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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
!
RUDOLF STEINER
Initiations wis s ens chaf t
und
Sternenerkenntnis
Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewufitseinsentwickelung
Acht Vortrage und ein Reisebericht,
Dornach, London und Stuttgart
27. Juli bis 16. September 1923
2002
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger
und Michaelis Messmer
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1964
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
3., neu durchgesehene und erweiterte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 2002
Friihere Veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 228
Zeichen auf dem Einband von Assja Turgenieff, Schrift von Hedwig Frey.
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl
ISBN 3-7274-2280-7
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehaltenen
Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft - schrift-
lich festgehalten wiirden, da sie von ihm als <<mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu-
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer-
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben
zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers.
Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen die Nach-
schriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent-
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgese-
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DIE GEISTIGEN INDIVIDUALITATEN UNSERES PLANETENSYSTEMS -
SCHICKSALBESTIMMENDE UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN
Erster Vortrag, Dornach, 27. Juli 1923 13
Mit Hilfe einer Initiationswissenschaft ist die Durchseelung und
Durchgeistigung unseres Planetensystems zu erkennen. Im Mond
leben in strenger Abgeschlossenheit geistige Wesenheiten. Sie be-
wahren die Urweisheit. Das, was der Mond aufierlich zuriickstrahlt
sind Krafte, die mit dem Niederen in Tier und Mensch, besonders
mit der Geschlechtlichkeit zusammenhangen. Die Wesenheiten des
Saturn wirken als lebendiges Gedachtnis unseres Planetensystems.
Schopferische und empfangene Gedanken des Universums strahlen
uns vom Jupiter zu, er ist der Denker unseres Planetensystems.
Konstellationen zwischen Jupiter und Saturn hangen mit Renais-
sance-Epochen in der Weltgeschichte der Menschheit zusammen.
Der Mars bewirkt Impulse der Sprache. Die Venus gibt alles liebe-
voll zuriick, was von der Erde kommt. Die Stellung von Mars zu
Venus (Quadratur) beeinflufit die Entwicklung der Sprache eines
Volkes. Die Wesenheiten des Merkur sind die Meister des kosmi-
schen Denkens. Der Mond als Trager der Vererbungskrafte. Venus
und Merkur vermitteln das Seelisch-Geistige (Temperament). Mars,
Jupiter und Saturn sind menschenbefreiende, Venus, Merkur und
Mond sind schicksalbestimmende Planeten. Zwischen die planetari-
schen Individualitaten stellt sich die Sonne, Harmonie schaffend. Die
Sonne als Flamme, wenn Freiheit im Weltall erscheint oder die
Sonne als Substanz, wenn mifibrauchte Freiheit (als Schicksal) sich
als Asche zusammenballt.
Zweiter Vortrag, Dornach, 28. Juli 1923 28
Bei der Anschauung der Himmelskorper ist seit der Newtonschen
Zeit das Geistige verlorengegangen. Die mathematischen und physi-
schen Begriffe werden seither auf das ganze Himmelsall ausgedehnt.
Die Einsteinsche Relativitatstheorie zerstort diese popularen Begrif-
fe. Anthroposophie schildert anstelle physischer Begriffe eine mora-
lische Weltordnung. Beispiel: Das Zustandekommen der Riicken-
markssaule bei Mensch und Tier durch Wirkungen der Wesenheiten,
die sich ins Innere des Mondes zunickgezogen haben. Die alte
orientalische Weisheit - heute in der Dekadenz - ist aufierlich im
seelenvollen Anschauen des Weltalls erhalten. Ramanathans Kritik
an Europas Verstandnis des Neuen Testamentes. Bei einem unbefan-
genen Lesen der Evangelien wird der Europaer einen geistigen
Christus entdecken. In den vergangenen drei bis vier Jahrhunderten
hat der Hang zur Unklarheit alle Begriffe getriibt. Dadurch ist
letztlich auch das soziale Chaos bewirkt worden.
Dritter Vortrag, Dornach, 29. Juli 1923
Mensch und Tier und die Bewufitseinszustande Wachen, Schlafen
und Traumen. Unterschiede bei Mensch und Tier zur Innen- und
Aufienwelt. Die Naturwissenschaft rechnet nach Gewicht, Mafi und
Zahl, mit Sinnesempfindungen weifi sie nichts anzufangen. Die von
Gewicht, Mafi und Zahl befreiten Sinnesempfindungen (Ton, Farbe,
Warme, Kalte) haben eine entgegengesetzte Schwere. Mit dem
Wahrnehmen dieses Ausdehnenwollens kommt der Mensch zum
Erfassen geistiger Wesenheiten. Mit wachem Bewulksein sieht der
Mensch nur die Aufienseite der Naturreiche, im Schlaf ist er bei dem,
was als Geistiges in ihnen wohnt. Im Schlaf erlebt der Mensch den
irdischen Wahrheitsbegriff. Das Empfinden des Schonen und der
Traum. Voraussetzungen zum Schauen des Chaos. Wenn Chaos in
Kosmos gewandelt wird, entsteht Schonheit, was bei allem Kiinst-
lerischen der Fall ist. Die Idee der Giite (des Guten) im Zusammen-
hang mit dem Unterschied zwischen Innenwelt und AuiSenwelt und
dem Wachzustand. Relativitatstheorie und Wirklichkeit. Die mate-
rialistische Wissenschaft verleugnet das Kiinstlerische. Ikonenmale-
rei, Madonnenbilder und die Schwerelosigkeit der Farbe (Hinweis
auf die eigene Programm-Malerei). Mahnende Worte im Zusammen-
hang mit Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft.
DER MENSCH ALS BILD GEISTIGER WESEN
UND GEISTIGER WIRKSAMKEITEN AUF ERDEN
London, 2. September 1923
Was sich mit dem Menschen wahrend seines Schlafes zutragt ist
wichtiger als das, was zu Zeiten des Wachens geschieht. Ware der
Mensch ohne Schlaf, wiirde er nicht in der Lage sein, etwas bewufk
zu tun. Die Wirksamkeit hoherer Hierarchien im Menschen wah-
rend des Wachens und Schlafens. Die aufiere Gestalt des Menschen
ist ein Bild des Wirkens aller Hierarchien in seinem Innern. So wie
die niedere Geistigkeit durch mineralisches, pflanzliches und tieri-
sches Reich auf der Erde wirkt, so wirkt, was von hoherer Geistig-
keit auf den Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt auf ihn.
Der Mond - aufierlich - als Spiegel physischer und geistiger Impulse
aus dem Weltraum. In seinem Innern leben die friiheren Lehrer der
Urweisheit auf Erden. In den physischen Fortpflanzungskraften fur
Mensch und Tier wirken sie weiter. Als kosmisches Ich des Plane-
tensystems bewahrt der Saturn das kosmische Gedachtnis und ver-
mittelt das Karma des Menschen. Zwischen dem Mond, der phy-
sische Vererbung vermittelt, und Saturn, der Karma vermittelt, ste-
hen die anderen Planeten mit ihren Wirkungen. Beziehungen zwi-
schen Mars und Venus gehen auf Erden beim Menschen in Sprach-
und Gesangsorgane ein. Seit dem Verschwinden der gnostischen
Erdenweisheit gibt das Mysterium von Golgatha die Kraft, Bewufk-
sein davon zu erwerben, was in den Sternenwelten vor sich geht. Der
Mensch mull sich wieder als ein Bild geistiger Wesenheiten und
geistiger Wirksamkeiten auf Erden anschauen lernen.
BERICHT UBER DIE ARBEIT
UND DIE REISEEINDRUCKE IN ENGLAND
Dornach, 9. September 1923
Die Atmosphare von Ilkley. Notwendigkeit eines Eindringens spiri-
tueller Impulse in die gegenwartige Zivilisation. Eingrabungen in
den Steinen von den Druidenpristern. Waldorfschulpadagogik aus
der historischen Entwicklung der Erziehungskunst heraus beleuch-
tet. - Riickblick auf die Eurythmievorstellungen und auf die Beitrage
verschiedener Lehrer der Waldorfschule Stuttgart. Penmaenmawr:
Die Lage der Stadt und die Spuren des alten Druidendienstes. Die
Kultstatten. Druidenzirkel. Wales als Bewahrerin des spirituellen
Lebens. Miss MacMillan und ihre Pflege-Erziehungsanstalt. Vorstel-
len der Heilmittel bei den Vortragen in London fur 40 Arzte.
Schlufivorstellung der Eurythmie in der Royal Academy of Art.
Hinweise auf die Verbreitung eines allgemeinen Kulturschlafes.
DIE SONNENINITIATION DES DRUIDENPRIESTERS
UND SEINE MONDENWESENERKENNTNIS
Dornach, 10. September 1923
Sonnenwesen, friiher mit der irdischen Entwicklung verbunden,
leben nun aufierhalb der Erde. An die Lehrer der Urweisheit, die
heute im Inneren des Mondes leben, blieb innerhalb der Menschheit
eine unbewufite Erinnerung zuriick. In verschiedenen Entwick-
lungsepochen einer sonnenhaften und einer mondenhaften Zivilisa-
tion treten diese Erinnerungen auf. In den Kromlechs erforschten
die Druidenpriester die Geheimnisse des Weltalls. Sonnenkrafte
allein lassen Zellen wuchern; Gestaltendes und Mannigfaltiges riihrt
von den mit den Sonnenkraften zusammenwirkenden Mondenkraf-
ten her. Elementarwesen waren bestrebt, ins Riesenhafte auszuwach-
sen. Solche aus dem Bereich des Wurzelhaften zu Frostriesen, riesen-
haft Vergrofiertes aus dem Blattwachstum zu Nebelstiirmen und was
aus der Blutenkraft riesenhaft wurde zu verheerendem Feuer.
Meteorologische Vorgange wurden als solche riesenhaft vergrofierte
wesenhafte Krafte, die in Naturwesen lebten, erkannt. Die Kenntnis-
se der Druidenpriester flossen in das soziale und religiose Leben ein.
Die Beobachtung der Pflanzen, der Riesen und der Naturwesen
brachte Erkenntnisse, die zum Herstellen von Heilmitteln befahig-
ten. Diese Zivilisation umfaiSte Teile Nord- und Mitteleuropas. Eine
Schrift gab es noch nicht. Erst Wotan - mit Impulsen des Merkur -
brachte die Runenschrift und so den ersten intellektualistischen
Einschlag. In der Baldursage ist dargestellt, wie der Intellektualismus
diejenige Seelenverfassung ist, die mit dem Tode rechnet, jedoch
gegen den Tod kein Heilmittel kennt. Die damit verbundene Todes-
furcht kann seit dem Mysterium von Golgatha mit der Christus-
Gestalt, die auferstehen kann, geistig-seelisch geheilt werden.
DER MENSCH IN VERGANGENHEIT,
GEGENWART UND ZUKUNFT
Erster Vortrag, Stuttgart, 14. September 1923 118
Das Empfinden des Menschen zum Verlauf des geschichtlichen
Werdens verlangt einen Zusammenschlufi nicht nur mit der
Gegenwart, sondern auch mit der Vorzeit. Die abendlandischen
Weltanschauungen betonten dazu mehr die Zeit, die orientalischen
Weltanschauungen betonten mehr den Raum. Die Bewufitseinsent-
wicklung des Menschen ist zugleich das wichtigste Moment seiner
Entwicklung. Vorstellen, Gefuhl und Wollen und deren Wesens-
Erlebnis in Wachen, Traumen und Schlafen. Seit dem 15. Jahrhun-
dert ist das menschliche Denken anders geworden, heute ist es auf
dem Hohepunkt. Im gegenwartigen wissenschaftlichen Denken ver-
liert sich der Mensch. Was auf Erden wahr ist, ist nicht analog auf
den Kosmos zu iibertragen, ebenso wie Wahrheit der Himmels-
spharen nicht auf die Erde iibertragen werden diirfen. Die Druiden-
Priester erkannten die kosmischen Wirkungen und ordneten ent-
sprechend soziale und wirtschaftliche Aufgaben. Steinkreis-Setzun-
gen bei Penmaenmawr haben einen Grundrifi wie das abgebrannte
Goetheanum. Die Druiden-Priester wuEten um die kosmischen Ein-
fliisse auf Pflanze und Tier. Sie beherrschten Elementarwesen und
nutzten dies zur Herstellung von Heilmitteln. Jakob Bohmes und
Swedenborgs Geistesart als reale Erinnerung an friihere Erdenleben.
Zweiter Vortrag, Stuttgart, 15. September 1923 . . . . 137
Die drei Etappen der menschlichen Bewufitseinsentwicklung. Den
gegenwartigen drei Bewufitseinszustanden Wachen, Traumen und
Schlafen standen in alteren Zeiten das von Bildern - nicht Vorstel-
lungen - erfullte Bewufksein gegeniiber. Die reine Sinnesbeobach-
tung begann, als der Mensch sich aus der geistigen Welt verstolSen
fiihlte (Vorstellung vom Siindenfall). Mysterien strahlten dem Men-
schen Trost zu. Der Mysterienpriester und seine Erkenntnisse aus
dem Wachtraumen, dem Schlaf als Vergessenheitstrunk und aus der
Erdenumfassung (im Schlaf). Der Erdanziehung wirken die Mon-
denkrafte (negative Schwere) entgegen. Auf dem Weg iiber diese
Mondenwirkung konnte der Mysterienpriester den Geist in den
Sternenhimmel erheben. Der Mysterienpriester lehrte die Wirkung
der Sternenumgebung auf den Menschen der Erde (astrologische
Initiation). Die Mysterienpriester fuhrten so die Menschheit zum
Geist der Natur zuriick. Mit dem Verfall der in den alten Bewulk-
seinszustanden empfundenen Geistigkeit und durch das Mysterium
von Golgatha kommt im Menschen der Impuls der Freiheit auf. Eine
atavistische Wirkung der Mondenkrafte ist der Somnambulismus.
Atavistische Sonnenwirkung (als Offenbarung innerer Geheimnisse
der Natur) ist im Werk Jakob Bohmes enthalten. Tiefere Krafte
als die von Sonne und Mond kommen von den Planeten, vom Saturn
als kosmisch-historisches Gedachtnis. Die in Swedenborg rege
gewordenen Saturnkrafte.
Dritter Vortrag, Stuttgart, 16. September 1923 .... 158
Eine Wahrnehmung (oder ein GedankenprozelS) des Menschen
braucht zwei bis vier Tage, bevor er in Atherleib und physischen
Leib eingepragt ist und Erinnerung werden kann. Physischer Leib
und Atherleib gehoren ganz dem Kosmos an. Die Bedeutung der
drei Tage fur eine Einweihung in alter Zeit. Das Geschehen im
Traum als Protest gegen die Naturgesetze. Staudenmaiers Versuche
spiritistischer Art. Der Gegensatz von moralischer Weltordnung zur
Naturwissenschaft. Die Erlebnisse des Menschen werden nach etwa
drei Tagen einer moralischen Weltordnung eingepragt. Bewufitseins-
entwicklung als Folge des Mysteriums von Golgatha. Seit dem
15. Jahrhundert wird die moralische Weltordnung im «modernen
Bewulksein» dem Glauben zugeordnet (Hinweis auf Fischers
Logarithmen-Anekdote). Nervositat als Ausdruck einer kiinftig ver-
anderten Organisation des Menschen. Die Bewufttseinszustinde der
Zukunft: Dumpfer Traumschlaf, Wachen, Uberwachen. Die gegen-
wartige wissenschaftliche Logik und deren Illusionen im Gegensatz
zur Wahrheit des Lebens. Nur mit einer neuen Geistigkeit wird das
Menschengeschlecht gegeniiber den kiinftigen Bewufitseinszustan-
den nicht in Dekadenz verfallen. Zur Diskussion am folgenden Tage.
Der ganze Anthropos als Mensch der Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 181
Hinweise zum Text 182
Nachweis der Korrekturen 188
Personenregister 189
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 191
Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XIII
DIE GEISTIGEN INDIVIDUALITATEN
UNSERES PLANETENSYSTEMS -
SCHICKSALBESTIMMENDE
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN
Erster Vortrag
Dornach, 27. Juli 1923
Ich mochte in diesen Tagen zu dem friiher Gesagten noch einiges
von dem hinzufugen, was die Moglichkeit bietet, gewisse Untergriin-
de der Weltengeheimnisse zu gewinnen, die der neueren Zivilisation
verlorengegangen sind. Wir brauchen ja nur hinzuschauen auf das,
was die neuere Zivilisation als ihre Anschauung hat zum Beispiel
von dem Planetensystem. Wir wissen, daft dieses Planetensystem so
vorgestellt wird, als sei es hervorgegangen aus einer Art Urnebel, der
in rotierender Bewegung war und von dem sich infolge dieser rotie-
renden Bewegung die einzelnen planetarischen Korper abgespalten
haben. Man hat durch die Spekulationen, die man sich fur diese
Anschauung zurechtgelegt hat, ja nichts gewonnen, als daft man eine
Art von Gleichgiiltigkeit der einzelnen Himmelskorper untereinan-
der hat, die dabei geschildert werden, und auch eine Gleichgiiltigkeit
des menschlichen Blickes gegeniiber diesen Himmelskorpern.
Was unterscheidet sich da stark, sagen wir, am Mond vom Saturn,
wenn das alles gefaftt sein soli in die Vorstellung eines rotierenden
Nebels, aus dem sich allmahlich diese Himmelskorper abspalten?
Allerdings, die fur alles Irdische und namentlich fur das Irdisch-
Mineralische so bedeutsamen Forschungen des 19. Jahrhunderts
haben allerlei zu sagen gewufit iiber die stoff liche Zusammensetzung
der Himmelskorper, haben eine Art Physik und Chemie der Him-
melskorper geschaffen. Damit ist es ja moglich, daft in den gebrauch-
lichen Handbiichern spezielle Dinge gesagt werden uber Venus,
Saturn, Mond und so weiter. Allein, all dieses ist so, wie wenn man
von dem Menschen, der beseelt und durchgeistet ist, gewissermaften
nur eine Art von Abbild seines aufieren Organismus schaffen wiir-
de, ohne einzugehen auf die Durchseelung und Durchgeistigung.
Man muS wiederum dazu kommen, mit Hilfe einer Initiations-
wissenschaft auch in dasjenige einzudringen, was man Durchseelung
und Durchgeistigung zunachst, sagen wir, unseres Planetensystems
nennen kann. Und da mochte ich heute einfach mehr die Individua-
litaten der einzelnen Planeten dieses Systems charakterisieren.
Ich mochte zuerst hinweisen auf denjenigen Planeten, welcher der
Erde zunachst stent, mit dessen Geschick - in einer gewissen Bezie-
hung allerdings nur - das Erdengeschick verbunden ist, und der ein-
mal eine ganz andere Rolle spielte im Erdenleben, als er heute spielt.
Denn Sie wissen ja aus den Schilderungen meiner «Geheimwissen-
schaft im Umri&», wie ich sie gegeben habe, dafi dieser Mond in
verhaltnismaftig jiingerer Weltenzeit noch mit der Erde verbunden
war, sich von der Erde getrennt hat und sie nun umkreist.
Wenn wir von ihm als von einem aufieren physischen Himmels-
korper sprechen, so ist das Physische in ihm eben nur die aufiere, die
alleraufierlichste Offenbarung des Geistigen, das dahinterliegt. Wenn
wir den heutigen Mond betrachten, so erscheint er denjenigen, die
ihn in bezug auf seine Aufienseite und seine Innenseite kennenzuler-
nen vermogen, so, daE er gewissermafien zunachst in unserem Uni-
versum eine Versammlung von geistigen Wesenheiten darstellt, die
in sich eine grofte Abgeschlossenheit haben. Nach aufien hin verhalt
sich ja der Mond im Grunde genommen wie ein Spiegel des Uni-
versums.
Tafel i* [Hier wird begonnen, an die Tafel zu zeichnen, siehe S. 25] Wenn
wir also hier die Erde haben und den Mond in die unmittelbare Nahe
der Erde riicken, so ist fur die alleraufierlichste Anschauung dies der
Fall, dafi er mit seiner Erscheinung das Sonnenlicht zuriickwirft, so
dafi wir sagen konnen: Dasjenige, was vom Monde kommt, ist das
auf ihn aufstrahlende und wieder zunickgeworfene Sonnenlicht. Er
ist also eigentlich zunachst der Spiegel des Sonnenlichtes. Sie wissen
ja, wie es die Natur eines Spiegels ist, da$ man dasjenige sieht, was
aufier ihm ist, vor ihm ist, dafi man aber gerade nicht dasjenige sieht,
was hinter ihm ist. Nun ist der Mond nicht nur gewissermaften der
Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 181.
Spiegel des Sonnenhaften im Universum, sondern er ist iiberhaupt
ein Spiegel fiir alles dasjenige, was strahlend auf ihn auftreffen kann,
nur daft das Sonnenlicht dabei das allerstarkste ist. Aber alles, was an
Weltenkorpern im Universum vorhanden ist, strahlt nach dem Mon-
de, und der Mond strahlt wie ein Spiegel des Gesamtuniversums
dieses Universum bildhaft nach alien Seiten wiederum zuriick. So
daft man sagen kann: Man hat das Universum eigentlich, wenn man
es anschaut, doppelt vor sich, einmal, wie es in der Umwelt der Erde
sich offenbart, und einmal, wie es zuriickgestrahlt ist vom Monde. -
Die Sonnenstrahlen wirken machtig. Sie wirken machtig auch in
ihrer Riickstrahlung vom Monde. Aber auch alles iibrige, was im
Universum raumlich strahlend sich offenbaren kann, wird vom
Monde zuriickgestrahlt, und man hat aufter dem, was sich im Uni-
versum offenbart, noch diese Riickstrahlung des Universums vom
Monde.
Derjenige, der alle Einzelheiten des Mondes wiirde beobachten
konnen, der, mit anderen Worten, ein Auge hatte fiir die Spiegelbil-
der, die der Mond nach alien Seiten vom Universum entwirft, der
wiirde vom Monde her gespiegelt haben das ganze Universum. Nur
allein dasjenige, was innerhalb des Mondes ist, das bleibt - wenn
ich mich so ausdriicken darf - Geheimnis des Mondes, das bleibt
verborgen, wie das, was hinter dem Spiegel steht, verborgen bleibt.
Was hinter der Oberflache des Mondes, also im Innern des Mondes
selber drinnen ist, das ist vor alien Dingen bedeutsam durch seine
geistige Seite.
Die geistigen Wesenheiten, welche dieses Innere des Mondes be-
wohnen, sind Wesenheiten, die sich im strengsten Sinne von dem
iibrigen Universum abschlieften. Sie leben wie in der Monden-
festung. Und nur derjenige, welcher es dahin bringt, zu dem Son-
nenlichte eine solche Verwandtschaft zu bekommen, gewisse Eigen-
tiimlichkeiten des menschlichen Herzlebens so zur Entwickelung zu
bringen, daft er die Riickstrahlung vom Monde nicht sieht, fiir den
wird der Mond gewissermaften seelisch durchsichtig, und er kann in
diese Mondenfestung des Universums eindringen. Und er macht
dann eine bedeutungsvolle Entdeckung. Er macht die Entdeckung,
dajR durch die Aussagen, durch die Lehren derjenigen Wesenheiten,
die sich in voller Abgeschlossenheit wie zuriickgezogen haben in
diese Mondenfestung des Universums, wiederum geoffenbart wer-
den konnen gewisse Geheimnisse, welche die Erde einmal besessen
hat in ihren auserlesensten Geistern, die sie aber verloren hat.
Und wenn wir heute zuriickgehen in der Erdenentwickelung, so
finden wir, daft, je weiter wir zuriickgehen, wir desto weniger auf die
abstrakten Wahrheiten treffen, die den Stolz der gegenwartigen
Menschheit ausmachen, aber wir kommen immer mehr und mehr
auf Bildwahrheiten. Wir ringen uns dann durch die innerlich bedeu-
tungsvollen Wahrheiten durch, die noch aufgeschrieben sind, die als
ein letzter Nachklang der orientalischen Weisheit zum Beispiel in
den Veden und im Vedanta erglanzen, wir ringen uns da durch zu
den Uroffenbarungen der Menschheit, welche noch hinter den My-
then und Sagen liegen, und kommen zunachst voller Ehrfurcht und
voller Erstaunen dazu, anzuerkennen, wie die Menschheit einmal
eine grofiartige Weisheit besessen hat, die sie, ohne Anstrengung des
Verstandes, als eine Gnade der geistigen Weltenwesen erhalten hatte.
Und wir werden zuletzt zuruckgefuhrt zu all dem, was einmal auf
der Erde den damals schon auf Erden vorhandenen Urmenschen
lehren konnten diese Wesenheiten, die sich nun in die Monden-
festung des Universums zuriickgezogen haben, die mit dem Monde
hinausgegangen sind aus der Erde. Die Menschen haben dann die
Erinnerung bewahrt an dasjenige, was einstmals diese Wesenheiten
geoffenbart hatten den altesten Urvolkern der Menschheit, die noch
etwas ganz anderes in ihrem Wesen hatten als die heutige mensch-
liche Gestalt.
Aber wenn man dieses Geheimnis - ich mochte es das Monden-
geheimnis des Universums nennen - durchdringt, wird man gewahr,
wie diese Wesenheiten, die heute in der Mondenfestung des Uni-
versums sich verankert haben, einmal die grofien Lehrer der Erden-
menschheit waren, und wie die Erdenmenschheit verloren hat ge-
rade dasjenige, was heute an Geistigem und Seelischem in dieser
Universumsfestung verborgen liegt. Denn was der Erde noch zu-
kommt vom Universum, es ist ja durchaus nur dasjenige, was die
Auftenflache, gewissermafien die Mauern dieser Festung zuriick-
strahlen von dem iibrigen Weltenall.
Es gehort dieses Mondengeheimnis zu den tiefsten Geheimnissen
des alten Mysterienwesens. Denn was der Mond in seinem Innern
enthalt, das ist sozusagen die Urweisheit. Dasjenige aber, was der
Mond zuriickzustrahlen vermag aus allem Universum, das ist, was
die Summe von Kraften bildet, welche unsere Tierwelt der Erde un-
terhalten, namentlich jene, die zusammenhangen mit der Geschlecht-
lichkeit der Tierwelt, die auch das Tierisch-Physische am Menschen
unterhalten und zusammenhangen mit der physisch-sinnlichen Ge-
schlechtlichkeit des Menschen. So da£ die niedere Natur des Men-
schen ein Geschopf ist desjenigen, was der Mond ausstrahlt, und das
Hochste, was einmal die Erde besessen hat, in der Mondenfestung
innerlich geborgen ist.
In dieser Weise gelangt man durch eine solche Betrachtung all-
mahlich heran an eine Kenntnis der Individualitat des Mondes, an
eine Kenntnis desjenigen, was er eigentlich ist, wahrend alle andere
Erkenntnis eben nur eine solche ist, die man erhalten wurde von
einem Menschen, wenn man einen Abdruck von ihm in Papier-
mache in einem Panoptikum fande. Man wiirde nichts wissen von
der Individualitat des Menschen, wenn man diesen Abdruck betrach-
tete. Ebensowenig weift eine Wissenschaft, die nicht an die Initiation
heran will, irgend etwas von der Individualitat des Mondes.
In gewissem Sinne ist ein Gegensatz zu dieser Mondenindividua-
litat der aufierste Planet - wenigstens der fur die Alten aufierste Pla-
net, es sind ja spater noch der Uranus und der Neptun dazugekom-
men, aber betrachten wir diese beiden letzteren jetzt nicht -, einen
gewissen Gegensatz zu dieser Mondenindividualitat bildet die Sa-
turnindividualitat [griin, Zeichnung S. 25]. Die Saturnindividualitat
ist so geartet, dafi sie eigentlich von dem Weltenall selbst zwar in der
mannigfaltigsten Weise angeregt wird, daft sie aber wenigstens auf
die Erde von diesen Anregungen aus dem Weltenall nichts zuriick-
kommen lafk, nichts hinstrahlt. Gewifi, auch der Saturn wird von
der Sonne bestrahlt, aber dasjenige, was er von den Sonnenstrahlen
wieder zuriickwirft, hat keine Bedeutung fur das irdische Leben,
sondern der Saturn ist ganz und gar derjenige Weltenkorper unseres
Planetensystems, der sich voll hingibt in seinem eigenen Wesen. Er
strahlt sein eigenes Wesen in die Welt hinaus. Und wenn man den
Saturn betrachtet, dann sagt er einem eigentlich immer, wie er ist.
