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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG
MIT DEM KOSMOS
Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls
16 Vortrage, Dornach 9- April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201
Band II Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der
gottlichen Sophia
16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920
Bibl.-Nr. 202
Band III Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten
und der Sternenwelt
18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921
Bibl.-Nr. 203
Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung
17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204
Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist
Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit
in seinem Verhaltnis zur Welt
13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921
Bibl.-Nr. 205
Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist
Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen
Werdegang
11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206
Band VII Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil:
Wesenszuge des Menschen im irdischen und kosmischen
Bereich
U Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207
Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil:
Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer
Wirkungen
11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921. Bibl.-Nr. 208
Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse
Das Fest der Erscheinung Christi
11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezem-
ber 1921. Bibl.-Nr. 209
DER MENSCH IN SEINEM 2USAMMENHANG
MIT DEM KOSMOS
Achter Band
RUDOLF STEINER
Anthroposophie als Kosmosophie
Zweiter Teil
Die Gestaltung des Menschen
als Ergebnis kosmischer Wirkungen
Elf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 21. Oktober bis 13. November 1921
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hendrik Knobel und Johann Waeger
1. Auflage in dieser Zusammenstelhmg
Gesamtausgabe Dornach 1972
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1981
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 208
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Assja Turgenieff, Hedwig Frey und Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1972 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2080-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dalS seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Si vers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt benicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Mahuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Die vorangehenden Vortrage I— XI, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921,
sind enthalten in «Anthroposophie als Kosmosophie» Teil I, Bibliographie-Nr. 207
der Rudolf Steiner Gesamtausgabe
Zwolfter Vortrag, Dornach, 21. Oktober 1921 13
Denken und Fuhlen im Zusammenhang mit Xtherleib und Astralleib,
Wollen und Wahrnehmen im Zusammenhang mitlch und physischem
Leib — Das menschliche Innere und das aufiere menschliche Leben —
Ihre Metamorphose im Leben nach dem Tode - t)ber das Wesen der
Sonne - Das Entstehen des zukiinf tigen Jupiterplaneten - Der Mond
im nachtodlichen Leben - Der Mensch im Sonnendasein nach dem
Tode - Die hoheren Wesensglieder als Umkleidungen des Ich im
Leben nach dem Tode
Dreizehnter Vortrag, 22. Oktober 1921 31
Das Oberbewufitsein im Leben nach dem Tode als Gegenstiick zum
Schlafbewufltsein im Erdenleben - Sinneswahrnehmung und Geister
der Form - Gedankenwelt und Archai - Die "Welt der Sprache (Arch-
angeloi) und der Phantasie (Angeloi) - Die Willenshandlung als die
eigentliche Welt des Menschen - Die inneren Organe als kosmische
Erinnerungen an das Leben zwischen Tod und neuer Geburt - Die
hoheren Hierarchien als Bildner unserer Organe — Anthroposophie
als Kosmosophie
Vierzehnter Vortrag, 23. Oktober 1921 47
Die Erkenntnis der Vorzeit als Erkenntnis der luziferischen Engel -
Ubergang zur menschlichen Erkenntnis bei Plato - Die rein mensch-
liche Erkenntnis bei Aristoteles - Die abstrakte Erkenntnis der Ro-
mer — Das Theologisch-luziferisch-Werden des Christentums - Das
luziferische Wesen der Renaissance - Pater Secchi - Luziferische
und ahrimanische "Wesenheit - Die ahrimanische Natur von materiel-
ler Wissenschaft und Technik - Ahriman als Programmatiker — Die
Notwendigkeit einer einheitlichen Geisteswissenschaf t
Funfzehnter Vortrag, 28. Oktober 1921 64
Die Formung des Menschen aus dem Universum - Die Kennzeich-
nung der Formung und ihre Zuordnung zu denlierkreisbildern - Die
Herausbildung des Menschen aus dem Universum als Kopf-, Brust-
und Gliedmafienmensch - Der Kopf als von den Gliedmafien getra-
gener Passagier, der Brustmensch als Pf leger des Menschen, die Glied-
maften als Arbeitsmensch
Sechzehnter Vortrag, 29. Oktober 1921 82
Menschenembryo und Menschengestalt - Charakterisierung der sie-
ben Lebensstufen und ihre Unterschiede - Ersterbendes und sich er-
neuerndes Leben - Lebensstufen als Planetenstufen — Die Sonne als
Licht-, Lebens- und Liebesquell - Die Wirkung von Saturn, Jupiter,
Mars auf Sinnes-, Nerven- und Atmungsleben - William James und
seine «Erweckungen» - Die Wirkung von Merkur, Venus, Mond auf
die Unterleibsorgane - Die Sprache als Echo von inneren Organ-
bildungen - Das Wesen der Eurythmie
Siebzehnter Vortrag, 30. Oktober 1921 101
Das Haupt als Vernichter der Materie und als Trager des seelischen
Bild-Erlebens - Die Freiheit im Willenspol - Das nicht zu Ende ge-
fuhrte Keimesleben in der organischen Bildung - Zuordnung von
Haupt, Brust und Gliedmafien zu den Tierkreiszeichen - Ober Ge-
fiihls-, Vorstellungs- und Willensleben - Das Ungeniigende der mo-
dernen Seelenwissenschaft. Das «Psychoid» - Die Naturwissen-
schafter als Philosophen: Drews, Mach, Driesch, Kuno Fischer - Die
Notwendigkeit der Synthese von Religion, Kunst und Wissenschaft
Achtzehnter Vortrag, 4. November 1921 120
Der Zusammenhang zwischen Schlaf und Ich-Wesenheit - Die unbe-
wufite Imagination im Vorstellungsleben, die unbewufite Inspiration
im Gefiihlsleben, die unbewuflte Intuition im Willensleben - Physio-
gnomic, Inkarnat, menschliche Betatigung - Bild-Erleben und Wirk-
lichkeit im materiellen und im geistigen Dasein - Das Erleben des
Geistesmenschen im Wachen und Schlafen, im Leben und im Tode -
Die Kreisbewegung der Spharen als Vermittlung zwischen gewohn-
lichem Koordinatensystem und Polarkoordinaten in der Mathema-
tik - Ober die Einsteinsche Relativitatstheorie
Neunzehnter Vortrag, 5. November 1921 138
Betrachtung des physischen, pflanzlichen, tierischen und mensch-
lichen Wesens vom Gesichtspunkte des Herkreises, der Planetenspha-
ren, der Erde und des Mondes - Polyedrische, Kugel-, Taschenform
und Taschenform mit ErfUllung - Das Entstehen des Tieres und des
geschlossenen Tier- oder Menschenorgans - Besprechung der Bro-
schure «Hypnotismus und Suggestion* von Moriz Benedikt iiber die
Notwendigkeit der mathematischen Schulung fur Mediziner und
Forscher - Die mathematische Schulung in Platons Akademie - Die
Erklarung des Menschen aus dem Ganzen der Welt
Zwanzigster Vortrag, 6. November 1921 159
Zwei Arten des Wollens und des Fiihlens - Wollen und Fiihlen im
Wachen und Schlafen - Ober das Wesen des Bosen - Vorstellen als
bejahendes und vernemendes Urteilen - Wahrnehmen als Licht und
Finsternis - Vom Wesen der persischen, agyptischen und griechisch-
lateinischen Zeit - Die Sonne als Lichtes-, Lebens- und Liebes-
quell - Julian Apostata und Konstantin - Das Palladium im Gang
der Geschichte - Sein Wiedererglanzen durch Beleuchtung mit mo-
dernem Naturerkennen des Westens
Einundzwanzigster Vortrag, 12. November 1921 . . . . 176
Die Zweiheit der menschlichen Wesenheit im Schlafe - Die mora-
lische Wesenheit von Ich und Astralleib gegeniiber physischem und
Atherleib - Die Gestaltung (Furchung) des Ich durch die geistige
Welt im Schlaf, die Tingierung des Astralleibes durch die aufiere
seelische Welt im Schlafe als Vorbereitung des Hauptes der nachsten
Inkarnation - Verhalten des Menschen im Hinblick auf den Schlaf -
Ober die Ursache des Schlafens - Du Bois-Reymond tiber den schla-
fenden und wachenden Menschen - Kennzeichnung des Aufwachens
als Herbst-Wintererlebnis, des Einschlafens als Friihlings-Sommer-
erlebnis
Zweiundzwanzigster Vortrag, 13. November 1921 . . . . 193
Betrachtung des physischen Leibes - Ich und Astralleib im Haupte
und im Stoffwechselsystem - Die doppelte Aufgabe der Sinne - Das
gestaltende Einwirken der Sinnesregion auf das Stoffwechselleben im
Schlaf (Geistesmensch) - Die Gestaltung des Atherleibes zum Abbild
des Universums im Schlafe (Lebensgeist) - Das von innen nach
auften Strahlen des Atherleibes als Nahrung fur die Erde - Leben
zwischen Tod und neuer Geburt, Geistselbst und Mathematik - Das
Jupiter-Bewufitsein - Schlafend wird der Astralleib der Richter der
Seele, das Ich das Opfer seiner selbst - Das «Jiingste Gericht» und
das «Gotteslamm» - Heinrich II., der Heilige und die Ecclesia
catholica non Romana - Die Abscheu vor der Luge - Die Oster-
zeremonie in Helsingfors
Hinweise
Zu dieser Ausgabe
Hinweise zum Text
Namenregister
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
215
217
227
229
231
ZWOLFTER VORTRAG
Dornach, 21. Oktober 1921
Wir wollen heute einiges iiber den Zusammenhang des Menschen in
leiblicher, seelischer und geistiger Beziehung mit der Welt betrachten.
Wir haben ja gesehen, wie in einer gewissen Weise das, was der Mensch
an dem ganzen Universum, an dem ganzen Kosmos zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt erlebt, im Erdenleben dann in sein Inneres
hereinzieht. Wir haben gesehen, wie das, was der Mensch vor der Ge-
burt oder vor der Empfangnis, sagen wir, wie aufiere Erlebnisse hat,
wie das dann in der Wirkung sich auslebt in seinen Organen, in seinem
Inneren, in seinem organischen Inneren. Wir wollen heute einmal nach
der anderen Seite hin den Menschen betrachten in seinem Verhaltnisse
zur Welt, und zwar so, wie das, was der Mensch zwischen Geburt und
Tod erlebt, dann mit ihm durch die Pforte des Todes geht und zu Er-
lebnissen eines erneuten Lebens zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt wird.
Wir mussen ja am Menschen unterscheiden, was er zunachst wah-
rend des Erdenlebens als sein inneres Leben hat, und das, was sich als
eine Art von Auftenleben von ihm absondert. Inneres Leben - wir kon-
nen ja zunachst hinweisen auf die Gefuhle, auf den inneren Empfin-
dungsgehalt, den der Mensch durchmacht zwischen der Geburt und
dem Tode. Das ist sein eigentliches Innenleben. Was der Mensch fiihlt,
fiihlt gegeniiber den Eindriicken, welche die aufiere Welt auf ihn macht,
fiihlt gegeniiber seinem eigenen inneren Erleben, fiihlt auch an Zubilli-
gung oder an Vorwiirfen gegeniiber seinen Willensaufterungen, gegen-
iiber seinen Handlungen, das alles ist etwas, was der Mensch wahrend
des Erdenlebens mehr oder weniger mit sich selber abmacht, wohinein
er den anderen zwar blicken lassen kann, aber das Wesentliche an alle-
dem ist doch die Art, wie der Mensch das mit sich selber abmacht.
Was der Mensch in der Wahrnehmung erlebt, das ist, wie wir schon
durch die Betrachtungen der letzten Zeit wissen, nicht eigentliches
wjrkliches Erleben, das ist Scheinwelt, die sich um uns herum ausbrei-
tet. Das ist die Welt, welche im Grunde genommen weder innerlich
noch aufierlich ist, an der wir teilnehmen, und die wir ja nur dadurch,
dafi wir uns Gedanken iiber sie bilden, dafi wir an ihr Gefiihle ent-
wickeln, dafi sie uns anregt, das oder jenes zu tun, zu unserer Innen-
welt machen. Wie wir uns zu ihr verhalten, das ist ja im wesentlichen
das Ergebnis unserer Fahigkeiten, die wir uns durch die Geburt ins
Dasein mitbringen. Wie wir uns also zur Auftenwelt verhalten, auch
der Ort, an dem wir stehen, das Volk, in das wir hineingeboren sind
und so weiter, das alles ist durch die vorhergehenden Erden- und Gei-
stesleben bedingt. Das weist uns also eher zuriick, als dafi es uns vor-
warts weisen konnte.
Aber etwas anderes, was uns mit der Aufienwelt verbindet, mussen
wir betrachten: Was in unserem Wollen wurzelt und ubergeht in un-
sere Handlungen, das wird ein Stuck Aufienwelt. Alles, was durch un-
ser Handeln geschieht, verandert die Aufienwelt. Das geringste, was
wir machen, gibt ja der Aufienwelt irgend etwas, was diese Aufienwelt
verandert.
Nun aber konnen wir sagen: Diese Aufienwelt, die wir da selber
bereiten durch unser Handeln, diese Auftenwelt, die wurzelt in unserem
Wollen. Sie ist also zu uns in einem Verhaltnisse wie die Ereignisse
wahrend des Schlafes. In die Tiefen unserer Willenswelt sehen wir ja
mit unserem Bewufitsein, mit dem gewohnlichen Bewufitsein, ebenso-
wenig hinein wie in die Zustande wahrend des Schlafes. Was da eigent-
lich vorgeht in der Willenswelt, das also bleibt aufierhalb des Bewufit-
seins. Ich habe es oft ausgesprochen: Wenn wir nur einen Arm bewe-
gen, wenn wir eine Hand bewegen - der ganze Willensvorgang, jene
Kraftentfaltung, die in dem sich bewegenden Arm, in der sich bewe-
genden Hand wirken, sie entziehen sich dem Bewufitsein. Aber wir
sehen auf unsere bewegte Hand. Wir sehen die Veranderung, die wir
hervorbringen. Wenn wir nur einen Gegenstand von einem Orte an
einen anderen legen, so nehmen wir durch unsere Wahrnehmungen die
Veranderung in uns auf. Wir konnen also sagen: Durch unsere Wahr-
nehmungswelt wissen wir von unseren eigenen Willensaufierungen. Es
fliefSt gewissermafien unser Wollen und seine Wirkungen in unsere
Wahrnehmungswelt hinein.
Erinnern wir uns an das, was wir in der letzten Zeit an uns heran-
gebracht haben. Wir haben gesagt: Da ist zunachst der physische Leib Tafel*
des Menschen (siehe Zeichnung, hell); da ist dann der Atherleib des
Menschen (rot). Zwischen beiden ist die webende Gedankenwelt, in-
sofern sie eingegliedert ist in unseren Organismus. Zwischen dem Ather-
leib und dem astralischen Leib (griin) befindet sich die Gefuhlswelt,
und zwischen dem astralischen Leib und der Ich-Hulle (blau) befindet
sich die Willenswelt.
(hell) " f,,f ' f,f,t,rf,,ttf *.
/Mr.J^ ^^^^^ /^wS»* \
to***)
Diese Willenswelt, sie kann ja eigentlich im gewohnlichen Bewufk-
sein von dem Ich nicht unterschieden werden. Sie verbindet sich ganz
und gar mit dem Ich. Aber alles das, was im Ich vorgeht, wenn das
Ich will, handelt, alles das kommt nicht unmittelbar in das gewohn-
liche Bewufitsein herein. Das ist eben, wie gesagt, unter dem gewohn-
lichen Bewufitsein wie die Ereignisse des Schlafzustandes.
Im physischen Leib haben wir die Sinnesorgane, und die Sinnes-
organe, sie haben die Wahrnehmungen. Durch diese Wahrnehmungen
nehmen wir auch unsere Willensaufierungen wahr. Im physischen Leibe
also sind Augen und Ohren, und was sich da aus Ich und Willenswelt
entwickelt, das wird eigentlich durch die Sinne wahrgenommen. Also
das, was das aufierste ist im Menschen, die Wahrnehmung, sie ver-
bindet sich mit demjenigen, was der Mensch da erlebt durch seinen
Willen und durch das Ich (grofier Pfeil).
Nehmen Sie nur dieses, wenn wir durch unser Ich ein paar Schritte
machen: was da im Willen lebt, wie in den Untergriinden des mensch-
lichen Organismus etwas vorgeht, was unsere Beine vorwartstreibt,
das alles entzieht sich dem Bewufitsein. Aber wir sehen, indem wir ein
Stiickchen vorwartsgegangen sind, eine andere Umgebung oder wenig-
Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 215
15
stens die Umgebung in einem anderen Anblicke. In diesem anderen
Anblicke haben wir in der Sinneswahrnehmung gegeben, was uns im
gewohnlichen Bewufitsein die Vorstellung vermittelt, ein Bild gibt von
dem, was sonst eigentlich unten in den Tiefen eines wachenden Schlafes
ist. Indem wir unser Ich zum Willen auf raf f en, die Willensimpulse in
Handlungen umsetzen, erleben wir also diese Handlungen - gleich-
giiltig ob sie durch Gehen oder durch Greifen oder durch Schreiten,
durch irgendeine Arbeit bewirkt werden -, alle diese Dinge erleben
wir durch das Wahrnehmen. Wir gehoren eigentlich mit unserem Wil-
len unserer aufieren Wahrnehmungswelt an. Halten wir das nur
durchaus fest: Wir gehoren mit unserem Willen unserer aufieren Wahr-
nehmungswelt an. Wir kommen, indem wir das entwickeln, was wir
da an Willensaufierungen, an unseren Willensoffenbarungen beobach-
ten, wir kommen da nicht in unser eigentliches Inneres hinein. Wir ab-
solvieren damit, obwohl der Wille aus unserem tief sten Inneren stromt,
fur unser Bewufitsein eigentlich einen aufieren Vorgang, oder besser
gesagt eine Summe von aufieren Vorgangen im Leibe.
Nehmen wir jetzt dagegen das Innere. Da haben wir zunachst die
webende Gedankenwelt. Diese webende Gedankenwelt, wie sie nach
aufien wirkt, kann uns eigentlich in diesem Zusammenhange nicht
interessieren. Nach aufien lebt diese Gedankenwelt so, dafi sie einen
gewissen logischen, gesetzmafiigen Zusammenhang in die Wahrneh-
mungen hineinbringt. Wir klassifizieren die Natur. Wir sehen Pflan-
zen, die einander ahnlich sind, bringen sie in eine Klasse; wir sehen
Tiere, die einander ahnlich sind, bringen sie in eine Klasse. Wir suchen
sonstige Naturgesetze. Alles, was wir auf diese Weise ausgestalten,
gehort eigentlich nicht zu unserem eigentlichen Innenleben. Es ist das,
was als Wissenschaft alien Menschen gemeinsam ist. Es gehort nicht
zu unserem Innenleben.
Aber wir konnen nicht ohne weiteres sagen, dafi alles Gedanken-
mafiige nicht zu unserem Innenleben gehort. Sie brauchen sich ja nur
vorzustellen, wie, wenn Sie durch aufiere Wahrnehmungen, sagen wir,
eine herrliche Gegend einmal in sich aufgenommen haben, sich Ge-
danken iiber diese herrliche Gegend gemacht haben, wie Sie dies jeder-
zeit, wenn auch verblafit, aus der Erinnerung wiederum hervorrufen
konnen. So bildet das, was sich da als Gedanke anlehnt an das Auflere,
einen Teil Ihrer Innenwelt. Ebenso ist es mit anderem, was aus der
Aufienwelt herein erlebt wird, was sich in Gedanken verwandelt, was
einen Teil der Innenwelt bildet.
Diese Gedanken, die durchsetzen ja zunachst den Atherleib. Sie ver-
binden sich aber auch weiterhin mit dem Gefiihle bis zum Astralleib
hin. Das alles ist etwas, was innerlich vorgeht. Diese Innenseite des
Gedankenlebens, die Gefiihlswelt dazu, das ist die eigentliche mensch-
liche Innenwelt. Wir konnen eigentlich nichts von dem, was wir da
an dem inneren Aspekt unserer Gedankenwelt erleben, was wir in un-
serem Gefuhl erleben, in der Auftenwelt suchen. Wir miissen immer in
unser Inneres hineinschauen, wenn wir das kennenlernen wollen. Ich
habe schon vorhin gesagt: Wir konnen mit Menschen sprechen, wir
konnen andere Menschen willkurlich in uns Einblick gewinnen lassen,
aber das Wesentliche da von ist doch eben: Innenleben. - Und wir
konnen jetzt genau unterscheiden, was in gewissem Sinne Auflenleben
ist, indem der Mensch sein Inneres in die Aufienwelt fortwahrend hin-
eintragt, und was Innenwelt ist.
Wenn wir uns von einem Eisenbahnzug in einer Nacht von der
Westschweiz nach der Ostschweiz tragen lassen, dann befinden wir
uns des Morgens in einer ganz anderen Willensumgebung und nehmen
diese Willensumgebung durch unsere Wahrnehmung in uns auf . Un-
ser Inneres haben wir mitgetragen. Es ist dasselbe Innere, das wir an
dem einen Orte gehabt haben und das wir an dem nachsten Orte haben,
hochstens eben modifiziert durch dasjenige, was wiederum von den
Gedanken aus nach innen zu uns bewegt hat, was eben Inneres gewor-
den ist.
Wir konnen also ganz genau unterscheiden, wenn wir wollen, zwi-
schen dem, was des Menschen eigentliches Inneres ist, seelisch gewoben
aus den Gedanken und Gefuhlen, leiblich gewoben aus einem Inein-
ander-Rhythmen von Atherleib und astralischem Leib - wir konnen
davon unterscheiden, was in gewissem Sinne Aufienwelt ist, seelisch
gewoben aus Willensinhalt und Wahrnehmungsinhalt, leiblich gewo-
ben aus Ich und physischem Leib. Denn wir nehmen unseren physischen
Leib mit, beobachten ihn, er kommt in andere Verhaltnisse zur Um-
gebung. Wir konnen das Innere und das Aufiere unterscheiden in der
Weise, wie ich es eben gesagt habe.
Diese Unterscheidung ist aber sehr wichtig, wenn man nun betrach-
ten will das Leben, das der Mensch hindurchtragt durch die Todes-
pforte. Wir konnen in einer sehr kompendiosen Weise aussprechen,
wie sich das, was wir jetzt charakterisiert haben als Inneres und Aufie-
res, nach dem Tode vernal ten wird, denn wir konnen sagen:
- Das Aufiere wird Inneres.
Das Innere wird Aufieres.
Das ist in der Tat die gewaltige Veranderung, die vorgeht durch
den Tod hindurch. Das Aufiere wird Inneres. Geradeso wie wir jetzt
das Innere unserer Seele empfinden - wir konnen es uns vergegen-
wartigen, wie dieses Seelisch-Innere aus Gedanken und Gefiihlen
durcheinandergewoben ist -, wie wir zu diesem Inneren Ich sagen,
so wird nach dem Tode alles, was wir an Wahrnehmungen uber un-
sere Handlungen erlebt haben, unser Inneres. Es ist aber wie in einem
Punkt zusammengefafit, mochte ich sagen, oder besser, in eine Sphare
zusammengefafit, was wir nun als Inneres erleben: die Anschauung
dessen, was wir hier auf der Erde getan haben. Was wir getan haben -
wir tragen wie unsere innere Erinnerung durch den Tod die Bilder un-
seres gesamten Erdenseins, und das ist dann unser Inneres. Also es
ist wie eine vollige Umkehrung: was Aufieres war, was wir nur wahr-
nehmen konnten durch die Anschauung dessen, was wir tun, das ist
dann unser Inneres. So wie wir jetzt in den Empf indungen, in den Ge-
fiihlen der aufieren Eindriicke leben, so leben wir dann in unseren
Taten. Unsere Taten sind sogar dann unser Inneres. Wer also irgend
jemandem etwas Gutes oder etwas Boses getan hat, der ist dann das
selber, was er Gutes und was er Boses getan hat. Er ist es wirklich
nach dem Tode selber. Man darf sich diese Dinge nicht so abstrakt vor-
stellen, dafi irgendein unbestimmtes Ich durch den Tod durchschliipft
und dann etwas anderes ist, oder ein bifichen anders ist, sondern wir
sind das, was wir getan haben, bis auf die Einzelheiten hin selber. Wir
sind nach dem Tode jede unserer Taten. Wir sind jedes unserer Erleb-
nisse und sagen zu alledem Ich.
Dagegen wird das Innere ein Aufleres. Alle Gedanken, Gedanken-
und Gefiihlswelt wird ein Aufieres. So wie jetzt um uns herum ent-
weder die scheinende Sonne mit den Wolken ist oder in der Nacht
der Sternenhimmel mit seinen Bewegungen, so sind nach dem Tod um
uns herum als unsere Aufienwelt unsere Gedanken und unsere Emp-
findungen. Also das, was wir intim in uns tragen, das gliedert sich der
Aufienwelt ein nach dem Tode, das erscheint uns in machtigen Bildern
in der Aufienwelt. Wir sehen nach dem Tode einen Himmel, an dem
uns, so wie vom jetzigen Himmel die Sonne erglanzt, unser jetziges
inneres menschliches Wesen erglanzt.
Wenn ich es im einzelnen schildern soil, so ist es so: Ich sagte vor-
hin, unsere Taten fiihlen wir wie eine Sphare, wie unser Inneres. Was
wir in der Welt erarbeitet haben, das gehen wir immer wieder und wie-
der durch; wie wir gegangen sind, so gehen wir wiederum. Wir sind
gewissermafien nach dem Tode etwas, was in immer vergrofierter Weise
in einer Sphare die eigenen Taten erlebt (siehe Zeichnung, blau). Und
wir blicken immer zuruck auf die Erde (griin). So wie wir jetzt hinaus-
schauen in den Weltenraum zu den Sternen, zur Sonne, so blicken wir
dann zuruck zur Erde (Pfeile). Und die Erde ist umgeben von den Bil-
dern unserer vorhergehenden Innenwelt. Nicht etwa als ob wir den
blofien Schein unserer Innenwelt erleben wiirden, sondern wir erleben
von dem Orte aus, den wir verlassen haben, uns nachscheinend, die-
jenigen Dinge, die friiher unsere Innenwelt waren, wie von diesem
Orte ausstromende Wolkengebilde, auch Sternengebilde und so weiter.
Die friihere peripherische Welt, in der fiihlen wir uns drinnen, und die
friihere Welt der Erde, auf der wir standen, ftthlen wir wie unsere
zentrale Aufienwelt. Nach der blicken wir hin. Wir selbst sind dann
die Umlaufenden, und die in der Mitte befindliche Erde ist dann das-
jenige, zu dem wir hinschauen, und das im Abrollen unser ganzes
Innenleben in machtigen Bildern aufrollt.
Das Aufiere wird Inneres.
Das Innere wird Aufieres.
Das geschieht bis auf die Einzelheiten hin.
Wenn man dann aus der sich immer mehr ausbreitenden Sphare
hinunterschaut auf die Erde zuruck, dann sieht man von der Erde
zuriickstromend all die Gefiihle, Empfindungen auch, die man an-
deren Menschen entgegengebracht hat. Das, was man aufier in bezug
auf Menschen innerlich erlebt hat, das erscheint mehr als Wolkenge-
bilde, aber sternenhaft erscheinen die Empfindungen, die man fur
Menschen gehabt hat. Die Menschen selber aber, die man im Leben
zwischen Geburt und Tod als Gestalten sieht, die Menschen selber, die
man auf diese Weise erlebt als Erlebnisse, die bewirkt sind durch die
Taten, dies wird eine Welt. Also alle die Menschen, mit denen Sie in
Beziehung gestanden haben, werden mit Ihre Innenwelt.
Das ist natiirlich durchaus gegenseitig. Jeder Mensch tragt, so wie
er jetzt in sich seine Gefiihle oder auch sein Herz und seinen Magen
tragt, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt alles, was sich abge-
spielt hat aufierlich im Raume und sonst zwischen ihm und den an-
deren Menschen, mit der Gestalt der anderen Menschen in sich. Von
zwei Menschen, die sich gegenseitig nahegestanden haben, tragt der
eine, A, das Bild des B, der B das Bild des A als seinen eigenen inneren
Gehalt in sich. Das Aufiere wird Inneres; das Innere, die Gefiihle, die
wir erlebt haben, die werden Aufieres, die werden kosmischer Inhalt.
