Der Dornacher Bau als Wahrzeichen geschichtlichen Werdens und künstlerischer Umwandlungsimpulse

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE UBER KUNST 



RUDOLF STEINER 



DER DORNACHER BAU 

ALS WAHRZEICHEN GESCHICHTLIC HEN WERDENS 
UND KUNSTLERISCHER UM WANDLUNGSIMPULSE 



Fiinf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 10. bis 25. Oktober 1914 

und eine Besprechung der Schnitzarbeiten 
an den Architravmotiven im ersten Goetheanum 
vom 12. Oktober 1914 

mit 12 Abbildungen 



1985 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden teilweise durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten U. Trapp und G. Oling 



1. Auflage Dornach 1937 
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 



Bibliographie-Nr. 287 

Zeichen auf dem Einband von Assja Turgenieff, Schrift von B. Marzahn 
Zeichnungen im Text nach den Skizzen in den Nachschriften, 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau • Druck: Greiserdruck, Rastatt 
Abbildungen: Photolitho Bader, Miinchenstein • Bindearbeit: Spinner, Ottersweier 
Printed in Germany ISBN 3-7274-2870-8 



ZU DEN VEROFFENTLICHUNGEN 
AUS DEM VORTRAGSWERK VON RUDOLF STEINER 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft Wi- 
den die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und veroffentlich- 
ten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 - 1924 zahlreiche Vortrage 
und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur- 
spriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich 
festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte 
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah 
er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in 
ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi ge- 
geniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von 
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen Schrif- 
ten aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» 
(35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes 
wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu 
einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grund- 
lagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe begon- 
nen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. 
Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am 
Beginn der Hinweise. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite:5 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 10. Oktober 1914 9 

Das Bestreben, vom Leben die Wahrheit zu erlernen. Das Wesen der Geschichte. Die begrenzte Bedeu- 
tung geschichtlicher Dokumente und die Notwendigkeit, die inneren Impulse des geschichtlichen Wer- 
dens zu erkennen. Der Umschlag des Weltenwerdens in der Homerischen Zeit, geschildert in der «Ilias». 
Uber das soeben erschienene Buch «Die Ratsel der Philosophie». Die Aufgabe der Gei'steswissenschaft 
und die Formensprache des Dornacher Baues. Die Bedeutung des Todes eines fruhverstorbenen Men- 
schen (Theo Fai6). 



Zweiter Vortrag, 18. Oktober 1914 20 

Die Universalitat im Stil des Dornacher Baues. Formmotive der Saulen und Architrave. Der Zusammen- 
hang eines Baustils mit den Geheimnissen der Weltenordnung. Kiinstlerische Schriftzeichen als Leitlinien 
fur die Zusammenhange der Menschheitsevolution. Representative Volker fur die Entwickelung der 
Empfindungs-, Verstandes- und Bewufitseinsseele. Kulturepochen und ihre gegenseitigen Auseinander- 
setzungen. Die urewigen Saulen der Menschheits-Urgesetze. Die Architrave als Bild der inneren Struktur- 
verhaltnisse des Seelenlebens der Volker. Die Kuppel als Bild des Zusammenwirkens der Volker und der 
Seelenkrafte im Menschen selbst. 



Dritter Vortrag, 19. Oktober 1914 34 

Weitere Kapitellmotive als Ausdruck von Kraften der einzelnen Kulturgemeinschaften; Architrave als 
Ausdruck der gegenseitigen Beziehungen der einzelnen europaischen Kulturen. Der schlangenumwunde- 
ne Merkurstab als Zeichen fur die mitteleuropaische Ich-Kultur. Das Ich als BewuStseinsprinzip. Die 
Verschlingungen in der Menschheitsevolution. Streben nach Individualist an Stelle des Nationalitats- 
prinzips in Mitteleuropa. Das mystische Leid des Ostens und seine Zukunftskultur; seine Hinneigung 
zum Empfangen des Geistselbst. 



Vierter Vortrag, 24. Oktober 1914 50 

Ubereinanderlegen von Kapitellmotiven als Zeichen von komplizierteren Kulturen. Das In-Bewegung- 
Kommen von Formen und Formzusammenhangen. Das Empfinden eines Formcharakters. Erlebensfor- 
men an Stelle von Verstandesformen. Kiinstlerisches Empfinden der Motive: Fortschreitendes, Sich- 
Erhebendes (Tragendes), Sich-Abschliefiendes (Uberdeckendes). In den Bau sind Wollen, Fiihlen, Den- 
ken in ihrer Evolution hineingebaut - die Geheimnisse der Menschennatur. Aus der Kuppel kommen 
entgegen die Geheimnisse der Geistesentwickelung der Erdenmenschheit. 



Funfter Vortrag, 25. Oktober 1914 61 

Erneuerung des kiinstlerischen Prinzips durch die anthroposophische Weltauffassung. Wahrend fruher 
ein Ruhendes zum Leben aufgerufen wurde, soli es jetzt wie durch ein Zauberwort zum Gehen, zur 
innerlichen Regsamkeit, zur Bewegung aufgerufen werden. Dies mufi besonders in der Malerei zum 
Ausdruck kommen. Der zeichnerische und koloristische Pol in der Malerei. Das Loslosen der Farbe vom 
Gegenstandlichen, um das Schopferische der Farbe zu suchen. Aus der innerlichen Farberfassung wird 
zugleich Formerfassung. Der Bau als Ausdruck des geschichtlichen Lebens. Das Erleben des kosmischen 
Kreuzes. Schopferische Sprache: das Leben im Laute, der die Konfiguration gebiert. 



AN HANG 



Axis dem Vorwort Marie Steiners zur ersten Auflage 1937 77 

Nachwort zur ersten Auflage 1937 von Assja Turgenieff 78 

Besprechung der Schnitzarbeiten an den Architravmotiven der grofien Kuppel 

Dornach, 12. Oktober 1914 (Stenographische Notizen von Rudolf Hahn) 81 

Hinweise 86 

Personenregister 89 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 91 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 92 

Abbildungen 1 bis 4 nach 8 

5 bis 12 nach 80 



Nachweis der Abbildungen 

1-9, 12 O. Rietmann, St. Gallen. Alle Rechte beim Philosophisch-Anthroposophischen Verlag am 

Goetheanum, Dornach 
10, 11 Friedrich Bergmann, Wuppertal 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 10. Oktober 1914 



In den Vortragen, die ich zu halten hatte, machte ich ofter aufmerksam auf ein Beispiel, das 
sich der Beobachtung im wirklichen Leben ergeben konnte, und das so recht anschaulich ma- 
chen kann, wie notwendig es ist, den Erscheinungen des Lebens gegemiber alliiberall tiefer zu 
suchen, nicht stehenzubleiben bei dem, was gewissermafien der erste Eindruck der Anschau- 
ung darbietet. Das Beispiel, auf das ich hinwies, ist ja etwa das folgende: Ein Mann geht am 
Rande eines Baches, und wir sehen von feme, wie er in das Wasser hineinstiirzt. Wir kommen 
naher, konnen ihn aber nur noch tot aus dem Wasser herausziehen; wir finden einen Stein da, 
wo er hingefallen ist, und finden nach diesem ersten Anblick es ganz selbstverstandlich, daraus 
den Schlufi zu ziehen: der Mann ist iiber den Stein gestolpert, ist ins Wasser gefallen und ist 
im Wasser ertrunken. - Es konnte sehr leicht geschehen, dafi dieses Urteil festgehalten wiirde, 
dafi man es ganz begreiflich finden wiirde, und jenes Urteil auf die Nachwelt kame. Aber es 
braucht ganz und gar nicht so gewesen zu sein. Sondern wenn man genauer untersuchte, 
konnte sich herausstellen: der Mann wurde in jenem Augenblick, als er an den Stein herantrat, 
vom Herzschlag getroffen, ist infolgedessen ins Wasser gefallen und wurde tot herausgezogen. 
Wenn das erste Urteil geblieben ware, und man nicht untersucht hatte, was geschehen ist, so 
wurde sich ein falsches Urteil in der Geschichte fortschleppen, dessen Substanz so natiirlich 
als moglich ware: das Urteil, dafi der Mann durch den Fall ins Wasser den Tod gefunden habe. 
Das Umgekehrte aber kann wahr sein: er starb nicht, weil er ins Wasser fiel, sondern er starb, 
weil er vom Herzschlag getroffen wurde, und fiel dann ins Wasser. - So kann eine vollige Um- 
kehrung der Wahrheit auf die natiirlichste Weise von der Welt entstehen. Solche Urteile aber, 
die mehr oder weniger eine Umkehrung der Wahrheit enthalten, sind gang und gabe in der 
Welt der Beurteilung der Dinge durch die Menschen, gang und gabe auch in der Wissenschaft, 
wie ich das ofter erwahnt habe. 

Nun ist es fur denjenigen, der sich wirklich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seek unserer 
geisteswissenschaftlichen Bewegung widmet, notwendig, nicht nur vom Leben zu lernen, 
sondern immerfort das Bestreben zu haben, vom Leben die Wahrheit zu lernen und die Mog- 
lichkeiten aufzusuchen, in denen uns auf die natiirlichste Art nicht nur von Menschenmund, 
sondern auch von den Tatsachen selber nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Unwahrheit, 
die Tauschung iiberliefert werden kann. Vom Leben zu lernen, das ist es, was ein Leitwort 
unseres ganzen Strebens werden mufi. Sonst wird es uns schwer werden, wirklich das zu 
erreichen, was wir mit vielem anderen auch durch unseren Bau erreichen wollen: lebendig 
teilzunehmen mit unserer Seele an dem Werden einer Weltenepoche, die sich vergleichen lafit 
mit dem Werden jener Weltenepoche, die hervorgegangen ist aus einem alteren Leben der 
Menschheit, sagen wir, zu der Zeit, auf welche sich Homers Dichtungen beziehen. In der Tat, 
so etwas Ahnliches will mit dem ganzen Formenwesen und kiinstlerischen Wesen und spiri- 
tuellen Wesen unseres Baues angestrebt werden, so wie es angestrebt werden mufite damals, 
als der Ubergang von einer alteren Zeit zu einer neueren Zeit stattfand, als das geschah, was 
Homer in seinen Dichtungen erzahlt. Wir wollen vom Leben lernen, versuchen vom Leben 
die Wahrheit zu lernen. 



Wir haben ja so vielfach, wenn wir nur wollen, Gelegenheit, vom Leben zu lernen. Haben 
wir sie nicht in den letzten Tagen gehabt? Diirfen wir nicht von etwas Symptomatischem 
ausgehen, noch dazu von etwas, das uns so tief erschiittert hat ? Bedenken Sie, eine grofie An- 
zahl von uns ging am Mittwoch in der Abendstunde da unten am Kreuzweg, oder war in sei- 
ner Nahe, hatte den Wagen umfallen gesehen, hatte den Wagen liegen gesehen, kam hier zum 
Vortrage und wufite von nichts anderem, ganz selbstverstandlich, ganz natiirlich, als dafi da 
unten ein Wagen umgefallen ist. Stundenlang war das der einzige Eindruck, stundenlang . . . 
Was aber war die Wahrheit? Die Wahrheit war, dafi sich in einem Menschenleben ein deut- 
lich sprechendes Karma abspielte; die Wahrheit war, dafi ein Menschenleben, das sich vor uns 
so schon entwickelt hatte, karmisch abgeschlossen war in jenem Augenblicke, da dieses Men- 
schenleben zuriickgefordert wurde von den geistigen Machten, zuriick in die geistigen Wel- 
ten, weil diese geistigen Machte zum Heile der Evolution zu gewissen Zeiten Menschenleben 
brauchen, die nicht ausgelebt sind, sondern Krafte iibrig haben, die hatten angewendet wer- 
den konnen auf dem physischen Plan, die aber erspart werden sollten fur die geistigen Wel- 
ten. Man mochte sagen: die Tatsache liegt nun fur den, der sich mit Geisteswissenschaft 
durchdrungen hat, geistig so handgreiflich vor, dafi man hinblicken kann auf dieses Men- 
schenleben als ein solches, das die Gotter zu sich forderten; und dafi, um die Verwirklichung 
dieses Karmas herbeizufuhren, an jene Stelle der Wagen hingefuhrt worden ist, und dafi der 
Wagen umgestiirzt ist, um das Karma jenes Menschenlebens zu vollenden. Herzerschiitternd 
zunachst hat sich uns das gezeigt. Das Herzerschiitternde ist berechtigt. Aber wir miissen 
auch eintauchen konnen in die waltende, wirkende Weisheit, von der die Welt durchdrungen 
ist, auch dann, wenn sie sich uns scheinbar unverstandlich darbietet. Lernen sollen wir von 
einer solchen Tatsache, tiefer in das Wesen der Dinge hineinzuschauen. Und wie konnten wir 
uns wiirdiger zu dem Menschenleben erheben, um das es sich dabei handelt, und wie - in 
feierlicher Stunde - feierlicher in unserer Seek seinen irdischen Hingang begehen, als dafi 
wir gleich damit beginnen, uns belehren zu lassen von dieser ernsten karmischen Lehre, die in 
diesen Tagen an uns herangetreten ist. 

Aber wir sind nur zu leicht geneigt, die Lehren, die uns iiberdeutlich aus dem Leben ge- 
geben werden, bei jeder nachsten Gelegenheit wiederum aufier acht zu lassen, geradezu zu 
vergessen. Deshalb miissen wir die Meditation, das konzentrierte Denken zu Hilfe nehmen 
und versuchen, mit den Welterscheinungen uberhaupt zurecht zu kommen, so wie es im Sinne 
der Geisteswissenschaft ist. Danach miissen wir unaufhorlich trachten. 

In die Betrachtungen, die ankniipfend an unseren Bau hier gepflogen worden sind, mochte 
ich das, was ich heute zu sagen habe, einflechten, weil es zu manchem, was in kiinstlerischer 
Beziehung zu sagen sein wird, etwas wie eine Illustration darstellen wird. Wollen wir doch 
nichts Geringeres, als in dem, was durch unseren Bau hingestellt werden soil, ein geschicht- 
lich Notwendiges anerkennen. Bis in die einzelnen Formen hinein soil sich ja wirklich etwas 
hineinstellen in die Menschheit mit diesem Bau, was geschichtlich notwendig ist! 

Wollen wir so etwas in tiefstem Ernste verstehen, dann mufi uns daran gelegen sein, aus der 
Geisteswissenschaft heraus die Moglichkeit zu gewinnen, gleichsam unsere Begriffe und Ideen 
zu reformieren, bessere, hdhere, ernstere, durchdringendere, tiefergehende Begriffe und Ideen 
uber das Leben zu gewinnen, als wir sie ohne Geisteswissenschaft haben konnen. 

Von diesem Gesichtspunkte aus sei einmal uberhaupt die Frage vor uns hingestellt: Was ist 
denn Geschichte, und was ist das, was die Menschen so oftmals unter Geschichte verstehen? 



1st dasjenige, was die Menschen so oft unter Geschichte verstehen, nicht im Grande genom- 
men wie die Geschichte des Mannes, der am Rande des Baches geht, durch einen Herzschlag 
stirbt, ins Wasser fallt, und von dem berichtet wird, dafi er im Wasser ertrunken sei? 1st Ge- 
schichte nicht oft etwas, was von Berichten hergenommen ist, die so charakterisiert werden 
konnen? Gar viele historische Berichte sind nicht besser furidiert. Denken wir uns einmal, je- 
mand ware vorbeigegangen am Mittwoch zwischen acht und neun Uhr am Kreuzweg, hatte 
keine Gelegenheit gehabt, irgend etwas zu horen iiber das erschiitternde Ereignis, das sich 
dort zugetragen hat; er wiifite also weiter nichts, als dafi dort ein Wagen umgefallen ist, und er 
wiirde das berichten. So aber sind viele historische Berichte. Dasjenige, was als das Wichtigste 
gleichsam unter den Triimmern der Nachrichten liegt, bleibt ganz und gar verborgen, ent- 
zieht sich ganz und gar dem, was man gewohnlich Geschichte nennt. Oftmals kann man so- 
gar noch weiter gehen und sagen, dafi die aufieren Nachrichten, die Dokumente uns storen, 
den wahren Gang des geschichtlichen Werdens zu erkennen. Das ist dann der Fall, wenn diese 
Dokumente - und das ist fur fast jede historische Epoche der Fall - von irgendeiner Seite her 
die Sache darstellen, und von der anderen Seite keine Dokumente da sind, oder wenn diese 
verlorengegangen sind. Sie meinen vielleicht, das sei eine Hypothese. Das ist keine Hypothe- 
se, sondern es beruht zum grofien Teil dasjenige, was heute als Geschichte gelehrt wird, auf 
solchen Dokumenten, welche die Wahrheit eher verhiillen als offenbaren. 

Es konnte nun die Frage auftauchen: Wie kommen wir denn uberhaupt an das geschicht- 
liche Werden heran? - Nun, die Geisteswissenschaft hat uns ja in mannigfaltiger Weise den 
Weg dazu gewiesen, sie, die nicht auf aufiere Dokumente sieht, sondern darauf geht, aus der 
geistigen Welt die Impulse hervorzuholen. Sie kann naturlich dann den aufieren Verlauf der 
Tatsachen nicht so darstellen, wie er in der aufieren Geschichte dargestellt wird. Aber sie wird 
iiberall die inneren Impulse erkennen. Und der Geistesforscher mufi die Kuhnheit haben, 
wenn er die inneren Impulse erkannt hat, sie an die Oberflache zu schaffen und daran festzu- 
halten, auch wenn die aufierlich iiberlieferten Tatsachen dem zu widersprechen scheinen. 
Den Mut zum Glauben an die Wahrheit des geistig Erkannten miissen wir haben, wenn wir 
uns wirklich als auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehend betrachten. 

Der Ubergang kann dadurch gemacht werden, dafi wir versuchen, in anderer Weise uns 
den Geheimnissen des geschichtlichen Werdens zu nahern, als das gewohnlich geschieht. Man 
nehme alle Dokumente, die aus dem 13., 14. Jahrhundert iiber Italien vorhanden sind, man 
nehme alle Dokumente, die iibriggeblieben sind, zusammen, alle Dokumente, aus denen man 
so gerne zusammenstellt die Geschichte; und man wird, wenn man aus solchen Dokumenten 
die Geschichte zusammenstellt, ein Tableau, ein Gemalde bekommen, das viel weniger der 
Wahrheit entspricht, als wenn man Dante und Giotto studiert und sich hineinversetzt in das- 
jenige, was Dante und Giotto aus ihrer Seele heraus geschaffen haben. Und nimmt man noch 
hinzu die Scholastik, das, was uns von den Gedanken der Scholastiker geblieben ist, und ver- 
sucht nachzudenken, nachzuschaffen, was Dante, Giotto und die Scholastiker geschaffen ha- 
ben, dann hat man ein wahreres Bild jener Epoche, als wenn man die aufieren Dokumente zu- 
sammennimmt. Oder wenn jemand die Absicht haben wiirde, die Auflehnung des nordischen 
oder mitteleuropaischen protestantischen Geistes gegen den Katholizismus der Siidlander zu 
studieren, was kann man da aus den Dokumenten herausfinden? Es kommt aber nicht darauf 
an, einzelne Tatsachen kennenzulernen, sondern darauf kommt es an, dafi man sich in seiner 
Seele vereinigt mit den schaffenden, waltenden, webenden Impulsen; dann lernt man dieses 



Aufbaumen des protestantischen Geistes gegen den katholischen Geist kennen, wenn man 
Rembrandt studiert und ihn in seiner eigentiimlichen Malerei kennenlernt. Und so konnte 
vieles angefiihrt werden. 

Und damit hangt zusammen, dafi wir wirklich oftmals durch historische Dokumente eher 
gestort werden, wenn sie vorhanden sind, als da& wir durch sie gefordert werden. Vielleicht 
konnte es solch ein Historikerherz, das recht viel auf Dokumente gibt, erfreuen, wenn man 
recht viel Dokumente hatte iiber das Leben Homers. Und wie konnte es solch ein Historiker- 
herz erfreuen, wenn man recht viel Dokumente hatte iiber das Leben Shakespeares! Aber es 
gibt einen Standpunkt, von dem aus man sagen kann: Gott sei Dank, da£ wir keine solchen 
Dokumente haben! - Nur darf man diesen Standpunkt natiirlich nicht pressen, nicht iiber- 
treiben. Es gilt durchaus, dafi wir, ich mochte sagen, der Geschichte dankbar sein miissen, dafi 
sie uns iiber Homer, iiber Shakespeare keine Dokumente hinterlassen hat. Ich weifi, daft, 
indem ich so iiber diese beiden Dichter spreche, jemand kommen konnte und etwas einseitig 
ganz Richtiges sagen konnte - denn eine einseitige Wahrheit ist auch eine Wahrheit -, es 
konnte jemand sagen: Ja, da miissen wir ja die Zeit herbeisehnen, wo wir nicht mehr aufiere 
Dokumente iiber Goethe haben! - Das kann einseitig vollig berechtigt sein, aber nicht allseitig. 

Nicht wahr, bei Goethe erscheint es ja oft nicht blofi storend, sondern direkt aufdringlich, 
dafi wir nicht nur von Tag zu Tag, sondern manchmal von Stunde zu Stunde wissen, was er 
als Mensch tat. Wenn man einmal darauf eingeht sich auszumalen, was eine Menschenseele 
durchlebt hat, die in einem bestimmten Alter die schicksalsschweren Worte gesprochen hat: 
«Habe nun, ach! Philosophic, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus 
studiert mit heifiem Bemiih'n . . . Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zu- 
vor», - dann konnte man die Zeit herbeisehnen, wo einem nicht mehr die Lewes und wie sie 
alle heifien, erzahlen, was Goethe den ganzen Tag iiber gemacht hat, und wann und wo er die- 
se oder jene Verse geschrieben hat. Und man konnte sagen: Wie hindert es uns, Goethes See- 
lenflug zu verfolgen bis zu der Zeit, wo er die Worte geschrieben hat «Die Sonne tont 
nach alter Weise in Bruderspharen Wettgesang», wenn wir Goethes Tagebuchblatter und 
Briefsammlungen, die wahrhaftig manche Bande fiillen, hernehmen und nachlesen, was 
Goethe getrieben hat in der Zeit, in der er diese erhabenen Verse hingeschrieben hat; wie 
hindert es uns! 

Es ist aber nur einseitig berechtigt, das zu sagen. So wahr es namlich vollstandig berechtigt 
ist gegeniiber Homer und Shakespeare, so einseitig ist es gegeniiber Goethe. Denn zu Goethes 
eigenen Werken gehort das Buch «Dichtung und Wahrheit», in dem er selber uns sein eigenes 
Leben erzahlt. Es gehort eben zu dem Gefiige dieser Personlichkeit, auch iiber dessen eigenes 
Leben etwas zu wissen, denn Goethe selbst fiihlte sich veranlafit, diese Beichte mit «Dichtung 
und Wahrheit» abzulegen. Daher darf niemand sagen, dafi der Faust-Dichter so vor der 
Menschheit stehen wird, wie der Dichter der Ilias und der Odyssee. Daraus ersehen Sie, dafi 
wir eine Wahrheit, die wir von einer Seite her erfafit haben, nicht auf alle Falle ausdehnen 
konnen. Sie darf zu nichts anderem niitzen, als auf den einzelnen Fall, auf das ganz Individuelle 
einzugehen. 

Aber man mufi die Sache noch viel tiefer erfassen. Geisteswissenschaft versucht das. Daft 
die neuere Kultur nach Geisteswissenschaft hinstrebt, ich versuchte es wiederholt, auch im 
letzten Vortrage, durch einzelne symptomatische Tatsachen darzulegen. Wie das insbesondere 
in der Philosophic der Fall ist, habe ich in meinem Buche «Die Ratsei der Philosophie» dar- 



zulegen versucht. Sie werden im zweiten Bande, der jetzt eben erschienen ist und der bis zur 
Gegenwart fortgeht, sehen, wie auch die philosophische Entwickelung hindrangt zu dem, was 
ich in dem letzten Kapitel dargestellt habe als einen «Skizzenhaften Ausblick auf eine Anthro- 
posophie», auf die alles hintendiert. Das konnte selbstverstandlich nicht geschehen, bevor 
einiger Riickhalt gegeben war an unserer Anthroposophischen Gesellschaft, denn die aufiere 
Welt wird von dem ganzen Aufbau dieses Buches wahrscheinlich doch noch sehr wenig 
verstehen. 

In Parenthese sei hier etwas erwahnt, was einem Schriftsteller passieren kann in unserer 
heutigen «geschmacklosen» Zeit, kann ich nur sagen. Aber diese Geschmacklosigkeit wird, 
wenn sie gegen ein sozusagen hilfloses Buch geiibt wird, wirklich zu einer Versiindigung wider 
das Recht, das im geistigen Leben herrschen sollte. Der zweite Band des Buches «Die Ratsel 
der Philosophie» hat 254 vollbedruckte Seiten und auf Seite 255 noch zehn Zeilen. Als ich 
heute morgen den eben erschienenen zweiten Band in die Hand bekam, mufite ich die Ent- 
deckung machen, dafi verlegerische Unverschamtheit auf die letzte Seite unmittelbar unter 
meinen Text eine Annonce gesetzt hat. Das Buch schliefit mit den Worten: «Deshalb wurde 
im Anfang dieses Schlufikapitels nicht gezeigt, wie die Seele iiber das Ubersinnliche spricht, 
wenn sie sich ohne weitere Voraussetzung auf dessen Boden stellt, sondern es wurden die 
Richtungen philosophisch zu verfolgen versucht, die aus den neueren Weltanschauungen sich 
ergeben. Und es wurde angedeutet, wie das Verfolgen dieser Richtungen durch die in ihnen 
selbst lebende Seele diese zur Anerkennung der ubersinnlichen Wesenheit des Seelischen 
fiihrt.» - Und unmittelbar darunter druckt der Verleger ab: «J. Zangwills Ghettoschriften so- 
eben vollstandig erschienen. Autorisierte Ausgaben deutsch durch Dr. Hanns Heinz Ewers.» 

Solche verlegerische Unverschamtheit mufi sich ein heutiger Schriftsteller gefallen lassen, 
denn unsere Zeit ist dahin gekommen, nichts mehr anzuerkennen von dem, was wirklich 
guter Geschmack und das geistige Leben erfordern. 

Ich bemerke noch, dafi ich in der Vorrede an einer bestimmten Stelle einige Worte ge- 
schrieben hatte, rechtfertigend, warum ein skizzenhafter Ausblick auf die Anthroposophie 
dieses Buch schliefit. Da findet sich der Satz: «Nun versucht die Betrachtung, die in dem Buche 
zum Ausdruck kommt, zu erweisen, dafi manche Losungsverhaltnisse in der Philosophic der 
Gegenwart dahin arbeiten, in dem inneren Erleben der Menschenseele etwas zu finden, das in 
solcher Art sich offenbart, dafi ihm im neueren Weltbilde der Platz von der Naturerkenntnis 
nicht streitig gemacht werden kann. Wenn es des Verfassers dieses Buches philosophische 
Anschauung ist, dafi das in dem Schlufikapitel Dargestellte von Seelenerlebnissen spricht, . . .» 
und so weiter. Ich bemerke ausdriicklich: Die Wendungen, die ich gebrauche, sind erarbeitet. 
Uber eine Zeile habe ich oftmals stundenlang nachgesonnen. Es stand nicht unbeabsichtigt da 
«Wenn es des Verfassers dieses Buches philosophische Anschauung ist . . .». Als ich die Korrek- 
turbogen bekam, wurde mir zugleich angedeutet, dafi diese Wendung nicht grammatikalisch 
richtig sei, und der Verleger miisse das andern. Ich mufite dazumal alle moglichen telefoni- 
schen Gesprache mit dem Verleger fiihren, im Auto zu ihm hinfahren und so weiter. Es steht 
ja jetzt so da, wie es dazustehen hat, aber ich mufite das alles machen, um meinen Text zu 
erobern. 

Daraus ersehen Sie wohl, wie notwendig es ist, dafi mit der Geisteswissenschaft so ernst 
gemacht wird, dafi das, was sie tun will, auch wirklich eingefuhrt wird in das unmittelbare 
Leben. Nicht aus irgendwelchen eigensiichtigen Granden, sondern weil es notwendig war, 



brauchten wir den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag; weil es notwendig ist, Geistes- 
wissenschaft wirklich in das Leben einzufuhren. 

Dies ist, wenn auch ein kleines, so doch auch ein Kapitel zur Charakterisierung unserer 
Zeit, zur Charakterisierung der notwendigen Forderungen unserer Zeit. Wenn es uns gelingt, 
durch unseren Bau auch noch zu den Menschen der Gegenwart so zu sprechen, dafi aus diesen 
Formen heraus auch das asthetische Gewissen der Menschen erregt werden wird, dann ist so 
manches getan. Das war nur in Parenthese gesagt. 