Wahrend der Mond, wenn man ihn auEerlich betrachtet, einem sagt,
wie alles andere in der Welt ist, sagt einem der Saturn gar nichts von
dem, was er an Anregungen von der iibrigen Welt empfangt, son-
dern er spricht immer nur von sich selbst. Er sagt nur das, was er
selbst ist. Und dasjenige, was er selbst ist, enthiillt sich nach und
nach wie eine Art Gedachtnis unseres Planetensystems.
Der Saturn kommt einem vor wie derjenige Weltenkorper, der
alles getreulich mitgemacht hat in unserem Planetensystem, aber sich
auch alles in der Erinnerung, in dieser kosmischen Erinnerung, die
er hat, treu bewahrt hat. Er schweigt iiber die Dinge der Gegenwart
des Universums. Diese Dinge der Gegenwart des Universums nimmt
er auf, verarbeitet sie in seinem inneren Seelisch-Geistigen. Die gan-
ze Summe der Wesenheiten, die im Saturn wohnen, gibt sich zwar
der Aufienwelt hin, aber nimmt schweigend, stumm die Ereignisse
der Welt in das Seelenhafte auf und erzahlt nur von den vergangenen
Ereignissen des Kosmos. Daher ist der Saturn, wenn er zunachst kos-
misch betrachtet wird, etwas wie das wandelnde Gedachtnis unseres
Planetensystems. Und er enthalt eigentlich als ein treuer Mitteiler
desjenigen, was im Planetensystem passiert ist, in dieser Art die
Geheimnisse des Planetensystems.
Wahrend wir also, wenn wir die Weltengeheimnisse ergriinden
wollen, nach dem Monde vergeblich schauen, wahrend wir uns
sozusagen zu Vertrauten der Mondenwesen selber machen miissen,
wenn wir von ihnen etwas erfahren wollen iiber die Weltengeheim-
nisse, ist solches beim Saturn nicht notwendig. Beim Saturn geniigt
ein Aufgeschlossensein fur das Geistige: dann verwandelt sich der
Saturn vor dem geistigen Auge, vor dem Seelenauge, in einen leben-
digen Historiographen des Planetensystems. Er halt auch gar nicht
zuriick mit diesen Erzahlungen, die er zu geben hat von alledem,
was innerhalb des Planetensystems geschehen ist. Er ist in dieser
Beziehung der voile Gegensatz der Mondenbildung, er spricht fort-
wahrend. Und er spricht von der Vergangenheit des Planetensystems
mit innerer Warme und innerer Glut, so daft es eigentlich gefahrlich
ist, mit dem, was er im Weltenall spricht, intimer bekannt zu wer-
den, weil er von den vergangenen Ereignissen des Weltenalls mit
einer solchen Hingebung. spricht, daft man ungeheuer lieb gewinnt
diese Vergangenheit des Weltenalls. Er ist sozusagen fortwahrend
fur denjenigen, der ihm seine Geheimnisse ablauscht, der standige
Verfiihrer, das Irdische gering zu achten und sich ganz und gar zu
vertiefen in das, was die Erde einmal war.
Namentlich spricht er deutlich uber alles das, was die Erde war,
bevor sie Erde geworden ist. So daft er derjenige Planet in unserem
Planetensystem ist, der einem die Vergangenheit unendlich teuer
macht. Und jene Menschen, die nun eine irdische Hinneigung zum
Saturn haben, das sind solche, die immer gern in die Vergangenheit
blicken, die nicht gerne den Fortschritt haben, die das Vergangene
immer wieder zuruckfiihren mochten. Auf diese Art nahert man sich
der Individuality des Saturn.
Wieder von anderer Art ist zum Beispiel ein solcher Planet wie
der Jupiter [gelb, Zeichnung S. 25], Der Jupiter ist der Denker un-
seres Planetensystems, und das Denken ist vorziiglich dasjenige
Element, was alle Wesenheiten pflegen, die sozusagen in seinem
Weltterrain vereinigt sind. Schopferische und empfangene Gedan-
ken des Universums strahlen uns vom Jupiter zu. Der Jupiter enthalt
in Gedankenform alle die Bildungskrafte fur die verschiedenen
Wesen des Universums. Wahrend der Saturn das Vergangene erzahlt,
zeigt der Jupiter, doch in lebendiger Darstellung, in lebendiger Auf-
fassung, das ihm Entsprechende im Gegenwartigen des Universums.
Aber es ist notwendig, daft man in einer sinnigen Weise eingreift in
dasjenige, was er dem Geistesauge darbietet. Wenn man nicht selbst
Denken entfaltet, dann kommt man auch zum Beispiel - gebrauchen
wir das Wort - als Hellseher an die Geheimnisse des Jupiter nicht
heran, denn die Geheimnisse des Jupiter sind so, daft sie nur in Ge-
dankenform sich enthiillen, und nur wenn man selbst denkt, kommt
man an die Geheimnisse des Jupiter heran, denn er ist der Denker
des Universums.
Wenn man versucht, irgendeine bedeutsame Ratselfrage des Da-
seins in klarem Denken zu erfassen, und man kommt wegen der
menschlich-physischen und atherischen Hemmnisse, wegen der
astralischen Hemmnisse namentlich, nicht zurecht, dann treten die
Wesen des Jupiter ein, und sie helfen einem. Die Wesen des Jupiter
sind gerade die Heifer des Menschlichen fur die menschliche Weis-
heitsentfaltung. Und derjenige, der sich so recht angestrengt hat, um
in klarem Denken zu entwickeln irgendwelche Ratselfrage des Da-
seins und nicht auf ihren Grund kommen kann, der findet, wenn er
Geduld hat und diese Ratselfrage weiter im Gemiite bearbeitet, dafi
ihm die Jupitermachte sogar wahrend der Nacht helfen. Und man-
cher, der ein Tagesratsel dann wie aus einem Traume heraus in der
Nacht besser gelost hat als am vorigen Tage, miilke sich, wenn er die
Wahrheit durchschauen wiirde, eigentlich gestehen: Es sind die Jupi-
termachte, die das menschliche Denken, wenn ich mich so ausdriik-
ken darf, in Schwung und Bewegung und Verve bringen. Wenn also
der Saturn der Gedachtnisbewahrer des Universums ist, so ist Jupi-
ter der Denker des Universums. Dem Jupiter verdankt der Mensch
alles das, was er von der geistigen Gegenwart des Universums hat.
Dem Saturn verdankt der Mensch alles das, was er von der geistig-
seelischen Vergangenheit des Universums hat.
Es war aus einer gewissen Intuition heraus, daft gerade in Grie-
chenland, wo man mit dem Geist so in der Gegenwart lebte, der
Jupiter besonders verehrt wurde.
Auch in demjenigen, was der Jupiter dem Jahreslauf verleiht, liegt
fur den Menschen in seiner ganzen Heranentwickelung die An-
regung. Sie wissen ja, der Saturn geht, wenn wir seine scheinbare
Bewegung genau ins Auge fassen, langsam, langsam herum: fast drei-
ftig Jahre braucht er. Jupiter geht schneller herum: zwolf Jahre etwa
braucht er. Er gibt durch das, was er in seiner schnelleren Bewegung
ist, dem menschlichen Bediirfnisse nach der Weisheit gerade die Ge-
nugtuung. Und wenn nach derjenigen Uhr, die gewissermafien aus-
driickt des Menschen Schicksal im Weltenall, eine besondere Bezie-
hung besteht zwischen Jupiter und Saturn, dann kommen in dieses
Menschenschicksal hinein jene wunderbaren leuchtenden Augen-
blicke, in denen mit dem Denken der Gegenwart vieles enthiillt wird
iiber die Vergangenheit.
Und suchen wir in der Weltgeschichte der Menschheit nach den
Augenblicken, wo die Renaissance-Epochen eingetreten sind, wo ein
Wiederheraufkommen alter Impulse eingetreten ist, wie etwa in der
letzten Renaissancezeit, dann ist dieses Wiedererneuern alter Im-
pulse durchaus zusammenhangend mit einer gewissen Konstellation
zwischen Jupiter und Saturn.
Aber, wie gesagt, in einem gewissen Sinne verschlossen ist schon
der Jupiter, und seine Offenbarungen bleiben im Unbewufiten, wenn
der Mensch nicht durch ein aktives, in sich kraftiges, klares lichtvol-
les Denken ihnen entgegenkommt. Daher war in alten Zeiten, in
denen das aktive Denken wenig entwickelt war, die Art, wie die
Menschheit vorriickte, eigentlich immer davon abhangig, wie Jupi-
ter zu Saturn stand. In Zeiten, in denen eine gewisse Konstellation
zwischen Jupiter und Saturn war, offenbarte sich insbesondere den
alten Menschen vieles. Der neuere Mensch ist mehr angewiesen dar-
auf, die Dinge getrennt in ihrer Entwickelung zu nehmen, das heifit,
das Saturngedachtnis und die Jupiterweisheit getrennt zu empfan-
gen in seiner seelisch-geistigen Entwickelung.
Gehen wir dann zum Mars iiber [orange, Zeichnung S. 25], so
haben wir in dem Mars den Planeten, den man eigentlich - nicht
wahr, eine Terminologie mufi man ja haben - den vielsprechenden
Planeten in unserem Planetensystem nennen kann. Er ist derjenige,
der nicht, wie der Jupiter, mit seiner Weisheit in der Gedankenform
zuriickhalt, sondern der eigentlich alles, was ihm zuganglich ist im
Universum - und ihm sind ja nicht alle Dinge des Universums zu-
ganglich, ich meine, den Seelen, die ihn bewohnen immer ausplau-
dert. Er ist der geschwatzigste Planet in unserem Planetensystem, er
erzahlt immer. Und er ist zum Beispiel ganz besonders wirksam,
wenn Leute aus dem Schlaf, aus dem Traum heraus reden. Denn er
ist auch im Grunde genommen derjenige Planet, der eine ungeheure
Sehnsucht hat, immer zu reden, so daft er, wenn ihm irgend etwas
von der menschlichen Natur zuganglich ist, wodurch er sie redselig
machen kann, die Geschwatzigkeit anregt. Er ist der Planet, der
wenig denkt, wenig Denker, aber viele Redner hat. Seine Geister
stehen immer auf der Wacht, was sich da und dort in dem Univer-
sum darbietet, und dann reden sie davon mit einer groften Hingabe
und mit einer groften Verve. Er ist derjenige, der in der mannigfaltig-
sten Weise im Verlaufe der Menschheitsentwickelung die Menschen
anregt, Aussagen zu machen iiber die Weltengeheimnisse. Er hat
seine guten und minder guten Seiten. Er hat seinen Genius und
seinen Damon. Der Genius wirkt so, da£ die Menschen aus dem
Universum heraus uberhaupt die Impulse bekommen zur Sprache.
Sein Damon wirkt so, daft die Sprache in der verschiedensten Weise
miftbraucht wird. Er ist - in einem gewissen Sinne kann man das
sagen - der Agitator des Weltenalls zu nennen. Er will uberreden,
wahrend der Jupiter nur iiberzeugen will.
Noch wieder eine andere Stellung nimmt zum Beispiel die Venus
ein [violett, Zeichnung S. 25]. Die Venus ist in einer gewissen Bezie-
hung - ja, wie soli ich mich ausdriicken? - abweisend gegen das gan-
ze Universum. Sie ist sprode gegen das Universum, sie will nichts
wissen vom Universum. Sie betrachtet das Universum so, dafi, wenn
sie sich ihm aussetzen wiirde, sie dadurch, gerade durch das aufiere
Universum, ich mochte sagen, ihre Jungfraulichkeit verlieren wiirde.
Sie ist furchtbar schockiert, wenn irgendein Eindruck aus dem aufie-
ren Universum an sie herankommen will. Sie mag nicht das Uni-
versum, weist jeden Tanzer aus dem aufieren Universum ab. Das
ist schwierig auszudrikken, weil naturlich die Verhaltnisse in der
Erdensprache ausgedriickt werden miissen, aber es ist eben so. Da-
gegen ist sie ungeheuer empfanglich fur alles das, was gerade von der
Erde kommt. Die Erde ist wirklich der Liebhaber der Venus in
einem gewissen Sinne. Wahrend der Mond ringsherum das ganze
Universum spiegelt, spiegelt die Venus nichts von dem Universum,
sie will nichts wissen von dem Universum, aber sie spiegelt liebevoll
alles zuriick, was von der Erde kommt. Man hat die ganze Erde mit
alien ihren seelischen Geheimnissen noch einmal, wenn man mit dem
Seelenauge die Geheimnisse der Venus belauscht.
Es ist schon so, daft die Menschen auf Erden im Grunde nichts
Rechtes im Geheimen ihrer Seele tun konnen, ohne daft es fur den-
jenigen, welcher der Sache nachgeht, von der Venus herabgespiegelt
wird. Sie schaut den Leuten alien tief ins Herz hinein, denn das in-
teressiert sie, das lafit sie an sich herankommen. Also man hat alles,
was im Intimsten auf der Erde lebt, auf der Venus noch einmal, und
in einer Widerspiegelung, die merkwiirdig ist. Sie verwandelt eigent-
lich in der Widerspiegelung alles so, wie der menschliche Traum die
aufieren Ereignisse des physischen Lebens verwandelt. Sie nimmt
die irdischen Ereignisse und verwandelt sie in Traumbilder. So da$
eigentlich der ganze Gang, den die Venus um die Erde herum macht,
diese ganze Sphare der Venus, eigentlich eine Traumerei ist. Und in
den mannigf altigsten Traumgebilden leben die traumhaft verwandel-
ten irdischen Menschengeheimnisse. Die Venus hat sogar sehr viel
mit den Dichtern zu tun. Nur wissen das die Dichter natiirlich nicht,
aber sie hat sehr viel mit den Dichtern zu tun.
Nun ist es aber sehr merkwiirdig: ich sagte, sie ist abweisend ge-
gen das ganze iibrige Universum; das ist sie durchaus. Aber sie ist
nicht in der gleichen Art abweisend gegen alles, was aus dem Uni-
versum kommt. Also ich mochte sagen, mit dem Gemiite wird von
der Venus alles abgewiesen, was von dem Universum kommt, und
nur dasjenige nicht abgewiesen, was von der Erde kommt. Jeden
Tanzer, sagte ich, weist sie zuriick, aber sie lauscht mit aller Auf-
merksamkeit auf das, was der Mars redet. Sie verwandelt, sie durch-
leuchtet ihre traumhaft-irdischen Erlebnisse mit dem, was sie aus
dem Universum durch den Mars ubermittelt erhalt.
Alle solchen Dinge haben nun auch eine physische Seite. Von die-
sen Dingen gehen ja die Impulse aus fur dasjenige, was in der Welt
geschaffen wird, was in der Welt entsteht. Und aus dem, was sich da
abspielt - allerdings, die Sonne ist dazwischen, die macht da Ord-
nung -, indem die Venus alles, was von der Erde kommt, aufnimmt
und dann den Mars immer belauscht - sie will nicht, dafi er es weifi,
aber sie will ihn belauschen -, nun, aus dem bilden sich diejenigen
Krafte, die gerade zugrunde liegen den Organen der menschlichen
Sprachbildung.
Will man im Kosmos die Impulse fur die menschliche Sprachbil-
dung kennenlernen, dann mufi man auf dieses merkwiirdige Weben
und Leben, das sich da abspielt zwischen Venus und Mars, hinschau-
en. So daE es, wenn das Schicksal gerade so spielt, eine grofie Bedeu-
tung hat fur die Entwickelung der Sprache irgendeines Volkes, wie
Venus zu Mars steht: Eine Sprache wird innerlich vertieft, seelen-
voll, wenn die Venus zum Beispiel in der Quadratur steht zum Mars.
Dagegen wird eine Sprache seelenlos, schellend, wenn die Venus und
der Mars in Konjunktion stehen und dies dann auf das betreffende
Volk Einflufi hat *
So stellen sich diese Dinge dar, die sich als Impulse im Weltenall
bilden und dann hereinwirken in das Irdische.
Dann haben wir Merkur [blau, Zeichnung S. 25). Merkur ist der-
jenige Planet, welcher, im Gegensatze zu den anderen, eigentlich sich
interessiert fur das, was nicht sinnlicher, aber von solcher Natur ist,
dafi man es kombinieren kann. In ihm sind die Meister des kombi-
nierenden Denkens, in Jupiter die Meister des weisheitsvollen Den-
kens. Und es ist so, dafi wenn der Mensch aus dem vorirdischen
Leben in das Dasein der Erde tritt, der Mondenimpuls dann derjeni-
ge ist, welcher die Krafte liefert fur sein physisches Dasein. Die
Venus, die liefert die Krafte fur alles das, was Gemiits- und Tempe-
ramentsanlagen sind. Merkur aber liefert die Krafte fur alles das, was
im Menschen Verstandes- und Vernunftanlagen sind, namentlich
Verstandesanlagen. Es sind eben im Merkur verankert die Meister
der kombinierenden Erkenntniskrafte.
Und wiederum besteht in bezug auf den Menschen ein merk-
wiirdiges Verhaltnis zwischen diesen Planeten. Der Mond, der die
herben, sich ganz in sich selbst zuriickziehenden Geister enthalt, der
nur dasjenige, was aus dem Universum ihm zugestrahlt wird, wie-
derum zuriickstrahlt, der baut eigentlich das Auftere, den Korper
des Menschen auf. Der vereinigt in diesem Aufbauen des Korper-
lichen also die Vererbungskrafte. In ihm sitzen eben jene geistigen
Wesenheiten, die in voller Abgeschlossenheit, ich mochte sagen,
kosmisch sinnen iiber dasjenige, was von Generation zu Generation
auf dem Umwege durch das Physische sich forterbt.
Siehe «Nachweis der Korrekturen», S. 188.
Daher wissen ja die Menschen der gegenwartigen Wissenschaft,
weil sich die Mondenwesen so verschanzt halten in ihrer Festung,
iiber die Vererbung gar nichts. Im Grunde genommen erscheint es
einem tieferen Blick so, daft in der Gegenwart, wenn irgendwo in
einem wissenschaftlichen Zusammenhang von Vererbung gespro-
chen wird, man eigentlich, wenn man eine kosmische Sprache rede-
te, sagen konnte: Der ist mondverlassen; dagegen ist er marsbehext,
denn er redet unter dem Einflusse der damonischen Marskrafte von
der Vererbung, aber er steht ganz fern den eigentlichen Vererbungs-
geheimnissen.
Venus und Merkur tragen mehr das Seelisch-Geistige des Karmi-
schen in den Menschen hinein und bringen es in seiner Gemutsanla-
ge, in seinem Temperament zum Vorschein. Dagegen haben Mars
und namentlich Jupiter und Saturn, wenn der Mensch in einem rich-
tigen Verhaltnis zu ihnen steht, etwas Befreiendes. Sie reifien ihn los
von allem Schicksalsbestimmten und machen ihn gerade zu einem
freien Wesen.
Tafel
Man konnte in einer etwas verwandelten Form ein biblisches
Wort gebrauchen. Saturn, welcher der treue Gedachtnisbewahrer des
Universums ist, sagte eines Tages: Lasset uns den Menschen in sei-
nem eigenen Gedachtnisse frei machen. - Und da wurde der Einfluft
des Saturn ins Unbewuftte hinuntergedrangt, der Mensch bekam sein
eigenes Gedachtnis und mit ihm die Unterlage, das Unterpfand
seiner personlichen Freiheit.
Ebenso ist der innere Willensimpuls, der im freien Denken liegt,
der Gnade des Jupiter zu verdanken. Jupiter konnte eigentlich alle
Gedanken der Menschen beherrschen. Er ist derjenige, bei dem man
die gegenwartigen Gedanken des ganzen Universums findet, wenn
man sie sich zuganglich macht. Aber er hat sich ebenfalls zuriickge-
zogen, er laftt die Menschen denken als freie Wesen.
Und das freie Element, das in der Sprache ist, liegt darinnen, daft
sogar Mars gnadenvoll geworden ist. Weil er sich sozusagen fugen
muftte dem Ratschlusse der anderen sonnenfernen Planeten, nicht
dem Menschen die Dinge weiter aufdrangen durfte, so ist der Mensch
auch in der Sprache in einer gewissen Weise frei, nicht ganz frei, aber
er ist in einer gewissen Weise frei.
So daft von einer anderen Seite her Mars, Jupiter und Saturn die
menschenbefreienden Planeten genannt werden konnen, dagegen
Venus, Merkur und Mond die schicksalbestimmenden Planeten
genannt werden miissen [Zeichnung S. 25].
Zwischen diese Taten und Impulse der planetarischen Individuali-
taten stellt sich dann die Sonne hinein, gewissermaften Harmo-
nie schaffend zwischen dem Menschenbefreienden und dem Schick-
salbestimmenden. So daft man in der Sonne diejenige Individuality
hat, wo in einer wunderbaren Weise zusammenwirkt das schicksal-
bestimmend Notwendige, das Menschenbefreiende. Und derjenige
allein versteht das, was eigentlich in dem lohenden, lodernden Son-
nenlicht enthalten ist, der dieses Ineinanderweben und -leben von
Schicksal und Freiheit, in dem sich in die Welt verbreitenden und wie-
derum in der Sonne sich warm zusammenhaltenden Lichte schaut.
Auch mit der Sonne selbst kommen wir nicht zurecht, wenn wir
sie bloft in dem anschauen, was die Physiker von ihr wissen. Wir
kommen mit der Sonne nur zurecht, wenn wir sie in dem anschauen,
was sie geistig-seelisch ist. Da ist sie dasjenige, was in der Warme
ergliihen macht die Schicksalsnotwendigkeit und in der Flamme das
Schicksal in Freihek lost, und wiederum die Freiheit, wenn sie mi£-
braucht wird, zusammenballt zu dem wirksamen Substantiellen der
Sonne. Die Sonne ist gewissermaften die Flamme, in der die Freihek
phosphorisch im Weltenall erscheint, und sie ist zu gleicher Zeit die
Substanz, in der, wie in sich zusammenballender Asche, die mifi-
brauchte Freiheit als Schicksal sich zusammenbackt, um weiter
wirken zu konnen, bis dieses Schicksal wiederum seinerseits phos-
phorisch in die Flamme der Freiheit ubergehen kann.
DIE GEISTIGEN INDI VIDU ALITATEN
UNSERES PLANETENSYSTEMS -
S CHICKS ALB ESTIMMENDE
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN
Zweiter Vortrag
Dornach, 28. Juli 1923
Gestern gab ich Ihnen eine Charakteristik von dem uns nachsten
Sternenhimmel. Wenn Sie an diese Charakteristik zuriickdenken, so
werden Sie sich vor alien Dingen sagen miissen: Schopft man eine
solche Kennzeichnung des Sternenhimmels aus der geistigen Er-
kenntnis heraus, so nimmt sich diese ganz verschieden aus von dem,
was sonst heute auf diesem Gebiete iiberhaupt gesagt wird. Ich habe
gestern, gerade um dies deutlich hervortreten zu lassen, in der Art
gesprochen, wie ich es eben getan habe. Ich muftte in einer Weise
sprechen, die jedem, der sich heute irgendwie aus der zeitgenossi-
schen Bildung iiber diese Gegenstande Kenntnisse erwirbt, absurd,
vielleicht lacherlich erscheinen mufi. Und dennoch, die Sache ist so,
dafi eine Art Heilung unseres kranken Geisteslebens sich nur voll-
ziehen kann, wenn dieser totale Umschwung in der Betrachtungs-
weise - insbesondere solcher Dinge, wie wir sie gestern besprochen
haben - Platz greifen kann.
Und man mochte sagen: Da, wo heute gedacht wird, aber so
gedacht wird, dafi das Denken in den alten landlaufigen Ideen fort-
lauft, da sieht man auf der einen Seite, wie iiberall das Denken hin-
weist auf diese neue Art von geistiger Erkenntnis. Man sieht aber
auch, wie die Menschen nicht in der Lage sind, bis zu einer solchen
geistigen Anschauung mitzukommen, und wie sie daher eigentlich
iiberall ratios bleiben und - was vielleicht im gegenwartigen Augen-
blick der Geschichte das schlimmste ist - sich ihrer Ratlosigkeit nicht
bewufit sind, ja gar nicht bewufk werden wollen.
Stellen wir uns einmal vor, wie heute dasjenige geschildert wird,
was ich gestern von einem ganz andern Gesichtspunkte aus geschil-
dert habe. Ich habe gestern iiber Mond, Saturn, Jupiter und so weiter
gesprochen, und ich habe die Individualitaten, die geistigen Indivi-
dualitaten, die man mit diesen Worten verbinden kann, vor Sie hin-
gestellt. Ich habe Ihnen gewissermafien unser Planetensystem gezeigt
wie eine Versammlung von geistigen Wesenheiten, die aus verschie-
denen Impulsen heraus wirken, aber so, daE diese Impulse auch mit
dem Erdengeschehen etwas zu tun haben. Wir sahen im Weltenall
lebende Wesen auftreten mit einem bestimmten Charakter. Wir
konnten von lebendigen Wesen in Saturn, Mond und so weiter spre-
chen. Aber die ganze Art des Sprechens unterscheidet sich eben von
dem, was heute uber solche Dinge gesagt wird. Da wird angenom-
men - ich wiederhole es noch einmal - ein einstmals bestehender
Urnebel, der in drehender, in kreisender Bewegung war und von dem
sich abgespalten haben die einzelnen Planeten, die man heute mit
volliger Gleichgultigkeit ansieht wie mehr oder weniger leuchtende
physische Korper, die im Weltenraum so dahinsausen.
Diese Anschauung, dafi die Himmelskorper solche gleichgiiltige
Korper seien, auf die nichts anderes anwendbar ist als Physik, na-
mentlich Mathematik, um ihre Bahnen auszurechnen, um eventuell
zu erforschen, ob die Stoffe, die auf der Erde gefunden werden, auch
dort sind, dieses gleichgiiltige Anschauen der Himmelskorper, das
ist etwas, was eigentlich erst in den letzten drei bis vier Jahrhunder-
ten in der Menschheit iiblich geworden ist. Und es ist ublich gewor-
den auf eine ganz bestimmte Weise. Die Dinge werden heute nur
nicht durchschaut. Dadurch, daft man die Moglichkeit verloren hat,
in das Geistige hineinzuschauen, oder, wie es im spateren Mittelalter
nur noch der Fall war, wenigstens hineinzuahnen, ist es auch mog-
lich geworden, dafi man das Geistige vollstandig verloren hat. Man
hat dann die physischen Begriffe, die sich auf der Erde ergaben, die
mathematischen, die rechnerischen Begriffe, als etwas Sicheres an-
gesehen und hat nun auch dasjenige berechnet, was da draufien im
Himmelsraume sich offenbart. Man hat eine bestimmte Vorausset-
zung dabei gemacht - ich mufi schon diese theoretischen Erorterun-
gen heute etwas vorausschicken — , man hat kennengelernt, wie man
auf der Erde etwas errechnet, wie man auf der Erde physische Wis-
senschaft macht, und hat nun dieses auf der Erde Errechnete, diese
physische Wissenschaft auch auf das ganze Himmelsall ausgedehnt
und geglaubt, dafi nun die Rechnungsresultate, die auf Erden gelten,
auch fur den Himmelsraum gelten.
Auf der Erde sprechen wir von Zeit, von Stoff, von Bewegung,
fur Physiker konnte man sagen, von der Masse, auch von der Ge-
schwindigkeit und so weiter: alles Begriffe, die auf Erden gewonnen
sind. Die hat man seit der Newtonschen Zeit auch ausgedehnt auf
den Himmelsraum. Und die ganze Anschauung, die man da hat von
dem, was in der Welt vorgeht, die ist ja nichts anderes als ein Rech-
nungsresultat, das auf Erden gewonnen ist und dann in den Himmel
hinausgeworfen ist. Die ganze Kant-Laplacesche Theorie ist ja in
dem Augenblicke ein Unding, in dem man sich bewufit wird, dafi sie
nur unter der Voraussetzung gilt, dafi da draufien im Weltenraum
dieselben Rechnungsgesetze gelten wie auf Erden, dafi die Begriffe
von Raum, Zeit und so weiter da drauften ebenso anwendbar seien
wie auf Erden.