Was wir fur die Menschen empfunden haben, was wir alles von den
Menschen erhalten haben, das strahlt uns von der Erde nach.
Auf diese Weise wird der Mensch tatsachlich zu einer Art Schop-
f er dessen, was nach dem Tode um ihn herum ist. Wahrend des Lebens
ist es so: Nicht wahr, wir stehen ja immer an irgendeinem Punkte der
Welt - ich meine jetzt nicht nur das gewohnliche triviale in Basel- oder
in Dornach-Stehen, sondern ich meine das iiberhaupt als irgendeinen
Punkt, irgendeinen Standpunkt in der Welt, den wir haben, sowohl
in physischer wie in moralischer Beziehung. Von dem aus sehen wir
dann die Welt. So dafi wir sagen konnen: Wir stehen an einem be-
stimmten Punkte und sehen die Welt von diesem Punkte aus perspek-
tivisch. Das ist etwas Subjektives. Jeder andere hat ja seinen anderen
Standpunkt.
Nach dem Tode ist es anders. Da haben die Menschen schon ein Tafei2
Gemeinsames. Sie haben namlich die Sphare als ein Gemeinsames. Aber
jeder hat ein anderes Innenleben gehabt. Daher umstrahlt sich ihm die
Erde in einer anderen Weise, mit anderen Wolken, mit anderen Ster-
nengebilden. Es ist so, als wenn alle Menschen an einem einzigen
Punkte auf der Erde stehen wiirden, aber hier f iir den einen einmal das
Bild, fiir den anderen ein anderes Bild vorhanden sein wiirde. So etwa
kann ich das versinnlichen fiir die Zustande nach dem Tode.
Der Mensch legt ja mit dem Tode seinen physischen Leib ab. Dieser
physische Leib wird - ich habe das auch schon im Zusammenhange
mit friiheren Darstellungen der letzten Wochen hier auseinanderge-
setzt - von dem Erdenreich selber aufgelost. Was aber bleibt, das ist
jenes Gewebe, das aus unseren Taten entsteht, indem wir unsere Taten,
die Offenbarungen unseres Willens, mit unseren Wahrnehmungen ver-
folgen. Denken Sie sich, alle Wege, die Sie gemacht haben auf der
Erde - nehmen wir also an: als Kind, da sind Sie so irgendwie herum-
gekrochen, dann gegangen, dann haben Sie eine weite Reise gemacht,
alles mogliche, nicht wahr -, das alles, das wird dann Innenleben. Aber
das ist nur das aufierste Gertiste.
r
Tafel 2
Nun, alles das, was Sie da im einzelnen getan haben, alles das webt
sich zu einem Gewebe zusammen; das dehnt sich aus, das wird Sphare,
das wird Innenleben. Es wird Innenleben, und dafi es Innenleben wird-,
das verbiirgt dem Menschen sein Ich wahrend des Erdendaseins. Denn
von der Erde hat er sein Ich oder durch die Erde hat er sein Ich. Dafi
er alles das, was er auf der Erde tut, nach dem Tode zusammengewebt er-
halt in einem solchen Wahrnehmungs-Erinnerungsbilde, das bewirkt,
dafi er sein Ich eben durch den Tod tragt. Dagegen die eigentlichen inne-
ren Erlebnisse, sie werden ja kurze Zeit nach dem Tode nacherlebt, in-
dem sich der Atherleib erst etwas spater lost. Der Atherleib lost sich aber
in den Weltenraum hinaus auf, und das gibt die Grundlage dafur ab,
dafi alles das, was aus Gedanke und Gefiihl so vom Atherleib aus, aber
auch mit dem astralischen Einschlag, gewoben ist, dafi das wird zu
jenem Wolkengebilde oder auch, wie ich angedeutet habe, Sternen-
gebilde, das die Erde umgibt. Was da von uns abfallt nach zwei Rich-
tungen hin, zur Erde und in den Luftraum gewissermafien hinaus, das
konstituiert unser Inneres und unser Aufieres, indem wir durchgehen
durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Stellen Sie sich einmal recht lebendig vor, was Sie also fur eine Um-
welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben. Sie haben Ihr
Tun, insofern es dem Willen entstromt, als Ihr Innenleben. Sie haben
Ihr Gefiihls-, Ihr Gedankenleben als den Kosmos, als die Aufienwelt.
Nur sehen Sie nicht in den Weltenraum hinaus, sondern vom Welten-
raume herein auf die Erde, die Ihnen zuriickstrahlt diese Ihre inneren
Gedankenaspekte. Wenn wir hier zwischen Geburt und Tod leben,
haben wir auf der einen Seite das Sonnenleben. Die Sonne stent drau-
flen. Wir stehen auf der Erde. Wir schauen die Sonne an. Nach dem
Tode verschwindet die Sonne sofort. Wir sind sie namlich selber, und
was wir selber sind, das sehen wir nicht. Wir gehen einfach in das
Sonnenleben iiber, und das, was ich vorhin beschrieben habe, ist eben
der Obergang in das Sonnenleben. Dieses, dafi unsere Taten wir selber
werden, das hangt damit zusammen, dafi wir in das Sonnenleben iiber-
gehen. Und indem wir uns von der Erde entfernen, wird eben das-
jenige, was wir durch die Erde erlebt haben, das wird jetzt das, auf das
wir hinschauen. Hier stehen wir auf der Erde, schauen zur Sonne hin.
Wir sehen unter uns die Erde. Das ist wegen der eigentiimlichen mate-
riellen Beschaffenheit der Erde. Die Sonne hat keine materielle Be-
schaffenheit. Was die Physiker dariiber aussagen, ich habe ja ofter ge-
sagt, ist nur eitel Phantasterei. Wenn wir gewissermafien selber in der
Sonne sind und zuruckschauen, so haben wir hinter uns die ganze gei-
stige Welt, die Hierarchienwelt. Also wie wir hier auf der Erde auf
feste Materie schauen, indem wir unter uns hinunterschauen, so haben
wir dann zwischen dem Tod und neuer Geburt hinter uns die Hierar-
chienwelt. Also wir sind Sonne und sehen die wahre Sonne, die ja gei-
stig ist. Die Erde konnten wir Himmel nennen. Nur ist das jetzt eben
der Himmel, den die Menschen bereiten aus dem, was sie innerlich
leben. Das wird ja auch die Zukunft sein, das wird auch das Jupiter-
dasein sein. Ich habe das ja anschaulich auseinandergesetzt. All das,
was da die Menschen um die Erde herum weben durch ihre Gefiihle,
durch ihre Gedanken, das wird bleiben. Verschwinden wird das, was
heute als materielle Erde da ist, denn das geht unter. Heute kann der
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sehen, was er da
innerlich webt. Nachher, wenn die Erde ihrem Untergang entgegen-
geht, dann wird das Realitat, dann wird das selber eine neue Erde;
dann schmilzt die alte Erde weg, und all das, was die Menschen inner-
lich durchlebt haben, das wird die Zukunft der Erde.
So vollzieht sich die wirkliche Metamorphose. Wir haben ja nur ein
aufierliches Abstruses, wenn wir sagen, die Erde geht iiber in den Ju-
piter. Wir durchschauen den Vorgang nur, wenn wir wissen: Das, was
aufierliche Erdenmaterie ist, schmilzt in den Weltenraum ab, zerstaubt;
das, was sich da herumwebt aus unseren Gefiihlen, das wird die zu-
kiinftige Erde, das dichtet sich immer mehr und mehr, das wird eigent-
lich der Jupiterplanet.
Nicht wahr, wie wir heute, sagen wir, durch die Geologie hinein-
graben in die untere Schichte der Erde und zuweilen diese oder jene
Schichten aufgraben, die sich vor sehr, sehr langen Zeiten gebildet ha-
ben, so wird man in der Zukunft, im Jupiterdasein, einmal erforschen
konnen die einzelnen Schichten, die sich da ergeben haben. Man wird
dann also auch allerlei Schichten finden aus den ubereinandergeschich-
teten menschlichen Gefiihlen und Gedanken. Man wird zum Beispiel
einmal als Jupitergeologe da eine Schichte nach der anderen weggra-
ben und nun, wie der Erdengeologe sagt: Da ist das Rotliegende, das
sind die Tertiarschichten - so wird der Jupitergeologe einmal sagen:
Ah ja, das ist eine Schichte, die weist uns zuriick in eine Zeit, 20. Jahr-
hundert wurde es von der Erdenzeit genannt, Anfang des 20.Jahr-
hunderts, das ist die Schichte, die gebildet ist durch all die Schieber,
die im 20. Jahrhundert ihre Gefiihle und Gedanken fast iiber die ganze
Erde hin entwickelt haben. - Wie wir also jetzt von Silur sprechen, so
wird man in der Zukunft sprechen konnen von der «Schieberschicht».
Naturlich wird man auch von anderen Schichten sprechen konnen.
Aber das sind durchaus Realitaten.
Es ist dem Menschen nicht gestattet, das, was er in seinem Inneren
erlebt, vergehen zu lassen. Das wird Welt, das ist Werdewelt. Das wird
Welt. Und nur das, was in der Zukunft Welt ist, sieht eben der Mensch
jetzt schon durch sein Bewufitsein zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt.
Wenn wir hier auf der Erde stehen, verfolgen wir unter den man-
cherlei Dingen, die in unserer Umgebung sind, ja auch den Mond. Er
stellt sich in ganz besonderer Weise in unsere Umgebung hinein. Er
gibt uns das Sonnenlicht wieder zuriick. Wir erblicken gewissermafien
nur insofern seine Oberflache, als das Sonnenlicht ihm ein Kleid webt.
So dafi uns eigentlich, auch wenn der Mond scheint, die Sonne scheint;
nur auf einem Umwege erscheinen uns dann die Sonnenstrahlen. Er
ist gewissermafien doch als Erdentrabant in einem ganz besonderen
Verhaltnisse zu uns.
Wenn wir in dem Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt
sind, so haben wir also zunachst unsere Innenwelt, die Wirkung all
unserer Taten, insofern sie im Willen wurzeln, als Innenweltsphare,
den zentralen Kern, umgeben von unseren Gefiihlen und Gedanken,
die in den Weltenraum hinausstrahlen. Aber so etwas wie der Mond
ist auch da. Ich mochte sagen, wir sehen dann den Mond von der an-
deren Seite. Dieses Leben in der Sphare hat es ja mit anderen perspek-
tivischen Gesetzen zu tun als unser Leben hier auf der Erde, und
manches von diesen perspektivischen Gesetzen ist natiirlich schwer
zu sagen, weil eben die Erdengesetze so andere sind. Wir sind namlich
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in einem gewissen Sinne
nicht aufterhalb des Mondes, sondern innerhalb des Mondes. Wir ste-
hen immer mit dem Inneren des Mondes in einem gewissen Zusam-
menhang. Wir sind gewissermaflen im Inneren des Mondes. Wie wir
hier auf der Erde immerf ort dieses zuriickgeworf ene Sonnenlicht sehen,
so sehen wir zwischen dem Tod und neuer Geburt fortwahrend das
Tafel2
Innere des Mondes (siehe Zeichnung). rechts oben
„. »i«*" < «ifi,,
(I fj
i%, Tafel 2
links
Nun, wie gesagt, die Perspektive ist da eine andere. Es ist Ihnen
vielleicht am verstandlichsten, wenn ich die Sache in der folgenden
Weise klar mache: Nehmen Sie an, das ware die Erde (siehe Zeichnung Tafel i
Seite 26, Innenkreis); da herum kreist der Mond (Punkt und dunkler
aufierer Kreis innen). Nun kommt ja fur die Verhaltnisse, die wir dann
zu erortern haben fur den Anblick nach dem Tode, nicht etwa diese
Kugel hier in Betracht, sondern es kommt in Betracht die ganze Mon-
densphare. Diese ganze Sphare, in der er herumkreist, die kommt in
Betracht (schraffierte Flache), und sie nehmen wir eigentlich von innen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:208 Seite:25
wahr. Zunachst entfernen wir uns in der Sphare von der Erde. Da
sind wir natiirlich lange Zeit so im Umkreise, dafi wir uns innerhalb
der Mondensphare befinden. Zunachst, nicht wahr, sind wir ja inner-
halb der Mondensphare, da und da und so weiter, immer in der Mon-
densphare drinnen. Nun kommen wir aber auch aufierhalb der Mon-
densphare. Da konnen wir sie jetzt nicht von innen aus sehen. Aber
wir sehen sie auch von aufien nicht, sondern sie hort auf , dann fiir uns
sichtbar zu sein, fiir uns wahrnehmbar zu sein. Sie bleibt uns aber als
Erinnerung.
Und das, was wir da zunachst sehen, was gewissermafien An-
schauung ist an der Innenwand des Mondes, der Mondensphare - in-
dem wir hinausgehen, sehen wir es: Was wir dann in der Erinnerung
behalten, das ist es, was wir behalten als die Wirkungen eines friiheren
Erdenlebens in dem spateren Erdenleben.TatsachlichistesdieserMond,
welcher die Ereignisse des einen Erdenlebens als Wirkungen gegenuber
folgenden Erdenleben hinuber bewahrt. Mit dem Monde und seinem
ganzen Geheimnis im Kosmos hangt namlich das Hiniiberleben des In-
haltes des einen Erdenlebens in die nachsten Erdenleben zusammen.
Wir haben hier einen Aspekt, indem wir auf der Erde stehen und in
den Weltenraum hinausblicken; das ist der Aspekt zwischen der Geburt
und dem Tode. Wir haben einen anderen Aspekt zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt, indem wir in der Sphare sind und in den zen-
tralen Kern zuruckblicken. Da haben wir eben die Welt, die der uns-
rigen in einem gewissen Sinne entgegengesetzt ist. Aber durch beide
Welten hindurch wird getragen, was gewissermafien durch den Mond
von uns aufbewahrt wird, konzentriert wird und so weiter. Der Mond
ist schon in einem gewissen Sinne ein fiir uns aufierordentlich wichti-
Tafel 1
i.tt it. • •■
ges Gestirn. Er ist der Vermittler zwischen den einzelnen Erdenleben;
natiirlich nicht jene Schlacke, die wir hier im Lichtglanze sehen von
der Erde aus, sondern in seiner ganzen geheimnisvollen Weltwesenheit
ist er das.
Sie sehen, auf diese Weise fiigt sich das Leben des einzelnen Men-
schen mit dem Leben des ganzen Kosmos zusammen. Indem wir hier
zwischen Geburt und Tod leben, sehen wir gewissermafien das, was
uns fruhere Welten iibriggelassen haben, was ubriggeblieben ist von
Saturn-, Sonnen-, Mondendasein, von friiherem Erdendasein. Das alles
sehen wir, wenn wir hier sind, umglanzt von den Erscheinungen, die
uns als Phanomene umgeben. Das weist uns mehr oder weniger auf die
Vergangenheit. All das, was wir im Inneren tragen und was wir selbst
auf dieser Erde ausfiihren, das weist uns auf die Zukunft. Und wir
sehen gewissermafien hereinspiegelnd in die Gegenwart schon diese
Zukunft in unseren Erlebnissen zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, indem das Innere Aufieres, das Aufiere Inneres wird.
Wenn Sie den ganzen Sinn der Darstellungen, die ich in vorigen
Wochen hier gegeben habe, nehmen, wie der Mensch sein Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt hereintragt in dieses Erden-
leben, so war es ja etwas Ahnliches. Ich sagte: 'was der Mensch mit dem
aufieren Kosmos bis in die Konstellation der Planeten aufierlich erlebt,
das tritt wiederum auf in seiner Organisation, das tritt wiederum auf
in seinem Inneren, und das, was er als Inneres hatte, das wird sein
Aufieres. Jetzt nach dem Tode ist es in einer ahnlichen Weise der Fall:
Das, was er von sich ausgehend als Aufienwelt begriindet, das wird
sein Inneres; das, was er innerlich erlebt, erlebt entweder durch seine
Umgebung, oder erlebt, wie ich sagte, als befriedigende Gefiihle oder
als Selbstvorwiirfe an seinen Taten, diese innere Welt, die wird seine
aufiere Welt, seine aufiere Welt, die ihm wie sein Firmament jetzt -
aber es ist zentral - entgegenblickt hinaus in den Weltenraum.
Man kann ja auch sagen, wenn so etwas nicht mifiverstanden wird:
Des Menschen aufieres Leben wird sein Innenleben, wird sein Sonnen-
leben, denn er wird ein Bewohner der Sonne; des Menschen Inneres,
insofern es auf der Erde erlebt worden ist, wird sein Himmel. Nur ist
der Himmel jetzt das, was er unten gewahrt. Die Erde wird Himmel,
die Sonne wird Erde in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt.
Es ist doch schon so: Wenn diese andere Seite der Welt aus wirk-
licher Anschauung hinzugefugt wird zu derjenigen Weltanschauung,
die ja der heutige intellektualistische Erdenmensch als die einzige
betrachtet, dann wird erst das vollstandige Bild der Welt vor den
Menschen hintreten. Dann wird sich der Mensch eben durchaus anders
in der Welt fuhlen. Dieses andere Weltenbild ist ja eigentlich das,
was in der Anthroposophie geschildert wird, was ich immer schil-
dere - im Gegensatze zu dem passiven Weltbild, das sich der Mensch
aus der aufieren Beobachtung bildet - als ein aktives Weltbild, als
dasjenige Weltbild, an dem man tatigen Anteil nehmen raufi. Sie miis-
sen ja, wenn Sie anthroposophische Bucher lesen, Ihre Gedanken in
Bewegung bringen. Wenn Sie einem anthroposophischen Vortrage zu-
horen, miissen Sie Ihre Gedanken in Bewegung bringen. Derjenige, der
nur an Heutiges gewohnt ist, der will da nicht mit, der mochte alles in
Ruhe gegeben haben, so dafi auch seine Gedanken nur ruhige, passive
Abbilder davon sind, dafi er da in einer gewissen Weise so etwas
schlaf en kann an der Umgebung.
Der Mensch hat hier im Dasein zwischen der Geburt und dem
Tode physischen Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Das Ich ist es,
was wir als das Hochste hier im Erdendasein angeben konnen. Indem
der Mensch nach dem Tode ins Sonnendasein ubergeht, ist eigentlich
das Ich das Unterste, und er hat als das nachste Gebilde von unten das-
jenige, was sich ergibt als Geistselbst, dann Lebensgeist, Geistesmensch,
die physisch erst in folgenden Entwickelungsperioden da sein werden,
die aber der Mensch in geistiger Beziehung entwickelt zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt.
Das Geistselbst ist es in der Tat, was als Bild der Erde hinausstrahlt
in den Weltenraum. Das Ich lebt in der Sonne, im Sonnendasein, und
das Geistselbst strahlt von der Erde, so wie ich es beschrieben habe,
zuriick. Die anderen Gebilde sind hohere Gebilde, die dann aus dem
Kosmos dem Menschen zukommen, die mit seinem eigenen Inneren
zunachst nichts zu tun haben. Dieses, was ihm da entgegenstrahlt, das
erscheint in einem neuen Leben; dadurch wird es Lebensgeist. Und das,
was er als seine Taten hat, wird von einer hohen geistigen Substan-
tiality durchzogen, durchzittert - Geistesmensch. Das ist etwas,
was ihm dann vom Kosmos aus hinzugefiigt wird, was er gewisser-
mafien da drauflen empfangt. So wie er, wenn er herunterkommt
durch die Geburt, seinen physischen, seinen Atherleib bekommt, so
bekommt er seinen Lebensgeist, seinen Geistesmenschen, wenn er durch
des Todes Pforte gegangen ist, als dasjenige, mit dem er dann um-
kleidet wird. Dagegen stammt wirklich von ihm das, was dann Ich ist -
ich habe es hier etwas skizziert, Und das, was ihm hinausstrahlt von
der Erde, dieses Geistselbst, ist in der Tat zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt ein feingewobenes planetarisches Dasein, etwas,
was man dann empfindet wie eine umgewandelte Erde, auf die man
zuriickblickt, die man von Leben zu Leben weiterwebt. So daft dann,
wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angelangt sein wird, der
Mensch mit ihr selbst zum Jupiter hiniibergehen wird und er gerade
durch das, was er da gewoben hat, sein Geistselbst auch auf dem Jupiter
physisch wird entwickeln konnen, denn er hat die Grundlage davon
wahrend des Erdendaseins durch sein eigenes Inneres gelegt.
So sind die realen Vorgange. So vollzieht sich die Entwickelung
wirklich. Sie sehen, man braucht nicht aufierlich Worte zusammen-
zustellen: Erdendasein, Jupiterdasein und von auften abstrakt die
Dinge zu beschreiben, sondern man kann durchaus, wenn man den
Menschen in seiner Ganzheit erfafit, das Obergehen des einen in das
andere schildern. Man mufi nur seine Begriffe so gestalten konnen,
daft sie selbst solche Anschauungen erfassen konnen: wie unsere Ge-
fiihle und Gedanken, in uns sich verbreitend, selbst von der Erde
planetarisch, sternenhaft in den Weltenraum hinausstrahlen, mit dem
wir dann selber leben; wie wir die anderen Menschen, mit denen wir
in ein Verhaltnis gekommen sind, nunmehr in uns tragen.
Kompliziert ist das Menschenleben. Aber es haben eben diejenigen
recht wenig vom Richtigen einen Sinn, die da mit ein paar hinge-
pfahlten Begriffen eine Weltanschauung aufbauen mochten. Die laftt
sich nur aufbauen aus der Anschauung des Gesamtlebens. Nun ist selbst
im kleinsten Kaferchen das Leben etwas sehr Kompliziertes, und man
sollte sich nur ja nicht vorstellen, daft im ganzen Weltenall, mit dem
der Mensch als ein Mikrokosmos zusammenhangt, das Leben so ge-
staltet ist, dafi man es mit ein paar hingepfahlten Begriffen umfassen
konnte.
Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
Der Aufbau des Menschen:
im Erdenleben
Ich
Astralleib
Atherleib
Physischer Leib
im Leben zwischen Tod
und neuer Geburt
Geistesmensch
Lebensgeist
Geistselbst
Ich
DREIZEHNTER VORTRAG
Dornach, 22.0ktober 1921
Wenn Sie sich noch einmal ansehen den Kursus, den ich 1914 gehalten
habe iiber das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so
werden Sie darinnen manche Angaben finden, die sich erganzend
verhalten konnen zu demjenigen, was ich in diesen Tagen und Wochen
vorbereitet habe. Heute mochte ich insbesondere aufmerksam machen
auf jenen Wechsel in den Lebenszustanden, der auch stattfindet zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, wie hier im Leben zwischen
der Geburt und dem Tode der Wechsel zwischen Wachen und Schlafen.
Wir haben ja unser normales Bewufttsein, das uns eigentlich zwischen
Geburt und Tod zu Menschen macht, eben im Wachen, und sind im
Schlafe gewissermafien heruntergestimmt in unserem Bewufitsein. Un-
ser Bewufitsein ist dann unter der Schwelle unseres Wachseins, und
wir erleben die Vorgange, innerhalb welcher wir stehen zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen, nur dumpf, entweder ganz dumpf im
vollen Schlafe, oder so, dafi aus dem Schlafe in Form der Traume
gewisse Lebensreminiszenzen oder innere Vorgange des Organismus
im Bilde sich darstellen. Ein ahnlicher Wechsel ist nun auch vorhanden
in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Nur ist
da alles gewissermafien umgekehrt im Verhaltnis zu den Zustanden,
in denen wir jetzt sind. Ich habe Ihnen ja gestern geschildert, wie radi-
kal anders der Mensch erlebt zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt gegenuber dem Erleben hier auf der Erde. So ist es auch mit
diesen Bewufitseinswechselzustanden. Wir haben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt die Erlebnisse, wie ich sie gestern geschildert
habe: die Erlebnisse, die uns unser Ich in seinen Taten, seinen Willens-
impulsen zeigen. Dieses Bewufitsein, in dem wir unser Ich haben, das
ist fur diese geistigen Lebenszustande gewissermafien das normale, wie
hier der Wachzustand der normale ist. Wir haben ja gesehen, dafl wir
hier gewissermafien aufgebaut sind aus physischem Leib, Atherleib,
astralischem Leib und Ich, dort aus dem Ich, dem Geistselbst, Lebens-
geist, Geistesmenschen, in der Anlage zunachst. Das Ich also ist das
unterste Glied zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber so
wie wir uns hier innerlich unseres Ich bewufit werden im Wachbe-
wufitsein, so werden wir uns dort in dem mit dem hiesigen vergleich-
baren Bewufitsein unseres Ich gewissermafien wie eines Aufienerleb-
nisses bewufit in den Taten, in den Willensimpulsen, auf die wir zu-
ruckschauen, die von uns so erlebt werden, als strahlten sie uns, wie
ich es geschildert habe, von der Erde zuriick.
Dieser Zustand wechselt nun mit einem anderen, und zwar so, dafi
wir hier im Erdenleben sprechen konnen von Wachbewufitsein,
Schlafbewufitsein, dafi wir dem Wachbewufitsein gewissermafien auch
ein Unterbewufksein anschliefien konnen, wahrend wir zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt sprechen mussen von dem eben geschil-
derten Bewufitsein und einer Art Oberbewufitsein, wo in uns bewufit
sind hohere Wesenheiten, beziehungsweise hohere Wesenheiten unser
Bewufitsein erfullen.
Wir sinken in unserem irdischen Schlafzustand ja zu einer Art von
Pflanzendasein herab. Wir steigen zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt hinauf in den iiberbewufiten Zustand zu einer Art Erzengel-
bewufitsein, zu einem Bewufitsein, das iiber dem unsrigen liegt. Ich
sagte, wir haben, wenn wir in unserem Normalzustande sind, gewisser-
mafien hinter uns die Hierarchien der hoheren geistigen Wesenheiten.
In diesem iiberbewufiten Zustande bewegen wir uns formlich zu ihnen
zuriick. Wir leben dann in ihnen. Wir erfahren von ihnen mehr, als
wir sonst als Menschen wissen konnten. Wenn wir zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt nur das erleben wiirden, was wir gewisser-
mafien mit unserem Ich, das uns so nachstrahlt, das aber doch zu uns
gehort, erleben - wir wiirden nicht in der Weise, wie ich es geschildert
habe, all die Vorgange erleben konnen, die notwendig sind zu erleben,
um unseren Organismus in einem neuen Erdendasein wiederum aufzu-
bauen. Das konnen wir nur dadurch, dafi wir diese normalen Bewufit-
seinszustande abwechselnd haben mit dem Hereindringen von Wis-
senszustanden der Archangeloi in unser Menschenwesen, sogar der
Archai, und diese kommen dann auch gewissermafien wie Erinnerungen
in das normale Bewufitsein herein, so wie die Traume hier aus dem
Unterbewufitsein in unser Bewufitsein hereinkommen. Wir leben also
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so, dafi wir das gestern
beschriebene Bewufitsein haben, aber dazwischen immer iiberbewufite
Zustande, in denen wir auch ein iibermenschliches Wissen erlangen,
das uns erst die Moglichkeit gibt, wirklich in der Weise unser eigenes
Dasein dann im nachsten Erdenleberi aufzubauen, wie das eben not-
wendig ist.
Sie sehen also: Analogien bestehen schon zwischen dem Leben hier
zwischen der Geburt und dem Tode und dem anderen Leben zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Aber man mufi durchaus die star-
ken, die radikalen Unterschiede in Betracht ziehen, die da zwischen
diesen beiden Lebenszustanden bestehen.
