Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Polaritat
von Dauer und Entwickelung
im Menschenleben
Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit
Funfzehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 6. September bis 13. Oktober 1918
2002
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Robert Friedenthal
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1968
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2002
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 184
Einbandzeichen nach einem Entwurf Rudolf Steiners,
Schrift von Benedikt Marzahn
Zeichnungen im Text von Hedwig Frey nach Skizzen in den Nachschriften
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1840-0
Zu den Verb'ffentlicbungen
aus dem Wortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daB seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
— schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche,
nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernach-
schriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt,
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz we-
nigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muB gegenuber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Nahere Angaben zu den Textunterlagen fin-
den sich am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 337
Erster Vortrag, Dornach, 6. September 1918 .... 9
Die beiden Weltanschauungsstromungen Idealismus und Materialise
mus - ihr notwendiger Ausgleich oder ihre Abirrungen in Dualismus
und Fatalismus; representative Personlichkeiten dafiir in der Ge-
schichte: Augustinus und Cartesius. Mond und Sonne. Auguste
Comte: Katholische Kirche ohne Christentum; Scheliing: Christen-
tum ohne Kirche.
Zweiter Vortrag, 7. September 1918 31
Das Wesen des Schlafes. Die Kraft der Ideale fur die Zukunft. Theo-
kratie, metaphysische Ordnung, Positivismus. Bentham.
Dritter Vortrag, 8. September 1918 51
Die Aufgabe der Wesen der dritten, der zweiten und der ersten
Hierarchic Die achte Sphare. Die Zeit im geschichtlichen Werden.
Newton, Leibniz, Marx. Scheingeschichte und reales Geschehen.
Vierter Vortrag, 13. September 1918
79
Fatalismus und Dualismus. Das Halluzinatorische des Intellekts und
das Illusorische der Natur. Ahnung, prophetische Vision, Apokalypse.
Kosmischer HaB und kosmische Vernunft. Denken als Zukunftskeim,
Wollen als BewuBtsein fernster Vergangenhek.
Funfter Vortrag, 14. September 1918
102
Der wollende und der denkende Mensch. Das Begreifen des in der
ersten Lebenshalfte Gedachten in der zweiten Lebenshalfte. Der Zeit-
begriff: Entwkklung und Perspektivisches. Von der Dualitat zur
Trinitat.
Sechster Vortrag, 15. September 1918
Der Mensch im Kosmos. Der Welten-Waagebalken. Die Sphare der
Dauer und die Region der Verganglichkeit. Emanationistische und
kreationistische Weltanschauung.
122
Siebenter Vortrag, 20. September 1918 144
Die Dreifaltigkeit des Raumes als Abbild des dreifaltigen Gottes. Die
Einheit des Gottlichen im Empfinden der Zeit. Monotheismus imd
Empfinden der Trinitat. Geistordnung und Naturordnung.
Achter Vortrag, 21. September 1918 157
Der Zeitenverlauf des leiblich-seelischen Menschen, das Raumerleben
des geistig-seelischen Menschen im Reich der Dauer. Der Mensch
zwischen Ahriman und Luzifer. Voreilige und riicklaufige Bewegung
des Lebens. Das Gesetz der Schwingungen. Der Dornacher Bau und
das Geheimnis der Gleichgewichtslage.
Neunter Vortrag, 22. September 1918 174
Ahrimanisches und Luziferisches im Menschen; von den Wirkungen
materialistischer oder abstrakt-idealistischer Vorstellungen in der un-
teren, unbewuBten Menschennatur. Geisteswissenschaft als Briicke
zwischen Naturordnung und Geistordnung. Die Kraft der Form toter
Menschenleiber lost die Kristallisationstendenz der Erde auf. Das Ge-
setz der Polaritat in der Natur, beim Menschen und bei den Geistern.
Katholische Kirche und Freimaurertum.
Zehnter Vortrag, 4. Oktober 1918 196
Die Beziehung der niederen drei Glieder der menschlichen Wesenheit
zu den Hierarchies Die Geister der Form. Das Hereinwirken von
ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten in den Menschen. Zeit-
wesen und Dauerwesen.
Elfter Vortrag, 5. Oktober 1918 219
Semitische und griechische Kultur. Der Zusammenhang des luziferi-
schen und ahrimanischen Impulses mit dem Jahve-Christus-Impuls
im Verlauf der Geschichte. Die Inspiration der friihen Kirchenvater.
Zwolfter Vortrag, 6. Oktober 1918 232
Tertullian. Tod und Vererbung als lichtwerfend auf das Mysterium
von Golgatha. Verstandesinterpretationen an Stelle von Geistanschau-
ung. Die Auferstehung als Metamorphose des Todes, die Geburt als
ubersinnliche Tatsache (conceptio immaculata).
Dreizehnter Vortrag, 11. Oktober 1918 257
Das gespenstische Wesen der Naturwissenschaft. Richard Wahle.
Die Bedeutung des Jahres 666. Beabsichtigte ahrimanische Offen-
barungen durch den Sorat. Verhinderung durch das Mysterium von
Golgatha.
Vierzehnter Vortrag, 12. Oktober 1918 276
Das Wirken der Akademie von Gondishapur. Naturrhythmen und
Zusammenklang der Rhythmen in einer neuen Technik. Das Streben
nach einer selbstlosen sozialen Ordnung.
Funfzehnter Vortrag, 13. Oktober 1918 299
Das Jahr 333. Rom zur Zeit des Augustus und die katholische Kir-
che. Das Streben nach Sakramentalismus und die neue Christus-
Erkenntnis.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 323
Hinweise zum Text 324
Korrekturen-Nachweis 333
Personenregister 334
Ausfiihrliche Inhaltsangaben (Marie Steiner 1941) . . . . 337
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 347
ERSTER VORTRAG
Dornach, 6. September 1918
Ich mochte gerne einiges von dem, was in den Betrachtungen, die wir
in diesem Sommer hier schon angestellt haben, vorgebracht worden
ist, vertiefen, und in den nachsten Tagen wollen wir einiges Ge-
schichtliche und auch einiges Sachliche dazufiigen. Heute mochte ich
vorbereitend Sie auf einige geschichtliche Tatsachen hinweisen, und
aus diesen geschichtlichen Tatsachen, vorzugsweise aus der Offen-
barung gewisser geschichtlicher Personlichkeiten, einige Folgerungen,
die sich einer griindlicheren Betrachtung ergeben, Ihnen vorfiihren.
Diejenigen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, zu alien Zeiten
eingeweiht waren, haben mit Recht immer einen Ausspruch getan.
Es ist der, daB auf der einen Seite, wenn man die beiden Stromungen
des Weltanschauungslebens, die wir angefiihrt haben, den Idealismus
und den Materialismus, nicht im rechten MaBe einzuschatzen weiB,
man dann entweder in der Gefahr schwebt, durch eine Falltiire in ein
Kellerloch der Weltanschauung zu fallen, oder aber bei den verschie-
denen Wegen, die man einschlagt, um eine Weltanschauung zu ge-
winnen, in eine Sackgasse kommen kann. Das Kellerloch, in das man
fallen kann durch eine Falltiire, die man leicht unbemerkt laBt im
Weltanschauungsleben, dieses Kellerloch sehen die Mysterieneinge-
weihten aller Zeiten an als den Dualismus, der nicht die Briicke
findet zwischen dem Ideellen, man konnte auch sagen, ideell gefarbten
Spirituellen, und dem Materiellen, dem Stofflichen. Und die Sack-
gasse, in die man sich verirren kann beim Wandeln verschiedener
Wege der Weltanschauungen, wenn man nicht zurechtkommt mit dem
Ausgleich zwischen Idealismus und Materialismus, diese Sackgasse
ist fur Mysterieneingeweihte der Fatalismus. Deutlich neigt ja wieder-
um die neuere Zeit auf der einen Seite zur dualistischen Weltanschau-
ung, auf der andern Seite zur fatalistischen Weltanschauung, wenn
auch das eine oder das andere von den neuzeitlichen Weltanschau-
ungen nicht eingestanden oder eigentlich nicht einmal eingesehen wird.
Nun mochte ich zuerst aus dem Leben in der Abenddammerung
des vierten nachatlantischen Zeitraums eine Personlichkeit - zunachst
skizzenhaft charakterisiert - mit Bezug auf das Weltanschauungs-
leben hinstellen, und dann andere Personlichkeiten betrachten, die
mehr charakteristisch sind fur das Weltanschauungsleben unserer
Epoche, der fiinften nachatlantischen Epoche.
Eine sehr, sehr charakteristische Personlichkeit innerhalb des
abendlandischen Weltanschauungslebens ist Augustinus, der gelebt hat
von 354 bis 430 der christlichen Zeitrechnung. Wir wollen mit einigen
Gedanken des Augustinus gedenken aus dem Grunde, weil, wie Sie
ja aus der Jahreszahl sehen, er in der Abenddammerung lebte des
vierten nachatlantischen Zeitraums, der im 15. Jahrhundert seinen
AbschluB findet. Man kann schon deutlich bemerken, wie dieser
AbschluB herannaht, vom 3., 4., 5., 6. nachchristlichen Jahrhundert
angefangen. Nun ist Augustinus durchgegangen durch Eindriicke
verschiedenster Weltanschauungen. t)ber diese Dinge haben wir ja
schon gesprochen. Vor alien Dingen ist Augustinus durchgegangen
durch den Manichaismus und durch den Skeptizismus. Er hat alle
diejenigen Impulse in seine Seele aufgenommen, die man bekommt,
wenn man auf der einen Seite in der Welt alles Ideale, Schone, Gute
sieht, alles dasjenige, was von Weisheit erfiillt ist, und dann auch alles
dasjenige, was iibel ist, was Boses ist. Und wir wissen ja, daB der
Manichaismus dadurch zurechtzukommen sucht - es ist das grob aus-
gedriickt, aber es kann auch so ausgedriickt werden - mit diesen bei-
den Stromungen in der Weltenordnung, daB er gewissermaBen ewig
dauernde Polaritat annimmt, einen ewig dauernden Gegensatz des
Lichtes, der Finsternis, des Guten, des Bosen, des Weisheitsvollen,
des tJbels.
Mit diesem Dualismus kommt der Manichaismus nur dadurch zu-
recht, in seiner Art zurecht, daB er gewisse alte, vorchristliche Grund-
begriffe mit dieser seiner Annahme von der Polaritat der Welten-
erscheinungen verbindet, vor alien Dingen verbindet gewisse Vor-
stellungen, die sich nur begreifen lassen, wenn man weiB, daB in alten
Zeiten von den Menschen im atavistischen Hellsehen die geistige
Welt geschaut worden ist, so geschaut worden ist, daB die Schauungen
in ihrem Inhalte ahnlich sind den Eindnicken, welche die sinnliche
Wahrnehmungswelt macht. Dadurch, daB der Manichaismus solche
Vorstellungen, ich mochte sagen, von einem sinnlichen Schein des
Obersinnlichen in sich aufgenommen hat, macht er auf viele den Ein-
druck, als ob er das Geistige vermaterialisierte, als ob er das Geistige
in sinnlichen Formen vorstellte. Es ist das ja ein Fehler, den auch
noch neuere Weltanschauungen, den zum Beispiel, wie ich Ihnen aus-
einandergesetzt habe in diesen Tagen, auch die neuere Theosophie
vielfach macht. Augustinus ist gerade vom Manichaismus mit da-
durch abgekommen, daB er diese Versinnlichung, diese Vermateriali-
sierung des Spirituellen im Laufe gelauterteren Vorstellungslebens
nicht mehr ertragen konnte. Das war einer der Griinde, die ihn ab-
gebracht haben.
Dann ist Augustinus auch durchgegangen durch den Skeptizismus,
der insoferne eine berechtigte Weltanschauung ist, als er den Men-
schen aufmerksam darauf macht, daB man durch die bloBe Betrach-
tung des sen, was man aus der sinnlichen Welt und aus den Erfahrun-
gen und Erlebnissen der sinnlichen Welt gewinnen kann, nichts er-
fahren kann iiber das tJbersinnliche. Und wenn man dann zugleich
der Anschauung ist, daB man das Obersinnliche als solches nicht er-
halten kann, dann zweifelt man an der Erkenntnis der Wahrheit uber-
haupt. Auch durch diesen Zweifel an der Erkenntnis der Wahrheit
iiberhaupt ist Augustinus durchgegangen. Er hat die starksten Im-
pulse dadurch erhalten.
Nun muB man, wenn man einsehen will, wodurch sich Augustinus
eigentlich hineingestellt hat in die abendlandische Weltanschauung,
auf den Hauptpunkt seiner Anschauung hinweisen, jenen Haupt-
punkt, von dem alles Licht ausstrahlt, das in Augustinus waltet, und
der eben der Hauptpunkt seiner spateren, seiner letztgebildeten Welt-
anschauung gewesen ist. Das ist der Punkt, der in dieser Art charak-
terisiert werden kann: Augustinus kam darauf, daB GewiBheit, wahr-
haftige GewiBheit, keiner Tauschung unterworfene GewiBheit
eigentlich der Mensch nur erringen kann mit Bezug auf dasjenige,
was er im Inneren seiner Seele erlebt. Alles "iibrige kann ungewiB sein.
Ob die Dinge, die unseren Augen erscheinen, die unseren Ohren
horbar werden, die auf unsere andem Sinne einen Eindruck machen,
ob diese Dinge wirklich so konstituier t sind, wie das nach der Aussage
der Sinne angenommen werden muB, das kann man nicht wis sen; man
kann nicht einmal wissen, wie diese Welt eigentlich aussieht, wenn man
die Sinne vor ihr verschlieBt. - So denken Personlichkeiten, die im
Sinne des Augustinus iiber die auBere, erfahrbare Welt denken. Sie
denken sich, daB diese auBere erfahtbare Welt, wie sie dem Menschen
vorliegt, keine unbedingte GewiBheit und keine wahrhaftige GewiB-
heit geben konne, daB man aus ihr nichts gewinnen konne, worauf
man als auf einem festen Punkte einer Weltanschauung stehen konnte.
Dagegen ist man bei dem, was man in seinem Inneren erlebt - ganz
gleichgiiltig, wie man es erlebt -, unmittelbar dabei, man ist es selbst,
der die Vorstellungen, die Gefuhle im Inneren erlebt; man weiB sich
im inneren Erleben drinnenstehend. Und so ergibt sich fur einen sol-
chen Denker wie Augustinus die durch das innere Erleben belegbare
Tatsache: Mit Bezug auf dasjenige, was der Mensch in seinem Inneren
erlebt als Wahrheit, kann er keiner Tauschung sich hingeben. Man
kann der Meinung sein, daB alles iibrige, was die Welt sagt, der Tau-
schung unterworfen sei, aber man kann unmoglich daran zweifeln,
daB dasjenige wahrhaftig und wirklich von uns im Inneren erlebt
wird, was wir eben als unsere Vorstellungen, als unsere Gefiihle er-
leben. - Diese feste Grundlage fur das Zugeben einer unbezweifel-
baren Wahrheit, sie bildet einen der Ausgangspunkte der Augustini-
schen Weltanschauung.
Wiederaufgenommen hat diesen Punkt in ganz eklatanter Weise im
fiinften nachatlantischen Zeitraum Cartesius, der 1596 bis 1650 gelebt
hat, also schon in der Morgendammerung der fiinften nachatlan-
tischen Periode. In Cartesius' bekanntem: Ich denke, also bin ich -,
das da bleibt, wenn wir alles iibrige bezweifeln, sieht auch Cartesius den
Ausgangspunkt, und er ist eigentlich mit dieser Anschauung ganz
auf dem Standpunkte des Augustinus.
Nun liegen die Sachen doch so, daB mit Bezug auf das Weltan-
schauungsleben man immer sagen muB: Wer in irgendeinem Zeit-
punkte in der Menschheitsentwickelung drinnensteht, der kommt zu
gewissen Anschauungen. Gewisse Perspektiven dieser Anschauungen
sieht er dann nicht; diese sehen dann die Spiiteren. Man mochte sagen:
Den Spateren ist es immer aufbewahrt, griindlicher, wahrer irgend
etwas zu sehen, ais derjenige sehen kann, der gewisse Dinge aus-
sprechen muB in einem gewissen Zeitpunkte der Menschheitsent-
wickelung. - Und iiber diese Tatsache kommt man nicht hinweg.
Und gut ist es, wenn insbesondere auf unserem anthroposophischen
Standpunkte das der Fall ist, was ich ofter schon erwahnt habe, wenn
auf unserem anthroposophischen Standpunkte bewuBt und gnindlich
erkannt wird: Auch dasjenige Wissen, das man in der Gegenwart,
und sei es auch ein noch so ausgepragtes, iiber spirituelle Dinge er-
werben kann, es darf nicht aufgefaBt werden wie eine Summe von
absoluten Dogmen. Man muB sich klar sein dariiber, daB Spatere in
kommenden Zeiten auftreten werden, die gerade an dem, was wir
heute vorzubringen in der Lage sind, Wahreres sehen werden, als
wir selbst sehen konnen. Darauf beruht eigentlich die geistige Ent-
wickelung der Menschheit. Und alles Hemmnis, alles Hindernis des
geistigen Fortschrittes der Menschheit beruht schlieBlich darauf, daB
die Menschen das nicht zugeben wollen, daB sie gern Wahrheiten
iiberliefert haben mochten, die nicht die Wahrheiten eines bestimmten
Zeitalters sind, sondern die absolute, zeitlose Dogmen sind.
Wir konnen heute gerade wiederum von unserem Gesichtspunkte
aus auf Augustinus zuriickblicken, und wir werden uns sagen miissen :
Steht man auf Augustinischem Standpunkte, dann wird man scharf
hinzusehen haben darauf, daB er UngewiBheit iiber die Wahrheit in
alien auBeren Offenbarungen annimmt, wahrhaftige GewiBheit in dem
Erleben desjenigen, was wir in unserer Seele tragen. - Das setzt vor-
aus, wenn jemand sich einer solchen Anschauung hingibt, daB er als
Mensch einen gewissen Mut hat. Man brauchte vielleicht gar nicht das,
was ich jetzt sage, so dezidiert zu erwahnen, wie ich es tun muB, wenn
nicht gerade in unserer Zeit es charakteristisch ware fur das Weltan-
schauungsleben, daB eben gerade dieser Mut fehlt. Und dieser Mut,
deri ich hier meine, er auBert sich nach zwei Richtungen hin. Die eine
Richtung ist diese, daB man kiihnlich, wie Augustinus, sich gesteht:
Wahrhaftige GewiBheit findest du nur mit Bezug auf dasjenige, was
du im Inneren erlebst. - Dann muB der andere Pol dieses Mutes da
sein, der eben gerade in der Gegenwart nicht da ist; man muB den
Mut dann audi haben, sich zu gestehen: In der auBeren sinnlichen
OfFenbarung ist diese wahrhaftige GewiBheit iiber die Wirklichkeit
nicht enthalten. - Es gehort schon ein innerlicher Denkermut dazu,
der auBeren Wirklichkeit, die dem heutigen Materialismus zum Bei-
spiel als absolut sicher gilt, die wahrhaftige GewiBheit in ihren Aus-
sagen abzusprechen. Und es gehort auf der andern Seite ein gewisser
Mut dazu, sich zu sagen: Wahrhaftige GewiBheit erflieBt nur, wenn
man so recht sich dessen bewuBt wird, was man im Inneren erlebt.
GewiB, es ist auch in unserer Zeit solches wiederum gesagt worden,
und es gibt in unserer Zeit Menschen, die von ihren Mitmenschen,
insofern diese zu einer Weltanschauung kommen wollen, diesen zwei-
fach sich auBernden Mut fordern. Dennoch muB man heute iiber die
Sache anders denken, wenn man erschopfend denken will, und darin
zeigt sich eben die ganze historische Stellung des Augustinus fur den
heutigen Menschen, daB man iiber diese Sache etwas anders denken
muB. Heute muB man namlich das wissen, was weder Augustinus noch
Cartesius erwogen haben - ich habe es da, wo ich den Cartesius be-
sprochen habe in meinem Buche «Vom Menschenratsel» ausgefiihrt -,
heute muB man sagen: Der Glaube, daB man zu einem Befriedigenden
des Weltanschauungslebens durch das Ergreifen des unmittelbaren
Inneren des Menschen, so wie es heute von dem Menschen erlebt
wird, kommen konne, dieser Glaube wird von jedem Schlafe wider-
legt. Jedesmal, wenn der Mensch der heutigen Zeit in die BewuBt-
losigkeit des Schlafes zuriicksinkt, wird ihm zwar nicht dasjenige,
wovon Augustinus spricht - die absolute wahrhaftige GewiBheit des
inneren Erlebens -, aber die Wirklichkeit dieses inneren Erlebens
wird ihm entrissen, Jedesmal vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist
die Wirklichkeit dieses wahrhaftigen Erlebens entflohen. Und der
Mensch der heutigen Zeit, der in etwas anderer Art das Innere erlebt,
als man es noch erlebt hat im vierten nachatlantischen Zeitraum,
selbst in der Abenddammerung zur Zeit des Augustinus, der muB sich
sagen: Moge noch so scharf, noch so offenbar eine GewiBheit im
Inneren erlebt werden, fur das Leben nach dem Tode gibt das doch
keine GewiBheit, aus dem einfachen Grunde, weil wir ja mit jedem
Schlafe die Wirklichkeit hinuntersinken sehen in das UnbewuBte, der
heutige Mensch weiB nicht, ob nicht auch in das Unwirkliche. - Es
darf also heute nicht mehr geschlossen werden, was man in seinem
Inneren scheinbar absolut sicher erlebt, das konne nicht angefochten
werden. Es kann theoretisch nicht angefochten werden, aber die Tat-
sache des Schlafes selber widerlegt es.