Nun liegt aber doch eine merkwiirdige Tatsache vor, eine Tatsa-
che, die heute den Menschen viel Kopfzerbrechen macht. Wir leben
ja in einer sehr merkwiirdigen Zeit, die sich durch mannigfaltige
Symptome ankiindet. In alien popularen Versammlungen, die von
Monisten und anderen Biindlern gehalten werden, wird den Leuten
wie eine Gewifiheit hingestellt, dafi da draufien durch die bekannten
Vorgange die Sterne erglanzen. Es wird die ganze schone Lehre von
den Spiralnebeln und so weiter, die sich fur das aufiere Auge darbie-
ten, einem glaubigen Publikum von popularisierenden Rednern und
Schriftstellern vorgetragen. Und von diesen Popularrednern und Po-
pularschriftstellern hat nun der heutige Mensch seine Bildung. Aber
diese Bildung ist eigentlich im Grunde genommen nur das Resultat
von dem, was die Physiker und andere sogenannte gelehrte Leute
vor Jahrzehnten gedacht und ersonnen haben. In solchen popularen
Versammlungen wird wiederum alles aufgewarmt, was vor Jahrzehn-
ten den Fachleuten gegolten hat. Aber die Fachleute werden heute
durch etwas ganz anderes aufgeriittelt. Dasjenige, wodurch sie auf-
geriittelt werden, das ist zum Beispiel die sogenannte Relativitats-
theorie.
Diese Relativitatstheorie, die Einsteinsche Relativitatstheorie, die
beschaftigt heute die Denkenden unter den Physikern. Nun kann ja
iiber Einzelheiten dieser Relativitatstheorie so gesprochen werden,
wie ich es auch schon da oder dort getan habe; aber es soil uns heute
nicht ihre innere Geltung beschaftigen, sondern die Tatsache, daft sie
da ist und daft die Physiker davon sprechen. Gewifi, es gibt gegneri-
sche Physiker, aber es gibt sehr viele Physiker, die eben einfach von
der Relativitatstheorie sprechen. Was bedeutet denn das aber?
Ja, das bedeutet, daft durch diese Relativitatstheorie alle die Be-
griffe zerstort werden, auf denen die Anschauung von den Bewe-
gungen und von dem Wesen der Himmelskorper im Weltenraume
beruht. Das hat nun durch Jahrzehnte gegolten, was heute in den
Astronomiebuchern steht, was heute noch in popularen Vortragen
und popularen Biichern dem Laienpublikum aufgebunden wird; das
hat gegolten. Aber die Physiker gehen an die Abtragung, an die
Vernichtung der popularsten Begriffe - Zeit, Bewegung, Raum - und
erklaren: Das ist alles nicht so, wie man es sich da gedacht hat. -
Sehen Sie, wenigstens ist es fur den Physiker heute schon etwas wie
eine Gewissensfrage, dafi er zum Beispiel sagt: Ich richte mein Fern-
rohr nach einem fernen Stern. Aber ich habe ja berechnet, daft, bis
hier das Licht von diesem Stern bis zur Erde ankommt, soundso viel
Zeit verfliefk. Also wenn ich mit meinem Fernrohr hinaussehe, dann
hat das Licht, das in mein Fernrohr fallt, soundso viele Lichtjahre
gebraucht. Das Licht, das da hereinfallt, das ist also einmal da oben
ausgegangen vor soundso vielen Lichtjahren. Da steht ja der Stern
gar nicht mehr, der ist gar nicht da. Ich bekomme den Lichtstrahl in
mein Fernrohr, aber was in der Verlangerung des Fernrohres ist, ist
ja gar nicht der Stern. Und wenn ich einen Stern daneben anschaue,
von dem das Licht nun viel weniger Lichtjahre braucht, so kommt es
jetzt doch zu gleicher Zeit an. Ich drehe mein Fernrohr: der Stern
kommt auf einen Lichtpunkt, der vielleicht vor soundso viel Jahren
da war. Jetzt drehe ich wieder mein Fernrohr: da fallt ein Stern in
mein Fernrohr, der gar nicht da ist, aber der vor einer ganz anderen
Anzahl von Jahren da war. Und so bilde ich mir Ansichten iiber
meinen Sternenhimmel! Da ist alles da von der Zeit, wo es einmal da
war, aber eigentlich ist es gar nicht da. Eigentlich ist nichts da: alles
ist da drunter- und drubergeworfen.
Das ist gerade so, wie es mit dem Raume auch ist. Wir nehmen
irgendwo einen fernen Ton wahr. Wenn wir uns ihm nahern, so er-
scheint er uns in einer anderen Tonhohe, als wenn wir uns von ihm
entfernen. Der Raum wird mafigebend fur die Art und Weise dessen,
was wir wahrnehmen. Und das macht natiirlich den Leuten Kopf-
zerbrechen. Die ganze Zeit, die in alle Rechnungen hineinspielt, sie
ist plotzlich eigentlich etwas ganz Unsicheres geworden, etwas bloft
Relatives. Und von alledem, was da in einer so popularen Weise in
den Weltenraum hinausgezeichnet wird, kann eigentlich der heutige
Physiker - und er ist sich dessen bewufk - nur sagen: Da ist irgend
etwas einmal da gewesen, ist noch da, wird einmal da sein. Nun ja,
da ist irgend etwas. Und dasjenige, was da ist, das bewirkt, dafi in
einem bestimmten Zeitpunkte seine Lichtaufierungen koinzidieren
mit dem Fadenkreuz meines Fernrohrs. - Das ist die einzige Weis-
heit, die man noch behalt, die Koinzidenzien zweier Ereignisse. Also,
es koinzidiert dasjenige, was einmal irgendwo, irgendwann gesche-
hen ist, mit dem, was heute in dem Fadenkreuz meines Fernrohres
vor sich geht. Nur von solchen Koinzidenzien kann man sprechen -
sagt der heutige Physiker -, es ist alles relativ; die Begriffe, aus denen
das Weltengebaude theoretisch aufgebaut worden ist, sie sind eigent-
lich von einem blofi relativen, von gar keinem absoluten Werte. -
Daher sprechen die Physiker heute von einer radikalen Umwalzung
aller Begriffe der Physik. Und wiirde man heute aus einer popularen
Versammlung fur Laien unmittelbar in den Vortrag eines Relativi-
tatstheoretikers gehen, dann wiirde man finden, da£ der populari-
sierende Redner den Menschen etwas tradiert, was sich aufbaut auf
den Vorstellungen, von denen die Fachleute sagen: Das ist ja alles
geschmolzen wie der Schnee in der Sonne!
Sehen Sie, wir konnen nicht nur sagen, dafi seit drei bis vier Jahr-
hunderten sich eine physische Weltanschauung aufgebaut hat aus be-
stimmten Begriffen heraus, sondern wir miissen sagen, dafi es heute
schon genug Leute gibt, die aus diesen Begriffen heraus diese Begrif-
fe aufgelost haben, vernichtet haben. Sie ist ja bei einer grofien An-
zahl von Denkern gar nicht mehr da, diese Weltanschauung, die man
fur sicher halt. Also liegt die Sache doch nicht ganz so, dafi dasje-
nige, was von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus gesagt wird, so
belachelt werden darf. Denn was von dem anderen Gesichtspunkte
gesagt wird, das schmilzt ja hinweg in der Gegenwart wie der Schnee
in der Sonne. Das ist eigentlich schon gar nicht mehr da fur jene, die
etwas von der Sache verstehen, oder wenigstens etwas verstehen
wollen. So daft man eigentlich vor der Tatsache stent, dafi die Men-
schen sagen: Das, was hier vom Standpunkt der Geisteswissenschaft
aus geschildert wird, ist absurd, weil es nicht ubereinstimmt mit dem,
was wir als das Richtige ansehen. - Aber wenn sie sich nun auf den
Relativitatsstandpunkt stellen, dann miissen diese Leute sagen: Das
ist absurd, was wir als das Richtige angesehen haben! - So stehen die
Dinge heute. Nur schlaft eigentlich der grolke Teil der Menschheit,
und schaut schlafend zu, wie diese Dinge sich abspielen, und laftt sie
geschehen. Es ist aber wichtig, daft man weifi: die Weltanschauung,
die als solche so grofie Triumphe gefeiert hat, ist heute eigentlich
ganz und gar in Trummern.
Der Tatbestand, der vorliegt in der geistigen Welt, der wird ei-
gentlich erst dann in weiteren Kreisen klarwerden, wenn die Men-
schen sich die Zipfelmiitze, unter der sie schlafen, wenigstens einmal
etwas lockern. Also, man hat durchaus nicht nur die Moglichkeit zu
denken, dafi dasjenige, was aus einem solchen Tone heraus redet, wie
ich es gestern getan habe, gegeniiber der heutigen Wissenschaft ab-
surd ist, denn diese Wissenschaft ist zum Beispiel in ihrer Relativi-
tatstheorie ganz negativ; die sagt eigentlich iiberall, was nicht ist, und
es wird die Menschheit hinsteuern miissen zu einer Erkenntnis
desjenigen, was ist.
Diese Dinge sollen eben geleistet werden durch solche Darstel-
lungen, wie ich sie gestern zu geben versuchte in bezug auf einzelne
Sterne unseres Planetensystems. Aber was sehen wir da? Da sehen
wir, dafi gewissermaften ganz genau dem Gang der Weltentwicke-
lung gefolgt wird. Was wiirde Ihnen denn ein altgebackener - nicht
neugebackener Physiker, denn die neugebackenen sind eben zumeist
Relativitatstheoretiker -, was wiirde Ihnen ein altgebackener Phy-
siker sagen, wenn er horen wiirde, dafi man etwas so Unerhortes
ausspricht, wie ich gestern getan habe? Wenn er nicht gleich sagen
wiirde, das alles ist verriickt und verdreht, und das wiirde er ja viel-
leicht zunachst sagen, so wiirde er doch behaupten: Das widerspricht
den festen Fundamenten der Wissenschaft. - Aber was sind die fe-
sten Fundamente der Wissenschaft? Es sind diejenigen Begriffe von
Raum, Zeit und so weiter, die man auf Erden gewonnen hat. Jetzt
vernichten die Relativitatstheoretiker diese Begriffe fur das Welten-
all, erklaren ihre Nichtgiiltigkeit.
Anthroposophie macht aber die Sache praktisch: sie laftt aufier
acht die irdischen Begriffe, wenn sie von Mond und Saturn und Ju-
piter und so weiter redet. Sie redet da gar nicht mehr vom Irdischen,
sondern sie versucht - wenn das auch nur mit Schwierigkeiten mog-
lich ist -, Venus und Mars so zu charakterisieren, wie man mit irdi-
schen Begriffen nicht mehr charakterisieren kann. Und so mu!5 man
sich eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren,
wenn man hinaufdringen will in das Weltenall. Ich wollte Ihnen zei-
gen, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwartige Geistes-
leben und wie die Dinge im gegenwartigen Geistesleben stehen. Nur
eine Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es, wenn man
in den Kosmos hinauskommt. Denken Sie einmal, wenn wir nur bis
zum Mond gehen, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, bis zu
denjenigen Wesenheiten, die im Monde wie in einer Weltenfestung
verankert sind und eigentlich hinter der Oberflache des Mondes
leben - wo sie, wenn ich mich so ausdriicken darf , ihr Weltengeschaft
treiben -, wenn wir zu diesen Wesenheiten kommen, zu denen man
nur mit einem hellseherisch gescharften Blick herankommt, so fin-
den wir also, daft diese Wesenheiten im Verborgenen wirken. Denn
was im Innern des Mondes ist, geht ja nicht in die Welt, und alles,
was vom Monde kommt, ist zuriickgeworfen aus der Welt. Wie der
Mond das Sonnenlicht nicht aufnimmt, sondern zuriickwirft, so
wirft er auch alles andere, was im Universum geschieht, zuriick.
Alles, was im Universum geschieht, wird durch den Mond wie durch
einen Spiegel zuriickgeworfen. In seinem Innern geschehen Vor-
gange, die verborgen bleiben.
Aber ich habe Ihnen gesagt: Die geistigen Wesenheiten, die in die-
ser Mondenfestung wie im Universum verschanzt sind und da drin-
nen ihr Weltengeschaft treiben, die waren einmal auf Erden, bevor
der Mond sich von der Erde abgespalten hat. Sie waren die ersten
grofien Lehrer der menschlichen Seelen auf Erden. Und die grofte
uralte Weisheit, von der gesprochen wird, die ist im Grunde genom-
men ein Erbgut dieser Mondenwesen, die heute im Verborgenen
innerhalb des Mondes leben. Sie selbst haben sich zuriickgezogen.
Wenn man so iiber das Weltenall spricht, dann kommen in die
Ideen, die man entwickelt, moralische Begriffe hinein. Die phy-
sischen Begriffe der Erde vergiftt man; es kommen in die Schilde-
rung moralische Begriffe hinein. Wir fragen uns: Warum haben sich
diese Mondenwesenheiten zuriickgezogen, warum wirken sie im
Verborgenen? - Ja, als sie noch auf Erden waren, da suggerierten sie
den Menschen allerdings eine ungeheure Weisheit. Waren sie auf
Erden geblieben, wiirden sie immerfort diese Weisheit den Menschen
suggeriert haben, die Menschen wiirden aber niemals in das Zeitalter
der Freiheit haben eintreten konnen.
Diese Wesenheiten hatten sozusagen den wunderbaren Ratschluft
gefafit, sich von der Erde zuriickzuziehen, sich an einen geschlosse-
nen Ort im Universum zuriickzuziehen, um dort, fern von dem
menschlichen Dasein, ihr Weltengeschaft zu verrichten, damit die
Menschen ferner nicht von ihnen beeinflufk werden, damit die Men-
schen alle die Impulse des Universums aufnehmen konnen und freie
Wesen werden konnen. Diese Wesenheiten haben sich einen neuen
Wohnplatz im Universum ausgesucht, um den Menschen allmahlich
die Freiheit moglich zu machen.
Ja, das redet anders, als vom Physiker geredet wird, der, wenn er
horte, der Mond habe sich von der Erde abgespalten, einfach aus-
rechnen wiirde, mit welcher Geschwindigkeit das geschehen ist,
durch welche Krafte das geschehen ist und dabei immer nur die irdi-
schen Krafte, die irdischen Geschwindigkeiten im Auge hatte. Die
werden ganz aufier acht gelassen, wenn wir so, wie ich es gestern
getan habe, von dem Mond sprechen. Aber wenn man das Physische
weglafit, so bleiben solche Ratschliisse, solche grofte kosmisch-
moralische Impulse. Man kommt, und das ist das Bedeutsame an der
Sache, von dem physischen Herumgerede, das fiir die physischen
Erdenverhaltnisse gilt, eben zu einem Reden in moralischen Ideen
iiber das WeltenalL
Das ist das Wesentliche, dafi man nicht blofi Theorien aufstellt,
die geglaubt werden sollen, sondern dafi es eine moralische Welten-
ordnung gibt. Das hat die menschliche Seele in den letzten drei bis
vier Jahrhunderten ganz verwirrt, dafi man gesagt hat: Man kann
einiges von der Erde wissen, und nach dem, was man auf der Erde
weifi, das Weltenall berechnen und solche Theorien wie die Kant-
Laplacesche aufstellen, aber in bezug auf die moralisch-gottliche
Weltenordnung mufi man glauben. - Das hat die Menschen unge-
heuer verwirrt, weil die Einsicht ganz abhanden gekommen ist, dafi
man iiber die Erde irdisch reden mufi, dafi man aber in dem Mo-
ment, wo man sich zum Weltenall hinauf erhebt, anfangen mufi,
kosmisch zu reden. Da geht das physische Reden allmahlich in ein
moralisches Reden hinein. Da wird praktisch das ausgefuhrt, was
sonst hochstens erphantasiert wird.
Tafel 2 Wenn Sie heute von einem Physiker die Sonne beschrieben fin-
den, so ist sie irgendeine Gaskugel, die da draufien dampft, und ihre
Eruptionen werden so beschrieben wie Erdeneruptionen. Alles wird
auf diesen Weltenkorper so hinausprojiziert, wie das, was auf der
Erde geschieht, und mit denselben Rechnungen, die wir uns hier an-
geeignet haben, berechnen wir dann, wie ein Lichtstrahl an der Son-
ne vorbeigeht oder dergleichen. Aber was hier fiir Erdendinge an
Errechnetem gilt, das hort ja auf, eine Geltung zu haben, wenn man
da hinauskommt. Und so wie das Licht in seiner Starke mit der Ent-
fernung im Quadrate abnimmt, so horen die Gesetze auf, im Wel-
tenall draufien zu gelten. Und wir sind nur noch dem Weltenall ver-
wandt in unserem Moralischen. Indem wir uns iiber das Physische
als Mensch zum Moralischen erheben, werden wir hier auf Erden
dem ahnlich, was im Weltenraum draufien als die realisierte Morali-
tat wirkt.
Also miissen wir sagen: Anthroposophie ist im aufiersten Sinne
Wissenschaft. Sie fuhrt dasjenige, was sich als eine Forderung ergibt,
auch wirklich aus. Sie redet gar nicht mehr in irdischen Vorstellun-
gen, ausgenommen den moralischen, die aber auf Erden schon iiber-
irdisch sind. Sie redet in solchen moralischen Vorstellungen, wenn
sie sich aufschwingt zum Weltenall. Das mufi eben durchaus beriick-
sichtigt werden. Und von diesem Gesichtspunkte aus miissen eben
die Begriffe wiederum gewonnen werden, die wir brauchen, urn auf
der Erde dasjenige zu begreifen, was eben jetzt nicht begriffen
werden kann.
Sehen Sie, die Wesenheiten, die im Monde verankert sind, sie wir-
ken, sagte ich, nur wie in einer Festung. Da treiben sie ihr Welten-
geschaft. Denn alles, was der Mond der Welt gibt, der Erde gibt, ist
ja zuriickgeworfen, ist gespiegelt. Das aber ist ein Zustand, der im
kosmischen Werden eben erst im Laufe der Entwickelung eingetre-
ten ist. Friiher war es anders. Und in die, ich mochte sagen, weiche,
schleimartige Gestalt, weiche die Erde selbst und alle Wesen einmal
hatten, da wirkten diese Wesen, als sie noch auf Erden wandelten,
hinein. Und mit diesen Wirkungen hangt sowohl beim Menschen
wie bei den Tieren das Zustandekommen der Riickenmarkssaule zu-
sammen. So dafi die Riickenmarkssaule bei den Menschen und bei
den Tieren eine Erbschaft ist aus sehr alten Zeiten, wo die Monden-
wesen noch mit dem irdischen Sein verbunden waren. Das kann
heute nicht mehr entstehen. Die Wirbelsaule ist eine Erbschaft, sie
kann heute nicht mehr entstehen.
Aber in bezug auf die vierfiifiigen Tiere haben diese Wesenheiten
die Wirbelsaule so fest gemacht, dafi sie horizontal bleibt. Bei den
Menschen haben sie sie so gemacht, dafi sie vertikal werden konnte,
und der Mensch dann durch die vertikale Wirbelsaule frei werden
konnte fur das Weltenall und seine Einfliisse in dem Moment, wo
diese Mondenwesen sich in die Mondenfestung zuruckzogen.
Und so werden wir allmahlich dazu kommen, das Irdische aus
dem Weltenall heraus zu erklaren, und iiberhaupt geistige Krafte und
geistige Impulse auch im irdischen Dasein in der richtigen Weise zu
beurteilen. Es ist so, dafi sich in die menschlichen Kopfe eben Dinge
hineingesetzt haben, die wirklich erst in den drei, vier letzten Jahr-
hunderten entstanden sind. Und zwar alle unter dem Einflusse der
Ansicht, daft man auf das ganze Weltenall zu seiner Erklarung nur
dasjenige anwenden kann, was man in den physischen Ereignissen
und von den physischen Dingen der Erde gewonnen hat. Man hat
das ganze Weltenall zu einem physischen Abbild der Erde gemacht.
Man ist allerdings jetzt darauf gekommen: Da koinzidiert etwas mit
meinem Fadenkreuz, aber das war einmal da! - Die ganze Geschich-
te gilt in dieser Weise nicht. Und wenn man in bezug auf Sterne, die
weit genug entfernt sind, Riicksicht nimmt, so kann der heutige
Physiker schon sagen: Was ich als Karte aufzeichne, das ist ja gar
Tafel 2 nicht da. Ich zeichne zwei Sterne nebeneinander: der eine Stern war
einmal, sagen wir, vor tausend Jahren da, der andere war da vor
sechshundert Jahren. Ja, so nebeneinander, wie ich da die Koinzi-
denzien der Lichtstrahlen in meinem Fadenkreuz habe, so waren sie
niemals da!
Also das alles zerschmilzt, das alles ist gar nicht so in Wirklich-
keit. Mit diesen Begriffen kommt man nicht darauf, was da drauften
ist. Man rechnet, rechnet, rechnet. Es ist geradeso, wie wenn die
Spinne ihr Netz spinnt und sich dann einbilden wiirde, daft dieses
Netz die ganze Welt durchspinnt.
Der Grund davon ist der, daft diese Gesetze, nach denen man da
rechnet, da drauften gar nicht mehr gelten, sondern daft man hoch-
stens das Moralische, das in uns ist, benutzen kann, um Begriffe zu
bekommen von dem, was da drauften ist. Da drauften im Sternen-
himmel geht es namlich moralisch, zuweilen auch unmoralisch,
ahrimanisch, luziferisch und so weiter zu. Aber wenn ich das Mora-
lische als Gattungsbegriff fasse, geht es moralisch zu, nicht physisch.
Doch das ist etwas, auf das erst wieder gekommen werden muE, weil
das andere sich im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderte so
fest in die menschlichen Kopfe eingepragt hat, daft selbst solche
Zweifel, wie sie den Relativitatstheoretikern kommen - denn ihre
Negationen haben sehr viel fur sich daft selbst solche Zweifel es
gar nicht aus den Kopfen heraustreiben konnen. Es ist auch begreif-
lich, denn wenn auch noch diese letzte Schimare, die Zeit-Raum-
Rechnung, die sie ausfiihren, wenn auch diese noch fur den Sternen-
himmel aus den Kopfen schwindet, so ist ja in diesen Kopfen gar
nichts mehr darinnen, und etwas behalten die Menschen eben doch
gerne darinnen. Denn etwas anderes wird erst darinnen sein konnen,
wenn man sich eben aufschwingt zu der Moglichkeit, so den Ster-
nenhimmel anzuschauen, wie wir es gestern getan haben.
Nun mufi man sich klarwerden, daft uns dieses alles darauf hin-
weist, wie es fiir den Menschen der Gegenwart schon notwendig ist,
sich klare Begriffe zu verschaffen iiber das, was eigentlich in den
letzten drei bis vier Jahrhunderten geschehen ist, und was sein vor-
laufiges Ergebnis gefunden hat in dem grolken aller Kriege, die je-
mals auf Erden gewesen sind, und in den chaotischen Verhaltnissen,
die sich ja noch immer chaotischer gestalten werden in der nachsten
Zukunft. Was als Anforderung an die Menschheit vorhanden ist, das
ist, sich eben wirklich iiber diese Dinge doch einmal klarzuwerden.
Und da ist es interessant, einen Blick iiber die Erde mit ihrer heu-
tigen Geistesbildung so hinzuwerfen.
Innerhalb derjenigen Zivilisation, in welcher der Abendlander mit
seinem amerikanischen Anhange lebt, halt man ja einfach alles das,
was sich in den drei bis vier letzten Jahrhunderten unter dem Ein-
flusse einer phanomenal groftartigen Technik und eines grofiartigen
Weltverkehrs entwickelt hat - der nur heute auch in die Briiche
geht -, fiir so fest, dafi natiirlich jeder ein Tor ist, der nicht dieselben
Begriffe annimmt. Nun ist es ja richtig, daft der Orient in der Deka-
denz ist, aber man mull doch sagen: Was man heute aus den Quellen
unserer eigenen anthroposophischen Forschung wiederum so aus-
sprechen mufi, wie ich es gestern getan habe, das ist, wenn auch in
ganz anderer Art, einmal in uralten Zeiten doch eben orientalische
Weisheit gewesen.
Wir konnen diese orientalische Weisheit heute, wie ich oftmals
auseinandergesetzt habe, in der alten Form nicht wieder annehmen.
Wir miissen sie aus dem abendlandischen Gemiite, aus der abendlan-
dischen Seele heraus wiedergewinnen. Aber es war einmal, ich moch-
te sagen, Sitte, aus dem alten Hellsehen, aus diesem traumhaften
alten Hellsehen heraus iiber die Sterne so zu sprechen, wie ich ge-
stern wiederum davon zu sprechen begonnen habe. Nur ist das der
Menschheit eben vollstandig verlorengegangen, und die europaische
Menschheit betrachtet heute alles das als absurd, was einmal als
hochste menschliche Weisheit gait.
Nun, wie gesagt, wenn auch im Orient driiben das einmal eine
grofiartige ursprungliche Weisheit war, heute sind die Leute in der
Dekadenz. Aber in einem gewissen Sinne hat sich wenigstens aufier-
lich traditionell im Orient noch etwas erhalten von einem solchen
Anschauen des Weltenalls, ich mochte sagen, von einem seelenvollen
Anschauen des Weltenalls. Und den Orientalen imponiert die tech-
nische Kultur Europas sehr wenig. Diese Seelen gerade, die heute im
Orient liebevoll eingehen auf die Urweisheit, die verachten im Grun-
de genommen, was in Europa sich als eine mechanische Kultur und
Zivilisation herausgebildet hat. Sie studieren dasjenige, was die
menschliche Seele betrifft, aus ihren alten Schriften. Manchem geht
dabei innerlich eine, wenn auch schon dekadente Erleuchtung auf,
so dafi im Orient noch etwas von dem lebt, was seelisches Erschauen
der Welt ist. Und es ist nicht unnotig, auch einmal auf die Art und
Weise hinzuschauen, wie nun diese Menschen, die eine alte Kultur
wenigstens noch in einer Art von Abglanz haben, auf das euro-
paisch-amerikanische Geistestreiben hinschauen. Wenn es auch nur
zum Vergleich ist, so ist es doch immerhin interessant.
Da ist ein merkwurdiges Buch erschienen von einem gewissen
Ramanathan, einem Inder aus Ceylon, «The Culture of the Soul
Tafd 2 among the Western Nations » [der Titel wurde an die Tafel geschrie-
ben]. Dieser Ramanathan spricht in einer merkwiirdigen Weise. Er
gehort offenbar zu denen, die sich da driiben im Orient innerhalb
der indischen Zivilisation einmal gesagt haben: Diese Europaer ha-
ben doch auch ganz merkwiirdige Schriften, zum Beispiel das Neue
Testament. - Nun haben sich diese Leute, zu denen auch Ramanat-
han gehort, mit dem Neuen Testament beschaftigt - aber natiirlich
so, wie sich die Seele dieser Leute eben mit dem Neuen Testament
beschaftigen kann -, haben dieses Neue Testament, das Wirken des
Christus Jesus, durch das Neue Testament nach Mafigabe ihrer
Seelenverfassung aufgenommen. Und es gibt schon immerhin da
driiben - das zeigt dieses Buch von Ramanathan - Leute, die nun aus
ihren Resten einer uralten Kultur von dem Christus Jesus und dem
Neuen Testament sprechen. Sie haben sich da ganz bestimmte Vor-
stellungen gebildet von dem Christus Jesus.