Man wird nun in diese Dinge noch genauer hineinsehen, wenn man
auch das Vermittelnde zwischen beiden sieht, wenn man sich bekannt
macht mit dem, was gewissermafien als Wesen hoherer Art in beide
Zustande, in unser Erdenleben und in unser Leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt hineinragt. Da haben wir ja zunachst im
Erdenleben, indem wir unser Dasein durchwandeln, die aufieren Sin-
neseindriicke. Wir haben gesehen, wie sich mit diesen aufieren Sinnes-
eindriicken die Willens- und Tatimpulse ineinanderweben. Wir haben
aber jetzt zunachst unser Augenmerk zu richten auf die aufieren Sin-
neseindnicke.
Versuchen Sie einen Augenblick sich vor die Seele zu stellen, wie
Sie die ganze Zeit, in der Sie wachend durch das Leben wandeln,
eine Summe von aufieren Sinneseindriicken durch die samtlichen
menschlichen Sinne haben, wie sich daraus eben dieser Sinnesteppich
webt. Gewohnlich betrachtet man ja diese Sinneseindrikke nur so,
dafi man sagt, sie seien an den Dingen; die einzelnen Dinge oder
Wesenheiten erscheinen in Farben, die auf die Augen einen Eindruck
machen. Andere Wesenheiten tonen, machen also wiederum auf das
Hororgan einen Eindruck. Aber wir wollen uns diese gesamte Welt
der Sinneseindrucke einmal vor die Seele stellen und wollen uns fragen,
was das in der Wirklichkeit eigentlich ist.
Ich habe Sie schon of ter darauf aufmerksam gemacht: Da von kann
gar keine Rede sein, dafi hinter diesen Sinneseindriicken etwa jene
phantastische Welt von Atomen webte, wie der Physiker sie traumt,
sondern hinter dieser Sinneswelt ist ein Geistiges vorhanden. Also
auch innerhalb der Sinneswelt ist Geistiges vorhanden; nur ist es zu-
nachst fiir das gewohnliche Bewufitsein nicht wahrnehmbar. Das ge-
wohnliche Bewufitsein hat eben diesen Sinnesteppich vor sich. Was ist
aber eigentlich in diesem Sinnesteppich enthalten? In diesem Sinnes-
teppich ist in Wirklichkeit enthalten diejenige Summe von Wesen-
heiten, die Sie in meiner <<Geheimwissenschaft im Umrift» zusammen-
gefafit finden als die Geister der Form. Alles, was ims raumlich er-
scheint, hat eine gewisse Form. Auch die Farbenoberflache eines Dinges
ist es ja, die dem Ding die Form gibt. In demjenigen, was wir da im
Raume sinnesgemafi erleben, leben die Geister der Form, dieselben
Wesenheiten, welche im Aken Testament genannt werden die Elohim.
Das sind ja die Geister der Form.
Wir nennen mit Recht diese Welt der Sinneserscheinungen eben
eine Erscheinungswelt, eine Welt der Phanomene. Das ist aber nur
deshalb richtig, weil wir Menschen zunachst mit dem gewohnlichen
Bewufitsein von dieser Welt weiter nichts wahrnehmen als eben diese
Phanomene, die Erscheinungen, den aufieren Schein; wie der Mor-
genlander sagt: die Maja. Aber in dem Augenblicke, wo das Bewufit-
sein aufwacht und imaginativ wird, erfullt sich diese ganze Sinnes-
welt, oder besser gesagt sogar, sie verwandelt sich in eine Welt we-
bender Bilder. Diese Welt webender Bilder, sie zeigt sogleich in sich
eingewoben die Welt der Angeloi, der EngeL Und kommen wir zur
Inspiration, so werden wir ja iiberall aus dieser Welt heraus inspiriert.
Sie verwandelt sich in eine Inspirationswelt. In diese Inspiration weben
sich ein die Wesenheiten der Archangeloi, der Erzengel. Die Welt der
Intuitionen ist es dann, die wir spater erleben. Da dringen wir vor, statt
dafi wir sonst nur die Sinneswelt vor uns haben, zu der Welt der Archai.
Nun, allerdings, wenn wir um uns herum vorgedrungen sind zu der
Welt der Archai, dann ist es uns auch moglich, mit Hilfe dieser Welt
der Archai wiederum zuruckzublicken auf das, was wir schon aus
hdheren Hierarchien in fruheren Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt erfahren haben. Wir werden gewahr, wie nun hinter den
Archai innerhalb dieser Welt die Wesenheiten liegen, die in der Bibel
Elohim genannt werden, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft» ge-
nannt finden die Geister der Form. Wir konnen also sagen: Indem wir
durch unsere Sinne hinausblicken in die Welt, blicken wir eigentlich
hinein in die Welt der Geister der Form (siehe Zusammenstellung Seite Tafel 3
40): Sinneswelt.
Nun konnen wir, wenn wir die Sinneswelt vor unsere Seele geriickt
haben und da sagen mufiten, daft wir mit ihr in der Welt der Geister
der Form weben, jetzt wiederum mehr in unser Inneres selbst hinein-
gehen, in jenes Innere aber, das noch mit der Aufienwelt in einem sehr
innigen Verhaltnis steht, das bestimmt ist, die Aufienwelt fiir uns
innerlich so abzubilden, dafi wir sie erinnerungsmafiig in uns tragen
konnen. Wir konnen, mit anderen Worten, vorriicken von der Sinnes-
welt nach dem Inneren zu unserer Gedankenwelt (siehe Zusammen- Tafel 3
stellung Seite 40).
Die Gedankenwelt nun ist uns ja zunachst gegeben als die Welt
der bildhaften Gedanken. Sie werden gar nicht versucht sein, das, was
zunachst in Ihnen als Gedanke lebt, so wie es in diesem gewohnlichen
Bewufitsein lebt, als eine Realitat anzusehen. Aber geradeso wie in
der Sinneswelt sich Realitaten verbergen, namlich die Realitaten der
Geister der Form, so ist es auch mit der Gedankenwelt. Dem gewohn-
lichen Bewufitsein sind die Gedanken zunachst eben jene fluchtigen
inneren Gebilde, als welche wir sie kennen; aber so wie in dem Gewebe
der Sinneswelt geistige Wesenheiten entdeckt werden, wenn wir so,
wie ich das beschrieben habe, durch Imagination, Inspiration zu ho-
heren Erkenntnissen aufsteigen, so kann auch innerhalb der Gedanken-
welt das Wirken von geistigen Wesenheiten wahrgenommen werden.
Diese geistigen Wesenheiten, die sind es auch, welche in den Begleit-
erscheinungen der Gedanken leben, die in uns sich abspielen, wahrend
wir denken.
Sie wissen ja aus friiheren Vortragen, was sich in uns abspielt,
wahrend wir denken. Wahrend wir denken, spielen sich in uns fort-
wahrend Prozesse ab, die wir vergleichsweise so schildern konnen,
wie wenn, sagen wir, das Salz in einem Glase Wasser sich auflost, so
dafi es vollig aufgelost ist und das Glas durchsichtig ist. Wenn wir
nun das Wasser etwas abkiihlen lassen, so triibt es sich, es lagert sich
das Salz aus dem Wasser heraus ab. Ebenso finden solche Triibungs-
prozesse in uns statt, welche Verdichtungsprozesse sind, wahrend wir
denken. Es ist durchaus eine Art Mineralisierungsprozefi in uns, wah-
rend wir denken. Mit diesem MineralisierungsprozejR in uns, der statt-
findet, wahrend wir denken, haben es nun die geistigen Wesenheiten
zu tun, die eben eigentlich das Gedankenelement durchweben. Es sind
jene Wesenheiten, die wir immer die Archai, die Urkrafte genannt
haben. So dafi wir wissen konnen: Leben wir in unseren Gedanken,
so sind bei uns innerhalb unseres Gedankenlebens die Archai, wie es
innerhalb unseres Sinneswahrnehmens die Elohim, die Geister der
Form sind.
In der Aufienwelt konnen dann diese Geister der Form nur durch
die imaginative Erkenntnis wahrgenommen werden. Wenn wir die
Aufienwelt studieren mit dem Bewufitsein, das der Mensch heute als
sein normales hat, so kommt er auf sogenannte Naturgesetze. Diese
Naturgesetze sind Abstraktionen. Sobald man zur imaginativen Er-
kenntnis vorriickt, hat man nicht solche abstrakten Naturgesetze, die
man in Satzen formuliert, sondern man hat Bilder, ein Bilderleben.
Das sind jetzt nicht dieselben Bilder, von denen ich fruher gesprochen
habe, sondern das sind nun Bilder, die sich als triibende Bilder, gewis-
sermafien als tingierende Bilder in die Bilder, die wir bekommen beim
Anblicke der Elohim, hineinverdichten. Da haben wir das Wirken
der Archai in der Aufienwelt. Wir konnen es in der Aufienwelt, wir
konnen es in der Innenwelt verfolgen.
Nun ist es vielleicht ganz besonders nutzlich, wenn Sie jetzt weniger
nach dem Inneren des Menschen den Blick richten, sondern wenn
Sie nach einer Lebensaufierung hinschauen. Der Gedanke lebt zu-
nachst in uns, trotzdem wir durch ihn in einem Verhaltnis zu der
Aufienwelt stehen, trotzdem sich uns die Geheimnisse der aufteren
Welt ja durch die Gedanken enthiillen - der Gedanke lebt zunachst
innerlich. Aber er spricht sich aus. Er spricht sich aus, wenn wir uns
dem anderen Menschen mitteilen. Und die Sprache ist durchaus ein
Element im menschlichen Leben, durch das wir unsere Gedanken in
eine aufiere Erscheinung bringen.
Tafei3 Betrachten wir also nach der Gedankenwelt die Sprachwelt. Ich
habe schon ofter darauf aufmerksam gemacht, dafi der Mensch natiir-
lich mehr von seiner Sprachwelt als von seiner Gedankenwelt erlebt.
Diese fliefit ein in das Sprechen. Obwohl Wille auch einfliefit in das
Gedankenelement, so wird das ja nur in sehr geringem Grade vom
gewohnlichen Bewufitsein bemerkt. Aber in das Sprechen fliefit, schon
bemerkbar fur das gewohnliche Bewufitsein, stark der menschliche
Wille ein. Aber das, was in der Sprache eigentlich lebt, das wird doch
von dem gewohnlichen Bewufitsein aufierordentlich wenig erfafit. Es
nimmt der Mensch von dem, was im Laute lebt, heute in dem intel-
lektualistischen Zeitalter kaum mehr wahr als etwas Zeichenartiges,
als etwas, was ihm etwas anderes bezeichnet. Das innere Leben des
Lautes ist ja etwas, was fur die gegenwartige Menschheit sehr hinter
das Bewufitsein zuriickgetreten ist. Man kann fiir den heutigen Men-
schen nur noch hinweisen darauf, wie er sich besinnen kann, wie im
Laute, im Tonen der Laute etwas liegt, was man als ein eigenes Lebens-
element erfassen kann.
Nehmen wir zum Beispiel ein Wort, wo Sie zwei E darinnen haben: Tafd 4
1 -r-v- • -i-t • « 1 1 1 C" links oben
gehen. Diese zwei b in «gehen», in denen kann man, wenn man darur
ein Gefiihl hat, gut das ruhige Hinwandeln, das einen nicht aufregt,
das ruhige Gehen fiihlen. Es ist durchaus in den zwei E dieses ruhige
Hinwandeln vorhanden. Wenn Sie an der Stelle des E zum Beispiel ein
A haben wie in «laufen», so fiihlen Sie in dem Laute A das, was Sie er-
leben beim nicht gemachlichen Gehen, sondern bei demjenigen, das an
Ihr Atmen grofiere Anforderungen stellt. Sie konnen fiihlen, was Sie
im schnelleren Atmen erleben, dadurch, dafi Sie das in dem Au zum
Ausdrucke bringen. Sie konnten nicht besser erleben das gemachliche
Gehen als durch diebeiden nun auch gemachlich zu erlebendenE-Laute,
und das Laufen in dem Au, das da drinnen ist. Die Sprache hat eine
Geistigkeit in sich, und ich habe Sie ja schon zu wiederholten Ma-
len an den verschiedensten Beispielen darauf aufmerksam gemacht,
wie die Sprache durchaus einen innerlichen Genius hat. Es lebt also
fiir den heutigen Menschen wenig, aber in den anderen Zeitaltern,
wo der Mensch noch fiir die Laute das richtige innere Erleben hatte,
da lebte, mehr bewufit als fiir die Sinneswahrnehmung und das Den-
ken, die Gedankenwelt, da lebte mehr in der Sprache dasjenige, was
man schon fiihlen kann als ein geistiges Weben und Leben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:20 8 Seite:37
Tafel 3 In dem, was da Sprachelement ist, in dieser Sprachwelt leben nun,
geradeso wie in der Gedankenwelt die Archai, die Archangeloi. Und
weil sie in dem Sprachgenius leben, sind sie auch das, als was ich ofter
die Archangeloi geschildert habe: sie sind durchaus die fiihrenden
Geister der Volker, die Volksgeister. Und sie leben sich aus eben in
dem Elemente des Sprechens.
Viel mehr als man meint, ist der Mensch nun selber ein Ergebnis
seiner Sprache, wie er auf der anderen Seite ein Ergebnis ist seiner
Gedankenwelt. Unsere Form haben wir ganz und gar von der Auflen-
welt, und wir giefien wiederum Form in die Aufienwelt mit unserem
Willen hinein. Das, was unser Leben ist, das stammt aus derselben
Region, aus der unsere Gedanken stammen. Darinnen leben die Archai.
Was sich in unserer Sprache ausdriickt, wodurch wir einem Volke an-
gehoren, darinnen driicken sich alle jene physischen Eigenschaften aus,
die uns nun schon in einem viel starkeren Mafie als Menschen be-
schranken, als das beim Gedankenelemente der Fall ist. Die Gedanken
haben die Menschen gleich, die Sprache haben sie verschieden. Die
Menschen differenzieren sich in der Sprache; aber sie haben immer-
hin in der Sprache etwas gegeben - der Mensch gehort ja einem kleinen
oder einem grofien Volke an — , was sie mit vielen Menschen gemeinsam
haben.
Tafel 3 Steigen wir aber herunter zu der Wesenheit der Angeloi, dann hat
- wie ich Ihnen ja ofter und auch in diesem Vortrage wiederum aus-
einandergesetzt habe - der Mensch das singulare, das individuelle
Verhaltnis zu seinem Angelos. Dieses individuelle Verhaltnis, das der
Mensch zu seinem Angelos hat, das driickt sich in einer zweifachen
Weise aus. Es driickt sich aus nach innen, wenn der Mensch sich seinem
Inneren so iiberlafit, dafi er eigentlich in seinem Inneren selbst iiber
sich hinausgeht. Im gewohnlichen Leben wird allerdings, weil das ja
ein intimes Erleben des Menschen ist, sogleich etwas Luziferisches in
die Sache hineinkommen konnen; aber immerhin: der Mensch kann
innerlich iiber sich hinausgehen und gewissermafien innerlich etwas
Objektives erleben in der Phantasie. Die Phantasie ist ja in vieler
Beziehung etwas ebenso Schopferisches, aberindividuellSchopferisches
wie die Sprache, und im Grunde genommen liegt der Sprache die Phan-
tasietatigkeit zugrunde. So wie derMensch gewohnlich vonderSprache
nur etwas Abstraktes erlebt, so wie er den Sprachgenius, der ein Arch-
angelos ist, in der Sprache nicht immer, ich mochte sagen, seine Fittiche
entf alten spiirt, so nimmt der Mensch auch in der Phantasie - die, wenn
sie luziferisch durchwebt wird, zur Phantastik wird es nimmt der
Mensch auch nicht in der Phantasie wahr, daf$ eigentlich ein Engel
durchschlupft durch sein individuelles Leben, indem er in der Phan-
tasie lebt.
Der wirkliche Dichter, der wirkliche Kiinstler, der nicht zum Zy-
niker oder zum Frivolling oder zum Oberflachling geworden ist, der
weifi aber, daf$ ihn durchsetzt, indem er kunstlerisch schafft, eine
hohere Geistigkeit. Es ist dieselbe hohere Geistigkeit, die uns eigent-
lich von Leben zu Leben wie ein individueller Schutzgeist tragt: der
Angelos, der Engel. Und es ist durchaus eigentlich das Denken des
Angelos, das in die geregelte menschliche Phantasie hereinspielt. Man
kann durchaus in gewissen Ausspriichen Goethes, ich mochte sagen,
in einer dezenten Form erkennen, wie er sich bewufit ist, dafi eigentlich
ein Unbewufites da hereinspielt, das aber eben in der Phantasie real
wirkt.
Wenn der Mensch nun aber nicht innerlich aus sich herausgeht,
sondern im Schlafe wirklich aus sich heraus ist, und er im Schlafe dann
eindringt in die Region, in der sonst die wachende Phantasie wurzelt,
dann kiindigt sich dasselbe, was sich in der Phantasie besonnen ankiin-
digt, mehr unter dem Bewufitsein an als das Traumen. Geradeso wie
die Phantasie zur Phantastik ausarten kann, wenn sie luziferisch durch-
setzt wird, so kann das Traumen ausarten zu allem moglichen Irregu-
laren, das der Mensch dann sogar fiir eine Realitat halt, indem ahri-
manische Einfliisse auf das Traumen stattfinden. Das Traumen als
solches geht ja in die luziferische Region hinein, kann aber ahrimanisch
durchsetzt werden. Aber eigentlich lebt in unseren Traumen, wenn sie,
mochte man sagen, unschuldig und rein menschlich sind, wiederum das,
was wir den Angelos nennen, diejenige Wesenheit, die also auch in
der Phantasie uns durchsetzt, wenn wir innerlich gewissermafien aus
uns herausgehen.
Nun schattet sich die Sprachwelt, die der Erzengel beherrscht, nach
innen ab zu einer Welt, die zwischen Gefiihl und Gedanken mitten
drinnen lebt: zu der Welt der Vorstellungen; man konnte auch sagen:
zu der Welt der gefiihlsmafiigen Vorstellung (siehe Zusammenstellung).
Die Phantasie und das Traumen schatten sich ab zu der Welt der Ge-
fuhle selbst - Gefuhle und desjenigen, was in den Gefiihlen lebt als
Willensmafiiges; wir konnten auch sagen: willensmafiige Gefuhle.
Indem wir nun aber weiter herabsteigen, von dem Angelos weiter
nach abwarts steigen, wohin kommen wir da? Nun, da kommen wir
zu uns selbst, da kommen wir zum menschlichen Ich. Im menschlichen
Ich, da miissen wir nun in einer intensiveren Weise aus uns heraus-
gehen, als wir dann aus uns herausgehen, wenn der Angelos in uns
lebt. Und dieses Herausgehen findet statt, wenn wir eben Willensim-
pulse in aufieren Handlungen ausfuhren, wie ich gestern gezeigt habe.
Tafei 3 Elohim, Geister der Form: Sinneswelt
Archai: Gedankenwelt
Archangeloi: Sprachwelt: Gefuhls vorstellung
Angeloi: Phantasie. Traumen: Willensmafiig, Gefiihl
Menschliches Ich: Willenshandlung: Wille
Wir sind durchaus, wenn wir traumen, aufier uns, aber wir gehen nur
geistig aus uns heraus. Wir gehen in der Willenshandlung zwar nicht
physisch aus uns heraus, aber wir bringen unseren physischen Leib in
Bewegung, und auf diesen Willensimpulsen beruht eigentlich das Ich.
So dafi wir sagen konnen: In der Willenshandlung lebt - nun, es lebt
eben der Wille in der Willenshandlung, und der Wille, der grabt sich
gewissermafien in die Aufienwelt ein. Wir sind hinuntergelangt bis
zur physischen Welt. Wir entwickeln uns eigentlich in der physischen
Welt selbstandig nur in unseren Willenshandlungen. Nur in demjeni-
gen, was uns dann im Tode verbleibt als das, was ich gestern als die
Summe aller unserer Aktionen aufgezeichnet habe, da lebt unser Ich,
auf das wir dann zuriickschauen. Aber in allem anderen, in Phantasie
und Traumen, in der Sprachwelt, in der Gedankenwelt, im Sinnes-
inhalte leben eigentlich hohere Geistigkeiten, die uns als Menschen
fortwahrend durchsetzen.
Sehen Sie, nun haben Sie aus dem gewohnlichen Leben heraus-
geholt die Beziehung des Menschen zu dem geistigen Kosmos. Nun
konnen wir aber auch noch durch die folgende Vorstellung dem nahe-
kommen, was sich der Geisteswissenschaft aus der iibersinnlichen
Anschauung ergibt. Nehmen Sie einmal Ihr Leben in der Sinneswelt.
Sie gehen durch diese Sinneswelt hindurch. Sie haben jetzt gewisse
Eindriicke. Sie konnen sich vielleicht an diejenigen Eindriicke, die
Sie jetzt haben, morgen noch erinnern. Ich will ja nicht sagen, dafi
das jeder tut, denn ich weifi nicht, ob man annehmen darf, dafi zum
Beispiel jeder, der hier sitzt, morgen noch ein inneres Erlebnis von dem
hat, was er hier heute als Vortrag hbrt! Aber im allgemeinen kann man
doch sagen, dafi das, was der Mensch aus seiner Umgebung herein
wahrnimmt, dann in seinem Inneren als Erinnerung weiterlebt.
Ich mochte Ihnen das einmal, damit wir etwas weiter kommen in
Betracht (schraffierte Flache), und sie nehmen wir eigentlich von innen
gezeichnet die Welt der Umgebung (siehe Zeichnungen, hell); hier sei
der Mensch (rot). Das, was Welt der Umgebung ist, lebt nun im Men-
schen weiter. Es lebt auf seelische Art weiter. Das, was Sie mit der
Umwelt zusammen erleben - ich habe es hier auf gezeichnet -, das lebt
als seelische Welt in Ihnen weiter. Sehen Sie, das ist in gewissem Sinne
Tafel 4
ein sehr abstraktes Erlebnis zunachst. Wenigstens lebt die Umwelt,
die wir ja nur in der Form des sinnlichen Schemes erleben, sie lebt in
den abstrakten Seelenerlebnissen, in Gedanken, Gefuhlen weiter, die
dann Willensimpulse anregen. Aber Sie konnen doch sagen - wollen
wir das ganz genau vor unsere Seele fiihren -: Was ich im Inneren
seelisch mit mir trage, ist das Ergebnis meines Erlebens zwischen Ge-
burt und Tod respektive zwischen der Geburt und dem jetzigen Augen-
blick.
Nun wenden wir aber unseren Blick auf dasjenige, was wir nicht
blofi so seelisch abstrakt in uns tragen, so bildhaft in uns tragen, son-
dern wenden wir den Blick auf das, was wir, ich mochte sagen, mate-
riell konkreter in uns tragen: auf die innerhalb unserer Haut liegenden
Organe, Lunge, Herz, Leber und so weiter. Das ist nun auch etwas,
was wir innerlich in uns tragen. So ein richtiger Mystiker wird sagen:
Das interessiert mich ja gar nicht. Mich interessiert nur das Geistige,
das Seelische. Ich bin schon zufrieden, dafi ich von der Umwelt meine
seelischen Eindriicke in mir trage. Das Materielle ist mir viel zu min-
der, zu unwichtig. - Ja, aber darin, in solcher Rede zeigt eben der
Mystiker gerade, wie tief materialistisch er eigentlich noch ist; wie er
noch nicht weifi, dafi das, was scheinbar materiell auftritt, eigentlich
in Wirklichkeit ein Geistiges ist. Nicht nur das, was wir in abstrakter
Weise in uns tragen als seelische Erlebnisse, die Nachklange sind der
aufieren Erlebnisse zwischen Geburt und Tod, nicht nur das ist Geisti-
ges, sondern geistig ist auch unsere Lunge, unsere Leber. Sie erscheinen
uns nur, unserem gewohnlichen Bewufitsein, in materieller Form; sie
sind durchaus Geist-Ergebnisse. Wenn Sie in Ihrem Kammerchen sitzen,
da fallt Ihnen ein: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Atherleib,
astralischem Leib, Ich. - Das haben Sie als Ihren innerlichen Besitz.
Einmal war es Aufieres. Es ist zum erstenmal, meinetwillen aus einem
Buch oder einem Vortrage, also von der Aufienwelt heraus an Sie
herangekommen, ich habe das schematisch hier aufgezeichnet. Sie tra-
gen aber auch Lunge, Herz, Leber, Gehirn und so weiter in sich, mate-
riell innerlich. Das tragen Sie auch als ein Ergebnis von Erlebnissen
in sich. Wenn Sie also einfach schematisch den Menschen aufzeich-
TafeH nen wiirden mit seinen einzelnen Organen (Tafel 4, links unten), so
ist dieses Innere das Ergebnis von alldem - naturlich nicht der phy-
sischen Materie, die erst kommt mit der Konzeption, Geburt und so
weiter, sondern seiner Form, seinem inneren Organisiertsein nach ist
es das Ergebnis dessen, was zwischen dem Tod und neuer Geburt durch-
lebt wird. So wie Sie hier horen, was ich rede, und das dann Ihr seeli-
sches Erlebnis wird, so wird Ihr Herz, Ihre Lunge, Ihre Leber Ergebnis
dessen, was Sie zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchleben.
Wir konnen also sagen: Was ich im Inneren korperlich organisiert in
mir trage, ist Ergebnis meinesErlebens zwischen Tod und neuer Geburt.
"Was ich im Inneren seelisch mit mir trage, Tafel 4
ist Ergebnis meines Erlebens zwischen Geburt und Tod.
Was ich im Inneren korperlich organisiert in mir trage,
ist Ergebnis meines Lebens zwischen Tod und Geburt.
Naturlich wird der Materialist einwenden: Das alles, was da als
Organe im Menschen ist, ist ja physisch ererbt von den Vorfahren. -
Das ist ein vollstandiger Irrtum. So ist es nicht. Gewifi, die Materie
ist ererbt von den Vorfahren, aber das, was Keim ist, wird ja gewohn-
lich ganz falsch angesehen. Es mufi auch, wenn man es nur materiell an-
schaut, falsch angesehen werden. Denn die Befruchtung besteht nicht
darin, dafi der Mensch materiell von den Generationen herunterge-
holt wird, sondern dafi gewissermafien leerer Raum entsteht, dafi im
Menschen Materie abgebaut wird und das ganze Universum hineinbaut
in den Menschen. In diesen Geistbau - Lunge, Herz, Leber sind durch-
aus Geistbau -, in den schiebt sich dann die Materie hinein. Aber das,
was organisierende Krafte sind, das ist durchaus aus dem ganzen Uni-
versum, aus dem Erleben zwischen Tod und neuer Geburt heraus ge-
staltet. Das ist es eben, was der Mensch in der Weise, wie ich es vorhin
geschildert habe, in dem uberwachen Bewufitsein erlebt, wenn wir hin-
aufgehoben werden in die Region der Archangeloi und Archai. Er er-
lebt bewufit - iiberbewufit, mufi man sagen, zwischen Tod und neuer
Geburt das, was er dann in seine Organe hineinbaut.
Unsere Organe sind durchaus so gebaut, dafi sie unserem Karma
entsprechen, dafi sie dem entsprechen, was wir aus friiheren Erden-
leben mitbringen. Was also scheinbar in der Generationenfolge als
blofie physische Vorgange sich abspielt, das sind nicht blofSe physi-
sche Vorgange, sondem das sind Vorgange, die durchaus von dem
ganzen Universum bewirkt werden.
Ich habe ja oftmals schon ein Bild gebraucht, mit dem man sich
helf en kann, wenn eben gewohnliche materialistische Triviallinge
kommen und sagen: Erklare uns nur nicht die Entstehung des Men-
schen im Leibe der Mutter durch das ganze Universum, fiihre uns ja
nicht ins Universum hinaus; das mufit du eben durch die Kontinui-
tat des Keimplasmas durch die Generationen hindurch erklaren. - Ich
habe gesagt, man kann sich da so behelfen, dafi man sagt: Irgend
Tafd 3 jemand hat eine Magnetnadel, die weist nach Norden und nach Siiden.
