Initiationswissenschaft und Sternenerkenntnis

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



! 



RUDOLF STEINER 



Initiations wis s ens chaf t 

und 

Sternenerkenntnis 

Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 
vom Gesichtspunkt der Bewufitseinsentwickelung 



Acht Vortrage und ein Reisebericht, 
Dornach, London und Stuttgart 
27. Juli bis 16. September 1923 



2002 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger 
und Michaelis Messmer 

1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1964 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 

3., neu durchgesehene und erweiterte Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 2002 

Friihere Veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 228 

Zeichen auf dem Einband von Assja Turgenieff, Schrift von Hedwig Frey. 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl 

ISBN 3-7274-2280-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehaltenen 
Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft - schrift- 
lich festgehalten wiirden, da sie von ihm als <<mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu- 
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer- 
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben 
zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. 
Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen die Nach- 
schriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgese- 
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



DIE GEISTIGEN INDIVIDUALITATEN UNSERES PLANETENSYSTEMS - 
SCHICKSALBESTIMMENDE UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN 

Erster Vortrag, Dornach, 27. Juli 1923 13 

Mit Hilfe einer Initiationswissenschaft ist die Durchseelung und 
Durchgeistigung unseres Planetensystems zu erkennen. Im Mond 
leben in strenger Abgeschlossenheit geistige Wesenheiten. Sie be- 
wahren die Urweisheit. Das, was der Mond aufierlich zuriickstrahlt 
sind Krafte, die mit dem Niederen in Tier und Mensch, besonders 
mit der Geschlechtlichkeit zusammenhangen. Die Wesenheiten des 
Saturn wirken als lebendiges Gedachtnis unseres Planetensystems. 
Schopferische und empfangene Gedanken des Universums strahlen 
uns vom Jupiter zu, er ist der Denker unseres Planetensystems. 
Konstellationen zwischen Jupiter und Saturn hangen mit Renais- 
sance-Epochen in der Weltgeschichte der Menschheit zusammen. 
Der Mars bewirkt Impulse der Sprache. Die Venus gibt alles liebe- 
voll zuriick, was von der Erde kommt. Die Stellung von Mars zu 
Venus (Quadratur) beeinflufit die Entwicklung der Sprache eines 
Volkes. Die Wesenheiten des Merkur sind die Meister des kosmi- 
schen Denkens. Der Mond als Trager der Vererbungskrafte. Venus 
und Merkur vermitteln das Seelisch-Geistige (Temperament). Mars, 
Jupiter und Saturn sind menschenbefreiende, Venus, Merkur und 
Mond sind schicksalbestimmende Planeten. Zwischen die planetari- 
schen Individualitaten stellt sich die Sonne, Harmonie schaffend. Die 
Sonne als Flamme, wenn Freiheit im Weltall erscheint oder die 
Sonne als Substanz, wenn mifibrauchte Freiheit (als Schicksal) sich 
als Asche zusammenballt. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 28. Juli 1923 28 

Bei der Anschauung der Himmelskorper ist seit der Newtonschen 
Zeit das Geistige verlorengegangen. Die mathematischen und physi- 
schen Begriffe werden seither auf das ganze Himmelsall ausgedehnt. 
Die Einsteinsche Relativitatstheorie zerstort diese popularen Begrif- 
fe. Anthroposophie schildert anstelle physischer Begriffe eine mora- 
lische Weltordnung. Beispiel: Das Zustandekommen der Riicken- 
markssaule bei Mensch und Tier durch Wirkungen der Wesenheiten, 
die sich ins Innere des Mondes zunickgezogen haben. Die alte 
orientalische Weisheit - heute in der Dekadenz - ist aufierlich im 
seelenvollen Anschauen des Weltalls erhalten. Ramanathans Kritik 
an Europas Verstandnis des Neuen Testamentes. Bei einem unbefan- 



genen Lesen der Evangelien wird der Europaer einen geistigen 
Christus entdecken. In den vergangenen drei bis vier Jahrhunderten 
hat der Hang zur Unklarheit alle Begriffe getriibt. Dadurch ist 
letztlich auch das soziale Chaos bewirkt worden. 

Dritter Vortrag, Dornach, 29. Juli 1923 

Mensch und Tier und die Bewufitseinszustande Wachen, Schlafen 
und Traumen. Unterschiede bei Mensch und Tier zur Innen- und 
Aufienwelt. Die Naturwissenschaft rechnet nach Gewicht, Mafi und 
Zahl, mit Sinnesempfindungen weifi sie nichts anzufangen. Die von 
Gewicht, Mafi und Zahl befreiten Sinnesempfindungen (Ton, Farbe, 
Warme, Kalte) haben eine entgegengesetzte Schwere. Mit dem 
Wahrnehmen dieses Ausdehnenwollens kommt der Mensch zum 
Erfassen geistiger Wesenheiten. Mit wachem Bewulksein sieht der 
Mensch nur die Aufienseite der Naturreiche, im Schlaf ist er bei dem, 
was als Geistiges in ihnen wohnt. Im Schlaf erlebt der Mensch den 
irdischen Wahrheitsbegriff. Das Empfinden des Schonen und der 
Traum. Voraussetzungen zum Schauen des Chaos. Wenn Chaos in 
Kosmos gewandelt wird, entsteht Schonheit, was bei allem Kiinst- 
lerischen der Fall ist. Die Idee der Giite (des Guten) im Zusammen- 
hang mit dem Unterschied zwischen Innenwelt und AuiSenwelt und 
dem Wachzustand. Relativitatstheorie und Wirklichkeit. Die mate- 
rialistische Wissenschaft verleugnet das Kiinstlerische. Ikonenmale- 
rei, Madonnenbilder und die Schwerelosigkeit der Farbe (Hinweis 
auf die eigene Programm-Malerei). Mahnende Worte im Zusammen- 
hang mit Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft. 

DER MENSCH ALS BILD GEISTIGER WESEN 
UND GEISTIGER WIRKSAMKEITEN AUF ERDEN 

London, 2. September 1923 

Was sich mit dem Menschen wahrend seines Schlafes zutragt ist 
wichtiger als das, was zu Zeiten des Wachens geschieht. Ware der 
Mensch ohne Schlaf, wiirde er nicht in der Lage sein, etwas bewufk 
zu tun. Die Wirksamkeit hoherer Hierarchien im Menschen wah- 
rend des Wachens und Schlafens. Die aufiere Gestalt des Menschen 
ist ein Bild des Wirkens aller Hierarchien in seinem Innern. So wie 
die niedere Geistigkeit durch mineralisches, pflanzliches und tieri- 
sches Reich auf der Erde wirkt, so wirkt, was von hoherer Geistig- 
keit auf den Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt auf ihn. 
Der Mond - aufierlich - als Spiegel physischer und geistiger Impulse 
aus dem Weltraum. In seinem Innern leben die friiheren Lehrer der 
Urweisheit auf Erden. In den physischen Fortpflanzungskraften fur 
Mensch und Tier wirken sie weiter. Als kosmisches Ich des Plane- 
tensystems bewahrt der Saturn das kosmische Gedachtnis und ver- 
mittelt das Karma des Menschen. Zwischen dem Mond, der phy- 



sische Vererbung vermittelt, und Saturn, der Karma vermittelt, ste- 
hen die anderen Planeten mit ihren Wirkungen. Beziehungen zwi- 
schen Mars und Venus gehen auf Erden beim Menschen in Sprach- 
und Gesangsorgane ein. Seit dem Verschwinden der gnostischen 
Erdenweisheit gibt das Mysterium von Golgatha die Kraft, Bewufk- 
sein davon zu erwerben, was in den Sternenwelten vor sich geht. Der 
Mensch mull sich wieder als ein Bild geistiger Wesenheiten und 
geistiger Wirksamkeiten auf Erden anschauen lernen. 

BERICHT UBER DIE ARBEIT 
UND DIE REISEEINDRUCKE IN ENGLAND 

Dornach, 9. September 1923 

Die Atmosphare von Ilkley. Notwendigkeit eines Eindringens spiri- 
tueller Impulse in die gegenwartige Zivilisation. Eingrabungen in 
den Steinen von den Druidenpristern. Waldorfschulpadagogik aus 
der historischen Entwicklung der Erziehungskunst heraus beleuch- 
tet. - Riickblick auf die Eurythmievorstellungen und auf die Beitrage 
verschiedener Lehrer der Waldorfschule Stuttgart. Penmaenmawr: 
Die Lage der Stadt und die Spuren des alten Druidendienstes. Die 
Kultstatten. Druidenzirkel. Wales als Bewahrerin des spirituellen 
Lebens. Miss MacMillan und ihre Pflege-Erziehungsanstalt. Vorstel- 
len der Heilmittel bei den Vortragen in London fur 40 Arzte. 
Schlufivorstellung der Eurythmie in der Royal Academy of Art. 
Hinweise auf die Verbreitung eines allgemeinen Kulturschlafes. 

DIE SONNENINITIATION DES DRUIDENPRIESTERS 
UND SEINE MONDENWESENERKENNTNIS 

Dornach, 10. September 1923 

Sonnenwesen, friiher mit der irdischen Entwicklung verbunden, 
leben nun aufierhalb der Erde. An die Lehrer der Urweisheit, die 
heute im Inneren des Mondes leben, blieb innerhalb der Menschheit 
eine unbewufite Erinnerung zuriick. In verschiedenen Entwick- 
lungsepochen einer sonnenhaften und einer mondenhaften Zivilisa- 
tion treten diese Erinnerungen auf. In den Kromlechs erforschten 
die Druidenpriester die Geheimnisse des Weltalls. Sonnenkrafte 
allein lassen Zellen wuchern; Gestaltendes und Mannigfaltiges riihrt 
von den mit den Sonnenkraften zusammenwirkenden Mondenkraf- 
ten her. Elementarwesen waren bestrebt, ins Riesenhafte auszuwach- 
sen. Solche aus dem Bereich des Wurzelhaften zu Frostriesen, riesen- 
haft Vergrofiertes aus dem Blattwachstum zu Nebelstiirmen und was 
aus der Blutenkraft riesenhaft wurde zu verheerendem Feuer. 
Meteorologische Vorgange wurden als solche riesenhaft vergrofierte 
wesenhafte Krafte, die in Naturwesen lebten, erkannt. Die Kenntnis- 



se der Druidenpriester flossen in das soziale und religiose Leben ein. 
Die Beobachtung der Pflanzen, der Riesen und der Naturwesen 
brachte Erkenntnisse, die zum Herstellen von Heilmitteln befahig- 
ten. Diese Zivilisation umfaiSte Teile Nord- und Mitteleuropas. Eine 
Schrift gab es noch nicht. Erst Wotan - mit Impulsen des Merkur - 
brachte die Runenschrift und so den ersten intellektualistischen 
Einschlag. In der Baldursage ist dargestellt, wie der Intellektualismus 
diejenige Seelenverfassung ist, die mit dem Tode rechnet, jedoch 
gegen den Tod kein Heilmittel kennt. Die damit verbundene Todes- 
furcht kann seit dem Mysterium von Golgatha mit der Christus- 
Gestalt, die auferstehen kann, geistig-seelisch geheilt werden. 

DER MENSCH IN VERGANGENHEIT, 
GEGENWART UND ZUKUNFT 

Erster Vortrag, Stuttgart, 14. September 1923 118 

Das Empfinden des Menschen zum Verlauf des geschichtlichen 
Werdens verlangt einen Zusammenschlufi nicht nur mit der 
Gegenwart, sondern auch mit der Vorzeit. Die abendlandischen 
Weltanschauungen betonten dazu mehr die Zeit, die orientalischen 
Weltanschauungen betonten mehr den Raum. Die Bewufitseinsent- 
wicklung des Menschen ist zugleich das wichtigste Moment seiner 
Entwicklung. Vorstellen, Gefuhl und Wollen und deren Wesens- 
Erlebnis in Wachen, Traumen und Schlafen. Seit dem 15. Jahrhun- 
dert ist das menschliche Denken anders geworden, heute ist es auf 
dem Hohepunkt. Im gegenwartigen wissenschaftlichen Denken ver- 
liert sich der Mensch. Was auf Erden wahr ist, ist nicht analog auf 
den Kosmos zu iibertragen, ebenso wie Wahrheit der Himmels- 
spharen nicht auf die Erde iibertragen werden diirfen. Die Druiden- 
Priester erkannten die kosmischen Wirkungen und ordneten ent- 
sprechend soziale und wirtschaftliche Aufgaben. Steinkreis-Setzun- 
gen bei Penmaenmawr haben einen Grundrifi wie das abgebrannte 
Goetheanum. Die Druiden-Priester wuEten um die kosmischen Ein- 
fliisse auf Pflanze und Tier. Sie beherrschten Elementarwesen und 
nutzten dies zur Herstellung von Heilmitteln. Jakob Bohmes und 
Swedenborgs Geistesart als reale Erinnerung an friihere Erdenleben. 

Zweiter Vortrag, Stuttgart, 15. September 1923 . . . . 137 

Die drei Etappen der menschlichen Bewufitseinsentwicklung. Den 
gegenwartigen drei Bewufitseinszustanden Wachen, Traumen und 
Schlafen standen in alteren Zeiten das von Bildern - nicht Vorstel- 
lungen - erfullte Bewufksein gegeniiber. Die reine Sinnesbeobach- 
tung begann, als der Mensch sich aus der geistigen Welt verstolSen 
fiihlte (Vorstellung vom Siindenfall). Mysterien strahlten dem Men- 
schen Trost zu. Der Mysterienpriester und seine Erkenntnisse aus 
dem Wachtraumen, dem Schlaf als Vergessenheitstrunk und aus der 



Erdenumfassung (im Schlaf). Der Erdanziehung wirken die Mon- 
denkrafte (negative Schwere) entgegen. Auf dem Weg iiber diese 
Mondenwirkung konnte der Mysterienpriester den Geist in den 
Sternenhimmel erheben. Der Mysterienpriester lehrte die Wirkung 
der Sternenumgebung auf den Menschen der Erde (astrologische 
Initiation). Die Mysterienpriester fuhrten so die Menschheit zum 
Geist der Natur zuriick. Mit dem Verfall der in den alten Bewulk- 
seinszustanden empfundenen Geistigkeit und durch das Mysterium 
von Golgatha kommt im Menschen der Impuls der Freiheit auf. Eine 
atavistische Wirkung der Mondenkrafte ist der Somnambulismus. 
Atavistische Sonnenwirkung (als Offenbarung innerer Geheimnisse 
der Natur) ist im Werk Jakob Bohmes enthalten. Tiefere Krafte 
als die von Sonne und Mond kommen von den Planeten, vom Saturn 
als kosmisch-historisches Gedachtnis. Die in Swedenborg rege 
gewordenen Saturnkrafte. 

Dritter Vortrag, Stuttgart, 16. September 1923 .... 158 

Eine Wahrnehmung (oder ein GedankenprozelS) des Menschen 
braucht zwei bis vier Tage, bevor er in Atherleib und physischen 
Leib eingepragt ist und Erinnerung werden kann. Physischer Leib 
und Atherleib gehoren ganz dem Kosmos an. Die Bedeutung der 
drei Tage fur eine Einweihung in alter Zeit. Das Geschehen im 
Traum als Protest gegen die Naturgesetze. Staudenmaiers Versuche 
spiritistischer Art. Der Gegensatz von moralischer Weltordnung zur 
Naturwissenschaft. Die Erlebnisse des Menschen werden nach etwa 
drei Tagen einer moralischen Weltordnung eingepragt. Bewufitseins- 
entwicklung als Folge des Mysteriums von Golgatha. Seit dem 
15. Jahrhundert wird die moralische Weltordnung im «modernen 
Bewulksein» dem Glauben zugeordnet (Hinweis auf Fischers 
Logarithmen-Anekdote). Nervositat als Ausdruck einer kiinftig ver- 
anderten Organisation des Menschen. Die Bewufttseinszustinde der 
Zukunft: Dumpfer Traumschlaf, Wachen, Uberwachen. Die gegen- 
wartige wissenschaftliche Logik und deren Illusionen im Gegensatz 
zur Wahrheit des Lebens. Nur mit einer neuen Geistigkeit wird das 
Menschengeschlecht gegeniiber den kiinftigen Bewufitseinszustan- 
den nicht in Dekadenz verfallen. Zur Diskussion am folgenden Tage. 
Der ganze Anthropos als Mensch der Vergangenheit, Gegenwart 
und Zukunft. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 181 

Hinweise zum Text 182 

Nachweis der Korrekturen 188 

Personenregister 189 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 191 



Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe: 
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XIII 



DIE GEISTIGEN INDIVIDUALITATEN 
UNSERES PLANETENSYSTEMS - 
SCHICKSALBESTIMMENDE 
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN 

Erster Vortrag 
Dornach, 27. Juli 1923 



Ich mochte in diesen Tagen zu dem friiher Gesagten noch einiges 
von dem hinzufugen, was die Moglichkeit bietet, gewisse Untergriin- 
de der Weltengeheimnisse zu gewinnen, die der neueren Zivilisation 
verlorengegangen sind. Wir brauchen ja nur hinzuschauen auf das, 
was die neuere Zivilisation als ihre Anschauung hat zum Beispiel 
von dem Planetensystem. Wir wissen, daft dieses Planetensystem so 
vorgestellt wird, als sei es hervorgegangen aus einer Art Urnebel, der 
in rotierender Bewegung war und von dem sich infolge dieser rotie- 
renden Bewegung die einzelnen planetarischen Korper abgespalten 
haben. Man hat durch die Spekulationen, die man sich fur diese 
Anschauung zurechtgelegt hat, ja nichts gewonnen, als daft man eine 
Art von Gleichgiiltigkeit der einzelnen Himmelskorper untereinan- 
der hat, die dabei geschildert werden, und auch eine Gleichgiiltigkeit 
des menschlichen Blickes gegeniiber diesen Himmelskorpern. 

Was unterscheidet sich da stark, sagen wir, am Mond vom Saturn, 
wenn das alles gefaftt sein soli in die Vorstellung eines rotierenden 
Nebels, aus dem sich allmahlich diese Himmelskorper abspalten? 
Allerdings, die fur alles Irdische und namentlich fur das Irdisch- 
Mineralische so bedeutsamen Forschungen des 19. Jahrhunderts 
haben allerlei zu sagen gewufit iiber die stoff liche Zusammensetzung 
der Himmelskorper, haben eine Art Physik und Chemie der Him- 
melskorper geschaffen. Damit ist es ja moglich, daft in den gebrauch- 
lichen Handbiichern spezielle Dinge gesagt werden uber Venus, 
Saturn, Mond und so weiter. Allein, all dieses ist so, wie wenn man 
von dem Menschen, der beseelt und durchgeistet ist, gewissermaften 
nur eine Art von Abbild seines aufieren Organismus schaffen wiir- 
de, ohne einzugehen auf die Durchseelung und Durchgeistigung. 



Man muS wiederum dazu kommen, mit Hilfe einer Initiations- 
wissenschaft auch in dasjenige einzudringen, was man Durchseelung 
und Durchgeistigung zunachst, sagen wir, unseres Planetensystems 
nennen kann. Und da mochte ich heute einfach mehr die Individua- 
litaten der einzelnen Planeten dieses Systems charakterisieren. 

Ich mochte zuerst hinweisen auf denjenigen Planeten, welcher der 
Erde zunachst stent, mit dessen Geschick - in einer gewissen Bezie- 
hung allerdings nur - das Erdengeschick verbunden ist, und der ein- 
mal eine ganz andere Rolle spielte im Erdenleben, als er heute spielt. 
Denn Sie wissen ja aus den Schilderungen meiner «Geheimwissen- 
schaft im Umri&», wie ich sie gegeben habe, dafi dieser Mond in 
verhaltnismaftig jiingerer Weltenzeit noch mit der Erde verbunden 
war, sich von der Erde getrennt hat und sie nun umkreist. 

Wenn wir von ihm als von einem aufieren physischen Himmels- 
korper sprechen, so ist das Physische in ihm eben nur die aufiere, die 
alleraufierlichste Offenbarung des Geistigen, das dahinterliegt. Wenn 
wir den heutigen Mond betrachten, so erscheint er denjenigen, die 
ihn in bezug auf seine Aufienseite und seine Innenseite kennenzuler- 
nen vermogen, so, daE er gewissermafien zunachst in unserem Uni- 
versum eine Versammlung von geistigen Wesenheiten darstellt, die 
in sich eine grofte Abgeschlossenheit haben. Nach aufien hin verhalt 
sich ja der Mond im Grunde genommen wie ein Spiegel des Uni- 
versums. 

Tafel i* [Hier wird begonnen, an die Tafel zu zeichnen, siehe S. 25] Wenn 
wir also hier die Erde haben und den Mond in die unmittelbare Nahe 
der Erde riicken, so ist fur die alleraufierlichste Anschauung dies der 
Fall, dafi er mit seiner Erscheinung das Sonnenlicht zuriickwirft, so 
dafi wir sagen konnen: Dasjenige, was vom Monde kommt, ist das 
auf ihn aufstrahlende und wieder zunickgeworfene Sonnenlicht. Er 
ist also eigentlich zunachst der Spiegel des Sonnenlichtes. Sie wissen 
ja, wie es die Natur eines Spiegels ist, da$ man dasjenige sieht, was 
aufier ihm ist, vor ihm ist, dafi man aber gerade nicht dasjenige sieht, 
was hinter ihm ist. Nun ist der Mond nicht nur gewissermaften der 



Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 181. 



Spiegel des Sonnenhaften im Universum, sondern er ist iiberhaupt 
ein Spiegel fiir alles dasjenige, was strahlend auf ihn auftreffen kann, 
nur daft das Sonnenlicht dabei das allerstarkste ist. Aber alles, was an 
Weltenkorpern im Universum vorhanden ist, strahlt nach dem Mon- 
de, und der Mond strahlt wie ein Spiegel des Gesamtuniversums 
dieses Universum bildhaft nach alien Seiten wiederum zuriick. So 
daft man sagen kann: Man hat das Universum eigentlich, wenn man 
es anschaut, doppelt vor sich, einmal, wie es in der Umwelt der Erde 
sich offenbart, und einmal, wie es zuriickgestrahlt ist vom Monde. - 
Die Sonnenstrahlen wirken machtig. Sie wirken machtig auch in 
ihrer Riickstrahlung vom Monde. Aber auch alles iibrige, was im 
Universum raumlich strahlend sich offenbaren kann, wird vom 
Monde zuriickgestrahlt, und man hat aufter dem, was sich im Uni- 
versum offenbart, noch diese Riickstrahlung des Universums vom 
Monde. 

Derjenige, der alle Einzelheiten des Mondes wiirde beobachten 
konnen, der, mit anderen Worten, ein Auge hatte fiir die Spiegelbil- 
der, die der Mond nach alien Seiten vom Universum entwirft, der 
wiirde vom Monde her gespiegelt haben das ganze Universum. Nur 
allein dasjenige, was innerhalb des Mondes ist, das bleibt - wenn 
ich mich so ausdriicken darf - Geheimnis des Mondes, das bleibt 
verborgen, wie das, was hinter dem Spiegel steht, verborgen bleibt. 
Was hinter der Oberflache des Mondes, also im Innern des Mondes 
selber drinnen ist, das ist vor alien Dingen bedeutsam durch seine 
geistige Seite. 

Die geistigen Wesenheiten, welche dieses Innere des Mondes be- 
wohnen, sind Wesenheiten, die sich im strengsten Sinne von dem 
iibrigen Universum abschlieften. Sie leben wie in der Monden- 
festung. Und nur derjenige, welcher es dahin bringt, zu dem Son- 
nenlichte eine solche Verwandtschaft zu bekommen, gewisse Eigen- 
tiimlichkeiten des menschlichen Herzlebens so zur Entwickelung zu 
bringen, daft er die Riickstrahlung vom Monde nicht sieht, fiir den 
wird der Mond gewissermaften seelisch durchsichtig, und er kann in 
diese Mondenfestung des Universums eindringen. Und er macht 
dann eine bedeutungsvolle Entdeckung. Er macht die Entdeckung, 



dajR durch die Aussagen, durch die Lehren derjenigen Wesenheiten, 
die sich in voller Abgeschlossenheit wie zuriickgezogen haben in 
diese Mondenfestung des Universums, wiederum geoffenbart wer- 
den konnen gewisse Geheimnisse, welche die Erde einmal besessen 
hat in ihren auserlesensten Geistern, die sie aber verloren hat. 

Und wenn wir heute zuriickgehen in der Erdenentwickelung, so 
finden wir, daft, je weiter wir zuriickgehen, wir desto weniger auf die 
abstrakten Wahrheiten treffen, die den Stolz der gegenwartigen 
Menschheit ausmachen, aber wir kommen immer mehr und mehr 
auf Bildwahrheiten. Wir ringen uns dann durch die innerlich bedeu- 
tungsvollen Wahrheiten durch, die noch aufgeschrieben sind, die als 
ein letzter Nachklang der orientalischen Weisheit zum Beispiel in 
den Veden und im Vedanta erglanzen, wir ringen uns da durch zu 
den Uroffenbarungen der Menschheit, welche noch hinter den My- 
then und Sagen liegen, und kommen zunachst voller Ehrfurcht und 
voller Erstaunen dazu, anzuerkennen, wie die Menschheit einmal 
eine grofiartige Weisheit besessen hat, die sie, ohne Anstrengung des 
Verstandes, als eine Gnade der geistigen Weltenwesen erhalten hatte. 
Und wir werden zuletzt zuruckgefuhrt zu all dem, was einmal auf 
der Erde den damals schon auf Erden vorhandenen Urmenschen 
lehren konnten diese Wesenheiten, die sich nun in die Monden- 
festung des Universums zuriickgezogen haben, die mit dem Monde 
hinausgegangen sind aus der Erde. Die Menschen haben dann die 
Erinnerung bewahrt an dasjenige, was einstmals diese Wesenheiten 
geoffenbart hatten den altesten Urvolkern der Menschheit, die noch 
etwas ganz anderes in ihrem Wesen hatten als die heutige mensch- 
liche Gestalt. 

Aber wenn man dieses Geheimnis - ich mochte es das Monden- 
geheimnis des Universums nennen - durchdringt, wird man gewahr, 
wie diese Wesenheiten, die heute in der Mondenfestung des Uni- 
versums sich verankert haben, einmal die grofien Lehrer der Erden- 
menschheit waren, und wie die Erdenmenschheit verloren hat ge- 
rade dasjenige, was heute an Geistigem und Seelischem in dieser 
Universumsfestung verborgen liegt. Denn was der Erde noch zu- 
kommt vom Universum, es ist ja durchaus nur dasjenige, was die 



Auftenflache, gewissermafien die Mauern dieser Festung zuriick- 
strahlen von dem iibrigen Weltenall. 

Es gehort dieses Mondengeheimnis zu den tiefsten Geheimnissen 
des alten Mysterienwesens. Denn was der Mond in seinem Innern 
enthalt, das ist sozusagen die Urweisheit. Dasjenige aber, was der 
Mond zuriickzustrahlen vermag aus allem Universum, das ist, was 
die Summe von Kraften bildet, welche unsere Tierwelt der Erde un- 
terhalten, namentlich jene, die zusammenhangen mit der Geschlecht- 
lichkeit der Tierwelt, die auch das Tierisch-Physische am Menschen 
unterhalten und zusammenhangen mit der physisch-sinnlichen Ge- 
schlechtlichkeit des Menschen. So da£ die niedere Natur des Men- 
schen ein Geschopf ist desjenigen, was der Mond ausstrahlt, und das 
Hochste, was einmal die Erde besessen hat, in der Mondenfestung 
innerlich geborgen ist. 

In dieser Weise gelangt man durch eine solche Betrachtung all- 
mahlich heran an eine Kenntnis der Individualitat des Mondes, an 
eine Kenntnis desjenigen, was er eigentlich ist, wahrend alle andere 
Erkenntnis eben nur eine solche ist, die man erhalten wurde von 
einem Menschen, wenn man einen Abdruck von ihm in Papier- 
mache in einem Panoptikum fande. Man wiirde nichts wissen von 
der Individualitat des Menschen, wenn man diesen Abdruck betrach- 
tete. Ebensowenig weift eine Wissenschaft, die nicht an die Initiation 
heran will, irgend etwas von der Individualitat des Mondes. 

