Die Polarität von Dauer und Entwickelung im Menschenleben

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Polaritat 

von Dauer und Entwickelung 
im Menschenleben 

Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit 

Funfzehn Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 6. September bis 13. Oktober 1918 



2002 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Robert Friedenthal 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1968 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2002 



Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 184 

Einbandzeichen nach einem Entwurf Rudolf Steiners, 
Schrift von Benedikt Marzahn 
Zeichnungen im Text von Hedwig Frey nach Skizzen in den Nachschriften 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1840-0 



Zu den Verb'ffentlicbungen 
aus dem Wortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert 
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daB seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft 
— schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, 
nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernach- 
schriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt, 
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz we- 
nigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muB gegenuber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den 
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Nahere Angaben zu den Textunterlagen fin- 
den sich am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 337 



Erster Vortrag, Dornach, 6. September 1918 .... 9 

Die beiden Weltanschauungsstromungen Idealismus und Materialise 
mus - ihr notwendiger Ausgleich oder ihre Abirrungen in Dualismus 
und Fatalismus; representative Personlichkeiten dafiir in der Ge- 
schichte: Augustinus und Cartesius. Mond und Sonne. Auguste 
Comte: Katholische Kirche ohne Christentum; Scheliing: Christen- 
tum ohne Kirche. 

Zweiter Vortrag, 7. September 1918 31 

Das Wesen des Schlafes. Die Kraft der Ideale fur die Zukunft. Theo- 
kratie, metaphysische Ordnung, Positivismus. Bentham. 

Dritter Vortrag, 8. September 1918 51 

Die Aufgabe der Wesen der dritten, der zweiten und der ersten 
Hierarchic Die achte Sphare. Die Zeit im geschichtlichen Werden. 
Newton, Leibniz, Marx. Scheingeschichte und reales Geschehen. 



Vierter Vortrag, 13. September 1918 



79 



Fatalismus und Dualismus. Das Halluzinatorische des Intellekts und 
das Illusorische der Natur. Ahnung, prophetische Vision, Apokalypse. 
Kosmischer HaB und kosmische Vernunft. Denken als Zukunftskeim, 
Wollen als BewuBtsein fernster Vergangenhek. 



Funfter Vortrag, 14. September 1918 



102 



Der wollende und der denkende Mensch. Das Begreifen des in der 
ersten Lebenshalfte Gedachten in der zweiten Lebenshalfte. Der Zeit- 
begriff: Entwkklung und Perspektivisches. Von der Dualitat zur 
Trinitat. 



Sechster Vortrag, 15. September 1918 

Der Mensch im Kosmos. Der Welten-Waagebalken. Die Sphare der 
Dauer und die Region der Verganglichkeit. Emanationistische und 
kreationistische Weltanschauung. 



122 



Siebenter Vortrag, 20. September 1918 144 

Die Dreifaltigkeit des Raumes als Abbild des dreifaltigen Gottes. Die 
Einheit des Gottlichen im Empfinden der Zeit. Monotheismus imd 
Empfinden der Trinitat. Geistordnung und Naturordnung. 

Achter Vortrag, 21. September 1918 157 

Der Zeitenverlauf des leiblich-seelischen Menschen, das Raumerleben 
des geistig-seelischen Menschen im Reich der Dauer. Der Mensch 
zwischen Ahriman und Luzifer. Voreilige und riicklaufige Bewegung 
des Lebens. Das Gesetz der Schwingungen. Der Dornacher Bau und 
das Geheimnis der Gleichgewichtslage. 

Neunter Vortrag, 22. September 1918 174 

Ahrimanisches und Luziferisches im Menschen; von den Wirkungen 
materialistischer oder abstrakt-idealistischer Vorstellungen in der un- 
teren, unbewuBten Menschennatur. Geisteswissenschaft als Briicke 
zwischen Naturordnung und Geistordnung. Die Kraft der Form toter 
Menschenleiber lost die Kristallisationstendenz der Erde auf. Das Ge- 
setz der Polaritat in der Natur, beim Menschen und bei den Geistern. 
Katholische Kirche und Freimaurertum. 



Zehnter Vortrag, 4. Oktober 1918 196 

Die Beziehung der niederen drei Glieder der menschlichen Wesenheit 
zu den Hierarchies Die Geister der Form. Das Hereinwirken von 
ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten in den Menschen. Zeit- 
wesen und Dauerwesen. 

Elfter Vortrag, 5. Oktober 1918 219 

Semitische und griechische Kultur. Der Zusammenhang des luziferi- 
schen und ahrimanischen Impulses mit dem Jahve-Christus-Impuls 
im Verlauf der Geschichte. Die Inspiration der friihen Kirchenvater. 

Zwolfter Vortrag, 6. Oktober 1918 232 

Tertullian. Tod und Vererbung als lichtwerfend auf das Mysterium 
von Golgatha. Verstandesinterpretationen an Stelle von Geistanschau- 



ung. Die Auferstehung als Metamorphose des Todes, die Geburt als 
ubersinnliche Tatsache (conceptio immaculata). 



Dreizehnter Vortrag, 11. Oktober 1918 257 

Das gespenstische Wesen der Naturwissenschaft. Richard Wahle. 
Die Bedeutung des Jahres 666. Beabsichtigte ahrimanische Offen- 
barungen durch den Sorat. Verhinderung durch das Mysterium von 
Golgatha. 

Vierzehnter Vortrag, 12. Oktober 1918 276 

Das Wirken der Akademie von Gondishapur. Naturrhythmen und 
Zusammenklang der Rhythmen in einer neuen Technik. Das Streben 
nach einer selbstlosen sozialen Ordnung. 

Funfzehnter Vortrag, 13. Oktober 1918 299 

Das Jahr 333. Rom zur Zeit des Augustus und die katholische Kir- 
che. Das Streben nach Sakramentalismus und die neue Christus- 
Erkenntnis. 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 323 

Hinweise zum Text 324 

Korrekturen-Nachweis 333 

Personenregister 334 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben (Marie Steiner 1941) . . . . 337 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 347 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 6. September 1918 

Ich mochte gerne einiges von dem, was in den Betrachtungen, die wir 
in diesem Sommer hier schon angestellt haben, vorgebracht worden 
ist, vertiefen, und in den nachsten Tagen wollen wir einiges Ge- 
schichtliche und auch einiges Sachliche dazufiigen. Heute mochte ich 
vorbereitend Sie auf einige geschichtliche Tatsachen hinweisen, und 
aus diesen geschichtlichen Tatsachen, vorzugsweise aus der Offen- 
barung gewisser geschichtlicher Personlichkeiten, einige Folgerungen, 
die sich einer griindlicheren Betrachtung ergeben, Ihnen vorfiihren. 

Diejenigen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, zu alien Zeiten 
eingeweiht waren, haben mit Recht immer einen Ausspruch getan. 
Es ist der, daB auf der einen Seite, wenn man die beiden Stromungen 
des Weltanschauungslebens, die wir angefiihrt haben, den Idealismus 
und den Materialismus, nicht im rechten MaBe einzuschatzen weiB, 
man dann entweder in der Gefahr schwebt, durch eine Falltiire in ein 
Kellerloch der Weltanschauung zu fallen, oder aber bei den verschie- 
denen Wegen, die man einschlagt, um eine Weltanschauung zu ge- 
winnen, in eine Sackgasse kommen kann. Das Kellerloch, in das man 
fallen kann durch eine Falltiire, die man leicht unbemerkt laBt im 
Weltanschauungsleben, dieses Kellerloch sehen die Mysterieneinge- 
weihten aller Zeiten an als den Dualismus, der nicht die Briicke 
findet zwischen dem Ideellen, man konnte auch sagen, ideell gefarbten 
Spirituellen, und dem Materiellen, dem Stofflichen. Und die Sack- 
gasse, in die man sich verirren kann beim Wandeln verschiedener 
Wege der Weltanschauungen, wenn man nicht zurechtkommt mit dem 
Ausgleich zwischen Idealismus und Materialismus, diese Sackgasse 
ist fur Mysterieneingeweihte der Fatalismus. Deutlich neigt ja wieder- 
um die neuere Zeit auf der einen Seite zur dualistischen Weltanschau- 
ung, auf der andern Seite zur fatalistischen Weltanschauung, wenn 
auch das eine oder das andere von den neuzeitlichen Weltanschau- 
ungen nicht eingestanden oder eigentlich nicht einmal eingesehen wird. 

Nun mochte ich zuerst aus dem Leben in der Abenddammerung 



des vierten nachatlantischen Zeitraums eine Personlichkeit - zunachst 
skizzenhaft charakterisiert - mit Bezug auf das Weltanschauungs- 
leben hinstellen, und dann andere Personlichkeiten betrachten, die 
mehr charakteristisch sind fur das Weltanschauungsleben unserer 
Epoche, der fiinften nachatlantischen Epoche. 

Eine sehr, sehr charakteristische Personlichkeit innerhalb des 
abendlandischen Weltanschauungslebens ist Augustinus, der gelebt hat 
von 354 bis 430 der christlichen Zeitrechnung. Wir wollen mit einigen 
Gedanken des Augustinus gedenken aus dem Grunde, weil, wie Sie 
ja aus der Jahreszahl sehen, er in der Abenddammerung lebte des 
vierten nachatlantischen Zeitraums, der im 15. Jahrhundert seinen 
AbschluB findet. Man kann schon deutlich bemerken, wie dieser 
AbschluB herannaht, vom 3., 4., 5., 6. nachchristlichen Jahrhundert 
angefangen. Nun ist Augustinus durchgegangen durch Eindriicke 
verschiedenster Weltanschauungen. t)ber diese Dinge haben wir ja 
schon gesprochen. Vor alien Dingen ist Augustinus durchgegangen 
durch den Manichaismus und durch den Skeptizismus. Er hat alle 
diejenigen Impulse in seine Seele aufgenommen, die man bekommt, 
wenn man auf der einen Seite in der Welt alles Ideale, Schone, Gute 
sieht, alles dasjenige, was von Weisheit erfiillt ist, und dann auch alles 
dasjenige, was iibel ist, was Boses ist. Und wir wissen ja, daB der 
Manichaismus dadurch zurechtzukommen sucht - es ist das grob aus- 
gedriickt, aber es kann auch so ausgedriickt werden - mit diesen bei- 
den Stromungen in der Weltenordnung, daB er gewissermaBen ewig 
dauernde Polaritat annimmt, einen ewig dauernden Gegensatz des 
Lichtes, der Finsternis, des Guten, des Bosen, des Weisheitsvollen, 
des tJbels. 

Mit diesem Dualismus kommt der Manichaismus nur dadurch zu- 
recht, in seiner Art zurecht, daB er gewisse alte, vorchristliche Grund- 
begriffe mit dieser seiner Annahme von der Polaritat der Welten- 
erscheinungen verbindet, vor alien Dingen verbindet gewisse Vor- 
stellungen, die sich nur begreifen lassen, wenn man weiB, daB in alten 
Zeiten von den Menschen im atavistischen Hellsehen die geistige 
Welt geschaut worden ist, so geschaut worden ist, daB die Schauungen 
in ihrem Inhalte ahnlich sind den Eindnicken, welche die sinnliche 



Wahrnehmungswelt macht. Dadurch, daB der Manichaismus solche 
Vorstellungen, ich mochte sagen, von einem sinnlichen Schein des 
Obersinnlichen in sich aufgenommen hat, macht er auf viele den Ein- 
druck, als ob er das Geistige vermaterialisierte, als ob er das Geistige 
in sinnlichen Formen vorstellte. Es ist das ja ein Fehler, den auch 
noch neuere Weltanschauungen, den zum Beispiel, wie ich Ihnen aus- 
einandergesetzt habe in diesen Tagen, auch die neuere Theosophie 
vielfach macht. Augustinus ist gerade vom Manichaismus mit da- 
durch abgekommen, daB er diese Versinnlichung, diese Vermateriali- 
sierung des Spirituellen im Laufe gelauterteren Vorstellungslebens 
nicht mehr ertragen konnte. Das war einer der Griinde, die ihn ab- 
gebracht haben. 

Dann ist Augustinus auch durchgegangen durch den Skeptizismus, 
der insoferne eine berechtigte Weltanschauung ist, als er den Men- 
schen aufmerksam darauf macht, daB man durch die bloBe Betrach- 
tung des sen, was man aus der sinnlichen Welt und aus den Erfahrun- 
gen und Erlebnissen der sinnlichen Welt gewinnen kann, nichts er- 
fahren kann iiber das tJbersinnliche. Und wenn man dann zugleich 
der Anschauung ist, daB man das Obersinnliche als solches nicht er- 
halten kann, dann zweifelt man an der Erkenntnis der Wahrheit uber- 
haupt. Auch durch diesen Zweifel an der Erkenntnis der Wahrheit 
iiberhaupt ist Augustinus durchgegangen. Er hat die starksten Im- 
pulse dadurch erhalten. 

Nun muB man, wenn man einsehen will, wodurch sich Augustinus 
eigentlich hineingestellt hat in die abendlandische Weltanschauung, 
auf den Hauptpunkt seiner Anschauung hinweisen, jenen Haupt- 
punkt, von dem alles Licht ausstrahlt, das in Augustinus waltet, und 
der eben der Hauptpunkt seiner spateren, seiner letztgebildeten Welt- 
anschauung gewesen ist. Das ist der Punkt, der in dieser Art charak- 
terisiert werden kann: Augustinus kam darauf, daB GewiBheit, wahr- 
haftige GewiBheit, keiner Tauschung unterworfene GewiBheit 
eigentlich der Mensch nur erringen kann mit Bezug auf dasjenige, 
was er im Inneren seiner Seele erlebt. Alles "iibrige kann ungewiB sein. 
Ob die Dinge, die unseren Augen erscheinen, die unseren Ohren 
horbar werden, die auf unsere andem Sinne einen Eindruck machen, 



ob diese Dinge wirklich so konstituier t sind, wie das nach der Aussage 
der Sinne angenommen werden muB, das kann man nicht wis sen; man 
kann nicht einmal wissen, wie diese Welt eigentlich aussieht, wenn man 
die Sinne vor ihr verschlieBt. - So denken Personlichkeiten, die im 
Sinne des Augustinus iiber die auBere, erfahrbare Welt denken. Sie 
denken sich, daB diese auBere erfahtbare Welt, wie sie dem Menschen 
vorliegt, keine unbedingte GewiBheit und keine wahrhaftige GewiB- 
heit geben konne, daB man aus ihr nichts gewinnen konne, worauf 
man als auf einem festen Punkte einer Weltanschauung stehen konnte. 
Dagegen ist man bei dem, was man in seinem Inneren erlebt - ganz 
gleichgiiltig, wie man es erlebt -, unmittelbar dabei, man ist es selbst, 
der die Vorstellungen, die Gefuhle im Inneren erlebt; man weiB sich 
im inneren Erleben drinnenstehend. Und so ergibt sich fur einen sol- 
chen Denker wie Augustinus die durch das innere Erleben belegbare 
Tatsache: Mit Bezug auf dasjenige, was der Mensch in seinem Inneren 
erlebt als Wahrheit, kann er keiner Tauschung sich hingeben. Man 
kann der Meinung sein, daB alles iibrige, was die Welt sagt, der Tau- 
schung unterworfen sei, aber man kann unmoglich daran zweifeln, 
daB dasjenige wahrhaftig und wirklich von uns im Inneren erlebt 
wird, was wir eben als unsere Vorstellungen, als unsere Gefiihle er- 
leben. - Diese feste Grundlage fur das Zugeben einer unbezweifel- 
baren Wahrheit, sie bildet einen der Ausgangspunkte der Augustini- 
schen Weltanschauung. 

Wiederaufgenommen hat diesen Punkt in ganz eklatanter Weise im 
fiinften nachatlantischen Zeitraum Cartesius, der 1596 bis 1650 gelebt 
hat, also schon in der Morgendammerung der fiinften nachatlan- 
tischen Periode. In Cartesius' bekanntem: Ich denke, also bin ich -, 
das da bleibt, wenn wir alles iibrige bezweifeln, sieht auch Cartesius den 
Ausgangspunkt, und er ist eigentlich mit dieser Anschauung ganz 
auf dem Standpunkte des Augustinus. 

Nun liegen die Sachen doch so, daB mit Bezug auf das Weltan- 
schauungsleben man immer sagen muB: Wer in irgendeinem Zeit- 
punkte in der Menschheitsentwickelung drinnensteht, der kommt zu 
gewissen Anschauungen. Gewisse Perspektiven dieser Anschauungen 
sieht er dann nicht; diese sehen dann die Spiiteren. Man mochte sagen: 



Den Spateren ist es immer aufbewahrt, griindlicher, wahrer irgend 
etwas zu sehen, ais derjenige sehen kann, der gewisse Dinge aus- 
sprechen muB in einem gewissen Zeitpunkte der Menschheitsent- 
wickelung. - Und iiber diese Tatsache kommt man nicht hinweg. 
Und gut ist es, wenn insbesondere auf unserem anthroposophischen 
Standpunkte das der Fall ist, was ich ofter schon erwahnt habe, wenn 
auf unserem anthroposophischen Standpunkte bewuBt und gnindlich 
erkannt wird: Auch dasjenige Wissen, das man in der Gegenwart, 
und sei es auch ein noch so ausgepragtes, iiber spirituelle Dinge er- 
werben kann, es darf nicht aufgefaBt werden wie eine Summe von 
absoluten Dogmen. Man muB sich klar sein dariiber, daB Spatere in 
kommenden Zeiten auftreten werden, die gerade an dem, was wir 
heute vorzubringen in der Lage sind, Wahreres sehen werden, als 
wir selbst sehen konnen. Darauf beruht eigentlich die geistige Ent- 
wickelung der Menschheit. Und alles Hemmnis, alles Hindernis des 
geistigen Fortschrittes der Menschheit beruht schlieBlich darauf, daB 
die Menschen das nicht zugeben wollen, daB sie gern Wahrheiten 
iiberliefert haben mochten, die nicht die Wahrheiten eines bestimmten 
Zeitalters sind, sondern die absolute, zeitlose Dogmen sind. 

Wir konnen heute gerade wiederum von unserem Gesichtspunkte 
aus auf Augustinus zuriickblicken, und wir werden uns sagen miissen : 
Steht man auf Augustinischem Standpunkte, dann wird man scharf 
hinzusehen haben darauf, daB er UngewiBheit iiber die Wahrheit in 
alien auBeren Offenbarungen annimmt, wahrhaftige GewiBheit in dem 
Erleben desjenigen, was wir in unserer Seele tragen. - Das setzt vor- 
aus, wenn jemand sich einer solchen Anschauung hingibt, daB er als 
Mensch einen gewissen Mut hat. Man brauchte vielleicht gar nicht das, 
was ich jetzt sage, so dezidiert zu erwahnen, wie ich es tun muB, wenn 
nicht gerade in unserer Zeit es charakteristisch ware fur das Weltan- 
schauungsleben, daB eben gerade dieser Mut fehlt. Und dieser Mut, 
deri ich hier meine, er auBert sich nach zwei Richtungen hin. Die eine 
Richtung ist diese, daB man kiihnlich, wie Augustinus, sich gesteht: 
Wahrhaftige GewiBheit findest du nur mit Bezug auf dasjenige, was 
du im Inneren erlebst. - Dann muB der andere Pol dieses Mutes da 
sein, der eben gerade in der Gegenwart nicht da ist; man muB den 



Mut dann audi haben, sich zu gestehen: In der auBeren sinnlichen 
OfFenbarung ist diese wahrhaftige GewiBheit iiber die Wirklichkeit 
nicht enthalten. - Es gehort schon ein innerlicher Denkermut dazu, 
der auBeren Wirklichkeit, die dem heutigen Materialismus zum Bei- 
spiel als absolut sicher gilt, die wahrhaftige GewiBheit in ihren Aus- 
sagen abzusprechen. Und es gehort auf der andern Seite ein gewisser 
Mut dazu, sich zu sagen: Wahrhaftige GewiBheit erflieBt nur, wenn 
man so recht sich dessen bewuBt wird, was man im Inneren erlebt. 

GewiB, es ist auch in unserer Zeit solches wiederum gesagt worden, 
und es gibt in unserer Zeit Menschen, die von ihren Mitmenschen, 
insofern diese zu einer Weltanschauung kommen wollen, diesen zwei- 
fach sich auBernden Mut fordern. Dennoch muB man heute iiber die 
Sache anders denken, wenn man erschopfend denken will, und darin 
zeigt sich eben die ganze historische Stellung des Augustinus fur den 
heutigen Menschen, daB man iiber diese Sache etwas anders denken 
muB. Heute muB man namlich das wissen, was weder Augustinus noch 
Cartesius erwogen haben - ich habe es da, wo ich den Cartesius be- 
sprochen habe in meinem Buche «Vom Menschenratsel» ausgefiihrt -, 
heute muB man sagen: Der Glaube, daB man zu einem Befriedigenden 
des Weltanschauungslebens durch das Ergreifen des unmittelbaren 
Inneren des Menschen, so wie es heute von dem Menschen erlebt 
wird, kommen konne, dieser Glaube wird von jedem Schlafe wider- 
legt. Jedesmal, wenn der Mensch der heutigen Zeit in die BewuBt- 
losigkeit des Schlafes zuriicksinkt, wird ihm zwar nicht dasjenige, 
wovon Augustinus spricht - die absolute wahrhaftige GewiBheit des 
inneren Erlebens -, aber die Wirklichkeit dieses inneren Erlebens 
wird ihm entrissen, Jedesmal vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist 
die Wirklichkeit dieses wahrhaftigen Erlebens entflohen. Und der 
Mensch der heutigen Zeit, der in etwas anderer Art das Innere erlebt, 
als man es noch erlebt hat im vierten nachatlantischen Zeitraum, 
selbst in der Abenddammerung zur Zeit des Augustinus, der muB sich 
sagen: Moge noch so scharf, noch so offenbar eine GewiBheit im 
Inneren erlebt werden, fur das Leben nach dem Tode gibt das doch 
keine GewiBheit, aus dem einfachen Grunde, weil wir ja mit jedem 
Schlafe die Wirklichkeit hinuntersinken sehen in das UnbewuBte, der 



heutige Mensch weiB nicht, ob nicht auch in das Unwirkliche. - Es 
darf also heute nicht mehr geschlossen werden, was man in seinem 
Inneren scheinbar absolut sicher erlebt, das konne nicht angefochten 
werden. Es kann theoretisch nicht angefochten werden, aber die Tat- 
sache des Schlafes selber widerlegt es. 

Indem man den Blick auf das eben Gesagte hinwendet, erkennt man 
aber auch gleich, wie eigentlich Augustinus mit einem viel groBeren 
Rechte als spater Cartesius, der die Sache doch mehr oder weniger nur 
nachgesprochen hat, zu dieser Anschauung hat kommen konnen. 
Durch den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum, auch durch das 
Zeitalter des Augustinus hindurch, lebte in den Menschen noch etwas 
von Nachklangen des alten, atavistischen Hellsehens. Die Geschichte 
notiflziert das leider heute viel zu wenig, weiB eigentlich auch nicht 
viel davon. Aber zahlreich waren die Menschen den ganzen vierten 
nachatlantischen Zeitraum hindurch, die aus personlicher Erfahrung 
wuBten : Es gibt ein geistiges Leben - weil sie dieses geistige Leben 
eben schauten. Aber sie schauten es zumeist in diesem vierten Zeit- 
raume - ungleich wie im dritten oder zweiten Zeitraume - dadurch, 
daB es in ihr Schlaf leben hineinspielte. So daB man sagen kann: Fur 
den vierten nachatlantischen Zeitraum war es bei den Menschen noch 
nicht so wie jetzt im fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB der 
Schlaf vollig bewuBtlos verlauft. - Die Leute des vierten nachatlan- 
tischen Zeitraums wuBten noch: Vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen ist eine Zeit, in der in anderen Formen das wirkt, was sie als 
Vorstellungen, als Gefiihle vom Aufwachen bis zum Einschlafen 
haben. Es tauchte gewissermaBen das wache Wahrheitsleben unter in 
das dammerhaft bewuBte Schlafesleben. Und man wuBte: Was man 
als innere Wahrheit erlebt, das hat nicht nur Wahrheit, sondern auch 
Realitat, hat auch Wirklichkeit. Denn man kannte die Augenblicke 
des Schlafeslebens, in denen sich zeigte, wie vorhanden ist als wirk- 
liches, als reales, nicht bloB als abstraktes Leben dasjenige, was man 
im Inneren erfahrt. Es kommt nicht darauf an, ob jemand heute noch 
beweisen kann oder nicht, daB Augustinus selbst aus eigener Erfah- 
rung heraus hatte sagen konnen : Ich weiB, es dauert durch den Zeit- 
raum vom Einschlafen bis zum Aufwachen dasjenige, was man inner- 



lich zwar wahr, aber unwirklich erlebt. - Aber daB man eine solche 
Anschauung fassen konnte, daB man auf sie sich stellen konnte, das 
war in der Zeit des Augustinus durchaus moglich. 

Nun, wenn Sie dies, was ich jetzt mit Bezug auf das Subjektive des 
Menschen ausgefuhrt habe, verallgemeinern auf den ganzen Makro- 
kosmos, so kommen Sie auf etwas anderes; Sie kommen dann auf das- 
jenige, aus dem dieses Subjektive in alterer Zeit, also noch im vierten 
nachatlantischen Zeitraum, eigentlich hervorgegangen ist, wodurch 
es moglich geworden ist. Man hat sich - sprechen wir jetzt von der 
vorchristlichen Zeit, namentlich das Mysterium von Golgatha ist die 
Grenze zwischen alten atavistischen Anschauungen und spateren 
neuen, die auch heute erst im Aufgange sind - in der vorchristlichen 
Zeit noch an gewisse lebendige Mysterienwahrheiten halten konnen. 
Die Mysterienwahrheiten, die ich damit meine, sind diejenigen, die 
sich beziehen auf das groBe Geheimnis der Geburt und des Todes. 
Das Geheimnis der Geburt und des Todes betrachten ja gewisse 
Mysterieneingeweihte als ein Geheimnis, welches, wie sie meinen, der 
profanen Welt nicht mitgeteilt werden solle, weil die Welt noch nicht 
dazu reif sei. Aber innerhalb der Mysterien war auch in der vorchrist- 
lichen Zeit eine gewisse Anschauung vorhanden iiber den Zusammen- 
hang zwischen Geburt und Tod im groBen Weltenleben, in das der 
Mensch ja auch mit seinem ganzen Wesen eingeschaltet ist. In dieser 
vorchristlichen Zeit hat man durch die Mysterien vorzugsweise den 
Blick hingewendet auf die Geburt, auf alles Geborenwerdende in der 
Welt. Wer die Weltanschauungen der alten Zeiten kennt, der weiB 
auch, daB die Betonung des Geborenwerdens, des Entstehens, des 
SprieBens und Sprossens diese alten Weltanschauungen ganz vorzugs- 
weise beschaftigte. Und ich habe es ja ofter betont, welcher Gegensatz 
da eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha. Ich habe es in 
der folgenden Weise erwahnt: Man denke daran, wie sechshundert 
Jahre etwa vor dem Mysterium von Golgatha Buddha, der dasteht 
in der Menschheitsentwickelung wie der AbschluB der vorchristlichen 
Weltanschauung, zu seinen Anschauungen gefuhrt wird dadurch, daB 
er unter anderem einen Leichnam sieht. Tod ist Leiden -, und wie ein 
Axiom gilt es dem Buddha: Das Leiden muB iiberwunden werden; 



es muB ein Mittel gefunden werden, sich vom Tode abwenden zu 
konnen. - Der Leichnam ist dasjenige, wo von sich Buddha abwendet, 
um zu dem zu kommen, was, zwar spiritualisiert, aber fur ihn doch das- 
jenige ist, worinnen das sprossende, sprieBende Leben erfiihlt werden 
kann. 

Und wenn wir sechshundert Jahre nach dem Mysterium von Gol- 
gatha an andern Orten bei gewissen Menschen Umschau halten, dann 
sehen wir, wie der Anblick des Leichnams des Christus am Kreuze 
nicht dasjenige wird, wovon man sich abwendet, sondern dasjenige, 
wozu man sich hinwendet, dasjenige, worauf man mit seinem ganzen 
Herzen blickt als das Symbolum, welches die Weltenratsel, insoferne 
sie sich auf den Menschen und sein Werden beziehen, enthiillen soil. 

Es ist das ein wunderbarer Zusammenhang innerhalb dieser zwolf 
Jahrhunderte : Sechshundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha 
gibt die Abwendung von einem Leichnam dasjenige, was Aufstieg 
sein soli in der Weltanschauung; sechshundert Jahre nach dem Myste- 
rium von Golgatha ist ausgebildet das Symbolum, das Bildnis des 
Kruzifixus, die Hinwendung zum Tode, die Hinwendung zum Leich- 
nam, um daraus die Kraft zu schopfen, zu einer Weltanschauung zu 
kommen, die auch auf das menschliche Werden Licht wirft. Unter den 
vielen Dingen, welche den gewaltigen Umschwung, der im Erden- 
werden eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha, charakteri- 
sieren, ist dieses Buddha-Symbolum : die Abwendung von dem Leich- 
nam, und das Christus-Symbolum: die Hinwendung zu dem Leichnam, 
der als der Leichnam des hochsten auf der Erde erschienenen Wesens 
gilt. 