Indem man den Blick auf das eben Gesagte hinwendet, erkennt man
aber auch gleich, wie eigentlich Augustinus mit einem viel groBeren
Rechte als spater Cartesius, der die Sache doch mehr oder weniger nur
nachgesprochen hat, zu dieser Anschauung hat kommen konnen.
Durch den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum, auch durch das
Zeitalter des Augustinus hindurch, lebte in den Menschen noch etwas
von Nachklangen des alten, atavistischen Hellsehens. Die Geschichte
notiflziert das leider heute viel zu wenig, weiB eigentlich auch nicht
viel davon. Aber zahlreich waren die Menschen den ganzen vierten
nachatlantischen Zeitraum hindurch, die aus personlicher Erfahrung
wuBten : Es gibt ein geistiges Leben - weil sie dieses geistige Leben
eben schauten. Aber sie schauten es zumeist in diesem vierten Zeit-
raume - ungleich wie im dritten oder zweiten Zeitraume - dadurch,
daB es in ihr Schlaf leben hineinspielte. So daB man sagen kann: Fur
den vierten nachatlantischen Zeitraum war es bei den Menschen noch
nicht so wie jetzt im fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB der
Schlaf vollig bewuBtlos verlauft. - Die Leute des vierten nachatlan-
tischen Zeitraums wuBten noch: Vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen ist eine Zeit, in der in anderen Formen das wirkt, was sie als
Vorstellungen, als Gefiihle vom Aufwachen bis zum Einschlafen
haben. Es tauchte gewissermaBen das wache Wahrheitsleben unter in
das dammerhaft bewuBte Schlafesleben. Und man wuBte: Was man
als innere Wahrheit erlebt, das hat nicht nur Wahrheit, sondern auch
Realitat, hat auch Wirklichkeit. Denn man kannte die Augenblicke
des Schlafeslebens, in denen sich zeigte, wie vorhanden ist als wirk-
liches, als reales, nicht bloB als abstraktes Leben dasjenige, was man
im Inneren erfahrt. Es kommt nicht darauf an, ob jemand heute noch
beweisen kann oder nicht, daB Augustinus selbst aus eigener Erfah-
rung heraus hatte sagen konnen : Ich weiB, es dauert durch den Zeit-
raum vom Einschlafen bis zum Aufwachen dasjenige, was man inner-
lich zwar wahr, aber unwirklich erlebt. - Aber daB man eine solche
Anschauung fassen konnte, daB man auf sie sich stellen konnte, das
war in der Zeit des Augustinus durchaus moglich.
Nun, wenn Sie dies, was ich jetzt mit Bezug auf das Subjektive des
Menschen ausgefuhrt habe, verallgemeinern auf den ganzen Makro-
kosmos, so kommen Sie auf etwas anderes; Sie kommen dann auf das-
jenige, aus dem dieses Subjektive in alterer Zeit, also noch im vierten
nachatlantischen Zeitraum, eigentlich hervorgegangen ist, wodurch
es moglich geworden ist. Man hat sich - sprechen wir jetzt von der
vorchristlichen Zeit, namentlich das Mysterium von Golgatha ist die
Grenze zwischen alten atavistischen Anschauungen und spateren
neuen, die auch heute erst im Aufgange sind - in der vorchristlichen
Zeit noch an gewisse lebendige Mysterienwahrheiten halten konnen.
Die Mysterienwahrheiten, die ich damit meine, sind diejenigen, die
sich beziehen auf das groBe Geheimnis der Geburt und des Todes.
Das Geheimnis der Geburt und des Todes betrachten ja gewisse
Mysterieneingeweihte als ein Geheimnis, welches, wie sie meinen, der
profanen Welt nicht mitgeteilt werden solle, weil die Welt noch nicht
dazu reif sei. Aber innerhalb der Mysterien war auch in der vorchrist-
lichen Zeit eine gewisse Anschauung vorhanden iiber den Zusammen-
hang zwischen Geburt und Tod im groBen Weltenleben, in das der
Mensch ja auch mit seinem ganzen Wesen eingeschaltet ist. In dieser
vorchristlichen Zeit hat man durch die Mysterien vorzugsweise den
Blick hingewendet auf die Geburt, auf alles Geborenwerdende in der
Welt. Wer die Weltanschauungen der alten Zeiten kennt, der weiB
auch, daB die Betonung des Geborenwerdens, des Entstehens, des
SprieBens und Sprossens diese alten Weltanschauungen ganz vorzugs-
weise beschaftigte. Und ich habe es ja ofter betont, welcher Gegensatz
da eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha. Ich habe es in
der folgenden Weise erwahnt: Man denke daran, wie sechshundert
Jahre etwa vor dem Mysterium von Golgatha Buddha, der dasteht
in der Menschheitsentwickelung wie der AbschluB der vorchristlichen
Weltanschauung, zu seinen Anschauungen gefuhrt wird dadurch, daB
er unter anderem einen Leichnam sieht. Tod ist Leiden -, und wie ein
Axiom gilt es dem Buddha: Das Leiden muB iiberwunden werden;
es muB ein Mittel gefunden werden, sich vom Tode abwenden zu
konnen. - Der Leichnam ist dasjenige, wo von sich Buddha abwendet,
um zu dem zu kommen, was, zwar spiritualisiert, aber fur ihn doch das-
jenige ist, worinnen das sprossende, sprieBende Leben erfiihlt werden
kann.
Und wenn wir sechshundert Jahre nach dem Mysterium von Gol-
gatha an andern Orten bei gewissen Menschen Umschau halten, dann
sehen wir, wie der Anblick des Leichnams des Christus am Kreuze
nicht dasjenige wird, wovon man sich abwendet, sondern dasjenige,
wozu man sich hinwendet, dasjenige, worauf man mit seinem ganzen
Herzen blickt als das Symbolum, welches die Weltenratsel, insoferne
sie sich auf den Menschen und sein Werden beziehen, enthiillen soil.
Es ist das ein wunderbarer Zusammenhang innerhalb dieser zwolf
Jahrhunderte : Sechshundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha
gibt die Abwendung von einem Leichnam dasjenige, was Aufstieg
sein soli in der Weltanschauung; sechshundert Jahre nach dem Myste-
rium von Golgatha ist ausgebildet das Symbolum, das Bildnis des
Kruzifixus, die Hinwendung zum Tode, die Hinwendung zum Leich-
nam, um daraus die Kraft zu schopfen, zu einer Weltanschauung zu
kommen, die auch auf das menschliche Werden Licht wirft. Unter den
vielen Dingen, welche den gewaltigen Umschwung, der im Erden-
werden eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha, charakteri-
sieren, ist dieses Buddha-Symbolum : die Abwendung von dem Leich-
nam, und das Christus-Symbolum: die Hinwendung zu dem Leichnam,
der als der Leichnam des hochsten auf der Erde erschienenen Wesens
gilt.
Es war eben wirklich so, daB in einer gewissen Beziehung die alten
Mysterien das Ratsel der Geburten in den Mittelpunkt der Welt-
anschauungen genickt haben. Aber damit haben die Mysterien, da sie
ja Mysterienwissen und nicht bloB triviale Anschauungen vermitteln
wollten, zu gleicher Zeit ein tiefes kosmologisches Geheimnis vor die
Seele hingestellt : Sie haben den Blick auf dasjenige gewendet, was mit
dem Leben der Geburten im Weltenlaufe zusammenhangt. Und man
kommt nicht darauf, das Leben der Geburten im Weltenlaufe zu ver-
stehen, wenn man nicht zumckgeht auf das alte Mondenratsel. Wir
wissen ja, die Verkorperung der Erde, bevor sie Erde geworden ist,
war der alte Mond. Und in verschiedenen Erscheinungen, die mit
unserem jetzigen Monde, mit dem Nachziigler des alten Mondes, zu-
sammenhangen - Sie konnen das in meiner «Geheimwissenschaft im
UmriB» nachlesen -, hat man Nachwirkungen dessen zu sehen, was
in der alten Mondenzeit, in derjenigen Zeit, die dem Erdenwerden
vorangegangen ist, geschehen ist.
Nun gabe es im Erdenwerden keine Geburten, durch alle Reiche der
Natur hindurch gabe es keine Geburten im Erdenwerden, wenn nicht
die GesetzmaBigkeit des alten Mondes waltete beziehungsweise seines
Nachziiglers, welcher der Trabant unserer Erde ist. Alles Geboren-
werden durch die Reiche der Natur und des Menschen hindurch hangt
mit der Wirksamkeit des Mondes zusammen. Damit hangt auch zu-
sammen, daB die Eingeweihten der alten Hebraer den Jahve als eine
Mondgottheit betrachteten, Jahve als den Hervorbringenden, den die
Hervorbringungen ordnenden Gott, als eine Mondgottheit ansahen.
Dies sah man klar ein, daB kosmologisch allem Geborenwerden durch
die Reiche hindurch zugrunde liegen die Mondengesetze. Und so
konnte man auch gewissermaBen symbolisch ein tiefes Geheimnis der
Kosmologie aussprechen, indem man sagte: Indem das Mondenlicht
auf die Erde fallt, riihrt von alldem, was durch dieses Mondenlicht
dargestellt wird, alles sprieBende, sprossende, alles geborenwerdende
Leben her. - Man hat sich in den hochsten Mysterien in vorchrist-
lichen Zeiten nicht gewendet an das Sonnenleben, man hat sich ge-
wendet an das vom Monde reflektierte Sonnenleben, indem man von
dem Geheimnis der Geburten gesprochen hat. Die eigentiimliche
Nuance, die iiber dievorchristlichenWeltanschauungenin ihrenTiefen
ausgegossen ist, sie riihrt schon einmal davon her, daB man in den
alten Mysterien das Mondengeheimnis kannte.
Nur wie etwas ganz Verhulltes, wie etwas, das fur die Menschen, die
nicht gut vorbereitet sind, wenig ertraglich ist, hat man das Sonnen-
geheimnis betrachtet, weil man wuBte, daB es eine Tauschung, eine
Maja ist, wenn man meint, durch den Strahl der Sonne, der auf die
Erde fallt, werden hervorgelockt die sprieBenden, sprossenden Wesen
der verschiedenen Reiche. Man wuBte, von dem Sonnenleben hangt
nicht das Geborenwerden ab, sondern umgekehrt, das Versengt-
werden, das Abnehmen des Lebens, das Hinsterben des Lebens. Das
war das Mysteriengeheimnis, daB der Mond geboren werden laBt die
Wesen und die Sonne sie sterben laBt. Wie hoch man also sonst auch
aus andern Griinden das Sonnenleben verehrte in den alten vorchrist-
lichen Mysterien, man verehrte das Sonnenleben als den Grund des
Todes. DaB die Wesen sterben miissen, das ist nicht 2uzuschreiben
jener Sonne, die wir kennen aus der «Geheimwissenschaft» als die
zweite Verkorperung der Erde, ist aber wohl zuzuschreiben der gegen-
wartigen, uns so herrlich am Horizonte erscheinenden Sonne.
Nun ja, der Untergang des Lebens, das Gegenteil der Geburten,
hangt mit dem Sonnenleben zusammen. Dafiir aber auch etwas an-
deres, etwas, was noch nicht so wichtig war in der vorchristlichen Zek,
was aber in der nachchristlichen Zeit ganz besonders wichtig geworden
ist: Alles bewuBte Leben hangt mit dem Sonnenleben zusammen.
Und dasjenige bewuBte Leben, durch das der Mensch gerade im Ver-
laufe seines Erdenwerdens geht, jenes BewuBtsein, das insbesondere
aufleuchtet im fiinften nachatlantischen Zeitraum, dem wir selbst an-
gehoren, das hangt ganz intensiv mit dem Sonnenleben zusammen.
Wir miissen nur dieses Sonnenleben so geistig betrachten, wie wir das
in den verflossenen Vortragen dieses Sommers schon getan haben.
Ist die Sonne zwar der Schopfer des Todes, des versengenden Lebens
im Kosmos und auch fur den Menschen, so ist doch die Sonne zu
gleicher Zeit die Schopferin des bewuBten Lebens. Dieses bewuBte
Leben war in den vorchristlichen Zeiten nicht so wichtig, weil es
ersetzt war durch das atavistisch-hellseherische Leben, das noch eine
Mondenerbschaft war. Fur die nachchristiiche Zeit ist wichtig ge-
worden, wichtiger als das Leben, das BewuBtsein; denn nur dadurch
kann das Ziel des Erdenwerdens erfullt werden, daB dieses BewuBtsein
in entsprechender Weise von den Menschen erlangt wird. Sie miissen
es schon entgegennehmen, dieses BewuBtsein, von dem Geber des-
selben, von dem aber auch das Todesleben, nicht das Leben der Ge-
burten, kommt.
Daher tritt durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenent-
wickelung ein, gewissermaBen als diejenige Macht, welche fur diese
Erdenentwickelung nun das Wichtigste geworden ist, der Sonnen-
sohn, der Christus, der durch den Leib des Jesus von Nazareth gegan-
gen ist. Das hangt also zusammen mit tiefen kosmischen Geheimnis-
sen. Versuchet zu erkennen - so etwa sagten die alten Mysterien-
eingeweihten zu ihren Schiilern - aus eurem Schlafleben, in das die
Mondenkrafte hineinspielen, auch wenn ihr wach seid - wir wissen ja,
daB der Mensch auch wachend zum Teil schlaft -, das Mondenleben,
das in dieses Schlafesleben so hineinspielt, wie in das Dunkel der
Nacht der silberne Mondenschein hineinspielt. - Die christlichen Ein-
geweihten haben dagegen zu ihren Schiilern zu sagen: Versuchet zu
erkennen, daB aus dem wachen Leben das BewuBtsein herausleuchtet
dadurch, daB in dieses wache Leben hineinspielen die Sonnenkrafte,
so wie vom Morgen bis zum Abend die Sonne drauBen im Erden-
leben leuchtet.
Dieser Umschwung hat sich vollzogen durch das Mysterium von
Golgatha. Und wahrend in den vorchristlichen Zeiten das Wichtigste
war, den Ursprung des Lebens zu erkennen, ist nunmehr das Wich-
tigste geworden, den Ursprung des BewuBtseins zu erkennen. Nur
dadurch, daB man die angedeutete kosmologische Weisheit zu ver-
binden versteht mit dem, was man als wahrhaftige GewiBheit in seiner
Seele erlebt - das heiBt, nur dadurch, daB man Geisteswissenschaft
durch das Innere erfaBt -, nur dadurch kommt man dazu, innerhalb
desjenigen, was sonst in diesem Inneren nicht die Wirklichkeit ver-
biirgt, die geistige Wirklichkeit verbiirgt zu erhalten.
Mit den Mitteln, die Augustinus hatte, mit den Mitteln, die dann
diejenigen haben, die auf Augustinischen Grundsatzen stehen, kann
man nicht weit kommen, weil jeder Schlaf die wahrhaftige GewiBheit
des innerlich Erlebten widerlegt. Erst wenn zu diesem innerlich Er-
lebten hinzu seine Wirklichkeit erlebt wird, dann kommt man zu
einem wirklichen, festen Stehen auf dem Boden dieses inneren Er-
lebens.
Das, was wir heute denken, das, was wir heute fiihlen in unserem
gegenwartigen Erdenleben, es hat in diesem gegenwartigen Erden-
leben noch keine Wirklichkeit - das erkennen heute schon einige
naturwissenschaftlich denkende Menschen an -, das ist unwirklich
gegeniiber der Gegenwart. Und das Eigentumliche ist gerade das:
Was wir am intimsten erleben, dasjenige, in dem uns geradezu die
Wahrheit unbezweifelbar aufleuchtet, ist kein Wirkliches in der
Gegenwart, aber es ist dieses der eigentliche tragende Keim unseres
nachsten Erdenlebens. Wir diirfen von dem, wovon Augustinus
spricht und fiir das es bei ihm keine Biirgschaft gibt, wir diirfen von
diesem sprechen wie von dem Keim fiir das nachste Erdenleben. Wir
diirfen sagen: Es ist gewiB wahr, daB die Wahrheit in unserem Inneren
aufleuchtet, aber sie leuchtet auf als Schein. Heute ist sie noch Schein,
aber im nachsten Erdenleben wird das, was jetzt Schein ist und als
Schein Keim ist, zur Frucht, die gerade das nachste Erdenleben so
belebt, wie der Keim der Pflanze in diesem Jahr die sichtbare Pflanze
im nachsten Jahr belebt. - Nur dann, wenn man die Zeit iiberwindet,
dann findet man in dem, was innerlich erlebt werden kann, eine Wirk-
lichkeit. Wir wiirden nimmermehr diejenigen Menschen sein, die wir
sein sollen, wenn die innerlich erlebte Wahrheit jetzt gegenwartig eine
solche Wirklichkeit ware wie die auBere Welt. Wir wiirden nimmer-
mehr frei werden konnen. Von Freiheit konnte gar nicht die Rede sein.
Wir wiirden aber auch keine Personlichkeit sein konnen; wir wiirden
eingespannt sein in die Naturordnung. Dasjenige, was in uns geschahe,
wiirde notwendig geschehen. Wir sind eine Personlichkeit, und
namentlich eine freie Personlichkeit nur dadurch, daB auf den Wogen
des notwendigen Geschehens sich wie ein Wunder heraushebt der
Schein dessen, was wir in unserem Inneren erleben, und was erst in
unserem nachsten Erdenleben eine solche auBere Wirklichkeit wird
wie diejenige, die wir in unserer Umgebung sehen.
Das ist das Triigerische der Zeit, dem sich alle Phantasie heute noch
hingibt: man zieht nicht in Erwagung, daB dasjenige, was als unwirk-
lich innerlich aufleuchtet in einem Erdenleben, Realitat wird im nach-
sten Erdenleben. Nun, gerade iiber diesen Punkt reden wir dann
morgen und iibermorgen weiter.
Aber wir sehen, wie wir von dem Gesichtspunkte, den wir heute uns
erobern konnen, den Augustinischen Standpunkt iiberschauen konnen,
wie wir gewissermaBen das sehen konnen an Augustinus, was er noch
nicht sehen konnte. So steht vielleicht gerade fiir uns ganz besonders
significant Augustinus in der Abenddammerung des vierten nach-
atlantischen Zeitraums drinnen, indem er mit besonderer Prazision
hinweist auf die eine Stromung im Weltengeschehen, auf die ideelle,
und in der ideellen Stromung im Weltengeschehen versucht, einen
festen Punkt zu flnden. Das versuchte Augustinus. Wir wollen heute
nur die historische Tatsache einmal hinstellen.
Noch nicht war zu seiner Zeit den Leuten aufgegangen der unge-
heure Umschwung, der mit Bezug auf das Mysterium der Geburten
und des Todes eingetreten war; denn erst aus diesem Mysterium des
Todes kann dann herausquillen die wirkliche Befestigung der ab-
soluten GewiBheit der im Inneren der Menschenseele erlebten Wahr-
heit.
Wir werden nun einen groBen Sprung machen, um eine andere Per-
sonlichkeit so zu charakterisieren, wie wir fur die Abenddammerung
des vierten nachatlantischen Zeitraums das charakterisierten, was sich
in der Personlichkeit des Augustinus offenbarte. Wir wollen ebenso
charakteristische Personlichkeiten des fiinften nachatlantischen Zeit-
raums nach einer gewissen Richtung hin schildern. Zwei will ich
herauswahlen. Eine dieser Personlichkeiten, von der ausgehend sich
nach einer gewissen Richtung hin dasjenige charakterisieren laBt, was
im fiinften nachatlantischen Zeitraum fur die Menschheit heraus-
kommt, ist der Graf Saint-Simon, der gelebt hat von 1760 bis 1825.
Eine andere Personlichkeit ist der Schiiler von Saint-Simon, Auguste
Comte, der gelebt hat von 1798 bis 1857. Haben wir in Augustinus
eine Personlichkeit, welche mit alien Mitteln, die ihr von seiten ihrer
Erkenntnis zur Verfugung stehen, das Christentum zu befestigen ver-
sucht, so haben wir auf der andern Seite sowohl in Saint-Simon wie in
Auguste Comte Personlichkeiten, welche an dem Christentum im
Grunde vollstandig irre geworden sind. Wir werden uns am leich-
testen eine Vorstellung machen von dem, was in Auguste Comte, in
gewissem Sinne auch in Saint-Simon lebte, wenn wir, wenigstens
schematisch, einige der Hauptgedanken von Auguste Comte uns
einmal vorfiihren.
Auguste Comte ist im hohen Grade ein Reprasentant fur ein ge-
wisses Weltanschauungsleben in unserer Zeit, und nur der Umstand,
daB man sich so wenig kiimmert um die Art, wie sich die verschiedenen
Weltanschauungsimpulse in das Leben der Menschen einfugen, be-
wirkt, daB man so jemanden wie Auguste Comte auch so studiert wie
eine Raritat des geschichtlichen Lebens. Man weiB eben nicht, daB im
Grunde genommen, wenn auch vielleicht nicht uberall, zahlreiche
Menschen von Auguste Comte etwas schulerhaft beeinfluBt sind -
darauf kommt es aber nicht an -, und in der wesentlichen Grundrich-
tung ihres Denkens mit Auguste Comte ubereinstimmen. So daB man
sagen kann: Auguste Comte ist der Reprasentant fur einen groBen
Teil des Weltanschauungslebens der Gegenwart.