In gewissem Sinne ist ein Gegensatz zu dieser Mondenindividua- 
litat der aufierste Planet - wenigstens der fur die Alten aufierste Pla- 
net, es sind ja spater noch der Uranus und der Neptun dazugekom- 
men, aber betrachten wir diese beiden letzteren jetzt nicht -, einen 
gewissen Gegensatz zu dieser Mondenindividualitat bildet die Sa- 
turnindividualitat [griin, Zeichnung S. 25]. Die Saturnindividualitat 
ist so geartet, dafi sie eigentlich von dem Weltenall selbst zwar in der 
mannigfaltigsten Weise angeregt wird, daft sie aber wenigstens auf 
die Erde von diesen Anregungen aus dem Weltenall nichts zuriick- 
kommen lafk, nichts hinstrahlt. Gewifi, auch der Saturn wird von 
der Sonne bestrahlt, aber dasjenige, was er von den Sonnenstrahlen 
wieder zuriickwirft, hat keine Bedeutung fur das irdische Leben, 



sondern der Saturn ist ganz und gar derjenige Weltenkorper unseres 
Planetensystems, der sich voll hingibt in seinem eigenen Wesen. Er 
strahlt sein eigenes Wesen in die Welt hinaus. Und wenn man den 
Saturn betrachtet, dann sagt er einem eigentlich immer, wie er ist. 
Wahrend der Mond, wenn man ihn auEerlich betrachtet, einem sagt, 
wie alles andere in der Welt ist, sagt einem der Saturn gar nichts von 
dem, was er an Anregungen von der iibrigen Welt empfangt, son- 
dern er spricht immer nur von sich selbst. Er sagt nur das, was er 
selbst ist. Und dasjenige, was er selbst ist, enthiillt sich nach und 
nach wie eine Art Gedachtnis unseres Planetensystems. 

Der Saturn kommt einem vor wie derjenige Weltenkorper, der 
alles getreulich mitgemacht hat in unserem Planetensystem, aber sich 
auch alles in der Erinnerung, in dieser kosmischen Erinnerung, die 
er hat, treu bewahrt hat. Er schweigt iiber die Dinge der Gegenwart 
des Universums. Diese Dinge der Gegenwart des Universums nimmt 
er auf, verarbeitet sie in seinem inneren Seelisch-Geistigen. Die gan- 
ze Summe der Wesenheiten, die im Saturn wohnen, gibt sich zwar 
der Aufienwelt hin, aber nimmt schweigend, stumm die Ereignisse 
der Welt in das Seelenhafte auf und erzahlt nur von den vergangenen 
Ereignissen des Kosmos. Daher ist der Saturn, wenn er zunachst kos- 
misch betrachtet wird, etwas wie das wandelnde Gedachtnis unseres 
Planetensystems. Und er enthalt eigentlich als ein treuer Mitteiler 
desjenigen, was im Planetensystem passiert ist, in dieser Art die 
Geheimnisse des Planetensystems. 

Wahrend wir also, wenn wir die Weltengeheimnisse ergriinden 
wollen, nach dem Monde vergeblich schauen, wahrend wir uns 
sozusagen zu Vertrauten der Mondenwesen selber machen miissen, 
wenn wir von ihnen etwas erfahren wollen iiber die Weltengeheim- 
nisse, ist solches beim Saturn nicht notwendig. Beim Saturn geniigt 
ein Aufgeschlossensein fur das Geistige: dann verwandelt sich der 
Saturn vor dem geistigen Auge, vor dem Seelenauge, in einen leben- 
digen Historiographen des Planetensystems. Er halt auch gar nicht 
zuriick mit diesen Erzahlungen, die er zu geben hat von alledem, 
was innerhalb des Planetensystems geschehen ist. Er ist in dieser 
Beziehung der voile Gegensatz der Mondenbildung, er spricht fort- 



wahrend. Und er spricht von der Vergangenheit des Planetensystems 
mit innerer Warme und innerer Glut, so daft es eigentlich gefahrlich 
ist, mit dem, was er im Weltenall spricht, intimer bekannt zu wer- 
den, weil er von den vergangenen Ereignissen des Weltenalls mit 
einer solchen Hingebung. spricht, daft man ungeheuer lieb gewinnt 
diese Vergangenheit des Weltenalls. Er ist sozusagen fortwahrend 
fur denjenigen, der ihm seine Geheimnisse ablauscht, der standige 
Verfiihrer, das Irdische gering zu achten und sich ganz und gar zu 
vertiefen in das, was die Erde einmal war. 

Namentlich spricht er deutlich uber alles das, was die Erde war, 
bevor sie Erde geworden ist. So daft er derjenige Planet in unserem 
Planetensystem ist, der einem die Vergangenheit unendlich teuer 
macht. Und jene Menschen, die nun eine irdische Hinneigung zum 
Saturn haben, das sind solche, die immer gern in die Vergangenheit 
blicken, die nicht gerne den Fortschritt haben, die das Vergangene 
immer wieder zuruckfiihren mochten. Auf diese Art nahert man sich 
der Individuality des Saturn. 

Wieder von anderer Art ist zum Beispiel ein solcher Planet wie 
der Jupiter [gelb, Zeichnung S. 25], Der Jupiter ist der Denker un- 
seres Planetensystems, und das Denken ist vorziiglich dasjenige 
Element, was alle Wesenheiten pflegen, die sozusagen in seinem 
Weltterrain vereinigt sind. Schopferische und empfangene Gedan- 
ken des Universums strahlen uns vom Jupiter zu. Der Jupiter enthalt 
in Gedankenform alle die Bildungskrafte fur die verschiedenen 
Wesen des Universums. Wahrend der Saturn das Vergangene erzahlt, 
zeigt der Jupiter, doch in lebendiger Darstellung, in lebendiger Auf- 
fassung, das ihm Entsprechende im Gegenwartigen des Universums. 
Aber es ist notwendig, daft man in einer sinnigen Weise eingreift in 
dasjenige, was er dem Geistesauge darbietet. Wenn man nicht selbst 
Denken entfaltet, dann kommt man auch zum Beispiel - gebrauchen 
wir das Wort - als Hellseher an die Geheimnisse des Jupiter nicht 
heran, denn die Geheimnisse des Jupiter sind so, daft sie nur in Ge- 
dankenform sich enthiillen, und nur wenn man selbst denkt, kommt 
man an die Geheimnisse des Jupiter heran, denn er ist der Denker 
des Universums. 



Wenn man versucht, irgendeine bedeutsame Ratselfrage des Da- 
seins in klarem Denken zu erfassen, und man kommt wegen der 
menschlich-physischen und atherischen Hemmnisse, wegen der 
astralischen Hemmnisse namentlich, nicht zurecht, dann treten die 
Wesen des Jupiter ein, und sie helfen einem. Die Wesen des Jupiter 
sind gerade die Heifer des Menschlichen fur die menschliche Weis- 
heitsentfaltung. Und derjenige, der sich so recht angestrengt hat, um 
in klarem Denken zu entwickeln irgendwelche Ratselfrage des Da- 
seins und nicht auf ihren Grund kommen kann, der findet, wenn er 
Geduld hat und diese Ratselfrage weiter im Gemiite bearbeitet, dafi 
ihm die Jupitermachte sogar wahrend der Nacht helfen. Und man- 
cher, der ein Tagesratsel dann wie aus einem Traume heraus in der 
Nacht besser gelost hat als am vorigen Tage, miilke sich, wenn er die 
Wahrheit durchschauen wiirde, eigentlich gestehen: Es sind die Jupi- 
termachte, die das menschliche Denken, wenn ich mich so ausdriik- 
ken darf, in Schwung und Bewegung und Verve bringen. Wenn also 
der Saturn der Gedachtnisbewahrer des Universums ist, so ist Jupi- 
ter der Denker des Universums. Dem Jupiter verdankt der Mensch 
alles das, was er von der geistigen Gegenwart des Universums hat. 
Dem Saturn verdankt der Mensch alles das, was er von der geistig- 
seelischen Vergangenheit des Universums hat. 

Es war aus einer gewissen Intuition heraus, daft gerade in Grie- 
chenland, wo man mit dem Geist so in der Gegenwart lebte, der 
Jupiter besonders verehrt wurde. 

Auch in demjenigen, was der Jupiter dem Jahreslauf verleiht, liegt 
fur den Menschen in seiner ganzen Heranentwickelung die An- 
regung. Sie wissen ja, der Saturn geht, wenn wir seine scheinbare 
Bewegung genau ins Auge fassen, langsam, langsam herum: fast drei- 
ftig Jahre braucht er. Jupiter geht schneller herum: zwolf Jahre etwa 
braucht er. Er gibt durch das, was er in seiner schnelleren Bewegung 
ist, dem menschlichen Bediirfnisse nach der Weisheit gerade die Ge- 
nugtuung. Und wenn nach derjenigen Uhr, die gewissermafien aus- 
driickt des Menschen Schicksal im Weltenall, eine besondere Bezie- 
hung besteht zwischen Jupiter und Saturn, dann kommen in dieses 
Menschenschicksal hinein jene wunderbaren leuchtenden Augen- 



blicke, in denen mit dem Denken der Gegenwart vieles enthiillt wird 
iiber die Vergangenheit. 

Und suchen wir in der Weltgeschichte der Menschheit nach den 
Augenblicken, wo die Renaissance-Epochen eingetreten sind, wo ein 
Wiederheraufkommen alter Impulse eingetreten ist, wie etwa in der 
letzten Renaissancezeit, dann ist dieses Wiedererneuern alter Im- 
pulse durchaus zusammenhangend mit einer gewissen Konstellation 
zwischen Jupiter und Saturn. 

Aber, wie gesagt, in einem gewissen Sinne verschlossen ist schon 
der Jupiter, und seine Offenbarungen bleiben im Unbewufiten, wenn 
der Mensch nicht durch ein aktives, in sich kraftiges, klares lichtvol- 
les Denken ihnen entgegenkommt. Daher war in alten Zeiten, in 
denen das aktive Denken wenig entwickelt war, die Art, wie die 
Menschheit vorriickte, eigentlich immer davon abhangig, wie Jupi- 
ter zu Saturn stand. In Zeiten, in denen eine gewisse Konstellation 
zwischen Jupiter und Saturn war, offenbarte sich insbesondere den 
alten Menschen vieles. Der neuere Mensch ist mehr angewiesen dar- 
auf, die Dinge getrennt in ihrer Entwickelung zu nehmen, das heifit, 
das Saturngedachtnis und die Jupiterweisheit getrennt zu empfan- 
gen in seiner seelisch-geistigen Entwickelung. 

Gehen wir dann zum Mars iiber [orange, Zeichnung S. 25], so 
haben wir in dem Mars den Planeten, den man eigentlich - nicht 
wahr, eine Terminologie mufi man ja haben - den vielsprechenden 
Planeten in unserem Planetensystem nennen kann. Er ist derjenige, 
der nicht, wie der Jupiter, mit seiner Weisheit in der Gedankenform 
zuriickhalt, sondern der eigentlich alles, was ihm zuganglich ist im 
Universum - und ihm sind ja nicht alle Dinge des Universums zu- 
ganglich, ich meine, den Seelen, die ihn bewohnen immer ausplau- 
dert. Er ist der geschwatzigste Planet in unserem Planetensystem, er 
erzahlt immer. Und er ist zum Beispiel ganz besonders wirksam, 
wenn Leute aus dem Schlaf, aus dem Traum heraus reden. Denn er 
ist auch im Grunde genommen derjenige Planet, der eine ungeheure 
Sehnsucht hat, immer zu reden, so daft er, wenn ihm irgend etwas 
von der menschlichen Natur zuganglich ist, wodurch er sie redselig 
machen kann, die Geschwatzigkeit anregt. Er ist der Planet, der 



wenig denkt, wenig Denker, aber viele Redner hat. Seine Geister 
stehen immer auf der Wacht, was sich da und dort in dem Univer- 
sum darbietet, und dann reden sie davon mit einer groften Hingabe 
und mit einer groften Verve. Er ist derjenige, der in der mannigfaltig- 
sten Weise im Verlaufe der Menschheitsentwickelung die Menschen 
anregt, Aussagen zu machen iiber die Weltengeheimnisse. Er hat 
seine guten und minder guten Seiten. Er hat seinen Genius und 
seinen Damon. Der Genius wirkt so, da£ die Menschen aus dem 
Universum heraus uberhaupt die Impulse bekommen zur Sprache. 
Sein Damon wirkt so, daft die Sprache in der verschiedensten Weise 
miftbraucht wird. Er ist - in einem gewissen Sinne kann man das 
sagen - der Agitator des Weltenalls zu nennen. Er will uberreden, 
wahrend der Jupiter nur iiberzeugen will. 

Noch wieder eine andere Stellung nimmt zum Beispiel die Venus 
ein [violett, Zeichnung S. 25]. Die Venus ist in einer gewissen Bezie- 
hung - ja, wie soli ich mich ausdriicken? - abweisend gegen das gan- 
ze Universum. Sie ist sprode gegen das Universum, sie will nichts 
wissen vom Universum. Sie betrachtet das Universum so, dafi, wenn 
sie sich ihm aussetzen wiirde, sie dadurch, gerade durch das aufiere 
Universum, ich mochte sagen, ihre Jungfraulichkeit verlieren wiirde. 
Sie ist furchtbar schockiert, wenn irgendein Eindruck aus dem aufie- 
ren Universum an sie herankommen will. Sie mag nicht das Uni- 
versum, weist jeden Tanzer aus dem aufieren Universum ab. Das 
ist schwierig auszudrikken, weil naturlich die Verhaltnisse in der 
Erdensprache ausgedriickt werden miissen, aber es ist eben so. Da- 
gegen ist sie ungeheuer empfanglich fur alles das, was gerade von der 
Erde kommt. Die Erde ist wirklich der Liebhaber der Venus in 
einem gewissen Sinne. Wahrend der Mond ringsherum das ganze 
Universum spiegelt, spiegelt die Venus nichts von dem Universum, 
sie will nichts wissen von dem Universum, aber sie spiegelt liebevoll 
alles zuriick, was von der Erde kommt. Man hat die ganze Erde mit 
alien ihren seelischen Geheimnissen noch einmal, wenn man mit dem 
Seelenauge die Geheimnisse der Venus belauscht. 

Es ist schon so, daft die Menschen auf Erden im Grunde nichts 
Rechtes im Geheimen ihrer Seele tun konnen, ohne daft es fur den- 



jenigen, welcher der Sache nachgeht, von der Venus herabgespiegelt 
wird. Sie schaut den Leuten alien tief ins Herz hinein, denn das in- 
teressiert sie, das lafit sie an sich herankommen. Also man hat alles, 
was im Intimsten auf der Erde lebt, auf der Venus noch einmal, und 
in einer Widerspiegelung, die merkwiirdig ist. Sie verwandelt eigent- 
lich in der Widerspiegelung alles so, wie der menschliche Traum die 
aufieren Ereignisse des physischen Lebens verwandelt. Sie nimmt 
die irdischen Ereignisse und verwandelt sie in Traumbilder. So da$ 
eigentlich der ganze Gang, den die Venus um die Erde herum macht, 
diese ganze Sphare der Venus, eigentlich eine Traumerei ist. Und in 
den mannigf altigsten Traumgebilden leben die traumhaft verwandel- 
ten irdischen Menschengeheimnisse. Die Venus hat sogar sehr viel 
mit den Dichtern zu tun. Nur wissen das die Dichter natiirlich nicht, 
aber sie hat sehr viel mit den Dichtern zu tun. 

Nun ist es aber sehr merkwiirdig: ich sagte, sie ist abweisend ge- 
gen das ganze iibrige Universum; das ist sie durchaus. Aber sie ist 
nicht in der gleichen Art abweisend gegen alles, was aus dem Uni- 
versum kommt. Also ich mochte sagen, mit dem Gemiite wird von 
der Venus alles abgewiesen, was von dem Universum kommt, und 
nur dasjenige nicht abgewiesen, was von der Erde kommt. Jeden 
Tanzer, sagte ich, weist sie zuriick, aber sie lauscht mit aller Auf- 
merksamkeit auf das, was der Mars redet. Sie verwandelt, sie durch- 
leuchtet ihre traumhaft-irdischen Erlebnisse mit dem, was sie aus 
dem Universum durch den Mars ubermittelt erhalt. 

Alle solchen Dinge haben nun auch eine physische Seite. Von die- 
sen Dingen gehen ja die Impulse aus fur dasjenige, was in der Welt 
geschaffen wird, was in der Welt entsteht. Und aus dem, was sich da 
abspielt - allerdings, die Sonne ist dazwischen, die macht da Ord- 
nung -, indem die Venus alles, was von der Erde kommt, aufnimmt 
und dann den Mars immer belauscht - sie will nicht, dafi er es weifi, 
aber sie will ihn belauschen -, nun, aus dem bilden sich diejenigen 
Krafte, die gerade zugrunde liegen den Organen der menschlichen 
Sprachbildung. 

Will man im Kosmos die Impulse fur die menschliche Sprachbil- 
dung kennenlernen, dann mufi man auf dieses merkwiirdige Weben 



und Leben, das sich da abspielt zwischen Venus und Mars, hinschau- 
en. So daE es, wenn das Schicksal gerade so spielt, eine grofie Bedeu- 
tung hat fur die Entwickelung der Sprache irgendeines Volkes, wie 
Venus zu Mars steht: Eine Sprache wird innerlich vertieft, seelen- 
voll, wenn die Venus zum Beispiel in der Quadratur steht zum Mars. 
Dagegen wird eine Sprache seelenlos, schellend, wenn die Venus und 
der Mars in Konjunktion stehen und dies dann auf das betreffende 
Volk Einflufi hat * 

So stellen sich diese Dinge dar, die sich als Impulse im Weltenall 
bilden und dann hereinwirken in das Irdische. 

Dann haben wir Merkur [blau, Zeichnung S. 25). Merkur ist der- 
jenige Planet, welcher, im Gegensatze zu den anderen, eigentlich sich 
interessiert fur das, was nicht sinnlicher, aber von solcher Natur ist, 
dafi man es kombinieren kann. In ihm sind die Meister des kombi- 
nierenden Denkens, in Jupiter die Meister des weisheitsvollen Den- 
kens. Und es ist so, dafi wenn der Mensch aus dem vorirdischen 
Leben in das Dasein der Erde tritt, der Mondenimpuls dann derjeni- 
ge ist, welcher die Krafte liefert fur sein physisches Dasein. Die 
Venus, die liefert die Krafte fur alles das, was Gemiits- und Tempe- 
ramentsanlagen sind. Merkur aber liefert die Krafte fur alles das, was 
im Menschen Verstandes- und Vernunftanlagen sind, namentlich 
Verstandesanlagen. Es sind eben im Merkur verankert die Meister 
der kombinierenden Erkenntniskrafte. 

Und wiederum besteht in bezug auf den Menschen ein merk- 
wiirdiges Verhaltnis zwischen diesen Planeten. Der Mond, der die 
herben, sich ganz in sich selbst zuriickziehenden Geister enthalt, der 
nur dasjenige, was aus dem Universum ihm zugestrahlt wird, wie- 
derum zuriickstrahlt, der baut eigentlich das Auftere, den Korper 
des Menschen auf. Der vereinigt in diesem Aufbauen des Korper- 
lichen also die Vererbungskrafte. In ihm sitzen eben jene geistigen 
Wesenheiten, die in voller Abgeschlossenheit, ich mochte sagen, 
kosmisch sinnen iiber dasjenige, was von Generation zu Generation 
auf dem Umwege durch das Physische sich forterbt. 



Siehe «Nachweis der Korrekturen», S. 188. 



Daher wissen ja die Menschen der gegenwartigen Wissenschaft, 
weil sich die Mondenwesen so verschanzt halten in ihrer Festung, 
iiber die Vererbung gar nichts. Im Grunde genommen erscheint es 
einem tieferen Blick so, daft in der Gegenwart, wenn irgendwo in 
einem wissenschaftlichen Zusammenhang von Vererbung gespro- 
chen wird, man eigentlich, wenn man eine kosmische Sprache rede- 
te, sagen konnte: Der ist mondverlassen; dagegen ist er marsbehext, 
denn er redet unter dem Einflusse der damonischen Marskrafte von 
der Vererbung, aber er steht ganz fern den eigentlichen Vererbungs- 
geheimnissen. 

Venus und Merkur tragen mehr das Seelisch-Geistige des Karmi- 
schen in den Menschen hinein und bringen es in seiner Gemutsanla- 
ge, in seinem Temperament zum Vorschein. Dagegen haben Mars 
und namentlich Jupiter und Saturn, wenn der Mensch in einem rich- 
tigen Verhaltnis zu ihnen steht, etwas Befreiendes. Sie reifien ihn los 
von allem Schicksalsbestimmten und machen ihn gerade zu einem 
freien Wesen. 




Tafel 



Man konnte in einer etwas verwandelten Form ein biblisches 
Wort gebrauchen. Saturn, welcher der treue Gedachtnisbewahrer des 
Universums ist, sagte eines Tages: Lasset uns den Menschen in sei- 
nem eigenen Gedachtnisse frei machen. - Und da wurde der Einfluft 
des Saturn ins Unbewuftte hinuntergedrangt, der Mensch bekam sein 
eigenes Gedachtnis und mit ihm die Unterlage, das Unterpfand 
seiner personlichen Freiheit. 

Ebenso ist der innere Willensimpuls, der im freien Denken liegt, 
der Gnade des Jupiter zu verdanken. Jupiter konnte eigentlich alle 
Gedanken der Menschen beherrschen. Er ist derjenige, bei dem man 
die gegenwartigen Gedanken des ganzen Universums findet, wenn 
man sie sich zuganglich macht. Aber er hat sich ebenfalls zuriickge- 
zogen, er laftt die Menschen denken als freie Wesen. 

Und das freie Element, das in der Sprache ist, liegt darinnen, daft 
sogar Mars gnadenvoll geworden ist. Weil er sich sozusagen fugen 
muftte dem Ratschlusse der anderen sonnenfernen Planeten, nicht 
dem Menschen die Dinge weiter aufdrangen durfte, so ist der Mensch 
auch in der Sprache in einer gewissen Weise frei, nicht ganz frei, aber 
er ist in einer gewissen Weise frei. 

So daft von einer anderen Seite her Mars, Jupiter und Saturn die 
menschenbefreienden Planeten genannt werden konnen, dagegen 
Venus, Merkur und Mond die schicksalbestimmenden Planeten 
genannt werden miissen [Zeichnung S. 25]. 

Zwischen diese Taten und Impulse der planetarischen Individuali- 
taten stellt sich dann die Sonne hinein, gewissermaften Harmo- 
nie schaffend zwischen dem Menschenbefreienden und dem Schick- 
salbestimmenden. So daft man in der Sonne diejenige Individuality 
hat, wo in einer wunderbaren Weise zusammenwirkt das schicksal- 
bestimmend Notwendige, das Menschenbefreiende. Und derjenige 
allein versteht das, was eigentlich in dem lohenden, lodernden Son- 
nenlicht enthalten ist, der dieses Ineinanderweben und -leben von 
Schicksal und Freiheit, in dem sich in die Welt verbreitenden und wie- 
derum in der Sonne sich warm zusammenhaltenden Lichte schaut. 

Auch mit der Sonne selbst kommen wir nicht zurecht, wenn wir 
sie bloft in dem anschauen, was die Physiker von ihr wissen. Wir 



kommen mit der Sonne nur zurecht, wenn wir sie in dem anschauen, 
was sie geistig-seelisch ist. Da ist sie dasjenige, was in der Warme 
ergliihen macht die Schicksalsnotwendigkeit und in der Flamme das 
Schicksal in Freihek lost, und wiederum die Freiheit, wenn sie mi£- 
braucht wird, zusammenballt zu dem wirksamen Substantiellen der 
Sonne. Die Sonne ist gewissermaften die Flamme, in der die Freihek 
phosphorisch im Weltenall erscheint, und sie ist zu gleicher Zeit die 
Substanz, in der, wie in sich zusammenballender Asche, die mifi- 
brauchte Freiheit als Schicksal sich zusammenbackt, um weiter 
wirken zu konnen, bis dieses Schicksal wiederum seinerseits phos- 
phorisch in die Flamme der Freiheit ubergehen kann. 



DIE GEISTIGEN INDI VIDU ALITATEN 
UNSERES PLANETENSYSTEMS - 
S CHICKS ALB ESTIMMENDE 
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN 

Zweiter Vortrag 
Dornach, 28. Juli 1923 



Gestern gab ich Ihnen eine Charakteristik von dem uns nachsten 
Sternenhimmel. Wenn Sie an diese Charakteristik zuriickdenken, so 
werden Sie sich vor alien Dingen sagen miissen: Schopft man eine 
solche Kennzeichnung des Sternenhimmels aus der geistigen Er- 
kenntnis heraus, so nimmt sich diese ganz verschieden aus von dem, 
was sonst heute auf diesem Gebiete iiberhaupt gesagt wird. Ich habe 
gestern, gerade um dies deutlich hervortreten zu lassen, in der Art 
gesprochen, wie ich es eben getan habe. Ich muftte in einer Weise 
sprechen, die jedem, der sich heute irgendwie aus der zeitgenossi- 
schen Bildung iiber diese Gegenstande Kenntnisse erwirbt, absurd, 
vielleicht lacherlich erscheinen mufi. Und dennoch, die Sache ist so, 
dafi eine Art Heilung unseres kranken Geisteslebens sich nur voll- 
ziehen kann, wenn dieser totale Umschwung in der Betrachtungs- 
weise - insbesondere solcher Dinge, wie wir sie gestern besprochen 
haben - Platz greifen kann. 

Und man mochte sagen: Da, wo heute gedacht wird, aber so 
gedacht wird, dafi das Denken in den alten landlaufigen Ideen fort- 
lauft, da sieht man auf der einen Seite, wie iiberall das Denken hin- 
weist auf diese neue Art von geistiger Erkenntnis. Man sieht aber 
auch, wie die Menschen nicht in der Lage sind, bis zu einer solchen 
geistigen Anschauung mitzukommen, und wie sie daher eigentlich 
iiberall ratios bleiben und - was vielleicht im gegenwartigen Augen- 
blick der Geschichte das schlimmste ist - sich ihrer Ratlosigkeit nicht 
bewufit sind, ja gar nicht bewufk werden wollen. 

Stellen wir uns einmal vor, wie heute dasjenige geschildert wird, 
was ich gestern von einem ganz andern Gesichtspunkte aus geschil- 
dert habe. Ich habe gestern iiber Mond, Saturn, Jupiter und so weiter 



gesprochen, und ich habe die Individualitaten, die geistigen Indivi- 
dualitaten, die man mit diesen Worten verbinden kann, vor Sie hin- 
gestellt. Ich habe Ihnen gewissermafien unser Planetensystem gezeigt 
wie eine Versammlung von geistigen Wesenheiten, die aus verschie- 
denen Impulsen heraus wirken, aber so, daE diese Impulse auch mit 
dem Erdengeschehen etwas zu tun haben. Wir sahen im Weltenall 
lebende Wesen auftreten mit einem bestimmten Charakter. Wir 
konnten von lebendigen Wesen in Saturn, Mond und so weiter spre- 
chen. Aber die ganze Art des Sprechens unterscheidet sich eben von 
dem, was heute uber solche Dinge gesagt wird. Da wird angenom- 
men - ich wiederhole es noch einmal - ein einstmals bestehender 
Urnebel, der in drehender, in kreisender Bewegung war und von dem 
sich abgespalten haben die einzelnen Planeten, die man heute mit 
volliger Gleichgultigkeit ansieht wie mehr oder weniger leuchtende 
physische Korper, die im Weltenraum so dahinsausen. 

Diese Anschauung, dafi die Himmelskorper solche gleichgiiltige 
Korper seien, auf die nichts anderes anwendbar ist als Physik, na- 
mentlich Mathematik, um ihre Bahnen auszurechnen, um eventuell 
zu erforschen, ob die Stoffe, die auf der Erde gefunden werden, auch 
dort sind, dieses gleichgiiltige Anschauen der Himmelskorper, das 
ist etwas, was eigentlich erst in den letzten drei bis vier Jahrhunder- 
ten in der Menschheit iiblich geworden ist. Und es ist ublich gewor- 
den auf eine ganz bestimmte Weise. Die Dinge werden heute nur 
nicht durchschaut. Dadurch, daft man die Moglichkeit verloren hat, 
in das Geistige hineinzuschauen, oder, wie es im spateren Mittelalter 
nur noch der Fall war, wenigstens hineinzuahnen, ist es auch mog- 
lich geworden, dafi man das Geistige vollstandig verloren hat. Man 
hat dann die physischen Begriffe, die sich auf der Erde ergaben, die 
mathematischen, die rechnerischen Begriffe, als etwas Sicheres an- 
gesehen und hat nun auch dasjenige berechnet, was da draufien im 
Himmelsraume sich offenbart. Man hat eine bestimmte Vorausset- 
zung dabei gemacht - ich mufi schon diese theoretischen Erorterun- 
gen heute etwas vorausschicken — , man hat kennengelernt, wie man 
auf der Erde etwas errechnet, wie man auf der Erde physische Wis- 
senschaft macht, und hat nun dieses auf der Erde Errechnete, diese 



physische Wissenschaft auch auf das ganze Himmelsall ausgedehnt 
und geglaubt, dafi nun die Rechnungsresultate, die auf Erden gelten, 
auch fur den Himmelsraum gelten. 

Auf der Erde sprechen wir von Zeit, von Stoff, von Bewegung, 
fur Physiker konnte man sagen, von der Masse, auch von der Ge- 
schwindigkeit und so weiter: alles Begriffe, die auf Erden gewonnen 
sind. Die hat man seit der Newtonschen Zeit auch ausgedehnt auf 
den Himmelsraum. Und die ganze Anschauung, die man da hat von 
dem, was in der Welt vorgeht, die ist ja nichts anderes als ein Rech- 
nungsresultat, das auf Erden gewonnen ist und dann in den Himmel 
hinausgeworfen ist. Die ganze Kant-Laplacesche Theorie ist ja in 
dem Augenblicke ein Unding, in dem man sich bewufit wird, dafi sie 
nur unter der Voraussetzung gilt, dafi da draufien im Weltenraum 
dieselben Rechnungsgesetze gelten wie auf Erden, dafi die Begriffe 
von Raum, Zeit und so weiter da drauften ebenso anwendbar seien 
wie auf Erden. 

