Esoterische Betrachtung karmischer Zusammenhänge. Erster Band

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange 

aus dem Jahre 1924 

BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar, 
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235) 

BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27. 

April, 4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni 
1924 (Bibliographie-Nr. 236) 

BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung. 

Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli, 
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237) 

BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthro- 
posophischen Bewegung. 

Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19., 
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache» vom 28. Septem- 
ber 1924 (Bibliographie-Nr. 238) 

BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am 
5. April, in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni 
1924 (Bibliographie-Nr. 239) 

BAND VI Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in Zurich 
am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni, in Arnheim 
vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August, und in London 
am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240) 



Zum Thema «Wiederverkbrperung und Karma» 

sei noch auf folgende Bdnde der Rudolf Steiner Gesamtausgabe hingewiesen: 

«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwis- 
senschaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im Band 
«Lucifer - Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe) 

«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder- 
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Mensch- 
heit», 1909 (Bibliographie-Nr. 109/1 11) 

«Die Offenbarung des Karma», 1910 (Bibliographie-Nr. 120) 

«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam- 
menhange von Personlihckeiten und Ereignissen der Weltgeschichte», 
1911 (Bibliographie-Nr. 126) 

«Wiederverk6rperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur der 
Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135) 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Betrachtungen 
karmischer Zusammenhange 



Erster Band 



Zwolf Vortrage 
gehalten in Dornach zwischen dem 
16. Februar und 23. Marz 1924 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage Dornach 1933 

2. Auflage Dornach 1947 

3. Auflage, erweitert um den Vortrag Bern 25. Januar 1924 
Gesamtausgabe Dornach 1958 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964 

5., neu durchgesehene und veranderte Auflage 
(ohne den Vortrag Bern 25. Januar 1924 und ohne 
die Einleitung zum Vortrag Dornach 2. Marz 1924) 
Gesamtausgabe Dornach 1970 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1975 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984 

8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Bibliographie-Nr. 235 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 219) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1958 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2350-1 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofkn Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck be- 
stimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mul3 gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 

Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt 
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, daf$ diese nicht anders 
als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe. 



INHALT 



BILDUNG DER KARMISCHEN KRAFTE 

Erster Vortrag, Dornach, 16. Februar 1924 

Bedingungen und Gesetze des menschlichen Schicksals. Die verschie- 
denen Arten der Weltgesetzmafiigkeit. Ursache und Wirkung in der 
leblosen Natur und in der Sphare des Lebendigen, Das In-sich-Abge- 
schlossene des Mineralreichs, die Wirkung des Weltenalls in der 
Pflanze. Fur beide Reiche liegen die Ursachenkrafte in der Gleich- 
zeitigkeit. Fur das Tier- und Menschenreich mit ihrer Empfindungs- 
und Bewegungsfahigkeit liegen die Ursachenkrafte im Vorgeburt- 
lichen, sie kommen aus den vorangehenden Sternkonstellationen. Der 
Mensch geht heraus aus dem Raume und schreitet vor in der Zeit, 
an deren Grenze sich das Tier auf lost. Beim Menschen mussen wir aus 
der Zeit wieder auf die Erde, dann kommen wir in sein voriges Er- 
denleben. 

Zweiter Vortrag, 17. Februar 1924 

Die verschiedenen Gebiete der menschlichen Weltumgebung. Die mi- 
neralische Welt als das notwendige Gegenstiick zur menschlichen 
Freiheit. Als Atmungswesen ist der Mensch von der Pflanzenwelt ab- 
hangig, von den wachstumsbewirkenden Kraften des Athers, die mit 
des Menschen Schicksal zusammenhangen und sein Karma bilden 
durch seine Beziehungen zu den Wesen der dritten Hierarchie. Wohl- 
befinden, Mifibehagen ist das Karma unserer inneren Beschaffenheit; 
Sympathien und Antipathien hangen mit der Tieratmosphare zusam- 
men. Die tiergestaltenden Krafte wirken auf den astralischen Leib, 
dessen Sympathien und Antipathien zu unserem Schicksal gehoren, 
das wir aus der geistigen Welt mitbringen, in welcher die Wesen der 
zweiten Hierarchie leben. Die innere Notwendigkeit in der Verket- 
tung der Ereignisse wird bewirkt durch die Macht der ersten Hierar- 
chie. Sie lebt sich in unserer Ich-Organisation heruber von einem frii- 
heren Erdenleben in ein nachstes. Die moralische Bedeutung des Aus- 
gleichs der Erlebnisse im Karma mufi aufieres Weltereignis werden. 

Dritter Vortrag, 23. Februar 1924 

Karmische Notwendigkeit und Freiheit. Die Grenzen der wiederhol- 
ten Erdenleben. Die Theorie der allgemeinen Verursachung. Die Ein- 
sicht in unser Karma als in ein gesetzmafiig zusammenhangendes 
Ganzes. Der Untergrund des Karma sind wir selbst. Lebenswirkun- 
gen der Initiationswissenschaft durch das Zuruckblicken in friihere 
Erdenleben. Freiheit in der Erfiillung der karmischen Aufgabe. 



Vierter Vortrag, 24. Februar 1924 

Die Bildung des Impulses zum Karma zwischen Tod und einer neuen 
Geburt. Spiegelungen in anderen Menschenseelen. Metamorphose 
von Liebe in Freude. Freude ist das karmische Ergebnis aufgewende- 
ter Liebe, Wirkung von beiden dann ein offenes Herz fur die Welt. 
Leid ist das karmische Ergebnis von Hafi; Ha6 und Leid fiihren im 
dritten Leben zu Stumpfheit gegeniiber der Welt. In der Erziehung 
liegt die Moglichkeit, fiir solches Karma einen Ausgleich zu schaffen. 
Die Bedeutung der Zeitgenossenschaft fiir die wiederholten Erden- 
leben. 

Funfter Vortrag, 1. Marz 1924 

Innere und aufiere Faktoren im Gesamtschicksal des Menschen. Ge- 
sundheits- und Krankheitsanlagen. Kinderkrankheiten. Karmische 
Metamorphose seelisch-geistiger Interessen in Gesundheit und Ge- 
sichtsausdruck. Sich erfiillendes und werdendes Karma. Schicksals- 
mafiige Zusammenhange der Freundschaften. 

Sechster Vortrag, 2. Marz 1924 

Wie Karma in die Menschenentwickelung eingreift. Wachen und 
Schlafen im Physischen und im Seelischen. Vorstellung und Erinne- 
rung. Die graue und die weifte Masse des Gehirns. Nur im Tagesbe- 
wulksein sind wir eigentlich Menschen, im Unbewulken sind wir der 
iibrigen Welt eingegliedert. Zusammenhang der Hauptesorgamsation 
mit der dritten Hierarchie, der rhythmischen Organisation mit der 
zweiten Hierarchie, der motorischen Sphare mit der ersten Hierar- 
chie. Ineinanderwirken von Welt und Gottlichkeit. Die Wesenheiten 
der dritten Hierarchie liegen der Tatigkeit zugrunde, die im Erinnern 
sich offenbart, sie fuhren uns durch das unbewufite Gebiet des Er- 
denlebens. Die Wesenheiten der zweiten Hierarchie arbeiten in dem 
Leben nach dem Tode an der Gestaltung des inneren Karmas. Die 
Wesenheiten der ersten Hierarchie, die Schopfer des Irdischen, bil- 
den in gerechter ausgleichender Tatigkeit als Gegenbilder nach, was 
der Mensch im Erdenleben ausgestaltet hat. Unsere Taten treten uns 
im nachsten Leben entgegen als Schicksalstatsachen. Hinter dem Ge- 
setz des Karma liegen Gottertaten und Gottererlebnisse. 



DIE KARMISCHE BESTIMMTHEIT EINZELNER 
MENSCHLICHER SCHICKSALE 

Siebenter Vortrag, 8. Marz 1924 

Representative Personlichkeiten : Friednch Theodor Vischer, Franz 
Schubert, Eugen Duhring. 



Achter Vortrag, 9 . Marz 1924 133 

Nur aus der unmittelbaren Anschauung heraus konnen karmische 
Tatsachen mitgeteilt werden. Arabische Stromungen des 7., 8. und 
9. Jahrhunderts. Die Beziehungen Schuberts zum Freiherrn von 
Spaun. 

Neunter Vortrag, 15. Marz 1924 151 

Die Verursachung von korperlichen Eigentumlichkeiten in der einen 
Inkarnation durch Moralisches in einer friiheren. Eduard von Hart- 
mann. Wechselwirkungen der drei verschiedenen Gliederungen der 
menschlichen Wesenheit von einem Erdenleben zum anderen. Fried- 
rich Nietzsche. 

Zehnter Vortrag, 16. Marz 1924 168 

Der Weg von historischen Personlichkeiten der Vergangenheit in die 
folgenden Zeiten der Geschichte und in das Leben der Gegenwart. 
Die Stofikraft des Mohammedanismus. Harun al Raschid, die Zivili- 
sation von Bagdad. Das Hereinwirken des Arabismus durch die wie- 
dererscheinenden Individualitaten in die europaische Zivilisation. 
Bacon von Verulam. Gebel al Tarik. Charles Darwin. Mamuns Ge- 
lehrtenkreis in Bagdad. Astronomie und Astrologie. Laplace. Der 
Einflufi des Aristotelismus auf den Mohammedanismus. Muavija. 
Woodrow Wilson. 



Elfter Vortrag, 22. Marz 1924 1 83 

Einzelmenschliche und geschichtliche Zusammenhange. Das richtige 
Suchen. Garibaldi und Viktor Emanuel. Lessing. Lord Byron. 

Zwolfter Vortrag, 23. Marz 1924 200 

Wo sind die friiheren Eingeweihten? Hindernisse aus der gegenwar- 
tigen Zivilisation, durch die gewisse Eigenschaften des Menschen 
abgetotet und die Korper ungeeignet gemacht werden fur Geistiges. 
Eine irische Kolonie des 9. Jahrhunderts im Elsaft. Ernst Haeckel. 
Lessing. Valentin Andreae. Das Palladium. 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 219 

Hinweise zum Text 219 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 227 



Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



229 



Bildung der karmischen Krafte 



Die Original- Wandtafelzeichnungen von 
Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band sind 
innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
« Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 
Band XVI 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 16. Februar 1924 



Ich mochte nun beginnen, zu Ihnen iiber die Bedingungen und Ge- 
setze des menschlichen Schicksals zu sprechen, das man ja gewohnt 
worden ist, das Karma zu nennen. Dieses Karma ist aber nur zu ver- 
stehen, zu durchschauen, wenn man sich darauf einlafit zunachst, die 
verschiedenen Arten der Weltgesetzmafiigkeit iiberhaupt erkennen zu 
lernen. Und so mochte ich denn heute vielleicht - es ist das notwen- 
dig - in einer etwas abstrakteren Form iiber die verschiedenen Arten 
der Weltgesetzmafiigkeit zu Ihnen sprechen, um dann die besondere 
Form, die als menschliches Schicksal, als Karma angesprochen werden 
kann, gewissermafien herauszukristallisieren. 

Wir sprechen, wenn wir sowohl die Erscheinungen der Welt um- 
fassen wollen, wie auch, wenn wir die Erscheinungen im Menschen- 
leben selber ins Auge fassen wollen, von Ursachen und Wirkungen. 
Und heute ist man ja gewohnt, besonders in der Wissenschaft, ganz 
im allgemeinen zu sprechen von Ursachen und Wirkungen. Aber ge- 
rade dadurch kommt man der wahren Wirklichkeit gegeniiber in die 
grofiten Schwierigkeiten hinein. Denn die verschiedenen Arten, in de- 
nen Ursachen und Wirkungen in der Welt auftreten, werden dabei 
nicht beriicksichtigt. 

Zunachst konnen wir uns die sogenannte leblose Natur ansehen, 
die uns ja am deutlichsten im mineralischen Reiche entgegentritt, in 
allem dem, was im Gestein in oft so wunderbaren Gestalten uns ent- 
gegentritt, aber auch in allem dem, was, man mochte sagen, zu Pulver 
zerrieben, dann wiederum zusammengebacken im formlosen Gestein 
uns entgegentritt. Das sehen wir uns zuerst an, meine lieben Freunde, 
was in dieser Art als Lebloses in der Welt auftritt. 

Wenn wir das Leblose, ausnahmslos das Leblose betrachten, dann 
finden wir namlich, dafi wir die Ursachen, von denen in dem Reiche 
dieses Leblosen geredet werden kann, iiberall innerhalb dieses Leb- 
losen selber suchen konnen. Wo Lebloses ist als Wirkung, da konnen 
wir in demselben Reiche des Leblosen auch die Ursachen suchen. Und 



man verfahrt wirklich nur erkenntnisgemafi, wenn man das tut; wenn 
man also fur die Vorgange des Leblosen auch die Ursachen innerhalb 
des leblosen Reiches sucht. 

Wenn Sie einen noch so schon geformten Kristall vor sich haben, so 
sollen Sie die [Ursachen der] Formen dieses Kristalls im leblosen Reiche 
selber suchen. Und damit erweist sich dieses leblose Reich als etwas in 
sich Abgeschlossenes. Wir konnen zunachst nicht sagen, wo wir die 
Grenzen dieses Leblosen finden. Die konnen unter Umstanden sehr 
entfernt in den Weltenweiten sein. Aber auch wenn fur irgendein Leb- 
loses, das vor uns steht, wenn es sich um seine Wirkungen handelt, 
Ursachen gesucht sein sollen, werden wir diese Ursachen wiederum 
im Reiche des Leblosen selber suchen. Damit aber stellen wir das Leb- 
lose schon neben etwas anderes hin. Und damit eroffnet sich uns zu- 
gleich eine gewisse Perspektive. 

Betrachten Sie den Menschen selber. Betrachten Sie ihn, wie er 
durchgeht durch die Pforte des Todes. Alles, was gewirkt und gewest 
hat in ihm, bevor er durch diese Pforte des Todes gegangen ist, das 
ist aus der sichtbar greiflichen Gestalt, die ubrigbleibt, wenn des Men- 
schen Seele durch die Pforte des Todes geschritten ist, das ist aus dieser 
nunmehr ubriggebliebenen Gestalt weg, und wir sagen auch gegen- 
uber dieser Gestalt: sie ist leblos. Und geradeso wie wir von dem 
Leblosen sprechen, wenn wir hinschauen auf das Gestein des Gebir- 
ges mit seinen Kristallgestalten, so miissen wir vom Leblosen spre- 
chen, wenn wir hinschauen auf den entseelten, entgeistigten Leichnam 
des Menschen. Und jetzt erst tritt fur den Leichnam des Menschen 
ganz dasselbe ein, was von vornherein da war fur die iibrige leblose 
Natur. 

Wir konnten nicht fiir das, was an der menschlichen Gestalt ge- 
schieht als Wirkung wahrend des Lebens, bevor die Seele durch das 
Tor des Todes gegangen ist, die Ursache suchen in dem Leblosen selber. 
Nicht nur, dafi, wenn sich ein Arm hebt, wir vergeblich suchen wer- 
den in den leblosen physikalischen Gesetzen der menschlichen Gestalt 
nach den Ursachen dieses Armhebens, wir werden auch vergeblich su- 
chen in den chemischen, in den physikalischen Kraften, die in der 
menschlichen Gestalt vorhanden sind, nach den Ursachen, sagen wir, 



des Herzschlages, der Blutzirkulation, irgendeines Vorganges, der auch 
gar nicht dem Willen unterliegt. 

In dem Augenblicke aber, wo die menschliche Gestalt Leichnam 
geworden ist, wo die Seele durchgeschritten ist durch die Pforte des 
Todes, beobachten wir auch eine Wirkung an dem menschlichen Orga- 
nismus. Wir sehen meinetwillen: Es verandert sich die Hautfarbe, es 
werden die Glieder welk, kurz, es tritt alles das ein, was man gewohnt 
ist, am Leichnam zu sehen. Wo suchen wir die Ursache? Im Leichnam 
selber, in den chemischen, physikalischen, in den leblosen Kraften 
des Leichnams selber. 

Nun, wenn Sie sich das, was ich da andeute - ich brauche es nur 
anzudeuten -, wenn Sie das nach alien Seiten und Richtungen zu Ende 
denken, so werden Sie sich sagen: Der Mensch ist in bezug auf seinen 
Leichnam, nachdem seine Seele durch die Pforte des Todes geschritten 
ist, der leblosen Natur gleich geworden. Das heifit, wir miissen die 
Ursachen fur Wirkungen nunmehr in demselben Gebiete suchen, wo 
die Wirkungen selber liegen. Das ist sehr wichtig. 

Aber gerade wenn wir auf diese besondere Artung des mensch- 
lichen Leichnams hinschauen, dann finden wir etwas anderes, was 
aufierordentlich bedeutsam ist. Sehen Sie, der Mensch wirft gewisser- 
mafien mit dem Tode seinen Leichnam ab. Und wenn man mit jener 
Beobachtungsgabe, die dazu fahig ist, beobachtet, was nunmehr der 
eigentliche Mensch, das geistig-seelische Menschenwesen geworden ist, 
nachdem es durch die Pforte des Todes geschritten ist, dann mufi man 
eben sagen, die Sache ist doch so, daft der Leichnam abgeworfen ist, 
und daft nunmehr fur dieses eigentliche geistig-seelische Menschen- 
wesen, das angekommen ist jenseits des Tores des Todes, dieser Leich- 
nam keine Bedeutung mehr hat. Er ist etwas Abgeworfenes. 

Anders ist das mit der leblosen aufieren Natur. Und schon wenn 
man, ich mochte sagen, oberflachlich betrachtet, tritt einem dieses an- 
dere entgegen. Betrachten Sie einen menschlichen Leichnam. Sie kon- 
nen ihn ja am besten betrachten da, wo er gewissermafien luftbeerdigt 
wird. Man findet in unterirdischen Gewolben, die namentlich ge- 
wisse Gemeinschaften fruher als Begrabnisstatten gehabt haben, die 
Leichname von Menschen zum Beispiel einfach aufgehangt. Sie ver- 



trocknen, und sie kommen in diesem Vertrocknen so weit, daft sie 
vollstandig miirbe geworden sind, daft man dann eigentlich nur etwas 
anzutippen braucht, und sie zerfallen in Staub auseinander. 

Das ist anders, was wir da als Lebloses erhalten haben, als das- 
jenige, was wir drauften in unserer Umgebung als leblose Natur fin- 
den. Diese leblose Natur, sie gestaltet sich, sie bildet Kristallgestalten. 
Sie ist iiberhaupt in einer merkwiirdigen Veranderung bef indlich. Wenn 
wir absehen von dem eigentlichen Erdigen und sehen auf das, was ja 
auch leblos ist, auf Wasser, Luf t, so finden wir, daft eine regsame Ver- 
wandlung und Metamorphose in diesem Leblosen vorhanden ist. 

Nun wollen wir uns das zunachst einmal vor die Seele stellen, wir 
wollen die Gleichheit des menschlichen Leibes, wenn ihn die Seele 
abgelegt hat, in seiner Leblosigkeit, mit der auftermenschlichen leb- 
losen Natur einmal vor unsere Seele gestellt sein lassen. 

Und gehen wir jetzt weiter. Betrachten wir das Pflanzenreich. Da 
kommen wir in die Sphare des Lebendigen. Wenn wir eine Pflanze 
so richtig studieren, dann werden wir niemals finden, daft wir im- 
stande sind, die Wirkungen, die in der Pflanze auftreten, bloft aus 
den Ursachen heraus zu suchen, die im Pflanzenreiche, also in dem- 
selben Reiche, wo die Wirkungen auftreten, selber liegen. Gewift, es 
gibt heute eine Wissenschaft, die das versucht. Aber diese Wissen- 
schaft ist eben auf dem Holzwege, denn sie kommt zuletzt darauf, 
zu sagen: Ja, man kann die physischen, in der Pflanze wirkenden 
Krafte und Gesetze untersuchen, man kann die chemisch wirksamen 
Krafte und Gesetze untersuchen; und es bleibt etwas iibrig. - Da 
scheiden sich dann die Leute in zwei Parteien. Die einen sagen: Das, 
was da ubrigbleibt, ist iiberhaupt nur eine Zusammenstellung, so eine 
Art Form, Gestalt; das Wirksame sind nur die physischen und chemi- 
schen Gesetze. - Die anderen sagen: Nein, es ist noch etwas anderes 
darinnen, das hat nur die Wissenschaft noch nicht erforscht; sie wird 
schon darauf kommen. - Sie wird das noch lange sagen. So ist die 
Sache eben nicht, sondern wenn man das Pflanzliche untersuchen will, 
so kann man es nicht verstehen, wenn man nicht das ganze Weltenall 
zu Hilfe nimmt, wenn man nicht auf die Pflanzen so hinsieht, daft 
man sich sagt: Die Krafte der Pflanzenwirksamkeit liegen im weiten 



Weltenall. Alles, was da in der Pflanze geschieht, ist Wirkung des 
weiten Weltenalls. Es mufi erst die Sonne zu einer bestimmten Posi- 
tion kommen im weiten Weltenall, damit irgendwelche Wirkungen 
im Pflanzenreiche auftreten. Es miissen andere Krafte aus dem wei- 
ten Weltenall wirken, damit die Pflanze ihre Form, damit die Pflanze 
ihre inneren Triebkrafte und so weiter bekommt. 

Und die Sache ist ja so: Wenn wir in die Lage kamen, meine lieben 
Freunde, nun zu wandern, nicht blofi wie Jules Verne es gemacht hat, 
sondern wirklich zu wandern, sagen wir bis zum Monde, bis zur Sonne 
und so weiter, so wiirden wir gar nicht viel gescheiter werden in bezug 
auf dieses Ursache-Suchen, als wir auf der Erde selber sind, wenn wir 
uns keine anderen Erkenntniskrafte aneignen als diejenigen, die wir 
schon haben. Wir wiirden nirgends zurechtkommen, wenn wir etwa 
sagen wollten: Nun schon, im Pflanzenreiche der Erde selber sind 
nicht die Ursachen fur die Wirkungen, die im Pflanzenleben auftre- 
ten, also wandern wir zur Sonne, da werden wir die Ursachen finden. — 
Da finden wir sie auch nicht. Dagegen finden wir sie, wenn wir uns 
zur imaginativen Erkenntnis aufschwingen, wenn wir eine ganz an- 
dere Erkenntnis haben. Dann brauchen wir aber nicht zur Sonne zu 
wandern, wir finden sie im Erdenbereiche selber. Nur finden wir, daft 
wir notig haben, von einer gewohnlichen physischen Welt in eine 
Atherwelt iiberzugehen, und daft in den Weiten der Welt iiberall der 
Weltenather mit seinen Kraften wirkt, und daft er eben aus den Wei- 
ten hereinwirkt. Uberall aus den Weiten herein wirkt der Ather. 

Wir miissen also tatsachlich zu einem zweiten Reiche der Welt 
ubergehen, wenn wir fur das Pflanzenreich zu den Wirkungen die Ur- 
sachen suchen wollen. 

Nun, der Mensch nimmt teil an dem selben, an dem da die Pf lanze 
teilnimmt. Diejenigen Krafte, die aus der Atherwelt hereinwirken in 
die Pflanzen, sie wirken auch im Menschen. Der Mensch tragt in sich 
die atherischen Krafte, und wir nennen die Summe dieser atherischen 
Krafte, die er in sich tragt, den Atherleib. Und ich habe Ihnen bereits 
angefiihrt, wie dieser Atherleib wenige Tage nach dem Tode immer 
grofter und grofter wird und sich zuletzt verliert, so daft der Mensch 
nur in seinem astralischen Leib und in seiner Ich-Wesenheit iibrig- 



Tafel P 




bleibt. Das also, was der Mensch atherisch in sich getragen hat, wird 
immer grofier und grofier und verliert sich in den Weltenweiten. 

Vergleichen Sie jetzt wieder dasjenige, was wir vom Menschen sehen 
konnen, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, mit dem, 
was wir im Pflanzenreiche sehen. Wir mussen vom Pflanzenreiche 
sagen: seine Ursachenkrafte kommen aus den Raumesweiten auf die 
Erde herein. Wir mussen vom menschlichen Atherleib sagen: die Krafte 
dieses Atherleibes gehen in die Raumesweiten hinaus, das heifit, sie 
gehen dorthin, woher die Pflanzenwachstumskrafte kommen, wenn 
der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Hier wird die 
Sache schon, ich mochte sagen, deutlicher. Wenn wir blofi den phy- 
sischen Leichnam anschauen und sagen, er wird ein Lebloses, dann 
wird es uns schwer, heruberzukommen zu der iibrigen leblosen Natur. 
Aber wenn wir das Lebendige anschauen, das Pflanzenreich, und ge- 
wahr werden: Aus dem Ather der Weltenweiten kommen die Ursachen, 
kommen die Krafte fur das Pflanzenreich - dann sehen wir, indem wir 
uns imaginativ in das Menschenwesen vertiefen, dafi dorthin, woher 
die Krafte, die Atherkrafte fur das Pflanzenreich kommen, der mensch- 



18 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 219. 



liche Atherleib hingeht, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes 
geschritten ist. 

Aber noch etwas ist charakteristisch. Ich mochte sagen: Dasjenige, 
was auf die Pflanzen als Ursachenkrafte wirkt, mit dem geht es ver- 
haltnismafiig schnell, denn auf die Pflanze, die aus dem Boden her- 
auswachst, die Bliite bekommt, die Frucht bekommt, hat die Sonne 
von vorgestern nicht viel Einflufi. Da kann sie mit ihren Ursachen 
nicht viel wirken. Sie mufi heute scheinen, sie muft wirklich heute 
scheinen. Das ist wichtig. Und Sie werden sehen in unseren folgenden 
Betrachtungen, dafi es wichtig ist, dafi wir uns das merken. 

Die Pflanzen mit ihren Atherursachen haben zwar innerhalb des 
Irdischen ihre eigentlichen Fundamentalkrafte, aber sie haben sie in 
dem, was gleichzeitig im Weltenall mit der Erde ist. Und wenn der 
menschliche Atherleib, nachdem der Mensch als geistig-seelisches We- 
sen durch die Pforte des Todes geschritten ist, sich auflost, so dauert 
das auch nur sehr kurze Zeit, tagelang nur. Wiederum ist Gleichzeitig- 
keit da, denn die Tage, die es dauert, sind eigentlich fur die Zeit des 
Weltgeschehens eine Kleinigkeit. 

Wiederum haben wir es, wenn der Atherleib zuriickkehrt zu dem, 
woraus die Pflanzenwachstumskrafte als Atherkrafte kommen, damit 
zu tun, da!5 wir sagen konnen: Sobald der Mensch im Ather lebt, ist 
seine Atherwirksamkeit zwar nicht auf die Erde beschrankt, sie geht 
ja von der Erde fort, aber sie entwickelt sich mit Gleichzeitigkeit. 

Ich will Ihnen dafiir ein Schema aufschreiben. Wir konnen sagen: 
Mineralreich: Gleichzeitigkeit des Physischen fur Ursachen und Wir- 
kungen. Also im wesentlichen haben wir es mit Gleichzeitigkeit zu 
tun der Ursachen im Physischen. Sie werden sagen: Ja, fur manches, 
was im Physischen geschieht, sind ja die Ursachen der Zeit nach fruher 
gelegen. - Das ist nicht in Wirklichkeit der Fall. Wenn Wirkungen 
entstehen sollen im Physischen, miissen die Ursachen andauern, miis- 
sen fortwirken. Wenn die Ursachen aufhoren, treten keine Wirkun- 
gen mehr ein. Also wir konnen durchaus dieses Diktum hinschreiben: 
Mineralreich: Gleichzeitigkeit der Ursachen im Physischen. 

Kommen wir aber in das Pflanzenreich - und damit stehen wir 
auch in dem, was im Menschen selber als Pflanzliches zu verfolgen 



ist dann haben wir es zu tun mit Gleichzeitigkeit im Physischen und 
Oberphysischen. Pflanzenreich: Gleichzeitigkeit der Ursachen im Phy- 
sischen und Uberphysischen. 

Nun treten wir an das Tierreich heran. Beim Tierreiche werden 
wir ganz vergeblich dasjenige, was als Wirkungen auftritt, solange das 
Tier lebt, im Tier selber suchen konnen. Wenn das Tier auch nur kriecht, 
um seine Nahrung aufzusuchen, in den chemischen, physischen Vor- 
gangen, die sich innerhalb des tierischen Leibes finden, werden wir 
ganz vergeblich suchen nach den Ursachen. Wir werden auch ganz ver- 
geblich suchen in den Weiten des Atherraumes, wo wir die Ursachen fur 
das Pf lanzliche finden, wir werden da auch vergeblich suchen nach den 
Ursachen der tierischen Bewegung und der tierischen Empfindung. Fur 
alles das, was im Tiere vorgeht mit Bezug auf das, was im Tiere pflanz- 
lich ist, finden wir allerdings auch die Ursachen innerhalb des Ather- 
raumes, und wenn das Tier stirbt, geht ja auch der Atherleib in die 
Weiten des Weltenathers hinaus. Aber fur das, was Empfindung ist, 
finden wir nimmermehr innerhalb dessen, was irdisch, was physisch 
oder was uberphysisch-atherisch ist, die Ursachen, konnen sie nicht 
finden. 