Auguste Comte sagt: Die Menschheit hat sich entwickelt. Sie hat
sich entwickelt durch drei Stadien hindurch. Beim dritten Stadium ist
sie jetzt angelangt. Wenn man durch diese drei Stadien hindurch das
Seelenleben der Menschen beobachtet, so findet man, daB in dem ersten
Stadium die Vorstellungen der Menschen vorzugsweise hinneigten
zur Damonologie. Das erste Stadium der Entwickelung also im
Auguste Comteschen Sinne ware das Damonologische. Die Menschen
haben sich vorgestellt, daB hinter den Erscheinungen der Natur,
welche sinnenfallig sind, geistige Wesen tatig, wirksam sind, die so
vorzustellen sind, wie eben im trivialen Leben Geister vorgestellt
werden. Oberall werden Damonen gewittert, groBe und kleine Damo-
nen gewittert. Das war das erste Stadium.
Dann sind die Menschen iibergegangen, als sie sich schon etwas
weiter entwickelt hatten, von dem Standpunkt der Damonologie zu
dem Standpunkt der Metaphysik. Wahrend sie sich zuerst Damonen,
Elementarwesen oder dergleichen vorgestellt haben hinter alien Er-
scheinungen, stellten sie sich dann in abstrakten BegrifTen faBbare
Grunde vor. Metaphysisch wurden die Menschen, nachdem sie nicht
mehr Damonenglaubige sein wollten. Das zweite Stadium ist also das
der Metaphysik : man denkt gewisse BegrifFe aus und verbindet diese
Begriffe mit seinem eigenen Leben, so daB man meint, durch solche
BegrifFe konne man an die Urgriinde der Dinge herankommen.
t)ber dieses Stadium ist die Menschheit nun auch hinausgeschritten.
Sie ist nun in das dritte Stadium eingetreten, von dem Auguste Comte,
ganz auch im Sinne seines Lehrers Saint-Simon, annimmt, daB der
Mensch nicht mehr zu Damonen hinschaut, wenn er sich iiber die
Urgriinde der Welt unterrichten will, audi nicht zu metaphysischen
BegrifFen, sondern lediglich zu dem, was die sinnenfallige Wirklichkeit
der positivistischen Wissenschaft gibt. Das dritte Zeitalter ist also das
der positivistischen Wissenschaft. Was man durch die auBere wissen-
schaftliche Erfahrung geoffenbart bekommen kann, das soli der
Mensch betrachten als dasjenige, was ihn aufklart fur eine Welt-
anschauung. Er soli iiber sich selber sich so aufklaren wollen, daB
diese Auf klarung in demselben Sinne gehalten ist, wie die mathema-
tische Auf klarung iiber die Raumordnungen aufklart, wie die Physik
iiber die Krafteordnungen, die Chemie iiber die StofFordnungen, die
Biologie iiber die Lebensordnungen aufklart. Alles dasjenige, was so
durch die einzelnen Wissenschaften, deren Zusammenklang Auguste
Comte in seinem groBen Werke iiber die positive Philosophic aus-
fiihrlich im einzelnen darzustellen versuchte, alles das, was so durch
die einzelnen positiven Wissenschaften erfahren werden kann, be-
trachtete Auguste Comte als dasjenige, was einzig und allein des Men-
schen im dritten Stadium wiirdig ist. Das Christentum selber betrachtet
er noch, zwar als die hochste Ausbildung, aber doch nur als die letzte
Phase der Damonologie. Die Metaphysik ist dann aufgetreten; sie gab
den Menschen eine Summe von abstrakten Begriffen. Zu etwas wirk-
lich Realem, das den Menschen auch ein menschenwiirdiges Dasein
auf der Erde hier geben konne, bringt es erst die positive Wissen-
schaft; so meint Auguste Comte. Daher will auch Auguste Comte eine
Kirche begriinden auf Grundlage der positivistischen Wissenschaft,
die Menschen in solche sozialen Strukturen bringen, die auf Grund-
lage der positivistischen Wissenschaft gefaBt sind.
Es ist sehr merkwiirdig, zu welchen Dingen Auguste Comte - ich
will heute nur einige charakteristische Ziige hervorheben - eigentlich
zuletzt gekommen ist. Er hat sich ja mit der Griindung einer Kirche,
der positivistischen Kirche, viel beschaftigt. Und diese positivistische
Kirche - wenn Sie einzelne Dinge daraus entnehmen, so werden Sie
ja gleich den Geist kennenlernen - sollte auch eine Art Kalender ein-
fiihren. Eine groBe Anzahl von Jahrestagen sollte zum Beispiel dem
Andenken von solchen Leuten wie Newton oder Galiki gewidmet
sein, den Tragern der positivistischen Wissenschaften; diese Tage des
Jahres, die diesen Leuten gewidmet sind, sollten verwendet werden
zum Verehren dieser Leute. Andere Tage sollten verwendet werden
zum Verlastern solcher Leute wie Julian des Abtriinmgen oder Napoleons.
Auch das sollte geregelt sein. Aber das Leben sollte iiberhaupt im
weitgehendsten MaBe durchaus nach den Grundsatzen der positivisti-
schen Wissenschaft geregelt sein.
Wer das Leben heute kennt, der weiB, daB die Menschen gewiB in
keiner groBen Anzahl mit solchen Idealen, wie sie Auguste Comte
gehabt hat, Ernst machen wollen. Aber das ist ja doch nur aus Feig-
heit; denn in Wahrheit denken die Menschen schon so, wie Auguste
Comte gedacht hat. Wenn man studiert, welches Bild die positivi-
stische Kirche des Auguste Comte gibt, so bekommt man tatsachlich
den Eindruck : Die Struktur dieser Kirche stimmt ganz genau mit der
Struktur der katholischen Kirche iiberein, nur fehlt der positivistischen
Kirche des Auguste Comte der Christus. Und das ist das Merkwiirdige.
Das ist dasjenige, was man sich geradezu vor die Seele stellen soil als
das Charakteristische: Auguste Comte sucht eine katholische Kirche
ohne Christentum. Dazu ist er gekommen, indem er diese drei Stufen:
das Damonologische, das Metaphysische und das Positivistische, in
seine Seele aufgenommen hat. Man konnte sagen : Er hat alle Einklei-
dung des Christentums, wie sie in der Geschichte sich bis zu ihm er-
geben hat, als etwas sehr Gutes betrachtet; aber den Christus selbst
wollte er aus dieser Kirche beseitigen. Das ist doch im Grunde das
Wesentliche, worauf es bei Auguste Comte ankommt : eine katholische
Kirche ohne den Christus.
Das ist auBerordentlich charakteristisch fur die Morgendammerung
der funften nachatlantischen Zeit. Denn so wie Auguste Comte denkt,
so muBte ein Geist denken, der den Romanismus ganz und gar in
seiner Seele aufgenommen hatte, aus diesem Romanismus heraus
dachte, aber zu gleicher Zeit vollig dachte im Sinne der funften nach-
atlantischen Zeit mit ihrem antispirituellen Charakter. So sind Auguste
Comte und sein Lehrer Saint- Simon im hochsten Grade charakteri-
stisch fur die Morgendammerung des funften nachatlantischen Zeit-
raums. Aber in diesem funften nachatlantischen Zeitraum wird sich
viel entscheiden. Daher treten auch die andern Nuancierungen, die
noch moglich sind, auf. Ich will heute, wie gesagt, einige historische
Lichtblicke vor Ihnen eroffhen; wir werden dann darauf weiterbauen.
Einen merkwiirdigen Gegensatz zu Auguste Comte bildet Schelling,
der da lebte von 1775 bis 1854. Auch er ist gewissermaBen charakte-
ristisch fur die Morgendammerung des funften nachatlantischen Zeit-
raums. Ich kann Ihnen ja von SchelHngs mannigfaltig in sich ge-
gliederter Weltanschauung, iiber die wir von diesem oder jenem Ge-
sichtspunkte schon ofter gesprochen haben, selbstverstandlich nicht
einmal schematisch heute sprechen; aber auf eirdges Charakteristische
mochte ich Sie hinweisen.
Gesagt habe ich: Augustinus steht in der Abenddammerung des
vierten nachatlantischen Zeitraums auf dem Punkte, die eine Stro-
mung, die ideelle, so zu betrachten, daB sich ihm aus ihr ein fester
Punkt ergeben soli, auf dem er stehen kann. Nun kommen wir in den
funften nachatlantischen Zeitraum herein: In der Morgendammerung
haben wir solche Geister wie Saint-Simon und Auguste Comte, die in
der anderen, in der rein natiirlichen, materiellen Ordnung den festen
Punkt suchen der positivistischen Wissenschaft. Da haben wir die
beiden Richtungen: Augustinus auf der einen Seite, Auguste Comte
auf der andern Seite stehend. Schelling suchte hinter dem, was man in
der Welt sehen kann mit den gewohnlichen Mitteln des funften nach-
atlantischen Zeitraums, zuerst abstrakt-philosophisch, mit ungeheurer
Energie nach einer Briicke zwischen dem Idealen und dem Realen,
dem Idealen und Materialen - Sie finden die wesentlichen Punkte in
meinem Buche «Vom Menschenratsel» dargestellt -; er suchte mit
ungeheurer Energie nach einer Uberbriickung dieser Gegensatze. Er
kam zuerst nur zu allerlei abstrakten Gedanken in dieser Uberbnik-
kung. Indem er zuerst namentlich auf denselben Grundlagen gebaut
hat, auf denen Johann Gottlieb Fichte baute, kam er etwas weiter und
versuchte, etwas in der Welt als ein Sein zu erfassen, das ideal und real
zu gleicher Zeit ist. Dann kam eine Zeit in Schellings Leben, in der
ihm unmoglich schien, mit den Mitteln der Abstraktionen, zu denen
es dieser funfte nachatlantische Zeitraum im Laufe der Zeit gebracht
hatte, zu einer solchen Briicke zu kommen. Unmoglich erschien ihm
dieses. Er sagte sich eines Tages: Die Menschen haben ja doch eigent-
lich nur auf dem Boden der neuzeitlichen Gelehrsamkeit solche Be-
griffe gewonnen, mit denen man die auBere Naturordnung begreifen
kann. Aber fur das, was hinter dieser auBeren Naturordnung ist, der
Sphare, wo man die Briicke zwischen Idealem und Realem bauen
kann, dafur haben wir keine BegrifFe. - Und sehr interessant ist es,
daB Schelling eines Tages das Gestandnis gemacht hat: es kame ihm
vor, wie wenn die gelehrten Leute der letzten Jahrhunderte einen
stillen Vertrag geschlossen hatten, der dahin ginge, alles Tiefere aus
der Weltanschauung auszuschalten, das nach dem wirklichen, wahr-
haftigen Leben fuhren will. Daher miisse man zu den ungelehrten
Leuten gehen. Das war auch die Zeit, in der sich Schelling auf Jakob
Bohme eingelassen hat, so daB er dann aus Jakob Bohme jene spirituelle
Vertiefung fand, die ihn zu seiner letzten, zu seiner theosophischen
Periode in seinem Leben fiihrte, aus welcher hervorgegangen ist die
schone Schrift iiber die Freiheit des Menschen, die schone Schrift uber
die Gottheiten von Samothrake, iiber die Kabirengottheiten; dann
die « Philosophic der Mythologie» und die «Philosophie der Ofren-
barung».
Was Schelling namentlich in dieser letzten Periode seines Lebens
ganz besonders gesucht hat, das war, das Eingreifen des Mysteriums
von Golgatha in die Menschheitsgeschichte zu begreifen. Das hat er
ganz besonders gesucht. Und es ist ihm dabei aufgegangen, daB man
mit den Begriffen, die der neueren Gelehrsamkeit zur Verfiigung
stehen, nicht dazu kommen kann, jenes Leben zu verstehen, in wel-
chem das Mysterium von Golgatha flieBt, also auch nicht das wahre
Menschenleben zu verstehen. Dadurch kam Schelling - und das ist der
Zug, den ich bei ihm jetzt besonders hervorheben mochte, wir werden
in den nachsten Tagen weiter auf diesen Dingen bauen - zu einer An-
schauung, die nun der seines Zeitgenossen Auguste Comte vollig ent-
gegengesetzt war. Und das ist das Merkwiirdige : Wir konnen sagen,
Auguste Comte sucht einen Katholizismus, ich mochte besser sagen
eine katholische Kirche, ohne Christentum; Schelling sucht aus seinen
Anschauungen heraus ein Christentum ohne Kirche. Ein Christentum
ohne Kirche: Schelling sucht gewissermaBen das ganze moderne
Leben zu verchristen, zu durchchristen, so daB alles, was der Mensch
denken und fuhlen und wollen kann, durchpulst ware von dem
Christus-Impuls. Ein abgesondertes kirchliches Leben fur das Chri-
stentum sucht er nicht, namentlich nicht nach dem Muster, wie es
schon war in der historischen Entwickelung, obwohl er dieses Leben
sorgfaltig betrachtet. So haben wir die zwei Extreme: den Auguste
Comteschen Gedanken einer Kirche ohne Christus, den Schelling-
schen Gedanken des Christus ohne Kirche.
Ich wollte diese historischen Ausblicke vor Ihre Seele hinstellen,
um eben auf diesen Dingen aufbauen zu konnen. Denn wir sehen
einen Geist, Augustinus, der den festen Punkt sucht im Idealismus,
einen Geist, Auguste Comte, der den festen Punkt sucht im Realismus,
eine Personlichkeit wie Schelling, welche die Briicke schlagen will.
Das alles sind Tendenzen, die der Entwickelung vorangehen, in der
wir selbst eben stehen.
Nun kann man folgendes sagen: Man kann iiberblicken dasjenige,
was sich da zugetragen hat durch viele Jahrhunderte hindurch, was
sich zugetragen hat im Weltanschauungsleben, und man kann dann
seinen Blick werfen auf die Art, wie sich die Vorstellungen der Men-
schen im weitesten Umkreise ausbilden. Da kommt einem gerade
durch das Studium von Auguste Comte ein sehr wichtiges Apercu,
aber Auguste Comte konnte dieses Apercu nicht rein fassen, weil er ja
ganz in seinen positivistischen Vorurteilen drinnensteckte. Aber etwas,
was fur uns ein wichtiger Ausgangspunkt der nachsten Tage werden
kann, ergibt sich gerade, wenn man den ganzen Zusammenhang - ich
mochte sagen Augustinus, Auguste Comte, Schelling - ins Auge faBt:
ein Apercu, das ich an den SchluB dieser Betrachtungen heute hin-
stellen will, weil ich mochte, daB es zunachst einmal in Ihre Seelen
sich hineinsetzt. Wir werden dann in den nachsten Tagen zu reden
haben von dem, was in bedeutsamer Weise mit diesem Apercu zu-
sammenhangt. Weil nun dieses Apercu sich gerade ergibt aus einer
Betrachtung dessen, was ich vorausgesetzt habe, stelle ich es apho-
ristisch hin, ohne im einzelnen die Begriindung geben zu konnen,
warum man dieses, nicht bei Auguste Comte, aber bei andern stehende
Apercu gerade findet, wenn man sich vom Standpunkte des Spateren,
wie ich es heute angedeutet habe, einlaBt auf einen in diesem Fall
nicht viel Spateren, desjenigen, det im Anfange des 20. Jahrhunderts
iiber jemanden denkt, der am Ende des 18. und in der ersten Halfte
des 19. Jahrhunderts dachte. Aber es ist heute schon wichtig - was
ich immer wieder und wiederum betont und auch diesmal scharf
charakterisiert habe -, daB man das Weltanschauungsleben nicht nur
in abstracto so fur sich betrachtet, sondern so, wie es sich eingliedert
in das gesamte Leben der Menschheit. Nur dadurch kommt man zu
einem Wirklichkeitsstandpunkt, daB man diese Eingliederung in das
Gesamtleben der Menschheit ins Auge faBt.
Nun sind sich gerade Saint-Simon und Auguste Comte klar dariiber,
daB sie zu ihrem Positivismus nur kommen konnten in der modernen
Zeit, daB der Positivismus unmoglich gewesen ware in einer fruheren
Zeit. Auguste Comte besonders empflndet es stark : Wie ich denke -
so sagt er sich ungefahr so kann man nur in unserem Zeitalter
denken. - Das ist etwas, was als etwas ungeheuer Wichtiges dasteht in
der modernen Bewegung, und das hangt zusammen eben mit jenem
Apercu, das ich meine. Wenn man gerade zugrunde legt das, was
Auguste Comte als Ausgangspunktfur seine Dreigliederung betrachtet,
so kann man auch ganz in seinem Sinne sagen, diese Dreigliederung
sei Theologie, Metaphysik und das, was er - ob nun recht oder un-
recht, das ist gleichgiiltig - positivistische Wissenschaft nennt.
Nun ist das Eigentumliche, daB man fragen kann: Wer wird am
leichtesten Glaubiger von einer dieser Richtungen? Ich bitte, mich in
bezug auf dasjenige, was ich jetzt mit Bezug auf dieses Apercu sagen
werde, ja nicht miBzuverstehen, ja nicht irgendwie dies als einseitig
radikales Dogma aufzufassen, und auch nicht es so aufzufassen, als ob
es fur die Gegenwart grobklotzig beobachtet werden konnte mit
apodiktischer GewiBheit; sondern es muB betrachtet werden der
ganze Entwickelungsgang der Menschheit, wenn man das ins Auge
fassen will, was ich jetzt aussprechen will. Aber man kann dann nicht
fragen: Wer wird Glaubiger?, sondern: Wer wird am leichtesten
Glaubiger einer dieser Richtungen? - Und da ergibt sich durch eine
sorgfaltige Beobachtung, so sehr auch die Tatsachen zu widersprechen
scheinen: Am leichtesten wird Glaubiger der Theologie - nicht Trager
der Theologie, nicht Theologe, sondern Glaubiger - ich spreche nicht
von der Religion, sondern von der Theologie -, der Soldat! Am
leichtesten wird Glaubiger der Metaphysik der Beamte, insbesondere
der juristische, und am leichtesten wird Glaubiger der positivistischen
Wissenschaft der Industrielle.
Es ist wichtig, wenn man das Leben beurteilen will, nicht im Ab-
strakten stehenzubleiben, sondern wirklich unbefangen auf das Leben
hinzublicken. Dann aber muB man sich solche Fragen aufwerfen.
Ich mochte das nur eben heute am Schlusse als ein Apercu behan-
delt wissen, das sich gerade dann ergibt, wenn man sich auf Auguste
Comte intimer einlaBt, weil er sich dessen bewuBt ist: Nur fiir Indu-
strielle ist er vollstandig verstandlich, und nur im industriellen Zeit-
alter konnte er eigentlich auftreten mit seinen Anschauungen. Das
aber hangt damit zusammen, daB der Industrielle am leichtesten Glau-
biger der positivistischen Wissenschaft wird, der Soldat am leichtesten
Glaubiger nicht etwa bloB der christlichen, sondern jeder Theologie
wird, der Beamte am leichtesten der Glaubige wird der Metaphysik.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 7. September 1918
Ein volliger Einblick in die Verhaltnisse, die wir jet2t beriihren, ist
doch nicht moglich, ohne daB man genauer hinsieht auf das Wesen
des Menschen in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, im
Schlafzustande. Schematisch ist Ihnen ja alien dieser Schlafzustand
bekannt: Es trennt sich dasjenige, was man, wenn man es so nennen
will, Ich und astralischen Leib nennt, von dem physischen Leib und
dem Atherleib. Wenn man aber das Wesen des Schlafes genauer ins
Auge fassen will, dann muB man doch darauf aufmerksam werden,
daB der Mensch gerade im Schlafzustande die Wirklichkeit dessen er-
lebt, wovon wir gestern so gesprochen haben, daB wir sagten:
Augustinus sucht im inneren Erleben die wirkliche, wahrhaftige Ge-
wiBheit iiber die Welt zu erfassen. - Aber der Mensch erfaBt im
Wachzustande nicht vollig sein Inneres. Man muB sich klar dariiber
sein, daB dasjenige, was man als Ich und als astralischen Leib be-
zeichnet, im Wachzustande durchaus nicht wirklich zum BewuBtsein
des Menschen kommt, sondern daB in diesem Wachzustande nur ein
Abbild, ein Spiegelbild von Ich und astralischem Leib zum BewuBt-
sein des Menschen kommt. Im Schlafzustande, also vom Einschlafen
bis zum Aufwachen, wiirde der Mensch, wenn er sich bewuBt ware -
wir konnen auch sagen, wenn er sich bewuBt wird durch jene Ubungen,
die Ihnen zur Verfiigung stehen, die Sie ja beschrieben finden in den
verschiedenen Schriften es wiirde der Mensch durch den Schlafzu-
stand, wenn er sich bewuBt wiirde, was er da erlebt, gewissermaBen die
wahre Gestalt von Ich und astralischem Leib erleben, nicht das Spiegel-
bild, wie im Wachzustande, sondern die wahre Gestalt. Da muB man
aber dann sich klar sein dariiber, daB diese wahre Gestalt von Ich und
astralischem Leib so vor des Menschen Seele tritt, so vor das imagi-
native BewuBtsein tritt, daB wahrend des Schlafzustandes der Mensch
in dem inneren Erleben das wirklich in sich, innerhalb seines Ich und
seines astralischen Leibes erlebt, also in sich erlebt, was wir dritte Hier-
archie nennen, die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai.
Wahrend des Wachzustandes erlebt der Mensch diesen innigen Zu-
sammenhang, in dem er eigentlich sein ganzes Leben hindurch mit
den als Angeloi, Archangeloi und Archai bezeichneten Wesenheiten
stent, nicht. Und darinnen besteht eben fur den Wachzustand die
Tauschung, daB es bleibt bei dem abstrakten Ich, das der Mensch er-
lebt, und bei den schattenhaften Vorstellungen und Gedanken, die
des Menschen Seele erfullen - denn schattenhaft sind sie doch oder
gar bei dem halb traumhaft vor sich gehenden Gefiihl der Wollungen.