Und nun schreibt dieser Mann viel iiber diese Vorstellungen von
dem Christus Jesus, und er richtet naturlich das Buch - er hat es ja
in englischer Sprache geschrieben - an die Europaer. Er richtet das
Buch, das also vom indischen Geiste iiber Jesus in den Evangelien
geschrieben ist, an die Europaer, und er sagt den Europaern etwas
ganz Merkwiirdiges. Er sagt ihnen: es sei doch ganz absonderlich,
daE sie gar nichts von dem Christus Jesus wissen. Da in den Evan-
gelien stehen groftartige Dinge iiber den Christus Jesus, aber die
Europaer und Amerikaner wissen gar nichts davon, wissen wirklich
nichts davon! Und er gibt den Europaern und den Amerikanern
einen merkwiirdigen Rat. Er sagt ihnen: Lalk euch doch Lehrer des
Neuen Testaments aus Indien kommen, die werden euch sagen
konnen, wie es eigentlich mit dem Christus Jesus beschaffen ist.
Also diese Menschen in Asien driiben, die sich heute mit dem
europaischen Fortschritt befassen und die dann das Neue Testament
lesen, die sagen diesen Europaern: Wenn ihr etwas erfahren wollt
iiber den Christus Jesus, dann miilk ihr euch Lehrer von uns kom-
men lassen, denn alle Lehrer, die bei euch reden, die verstehen gar
nichts davon, das ist alles Mifiverstandenes! - Und er fiihrt das im
einzelnen aus. Er sagt: In Europa ist in einer bestimmten Zeit ein-
getreten an die Stelle des Erfassens des geistig Wesenhaften ein ge-
wisses Wortverstandnis von allem. Die Europaer hangen in bezug
auf alle Dinge an einem gewissen Wortverstandnis. Sie tragen nicht
ein geistiges Verstandnis in ihren Kopfen, sondern die Worte, die sie
bei ihren einzelnen Bevolkerungen lernen, die dunsten in ihre Kopfe
hinauf, und dann denken sie in Worten.
Es ist eine merkwiirdige Weise, in welcher diese Inder trotz ihrer
Dekadenz noch zu dieser Einsicht kommen, denn bis hierher stimmt
die Geschichte ganz auffallig. Bis in die Physik und Mathematik hin-
ein wird ja heute in Worten gedacht, nicht in Sachen. In dieser Bezie-
hung sind ja die Menschen heute recht merkwiirdig. Wenn einer ganz
gescheit sein will, dann zitiert er rasch: «Denn eben, wo Begriffe
fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein». - Es geschieht
das heute aber meistens aus dem Drang heraus, daft dem Betreffen-
den selbst alle Begriffe ausgegangen sind: da stellt sich ihm namlich
rasch das Goethesche Wort ein. Aber das merkt er dann nicht. Er
merkt nicht, daft er in dieser Untugend ganz bitter drinnen ist in
dem Moment, wo er sie riigt.
Also das sagt dieser Inder den Europaern: Ihr habt ja nur ein
Wortverstandnis von alien Dingen, und ihr habt dieses Wortver-
standnis iiber das Neue Testament ausgedehnt, und dadurch habt ihr
den Christus seit vier Jahrhunderten tot gemacht. Der lebt gar nicht
mehr unter euch, der ist seit vier Jahrhunderten tot. Schafft euch
Lehrer aus Indien an, damit er wiederum erweckt werden kann. - So
sagt dieser Inder den Europaern.
Er sagt: Seit drei bis vier Jahrhunderten wissen die Europaer iiber-
haupt nichts mehr vom Christus. Sie konnen gar nichts wissen, weil
sie gar nicht die Begriffe und Vorstellungen haben, durch die man
von dem Christus etwas wissen kann. - Der Inder sagt den Euro-
paern: Ihr braucht eine Renaissance des Christus Jesus. Ihr miiftt
den Christus wieder entdecken, oder irgendein anderer muft ihn fur
euch entdecken, damit ihr ihn wieder habt! - So sagt der Inder, nach-
dem er dazu gekommen ist, das Evangelium zu lesen. Also er merkt,
daft da in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in Europa sonder-
bare Dinge vorgegangen sind. Und dann sagt er: Wenn die Europaer
selbst wiederum daraufkommen wollten, welcher Christus im Neu-
en Testamente lebt, da miiftten sie weit zuriickgehen. Denn dieses
Christus-Unverstandnis hat sich langsam vorbereitet, und eigentlich
miiftten die Europaer, wenn sie aus ihren eigenen Schriften noch
etwas verstehen lernen wollten von dem Christus, bis zu der Gnosis
zuriickgehen.
Eine merkwiirdige Erscheinung! Da ist ein Inder, der ja nur der
Reprasentant fur viele ist, der liest das Neue Testament und sagt den
Europaern: Euch hilft iiberhaupt jetzt nichts mehr, als daft ihr zu
den Gnostikern zuriickgeht.
Aber die Gnostiker haben ja die Europaer eigentlich nur in den
Gegenschriften. Die Europaer wissen nichts von den Gnostikern. Es
ist schon ein merkwiirdiges Faktum: Die Schriften der Gnostiker
sind ja alle ausgerottet worden, man hat nur die Polemiken der
christlichen Kirchenvater gegen die Gnostiker, mit Ausnahme der
«Pistis Sophia» und einigen anderen, die aber ebensowenig verstan-
den werden konnen, so wie sie vorliegen, als die Evangelien selber
verstanden werden.
Nun kommen aber dann, wenn man nun nicht gerade Gnostiker
ist, sondern aus der modernen Geisteswissenschaft heraus den Chri-
sms wiederfindet, die Theologen und sagen: Da wird die Gnosis wie-
der aufgewarmt - die Gnosis, die sie allerdings nicht kennen, denn
sie konnen sie ja nicht kennen aus irgendwelchen auflerlichen Din-
gen. Aber «die Gnosis aufwarmen» ist es doch, und das darf man
nicht, denn aus der wird ja das Christentum verfalscht. Das ist auch
eine Divergenz zwischen Ost und West. Derjenige, der im Osten das
Neue Testament studiert, der findet, man mu!5 in die ersten Jahrhun-
derte zuruckgehen. Wenn den Theologen von der Gegenwart etwas,
das als die Christus-Schilderung in der heutigen Anthroposophie
auftritt, so aussieht, als wenn sie an die ihnen unbekannte Gnosis
anklange, dann sagen sie: Der will die Gnosis wiederum aufwarmen,
das darf nicht sein, dadurch wird das Christentum verfalscht.
Ja, das Urteil des Inders lautet doch ganz merkwiirdig. Dieser
Ramanathan sagt eigentlich: Das, was die Europaer jetzt ihr Chri-
stentum nennen, das ist verfalscht. Die Europaer sagen: Der Ra-
manathan verfalscht uns unser Christentum. Der Ramanathan aber
kommt der richtigen Anschauung, allerdings mit seinem dekadenten
Anschauen, ziemlich nahe. Das Richtige ist immer eine Verfalschung
des Falschen. Es kommt nur darauf an, dafi man diese Dinge bei dem
richtigen Namen nennt. Das Richtige ist immer eine Verfalschung
des Falschen, denn wiirde man das Falsche nicht verfalschen, dann
wtirde man auf das Richtige nicht kommen.
So aber liegen die Dinge heute. Denken Sie nur, in welchen Ab-
grund man da hineinschaut, wenn man sich dieses Beispiel von dem
Ramanathan nimmt. Es konnte zum Beispiel also jemand sagen: Lies
doch die Evangelien unbefangen. — Es ist heute fur den Europaer
schwer, sie unbefangen zu lesen, nachdem ihm einmal die maltratier-
ten Ubersetzungen durch Jahrhunderte dargeboten sind, und er in
gewissen Vorstellungen erzogen worden ist. Es ist schwer, sie unbe-
fangen zu lesen. Wenn aber einer sie, wenn auch von seinem Stand-
punkt, unbefangen liest, dann entdeckt er in den Evangelien einen
geistigen Christus. Denn den hat der Ramanathan entdeckt in den
Evangelien, wenn er ihn auch noch nicht im anthroposophischen
Sinne sehen kann. Aber immerhin sollten die Europaer das doch
beachten, dafi ihnen dieser ceylonesische Inder den Rat gibt: Lasset
euch Prediger iiber den Christus aus Indien kommen, denn ihr habt
keine.
Bei diesen Dingen mu!5 man heute den Mut haben, hineinzu-
schauen in die Entwickelung, die in den letzten drei bis vier Jahr-
hunderten sich vollzogen hat, und nur durch diesen Mut ist es mog-
lich, wirklich aus dem ungeheuren Chaos herauszukommen, in das
die Menschheit nach und nach hineingesaust ist. Dieser Hang zur
Unklarheit triibt alle Begriffe und bewirkt zuletzt auch das soziale
Chaos. Denn dasjenige, was zwischen Menschen sich abspielt, spielt
sich eben doch aus ihren Seelen heraus ab, und es ist schon ein Zu-
sammenhang zwischen den hochsten Wahrheiten und dem Zersto-
ren der aufSeren wirtschaftlichen Verhaltnisse. Und so mufi man sich
eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren,
wenn man hinaufdringen will in das Weltenall.
In dem gestrigen Vortrage wollte ich Ihnen ein Beispiel geben da-
von, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwartige Geistes-
leben und wie die Dinge im gegenwartigen Geistesleben stehen. Eine
Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es nur dann, wenn
man in den Kosmos hinauskommt.
DIE GEISTIGEN IND I VID UALITATEN
UNSERES PLANETENSYSTEMS -
S CHICKS ALB ESTIMMENDE
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN
Dritter Vortrag
Dornach, 29. Juli 1923*
Der Mensch wechselt wahrend seines irdischen Daseins in den Be-
wufkseinszustanden, die wir ja auch in diesen Tagen schon von
manchen Gesichtspunkten aus betrachtet haben, zwischen den Zu-
standen des volligen Wachens, des Schlafens und des Traumens. Und
ich habe ja gerade bei dem kieinen Vortragszyklus wahrend der
Delegiertenversammlung die ganze Bedeutung des Traumens aus-
einanderzusetzen versucht. Wir wollen uns heute einmal zunachst
die Frage vorlegen: Gehort es zum Wesentlichen des Menschen, als
irdisches Wesen in diesen drei Bewulkseinszustanden zu leben?
Wir miissen uns klar sein dariiber, daft innerhalb des irdischen
Daseins nur der Mensch in diesen drei Bewulkseinszustanden lebt.
Das Tier lebt ja in einem wesentlich anderen Wechsel. Jenen tiefen
traumlosen Schlaf, den der Mensch die grofite Zeit hindurch hat zwi-
schen dem Einschlafen und Aufwachen, hat das Tier nicht, dagegen
hat auch das Tier nicht das vollstandige Wachsein, das der Mensch
hat zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Der tierische Wach-
zustand ist eigentlich dem menschlichen Traumen etwas ahnlich.
Nur sind die Bewufttseinserlebnisse der hoheren Tiere bestimmter,
gesattigter, mochte ich sagen, als die fliichtigen menschlichen Trau-
me. Aber auf der andern Seite ist das Tier niemals in jenem hohen
Grade bewufitseinslos, wie der Mensch das im tiefen Schlafe ist.
Das Tier unterscheidet sich daher nicht in demselben Mafte von
seiner Umgebung wie der Mensch. Das Tier hat nicht in dieser Weise
eine Aufienwelt und Innenwelt, wie der Mensch sie hat. Das Tier
rechnet sich eigentlich, wenn wir in menschliche Sprache ubersetzen,
was als ein dumpfes Bewulksein in den hoheren Tieren lebt, mit
seinem ganzen Innenwesen zur Aufienwelt mit.
Siehe Hinweis.
45
Wenn das Tier eine Pflanze sieht, dann ist nicht zunachst fur das
Tier die Empfindung da: es ist aufien eine Pflanze, und ich bin im
Innern ein geschlossenes Wesen, sondern fur das Tier ist ein starkes
inneres Erlebnis von der Pflanze da, eine unmittelbar sprechende
Sympathie oder Antipathic Das Tier empfindet gewissermafien das-
jenige, was die Pflanze aufiert, in seinem Innern mit. Dafi in unserem
heutigen Zeitalter die Menschen so wenig beobachten konnen, was
sich nicht in ganz grober Weise der Beobachtung ergibt, dieser Urn-
stand nur ist es ja, der sie verhindert, einfach an dem Getriebe, an
dem Gehaben des Tieres schon zu sehen, dafi das so ist, wie ich es
gesagt habe.
Nur der Mensch hat dieses scharfe, deutliche Unterscheiden zwi-
schen seiner Innenwelt und der aufieren Welt. Warum anerkennt der
Mensch eine aufiere Welt? Wodurch kommt der Mensch dazu, iiber-
haupt von einer Innenwelt und von einer Aufienwelt zu sprechen?
Er kommt dadurch dazu, dafi er mit seinem Ich und mit seinem astra-
lischen Leibe jedesmal im Schlafzustand aufierhalb seines physischen
und seines Atherleibes ist, daft er sozusagen seinen physischen und
Atherleib sich selbst iiberlafit im Schlaf und bei denjenigen Dingen
ist, die Aufienwelt sind. Wir teilen ja wahrend unseres Schlafzustan-
des das Schicksal der aufieren Dinge. So wie Tische und Banke,
Baume und Wolken wahrend des Wachzustandes aufierhalb unseres
physischen und Atherleibes sind, und wir sie deshalb als Aufienwelt
bezeichnen, so sind unser eigener astralischer Korper und unser
eigenes Ich wahrend des Schlafes der Aufienwelt angehorig. Und
wenn wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe
wahrend des Schlafes der Aufienwelt angehoren, da geschieht etwas.
Um einzusehen, was da geschieht, wollen wir zunachst einmal
von dem ausgehen, was eigentlich geschieht, wenn wir in einem ganz
normalen Wachzustande der Welt gegenuberstehen. Da sind die Ge-
genstande aufier uns. Und es hat ja allmahlich das wissenschaftliche
Denken der Menschen es dahin gebracht, als sicher fur diese
physischen Dinge der Aufienwelt nur das anzuerkennen, was man
messen, wagen und zahlen kann. Der Inhalt unserer physischen
Wissenschaft wird ja bestimmt nach Gewicht, nach Mafi, nach Za hi.
Wir rechnen mit den Rechnungsoperationen, die einmal fur die
irdischen Dinge gelten, wir wagen die Dinge, wir messen sie. Und
was wir durch Gewicht, Mafi und Zahl bestimmen, das gibt eigent-
lich das Physische. Wir wiirden einen Korper nicht als einen phy-
sischen bezeichnen, wenn wir ihn nicht irgendwie mit der Waage in
seiner Realitat nachweisen konnten. Dasjenige aber, was zum Bei-
spiel Farben sind, was Tone sind, was selbst Warme- und Kalteemp-
findungen sind, was also die eigentlichen Sinneswahrnehmungen
sind, das webt so hin iiber den schweren, mefibaren, zahlbaren Din-
gen. Wenn wir irgendein physisches Ding bestimmen wollen, so ist
das, was seine eigentliche physische Wesenheit ausmacht, eben das-
jenige, was sich wagen, zahlen lafk, womit der Physiker eigentlich
bloft zu tun haben will. Von Farbe, von Ton und so weiter sagt er: Ja,
da geschieht eben drauften etwas, was auch mit Wagen oder Zahlen
zu tun hat. - Er sagt ja selbst von den Farbenerscheinungen: Da
draufien sind schwingende Bewegungen, die machen einen Eindruck
auf den Menschen, und diesen Eindruck, den bezeichnet der Mensch,
wenn das Auge ihn bestimmt, als Farbe, wenn das Ohr ihn bestimmt,
als Ton und so weiter. - Eigentlich konnte man sagen: Mit alien die-
sen Dingen - Ton, Farbe, Warme und Kalte - weift der Physiker
heute nichts anzufangen. Er betrachtet sie eben als Eigenschaften
dessen, was sich mit der Waage, mit dem Mafistab oder durch die
Rechnung bestimmen lafk. Es haften gewissermafien die Farben an
dem Physischen, es entringt sich dem Physischen der Ton, es wellt
heraus aus dem Physischen die Warme oder Kalte. Man sagt: Das-
jenige, was ein Gewicht hat, das hat die Rote, oder es ist rot.
Wenn der Mensch nun in dem Zustand zwischen Einschlafen und
Aufwachen ist, da ist es mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe
anders. Da sind die Dinge nach Mafi, Zahl und Gewicht zunachst
uberhaupt nicht da. Nach dem irdischen MaE, Zahl und Gewicht
sind die Dinge nicht da. Da haben wir nicht Dinge um uns herum,
wenn wir schlafen, die man abwiegen kann, so sonderbar es erscheint,
wir haben auch nicht Dinge um uns herum, die man zahlen kann,
oder die man messen kann unmittelbar. Einen Mafistab konnte man
nicht anwenden als Ich und als astralischer Leib im Schlafzustande.
Aber was da ist, das sind, wenn ich mich so ausdriicken darf, die
frei schwebenden, frei webenden Sinnesempfindungen. Nur dafi der
Mensch im gegenwartigen Zustand seiner Entwickelung nicht die
Fahigkeit hat, die frei schwebende Rote, die Wellen des frei weben-
den Tones und so weiter wahrzunehmen.
Will man schematisch die Sache zeichnen, so konnte man das so
machen. [Hier wird begonnen, an die Tafel zu zeichnen] Man konn-
te sagen: Hier auf Erden haben wir wagbare feste Dinge, und an
diesen wagbaren festen Dingen haftet gewissermafSen die Rote, die
Gelbe, also dasjenige, was die Sinne an den Korpern wahrnehmen.
Wenn wir schlafen, dann ist die Gelbe frei schwebendes Wesen, die
Rote ist frei schwebendes Wesen, nicht haftend an solchen Schwere-
bedingungen, sondern frei webend und schwebend. Ebenso ist es
mit dem Ton: Nicht die Glocke klingt, sondern das Klingen webt.
Und nicht wahr, wenn wir in unserer physischen Welt herumge-
hen, irgend etwas sehen, so heben wir es auf; dann ist es eigentlich
erst ein Ding, sonst konnte es auch eine Augentauschung sein. Das
Gewicht mu£ hinzukommen. Daher ist man so geneigt, etwas, was
im Physischen erscheint, ohne dafi man es als schwer empfindet -
wie die Farben des Regenbogens -, als eine Augentauschung zu be-
trachten. Wenn Sie heute ein Physikbuch aufschlagen, so ist es so,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:228 Seite:48
daft man da erklart: Das ist eine Augentauschung. - Als das eigent-
lich Reale sieht man den Regentropfen an. Und da zeichnet man
Linien hinein, die eigentlich gar nichts bedeuten fur das, was da ist,
aber die man sich so durch den Raum hin denkt; man nennt sie dann
Strahlen. Aber die Strahlen sind gar nicht da. Dann sagt man: Das
Auge projiziert sich das hinaus. - Dieses Projizieren ist ja uberhaupt
etwas, was in einer sehr sonderbaren Weise heute in der Physik an-
gewendet wird. Also ich greife die Vorstellung auf: Wir sehen einen
roten Gegenstand. Um uns zu iiberzeugen, daft es keine Augen-
tauschung ist, heben wir ihn, und er ist schwer: dadurch verbiirgt er
seine Realitat.
Derjenige, der sich nun im Ich und im astralischen Leibe aufier-
halb des physischen und des Atherleibes bewufit wird, der kommt
auch endlich darauf, daft so etwas da drinnen schon ist in diesem frei
schwebenden und frei webenden Farbigen, Tonenden; aber es ist
anders. Es ist in einem so frei schwebenden Farbigen die Tendenz, in
die Weiten der Welt hinaus sich zu entfernen; es hat eine entgegen-
gesetzte Schwere. Diese Dinge der Erde, die wollen da herunter nach
dem Mittelpunkt der Erde [Zeichnung S. 48, Pfeile abwarts], jene
[Pfeile aufwarts] wollen frei hinaus in den Weltenraum.
Und es ist auch schon so etwas ahnliches da wie ein Mafi. Man
kommt namlich darauf, wenn man irgendwo, sagen wir, eine kleine
rotliche Wolke hat [Tafel 4], und diese kleine rotliche Wolke ist mei-
netwillen eingesaumt von einem machtigen gelben Gebilde. Dann
mifk man, aber nicht mit dem Mafistab, sondern qualitativ mifk man
mit dem Roten, mit dem starker Scheinenden das schwacher schei-
Tafel 4
nende Gelbe. Und so wie Ihnen der Maftstab sagt: das sind fiinf
Meter, so sagt Ihnen hier das Rote: Wenn ich mich ausbreiten wiirde,
gehe ich funfmal in das Gelbe hinein. Ich muE mich weiten, ich mufi
machtiger werden, dann werde ich auch gelb. - So geschehen die
Messungen hier.
Noch schwieriger ist das Zahlen hier klarzumachen, weil wir beim
irdischen Zahlen ja doch zumeist nur Erbsen oder Apfel zahlen, die
gleichgultig nebeneinander liegen. Und wir haben immer das Ge-
fuhl, wenn wir aus der Eins zweie machen, es ist dieser Eins eigent-
lich ganz gleichgultig, daft noch eine Zwei neben ihr ist. Im mensch-
lichen Leben wird es ja schon anders; da ist es zuweilen so, dafi Eins
auf das Zwei angewiesen ist. Doch das geht ja auch schon in das
Geistige hinein. Aber bei der eigentlichen physischen Mathematik
ist es immer den Einheiten gleichgultig, was sich zu ihnen gesellt.
Das ist hier nicht der Fall.
Wenn hier irgendwo eine Eins ist von einer bestimmten Art, so
fordert das irgendwelche, sagen wir, drei oder fiinf andere, je nach-
Tafei 3 dem es ist [Zeichnung S. 48, rote Punkte und Ringlein]. Das hat im-
mer inneren Bezug zu den anderen, da ist die Zahl eine Realitat. Und
wenn ein Bewufitsein anfangt dariiber, wie es ist, wenn man mit dem
Ich und mit dem astralischen Leib da drauften ist, dann kommt man
schon auch dahin, etwas wie Mafi, Zahl und Gewicht zu bestimmen,
aber nach entgegengesetzter Art.
Und dann, wenn einem das Schauen und Horen da draufien nicht
mehr ein blofies Schwimmeln und Schwummeln von Rot und Gelb
und Tonen ist, sondern wenn man anfangt, auch da drinnen die
Dinge so geordnet zu empfinden, dann beginnt das Wahrnehmen
der geistigen Wesenheiten, die sich in diesen frei schwebenden Sin-
nesempfindungen verwirklichen, realisieren. Dann kommen wir hin-
ein in die positive geistige Welt, in das Leben und Treiben der geisti-
gen Wesenheiten. Wie wir hier auf Erden hineinkommen ins Leben
und Treiben der irdischen Dinge, indem wir sie mit der Waage, mit
dem Mafistab, mit unserer Rechnerei bestimmen, so kommen wir
dadurch, daft wir uns aneignen das bloft qualitative, entgegengesetz-
te Schwersein, das heifk mit Leichtigkeit sich ausdehnen wollen im
Weltenraum, das Messen von Farbe durch Farbe und so weiter,
hinein in das Erfassen von geistigen Wesenheiten. Solche geistigen
Wesenheiten durchsetzen nun auch alles das, was drauften in den
Reichen der Natur ist.
Mit dem wachen Bewufitsein sieht der Mensch nur die Aufien-
seite der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere. Aber bei dem, was in
alien diesen Wesen der Naturreiche lebt als Geistiges, bei dem ist
der Mensch, wenn er schlaft. Und wenn er dann beim Aufwachen
wiederum in sich zuriickgeht, dann behalten sein Ich und sein astra-
lischer Leib gewissermaften die Neigung, die Affinitat zu den
aufieren Dingen und veranlassen den Menschen, daft er eine
Aufienwelt anerkennt. Wenn der Mensch eine Organisation hatte,
die nicht zum Schlaf eingerichtet ware, so wiirde er nicht eine
Auftenwelt anerkennen. Es kommt natiirlich nicht darauf an, daft
einer an Schlaflosigkeit leidet. Denn ich sage nicht, wenn der
Mensch nicht schlaft, sondern wenn der Mensch nicht eine Orga-
nisation hatte, die zum Schlafen eingerichtet ware. Es handelt sich
um das Eingerichtetsein zu etwas. Daher wird ja auch der Mensch
krank, wenn er an Schlaflosigkeit leidet, weil das eben seiner We-
senheit nicht angepaftt ist. Aber die Dinge sind eben so: Gerade
dadurch, daft der Mensch schlafend verweilt bei dem, was in der
Auftenwelt ist, bei dem, was er dann wachend seine Auftenwelt
nennt, dadurch kommt er auch zu einer Auftenwelt, zu einer An-
schauung von der Auftenwelt.
Dieses Verhaltnis des Menschen zum Schlaf, das gibt den irdi-
schen Wahrheitsbegriff. Inwiefern? Nun, wir nennen es Wahrheit,
wenn wir im Innern ein Aufteres richtig nachbilden konnen, wenn
wir ein Aufteres richtig im Innern erleben. Dazu aber bedurfen wir
der Einrichtung des Schlafes. Wir wiirden gar keinen Wahrheitsbe-
griff haben, wenn wir nicht die Einrichtung des Schlafens hatten. So
daft wir sagen konnen: Dem Schlaf zustand verdanken wir die Wahr- Tafel 4
heit. Wir miissen, um uns der Wahrheit der Dinge hinzugeben, mit
den Dingen auch unser Dasein in einer gewissen Zeit verbringen.
Die Dinge sagen uns von sich nur dadurch etwas, daft wir wahrend
des Schlafens mit unserer Seele bei ihnen sind.
Anders ist es mit dem Traumzustand. Der Traum ist ja, wie ich
Ihnen in dem kleinen Zyklus wahrend der Delegiertenversammlung
ausgefuhrt habe, verwandt mit der Erinnerung, mit dem inneren
Seelenleben, mit dem, was ja vorzugsweise in der Erinnerung lebt.
Wenn der Traum frei schwebende Ton-Farbenwelt ist, so sind wir
noch halb draufien aus unserem Leibe. Wenn wir ganz untertauchen,
dann werden dieselben Krafte, die wir webend-lebend im Traume
entfalten, Erinnerungskrafte. Da unterscheiden wir uns nicht mehr
in derselben Weise von der Auftenwelt. Da fallt unser Inneres zu-
sammen mit der Aufienwelt, da leben wir mit unseren Sympathien
und Antipathien so stark in der Aufienwelt, dafi wir nicht die Dinge
als sympathiser! oder antipathisch empfinden, sondern dafi die Sym-
pathien und Antipathien selber sich bildhaftig zeigen.
Hatten wir nicht die Moglichkeit zu traumen und die Fortset-
zung dieser Traumeskraft in unserem Innern, so hatten wir keine
Schonheit. Daft wir iiberhaupt Anlagen fur die Schonheit haben, das
beruht darauf, daft wir traumen konnen. Fiir das prosaische Dasein
miissen wir sagen: Wir verdanken es der Traumeskraft, daft wir eine
Erinnerung haben; fiir das kunstlerische Dasein des Menschen ver-
TafeU danken wir der Traumeskraft die Schonheit. Also: Traumzustand
hangt zusammen mit der Schonheit. Die Art, wie wir ein Schones
empfinden und ein Schones schaffen, ist namlich sehr ahnlich der
webenden wirkenden Kraft des Traumens.
Wir verhalten uns beim Erleben des Schonen, beim Schaffen des
Schonen - nur eben unter Anwendung unseres physischen Leibes -
ahnlich, wie wir uns verhalten aufter unserem physischen Leibe, oder
halb verbunden mit unserem physischen Leibe, beim Traumen. Es
ist eigentlich zwischen dem Traumen und dem Leben in Schonheit
nur ein kleiner Ruck. Und nur weil in der heutigen materialistischen
Zeit die Menschen so grob veranlagt sind, daft sie diesen Ruck nicht
bemerken, ist so wenig Bewufttsein vorhanden von der ganzen Be-
deutung der Schonheit. Man mufi im Traume sich dem notwendig
hingeben, um dieses Freischweben und -weben zu erleben. Wah-
rend dann, wenn man sich der Freiheit, dem innern Willkiirgebaren
hingibt, also nach dem Ruck lebt, man nicht mehr die Empfindung
hat, da$ es dasselbe ist wie das Traumen, da es nur unter Anwen-
dung der Krafte des physischen Leibes eben dasselbe ist.