Es war eben wirklich so, daB in einer gewissen Beziehung die alten 
Mysterien das Ratsel der Geburten in den Mittelpunkt der Welt- 
anschauungen genickt haben. Aber damit haben die Mysterien, da sie 
ja Mysterienwissen und nicht bloB triviale Anschauungen vermitteln 
wollten, zu gleicher Zeit ein tiefes kosmologisches Geheimnis vor die 
Seele hingestellt : Sie haben den Blick auf dasjenige gewendet, was mit 
dem Leben der Geburten im Weltenlaufe zusammenhangt. Und man 
kommt nicht darauf, das Leben der Geburten im Weltenlaufe zu ver- 
stehen, wenn man nicht zumckgeht auf das alte Mondenratsel. Wir 



wissen ja, die Verkorperung der Erde, bevor sie Erde geworden ist, 
war der alte Mond. Und in verschiedenen Erscheinungen, die mit 
unserem jetzigen Monde, mit dem Nachziigler des alten Mondes, zu- 
sammenhangen - Sie konnen das in meiner «Geheimwissenschaft im 
UmriB» nachlesen -, hat man Nachwirkungen dessen zu sehen, was 
in der alten Mondenzeit, in derjenigen Zeit, die dem Erdenwerden 
vorangegangen ist, geschehen ist. 

Nun gabe es im Erdenwerden keine Geburten, durch alle Reiche der 
Natur hindurch gabe es keine Geburten im Erdenwerden, wenn nicht 
die GesetzmaBigkeit des alten Mondes waltete beziehungsweise seines 
Nachziiglers, welcher der Trabant unserer Erde ist. Alles Geboren- 
werden durch die Reiche der Natur und des Menschen hindurch hangt 
mit der Wirksamkeit des Mondes zusammen. Damit hangt auch zu- 
sammen, daB die Eingeweihten der alten Hebraer den Jahve als eine 
Mondgottheit betrachteten, Jahve als den Hervorbringenden, den die 
Hervorbringungen ordnenden Gott, als eine Mondgottheit ansahen. 
Dies sah man klar ein, daB kosmologisch allem Geborenwerden durch 
die Reiche hindurch zugrunde liegen die Mondengesetze. Und so 
konnte man auch gewissermaBen symbolisch ein tiefes Geheimnis der 
Kosmologie aussprechen, indem man sagte: Indem das Mondenlicht 
auf die Erde fallt, riihrt von alldem, was durch dieses Mondenlicht 
dargestellt wird, alles sprieBende, sprossende, alles geborenwerdende 
Leben her. - Man hat sich in den hochsten Mysterien in vorchrist- 
lichen Zeiten nicht gewendet an das Sonnenleben, man hat sich ge- 
wendet an das vom Monde reflektierte Sonnenleben, indem man von 
dem Geheimnis der Geburten gesprochen hat. Die eigentiimliche 
Nuance, die iiber dievorchristlichenWeltanschauungenin ihrenTiefen 
ausgegossen ist, sie riihrt schon einmal davon her, daB man in den 
alten Mysterien das Mondengeheimnis kannte. 

Nur wie etwas ganz Verhulltes, wie etwas, das fur die Menschen, die 
nicht gut vorbereitet sind, wenig ertraglich ist, hat man das Sonnen- 
geheimnis betrachtet, weil man wuBte, daB es eine Tauschung, eine 
Maja ist, wenn man meint, durch den Strahl der Sonne, der auf die 
Erde fallt, werden hervorgelockt die sprieBenden, sprossenden Wesen 
der verschiedenen Reiche. Man wuBte, von dem Sonnenleben hangt 



nicht das Geborenwerden ab, sondern umgekehrt, das Versengt- 
werden, das Abnehmen des Lebens, das Hinsterben des Lebens. Das 
war das Mysteriengeheimnis, daB der Mond geboren werden laBt die 
Wesen und die Sonne sie sterben laBt. Wie hoch man also sonst auch 
aus andern Griinden das Sonnenleben verehrte in den alten vorchrist- 
lichen Mysterien, man verehrte das Sonnenleben als den Grund des 
Todes. DaB die Wesen sterben miissen, das ist nicht 2uzuschreiben 
jener Sonne, die wir kennen aus der «Geheimwissenschaft» als die 
zweite Verkorperung der Erde, ist aber wohl zuzuschreiben der gegen- 
wartigen, uns so herrlich am Horizonte erscheinenden Sonne. 

Nun ja, der Untergang des Lebens, das Gegenteil der Geburten, 
hangt mit dem Sonnenleben zusammen. Dafiir aber auch etwas an- 
deres, etwas, was noch nicht so wichtig war in der vorchristlichen Zek, 
was aber in der nachchristlichen Zeit ganz besonders wichtig geworden 
ist: Alles bewuBte Leben hangt mit dem Sonnenleben zusammen. 
Und dasjenige bewuBte Leben, durch das der Mensch gerade im Ver- 
laufe seines Erdenwerdens geht, jenes BewuBtsein, das insbesondere 
aufleuchtet im fiinften nachatlantischen Zeitraum, dem wir selbst an- 
gehoren, das hangt ganz intensiv mit dem Sonnenleben zusammen. 
Wir miissen nur dieses Sonnenleben so geistig betrachten, wie wir das 
in den verflossenen Vortragen dieses Sommers schon getan haben. 
Ist die Sonne zwar der Schopfer des Todes, des versengenden Lebens 
im Kosmos und auch fur den Menschen, so ist doch die Sonne zu 
gleicher Zeit die Schopferin des bewuBten Lebens. Dieses bewuBte 
Leben war in den vorchristlichen Zeiten nicht so wichtig, weil es 
ersetzt war durch das atavistisch-hellseherische Leben, das noch eine 
Mondenerbschaft war. Fur die nachchristiiche Zeit ist wichtig ge- 
worden, wichtiger als das Leben, das BewuBtsein; denn nur dadurch 
kann das Ziel des Erdenwerdens erfullt werden, daB dieses BewuBtsein 
in entsprechender Weise von den Menschen erlangt wird. Sie miissen 
es schon entgegennehmen, dieses BewuBtsein, von dem Geber des- 
selben, von dem aber auch das Todesleben, nicht das Leben der Ge- 
burten, kommt. 

Daher tritt durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenent- 
wickelung ein, gewissermaBen als diejenige Macht, welche fur diese 



Erdenentwickelung nun das Wichtigste geworden ist, der Sonnen- 
sohn, der Christus, der durch den Leib des Jesus von Nazareth gegan- 
gen ist. Das hangt also zusammen mit tiefen kosmischen Geheimnis- 
sen. Versuchet zu erkennen - so etwa sagten die alten Mysterien- 
eingeweihten zu ihren Schiilern - aus eurem Schlafleben, in das die 
Mondenkrafte hineinspielen, auch wenn ihr wach seid - wir wissen ja, 
daB der Mensch auch wachend zum Teil schlaft -, das Mondenleben, 
das in dieses Schlafesleben so hineinspielt, wie in das Dunkel der 
Nacht der silberne Mondenschein hineinspielt. - Die christlichen Ein- 
geweihten haben dagegen zu ihren Schiilern zu sagen: Versuchet zu 
erkennen, daB aus dem wachen Leben das BewuBtsein herausleuchtet 
dadurch, daB in dieses wache Leben hineinspielen die Sonnenkrafte, 
so wie vom Morgen bis zum Abend die Sonne drauBen im Erden- 
leben leuchtet. 

Dieser Umschwung hat sich vollzogen durch das Mysterium von 
Golgatha. Und wahrend in den vorchristlichen Zeiten das Wichtigste 
war, den Ursprung des Lebens zu erkennen, ist nunmehr das Wich- 
tigste geworden, den Ursprung des BewuBtseins zu erkennen. Nur 
dadurch, daB man die angedeutete kosmologische Weisheit zu ver- 
binden versteht mit dem, was man als wahrhaftige GewiBheit in seiner 
Seele erlebt - das heiBt, nur dadurch, daB man Geisteswissenschaft 
durch das Innere erfaBt -, nur dadurch kommt man dazu, innerhalb 
desjenigen, was sonst in diesem Inneren nicht die Wirklichkeit ver- 
biirgt, die geistige Wirklichkeit verbiirgt zu erhalten. 

Mit den Mitteln, die Augustinus hatte, mit den Mitteln, die dann 
diejenigen haben, die auf Augustinischen Grundsatzen stehen, kann 
man nicht weit kommen, weil jeder Schlaf die wahrhaftige GewiBheit 
des innerlich Erlebten widerlegt. Erst wenn zu diesem innerlich Er- 
lebten hinzu seine Wirklichkeit erlebt wird, dann kommt man zu 
einem wirklichen, festen Stehen auf dem Boden dieses inneren Er- 
lebens. 

Das, was wir heute denken, das, was wir heute fiihlen in unserem 
gegenwartigen Erdenleben, es hat in diesem gegenwartigen Erden- 
leben noch keine Wirklichkeit - das erkennen heute schon einige 
naturwissenschaftlich denkende Menschen an -, das ist unwirklich 



gegeniiber der Gegenwart. Und das Eigentumliche ist gerade das: 
Was wir am intimsten erleben, dasjenige, in dem uns geradezu die 
Wahrheit unbezweifelbar aufleuchtet, ist kein Wirkliches in der 
Gegenwart, aber es ist dieses der eigentliche tragende Keim unseres 
nachsten Erdenlebens. Wir diirfen von dem, wovon Augustinus 
spricht und fiir das es bei ihm keine Biirgschaft gibt, wir diirfen von 
diesem sprechen wie von dem Keim fiir das nachste Erdenleben. Wir 
diirfen sagen: Es ist gewiB wahr, daB die Wahrheit in unserem Inneren 
aufleuchtet, aber sie leuchtet auf als Schein. Heute ist sie noch Schein, 
aber im nachsten Erdenleben wird das, was jetzt Schein ist und als 
Schein Keim ist, zur Frucht, die gerade das nachste Erdenleben so 
belebt, wie der Keim der Pflanze in diesem Jahr die sichtbare Pflanze 
im nachsten Jahr belebt. - Nur dann, wenn man die Zeit iiberwindet, 
dann findet man in dem, was innerlich erlebt werden kann, eine Wirk- 
lichkeit. Wir wiirden nimmermehr diejenigen Menschen sein, die wir 
sein sollen, wenn die innerlich erlebte Wahrheit jetzt gegenwartig eine 
solche Wirklichkeit ware wie die auBere Welt. Wir wiirden nimmer- 
mehr frei werden konnen. Von Freiheit konnte gar nicht die Rede sein. 
Wir wiirden aber auch keine Personlichkeit sein konnen; wir wiirden 
eingespannt sein in die Naturordnung. Dasjenige, was in uns geschahe, 
wiirde notwendig geschehen. Wir sind eine Personlichkeit, und 
namentlich eine freie Personlichkeit nur dadurch, daB auf den Wogen 
des notwendigen Geschehens sich wie ein Wunder heraushebt der 
Schein dessen, was wir in unserem Inneren erleben, und was erst in 
unserem nachsten Erdenleben eine solche auBere Wirklichkeit wird 
wie diejenige, die wir in unserer Umgebung sehen. 

Das ist das Triigerische der Zeit, dem sich alle Phantasie heute noch 
hingibt: man zieht nicht in Erwagung, daB dasjenige, was als unwirk- 
lich innerlich aufleuchtet in einem Erdenleben, Realitat wird im nach- 
sten Erdenleben. Nun, gerade iiber diesen Punkt reden wir dann 
morgen und iibermorgen weiter. 

Aber wir sehen, wie wir von dem Gesichtspunkte, den wir heute uns 
erobern konnen, den Augustinischen Standpunkt iiberschauen konnen, 
wie wir gewissermaBen das sehen konnen an Augustinus, was er noch 
nicht sehen konnte. So steht vielleicht gerade fiir uns ganz besonders 



significant Augustinus in der Abenddammerung des vierten nach- 
atlantischen Zeitraums drinnen, indem er mit besonderer Prazision 
hinweist auf die eine Stromung im Weltengeschehen, auf die ideelle, 
und in der ideellen Stromung im Weltengeschehen versucht, einen 
festen Punkt zu flnden. Das versuchte Augustinus. Wir wollen heute 
nur die historische Tatsache einmal hinstellen. 

Noch nicht war zu seiner Zeit den Leuten aufgegangen der unge- 
heure Umschwung, der mit Bezug auf das Mysterium der Geburten 
und des Todes eingetreten war; denn erst aus diesem Mysterium des 
Todes kann dann herausquillen die wirkliche Befestigung der ab- 
soluten GewiBheit der im Inneren der Menschenseele erlebten Wahr- 
heit. 

Wir werden nun einen groBen Sprung machen, um eine andere Per- 
sonlichkeit so zu charakterisieren, wie wir fur die Abenddammerung 
des vierten nachatlantischen Zeitraums das charakterisierten, was sich 
in der Personlichkeit des Augustinus offenbarte. Wir wollen ebenso 
charakteristische Personlichkeiten des fiinften nachatlantischen Zeit- 
raums nach einer gewissen Richtung hin schildern. Zwei will ich 
herauswahlen. Eine dieser Personlichkeiten, von der ausgehend sich 
nach einer gewissen Richtung hin dasjenige charakterisieren laBt, was 
im fiinften nachatlantischen Zeitraum fur die Menschheit heraus- 
kommt, ist der Graf Saint-Simon, der gelebt hat von 1760 bis 1825. 
Eine andere Personlichkeit ist der Schiiler von Saint-Simon, Auguste 
Comte, der gelebt hat von 1798 bis 1857. Haben wir in Augustinus 
eine Personlichkeit, welche mit alien Mitteln, die ihr von seiten ihrer 
Erkenntnis zur Verfugung stehen, das Christentum zu befestigen ver- 
sucht, so haben wir auf der andern Seite sowohl in Saint-Simon wie in 
Auguste Comte Personlichkeiten, welche an dem Christentum im 
Grunde vollstandig irre geworden sind. Wir werden uns am leich- 
testen eine Vorstellung machen von dem, was in Auguste Comte, in 
gewissem Sinne auch in Saint-Simon lebte, wenn wir, wenigstens 
schematisch, einige der Hauptgedanken von Auguste Comte uns 
einmal vorfiihren. 

Auguste Comte ist im hohen Grade ein Reprasentant fur ein ge- 
wisses Weltanschauungsleben in unserer Zeit, und nur der Umstand, 



daB man sich so wenig kiimmert um die Art, wie sich die verschiedenen 
Weltanschauungsimpulse in das Leben der Menschen einfugen, be- 
wirkt, daB man so jemanden wie Auguste Comte auch so studiert wie 
eine Raritat des geschichtlichen Lebens. Man weiB eben nicht, daB im 
Grunde genommen, wenn auch vielleicht nicht uberall, zahlreiche 
Menschen von Auguste Comte etwas schulerhaft beeinfluBt sind - 
darauf kommt es aber nicht an -, und in der wesentlichen Grundrich- 
tung ihres Denkens mit Auguste Comte ubereinstimmen. So daB man 
sagen kann: Auguste Comte ist der Reprasentant fur einen groBen 
Teil des Weltanschauungslebens der Gegenwart. 

Auguste Comte sagt: Die Menschheit hat sich entwickelt. Sie hat 
sich entwickelt durch drei Stadien hindurch. Beim dritten Stadium ist 
sie jetzt angelangt. Wenn man durch diese drei Stadien hindurch das 
Seelenleben der Menschen beobachtet, so findet man, daB in dem ersten 
Stadium die Vorstellungen der Menschen vorzugsweise hinneigten 
zur Damonologie. Das erste Stadium der Entwickelung also im 
Auguste Comteschen Sinne ware das Damonologische. Die Menschen 
haben sich vorgestellt, daB hinter den Erscheinungen der Natur, 
welche sinnenfallig sind, geistige Wesen tatig, wirksam sind, die so 
vorzustellen sind, wie eben im trivialen Leben Geister vorgestellt 
werden. Oberall werden Damonen gewittert, groBe und kleine Damo- 
nen gewittert. Das war das erste Stadium. 

Dann sind die Menschen iibergegangen, als sie sich schon etwas 
weiter entwickelt hatten, von dem Standpunkt der Damonologie zu 
dem Standpunkt der Metaphysik. Wahrend sie sich zuerst Damonen, 
Elementarwesen oder dergleichen vorgestellt haben hinter alien Er- 
scheinungen, stellten sie sich dann in abstrakten BegrifTen faBbare 
Grunde vor. Metaphysisch wurden die Menschen, nachdem sie nicht 
mehr Damonenglaubige sein wollten. Das zweite Stadium ist also das 
der Metaphysik : man denkt gewisse BegrifFe aus und verbindet diese 
Begriffe mit seinem eigenen Leben, so daB man meint, durch solche 
BegrifFe konne man an die Urgriinde der Dinge herankommen. 

t)ber dieses Stadium ist die Menschheit nun auch hinausgeschritten. 
Sie ist nun in das dritte Stadium eingetreten, von dem Auguste Comte, 
ganz auch im Sinne seines Lehrers Saint-Simon, annimmt, daB der 



Mensch nicht mehr zu Damonen hinschaut, wenn er sich iiber die 
Urgriinde der Welt unterrichten will, audi nicht zu metaphysischen 
BegrifFen, sondern lediglich zu dem, was die sinnenfallige Wirklichkeit 
der positivistischen Wissenschaft gibt. Das dritte Zeitalter ist also das 
der positivistischen Wissenschaft. Was man durch die auBere wissen- 
schaftliche Erfahrung geoffenbart bekommen kann, das soli der 
Mensch betrachten als dasjenige, was ihn aufklart fur eine Welt- 
anschauung. Er soli iiber sich selber sich so aufklaren wollen, daB 
diese Auf klarung in demselben Sinne gehalten ist, wie die mathema- 
tische Auf klarung iiber die Raumordnungen aufklart, wie die Physik 
iiber die Krafteordnungen, die Chemie iiber die StofFordnungen, die 
Biologie iiber die Lebensordnungen aufklart. Alles dasjenige, was so 
durch die einzelnen Wissenschaften, deren Zusammenklang Auguste 
Comte in seinem groBen Werke iiber die positive Philosophic aus- 
fiihrlich im einzelnen darzustellen versuchte, alles das, was so durch 
die einzelnen positiven Wissenschaften erfahren werden kann, be- 
trachtete Auguste Comte als dasjenige, was einzig und allein des Men- 
schen im dritten Stadium wiirdig ist. Das Christentum selber betrachtet 
er noch, zwar als die hochste Ausbildung, aber doch nur als die letzte 
Phase der Damonologie. Die Metaphysik ist dann aufgetreten; sie gab 
den Menschen eine Summe von abstrakten Begriffen. Zu etwas wirk- 
lich Realem, das den Menschen auch ein menschenwiirdiges Dasein 
auf der Erde hier geben konne, bringt es erst die positive Wissen- 
schaft; so meint Auguste Comte. Daher will auch Auguste Comte eine 
Kirche begriinden auf Grundlage der positivistischen Wissenschaft, 
die Menschen in solche sozialen Strukturen bringen, die auf Grund- 
lage der positivistischen Wissenschaft gefaBt sind. 

Es ist sehr merkwiirdig, zu welchen Dingen Auguste Comte - ich 
will heute nur einige charakteristische Ziige hervorheben - eigentlich 
zuletzt gekommen ist. Er hat sich ja mit der Griindung einer Kirche, 
der positivistischen Kirche, viel beschaftigt. Und diese positivistische 
Kirche - wenn Sie einzelne Dinge daraus entnehmen, so werden Sie 
ja gleich den Geist kennenlernen - sollte auch eine Art Kalender ein- 
fiihren. Eine groBe Anzahl von Jahrestagen sollte zum Beispiel dem 
Andenken von solchen Leuten wie Newton oder Galiki gewidmet 



sein, den Tragern der positivistischen Wissenschaften; diese Tage des 
Jahres, die diesen Leuten gewidmet sind, sollten verwendet werden 
zum Verehren dieser Leute. Andere Tage sollten verwendet werden 
zum Verlastern solcher Leute wie Julian des Abtriinmgen oder Napoleons. 
Auch das sollte geregelt sein. Aber das Leben sollte iiberhaupt im 
weitgehendsten MaBe durchaus nach den Grundsatzen der positivisti- 
schen Wissenschaft geregelt sein. 

Wer das Leben heute kennt, der weiB, daB die Menschen gewiB in 
keiner groBen Anzahl mit solchen Idealen, wie sie Auguste Comte 
gehabt hat, Ernst machen wollen. Aber das ist ja doch nur aus Feig- 
heit; denn in Wahrheit denken die Menschen schon so, wie Auguste 
Comte gedacht hat. Wenn man studiert, welches Bild die positivi- 
stische Kirche des Auguste Comte gibt, so bekommt man tatsachlich 
den Eindruck : Die Struktur dieser Kirche stimmt ganz genau mit der 
Struktur der katholischen Kirche iiberein, nur fehlt der positivistischen 
Kirche des Auguste Comte der Christus. Und das ist das Merkwiirdige. 
Das ist dasjenige, was man sich geradezu vor die Seele stellen soil als 
das Charakteristische: Auguste Comte sucht eine katholische Kirche 
ohne Christentum. Dazu ist er gekommen, indem er diese drei Stufen: 
das Damonologische, das Metaphysische und das Positivistische, in 
seine Seele aufgenommen hat. Man konnte sagen : Er hat alle Einklei- 
dung des Christentums, wie sie in der Geschichte sich bis zu ihm er- 
geben hat, als etwas sehr Gutes betrachtet; aber den Christus selbst 
wollte er aus dieser Kirche beseitigen. Das ist doch im Grunde das 
Wesentliche, worauf es bei Auguste Comte ankommt : eine katholische 
Kirche ohne den Christus. 

Das ist auBerordentlich charakteristisch fur die Morgendammerung 
der funften nachatlantischen Zeit. Denn so wie Auguste Comte denkt, 
so muBte ein Geist denken, der den Romanismus ganz und gar in 
seiner Seele aufgenommen hatte, aus diesem Romanismus heraus 
dachte, aber zu gleicher Zeit vollig dachte im Sinne der funften nach- 
atlantischen Zeit mit ihrem antispirituellen Charakter. So sind Auguste 
Comte und sein Lehrer Saint- Simon im hochsten Grade charakteri- 
stisch fur die Morgendammerung des funften nachatlantischen Zeit- 
raums. Aber in diesem funften nachatlantischen Zeitraum wird sich 



viel entscheiden. Daher treten auch die andern Nuancierungen, die 
noch moglich sind, auf. Ich will heute, wie gesagt, einige historische 
Lichtblicke vor Ihnen eroffhen; wir werden dann darauf weiterbauen. 

Einen merkwiirdigen Gegensatz zu Auguste Comte bildet Schelling, 
der da lebte von 1775 bis 1854. Auch er ist gewissermaBen charakte- 
ristisch fur die Morgendammerung des funften nachatlantischen Zeit- 
raums. Ich kann Ihnen ja von SchelHngs mannigfaltig in sich ge- 
gliederter Weltanschauung, iiber die wir von diesem oder jenem Ge- 
sichtspunkte schon ofter gesprochen haben, selbstverstandlich nicht 
einmal schematisch heute sprechen; aber auf eirdges Charakteristische 
mochte ich Sie hinweisen. 

Gesagt habe ich: Augustinus steht in der Abenddammerung des 
vierten nachatlantischen Zeitraums auf dem Punkte, die eine Stro- 
mung, die ideelle, so zu betrachten, daB sich ihm aus ihr ein fester 
Punkt ergeben soli, auf dem er stehen kann. Nun kommen wir in den 
funften nachatlantischen Zeitraum herein: In der Morgendammerung 
haben wir solche Geister wie Saint-Simon und Auguste Comte, die in 
der anderen, in der rein natiirlichen, materiellen Ordnung den festen 
Punkt suchen der positivistischen Wissenschaft. Da haben wir die 
beiden Richtungen: Augustinus auf der einen Seite, Auguste Comte 
auf der andern Seite stehend. Schelling suchte hinter dem, was man in 
der Welt sehen kann mit den gewohnlichen Mitteln des funften nach- 
atlantischen Zeitraums, zuerst abstrakt-philosophisch, mit ungeheurer 
Energie nach einer Briicke zwischen dem Idealen und dem Realen, 
dem Idealen und Materialen - Sie finden die wesentlichen Punkte in 
meinem Buche «Vom Menschenratsel» dargestellt -; er suchte mit 
ungeheurer Energie nach einer Uberbriickung dieser Gegensatze. Er 
kam zuerst nur zu allerlei abstrakten Gedanken in dieser Uberbnik- 
kung. Indem er zuerst namentlich auf denselben Grundlagen gebaut 
hat, auf denen Johann Gottlieb Fichte baute, kam er etwas weiter und 
versuchte, etwas in der Welt als ein Sein zu erfassen, das ideal und real 
zu gleicher Zeit ist. Dann kam eine Zeit in Schellings Leben, in der 
ihm unmoglich schien, mit den Mitteln der Abstraktionen, zu denen 
es dieser funfte nachatlantische Zeitraum im Laufe der Zeit gebracht 
hatte, zu einer solchen Briicke zu kommen. Unmoglich erschien ihm 



dieses. Er sagte sich eines Tages: Die Menschen haben ja doch eigent- 
lich nur auf dem Boden der neuzeitlichen Gelehrsamkeit solche Be- 
griffe gewonnen, mit denen man die auBere Naturordnung begreifen 
kann. Aber fur das, was hinter dieser auBeren Naturordnung ist, der 
Sphare, wo man die Briicke zwischen Idealem und Realem bauen 
kann, dafur haben wir keine BegrifFe. - Und sehr interessant ist es, 
daB Schelling eines Tages das Gestandnis gemacht hat: es kame ihm 
vor, wie wenn die gelehrten Leute der letzten Jahrhunderte einen 
stillen Vertrag geschlossen hatten, der dahin ginge, alles Tiefere aus 
der Weltanschauung auszuschalten, das nach dem wirklichen, wahr- 
haftigen Leben fuhren will. Daher miisse man zu den ungelehrten 
Leuten gehen. Das war auch die Zeit, in der sich Schelling auf Jakob 
Bohme eingelassen hat, so daB er dann aus Jakob Bohme jene spirituelle 
Vertiefung fand, die ihn zu seiner letzten, zu seiner theosophischen 
Periode in seinem Leben fiihrte, aus welcher hervorgegangen ist die 
schone Schrift iiber die Freiheit des Menschen, die schone Schrift uber 
die Gottheiten von Samothrake, iiber die Kabirengottheiten; dann 
die « Philosophic der Mythologie» und die «Philosophie der Ofren- 
barung». 

Was Schelling namentlich in dieser letzten Periode seines Lebens 
ganz besonders gesucht hat, das war, das Eingreifen des Mysteriums 
von Golgatha in die Menschheitsgeschichte zu begreifen. Das hat er 
ganz besonders gesucht. Und es ist ihm dabei aufgegangen, daB man 
mit den Begriffen, die der neueren Gelehrsamkeit zur Verfiigung 
stehen, nicht dazu kommen kann, jenes Leben zu verstehen, in wel- 
chem das Mysterium von Golgatha flieBt, also auch nicht das wahre 
Menschenleben zu verstehen. Dadurch kam Schelling - und das ist der 
Zug, den ich bei ihm jetzt besonders hervorheben mochte, wir werden 
in den nachsten Tagen weiter auf diesen Dingen bauen - zu einer An- 
schauung, die nun der seines Zeitgenossen Auguste Comte vollig ent- 
gegengesetzt war. Und das ist das Merkwiirdige : Wir konnen sagen, 
Auguste Comte sucht einen Katholizismus, ich mochte besser sagen 
eine katholische Kirche, ohne Christentum; Schelling sucht aus seinen 
Anschauungen heraus ein Christentum ohne Kirche. Ein Christentum 
ohne Kirche: Schelling sucht gewissermaBen das ganze moderne 



Leben zu verchristen, zu durchchristen, so daB alles, was der Mensch 
denken und fuhlen und wollen kann, durchpulst ware von dem 
Christus-Impuls. Ein abgesondertes kirchliches Leben fur das Chri- 
stentum sucht er nicht, namentlich nicht nach dem Muster, wie es 
schon war in der historischen Entwickelung, obwohl er dieses Leben 
sorgfaltig betrachtet. So haben wir die zwei Extreme: den Auguste 
Comteschen Gedanken einer Kirche ohne Christus, den Schelling- 
schen Gedanken des Christus ohne Kirche. 

Ich wollte diese historischen Ausblicke vor Ihre Seele hinstellen, 
um eben auf diesen Dingen aufbauen zu konnen. Denn wir sehen 
einen Geist, Augustinus, der den festen Punkt sucht im Idealismus, 
einen Geist, Auguste Comte, der den festen Punkt sucht im Realismus, 
eine Personlichkeit wie Schelling, welche die Briicke schlagen will. 
Das alles sind Tendenzen, die der Entwickelung vorangehen, in der 
wir selbst eben stehen. 