Das ist das Wesentliche, daB der Mensch wahrend des Wachzustandes
dabei bleiben muB, dieses Schattenhafte seines Ich und seines astra-
Hschen Leibes zu erleben, und daB er sich nicht bewuBt werden kann,
daB in sein Ich hereinwirken die Wesenheiten der dritten Hierarchic
In dem Augenblicke, wo der Mensch wirklich im Schlafe aufwachen
wiirde, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, wiirde er nicht eine
auBere Natur um sich herum haben, aber er wiirde in sich erfuhlen
die Wesenheiten der Engel, Erzengel und der Zeitgeister. Und davon
kommt es, daB wir in unserer Seelenverfassung etwas haben, was wir
sonst nicht hatten. Wiirde in unser Ich und in unseren astralischen
Leib nicht die Hierarchie der Angeloi hereinwirken, so wiirden wir
uns nicht als Personlichkeit fiihlen konnen. Also dadurch, daB die
Hierarchie der Angeloi hereinwirkt in unsere geistig-seelische Wesen-
heit, fiihlen wir uns als freie Personlichkeit.
Dadurch, daB die Hierarchie der Archangeloi hereinwirkt, fiihlen
wir uns als Angehorige der ganzen Menschheit. Wir konnten auch
sagen, dadurch, daB die Erzengelwesen in unser geistig-seelisches Sein
hereinleuchten, daB sie dieses inspirieren, fiihlen wir uns eigentlich
als Mensch. Und dadurch, daB die Wesenheit der Archai, der Zeit-
geister, in unser Wesen hereinpulsiert, es intuitiert, fiihlen wir uns als
Erdenwesen, das heiBt als Angehorige nicht nur der gegenwartigen
Menschheit, sondern als Angehorige der ganzen Erdenmenschheit
vom Anfange des Erdenwerdens bis zum Ende des Erdenwerdens.
Dadurch also fiihlen wir uns als Glieder der ganzen Erdenentwicke-
lung. Wir fiihlen das ja nur dumpf, weil wir eben die Zeitgeister
dumpf in uns erfuhlen.
Wir konnen nicht sagen, daB wir uns als Personlichkeit schauen;
das konnen wir erst dann, wenn wir zum imaginativen BewuBtsein
kommen. Es bleibt dieses imaginative BewuBtsein eine Art Spiege-
lung, solange wir unsere Gedanken nur so erleben, daB wir durch das
freie Gedankenleben uns als Personlichkeit fiihlen. Werden wir uns
noch einmal klar dariiber, wodurch wir uns als Personlichkeit fiihlen:
Wir fiihlen uns als Personlichkeit dadurch, daB wir willkiirlich einen
Gedanken an den andern setzen konnen. Sie wiirden sogleich auf-
horen, sich als Personlichkeit zu fiihlen, wenn Sie gezwungen waren,
einen Gedanken an den andern anzureihen so, wie eine Naturerschei-
nung sich an die andere anreiht. Dieses Erlebnis der inneren Freiheit -
in der Fortfiihrung unseres Denkens liegt das Sich-Erfiihlen als Per-
sonlichkeit das ist noch, was am klarsten dem Menschen zum Be-
wuBtsein kommt wahrend des Tagwachens. Und es kommt wahrend
des Tagwachens dadurch zum BewuBtsein, daB vom Einschlafen bis
zum Aufwachen der Mensch durchtrankt ist von seinem Engelwesen,
daB dieses Engelwesen zu unserem Ich gehort.
Schon viel apathischer, viel weniger stark und intensiv fiihlen wir
uns als Angehoriger der ganzen Menschheit, weil wir natiirlich dem
Erzengelwesen, welches macht, daB wir uns als Mensch fiihlen konnen,
ferner stehen als dem Engelwesen. Und dasjenige, was uns hereinsetzt
als Personlichkeit in die ganze menschliche Entwickelungsstrdmung,
das bleibt fur die meisten Menschen etwas recht, recht Schattenhaftes.
Wir versuchen ja, auf dem Boden der Geisteswissenschaft gerade
dieses Sich-Erfiihlen in der ganzen Erdenmenschheit wachzurufen,
indem wir uns klarwerden : In der fiinften nachatlantischen Zeit erlebt
der Mensch in dieser Weise, in der vierten nachatlantischen Zeit hat er
in jener Weise erlebt, in der dritten nachatlantischen Zeit in anderer
Weise. Wie sich die Seelenverfassung andert durch die verschiedenen
Zeitperioden hindurch, bewirkt durch die verschiedenen Zeitgeister,
die Wesenheiten aus der Hierarchie der Archai, davon verschafTen
wir uns auf dem Boden der Geisteswissenschaft ein BewuBtsein.
Dieses BewuBtsein gibt ja eigentlich erst dem Menschen die Moglich-
keit, sich als geschichtliches Wesen zu fiihlen, darauf aufmerksam zu
werden: Ich lebe als Personlichkeit im 20. Jahrhundert. Den meisten
Menschen kommt es ja gar nicht zum BewuBtsein, daB ihre Person-
lichkeit nur denkbar ist, nur real sein kann als Personlichkeit dadurch,
daB sie in eine bestimmte Zeitperiode hineingestellt ist. Dieses leben-
dige Durchtranktsein der menschlichen Geist-Seelenwesenheit von
den Wesenheiten der dritten Hierarchie, das ist dasjenige, was dem
Menschen zum BewuBtsein kommen wiirde, wenn er imaginative
Erkenntnis in etwas intensiver Weise anstrebte.
Nun, im gewohnlichen Gang der Menschheitsentwickelung ist, wie
Sie ja einsehen, diese imaginative Erkenntnis nicht da. Es dampft sich
ab vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Wirklichkeit des Ich und
des astralischen Leibes, und im Wachen verliert der Mensch den Zu-
sammenhang mit den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Das riihrt
davon her, daB namentlich in unserem Zeitenzyklus der Mensch
wahrend des Wachens audi einer Tauschung hingegeben ist. Er ist ja,
wie wir eben gesehen haben, wahrend des Schlafens der Tauschung
hingegeben, als ob sein Ich und sein astralischer Leib dann untatig
waren. Sie sind nicht untatig; sie sind in lebendiger Wechselwirkung
mit den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Im Wachzustande, da ist
die Sache so, daB uns im jetzigen Zeitenzyklus unser physischer Leib
und unser Atherleib gewissermaBen, man konnte sagen, widerrechtlich
unser Geist-Seelenwesen absorbieren; sie durchtranken sich mit die-
sem Geist-Seelenwesen. Normal ware es fur den Menschen ganz
anders; normal ware es fur den Menschen so, daB der Mensch im
Wachzustande sich als Ich und astralischer Leib erfiihlt und den
physischen Leib und den Atherleib wie eine Art Schale fiih.lt, in die er
hineinschliipft, wie etwas, das er mit sich tragt. Aber so fuhlt sich
eben der Mensch nicht. Er fuhlt sich so, wie wenn der physische Leib
und der Atherleib er waren. Das ist er gar nicht. Wir sind schon dieses
Geist-Seelenwesen, das des physischen und des Atherleibes sich wie
eines Werkzeuges bedient, aber wir konnen uns iiber die Tauschung
nicht erheben, die liegt in den Wirkungen unseres Zeitenzyklus. Wir
miissen gleichsam dasjenige, was uns beim normalen BewuBtsein vor-
kommen wiirde wie der Hammer, den wir in der Hand haben und mit
dem wir schlagen, wir miissen uns mit unserem physischen Leib und
unserem Atherleib identisch fiihlen; wir miissen uns der Tauschung
hingeben, wir seien es, die da fleischlich durch den Raum gehen. Das
sind aber nicht wir; das ist nur so, weil widerrechdich das BewuBtsein
unseres Ich absorbiert wird von unserem physischen Leib und
unserem Atherleib. Und dieses riihrt davon her, daB im gegenwartigen
Zekenzyklus die ahrimanischen Machte machtiger sind, als sie in der
Normalentwickelung der Menschheit sein wiirden. Sie Ziehen ge-
wissermaBen das Ich und den Astralleib an den physischen und Ather-
leib heran und bewirken beim Menschen die Tauschung, daB dieser
Kopf, den er an sich tragt, er selber sei, daB diese Hande und der
ganze Leib er selber sei. Widerrechdich eignet sich der physische Leib
das BewuBtsein an, so daB es so erscheint, als ob unser physischer
Leib unsere Personlichkeit bewirkte. Wer glaubt, daB sein physischer
Leib irgendwie seine Personlichkeit bewirkt, der unterliegt derselben
Tauschung wie jemand, der vor einen Spiegel sich hinstellt und
glaubt, der Spiegel produziert ihn, weil er sein eigenes Bild zuriick-
gestrahlt bekommt. Zu sagen: dieses Fleischgebilde, das wir an uns
tragen, seien wir, ist nicht gescheiter, als wie wenn jemand seine Hand
vor den Spiegel halt und glaubt, der Spiegel produziere ihm seine
Hand heraus. Und dennoch, unter dieser Tauschung lebt die ganze
heutige Wissenschaft. Die ganze heutige Wissenschaft glaubt, daB das-
jenige, was wir innerlich als Personlichkeit erleben, irgend etwas zu
tun habe mit dem physischen Leib und dem Atherleib, und glaubt
nicht, daB der physische Leib und der Atherleib dieses Ich und astra-
lische Wesen zuriickstrahlen, jenes Scheinbild formen, das wir vom
Aufwachen bis zum Einschlafen anerkennen als unser Ich und als
unsere Gedanken, das heiBt, unseren astralischen Leib.
Das ist gewissermaBen die Fundamentalwahrheit, die man zunachst
einsehen muB. Mit Bezug auf diese Fundamentalwahrheit nun geben
sich die jetzigen Menschen aus den Kraften unseres jetzigen Zeiten-
zyklus heraus einer BewuBtseinstauschung hin, die eben in dem be-
steht, was ich gerade gesagt habe : Wir glauben, was wir innerlich an
Gedanken oder auch an Gefuhlen erleben, erhalten wir von unserem
Leibe. Aber der Mensch unterliegt naturgemaB dieser Tauschung, er
kann sich dieser Tauschung bei seinem heutigen BewuBtseinszustande
nicht entziehen. Geradeso wie die Sonne, wenn sie unten am Horizont
ist, groBer erscheint, als wenn sie oben ist - man weiB, es ist eine
Tauschung, aber es erscheint doch so -, so muB es dem Menschen er-
scheinen, daB er gewissermaBen als Fleisch und Blut sich fur seine
Personlichkeit halt. Das ist eine BewuBtseinstauschung. Aber dieser
BewuBtseinstauschung, welcher der Mensch heute unterliegt, unterlag
er nicht immer, sondern diese BewuBtseinstauschung ist eigentlich
wesentlich eine charakteristische Eigenschaft der Menschheit in der
nachchristlichen Zek, nach dem Mysterium von Golgatha. Vor dem
Mysterium von Golgatha war nicht eine BewuBtseinstauschung vor-
handen, sondern eine andere Art von Tauschung. Vor dem Mysterium
von Golgatha glaubte der Mensch nicht sein BewuBtsein mit seinem
physischen Leib verbunden. Davon erzahlt natiirlich die Geschichte
nichts, aber es ist doch so. Einem Menschen des 2., 3. Jahrtausends
vor der christlichen Zeitrechnung zuzumuten, daB er seine Seele
irgendwie produziert gehalten hatte von seinem physischen Leibe, ist
ein Unsinn. Kein Mensch hat in alten Zeiten sein seelisch-geistiges
Wesen so an den Leib gebunden gefuhlt wie der heutige Mensch.
Dafur aber hatte dieser Mensch der vorchristlichen Zeiten ein
lebendiges BewuBtsein von den Wesenheiten der dritten Hierarchie.
Das hatte er schon. Dadurch, daB er wuBte : meine Seele ist nicht mit
meinem Leibe identisch, dadurch hatte er ein deutliches BewuBtsein,
daB diese Seele nicht gebunden ist an das Blut oder an die Muskeln
und so weiter, sondern daB diese Seele gebunden ist an die Wesen-
heiten der dritten Hierarchie. Nur ergab sich fur ihn eine andere Tau-
schung, nicht eine BewuBtseinstauschung, sondern eine Lebens-
tauschung. Er hielt diese Seele mit den Wesenheiten der dritten Hier-
archie in ahnlicher Weise gebunden an die auBere Natur, wie der
heutige Mensch seine Seele an seinen physischen Leib gebunden meint.
Der heutige Mensch gibt sich der BewuBtseinstauschung hin, seine
Seele sei an seinen physischen Leib gebunden, und dadurch sieht er
Engel, Erzengel und Archai nicht, weil sie ihm sein physischer Leib
verdunkelt. Der alte Mensch - trotzdem er ein deutliches BewuBtsein
hatte, daB die Wesenheiten der dritten Hierarchie da sind, mit seiner
Seele verbunden - sah auch nicht unmittelbar, sondern dunkel in die
auBere sinnenfallige Natur. Der heutige Mensch in seiner BewuBt-
seinstauschung glaubt, daB seine Seele an seinen Leib gebunden ist;
der alte Mensch glaubte, daB die Wesenheiten der dritten Hierarchie an
die auBere Natur gebunden seien, die er mit seinen Sinnen wahrnahm.
Damals vermischte er gottliche Wesenheiten, die Wesenheiten der
dritten Hierarchie, mit Naturerscheinungen, und er sah sie durch
Naturerscheinungen ausgedriickt. Der heutige Mensch versetzt seine
Seele in sein Fleisch und Blut, der alte Mensch die Wesenheiten der
dritten Hierarchie in die auBere Natur hinein. Er hatte ja keine Natur-
wissenschaft, wie wir heute, sondern er betrachtete die Naturerschei-
nungen als bewirkt von diesem oder jenem Damon, mehr oder weniger
geistig-gottlichen Wesenheiten, iiber die er sich einer Lebenstauschung
hingab. Er gab sich einer Lebenstauschung hin deshalb, weil er sie
gewissermaBen sinnlich vorstellte, wie in Naturerscheinungen wirk-
sam. Das ist wichtig, daB mit der Entwickelung der Menschheit dies
vorgegangen ist, daB der Mensch in der vorchristlichen Zeit sich der
charakterisierten Lebenstauschung hingegeben hat, wahrend der
Mensch nach dem Mysterium von Golgatha sich hingibt einer Be-
wuBtseinstauschung. Die Wirksamkeit des Christus Jesus - davon
werden wir dann noch morgen sprechen - soil gerade darinnen be-
stehen, in ahnlicher Weise, wie das durch die alten Mysterien fur die
alte Lebenstauschung der Fall war, diese BewuBtseinstauschung im
Menschen wenigstens dem BewuBtsein nach aufzuheben; durch das
« Christus in mir» soli der Mensch fuhlen, daB dasjenige, was Ich und
astralischer Leib ist, in freier Geistigkeit lebt, nicht an sein Fleisch
und Blut gebunden ist. Schauen kann er es natiirlich nur auf geistes-
wissenschaftlichem Wege; fuhlen kann er es durch das Paulinische
« Nicht ich, der Christus in mir».
Aus dem, was ich Ihnen dargestellt habe, werden Sie die Griinde
dafur sehen, daB der Mensch gewissermaBen die Zweiheit zu erleben
hat, auf der einen Seite die Naturordnung, die keine Ideale enthalt,
die notwendig das eine Geschehen an das andere kniipft, in dem rein
bloB Ursache an Wirkung und Wirkung an Ursache gegliedert wird,
so daB man niemals denken kann: durch dasjenige, was in der Natur
selbst vor sich geht, werden moralische oder sonstige Ideale ver-
wirklicht. Auf der andern Seite wird sich der Mensch bewuBt, daB er
kein menschenwiirdiges Dasein entfalten wiirde, wenn er nicht Ideale
hatte, wenn er nicht an etwas anderes sich halten wiirde als Mensch,
denn an die bloBe auBere Naturordnung. Aber er kann nicht, mit dem
gangbaren BewuBtsein, mit dem er heute ausgestattet ist, seine Ideale
so sehen, daB er sie wirksam glauben konnte wie Elektrizitat oder
Magnetismus oder wie die Warmekraft, so daB diese Ideale imstande
waren, in die Naturordnung einzugreifen. Daher stellt sich ihm die
Naturordnung und die ideale Ordnung nebeneinander, und er kann
die Briicke nicht schlagen. Er kann die Briicke nicht schlagen aus dem
Grunde, weil er in die Welt bei Tag und bei Nacht nicht blickt, wo
diese Briicke zu schlagen ist. Wiirde der Mensch bei Tag das Normal-
bewuBtsein, das ahrimanfreie BewuBtsein haben: Ich bin als Per-
sonlichkeit nicht anders gebunden an meinen physischen Leib und an
meinen Atherleib, als ich gebunden bin, wenn ich vor einem Spiegel
stehe und der Spiegel mir mein Bild zuriickstrahlt wiirde der
Mensch dieses BewuBtsein iiber sein Ich und seinen astralischen Leib
haben, wiirde er dieses Ich und diesen astralischen Leib als ein Wirk-
liches, nicht als ein bloBes Spiegelbild erkennen, dann wiirde er auch
durch dasjenige, was er als Ideale hat, anerkennen: Das sind reale
Krafte wie Elektrizitat und Magnetismus, nur wirken sie nicht in der
Gegenwart, sondern sie erobern sich ihre Wirksamkeit von der
jetzigen Inkarnation bis zur nachsten Inkarnation, von diesem Erden-
dasein bis in das nachste Erdendasein hiniiber.
Und wiirde der Mensch im Wachzustande erkennen, daB sein Ich
und sein astralischer Leib verbunden sind mit den Wesenheiten der
dritten Hierarchie, wiirde der Mensch mit andern Worten sich wirklich
voll durchschauen, nicht bloB erfiihlen als freie Personlichkeit, als
Mensch und als Erdenmensch, wiirde der Mensch das so in sich er-
fiihlen, wie er falsch nacherfuhlt, er sei ein Mensch aus Fleisch und
Blut, dann wiirde er auch nicht glauben, daB die Naturordnung drau-
Ben, die sich seinen Sinnen darbietet, dasjenige ist, was stark genug ist
an Wirklichkeit, um der Kraft der Ideale zu widerstehen. Er wiirde
wissen, daB dasjenige, was heute Naturordnung ist, zerfallt mit alien
Stoffen, daB es keine Erhaltung des Stories gibt, sondern daB das-
jenige, was Natur ist, sich vernichtet. Und wenn das nicht mehr da ist,
was heute Natur ist, dann wird ein anderes auBeres sinnenfalliges
Wirkliches an die Stelle getreten sein: das, was heute Ideale sind, wird
die Natur der nachsten Zeiten sein. So daB wir sagen konnen: Wir
erleben heute Naturordnung (siehe Zeichnung, rot) und ideale Ord-
nung (gelb). Der Physiker glaubt, es gabe eine Erhaltung der Kraft
und des Stories, die Naturordnung gehe fort, dieselben Atome und
dieselben Krafte, die spielen in alle Zukunft hinein. Er weiB dann
nichts anderes zu sagen, dieser Physiker, wenn er ehrlich ist, als:
Die ideale Ordnung, die ist ein Traum gewesen, die muB versinken
und verschwinden, wie der Traum selber, so daB also am End-
zustande der Erde der Idealtraum nicht mehr da sein wird, begraben
sein wird.
Geisteswissenschaft zeigt, daB dies eine Unwahrheit ist, eine Tau-
schung. Wir haben die Naturordnung, aber es gibt keine Erhaltung
der Kraft und des StofTes, sondern dasjenige, was Naturordnung ist,
hort auf an einer bestimmten Stelle, und dasjenige, was heute Ideal-
ordnung ist, das bildet die Fortsetzung der Naturordnung. Von dem -
ich habe es schon ausgefiihrt -, was heute urn unsere Augen herum ist,
um unsere Ohren herum ist, um unsere gesamten Sinne herum ist,
wird, wenn die Erde in den Venuszustand gekommen ist, nichts mehr
vorhanden sein, Dann wird in jenem Nichts darinnen die Moglichkeit
gegeben sein, daB die Ideale der heutigen Menschheit auBere Natur-
ordnung geworden sind. Keine Weltanschauung, die nicht die Ver-
nichtung des Sinnlichen erkennt, kann irgendeine HofFnung haben,
daB das Ideale die Kraft hat, sich zu verwirklichen; denn wenn das
Sinnliche ewig ware, wenn es eine Erhaltung der Kraft und des Stoffes
gabe, so wiirde die ideale Welt ein bloBer Traum sein. Das ist das un-
geheuer Bedeutungsvolle, daB der Menschheit in der Gegenwart diese
Auf klarung kommen muB, daB die Ideale der Gegenwart die Natur
der Zukunft sind, und daB es eine groBe Tauschung ist, wenn geglaubt
wird, daB die Atome, daB die Krafte ewig seien; die sind eben gerade
nicht das Ewige, die sind das Zeitliche. Das ist ja, man mochte sagen,
auch die Fatalitat der Geisteswissenschaft, daB sie einer Anschauung
widersprechen muB, die geradezu der heutigen landlaufigen Wissen-
schaft als die allergewisseste gilt, und die doch nichts anderes ist als
eine ahrimanische Tauschung.
Blicken wir noch einmal zuriick zu dem, worauf ich Sie eben auf-
merksam gemacht habe. Vor dem Mysterium von Golgatha war das-
jenige, was als menschliche Tauschung bezeichnet werden kann,
Lebenstauschung; nach dem Mysterium von Golgatha ist es BewuBt-
seinstauschung. Wenn man dieses weiB, versteht man sehr vieles in
der Menschheitsentwickelung. Vor alien Dingen versteht man, warum
vor dem Mysterium von Golgatha die Menschen, die ja atavistisches
Hellsehen hatten, das, was sie sahen, doch nicht in der wahren Gestalt
sahen, sondern sie sahen die geistigen Wesenheiten der hoheren
Hierarchien als Damonen. Daher haben wir in den alten Mythologien
im wesentlichen Damonologie. Die Gotter der alten Mythologien sind
durchwegs Damonen. Das beruhte darauf, daB die Lebenstauschung
da war, daB der Mensch gewissermaBen eine Art falsche Naturordnung
als gottliche Ordnung denken muBte, wie er heute eine falsche Leibes-
ordnung als Menschheits ordnung denken muB.
