben ist, so werden Sie aus den Tatsachen, die ich anzufiihren
habe, entnehmen, wie im menschlichen Bewufitsein eigentlich immer in
einer gewissen Weise sich gespiegelt hat, sich vorbereitet hat dasjenige,
wovon wir als Geisteswissenschaft sprechen, was in unsere Kulturbewe-
gung der Erde notwendigerweise kommen mufi, und wie das, was durch
die Geisteswissenschaft zum volleren Bewufitsein kommen soil, sich
wenigstens unbewufit in mancher Seele gespiegelt hat. Vielleicht hat eine
solche Seele auch schon etwas davon gewufk, aber weil die Zeit noch
nicht reif war, sich nicht getraut, dieses Wissen in einer anderen Weise
zum Ausdruck zu bringen als in der anspruchslosen Form der Dichtung.
Verzeiht man doch in der Gegenwart viel eher, wenn jemand okkulte
Tatsachen in Novellenform oder in Dichtungsform vorbringt. Das ver-
zeiht man auch im materialistischen Zeitalter viel eher, als wenn jemand
direkt mit der Wahrheit auftritt und sagt, dafi diese Dinge Realitaten
sind. Wenn sie sich sagen kdnnen: Na, das ist ja nur erdichtet -, dann
nehmen die Leute noch manchmal die Dinge hin.
Die Novelle enthalt etwa das Folgende. Sie ist geschrieben, wie wenn
eine der Personen, von denen die Novelle handelt, selber erzahlen
wiirde. Es ist eine sogenannte «Ich-Novelle». Der Betreffende erzahlt,
wie er befreundet ist mit Mademoiselle Manon de Gaussin - die Novelle
spielt in Paris und wie er zu einer gewissen Zeit Tag fur Tag verkehrt
in dem Hause jener Mademoiselle de Gaussin, die eine gefeierte Sangerin
ist. Er erzahlt, wie er dort die verschiedensten Menschen, Bewunderer
der betreffenden Herrin des Hauses kennenlernt, unter anderem auch
einen Menschen, welcher im Grunde genommen immer da ist, wenn
man in den Salon der Mademoiselle de Gaussin kommt. Aber derjenige,
der das erzahlt, was in der Novelle vorgeht, bemerkt, dafi der Betref-
f ende mehr als blofi f reundschaftliche Gefiihle zu der Dame hat, und er
wird auch gewahr, dafi diese Gefiihle nicht von der Sangerin erwidert
werden. Und das, was sich da abspielt, abspielt in der mannigfaltigsten
Weise, das ist eigentlich ein Konflikt, der dadurch entsteht, daft ein die
Sangerin gluhend Liebender da ist, dessen Liebe nicht erwidert wird, der
aber auch nicht einfach abgestofien wird, der eigentlich im Grund
genommen immer mehr und mehr herangezogen wird, der dadurch aber
immer mehr und mehr in Unruhe, in Aufregung hineinkommt.
Dies bemerkt derjenige, der da erzahlt, was in der Novelle geschildert
wird, der nicht der Autor der Novelle ist - es ist eine sogenannte «Ich-
Novelle» -, und er meint es gut mit dem "anderen. Man mufi noch
erwahnen, dafi das eigentliche Ich der Novelle verlobt ist und sich in den
nachsten Wochen verheiraten will, so daft ausgeschlossen ist, selbstver-
standlich, daft eine Eifersucht vorliegen wiirde. Das Ich der Novelle
meint es gut mit dem anderen und stellt ihm eines Tages vor, wie die
Dinge liegen. Dadurch werden dem anderen gleichsam die Augen geoff-
net, und er fuhlt sich gedrangt, eine Aussprache mit der Sangerin
herbeizufiihren. Diese Aussprache hat zur Folge, daft er das Haus
verlaftt und sich zuruckzieht in eine Gegend aufterhalb der Stadt. Aber
trotzdem er versprochen hat, nicht mehr an diese Dame zu denken, die
Dame zu vergessen und sich mit allem moglichen anderen zu beschafti-
gen: er ist nicht mehr fahig dazu, ist nicht mehr fahig, aus dieser Unruhe
herauszukommen. Die Gedanken spielen immer wieder und wieder, die
wahrend seiner Bekanntschaft mit der Dame gespielt haben. Er verlaftt
die Stadt und wohnt einige Zeit drauften. In dieser Zeit hat sich das Ich
der Novelle vermahlt, muftte dann eine Reise unternehmen. Auf dieser
Reise trifft er den anderen, trifft ihn in einem furchtbaren Zustand in
einem Hotel. Der andere erzahlt - das kommt heraus, wahrend sie
sprechen -, wie er sich eben zuriickgezogen hat von Paris, wie er eine
Weile versucht hat, allein zu leben, wie er dann einen Ausritt unternahm
nach aufierhalb seines Gutes, wie er ungliicklicherweise gerade die
Reisegesellschaft der Dame, die auch aufierhalb von Paris war, getroffen
hat, wie alle Gefiihle wieder aufgelebt sind, und wie er jetzt eigentlich
mit zwei Revolvern herumgeht, urn seinem Leben bei der ersten Gele-
genheit ein Ende zu machen.