Hier tritt allerdings etwas ein, wo die moderne Anschauung wie- 
derum sehr stark auf dem Holzwege ist. Das mu£ sich ja diese moderne 
Anschauung auch fur viele Erscheinungen, die an einem Tier auf tre- 
ten - Empfindungserscheinungen, Bewegungserscheinungen -, sagen: 
Untersuche ich das Tier in seinem Inneren nach seinen physischen, 
chemischen Kraften, da finde ich nicht die Ursachen. Aber auch in 
den Weiten des Weltenalls, in den Atherweiten des Weltenalls finde 
ich nicht die Ursachen. Wenn ich eine Blute erklaren will, mufi ich in 
das weite Weltenall, in das Atherweltenall gehen, und ich werde die 
Blute aus dem Atherweltenall erklaren konnen. Ich werde manches 
auch im Tier, was pflanzengleich ist, aus dem Atherweltenall erkla- 
ren konnen, aber nimmermehr das, was in dem Tier als Bewegungen 
auftritt, und nimmermehr das, was auftritt in dem Tier als Emp- 
findung. 

Wenn ich am 20. Juni ein Tier betrachte in bezug auf seine Empfin- 
dungen, dann werde ich in allem dem, was irdisch ist und aufierirdisch 



ist im Raume, die Ursachen fur die Empfindungen nicht am 20, Juni 
finden. Gehe ich weiter zuriick, werde ich sie auch nicht finden. Ich 
werde sie nicht im Mai, nicht im April und so weiter finden. 

Das spurt auch die moderne Anschauung. Daher erklart diese mo- 
derne Anschauung das, was sich so nicht erklaren lafit, wenigstens vieles 
davon, durch Vererbung, das heifit durch ein Wort: Es ist «vererbt», 
es stammt von den Vorfahren. - Natiirlich nicht alles, weil das doch 
zu grotesk ware, aber vieles. Es ist vererbt. 

Was heifit vererbt? Es fiihrt der Begriff der Vererbung zuletzt dar- 
auf zuriick, dafi dasjenige, was einem als mannigfaltig gestaltetes Tier 
entgegentritt, im Eikeim des Muttertieres enthalten war. Und das ist 
ja das Bestreben der modernen Anschauung, einen Ochsen aufierlich 
in seiner mannigfaltigen Gestaltung zu betrachten und dann zu sagen: 
Nun ja, der Ochse kommt aus dem Eikeim; da waren die Krafte drin- 
nen, die dann ausgewachsen den Ochsen geben. Daher ist der Eikeim 
ein aufierordentlich komplizierter Korper. Er miifite auch furchtbar 
kompliziert sein, dieser Eikeim des Ochsen, denn nicht wahr, da ist 
alles drinnen, was nach vielen Seiten drangt und gestaltet und bildet 
und wirkt, damit aus dem kleinen Eikeim der vielgestaltete Ochse wird. 

Und wie man sich auch windet - es gibt ja da viele Theorien, Evolu- 
tionstheorien, Epigenesistheorien und so weiter -, es ist immer nichts 
anderes, als dafi man doch sich vorstellen mufi: Dieser Eikeim, das 
kleine Ei, ist etwas furchtbar Kompliziertes. Wie alles zuriickgefuhrt 
wird auf Molekule, die in komplizierter Weise sich aus Atomen auf- 
bauen, so stellen manche die erste Anlage dieses Eikeimes als ein kom- 
pliziertes Molekiil dar. Aber das stimmt nicht einmal mit den phy- 
sischen Beobachtungen iiberein, meine lieben Freunde. 

Die Frage entsteht: Ist denn dieser Eikeim wirklich ein so kompli- 
ziertes Molekiil, ein so komplizierter Organismus schon? Das Eigen- 
tiimliche des Eikeimes ist namlich gar nicht, dafi er kompliziert ist, 
sondern dafi er die ganze Materie ins Chaos zuriickwirft. Gerade der 
Eikeim ist etwas, was im Muttertiere nicht ein komplizierter Aufbau 
ist, sondern ein vollstandig pulverisiertes, durcheinandergeschmissenes 
Materielles. Es ist gar nichts organisiert. Es ist gerade etwas, was ins 
absolut Unorganisierte, in sich Staubhafte zuriickfallt. Und niemals 



21 



wiirde eine Fortpflanzung entstehen, wenn nicht die unorganisierte, die 
leblose Materie, die ins Kristallinische, ins Gestaltige strebt, wenn nicht 
diese in sich ins Chaos gerade im Ei zuriickfiele. Das EiweilS ist nicht 
der komplizierteste Korper, sondern der allereinfachste, der gar keine 
Bestimmung in sich hat. Und aus diesem kleinen Chaos, das da als Ei- 
keim besteht zunachst, konnte ewig kein Ochse werden, wirklich nicht, 
denn er ist eben ein Chaos, dieser Eikeim. 

Warum wird dann dennoch ein Ochse daraus? Weil im miitter- 
lichen Organismus die ganze "Welt nun auf diesen Eikeim wirkt. Gerade 
weil er bestimmungslos geworden ist, weil er Chaos geworden ist, kann 
die ganze Welt auf ihn wirken. Und die Befruchtung hat kein anderes 
Ziel in der Welt, als die Materie ins Chaos, ins Unbestimmte, ins Be- 
stimmungslose zurtickzufiihren. So dalS nicht etwas anderes, sondern 
nur das Weltenall wirkt. 

Aber nun, wenn wir in die Mutter schauen, da sind nicht die Ur- 
sachen; wenn wir aufierhalb in den Ather schauen, da sind auch im 
gleichzeitigen Geschehen nicht die Ursachen. Wir miissen zuriickgehen 
bis bevor das Tier entstanden ist, wenn wir die Ursachen f inden wollen 
fur das, was da keimt als die Anlage zum empfindungs- und bewe- 
gungsfahigen Wesen. Wir miissen zuriickgehen bis bevor das Leben 
angefangen hat! Das heifk, fur das Empfindungs- und Bewegungs- 
fahige liegt nicht in der Gleichzeitigkeit, sondern vor der Entstehung 
dieses Wesens die Ursachenwelt. 

Das ist das Eigentiimliche: Wenn ich eine Pflanze anschaue, dann 
mufi ich in dasjenige hinausgehen, was gleichzeitig ist, dann finde ich 
die Ursache - allerdings im weiten Weltenall. Wenn ich aber fur das, 
was als Empfindung oder als Bewegungsfahigkeit im Tier wirkt, die 
Ursache finden will, so kann ich nicht ins Gleichzeitige gehen, sondern 
da raulS ich in dasjenige gehen, was dem Leben vorangeht; die Stern- 
konstellation, mit anderen Worten, mufi sich geandert haben, mufi eine 
andere geworden sein. Nicht die Sternkonstellation im Weltenall, die 
mit dem Tiere gleichzeitig ist, hat ihren Einflufi auf das eigentlich Tie- 
rische, sondern die dem Leben vorangehende Konstellation der Sterne. 

Und jetzt schauen wir auf den Menschen hin, wenn er durch die 
Pforte des Todes geschritten ist. Der Mensch muft, wenn er durch die 



Pforte des Todes geschritten ist, wenn er seinen Atherleib abgelegt 
hat, der in die Weltenweiten an jene Stelle hingeht, von denen die 
Krafte des Pflanzenwachstums, die atherischen Krafte kommen, der 
Mensch mufi zuriickgehen, wie ich Ihnen ausgefiihrt habe, bis zu seiner 
Geburt. Da hat er in seinem astralischen Leib alles das durchgemacht, 
ruckwartslaufend, was er wahrend des Lebens im Hin-Gang durchge- 
macht hat. Mit anderen Worten: Der Mensch mufi nicht in das Gleich- 
zeitige hineingehen nach dem Tode mit seinem astralischen Leib, er 
mufi zuriickgehen zu dem Vorgeburtlichen, er mufi dorthin gehen, wo 
heraus die Krafte kommen, die die tierische Empfindungsfahigkeit und 
Bewegungsfahigkeit geben. Die kommen nicht aus dem Raumesreiche, 
nicht aus den Konstellationen der Sterne, die gleichzeitig sind, die 
kommen aus den Konstellationen, die vorangehend sind. - Sprechen 
wir also vom tierischen Reich (siehe Schema Seite 27), dann konnen 
wir nicht von der Gleichzeitigkeit der Ursachen im Physischen und 
Oberphysischen sprechen, sondern dann miissen wir von vergangenen 
iiberphysischen Ursachen zu gegenwartigen Wirkungen im Physischen 
sprechen. Tierreich: Vergangene iiberphysische Ursachen zu gegenwar- 
tigen Wirkungen. 

Und wir kommen auch da wiederum in den Zeitbegriff hinein. Wir 
miissen, wenn ich mich trivial ausdriicken darf , in der Zeit spazieren- 
gehen. Wenn wir die Ursachen suchen wollen fur irgend etwas, was 
in der physischen Welt geschieht, gehen wir in der physischen Welt 
spazieren; wir brauchen nicht aus der physischen Welt herauszugehen. 
Wenn wir fiir irgend etwas, was im lebendigen Pflanzenreiche be- 
wirkt ist, die Ursache suchen wollen, miissen wir ja recht weit ge- 
hen. Wir miissen die Atherwelt absuchen, und erst da, wo die Ather- 
welt am Ende ist, wo - marchenhaft gesprochen - «die Welt mit Bret- 
tern vernagelt ist», erst da finden wir die Ursache fiir das Pflanzen- 
wachstum. 

Aber wir konnen da herumgehen, soviel wir wollen, da finden wir 
nicht die Ursache der Empfindungsfahigkeit, auch nicht der Bewe- 
gungsfahigkeit. Da miissen wir anfangen, in der Zeit spazierenzugehen. 
Da miissen wir in der Zeit zurikkschreiten. Da miissen wir aus dem 
Raum herauskommen und in die Zeit hineinspazieren. 



Sie sehen, wir konnen nebeneinanderstellen in bezug auf dieses Ver- 
ursachen den menschlichen physischen Leib in seiner Leblosigkeit mit 
der leblosen Natur; den menschlichen Atherleib in seinem Leben und in 
seinem Hinausgehen nach dem Tode in die Atherweiten mit dem Ather- 
leben der Pflanzen, das auch aus den Atherweiten hereinkommt, aber 
aus den gleichzeitigen Konstellationen des Oberphysischen, des Ober- 
irdischen; und wir konnen zusammenstellen die menschliche astralische 
Organisation mit dem, was draufien im Tierischen ist. 

Und wir schreiten dann fort von dem mineralischen zu dem pflanz- 
lichen, zu dem tierischen Reiche, kommen herauf zu dem eigentlichen 
Menschenreiche. Sie werden sagen: Das haben wir ja schon immer be- 
rucksichtigt. Ja, aber nicht ganz. Wir haben das Menschenreich zu- 
nachst berucksichtigt, insofern der Mensch einen physischen Leib hat, 
dann insofern er einen Atherleib hat, dann insofern er einen astrali- 
schen Leib hat. Aber sehen Sie, wenn der Mensch blofi seinen physi- 
schen Leib hatte, so ware er - ein komplizierter, aber immerhin - ein 
Kristall. Wenn der Mensch blofi dazu noch seinen Atherleib hatte, so 
ware er vielleicht auch eine zwar schone Pflanze, aber immerhin bloft 
eine Pflanze. Wenn der Mensch noch dazu einen astralischen Leib 
hatte, wiirde er auf alien vieren gehen, vielleicht Horner haben und 
dergleichen, er ware eben ein Tier. Das alles ist der Mensch nicht. Die 
Gestalt, die er hat als aufrechtgehendes Wesen, diese Gestalt hat er 
dadurch, dafi er aufier der physischen, atherischen, astralischen Orga- 
nisation eben noch die Ich-Organisation hat. Und erst von diesem 
Wesen, das auch noch die Ich-Organisation hat, konnen wir sprechen 
als dem Menschen, dem Menschenreich. 

Betrachten wir jetzt noch einmal das, was wir schon angeschaut 
haben. Wenn wir die Ursachen suchen wollen fur das Physische, kon- 
nen wir im Physischen bleiben. Wenn wir die Ursachen suchen sollen 
fur das Pflanzliche, miissen wir in die Weiten des Atherreiches hinaus- 
gehen, aber wir konnen noch im Raume bleiben, nur, wie gesagt, wird 
der Raum da etwas hypothetisch, denn man mufi ja sogar zu Marchen- 
begriffen, «wo die Welt mit Brettern vernagelt ist», seine Zuflucht 
nehmen. Aber dennoch, die Sache ist so, dafi ja wirklich sogar die rein 
im Sinne der gegenwartigen Naturforschung denkenden Menschen 



schon darauf kommen, daft man wirklich von so etwas sprechen kann, 
wie «die Welt ist mit Brettern vernagelt». Es 1st natiirlich ein trivialer, 
grober Ausdruck. Aber man braucht nur daran zu denken, wie in 
kindlicher Weise die Menschen denken: Da ist die Sonne, die schickt 
ihre Strahlen fort und immer weiter fort; sie werden zwar immer 
schwacher und schwacher - das Licht geht da fort, fort, fort, immer 
weiter fort, eben ins Endlose. 

Ich habe fur diejenigen, die schon jahrelang die Vortrage horen, 
langst auseinandergesetzt, daft das ein Unding ist, sich vorzustellen, 
daft das Licht ins Endlose hinausgeht. Ich habe immer gesagt, die Aus- 
breitung des Lichtes unterliegt der Elastizitat. Wenn man einen Kaut- 
schukball hat und in ihn hineindruckt, so kann man bis zu einer ge- Tafel 1 
wissen Stelle eindriicken, dann schnellt er wieder zuriick, das heiftt, r e n c h t n s 
der Druck fur die Elastizitat hat ein Ende, dann geht es zuriick. So, 
sagte ich, ist es auch fur das Licht: das geht nicht ins Endlose hinaus, son- 
dern wenn es eine gewisse Grenze erreicht hat, kommt es wieder zuriick. 

Dieses, daft das Licht nicht bis ins Endlose geht, sondern nur bis 
zu einer gewissen Grenze und wieder zuriickgeht, das wurde nun auch 
zum Beispiel in England von dem Physiker Oliver Lodge vertreten; so 
daft heute schon die physische Wissenschaft darauf gekommen ist, das, 
was die Geisteswissenschaft gibt, zu vertreten, wie sie in alien Einzel- 
heiten eben einmal ankommen wird bei dem, was die Geisteswissen- 
schaft sagt. 

Und so kann man schon auch sprechen davon, daft da draufien, 
wenn man geniigend weit hinausdenkt, man wieder zuriickdenken 
mufi, nicht einfach den endlosen Raum annehmen darf, der eine Phan- 
tasterei ist, noch dazu eine Phantasterei, die man nicht fassen kann. 
Vielleicht werden sich einige von Ihnen erinnern, wie ich in der Be- 
schreibung meines Lebensganges im letzten Kapitel, das vorige Woche 
erschienen ist, gesagt habe, daft es auf mich einen ganz besonders be- 
deutsamen Eindruck gemacht hat, wie ich beim Anhoren der synthe- 
tischen neueren Geometrie zunachst von der Geometrie darauf hinge- 
wiesen worden bin, daft eine Gerade nicht so gedacht werden darf, 
daft sie da ins Endlose hinausgeht und niemals aufhort, sondern daft 
die Gerade, die da hinausgeht, von der anderen Seite wahrhaftig zu- 



Tafeii riickkommt. Die Geometrie driickt das so aus: Die Synthese, der un- 
rechS endlich feme Punkt nach rechts ist derselbe wie der unendlich feme 
Punkt nach links. Das kann man ausrechnen. Das ist nicht etwa nach 
der blofien Analogie, dafi, wenn man einen Kreis hat und von hier 
ausgeht, man da wieder zuriickkommt, dafi, wenn der Halbbogen eine 
Unendlichkeit hat, er eine Gerade ware. Das ist nicht so; das ware 
eine Analogie, auf die derjenige, der exakt denken kann, nichts gibt. 
Das, was auf mich einen Eindruck machte, das war nicht diese tri- 
viale Analogie, sondern das wirklich rechnungsgemafie Nachweisen- 
konnen, daft der unendlich feme Punkt von der einen Seite links 
derselbe ist wie der, der hier rechts eine Unendlichkeit ist, daft also 
wirklich jemand, der hier anfangt zu laufen und immerfort nach 
der Linie lauft, nicht ins Endlose lauft, sondern daft, wenn man nur 
die richtige Zeit ablauft, er einem von der anderen Seite wieder ent- 
gegenkommt. Das sieht fur alles physische Denken grotesk aus. In dem 
Augenblicke, wo man das physische Denken ablegt, ist es eben auch 
eine Realitat, weil die Welt nicht endlos ist, sondern so wie sie als 
physische Welt vorliegt, begrenzt ist. So daft man sagen kann: Man 
geht an die Grenze des Atherischen, wenn man vom Pflanzlichen 
und von dem spricht, was im Menschen atherisch ist. - Man mufi aber 
herausgehen aus allem dem, was da im Raume iiberhaupt ist, wenn man 
das Tierische und im Menschen das Astralische erklaren will. Da mufi 
man in der Zeit spazierengehen, da mufi man iiber das Gleichzeitige 
hinweggehen. Da mufi man also vorschreiten in der Zeit. 

Und nun kommt man an das Menschliche. Sehen Sie, wenn man in 
die Zeit hineinkommt, da uberschreitet man eigentlich schon auf dop- 
pelte Art das Physische. Indem man das Tier begreift, mufi man schon 
in der Zeit weitergehen. Nun mufi man diese Denkweise nicht wieder- 
um abstrakt fortsetzen, sondern konkret fortsetzen. Geben Sie jetzt 
einmal acht, wie man das konkret fortsetzt. 

Nicht wahr, die Menschen denken: Wenn die Sonne Licht aus- 
sendet, so geht das Licht endlos fort. Oliver Lodge zeigt aber, daft 
man jetzt schon diese Denkweise verlafit, dafi man weifi, das kommt 
an ein Ende und kommt wieder zuruck. Die Sonne bekommt von alien 
Seiten ihr Licht wiederum zuruck, wenn auch in anderer Form, in ver- 



wandelter Form; sie bekommt es aber zuriick. Wenden wir nun diese 
Denkweise an auf das, was wir eben durchgedacht haben. Wir stehen 
zunachst im Raume. Der Erdenraum bleibt drinnen, wir schreiten hin- 
aus zum Weltenraum. Das ist uns noch nicht genug, wir schreiten hinaus 
in die Zeit. Jetzt konnte einer sagen: Nun ja, jetzt schreiten wir im- 
mer weiter und weiter. - Nein, jetzt kommen wir wieder zuriick! Wir 
miissen die Denkweise fortsetzen. Wir kommen wieder zuriick. Wir 
kommen gerade so wieder zuriick, wie wir, wenn wir im Raume immer 
weiterschreiten, an die Grenze kommen und dann wieder zuriickkom- 
men; so kommen wir auch hier wieder zuriick. Das heifit, wenn wir die 
vergangenen iiberphysischen Ursachen gesucht haben in der Zeiten- 
weite, miissen wir wieder ins Physische zuruckkommen. 

Was heifit denn aber das? Das heifit, wir miissen wieder aus der Zeit 
herunter, aus der Zeit wieder auf die Erde herunter. Wenn wir also 
fur den Menschen die Ursachen suchen wollen, dann miissen wir sie 
wieder auf der Erde suchen. Nun sind wir zuriickgeschritten in der 
Zeit. Wenn wir, indem wir in der Zeit zuriickschreiten, wieder auf die 
Erde herunterkommen, dann kommen wir in ein voriges Menschen- 
leben hinein, selbstverstandlich. Wir kommen in ein voriges Menschen- 
leben hinein. Beim Tiere schreiten wir weiter; das lost sich in bezug 
auf die Zeit geradeso auf, wie sich unser Atherleib auflost bis an die 
Grenze. Der Mensch lost sich da nicht auf, sondern wir kommen auf 
die Erde wieder zuriick bis an sein voriges Erdenleben. 

So dafi wir fur den Menschen sagen konnen: Vergangene physische 
Ursachen zu gegenwartigen Wirkungen im Physischen. 

Mineralreich: Gleichzeitigkeit der Ursachen im Physischen. Tafd2 

Pf lanzenreich : Gleichzeitigkeit der Ursachen im Physischen 

und t)berphysischen. 

Tierreich: vergangene iiberphysische Ursachen zu 

gegenwartigen Wirkungen. 



Menschenreich: vergangene physische Ursachen zu 

gegenwartigen Wirkungen im Physischen. 



Sie sehen, es hat heute, ich mochte sagen, Miihe gekostet, sich vorbe- 
reitend einmal in Abstraktionen hineinzuversetzen. Aber das war not- 
wendig, meine lieben Freunde. Es war notwendig, weil ich Ihnen ein- 
mal zeigen wollte, dafi es auch fiir diejenigen Gebiete, die man als die 
geistigen betrachten mufi, eine Logik gibt. Nur stimmt diese Logik 
nicht Uberein mit der groben Logik, die blofi von den physischen Er- 
scheinungen abgezogen ist und an die die Menschen gewohnlich einzig 
und allein glauben. 

Wenn man rein logisch vorgeht und die- Ursachenreihen absucht, 
dann kommt man auch im blofien Gedankengang an die vergangenen 
Erdenleben. Und es ist notwendig, darauf aufmerksam zu machen, 
dafi auch das Denken selber ein anderes werden mufi, wenn man das 
Geistige begreifen will. 

Nicht wahr, die Menschen meinen, man konne das nicht begreifen, 
was aus der geistigen Welt heraus sich offenbart. Man kann es begrei- 
fen, aber man mufi seine Logik erweitern. Es ist ja auch notwendig, 
wenn man ein Musikstiick oder ein anderes Kunstwerk begreifen will, 
daft man in sich die Bedingungen hat, die der Sache entgegenkommen. 
Wenn man diese Bedingungen nicht hat, so begreift man eben nichts 
davon. Dann geht die Sache als ein Gerausch vorbei. Oder man sieht 
in irgendeinem Kunstwerke nichts anderes als eben ein unverstand- 
liches Gebilde. So muf$ man auch dem, was aus der geistigen Welt her- 
aus mitgeteilt wird, ein Denken entgegenbringen, das angemessen ist 
der geistigen Welt. Das aber stellt sich schon bei dem blofien logischen 
Denken heraus. Man kommt, indem man die Verschiedenartigkeit der 
Ursachen untersucht, in der Tat dazu, die vergangenen Erdenleben 
auch in logischer Folge verstehen zu konnen. 

Nun bleibt uns die grofie Frage, die da beginnt, wo wir den Leich- 
nam betrachten. Er ist leblos geworden. Die leblose Natur draufien 
steht in ihren Kristallformen, in den verschiedenen Formen da. Die 
grofte Frage steht vor uns: Wie verhalt sich die leblose Natur zum 
Leichnam des Menschen? 

Vielleicht werden Sie schon finden, meine lieben Freunde, dafi etwas 
beigetragen wird zu einem Sinn, der nach der Antwort dieser Frage 
hin liegt, wenn Sie die Sache in zweiter Etappe anfassen, wenn Sie sa- 



gen: Wenn ich die Pflanzenwelt anschaue, die urn mich herum ist, so 
tragt diese in sich aus den Weiten des Atherweltenalls die Krafte, zu 
denen mein Atherleib zuriickkehrt. Da draufien in Atherweiten, da ist 
dasjenige oben, was ursachlich den Pflanzen den Ursprung gibt, da 
ist dasjenige, wohin mein Atherleib geht, wenn er meinem Leben ausge- 
dient hat. Ich gehe dahin, woher aus den Atherweiten das pflanzliche 
Leben quillt. Ich gehe dahin, das heifit, ich bin verwandt damit. Ja, 
ich kann geradezu sagen: Da oben ist etwas, mein Atherleib geht da- 
hin, die griinende, sprossende, quellende Pflanzenwelt kommt daher. - 
Aber es ist ein Unterschied: Ich gebe meinen Atherleib ab, die Pflan- 
zen empfangen den Ather zum Aufwachsen. Sie erhalten den Ather 
zum Leben, ich gebe den Atherleib ab nach dem Tode. Ich gebe ihn 
als etwas ab, das ubrigbleibt; sie, die Pflanzen, erhalten diesen Ather- 
leib als etwas, was ihnen das Leben gibt. Sie haben ihren Anfang von 
dem, wohin ich mit meinem Ende gelange. Der Pflanzenanfang glie- 
dert sich zusammen mit des menschlichen Atherleibes Ende. 

Dies legt Ihnen die Frage nahe: Konnte es denn vielleicht auch 
so sein, dafi ich beim Mineral, bei den mannigfaltigst gestalteten Kri- 
stallen fragen konnte: Ist vielleicht auch das ein Anfang gegeniiber 
dem, was ich als physischen Leichnam, als Ende von mir, hinterlasse? 
Gliedert sich vielleicht da Anfang und Ende zusammen? 

Mit dieser Frage wollen wir heute schliefien, meine lieben Freunde, 
und morgen anfangen, um recht griindlich einmal in die Frage des 
menschlichen Schicksals, des sogenannten Karmas, hineinzukommen. 
Ich werde also in dem folgenden Vortrage iiber das Karma weiter- 
sprechen. Sie werden sich dann nicht raehr durch solches Gestriipp 
von Abstraktionen durchzufinden haben, aber Sie werden auch ein- 
sehen, dafi dies schon fiir eine gewisse Entwickelung des Denkens not- 
wendig war. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 17. Februar 1924 

Wenn wir fortschreiten von der Betrachtung, die vorbereiten sollte 
fur die Auseinandersetzung des menschlichen Schicksals, des Karmas, 
wenn wir vom Abstrakten, Gedanklichen zum Leben fortschreiten, so 
kommen wir eben fortschreitend dazu, zunachst die verschiedenen Ge- 
biete des Lebens, in die der Mensch hineingestellt ist, vor unsere Seele 
hinzustellen, um aus diesen Bestandstucken des Lebens dann Unter- 
lagen fur eine Charakteristik des Karmas, des menschlichen Schicksals 
zu gewinnen. 

Der Mensch gehort ja in einem viel umfassenderen Sinne der gan- 
zen Welt an, als man gewohnlich denkt. Der Mensch ist eben ein Glied 
der Welt, und er ist eigentlich ohne die Welt nichts. Ich habe oftmals 
den Vergleich gebraucht mit irgendeinem menschlichen Gliede, zum 
Beispiel mit einem Finger: der Finger ist Finger, indem er am mensch- 
lichen Organismus ist. In dem Augenblicke ist er kein Finger mehr, 
wenn er vom menschlichen Organismus abgeschnitten ist. Aufierlich- 
physisch ist er als Finger derselbe, aber er ist eben kein Finger mehr, 
wenn er abgeschnitten ist vom menschlichen Organismus. 

So ist der Mensch eigentlich nicht mehr Mensch, wenn er heraus- 
gehoben ist aus dem allgemeinen Weltendasein. Er gehort zum allge- 
meinen Weltendasein und kann ohne dasselbe eigentlich als Mensch 
gar nicht angeschaut, gar nicht verstanden werden. 

Nun aber gliedert sich, wie wir schon gestern gesehen haben, die 
menschliche Weltumgebung in verschiedene Gebiete. Da haben wir 
zunachst das leblose Weltgebiet, das wir in der gewohnlichen Sprache 
das mineralische Weltengebiet nennen. Diesem mineralischen Welten- 
gebiet, wir werden ihm als leblosem erst ahnlich, hinsichtlich dieses 
Leibes, wenn wir unseren Leib abgelegt haben, wenn wir durch die 
Pforte des Todes geschritten sind. Mit unserem eigentlichen Wesen wer- 
den wir ja gar nicht diesem Leblosen jemals ahnlich. Die abgelegte 
Leibesform wird diesem Leblosen ahnlich. Und so steht auf der einen 
Seite dasjenige, was der Mensch als physischen Leichnam im Reiche 

30 



des Leblosen zuriicklafit, und auf der anderen Seite das, was die weite, 
leblose, kristallisierte und unkristallisierte mineralische Natur und 
Welt ist. Dieser mineralischen Welt sind wir Menschen eigentlich, so 
lange wir auf Erden leben, ganz unahnlich, darauf habe ich ja schon 
aufmerksam gemacht. Wir werden sofort in unserer Form zerstort, 
wenn wir der mineralischen Welt iibergeben werden als Leichnam. Wir 
losen uns auf im Mineralischen, das heifit, dasjenige, was unsere Form 
zusammenhalt, hat eben mit dem Mineralischen nichts Gemeinsames. 
Und qWaus schon geht hervor, dafi der Mensch, so wie er in der phy- 
sischen Welt lebt, vom Mineralischen selbst aus eigentliche Einflusse 
gar nicht haben kann. 