Nun liegt aber doch eine merkwiirdige Tatsache vor, eine Tatsa- 
che, die heute den Menschen viel Kopfzerbrechen macht. Wir leben 
ja in einer sehr merkwiirdigen Zeit, die sich durch mannigfaltige 
Symptome ankiindet. In alien popularen Versammlungen, die von 
Monisten und anderen Biindlern gehalten werden, wird den Leuten 
wie eine Gewifiheit hingestellt, dafi da draufien durch die bekannten 
Vorgange die Sterne erglanzen. Es wird die ganze schone Lehre von 
den Spiralnebeln und so weiter, die sich fur das aufiere Auge darbie- 
ten, einem glaubigen Publikum von popularisierenden Rednern und 
Schriftstellern vorgetragen. Und von diesen Popularrednern und Po- 
pularschriftstellern hat nun der heutige Mensch seine Bildung. Aber 
diese Bildung ist eigentlich im Grunde genommen nur das Resultat 
von dem, was die Physiker und andere sogenannte gelehrte Leute 
vor Jahrzehnten gedacht und ersonnen haben. In solchen popularen 
Versammlungen wird wiederum alles aufgewarmt, was vor Jahrzehn- 
ten den Fachleuten gegolten hat. Aber die Fachleute werden heute 
durch etwas ganz anderes aufgeriittelt. Dasjenige, wodurch sie auf- 
geriittelt werden, das ist zum Beispiel die sogenannte Relativitats- 
theorie. 



Diese Relativitatstheorie, die Einsteinsche Relativitatstheorie, die 
beschaftigt heute die Denkenden unter den Physikern. Nun kann ja 
iiber Einzelheiten dieser Relativitatstheorie so gesprochen werden, 
wie ich es auch schon da oder dort getan habe; aber es soil uns heute 
nicht ihre innere Geltung beschaftigen, sondern die Tatsache, daft sie 
da ist und daft die Physiker davon sprechen. Gewifi, es gibt gegneri- 
sche Physiker, aber es gibt sehr viele Physiker, die eben einfach von 
der Relativitatstheorie sprechen. Was bedeutet denn das aber? 

Ja, das bedeutet, daft durch diese Relativitatstheorie alle die Be- 
griffe zerstort werden, auf denen die Anschauung von den Bewe- 
gungen und von dem Wesen der Himmelskorper im Weltenraume 
beruht. Das hat nun durch Jahrzehnte gegolten, was heute in den 
Astronomiebuchern steht, was heute noch in popularen Vortragen 
und popularen Biichern dem Laienpublikum aufgebunden wird; das 
hat gegolten. Aber die Physiker gehen an die Abtragung, an die 
Vernichtung der popularsten Begriffe - Zeit, Bewegung, Raum - und 
erklaren: Das ist alles nicht so, wie man es sich da gedacht hat. - 
Sehen Sie, wenigstens ist es fur den Physiker heute schon etwas wie 
eine Gewissensfrage, dafi er zum Beispiel sagt: Ich richte mein Fern- 
rohr nach einem fernen Stern. Aber ich habe ja berechnet, daft, bis 
hier das Licht von diesem Stern bis zur Erde ankommt, soundso viel 
Zeit verfliefk. Also wenn ich mit meinem Fernrohr hinaussehe, dann 
hat das Licht, das in mein Fernrohr fallt, soundso viele Lichtjahre 
gebraucht. Das Licht, das da hereinfallt, das ist also einmal da oben 
ausgegangen vor soundso vielen Lichtjahren. Da steht ja der Stern 
gar nicht mehr, der ist gar nicht da. Ich bekomme den Lichtstrahl in 
mein Fernrohr, aber was in der Verlangerung des Fernrohres ist, ist 
ja gar nicht der Stern. Und wenn ich einen Stern daneben anschaue, 
von dem das Licht nun viel weniger Lichtjahre braucht, so kommt es 
jetzt doch zu gleicher Zeit an. Ich drehe mein Fernrohr: der Stern 
kommt auf einen Lichtpunkt, der vielleicht vor soundso viel Jahren 
da war. Jetzt drehe ich wieder mein Fernrohr: da fallt ein Stern in 
mein Fernrohr, der gar nicht da ist, aber der vor einer ganz anderen 
Anzahl von Jahren da war. Und so bilde ich mir Ansichten iiber 
meinen Sternenhimmel! Da ist alles da von der Zeit, wo es einmal da 



war, aber eigentlich ist es gar nicht da. Eigentlich ist nichts da: alles 
ist da drunter- und drubergeworfen. 

Das ist gerade so, wie es mit dem Raume auch ist. Wir nehmen 
irgendwo einen fernen Ton wahr. Wenn wir uns ihm nahern, so er- 
scheint er uns in einer anderen Tonhohe, als wenn wir uns von ihm 
entfernen. Der Raum wird mafigebend fur die Art und Weise dessen, 
was wir wahrnehmen. Und das macht natiirlich den Leuten Kopf- 
zerbrechen. Die ganze Zeit, die in alle Rechnungen hineinspielt, sie 
ist plotzlich eigentlich etwas ganz Unsicheres geworden, etwas bloft 
Relatives. Und von alledem, was da in einer so popularen Weise in 
den Weltenraum hinausgezeichnet wird, kann eigentlich der heutige 
Physiker - und er ist sich dessen bewufk - nur sagen: Da ist irgend 
etwas einmal da gewesen, ist noch da, wird einmal da sein. Nun ja, 
da ist irgend etwas. Und dasjenige, was da ist, das bewirkt, dafi in 
einem bestimmten Zeitpunkte seine Lichtaufierungen koinzidieren 
mit dem Fadenkreuz meines Fernrohrs. - Das ist die einzige Weis- 
heit, die man noch behalt, die Koinzidenzien zweier Ereignisse. Also, 
es koinzidiert dasjenige, was einmal irgendwo, irgendwann gesche- 
hen ist, mit dem, was heute in dem Fadenkreuz meines Fernrohres 
vor sich geht. Nur von solchen Koinzidenzien kann man sprechen - 
sagt der heutige Physiker -, es ist alles relativ; die Begriffe, aus denen 
das Weltengebaude theoretisch aufgebaut worden ist, sie sind eigent- 
lich von einem blofi relativen, von gar keinem absoluten Werte. - 
Daher sprechen die Physiker heute von einer radikalen Umwalzung 
aller Begriffe der Physik. Und wiirde man heute aus einer popularen 
Versammlung fur Laien unmittelbar in den Vortrag eines Relativi- 
tatstheoretikers gehen, dann wiirde man finden, da£ der populari- 
sierende Redner den Menschen etwas tradiert, was sich aufbaut auf 
den Vorstellungen, von denen die Fachleute sagen: Das ist ja alles 
geschmolzen wie der Schnee in der Sonne! 

Sehen Sie, wir konnen nicht nur sagen, dafi seit drei bis vier Jahr- 
hunderten sich eine physische Weltanschauung aufgebaut hat aus be- 
stimmten Begriffen heraus, sondern wir miissen sagen, dafi es heute 
schon genug Leute gibt, die aus diesen Begriffen heraus diese Begrif- 
fe aufgelost haben, vernichtet haben. Sie ist ja bei einer grofien An- 



zahl von Denkern gar nicht mehr da, diese Weltanschauung, die man 
fur sicher halt. Also liegt die Sache doch nicht ganz so, dafi dasje- 
nige, was von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus gesagt wird, so 
belachelt werden darf. Denn was von dem anderen Gesichtspunkte 
gesagt wird, das schmilzt ja hinweg in der Gegenwart wie der Schnee 
in der Sonne. Das ist eigentlich schon gar nicht mehr da fur jene, die 
etwas von der Sache verstehen, oder wenigstens etwas verstehen 
wollen. So daft man eigentlich vor der Tatsache stent, dafi die Men- 
schen sagen: Das, was hier vom Standpunkt der Geisteswissenschaft 
aus geschildert wird, ist absurd, weil es nicht ubereinstimmt mit dem, 
was wir als das Richtige ansehen. - Aber wenn sie sich nun auf den 
Relativitatsstandpunkt stellen, dann miissen diese Leute sagen: Das 
ist absurd, was wir als das Richtige angesehen haben! - So stehen die 
Dinge heute. Nur schlaft eigentlich der grolke Teil der Menschheit, 
und schaut schlafend zu, wie diese Dinge sich abspielen, und laftt sie 
geschehen. Es ist aber wichtig, daft man weifi: die Weltanschauung, 
die als solche so grofie Triumphe gefeiert hat, ist heute eigentlich 
ganz und gar in Trummern. 

Der Tatbestand, der vorliegt in der geistigen Welt, der wird ei- 
gentlich erst dann in weiteren Kreisen klarwerden, wenn die Men- 
schen sich die Zipfelmiitze, unter der sie schlafen, wenigstens einmal 
etwas lockern. Also, man hat durchaus nicht nur die Moglichkeit zu 
denken, dafi dasjenige, was aus einem solchen Tone heraus redet, wie 
ich es gestern getan habe, gegeniiber der heutigen Wissenschaft ab- 
surd ist, denn diese Wissenschaft ist zum Beispiel in ihrer Relativi- 
tatstheorie ganz negativ; die sagt eigentlich iiberall, was nicht ist, und 
es wird die Menschheit hinsteuern miissen zu einer Erkenntnis 
desjenigen, was ist. 

Diese Dinge sollen eben geleistet werden durch solche Darstel- 
lungen, wie ich sie gestern zu geben versuchte in bezug auf einzelne 
Sterne unseres Planetensystems. Aber was sehen wir da? Da sehen 
wir, dafi gewissermaften ganz genau dem Gang der Weltentwicke- 
lung gefolgt wird. Was wiirde Ihnen denn ein altgebackener - nicht 
neugebackener Physiker, denn die neugebackenen sind eben zumeist 
Relativitatstheoretiker -, was wiirde Ihnen ein altgebackener Phy- 



siker sagen, wenn er horen wiirde, dafi man etwas so Unerhortes 
ausspricht, wie ich gestern getan habe? Wenn er nicht gleich sagen 
wiirde, das alles ist verriickt und verdreht, und das wiirde er ja viel- 
leicht zunachst sagen, so wiirde er doch behaupten: Das widerspricht 
den festen Fundamenten der Wissenschaft. - Aber was sind die fe- 
sten Fundamente der Wissenschaft? Es sind diejenigen Begriffe von 
Raum, Zeit und so weiter, die man auf Erden gewonnen hat. Jetzt 
vernichten die Relativitatstheoretiker diese Begriffe fur das Welten- 
all, erklaren ihre Nichtgiiltigkeit. 

Anthroposophie macht aber die Sache praktisch: sie laftt aufier 
acht die irdischen Begriffe, wenn sie von Mond und Saturn und Ju- 
piter und so weiter redet. Sie redet da gar nicht mehr vom Irdischen, 
sondern sie versucht - wenn das auch nur mit Schwierigkeiten mog- 
lich ist -, Venus und Mars so zu charakterisieren, wie man mit irdi- 
schen Begriffen nicht mehr charakterisieren kann. Und so mu!5 man 
sich eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren, 
wenn man hinaufdringen will in das Weltenall. Ich wollte Ihnen zei- 
gen, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwartige Geistes- 
leben und wie die Dinge im gegenwartigen Geistesleben stehen. Nur 
eine Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es, wenn man 
in den Kosmos hinauskommt. Denken Sie einmal, wenn wir nur bis 
zum Mond gehen, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, bis zu 
denjenigen Wesenheiten, die im Monde wie in einer Weltenfestung 
verankert sind und eigentlich hinter der Oberflache des Mondes 
leben - wo sie, wenn ich mich so ausdriicken darf , ihr Weltengeschaft 
treiben -, wenn wir zu diesen Wesenheiten kommen, zu denen man 
nur mit einem hellseherisch gescharften Blick herankommt, so fin- 
den wir also, daft diese Wesenheiten im Verborgenen wirken. Denn 
was im Innern des Mondes ist, geht ja nicht in die Welt, und alles, 
was vom Monde kommt, ist zuriickgeworfen aus der Welt. Wie der 
Mond das Sonnenlicht nicht aufnimmt, sondern zuriickwirft, so 
wirft er auch alles andere, was im Universum geschieht, zuriick. 
Alles, was im Universum geschieht, wird durch den Mond wie durch 
einen Spiegel zuriickgeworfen. In seinem Innern geschehen Vor- 
gange, die verborgen bleiben. 



Aber ich habe Ihnen gesagt: Die geistigen Wesenheiten, die in die- 
ser Mondenfestung wie im Universum verschanzt sind und da drin- 
nen ihr Weltengeschaft treiben, die waren einmal auf Erden, bevor 
der Mond sich von der Erde abgespalten hat. Sie waren die ersten 
grofien Lehrer der menschlichen Seelen auf Erden. Und die grofte 
uralte Weisheit, von der gesprochen wird, die ist im Grunde genom- 
men ein Erbgut dieser Mondenwesen, die heute im Verborgenen 
innerhalb des Mondes leben. Sie selbst haben sich zuriickgezogen. 

Wenn man so iiber das Weltenall spricht, dann kommen in die 
Ideen, die man entwickelt, moralische Begriffe hinein. Die phy- 
sischen Begriffe der Erde vergiftt man; es kommen in die Schilde- 
rung moralische Begriffe hinein. Wir fragen uns: Warum haben sich 
diese Mondenwesenheiten zuriickgezogen, warum wirken sie im 
Verborgenen? - Ja, als sie noch auf Erden waren, da suggerierten sie 
den Menschen allerdings eine ungeheure Weisheit. Waren sie auf 
Erden geblieben, wiirden sie immerfort diese Weisheit den Menschen 
suggeriert haben, die Menschen wiirden aber niemals in das Zeitalter 
der Freiheit haben eintreten konnen. 

Diese Wesenheiten hatten sozusagen den wunderbaren Ratschluft 
gefafit, sich von der Erde zuriickzuziehen, sich an einen geschlosse- 
nen Ort im Universum zuriickzuziehen, um dort, fern von dem 
menschlichen Dasein, ihr Weltengeschaft zu verrichten, damit die 
Menschen ferner nicht von ihnen beeinflufk werden, damit die Men- 
schen alle die Impulse des Universums aufnehmen konnen und freie 
Wesen werden konnen. Diese Wesenheiten haben sich einen neuen 
Wohnplatz im Universum ausgesucht, um den Menschen allmahlich 
die Freiheit moglich zu machen. 

Ja, das redet anders, als vom Physiker geredet wird, der, wenn er 
horte, der Mond habe sich von der Erde abgespalten, einfach aus- 
rechnen wiirde, mit welcher Geschwindigkeit das geschehen ist, 
durch welche Krafte das geschehen ist und dabei immer nur die irdi- 
schen Krafte, die irdischen Geschwindigkeiten im Auge hatte. Die 
werden ganz aufier acht gelassen, wenn wir so, wie ich es gestern 
getan habe, von dem Mond sprechen. Aber wenn man das Physische 
weglafit, so bleiben solche Ratschliisse, solche grofte kosmisch- 



moralische Impulse. Man kommt, und das ist das Bedeutsame an der 
Sache, von dem physischen Herumgerede, das fiir die physischen 
Erdenverhaltnisse gilt, eben zu einem Reden in moralischen Ideen 
iiber das WeltenalL 

Das ist das Wesentliche, dafi man nicht blofi Theorien aufstellt, 
die geglaubt werden sollen, sondern dafi es eine moralische Welten- 
ordnung gibt. Das hat die menschliche Seele in den letzten drei bis 
vier Jahrhunderten ganz verwirrt, dafi man gesagt hat: Man kann 
einiges von der Erde wissen, und nach dem, was man auf der Erde 
weifi, das Weltenall berechnen und solche Theorien wie die Kant- 
Laplacesche aufstellen, aber in bezug auf die moralisch-gottliche 
Weltenordnung mufi man glauben. - Das hat die Menschen unge- 
heuer verwirrt, weil die Einsicht ganz abhanden gekommen ist, dafi 
man iiber die Erde irdisch reden mufi, dafi man aber in dem Mo- 
ment, wo man sich zum Weltenall hinauf erhebt, anfangen mufi, 
kosmisch zu reden. Da geht das physische Reden allmahlich in ein 
moralisches Reden hinein. Da wird praktisch das ausgefuhrt, was 
sonst hochstens erphantasiert wird. 
Tafel 2 Wenn Sie heute von einem Physiker die Sonne beschrieben fin- 
den, so ist sie irgendeine Gaskugel, die da draufien dampft, und ihre 
Eruptionen werden so beschrieben wie Erdeneruptionen. Alles wird 
auf diesen Weltenkorper so hinausprojiziert, wie das, was auf der 
Erde geschieht, und mit denselben Rechnungen, die wir uns hier an- 
geeignet haben, berechnen wir dann, wie ein Lichtstrahl an der Son- 
ne vorbeigeht oder dergleichen. Aber was hier fiir Erdendinge an 
Errechnetem gilt, das hort ja auf, eine Geltung zu haben, wenn man 
da hinauskommt. Und so wie das Licht in seiner Starke mit der Ent- 
fernung im Quadrate abnimmt, so horen die Gesetze auf, im Wel- 
tenall draufien zu gelten. Und wir sind nur noch dem Weltenall ver- 
wandt in unserem Moralischen. Indem wir uns iiber das Physische 
als Mensch zum Moralischen erheben, werden wir hier auf Erden 
dem ahnlich, was im Weltenraum draufien als die realisierte Morali- 
tat wirkt. 

Also miissen wir sagen: Anthroposophie ist im aufiersten Sinne 
Wissenschaft. Sie fuhrt dasjenige, was sich als eine Forderung ergibt, 



auch wirklich aus. Sie redet gar nicht mehr in irdischen Vorstellun- 
gen, ausgenommen den moralischen, die aber auf Erden schon iiber- 
irdisch sind. Sie redet in solchen moralischen Vorstellungen, wenn 
sie sich aufschwingt zum Weltenall. Das mufi eben durchaus beriick- 
sichtigt werden. Und von diesem Gesichtspunkte aus miissen eben 
die Begriffe wiederum gewonnen werden, die wir brauchen, urn auf 
der Erde dasjenige zu begreifen, was eben jetzt nicht begriffen 
werden kann. 

Sehen Sie, die Wesenheiten, die im Monde verankert sind, sie wir- 
ken, sagte ich, nur wie in einer Festung. Da treiben sie ihr Welten- 
geschaft. Denn alles, was der Mond der Welt gibt, der Erde gibt, ist 
ja zuriickgeworfen, ist gespiegelt. Das aber ist ein Zustand, der im 
kosmischen Werden eben erst im Laufe der Entwickelung eingetre- 
ten ist. Friiher war es anders. Und in die, ich mochte sagen, weiche, 
schleimartige Gestalt, weiche die Erde selbst und alle Wesen einmal 
hatten, da wirkten diese Wesen, als sie noch auf Erden wandelten, 
hinein. Und mit diesen Wirkungen hangt sowohl beim Menschen 
wie bei den Tieren das Zustandekommen der Riickenmarkssaule zu- 
sammen. So dafi die Riickenmarkssaule bei den Menschen und bei 
den Tieren eine Erbschaft ist aus sehr alten Zeiten, wo die Monden- 
wesen noch mit dem irdischen Sein verbunden waren. Das kann 
heute nicht mehr entstehen. Die Wirbelsaule ist eine Erbschaft, sie 
kann heute nicht mehr entstehen. 

Aber in bezug auf die vierfiifiigen Tiere haben diese Wesenheiten 
die Wirbelsaule so fest gemacht, dafi sie horizontal bleibt. Bei den 
Menschen haben sie sie so gemacht, dafi sie vertikal werden konnte, 
und der Mensch dann durch die vertikale Wirbelsaule frei werden 
konnte fur das Weltenall und seine Einfliisse in dem Moment, wo 
diese Mondenwesen sich in die Mondenfestung zuruckzogen. 

Und so werden wir allmahlich dazu kommen, das Irdische aus 
dem Weltenall heraus zu erklaren, und iiberhaupt geistige Krafte und 
geistige Impulse auch im irdischen Dasein in der richtigen Weise zu 
beurteilen. Es ist so, dafi sich in die menschlichen Kopfe eben Dinge 
hineingesetzt haben, die wirklich erst in den drei, vier letzten Jahr- 
hunderten entstanden sind. Und zwar alle unter dem Einflusse der 



Ansicht, daft man auf das ganze Weltenall zu seiner Erklarung nur 
dasjenige anwenden kann, was man in den physischen Ereignissen 
und von den physischen Dingen der Erde gewonnen hat. Man hat 
das ganze Weltenall zu einem physischen Abbild der Erde gemacht. 
Man ist allerdings jetzt darauf gekommen: Da koinzidiert etwas mit 
meinem Fadenkreuz, aber das war einmal da! - Die ganze Geschich- 
te gilt in dieser Weise nicht. Und wenn man in bezug auf Sterne, die 
weit genug entfernt sind, Riicksicht nimmt, so kann der heutige 
Physiker schon sagen: Was ich als Karte aufzeichne, das ist ja gar 
Tafel 2 nicht da. Ich zeichne zwei Sterne nebeneinander: der eine Stern war 
einmal, sagen wir, vor tausend Jahren da, der andere war da vor 
sechshundert Jahren. Ja, so nebeneinander, wie ich da die Koinzi- 
denzien der Lichtstrahlen in meinem Fadenkreuz habe, so waren sie 
niemals da! 

Also das alles zerschmilzt, das alles ist gar nicht so in Wirklich- 
keit. Mit diesen Begriffen kommt man nicht darauf, was da drauften 
ist. Man rechnet, rechnet, rechnet. Es ist geradeso, wie wenn die 
Spinne ihr Netz spinnt und sich dann einbilden wiirde, daft dieses 
Netz die ganze Welt durchspinnt. 

Der Grund davon ist der, daft diese Gesetze, nach denen man da 
rechnet, da drauften gar nicht mehr gelten, sondern daft man hoch- 
stens das Moralische, das in uns ist, benutzen kann, um Begriffe zu 
bekommen von dem, was da drauften ist. Da drauften im Sternen- 
himmel geht es namlich moralisch, zuweilen auch unmoralisch, 
ahrimanisch, luziferisch und so weiter zu. Aber wenn ich das Mora- 
lische als Gattungsbegriff fasse, geht es moralisch zu, nicht physisch. 
Doch das ist etwas, auf das erst wieder gekommen werden muE, weil 
das andere sich im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderte so 
fest in die menschlichen Kopfe eingepragt hat, daft selbst solche 
Zweifel, wie sie den Relativitatstheoretikern kommen - denn ihre 
Negationen haben sehr viel fur sich daft selbst solche Zweifel es 
gar nicht aus den Kopfen heraustreiben konnen. Es ist auch begreif- 
lich, denn wenn auch noch diese letzte Schimare, die Zeit-Raum- 
Rechnung, die sie ausfiihren, wenn auch diese noch fur den Sternen- 
himmel aus den Kopfen schwindet, so ist ja in diesen Kopfen gar 



nichts mehr darinnen, und etwas behalten die Menschen eben doch 
gerne darinnen. Denn etwas anderes wird erst darinnen sein konnen, 
wenn man sich eben aufschwingt zu der Moglichkeit, so den Ster- 
nenhimmel anzuschauen, wie wir es gestern getan haben. 

Nun mufi man sich klarwerden, daft uns dieses alles darauf hin- 
weist, wie es fiir den Menschen der Gegenwart schon notwendig ist, 
sich klare Begriffe zu verschaffen iiber das, was eigentlich in den 
letzten drei bis vier Jahrhunderten geschehen ist, und was sein vor- 
laufiges Ergebnis gefunden hat in dem grolken aller Kriege, die je- 
mals auf Erden gewesen sind, und in den chaotischen Verhaltnissen, 
die sich ja noch immer chaotischer gestalten werden in der nachsten 
Zukunft. Was als Anforderung an die Menschheit vorhanden ist, das 
ist, sich eben wirklich iiber diese Dinge doch einmal klarzuwerden. 
Und da ist es interessant, einen Blick iiber die Erde mit ihrer heu- 
tigen Geistesbildung so hinzuwerfen. 

Innerhalb derjenigen Zivilisation, in welcher der Abendlander mit 
seinem amerikanischen Anhange lebt, halt man ja einfach alles das, 
was sich in den drei bis vier letzten Jahrhunderten unter dem Ein- 
flusse einer phanomenal groftartigen Technik und eines grofiartigen 
Weltverkehrs entwickelt hat - der nur heute auch in die Briiche 
geht -, fiir so fest, dafi natiirlich jeder ein Tor ist, der nicht dieselben 
Begriffe annimmt. Nun ist es ja richtig, daft der Orient in der Deka- 
denz ist, aber man mull doch sagen: Was man heute aus den Quellen 
unserer eigenen anthroposophischen Forschung wiederum so aus- 
sprechen mufi, wie ich es gestern getan habe, das ist, wenn auch in 
ganz anderer Art, einmal in uralten Zeiten doch eben orientalische 
Weisheit gewesen. 

Wir konnen diese orientalische Weisheit heute, wie ich oftmals 
auseinandergesetzt habe, in der alten Form nicht wieder annehmen. 
Wir miissen sie aus dem abendlandischen Gemiite, aus der abendlan- 
dischen Seele heraus wiedergewinnen. Aber es war einmal, ich moch- 
te sagen, Sitte, aus dem alten Hellsehen, aus diesem traumhaften 
alten Hellsehen heraus iiber die Sterne so zu sprechen, wie ich ge- 
stern wiederum davon zu sprechen begonnen habe. Nur ist das der 
Menschheit eben vollstandig verlorengegangen, und die europaische 



Menschheit betrachtet heute alles das als absurd, was einmal als 
hochste menschliche Weisheit gait. 

Nun, wie gesagt, wenn auch im Orient driiben das einmal eine 
grofiartige ursprungliche Weisheit war, heute sind die Leute in der 
Dekadenz. Aber in einem gewissen Sinne hat sich wenigstens aufier- 
lich traditionell im Orient noch etwas erhalten von einem solchen 
Anschauen des Weltenalls, ich mochte sagen, von einem seelenvollen 
Anschauen des Weltenalls. Und den Orientalen imponiert die tech- 
nische Kultur Europas sehr wenig. Diese Seelen gerade, die heute im 
Orient liebevoll eingehen auf die Urweisheit, die verachten im Grun- 
de genommen, was in Europa sich als eine mechanische Kultur und 
Zivilisation herausgebildet hat. Sie studieren dasjenige, was die 
menschliche Seele betrifft, aus ihren alten Schriften. Manchem geht 
dabei innerlich eine, wenn auch schon dekadente Erleuchtung auf, 
so dafi im Orient noch etwas von dem lebt, was seelisches Erschauen 
der Welt ist. Und es ist nicht unnotig, auch einmal auf die Art und 
Weise hinzuschauen, wie nun diese Menschen, die eine alte Kultur 
wenigstens noch in einer Art von Abglanz haben, auf das euro- 
paisch-amerikanische Geistestreiben hinschauen. Wenn es auch nur 
zum Vergleich ist, so ist es doch immerhin interessant. 

Da ist ein merkwurdiges Buch erschienen von einem gewissen 
Ramanathan, einem Inder aus Ceylon, «The Culture of the Soul 
Tafd 2 among the Western Nations » [der Titel wurde an die Tafel geschrie- 
ben]. Dieser Ramanathan spricht in einer merkwiirdigen Weise. Er 
gehort offenbar zu denen, die sich da driiben im Orient innerhalb 
der indischen Zivilisation einmal gesagt haben: Diese Europaer ha- 
ben doch auch ganz merkwiirdige Schriften, zum Beispiel das Neue 
Testament. - Nun haben sich diese Leute, zu denen auch Ramanat- 
han gehort, mit dem Neuen Testament beschaftigt - aber natiirlich 
so, wie sich die Seele dieser Leute eben mit dem Neuen Testament 
beschaftigen kann -, haben dieses Neue Testament, das Wirken des 
Christus Jesus, durch das Neue Testament nach Mafigabe ihrer 
Seelenverfassung aufgenommen. Und es gibt schon immerhin da 
driiben - das zeigt dieses Buch von Ramanathan - Leute, die nun aus 
ihren Resten einer uralten Kultur von dem Christus Jesus und dem 



Neuen Testament sprechen. Sie haben sich da ganz bestimmte Vor- 
stellungen gebildet von dem Christus Jesus. 