Die heutigen Menschen werden lange nachdenken, was man in
alter en Zeiten gemeint hat, wenn man « Chaos » gesagt hat [es wird
das Wort «Chaos» an die Tafel geschrieben] . Es gibt die mannigfal- Tafd4
tigsten Definitionen von Chaos. In Wirklichkeit kann das Chaos nur
so charakterisiert werden, dafi man sagt: Wenn der Mensch in einen
Bewufkseinszustand kommt, wo das Erleben der Schwere, des irdi-
schen Mafies, gerade aufhort, und die Dinge anfangen, halb leicht zu
werden, aber noch nicht hinaus wollen in das Weltenall, sondern
noch sich in der Horizontale, im Gleichgewicht erhalten, wenn die
festen Grenzen verschweben, wenn also noch mit dem physischen
Leib, aber schon mit der Seelenkonstitution des Traumens das we-
bende Unbestimmte der Welt geschaut wird, dann schaut man das
Chaos. Und der Traum ist blo$ das schattenhafte Heranschweben
des Chaos an den Menschen.
In Griechenland noch hatte man die Empfindung: Schon machen
kann man eigentlich die physische Welt nicht. Die physische Welt ist
halt Naturnotwendigkeit, sie ist, wie sie ist. Schon machen kann man
nur dasjenige, was chaotisch ist. Wenn man das Chaos in den Kos-
mos wandelt, dann entsteht die Schonheit. Daher sind Chaos und
Kosmos Wechselbegriffe. Man kann den Kosmos - das bedeutet
eigentlich die schone Welt - nicht aus den irdischen Dingen herstel-
len, sondern nur aus dem Chaos, indem man das Chaos formt, Und
dasjenige, was man mit irdischen Dingen macht, ist blofi ein Nach-
ahmen im Stoffe des geformten Chaos.
Das ist so bei allem Kunstlerischen der Fall. Von diesem Verhalt-
nis des Chaos zum Kosmos hatte man in Griechenland, wo die
Mysterienkultur noch einen gewissen Einfluft hatte, noch eine sehr
lebhafte Vorstellung.
Wenn man aber in alien diesen Welten herumkommt - in der Welt,
in welcher der Mensch unbewufk ist, wenn er im Schlafzustande ist,
in der Welt, in welcher der Mensch halbbewufit ist, wenn er im
Traumzustand ist -, wenn man da iiberall herumwandelt: das Gute
findet man nicht. Diese Wesenheiten, die da drinnen sind, sie sind
vom Urbeginne ihres Lebenslaufes weisheitsvoll vorherbestimmt.
Man findet in ihnen waltende, webende Weisheit, man findet in
ihnen Schonheit. Aber es hat keinen Sinn, wenn es sich darum han-
delt, diese Wesenheiten, die wir als Erdenmensch erreichen, kennen-
zulernen, von Giite bei ihnen zu sprechen. Von Giite konnen wir
erst sprechen, wenn der Unterschied da ist zwischen Innen- und
Aufienwelt, so dafi das Gute der geistigen Welt folgen kann oder
nicht folgen kann.
So wie der Schlafzustand der Wahrheit, der Traumzustand der
Schonheit, so ist der Wachzustand der Giite, dem Guten zugeteilt
[es wird an die Tafel geschrieben].
TafeH Schlafzustand: Wahrheit
Traumzustand: Schonheit
Wachzustand: Giite
Das aber widerspricht nicht dem, was ich in diesen Tagen gesagt
habe, dafi, wenn man das Irdische verlafit und hinauskommt in den
Kosmos, man veranlafit ist, auch die irdischen Begriffe fallenzulas-
sen, um von moralischer Weltenordnung zu sprechen. Denn die mo-
ralische Weltenordnung, die ist im Geistigen ebenso vorherbestimmt,
notwendig vorherbestimmt, wie hier auf Erden die Kausalitat. Nur
ist sie eben dort geistig: die Vorbestimmung, das In-sich-bestimmt-
Sein. Also da ist kein Widerspruch.
Aber fur die menschliche Natur miissen wir uns klar sein: Wollen
wir die Idee der Wahrheit haben, dann miissen wir uns an den Schlaf-
zustand wenden, wollen wir die Idee der Schonheit haben, dann
miissen wir uns an den Traumzustand wenden, wollen wir die Idee
der Giite haben, dann miissen wir uns an den Wachzustand wenden.
Der Mensch hat also, wenn er wach ist, nicht eine Bestimmung zu
seinem physischen und atherischen Organismus nach der Wahrheit,
sondern die Bestimmung nach der Giite. Da miissen wir also erst
recht auf die Idee der Giite kommen.
Nun frage ich Sie: Was erstrebt denn die Wissenschaft der Gegen-
wart, wenn sie den Menschen erklaren will? Sie will ja nicht aufstei-
gen, indem sie den wachen Menschen erklaren will, von der Wahr-
heit durch die Schonheit zur Giite, sie will ja alles nach einer aufieren
kausalen Notwendigkeit, die nur der Idee der Wahrheit entspricht,
erklaren. Da kommt man gar nicht zu dem, was im Menschen wa-
chend webt und lebt, da kommt man nur zu dem, was der schlafende
Mensch hochstens ist. Wenn Sie daher heute Anthropologien lesen
und es mit wachem Auge tun, wach fiir die Seeleneigentumlich-
keiten und Krafte der Welt, dann bekommen Sie folgenden Eindruck.
Sie sagen sich: Das ist ja alles recht schon, was uns da erzahlt wird
von der heutigen Wissenschaft iiber den Menschen. Aber wie ist
denn dieser Mensch eigentlich, von dem uns diese Wissenschaft er-
zahlt? Er liegt fortwahrend im Bett. Er kann namlich nicht gehen.
Bewegen kann er sich nicht. Die Bewegung zum Beispiel wird ab-
solut gar nicht erklart. Er liegt fortwahrend im Bett.
Der Mensch, den die Wissenschaft erklart, der kann nur als ein im
Bett liegender Mensch erklart werden. Es geht gar nicht anders. Die
Wissenschaft erklart nur den schlafenden Menschen. Wenn man ihn
in Bewegung bringen will, dann miifite man das mechanisch tun.
Deshalb ist sie auch ein wissenschaftlicher Mechanismus. Da mufi
man in diesen schlafenden Menschen eine Maschinerie hineinbrin-
gen, die diesen Plumpsack, wenn er aufstehen soli, in Schwung bringt
und abends wiederum in das Bett legt.
Also diese Wissenschaft sagt uns liberhaupt nichts vom Menschen,
der da herumgeht in der Welt, der da webt und lebt, der da wacht.
Denn was ihn in Bewegung setzt, das ist enthalten in der Idee der
Giite, nicht in der Idee der Wahrheit, die wir von den aufieren Din-
gen zunachst gewinnen. Das ist etwas, was ziemlich wenig bedacht
wird. Man hat das Gefuhl, wenn einem der heutige Physiologe oder
der heutige Anatom den Menschen beschreibt, dafi man gerne sagen
mochte: Wach auf, wach auf, du schlafst ja, du schlafst! - Die Leute
gewohnen sich unter dem Einflufi dieser Weltanschauung eben den
Schlafzustand an. Und was ich immer charakterisieren mufke: dafi
eigentlich die Menschen alles Mogliche verschlafen, das ist, weil sie
von der Wissenschaft besessen sind. Heute ist ja - weil die popularen
Zeitschriften alles liberall hinaustragen - auch schon der Ungebil-
dete von der Wissenschaft besessen. Es hat nie so viel Besessene ge-
geben als heute, sie sind von der Wissenschaft besessen. Es ist ganz
eigentiimlich, wie man reden mufi, wenn man die realen Verhaltnisse
der heutigen Zeit zu schildern hat. Man mufi in ganz andere Tone
verfallen als diejenigen, die heute gang und gabe sind.
So ist es ja auch, wenn nun der Mensch ein wenig von den Mate-
rialisten in die Umgebung hineingestellt wird. Als die materialisti-
sche Hochflut war, da haben die Leute solche Biicher geschrieben,
wie zum Beispiel eines, das austonte in einem bestimmten Kapitel, in
dem es heifit: Der Mensch ist eigentlich an sich nichts. Er ist das
Ergebnis des Sauerstoffes der Luft, er ist das Ergebnis des Kalte-
grades oder des Warmegrades, unter dem er ist. Er ist eigentlich - so
endet pathetisch diese materialistische Schilderung - ein Ergebnis
jedes Zuges der Luft.
Geht man auf eine solche Beschreibung ein und stellt man sich
den Menschen vor, der das wirklich ist, was der materialistische
Forscher da beschreibt, dann ist es namlich im hochsten Grade ein
Neurastheniker. Die Materialisten haben nie andere Menschen be-
schrieben. Wenn sie schon nicht bemerkten, dafi sie eigentlich den
Menschen schlafend schilderten, wenn sie sozusagen aus der Rolle
gefallen sind und weitergehen wollten, haben sie nie andere Men-
schen beschrieben als hochgradige Neurastheniker, die schon am
nachsten Tag sterben miissen vor lauter Neurasthenie, die gar nicht
leben konnen. Denn den lebendigen Menschen hat eben diese Epo-
che der Wissenschaft niemals ergriffen.
Da liegen die grofien Aufgaben, welche die Menschen aus den
Zustanden der Gegenwart wiederum herausfuhren miissen in solche
Zustande, unter denen das weitere Leben der Weltgeschichte einzig
und allein moglich ist. Was gebraucht wird, das ist ein Eindringen in
die Geistigkeit. Es mufi der andere Pol gefunden werden zu dem,
was erlangt worden ist. Was ist denn eigentlich erlangt worden ge-
rade im Laufe des fur die materialistische Weltanschauung gloriosen
19. Jahrhunderts ? Was ist denn erlangt worden?
In einer wunderbaren Weise - es kann ganz aufrichtig und ehrlich
gesagt werden - ist es gelungen, die aufiere Welt nach Mafi, Zahl und
Gewicht zu bestimmen als irdische Welt. Darin hat das 19. Jahrhun-
dert und der Beginn des 20. Jahrhunderts Grofiartiges, Gewaltiges
geleistet. Aber die Sinnesempfindungen, die Farben, die Tone, die
flattern so herum im Unbestimmten. Die Physiker haben ja ganz
aufgehort, von Farben und Tonen zu reden; sie reden von Luft-
schwingungen und Atherschwingungen, die sind ja nicht Farben und
auch nicht Tone. Die Luftschwingungen sind doch keine Tone, son-
dern sie sind hochstens das Medium, auf dem die Tone sich fort-
pflanzen. Und es ist gar keine Erfassung da von dem, was die Sinnes-
qualitaten sind. Dazu mull man erst wiederum kommen. Eigentlich
sieht man heute nur, was mit der Waage, mit dem Mafistab, mit der
Rechnung sich bestimmen lafk. Das andere ist einem entschwebt.
Und wenn nun die Relativitatstheorie auch die Ihnen gestern be-
schriebene grandiose Unordnung hineinbringt in das, was sich mes-
sen, wagen, zahlen lafk, dann zerkliiftet sich alles, dann geht alles
auseinander. Aber schliefilich, an gewissen Grenzen scheitert schon
diese Relativitatstheorie. Nicht gegeniiber den Begriffen - mit den
irdischen Begriffen entkommt man der Relativitatstheorie nicht; das
habe ich an einem andern Orte schon einmal auseinandergesetzt -,
aber mit der Realitat entkommt man immer den Relativitatsbegrif-
fen. Denn was sich messen, zahlen, wagen lalk, das geht durch Maft,
Zahl und Gewicht ganz bestimmte Beziehungen ein in der aufteren
sinnlichen Wirklichkeit.
Es war in Stuttgart, da hat einmal ein Physiker, oder eine Reihe
von Physikern Anstofi genommen an der Behandlung der Relativi-
tatstheorie von seiten der Anthroposophen. Dann hat er in einer Dis-
kussion das einfache Experiment vorgefiihrt, dafi es eigentlich ganz
gleichgiiltig ist, ob ich hier die Ziindholzschachtel habe und mit dem
Ziindholz dariiber streiche: es brennt; oder ob ich das Zundholz fest-
halte und mit der Schachtel dariiber streiche: dann brennt es auch.
Es ist relativ.
Gewift, hier ist es noch relativ. Und in bezug auf alles, was auf
einen Newtonschen Raum bezogen wird, oder auf einen Euklidi-
schen Raum, ist das alles relativ. Aber sobald jene Realitat in Be-
tracht kommt, die als Schwere, als Gewicht auftritt, da geht es nicht
mehr so leicht, wie der Einstein es sich vorgestellt hat, denn da treten
dann reale Verhaltnisse auf. Man mufi da wirklich wiederum para-
dox reden. Die Relativitat laftt sich eben dann geltend machen, wenn
man die ganze Wirklichkeit mit Mathematik und Geometrie und Me-
chanik verwechselt. Aber wenn man auf die wahre Wirklichkeit ein-
geht, dann geht das nicht mehr. Denn es ist ja schlieftlich doch nicht
blofi relativ, ob man den Kalbsbraten iftt, oder ob der Kalbsbraten
einen ilk! Mit der Ziindholzschachtel laftt sich das machen, hin- und
herzufahren, aber den Kalbsbraten mu(5 man essen, man kann sich
nicht von dem Kalbsbraten aufessen lassen. Es sind eben da Dinge,
die diesen Relativitatsbegriffen Grenzen setzen. Diese Dinge sind
so, daft wenn sie nun nach auften erzahlt werden, man sagen wird:
Da ist nicht das geringste Verstandnis fur diese ernste Theorie. -
Aber die Logik ist doch schon so, wie ich sie sage: Es ist nicht an-
ders, ich kann es nicht anders machen.
Also es handelt sich darum, zu sehen, wie man durch die Bertick-
sichtigung des Gewichtes - also dessen, was eigentlich die phy-
sischen Korper macht -, wie man da in der Wirklichkeit, mochte ich
sagen, Farben, Tone und so weiter nirgendwo unterbringt. Aber mit
dieser Tendenz entfallt einem etwas aufterordentlich Wichtiges. Es
entfallt einem namlich das Kunstlerische. Indem wir immer phy-
sikalischer und physikalischer werden, nimmt das Kunstlerische von
uns Abschied. Kein Mensch wird heute in dem, was die Physik-
biicher schildern, noch eine Spur von Kunst finden. Da ist nichts
mehr von Kunst, da mufi alles, alles heraus. Es ist ja schauderhaft,
heute iiberhaupt ein Physikbuch zu studieren, wenn man noch eine
Spur von Schonheitsgefuhl hat. Dadurch, daft alles, woraus die
Schonheit gewoben wird, aus Farbe und Ton, dadurch, daft das alles
vogelfrei wird, daft es nur anerkannt wird, wenn es an den schweren
Dingen haftet, gerade dadurch entfallt den Menschen die Kunst.
Heute entfallt sie einem. Und je physischer die Menschen werden,
desto unkiinstlerischer werden sie! Denken Sie doch einmal: Wir
haben eine groftartige Physik. Dazu bedarf es wahrhaftig nicht des
Zurechtweisens der Gegner, daft man auf anthroposophischem
Felde sagt: Wir haben eine groftartige Physik. Aber die Physik lebt
von der Verleugnung des Kiinstlerischen. Sie lebt in jedem Einzel-
nen von der Verleugnung des Kiinstlerischen, denn sie ist angelangt
bei einer Art, die Welt zu behandeln, bei der sich der Kiinstler gar
nicht mehr kiimmert um den Physiker.
Ich glaube zum Beispiel nicht, daft der Musiker heute groften Wert
darauf legt, die physikalischen Theorien der Akustik zu studieren.
Das ist ihm zu langweilig, es kiimmert ihn nicht. Der Maler wird
auch nicht gern diese schreckliche Farbenlehre, die in der Physik
enthalten ist, studieren. Er wendet sich in der Regel, wenn er sich
liberhaupt um Farben kiimmert, noch zur Goetheschen Farben-
lehre. Aber die ist ja falsch nach der Ansicht der Physiker. Die Phy-
siker driicken ein Auge zu und sagen: Nun ja, das ist ja nicht so
wesentlich, ob der Maler eine richtige oder eine falsche Farbenlehre
hat. - Es ist eben so, daft unter der physikalischen Weltanschauung
von heute die Kunst zugrunde gehen mufi. Nun miissen wir uns die
Frage vorlegen: Warum war denn in alteren Zeiten eine Kunst da?
Wenn wir in ganz alte Zeiten zuriickgehen, in die Zeiten, in denen
die Menschen noch ein urspriingliches Hellsehen hatten, da war es
so, daft namlich die Menschen nicht so viel merkten von Maft, Zahl
und Gewicht in den irdischen Dingen. Es kam ihnen gar nicht so
sehr auf Maft, Zahl und Gewicht an, sie gaben sich mehr den Farben,
den Tonen der irdischen Dinge hin.
Denken Sie doch nur einmal, daft ja die Chemie erst seit Lavoisier
mit dem Gewicht rechnet; das ist etwas mehr als hundert Jahre! Das
Gewicht wurde ja erst angewendet auf eine Weltanschauung am
Ende des 18. Jahrhunderts. Es war eben bei der alteren Menschheit
das Bewufttsein nicht vorhanden, daft alles nach irdischem Maft, Zahl
und Gewicht bestimmt werden muft. Man war mit seinem Gemiite
hingegeben dem Farbenteppich der Welt, den Tonwebungen und
-wellungen; nicht den Luftschwingungen, sondern den Tonwellun-
gen und -webungen, denen war man hingegeben. Man lebte darin,
auch indem man in der physischen Welt lebte.
Aber welche Moglichkeit hatte man denn dadurch, daft man in
diesem schwerefreien sinnlichen Wahrnehmen lebte? Dadurch hatte
man die Moglichkeit, wenn man zum Beispiel an den Menschen her-
ankam, den Menschen gar nicht so zu sehen, wie man ihn heute sieht,
sondern man sah sich den Menschen an wie ein Ergebnis des ganzen
Weltenalls. Der Mensch war mehr ein Zusammenfluft des Kosmos.
Er war mehr ein Mikrokosmos als dasjenige, was innerhalb seiner
Haut da auf diesem kleinen Fleck Erde steht, wo der Mensch stent.
Man dachte sich im Menschen mehr ein Abbild der Welt. Da flossen
die Farben von alien Seiten so zusammen, gaben dem Menschen die
Farben. Die Weltenharmonie war da, durchtonte den Menschen, gab
dem Menschen die Gestalt.
Und von der Art und Weise, wie alte Mysterienlehrer zu ihren
Schiilern sprachen, kann ja die Menschheit heute kaum etwas verste-
hen. Denn wenn heute ein Mensch das menschliche Herz erklaren
will, so nimmt er einen Embryo und sieht, wie da die Blutgefafie sich
aussacken, und wie da ein Schlauch zunachst entsteht und dann das
Herz sich allmahlich formt. Ja, so haben die alten Mysterienlehrer
zu ihren Schiilern nicht gesagt! Das hatte ihnen nicht viel wichtiger
geschienen, als wenn man sich einen Strumpf strickt, weil ja schliefi-
lich der Vorgang so ganz ahnlich ausschaut. Dagegen haben sie et-
was anderes als ein ungeheuer Wichtiges hervorgehoben. Sie haben
gesagt: Das menschliche Herz ist ein Ergebnis des Goldes, das im
4
Lichte iiberall lebt, und das von dem Weltenall hereinstromt und
eigentlich das menschliche Herz bildet. Sie haben die Vorstellungen
gehabt: Da webt durch das Weltenall das Licht, und das Licht tragt
das Gold [siehe Zeichnung]. Uberall im Lichte ist das Gold, das Gold
webt und lebt im Lichte. Und wenn der Mensch im irdischen Leben
stent, dann ist sein Herz - Sie wissen ja, nach sieben Jahren andert es
sich - nicht aus den Gurken und aus dem Salat und aus dem Kalbs-
braten aufgebaut, die der Mensch inzwischen gegessen hat, sondern
da wufiten diese alten Lehrer: das ist aus dem Golde des Lichtes
aufgebaut. Und die Gurken und der Salat, die sind nur die Anregung
dazu, dafi das im Lichte webende Gold vom ganzen Weltenall das
Herz aufbaut.
Ja, die Leute haben anders geredet, und man mufi sich dieses
Gegensatzes bewufk werden, denn man mufi ja wieder lernen, so zu
reden, nur eben auf einer anderen Bewufkseinsstufe. Dasjenige, was
zum Beispiel auf dem Gebiete der Malerei einmal da war, was dann
verschwunden ist, wo man noch aus dem Weltenall heraus gemalt
hat, weil man noch nicht die Schwere hatte, das hat seine letzte Spur
zuriickgelassen - sagen wir zum Beispiel bei Cimabue und nament-
lich bei der Ikonenmalerei der Russen. Die Ikone ist noch aus der
Auftenwelt, aus dem Makrokosmos gemalt; sie ist gewissermafien
ein Ausschnitt aus dem Makrokosmos. Dann aber war man einmal
bei der Sackgasse angelangt. Da konnte man nicht weiter, weil ein-
fach fur die Menschheit diese Anschauung nicht mehr da ist. Hatte
man malen wollen die Ikone mit innerem Anteil, nicht blofi aus der
Tradition und aus dem Gebet heraus, dann hatte man wissen
miissen, wie man das Gold behandelt. Die Behandlung des Goldes
auf dem Bilde, das war ja eines der grolken Geheimnisse der alten
Malerei. Heraufzubringen dasjenige, was am Menschen gestaltet ist,
aus dem Hintergrunde des Goldes, das war die alte Malerei.
Es liegt ein ungeheurer Abgrund zwischen Cimabue und Giotto.
Denn Giotto begann bereits mit dem, was dann Raffael auf besonde-
re Hohe gebracht hat. Cimabue hatte es noch durch Tradition, Giot-
to wurde schon halber Naturalist. Er merkte: Die Tradition wird
nicht mehr innerlich in der Seele lebendig. Jetzt muft man den phy-
sischen Menschen nehmen, jetzt hat man nicht mehr das Weltenall.
Man kann nicht mehr aus dem Golde heraus malen, man mufi aus
dem Fleische heraus malen.
Das ist endlich so weit gekommen, dafi ja schliefilich die Malerei
zu dem iibergegangen ist, was sie im 19. Jahrhundert vielfach gehabt
hat. Die Ikonen, die haben ja gar keine Schwere, die Ikonen sind
«hereingescheint» aus der Welt; die haben ja keine Schwere. Man
kann sie nur heute nicht mehr malen, aber wenn man sie in urspriing-
licher Gestalt make, hatten sie iiberhaupt kein Gewicht.
Giotto fing zuerst an, die Dinge so zu malen, daft sie Gewicht
haben. Daraus wurde dann, daft alles, was man malt, auch auf dem
Bilde Gewicht hat, und man streicht es dann von aufien an; so daft
sich die Farben zu dem verhalten, was gemalt ist, wie der Physiker
erklart, daft die Farbe da an der Oberflache durch irgendeine beson-
dere Wellenschwingung entsteht. Es hat die Kunst schlieftlich auch
mit dem Gewichte gerechnet. Nur fing Giotto das in asthetisch-
kiinstlerischer Weise an, und Raffael brachte es dann auf die hochste
Hohe.
So daft man sagen kann: Da ist das Weltenall gewichen aus dem
Menschen, und der schwere Mensch wurde dasjenige, was man jetzt
nur noch sehen konnte. Und weil noch die Gefuhle der alten Zeit da
waren, so wurde sozusagen das Fleisch moglichst wenig schwer, aber
es wurde schwer. Und da entstand die Madonna als Gegensatz der
Ikone: die Ikone, die kein Gewicht hat, die Madonna, die ja Gewicht
hat, wenn sie auch schon ist. Die Schonheit hat sich noch erhalten.
Aber Ikonen sind iiberhaupt nicht mehr malbar, weil der Mensch sie
nicht erlebt. Und es ist eine Unwahrheit, wenn die Menschen heute
glauben, daft sie Ikonen erleben. Daher auch die Ikonenkultur eben
in eine gewisse sentimentale Unwahrheit eingetaucht war. Das ist
eine Sackgasse in der Kunst, das wird schematisch, das wird tradi-
tionell.
Die Malerei Raffaels, die Malerei, die sich eigentlich auf dem auf-
baut, was Giotto aus dem Cimabue gemacht hat, diese Malerei, die
kann nur so lange Kunst bleiben, solange noch der alte Glanz der
Schonheit auf sie strahlt. Gewissermaften waren es die sonnigen Re-
naissancemaler, die noch etwas empfunden haben von dem im Lichte
webenden Gold und wenigstens ihren Bildern den Glanz gaben, mit
dem im Lichte webenden Gold sie von auften uberstrahlen lieften.
Aber das horte auf. Und so ist der Naturalismus geworden. Und
so sitzt heute die Menschheit kiinstlerisch zwischen zwei Stiihlen
auf der Erde, zwischen der Ikone und der Madonna, und ist darauf
angewiesen, dasjenige zu entdecken, was die reine webende Farbe,
der reine webende Ton ist, mit ihrem entgegengesetzten Gewicht,
entgegengesetzt der Meftbarkeit, der wagbaren Zahlbarkeit. Wir
miissen lernen, aus der Farbe heraus zu malen. Treffen wir das heute
versuchsweise auch noch so anfanglich und schlecht, es ist unsere
Aufgabe, aus der Farbe Heraus zu malen, die Farbe selber zu erleben,
losgelost von der Schwere die Farbe selber zu erleben. In diesen
Dingen mufi man bewuftt, auch kunstlerisch bewuftt, vorgehen
konnen.
Und wenn Sie sich ansehen, was erstrebt wurde in den einfachen
Versuchen unserer Programme, dann werden Sie sehen: da ist, wenn
es auch nur ein Anfang ist, eben doch der Anfang gemacht, die Far-
ben loszubekommen von der Schwere, die Farbe als ein in sich selbst
tragendes Element zu erleben, zum Sprechen zu bringen die Farben.
Wenn das gehngt, dann wird gegeniiber der unkunstlerischen phy-
sikalischen Weltanschauung, die alle Kunst ausdampf en laftt, aus dem
freien Elemente der Farbe, des Tones eine Kunst geschaffen, die
wiederum frei ist von Schwere.
Ja, wir sitzen auch zwischen zwei Stiihlen, zwischen der Ikone
und der Madonna, aber wir miissen aufstehen. Dazu hilft uns die
physische Wissenschaft nicht. Ich habe Ihnen gesagt: Man muft ja
immer liegenbleiben, wenn man nur die physische Wissenschaft an-
wendet auf den Menschen. Nun miissen wir aber aufstehen! Dazu
brauchen wir wirklich Geisteswissenschaft. Die enthalt das Lebens-
element, das uns hintragt von der Schwere zur schwerelosen Farbe,
zur Realitat der Farbe, von dem Gebundensein selbst schon im
musikalischen Naturalismus zu der freien musikalischen Kunst und
so weiter.
Auf alien Gebieten sehen wir, wie es sich handelt um ein Sich-
Aufraffen, um ein Erwachen der Menschheit. Das ist es, daft wir auf-
nehmen sollten diesen Impuls zum Erwachen, zum Hinausschauen,
zum Erblicken dessen, was ist und was nicht ist, und wo iiberall die
Aufforderungen liegen, weiter vorzuschreiten. Deshalb war es, daft
ich eigentlich jetzt vor dieser Sommerpause, die durch die englische
Reise bedingt ist, wollen mufke, sowohl bei der Delegiertenver-
sammlung wie jetzt in diesen Tagen, gerade mit solchen Betrachtun-
gen abzuschliefien, wie ich sie Ihnen gebracht habe. Diese Dinge
gehen schon an den Nerv unserer Zeit. Und das ist notwendig, daft
man das andere so hereinscheinen lafk in unsere Bewegung, wie ich
versucht habe es anzudeuten.
Ich habe geschildert, wie der Philosoph der Neuzeit dazu gekom-
men ist, sich zu gestehen: Wozu fiihrt denn dieser Intellektualismus?