Nun kommt einer und sagt: Da gibt es verriickte Physiker, die sagen,
dafi die ganze Erde ein Magnet sei und dafi der magnetische Erdsiidpol
diesen Pol zu sich hinzieht. Die Griinde, dafi die Magnetnadel sich so
stellt, die darf man nur in der Magnetnadel selber suchen. Was geht da
die Erde diese Magnetnadel an! - So ungefahr aber sprechen heute un-
sere Biologen, wenn sie von dem Keim sprechen. Sie schauen nur auf
den Keim hin. Geradeso wie aber in der Magnetnadel die ganze Erde
tatig ist, so ist das ganze Universum beim Gestalten des Keimes tatig.
Nur liegt natiirlich der Anteil, den der Mensch daran hat, zuriick im
Unbewufiten.
Sie sehen, der Mensch wird, wenn man die Sache so betrachtet,
mit seinem ganzen Dasein an ein materielles und an ein geistiges Uni-
versum angekniipft. Wir sagen uns: Im Erkennen, im gewohnlichen
bewuflten Erleben machen wir die Aufienwelt zu einer Innenwelt. Von
einem gewissen Gesichtspunkte aus habe ich Ihnen gestern gesagt:
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, so wird das Innere
Aufieres, das Aufiere wird Inneres. Nun habe ich Ihnen heute einen
anderen Gesichtspunkt vorgebracht, aus dem Sie ersehen konnen, wie
das, was vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption liegt,
so zu behandeln ist, dafi wir unser korperliches Inneres in der Aufien-
welt suchen mussen, in seinen vorbereitenden Prozessen in dem Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt: Das Aufiere wird Inneres.
Das, was wir gewissermafien in Ausbreitung im ganzen Universum er-
leben, das wird tief unbewufkes Erlebnis in unseren Organen.
Diese Organe in uns sind ja in der Tat so, dafi in ihnen eine ganze
Welt lebt. Und wenn wir einzig und allein das betrachten, was die
auftere Anatomie und Physiologie gibt von unseren inneren Organen,
so haben wir da eigentlich eine viel starkere Maja vor uns, als wir in
der aufieren Welt vor uns haben.
Wenn wir in die Sinneswelt hinausblicken, sagte ich Ihnen, blicken
wir bis zu den Elohim hin. Wenn wir aber jetzt in unser korperliches
Innere hinunterschauen, da mussen wir fur das, was nun in uns so lebt,
dafi es unsere Organe bildet, weiter hinaufsteigen. Sie wissen ja, Sie fin-
den in meiner «Geheimwissenschaft» iiber den Geistern der Form an-
dere Wesenheiten. Und diese anderen Wesenheiten, die sind nun nicht
etwa blofi aufierhalb des Menschen, sondern sie wirken im Menschen.
Von ihnen erfahren wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
indem wir uns allerdings mit dem eigenen Bewufitsein nur hinaufleben
bis zu den Archai, aber wir erfahren da durch die Archai von diesen
Wesenheiten. Und in diesem Uberbewufitsein erfahren wir von ihnen
das, was wir dann in unsere Organisation hineingiefien. Wir tragen
tatsachlich die Welt der Hierarchien in unserer inneren Gestaltung
mit durch das Leben.
Solche Dinge kann man heute wieder erforschen. Solche Dinge hat
man aus einem gewissen instinktiv hellseherischen Bewufksein in alten
Zeiten gewufit, in jenen Zeiten, in denen man da von gesprochen hat,
dafi der menschliche Organismus ein Tempel der Gotter ist, in solchen
Zeiten, in denen man gerade innerhalb des menschlichen Mikrokosmos
durch die Deutung dieses Mikrokosmos versucht hat, sich Erkenntnis
zu verschaffen von der ganzen Welt.
Ist es denn nicht so, dafi wir von der Welt, die wir, seit wir zum
Bewufitsein gekommen sind hier im Erdenleben, die wir da als unsere
Welt durchlebt haben, durch unsere Erinnerung wissen? Wir konnen
uns einmal besinnen auf alles das, was wir nur herausbringen konnen aus
unserer Erinnerung. Wir blicken da in unser Inneres und wir haben die
Welt, die wir aufierlich erlebt haben, in uns, konnen gewissermafien
diese Bilder, die wir da in uns seelisch tragen, so anschauen, dafi dieses
Leben da draufien in diese Bilder eingeflossen ist. Wir verstehen unser
Erleben neuerdings, wenn wir zuruckblicken auf diese Erinnerungs-
bilder. Blicken wir jetzt auf unsere korperliche Organisation, verstehen
wir diese korperliche Organisation, dann verstehen wir dadurch den
Weltenprozefi. Durch unsere Erinnerung im Inneren verstehen wir
unser Erleben. Durch unsere gesamte menschliche Organisation ver-
stehen wir, wenn wir sie richtig anzuschauen wissen, den Weltenpro-
zefi. Aber das ist erst Anthroposophie, wenn man den Menschen durch
und durch verstehen kann.
Aber Anthroposophie ist damit zu gleicher Zeit Kosmosophie. Denn
so wie Erinnerung von uns Vergegenwartigung unseres Lebens ist, so
ist anthroposophische Erkenntnis Welterinnerung, Vergegenwartigung
des gesamten Weltenprozesses, Kosmosophie. Beide sind in Trennung
voneinander gar nicht zu denken. Kosmosophie und Anthroposophie
gehoren zusammen. Der Mensch ist in der Welt, die Welt im Men-
schen zu finden. Daher ist es auch nicht Anthropomorphismus in
meiner «Geheimwissenschaft», wenn, indem die Entwickelung gege-
ben ist durch Saturn, Sonne, Mond und so weiter, zu gleicher Zeit eine
Menschheitsentwickelung gegeben ist. Weltenentwickelung ist gege-
ben, Menschheitsentwickelung ist gegeben, weil, je weiter man ein-
dringt in die Geheimnisse des Daseins, um so mehr fliefien Welt und
Mensch zusammen; um so mehr zeigt sich, dafi jene Trennung, die wir
fur unser Erdenleben haben zwischen Welt und Mensch, eigentlich
nur eine Tauschung ist; dafi der Mensch der Welt, die Welt dem Men-
schen angehort, in der Welt der Mensch, im Menschen die Welt zu
finden ist.
VIERZEHNTER VORTRAG
Dornach, 23. Oktober 1921
Es wird gut sein, urn eine Erweiterung zu bekommen zu den Aus-
fiihrungen, die in der letzten Zeit hier von mir gemacht worden sind,
zunachst einmal zuriickzublicken in der Menschheitsentwickelung auf
Zeiten, in denen das, was wir heute erkennen nennen, einen ganz an-
deren Charakter hatte. Wir haben ja von diesem anderen Charakter
der menschlichen Erkenntnis in friiheren Zeiten schon gesprochen.
Allein mit dem, was wir nun in den letzten Vortragen hier gewonnen
haben, werden wir noch manches Licht auf schon Bekanntes werfen
konnen.
Die menschliche Erkenntnis hat eigentlich einen ganz anderen
Charakter angenommen, als sie friiher hatte, in der Zeit, als das
Griechentum, das Romertum in die Geschichte eingetreten ist. Was
dem Griechentum, dem Romertum im Oriente, in Afrika vorange-
gangen ist an Erkenntnis, war eben ganz anderer Art als das, was
dann zunachst in einer grofiartigen Weise durch die Griechen inaugu-
riert worden ist, was durch die Romer abstrakt gemacht worden ist,
und was dann in der neuesten Zeit immer mehr in den Materialismus
hineingefuhrt worden ist. Es ist etwa der Beginn des 8. vorchristlichen
Jahrhunderts, in dem die Erkenntnis einen solchen Charakter annimmt,
wie er, allerdings mit wesentlichen Modifikationen, auch heute vor-
handen ist. Wir konnten bisher die altere Erkenntnis hauptsachlich
in der Weise charakterisieren, dafi wir sagten: Es war eine Art instink-
tiven Schauens. Es war nicht ein Erkenntnisleben in Begriffen, es war
ein Erkenntnisleben in Bildern, die zwar nicht vollstandig ahnlich
sind unseren Traumbildern, weil sie sich ja auf geistige Wirklichkeiten
bezogen, die aber doch eben in der Seele lebten nicht mit der Bestimmt-
heit unserer heutigen Begriffswelt, sondern die mehr in der Form vor-
iibergehender Bilder eben im Bewufitsein vorhanden waren.
Diese Erkenntnis bezog sich aber nun nicht eigentlich auf das,
was heute Inhalt unserer Erkenntnis ist, sondern sie bezog sich mehr
auf diejenigen Welten, aus denen sich der Mensch als aus den Urwelten
heraus gebildet hat, in denen er noch so enthalten war, dafi er sich
wenig von ihnen abtrennte. Der Mensch war wahrend der Saturn-,
Sonnen- und Mondenentwickelung noch vollig ein Glied der ganzen
ubrigen Welt. Aber auch wahrend der alteren Erdenentwickelung war
die Personlichkeit noch nicht abgegliedert von dem allgemeinen Welt-
inhalt. Der Mensch fiihlte sich gewissermafien in dem allgemeinen
Welteninhalt drinnen. Sobald der Mensch von seiner eigentlichen in-
tellektuellen Erkenntnis, von der Kopferkenntnis abkommt und es
etwa so macht, wie noch gewisse orientalische Schulen, die sich durch
Atmungsprozesse eine Art von Erkenntnis zu erringen suchen, da ist
es ja auch sogleich so, dafi dieses scharfe Sich-Abtrennen von der Welt
nicht mehr vorhanden ist. In dem Augenblicke, wo der Mensch heute
die antiquierten Jogaiibungen, die aber immer noch vorkommen,
macht, funk er sich sogleich in seiner Personlichkeit herabgesetzt und
herabgedampft, er fuhlt sich selber, ich mochte sagen, wie ein Hauch
der Welt.
Solch einen Charakter hatte eben die Erkenntnis in jener alteren
Zeit auch, wo aber der Mensch durch diese bildhaf te Erkenntnis durch-
aus deuten konnte — in dem Sinne, wie ich das gestern auseinanderge-
setzt habe - sein eigenes physisches Innere. Wir haben ja gestern darauf
aufmerksam gemacht, wie der Mensch heute seine Umgebung auf-
nimmt, wie er sie dann als Vorstellung bewahrt, wie das dann sein In-
neres ist, und er aus diesem Inneren heraus gewissermafien ein Bild
seiner Welt zwischen der Geburt und dem jetzigen Augenblicke repra-
sentieren kann. So reprasentiert dasjenige, was wir als Organe, als Ge-
hirn, Lunge, Leber in uns tragen, den ganzen Weltinhalt. So wie man
aus einer Erinnerungsvorstellung einen Vorgang deuten kann, den man
erlebt hat, so wie man also als Vorstellung diesen Vorgang in sich tragt,
so tragt man in seinen inneren Organen, in Lunge, Herz und so weiter
die ganze Welt in sich. Und die alte Weisheit hat darinnen bestanden,
dafi man diese einzelnen Organe gedeutet hat, dafi man sie bezogen hat
auf den ganzen Weltinhalt.
Es war im wesentlichen die altere, noch bis in das 9. vorchristliche
Jahrhundert herein dauernde Erkenntnis eine solche, die aus dem in-
neren physischen Wesen des Menschen, physisch-atherischen Wesen des
Menschen - man sah natiirlich das Innere anders, als es ein heutiger
Anatom oder Physiologe sieht - sich den Weltinhalt deutete. Jedes
einzelne innere Organ wurde auf etwas in der Aufienwelt bezogen, aber
es war dieses innere Organ von innen aus erlebt. Man erlebte also den
Gehirnbau in machtigen Bildern, und die Bilder bezog man wieder auf
die ganze Himmelssphare, so dafi man in der Tat durch diese alte Er-
kenntnis aus dem in der atavistischen Imagination angedeuteten Ge-
hirnbau sich eine Vorstellung machte von der ganzen Himmelssphare.
Und was in der alten Weisheit enthalten ist iiber die Welt, ist im we-
sentlichen aus solcher Deutung des inneren Menschen entstanden.
Nun kann man aber eigentlich nicht einmal sagen, dafi das, was da
als Erkenntnis lebte, eine richtige menschliche Erkenntnis war. Rich-
tige menschliche Erkenntnis, wenn sie auch durchaus nicht sein soil
trockener reiner Intellektualismus, als was sie heute vielfach angese-
hen wird, ist doch nicht denkbar ohne Intelligenz. Jene alte Weis-
heit war aber durchaus ohne eine von? Menschen zustande gebrachte
Intelligenz, so dafi man gar nicht sagen kann, diese alte Weisheit war
eine eigentliche menschliche Erkenntnis. Der Mensch nahm gewisser-
maften nur teil an einer Erkenntnis, die eigentlich andere Wesen in ihm
hatten. Und dies waren Wesen, die zur Hierarchie der Angeloi gehor-
ten. Ein solcher Angelos durchseelte den Menschen und der war es
eigentlich, der diese alte Erkenntnis hatte. Der Mensch nahm nur dar-
an teil. Er sah gewissermafien in das Innere dieses Angelos hinein. Da-
her nahm er teil an dem, was der Angelos erkannte. Daher hatte auch
der Besitzer jener alten Weisheit eine sehr unbestimmte Anschauung
von dem, wie er zu seinen Erkenntnissen kam. Er sagte sich einfach:
Das ist Eingebung, das ist da - weil er selber diese Erkenntnis nicht
zustande brachte, weil das Engelwesen in ihm diese Erkenntnis zu-
stande brachte.
Aber dieses Engelwesen war auch kein solches, wie wir es in diesen
verflossenen Tagen jetzt hier von dem normalen Engelwesen, das den
Menschen begleitet durch die verschiedenen Erdenleben hindurch, an-
genommen haben, sondern dieses Engelwesen hatte einen luziferischen
Charakter. Es war gewissermafien mit seinem ganzen Wesen, mit sei-
ner ganzen Gesinnung zuruckgeblieben auf einer fruheren Stufe der
Entwickelung, auf der Stufe der Mondenentwickelung. So dafi man
sagen kann: Wesenheiten, die wahrend der Mondenentwickelung ei-
gentlich ihre normale Menschheitsstufe hatten durchmachen sollen,
luziferische Wesenheiten beseelten oder durchseelten den Menschen
fur die altere Weisheit, und der Mensch nahm an dem, was dieses En-
gel wesen in ihm erlebte, teil. Es war das, was da der Mensch als eine
solche Weisheit bekam, eine aufierordentlich hohe Erkenntnis. Es war
diejenige Erkenntnis, die eben als eine sehr vollendete wahrend der
Mondenentwickelung dem Engelwesen zuteil geworden war, aber es
war eben keine Erkenntnis, die eigentlich fur den Menschen so geeig-
net war, dafi er auf der Erde etwas damit anzufangen wufke. Auf der
Erde benahm sich der Mensch mehr oder weniger instinktiv, ich mochte
sagen, wie ein hoheres Tier benahm er sich. Und dann leuchtete aber
in dieses gleichsam noch hohere Tierwesen diese hohe Weisheit herein,
diese hohe Weisheit, die abdammerte, als das 8. vorchristliche Jahr-
hundert herauf zog.
Diese Weisheit, die ja in dem angedeuteten Sinne durchaus einen
luziferischen Charakter hatte, erstreckte sich eigentlich nur auf alles
das, was den Menschen als einen Angehorigen aufierirdischer Welten
erkennen liefi. Der Mensch hatte sozusagen mit seiner Erkenntnis die
Erde noch gar nicht in Wirklichkeit betreten. Er fiihlte sich noch inner-
halb hoherer Spharen mit seiner Weisheit, und auf der Erde hantierte
er instinktiv.
Dann trat immer mehr und mehr dasjenige ein, was eben mit der
Verstandes- oder Gemiitsseele heraufkommen konnte. Der Mensch be-
gann in sich selber den Verstand rege zu machen. Der Mensch begann
Begriffe auszuarbeiten. Die griechische Kultur zeichnete sich dadurch
aus, dafi sie eigentlich durchaus aus alten Zeiten noch, ich mochte sa-
gen, jene Engelweisheit hatte, aber sie durcharbeitete mit menschlichen
Begriffen. Und eine solche Weisheit wie die Weisheit Platos, die macht
auf uns eben einen so grofien Eindruck aus dem Grunde, weil bei Plato
schon vorhanden war das subjektive Erarbeiten der Begriff s- oder Vor-
stellungswelt, zugleich aber hereinstrahlte in dieses Erarbeiten die alte
instinktive Weisheit. Daher die Platonischen Schriften in einer so wun-
derbaren Weise hochste Weisheit verbinden mit dem, was doch schon
im Elemente des Menschlich-Persdnlichen lebt. Und man kann sich,
wenn man die ganze Seelenverfassung Platos ins Auge fafk, gar nicht
denken, dafi er in einer anderen Form als in der Dialogform seine
Weisheitsbiicher abgefafit haben konnte, aus dem einfachen Grunde,
weil er deutlich spurte, was der altere Mensch unbestimmt empfand.
Der altere Mensch sagte sich: Die Weisheit ist einfach da, sie erfafk
mich, sie strahlt in mich herein. Plato fand sich selbst in einer Art von
Wechselgesprach mit dem Wesen, das in ihn herein die Weisheit
brachte. Wie im Dialog erlebte er selber die Weisheit, daher er sie auch
am liebsten im Dialog zum Ausdruck brachte.
Dann aber ist rasch dies gekommen, dafi sich diese Begriffstatigkeit
verstarkt hat. Und bei Aristoteles sehen wir schon durchaus die Er-
kenntnis uns in Form eines theoretischen Gewebes entgegentreten.
Dann gewinnt immer mehr und mehr in dem vierten nachatlan-
tischen Zeitraum ein gewisses Kulturelement den grofieren Einfluft, das
wir so bezeichnen konnen, dafi wir sagen: Es fiihlten die Menschen,
dafi einmal eine alte Weisheit die Seele durchsetzt hatte. Sie fiihlten,
dafi zu ihnen heruntergestiegen waren ubermenschliche Wesenheiten
und die Weisheit gebracht hatten. Aber sie fiihlten auch, wie diese
Weisheit sich verabstrahierte. Sie konnten das nicht mehr erfassen;
es entstromte ihnen, was ehedem aus geistigen Welten heruntergeflos-
sen ist.
Dieses Betatigen des menschlichen Verstandes, der dann alles ins
Abstrakte hineingestaltete, das finden wir insbesondere im Romertum.
Das Romertum entwickelte ja ein trockenes, ein abstraktes Wesen, ein
bildfremdes Wesen, ein Wesen, das in den Verstandesformen leben
wollte. Wahrend wir durch den Griechen noch immer das Gefiihl ha-
ben: die Gottergestalten, also das, was als Elementares der Welt, der
Natur zugrunde lag, das habe ein inneres Leben, sind die romischen
Gotter Abstraktionen, haben einen starren, steifen Begriffscharakter.
Das logische Wesen nimmt iiberhand gegenuber dem friiheren imagi-
nativen Wesen, das noch in Griechenland so stark ausgebreitet war.
Alles, was die Romer noch an Imagination gehabt haben, entstammte
ja Griechenland. Die Romer haben das Prosaelement, das Element der
Logizitat hinzugebracht und haben es dann auch als Romanismus in
die spateren Zeiten fortentwickelt, daher dann die lateinische Sprache
jenen logischen Charakter angenommen hat, durch den sie so lange
Zeit hindurch kulturgestaltend gewirkt hat.
Aber eines hat sich erhalten, durch das Griechentum noch leben-
diger, durch das Romertum etwas toter, aber es hat sich dann fortge-
pflanzt auch in die nachchristlkhen Jahrhunderte bis ins Mittelalter
herein, ja sogar bis zu der Morgendammerung der neueren Zeit: es hat
sich fortgepflanzt die Tradition der alten Weisheit. Und mehr als die
Menschen heute denken, hat sich die Tradition dieser alten Weisheit
fortgepflanzt.
Man konnte doch nicht das, was sich fiir die Sinne ringsherum aus-
breitete, mit dem Verstande gleich erfassen. Man suchte das Traditio-
nelle mit dem Verstande zu erfassen. Dadurch aber gewann das, was
friiher ein innerlich belebendes luziferisches Element war, einen sogar
aufierlichen ahrimanischen Charakter. Das ist aber die Maske. In Wahr-
heit ist es ein luziferisches Element, das sich durch Tradition fort-
pflanzt. Und was wir von der Zeit des romischen Kaisertums an durch
die folgenden Jahrhunderte an Romanismus sich fortpflanzen sehen,
was dann sehr stark durchtrankt wird vom germanischen Elemente,
was sich aber doch bewahrt in der Tradition, das ist ein im wesent-
lichen luziferisches Element. Das luziferische Element wirkt weiter.
Es wird natiirlich dadurch, dafi es herunterstromt bis in das Gedan-
kenwesen, seines urspriinglichen Charakters entkleidet. Es geht in Ge-
dankenform auf. In der lateinischen Sprache lebt, ich mochte sagen,
auf ahrimanische Art ein luziferisches Element weiter.
In der griechischen Kunst ist dieses Element noch durchaus leben-
dig. Dann wird es mehr oder weniger starr, und es ist interessant zu
verfolgen, wie es sich fortsetzt in die Theologie hinein, die eine Lehre
von iibersinnlichen Welten ist, aber die ubersinnlichen Welten selber
doch nicht hat, die ubersinnlichen Welten nur der Tradition nach hat.
Und so entsteht diejenige Geistesstromung, die im wesentlichen eine
Art luziferische ist und die die alte Anschauung des Obersinnlichen ins
Theologische heruberfuhrt.
Das Christentum selber wird in die Maschen dieser Theologie hin-
eingezogen. Das Christentum wird theologisiert. So wie in der romi-
schen Sprache ein Logisieren eintritt, so tritt mit dem Christentum ein
Theologisieren ein. Aber das eigentliche lebensvolle Element des Chri-
stentums geht da in einem luziferischen Element, das eine ahrimani-
sche Maske tragt, unter. Es wird das lebendige Christentum zu einer
theologisierenden Kulturstromung. Darunter ist immer schon das ei-
gentliche personliche Element wirksam, aber noch auf eine instinktive
Weise. Es kann sich noch nicht vollig vereinigen mit dem, was von
oben kommt. Und es ist ja insbesondere interessant, dies zu beobachten
in seiner eklatanten Phase, in der Phase der Renaissance. Da sehen wir,
wie eine hohe Theologie lebt, die durchaus die Begriffe, die Vorstel-
lungen vom Ubersinnlichen hat, aber nicht mehr die Anschauung hat.
Traditionell ist im Grunde genommen zur Zeit der Renaissance alles
da. Was im Romanismus bewahrt wird in der theologischen Form, das
ist uralte Weisheit, aber ins Vorstellungsleben heruntergeholt. Es lebt
in den Vorstellungen luziferisch weiter.
Es ist wunderbar, was heute noch geschaut werden kann an solchen
theologisierenden Elementen, wenn man die Raffaelschen Wandbilder
in Rom sieht, was da in jenem Bilde, das die Disputa genannt wird,
eigentlich lebt an theologisierendem Elemente. Tiefe Weisheit, die mehr
oder weniger in Worten weiterlebt, die nicht mehr Anschauungen in
sich hegt, die aber fur denjenigen, der sie mit den Anschauungen ver-
binden kann, eben tiefste Weisheit ist.
Wir bewundern auch die Theologie, die in Dantes «G6ttlicher Ko-
modie» lebt, wissen aber zu gleicher Zeit, dafi bei Dante zwar gewisse
Anschauungen wiederum errungen worden sind durch seinen Lehrer
Brunetto Latini - ich habe das einmal auseinandergesetzt -, dafi aber
dennoch das weitaus meiste eigentlich traditionelles, theologisierendes
Element ist, das einen starken luziferischen Einschlag hat. Und wir
sehen auf der anderen Seite, wie jene Wesen, welche so alte Weisheit
in das theologisierende Element hineintragen, wie diese Wesen die-
jenigen sind, die nun auch das griechische Kunstwesen, nachdem sie es
vorher beseelt haben, mehr versteift, aber doch noch durch Tradition
so hineintragen in die Renaissancekunst, dafi Goethe die griechische
Kunst in seinem Geiste wiederum auferstehen sieht, indem er diese
griechische Kunst in der Renaissancekunst wiederum erblickte.
Man mufi sagen: Durchaus ein starkes luziferisches Element lebt
in der Theologie, lebt in der Kunst, wie sie uns aus alten Zeiten her-
aufgebracht worden ist, jener Kunst, die vorzugsweise suchen mufi,
damit sie kiinstlerisch sein kann, Oberirdisches, die nicht vollstandig
herunterkommen kann bis zum Menschen. Da, wo sie herunterkommt,
erscheint sie uns wie mit einem Sprung herunterversetzt in das Instink-
tive. Denn wir sehen ja das Leben der Renaissance selber so, daft es
gewissermafien in sich hat den Himmel, von dem es Vorstellungen hat,
keine Anschauungen mehr, Vorstellungen, die es sogar kiinstlerisch
wunderbar beleben kann; wir sehen aber darunter sich entwickeln ein
instinktives Ausarten des Renaissancelebens. Es ist immerhin ein groft-
artiges, aber eigentlich manchmal schreckhaftes Schauspiel der Welt-
geschichte, wie so ein Papst Alexander VI. oder auch Leo X.> auf der
einen Seite gelehrte, durch und durch gelehrte Menschen sind, wie sie
das Hochste von iibersinnlichen Welten in ihren Vorstellungen tragen,
wie sie aber als Renaissancemenschen das, was menschliche Person-
lichkeit ist, nicht erheben konnen bis in diese geistige Hohe, wie das da
unten instinktiv ausartet. Und so sehen wir diese Schreckenskerle, die
Renaissancemenschen, auf der einen Seite etwas wie ein hoheres tieri-
sches Leben entfalten, und daruber sehen wir sich ausbreiten, den luzi-
ferischen Charakter tragend, den Himmel, der in einer auf der einen
Seite wunderbaren, auf der anderen Seite eben durchaus luziferischen
Theologie vorstellungsgemafi an die Menschen herangebracht wor-
den ist.
Damit aber kommen wir auch schon in jene Zeit hinein, in der dann
andere Machte die Menschheitsentwickelung ergriffen, als es diese
alteren, engelhaften Wesenheiten waren.
Der Mensch steht ja in der Mitte zwischen dem Reich der Angeloi
und dem Reich der Tiere. Seine aufiere physische Form war in alteren
Zeiten sehr tierahnlich, aber sie war doch beseelt von demjenigen, was
ich Ihnen eben jetzt geschildert habe. Ohne irgendeine Ahnung von
dem, was auf diesem Gebiete wahr ist, stobern heute die Geologen, die
Palaontologen menschliche Reste aus alten Zeiten auf mit zuriickflie-
hender Stirne, txerahnliche Menschengestalten, und glauben, damit den
Menschen an das Tier heranzubringen. Der aufieren physischen Ge-
stalt nach ist das durchaus berechtigt, aber zu je tierischeren Formen
wir in der alten Zeit zuriickkommen, um so mehr sind diese tierischen
Formen durchseelt von uralter Weisheit. Und wenn man diese tierahn-
lichen Formen vor ein paar Jahren in gewissen Gegenden Europas aus-
grub und nun mit heutiger Geologie und Palaontologie nur zu sagen
weifi: Das sind Menschen mit einem niedrigen Schadel, mit zuriick-
fliehender Stirn, mit vortretenden Augenbrauen, Augenhohlen - mul5
man sagen, wenn man die Wahrheit kennt auf diesem Gebiete: Dieser
Mensch, der heute vielleicht so tierahnlich aussieht, der dem aufieren
Palaontologen wie ein hoher entwickelter Af f e erscheint, der war aber
voll durchseelt von uralter Weisheit, die eben ein anderes Wesen in ihm
hatte. Er nahm nur teil daran.