Nun kam das Mysterium von Golgatha. Die Menschen muBten sich
mit ihrer Seelenverfassung gewissermaBen darauf einrichten, zu er-
kennen, was sich durch das Mysterium von Golgatha ergeben hat.
Es stand im wachen Zustande vor dem Mysterium von Golgatha die
menschliche Seele zu den Wesen der hoheren Hierarchie in einer un-
mittelbareren Beziehung als heute, wo die BewuBtseinstauschung vor-
liegt. Man sah die Wesen der hoheren Hierarchie, dichtete sie nur um
durch die Lebenstauschung in Zeus, Apollo und so weiter; das sind
Wesenheiten der dritten Hierarchie, aber sie sind umgedichtet, sie sind
eben unter dem EinfluB der Lebenstauschung gesehen, wie wir heute
alles, was sich auf den Menschen bezieht, unter dem EinfluB der Be-
wuBtseinstauschung sehen. Aber mit alledem ragte herein in die
Menschheit eine gottliche Weltenordnung. Denken Sie nur, wie nahe
der Mensch vergangener Zeiten seine Menschenwelt der gottlichen
Weltenordnung wuBte ! Da war die menschliche Hierarchie, dann kam
die gottliche Hierarcnie. Der Mensch fuhlte sich nicht, ich mochte
sagen, nach oben so abgeschlossen wie heute, sondern er setzte die
Welt nach Richtung der Gotter fort. Wie nahe fuhlte der Grieche seine
Gotterwelt der menschlichen Welt, der menschlichen Hierarchie 1
Nun kam das Mysterium von Golgatha. Da war dann das nicht
mehr der Fall. Nicht das Mysterium von Golgatha - das sollte ja
gerade den Ersatz bieten fur das, was verlorengegangen war -, aber
die Zeit brachte das in die Menschheitsentwickelung hinein, daB die
Menschen abgeschnitten wurden von diesem bewuBten Zusammen-
hang mit der gottlich-geistigen Welt der dritten Hierarchie. Doch ein
Gedachtnis, ein historisches Gedachtnis war davon geblieben. Und so
kam denn die erste Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Die Men-
schen muBten schon etwas anders denken als vor dem Mysterium von
Golgatha, aber es wirkte noch etwas herein von der unmittelbaren Ver-
gangenheit. In der unmittelbaren Vergangenheit wuBte die Mensch-
heit, daB die gottlich-geistigen Wesenheiten ins Erdenweben herein-
wirken und das beeinflussen und ordnen, was der Mensch auf der
Erde tut. Daher war der alte Mensch davon iiberzeugt, wenn er
Staaten begriindete - wenn man das Wort «Staat» da anwenden will,
es ist nicht ganz richtig, aber die Menschen sind heute gewohnt, so zu
sprechen - wenn die alten Menschen also soziale Strukturen, mochte
man sagen, begriindeten, so wuBten sie: Diese sozialen Strukturen
sind unter dem EinfluB der dritten Hierarchie begrundet. Der Mensch
empfand seine Einrichtungen auf der Erde als Gottereinrichtungen,
Sie brauchen nur die agyptische Geschichte zu studieren, gar nicht
einmal auf Hellseherisches sich einzulassen, so werden Sie darauf
kommen, daB der Agypter voll iiberzeugt war, daB dasjenige, was die
Menschen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben hier auf der
Erde tun, von den Wesenheiten der dritten Hierarchie eingerichtet ist.
Das war so vor dem Mysterium von Golgatha. Nach dem Mysterium
von Golgatha blieb nur das Gedachtnis davon. Und was war die
Folge? Nun, Sie wissen, nach und nach richtete sich nach dem Myste-
rium von Golgatha die Kirche ein. Die Kirche richtete eine bestimmte
Art von Stufenfolge in den kirchlichen Wurden ein: da gab es Dia-
kone, Archidiakone, Bischofe, Erzbischofe und so weiter. Es wurden
solche Stufenfolgen eingerichtet. Aber hinter dieser Einrichtung der
Stufenfolgen war ein ganz bestimmter Gedanke. Das tritt bei den
ersten Kirchenschriftstellern sehr klar noch hervor. Lesen Sie Diony-
sius den Areopagiten, so konnen Sie das deutlich herausentnehmen. Es
sollte eine solche Einrichtung in der Kirchenverwaltung da sein, daB
diese Kirchenverwaltung ein Abbild ist der gottlichen Ordnung. So
wie sich der Diakon zu dem Archidiakon verhalt, so sollte das ein
Abbild sein, wie sich der Engel zu dem Erzengel verhalt. Und wieder-
um, wie sich der Archidiakon zu dem Bischof verhalt: Abbild vom
Erzengel zum Arche. Und so sollte die soziale Struktur der Kirche eine
Art Abbild der Theokratie sein: Oben in der geistigen Welt stehen
stufenweise die Hierarchien, unten sollen, als Abbild der geistigen
Hierarchien, die kirchlichen Wiirdentrager stufenweise stehen. Das
war in der ersten Zeit nach dem Mysterium von Golgatha nicht juri-
stisch gedacht, sondern das war theokratisch gedacht, das war ein
Abbild; die kirchliche Hierarchie war als Abbild der geistig-gottlichen
Hierarchie gedacht. So dachte man in den ersten christlichen Jahr-
hunderten auf Erden solche Einrichtungen zu pflegen, welche die
Stellungen der Menschen zueinander auf der Erde als Abbild er-
scheinen lassen der Hierarchien oben in der geistigen Welt.
Nun ging den Menschen allmahlich das BewuBtsein, das sie noch
gedachtnismaBig, historisch-gedachtnismaBig aus der Zeit der alten
Theokratie hatten, wo sie noch wuBten, daB die irdischen Ein-
richtungen wirklich eine Folge der gottlichen Taten sind, das ging
den Menschen verloren. An die Stelle einer lebendigen Gotterwelt,
die man in alten Zeiten geschaut hatte, von der man dann noch
wuBte, traten abstrakte Begriffe. An die Stelle des BewuBtseins, daB
da oben eine Welt von Gotterindividualitaten ist, traten die abstrakten
metaphysischen Begriffe. Und es kamen die Jahrhunderte, wo die
Menschen an die Stelle individueller Gotter - die Christen nannten sie
Engel - abstrakte Begriffe, eine Metaphysik von abstrakten Be-
griffen setzten. Die Gotterordnung, die ihr Abbild haben sollte in der
Menschenordnung, gab etwas Theokratisches ; die Anwendung von
bloBen Begriffen auf die menschliche Gesellschaftsordnung gab etwas,
ja, was bloB dazu bestimmt sein konnte, Ordnung zu halten im
menschlichen Zusammensein. Hatte man friiher ersonnen, in der
menschlichen gesellschaftlichen Struktur, in der sozialen Struktur der
Menschheit ein Abbild der gottlichen Welt zu schaffen, so sann man
in der metaphysischen Zeit nur danach, Ordnung zu halten, die Bosen
zu bestrafen, die Guten nicht zu bestrafen oder auch zu belohnen,
je nachdem Ordnung zu schaffen, so daB die gesellschaftliche Ordnung
bestehen kann. Als an die Stelle der lebendigen Gotter abstrakte meta-
physische Begriffe getreten waren, da handelte es sich nur noch darum,
eine menschliche Ordnung zu schaffen, die gewissermaBen den Men-
schen so abstempelte, den einen zum Vorgesetzten des andern machte,
nicht weil das Vorgesetztsein ein Abbild sein sollte des Verhaltnisses
des Erzengels zum Engel, sondern weil nur dadurch Ordnung sein
kann, daB einer befiehlt, der andere gehorcht. Abstraktion trat an die
Stelle des lebendigen Durchwirktseins der sozialen Ordnung.
Das ist im wesentlichen dann die Zeit der realen Metaphysik das
Mittelalter hindurch. Das romische BewuBtsein hat im wesentlichen
die Elemente zu dieser metaphysischen Ordnung gegeben, die sich
iiberall ausgebreitet hat. Eine Erinnerung an die theokratische Ord-
nung bildet etwa noch die Benennung «Fiirst», welcher der erste ist,
weil einer der erste sein muB, wie in der gottlichen Hierarchie auch
einer der erste ist. Eine Erinnerung an die bloBe metaphysische Ord-
nung, die Beamtenordnung, Verwaltungsordnung, damit eben Ord-
nung ist, bildet das Wort «Graf», was zusammenhangt mit grapho,
schreiben. DaB man alles registriert, indem man Ordnung halt, indem
man Urkunden schreibt, indem man Vertrage macht, das ist die meta-
physische Ordnung.
Dann kam die neuere Zeit herauf. Die brachte den Unglauben an
die abstrakten Begriffe, den Unglauben an die Metaphysik. Man
konnte nur noch an das auBerlich Sinnenfallige auch im Menschen-
leben glauben. Ein BewuBtsein jener Traditionen, die noch vorhanden
waren in alten Zeiten, wo eben Traditionen ein lebendiges BewuBt-
sein davon waren, daB in der sozialen Struktur irgend etwas anderes
wirkt - fruher glaubte man : Gotter, nachher : metaphysische BegrifTe-,
so ein lebendiges BewuBtsein konnte in der neueren Zeit nicht mehr
da sein. Das muB erst wiederum errungen werden auf den Wegen,
die eben durch die Geisteswissenschaft angedeutet werden. Und ein
radikales Ausmerzen alles BewuBtseins von der geistigen Grundlage
der sozialen Struktur, das hat der Industrialismus bewirkt. Daher
fuhlten Auguste Comte und Saint-Simon sich besonders verbunden mit
dem Zeitalter des Industrialismus, da sie nur positivistische Wissen-
schaft gelten lassen wollen, das heiBt dasjenige, was sich nur auf die
auBere, sinnenfallige, kausal notwendige Naturordnung bezieht.
Damit hat aber auch der Wahrheitsbegriff selbst eine totale Umande-
rung erfahren. Dafiir haben die heutigen Menschen noch nicht die
rechten Empfindungen, daB der Wahrheitsbegriff eine Geschichte
durchgemacht hat; dafiir hat man heute noch keine richtige Vor-
stellung. Die Menschen, die sich noch in einer theokratischen Ord-
nung wuBten, hatten keinen solchen Wahrheitsbegriff wie die Men-
schen, die heute zu ihrem Wahrheitsbegriff kommen auf Grund der
Autoritat der Naturwissenschaft. Es ist auBerordentlich schwierig,
uber diese Dinge zu reden. Heute denkt man: In bezug auf die Welten-
ordnung ist Wahrheit die Obereinstimmung der Vorstellung mit einer
auBeren Wirklichkeit. - Das ist von der Naturwissenschaft her. Ein
solcher Wahrheitsbegriff war auch in den ersten christlichen Jahr-
hunderten nicht da ; es war noch ein anderer, und dieser andere Wahr-
heitsbegrifF hangt wesentlich mit der theokratischen sozialen Ordnung
zusammen. Dieser WahrheitsbegrifF, wie er heute in alien Seelen lebt,
den gab es dazumal wirklich nicht. Diese auBerordentlich wichtige
Tatsache verkennt man. Der WahrheitsbegrifF, der dazumal herrschte,
den kann man viel eher erfassen, wenn man ihn heranriickt an das
Gottesurteil, an die Vorstellung des Gottesurteils. Wenn zwei Men-
schen einen Zweikampf auskampfen - wie man sich heute zum Duell
stellt, beriihrt uns nicht, ich gebrauche das nur als Beispiel -, so laBt
sich nicht von vornherein durch irgendwelche Berechnung entschei-
den: der A siegt und der B unterliegt; da wiirden sie ja wohl kaum
den Zweikampf antreten; sondern die Wahrheit stellt sich erst im
Laufe des Geschehens heraus. Wir haben ja heute diesen Wahrheits-
begrifF noch, wenn Krieg gefiihrt wird. Man wiirde wohl auch nicht
Krieg fiihren, wenn man von vornherein alles wiiBte, so wie wenn
man im chemischen Laboratorium ein Experiment macht, alles er-
wogen hat, und dann weiB, wie es ausgeht; wenn man von vornherein
wiiBte, wie ein Krieg ausgeht, wiirde man den Krieg nicht fiihren.
Da steckt heute noch der alte WahrheitsbegrifF drinnen, daB sich die
Wahrheit erst im Geschehen enthiillen kann, daB man nichts anderes
tun kann, als schauen, wie das Gottesurteil ausfallt. Das ist der alte
WahrheitsbegrifF.
Diejenigen, die wie Auguste Comte oder wie die Sozialisten heute
vollstandig mit diesem WahrheitsbegrifF gebrochen haben - die andern
Menschen haben es namlich nicht, sie glauben es nur die erkennen
nur eine solche Wahrheit an, wo sich das Geschehen seinem Verlaufe
nach vorhersehen laBt. « Erkennen, um vorherzusehen», das ist das
Losungswort von Auguste Comte, « Erkennen, um vorherzusehen»,
das ist die radikale Umkehrung des WahrheitsbegrifFes in unserer
heutigen Zeit. Aber mit diesem WahrheitsbegrifF, den wir heute
haben, konnen wir nur die Natur erfassen. Und dariiber geben sich
die Menschen noch einer ganz kolossalen Tauschung hin. Sie glauben
zum Beispiel, das geschichtliche Leben mit diesem WahrheitsbegrifF,
den Auguste Comte, Saint-Simon haben, erfassen zu konnen. Das kann
man nicht! Auch mit dem alten WahrheitsbegrifF des Gottesurteils
kann man es nicht, denn der stand unter dem EinfluB der Lebens-
tauschung; unser heutiger Wahrheitsbegriff steht unter dem EinfluB
der BewuBtseinstauschung. Es muB der Wahrheitsbegriff der Anthro-
posophie kommen, der Wahrheitsbegriff, der in viel umfassenderer
Weise gewonnen wird, als zum Beispiel Augustinus seinen Wahrheits-
begriff gewonnen hat; denn der unterlag, wie ich Ihnen auseinander-
gesetzt habe, der Tauschung.
Das ist mit vielem verbunden, daran hangt sehr vieles. Denn daB
man im allgemeinen in abstracto von einer Entwickelung des Wahr-
heitsbegriffes redet, das geniigt nicht, sondern man muB im einzelnen
wissen, wie der Wahrheitsbegriff die menschliche Seele andere Wege
fuhrt, je nachdem dieser Wahrheitsbegriff geartet ist. Heute in dem-
selben Sinne von Nationalist zu sprechen, wie das in der vorchrist-
lichen Zeit moglich ist, ist ein Anachronismus ; denn in der vorchrist-
lichen Zeit war es nicht nur eine menschliche Anschauung, daB die
gottliche Ordnung hereinragte in die menschliche Ordnung, sondern
es war wirklich so. Jetzt ragt sie nicht mehr herein. Wo daher im
Menschen heute das BewuBtsein gehangt wird an Naturordnungen,
an dasjenige, was bloB durch die Geburtenfolge hervorgebracht wird,
an das nationale Prinzip zum Beispiel, da ist man in einem Anachro-
nismus. Der Mensch ist heute dazu gezwungen, andere Strukturen fur
seine gesellschaftliche Ordnung in der nachchristlichen Zeit zu
suchen als solche, die von auBen bewirkt werden. Der alte Mensch
konnte auf seine Nationalitat sehen, weil er die Nationalitat als eine
Einrichtung der gottlichen Ordnung und das irdische Leben als ein
Abbild der gottlichen Ordnung ansah. Der moderne Mensch kann
nicht in demselben Sinne, ohne in einen Anachronismus zu verfallen,
die Nation selber als etwas Besonderes verehren, er muB nach andern
gesellschaftlichen Strukturen trachten. Die Nation als etwas Beson-
deres verehren, wiirde die heutige ahrimanische Tauschung bewirken.
Nationen sind Reste der vorchristlichen Zeit, und iiber sie muB die
moderne Menschheit hinauskommen durch jene Entwickelung, die
ich Ihnen angedeutet habe. Man muB einsehen, wie konkret die Men-
schen nach einer besonderen Ausbildung des Wahrheitsbegriffes
streben. Das ist wichtig, wenn auch heute unbequem. Aber wir miissen
ja, wenn wir uns unbefangen auf den Standpunkt der wahren Erfas-
sung der Wirklichkeit stellen, so manche unbequeme Wahrheit hin-
nehmen.
Die Menschen gehen heute dem nun formlich entgegen, was An-
throposophie will. Diejenige Weltanschauung, die in Auguste Comte
einen besonderen Vertreter gefunden hat, beschrankt sich nur auf die
auBere Naturordnung. Es muB wiederum vorgedrungen werden zur
geistigen Welt, und die Briicke muB geschlagen werden zwischen
Realitat und Idealitat. Das ist ja gerade dasjenige, was ich dem Sinne
nach in diesen Vortragen besonders andeuten will. Es kann aber nicht
geschehen dadurch, daB man bloB von diesen Dingen redet, sondern
dadurch, daB man die konkreten Impulse, die in der Welt sind, erfaBt.
Da muB man aber auf gewisse Tatsachen ganz unbefangen hinblicken.
Mit den Dingen, die wir jetzt betrachten, sind kuriose Tatsachen ver-
kniipft. Denken Sie einmal, ich habe Ihnen gestern gesprochen von
Saint-Simon und von Auguste Comte. Beide betrachten nur die positi-
vistische Wissenschaft, das heiBt dasjenige als ausschlaggebend, was
lediglich auf das sinnenfallige Leben, auf die kausale Naturordnung
sich bezieht. Und dennoch liegt die sonderbare Tatsache vor, daB
Auguste Comte sich von seinem Lehrer und Fiihrer Saint- Simon ab-
gewendet hat, weil nach und nach Saint-Simon Auguste Comte zu
mystisch geworden ist; und die Anhanger von Auguste Comte haben
sich vielfach von ihm abgewendet, weil er in seinem Alter ganz
mystisch geworden ist. Es liegt die sonderbare Tatsache vor, daB
Saint-Simon sowohl wie Auguste Comte auf der einen Seite ganz
direkt stehen auf dem Boden des ahrimanischsten Wissenschaftstums
und sich bewuBt im Zeitalter des Industrialismus auf den Boden des
ahrimanischsten Wissenschaftstums stellen, und Mystiker werden!
Merkwiirdig, eine merkwiirdige Tatsache ist es !
Man muB nach dem Warum einer solchen Tatsache fragen. Das
Warum einer solchen Tatsache ergibt sich aber nur, wenn man unbe-
fangen dieses Der-Spiritualitat-Entgegenleben der Menschen ins Auge
faBt. UnbewuBt streben die Menschen nach der Spiritualitat. Und auch
solche Menschen, die wie Auguste Comte und Saint-Simon bloB die
auBere Naturordnung erfassen wollen, streben nach der Spiritualitat
hin.
Nun liegt im neueren Menschheitsleben ein sehr Eigentiimliches
vor. Wir nehmen eine andere Tatsache, die wir auch ganz unbefangen,
ohne irgendeinen nationalen Chauvinismus, der uns nicht geziemt, ins
Auge fassen wollen. In den Anschauungen, die sich als Bliite aus den
neueren Volkstiimern heraus ergeben, charakterisiert sich in einer ge-
wissen Weise dasjenige, was in diesen Volkstiimern unten zu finden
ist. Und von diesem Gesichtspunkte ausgehend, mochte ich Sie auf
eine andere Tatsache hinweisen, mochte ich Sie hinweisen auf einen
sehr tonangebenden englischen Philosophen, Bentham, der da gelebt
hat von 1748 bis 1832. Bentham kann als charakteristisch fur das
Denken seines Volkes gelten. Und man hat mit einem gewissen Rechte
die Anschauungen Benthams als Utilitarismus, auch im tieferen Sinne
als Utilitarismus bezeichnet; denn ein gewisser Grundsatz liegt mit
Bezug auf die ideale Weltordnung dem Benthamschen Denken zu-
grunde. Diesen Grundsatz, man nennt ihn gewohnlich die Maxi-
mation der menschlichen Gluckseligkeit. Diese menschliche Gliick-
seligkeit besteht darinnen, daB Bentham den Satz aufgestellt hat, das
Gute, also das ideal Anzustrebende, bestehe in dem groBten Gliick der
groBten Anzahl von Menschen auf Erden. Fassen wir diesen Satz recht
ins Auge : Das Gute besteht in der groBten Gluckseligkeit der groBten
Anzahl von Menschen auf Erden. - Dieser Satz von der Maximation
des Gliickes auf Erden ist in der Tat ein Grundnerv der Utilitats-
philo sophie.
Nun muB man ins Auge fassen, daB dieser Satz, nicht von Bentham
selbst und seinen Anhangern, aber von denen, die auf spirituellem
Boden stehen, als absolut ahrimanisch bezeichnet wurde. Die Okkul-
tisten des eigenen Landes sagen von Bentham, er habe diesen rein
teuflischen Satz aufgestellt. Sie nennen ihn teuf Hsch, denn, so sagen
die Okkultisten, wenn es richtig ware, daB das Gute in der groBten
Gluckseligkeit der groBten Anzahl von Menschen besteht, so miiBte
das Bose bestehen in dem groBten Gliick der geringsten Anzahl von
Menschen.