Eine Riesenmaschine zu bauen, die man in den Mittelpunkt der Erde
versetzt, um von da aus die Erde in alle Raume des Weltenalls hin-
auszusprengen! Er gestand sich, dafi das so ist. Die anderen gestehen
es sich nicht!
Und so habe ich versucht an den verschiedensten Stellen - zum
Beispiel als ich Ihnen gestern zeigte, wie die Begriffe, die noch vor
dreifiig, vierzig Jahren da waren, heute durch die Relativitatstheorie
aufgelost werden, einfach hinschmelzen wie der Schnee an der Son-
ne -, so habe ich versucht, Ihnen zu zeigen, wie uberall die Auffor-
derungen liegen, zur Anthroposophie doch wirklich hinzustreben.
Denn es sagt doch der Philosoph Eduard von Hartmann: Wenn die
Welt so ist, wie wir uns sie vorstellen miissen - das heifit, wie er sie
nach dem Sinn des 19. Jahrhunderts vorstellt dann miissen wir
eigentlich, weil wir es nicht in ihr aushalten konnen, sie in den
Weltenraum hinaussprengen, und es handelt sich nur darum, dafi
wir einmal so weit sind, dafi wir es ausfuhren konnen. Diese Zeit
miissen wir herbeisehnen, wo wir die Welt in alle Weiten des
Universums versprengen konnen. - Vorher sorgen dann noch die
Relativisten dafiir, daft die Menschen keine Begriffe mehr haben!
Raum, Zeit, Bewegung losen sich auf, dann kann man ohnedies
schon so in Verzweiflung kommen, daft man unter gewissen Vor-
aussetzungen das hochste Befriedigende schon sieht in diesem Hin-
aussprengen in das ganze Universum. Aber man mufi sich eben in
klarer Weise bekanntmachen mit dem, was als gewisse Impulse in
unserer Zeit liegt.
Das ist es, was bewirkt hat, dafi die letzten Vortrage gerade in der
Art gehalten werden mufken, wie sie gehalten worden sind: wo die
aufiere Kultur hereinleuchtet in unsere Reihen. Sie waren zugleich
eine Aufforderung zum Augenaufmachen. Und ich versuchte, diese
Vortrage so zu gestalten, daft man an ihnen sehen kann, was es heiftt:
die Anthroposophische Gesellschaft soli sich alle Miihe geben, um
aus der Sektiererei hinauszukommen, um iiber die Sektiererei
hiniiberzukommen.
Mochten Sie doch, meine lieben Freunde, die Zeit, fur die ich mich
jetzt gerade mit diesen Worten fur ein paar Wochen von Ihnen ver-
abschieden muft, dazu beniitzen, um nachzusinnen dariiber, wie man
aus dieser Sektiererei herauskommt! Sonst stellt sich eben die Sache
so, daft die Anthroposophische Gesellschaft immer weiter und wei-
ter in die Sektiererei hineinkommt. Und es sind starke Ansatze dazu
da, nicht die Sektiererei abzuwerfen, sondern gerade erst recht
hineinzusegeln in das sektiererische Wesen.
Wie es moglich ist, die Sektiererei zu vermeiden, das ist etwas,
was unsere Empfindungen beschaftigen mufi. Und diesen Ton woll-
te ich ganz kurz noch einmal anschlagen, weil es ungeheuer notwen-
dig ist, ihn anzuschlagen. Ich wollte darauf aufmerksam machen, wie
ich eben gerade in diesen letzten Vortragen versucht habe, so zu spre-
chen, daft sozusagen xiberall hinausgeschaut wird in die Welt, daft
nicht ein Einspinnen in eine Sekte stattfindet, sondern ein Leben in
der Welt mit offenen Augen, mit praktischem Sinn, ein Drinnenste-
hen in der Welt. Das ist durchaus vereinbar mit aufterster Vertiefung
in das Geistige hinein. Deshalb habe ich Ihnen gesagt, daft der
Mensch heutzutage sogar wissen mufi, daft es heute einen Inder ge-
ben kann, Ramanathan, der sich die europaische Kultur anschaut und
zu den Europaern sagt: Lasset euch Lehrer schicken iiber den Jesus
aus Indien, denn ihr versteht ja nichts von Jesus Christus. Wir
haben, als wir angefangen haben, das Neue Testament zu lesen, erst
die Sache verstanden.
Wenn man sich so sektiererisch einspinnen will, wie dazu starke
Ansatze wahrend der Delegiertenversammlung vorhanden waren,
dann erreicht man die grofte Aufgabe der Anthroposophie m der
Gegenwart nicht, und die mull erreicht werden, denn es ist eine
Menschheitsangelegenheit.
Indem ich dies zu Ihren Herzen gesprochen haben mochte, neh-
me ich fur ein paar Wochen Abschied, und wir werden die nachsten
Veranstaltungen dann wiederum entsprechend ankiindigen lassen. In
den nachsten Wochen werden ja Vortrage und Eurythmievorstellun-
gen an verschiedenen Orten Englands stattfinden.
Dann also wollen wir fur eine Sommerpause jetzt uns so riisten,
dafi wir in dieser Sommerpause unsere Herzen ganz besonders reg-
sam sein lassen fur die rechte Empfindung dessen: Wie sollen wir
fiihlen, damit die Menschheitsentwickelung in der richtigen Weise
weitergehen kann?
DER MENSCH ALS BILD GEISTIGER WESEN
UND GEISTIGER WIRKS AMKEITEN
London, 2. September 1923*
Es freut mich herzlich, daft ich an die beiden mich so befriedigenden
Veranstaltungen in Ilkley und Penmaenmawr diesen Vortrag auch
hier in unserem Zweige in London anschlieften kann.
Es ist von mir bei friiheren Betrachtungen in diesem Zweige er-
wahnt worden, wie der Mensch, indem er sein Tagewerk hier auf
Erden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr verrichtet, aus dem heraus
arbeitet, was ihm physisch selbst als seine Korperlichkeit gegeben ist
und womit er physisch mit dem irdischen Dasein verbunden ist. So-
lange man alles dasjenige betrachtet, was uns in der physischen Welt
umgibt hier im Erdendasein, und was in das physische Dasein hin-
eingefugt wird durch unsere eigene Arbeit, solange mufi man selbst-
verstandlich die Hauptaufmerksamkeit auf die Zeit richten, die der
Mensch hier im Erdendasein wahrend des Wachens zubringt. Aber
ich habe es ja schon erwahnt, daft fur das menschliche Dasein, selbst
fiir das, was der Mensch sein kann auch im Erdendasein, wichtiger
noch dasjenige ist, was sich mit dem Menschen zutragt in den
Zeiten, die er wahrend seines Erdendaseins verschlaft.
Wenn wir in irgendeinem Punkt unseres Erdendaseins zuriick-
blicken auf das, woran wir uns erinnern konnen, so schlieften wir ja
eigentlich immer die Zeiten aus, die wir verschlafen haben, und wir
fugen aneinander alles das, was wir vollbracht oder erlebt haben am
Tage, in wachendem Zustande, und machen daraus gewissermaften
ein zusammenhangendes Ganzes. ,
Das aber wiirde nie da sein, wenn nicht die Schlafzustande dazwi-
schenfielen. Und gerade wenn man das wirkliche Wesen des Men-
schen kennenlernen will, dann muft man auf diese Schlafzustande
aufmerksam sein. Denn der Mensch konnte leicht sagen: Ich weift ja
nichts von dem, was da wahrend des Schlafes ist. So wahrscheinlich
das erscheint fiir das auftere Bewufttsein, so unwahr ist es eigentlich
fiir die Wirklichkeit. Denn wenn wir zuriickschauen wiirden in ein
Siehe Hinweis.
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Leben, das niemals vom Schlafe unterbrochen ware, so wiirden wir
Automaten sein. Wir wiirden zwar geistige Wesenheiten sein, aber
wir wiirden Automaten sein.
Wichtiger noch als die abwechselnden Schlafzustande von Tag zu
Tag sind fiir das, was ich jetzt sage, die Zeiten, die wir als ganz kleines
Kind durchschlafen, denn die Wirkungen dieses Schlafes bleiben uns
fiir das ganze Leben, und wir fugen nur gewissermafien erganzend
dasjenige hinzu, was uns jede Nacht geistig zuwachst wahrend der
spateren Schlafzustande. Wir wiirden Automaten sein, wenn wir wa-
chend als Kind in die Welt hereintreten wiirden, wenn wir wachend
blieben, niemals schlief en, und wir wiirden nicht nur Automaten sein,
sondern wir wiirden auch nicht in der Lage sein, innerhalb dieses
automatischen Zustandes irgend etwas bewufit zu tun. Nicht einmal
das, was automatisch geschahe durch uns, wiirden wir als unsere Sa-
che anerkennen. Denn wenn wir meinen, wir erinnern uns nicht an
das, was wir durchschlafen haben, so ist das eben nicht ganz richtig.
Wenn wir so zuriickschauen und die Schlafzustande immer aus unse-
rer Erinnerung herausfallen, so sehen wir eigentlich, indem wir auf
das Nichts zuriickschauen, an denjenigen Stellen der Zeit, wo wir
geschlafen haben, in dieser oder jener Weise die Ereignisse, die wir
wachend erlebt haben. Tatsachlich aber sehen wir, wenn wir zuriick-
blicken, an den Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, das Nichts.
Wenn Sie eine weifk Wand haben und es ist an einer Stelle keine Far-
be, sondern es ist ein schwarzer Kreis, so sehen Sie auch das Nichts:
Sie sehen die Dunkelheit, oder meinetwillen, wenn es nicht ein
schwarzer Kreis ist, sondern wenn es ein Loch ist und dahinter kein
Licht, sehen Sie auch das Loch. Sie sehen die Dunkelheit. So sehen
Sie die Dunkelheit in Ihrem Leben, wenn Sie zuriickblicken. Die
Zeiten, die Sie verschlafen haben, erscheinen Ihnen als Lebensdun-
kelheiten. Und zu diesen Lebensdunkelheiten, zu diesen Lebensfin-
sternissen sagen Sie «Ich». Sie hatten kein Bewufitsein vom Ich, wenn
Sie nicht diese Dunkelheiten sehen wiirden. Sie verdanken es nicht
dem Umstande, daft Sie vom Morgen bis zum Abend immer gearbei-
tet haben, daft Sie zu sich «Ich» sagen konnen; daft Sie zu sich «Ich»
sagen konnen, verdanken Sie dem Umstande, daft Sie geschlafen
haben. Denn das Ich, wie wir es im Erdendasein ansprechen, ist zu-
nachst die Lebensfinsternis, die Leerheit, das Nichtdasein. Und wenn
wir in der richtigen Art unser Leben betrachten, dann mussen wir in
bezug auf unser Selbstbewufitsein nicht sagen, dafi wir dieses dem
Tag verdanken, sondern dafi wir es der Nacht verdanken. So werden
wir eigentlich erst durch die Nacht zu demjenigen, was den wirk-
lichen Menschen ausmacht, wahrend wir sonst Automaten waren.
Es ist schon so, dafi, wenn wir in altere Zeiten der Menschheits-
entwickelung auf Erden zuriickgehen, wir sehen, wie die Menschen
zwar nicht Automaten waren, weil sie schon gewisse Unterschiede
hatten zwischen Wachen und Schlafen, aber weil ihnen die Schlaf-
zustande mehr oder weniger auch schon im gewohnlichen Tages-
bewulksein bewufk waren, war ihr Handeln, ihr ganzes Erdenleben
eben viel automatischer, als das Leben der Menschen in dieser Er-
denzeit ist, in der wir jetzt leben.
Und so kann man sagen: Unser eigentliches wahres innerliches
Ich, das nehmen wir eigentlich aus der geistigen Welt gar nicht in
diese physische Erdenwelt mit. Wir lassen es immer in der geistigen
Welt. Es war in der geistigen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind
zum Erdendasein. Es ist wiederum in der geistigen Welt zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen. Es bleibt immer in der geistigen
Welt. Wenn wir bei Tag das gegenwartige Bewulksein als Mensch
haben und uns ein «Ich» nennen, so ist dieses Wort «Ich» der Hin-
weis auf etwas, was nicht in dieser physischen Welt vorhanden ist,
was in dieser physischen Welt nur sein Bild hat.
Und nicht richtig sehen wir uns an, wenn wir sagen: Ich bin die-
ser robuste Mensch auf Erden, ich stehe hier mit meinem wahren
Wesen, sondern richtig sehen wir uns dann an, wenn wir sagen:
Unser wahres Wesen ist in der geistigen Welt. Was hier auf Erden
von uns ist, ist ein Bild, richtig ein Abbild von unserem wahren
Wesen. — Das allerrichtigste ist, dasjenige, was auf Erden hier ist, gar
nicht als den wirklichen Menschen anzusehen, sondern als das Bild
des wirklichen Menschen.
Dieser Bildcharakter wird einem um so klarer, wenn man sich
folgendes vorstellt. Denken wir uns schlafend. Das Ich ist weg vom
physischen Leib und dem Atherleib, der astralische Leib ist weg vom
physischen Leib und Atherleib. Aber das Ich wirkt ja im Blute und
in den Bewegungen des Menschen. Die horen dann auf, weil das Ich
weg ist im Schlafe; aber das, was im Blute ist, das wirkt ja fort, das
Ich ist gar nicht dabei. Wir brauchen nur diesen physischen Leib
anzuschauen, und wir mussen uns sagen: Wie ist es denn eigentlich
mit ihm, wenn wir schlafen? Dann mufi ja das Blut auch in irgend-
einer Weise so durchwebt werden von etwas, wie es bei Tag beim
Wachen durchwebt wird vom Ich. Ebenso der astralische Leib, der
im ganzen Atmungsprozeft immer drinnen lebt. Der verlafit diesen
Atmungsprozefi wahrend der Nacht, aber der Atmungsprozeft geht
fort! Da mufi ja wieder etwas drinnen sein, was, wie im Tagesleben,
wirkt als der Astralkorper. Wir verlassen diejenigen Organe in uns,
die die Atmungsorgane zum Beispiel sind, mit unserem astralischen
Leib wahrend jedes Schlaflebens. Wir verlassen die Pulsationskrafte
unseres Blutes mit unserem Ich. Was machen denn die wahrend der
Nacht? Nun, da ist es so, daft, wenn nun der Mensch im Bette lie-
gengeblieben und sein Ich herausgegangen ist aus den blutpulsieren-
den Kraften, dann Wesenheiten der ersten hoheren Hierarchie in
diese blutpulsierenden Krafte hineinziehen: dann leben Angeloi,
Archangeloi und Archai in diesen selben Organen, in denen bei Tag,
beim Wachen das Ich lebt. Und in den Atmungsorganen, die wir
verlassen haben dadurch, da$ unser Astralleib aus uns heraufien ist,
da wirken in der Nacht die Wesen der nachsthoheren Hierarchie
darinnen: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.
So dafi die Sache so ist, daft, wenn wir abends beim Einschlafen
unseren Auszug halten mit unserem Ich und unserem astralischen
Leib aus unserer Tagesleiblichkeit, Engel, Erzengel und hohere gei-
stige Wesenheiten in uns einziehen und unsere Organe, wahrend wir
draufien sind, weiter vom Einschlafen bis zum Aufwachen beleben.
Und in bezug auf den Atherleib sind wir nicht einmal beim Tag-
wachen imstande, dasjenige zu tun, was darinnen getan werden soil.
Den mussen erfullen die Wesenheiten der hochsten Hierarchie, die
Seraphim, Cherubim und Throne, auch wenn wir wachen; die
bleiben uberhaupt immer darinnen.
Und dann unser physischer Leib! Wenn wir alles dasjenige, was
in unserem physischen Leibe als groftartige, gewaltige Vorgange sich
abspielt, selbst besorgen imifken, dann wiirden wir dieses nicht nur
schlecht machen, sondern wir wufiten iiberhaupt nichts damit anzu-
fangen, denn da sind wir ganz hilflos. Was die aufiere Anatomie sagt
iiber den physischen Leib, das wiirde nicht einmal ein Atom von ihm
in Bewegung setzen konnen. Dazu gehoren ganz andere Machte.
Diese Machte sind keine anderen als diejenigen, die seit uralten
Zeiten genannt werden die Machte der obersten Trinitat, die
Vater-, Sohnes- und Geistmachte, die eigentliche Trinitat, die in
unserem physischen Leibe wohnt.
So konnen wir sagen: Unser ganzes Erdenleben hindurch ist un-
ser physischer Leib nicht unser; er wiirde durch uns selbst nicht seine
Entwickelung durchmachen. Er ist, wie die alten Zeiten gesagt ha-
ben, der wahre Tempel der Gottheit, der dreifach erscheinenden
Gottheit. Unser Atherleib ist der Wohnplatz fur die Hierarchie der
Seraphim, Cherubim, Throne; unsere Organe, die dem Atherleib
zugeteilt sind, die miissen mitversorgt werden durch die Seraphim,
Cherubim, Throne. Und das, was wir an physischen Organen und
Atherorganen haben, und was in der Nacht durch den astralischen
Leib verlassen wird, das muE versorgt werden durch die zweite
Hierarchie, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Und was wir als Organe
haben, die durch das Ich verlassen werden, das rau£ wahrend
der Nacht versorgt werden durch die dritte Hierarchie, durch die
Angeloi, Archangeloi, Archai.
So ist ein fortwahrendes Wirken im Menschen, das nicht nur von
ihm selbst ausgeht. Er hat sozusagen nur als ein Unterwohner Woh-
nung wahrend des Wachens in diesem seinem Orgariismus. Dieser
sein Organismus ist zu gleicher Zeit die Tempel- und Wohnstatte
der Geister der hoheren Hierarchien.
Wenn wir dies ins Auge fassen, dann konnen wir uns sagen: Wir
schauen eigentlich die aufiere Gestalt des Menschen nur richtig an,
wenn wir uns sagen, sie ist ein Bild, ein Bild des Wirkens aller Hier-
archien. Die sind da drinnen. Und schaue ich dieses menschlich ge-
formte Haupt an mit alien Einzelheiten, diesen ubrigen menschlich
geformten Korper, so schaue ich ihn nicht richtig an, wenn ich sage,
er ist dieses oder jenes Wesen, sondern wenn ich sage, er ist ein Bild
eines unsichtbaren iibersinnlichen Wirkens aller Hierarchien. Erst
wenn man in dieser Weise auf die Dinge hinschaut, spricht man
richtig im einzelnen von dem, was sonst immer nur in einer starken
Abstraktheit auseinandergesetzt wird.
Es wird gesagt, diese physische Welt ist nicht die Wirklichkeit, sie
ist Maja, und die Wirklichkeit liegt dahinter. Aber damit kann man
nicht viel anfangen. Das ist nur eine allgemeine Wahrheit, so wie
wenn man sagt: Auf der Wiese wachsen Blumen. - Wie man ja auch
da erst etwas anfangen kann, wenn man wei$, was fur Blumen auf
der Wiese wachsen, so kann man auch mit einem Wissen uber die
hohere Welt erst dann etwas anfangen, wenn man im einzelnen dar-
auf hinweisen kann, wie die Wirksamkeit dieser hoheren Welt ist in
demjenigen, was einem aufierlich eben als Bild, als Maja, als Abglanz,
als Offenbarung im Sinnlich-Physischen erscheint.
So steht der Mensch, als Ganzes betrachtet, nach seinem irdi-
schen Tagesleben und auch nach seinem irdischen Nachtleben,
nicht nur in Beziehung zu dem, was physisch-sinnlich ihn umgibt
hier im Erdendasein, sondern er steht in Beziehung auch zu der
Welt der hoheren Geistigkeit. Und so wie das, was als eine gewis-
se, man konnte sagen niedere Geistigkeit durch die Reiche der
Natur hier auf Erden wirkt - mineralisches, pflanzliches, tierisches
Reich -, so wirkt dasjenige, was von hoherer Geistigkeit auf den
Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt. So wie der Mensch,
als ganzes Wesen betrachtet, zu den Pflanzen und Tieren, zu
Wasser und Luft hier auf der Erde in Beziehung steht durch sein
physisches Dasein, so steht er als ganzes Wesen auch in Beziehung
zu der Sternenwelt, die nun auch nur Bild, Offenbarung ist des-
sen, was in Wirklichkeit eigentlich vorhanden ist. Und in Wirk-
lichkeit sind eben jene Wesen der hoheren Hierarchien da. Indem
der Mensch zu den Sternen aufblickt, blickt er im Grunde genom-
men zu den Geistwesen der hoheren Hierarchien auf, die ihm nur
etwas wie ein symbolisches Licht ihres Daseins entgegenleuchten
lassen, damit auch fur das physische Dasein eine Andeutung des-
jenigen [gegeben] ist, was im Grunde genommen iiberall als Gei-
stiges das Universum erfiillt.
Und so wie wir hier auf Erden eine gewisse Sehnsucht darnach
haben, kennenzulernen den Berg, den Flufi, das Tier, die Pflanze, so
sollten wir schon eigentlich auch Sehnsucht darnach empfinden, die
Sternenwelt in ihrer Wahrheit erkennen zu lernen. Und in ihrer
Wahrheit ist die Sternenwelt geistig. In Penmaenmawr druben habe
ich einiges angedeutet iiber die Geistigkeit des Mondes, so wie er
uns jetzt gerade in dieser Phase der Erdenentwickelung aus dem
Weltenraum herein erglanzt.
So wie wir eigentlich, wenn wir auf den Mond hinschauen, nie-
mals ihn selbst sehen, hochstens eine sparliche Andeutung als Fort-
setzung der beleuchteten Sichel, wie wir eben immer nur das zu-
riickgeworfene Sonnenlicht sehen, nie den Mond selbst, so sind es
iiberhaupt nur die vom Monde zuriickgeworfenen Weltenkrafte, die
zu uns kommen auf die Erde, nicht das, was im Monde selbst lebt.
Es ist nur ein Teil, und zwar der geringste Teil dessen, was zum
Monde gehort, daft er uns das Sonnenlicht auf die Erde zuriickwirft.
In Wahrheit wirft er uns alle physischen und geistigen Impulse, die
aus dem Weltenall auf ihn wirken, wie ein Spiegel zuriick. Und wie
man das Hintere eines Spiegels nicht sieht, so sieht man das Innere
des Mondes nie, aber in diesem Inneren des Mondes ist eine wirk-
liche geistige Bevolkerung mit hohen fuhrenden Machten. Diese
hohen fuhrenden Machte und die andere Mondenbevolkerung wa-
ren einmal hier auf Erden, haben sich, allerdings in einer Zeit, die
schon mehr als fiinfzehntausend Jahre zuriickliegt, von der Erde
nach dem Monde zuriickgezogen. Vorher hat auch der Mond phy-
sisch anders ausgesehen. Er sandte nicht einfach das Sonnenlicht auf
die Erde herunter, sondern er mischte sein eigenes Wesen in dieses
Sonnenlicht hinein. Nun, das braucht uns ja weniger zu interessie-
ren. Aber das soil uns interessieren, daft der Mond heute wie eine
Festung im Universum ist. Und in dieser Festung wohnt jene Bevol-
kerung, welche die Menschenschicksale schon vor mehr als fiinf-
zehntausend Jahren absolviert hat, und die sich mit den Fuhrern der
Menschheit nach diesem Monde zuriickgezogen hat.
Es gab einstmals hier auf der Erde fortgeschrittene Wesenheiten,
die nicht in derselben Weise einen physischen Menschenleib annah-
men wie die heutigen Menschen, die mehr in einem atherischen
Leibe lebten, aber dennoch fur die damaligen Menschen auf Erden
durchaus die grofien Lehrer und Erzieher waren.
Diese grofien Lehrer und Erzieher der Menschheit, die einstmals
der Menschheit auf Erden die Urweisheit gebracht haben, jene
hohen bewunderungswerten Urweisheiten, von denen Veden und
Vedanta nur die Nachklange sind, die leben heute innerhalb des
Mondes und strahlen nur dasjenige auf die Erde nieder, was aufier
dem Monde im Weltenall lebt.
Es ist ja auf der Erde etwas zuriickgeblieben von jenen Monden-
kraften; allein das sind nur die physischen Fortpflanzungskrafte fur
Mensch und Tier. Nur das alleraufterste Physische ist zuriickgeblie-
ben, als einstmals in der alten atlantischen Zeit die groften Lehrer der
Menschheit dem Monde nachzogen, nachdem er sich schon friiher
von der Erde zuriickgezogen hatte.
So sehen wir, wenn wir nach dem Monde hinaufschauen, seine
Wirklichkeit nur dann, wenn wir verstehen, daft da hohe geistige
Wesenheiten, die einmal mit der Erde verbunden waren, es sich heu-
te zur Aufgabe machen, nicht das, was sie selber in sich tragen, son-
dern was im Weltenall an physischen und geistigen Kraften vermit-
telt ist, auf die Erde zuriickzustrahlen. Wer daher heute nach einer
Initiationsweisheit strebt, der rauE vor alien Dingen auch darnach
trachten, in diese Initiationsweisheit hereinzubekommen dasjenige,
was ihm mit ihren hoheren Kraften diese Mondenwesen zu sagen
haben.
Nun, das ist gewissermafien eine Gestalt im Weltenall drauften,
eine Kolonie, eine Ansiedelung; andere sind ebenso wichtig, nament-
lich diejenigen, die zu unserem Planetensystem gehoren. Ich mochte
sagen, am anderen Pol, am anderen aufiersten Ende in bezug auf
diese Wichtigkeit liegt ftir uns Erdenmenschen die Bevolkerung des
Saturn.
Nicht in derselben Weise wie die Mondenbevolkerung war die
Saturnbevolkerung mit der Erde verbunden. Dafi eine Verbindung
da war, konnen Sie aus meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» er-
sehen. Aber nicht in derselben Weise wie die Mondenwesen sind die
Saturnwesen mit dem Irdischen verbunden, sondern diese Saturn-
wesen strahlen nichts zuriick von dem, was im Weltenraum ist. Kaum
dafi wir physisch Sonnenlicht vom Saturn zuriickgestrahlt bekom-
men. Wie ein einsamer, wenig leuchtender Einsiedler zieht der
Saturn langsam um die Sonne herum. Aber dasjenige, was die aufiere
Astronomie zu sagen weifi iiber den Saturn, das ist das alleraller-
wenigste. Was der Saturn fur die Menschheit der Erde bedeutet, das
tritt jede Nacht auf, aber nur im Bilde, insbesondere aber im Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn der Mensch
durch die geistige und damit durch die Sternenwelt hindurchgeht,
wie ich es auch schon einmal in einem der Vortrage in diesem Zweige
hier auseinandergesetzt habe.
Der Mensch begegnet ja nicht dem Saturn selber in der jetzigen
menschlichen Entwickelungsphase, aber er kommt auf einem Ura-
wege dennoch mit den Saturnwesen zusammen. Den Umweg will
ich heute nicht charakterisieren. Aber um was es sich handelt, ist,
dafi innerhalb des Saturn Wesen wohnen von einer sehr hohen
Vollkommenheit, aufierst erhabene Wesenheiten, Wesenheiten, die
unmittelbar in einer inneren Beziehung zu Seraphim, Cherubim
und Thronen stehen, fur die eigentlich Seraphim, Cherubim und
Throne die nachsten Wesen sind, die Wesen ihrer nachsten Hier-
archie sind.
Diese Wesenheiten, diese Bevolkerung des Saturn, strahlen eigent-
lich vom Saturn zur Erde nichts nieder und geben nichts den Men-
schen, was in der aufieren physischen Welt ist. Dagegen bewahren
die Saturnwesen das kosmische Gedachtnis, die kosmische Erinne-
rung. Alles, was das Planetensystem an physischen und geistigen
Tatsachen durchgemacht hat, was Wesenheiten innerhalb unseres
Planetensystems erlebt haben, das bewahren die Saturnwesen treu-
lich im Gedachtnis. Die Saturnwesen schauen immer erinnernd
zuriick auf das ganze Leben des Planetensystems. Wie wir auf unser
ganzes enges Erdenleben mit der Erinnerung zuriickschauen, so
haben - zusammen in ihren Wirkungen - Saturnwesen das kosmi-
sche Erinnern an all das, was das Ganze und jedes einzelne Wesen
des Planetensystems durchgemacht hat. Und das alles, was da an
Kraften in dieser Erinnerung lebt, das lebt fiir den Menschen da-
durch, daft er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, eigent-
lich auch in jeder Nacht im Bilde, mit diesen Saturnwesen in eine
Beziehung kommt. Dadurch wirken im Menschen die Krafte, die
ausgehen von diesen Saturnwesen, die eigentlich das tiefste Innere
des Planetensystems darstellen. Denn wie die Erinnerung unser tief-
stes Inneres auf Erden ist, so ist das, was im Saturn lebt, eigentlich
das tiefste innere kosmische Ich des ganzen Planetensystems.