So kann man sagen: Den Menschen erfullt in alten Zeiten ein Uber-
menschliches. Er wachst dem immer mehr und mehr entgegen, indem er
sich von tierahnlichen Formen heraufentwickelt, bis er eine Art von
Obertier wird, das die verschiedenen tierischen Gestalten zusammen-
fafit. In diesem Obertier kann sich nun ein Wesen ganz anderer Art als
es die gewohnlichen Engelwesen sind, einleben, ein ahrimanisches We-
sen. Und gerade in derselben Zeit, in der zur Tradition abglimmt das
Wesen der uralten Weisheit, in der Zeit wird immer mehr und mehr
dieser Mensch machtig, der nun an seine tierische Organisation heran-
zieht das Verstandeswesen. Und so sehen wir, wie vom 8. vorchrist-
lichen Jahrhundert ab der Mensch zunachst langsam, dann immer
weiter und weiter sich heraufentwickelt, indem aus seinem Inneren
heraufspriefk eine Art von Ubertierwesen, das ahrimanischer Art ist,
und das ihn jetzt auch von der anderen Seite her durchseelt.
Dieses Wesen, das sich im Menschen gewissermafien mit dem luzi-
ferischen Wesen trifft, dieses Wesen ist, ich mochte sagen, das andere,
das den Menschen von seiner reinen Bahn abzubringen trachtet. Man
konnte sagen, die luziferischen Wesen sind Zorneswesen, die den Men-
schen beseelen, aber um ihn eigentlich auf der Erde nicht froh werden
zu lassen und ihn immer von der Erde wegzuziehen, um ihn gewisser-
mafien immerfort ins Ubermenschliche hinaufzuziehen. Sie mochten
ihn viel mehr als einen Engel haben, der nicht in die niederen Funk-
tionen des physischen Organismus verfallt. Die luziferischen Wesen
haben einen argen Zorn auf den auf zwei Beinen auf der Erde herum-
gehenden Menschen, der mit der Erde durch seine niederen Funktionen
verbunden ist; alles Tierischen mochten diese Wesenheiten den Men-
schen entkleiden, und sie mochten ihn zum Beispiel jetzt in dieser
Epoche seines Daseins nicht gem wiederum herunterlassen zur physi-
schen Verkorperung, sie mochten ihn oben erhalten in dem Leben, das
zwischen Tod und neuer Geburt verfliefit. Dagegen mochte man die
anderen, die ahrimanischen Wesenheiten, Schmerzenswesen nennen.
Denn eigentlich streben sie nach der menschlichen Gestaltung hin, kon-
nen sie aber fur sich nicht erreichen. Es ist ein furchtbarer Schmerz,
den im Grunde genommen diese ahrimanischen Wesen durchmachen.
Es ist so, wie wenn das Tier in sich dunkel fuhlen wiirde: Du solltest dich
aufrichten, du solltest ein Mensch sein - wie wenn es alles in sich zer-
reifien mochte. Diesen furchtbaren Schmerz, ihn fuhlen eigentlich die
ahrimanischen Wesen. Und er kann ihnen nur gelindert werden, wenn
sie herankommen an den Menschen und den Verstand erfassen. Da
kiihlt der Verstand diesen Schmerz ab. Daher verbei£en sie sich in den
menschlichen Verstand, krallen sich gewissermafien mit ihrem ganzen
Wesen in ihn ein, knochen sich ein. Das ahrimanische Wesen hat so
etwas wie das sich schmerzvolle Durchdringen mit dem menschlichen
Verstand. Es mochte sich das ahrimanische Wesen mit dem Menschen
vereinen, um zu Verstand zu kommen.
Es ist also der Mensch der Kampfplatz zwischen dem Luziferischen
und dem Ahrimanischen. Es ist so, dafi man sagen kann: Das Luzi-
ferische hat die Hand im Spiele bei allem Kunstlerischen, bei allem
Abstrakt-Theologischen. Das Ahrimanische, das ist etwas wie aus der
materiellen Welt Heraufkommendes, durch das Tierreich Durchge-
gangenes, das schmerzvoll hinstrebt nach dem Menschen, das den Ver-
stand ergreifen will, das aber zuruckgestofien wird im Menschen von
dem iibermenschlichen Wesen, das immer zuruckprallt, aber sich mit-
nehmen mochte den Verstand. Es ist etwas, was immer wieder und
wieder in den Menschen herein will und den Menschen halten mochte
beim blofien Verstande, ihn nicht hinaufkommen lassen mochte bis zur
Imagination, Inspiration, weil es das Menschenwesen zur Linderung
seiner Qual bei sich behalten mochte.
Alles das, was in der Menschheit sich seit der neueren ahrimanischen
Zeit gebildet hat, vorzugsweise als materialistische Wissenschaft, als
Wissenschaft, die von diesem sich im Menschen abkiihlenden Schmerz
des materiellen Daseins kommt, das ist ahrimanischer Natur. Und wir
sehen die materialistische Wissenschaft heraufkommen. Der Mensch
bildet sie aus. Indem der Mensch sie in sich hegt, verbindet sich Ahri-
man in ihm mit seiner Wissenschaft. Und so wie insbesondere Luzifer
seine Hand im Spiele hat bei dem KUnstlerischen, so hat Ahriman seine
Hand im Spiele bei dem Ausbilden des Mechanischen, Technischen,
dessen, was den Verstand wegziehen mochte vom Menschen, was ihn
in die Maschine, sei es in das mechanische Werkzeug, sei es in die Ma-
schinerie des Staatswesens hineinziehen mochte. Nur dadurch ist im
wesentlichen moglich geworden, was da in der neueren Menschheit
lebt, was da heraufgezogen ist insbesondere seit der Renaissancezeit.
Man mochte sagen: Wahrend der Renaissancezeit ist das luziferische
Wirken in eine Art von Sackgasse gekommen; das ahrimanische Wir-
ken, das hat sich jenseits der Wand dieser Sackgasse dann angesetzt.
Und wir sehen das ganze Treiben, welches seit der Renaissancezeit da
ist; das Hintreiben nach Mechanismus, nach geistloser Wissenschaft,
sehen wir mit dem ahrimanischen Charakter ablaufen.
Das einzige nun, was moglich ist hineinzubringen in das, was seit
der Renaissancezeit heraufgezogen ist, ist die Christus-Auffassung.
Was in der neueren Zeit als materialistische Wissenschaft, als indu-
strielle Technik heraufgezogen ist, ist durchaus ahrimanischer Natur,
wiirde, wenn es sich verbreiten konnte ohne Christus-Auffassung, den
Menschen an die Erde f esseln. Der Mensch wiirde nicht hinauf kommen
zum Jupiter dasein. Bringen wir aber die Christus-Auffassung, bringen
wir ein neues geistiges Leben, bringen wir neuerdings Imagination, In-
spiration, Intuition in dasjenige, was nur Erkenntnis der aufieren Welt
ist, dann erlosen wir das ahrimanische Wesen. Wie diese Erlosung bild-
haft vorgestellt werden kann, ich habe es ja in meinen Mysteriendra-
men von den mannigfaltigsten Seiten aus dargestellt. Aber es wiirde
ein Uberwinden des Menschen durch Ahriman sein, wenn die Chri-
stus-Auffassung nicht als eine wirklich durchgeistigte Auffassung,
enttheologisiert, sich weiter gestalten konnte. Die materialistische Wis-
senschaft, der aufiere industrielle Mechanismus wiirden den Menschen
dem Erdentod iiberliefern, das heifit, eine ganz andere Welt zimmern,
in der der Mensch mehr oder weniger wie ein Petrifikat fortleben
wiirde zur Erbauung der ahrimanischen Wesenheiten, wenn nicht die
Christus-Auffassung das moderne materialistische, das moderne me-
chanische Wesen wiederum in geistiger Art durchziehen wiirde.
Wir konnen also sagen: Luzifer hat seine Hand im Spiele bei allem
traditionell Theologischen, bei allem ins Manierhafte, Steife ausarten-
den Kiinstlerischen, bei allem Renaissanceartigen; wahrend Ahriman
seine Hand im Spiele hat bei allem, was nur aufierliche geistlose Natur-
wissenschaft ist, die in der Natur nicht den Geist entdecken kann, und
bei allem, was aufierlicher Mechanismus im menschlichen Tun ist. Die
luziferischen Engelwesen, die sich aus dem traditionellen Leben durch-
aus auch jetzt noch gerettet haben bis in die Gegenwart, sie haben
alles Interesse daran, den Menschen eigenthch abzuhalten vom Tun.
Sie mochten den Menschen wenigstens beim inneren Seelenleben er-
halten. Der Mensch ist eine Personlichkek geworden. Aber diese Engel-
wesen mochten den Menschen nicht ausstromen lassen in seinen Taten
in das Erlebnis, in die Offenbarung seiner Willensimpulse. Sie moch-
ten ihn in innerlicher Beschaulichkeit erhalten. Sie verfuhren ihn zur
Mystik, sie verfuhren ihn zur falschen Theosophie. Sie verfuhren ihn
dazu, ein blofi innerliches beschauliches Leben zu fiihren, zu betrach-
ten, statt zu handeln. Sie machen ihn zu einem Sinnierer, der am lieb-
sten den ganzen Tag sitzen mochte und spinnen mochte iiber allerlei
Weltratselfragen, der aber das, was in seinem Geiste lebt, nicht iiber-
tragen mochte in die aufiere Wirklichkeit. Sie mochten durch rein
aufiere Beobachtung entstehen lassen, was aufiere Wissenschaft ist. Sie
lassen gut entstehen solch eine Wissenschaft wie die des Paters Seccht,
der ein ausgezeichneter Astrophysiker war, deshalb, weil er beobach-
ten konnte mit Mikroskop und Teleskop, weil er das verzeichnen
konnte, und nur daneben etwas hatte, was damit gar nicht zusammen-
hing: das, was ihm eingegeben war von luziferischen Wesen als eine
hohe uberirdisch-ubermenschliche Weisheit. Indem die luziferischen
Wesen diese ubermenschlich-uberirdische Weisheit pflegen, entreifien
sie das Seelisch-Geistige des Menschen dem Erdendasein. Dann ver-
fallt einfach das, was noch so hohe aufiere materialistische Wissenschaft
ist; das verfallt, das hat keinen inneren Bestand. Es ist ja nicht von
realer Geistigkeit durchzogen. Das interessiert sie nicht weiter.
Ebenso mochten diese luziferischen Wesenheiten die Kunst mog-
lichst lebenslos, geistlos in dem Sinne haben, dafi in die Form nicht
Geist einzieht. Sie mochten immer nur Renaissance haben, das, was
in alten Zeiten gelebt hat. Sie geben dem Menschen einen Hafi ein
gegen jede neue Stilform, die aus dem modernen Menschlichen wirk-
lich hervorgehen kann. Sie mochten die alten Stilformen fortpflanzen,
weil diese alten Stilformen noch dem Unirdischen, Uberirdischen ent-
lehnt sind.
Das ahrimanische Wesen wiederum mochte es iiberhaupt nicht zur
Vergeistigung, nicht zum Stil kommen lassen, mochte am liebsten nur
ganz prosaische Bauten, Nutzlichkeitsbauten zum Beispiel auffuhren,
mochte alles mechanisieren, alles nur in den Dienst des Industriellen
stellen, mochte dem Menschen eingeben, nicht zu schatzen noch irgend-
eine Handarbeit als Kunstgewerbe, sondern mochte nur Modelle lie-
fern, die dann maschinell in unendlichen Exemplaren nachgebildet
werden so, wie sich Ahriman selbst in einer unermefilich grofien Zahl
von Exemplaren durch das Geheimnis der Zahl in vielen Menschen
offenbaren kann.
Der Mensch steht eigentlich in der Gegenwart ganz in diesem
Kampfe drinnen. Nur wenn er sich wirklich besinnt auf das, was ihm
die echte Christus-Gabe sein kann: eine der heutigen Zeit angemessene
anthroposophische Geist-Erkenntnis und Geistesanschauung, wenn er
sich darauf besinnt, findet er den Weg durch Innehalten der Gleich-
gewichtslage zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Er
mufi sozusagen mit dem Ahrimanischen kampfen, denn er wiirde ja
sonst dem Luziferischen verfallen miissen. Er darf aber nicht, ohne
wachsam zu sein, sich den Stromen Ahrimans hingeben, denn dadurch
wiirde er in eine vollstandig mechanische Weltenordnung hineinfallen.
Die luziferischen Wesen mochten den Menschen von jeglichem Tun
abhalten, ihn zum Sinnierer, zum Mystiker machen, der nach und nach
nichts mehr iibrig hat fiir das Erdendasein und deshalb auch dem
Erdendasein entzogen werden kann. Die ahrimanischen Wesenheiten
mochten den Menschen ganz beim Erdendasein erhalten. Daher moch-
ten sie alles mechanisieren, das heifit, hinunterdriicken ins Mineral-
reich. Sie wiirden dadurch die Erde in ihrem Sinne umgestalten, sie
nicht hinuberkommen lassen zu dem Jupiterdasein. Sie haben aller-
dings das Bestreben, dem Menschen nicht das Tun zu rauben, ihn viel-
mehr so stark tun, wirken, handeln zu lassen, als der Mensch nur kann,
aber es soil alles schablonenmaflig verlaufen, es soli alles programm-
mafiig verlaufen. Ahriman ist der grofie Enthusiast fiir alles Pro-
grammafiige. Er ist der Inspirator fiir das ewige Statutenmachen.
Wenn Ahriman irgendwo in einem Komitee sieht, wie da Statuten ge-
macht werden, dann ist er in seinem eigentlichen Elemente: Erstens,
zweitens, drittens -, erstens soli das geschehen, zweitens soli das ge-
schehen, drittens hat dieses Mitglied diese Rechte, viertens sollte jenes
Mitglied das oder jenes tun. Natiirlich fallt es dann dem Mitglied nicht
ein, diese Rechte zu respektieren, oder das, was dasteht, irgendwie zu
tun. Aber darauf kommt es nicht an zunachst. Wenn die Statuten ab-
gefaftt sind, da kommt es darauf an, den ahrimanischen Geist zu pfle-
gen. Man kann dann hinweisen auf Paragraph soundsoviel.
Aber zum Tun dennoch anregen mochte Ahriman, nur soil alles ab-
laufen in dem schablonenmafiig programmatischen Sinne. Alles soil in
Paragraphen gezwangt sein. Der Mensch soil gewissermafien jeden
Morgen auf seiner Bettdecke finden ein Verzeichnis dessen, was er den
Tag uber zu tun hat, und das soil er mechanisch ausfiihren, indem er
gewissermafien nur mit den Beinen denkt, nicht mit dem Kopfe. Wah-
rend Luzifer das Bestreben hat, den Menschen mit dem Kopf denken
zu machen und in den Kopf das Herz zu giefien, ist Ahriman bestrebt,
den Menschen nur mit den Beinen denken zu machen, alles in die Beine
hineinzugiefien.
In diesem Kampfe steht der Mensch schon drinnen; und das, was
ich vielleicht in einer mehr bildhaften Form ausspreche, das ist schon
im Grunde genommen Inhalt unserer Kultur. Da sehen wir auf der
einen Seite diejenigen Menschen, die es als ihr Ideal ansehen, mit un-
tergelegten Beinen wie eine Buddha-Statue sich zum Allerhochsten
sinnierend erheben zu konnen, in vollstandiger Beinlosigkeit, mit ei-
nem Aufschwellen des Kopfes in die mystischen Abgriinde sich hin-
einvertiefend. Da sehen wir auf der anderen Seite die abendlandischen
Menschen, die im Grunde genommen, indem sie gar nicht wissen, wie
schnell sie von einem Biiro zum anderen, von einem Geschaft zum an-
deren mit ihren Beinen pendeln miissen, auf uns den Eindruck machen,
dafi sie eigentlich ganz unnotig auf ihren Schultern auch noch einen
Kopf tragen, der ja im Grunde genommen gar nicht dabei ist bei dem,
was sie tun. Und es sind das schon die beiden Extreme der Menschheit
in der gegen wartigen Zeit: die einsamen Sinnierer mit zugemachten
Augen, damit sie auch das, was sie selber tun, nicht sehen konnen, und
diejenigen, die eigentlich Augen nicht brauchten, weil sie immer an den
Beinen etwas haben wie Leinen, Zugleinen, und am Ende der Zugleinen
ist Paragraph soundsoviel, und so werden sie wie das Glied eines Me-
chanismus durch die Welt gezogen.
Wir sehen zwar, wie sich zuweilen der moderne Mensch gegen den
Ahrimanismus aufbaumt, wie er schimpft gegen die Biirokratie, die ja
reiner Ahrimanismus ist, wie er gegen die Schablonisierung des Unter-
richtes und so weiter sich aufbaumt - aber in der Regel nur, um etwas
tiefer noch in das hineinzufallen, aus dem er heraus mochte.
Heraus aus alldem kann doch nur fiihren ein Hinlenken der ganzen
Gesinnung, der ganzen Seelenverfassung des Menschen zum Geist-Er-
kennen, zu demjenigen, was wiederum das Vorstellungswesen durch-
dringt mit realer Geistigkeit, so dafi der reale Geist den ganzen Men-
schen ergreift, nicht blofi den Kopf. Und indem er den ganzen Men-
schen ergreift, kann er auch das ahrimanische Wesen uberwinden, und
indem er es iiberwindet, erlost er es. Es soli gar nichts gesagt werden
gegen das ahrimanische Wesen. Es soil nicht etwa getadelt werden, was
sich im Registrieren und im Statutenmachen und im Paragraphenma-
chen berechtigt auslebt. Aber durchgeistigt soli das alles werden.
Wir konnen ja doch kaum anders in der neueren Zeit, als dafi wir
ahrimanische Kiinste treiben, dafi wir zum Beispiel stenographieren,
dafi wir mit der Schreibmaschine schreiben. Das alles sind ja Ahrimani-
sierungen unserer Kultur im hochsten Mafie. Aber indem wir Geistig-
keit in unsere Kultur hineinbringen, konnen wir selbst das, was in einer
so bedenklichen Weise ahrimanischer Einflufi ist wie das Stenographie-
ren oder das Schreibmaschinenschreiben, in die Sphare der Geistigkeit
heraufheben, so daft wir Ahriman erlosen. Es ist ja ein solches nur
durch eine voile Besonnenheit iiber das Geistesleben moglich. Der-
jenige, der heute in materialistischer Gesinnung lebt und stenographiert
oder gar Schreibmaschine schreibt, der gerat tief hinein in das ahri-
manische Element. Sie sehen, es soil nicht einer Reaktion das Wort ge-
redet werden, es soli nicht verpont werden die Damonologie, die da
heraufgezogen ist; aber die Damonen selbst sollen erlost werden.
Das kann sich auch durchaus im einzelnen zeigen. Im Grunde ge-
nommen kann man sagen: Was da an ahrimanischen Elementen Platz
^egriffen hat in der neueren Zivilisation, das treibt eigentlich nur aus
einer gewissen Vorliebe die ahrimanischen Kiinste. Denn das, was von
dieser ahrimanischen Kultur stenographiert oder schreibmaschinenge-
schrieben wird, das konnte auch ungeschrieben bleiben. Man weifi in
der Regel ohnedies schon, was es enthalt. Man braucht es im Grunde
genommen gar nicht zu fixieren. Der Inhalt ist gleichgiiltig. Es ist
nur die ahrimanische Kunst, die da in Betracht kommt, von einer ge-
wissen Bedeutung. Aber fur dasjenige, was geisteswissenschaftlich her-
aufkommt, fur das wird man brauchen konnen die genaue Fixierung,
weil es notwendig ist, sich in einer exakten, genauen Weise auszuspre-
chen. Und dann wird gerade das Ahrimanische dem Geistigen wesent-
liche Dienste leisten konnen. So wird man das im einzelnen ubersehen.
Von ganz besonderer Bedeutung wird aber sein, daft die moderne
Geisteswissenschaft die einzelnen menschlichen Wissenschaften durch-
dringt, daft sie von den geistlosen Naturwissenschaften zu einer wirk-
lichen einheitlichen Geisteswissenschaft kommt, daft die einzelnen Na-
turwissenschaften, ich mochte sagen, Kapitel sind einer einheitlichen
Geisteswissenschaft. Dadurch werden sie entahrimanisiert, und man
kommt allmahlich durch den richtigen Betrieb der Einzelheiten in die-
jenige Stromung hinein, die ich heute aus dem luziferisch-ahrimani-
schen Gegensatze vor Ihnen entwickeln mufite.
Glauben Sie nicht, daft es gleichgiiltig ist, in solche Einzelheiten
hineinzuweisen, wie ich das heute getan habe. Es ist schon gut, wenn
man sich ein wenig bekannt macht durch solche Bilder, wie ich sie ge-
braucht habe, mit den heute lebenden luziferischen Menschen mit den
untergeschlagenen Buddha-Beinen, und den ahrimanischen Menschen,
die als «Hansdampf auf alien Straflen» geschaftig von Kontor zu Kon-
tor laufen, und die eigentlich zu dieser Geschaftigkeit ihren Kopf gar
nicht brauchten.
Es ist vielleicht manchmal angenehmer, diese Dinge in Abstraktio-
nen zu horen als in den konkreten Bildern, aber moderne Geisteswissen-
schaft, anthroposophische Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, ins
unmittelbare Leben hineinzuweisen, das unmittelbare Leben auch uber-
all beim rechten Namen zu nennen. Nur dadurch kann eigentlich eine
volHg gesunde, konkret zutreff ende Anschauung und Seelenverf assung
heraufkommen.
Das ist es, was ich heute hinzufugen wollte zu den Betrachtungen
der letzten Wochen. Das nachste Mai werden wir wiederum versuchen,
von einer anderen Seite an die Betrachtung des Menschen heranzu-
kommen.
FONFZEHNTER VORTRAG
Dornach, 28. Oktober 1921
Wir wollen heute einmal den Menschen seiner Form nach studieren
und wollen sehen, wie wir von diesem Gesichtspunkte aus Erweite-
rungen und Vertiefungen bekommen konnen fiir dasjenige, was wir
in der letzten Zeit betrachtet haben. Wenn wir zunachst uns vor die
Seele halten, dafi ja die Form des Menschen im weitesten Sinne natiir-
lich durchaus zusammenhangt mit seinem Gesamtleben, so miissen wir
eben dieses Gesamtleben ins Auge fassen, wenn wir nun wirklich inner-
lich die Form des Menschen begreifen wollen. Der Mensch gliedert sich
ja zunachst ein in das ganze Universum, in den ganzen Kosmos. Und
wenn Sie in Betracht Ziehen, wie der Mensch zunachst seiner Hauptes-
gestaltung nach ja eigentlich ein Abbild der Sphare, des kosmischen
Universums ist, so werden Sie gewissermafien den Menschen von seiten
seines Hauptes aus hineingestellt finden in das ganze Weltenall. Aber
verstehen kann man die Art, wie der Mensch da in das ganze Welten-
all hineingestellt ist und doch wiederum eine innere geschlossene We-
senheit ist, nur, wenn man sich die Beziehungen des Menschen zu der
Umwelt vor Augen halt.
Und da sehen wir zunachst einmal so auf die Form des Menschen,
dal$ wir uns sagen: Durch sein ganzes Denken, insofern es an das Haupt
gebunden ist, kehrt sich der Mensch durch sein Haupt dem ganzen
Kosmos zu. Und indem er sein Haupt durch die Geburt hereintragt
aus der geistigen Welt in das physische Dasein, kann er, indem er ein-
geschlossen ist in seinen Leib, in einer gewissen Weise auf sein eigent-
liches Wesen, auf sein inneres geistig-seelisches Wesen zuruckblicken,
kann er zuruckblicken auf eine Zeit, in der er nicht in einen solchen
Leib eingeschlossen war. Wir haben vielleicht am besten ein Bild von
dem, was ich hier meine, wenn wir uns vor Augen stellen, wie der
Mensch in einer gewissen Weise zu seinen Erkenntnissen kommt, in-
dem er in sich gewissermafien zuriickblickt. Es ist ja ein In-sich-Zu-
riickblicken, wenn wir, sagen wir, Zahlenlehre, Geometrie treiben. Wir
erkennen die Gesetzmafiigkeit der Geometrie einfach dadurch, dafi wir
Mensch sind, dafi wir die raumliche Gesetzmafiigkeit aus uns selber
hervorholen konnen. Aber wir wissen auf der anderen Seite: Diese Ge-
setzmafiigkeit erfiillt das ganze Universum. Wir haben also da etwas,
was wir notwendig, wenn wir hinausschauen durch die Augen, sehen;
es ist ja alles geometrisch angeordnet, auch die Augen selber sind geo-
metrisch gebaut, sie stellen sich geometrisch ein.
Wir konnen also sagen: Insofern der Mensch aus seinem Denken, das
ans Haupt gebunden ist, sich der Welt gegenuberstellt, nimmt er ge-
wissermafien das, was im Universum ausgebreitet ist, in sich zuriick.
Und wir wollen uns deshalb seine erste Zuordnung zu dem Universum
so vorstellen, dafi wir sagen: Es ist ein Hereinfassen des Universums, Tafel 5
eine Art Zuriickblicken auf das Universum. Indem man auf sich selber
zuriickschaut, findet man das Universum. Da haben wir, ich mochte
sagen, das alleraufierste Verhaltnis des Menschen zu dem Universum,
aus dem er herausgebaut ist.
Wir kommen schon ein Stuck weiter, wenn wir als zweites ins Auge
fassen, wie der Mensch dann das, was er von aufien auf nimmt, in sich
rege macht. Denken Sie, das Kind, wenn es geboren wird, hat eigent-
lich ganz in sich, was es durchlebt hat zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Konnte es ein Bewufitsein nach dieser Richtung ent-
wickeln, so wiirde es zuriickblicken konnen auf das, was es vor der
Geburt erlebt hat. Dann aber beginnt sich innerlich zu regen, was da
erlebt worden ist. Der Mensch sieht nicht nur in sich zuriick, um das
Universum in sich wieder zu finden, sondern er sieht um sich herum.
Er sieht eine Umwelt. Wir konnen also sagen: Es ist nicht mehr blofi
ein Hereinfassen des Universums, sondern ein Blicken in den Umkreis
des Universums und ein Hereinnehmen der Beweglichkeit des Univer-
sums. Man wird innerlich beweglich.
Das dritte aber: Wenn wir die zwei ersten anschauen, so ist der
Mensch eigentlich noch nicht ganz bei sich. Indem er das Universum
in sich tragt, sagen wir als Geometrie, lebt er eigentlich im Aufieren.
Wenn das Kind sich regt, indem es das Universum innerlich nachmacht,
lebt es in dem Aufieren. Wie wird der Mensch innerlich? Wie erfafit er
sich selbst?
Sie brauchen blofi einmal sinnig mit Ihrer rechten Hand Ihre linke
zu umfassen, Sie brauchen sich blofi selber anzugreifen, dann bleiben
Sie ganz in Ihrem Inneren. Sie verrichten mit der rechten Hand eine
Tatigkeit, aber das, was Sie dadurch anfassen, das sind Sie selber. So
wie Sie sonst einen aufieren Gegenstand beim Herumtasten anfassen,
so fassen Sie ja sich selber an. Alles Gewahrwerden des Ich, der Inner-
lichkeit, beruht im Grunde genommen auf diesem Sich-selber- Anfassen.
Wir tun das dann auch in abgeleiteter Weise mit den Augen. Indem wir
irgendeinen Punkt ins Auge fassen, kreuzen sich die rechte und die
linke Augenachse, so wie sich die rechte Hand iiber die linke legt. Und
das Tier hat deshalb weniger Innerlichkeit, weil es eigentlich in viel
geringerem Mafie das vollzieht, daft es sich selber betastet. Wir kon-
nen also sagen als drittes: das Sich-selber-Erfahren oder -Betasten. -
Wir sind eigentlich in der Auftenwelt und erfassen uns selber. Wir
sind noch nicht innerhalb unserer Haut.
Aber jetzt fassen wir gewissermafien die Grenze ins Auge zwischen
dem Aufieren und dem Inneren. Wir deuten diesen Vorgang an: Be-
wegen wir die Hand, die als rechte die linke erfafit, auf- und abwarts,
so beschreiben wir eine Flache. Diese Flache ist an uns selber iiberall.
Da schlieften wir durch unsere Korperbedeckung unser Inneres ab. Wir
sagen also viertens: Sich umschliefien. Wenn Sie sich lebhaft einfiihlen
in Ihre Form, insofern die Haut diese Form bildet, so haben Sie dieses
Sich-Umschlieften.