Und nun schreibt dieser Mann viel iiber diese Vorstellungen von 
dem Christus Jesus, und er richtet naturlich das Buch - er hat es ja 
in englischer Sprache geschrieben - an die Europaer. Er richtet das 
Buch, das also vom indischen Geiste iiber Jesus in den Evangelien 
geschrieben ist, an die Europaer, und er sagt den Europaern etwas 
ganz Merkwiirdiges. Er sagt ihnen: es sei doch ganz absonderlich, 
daE sie gar nichts von dem Christus Jesus wissen. Da in den Evan- 
gelien stehen groftartige Dinge iiber den Christus Jesus, aber die 
Europaer und Amerikaner wissen gar nichts davon, wissen wirklich 
nichts davon! Und er gibt den Europaern und den Amerikanern 
einen merkwiirdigen Rat. Er sagt ihnen: Lalk euch doch Lehrer des 
Neuen Testaments aus Indien kommen, die werden euch sagen 
konnen, wie es eigentlich mit dem Christus Jesus beschaffen ist. 

Also diese Menschen in Asien driiben, die sich heute mit dem 
europaischen Fortschritt befassen und die dann das Neue Testament 
lesen, die sagen diesen Europaern: Wenn ihr etwas erfahren wollt 
iiber den Christus Jesus, dann miilk ihr euch Lehrer von uns kom- 
men lassen, denn alle Lehrer, die bei euch reden, die verstehen gar 
nichts davon, das ist alles Mifiverstandenes! - Und er fiihrt das im 
einzelnen aus. Er sagt: In Europa ist in einer bestimmten Zeit ein- 
getreten an die Stelle des Erfassens des geistig Wesenhaften ein ge- 
wisses Wortverstandnis von allem. Die Europaer hangen in bezug 
auf alle Dinge an einem gewissen Wortverstandnis. Sie tragen nicht 
ein geistiges Verstandnis in ihren Kopfen, sondern die Worte, die sie 
bei ihren einzelnen Bevolkerungen lernen, die dunsten in ihre Kopfe 
hinauf, und dann denken sie in Worten. 

Es ist eine merkwiirdige Weise, in welcher diese Inder trotz ihrer 
Dekadenz noch zu dieser Einsicht kommen, denn bis hierher stimmt 
die Geschichte ganz auffallig. Bis in die Physik und Mathematik hin- 
ein wird ja heute in Worten gedacht, nicht in Sachen. In dieser Bezie- 
hung sind ja die Menschen heute recht merkwiirdig. Wenn einer ganz 
gescheit sein will, dann zitiert er rasch: «Denn eben, wo Begriffe 
fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein». - Es geschieht 



das heute aber meistens aus dem Drang heraus, daft dem Betreffen- 
den selbst alle Begriffe ausgegangen sind: da stellt sich ihm namlich 
rasch das Goethesche Wort ein. Aber das merkt er dann nicht. Er 
merkt nicht, daft er in dieser Untugend ganz bitter drinnen ist in 
dem Moment, wo er sie riigt. 

Also das sagt dieser Inder den Europaern: Ihr habt ja nur ein 
Wortverstandnis von alien Dingen, und ihr habt dieses Wortver- 
standnis iiber das Neue Testament ausgedehnt, und dadurch habt ihr 
den Christus seit vier Jahrhunderten tot gemacht. Der lebt gar nicht 
mehr unter euch, der ist seit vier Jahrhunderten tot. Schafft euch 
Lehrer aus Indien an, damit er wiederum erweckt werden kann. - So 
sagt dieser Inder den Europaern. 

Er sagt: Seit drei bis vier Jahrhunderten wissen die Europaer iiber- 
haupt nichts mehr vom Christus. Sie konnen gar nichts wissen, weil 
sie gar nicht die Begriffe und Vorstellungen haben, durch die man 
von dem Christus etwas wissen kann. - Der Inder sagt den Euro- 
paern: Ihr braucht eine Renaissance des Christus Jesus. Ihr miiftt 
den Christus wieder entdecken, oder irgendein anderer muft ihn fur 
euch entdecken, damit ihr ihn wieder habt! - So sagt der Inder, nach- 
dem er dazu gekommen ist, das Evangelium zu lesen. Also er merkt, 
daft da in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in Europa sonder- 
bare Dinge vorgegangen sind. Und dann sagt er: Wenn die Europaer 
selbst wiederum daraufkommen wollten, welcher Christus im Neu- 
en Testamente lebt, da miiftten sie weit zuriickgehen. Denn dieses 
Christus-Unverstandnis hat sich langsam vorbereitet, und eigentlich 
miiftten die Europaer, wenn sie aus ihren eigenen Schriften noch 
etwas verstehen lernen wollten von dem Christus, bis zu der Gnosis 
zuriickgehen. 

Eine merkwiirdige Erscheinung! Da ist ein Inder, der ja nur der 
Reprasentant fur viele ist, der liest das Neue Testament und sagt den 
Europaern: Euch hilft iiberhaupt jetzt nichts mehr, als daft ihr zu 
den Gnostikern zuriickgeht. 

Aber die Gnostiker haben ja die Europaer eigentlich nur in den 
Gegenschriften. Die Europaer wissen nichts von den Gnostikern. Es 
ist schon ein merkwiirdiges Faktum: Die Schriften der Gnostiker 



sind ja alle ausgerottet worden, man hat nur die Polemiken der 
christlichen Kirchenvater gegen die Gnostiker, mit Ausnahme der 
«Pistis Sophia» und einigen anderen, die aber ebensowenig verstan- 
den werden konnen, so wie sie vorliegen, als die Evangelien selber 
verstanden werden. 

Nun kommen aber dann, wenn man nun nicht gerade Gnostiker 
ist, sondern aus der modernen Geisteswissenschaft heraus den Chri- 
sms wiederfindet, die Theologen und sagen: Da wird die Gnosis wie- 
der aufgewarmt - die Gnosis, die sie allerdings nicht kennen, denn 
sie konnen sie ja nicht kennen aus irgendwelchen auflerlichen Din- 
gen. Aber «die Gnosis aufwarmen» ist es doch, und das darf man 
nicht, denn aus der wird ja das Christentum verfalscht. Das ist auch 
eine Divergenz zwischen Ost und West. Derjenige, der im Osten das 
Neue Testament studiert, der findet, man mu!5 in die ersten Jahrhun- 
derte zuruckgehen. Wenn den Theologen von der Gegenwart etwas, 
das als die Christus-Schilderung in der heutigen Anthroposophie 
auftritt, so aussieht, als wenn sie an die ihnen unbekannte Gnosis 
anklange, dann sagen sie: Der will die Gnosis wiederum aufwarmen, 
das darf nicht sein, dadurch wird das Christentum verfalscht. 

Ja, das Urteil des Inders lautet doch ganz merkwiirdig. Dieser 
Ramanathan sagt eigentlich: Das, was die Europaer jetzt ihr Chri- 
stentum nennen, das ist verfalscht. Die Europaer sagen: Der Ra- 
manathan verfalscht uns unser Christentum. Der Ramanathan aber 
kommt der richtigen Anschauung, allerdings mit seinem dekadenten 
Anschauen, ziemlich nahe. Das Richtige ist immer eine Verfalschung 
des Falschen. Es kommt nur darauf an, dafi man diese Dinge bei dem 
richtigen Namen nennt. Das Richtige ist immer eine Verfalschung 
des Falschen, denn wiirde man das Falsche nicht verfalschen, dann 
wtirde man auf das Richtige nicht kommen. 

So aber liegen die Dinge heute. Denken Sie nur, in welchen Ab- 
grund man da hineinschaut, wenn man sich dieses Beispiel von dem 
Ramanathan nimmt. Es konnte zum Beispiel also jemand sagen: Lies 
doch die Evangelien unbefangen. — Es ist heute fur den Europaer 
schwer, sie unbefangen zu lesen, nachdem ihm einmal die maltratier- 
ten Ubersetzungen durch Jahrhunderte dargeboten sind, und er in 



gewissen Vorstellungen erzogen worden ist. Es ist schwer, sie unbe- 
fangen zu lesen. Wenn aber einer sie, wenn auch von seinem Stand- 
punkt, unbefangen liest, dann entdeckt er in den Evangelien einen 
geistigen Christus. Denn den hat der Ramanathan entdeckt in den 
Evangelien, wenn er ihn auch noch nicht im anthroposophischen 
Sinne sehen kann. Aber immerhin sollten die Europaer das doch 
beachten, dafi ihnen dieser ceylonesische Inder den Rat gibt: Lasset 
euch Prediger iiber den Christus aus Indien kommen, denn ihr habt 
keine. 

Bei diesen Dingen mu!5 man heute den Mut haben, hineinzu- 
schauen in die Entwickelung, die in den letzten drei bis vier Jahr- 
hunderten sich vollzogen hat, und nur durch diesen Mut ist es mog- 
lich, wirklich aus dem ungeheuren Chaos herauszukommen, in das 
die Menschheit nach und nach hineingesaust ist. Dieser Hang zur 
Unklarheit triibt alle Begriffe und bewirkt zuletzt auch das soziale 
Chaos. Denn dasjenige, was zwischen Menschen sich abspielt, spielt 
sich eben doch aus ihren Seelen heraus ab, und es ist schon ein Zu- 
sammenhang zwischen den hochsten Wahrheiten und dem Zersto- 
ren der aufSeren wirtschaftlichen Verhaltnisse. Und so mufi man sich 
eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren, 
wenn man hinaufdringen will in das Weltenall. 

In dem gestrigen Vortrage wollte ich Ihnen ein Beispiel geben da- 
von, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwartige Geistes- 
leben und wie die Dinge im gegenwartigen Geistesleben stehen. Eine 
Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es nur dann, wenn 
man in den Kosmos hinauskommt. 



DIE GEISTIGEN IND I VID UALITATEN 
UNSERES PLANETENSYSTEMS - 
S CHICKS ALB ESTIMMENDE 
UND MENSCHENBEFREIENDE PLANETEN 

Dritter Vortrag 
Dornach, 29. Juli 1923* 

Der Mensch wechselt wahrend seines irdischen Daseins in den Be- 
wufkseinszustanden, die wir ja auch in diesen Tagen schon von 
manchen Gesichtspunkten aus betrachtet haben, zwischen den Zu- 
standen des volligen Wachens, des Schlafens und des Traumens. Und 
ich habe ja gerade bei dem kieinen Vortragszyklus wahrend der 
Delegiertenversammlung die ganze Bedeutung des Traumens aus- 
einanderzusetzen versucht. Wir wollen uns heute einmal zunachst 
die Frage vorlegen: Gehort es zum Wesentlichen des Menschen, als 
irdisches Wesen in diesen drei Bewulkseinszustanden zu leben? 

Wir miissen uns klar sein dariiber, daft innerhalb des irdischen 
Daseins nur der Mensch in diesen drei Bewulkseinszustanden lebt. 
Das Tier lebt ja in einem wesentlich anderen Wechsel. Jenen tiefen 
traumlosen Schlaf, den der Mensch die grofite Zeit hindurch hat zwi- 
schen dem Einschlafen und Aufwachen, hat das Tier nicht, dagegen 
hat auch das Tier nicht das vollstandige Wachsein, das der Mensch 
hat zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Der tierische Wach- 
zustand ist eigentlich dem menschlichen Traumen etwas ahnlich. 
Nur sind die Bewufttseinserlebnisse der hoheren Tiere bestimmter, 
gesattigter, mochte ich sagen, als die fliichtigen menschlichen Trau- 
me. Aber auf der andern Seite ist das Tier niemals in jenem hohen 
Grade bewufitseinslos, wie der Mensch das im tiefen Schlafe ist. 

Das Tier unterscheidet sich daher nicht in demselben Mafte von 
seiner Umgebung wie der Mensch. Das Tier hat nicht in dieser Weise 
eine Aufienwelt und Innenwelt, wie der Mensch sie hat. Das Tier 
rechnet sich eigentlich, wenn wir in menschliche Sprache ubersetzen, 
was als ein dumpfes Bewulksein in den hoheren Tieren lebt, mit 
seinem ganzen Innenwesen zur Aufienwelt mit. 



Siehe Hinweis. 



45 



Wenn das Tier eine Pflanze sieht, dann ist nicht zunachst fur das 
Tier die Empfindung da: es ist aufien eine Pflanze, und ich bin im 
Innern ein geschlossenes Wesen, sondern fur das Tier ist ein starkes 
inneres Erlebnis von der Pflanze da, eine unmittelbar sprechende 
Sympathie oder Antipathic Das Tier empfindet gewissermafien das- 
jenige, was die Pflanze aufiert, in seinem Innern mit. Dafi in unserem 
heutigen Zeitalter die Menschen so wenig beobachten konnen, was 
sich nicht in ganz grober Weise der Beobachtung ergibt, dieser Urn- 
stand nur ist es ja, der sie verhindert, einfach an dem Getriebe, an 
dem Gehaben des Tieres schon zu sehen, dafi das so ist, wie ich es 
gesagt habe. 

Nur der Mensch hat dieses scharfe, deutliche Unterscheiden zwi- 
schen seiner Innenwelt und der aufieren Welt. Warum anerkennt der 
Mensch eine aufiere Welt? Wodurch kommt der Mensch dazu, iiber- 
haupt von einer Innenwelt und von einer Aufienwelt zu sprechen? 
Er kommt dadurch dazu, dafi er mit seinem Ich und mit seinem astra- 
lischen Leibe jedesmal im Schlafzustand aufierhalb seines physischen 
und seines Atherleibes ist, daft er sozusagen seinen physischen und 
Atherleib sich selbst iiberlafit im Schlaf und bei denjenigen Dingen 
ist, die Aufienwelt sind. Wir teilen ja wahrend unseres Schlafzustan- 
des das Schicksal der aufieren Dinge. So wie Tische und Banke, 
Baume und Wolken wahrend des Wachzustandes aufierhalb unseres 
physischen und Atherleibes sind, und wir sie deshalb als Aufienwelt 
bezeichnen, so sind unser eigener astralischer Korper und unser 
eigenes Ich wahrend des Schlafes der Aufienwelt angehorig. Und 
wenn wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe 
wahrend des Schlafes der Aufienwelt angehoren, da geschieht etwas. 

Um einzusehen, was da geschieht, wollen wir zunachst einmal 
von dem ausgehen, was eigentlich geschieht, wenn wir in einem ganz 
normalen Wachzustande der Welt gegenuberstehen. Da sind die Ge- 
genstande aufier uns. Und es hat ja allmahlich das wissenschaftliche 
Denken der Menschen es dahin gebracht, als sicher fur diese 
physischen Dinge der Aufienwelt nur das anzuerkennen, was man 
messen, wagen und zahlen kann. Der Inhalt unserer physischen 
Wissenschaft wird ja bestimmt nach Gewicht, nach Mafi, nach Za hi. 



Wir rechnen mit den Rechnungsoperationen, die einmal fur die 
irdischen Dinge gelten, wir wagen die Dinge, wir messen sie. Und 
was wir durch Gewicht, Mafi und Zahl bestimmen, das gibt eigent- 
lich das Physische. Wir wiirden einen Korper nicht als einen phy- 
sischen bezeichnen, wenn wir ihn nicht irgendwie mit der Waage in 
seiner Realitat nachweisen konnten. Dasjenige aber, was zum Bei- 
spiel Farben sind, was Tone sind, was selbst Warme- und Kalteemp- 
findungen sind, was also die eigentlichen Sinneswahrnehmungen 
sind, das webt so hin iiber den schweren, mefibaren, zahlbaren Din- 
gen. Wenn wir irgendein physisches Ding bestimmen wollen, so ist 
das, was seine eigentliche physische Wesenheit ausmacht, eben das- 
jenige, was sich wagen, zahlen lafk, womit der Physiker eigentlich 
bloft zu tun haben will. Von Farbe, von Ton und so weiter sagt er: Ja, 
da geschieht eben drauften etwas, was auch mit Wagen oder Zahlen 
zu tun hat. - Er sagt ja selbst von den Farbenerscheinungen: Da 
draufien sind schwingende Bewegungen, die machen einen Eindruck 
auf den Menschen, und diesen Eindruck, den bezeichnet der Mensch, 
wenn das Auge ihn bestimmt, als Farbe, wenn das Ohr ihn bestimmt, 
als Ton und so weiter. - Eigentlich konnte man sagen: Mit alien die- 
sen Dingen - Ton, Farbe, Warme und Kalte - weift der Physiker 
heute nichts anzufangen. Er betrachtet sie eben als Eigenschaften 
dessen, was sich mit der Waage, mit dem Mafistab oder durch die 
Rechnung bestimmen lafk. Es haften gewissermafien die Farben an 
dem Physischen, es entringt sich dem Physischen der Ton, es wellt 
heraus aus dem Physischen die Warme oder Kalte. Man sagt: Das- 
jenige, was ein Gewicht hat, das hat die Rote, oder es ist rot. 

Wenn der Mensch nun in dem Zustand zwischen Einschlafen und 
Aufwachen ist, da ist es mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe 
anders. Da sind die Dinge nach Mafi, Zahl und Gewicht zunachst 
uberhaupt nicht da. Nach dem irdischen MaE, Zahl und Gewicht 
sind die Dinge nicht da. Da haben wir nicht Dinge um uns herum, 
wenn wir schlafen, die man abwiegen kann, so sonderbar es erscheint, 
wir haben auch nicht Dinge um uns herum, die man zahlen kann, 
oder die man messen kann unmittelbar. Einen Mafistab konnte man 
nicht anwenden als Ich und als astralischer Leib im Schlafzustande. 



Aber was da ist, das sind, wenn ich mich so ausdriicken darf, die 
frei schwebenden, frei webenden Sinnesempfindungen. Nur dafi der 
Mensch im gegenwartigen Zustand seiner Entwickelung nicht die 
Fahigkeit hat, die frei schwebende Rote, die Wellen des frei weben- 
den Tones und so weiter wahrzunehmen. 

Will man schematisch die Sache zeichnen, so konnte man das so 
machen. [Hier wird begonnen, an die Tafel zu zeichnen] Man konn- 
te sagen: Hier auf Erden haben wir wagbare feste Dinge, und an 
diesen wagbaren festen Dingen haftet gewissermafSen die Rote, die 
Gelbe, also dasjenige, was die Sinne an den Korpern wahrnehmen. 
Wenn wir schlafen, dann ist die Gelbe frei schwebendes Wesen, die 
Rote ist frei schwebendes Wesen, nicht haftend an solchen Schwere- 
bedingungen, sondern frei webend und schwebend. Ebenso ist es 
mit dem Ton: Nicht die Glocke klingt, sondern das Klingen webt. 




Und nicht wahr, wenn wir in unserer physischen Welt herumge- 
hen, irgend etwas sehen, so heben wir es auf; dann ist es eigentlich 
erst ein Ding, sonst konnte es auch eine Augentauschung sein. Das 
Gewicht mu£ hinzukommen. Daher ist man so geneigt, etwas, was 
im Physischen erscheint, ohne dafi man es als schwer empfindet - 
wie die Farben des Regenbogens -, als eine Augentauschung zu be- 
trachten. Wenn Sie heute ein Physikbuch aufschlagen, so ist es so, 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:228 Seite:48 



daft man da erklart: Das ist eine Augentauschung. - Als das eigent- 
lich Reale sieht man den Regentropfen an. Und da zeichnet man 
Linien hinein, die eigentlich gar nichts bedeuten fur das, was da ist, 
aber die man sich so durch den Raum hin denkt; man nennt sie dann 
Strahlen. Aber die Strahlen sind gar nicht da. Dann sagt man: Das 
Auge projiziert sich das hinaus. - Dieses Projizieren ist ja uberhaupt 
etwas, was in einer sehr sonderbaren Weise heute in der Physik an- 
gewendet wird. Also ich greife die Vorstellung auf: Wir sehen einen 
roten Gegenstand. Um uns zu iiberzeugen, daft es keine Augen- 
tauschung ist, heben wir ihn, und er ist schwer: dadurch verbiirgt er 
seine Realitat. 

Derjenige, der sich nun im Ich und im astralischen Leibe aufier- 
halb des physischen und des Atherleibes bewufit wird, der kommt 
auch endlich darauf, daft so etwas da drinnen schon ist in diesem frei 
schwebenden und frei webenden Farbigen, Tonenden; aber es ist 
anders. Es ist in einem so frei schwebenden Farbigen die Tendenz, in 
die Weiten der Welt hinaus sich zu entfernen; es hat eine entgegen- 
gesetzte Schwere. Diese Dinge der Erde, die wollen da herunter nach 
dem Mittelpunkt der Erde [Zeichnung S. 48, Pfeile abwarts], jene 
[Pfeile aufwarts] wollen frei hinaus in den Weltenraum. 

Und es ist auch schon so etwas ahnliches da wie ein Mafi. Man 
kommt namlich darauf, wenn man irgendwo, sagen wir, eine kleine 
rotliche Wolke hat [Tafel 4], und diese kleine rotliche Wolke ist mei- 
netwillen eingesaumt von einem machtigen gelben Gebilde. Dann 
mifk man, aber nicht mit dem Mafistab, sondern qualitativ mifk man 
mit dem Roten, mit dem starker Scheinenden das schwacher schei- 




Tafel 4 



nende Gelbe. Und so wie Ihnen der Maftstab sagt: das sind fiinf 
Meter, so sagt Ihnen hier das Rote: Wenn ich mich ausbreiten wiirde, 
gehe ich funfmal in das Gelbe hinein. Ich muE mich weiten, ich mufi 
machtiger werden, dann werde ich auch gelb. - So geschehen die 
Messungen hier. 

Noch schwieriger ist das Zahlen hier klarzumachen, weil wir beim 
irdischen Zahlen ja doch zumeist nur Erbsen oder Apfel zahlen, die 
gleichgultig nebeneinander liegen. Und wir haben immer das Ge- 
fuhl, wenn wir aus der Eins zweie machen, es ist dieser Eins eigent- 
lich ganz gleichgultig, daft noch eine Zwei neben ihr ist. Im mensch- 
lichen Leben wird es ja schon anders; da ist es zuweilen so, dafi Eins 
auf das Zwei angewiesen ist. Doch das geht ja auch schon in das 
Geistige hinein. Aber bei der eigentlichen physischen Mathematik 
ist es immer den Einheiten gleichgultig, was sich zu ihnen gesellt. 
Das ist hier nicht der Fall. 

Wenn hier irgendwo eine Eins ist von einer bestimmten Art, so 
fordert das irgendwelche, sagen wir, drei oder fiinf andere, je nach- 
Tafei 3 dem es ist [Zeichnung S. 48, rote Punkte und Ringlein]. Das hat im- 
mer inneren Bezug zu den anderen, da ist die Zahl eine Realitat. Und 
wenn ein Bewufitsein anfangt dariiber, wie es ist, wenn man mit dem 
Ich und mit dem astralischen Leib da drauften ist, dann kommt man 
schon auch dahin, etwas wie Mafi, Zahl und Gewicht zu bestimmen, 
aber nach entgegengesetzter Art. 

Und dann, wenn einem das Schauen und Horen da draufien nicht 
mehr ein blofies Schwimmeln und Schwummeln von Rot und Gelb 
und Tonen ist, sondern wenn man anfangt, auch da drinnen die 
Dinge so geordnet zu empfinden, dann beginnt das Wahrnehmen 
der geistigen Wesenheiten, die sich in diesen frei schwebenden Sin- 
nesempfindungen verwirklichen, realisieren. Dann kommen wir hin- 
ein in die positive geistige Welt, in das Leben und Treiben der geisti- 
gen Wesenheiten. Wie wir hier auf Erden hineinkommen ins Leben 
und Treiben der irdischen Dinge, indem wir sie mit der Waage, mit 
dem Mafistab, mit unserer Rechnerei bestimmen, so kommen wir 
dadurch, daft wir uns aneignen das bloft qualitative, entgegengesetz- 
te Schwersein, das heifk mit Leichtigkeit sich ausdehnen wollen im 



Weltenraum, das Messen von Farbe durch Farbe und so weiter, 
hinein in das Erfassen von geistigen Wesenheiten. Solche geistigen 
Wesenheiten durchsetzen nun auch alles das, was drauften in den 
Reichen der Natur ist. 

Mit dem wachen Bewufitsein sieht der Mensch nur die Aufien- 
seite der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere. Aber bei dem, was in 
alien diesen Wesen der Naturreiche lebt als Geistiges, bei dem ist 
der Mensch, wenn er schlaft. Und wenn er dann beim Aufwachen 
wiederum in sich zuriickgeht, dann behalten sein Ich und sein astra- 
lischer Leib gewissermaften die Neigung, die Affinitat zu den 
aufieren Dingen und veranlassen den Menschen, daft er eine 
Aufienwelt anerkennt. Wenn der Mensch eine Organisation hatte, 
die nicht zum Schlaf eingerichtet ware, so wiirde er nicht eine 
Auftenwelt anerkennen. Es kommt natiirlich nicht darauf an, daft 
einer an Schlaflosigkeit leidet. Denn ich sage nicht, wenn der 
Mensch nicht schlaft, sondern wenn der Mensch nicht eine Orga- 
nisation hatte, die zum Schlafen eingerichtet ware. Es handelt sich 
um das Eingerichtetsein zu etwas. Daher wird ja auch der Mensch 
krank, wenn er an Schlaflosigkeit leidet, weil das eben seiner We- 
senheit nicht angepaftt ist. Aber die Dinge sind eben so: Gerade 
dadurch, daft der Mensch schlafend verweilt bei dem, was in der 
Auftenwelt ist, bei dem, was er dann wachend seine Auftenwelt 
nennt, dadurch kommt er auch zu einer Auftenwelt, zu einer An- 
schauung von der Auftenwelt. 

Dieses Verhaltnis des Menschen zum Schlaf, das gibt den irdi- 
schen Wahrheitsbegriff. Inwiefern? Nun, wir nennen es Wahrheit, 
wenn wir im Innern ein Aufteres richtig nachbilden konnen, wenn 
wir ein Aufteres richtig im Innern erleben. Dazu aber bedurfen wir 
der Einrichtung des Schlafes. Wir wiirden gar keinen Wahrheitsbe- 
griff haben, wenn wir nicht die Einrichtung des Schlafens hatten. So 
daft wir sagen konnen: Dem Schlaf zustand verdanken wir die Wahr- Tafel 4 
heit. Wir miissen, um uns der Wahrheit der Dinge hinzugeben, mit 
den Dingen auch unser Dasein in einer gewissen Zeit verbringen. 
Die Dinge sagen uns von sich nur dadurch etwas, daft wir wahrend 
des Schlafens mit unserer Seele bei ihnen sind. 



Anders ist es mit dem Traumzustand. Der Traum ist ja, wie ich 
Ihnen in dem kleinen Zyklus wahrend der Delegiertenversammlung 
ausgefuhrt habe, verwandt mit der Erinnerung, mit dem inneren 
Seelenleben, mit dem, was ja vorzugsweise in der Erinnerung lebt. 
Wenn der Traum frei schwebende Ton-Farbenwelt ist, so sind wir 
noch halb draufien aus unserem Leibe. Wenn wir ganz untertauchen, 
dann werden dieselben Krafte, die wir webend-lebend im Traume 
entfalten, Erinnerungskrafte. Da unterscheiden wir uns nicht mehr 
in derselben Weise von der Auftenwelt. Da fallt unser Inneres zu- 
sammen mit der Aufienwelt, da leben wir mit unseren Sympathien 
und Antipathien so stark in der Aufienwelt, dafi wir nicht die Dinge 
als sympathiser! oder antipathisch empfinden, sondern dafi die Sym- 
pathien und Antipathien selber sich bildhaftig zeigen. 

Hatten wir nicht die Moglichkeit zu traumen und die Fortset- 
zung dieser Traumeskraft in unserem Innern, so hatten wir keine 
Schonheit. Daft wir iiberhaupt Anlagen fur die Schonheit haben, das 
beruht darauf, daft wir traumen konnen. Fiir das prosaische Dasein 
miissen wir sagen: Wir verdanken es der Traumeskraft, daft wir eine 
Erinnerung haben; fiir das kunstlerische Dasein des Menschen ver- 
TafeU danken wir der Traumeskraft die Schonheit. Also: Traumzustand 
hangt zusammen mit der Schonheit. Die Art, wie wir ein Schones 
empfinden und ein Schones schaffen, ist namlich sehr ahnlich der 
webenden wirkenden Kraft des Traumens. 

Wir verhalten uns beim Erleben des Schonen, beim Schaffen des 
Schonen - nur eben unter Anwendung unseres physischen Leibes - 
ahnlich, wie wir uns verhalten aufter unserem physischen Leibe, oder 
halb verbunden mit unserem physischen Leibe, beim Traumen. Es 
ist eigentlich zwischen dem Traumen und dem Leben in Schonheit 
nur ein kleiner Ruck. Und nur weil in der heutigen materialistischen 
Zeit die Menschen so grob veranlagt sind, daft sie diesen Ruck nicht 
bemerken, ist so wenig Bewufttsein vorhanden von der ganzen Be- 
deutung der Schonheit. Man mufi im Traume sich dem notwendig 
hingeben, um dieses Freischweben und -weben zu erleben. Wah- 
rend dann, wenn man sich der Freiheit, dem innern Willkiirgebaren 
hingibt, also nach dem Ruck lebt, man nicht mehr die Empfindung 



hat, da$ es dasselbe ist wie das Traumen, da es nur unter Anwen- 
dung der Krafte des physischen Leibes eben dasselbe ist. 