Ich sage jetzt nicht etwas, was ich selber als Definition oder als
Explikation Ihnen vorfiihren will, sondern was man sagt. Also, auf der
einen Seite, englische Philosophic Benthams : Maximation des Gliickes ;
auf der andern Seite der englische Spiritualismus, welcher sagt:
Benthams Satz ist rein teuflisch, denn es miiBte dann das Bose das
groBte Gliick der geringsten Anzahl von Menschen sein; woraus
folgen wiirde, daB das Bose und das Gliick miteinander bestehen
konnten, was der Spiritualist unter alien Umstanden nicht gelten
lassen kann. Ich fuhre Ihnen hier nur eine Tatsache des geistigen
Lebens vor, die im eminentesten Sinne signifikant ist fiir die un-
geheuerste Opposition, in welcher auf einem gewissen Gebiete der
Erde der Spiritualismus zur auBeren Weltanschauung sich befindet.
Und nun stelle ich heute wiederum, indem ich Sie darauf aufmerk-
sam mache, daB in der morgigen Betrachtung sich diese Gegensatze
losen sollen, ein Apercu an den SchluB meiner Betrachtungen. Sie
konnen drei Dinge zusammenstellen: Goetheanismus, Comteanismus
und Benthamismus. Diese drei Dinge stehen in dreifach verschiedener
Weise in einer gewissen Beziehung zu dem spirituellen Streben der
Menschen nach der Zukunft. Der deutsche Goetheanismus ist als
solcher so geartet, daB sich aus ihm entwickeln kann der Spiritualis-
mus; der franzosische Comteanismus ist so geartet, daB sich neben ihm
Spiritualismus entwickeln kann, wie bei Auguste Comte und Saint-
Simon eine merkwiirdige Mystik neben der positivistischen Philo-
sophic eintritt; beim englischen Utilitarismus, bei Bentham, ist gar
nichts anderes moglich, als daB die scharfste Opposition auftritt von
seiten des Spiritualismus gegen die volkstiimliche Anschauung. Das
ist etwas, was im Boden der Entwickelung selber liegt. Das fran-
zosische Wesen muB sich so entwickeln, daB nebeneinander hergehen
Idealismus und Realismus, Mystik und Positivismus; in England,
innerhalb des britischen Wesens, werden sich immer mehr und mehr
die Dinge so entwickeln, daB von den Geistern, die dort Spiritualisten
werden, in scharfster Weise das eigene Volkstum nach und nach be-
kampft werden muB, das heiBt dasjenige, was das Volkstum als
philosophische Bliite absetzt.
Bei Auguste Comte - ich fuhre Ihnen nicht Theorien vor, sondern
ich sage Ihnen auch die Tatsachen dazu, wenigstens einzelne Tat-
sachen -, trotzdem er, als er sich dem Positivismus zugewendet hat,
seinen Lehrer Saint-Simon abgetan hat, ist eine so deutliche Hin-
neigung zum Mystizismus vorhanden, daB er am Schlusse seines
Lebens in deutlicher Weise eine Trinitat annimmt. Er verehrt dreierlei :
erstens den GroBen Fetisch, zweitens das GroBe Medium, drittens das
GroBe Wesen. Und er sagt: Der GroBe Fetisch ist der MutterschoB
der Menschheit im Raume. Der Raum ist das Medium, aus dem die
Menschheit heraus aus dem MutterschoBe wird. Das GroBe Wesen ist
die iiber die Erde ausgebreitete Menschheit in abstracto selber. Diese
Trinitat erkennt Auguste Comte an. Eine merkwurdige Verquickung
des Positivismus mit dem Mystizismus! Davon wollen wir morgen
weitersprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 8. September 1918
Ich werde Sie zuerst zu erinnem haben an etwas schon gestern Aus-
gefuhrtes, an das wir dann die weiteren Betrachtungen anschlieBen
konnen. Ich fiihrte gestern im wesentlichen aus, daB man keinen Ein-
blick bekommen kann in die Stellung des Ideellen oder auch Spiri-
tuellen zum Materiellen in der Welt, zu der rein kausalen Natur-
ordnung, wenn man nicht Riicksicht darauf nimmt, welches eigentlich
das Wesen des menschlichen Schlafes ist.
Ausgegangen sind wir ja von dem Gedanken des Augustinus, der in
dem inneren Erleben wahrhaftige GewiBheit iiber die Welt erfahren
wollte. Wir konnen ims heute nicht mehr auf diesen Gedanken stellen,
sagte ich, aus dem einfachen Grunde, weil wir heute wissen miissen,
daB jeder Schlaf des Menschen diesen Gedanken widerlegt. Denn wir
konnten nimmermehr irgendwie festhalten an dem Gedanken, daB
dasjenige, was der Mensch in seinem Inneren erlebt, sich post mortem,
nach dem Tode erhalt, also dieses im Inneren vom Menschen Erlebte
ein wirklich Ewiges ist, wenn wir so hinblicken miiBten auf die Zeit
vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wie das gewohnliche heutige
BewuBtsein darauf hinblickt. Das gewohnliche heutige BewuBtsein
sieht, wie sich herabdammert wahrend des Schlafes dasjenige, was im
Inneren des Menschen erlebt wird. Nun aber sagten wir, sobald der
Mensch nur die erste Stufe des Hineinschauens in die geistige Welt
absolviert, so merkt er, daB vom Einschlafen bis zum Aufwachen das-
jenige, was wir das Ich des Menschen und seinen astralischen Leib
nennen - also das eigentliche Geist-Seelenwesen des Menschen -, von
innen so verbunden ist mit dem Wesen der Angeloi, Archangeloi und
Archai, wie der Mensch sonst hier wahrend des Wachens verbunden
ist mit Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich. Nur weil der Mensch
durch die weltgegnerischen Machte sein BewuBtsein herabgedampft
erhalt im Schlafe, kann er nicht merken, daB er wahrend des Schlafes
mit der Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai verbunden ist,
daB die sein Ich und seinen astralischen Leib mit ihrer eigenen Wesen-
heit durchtranken, daB die seinen astralischen Leib und sein Ich halten
und tragen. Und wir haben ausgefiihrt, wie von diesem Zusammen-
hang des Menschen mit den Geistwesen dreierlei herriihrt: Erstens,
daB wir mehr oder weniger deutlich auch im gewohniichen BewuBt-
sein das Gefiihl der Personlichkeit haben. Wir wissen uns als ein Ich.
Wir wiirden uns nimmermehr als ein Ich mit dem nur wissen, was uns
wahrend des Wachens zur Verfiigung steht. Wie eine Nachwirkung
desjenigen, was wir wahrend des Schlafes erleben, ist das wahrend des
Tages, wahrend des Wachens fortdauernde Gefiihl der freien Person-
lichkeit. Das riihrt davon her, daB vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen das Engelwesen aus der geistigen Welt, zu dem wir gehoren,
mit uns verbunden ist. Aber auch das Erzengelwesen oder eigentlich
eine Reihe von Erzengelwesen ist mit unserem Geist-Seelenwesen ver-
bunden. Und davon riihrt her als Nachwirkung im Wachen, daB wir
uns wissen als Angehorige der ganzen Menschheit, daB wir uns iiber-
haupt als Mensch au£ der Erde erkennen.
Das BewuBtsein von seiner freien Personlichkeit, wenn auch nicht
ganz deutlich, hat eigentlich jeder Mensch. Schon schattenhafter steht
im Hintergrunde das BewuBtsein, daB man Mensch im allgemeinen
ist. Ja, gewisse Philosophen, wie Feuerbach oder wie selbst Auguste
Comte, sie haben die Meinung vertreten, daB das schon eine bedeu-
tende Entdeckung ist fur den Menschen, wenn er darauf kommt, sich
als Mensch im allgemeinen, als Angehoriger der ganzen Menschheit zu
fiihlen. Und gestern haben wir gehort, wie Auguste Comte von dem
GroBen Wesen spricht; damit meint er nichts anderes als den Men-
schen. Aber Comte spricht vom Standpunkte der gewohniichen mate-
rialistischen Wissenschaft; er weiB nicht, was spirituell zugrunde liegt
diesem im Hintergrunde unseres Seelenlebens liegenden BewuBtsein,
daB man Mensch ist. Man wiirde gar nichts davon ahnen konnen, daB
man Mensch ist, wenn nicht dasjenige, was im Schlafe getrennt ist von
unserem physischen und Atherleib, durchtrankt ware von dem Erz-
engelwesen.
Und wiederum sind wir von dem sogenannten Zeitgeist, von dem
Wesen aus der Hierarchie der Archai durchtrankt. Das, was davon
stammt, bleibt aber schon ein recht dunkles, schattenhaftes BewuBt-
sein. Ja, die heutige Menschheit hat es gar nicht, wenn sie sich nicht
hineingestellt fiihlt in die Geschichte, in das geschichtliche Leben.
Die orientalische Weltanschauung ist uberhaupt nicht vorgedrungen
bis zu diesem BewuBtsein, als Erdenmensch zu leben. Das ist im be-
sonderen die Aufgabe gewesen der abendlandischen Kultur, sich als
geschichtliches Wesen zu fiihlen, als Wesen - also, sagen wir fur
uns -, die dem 19., 20. Jahrhundert angehoren. Aber viel mehr als die
Jahreszahl und noch einige auBerliche historische Daten - wir werden
gleich nachher horen, wie wenig diese fiir das wirkliche Leben eigent-
lich Bedeutung haben -, viel mehr kennt davon das gegenwartige
materialistische MenschheitsbewuBtsein nicht. Denn erst die Geistes-
wissenschaft fiihrt uns dahin, zu erkennen, wie sich die Seelenverfas-
sung des Menschen von Jahrtausenden zu Jahrtausenden andert, wie
der Mensch eih anderer wird, und wie wir jetzt zuriickblicken nach
alten Zeiten und wissen, daB die Menschen der dritten nachatlantischen
Zeit, die agyptisch-chaldaischen Volker, eine ganz andere Seelen- und
Menschheitsverfassung hatten als wir heute. Dieses Sich-drinnen-
stehend-Fiihlen in der ganzen Entwickelung der Menschheit, das
haben wir als einen Nachklang unserer Verbindung mit dem Arche-
wesen, mit dem Arche, wahrend der Zeit vom Einschlafen bis zum
Aufwachen. So daB wir also vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit
dieser dritten geistigen Hierarchie uns verbunden wissen sollten.
Nun, wie ist der Unterschied unseres Lebens vom Einschlafen bis
zum Aufwachen, also jeden Tag, von dem Leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt? Jeden Abend beim Einschlafen legen wir,
ich mochte sagen, provisorisch, auf Widerruf, unseren physischen und
Atherleib ab. Der bleibt uns erhalten. Da sind wir mit diesen genann-
ten Wesenheiten der dritten Hierarchie verbunden; wir kehren beim
Aufwachen wiederum zuriick in unseren physischen und Atherleib.
Anders ist es, wenn wir nicht mehr zuriickkehren konnen, wenn wir
gestorben sind. Da wird unser physischer und Atherleib den Trieb-
kraften des Irdisch-Werdenden iibergeben, scheinbar. Wir wissen, daB
das scheinbar ist, wir haben ja davon neulich gesprochen, daB das
scheinbar ist; aber fiir unser Erleben wird unser physischer und Ather-
leib den Erden- und den Himmelsraumen iibergeben. Wir aber kom-
men dann in dieser Zeit zwischen Tod und neuer Geburt nicht nur wie
im Schlafe in Beriihrung mit diesen Wesenheiten der dritten Hier-
archie, sondern in ebenso innige Beriihrung mit den Wesen der zwei-
ten Hierarchie, mit den Exusiai, also den Geistern der Form, mit den
Dynameis, den Geistern der Bewegung, mit den Geistern der Weis-
heit, Kyriotetes, und auch mit den Wesenheiten der ersten Hierarchie,
mit den Seraphim, Cherubim, Thronen. So wie wir hier unser Mensch-
heitswesen hinrichten auf die Welt und im Umkreis der Welt uns alles
dasjenige erscheint, was in den Reichen der Natur enthalten ist, so
werden wir uns, jetzt nicht auBerlich, sondern innerlich, bewuBt des
Hereinspielens der hoheren Hierarchien zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Das ist im wesentlichen von einem bestimmten Ge-
sichtspunkte aus der Unterschied zwischen dem Schlaf und dem Tot-
sein des Menschen, daB wir eigentlich nur wahrend des Schlafens un-
mittelbar - mittelbar auch - mit den Wesenheiten der dritten Hier-
archie zusammenhangen, nach dem Tode aber mit den Wesenheiten
aller drei Hierarchien, bis hinauf zu den hochsten geistigen Wesen-
heiten.
Nun, wenn Sie dies festhalten, dann werden Sie weiter einsehen
konnen, wie der Mensch iiberhaupt sich in das ganze Weltenall hinein-
stellt, wie der Mensch als Mikrokosmos mit dem ganzen Weltenall,
mit dem Makrokosmos zusammenhangt. Vergegenwartigen wir uns
das, was ich gesagt habe, einmal schematisch. Sagen wir also: Unser
Geistwesen steht nach dem Tode innerlich im Zusammenhange mit
den Wesen der dritten Hierarchie, mit den Wesenheiten der zweiten
Hierarchie, mit den Wesenheiten der ersten Hierarchie, so wie es
auBerlich hier in Zusammenhang steht mit Tierreich, Pflanzenreich,
Mineralreich, aus denen es sich selber auf baut. Nun besteht aber ein
anderer Zusammenhang. Wenn Sie kennenlernen alles dasjenige, was
die Wesenheiten der dritten Hierarchie zunachst wirken - sie haben
noch andere Aufgaben, aber wir sprechen ja immer nur partieweise von
den Dingen, nicht wahr, es sind ja die Wesen der dritten Hierarchie
einzelne individuelle Wesen, die jedes einzeln fur sich, und auch durch
ihre Wirkungen zusammen tatig sind, die etwas hervorbringen, etwas
schaffen wenn Sie sich vergegenwartigen, was diese Wesenheiten
der dritten Hierarchie wirken, so ist das zunachst alles dasjenige,
zunachst sage ich, was vorgeht im geschichtlichen Leben der Mensch-
heit (siehe Zeichnung Seite 57). Sie konnen den Gedanken auch so
fassen : Niemand weiB etwas von der Wirklichkeit des geschichtlichen
Lebens der Menschheit, der nicht eine Ahnung davon hat, daB das-
jenige, was eigentlich Geschichte ist, in Wirklichkeit nicht von den
Menschen gemacht wird, sondern von den Wesenheiten der dritten
Hierarchie. Die Wesenheiten der dritten Hierarchie - Angeloi, Arch-
angeloi, Archai - machen eigentlich die Geschichte, und der Mensch
nimmt Teil an dem Werk dieser dritten Hierarchie, indem er daraus in
der charakterisierten Weise sein BewuBtsein als Personlichkeit hat, sein
BewuBtsein als Mensch, als geschichtliches Erdwesen. Also daB der
Mensch drinnensteht in der Welt, das ist, weil diese Wesenheiten das
geschichtliche Leben machen, und der Mensch das, was er innerlich ist
und wodurch er innerlich zusammenhangt mit dem geschichtlichen
Leben, wiederum von diesen Wesenheiten hat. Das auBere geschicht-
liche Leben, das die landlaufige Geschichte verzeichnet, das ja im
wesendichen doch eine Fable convenue ist, das ist nur ein Abbild von
dem innerlich geschichtlichen Leben, das geschaffen wird in seinem
Werdegange von den Wesen der dritten Hierarchie.
Nun konnen wir fragen: Was haben nun in ahnlicher Weise die
Wesen der zweiten und ersten Hierarchie fur eine Aufgabe, also die
Exusiai, Dynameis, Kyriotetes, die Formgeister, die Bewegungs-
geister, die Weisheitsgeister? Ja, die haben eine viel umfassendere
Aufgabe. Wir sehen zunachst von ihrer Beziehung zum Menschen ab.
Sie konnen sich diese Aufgabe am besten vor die Seele fiihren, wenn
Sie das Augenmerk lenken auf Ihren Atherleib. Nicht wahr, wenn Sie
von Ihrem Ich ausgehend zunachst den Weg nach innen nehmen, so
kommen Sie zu Ihrem Astralleib. Durch Ihren astralischen Leib
hangen Sie zusammen mit dem geschichtlichen Leben der Menschheit.
In das geschichtliche Leben der Menschheit wirken wiederum her-
ein die Wesenheiten der dritten Hierarchie, die das geschichtliche
Leben der Menschen machen. Aber wenn Sie weitergehen, wenn Sie
bis zum Atherleib hinuntergehen, da ist dieser Atherleib eine sehr
komplizierte Wesenheit. Der Mensch kennt nicht viel im heutigen
BewuBtsein von der ganzen Kompliziertheit, die diesem menschlichen
Atherleib zugrunde liegt. Aber Sie bekommen ja einen gewissen Be-
grifT, was da alles arbeiten muB an diesem Atherleib, wenn Sie die
«Geheimwissenschaft im UmriB» studieren; da ist Ihnen in der Auf-
einanderfolge der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, also der auf-
einanderfolgenden Verkorperungen unserer Erde gezeigt, wie dieser
Atherleib sich herausbildet aus dem gesamten Kosmos, und wie die
Wesenheiten der hoheren Hierarchien mitwirken. Bringen wir das in
eine anschauliche Formel, so konnen wir von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus sagen: Alles das im Weltenwerden, was also jetzt
umfassender ist, womit unser Atherleib ebenso zusammenhangt wie
unser astralischer Leib mit dem geschichtlichen Leben der Mensch-
heit, das wird geschaffen und gebildet von den Wesenheiten der zwei-
ten Hierarchie, von den Exusiai, Dynameis, Kyriotetes. Also ich werde,
um dies zu veranschaulichen, sagen: Von den Wesenheiten der zweiten
Hierarchie wird alles dasjenige gemacht, was in den menschlichen
Atherleib hineinwirkt.
Aber dadurch ist wieder etwas anderes gegeben. Wenn Sie des
Morgens aufwachen und untertauchen in Ihren Atherleib, dann
tauchen Sie eigentlich ein in das Geschopf der Wesenheiten der zwei-
ten Hierarchie. Und Sie tauchen auch in Ihren physischen Leib unter.
Von diesem physischen Leib, den das Mysterienwesen daher den
Tempel des Menschen nennt, ist das, was die auBerliche Anatomie und
Physiologie zutage fordert, eben wirklich nur die allerallerauBerste
Hiille. Von diesem ungeheueren Wundergebilde des menschlichen
physischen Leibes bekommt man nur einen Begriff, wenn man weiB:
er ist das Geschopf des Zusammenwirkens der Wesenheiten der ersten
Hierarchic. Wenn Sie des Morgens beim Aufwachen untertauchen in
Ihren physischen Leib, so tauchen Sie eigentlich in das Werk hochster
Hierarchien unter. Also denken Sie, wie im Leben die Dinge verteilt
sind : Hier zwischen Geburt und Tod, wenn wir wachen, tauchen wir
unter zunachst in unseren astralischen Leib, in dem wirksam ist das
geschichtliche Leben der Menschheit. Wir tauchen aber auch unter in
unseren Atherleib, das Geschopf der zweiten Hierarchie, in dem wirk-
sam ist vieles vom Kosmos, das atherische Leben des Kosmos. Und
Phy$Istben f < ~"e ^
Leibe wlrkf I 1 s % ^
A, *V ^%
I' X \ *
ft v\ \
!i'cl>en Atberfeil*
wlrkf ! Gesiwesew
der (vjenscifbetir
wir tauchen unter in unseren physischen Leib, der die Schopfung ist
der Wesenheiten der ersten Hierarchic Und wenn wir leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt, dann leben wir nicht mit dem Ge-
schopf, sondern mit den Schopfern selber.
Nun haben Sie einen der betrachtlichen Unterschiede in. dem Leben
zwischen Geburt und Tod und dem Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt. Hier tauchen Sie unter, indem Sie in Ihre Leib-
lichkeit untertauchen, in alles dasjenige, was Geschopf ist der hoheren
Hierarchien. Wenn Sie sterben, tauchen Sie unter in die Hierarchien
selber. Sie gehen von dem Geschopf zu den Schopfern. So hangen die
Dinge zusammen.
Und nun fragen wir einmal, indem wir dies eben Auseinander-
gesetzte iiberblicken: Was ist nun eigentlich unsere Erde? Das, was
gewohnlich Geologie oder andere Wissenschaften von unserer Erde
erkunden, ist ja wiederum nur die auBere Hiille. Was ist unsere Erde
eigentlich? Sie wissen ja: Unseren physischen Leib, wir haben ihn
gemeinsam mit dem ganzen mineralischen Reich. Dadurch daB wir
unseren physischen Leib mit dem ganzen mineralischen Reich gemein-
sam haben, stehen wir in unserem Wachzustande in einem Teil der
Erde darinnen. Unseren Atherleib haben wir mit dem ganzen Pflanzen-
reich gemeinschaftlich, stehen drinnen in einem zweiten Gliede unserer
Erde. Unseren Astralleib haben wir mit dem Tierreiche gemeinschaft-
lich. Das Ich haben wir fur uns selber. Da stehen wir drinnen in den
drei Reichen der Erde, und aus den drei Reichen besteht eigentlich
unsere ganze Erde. Das ist der Grund und Boden gewissermaBen, auf
dem wir stehen, nicht physisch, sondern mit unserem Menschenwesen.
Aber das kann man nicht sehen, das bleibt ubersinnlich. Indem wir auf
diesem Boden stehen, ist sein unterstes Glied das mineralische Reich.