Dadurch, dafi diese Wirkungen im Menschen sind, gehen im Le-
ben die Vorgange vor sich, die dem Menschen zum grofien Teil ihrer
eigentlichen Bedeutung nach unbewufk bleiben, die aber die denk-
bar grofite Rolle im Leben des Menschen spielen. Das meiste, was im
Leben bewulk vor sich geht, ist ja nur das geringste im Leben.
Wenn Sie irgendeinen tiefen Einschnitt irgendwo im Leben ha-
ben, ein mafigebendes Ereignis - Sie haben zum Beispiel irgendeinen
anderen Menschen gefunden, mit dem Sie dann das weitere Leben
gemeinsam zubringen, oder irgendein anderes ganz bedeutsames
Ereignis - und Sie schauen von diesem Ereignis dann zuriick, so
werden Sie sehen, wie es Ihnen auffallt, dafi es wie ein Plan ist, der
Sie schon langst zu diesem Ereignis hingefiihrt hat. Manchmal kon-
nen Sie fiir irgend etwas, was in Ihrem dreifiigsten bis fiinfzigsten
Jahre auftritt, das Leben zuriickverfolgen, und Sie finden: Ja, eigent-
lich habe ich den Weg zu diesem Ereignis schon mit zehn, zwolf
Jahren angetreten; alles Spatere hat sich so gemacht, daft ich dann
zuletzt landete bei diesem Ereignis.
Menschen, die alt geworden sind, die dann zuriickblicken auf ihr
Leben, finden sich, wenn sie sinnig zuriickblicken, schon in dieser
Weise im Leben zurecht, dafi sie sich sagen konnen: Da ist ein solch
unterbewufker Zusammenhang. Wir werden hingedrangt durch un-
bewufke Krafte zu diesem oder jenem Ereignisse.
Das sind die Saturnkrafte, das sind die Krafte, die in uns gepflanzt
werden dadurch, dafi wir in der angedeuteten Weise mit jener inne-
ren Bevolkerung des Saturn in einem Zusammenhang stehen.
Und wenn auf der einen Seite jetzt vom Monde nur die physischen
Fortpflanzungskrafte auf Erden vorhanden sind - die sind zuriick-
geblieben vom Monde -, so sind auf der andern Seite die hochsten,
weil die kosmisch-moralischen Krafte, durch den Saturn auf der
Erde. Und der grofke Ausgleicher fur alle irdischen Ereignisse ist
der Saturn. Und wenn die Mondenkrafte, wie sie jetzt auf Erden
sind, nur etwas zu tun haben mit der Vererbung von Vater, Mutter
und so weiter, so haben die Saturnkrafte mit unserem Menschen-
leben das zu tun, was im Karma lebt, was von Inkarnation zu Inkar-
nation geht. Und die anderen Planeten stehen dazwischen, vermit-
teln das, was das Physische ist und was das hochste Moralische ist.
Zwischen Mond und Saturn stehen dann Jupiter, Mars und so wei-
ter. Sie vermitteln in ihrer Art dasjenige, was als die aufiersten Extre-
me Mond und Saturn in das menschliche Leben hineintragen: der
Mond dadurch, daft sich seine Geistwesen zuriickgezogen und nur
das Physische in der Erdenwirksamkeit, die physische Fortpflan-
zungskraft zuriickgelassen haben, der Saturn die hochste moralische
Gerechtigkeit des Universums. Diese zwei wirken zusammen, in-
dem zwischen ihnen die anderen Planeten stehen und das eine mit
dem andern verweben. Karma durch den Saturn vermittelt, phy-
sische Vererbung durch den Mond vermittelt, sie zeigen uns erst,
wie der Mensch, indem er von Erdenleben zu Erdenleben geht, mit
der Erde selbst und mit dem, was aufterirdisch im Universum ist,
zusammenhangt.
Sie konnen verstehen, daft die heutige physische Wissenschaft, die
sich nur mit dem Erdendasein befafit, eigentlich nur iiber das wenig-
ste vom Menschen etwas zu sagen weift. Sie weift zwar viel zu sagen
iiber die Vererbungskrafte, erkennt aber nicht, daft sie zuriickgeblie-
bene Mondenkrafte sind, weift sie nicht zu beziehen auf ihre aufter-
irdische Wirksamkeit, und weift gar nichts von dem, was nun auch
im Leben wirkt als das Karma, als das Schicksal, das von Erdenleben
zu Erdenleben geht und das im wesentlichen durchpulst wird - so
wie wir von der Blutpulsation als physische Menschen durchpulst
werden - von den Wesenheiten, die das grofte Erinnern an das ge-
samte Planetensystem und sein Geschehen in sich tragen. Blicken
wir in uns selber: Wir sind Menschen erst dadurch, dafi wir ein
Gedachtnis haben. Blicken wir auf das Pianetensystem mit all seinen
physischen und geistigen Vorgangen, so miissen wir uns, wenn wir
an die Initiationsweisheit heranreichen wollen, sagen: Dieses ganze
Pianetensystem ware eigentlich nichts Innerliches, wenn nicht die
im Saturn wohnende Bevolkerung fortwahrend das Gedachtnis, das
Vergangene dieses Planetensystems bewahren wiirde, und die Kraf-
te, die aus dieser Bewahrung des Vergangenen ersprieften, immerfort
auch in die Menschheit hineinversenken wiirde, so dafi alle diese
Menschen leben in einem lebendigen geistigen, moralischen Ur-
sachenzusammenhang von Erdenleben zu Erdenleben.
Im Erdenleben ist der Mensch in seinem Verhaltnis zum Men-
schen fur das, was er bewulk vollbringt, in enge Grenzen gebannt.
Wenn aber der Mensch in Betracht zieht, was er durchmacht zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, so ist sein Verhaltnis zu
anderen Menschen, die dann auch entkorpert, nicht im physischen
Korper sind, innerhalb weiterer Kreise verlaufend. Der Mensch ist
allerdings zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, man kann
sagen, in einer gewissen Zeit mehr in der Nahe der Mondenwirkun-
gen, in einer anderen Zeit mehr in der Nahe der Saturn-, der Mars-
wirkungen und so weiter, aber die eine Art von Kraf ten wirkt immer
iiber Weltenraume in die andere heriiber. Und so wie wir hier nur
durch engbegrenzte Erdenraume wahrend des Erdendaseins von
Mensch zu Mensch wirken konnen, so wird gewirkt zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt von Planet zu Planet. Es ist tatsachlich
dann das Universum der Schauplatz des menschlichen Wirkens und
auch der Verhaltnisse der Menschen zueinander. Die eine Menschen-
seele ist vielleicht innerhalb des Venusbereiches, die andere inner-
halb des Jupiterbereiches zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt, aber es bestehen da Wechselwirkungen von groEerer Innigkeit,
als sie in beschranktem Ma£e auf der Erde moglich sind. Und eben-
so, wie zwischen den Menschenseelen Weltenweiten in den Schau-
platz ihres Wirkens hingerufen werden zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, so wirken auch die Geister der hoheren Hierar-
chien durch solche Weltenweiten hindurch. Und daher konnen wir
dort nicht nur von der Wirkung etwa der einzelnen Wesenheiten
sprechen - sagen wir, der Venusbevolkerung oder der Marsbevolke-
rung sondern wir konnen auch sprechen von einer Beziehung der
Venusbevolkerung zur Marsbevolkerung, von einer fortwahrenden
Beziehung, einem fortwahrenden Hin- und Hergehen der Krafte
zwischen Marsbevolkerung und Venusbevolkerung in dem Uni-
versum.
Und was da vor sich geht im Universum zwischen der Bevolke-
rung des Mars und der Bevolkerung der Venus, was da fortwahrend
vor sich geht an Wechselbeziehung, was da im Kosmos, im geistigen
Kosmos lebt als die gegenseitig sich befruchtenden Taten von Mars
und Venus, das steht ja alles wiederum in Beziehung zum Menschen.
So wie das Saturngedachtnis in Beziehung zum menschlichen Karma
steht, wie die zuriickgebliebenen, die physischen Mondenkrafte in
Beziehung stehen zu der aufieren Fortpflanzungskraft, so steht das-
jenige, was im Verborgenen des Geistigen fortwahrend geschieht zwi-
schen Mars und Venus, in Beziehung zu dem, was auf Erden hier am
Menschen erscheint als die menschliche Sprache. Wir wiirden nicht
sprechen konnen durch blofte physische Krafte. Diese Sprachkraft ist
auch von demjenigen Wesen des Menschen nach aufien gestrahlt, das
von Erdenleben zu Erdenleben sein Dasein vollbringt, das das Leben
hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und wahrend wir
als geistiges Wesen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
kommen wir auch in die Wirkungsweise dessen hinein, was befruch-
tend zwischen Mars und Venus, zwischen der Marsbevolkerung und
der Venusbevolkerung geschieht. Diese hin- und herstrahlenden
Krafte, dieses Zusammenarbeiten, das wirkt auf uns in dem Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das lebt sich dann im
physischen Bilde aus. Das ist es, was von dem innersten Menschen-
werden heraus in die Sprach- und Gesangsorgane hineingeht.
Wir wiirden nicht sprechen konnen mit unseren Sprach- und Ge-
sangsorganen, wenn sie physisch nicht angeregt waren von jenen
Kraften, die wir in uns aufnehmen mit den Tiefen unseres Wesens
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aus dem, was hin- und
herstromt im Kosmos zwischen Mars und Venus.
So stehen wir in dem, was wir taglich tun, unter der Einwirkung
derjenigen Krafte, zu denen wir nur als zu ihren Zeichen bewun-
dernd aufschauen, wenn wir auf die Sterne hinblicken. Erst derjeni-
ge vermag eben in der richtigen Weise zu den Sternen aufzublicken,
der weifi, dafi eigentlich in den Sternen, die aus dem Raume zu uns
strahlen, nur die Schriftzeichen zu ersehen sind fur das Universum,
fur das universellste geistige Geschehen, das in uns lebt und dessen
Abbild wir sind.
Eine altere Menschheit hat in einer alteren atavistisch-instinkti-
ven Hellseherkraft eine Anschauung gehabt von alledem, aber diese
Anschauung ist allmahlich verglommen. Der Mensch hatte nicht frei
werden konnen, wenn er die alte Anschauung behalten hatte. Diese
alte Anschauung verfinsterte sich im Menschen. Dafiir aber trat in
das Erdenleben herein das Mysterium von Golgatha. Ein hohes
Wesen der Sonnenbevolkerung hat zwar den Menschen nicht gleich
das Bewufitsein bringen konnen von dem, was da in den Sternen-
welten vor sich geht, aber die Krafte dazu, sich dieses Bewufitsein
nach und nach zu erwerben.
Daher kam die Sache auch so, daft zunachst, noch wahrend das
Mysterium von Golgatha geschah, eine alte gnostische Erbweisheit
vorhanden war, durch die man das Mysterium von Golgatha begrif-
fen hat. Die ist aber verschwunden, schon verschwunden im vierten
nachchristlichen Jahrhundert. Die Kraft, die durch den Christus auf
Erden gekommen ist, die ist geblieben. Und diese Kraft kann der
Mensch in sich rege machen, wenn er durch das, was neuere Geistes-
wissenschaft zu sagen weifi, wiederum den Blick iiberhaupt sich
eroffnet fur die geistigen Welten.
Mit diesem Blick in die geistigen Welten wird so manches iiber
die neuere Menschheit kommen. Es ist doch eine merkwiirdige Er-
scheinung, dafi diejenigen Menschen, die sich heute noch etwas be-
wahrt haben von der alten instinktiven Weisheit - die ja nicht mehr
zeitgemafi, im besten Sinne des Wortes nicht mehr zeitgemafi ist und
durch eine bewulke Weisheit ersetzt werden mufi -, dafi diejenigen
Menschen im Orient driiben, die sich in den verschiedensten Gegen-
den von Asien etwas von ihr bewahrt haben, die dort die Gebilde-
ten, die Gelehrten sind, eigentlich auf Europa und Amerika in einer
recht verachtlichen Weise herabsehen. Die sind iiberzeugt davon, dafi
selbst in dem heute dekadenten Zustand ihre alte asiatische Urweis-
heit, oder eigentlich die Fetzen derselben, die Reste derselben noch
besser seien als alles das, was die westliche Zivilisation so hochmiitig
macht. Und interessant ist es immerhin, dafi solch ein Buch erschei-
nen konnte, wie das eines ceylonesischen Inders: «The Culture of
the Soul among the Western Nations». In diesem Buch «Kultur der
Seele bei den westlichen Nationen» wird nichts Geringeres von
einem ceylonesischen Inder den Europaern gesagt als dieses: Seit dem
Mittelalter ist euer Wissen von dem Christus ausgestorben. Ihr habt
gar kein wirkliches Wissen mehr von dem Christus, denn nur der-
jenige, der in die geistige Welt hineinschauen kann, kann ein wirk-
liches Wissen von dem Christus haben. Daher miifit ihr euch tiber-
haupt Lehrer aus Indien oder Asien kommen lassen, die euch das
Christentum lehren. - Sie konnen das in diesem Buche nachlesen,
wie ein ceylonesischer Inder den Europaern sagt: Lalk euch Lehrer
aus Asien kommen, die werden euch sagen konnen, was der Chri-
stus wirklich ist. Eure Lehrer in Europa wissen ja das gar nicht mehr.
Seit das Mittelalter zu Ende gegangen ist, habt ihr das Wissen von
dem Christus verloren.
Und darauf kommt es an, daft allerdings die Europaer und Ame-
rikaner von sich aus wieder den Mut gewinnen, zu jenen geistigen
Welten hinzuschauen, in denen auch wiederum das Christus-
Wissen, die Christus-Weisheit gewonnen werden kann, denn der
Christus ist das Wesen, das aus geistigen Welten ins Erdendasein her-
untergestiegen ist, und das nur in seiner wahren Innigkeit begriffen
werden kann, wenn man es vom Geiste aus begreift.
Dazu ist eben notwendig, da£ der Mensch sich wirklich anschau-
en lernt als ein Bild geistiger Wesenheiten und geistiger Wirksamkei-
ten hier auf Erden. Das kann er am besten, wenn er sich recht durch-
dringt gerade mk solchen Anschauungen, wie ich sie heute im
Beginne dieser Betrachtungen vor Sie hingetragen habe, wo der
Mensch im Grunde genommen auf die Leerheit in seinen zeitlichen
Erlebnissen hinschaut und sich bewuftt wird, wie sein Ich ja aus der
geistigen Welt gar nicht herunterkommt, wie er in der physischen
Welt nur Bild ist, also sein Ich in der physischen Welt nicht da ist. Er
sieht gewissermafien ein Loch in der Zeit, das ihm eigentlich dunkel
erscheint. Das ist dasjenige, zu dem er «Ich» sagt.
Deshalb sollte der Mensch gerade dieser hochst bedeutsamen Tat-
sache sich bewufk sein, daf? er, ruckerinnernd, in sein Leben zuriick-
blicken und sich sagen muE: Ja, ich sehe da ruckerinnernd die Tages-
erlebnisse, aber da hinein stellt sich die Finsternis immer wie ein
Loch. Das, was finster ist, nenne ich im gewohnlichen Bewufitsein
Ich. Aber ich mufi mir eines anderen bewuEt werden.
Und dieses andere habe ich zusammengefalk in einigen Worten,
die als eine Art Meditation zur Gewinnung des Ich jedem Menschen
der Gegenwart heute in die Seele geschrieben werden konnen, wenn
wir ofter und ofter die Worte in uns rege machen, die ich in dieser
Weise stellen mochte:
Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich,
Guten Willens fur den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.
Wir konnen uns immer wieder und wiederum durch Versetzen in
solch einen Meditationsspruch hinstellen vor die Finsternis, uns klar-
machen, wie wir eigentlich auf Erden nur das Bild desjenigen sind,
was von unserem wahren Wesen niemals ins Erdendasein hinunter-
kommt, wie aber in der Finsternis uns eben durch den guten Willen
zum Geist ein Licht aufgehen kann, von dem wir uns gestehen
diirfen: Dieses Licht sind wir selbst in unserer Wirklichkeit.
BERICHT UBER DIE ARBEIT
UND DIE REISEEINDRUCKE IN ENGLAND
Dornach, 9. September 1923
Meine lieben Freunde, am heutigen Abend mochte ich Ihnen einiges
von der Reise erzahlen, um dann morgen noch einen Vortrag zu hal-
ten - da ja die nachste Woche in Stuttgart verbracht werden mufi -
und dabei auf einiges einzugehen, was vielleicht inhaltlich mehr mit
den Dingen zusammenhangt, die ich auch heute, als der Beschrei-
bung der Reise angehorig, werde auseinanderzusetzen haben.
Die Reise begann ja mit Ilkley, wo im Norden Englands ein pad-
agogischer Kursus gehalten werden sollte, ein Kursus, der die Wal-
dorfschul-Methodik und -Didaktik mit Bezug auf die Zivilisation
der Gegenwart zu seinem Inhalte hatte. Ilkley liegt im Norden von
England und ist ein Ort, der etwa 8000 Einwohner hat. Gegenwartig
besteht ja in England die Tendenz, in den Sommermonaten sozu-
sagen Sommerschulen abzuhalten an solchen Orten, und dieser
Kursus war zunachst auch in der Form einer solchen Sommerschule.
Der Kursus sollte begleitet sein von demjenigen, was wir in kiinst-
lerischer Beziehung als Eurythmie aus der anthroposophischen Be-
wegung heraus entwickelt haben, und er sollte auch begleitet sein
von dem, was sechs unserer Waldorfschul-Lehrkrafte bieten konn-
ten in Anlehnung an dasjenige, was eben in den einzelnen Vortragen
gesagt worden ist.
Ilkley ist ein Ort, der wohl als eine Art Sommeraufenthaltsort
gilt, der aber in unmittelbarer Nahe derjenigen Stadte liegt, die einen
wirklich so recht tief hineinstellen in dasjenige, was in unserer Zeit
die industriell-kommerzielle Kultur ist. In unmittelbarer Nahe liegt
ja Leeds und liegen andere Orte, Bradford zum Beispiel, auch Man-
chester ist ja nicht weit davon, - das sind Stadte, die durchaus das
Leben, das sich aus der Gegenwart heraus ergeben hat, widerspie-
geln. Man hat wirklich da eine Empfindung, die sehr deutlich besagt,
wie stark die Gegenwart einen geistigen Einschlag notig hat; einen
geistigen Einschlag, der sich aber nicht darauf beschrankt, einzelnen
Menschen etwas zu geben fur ihre unmittelbaren individuell-person-
lichen Seelenbediirfnisse. Es ist gewifi so berechtigt wie nur mog-
lich, die anthroposophische Bewegung gerade in diesem Lichte zu
sehen, aber ich spreche jetzt von den Empfindungen, die von der
heutigen Aufienwelt her einem wirklich aufgedrangt sind.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja doch so, dafi man es als
aufSerordentlich, ich mochte sagen kulturparadox empfinden wiirde,
wenn jemand empfehlen wiirde, unverdauliche mineralische Produk-
te - sagen wir irgendwelche Mineralien, Steine und so weiter - der
menschlichen Nahrung beizumischen, also es als etwas Mogliches
ansehen wiirde, Sand oder dergleichen der menschlichen Nahrung
zuzusetzen. Man ist genotigt, aus den Vorstellungen heraus, die man
sich iiber den menschlichen Organismus macht, dies als etwas Un-
mogliches sich vorzustellen. Allein wer tiefer in den Weltenbau und
in den Weltenzusammenhang hineinzuschauen vermag - das darf
einmal gesagt werden aus wirklichem anthroposophischem Fiihlen
und Empfinden heraus der empfindet in besonderer Weise eine
Hauser- und Fabrikenzusammenstellung in einem solchen Stile, der
sozusagen dem asthetischen Bediirfnisse des Menschen gar nichts
gibt - wie das zum Beispiel in Leeds der Fall ist, wo unglaublich
aussehende schwarze Hauser in abstrakter Weise nebeneinanderge-
reiht sind, wo alles eigentlich so ausschaut, wie wenn es unmittelbar
eine Kondensation ware des schwarzesten Kohlenstaubes, der sich
zusammengeballt hat und Hauser bildend aufgetreten ist, in denen
nun die Menschen ihre Wohnungen aufschlagen. Man empfindet,
wenn man dies im Zusammenhange mit der Kulturentwickelung, mit
der Zivilisationsentwickelung der ganzen Menschheit wirklich nur
mit derselben Gesinnung beachtet wie das, was ich soeben in bezug
auf den Sand im Magen gesagt habe, man empfindet das so, dafi man
eigentlich sagen mufi: Es ist ebenso unmoglich fiir die menschliche
Zivilisation, dafi sich solches auf die Dauer hineinstellt in den gan-
zen Gang der Menschheitsentwickelung und dafi dabei die mensch-
liche Zivilisation irgendwie innerlich fortschreiten konnte.
Nun handelt es sich wirklich nicht darum, dafi man jemals auf
anthroposophischem Boden ein Reaktionar sein konnte. Man mufi
selbstverstandlich nicht im negativen Sinne von diesen Dingen spre-
chen. Diese Dinge haben sich eben aus dem Leben der ganzen Er-
denentwickelung heraus ergeben. Aber sie sind nur moglich inner-
halb der Menschheitsentwickelung, wenn sie durchdrungen werden,
durchsetzt werden von einem wirklichen spirituellen Leben, wenn
das spirituelle Leben tatsachlich gerade in diese Dinge hineindringt
und sie allmahlich wenigstens auch herauszuheben vermag zu einer
Art von Asthetik, so dafi die Menschen eben nicht vollig von dem
Innermenschlichen abkommen dadurch, dafi diese Dinge sich in die
Kulturentfaltung hineinstellen.
Und ich mochte sagen: Gerade aus einem solchen Erlebnis heraus
ergibt sich einem eben die absoluteste Notwendigkeit eines Eindrin-
gens spiritueller Impulse in die gegenwartige Zivilisation. Diese
Dinge konnen ja nicht blofi im Sinne von allgemeinen Ideen gefafk
werden, die man sich macht, sondern sie miissen wirklich im Zu-
sammenhange mit dem, was in der Welt ist, gefafit werden. Aber
man mufi ein Herz haben fur dasjenige, was ist in der Welt!
Ilkley selbst nun ist ein Ort, der in seiner Umgebung auf der ei-
nen Seite eben die Nahe dieser anderen, rein industriellen Stadte als
seine Atmosphare tragt, der auf der anderen Seite tatsachlich iiberall,
aber nur spurenweise, in den herumliegenden Resten der Dolmen,
der alten Druiden-Altare immerhin etwas hat, was an alte Geistig-
keit erinnert, die da unmittelbar eben keine Nachfolge hat. Es ist, ich
mochte sagen riihrend, wahrzunehmen, wenn man auf der einen Seite
eben den Eindruck hat, den ich soeben geschildert habe, und wenn
man auf der anderen Seite in dieser, ich mochte sagen durchaus von
den Ausflussen jener Eindrucke durchsetzten Gegend einen Hiigel
hinansteigt und dann an den aufterordentlich charakteristischen Stel-
len, wo sie immer sind, die Reste der alten Opfer-Altare mit den
entsprechenden Zeichen findet - es hat etwas aufierordentlich Riih-
rendes. So ist eben in der Nahe von Ilkley ein solcher Hiigel, oben
ein solcher Stein, und auf diesem Stein im wesentlichen - es ist noch
etwas komplizierter - aber im wesentlichen dasjenige, was man als
Swastika bezeichnet, was den Steinen, die dazumal an bestimmten
Statten aufgelagert worden sind, eingepragt wurde und was auf
etwas ganz Bestimmtes hinweist: darauf hinweist, wie an dies en Stat-
ten der Druidenpriester erfiillt war von denjenigen Gedanken, die,
sagen wir vor zwei bis drei Jahrtausenden in diesen Gegenden kul-
turschopferisch waren. Denn betritt man nun eine solche Statte, steht
man vor einem solchen Felsblock mit den eingegrabenen Zeichen,
dann sieht man heute noch der ganzen Situation an, daft man an
derselben Stelle steht, wo einstmals der Druidenpriester gestanden
hat und wo er die Eingrabung dieses Zeichens so empfunden hat,
daft er sein Bewufttsein, welches er aus seiner Wiirde heraus hatte, in
diesem Zeichen zum Ausdruck brachte.
5
Denn was liest man in diesem Zeichen, wenn man vor einem sol-
chen Stein steht? Man liest die Worte, die im Herzen des Druiden-
priesters waren: Siehe da, das Auge der Sinnlichkeit schaut die
Berge, schaut die Statten der Menschen; das Auge des Geistes, die
Lotosblume, die sich drehende Lotosblume - denn deren Zeichen ist
die Swastika - , die schaut in die Herzen der Menschen, die schaut in
das Innere der Seele. Und durch dieses Schauen mochte ich verbun-
den sein mit denjenigen, die mir als Gemeinde anvertraut sind. - Wie
man sonst aus einem Buche einen Schrifttext liest, so liest man
gewissermaften dieses, indem man vor einem solchen Steine steht.
Das ist ungefahr das Milieu, in dem die Ilkleykonferenz abge-
halten worden ist. Sie bestand daraus, daft ich am Morgen immer
die Vortrage hielt, die vor alien Dingen diesmal versuchten, die
Waldorfschul-Padagogik und -Didaktik herauszuholen auch aus der
ganzen historischen Entwickelung der Erziehungskunst. Ich ging
diesmal von der Art und Weise aus, wie in der griechischen Kultur
die Erziehungskunst herausgewachsen ist aus dem allgemeinen grie-
chischen Leben, wie man daraus entnehmen kann, daft eigentlich fur
die Schule nichts erfunden werden soil an besonderen Methoden und
besonderen Praktiken, sondern daft die Schule dasjenige vermitteln
soli, was in der allgemeinen Kultur enthalten ist.
Es ist ja durchaus so, daft es nicht richtig ist, wenn man zum Bei-
spiel in Kleinkinderschulen in Frobelscher Weise - ich will aber
durchaus nicht an Frobel herumkritisieren! - besondere Praktiken
erfindet, um das oder jenes mit den Kindern zu machen, Praktiken,
die nicht mit dem allgemeinen Kulturleben verbunden sind und aus
diesem herausgewachsen sind. Sondern das Richtige ist, wenn der-
jenige, der die Erziehungskunst ausiibt, unmittelbar drinnen steht in
dem allgemeinen Kulturleben, Herz und Sinn dafur hat, und dann in
die Erziehungsmethoden aus dem unmittelbaren Leben dasjenige
hineintragt, in das ja der Mensch, der erzogen werden soil, spater
hineinwachsen soil.
Und so wollte ich denn zeigen, wie aus unserem, aber jetzt geist-
durchdrungenen Leben, eben Padagogik und Didaktik hervorwach-
sen raui Das gab eben die Moglichkeit, die Waldorfschulmethode
wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus zu beleuchten.
Das, was ich soeben erwahnt habe, war ja nur Ausgangspunkt; das,
um was es sich handelte, war dann eine Beleuchtung der Waldorf -
schulpadagogik, die Sie ja kennen.