Ich sagte, fur Goethe gilt ein anderes als fur Homer. Aber es gilt dieses andere aus demsel- 
ben Grunde, mochte ich hinzufiigen. Lernen wir denn Homer etwa durch irgend etwas besser 
kennen als durch seine Dichtungen, trotzdem er nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende 
hinter uns liegt? Lernen wir ihn denn nicht dadurch viel besser kennen, als es durch alle 
Dokumente moglich ware? Ja, das Zeitalter Homers war in der Lage, solche Werke hervorzu- 
bringen, durch die in der Seele der wahre Homer deutlich geschaut werden kann. Unzahlige 
Beispiele konnten angefiihrt werden; eines aber sei nur angefuhrt, das zugleich so zusammen- 
hangt mit den tiefsten Impulsen jenes Umschlages des Weltenwerdens in der Homerischen 
Zeit, wie wir selber es wiederum jetzt erhoffen, wenn wir das Umschlagen der materiali- 
stischen Kultur zur anthroposophischen ersehnen. Wir wissen ja, dafi im ersten Gesang der 
Iliade von dem Gegensatz zwischen Agamemnon und Achilles gesprochen wird. Treffend 
werden die Stimmungen bei Agamemnon und Achilles vor Troja geschildert. Wir wissen 
auch, dafi der zweite Gesang damit beginnt, dafi die Griechen sich allzu lange vor Troja liegen 
fuhlen und sich nach Hause sehnen, wissen auch, dafi Homer die Sache so darstellt, als ob die 
Gotter als die leitenden gottlich-geistigen Machte fortwahrend eingriffen. Wie Zeus eingreift, 
wird im Beginne des zweiten Gesanges der Ilias geschildert. Es wird geschildert, wie die Gotter 
auf dem Olymp und auch die Griechen unten so gemiitlich schlummern, dafi Herman 
Grimm, der geist voile Mann, darauf hindeutet, man hore ordentlich das Schnarchen der Hera. 
Nun heifit es im Beginne des zweiten Gesanges weiter: 

«Alle nunmehr, die Gotter und gaulgeriisteten Manner, 
Schliefen die ganze Nacht; nur Zeus nicht labte der Schlummer: 
Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er Achilleus 
Ehren mocht', und verderben der Danaer viel' an den Schiffen. 
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste: 
Einen tauschenden Traum zu Atreus' Sohne zu senden. . . .» 

Also Zeus beschliefit, dem Agamemnon in der Nacht einen tauschenden Traum zu senden. 

«Und er begann zu jenem, und sprach die gefliigelten Worte:» 

Also Zeus sprach zum Traum die folgenden Worte: 

«Eile mir, tauschender Traum, zu den riistigen Schiffen Achaias; 
Gehe dort ins Gezelt zu Atreus' Sohn Agamemnon, 
Ihm das alles genau zu verkiindigen, was ich gebiete. 
Heifi' ihn rtisten zur Schlacht die hauptumlockten Achaier 
All' im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der Troer 
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses 
Sei'n die olympischen Gotter; bewegt schon habe sie alle 



Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben. 
Jener sprach's,» 

- also Zeus zum Traume - 

«und der Traum, sobald er die Rede vernommen, 
Eilte hinweg, und kam zu den riistigen Schiffen Achaias. 
Hin nun eilt' er, und fand des Atreus Sohn Agamemnon 
Schlafend in seinem Gezelt; ihn umflofi der ambrosische Schlummer. 
Jener trat ihm zum Haupt', an Gestalt dem Sohne des Neleus 
Nestor gleich, den hoch vor den Altesten ehrt' Agamemnon.* 

Zeus sendet also herunter vom Olymp den Traum zu Agamemnon. Er gibt dem Traum 
den Auftrag, den wir eben vernommen haben. Der Traum nahert sich Agamemnon unter der 
Gestalt des Nestor, des einen der Helden, der nach Troja mitgezogen war. 

«Nestor gleich, den hoch vor den Altesten ehrt' Agamemnon! 
Dessen Gestalt nachahmend begann der gottliche Traum so: 
Schlummerst du, Atreus' Sohn, des feurigen Rossebezahmers? 
Keinem Richter gebiihrt's, die ganze Nacht zu durchschlummern, 
Dem zur Hut sich die Volker vertraut, und so mancherlei obliegt. 
Auf, nun hore mein Wort: ich komm', ein Bote Kronions, 
Der dich sehr auch feme begiinstiget, dein sich erbarmend. 
Riisten heifit er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier 
AH' im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer 
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses 
Sei'n die olympischen Gotter; bewegt schon habe sie alle 
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben 
Her von Zeus. Du merk' es im Geiste dir, dafi dem Gedachtnis 
Nichts entfallt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachst.» 

Also das ist es, was geschieht: Zeus, der Lenker der Ereignisse, sendet einen Traum zu Aga- 
memnon, damit dieser sich aufraffen soli zu einer neuen Tat. Der Traum erscheint in der Ge- 
stalt des Nestor, eines Mannes, der neben Agamemnon unter den Helden ist, die mitgezogen 
sind. Agamemnon steht also der Gestalt des Nestor gegeniiber, und Nestor, den er gut kennt 
seiner physischen Gestalt nach, sagt ihm im Traum, was er tun soil. Und weiter wird uns 
bedeutet, dafi Agamemnon die Fiirsten versammelt, bevor er die Volker versammelt. Und 
den Fiirsten erzahlt er den Traum, aber richtig so, wie er ihn vernommen hat: 

«Freunde, vernehmt: ein gottlicher Traum erschien mir im Schlummer 
Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen Nestor 
War an Wuchs und Grofi' und Gestalt er wunderbar ahnlich. 
Dieser trat mir zum Haupt und redete, also beginnend: 
Schlummerst du, Atreus' Sohn, . . .» 

und so weiter. Also den Fiirsten erzahlt Agamemnon, was der Traum zu ihm gesagt hat. 
Keiner der Fiirsten steht auf, nur Nestor, der wirkliche Nestor, steht auf und sagt die Worte: 



«Freunde, des Volks von Argos erhabene Fiirsten und Pfleger, 
Hatte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzahlet, 
Lug wohl nennten wir ihn, und wendeten uns mit Verachtung. 
Doch ihn sah, der den Ersten vor allem Volke sich riihmet. 
Drum wohlan, ob vielleicht zu riisten gelingt die Achaier!» 

Schauen wir nicht unendlich tief in Homers Seele hinein, wenn wir - mit den Mitteln der 
Geisteswissenschaft - wissen konnen, anschauen konnen, dafi er uns so etwas erzahlen kann? 
Haben wir nicht vor ein paar Tagen davon gesprochen, wie das, was wir in der geistigen Welt 
erleben, sich in Bilder kleidet, und daft wir erst die Bilder zu deuten haben, dafi wir uns durch 
die Bilder nicht beirren lassen sollen? Homer, der in einer Zeit sprach, als das alte atavistische 
Hellsehen gerade verloren ging, wollte in Agamemnon einen Menschen schildern, der noch 
in, ich mochte sagen «Lebensepisoden» das alte atavistische Hellsehen erleben konnte, der 
selbst zu seinen Entschliissen als Feldherr noch durch das alte Hellsehen, durch den Traum 
gefiihrt werden konnte. Wenn wir den Blick auf Homer richten und auf das, was er da schil- 
dert, erinnern wir uns daran, dafi die Menschenseele da am Wendepunkte einer Zeit steht. 
Aber wir erkennen noch mehr. Homer schildert nicht nur in Agamemnon eine Menschen- 
seele, in die noch atavistisches Hellsehen hineinragt - und wir erkennen nicht nur die ganz 
sachgemafie Schilderung dieses Hellsehens -, sondern auch wunderbar, wie magisch beleuch- 
tet, mochte man sagen, die ganze Situation: Homer lafit Agamemnon ausdrucklich schildern, 
dafi Nestor ihm erschienen sei, Nestor, der dabeisitzt und selber redet. So deutlich schildert 
der wahre Dichter. Aber nun gehen wir weiter. Agamemnon hat die Fiirsten versammelt und 
ihnen seinen Traum erzahlt, Nestor hat gesprochen, daft man das tun solle, was der Traum 
befiehlt. Die Volker kommen herbei, aber Agamemnon redet zu den Volkern ganz anders, als 
es im Sinne des Traumes ist. Er redet, daft es jammervoll sei, so lange schon vor Troja zu lie- 
gen: Wir sehnen uns nach Hause, wir wollen zu den Schiffen -, und so weiter, sagt er ihnen. 
Er redet so, daft alle die aufierste Begierde erfafit, zu den Schiffen zu laufen, um nach Hause zu 
fahren. Und Odysseus' Uberredungskunst bedarf es erst, um zu bewirken, daft die Volker 
zuriickkehren und wirklich nun den Kampf gegen Troja beginnen. 

Man sieht da in Homers Seele hinein. Man sieht, daft er in Agamemnon den ersten Men- 
schen schildert, der den Ubergang findet von einem Menschen, der noch aus dem alten Hell- 
sehen heraus geleitet wird, zu jenem Menschen, der aus eigenen Entschliissen heraus handelt. 
Und so fiihrt er uns mit einem iiberwaltigenden Humor zuerst den Agamemnon vor, wie er 
unter dem Eindruck des Traumes zu den Fiirsten spricht, und nachher den Agamemnon, der 
das iiberwindet, der Abschied genommen hat von dem Traum, und der, indem er zum Volke 
spricht, nur unter dem Eindruck des Aufteren steht. Wir sehen da, wie Agamemnon heraus- 
wachst aus der alten Zeit und in die neue Zeit hiniibertritt, wo er nun auf die Spitze des eigenen 
Ich gestellt ist. Wie wunderbar schildert das Homer! Er will uns sagen: So mufi eine solche 
Seele den Ubergang finden, die vom alten Hellsehen hinweggefuhrt wird und aus Entschliissen 
handelt, die aus der menschlichen Intelligenz hervorgehen, also aus dem, was wir Verstandes- 
oder Gemutsseele nennen, die wir ja vor allem den alten Griechen zuzuschreiben haben. Weil 
Agamemnon, der geschildert wird als eine Gestalt des Uberganges, die von der Zeit des alten 
Hellsehens schon in die neue Zeit iibergeht, etwas recht Widerspruchsvolles tut - indem er 
einmal aus dem hellseherischen Traum, das andere Mai aus seinem Ich heraus spricht -, des- 



halb mufi Homer im weiteren Fortgang der Ereignisse den Odysseus zu Hilfe nehmen, der 
nur aus Intelligenz, also durch den Einflufi der Verstandesseele, die Entschliisse fafit. Es stofien 
hier zwei Epochen zusammen, und wir konnen nur bewundern, wie sachgemafi Homer das 
schildert. 

Und nun frage ich Sie: Kennen wir nun Homer von einer gewissen Seite aus, wenn wir 
einen solchen Zug kennen? Gewifi, wir kennen ihn dadurch so, wie wir ihn kennen miissen, 
wenn wir die Weltgeschichte richtig verstehen wollen, und wie wir sie nie und nimmer ken- 
nenlernen konnten, wenn wir noch so viele aufiere Dokumente hatten. Das ist aber nur ein 
Zug. Viele konnten angefiihrt werden, und es wiirde die Gestalt des Homer richtig vor uns 
stehen; wir wiirden so mit ihr umgehen konnen, wie wir niemals mit ihr umgehen konnten, 
wenn wir es zu tun hatten mit einer Personlichkeit, die uns nur durch aufiere Dokumente 
bekannt geworden ist. Man versuche nur einmal sich klar zu machen, was man von der grie- 
chischen Geschichte kennt. Wenn man aber auf diese Weise an Homer naher herankommt, 
dann kennt man Homer bis zu seiner Nasenspitze hin, mochte ich sagen. Im Grande genom- 
men gab es Menschen, die Homer so kannten, bevor die Ungezogenheit der Philologie an- 
brach und das Bild getriibt hat. Man kennt so Sokrates aus der Schilderung des Plato und des 
Xenophon; man kennt so Plato selber und Aristoteles; sogar Phidias kennt man. Und wenn 
man diese Gestalten so vor sich hat, dann entsteht ein Bild des Griechentums auf dem physi- 
schen Plan, das man zu einer geistigen Geschlossenheit erweitern kann. Man mufi allerdings 
Geisteswissenschaft zu Hilfe nehmen. Wie durch die Sonne Licht gebracht wird in die Land- 
schaft, so werden uns durch die Geisteswissenschaft beleuchtet die plastischen Gestalten des 
Homer, ja sogar auch die des Sokrates, des Plato, des Aschylos, Sophokles, Phidias und so 
weiter. 

Nun versuchen wir einmal Lykurg, Solon, versuchen wir Alkibiades zu betrachten. Wie 
stehen sie da, wenn man die griechische Geschichte betrachtet? Wie richtige Gespenster. Wer 
von der menschlichen Individuality etwas versteht, der mufi sagen, dafi sie wie Gespenster in 
der Geschichte dastehen. Denn die Ziige, die sie schildern, sind so abstrakt, so einseitig, dafi 
sie ganz gespensterhaft dastehen. Nicht weniger gespensterhaft sind die Gestalten der spateren 
Zeiten, die nur durch aufiere Dokumente zu einem historischen Dasein gekommen sind. 

Ich sage das alles, damit wirklich eine Anzahl Seelen sich findet, die nach und nach die 
Moglichkeit haben zu erkennen, zu verstehen und zu durchdringen, wie es notwendig ist, dafi 
ein neuer Einschlag, ein neuer Impuls in unsere Menschheitsentwickelung hereinkommen 
mufi, auch bei demjenigen, was viele Menschen fur so feststehend halten, dafi ein Riitteln dar- 
an ihnen wie eine Torheit erscheint. Dazu brauchen wir aber vieles, vieles. Wir brauchen dazu 
das, was man nennen kann den Willen, in die Wahrheitszusammenhange der Welt einzudrin- 
gen, und wir brauchen Urteilskraft, um einzusehen, dafi diese Wahrheitszusammenhange 
nicht so ohne weiteres an der Oberflache der Dinge liegen. Es ist unendlich wichtig, dafi wir 
in dieser Beziehung vom Leben lernen. Denn viel, viel mehr als man glauben kann, tritt der 
Irrtum in die Weltentwickelung, in die Menschheitsentwickelung ein durch oberflachliches 
Haften an aufieren Tatsachenzusammenhangen, die wirklich - so wie sie uns entgegentreten 
in der Weise, wie ich es anfangs hier geschildert habe - die Wahrheit nur verhiillen konnen. 

Gerade auf philosophischem Felde hoffe ich, dafi namentlich durch die Art der Darstellung 
im zweiten Bande der «Ratsel der Philosophie» mancher die Moglichkeit gewinnt, wirklich 
den Zusammenhang einzusehen, der besteht zwischen der philosophischen Grundlegung der 



Weltanschauung, wie sie gegeben ist in meinem Buche «Die Philosophic der Freiheit», und 
der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, wie sie gegeben ist in meiner «Geheimwissen- 
schaft im Umrifi». Wenn auf der einen Seite von uns gesucht wird eine Darstellung der geisti- 
gen Welten, wie sie der hellseherischen Erkenntnis sich darbieten, so mufi auf der anderen 
Seite hinzutreten zur Entgegennahme dieser Darstellungen die Erkenntnis, dafi der Mensch 
der Wahrheit nicht unmittelbar in der Welt gegeniibertritt, sondern sie sich erst erringen 
mufi. Die Wahrheit ergibt sich nur dem strebenden, dem arbeitenden, dem durch seine eigene 
Kraft in die Tiefe der Dinge dringenden Menschen, nicht dem Menschen, der die Dinge so 
hinnehmen will, wie sie sich als halbe Wahrheiten zunachst darbieten. Solch eine Sache 
ist leicht ausgesprochen in dieser abstrakten Form, aber immer wieder und wiederum ist 
unsere Seele geneigt, abzukommen von dem Tiefernehmen desjenigen, was eigentlich ge- 
meint ist. 

Ich glaube, dafi es jetzt schon manchem verstandlich sein konnte, der versucht hat, in die 
Geisteswissenschaft einzudringen mit all den Mitteln, die sie dargeboten hat, wie zum Beispiel 
in unserem Bau versucht wird, durch den Zusammenklang der Saulen und ihrer Motive und 
allem iibrigen, was gegeben ist in den Formen, der Seele etwas zu iiberliefern, wodurch die 
Seele befahigt wird, hinauszukommen iiber das, was unmittelbar da ist. Wenn die Seele be- 
ginnt zu erleben, was in den Formen des Baues lebt, dann werden der Seele die unmittelbaren 
Formen verschwinden, und durch das, was in den Formen lebt, durch die Sprache der For- 
men, wird gefunden werden der Weg der Seele hinaus in die weiten Spharen des Geistigen. 
Dann wird unser Bau seinen Zweck erreichen. Aber um das zu finden, mufi wirklich noch 
mancherlei vom Leben erlernt werden. 

Meine lieben Freunde! Ist es nicht im Grunde genommen unser aller, die wir hier gerade 
zum Zwecke unseres Baues versammelt sind, merkwiirdiges Karma, an dem erschutternden 
Ereignis des Todes von Theo Faifi den Zusammenhang von Karma und scheinbarem aufieren 
Zufall zu erfahren? Wenn wir alles, was wir in unserem anthroposophischen Bestreben bisher 
erfahren haben, zu Hilfe nehmen, dann konnen wir schon verstehen, dafi Menschenleben, die 
friih hinweggenommen werden, die nicht die Sorgen und mancherlei Bekiimmernisse des 
Lebens durchgemacht haben, und die noch unberiihrt vom Leben wieder himibergingen, dafi 
solche Menschenleben Krafte sind innerhalb der geistigen Welt, die zum gesamten menschli- 
chen Leben in einer Beziehung stehen, die da sind, um auf dieses gesamte menschliche Leben 
zu wirken. Oftmals sagte ich: die Erde ist nicht da als ein blofies Jammertal, wohin der Mensch 
aus den hoheren Welten heraus gleichsam zur Strafe versetzt ist, sondern die Erde ist da als 
Lehrstatte fur die Menschenseelen. Wenn aber ein Menschenleben friih endet, wenn eine 
Menschenseele nur eine kurze Lehrzeit hatte, dann bleiben eben Krafte, die sonst auf den 
physischen Leib verwendet worden waren, um aus der geistigen Welt herunterzustromen 
und fortzuwirken. Nicht nur dafi wir durch die Geisteswissenschaft iiberzeugt werden von 
der Ewigkeit der Seele und von ihrem Gang durch die geistige Welt, sondern wir lernen auch 
das Bleibende in der Wirkung einer solchen geistigen Kraft kennen, wenn ein Mensch dem 
physischen Leibe entrissen wird, wie der gute Knabe, der uns jetzt entrissen wurde fur den 
physischen Plan. Und wir ehren, wir begehen seinen physischen Hinweggang in wiirdiger 
Weise, wenn wir in der angedeuteten und noch in mancherlei Hinsicht von dem in den letz- 
ten Tagen Erlebten lernen, recht, recht viel lernen. Anthroposophie lernt man fiihlend und 
empfindend erleben. Dann schauen wir, wenn wir so uns einem solchen Fall gegeniiber- 



stellen, in richtiger Weise in jene Spharen hinauf, in die versetzt worden ist die Seele des 
Kindes, dessen Leib wir heute der Mutter Erde iibergeben haben. 

Dasjenige, was jetzt von vielen anthroposophischen Seelen hinausgeschickt wird zu Men- 
schen, die ihre Personlichkeit zum Opfer bringen, das darf mit einer kleinen Veranderung auch 
zu den fur den irdischen Plan Toten gesprochen werden. Denn auch sie erreicht die Bitte, die 
wir also sprechen. Diese Bitte gilt Lebendigen, sie gilt auch Toten. Und wenn wir iiberzeugt 
sind, dafi die Seele die Korperhiillen schon verlassen hat, dann sprechen wir das Mantram, das 
wohl die meisten der hiesigen Freunde kennen, mit einer kleinen Anderung, mit der kleinen 
Anderung, mit der ich es jetzt nachsenden werde dem lieben, guten Theo, seiner Seele, wie sie 
in Spharen als Spharenmensch weiterlebt: 

Geist seiner Seele, wirkender Wachter 

Deine Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Deiner Hut vertrautem Spharenmenschen; 

Dafi mit Deiner Macht geeint 

Unsere Bitte helfend strahle 

Der Seele, die sie liebend sucht. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite:19 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 18. Oktober 1914 

Unser Dornacher Bau sollte von imseren Freunden empfunden werden in der Universalitat 
seines Stils. Dazu ist es allerdings notwendig, dafi unsere Freunde versuchen, alles dasjenige, 
was wir im Laufe der Jahre aus geisteswissenschaftlicher Forschung an unsere Seelen heran- 
gebracht haben, in Empfindung zu verwandeln, so dafi wir dazu kommen, aus innerer 
Empfindung heraus die Formen unseres Baues wie universelle und damit auch vieldeutige 
Schriftzeichen zu erfassen. 

Als ich das letzte Mai hier sprach, machte ich aufmerksam auf die Art, wie sich uns Hand- 
haben ergeben fur ein universelles Empfinden der Menschheitsevolution. Ich machte darauf 
aufmerksam, wie wir in Homer eine Ubergangsgestalt empfinden konnen, wie wir in ihm 
empfinden konnen den Ubergang von alten Zeiten, wo noch alles in der Menscheitsentwicke- 
lung und Menschheitskultur gebaut war auf ein gewisses Hellsehen, zu derjenigen Zeit, in der 
wir selbst leben, und in die hineinstrahlte mit dem ersten Glanze, der von ihm ausgehen sollte, 
das Mysterium von Golgatha. 

Ich sagte, dafi Homer in Agamemnon und Achilles Gestalten geschaffen hat, in denen er 
zeigte, wie das alte hellseherische Erkenntnisleben des Menschen iibergeht in ein anderes, 
neues Empfinden, Denken, Anschauen, Wollen und auch Handeln. 

Im Grunde genommen ist alles, was in der Zeit seit dem Aufbliihen der vierten nachatlanti- 
schen Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit, mit uns vor sich gegangen ist, und auch 
dasjenige, was bei den verschiedenen Volkern als heutiges Strebensziel sich herausgebildet hat, 
nur zu verstehen, wenn man es auffafit als ruhend auf dem Grunde der alten hellseherischen 
Kultur. 

Gewifi ist vieles neu erarbeitet worden im vierten nachatlantischen Zeitraum und in dem 
Teile des fiinften nachatlantischen Zeitraumes, den wir durchlebt haben. Aber in den Grund- 
impulsen desjenigen, was da lebt im vierten und fiinften nachatlantischen Zeitraum, ist noch 
immer lebendig, deutlich zu fiihlen - fur den, der es nur fiihlen will -, was aus alten Zeiten 
heriibergekommen ist. 

Es ist nicht so leicht, ohne weiteres dieses uralte Grund- und Erbgut der menschlichen Ent- 
wickelung aus der Oberflache der Geschichte zu erkennen. Aber wenn man sich darauf einlaik, 
ein wenig auf das hinzublicken, was in der menschlichen Natur mehr oder weniger unbewufit 
so waltet, dafi es eingeht in die neuere Entwickelung, so merkt man iiberall, wie diese neuere 
Menschheit, die den fiinften nachatlantischen Zeitraum ausfullt, man mochte sagen, in den 
Nerven und im Blute hat, was aus der ersten nachatlantischen, der urindischen Kulturepoche, 
aus der zweiten, der urpersischen, aus der dritten, der agyptisch-babylonisch-chaldaischen 
Kulturepoche, und namentlich aus der vierten, der griechisch-lateinischen Kulturepoche her- 
iiberkommt in unsere Zeit. Alles das, was sich in diesen Kulturepochen zugetragen hat, was 
die Menschheit sich erarbeitet hat, das ist in der aufieren Menschheitsgeschichte weniger zu 
verfolgen; aber aus den Menschheitscharakteren, aus der Art, wie die Menschen denken und 
fiihlen miissen - «miissen» sage ich -, da ist es herauszufiihlen und zu empfinden. Der Mensch 
der fiinften Kulturepoche, in der wir leben, ist so, dafi in seinen Nerven, in seinem Blute, in 



seinem atherischen und in seinem astralischen Leibe enthalten ist, was er als Erbgut aus alten 
Zeiten erhalten hat. Es lebt in ihm. Es lebt als Empfindung, als Grundimpuls in ihm. Dazu 
hat er aufgenommen dasjenige, was aus den hoheren Welten kommt. 

Da wir in der Zeit leben, in der das Ich sich entwickelt, in der Zeit, in der die aufiere Ver- 
standeskultur tonangebend sein mufi, in der die aufiere Philosophic herrschen muS, so begeg- 
net das, was von oben, von der Lenkung und Fiihrung der geistigen Welten in die Impulse der 
Menschen in der physischen Welt kommt, nur geringem Verstandnis. 

Und wollen wir fur unser, ich mochte sagen, dynamisches Gefiihl durch ein Zeichen an- 
deuten, wie sich die modernen Menschen, die Menschen der funften nachatlantischen Kultur- 
periode in die Gesamtentwickelung der Menschheit hineinstellen, dann konnen wir, um es 
mit ein paar Strichen anzudeuten, dieses Zeichen wahlen (das untere Zeichen von Figur 1 wird 
an die Tafel gezeichnet), darstellend eine von unten nach oben wirkende Kraft, das fur das Ge- 
fiihl tatsachlich alle diejenigen Impulse veranschaulicht, die der Mensch im Blute und in den 
Nerven, im atherischen und im astralischen Leibe tragt, herriihrend aus der der ersten nach- 
atlantischen Kulturepoche vorangehenden Epoche. 

Und in einer von oben heruntergehenden Kraft, in einem von oben heruntergehenden Im- 
pulse konnen wir andeuten dasjenige, was in der eigenen Intuition mit einer aus der geistigen 
Welt kommenden, aber geringeren Kraft herunterwirkt als das, was der Mensch aus alten 
Zeiten in sich tragt (das obere Zeichen von Figur 1 wird an die Tafel gezeichnet): 




Zu Figur 1 
siehe S. 33 



Eine Leitlinie, um zum Verstandnis desjenigen zu kommen, in dem wir darinnen leben, 
gibt uns ja unsere geisteswissenschaftliche Forschung. Wir brauchen nur daran zu denken, 
wie versucht worden ist, aus dieser geisteswissenschaftlichen Forschung heraus zu erkennen, 
wie die tonangebenden Volker der funften nachatlantischen Kulturepoche in den Impulsen 
ihrer Kultur die verschiedenen Seelenglieder des Menschen darleben; wir brauchen nur daran 
zu denken, wie zum Beispiel die Volker, welche die italienische und die spanische Halbinsel 
bewohnen - als Volker, nicht als Individuen, das ist wiederholt schon hier auseinandergesetzt 
worden -, in ihre Kultur hereinnehmen alles, was mit der Empfindungsseele zusammenhangt, 
so dafi also dasjenige, was wir als Charakter der Empfindungsseele fiihlen, in den Volkern 
vorzugsweise lebt, welche die italienische und die spanische Halbinsel bewohnen. Diese Vol- 
ker stellen gewissermafien eine spezielle Fortbildung jenes Hauptprozesses dar, der durch 
dieses Zeichen angedeutet ist (das untere Zeichen von Figur 1). Sie zeigen zunachst in einer 



gewissen Weise konkreter, scharfer ausgebildet dasjenige, was in den Impulsen des Blutes und 
der Nerven, des atherischen und astralischen Leibes in dem vorhin angedeuteten Sinne lebt. 
Man mochte sagen, alles, was heriiberkam aus uralten Zeiten, das kommt in diesen Volkern 
und ihren Grundimpulsen so zum Ausdruck, dafi die von unten nach oben strebenden Krafte 
eine deutlichere Gestalt annehmen. Etwas noch Unorganisches, blofi Dynamisches hat dieses 
untere Zeichen; darin sind die Impulse des fiinften nachatlantischen Zeitalters erst an- 
deutungsweise enthalten. 

Wollen wir nun das Spezielle der Volker der italienischen und der spanischen Halbinsel ins 
Auge fassen, so miissen wir uns klar dariiber sein, dafi sie das, was an Impulsen im Blut, in den 
Nerven, im atherischen und astralischen Leibe lebt, spezieller, konkreter ausbilden, um be- 
wufit die neue Zeit entgegenzunehmen, aber sie tun dies mit der Kraft des Alten. Kurz, wir 
kommen dazu, den speziellen Impuls, der von unten nach oben geht bei diesen Volkern, da- 
durch anzudeuten, dafi wir dieses Zeichen (das untere in Figur 1) mehr ausbilden, dafi wir es 
gleichsam blutenhaft nach oben sich offnend gestalten, und dafi wir in dem, was aus der geisti- 
gen Fuhrung von oben kommt, gleichsam mehr nur andeuten dasjenige, was in dem Auffas- 
sungsvermogen gerade dieser Volker in bezug auf das Obere lebt. (Im Verlauf der weiteren 
Ausfiihrungen wird nach und nach Figur 2 an die Tafel gezeichnet, siehe Seite 33.) 