Nun erinnern Sie sich aus der «Geheimwissenschaft», daB das
mineralische Reich bei den fruheren Verkorperungen unserer Erde
nicht da war; der Mond hatte noch nicht ein mineralisches Reich,
ebensowenig die alte Sonne, ebensowenig Saturn. Sie brauchen das
nur in der «Geheimwissenschaft» nachzulesen. Auf der Erde, bei der
vierten Verkorperung unserer Erde, ist erst das mineralische Reich
entstanden. Ich bitte Sie, das genau festzuhalten. Es ist eine schwierige
Sache, aber es ist eine auBerordentlich wichtige Sache. GewissermaBen
drei Bildungen muBten vorangehen, bevor die mineralische Erde sich
herausgebildet hat. Wir nennen diese drei Bildungen die drei Elemen-
tarreiche, das mineralische Reich ist das vierte. Wir konnten auch so
sprechen bei den fruheren Verkorperungen : Bei der Saturnverkorpe-
rung unserer Erde: erstes Elementarreich; bei der Sonnenverkorpe-
rung unserer Erde: zweites Elementarreich - die Wesen, die damals
Mineralreich waren, waren friiher Elementarreich -; bei der Monden-
zeit - nicht der heutigen Zeit, der alten Mondenzeit -: drittes Ele-
mentarreich. Im Fortschreiten zur Erde entsteht das mineralische
Reich als das vierte Reich. Das tragt der Mensch in sich.
Im Mineralreich stehen, heiBt, in der vierten Bildung stehen. Dieses
Mineralreich tragen wir in uns; dadurch nur sind wir eigentlich sicht-
bare Wesen. Dieses Mineralreich ist aber audi das einzig Abgeschlos-
sene in uns. Erst wenn die Erde ihr Ende erreicht haben wird, wenn
sie in eine andere Verkorperung eingetreten sein wird, wird der
Mensch ebenso abgeschlossen sein im Pflanzenreich, wie er heute im
Mineralreich abgeschlossen ist. Dann wiirde er in der funften Bildung
stehen. Also die Erde wird an einen Endzustand kommen, wird neuer-
dings entstehen: Jupiterzeit; der Mensch wird, so wie er heute sein
Verhaltnis zum Mineralreich hat, dann sein Verhaltnis zum Pflanzen-
reich haben. Er wird in der funften Bildung stehen. Im Pflanzenreich
stehen, heiBt, in der funften Bildung stehen.
Es wird eine neue Verkorperung unserer Erde kommen, wir nennen
sie die Venus verkorperung, die Venuszeit. Der Mensch wird dann fur
sich im Tierreiche stehen, nicht Tier sein, sondern im Tierreiche
stehen; das ist, wie Sie wissen, etwas anderes, als Tier sein. Im Tier-
reiche stehen aber heiBt, in der sechsten Bildung stehen. Und dann
kommt der AbschluB, ich mochte sagen, die Septime des ganzen Wer-
dens. Wir nennen sie die Vulkanverkorperung der Erde. Der Mensch
ist dann auf der hochsten Stufe seiner Bildung angelangt, er ist dann
erst ganz Mensch geworden. Im Menschenreich stehen, heiBt, in der
siebenten Bildung sein, in der siebenten Bildung stehen. Und in
sieben Bildungen schlieBt sich das Leben des Menschen ab.
Schauen wir uns den heutigen Menschen an. Er steht, wie wir sehen,
im Mineralreich; er steht noch nicht im Pflanzenreich. Wenn der
Mensch im Pflanzenreich stehen wird, wird sein ganzes Leben ein an-
deres sein. Er wird sich fuhlen nicht als Personlichkeit, sondern so,
wie er sich heute als Personlichkeit fiihlt, wird er sich als Mensch
fuhlen, er wird sich fuhlen als Glied der ganzen Menschheit. Er wird
zum Beispiel, wenn er einmal im Pflanzenreiche stehen wird, es uner-
traglich finden, daB er einen bestimmten Grad des Gliickes hat, wenn
neben ihm jemand mit Ungliick herumgeht. Heute fiihlt sich der
Mensch wie durch eine Scheidewand von andern Menschen abge-
schlossen. Das muB so sein, sonst wiirde der Mensch niemals seine
Personlichkeit entwickeln konnen. Aber im kiinftigen Jupiterreich,
wo der Mensch in der fiinften Bildung stehen wird, wird es anders
sein; da wird es ein ganz unertraglicher Gedanke sein, daB der eine
gliicklich, der andere neben ihm ungliicklich sein kann, weil sich die
Menschen nicht als Organismus fuhlen, wie man in abstracto sagt.
Jetzt fuhlen sie sich ja nicht als Organismus : das ist aber eine Unwahr-
heit, eine Tauschung, eine Maja. Aber die Zeit wird kommen, wo der
Mensch im Pflanzenreich stehen wird, wo er ein einzelnes Gliick nicht
ertraglich finden wird, wenn neben ihm Ungliick ist.
Dieser Gedanke liegt zugrunde jenen Spiritualisten, von denen ich
Ihnen gestern gesprochen habe. Ich habe Ihnen gesagt: Die eng-
lischen Spiritualisten werden in Zukunft einen groBen Kampf aus-
zufechten haben gegen die gesamte englische Volkskultur. Die Bliite
dieser Volkskultur ist der Utilitarismus ; und dasjenige, was dieser
Utilitarismus herausgetrieben hat bei Bentham, das ist im wesentlichen
der Grundsatz, den man nannte die Maximation des Gliickes. Immer
mehr wird dieser Utilitarismus das Denken erfullen. Daher wird dieses
Denken nur durch die Opposition der spirituell Gesinnten zur Spiri-
tualisierung kommen konnen. Das ist die Perspektive der Zukunft:
Die spirituell Gesinnten werden dort die Volkskultur zu iiberwinden
haben, sie zu iiberwinden haben bis zur Vernichtung. Deshalb konnte
ich Ihnen anfiihren, daB Bentham, der aus der Volkskultur heraus zu
dem Grundsatze gekommen ist, das Gute auf der Erde bestiinde in
der Gliickseligkeit der groBten Anzahl von Menschen, seine heftig-
sten Gegner hat in den spirituell Gesinnten seines eigenen Landes, die
ihm sagen: Das ist eine rein teuflische Definition, denn diese Defini-
tion kann man nur machen, wenn man nichts bedenkt als die bloBe
Gegenwart. Denkt man ein wenig an die Zukunft der Entwickelung,
so weiB man, daB der Gedanke ganz unertraglich ist : Gliickseligkeit
der groBten Anzahl, weil das Gegenteil ware: die Gliickseligkeit der
geringsten Anzahl, und das miiBte das Bose sein. Aber Boses und
Gliickseligkeit haben nichts miteinander zu tun; denn in der Zukunft
wird dadurch, daB der Mensch sich im Pflanzenreich stehend fiihlt,
sich als Glied der ganzen Menschheit fiihlt, dieses Gegenteil eine Un-
moglichkeit sein. So wie heute ein wichtiges organisches Glied dem
Menschen nicht einfach ausgeschmtten werden kann, ohne daB der
ganze Menschenorganismus zugrunde geht, so wird kiinftig, wenn die
Erde im Pflanzenreich steht, nicht eine bestimmte Gmppe von Men-
schen leidensvoll sein konnen, ohne daB das Ganze leidet. Das ist
ein bestimmter Entwickelungszustand, der kommt. Und weil durch
Bentham eine Definition des Gliickes gegeben wird, die gar keine
Zukunft hat, die nur Gegenwart hat, muB sie bekampft werden gerade
von denjenigen, welche die Spiritualitat anstreben.
Ja, warum soil das ein Gegensatz sein, wenn gesagt wird: Gutes
definiert durch Bentham als die Gliickseligkeit der groBten Anzahl,
Boses definiert als die Gliickseligkeit der geringsten Anzahl? Ein ab-
strakter Gegensatz ist es nicht fur den Verstand, aber der Spiritualist
denkt nicht abstrakt, der Spiritualist denkt konkret. Er denkt nicht:
Was ist das Gegenteil von dem andern? - sondern er denkt an das
Reale, das sich entwickelt, und das stimmt zumeist mit den bloBen
Gedanken der Menschen nicht iiberein.
Und in einem noch hoheren Grade wird der einzelne Mensch am
Ganzen teilnehmen, wenn er in der sechsten Bildung steht. Und dann
noch ganz besonders, wenn er Vollmensch ist, ganz vergeistigter
Mensch, in der siebenten Bildung.
Ja, aber wir haben daraus gesehen, daB so, wie wir jetzt auf dem
festen Boden der Erde stehen, wir als Menschen, insoferne wir Ge-
schopfe sind, doch eigentlich nur bis zur vierten Bildung kommen.
Wir haben das mineralische Reich, das ist fertig. Die andern Reiche,
wie sie heute bestehen, werden zum Teil zugrunde gehen, und der
Mensch wird sie in anderer Weise ausbilden: das Pflanzenreich, so wie
ich es geschildert habe. Das Tierreich und Menschenreich wollen wir
heute nicht mehr schildern, aber nachstens einmal.
So steht der Mensch heute, wenn er sich als Geschopf, unter an-
deren Geschopfen stehend, betrachtet, in der vierten Bildung. Aber er
ragt in die andern Bildungen hinein, denn wir haben ja gesehen:
Schon im Schlafe steht der Mensch unter dem EinfluB der dritten
Hierarchic Diese Hierarchie ist weiter als er, die steht heute schon in
der funften Bildung, und die andern Wesen sind noch weiter. Er ragt
also in die hoheren Bildungsstufen hinein. Ich bitte Sie, die Geduld
zu haben, diese subtilen Gedanken wirklich durchzudenken; denn Sie
miissen jetzt den Unterschied machen, zwischen Sich-Denken als
Geschopf und Sich-Denken als unabhangiges Geistwesen, das Sie
zum Beispiel im Schlafe sind oder zwischen Tod und neuer Geburt.
Insoferne Sie sich hier denken in Ihrem physischen, in Ihrem Ather-
leib, astralischen Leib und Ich, insofern denken Sie sich als Geschopf
auf der Erde, sind in der vierten Bildung; aber Sie ragen in die fiinfte,
sechste und siebente Bildung hinein. Indem Sie ja nicht bloB in Ihrem
Leibe leben, sondern auch auBerhalb Ihres Leibes, im Schlafe oder im
Tode, da ragen Sie in die andern Hierarchien hinein, und diese andern
Hierarchien sind weiter. Wir konnen also sagen: Wenn wir die Erde
mit allem, was darauf und darinnen ist, als geschopf liches Wesen be-
trachten, so ist sie als geschopfliches Wesen bis zur vierten Stufe
herangekommen, und wir sind mit ihr ebenfalls bis zur vierten Stufe
herangekommen. Allein wir ragen dadurch, daB wir uns als selb-
standige Personlichkeiten fiihlen, daB wir uns als Mensch fiihlen, daB
wir uns als Glied der Erdenentwickelung fiihlen, daB wir wissen,
unser Atherleib ist Geschopf der zweiten Hierarchie, unser physischer
Leib ist Geschopf der ersten Hierarchie, wir ragen dadurch hinauf in
die anderen Spharen, in die anderen Bildungselemente.
Aber es hat ja nicht seinen AbschluB mit der siebenten Bildung.
Die Evolution geht weiter, und indem wir hineinragen in die hoheren
Biidungsformen, ragen wir auch in eine achte Bildungsform hinein,
die beriihmte achte Sphare. Wir konnen ruhig sagen: In einer ge-
wissen Weise, indem wir zu hochentwickelten Stufen hoherer Wesen-
heiten hinaufragen, ragen wir, indem wir im Gottesreich drinnen-
stehen oder Geisterreich - wie Sie wollen -, hinein in die achte Bil-
dung. Aber wir ragen hinein in diese achte Bildung mit den feinsten
Bestandteilen unserer Geistwesenheit. Dieses Hineinragen in die achte
Bildung, das ist ein groBes Geheimnis, aber wir konnen uns doch eine
Vorstellung machen von einem, ich mochte sagen, sehr geringfiigigen,
wenig intensiven Hineinragen in die achte Bildung, wenn wir uns
das Folgende denken.
Wir wissen, im Mittelpunkte der Erde steht das Mysterium von
Golgatha. Blicken wir zuriick zu diesem Mysterium von Golgatha,
wie es sich vom Jahre 1 bis 33 unserer Zeitrechnung, im 747. Jahre seit
der Griindung Roms, vollzogen hat, so steht es im ersten Drittel der
vierten nachatlantischen Zeit drinnen. Wir sprechen von jener Kultur-
entwickelung der Menschheit, in die das Mysterium von Golgatha
hineingefallen ist, als von der vierten nachatlantischen Kulturstufe.
Wir wissen, die dritte nachatlantische Kulturstufe ist ja vorangegangen
der griechisch-lateinischen Kulturepoche. Wir stehen jetzt in der
fiinften, denn die vierte, in die das Mysterium von Golgatha fiel,
hat im 15. nachchristUchen Jahrhundert geendet. Also wir stehen im
ersten Drittel der fiinften nachatlantischen Kulturperiode. Nun, der
Mensch entwickelt sich durch die Kulturperioden hindurch, aber
wenn wir diese Kulturperioden schildern, dann schildern wir eigentlich
etwas, was der Mensch nicht voll mitmacht. Sie alle waren gewiB in
der alten agyptisch-chaldaischen Periode verkorpert, die die dritte
nachatlantische Zeit ist, dann wiederum in der griechisch-lateinischen
Kulturperiode und in der jetzigen; aber Sie durchleben doch immer
nur von der aufeinanderfolgenden Zeit - wenn es gut geht, nicht wahr,
selbst einer der achtzig Jahre alt wird - eben nur achtzig Jahre, und
dazwischen liegt die viel langere Zeit, die zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt verlauft. Also von dem, was wir schildern, indem
wir die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden der Erde schil-
dern, lebt der Mensch ja nur einen Teil mit.
Sie konnten freilich sagen: Nun ja, der Mensch erlebt hier im
physischen Leib nur einen Teil mit; aber er lebt wahrhaftig nicht um-
sonst im physischen Leib : er erlebt die Welt vom Gesichtspunkt des
physischen Leibes aus, weil er dasjenige, was er vom physischen
Leib aus erlebt, nicht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
erleben konnte. - Mag das, was der Mensch zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt im reinen geistigen Reiche erlebt, nun hoher oder
weniger hoch geschatzt werden, dariiber wollen wir heute nicht spre-
chen, aber es ist anders als dasjenige, was der Mensch hier durch seinen
Leib erlebt, und es ist sehr wichtig, das zu beriicksichtigen. Und der
Mensch ist wahrhaftig nicht umsonst durch seinen Leib in die Welt
hineingestellt; denn das, was er durch seinen Leib in der Welt erleben
kann, immer in Episoden der Gesamtmenschheitsentwickelung, das
konnte er eben nicht erleben, wenn er nicht die Leibesentwickelung
hatte. Es ist eine durchaus unzutrefFende Vorstellung, wenn man der
irdischen Leibesentwickelung in asketischer Art gegeniibersteht,
wenn man sie etwa nur als den Feind des hoheren Menschen be-
trachtet. Das ist sie in Wahrheit nicht, sondern dasjenige, was dem
Menschen etwas gibt, das er auf keinem andern Weg erlangen konnte.
Und der Mensch irrt gar sehr, der das Leben im Leibe verachtet, der
den Leib als etwas Niedriges ansieht, denn es bedeutet eben ein
Hochstes, em Wichtigstes, ein Bedeutungsvollstes im Gesamtleben
des Menschen. Und Geisteswissenschaft kann am allerwenigsten sich
jenem Mystizismus oder jener verkehrten Richtung des Christentums -
nicht der richtigen, aber verkehrten Richtung - anschlieBen, welche ver-
achtet dasjenige, was sie die irdische Welt nennt. Der Mensch erlebt
eben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Welt von einer
andern Perspective aus; er erlebt sie so, wie er sie erleben kann: in
ihn herein wirken jetzt nicht die Geschopfe wie durch den physischen
Leib und Atherleib, sondern die Schopfer selbst. Da erlebt er etwas
anderes.
Daher kommt es, daB wir wahrend unserer Erdenlaufbahn nicht
nur die Aufgabe haben, das Sinnenfallige, sondern auch das t)ber-
sinnliche kennenzulernen. Denn das geschichtliche Leben der Mensch-
heit, das ein Ergebnis der dritten Hierarchie ist, wir konnen es nicht
kennenlernen von der Perspektive des Erdenlebens aus. Und fur
unsere Zeit - ich bitte, darauf zu achten, daB ich sage : fur unsere Zeit,
denn es war in der vorchristlichen Zeit nicht so -, fur unsere Zeit ist
es ganz wesentlich, daB sich der Mensch bewuBt werde: er muB,
wahrend er hier auf Erden lebt zwischen Geburt und Tod, auch
kennenlernen, wenn er sich als geschichtliches Wesen kennenlernen
will, dasjenige, was Engel, Erzengel und Archai als geschichtliches
Leben wirken. Kennenlernen die Welt nur so, wie sie heute die Natur-
wissenschafter kennenlernen wollen, kennenzulernen die Welt so, wie
sie die Geschichte schildert, als ob die Geschichte gemacht ware von
Menschen allein, nicht von den Wesenheiten der dritten Hierarchie,
das heiBt, nur die allerauBersten Schalen des geschichtlichen Werdens
kennen. Nur der lernt die Geschichte kennen, der sich bewuBt ist: er
muB gewissermaBen anschauen hier im physischen Leibe, was die
Wesen tun auf der Erde, die er zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt in einer ganz andern Weise - wenn ich mich des Ausdruckes
bedienen darf, der ja nur vergleichsweise gebraucht ist -, die er da
personlich, individueil, in ihren himmlischen Taten kennenlernt. Die
muB er in ihren Wirkungen auf der Erde im geschichtlichen Leben
kennenlernen.
Aber so war es nicht immer; so ist es in der Zeit, in der wir jetzt
leben. So war es vor alien Dingen nicht in der dritten nachatlan-
tischen Zeit, vor dem Jahre 747, in der agyptisch-chaldaischen Zeit.
Wir wissen, daB da das ganze seelische Leben, der ganze Seelen-
zustand der Menschen ein anderer war. Da strahlte das uberirdische
Leben in das gewohnliche Menschenleben herein, da wuBte der
Mensch, wenn er >es sich auch anders deutete, als wir das jetzt in
den Mythologien auslegen: Die Wesenheiten der dritten Hierarchic
wirken herein in sein Ich und seinen astralischen Leib. - Er meinte die
Wesenheiten der dritten Hierarchic, nannte sie Osiris oder Zeus oder
Apollo oder Minerva oder wie immer, aber er wuBte: Diese Wesen-
heiten, die er nur in dieser Weise ausdichtete und ausdeutete - aber die
Ausdichtung und Ausdeutung bezog sich auf diese Wesenheiten -,
sie wirken herein. Wenn er sie auch nicht hatte sehen wollen, er hatte
sie innerlich gesehen, denn es war in jenen alten Zeiten nicht die Be-
wuBtseinstauschung vorhanden, die heute vorhanden ist; sondern es
war eben nur die Lebenstauschung vorhanden, die diese Gestalten,
wie man sagt, anthropomorphisierte. Aber von diesen Gestalten
wuBte man.
Das ist auch solch ein Punkt, durch den das ganze Leben der Men-
schen ein anderes geworden ist. Heute weiB der Mensch im gewohn-
lichen BewuBtsein nicht, was da in sein Leben hereinspielt. Der
Mensch wurde geboren als eine Seelenwesenheit in dieser dritten nach-
atlantischen Zeit, wurde wieder geboren in der vierten nachatlan-
tischen Zeit, und wieder geboren in unserer Zeit. Dasjenige, was die
Wesenheiten der dritten Hierarchie als geschichtliches Leben aus-
wirken, schaut er nicht, aber er sollte es kennenlernen, er sollte es
wirklich kennenlernen ! Nicht in der wahren Gestalt, sondern in der
mythologischen Gestalt lernte es der alte Mensch kennen.
Versetzen Sie sich jetzt einmal in solch eine Menschenseele - es gibt
mehr Inkarnationen, wie Sie wis sen, aber wollen wir einmal drei auf-
einanderfolgende auffassen: eine agyptische, eine griechische, eine
aus dem funften nachatlantischen Kulturzeitraum versetzen wir uns
einmal in eine solche Menschenseele. Sie hat wahrend des dritten,
wahrend des agyptisch-chaldaischen Kulturzeitraumes, das erlebt, was
sie eben erleben konnte dadurch, daB die Wesenheiten der dritten
Hierarchie in das Leben hereinspielten. Das war allmahlich herab-
gedammert. Einige hatten es noch erlebt im vierten, im griechisch-
lateinischen Zeitraum; viele Menschen hatten es namentlich bis zum
Jahre 333 nach dem Mysterium von Golgatha noch in ordentlicher
Weise erlebt, dann ist es allmahlich verschwunden; dann muBten sich
die Menschen immer mehr und mehr auf dasjenige beschranken, was
in der auBeren Sinnenwelt vorhanden ist, wenn sie sich nicht so
innerlich entwickelten, daB sie auf einem andern Wege wiederum
die geistige Welt kennenlernen und darum aufsteigen konnten zu den
Wesenheiten der dritten Hierarchie.