Die hauptsachlichsten, die weitaus umfassendsten Einflusse, die der 
Mensch vom Mineralischen hat, die kommen auf dem Umwege durch 
die Sinne her. Wir sehen das Mineralische, wir horen das Mineralische, 
wir nehmen seine Warme wahr, kurz, wir nehmen durch die Sinne 
das Mineralische wahr. Unsere anderen Beziehungen zum Minera- 
lischen sind ja aufierordentlich gering. Bedenken Sie nur, wie wenig 
eigentlich Mineralisches zu uns im Erdenleben in eine Beziehung tritt. 
Das Salz, mit dem wir uns unsere Speisen salzen, das ist mineralisch, 
und einiges wenige noch, das wir mit den Nahrungsmitteln aufnehmen, 
ist mineralisch; aber der weitaus grofite Teil der Nahrungsmittel, die 
die Menschen aufnehmen, ist aus dem pflanzlichen, ist aus dem tie- 
rischen Reiche. Und was der Mensch aus dem mineralischen Reiche 
aufnimmt, das verhalt sich in einer ganz eigentiimlichen Weise zu dem, 
was er durch seine Sinne blofS als seelische Eindrucke, als Sinneswahr- 
nehmung vom Mineralischen empfangt. Und ich bitte Sie, dabei auf 
eines recht sehr zu achten, was wichtig ist - ich habe auch das schon 
ofters hier erwahnt: Das menschliche Gehirn ist ja durchschnittlich 
tausendfiinf hundert Gramm schwer. Es ist ein ziemliches Gewicht. Das 
wiirde so stark driicken, dafi die darunter befindlichen Gefafte durch 
dieses Gehirn ganz zerquetschtwurden, wenn es so stark driicken wiirde, 
wie es schwer ist. Es driickt nicht so stark, sondern es unterliegt einem 
bestimmten Gesetze. Dieses Gesetz, ich habe es sogar vor kurzem hier 
einmal geschildert, dieses Gesetz besagt, dafi, wenn wir einen Korper 
in eine Fliissigkeit hineingeben, er von seinem Gewichte verliert. 



Tafei3 Man kann das dadurch untersuchen, dafi, wenn man eine Waage 
hat, Sie zuerst sich das Gefafi mit Wasser wegdenken und diesen Kor- 
per wiegen: er hat ein gewisses Gewicht. Stellen Sie dann das Gefaft 
darunter, so dafi der Korper auf der Waagschale im Wassergefaft ein- 
getaucht ist: So fort ist die Waage nicht mehr im Gleichgewicht, der 
Waagebalken sinkt herunter, der Korper wird leichter. Wenn Sie dann 
untersuchen, um wieviel der Korper leichter wird, so stellt sich heraus, 
dafi er gerade um so viel leichter wird, als die Fliissigkeit schwer ist, 
die er verdrangt. Wenn Sie also als Fliissigkeit Wasser haben, so wird 
der Korper, ins Wasser eingesenkt, um so viel leichter, als das Gewicht 
des Wasserkorpers betragt, den er verdrangt. Das ist das sogenannte 
Archimedische Prinzip. Archimedes hat es, ich habe das auch schon 
einmal gesagt, im Bade gefunden. Er hat einfach sich ins Bad gesetzt 
und fand sein Bein leichter oder schwerer werden, je nachdem er es 
herausstreckte oder hineinnahm, und er rief: Ich hab es gefunden, 
heureka! 

Ja, meine lieben Freunde, es ist dies eine aufierordentlich wichtige 
Sache, nur werden wichtige Sachen manchmal vergessen. Und hatte 
die Ingenieurkunst dieses Archimedische Prinzip nicht vergessen, so 
ware wahrscheinlich eines der grofiten eiementaren Unglucke der letz- 
ten Zeit in Italien nicht passiert. Das sind eben die Dinge, die auch im 
aufieren Leben aus einem Unubersichtlichen des heutigen Wissens 
kommen. 

Aber jedenfalls, der Korper verliert so viel von seinem Gewichte, 
als das Gewicht der verdrangten Fliissigkeit betragt. Nun ist das Ge- 
hirn ganz im Gehirnwasser drinnen. Es schwimmt im Gehirnwasser. 
Man findet heute ab und zu uberhaupt schon diese Erkenntnis, dafi 
der Mensch im wesentlichen, sofern er fest ist, eigentlich ein Fisch ist. 
In Wirklichkeit ist der Mensch schon ein Fisch, denn er besteht ja zu 
neunzig Prozent aus einem Wasserkorper, und das Feste schwimmt 
darinnen wie der Fisch im Wasser. 
Tafel 3 Nun also, das Gehirn schwimmt im Gehirnwasser, wird so viel leich- 
ter, dafi es nur zwanzig Gramm wiegt. Das Gehirn, das eigentlich etwa 
tausendfiinfhundert Gramm wiegt, driickt nur mit zwanzig Gramm 
auf seine Unterlage. Nun denken Sie sich einmal, wie stark wir Men- 



schen, dadurch, dafi unser Gehirn im Gehirnwasser schwimmt, in ei- 
nem so wichtigen Organe die Tendenz haben, von der Erdenschwere 
frei zu werden. Wir denken ja mit einem Organ, das gar nicht der Er- 
denschwere unterliegt, sondern wir denken im Gegensatze zur Erden- 
schwere. Die Erdenschwere wird erst dem Organ abgenommen. 

Wenn Sie die ungeheuer weite Bedeutung der Eindriicke nehmen, 
die Sie durch die Sinne bekommen und denen Sie gegenuberstehen 
mit Ihrer Willkiir, und das vergleichen mit den geringen Einfliissen, 
die da kommen von Salz und ahnlichen als Nahrungsmittel oder als 
Zusatz von Nahrungsmitteln genommenen Stoffen, da bekommen Sie 
schon auch das Folgende heraus: Dasjenige, was aus dem Mineralreiche 
einen unmittelbaren Emflufl auf den Menschen hat, verhalt sich auch 
wie zwanzig Gramm zu tausendf unfhundert Gramm. So sehr iiberwiegt 
das, was wir an blofien Sinneseindriicken aufnehmen, wodurch wir un- 
abhangig sind von den Reizen; denn das zerreifit uns nicht. Und das- 
jenige in uns, das schon wirklich der Erdenschwere unterliegt wie die 
mineralischen Zusatze zu unseren Nahrungsmitteln, das sind zumeist 
auch noch solche Dinge, die uns innerlich konservieren; denn das Salz 
hat zu gleicher Zeit eine konservierende, eine erhaltende, eine erfri- 
schende Kraft. Der Mensch ist also im grofien unabhangig von dem, 
was die umliegende mineralische Welt ist. Er nimmt aus der minera- 
lischen Welt nur das in sich auf, was einen unmittelbaren Einflufi auf 
sein Wesen nicht hat. Er bewegt sich frei und unabhangig in der mine- 
ralischen Welt. 

Meine lieben Freunde, wenn diese Freiheit und Unabhangigkeit der 
Bewegung in der mineralischen Welt nicht da ware, dann gabe es iiber- 
haupt nicht das, was wir menschliche Freiheit nennen. Und sehr be- 
deutsam ist dieses, dafi wir sagen mussen: Die mineralische Welt ist 
eigentlich da als das notwendige Gegenstiick zu der menschlichen Frei- 
heit. - Gabe es keine mineralische Welt, wir waren eben nicht freie 
Wesen. Denn in dem Augenblicke, wo wir in die pflanzliche Welt her- 
auf kommen, sind wir nicht mehr unabhangig von der Pflanzenwelt; 
es scheint nur so, als ob wir unsere Augen ebenso auf die Pflanzen- 
welt hinausrichteten, wie wir unsere Augen hinausrichten auf die 
Kristalle, auf das weite Mineralreich, Das ist aber nicht der Fall. Da 



breitet sich die Pflanzenwelt aus. Und wir Menschen, wir werden in 
die Welt hereingeboren als Atmungswesen, als lebendige Wesen, als 
Wesen, die einen gewissen Stoffwechsel haben. Ja, das ist viel abhan- 
giger von der Umgebung als unsere Augen, unsere Ohren, als alles das, 
was die Sinneseindriicke vermittelt. Dasjenige, was Pflanzenwelt ist, 
die Weite der Pflanzenwelt, sie lebt aus dem von alien Seiten in die 
Erde hereinkraftenden Ather. Der Mensch unterliegt auch diesem 
Ather. 

Wenn wir als kleines Kind geboren werden und wachsen, wenn 
die Wachstumskrafte in uns geltend sind, so sind das die Atherkrafte. 
Dieselben Krafte, die die Pflanzen wachsen lassen, leben in uns als 
Atherkrafte. Wir tragen in uns den Atherleib; der physische Leib 
birgt unsere Augen, birgt unsere Ohren. Der physische Leib hat nichts 
gemeinschaftlich mit der iibrigen physischen Welt, wie ich eben aus- 
einandergesetzt habe, und das zeigt sich darin, dafi er als Leichnam 
in der physischen Welt zerfallt. 

Anders schon ist es mit unserem Atherleib. Mit unserem Atherleib 
ist es so, dafi wir durch ihn verwandt sind der Pflanzenwelt. Aber in- 
dem wir wachsen - bedenken Sie nur, meine lieben Freunde -, bildet 
sich in uns etwas aus, was schon in einem gewissen Sinne recht tief mit 
unserem Schicksal zusammenhangt. Wir konnen wachsen, indem wir - 
um groteske, radikale Beispiele zu nehmen - klein und dick bleiben 
oder grofi und schlank werden, wir konnen wachsen, indem wir diese 
oder jene Nasenform haben. Kurz, die Art und Weise, wie wir wach- 
sen, hat schon auf unser Aufieres einen gewissen Einfluft. Das hangt 
ja doch wiederum, wenn auch zunachst nur lose, mit unserem Schick- 
sal zusammen. Aber das Wachstum driickt sich ja nicht nur in diesen 
groben Dingen aus. Wiirden die Instrumente, welche die Menschen 
fur ihre Untersuchungen haben, fein genug sein, so wiirde man finden, 
dafi jeder Mensch eigentlich eine andere Leberzusammensetzung, eine 
andere Milzzusammensetzung, eine andere Gehirnzusammensetzung 
hat. Leber ist nicht einfach Leber. Bei jedem Menschen ist sie, natiir- 
lich in feinen Nuancen, etwas anderes. Das alles hangt zusammen mit 
denselben Kraften, welche die Pflanzen wachsen lassen. Und wir miis- 
sen immer hinschauen auf die Pflanzendecke der Erde, und indem wir 



auf die Pflanzendecke der Erde hinschauen, miissen wir uns bewufit 
werden: Dasjenige, was aus den Atherweiten herein die Pflanzen wach- 
sen lafit, das wirkt auch in uns, das bewirkt in uns die urspriingliche 
Menschenanlage, die sehr viel mit unserem Schicksal zu tun hat. Denn 
ob einer diese oder jene Leber- oder Lungenzusammensetzung oder Ge- 
hirnzusammensetzung aus der atherischen Welt heraus hat, das hangt 
tief mit seinem Schicksal zusammen. 

Der Mensch sieht allerdings von alien diesen Dingen nur die Aufien- 
seite. Freilich, wenn wir auf die mineralische Welt hinausschauen, dann 
sehen wir in der mineralischen Welt ungef ahr auch das, was da drinnen 
ist; deshalb haben heute die Menschen diese mineralische Welt wissen- 
schaftlich so gern - wenn man uberhaupt von einer wissenschaftlichen 
Liebhaberei heute sprechen kann weil sie alles enthalt, was die Leute 
finden wollen. 

Bei dem, was als Krafte das Pflanzenreich unterhalt, ist das schon 
nicht mehr der Fall. Denn in dem Augenblicke, wo man zu einer ima- 
ginativen Erkenntnis kommt - ich habe ja auch davon schon gespro- 
chen -, sieht man sogleich: die Miner alien, die sind so, dafi sie im mi- 
neralischen Reiche abgeschlossen sind. Dasjenige, was das Pflanzen- 
reich unterhalt, das erscheint aufierlich dem gewohnlichen Bewufit- 
sein gar nicht. Da mufi man tiefer hineingehen in die Welt. Und wenn 
wir uns die Frage vorlegen: Was wirkt denn eigentlich im Pflanzen- 
reiche, was wirkt da so, dafi aus den Atherweiten hereinkommen kon- 
nen die Krafte, welche die Pflanzen herausspriefien und sprossen ma- 
chen aus der Erde, welche aber auch in uns das Wachstum bewirken, 
die feinere Zusammensetzung unseres ganzen Leibes bewirken, was 
wirkt da? - Da kommen wir auf die Wesen der sogenannten dritten 
Hierarchie: Angeloi, Archangeloi, Archai. Die sind zunachst das Un- 
sichtbare, aber ohne sie gabe es nicht jenes Auf- und Abwogen der athe- 
rischen Krafte, welche die Pflanzen wachsen lassen, und welche in 
uns wirken, indem wir dieselben Krafte in uns tragen, welche das 
Pflanzenwachstum bewirken. Wir konnen nicht mehr, wenn wir eben 
nicht stumpf bleiben wollen fur die Erkenntnis, bei dem blofi Sicht- 
baren stehenbleiben, wenn wir an die Pflanzenwelt und ihre Krafte 
herantreten wollen. Und wir miissen uns schon bewufit werden: Zu 



diesen Wesenheiten, Angeloi, Archangeloi, Archai, entwickeln wir in 
leibfreiem Zustande zwischen dem Tod und einer neuen Geburt unsere 
Beziehungen, unsere Verhaltnisse. Und je nachdem wir diese Bezie- 
hungen und Verhaltnisse zu diesen Wesenheiten der dritten Hierarchie 
entwickeln, gestaltet sich unser inneres, ich mochte sagen, unser We- 
senheitskarma, dasjenige Karma, welches abhangt davon, wie unser 
Atherleib unsere Safte zusammensetzt, wie er uns grofi oder klein wer- 
den lafit und so weiter. 

Aber die Wesenheiten der dritten Hierarchie haben nur diese Macht. 
Daft die Pflanzen wachsen konnen, das rtihrt nicht von ihrer Macht 
allein her. In bezug darauf stehen diese Wesenheiten der dritten Hier- 
archie, Angeloi, Archangeloi und Archai, in dem Dienst hoherer We- 
senheiten. Jenes Auf- und Abwogen der Pflanzen-Wachstumskrafte 
im Weltenather, es wird zwar zunachst ausgefuhrt von diesen Wesen- 
heiten der dritten Hierarchie. Aber in bezug darauf stehen diese We- 
senheiten der dritten Hierarchie im Dienste hoherer Wesenheiten. 
Aber das, was wir durchleben, bevor wir heruntersteigen aus der 
geistigen Welt in unseren physischen Leib hinein, das, was mit un- 
serer feineren Zusammensetzung, mit allem dem zusammenhangt, was 
ich eben beschrieben habe, das wird bewirkt durch unsere wissent- 
liche Begegnung mit diesen Wesenheiten der dritten Hierarchie. Und 
mit der Anleitung, die wir von ihnen bekommen konnen, je nachdem 
wir in unserem vorigen Erdenleben vorbereitet sind, mit dieser Anlei- 
tung, unseren Atherleib aus den Atherweiten zu bilden, geschieht dies 
in der letzten Zeit, bevor wir heruntersteigen von dem iiberphysischen 
Dasein in das physische Dasein. 

So dafi also unser Blick zuerst auf dasjenige fallen raufi, was in unser 
Schicksal, in unser Karma hineinwirkt aus unserer inneren Beschaff en- 
heit heraus. Ich mochte sagen, wir diirfen fur diesen Teil des Karmas 
den Ausdruck Wohlbefinden gebrauchen, Wohlbefinden und Mifibe- 
hagen des Lebens. Wohlbehagen und Mifibehagen des Lebens hangen 
zusammen mit dem, was unsere innere Qualitat ist vermoge unseres 
Atherleibes. 

Ein zweites, das in unserem Karma lebt, hangt davon ab, dafi nicht 
nur das Pflanzenreich die Erde bevolkert, sondern auch das Tierreich. 



Nun bedenken Sie, meine lieben Freunde: die verschiedensten Gegen- 
den der Erde haben die verschiedensten Tiere. Es ist sozusagen die 
Tieratmosphare in den verschiedenen Gegenden der Erde verschieden. 

Aber Sie werden doch zugeben: der Mensch lebt ja auch in dieser 
Atmosphare, wo die Tiere leben. Das klingt heute grotesk, weil die 
Menschen eben nicht gewohnt sind, auf solche Dinge hinzuschauen. 
Aber es gibt zum Beispiel Gegenden, da lebt der Elefant. Ja, die Gegen- 
den, in denen der Elefant lebt, die sind eben solche, wo das Welten- 
all auf die Erde so herunterwirkt, daft das Elefantendasein entstehen 
kann. Ja, glauben Sie, meine lieben Freunde, wenn hier ein Stuck Erde 
ist, und hier auf diesem Stuck Erde der Elefant lebt, und aus dem 
Weltenall herein wirken die elefantenbildenden Krafte, daft diese sel- 
ben Krafte nicht da sind, wenn just an derselben Stelle ein Mensch ist? 
Die sind natiirlich auch da, wenn an derselben Stelle ein Mensch ist. 
Und so ist es doch mit der ganzen Tierheit. Gerade so, wie die pf lan- 
zenbildenden Krafte aus den Atherfernen da sind, wo wir leben - die 
Holzwande und auch Mauerwande und auch Beton halten das ja nicht 
fern, wir leben ja dennoch hier in Dornach in den Kraften, die eben 
in den Juraalpen die Pf lanzen bilden -, so lebt man, wenn man just auf 
dem Boden ist, wo ein Elefant sein kann nach der Erdenbeschaffen- 
heit, so lebt man eben auch als Mensch unter den elefantenbildenden 
Kraften. Ja, ich kann mir schon denken, daft gar manches nun in den 
Seelen lebt von groften und kleinen Tieren, die die Erde bevolkern, 
und von denen Sie nun aufmerksam darauf werden, daft ja der Mensch 
in derselben Atmosphare lebt! 

Das alles wirkt aber wirklich auf den Menschen. Natiirlich wirkt 
es anders auf den Menschen als auf die Tiere, weil der Mensch noch 
andere Qualitaten hat als die Tiere, noch andere Wesensglieder hat als 
die Tiere. Es wirkt anders auf die Menschen, sonst wiirde ja der Mensch 
in der Elefantensphare eben auch ein Elefant. Das wird er aber nicht. 
Aufterdem: der Mensch erhebt sich fortwahrend aus dem, was da auf 
ihn wirkt, aber er lebt in dieser Atmosphare. 

Sehen Sie, von diesem, in dem da der Mensch lebt, ist alles das ab- 
hangig, was in seinem Astralleibe ist. Und konnen wir davon sprechen, 
daft sein Wohlbehagen oder Miftbehagen von dem Pflanzenwesen der 



Erde abhangt, so hangen die Sympathien und Antipathien, die wir als 
Menschen innerhalb des Erdendaseins entwickeln, und die wir uns mit- 
bringen aus dem vorirdischen Dasein, ab von dem, was sozusagen die 
Tieratmosphare ausmacht. 

Der Elefant hat einen Riissel und dicke, saulenformige Beine, der 
Hirsch hat ein Geweih und so weiter; also da leben die tierbildenden, 
die tiergestaltenden Krafte. Im Menschen zeigen sich diese Krafte nur 
in der Wirkung auf seinen astralischen Leib. Und in dieser Wirkung 
auf seinen astralischen Leib erzeugen sie die Sympathien und Antipa- 
thien, die sich die einzelne menschliche Individuality mitbringt aus 
der geistigen Welt. 

Achten Sie nur, meine lieben Freunde, auf diese Sympathien und 
Antipathien. Achten Sie darauf, wie stark fuhrend durch das ganze 
Leben diese Sympathien und Antipathien sind. Gewift, wir Menschen 
werden mit Recht in einer gewissen Beziehung dazu erzogen, iiber die 
starken Sympathien und Antipathien hinauszuwachsen. Aber zunachst 
sind sie doch da, diese Sympathien und Antipathien. Zunachst durch- 
leben wir doch unser Leben in Sympathien und Antipathien. Der eine 
hat Sympathie fur dieses, der andere hat Sympathie fiir jenes. Der eine 
hat Sympathie fiir Bildhauerei, der andere fiir Musik, der eine hat 
Sympathie fiir blonde Menschen, der andere hat Sympathie fiir 
schwarze Menschen. Das sind starke, radikale Sympathien. Aber das 
ganze Leben ist durchsetzt von solchen Sympathien und Antipathien. 
Sie leben in Abhangigkeit von dem, was die mannigfaltigen Tierge- 
staltungen macht. 

Und fragen Sie einmal, meine lieben Freunde, was tragen wir als 
Menschen denn in uns, was in unserem eigenen Inneren den mannig- 
faltigen Tiergestalten entspricht, die draufien sind? Hundert-, tausend- 
fach sind diese Tiergestalten! Hundert-, tausenfach sind die Gestal- 
tungen unserer Sympathien und Antipathien, nur bleibt das meiste da- 
von im Unbewufiten oder Unterbewufiten. 

Das ist eine weitere, dritte Welt. 

Die erste Welt war die Welt, wo wir eigentlich keine Abhangigkeit 
spuren: die mineralische Welt. Die zweite Welt ist diejenige, in der 
Angeloi, Archangeloi, Archai leben, die die Pflanzenwelt aus sich her- 



vorspriefien lafit, die uns unsere innere Qualitat gibt, in der wir Wohl- 
behagen oder Mifibehagen ins Leben hineintragen, uns todungliicklich 
fiihlen durch uns selber oder gliicklich fiihlen durch uns selber. Es ist 
dasjenige aus dieser Welt entnommen, was unser Schicksal durch un- 
sere innere Zusammensetzung, durch unser ganzes atherisches Mensch- 
tum bedeutet. Jetzt kommen wir zu dem, was weiter unser Schicksal tief 
bedingt, unsere Sympathien und Antipathien. Und diese Sympathien 
und Antipathien, sie bringen uns schliefilich dasjenige, was in einem 
viel weiteren Umf ange zu unserem Schicksal gehort als blofi die Wachs- 
tumskrafte. 

Den einen tragen seine Sympathien und Antipathien in die weiten 
Fernen. Er lebt da und dort, weil inn seine Sympathien dahin getra- 
gen haben, und in dieser weiten Feme entwickeln sich dann die Einzel- 
heiten seines Schicksals. 

Tief verkettet mit unserem ganzen menschlichen Schicksal sind diese 
Sympathien und Antipathien. Sie leben in der Welt, in der jetzt nicht 
die dritte, sondern die zweite Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes 
leben. Dasjenige, was irdisches Abbild ist der hohen, herrlichen Ge- 
staltungen dieser zweiten Hierarchie, das lebt im Tierreich. Das aber, 
was diese Wesenheiten, wenn wir mit ihnen verkehren zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt, in uns verpf lanzen, das lebt in dem, was 
wir als die uns eingeborenen Sympathien und Antipathien aus der gei- 
stigen Welt mit hereintragen in die physische Welt. 

Wenn man diese Dinge durchschaut, dann werden wirklich solche 
Begriffe wie die der gewohnlichen Vererbung kindisch, richtig kin- 
disch. Denn damit ich irgendein vererbtes Merkmal von meinem Va- 
ter oder meiner Mutter an mir trage, muft ich ja erst die Sympathien 
oder Antipathien zu diesem Merkmal bei Vater und Mutter entwickeln. 
Es hangt also nicht davon ab, daf^ ich diese Eigenschaften ererbt habe 
blofi durch irgendeine leblose Naturkausalitat, sondern es hangt davon 
ab, ob ich Sympathie mit diesen Eigenschaften gehabt habe. 

Warum ich solche Sympathie zu diesen Eigenschaften gehabt habe, 
davon wird in den nachsten Stunden noch zu sprechen sein, die Aus- 
fiihrungen iiber das Karma werden uns ja viele Stunden in Anspruch 
nehmen. Aber wirklich, in der Weise von Vererbung zu sprechen, 



wie man gewohnlich davon heute gerade in der Wissenschaft spricht, 
die sich besonders gescheit diinkt, das ist kindisch. 

Es wird sogar heute behauptet, dafi sich spezifisch geistig-seelische 
Eigenschaften vererben. Genies sollen sich vererben von den Vorfah- 
ren, und man sucht, wenn irgendein Genie in der Welt auftritt, bei 
den Vorfahren die einzelnen Stucke zusammen, die dann dieses Genie 
geben sollen. Ja, das ist eine sonderbare Art der Beweisfuhrung. Eine 
Beweisfuhrung, die verminftig ware, ware die, dafi wenn ein Genie 
da ist, es wiederum ein Genie durch Vererbung erzeugen wiirde. Aber 
wenn man nach diesen Beweisen suchen wiirde - nun ja, Goethe hat 
auch einen Sohn gehabt, und andere Genies haben auch Sonne gehabt -, 
da wiirde man auf sonderbare Dinge kommen. Das ware aber ein Be- 
weis! Aber das, dafi ein Genie da ist und man gewisse Eigenschaften 
an diesem Genie von seinen Vorfahren findet, das steht auf keinem 
anderen Blatte, als daft, wenn ich ins Wasser falle und herausgezogen 
werde, ich naft bin. Deshalb habe ich mit dem Wasser, das dann von 
mir herunterpludert, in meiner Wesenheit nicht viel zu tun. Natiirlich, 
da ich hereingeboren werde in die Vererbungsstromung durch meine 
Sympathien mit den betreffenden Eigenschaften, trage ich diese ver- 
erbten Eigenschaften an mir, so wie ich das Wasser an mir trage, wenn 
ich ins Wasser falle und nafi herausgezogen werde. Aber grotesk kin- 
disch sind die Vorstellungen, die man in dieser Beziehung hat. Denn 
schon im vorirdischen Dasein des Menschen treten die Sympathien und 
Antipathien auf, und die geben ihm sein innerstes Gefuge. Mit denen 
tritt er dann ins irdische Dasein herein, mit denen zimmert er sich aus 
dem vorirdischen Dasein heraus sein Schicksal. 

Und wir konnen uns jetzt leicht vorstellen: Wir waren in einem 
friiheren Erdenleben mit einem Menschen zusammen; da hat sich man- 
ches ergeben im Zusammenleben. Das findet seine Fortsetzung in dem 
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da wird unter 
dem Einflufi der Krafte der hoheren Hierarchien dasjenige in den 
lebendigen Gedanken, in den lebendigen Weltenimpulsen ausgestal- 
tet, was dann aus den Erlebnissen der friiheren Erdenleben heraus 
in das nachste Erdenleben hinuberkommen soil, um weiter gelebt zu 
werden. 



Dazu gebraucht man, indem man die Impulse ausbildet, durch 
welche man sich im Leben findet, die Sympathien und Antipathien. 

Und diese Sympathien und Antipathien werden unter dem Einf lusse 
von Exusiai, Dynamis, Kyriotetes in dem Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt gebildet. Diese Sympathien und Antipathien 
lassen uns dann die Menschen im Leben finden, mit denen wir weiter 
zu leben haben nach Mafigabe der friiheren Erdenleben. Das gestaltet 
sich aus unserem inneren Menschengefuge heraus. 

Natiirlich kommen in diesem Erarbeiten der Sympathien und Anti- 
pathien die mannigfaltigsten Verirrungen vor; doch diese gleichen 
sich wiederum im Laufe des Schicksals durch die vielen Erdenleben 
hindurch aus. - Wir haben also hier ein zweites Bestandstiick unseres 
Schicksals, ein zweites Bestandstiick des Karmas: die Sympathien und 
Antipathien. 

Wir konnen sagen, erstes Bestandstiick des Karmas: Wohlbefinden, 
inneres Wohlbefinden oder Miftbehagen. Das zweite sind Sympathien 
und Antipathien (siehe Schema Seite 44). Wir sind heraufgestiegen in TafeM 
die Sphare, in der die Krafte fur die Bildung des tierischen Reiches 
liegen, indem wir zu den Sympathien und Antipathien im menschlichen 
Schicksal kommen. 