Nun kann man folgendes sagen: Man kann iiberblicken dasjenige, 
was sich da zugetragen hat durch viele Jahrhunderte hindurch, was 
sich zugetragen hat im Weltanschauungsleben, und man kann dann 
seinen Blick werfen auf die Art, wie sich die Vorstellungen der Men- 
schen im weitesten Umkreise ausbilden. Da kommt einem gerade 
durch das Studium von Auguste Comte ein sehr wichtiges Apercu, 
aber Auguste Comte konnte dieses Apercu nicht rein fassen, weil er ja 
ganz in seinen positivistischen Vorurteilen drinnensteckte. Aber etwas, 
was fur uns ein wichtiger Ausgangspunkt der nachsten Tage werden 
kann, ergibt sich gerade, wenn man den ganzen Zusammenhang - ich 
mochte sagen Augustinus, Auguste Comte, Schelling - ins Auge faBt: 
ein Apercu, das ich an den SchluB dieser Betrachtungen heute hin- 
stellen will, weil ich mochte, daB es zunachst einmal in Ihre Seelen 
sich hineinsetzt. Wir werden dann in den nachsten Tagen zu reden 
haben von dem, was in bedeutsamer Weise mit diesem Apercu zu- 
sammenhangt. Weil nun dieses Apercu sich gerade ergibt aus einer 
Betrachtung dessen, was ich vorausgesetzt habe, stelle ich es apho- 
ristisch hin, ohne im einzelnen die Begriindung geben zu konnen, 
warum man dieses, nicht bei Auguste Comte, aber bei andern stehende 
Apercu gerade findet, wenn man sich vom Standpunkte des Spateren, 



wie ich es heute angedeutet habe, einlaBt auf einen in diesem Fall 
nicht viel Spateren, desjenigen, det im Anfange des 20. Jahrhunderts 
iiber jemanden denkt, der am Ende des 18. und in der ersten Halfte 
des 19. Jahrhunderts dachte. Aber es ist heute schon wichtig - was 
ich immer wieder und wiederum betont und auch diesmal scharf 
charakterisiert habe -, daB man das Weltanschauungsleben nicht nur 
in abstracto so fur sich betrachtet, sondern so, wie es sich eingliedert 
in das gesamte Leben der Menschheit. Nur dadurch kommt man zu 
einem Wirklichkeitsstandpunkt, daB man diese Eingliederung in das 
Gesamtleben der Menschheit ins Auge faBt. 

Nun sind sich gerade Saint-Simon und Auguste Comte klar dariiber, 
daB sie zu ihrem Positivismus nur kommen konnten in der modernen 
Zeit, daB der Positivismus unmoglich gewesen ware in einer fruheren 
Zeit. Auguste Comte besonders empflndet es stark : Wie ich denke - 
so sagt er sich ungefahr so kann man nur in unserem Zeitalter 
denken. - Das ist etwas, was als etwas ungeheuer Wichtiges dasteht in 
der modernen Bewegung, und das hangt zusammen eben mit jenem 
Apercu, das ich meine. Wenn man gerade zugrunde legt das, was 
Auguste Comte als Ausgangspunktfur seine Dreigliederung betrachtet, 
so kann man auch ganz in seinem Sinne sagen, diese Dreigliederung 
sei Theologie, Metaphysik und das, was er - ob nun recht oder un- 
recht, das ist gleichgiiltig - positivistische Wissenschaft nennt. 

Nun ist das Eigentumliche, daB man fragen kann: Wer wird am 
leichtesten Glaubiger von einer dieser Richtungen? Ich bitte, mich in 
bezug auf dasjenige, was ich jetzt mit Bezug auf dieses Apercu sagen 
werde, ja nicht miBzuverstehen, ja nicht irgendwie dies als einseitig 
radikales Dogma aufzufassen, und auch nicht es so aufzufassen, als ob 
es fur die Gegenwart grobklotzig beobachtet werden konnte mit 
apodiktischer GewiBheit; sondern es muB betrachtet werden der 
ganze Entwickelungsgang der Menschheit, wenn man das ins Auge 
fassen will, was ich jetzt aussprechen will. Aber man kann dann nicht 
fragen: Wer wird Glaubiger?, sondern: Wer wird am leichtesten 
Glaubiger einer dieser Richtungen? - Und da ergibt sich durch eine 
sorgfaltige Beobachtung, so sehr auch die Tatsachen zu widersprechen 
scheinen: Am leichtesten wird Glaubiger der Theologie - nicht Trager 



der Theologie, nicht Theologe, sondern Glaubiger - ich spreche nicht 
von der Religion, sondern von der Theologie -, der Soldat! Am 
leichtesten wird Glaubiger der Metaphysik der Beamte, insbesondere 
der juristische, und am leichtesten wird Glaubiger der positivistischen 
Wissenschaft der Industrielle. 

Es ist wichtig, wenn man das Leben beurteilen will, nicht im Ab- 
strakten stehenzubleiben, sondern wirklich unbefangen auf das Leben 
hinzublicken. Dann aber muB man sich solche Fragen aufwerfen. 

Ich mochte das nur eben heute am Schlusse als ein Apercu behan- 
delt wissen, das sich gerade dann ergibt, wenn man sich auf Auguste 
Comte intimer einlaBt, weil er sich dessen bewuBt ist: Nur fiir Indu- 
strielle ist er vollstandig verstandlich, und nur im industriellen Zeit- 
alter konnte er eigentlich auftreten mit seinen Anschauungen. Das 
aber hangt damit zusammen, daB der Industrielle am leichtesten Glau- 
biger der positivistischen Wissenschaft wird, der Soldat am leichtesten 
Glaubiger nicht etwa bloB der christlichen, sondern jeder Theologie 
wird, der Beamte am leichtesten der Glaubige wird der Metaphysik. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 7. September 1918 



Ein volliger Einblick in die Verhaltnisse, die wir jet2t beriihren, ist 
doch nicht moglich, ohne daB man genauer hinsieht auf das Wesen 
des Menschen in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, im 
Schlafzustande. Schematisch ist Ihnen ja alien dieser Schlafzustand 
bekannt: Es trennt sich dasjenige, was man, wenn man es so nennen 
will, Ich und astralischen Leib nennt, von dem physischen Leib und 
dem Atherleib. Wenn man aber das Wesen des Schlafes genauer ins 
Auge fassen will, dann muB man doch darauf aufmerksam werden, 
daB der Mensch gerade im Schlafzustande die Wirklichkeit dessen er- 
lebt, wovon wir gestern so gesprochen haben, daB wir sagten: 
Augustinus sucht im inneren Erleben die wirkliche, wahrhaftige Ge- 
wiBheit iiber die Welt zu erfassen. - Aber der Mensch erfaBt im 
Wachzustande nicht vollig sein Inneres. Man muB sich klar dariiber 
sein, daB dasjenige, was man als Ich und als astralischen Leib be- 
zeichnet, im Wachzustande durchaus nicht wirklich zum BewuBtsein 
des Menschen kommt, sondern daB in diesem Wachzustande nur ein 
Abbild, ein Spiegelbild von Ich und astralischem Leib zum BewuBt- 
sein des Menschen kommt. Im Schlafzustande, also vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen, wiirde der Mensch, wenn er sich bewuBt ware - 
wir konnen auch sagen, wenn er sich bewuBt wird durch jene Ubungen, 
die Ihnen zur Verfiigung stehen, die Sie ja beschrieben finden in den 
verschiedenen Schriften es wiirde der Mensch durch den Schlafzu- 
stand, wenn er sich bewuBt wiirde, was er da erlebt, gewissermaBen die 
wahre Gestalt von Ich und astralischem Leib erleben, nicht das Spiegel- 
bild, wie im Wachzustande, sondern die wahre Gestalt. Da muB man 
aber dann sich klar sein dariiber, daB diese wahre Gestalt von Ich und 
astralischem Leib so vor des Menschen Seele tritt, so vor das imagi- 
native BewuBtsein tritt, daB wahrend des Schlafzustandes der Mensch 
in dem inneren Erleben das wirklich in sich, innerhalb seines Ich und 
seines astralischen Leibes erlebt, also in sich erlebt, was wir dritte Hier- 
archie nennen, die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai. 



Wahrend des Wachzustandes erlebt der Mensch diesen innigen Zu- 
sammenhang, in dem er eigentlich sein ganzes Leben hindurch mit 
den als Angeloi, Archangeloi und Archai bezeichneten Wesenheiten 
stent, nicht. Und darinnen besteht eben fur den Wachzustand die 
Tauschung, daB es bleibt bei dem abstrakten Ich, das der Mensch er- 
lebt, und bei den schattenhaften Vorstellungen und Gedanken, die 
des Menschen Seele erfullen - denn schattenhaft sind sie doch oder 
gar bei dem halb traumhaft vor sich gehenden Gefiihl der Wollungen. 
Das ist das Wesentliche, daB der Mensch wahrend des Wachzustandes 
dabei bleiben muB, dieses Schattenhafte seines Ich und seines astra- 
Hschen Leibes zu erleben, und daB er sich nicht bewuBt werden kann, 
daB in sein Ich hereinwirken die Wesenheiten der dritten Hierarchic 
In dem Augenblicke, wo der Mensch wirklich im Schlafe aufwachen 
wiirde, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, wiirde er nicht eine 
auBere Natur um sich herum haben, aber er wiirde in sich erfuhlen 
die Wesenheiten der Engel, Erzengel und der Zeitgeister. Und davon 
kommt es, daB wir in unserer Seelenverfassung etwas haben, was wir 
sonst nicht hatten. Wiirde in unser Ich und in unseren astralischen 
Leib nicht die Hierarchie der Angeloi hereinwirken, so wiirden wir 
uns nicht als Personlichkeit fiihlen konnen. Also dadurch, daB die 
Hierarchie der Angeloi hereinwirkt in unsere geistig-seelische Wesen- 
heit, fiihlen wir uns als freie Personlichkeit. 

Dadurch, daB die Hierarchie der Archangeloi hereinwirkt, fiihlen 
wir uns als Angehorige der ganzen Menschheit. Wir konnten auch 
sagen, dadurch, daB die Erzengelwesen in unser geistig-seelisches Sein 
hereinleuchten, daB sie dieses inspirieren, fiihlen wir uns eigentlich 
als Mensch. Und dadurch, daB die Wesenheit der Archai, der Zeit- 
geister, in unser Wesen hereinpulsiert, es intuitiert, fiihlen wir uns als 
Erdenwesen, das heiBt als Angehorige nicht nur der gegenwartigen 
Menschheit, sondern als Angehorige der ganzen Erdenmenschheit 
vom Anfange des Erdenwerdens bis zum Ende des Erdenwerdens. 
Dadurch also fiihlen wir uns als Glieder der ganzen Erdenentwicke- 
lung. Wir fiihlen das ja nur dumpf, weil wir eben die Zeitgeister 
dumpf in uns erfuhlen. 

Wir konnen nicht sagen, daB wir uns als Personlichkeit schauen; 



das konnen wir erst dann, wenn wir zum imaginativen BewuBtsein 
kommen. Es bleibt dieses imaginative BewuBtsein eine Art Spiege- 
lung, solange wir unsere Gedanken nur so erleben, daB wir durch das 
freie Gedankenleben uns als Personlichkeit fiihlen. Werden wir uns 
noch einmal klar dariiber, wodurch wir uns als Personlichkeit fiihlen: 
Wir fiihlen uns als Personlichkeit dadurch, daB wir willkiirlich einen 
Gedanken an den andern setzen konnen. Sie wiirden sogleich auf- 
horen, sich als Personlichkeit zu fiihlen, wenn Sie gezwungen waren, 
einen Gedanken an den andern anzureihen so, wie eine Naturerschei- 
nung sich an die andere anreiht. Dieses Erlebnis der inneren Freiheit - 
in der Fortfiihrung unseres Denkens liegt das Sich-Erfiihlen als Per- 
sonlichkeit das ist noch, was am klarsten dem Menschen zum Be- 
wuBtsein kommt wahrend des Tagwachens. Und es kommt wahrend 
des Tagwachens dadurch zum BewuBtsein, daB vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen der Mensch durchtrankt ist von seinem Engelwesen, 
daB dieses Engelwesen zu unserem Ich gehort. 

Schon viel apathischer, viel weniger stark und intensiv fiihlen wir 
uns als Angehoriger der ganzen Menschheit, weil wir natiirlich dem 
Erzengelwesen, welches macht, daB wir uns als Mensch fiihlen konnen, 
ferner stehen als dem Engelwesen. Und dasjenige, was uns hereinsetzt 
als Personlichkeit in die ganze menschliche Entwickelungsstrdmung, 
das bleibt fur die meisten Menschen etwas recht, recht Schattenhaftes. 
Wir versuchen ja, auf dem Boden der Geisteswissenschaft gerade 
dieses Sich-Erfiihlen in der ganzen Erdenmenschheit wachzurufen, 
indem wir uns klarwerden : In der fiinften nachatlantischen Zeit erlebt 
der Mensch in dieser Weise, in der vierten nachatlantischen Zeit hat er 
in jener Weise erlebt, in der dritten nachatlantischen Zeit in anderer 
Weise. Wie sich die Seelenverfassung andert durch die verschiedenen 
Zeitperioden hindurch, bewirkt durch die verschiedenen Zeitgeister, 
die Wesenheiten aus der Hierarchie der Archai, davon verschafTen 
wir uns auf dem Boden der Geisteswissenschaft ein BewuBtsein. 
Dieses BewuBtsein gibt ja eigentlich erst dem Menschen die Moglich- 
keit, sich als geschichtliches Wesen zu fiihlen, darauf aufmerksam zu 
werden: Ich lebe als Personlichkeit im 20. Jahrhundert. Den meisten 
Menschen kommt es ja gar nicht zum BewuBtsein, daB ihre Person- 



lichkeit nur denkbar ist, nur real sein kann als Personlichkeit dadurch, 
daB sie in eine bestimmte Zeitperiode hineingestellt ist. Dieses leben- 
dige Durchtranktsein der menschlichen Geist-Seelenwesenheit von 
den Wesenheiten der dritten Hierarchie, das ist dasjenige, was dem 
Menschen zum BewuBtsein kommen wiirde, wenn er imaginative 
Erkenntnis in etwas intensiver Weise anstrebte. 

Nun, im gewohnlichen Gang der Menschheitsentwickelung ist, wie 
Sie ja einsehen, diese imaginative Erkenntnis nicht da. Es dampft sich 
ab vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Wirklichkeit des Ich und 
des astralischen Leibes, und im Wachen verliert der Mensch den Zu- 
sammenhang mit den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Das riihrt 
davon her, daB namentlich in unserem Zeitenzyklus der Mensch 
wahrend des Wachens audi einer Tauschung hingegeben ist. Er ist ja, 
wie wir eben gesehen haben, wahrend des Schlafens der Tauschung 
hingegeben, als ob sein Ich und sein astralischer Leib dann untatig 
waren. Sie sind nicht untatig; sie sind in lebendiger Wechselwirkung 
mit den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Im Wachzustande, da ist 
die Sache so, daB uns im jetzigen Zeitenzyklus unser physischer Leib 
und unser Atherleib gewissermaBen, man konnte sagen, widerrechtlich 
unser Geist-Seelenwesen absorbieren; sie durchtranken sich mit die- 
sem Geist-Seelenwesen. Normal ware es fur den Menschen ganz 
anders; normal ware es fur den Menschen so, daB der Mensch im 
Wachzustande sich als Ich und astralischer Leib erfiihlt und den 
physischen Leib und den Atherleib wie eine Art Schale fiih.lt, in die er 
hineinschliipft, wie etwas, das er mit sich tragt. Aber so fuhlt sich 
eben der Mensch nicht. Er fuhlt sich so, wie wenn der physische Leib 
und der Atherleib er waren. Das ist er gar nicht. Wir sind schon dieses 
Geist-Seelenwesen, das des physischen und des Atherleibes sich wie 
eines Werkzeuges bedient, aber wir konnen uns iiber die Tauschung 
nicht erheben, die liegt in den Wirkungen unseres Zeitenzyklus. Wir 
miissen gleichsam dasjenige, was uns beim normalen BewuBtsein vor- 
kommen wiirde wie der Hammer, den wir in der Hand haben und mit 
dem wir schlagen, wir miissen uns mit unserem physischen Leib und 
unserem Atherleib identisch fiihlen; wir miissen uns der Tauschung 
hingeben, wir seien es, die da fleischlich durch den Raum gehen. Das 



sind aber nicht wir; das ist nur so, weil widerrechdich das BewuBtsein 
unseres Ich absorbiert wird von unserem physischen Leib und 
unserem Atherleib. Und dieses riihrt davon her, daB im gegenwartigen 
Zekenzyklus die ahrimanischen Machte machtiger sind, als sie in der 
Normalentwickelung der Menschheit sein wiirden. Sie Ziehen ge- 
wissermaBen das Ich und den Astralleib an den physischen und Ather- 
leib heran und bewirken beim Menschen die Tauschung, daB dieser 
Kopf, den er an sich tragt, er selber sei, daB diese Hande und der 
ganze Leib er selber sei. Widerrechdich eignet sich der physische Leib 
das BewuBtsein an, so daB es so erscheint, als ob unser physischer 
Leib unsere Personlichkeit bewirkte. Wer glaubt, daB sein physischer 
Leib irgendwie seine Personlichkeit bewirkt, der unterliegt derselben 
Tauschung wie jemand, der vor einen Spiegel sich hinstellt und 
glaubt, der Spiegel produziert ihn, weil er sein eigenes Bild zuriick- 
gestrahlt bekommt. Zu sagen: dieses Fleischgebilde, das wir an uns 
tragen, seien wir, ist nicht gescheiter, als wie wenn jemand seine Hand 
vor den Spiegel halt und glaubt, der Spiegel produziere ihm seine 
Hand heraus. Und dennoch, unter dieser Tauschung lebt die ganze 
heutige Wissenschaft. Die ganze heutige Wissenschaft glaubt, daB das- 
jenige, was wir innerlich als Personlichkeit erleben, irgend etwas zu 
tun habe mit dem physischen Leib und dem Atherleib, und glaubt 
nicht, daB der physische Leib und der Atherleib dieses Ich und astra- 
lische Wesen zuriickstrahlen, jenes Scheinbild formen, das wir vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen anerkennen als unser Ich und als 
unsere Gedanken, das heiBt, unseren astralischen Leib. 

Das ist gewissermaBen die Fundamentalwahrheit, die man zunachst 
einsehen muB. Mit Bezug auf diese Fundamentalwahrheit nun geben 
sich die jetzigen Menschen aus den Kraften unseres jetzigen Zeiten- 
zyklus heraus einer BewuBtseinstauschung hin, die eben in dem be- 
steht, was ich gerade gesagt habe : Wir glauben, was wir innerlich an 
Gedanken oder auch an Gefuhlen erleben, erhalten wir von unserem 
Leibe. Aber der Mensch unterliegt naturgemaB dieser Tauschung, er 
kann sich dieser Tauschung bei seinem heutigen BewuBtseinszustande 
nicht entziehen. Geradeso wie die Sonne, wenn sie unten am Horizont 
ist, groBer erscheint, als wenn sie oben ist - man weiB, es ist eine 



Tauschung, aber es erscheint doch so -, so muB es dem Menschen er- 
scheinen, daB er gewissermaBen als Fleisch und Blut sich fur seine 
Personlichkeit halt. Das ist eine BewuBtseinstauschung. Aber dieser 
BewuBtseinstauschung, welcher der Mensch heute unterliegt, unterlag 
er nicht immer, sondern diese BewuBtseinstauschung ist eigentlich 
wesentlich eine charakteristische Eigenschaft der Menschheit in der 
nachchristlichen Zek, nach dem Mysterium von Golgatha. Vor dem 
Mysterium von Golgatha war nicht eine BewuBtseinstauschung vor- 
handen, sondern eine andere Art von Tauschung. Vor dem Mysterium 
von Golgatha glaubte der Mensch nicht sein BewuBtsein mit seinem 
physischen Leib verbunden. Davon erzahlt natiirlich die Geschichte 
nichts, aber es ist doch so. Einem Menschen des 2., 3. Jahrtausends 
vor der christlichen Zeitrechnung zuzumuten, daB er seine Seele 
irgendwie produziert gehalten hatte von seinem physischen Leibe, ist 
ein Unsinn. Kein Mensch hat in alten Zeiten sein seelisch-geistiges 
Wesen so an den Leib gebunden gefuhlt wie der heutige Mensch. 

Dafur aber hatte dieser Mensch der vorchristlichen Zeiten ein 
lebendiges BewuBtsein von den Wesenheiten der dritten Hierarchie. 
Das hatte er schon. Dadurch, daB er wuBte : meine Seele ist nicht mit 
meinem Leibe identisch, dadurch hatte er ein deutliches BewuBtsein, 
daB diese Seele nicht gebunden ist an das Blut oder an die Muskeln 
und so weiter, sondern daB diese Seele gebunden ist an die Wesen- 
heiten der dritten Hierarchie. Nur ergab sich fur ihn eine andere Tau- 
schung, nicht eine BewuBtseinstauschung, sondern eine Lebens- 
tauschung. Er hielt diese Seele mit den Wesenheiten der dritten Hier- 
archie in ahnlicher Weise gebunden an die auBere Natur, wie der 
heutige Mensch seine Seele an seinen physischen Leib gebunden meint. 
Der heutige Mensch gibt sich der BewuBtseinstauschung hin, seine 
Seele sei an seinen physischen Leib gebunden, und dadurch sieht er 
Engel, Erzengel und Archai nicht, weil sie ihm sein physischer Leib 
verdunkelt. Der alte Mensch - trotzdem er ein deutliches BewuBtsein 
hatte, daB die Wesenheiten der dritten Hierarchie da sind, mit seiner 
Seele verbunden - sah auch nicht unmittelbar, sondern dunkel in die 
auBere sinnenfallige Natur. Der heutige Mensch in seiner BewuBt- 
seinstauschung glaubt, daB seine Seele an seinen Leib gebunden ist; 



der alte Mensch glaubte, daB die Wesenheiten der dritten Hierarchie an 
die auBere Natur gebunden seien, die er mit seinen Sinnen wahrnahm. 
Damals vermischte er gottliche Wesenheiten, die Wesenheiten der 
dritten Hierarchie, mit Naturerscheinungen, und er sah sie durch 
Naturerscheinungen ausgedriickt. Der heutige Mensch versetzt seine 
Seele in sein Fleisch und Blut, der alte Mensch die Wesenheiten der 
dritten Hierarchie in die auBere Natur hinein. Er hatte ja keine Natur- 
wissenschaft, wie wir heute, sondern er betrachtete die Naturerschei- 
nungen als bewirkt von diesem oder jenem Damon, mehr oder weniger 
geistig-gottlichen Wesenheiten, iiber die er sich einer Lebenstauschung 
hingab. Er gab sich einer Lebenstauschung hin deshalb, weil er sie 
gewissermaBen sinnlich vorstellte, wie in Naturerscheinungen wirk- 
sam. Das ist wichtig, daB mit der Entwickelung der Menschheit dies 
vorgegangen ist, daB der Mensch in der vorchristlichen Zeit sich der 
charakterisierten Lebenstauschung hingegeben hat, wahrend der 
Mensch nach dem Mysterium von Golgatha sich hingibt einer Be- 
wuBtseinstauschung. Die Wirksamkeit des Christus Jesus - davon 
werden wir dann noch morgen sprechen - soil gerade darinnen be- 
stehen, in ahnlicher Weise, wie das durch die alten Mysterien fur die 
alte Lebenstauschung der Fall war, diese BewuBtseinstauschung im 
Menschen wenigstens dem BewuBtsein nach aufzuheben; durch das 
« Christus in mir» soli der Mensch fuhlen, daB dasjenige, was Ich und 
astralischer Leib ist, in freier Geistigkeit lebt, nicht an sein Fleisch 
und Blut gebunden ist. Schauen kann er es natiirlich nur auf geistes- 
wissenschaftlichem Wege; fuhlen kann er es durch das Paulinische 
« Nicht ich, der Christus in mir». 

Aus dem, was ich Ihnen dargestellt habe, werden Sie die Griinde 
dafur sehen, daB der Mensch gewissermaBen die Zweiheit zu erleben 
hat, auf der einen Seite die Naturordnung, die keine Ideale enthalt, 
die notwendig das eine Geschehen an das andere kniipft, in dem rein 
bloB Ursache an Wirkung und Wirkung an Ursache gegliedert wird, 
so daB man niemals denken kann: durch dasjenige, was in der Natur 
selbst vor sich geht, werden moralische oder sonstige Ideale ver- 
wirklicht. Auf der andern Seite wird sich der Mensch bewuBt, daB er 
kein menschenwiirdiges Dasein entfalten wiirde, wenn er nicht Ideale 



hatte, wenn er nicht an etwas anderes sich halten wiirde als Mensch, 
denn an die bloBe auBere Naturordnung. Aber er kann nicht, mit dem 
gangbaren BewuBtsein, mit dem er heute ausgestattet ist, seine Ideale 
so sehen, daB er sie wirksam glauben konnte wie Elektrizitat oder 
Magnetismus oder wie die Warmekraft, so daB diese Ideale imstande 
waren, in die Naturordnung einzugreifen. Daher stellt sich ihm die 
Naturordnung und die ideale Ordnung nebeneinander, und er kann 
die Briicke nicht schlagen. Er kann die Briicke nicht schlagen aus dem 
Grunde, weil er in die Welt bei Tag und bei Nacht nicht blickt, wo 
diese Briicke zu schlagen ist. Wiirde der Mensch bei Tag das Normal- 
bewuBtsein, das ahrimanfreie BewuBtsein haben: Ich bin als Per- 
sonlichkeit nicht anders gebunden an meinen physischen Leib und an 
meinen Atherleib, als ich gebunden bin, wenn ich vor einem Spiegel 
stehe und der Spiegel mir mein Bild zuriickstrahlt wiirde der 
Mensch dieses BewuBtsein iiber sein Ich und seinen astralischen Leib 
haben, wiirde er dieses Ich und diesen astralischen Leib als ein Wirk- 
liches, nicht als ein bloBes Spiegelbild erkennen, dann wiirde er auch 
durch dasjenige, was er als Ideale hat, anerkennen: Das sind reale 
Krafte wie Elektrizitat und Magnetismus, nur wirken sie nicht in der 
Gegenwart, sondern sie erobern sich ihre Wirksamkeit von der 
jetzigen Inkarnation bis zur nachsten Inkarnation, von diesem Erden- 
dasein bis in das nachste Erdendasein hiniiber. 

Und wiirde der Mensch im Wachzustande erkennen, daB sein Ich 
und sein astralischer Leib verbunden sind mit den Wesenheiten der 
dritten Hierarchie, wiirde der Mensch mit andern Worten sich wirklich 
voll durchschauen, nicht bloB erfiihlen als freie Personlichkeit, als 
Mensch und als Erdenmensch, wiirde der Mensch das so in sich er- 
fiihlen, wie er falsch nacherfuhlt, er sei ein Mensch aus Fleisch und 
Blut, dann wiirde er auch nicht glauben, daB die Naturordnung drau- 
Ben, die sich seinen Sinnen darbietet, dasjenige ist, was stark genug ist 
an Wirklichkeit, um der Kraft der Ideale zu widerstehen. Er wiirde 
wissen, daB dasjenige, was heute Naturordnung ist, zerfallt mit alien 
Stoffen, daB es keine Erhaltung des Stories gibt, sondern daB das- 
jenige, was Natur ist, sich vernichtet. Und wenn das nicht mehr da ist, 
was heute Natur ist, dann wird ein anderes auBeres sinnenfalliges 



Wirkliches an die Stelle getreten sein: das, was heute Ideale sind, wird 
die Natur der nachsten Zeiten sein. So daB wir sagen konnen: Wir 
erleben heute Naturordnung (siehe Zeichnung, rot) und ideale Ord- 
nung (gelb). Der Physiker glaubt, es gabe eine Erhaltung der Kraft 




und des Stories, die Naturordnung gehe fort, dieselben Atome und 
dieselben Krafte, die spielen in alle Zukunft hinein. Er weiB dann 
nichts anderes zu sagen, dieser Physiker, wenn er ehrlich ist, als: 
Die ideale Ordnung, die ist ein Traum gewesen, die muB versinken 
und verschwinden, wie der Traum selber, so daB also am End- 
zustande der Erde der Idealtraum nicht mehr da sein wird, begraben 
sein wird. 