Diese Volker gehen noch wenig ein auf das, was wir mit dem Zeichen hier (das obere in 
Figur 2) ausgedriickt haben, aber sie nehmen in vollen Ziigen alles dasjenige heriiber, was die 
Empfindungsseele aus der alten Zeit herubernehmen kann. Sie nehmen heriiber alle die Ge- 
heimnisse der alten Formen, ich mochte sagen, die Geheimnisse der alten kunstlerischen 
Schriftzeichen. Das mufi man [in der Zeichnung] andeuten, indem man wie eine erneute Gabe 
von oben kommen lafit alles dasjenige, was sich hereingestaltet in die Formen aus friiheren 
Zeiten. Man mochte sagen: Alles, was im Charakter dieser Volker lebt, ruht wie auf einer 
Saule, so dafi es ausgedriickt wird durch dieses Zeichen, das ich als zweites Zeichen auf die 
Tafel hingezeichnet habe (siehe Figur 2, Seite 33). 

Alles dasjenige, was wir so aus der Geisteswissenschaft erkennen, mufi sich bewahrheiten 
in den Tatsachen der aufieren Welt, wenn wir sie iiberschauen. Und wir miissen sie iiber- 
schauen, wenn wir im richtigen Sinne Geisteswissenschaft aufnehmen wollen. Aber wir miis- 
sen erst uns zum Herzen und zur Seele fiihren, was die Geisteswissenschaft sagt, und dann an 
die Welt die Frage richten, ob das, was die Geisteswissenschaft sagt, wirklich in der Welt reali- 




Zu Figur 2 
siehe S. 33 



siert, verwirklicht ist. Das heifit: Wenn Geisteswissenschaft sich bewahrheiten sollte in dem 
angedeuteten Sinne, miifiten wir in der aufieren Kultur der Volker dasjenige finden, was vor- 
zugsweise in der Empfindungsseele lebt; wir miifiten in der Kultur der Volker der fiinften 
nachatlantischen Zeit eine Art Wiederauferstehung desjenigen finden, was in friiheren Zeiten 
schon vorhanden war, und was die genannten Empfindungsseelenvolker in sich auspragen. 
Als Wiederholung miifiten wir also finden, was in der agyptisch-babylonisch-chaldaischen 
Zeit lebte, aber neu geboren, wie es unserer Zeit entspricht. 

Nun, was lebte denn in den agyptisch-babylonisch-chaldaischen Volksseelen? Ein Hingege- 
bensein an die aufiere Welt, wie es dem Charakter der Empfindungsseele entspricht, ein Hin- 
gegebensein an die Sterne. Und in dem Verhaltnis der Sterne, die ruhend im Weltall sind, zu 
den Wandelsternen, den Planeten, empfand man etwas wie eine eingeborene wirklich hehre 
Astrologie. Man schaute hinaus in das Weltengebaude und fand in dem, was die Sterne 
ausdriickten, dasjenige, was Geheimnis des seelisch-geistigen Geschehens war. 

Nun sollte der erste Teil der Kultur der fiinften nachatlantischen Epoche aus der Seele heraus 
wiederholen, was in dieser Empfindungsseelenkultur lag. Wir konnten also erwarten, wenn 
wir in dem, was uns die Geisteswissenschaft andeutet, einen Leitfaden zu Recht bestehen 
hatten, dafi innerhalb der Volksgemeinschaft der italienischen und der spanischen Halbinsel 
irgend etwas auftritt, was auf der einen Seite den Empfindungsseelencharakter der agyptisch- 
chaldaischen Epoche ausdriickt, auf der anderen Seite aber der Verinnerlichung entspricht, 
die durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Gleichsam miifiten wir etwas erleben, 
was neu erschafft die alte spirituelle Astrologie, jetzt aber angewendet auf das Innerliche, auf 
die menschliche Seele. Wir miifiten, indem wir die einfachen Formen der agyptisch-chaldai- 
schen Kultur anschauen, spezielle bliitenhafte Formen hervorgehen finden, so dafi verwirk- 
licht waren in diesem Zeichen (Figur 2, unten) die aufstrebenden Impulse, die der Mensch 
zeigt, und in dem oberen Zeichen dasjenige, was aus den Sternen, das heifit aus der geistigen 
Welt hereinkommt. Es miifite etwas geben innerhalb der Kultur der siidlichen Volker, was 
uns eine «verseelischte» Kultur darstellte, eine uns wiedergebrachte agyptisch-babylonisch- 
chaldaische Astrologie, aber durchseelt, von Seele erfiillt. 

Meine lieben Freunde, es ist selbstverstandlich, dafi Sie alle an dasjenige denken, was im 
vollsten Sinne das gibt, von dem ich jetzt gesprochen habe. Es ist nichts anderes, als was Dante 
in der «G6ttlichen Kom6die» niedergelegt hat. Dante ist der Geist, der das Agyptisch- 
Chaldaische «verseelischt», durchseelt wieder auferweckt hat. 

Leicht wird es Ihnen sein, dasjenige, was in der fiinften nachatlantischen Zeit zusammen- 
hangt mit den Grund- und Urimpulsen der alten Zeiten, als saturnisch zu bezeichnen. (Das 
Wort «saturnisch» wird zu Figur 1 an die Tafel geschrieben, siehe Seite 33.) Der Grundzug 
alles Zusammenhanges der Kulturen in der fiinften nachatlantischen Periode mit den alten 
Kulturen tragt den saturnischen Charakter. Das Saturnische arbeitet sich aus den Grund- 
impulsen der Menschenseele heraus und empfangt von oben die Impulse, durch die gerade 
die Empfindungsseelenkultur, die Kultur der Verstandes- und Gemiitsseele und des Ich 
erspriefien konnen. 

Und weiter wird es Ihnen leicht sein, das nachste Zeichen (Figur 2) als sonnenhaft zu be- 
zeichnen. (Das Wort «sonnenhaft» wird zu Figur 2 an die Tafel geschrieben, siehe Seite 33.) 
Ich habe eben das Sonnenhafte in einem wichtigen Impuls der lateinisch-italienischen Kultur, 
bei Dante, angedeutet. Wir brauchen nur hinzuzufiigen, wie Italien das Mutterland ist von 



allem Formenhaften, von allem Sonnenhaften, das durch die Empfindungsseele an den Men- 
schen herankommen mufi. Wir konnten sogar erwarten, dafi ein Denker mit einem ganz be- 
stimmten Charakter auftreten miifite innerhalb dieser Kultur, der aus unbewufiten Impulsen 
heraus so spricht, dafi man sich an dieses Sonnenhafte erinnert. Wir konnten dies ganz natiir- 
lich finden aus dem Leitfaden der Geisteswissenschaft heraus. 

Es konnte zum Beispiel ein Philosoph aufstehen, der - auch wenn er vielleicht philoso- 
phisch sich nicht klar ware iiber den Impuls, der in seiner Seek ist, ihn aber fiihlt und sich von 
ihm beherrschen lafit -, der da sagte: Auch das aufiere staatliche Leben mufi so eingerichtet 
werden, dafi das Sonnenhafte der Kultur dieses aufiere Staatsleben durchstrahlt. - Eine Emp- 
findung davon konnte in einem Philosophen leben, so dafi er spricht von dem Sonnenhaften 
dieser Kultur, selbst im aufieren sozialen Zusammenleben der Menschen. Wir brauchen uns 
dariiber nicht zu wundern, wenn wir das finden. Campanella hat eine philosophische Schrift 
geschrieben, die er betitelt hat «Der Sonnenstaat». 

Sie werden sich immer mehr und mehr iiberzeugen, dafi alles, jedes Einzelne, mit dem zu- 
sammenstimmt, was die Geisteswissenschaft herunterholt aus den geistigen Hohen, und dafi, 
wenn man das Leben wirklich verstehen will, man es auf keine andere Weise verstehen kann, 
als indem man es durchleuchtet mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft. 

Gehen wir weiter, so kommen wir zu derjenigen Kultur, welche wir nach den Ergebnissen 
der Geisteswissenschaft bezeichnen miissen als die Kultur der Verstandes- oder Gemiitsseele, 
die sich in der funften nachatlantischen Kulturperiode vorzugsweise im Gebiete des heutigen 
Frankreich entwickelt hat. Dieser Kultur war es beschieden, in einem konkreteren Sinne, als 
das friiher der Fall war, namentlich als es der Fall war in irgendeinem Punkte der kalienisch- 
spanischen Kultur, das aufzunehmen, was von oben kommt und gerade dadurch die Verstan- 
des- oder Gemiitsseele zu grofierer Ausbildung, zu bestimmter Bliite zu bringen. Will man fur 
diese Kultur ein richtiges Zeichen haben, so miifite man dieses Zeichen so charakterisieren: 

Hier (Figur 3, links) eine Form for das, was von oben kommt, und hier eine Form for das, 
was von unten kommt. Die Verstandes- oder Gemiitsseelenkultur, welche vorher in abstracto 
vorhanden war, wird in concreto ausgelost und erweist sich als besonders geeignet, dieses 
Obere aufzunehmen. 



Wer das Charakteristische der franzosischen Kultur auf seine Seele wirken lafit, der findet 
wirklich, wie diese Kultur sich besonders anschickt, das aufzunehmen, was griechisch-latei- 
nische Kultur war, der findet, wie die vierte nachatlantische Kulturepoche in der franzosischen 




Zu Figur 3 
siehe S. 33 



Kultur wieder auflebt. Man mochte sagen, sie traufelt hinein in diese franzosische Kultur und 
durchzieht sie, wie eine Fliissigkeit, die in einen Kelch hineintraufelt. 

So geht die spanisch-italienische Kultur in die franzosische iiber, doch so, dafi in der franzo- 
sischen die griechische Kultur wieder auflebt. Ich glaube nicht, dafi man fur den Ubergang der 
spanisch-italienischen Kultur in die franzosische ein besseres Zeichen finden kann als dieses, 
das man abgeschlossen sein lafit von links und rechts durch solche Linien (Figur 3, rechts). 

Derjenige, der nun die Frage aufwerfen wiirde, ob das, was aus den Leitlinien der Geistes- 
wissenschaft heraus sich ergibt, auch in der aufieren Wirklichkeit sich zeigt, kann sich leicht 
eine Antwort verschaffen, wenn er ein wenig auf die wirklichen Verhaltnisse eingeht. Aller- 
dings ist es notwendig, gerade bei solchen Dingen zu betonen, dafi, wer iiber diese Sachen 
urteilen will, auf der Grundlage der Tatsachen urteilen mufi, nicht auf Grand vorgefafiter 
Meinungen. 

Das mufi heute in unserer Zeit immer wieder betont werden, aus dem Grunde, weil jeder- 
mann iiber jedes urteilen will, mit Aufierachtlassung der Tatsachen, deren Kenntnis man sich 
nur schwer im Leben aneignet. Wer aber den ganz eigentiimlichen Charakter einsehen will, 
mit dem das griechische Wesen einstromt in das Wesen der franzosischen Kultur, dem rate ich 
zu studieren, wie die Gestalt des Odipus eingezogen ist in die franzosische Dichtung, wie der 
Odipus des Sophokles wieder auflebt in den Odipusdichtungen von Corneille und Voltaire. 
Bis in Einzelheiten kann man bestatigt finden, was ich jetzt gesagt habe. Aber nicht nur an 
diesem einzigen Beispiel kann man es bestatigt finden; es konnten viele Beispiele angefuhrt 
werden. Man mufi sich aber darauf wirklich einlassen. 

Allerdings besteht die Tatsache, dafi man in den meisten Ausgaben von Corneilles Werken 
die Odipusdichtung gar nicht mehr findet, und dafi man auch bei Voltaire dieses Werk nicht 
mehr wurdigt. Wer aber diese Werke studiert, der wird finden, dafi die Umformung der Odi- 
pusdichtung durch Corneille und Voltaire das Wiederaufleben der griechischen Zeit in der 
franzosischen Kultur bedeutet. 

Man wird finden, dafi bei Sophokles dasjenige in seine Heroendichtung hereingenommen 
ist, was in der griechisch-lateinischen Kulturepoche noch lebte vom alten Hellsehen, wahrend 
bei Corneille und bei Voltaire alles einfach ganz und gar menschliche Seelenangelegenheit 
geworden ist. Man mufi dabei ganz davon absehen, ob einem der Odipus des Sophokles sym- 
pathischer ist als das, was spater daraus geworden ist. Man mufi rein auf die Umwandlung 
hinsehen, die dabei eingetreten ist. Man mufi allerdings beachten, dafi diese Umwandlung 
darauf hintendiert, den Odipus ganz aus der personlichen Seelennatur des Menschen in der 
neueren Zeit wieder herauszugebaren. 

Ich sagte, von dem Unsympathischen mufi man absehen. Davon wird also abgesehen. Da- 
bei kann man aber ganz objektiv darauf hinweisen, dafi uns bei Corneille und bei Voltaire ein 
Neues in der Odipusdichtung entgegentritt. Bei Sophokles erscheint uns die Odipusgestalt 
wie hineinverwoben in ein allgemein-menschliches Schicksal, das wir nur mit den Worten be- 
zeichnen konnen, mit denen der Dichter ein solches grofies, gigantisches Schicksal bezeichnet: 
dafi es den Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt. Der Zauberhauch, der von 
Sophokles' Odipus ausgeht, riihrt eben daher, dafi man empfinden kann in dieser Dichtung 
das Volkergeschicke-Lenkende der geistigen Welten, die da eingreifen in das Menschenge- 
schick, so dafi es die Menschen nicht durchschauen, nicht durchdringen konnen, und es ihnen 
als herbste Ungerechtigkeit erscheinen mag, was die Gotter iiber die Menschen ergehen lassen. 



Man kann sich vorstellen, dafi jeder Grieche etwas davon empfand, wie unerforschlich ihm 
das Geschick ist, in dem selbst der Wille der Gotter unerforschlich ist. Jeden Augenblick kann 
jeden einzelnen dasselbe Schicksal treffen wie diesen Odipus. Unerforschlich bleibt das 
Schicksal. 

Dieser Zauberhauch der Sophokleischen Odipustragodie, der aus ihr herausweht, ist in ein 
Personlichstes hineingekommen bei Corneille und bei Voltaire. Der Ubergang ist gemacht 
bei Corneille; vollig ausgepragt ist die Sache bei Voltaire. Haben wir doch in dem Odipus- 
drama des Voltaire eine Ausgestaltung, die als antike Gestaltung ganz undenkbar gewesen 
ware, den Prinzen Philoktet, den Hausfreund, der den ehelichen Zweibund zu einem Dreieck 
abschliefit. Jokaste kannte den Philoktet schon vor ihrer Ehe; die Sache spielte weiter, bis sie 
eine interessante Witwe geworden war und dann ihren eigenen Sohn, den Odipus, heiratete. 
Das alles sind personliche Verhaltnisse, wie sie im antiken Drama unmoglich sind. 

Aber wir konnen weiter gehen; wir konnen zu durchdringen versuchen alles dasjenige, was 
die grofien franzosischen Dichter durchseelte, und wir werden finden: Die Heriibernahme 
des griechischen Elementes ist doch deutlich ausgesprochen, wie in der Dichtung, so auch in 
der franzosischen Poetik. Wissen wir doch, wie noch Lessing seine Studien anstellte iiber die 
Art und Weise, wie die franzosische Dichtung ein asthetisches Prinzip von den grofien Grie- 
chen in bezug auf ihre Poetik heriibergenommen hat; wissen wir doch, wie dieses asthetische 
Prinzip als die Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung bei Corneille, Racine und 
Voltaire eine Rolle spielt. 

Nur derjenige versteht die franzosische klassische Dichtung, welcher das Heriiberstrahlen 
des alten Griechengeistes in die franzosische Dichtung ins Auge fafit. Und wollen wir die 
Leitlinien, die uns die Geisteswissenschaft gibt, recht anschaulich in dieser Kultur verwirklicht 
finden, dann konnen wir es, wenn wir die Frage aufwerfen: Wo tritt uns eigentlich das Wesen 
gerade dieser franzosischen Kultur am ausgepragtesten entgegen? Wo ist es unerreicht? Wo 
bringt es seinen hochsten Gipfel hervor? Allerdings mufi man viel Objektivitat aufwenden, 
wenn man sich diese Fragen richtig beantworten will, und zur Objektivitat ist der heutige 
Mensch wenig aufgelegt, insbesondere in unserer Zeit. Aber der hochste Gipfel der fran- 
zosischen Kultur sind fur den, der die Dinge objektiv ansieht, Molieres Schopfungen. Was 
auch durch Corneille und Racine oder auch in der neueren franzosischen Kultur erreicht 
worden ist, demgegeniiber sind die Schopfungen Molieres eine Vollkommenheit, die nicht 
wieder erreicht werden kann. Mag sich irgendeine Kultur auch dem Glauben hingeben, dafi 
das gleiche durch eine andere Volksart erreicht werden konne, so mufi objektiv gesagt werden: 
in anderer Art gleich Vollkommenes gewifi, auch Vollkommeneres, aber in dieser Art nicht. 
Wenn man behaupten wollte, dafi das Eigentiimliche von Moliere, der aus der Verstandes- 
oder Gemiitsseele herausgeborene Charakter des Moliere, wieder erreicht werden konnte, 
oder auch nur irgendwie ein Anklang daran erreicht werden konnte, so ware das ein Irrtum. 
Da ist der Gipfel des Wesens derjenigen Kultur, die aus der Verstandes- oder Gemiitsseele 
herausquillt. 

Molieresche Komik ist, man mdchte sagen, «Komik per se», «Komik an sich», und unmog- 
lich ist es, sie innerlich, geistig zu verstehen, wenn man nicht sich klar ist dariiber, dafi die 
Verstandes- oder Gemiitsseele darin waltet, so waltet, wie sie in dieser Eigenart eben nur ein- 
mal walten konnte. Denn alles, was im Laufe der Menschheitsentwickelung entsteht, kommt 
in seinem charakteristischen Punkte nur einmal vor. So wie man niemals in einem Leben 



zweimal achtzehn oder fiinfundzwanzig Jahre alt wird, so wird in der Menschheit niemals 
zweimal herausgestaltet, was in einer reprasentativen Personlichkeit so zur Ausgestaltung 
gekommen ist wie in Moliere. 

Das alles kann man empfinden aus diesem Zeichen (Figur 3, Seite 33). 

Meine lieben Freunde, wenn wir uns jetzt hier etwas unterbrechen und hinweisen auf das- 
jenige, was in meinem Vortragszyklus iiber die Volksseelen in bezug auf die europaischen 
Volksseelen der fiinften nachatlantischen Kulturepoche gesagt worden ist, so konnen wir uns 
neue Fragen in demselben Stile aufwerfen, Fragen, welche damit zusammenhangen, dafi wir 
auseinandergesetzt haben, wie die mitteleuropaische Kultur die Kultur des «Ich» ist. 

Wenn diese mitteleuropaische Kultur die Kultur des Ich ist, so wird sie in eine ahnliche 
Beziehung treten zu den anderen Kulturen, von denen wir gesprochen haben, wie das Ich im 
Menschen in Beziehung steht zu der Empfindungsseele, zur Verstandes- oder Gemiitsseele 
und zur Bewufitseinsseele. Auch da miifite uns das Geleit geben, was durch die Geisteswissen- 
schaft angedeutet wird. Wenn die italienische Kultur dasjenige reprasentiert, was durch die 
Empfindungsseele aufgenommen wird, dann miifite sie ein gewisses Verhaltnis haben zur 
Kultur des Ich, zur mitteleuropaischen Kultur; das heifit, diese mitteleuropaische Kultur, die 
vorzugsweise aus dem Ich heraus wirkt, mufite angewiesen sein darauf, so in die Empfin- 
dungsseele unterzutauchen, so mit ihr auszuleben, sich von ihr befruchten zu lassen, wie dies 
beim Einzelmenschen mit dem Ich und der Empfindungsseele der Fall ist. 

Nehmen wir das Verhaltnis des Ich zur Empfindungsseele beim Menschen. Das Ich, das die 
Impulse der eigenen Innerlichkeit enthalt, mufi untertauchen in die Empfindungsseele, sonst 
bleibt es unbefruchtet von dem, was von der Aufienwelt, durch die Formen auf dasselbe 
wirken kann. Der Mensch mufi in seine Empfindungen immer wieder untertauchen. Es mufi 
eine Auseinandersetzung stattfinden zwischen den empfindungsgemafien Impulsen und 
dem Ich. Demgemafi diirfen wir erwarten, dafi die Angehorigen der Ich-Kultur Mitteleuropas 
suchen werden einen lebendigen Zusammenhang mit der Kultur der Empfindungsseele des 
Siidens; sie werden suchen Erweiterung nach aufien in politischer, aber auch in hoherer 
geistiger Beziehung. 

Man schlage die Geschichte der Staufer auf, schlage auf, was sich abspielt zwischen dem, 
was in Mitteleuropa als staufische, als ghibellinische und welfische Impulse vorhanden ist, 
schlage auf, was man erzahlt von den fortwahrenden Ziigen der sachsischen und staufischen 
Herrscher nach Italien. Man betrachte dieses ganze Leben Mitteleuropas mit Italien, und man 
hat genau das Leben der Empfindungsseele mit dem Ich. 

Man kann aber weiter erwarten, dafi die Ich-Natur aus dem Charakter des Menschen heraus 
Formen hervorbringe, die in der Kunst auftreten; man mufi erwarten von der Ich-Natur 
knorrige, charakteristische Formen, die mehr aus dem Ich heraus geformt sind. Man findet 
diese Formen bei Holbein und bei Diirer. Aber bei Diirer findet man sie erst nach seinem 
Aufenthalt in Italien, wo seine Kunst durch die Begegnung mit der italienischen Empfin- 
dungsseelenkultur befruchtet worden ist. 

Gehen wir bis in die neuere Zeit, iiberall finden wir dieselbe Erscheinung. Von Goethes 
Reise nach Italien bis zu Cornelius und Overbeck und bis in unsere Tage hinein: uberall haben 
wir die Auseinandersetzung zwischen der Ich-Kultur und der Kultur der Empfindungsseele. 

Dasjenige, was sich zwischen Mitteleuropa und Italien abspielt, ist ein Abbild dessen, was 
sich zwischen dem Ich und der Empfindungsseele des Menschen abspielt. In alien Einzelheiten 



gibt uns der Gang der aufieren Entwickelung recht, wenn wir ihn priifen gemafi den Leitlinien 
unserer geisteswissenschaftlichen Forschung. 

Nun sehen wir auf die Beziehung, welche zwischen dem Ich-Teile der Seele und der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele besteht. Da miissen wir erwarten, dafi auch im aufieren Leben 
dasjenige auftritt, was sich im Inneren der Menschennatur zeigt zwischen dem Ich und der 
Verstandes- oder Gemiitsseele. 

Die Beziehung zwischen dem Ich und der Empfindungsseele ist so, dafi das Ich untertaucht, 
man mochte sagen, kritiklos untertaucht in der Empfindungsseele, daft es sich von der Emp- 
findungsseelenkultur befruchten lafit. 

Es ist ganz selbstverstandlich, dafi die Beziehung zwischen der Ich-Kultur und der Kultur 
der Verstandes- oder Gemiitsseele einen Charakter annehmen mufi, der mehr eine Verstandes- 
ausseinandersetzung, man mochte sagen, eine Kopfauseinandersetzung ist. Denn die Ver- 
standes- oder Gemiitsseele ist dasjenige Glied der menschlichen Seele, welches das Denken 
in seinen Dienst stellt - versuchen Sie, sich eine Vorstellung von deren Charakter aus 
meiner «Theosophie» zu verschaffen -, sie ist zugleich dasjenige Glied der menschlichen Seele, 
in dem das Ich wiederum aufgeht, mit dem das Ich um seiner selbst willen sich auseinander- 
setzen mufi. 

Wir miissen also erwarten, dafi eine innige Beziehung besteht zwischen Verstandesseelen- 
kultur und Ich-Kultur. Fur diese Beziehung im Menschen kann man sich keine entsprechen- 
dere Gestalt denken - es ist selbstverstandlich, dafi man es nicht kann, aber man mufi es doch 
sagen, weil man dadurch auf das aufmerksam wird, worauf es ankommt -, man kann sich kei- 
ne entsprechendere Gestalt denken als den mitteleuropaischen Philosophen Leibniz und sein 
Verhaltnis zur franzosischen Kultur. Leibniz, der in seinem Gedankencharakter so unmittel- 
bar mitteleuropaisch ist, der alles, was er von aufien annimmt - zum Beispiel von Giordano 
Bruno, der so ganz die italienische Empfindungsseele in sich tragt - ins Mitteleuropaische 
iibertragt, Leibniz schrieb in franzosischer Sprache; er gestaltete vieles in seiner Philosophic 
so, wie es die Form der franzosischen Sprache erfordert. 

Wir sehen auch eine solche Auseinandersetzung zwischen der Ich-Kultur und der Verstandes- 
seelen- oder Gemiitsseelenkultur, wenn wir bei Lessing die eigentiimlichen Auseinandersetzun- 
gen verfolgen in seiner «Hamburgischen Dramaturgies Wir sehen da die Auseinandersetzung 
zwischen dem, was Lessing anstrebt, und dem, was im Franzosentum herriihrt vom Grie- 
chentum, wovon er sich frei machen will. Lessing polemisiert; er entfaltet eine Verstandesaus- 
einandersetzung. Das ist ein genaues Abbild der Auseinandersetzung zwischen dem Ich und 
der Verstandes- oder Gemiitsseele. Die ganze «Hamburgische Dramaturgie» Lessings wird 
erst richtig verstanden, wenn man sie so versteht. 

Und noch etwas anderes, das man heute geneigt ist zu iibersehen: Es hangt die Gestaltung, 
welche die aufieren Verhaltnisse in Mitteleuropa genommen haben, vielfach zusammen mit 
dem Aufstreben des Preufiischen Staates. Und wer wollte das Aufstreben des Preufiischen 
Staates nicht in Zusammenhang bringen mit Friedrich dem Grofien? Von ihm aber mufi gesagt 
werden, dafi er mit alien Fibern an Frankreich hing und vieles von der franzosischen Kultur 
heriibergenommen hat. Er sagte, dafi er Voltaire fur eine grofiere Personlichkeit ansahe als 
Homer. Die deutsche Kultur sah er noch als etwas halb Barbarisches an. Kultur strebte er an 
durch Auseinandersetzung mit dem Franzosentum, und in dieser Auseinandersetzung lebt 
Friedrich der Grofie im Grande genommen als ein politischer Reprasentant der Ich-Kultur. 



Man versteht manches nicht am Preufientum, wenn man den Blick nicht lenkt auf die Aus- 
einandersetzung Friedrichs des Grofien mit dem Franzosentum. 

Das alles ist bedeutsam fur das Verstandnis der Ich-Kultur, in ahnlicher Art wie das Ver- 
standnis der Verstandes- oder Gemiitsseele bedeutsam ist fiir das Verstandnis des Ich, was 
schon angedeutet ist in meiner «Theosophie». 

Es ware im hochsten Grade zu wiinschen, dafi gerade heute die realen Unterlagen des Welt- 
geschehens beachtet wiirden, bevor man urteilt, damit jene sonderbare Art des Urteilens, 
die insbesondere heutzutage sich zeigt, wenigstens von einigen Menschen in ihrer ganzen 
Haltlosigkeit, in ihrer Hohlheit und Frivolitat und in dem ganzen liederlichen Zynismus des 
Zeitungs- und Journalwesens erkannt werden konnte. 

Wenn wir versuchen, in der Evolution der Menschheit weiterzugehen, in der Evolution, 
die den funften nachatlantischen Zeitraum betrifft, so kommen wir notwendigerweise zu dem 
Fortschritt in dem Zeichen (Ubergang von Figur 3 zu Figur 4). Dieser Fortschritt kann sich 
im Zeichen dadurch ausdriicken, dafi dasjenige, was in die Verstandesseelenkultur von oben 
kommt, dies machtig ausbildet, so dafi dadurch eine gewisse Abschliefiung gegeniiber dem 
spirituellen Wesen eintritt, was man andeuten konnte dadurch, dafi man einfliefien lafit in 
den Fortgang dieses Motivs oben ein abschliefiendes Motiv. 