Tafeis i. Hereinfassen des Universums. Zuriickblicken
2. Blicken in das Universum. Hereinnehmen
der Beweglichkeit des Universums
3. Sich selber erfahren, betasten
4. Sich umschlieften.
In diesen vieren steht vor uns, was eigentlich das allmahliche For-
men des Menschen von auften nach innen ist: zunachst das ganze Uni-
versum, da ist man noch aufter sich; dann das Universum nachahmend:
man ist noch nicht zu sich gekommen, man ahmt es nach, das Univer-
sum. Greift man sich an, so kommt man aufier sich selber zu sich. Nun
erst im vierten hat man das Sich-Umschliefien.
Im fiinften miissen wir dasjenige suchen, was nun schon innerlich
ist, was uns ausfiillt, was uns durchwellt und durchwebt. Wir konnen
sagen fiinftens: Das Ausfiillende, das uns durchwellt und durchwebt.
Nun aber sechstens: Indem wir nun - dadurch, dafi wir nicht nur
gewissermafien eine Haut haben, sondern die Haut auch ausgefullt
ist - so in uns selber hereingekommen sind, beginnt auch schon das, was
nun die Form auf lost, was die Form wiederum zuriickbildet; was den
Menschen nicht nur innerlich erfullt, sondern ihn so macht, nun, sagen
wir, wie eine Frucht, wenn sie reif wird. Verfolgen wir die Frucht bis zu
dem Punkte, wo sie gerade eben an der Kippe steht, reif zu werden;
iiberspringt sie diese Kippe, dann dorrt sie ab, dann beginnt sie abzu-
dorren. Wir diirfen also hier sechstens sagen: Reifung.
Dann aber stellen Sie sich einmal vor diese Reifung. Wir beginnen
gewissermafien, indem wir reif werden, innerlich wieder zu zerfallen.
Wir horen schon ein bifichen auf , Mensch zu werden. Wir sind Mensch,
aber wir zerfallen innerlich, wir werden gewissermafien innerlich
Staub. Wir werden mineralisch. Wir ordnen uns damit wieder in die
Aufienwelt ein. Wir sind mit dem Ausfiillenden ganz im Inneren. Dann,
indem wir innerlich zerstauben, ordnen wir uns wiederum in das Mi-
neralische ein. Wir werden ein gewissermaften schwerer Korper. Wir
konnen also siebentens sagen: Einordnung in die unorganische Welt.
Ich habe es einmal beschrieben, wie der Mensch eigentlich, wenn
wir ihn wiegen, wenn er herumgeht, wie er da wie ein Mineral sich ver-
halt. Wir kommen da an bei diesem Sich-Einordnen in die aufieren
Naturkrafte. Wir konnten auch sagen: Dieses Einordnen in die aufie-
ren Naturkrafte - denken Sie nur einmal, indem Sie gehen, ordnen Sie
sich selber in die aufieren Naturkrafte ein; wenn Sie nicht ordentlich
gehen, fallen Sie um — , es ist also eigentlich das erste, was man hat beim
Einordnen, ein Suchen des Gleichgewichtes.
Das achte: Da kommen wir dazu, dafi wir uns nicht mehr blofi ein-
ordnen in die aufiere Welt, sondern daf5 wir die aufiere Welt aufneh-
men. Wir atmen, wir essen, wir nehmen die aufiere Welt herein. Friiher
haben wir nur das in uns aufgeschlossen, was wir innerlich schon hat-
ten. Das ist im wesentlichen dieses Sich-Aufschliefien. Dann ist es ein
Leben im Inneren. Aber wir nehmen das Aufiere ins Innere auf. Nun,
wenn man zu diesem Punkt kommt, mufi man vor alien Dingen sich
ganz klar dariiber sein, dafi alles, was der Mensch von aufien aufnimmt,
etwas ist wie eine Art von nicht in den Menschen Hereingehorendem.
Uber dieses Aufnehmen von irgend etwas von aufien macht sich
ja eigentlich die Welt unrichtige Vorstellungen. Im Grunde genom-
men ist alles, was wir essen, ein bifichen giftig. Das Leben besteht nam-
lich darin, dafi wir die Nahrung aufnehmen und eigentlich nicht voll-
standig mit uns eins werden lassen, sondern uns dagegen wehren, und
in diesem Sich- Wehren, in diesem Abwehren besteht eigentlich das
Leben. Nur sind diejenigen Nahrungsmittel, die wir eben als Nah-
rungsmittel aufnehmen, so wenig giftig, dafi wir uns aufrechterhalten
gegen sie. Wenn wir ein richtiges Gift aufnehmen, so zerstort es uns,
dann konnen wir uns nicht mehr dagegen wehren.
Wir konnen also sagen: Indem die Aufienwelt in uns eindringt,
dringt eine Art von Giftstachel in uns ein. Man mufi da pragnante
Ausdriicke wahlen, aber man hat sie ja aus der heutigen Sprache und
aus der heutigen Erkenntnis heraus nicht. Sie mussen also verstehen,
was ich da eigentlich meine, indem ich Ihnen das auseinandersetze.
n 5. Das Ausf ullende
6. Reifung
7. Einordnung in die unorganische Welt
Suchen des Gleichgewichtes
8. Giftstachel
Damit ware der Mensch dann so weit, dafi er das Aufiere aufnimmt.
Wir waren also zunachst hinweggeschritten iiber das Formen des Men-
schen aus dem Universum. Wir sind hier geschritten durch das Formen
des Menschen von innen, wobei wir schon angekommen sind bei dem,
wo sich das Innere formt, indem es sich gegen das Aufiere wehrt.
Nun formt sich aber der Mensch, wenigstens sein Leben formt er
und auch etwas seine eigentliche Form, nach dem, wie er sich aufier-
lich verhalt, wie er sich aufierlich betatigt. Nun, unsere Betatigungen
sind eigentlich nicht mehr etwas recht mit dem Menschen Zusammen-
hangendes; wir mussen schon in friihere Zeiten zuriickgehen, wenn
wir den Menschen so auffassen wollen, wie er sich richtig auch noch
als Mensch in die Umgebung hineinstellt, so dafi er mit menschlichem
Anteil sich an der Welt betatigt. Und da konnen wir sagen: Neuntens
ist ja eine Betatigung des Menschen, indem er Anteil nimmt an der
aufteren Welt, indem er nun auf Erden hineingestellt ist, nicht im Uni-
versum. In dem aufieren Leben, in das er gewissermafien kulturell hin-
eingestellt ist, da ist er zunachst Jager. Neuntens: Jager.
Er schreitet dann vorwarts, indem er sich weiter betatigt: Er wird
Tierzuchter. Das ist ja die nachste Stufe. Zehntens: Tierziichter. Elf-
tens: Er wird Ackerbauer. Das ist die nachste Vollkommenheitsstufe.
Und endlich, zwolftens: Er wird Handel treibender. Warum ich die
nachstf olgenden Betatigungen nicht hereinnehme - Sie werden es spa-
ter schon sehen. Es sind das die sekundaren Betatigungen. Die eigent-
lichen primaren Betatigungen des Menschen sind diese als Jager, Tier-
ziichter, Ackerbauer und Handeltreibender. Damit haben wir dann
den Menschen in bezug auf seine Form charakterisiert, wie er sich auf
die Erde hinstellt, ob er Jager, Tierzuchter, Ackerbauer oder Handel-
treibender ist. Das waren also Formen der menschlichen Tatigkeit, der
menschlichen Erdentatigkeit.
9. Jager Tafel5
10. Tierzuchter
11. Ackerbauer
12. Handeltreibender
Wir konnten nun folgende schematische Zeichnung als eine Ver-
sinnbildlichung dessen machen, was wir da aufgeschrieben haben. Sa-
gen wir zunachst, wir hatten hier die Erde. Nehmen wir einmal an,
wir hatten den Menschen auf der Erde. Er ware nun in Ubersicht dieser
vier Formprinzipien angewiesen auf den Umkreis der Erde, also er
wiirde hereingeformt werden aus dem Umkreis der Erde. Hier formt
sich der Mensch von innen (siehe Zeichnung Seite 70, links). Lassen Tafel 6
wir das zunachst aus und betrachten wir dieses, wo der Mensch von Mltte
der Erde aus geformt wird als Jager, Tierzuchter; dann wiirden wir
das Umgekehrte haben. Wenn zum Beispiel hier aus dem Umkreis die
Sternbilder wirken auf den Menschen, so kommt die Wirkung der
Sternbilder, die da unten stehen (unterhalb des Gestrichelten), weil die
Erde sie bedeckt, wenn ein Mensch zunachst hier aufgefafit wird
(links), nur durch die Erde an den Menschen heran. Da wiirde er sich
also in bezug auf seine Sterne nach der Erde richten. Und was in der
Mitte liegt, das wiirde ihm die Moglichkeit bieten, sich innerlich aus-
zubilden.
Tafcln Man konnte also sagen: Diese vier (oberen) Glieder der mensch-
5 + 6 lichen Formung (siehe Tabelle Seite 72), die fuhren uns hinaus ins
Weltenall; die letzten vier Glieder, die fuhren uns auf die Erde, und
die Sterne kommen insoweit in Betracht, als sie durch die Erde bedeckt
sind. Bei den vier mittleren Gliedern ist es eben so, daft sich die Sterne
und die Erde die Waage halten. Da ist der Mensch in seiner Inner-
lichkeit.
Sehen Sie, schon in alten Zeiten hat man diese Sache gefuhlt und
hat gesagt: Ein gewisser Teil des Sternenhimmels hat auf den Menschen
sp Einflufi, dal5 er ihn von aufien, vom Universum her formt. Und man
hat, je nach den Zeitenfolgen natiirlich, verschiedene Sterne annehmen
mussen. Die Konstellationen andern sich. Aber nehmen wir einmal so
im grofien das Zeitalter an, in dem wir leben. Wenn wir uns etwa auf
den Standpunkt eines Griechen stellen, der iiber diese Dinge nachge-
dacht hatte, so wiirde dieser sagen: Diejenigen Sterne, die in der Nahe.
des Widders stehen, die wirken von aufien herein; auch noch die-
jenigen, die in der Nahe des Stieres stehen, diejenigen, die in der Nahe
der Zwillinge stehen und diejenigen, die in der Nahe des Krebses ste-
hen. Durch diese Sternbilder Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, hat der
Mensch sein Zuriickblickendes, sein Innerlich-Bewegliches, sein Sich-
selber-Anfassen und sein UmschlieGendes (siehe Tabelle Seite 72). Tafeb
Durch die anderen Sterne, die drunten auf der entgegengesetzten Seite 5 + 6
stehen, die von der Erde bedeckt sind, hat der Mensch sein Jagerda-
sein durch den Schutzen; er hat sein Tierziichterdasein, indem er den
Bock zahmt: Steinbock; er hat sein Ackerbaudasein, indem er - nun,
nehmen wir zunachst das einf achste Ackerbaudasein -, indem er Was-
ser ausgiefit, also hinschreitet iiber den Acker und Wasser ausgiefit:
Wassermann. Und er wird Handeltreibender durch diejenige Stern-
gegend, wo das ist, was ihn iiber das Meer tragt. In sehr alten Zeiten
hat man namlich jedes Schiff so ahnlich ausgebildet wie einen Fisch.
Und zwei nebeneinander bef indliche Schif f e, die iiber das Meer handel-
treibend gefahren sind, die sind eigentlich das Symbolum fur den Han-
del. So wiirde man also, wenn man sich erlaubt, die Schiff e «Fische» zu
nennen, hier haben die Fische.
In der Mitte hat man dann das, was zwischendrinnen ist, das Aus-
fiillende, dasjenige also, was im Menschen wirkt als ausfiillendes Blut.
Nun, wie kann man denn am besten das ausfiillende Blut symbolisie-
ren? Man wird vielleicht jenes Tier nehmen, bei dem die Herztatigkeit
am allerintensivsten ist: den Lowen. Das Reifwerden - man braucht
nur den Acker anzuschauen, auf dem der Weizen oder das Korn reif
wird; die Ahre stellt gerade den Zustand dar, wo das Fruchtende in
das Reifende hineingeht: es ist die Jungfrau mit der Ahre. Die Ahre ist
die Hauptsache dabei. Und wenn wir das ins Auge fassen, wo der
Mensch sich wiederum hineingliedert in die Aufienwelt, also Gleich-
gewicht sucht: "Waage. Und wo er den Giftstachel fiihlt, wo er fiihlt,
wie alles etwas giftig ist; Skorpion.
Tafein Formen des Menschen aus dem Universum: Kopf
5 + 6
1 . Hereinf assen des Universums.
Zuriickblicken Widder
2. Blicken in das Universum. Hereinnehmen
der Beweglichkeit des Universums Stier
3. Sich selber erfahren (betasten) Zwillinge
4. Sich umschliefien Krebs, Cancer
Formen des Menschen von innen: Brustmensch
5. Das Ausf ullende Lowe
6. Reifung Jungfrau mit Ahre
7. Einordnung in die unorganische Welt.
Suchen des Gleichgewichtes Waage
8. Giftstachel Skorpion
Formen der menschlichen Erdentatigkeit: Gliedmafien- oder Erden-
mensch
9. Jager Schiitze
10. Tierzuchter Bock
11. Ackerbauer Wassermann
12. Handel treibender Fische
Sehen Sie, in alteren Zeiten hat man tatsachlich diesen Zusammen-
hang des Menschen mit Universum und Erde empfunden; nur die
neueren Menschen konnen diese Sachen nicht mehr deuten. Sie sagen:
Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Lowe - und zeichnen hin einen Wid-
der und so weiter, haben aber im Grunde genommen doch keine
Ahnung, was diese Dinge bedeuten. Man mufi diese Dinge auch in der
richtigen Weise ansehen. Wenn Sie ein altes Widderbild sehen, so wer-
den Sie namlich doch darauf kommen, dafi es da nicht die natura-
listisch-materialistische Abbildung eines Widders ist, worum es sich
Tafd 6 handelt, sondern das Charakteristische ist immer, dafi der Widder zu-
oben riickblickt, und das, die Gebarde, ist die Hauptsache. Dieses Zuriick-
blicken des Widders, das ist die Hauptsache dabei. Und dieses Zu-
riickblicken des Widders, das ist in dem Zuriickblicken des Menschen
auf sich selbst gegeben, in diesem Zuriickblicken auf das Universum,
das in ihm lebt. Man darf also nicht naturalistisch-materialistisch blofi
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Tafel 6
auf den Widder hinschauen. Es soil nicht in diesem Sinne ein Abbild
sein, sondern die Gebarde des Zuriickblickens ist es, worauf es an-
kommt. Und wenn Sie den Stier auf alten Abbildungen sehen — der
blickt immer nach der Seite und springt! Diese Gebarde wiederum ist
es, um die es sich handelt, das Um-sich-Herumblicken und Innerlich-
Regemachen dessen, was als allgemeines universelles Prinzip lebt. Also
wiederum diese Gebarde ist es, auf die es ankommt. Und wenn Sie die
Zwillinge sehen, so haben Sie wirklich den rechten und linken Men-
schen, nur - es ist uberall ein Mensch, aber es ist nie anders abgebildet,
als indem die rechte Hand des rechten Menschen, die Hnke Hand des
linken Menschen sich umspannen, sich iibergreifen, und auf diese Ge-
barde kommt es wiederum an. Das ist das Sich-Betasten, Sich-Fiihlen.
Es ist nur eben rechter und linker Mensch als selbstandiger Mensch an-
gefiihrt, weil ja der Mensch gewissermafien noch aufier sich ist, seinen
vorgeburtlichen Menschen noch in sich hereinnimmt durch das Sich-
selbst-Betasten.
Das AbschlieiSen, das Sich-Umschliefien: Krebs. Nun nimmt man
wiederum materialistisch-naturalistisch den Krebs als Abbild. Aber
worauf es denen ankam, die da einen Krebs nahmen als das Symbolum
fur dieses Umschliefien, das war, dafi der Krebs mit den Scheren sein
Opfer umschliefien kann, dafi er die Scheren herumlegt. Nun, es ist
ja in dem Worte «cancer», der die Menschen umschliefit, es ist schon
in dem Worte noch das Sich-Umschliefien erhalten. Der Krebs ist das
Umschliefiende. Er ist eigentlich da als das Symbolum des ins Innere
sich einschliefienden Menschen, der sich nicht blofi betastet und be-
fiihlt, sondern der sich von aufien nach innen einschliefit.
Der Lowe stellt ja an sich selber dadurch, dafi bei ihm das Herz
besonders ausgebildet ist, die Sache dar als Herztier. Den Lowen
konnen wir geradezu als Herztier auffassen. Er stellt also eigenschaft-
lich dasjenige dar, was da als das fiinfte Glied ins Auge gefafit wer-
den soil.
Bei der Reifung steht die Jungfrau mit der Ahre, und auf diese
Ahre kommt es an, auf diesen Zustand des gerade ins Diirre Hinein-
gehens des Fruchtenden. Und die Waage ist eben das Gleichgewicht-
suchen. Der Skorpion ist natiirlich der Giftstachel. Und der Schtitze ist
in Wirklichkeit eigentlich ein Tier, etwas, das tierische Gestalt hat, aber
nach vorn in einen Menschen auslauft, der Pf eil und Bogen hat. Das ist
das Tierkreiszeichen des Schiitzen: ein Mensch, der Pfeil und Bogen
hat und der kentaurhaft auf einem Tierleibe sitzt. Das ist also fur den
Jager.
Der Bock ist eigentlich ein Bock, der in einen Fischschwanz ausgeht,
also etwas, was nicht mehr in der Natur vorhanden ist. Es gibt keinen
Bock mit Fischschwanz. Aber der Mensch, indem er die wilden Tiere
zahmt, indem er ein Tierzuchter wird, macht die wilden Tiere so zahm,
wie die zahmen Fische sind. Wir haben also ein kunstliches Symbolum,
das hier auftritt.
Fur den Ackerbau haben wir den Wassermann. Da hat man na-
tiirlich immer an Wasser und dergleichen gedacht, was ja in einem ge-
wissen geistigen Sinne eine Berechtigung hat. Aber Sie werden immer
sehen: Sein Schreiten kommt in Betracht, zwei Urnen hat er an den
Handen und schiittet Wasser aus. Er begiefit. Er ist derjenige, der also
Gartner, Ackerbauer ist.
Und die Fische, darauf habe ich schon hingedeutet: es ist das Han-
deltreiben, weil man Fischkopfe oben gehabt hat an den Schiffen -
Delphinkopfe zum Beispiel, wenn auch der Delphin kein Fisch ist,
aber die Alten haben ihn als solchen angesehen. Es ist also durchaus
das, was auf das Handeltreibende in diesem Symbolum hindeutet.
Wir diirfen eben die Dinge nicht so schematisch aufierlich betrach-
ten, wie das heute oftmals geschieht, sondern wir miissen ausgehen
von dieser Formung des Menschen und von da aus dann sehen, wie
wir hinaufkommen in die Beziehung des Menschen zum Universum und
zur Erde. Dadurch lernen wir allmahlich aus der Form heraus den
Menschen als einen Teil, als ein Glied des ganzen Universums begreifen.
Nun konnen wir ja die Sache noch von einer anderen Seite aus auf-
fassen. Wir wollen sie nun von der folgenden Seite aus auffassen. Wir
haben hier, sagen wir, den Widder. Betrachten wir alles zunachst vom
Standpunkte des alten Griechen: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs,
Lowe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schiitze, Steinbock, Wassermann,
Fische, so konnen wir sagen, wenn wir die menschliche Form betrach- Tafel 6
links oben
Zeichen
ten: Der Mensch - nehmen Sie das alles zusammen, was ich gesagt
habe der Mensch wird in bezug auf seine Kopfform von aufien, vom
Universum herein gebildet. Nehmen wir also die Sache vom griechi-
schen Standpunkte aus, so werden wir sagen: Der Mensch wird seiner
Kopfform nach vom Universum herein gebildet. Da regt es sich dann
im Inneren. Da setzen sich die Moglichkeiten an, dafi er symmetrisch
wird. Aber dann sind wir genotigt, das, was durch die letzten Stern-
gruppen an Einf lufi auf den Menschen geschieht, im entgegengesetzten
Sinne aufzufassen. Der Mensch hat da seine Einfliisse von der Erde.
Tatigkeiten wirken auf ihn ein. Wenn wir hier das (oben) breit zeich-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:20 8 Seite:75
nen (siehe Zeichnung Seite 75), so werden wir auf dieser anderen
Seite am besten das hier (unten) schmal malen, und wir werden sagen:
Wenn der Mensch Jager werden will, so mufi er besonders stark aus-
gebildet haben, was hier aufgefafit werden kann als Schiitze. Sie wis-
sen, es ist das, was menschliche Oberschenkel sind. Diese mufi er be-
sonders stark haben, wenn er Jager werden will. Wird er Tierziichter,
mufi er sich viel in der Kniebeuge bewegen. Wird er Ackerbauer, mufi
er gehen; er wird deshalb als schreitend dargestellt und so weiter. Han-
deltreiben: Wenn man an dem Menschen selber ein Symbolum suchen
will, so werden es die Fiifie sein. Aber diese Organe werden jedenfalls
von aufien herein gebildet. Das andere steht dann in der Mitte, wo der
Mensch sich selber bildet.
Wenn ich Ihnen diese Figur hinzeichne, so ergibt sie sich eigentlich
aus den zwolf Zeichen wie von selbst. Wir konnen sagen: Da (in der
Mitte) wirkt das Universum, die Sterne, mehr im Inneren des Men-
schen; da (oben) wirken die Sterne von aufien, und da (unten) drucken
sie ihn zusammen. Aber Sie erkennen ja in dem, was ich da hingezeich-
net habe, die Form des menschlichen Embryos! Und wenn Sie den
menschlichen Embryo nehmen, so mussen Sie ihn eigentlich, wenn Sie
den Tierkreis aufzeichnen, aus seiner eigenen Gesetzmafiigkeit heraus
so zeichnen - geradeso wie Sie, wenn Sie eine Figur zeichnen wollen,
die hundertachtzig Grad umschliefit, ein Dreieck bekommen. Wenn Sie
den Tierkreis so zeichnen, so umformen, dafi seine Gesetzmafiigkeit in
bezug auf die Erde zum Vorschein kommt, dann bekommen Sie durch
innere Gesetzmafiigkeit die Form des menschlichen Embryos. Und
Sie haben damit unmittelbar gegeben, dafi der menschliche Embryo
allerdings aus dem ganzen Universum heraus gebildet wird, dafi er
ein Ergebnis des Universums ist.
Ich sagte vorhin, man miisse sich auf den Standpunkt des Griechen
stellen, denn heute konnen wir nicht mehr beim Widder anfangen,
heute mussen wir anfangen im Zeichen der Fische. Wir stehen ja seit
Jahrhunderten im Zeichen der Fische, und gerade im Zeichen der
Fische vollzieht sich der Ubergang zum Intellektualismus des Men-
schen. Wenn Sie aber zuriickgehen bis dahin, wo noch der Widder
berechtigt war, wo man also im alten Sinne von dem Tierkreis reden
konnte, dann haben Sie nicht viel mehr als Schiitze, Bock, Wasser-
mann und Fische, respektive die Berufe: Jager, Tierzuchter, Ackerbauer
und Handeltreibender. Alles das, was an Industriellem gekommen ist
und so weiter, das gehort schon in die Fische hinein; das ist schon eine
Wiederholung. Denken Sie sich doch einmal: Wir leben im Zeitalter
der Fische; da hat sich alles das herausgebildet, was heute unsere Ma-
schinenkultur und so weiter ist. Gehen wir hinter dieses zuriick in die
Widderzeit, so haben wir noch die ehrlichen vier Berufe, wenn sie auch
etwas komplizierter und modifizierter sind, die den Menschen in die
Natur hineinstellen. Und dann konnen wir weiter zuriickgehen - in
das Stierzeitalter, den dritten, zweiten, ersten nachatlantischen Zeit-
raum, den letzten atlantischen, den vorletzten atlantischen und so wei-
ter: so wiirden wir zuruckkommen und wiirden, wenn wir weiter zu-
riickkommen bis wiederum in das Zeitalter der Fische, den Menschen
noch haben als ein vollstandig atherisches Wesen, das noch nicht in die
physische Welt heruntergestiegen ist. Und weil wir ihn da haben in den
Fischen, wo er einmal war als ein atherisches Wesen, wiederholt er im
Grunde genommen das, was er dazumal beim eigentlichen Mensch-
werden durchgemacht hat. Er wiederholt es seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts, aber er wiederholt es in abstrakter Weise. Dazumal wuchs er
konkret in sein Menschentum hinein. Seither wachst er in seine Ab-
straktionen hinein, denn eine Maschine ist auch eine Abstraktion. Seit-
her, seit das Zeitalter der Fische wiederum da ist, ist der Mensch eigent-
lich hineingestellt in das, was ihn auflost. Und wird der Mensch gar
wiederum zuriick in den Wassermann kommen, dann wird diese Auf-
losung wesentlich weiterschreiten, dann wird er vor alien Dingen nicht
den geringsten Zusammenhang mit der Welt haben konnen, wenn er
sich nicht an die geistige Welt halt. Eben wegen dieser Wiederholung
mufi der Mensch in die geistige Welt einrucken.
Auch daraus konnen Sie wiederum sehen, dafi der Mensch eigent-
lich ein dreif aches Wesen ist: aus dem Universum hereingebildet, in-
dem er Kopf mensch ist, im Inneren sich bildend, nur in Korrespondenz
mit der Aufienwelt, indem er Brustmensch ist, Gliedmafien und Stoff-
wechsel bildend, indem er eben sich der Erdenwelt einfugt, also Glied-
mafien- oder Erdenmensch ist (siehe Tabelle Seite 72). Tafel 5
Und noch in einer anderen Beziehung liegt hier ein Dreif aches vor.
Denken Sie einmal, wenn der Mensch ankommt bei der Geburt, so
liegen eigentlich die vier ersten Krafteimpulse in ihm. Die bildet er
dann erst aus, aber er ist da auch in gewissem Sinne ein ganzer Mensch,
nur sind die anderen acht Glieder rudimentar. Der Kopf ist ein ganzer
Mensch, nur sind die anderen Glieder daran rudimentar. Der Brust-
mensch wiederum ist ein ganzer Mensch, nur sind die vier ersten Kraft-
impulse rudimentar und die vier letzten. Auch der GliedmafSenmensch
ist ein ganzer Mensch, nur ist die Brust und der Kopf daran rudimentar.
Es stecken eigentlich drei Menschen auf diese Weise in dem Menschen
drinnen. Der erste, der Kopfmensch, ist eigentlich die Umbildung der
vorigen Inkarnation. Der Brustmensch ist eigentlich die jetzige Inkar-
nation an sich. Und das, was der Mensch tut, wie er sich in der aufieren
Welt betatigt, was namentlich in seinen GliedmafSen zum Ausdruck
kommt und in seinem Stoffwechsel, das tragt ihn wieder in die nachste
Inkarnation hiniiber. Also auch in dieser Beziehung ist der Mensch ein
dreigliedriges Wesen. So kann man die Form des Menschen in seiner
Ganzheit studieren.
Man mufite also eigentlich sagen: Wenn man den Menschen auf-
Tafel 6 zeichnet, miifite man zeichnen seinen Kopf. Man hat aber dann einen
rechts vo if st £ nc jig en Menschen. Daft man einen vollstandigen Menschen hat,
werden Sie schon daraus erkennen: Wenn Sie den Unterkiefer neh-
men, so sind es eigentlich Beine, nur sind sie nach riickwarts gerichtet
am Kopfe; dieser Mensch sitzt mit seinen Beinen. Der Kopf ist ein
ganzer Mensch, nur sind die Beine umgestiilpt, es sind die Unterkiefer
hier. Der Mensch sitzt darauf, so dafi ich das so zeichnen kdnnte, dafi
ich eigentlich einen ganzen Menschen, wenn auch sitzend, hier ein-
zeichnen wiirde.