Geisteswissenschaft zeigt, daB dies eine Unwahrheit ist, eine Tau- 
schung. Wir haben die Naturordnung, aber es gibt keine Erhaltung 
der Kraft und des StofTes, sondern dasjenige, was Naturordnung ist, 
hort auf an einer bestimmten Stelle, und dasjenige, was heute Ideal- 




ordnung ist, das bildet die Fortsetzung der Naturordnung. Von dem - 
ich habe es schon ausgefiihrt -, was heute urn unsere Augen herum ist, 
um unsere Ohren herum ist, um unsere gesamten Sinne herum ist, 
wird, wenn die Erde in den Venuszustand gekommen ist, nichts mehr 
vorhanden sein, Dann wird in jenem Nichts darinnen die Moglichkeit 
gegeben sein, daB die Ideale der heutigen Menschheit auBere Natur- 
ordnung geworden sind. Keine Weltanschauung, die nicht die Ver- 
nichtung des Sinnlichen erkennt, kann irgendeine HofFnung haben, 
daB das Ideale die Kraft hat, sich zu verwirklichen; denn wenn das 
Sinnliche ewig ware, wenn es eine Erhaltung der Kraft und des Stoffes 
gabe, so wiirde die ideale Welt ein bloBer Traum sein. Das ist das un- 
geheuer Bedeutungsvolle, daB der Menschheit in der Gegenwart diese 
Auf klarung kommen muB, daB die Ideale der Gegenwart die Natur 
der Zukunft sind, und daB es eine groBe Tauschung ist, wenn geglaubt 
wird, daB die Atome, daB die Krafte ewig seien; die sind eben gerade 
nicht das Ewige, die sind das Zeitliche. Das ist ja, man mochte sagen, 
auch die Fatalitat der Geisteswissenschaft, daB sie einer Anschauung 
widersprechen muB, die geradezu der heutigen landlaufigen Wissen- 
schaft als die allergewisseste gilt, und die doch nichts anderes ist als 
eine ahrimanische Tauschung. 

Blicken wir noch einmal zuriick zu dem, worauf ich Sie eben auf- 
merksam gemacht habe. Vor dem Mysterium von Golgatha war das- 
jenige, was als menschliche Tauschung bezeichnet werden kann, 
Lebenstauschung; nach dem Mysterium von Golgatha ist es BewuBt- 
seinstauschung. Wenn man dieses weiB, versteht man sehr vieles in 
der Menschheitsentwickelung. Vor alien Dingen versteht man, warum 
vor dem Mysterium von Golgatha die Menschen, die ja atavistisches 
Hellsehen hatten, das, was sie sahen, doch nicht in der wahren Gestalt 
sahen, sondern sie sahen die geistigen Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien als Damonen. Daher haben wir in den alten Mythologien 
im wesentlichen Damonologie. Die Gotter der alten Mythologien sind 
durchwegs Damonen. Das beruhte darauf, daB die Lebenstauschung 
da war, daB der Mensch gewissermaBen eine Art falsche Naturordnung 
als gottliche Ordnung denken muBte, wie er heute eine falsche Leibes- 
ordnung als Menschheits ordnung denken muB. 



Nun kam das Mysterium von Golgatha. Die Menschen muBten sich 
mit ihrer Seelenverfassung gewissermaBen darauf einrichten, zu er- 
kennen, was sich durch das Mysterium von Golgatha ergeben hat. 
Es stand im wachen Zustande vor dem Mysterium von Golgatha die 
menschliche Seele zu den Wesen der hoheren Hierarchie in einer un- 
mittelbareren Beziehung als heute, wo die BewuBtseinstauschung vor- 
liegt. Man sah die Wesen der hoheren Hierarchie, dichtete sie nur um 
durch die Lebenstauschung in Zeus, Apollo und so weiter; das sind 
Wesenheiten der dritten Hierarchie, aber sie sind umgedichtet, sie sind 
eben unter dem EinfluB der Lebenstauschung gesehen, wie wir heute 
alles, was sich auf den Menschen bezieht, unter dem EinfluB der Be- 
wuBtseinstauschung sehen. Aber mit alledem ragte herein in die 
Menschheit eine gottliche Weltenordnung. Denken Sie nur, wie nahe 
der Mensch vergangener Zeiten seine Menschenwelt der gottlichen 
Weltenordnung wuBte ! Da war die menschliche Hierarchie, dann kam 
die gottliche Hierarcnie. Der Mensch fuhlte sich nicht, ich mochte 
sagen, nach oben so abgeschlossen wie heute, sondern er setzte die 
Welt nach Richtung der Gotter fort. Wie nahe fuhlte der Grieche seine 
Gotterwelt der menschlichen Welt, der menschlichen Hierarchie 1 

Nun kam das Mysterium von Golgatha. Da war dann das nicht 
mehr der Fall. Nicht das Mysterium von Golgatha - das sollte ja 
gerade den Ersatz bieten fur das, was verlorengegangen war -, aber 
die Zeit brachte das in die Menschheitsentwickelung hinein, daB die 
Menschen abgeschnitten wurden von diesem bewuBten Zusammen- 
hang mit der gottlich-geistigen Welt der dritten Hierarchie. Doch ein 
Gedachtnis, ein historisches Gedachtnis war davon geblieben. Und so 
kam denn die erste Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Die Men- 
schen muBten schon etwas anders denken als vor dem Mysterium von 
Golgatha, aber es wirkte noch etwas herein von der unmittelbaren Ver- 
gangenheit. In der unmittelbaren Vergangenheit wuBte die Mensch- 
heit, daB die gottlich-geistigen Wesenheiten ins Erdenweben herein- 
wirken und das beeinflussen und ordnen, was der Mensch auf der 
Erde tut. Daher war der alte Mensch davon iiberzeugt, wenn er 
Staaten begriindete - wenn man das Wort «Staat» da anwenden will, 
es ist nicht ganz richtig, aber die Menschen sind heute gewohnt, so zu 



sprechen - wenn die alten Menschen also soziale Strukturen, mochte 
man sagen, begriindeten, so wuBten sie: Diese sozialen Strukturen 
sind unter dem EinfluB der dritten Hierarchie begrundet. Der Mensch 
empfand seine Einrichtungen auf der Erde als Gottereinrichtungen, 
Sie brauchen nur die agyptische Geschichte zu studieren, gar nicht 
einmal auf Hellseherisches sich einzulassen, so werden Sie darauf 
kommen, daB der Agypter voll iiberzeugt war, daB dasjenige, was die 
Menschen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben hier auf der 
Erde tun, von den Wesenheiten der dritten Hierarchie eingerichtet ist. 
Das war so vor dem Mysterium von Golgatha. Nach dem Mysterium 
von Golgatha blieb nur das Gedachtnis davon. Und was war die 
Folge? Nun, Sie wissen, nach und nach richtete sich nach dem Myste- 
rium von Golgatha die Kirche ein. Die Kirche richtete eine bestimmte 
Art von Stufenfolge in den kirchlichen Wurden ein: da gab es Dia- 
kone, Archidiakone, Bischofe, Erzbischofe und so weiter. Es wurden 
solche Stufenfolgen eingerichtet. Aber hinter dieser Einrichtung der 
Stufenfolgen war ein ganz bestimmter Gedanke. Das tritt bei den 
ersten Kirchenschriftstellern sehr klar noch hervor. Lesen Sie Diony- 
sius den Areopagiten, so konnen Sie das deutlich herausentnehmen. Es 
sollte eine solche Einrichtung in der Kirchenverwaltung da sein, daB 
diese Kirchenverwaltung ein Abbild ist der gottlichen Ordnung. So 
wie sich der Diakon zu dem Archidiakon verhalt, so sollte das ein 
Abbild sein, wie sich der Engel zu dem Erzengel verhalt. Und wieder- 
um, wie sich der Archidiakon zu dem Bischof verhalt: Abbild vom 
Erzengel zum Arche. Und so sollte die soziale Struktur der Kirche eine 
Art Abbild der Theokratie sein: Oben in der geistigen Welt stehen 
stufenweise die Hierarchien, unten sollen, als Abbild der geistigen 
Hierarchien, die kirchlichen Wiirdentrager stufenweise stehen. Das 
war in der ersten Zeit nach dem Mysterium von Golgatha nicht juri- 
stisch gedacht, sondern das war theokratisch gedacht, das war ein 
Abbild; die kirchliche Hierarchie war als Abbild der geistig-gottlichen 
Hierarchie gedacht. So dachte man in den ersten christlichen Jahr- 
hunderten auf Erden solche Einrichtungen zu pflegen, welche die 
Stellungen der Menschen zueinander auf der Erde als Abbild er- 
scheinen lassen der Hierarchien oben in der geistigen Welt. 



Nun ging den Menschen allmahlich das BewuBtsein, das sie noch 
gedachtnismaBig, historisch-gedachtnismaBig aus der Zeit der alten 
Theokratie hatten, wo sie noch wuBten, daB die irdischen Ein- 
richtungen wirklich eine Folge der gottlichen Taten sind, das ging 
den Menschen verloren. An die Stelle einer lebendigen Gotterwelt, 
die man in alten Zeiten geschaut hatte, von der man dann noch 
wuBte, traten abstrakte Begriffe. An die Stelle des BewuBtseins, daB 
da oben eine Welt von Gotterindividualitaten ist, traten die abstrakten 
metaphysischen Begriffe. Und es kamen die Jahrhunderte, wo die 
Menschen an die Stelle individueller Gotter - die Christen nannten sie 
Engel - abstrakte Begriffe, eine Metaphysik von abstrakten Be- 
griffen setzten. Die Gotterordnung, die ihr Abbild haben sollte in der 
Menschenordnung, gab etwas Theokratisches ; die Anwendung von 
bloBen Begriffen auf die menschliche Gesellschaftsordnung gab etwas, 
ja, was bloB dazu bestimmt sein konnte, Ordnung zu halten im 
menschlichen Zusammensein. Hatte man friiher ersonnen, in der 
menschlichen gesellschaftlichen Struktur, in der sozialen Struktur der 
Menschheit ein Abbild der gottlichen Welt zu schaffen, so sann man 
in der metaphysischen Zeit nur danach, Ordnung zu halten, die Bosen 
zu bestrafen, die Guten nicht zu bestrafen oder auch zu belohnen, 
je nachdem Ordnung zu schaffen, so daB die gesellschaftliche Ordnung 
bestehen kann. Als an die Stelle der lebendigen Gotter abstrakte meta- 
physische Begriffe getreten waren, da handelte es sich nur noch darum, 
eine menschliche Ordnung zu schaffen, die gewissermaBen den Men- 
schen so abstempelte, den einen zum Vorgesetzten des andern machte, 
nicht weil das Vorgesetztsein ein Abbild sein sollte des Verhaltnisses 
des Erzengels zum Engel, sondern weil nur dadurch Ordnung sein 
kann, daB einer befiehlt, der andere gehorcht. Abstraktion trat an die 
Stelle des lebendigen Durchwirktseins der sozialen Ordnung. 

Das ist im wesentlichen dann die Zeit der realen Metaphysik das 
Mittelalter hindurch. Das romische BewuBtsein hat im wesentlichen 
die Elemente zu dieser metaphysischen Ordnung gegeben, die sich 
iiberall ausgebreitet hat. Eine Erinnerung an die theokratische Ord- 
nung bildet etwa noch die Benennung «Fiirst», welcher der erste ist, 
weil einer der erste sein muB, wie in der gottlichen Hierarchie auch 



einer der erste ist. Eine Erinnerung an die bloBe metaphysische Ord- 
nung, die Beamtenordnung, Verwaltungsordnung, damit eben Ord- 
nung ist, bildet das Wort «Graf», was zusammenhangt mit grapho, 
schreiben. DaB man alles registriert, indem man Ordnung halt, indem 
man Urkunden schreibt, indem man Vertrage macht, das ist die meta- 
physische Ordnung. 

Dann kam die neuere Zeit herauf. Die brachte den Unglauben an 
die abstrakten Begriffe, den Unglauben an die Metaphysik. Man 
konnte nur noch an das auBerlich Sinnenfallige auch im Menschen- 
leben glauben. Ein BewuBtsein jener Traditionen, die noch vorhanden 
waren in alten Zeiten, wo eben Traditionen ein lebendiges BewuBt- 
sein davon waren, daB in der sozialen Struktur irgend etwas anderes 
wirkt - fruher glaubte man : Gotter, nachher : metaphysische BegrifTe-, 
so ein lebendiges BewuBtsein konnte in der neueren Zeit nicht mehr 
da sein. Das muB erst wiederum errungen werden auf den Wegen, 
die eben durch die Geisteswissenschaft angedeutet werden. Und ein 
radikales Ausmerzen alles BewuBtseins von der geistigen Grundlage 
der sozialen Struktur, das hat der Industrialismus bewirkt. Daher 
fuhlten Auguste Comte und Saint-Simon sich besonders verbunden mit 
dem Zeitalter des Industrialismus, da sie nur positivistische Wissen- 
schaft gelten lassen wollen, das heiBt dasjenige, was sich nur auf die 
auBere, sinnenfallige, kausal notwendige Naturordnung bezieht. 

Damit hat aber auch der Wahrheitsbegriff selbst eine totale Umande- 
rung erfahren. Dafiir haben die heutigen Menschen noch nicht die 
rechten Empfindungen, daB der Wahrheitsbegriff eine Geschichte 
durchgemacht hat; dafiir hat man heute noch keine richtige Vor- 
stellung. Die Menschen, die sich noch in einer theokratischen Ord- 
nung wuBten, hatten keinen solchen Wahrheitsbegriff wie die Men- 
schen, die heute zu ihrem Wahrheitsbegriff kommen auf Grund der 
Autoritat der Naturwissenschaft. Es ist auBerordentlich schwierig, 
uber diese Dinge zu reden. Heute denkt man: In bezug auf die Welten- 
ordnung ist Wahrheit die Obereinstimmung der Vorstellung mit einer 
auBeren Wirklichkeit. - Das ist von der Naturwissenschaft her. Ein 
solcher Wahrheitsbegriff war auch in den ersten christlichen Jahr- 
hunderten nicht da ; es war noch ein anderer, und dieser andere Wahr- 



heitsbegrifF hangt wesentlich mit der theokratischen sozialen Ordnung 
zusammen. Dieser WahrheitsbegrifF, wie er heute in alien Seelen lebt, 
den gab es dazumal wirklich nicht. Diese auBerordentlich wichtige 
Tatsache verkennt man. Der WahrheitsbegrifF, der dazumal herrschte, 
den kann man viel eher erfassen, wenn man ihn heranriickt an das 
Gottesurteil, an die Vorstellung des Gottesurteils. Wenn zwei Men- 
schen einen Zweikampf auskampfen - wie man sich heute zum Duell 
stellt, beriihrt uns nicht, ich gebrauche das nur als Beispiel -, so laBt 
sich nicht von vornherein durch irgendwelche Berechnung entschei- 
den: der A siegt und der B unterliegt; da wiirden sie ja wohl kaum 
den Zweikampf antreten; sondern die Wahrheit stellt sich erst im 
Laufe des Geschehens heraus. Wir haben ja heute diesen Wahrheits- 
begrifF noch, wenn Krieg gefiihrt wird. Man wiirde wohl auch nicht 
Krieg fiihren, wenn man von vornherein alles wiiBte, so wie wenn 
man im chemischen Laboratorium ein Experiment macht, alles er- 
wogen hat, und dann weiB, wie es ausgeht; wenn man von vornherein 
wiiBte, wie ein Krieg ausgeht, wiirde man den Krieg nicht fiihren. 
Da steckt heute noch der alte WahrheitsbegrifF drinnen, daB sich die 
Wahrheit erst im Geschehen enthiillen kann, daB man nichts anderes 
tun kann, als schauen, wie das Gottesurteil ausfallt. Das ist der alte 
WahrheitsbegrifF. 

Diejenigen, die wie Auguste Comte oder wie die Sozialisten heute 
vollstandig mit diesem WahrheitsbegrifF gebrochen haben - die andern 
Menschen haben es namlich nicht, sie glauben es nur die erkennen 
nur eine solche Wahrheit an, wo sich das Geschehen seinem Verlaufe 
nach vorhersehen laBt. « Erkennen, um vorherzusehen», das ist das 
Losungswort von Auguste Comte, « Erkennen, um vorherzusehen», 
das ist die radikale Umkehrung des WahrheitsbegrifFes in unserer 
heutigen Zeit. Aber mit diesem WahrheitsbegrifF, den wir heute 
haben, konnen wir nur die Natur erfassen. Und dariiber geben sich 
die Menschen noch einer ganz kolossalen Tauschung hin. Sie glauben 
zum Beispiel, das geschichtliche Leben mit diesem WahrheitsbegrifF, 
den Auguste Comte, Saint-Simon haben, erfassen zu konnen. Das kann 
man nicht! Auch mit dem alten WahrheitsbegrifF des Gottesurteils 
kann man es nicht, denn der stand unter dem EinfluB der Lebens- 



tauschung; unser heutiger Wahrheitsbegriff steht unter dem EinfluB 
der BewuBtseinstauschung. Es muB der Wahrheitsbegriff der Anthro- 
posophie kommen, der Wahrheitsbegriff, der in viel umfassenderer 
Weise gewonnen wird, als zum Beispiel Augustinus seinen Wahrheits- 
begriff gewonnen hat; denn der unterlag, wie ich Ihnen auseinander- 
gesetzt habe, der Tauschung. 

Das ist mit vielem verbunden, daran hangt sehr vieles. Denn daB 
man im allgemeinen in abstracto von einer Entwickelung des Wahr- 
heitsbegriffes redet, das geniigt nicht, sondern man muB im einzelnen 
wissen, wie der Wahrheitsbegriff die menschliche Seele andere Wege 
fuhrt, je nachdem dieser Wahrheitsbegriff geartet ist. Heute in dem- 
selben Sinne von Nationalist zu sprechen, wie das in der vorchrist- 
lichen Zeit moglich ist, ist ein Anachronismus ; denn in der vorchrist- 
lichen Zeit war es nicht nur eine menschliche Anschauung, daB die 
gottliche Ordnung hereinragte in die menschliche Ordnung, sondern 
es war wirklich so. Jetzt ragt sie nicht mehr herein. Wo daher im 
Menschen heute das BewuBtsein gehangt wird an Naturordnungen, 
an dasjenige, was bloB durch die Geburtenfolge hervorgebracht wird, 
an das nationale Prinzip zum Beispiel, da ist man in einem Anachro- 
nismus. Der Mensch ist heute dazu gezwungen, andere Strukturen fur 
seine gesellschaftliche Ordnung in der nachchristlichen Zeit zu 
suchen als solche, die von auBen bewirkt werden. Der alte Mensch 
konnte auf seine Nationalitat sehen, weil er die Nationalitat als eine 
Einrichtung der gottlichen Ordnung und das irdische Leben als ein 
Abbild der gottlichen Ordnung ansah. Der moderne Mensch kann 
nicht in demselben Sinne, ohne in einen Anachronismus zu verfallen, 
die Nation selber als etwas Besonderes verehren, er muB nach andern 
gesellschaftlichen Strukturen trachten. Die Nation als etwas Beson- 
deres verehren, wiirde die heutige ahrimanische Tauschung bewirken. 
Nationen sind Reste der vorchristlichen Zeit, und iiber sie muB die 
moderne Menschheit hinauskommen durch jene Entwickelung, die 
ich Ihnen angedeutet habe. Man muB einsehen, wie konkret die Men- 
schen nach einer besonderen Ausbildung des Wahrheitsbegriffes 
streben. Das ist wichtig, wenn auch heute unbequem. Aber wir miissen 
ja, wenn wir uns unbefangen auf den Standpunkt der wahren Erfas- 



sung der Wirklichkeit stellen, so manche unbequeme Wahrheit hin- 
nehmen. 

Die Menschen gehen heute dem nun formlich entgegen, was An- 
throposophie will. Diejenige Weltanschauung, die in Auguste Comte 
einen besonderen Vertreter gefunden hat, beschrankt sich nur auf die 
auBere Naturordnung. Es muB wiederum vorgedrungen werden zur 
geistigen Welt, und die Briicke muB geschlagen werden zwischen 
Realitat und Idealitat. Das ist ja gerade dasjenige, was ich dem Sinne 
nach in diesen Vortragen besonders andeuten will. Es kann aber nicht 
geschehen dadurch, daB man bloB von diesen Dingen redet, sondern 
dadurch, daB man die konkreten Impulse, die in der Welt sind, erfaBt. 
Da muB man aber auf gewisse Tatsachen ganz unbefangen hinblicken. 
Mit den Dingen, die wir jetzt betrachten, sind kuriose Tatsachen ver- 
kniipft. Denken Sie einmal, ich habe Ihnen gestern gesprochen von 
Saint-Simon und von Auguste Comte. Beide betrachten nur die positi- 
vistische Wissenschaft, das heiBt dasjenige als ausschlaggebend, was 
lediglich auf das sinnenfallige Leben, auf die kausale Naturordnung 
sich bezieht. Und dennoch liegt die sonderbare Tatsache vor, daB 
Auguste Comte sich von seinem Lehrer und Fiihrer Saint- Simon ab- 
gewendet hat, weil nach und nach Saint-Simon Auguste Comte zu 
mystisch geworden ist; und die Anhanger von Auguste Comte haben 
sich vielfach von ihm abgewendet, weil er in seinem Alter ganz 
mystisch geworden ist. Es liegt die sonderbare Tatsache vor, daB 
Saint-Simon sowohl wie Auguste Comte auf der einen Seite ganz 
direkt stehen auf dem Boden des ahrimanischsten Wissenschaftstums 
und sich bewuBt im Zeitalter des Industrialismus auf den Boden des 
ahrimanischsten Wissenschaftstums stellen, und Mystiker werden! 
Merkwiirdig, eine merkwiirdige Tatsache ist es ! 

Man muB nach dem Warum einer solchen Tatsache fragen. Das 
Warum einer solchen Tatsache ergibt sich aber nur, wenn man unbe- 
fangen dieses Der-Spiritualitat-Entgegenleben der Menschen ins Auge 
faBt. UnbewuBt streben die Menschen nach der Spiritualitat. Und auch 
solche Menschen, die wie Auguste Comte und Saint-Simon bloB die 
auBere Naturordnung erfassen wollen, streben nach der Spiritualitat 
hin. 



Nun liegt im neueren Menschheitsleben ein sehr Eigentiimliches 
vor. Wir nehmen eine andere Tatsache, die wir auch ganz unbefangen, 
ohne irgendeinen nationalen Chauvinismus, der uns nicht geziemt, ins 
Auge fassen wollen. In den Anschauungen, die sich als Bliite aus den 
neueren Volkstiimern heraus ergeben, charakterisiert sich in einer ge- 
wissen Weise dasjenige, was in diesen Volkstiimern unten zu finden 
ist. Und von diesem Gesichtspunkte ausgehend, mochte ich Sie auf 
eine andere Tatsache hinweisen, mochte ich Sie hinweisen auf einen 
sehr tonangebenden englischen Philosophen, Bentham, der da gelebt 
hat von 1748 bis 1832. Bentham kann als charakteristisch fur das 
Denken seines Volkes gelten. Und man hat mit einem gewissen Rechte 
die Anschauungen Benthams als Utilitarismus, auch im tieferen Sinne 
als Utilitarismus bezeichnet; denn ein gewisser Grundsatz liegt mit 
Bezug auf die ideale Weltordnung dem Benthamschen Denken zu- 
grunde. Diesen Grundsatz, man nennt ihn gewohnlich die Maxi- 
mation der menschlichen Gluckseligkeit. Diese menschliche Gliick- 
seligkeit besteht darinnen, daB Bentham den Satz aufgestellt hat, das 
Gute, also das ideal Anzustrebende, bestehe in dem groBten Gliick der 
groBten Anzahl von Menschen auf Erden. Fassen wir diesen Satz recht 
ins Auge : Das Gute besteht in der groBten Gluckseligkeit der groBten 
Anzahl von Menschen auf Erden. - Dieser Satz von der Maximation 
des Gliickes auf Erden ist in der Tat ein Grundnerv der Utilitats- 
philo sophie. 

Nun muB man ins Auge fassen, daB dieser Satz, nicht von Bentham 
selbst und seinen Anhangern, aber von denen, die auf spirituellem 
Boden stehen, als absolut ahrimanisch bezeichnet wurde. Die Okkul- 
tisten des eigenen Landes sagen von Bentham, er habe diesen rein 
teuflischen Satz aufgestellt. Sie nennen ihn teuf Hsch, denn, so sagen 
die Okkultisten, wenn es richtig ware, daB das Gute in der groBten 
Gluckseligkeit der groBten Anzahl von Menschen besteht, so miiBte 
das Bose bestehen in dem groBten Gliick der geringsten Anzahl von 
Menschen. 

Ich sage jetzt nicht etwas, was ich selber als Definition oder als 
Explikation Ihnen vorfiihren will, sondern was man sagt. Also, auf der 
einen Seite, englische Philosophic Benthams : Maximation des Gliickes ; 



auf der andern Seite der englische Spiritualismus, welcher sagt: 
Benthams Satz ist rein teuflisch, denn es miiBte dann das Bose das 
groBte Gliick der geringsten Anzahl von Menschen sein; woraus 
folgen wiirde, daB das Bose und das Gliick miteinander bestehen 
konnten, was der Spiritualist unter alien Umstanden nicht gelten 
lassen kann. Ich fuhre Ihnen hier nur eine Tatsache des geistigen 
Lebens vor, die im eminentesten Sinne signifikant ist fiir die un- 
geheuerste Opposition, in welcher auf einem gewissen Gebiete der 
Erde der Spiritualismus zur auBeren Weltanschauung sich befindet. 

Und nun stelle ich heute wiederum, indem ich Sie darauf aufmerk- 
sam mache, daB in der morgigen Betrachtung sich diese Gegensatze 
losen sollen, ein Apercu an den SchluB meiner Betrachtungen. Sie 
konnen drei Dinge zusammenstellen: Goetheanismus, Comteanismus 
und Benthamismus. Diese drei Dinge stehen in dreifach verschiedener 
Weise in einer gewissen Beziehung zu dem spirituellen Streben der 
Menschen nach der Zukunft. Der deutsche Goetheanismus ist als 
solcher so geartet, daB sich aus ihm entwickeln kann der Spiritualis- 
mus; der franzosische Comteanismus ist so geartet, daB sich neben ihm 
Spiritualismus entwickeln kann, wie bei Auguste Comte und Saint- 
Simon eine merkwiirdige Mystik neben der positivistischen Philo- 
sophic eintritt; beim englischen Utilitarismus, bei Bentham, ist gar 
nichts anderes moglich, als daB die scharfste Opposition auftritt von 
seiten des Spiritualismus gegen die volkstiimliche Anschauung. Das 
ist etwas, was im Boden der Entwickelung selber liegt. Das fran- 
zosische Wesen muB sich so entwickeln, daB nebeneinander hergehen 
Idealismus und Realismus, Mystik und Positivismus; in England, 
innerhalb des britischen Wesens, werden sich immer mehr und mehr 
die Dinge so entwickeln, daB von den Geistern, die dort Spiritualisten 
werden, in scharfster Weise das eigene Volkstum nach und nach be- 
kampft werden muB, das heiBt dasjenige, was das Volkstum als 
philosophische Bliite absetzt. 

Bei Auguste Comte - ich fuhre Ihnen nicht Theorien vor, sondern 
ich sage Ihnen auch die Tatsachen dazu, wenigstens einzelne Tat- 
sachen -, trotzdem er, als er sich dem Positivismus zugewendet hat, 
seinen Lehrer Saint-Simon abgetan hat, ist eine so deutliche Hin- 



neigung zum Mystizismus vorhanden, daB er am Schlusse seines 
Lebens in deutlicher Weise eine Trinitat annimmt. Er verehrt dreierlei : 
erstens den GroBen Fetisch, zweitens das GroBe Medium, drittens das 
GroBe Wesen. Und er sagt: Der GroBe Fetisch ist der MutterschoB 
der Menschheit im Raume. Der Raum ist das Medium, aus dem die 
Menschheit heraus aus dem MutterschoBe wird. Das GroBe Wesen ist 
die iiber die Erde ausgebreitete Menschheit in abstracto selber. Diese 
Trinitat erkennt Auguste Comte an. Eine merkwurdige Verquickung 
des Positivismus mit dem Mystizismus! Davon wollen wir morgen 
weitersprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 8. September 1918 

Ich werde Sie zuerst zu erinnem haben an etwas schon gestern Aus- 
gefuhrtes, an das wir dann die weiteren Betrachtungen anschlieBen 
konnen. Ich fiihrte gestern im wesentlichen aus, daB man keinen Ein- 
blick bekommen kann in die Stellung des Ideellen oder auch Spiri- 
tuellen zum Materiellen in der Welt, zu der rein kausalen Natur- 
ordnung, wenn man nicht Riicksicht darauf nimmt, welches eigentlich 
das Wesen des menschlichen Schlafes ist. 