Zu Figur 4 
siehe S. 33 



Wahrend also das, was von oben kommt, in einer noch konkreten Weise einstromt, vollig 
ausgepragt den Charakter des funften nachatlantischen Zeitalters angibt, schliefit es sich hier 
oben in gewisser Weise gegen den Charakter des Herabstromens ab. Wir treffen auf die sich 
vorbereitende Kultur der Bewufitseinsseele, die besonders charakteristisch sein mufi fiir den 
funften nachatlantischen Zeitraum. Wahrend die italienische Kultur ein Wiederheriiberneh- 
men ist der agyptisch-chaldaischen Zeit, wahrend die Kultur der Verstandes- oder Gemiitsseele, 
die ihre Bliite hatte in der griechisch-lateinischen Zeit, dem vierten nachatlantischen Zeitraum, 
die die Bewufitseinsseele noch verhiillt hat, einflofi in die franzosische Kultur, kommt man 
jetzt zu etwas, was ganz besonders den Charakter des funften Zeitraumes der nachatlantischen 
Kultur ausdriickt, in der der Mensch ganz auf sich selbst gestellt ist. 

Wie mufi sich diese Kultur der Aufienwelt gegeniiber verhalten? Der Mensch, der auf sich 
selbst gestellt ist, wird Zuschauer, und so wird er dasjenige Verhaltnis zur Welt haben, dafi er 
als Zuschauer tief hineinzuschauen vermag in die Konfiguration der Wesenheiten, in ihren 
Organismus und Mechanismus, um sie von innen heraus zu schaffen, so dafi sie dastehen, 
wie von der Natur selber geschaffen. Eine Zuschauerkultur, eine Kultur des scharfsinnigen 



Zuschauens und Untertauchens in die Wesenheiten finden wir da, so dafi man schildert, 
wie wenn man den Zuschauerstandpunkt hat. Wenn diese Kultur grofi wird, wie wird sie 
dann sein? 

Man braucht nur einen Namen zu nennen: Shakespeare. Er ist grofi, uniibertrefflich als Zu- 
schauer der Welt, und was Shakespeare geschaffen hat, undenkbar ware es in einer friiheren 
Kultur, undenkbar auch in einer spateren, nachfolgenden Kultur. 

Als ich den charakteristisch englischen Philosophen in der ersten Auflage meiner «Welt- 
und Lebensanschauungen» vor funfzehn Jahren zu schildern hatte, habe ich nicht diese Erwa- 
gung zu Hilfe genommen, die ich heute hier gebe; aber ich habe damals ein pragnantes Wort 
gesucht. Sie konnen es finden im zweiten Bande meiner «Ratsel der Philosophies Ich habe ein 
pragnantes Wort fur John Stuart Mill gesucht, das ausdriickte den Grundcharakter seiner Phi- 
losophic Ich habe das Wort «Zuschauer» wahlen miissen, «Zuschauer der Welt». So driickt 
sich wirklich alles dasjenige in der aufieren Wirklichkeit aus, was die Leitlinien der Geistes- 
wissenschaft ergeben. 

Wenn wir nun die andere Frage wieder aufwerfen, die nach der Auseinandersetzung des Ich 
mit der Bewufitseinsseele, ja, da zeigt sich etwas ganz Eigentiimliches. Da konnen wir erwar- 
ten, dafi zwar, weil die Bewufitseinsseele selber das Ich vorzugsweise pflegen und kultivieren 
soil, dasjenige, was das Ich will, ihm vielfach von der Bewufitseinsseele her kommt; wir kon- 
nen erwarten, dafi vieles aus der Bewufitseinsseele in das Ich fliefit; weil aber das Ich seine 
Selbstandigkeit bewahren und schiitzen will, mufi es vieles abwehren. 

Es ist grandios, den Prozefi zu beobachten, wie die neuere Physik durch Newton ihr Ge- 
prage erhalt, und wie sich in Goethe die europaische Ich-Kultur gegen die Bewufitseinsseelen- 
kultur auflehnt. Lesen Sie Goethes Farbenlehre; es ist grandios, wie Goethe da gegen Newton 
auftritt. Darin spiegelt sich der Konflikt des Ich mit der Bewufitseinsseele. 

Im Ich wurzelt gar vieles, was in Mitteleuropa - wie bei Jakob Bdhme - als Spirituelles auf- 
tritt. Das Ich bei ihm findet oft nicht die Worte; die Bewufitseinsseele findet die Worte, findet 
das, was aufierlich wirken kann. Man versuche, ins Auge zu fassen, wie bei Goethe der Gang 
des naturgemafien Werdens der Ich-Kultur in Mitteleuropa aufstrebt. Wie Goethe das findet, 
was man als Ich-Kultur bezeichnen kann, ist nur fur die aufiere Betrachtung nicht sogleich 
begreifbar: Die tiefe Theorie von der naturgemafien Entwickelung vom einfachsten bis zu 
dem hochsten Wesen herauf. Der Mensch seiner Zeit versteht es aber nicht. Da kommt 
Darwin, gebiert dasselbe wieder aus der Bewufitseinsseele, was Goethe aus dem Ich heraus 
gebildet hatte, und alle Welt versteht es, sogar die Ich-Kultur versteht es. 

Will man hindeuten auf das Schauspiel der wahren menschlichen Evolution, so kann man 
es nur, wenn man in der Lage ist, aus den Leitlinien der Geisteswissenschaft heraus die Zu- 
sammenhange zu erkennen. Dasjenige, was in der Menschheitsevolution lebt, das lebt so, dafi 
es sich, Kultur nach Kultur, hinstellt, wie auf den urewigen Saulen der Urgesetze der Mensch- 
heit ruhend. 

Und an diesen Zeichen konnen wir den Fortgang empfinden von dem Saturnischen des 
Grundcharakters der fiinften nachatlantischen Kultur zu dem sonnenhaften Charakter der 
Kultur des italienischen und spanischen Siidens, der noch den Mondcharakter in sich birgt, 
und der sich zu der Marskultur auf der britischen Insel weiterentwickelt (Figur 4, Seite 33). 
Und nicht anders versteht man dasjenige, was man verstehen soil - das Zusammenklingen der 
nachatlantischen Kulturen wie in einem Chore -, als wenn man empfinden kann die Eigen- 



tiimlichkeiten dieser nachatlantischen Kulturen. Denn ganz aus dem Menschenwerden heraus 
soil derjenige empfinden, der mit unserer Geisteswissenschaft lebt. 

Er soil sich iiber seinem Haupte eine Kuppel bilden, die sich erhebt iiber die Formen der 
Empfindungen, die aus dem Verfolgen der Menschheitsevolution an unsere Seele herantreten, 
die uns zeigt, wie die Menschen, wie die Volker zusammenwirken, und wie das ein Bild ist 
wieder des Zusammenwirkens der Seelenkrafte im Menschen selber. Es wird auf die Seele 
wirken, wenn wir mit dem empfindenden Verstandnis unserer Seele in unseren Bau eintreten. 
Denn versucht worden ist gerade an unserem Bau, von allem Personlich-Menschlichen abzu- 
sehen und bei jeder Linie, bei jeder Form dasjenige wiederzugeben, was nicht aus der einzelnen 
personlichen Menschennatur fliefit, sondern was die geistigen Welten offenbaren, wenn sie in 
Formen pragen wollen dasjenige, was geschieht, damit der Mensch den Sinn und die Bedeu- 
tung des Geschehens empfinden konne. 

Man mufi ja sagen, dafi die Welt heute noch weit, recht weit davon entfernt ist, in lebendige 
Empfindung umzuwandeln dasjenige, wovon auch heute wieder gesprochen worden ist. Denn 
dazu ist notwendig, dafi die Geisteswissenschaft eine immer weitere und weitere Ausbreitung 
erfahre; dazu ist notwendig, dafi ein neuer Baustil, der zusammenhangt mit den Geheimnissen 
der Weltordnung - wie im Stil unseres Baues einer versucht worden ist -, immer mehr und 
mehr verstanden werde. Unser Bau kann naturgemafi nur ein schwacher Anfang sein, nicht 
mehr. Unbewufit lebt bei einzelnen Menschen mehr oder weniger dennoch dasjenige, was 
Material geben kann zu einem solchen Verstandnis von dem Zusammenklingen der einzelnen 
Kulturen, namentlich der lebendigen Kulturen in der funften nachatlantischen Zeit. 

Daher darf doch gar manches auch in unserer heutigen leidensvollen Zeit mit einer gewissen 
Erhebung begriifit werden, weil wir ja aufsuchen miissen in dem, was gegenwartig an den Tag 
tritt, dasjenige, was etwas verspricht fur eine wahre, nicht tatenlose, aber energische Friedens- 
kultur, die nur verstanden werden kann, wenn angestrebt wird das gegenseitige Verstandnis 
der konkreten Inhalte der einzelnen Volkskulturen. 

Wenn auch weit hinter dem geisteswissenschaftlichen Ideal bleibt, was wirklich in dem 
blofi egoistischen Zusammenhang mit dieser oder jener Volkskultur besteht, es ist doch mit 
einer gewissen Befriedigung zu begriifien, wenn einige Einsicht sich bildet in das,^was das 
Verbindende ist, denn das ist das wirklich Schopferische. 

Deshalb darf neben mancherlei, was so schmerzlich an uns herantritt, auch anderer Stim- 
men gedacht werden, die erfreulich sind, weil sie zeigen, dafi auch derjenige die Geisteswissen- 
schaft wiirdigen kann, der aufierhalb unseres Kreises steht. Von der Geisteswissenschaft wollen 
gegenwartig wohl noch wenige Menschen etwas wissen. Aber wie ich bei Herman Grimm 
angedeutet habe, dafi bei ihm Sehnsucht nach der Geisteswissenschaft da ist, so kann ich das 
auch von anderen andeuten. 

Von den mancherlei Stimmen mochte ich nur eine anfuhren. Als es sich darum handelte, 
dafi die Jugend einer mitteleuropaischen Universitat zum Teil in den Krieg ziehen, zum Teil 
zu Hause bleiben sollte, da sprach ein mitteleuropaischer Universitatslehrer beherzigenswerte 
Worte, die verdienen, bekannt zu werden, weil sie, obwohl ohne Kenntnis der Geisteswissen- 
schaft, Impulse von Hoffnung und Sehnsucht verraten fur den gegenseitigen Verkehr der Vol- 
ker, wie er einstmals wird kommen miissen. Er sagte: «Ihr werdet erfahren, dafi nichts die 
gebildete Seele inniger fur die Schonheit stimmt, als die Anstrengung in heroischen Taten. Ihr 
werdet erfahren, dafi nichts sie besser zu neuen Anstrengungen ruft und stahlt, und dafi es 



keine reinere Verbindung von Seele zu Seele gibt als in dem heiligen Reich der Schonheit. 
Ja, wenn dann als die fiirchterlichste Folge dieses Krieges ein Volkerhafi zuriickbleiben mufi, 
wie noch keiner war, Ihr werdet in der Feindschaft nicht die Liebe fur die bessere Seele des 
Feindes vergessen. Ihr kampft einen guten Kampf fur die Wahrheit. Ihr braucht die Verhet- 
zung und Verleumdung der Verirrten nicht. Unter den guten Geistern der deutschen Bildung 
werdet Ihr Shakespeare als Gast empfangen und wissen, dafi, wie er der Unsere ist, so viel 
vom englischen Gedanken unwiderruflich zu unserer Geisteswelt gehort. Ihr werdet Euch er- 
innern an das edle Ringen des franzosischen Geistes um die feinste asthetische Kultur. Ihr 
werdet daran denken, wie Rufiland in unserer Zeit zugleich seinen Homer und seinen Shake- 
speare bekam in Tolstoi und Dostojewskij. Der russische Staat freilich brachte auch diesen 
beiden grofiten Sohnen Rufilands nur Leiden und manchmal unmenschliche Verfolgung. Wie 
wiirden sie auf diese Entwicklung der Zeiten blicken! Aber es spricht durch sie, unvergefilich 
in seiner Innigkeit und Schlichtheit, das ewige Evangelium von dem Volke Gottes, dem Reich 
der helfenden Menschenliebe. Der Sinn des Krieges liegt in dem Frieden, zu dem er fuhrt. 
Tragt als Krieger den hohen Sinn des kommenden Friedens in Euch, dafi der Volkerhafi den- 
noch in einem neuen Reich der Liebe ende. Dies ist die tiefste deutsche Art, in allem, was 
Menschenantlitz tragt, und in jeder Volksart eine eigene Gestalt der Menschheit und in ihr 
eine Offenbarung Gottes zu lieben. Das Reich der verstehenden Menschenliebe ist das Reich 
des deutschen Geistes.» 

Diese Worte hat der Universitatslehrer Eugen Kuhnemann am 18. August 1914 gesprochen, 
Worte, die er seinen in den Krieg ziehenden Studenten mitgegeben hat. Es ist ein erfreulicher 
Ausdruck in dieser grofien Zeit, in der man so vieles Unerfreuliches und Schweres erlebt; es 
ruht in diesen Worten ein grofies Verstandnis fur Shakespeare, der auch der unsrige ist, so dafi 
englische Gedanken zu unserer Geisteswelt ebenso gehoren wie auch die franzosische Geistes- 
kultur. Es ist darin betont, was Tolstoi, Dostojewskij fur die neue Geisteskultur bedeuten; es 
ist besser, solches zu betonen, als das, was man so oft heute von anderer Seite hort. 

Moge gerade solche Gesinnung in unseren Tagen nicht entschwinden! Und vielleicht 
konnten gerade unsere Freunde etwas dafur tun, darauf hinzuweisen, dafi es doch auch eine 
solche Gesinnung gibt, und dafi, wie ich betonen darf, eine solche Gesinnung in Mitteleuropa 
gar nicht so sehr zu den Seltenheiten gehort. 

Ich werde jetzt diese Betrachtungen abschliefien und auf die weitere Evolution - iiber Mit- 
teleuropa und den russischen Geist -, wie sie sich ausdriickt in unseren Saulen, morgen um 
sieben Uhr zu sprechen kommen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite: 3 2 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 19. Oktober 1914 



Wenn wir in der Betrachtung der Evolution der europaischen Kulturen in der funften nachat- 
lantischen Kulturperiode nun weiterschreiten, so kommen wir zu derjenigen Kulturepoche, 
fur welche sich mir bei der Bearbeitung unserer Saulen das folgende Zeichen ergab: 



Sie kennen dieses Zeichen alle von unseren Saulen her. Dabei ware zu beriicksichtigen, dafi es 
begleitet ist von einem tropfenartigen Motiv hier oben (a). Man kann die Berechtigung dieses 
Zeichens fiihlen, wenn man auf die mitteleuropaische nachatlantische Kultur blickt. Ich sage 
ausdriicklich die mitteleuropaische nachatlantische Kultur; und der Grund, warum ich so 
sage, wird sich aus den Betrachtungen selbst ergeben. 

In dieser mitteleuropaischen nachatlantischen Kulturepoche schliefien sich ja seit vielen 
Jahrhunderten die verschiedensten nationalen Elemente zusammen, und dieses Zusammen- 
schliefien der verschiedenen nationalen Elemente macht es unmoglich, bei dieser mitteleuro- 
paischen Kultur in demselben Sinne von einer «nationalen» Kultur zu sprechen, wie gespro- 
chen werden mufi von einer nationalen Kultur bei den siidlichen und westlichen Volkern 
Europas. 

Wir miissen natiirlich zunachst ins Auge fassen, wenn wir diese mitteleuropaische Kultur 
betrachten, daft sie ja heute so augenscheinlich sich zusammenfugt aus den Volkern zweier 
Staatengebilde. Wohlgemerkt, ich spreche in diesen ganzen Auseinandersetzungen ausdriick- 
lich nicht von Staaten, sondern von Kulturen und deute hier an, dafi sich die mitteleuropai- 
sche Kultur zusammenfugt aus den zwei Staatengebilden: aus dem Deutschen Reich und 
Osterreich. 

Bei Osterreich sehen wir gleich, dafi es geradezu absurd ware, von einem nationalen Staate 
zu sprechen; denn in Osterreich sind die verschiedensten nationalen Kulturen zusammenge- 
fiigt. Das hat sozusagen die Geschichte gemacht, und das osterreichische Leben besteht in der 
Wechselwirkung dieser nationalen Kulturen. Ebenso hat es sich durch die Geschichte ge- 
macht, dafi die Kultur des Deutschen Reiches gewissermafien in einem einheitlichen Gefiige 
erscheint. Allein wenn wir fragen nach der Kultur der Bevolkerung Deutschlands und nach 




der Kultur der deutschen Bevolkerung Osterreichs - die zwar vielfach zusammenhangt mit 
der deutschen Bevolkerung, auch geographisch, aber andererseits wiederum durch machtige 
Gebirge geographisch von ihr geschieden ist -, so miissen wir zunachst fragen nach dem, wir 
konnten sagen «deutschen Elemente». 

Und wenn man innerhalb des deutschen Elementes die Frage aufwerfen wiirde: Was ist 
deutsch? - so wiirde man diese Frage nicht in demselben Sinne aufwerfen konnen wie etwa 
die Frage: Was ist franzosisch? - was ist englisch? - was ist italienisch? - innerhalb der betref- 
fenden Volker. Man kann das aus dem Grande nicht, weil der Angehorige des deutschen 
Volkes, wenn man den Ausdruck durchaus gebrauchen will, im Grunde genommen gar nicht 
weifi - niemals in einem bestimmten Zeitalter weifi -, unter welche Definition er sich eigent- 
lich bringen will. 

Dasjenige, was er zur Not ausdriicken wiirde, wenn er sagte: «Ich bin ein Deutscher», das 
wiirde sich in verhaltnismafiig kurzen Zeitraumen rasch andern, er miifite den Begriff des 
Deutschtums von Zeitalter zu Zeitalter fortwahrend modifizieren. 

Bedeutsam ist es ja, dafi, als in der Bedrangnis Deutschlands Johann Gottlieb Fichte seine 
beriihmten «Reden an die deutsche Nation* hielt, er in zwei dieser Reden nach einem Begriff 
der Deutschheit rang. Also ein Ringen nach einem Begriffe «deutsch» war es, so wie man ringt 
nach Begriff en, denen man ganz objektiv gegeniibersteht, nicht so subjektiv, wie sonst ein 
Volk dem Begriff seiner Nationalist gegeniibersteht. 

Es liegt in dem Streben der Bewohner Mitteleuropas etwas, was eben durchaus als «Streben 
etwas zu werden» bezeichnet werden mufi, und nicht schon als ein «Streben etwas zu sein». 
Also etwas zu «werden» und nicht etwas zu «sein», so dafi in diesem Mitteleuropa der Mensch, 
der sich selbst versteht, sich eigentlich auflehnen miifite dagegen, jemals unter irgendeinen 
Begriff notifiziert zu werden. Er will das, was er ist, eigentlich erst werden; es schwebt ihm 
das, was er werden soil, sozusagen als sein Ideal vor, und deshalb ist der charakteristische Aus- 
druck fur das innerste Streben Mitteleuropas der Faust Goethes. «Wer immer strebend sich 
bemiiht, den konnen wir erlosen», oder auch: «Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 
der taglich sie erobern mufi.» Es ist das Werden im Sein, das niemals stillstehende Sein, das 
Zu-etwas-Hinstreben, das Erblicken in weiter Feme desjenigen, was man eigentlich sein will. 

So konnen wir sagen: Es mufite aus dem «fliissigen» Streben des menschlichen Wesens das- 
jenige Werk hervorgehen, das so charakteristisch ist fur das mitteleuropaische Wesen: eben 
die Goethesche Faust-Dichtung, dieser Goethesche «Faust», der im Grunde genommen trotz 
all seiner Vollkommenheiten unendlich viel Unvollkommenes an sich hat, der kein in sich ab- 
geschlossenes, ganz abgerundetes Kunstwerk ist. Dieser «Faust» konnte im Grunde genommen 
in einer spateren Epoche wieder geschrieben werden, und er konnte ganz anders geschrieben 
werden und wiirde dennoch das Wesen des mitteleuropaischen Menschen ausdriicken. Wenn 
man gerade dieses im Faust ausgedriickte Wesen auf sich wirken lafit, dann kommt man dazu, 
in dem aufstrebenden Ich das Wesen der mitteleuropaischen Menschheit zu sehen, schlangen- 
umwunden. Schlangenumwunden! Das heifk, strebend in der noch unentschiedenen Weisheit, 
strebend in der sich bildenden Weisheit, strebend in der werdenden Weisheit, niemals im 
Grunde genommen in irgendeiner Sicherheit der Abgeschlossenheit seines Wesens lebend, ist 
der mitteleuropaische Mensch. 

«Da steh' ich nun, ich armer Tor, 
Und bin so klug als wie zuvor.» 



Und dann der Hinaufgang des Faust in die geistige Welt am Schlusse des zweiten Teils. 
Man mochte sagen, durch Goethe wird Faust ein «G6tterbote». Man kann das gewifi nicht 
anschaulicher ausgedriickt empfinden, als wenn man dem Merkurstab sich gegeniibergestellt 
sieht. 

Aber noch in anderer Weise ist gerade dieses deutsche Element dasjenige, das man am besten 
bezeichnen kann damit, dafi man sagt, seine Glieder sind Boten. Der Bote, der Geistesbote, 
war der Merkur. Man braucht nur hinzusehen auf das, was sich zugetragen hat, und man wird 
finden, wie das deutsche Volk in der Kulturbotschaft seine tiefere Aufgabe hat. 

Auf einzelne Erscheinungen darf ich dabei aufmerksam machen. Betrachten wir in bezug 
darauf gerade die Kultur Osterreichs. Wenn man in den osterreichischen Staat, in dieses merk- 
wiirdige, komplizierte Staatsgebilde hineinsieht, lernt man drei Volkersplitter, konnte man 
sagen, kennen, die als solche jetzt grofitenteils verschwunden oder im Verschwinden begriffen 
sind: die Bewohner des nordlichen Ungarn, in der Zipser Gegend, gewisse Bewohner Sieben- 
biirgens, gewisse Bewohner der unteren Theifigegend, des Banates. Was waren das fur Leute? 
Das alles waren Leute, die in friiheren Jahrhunderten aus mehr westlichen Gegenden ausge- 
wandert sind, Leute, die von dort ihr deutsches Denken, ihre deutsche Sprache mitgebracht 
haben. Ein solcher Volkersplitter hat sich siidwarts der Karpaten im nordlichen Ungarn ange- 
siedelt: man hat sie in meiner Jugend noch die Zipser Deutschen genannt; sie sind heute zum 
grofien Teil untergegangen im Magyarentum. Sie haben das, was sie waren als Volkssubstanz, 
fast vollstandig aufgegeben, aber es lebt diese Volkssubstanz im Magyarentum weiter. Sie ist 
nicht verschwunden, sie lebt weiter in einer grofien Anzahl von Impulsen, die im Magyaren- 
tum vorhanden sind; aber auch in der emsigen und fleifiigen Arbeit, welche die Leute von 
Nordungarn geleistet haben. Sie haben keinen Anspruch erhoben, etwas Besonderes zu sein 
neben den umwohnenden Volkerschaften, sie haben sich im Grunde genommen nicht 
gewehrt gegen die Hinopferung des Deutschtums. 

In Siebenbiirgen sind die Siebenbiirger Sachsen. Die stammen urspriinglich vom Rhein. Ich 
habe sie selber noch kennengelernt im Jahre 1889, als ich einen Vortrag hielt in Hermann- 
stadt. Sie sind heute im Begriff, vom Magyarentum aufgenommen zu werden, geradeso wie 
die Zipser Deutschen. Die Volkssubstanz lebt weiter, sie geht auf im mitteleuropaischen 
Wesen, aber die Siebenbiirger Sachsen haben keinen Anspruch darauf erhoben, dafi ihr natio- 
nals Element besonders betont werde. 

Die Leute in der siidlichen Theifigegend, im sogenannten Banat, sind echte ausgewanderte 
Schwaben. Sie sind ausgewandert aus der Gegend des heutigen Wurttemberg. Ganz genauso 
ist es ihnen ergangen wie den Bewohnern der Zipser Gegend; sie waren Boten fur das, was 
jetzt aufgeht in anderer Sprache, in ganz anderer nationaler Form, richtige Boten. Und wenn 
man genauer die Verhaltnisse kennt, weifi man, wie notwendig das Aufgehen dieser Menschen 
in einem mitteleuropaischen Elemente war, damit dieses mitteleuropaische Element fur sich 
gedeihen konnte. 

Ahnliches liefie sich in zahlreichen anderen Fallen anfiihren. Derjenige, der etwas begreifen 
will und nicht blofi nach aufieren Begriffsschablonen urteilen will, der wird durch solche 
Dinge anschaulich dargelegt finden, dafi sie darstellen ein Uberwinden des nationalen Ele- 
mentes, ein Zuriickdrangen des nationalen Prinzipes. Es ist in Mitteleuropa durchaus alles 
darauf angelegt, den Menschen aus dem Nationalen herauszuholen, den «Menschen an sich» 
geltend zu machen. Daher ware es auch lacherlich, den «Faust» einen «Deutschen» zu nennen, 



obwohl er nur in Mitteleuropa entstehen konnte, obwohl er zu den reprasentativen Werken 
Mitteleuropas im wahrsten Sinne gehort. 

Meine lieben Freunde, wenn man solche Auseinandersetzungen wirklich durchschauen 
will, dann mufi man die verschiedenen Verschlingungen ins Auge fassen, die in der Evolution 
der Menschheit stattfinden. Diese verschiedenen Verschlingungen zeigen uns zum Beispiel - 
wenn man das Augenmerk lenkt auf das gestern Gesagte -, dafi in der franzosischen Kultur 
ein Wiederaufleben des griechischen Altertums stattgefunden hat. Natiirlich lebt das griechi- 
sche Altertum in einer gewissen Beziehung auch in der deutschen Kunst, namentlich in der 
deutschen Dichtung auf, und es konnte ganz gut jemand sagen: Lebt denn nicht die griechi- 
sche Iphigenie in Goethes «Iphigenie» wieder auf? Hat denn Goethe nicht eine «Achilleis» 
gedichtet, wenigstens einen Teil? 

Diesen Dingen mufi man durchaus auf den Grand gehen, um sehen zu konnen: Gewifi lebt 
das Griechentum auf in der ganzen funften nachatlantischen Kultur, aber worauf es ankommt, 
ist, dafi es so, wie es gelebt hat in der Kultur der Verstandes- oder Gemiitsseele, wiederum 
auflebt in den Verstandes- oder Gemutsseelen-Elementen des Franzosentums. Es lebt nicht in 
der Denkweise des einzelnen Franzosen, in seiner Individualist, sondern es lebt in der Volks- 
seele, es lebt in der Art des Seins dieser Volksseele. Im einzelnen Franzosen lebt es bewufit 
vielleicht sogar weniger, als beispielsweise in Goethes oder Schillers Anschauung die Meinung 
gelebt hat, dafi das alte Griechentum wieder auftaucht in der franzosischen Kultur. Aber in 
der ganzen Art und Weise, wie die Volksseele wirkt, lebt in der Volksseele des Franzosentums 
ein Wiederauftauchen des alten Griechentums. 

Gewifi, man kann sich auf so etwas berufen, was Voltaire schrieb in einem Briefe vom 
Jahre 1768: «Ich habe stets daran geglaubt, ich glaube und ich werde stets daran glauben, dafi 
Athen, was Tragodien und Komodien anlangt, von Paris in jeder Beziehung iibertroffen wer- 
de. Ich behaupte kiihn, dafi alle griechischen Tragodien wie schiilermafiige Arbeiten aussehen, 
verglichen mit den herrlichen Szenen des Corneille und den vollendeten Tragodien Racines.» 
Man konnte das auch vergleichen mit einem Schreiben Schillers an Goethe, in dem er etwa 
sagt: Da Sie nicht als Grieche und nicht als ein Italiener geboren sind, da Sie geboren sind in 
dieser kalten nordischen Natur, so haben Sie in sich ein ideelles Griechenland erstehen lassen 
miissen. - Aber trotzdem darf man nicht glauben, dafi in Mitteleuropa das Griechentum in 
einer so adaquaten Weise aufgetaucht ist wie im Franzosentum. Wenn man die «Iphigenie» 
nimmt, sieht man, es lebt darin die Sehnsucht nach dem Griechentum. Goethe glaubte die 
Kunst anders verstanden zu haben, nachdem er sie in Italien erlebte - und doch: in der «Iphi- 
genie» Goethes lebt etwas ganz anderes als in einem griechischen Kunstwerke. Uber die Art 
und Weise, wie die Dinge kiinstlerisch gestaltet sind, konnte ich viel sagen; ich will aber diese 
Dinge in diesen Vortragen nur andeuten. 