Die heutigen Menschen werden lange nachdenken, was man in 
alter en Zeiten gemeint hat, wenn man « Chaos » gesagt hat [es wird 
das Wort «Chaos» an die Tafel geschrieben] . Es gibt die mannigfal- Tafd4 
tigsten Definitionen von Chaos. In Wirklichkeit kann das Chaos nur 
so charakterisiert werden, dafi man sagt: Wenn der Mensch in einen 
Bewufkseinszustand kommt, wo das Erleben der Schwere, des irdi- 
schen Mafies, gerade aufhort, und die Dinge anfangen, halb leicht zu 
werden, aber noch nicht hinaus wollen in das Weltenall, sondern 
noch sich in der Horizontale, im Gleichgewicht erhalten, wenn die 
festen Grenzen verschweben, wenn also noch mit dem physischen 
Leib, aber schon mit der Seelenkonstitution des Traumens das we- 
bende Unbestimmte der Welt geschaut wird, dann schaut man das 
Chaos. Und der Traum ist blo$ das schattenhafte Heranschweben 
des Chaos an den Menschen. 

In Griechenland noch hatte man die Empfindung: Schon machen 
kann man eigentlich die physische Welt nicht. Die physische Welt ist 
halt Naturnotwendigkeit, sie ist, wie sie ist. Schon machen kann man 
nur dasjenige, was chaotisch ist. Wenn man das Chaos in den Kos- 
mos wandelt, dann entsteht die Schonheit. Daher sind Chaos und 
Kosmos Wechselbegriffe. Man kann den Kosmos - das bedeutet 
eigentlich die schone Welt - nicht aus den irdischen Dingen herstel- 
len, sondern nur aus dem Chaos, indem man das Chaos formt, Und 
dasjenige, was man mit irdischen Dingen macht, ist blofi ein Nach- 
ahmen im Stoffe des geformten Chaos. 

Das ist so bei allem Kunstlerischen der Fall. Von diesem Verhalt- 
nis des Chaos zum Kosmos hatte man in Griechenland, wo die 
Mysterienkultur noch einen gewissen Einfluft hatte, noch eine sehr 
lebhafte Vorstellung. 

Wenn man aber in alien diesen Welten herumkommt - in der Welt, 
in welcher der Mensch unbewufk ist, wenn er im Schlafzustande ist, 
in der Welt, in welcher der Mensch halbbewufit ist, wenn er im 
Traumzustand ist -, wenn man da iiberall herumwandelt: das Gute 
findet man nicht. Diese Wesenheiten, die da drinnen sind, sie sind 



vom Urbeginne ihres Lebenslaufes weisheitsvoll vorherbestimmt. 
Man findet in ihnen waltende, webende Weisheit, man findet in 
ihnen Schonheit. Aber es hat keinen Sinn, wenn es sich darum han- 
delt, diese Wesenheiten, die wir als Erdenmensch erreichen, kennen- 
zulernen, von Giite bei ihnen zu sprechen. Von Giite konnen wir 
erst sprechen, wenn der Unterschied da ist zwischen Innen- und 
Aufienwelt, so dafi das Gute der geistigen Welt folgen kann oder 
nicht folgen kann. 

So wie der Schlafzustand der Wahrheit, der Traumzustand der 
Schonheit, so ist der Wachzustand der Giite, dem Guten zugeteilt 
[es wird an die Tafel geschrieben]. 

TafeH Schlafzustand: Wahrheit 

Traumzustand: Schonheit 
Wachzustand: Giite 

Das aber widerspricht nicht dem, was ich in diesen Tagen gesagt 
habe, dafi, wenn man das Irdische verlafit und hinauskommt in den 
Kosmos, man veranlafit ist, auch die irdischen Begriffe fallenzulas- 
sen, um von moralischer Weltenordnung zu sprechen. Denn die mo- 
ralische Weltenordnung, die ist im Geistigen ebenso vorherbestimmt, 
notwendig vorherbestimmt, wie hier auf Erden die Kausalitat. Nur 
ist sie eben dort geistig: die Vorbestimmung, das In-sich-bestimmt- 
Sein. Also da ist kein Widerspruch. 

Aber fur die menschliche Natur miissen wir uns klar sein: Wollen 
wir die Idee der Wahrheit haben, dann miissen wir uns an den Schlaf- 
zustand wenden, wollen wir die Idee der Schonheit haben, dann 
miissen wir uns an den Traumzustand wenden, wollen wir die Idee 
der Giite haben, dann miissen wir uns an den Wachzustand wenden. 

Der Mensch hat also, wenn er wach ist, nicht eine Bestimmung zu 
seinem physischen und atherischen Organismus nach der Wahrheit, 
sondern die Bestimmung nach der Giite. Da miissen wir also erst 
recht auf die Idee der Giite kommen. 

Nun frage ich Sie: Was erstrebt denn die Wissenschaft der Gegen- 
wart, wenn sie den Menschen erklaren will? Sie will ja nicht aufstei- 
gen, indem sie den wachen Menschen erklaren will, von der Wahr- 



heit durch die Schonheit zur Giite, sie will ja alles nach einer aufieren 
kausalen Notwendigkeit, die nur der Idee der Wahrheit entspricht, 
erklaren. Da kommt man gar nicht zu dem, was im Menschen wa- 
chend webt und lebt, da kommt man nur zu dem, was der schlafende 
Mensch hochstens ist. Wenn Sie daher heute Anthropologien lesen 
und es mit wachem Auge tun, wach fiir die Seeleneigentumlich- 
keiten und Krafte der Welt, dann bekommen Sie folgenden Eindruck. 
Sie sagen sich: Das ist ja alles recht schon, was uns da erzahlt wird 
von der heutigen Wissenschaft iiber den Menschen. Aber wie ist 
denn dieser Mensch eigentlich, von dem uns diese Wissenschaft er- 
zahlt? Er liegt fortwahrend im Bett. Er kann namlich nicht gehen. 
Bewegen kann er sich nicht. Die Bewegung zum Beispiel wird ab- 
solut gar nicht erklart. Er liegt fortwahrend im Bett. 

Der Mensch, den die Wissenschaft erklart, der kann nur als ein im 
Bett liegender Mensch erklart werden. Es geht gar nicht anders. Die 
Wissenschaft erklart nur den schlafenden Menschen. Wenn man ihn 
in Bewegung bringen will, dann miifite man das mechanisch tun. 
Deshalb ist sie auch ein wissenschaftlicher Mechanismus. Da mufi 
man in diesen schlafenden Menschen eine Maschinerie hineinbrin- 
gen, die diesen Plumpsack, wenn er aufstehen soli, in Schwung bringt 
und abends wiederum in das Bett legt. 

Also diese Wissenschaft sagt uns liberhaupt nichts vom Menschen, 
der da herumgeht in der Welt, der da webt und lebt, der da wacht. 
Denn was ihn in Bewegung setzt, das ist enthalten in der Idee der 
Giite, nicht in der Idee der Wahrheit, die wir von den aufieren Din- 
gen zunachst gewinnen. Das ist etwas, was ziemlich wenig bedacht 
wird. Man hat das Gefuhl, wenn einem der heutige Physiologe oder 
der heutige Anatom den Menschen beschreibt, dafi man gerne sagen 
mochte: Wach auf, wach auf, du schlafst ja, du schlafst! - Die Leute 
gewohnen sich unter dem Einflufi dieser Weltanschauung eben den 
Schlafzustand an. Und was ich immer charakterisieren mufke: dafi 
eigentlich die Menschen alles Mogliche verschlafen, das ist, weil sie 
von der Wissenschaft besessen sind. Heute ist ja - weil die popularen 
Zeitschriften alles liberall hinaustragen - auch schon der Ungebil- 
dete von der Wissenschaft besessen. Es hat nie so viel Besessene ge- 



geben als heute, sie sind von der Wissenschaft besessen. Es ist ganz 
eigentiimlich, wie man reden mufi, wenn man die realen Verhaltnisse 
der heutigen Zeit zu schildern hat. Man mufi in ganz andere Tone 
verfallen als diejenigen, die heute gang und gabe sind. 

So ist es ja auch, wenn nun der Mensch ein wenig von den Mate- 
rialisten in die Umgebung hineingestellt wird. Als die materialisti- 
sche Hochflut war, da haben die Leute solche Biicher geschrieben, 
wie zum Beispiel eines, das austonte in einem bestimmten Kapitel, in 
dem es heifit: Der Mensch ist eigentlich an sich nichts. Er ist das 
Ergebnis des Sauerstoffes der Luft, er ist das Ergebnis des Kalte- 
grades oder des Warmegrades, unter dem er ist. Er ist eigentlich - so 
endet pathetisch diese materialistische Schilderung - ein Ergebnis 
jedes Zuges der Luft. 

Geht man auf eine solche Beschreibung ein und stellt man sich 
den Menschen vor, der das wirklich ist, was der materialistische 
Forscher da beschreibt, dann ist es namlich im hochsten Grade ein 
Neurastheniker. Die Materialisten haben nie andere Menschen be- 
schrieben. Wenn sie schon nicht bemerkten, dafi sie eigentlich den 
Menschen schlafend schilderten, wenn sie sozusagen aus der Rolle 
gefallen sind und weitergehen wollten, haben sie nie andere Men- 
schen beschrieben als hochgradige Neurastheniker, die schon am 
nachsten Tag sterben miissen vor lauter Neurasthenie, die gar nicht 
leben konnen. Denn den lebendigen Menschen hat eben diese Epo- 
che der Wissenschaft niemals ergriffen. 

Da liegen die grofien Aufgaben, welche die Menschen aus den 
Zustanden der Gegenwart wiederum herausfuhren miissen in solche 
Zustande, unter denen das weitere Leben der Weltgeschichte einzig 
und allein moglich ist. Was gebraucht wird, das ist ein Eindringen in 
die Geistigkeit. Es mufi der andere Pol gefunden werden zu dem, 
was erlangt worden ist. Was ist denn eigentlich erlangt worden ge- 
rade im Laufe des fur die materialistische Weltanschauung gloriosen 
19. Jahrhunderts ? Was ist denn erlangt worden? 

In einer wunderbaren Weise - es kann ganz aufrichtig und ehrlich 
gesagt werden - ist es gelungen, die aufiere Welt nach Mafi, Zahl und 
Gewicht zu bestimmen als irdische Welt. Darin hat das 19. Jahrhun- 



dert und der Beginn des 20. Jahrhunderts Grofiartiges, Gewaltiges 
geleistet. Aber die Sinnesempfindungen, die Farben, die Tone, die 
flattern so herum im Unbestimmten. Die Physiker haben ja ganz 
aufgehort, von Farben und Tonen zu reden; sie reden von Luft- 
schwingungen und Atherschwingungen, die sind ja nicht Farben und 
auch nicht Tone. Die Luftschwingungen sind doch keine Tone, son- 
dern sie sind hochstens das Medium, auf dem die Tone sich fort- 
pflanzen. Und es ist gar keine Erfassung da von dem, was die Sinnes- 
qualitaten sind. Dazu mull man erst wiederum kommen. Eigentlich 
sieht man heute nur, was mit der Waage, mit dem Mafistab, mit der 
Rechnung sich bestimmen lafk. Das andere ist einem entschwebt. 

Und wenn nun die Relativitatstheorie auch die Ihnen gestern be- 
schriebene grandiose Unordnung hineinbringt in das, was sich mes- 
sen, wagen, zahlen lafk, dann zerkliiftet sich alles, dann geht alles 
auseinander. Aber schliefilich, an gewissen Grenzen scheitert schon 
diese Relativitatstheorie. Nicht gegeniiber den Begriffen - mit den 
irdischen Begriffen entkommt man der Relativitatstheorie nicht; das 
habe ich an einem andern Orte schon einmal auseinandergesetzt -, 
aber mit der Realitat entkommt man immer den Relativitatsbegrif- 
fen. Denn was sich messen, zahlen, wagen lalk, das geht durch Maft, 
Zahl und Gewicht ganz bestimmte Beziehungen ein in der aufteren 
sinnlichen Wirklichkeit. 

Es war in Stuttgart, da hat einmal ein Physiker, oder eine Reihe 
von Physikern Anstofi genommen an der Behandlung der Relativi- 
tatstheorie von seiten der Anthroposophen. Dann hat er in einer Dis- 
kussion das einfache Experiment vorgefiihrt, dafi es eigentlich ganz 
gleichgiiltig ist, ob ich hier die Ziindholzschachtel habe und mit dem 
Ziindholz dariiber streiche: es brennt; oder ob ich das Zundholz fest- 
halte und mit der Schachtel dariiber streiche: dann brennt es auch. 
Es ist relativ. 

Gewift, hier ist es noch relativ. Und in bezug auf alles, was auf 
einen Newtonschen Raum bezogen wird, oder auf einen Euklidi- 
schen Raum, ist das alles relativ. Aber sobald jene Realitat in Be- 
tracht kommt, die als Schwere, als Gewicht auftritt, da geht es nicht 
mehr so leicht, wie der Einstein es sich vorgestellt hat, denn da treten 



dann reale Verhaltnisse auf. Man mufi da wirklich wiederum para- 
dox reden. Die Relativitat laftt sich eben dann geltend machen, wenn 
man die ganze Wirklichkeit mit Mathematik und Geometrie und Me- 
chanik verwechselt. Aber wenn man auf die wahre Wirklichkeit ein- 
geht, dann geht das nicht mehr. Denn es ist ja schlieftlich doch nicht 
blofi relativ, ob man den Kalbsbraten iftt, oder ob der Kalbsbraten 
einen ilk! Mit der Ziindholzschachtel laftt sich das machen, hin- und 
herzufahren, aber den Kalbsbraten mu(5 man essen, man kann sich 
nicht von dem Kalbsbraten aufessen lassen. Es sind eben da Dinge, 
die diesen Relativitatsbegriffen Grenzen setzen. Diese Dinge sind 
so, daft wenn sie nun nach auften erzahlt werden, man sagen wird: 
Da ist nicht das geringste Verstandnis fur diese ernste Theorie. - 
Aber die Logik ist doch schon so, wie ich sie sage: Es ist nicht an- 
ders, ich kann es nicht anders machen. 

Also es handelt sich darum, zu sehen, wie man durch die Bertick- 
sichtigung des Gewichtes - also dessen, was eigentlich die phy- 
sischen Korper macht -, wie man da in der Wirklichkeit, mochte ich 
sagen, Farben, Tone und so weiter nirgendwo unterbringt. Aber mit 
dieser Tendenz entfallt einem etwas aufterordentlich Wichtiges. Es 
entfallt einem namlich das Kunstlerische. Indem wir immer phy- 
sikalischer und physikalischer werden, nimmt das Kunstlerische von 
uns Abschied. Kein Mensch wird heute in dem, was die Physik- 
biicher schildern, noch eine Spur von Kunst finden. Da ist nichts 
mehr von Kunst, da mufi alles, alles heraus. Es ist ja schauderhaft, 
heute iiberhaupt ein Physikbuch zu studieren, wenn man noch eine 
Spur von Schonheitsgefuhl hat. Dadurch, daft alles, woraus die 
Schonheit gewoben wird, aus Farbe und Ton, dadurch, daft das alles 
vogelfrei wird, daft es nur anerkannt wird, wenn es an den schweren 
Dingen haftet, gerade dadurch entfallt den Menschen die Kunst. 
Heute entfallt sie einem. Und je physischer die Menschen werden, 
desto unkiinstlerischer werden sie! Denken Sie doch einmal: Wir 
haben eine groftartige Physik. Dazu bedarf es wahrhaftig nicht des 
Zurechtweisens der Gegner, daft man auf anthroposophischem 
Felde sagt: Wir haben eine groftartige Physik. Aber die Physik lebt 
von der Verleugnung des Kiinstlerischen. Sie lebt in jedem Einzel- 



nen von der Verleugnung des Kiinstlerischen, denn sie ist angelangt 
bei einer Art, die Welt zu behandeln, bei der sich der Kiinstler gar 
nicht mehr kiimmert um den Physiker. 

Ich glaube zum Beispiel nicht, daft der Musiker heute groften Wert 
darauf legt, die physikalischen Theorien der Akustik zu studieren. 
Das ist ihm zu langweilig, es kiimmert ihn nicht. Der Maler wird 
auch nicht gern diese schreckliche Farbenlehre, die in der Physik 
enthalten ist, studieren. Er wendet sich in der Regel, wenn er sich 
liberhaupt um Farben kiimmert, noch zur Goetheschen Farben- 
lehre. Aber die ist ja falsch nach der Ansicht der Physiker. Die Phy- 
siker driicken ein Auge zu und sagen: Nun ja, das ist ja nicht so 
wesentlich, ob der Maler eine richtige oder eine falsche Farbenlehre 
hat. - Es ist eben so, daft unter der physikalischen Weltanschauung 
von heute die Kunst zugrunde gehen mufi. Nun miissen wir uns die 
Frage vorlegen: Warum war denn in alteren Zeiten eine Kunst da? 

Wenn wir in ganz alte Zeiten zuriickgehen, in die Zeiten, in denen 
die Menschen noch ein urspriingliches Hellsehen hatten, da war es 
so, daft namlich die Menschen nicht so viel merkten von Maft, Zahl 
und Gewicht in den irdischen Dingen. Es kam ihnen gar nicht so 
sehr auf Maft, Zahl und Gewicht an, sie gaben sich mehr den Farben, 
den Tonen der irdischen Dinge hin. 

Denken Sie doch nur einmal, daft ja die Chemie erst seit Lavoisier 
mit dem Gewicht rechnet; das ist etwas mehr als hundert Jahre! Das 
Gewicht wurde ja erst angewendet auf eine Weltanschauung am 
Ende des 18. Jahrhunderts. Es war eben bei der alteren Menschheit 
das Bewufttsein nicht vorhanden, daft alles nach irdischem Maft, Zahl 
und Gewicht bestimmt werden muft. Man war mit seinem Gemiite 
hingegeben dem Farbenteppich der Welt, den Tonwebungen und 
-wellungen; nicht den Luftschwingungen, sondern den Tonwellun- 
gen und -webungen, denen war man hingegeben. Man lebte darin, 
auch indem man in der physischen Welt lebte. 

Aber welche Moglichkeit hatte man denn dadurch, daft man in 
diesem schwerefreien sinnlichen Wahrnehmen lebte? Dadurch hatte 
man die Moglichkeit, wenn man zum Beispiel an den Menschen her- 
ankam, den Menschen gar nicht so zu sehen, wie man ihn heute sieht, 



sondern man sah sich den Menschen an wie ein Ergebnis des ganzen 
Weltenalls. Der Mensch war mehr ein Zusammenfluft des Kosmos. 
Er war mehr ein Mikrokosmos als dasjenige, was innerhalb seiner 
Haut da auf diesem kleinen Fleck Erde steht, wo der Mensch stent. 
Man dachte sich im Menschen mehr ein Abbild der Welt. Da flossen 
die Farben von alien Seiten so zusammen, gaben dem Menschen die 
Farben. Die Weltenharmonie war da, durchtonte den Menschen, gab 
dem Menschen die Gestalt. 

Und von der Art und Weise, wie alte Mysterienlehrer zu ihren 
Schiilern sprachen, kann ja die Menschheit heute kaum etwas verste- 
hen. Denn wenn heute ein Mensch das menschliche Herz erklaren 
will, so nimmt er einen Embryo und sieht, wie da die Blutgefafie sich 
aussacken, und wie da ein Schlauch zunachst entsteht und dann das 
Herz sich allmahlich formt. Ja, so haben die alten Mysterienlehrer 
zu ihren Schiilern nicht gesagt! Das hatte ihnen nicht viel wichtiger 
geschienen, als wenn man sich einen Strumpf strickt, weil ja schliefi- 
lich der Vorgang so ganz ahnlich ausschaut. Dagegen haben sie et- 
was anderes als ein ungeheuer Wichtiges hervorgehoben. Sie haben 
gesagt: Das menschliche Herz ist ein Ergebnis des Goldes, das im 



4 




Lichte iiberall lebt, und das von dem Weltenall hereinstromt und 
eigentlich das menschliche Herz bildet. Sie haben die Vorstellungen 
gehabt: Da webt durch das Weltenall das Licht, und das Licht tragt 
das Gold [siehe Zeichnung]. Uberall im Lichte ist das Gold, das Gold 
webt und lebt im Lichte. Und wenn der Mensch im irdischen Leben 



stent, dann ist sein Herz - Sie wissen ja, nach sieben Jahren andert es 
sich - nicht aus den Gurken und aus dem Salat und aus dem Kalbs- 
braten aufgebaut, die der Mensch inzwischen gegessen hat, sondern 
da wufiten diese alten Lehrer: das ist aus dem Golde des Lichtes 
aufgebaut. Und die Gurken und der Salat, die sind nur die Anregung 
dazu, dafi das im Lichte webende Gold vom ganzen Weltenall das 
Herz aufbaut. 

Ja, die Leute haben anders geredet, und man mufi sich dieses 
Gegensatzes bewufk werden, denn man mufi ja wieder lernen, so zu 
reden, nur eben auf einer anderen Bewufkseinsstufe. Dasjenige, was 
zum Beispiel auf dem Gebiete der Malerei einmal da war, was dann 
verschwunden ist, wo man noch aus dem Weltenall heraus gemalt 
hat, weil man noch nicht die Schwere hatte, das hat seine letzte Spur 
zuriickgelassen - sagen wir zum Beispiel bei Cimabue und nament- 
lich bei der Ikonenmalerei der Russen. Die Ikone ist noch aus der 
Auftenwelt, aus dem Makrokosmos gemalt; sie ist gewissermafien 
ein Ausschnitt aus dem Makrokosmos. Dann aber war man einmal 
bei der Sackgasse angelangt. Da konnte man nicht weiter, weil ein- 
fach fur die Menschheit diese Anschauung nicht mehr da ist. Hatte 
man malen wollen die Ikone mit innerem Anteil, nicht blofi aus der 
Tradition und aus dem Gebet heraus, dann hatte man wissen 
miissen, wie man das Gold behandelt. Die Behandlung des Goldes 
auf dem Bilde, das war ja eines der grolken Geheimnisse der alten 
Malerei. Heraufzubringen dasjenige, was am Menschen gestaltet ist, 
aus dem Hintergrunde des Goldes, das war die alte Malerei. 

Es liegt ein ungeheurer Abgrund zwischen Cimabue und Giotto. 
Denn Giotto begann bereits mit dem, was dann Raffael auf besonde- 
re Hohe gebracht hat. Cimabue hatte es noch durch Tradition, Giot- 
to wurde schon halber Naturalist. Er merkte: Die Tradition wird 
nicht mehr innerlich in der Seele lebendig. Jetzt muft man den phy- 
sischen Menschen nehmen, jetzt hat man nicht mehr das Weltenall. 
Man kann nicht mehr aus dem Golde heraus malen, man mufi aus 
dem Fleische heraus malen. 

Das ist endlich so weit gekommen, dafi ja schliefilich die Malerei 
zu dem iibergegangen ist, was sie im 19. Jahrhundert vielfach gehabt 



hat. Die Ikonen, die haben ja gar keine Schwere, die Ikonen sind 
«hereingescheint» aus der Welt; die haben ja keine Schwere. Man 
kann sie nur heute nicht mehr malen, aber wenn man sie in urspriing- 
licher Gestalt make, hatten sie iiberhaupt kein Gewicht. 

Giotto fing zuerst an, die Dinge so zu malen, daft sie Gewicht 
haben. Daraus wurde dann, daft alles, was man malt, auch auf dem 
Bilde Gewicht hat, und man streicht es dann von aufien an; so daft 
sich die Farben zu dem verhalten, was gemalt ist, wie der Physiker 
erklart, daft die Farbe da an der Oberflache durch irgendeine beson- 
dere Wellenschwingung entsteht. Es hat die Kunst schlieftlich auch 
mit dem Gewichte gerechnet. Nur fing Giotto das in asthetisch- 
kiinstlerischer Weise an, und Raffael brachte es dann auf die hochste 
Hohe. 

So daft man sagen kann: Da ist das Weltenall gewichen aus dem 
Menschen, und der schwere Mensch wurde dasjenige, was man jetzt 
nur noch sehen konnte. Und weil noch die Gefuhle der alten Zeit da 
waren, so wurde sozusagen das Fleisch moglichst wenig schwer, aber 
es wurde schwer. Und da entstand die Madonna als Gegensatz der 
Ikone: die Ikone, die kein Gewicht hat, die Madonna, die ja Gewicht 
hat, wenn sie auch schon ist. Die Schonheit hat sich noch erhalten. 
Aber Ikonen sind iiberhaupt nicht mehr malbar, weil der Mensch sie 
nicht erlebt. Und es ist eine Unwahrheit, wenn die Menschen heute 
glauben, daft sie Ikonen erleben. Daher auch die Ikonenkultur eben 
in eine gewisse sentimentale Unwahrheit eingetaucht war. Das ist 
eine Sackgasse in der Kunst, das wird schematisch, das wird tradi- 
tionell. 

Die Malerei Raffaels, die Malerei, die sich eigentlich auf dem auf- 
baut, was Giotto aus dem Cimabue gemacht hat, diese Malerei, die 
kann nur so lange Kunst bleiben, solange noch der alte Glanz der 
Schonheit auf sie strahlt. Gewissermaften waren es die sonnigen Re- 
naissancemaler, die noch etwas empfunden haben von dem im Lichte 
webenden Gold und wenigstens ihren Bildern den Glanz gaben, mit 
dem im Lichte webenden Gold sie von auften uberstrahlen lieften. 

Aber das horte auf. Und so ist der Naturalismus geworden. Und 
so sitzt heute die Menschheit kiinstlerisch zwischen zwei Stiihlen 



auf der Erde, zwischen der Ikone und der Madonna, und ist darauf 
angewiesen, dasjenige zu entdecken, was die reine webende Farbe, 
der reine webende Ton ist, mit ihrem entgegengesetzten Gewicht, 
entgegengesetzt der Meftbarkeit, der wagbaren Zahlbarkeit. Wir 
miissen lernen, aus der Farbe heraus zu malen. Treffen wir das heute 
versuchsweise auch noch so anfanglich und schlecht, es ist unsere 
Aufgabe, aus der Farbe Heraus zu malen, die Farbe selber zu erleben, 
losgelost von der Schwere die Farbe selber zu erleben. In diesen 
Dingen mufi man bewuftt, auch kunstlerisch bewuftt, vorgehen 
konnen. 

Und wenn Sie sich ansehen, was erstrebt wurde in den einfachen 
Versuchen unserer Programme, dann werden Sie sehen: da ist, wenn 
es auch nur ein Anfang ist, eben doch der Anfang gemacht, die Far- 
ben loszubekommen von der Schwere, die Farbe als ein in sich selbst 
tragendes Element zu erleben, zum Sprechen zu bringen die Farben. 
Wenn das gehngt, dann wird gegeniiber der unkunstlerischen phy- 
sikalischen Weltanschauung, die alle Kunst ausdampf en laftt, aus dem 
freien Elemente der Farbe, des Tones eine Kunst geschaffen, die 
wiederum frei ist von Schwere. 

Ja, wir sitzen auch zwischen zwei Stiihlen, zwischen der Ikone 
und der Madonna, aber wir miissen aufstehen. Dazu hilft uns die 
physische Wissenschaft nicht. Ich habe Ihnen gesagt: Man muft ja 
immer liegenbleiben, wenn man nur die physische Wissenschaft an- 
wendet auf den Menschen. Nun miissen wir aber aufstehen! Dazu 
brauchen wir wirklich Geisteswissenschaft. Die enthalt das Lebens- 
element, das uns hintragt von der Schwere zur schwerelosen Farbe, 
zur Realitat der Farbe, von dem Gebundensein selbst schon im 
musikalischen Naturalismus zu der freien musikalischen Kunst und 
so weiter. 

Auf alien Gebieten sehen wir, wie es sich handelt um ein Sich- 
Aufraffen, um ein Erwachen der Menschheit. Das ist es, daft wir auf- 
nehmen sollten diesen Impuls zum Erwachen, zum Hinausschauen, 
zum Erblicken dessen, was ist und was nicht ist, und wo iiberall die 
Aufforderungen liegen, weiter vorzuschreiten. Deshalb war es, daft 
ich eigentlich jetzt vor dieser Sommerpause, die durch die englische 



Reise bedingt ist, wollen mufke, sowohl bei der Delegiertenver- 
sammlung wie jetzt in diesen Tagen, gerade mit solchen Betrachtun- 
gen abzuschliefien, wie ich sie Ihnen gebracht habe. Diese Dinge 
gehen schon an den Nerv unserer Zeit. Und das ist notwendig, daft 
man das andere so hereinscheinen lafk in unsere Bewegung, wie ich 
versucht habe es anzudeuten. 

Ich habe geschildert, wie der Philosoph der Neuzeit dazu gekom- 
men ist, sich zu gestehen: Wozu fiihrt denn dieser Intellektualismus? 
Eine Riesenmaschine zu bauen, die man in den Mittelpunkt der Erde 
versetzt, um von da aus die Erde in alle Raume des Weltenalls hin- 
auszusprengen! Er gestand sich, dafi das so ist. Die anderen gestehen 
es sich nicht! 