Ausgegangen sind wir ja von dem Gedanken des Augustinus, der in 
dem inneren Erleben wahrhaftige GewiBheit iiber die Welt erfahren 
wollte. Wir konnen ims heute nicht mehr auf diesen Gedanken stellen, 
sagte ich, aus dem einfachen Grunde, weil wir heute wissen miissen, 
daB jeder Schlaf des Menschen diesen Gedanken widerlegt. Denn wir 
konnten nimmermehr irgendwie festhalten an dem Gedanken, daB 
dasjenige, was der Mensch in seinem Inneren erlebt, sich post mortem, 
nach dem Tode erhalt, also dieses im Inneren vom Menschen Erlebte 
ein wirklich Ewiges ist, wenn wir so hinblicken miiBten auf die Zeit 
vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wie das gewohnliche heutige 
BewuBtsein darauf hinblickt. Das gewohnliche heutige BewuBtsein 
sieht, wie sich herabdammert wahrend des Schlafes dasjenige, was im 
Inneren des Menschen erlebt wird. Nun aber sagten wir, sobald der 
Mensch nur die erste Stufe des Hineinschauens in die geistige Welt 
absolviert, so merkt er, daB vom Einschlafen bis zum Aufwachen das- 
jenige, was wir das Ich des Menschen und seinen astralischen Leib 
nennen - also das eigentliche Geist-Seelenwesen des Menschen -, von 
innen so verbunden ist mit dem Wesen der Angeloi, Archangeloi und 
Archai, wie der Mensch sonst hier wahrend des Wachens verbunden 
ist mit Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich. Nur weil der Mensch 
durch die weltgegnerischen Machte sein BewuBtsein herabgedampft 
erhalt im Schlafe, kann er nicht merken, daB er wahrend des Schlafes 
mit der Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai verbunden ist, 
daB die sein Ich und seinen astralischen Leib mit ihrer eigenen Wesen- 



heit durchtranken, daB die seinen astralischen Leib und sein Ich halten 
und tragen. Und wir haben ausgefiihrt, wie von diesem Zusammen- 
hang des Menschen mit den Geistwesen dreierlei herriihrt: Erstens, 
daB wir mehr oder weniger deutlich auch im gewohniichen BewuBt- 
sein das Gefiihl der Personlichkeit haben. Wir wissen uns als ein Ich. 
Wir wiirden uns nimmermehr als ein Ich mit dem nur wissen, was uns 
wahrend des Wachens zur Verfiigung steht. Wie eine Nachwirkung 
desjenigen, was wir wahrend des Schlafes erleben, ist das wahrend des 
Tages, wahrend des Wachens fortdauernde Gefiihl der freien Person- 
lichkeit. Das riihrt davon her, daB vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen das Engelwesen aus der geistigen Welt, zu dem wir gehoren, 
mit uns verbunden ist. Aber auch das Erzengelwesen oder eigentlich 
eine Reihe von Erzengelwesen ist mit unserem Geist-Seelenwesen ver- 
bunden. Und davon riihrt her als Nachwirkung im Wachen, daB wir 
uns wissen als Angehorige der ganzen Menschheit, daB wir uns iiber- 
haupt als Mensch au£ der Erde erkennen. 

Das BewuBtsein von seiner freien Personlichkeit, wenn auch nicht 
ganz deutlich, hat eigentlich jeder Mensch. Schon schattenhafter steht 
im Hintergrunde das BewuBtsein, daB man Mensch im allgemeinen 
ist. Ja, gewisse Philosophen, wie Feuerbach oder wie selbst Auguste 
Comte, sie haben die Meinung vertreten, daB das schon eine bedeu- 
tende Entdeckung ist fur den Menschen, wenn er darauf kommt, sich 
als Mensch im allgemeinen, als Angehoriger der ganzen Menschheit zu 
fiihlen. Und gestern haben wir gehort, wie Auguste Comte von dem 
GroBen Wesen spricht; damit meint er nichts anderes als den Men- 
schen. Aber Comte spricht vom Standpunkte der gewohniichen mate- 
rialistischen Wissenschaft; er weiB nicht, was spirituell zugrunde liegt 
diesem im Hintergrunde unseres Seelenlebens liegenden BewuBtsein, 
daB man Mensch ist. Man wiirde gar nichts davon ahnen konnen, daB 
man Mensch ist, wenn nicht dasjenige, was im Schlafe getrennt ist von 
unserem physischen und Atherleib, durchtrankt ware von dem Erz- 
engelwesen. 

Und wiederum sind wir von dem sogenannten Zeitgeist, von dem 
Wesen aus der Hierarchie der Archai durchtrankt. Das, was davon 
stammt, bleibt aber schon ein recht dunkles, schattenhaftes BewuBt- 



sein. Ja, die heutige Menschheit hat es gar nicht, wenn sie sich nicht 
hineingestellt fiihlt in die Geschichte, in das geschichtliche Leben. 
Die orientalische Weltanschauung ist uberhaupt nicht vorgedrungen 
bis zu diesem BewuBtsein, als Erdenmensch zu leben. Das ist im be- 
sonderen die Aufgabe gewesen der abendlandischen Kultur, sich als 
geschichtliches Wesen zu fiihlen, als Wesen - also, sagen wir fur 
uns -, die dem 19., 20. Jahrhundert angehoren. Aber viel mehr als die 
Jahreszahl und noch einige auBerliche historische Daten - wir werden 
gleich nachher horen, wie wenig diese fiir das wirkliche Leben eigent- 
lich Bedeutung haben -, viel mehr kennt davon das gegenwartige 
materialistische MenschheitsbewuBtsein nicht. Denn erst die Geistes- 
wissenschaft fiihrt uns dahin, zu erkennen, wie sich die Seelenverfas- 
sung des Menschen von Jahrtausenden zu Jahrtausenden andert, wie 
der Mensch eih anderer wird, und wie wir jetzt zuriickblicken nach 
alten Zeiten und wissen, daB die Menschen der dritten nachatlantischen 
Zeit, die agyptisch-chaldaischen Volker, eine ganz andere Seelen- und 
Menschheitsverfassung hatten als wir heute. Dieses Sich-drinnen- 
stehend-Fiihlen in der ganzen Entwickelung der Menschheit, das 
haben wir als einen Nachklang unserer Verbindung mit dem Arche- 
wesen, mit dem Arche, wahrend der Zeit vom Einschlafen bis zum 
Aufwachen. So daB wir also vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit 
dieser dritten geistigen Hierarchie uns verbunden wissen sollten. 

Nun, wie ist der Unterschied unseres Lebens vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen, also jeden Tag, von dem Leben zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt? Jeden Abend beim Einschlafen legen wir, 
ich mochte sagen, provisorisch, auf Widerruf, unseren physischen und 
Atherleib ab. Der bleibt uns erhalten. Da sind wir mit diesen genann- 
ten Wesenheiten der dritten Hierarchie verbunden; wir kehren beim 
Aufwachen wiederum zuriick in unseren physischen und Atherleib. 
Anders ist es, wenn wir nicht mehr zuriickkehren konnen, wenn wir 
gestorben sind. Da wird unser physischer und Atherleib den Trieb- 
kraften des Irdisch-Werdenden iibergeben, scheinbar. Wir wissen, daB 
das scheinbar ist, wir haben ja davon neulich gesprochen, daB das 
scheinbar ist; aber fiir unser Erleben wird unser physischer und Ather- 
leib den Erden- und den Himmelsraumen iibergeben. Wir aber kom- 



men dann in dieser Zeit zwischen Tod und neuer Geburt nicht nur wie 
im Schlafe in Beriihrung mit diesen Wesenheiten der dritten Hier- 
archie, sondern in ebenso innige Beriihrung mit den Wesen der zwei- 
ten Hierarchie, mit den Exusiai, also den Geistern der Form, mit den 
Dynameis, den Geistern der Bewegung, mit den Geistern der Weis- 
heit, Kyriotetes, und auch mit den Wesenheiten der ersten Hierarchie, 
mit den Seraphim, Cherubim, Thronen. So wie wir hier unser Mensch- 
heitswesen hinrichten auf die Welt und im Umkreis der Welt uns alles 
dasjenige erscheint, was in den Reichen der Natur enthalten ist, so 
werden wir uns, jetzt nicht auBerlich, sondern innerlich, bewuBt des 
Hereinspielens der hoheren Hierarchien zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt. Das ist im wesentlichen von einem bestimmten Ge- 
sichtspunkte aus der Unterschied zwischen dem Schlaf und dem Tot- 
sein des Menschen, daB wir eigentlich nur wahrend des Schlafens un- 
mittelbar - mittelbar auch - mit den Wesenheiten der dritten Hier- 
archie zusammenhangen, nach dem Tode aber mit den Wesenheiten 
aller drei Hierarchien, bis hinauf zu den hochsten geistigen Wesen- 
heiten. 

Nun, wenn Sie dies festhalten, dann werden Sie weiter einsehen 
konnen, wie der Mensch iiberhaupt sich in das ganze Weltenall hinein- 
stellt, wie der Mensch als Mikrokosmos mit dem ganzen Weltenall, 
mit dem Makrokosmos zusammenhangt. Vergegenwartigen wir uns 
das, was ich gesagt habe, einmal schematisch. Sagen wir also: Unser 
Geistwesen steht nach dem Tode innerlich im Zusammenhange mit 
den Wesen der dritten Hierarchie, mit den Wesenheiten der zweiten 
Hierarchie, mit den Wesenheiten der ersten Hierarchie, so wie es 
auBerlich hier in Zusammenhang steht mit Tierreich, Pflanzenreich, 
Mineralreich, aus denen es sich selber auf baut. Nun besteht aber ein 
anderer Zusammenhang. Wenn Sie kennenlernen alles dasjenige, was 
die Wesenheiten der dritten Hierarchie zunachst wirken - sie haben 
noch andere Aufgaben, aber wir sprechen ja immer nur partieweise von 
den Dingen, nicht wahr, es sind ja die Wesen der dritten Hierarchie 
einzelne individuelle Wesen, die jedes einzeln fur sich, und auch durch 
ihre Wirkungen zusammen tatig sind, die etwas hervorbringen, etwas 
schaffen wenn Sie sich vergegenwartigen, was diese Wesenheiten 



der dritten Hierarchie wirken, so ist das zunachst alles dasjenige, 
zunachst sage ich, was vorgeht im geschichtlichen Leben der Mensch- 
heit (siehe Zeichnung Seite 57). Sie konnen den Gedanken auch so 
fassen : Niemand weiB etwas von der Wirklichkeit des geschichtlichen 
Lebens der Menschheit, der nicht eine Ahnung davon hat, daB das- 
jenige, was eigentlich Geschichte ist, in Wirklichkeit nicht von den 
Menschen gemacht wird, sondern von den Wesenheiten der dritten 
Hierarchie. Die Wesenheiten der dritten Hierarchie - Angeloi, Arch- 
angeloi, Archai - machen eigentlich die Geschichte, und der Mensch 
nimmt Teil an dem Werk dieser dritten Hierarchie, indem er daraus in 
der charakterisierten Weise sein BewuBtsein als Personlichkeit hat, sein 
BewuBtsein als Mensch, als geschichtliches Erdwesen. Also daB der 
Mensch drinnensteht in der Welt, das ist, weil diese Wesenheiten das 
geschichtliche Leben machen, und der Mensch das, was er innerlich ist 
und wodurch er innerlich zusammenhangt mit dem geschichtlichen 
Leben, wiederum von diesen Wesenheiten hat. Das auBere geschicht- 
liche Leben, das die landlaufige Geschichte verzeichnet, das ja im 
wesendichen doch eine Fable convenue ist, das ist nur ein Abbild von 
dem innerlich geschichtlichen Leben, das geschaffen wird in seinem 
Werdegange von den Wesen der dritten Hierarchie. 

Nun konnen wir fragen: Was haben nun in ahnlicher Weise die 
Wesen der zweiten und ersten Hierarchie fur eine Aufgabe, also die 
Exusiai, Dynameis, Kyriotetes, die Formgeister, die Bewegungs- 
geister, die Weisheitsgeister? Ja, die haben eine viel umfassendere 
Aufgabe. Wir sehen zunachst von ihrer Beziehung zum Menschen ab. 
Sie konnen sich diese Aufgabe am besten vor die Seele fiihren, wenn 
Sie das Augenmerk lenken auf Ihren Atherleib. Nicht wahr, wenn Sie 
von Ihrem Ich ausgehend zunachst den Weg nach innen nehmen, so 
kommen Sie zu Ihrem Astralleib. Durch Ihren astralischen Leib 
hangen Sie zusammen mit dem geschichtlichen Leben der Menschheit. 
In das geschichtliche Leben der Menschheit wirken wiederum her- 
ein die Wesenheiten der dritten Hierarchie, die das geschichtliche 
Leben der Menschen machen. Aber wenn Sie weitergehen, wenn Sie 
bis zum Atherleib hinuntergehen, da ist dieser Atherleib eine sehr 
komplizierte Wesenheit. Der Mensch kennt nicht viel im heutigen 



BewuBtsein von der ganzen Kompliziertheit, die diesem menschlichen 
Atherleib zugrunde liegt. Aber Sie bekommen ja einen gewissen Be- 
grifT, was da alles arbeiten muB an diesem Atherleib, wenn Sie die 
«Geheimwissenschaft im UmriB» studieren; da ist Ihnen in der Auf- 
einanderfolge der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, also der auf- 
einanderfolgenden Verkorperungen unserer Erde gezeigt, wie dieser 
Atherleib sich herausbildet aus dem gesamten Kosmos, und wie die 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien mitwirken. Bringen wir das in 
eine anschauliche Formel, so konnen wir von einem gewissen Ge- 
sichtspunkte aus sagen: Alles das im Weltenwerden, was also jetzt 
umfassender ist, womit unser Atherleib ebenso zusammenhangt wie 
unser astralischer Leib mit dem geschichtlichen Leben der Mensch- 
heit, das wird geschaffen und gebildet von den Wesenheiten der zwei- 
ten Hierarchie, von den Exusiai, Dynameis, Kyriotetes. Also ich werde, 
um dies zu veranschaulichen, sagen: Von den Wesenheiten der zweiten 
Hierarchie wird alles dasjenige gemacht, was in den menschlichen 
Atherleib hineinwirkt. 

Aber dadurch ist wieder etwas anderes gegeben. Wenn Sie des 
Morgens aufwachen und untertauchen in Ihren Atherleib, dann 
tauchen Sie eigentlich ein in das Geschopf der Wesenheiten der zwei- 
ten Hierarchie. Und Sie tauchen auch in Ihren physischen Leib unter. 
Von diesem physischen Leib, den das Mysterienwesen daher den 
Tempel des Menschen nennt, ist das, was die auBerliche Anatomie und 
Physiologie zutage fordert, eben wirklich nur die allerallerauBerste 
Hiille. Von diesem ungeheueren Wundergebilde des menschlichen 
physischen Leibes bekommt man nur einen Begriff, wenn man weiB: 
er ist das Geschopf des Zusammenwirkens der Wesenheiten der ersten 
Hierarchic. Wenn Sie des Morgens beim Aufwachen untertauchen in 
Ihren physischen Leib, so tauchen Sie eigentlich in das Werk hochster 
Hierarchien unter. Also denken Sie, wie im Leben die Dinge verteilt 
sind : Hier zwischen Geburt und Tod, wenn wir wachen, tauchen wir 
unter zunachst in unseren astralischen Leib, in dem wirksam ist das 
geschichtliche Leben der Menschheit. Wir tauchen aber auch unter in 
unseren Atherleib, das Geschopf der zweiten Hierarchie, in dem wirk- 
sam ist vieles vom Kosmos, das atherische Leben des Kosmos. Und 



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wir tauchen unter in unseren physischen Leib, der die Schopfung ist 
der Wesenheiten der ersten Hierarchic Und wenn wir leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, dann leben wir nicht mit dem Ge- 
schopf, sondern mit den Schopfern selber. 

Nun haben Sie einen der betrachtlichen Unterschiede in. dem Leben 
zwischen Geburt und Tod und dem Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt. Hier tauchen Sie unter, indem Sie in Ihre Leib- 
lichkeit untertauchen, in alles dasjenige, was Geschopf ist der hoheren 
Hierarchien. Wenn Sie sterben, tauchen Sie unter in die Hierarchien 
selber. Sie gehen von dem Geschopf zu den Schopfern. So hangen die 
Dinge zusammen. 



Und nun fragen wir einmal, indem wir dies eben Auseinander- 
gesetzte iiberblicken: Was ist nun eigentlich unsere Erde? Das, was 
gewohnlich Geologie oder andere Wissenschaften von unserer Erde 
erkunden, ist ja wiederum nur die auBere Hiille. Was ist unsere Erde 
eigentlich? Sie wissen ja: Unseren physischen Leib, wir haben ihn 
gemeinsam mit dem ganzen mineralischen Reich. Dadurch daB wir 
unseren physischen Leib mit dem ganzen mineralischen Reich gemein- 
sam haben, stehen wir in unserem Wachzustande in einem Teil der 
Erde darinnen. Unseren Atherleib haben wir mit dem ganzen Pflanzen- 
reich gemeinschaftlich, stehen drinnen in einem zweiten Gliede unserer 
Erde. Unseren Astralleib haben wir mit dem Tierreiche gemeinschaft- 
lich. Das Ich haben wir fur uns selber. Da stehen wir drinnen in den 
drei Reichen der Erde, und aus den drei Reichen besteht eigentlich 
unsere ganze Erde. Das ist der Grund und Boden gewissermaBen, auf 
dem wir stehen, nicht physisch, sondern mit unserem Menschenwesen. 
Aber das kann man nicht sehen, das bleibt ubersinnlich. Indem wir auf 
diesem Boden stehen, ist sein unterstes Glied das mineralische Reich. 

Nun erinnern Sie sich aus der «Geheimwissenschaft», daB das 
mineralische Reich bei den fruheren Verkorperungen unserer Erde 
nicht da war; der Mond hatte noch nicht ein mineralisches Reich, 
ebensowenig die alte Sonne, ebensowenig Saturn. Sie brauchen das 
nur in der «Geheimwissenschaft» nachzulesen. Auf der Erde, bei der 
vierten Verkorperung unserer Erde, ist erst das mineralische Reich 
entstanden. Ich bitte Sie, das genau festzuhalten. Es ist eine schwierige 
Sache, aber es ist eine auBerordentlich wichtige Sache. GewissermaBen 
drei Bildungen muBten vorangehen, bevor die mineralische Erde sich 
herausgebildet hat. Wir nennen diese drei Bildungen die drei Elemen- 
tarreiche, das mineralische Reich ist das vierte. Wir konnten auch so 
sprechen bei den fruheren Verkorperungen : Bei der Saturnverkorpe- 
rung unserer Erde: erstes Elementarreich; bei der Sonnenverkorpe- 
rung unserer Erde: zweites Elementarreich - die Wesen, die damals 
Mineralreich waren, waren friiher Elementarreich -; bei der Monden- 
zeit - nicht der heutigen Zeit, der alten Mondenzeit -: drittes Ele- 
mentarreich. Im Fortschreiten zur Erde entsteht das mineralische 
Reich als das vierte Reich. Das tragt der Mensch in sich. 



Im Mineralreich stehen, heiBt, in der vierten Bildung stehen. Dieses 
Mineralreich tragen wir in uns; dadurch nur sind wir eigentlich sicht- 
bare Wesen. Dieses Mineralreich ist aber audi das einzig Abgeschlos- 
sene in uns. Erst wenn die Erde ihr Ende erreicht haben wird, wenn 
sie in eine andere Verkorperung eingetreten sein wird, wird der 
Mensch ebenso abgeschlossen sein im Pflanzenreich, wie er heute im 
Mineralreich abgeschlossen ist. Dann wiirde er in der funften Bildung 
stehen. Also die Erde wird an einen Endzustand kommen, wird neuer- 
dings entstehen: Jupiterzeit; der Mensch wird, so wie er heute sein 
Verhaltnis zum Mineralreich hat, dann sein Verhaltnis zum Pflanzen- 
reich haben. Er wird in der funften Bildung stehen. Im Pflanzenreich 
stehen, heiBt, in der funften Bildung stehen. 

Es wird eine neue Verkorperung unserer Erde kommen, wir nennen 
sie die Venus verkorperung, die Venuszeit. Der Mensch wird dann fur 
sich im Tierreiche stehen, nicht Tier sein, sondern im Tierreiche 
stehen; das ist, wie Sie wissen, etwas anderes, als Tier sein. Im Tier- 
reiche stehen aber heiBt, in der sechsten Bildung stehen. Und dann 
kommt der AbschluB, ich mochte sagen, die Septime des ganzen Wer- 
dens. Wir nennen sie die Vulkanverkorperung der Erde. Der Mensch 
ist dann auf der hochsten Stufe seiner Bildung angelangt, er ist dann 
erst ganz Mensch geworden. Im Menschenreich stehen, heiBt, in der 
siebenten Bildung sein, in der siebenten Bildung stehen. Und in 
sieben Bildungen schlieBt sich das Leben des Menschen ab. 

Schauen wir uns den heutigen Menschen an. Er steht, wie wir sehen, 
im Mineralreich; er steht noch nicht im Pflanzenreich. Wenn der 
Mensch im Pflanzenreich stehen wird, wird sein ganzes Leben ein an- 
deres sein. Er wird sich fuhlen nicht als Personlichkeit, sondern so, 
wie er sich heute als Personlichkeit fiihlt, wird er sich als Mensch 
fuhlen, er wird sich fuhlen als Glied der ganzen Menschheit. Er wird 
zum Beispiel, wenn er einmal im Pflanzenreiche stehen wird, es uner- 
traglich finden, daB er einen bestimmten Grad des Gliickes hat, wenn 
neben ihm jemand mit Ungliick herumgeht. Heute fiihlt sich der 
Mensch wie durch eine Scheidewand von andern Menschen abge- 
schlossen. Das muB so sein, sonst wiirde der Mensch niemals seine 
Personlichkeit entwickeln konnen. Aber im kiinftigen Jupiterreich, 



wo der Mensch in der fiinften Bildung stehen wird, wird es anders 
sein; da wird es ein ganz unertraglicher Gedanke sein, daB der eine 
gliicklich, der andere neben ihm ungliicklich sein kann, weil sich die 
Menschen nicht als Organismus fuhlen, wie man in abstracto sagt. 
Jetzt fuhlen sie sich ja nicht als Organismus : das ist aber eine Unwahr- 
heit, eine Tauschung, eine Maja. Aber die Zeit wird kommen, wo der 
Mensch im Pflanzenreich stehen wird, wo er ein einzelnes Gliick nicht 
ertraglich finden wird, wenn neben ihm Ungliick ist. 

Dieser Gedanke liegt zugrunde jenen Spiritualisten, von denen ich 
Ihnen gestern gesprochen habe. Ich habe Ihnen gesagt: Die eng- 
lischen Spiritualisten werden in Zukunft einen groBen Kampf aus- 
zufechten haben gegen die gesamte englische Volkskultur. Die Bliite 
dieser Volkskultur ist der Utilitarismus ; und dasjenige, was dieser 
Utilitarismus herausgetrieben hat bei Bentham, das ist im wesentlichen 
der Grundsatz, den man nannte die Maximation des Gliickes. Immer 
mehr wird dieser Utilitarismus das Denken erfullen. Daher wird dieses 
Denken nur durch die Opposition der spirituell Gesinnten zur Spiri- 
tualisierung kommen konnen. Das ist die Perspektive der Zukunft: 
Die spirituell Gesinnten werden dort die Volkskultur zu iiberwinden 
haben, sie zu iiberwinden haben bis zur Vernichtung. Deshalb konnte 
ich Ihnen anfiihren, daB Bentham, der aus der Volkskultur heraus zu 
dem Grundsatze gekommen ist, das Gute auf der Erde bestiinde in 
der Gliickseligkeit der groBten Anzahl von Menschen, seine heftig- 
sten Gegner hat in den spirituell Gesinnten seines eigenen Landes, die 
ihm sagen: Das ist eine rein teuflische Definition, denn diese Defini- 
tion kann man nur machen, wenn man nichts bedenkt als die bloBe 
Gegenwart. Denkt man ein wenig an die Zukunft der Entwickelung, 
so weiB man, daB der Gedanke ganz unertraglich ist : Gliickseligkeit 
der groBten Anzahl, weil das Gegenteil ware: die Gliickseligkeit der 
geringsten Anzahl, und das miiBte das Bose sein. Aber Boses und 
Gliickseligkeit haben nichts miteinander zu tun; denn in der Zukunft 
wird dadurch, daB der Mensch sich im Pflanzenreich stehend fiihlt, 
sich als Glied der ganzen Menschheit fiihlt, dieses Gegenteil eine Un- 
moglichkeit sein. So wie heute ein wichtiges organisches Glied dem 
Menschen nicht einfach ausgeschmtten werden kann, ohne daB der 



ganze Menschenorganismus zugrunde geht, so wird kiinftig, wenn die 
Erde im Pflanzenreich steht, nicht eine bestimmte Gmppe von Men- 
schen leidensvoll sein konnen, ohne daB das Ganze leidet. Das ist 
ein bestimmter Entwickelungszustand, der kommt. Und weil durch 
Bentham eine Definition des Gliickes gegeben wird, die gar keine 
Zukunft hat, die nur Gegenwart hat, muB sie bekampft werden gerade 
von denjenigen, welche die Spiritualitat anstreben. 

Ja, warum soil das ein Gegensatz sein, wenn gesagt wird: Gutes 
definiert durch Bentham als die Gliickseligkeit der groBten Anzahl, 
Boses definiert als die Gliickseligkeit der geringsten Anzahl? Ein ab- 
strakter Gegensatz ist es nicht fur den Verstand, aber der Spiritualist 
denkt nicht abstrakt, der Spiritualist denkt konkret. Er denkt nicht: 
Was ist das Gegenteil von dem andern? - sondern er denkt an das 
Reale, das sich entwickelt, und das stimmt zumeist mit den bloBen 
Gedanken der Menschen nicht iiberein. 

Und in einem noch hoheren Grade wird der einzelne Mensch am 
Ganzen teilnehmen, wenn er in der sechsten Bildung steht. Und dann 
noch ganz besonders, wenn er Vollmensch ist, ganz vergeistigter 
Mensch, in der siebenten Bildung. 

Ja, aber wir haben daraus gesehen, daB so, wie wir jetzt auf dem 
festen Boden der Erde stehen, wir als Menschen, insoferne wir Ge- 
schopfe sind, doch eigentlich nur bis zur vierten Bildung kommen. 
Wir haben das mineralische Reich, das ist fertig. Die andern Reiche, 
wie sie heute bestehen, werden zum Teil zugrunde gehen, und der 
Mensch wird sie in anderer Weise ausbilden: das Pflanzenreich, so wie 
ich es geschildert habe. Das Tierreich und Menschenreich wollen wir 
heute nicht mehr schildern, aber nachstens einmal. 

So steht der Mensch heute, wenn er sich als Geschopf, unter an- 
deren Geschopfen stehend, betrachtet, in der vierten Bildung. Aber er 
ragt in die andern Bildungen hinein, denn wir haben ja gesehen: 
Schon im Schlafe steht der Mensch unter dem EinfluB der dritten 
Hierarchic Diese Hierarchie ist weiter als er, die steht heute schon in 
der funften Bildung, und die andern Wesen sind noch weiter. Er ragt 
also in die hoheren Bildungsstufen hinein. Ich bitte Sie, die Geduld 
zu haben, diese subtilen Gedanken wirklich durchzudenken; denn Sie 



miissen jetzt den Unterschied machen, zwischen Sich-Denken als 
Geschopf und Sich-Denken als unabhangiges Geistwesen, das Sie 
zum Beispiel im Schlafe sind oder zwischen Tod und neuer Geburt. 
Insoferne Sie sich hier denken in Ihrem physischen, in Ihrem Ather- 
leib, astralischen Leib und Ich, insofern denken Sie sich als Geschopf 
auf der Erde, sind in der vierten Bildung; aber Sie ragen in die fiinfte, 
sechste und siebente Bildung hinein. Indem Sie ja nicht bloB in Ihrem 
Leibe leben, sondern auch auBerhalb Ihres Leibes, im Schlafe oder im 
Tode, da ragen Sie in die andern Hierarchien hinein, und diese andern 
Hierarchien sind weiter. Wir konnen also sagen: Wenn wir die Erde 
mit allem, was darauf und darinnen ist, als geschopf liches Wesen be- 
trachten, so ist sie als geschopfliches Wesen bis zur vierten Stufe 
herangekommen, und wir sind mit ihr ebenfalls bis zur vierten Stufe 
herangekommen. Allein wir ragen dadurch, daB wir uns als selb- 
standige Personlichkeiten fiihlen, daB wir uns als Mensch fiihlen, daB 
wir uns als Glied der Erdenentwickelung fiihlen, daB wir wissen, 
unser Atherleib ist Geschopf der zweiten Hierarchie, unser physischer 
Leib ist Geschopf der ersten Hierarchie, wir ragen dadurch hinauf in 
die anderen Spharen, in die anderen Bildungselemente. 

Aber es hat ja nicht seinen AbschluB mit der siebenten Bildung. 
Die Evolution geht weiter, und indem wir hineinragen in die hoheren 
Biidungsformen, ragen wir auch in eine achte Bildungsform hinein, 
die beriihmte achte Sphare. Wir konnen ruhig sagen: In einer ge- 
wissen Weise, indem wir zu hochentwickelten Stufen hoherer Wesen- 
heiten hinaufragen, ragen wir, indem wir im Gottesreich drinnen- 
stehen oder Geisterreich - wie Sie wollen -, hinein in die achte Bil- 
dung. Aber wir ragen hinein in diese achte Bildung mit den feinsten 
Bestandteilen unserer Geistwesenheit. Dieses Hineinragen in die achte 
Bildung, das ist ein groBes Geheimnis, aber wir konnen uns doch eine 
Vorstellung machen von einem, ich mochte sagen, sehr geringfiigigen, 
wenig intensiven Hineinragen in die achte Bildung, wenn wir uns 
das Folgende denken. 