Das Wiederaufleben der Verstandes- oder Gemiitsseele im franzosischen Volke zeigt sich in 
der Art zu leben. Wenn wir Voltaire in seiner Abschatzung der Entwickelungsgeschichte der 
Menschheit betrachten, so erscheint er uns ganz als Grieche. Man hat ja allerdings sich da und 
dort ganz phantastischen Begriffen vom Griechentum hingegeben. Aber wenn man weifi, was 
das Griechentum ist und liest ein kleines Gedicht Voltaires, so fiihlt man, was mit dem Wie- 
deraufleben der griechischen Kultur gemeint ist. Es ist folgendes in dem kleinen Gedichte 
enthalten: «Voll von Schonheiten und von Fehlern - hat der alte Homer meine Hochachtung - 
er ist, wie seine Helden samtlich - geschwatzig, iibertrieben, jedoch erhaben.» 



So hatte ein Grieche selbstverstandlich nicht iiber Homer sprechen konnen, wohl aber in 
dieser Art iiber etwas anderes. Es ist ganz griechische Art. 

Wenn wir fur die mitteleuropaische Kultur nach einem Worte suchen, das wir an die Stelle 
des Wortes «Nationalitat» setzen miissen, so finden wir, schon rein angesichts der geographi- 
schen Notwendigkeit, das Wort «Streben nach Individuality* . Und mit diesem Wort «Streben 
nach Individuality* konnen wir nicht etwa blofi die Deutschen charakterisieren, sondern da 
miissen wir noch eine ganze Anzahl von anderen Volkern zu Mitteleuropa rechnen. Dieses 
Streben nach Individuality haben sie alle in allerhochstem Mafie. Wir finden es - trotz allem, 
was diese Volker aufterlich verschiedenes haben - bei den Tschechen, bei den Ruthenen, bei 
den Slowaken, bei den Magyaren, und wir finden es endlich in dem anderen Pole des Deutsch- 
tums, bei den Polen. Bei ihnen ist alles bis ins Extreme getrieben von der Individuality durch- 
trankt. Daher die so individualistische Weltanschauung bei den grofien polnischen Mannern 
Towianski, Slowacki und Mickiewicz, die ganz aus dem einzelnen Menschen fliefit. Ob die pol- 
nische Philosophic dem einen oder anderen sympathisch oder antipathisch ist, darauf kommt 
es nicht an, die Dinge miissen objektiv genommen werden. Wir konnen jederzeit bei dem, was 
als polnisches Religionselement auftaucht, davon absehen, dafi der Betreffende ein Pole ist. 

Und so ist es bei diesem ganzen Volkerkonglomerat, das die Kultur Mitteleuropas aus- 
macht: als Gemeinschaftliches ergibt sich das Streben nach Individuality. Der polnische Mes- 
sianismus ist nur der andere Pol des Strebens nach Individuality; da ist es mehr abstrakt ge- 
fafit, mehr als philosophisches Ideal hingestellt; aber es ist dasselbe, was im Goetheschen 
«Faust» als strebender Personlichkeitscharakter, als Streben der einzelnen Personlichkeit zum 
Ausdruck kommt. 

Fur alles dieses, was da in Mitteleuropa als das individuelle Element spielt, zeigt sich als 
richtig dieses Zeichen (Merkurstab), 



und dasjenige, was von oben kommt, ist angedeutet in dem zweigliedrigen Motiv dariiber. Es 
mufi zweigliedrig sein, weil auf der einen Seite dasjenige auszudriicken ist, was in diesem Mit- 
teleuropa an Idealismus vorhanden ist und auf der anderen Seite dasjenige, was in praktischem 
Sinne vorhanden ist. Dabei kommt es nicht auf die Grofie an, sondern darauf, dafi das eine 
neben und das andere iiber dem unteren Motiv sich wolbt. 

In dem, was sich iiber dem Merkurstab wolbt, ist ausgedriickt die eigentiimliche, nicht 
starke Art des Zusammenhanges der mitteleuropaischen Volker mit dem Grund und Boden, 
wie sie bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger vorhanden ist. In der Form des Merkur- 




stabes driickt sich aus das gedankenhafte Element Mitteleuropas, das Element, welches zur 
philosophischen Spekulation hinneigt. Man hat ja die Deutschen von seiten einer auswartigen 
Nation einmal so charakterisiert, dafi man diese zwei Elemente in der Charakteristik, wenn 
auch wenig verstanden, darinnen hat. Man hat namlich einmal mit Bezug auf die Deutschen 
gesagt: Die Deutschen konnen das Land bebauen und sie konnen in den Wolken segeln - man 
hat damit nicht Luftballons gemeint, sondern die deutsche Traumerei -, aber sie werden 
niemals die Meere befahren konnen. - Es ist dies ein sonderbares Urteil, wenn man an die 
deutsche Hanse denkt; aber es ist gefallt worden. 

Es traufeln hier herunter (siehe Figur S. 38) die in die Deutschen hineingelegten Anlagen, 
von denen zwei zugleich mitteleuropaische Anlagen sind. 

Im Ich ist dasjenige Element in der Menschenseele gegeben, das vor alien Dingen mit sich 
selbst zurecht kommen mufi. Es wird daher in diesem Ich-Elemente vor alien Dingen ein 
Brodeln und Quirlen in sich selbst geben. Was auch die Deutschen nach aufien an Kriegen 
gefiihrt haben und fiihren werden, die charakteristischen Kriege sind diejenigen, welche Deut- 
sche gegen Deutsche gefiihrt haben, damit im Innern das Ich zutage komme. Wenn man diese 
Kriege verfolgt, dann hat man ein getreues Abbild der Kriege, die im Ich des Menschen selber 
vor sich gehen. 

Ich habe einmal darauf aufmerksam gemacht, dafi des Menschen Ich niemals voll zum eige- 
nen Bewufitsein kommen konnte, wenn es nicht jeden Morgen an der Aufienwelt sich von 
neuem entziindete. Es ist dieser Gedanke an mehreren Stellen meiner Vortrage enthalten. Das 
Ich kommt dadurch zum Bewufitsein, dafi es an der Aufienwelt sich entziindet, sonst ware das 
Ich zwar da, aber es wiirde nicht voll bewufk werden. Alles, was die Leitlinien der Geistes- 
wissenschaft geben liber das, was der Mensch ist, findet seine Bestatigung durch die aufieren 
Tatsachen. 

Die aufiere Konfiguration, die sich die Staaten Mitteleuropas gegeben haben, riihrt in ge- 
wissem Sinne nicht von diesen Staaten selber her, sondern ist von aufien veranlafk. Wenn ich 
zunachst von Osterreich rede, so mufi ich sagen: In meiner Jugend gab es in Osterreich zahl- 
reiche Menschen, die immer davon sprachen, Osterreich, dieses Volkerkonglomerat, miisse 
sich doch bald auflosen; es konne sich nicht halten; es sei reif zur Auflosung. Die Menschen, 
die etwas von der Weltentwickelung verstanden, haben das nicht geglaubt, weil sie wufiten, 
dafi Osterreich nicht nur von innen zusammengehalten, sondern von aufien zusammenge- 
schoben wird. Das lafit sich mit alien Einzelheiten nachweisen in der Geschichte. 

Wenn man dann ganz objektiv von der neuesten Konfiguration des Deutschen Reiches 
sprechen wollte, so miifite man sagen: Die Deutschen haben zwar immer von dem einigen 
Deutschen Reich geredet, sie haben es lange als Ideal vor sich gehabt, aber vielleicht ware es 
heute noch nicht da, wenn nicht 1870 die Franzosen den Krieg erklart und dadurch dazu ge- 
drangt hatten, das Deutsche Reich zu griinden. Es ist tatsachlich von aufien dazu gebracht 
worden, so wie das Ich jeden Morgen sein Bewufitsein an der Aufienwelt entziindet; sonst 
ware es wahrscheinlich als Strebensziel, als Ideal auch heute noch nur in den Gedanken der 
Bewohner vorhanden. 

Alle diese Dinge miissen ganz objektiv erwogen werden, insbesondere von denjenigen, die 
wirklich ganz streng auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen wollen. Nur so kann man 
ruhig und gelassen die Uberschau halten iiber dasjenige, was sich in der fiinften nachatlanti- 
schen Kultur entwickelt. Ich will nur einzelne Leitlinien eben anfiihren, denn das, was ich 



dariiber zu sagen hatte, konnte in fiinfzig Vortragen selbstverstandlich nicht erschopft wer- 
den. Aber jeder einzelne Vortrag wiirde einen neuen Beweis liefern fur die Wahrheit dessen, 
was hier nur mit wenigen Worten angedeutet werden kann. 

So diirfen wir sagen: Der Geisteswissenschafter kann ein Bild der europaischen Kultur 
gewinnen fur das, was ihm als Prototyp des Zusammenwirkens von Empfindungsseele, Ver- 
standes- oder Gemiitsseele, Bewufitseinsseele und Ich vor Augen schwebt. Und es kann als ein 
hohes Ideal vor unserer Seele stehen, dafi wir - durch das, was wir als Geisteswissenschafter 
uber das Zusammenwirken dieser Seelenglieder wissen - wirklich das Unsere dazu beitragen, 
dafi an Stelle dessen, was jetzt als ein Chaos im Zusammenwirken vor uns liegt, dasjenige 
entstehe, was uns als Ideal des Zusammenwirkens auch in bezug auf die menschlichen Einzel- 
seelen erscheinen mufi. 

Das ist aber nur dann moglich, wenn jeder Einzelne sich zur Objektivitat durchringt. Der 
Einzelne, der Mensch, steht hoher als die Nation. In unserer Zeit sind diese Dinge vielfach 
getriibt. Solche Bemerkungen zu machen, bin ich nun schon einmal genotigt. Es ist meine 
spirituelle Pflicht, sie Ihnen zu machen, und nur weil es meine spirituelle Pflicht ist, mache 
ich diese Bemerkungen in unserer Zeit. 

Wir leben ja heute in einer Zeit, in der mehr als je getriibt zu sein scheint der Blick fur das- 
jenige, was die angedeutete Harmonie der Volkerseelenglieder ausmacht, und fur alles das, 
was um uns herum vorgeht. Ich will nicht einmal dabei den Hauptnachdruck auf dasjenige 
legen, was in den Schlachten geschieht, die mufi man aus anderen Notwendigkeiten begreifen, 
sondern auf das, was vorgeht in der Beurteilung der einzelnen Volker. Alles das scheint zu 
widersprechen dem, was in der fiinften nachatlantischen Kulturepoche sein sollte. 

Ich habe schon friiher in den Auseinandersetzungen, die ich hier gepflogen habe, darauf 
aufmerksam gemacht, wie gewissermafien fiir mich symptomatisch war mein Erleben mit 
meinem zuletzt erschienenen Buch, dem zweiten Band von «Die Ratsel der Philosophies Bis 
Seite 206* hatte ich geschrieben, als der Krieg ausbrach. Dasjenige, was nach Seite 206 folgt, 
namentlich der «Skizzenhaft dargestellte Ausblick auf eine Anthroposophie», ist schon wah- 
rend des Krieges geschrieben. Ich habe dazumal versucht, die Philosophie Boutroux' und Berg- 
sons in objektiver Weise darzustellen. Ich glaube, dafi jedermann diese Darstellung, bei der 
Kurze, mit der es geschehen mufite, objektiv finden kann. Allerdings mufite aufmerksam 
gemacht werden auf die Tatsache, dafi Bergsons Philosophie nicht eine originale ist und in ge- 
wissem Sinne leicht gewoben ist. Ohne irgendein Urteil abzugeben, werden die philosophi- 
schen Ansichten Boutroux' und Bergsons auf Seiten 199 bis 204 dargestellt**, und dann sagte 
ich auf Seite 204: «Aus leicht gewobenem, leicht erringbarem Nachdenken bringt damit Berg- 
son eine Idee der Entwickelung hervor, welche bereits vorher 1882 W. H. Preufi in seinem 
Buche <Geist und Stoff> (Oldenburg, 2. Aufl. 1899) gedankentief ausgesprochen hat.» Dann 
werden die Ideen des einsamen Denkers Preufi abgehandelt auf Seiten 205 bis 206. - Natiirlich 
ware es Bergsons Pflicht gewesen, diese Ideen des Preufi zu kennen. Ich sage ausdriicklich, es 
ware seine Pflicht gewesen, die Philosophie des Preufi zu kennen, denn ein Philosoph mufi 
die Philosophie seiner Zeitgenossen kennen, wenn er schreiben will. Ich bitte, das ins Auge zu 
fassen, dafi ich sage: es ware seine Pflicht gewesen, das Angedeutete zu kennen - damit nicht 
jemand behauptet, ich hatte gesagt, Bergson hatte absichtlich Preufi verschwiegen. Das habe 
ich nicht gesagt. 

* 7.-9. Auflage, Gesamtausgabe Bibl.-Nr. 18, Seite 566. ** a.a.O. Seiten 558-564. 



Nehmen wir an, alles das, was die Volker iibereinander gesagt haben und was geschehen ist 
in den letzten Wochen, ware nicht gekommen, dann wiirden die iiber Bergson geschriebenen 
Worte einfach objektiv dastehen. Selbstverstandlich werde ich zu keiner Zeit iiber dieses 
Faktum mich anders aussprechen konnen. Wer auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, 
mufi objektiv bleiben. Aber dasselbe Faktum tritt uns in einer Rede entgegen, die gehalten 
worden ist am 10. September 1914 von dem auch in Frankreich bekannten Philosophen 
Wilhelm Wundt «Uber den wahrhaften Krieg». 

Selten wohl habe ich so stark die Empfindung gehabt «der Ton macht die Musik», wie beim 
Durchlesen dieser Rede. Denn was sagt Wundt iiber eine Aufierung, die Bergson gemacht 
haben soil? Ich will noch immer glauben, dafi Bergson das angedichtet worden ist, denn so 
etwas Lappisches mochte ich ihm doch nicht zutrauen. Was sagt also Wundt? «Das ist es, was 
diesen Krieg fur uns zu einem so schweren und schmerzlichen macht, dafi er vor allem ein 
Krieg gegen das uns stammverwandte und trotz allem, was seit den Tagen Altenglands sich im 
geistigen Charakter der Briten, nach unserer Meinung nicht zu ihrem Vorteil, verandert ha- 
ben mag, doch auch am meisten uns Deutschen geistesverwandte England ist. Was kiimmern 
uns demgegeniiber die Belgier, die in ihrer waghalsigen Verblendung diesen Krieg gefiihrt 
haben, um vor aller Welt endgiiltig ihre Existenzunfahigkeit als Staat zu beweisen? Und wer 
ist unter uns, der nicht mit dem schonen Frankreich, das in der ungeheuren Mehrheit seiner 
Bevolkerung diesen Krieg nicht gewollt hat, in den es durch den gewissenlosen Ehrgeiz einer 
Handvoll abenteuernder Politiker gestiirzt worden ist, aufrichtiges Mitleid empfande? Selbst 
mit den bramarbasierenden Journalisten, die diese selbstverschuldete Demiitigung Frank- 
reichs durch torichtes Schimpfen auf das deutsche Volk wettmachen wollen, werden wir 
nicht allzu streng ins Gericht gehen. Was verschlagt es uns, wenn Herr Henri Bergson, den in 
Deutschland kein ernst zu nehmender Philosoph jemals ernst genommen hat, uns Barbaren 
schilt ? Wissen wir doch, dafi dieser Philosoph seine Gedanken, soweit sie iiberhaupt etwas 
taugen, uns Barbaren gestohlen hat, um sie dann nachtraglich mit dem Flittergold seiner Phra- 
sen aufgeputzt als eigene Erfindung in die Welt zu schicken.» 

So darf natiirlich die Ich-Kultur nicht sprechen iiber die Verstandes- oder Gemiitsseelen- 
kultur. Hier aber ist getrubt dasjenige, was klar gesehen werden sollte. Wenn jedoch eine 
geniigend grofie Anzahl von Leuten die Geisteswissenschaft in ihr Herz geschlossen haben 
wird, von der Geisteswissenschaft wirklich durchdrungen sein wird, dann wird aus dieser 
Triibung das hervorgehen, was wir als Ideal uns vorhalten miissen aus den Wahrheiten der 
Geisteswissenschaft heraus. Wir miissen nur geniigend tief in diesen Wahrheiten darinnenste- 
hen, dann konnen wir sie recht empfinden. Derjenige, der die Wahrheit von dem Verhaltnis 
der verschiedenen Kulturen zueinander empfinden will, der lese - indem er richtig fiihlt - wie 
durch eine besondere Art von Chiromantie, die Zeichen dessen, was in unseren Saulen und 
Architraven darinnen ist. Er sehe sich die verschiedenen Windungen und Formmotive an, die 
da ausgepragt sind, und er wird erkennen, welches die verschiedenen geistigen Verhaltnisse 
der einzelnen Nationen sind. Da ist kein einziges Motiv einem Zufall verdankt, sondern 
bei jedem Motiv ist zu fragen: wofiir ist es das Zeichen? Wahrend du dieses Motiv siehst, 
siehst, wie es iibergeht in das der dritten Saule, wird zugleich damit ausgedriickt, was 
da zwischen den Volkern steht, die zu den beiden Saulen Beziehung haben. Die inneren 
Strukturverhaltnisse des Seelenlebens der Volker konnen Sie ablesen an diesen Saulen- und 
Architravmotiven. 



Und gehen Sie nach Osten zur russischen Kultur, so konnen Sie darin finden, was den 
Menschen zum Menschen macht dadurch, daE er das Gute, das Vortreffliche von alien Einzel- 
kulturen in seiner Seele zusammennimmt, von dem wir hoffen, daft es symphonisch zusam- 
menklingen wird in dem zweiten, dem kleineren Bau, also in dem, was unter der zweiten, der 
kleineren Kuppel ist. Indem wir also weiter nach Osten gehen, schliefk sich an dieses Motiv 
(Zeichnung Seite 38) das andere an: 




Man sieht, daft es aus dem Merkurstabe entstanden ist; man sieht aber auch, dafi, wahrend der 
Merkurstab sein Schlangenmotiv horizontal in der Welt ausbreitet, hier das Hauptmotiv nach 
oben gipfelt, nach unten sich gabelt, um zu empfangen, um aufzunehmen dasjenige, was von 
oben kommt wie eine Bliite, die sich von oben nach unten offnet. 

In diesem Motiv - es ist das Jupitermotiv, so wie das vorige das Merkurmotiv ist - kommt 
die Jupiterkultur des europaischen Ostens zum Ausdruck. Sie driickt sich da aus in der ganz 
nach oben gerichteten «Schlangenheit» des Motivs, in dem, ich mochte sagen, «Gefalteten», 
das sich wie gefaltete Hande entgegenstreckt dem, was von oben kommt, und an denen vor- 
beigleitet das, mit dem der irdische Mensch sich zu verbinden hat, das, was von oben kommt 
wie eine Bliite. 

Dieses Motiv und das, was dahintersteht, ist fur den Europaer gar nicht so leicht zu begrei- 
fen, weil es zusammenhangt mit der Zukunft, weil es viel mehr zusammenhangt mit der 
Zukunft als mit der Gegenwart. Es ist aufierordentlich schwierig, aus dem Grundcharakter 
der gegenwartigen Sprache schon die Worte zu finden, um das zu charakterisieren, was hinter 
diesem Motiv sich verbirgt. Es ist aus dem Grunde so aufierordentlich schwierig, weil, sobald 
man an dieses Motiv kommt, die Worte gleich etwas ganz anderes bedeuten miissen als vor- 
her, wenn man den Charakter der Sache adaquat treffen will. Man kann nicht von russischem 
Wesen in demselben Sinne sprechen, wie vom englischen, franzosischen und italienischen 
Wesen. Wir haben schon gesehen, dafi man beim mitteleuropaischen Wesen nicht in demsel- 
ben Sinne von nationalem Wesen sprechen kann wie bei den westeuropaischen Volkern; 
noch weniger kann man von dem russischen Wesen, in bezug auf das Nationale, dasselbe 
sagen wie von den westeuropaischen Volkern. Denn blickt demjenigen, der den Blick hin- 
wendet zu Rufiland, etwas Ahnliches entgegen, wie dem, der auf das englische, franzosische 
und italienische Volk den Blick richtet? Nein! Da ist etwas im russischen Wesen, was wie eine 
ganz anders geartete Verwandlung Westeuropas ist. 



Im Westen Europas blicken uns entgegen nationale Kulturen, deren Grundwesen wir fin- 
den, wenn wir uns in dasjenige, was als Kultur da ist, vertiefen. Beim deutschen Wesen finden 
wir ein Streben, ein Nicht-Fertiges, ein Streben nach etwas, was noch nicht da ist, was nur 
ais Ideal nur da ist. Aber dieses Streben nach dem Ideal lebt im Blute, im astralischen und 
atherischen Leibe des Mitteleuropaers. Blicken wir nach Osten, so sehen wir eine grandiose, 
geschlossene, religions-philosophische Kultur, vor allem eine religiose Kultur. Aber ist sie rus- 
sisch zu nennen? Es ware unsinnig, sie russisch zu nennen - wenn die Russen dies auch tun -, 
denn es ist die Fortsetzung der Kultur, die vom alten Byzanz heriibergekommen ist. 

Es ist ganz natiirlich, dafi dasjenige, was in der Empfindungsseele lebt, aus der Empfin- 
dungsseele kommt, dafi das, was in der Verstandes- oder Gemiitsseele lebt, aus der Verstandes- 
oder Gemiitsseele kommt, dafi das, was in der Bewufitseinsseele lebt, aus der Bewufitseinsseele, 
und das, was im Ich lebt, wenn es auch ein Fliissiges, ein Werdendes ist, aus dem Ich kommt. 
Das aber, was aus dem Geistselbst kommt, ist etwas, was sich in Empfindungs-, Verstandes- 
und Bewufitseinsseele aus dem Geiste niederlafit. 

Wir wissen ja, dafi wir zu konstruieren haben: Empfindungsseele, Verstandesseele, Be- 
wufitseinsseele und Ich, dann das Geistselbst als etwas, das sich von oben in diese vier herab- 
neigt. Dieses Geistselbst mufi sich dadurch ankiindigen, dafi etwas Fremdes, wie herab- 
traufelnd, iiber das nationale Wesen kommt. 




So sehen wir, dafi im Grunde genommen der russischen Seele alles fremd ist, was sie bisher 
als ihre Kultur erlebt, fremd von dem Momente an, wo die griechisch-byzantinische Kultur 
gesucht wird, bis zu den aufieren Einrichtungen, die durch Peter den Grofien alle von aufien 
geholt werden. So sehen wir, wie durch das Geistselbst hinuntergesenkt wird die Kraft, die 
herunterstrebt zu den Seelenkraften, nur dafi das Geistselbst seine wahre Kraft, seinen wahren 
Charakter erst in Zukunft erhalten wird, dafi aber die russische Seele sich zu gewohnen, sich 
vorzubereiten hat, dieses Geistselbst zu empfangen. 

Selbstverstandlich ist dasjenige, was jetzt von Fremdem an die russische Seele herangekom- 
men ist, nicht das Geistselbst der Zukunft. Aber so wie jetzt das byzantinische, das ostliche 
Christentum, wie die westliche Kultur sich niedergesenkt haben auf die russischen Seelen, so 
wird sich einst das Geistselbst niedersenken. Es ist heute nur die Vorbereitung, die Neigung 
dazu da, das Geistselbst zu empfangen. 

Fur alles, wozu die Geisteswissenschaft die Leitlinien gibt, konnen Beispiele angefiihrt wer- 
den. Hier ein naheliegendes Beispiel, wie ich es schon ofter erwahnt habe. Ich habe die Grofie 



des Philosophen Solowjews oftmals hervorgehoben. Es schwebte mir zunachst durch Geistes- 
erkenntnis die Grofie des Philosophen vor, denn ich weifi, dafi er noch grofier ist, seit er im 
Jahre 1900 gestorben ist, dafi er nach dem Jahre 1900 noch Grofieres gewirkt hat, als er friiher 
schon gewirkt hatte. 

Aber nun betrachten wir die tatsachlichen Verhaltnisse. Sie konnen sich selbst iiberzeugen 
aus Solowjews Schriften. Manches von Solowjew ist iibersetzt worden. Wir haben die Uber- 
setzungen von Nina Hoffmann, von Ernst Keuchel und dann das ausgezeichnete Buch, das 
Frau von Vacano iibersetzt hat «Die geistigen Grundlagen des Lebens». 

Nun versenke man sich als Mitteleuropaer in die Werke von Solowjew. Etwas sehr Eigen- 
tiimliches kann man da bemerken, namentlich nachdem wir die letzte Ubersetzung bekom- 
men haben. Es ist aufierordentlich interessant. Derjenige, der ausgeriistet ist mit alle dem, was 
die Philosophic West- und Mitteleuropas bietet, namentlich nachdem er so vorbereitet ist, wie 
es durch unsere Anthroposophie geschehen ist, wird sich zunachst bei Solowjew fragen: Nun, 
was bietet er denn Neues gegeniiber der mittel- und westeuropaischen Philosophic? - Suchen 
Sie, was bei Solowjew vorliegt gegeniiber dem, was im Westen gedacht worden ist. Sie werden 
keinen einzigen neuen Gedanken finden. Alles was vorliegt, ist westliche Philosophic dem 
Wortlaute nach; nichts, gar nichts, auch nicht einmal in einer Wendung, was nicht ebensogut, 
dem Satzgeprage und dem Wortlaute nach, hatte im Westen geschrieben werden konnen. 

Und doch ist es etwas ganz anderes. Aber wenn Sie das suchen wiirden in der Philosophie, 
in dem, was da so ausgesprochen ist, dafi Sie es lesen konnen wie ein gewohnliches westeuro- 
paisches Buch, so finden Sie nicht das, was das Andere ist. Das Andere steht nicht in dem Bu- 
che drinnen, in keiner Wendung; es steht nicht darin und ist doch darin enthalten. Wahrhaft 
darin enthalten ist dasjenige, was man durch die fiihlende Seele findet, wenn man das Buch 
gelesen hat, trotzdem man sich davon tiberzeugt hat, dafi nichts anderes als westeuropaische 
Philosophie darin enthalten ist. Es ist eine gewisse Nuance des Empfindens darin enthalten, 
die der Mitteleuropaer empfinden kann wie eine ganz schwiile Atmosphare. Man konnte sa- 
gen, manchmal ist man darinnen wie in einem Backofen, besonders wenn grofie, bedeutsame 
Fragen aufgeworfen werden. Dann aber, wenn Sie solche Fragen aufgeworfen finden, werden 
Sie bemerken, dafi nichts dabei herauskommt, nichts in dem Stile, in dem bei westeuropai- 
schen Philosophen etwas herauskommt. Ein Gefiihlston aber ist angeschlagen, der ausklingt 
wie ein Unendliches, wie ein Erwartungsvolles; ein Gefiihlston, der mystischen Charakter 
hat; allerdings ist es noch eine ganz schwiile Mystik, die sogar dem Westeuropaer etwas 
gefahrlich werden kann, wenn er sich auf sie einlafit. 

Wenn man bekannt ist mit demjenigen, was in den Untergriinden der menschlichen Seele 
ist - und man mufi schon damit bekannt sein, wenn man sich einlassen will auf diese Eigen- 
tiimlichkeiten mystischer Schwiile -, dann ist diese Schwiile ganz gewifi ungefahrlich. Ich 
glaube, wer gar nicht bekannt ist mit den Untertonen der menschlichen Seele, bemerkt die 
Sache gar nicht und hat einfach einen westeuropaischen Philosophen vor sich. Es ist eine ei- 
gentiimliche Erscheinung, eine Erscheinung, die so recht darauf hinweist, dafi dasjenige, was 
aus dem Osten kommen mufi, noch nicht ausgesprochen ist, iiberhaupt noch nicht in Worte 
gegossen ist. 

Man kann von einer anderen Seite die Eigentiimlichkeiten der europaischen Kulturen ken- 
nenlernen, wenn man zum Beispiel folgendes vor seine Seele riickt. Sehen Sie, etwas von der 
ganzen franzosischen Verstandes- oder Gemiitsseelenkultur liegt in einem Voltaireschen 



Worte. Wer den Sinn dafiir hat, aus Symptomen Realitaten zu empfinden, der mufi das emp- 
finden. Voltaire wird zugeschrieben, mit Recht zugeschrieben, das Wort: «Wenn Gott nicht 
existierte, so miifite man ihn erfinden.» Das setzt voraus - denn sonst hatte der Ausspruch 
keinen Sinn -, dafi man dann an ihn glauben miifite; denn zum Spafi wiirde man ihn doch 
wohl nicht erfinden. 