Dann wiederum ist eben der Brustmensch ein ganzer Mensch: die
Arme sind gewissermafien die aufieren Reprasentanten fur atherische
Augen. Und wiederum ist ein ganzer Mensch der Gliedmaftenmensch.
Da waren zum Beispiel die Nieren wiederum die Augen. So dafi wir
drei ineinandergeschobene Menschen auch in bezug auf die Form ha-
ben, wiederum so, dafi wir in dem Menschen, der in den Kopf hinein
verschwunden ist, der da eine Kugel geworden ist, zu sehen haben, was
von der vorhergehenden Inkarnation sich hereinlebt, in dem Brust-
menschen den eigentlichen jetzigen Menschen, und in demjenigen,
was da herumlauft, das was in die folgende Inkarnation sich hinein-
schiebt.
Aber man kann in einem gewissen Sinne sagen: Auch am gegen-
wartigen Menschen ist es so, dafi er in seinem ganzen Verhalten etwas
Dreigliedriges hat. Nehmen Sie den Gliedmaften-Stoffwechselmen-
schen: er ist fahig, einen ganzen Menschen hervorzubringen. Sie brau-
chen nur eben den Menschenkeim, den menschlichen Embryo im Leibe
der Mutter zu nehmen, so haben Sie den GliedmaGen-Stoffwechsel-
menschen, der ein ganzer Mensch werden will.
Nehmen Sie den Brustmenschen, so sehen Sie, wie in dem Kinde,
wenn es noch ein Saugling ist, tatsachlich der Kopfmensch mit dem
Brustmenschen als ein Ganzes zusammengehort. Sie haben also auch
im Heranwachsen des Menschen dieses Dreigliedrige. Und dann wird
der Mensch, wenn er nicht mehr Saugling ist, erzogen: Kopf des Men-
schen als Erzieher, erzieht den anderen Menschen - Kindskopf den
Kindskopf, denn im Grunde genommen bleibt der Mensch in bezug auf
seinen Kopf immer Kind. Alt, das heifk mittelalterlich, wird er nur in
bezug auf den mittleren Menschen, den Brustmenschen, und ganz alt
wird er in bezug auf den Gliedmafienmenschen. Das merken ja die
Menschen auch, wenn sie alt werden. Und schon nach dem alten Ratsel:
In der Jugend geht man auf vieren, in der mittleren Zeit auf zweien
und dann auf dreien - merken es die Menschen, dafi sie da zunachst alt
werden. Von da herein werden sie alt. Also in bezug auf den Kopf
bleibt der Mensch immer so etwas wie ein Ergebnis der letzten Inkar-
nation. Der Kopf bleibt eigentlich sein ganzes Leben lang im Grunde
genommen ein Kindskopf. Und man kann schon sagen: Die Erzie-
hungswissenschaft mufi eigentlich das Problem losen, wie es am besten
geht, dafi der Kindskopflehrer den Kindskopfschiiler in der besten
Weise behandelt.
Diese Dinge sind scheinbar humoristisch, aber es verbirgt sich hin-
ter ihnen eine tiefe Wahrheit, die nur ins Auge gefafit werden mufi,
damit der Mensch wirklich die richtige Ansicht iiber sich selber er-
halten kann.
Bedenken Sie doch, dafi im Grunde genommen der Kopf des Men-
schen eigentlich der Passagier ist, der fortwahrend getragen wird von
dem iibrigen Menschen. Seine Beine, die hat der Kopf viberhaupt im-
mer in Sitzstellung; er schickt sich nicht einmal an, selbstandig zu
gehen. Er wird fortwahrend getragen wie eben ein Mann, der in der
Kutsche fahrt. Er ist eigentlich im Grunde genommen der Passagier
des Menschen, dieser Kopf. Der Brustmensch ist der Pfleger des Men-
schen. Und der Gliedmafienmensch ist der Arbeitsmensch, derjenige,
der verwendet wird als Sklave, der Arbeiter, der eigentlich Arbei-
tende, der Mensch, der nun das Leben eigentlich durchmacht. Daher
hat man den Kopf auch, insofern man als ganzer Mensch Kopf ist;
ich habe das oftmals ausgesprochen. Insofern man sich umschHefit, ist
man noch Kopf; bis zum Krebs herein ist man noch Kopf. Das hat man
Tafd 6 ohne sein Zutun vom Himmel. Hier (Mitte) mufi man atmen und essen:
rechts e$ - st pfleger, die Amme. Und der eigentliche Arbeitsmensch, der
gehort dem Gebiete des Schiitzen, des Steinbocks, des Wassermanns
und der Fische an.
Sie sehen, auf diese Weise kann man nun wirklich die Form des
Menschen im Zusammenhang mit dem ganzen Universum herausbe-
kommen. Sie miissen diese Dinge, wenn sie eben auch so hingestellt
sind, dafi sie, ich mochte sagen, nicht mit Pedanterie, sondern in einer
mehr leichteren Art vor Sie hingestellt werden, Sie miissen diese Dinge
nur ganz ernst nehmen, dann werden Sie sehen, dafi in allem diesem,
was ich heute gesagt habe, auf der einen Seite die Moglichkeit liegt, die
Form des Menschen aus dem ganzen Universum heraus zu begreifen,
und auf der anderen Seite wiederum das liegt, was einen erfullt mit der
grofien Ehrerbietung vor den Urerkenntnissen der Menschen, die in ihre
Tierkreissymbole wirklich eine Menschenwissenschaft ungeheuerster
Art aus ihrem instinktiven Hellsehen heraus haben hineinlegen konnen.
Dagegen haben wir heute solch eine Wissenschaft, dafi die Menschen in
den Tierkreisbildern den Widder anglotzen, aber nicht wissen, dafi die
Hauptsache darin liegt, dafi er sich umdreht; den Stier anglotzen, nicht
wissen, dafi das Wesentliche ist, dafi er springt und nach der Seite
blickt; und bei den Zwillingen dieses Sich-Anfassen, dieses Sich-Ober-
greifen und so weiter. Es ist alles in diesen Tierkreissymbolen ungeheuer
tiefsinnig, ungeheuer bedeutsam, jede Gebarde jedes einzelnen Zei-
chens, und wo es sich nicht um eine Gebarde handelt, wie beim Lowen,
da ist das Symbolische so gewahlt, dafi es als Zeichen schon die Ge-
barde in sich enthalt, weil der Lowe den starksten Herzschlag hat; so
ist er gewahlt. Also das Erfiillende ist im Lowen dargestellt. Auf diese
Weise kann man wieder heraufholen die Urweisheit der alten Zeiten,
wenn man sie heute in sich selbst findet.
Nun habe ich heute vor Ihnen betrachtet die Form des Menschen,
mochte morgen betrachten das Leben des Menschen im Zusammen-
hange mit dem Universum, und dann im dritten Vortrag werden wir
die Seele des Menschen betrachten im Zusammenhange mit dem Uni-
versum.
SECHZEHNTER VORTRAG
Dornach, 29. Oktober 1921
Wir haben gestern gesprochen von der Formung des Menschen und
haben gesehen, wie die innere und aufiere Form des Menschen heraus-
gebildet wird aus dem Weltenall, und haben zugleich gesehen, wie be-
deutsam in Zeiten alteren instinktiven Erkennens die Menschen diesen
Zusammenhang der menschlichen Form mit dem ganzen Weltenall
durchschaut haben. Wir miissen aber dabei doch das Folgende fest-
halten. Ich habe in einer der Zeichnungen gezeigt, wie man einzeich-
nen kann in die menschliche Gestalt den ganzen Tierkreis. Aber wir
muJ&ten als menschliche Gestalt dann eigentlich die Embryonalform
des Menschen aufzeichnen. Und wenn wir diese Embryonalform auf-
zeichnen, dann haben wir formlich in der Gestalt des Menschen selber
die Tierkreisform nachgebildet. Der Mensch aber reifit sich gewisser-
mafien in seinem Leben hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod
aus dieser Embryonalform heraus. Er ist wahrend der Embryonalzeit
durchaus aus dem Weltenall heraus geformt. Ich mochte sagen: Er
streckt sich dann wahrend seiner Erdenzeit. Dadurch hebt er sein
Haupt heraus aus dem Kreise, der dem Tierkreis nachgebildet ist. Und
dadurch, dafl er sein Haupt heraushebt, dafi er also wahrend seiner
physischen Lebenszeit zwar noch die Form hat, die er embryonal ver-
anlagt bekommt, aber sie nicht mehr eingliedert in den Fixsternhim-
mel, dadurch bekommt der Mensch zunachst in bezug auf die Hauptes-
form die Moglichkeit, in diese Hauptesform aufzunehmen dasjenige,
was er heriiberbringt aus dem vorigen Erdenleben.
Das Tier behalt seine horizontale Riickgratlage. Der Kopf hangt
vorne nur an dem Riickgrat daran. Das Tier behalt im Grunde genom-
men viel mehr bei von dieser Tierkreisstellung. Dadurch aber kann das
Tier auch mit Hilfe seines Hauptes nichts aufnehmen von einem vori-
gen Erdenleben. Das ist so, wenn wir die Form des Menschen nach der
einen Seite betrachten, wenn wir uns also sagen: Wiirde der Mensch
Tafels genau dem Tierkreis nachgebildet sein, wiirde er diese Form haben
lmks (Embryo). Dann, wenn er wahrend des Lebens diese Form beibehielte,
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wiirde er nicht sein Wesen aus der vorigen Inkarnation durch die
Hauptesform aufnehmen konnen. Dadurch, dafi er das Haupt heraus-
hebt aus dieser Stellung, dadurch wird die Form in die Moglichkeit
versetzt, Umhiillung zu sein fur das, was aus dem vorigen Erdenleben
kommt.
Ebenso aber hebt der Mensch dann die andere Seite heraus, die
nach den letzten Tierkreisbildern hin orientiert ist, nach dem Schiitzen,
dem Steinbock, dem Wassermann und den Fischen, also, wie wir
gestern gesagt haben, nach dem aufleren Leben, nach den alteren aufie-
ren Lebensverhaltnissen: der Jagd, der Tierziichtung, dem Ackerbau
und dem Handel, der Schiffahrt. Dadurch, dafi der Mensch wiederum
diese Verrichtungen aus seinem Wollen heraus bildet, also aus seinem
Gliedmafiensystem, das er aus der Tierkreisorientierung herausgehoben
hat, dadurch bleibt ihm in alldem, was diese seine Verrichtungen, was
iiberhaupt menschliche Verrichtungen sind, die Moglichkeit, der Keim
zu spateren Erdenleben. Das Tier bleibt durchaus im Tierkreis drinnen
orientiert. Dadurch hat das Tier keine Moglichkeit, von einem vori-
gen Erdenleben irgend etwas aufzunehmen oder nach einem folgenden
Erdenleben hinuberzublicken. Daher wird auch das, was wir als den
Orientierungskreis, den Tierkreis bezeichnet haben, aus einer tiefen
Weisheit der alteren instinktiven Erkenntnis heraus eben der Tierkreis
genannt.
Aus alldem ersehen Sie, wie griindlich eigentlich diese altere instink-
tive Weisheit war, und wie wir, wenn wir heute wiederum Geisteswis-
senschaft treiben, jetzt nicht aus Instinkt, sondern aus einem klaren
Bewufitsein heraus zu denselben Tatsachen kommen und dadurch wie-
der erkennen, was in einer alten instinktiven Erkenntnis so gelebt hat,
wie ich es in den letzten Vortragen hier angedeutet habe, und wovor
wir immer mehr und mehr Respekt bekommen, je mehr wir Einblick
gewinnen in diese Urweisheit der Menschen. Das ist es, was ich Ihnen
zunachst iiber die Form sagen mochte.
Was nun in diese Form beim Menschen gewissermafien einflieftt,
was in diese Form ergossen ist, das ist das Leben. Dieses Leben des
Menschen, das finden wir ebenso im Atherleib des Menschen lokali-
siert, wie wir die Form im physischen Leib lokalisiert finden. Und es
ist durchaus das Richtige, wenn man den physischen Leib des Men-
schen betrachtet, ihn seiner Form nach zu studieren, denn die Form ist
das Wesentliche an dem physischen Leibe. Zu dem physischen Leibe
kommt der Atherleib hinzu, und dieser Atherleib des Menschen, der
reprasentiert vorzugsweise dasjenige, was das Leben ist. Wir haben
Tafeis also gestern die Form besprochen und wollen heute das Leben be-
sprechen.
Wir haben gestern gesehen, wie die Form sich eigentlich aus zwolf
verschiedenen Formen zusammensetzt, und wir haben versucht, diese
zwolf verschiedenen Formen zu studieren. Die Gesamtform des Men-
schen, innerlich und aufierlich, ergibt sich, wie wir gesehen haben, aus
zwolf einzelnen Formen. Ebenso ergibt sich das Leben des Menschen
aus einer Reihe von einzelnen Lebensstufen. Und diese einzelnen Le-
Tafel 7 bensstufen, sie kann man sich in der folgenden Weise zunachst vor die
Seele stellen (siehe Aufstellung Seite 86).
Das erste, was der Mensch in seinem alltaglichen Bewufitsein ge-
wohnlich noch nicht als eine Lebensstufe ansieht, das ist das Sinnes-
leben. Die Sinne sind ja eingegliedert in die gesamte menschliche Wesen-
heit, aber sie liegen so sehr an der Peripherie, im Umkreis des Men-
schen, dafi der Mensch eigentlich im alltaglichen Leben vergifit, dafi die-
ses Sinnesleben die aufierste Schichte seines Lebens ist. Wir haben aber
im Umkreise diese aufierste Schichte unseres Lebens, das Sinnesleben.
oben Mitte
recht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 08 Seite: 8 4
Gehen wir weiter nach dem Inneren, dann kommen wir, indem wir
uns auf die Betrachtung des Lebens beschranken, zu der Fortsetzung
des Sinneslebens nach innen, und dieses Sinnesleben, das setzt sich nach
innen fort in dem Nervenleben. Die Nerven gehen ja von den Sinnes-
organen nach innen. Das Nervenleben setzt das Sinnesleben fort.
Das Nervenleben kommt nun aber seinerseits in Beriihrung mit
einem anderen Leben, mit einer anderen Lebensstufe, die sich im
menschlichen Lebewesen entfaltet. Von gewissen Gesichtspunkten aus
habe ich dieses schon bei friiheren Anlassen charakterisiert. Ich habe
Sie darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch einatmet. Indem er
einatmet, nimmt er die Atemluft auf. Diese Atemluft, die versetzt zu-
nachst den Menschen in eine Art inneren Rhythmus. Der setzt sich fort
durch den Ruckenmarkskanal bis in das Gehirn. Und ich habe darauf
aufmerksam gemacht, was auf diesen Fortsetzungen beruht. Da kommt
das Nervenleben in Kontakt mit dem Atmungsleben. Und die nachste Le-
bensstufe, wenn wir nach innen gehen, ist in der Tat das Atmungsleben.
Das Atmungsleben seinerseits wiederum, das schliefk sich zusam-
men mit einer anderen Lebensstufe. Der Atem erneuert, wenn wir so
sagen diirfen, bestandig das Blut. Damit steht der Atmungsrhythmus
mit dem Blutrhythmus in einem Zusammenhang, und wir konnen hin-
iibergehen vom Atmungsleben in das Zirkulationsleben, in das Leben,
das im Zirkulationsrhythmus enthalten ist.
Die Zirkulation wiederum, sie steht nach der anderen Seite im Zu-
sammenhang mit dem gesamten Stoffwechsel. Die Zirkulation nimmt
den Stoffwechsel auf, so dafi wir zur nachsten Lebensstufe, zum Stoff-
wechsel kommen.
Der Stoffwechsel hinwiederum, der regt an, was wir in der aufie-
ren Bewegung vollziehen. Nur dadurch, dafi der Mensch im Stoff-
wechsel lebt, kann er sich aufierlich bewegen. Der menschliche Stoff-
wechsel - und auch der tierische - ist ja so geartet, dafi des Menschen
Seele das, was im Stoffwechsel vor sich geht, verwenden kann, um da-
durch Bewegungen hervorzubringen, und wir kommen dann zu dem
Bewegungsleben. Da ordnen wir uns schon wiederum in die Aufien-
welt ein. Da nehmen wir mit dem, was wir hervorbringen, an der
Aufienwelt teil.
Und dann gibt es noch eine weitere Lebensstufe. Das ist das Repro-
duktionsleben, das Fortpflanzungsleben. In der Bewegung verbraucht
der Mensch in der Tat fortwahrend sich selber, und eine innere Repro-
duktion mufi stattfinden eben deshalb, weil der Mensch in Bewegung
ist. So dafi man statt Bewegungsleben auch sein Korrelat schreiben
konnte: innere Reproduktion, wenn man innerhalb der Haut des Men-
schen stehenbleiben wiirde. Und wenn dann diese Reproduktion selb-
standig auftritt, so tritt sie auf im Fortpflanzungs-, im eigentlichen
Reproduktionsleben.
Tafel7 1. Sinnesleben
2. Nervenleben
3. Atmungsleben
4. Zirkulationsleben
5. Stoffwechselleben
6. Bewegungsleben
7. Reproduktionsleben
Wir haben auf diese Weise, wie wir gestern zwolf Formelemente
der Gesamtform des Menschen entwickelten, heute sieben Lebensstufen
entwickelt. Diese sieben Lebensstufen, sie sind in der Tat so, dafi der
Mensch mit Bezug auf seinen Atherleib in verschiedener Weise lebt auf
diesen verschiedenen Lebensstufen. Wir konnen nicht von einem ein-
zelnen, verwaschenen Leben reden, wenn wir die Dinge im Ernste ins
Auge fassen wollen.
Unser Atherleib lebt zunachst, wenn ich so sagen darf, in der Sin-
nenschichte. Er lebt in der Sinnenschichte das Sinnesleben. Dieses Leben
in der Sinnenschichte, das ist das Leben, das wir in der Tat kaum mehr
als Leben empfinden. Wir nehmen dadurch an der Aufienwelt teil.
Unser Atherleib, sagen wir, wenn wir da zum Beispiel das Auge haben,
Tafel 7 durchdringt das Auge. Er ist lebendig. Er belebt dadurch in einer ge-
dbimks w j ssen w e i se d as Auge. Aber er beriihrt sich mit einem Substantiellen
im Auge, das nahe dem Sterben ist. Nur dadurch, dafi der Atherleib
dieses Auge noch durchdringt, ist es ein lebendiges Organ. Es ist eigent-
lich, abgesehen von dem es durchdringenden Atherleib, ein physika-
lischer Apparat.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 08 Seite:8 6
Nun ist das bei den verschiedenen Sinnen in der verschiedensten
Weise ausgebildet, daft sie auf der einen Seite ein physikalischer Appa-
rat sind und dann vom Atherleib durchdrungen sind. Aber im groften
und ganzen ist es doch durchaus so, daft die Sinnesorgane eigentlich
tote Organe sind, die eben nur einfach vom Atherleib durchdrungen
sind. So daft man das Sinnesleben schon nennen kann das ersterbende Tafd 7
Leben (siehe Aufstellung Seite 89). rechts
Das Nervenleben hingegen, das bildet aus dem, was in den Sinnen
erlebt wird, das, was das Sinnesleben dann bewahren kann. Auf dem
Nervenleben beruhen alle Nachklange, Nachwirkungen zum Beispiel,
wenn wir das Auge betrachten, so daft wir im Nervenleben eine Art
von ruhendem Leben haben, ein, wir konnen sagen, ruhendes oder be-
wahrendes Leben.
Das Atmungsleben dagegen, das bringt dieses fliichtige und sich
bewahrende Sinnesleben zur Bildhaftigkeit. Auf der Beriihrung des
Atmungsrhythmus mit den Nervenstromungen beruht es, daft wir uns
Bilder machen konnen von der aufteren Welt. Gedanken, abstrakte
Gedanken sind noch durchaus an das Nervenleben gebunden, aber das
Bildhafte ist an das Atmungsleben gebunden. So daft man sagen kann:
Hier haben wir das bildende Leben. - Wir haben also, indem wir
atmen, bildendes Leben in uns. Dieses bildende Leben lebt naturlich
in der menschlichen Form. Dadurch, daft es in der menschlichen Form
lebt, nimmt es teil an der menschlichen Form.
Die menschliche Form, sie ist, wie wir gesehen haben, gebildet nach Tafel 8
dem Tierkreis. Indem gerade dieses bildende Leben, das durch das rechts
Atmen vermittelt wird, in der Form des Menschen lebt, nimmt es auch
teil an der gesamten aufteren, aus dem Sternenhimmel herausgebildeten
Form. Dadurch gliedert sich diese Form auch in das Innere des Men-
schen hinein. Und es beruht dann auf dem Atmen, daft aus dem
Atmungsprozeft nicht nur herauskommt, was der Mensch im Bewuftt-
sein hat, sondern daft herauskommen aus dem Atmungsprozeft zu-
nachst die Bilder samtlicher innerer Organe in der Nachbildung an die
auftere Form. Die inneren Organe werden also auf dem Umwege durch
den Atmungsprozeft zunachst als Bilder gebildet. Da sind sie noch nicht
substantial. Der Atem bildet zunachst ein Bild des Menschen, ein Bild
Tafel 8
x
des inneren Menschen. Indem wir atmen - wir atmen ja in der Welt,
bewegen uns mit der Erde im Tierkreis — , atmen wir fortwahrend die
Bilder unserer inneren Organisation ein. Aus dem aufieren Leben
atmen wir die Bilder unserer inneren Organisation ein. So dafi wir sa-
Tafei 8 gen konnen: Hier haben wir das bildende Leben. - Diese Bilder, die da
rechts e j n g eatmet wer den, die werden nun durch das Zirkulationsleben iiber
den ganzen Organismus verbreitet. Zirkulationsleben und Atmungs-
leben zusammen fiihren den Menschen dazu, innerlich Bild der Welt zu
Tafel 7 sein. Wir konnen also sagen: Hier das bildende Leben, und dann kon-
rechts nm sagen: die sich verbreitenden Bilder, das sich Verbreitende, die
sich verbreitenden Organbilder.
Dadurch nun, dafi das Zirkulationsleben an den Stoffwechsel sich
anschliefit, wird der Stoff eingefiigt diesen Bildern, und es entstehen
bei der fiinften Lebensstufe die stofflichen Organe. Es schiebt sich der
Stoff in die Bilder hinein. Er tingiert die Bilder. Wir haben also durch
unseren oberen Menschen, durch unser Atmungsleben unser inneres
Bild, und die Bilder machen wir gewissermafien zu Wirklichkeiten
durch den tingierenden Stoff, der sich da hineinschiebt.
Aus dem Bewegungsleben schiebt sich in die stofflichen Organe die
Kraft ein. So dafi wir sagen konnen: Wir haben die stofflichen Organe,
und hier haben wir das kraftende Leben in den Organen. Und das
Reproduktionsleben ist dann das sich erneuernde Leben.
Sie sehen da zu gleicher Zeit, wie der dreigegliederte Mensch ge-
bildet ist: der Nerven-Sinnesmensch, der Zirkulationsmensch, der
Mensch des Rhythmus, und der Stoffwechsel-Gliedmafienmensch oder
Stoffwechsel-Bewegungsmensch. Durch die Reproduktion entsteht ja
wiederum erst der neue Mensch.
SinnesUben ~ ersterbendes Lzben*>
— — .v e <\^
^V" ? Repro</uktiori$leben~$uli i crncuernicslebea
Tafel 7
Diese Attribute, die ich Ihnen hier rechts dazugeschrieben habe,
die geben Ihnen eine Vorstellung von den Unterschieden, die zwischen
den Lebensstufen bestehen. Indem unser Atherleib in den Sinnen lebt,
lebt er in einer Art ersterbendem Leben. In einem bewahrenden Leben
lebt er, indem er im Nervenleben, in den Nervenstromen ist. Im
Atmungsleben wird eigentlich unser Atherleib der richtige Bildekrafte-
leib, der die Bilder entwirft. Und dafi diese Bilder dann wirklich zur
gesamten inneren Organisation werden, das vermittelt das Zirkula-
tionsleben. Mit Stoff fiillt sich das aus vom Stoffwechselleben. Indem
der Atherleib den Stoff wechsel durchdringt, tingiert er den eigentlichen
Bildekrafteleib. Und dann kommt die subjektive menschliche Kraft
hinein durch das Leben der Gliedmafien und so weiter.
Auch diese Zusammenhange hat eine alte instinktive Weisheit durch-
schaut. Sie wulke, dafi der Mensch das Leben von aufien aufnimmt
und innerlich weiterbildet, richtig innerlich weiterbildet. So etwa dach-
ten sich diese alteren Weisen die Sache. Sie sagten sich: Nehmen wir
eine aufierste Schichte des Erdenumkreises, der Weltensphare, nehmen
wir eine nachste Schichte, nehmen wir eine weitere Schichte - so haben
Tafel 7 wir die aufierste Schichte zunachst am nachsten dem Fixsternhimmel,
llnks also demjenigen im Weltenall, dem der Mensch seine Form verdankt.
Sein Leben, sagte nun diese altere instinktive Weisheit, erfliefit ihm
nicht aus dem Fixsternhimmel, sondern aus dem planetarischen Him-
mel. Da unterschied er zunachst den Saturn, den Jupiter, den Mars, die
Sonne. Wenn wir die Sonne in ihrer wahren Wesenheit ins Auge fassen,
ich habe ja iiber diese wahre Wesenheit der Sonne des ofteren gespro-
chen, so unterscheidet sie sich - man nennt sie deshalb in der popularen
Astronomie einen Fixstern - von den iibrigen Gliedern des Planeten-
systems, das zur Erde gehort, dadurch, dafi sie als Lichtquelle er-
scheint. Sie erscheint als Lichtquelle. Sie ist insofern von den anderen
Gliedern verschieden, als die anderen Glieder nicht als Lichtquellen
erscheinen, sondern sie erscheinen als Bilder. Man sagt ja deshalb auch
in der popularen Astronomie: Sie haben das erborgte Licht, sie strahlen
das Licht der Sonne zuriick. — Die Sonne selbst erzeugt, im popularen
Sinne gesprochen, das Licht; die anderen planetarischen Korper strah-
len das Licht zuriick.
Vergegenwartigen Sie sich den Unterschied: ob man Sonne hat, die
das eigene Wesen aus sich hervorgehen lafit in dem Lichte, oder ob
man die anderen Himmelskorper, die Planeten hat, die nur das Bild
des aufieren Wesens zeigen, gewissermafien nur, was sie an der Ober-
flache tragen, dadurch sichtbar machen, dafi sie das Sonnenlicht zu-
riickwerfen. Es ist ein wesentlicher Unterschied. Und indem die Sonne
gewissermafien die Quelle des Lichtes ist, ist sie auch die Quelle des
Lebens.
Tafel 7
it ft''.
Und sie ist auch noch erne andere Quelle. Zu alien Zeiten hat man
schon innerhalb der instinktiven Erkenntnis gesprochen von einer drei-
fachen Sonne, von der Sonne als Lichtquelle, Lebensquelle, Liebes-
quelle. Diese Trinitat ist durchaus in der Sonne enthalten.
Sonne
Lichtquelle Tafei s
Lebensquelle
Liebesquelle
Nun brauchen Sie heute gar nicht zu siindigen wider das koperni-
kanische Weltensystem, sondern Sie konnen es durchaus beibehalten
und konnen dennoch aus diesem kopernikanischen Weltensystem her-
aus einsehen, was die Alten, die eine instinktive kosmische Erkenntnis
gehabt haben, mit ihrem Weltensystem gemeint haben. Nehmen wir
also an, kopernikanisch gedacht in der Mitte, oder meinetwillen in
einem Brennpunkte, aber das konnen wir jetzt unbeachtet lassen, da
stehe die Sonne; es drehen sich Merkur, Venus, Erde, Mars - die Pla-
netoiden konnen wir heute unberucksichtigt lassen — , Jupiter, Saturn
um sie herum.
Nun nehmen wir die Sache aber so; Nehmen wir hier die Stellung,
die ja durchaus auch moglich ist, dafi wir hier (oben) haben Saturn,
Jupiter, Mars, und nun kommen wir zu Sonne, Merkur, Venus, Erde -
mit dem Mond aber, den wir hier so aufstellen.