Nun steigen wir ins eigentliche Menschenreich herauf, Wir leben 
nicht nur mit der Pf lanzenwelt, mit der tierischen Welt zusammen, wir 
leben ja ganz besonders maftgeblich fur unser Schicksal mit anderen 
Menschen zusammen in der Welt. Das ist ein anderes Zusammenleben 
als das Zusammenleben mit Pflanzen, mit Tieren. Das ist ein Zusam- 
menleben, durch das eben gerade die Hauptsache unseres Schicksals ge- 
zimmert wird. Die Impulse, die da bewirken, daft die Erde auch be- 
volkert ist von Menschen, die wirken nur auf die Menschheit ein. Und 
es entsteht nun die Frage: Welche Impulse sind diese, die nur auf die 
Menschheit ein wirken? 

Wir konnen da eine rein aufierliche Betrachtung sprechen lassen, 
die ich schon ofter angestellt habe. 

Unser Leben wird ja wirklich, ich mochte sagen, von seiner ande- 
ren Seite her mit einer viel grofteren Weisheit gefuhrt, als wir es hier 
fiihren von dieser Seite her. Wir treffen oftmals im spateren Leben 



einen Menschen, der fur unser Leben aufierordentlich wichtig ist. Wenn 
wir zuruckdenken, wie wir bis dahin gelebt haben, wo wir diesen 
Menschen treffen, so erscheint uns - ich habe das schon ofters gesagt - 
das ganze Leben wie der Weg, um diesen Menschen zu treffen. Es ist, 
als wenn wir jeden Schritt dazu veranlagt hatten, dafi wir gerade im 
rechten Zeitpunkt diesen Menschen finden oder uberhaupt ihn finden 
in einem bestimmten Zeitpunkt. 

Man braucht nur einmal iiber das Folgende nachzudenken. Denken 
Sie sich einmal, was es bei volliger Menschenbesinnung bedeutet, in 
irgendeinem Lebensjahre einen bestimmten Menschen zu finden, von 
da ab mit ihm irgendwie Gemeinsames zu erleben, zu arbeiten, zu 
wirken. Bedenken Sie nur, was das bedeutet. Bedenken Sie, was bei 
voller Besinnung sich als der Impuls darstellt, der uns dazu gefuhrt 
hat. Vielleicht, wenn wir dariiber nachdenken, wie es kommt, dafi 
wir diesen Menschen gefunden haben, vielleicht fallt uns dann ein: 
Da mufite erst ein Ereignis von uns erlebt werden, das mit vielen an- 
deren Menschen zusammenhangt, sonst hatte sich gar keine Moglich- 
keit ergeben, diesen Menschen zu finden im Leben. Und damit dieses 
Ereignis eintrat, mufite wiederum ein anderes erlebt werden. Man 
kommt in komplizierte Zusammenhange hinein, die alle eintreten mu£- 
ten, in die wir uns hineinbegeben mufiten, um zu irgendeinem entschei- 
denden Erlebnis zu kommen. Und dann besinnt man sich vielleicht 
darauf : Wenn einem, ich will nicht sagen mit einem Jahre, aber nehmen 
wir an, mit vierzehn Jahren die Aufgabe gestellt worden ware, dieses 
Ratsel nun bewufit zu losen, wie man in seinem fiinfzigsten Lebens- 
jahre eine entscheidende Begegnung mit einem Menschen anstellen soil, 
wenn man sich vorstellt, dafi man das wie ein Rechenexempel bewufit 
hatte losen sollen - ich bitte Sie, was erfordert das alles! Wir Men- 
schen sind ja bewufit so furchtbar dumm, und das, was mit uns in der 
Welt geschieht, ist, wenn man solche Dinge in Betracht zieht, so un- 
endlich gescheit und weise. 

Da werden wir, wenn wir so etwas betrachten, eben hingewiesen 
auf das ungeheuer Verschlungene, Bedeutsame in unserem Schicksals- 
wirken, in unserem Karmawirken. Und das alles spielt sich im Reiche 
des Menschlichen ab. 



Nun bitte ich Sie zu bedenken: Es ist ja tatsachlich das, was sich 
da mit uns abspielt, im Unbewufiten liegend. Bis zu dem Momente, 
wo eben ein entscheidendes Ereignis an uns herantritt, liegt es im Un- 
bewuftten. Es spielt sich alles ab wie unter Naturgesetzen stehend. 
Aber wo hatten Naturgesetze je eine Macht, so etwas zu bewirken? 
Was auf diesem Gebiete geschieht, das kann ja aller Naturgesetzlich- 
keit und allem dem widersprechen, allem dem spotten, was wir den 
aufieren Naturgesetzen nach bilden. Auch darauf habe ich schon wie- 
derholt aufmerksam gemacht. Die Auflerlichkeiten des Menschenlebens 
konnen sogar in errechnete Gesetze eingespannt werden. 

Nehmen Sie das Lebensversicherungswesen. Das Lebensversiche- 
rungswesen kann nur dadurch gedeihen, dafi man die wahrscheinliche 
Lebensdauer irgendeines, sagen wir, neunzehn- oder funfundzwanzig- 
jahrigen Menschen berechnen kann. Wenn jemand sein Leben ver- 
sichern will, so wird die Police danach ausgestellt, wie grofi seine wahr- 
scheinliche Lebensdauer ist. Also man lebt nach diesen Berechnungen 
als heute neunzehnjahriger Mensch noch so und so lange. Das lalk sich 
bestimmen. Aber denken Sie sich, das sei abgelaufen: Sie werden sich da- 
durch nicht verpf lichtet f iihlen, zu sterben ! Zwei Menschen konnen nach 
dieser wahrscheinlichen Lebensdauer langst gestorben sein. Aber nach- 
dem sie nach dieser wahrscheinlichen Lebensdauer langst «gestorben» 
sind, finden sie sich erst in einer solchen Weise zusammen, wie ich es 
geschildert habe! Das alles geschieht ja jenseits dessen, was wir aus den 
aufierlichen Naturtatsachen heraus berechnen fur das Menschenleben. 
Und dennoch geschieht es mit innerer Notwendigkeit wie die Natur- 
tatsachen. Man kann nicht anders sagen, als: Mit derselben Notwen- 
digkeit, mit der irgendein Naturereignis, ein Erdbeben oder ein Vul- 
kanausbruch, oder was immer es ist, ein kleineres oder grofieres Natur- 
ereignis, eintritt, mit derselben Notwendigkeit begegnen sich zwei 
Menschen im Erdenleben nach den Lebenswegen, die sie eben genom- 
men haben. 

So dafi wir hier wirklich innerhalb des physischen Reiches ein neues 
Reich aufgerichtet sehen, und dieses Reich, wir leben darinnen, nicht 
nur in dem Wohlbehagen oder Mifibehagen, in den Sympathien und 
Antipathien, sondern wir leben darinnen als in unseren Ereignissen, 



Erlebnissen. Wir sind ganz einergossen in das Reich der Ereignisse, der 
Erlebnisse, die unser Leben schicksalsmaflig bestimmen. 

Archai, Archangeloi, Angeloi 1 . Bestandstiick des Karmas: 
Wohlbefinden, Wohlbehagen, Mifibehagen. 

Dynamis, Exusiai, Kyriotetes 2. Bestandstiick des Karmas: 
Sympathien, Antipathien. 

Seraphim, Cherubim, Throne 3. Bestandstiick des Karmas: 
Ereignisse, Erlebnisse. 

In diesem Reiche, da wirken die Wesenheiten der ersten Hierarchie, 
Seraphim, Cherubim und Throne. Denn um das, was da wirkt, um 
jeden menschlichen Schritt, jede Seelenregung, alles das, was in uns ist, 
so in der Welt zu ftihren, dafi die Schicksale der Menschen erwachsen, 
dazu gehort eine grofiere Macht als diejenige, die da wirkt im Pflan- 
zenreich, als diejenige, die da hat die Hierarchie der Angeloi, Archan- 
geloi, Archai, und die da hat die Hierarchie der Exusiai, Kyriotetes, 
Dynamis. Dazu gehort eine Macht, die der ersten Hierarchie - Sera- 
phim, Cherubim und Throne die den erhabensten Wesenheiten zu- 
kommt. Denn was sich da auslebt, das lebt in unserem eigentlichen Ich, 
in unserer Ich-Organisation, und lebt sich heriiber in ein Erdenleben 
von einem friiheren Erdenleben. 

Und nun bedenken Sie: Sie leben in einem Erdenleben, dies oder 
jenes bewirken Sie, meinetwillen aus Instinkten, Leidenschaften, Trie- 
ben oder aus gescheiten und dummen Gedanken heraus; das ist ja wirk- 
lich alles als Impulse vorhanden. Bedenken Sie, wenn Sie in einem Er- 
denleben leben, so fuhrt das, was Sie aus den Trieben heraus tun, zu 
dem oder jenem: es fuhrt zur Begltickung, zum Schaden eines anderen 
Menschen. Sie gehen dann durch das Leben zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt, Sie haben in diesem Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt das starke Bewufitsein: Habe ich einem Men- 
schen Schaden zugefugt, so bin ich unvollkommener, als wenn ich ihm 
diesen Schaden nicht zugefugt hatte; ich mufi diesen Schaden ausglei- 
chen. Es entsteht der Drang und der Trieb in Ihnen, diesen Schaden 



auszugleichen. Haben Sie einem Menschen irgend etwas zugefiigt, was 
zu seiner Forderung ist, dann schauen Sie das, was zur Forderung des 
Menschen ist, so an, dafi Sie sagen: Das mui5 die Grundlage abgeben 
fur die allgemeine Weltenforderung, das mufi zu weiteren Konsequen- 
zen in der Welt fuhren. 

Das alles konnen Sie innerlich entwickeln. Das alles kann Wohl- 
befinden oder Mifibehagen geben, je nachdem Sie die innere Wesen- 
heit Ihres Leibes darnach gestalten in dem Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt. Das alles kann Sie zu Sympathien und Anti- 
pathien fuhren, indem Sie Ihren astralischen Leib in der entsprechen- 
den Weise mit Hilfe der Wesenheiten, der Exusiai, Dynamis, Kyrio- 
tetes ausbilden. Aber alles das gibt Ihnen noch nicht die Macht, das, 
was in einem vorhergehenden Leben blofi menschliche Tatsache war, zur 
Weltenhandlung werden zu lassen. Sie haben einen Menschen gefor- 
dert oder Sie haben einem Menschen geschadet. Das mufi die Wirkung 
haben, dafi der Mensch Ihnen in einem nachsten Leben entgegen- 
tritt und Sie in seinem Entgegentreten den Impuls finden, das Aus- 
gleichende zu haben. Dasjenige, was blofi moralische Bedeutung hat, 
mufi eine auftere Tatsache werden, mufi aufieres Weltereignis werden. 

Dazu sind diejenigen Wesenheiten notwendig, die moralische Taten 
in Welttaten umwandeln, metamorphosieren. Das sind die Wesen- 
heiten der ersten Hierarchie, Seraphim, Cherubim und Throne. Die 
wandeln dasjenige, was von uns ausgeht in einem Erdenleben, in un- 
sere Erlebnisse der nachsten Erdenleben um. Die wirken in dem, was 
im Menschenleben Ereignis, Erlebnis ist. 

Da haben wir die drei Grundelemente unseres Karmas: Dasjenige, 
was unsere innere Zusammensetzung ist, unser inneres Menschensein, 
das unterliegt der dritten Hierarchie; was unsere Sympathien und 
Antipathien sind, was schon in einer gewissen Beziehung zu unserer 
Umgebung ist, das ist Angelegenheit der zweiten Hierarchie; dasjenige 
endlich, was uns als unser aufieres Leben entgegentritt, ist Angelegen- 
heit der ersten, der erhabensten Hierarchie Menschen ubergeordneter 
Wesen. 

So schauen wir hinein in den Zusammenhang, in dem der Mensch 
mit der Welt steht, und kommen nun zu den grofien Fragen: Wie ent- 



wickelt sich aus diesen drei Elementen des Menschen heraus alles das, 
was nun die Einzelheiten seines Schicksals sind? 

Der Mensch wird in ein Elternhaus hineingeboren. Der Mensch 
wird an einem gewissen Ort der Erde geboren. Er wird in ein Volk 
hineingeboren. Er wird hineingeboren in einen Tatsachenzusammen- 
hang. Aber alles das, was auftritt, indem der Mensch in ein Eltern- 
haus hineingeboren wird, indem der Mensch den Erziehern iibergeben 
wird, indem der Mensch in ein Volk hineingeboren wird, auf einen 
gewissen Fleck Erde versetzt wird bei seiner Geburt, alles das, was so 
tief schicksalsmaftig, trotz aller menschlichen Freiheit, in das mensch- 
liche Leben eingreift, alles das ist zuletzt in irgendeiner Weise abhan- 
gig von diesen drei Elementen, die das menschliche Schicksal zusam- 
mensetzen. 

Alle einzelnen Fragen werden sich uns in ihren Antworten ent- 
sprechend enthiillen, wenn wir diese Grundlage in rechter Weise ins 
Auge fassen. Fragen wir warum ein Mensch in seinem funfundzwan- 
zigsten Jahre die schwarzen Pocken bekommt, urn vielleicht durch 
die aufterste Lebensgefahr hindurchzuschreiten, fragen wir, wie sonst 
irgendeine Krankheit oder sonst ein Ereignis in sein Leben eingreifen 
kann, wie eingreifen kann in sein Leben die Forderung durch diese 
oder jene altere Personlichkeit, die Forderung durch dieses oder jenes 
Volk, die Forderung, dafi ihm dies oder jenes durch aufiere Ereignisse 
geschieht - iiberall werden wir zuriickgehen miissen auf das, was in 
dreifacher Weise das menschliche Schicksal zusammensetzt und was 
den Menschen hineinstellt in die Gesamtheit der Weltenhierarchien. 
Nur im Reiche der mineralischen Welt bewegt sich der Mensch frei. 
Da ist das Gebiet seiner Freiheit. 

Indem der Mensch darauf aufmerksam wird, lernt er auch in der 
richtigen Weise die Freiheitsfrage stellen. Lesen Sie nach in meiner 
«Philosophie der Freiheit», was fur einen grofien Wert ich darauf ge- 
legt habe, dafi nicht gefragt werde nach der Freiheit des Willens. Der 
sitzt unten, tief unten im Unbewufiten, und es ist ein Unsinn, nach der 
Freiheit des Willens zu fragen; sondern man kann nur von der Frei- 
heit der Gedanken sprechen. Ich habe das in meiner «Philosophie der 
Freiheit» wohl auseinandergehalten. Die f reien Gedanken miissen dann 



den Willen impulsieren, dann ist der Mensch frei. Aber mit seinen Ge- 
danken lebt der Mensch eben in der mineralischen Welt. Und mit 
allem iibrigen, mit dem er lebt in der pflanzlichen, in der tierischen, 
in der rein menschlichen Welt, unterliegt er dem Schicksal. Und die 
Freiheit ist etwas, wovon man eigentlich sagen kann: Der Mensch 
tritt aus den Reichen, die von den hoheren Hierarchien beherrscht 
werden, heraus in das Reich, das von den hoheren Hierarchien in einer 
gewissen Weise frei ist, in das mineralische Reich, um seinerseits frei 
zu werden. Es ist ja dasselbe Reich, dieses mineralische, dem der Mensch 
nur seinem Leichnam nach ahnlich wird, wenn er diesen Leichnam 
abgelegt hat, nachdem er durch die Pforte des Todes geschritten ist. 
Der Mensch ist unabhangig in seinem Erdenleben von demjenigen 
Reiche, das nur zu seiner Zerstorung wirken kann. Kein Wunder, 
dafi er in diesem Reiche frei ist, da ja dieses Reich an ihm keinen an- 
deren Anteil hat, als ihn zu zerstoren, wenn es ihn bekommt. Er gehort 
diesem Reiche gar nicht an. Der Mensch mufi erst sterben, damit er 
als Leichnam in dem Reiche ist, in dem er frei ist auch seiner Natur- 
erscheinung nach. So hangen die Dinge zusammen. 

Man wird immer alter, alter. Wenn nicht die anderen Zwischen- 
falle, die wir auch aus dem Karma heraus kennenlernen werden, ein- 
treten, wenn der Mensch als alter Mensch stirbt, wird er dem minera- 
lischen Reich als Leichnam ahnlich. Man kommt in die Sphare des 
Leblosen, indem man alter wird. Da sondert man seinen Leichnam 
ab. Der ist nicht mehr Mensch, ist naturlich nicht mehr Mensch. 
Schauen wir uns das mineralische Reich an: das ist nicht mehr Gott. 
Geradeso wie der Leichnam nicht mehr Mensch ist, so ist das Mineral- 
reich nicht mehr Gott. Was ist es denn? Die Gottheit ist im pflanz- 
lichen, im tierischen, im menschlichen Reiche. Da haben wir sie ge- 
funden in ihren drei Hierarchien. Im Mineralreich ist sie so wenig, wie 
der menschliche Leichnam Mensch ist. Das mineralische Reich ist der 
gottliche Leichnam. Allerdings, wir werden im weiteren Fortschritte 
der merkwurdigen Tatsache begegnen, auf die ich heute nur hinweisen 
will, dafi der Mensch alter wird, um Leichnam zu werden, und die 
Gotter werden jiinger, um Leichnam zu werden. Die Gotter machen 
namlich den anderen Weg durch, den wir nach unserem Tode durch- 



machen. Und das Mineralreich ist deshalb das jungste Reich. Aber 
es ist dennoch dasjenige, was von den Gottern abgesondert wird. Und 
weil es von den Gottern abgesondert wird, kann der Mensch darinnen 
als in dem Reiche seiner Freiheit leben. So hangen diese Dinge zusam- 
men. Und eigentlich lernt der Mensch sich immer heimischer und hei- 
mischer in der Welt fuhlen, indem er in dieser Weise seine Empfin- 
dungen, seine Gedanken, seine Gefuhle, seine Willensimpulse in das 
rechte Verhaltnis zur Welt setzen lernt. Aber nur so sieht man auch, 
wie man schicksalsmafiig hineingestellt wird in die Welt und in das 
Verhaltnis zu den anderen Menschen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 23. Februar 1924 



Wie es mit dem Karma steht, sieht man am besten ein, wenn man den 
anderen Impuls im Menschenleben dagegenstellt, jenen Impuls, den 
man mit dem Worte Freiheit bezeichnet. Legen wir zunachst einmal, 
ich mochte sagen, ganz im groben uns die Karmafrage vor. Was be- 
deutet sie? Wir haben im Menschenleben aufeinanderfolgende Erden- 
leben zu verzeichnen. Indem wir uns erfuhlen in einem bestimmten 
Erdenleben, konnen wir zunachst, wenigstens in Gedanken, zuriick- 
blicken darauf, wie dieses gegenwartige Erdenleben die Wiederholung 
ist von einer Anzahl vorangehender. Diesem Erdenleben ging ein an- 
deres, diesem wieder ein anderes voran, bis wir in diejenigen Zeiten 
zuriickkommen, in denen es unmoglich ist, in der Art, wie es in der 
gegenwartigen Erdenzeit der Fall ist, so von wiederholten Erdenleben 
zu sprechen, weil dann riickwartslaufend eine Zeit beginnt, wo all- 
mahlich das Leben zwischen der Geburt und dem Tode und das zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt einander so ahnlich werden, 
dafi jener gewaltige Unterschied, der heute besteht, nicht mehr da ist. 
Heute leben wir in unserem irdischen Leibe zwischen der Geburt und 
dem Tode so, dafi wir uns mit dem gewohnlichen Bewufitsein stark 
abgeschlossen fiihlen von der geistigen Welt. Die Menschen sprechen 
aus diesem gewohnlichen Bewufksein heraus von dieser geistigen Welt 
wie von einem Jenseitigen. Die Menschen kommen dazu, von dieser 
geistigen Welt so zu sprechen, als ob sie sie in Zweifel ziehen konnten, 
als ob sie sie ganz ableugnen konnten und so fort. 

Das alles kommt davon her, weil das Leben innerhalb des Erden- 
daseins den Menschen auf die aufiere Sinnenwelt und auf den Ver- 
stand beschrankt, der nicht hinaussieht auf das, was nun wirklich mit 
diesem Erdendasein zusammenhangt. Daher riihren allerlei Streitig- 
keiten, die eigentlich alle in einem Unbekannten wurzeln. Sie werden 
ja oftmals darinnen gestanden und erlebt haben, wie die Leute sich 
stritten: Monismus, Dualismus und so weiter. Es ist naturlich ein vol- 
liger Unsinn, iiber derlei Schlagworte zu streiten. Es beriihrt einen 



so, wenn in dieser Weise gestritten wird, als wenn, sagen wir, irgend- 
ein primitiver Mensch noch niemals etwas gehort hat davon, daft es 
eine Luft gibt. Es wird demjenigen, der da weiG, dafi es eine Luft 
gibt, und was die Luft fur Aufgaben hat, nicht einfallen, die Luft als 
etwas Jenseitiges anzusprechen. Es wird ihm auch nicht einfallen zu 
sagen: Ich bin ein Monist, Luft und Wasser und Erde sind eins; und 
du bist ein Dualist, weil du in der Luft noch etwas siehst, was iiber 
das Irdische und Wasserige hinausgeht. 

Alle diese Dinge sind eben einfach Unsinn, wie alles Streiten um 
Begriffe zumeist ein Unsinn ist. Also, es kann sich gar nicht darum 
handeln, gerade auf diese Dinge einzugehen, sondern es kann sich nur 
darum handeln, darauf aufmerksam zu machen. Denn geradeso wie 
fiir den, der noch keine Luft kennt, die Luft eben nicht da ist, sondern 
ein Jenseitiges ist, so ist fiir diejenigen, die noch nicht die geistige Welt 
kennen, die auch iiberall da ist geradeso wie die Luft, diese geistige 
Welt eine jenseitige; fiir den, der auf die Dinge eingeht, ist sie ein Dies- 
seitiges. Also es handelt sich darum, blofi anzuerkennen, dafi der 
Mensch in der heutigen Erdenzeit zwischen der Geburt und dem Tode 
so in seinem physischen Leibe, in seiner ganzen Organisation lebt, da!5 
ihm diese Organisation ein Bewufitsein gibt, durch das er in einem ge- 
wissen Sinne abgeschlossen ist von einer gewissen Welt von Ursachen, 
die aber als solche hereinwirkt in dieses physische Erdendasein. 

Dann lebt er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in einer 
anderen Welt, die man eine geistige gegeniiber unserer physischen Welt 
nennen kann, in der er nicht einen physischen Leib hat, der fiir Men- 
schensinne sichtbar gemacht werden kann, sondern in der er in einem 
geistigen Wesen lebt; und in diesem Leben zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt ist die Welt, die man durchlebt zwischen der Geburt 
und dem Tode, wiederum eine so fremde, wie jetzt die geistige Welt 
eine fremde ist fiir das gewohnliche Bewufitsein. 

Der Tote schaut herunter auf die physische Welt, so wie der Le- 
bende, das heilk der physisch Lebende, in die geistige Welt hinauf- 
schaut, und es sind nur die Gefiihle sozusagen die umgekehrten. Wah- 
rend der Mensch zwischen Geburt und Tod hier in der physischen 
Welt ein gewisses Aufschauen hat zu einer anderen Welt, die ihm Er- 



fullung gibt fur manches, was hier in dieser Welt entweder zu wenig 
ist oder ihm keine Befriedigung gewahrt, so mufi der Mensch zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt wegen der ungeheuren Fiille der Er- 
eignisse, deshalb, weil immer zuviel geschieht im Verhaltnis zu dem, 
was der Mensch ertragen kann, die fortdauernde Sehnsucht empfin- 
den, wiederum zuriickzukehren zum Erdenleben, zu dem, was dann 
fur ihn das jenseitige Leben ist, und er erwartet mit grower Sehnsucht 
in der zweiten Halfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt den Durchgang durch die Geburt in das Erdendasein. So wie er 
sich im Erdendasein fiirchtet vor dem Tode, weil er in Ungewifiheit 
ist uber das, was nach dem Tode ist - es herrscht ja im Erdendasein 
eine grofie Ungewifiheit fur das gewohnliche Bewuiksein -, so herrscht 
in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt tiber das 
Erdenleben eine iibergrofie Gewifiheit, eine Gewiftheit, die betaubt, eine 
Gewifiheit, die geradezu ohnmachtig macht. So dafi der Mensch ohn- 
machts-traumahnliche Zustande hat, die ihm die Sehnsucht eingeben, 
wiederum zur Erde herunterzukommen. 

Das sind nur einige Andeutungen liber die grofie Verschiedenheit, 
die zwischen dem Erdenleben und dem Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt herrscht. Aber wenn wir nun zuriickgehen, sagen 
wir selbst nur in die agyptische Zeit, vom 3. bis ins 1 . Jahrtausend vor 
der Begriindung des Christentums, wir gehen ja zuriick zu denjenigen 
Menschen, die wir selber in einem friiheren Erdenleben waren, wenn 
wir in diese Zeit zuriickgehen, da war das Leben wahrend des Erden- 
daseins gegeniiber unserem jetzigen so brutal klaren Bewufksein - und 
gegenwartig haben ja die Menschen ein brutal klares Bewufitsein, sie 
sind alle so gescheit, die Menschen, ich meine das gar nicht ironisch, 
sie sind wirklich alle sehr gescheit, die Menschen -, gegeniiber diesem 
brutal klaren Bewufitsein war das Bewufitsein der Menschen in der 
alten agyptischen Zeit ein mehr traumhaftes, ein solches, das nicht 
sich stiefi in derselben Weise wie heute an den aufieren Gegenstanden, 
das mehr durch die Welt durchging, ohne sich zu stofien, dafiir aber 
erfiillt war von Bildern, die zu gleicher Zeit etwas vom Geistigen 
verrieten, das in unserer Umgebung ist. Das Geistige ragte noch herein 
ins physische Erdendasein. 



Sagen Sie nicht: Wie soli der Mensch, wenn er ein solches mehr 
traumhaftes, nicht brutal klares Bewulksein hat, die starken Arbeiten 
haben verrichten konnen, die zum Beispiel wahrend der agyptischen 
oder chaldaischen Zeit verrichtet worden sind? Da brauchen Sie sich 
ja nur daran zu erinnern, daft bisweilen Verriickte gerade in gewissen 
Irrsinnszustanden ein ungeheures Wachstum ihrer physischen Krafte 
haben und anfangen, Dinge zu tragen, die sie mit vollem klarem Be- 
wufttsein nicht tragen konnen. Es war in der Tat auch die physische 
Starke dieser Menschen, die vielleicht aufterlich sogar schmachtiger 
waren als die heutigen Menschen - aber es ist ja nicht immer der Dicke 
stark und der Dunne schwach -, es war auch die physische Starke der 
Menschen entsprechend grofter. Nur verwendeten sie dieses Dasein 
nicht so, daft sie alles einzelne, was sie physisch taten, beobachteten, 
sondern parallel gingen diesen physischen Taten die Erlebnisse, in die 
noch die geistige Welt hereinragte. 

Und wiederum, wenn diese Menschen in dem Leben zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt waren, da kam viel mehr von diesem 
irdischen Leben in jenes Leben hinauf, wenn ich mich des Ausdruckes 
«hinauf» bedienen darf. Heute ist es mit den Menschen, die sich im 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden, aufter- 
ordentlich schwer, sich zu verstandigen, denn die Sprachen schon 
haben allmahlich eine Gestalt angenommen, die von den Toten nicht 
mehr verstanden wird. Unsere Substantiva zum Beispiel bedeuten in 
der Auffassung der Toten vom Irdischen bald nach dem Tode abso- 
lute Liicken. Sie verstehen nur noch die Verben, die Zeitworter, das 
Bewegte, das Tatige. Und wahrend wir hier auf der Erde immerfort 
von den materialistisch gesinnten Leuten aufmerksam gemacht wer- 
den, es solle alles ordentlich definiert werden, man solle jeden Begriff 
scharf definierend begrenzen, kennt der Tote uberhaupt keine Defini- 
tionen mehr; denn er kennt nur dasjenige, was in Bewegung ist, nicht 
das, was Konturen hat und begrenzt ist. 

Aber in alteren Zeiten war eben auch dasjenige, was auf der Erde 
als Sprache lebte, was als Denkgebrauch, als Denkgewohnheit lebte, 
noch so, daft es hinaufragte in das Leben zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, so daft der Tote noch lange nach seinem Tode einen 



Nachklang hatte von demjenigen, was er hier auf der Erde erlebt 
hatte, und auch von dem, was nach seinem Tode noch auf der Erde 
vorging. 

Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, in die Zeit nach der atlan- 
tischen Katastrophe, ins 8., 9. Jahrtausend vor der christlichen Zeit- 
rechnung, dann werden die Unterschiede noch geringer zwischen dem 
Leben auf der Erde und dem Leben - wenn wir so sagen diirfen - im 
Jenseits. Und dann kommen wir allmahlich zuriick in diejenigen Zei- 
ten, wo die beiden Leben einander ganz ahnlich sind. Dann kann man 
nicht mehr sprechen von wiederholten Erdenleben. 