Das konnte nur ein Geist sagen, der ganz aus der Verstandes- oder Gemiitsseele heraus 
wirkt und Vertrauen hat zu dem, was aus der Verstandes- oder Gemiitsseele kommt, denn das 
Erfinden, das gehort zur Verstandes- oder Gemiitsseele. 

Jetzt nehmen wir einen Russen: Bakunin. Er hat den Spruch anders gepragt, und das ist 
sehr merkwiirdig. Er sagt: «Wenn Gott existierte, so miifite man ihn abschaffen!» - So unge- 
fahr sagt er. Er findet, dafi er, um seiner Seele Geltung zu verschaffen, nicht ertragen kann, 
dafi Gott da ist. Und sehr charakteristisch ist ein Wort, das Bakunin gepragt hat: «Wenn Gott 
existiert, so ist der Mensch Sklave» - die eine Alternative; oder die andere: «Der Mensch ist 
frei - also dann gibt es keinen Gott.» Bakunin kann namlich nicht begreifen, wie er aus diesem 
Zirkel herauskommt und er sagt sich: Jetzt wollen wir wahlen. Er wahlt das zweite: «Der 
Mensch ist frei - also gibt es keinen Gott.» 

Ich mochte sagen: Genauso steht die ganze westeuropaische Kultur gegeniiber der osteuro- 
paischen. Die westeuropaische Kultur kann die Idee des freien Menschen zunachst noch mit 
der Gottesidee vereinen; aber die osteuropaische Kultur findet: Wenn ich frei sein soil, das 
heilk, aus mir selber heraus denke, dann darf kein Gott existieren, der mich zwingt, sonst bin 
ich Sklave; es gibt keinen iiber mir. 

Man fiihlt die ganze Kluft zwischen Empfindungs-, Verstandes-, Bewufitseinsseele und Ich 
und dem Geistselbst, das noch wie in seinem Gegenteil dasteht im Osten und sich auf sein 
Wesen erst vorbereitet. Man fiihlt die ganze Kluft zwischen dem Westen und dem, was uns 
vom Osten Europas entgegentritt, und die Unverwandtschaft dieses Ostens mit dem Westen, 
man fiihlt sie dann in eigentiimlicher Weise, wenn man vernimmt, wie representative Person- 
lichkeiten des europaischen Ostens auf die westeuropaische Kultur reagieren. Wer sollte im 
Westen verstehen, wenn er nicht schon Schiiler der ostlichen Kultur ist, was der Teufel zu 
Iwan Karamasow sagt? Wer versteht so ohne weiteres, was Gorki eine «grausige, aber wahre 
Wahrheit» nennt? «Ja, was heifit Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit! Was heifit iiber- 
haupt <Mensch>? Das bist nicht du, und nicht ich bin's, und nicht sie sind es . . . Nein! 
Sondern du, ich, sie, der alte Luka, Napoleon, Muhamed . . . alle miteinander sind es! Das 
ist - etwas ganz Grofies! Das ist etwas, worin alle Anfange stecken und alle Enden . . . Alles 
im Menschen, alles fur den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles Ubrige - ist das 
Werk seiner Hande und seines Gehirns! Der Mensch! Einfach grofiartig! So erhaben klingt 
das! M-men-nsch! Man soil den Menschen respektieren! Nicht bemitleiden . . . nicht durch 
Mitleid erniedrigen soil man ihn . . . sondern respektieren !» 

Und der, welcher Schauspieler gewesen ist, wie spricht sich der iiber sein Verhaltnis zum 
Publikum aus! Und wie der Strafling! «Ich habe die Menschen immer verachtet, die um das 
Sattwerden gar zu besorgt sind. Nicht darauf kommt' s an. Der Mensch ist die Hauptsache! 
Der Mensch steht hoher als der satte Magen!» 

Das Verstandnis fur solche Dinge wird etwas schwer im Westen, denn sie drucken aus das 
mystische Leid des Ostens, sie lassen die Kluft empfinden zwischen dem, was werden soli im 
Osten Europas und dem, was in West- und in Mitteleuropa lebt. 



Diese ungeheure Kluft weist uns darauf hin, dafi alles, was im Osten lebt, heute noch ganz 
und gar nicht der Osten ist. Ich miifite viel dariiber reden, aber ich kann diese Dinge nur an- 
deuten. Dieser Osten ist etwas, was noch unausgesprochen lebt; etwas, wovon dieser Osten 
selber noch nicht viel weifi; etwas, wovon er erst empfindet und fiihlt, was es einmal in der 
Zukunft werden wird. 

Schwierig, das verstehen wir, mufi es diesem Osten werden, die Briicke finden zu mussen 
zu seiner eigenen Wesenheit, schwierig mufi es diesem Osten werden, sich selber zu finden, 
denn es liegt uns ja kein geringeres Phanomen vor als: dieser Osten lebt noch im Gefiihl, lebt 
noch in dem Unaussprechbaren, er sucht nach einer Form der Aussprache; er sucht sie im 
Osten, sucht sie im Westen. Im Osten ist vieles fur ihn in dem, was das byzantinische Wesen 
gebracht hat, und wenn er es ausspricht, ist es nicht sein eigenes Wesen mehr, ist es ein 
Fremdes, es ist nichts Eigenes. 

Aber, meine lieben Freunde, iiber alle Kliifte fiihrt eines: dasjenige, was wir als die wahre Gei- 
steswissenschaft kennen. Und wenn sich uns jetzt schon in West- undMitteleuropazeigen kann, 
dafi die weitere Evolution ad absurdum gehen miifite ohne die Geisteswissenschaft, so zeigt 
sich uns, dafi in dem Verhaltnis zwischen Mittel- und Osteuropa ganz einfach eine Unmoglich- 
keit des Fortganges vorliegt, ohne dafi iiber diese Kultur der Wahnsinn heraufkommt, eine Un- 
moglichkeit weiterzukommen, ohne die Verstandigung durch die Geisteswissenschaft. In der 
Geisteswissenschaft werden sich die Menschen finden und verstehen, und sie werden sich auch 
so verstehen, dafi nicht nur ihre theoretischen Triebe in der Geisteswissenschaft sich befrie- 
digt finden, sondern dafi durch die Geisteswissenschaft auch die Kulturleiden geheilt werden. 

Mehr als sonstwo wird man noch im Osten Gelegenheit haben, die heutigen Ereignisse als 
eine starke Priifung zu empfinden; denn dasjenige, was gerade im Osten wird empfunden 
werden mussen, wird im vollen Gegensatz stehen zu allem, was in diesem Osten diesen Krieg 
gewollt hat. Und noch mehr als im Westen und noch mehr als in Mitteleuropa gilt es fur den 
Osten, dafi das Sich-Identifizieren mit den Motiven, mit den aktiven Motiven dieses Krieges, 
eine Verleugnung des eigenen Wesens ist. Darum wird alles dasjenige, was zu diesem Kriege 
gefuhrt hat, schwinden mussen im Osten, wenn das Heil, wenn die Sonne des Heils iiber dem 
Osten aufgehen soil. 

Meine lieben Freunde, ans Herz soil uns wachsen unser Bau, denn er spricht alles das tiefer 
aus, als ich versuchen kann, mit skizzenhaften Worten zu seiner Interpretation zu sagen. Tie- 
fer als durch meine Worte konnen Sie dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, empfinden, wenn 
Sie den Bau richtig empfinden, wenn Sie empfinden: Darin liegt alles. - Man mufi nur jede 
Windung und jenes Schiitzende, das in den Windungen [dieses Architravmotivs] liegt, richtig 
empfinden. Denn unser Bau soil sein, was man nennen kann: eine Kuppel des gegenseitigen 
Verstehens der europaischen Menschen. So ist er vielleicht in einem ganz besonderen Sinne 
auch etwas von dem, was ich schon gesagt habe in der Vorrede zu meiner «Theosophie»: 
Geisteswissenschaft ist etwas, was unsere Zeit verstandesmafiig abweist, und was sie auf der 
anderen Seite seelenhaft wiederum verlangt und gerade braucht, wahrhaftig braucht. 

Wenn wir jetzt die Zeitereignisse betrachten, so konnen wir sagen, die Anthroposophie ist 
etwas, was die europaische Menschheit gerade in den jetzigen Wochen als etwas so Ferne- 
stehendes ansieht, wie es ihr nahestehen sollte, etwas, was sie mit jeder Faser des Herzens im 
Unterbewufitsein verlangen miifite. Denn wenn Geisteswissenschaft so eindringt in unsere 
Herzen, wie es nur andeutungsweise jetzt gesagt werden konnte in der Interpretierung der 



Saulen- und Architravformen, dann werden die Seelen der europaischen Menschheit in der 
richtigen Weise zueinander stehen. Und wenn Anthroposophie - und das ist fiir unsere unmit- 
telbare Gegenwart das noch Wichtigere - diejenige Aufgabe ausfuhrt an der Menschenseele, 
dafi sie klarend in die menschlichen Gedanken eingreift, sie wirklich klarend durchsetzt und 
zurechtriickt, so wird ungeheuer viel gerade fiir die allernachste Zukunft gewonnen sein. 
Denn nicht nur, dafi die Herzen nicht richtig zueinander stehen in unserer materialistischen 
Gegenwart, deren Karma wir erleben, sondern es stehen auch die Gedanken nicht richtig 
zueinander. Die Menschen wollen sich nicht verstehen. Aber noch mehr: die Menschen ha- 
ben sich vielleicht noch nie in grofierem Stile so angelogen wie in unserer jetzigen Zeit. Das 
ist schlimmer noch, meine lieben Freunde, als dasjenige, was auf den aufieren Schlachtfeldern 
geschieht, weil es nachhaltiger wirksam ist, weil es hinaufwirkt bis in die geistigen Welten. 

Es ist im Grande genommen eine Lotterigkeit im Denken, worin die Menschen es heute 
schon so wek gebracht haben. Deshalb mufi man sagen: Anthroposophie ist dasjenige, was 
heute das Dringendste und Notwendigste ist fur die Menschen. 

Man darf schon die Frage aufwerfen: Konnen denn die Leute heute noch denken? Und 
man darf die andere Frage aufwerfen: Fiihlen denn die Leute noch, dafi man erst das Wahre, 
das Wirkliche der Tatsachen haben mufi, wenn man dariiber denken und sprechen will? 

Ich bin - in dem angedeuteten Sinne - aus der spirituellen Welt heraus dazu verpflichtet, 
diese Fragen zu stellen. 

Dasjenige, was in Mitteleuropa lebt, hat der amerikanische Exprasident Theodore Roosevelt 
«Bernhardismus» genannt. Ich will nicht dariiber sprechen, was dieser Exprasident gesagt hat, 
ich will Ihnen nur ein kleines Probchen geben von denjenigen Dingen, die gewohnlich nicht 
bemerkt werden. Im Grunde genommen ist das Buch, das ich hier in der Hand habe - 
Friedrich von Bernhardt «Deutschland und der nachste Krieg» - und auf das ja Roosevelt ange- 
spielt hat, ein sehr ernstes Buch, denn der, der es geschrieben hat, wufite auf aufierliche Weise 
sehr viel von diesem Kriege. Deshalb ist in diesem Buche von exoterischen Gesichtspunkten 
aus etwas aufierordentlich Instruktives gegeben. Aber wie steht es mit dem Denken bei einem 
so - in seiner Art - aufrichtigen Buche? 

Es gibt da ein Kapitel «Das Recht zum Kriege». Selbstverstandlich, wenn man von einem 
«Recht zum Kriege» spricht, mufi man sich auf einen Standpunkt stellen, der da erzeugt wird, 
wo Volkergemeinschaften hoher gestellt werden als die Menschen als Individualitaten: man 
mufi aus dem Bewufitsein luziferischer und ahrimanischer Geister sprechen. In diesem Kapitel 
findet sich ein Satz, der vom Standpunkt des Verfassers so gut wie moglich gemeint ist. Es 
wird versucht zu erklaren, dafi, solange es Volker gibt, Volker ein Recht haben, sich zu be- 
kriegen. Der Satz lautet: «Wie der einzelne sittlich nichts Hoheres leisten kann, als mit seinem 
Leben einzustehen fiir seine Uberzeugung, als das eigene Ich der Sache zu opfern, der er dient, 
oder auch nur dem Begriff des Wertes idealer Giiter fiir die sittliche Personlichkeit, . . .» - 
sehr schon, es wird die hochste Selbstandigkeit als Ideal charakterisiert; dann heifit es weiter: 
«... so konnen auch Volker und Staaten nichts Erhabeneres vollbringen, als ihre ganze Kraft 
fiir ihre Selbstbehauptung, ihre Ehre und Wiirde einzusetzen.» 

Nun, meine lieben Freunde, das ist ein Salto mortale, wie er schoner nicht zu denken ist! 
Denn was im ersten Teil des Satzes gesagt wird, ist ja an sich richtig, aber in Verbindung mit 
dem Gedanken im zweiten Teil des Satzes ist es das Tollste, was man sich denken kann, denn 
die Staaten konnen nicht auf einen selbstlosen Standpunkt sich stellen, weil da ganz andere 



Verhaltnisse vorliegen. Man mufi sich das nur klarmachen. Stellen Sie sich zum Beispiel auf 
den Standpunkt eines dsterreichischen Staatsmannes, nachdem das geschehen war, was zu 
dem Attentat eines Serben in Sarajewo gefuhrt hat. Kann man da im Sinne des Satzes von 
Bernhardi sprechen? Keineswegs! Der Staatsmann hat zu handeln in dem Sinne, wie der 
Egoismus des Staates es ihm auferlegt. Das ist nur ein Beispiel dafiir, wie heute Sachen gesagt 
werden, die ganz falsch gedacht sind. Da wird klarend im eminentesten Sinne die geisteswis- 
senschaftliche Gesinnung eingreifen, wenn nur genug Menschen dafiir da sind. Das sind keine 
Kleinigkeiten, das sind «Grofiigkeiten». Denn aus diesem setzt sich alles das zusammen, was 
heute zu dem furchtbaren Ausbruch des Krieges gefuhrt hat. Das sage ich, weil ich es wirklich 
zu wissen glaube. Ich sage es, weil ich zugleich wirklich sagen darf - soweit so etwas im Sinne 
eines Okkultisten gesagt werden kann -, weil ich genug gelitten habe unter den Verhaltnissen 
der letzten Wochen, und genug darunter leide, und genug Erschutterndes durchgemacht habe, 
angefangen von dem Sarajewo-Attentat bis zu manchem anderen. Niemals habe ich selbst ein 
Gleiches gesehen oder von Okkultisten ein Gleiches schildern gehort an Uberraschendem als 
das, was sich angeschlossen hat an das Attentat von Sarajewo. Eine Seele wurde da so herauf- 
gehoben in die geistige Welt, dafi sie sich ganz anders benimmt als eine jede andere Seele, et- 
was wie eine kosmische Seele, wie einen kosmischen Kraftmittelpunkt bildend, um den sich 
alles gruppierte, was an Furchtelementen lebte. Jetzt strebte alles, was an Furchtelementen da 
war, hin zu dieser Seele. Und jetzt, in der geistigen Welt, ist alles von entgegengesetzter 
Wirkung: In der physischen Welt hat die Furcht den Krieg zuruckgehalten, in der geistigen 
Welt war sie ein kriegforderndes Element, da hat sie den Krieg mit schnellen Schritten 
her auf gefuhrt. 

Solche Erfahrungen zum ersten Mai zu machen, gehort allerdings zu dem Erschiitterndsten, 
was man an okkulten Beobachtungen erleben kann. Wenn einstmals objektiv iiberblickt wer- 
den wird dasjenige, was in den letzten acht oder zehn Wochen geschehen ist, wird man auch 
schon durch Verfolgung der aufieren Ereignisse etwas von dem erkennen konnen, was wie ein 
Spiegelbild des Geistigen ist. 

Aufgabe des Anthroposophen ist es, heute mehr als je, Objektivitat zu lernen, wahre Ob- 
jektivitat gerade an den Zeitereignissen zu lernen. Weit, weit entfernt ist die Gegenwart von 
dieser Objektivitat. Und ich versuchte das auseinanderzusetzen, indem ich die zwei Fragen 
aufwarf. Die eine versuchte ich gewissermafien relativ negativ zu beantworten: «K6nnen die 
Leute noch denken?» und die andere Frage war: «Suchen die Menschen heute noch nach den 
Tatsachen, wenn sie denken oder sprechen wollen? Tun sie das?» 

Uberall, wo wir hinschauen, wo die Menschen sich so grandios anlugen in der Welt, wo 
ganze Volker sich in grofiem Stile anlugen, uberall sehen wir, dafi ein Gefiihl fur die Ver- 
pflichtung zur Pruning der Tatsachen selbst an ersten Stellen nicht vorhanden ist. 

Diese Verpflichtung zur Pruning der Tatsachen mufi uns als Anthroposophen als etwas 
ungeheuer Tiefes ins Herz geschrieben werden. Lernen miissen wir, dafi bei ernst zu nehmen- 
den Menschen die Dinge nicht mehr vorkommen diirfen, die jetzt gerade in so ausgiebigem 
Mafie vorkommen. 

Da liefie sich natiirlich noch unendlich vieles anfuhren; ich will aber nur ein Beispiel 
anfuhren, denn die Beispiele, die man noch beniitzen konnte, sind sehr zahlreich. 

Ich habe hier einen Brief vor mir - ich habe ihn sowohl im englischen Original als auch in 
deutscherUbersetzungvor mir-, den eine Anzahl englischer Theologen an Professor Harnack 



in Berlin schrieben. Diesen Brief habe ich nicht aus Zeitungen, denn an Zeitungen wendet 
man sich heute nicht, wenn man die Wahrheit erfahren will, sondern an Dokumente, und 
Dokumente priift man. Dieser Brief beginnt: «Wir, die nachstehend unterzeichneten Theolo- 
gen, die Ihnen personlich und der grofien Menge deutscher Lehrer und fuhrender Geister 
mehr als wir sagen konnen verdanken, haben mit Schmerzen Kenntnis genommen von einem 
Bericht iiber eine kiirzlich von Ihnen gehaltene Rede, wonach Sie das Verhalten Grofibritan- 
niens in dem gegenwartigen Kriege als das eines Verraters an der Zivilisation bezeichnet haben 
sollen.» 

Wer diesen Brief beurteilen will, darf ihn nicht blofi lesen, sondern er mufi sich auch iiber- 
zeugen, ob der erste Satz wahr ist. Er ist nicht wahr! Denn wer liest, was Harnack gesagt hat, 
der wird finden, dafi er nichts davon gesagt hat, dafi er Grofibritannien anklagen wolle eines 
Verrates an der Zivilisation. Es ist also in den Wind hinein geredet die ganze Sache. Aber neh- 
men Sie an, Menschen, die nicht kennen, was Harnack gesagt hat - es war ja etwas phrasen- 
haft, was er gesagt hat, aber darauf kommt es jetzt nicht an -, lesen den Brief, welchen die 
englischen Theologen geschrieben haben; was sollen sie bei dem Brief denken? Er wird ja da 
und dort abgedruckt. Es wird dadurch Gift ausgestreut, Unwahrheiten gesagt von Menschen, 
die in der Welt Ansehen haben, von Menschen, die glauben, ein Gewissen fur die Wahrheit 
zu haben. 

Ich wollte nur einen der glimpflichsten Falle, der aber schrecklich genug ist, erwahnen, 
denn als Anthroposoph muS man richtig erkennen und empfinden, dafi diese Dinge scharf 
ins Auge zu fassen sind, sonst kommen wir aus dem Kulturchaos nicht heraus. Scharf und 
ernst miissen wir auffassen unseren Grundsatz: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.» Unser 
ganzer Bau ist eine Umschreibung dieses Satzes. Unseren Bau zu lesen, darauf kommt es an. 
Wenn man ihn richtig lesen wird, dann wird in den Herzen ein Gefuhl von Ernsthaftigkeit, 
von Gewissenhaftigkeit sein, von Wahrheitssehnsucht gegeniiber allem, was im Kultur- und 
Geistesleben vorhanden ist. 

Wenn unsere Freunde sich durchdringen damit, dafi die Wahrheit auf dem Grunde der 
Tatsachen liegt, dann werden sie viel segensreicher wirken konnen, iiberall, unter welchen 
Nationen sie auch sind. Wenn sie sich aber selbst auf den einseitigen Standpunkt der Nationa- 
list stellen, dann werden sie wahrhaftig nicht das Richtige in anthroposophischem Sinne 
bewirken konnen. 

Dasjenige, was die Theosophie der Blavatsky unmoglich gemacht hat, ist die Tatsache, dafi 
von vornherein das Interesse eines Teiles der Menschheit - nicht der Englander, sondern der 
Inder - iiber das Interesse der Gesamtmenschheit gestellt worden ist. Und es ist im tiefsten 
Sinne wahr, dafi nur das zu wahren okkulten Wahrheiten fuhrt, was das Interesse der 
Menschheit jederzeit iiber das Interesse eines Teiles derselben stellt, aber ernsthaft, in dem 
wirklich ernsten, tiefsten Fiihlen. Die okkulte Wahrheit verdunkelt sich alsobald, wenn das 
Interesse eines Teiles der Menschheit iiber dem Interesse der gesamten Menschheit steht. So 
schwer das auch sein mag in einer Zeit wie der unsrigen, angestrebt mufi es werden von 
denjenigen, die sich im wahren Sinne des Wortes Anthroposophen nennen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite:49 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 24. Oktober 1914 

Das letzte und das vorletzte Mai haben wir uns bemiiht, die Saulenformen unseres Baues zu 
interpretieren und unter den mancherlei moglichen Erklarungen oder Interpretationen eine 
zu geben, die ganz naturgemafi mit diesem Bau gegeben ist. 

Wir haben gesehen, dafi fur denjenigen, der von Westen aus den Bau betritt, die Moglichkeit 
besteht, sich in diesem Bau ganz innerhalb der Menschheit zu fiihlen, weil die Krafte der ein- 
zelnen Kulturgemeinschaften gewissermafien ausgedriickt werden durch die Kapitellzeichen, 
und die gegenseitigen Beziehungen der einzelnen europaischen Kulturen durch dasjenige, was 
in den Architraven dargestellt ist. 

Es wird vielleicht dem einen oder anderen aufgefallen sein, dafi nicht auf alle europaischen, 
sagen wir, Volker oder Kulturgemeinschaften hingedeutet worden ist. Allein es kann ja nicht bei 
jeder Gelegenheit alles immervorgebracht werden, da es sich nicht darum handelt, dogmatische 
Angaben zu machen, sondern die Prinzipien darzustellen, um die es sich handelt. Im Zusammen- 
hang mit jenen Kapitellmotiven, die wir besprochen haben, sind Veranlagungen oder Impulse 
bestimmter europaischer Kulturseelen dargestellt worden: der italienischen und spanischen Kul- 
turseelen, oder vielmehr der die siidlichen und siidwestlichen Halbinseln bewohnenden Men- 
schen, und die der westeuropaischen, mitteleuropaischen und der osteuropaischen Menschen. 
Und die Darstellung wurde aus dem Grunde so gegeben, weil aus den Kulturgemeinschaften zu- 
nachst diejenigen ausgewahlt worden sind, welche einen solchen Charakter haben, dafi durch 
ein Zeichen, ein Kapitellmotiv ausgedriickt werden kann, was in der betreffenden Kulturge- 
meinschaft ist. Deshalb besteht ein Verhaltnis zwischen Zeichen und Kulturgemeinschaft. 

In der Tat driickt - von West nach Ost gehend - die zweite Saule die Kulturgemeinschaft 
der siidlichen und siidwestlichen europaischen Halbinseln aus; die dritte Saule die Kulturge- 
meinschaft des franzosischen Gebietes; die vierte Saule die Kulturgemeinschaft des britischen 
Gebietes und so weiter. 

Nun finden sich ja auch andere Volker innerhalb Europas. Ich kann aber nicht auf alles ein- 
gehen, sondern will auch in bezug darauf von dem Prinzipiellen sprechen. Man kann sagen, 
die Kulturen, die zunachst angegeben worden sind, sind die einfacheren Kulturen, so sonder- 
bar es erscheinen mag, wenigstens fur den Okkultisten die einfacheren. 

Fur den Okkultisten sind zum Beispiel viel kompliziertere Kulturen als die aufgezeigten 
die danische, die schwedische oder auch die norwegische Kultur - denn manches ist fur den 
Okkultisten komplizierter, was fur den Betrachter des physischen Planes viel einfacher er- 
scheinen konnte. So kann die Frage entstehen, wenn wir zum Beispiel von der danischen 
Kultur sprechen: Wie miifiten wir uns da zu unseren Zeichen verhalten? - Da miifiten wir, 
wenn wir von Westen aus an die Saulen herangehen, unser Auge zunachst auf das Kapitell der 
dritten Saule richten, und dann auch auf das Kapitell der fiinften Saule richten, also gleichsam 
die dritte Saule durch die fiinfte Saule anschauen. Sie sehen, hier handelt es sich um etwas 
Kompliziertes, denn man hat zwei Kapitelle in Anspruch zu nehmen. 

Gehen wir zu Schweden, so miifiten wir das Kapitell der zweiten Saule nehmen und es 
anschauen durch das Kapitell der fiinften Saule. 



Gehen wir zu Norwegen, so miifiten wir das Kapitell der vierten Saule nehmen und es 
durch das Kapitell der funften Saule ansehen. 

Wir miifiten also gleichsam diese Kapitelle iibereinanderlegen, dann wiirden wir in dem, 
was wir durch em solches Ubereinanderlegen empfinden, denselben Empfindungsausdruck 
haben fiir die danische, die schwedische und die norwegische Kultur, wie wir durch den An- 
blick der einzelnen Kapitelle ihn fiir die italienisch-spanische, die franzosische, die britische 
und die mitteleuropaische Kultur haben. 

Alles ist in diesen Kapitellmotiven wirklich darinnen. Es diirfte gewissermafien fiir manche 
Herzen ganz interessant sein - nachdem das Prinzip auseinandergesetzt worden ist zu stu- 
dieren, wie es sich zum Beispiel mit der hollandischen, der schweizerischen Kultur verhalt 
und so weiter. Das uberlasse ich nun Ihrem eigenen okkulten Studium. 

Sie sehen also, dafi, wenn wir von unserem Bau sprechen, wir wahrhaftig von nichts Will- 
kurlichem sprechen, von nichts, dessen Formen und sonstiger kiinstlerischer Inhalt so ent- 
standen ist, dafi man einfach, ich mochte sagen, stehen bleiben kann bei diesen Formen und 
sie so ins Auge fafit, wie man gezwungen ist, viele andere in der Gegenwart entstehende 
Formmotive oder auch malerische Motive ins Auge zu fassen. Es ist aber, wie gesagt, empfin- 
dungsgemafi - nicht theoretisch verstandesmafiig - in diesem Bau alles ausgedriickt, was wir 
die Jahre her aus der Geisteswissenschaft in uns aufgenommen haben und noch vieles andere. 
Daher ware es moglich, iiber diesen Bau eigentlich immerfort zu sprechen. Aber ich uberlasse 
das wiederum Ihrem Herzen, die einzelnen Andeutungen, die ich gebe, auszufuhren. Denn 
darinnen wird gerade die Aufgabe des Baues bestehen, daft die Herzen und Seelen in Bewe- 
gung kommen, wenn sie den Formen und Formzusammenhangen gegeniiberstehen und nicht 
in verstandesmafiiger, symbolischer Weise die Sache deuten, sondern Herz und Sinn und Seele 
sprechen lassen, wenn Sie sich im Raum des Baues und um den Bau herum befinden. 

Was ich Ihnen nun zunachst zu sagen habe, das konnen wir in Ankniipfung an ein be- 
stimmtes Motiv uns klar machen, namlich an einem Motiv, das darstellen wiirde vier Saulen, 
die von einer Kuppel abgeschlossen werden. Man betrachtet ein jedes solches Motiv aber zu 
engherzig, wenn man es einfach so ins Auge fafit, als ob es abgeschlossen fiir sich dastiinde. 




Nichts in der Welt steht abgeschlossen fiir sich da, nicht eine Blume, nicht ein Tier, nicht ein 
Mensch, aber auch nicht ein solches Motiv, denn es gehort im wesentlichen zu einem solchen 
Motiv, dafi Krafte vorhanden sind, die ganz aufierhalb des geometrischen Zusammenhangs 



dieses Motivs stehen. Geometrisch sind das vier Saulen, die von einer Kuppel bedeckt werden; 
aber dieses Geometrische ist nur ein Teil davon. Dasjenige, was dazugehort, ist erne Summe 
von Kraften, die im ganzen Bau des Weltalls veranlagt sind und bewirken, dafi die Saulen die 
Kuppel tragen konnen. Die Kuppel ruht auf den Saulen, die Saulen stehen auf der Erde: die 
Schwerkraft kommt dabei in Betracht. 