Wir wissen, im Mittelpunkte der Erde steht das Mysterium von 
Golgatha. Blicken wir zuriick zu diesem Mysterium von Golgatha, 
wie es sich vom Jahre 1 bis 33 unserer Zeitrechnung, im 747. Jahre seit 



der Griindung Roms, vollzogen hat, so steht es im ersten Drittel der 
vierten nachatlantischen Zeit drinnen. Wir sprechen von jener Kultur- 
entwickelung der Menschheit, in die das Mysterium von Golgatha 
hineingefallen ist, als von der vierten nachatlantischen Kulturstufe. 
Wir wissen, die dritte nachatlantische Kulturstufe ist ja vorangegangen 
der griechisch-lateinischen Kulturepoche. Wir stehen jetzt in der 
fiinften, denn die vierte, in die das Mysterium von Golgatha fiel, 
hat im 15. nachchristUchen Jahrhundert geendet. Also wir stehen im 
ersten Drittel der fiinften nachatlantischen Kulturperiode. Nun, der 
Mensch entwickelt sich durch die Kulturperioden hindurch, aber 
wenn wir diese Kulturperioden schildern, dann schildern wir eigentlich 
etwas, was der Mensch nicht voll mitmacht. Sie alle waren gewiB in 
der alten agyptisch-chaldaischen Periode verkorpert, die die dritte 
nachatlantische Zeit ist, dann wiederum in der griechisch-lateinischen 
Kulturperiode und in der jetzigen; aber Sie durchleben doch immer 
nur von der aufeinanderfolgenden Zeit - wenn es gut geht, nicht wahr, 
selbst einer der achtzig Jahre alt wird - eben nur achtzig Jahre, und 
dazwischen liegt die viel langere Zeit, die zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt verlauft. Also von dem, was wir schildern, indem 
wir die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden der Erde schil- 
dern, lebt der Mensch ja nur einen Teil mit. 

Sie konnten freilich sagen: Nun ja, der Mensch erlebt hier im 
physischen Leib nur einen Teil mit; aber er lebt wahrhaftig nicht um- 
sonst im physischen Leib : er erlebt die Welt vom Gesichtspunkt des 
physischen Leibes aus, weil er dasjenige, was er vom physischen 
Leib aus erlebt, nicht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
erleben konnte. - Mag das, was der Mensch zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt im reinen geistigen Reiche erlebt, nun hoher oder 
weniger hoch geschatzt werden, dariiber wollen wir heute nicht spre- 
chen, aber es ist anders als dasjenige, was der Mensch hier durch seinen 
Leib erlebt, und es ist sehr wichtig, das zu beriicksichtigen. Und der 
Mensch ist wahrhaftig nicht umsonst durch seinen Leib in die Welt 
hineingestellt; denn das, was er durch seinen Leib in der Welt erleben 
kann, immer in Episoden der Gesamtmenschheitsentwickelung, das 
konnte er eben nicht erleben, wenn er nicht die Leibesentwickelung 



hatte. Es ist eine durchaus unzutrefFende Vorstellung, wenn man der 
irdischen Leibesentwickelung in asketischer Art gegeniibersteht, 
wenn man sie etwa nur als den Feind des hoheren Menschen be- 
trachtet. Das ist sie in Wahrheit nicht, sondern dasjenige, was dem 
Menschen etwas gibt, das er auf keinem andern Weg erlangen konnte. 
Und der Mensch irrt gar sehr, der das Leben im Leibe verachtet, der 
den Leib als etwas Niedriges ansieht, denn es bedeutet eben ein 
Hochstes, em Wichtigstes, ein Bedeutungsvollstes im Gesamtleben 
des Menschen. Und Geisteswissenschaft kann am allerwenigsten sich 
jenem Mystizismus oder jener verkehrten Richtung des Christentums - 
nicht der richtigen, aber verkehrten Richtung - anschlieBen, welche ver- 
achtet dasjenige, was sie die irdische Welt nennt. Der Mensch erlebt 
eben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Welt von einer 
andern Perspective aus; er erlebt sie so, wie er sie erleben kann: in 
ihn herein wirken jetzt nicht die Geschopfe wie durch den physischen 
Leib und Atherleib, sondern die Schopfer selbst. Da erlebt er etwas 
anderes. 

Daher kommt es, daB wir wahrend unserer Erdenlaufbahn nicht 
nur die Aufgabe haben, das Sinnenfallige, sondern auch das t)ber- 
sinnliche kennenzulernen. Denn das geschichtliche Leben der Mensch- 
heit, das ein Ergebnis der dritten Hierarchie ist, wir konnen es nicht 
kennenlernen von der Perspektive des Erdenlebens aus. Und fur 
unsere Zeit - ich bitte, darauf zu achten, daB ich sage : fur unsere Zeit, 
denn es war in der vorchristlichen Zeit nicht so -, fur unsere Zeit ist 
es ganz wesentlich, daB sich der Mensch bewuBt werde: er muB, 
wahrend er hier auf Erden lebt zwischen Geburt und Tod, auch 
kennenlernen, wenn er sich als geschichtliches Wesen kennenlernen 
will, dasjenige, was Engel, Erzengel und Archai als geschichtliches 
Leben wirken. Kennenlernen die Welt nur so, wie sie heute die Natur- 
wissenschafter kennenlernen wollen, kennenzulernen die Welt so, wie 
sie die Geschichte schildert, als ob die Geschichte gemacht ware von 
Menschen allein, nicht von den Wesenheiten der dritten Hierarchie, 
das heiBt, nur die allerauBersten Schalen des geschichtlichen Werdens 
kennen. Nur der lernt die Geschichte kennen, der sich bewuBt ist: er 
muB gewissermaBen anschauen hier im physischen Leibe, was die 



Wesen tun auf der Erde, die er zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt in einer ganz andern Weise - wenn ich mich des Ausdruckes 
bedienen darf, der ja nur vergleichsweise gebraucht ist -, die er da 
personlich, individueil, in ihren himmlischen Taten kennenlernt. Die 
muB er in ihren Wirkungen auf der Erde im geschichtlichen Leben 
kennenlernen. 

Aber so war es nicht immer; so ist es in der Zeit, in der wir jetzt 
leben. So war es vor alien Dingen nicht in der dritten nachatlan- 
tischen Zeit, vor dem Jahre 747, in der agyptisch-chaldaischen Zeit. 
Wir wissen, daB da das ganze seelische Leben, der ganze Seelen- 
zustand der Menschen ein anderer war. Da strahlte das uberirdische 
Leben in das gewohnliche Menschenleben herein, da wuBte der 
Mensch, wenn er >es sich auch anders deutete, als wir das jetzt in 
den Mythologien auslegen: Die Wesenheiten der dritten Hierarchic 
wirken herein in sein Ich und seinen astralischen Leib. - Er meinte die 
Wesenheiten der dritten Hierarchic, nannte sie Osiris oder Zeus oder 
Apollo oder Minerva oder wie immer, aber er wuBte: Diese Wesen- 
heiten, die er nur in dieser Weise ausdichtete und ausdeutete - aber die 
Ausdichtung und Ausdeutung bezog sich auf diese Wesenheiten -, 
sie wirken herein. Wenn er sie auch nicht hatte sehen wollen, er hatte 
sie innerlich gesehen, denn es war in jenen alten Zeiten nicht die Be- 
wuBtseinstauschung vorhanden, die heute vorhanden ist; sondern es 
war eben nur die Lebenstauschung vorhanden, die diese Gestalten, 
wie man sagt, anthropomorphisierte. Aber von diesen Gestalten 
wuBte man. 

Das ist auch solch ein Punkt, durch den das ganze Leben der Men- 
schen ein anderes geworden ist. Heute weiB der Mensch im gewohn- 
lichen BewuBtsein nicht, was da in sein Leben hereinspielt. Der 
Mensch wurde geboren als eine Seelenwesenheit in dieser dritten nach- 
atlantischen Zeit, wurde wieder geboren in der vierten nachatlan- 
tischen Zeit, und wieder geboren in unserer Zeit. Dasjenige, was die 
Wesenheiten der dritten Hierarchie als geschichtliches Leben aus- 
wirken, schaut er nicht, aber er sollte es kennenlernen, er sollte es 
wirklich kennenlernen ! Nicht in der wahren Gestalt, sondern in der 
mythologischen Gestalt lernte es der alte Mensch kennen. 



Versetzen Sie sich jetzt einmal in solch eine Menschenseele - es gibt 
mehr Inkarnationen, wie Sie wis sen, aber wollen wir einmal drei auf- 
einanderfolgende auffassen: eine agyptische, eine griechische, eine 
aus dem funften nachatlantischen Kulturzeitraum versetzen wir uns 
einmal in eine solche Menschenseele. Sie hat wahrend des dritten, 
wahrend des agyptisch-chaldaischen Kulturzeitraumes, das erlebt, was 
sie eben erleben konnte dadurch, daB die Wesenheiten der dritten 
Hierarchie in das Leben hereinspielten. Das war allmahlich herab- 
gedammert. Einige hatten es noch erlebt im vierten, im griechisch- 
lateinischen Zeitraum; viele Menschen hatten es namentlich bis zum 
Jahre 333 nach dem Mysterium von Golgatha noch in ordentlicher 
Weise erlebt, dann ist es allmahlich verschwunden; dann muBten sich 
die Menschen immer mehr und mehr auf dasjenige beschranken, was 
in der auBeren Sinnenwelt vorhanden ist, wenn sie sich nicht so 
innerlich entwickelten, daB sie auf einem andern Wege wiederum 
die geistige Welt kennenlernen und darum aufsteigen konnten zu den 
Wesenheiten der dritten Hierarchie. 

Und nun, wenn wir eine solche Seele betrachten, die jetzt wieder- 
kommt, sie kommt mit all dem, was sie in der dritten nachatlantischen 
Zeit, im agyptisch-chaldaischen Kulturzeitraum in sich aufgenommen 
hat, mit all dem kommt sie, aber nehmen wir einmal an, solch eine 
Seele straube sich dagegen, in der jetzigen Inkarnation die Taten der 
dritten Hierarchie im geschichtlichen Leben der Menschheit zu be- 
trachten, und daB sie sich sage : Was geht mich das an, was die Engel, 
Erzengel und Archai getan haben; fur mich ist Geschichte dasjenige, 
was Menschen hier auf der Erde jemals verrichtet haben. - Eine solche 
Seele beriicksichtigt nicht, daB in all dem, was Menschen auf der Erde 
verrichtet haben, mitspielen die Taten der dritten Hierarchie. Nehmen 
wir jetzt der Deutlichkeit willen an - fur manche Seelen gilt es auch 
in bezug auf den vierten, den griechisch-lateinischen Zeitraum, eben 
bis zum Jahre 333 -, aber nehmen wir der Deutlichkeit willen an, 
eine solche Seele komme heriiber aus dem agyptisch-chaldaischen, aus 
dem dritten nachatlantischen Zeitraum: da hatte sie nicht notig, sich 
anzustrengen, um etwas von den Taten der dritten Hierarchie zu 
wissen, denn da kam das von selber herein in das Menschenleben; da 



tragt sie das noch in sich, diese Seele. Also sagen wir, was diese Seele 
dazumal in sich verarbeiten konnte, das tragt sie in sich. Einem alten 
Agypter hatte man nicht sagen konnen - er hatte keinen rechten Be- 
griff vom geschichtlichen Leben, aber er sah doch auf das geschicht- 
liche Leben hin - ihm aber hatte man uber dieses geschichtliche Leben 
nicht sagen konnen: Die Menschen machen die Geschichte. - Er 
wiirde nur gelacht haben, denn er sah ja, daB die Wesenheiten der 
dritten Hierarchie die Geschichte machten, wenn er sie auch in seiner 
Art versinnlicht darstellte. 

Das alles tragen die Menschen der Gegenwart in sich, aber unbe- 
wuBt naturlich; es ist ins UnterbewuBte hinuntergezogen. Jetzt geben 
sie sich dem Glauben hin, daB Geschichte etwas ist, was die Menschen 
auf der Erde gemacht haben. Da kommt eine merkwiirdige Seelenver- 
fassung zustande, die ich Sie bitte, ganz genau auf sich wirken zu 
lassen. Wenn wir auf eine solche Seele in der Gegenwart hinblicken 
wiirden, so wiirden wir sagen, diese Seele lehnt es ab, sich ins ge- 
schichtliche Leben der Menschheit in Wirklichkeit hineinzustellen, 
sie sagt: Ich will nichts wissen von den Taten der Archai, der Erz- 
engel, der Engel; ich will nur aus auBeren Zeugnissen wissen, was die 
Menschen gemacht haben seit jenen alten Zeiten. - Aber dadurch 
kann sich eine solche Seele nicht weiterentwickeln, dadurch bleibt eine 
solche Seele in Wirklichkeit auf dem Standpunkte stehen, auf dem sie 
gestanden hat in der alten agyptischen Zeit; sie hat nur die Reife einer 
Seele der alten agyptischen Zeit, sie laBt sich nicht ein darauf, die 
Wirklichkeit zu ergreifen. Die Engel, Erzengel und Archai, sie 
haben sich weiterentwickelt, sie haben das gemacht, was von der 
Menschheit seither erlebt werden konnte. Solch eine Seele sagt: Was 
die Hierarchien schon gemacht haben da oben in der geistigen Welt, 
darauf lasse ich mich nicht ein; ich lasse mich nur auf meine eigenen 
Fahigkeiten ein. - Die Fahigkeiten sind aber keine andern als die, 
welche sie auch schon hatte wahrend der alten agyptischen Zeit. 

Zahlreiche solche Seelen leben in der Gegenwart, und denken Sie, 
in welcher eigentumlichen Lage eine solche Seele ist! Bis zum Jahre 
333 konnte eine Seele noch nicht in diese Lage kommen, denn da 
reichte noch immer die geistige Welt von selbst herein; jetzt aber, seit 



dieser Zeit, konnen Seelen in einer merkwiirdigen Lage sein: Sie 
konnen der Wirklichkeit ja nicht widerstreben, in der Wirklichkeit 
stehen sie natiirlich drinnen in dem, was die Engel, Erzengel und 
Archai tun, aber sie leugnen das mit ihrem BewuBtsein, sie nehmen 
in ihr BewuBtsein nur dasjenige auf, was hier auf der Erde durch Men- 
schen selber bewirkt worden ist. 

Das ist ein Fall, wo die Menschen als Geschopfe in der vierten Bil- 
dung stehen, denn die vierte Bildungsstufe ist alles dasjenige, was ge- 
schopf lich geschieht. Also was seit der agyptischen Zeit die Menschen 
auf der Erde gemacht haben, gehort zur vierten Bildung, aber der 
Mensch selbst ragt dariiber hinaus, und dadurch, daB er seit dem 
Jahre 333 uberhaupt mit seinem ganzen Wesen nicht bewuBt in das 
hineinragen kann, wohinein er in Wirklichkeit ragt, dadurch steht er 
mit seinem Wesen sogar noch uber der siebenten Bildungsstufe, er 
steht in der achten Bildungsstufe drinnen. So daB also heute die Mog- 
lichkeit vorhanden ist, daB Seelen in Wahrheit in der achten Bildungs- 
stufe drinnenstehen, aber es nicht anerkennen, weil sie die in der 
achten Stufe liegende Wirksamkeit des geschichtlichen Lebens der 
Menschen durch die Engel, Erzengel und Archai nicht anerkennen, 
sondern nur die vierte Stufe anerkennen, so daB die achte Sphare in 
ihnen unbewuBt bleibt. Das ist eine auBerordentlich wichtige Tatsache. 

Wenn aus dieser Lage der Seele heraus eine Weltanschauung ent- 
steht, was entsteht dadurch? Der Mensch ignoriert seine eigene Wirk- 
lichkeit, er gibt nicht zu, daB er in ein hohes Geistesreich hinaufragt, 
trotzdem er wirklich hinaufragt, sondern er gibt nur zu, daB er im 
Reiche der Menschen darinnensteht. Diese Seelenverfassung ist erst 
klar zutage getreten in dem, was ich in diesen Tagen das Industrie- 
zeitalter genannt habe. Erst das Drinnenstehen der Menschen im 
ganzen industriellen Leben hat sie dazu gefuhrt, vollig innerhalb einer 
Weltanschauung die Tatsache zu ignorieren, daB der Mensch in die 
geistige Welt hinaufragt, und nur mit den auBeren Taten der Menschen 
zu rechnen. Das ist etwas Bedeutsames. Man kann die Gegenwart nicht 
verstehen, wenn man nicht weiB, daB es heute zahlreiche Menschen 
gibt, die mit ihrer Weltanschauung in die achte Sphare hineinragen, 
und diese Tatsache ignorieren, das heiBt: alle Schaden iiber die Erde 



bringen, die das Hineinragen in eine Weltensphare bringt, wenn man 
ihr Dasein leugnet. Denn dadurch, daB der Mensch leugnet, in die 
achte Sphare hineinzuragen, in die achte Bildungsstufe hineinzuragen, 
schlieBt er sich aus von den guten Wesen dieser Bildungsstufe und 
liefert sich an den ahrimanischen Geist der betreffenden Bildungsstufe 
aus. Sein Denken'wird, statt gottlich oder geistig, ahrimanisch. 

Man muB, wenn man geisteswissenschaftlich spricht, auf die Tat- 
sachen dieser Welt in ihrer Wahrheit hindeuten. Und die Wahrheit ist 
einmal, daB zum Beispiel so etwas wie die materialistische Geschichts- 
auffassung des Karl Marx, der gelebt hat von 1818 bis 1883, daB die 
Weltanschauung des Karl Marx eine rein ahrimanische ist. Ihr Ge- 
heimnis beruht darauf, daB nur anerkannt wird das materiell im 
Erdenwesen Geschehene, daB ignoriert wird das Hinaufragen der 
Geistigkeit des Menschen in die ubersinnlichen Welten, und daB da- 
durch, durch diese Ignorierung, der Mensch den ahrimanischen 
Machten verfallt. Denn sobald der Mensch sein BewuBtsein aus- 
schlieBt von den Welten, in die er hinaufragt, verfallt er den ahrima- 
nischen oder luziferischen, in diesem Falle den ahrimanischen Machten. 

Nun, wir stehen heute vor der Tatsache, daB zahlrekhe Menschen 
eine rein ahrimanische Weltanschauung vertreten, fur diese rein ahri- 
manische Weltanschauung kampfen, und dadurch aber auch iiber die 
Erde heraufbeschworen alles dasjenige, was kommen muB, wenn statt 
der gottlichen Ordnung die ahrimanische Ordnung iiber die Erde sich 
verbreitet. Benthams Philosophic, von der ich Ihnen gestern sprach, 
ist zunachst ein auBerer theoretischer Ausdruck dieser ahrimanischen 
Anschauung. Der Marxismus ist ein solcher Ausdruck, der auch schon 
schopferisch ist, der gestaltend ist, der einen ungeheueren EinfluB hat. 
Und die Tragheit des Bourgeoislebens weiB nichts davon und hat sich 
nicht gekummert durch Jahrzehnte, was sich auf dem Boden des 
sozialen Lebens entwickelt hat an Elementen solcher Weltanschau- 
ungen. Der Marxismus ist ein extremer Ausdruck. Er wird weiter- 
wirken. Das, was zunachst bloB Wissen sein sollte, wird Geschehen 
werden, wird tatsachlich Wirklichkeit werden. Nur die Einsicht in 
diese Dinge, die nun wiederum Wollen-bildend ist, kann Hilfe sein 
in diesen Dingen. 



Solche Wahrheiten sind einschneidende, solche Wahrheiten sind 
wahrhaftig nicht geeignet fur bloBe Sonntagssensationen ; solche 
Wahrheiten sind dasjenige, was im Innersten zusammenhangt mit dem 
ganzen Kulturleben der Gegenwart. Und vieles wird davon abhangen, 
daB sich die Menschen darauf einlassen, dasjenige, was in ihren Ge- 
danken lebt, im Zusammenhange mit der ganzen Weltenordnung zu 
erkennen. Denn in unseren Tagen sind wir in denjenigen Zeiten- 
zyklus eingetreten, in dem wir nicht weiterkommen konnen, ohne in 
furchtbare Katastrophen hineinzufallen, wenn wir nicht einsehen, wie 
sich dasjenige, was sich im Menschen selber vollzieht, gegeniiber dem 
Werden des ganzen Kosmos ausnimmt. 

Solche Wahrheiten, wenn man sie herausfindet aus dem Suchen 
nach der Wahrheit - Sie konnen die Versicherung hinnehmen -, solche 
Wahrheiten sind zunachst bestiirzend. Wenn man ein Gefuhl hat fur 
das Einschlagende der groBen Wahrheiten in der Welt, so kennt man 
auch das Gefuhl des Bestiirzenden dieser groBen Wahrheiten. Be- 
quem ist das Hineinleben in das Wahrheitsleben nicht. Nur wer ober- 
flachlich ist, konnte meinen, es sei nicht bestiirzend, sich sagen zu 
miissen: Leute, von denen auch eine groBe Anzahl von Menschen 
glaubte - was ja auch wahr ist! sie strebten ehrlicherweise nach der 
Wahrheit, sind durchpulst von ahrimanischem Geiste ! Es schlagt sich 
aufs Herz, meine lieben Freunde! Daher versucht man, wenn sich 
solche Wahrheiten ergeben, mit ihnen zurechtzukommen. Dazu, um 
sie bei einem Ohr hinein-, beim andern Ohr hinausgehen zu lassen, 
sind diese Wahrheiten nicht da. Sie sind auch nicht dazu da, daB man 
sie bei seinem einsamen Meditieren findet und sie als Sensationen hin- 
nimmt. Dazu sind sie alle nicht da, diese Wahrheiten. Man muB mit 
ihnen fertig werden, man muB finden konnen, wie dasjenige, was man 
als Weltenentwickelung kennt, was rings um einen herum ist, auch 
als Urteile der Menschen, dazu stimmt, daB so etwas da ist. 

Wer, wie ich, gesehen hat, wie groB die Anzahl der Menschen heute 
ist - jetzt konnen sich ja die Menschen durch auBere Tatsachen davon 
iiberzeugen -, die vom Marxismus oder marxismusahnlichen Anschau- 
ungen lebt, dem stellt sich schon die Notwendigkeit heraus, diesen 
Dingen etwas naher zu Leibe zu gehen. Da sagt man sich oft : Vielleicht 



bist du doch ein Illusionar! - Man braucht ja deshalb nicht gleich die 
ganze geistige Welt zu bezweifeln, selbstverstandlich nicht, aber be- 
ziiglich solcher konkreter Wahrheiten sagt man sich doch oftmals: 
Vielleicht gibst du dich da doch irgendwelchen Illusionen hin! - 
Das tiefe Verantwortlichkeitsgefuhl gegenuber der Wahrheit, das 
muB sich ja gerade gegenuber geistigen Wahrheiten ergeben. Dann 
sucht man immer tiefer und tiefer zu schiirfen. Es gibt aber in der Tat 
nicht weniges, sondern vieles, recht vieles, welches arge Bestatigungen 
liefert desjenigen, was ich Ihnen jetzt eben auseinandergesetzt habe 
als den ahrimanischen Charakter zum Beispiel des Marxismus oder 
ahnlicher Weltanschauungen. 

Ich habe, als ich vor einiger Zeit hier sprach, Ihnen eine gewisse 
Zumutung gestellt. Ich habe davon gesprochen, da£ die Zeit, so wie 
wir sie erleben, eigentlich eine Tauschung ist, daB die Zeit in Wirk- 
lichkeit etwas ganz anderes ist, als sie der Mensch erlebt, weil der 
Mensch die Zeit nicht perspektivisch nimmt, so sagte ich dazumal. 
Den Raum erlebt der Mensch schon perspektivisch; die ferneren 
Baume sieht er kleiner als die nahen Baume. In Wirklichkeit ist auch 
die Zeit ebenso perspektivisch zu sehen. Die in der Zeit entfernten 
Ereignisse sind anders zu sehen als die in der Zeit nahen Ereignisse. 
Es ist aber nur die Grundlage dafiir, daB die Zeit wirklich das ist, als 
was die Forscher aller Zeiten sie angesehen haben: die Zeit ist das 
wichtigste Medium der menschlichen Tauschung. Wir denken uns, 
daB zum Beispiel die Wesen der hoheren Hierarchien auch so durch 
die Zeit flieBen, wie unser eigenes Seelenleben durch die Zeit flieBt: 
es ist keine Wahrheit darin. In Wahrheit liegt das Wesen der hoheren 
Hierarchien in abgeflossenen Zeiten, aber sie wirken heriiber aus den 
abgeflossenen Zeiten, wie im Raume von einem entfernten Orte man 
heriiberwirken kann, meinetwegen durch Lichtsignale oder so etwas, 
auf in einem nahen Orte im Raume liegende Wesen. Die Zeit ist nicht 
das, als was sie die Menschen ansehen, die Zeit ist auch nicht das, als 
was sie solche Philosophen wie Kant ansehen, sondern die Zeit ist in 
ihrer Wirklichkeit etwas ganz anderes. Und das, was der Mensch als 
Wirklichkeit ansieht, ist eben auch eine Maja, eine groBe Tauschung. 
Vor alien Dingen bleibt immer das stehen, wovon wir glauben, indem 



wir in der Zeit als Tauschung leben, daB es vergangen sei. Es bleibt 
aber da; die Zeit wird wirklich zu etwas wie zu einem Raume. Und 
man sieht auf die riickwartigen Ereignisse so, wie man auf entfernte 
Gegenstande im Raume sieht, wenn man wahrhaftig sieht. Die Zeit 
ist eine Tauschung. 

Und weiter weiB die Geisteswissenschaft, daB die Quellen zu andern 
groBen Tauschungen in menschlichen Weltanschauungen davon her- 
riihren, daB der Mensch in bezug auf die Zeit der Tauschung unter- 
liegt. Wenn unter Ihnen viele Physiker waren, wiirde ich selbst rein 
physikalisch mich hier aussprechen konnen. Ich wiirde Ihnen an 
physikalischen Formeln zeigen konnen, daB so, wie der Physiker die 
Zeit - das t, wie er es bloB nennt - in die physikalischen Formeln ein- 
fuhrt, diese Zeit nur eine Zahl ist, also etwas ganz Unbekanntes, keine 
Wirklichkeit, sondern ein reiner Schein ist. Ein Wirkliches ist immer 
nur die Geschwindigkeit, aber die gerade sieht der Physiker als eine 
Folge der Zeit an. Da Sie ja keine Physiker sind und sich wahrschein- 
lich auf das Verstandnis der Sache nicht einlassen werden, will auch 
ich mich nicht weiter darauf einlassen. 

Die Zeit ist Tauschung, das ist eine schwerwiegende Wahrheit, 
weil die Zeit als Tauschung vielen andern Tauschungen des Lebens 
zugrunde Hegt. So zum Beispiel sieht man alle Dinge falsch, wenn man 
im geschichtlichen Leben die Zeit falsch anwendet. So denken etwa 
die Menschen, in den ersten drei christlichen Jahrhunderten hatten 
sich gewisse Dinge zugetragen, die seien jetzt vorbei. - In Wirklichkeit 
miiBten sie denken: Der Erzengel oder die Wesenheit aus der Hier- 
archie der Archai, die dazumal die Ereignisse geleitet hat, ist noch da; 
das wirkt in anderer Weise weiter. - Das Vergangensein ist nur eine 
Tauschung. Es hangt viel davon ab, daB man gegeniiber der geistigen 
Wirklichkeit gerade den perspektivischen Charakter der Zeit kennen- 
lernt, daB man weiB, man muB sich iiber die Ereignisse im Zeiten- 
laufe ebenso tauschen - wahrend man das nicht glaubt -, wie man sich 
uber die Ereignisse im Raume tauscht, wenn man keine Perspektive 
zugibt. Denken Sie einmal, wie groB die Tauschung ware, wenn Sie 
keine Perspektive zugeben wurden, wenn Sie das Entfernte im Raume 
als so wirksam auf sich selbst betrachten wurden wie das Nahe. Sie 



schauen auf einen fernen Berg hin. Von der Luft, die Sie umgibt, 
hangt wesentlich Ihre Gesundheit ab; von der Luft auf dem fernen 
Berge nicht, denn wollen Sie sie als gesundheksfordernd haben, so 
miissen Sie hingehen. Die Wirklichkeit hangt im wesentlichen, sobald 
es um die Wirklichkeit im Leben sich handelt, mit der Perspektive zu- 
sammen. So ist es aber auch mit Bezug auf die Zeit. Wir leben richtig 
in der Gegenwart, wenn wir nicht glauben, daB die ferneren Ereignisse 
der Vergangenheit ebenso gewogen werden konnen wie die nahen 
Ereignisse. Wenn wir im dritten nachatlantischen Zeitraum die 
agyptisch-chaldaische Zeit betrachten und nur dasjenige ins Auge 
fassen, was die Dokumente liefern, und sie so registrieren, wie sie die 
Torengeschichte registriert, die Fable convenue, die sich eben heute 
Geschichte nennt, dann machen wir den perspektivischen Fehler. 
Denn es hat iiberhaupt fur das heutige Leben gar keine Bedeutung, 
was die Menschen auBerlich an Taten wahrend der agyptischen Zeit 
gemacht haben, aber was die Engel und Erzengel und Archai gemacht 
haben, das hat Bedeutung; das tritt aber nur in der perspektivisch ge- 
bildeten Betrachtung hervor. Daher ist es ein Grundsatz, und nicht 
nur heute, wo wir alle diese Dinge wiederentdecken miissen auf dem 
Boden der Anthroposophie, sondern in alien Zeiten war es ein Grund- 
satz fur alle geistigen Forscher, daB die Zeit als solche eine Tauschung 
ist, und niemals wurde von einem wirklichen Kenner der Wirklichkeit 
mit der Zeit so gerechnet, daB sie fur eine Wahrheit gehalten wurde, 
daB sie selbst fur eine wahre Wirklichkeit gehalten worden ware. 