Das Ich der Novelle meint es mit diesem anderen noch immer gut und
ladt ihn zu sich, dahin wo er sich ein Heim gegriindet hat: er hofft, ihn
auf andere Gedanken bringen zu konnen. Der Betreffende folgt der
Einladung, die geeignet ware, ihm ein sympathisches Milieu in dem
gastlichen Hause zu gewahren. Er kann aber nicht zu sich kommen, er
kommt vielmehr immer weiter und weiter herunter und ist endlich
soweit, dafi er den Selbstmord beschlossen hat. Die beiden Freunde
sprechen miteinander, und das Ich der Novelle bringt es dahin, daft der
andere wenigstens einen kleinen Aufschub gewahrt. Das Ich der Novelle
sagt, er miisse verreisen, und weil er nicht sagen wollte: Warte solange,
bis ich zuriickkomme - das wiirde der andere vielleicht nicht getan
haben, er wiirde sich inzwischen erschossen haben -, nimmt er ihm ein
fur den anderen bindendes Versprechen ab. Er sagt: Schiitze meine Frau,
bis ich zuriickkommen werde.
Er reist, nachdem der andere das Versprechen gegeben hat, nunmehr
nach Paris, mit dem Gedanken, die Sangerin zu veranlassen, auf das
Land hinauszukommen, damit irgend etwas geschehen konne, was den
Freund aus der elenden Situation herausbringe. Er f ahrt also in die Stadt
und kommt mit der Sangerin zuriick aufs Land hinaus. Sie fahren zu dem
Zaune des Landhauses des Ich der Novelle. In dem Moment, wo der
Zaun es gestattet, bemerkt das Ich der Novelle, wie ein Mensch, der an
dem Tore gestanden hatte, nun zuriickgelaufen ist. Sie fahren weiter auf
das Haus zu, da fallt ein Schufi. Der andere hat sein Versprechen
gehalten, die Frau getreulich bewacht. Er hat aber einen Wachter aufge-
stellt, der ihm sofort melden sollte, wenn der Reisende zuriickkomme.
Der sagt ihm: Jetzt kommt er zuriick. - Da hat er sich erschossen.
So bringt das Ich der Novelle die Sangerin nun ins Haus, und von
diesem Punkte an will ich Ihnen die Worte nun lesen.
«... Am Abend erreichten wir das Schloft. Es fiel mir auf, daft, als
ich in den Park einfuhr, ein Bauer, welcher wis erwartete, mit
Blitzesschnelle auf das Schlofi zulief und daft, als wir kaum die halbe
Allee durchfahren, ein Schufi fiel. So sehr war ich indes von dem
Gelingen meiner Unternehmung erfullt, daft mir gar nicht in den Sinn
kam, was er bedeute. Die Cberraschung sollte mir nicht lange vorent-
halten bleiben; wir fuhren vor, es kam niemand herbei; der Kutscher
knallte, ich sprang heraus, die Gaussin mir nach; das erste, was wir
horen, ist der Schrei der Kammerjungfer meiner Frau, welche toten-
bleich auf uns zukommt und mit dem Ausruf : <Er hat sich totgeschos-
sen!> vor uns niedersank. Wir eilten nach dem Zimmer des Marquis,
die Stube war voll Menschen, ich wies sie alle hinaus, schlofi die Tur und
stand mit Manon allein neben der Leiche des jungen Mannes, die auf der
Erde lag. Sie sah ihn einige Momente starr an, darauf stiefi sie einen Schrei
aus, sank in die Knie und neben ihm zu Boden. Ohnmachtig ward sie
nicht. Sie ergriff seine Hande, legte die ihren auf seine Stirn - er hatte die
Wunde mitten in der Brust -, sah zu mir auf, zu ihm nieder und fing
plotzlich mk lauter Stimme zu singen an. Das erfullte mich mit Grausen ;
ich glaubte, sie ware wahnsinnig geworden.
Unterdessen kam einer meiner Verwalter herbei, welcher etwas
Arzneikunst verstand und gewdhnlich das Amt eines Doktors versah,
wo nicht viel zu riskieren war. Nie werde ich den Todesschrecken
vergessen, der sich auf seinem Gesichte make, als er das Paar erblickte,
den toten Marquis und die singende Gaussin daneben. Sie schwieg
jetzt, stand auf, sah mich noch einmal lange an und verliefi das
Zimmer. Ich folgte ihr nach, um ihre Befehle entgegenzunehmen. Sie
sagte: <Ich mufi ein Zimmer fur mich allein haben!> Ich fuhrte sie in
das erste beste, liefi ihre Kammerjungfer holen und eilte zu meiner
Frau. Ich horte zu meinem Gliick, daft sie auf einem Spaziergange
begriffen sei, ging ihr entgegen und teilte ihr das Geschehene mit. Da
wir beide oft iiber den Marquis gesprochen und unter alien Moglich-
keiten auch ein solches Ende sattsam erwogen hatten, war sie weniger
erschrocken als betriibt. Ich geleitete sie zum Schlosse und gab wegen
des Mar
…[truncated]