Und so habe ich versucht an den verschiedensten Stellen - zum 
Beispiel als ich Ihnen gestern zeigte, wie die Begriffe, die noch vor 
dreifiig, vierzig Jahren da waren, heute durch die Relativitatstheorie 
aufgelost werden, einfach hinschmelzen wie der Schnee an der Son- 
ne -, so habe ich versucht, Ihnen zu zeigen, wie uberall die Auffor- 
derungen liegen, zur Anthroposophie doch wirklich hinzustreben. 
Denn es sagt doch der Philosoph Eduard von Hartmann: Wenn die 
Welt so ist, wie wir uns sie vorstellen miissen - das heifit, wie er sie 
nach dem Sinn des 19. Jahrhunderts vorstellt dann miissen wir 
eigentlich, weil wir es nicht in ihr aushalten konnen, sie in den 
Weltenraum hinaussprengen, und es handelt sich nur darum, dafi 
wir einmal so weit sind, dafi wir es ausfuhren konnen. Diese Zeit 
miissen wir herbeisehnen, wo wir die Welt in alle Weiten des 
Universums versprengen konnen. - Vorher sorgen dann noch die 
Relativisten dafiir, daft die Menschen keine Begriffe mehr haben! 
Raum, Zeit, Bewegung losen sich auf, dann kann man ohnedies 
schon so in Verzweiflung kommen, daft man unter gewissen Vor- 
aussetzungen das hochste Befriedigende schon sieht in diesem Hin- 
aussprengen in das ganze Universum. Aber man mufi sich eben in 
klarer Weise bekanntmachen mit dem, was als gewisse Impulse in 
unserer Zeit liegt. 

Das ist es, was bewirkt hat, dafi die letzten Vortrage gerade in der 
Art gehalten werden mufken, wie sie gehalten worden sind: wo die 



aufiere Kultur hereinleuchtet in unsere Reihen. Sie waren zugleich 
eine Aufforderung zum Augenaufmachen. Und ich versuchte, diese 
Vortrage so zu gestalten, daft man an ihnen sehen kann, was es heiftt: 
die Anthroposophische Gesellschaft soli sich alle Miihe geben, um 
aus der Sektiererei hinauszukommen, um iiber die Sektiererei 
hiniiberzukommen. 

Mochten Sie doch, meine lieben Freunde, die Zeit, fur die ich mich 
jetzt gerade mit diesen Worten fur ein paar Wochen von Ihnen ver- 
abschieden muft, dazu beniitzen, um nachzusinnen dariiber, wie man 
aus dieser Sektiererei herauskommt! Sonst stellt sich eben die Sache 
so, daft die Anthroposophische Gesellschaft immer weiter und wei- 
ter in die Sektiererei hineinkommt. Und es sind starke Ansatze dazu 
da, nicht die Sektiererei abzuwerfen, sondern gerade erst recht 
hineinzusegeln in das sektiererische Wesen. 

Wie es moglich ist, die Sektiererei zu vermeiden, das ist etwas, 
was unsere Empfindungen beschaftigen mufi. Und diesen Ton woll- 
te ich ganz kurz noch einmal anschlagen, weil es ungeheuer notwen- 
dig ist, ihn anzuschlagen. Ich wollte darauf aufmerksam machen, wie 
ich eben gerade in diesen letzten Vortragen versucht habe, so zu spre- 
chen, daft sozusagen xiberall hinausgeschaut wird in die Welt, daft 
nicht ein Einspinnen in eine Sekte stattfindet, sondern ein Leben in 
der Welt mit offenen Augen, mit praktischem Sinn, ein Drinnenste- 
hen in der Welt. Das ist durchaus vereinbar mit aufterster Vertiefung 
in das Geistige hinein. Deshalb habe ich Ihnen gesagt, daft der 
Mensch heutzutage sogar wissen mufi, daft es heute einen Inder ge- 
ben kann, Ramanathan, der sich die europaische Kultur anschaut und 
zu den Europaern sagt: Lasset euch Lehrer schicken iiber den Jesus 
aus Indien, denn ihr versteht ja nichts von Jesus Christus. Wir 
haben, als wir angefangen haben, das Neue Testament zu lesen, erst 
die Sache verstanden. 

Wenn man sich so sektiererisch einspinnen will, wie dazu starke 
Ansatze wahrend der Delegiertenversammlung vorhanden waren, 
dann erreicht man die grofte Aufgabe der Anthroposophie m der 
Gegenwart nicht, und die mull erreicht werden, denn es ist eine 
Menschheitsangelegenheit. 



Indem ich dies zu Ihren Herzen gesprochen haben mochte, neh- 
me ich fur ein paar Wochen Abschied, und wir werden die nachsten 
Veranstaltungen dann wiederum entsprechend ankiindigen lassen. In 
den nachsten Wochen werden ja Vortrage und Eurythmievorstellun- 
gen an verschiedenen Orten Englands stattfinden. 

Dann also wollen wir fur eine Sommerpause jetzt uns so riisten, 
dafi wir in dieser Sommerpause unsere Herzen ganz besonders reg- 
sam sein lassen fur die rechte Empfindung dessen: Wie sollen wir 
fiihlen, damit die Menschheitsentwickelung in der richtigen Weise 
weitergehen kann? 



DER MENSCH ALS BILD GEISTIGER WESEN 
UND GEISTIGER WIRKS AMKEITEN 

London, 2. September 1923* 

Es freut mich herzlich, daft ich an die beiden mich so befriedigenden 
Veranstaltungen in Ilkley und Penmaenmawr diesen Vortrag auch 
hier in unserem Zweige in London anschlieften kann. 

Es ist von mir bei friiheren Betrachtungen in diesem Zweige er- 
wahnt worden, wie der Mensch, indem er sein Tagewerk hier auf 
Erden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr verrichtet, aus dem heraus 
arbeitet, was ihm physisch selbst als seine Korperlichkeit gegeben ist 
und womit er physisch mit dem irdischen Dasein verbunden ist. So- 
lange man alles dasjenige betrachtet, was uns in der physischen Welt 
umgibt hier im Erdendasein, und was in das physische Dasein hin- 
eingefugt wird durch unsere eigene Arbeit, solange mufi man selbst- 
verstandlich die Hauptaufmerksamkeit auf die Zeit richten, die der 
Mensch hier im Erdendasein wahrend des Wachens zubringt. Aber 
ich habe es ja schon erwahnt, daft fur das menschliche Dasein, selbst 
fiir das, was der Mensch sein kann auch im Erdendasein, wichtiger 
noch dasjenige ist, was sich mit dem Menschen zutragt in den 
Zeiten, die er wahrend seines Erdendaseins verschlaft. 

Wenn wir in irgendeinem Punkt unseres Erdendaseins zuriick- 
blicken auf das, woran wir uns erinnern konnen, so schlieften wir ja 
eigentlich immer die Zeiten aus, die wir verschlafen haben, und wir 
fugen aneinander alles das, was wir vollbracht oder erlebt haben am 
Tage, in wachendem Zustande, und machen daraus gewissermaften 
ein zusammenhangendes Ganzes. , 

Das aber wiirde nie da sein, wenn nicht die Schlafzustande dazwi- 
schenfielen. Und gerade wenn man das wirkliche Wesen des Men- 
schen kennenlernen will, dann muft man auf diese Schlafzustande 
aufmerksam sein. Denn der Mensch konnte leicht sagen: Ich weift ja 
nichts von dem, was da wahrend des Schlafes ist. So wahrscheinlich 
das erscheint fiir das auftere Bewufttsein, so unwahr ist es eigentlich 
fiir die Wirklichkeit. Denn wenn wir zuriickschauen wiirden in ein 



Siehe Hinweis. 



67 



Leben, das niemals vom Schlafe unterbrochen ware, so wiirden wir 
Automaten sein. Wir wiirden zwar geistige Wesenheiten sein, aber 
wir wiirden Automaten sein. 

Wichtiger noch als die abwechselnden Schlafzustande von Tag zu 
Tag sind fiir das, was ich jetzt sage, die Zeiten, die wir als ganz kleines 
Kind durchschlafen, denn die Wirkungen dieses Schlafes bleiben uns 
fiir das ganze Leben, und wir fugen nur gewissermafien erganzend 
dasjenige hinzu, was uns jede Nacht geistig zuwachst wahrend der 
spateren Schlafzustande. Wir wiirden Automaten sein, wenn wir wa- 
chend als Kind in die Welt hereintreten wiirden, wenn wir wachend 
blieben, niemals schlief en, und wir wiirden nicht nur Automaten sein, 
sondern wir wiirden auch nicht in der Lage sein, innerhalb dieses 
automatischen Zustandes irgend etwas bewufit zu tun. Nicht einmal 
das, was automatisch geschahe durch uns, wiirden wir als unsere Sa- 
che anerkennen. Denn wenn wir meinen, wir erinnern uns nicht an 
das, was wir durchschlafen haben, so ist das eben nicht ganz richtig. 
Wenn wir so zuriickschauen und die Schlafzustande immer aus unse- 
rer Erinnerung herausfallen, so sehen wir eigentlich, indem wir auf 
das Nichts zuriickschauen, an denjenigen Stellen der Zeit, wo wir 
geschlafen haben, in dieser oder jener Weise die Ereignisse, die wir 
wachend erlebt haben. Tatsachlich aber sehen wir, wenn wir zuriick- 
blicken, an den Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, das Nichts. 
Wenn Sie eine weifk Wand haben und es ist an einer Stelle keine Far- 
be, sondern es ist ein schwarzer Kreis, so sehen Sie auch das Nichts: 
Sie sehen die Dunkelheit, oder meinetwillen, wenn es nicht ein 
schwarzer Kreis ist, sondern wenn es ein Loch ist und dahinter kein 
Licht, sehen Sie auch das Loch. Sie sehen die Dunkelheit. So sehen 
Sie die Dunkelheit in Ihrem Leben, wenn Sie zuriickblicken. Die 
Zeiten, die Sie verschlafen haben, erscheinen Ihnen als Lebensdun- 
kelheiten. Und zu diesen Lebensdunkelheiten, zu diesen Lebensfin- 
sternissen sagen Sie «Ich». Sie hatten kein Bewufitsein vom Ich, wenn 
Sie nicht diese Dunkelheiten sehen wiirden. Sie verdanken es nicht 
dem Umstande, daft Sie vom Morgen bis zum Abend immer gearbei- 
tet haben, daft Sie zu sich «Ich» sagen konnen; daft Sie zu sich «Ich» 
sagen konnen, verdanken Sie dem Umstande, daft Sie geschlafen 



haben. Denn das Ich, wie wir es im Erdendasein ansprechen, ist zu- 
nachst die Lebensfinsternis, die Leerheit, das Nichtdasein. Und wenn 
wir in der richtigen Art unser Leben betrachten, dann mussen wir in 
bezug auf unser Selbstbewufitsein nicht sagen, dafi wir dieses dem 
Tag verdanken, sondern dafi wir es der Nacht verdanken. So werden 
wir eigentlich erst durch die Nacht zu demjenigen, was den wirk- 
lichen Menschen ausmacht, wahrend wir sonst Automaten waren. 

Es ist schon so, dafi, wenn wir in altere Zeiten der Menschheits- 
entwickelung auf Erden zuriickgehen, wir sehen, wie die Menschen 
zwar nicht Automaten waren, weil sie schon gewisse Unterschiede 
hatten zwischen Wachen und Schlafen, aber weil ihnen die Schlaf- 
zustande mehr oder weniger auch schon im gewohnlichen Tages- 
bewulksein bewufk waren, war ihr Handeln, ihr ganzes Erdenleben 
eben viel automatischer, als das Leben der Menschen in dieser Er- 
denzeit ist, in der wir jetzt leben. 

Und so kann man sagen: Unser eigentliches wahres innerliches 
Ich, das nehmen wir eigentlich aus der geistigen Welt gar nicht in 
diese physische Erdenwelt mit. Wir lassen es immer in der geistigen 
Welt. Es war in der geistigen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind 
zum Erdendasein. Es ist wiederum in der geistigen Welt zwischen 
dem Einschlafen und Aufwachen. Es bleibt immer in der geistigen 
Welt. Wenn wir bei Tag das gegenwartige Bewulksein als Mensch 
haben und uns ein «Ich» nennen, so ist dieses Wort «Ich» der Hin- 
weis auf etwas, was nicht in dieser physischen Welt vorhanden ist, 
was in dieser physischen Welt nur sein Bild hat. 

Und nicht richtig sehen wir uns an, wenn wir sagen: Ich bin die- 
ser robuste Mensch auf Erden, ich stehe hier mit meinem wahren 
Wesen, sondern richtig sehen wir uns dann an, wenn wir sagen: 
Unser wahres Wesen ist in der geistigen Welt. Was hier auf Erden 
von uns ist, ist ein Bild, richtig ein Abbild von unserem wahren 
Wesen. — Das allerrichtigste ist, dasjenige, was auf Erden hier ist, gar 
nicht als den wirklichen Menschen anzusehen, sondern als das Bild 
des wirklichen Menschen. 

Dieser Bildcharakter wird einem um so klarer, wenn man sich 
folgendes vorstellt. Denken wir uns schlafend. Das Ich ist weg vom 



physischen Leib und dem Atherleib, der astralische Leib ist weg vom 
physischen Leib und Atherleib. Aber das Ich wirkt ja im Blute und 
in den Bewegungen des Menschen. Die horen dann auf, weil das Ich 
weg ist im Schlafe; aber das, was im Blute ist, das wirkt ja fort, das 
Ich ist gar nicht dabei. Wir brauchen nur diesen physischen Leib 
anzuschauen, und wir mussen uns sagen: Wie ist es denn eigentlich 
mit ihm, wenn wir schlafen? Dann mufi ja das Blut auch in irgend- 
einer Weise so durchwebt werden von etwas, wie es bei Tag beim 
Wachen durchwebt wird vom Ich. Ebenso der astralische Leib, der 
im ganzen Atmungsprozeft immer drinnen lebt. Der verlafit diesen 
Atmungsprozefi wahrend der Nacht, aber der Atmungsprozeft geht 
fort! Da mufi ja wieder etwas drinnen sein, was, wie im Tagesleben, 
wirkt als der Astralkorper. Wir verlassen diejenigen Organe in uns, 
die die Atmungsorgane zum Beispiel sind, mit unserem astralischen 
Leib wahrend jedes Schlaflebens. Wir verlassen die Pulsationskrafte 
unseres Blutes mit unserem Ich. Was machen denn die wahrend der 
Nacht? Nun, da ist es so, daft, wenn nun der Mensch im Bette lie- 
gengeblieben und sein Ich herausgegangen ist aus den blutpulsieren- 
den Kraften, dann Wesenheiten der ersten hoheren Hierarchie in 
diese blutpulsierenden Krafte hineinziehen: dann leben Angeloi, 
Archangeloi und Archai in diesen selben Organen, in denen bei Tag, 
beim Wachen das Ich lebt. Und in den Atmungsorganen, die wir 
verlassen haben dadurch, da$ unser Astralleib aus uns heraufien ist, 
da wirken in der Nacht die Wesen der nachsthoheren Hierarchie 
darinnen: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. 

So dafi die Sache so ist, daft, wenn wir abends beim Einschlafen 
unseren Auszug halten mit unserem Ich und unserem astralischen 
Leib aus unserer Tagesleiblichkeit, Engel, Erzengel und hohere gei- 
stige Wesenheiten in uns einziehen und unsere Organe, wahrend wir 
draufien sind, weiter vom Einschlafen bis zum Aufwachen beleben. 
Und in bezug auf den Atherleib sind wir nicht einmal beim Tag- 
wachen imstande, dasjenige zu tun, was darinnen getan werden soil. 
Den mussen erfullen die Wesenheiten der hochsten Hierarchie, die 
Seraphim, Cherubim und Throne, auch wenn wir wachen; die 
bleiben uberhaupt immer darinnen. 



Und dann unser physischer Leib! Wenn wir alles dasjenige, was 
in unserem physischen Leibe als groftartige, gewaltige Vorgange sich 
abspielt, selbst besorgen imifken, dann wiirden wir dieses nicht nur 
schlecht machen, sondern wir wufiten iiberhaupt nichts damit anzu- 
fangen, denn da sind wir ganz hilflos. Was die aufiere Anatomie sagt 
iiber den physischen Leib, das wiirde nicht einmal ein Atom von ihm 
in Bewegung setzen konnen. Dazu gehoren ganz andere Machte. 

Diese Machte sind keine anderen als diejenigen, die seit uralten 
Zeiten genannt werden die Machte der obersten Trinitat, die 
Vater-, Sohnes- und Geistmachte, die eigentliche Trinitat, die in 
unserem physischen Leibe wohnt. 

So konnen wir sagen: Unser ganzes Erdenleben hindurch ist un- 
ser physischer Leib nicht unser; er wiirde durch uns selbst nicht seine 
Entwickelung durchmachen. Er ist, wie die alten Zeiten gesagt ha- 
ben, der wahre Tempel der Gottheit, der dreifach erscheinenden 
Gottheit. Unser Atherleib ist der Wohnplatz fur die Hierarchie der 
Seraphim, Cherubim, Throne; unsere Organe, die dem Atherleib 
zugeteilt sind, die miissen mitversorgt werden durch die Seraphim, 
Cherubim, Throne. Und das, was wir an physischen Organen und 
Atherorganen haben, und was in der Nacht durch den astralischen 
Leib verlassen wird, das muE versorgt werden durch die zweite 
Hierarchie, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Und was wir als Organe 
haben, die durch das Ich verlassen werden, das rau£ wahrend 
der Nacht versorgt werden durch die dritte Hierarchie, durch die 
Angeloi, Archangeloi, Archai. 

So ist ein fortwahrendes Wirken im Menschen, das nicht nur von 
ihm selbst ausgeht. Er hat sozusagen nur als ein Unterwohner Woh- 
nung wahrend des Wachens in diesem seinem Orgariismus. Dieser 
sein Organismus ist zu gleicher Zeit die Tempel- und Wohnstatte 
der Geister der hoheren Hierarchien. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, dann konnen wir uns sagen: Wir 
schauen eigentlich die aufiere Gestalt des Menschen nur richtig an, 
wenn wir uns sagen, sie ist ein Bild, ein Bild des Wirkens aller Hier- 
archien. Die sind da drinnen. Und schaue ich dieses menschlich ge- 
formte Haupt an mit alien Einzelheiten, diesen ubrigen menschlich 



geformten Korper, so schaue ich ihn nicht richtig an, wenn ich sage, 
er ist dieses oder jenes Wesen, sondern wenn ich sage, er ist ein Bild 
eines unsichtbaren iibersinnlichen Wirkens aller Hierarchien. Erst 
wenn man in dieser Weise auf die Dinge hinschaut, spricht man 
richtig im einzelnen von dem, was sonst immer nur in einer starken 
Abstraktheit auseinandergesetzt wird. 

Es wird gesagt, diese physische Welt ist nicht die Wirklichkeit, sie 
ist Maja, und die Wirklichkeit liegt dahinter. Aber damit kann man 
nicht viel anfangen. Das ist nur eine allgemeine Wahrheit, so wie 
wenn man sagt: Auf der Wiese wachsen Blumen. - Wie man ja auch 
da erst etwas anfangen kann, wenn man wei$, was fur Blumen auf 
der Wiese wachsen, so kann man auch mit einem Wissen uber die 
hohere Welt erst dann etwas anfangen, wenn man im einzelnen dar- 
auf hinweisen kann, wie die Wirksamkeit dieser hoheren Welt ist in 
demjenigen, was einem aufierlich eben als Bild, als Maja, als Abglanz, 
als Offenbarung im Sinnlich-Physischen erscheint. 

So steht der Mensch, als Ganzes betrachtet, nach seinem irdi- 
schen Tagesleben und auch nach seinem irdischen Nachtleben, 
nicht nur in Beziehung zu dem, was physisch-sinnlich ihn umgibt 
hier im Erdendasein, sondern er steht in Beziehung auch zu der 
Welt der hoheren Geistigkeit. Und so wie das, was als eine gewis- 
se, man konnte sagen niedere Geistigkeit durch die Reiche der 
Natur hier auf Erden wirkt - mineralisches, pflanzliches, tierisches 
Reich -, so wirkt dasjenige, was von hoherer Geistigkeit auf den 
Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt. So wie der Mensch, 
als ganzes Wesen betrachtet, zu den Pflanzen und Tieren, zu 
Wasser und Luft hier auf der Erde in Beziehung steht durch sein 
physisches Dasein, so steht er als ganzes Wesen auch in Beziehung 
zu der Sternenwelt, die nun auch nur Bild, Offenbarung ist des- 
sen, was in Wirklichkeit eigentlich vorhanden ist. Und in Wirk- 
lichkeit sind eben jene Wesen der hoheren Hierarchien da. Indem 
der Mensch zu den Sternen aufblickt, blickt er im Grunde genom- 
men zu den Geistwesen der hoheren Hierarchien auf, die ihm nur 
etwas wie ein symbolisches Licht ihres Daseins entgegenleuchten 
lassen, damit auch fur das physische Dasein eine Andeutung des- 



jenigen [gegeben] ist, was im Grunde genommen iiberall als Gei- 
stiges das Universum erfiillt. 

Und so wie wir hier auf Erden eine gewisse Sehnsucht darnach 
haben, kennenzulernen den Berg, den Flufi, das Tier, die Pflanze, so 
sollten wir schon eigentlich auch Sehnsucht darnach empfinden, die 
Sternenwelt in ihrer Wahrheit erkennen zu lernen. Und in ihrer 
Wahrheit ist die Sternenwelt geistig. In Penmaenmawr druben habe 
ich einiges angedeutet iiber die Geistigkeit des Mondes, so wie er 
uns jetzt gerade in dieser Phase der Erdenentwickelung aus dem 
Weltenraum herein erglanzt. 

So wie wir eigentlich, wenn wir auf den Mond hinschauen, nie- 
mals ihn selbst sehen, hochstens eine sparliche Andeutung als Fort- 
setzung der beleuchteten Sichel, wie wir eben immer nur das zu- 
riickgeworfene Sonnenlicht sehen, nie den Mond selbst, so sind es 
iiberhaupt nur die vom Monde zuriickgeworfenen Weltenkrafte, die 
zu uns kommen auf die Erde, nicht das, was im Monde selbst lebt. 
Es ist nur ein Teil, und zwar der geringste Teil dessen, was zum 
Monde gehort, daft er uns das Sonnenlicht auf die Erde zuriickwirft. 
In Wahrheit wirft er uns alle physischen und geistigen Impulse, die 
aus dem Weltenall auf ihn wirken, wie ein Spiegel zuriick. Und wie 
man das Hintere eines Spiegels nicht sieht, so sieht man das Innere 
des Mondes nie, aber in diesem Inneren des Mondes ist eine wirk- 
liche geistige Bevolkerung mit hohen fuhrenden Machten. Diese 
hohen fuhrenden Machte und die andere Mondenbevolkerung wa- 
ren einmal hier auf Erden, haben sich, allerdings in einer Zeit, die 
schon mehr als fiinfzehntausend Jahre zuriickliegt, von der Erde 
nach dem Monde zuriickgezogen. Vorher hat auch der Mond phy- 
sisch anders ausgesehen. Er sandte nicht einfach das Sonnenlicht auf 
die Erde herunter, sondern er mischte sein eigenes Wesen in dieses 
Sonnenlicht hinein. Nun, das braucht uns ja weniger zu interessie- 
ren. Aber das soil uns interessieren, daft der Mond heute wie eine 
Festung im Universum ist. Und in dieser Festung wohnt jene Bevol- 
kerung, welche die Menschenschicksale schon vor mehr als fiinf- 
zehntausend Jahren absolviert hat, und die sich mit den Fuhrern der 
Menschheit nach diesem Monde zuriickgezogen hat. 



Es gab einstmals hier auf der Erde fortgeschrittene Wesenheiten, 
die nicht in derselben Weise einen physischen Menschenleib annah- 
men wie die heutigen Menschen, die mehr in einem atherischen 
Leibe lebten, aber dennoch fur die damaligen Menschen auf Erden 
durchaus die grofien Lehrer und Erzieher waren. 

Diese grofien Lehrer und Erzieher der Menschheit, die einstmals 
der Menschheit auf Erden die Urweisheit gebracht haben, jene 
hohen bewunderungswerten Urweisheiten, von denen Veden und 
Vedanta nur die Nachklange sind, die leben heute innerhalb des 
Mondes und strahlen nur dasjenige auf die Erde nieder, was aufier 
dem Monde im Weltenall lebt. 

Es ist ja auf der Erde etwas zuriickgeblieben von jenen Monden- 
kraften; allein das sind nur die physischen Fortpflanzungskrafte fur 
Mensch und Tier. Nur das alleraufterste Physische ist zuriickgeblie- 
ben, als einstmals in der alten atlantischen Zeit die groften Lehrer der 
Menschheit dem Monde nachzogen, nachdem er sich schon friiher 
von der Erde zuriickgezogen hatte. 

So sehen wir, wenn wir nach dem Monde hinaufschauen, seine 
Wirklichkeit nur dann, wenn wir verstehen, daft da hohe geistige 
Wesenheiten, die einmal mit der Erde verbunden waren, es sich heu- 
te zur Aufgabe machen, nicht das, was sie selber in sich tragen, son- 
dern was im Weltenall an physischen und geistigen Kraften vermit- 
telt ist, auf die Erde zuriickzustrahlen. Wer daher heute nach einer 
Initiationsweisheit strebt, der rauE vor alien Dingen auch darnach 
trachten, in diese Initiationsweisheit hereinzubekommen dasjenige, 
was ihm mit ihren hoheren Kraften diese Mondenwesen zu sagen 
haben. 

Nun, das ist gewissermafien eine Gestalt im Weltenall drauften, 
eine Kolonie, eine Ansiedelung; andere sind ebenso wichtig, nament- 
lich diejenigen, die zu unserem Planetensystem gehoren. Ich mochte 
sagen, am anderen Pol, am anderen aufiersten Ende in bezug auf 
diese Wichtigkeit liegt ftir uns Erdenmenschen die Bevolkerung des 
Saturn. 

Nicht in derselben Weise wie die Mondenbevolkerung war die 
Saturnbevolkerung mit der Erde verbunden. Dafi eine Verbindung 



da war, konnen Sie aus meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» er- 
sehen. Aber nicht in derselben Weise wie die Mondenwesen sind die 
Saturnwesen mit dem Irdischen verbunden, sondern diese Saturn- 
wesen strahlen nichts zuriick von dem, was im Weltenraum ist. Kaum 
dafi wir physisch Sonnenlicht vom Saturn zuriickgestrahlt bekom- 
men. Wie ein einsamer, wenig leuchtender Einsiedler zieht der 
Saturn langsam um die Sonne herum. Aber dasjenige, was die aufiere 
Astronomie zu sagen weifi iiber den Saturn, das ist das alleraller- 
wenigste. Was der Saturn fur die Menschheit der Erde bedeutet, das 
tritt jede Nacht auf, aber nur im Bilde, insbesondere aber im Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn der Mensch 
durch die geistige und damit durch die Sternenwelt hindurchgeht, 
wie ich es auch schon einmal in einem der Vortrage in diesem Zweige 
hier auseinandergesetzt habe. 

Der Mensch begegnet ja nicht dem Saturn selber in der jetzigen 
menschlichen Entwickelungsphase, aber er kommt auf einem Ura- 
wege dennoch mit den Saturnwesen zusammen. Den Umweg will 
ich heute nicht charakterisieren. Aber um was es sich handelt, ist, 
dafi innerhalb des Saturn Wesen wohnen von einer sehr hohen 
Vollkommenheit, aufierst erhabene Wesenheiten, Wesenheiten, die 
unmittelbar in einer inneren Beziehung zu Seraphim, Cherubim 
und Thronen stehen, fur die eigentlich Seraphim, Cherubim und 
Throne die nachsten Wesen sind, die Wesen ihrer nachsten Hier- 
archie sind. 

Diese Wesenheiten, diese Bevolkerung des Saturn, strahlen eigent- 
lich vom Saturn zur Erde nichts nieder und geben nichts den Men- 
schen, was in der aufieren physischen Welt ist. Dagegen bewahren 
die Saturnwesen das kosmische Gedachtnis, die kosmische Erinne- 
rung. Alles, was das Planetensystem an physischen und geistigen 
Tatsachen durchgemacht hat, was Wesenheiten innerhalb unseres 
Planetensystems erlebt haben, das bewahren die Saturnwesen treu- 
lich im Gedachtnis. Die Saturnwesen schauen immer erinnernd 
zuriick auf das ganze Leben des Planetensystems. Wie wir auf unser 
ganzes enges Erdenleben mit der Erinnerung zuriickschauen, so 
haben - zusammen in ihren Wirkungen - Saturnwesen das kosmi- 



sche Erinnern an all das, was das Ganze und jedes einzelne Wesen 
des Planetensystems durchgemacht hat. Und das alles, was da an 
Kraften in dieser Erinnerung lebt, das lebt fiir den Menschen da- 
durch, daft er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, eigent- 
lich auch in jeder Nacht im Bilde, mit diesen Saturnwesen in eine 
Beziehung kommt. Dadurch wirken im Menschen die Krafte, die 
ausgehen von diesen Saturnwesen, die eigentlich das tiefste Innere 
des Planetensystems darstellen. Denn wie die Erinnerung unser tief- 
stes Inneres auf Erden ist, so ist das, was im Saturn lebt, eigentlich 
das tiefste innere kosmische Ich des ganzen Planetensystems. 