Also die wiederholten Erdenleben haben ihre Grenze, wenn man 
nach ruckwarts schaut. Ebenso werden sie eine Grenze haben, wenn 
man nach vorwarts in die Zukunft schaut. Denn das, was ganz be- 
wufk mit Anthroposophie beginnt, dafi in das gewohnliche Bewuftt- 
sein hereinragen soli die geistige Welt, das wird zur Folge haben, dafi 
auch wiederum in die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt, diese Erdenwelt mehr hineinragt, aber trotzdem 
das Bewufitsein nicht traumhaft, sondern klarer werden wird, immer 
klarer und klarer werden wird. Der Unterschied wird wiederum gerin- 
ger werden. So dafi man dieses Leben in den wiederholten Erdenleben be- 
grenzt hat zwischen den aufieren Grenzen, die dann in ein ganz anders- 
geartetes Dasein des Menschen hineinfiihren, wo es keinen Sinn hat, 
von den wiederholten Erdenleben zu sprechen, well eben die Differenz 
zwischen dem Erdenleben und dem geistigen Leben nicht so grofi ist, 
wie sie jetzt ist. 

Wenn man aber nun einmal fur die weite Gegenwart der Erdenzeit 
annimmt, hinter diesem Erdenleben liegen viele andere - man darf 
gar nicht sagen unzahlige andere, denn sie lassen sich bei einer genauen 
geisteswissenschaftlichen Untersuchung sogar zahlen -, dann haben 
wir in diesen friiheren Erdenleben bestimmte Erlebnisse gehabt, welche 
Verhaltnisse von Mensch zu Mensch darstellten. Und die Wirkungen 
dieser Verhaltnisse von Mensch zu Mensch, die sich damals eben in dem 
auslebten, was man durchmachte, die stehen in diesem Erdenleben 
geradeso da, wie die Wirkungen dessen, was wir in diesem jetzigen 
Erdenleben verrichten, sich hineinerstrecken in die nachsten Erden- 



leben. Wir haben also die Ursachen fiir vieles, was jetzt in unser Leben 
tritt, in friiheren Erdenleben zu suchen. Da wird sich der Mensch 
leicht sagen: Also ist dasjenige, was er jetzt erlebt, bedingt, verursacht. 
Wie kann er dann ein freier Mensch sein? 

Nun, die Frage ist schon, wenn man sie so betrachtet, eine ziemlich 
bedeutsame; denn alle geistige Beobachtung zeigt eben, daft in dieser 
Weise das folgende Erdenleben durch die friiheren bedingt ist. Auf 
der anderen Seite ist das Bewufttsein der Freiheit ganz unbedingt da. 
Und wenn Sie meine «Philosophie der Freiheit» lesen, so werden Sie 
sehen, daft man den Menschen gar nicht verstehen kann, wenn man 
nicht sich klar dariiber ist, daft sein ganzes Seelenleben hintendiert, 
hingerichtet ist, hinorientiert ist auf die Freiheit, aber auf eine Frei- 
heit, die man eben richtig zu verstehen hat. 

Nun werden Sie gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» eine 
Idee der Freiheit finden, die aufzufassen im rechten Sinne aufterordent- 
lich wichtig ist. Es handelt sich dabei darum, daft man die Freiheit 
entwickelt hat zunachst im Gedanken. Im Gedanken geht der Quell 
der Freiheit auf. Der Mensch hat einfach ein unmittelbares Bewuftt- 
sein davon, daft er im Gedanken ein freies Wesen ist. 

Sie konnen sagen: Aber es gibt doch viele Menschen heute, welche 
die Freiheit bezweifeln. - Das ist nur ein Beweis dafur, daft heute der 
theoretische Fanatismus der Menschen grofter ist als das, was der 
Mensch unmittelbar in der Wirklichkeit erlebt. Der Mensch glaubt ja 
nicht mehr an seine Erlebnisse, weil er vollgepfropft ist mit theo- 
retischen Anschauungen. Der Mensch bildet sich heute aus der Be- 
obachtung der Naturvorgange die Idee: Alles ist notwendig bedingt, 
jede Wirkung hat eine Ursache, alles, was da ist, hat seine Ursache. 
Also, wenn ich einen Gedanken fasse, hat das auch eine Ursache. An 
die wiederholten Erdenleben denkt man gar nicht gleich, sondern 
man denkt daran, daft dasjenige, was aus einem Gedanken hervor- 
quillt, ebenso verursacht ist wie das, was aus einer Maschine hervor- 
geht. 

Durch diese Theorie von der allgemeinen Kausalitat, wie man es 
nennt, von der allgemeinen Verursachung, durch diese Theorie macht 
sich der Mensch heute vielfach blind dagegen, daft er deutlich in sich 



das Bewufitsein der Freiheit tragt. Die Freiheit ist erne Tatsache, die 
erlebt wird, sobald man nur wirklich zur Selbstbesinnung kommt. 

Nun gibt es auch Menschen, die da der Anschauung sind, dafl nun 
einmal das Nervensystem eben ein Nervensystem ist und aus sich die 
Gedanken herauszaubert. Dann waren die Gedanken natiirlich gerade 
so, sagen wir, wie die Flamme, die unter dem Einf lusse des Brennstof fes 
brenntj notwendige Ergebnisse, und von Freiheit konnte nicht die 
Rede sein. 

Aber diese Menschen widersprechen sich ja, indem sie iiberhaupt 
reden. Ich habe schon ofters hier erzahlt: Ich hatte einen Jugendfreund, 
der in einer gewissen Zeit einen Fanatismus hatte, dahingehend, recht 
materialistisch zu denken, und so sagte er auch: Wenn ich gehe, zum 
Beispiel, da sind es meine Gehirnnerven, die von gewissen Ursachen 
durchzogen sind, die bringen die Wirkung des Gehens hervor. - Das 
konnte unter Umstanden eine lange Debatte abgeben mit diesem Ju- 
gendfreund. Ich sagte ihm zuletzt einmal: Ja, aber sieh einmal, du 
sagst doch, ich gehe. Warum sagst du denn nicht: mein Gehirn geht? 
Wenn du wirklich an deine Theorie glaubst, so mufit du niemals sagen: 
Ich gehe, ich greife, sondern: Mein Gehirn greift, mein Gehirn geht. 
Also, warum liigst du denn? 

Das sind mehr die Theoretiker. Es gibt nun auch Praktiker. Wenn 
sie irgendeinen Unfug an sich bemerken, den sie nicht abstellen wol- 
len, dann sagen sie: Ja, das kann ich nicht abstellen, das ist nun einmal 
so meine Natur. Es kommt von selber, ich bin machtlos dagegen. - 
Solche Menschen gibt es viele. Sie berufen sich auf die unabanderliche 
Verursachung ihres Wesens. Sie werden nur meistens unkonsequent, 
wenn sie einmal etwas zur Schau tragen, was sie haben mochten an 
sich, wofur sie keine Entschuldigung brauchen, sondern wofur sie eine 
Belobigung wunschen; dann gehen sie ab von dieser Anschauung. 

Die Grundtatsache des freien Menschenwesens, die ist eben eine 
solche Tatsache, sie kann unmittelbar erlebt werden. Nun ist schon 
im gewohnlichen Erdenleben die Sache so, daft wir vielerlei Dinge 
tun, in voller Freiheit tun, und eigentlich sie wiederum so liegen, diese 
Dinge, dafi wir sie nicht gut ungetan sein lassen konnen. Trotzdem 
fiihlen wir unsere Freiheit dadurch nicht beeintrachtigt. 



Nehmen Sie einmal an, Sie fassen jetzt den Beschlufi, sich ein Haus 
zu bauen. Das Haus braucht, urn erbaut zu werden, meinetwillen ein 
Jahr. Sie werden nach einem Jahre drinnen wohnen. Werden Sie Ihre 
Freiheit dadurch beeintrachtigt fiihlen, dafi Sie sich dann sagen miis- 
sen: Jetzt ist das Haus da, ich mufi da herein, ich mufi da drinnen 
wohnen - das ist doch Zwang! - Sie werden Ihre Freiheit nicht beein- 
trachtigt fiihlen dadurch, daft Sie sich ein Haus gebaut haben. 

Diese zwei Dinge bestehen durchaus nebeneinander auch schon im 
gewohnlichen Leben: dafi man sozusagen sich fur etwas engagiert hat, 
was dann Tatsache geworden ist im Leben, mit dem man rechnen mufi. 

Nehmen Sie nun alles das, was aus friiheren Erdenleben stammt, 
alles das, womit Sie eben rechnen miissen, weil es ja von Ihnen her- 
riihrt, geradeso wie der Hausbau von Ihnen herruhrt, dann werden Sie 
dadurch, dafi Ihr gegenwartiges Erdenleben von friiheren Erdenleben 
her bestimmt ist, keine Beeintrachtigung Ihrer Freiheit empfinden. 

Nun konnen Sie sagen: Ja, gut, ich baue mir ein Haus, aber ich 
will doch ein freier Mensch bleiben, ich will mich dadurch nicht zwin- 
gen lassen. Ich werde, wenn es mir nicht gefallt, nach einem Jahre eben 
nicht in dieses Haus einziehen, werde es verkaufen. - Schon! Man 
konnte dariiber auch seine Ansicht haben, man konnte die Ansicht 
haben, dafi Sie nicht recht wissen, was Sie eigentlich wollen im Leben, 
wenn Sie das tun. Gewifi, diese Ansicht konnte man auch haben; aber 
sehen wir ab von dieser Ansicht. Sehen wir ab davon, dafi jemand ein 
Fanatiker der Freiheit ist und sich fortwahrend Dinge vornimmt, die 
er dann aus Freiheit unterlafit. Man konnte dann sagen: Der Mann 
hat nicht einmal die Freiheit, auf dasjenige einzugehen, was er sich 
vorgenommen hat. Er steht unter dem fortwahrenden Stachel, frei 
sein zu wollen, und wird geradezu gehetzt von diesem Freiheitsfana- 
tismus. 

Es handelt sich wirklich darum, dafi diese Dinge nicht starr theo- 
retisch gefafit werden, sondern dafi sie lebensvoll gefafit werden. Und 
gehen wir jetzt, ich mochte sagen, zu einem komplizierteren Begriffe 
liber. Wenn wir dem Menschen Freiheit zuschreiben, so miissen wir 
ja den anderen Wesen, die nicht beeintrachtigt sind in ihrer Freiheit 
durch die Schranken der Menschennatur - wenn wir zu den Wesen 



hinaufgehen, die den hoheren Hierarchien angehoren, so sind die ja 
nicht beeintrachtigt durch die Schranken der Menschennatur -, da 
miissen wir die Freiheit bei ihnen sogar in einem hoheren Grade suchen. 
Nun konnte jemand eine eigentumliche theologische Theorie aufstel- 
len, konnte sagen: Aber Gott mufi doch frei sein! Und doch hat er ja 
die Welt in einer gewissen Weise eingerichtet. Dadurch ist er aber doch 
engagiert, er kann doch nicht jeden Tag die Weltordnung andern; 
also ware er doch unfrei. 

Sehen Sie, wenn Sie in dieser Weise die innere karmische Notwen- 
digkeit und die Freiheit, die eine Tatsache unseres Bewufttseins ist, die 
einfach ein Ergebnis der Selbstbeobachtung ist, gegeneinanderstellen, 
so kommen Sie aus einem fortwahrenden Zirkel gar nicht heraus. Auf 
diese Weise kommen sie aus einem Zirkel gar nicht heraus. Denn die 
Sache ist diese: Nehmen Sie einmal - ich will das Beispiel zwar nicht 
tottreten, aber es kann uns doch noch auf die weitere Fahrte fiihren -, 
nehmen Sie noch einmal das Beispiel vom Hausbau. Also jemand baut 
sich ein Haus. Ich will nicht sagen, ich baue mir ein Haus - ich werde 
mir wahrscheinlich niemals eins bauen aber sagen wir, jemand baut 
sich ein Haus. Nun, durch diesen Entschlufl bestimmt er in einer be- 
stimmten Weise seine Zukunft. Nun bleibt ihm fur diese Zukunft, wenn 
das Haus fertig ist und er mit seinem friiheren Entschluft rechnet, fur 
das Drinnenwohnen scheinbar keine Freiheit. Er hat sie sich freilich 
selber beschrankt, diese Freiheit; aber es bleibt ihm scheinbar keine 
Freiheit. 

Aber denken Sie, fur wievieles Ihnen dann noch innerhalb dieses 
Hauses doch Freiheit bleibt! Es steht Ihnen sogar frei, darinnen dumm 
oder gescheit zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen mit Ihren Mit- 
menschen ekelhaft oder liebevoll zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen 
friih oder spat aufzustehen. Vielleicht hat man dafur andere Notwen- 
digkeiten, aber jedenf alls steht es Ihnen in bezug auf den Hausbau frei, 
friih oder spat aufzustehen. Es steht Ihnen frei, darinnen Anthropo- 
soph oder Materialist zu sein. Kurz, es gibt unzahlige Dinge, die Ihnen 
dann noch immer freistehen. 

Geradeso gibt es im einzelnen Menschenleben, trotzdem die kar- 
mische Notwendigkeit vorliegt, unzahlige Dinge, viel mehr als in ei- 



nem Haus, unzahlige Dinge, die einem freistehen, die wirklich ganz 
im Bereiche der Freiheit liegen. 

Nun werden Sie vielleicht weiter sagen konnen: Gut, dann haben 
wir also im Leben einen gewissen Bereich von Freiheit. Den will ich 
hier in der Zeichnung hell machen, weil ihn die Menschen gern haben, 
und ringsherum die karmische Notwendigkeit (siehe Zeichnung, rot). - 
Ja, die ist nun auch da! Also ein gewisser eingeschlossener Bereich von 
Freiheit, ringsherum die karmische Notwendigkeit. 



Nun, dieses anschauend, konnen Sie folgendes geltend machen, Sie 
konnen sagen: Nun ja, jetzt bin ich in einem gewissen Bezirke frei; 
aber nun komme ich an die Grenze meiner Freiheit. Da empfinde ich 
uberall die karmische Notwendigkeit. Ich gehe in meinem Freiheits- 
zimmer herum, aber uberall an den Grenzen komme ich an meine kar- 
mische Notwendigkeit und empfinde diese karmische Notwendigkeit. 

Ja, meine lieben Freunde, wenn der Fisch ebenso dachte, so ware 
er hochst unglucklich im Wasser, denn er kommt, wenn er im Wasser 
schwimmt, an die Grenze des Wassers. Aufierhalb dieses Wassers kann 
er nicht mehr leben. Daher unterlafit er es, aufierhalb des Wassers zu 
gehen. Er geht gar nicht aufierhalb des Wassers. Er bleibt im Wasser, 
er schwimmt im Wasser herum und lafit das andere, was aufier dem 
Wasser ist, Luft sein, oder was es eben ist. Und aus dem Grunde, weil 



Tafel 5 




der Fisch das tut, kann ich Ihnen die Versicherung abgeben, daft der 
Fisch gar nicht ungliicklich ist dariiber, daft er nicht mit Lungen atmen 
kann. Er kommt gar nicht darauf, ungliicklich zu sein. Wenn aber der 
Fisch darauf kommen sollte, ungliicklich zu sein dariiber, daft er nur 
mit Kiemen atmet und nicht mit Lungen atmet, da miiftte er Lungen 
in der Reserve haben, und da miiftte er vergleichen, wie es ist, unter 
dem Wasser zu leben und in der Luft zu leben. Und dann ware die 
ganze Art, wie der Fisch sich innerlich fiihlt, anders. Es ware alles 
anders. 

Wenden wir den Vergleich auf das Menschenleben in bezug auf 
Freiheit und karmische Notwendigkeit an, dann ist das so, daft ja 
zunachst der Mensch in der gegenwartigen Erdenzeit das gewohnliche 
Bewufttsein hat. Mit diesem gewohnlichen Bewufitsein lebt er im Be- 
zirk der Freiheit, so wie der Fisch im Wasser lebt, und er kommt gar 
nicht mit diesem Bewufttsein in das Reich der karmischen Notwendig- 
keit herein. Erst wenn der Mensch anfangt, die geistige Welt wirklich 
wahrzunehmen - was so ware, wie wenn der Fisch Lungen in Reserve 
hatte -, und erst dann, wenn der Mensch wirklich in die geistige Welt 
sich einlebt, dann bekommt er eine Anschauung von den Impulsen, die 
als karmische Notwendigkeit in ihm leben. Und dann schaut er in seine 
friiheren Erdenleben zuriick und empfindet nicht, sagt nicht, indem 
er aus dem friiheren Erdenleben heriiber die Ursachen fur gegenwartige 
Erlebnisse hat: Ich bin jetzt unter dem Zwang einer eisernen Notwen- 
digkeit und meine Freiheit ist beeintrachtigt -, sondern er schaut zu- 
riick, wie er selber sich dasjenige, was jetzt vorliegt, zusammengezim- 
mert hat, so wie einer, der sich ein Haus gebaut hat, auf den Entschluft 
zuriickschaut, der zum Bau dieses Hauses gefiihrt hat. Und dann findet 
man es gewohnlich gescheiter, zu fragen: War dazumal das ein ver- 
niinftiger Entschluft, das Haus zu bauen, oder ein unvernUnftiger? - 
Nun, da kann man natiirlich allerlei Ansichten spater dariiber gewin- 
nen, wenn sich die Dinge herausstellen, gewift; aber man kann hoch- 
stens, wenn man findet, daft es eine riesenhafte Torheit war, sich das 
Haus zu bauen, man kann hochstens sagen, daft man toricht gewesen ist. 

Nun, im Erdenleben, da ist das so eine Sache, wenn man sich in 
bezug auf irgendein Ding, das man inauguriert hat, sagen mufi, es 



war toricht. Man hat das nicht gern. Man leidet nicht gern unter seinen 
Torheiten. Man mochte, dafi man den Entschlufl nicht gefafit hatte. 
Aber das bezieht sich namlich auch nur auf das eine Erdenleben, weil 
namlich zwischen der Torheit des Entschlusses und der Strafe, die man 
dafiir hat, indem man die Konsequenzen dieser Torheit erleben mufi, 
das gleichartige Erdenleben dazwischen ist. Es bleibt immer so. 

So ist es aber nicht zwischen den einzelnen Erdenleben. Da sind 
immer dazwischen die Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt, und diese Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die 
andern manches, was sich nicht andern wiirde, wenn das Erdenleben 
sich in gleichartiger Weise fortsetzte. Nehmen Sie nur an, Sie schauen 
zuriick in ein friiheres Erdenleben. Da haben Sie irgendeinem Men- 
schen Gutes oder Boses angetan. Das Leben zwischen dem Tod und ei- 
ner neuen Geburt war zwischen diesem vorigen Erdenleben und dem 
jetzigen Erdenleben. In diesem Leben, in diesem geistigen Leben kon- 
nen Sie gar nicht anders denken als: Sie sind unvollkommen geworden 
dadurch, dafi Sie einem Menschen irgend etwas Boses zugefugt haben. 
Das nimmt etwas weg von Ihrem Menschenwert, das macht Sie seelisch 
verkriippelt. Sie miissen die Verkriippelung wiederum ausbessern, und 
Sie fassen den Entschlufi, im neuen Erdenleben dasjenige zu erringen, 
was den Fehler ausbessert. Sie nehmen zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt dasjenige, was den Fehler ausgleicht, durch Ihren eige- 
nen Willen auf. Haben Sie einem Menschen etwas Gutes zugefugt, dann 
wissen Sie, daft das ganze menschliche Erdenleben - das sieht man 
insbesondere in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt -, dafi das ganze Erdenleben fur die gesamte Menschheit da ist. 
Und dann kommen Sie darauf, dafi, wenn Sie einen Menschen ge- 
fordert haben, er in der Tat ja dadurch gewisse Dinge errungen hat, 
die er ohne Sie nicht errungen hatte in einem friiheren Erdenleben. 
Aber Sie fiihlen sich dadurch wiederum in dem Leben zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt mit ihm vereinigt, um dasjenige, was Sie 
mit ihm zusammen in bezug auf menschliche Vollkommenheit erreicht 
haben, nun weiter auszuleben. Sie suchen ihn wieder auf im neuen 
Erdenleben, um gerade durch die Art und Weise, wie Sie ihn vervoll- 
kommnet haben, weiter zu wirken im neuen Erdenleben. 



Also es handelt sich gar nicht darum, dafi man etwa, wenn man 
nun den Bezirk der karmischen Notwendigkeiten ringsherum durch 
eine wirkliche Einsicht in die geistige Welt wahrnimmt, diese Notwen- 
digkeiten verabscheuen konnte, sondern es handelt sich darum, daft 
man dann zuriicksieht auf diese Notwendigkeiten, wie die Dinge wa- 
ren, die man da selber verrichtet hat, und sie so anschaut, dafi man 
sich sagt: Es mufi dasjenige geschehen - aus voller Freiheit auch mufke 
das geschehen -, was aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschieht. 

Man wird eben niemals den Fall erleben, dafi man bei einer wirk- 
lichen Einsicht in das Karma mit diesem Karma nicht einverstanden 
ist. Wenn sich im Karma Dinge ergeben, die einem nicht gefallen, dann 
sollte man sie eben aus der allgemeinen Gesetzmafiigkeit der Welt her- 
aus betrachten. Und da kommt man immer mehr darauf, dafi zuletzt 
doch dasjenige, was karmisch bedingt ist, besser ist, als wenn wir mit 
jedem neuen Erdenleben neu anfangen miifiten, mit jedem neuen Erden- 
leben voller unbeschriebener Blatter waren. Denn wir sind eigentlich 
unser Karma selber. Das, was da heriiberkommt aus friiheren Erden- 
leben, das sind wir eigentlich selber, und es hat gar keinen Sinn, davon 
zu sprechen, dafi irgend etwas in unserem Karma, neben dem eben der 
Bezirk der Freiheit durchaus da ist, daft irgend etwas in unserem Karma 
anders sein sollte, als es ist, weil iiberhaupt in einem gesetzmafiig zu- 
sammenhangenden Ganzen das einzelne gar nicht kritisiert werden 
kann. Es kann jemandem seine Nase nicht gefallen; aber es hat gar 
keinen Sinn, blofi die Nase an sich zu kritisieren, denn die Nase, die 
man hat, mufi tatsachlich so sein, wie sie ist, wenn der ganze Mensch 
so ist, wie er ist. Und derjenige, der sagt, ich mochte eine andere Nase 
haben, der sagt eigentlich damit, er mochte ein ganz anderer Mensch 
sein. Aber damit schafft er sich in Gedanken selber weg. Man kann 
das doch nicht. 

So konnen wir auch unser Karma nicht wegschaffen, denn wir 
sind das, was unser Karma ist, selber. Es beirrt uns aber auch gar nicht, 
denn es verlauft durchaus neben den Taten unserer Freiheit, beein- 
trachtigt nirgends die Taten unserer Freiheit. 

Ich mochte einen anderen Vergleich noch gebrauchen, der das klar 
macht. Wir gehen als Menschen; aber es ist doch der Boden da, auf 



dem wir gehen. Kein Mensch fuhlt sich in seinem Gehen beeintrachtigt 
dadurch, daft unter ihm der Boden ist. Ja er sollte sogar wissen, wenn 
der Boden nicht da ware, konnte er nicht gehen, er wiirde iiberall her- 
unterfallen. So ist es mit unserer Freiheit. Die braucht den Boden der 
Notwendigkeit. Die muft sich heraus erheben aus einem Untergrunde. 

Dieser Untergrund, wir sind es selbst. Sobald man in der richtigen 
Weise den Freiheitsbegriff und den Begriff des Karmas fafit, wird 
man sie durchaus miteinander vereinbaren konnen. Und dann braucht 
man auch nicht mehr davor zuriickzuschrecken, diese karmische Not- 
wendigkeit durch und durch zu betrachten. Ja, man kommt sogar da- 
zu, in gewissen Fallen das Folgende sich zu sagen: Ich setze jetzt vor- 
aus, irgend jemand kann durch die Initiationseinsicht in friihere Er- 
denleben zuriickschauen. Wenn er in friihere Erdenleben zuriickschaut, 
weifi er dadurch ganz genau, dafi ihm dieses oder jenes geschehen ist, 
was in dieses Erdenleben mit hereingekommen ist. Ware er nicht zur 
Initiationswissenschaft gekommen, dann wiirde eine objektive Not- 
wendigkeit ihn drangen, gewisse Dinge zu tun. Er tate sie unweiger- 
lich. Seine Freiheit wiirde er ja dadurch nicht beeintrachtigt fiihlen, 
denn seine Freiheit liegt im gewohnlichen Bewufitsein. Mit dem reicht 
er gar nicht herein in die Region, wo diese Notwendigkeit wirkt, ge- 
radeso wie der Fisch nicht an die auftere Luft kommt. Aber wenn er 
die Initiationswissenschaft in sich hat, dann sieht er zuriick, sieht, wie 
das war in einem vorigen Erdenleben, und betrachtet dasjenige, was 
da ist, als eine Aufgabe, die ihm fur dieses Erdenleben bewufit zuge- 
teilt ist. Es ist auch so. 

Sehen Sie, derjenige, der keine Initiationswissenschaft hat, der weifi 
eigentlich immer - ich sage jetzt etwas, was Ihnen etwas paradox er- 
scheinen wird, was aber doch so ist - durch einen gewissen inneren 
Drang, durch einen Trieb, was er tun soil. Ach, die Leute tun ja immer, 
wissen immer, was sie tun sollen, fiihlen sich immer zu dem oder zu 
jenem gedrangt! Bei dem, der mit Initiationswissenschaft anfangt, bei 
dem wird es in der Welt doch etwas anders. Es tauchen, wenn das Le- 
ben an ihn herantritt, den einzelnen Erlebnissen gegeniiber ganz merk- 
wiirdige Fragen auf . Wenn er sich gedrangt fuhlt, etwas zu tun, ist er 
gleich auch wiederum gedrangt, es nicht zu tun. Der dunkle Trieb, der 



die meisten Menschen zu dem oder jenem drangt, er fallt weg. Und 
tatsachlich, auf einer gewissen Stufe der Initiationseinsicht konnte 
der Mensch schon, wenn nichts anderes an ihn herantrate, dazu kom- 
men, sich zu sagen: Jetzt verbringe ich am liebsten mein ganzes fol- 
gendes Leben, nachdem ich zu dieser Einsicht gekommen bin - ich bin 
jetzt vierzig Jahre alt, das kann mir ganz gleichgultig sein -, so, dafi 
ich auf einen Stuhl mich setze und gar nichts mehr tue; denn es sind 
nicht solche ausgesprochenen Triebe da, das oder jenes zu tun. 

Glauben Sie nicht, meine iieben Freunde, dafi die Initiation nicht 
eben reale Wirklichkeit hat. Es ist merkwiirdig in dieser Beziehung, 
wie die Menschen manchmal denken. Von einem gebackenen Huhn 
glaubt jeder, wenn er es ifit, dafi es reale Wirklichkeit hat. Von der 
Initiationswissenschaft glauben die meisten Menschen, dafi sie nur 
theoretische Wirkungen habe. Sie hat Lebenswirkungen. Und eine sol- 
che Lebenswirkung ist diejenige, die ich eben jetzt angedeutet habe. 
Bevor der Mensch die Initiationswissenschaft hat, ist ihm immer das 
eine wichtig, das andere unwichtig aus einem dunklen Drange heraus. 
Der Initiierte mochte sich am liebsten auf einen Stuhl setzen und die 
Welt ablaufen lassen, denn es kommt nicht darauf an - so konnte es 
sich bei ihm einstellen -, ob das eine geschieht und das andere unter- 
bleibt und dergleichen. Da gibt es dann nur die Korrektur - es wird 
ja nicht so bleiben, weil die Initiationswissenschaft auch noch etwas 
anderes bringt -, da gibt es nur die eine Korrektur dafiir, daft sich der 
betreffende Initiierte nicht auf einen Stuhl setzt, die Welt ablaufen 
lafit und sagt: Mir ist alles gleichgultig -, da gibt es nur die Korrektur: 
zuriickzublicken in friihere Erdenleben. Da liest er dann aus seinem 
Karma die Aufgabe fur sein Erdenleben ab. Da tut er dann dasjenige, 
was ihm seine fruheren Erdenleben auferlegen, bewufit. Er unterlafk 
es nicht, weil er meint, dafi seine Freiheit dadurch beeintrachtigt wird, 
sondern er tut es, weil er, indem er auf das kommt, was er erlebt hat 
in fruheren Erdenleben, zugleich gewahr wird, was in dem Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt war, wie er es da als ver- 
ntinftig eingesehen hat, die entsprechenden Folgetaten zu tun. Er wiirde 
sich unfrei fuhlen, wenn er nicht in die Lage kommen konnte, seine 
sich ihm aus dem vorigen Erdenleben gestellte Aufgabe zu erfiillen. 