Nun trat das Eigentumliche zutage, dieser Karl Marx, von dem ich 
Ihnen gesprochen, auf den heute Millionen schworen, wenn auch mehr 
oder weniger in Schattierungen, mehr oder weniger in Formeln - aber 
darauf kommt es nicht an; wer die Dinge kennt, weiB, daB Tausende 
von Menschen auf ihn schworen, oder wenn sie nicht auBerlich be- 
wuBt schworen, so tun sie es unterbewuBt -, dieser Karl Marx hat ver- 
sucht, die Frage zu beantworten: Welches sind die wahren Giiter der 
Menschheit? Was ist es wirklich, was in der Menschheit geleistet 
wird? - Es ist auBerordentlich originell, wie er die Frage beantwortet 
hat, denn so ist sie noch nie beantwortet worden; was menschliche 
Giiter sind, wurde immer in irgendeiner andern Weise betrachtet, als 



Karl Marx es betrachtet. Was menschliche Giiter sind, wurde be- 
trachtet, sagen wir zum Beispiel danach, ob es weither gebracht wer- 
den muB, ob viel Verstand notwendig ist, es aufzufinden oder der- 
gleichen. Ich habe Ihnen das einmal dadurch klarzumachen gesucht, 
daB ich Ihnen sagte : Menschliche Arbeit muB man auch qualitativ be- 
trachten, man muB sich uberhaupt ganz aufs Konkrete einlassen. Wir 
betrachten den kunstvollen Gotthardtunnel. Kein Mensch kann heute 
so etwas bauen wie den Gotthardtunnel, der nicht Differential- und 
Integralrechnung kennt, und Differential- und Integralrechnung ist 
eine Leibnizsche oder, wenn es in England besser gefallt, eine New- 
tonsche - die beiden stritten sich ja um die Ehre - Erfindung. Man 
kann also sagen, Newton oder Leibniz haben mitgearbeitet am Gott- 
hardtunnel. Ja, ohne sie hatte man ihn ganz gewiB nicht bauen konnen ! 
Nun muB man die Arbeit von Newton oder Leibniz in einer ganz an- 
dern Weise bewerten, als man die Arbeit eines Menschen bewertet, 
der einen Stein auf den andern legt im Gotthardtunnel. Das ist ein 
solcher Gesichtspunkt, wie man menschliche Giiter, Menschenarbeit 
zu bewerten hat. Die Wertlehre der menschlichen Arbeit, des mensch- 
lichen Lebens hat verschiedene Gestaltungen gehabt. Man hat von 
den verschiedensten Gesichtspunkten Arbeit, Lebensgiiter bewertet, 
noch niemals so, wie Marx gewertet hat. Karl Marx nimmt ein einziges 
Element auf in seine Wertlehre. Fur ihn ist alles dasjenige, was Wert 
im menschlichen Leben hat, nur dadurch Wert, daB es kondensierte 
Zeit ist, kondensierte Arbeitszeit namentlich. Ob irgend etwas in drei 
Stunden, in sechs, in zwolf Stunden hergestellt werden kann, danach 
bemiBt sich sein volkswirtschaftlicher, sein weltwirtschaftlicher Wert. 
Darauf beruht ein groBer Teil der Theorie von Marx, die heute so 
gang und gabe ist, daB man es erleben kann, daB, wenn da oder dort 
irgendein Mensch der sogenannten hoheren Stande von seinem Stand- 
punkte aus iiber Arbeit spricht, ein Arbeiter aufsteht, ein richtiger 
Sozialist, und sagt: Bitte, lesen Sie nach bei Karl Marx - er hat natiir- 
lich das Buch nicht bei sich -, bitte, Seite 374, da werden Sie das oder 
jenes finden. 

Man muB das Leben wirklich kennen, um iiber das Leben urteilen 
zu konnen, sonst wird man iiberall erstaunt sein, daB da oder dort dies 



oder das geschieht. Was geschieht, geschieht aus den Impulsen der 
Menschenseele heraus. Wenn man sich aber so wenig kiimmert, wie in 
den letzten Jahrzehnten die Menschen der Erde sich urn das gekum- 
mert haben, was auf dem Grande der Menschenseele eigentlich vor 
sich gegangen ist, dann sollte man gar nicht erstaunt sein, wenn zu- 
letzt das Ganze katastrophal zusammenbricht. Was ich aber ausgefiihrt 
habe, fiihrte ich aus einem besonderen Grunde aus. Es ist das erste 
Mai, daft das Originelle eintritt, daB dasjenige, was nur die Quelle der 
Tauschung ist, zum MaBstabe aller volkswirtschaftlichen Werte ge- 
macht wird: die Zeit in der Form der Arbeitszeit. 

Nehmen Sie das also vom Standpunkte einer hoheren Perspektive 
aus. Die in die Wirklichkeit einsichtigen Menschen haben immer ge- 
wuBt: Zeit ist Tauschung. - Nun kommt einmal jemand, der sagt: 
Aber das, was in der Welt Wert hat, hat nur so viel Wert, als konden- 
sierte Arbeitszeit drinnen ist. - HeiBt das nicht mit andern Worten: 
Also eure Wirklichkeit ist Illusion, und nur dasjenige, was konden- 
sierte Zeit ist, hat wirklichen Wert? Die Tauschung wird gerade von 
denjenigen, die ganz materialistisch sein wollen, die ganz nur auf 
dem Boden der Wirklichkeit stehen wollen, bis in die Form der Zeit 
zur Wirklichkeit gemacht, und die Wirklichkeit wird iibersehen. 

Das ist nur ein Beispiel. Ich konnte Ihnen zahlreiche vorfuhren von 
Dingen, die trosten, wenn man bestiirzt ist iiber Wahrheiten, die, 
wenn man ein Herz hat fur das Leben der Menschheit, donnerahnlich 
einschlagen in das Gemiit. Aber wenn man dann die Dinge im Kon- 
kreten studiert, wenn man dann auf die Hand schaut einem solchen, 
wie es Karl Marx ist, von dem man weiB, sein Geist wirkt ahrimanisch, 
und ihn fragt: Wie verfahrst du im einzelnen? - dann ist es schon so, 
daB man auf das Ahrimanische kommt, und daB man fuhlt : Du darfst 
solche Wahrheiten dir gestehen. - Ich wollte Ihnen nur ein Beispiel 
hier anfiihren. Es ist ja im Grunde genommen auch nicht leicht, sich 
sagen zu miissen: Alles dasjenige, was wie anachronistisch in die Welt 
hereinragt heute, es ragt dadurch herein, daB die Menschen sich her- 
ausstellen aus der geistigen Welt, die ihnen dadurch zur achten Sphare 
wird, und daB sie die Welt nur geschopf lich nehmen. - Wenn Sie dies 
nehmen, dann werden Sie schon mit allem Schwergewicht empfinden, 



was es heiBt, wenn ich immer wieder und wiederum betone: Es 
kommt heute gar nicht darauf an, daB ein Mensch inhaltlich etwas 
Schones sagt, etwas, was man zugeben kann, sondern es kommt darauf 
an, was aus dem, was man sagt oder tut, wirklich wird. Ich muB immer 
wieder und wiederum erzahlen, wie von mir immer von neuem der 
Versuch gemacht worden ist - Sie wissen, ich sage das nicht aus irgend- 
einer albernen Eitelkeit heraus -, darauf aufmerksam zu machen, wie 
es nicht darauf ankommt, daB man diesen oder jenen Gedankeninhalt 
hat, sondern daB man darauf sieht, wie dieser oder jener Gedanken- 
inhalt wirkt. Sie konnen einen Gedanken haben, der wunderschon ist. 
Wenn Sie aber keine Ahnung haben, wie der Gedankeninhalt in der 
Wirklichkeit wirkt, so kann er das Entgegengesetzte bewirken. Ich 
versuchte an verschiedenen Beispielen solche Dinge klarzumachen, 
schon seit Jahren. So zum Beispiel im Anfange des Jahrhunderts, des 
20. Jahrhunderts, hielt ich einmal einen Vortrag, in dem ich sagte - 
ich fasse jetzt vieles, was damals auseinandergesetzt worden ist, in 
wenige Worte zusammen, weil ich nur illustrieren will -: Es gibt heute 
Leute, mehr als es je gegeben hat, die sind programmaBig Pazifisten, 
reden sehr schon iiber die Fuhrung der Menschheit von ihrem pazi- 
fistischen Standpunkte. Noch niemals eigentlich hat der Paziflsmus 
solchen Umfang angenommen wie in dieser Zeit - also ich redete im 
Anfang des Jahrhunderts. Und das ist, sagte ich, das deutliche Zeichen, 
daB wir vor dem groBten Kriege der Menschheit stehen. - Denn so 
unreal zu denken iiber menschliche Zusammenhange, wie man inner- 
halb dieser Kreise gedacht hat, so sehr nur auf den Inhalt der Gedanken 
zu gehen, so wenig ein BewuBtsein davon zu haben, wie die reale 
Wirksamkeit desjenigen ist, was in der Seele lebt, das man nur er- 
kennen kann durch die ganze Weltperspektive, so war man friiher 
nicht. Das tut man erst im Zeitalter, in dem sich alle die Dinge aus- 
breiteten, von denen wir jetzt gesprochen haben. 

Woher kommt es, daB geradezu fur viele Menschen etwas ton- 
angebend sein kann, was gar nichts weiter ist als Gedankeninhalt, aber 
ganz unwirklicher, der nie etwas zu tun haben kann mit dem, was ge- 
schieht: der Woodrow Wilsonsche Gedankeninhalt, der auch nichts 
anderes ist als agyptisch-chaldaischer Gedankeninhalt, der sich nicht 



kiimmert darum, daB eine geistige Wirklichkeit in der Geschichte da 
ist, sondern nur abstrakte Gedanken aneinanderfugt, woher kommt 
es? Es kommt von all diesen Eigenturnlichkeiten unseres Zeitalters. 
Eine kiinftige Geschichtsschreibung wird auf den Namen Woodrow 
Wilson alles dasjenige, was unsere Zeit hervorgebracht hat an un- 
realen, das Gegenteil bewirkenden Gedanken, zu taufen haben. 

Das ist dasjenige, was einschneidend ist in unser Weltanschauungs- 
leben, einschneidend sein muB, und was man nicht betrachten darf 
vom Standpunkte von heute auf morgen, sondern was man betrachten 
muB vom Standpunkte der ganzen Kosmologie aus, vom Standpunkte 
des Darin-Hineingestelltseins. Wer solche Fragen beantwortet von 
dem Gesichtspunkt, der sich ergibt aus einer ganzen Weltanschauung, 
der urteilt iiber solche Menschen, wie etwa Woodrow Wilson ist, nicht 
aus Sympathien oder Antipathien, sondern er urteilt so, wie man ob- 
jektiv iiber irgend etwas urteilt. Das aber ist der Anachronismus, daB 
sich sehr viele Leute heute nicht darauf einlassen konnen, weil es un- 
bequem ist, den Dingen ins Antlitz zu schauen. Man kann den Dingen 
nicht ins Antlitz schauen, wenn man nicht tiefer in die Dinge hinein- 
forscht. Von solchen Seelen, die heute in keiner Beziehung steheh zu 
dem geschichtlichen Leben, muB das gesagt werden: es sind Seelen, die 
ignorieren dasjenige, was an wirklicher Geschichte durch die dritte 
Hierarchie geschehen ist, und die daher nicht mit den wirklichen 
Impulsen zu tun haben, wenn sie sprechen, sondern im Grunde ge- 
nommen nur mit Worthulsen zu tun haben. 

Das ist eine Grundanforderung unserer Zeit, daB man sich bekannt- 
mache damit und einsehe, daB, wenn wir die schonsten BegrifFe haben, 
die der menschliche Verstand fassen kann, die schonsten BegrifFe, die 
ganz gut ausreichen, um die Natur, die um uns herum ausgebreitet ist, 
zu erforschen, wir doch niemals etwas verstehen werden von der Ge- 
schichte. Denn die Geschichte spielt sich nicht ab so, wie sich das 
Naturleben abspielt; Geschichte spielt sich ab als Taten geistiger We- 
senheiten. Das ist das, was sich zu den andern Weltanschauungen hin- 
zufinden muB. Von der Theokratie, wie ich es Ihnen gestern geschil- 
dert habe, sind die Menschen ausgegangen, indem sie sich wahrend 
der Zeit der Theokratie noch erinnert haben an das alte Hereinragen 



der theokratischen Ordnung; dann ist die metaphysische Zeit ge- 
kommen, die im wesentlichen das Verwaltungsbeamtentum der gan- 
zen Welt ausgebildet hat; dann ist die rein materialistische Zeit ge- 
kommen, die Zeit der Industriellen. Das wiirde vollstandig hinein- 
fiihren in das Irreale gegeniiber dem Geistigen, wenn nicht das 
Gegengewicht kommen wiirde des Sich-wieder-Hineinarbeitens in das 
Reale, in das Wirkliche, das man aber nur betrachten kann, wenn man 
aufsteigen kann zu dem, was sich fur den Menschen im gewohnlichen 
Leben im heutigen Zeitenzyklus verhiillt. Wir miissen wieder lernen, 
von ubersinnlichen Dingen zu sprechen, wenn wir von Geschichte 
sprechen wollen. Im 19. Jahrhundert hat man vielfach von geschicht- 
lichen Ideen gesprochen - nun, jeder weiB, daB man mit Ideen eben 
keinen Baum umhacken kann; aber daB das geschichtliche Leben der 
Menschhek von Ideen bewirkt wird, das glauben zum Beispiel die 
Ranke-Anhanger und ahnliche Historiker. Das wird man einsehen 
miissen, daB auch diese Zeit, die bloBe metaphysische Zeit, iiber- 
wunden werden muB, sonst wird iiberwuchern jene Weltanschauung, 
die rein auf das Sinnliche beschrankt ist. Es muB die Menschheit dem 
Spirituellen sich entgegenarbeiten. Das kann sie nur, wenn sie zu- 
nachst wenigstens auf dem Gebiet der Geschichte sich durcharbeitet 
von der Scheingeschichte in der zeitlichen Aufeinanderfolge bis zu 
dem realen Geschehen, das hinter der auBeren sinnlichen Wirklichkeit 
so greifbar, mochte ich sagen, gerade bei der Geschichte ist. Dann 
wird man aber auch nicht mehr soziale oder ahnliche Programme 
machen aus Ideen heraus, die bloB auf das auBere Leben sich beziehen, 
sondern dann wird man seine sozialen Programme wiederum aus den 
Offenbarungen der geistigen Welt heraus verkiinden. Von diesen 
Offenbarungen aus der geistigen Welt heraus sind jene Programme, 
die die Menschen heute machen, aber sehr, sehr verschieden. 

Davon wollen wir dann das nachste Mai sprechen. Nachsten Freitag 
werde ich diese Betrachtungen fortsetzen; sie lassen sich nicht so 
schnell abschlieBen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 13. September 1918 



Ich werde fortfahren, in mehr aphoristischer Form Ihnen weiteres 
vorzubringen iiber das Thema, in dem wir ja jetzt schon seit Wochen 
drinnenstehen, und das ich Ihnen immer bezeichnet habe dadurch, daB 
ich sagte: Die groBe Schwierigkeit in Weltanschauungsfragen liege 
jetzt - dieses «jetzt» betone ich ja immer - darin, daB es aus den An- 
schauungen der Gegenwart heraus den Menschen schwierig wird, 
eine Briicke zu schlagen zwischen dem, was Idealismus genannt wird, 
und dem, was bezeichnet werden kann als Anschauung iiber die 
natiirliche Ordnung der Dinge. Indem der moderne Mensch versucht, 
eine solche Briicke zu schlagen, indem er versucht, sich klarzuwerden, 
wie zum Beispiel die moralischen Ideen - wenn wir aus der Summe 
der Ideen eine Gruppe herausnehmen -, jetzt nkht auBerlich, sondern 
innerlich-real zu den Anschauungen, zu den Begriffen sich verhalten, 
die man entwickelt iiber den Gang der kausalen Naturordnung, ver- 
fallt er in eine Art von Weltanschauungsdualismus, wie man geistes- 
wissenschaftlich das ausdriicken konnte. Das haben wir ja immer wie- 
der betont. Der Mensch versucht, eine solche Briicke zu schlagen, 
aber es gelingt ihm nicht. 

Es wird uns leichter sein, dasjenige genau ins Auge zu fassen, was 
fur diese Frage in Betracht kommt, wenn wir diesen neuzeitlichen 
Dualismus vergleichen mit dem, was entsprechend im Altertum - ich 
meine in der vorchristlichen Zeit, so wie wir von der vorchristlichen 
Zeit sprechen - als Ahnliches existiert hat. Das unserem heutigen 
Dualismus Ahnliche war in alten Zeiten fur die Menschheit etwas, was 
man nennen kann Fatalismus. Man war bis ins 2., 3. vorchristliche 
Jahrhundert, und dann spater noch mehr - es wurde aber immer mehr 
anachronistisch - geradezu gedrangt, in den Fatalismus zu verfallen. 
Und im Grunde genommen ruht auch auf dem Grunde der griechi- 
schen Weltanschauung der Fatalismus. In der neueren Zeit 1st aller 
Fatalismus eigentlich anachronistisch; das heiBt, er gehort nicht mehr 
in die Gegenwart herein. Verfiihrt, konnte man sagen, waren die 



Menschen der alten Zeit zum Fatalismus, verfiihrt sind die Menschen 
der neueren Zeit, und ganz besonders der Gegenwart, zum Dualismus. 

Nun wollen wir einmal uns klarmachen, worauf es beruhte, daB die 
alten Menschen so leicht dem Fatalismus verfallen konnten. Wir wis- 
sen ja, die Seelenverfassung der Menschen hat sich radikal geandert im 
Laufe der Entwickelung, und es ist ein Aberglaube, wenn man nur so, 
wie es etwa der landlaufige Darwinismus tut, eine sukzessive Ent- 
wickelung annimmt. Fur die Seelenverfassung liegt eine radikale Um- 
anderung vor, und in dieser Beziehung ist die Geschichte am aller- 
meisten eine Fable convenue. Die Seelenverfassung der alten Menschen 
war so, daB ihnen eigentlich niemals das NaturgemaBe so entgegen- 
getreten ist, wie es den heutigen Menschen entgegentritt, und dem- 
gegeniiber auch das Geistige nicht so begriffsmaBig, so vorstellungs- 
maBig, wie es dem heutigen Menschen entgegentritt. Alles dasjenige, 
was der alte Mensch von der Natur vorstellte, stellte er so vor, daB er 
das NaturgemaBe mit dem Geistigen verquickt vorstellte, und wieder- 
um das Geistige stellte er sich so vor, daB er fur die Vorstellung Bilder 
aus dem Gange der Natur nahm. Hatte man alte Gotterlehren, so sind 
die eigentlich ganz durchtrankt, als Mythe ganz durchtrankt von Vor- 
stellungen, die der sinnenfalligen Natur entnommen sind. Sprach man 
von der Natur, so sprach man nicht so, wie wir heute sprechen, 
so trocken, so abstrakt, sondern man sprach von elementarer Geistig- 
keit, von Wesenheiten, welche die Naturerscheinungen tragen, be- 
wirken. 

Das beruhte nicht auf einer groBen Kindlichkeit der Ausdrucks- 
weise, sondern es beruhte auf der wirklichen Anschauung, auf der 
wirklichen Seelenverfassung. Der alte Mensch sah die Natur nicht so, 
wie wir sie unter dem EinfluB der heutigen Wissenschaft sehen, auch 
wenn wir nicht Wissenschafter sind ; er sah sein Geistiges nicht so ab- 
strakt, nicht so bloB vorstellungsgemaB, wie wir es heute sehen mus- 
sen. Durch dieses Durcheinanderschwimmen von Natur und Geist 
trug sich der Mensch selbst in den Fatalismus hinein; denn indem sich 
in der neulich geschilderten Weise die Naturerscheinungen fur den 
Menschen durchtrankten von Geistestaten, war selbstverstandlich 
alles Leben in der auBerlichen Weise beabsichtigt, wie menschliche 



Taten beabsichtigt sind. Es war zwar ein Bild, aber der alte Mensch 
hatte kein anderes Bild; das aber fiihrt notwendig zu der Tauschung 
des Fatalismus. 

Im Laufe der Zeit nun entstand eine andere Seelenverfassung. Wir 
haben diese Anderung der Seelenverfassung von den allerverschieden- 
sten Gesichtspunkten bis jetzt schon charakterisiert; wir wollen sie 
heute von einem ganz besonderen Gesichtspunkte ins Auge fas sen. 
Wir wollen uns heute einmal die Frage vorlegen, die wir aber nur 
beantworten konnen auf Grundlage von alldem, was wir in den letzten 
Vortragen vor unsere Seele hingestellt haben: Was ist es eigentlich 
sachlich, was der Mensch sieht, wenn er die Naturordnung verfolgt, 
und was ist es sachlich, was der Mensch innerlich erdenkt, wenn er 
heute von Geist spricht? Jetzt rede ich nicht davon, daB wir in der 
Geisteswissenschaft von Geist sprechen, sondern ich rede davon, wie 
das allgemeine MenschheitsbewuBtsein heute, mehr oder weniger so 
oder so nuanciert, von Geist spricht. 

Wir wissen ja, daB der Mensch, auch wenn er nicht Theoretiker ist - 
von Theoretikern sehen wir ab -, rein instinktiv, wenn er heute die 
Naturordnung iiberschauen will, an das Walten von Stoffen und Kraf- 
ten kommt. Ich rede jetzt nicht von den naturwissenschaftlichen Theo- 
rien von Stoffen und Kraften, sondern ich rede davon, wie einfach 
der heutige Durchschnittsmensch sich die Natur vorstellt, indem er 
in seinen Vorstellungen tiber die Natur dazu kommt, in den Natur- 
erscheinungen ganz instinktiv stoffliche und kraftdurchsetzte Vor- 
gange seinen Anschauungen zugrunde zu legen. Da wird der Mensch 
gefiihrt - wenn man die Dinge untersucht, wenn man wirklich sach- 
gemaB die Dinge untersucht, wir wissen das ja - zu einer Illusion. 
Denn eigentlich ist all das, was ausgesagt werden kann in solchen Zu- 
sammenhangen iiber das, was Stoff und Krafte sind, alles ist Illusion. 
Die Grundlage der heutigen Naturanschauung ist Illusion. Das be- 
ruht nicht auf einer Fehlerhaftigkeit des Denkens allein, das beruht 
einfach auf der heutigen Seelenkonstitution, auf der heutigen Seelen- 
verfassung. Wir reden nicht mehr wie etwa die indische Weltanschau- 
ung von Maja oder Illusion, weil wir den Tatbestand im gewohnlichen 
Leben nicht durchschauen. Wir durchschauen diesen Tatbestand nicht, 



so daB wir eigentlich, wenn wir die Natur vorstellen, immer in der 
Illusion leben. Das ist das eine. 

Das andere ist: Wie steht es mit der heutigen Geistanschauung? 
Diese heutige Geistanschauung ist etwas, was sehr, sehr in Abstrak- 
tionen schwebt. Sie konnen dies am besten verfolgen, wenn Sie sich 
die eine oder andere Philosophic nehmen. Es ist schon ganz gleich- 
giiltig, welche Philosophic Sie nehmen. Sie konnen eine so halbver- 
worrene, in Wortgetandel ablaufende Philosophic nehmen wie die 
Euckensche, Sie konnen eine etwas auf sichererenGrundlagenruhende 
wie die Liebmannsche nehmen, Sie konnen sich auf eine solche ein- 
lassen, welche mehr zum popularen BewuBtsein spricht, wie die 
Schopenhauersche und so weiter: da wird in Philosophien und Welt- 
anschauungen der Gegenwart von Geist gesprochen; wenn die Philo- 
sophien nicht rein positivistisch sind, wie die Comtesche, die wir 
neulich kennenlernten, wenn sie nicht materialistisch sind, so wird 
immerhin von den Philosophen von Geist gesprochen. Aber was ist 
das, wovon da in den Philosophien gesprochen wird, und was Geist 
genannt wird aus der heutigen Seelenkonstitution heraus? Geradeso 
wie dasjenige, was der Mensch wie ein Netz durch die Naturerschei- 
nungen hindurchzieht, indem er eine gewisse stoffliche und kraftliche 
Ordnung annimmt, die Naturanschauung zur Illusion macht, so ist 
alles das, was heute in den landlaufigen Anschauungen iiber den Geist 
gesagt wird, im Grunde eine Halluzination, und die gebrauchlichen 
Philosophien sind eigentlich nur eine Summe von nicht bemerkten 
Halluzinationen. Im Grunde genommen ist der Mensch heute so kon- 
stituiert, daB er mit seiner Seele, wenn er zur Natur hinsieht, zwischen 
der Illusion, wenn er zum Geiste hinsieht, zwischen der Halluzination 
schwebt. Was die Philosophen vom Geiste traumen, indem sie rein 
aus Begriffen heraus eine gewisse Anschauung vom Geiste sich kon- 
struieren wollen, das ist eigentlich nur eine Summe von feinen Hallu- 
zinationen, allerdings von feinen, aber eben doch von Halluzinationen. 
Es sind Gebilde, die aus Griinden, iiber die wir heute nicht sprechen 
wollen, aus dem Inneren des Menschen aufsteigen, die als solche 
unmittelbar mit der Wirklichkeit nichts Rechtes eigentlich zu tun 
haben. 



Ich habe Sie ofters aufmerksam gemacht auf solche Erscheinungen 
der Tatsachenwelt, welche klar zeigen, daB alles das, was die Menschen 
sich vorstellen konnen, nicht viel zu tun zu haben braucht mit der 
Wirklichkeit. Ich habe, um dies zu erharten, hingewiesen darauf, daB 
zum Beispiel in ihrer Naivitat eine ganze Anzahl von Philosophen 
heute davon reden, der Mensch miisse zusammengesetzt gedacht wer- 
den aus Leib und Seele. Selbst die weltberuhmte Wundtsche Philo- 
sophic spricht von Leib und Seele und gibt sich der Meinung hin, daB 
sie vorurteilslos ist. Aber in Wirklichkeit - auf das habe ich ja schon 
aufmerksam gemacht was ist die ganze Wundtsche Philosophic oder 
ahnliche Philosophien? Es ist nur die Ausfiihrung desjenigen, was das 
achte allgemeine Konzil von Konstantinopel im Jahre 869 beschlossen 
hat: daB man nicht sprechen diirfe - so ungefahr konnte man den 
dazumal ja allerdings verklausulierten KonzilsbeschluB definieren — , 
wenn man vom Menschen spricht, von Leib, Seele und Geist, sondern 
daB das Geistige nur eine Eigenschaft des Seelischen sei, daB man nur 
sprechen diirfe von Leib und Seele. Und die Trichotomie Leib, Seele 
und Geist war ja eine ketzerische Anschauung durch das ganze Mittel- 
alter hindurch. Die theologischen Philosophen haben gebebt, wenn 
sie durch die Wirklichkeit dazu gedrangt worden waren, von Leib, 
Seele und Geist nur etwas anzudeuten, denn es war eben eine ketze- 
rische Anschauung. Unter dieser Anschauung stehen die Philosophen 
noch heute. Sie fuhren nur dasjenige aus, was jenes Konzil von Kon- 
stantinopel dazumal dogmatisiert hat, und sie glauben, vorurteilslos 
zu sein, sie glauben, daB sie etwas, was aus ihren reinen Anschau- 
ungen, Forschungen folgt, ausfiihren, wahrend sie in Wahrheit Aus- 
fiihrer eines Konzilsbeschlusses sind. Man muB die Dinge ohne 
Illusion anschauen; man muB auf die Wirklichkeit hinschauen. Unsere 
jungen Studenten lernen iiberall in der Philosophic dasjenige, was das 
Konzil von Konstantinopel 869 beschlossen hat. 