Dadurch, dafi diese Wirkungen im Menschen sind, gehen im Le- 
ben die Vorgange vor sich, die dem Menschen zum grofien Teil ihrer 
eigentlichen Bedeutung nach unbewufk bleiben, die aber die denk- 
bar grofite Rolle im Leben des Menschen spielen. Das meiste, was im 
Leben bewulk vor sich geht, ist ja nur das geringste im Leben. 

Wenn Sie irgendeinen tiefen Einschnitt irgendwo im Leben ha- 
ben, ein mafigebendes Ereignis - Sie haben zum Beispiel irgendeinen 
anderen Menschen gefunden, mit dem Sie dann das weitere Leben 
gemeinsam zubringen, oder irgendein anderes ganz bedeutsames 
Ereignis - und Sie schauen von diesem Ereignis dann zuriick, so 
werden Sie sehen, wie es Ihnen auffallt, dafi es wie ein Plan ist, der 
Sie schon langst zu diesem Ereignis hingefiihrt hat. Manchmal kon- 
nen Sie fiir irgend etwas, was in Ihrem dreifiigsten bis fiinfzigsten 
Jahre auftritt, das Leben zuriickverfolgen, und Sie finden: Ja, eigent- 
lich habe ich den Weg zu diesem Ereignis schon mit zehn, zwolf 
Jahren angetreten; alles Spatere hat sich so gemacht, daft ich dann 
zuletzt landete bei diesem Ereignis. 

Menschen, die alt geworden sind, die dann zuriickblicken auf ihr 
Leben, finden sich, wenn sie sinnig zuriickblicken, schon in dieser 
Weise im Leben zurecht, dafi sie sich sagen konnen: Da ist ein solch 
unterbewufker Zusammenhang. Wir werden hingedrangt durch un- 
bewufke Krafte zu diesem oder jenem Ereignisse. 

Das sind die Saturnkrafte, das sind die Krafte, die in uns gepflanzt 
werden dadurch, dafi wir in der angedeuteten Weise mit jener inne- 
ren Bevolkerung des Saturn in einem Zusammenhang stehen. 



Und wenn auf der einen Seite jetzt vom Monde nur die physischen 
Fortpflanzungskrafte auf Erden vorhanden sind - die sind zuriick- 
geblieben vom Monde -, so sind auf der andern Seite die hochsten, 
weil die kosmisch-moralischen Krafte, durch den Saturn auf der 
Erde. Und der grofke Ausgleicher fur alle irdischen Ereignisse ist 
der Saturn. Und wenn die Mondenkrafte, wie sie jetzt auf Erden 
sind, nur etwas zu tun haben mit der Vererbung von Vater, Mutter 
und so weiter, so haben die Saturnkrafte mit unserem Menschen- 
leben das zu tun, was im Karma lebt, was von Inkarnation zu Inkar- 
nation geht. Und die anderen Planeten stehen dazwischen, vermit- 
teln das, was das Physische ist und was das hochste Moralische ist. 

Zwischen Mond und Saturn stehen dann Jupiter, Mars und so wei- 
ter. Sie vermitteln in ihrer Art dasjenige, was als die aufiersten Extre- 
me Mond und Saturn in das menschliche Leben hineintragen: der 
Mond dadurch, daft sich seine Geistwesen zuriickgezogen und nur 
das Physische in der Erdenwirksamkeit, die physische Fortpflan- 
zungskraft zuriickgelassen haben, der Saturn die hochste moralische 
Gerechtigkeit des Universums. Diese zwei wirken zusammen, in- 
dem zwischen ihnen die anderen Planeten stehen und das eine mit 
dem andern verweben. Karma durch den Saturn vermittelt, phy- 
sische Vererbung durch den Mond vermittelt, sie zeigen uns erst, 
wie der Mensch, indem er von Erdenleben zu Erdenleben geht, mit 
der Erde selbst und mit dem, was aufterirdisch im Universum ist, 
zusammenhangt. 

Sie konnen verstehen, daft die heutige physische Wissenschaft, die 
sich nur mit dem Erdendasein befafit, eigentlich nur iiber das wenig- 
ste vom Menschen etwas zu sagen weift. Sie weift zwar viel zu sagen 
iiber die Vererbungskrafte, erkennt aber nicht, daft sie zuriickgeblie- 
bene Mondenkrafte sind, weift sie nicht zu beziehen auf ihre aufter- 
irdische Wirksamkeit, und weift gar nichts von dem, was nun auch 
im Leben wirkt als das Karma, als das Schicksal, das von Erdenleben 
zu Erdenleben geht und das im wesentlichen durchpulst wird - so 
wie wir von der Blutpulsation als physische Menschen durchpulst 
werden - von den Wesenheiten, die das grofte Erinnern an das ge- 
samte Planetensystem und sein Geschehen in sich tragen. Blicken 



wir in uns selber: Wir sind Menschen erst dadurch, dafi wir ein 
Gedachtnis haben. Blicken wir auf das Pianetensystem mit all seinen 
physischen und geistigen Vorgangen, so miissen wir uns, wenn wir 
an die Initiationsweisheit heranreichen wollen, sagen: Dieses ganze 
Pianetensystem ware eigentlich nichts Innerliches, wenn nicht die 
im Saturn wohnende Bevolkerung fortwahrend das Gedachtnis, das 
Vergangene dieses Planetensystems bewahren wiirde, und die Kraf- 
te, die aus dieser Bewahrung des Vergangenen ersprieften, immerfort 
auch in die Menschheit hineinversenken wiirde, so dafi alle diese 
Menschen leben in einem lebendigen geistigen, moralischen Ur- 
sachenzusammenhang von Erdenleben zu Erdenleben. 

Im Erdenleben ist der Mensch in seinem Verhaltnis zum Men- 
schen fur das, was er bewulk vollbringt, in enge Grenzen gebannt. 
Wenn aber der Mensch in Betracht zieht, was er durchmacht zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt, so ist sein Verhaltnis zu 
anderen Menschen, die dann auch entkorpert, nicht im physischen 
Korper sind, innerhalb weiterer Kreise verlaufend. Der Mensch ist 
allerdings zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, man kann 
sagen, in einer gewissen Zeit mehr in der Nahe der Mondenwirkun- 
gen, in einer anderen Zeit mehr in der Nahe der Saturn-, der Mars- 
wirkungen und so weiter, aber die eine Art von Kraf ten wirkt immer 
iiber Weltenraume in die andere heriiber. Und so wie wir hier nur 
durch engbegrenzte Erdenraume wahrend des Erdendaseins von 
Mensch zu Mensch wirken konnen, so wird gewirkt zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt von Planet zu Planet. Es ist tatsachlich 
dann das Universum der Schauplatz des menschlichen Wirkens und 
auch der Verhaltnisse der Menschen zueinander. Die eine Menschen- 
seele ist vielleicht innerhalb des Venusbereiches, die andere inner- 
halb des Jupiterbereiches zwischen dem Tode und einer neuen Ge- 
burt, aber es bestehen da Wechselwirkungen von groEerer Innigkeit, 
als sie in beschranktem Ma£e auf der Erde moglich sind. Und eben- 
so, wie zwischen den Menschenseelen Weltenweiten in den Schau- 
platz ihres Wirkens hingerufen werden zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt, so wirken auch die Geister der hoheren Hierar- 
chien durch solche Weltenweiten hindurch. Und daher konnen wir 



dort nicht nur von der Wirkung etwa der einzelnen Wesenheiten 
sprechen - sagen wir, der Venusbevolkerung oder der Marsbevolke- 
rung sondern wir konnen auch sprechen von einer Beziehung der 
Venusbevolkerung zur Marsbevolkerung, von einer fortwahrenden 
Beziehung, einem fortwahrenden Hin- und Hergehen der Krafte 
zwischen Marsbevolkerung und Venusbevolkerung in dem Uni- 
versum. 

Und was da vor sich geht im Universum zwischen der Bevolke- 
rung des Mars und der Bevolkerung der Venus, was da fortwahrend 
vor sich geht an Wechselbeziehung, was da im Kosmos, im geistigen 
Kosmos lebt als die gegenseitig sich befruchtenden Taten von Mars 
und Venus, das steht ja alles wiederum in Beziehung zum Menschen. 
So wie das Saturngedachtnis in Beziehung zum menschlichen Karma 
steht, wie die zuriickgebliebenen, die physischen Mondenkrafte in 
Beziehung stehen zu der aufieren Fortpflanzungskraft, so steht das- 
jenige, was im Verborgenen des Geistigen fortwahrend geschieht zwi- 
schen Mars und Venus, in Beziehung zu dem, was auf Erden hier am 
Menschen erscheint als die menschliche Sprache. Wir wiirden nicht 
sprechen konnen durch blofte physische Krafte. Diese Sprachkraft ist 
auch von demjenigen Wesen des Menschen nach aufien gestrahlt, das 
von Erdenleben zu Erdenleben sein Dasein vollbringt, das das Leben 
hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und wahrend wir 
als geistiges Wesen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
kommen wir auch in die Wirkungsweise dessen hinein, was befruch- 
tend zwischen Mars und Venus, zwischen der Marsbevolkerung und 
der Venusbevolkerung geschieht. Diese hin- und herstrahlenden 
Krafte, dieses Zusammenarbeiten, das wirkt auf uns in dem Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das lebt sich dann im 
physischen Bilde aus. Das ist es, was von dem innersten Menschen- 
werden heraus in die Sprach- und Gesangsorgane hineingeht. 

Wir wiirden nicht sprechen konnen mit unseren Sprach- und Ge- 
sangsorganen, wenn sie physisch nicht angeregt waren von jenen 
Kraften, die wir in uns aufnehmen mit den Tiefen unseres Wesens 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aus dem, was hin- und 
herstromt im Kosmos zwischen Mars und Venus. 



So stehen wir in dem, was wir taglich tun, unter der Einwirkung 
derjenigen Krafte, zu denen wir nur als zu ihren Zeichen bewun- 
dernd aufschauen, wenn wir auf die Sterne hinblicken. Erst derjeni- 
ge vermag eben in der richtigen Weise zu den Sternen aufzublicken, 
der weifi, dafi eigentlich in den Sternen, die aus dem Raume zu uns 
strahlen, nur die Schriftzeichen zu ersehen sind fur das Universum, 
fur das universellste geistige Geschehen, das in uns lebt und dessen 
Abbild wir sind. 

Eine altere Menschheit hat in einer alteren atavistisch-instinkti- 
ven Hellseherkraft eine Anschauung gehabt von alledem, aber diese 
Anschauung ist allmahlich verglommen. Der Mensch hatte nicht frei 
werden konnen, wenn er die alte Anschauung behalten hatte. Diese 
alte Anschauung verfinsterte sich im Menschen. Dafiir aber trat in 
das Erdenleben herein das Mysterium von Golgatha. Ein hohes 
Wesen der Sonnenbevolkerung hat zwar den Menschen nicht gleich 
das Bewufitsein bringen konnen von dem, was da in den Sternen- 
welten vor sich geht, aber die Krafte dazu, sich dieses Bewufitsein 
nach und nach zu erwerben. 

Daher kam die Sache auch so, daft zunachst, noch wahrend das 
Mysterium von Golgatha geschah, eine alte gnostische Erbweisheit 
vorhanden war, durch die man das Mysterium von Golgatha begrif- 
fen hat. Die ist aber verschwunden, schon verschwunden im vierten 
nachchristlichen Jahrhundert. Die Kraft, die durch den Christus auf 
Erden gekommen ist, die ist geblieben. Und diese Kraft kann der 
Mensch in sich rege machen, wenn er durch das, was neuere Geistes- 
wissenschaft zu sagen weifi, wiederum den Blick iiberhaupt sich 
eroffnet fur die geistigen Welten. 

Mit diesem Blick in die geistigen Welten wird so manches iiber 
die neuere Menschheit kommen. Es ist doch eine merkwiirdige Er- 
scheinung, dafi diejenigen Menschen, die sich heute noch etwas be- 
wahrt haben von der alten instinktiven Weisheit - die ja nicht mehr 
zeitgemafi, im besten Sinne des Wortes nicht mehr zeitgemafi ist und 
durch eine bewulke Weisheit ersetzt werden mufi -, dafi diejenigen 
Menschen im Orient driiben, die sich in den verschiedensten Gegen- 
den von Asien etwas von ihr bewahrt haben, die dort die Gebilde- 



ten, die Gelehrten sind, eigentlich auf Europa und Amerika in einer 
recht verachtlichen Weise herabsehen. Die sind iiberzeugt davon, dafi 
selbst in dem heute dekadenten Zustand ihre alte asiatische Urweis- 
heit, oder eigentlich die Fetzen derselben, die Reste derselben noch 
besser seien als alles das, was die westliche Zivilisation so hochmiitig 
macht. Und interessant ist es immerhin, dafi solch ein Buch erschei- 
nen konnte, wie das eines ceylonesischen Inders: «The Culture of 
the Soul among the Western Nations». In diesem Buch «Kultur der 
Seele bei den westlichen Nationen» wird nichts Geringeres von 
einem ceylonesischen Inder den Europaern gesagt als dieses: Seit dem 
Mittelalter ist euer Wissen von dem Christus ausgestorben. Ihr habt 
gar kein wirkliches Wissen mehr von dem Christus, denn nur der- 
jenige, der in die geistige Welt hineinschauen kann, kann ein wirk- 
liches Wissen von dem Christus haben. Daher miifit ihr euch tiber- 
haupt Lehrer aus Indien oder Asien kommen lassen, die euch das 
Christentum lehren. - Sie konnen das in diesem Buche nachlesen, 
wie ein ceylonesischer Inder den Europaern sagt: Lalk euch Lehrer 
aus Asien kommen, die werden euch sagen konnen, was der Chri- 
stus wirklich ist. Eure Lehrer in Europa wissen ja das gar nicht mehr. 
Seit das Mittelalter zu Ende gegangen ist, habt ihr das Wissen von 
dem Christus verloren. 

Und darauf kommt es an, daft allerdings die Europaer und Ame- 
rikaner von sich aus wieder den Mut gewinnen, zu jenen geistigen 
Welten hinzuschauen, in denen auch wiederum das Christus- 
Wissen, die Christus-Weisheit gewonnen werden kann, denn der 
Christus ist das Wesen, das aus geistigen Welten ins Erdendasein her- 
untergestiegen ist, und das nur in seiner wahren Innigkeit begriffen 
werden kann, wenn man es vom Geiste aus begreift. 

Dazu ist eben notwendig, da£ der Mensch sich wirklich anschau- 
en lernt als ein Bild geistiger Wesenheiten und geistiger Wirksamkei- 
ten hier auf Erden. Das kann er am besten, wenn er sich recht durch- 
dringt gerade mk solchen Anschauungen, wie ich sie heute im 
Beginne dieser Betrachtungen vor Sie hingetragen habe, wo der 
Mensch im Grunde genommen auf die Leerheit in seinen zeitlichen 
Erlebnissen hinschaut und sich bewuftt wird, wie sein Ich ja aus der 



geistigen Welt gar nicht herunterkommt, wie er in der physischen 
Welt nur Bild ist, also sein Ich in der physischen Welt nicht da ist. Er 
sieht gewissermafien ein Loch in der Zeit, das ihm eigentlich dunkel 
erscheint. Das ist dasjenige, zu dem er «Ich» sagt. 

Deshalb sollte der Mensch gerade dieser hochst bedeutsamen Tat- 
sache sich bewufk sein, daf? er, ruckerinnernd, in sein Leben zuriick- 
blicken und sich sagen muE: Ja, ich sehe da ruckerinnernd die Tages- 
erlebnisse, aber da hinein stellt sich die Finsternis immer wie ein 
Loch. Das, was finster ist, nenne ich im gewohnlichen Bewufitsein 
Ich. Aber ich mufi mir eines anderen bewuEt werden. 

Und dieses andere habe ich zusammengefalk in einigen Worten, 
die als eine Art Meditation zur Gewinnung des Ich jedem Menschen 
der Gegenwart heute in die Seele geschrieben werden konnen, wenn 
wir ofter und ofter die Worte in uns rege machen, die ich in dieser 
Weise stellen mochte: 

Ich schaue in die Finsternis: 
In ihr ersteht Licht, 
Lebendes Licht. 

Wer ist dies Licht in der Finsternis? 

Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit. 

Diese Wirklichkeit des Ich 

Tritt nicht ein in mein Erdendasein. 

Ich bin nur Bild davon. 

Ich werde es aber wieder finden, 

Wenn ich, 

Guten Willens fur den Geist, 
Durch des Todes Pforte gegangen. 

Wir konnen uns immer wieder und wiederum durch Versetzen in 
solch einen Meditationsspruch hinstellen vor die Finsternis, uns klar- 
machen, wie wir eigentlich auf Erden nur das Bild desjenigen sind, 
was von unserem wahren Wesen niemals ins Erdendasein hinunter- 
kommt, wie aber in der Finsternis uns eben durch den guten Willen 
zum Geist ein Licht aufgehen kann, von dem wir uns gestehen 
diirfen: Dieses Licht sind wir selbst in unserer Wirklichkeit. 



BERICHT UBER DIE ARBEIT 
UND DIE REISEEINDRUCKE IN ENGLAND 

Dornach, 9. September 1923 

Meine lieben Freunde, am heutigen Abend mochte ich Ihnen einiges 
von der Reise erzahlen, um dann morgen noch einen Vortrag zu hal- 
ten - da ja die nachste Woche in Stuttgart verbracht werden mufi - 
und dabei auf einiges einzugehen, was vielleicht inhaltlich mehr mit 
den Dingen zusammenhangt, die ich auch heute, als der Beschrei- 
bung der Reise angehorig, werde auseinanderzusetzen haben. 

Die Reise begann ja mit Ilkley, wo im Norden Englands ein pad- 
agogischer Kursus gehalten werden sollte, ein Kursus, der die Wal- 
dorfschul-Methodik und -Didaktik mit Bezug auf die Zivilisation 
der Gegenwart zu seinem Inhalte hatte. Ilkley liegt im Norden von 
England und ist ein Ort, der etwa 8000 Einwohner hat. Gegenwartig 
besteht ja in England die Tendenz, in den Sommermonaten sozu- 
sagen Sommerschulen abzuhalten an solchen Orten, und dieser 
Kursus war zunachst auch in der Form einer solchen Sommerschule. 

Der Kursus sollte begleitet sein von demjenigen, was wir in kiinst- 
lerischer Beziehung als Eurythmie aus der anthroposophischen Be- 
wegung heraus entwickelt haben, und er sollte auch begleitet sein 
von dem, was sechs unserer Waldorfschul-Lehrkrafte bieten konn- 
ten in Anlehnung an dasjenige, was eben in den einzelnen Vortragen 
gesagt worden ist. 

Ilkley ist ein Ort, der wohl als eine Art Sommeraufenthaltsort 
gilt, der aber in unmittelbarer Nahe derjenigen Stadte liegt, die einen 
wirklich so recht tief hineinstellen in dasjenige, was in unserer Zeit 
die industriell-kommerzielle Kultur ist. In unmittelbarer Nahe liegt 
ja Leeds und liegen andere Orte, Bradford zum Beispiel, auch Man- 
chester ist ja nicht weit davon, - das sind Stadte, die durchaus das 
Leben, das sich aus der Gegenwart heraus ergeben hat, widerspie- 
geln. Man hat wirklich da eine Empfindung, die sehr deutlich besagt, 
wie stark die Gegenwart einen geistigen Einschlag notig hat; einen 
geistigen Einschlag, der sich aber nicht darauf beschrankt, einzelnen 



Menschen etwas zu geben fur ihre unmittelbaren individuell-person- 
lichen Seelenbediirfnisse. Es ist gewifi so berechtigt wie nur mog- 
lich, die anthroposophische Bewegung gerade in diesem Lichte zu 
sehen, aber ich spreche jetzt von den Empfindungen, die von der 
heutigen Aufienwelt her einem wirklich aufgedrangt sind. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja doch so, dafi man es als 
aufSerordentlich, ich mochte sagen kulturparadox empfinden wiirde, 
wenn jemand empfehlen wiirde, unverdauliche mineralische Produk- 
te - sagen wir irgendwelche Mineralien, Steine und so weiter - der 
menschlichen Nahrung beizumischen, also es als etwas Mogliches 
ansehen wiirde, Sand oder dergleichen der menschlichen Nahrung 
zuzusetzen. Man ist genotigt, aus den Vorstellungen heraus, die man 
sich iiber den menschlichen Organismus macht, dies als etwas Un- 
mogliches sich vorzustellen. Allein wer tiefer in den Weltenbau und 
in den Weltenzusammenhang hineinzuschauen vermag - das darf 
einmal gesagt werden aus wirklichem anthroposophischem Fiihlen 
und Empfinden heraus der empfindet in besonderer Weise eine 
Hauser- und Fabrikenzusammenstellung in einem solchen Stile, der 
sozusagen dem asthetischen Bediirfnisse des Menschen gar nichts 
gibt - wie das zum Beispiel in Leeds der Fall ist, wo unglaublich 
aussehende schwarze Hauser in abstrakter Weise nebeneinanderge- 
reiht sind, wo alles eigentlich so ausschaut, wie wenn es unmittelbar 
eine Kondensation ware des schwarzesten Kohlenstaubes, der sich 
zusammengeballt hat und Hauser bildend aufgetreten ist, in denen 
nun die Menschen ihre Wohnungen aufschlagen. Man empfindet, 
wenn man dies im Zusammenhange mit der Kulturentwickelung, mit 
der Zivilisationsentwickelung der ganzen Menschheit wirklich nur 
mit derselben Gesinnung beachtet wie das, was ich soeben in bezug 
auf den Sand im Magen gesagt habe, man empfindet das so, dafi man 
eigentlich sagen mufi: Es ist ebenso unmoglich fiir die menschliche 
Zivilisation, dafi sich solches auf die Dauer hineinstellt in den gan- 
zen Gang der Menschheitsentwickelung und dafi dabei die mensch- 
liche Zivilisation irgendwie innerlich fortschreiten konnte. 

Nun handelt es sich wirklich nicht darum, dafi man jemals auf 
anthroposophischem Boden ein Reaktionar sein konnte. Man mufi 



selbstverstandlich nicht im negativen Sinne von diesen Dingen spre- 
chen. Diese Dinge haben sich eben aus dem Leben der ganzen Er- 
denentwickelung heraus ergeben. Aber sie sind nur moglich inner- 
halb der Menschheitsentwickelung, wenn sie durchdrungen werden, 
durchsetzt werden von einem wirklichen spirituellen Leben, wenn 
das spirituelle Leben tatsachlich gerade in diese Dinge hineindringt 
und sie allmahlich wenigstens auch herauszuheben vermag zu einer 
Art von Asthetik, so dafi die Menschen eben nicht vollig von dem 
Innermenschlichen abkommen dadurch, dafi diese Dinge sich in die 
Kulturentfaltung hineinstellen. 

Und ich mochte sagen: Gerade aus einem solchen Erlebnis heraus 
ergibt sich einem eben die absoluteste Notwendigkeit eines Eindrin- 
gens spiritueller Impulse in die gegenwartige Zivilisation. Diese 
Dinge konnen ja nicht blofi im Sinne von allgemeinen Ideen gefafk 
werden, die man sich macht, sondern sie miissen wirklich im Zu- 
sammenhange mit dem, was in der Welt ist, gefafit werden. Aber 
man mufi ein Herz haben fur dasjenige, was ist in der Welt! 

Ilkley selbst nun ist ein Ort, der in seiner Umgebung auf der ei- 
nen Seite eben die Nahe dieser anderen, rein industriellen Stadte als 
seine Atmosphare tragt, der auf der anderen Seite tatsachlich iiberall, 
aber nur spurenweise, in den herumliegenden Resten der Dolmen, 
der alten Druiden-Altare immerhin etwas hat, was an alte Geistig- 
keit erinnert, die da unmittelbar eben keine Nachfolge hat. Es ist, ich 
mochte sagen riihrend, wahrzunehmen, wenn man auf der einen Seite 
eben den Eindruck hat, den ich soeben geschildert habe, und wenn 
man auf der anderen Seite in dieser, ich mochte sagen durchaus von 
den Ausflussen jener Eindrucke durchsetzten Gegend einen Hiigel 
hinansteigt und dann an den aufterordentlich charakteristischen Stel- 
len, wo sie immer sind, die Reste der alten Opfer-Altare mit den 
entsprechenden Zeichen findet - es hat etwas aufierordentlich Riih- 
rendes. So ist eben in der Nahe von Ilkley ein solcher Hiigel, oben 
ein solcher Stein, und auf diesem Stein im wesentlichen - es ist noch 
etwas komplizierter - aber im wesentlichen dasjenige, was man als 
Swastika bezeichnet, was den Steinen, die dazumal an bestimmten 
Statten aufgelagert worden sind, eingepragt wurde und was auf 



etwas ganz Bestimmtes hinweist: darauf hinweist, wie an dies en Stat- 
ten der Druidenpriester erfiillt war von denjenigen Gedanken, die, 
sagen wir vor zwei bis drei Jahrtausenden in diesen Gegenden kul- 
turschopferisch waren. Denn betritt man nun eine solche Statte, steht 
man vor einem solchen Felsblock mit den eingegrabenen Zeichen, 
dann sieht man heute noch der ganzen Situation an, daft man an 
derselben Stelle steht, wo einstmals der Druidenpriester gestanden 
hat und wo er die Eingrabung dieses Zeichens so empfunden hat, 
daft er sein Bewufttsein, welches er aus seiner Wiirde heraus hatte, in 
diesem Zeichen zum Ausdruck brachte. 



5 




Denn was liest man in diesem Zeichen, wenn man vor einem sol- 
chen Stein steht? Man liest die Worte, die im Herzen des Druiden- 
priesters waren: Siehe da, das Auge der Sinnlichkeit schaut die 
Berge, schaut die Statten der Menschen; das Auge des Geistes, die 
Lotosblume, die sich drehende Lotosblume - denn deren Zeichen ist 
die Swastika - , die schaut in die Herzen der Menschen, die schaut in 
das Innere der Seele. Und durch dieses Schauen mochte ich verbun- 
den sein mit denjenigen, die mir als Gemeinde anvertraut sind. - Wie 
man sonst aus einem Buche einen Schrifttext liest, so liest man 
gewissermaften dieses, indem man vor einem solchen Steine steht. 

Das ist ungefahr das Milieu, in dem die Ilkleykonferenz abge- 
halten worden ist. Sie bestand daraus, daft ich am Morgen immer 
die Vortrage hielt, die vor alien Dingen diesmal versuchten, die 
Waldorfschul-Padagogik und -Didaktik herauszuholen auch aus der 
ganzen historischen Entwickelung der Erziehungskunst. Ich ging 



diesmal von der Art und Weise aus, wie in der griechischen Kultur 
die Erziehungskunst herausgewachsen ist aus dem allgemeinen grie- 
chischen Leben, wie man daraus entnehmen kann, daft eigentlich fur 
die Schule nichts erfunden werden soil an besonderen Methoden und 
besonderen Praktiken, sondern daft die Schule dasjenige vermitteln 
soli, was in der allgemeinen Kultur enthalten ist. 

Es ist ja durchaus so, daft es nicht richtig ist, wenn man zum Bei- 
spiel in Kleinkinderschulen in Frobelscher Weise - ich will aber 
durchaus nicht an Frobel herumkritisieren! - besondere Praktiken 
erfindet, um das oder jenes mit den Kindern zu machen, Praktiken, 
die nicht mit dem allgemeinen Kulturleben verbunden sind und aus 
diesem herausgewachsen sind. Sondern das Richtige ist, wenn der- 
jenige, der die Erziehungskunst ausiibt, unmittelbar drinnen steht in 
dem allgemeinen Kulturleben, Herz und Sinn dafur hat, und dann in 
die Erziehungsmethoden aus dem unmittelbaren Leben dasjenige 
hineintragt, in das ja der Mensch, der erzogen werden soil, spater 
hineinwachsen soil. 

Und so wollte ich denn zeigen, wie aus unserem, aber jetzt geist- 
durchdrungenen Leben, eben Padagogik und Didaktik hervorwach- 
sen raui Das gab eben die Moglichkeit, die Waldorfschulmethode 
wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus zu beleuchten. 
Das, was ich soeben erwahnt habe, war ja nur Ausgangspunkt; das, 
um was es sich handelte, war dann eine Beleuchtung der Waldorf - 
schulpadagogik, die Sie ja kennen. 