Im Anschlusse fanden dann eine Eurythmievorstellung der
Kinder der Kings-Langley-Schule und Eurythmievorstellungen im
dortigen Ilkleyer Theater statt von denjenigen eurythmischen Kiinst-
lern, die mit uns gegangen sind. Es ware wahrscheinlich besser ge-
wesen, wenn die letzteren zuerst stattgefunden hatten, damit auch in
der Anordnung gleich hatte gesehen werden konnen, wie auch das-
jenige, was in der Schule als Eurythmie gepflegt wird, herauswachst
aus der Eurythmie als einer Kunst, die im Kulturleben darinnen
steht. Nun, diese Dinge werden sich ja in der Zukunft einleben, so
daft auch in bezug auf die aufteren Anordnungen dann ein Bild
gegeben wird von dem, was eigentlich gewollt ist.
Als drittes sozusagen reihten sich dann daran die Leistungen der-
jenigen, die als Lehrkrafte der Waldorf schule mitgezogen waren.
Und da mull wirklich gesagt werden, dafi das denkbar allergrolke
Interesse der Sache entgegengebracht worden ist. Ich mufi sagen, dafi
zum Beispiel die Art und Weise, wie das, was Dr. von Baravalle vor-
brachte, etwas aufierordentlich Ergreifendes hatte fiir denjenigen,
dem die Waldorf schul-Entwickelung am Herzen liegt. Wenn man da
sah, wie Dr. von Baravalle seine geometrischen Anschauungen in der
Art, wie sie fiir Kinder gelten, einfach auseinandersetzte nach der
Methode, die Sie ja wohl kennen sollten aus seinem Buche iiber phy-
sikalische und mathematische Methoden, und wie dann aus einer,
man mochte sagen kunstlerisch-mathematischen Entwickelung -
aus der Flachenumgestaltung und Flachenmetamorphose - plotzlich
mit einer inneren Dramatik der pythagoraische Lehrsatz heraus-
wuchs -, wenn man dann sah, wie nun, nachdem die Zuhorer so
Schritt fiir Schritt gefuhrt wurden und eigentlich nicht recht wufi-
ten, wohin das alles will, dafi dann eine Anzahl von Flachen immer
verschoben wurde, bis zuletzt durch das Verschieben der Flachen
auf der Tafel anschaulich der pythagoraische Lehrsatz da war. Es
war ein innerliches Staunen bei dieser Zuschauerschaft, die aus
Lehrern bestand, ein innerliches dramatisches Sichentwickeln der
Gedanken und Gefiihle, und ich mochte sagen eine so ehrliche, auf-
richtige Begeisterung fiir dasjenige, was da als Methode in die Schule
hineinkommt, dafi es wirklich etwas Ergreifendes hatte - so wie
iiberhaupt dasjenige, was unsere Lehrer vorbrachten, das denkbar
aufierordentlichste Interesse erregte. Wir hatten Schiilerarbeiten
mitgebracht, die in plastischen Arbeiten, in der Verfertigung von
Spielsachen, Malereien und so weiter bestehen - es erregte das grofi-
te Interesse, als beschrieben wurde, wie die Kinder daran arbeiten,
wie das sich in den ganzen Lehrplan der Schule einreiht.
Die Art und Weise, wie Musikunterricht erteilt wird, die von
Fraulein Lammert interpretiert wurde, erregte die denkbar grofke
Aufmerksamkeit, ebenso die Auseinandersetzungen von Dr.
Schwebsch. Die eindringliche, so liebevolle Art von Dr. von Heyde-
brand, dann die kraftvolle Art unseres Dr. Karl Schubert; das alles
sind Dinge, die wirklich zeigten, daft es moglich ist, dasjenige, was
Waldorf schulwes en ist, in einer anschaulichen Weise einer Lehrer-
schaft vor die Seele zu bringen. Fraulein Rohrle gab dann einen
eurythmischen Unterricht fur verschiedene Menschen, was auch eine
gute Erganzung ergab, so daft das Ganze schon vom padagogischen
Gesichtspunkte aus recht gut zusammengefalk war. Ich darf das
sagen, denn ich bin ganz ohne Anteil an der Zusammenstellung des
Programmes. Das alles ist von unseren englischen Freunden so zu-
sammengestellt worden, daft wirklich eine sehr schone Zusammen-
fassung des padagogischen Unterrichtsfaches da gegeben war.
Wahrend der ganzen Tagung bildete sich dann ein Komitee, wel-
ches sich zur Aufgabe setzte, nun eine selbstandige Schule nach dem
Muster der Waldorfschule auch in England zu begriinden. Die
Aussichten sind eigentlich sehr gut dafiir, daft eine solche Schule als
Tagesschule entstehen kann, neben der Kings-Langley-Schule, die ja
schon im vorigen Jahre, nach meinen Oxforder Vortragen, sich be-
reit erklart hatte, die Waldorfschulmethodik in sich aufzunehmen.
Wie gesagt, die Kinder der Kings-Langley-Schule waren es ja, die im
Theater in Ilkley eine Darstellung desjenigen gegeben hatten, was sie
in Eurythmie gelernt haben. Das Interesse und die Art, wie diese
Dinge aufgenommen worden sind, auch wie verstandnisvoll die
Eurythmievorstellungen aufgenommen worden sind, das ist etwas,
was schon mit grower Befriedigung erfiillen kann. - Dies war die
erste Augusthalfte, bis zum 18. August. Dann wanderten wir hin-
iiber nach Penmaenmawr.
Penmaenmawr ist ein Ort, der in Nordwales, an der westlichen
englischen Kiiste liegt, da wo die Insel Anglesey vorgelagert ist, und
dieses Penmaenmawr ist ein Ort, wie er allerdings in diesem Jahr
nicht besser hatte fiir diese anthroposophische Unternehmung aus-
erwahlt werden konnen. Denn dieses Penmaenmawr ist erfiillt von
der unmittelbar erlebbaren astralischen Atmosphare, in die dasjeni-
ge sich hereingestaltete, was ausgegangen ist von dem Druidendienst,
dessen Spuren man ja da iiberall verfolgen kann. Es ist unmittelbar
an der Meereskiiste, wie gesagt, wo die Insel Anglesey vorgelagert
ist; zu ihr hinuber fiihrt ja eine Briicke, die technisch iibrigens genial
gebaut ist. Auf der einen Seite steigen iiberall Hugel und Berge an
bei Penmaenmawr, und auf diesen Bergen zerstreut finden sich dann
iiberall diese Uberreste der alten sogenannten Opfer-Altare, Crom-
lechs und so weiter; iiberall sind da die Spuren dieses alten Druiden-
dienstes.
Diese einzelnen verstreuten Kultvorrichtungen, wenn ich sie so
nennen darf, sie sind ja scheinbar in der einfachsten Weise angeord-
net. Wenn man sie von der Seite anschaut, sind es Steine aneinander-
gereiht im Quadrat oder Rechteck, ein Stein liegt dariiber. Wenn man
sie von oben anschaut, wiirden also diese Steine so stehen [siehe
Zeichnung], und dariiber liegt dann ein Stein, der das Ganze wie zu
einem kleinen Kammerchen abgrenzt.
Gewift sind solche Dinge auch Grabdenkmaler gewesen. Aber ich
mochte sagen, die Funktion des Grabdenkmals ist ja in alteren Zei-
ten iiberall verbunden mit der Funktion fur einen viel weitergehen-
den Kultus. Und so will ich denn hier nicht zuriickhalten, dasjenige
auszusprechen, was einen eine solche Kultusstatte lehren kann.
Tafel 5
Sehen Sie, diese Steine umschlieften also eine Art Kammerchen;
dariiber liegt ein Deckstein. Dieses Kammerchen ist in einer gewis-
sen Weise dunkel. Wenn also die Sonnenstrahlen darauf fallen, dann
bleibt das aufiere physische Licht zuriick. Aber das Sonnenlicht ist
ja iiberall erfiillt von geistig Stromendem. Dieses geistig Stromende,
das geht nun weiter, das geht in diesen dunklen Raum hinein. Und
der Druidenpriester hatte infolge seiner Initiation die Moglichkeit,
durch die Druidensteine durchzuschauen und sowohl zu sehen die
nach unten gehende Stromung - jetzt nicht des physischen Sonnen-
lichtes, denn das war ja abgesperrt - aber dessen, was im physischen
Sonnenlichte geistig-seelisch lebt. Und das inspirierte ihn mit
demjenigen, was dann einflofi in seine Weisheit iiber den geistigen
Kosmos, iiber das Weltenall. Es waren also nicht nur Totenstatten,
es waren Erkenntnisstatten.
Aber noch mehr. Wenn zu gewissen Tageszeiten dies der Fall war,
was ich jetzt eben beschrieben habe, so kann man sagen: Zu anderen
Tageszeiten war dafur das andere der Fall, daft wiederum von der
Erde zuriick Stromungen gingen [Pfeile aufwarts], die dann beob-
achtet werden konnten, wenn die Sonne nicht darauf schien, und in
denen lebte dasjenige, was die moralischen Qualitaten der Gemein-
de des Priesters waren, so dafi der Priester in gewissen Zeiten sehen
konnte, wie die moralischen Qualitaten seiner Gemeindekinder in
der Umgebung sind. Ihm zeigte also sowohl das abwartsstromende
Geistige wie das aufwartsstromende Geistige dasjenige, was ihn auf
eine wirklich geistige Art drinnen stehen liefi in seinem ganzen
Wirkungskreise.
Tafel 5
Diese Dinge sind natiirlich nicht verzeichnet in dem, was die heu-
tige Wissenschaft iiber diese Kultstatten mitteilt. Aber es ist in der
Tat das, was man hier unmittelbar erschauen kann, weil ja tatsachlich
die Gewalt der Impulse - der Impulse vom Wirken der Druidenprie-
ster in der Zeit, wo eben ihre gute Zeit war -, weil diese Kraft so
stark war, dafi eben heute noch in der astralischen Atmosphare von
dort diese Dinge absolut leben.
Eine andere Art Kultstatte konnte ich dann im Verein mit Dr.
Wachsmuth besuchen: Da geht man von Penmaenmawr aus etwa ein-
einhalb Stunden auf einen Berg hinauf. Oben ist dann etwas wie eine
Mulde. Von dieser Mulde hat man einen freien wunderbaren Aus-
blick auf umgebende Berge und auch auf die Muldenbegrenzung des
eigenen Berges. Da oben in dieser Mulde fand man dasjenige, was
man als eigentliche Sonnenkultstatte der alten Druiden bezeichnen
kann. Sie stellt sich also so dar, daft die entsprechenden Steine mit
ihren Deckblattern angeordnet sind; es sind iiberall die Spuren
vorhanden.
5
Denken Sie sich die Sache so: Diese Kultstatten haben keinen in-
neren Raum. Hier oben, in unmittelbarer Nahe voneinander liegend,
haben Sie zwei solcher Druidenzirkel. Wenn die Sonne ihren Tages-
weg geht, so fallen naturlich die Schatten von diesen Steinen in der
verschiedensten Weise, und man kann nun unterscheiden, sagen wir,
wenn die Sonne durch das Sternbild des Widders geht, den Widder-
schatten, dann den Stierschatten, den Zwillingsschatten und so wei-
ter. Man bekommt ja heute noch, wenn man diese Dinge entziffert,
einen guten Eindruck, wie aus den verschiedenen, in sich qualitativ
verschiedenen Sonnenschatten, die dieser Druidenzirkel ergab, der
Druidenpriester ablesen konnte die Geheimnisse des Weltenalls aus
demjenigen, was im Sonnenschatten weiter lebt, wenn das physische
Sonnenlicht zuriickgehalten wird, so dafi in der Tat da drinnen ent-
halten ist eine von den Geheimnissen der Welt sprechende Welten-
uhr. Aber es waren das durchaus Zeichen, die in den Schatten, die
da geworfen wurden, sich ergaben, die von den Welten-, von den
kosmischen Geheimnissen sprachen.
Der zweite Kreis war dann wie eine Art von Kontrolle, urn das
nachzukontrollieren, was der erste Kreis ergab. Wenn man sich etwa
in einem Flugzeug in die Hohe begeben hatte und hatte sich so weit
wegbegeben, dafi diese Entfernung dazwischen vielleicht verschwun-
den ware, so hatte man, herunterschauend, eigentlich gerade aus
diesen beiden Druidenzirkeln unmittelbar den Grundrifi desjenigen
gehabt, was der Grundrift unseres Goetheanum war.
Das alles liegt dort, wo also in der Nahe auch die Insel Anglesey
liegt, auf der sich vieles von dem abgespielt hat, was sich erhalten hat
in den Nachrichten vom Konig Artus. Das Zentrum des Konigs
Arms war ja etwas siidlicher, aber hier hat sich manches auch abge-
spielt, was zu dem Wirken des Konigs Artus gehorte. Das alles gibt
der astralischen Atmosphare von Penmaenmawr etwas, das in deut-
licher Art eben diese Statte zu einer besonderen macht, zu dem
macht, von dem man sagen kann: spricht man iiber Spirituelles, so ist
man genotigt, in Imaginationen zu sprechen. Es ist ja bei den Imagi-
nationen so, daft - wenn sie im Verlaufe der Darstellungen geformt
werden - dann diese Imaginationen in der Astral-Atmosphare in-
nerhalb der heutigen Zivilisation sehr bald verschwinden. Man
kampft ja, wenn man versucht, das Spirituelle darzustellen, fortwah-
rend gegen das Verschwinden der Imaginationen. Man mufi diese
Imaginationen hinstellen, aber sie dampfen sich sehr bald ab, so dafi
man immer von neuem in die Notwendigkeit versetzt ist, diese Ima-
ginationen zu erzeugen, urn sie vor sich zu haben. Die Astral- Atmo-
sphare, die da aus diesen Dingen sich ergibt, ist so, daft es zwar etwas
schwieriger ist dort in Penmaenmawr, die Imaginationen zu bilden,
daft aber diese Schwierigkeit dadurch wiederum auf der anderen Seite
zu einer grofien Erleichterung des spirituellen Lebens fuhrt, dafi nun
diese Imaginationen, nachdem sie gebildet sind, einfach sich ausneh-
men wie hineingeschrieben in die Astral-Atmosphare, so daft sie
drinnenstehen. Man hat iiberall dort das Gefiihl, wenn man irgend-
wie Imaginationen bildet, welche die Ausdriicke der geistigen Welt
ergeben, daft sie stehen bleiben in der dortigen Astral-Atmosphare.
Und gerade durch diesen Umstand wird man so lebendig daran
erinnert, wie sich diese Druidenpriester ihre besonderen Statten aus-
gesucht haben, wo sie eben, ich mochte sagen in wirksamer Weise in
die Astral-Atmosphare wie eingravieren konnten dasjenige, was
ihnen oblag, in Imaginationen aus den Weltengeheimnissen heraus
zu gestalten. So daft man es in der Tat wie eine Art wirklichen Uber-
schreitens, fast wie das Uberschreiten einer Schwelle empfindet,
wenn man von Ilkley heruberkommend - das also ganz in der Nahe
des Industrialismus liegt und nur ganz leise die Spuren der alten
Druidenzeit zeigt - nun in etwas hineinkommt, was in unmittel-
barer heutiger Gegenwart einfach geistig ist. Geistig ist das alles.
Man kann schon sagen: Dieses Wales ist ein besonderer Fleck
Erde. Dieses Wales ist heute die Bewahrerin von einem ungeheuer
starken spirituellen Leben, das allerdings in Erinnerungen besteht,
aber in realen Erinnerungen, die dastehen. So daft eigentlich gesagt
werden darf: Die Moglichkeit, an dieser Statte nun bloft iiber An-
throposophie zu sprechen - nicht in Anlehnung an die Dependan-
cen der Anthroposophie, sondern iiber Anthroposophie katexochen,
iiber das Innere der Anthroposophie das rechne ich zu einem der
bedeutendsten Abschnitte in der Entwickelung unseres anthropo-
sophischen Lebens.
Das Verdienst, diese Einrichtung gemacht zu haben, nun auch
einmal dergleichen in die Entwickelung des anthroposophischen Le-
bens hineinzustellen, gebiihrt dem in dieser Richtung aufierordent-
lich einsichtsvollen, energischen Wirken von Mr. Dunlop, der mir
den Plan dazu bei meiner Anwesenheit in England im vorigen Jahre
auseinandersetzte und der an diesem Plan dann festgehalten und ihn
nun auch zur Ausfuhrung gebracht hat. Es war ja von vornherein
geplant, in diesem August an diesem Orte hier rein Anthroposophi-
sches im Zusammenhange mit Eurythmie zu bringen.
Mr. Dunlop hatte dann noch einen dritten Impuls, der aber un-
moglich auszufuhren war, und man darf schon sagen: Das, was mog-
lich geworden ist, ist eigentlich nur durch die wirklich spirituell ein-
sichtsvolle Art, diesen Ort zu wahlen, moglich geworden. Es ist,
glaube ich, von einer gewissen Wichtigkeit, sich auch das einmal vor
die Seele zu stellen, daft es solche ausgezeichnete Orte auf der Erd-
oberflache gibt, wo in einer solchen lebendig dastehenden Erinne-
rung eben unmittelbar dasjenige lebendig da ist, was als Sonnenkult
zur Vorbereitung der spateren Aufnahme des Christentums in
Nord- und Westeuropa einmal lebendig war.
Die Vortrage waren vormittags; der Nachmittag war zum Teil
dazu ausersehen, daft die Teilnehmer diese Astral- Atmosphare und
deren Zusammenhang mit den Erinnerungen verfallener Opferstat-
ten, Dolmen und so weiter, an Ort und Stelle sehen konnten; der
Abend war ausgefullt mit Erorterungen iiber anthroposophische
Gegenstande oder auch mit Eurythmievorstellungen. Es waren fiinf
davon in Penmaenmawr, die auf der einen Seite mit einer wirklich
groften Innigkeit, auf der anderen Seite mit dem allerstarksten Inter-
esse aufgenommen worden sind. Die Zuhorer bestanden ja zum Teil
aus Anthroposophen, zum Teil aber auch aus nichtanthroposophi-
schem Publikum. Es war reichlich so, daft - was nun wiederum in
begreiflicher Weise aus einem an das Meer angrenzenden Gebirgs-
land hervorgeht -, daft man von Stunde zu Stunde immer die schone
Abwechslung hatte von halben Wolkenbriichen und hellem Sonnen-
scheine und so weiter. Wir hatten zum Beispiel einen Abend - die
aufiere Einrichtung war ja etwas, was fast gerade so war wie diese
Schreinerei -, da kam man wirklich durch eine Art von Wolken-
bruch zu einer Eurythmievorstellung; bei deren Beginn safien die
Leute noch mit den Regenschirmen im Saal da, liefien sich aber nicht
in ihrer Begeisterung beirren. Es war also durchaus etwas, wie ich
schon in Penmaenmawr selber sagte, was wirklich als ein sehr be-
deutsames Kapitel in der Geschichte unserer anthroposophischen
Bewegung verzeichnet werden darf.
Eine Veranstaltung war gewidmet der Besprechung der padagogi-
schen Fragen auch in Penmaenmawr. Und bei dieser Gelegenheit
mochte ich nun auch das Folgende erwahnen, das Sie ja schon lesen
konnten in der kleinen Darstellung, die ich davon im «Goetheanum»
gegeben habe. Es erwartete mich, als ich nach England, nach Ilkley
kam, ein Buch «Education Through Imagination^ Erziehung durch
Imagination, das ich zunachst durchfliegen konnte, und das mich
gleich aufierordentlich gefangennahm; ein Buch, das gerade von
einem unserer Freunde als eines der bedeutendsten Biicher in Eng-
land bezeichnet wird. Es hat zum Verfasser Miss MacMillan. Diesel-
be Personlichkeit war dann Chairman am ersten Abend und an den
folgenden Abenden in Ilkley. Miss MacMillan hielt die Eroffnungs-
rede. Es war erhebend, die schone Begeisterung und das innere ehr-
liche Feuer fiir die Erziehungskunst bei dieser Frau zu sehen. Und
von einer aufierordentlich starken Befriedigung war fiir uns gleich-
zeitig der Umstand, dafi gerade diese Frau im vollen Mafie sich zu
dem bekennt, was in einer wirklich ernsthaftig gemeinten Erzie-
hungskunst durch die Waldorfschulmethodik geleistet werden kann.
Ich hatte dann wahrend der folgenden Tage das Buch weiter ge-
lesen und habe ja meine Eindriicke davon in dem Artikel des letzten
«Goetheanum» zusammengefafit. Dann konnten wir, Frau Doktor
und ich, am letzten Montag die Wirkungsstatte dieser ausgezeichne-
ten Frau in Deptford, in der Nahe von London, in der Nahe von
Greenwich, auch besuchen. Da findet sich die, ich mochte sagen
Pflege-Erziehungsanstalt der Miss MacMillan. Sie nimmt in diese
Pflege-Erziehungsanstalt Kinder aus den untersten, armsten Volks-
schichten auf; sie strebt an, auch Kinder in einem alteren Alter noch
zu haben. Heute hat sie in der Schule 300 Kinder; mit sechs Kindern
hat sie vor vielen Jahren angefangen, heute sind es 300. Diese Kinder
werden mit zwei Jahren hereingenommen, kommen aus Kreisen, wo
sie ganz verschmutzt, verelendet, krank, unterernahrt oder ganz
schlecht ernahrt sind - wenn ich sagen darf, rachitisch, typhos, mit
Schlimmerem noch behaftet. Heute sieht man unmittelbar in der
Umgebung so eine Art Schulbaracken, wie die der Waldorfschule
sind - die Baracken, nicht unser jetziges opulent gebautes Haus, die
provisorischen Baracken aber dort sind sie sehr schon, schmuck
eingerichtet. Die Dinge stehen in einem Garten, aber man braucht
nur ein paar Schritte zu machen von irgend einem der Tore und kann
dann die auf der Strafie im furchtbarsten Elend und Schmutz leben-
de Bevolkerung, aus der diese Kinder sind, vergleichen mit dem, was
aus diesen Kindern gemacht wird.
In einer mustergiiltigen Weise sind zunachst die Bade-Einrichtun-
gen. Das ist die Hauptsache. Die Kinder kommen um 8 Uhr herein,
werden am Abend entlassen, kommen also an jedem Abend wieder
in ihr Haus zuriick. Die Pflege beginnt am Morgen zunachst mit dem
Baden. Dann beginnt eine Art Unterricht, alles mit einer ungeheuren
Hingebung, mit einem mhrenden, ergreifenden Opfersinn gemacht,
alles in einer riihrenden, praktischen Weise eingerichtet. Da Miss
MacMillan auch der Ansicht ist, dafi in das alles einmal die Waldorf -
schulpadagogik eindringen mufi, so raufi man schon sagen: Man kann
auch darauf von diesem Gesichtspunkte aus mit voller Befriedigung
sehen - wahrend man vielleicht heute gerade in der Methodik man-
ches anders haben mochte; aber das kommt ja gegeniiber diesem
Opfersinn gar nicht in Betracht zunachst. Die Dinge sind ja immer
ein Werdendes. Denn es ist wirklich bedeutsam, wie gesittet diese
Kinder dann werden, was sich insbesondere dann wahrend der
Tischzeit zeigt, wo sie zum Essen gefuhrt werden, wo sie sich selber
bedienen, wo die Speisen auch immer gereicht werden von einem der
Kinder. Was praktischer Sinn machen kann, das zeigt sich zum Bei-
spiel darin, daft fur eine ganze Woche diese, ich mochte sagen aufier-
ordentlich anheimelnde «Abfutterung» der Kinder, bei der man am
liebsten mitessen mochte, dafi die in der Woche fur das Kind auf
2 Shilling 4 Pence kommt. Aufierordentlich praktisch ist alles einge-
richtet. Wunderschon war es zum Beispiel, wie dann die alteren der
Kinder, die schon Jahre lang in dieser Anstalt sind, zusammengerufen
worden sind und uns nun eine lange Szene aus Shakespeares «Som-
mernachtstraum», den Johannisnachtstraum, tatsachlich mit weiner
Innigkeit und auch sogar mit einer gewissen Beherrschung der dra-
matischen Technik vorfiihrten. Es hatte etwas ergreifend Groftarti-
ges, wie da diese Kinder das vorfiihrten, ausdrucksvoll und ein-
drucksvoll, mit wirklich innerer Beherrschung des Dramatischen.
Und diese Vorfuhrung von Shakespeares «Sommernachtstraum»
war ungefahr fast ganz an derselben Statte, wo Shakespeare selber
einmal mit seiner Truppe seine Stiicke fur den Hof aufgefuhrt hat.
Denn in der Nahe von Greenwich war die Hofhaltung der Konigin
Elisabeth. Da, in den Raumen, an deren Statte die heutigen Schul-
raume stehen und andere Raume noch, von denen ich gleich spre-
chen werde, wohnte sogar der Hofstaat der Konigin Elisabeth, und
Shakespeare mufite, von London herauskommend, dort seine Dra-
men fur die Hofleute auffiihren. An derselben Statte haben uns die
Kinder diese Shakespearestiicke vorgefuhrt.
Und im selben Bereich, zusammenhangend mit dieser Erzie-
hungs-Pflegeanstalt, ist dann eine Kinderklinik, wiederum fur die
Armsten der Armen. Jahrlich gehen 6000 Kinder durch diese Klinik
durch, nicht gleichzeitig 6000, aber jahrlich. Die Vorsteherin dieser
Klinik ist nun auch Miss MacMillan. So daft da wirklich in einer
reichlich verarmten und verschmutzten Gegend, in einer schreck-
lichen Gegend, eine Personlichkeit wirkt mit voller Energie und
eigentlich grofiartig in der Auffassung dessen, was sie da tut.
Es war mir daher eine sehr tiefe Befriedigung, als Miss MacMillan
die Absicht aufierte, wenn es sich irgendwie ermoglichen lasse, zu-
nachst an Weihnachten unsere Waldorfschule in Stuttgart mit eini-
gen Kollegen aus ihrer Lehrerschaft zu besuchen. Diese Lehrerschaft
ist eine aufterordentlich hingebungsvolle. Sie konnen sich denken,
dafi die Pflege solcher Kinder mit dem, was ich da eben charakteri-
siert habe, nicht eben etwas Leichtes ist. Es erfiillte mich daher mit
grofter Befriedigung, dafi gerade diese Personlichkeit Chairman fiir
die Ilkleyer Vortrage war, und dann in Penmaenmawr - wohin sie
wieder kam in den paar Tagen, die sie sich wieder abringen konnte -
eine Diskussion in Padagogik einleitete, bei der Dr. von Baravalle
und Dr. von Heydebrand sprachen. So war gerade dasjenige, was da
in Penmaenmawr stattfand und was damit zusammenhing, wirklich
etwas recht Befriedigendes.
Sozusagen der letzte, der dritte Teil, waren dann die Tage in Lon-
don. Es war ja zu dem, was zunachst meine Aufgabe in London war,
Frau Dr. Wegman herubergekommen. Wir sollten vor einer Anzahl
englischer Arzte die Methode und das Wesen unserer anthroposo-
phisch-medizinischen Bestrebungen hinstellen. Es waren 40 Arzte
eingeladen, die auch zum grofien Teil erschienen waren im Hause
von Dr. Larkins. Ich konnte in zwei Vortragen sprechen zunachst
iiber die besondere Natur unserer Heilmittel in ihrem Zusammen-
hang mit den Krankheitserscheinungen und mit der Wesenheit des
Menschen. Und dann in dem zweiten Vortrage konnte ich eine
Grundlage physiologisch-pathologischer Art geben iiber die Funk-
tionen des Menschen; dann etwas iiber die Wirkungsweise einzelner
Heilmittel wiederum im Zusammenhange mit dieser Begriindung -
die Wirkungen des Antimon-Heilmittels, die Wirkungen der Mistel
und so weiter auseinandersetzen -, und ich glaube, wir konnen uns
wirklich sagen, daft doch vielleicht ein recht gutes Verstandnis der
Sache entgegengebracht worden ist auch im weiteren Kreise, was sich
dadurch gezeigt hat, dafi die Konsultationen, zu denen Frau Dr.
Wegman aufgesucht worden ist, recht zahlreiche waren. So da$ auch
diese Seite des anthroposophischen Wirkens zur Geltung gekom-
men ist.
Den Beschluft bildete dann eine Eurythmieauffiihrung in der
Royal Academy of Art, die aufierordentlich groften Erfolg - das
kann man schon sagen
…[truncated]