Nun behaupte ich durchaus nicht, daB dasjenige, was heute gelehrt 
wird, eine direkte Folge oder Wirkung jenes Konzilsbeschlusses ist; 
sondern was dazumal dogmatisiert wurde auf dem achten Konzil in 
Konstantinopel, das war als Dogma auch wiederum nur der gedank- 
liche AusfluB von tieferen Geschehnissen, die unter der Oberflache 



der Dinge verborgen sind und die heute noch fortlaufen. Und alles 
dasjenige, was dogmatisieren will - gleichgiiltig, pb es die braven 
Philosophen des Konzils von Konstantinopel gemacht haben oder die 
braven Professoren der heutigen Universitaten — , alle diese Begriffs- 
gespinste sind im Grunde genommen nur begriffliche Halluzina- 
tionen, welche aufsteigen in dem Menschen und zu diinn sind, mochte 
ich sagen, an Realitatsgehalt, um die Wirklichkeit, die darunter waltet, 
wirklich zu erfassen. Weil der heutige Mensch seiner Seelenkonsti- 
tution nach gewissermaBen pendelt zwischen dem Halluzinatorischen 
seiner Begriffswelt und dem Illusorischen seiner Naturanschauung, 
deshalb liegt fur ihn die Gefahr des Dualismus vor. Und er wird immer 
in der Gefahr sein, alles, was er als Ideen, als Ideale ausheckt, nur 
tragen zu konnen in die halluzinatorische Sphare der BegrifFe, die nicht 
an die Wirklichkeit heranreicht; oder aber, er wird, was er iiber die 
Natur ausheckt, tragen konnen in die Illusions sphare der Natur- 
anschauung, die wiederum nichts mit der wahren Wirklichkeit zu 
schaffen hat, die eben eine Illusion ist. Der Mensch ist eben niemals 
dazu veranlagt, dasjenige, was er Wahrheit nennt - ein Wort -, un- 
mittelbar zu finden, ich mochte sagen, bequem zu finden. Er muB von 
etwas, was im Leben ihm Zwiespalt, Zweifel, Skeptizismus bringen 
kann, ausgehen und zur Wahrheit durchdringen. In dem heutigen Ent- 
wickelungszyklus ist der Mensch gezwungen, aufzusteigen von dem 
Pendeln zwischen der Halluzination der Philosophic und der Illusion 
der Naturanschauung zu dem wahrhaft Wirklichen, zu dem, was wirk- 
lich ist. 

Nun konnte man die Frage aufwerfen - ich spreche naturlich mehr 
oder weniger aphoristisch, erst das Ganze soil einen Zusammenhang 
dann geben : Was kann man denn als nachsten Grund dafiir angeben, 
daB der alte Mensch mehr in den Fatalismus, der neuere Mensch mehr 
in den Dualismus in Weltanschauungsfragen hat verfallen konnen, 
oder verfallen kann? Man verfallt in solche Gefahren dann, wenn man 
sich iiberlaBt dem bloBen Begriffs spiel, man konnte heute auch sagen: 
der bloBen Dialektik. 

Nun werden Sie freilich einwenden: Die heutigen Menschen bei 
ihrem Wirklichkeitssinn sind gar nicht dazu veranlagt, einem bloBen 



Begriffsspiel zu verfallen. - Sie irren gar sehr! Kiinftige Zeitalter, die 
das unsrige objektiver einschatzen werden, die werden schon ein- 
sehen, da6 niemals in der Menschheit vorhanden waren solche Nei- 
gungen, zu theoretisieren, mit bloBen Begriffen zu spielen, als gerade 
in der Gegenwart. Der Mensch veriaBt heute sehr gern die Wirklich- 
keit und wendet sich dem bloBen Begriffsspiel zu. Wenn man aber die 
Wirklichkeit veriaBt und anfangt, seine Begriffe zu drehen, zu wenden, 
zu verbinden, zu trennen, in dem Augenblick, wo man von der Wirk- 
lichkeit abgekommen ist, dann ist schon die Gefahr vorhanden ent- 
weder des Fatalismus oder des Dualismus. Dasjenige, worauf es an- 
kommt, und was sich der heutige Mensch ganz besonders anzuerziehen 
hat, das ist eben der oft von den verschiedensten Gesichtspunkten 
auch hier betonte Wirklichkeitssinn. 

Nun ist es namentlich geistigen Dingen gegeniiber nicht ganz leicht, 
sich den Wirklichkeitssinn anzuerziehen, denn gerade geistigen Din- 
gen gegeniiber steckt man mehr, als man glaubt, im bloBen Begriffs- 
spiel, in einer spielerischen Dialektik. Und dasjenige, was als auBere 
Illusion erscheint, sobald es hereinspielt ins moralisch-geistige Leben 
der Menschen, ist sehr stark geeignet, das IllusionsmaBige zu fordern. 
Uber gewisse Dinge versucht der Mensch immer zu theoretisieren. 
Er versucht zu theoretisieren iiber das Gute und das Bose, iiber die 
Freiheit oder die Notwendigkeit; iiber die allerwichtigsten Fragen des 
Lebens, kann man sagen, ist der Mensch eigentlich furchtbar geneigt 
zu theoretisieren, das heiBt, sich einem bloBen Begriffsspiel zu iiber- 
lassen. Und was man heute da oder dort an Weltanschauungsdiskus- 
sionen trifft, das lauft eigentlich in der Regel nur innerhalb der Be- 
griffsdialektik. Die Menschen tauschen sich allerdings auch sogar 
dariiber, indem sie glauben, Begriffe zu haben, aber in Wirklichkeit ja 
gar nicht Begriffe haben konnen; sondern sie haben neben dem Be- 
griff noch die Sympathien und Antipathien fur gewisse Begriffe und 
gegen gewisse Begriffe, und nach seinen Sympathien und Antipathien 
bildet sich dann ein Mensch diesen oder jenen Begriffszusammenhang 
und dergleichen. Aber darauf will ich weniger Riicksicht nehmen. In 
den weitaus meisten Weltanschauungsdiskussionen, die ja ein Be- 
griffsspiel bilden in Fragen, ist ein Absehen von der Wirklichkeit. 



Gehen wir, um das klarzumachen, was ich hiermit eigentlich meine, 
von einer im Leben oft auftretendenTatsache aus : vomHaB, vomVor- 
handensein des Hasses. So etwas, wie das Vorhandensein des Hasses 
in der Menschennatur, will man erklaren. Mit einer bloBen BegrifFs- 
spielerei versucht man sehr haufig, solche und ahnliche Dinge zu er- 
klaren. Der HaB ist da als eine Seelenerscheinung, als eine psycho- 
logische Realitat. Aber wer sich auf diese Dinge einlaBt, findet sehr 
bald, daB man die ganze Farbe der Erscheinung des Hasses mit ge- 
wissen Begriffen, die man sich dariiber macht, doch nicht eigentlich 
einfangen kann. Solche Dinge, wie HaB, kann man nur verstehen, 
wenn man versucht, von der Illusionswelt zu der wahren Wirklich- 
keitswelt zu kommen. Der HaB ist etwas, was aus einer tieferen Wirk- 
lichkeitswelt in die menschliche Seele hereinspielt. Man muB sich nun 
fragen : Dieser HaB, ist er in der Wirklichkeitswelt dasselbe, als was er 
in der menschlichen Seele erscheint? Wenn er in der Wirklichkeits- 
welt etwas anderes ist, als er in der menschlichen Seele erscheint, dann 
werden wir bald einsehen, wie nahe es liegt, daB man zu keiner 
geistigen Anschauung kommt, wenn man bloB den HaB in der mensch- 
lichen Seele kennenlernt. Wenn man den HaB mit geisteswissen- 
schaftlichen Methoden aufsucht im Kosmos - jetzt nicht im einzelnen 
Menschen, in die einzelne Menschenseele spielt er herein, der HaB -, 
wenn man ihn aufsucht im Kosmos, so ist er da etwas ganz anderes. 
Man findet dasselbe, was in der Menschenseele als HaB sich verwirk- 
licht, auch drauBen im Kosmos. Man muB nur nicht darauf herein- 
fallen, bloB solche Naturkrafte zu suchen, wie sie die heutige wissen- 
schaftliche Illusion sucht, sondern man muB in die Wirklichkeit hin- 
einschauen, die hinter der Natur ist, dann findet man schon im Kos- 
mos das Entsprechende fur den HaB. Aber im Kosmos ist dieser HaB 
etwas wesentlich anderes, als er in der menschlichen Seele ist. Im 
Kosmos ist der HaB eine Kraft, ohne welche niemals Individualisie- 
rung eintreten konnte. Niemals konnten Sonderwesen entstehen, auch 
das menschliche Sonderwesen konnte nicht entstehen, wenn es nicht 
im Kosmos die Kraft des Hasses gabe. Ich spreche nicht von dem 
illusionistischen AbstoBen der Atome, sondern ich spreche von etwas 
Realem. Im Kosmos entsteht HaB, aber im Kosmos darf HaB nicht so 



moralisch bewertet werden, wie wenn er in die Menschenseele herein- 
spielt. Im Kosmos ist HaB eine Kraft, welche aller Individualisierung 
zugrunde liegt. Die ganze Welt wiirde in eine groBe Einheit ver- 
schwimmeln, so wie es die nebulosen Pantheisten gern haben mochten, 
es wiirde sich kein Wesen sondern, es wiirde sich nicht gliedern, wenn 
nicht durch den ganzen Kosmos das waltete, was die Menschen zu- 
nachst nicht sehen im Kosmos, was aber in die Menschenseele herein- 
spielt und in der Menschenseele die besondere Form, die man da als 
HaB kennenlernt, annimmt. 

Nun entsteht allerdings dieFrage: Wie ist das Verhaltnis des Mensch- 
lichen zu diesem Kosmischen? Von einer gewissen Seite her habe ich 
Ihnen schon etwas dariiber angedeutet; wir wollen heute noch einiges 
Aphoristische dazufiigen. Als einsichtige Philologen - heute ist auch 
die Philologie erstens verabstrahiert, und zweitens ziemlich philistros 
geworden -, aber als die einsichtigeren Philologen die Sprachen 
studierten, welche man bei den sogenannten wilden Menschen in 
Amerika hatte finden konnen, als die «Zivilisierten», ich sage das 
unter Anfiihrungszeichen, in Amerika eingedrungen waren, als also 
diese Zivilisierten die wilden Amerikaner entdeckt hatten, da fanden 
die einsichtigeren Philologen, daB es doch merkwiirdig sei, was diese 
wilden Menschen fur logisch durchsichtig ausgebildete Sprachen 
haben ! Eine ganze groBe Anzahl solcher Sprachen fanden sich da, in 
denen sich, wie die Philologen versichern konnen und wie es auch 
wahr ist, die Finessen des Spanischen und Italienischen in der Sprach- 
bildung und Sprachgliederung zusammenfinden. Bei den wilden Ein- 
geborenen Gronlands fand man solche Dinge. Nun ist es ganz zweifel- 
los : jenen Intellekt, auf den der moderne Mensch so stolz ist, den hatten 
diese Wilden nicht. Dieser moderne Intellekt wiirde auch nicht sehr 
weit kommen, wenn er sich auf Sprachbildung und auf Sprachschop- 
fung einlieBe; denn was der moderne Intellekt zustande bringt, wenn 
er sprachschopferisch auftreten will, davon kann man sich mancher- 
orts hinlanglich iiberzeugen. Da waltete in der Tat in der Menschen- 
seele, die noch eine wilde war, die noch nicht den gegenwartigen 
Intellekt hatte, objektive Vernunft, jene objektive Vernunft, die ich 
Ihnen auch sonst neulich einmal im Sprachschopferischen der Mensch- 



heit wirksam zeigte. Da waltete Vernunft. Diese Vernunft, die da 
waltete, die traf den Menschen noch nicht so stark individualisiert, 
wie die heutige Weltvernunft den Menschen trifft; sie traf den Men- 
schen noch weniger individualisiert, weniger gesondert, und wirkte 
in ihm noch mehr als kosmische Vernunft. Und so ist es auch in der 
Entwickelung der Menschheit gekommen. Der Mensch war in jenen 
alten Zeiten nicht jenes wilde Wesen, von dem die heutige Anthro- 
pologic illusionistische Vorstellungen erweckt, sondern er war ein 
Giied eines Gesamtorganismus - obwohl das naturlich bildlich ge- 
sprochen ist - und er individualisierte sich nach und nach. Also er 
war ein Glied und driickte noch mehr die kosmische Vernunft aus, oder 
man konnte auch sagen, in ihm driickte sich mehr die kosmische Ver- 
nunft aus. 

Da haben Sie eine tatsachliche Andeutung, wie das Kosmische, das 
da wirkt, hereinspielt in die Menschenseele. Und nun konnen Sie das 
auch ubertragen auf eine solche Spezialerscheinung wie den kos- 
mischen HaB, der sich in die Menschenseele hereinfindet. Und wir 
wis sen ja, es muB auf geistigem Gebiete ahnlich wie auf natiirlichem 
Gebiete gesprochen werden von gewissen Polaritaten. Wie ist das- 
jenige hereingekommen, was kosmische Vernunft ist in der Sprache? 
Heute ist die Menschheit nicht mehr sprachschopferisch, sie war 
sprachschopferisch; was heute in den Sprachen auftritt, sind nur 
Residuen. Wie ist in die Menschenseele jene kosmische Vernunft her- 
eingedrungen, wie ist sie individuell geworden? Suchen wir uns diese 
Frage zu beantworten, so kommen wir zu alle dem, was wir das 
Ahrimanische nennen. Und wie dringt aus dem Kosmischen so etwas 
herein wie die Erscheinung des Hasses in der Menschenseele? Da 
kommen wir auf das dem Ahrimanischen polarisch entgegengesetzte 
Luziferische. Der heutige Mensch schamt sich, von Ahriman und 
Luzifer zu sprechen, wahrend er sich nicht schamt, von positiver oder 
negativer Elektrizitat oder positivem oder negativem Magnetismus 
zu reden. Das aber, daB er sich schamt, ist eben nur beruhend auf 
einem modernen Aberglauben. 

Auch wenn wir uns klar sind daruber, daB diese Tatsache vorliegt, 
daB wirklich geistige Entitaten, geistig Wesenhaftes hereintrat auf der 



einen Seite als Luziferisches in solchen Gebilden wie dem HaB, oder 
als Ahrimanisches in solchen Dingen wie der Sprache oder auch dem 
Denken, so miissen wir auf der andern Seite uns auch dariiber klar- 
werden, wie die Dinge bedeutsam sind im ganzen Weltenzusammen- 
hange, wie das sich in den ganzen Weltenzusammenhang hineinstellt. 
Wenn ich den HaB so ansehe, daB ich sage, auf ihm beruhen die groBen 
Anfangstatsachen, eben daB es sich individualisieren, absondern kann, 
daB nicht alles ineinanderschwimmt in einem allgemeinen Urbrei, 
so deute ich auf das Phanomen, auf die Tatsache des Hasses in ur- 
urferner Vergangenheit hin, in jener Vergangenheit, in welcher der 
Mensch noch nicht in seiner heutigen Form vorhanden war; ich deute 
auf eine sehr, sehr feme Vergangenheit hin. Ich gebe Ihnen also 
gewissermaBen eine Anschauung vom HaB, welche einer fernen, fer- 
nen Vergangenheit entspricht, derjenigen Vergangenheit, in der der 
Mensch sich noch nicht herausgegliedert hat aus der iibrigen Welten- 
ordnung. Wir konnen von den verschiedenen Naturreichen sprechen, 
von denen wir wissen - Sie brauchen nur meine «Geheimwissenschaft 
im UmriB» zu lesen -, wie sie sich aufgebaut haben als mineralisches, 
pflanzliches, tierisches, menschliches Reich. Wir konnen von diesen 
Naturreichen sprechen. Wenn wir vollstandig, nicht von ihrem Illu- 
sorischen, sondern von ihrer Wirklichkeit sprechen, lebt in alldem 
die Kraft des Hasses darinnen, aber des Hasses so, wie ich ihn Ihnen 
als kosmischen HaB veranschaulicht habe. 

Nun kommt ein Zeitpunkt in der Evolution, wo in die Menschen- 
seele hereinspielt dasjenige, was sonst allgemeine kosmische Tat- 
sache ist; es spielt herein in die Menschenseele durch luziferische, 
ahrimanische Krafte: jetzt ist es in der Menschenseele drinnen, jetzt 
ist es herausgehoben aus dem Kosmischen, wie sich dieses Kosmische 
aus der Vergangenheit bis jetzt gebildet hat. 

Nun wissen wir - wenn wir schematisch zeichnen das Kosmische 
der Vergangenheit bis zum heutigen Zeitpunkt (violett) -, nachdem 



vt\o left 



rot 



wir so viel gesprochen haben iiber das sogenannte Gesetz von der 
Erhaltung der Kraft oder des Stoffes, das es ja nicht gibt! daB 
gewissermaBen dasjenige, was rein natiirlich real in der Gegenwart 
ist, aufhort bis auf den Stoff hin. Wir wissen: Dasjenige, was heute 
bloB gGistig anschauliche Gegenwart hat, ist Keim auch fur das Stoff- 
liche der Zukunft (rot). - Wenn wir die Dinge geistig anschauen, so 
mussen wir sagen: All dasjenige, was nun Vergangenheitsordnung ist, 
das ist herausgeflossen aus dem Geistigen. Das Herausgeflossene wird 
sein Ende finden. Was Zukunftsordnung ist, flieBt erst heraus aus 
dem Geistigen. Es konnte sich niemals zur Naturordnung festsetzen, 
wenn es Erhaltung der Kraft und des Stoffes gabe. Aber das ist der 
starkste aller Aberglauben, die jemals existiert haben, daB es eine 
Erhaltung des Stoffes und der Energie gabe. Das Geistige, das sich 
heute ankundigt in bloBen Gedanken, das ist ebenso der Keim fur 
die Naturordnung der Zukunft, wie der kleine Pflanzenkeim, der sich 
in der Pflanze des heurigen Jahres erst ankundigt, der Keim ist fur 
die Pflanze des nachsten Jahres. 

Dadurch steht der Mensch selber in einer zwiespaltigen Weise in 
der Weltenordnung drinnen. Und man wird gewiesen auf den Men- 
schen in seiner Zwiespaltigkeit, wenn man den ganzen Zusammen- 
hang verstehen will, wenn man vor alien Dingen einen Ubergang 
finden will von dem kosmischen HaB zu dem individuell-seelischen 
HaB, der in der Menschennatur auftritt. Sie wissen, wenn wir den 
Menschen so anschauen, wie er heute vor uns steht, so konnen wir 
sagen: Vorstellung, Fuhlen und Wollen ist sein Wesen. Er gliedert 
sich uns in vorstellendes, in fiihlendes, in wollendes Wesen, die eine 
Einheit bilden. Aber all das Schone, das die Philosophic dariiber sagt, 
das kommt ja doch auf keinen griinen Zweig, wenn man nicht auf der 
andern Seite auch wiederum die Dinge klar und genau unterscheiden 
kann. Nun werden selbst die etwas begriffsspitzigen Psychologen der 
Gegenwart darauf aufmerksam, daB man vom Wollen eigentlich nichts 
Rechtes weiB. Ich habe Ihnen ja das Wesen des Wollens auseinander- 
gelegt; heute geniigt es, darauf hinzudeuten, daB auch die Psychologie 
der Gegenwart sich sagen muB, vom Wollen weiB man nichts Rechtes. 
Das Wollen wird ja eigentlich auch im wachen Menschenleben seiner 



Entitat, seiner Wesenheit nach verschlafen. Man konnte auch sagen, 
der Mensch reicht nicht hinunter mit seiner Seele zum Wollen. Er 
glaubt - ich habe das bei der Besprechung des Augustinus ausein- 
andergesetzt an einer konkreten Tatsache -, er glaubt, dieser Mensch, 
drinnenzustehen in der Wesenheit selbst, indem er vorstellt; das kann 
er aber nicht beziiglich des Wollens sagen. Denn wie sich irgendeine 
gewollte Absicht verkniipft auch nur mit dem komplizierten Mecha- 
nismus organ der Handbewegung oder des Gehens der Beine, da von 
weiB der Mensch ebensowenig im wachen Leben, wie er weiB von 
seinem Leibe, wenn er schlaft, oder von seiner Umgebung, wenn er 
schlaft. Das Wollen wird eigentlich verschlafen vom gegenwartigen 
Menschen. Dringt man nun vor durch die Methode der Geisteswissen- 
schaft vom bloflen Vorstellen zum Wollen, so lernt man aus den Tat- 
sachen heraus, allerdings aus den geistigenTatsachenheraus, begreifen, 
wie es kommt, daB der Mensch sein Wollen heute verschlaft. 

Mit unserem Denken, mit unserem Intellekt als Menschen waren 
wir eigentlich sehr schlimm daran, wenn nicht der andere Umstand 
ware, den ich erwahnt habe, und den ich gleich nachher weiter aus- 
fuhren werde. Mit unserem Denken waren wir eigentlich sehr schlimm 
daran, denn unser Denken bleibt im Grunde genommen immer mit 
Bezug auf unser menschliches Wesen kindlich. Unser Denken erwirbt 
sich im Laufe unseres Lebens zwischen Geburt und Tod einiges 
Wissen iiber die unmittelbare Gegenwart der Welt; iiber Vergangen- 
heit und Zukunft nichts, oder hochstens etwas in Hypothesen, die 
aber gleich zerfallen, wenn man sie nur wirklich ernstlich anfaBt. 
Dieses Denken, das ist eben Zukunftskeim. Und so wenig der Keim 
in der Pflanze heute etwas ist, was in der Wirklichkeit der Pflanzenwelt 
schon eine Bedeutung hat, sondern im besten Falle erst im nachsten 
Jahre haben wird, ebensowenig hat das heutige Denken schon einen 
Wirklichkeitswert. Es verhalt sich zu dem, was es seinem Wirklich- 
keitswert nach sein kann, so, wie das kleine Kind sich zum Menschen 
verhalt. Das Denken ist eigentlich ganz fur die Zukunft angelegt; 
aber erst das, was so daraus wird, wie aus dem Pflanzenkeim die 
Pflanze wird, das wird in der Zukunft eine reale Bedeutung haben. 
Der eigentliche Inhalt, die Substanz des Denkens, hat heute nur einen 



Keimwert. Steigen wir aber geisteswissenschaftlich ins Wollen hin- 
unter und versuchen wir, das Subjekt des Wollens zu erkennen - 
Wollen ist ja nur eine Tatigkeit aber versuchen wir, das Subjekt 
unseres eigenen Wollens zu erkennen, dann ist das Wollen etwas, das 
in sich tragt das BewuBtsein von fernster Vergangenheit, kosmischer 
Vergangenheit. Sie konnen niemals mit dem Intellekt, ohne durch 
Imagination, Inspiration und Intuition sich in das Wollen hineinzu- 
stellen, irgend etwas iiber die Evolution der Welt verstehen; denn nur 
im menschlichen Wollen, das zu gleicher Zeit den ganzen mensch- 
lichen Organismus aufbaut, liegt ein Subjekt, welches, so wie Sie das 
Gedachtnis in bezug auf Ihr gewohnliches Leben haben, so das Ge- 
dachtnis iiber die kosmische Vergangenheit hat. 

Das ist der Unterschied zwischen dem menschlichen Intellekt und 
dem menschlichen Wollen, daC der menschliche Intellekt hochstens 
ein Gedachtnis fur das personliche, individuelle Leben entwickelt, 
daB das Wollen, zu dem der Mensch mit seinem Intellekt nicht hin- 
unterreicht, das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit hat. Der 
Mensch tragt in sich das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit, 
aber er kann es zunachst, ohne geisteswissenschaftliche Forschung, mit 
seinem Intellekt nicht erreichen. So kann man sagen, auf der einen 
Seite steht der Mensch da als wollendes Wesen, tragt in sich, wenn 
ich das Gedachtnis nennen darf - es ist nur bildlich gesprochen -, 
das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit. Er steht da als in- 
telligentes Wesen, tragt in sich als intelligentes Wesen nur die Gegen- 
wart, weil der Intellekt nur Keim ist fur die Zukunft, noch nicht etwas 
Gegenwartiges. Wie der Pflanzenkeim - ich muB es immer wieder 
sagen - noch nichts Gegenwartiges ist, sondern etwas Zukiinftiges, 
so ist der Intellekt im Verhaltnis zum Wollen geradeso wie der kleine 
Pflanzenkeim zu der ganzen Pflanze. Indem wir Wollende sind, stehen 
wir allerdings als kosmische Menschen durch das Individuelle auf 
dem Boden der ganzen Vergangenheit; indem wir intelligente Men- 
schen sind, stehen wir in der Gegenwart da und bereiten uns vor, in 
die Zukunft hiniiberzuwachsen. 

So ist eigentlich unser Wollen im Verhaltnis zu unserem Intellekt 
auch zu vergleichen, konnte man sagen, mit einem Greise und einem 



Kind. Wie sich der Greis zum Kinde verhalt, verhalt sich, natiirlich 
mit entsprechender Ausdehnung der Zeit, unser wollender Mensch zu 
unserem denkenden Menschen. 

Wodurch wird der Ausgleich geschaffen? Nun wirkt eben herein in 
unseren denkenden Menschen das, was ich vorhin und oft schon das 
Ahrimanische genannt habe, die kosmische Vernunft. Wiirden wir auf 
uns Menschen angewiesen sein, ohne da6 Ahriman wirkte, so ware es 
mit unserem Intellekt in der Gegenwart ganz anders besteilt. Die 
romisch-katholische Kirche konnte furchtbar zufrieden sein mit einer 
Menschheit, welche nur das MaB des Intellekts hatte, das heute aus der 
menschlichen Natur herauswachst. Denn dieser Intellekt ist eben im 
Verhaltnis zu dem, wozu der Mensch im gesamten Kosmos veranlagt 
ist, kindlich, ebenso wie unser Wollen greisenhaft ist. 

In unser Denken - und dieses Denken ist ja nicht in der Evolution 
denkbar ohne die Mitwirkung zum Beispiel des sprachlichen Elemen- 
tes - wirkt das Ahrimanische herein. In unser Wollen wirkt das Luzi- 
ferische hinein. Das Ahrimanische, das durchdringt uns, indem es 
unseren Intellekt, der in der Gesamtevolution heute noch schwacher 
ist, der ein kindlicher ist, auf eine gewisse Sonnenhohe hinaufschraubt. 
Aber es entsteht dadurch auch die Kehrseite : wir haben einen Intellekt, 
der eigentlich nicht aus uns wachst; wir haben ungefahr einen solchen 
Intellekt, den man vergleichen konnte nicht mit einer Pflanze, die aus 
dem Boden wachst und dann den Keim hat, sondern mit einer Pflanze, 
der eine andere Pflanze aufgesetzt ist, die nicht einen Keim tragt, son- 
dern eine andere Pflanze tragt, und zwar eine weitaus vollkommenere 
Pflanze. 

Unser Intellekt ist ahrimanisch geordnet, ahrimanisch durchglie- 
dert. Dadurch hat unser Intellekt fur den Menschen etwas Verblen- 
dendes. Selbstverstandlich stehen wir nicht auf dem Standpunkt, 
wenn wir Geisteswissenschafter sind, daB wir diesen Intellekt, weil er 
ahrimanisch ist, nicht gebrauchen sollen; sondern man muB nur 
illusionsfrei die Dinge anschauen, man muB sich nur klar dariiber sein, 
daB der menschliche Intellekt ein Licht ist, das stark scheint, starker 
scheint als dasjenige scheinen konnte, was als Intellekt heute schon 
aus der Menschennatur herausflieBt. Es hat das intellektuelle Prinzip 



fur die Menschennatur etwas Verblendendes, etwas die Dinge fur 
ihn in eine gewisse Sphare Riickendes, in der er geblendet wird. So 
wie ein starkes, aufs starkste. blendendes Licht auf die Dinge fallen 
wiirde, so ist es, wenn der Mensch selbst mit seinem Intellekt die 
Dinge beleuchtet. Dadurch macht er sie sich ja eigentlich im wesent- 
lichen zur Illusion. 

So wie in unseren Intellekt hereinspielt das Ahrimanische, so spielt 
herein in unser Wollen, damit es einschlaft, damit es richtig einschlaft, 
das Luziferische. Wie unseren keimhaften Intellekt das ahrimanische 
Prinzip aufhellt, so schlafert ein, lullt ein unser Wollenssubjekt, das 
eigentlich das Gedachtnis der ganzen Vergangenheit in sich tragt, das 
Luziferische, so daB der Mensch nichts weiB von dieser Vergangen- 
heit. 

Das ist etwas tiefer erfaBt die Grundlage des Dualistischen im Men- 
schen, dieses Dualistischen, das uberbruckt werden muB, das aber 
nicht uberbruckt werden kann, wenn man bloB an Theorien sich 
wendet, sondern das nur uberbruckt werden kann, wenn man sich an 
die Tatsachen selber wendet, an die Tatsachen des geistigen Lebens, 
wenn man weiB, daB anders urstandet unser Intellekt in der Welt als 
unser Wollen. Mit unserem Intellekt und unserem Wollen ist es so, 
wie wenn man ein Kind und einen Greis nebeneinanderstellt und sich 
kiinstlich tauschen wiirde, inde
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