Im Anschlusse fanden dann eine Eurythmievorstellung der 
Kinder der Kings-Langley-Schule und Eurythmievorstellungen im 
dortigen Ilkleyer Theater statt von denjenigen eurythmischen Kiinst- 
lern, die mit uns gegangen sind. Es ware wahrscheinlich besser ge- 
wesen, wenn die letzteren zuerst stattgefunden hatten, damit auch in 
der Anordnung gleich hatte gesehen werden konnen, wie auch das- 
jenige, was in der Schule als Eurythmie gepflegt wird, herauswachst 
aus der Eurythmie als einer Kunst, die im Kulturleben darinnen 
steht. Nun, diese Dinge werden sich ja in der Zukunft einleben, so 
daft auch in bezug auf die aufteren Anordnungen dann ein Bild 
gegeben wird von dem, was eigentlich gewollt ist. 



Als drittes sozusagen reihten sich dann daran die Leistungen der- 
jenigen, die als Lehrkrafte der Waldorf schule mitgezogen waren. 
Und da mull wirklich gesagt werden, dafi das denkbar allergrolke 
Interesse der Sache entgegengebracht worden ist. Ich mufi sagen, dafi 
zum Beispiel die Art und Weise, wie das, was Dr. von Baravalle vor- 
brachte, etwas aufierordentlich Ergreifendes hatte fiir denjenigen, 
dem die Waldorf schul-Entwickelung am Herzen liegt. Wenn man da 
sah, wie Dr. von Baravalle seine geometrischen Anschauungen in der 
Art, wie sie fiir Kinder gelten, einfach auseinandersetzte nach der 
Methode, die Sie ja wohl kennen sollten aus seinem Buche iiber phy- 
sikalische und mathematische Methoden, und wie dann aus einer, 
man mochte sagen kunstlerisch-mathematischen Entwickelung - 
aus der Flachenumgestaltung und Flachenmetamorphose - plotzlich 
mit einer inneren Dramatik der pythagoraische Lehrsatz heraus- 
wuchs -, wenn man dann sah, wie nun, nachdem die Zuhorer so 
Schritt fiir Schritt gefuhrt wurden und eigentlich nicht recht wufi- 
ten, wohin das alles will, dafi dann eine Anzahl von Flachen immer 
verschoben wurde, bis zuletzt durch das Verschieben der Flachen 
auf der Tafel anschaulich der pythagoraische Lehrsatz da war. Es 
war ein innerliches Staunen bei dieser Zuschauerschaft, die aus 
Lehrern bestand, ein innerliches dramatisches Sichentwickeln der 
Gedanken und Gefiihle, und ich mochte sagen eine so ehrliche, auf- 
richtige Begeisterung fiir dasjenige, was da als Methode in die Schule 
hineinkommt, dafi es wirklich etwas Ergreifendes hatte - so wie 
iiberhaupt dasjenige, was unsere Lehrer vorbrachten, das denkbar 
aufierordentlichste Interesse erregte. Wir hatten Schiilerarbeiten 
mitgebracht, die in plastischen Arbeiten, in der Verfertigung von 
Spielsachen, Malereien und so weiter bestehen - es erregte das grofi- 
te Interesse, als beschrieben wurde, wie die Kinder daran arbeiten, 
wie das sich in den ganzen Lehrplan der Schule einreiht. 

Die Art und Weise, wie Musikunterricht erteilt wird, die von 
Fraulein Lammert interpretiert wurde, erregte die denkbar grofke 
Aufmerksamkeit, ebenso die Auseinandersetzungen von Dr. 
Schwebsch. Die eindringliche, so liebevolle Art von Dr. von Heyde- 
brand, dann die kraftvolle Art unseres Dr. Karl Schubert; das alles 



sind Dinge, die wirklich zeigten, daft es moglich ist, dasjenige, was 
Waldorf schulwes en ist, in einer anschaulichen Weise einer Lehrer- 
schaft vor die Seele zu bringen. Fraulein Rohrle gab dann einen 
eurythmischen Unterricht fur verschiedene Menschen, was auch eine 
gute Erganzung ergab, so daft das Ganze schon vom padagogischen 
Gesichtspunkte aus recht gut zusammengefalk war. Ich darf das 
sagen, denn ich bin ganz ohne Anteil an der Zusammenstellung des 
Programmes. Das alles ist von unseren englischen Freunden so zu- 
sammengestellt worden, daft wirklich eine sehr schone Zusammen- 
fassung des padagogischen Unterrichtsfaches da gegeben war. 

Wahrend der ganzen Tagung bildete sich dann ein Komitee, wel- 
ches sich zur Aufgabe setzte, nun eine selbstandige Schule nach dem 
Muster der Waldorfschule auch in England zu begriinden. Die 
Aussichten sind eigentlich sehr gut dafiir, daft eine solche Schule als 
Tagesschule entstehen kann, neben der Kings-Langley-Schule, die ja 
schon im vorigen Jahre, nach meinen Oxforder Vortragen, sich be- 
reit erklart hatte, die Waldorfschulmethodik in sich aufzunehmen. 
Wie gesagt, die Kinder der Kings-Langley-Schule waren es ja, die im 
Theater in Ilkley eine Darstellung desjenigen gegeben hatten, was sie 
in Eurythmie gelernt haben. Das Interesse und die Art, wie diese 
Dinge aufgenommen worden sind, auch wie verstandnisvoll die 
Eurythmievorstellungen aufgenommen worden sind, das ist etwas, 
was schon mit grower Befriedigung erfiillen kann. - Dies war die 
erste Augusthalfte, bis zum 18. August. Dann wanderten wir hin- 
iiber nach Penmaenmawr. 

Penmaenmawr ist ein Ort, der in Nordwales, an der westlichen 
englischen Kiiste liegt, da wo die Insel Anglesey vorgelagert ist, und 
dieses Penmaenmawr ist ein Ort, wie er allerdings in diesem Jahr 
nicht besser hatte fiir diese anthroposophische Unternehmung aus- 
erwahlt werden konnen. Denn dieses Penmaenmawr ist erfiillt von 
der unmittelbar erlebbaren astralischen Atmosphare, in die dasjeni- 
ge sich hereingestaltete, was ausgegangen ist von dem Druidendienst, 
dessen Spuren man ja da iiberall verfolgen kann. Es ist unmittelbar 
an der Meereskiiste, wie gesagt, wo die Insel Anglesey vorgelagert 
ist; zu ihr hinuber fiihrt ja eine Briicke, die technisch iibrigens genial 



gebaut ist. Auf der einen Seite steigen iiberall Hugel und Berge an 
bei Penmaenmawr, und auf diesen Bergen zerstreut finden sich dann 
iiberall diese Uberreste der alten sogenannten Opfer-Altare, Crom- 
lechs und so weiter; iiberall sind da die Spuren dieses alten Druiden- 
dienstes. 

Diese einzelnen verstreuten Kultvorrichtungen, wenn ich sie so 
nennen darf, sie sind ja scheinbar in der einfachsten Weise angeord- 
net. Wenn man sie von der Seite anschaut, sind es Steine aneinander- 
gereiht im Quadrat oder Rechteck, ein Stein liegt dariiber. Wenn man 
sie von oben anschaut, wiirden also diese Steine so stehen [siehe 
Zeichnung], und dariiber liegt dann ein Stein, der das Ganze wie zu 
einem kleinen Kammerchen abgrenzt. 

Gewift sind solche Dinge auch Grabdenkmaler gewesen. Aber ich 
mochte sagen, die Funktion des Grabdenkmals ist ja in alteren Zei- 
ten iiberall verbunden mit der Funktion fur einen viel weitergehen- 
den Kultus. Und so will ich denn hier nicht zuriickhalten, dasjenige 
auszusprechen, was einen eine solche Kultusstatte lehren kann. 



Tafel 5 




Sehen Sie, diese Steine umschlieften also eine Art Kammerchen; 
dariiber liegt ein Deckstein. Dieses Kammerchen ist in einer gewis- 
sen Weise dunkel. Wenn also die Sonnenstrahlen darauf fallen, dann 
bleibt das aufiere physische Licht zuriick. Aber das Sonnenlicht ist 
ja iiberall erfiillt von geistig Stromendem. Dieses geistig Stromende, 



das geht nun weiter, das geht in diesen dunklen Raum hinein. Und 
der Druidenpriester hatte infolge seiner Initiation die Moglichkeit, 
durch die Druidensteine durchzuschauen und sowohl zu sehen die 
nach unten gehende Stromung - jetzt nicht des physischen Sonnen- 
lichtes, denn das war ja abgesperrt - aber dessen, was im physischen 
Sonnenlichte geistig-seelisch lebt. Und das inspirierte ihn mit 
demjenigen, was dann einflofi in seine Weisheit iiber den geistigen 
Kosmos, iiber das Weltenall. Es waren also nicht nur Totenstatten, 
es waren Erkenntnisstatten. 

Aber noch mehr. Wenn zu gewissen Tageszeiten dies der Fall war, 
was ich jetzt eben beschrieben habe, so kann man sagen: Zu anderen 
Tageszeiten war dafur das andere der Fall, daft wiederum von der 
Erde zuriick Stromungen gingen [Pfeile aufwarts], die dann beob- 
achtet werden konnten, wenn die Sonne nicht darauf schien, und in 
denen lebte dasjenige, was die moralischen Qualitaten der Gemein- 
de des Priesters waren, so dafi der Priester in gewissen Zeiten sehen 
konnte, wie die moralischen Qualitaten seiner Gemeindekinder in 
der Umgebung sind. Ihm zeigte also sowohl das abwartsstromende 
Geistige wie das aufwartsstromende Geistige dasjenige, was ihn auf 
eine wirklich geistige Art drinnen stehen liefi in seinem ganzen 
Wirkungskreise. 




Tafel 5 



Diese Dinge sind natiirlich nicht verzeichnet in dem, was die heu- 
tige Wissenschaft iiber diese Kultstatten mitteilt. Aber es ist in der 



Tat das, was man hier unmittelbar erschauen kann, weil ja tatsachlich 
die Gewalt der Impulse - der Impulse vom Wirken der Druidenprie- 
ster in der Zeit, wo eben ihre gute Zeit war -, weil diese Kraft so 
stark war, dafi eben heute noch in der astralischen Atmosphare von 
dort diese Dinge absolut leben. 

Eine andere Art Kultstatte konnte ich dann im Verein mit Dr. 
Wachsmuth besuchen: Da geht man von Penmaenmawr aus etwa ein- 
einhalb Stunden auf einen Berg hinauf. Oben ist dann etwas wie eine 
Mulde. Von dieser Mulde hat man einen freien wunderbaren Aus- 
blick auf umgebende Berge und auch auf die Muldenbegrenzung des 
eigenen Berges. Da oben in dieser Mulde fand man dasjenige, was 
man als eigentliche Sonnenkultstatte der alten Druiden bezeichnen 
kann. Sie stellt sich also so dar, daft die entsprechenden Steine mit 
ihren Deckblattern angeordnet sind; es sind iiberall die Spuren 
vorhanden. 



5 




Denken Sie sich die Sache so: Diese Kultstatten haben keinen in- 
neren Raum. Hier oben, in unmittelbarer Nahe voneinander liegend, 
haben Sie zwei solcher Druidenzirkel. Wenn die Sonne ihren Tages- 
weg geht, so fallen naturlich die Schatten von diesen Steinen in der 
verschiedensten Weise, und man kann nun unterscheiden, sagen wir, 
wenn die Sonne durch das Sternbild des Widders geht, den Widder- 
schatten, dann den Stierschatten, den Zwillingsschatten und so wei- 
ter. Man bekommt ja heute noch, wenn man diese Dinge entziffert, 
einen guten Eindruck, wie aus den verschiedenen, in sich qualitativ 
verschiedenen Sonnenschatten, die dieser Druidenzirkel ergab, der 
Druidenpriester ablesen konnte die Geheimnisse des Weltenalls aus 



demjenigen, was im Sonnenschatten weiter lebt, wenn das physische 
Sonnenlicht zuriickgehalten wird, so dafi in der Tat da drinnen ent- 
halten ist eine von den Geheimnissen der Welt sprechende Welten- 
uhr. Aber es waren das durchaus Zeichen, die in den Schatten, die 
da geworfen wurden, sich ergaben, die von den Welten-, von den 
kosmischen Geheimnissen sprachen. 




Der zweite Kreis war dann wie eine Art von Kontrolle, urn das 
nachzukontrollieren, was der erste Kreis ergab. Wenn man sich etwa 
in einem Flugzeug in die Hohe begeben hatte und hatte sich so weit 
wegbegeben, dafi diese Entfernung dazwischen vielleicht verschwun- 
den ware, so hatte man, herunterschauend, eigentlich gerade aus 
diesen beiden Druidenzirkeln unmittelbar den Grundrifi desjenigen 
gehabt, was der Grundrift unseres Goetheanum war. 

Das alles liegt dort, wo also in der Nahe auch die Insel Anglesey 
liegt, auf der sich vieles von dem abgespielt hat, was sich erhalten hat 
in den Nachrichten vom Konig Artus. Das Zentrum des Konigs 
Arms war ja etwas siidlicher, aber hier hat sich manches auch abge- 
spielt, was zu dem Wirken des Konigs Artus gehorte. Das alles gibt 
der astralischen Atmosphare von Penmaenmawr etwas, das in deut- 
licher Art eben diese Statte zu einer besonderen macht, zu dem 
macht, von dem man sagen kann: spricht man iiber Spirituelles, so ist 



man genotigt, in Imaginationen zu sprechen. Es ist ja bei den Imagi- 
nationen so, daft - wenn sie im Verlaufe der Darstellungen geformt 
werden - dann diese Imaginationen in der Astral-Atmosphare in- 
nerhalb der heutigen Zivilisation sehr bald verschwinden. Man 
kampft ja, wenn man versucht, das Spirituelle darzustellen, fortwah- 
rend gegen das Verschwinden der Imaginationen. Man mufi diese 
Imaginationen hinstellen, aber sie dampfen sich sehr bald ab, so dafi 
man immer von neuem in die Notwendigkeit versetzt ist, diese Ima- 
ginationen zu erzeugen, urn sie vor sich zu haben. Die Astral- Atmo- 
sphare, die da aus diesen Dingen sich ergibt, ist so, daft es zwar etwas 
schwieriger ist dort in Penmaenmawr, die Imaginationen zu bilden, 
daft aber diese Schwierigkeit dadurch wiederum auf der anderen Seite 
zu einer grofien Erleichterung des spirituellen Lebens fuhrt, dafi nun 
diese Imaginationen, nachdem sie gebildet sind, einfach sich ausneh- 
men wie hineingeschrieben in die Astral-Atmosphare, so daft sie 
drinnenstehen. Man hat iiberall dort das Gefiihl, wenn man irgend- 
wie Imaginationen bildet, welche die Ausdriicke der geistigen Welt 
ergeben, daft sie stehen bleiben in der dortigen Astral-Atmosphare. 
Und gerade durch diesen Umstand wird man so lebendig daran 
erinnert, wie sich diese Druidenpriester ihre besonderen Statten aus- 
gesucht haben, wo sie eben, ich mochte sagen in wirksamer Weise in 
die Astral-Atmosphare wie eingravieren konnten dasjenige, was 
ihnen oblag, in Imaginationen aus den Weltengeheimnissen heraus 
zu gestalten. So daft man es in der Tat wie eine Art wirklichen Uber- 
schreitens, fast wie das Uberschreiten einer Schwelle empfindet, 
wenn man von Ilkley heruberkommend - das also ganz in der Nahe 
des Industrialismus liegt und nur ganz leise die Spuren der alten 
Druidenzeit zeigt - nun in etwas hineinkommt, was in unmittel- 
barer heutiger Gegenwart einfach geistig ist. Geistig ist das alles. 

Man kann schon sagen: Dieses Wales ist ein besonderer Fleck 
Erde. Dieses Wales ist heute die Bewahrerin von einem ungeheuer 
starken spirituellen Leben, das allerdings in Erinnerungen besteht, 
aber in realen Erinnerungen, die dastehen. So daft eigentlich gesagt 
werden darf: Die Moglichkeit, an dieser Statte nun bloft iiber An- 
throposophie zu sprechen - nicht in Anlehnung an die Dependan- 



cen der Anthroposophie, sondern iiber Anthroposophie katexochen, 
iiber das Innere der Anthroposophie das rechne ich zu einem der 
bedeutendsten Abschnitte in der Entwickelung unseres anthropo- 
sophischen Lebens. 

Das Verdienst, diese Einrichtung gemacht zu haben, nun auch 
einmal dergleichen in die Entwickelung des anthroposophischen Le- 
bens hineinzustellen, gebiihrt dem in dieser Richtung aufierordent- 
lich einsichtsvollen, energischen Wirken von Mr. Dunlop, der mir 
den Plan dazu bei meiner Anwesenheit in England im vorigen Jahre 
auseinandersetzte und der an diesem Plan dann festgehalten und ihn 
nun auch zur Ausfuhrung gebracht hat. Es war ja von vornherein 
geplant, in diesem August an diesem Orte hier rein Anthroposophi- 
sches im Zusammenhange mit Eurythmie zu bringen. 

Mr. Dunlop hatte dann noch einen dritten Impuls, der aber un- 
moglich auszufuhren war, und man darf schon sagen: Das, was mog- 
lich geworden ist, ist eigentlich nur durch die wirklich spirituell ein- 
sichtsvolle Art, diesen Ort zu wahlen, moglich geworden. Es ist, 
glaube ich, von einer gewissen Wichtigkeit, sich auch das einmal vor 
die Seele zu stellen, daft es solche ausgezeichnete Orte auf der Erd- 
oberflache gibt, wo in einer solchen lebendig dastehenden Erinne- 
rung eben unmittelbar dasjenige lebendig da ist, was als Sonnenkult 
zur Vorbereitung der spateren Aufnahme des Christentums in 
Nord- und Westeuropa einmal lebendig war. 

Die Vortrage waren vormittags; der Nachmittag war zum Teil 
dazu ausersehen, daft die Teilnehmer diese Astral- Atmosphare und 
deren Zusammenhang mit den Erinnerungen verfallener Opferstat- 
ten, Dolmen und so weiter, an Ort und Stelle sehen konnten; der 
Abend war ausgefullt mit Erorterungen iiber anthroposophische 
Gegenstande oder auch mit Eurythmievorstellungen. Es waren fiinf 
davon in Penmaenmawr, die auf der einen Seite mit einer wirklich 
groften Innigkeit, auf der anderen Seite mit dem allerstarksten Inter- 
esse aufgenommen worden sind. Die Zuhorer bestanden ja zum Teil 
aus Anthroposophen, zum Teil aber auch aus nichtanthroposophi- 
schem Publikum. Es war reichlich so, daft - was nun wiederum in 
begreiflicher Weise aus einem an das Meer angrenzenden Gebirgs- 



land hervorgeht -, daft man von Stunde zu Stunde immer die schone 
Abwechslung hatte von halben Wolkenbriichen und hellem Sonnen- 
scheine und so weiter. Wir hatten zum Beispiel einen Abend - die 
aufiere Einrichtung war ja etwas, was fast gerade so war wie diese 
Schreinerei -, da kam man wirklich durch eine Art von Wolken- 
bruch zu einer Eurythmievorstellung; bei deren Beginn safien die 
Leute noch mit den Regenschirmen im Saal da, liefien sich aber nicht 
in ihrer Begeisterung beirren. Es war also durchaus etwas, wie ich 
schon in Penmaenmawr selber sagte, was wirklich als ein sehr be- 
deutsames Kapitel in der Geschichte unserer anthroposophischen 
Bewegung verzeichnet werden darf. 

Eine Veranstaltung war gewidmet der Besprechung der padagogi- 
schen Fragen auch in Penmaenmawr. Und bei dieser Gelegenheit 
mochte ich nun auch das Folgende erwahnen, das Sie ja schon lesen 
konnten in der kleinen Darstellung, die ich davon im «Goetheanum» 
gegeben habe. Es erwartete mich, als ich nach England, nach Ilkley 
kam, ein Buch «Education Through Imagination^ Erziehung durch 
Imagination, das ich zunachst durchfliegen konnte, und das mich 
gleich aufierordentlich gefangennahm; ein Buch, das gerade von 
einem unserer Freunde als eines der bedeutendsten Biicher in Eng- 
land bezeichnet wird. Es hat zum Verfasser Miss MacMillan. Diesel- 
be Personlichkeit war dann Chairman am ersten Abend und an den 
folgenden Abenden in Ilkley. Miss MacMillan hielt die Eroffnungs- 
rede. Es war erhebend, die schone Begeisterung und das innere ehr- 
liche Feuer fiir die Erziehungskunst bei dieser Frau zu sehen. Und 
von einer aufierordentlich starken Befriedigung war fiir uns gleich- 
zeitig der Umstand, dafi gerade diese Frau im vollen Mafie sich zu 
dem bekennt, was in einer wirklich ernsthaftig gemeinten Erzie- 
hungskunst durch die Waldorfschulmethodik geleistet werden kann. 

Ich hatte dann wahrend der folgenden Tage das Buch weiter ge- 
lesen und habe ja meine Eindriicke davon in dem Artikel des letzten 
«Goetheanum» zusammengefafit. Dann konnten wir, Frau Doktor 
und ich, am letzten Montag die Wirkungsstatte dieser ausgezeichne- 
ten Frau in Deptford, in der Nahe von London, in der Nahe von 
Greenwich, auch besuchen. Da findet sich die, ich mochte sagen 



Pflege-Erziehungsanstalt der Miss MacMillan. Sie nimmt in diese 
Pflege-Erziehungsanstalt Kinder aus den untersten, armsten Volks- 
schichten auf; sie strebt an, auch Kinder in einem alteren Alter noch 
zu haben. Heute hat sie in der Schule 300 Kinder; mit sechs Kindern 
hat sie vor vielen Jahren angefangen, heute sind es 300. Diese Kinder 
werden mit zwei Jahren hereingenommen, kommen aus Kreisen, wo 
sie ganz verschmutzt, verelendet, krank, unterernahrt oder ganz 
schlecht ernahrt sind - wenn ich sagen darf, rachitisch, typhos, mit 
Schlimmerem noch behaftet. Heute sieht man unmittelbar in der 
Umgebung so eine Art Schulbaracken, wie die der Waldorfschule 
sind - die Baracken, nicht unser jetziges opulent gebautes Haus, die 
provisorischen Baracken aber dort sind sie sehr schon, schmuck 
eingerichtet. Die Dinge stehen in einem Garten, aber man braucht 
nur ein paar Schritte zu machen von irgend einem der Tore und kann 
dann die auf der Strafie im furchtbarsten Elend und Schmutz leben- 
de Bevolkerung, aus der diese Kinder sind, vergleichen mit dem, was 
aus diesen Kindern gemacht wird. 

In einer mustergiiltigen Weise sind zunachst die Bade-Einrichtun- 
gen. Das ist die Hauptsache. Die Kinder kommen um 8 Uhr herein, 
werden am Abend entlassen, kommen also an jedem Abend wieder 
in ihr Haus zuriick. Die Pflege beginnt am Morgen zunachst mit dem 
Baden. Dann beginnt eine Art Unterricht, alles mit einer ungeheuren 
Hingebung, mit einem mhrenden, ergreifenden Opfersinn gemacht, 
alles in einer riihrenden, praktischen Weise eingerichtet. Da Miss 
MacMillan auch der Ansicht ist, dafi in das alles einmal die Waldorf - 
schulpadagogik eindringen mufi, so raufi man schon sagen: Man kann 
auch darauf von diesem Gesichtspunkte aus mit voller Befriedigung 
sehen - wahrend man vielleicht heute gerade in der Methodik man- 
ches anders haben mochte; aber das kommt ja gegeniiber diesem 
Opfersinn gar nicht in Betracht zunachst. Die Dinge sind ja immer 
ein Werdendes. Denn es ist wirklich bedeutsam, wie gesittet diese 
Kinder dann werden, was sich insbesondere dann wahrend der 
Tischzeit zeigt, wo sie zum Essen gefuhrt werden, wo sie sich selber 
bedienen, wo die Speisen auch immer gereicht werden von einem der 
Kinder. Was praktischer Sinn machen kann, das zeigt sich zum Bei- 



spiel darin, daft fur eine ganze Woche diese, ich mochte sagen aufier- 
ordentlich anheimelnde «Abfutterung» der Kinder, bei der man am 
liebsten mitessen mochte, dafi die in der Woche fur das Kind auf 
2 Shilling 4 Pence kommt. Aufierordentlich praktisch ist alles einge- 
richtet. Wunderschon war es zum Beispiel, wie dann die alteren der 
Kinder, die schon Jahre lang in dieser Anstalt sind, zusammengerufen 
worden sind und uns nun eine lange Szene aus Shakespeares «Som- 
mernachtstraum», den Johannisnachtstraum, tatsachlich mit weiner 
Innigkeit und auch sogar mit einer gewissen Beherrschung der dra- 
matischen Technik vorfiihrten. Es hatte etwas ergreifend Groftarti- 
ges, wie da diese Kinder das vorfiihrten, ausdrucksvoll und ein- 
drucksvoll, mit wirklich innerer Beherrschung des Dramatischen. 

Und diese Vorfuhrung von Shakespeares «Sommernachtstraum» 
war ungefahr fast ganz an derselben Statte, wo Shakespeare selber 
einmal mit seiner Truppe seine Stiicke fur den Hof aufgefuhrt hat. 
Denn in der Nahe von Greenwich war die Hofhaltung der Konigin 
Elisabeth. Da, in den Raumen, an deren Statte die heutigen Schul- 
raume stehen und andere Raume noch, von denen ich gleich spre- 
chen werde, wohnte sogar der Hofstaat der Konigin Elisabeth, und 
Shakespeare mufite, von London herauskommend, dort seine Dra- 
men fur die Hofleute auffiihren. An derselben Statte haben uns die 
Kinder diese Shakespearestiicke vorgefuhrt. 

Und im selben Bereich, zusammenhangend mit dieser Erzie- 
hungs-Pflegeanstalt, ist dann eine Kinderklinik, wiederum fur die 
Armsten der Armen. Jahrlich gehen 6000 Kinder durch diese Klinik 
durch, nicht gleichzeitig 6000, aber jahrlich. Die Vorsteherin dieser 
Klinik ist nun auch Miss MacMillan. So daft da wirklich in einer 
reichlich verarmten und verschmutzten Gegend, in einer schreck- 
lichen Gegend, eine Personlichkeit wirkt mit voller Energie und 
eigentlich grofiartig in der Auffassung dessen, was sie da tut. 

Es war mir daher eine sehr tiefe Befriedigung, als Miss MacMillan 
die Absicht aufierte, wenn es sich irgendwie ermoglichen lasse, zu- 
nachst an Weihnachten unsere Waldorfschule in Stuttgart mit eini- 
gen Kollegen aus ihrer Lehrerschaft zu besuchen. Diese Lehrerschaft 
ist eine aufterordentlich hingebungsvolle. Sie konnen sich denken, 



dafi die Pflege solcher Kinder mit dem, was ich da eben charakteri- 
siert habe, nicht eben etwas Leichtes ist. Es erfiillte mich daher mit 
grofter Befriedigung, dafi gerade diese Personlichkeit Chairman fiir 
die Ilkleyer Vortrage war, und dann in Penmaenmawr - wohin sie 
wieder kam in den paar Tagen, die sie sich wieder abringen konnte - 
eine Diskussion in Padagogik einleitete, bei der Dr. von Baravalle 
und Dr. von Heydebrand sprachen. So war gerade dasjenige, was da 
in Penmaenmawr stattfand und was damit zusammenhing, wirklich 
etwas recht Befriedigendes. 

Sozusagen der letzte, der dritte Teil, waren dann die Tage in Lon- 
don. Es war ja zu dem, was zunachst meine Aufgabe in London war, 
Frau Dr. Wegman herubergekommen. Wir sollten vor einer Anzahl 
englischer Arzte die Methode und das Wesen unserer anthroposo- 
phisch-medizinischen Bestrebungen hinstellen. Es waren 40 Arzte 
eingeladen, die auch zum grofien Teil erschienen waren im Hause 
von Dr. Larkins. Ich konnte in zwei Vortragen sprechen zunachst 
iiber die besondere Natur unserer Heilmittel in ihrem Zusammen- 
hang mit den Krankheitserscheinungen und mit der Wesenheit des 
Menschen. Und dann in dem zweiten Vortrage konnte ich eine 
Grundlage physiologisch-pathologischer Art geben iiber die Funk- 
tionen des Menschen; dann etwas iiber die Wirkungsweise einzelner 
Heilmittel wiederum im Zusammenhange mit dieser Begriindung - 
die Wirkungen des Antimon-Heilmittels, die Wirkungen der Mistel 
und so weiter auseinandersetzen -, und ich glaube, wir konnen uns 
wirklich sagen, daft doch vielleicht ein recht gutes Verstandnis der 
Sache entgegengebracht worden ist auch im weiteren Kreise, was sich 
dadurch gezeigt hat, dafi die Konsultationen, zu denen Frau Dr. 
Wegman aufgesucht worden ist, recht zahlreiche waren. So da$ auch 
diese Seite des anthroposophischen Wirkens zur Geltung gekom- 
men ist. 

Den Beschluft bildete dann eine Eurythmieauffiihrung in der 
Royal Academy of Art, die aufierordentlich groften Erfolg - das 
kann man schon sagen
…[truncated]