Ich mochte hier nur eine kleine Parenthese machen. Sehen Sie, das 
Wort Karma ist ja auf dem Umweg durch das Englische nach Europa 
gekommen. Nun, deswegen, weil man das so schreibt: Karma, sagen 
die Leute sehr haufig «Karma». Das ist falsch ausgesprochen. Karma 
ist geradeso zu sprechen, wie wenn es mit a geschrieben ware. Ich 
spreche nun, seit ich die Anthroposophische Gesellschaft fiihre, im- 
Tafels mer «Ka( = a)rma», und ich bedaure, daft sehr viele Leute sich daraus 
angewohnt haben, fortwahrend das schreckliche Wort «Kirma» zu 
sagen. Sie miissen immer verstehen, diese Leute, wenn ich «Karma» 
sage, «Kirma». Das ist schrecklich. Sie werden es auch schon gehort 
haben, daft manche sehr getreue Schuler nun seit einiger Zeit «Kirma» 
sagen. 

Also weder vor noch nach dem Eintritte der Initiationswissenschaft 
gibt es einen Widerspruch zwischen karmischer Notwendigkeit und 
Freiheit. Vor dem Eintritte der Initiationswissenschaft aus dem Grunde 
nicht, weil der Mensch eben mit dem gewohnlichen Bewufttsein inner- 
halb des Bereiches der Freiheit bleibt und sich die karmische Notwen- 
digkeit drauften wie naturhaft abspielt; er hat gar nicht etwas, das 
anders empf indet, als das, was ihm eben seine Natur eingibt. Und nach- 
her aus dem Grunde nicht, weil er mit seinem Karma ganz einverstan- 
den geworden ist, einfach im Sinne des Karmas handeln fur verniinftig 
ansieht. Geradeso wie man nicht sagt, wenn man sich ein Haus gebaut 
hat: Das beeintrachtigt meine Freiheit, daft ich da jetzt hineinziehe -, 
sondern wie man sich sagt: Nun, das war ja doch ganz verniinftig von 
dir, daft du dir in dieser Gegend an diesem Platze ein Haus gebaut 
hast, jetzt sei frei in diesem Hause -, geradeso weifi derjenige, der mit 
Initiationswissenschaft zuriickblickt in fruhere Erdenleben, daft er frei 
wird dadurch, daft er seine karmische Aufgabe erfullt, also in das Haus 
einzieht, das er sich in friiheren Erdenleben gebaut hat. 

So wollte ich Ihnen heute, meine lieben Freunde, die Vertraglich- 
keit von Freiheit und karmischer Notwendigkeit im menschlichen Le- 
ben darlegen. Wir werden morgen vom Karma weiter sprechend auf 
Einzelheiten des Karmas dann eingehen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 24. Februar 1924 

Heute mochte ich zunachst einige umfassendere Gesichtspunkte in be- 
zug auf die Entwickelung des Karmas bringen, um dann allmahlich 
immer mehr und mehr auf diejenigen Dinge eingehen zu konnen, die 
eigentlich nur durch die, wenn ich so sagen soli, speziellen Ausfiihrun- 
gen wenigstens veranschaulicht werden konnen. Wir miissen uns, wenn 
wir in den Gang des Karmas Einsicht gewinnen wollen, vorstellen 
konnen, wie eigentlich der Mensch beim Heruntersteigen aus der gei- 
stigen Welt in die physische Welt seine ganze Organisation zusammen- 
setzt. 

Sie werden ja begreifen, dafi es in der gegenwartigen Sprache nicht 
eigentlich geeignete Ausdriicke gibt fur Vorgange, die in der gegen- 
wartigen Zivilisation ziemlich unbekannt sind, und dafi daher die 
Ausdriicke fiir das, was da geschieht, eigentlich nur ungenau sein 
konnen. Wir haben, wenn wir aus der geistigen in die physische Welt 
heruntersteigen zu einem Erdenleben, zunachst unseren physischen 
Leib durch die Vererbungsstromung vorbereitet. Dieser physische Leib, 
wir werden sehen, wie er dennoch in einer gewissen Beziehung mit dem 
zusammenhangt, was der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt erlebt. Fiir heute kann es uns geniigen, wenn wir uns eben dar- 
iiber klar sind, daft dieser physische Leib uns eigentlich von der Erde 
aus gegeben wird. Diejenigen Glieder der menschlichen Wesenheit da- 
gegen, welche als hohere Glieder angesprochen werden konnen, athe- 
rischer Leib, astralischer Leib und Ich, die kommen ja herunter aus 
der geistigen Welt. 

Den atherischen Leib zieht der Mensch gewissermafien aus dem gan- 
zen Weltenather heran, bevor er sich mit dem physischen Leib, der 
ihm durch die Abstammung gegeben wird, vereinigt. Es kann eine Ver- 
einigung des seelisch-geistigen Menschen nach Ich, astralischem Leib 
und atherischem Leib mit dem physischen Menschenembryo nur da- 
durch erfolgen, dafi sich der atherische Leib des mutterlichen Organis- 
mus allmahlich von dem physischen Menschenkeim zuriickzieht. 



Der Mensch also vereinigt sich mit dem physischen Menschen- 
keim, nachdem er seinen atherischen Leib aus dem allgemeinen Wel- 
tenather herangezogen hat. Die genaueren Beschreibungen dieser Vor- 
gange sollen uns spater beschaftigen. Jetzt soli uns vorzugsweise inter- 
essieren, woher die einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit kom- 
men, die der Mensch wahrend seines Erdenlebens zwischen Geburt 
und Tod hat. 

Der physische Organismus also kommt aus der Abstammungsstro- 
mung, der atherische Organismus aus dem Weltenather, aus dem er 
herangezogen wird. Der astralische Organismus - er bleibt ja, man 
mochte sagen, in jeder Beziehung wahrend des Erdenlebens dem Men- 
schen unbewufk oder unterbewufit -, er enthalt alles dasjenige, was 
Ergebnisse des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind. 

Und zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist es ja so, dafi 
der Mensch nach Mafigabe dessen, was er geworden ist durch die vori- 
gen Erdenleben, in der mannigfaltigsten Weise zu anderen Menschen- 
seelen in Beziehung kommt, die sich auch zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt befinden, oder zu anderen geistigen Wesenheiten 
hoherer Weltenordnung, die nicht in einem Menschenleibe zur Erde 
herabsteigen, sondern in der geistigen Welt ihr Dasein haben. 

Alles das, was der Mensch heruberbringt aus friiheren Erdenleben, 
nach dem, wie er war, nach dem, was er getan hat, das findet die Sym- 
pathie oder Antipathie der Wesenheiten, die er kennenlernt, indem er 
durchgeht durch die Welt zwischen dem Tode und einer neuen Ge- 
burt. Da ist fur das Karma nicht nur von einer grofien Bedeutung, 
welche Sympathien und Antipathien bei hoheren Wesenheiten der 
Mensch findet durch das, was er getan hat im vorigen Erdenleben, son- 
dern da ist vor alien Dingen von einer grofien Bedeutung, dafi der 
Mensch in Beziehung kommt zu denjenigen Menschenseelen, mit denen 
er auf Erden in Beziehung war, und dafi eine eigentiimliche Spiegelung 
stattfindet zwischen seinem Wesen und dem Wesen derjenigen Seelen, 
mit denen er auf Erden in Beziehung war. Nehmen wir an, irgend 
jemand hat zu einer Seele, die er nun wieder trifft zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt, eine gute Beziehung gehabt. In ihm hat ge- 
lebt wahrend friiherer Erdenleben alles das, was eine gute Beziehung 



begleitet. Dann spiegelt sich diese gute Beziehung in der Seele, wenn 
diese Seele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt getroffen 
wird. Und es ist wirklich so, dafi der Mensch bei diesem Durchgange 
durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in den 
Seelen, mit denen er nun zusammenlebt, weil er mit ihnen auf Erden 
zusammengelebt hat, iiberall sich selbst gespiegelt sieht. Hat man einem 
Menschen etwas Gutes zugefiigt, es spiegelt sich etwas von der Seele 
heriiber; hat man ihm etwas Boses zugefiigt, es spiegelt sich etwas 
von der Seele heriiber. Und man hat das Gefiihl - wenn ich mich da 
des Ausdruckes «Geftihl» mit der Einschrankung, die ich im Beginne 
meiner Auseinandersetzungen gemacht habe, bedienen darf -: du hast 
diese Menschenseele gefordert. Was du da erlebt hast durch die Forde- 
rung, was du da empfunden hast fur diese Menschenseele, was aus 
Empfindungen heraus zu deinem Verhalten gefiihrt hat, deine eigenen 
inneren Erlebnisse wahrend der Tat dieser Forderung, sie kommen 
zuriick von dieser Seele. Sie spiegeln sich von dieser Seele aus. Eine 
andere Seele - man hat sie geschadigt; dasjenige, was in einem gelebt 
hat wahrend dieser Schadigung, es spiegelt sich. 

Und man hat eigentlich wie in einem machtigen, ausgebreiteten Spie- 
gelungsapparat seine vorigen Erdenleben, namentlich das letzte, aus 
den Seelen, mit denen man zusammen war, gespiegelt vor sich. Und 
man bekommt gerade beziiglich seines Tatenlebens den Eindruck: 
das alles geht von einem fort. Man verliert, oder hat eigentlich langst 
verloren, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das Ich-Gefiihl, 
das man auf Erden im Leibe gehabt hat; man bekommt aber das Ich- 
Gefiihl von dieser ganzen Spiegelung. Man lebt in all den Seelen mit 
den Spiegelungen seiner Taten auf, mit denen man im Erdenleben zu- 
sammen war. 

Auf Erden war das Ich als ein Punkt gewissermafien. Hier zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt spiegelt es sich iiberall aus dem 
Umkreise. Es ist ein inniges Zusammensein mit den anderen Seelen, 
aber ein Zusammensein nach MaiSgabe der Beziehungen, die man mit 
ihnen angekniipft hat. 

Und das ist alles in der geistigen Welt eine Realitat. Wenn wir 
durch irgendeinen Raum gehen, der viele Spiegel hat, sehen wir uns 



in jedem Spiegel gespiegelt. Aber wir wissen auch: das ist - der ge- 
wohnlichen Menschensprache nach - nicht da; wenn wir weggehen, 
bleibt es nicht, spiegeln wir uns nicht mehr. Aber das, was sich da in 
den Menschenseelen spiegelt, das bleibt, das bleibt vorhanden. Und 
es kommt eine Zeit im letzten Drittel zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt, da bilden wir uns aus diesen Spiegelbildern unseren 
astralischen Leib. Da Ziehen wir das zusammen zu unserem astralischen 
Leib, so dafi wir durchaus in unserem astralischen Leib, wenn wir von 
der geistigen Welt in die physische heruntersteigen, dasjenige tragen, 
was wir in uns wieder aufgenommen haben nach der Spiegelung, die 
unsere Taten im vorigen Erdenleben in anderen Seelen gefunden ha- 
ben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Das aber gibt uns die Impulse, die uns drangen zu den Menschen- 
seelen, oder abdrangen von den Menschenseelen, mit denen wir dann 
im physischen Leib zugleich wiederum geboren werden. 

Und auf diese Art - ich werde demnachst noch ausfuhrlicher den 
Vorgang zu beschreiben haben, indem ich spater auch auf das Ich 
Riicksicht zu nehmen haben werde aber auf diese Art bildet sich zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt der Impuls zum Karma im 
neuen Erdenleben aus. 

Und da lafit sich verfolgen, wie ein Impuls des einen Lebens in die 
anderen Leben hiniiberwirkt. Nehmen wir zum Beispiel den Impuls der 
Liebe. Wir konnen unsere Taten den anderen Menschen gegeniiber 
aus dem heraus verrichten, was wir Liebe nennen. Es ist ein Unter- 
schied, ob wir unsere Taten aus blofiem Pflichtgefuhl heraus verrich- 
ten, aus Konvention, aus Anstand und so weiter, oder ob wir sie aus 
einer grofieren oder geringeren Liebe heraus verrichten. 

Nehmen wir an, ein Mensch bringt es dazu, Handlungen zu ver- 
richten in einem Erdenleben, die von der Liebe getragen sind, die durch- 
warmt sind von der Liebe. Ja, das bleibt als Kraft in seiner Seele vor- 
handen. Und was er nun mitnimmt als Ergebnis seiner Taten, und was 
sich da spiegelt in den Seelen, das kommt auf ihn zunick eben als 
Spiegelbild. Und indem der Mensch sich seinen astralischen Leib dar- 
aus bildet, mit dem er herunterkommt zur Erde, wandelt sich die 
Liebe des vorigen Erdenlebens, die von dem Menschen ausgestromt ist, 



riickkommend von anderen Menschen, in Freude. So daft also, in- 
dem der Mensch seinen Mitmenschen gegeniiber in einem Erdenleben 
irgend etwas tut, was von Liebe getragen ist, wobei also die Liebe 
von ihm ausstromt, mit den Taten mitgeht, die den anderen Menschen 
fordern, dann die Metamorphose beim Durchgang durch das Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so ist, dafi sich, was aus- 
stromende Liebe in einem Erdenleben ist, im nachsten Erdenleben meta- 
morphosiert, verwandelt in an den Menschen heranstromende Freude. 




Tafei 6* 



Erleben Sie durch einen Menschen Freude, meine lieben Freunde, 
in einem Erdenleben, so konnen Sie sicher sein, dafi diese Freude das 
Ergebnis der Liebe ist, die Sie ihm gegeniiber in einem vorigen Erden- 
leben entfaltet haben. Diese Freude stromt nun wiederum in Ihre 
Seele zuriick wahrend des Erdenlebens. Sie kennen jenes innerlich Er- 
warmende der Freude. Sie wissen, was Freude im Leben fur eine Be- 
deutung hat, Freude insbesondere, die von Menschen kommt. Sie warmt 
das Leben, sie tragt das Leben, sie gibt dem Leben, konnen wir sagen, 
Schwingen. Sie ist karmisch das Ergebnis aufgewendeter Liebe. 

Aber wir erleben ja wiederum an der Freude eine Beziehung zu 
dem anderen Menschen, der uns Freude macht. So daft wir in den frii- 
heren Erdenleben innerlich etwas gehabt haben, was ausstromen machte 
die Liebe; in den folgenden Erdenleben haben wir schon als Ergebnis 
innerlich erlebend die Warme der Freude. Das ist wiederum etwas, 



* ie e inweis. 



was von uns ausstromt. Ein Mensch, der im Leben Freude erleben darf , 
ist auch wiederum etwas fiir die anderen Menschen, was erwarmende 
Bedeutung hat. Ein Mensch, der Grunde dafiir hat, freudelos durchs 
Leben zu gehen, ist anders zu den anderen Menschen als ein Mensch, 
der in Freuden darf durch das Leben gehen. 

Das aber, was da erlebt wird in der Freude zwischen der Geburt 
und dem Tode, das wiederum spiegelt sich in den verschiedensten See- 
len, mit denen man auf Erden zusammen war, und die jetzt auch in 
dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind. Und 
dieses Spiegelbild, das in vielfacher Weise dann von den Seelen der 
uns bekannten Menschen kommt, das wirkt wiederum zuriick. Wir 
tragen es wiederum in unserem astralischen Leib, wenn wir zum nach- 
sten - also jetzt sind wir beim dritten Erdenleben -, zum nachsten 
Erdenleben heruntersteigen. Und wiederum ist es eingeschaltet, ein- 
gepragt unserem astralischen Leibe. Und jetzt wird es in seinem Er- 
gebnis zur Grundlage, zum Impuls des leichten Verstehens von Men- 
schen und Welt. Es wird zur Grundlage derjenigen Seelenverfassung, 
die uns tragt dadurch, dafi wir die Welt verstehen. Wenn wir Freude 
haben konnen an dem interessanten Verhalten der Menschen, ver- 
stehen das interessante Verhalten der Menschen in einer Erdeninkar- 
nation, so weist uns das zuriick auf die Freude der vorhergehenden, 
auf die Liebe der weiter vorangehenden Erdeninkarnation. Menschen, 
die mit freiem, offenem Sinn so durch die Welt gehen konnen, dafi 
der freie, offene Sinn die Welt in sie hereinstromen lafit, so daft sie fiir 
die Welt Verstandnis haben, das sind Menschen, die diese Stellung zur 
Welt sich durch Liebe und Freude errungen haben. 

Das ist etwas ganz anderes, was wir in den Taten aus der Liebe 
heraus tun, als dasjenige, was wir aus starrem, trockenem Pflichtgefuhl 
heraus tun. Sie wissen ja, wie ich in meinen Schriften immer darauf 
gesehen habe, die Taten, die aus der Liebe kommen, als die eigentlich 
ethischen, als die eigentlich moralischen aufzufassen. 

Ich habe oftmals auf den groften Gegensatz hinweisen miissen, der 
in dieser Beziehung zwischen Kant und Schiller besteht. Kant hat ja 
eigentlich im Leben und in der Erkenntnis alles verkantet. Es ist alles 
eckig und kantig in der Erkenntnis durch Kant geworden, und so auch 



das menschliche Handeln: «Pflicht, du erhabener, grofter Name, der 
du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich fiihrt, in dir fas- 
sest . . .» und so weiter. Ich habe die Stelle in meiner «Philosophie der 
Freiheit» zum geheuchelten Arger vieler Gegner - nicht zum wirk- 
lichen, zum geheuchelten Arger vieler Gegner - zitiert und habe das- 
jenige dagegengestellt, was ich selber als meine Anschauung aner- 
kennen mufi: Liebe, du warm zur Seele sprechender Impuls — und so 
weiter. 

Schiller, gegeniiber dem starren, trockenen Pflichtbegriffe Kants, 
hat ja die Worte gepragt: «Gerne dien' ich den Freunden, doch tu' 
ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, dafi ich nicht 
tugendhaft bin.» Denn nach Kantscher Ethik ist dasjenige, was man 
aus Neigung tut, nicht tugendhaft, sondern dasjenige, was man aus 
dem starren Pflrchtbegriff heraus tut. 

Nun, es gibt eben Menschen - die kommen nicht zum Lieben zu- 
nachst. Aber weil sie dem anderen Menschen nicht aus Liebe die Wahr- 
heit sagen konnen - man sagt zu dem anderen Menschen, wenn man 
Liebe fiir ihn hat, die Wahrheit und nicht die Luge aber weil sie 
nicht lieben konnen, sagen sie die Wahrheit aus Pf lichtgef iihl ; weil sie 
nicht lieben konnen, vermeiden sie es aus Pflichtgefuhl, den anderen 
gleich zu pnigeln oder ihn mit Ohrfeigen zu traktieren, anzustofien und 
dergleichen, wenn er irgend etwas tut, was ihnen nicht gefallt. Es ist 
eben ein Unterschied zwischen dem Handeln aus starrem Pflichtbe- 
griff, das aber durchaus im sozialen Leben notwendig ist, fur viele 
Dinge notwendig ist, und zwischen den Taten der Liebe. 

Nun, die Taten, die in starrem Pflichtbegriff oder in Konvention, 
«weil sich's so schickt», getan werden, die rufen im nachsten Erden- 
leben nicht Freude hervor, sondern, indem sie eben so wie ich es ge- 
schildert habe, durch jene Spiegelung durch die Seelen gehen, rufen 
sie im nachsten Erdenleben etwas hervor, was man nennen konnte: 
Man spurt, man ist den Menschen mehr oder weniger gleichgultig. Und 
das, was mancher durchs Leben tragt, dafi er den Menschen gleich- 
gultig ist und daran leidet - man leidet mit Recht daran, wenn man 
den anderen Menschen gleichgultig ist, denn die Menschen sind fur- 
einander da, und der Mensch ist darauf angewiesen, dafi er den anderen 



Menschen nicht gleichgiiltig ist -, das, was man da erleidet, das ist 
eben das Ergebnis des Mangels an Liebe in einem vorigen Erdenleben, 
wo man sich als anstandiger Mensch deshalb betragen hat, weil die 
starre Pflicht iiber einem hing wie ein Damoklesschwert, ich will nicht 
sagen wie ein stahlernes, denn das wiirde beunruhigend sein fur die mei- 
sten Pflichtmenschen, sondern eben wie ein holzernes. 

Nun aber sind wir beim zweiten Erdenleben. Was als Freude von 
der Liebe kommt, das wird im dritten Erdenleben, wie wir gesehen 
haben, ein offenes, freies Herz, das uns die Welt nahebringt, das uns 
fur alles Schone, Wahre, Gute den freien, einsichtsvollen Sinn gibt. 
Das, was als Gleichgiiltigkeit von seiten anderer Menschen zu uns 
stromt, und was wir dadurch erleben in einem Erdenleben, das macht 
uns fur das dritte, also fur das nachste Erdenleben, zu einem Men- 
schen, der nichts Rechtes mit sich anzufangen weift. Wenn er in die 
Schule kommt, weifi er nicht, was er mit dem anfangen soil, was die 
Lehrer mit ihm tun. Wenn er etwas alter wird, weifi er nicht, ob er 
Schlosser oder Hofrat werden soil. Er weifi nichts mit sich im Leben 
zu machen. Er geht eigentlich ohne Richtung, direktionslos im Leben 
dahin. In bezug auf die Anschauung der aufieren Welt ist er nicht 
gerade stumpf. Er kann zum Beispiel Musik schon verstehen, aber er 
hat keine Freude dran. Es ist ihm schliefilich gleichgiiltig, ob es mehr 
oder weniger gute oder mehr oder weniger schlechte Musik ist. Er emp- 
findet schon die Schonheit irgendeines malerischen oder sonstigen Wer- 
kes, aber immer kratzt es ihn in der Seele: Wozu eigentlich das alles? 
und so weiter. Das sind Dinge, die wiederum im dritten Erdenleben 
im karmischen Zusammenhange sich einstellen. 

Nehmen wir aber an, der Mensch begeht gewisse Schadigungen sei- 
ner Mitmenschen aus dem Hafi oder aus einer Neigung zur Antipathie 
heraus. Man kann da an alle Stufen denken, welche dabei vorkommen 
konnen. Es kann einer, sagen wir, mit verbrecherischem Hafigefuhl 
seine Mitmenschen schadigen. Er kann aber auch, ich lasse die Zwi- 
schenstufen aus, er kann aber auch ein Kritiker sein. Man raufi, um 
Kritiker zu sein, immer ein bilSchen hassen, wenn man nicht ein lo- 
bender Kritiker ist, und die sind ja heute seiten, denn das ist nicht 
interessant, die Dinge anzuerkennen. Interessant wird es ja nur, wenn 



man Witze macht iiber die Dinge. Nun gibt es ja alle moglichen Zwi- 
schenstufen. Aber es handelt sich hier um dasjenige an Menschentaten, 
das aus kalter Antipathie, aus einer gewissen Antipathie, iiber die man 
sich oftmals gar nicht klar wird, bis zum Haft hin hervorgeht. Alles 
das, was in dieser Weise von Menschen bewirkt wird gegeniiber an- 
deren Menschen oder selbst gegeniiber untermenschlichen Wesenheiten, 
all das ladt sich wiederum in Seelenzustanden ab, die sich nun auch 
spiegeln in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und 
da kommt dann im nachsten Erdenleben aus dem Haft dasjenige her- 
aus, was uns zustromt von der Welt als leidvolles Wesen, als Unlust, 
die von auften verursacht wird, als das Gegenteil der Freude. 

Sie werden sagen: Ja, wir erleben doch so viel Leid, soil das wirk- 
lich alles von grofterem oder geringerem Haft im vorigen Erdenleben 
herriihren? Ich kann doch von mir unmoglich denken, daft ich ein 
so schlechter Kerl gewesen bin - so wird der Mensch leicht sagen -, 
daft ich so viel Unlust erleben kann, weil ich so viel gehafit habe! - 
Ja, wenn man auf diesem Gebiete vorurteilslos denken will, dann mufi 
man sich schon klarmachen, wie groft die Illusion ist, die einem wohl- 
tut und der man daher sehr leicht sich hingibt, wenn es sich darum 
handelt, irgendwelche Antipathiegefuhle gegen andere Menschen sich 
abzusuggerieren. Die Menschen gehen mit viel mehr Haft, als sie den- 
ken, eigentlich durch die Welt, wenigstens mit viel mehr Antipathie. 
Und es ist nun schon einmal so: Haft, er wird zunachst, weil er der 
Seele ja Befriedigung gibt, gewohnlich gar nicht erlebt. Er wird zu- 
gedeckt durch die Befriedigung. Wenn er zuruckkommt als Leid, das 
uns von auften zustromt, dann wird eben das Leid bemerkt. 

Aber denken Sie nur einmal daran, meine lieben Freunde, um, ich 
mochte sagen, in einer ganz trivialen Art sich vorzustellen, was da 
als Moglichkeit vorliegt, denken Sie nur einmal an einen Kaffeeklatsch, 
an einen so richtigen Kaffeeklatsch, wo ein Halbdutzend - es geniigt 
schon! - irgendwelcher Tanten oder Onkels - es konnen auch Onkels 
sein - beisammensitzen und iiber ihre Mitmenschen sich ergehen! Den- 
ken Sie, wieviel da an Antipathien in anderthalb Stunden - manchmal 
dauert es langer - abgeladen wird auf die Menschen! Indem das aus- 
stromt, bemerken es die Leute nicht; aber wenn es im nachsten Erden- 



leben zuriickkommt, da wird es sehr wohl bemerkt. Und es kommt un- 
weigerlich zuriick. 

So dafi tatsachlich ein Teil - nicht alles, wir werden noch andere 
karmische Zusammenhange kennenlernen so dafi ein Teil dessen, 
was wir in einem Erdenleben an von aufien zugefiigtem Leid emp- 
finden, tatsachlich von Antipathiegefiihlen in friiheren Erdenleben 
herriihren kann. 

Bei alledem mufi man sich natiirlich stets klar sein, dafi ja das 
Karma, dafi irgendeine karmische Stromung irgendwo einmal anfan- 
gen mufi. So dafi, wenn Sie zum Beispiel hier hintereinanderliegende 
Erdenleben haben 
Tafel 6 abc(d)efgh 

und dieses d das gegenwartige Erdenleben ist, so mufi natiirlich nicht 
aller Schmerz, der uns von aufien zukommt, im friiheren Erdenleben 
begriindet sein. Es kann auch ein urspriinglicher Schmerz sein, der 
dann im nachsten Erdenleben sich erst karmisch auslebt. Aber des- 
halb sage ich: Ein grofier Teil jenes Leides, das uns von aufien zustromt, 
ist die Folge von Hafi, der in friiheren Erdenleben aufgebracht wor- 
den ist. 

Wenn wir nun zum dritten Erdenleben wieder iibergehen, dann ist 
das Ergebnis dessen, was da als Leid uns zustromt - aber nur das Er- 
gebnis desjenigen Leides, das uns aus sozusagen aufgespeichertem Hafi 
zukommt -, dann ist das Ergebnis dieses Leides, das sich dann in der 
Seele abladt, zunachst eine Art Stumpf heit des Geistes, eine Art Stumpf- 
heit der Einsicht gegeniiber der Welt. Und wer gleichgiiltig und phleg- 
matisch der Welt gegenubersteht, nicht mit offenem Herzen den Din- 
gen oder den Menschen gegenubersteht, bei dem liegt oftmals eben das 
vor, dafi er sich diese Stumpfheit erworben hat durch das in seinem 
eigenen Karma verursachte Leid eines vorigen Erdenlebens, das aber 
zuriickgehen mufi, wenn es in dieser Weise in einer stumpfen Seelen- 
verfassung sich ausdriickt, auf Hafigefuhle mindestens im drittletzten 
Erdenleben. Man kann namlich immer sicher sein: Toricht in irgend- 
einem Erdenleben zu sein, ist immer die Folge von Hafi in einem be- 
stimmten friiheren Erdenleben. 