Indem wir ein solches Motiv empfinden, empfinden wir nicht blofi einseitig das geome- 
trische, sondern auch das andere Element, ich habe es oft das dynamische, das kraftliche 
genannt, dieses Hineingestelltsein in die Kraftkonfiguration der ganzen Welt, namentlich 
der Erde. 

Wenn Sie dieses Motiv nun ansehen, so haben Sie das Eigentiimliche, daft Sie es symme- 
trisch betrachten konnen von alien Punkten des Umfangs. Es ist nach alien Seiten hin, nach 
alien Richtungen des Raumes - wenigstens was die Kuppel anbelangt - symmetrisch, so daft 
wir sagen konnen: es ist dem Erdenleib aufgesetzt ein Motiv, das sich vorzugsweise nach oben 
ausdehnt und im Umkreis symmetrisch ist. 

Nun handelt es sich darum, daft man ein solches Motiv empfindet, denn daft man kiinstle- 
risch die Motive empfindet, darauf kommt es an. Wenn wir versuchen, ein solches Motiv 
richtig zu empfinden, dann werden wir dazu kommen - natiirlich handelt es sich darum, daft 
man sich wirklich vertieft in den Formencharakter, vertieft in dasjenige, was die Form sagen 
kann -, dann wird man dazu kommen, sich zu sagen: Dieses Motiv, das sich von der Erde 
erhebt und wenigstens in seinem oberen Teil in alien Richtungen des Raumes symmetrisch 
ist, dieses Motiv iibt auf uns einen solchen Impuls aus, als wenn wir in uns selber gehen und 
unser Fiihlen innerlich erleben. 

Sehen Sie, es ist schon notwendig, daft Sie, wenn Sie im Okkultismus weiterkommen wol- 
len, darauf eingehen, die Einseitigkeit abstrakter, verstandesmaftiger Betrachtung zu verlassen 
und auf eine Betrachtung sich zu verlegen, die auf das Erleben ausgeht. Daher muft manches, 
was gesagt wird, nicht in den bloften Formen des Verstandes gesagt werden, sondern in 
Erlebensformen. 

Es ist dem heutigen Menschen recht schwierig, die Erlebensformen ebenso hinzunehmen 
wie die Verstandesformen. Nun werde ich Ihnen eine solche Erlebensform sagen. Ich kann sie 
nur beschreiben, verstehen kann sie aber jeder, der versucht, mit seinem eigenen Erleben das 
durchzumachen, was ich beschreibe. Wie kann man eine solche Form empfinden, und fiihlen 
was sie ausdruckt? Man kann es auf folgende Weise. Man kann sich klarmachen morgens, 
wenn man aus dem Bette aufsteht und zu seiner Tagesarbeit iibergeht: du bist jetzt aus der 
liegenden Haltung - manche sagen liegende Stellung - iibergegangen in das Stehen und in das 
Gehen. Das ist ein Erleben; allerdings ein Erleben, das nicht viele Menschen sich zum Be- 
wufttsein bringen, aber es ist ein Erleben, aus der liegenden Haltung in eine stehende oder 
gehende Haltung iiberzugehen. Es ist ein Erleben. Das Erleben besteht darinnen, daft, wenn 
man liegt, die Schwerkraft auf einen wirkt wie auf einen liegenden Sack, sagen wir einen 
Mehlsack. Es wirkt wirklich auch die Schwerkraft im tieferen Sinn, denn, wenn Sie liegen, lie- 
gen Sie immer auf irgendeiner Flache Ihres Leibes, und diese Flache driickt auf ihre Unterlage, 
so daft Sie immer auf die Flache, auf welcher Sie liegen, driicken. Diesen Druck empfinden Sie 
zwar gewohnlich nicht; aber er ist da; er ist ein Impuls, der mit der ganzen Empfindung der 
Schwerkraft zusammenhangt, er wirkt gleichsam hinein in Ihren astralischen Leib. Was da als 
Druckflache existiert, wirkt hinein in den Astralleib. 



Wenn der Mensch nun anfangt, das wahrzunehmen, was als Druckflache wirkt, nimmt er 
zugleich die elementarischen Geister der Erde mit wahr. Gerade darin nimmt man sie gut 
wahr, denn im Stehen und Gehen kann man sie nur wahrnehmen durch jenen Druck, der 
durch die Fufisohlen bewirkt wird. 

Nun, indem Sie aufstehen, verlassen Sie die Sphare dieses Druckes; Sie stellen sich selbst der 
Schwerkraft gegeniiber. Ihre eigene Korperachse stellen Sie in den Bereich der Schwerkraft 
hinein. Sie iiberlassen sich nicht mehr wie ein Sack der Schwerkraft; Sie treten aktiv in die 
Sphare der Schwerkraft hinein. Das ist ein Erleben, ein Erleben, das man allerdings nicht so 
hat, wie man irgendein Gedankenerlebnis des in Abstraktionen denkenden Gehirns hat. 

Ich habe in den Vortragen, die ich gehalten habe iiber «Okkultes Lesen und okkultes 
H6ren», eigentlich von drei Gehirnen gesprochen. Sobald der Mensch mit seinem mittleren 
Gehirn zu erleben beginnt, erlebt er solche Dinge ganz lebendig: es beginnt gleichsam das 
Fiihlen mittleres Gehirnerlebnis zu werden. 

Also man ist aufgestanden und macht sich das Erlebnis des Aufstehens klar: dann hat man 
das Erlebnis des Erfiihlens der Welt; dann weifi man eigentlich erst, was Fiihlen ist. Man kann 
es noch auf viele andere Arten machen, aber man beginnt etwas zu wissen, was Fiihlen ist, 
wenn man auf diese Weise das Erlebnis des Aufstehens hat. 

Nun mufi man sich dieses Erlebnis des Aufstehens so richtig zum Bewufksein bringen, und 
dann kann man das Erlebnis dieser Formen haben (namlich der Kuppel in der Zeichnung 
Seite 51), indem man sich sagt: Diese Form unterscheidet sich von mir selber dadurch, dafi sie 
nicht aufstehen kann, daft sie immer liegen bleibt. Sie miifite, wenn sie bis zu meinem Erlebnis 
kommen wollte, aufstehen, sich um neunzig Grad in senkrechter Ebene drehen. - Denn was 
diese Kuppel himmelwarts hat, indem sie durch ihre Kuppelform nach aufwarts strebt, das 
hat der Mensch, wenn er aufgestanden ist, in seinem Befiihlen der Welt namentlich durch die 
Hande. Und wenn der Mensch liegt und dabei wiirde fiihlen konnen das, was iiber ihm ist, so 
wiirde er die Natur eines Kuppeligen iiber sich mit den Handen fiihlen. In der Gefiihlssphare 
ist dasjenige beschlossen, was mit einem solchen architektonischen Motiv zum Ausdruck 
kommt, in der Fiihlsphare. 

Wenn der Mensch dazu gelangen wiirde, gleichsam liegend an der Erde befestigt zu sein 
und mit seinen Handen geistig hinauszufiihlen, hinauszutasten in die Welt, so wiirde er iiber 
sich die geistige Welt erfiihlen wie in dem Inneren eines machtigen Domes, eines allseitig 
symmetrischen Gebaudes. 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite: 5 3 



In gewisser Beziehung war ein Ahnliches bei den Griechen vorhanden. Die griechische 
Kultur ist in gewisser Beziehung, indem sie vorzugsweise entsprungen ist aus der Verstandes- 
oder Gemiitsseele - scheinbar ein Widerspruch, aber damit miissen wir uns bekannt machen, 
wenn wir in den Okkultismus eindringen -, eine Kultur, die in ruhevoller Verbindung des 
Menschen mit der Erde entstanden ist, indem der Mensch, in ruhevollem Verhaltnis mit der 
Erde verbunden, den Himmel iiber sich erfiihlt hat wie einen geistigen Dom. 

Wir in unserer Zeit haben nicht zu unserem Grundton das griechische innere Impulsleben 
und insbesondere nicht in uns das, was in der Evolution der Menschheit jetzt erst beginnen 
und sich ausdriicken soil in unserem Bau. Es mufi gewissermafien iibergehen der aus der Ruhe 




sich erhebende Mensch nicht nur in das Stehen, sondern auch wirklich in das Gehen. Er mufi 
kiinstlerisch neben der Gefuhlssphare die Willenssphare kennenlernen. Das kann nur erreicht 
werden dadurch, dafi das allseitig Symmetrische in das Symmetrische mit nur drier Symme- 
trieachse verwandelt wird. So dafi man sagen kann: In dem Augenblick, wo wir verwandeln 
das Baumotiv in ein solches, welches nur eine Symmetrieachse hat, haben wir in dem Bau 
ausgedriickt nicht blofi das Erlebnis des aus der Ruhe in das Fiihlen iibergehenden Menschen, 
sondern desjenigen Menschen, der aus dem Fiihlen in das Wollen, in das Gehen iibergeht. Ein 
fortschreitendes Motiv ist das Motiv des Willens. 

Daher mufi bei demjenigen, der den Bau betritt, das innerliche Erlebnis entstehen, dafi er 
mit dem Beschauen der Motive der einzelnen Saulenkapitelle und Architrave «fortbewegt» 
wird, dafi ein Fortschreiten da ist. Das ist in der Art und Weise zum Ausdruck gekommen, 
wie es schon im letzten und vorletzten Vortrage angedeutet worden ist. 

Nun ist der Wille des Menschen ja dasjenige, was mit den unterbewufiten Erlebnissen zu- 
sammenhangt, was, man kann sagen, bei dem gegenwartigen Menschen am meisten von den 
Gottern dirigiert wird. Der Wille wird am meisten von den Gottern dirigiert, selbstverstand- 
lich auch von Luzifer und Ahriman; deshalb gibt es auch einen bosen Willen. Aber er wird 
von den Gottern getragen, vorwarts bewegt, und der Mensch ist nur in den wenigsten Fallen 
in der Lage zu wissen, was in seinem Willen vorgeht. Deshalb gehort zu dem, was der Mensch, 
wenn er redet, am unwillkiirlichsten aufiert, dasjenige, was in seinem Willen veranlagt ist und 
durch seinen Willen verursacht wird. Man darf sogar sagen: so ist es richtig. Am wenigsten 
hat der Mensch zunachst notig, vollig bewufit zu sein, wenn er sich der urspriinglichen, ele- 
mentaren Natur seines Willens hingibt, wenn er die Impulse der Gotter in seinem Willen tatig 
sein lafit. Die elementarsten Impulse sind die Willensimpulse. Daher, mochte ich sagen, kann 



der Mensch fortschreiten in seinen Inkarnationen von Volk zu Volk, was kiinstlerisch 
dargestellt wird in unserem Bau durch das Fortschreiten in der Saulenfolge. 

Der Mensch kann fortschreiten von Volk zu Volk; er wird mit jeder Inkarnation in ein an- 
deres Volk hineingeboren. Dasjenige, was er aus seiner Willenssphare erlebt, ist gewisserma- 
fien von den Gottern kommend. Er kann ja zunachst auch nicht viel an dieser Willenssphare 
andern. Denn derjenige, der an irgendeinem Ort der Erde geboren ist, kann merits daran 
andern, dafi er geboren ist an diesem Orte, der in irgendeiner Form der Saulen reprasentiert 
ist. Denn an diesem speziellen Orte der Entwickelung steht der Mensch durch die unterbe- 
wufiten Untergriinde seines Willensslebens. 

Das ist es, was wir uns vergegenwartigen miissen: dafi dasjenige, was auf diese Weise zum 
Ausdruck kommt, aus unterbewufiten Untergriinden des Willens hervorgeht. Wie zum 
Beispiel die Angehorigen der verschiedenen Nationen iibereinander denken, wie sie sich ge- 
genseitig, nun, sagen wir «loben», das hangt durchaus mit dem zusammen, was aus den Unter- 
griinden der Willenssphare herauf, man mochte sagen «raucht»; das entspringt aus nichts 
anderem als aus den Willensimpulsen. 

Wir ersehen aus dem, was entwickelt worden ist, dafi wir eine Moglichkeit haben, uns iiber 
diese blofien Willensimpulse zu erheben. Dann miissen wir aber sinngemafi die andere Rich- 
tung verfolgen. Die Richtung der Willensimpulse ist diese (■*—), die Richtung des Fortschrei- 
tens. Die Richtung der Gefiihlsimpulse aber ist die von unten nach oben gehende. Der 
Mensch kann sich herausheben aus dem, was blofi aus den Willensimpulsen kommt. Und aus 
solchen Betrachtungen heraus, wie sie angeschlossen waren an die Betrachtung der Saulen und 
Architravmotive, kann er das. 





Erweitern wir dadurch nicht den Blick zu einem solchen, der dasjenige iiberschaut, in dem 
er sonst darinnensteht? Und ist nicht unsere Geisteswissenschaft ein Mittel, um zu solcher 
Uberschau zu kommen? Man denke nur, wie unendlich vieles dazu beigetragen werden konn- 
te, dafi die Menschen aller Kulturgemeinschaften sich gegenseitig verstehen, sich gegenseitig 
liebevoll umschliefien, wenn in das lebendige Fiihlen und Wissen aufgenommen wird das- 
jenige, was wir das letzte und vorletzte Mai entwickelt haben. Wie konnte der Angehorige der 
einen Kulturgemeinschaft den Angehorigen einer anderen Kulturgemeinschaft einfach has- 
sen und iiber ihn schimpfen, wenn er dasjenige weifi, was wir das letzte und vorletzte Mai 
entwickelt haben? Wie wird die aus der Willenssphare kommende Willensbeschranktheit in 
einer einzelnen Kulturgemeinschaft erweitert zu der Harmonie aller Kulturgemeinschaften, 
wenn wir wissen, was einer jeden Kulturgemeinschaft zugeteilt ist! 



Und die einzelnen Kulturgemeinschaften empfinden wir wie unsere eigenen Seelenglieder 
in unserem eigenen Inneren. Kiinstlerisch mufke das also zum Ausdruck kommen in der 
Gliederung unseres Baues von unten nach oben! Und es ist wirklich dasjenige, was in dem 
ersten Grundsatz unserer Bewegung angedeutet ist, wie ein theoretisch-ethisches Prinzip, es 
ist tatsachlich im Konkreten, im Einzelnen in den kiinstlerischen Formen ausgepragt, wenn 
man diese Formen betrachtet in ihrem Aufstieg von unten nach oben, sowohl in als auch an 
unserem Bau. 

Nun ist aber immer in dem Teil das Ganze, und daher haben wir nicht nur die Richtung 
der Willensimpulse < — , die Richtung der Gefiihlsimpulse t , sondern wir haben noch etwas 
anderes. Wir haben dadurch etwas anderes, dafi wir ja nicht ins Beliebige nach oben gehen 
konnen, sondern oben einen Abschlufi haben. 

Indem ich von diesem Baumotiv zu Ihnen gesprochen habe, habe ich von dem Tragenden, 
nach oben Gerichteten, gesprochen. Aber ich kann auch sprechen von dem oben Abschlie- 
fienden, von dem Deckenden, von dem Uberdeckenden. So daft man sagen konnte, man kann 
die Gesamtheit der Motive darstellen: fortschreitend, sich erhebend, sich abschliefiend. 

Sie konnen sich auch den Merkurstab vorstellen. Tragen Sie ihn nach vorwarts, so ist er 
fortschreitend; heben Sie ihn nach oben, so ist er sich erhebend; driicken Sie die Spirale nach 
oben zusammen, lassen Sie sie in sich erstarren, dann haben Sie den Abschluft nach oben. 
Dieser Abschlufi nach oben stellt ebenso die Gedankensphare dar, wie das Fortschreiten die 
Willenssphare und das Nach-Aufwartsgehen die Gefuhlssphare darstellt. 

Der Mensch wird zu einem sicheren Fiihlen kommen in bezug auf die ganze Evolution der 
Menschheit, wenn er dasjenige aufnimmt, was in den Formmotiven unserer Saulen und Ar- 
chitrave liegt, insofern sie sich von unten nach oben erheben. Man mochte sagen: darinnen 
liegen die Motive des gegenseitigen Verstandnisses der Angehorigen der verschiedenen Erden- 
kulturen. 




Wollte man aus der Willenssphare heraus in die Gefuhlssphare kommen, so ware es not- 
wendig, dafi man sich iiber die Vereinzelung erhebt, dafi man tatsachlich das mitmacht, was 
ausgedriickt ist in diesem Von-unten-nach-oben-Gehen. Dadurch wird in das Gefuhl, in die 
Sympathien und Antipathien der Angehorigen der verschiedenen Kulturspharen ein gewisses 
Etwas gelegt, das in der neuzeitlichen Entwickelung immer notwendiger und notwendiger 
werden wird. 



Mehr noch als das, was der Mensch unmittelbar in seinem Bewufitsein darinnen hat, 
kommt das Unbewufite in Betracht. Zu dem Unbewufiten gehoren die Willensimpulse. Mehr 
bewufit als die Willensimpulse, aber doch zum Teil noch unbewufit, sind die Gefuhlsimpulse. 
Am bewufitesten sind die Denkimpulse, denn was man denkt, dessen ist man sich bewufit; ja, 
dessen ist man sich bewufit, aber nur, wenn man wirklich denkt, wenn man wirklich in den 
Gedanken lebt. Man lebt aber nicht immer in den Gedanken. Wenn der Mensch redet, bringt 
er die Impulse der Gefuhls- und Willenssphare zum Ausdruck; er redet oft aus der Willens- 
oder aus der Gefuhlssphare. 

Das ist ja das Eigentiimliche der Menschennatur, dafi der Mensch reden kann und durchaus 
nicht immer Gedanken zum Ausdruck bringt, dafi das, was in der Rede als Gedanke erscheint, 
oft Maja ist; es ist gewissermafien nur eine Entladung seiner Willens- oder Gefuhlssphare. 
Gedanken zu haben, ist aber noch etwas anderes, etwas mehr. Trotzdem es der Vorzug des 
Menschen ist, solche Denkimpulse zu haben, gehort es zu dem Schwierigsten, dafi der Mensch 
seine Denkimpulse von wirklichen Gedanken durchpulsen lafit. Fur das alltagliche Leben geht 
es noch, aber wenn man fur die grofien Impulse der Menschheitsevolution die richtigen Ge- 
danken haben will, dann darf man nicht einmal stehenbleiben bei dem, was aus dem Fiihlen 
kommt, noch weniger bei dem, was aus dem Willen kommt. Man mufi das Denken durchson- 
nen lassen von noch Hoherem. Konkret gesprochen: Man mufi nicht nur die einzelnen Kul- 
turspharen, wie sie nacheinander auftreten, auf die Seele wirken lassen, sondern man mufi 
auch dasjenige fuhlen, was als noch tiefere Impulse in diesen Kulturspharen wirkt. Das kann 
man nur zum Ausdruck bringen in der Wirkung der Kuppel. 

Daher wird der Mensch, der von Westen nach Osten in den Bau gehen wird, in der fort- 
schreitenden Bewegung, in der Aufeinanderfolge der Saulen dasjenige haben, was den Willen 
ausdriickt; und indem er empfindet, was von unten nach oben geht, wird er die europaischen 
Kulturen und noch manches andere haben. Was wird er haben in dem, was ihm von der Kup- 
pel, von der Kuppelmalerei entgegenkommen soil? Dasjenige was lebt auf der Erde als die Ge- 
heimnisse der Geistesentwickelung der ganzen Erdenmenschheit. Daher wird man aufzublik- 
ken haben nach dieser Kuppel und wird auf der einen Seite die Geheimnisse der urindischen 
Inspiration haben: wie die indischen Rishis in die Menschheit einfliefien lassen dasjenige, was 
aus Geistesspharen in die Menschheit kommen sollte in der urindischen Kultur. Also dasjenige, 
was in die Menschheit zu kommen hatte, in den urindischen Charakter, das wird an einer 
Stelle der Kuppel zu malen sein. Wie Zarathustra die urpersische Kultur gepragt hat, gleich- 
sam wie aus dem Sonnenlichte heraus kampfend mit den Machten der Finsternis, das wird an 
zweiter Stelle zu beobachten sein. Wie dann die agyptisch-babylonisch-chaldaische Kultur 
allmahlich heraufriickt auf den physischen Plan, wie aber noch die astrologischen, die spiri- 
tuellen Verhaltnisse durchdringen, das wird im dritten Felde der Kuppel zu finden sein. Und 
endlich, wie am Abhang stehend, der griechische Mensch, in der heraufkommenden Verstan- 
des- oder Gemiitsseelenkultur lebend; wie er darauf kommt, was der Mensch ist, wie er vor 
die Notwendigkeit gestellt wird, das Sphinxratsel zu losen, wie er durch diese Losung die 
Sphinx in den Abgrund stiirzt, das heifit in sich selber hinein, das wird in dem vierten Felde 
dargestellt sein. Wie die ewigen gottlichen Machte und Krafte hineinwirken in dies Werden 
des Menschen, das wird zum Ausdruck kommen in dem, was nach den vier Himmelsrichtun- 
gen hin dargestellt sein wird, was noch tiefer als die nachatlantischen Impulse in der Ent- 
wickelung der Menschheit liegt, was in der atlantischen und in der lemurischen Zeit liegt: das 



atlantische Werden im Siiden, das lemurische Werden im Norden der Kuppel. Und endlich ist 
das Ergebnis des lemurischen und atlantischen Werdens dargestellt, dasjenige, was unsere Zeit 
sein soli, dadurch, da£ einem entgegenkommen wird, wenn man den Blick hin richtet von 
Westen nach Osten gegen den kleinen Raum hin, aus der Art wie die Darstellung gemacht ist, 
der Impuls, der da liegt im Weltenwerden und der sich ausspricht in dem «I A 0». Nicht etwa, 
da$ das IAO symbolisch dargestellt ware, aber in dem Motiv ist es ausgedriickt. Und wenn 
man den Blick richtet von Osten nach Westen, so entspricht dort das, was aus den Tiefen des 
Kosmos heraus hineinspricht in das Werden der Kultur, dem, wie das I A O in das Werden 
der Seele von innen spricht. 

Das alles aber, was ich jetzt dargestellt habe, nimmt der Mensch wahr, wenn er fur sein 
Haupt diese Kuppel, die sich iiber seinem Gehirn wolbt, iiberwindet, wenn er fur sein Haupt 
den Atherleib befreit und von innen nach aufien schaut, wo sich ihm dann das, was ich be- 
schrieben habe, als machtige Imagination darstellt. 

Das, was ich gesagt habe, ist eine Realitat, wird geschaut, wenn man den Atherleib be- 
freit von seiner physischen Grundlage. Man erschaut dann das, was in dem zum Kosmos 
erweiterten Athergehirn sich innerlich darstellt. Da stellt sich das ganze Erdenwerden des 
Menschen dar. 

Gedanken iiber das zu haben, was in der Menschheitsevolution vorhanden ist, ist man aber 
nur imstande, wenn man die Geheimnisse durchdringt, die da im Innern unserer Kuppel ge- 
malt werden sollen. So wie man zur Fuhlenssphare, das heifk, zum unbefangenen Fiihlen 
ohne Antipathien und Sympathien im Volkerwerden nur aufsteigen kann, wenn man erlebt 
dasjenige, was in den Saulen- und Architravmotiven von unten nach oben zum Ausdruck 
kommt, so kann man in diesen Motiven durchdringen zu dem, was da im Menschenwerden 
in jeder Stunde, in jedem Augenblicke lebt. Nur wenn man weifi, was in jedem Augenblicke 
des Menschenwerdens die Menschenseele durchlebt, kann man wissen, was durch die Jahrmil- 
lionen evolviert worden ist, denn alles, was in den atlantischen und lemurischen Kulturen 
enthalten war, lebt in jeder Seele. Keine Seele ware so, wie sie ist, wenn sie das nicht aufge- 
nommen hatte. Man versteht gedankenmafiig eine menschliche Seele in ihren Tiefen nur, 
wenn man sie aus dem ganzen Erdenwerden heraus versteht. 

So driickt unser Bau aus, wenn ich das Wort «ausdriicken» gebrauchen darf: Wollen, 
Fiihlen und Denken, aber in ihrer Evolution, in dem, was sie werden sollen in der Menschen- 
wesenheit, die nach einer ge wissen Entwickelung ihrer selbst strebt. 

Also nicht aus irgendeiner Willkiir heraus sind die Formen so, wie sie sind, oder wird dasje- 
nige gemacht, was gemacht wird, sondern sie sind so aus dem Innersten desjenigen heraus, was 
wir auch erkennen wollen in der Geisteswissenschaft. 

Wie oft ist uns entgegengetreten, wenn wir versuchen, die Geheimnisse der Menschennatur 
zu erkunden: Wollen, Fiihlen und Denken. Gebaut haben wir Wollen, Fiihlen und Denken 
mit unserm Bau, und so wie er ist, ist Wollen, Fiihlen und Denken in der Menschennatur 
geheimnisvoll miteinander verbunden. Gehe ich von Westen nach Osten in diesem Bau, dann 
bewege ich mich so, wie sich die Willenssphare der Menschen bewegt; richte ich den Blick 
von unten nach oben und beobachte die Formen der Saulen und Architrave, dann vertiefe ich 
mich in die Geheimnisse der Gefuhlssphare der Menschennatur. Studiere ich dasjenige, was 
sich wolbt in der Malerei der Kuppel iiber dem, was wir erleben innerhalb des Baues, dann 
studieren wir die Geheimnisse der menschlichen Denksphare. 



Man sieht, dafi bei einem solchen Werk, wie es unser Bau ist, alles einer gewissen inneren 
Notwendigkeit entspricht, dafi alles so entsteht, wie es entstehen mufi. Und das gehort zu 
dem Bedeutsamen eines solchen Werkes. 

Meine lieben Freunde, wodurch empfinden wir eigentlich, dafi irgendeine Imagination, 
eine Inspiration, eine Intuition etwas Objektives enthalt? Dadurch empfinden wir es, dafi, 
wenn wir diese Imagination, Inspiration, Intuition haben, wir innerlich erleben: sie stellen 
sich nicht dar als etwas, was aus uns entsprungen ist, sondern sie stellen sich in den ganzen 
Kosmos hinein und stehen harmonisch in diesem Kosmos darinnen. Ein Kunstbegriff, eine 
Kunstvorstellung wird in der Zukunft die Menschen ergreifen miissen, so dafi man als innere 
Notwendigkeit empfindet: Dasjenige, was kiinstlerisch geschaffen wird, das gehort einem 
nicht selber an, das schaffen in uns die Gotter, denn die wollen es in der Welt haben, die 
wollen, dafi es geschaffen wird, wollen, dafi es darinnensteht. 

Man kann sich iiberzeugt halten, dafi der wirkliche Fortschritt der Menschennatur in die 
Zukunft hinein davon abhangen wird, dafi solche Empfindungen und solche Vorstellungen 
immer weiter und weiter Platz greifen, dafi sie an die Stelle derjenigen Vorstellungen treten, 
die heute eigentlich popular sind. 

Ich meine, es sollte ein jeglicher, der hier an diesem Bau arbeitet oder mit diesem Bau 
irgendwie verbunden ist, vor alien Dingen die Empfindung in sich aufnehmen, dafi es seine 
Aufgabe ist, dasjenige, was gewollt wird mit diesem Bau und was in diesem Bau sich aus- 
driickt, zu vergleichen mit dem, was heute in der Welt tonangebend und herrschend ist. 

Aus einem solchen Vergleich kann ein inbriinstiges Gefuhl hervorgehen, das wir uns ver- 
deutlichen konnen an der Frage: Wodurch ist denn die christliche Kultur in ihrer ersten Form 
entstanden? Ich habe ja schon ofter darauf hinge wiesen, dafi alle solche Kulturimpulse auf 
ahnliche Weise entstanden sind; dadurch namlich, dafi die ersten Bekenner eines solchen Kul- 
turimpulses, die ersten, die sich dazugerechnet haben, in ihrer Seele geniigend stark waren, 
um diesen Impuls in ihrer Seele als allbeherrschend zu empfinden. Was ware denn geworden 
aus dem Christentum, wenn die ersten Christen nicht allbeherrschend die christlichen Impul- 
se in ihrer Seele getragen hatten? Wissen wir doch, dafi die tonangebende Kultur im Romi- 
schen Reich oben - in dem, was gleichsam das physische Licht des Tages hatte - eine andere 
gewesen ist als die christliche Kultur, die sich unten im Dunkeln in kleinen Konventikeln, 
in den Katakomben entwickelt hat, und die dann hinaufgestiegen ist. Wissen wir doch, 
dafi nichts geblieben ist von der romischen Kultur, und dafi das, was sich unten im tiefsten 
Dunkel der Katakomben entwickelt hat, heraufgestiegen ist, weltbeherrschend geworden ist. 
Das ist deshalb geschehen, weil es drunten in den Katakomben in die Herzen und Seelen 
gelegt worden ist. 