Nun ist eine solche Stellung natiirlich nicht notwendig ins Auge
zu fassen, sondern ich stelle sie nur deshalb hin, um Ihnen zu zeigen,
dafi in der Tat, trotz des kopernikanischen Systems, auch die Reihen-
folge moglich ist, welche die Alten angenommen haben: Mond, Venus,
Merkur, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Man braucht nur die Konstel-
lationen so zu nehmen, dafi eben die Erde auf einer Seite von der Sonne
steht und irgendwo auf der anderen die aufieren Planeten. Es ist ja gar
nicht notig, dafi eine solche Oppositions- oder Konjunktionsstellung
stattfindet, das kann ja auch alternierend geschehen, abwechselnd, aber
diese Reihenfolge ist eben durchaus auch denkbar. Und an diese Rei-
henfolge hat eine alte instinktive Weisheit gedacht.
Warum? Weil ihr diese Reihenfolge wichtig erschien. Der alte
Mensch sagte sich: Nehmen wir an, hier auf der Erde lebe der Mensch.
Der Mensch ist ausgesetzt dem Universum. Er erlebt die Sonnenstrah-
len. Die Sonnenstrahlen sind ihm zunachst Lichtquelle, Lebensquelle,
Liebesquelle. Dadurch kommt Licht, Leben, Liebe in ihn hinein. Die
Sonne ist die Quelle von diesen dreien. Nun ist aber der Mensch nicht
nur ausgesetzt dem Sonnenleben, der Sonnenliebe, dem Sonnenlichte,
sondern auch dem Bildhaften des Saturn. Wenn der Mensch blofi, auf
der Erde sich entwickelnd, dem Sonnenleben ausgesetzt ware, dann
wiirde er das Leben seiner Sinne nicht entwickeln konnen. Nehmen
wir die Augen - einen Sinn: sie wiirden sich nicht als physikalische
Apparate absondern. Sie wiirden so wie irgendein anderer Teil des
menschlichen Korpers dadrinnen sitzen. Sie wiirden etwa Muskelor-
gane oder so etwas sein, Gefafie. Also wenn der Mensch fortwahrend
der Sonne ausgesetzt ware, wiirde er eben seine Augen, aber auch die
anderen Sinne nicht entwickeln konnen. Dafi er die Sinne entwickeln
kann, das verdankt er dem Umstande, dafi den Sonneneinfiufi ab-
schwacht der Saturn, der in der aufiersten Sphare sich herumbewegt.
Also dieser Saturn trocknet gewissermafien das Gefafi aus, und es ent-
steht dadurch der physikalische Apparat, grob gesprochen. So dafi aus
dieser instinktiven Erkenntnis heraus, auf die wir heute wieder kom-
men, der alte Mensch sagte: Das Sinnesleben ist hereingewirkt vom
Saturn.
Und ein Zweites: Der Mensch ist nun nicht blofi dem Saturnleben
ausgesetzt. Wenn er dem Sonnenleben fortwahrend ausgesetzt ware,
wiirde er nicht nur keine Sinne entwickeln konnen, sondern er wiirde
auch sein Nervenleben nicht entwickeln konnen. Das Nervenleben,
das trocknet aus, sonst wiirde es iiberwuchern. Die Nerven wiirden
auch Organe sein so wie etwa die Muskeln. Dieses Austrocknende im
Nervenleben, das ist der Einwirkung von Jupiter entsprechend. So
dafi der alte Mensch gesagt hat: Das Nervenleben wird angeregt vom
Jupiter.
Sehen Sie, der Saturn kreist urn die Sonne herum in dreifiig Jahren
etwa annahernd. Da erlebt natiirlich der Mensch, wenn er auf der Erde
lebt, einmal annahernd, daft der Saturn gewissermafien von der Sonne
zugedeckt ist. "Wenn der Mensch das Gliick hat, den Saturn von der
Sonne besonders stark zugedeckt zu erhalten, dann dammert in sein
Sinnesleben hinein ein starkes Sonnenleben. Man mochte sagen: Die
Augen oder andere Sinne — die Augen kommen dabei allerdings am
wenigsten in Betracht, aber wir konnen an ihnen, weil sie am deutlich-
sten sind, am besten exemplifizieren -, die Augen bekommen dann eine
Anregung. Wenn der Mensch also wahrend seines Erdenlebens einmal
die Konstellation erlebt, daft gewissermafien der Saturn auf seine Sinne
nicht wirkt, dann kann es sein, daft er die Entdeckung macht, wie ge-
rade durch seine Sinne eine besondere kosmische Einwirkung geschieht.
Er bekommt eine Anregung. Er wird sinnlich starker. Solche Dinge
gibt es. Die wollen dann die Menschen als alles mogliche erklaren, nur
nicht als das, was sie sind.
Es gibt heute eine ganz grofie amerikanische Literatur uber diese
Dinge. Da kommt William James und redet von allerlei «Erweckun-
gen». Er redet da von, wie es Menschen gibt, in denen das Leben eine
besondere Erweckung erfahrt. Lesen Sie nur einmal nach in den Bu-
chern dieses William James und in denen seiner Schuler, da werden Sie
finden, dafi das ein besonderes Phanomen ausmacht, dafi der Mensch
zu irgendeiner Zeit eine besondere Anregung erfahrt. Natiirlich wissen
diese Leute nicht, wovon das kommt, wissen nicht, daft das davon
kommt, dafi solch eine Konstellation eintritt entweder mit Saturn oder
Jupiter. Wenn das Saturnleben verdeckt wird, wird das Sinnesleben
besonders angeregt; wenn das Jupiterleben verdeckt wird, was noch
leichter sein kann iibrigens, weil Jupiter alle zwolf Jahre, also schneller
herumkreist, da findet der Mensch eine Anregung seines Nervenlebens.
Alle diese Dinge, die da verzeichnet werden, die werden ins Unter-
bewufitsein verlegt. Dieses Unterbewufitsein, das ist das reine Faul-
bett heute fiir alle Leute von der Sorte des William James, von der
Sorte der Psychoanalytiker. Dieses Unterbewufitsein, es ist ja ein rein
negativer Begriff, es ist ein Spucknapf, in den man alles hineinspucken
kann, wofiir man gar keine Erklarung mehr hat im Leben. Ein reiner
Spucktopf ist dieses Unterbewufltsein. Da mufi alles herein, 'rein, 'rein;
da sind die verborgenen Seelen-«Provinzen», nicht wahr, drinnen, die
dann gelegentlich reagieren und so weiter. Es ware schon im hochsten
Grade wiinschenswert, dafi alle diese sowohl pragmatischen wie psy-
choanalytischen Theorien einmal eine griindlichere Beleuchtung er-
fahren wiirden.
Der dritte Planet ist dann der Mars. Er schwacht das wuchtende
Leben zur Atmung ab. Auch bei ihm kann natiirlich das der Fall sein,
daft die Sonne ihn zudeckt. Dann kann das Atmungsleben eine beson-
dere Anregung erfahren. Da der Mars aber sehr rasch, etwa in zwei
Jahren herumkreist, so ist das so, dafi das fast jeder Mensch erfahrt,
und daher jeder Mensch in seinem Atmungsleben, in seinem Bild-Er-
leben gewisse Anregungen bekommt. Sie sind ja nicht immer allerersten
Ranges, aber die Menschen werden dann Dichter oder so was derglei-
chen, oder Komponisten, die Anregungen in ihrem Atmungsleben emp-
fangen. Da geht es dann nicht so tief, dafi dann Leute wie James dem
nachspekulieren. Das findet man als etwas Erklarliches. Also den Mars
betrachteten die alten instinktivenWeisen als Anreger fiir das Atmungs-
leben.
Dann ist es das Sonnenleben selber, welches den Menschen anregt,
die Sonne selber, die Sonne als das Leben-, Liebe-, Licht-Erregende,
aufierlich Licht-Erregende, innerlich Liebe-Erregende und im Verkehr
mit der Aufienwelt Leben-Erregende. Das wird nun in die Mitte zwi-
schen Atmungsleben und Zirkulationsleben versetzt, wohin es auch
die alte Weisheit versetzt hat. Zwischen dem Atmungsleben und dem
Zirkulationsleben liegt ja das Herz, der Ausdruck, nicht der Motor,
aber der Ausdruck fur das, was zwischen Zirkulation und Atmung sich
abspielt.
Und wir kommen dann zum Stoffwechsel. Wie gesagt, die alte
Wissenschaft hat nun die Konstellation so betrachtet: den Merkur hat
sie nun nicht so betrachtet, dafi sie das Hauptaugenmerk darauf legte,
inwiefern die Sonne ihn zudecken kann wie die anderen Planeten, son-
dern inwiefern er die Sonne zudeckt gegeniiber der Erde, also dafi er
die Sonne zudeckt. Fur den Merkur betrachtete die alte Weisheit die.
Stellung zwischen Sonne und Erde als das Wesentliche. Fur den Jupiter
betrachtete die alte Weisheit die Stellung aufierhalb der Sonne als das
Wesentliche. Fur den Merkur fand sie wichtig fur die Entwickelung
des Lebens des Menschen die Stellung zwischen Sonne und Erde. Da
deckt der Merkur die Sonne zu. Sonst hat immer die Sonne die ande-
ren zugedeckt; hier deckt der Merkur die Sonne zu, das heifit, er
schwacht das Leben ab. Indem dadurch eine Wirkung ausgeiibt wird,
dafi also das Sonnenleben abgeschwacht wird, regt sich das abge-
schwachte Leben im Inneren. Der Mensch wiirde - wenn sich dieses
Leben nicht abschwachen wiirde — , er wiirde, wenn er irgend etwas zu
sich nehmen wiirde, es - verzeihen Sie - sofort wieder ausspeien; er
wiirde gar nichts von aufierem Stoff in sich dulden, er wiirde fort-
wahrend speien. Er wiirde sich dann das Essen abgewohnen, weil das
ja zu langweilig ware. Das Leben der Sonne ist eben so stark im Men-
schen. Wenn also nur Herz-, das heilk Sonnenleben ware, wiirde
der Mensch nichts in sich verarbeiten konnen von Stoffen. Er wiirde
alles gleich ausspeien. Dafi der Mensch einen Stoffwechsel entwickeln
kann, das verdankt er lediglich dem Umstande, dafi hier das Merkur-
leben etwas abschwacht das Sonnenleben. So dafi aus diesem Grunde
die alte Weisheit eingeschaltet sich dachte, als fortwirkend aus dem
Kosmos, zwischen das Zirkulationsleben und das Stoffwechselleben,
das Merkurwesen. Das Merkurwesen schiebt also den Stoff durch den
menschlichen Organismus hindurch in die einzelnen Organe hinein. Die
Kraft aber wird hineingestofien durch das Bewegungsleben.
Das Bewegungsleben, das ist nun ebenso abhangig von dem Venus-
leben wie das Stoffwechselleben von dem Merkurleben. Daher hat die
alte Weisheit hier die Kraft, welche durchf liefit, also dieses innerliche
Sich - selbst - Erneuern, dieses Einen - zweiten - Kraf tmenschen - in - sich -
Fuhlen, dem Venusleben zugeschrieben.
Das Mondenleben, das nahe dem Erdenleben selber liegt, das wirkt
nun nicht blofi so abschwachend, dafi der Mensch Stoff, dafi er Kraft
verarbeitet. Ich habe das einmal auseinandergesetzt, worauf die Repro-
duktion beruht: Es wird ausgespart, es wird gewissermafien organisch
Materie zurikkgeschoben. Darauf beruht ja die Keimesbildung im
Menschen, dafi organisch Materie zuriickgeschoben wird und dafi aus
dem Kosmos heraus der Embryo eigentlich seiner Kraft nach organi-
siert wird. Das Reproduktionsleben beruht in dieser Beziehung auf
dem Mondenleben.
So wie ich Ihnen gestern die Beziehung der menschlichen Form in
ihren zwolf Stucken darstellen konnte in Beziehung auf den Fixstern-
himmel, so habe ich mich heute bemiiht, Ihnen zu zeigen, wie sowohl
im Einklange mit der alten instinktiven Weisheit, wie im Einklange
mit der neueren anthroposophischen Wissenschaft das Leben des Men-
schen in seinen verschiedenen Stufen zusammenhangt mit dem plane-
tarisch-kosmischen Leben. Und das geschieht dadurch, dafi in der Tat
durch die verschiedene Stellung der Erde zu den Gliedern des Planeten-
systems und zu dessen Mittelpunkt, der Sonne, das Leben in der ver-
schiedensten Weise modifiziert wird. Es wird erstorben gemacht, be-
wahrt, in Bildung getrieben im oberen Menschen. Es wird abgeschwacht
im unteren Menschen, so dafi der Mensch von der Erde aufnehmen
kann das Stoffliche, die Kraft der Erde. Der Mensch nimmt einfach die
Abstofiungskraft der Erde in seine eigene Kraft auf und bildet dadurch
die Kraft seiner Organe aus und so weiter.
So sehen wir auch das Leben des Menschen aus dem Kosmos hervor-
gehen (siehe Auf stellung Seite 89: Planeten).
Wir haben hier die Moglichkeit, uns zu sagen: Schauen wir zum
Fixsternhimmel hinauf , dann sehen wir im Fixsternhimmel die Repra-
sentanten, namlich in den Tierkreisbildern die Reprasentanten der Bil-
dung der menschlichen Form. Beobachten wir die Bewegung der Pla-
neten, so haben wir darinnen das, was uns aus dem Kosmos heraus er-
klarlich macht die verschiedenen menschlichen Lebensstuf en. Wir blik-
ken bis zum Saturn, indem wir das Sinnesleben nehmen, bis zum Jupi-
ter, indem wir das Nervenleben nehmen, bis zum Mars, indem wir das
Atmungsleben nehmen. Dieses Atmungsleben wirkt in Bildern.
Nun stellen wir einmal dieses Atmungsleben besonders heraus. Ich
sagte Ihnen: Die Bilder werden aufgenommen aus dem Kosmos her-
aus: Form. Also das, was aus dem Tierkreis heraus erlebt wird in der
Bewegung, das fliefk gewissermafien als die Bilder der inneren Organe
nach innen. Aber der Mensch steht zwischen Geburt und Tod auf der
Erde. Das Untere wirkt nach dem Oberen hinauf. Dadurch wird im-
mer alles polarisch ausgebildet. Diese Bilder gehen schon nach innen;
sonst hatten wir eben keine Organe, wenn die Bilder nicht nach innen
gehen wiirden und tingiert werden konnten mit dem Stoffe. Aber es
findet iiberall ein Gegeniiber statt. So dafi wir sagen konnen: Wenn
wir atmen, werden die Bilder - sagen wir also zum Beispiel das Bild
der Niere — nach innen getrieben. Der Stoff, der fiillt dann das aus
(rot); aber es entsteht ein Gegeniiber, nach oben wiederum. Das heifit,
es werden gewissermafien im Echo diese Bilder wieder zuriickgewor-
fen. Also die Bilder, die hat der Mensch einmal aufgenommen. Sie miis-
sen nicht an Gleichzeitigkeit denken, die Organe sind einmal da. Der
Mensch hat die Dinge natiirlich gebildet in den ersten Zeiten seines
Erdendaseins, aber der Riickschlag kann fortwahrend geschehen. Wie
das Seelische dabei mitwirkt, werden wir dann morgen sehen. Der Riick-
schlag geschieht fortwahrend. Also stellen Sie sich jedes fur sich-vor:
Sie nehmen die Bilder fiir Ihre inneren Organe mit dem Lebensprozesse
auf . Das wird wiederum zuriickgestofien, das heifit, es kommen wieder-
um herauf, zuriick die Echos dieser Bilder, auch der Tierkreis, nament-
lich mit dem Atmungsleben darinnen. Nun, Sie brauchen blofi an Ihre
Ohren zu denken, dann haben Sie diesen Riickschlag. Diese Bilder wer-
den in die Luft hinein gebildet, das sind die Vokale, die Konsonanten!
Von den Planeten kommen mehr die Vokale, von den Tierkreisbildern
kommen die Konsonanten. Dieser Riickschlag ist die Sprache. Was hin-
eingeht, bildet die Organe. Was wiederum zuriickgeschlagen wird, lebt
in der Sprache. Konsonanten und Vokale werden gewissermafien in
uns hineingetrieben, bilden die Grundlage unserer Organe. Was mehr
Form ist in unserem Inneren, kommt mehr von den Tierkreisbildern,
was mehr Leben ist, kommt mehr von den Planeten. Wenn mehr das
Leben zuriickgeschlagen wird, vokalisieren wir, wenn mehr die For-
men zuriickgeschlagen werden, konsonantisieren wir. Das alles hangt
in einer gewissen Weise mit dem Atmungsleben zusammen. Nun, in
der Sprache haben Sie es ja deutlich, wie sie mit dem Atmungsleben zu-
sammenhangt.
Sehen Sie, es ist schon nichts damit, den Menschen so erklaren zu
wollen, dafi man ihn auf den Seziertisch legt und untersucht, was in-
nerhalb seiner Haut ist. Das gibt nichts anderes, als wenn jemand eine
Tafei 8 Magnetnadel nimmt und absehen will davon, dafi die Erde selber ein
k s h (f<!t) g ro & er Magnet ist, so dafi das eine Ende nach Norden getrieben wird,
das andere nach Siiden getrieben wird von aufierhalb. Wenn einer
durchaus erklaren mochte, warum diese Magnetnadel in sich just die
Tendenz hat, sich in eine Richtung zu stellen - denn drehe ich sie, sie
dreht sich immer wieder um — , wenn man ihr das zuschreibt, wenn man
also eine Theorie erfindet, warum die Magnetnadel aus sich heraus sich
so stellt, wenn man keine Riicksicht darauf nehmen will, dafi die Er-
denkrafte sie richten, dann tut man genau dasselbe, was man heute tut
innerhalb der Anatomie und Physiologie, wenn man den Menschen er-
klaren will aus dem, was innerhalb seiner Haut liegt. Es ist nicht zu
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 08 Seite:9 8
erklaren aus dem, was innerhalb seiner Haut liegt. Alle die Leute, die
da zum Beispiel die Sprache erklaren wollen aus dem, was innerhalb
des Menschen ist, die stehen auf der Stufe dieser Magnetnadelerkla-
rung, wahrend die Wahrheit diese ist, dafi der Mensch in sich aufnimmt
der Form nach das Fixsternleben, es wiedergibt im Echo, dadurch Kon-
sonanten bildet. Er nimmt auf die Bewegungen des planetarischen Le-
bens, die sein eigenes Leben bewirken. Da wird namentlich durch das
Atmungsleben in Bildern gebildet. Es wird aber zuriickgeschlagen; da-
durch entstehen die Vokale. Der Mensch in seiner Sprache ist nur er-
klarbar, wenn man die Konsonanten aus den Fixsterngruppierungen,
die Vokale aus den Planetenbewegungen beziehungsweise aus den Ober-
einanderlagerungen der Planeten erklart, wenn man also das, was der
Mensch spricht, aus dem ganzen Kosmos erklart.
Sie haben hier in der Sonne (siehe Zeichnung Seite 89, waagrechter Tafel 7
Strich) gewissermafien die Mitte. Nehmen Sie die drei oberen Glieder, rechts
so haben Sie den oberen Menschen. Nehmen Sie die drei unteren Glie-
der, so haben Sie den unteren Menschen. Das Reproduktionsleben
bringt ja den neuen Menschen hervor. Nehmen Sie nun das Atmungs-
leben und Zirkulationsleben. Das Zirkulationsleben ist es namentlich,
welches die planetarische Bewegung abbildet. Unser Blutkreislauf ist
im Grunde genommen nichts als eine Abbildung des planetarischen Le-
bens. So dafi wir auch sagen konnen: Aus dem Zirkulationsleben kom-
men die Vokale, aus dem Atmungsleben kommen die Konsonanten.
Und nun bekommen Sie wieder eine merkwurdige Zuordnung. Das
Stoffwechselleben konnen Sie dem Nervenleben zuordnen; das Bewe-
gungsleben konnen Sie dem Sinnesleben zuordnen. Das Sinnesleben
aber, das ist zugeordnet dem Saturn, der Saturnbewegung. Die Saturn-
bewegung geht, wenn ich so sagen darf, am nachsten vorbei an dem
Tierkreise, geradeso wie im Bewegungsleben der Mensch sich am besten
nach aufien hinaus abbildet. Will man daher die kosmischen Geheim-
nisse durch den Menschen abbilden lassen, so hat man zu dem einen Pol
das Sinnesleben, zu dem anderen Pol das Bewegungsleben, und man
bekommt daraus - die Eurythmie. In der Eurythmie ist also unmittei-
bar ein Abbild der peripherisch kosmischen Beziehung des Menschen
zu sehen. Das wollte ich nur zunachst andeuten.
Was ich Ihnen also heute habe entwickeln wollen, das ist der Zu-
sammenhang des Menschen mit dem Kosmos in bezug auf sein Leben.
Gestern wollte ich Ihnen den Zusammenhang des Menschen mit dem
Kosmos in bezug auf seine Form darlegen. Morgen werden wir nun da-
zu ubergehen, das dritte Element des Menschen im Verhaltnis zur Welt
zu betrachten, die Seele. Dann haben wir betrachtet: Form, Leben und
Seele. Also morgen wollen wir die Seele des Menschen dem kosmischen
Leben zuteilen.
SIEBZEHNTER VORTRAG
Dornach, 30. Oktober 1921
Wir haben versucht, den Menschen zu betrachten, zusammenhangend
mit dem Universum nach seiner Form und nach seinem Leben. Wir
haben gesehen, wie der Mensch gewissermafien nach dem Kopfende
und nach dem Gliedmafienende in verschiedener Weise zugeordnet ist
dem Universum. Alle diese Dinge gelten naturlich im wesentlichen fur
den Zeitraum der menschlichen Entwickelung, in dem wir stehen, der
nachatlantischen Zeit, und Sie miissen sich ja klar dariiber sein, dafi eben
das, was gesagt werden kann uber Welterscheinungen, immer nur fiir
gewisse Epoch en gilt, weil ja die "Welt in Entwickelung ist und sich in den
aufeinanderfolgenden Stadien ihrer Entwickelung radikal verandert.
Wir haben gesehen, wie der Mensch sich in bezug auf die Form ge-
wissermafien herausreifit aus seinem Zugeordnetsein dem Tierkreise,
also gegeniiber dem tierischen Kopf, der im Tierkreis drinnen liegt,
herausgehoben ist, gewissermafien um einen rechten Winkel gedreht
ist. Dieser Teil des Menschen, dieses Kopfende des Menschen ist ja er-
fiillt von einem Lebenswesen, das gewissermafien zu der unorganischen,
zu der leblosen Natur hinneigt. Es ist mehr oder weniger an diesem
Ende des Menschen untergehendes, ersterbendes Leben. Also wir haben
dieses Ende des Menschen so vor uns, dafi sowohl die Form wie das
Leben selbst nach dieser Seite hin sich aus dem Zusammenhange mit
dem Kosmos herausreifit; dafi es dadurch, dafi es sich herausreifk, sich
gewissermafien in eine Art von Erstarrung, in eine Art von beginnen-
der Leblosigkeit bringt.
Nun ist das, was wir so als Menschen an uns tragen, ja im wesent-
lichen das Ergebnis der vergangenen Entwickelung. Sie brauchen nur
zunachst an das Individuelle des Menschen zu denken, und Sie wer-
den sich erinnern, wie ich wiederholt auseinandergesetzt habe, dafi das
Haupt des Menschen eine Metamorphose des anderen Menschen ist aus
dem fruheren Lebenslaufe, dafi also das Haupt hinweist auf die Ver-
gangenheit, wahrend ja, wie wir betonen mufiten, der Gliedmafien-
mensch hinweist auf die Zukunft.
Audi sonst weist uns ja gerade dieses Hauptesende des Menschen
auf die kosmischen Weiten der Vergangenheit zuriick. Wir wissen ja,
dafi das Haupt der vorziiglichste Trager der Sinnesorgane ist. Wir wis-
sen aber, dafi die Sinnesorgane ihre erste Anlage wahrend der alten
Saturnzeit erfahren haben. Die ausgebildetsten Sinne — es komraen ja
immer auch wiederum Sinnesbildungen nach wahrend der Sonnen- und
Mondenzeit -, aber die ausgebildetsten Sinne gehen also in die f riihesten
Zeiten der kosmischen Erdenentwickelung zuriick. Alles also am
menschlichen Haupte weist auf die Vergangenheit zuriick, und in einer
gewissen Beziehung kann man sagen: Indem sich wahrend des Erden-
daseins das Mineralreich ausgebildet hat, nimmt das Haupt des Men-
schen als die alteste Bildung am starksten an dieser Mineralisierung des
Menschen teil. Und indem der Mensch sich noch aufierdem aus dem
Kosmos herausreilk, konserviert er in einer gewissen Beziehung wah-
rend seines Lebens zwischen Geburt und Tod diese erstens nicht mehr
mit dem Kosmos zusammenhangende Form, zweitens das ersterbende,
sich mineralisierende Leben. So daft man sagen kann: Hatte der Mensch
sich bewahrt seine tierische Bildung, das heifit mit anderen Worten,
ware sein Haupt in der Tierkreisrichtung drinnen geblieben, ware in
ihm jenes wuchtigere Leben, das im tierischen Haupte drinnen ist, dann
wiirde der Mensch dadurch in seinem Haupte ganz ein Ergebnis seiner
Vorzeit sein. Er wiirde gewissermafien in seinem Haupte etwas an sich
tragen, dem man unmittelbar ansehen wiirde, wie es sich ergibt aus der
ganzen vergangenen kosmischen Entwickelung. Dadurch aber, dafi der
Mensch das, was er da erhalt als Ergebnis der vorhergehenden kosmi-
schen Entwickelung, herausreifit, dadurch zerstort er, vernichtet er in
einer gewissen Weise seine kosmische Vergangenheit.
Und das ist etwas aufierordentlich Wichtiges, dafi wir durch die-
jenigen Zusammenhange, die wir gestern und vorgestern vor unsere
Tafei 9 Seele gefuhrt haben, erkennen, wie der Mensch in seiner Hauptesbil-
llnks dung im Grunde genommen seine kosmische Vergangenheit vernichtet.
Es ist so, dafi der Mensch innerhalb seines Hauptes in der Tat noch
hinausgeht iiber den eigentlichen Mineralisierungsprozefl zu einer Art
aufierordentlich feinen Verteilung der Materie. Es durchdringen ja
selbstverstandlich die organischen Gebilde auch das Haupt. Dadurch
ist eingebettet in das Organische diese eigentlich noch iiber die minera-
lische Stufe hinausgehende Zerstaubung des materiellen Lebens.
Tafel 9
Wenn man in richtiger Weise das Haupt des Menschen ins Auge
fafit, so mufi man sagen: Es ist dieses Haupt der Herd eines die Ma-
terie als solche vernichtenden Prozesses. Das Materielle wird vernich-
tet, und dadurch gerade wird das Haupt als solches der Trager des
besonderen seelischen Lebens. Man kann nur sagen: der Trager des be-
sonderen seelischen Lebens, denn gerade mit Bezug auf die menschliche
Hauptesbildung ist die materialistische Anschauung durchaus falsch,
so wie sie gewohnlich auftritt. Indem durch die Anwesenheit des
menschiichen Hauptes im Organismus der Mensch der Trager des Ge-
dankenlebens wird, des Vorstellungslebens, beruht dieses ganze Vor-
stellungsleben darauf, dafi eigentlich das materielle Leben zerstaubt.
Dadurch aber, dafi das materielle Leben zerstaubt, findet ein merk-
wiirdiger Prozefi statt, den ich Ihnen durch ein Bild vor die Seele fiih-
ren mochte.
Denken Sie sich einmal - wie gesagt, es ist ein Bild, aber es wird
Ihnen den sehr subtilen Vorgang, mit dem wir es da zu tun haben, doch
etwas vor die Seele riicken - denken Sie si
…[truncated]