Aber sehen Sie, meine lieben Freunde, das Verstandnis fiir das 
Karma soli nicht nur darauf beruhen, dafi wir das Karma zum Be- 
greifen des Lebens auffassen, sondern daft wir es auch als Impuls des 
Lebens auffassen konnen, daft wir uns eben bewufit sind, daft es mit 
dem Leben nicht bloft ein «a, b, c, d» gibt (siehe Schema), sondern Tafei6 
auch ein «e, f, g, h», daft auch kommende Erdenleben da sind, und daft 
dasjenige, was wir in einem gegenwartigen Erdenleben an Inhalt in 
unserer Seele entwickeln, Wirkungen, Ergebnisse im nachsten Erden- 
leben haben wird. Wenn einer in dem drittnachsten Erdenleben beson- 
ders toricht sein will, braucht er im gegenwartigen Erdenleben ja nur 
sehr viel zu hassen. Wenn einer aber im drittnachsten Erdenleben einen 
freien, offenen Sinn haben will, braucht er ja nur in diesem Erdenleben 
besonders viel zu lieben. Und erst dadurch gewinnt die Einsicht, die 
Erkenntnis des Karmas ihren Wert, daft sie in unseren Willen fiir die 
Zukunft einstromt, in diesem Willen fiir die Zukunft eine Rolle spielt. 
Es ist durchaus so, daft gegenwartig derjenige Zeitpunkt fiir die Mensch- 
heitsentwickelung vorhanden ist, wo nicht mehr in derselben Art, wie 
das friiher der Fall war, wahrend unsere Seelen durch friihere Erden- 
leben gegangen sind, das Unbewufite weiterwirken kann, sondern die 
Menschen werden immer freier und bewuftter. Seit dem ersten Drittel 
des 15. Jahrhunderts haben wir das Zeitalter, in dem die Menschen 
immer freier und bewuftter werden. Und so wird fiir diejenigen Men- 
schen, welche Menschen der Gegenwart sind, ein nachstes Erdenleben 
schon ein dunkles Gefiihl der vorigen Erdenleben haben. Und so wie 
der heutige Mensch, wenn er an sich bemerkt, daft er nicht besonders 
klug ist, das nicht sich selber, sondern eben seiner Anlage zuschreibt, 
gewohnlich es in seiner physischen Natur sucht nach der Ansicht des 
heutigen Materialismus, so werden die Menschen, die diejenigen sein 
werden, welche wiederkommen aus den Gegenwartsmenschen, wenig- 
stens schon ein dunkles Gefiihl haben, das sie beunruhigen wird: Wenn 
sie nicht besonders klug sind, so mufi da irgend etwas gewesen sein, das 
mit Haft- und Antipathiegefiihlen zusammenhing. 

Und wenn wir heute reden von einer Waldorfschul-Padagogik, so 
miissen wir natiirlich der gegenwartigen Erdenzivilisation Rechnung 
tragen. Da konnen wir noch nicht mit voller Offenheit so erziehen, 



dafi wir sozusagen fiir das Bewufitsein in wiederholten Erdenleben 
erziehen, denn die Menschen haben heute auch noch nicht einmal ein 
dunkles Gefiihl fiir die wiederholten Erdenleben. Aber die Ansatze, 
die gerade in der Waldorfschul-Padagogik gemacht werden, sie werden 
sich, wenn sie aufgenommen werden, in den nachsten Jahrhunderten 
dahin weiter entwickeln, daft man in die ethische, in die moralische 
Erziehung das hineinbeziehen wird: Ein wenig begabtes Kind geht zu- 
riick auf friihere Erdenleben, in denen es viel gehaik hat, und man 
wird dann an der Hand der Geisteswissenschaft aufsuchen, wen es ge- 
hafit haben konnte. Denn die miissen sich in irgendwelcher Umgebung 
wiederfinden, die Menschen, die gehalk worden sind und denen gegen- 
iiber Taten begangen worden sind aus dem Hafi. Und man wird 
die Erziehung nach und nach in den kommenden Jahrhunderten viel 
mehr ins Menschenleben hineinstellen miissen. Man wird bei einem 
Kinde sehen miissen, woher sich spiegelt oder spiegelte in dem Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt dasjenige, was da in einer 
Metamorphose des Unverstandes sich auslebt im Erdenleben. Und dann 
wird man etwas tun konnen, damit im kindlichen Alter zu denjenigen 
Menschen besondere Liebe entwickelt wird, zu denen in friiheren 
Erdenleben ein besonderer Hafi vorhanden war. Und man wird sehen, 
dafi durch eine solche konkret aufgewendete Liebe der Verstand, iiber- 
haupt die ganze Seelenverfassung sich aufhellen wird. Nicht in all- 
gemeinen Theorien iiber das Karma wird dasjenige liegen, was der 
Erziehung helfen kann, sondern in dem konkreten Hineinschauen in 
das Leben, um zu bemerken, wie die karmischen Zusammenhange sind. 
Man wird schon bemerken: dafi schliefilich Kinder in einer Klasse zu- 
sammengetragen werden vom Schicksal, das ist doch nicht ganz gleich- 
gultig. Und wenn man hinauskommen wird iiber jene scheuftliche Sorg- 
losigkeit, die in bezug auf solche Dinge heute herrscht, wo man ja das, 
was an «Menschenmaterial» - man nennt es ja oftmals so - zusam- 
mengewiirfelt ist in einer Klasse, wirklich so auffafk, als ob es zusam- 
mengewiirfelt ware vom Zufall, nicht zusammengetragen ware vom 
Schicksal, wenn man hinauskommen wird iiber diese scheufiliche Sorg- 
losigkeit, dann wird man gerade als Erzieher in Aussicht nehmen 
konnen, was da fiir merkwiirdige karmische Faden von dem einen zu 



dem anderen gesponnen sind durch friihere Leben. Und dann wird 
man in die Entwickelung der Kinder dasjenige hineinnehmen, was da 
ausgleichend wirken kann. Denn Karma ist in einer gewissen Bezie- 
hung etwas, was einer ehernen Notwendigkeit unterliegt. Wir konnen 
aus einer ehernen Notwendigkeit heraus unbedingt aufstellen die Reihe: 

Liebe-Freude-offenesHerz. TafeU 
Antipathie oder Hafi - Leid - Torheit. 

Das sind unbedingte Zusammenhange. Aber es ist auch so, dafi ge- 
radeso wie man einer unbedingten Notwendigkeit gegeniibersteht, 
wenn ein Fluft lauft und dennoch man schon Fliisse reguliert hat, ihnen 
einen anderen Lauf gegeben hat, es auch moglich ist, die karmische 
Stromung, ich mochte sagen, zu regulieren, in sie hineinzuwirken. Das Tafd 6 

., . unten 

ist moglich. 

Wenn Sie also bemerken, im kindlichen Alter ist Anlage zur Tor- 
heit, und Sie kommen darauf, das Kind anzuleiten, besonders in sei- 
nem Herzen Liebe zu entwickeln, und wenn Sie - und das wiirde fur 
Menschen, die eine feine Lebensbeobachtung haben, schon heute mog- 
lich sein -, wenn Sie entdecken, mit welchen anderen Kindern das 
Kind karmisch verwandt ist, und das Kind dazu bringen, gerade diese 
Kinder zu lieben, ihnen gegeniiber Taten der Liebe zu tun, dann wer- 
den Sie sehen, dafi Sie der Antipathie ein Gegengewicht in der Liebe 
geben konnen, und in einer nachsten Inkarnation, in einem nachsten 
Erdenleben damit die Torheit verbessern konnen. 

Es gibt ja wirklich, ich mochte sagen, instinktgeschulte Erzieher, 
die oftmals so etwas aus ihrem Instinkte heraus tun, die schlecht ver- 
anlagte Kinder dazu bringen, lieben zu konnen, und sie dadurch zu 
auffassungsfahigeren Menschenwesen allmahlich heranerziehen. Diese 
Dinge, sie machen eigentlich erst die Einsicht in die karmischen Zu- 
sammenhange zu einem Lebensdienlichen. 

Nun, bevor wir weitergehen in der Betrachtung von Einzelheiten 
des Karmas, muiS sich ja noch eine Frage vor unsere Seele stellen. Fra- 
gen wir uns: Was ist denn der Mensch, demgegenuber man sich, im 
allgemeinen wenigstens, in einem karmischen Zusammenhange wissen 
kann? Ich mufi einen Ausdruck gebrauchen, der heute oftmals in ei- 



nem etwas spottischen Sinne gebraucht wird: Ein solcher Mensch ist 
ein Zeitgenosse. Er ist eben zu gleicher Zeit mit uns auf der Erde. 

Und wenn Sie dies bedenken, so werden Sie sich sagen: Wenn Sie 
in einem Erdenleben mit gewissen Menschen zusammen sind, so waren 
Sie auch in einem friiheren Erdenleben - wenigstens im allgemeinen, 
die Dinge konnen sich auch etwas verschieben - mit den Menschen zu- 
sammen, und ebenso wiederum in einem friiheren Erdenleben. 



Tafeln 
6u. 7 



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///// ^///z/ ***** *" 



Ja, aber nun diejenigen, die fiinfzig Jahre spater leben als Sie, die 
waren im friiheren Erdenleben wiederum zusammen mit Menschen! 
Im allgemeinen werden die Menschen, ich will sagen der B-Reihe, mit 
den Menschen der A-Reihe, nach diesem Gedanken, den wir hier ent- 
wickelt haben, nicht zusammenkommen. Das ist ein bedriickender 
Gedanke, aber ein wahrer Gedanke. 

Uber andere Zweifelsfragen, die sich ergeben dadurch, dafi die 
Menschen oftmals sagen: die Menschheit vermehrt sich auf der Erde 
und so weiter, werde ich ja spater sprechen. Aber ich mochte Ihnen 
jetzt diesen Gedanken nahelegen; er ist ein vielleicht bedriickender 
Gedanke, aber er ist ein wahrer Gedanke: Es ist tatsachlich so, dafi 
das fortlaufende Leben der Menschen auf der Erde in Rhythmen sich 
vollzieht. Ich mochte sagen, ein Menschenschub geht im allgemeinen 
fort von einem Erdenleben zum anderen, ein anderer Menschenschub 
geht fort von einem Erdenleben zum anderen, und die sind in einer ge- 
wissen Weise voneinander getrennt, finden sich nicht im Erdenleben 
zusammen. In dem langen Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, da findet man sich schon zusammen; aber im Erdenleben ist es 
in der Tat so, dafi man immer wiederum mit einem beschrankten Kreis 
von Leuten auf die Erde herunterkommt. Gerade fiir die wiederholten 



Erdenleben hat die Zeitgenossenschaft eine innere Bedeutung, eine in- 
nere Wichtigkeit. 

Und warum das? Ich kann Ihnen sagen, diese Frage, die einen zu- 
nachst verstandesmafiig beschaftigen kann, diese Frage hat mir wirk- 
lich auf geisteswissenschaftlichem Boden die denkbar grofken Schmer- 
zen gemacht, weil es ja notig ist, iiber diese Frage die Wahrheit her- 
auszubringen, den inneren Sachverhalt herauszubringen. Und da kann 
man sich fragen - verzeihen Sie, dafi ich ein Beispiel gebrauche, das 
wirklich, ich mochte sagen, eine Rolle fur mich spielt, nur in bezug 
auf die Untersuchung -: Warum warst du nicht ein Zeitgenosse von 
Goethe? Dadurch, daft du nicht ein Zeitgenosse von Goethe bist, kannst 
du ungefahr schliefkn im allgemeinen nach dieser Wahrheit, dafi du 
niemals mit Goethe zusammen auf der Erde gelebt hast. Er gehort zu 
einem anderen Schub von Menschen. 

Was liegt da eigentlich dahinter? Da mufi man die Frage umkehren. 
Aber um eine solche Frage umzukehren, mufi man einen offenen, 
freien Sinn haben fiir menschliches Zusammenleben. Man mufi sich 
fragen konnen, und iiber diese Frage werde ich nun in der nachsten 
Zeit sehr viel zu reden haben hier: Wie ist es denn eigentlich, Zeit- 
genosse eines Menschen zu sein, und wie ist es, von einem Menschen 
nur aus der Geschichte wissen zu konnen fiir das Erdenleben? Wie ist 
denn das? 

Nun, sehen Sie, da mufi man eben einen freien, offenen Sinn haben 
fiir die Beantwortung der intimen Frage: Wie ist es mit alien inneren 
Begleiterscheinungen der Seele, wenn ein Zeitgenosse mit dir spricht, 
Handlungen verrichtet, die an dich herankommen -, wie ist das? Und 
man mufi das dann vergleichen konnen, nachdem man sich die notige 
Erkenntnis erworben hat, wie das ware, wenn man mit einer Person- 
lichkeit zusammenkame, die nicht ein Zeitgenosse ist, vielleicht in gar 
keinem Erdenleben ein Zeitgenosse war - die man deshalb doch aufs 
hochste verehren kann, viel mehr als alle Zeitgenossen wie es ware, 
wenn man mit ihr als Zeitgenosse zusammentrafe? Also, wie ware es, 
wenn - verzeihen Sie das Personliche — ich ein Zeitgenosse von Goethe 
gewesen ware? Ja, wenn man kein gleichgultiger Mensch ist - selbst- 
verstandlich, wenn man ein gleichgultiger Mensch ist und eben nicht 



Verstandnis hat fur dasjenige, was ein Zeitgenosse sein kann, dann 
kann man sich auch nicht gut die Antwort darauf geben -, dann kann 
man fragen: Wie ware es, wenn ich nun in der Schillergasse von Wei- 
mar hinuntergegangen ware gegen den Frauenplan und mir «der dicke 
Geheimrat» entgegengekommen ware, meinetwillen im Jahre 1826, 
1827? - Nun, man weifi ganz gut, das hatte man nicht vertragen! Den 
«Zeitgenossen» vertragt man. Denjenigen, mit dem man nicht Zeit- 
genosse sein kann, vertragt man nicht; er wiirde in einer gewissen 
Weise wie vergiftend auf das Seelenleben wirken. Man vertragt ihn, 
weil man nicht Zeitgenosse ist, sondern Nachfolger oder Vorganger. 
Gewifi, wenn man fiir diese Dinge kein Empfinden hat, so bleiben sie 
im Unterbewufken. Man kann sich vorstellen, dafi einer eine feine 
Empfindung fiir Geistiges hat und weifi: Wenn er die Schillerstrafie in 
Weimar hinunterginge gegen den Frauenplan und wiirde als Zeitge- 
nosse dem dicken Geheimrat Goethe mit dem Doppelkinn etwa begeg- 
net sein, er wiirde sich wie innerlich unmoglich gefuhlt haben. Der- 
jenige aber, der keine Empfindung dafiir hat, nun, er hatte vielleicht 
gegriifk. 

Ja, sehen Sie, diese Dinge sind eben nicht aus dem Erdenleben, 
weil die Griinde, warum wir nicht Zeitgenossen irgendeines Menschen 
sein konnen, eben nicht innerhalb des Erdenlebens sind, weil man da 
schon hineinschauen mufi in geistige Zusammenhange; deshalb nehmen 
sie sich fiir das Erdenleben zuweilen paradox aus. Aber es ist so, es ist 
durchaus so. 

Ich kann Ihnen die Versicherung geben, ich habe in wahrer Liebe 
eine Einleitung zu Jean Paul geschrieben, die in der Cottaschen «Bib- 
liothek der Weltliteratur» erschienen ist. Hatte ich jemals in Bayreuth 
mit Jean Paul selber zusammensitzen miissen - Magenkrampfe hatte 
ich ganz bestimmt bekommen. Das hindert nicht, dafi man die hochste 
Verehrung hat. Aber das ist fiir jeden Menschen der Fall, nur bleibt 
es eben bei den meisten Menschen im Unterbewufken, bleibt im astra- 
lischen oder im atherischen Leib, greift auch nicht den physischen Leib 
an. Denn das seelische Erlebnis, das den physischen Leib angreifen 
mufi, mufi eben zum Bewufksein kommen. Aber Sie miissen auch dar- 
iiber sich klar sein, meine lieben Freunde: Ohne das geht es nicht ab, 



wenn man Erkenntnisse iiber die geistige Welt gewinnen will, daft man 
Dinge zu horen bekommt, die einem grotesk, paradox erscheinen, eben 
weil die geistige Welt anders ist als die physische Welt. 

Naturlich kann jemand leicht spotten, wenn irgendwie behauptet 
wird: Ware ich Zeitgenosse von Jean Paul gewesen, dann wiirde ich 
Magenkrampfe bekommen haben, wenn ich mit ihm zusammenge- 
sessen hatte. - Das ist naturlich fiir die gewohnliche, banale, philistrose 
Welt des irdischen Lebens, ganz selbstverstandlich, durchaus wahr; 
aber die Gesetze der banal-philistrosen Welt gelten nicht fiir die gei- 
stigen Zusammenhange. Man mufi sich daran gewohnen, in anderen 
Denkformen denken zu konnen, wenn man die geistige Welt verstehen 
will. Man mufi sich daran gewohnen, schon durchaus das Oberra- 
schende zu erleben. Wenn das gewohnliche Bewufksein iiber Goethe 
liest, so kann es sich naturlich gedrangt fiihlen, zu sagen: Den hatte 
ich gern auch persdnlich gekannt, ihm die Hand gedriickt und der- 
gleichen. Das ist eine Gedankenlosigkeit, denn es gibt Gesetze, nach 
denen wir eben fiir ein bestimmtes Erdenzeitalter vorbestimmt sind 
und in diesem Zeitalter leben konnen. Geradeso wie wir fiir einen 
bestimmten Luftdruck fiir unseren physischen Leib vorbestimmt sind, 
und uns nicht erheben konnen iiber die Erde bis zu einem Luftdruck, 
der uns nicht genehm ist, ebensowenig kann ein Mensch, der fiir das 
20. Jahrhundert bestimmt ist, im Zeitalter Goethes leben. 

Das ist dasjenige, was ich zunachst iiber das Karma habe vorbrin- 
gen wollen. 



FtJNFTER VORTRAG 



Dornach,l.Marzl924 

Wenn man iiber das Karma im einzelnen spricht, so mufi man ja zu- 
nachst natiirlich zwischen den karmischen Ereignissen, die im Men- 
schenleben mehr von aufien an den Menschen herantreten, und den- 
jenigen, die von innen im Menschen gewissermafien aufsteigen, unter- 
scheiden. 

Das Schicksal des Menschen setzt sich ja aus den allerverschie- 
densten Faktoren zusammen. Das Schicksal des Menschen ist von 
seiner physischen und atherischen Konstitution abhangig, das Schick- 
sal des Menschen ist abhangig von dem, was der Mensch nach seiner 
astralischen und Ich-Beschaffenheit an Sympathie und Antipathie der 
Auftenwelt entgegenbringen kann, was man ihm wiederum nach seiner 
Beschaffenheit an Sympathie und Antipathie entgegenbringen kann; 
das Schicksal des Menschen ist wiederum abhangig von den alleraller- 
mannigfaltigsten Verwicklungen, Verstrickungen, in die der Mensch 
auf seinem Lebenswege verwoben wird. Das alles ergibt fur irgend- 
einen Zeitpunkt oder in Summa fur das ganze Leben eben die Schick- 
salslage des Menschen. 

Nun werde ich versuchen, das Gesamtschicksal des Menschen aus 
den einzelnen Faktoren zusammenzusetzen. Dazu wollen wir heute 
einmal den Ausgangspunkt von gewissen inneren Faktoren im Men- 
schen nehmen, wollen einmal auf jenen Faktor sehen, der da wirklich 
in vieler Beziehung in erster Linie ausschlaggebend ist, die Gesund- 
heits- oder Krankheitslage des Menschen, und dasjenige, was als Un- 
terlage fur die Gesundheits- und Krankheitslage des Menschen dann 
zur Wirkung kommt in seiner physischen, in seiner seelischen Starke, 
mit der er seine Aufgaben erfiillen kann und so weiter. 

Will man aber diese Faktoren in der rechten Weise beurteilen, dann 
mufi man ja iiber vieles, was in den heutigen Zivilisationsvorurteilen 
enthalten ist, hinwegsehen konnen. Man mufi mehr auf die urspriing- 
liche Wesenheit des Menschen eingehen konnen, mufi wirklich Einsicht 
gewinnen, was es denn eigentlich heiflt, daft der Mensch seiner tieferen 



Wesenheit nach aus geistigen Welten zum physischen Erdendasein her- 
untersteigt. 

Nun wissen Sie, dafi heute auch schon in die Kunst, in die Dichtung 
zum Beispiel dasjenige eingezogen ist, was man unter den Begriff der 
Vererbung zuammenfafit. Und wenn irgend jemand mit bestimmten 
Eigenschaften in der Welt auftritt, fragt man ja zuerst nach der Ver- 
erbung. Wenn jemand mit Krankheitsanlagen auftritt, fragt man: Wie 
stent es mit den Vererbungsverhaltnissen? 

Es ist gewifi zunachst eine durchaus berechtigte Frage. Aber so, wie 
man sich heute zu diesen Dingen verhalt, so sieht man eigentlich an 
dem Menschen vorbei. Man sieht vollig an dem Menschen vorbei. Man 
sieht nicht auf dasjenige, was eigentlich des Menschen wahre Wesen- 
heit ist, und wie sich diese Wesenheit entfaltet. Man sagt natiirlich, der 
Mensch ist zunachst das Kind seiner Eltern, ist der Nachkomme seiner 
Vorfahren. Gewifi, man sieht das auch. Man sieht es auftreten schon 
in der aufieren Physiognomie, noch mehr in den Gebarden vielleicht, 
man sieht die Ahnlichkeit mit den Vorfahren auftreten. Aber nicht nur 
das. Man sieht ja auch, wie der Mensch seinen physischen Organismus 
eben als Produkt dessen hat, was ihm die Vorfahren geben. Er tragt 
diesen physischen Organismus an sich. Und man weist heute stark, sehr 
stark darauf hin, dafi der Mensch diesen physischen Organismus an 
sich tragt. 

Man beachtet dabei das Folgende nicht. Wenn der Mensch geboren 
wird, so hat er gewifi zunachst seinen physischen Organismus von sei- 
nen Eltern. Aber was ist dieser physische Organismus, den er von seinen 
Eltern hat? Dariiber denkt man in der heutigen Zivilisation im Grunde 
genommen ganz falsch. 

Wenn der Mensch im Zahnwechsel steht, tauscht er ja nicht nur 
seine zuerst bekommenen Zahne gegen andere aus, sondern es ist das 
der Zeitpunkt im menschlichen Leben, in dem sich zum erstenmal die 
ganze menschliche Wesenheit als Organisation erneuert. 

Nun ist es wirklich ein durchgreifender Unterschied zwischen dem, 
was dann der Mensch in seinem achten, neunten Jahre wird, und dem- 
jenigen, was er zum Beispiel im dritten, vierten Jahre war. Es ist ein 
durchgreifender Unterschied. Dasjenige, was er im dritten, vierten 



Jahre als Organisation war, hat er vererbt bekommen, das haben ihm 
die Eltern gegeben. Dasjenige, was da wird und zuerst auftritt im 
achten, neunten Lebensjahre, das geht im hochsten Grade hervor aus 
dem, was der Mensch heruntergetragen hat aus der geistigen Welt. 

Will man das, was da eigentlich zugrunde liegt, schematisch zeich- 
nen, so mufi man es in der folgenden, die heutige Menschheit gewifi 
schockierenden Art tun. Man mull sagen: Der Mensch bekommt, in- 
dem er geboren wird, etwas mit wie ein Modell zu seiner Menschen- 
Tafei8 form (siehe Zeichnung Seite 87, griin). Dieses Modell, das bekommt 
er von seinen Vorfahren. Sie geben ihm ein Modell mit. Und an diesem 
Modell entwickelt der Mensch dasjenige, was er spater wird (rot). 
Das aber, was er da entwickelt, ist das Ergebnis dessen, was er aus 
geistigen Welten heruntertragt. 

So schockierend es fvir einen heutigen Menschen auch sein kann, 
wenn er ganz in der Bildung der Gegenwart drinnensteckt, so mufi 
man doch sagen: Die ersten Zahne, die der Mensch bekommt, sind 
ganz und gar vererbt, sind Vererbungsprodukte. Sie dienen ihm als 
Modell, nach dem er ausarbeitet - aber jetzt nach Mafigabe der Krafte, 
die er sich heruntertragt aus der geistigen Welt - die zweiten Zahne; 
die arbeitet er sich aus. 

So wie es mit den Zahnen ist, so ist es mit dem ganzen Organismus. 
Und die Frage konnte nur entstehen: Ja, warum brauchen wir als 
Menschen ein Modell? Warum konnen wir nicht einfach, wie es in 
alteren Phasen der Erdenentwickelung auch der Fall war, warum 
konnen wir nicht einfach, indem wir heruntersteigen und unseren 
Atherleib an uns heranziehen - den ziehen wir ja durch unsere eigenen 
Krafte heran, die wir heruntertragen aus der geistigen Welt -, warum 
konnen wir so nicht auch die physische Materie heranziehen und ohne 
physische Abstammung unseren physischen Leib formen? 

Das ist natiirlich fur das Denken eines heutigen Menschen eine ko- 
lossal torichte Frage, eine verriickte Frage selbstverstandlich. Aber 
nicht wahr, da mufi man schon sagen: In bezug auf die Verriicktheit 
gilt schon einmal die Relativitatstheorie, wenn man auch die Relati- 
vitatstheorie zunachst heute nur auf Bewegungen anwendet und sagt, 
man kann fur den Anblick nicht unterscheiden, ob man sich selber mit 



dem Korper, auf dem man sich befindet, bewegt, oder ob der Korper 
sich bewegt, der in der Nahe ist. Das ist deutlich hervorgetreten bei dem 
Obergang von der alten Welttheorie zur Kopernikanischen. Aber wenn 
man heute auch nur die Relativitatstheorie auf Bewegungen anwendet, 
so gilt sie - sie hat ja einen gewissen Geltungsbereich -, sie gilt schon in 
bezug auf diese angedeutete Verrucktheit: namlich, da stehen zwei 
voneinander ab, der eine ist gegen den anderen verriickt. Es kommt 
nur darauf an, nicht wahr, wer absolut verriickt ist. 

Nun, die Frage mu!5 aber trotzdem aufgeworfen werden gegen- 
uber den Tatsachen der geistigen Welt: Warum braucht der Mensch ein 
Modell? - Altere Weltanschauungen haben in ihrer Art die Ant wort 
darauf gegeben. Nur in der heutigen Zeit, wo man uberhaupt die Mo- 
ralitat nicht mehr in die Weltenordnung einbezieht, sondern nur als 
menschliche Konvention gelten lassen will, da stellt man solche Fragen 
nicht. Altere Weltanschauungen haben wohl diese Fragen gestellt und 
haben sie fur sich sogar beantwortet. Altere Weltanschauungen haben 
gesagt: Urspriinglich war der Mensch dazu veranlagt, sich in der Weise 
auf die Erde hereinzustellen, dafi er ebenso wie er seinen Atherleib 
aus der allgemeinen kosmischen Athersubstanz heranzieht, so auch sei- 
nen physischen Leib sich bildet aus den Substanzen der Erde. Nur ist 
der Mensch den luziferischen und ahrimanischen Einfliissen verfal- 
len, und dadurch hat er die Fahigkeit verloren, sich aus seiner Wesen- 
heit heraus seinen physischen Leib aufzubauen, und mulS ihn aus der 
Abstammung entnehmen. 

Diese Art, zu einem physischen Leib zu kommen, ist fur den Men- 
schen das Ergebnis der Erbsiinde. Das haben altere Weltanschauungen 
gesagt, das ist die eigentliche Grundbedeutung der Erbsiinde: hinein 
sich versetzen zu miissen in die Erbverhaltnisse. 

Fur unsere Zeit miissen ja erst wieder die Begriffe herbeigeschafft 
werden, um erstens solche Fragen ernst zu nehmen, zweitens, um Ant- 
worten darauf zu finden. Es ist eben tatsachlich der Mensch innerhalb 
seiner Erdenentwickelung nicht so stark geblieben, als er veranlagt 
war, bevor die luziferischen und ahrimanischen Einflusse da waren. 
Und so ist der Mensch darauf angewiesen, nicht sogleich beim Herein- 
treten in die Erdenverhaltnisse sich seinen physischen Leib von sich aus 



zu bilden, sondern er braucht eben ein Modell, jenes Modell, welches 
heranwachst in den ersten sieben Lebensjahren. Da er sich nach diesem 
Modell richtet, so ist es naturlich, daft von diesem Modell auch im 
spateren Leben etwas an ihm bleibt, mehr oder weniger. Derjenige, der 
als Mensch, welcher an sich selber wirkt, ganz und gar vom Modell 
abhangig ist, der wird, wenn ich so sagen darf , vergessen, was er eigent- 
lich heruntergebracht hat, und wird sich ganz nach dem Modell rich- 
ten. Derjenige, der starkere innere Kraft hat, durch seine fruheren 
Erdenleben erworben, er wird sich weniger nach dem Modell richten, 
und man wird dann sehen konnen, wie er sich sehr bedeutend ver- 
andert gerade im zweiten Lebensalter zwischen dem Zahnwechsel und 
der Geschlechtsreife. 

Die Schule wird sogar die Aufgabe haben, wenn sie eine rechte 
Schule ist, dasjenige im Menschen zur Entfaltung zu bringen, was er 
heruntergetragen hat aus den geistigen Welten in das physische Erden- 
dasein. So daft also dasjenige, was der Mensch dann weiter im Leben 
mit sich tragt, mehr oder weniger die Vererbungsmerkmale enthalt, 
je nachdem er sie Uberwinden kann oder nicht uberwinden kann. 

Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, alle Dinge habe ihre geistige 
Seite. Was der Mensch da hat als seinen Korper in den ersten sieben 
Lebensjahren, das ist eben einfach ein Modell, nach dem er sich richtet. 
Entweder es gehen seine geistigen Krafte in einem gewissen Grade in 
dem unter, was ihm da durch das Modell aufgedrangt wird, und er 
bleibt ganz vom Modell abhangig, oder er arbeitet in den ersten sieben 
Lebensjahren durch das Modell dasjenige durch, was das Modell ver- 
andern will. Dieses Arbeiten, dieses Durcharbeiten findet seinen aufte- 
ren Ausdruck. Denn es handelt sich ja nicht bloft darum, daft da ge- 
arbeitet wird und daft dieses hier das urspriingliche Modell ist; sondern 
das urspriingliche Modell lost sich ja los, schuppt sich ab sozusagen, 
Tafel 8 fallt ab, wie die ersten Zahne abf alien; alles fallt ab. (Siehe Zeichnung, 
hell.) Es handelt sich da wirklich darum, daft von der einen Seite die 
Formen, die Krafte das Modell drucken; auf der anderen Seite will 
der Mensch auspragen, was er heruntergebracht hat. Das gibt einen 
Kampf in den ersten sieben Lebensjahren. Vom geistigen Gesichts- 
punkte aus gesehen, bedeutet dieser Kampf dasjenige, was dann aufter- 



6?s 




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Tafel 8 




if f, 



lich symptomatisch in den Kinderkrankheiten zum Ausdrucke kommt. 
Kinderkrankheiten sind der Ausdruck dieses inneren Kampfes. 

Es treten natiirlich bei den Menschen ahnliche Formen des Erkrankt- 
seins auch spater auf. Das ist dann der Fall, wenn die Sache zum Bei- 
spiel so ist, dafi jemand in den ersten sieben Lebensjahren es nicht sehr 
gut dazu gebracht hat, das Modell zu iiberwinden. Dann kann in einem 
spateren Lebensalter ein innerer Drang auftauchen, nun doch das, was 
da karmisch in ihm geblieben ist, herauszubekommen. Er kann in sei- 
nem achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten Lebensjahre plotzlich 
innerlich aufgeriittelt werden, gegen das Modell nun erst recht an- 
stoflen, und bekommt dann eine Kinderkrankheit. 

Nun kann man schon, wenn man einen Blick dafiir hat, sehen, wie 
bei manchen Menschenkindern das stark auftritt, dafi sie sich nach 
dem siebenten, achten Jahre wesentlich andern, andern in der Phy- 
siognomic, andern in den Gesten. Man weifi nicht, woher gewisse 
Dinge kommen. Heute, wo man in der allgemeinen Zivilisationsansicht 
so aufierordentlich an der Vererbung hangt, ist das schon sogar in die 
Redensarten iibergegangen. Plotzlich tritt im achten, neunten Lebens- 
jahre bei einem Kinde etwas auf, was sehr organisch begriindet ist. Der 
Vater sagt: Na, von mir hat er das nicht. - Die Mutter sagt: Nun, von 
mir erst recht nicht! - Das riihrt natiirlich von dem allgemeinen Glau- 
ben heute her, der in das elterliche Bewufitsein iibergegangen ist, dafi 
die Kinder alles von den Eltern haben miifken. 

Auf der anderen Seite ist ja auch das, dafi dann auch gesehen wer- 



den kann, wie Kinder unter Umstanden in diesem zweiten Lebensalter 
sogar ahnlicher werden ihren Eltern, als sie friiher waren. Ja, aber da 
miissen Sie nur in ganz vollem Ernste nehmen, wie der Mensch herun- 
terkommt in die physische Welt. 

Sehen Sie, die Psychoanalyse hat manche wirklich schreckliche 
Sumpfbliite getrieben; unter anderem zum Beispiel auch das - Sie kon- 
nen es ja heute uberall lesen -, dafi im Geheimen, im Unterbewufken 
jeder Sohn in seine Mutter verliebt ist, oder jede Tochter in den Vater 
verliebt ist, und daft das Lebenskonflikte gabe in den unterbewufken 
Provinzen der Seele. 

Nun, das alles sind naturlich dilettantische Lebensinterpretationen. 
Was aber wahr ist, das ist, daft der Mensch, schon bevor er herunter- 
steigt zum irdischen Dasein, in seine Eltern verliebt ist, daft er her- 
untersteigt, weil sie ihm gefallen. Nur mufi man naturlich das Urteil, 
das die Menschen hier auf Erden haben iiber das Leben, unterscheiden 
von dem Urteii, das die Menschen haben aufier dem irdischen Leben, 
zwischen dem Tod und einer neuer Geburt, iiber das Leben. 

Im Anfange des anthroposophischen Wirkens kam es einmal vor, 
daft eine Dame auftrat, die horte von den wiederholten Erdenleben 
und erklarte: Nein, das andere an der Anthroposophie gefiele ihr zwar, 
aber die wiederholten Erdenleben wollte sie nicht mitmachen, sie habe 
genug an dem einen; die wiederholten Erdenleben, die wolle sie nicht 
mitmachen. - Nun, es waren ja dazumal auch schon sehr wohlmei- 
nende Anhanger da, die haben sich auf alle mogliche Weise bemiiht, 
der Dame klarzumachen, dafi das doch eine richtige Idee ist, und dafi 
jeder Mensch die wiederholten Erdenleben eben mitmachen mufi. Sie 
konnte sich nicht dazu bereitfinden. Der eine hat links, der andere 
rechts in sie hineingeredet. Sie ist dann abgereist. Mir aber hat sie eine 
Postkarte geschrieben nach zwei Tagen, sie wolle nun doch nicht noch 
einmal auf der Erde geboren werden! 

In einem solchen Falle mufi derjenige, der eben einfach die Wahr- 
heit aus der geistigen Erkenntnis heraus sagen will, das Folgende zu 
den Leuten sagen: Gewifi, es mag sein, dafi Sie, wahrend Sie hier auf 
Erden sind, gar keinen Geschmack daran finden, wiederum zur Erde 
herunterzusteigen in einem zukunftigen Leben. Aber das ist ja nicht 



88 



mafigebend. Hier auf Erden gehen Sie zunachst durch die Pforte des 
Todes in die geistige Welt hinein. Das wollen Sie. Ob Sie wieder 
heruntersteigen wollen, das hangt von Ihrem Urteile dann ab, wenn 
Sie keinen Leib mehr an sich tragen. Da werden Sie schon ein anderes 
Urteil dann sich bilden. - Die Urteile sind eben durchaus verschieden, 
die der Mensch hier im physischen Dasein hat, und diejenigen, die er 
hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es andert sich da 
jeder Gesichtspunkt. 

Und so ist es auch. Wenn Sie jetzt einem Menschen, einem jungen 
Menschen hier auf der Erde sagen, er habe sich seinen Vater gewahlt, 
so kbnnte er ja unter Umstanden immerhin einwenden: Wie aber, einen 
Vater, der mich so gepriigelt hat, den soil ich mir gewahlt haben? - Er 
hat sich ihn wirklich gewahlt, weil er einen anderen Gesichtspunkt 
hatte, bevor er zur Erde heruntergestiegen ist. Da hatte er namlich 
den Gesichtspunkt, dafi die Priigel ihm sehr gut tun werden. Es ist das 
tatsachlich gar keine lacherliche Sache, es ist absolut tiefernst gemeint. 
Und so wahlt sich der Mensch auch seine Eltern nach der Gestalt. Er 
hat das Bild fiir sich selbst vor sich, seinen Eltern ahnlich zu werden. 
Er wird dann nicht durch Vererbung ahnlich, sondern durch seine 
inneren geistig-seelischen Krafte, die er sich gerade aus der geistigen 
Welt herunterbringt. Deshalb sind in dem Augenblicke, wo man all- 
seitig, aus der geistigen und aus der physischen Wissenschaft heraus 
urteilt, solche Urteile in Bausch und Bogen nicht mehr moglich, dafi 
man sagt: Ich habe auch schon Kinder gesehen, die wurden erst in 
ihrem zweiten Lebensalter ihren Eltern ahnlicher. Gewifi, da liegt eben 
dann der andere Fall vor, dafi diese Kinder sich als Ideal vorgesetzt 
haben, die Gestalt ihrer Eltern anzunehmen. 

Nun handelt es sich darum, dafi der Mensch im Grunde genommen 
die ganze Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im Vereine 
mit anderen verstorbenen Seelen und im Vereine mit den Wesenheiten 
der hoheren Welten an demjenigen arbeitet, was ihm die Moglichkeit 
bringt, sich seinen Korper aufzubauen. 

Sehen Sie, man unterschatzt das, was der Mensch im Unterbewufiten 
tragt, gar sehr. Man ist im Unterbewufiten viel weiser als im Ober- 
bewufiten als Erdenmensch. Man arbeitet schon aus einer weitgehenden 



universellen Weltenweisheit dasjenige aus, was sich innerhalb des Mo- 
dells dann im zweiten Lebensalter zu dem ausgestaltet, was man nun 
als seinen eigentlichen, einem zugehorigen Menschen an sich tragt. 
Wird man einmal wissen, wie wenig der Mensch eigentlich in bezug 
auf seine Korpersubstanz aufnimmt aus dem, was er iflt - wie er viel 
mehr entnimmt dem, was er aus Luft und Licht und so weiter auf- 
nimmt in aufierordentlich fein verteiltem Zustande -, dann wird man 
auch eher glauben konnen, dafi der Mensch sich ganz unabhangig von 
alien Vererbungsverhaltnissen seinen zweiten Korper fur das zweite 
Lebensalter ganz und gar aus der Umgebung aufbaut. Der erste Kor- 
per ist tatsachlich nur ein Modell, und dasjenige, was den Eltern ent- 
stammt, substantial und auch den aufieren korperlichen Kraften nach, 
das ist nicht mehr da im zweiten Lebensalter. 

Das Verhaltnis zu den Eltern wird ein moralisch-seelisches im zwei- 
ten Lebensalter, und es ist ein physisches Vererbungsverhaltnis nur im 
ersten Lebensalter bis zum siebenten Lebensjahre. 

Nun, es gibt ja auch noch in diesem Erdenleben Menschen, die ha- 
ben ein ganz reges Interesse fur alles, was im sichtbaren Kosmos um 
sie herum ist. Es sind Menschen, die beobachten Pflanzen, beobachten 
die Tierwelt, sie haben Anteil, Interesse an dem und jenem, was in der 
sichtbaren Umwelt ist. Sie haben Interesse fur die Erhabenheit des 
gestirnten Himmels. Sie sind sozusagen mit ihrer Seele beim ganzen 
physischen Kosmos dabei. Das Innere eines Menschen, der ein solches 
warmes Interesse fur den physischen Kosmos hat, ist ja anders als das 
Innere eines Menschen, der mit einer gewissen Gleichgiiltigkeit, mit 
einem seelischen Phlegma an der Welt vorbeigeht. 

Es gibt wirklich in dieser Beziehung die ganze Skala von Men- 
schencharakteren. Auf der einen Seite, nicht wahr, hat einer eine ganz 
kurze Reise gemacht. Man redet nachher mit ihm. Er beschreibt einem 
die Stadt, in der er gewesen ist, mit einer unendlichen Liebe bis in die 
Kleinigkeiten hinein. Man bekommt unter Umstanden deshalb, weil 
er so starkes Interesse gehabt hat, eine vollige Vorstellung von dem, 
wie es in der Stadt, wo er war, ausgesehen hat. Von diesem Extrem 
geht es bis zu dem anderen herunter, wie zum Beispiel jenem, wo ich 
einmal zwei altere Damen getroffen habe, die von Wien nach Prefi- 



burg gereist waren. Prefiburg ist eine schone Stadt. Sie waren wiederum 
zuriickgekommen. Ich fragte sie, wie es in Prefiburg ausschaut, wie es 
ihnen gefallen hat. Nichts wulken sie zu erzahlen, als dafi sie am 
Strande zwei schone Dackerln gesehen hatten! - Die hatten sie in 
Wien auch sehen konnen, sie hatten dazu nicht gebraucht nach Prefi- 
burg zu fahren. Aber sie haben eben nichts anderes gesehen. 

So gehen manche Menschen durch die Welt. Zwischen diesen beiden 
aufiersten Vertretern der Skala liegt ja jede Art von Interesse, die der 
Mensch fur dasjenige haben kann, was die physisch sichtbare Welt ist. 

Nehmen wir an, ein Mensch hat wenig Interesse fur die umliegende 
physische Welt. Er interessiert sich meinetwillen gerade noch fur das, 
was unmittelbar seine Korperlichkeit angeht, fur die Art und Weise 
meinetwillen, ob man in irgendeiner Gegend gut oder schlecht ifit oder 
dergleichen, aber dariiber hinaus gehen seine Interessen nicht. Seine 
Seele bleibt arm. Er tragt die Welt nicht in sich. Und er tragt wenig 
von dem, was die Erscheinungen der Welt ihm entgegengeleuchtet ha- 
ben, durch die Pforte des Todes mit seinem Inneren hinuber in die gei- 
stige Welt. Dadurch wird ihm das Arbeiten driiben mit den geistigen 
Wesenheiten, mit denen er jetzt zusammen ist, schwer. Dadurch bringt 
er aber auch nicht Starke, nicht Energie, sondern Schwache, eine Art 
von Ohnmacht in seiner Seele mit fiir den Aufbau seines physischen 
Leibes. Das Modell wirkt schon stark auf ihn ein. Der Kampf mit dem 
Modell driickt sich in allerlei Kinderkrankheiten aus, aber die Schwache 
bleibt ihm. Er bildet gewissermafien einen zerbrechlichen Leib, der 
alien moglichen Krankheiten ausgesetzt ist. So verwandelt sich kar- 
misch seelisch-geistiges Interesse aus dem einen Erdenleben in die Ge- 
sundheitslage eines nachsten Erdenlebens. Diejenigen Menschen, die vor 
Gesundheit strotzen, die haben zunachst in einem fniheren Erdenleben 
ein reges Interesse fiir die sichtbare Welt gehabt. Und in dieser Bezie- 
hung wirken wirklich die Einzeltatsachen des Lebens aufierordentlich 
stark. 

GewiiR, es ist ja, ich mochte sagen, mehr oder weniger riskiert heute, 
iiber diese Dinge zu sprechen; aber verstehen wird man die Zusammen- 
hange des Karma doch nur, wenn man geneigt ist, Einzelheiten iiber 
das Karma aufzunehmen. Es hat ja auch in der Zeit zum Beispiel, 



in der die Menschenseelen, die heute da sind, in einem friiheren Erden- 
leben gelebt haben, schon Malerei gegeben, und es hat Menschen ge- 
geben, welche an dieser Malerei kein Interesse hatten. Es gibt ja heute 
auch Menschen, denen es ganz gleichgultig ist, ob sie irgendeine male- 
rische Scheufilichkeit an der Wand hangen haben oder irgendein sehr 
gut gemaltes Bild. So hat es auch in der Zeit, in der die Seelen, die 
heute leben, in friiheren Erdenleben vorhanden waren, solche Men- 
schen gegeben. Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, ich habe niemals 
einen Menschen gefunden, der ein sympathisches Gesicht hat, einen 
sympathischen Gesichtsausdruck hat, der nicht seine Freude an der 
Malerei in einem friiheren Erdenleben gehabt hat. Menschen mit un- 
sympathischem Gesichtsausdrucke - was ja auch im Karma des Men- 
schen eirte Rolle spielt, was fiir das Schicksal eine Bedeutung hat - 
waren immer solche, die stumpf und gleichgultig, phlegmatisch an Bild- 
werken vorbeigegangen sind. 

Aber es gehen die Dinge viel weiter. Es gibt Menschen, die ihr gan- 
zes Leben hindurch - und das war auch schon in friiheren Erdenaltern 
der Fall - niemals zu den Sternen aufsahen, die nicht wissen, wo der 
Lowe oder der Widder oder der Stier ist, die sich fiir gar nichts in die- 
ser Richtung interessieren. Diese Menschen werden in einem nachsten 
Erdenleben mit einem irgendwie schlaffen Korper geboren, beziehungs- 
weise wenn sie durch die Starke ihrer Eltern noch das Modell bekom- 
men, das sie dariiber hinwegfuhrt, werden sie an dem Korper, den sie 
sich dann selber aufbauen, schlaff, kraftlos. 

Und so konnte man den ganzen Gesundheitszustand des Menschen, 
den er in irgendeinem Erdenleben tragt, zuruckfiihren auf die Inter- 
essen, die er im friiheren Erdenleben an der sichtbaren Welt in ihrem 
weitesten Umfange genommen hat. 

Menschen, welche in unserer heutigen Zeit zum Beispiel absolut kein 
Interesse fiir Musikalisches haben, denen das Musikalische gleichgultig 
ist, die werden ganz sicher in einem nachsten Erdenleben entweder 
asthmatisch oder mit Lungenkrankheiten wiedergeboren werden, be- 
ziehungsweise fiir Lungenkrankheiten oder Asthma geeignet geboren 
werden. Es ist tatsachlich so, daft sich dasjenige Seelische, das sich aus- 
bildet in einem Erdenleben durch das Interesse an der sichtbaren Welt, 



in der Gesundheits- oder Krankheitsstimmung des Korpers im nachsten 
Erdenleben zum Ausdrucke bringt. 

Vielleicht konnte jetzt jemand sagen: Das zu wissen, konnte einem 
schon den Geschmack an dem folgenden Erdenleben nehmen. - Aber 
das ist wiederum solch ein Urteil, das man vom Erdenstandpunkte aus 
fallt, der ja wirklich nicht der einzige ist, denn das Leben zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt dauert langer als das Erdenleben. 
Wenn jemand stumpf ist fur irgend etwas Sichtbares in seiner Umge- 
bung, dann bleibt er in der Unfahigkeit, auf gewissen Gebieten zu ar- 
beiten zwischen Tod und einer neuen Geburt, und er ist nun durch die 
Pforte des Todes gegangen, sagen wir, mit den Folgen der Interesse- 
losigkeit. Er geht weiter nach dem Tode. Er kommt nicht heran an 
gewisse Wesenheiten. Gewisse Wesenheiten halten sich von ihm zu- 
nick, weil er nicht an sie heran kann. Andere Menschenseelen, mit de- 
nen er auf der Erde zusammen war, bleiben ihm fremd. Das wiirde 
ewig dauern, es wiirde eine Art Ewigkeit der Hollenstrafen geben, 
wenn es nicht abgeandert werden konnte. Daft der Mensch nun be- 
schliefit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ins irdische Leben 
herunterzusteigen und das, was ein Unvermogen ist in der geistigen 
Welt, nun auch zu fiihlen an dem erkrankten Leibe, das ist der einzige 
Ausgleich, das ist die einzige Kur. Diese Kur wiinscht man zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, denn zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt hat man nur das: Man kann etwas nicht; aber man fiihlt 
es nicht. So daft dann im weiteren Verlauf, wenn man wieder stirbt 
und wiederum geht durch die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, das, was irdischer Schmerz war, der Antrieb ist, nun herein- 
zukommen in dasjenige, was man versaumt hat. So kann man sagen, 
der Mensch tragt sich im wesentlichen Gesundheit und Krankheit 
mit seinem Karma aus der geistigen Welt in die physische Welt her- 
unter. 

Und wenn man dabei beriicksichtigt, daft es nicht immer ein sich 
erfiillendes, sondern auch ein werdendes Karma gibt, daft gewisse 
Dinge auch zum ersten Mai auftreten konnen, dann wird man natur- 
lich nicht alles, was der Mensch, sagen wir, von gesundheitlicher oder 
Krankheitsseite zu erleiden hat im physischen Leben, auf die friiheren 



Erdenleben beziehen. Aber man wird wissen, dafi durchaus dasjenige, 
was namentlich von innen heraus veranlagt auftritt in bezug auf Ge- 
sundheits- und Krankheitsverhaltnisse, auf dem Umwege, den ich eben 
charakterisiert habe, karmisch bestimmt ist. Die Welt wird eben erst 
erklarlich, wenn man iiber das Erdenleben hinaus zu sehen vermag. 
Vorher ist sie nicht erklarlich. Aus dem Erdenleben ist die Welt nicht 
erklarlich. 

Und wenn wir von diesen inneren Bedingungen des Karma, die 
aus der Organisation folgen, mehr nach dem Aufierlichen, nach dem 
Aufieren gehen, so konnen wir wiederum, ich mochte sagen, nur um 
zunachst das Thema anzuschlagen, ausgehen von einem den Menschen 
nahe beruhrenden Tatsachengebiet. Nehmen wir zum Beispiel dasje- 
nige, was nun seelisch sehr stark mit der allgemeinen seelischen Gesund- 
heits- und Krankheitsstimmung zusammenhangen kann im Verhalt- 
nis zu anderen Menschen. 

Ich will den Fall setzen, jemand findet einen Jugendfreund. Es bil- 
det sich eine innige Jugendfreundschaft heraus. Die Menschen hangen 
sehr aneinander. Das Leben fuhrt sie auseinander, so dafi vielleicht 
bei beiden, vielleicht bei einem besonders, mit einer gewissen Wehmut 
zuruckgesehen wird auf die Jugendfreundschaft. Aber sie lafk sich 
nicht wieder herstellen, so oft man sich im Leben auch trifft, die Ju- 
gendfreundschaft stellt sich nicht wieder her. Wenn Sie bedenken, wie- 
viel unter Umstanden von solch einer zerbrochenen Jugendfreund- 
schaft schicksalsmafiig abhangen kann, dann werden Sie doch sich 
sagen, das Schicksal des Menschen kann tiefgehend beeinflufit sein 
von solch einer zerbrochenen Jugendfreundschaft. 

Man sollte eigentlich moglichst wenig iiber solche Dinge aus der 
Theorie heraus reden. Das aus der Theorie heraus Reden hat eigent- 
lich keinen besonderen Wert. Man sollte iiber diese Dinge im Grunde 
genommen nur reden entweder aus der unmittelbaren Anschauung her- 
aus oder auf Grundlage dessen, was man mundlich oder schriftlich 
vernommen hat von demjenigen, der eine solche unmittelbare An- 
schauung haben kann, und was einem plausibel erscheint, begreiflich 
ist. Das Theoretisieren iiber diese Dinge hat keinen Wert. Deshalb will 
ich sagen, wo man sich bemtiht, mit geistiger Anschauung hinter so 



etwas zu kommen wie eine zerbrochene Jugendfreundschaft, da stellt 
sich das Folgende heraus. 

Geht man in ein friiheres Erdenleben zuriick, so findet man in der 
Regel, dafi die beiden Menschen, die Jugendfreundschaft in einem Le- 
ben hatten, welche dann zerbrochen ist, dafi diese in einem friiheren 
Erdenleben eine Freundschaft im spateren Leben hatten. 

Also nehmen wir an, zwei Menschen sind Jugendfreunde oder Ju- 
gendfreundinnen bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahre, dann zerbricht 
die Jugendfreundschaft. Geht man nun mit Geisteserkenntnis zuriick 
in ein friiheres Erdenleben, so findet man, da war eine Freundschaft 
zwischen den beiden Leuten auch vorhanden, aber die hat etwa im 
zwanzigsten Jahre begonnen und ging ins spatere Leben hinauf. Das 
ist ein sehr interessanter Fall, den man oftmals findet, wenn man den 
Dingen geisteswissenschaftlich nachgeht. 

Zunachst stellt sich dann, wenn man die Falle genauer priift, dieses 
ein, dafi der Drang, den Menschen, mit dem man eine Freundschaft 
in alteren Jahren hatte, nun auch so kennenzuiernen, wie er in der 
Jugend sein kann, einen im nachsten Leben dazu fiihrt, ihn wirklich 
als Jugendfreund kennenzuiernen. Man hat ihn als alteren Menschen 
in einem vorigen Erdenleben gekannt; das hat den Drang in die Seele 
gebracht, ihn nun auch in der Jugend kennenzuiernen. Das kann man 
nicht mehr in diesem Leben, so macht man es im nachsten Leben. 

Aber das hat einen grofien Einflufi, wenn in einem von den beiden 
oder in den beiden dieser Drang entsteht, durch den Tod geht und dann 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sich auslebt in der geistigen 
Welt. Denn dann ist in der geistigen Welt etwas da wie ein Hinstarren 
auf die Jugend. Man hat diese ganz besondere Sehnsucht, auf die Ju- 
gend hinzustarren, und man bildet nicht den Drang aus, den Men- 
schen auch wiederum im Alter kennenzuiernen. Und so zerbricht die 
Jugendfreundschaft, die vorbestimmt war aus dem Leben, das man 
durchlebt hat, bevor man auf die Erde herabgestiegen ist. 

Nun, es ist das durchaus ein Fall, den ich Ihnen aus dem Leben 
erzahle. Das, was ich Ihnen erzahle, ist durchaus etwas, was real ist. 
Es entsteht nur jetzt die Frage: Ja, wie war denn eigentlich im vorigen 
Leben die altere Freundschaft, so dafi sie nun diesen Drang entstehen 



lieft, den Menschen in der Jugend wiederum zu haben in einem neuen 
Erdenleben? 

Nun, damit sich dieser Trieb, den Menschen in der Jugend zu ha- 
ben, nicht dennoch dazu auswachst, dann den Jugendfreund im Alter 
weiter zu haben, mufi irgend etwas anderes im Leben eintreten. In all 
den Fallen, die mir bewuftt sind, ist es dann immer so gewesen, daft, 
waren diese Menschen in einem spateren Leben vereinigt geblieben, 
ware die Jugendf reundschaft nicht zerbrochen, so wiirden sie einander 
iiberdriissig geworden sein, weil sie die Freundschaft in einem friiheren 
Leben, die eine Altersf reundschaft war, zu egoistisch ausgebildet haben. 
Der Egoismus von Freundschaften in einem Erdenleben racht sich 
karmisch in dem Verlust dieser Freundschaften in anderen Erdenleben. 
So sind die Dinge kompliziert. Aber man bekommt immer einen Leit- 
faden, wenn man eben sieht: Es ist in vielen Fallen dies vorhanden, 
daft zwei Menschen in einem Erdenleben, sagen wir, bis zu ihrem zwan- 
zigsten Lebensjahr ihr Leben fur sich und dann weiter in Freundschaft 



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gehen (siehe Zeichnung I). In einem nachsten Erdenleben entspricht 
gewohnlich diesem Bilde dann das andere (II), es entspricht diesem 
anderen die Jugendfreundschaft, und dann geht das Leben auseinan- 



der. Das ist sehr haufig der Fall. Wie denn iiberhaupt das gefunden 
wird, dafi sich die einzelnen Erdenleben, ich mochte sagen, ihrer Kon- 
figuration nach angesehen, gegenseitg erganzen. 

Besonders das wird haufig gefunden: Trifft man einen Menschen, 
der auf das Schicksal einen starken Einflufi hat - die Dinge gelten 
natiirlich nur in der Regel, sind nicht fiir alle Falle giiltig aber trifft 
man einen Menschen im mittleren Lebensalter in einer Inkarnation, 
so hat man ihn unter Umstanden am Anfange und am Ende des Le- 
bens in einer vorigen Inkarnation schicksalsmafiig neben sich gehabt. 
Dann ist das Bild so: Man durchlebt Anfang und Ende in der einen 
Inkarnation mit dem anderen Menschen zusammen, und in einer an- 
deren Inkarnation durchlebt man Anfang und Ende nicht, aber man 
trifft ihn gerade in der Mitte des Lebens. 

HllUHillllW' "///'//////// IIMflf If Tafel 9 

////////✓//// 4\\\k <///////////?// 

Oder aber es stellt sich so heraus, dafi man als Kind an irgendeinen 
Menschen gebunden ist schicksalsmafiig. In einem vorigen Erdenleben 
war man gerade, bevor man zu Tode ging, mit demselben Menschen 
verbunden. Solche Spiegelungen finden in den schicksalsmafiigen Zu- 
sammenhangen aufierordentlich haufig statt. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach,2.Marzl924 

Indem wir in unseren Betrachtungen iiber das Karma weiterschreiten, 
haben wir zunachst notig, einen Blick auf die Art und Weise zu wer- 
fen, wie in der Menschenentwickelung das Karma eingreift; wie das 
Schicksal, das sich verwebt mit den freien Menschentaten, eigentlich 
aus der geistigen Welt heraus im physischen Abglanz gestaltet wird. 

Da werde ich Ihnen heute einiges zu sagen haben iiber dasjenige, 
was mit dem Menschen, insofern er auf der Erde lebt, zusammenhangt. 
Dieser irdische Mensch, wir haben ihn ja in bezug auf seine Gliederung 
in diesen Vortragen betrachtet. Wir haben an ihm den physischen Leib, 
den atherischen Leib, den astralischen Leib, die Ich-Organisation un- 
terschi
…[truncated]