Heute ist das ja nicht der Fall, dafi wir diesen Dornacher Berg, auf dem wir stehen, hatten 
innen durchhohlen miissen, damit niemand etwas sahe von dem, was wir treiben. Das haben 
wir nicht gebraucht. Wir brauchen den Berg nicht zu durchhohlen und ihn mit Katakomben 
zu durchziehen, wir brauchen nichts zu verheimlichen; wir haben nicht notig, dafi wir unten 
in der Erde die neue Kultur vorbereiten, wahrend oben das vor sich geht, was jetzt eben vor 
sich geht. Das brauchen wir nicht. Aber geistig ist die Sache doch so. Denn was lebt von dem, 
was wir hier in unsere Herzen, in unsere Seelen schreiben wollen, und was wir in unseren 
Saulenformen und Bildern zum Ausdruck bringen wollen, was lebt davon draufien in der 
Gegenwartskultur? Nicht mehr als im Romertum von dem ersten Christentum lebte! 



Und wenn wir auch nicht physisch in Katakomben leben, geistig stehen wir ja doch in sol- 
chen Katakomben, und wir fiihlen richtig, wenn wir uns geistig gleichsam in solchen Kata- 
komben fixhlen. Wir fiihlen unseren Bau nur dann richtig, wenn wir symbolisch uns etwa 
sagen: Da glanzt in das Land hinaus im Sonnenschein mit dem grau-glanzenden Schieferdach 
die Kuppel unseres Baues. Wir aber sind unter dieser Wolbung; vor allem spirituell sind wir 
unter dieser Wolbung. 

Ich wollte damit auch hier wieder andeuten, wie sich fiihlen mufi derjenige, der den inner- 
sten Impuls der Geisteswissenschaft versteht, zu dem, was da draufien ist. O diese ersten Chri- 
sten, sie haben auf dasjenige gehort, was ihnen als Worte die Seele und das Herz durchtont 
hat, was seinen Ausgangspunkt genommen hat von dem Mysterium von Golgatha, und sie 
verfielen nicht den Lockungen desjenigen, das sich iiber den Katakomben abspielte. 

Mochte es heute spirituell innerhalb unserer geistigen Bewegung so sein, mochte es geistig 
so sein! Denn in diesem Worte geistig liegt ja eine gewisse Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit 
driickt sich dadurch aus, dafi, wenn man die tatsachlichen Verhaltnisse betrachtet, man 
manchmal versucht sein konnte - ich sage «konnte», nicht «kann» -, zu wiinschen, dafi jener 
harte und starke Zwang zu innerlicher Vertiefung auch in der Gegenwart noch vorhanden 
sein mochte, der darinnen lage, dafi uns mit alien Mitteln der gegenwartigen Kultur verboten 
worden ware, auf dem Dornacher Berg zu bauen und wir wirklich in Erdhohlen uns hinein- 
arbeiten und darinnen, in der Verborgenheit, hatten hausen miissen. Da wiirden wir schon 
beim Hineingehen mehr fiihlen, wie sich unterscheiden miissen unsere eigenen Impulse, die 
die Impulse der Geisteswissenschaft sein sollen, von dem, was sein Wesen dariiber treibt und 
poitert. 

Manches lalk sich nur in solchen vergleichsweisen Worten zum Ausdruck bringen, wie ich 
sie jetzt gesprochen habe. Und manches von dem, womit mehr gemeint ist, als diese vergleichs- 
weisen Worte scheinbar andeuten, konnen Sie in der Seele erfiihlen, wenn Sie ein wenig auf 
diese Worte eingehen. 

Mochten Sie empfinden alles dasjenige, was ich ausfuhrlich mit den Worten der heutigen 
Auseinandersetzung und auch, zusammenfassend, mit dem Schlufiwort gemeint habe! 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:287 Seite:60 



FUNFTER VORTRAG 



Dornach, 25. Oktober 1914 

Wie in unserem Bau dasjenige, was im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wie die Im- 
pulse des Wollens, des Fiihlens, des Denkens in ihm ihren Ausdruck finden sollen, davon 
haben wir gestern gesprochen. 

Nun geht Ihnen wohl aus verschiedenem hervor, das in den letzten Tagen hier besprochen 
worden ist, dafi das Kiinstlerische in unserem Bau ein neues Element enthalten soil, dafi es 
enthalten soil etwas, was in der kiinstlerischen Evolution der Menschheit bisher nicht vor- 
handen war, was aber notwendig ist fur die weitere Evolution der Menschheit und daher von 
jetzt ab gewissermafien eingefiigt werden mufi in diese Menschheitsevolution. 

Allerdings, man wird sich in dasjenige, was eigentlich gewollt ist mit unserem Bau, schwer 
hineinfinden, wenn man sich gewissermafien nur so von aufien hineinfinden will. In dem 
Augenblicke, wo man sich von aufien hineinfinden will, wird man vielleicht so vor diesem 
Bau stehen, dafi man sich sagen wird: Ja, ich kann aus alledem eigentlich nichts Rechtes ma- 
chen, kann mit alledem nichts Rechtes anfangen. - Und man wird von dem Standpunkte des- 
sen, was man bisher gewohnt war als kiinstlerisch anzusehen, selbstverstandlich seine Kritik 
an dem Bau iiben. Nun man hat ja zu alien Zeiten der Menschheitsentwickehmg von dem 
Standpunkte des Vergangenen aus seine Kritik entwickelt iiber das, was als neuer Impuls in 
die Menschheitsevolution eingezogen ist. 

Nun wird es uns zum Verstandnis desjenigen, worauf es fur uns ankommt, ein wenig die- 
nen konnen, wenn wir gewissermafien die «Formel» suchen, die in einigen Worten die Ge- 
sichtspunkte bringt fur die Erneuerung auch des kiinstlerischen Prinzips durch die wahrhaft 
anthroposophische Weltauffassung. Wir konnen ja, wenn wir das kiinstlerische Leben iiber- 
blicken, unseren Blick darauf lenken, was an architektonischen Formen die Menschheit her- 
vorgebracht hat, entweder original hervorgebracht hat in der agyptischen, in der griechischen, 
in der gotischen Baukunst, oder wir konnen unseren Blick auf das lenken, was gewissermafien 
die Erneuerung eines Friiheren in einer spateren Zeit darstellt, wie die Renaissance. Wir 
konnen so die Plastik, die Malerei und so weiter ins Auge fassen. 

Wenn wir alles das, was da von dem eigentlichen Charakter der Kiinste auf unsere Seele 
wirkt, in Vergleich bringen mit dem, was mit unserem Bau gewollt wird, so kann man sagen, 
alles was gewollt wird, ist gewissermafien fur uns so, als ob es wie ein Ruhendes zum Leben 
aufgerufen wiirde. Man mochte sagen: man sah die kiinstlerische Entwickelung der Mensch- 
heit vor sich und betrachtete sie bildlich wie einen Menschen, der in Ruhe dasteht in irgendei- 
ner Geste. Und nun kommt jemand und spricht zu diesem Menschen etwas, und nun beginnt 
der Mensch zu gehen, sich zu bewegen. So konnte es sein mit der kiinstlerischen Entwicke- 
lung, die wir bis zu unserer Zeit verfolgen konnen. Wir konnen sie betrachten wie etwas, was 
in ruhiger Geste dasteht, und dem wir gern das Zauberwort zurufen mochten, durch das es 
zum Gehen, zum innerlichen Leben, zur Bewegung gebracht wird. Das mochten wir iiber- 
haupt mit unserer ganzen geisteswissenschaftlichen Entwickelung tun, weil dieses gefordert 
wird durch die Ubergangsimpulse, die gerade in unserer Zeit leben und die uns geradezu auf- 
fordern, ein neues Element fur die zukunftige Menschheitsevolution zu suchen. 



Betrachten wir, um ein Beispiel herauszuheben, ein schones griechisches Kunstbauwerk. 
Da werden wir sehen, wie die Hauptsache darin besteht, daft Symmetrieverhaltnisse da sind, 
die sich gegenseitig tragen und stiitzen, die sich aber tragen und stiitzen in Ruhe, so sich 
tragen und stiitzen, wie eben die einzelnen Glieder eines Menschen sich tragen und stiitzen, 
der in Ruhe vor uns dasteht. 

Und jetzt vergleichen wir damit dasjenige, was wir mit unserem Bau gewollt haben - selbst- 
verstandlich wird sich das in spaterer Zeit iiber die primitiven Anfange und die primitiven 
Krafte, mit denen wir arbeiten muftten, hinausentwickeln -: Wir haben eine fortschreitende 
Bewegung vom Westen nach Osten; wir haben gleichsam ein Wachsen der Motive von den 
einfachen Formen, die im Westen zu sehen sind in den Kapitell- und Architravmotiven, kom- 
plizierter werdend und dann sich verinnerlichend, und in dieser Verinnerlichung einfacher 
werdend gegen den kleinen Bau zu. Es ist in Bewegung gebracht dasjenige, was vorher blofi, 
man mochte sagen, unorganisches Symmetrieprinzip war. Was sich vorher gegenseitig in 
Ruhe trug, bewegt sich nunmehr. Insbesondere wird das zum Ausdruck kommen miissen, 
soweit wir das in unserer Zeit schon treffen konnen, in dem, was malerisch anzustreben ist. 

Die Malerei hat ja gewissermafien zwei Pole. Der eine Pol ist der zeichnerische und der 
andere Pol ist der koloristische. Aus diesen zwei Polen setzt sich im Grunde genommen alles 
Malerische zusammen. Nun kann jemand ein bedeutender Zeichner sein; das heifit, er kann 
imstande sein, dasjenige, was in den Wesen innerlich formhaft veranlagt ist, in den Linien 
wiederzugeben, durch die, wenn man sie iiberschaut, eben ein Bild des Formhaften hervorge- 
rufen wird. Aber wir miissen uns dariiber klar sein, daft derjenige, der so im zeichnerischen 
Pol des Malerischen lebt, im Grunde doch dem Realen oder, wie man oftmals sagt, der Natur 
gegeniiber, sehr einseitig sein muft; denn die Natur arbeitet nicht allein mit den Linien, die 
der Maler festhalten kann, sondern sie enthalt viel reichere Mittel, um auszudriicken, was in 
einem Wesen ausgedriickt werden soil. Daher muft der Maler, der Zeichner in seinen Linien, 
wenn er innerlich bewegt ist von dem, was in einem Wesen enthalten ist, mehr ausdriicken, 
als die Natur in Linien zum Ausdruck bringen kann. 

In bezug auf dieses Zeichnerische wird man aber immer eine bestimmte Empfindung haben 
miissen: namlich die, daft dieses Zeichnerische der Natur gegeniiber doch nur ein Surrogat 
bleibt. Was wir durch die Zeichnung auch zu leisten, was wir damit auch auszudriicken ver- 
mogen, wir sind dadurch nie imstande, etwas zu geben, was iiber die Natur hinausgeht, nicht 
einmal imstande, die Natur zu erreichen, da das, was wir der Natur gegeniiber anstreben, 
doch nur Stiimperei bleiben muft aus dem Grunde, weil die Natur mit ihren viel reicheren 
Mitteln das Innere, Wesenhafte ihrer Schopmngen zum Ausdruck bringen kann. 

Daher kann die Zeichnung niemals etwas anderes sein als ein Hilfsmittel. Und ich glaube, 
daft bei dem, der nun ein wirklicher Zeichner ist, immer das Gefiihl herrschen muft, daft er 
eigentlich mit der Zeichnung nur so etwas wie ein Gerust auffiihrt zu dem, was er eigentlich 
machen will, ein Gerust, das er spater wieder abtragt und das um so besser ist, je weniger es 
spater gesehen werden kann. 

Ich glaube, wer kiinstlerische Empfindung hat, der wird in einem malerischen Kunstwerke, 
bei dem die Zeichnung besonders hervortritt, besonders auffallig zu sehen ist, etwas empfin- 
den wie bei einem Bauwerke, bei dem das Gerust nicht abgetragen, sondern stehengeblieben 
ist. Das kann bis zu dem Punkte gehen, wo man die Zeichnung immer als etwas empfinden 
wird, was sich, man mochte sagen, ungeschickt an das eigentliche Kiinstlerische anlehnt. 



Etwas anderes ist es mit dem anderen Pole des Malerischen, dem Koloristischen. Da mufi 
man bedenken, dafi das Koloristische ein Festhalten dessen ist, was im Grunde genommen in 
der Natur gar nicht da ist, oder wenigstens nur fiir den Augenblick festgehalten werden kann. 
Zum Koloristischen kann man eigentlich in Wahrheit dasjenige nicht rechnen, was «festgehal- 
ten» an einem Wesen ist und was man so malt; denn derjenige Maler, welcher den Hauptwert 
darauf legte, etwa die Farben der Bekleidung bei Menschen, die er malt, so recht nachzumalen, 
der ware selbstverstandlich ein schlechter Maler. 

Aber im Grunde genommen ware noch nicht einmal der ein guter Maler, der zum Beispiel 
im Kolorit des Gesichtes die inneren vitalen Verhaltnisse des menschlichen Organismus be- 
sonders zum Ausdruck bringen wollte. Wer ein blasses Gesicht malt - ich will den extremen 
Fall setzen -, um mit diesem blassen Gesicht anzudeuten, dafi der betreffende Mensch, der so 
gemalt ist, innerlich vielleicht krank ist, der wiirde im Grunde genommen doch nicht etwas 
eigentlich Kiinstlerisches damit entfalten; gar nicht zu reden davon, dafi es wenig kiinstlerisch 
ware, wenn jemand einem Weintrinker eine rote Nase malen wollte. 

Wenn man dasjenige, was gleichsam stationar ist und an einem Wesen sich ausdriickt, kolo- 
ristisch festhalten will, so steht man doch nicht in den eigentlich kunstlerischen Impulsen 
darin. Wenn man aber, sagen wir, eine Wolke malt, und in der Wolke den ganzen Zauber der 
Natur zum Ausdruck bringt - etwa die Morgensonne und die Einwirkung des Morgens auf 
die Wolkennuancen -, da halt man etwas fest, was in der Natur voriibergeht und was nicht 
aus dem Innern des einzelnen Wesens, der einzelnen Wolke hervorgeht. Das, was man fest- 
halt, ist also etwas, was voriibergeht, was aber in den Verhaltnissen der ganzen Umgebung, 
des Kosmos, soweit er in Betracht kommt, begriindet ist. Wenn wir eine richtig beleuchtete 
Wolke zu einer bestimmten Tageszeit malen, malen wir im Grunde genommen die ganze 
Welt mit, die zu der Tageszeit da ist. Wenn wir einen Menschen malen und die ganze Konsti- 
tution seines Innern wiedergeben wollen, dann stehen wir, wie gesagt, nicht in dem eigentlich 
Kunstlerischen darinnen. Wenn es uns aber gelingt, zum Ausdrucke zu bringen, was dieser 
Mensch erlebt hat, wenn wir zum Beispiele beim Malen eines Bildes zur Darstellung bringen 
konnen irgend etwas, das verursacht, dafi ein Mensch eine bestimmte Rote im Gesicht hat, 
dann stehen wir schon mehr im Kunstlerischen darinnen; und noch mehr, sobald wir aus dem 
Bilde selber ersehen konnen, was das Erlebnis ist, wenn uns das Rot der Wange erzahlt, was 
der Mensch durchlebt haben mufi. Also wieder etwas, was nicht in dem einzelnen Wesen ist, 
sondern in der ganzen Umgebung, im ganzen Kosmos. 

Was ich hier sage, hangt in gewissem Sinne zusammen mit dem, was ich in den Vortragen 
iiber «Okkultes Lesen und okkultes H6ren» besprochen habe, wo ich gesagt habe, dafi die 
Seele eigentlich auch beim Tagwachen immer aufierhalb des Leibes ist, und der Leib nur ein 
Spiegel ist, aus dem heraus der Mensch sich dasjenige zum Bewufitsein bringt, was draufien im 
Kosmos lebt. Und nur der ist ein wahrer Kiinstler, der gewissermafien draufien mit den Din- 
gen im Kosmos lebt und fiir den das, was er darstellt, eigentlich nur die Veranlassung dazu ist, 
sein Leben mit dem Kosmos wiederzugeben. 

Wenn wir, wie ich vorhin an dem Beispiele ausgefuhrt habe, eine Wolke malen, so sind wir 
eigentlich mit allem, was wir fuhlen und vorstellen, aufierhalb der Wolke, und die Wolke ist 
nur das, was Veranlassung gibt, hinzuprojizieren auf ein einzelnes Wesen das, was im ganzen 
Kosmos lebt. - Nun aber miissen wir, wenn wir so mit dem Kosmos leben wollen, insofern 
das Koloristische in Betracht kommt, gleichsam die Farbe zum Leben erwecken. Die Farben 



treten uns ja, ich mochte sagen, als Eigenschaften der Wesen in der aufteren Natur entgegen. 
Wir erkennen die Farben an den Gegenstanden der Natur, insofern wir rein auf dem physi- 
schen Plane beobachten. Wir brauchen iiberall eine Unterlage, wenn wir Farben sehen wol- 
len, mit Ausnahme der atmospharischen Erscheinung eines Regenbogens. Deshalb ist nicht 
mit Unrecht die Erscheinung des Regenbogens als etwas angesehen worden, was den Him- 
mel, das Geistige, mit der Erde verbindet, weil wir in dem Regenbogen nicht den Himmel far- 
big sehen, sondern wirklich das Farbige als solches sehen. 

Ich habe schon friiher in Vortragen darauf hingewiesen, daft es eine Moglichkeit gibt, in 
dem Flutenden der Farbenwelt unterzutauchen und mit den Farben zu leben, gleichsam das 
Farbige loszulosen von dem Gegenstandlichen und mit der Farbe zu leben. Wenn man dieses 
Farbige von dem Gegenstandlichen loslost und mit dem Farbigen lebt, dann wird dieses Far- 
bige zugleich der Offenbarer tiefer Geheimnisse, und eine ganze Welt lebt in dem flutenden, 
wogenden Farbenmeere. 

Dann entsteht aber das Bediirfnis, die Farbenwelt loszulosen von den Bedingungen, die ihr 
auferlegt sind auf dem physischen Plane, dann entsteht das Bediirfnis, das Schopferische der 
Farben zu suchen. 

Wenn nun in unserem Bau die Malerei sich organisch einfugen soli in das Ganze dieses 
Baues, dann mufi dasjenige, was in diesem Bau malerisch zur Entfaltung kommt, aus diesem 
Impuls heraus leben, dann mufi versucht werden, namentlich in dem koloristischen Elemente 
dasjenige zur Darstellung zu bringen, was nicht auf dem physischen Plane als Farbiges lebt, 
wo alles Farbige - mit Ausnahme des Regenbogens und ahnlichem - nur gegenstandlich fixiert 
ist. Dann mufi es moglich sein, zum Beispiel in dem Blau mit der ganzen Seele so zu leben, als 
ob die ganze iibrige Welt nicht da ware, als ob es nur Blau gabe und die Seele sich ausflieftend 
fiihlte in dem die ganze Welt erfiillenden Blau. 

Aber das, was da hervorgehen wird, wenn man sich richtig in die flutend-wogende Farben- 
welt hineinlebt, wird nicht nur etwa blofi ein Hinstreichen von Farbtonen sein; denn man 
lebt sich ein in das Schopferische des Farbigen, und wenn man sich in das Schopferische des 
Farbigen einlebt, dann wird man finden, daft dieses Farbige sich in der Tat innerlich differen- 
ziert. Man wird finden, wenn man in dem Blau lebt und allmahlich sich hineinfindet, daft das 
Blau etwas die Seele Anziehendes hat, in das unsere Seele sich wie verlieren mochte, zu ihm 
hin sich sehnend, immer weiter sich sehnen mochte. Dann wird man auch finden, daft daraus 
Gestalten entstehen, Gestalten, die die Geheimnisse des Weltalls zum Ausdruck bringen, die 
zum Ausdrucke bringen die Seele des Weltalls. Aus dem Schopferischen der Farbe wird selber 
eine Welt entstehen, eine Welt, die sich konfiguriert, die sich innerlich differenziert, die sich 
wesenhaft auslebt. Die Form wird herausgeboren werden aus der Farbe. Man wird fiihlen, 
daft man nicht nur in der Farbe lebt, sondern daft die Farbe aus sich die Form herausgebiert, 
daft also die Form das Werk der Farbe ist. 

Auf diese Weise wird man auf dem Umwege durch die Farbe sich hineinleben in das Kreati- 
ve, in das Schopferische der Welt. Nur so kann es geschehen, daft gemalt wird in der Art, daft 
das Malerische nicht nur die Flache bedeckt, sondern hinausweist in den ganzen Kosmos, 
mitlebt das Leben mit dem ganzen Kosmos. Auf diese Weise wird dasjenige innerlich erfaftt 
werden miissen, was gestern auseinandergesetzt worden ist als notwendiger Inhalt unserer 
Kuppelmalerei - die Impulse des lemurischen, des atlantischen und unseres nachatlantischen 
Lebens in der urindischen, urpersischen, agyptisch-chaldaischen und griechisch-lateinischen 



Kultur -, so dafi aus diesem innerlichen Farbenerfassen, das zugleich, indem es In das Werk 
iibergeht, Formerfassung wird, ergriffen wird dasjenige, was in der Evolution der Mensch- 
heit lebt. 

Wer den Blick darauf richtet, wie bis jetzt gemalt worden ist, wird sehen, dafi die Malerei 
geradezu hintendiert hat, im Farbigen, im Koloristischen zu leben; so wie das Farbige an das 
Gegenstandliche auf dem physischen Plane geheftet ist. Eine Befreiung, eine Emanzipierung 
des Koloristischen von dem Gegenstandlichen wird es geben miissen, wenn geschaffen werden 
soli dasjenige, was mit unserer Kuppelmalerei geschaffen werden soil. Es wird sich also um 
eine wesentliche Verinnerlichung und das In-Bewegung-Bringen des malerischen Impulses 
handeln. 

Es wird schwierig werden, das, was da gewollt wird, schon zum Verstandnis unserer Zeit- 
genossen zu bringen. Darauf mufi man schon noch verzichten. Denn solange noch immer das 
Urteil moglich ist, dafi jemand ein Kunstwerk «richtig» oder «gut» oder was weifi ich wie 
findet, wenn es ihn an irgend etwas Wirkliches erinnert, solange wird man unsere Malereien 
nicht verstehen konnen. Solange man wird sagen konnen: ein Baum ist gut gemalt, wenn er 
moglichst natiirlich ist, wenn man glaubt, man stehe vor so etwas wie einem wirklichen Bau- 
me, solange dies der Mafistab fur die Beurteilung des Malerischen und des Kiinstlerischen iiber- 
haupt ist, solange wird man nichts verstehen konnen von dem, was bei uns gemalt werden 
soil. Man wird das, was bei uns gemalt werden soil, fur Torheit halten miissen, wird nichts 
darin finden konnen. Denn wozu waren Kunstwerke immer da? Doch zum Anschauen! Und 
wer hatte jemals gedacht, dafi Kunstwerke zu etwas anderem als zum Anschauen da sind? 
Das, was in unserem Bau geschaffen werden soli, wird nicht zum Anschauen da sein, ganz und 
gar nicht zum Anschauen! Wir konnen froh sein, wenn diejenigen Menschen, die nach all 
ihren Vorbedingungen und Vorstudien glauben, dafi die Kunstwerke zum Anschauen da sind, 
unsere Kunstwerke so schlecht wie moglich finden. Denn das ist gewifi, dafi das, was diese 
Menschen nicht haben wollen, gerade das ist, was wir haben wollen! 

Man kann so im einzelnen manchmal ganz Charakteristisches erfahren. Einer unserer 
Freunde begegnete mir einmal auf dem Wege vom Glasatelier zu unserer Wohnung und er- 
zahlte, daft er einen alten Herrn gesprochen habe, der gesagt habe: Wenn derjenige, der die 
Idee zu diesen Kuppeln angegeben hat, jemals die Peterskirche in Rom gesehen hatte, so wiir- 
de er diese Kuppeln anders gemacht haben. - Nun hat derjenige, welcher die Idee zu diesen 
Kuppeln gehabt hat, die Peterskirche nicht nur einmal, sondern ofter gesehen, konnte sich 
auch daran erfreuen und auch die ganze Grofie der Peterskirche empfinden, und hat dennoch 
die Kuppeln so gemacht, wie sie jetzt sind. 

Dafi solche Urteile kommen werden, ist ganz natiirlich, denn auch die Peterskirche ist zum 
Anschauen da. Aber dasjenige, was hier gemacht wird, ist nicht zum Anschauen allein da, 
sondern zum richtigen Erleben. Und was ware die Antwort gewesen fur jenen alten Herrn? 
Die richtige Antwort ware die gewesen, dafi man ihm gesagt hatte: Kennst du das Marchen 
von dem Konigssohn . . . (Liicke in der Nachschrift), der die Dinge immer nur von seinem 
Fenster aus angesehen hat? Und weifit du, was geschah, als er eines Tages «von der Schlange 
essen mufite» ? - Dann fing er namlich an zu verstehen, was die Spatzen auf den Dachern, was 
die Hiihner im Hof miteinander verhandelten. - Der alte Herr hatte augenscheinlich nicht 
«von der Schlange gegessen». Was heifit das, «von der Schlange essen»? - Das heifit, nicht nur 
theoretisch in die Geisteswissenschaft hineingeguckt zu haben, sondern in der ganzen Seele, 



im innersten Herzen von derselben ergriffen zu sein, so dafi man selber ein Abbild dieser Gei- 
steswissenschaft in sich erfiihlt. Wenn man das mit seinem ganzen Innern erfuhlen kann, 
dann hat man «von der Schlange gegessen», und dann erlebt man dasjenige, was mit unserem 
Bau gewollt ist: man schaut ihn nicht blofi an, sondern man erlebt in ihm dasjenige, was mit 
ihm gewollt ist, erlebt gleichsam, wie dumpf und unbewufit der Mensch in seinem Wollen 
von Inkarnation zu Inkarnation geht, indem er in der einen Inkarnation in diesem, in der 
anderen Inkarnation in jenem Volke verkorpert ist. 

Wie man erleben kann in unserem Bau die Willensimpulse des Menschen in dem Fort- 
schreiten von Westen nach Osten in den fortschreitenden Saulen-, Kapitell- und Architrav- 
motiven, so kann man das Gefuhlselement des Menschen erleben in dem, was sich von unten 
nach oben entwickelt; aber man mufi es erleben. Und das denkerische Element, da, wo das 
Denken nicht blofi abstraktes, kaltes, niichternes Denken ist, sondern belebt wird von dem 
Herzen des Kosmos selber: das soli man erleben in dem Abschlusse durch die Kuppeln; aber 
so, dafi man es wiederum in den Einzelheiten der Kuppel erlebt. Wenn zum Beispiel eine Far- 
be neben einer anderen ist, die niemals in der Natur neben ihr ist, wenn ein Wesen, das im 
Antlitz menschenahnliche Ziige tragt, mit solchen Farben erscheint, mit denen es niemals in 
der Natur erscheinen konnte, so mufi man erleben, wie das, was da zum Ausdruck kommt, 
das Innerliche lebendig bewegt zum Ausdruck bringt. 

Wenn einigermafien das gelingt, was gelingen soli, dann wird zum ersten Male erreicht 
sein - wenn auch nur in den ersten Anfangen -, dafi nichts so sein wird, gerade im Male- 
rischen nicht, wie es in der Natur ist, dafi aber um so mehr alles so sein wird, wie es im 
Geistigen ist. 

Und zweierlei, meine lieben Freunde, mufi erreicht werden, zweierlei, wozu sich in der 
gegenwartigen Menschheit nur erst sehr wenige bekennen. Es gereicht wahrhaftig nicht zum 
Heile der Menschheit, dafi noch viele Menschen nichts, aber auch gar nichts wissen wollen 
von den grofien Perspektiven, die in der Evolution der Menschheit liegen. Sehen Sie, wenn 
man dasjenige so zusammengedrangt empfinden mochte, wofur unser Bau das Wahrzeichen 
sein soli, dann mufi man sich innerlich beleben, man mufi die Seele durch allerlei Empfindun- 
gen lebendig machen. Man kann nicht in einer einfachen, leicht iiberschaubaren Empfindung 
alles das zum Ausdruck bringen, was da eigentlich gewollt wird; man mufi versuchen, das- 
jenige, was die Seele eigentlich empfinden soli, zusammenzutragen aus den verschiedensten 
Empfindungselementen der Welt. 

Gedenken wir einmal andere
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