Und nun, wenn wir eine solche Seele betrachten, die jetzt wieder-
kommt, sie kommt mit all dem, was sie in der dritten nachatlantischen
Zeit, im agyptisch-chaldaischen Kulturzeitraum in sich aufgenommen
hat, mit all dem kommt sie, aber nehmen wir einmal an, solch eine
Seele straube sich dagegen, in der jetzigen Inkarnation die Taten der
dritten Hierarchie im geschichtlichen Leben der Menschheit zu be-
trachten, und daB sie sich sage : Was geht mich das an, was die Engel,
Erzengel und Archai getan haben; fur mich ist Geschichte dasjenige,
was Menschen hier auf der Erde jemals verrichtet haben. - Eine solche
Seele beriicksichtigt nicht, daB in all dem, was Menschen auf der Erde
verrichtet haben, mitspielen die Taten der dritten Hierarchie. Nehmen
wir jetzt der Deutlichkeit willen an - fur manche Seelen gilt es auch
in bezug auf den vierten, den griechisch-lateinischen Zeitraum, eben
bis zum Jahre 333 -, aber nehmen wir der Deutlichkeit willen an,
eine solche Seele komme heriiber aus dem agyptisch-chaldaischen, aus
dem dritten nachatlantischen Zeitraum: da hatte sie nicht notig, sich
anzustrengen, um etwas von den Taten der dritten Hierarchie zu
wissen, denn da kam das von selber herein in das Menschenleben; da
tragt sie das noch in sich, diese Seele. Also sagen wir, was diese Seele
dazumal in sich verarbeiten konnte, das tragt sie in sich. Einem alten
Agypter hatte man nicht sagen konnen - er hatte keinen rechten Be-
griff vom geschichtlichen Leben, aber er sah doch auf das geschicht-
liche Leben hin - ihm aber hatte man uber dieses geschichtliche Leben
nicht sagen konnen: Die Menschen machen die Geschichte. - Er
wiirde nur gelacht haben, denn er sah ja, daB die Wesenheiten der
dritten Hierarchie die Geschichte machten, wenn er sie auch in seiner
Art versinnlicht darstellte.
Das alles tragen die Menschen der Gegenwart in sich, aber unbe-
wuBt naturlich; es ist ins UnterbewuBte hinuntergezogen. Jetzt geben
sie sich dem Glauben hin, daB Geschichte etwas ist, was die Menschen
auf der Erde gemacht haben. Da kommt eine merkwiirdige Seelenver-
fassung zustande, die ich Sie bitte, ganz genau auf sich wirken zu
lassen. Wenn wir auf eine solche Seele in der Gegenwart hinblicken
wiirden, so wiirden wir sagen, diese Seele lehnt es ab, sich ins ge-
schichtliche Leben der Menschheit in Wirklichkeit hineinzustellen,
sie sagt: Ich will nichts wissen von den Taten der Archai, der Erz-
engel, der Engel; ich will nur aus auBeren Zeugnissen wissen, was die
Menschen gemacht haben seit jenen alten Zeiten. - Aber dadurch
kann sich eine solche Seele nicht weiterentwickeln, dadurch bleibt eine
solche Seele in Wirklichkeit auf dem Standpunkte stehen, auf dem sie
gestanden hat in der alten agyptischen Zeit; sie hat nur die Reife einer
Seele der alten agyptischen Zeit, sie laBt sich nicht ein darauf, die
Wirklichkeit zu ergreifen. Die Engel, Erzengel und Archai, sie
haben sich weiterentwickelt, sie haben das gemacht, was von der
Menschheit seither erlebt werden konnte. Solch eine Seele sagt: Was
die Hierarchien schon gemacht haben da oben in der geistigen Welt,
darauf lasse ich mich nicht ein; ich lasse mich nur auf meine eigenen
Fahigkeiten ein. - Die Fahigkeiten sind aber keine andern als die,
welche sie auch schon hatte wahrend der alten agyptischen Zeit.
Zahlreiche solche Seelen leben in der Gegenwart, und denken Sie,
in welcher eigentumlichen Lage eine solche Seele ist! Bis zum Jahre
333 konnte eine Seele noch nicht in diese Lage kommen, denn da
reichte noch immer die geistige Welt von selbst herein; jetzt aber, seit
dieser Zeit, konnen Seelen in einer merkwiirdigen Lage sein: Sie
konnen der Wirklichkeit ja nicht widerstreben, in der Wirklichkeit
stehen sie natiirlich drinnen in dem, was die Engel, Erzengel und
Archai tun, aber sie leugnen das mit ihrem BewuBtsein, sie nehmen
in ihr BewuBtsein nur dasjenige auf, was hier auf der Erde durch Men-
schen selber bewirkt worden ist.
Das ist ein Fall, wo die Menschen als Geschopfe in der vierten Bil-
dung stehen, denn die vierte Bildungsstufe ist alles dasjenige, was ge-
schopf lich geschieht. Also was seit der agyptischen Zeit die Menschen
auf der Erde gemacht haben, gehort zur vierten Bildung, aber der
Mensch selbst ragt dariiber hinaus, und dadurch, daB er seit dem
Jahre 333 uberhaupt mit seinem ganzen Wesen nicht bewuBt in das
hineinragen kann, wohinein er in Wirklichkeit ragt, dadurch steht er
mit seinem Wesen sogar noch uber der siebenten Bildungsstufe, er
steht in der achten Bildungsstufe drinnen. So daB also heute die Mog-
lichkeit vorhanden ist, daB Seelen in Wahrheit in der achten Bildungs-
stufe drinnenstehen, aber es nicht anerkennen, weil sie die in der
achten Stufe liegende Wirksamkeit des geschichtlichen Lebens der
Menschen durch die Engel, Erzengel und Archai nicht anerkennen,
sondern nur die vierte Stufe anerkennen, so daB die achte Sphare in
ihnen unbewuBt bleibt. Das ist eine auBerordentlich wichtige Tatsache.
Wenn aus dieser Lage der Seele heraus eine Weltanschauung ent-
steht, was entsteht dadurch? Der Mensch ignoriert seine eigene Wirk-
lichkeit, er gibt nicht zu, daB er in ein hohes Geistesreich hinaufragt,
trotzdem er wirklich hinaufragt, sondern er gibt nur zu, daB er im
Reiche der Menschen darinnensteht. Diese Seelenverfassung ist erst
klar zutage getreten in dem, was ich in diesen Tagen das Industrie-
zeitalter genannt habe. Erst das Drinnenstehen der Menschen im
ganzen industriellen Leben hat sie dazu gefuhrt, vollig innerhalb einer
Weltanschauung die Tatsache zu ignorieren, daB der Mensch in die
geistige Welt hinaufragt, und nur mit den auBeren Taten der Menschen
zu rechnen. Das ist etwas Bedeutsames. Man kann die Gegenwart nicht
verstehen, wenn man nicht weiB, daB es heute zahlreiche Menschen
gibt, die mit ihrer Weltanschauung in die achte Sphare hineinragen,
und diese Tatsache ignorieren, das heiBt: alle Schaden iiber die Erde
bringen, die das Hineinragen in eine Weltensphare bringt, wenn man
ihr Dasein leugnet. Denn dadurch, daB der Mensch leugnet, in die
achte Sphare hineinzuragen, in die achte Bildungsstufe hineinzuragen,
schlieBt er sich aus von den guten Wesen dieser Bildungsstufe und
liefert sich an den ahrimanischen Geist der betreffenden Bildungsstufe
aus. Sein Denken'wird, statt gottlich oder geistig, ahrimanisch.
Man muB, wenn man geisteswissenschaftlich spricht, auf die Tat-
sachen dieser Welt in ihrer Wahrheit hindeuten. Und die Wahrheit ist
einmal, daB zum Beispiel so etwas wie die materialistische Geschichts-
auffassung des Karl Marx, der gelebt hat von 1818 bis 1883, daB die
Weltanschauung des Karl Marx eine rein ahrimanische ist. Ihr Ge-
heimnis beruht darauf, daB nur anerkannt wird das materiell im
Erdenwesen Geschehene, daB ignoriert wird das Hinaufragen der
Geistigkeit des Menschen in die ubersinnlichen Welten, und daB da-
durch, durch diese Ignorierung, der Mensch den ahrimanischen
Machten verfallt. Denn sobald der Mensch sein BewuBtsein aus-
schlieBt von den Welten, in die er hinaufragt, verfallt er den ahrima-
nischen oder luziferischen, in diesem Falle den ahrimanischen Machten.
Nun, wir stehen heute vor der Tatsache, daB zahlrekhe Menschen
eine rein ahrimanische Weltanschauung vertreten, fur diese rein ahri-
manische Weltanschauung kampfen, und dadurch aber auch iiber die
Erde heraufbeschworen alles dasjenige, was kommen muB, wenn statt
der gottlichen Ordnung die ahrimanische Ordnung iiber die Erde sich
verbreitet. Benthams Philosophic, von der ich Ihnen gestern sprach,
ist zunachst ein auBerer theoretischer Ausdruck dieser ahrimanischen
Anschauung. Der Marxismus ist ein solcher Ausdruck, der auch schon
schopferisch ist, der gestaltend ist, der einen ungeheueren EinfluB hat.
Und die Tragheit des Bourgeoislebens weiB nichts davon und hat sich
nicht gekummert durch Jahrzehnte, was sich auf dem Boden des
sozialen Lebens entwickelt hat an Elementen solcher Weltanschau-
ungen. Der Marxismus ist ein extremer Ausdruck. Er wird weiter-
wirken. Das, was zunachst bloB Wissen sein sollte, wird Geschehen
werden, wird tatsachlich Wirklichkeit werden. Nur die Einsicht in
diese Dinge, die nun wiederum Wollen-bildend ist, kann Hilfe sein
in diesen Dingen.
Solche Wahrheiten sind einschneidende, solche Wahrheiten sind
wahrhaftig nicht geeignet fur bloBe Sonntagssensationen ; solche
Wahrheiten sind dasjenige, was im Innersten zusammenhangt mit dem
ganzen Kulturleben der Gegenwart. Und vieles wird davon abhangen,
daB sich die Menschen darauf einlassen, dasjenige, was in ihren Ge-
danken lebt, im Zusammenhange mit der ganzen Weltenordnung zu
erkennen. Denn in unseren Tagen sind wir in denjenigen Zeiten-
zyklus eingetreten, in dem wir nicht weiterkommen konnen, ohne in
furchtbare Katastrophen hineinzufallen, wenn wir nicht einsehen, wie
sich dasjenige, was sich im Menschen selber vollzieht, gegeniiber dem
Werden des ganzen Kosmos ausnimmt.
Solche Wahrheiten, wenn man sie herausfindet aus dem Suchen
nach der Wahrheit - Sie konnen die Versicherung hinnehmen -, solche
Wahrheiten sind zunachst bestiirzend. Wenn man ein Gefuhl hat fur
das Einschlagende der groBen Wahrheiten in der Welt, so kennt man
auch das Gefuhl des Bestiirzenden dieser groBen Wahrheiten. Be-
quem ist das Hineinleben in das Wahrheitsleben nicht. Nur wer ober-
flachlich ist, konnte meinen, es sei nicht bestiirzend, sich sagen zu
miissen: Leute, von denen auch eine groBe Anzahl von Menschen
glaubte - was ja auch wahr ist! sie strebten ehrlicherweise nach der
Wahrheit, sind durchpulst von ahrimanischem Geiste ! Es schlagt sich
aufs Herz, meine lieben Freunde! Daher versucht man, wenn sich
solche Wahrheiten ergeben, mit ihnen zurechtzukommen. Dazu, um
sie bei einem Ohr hinein-, beim andern Ohr hinausgehen zu lassen,
sind diese Wahrheiten nicht da. Sie sind auch nicht dazu da, daB man
sie bei seinem einsamen Meditieren findet und sie als Sensationen hin-
nimmt. Dazu sind sie alle nicht da, diese Wahrheiten. Man muB mit
ihnen fertig werden, man muB finden konnen, wie dasjenige, was man
als Weltenentwickelung kennt, was rings um einen herum ist, auch
als Urteile der Menschen, dazu stimmt, daB so etwas da ist.
Wer, wie ich, gesehen hat, wie groB die Anzahl der Menschen heute
ist - jetzt konnen sich ja die Menschen durch auBere Tatsachen davon
iiberzeugen -, die vom Marxismus oder marxismusahnlichen Anschau-
ungen lebt, dem stellt sich schon die Notwendigkeit heraus, diesen
Dingen etwas naher zu Leibe zu gehen. Da sagt man sich oft : Vielleicht
bist du doch ein Illusionar! - Man braucht ja deshalb nicht gleich die
ganze geistige Welt zu bezweifeln, selbstverstandlich nicht, aber be-
ziiglich solcher konkreter Wahrheiten sagt man sich doch oftmals:
Vielleicht gibst du dich da doch irgendwelchen Illusionen hin! -
Das tiefe Verantwortlichkeitsgefuhl gegenuber der Wahrheit, das
muB sich ja gerade gegenuber geistigen Wahrheiten ergeben. Dann
sucht man immer tiefer und tiefer zu schiirfen. Es gibt aber in der Tat
nicht weniges, sondern vieles, recht vieles, welches arge Bestatigungen
liefert desjenigen, was ich Ihnen jetzt eben auseinandergesetzt habe
als den ahrimanischen Charakter zum Beispiel des Marxismus oder
ahnlicher Weltanschauungen.
Ich habe, als ich vor einiger Zeit hier sprach, Ihnen eine gewisse
Zumutung gestellt. Ich habe davon gesprochen, da£ die Zeit, so wie
wir sie erleben, eigentlich eine Tauschung ist, daB die Zeit in Wirk-
lichkeit etwas ganz anderes ist, als sie der Mensch erlebt, weil der
Mensch die Zeit nicht perspektivisch nimmt, so sagte ich dazumal.
Den Raum erlebt der Mensch schon perspektivisch; die ferneren
Baume sieht er kleiner als die nahen Baume. In Wirklichkeit ist auch
die Zeit ebenso perspektivisch zu sehen. Die in der Zeit entfernten
Ereignisse sind anders zu sehen als die in der Zeit nahen Ereignisse.
Es ist aber nur die Grundlage dafiir, daB die Zeit wirklich das ist, als
was die Forscher aller Zeiten sie angesehen haben: die Zeit ist das
wichtigste Medium der menschlichen Tauschung. Wir denken uns,
daB zum Beispiel die Wesen der hoheren Hierarchien auch so durch
die Zeit flieBen, wie unser eigenes Seelenleben durch die Zeit flieBt:
es ist keine Wahrheit darin. In Wahrheit liegt das Wesen der hoheren
Hierarchien in abgeflossenen Zeiten, aber sie wirken heriiber aus den
abgeflossenen Zeiten, wie im Raume von einem entfernten Orte man
heriiberwirken kann, meinetwegen durch Lichtsignale oder so etwas,
auf in einem nahen Orte im Raume liegende Wesen. Die Zeit ist nicht
das, als was sie die Menschen ansehen, die Zeit ist auch nicht das, als
was sie solche Philosophen wie Kant ansehen, sondern die Zeit ist in
ihrer Wirklichkeit etwas ganz anderes. Und das, was der Mensch als
Wirklichkeit ansieht, ist eben auch eine Maja, eine groBe Tauschung.
Vor alien Dingen bleibt immer das stehen, wovon wir glauben, indem
wir in der Zeit als Tauschung leben, daB es vergangen sei. Es bleibt
aber da; die Zeit wird wirklich zu etwas wie zu einem Raume. Und
man sieht auf die riickwartigen Ereignisse so, wie man auf entfernte
Gegenstande im Raume sieht, wenn man wahrhaftig sieht. Die Zeit
ist eine Tauschung.
Und weiter weiB die Geisteswissenschaft, daB die Quellen zu andern
groBen Tauschungen in menschlichen Weltanschauungen davon her-
riihren, daB der Mensch in bezug auf die Zeit der Tauschung unter-
liegt. Wenn unter Ihnen viele Physiker waren, wiirde ich selbst rein
physikalisch mich hier aussprechen konnen. Ich wiirde Ihnen an
physikalischen Formeln zeigen konnen, daB so, wie der Physiker die
Zeit - das t, wie er es bloB nennt - in die physikalischen Formeln ein-
fuhrt, diese Zeit nur eine Zahl ist, also etwas ganz Unbekanntes, keine
Wirklichkeit, sondern ein reiner Schein ist. Ein Wirkliches ist immer
nur die Geschwindigkeit, aber die gerade sieht der Physiker als eine
Folge der Zeit an. Da Sie ja keine Physiker sind und sich wahrschein-
lich auf das Verstandnis der Sache nicht einlassen werden, will auch
ich mich nicht weiter darauf einlassen.
Die Zeit ist Tauschung, das ist eine schwerwiegende Wahrheit,
weil die Zeit als Tauschung vielen andern Tauschungen des Lebens
zugrunde Hegt. So zum Beispiel sieht man alle Dinge falsch, wenn man
im geschichtlichen Leben die Zeit falsch anwendet. So denken etwa
die Menschen, in den ersten drei christlichen Jahrhunderten hatten
sich gewisse Dinge zugetragen, die seien jetzt vorbei. - In Wirklichkeit
miiBten sie denken: Der Erzengel oder die Wesenheit aus der Hier-
archie der Archai, die dazumal die Ereignisse geleitet hat, ist noch da;
das wirkt in anderer Weise weiter. - Das Vergangensein ist nur eine
Tauschung. Es hangt viel davon ab, daB man gegeniiber der geistigen
Wirklichkeit gerade den perspektivischen Charakter der Zeit kennen-
lernt, daB man weiB, man muB sich iiber die Ereignisse im Zeiten-
laufe ebenso tauschen - wahrend man das nicht glaubt -, wie man sich
uber die Ereignisse im Raume tauscht, wenn man keine Perspektive
zugibt. Denken Sie einmal, wie groB die Tauschung ware, wenn Sie
keine Perspektive zugeben wurden, wenn Sie das Entfernte im Raume
als so wirksam auf sich selbst betrachten wurden wie das Nahe. Sie
schauen auf einen fernen Berg hin. Von der Luft, die Sie umgibt,
hangt wesentlich Ihre Gesundheit ab; von der Luft auf dem fernen
Berge nicht, denn wollen Sie sie als gesundheksfordernd haben, so
miissen Sie hingehen. Die Wirklichkeit hangt im wesentlichen, sobald
es um die Wirklichkeit im Leben sich handelt, mit der Perspektive zu-
sammen. So ist es aber auch mit Bezug auf die Zeit. Wir leben richtig
in der Gegenwart, wenn wir nicht glauben, daB die ferneren Ereignisse
der Vergangenheit ebenso gewogen werden konnen wie die nahen
Ereignisse. Wenn wir im dritten nachatlantischen Zeitraum die
agyptisch-chaldaische Zeit betrachten und nur dasjenige ins Auge
fassen, was die Dokumente liefern, und sie so registrieren, wie sie die
Torengeschichte registriert, die Fable convenue, die sich eben heute
Geschichte nennt, dann machen wir den perspektivischen Fehler.
Denn es hat iiberhaupt fur das heutige Leben gar keine Bedeutung,
was die Menschen auBerlich an Taten wahrend der agyptischen Zeit
gemacht haben, aber was die Engel und Erzengel und Archai gemacht
haben, das hat Bedeutung; das tritt aber nur in der perspektivisch ge-
bildeten Betrachtung hervor. Daher ist es ein Grundsatz, und nicht
nur heute, wo wir alle diese Dinge wiederentdecken miissen auf dem
Boden der Anthroposophie, sondern in alien Zeiten war es ein Grund-
satz fur alle geistigen Forscher, daB die Zeit als solche eine Tauschung
ist, und niemals wurde von einem wirklichen Kenner der Wirklichkeit
mit der Zeit so gerechnet, daB sie fur eine Wahrheit gehalten wurde,
daB sie selbst fur eine wahre Wirklichkeit gehalten worden ware.
Nun trat das Eigentumliche zutage, dieser Karl Marx, von dem ich
Ihnen gesprochen, auf den heute Millionen schworen, wenn auch mehr
oder weniger in Schattierungen, mehr oder weniger in Formeln - aber
darauf kommt es nicht an; wer die Dinge kennt, weiB, daB Tausende
von Menschen auf ihn schworen, oder wenn sie nicht auBerlich be-
wuBt schworen, so tun sie es unterbewuBt -, dieser Karl Marx hat ver-
sucht, die Frage zu beantworten: Welches sind die wahren Giiter der
Menschheit? Was ist es wirklich, was in der Menschheit geleistet
wird? - Es ist auBerordentlich originell, wie er die Frage beantwortet
hat, denn so ist sie noch nie beantwortet worden; was menschliche
Giiter sind, wurde immer in irgendeiner andern Weise betrachtet, als
Karl Marx es betrachtet. Was menschliche Giiter sind, wurde be-
trachtet, sagen wir zum Beispiel danach, ob es weither gebracht wer-
den muB, ob viel Verstand notwendig ist, es aufzufinden oder der-
gleichen. Ich habe Ihnen das einmal dadurch klarzumachen gesucht,
daB ich Ihnen sagte : Menschliche Arbeit muB man auch qualitativ be-
trachten, man muB sich uberhaupt ganz aufs Konkrete einlassen. Wir
betrachten den kunstvollen Gotthardtunnel. Kein Mensch kann heute
so etwas bauen wie den Gotthardtunnel, der nicht Differential- und
Integralrechnung kennt, und Differential- und Integralrechnung ist
eine Leibnizsche oder, wenn es in England besser gefallt, eine New-
tonsche - die beiden stritten sich ja um die Ehre - Erfindung. Man
kann also sagen, Newton oder Leibniz haben mitgearbeitet am Gott-
hardtunnel. Ja, ohne sie hatte man ihn ganz gewiB nicht bauen konnen !
Nun muB man die Arbeit von Newton oder Leibniz in einer ganz an-
dern Weise bewerten, als man die Arbeit eines Menschen bewertet,
der einen Stein auf den andern legt im Gotthardtunnel. Das ist ein
solcher Gesichtspunkt, wie man menschliche Giiter, Menschenarbeit
zu bewerten hat. Die Wertlehre der menschlichen Arbeit, des mensch-
lichen Lebens hat verschiedene Gestaltungen gehabt. Man hat von
den verschiedensten Gesichtspunkten Arbeit, Lebensgiiter bewertet,
noch niemals so, wie Marx gewertet hat. Karl Marx nimmt ein einziges
Element auf in seine Wertlehre. Fur ihn ist alles dasjenige, was Wert
im menschlichen Leben hat, nur dadurch Wert, daB es kondensierte
Zeit ist, kondensierte Arbeitszeit namentlich. Ob irgend etwas in drei
Stunden, in sechs, in zwolf Stunden hergestellt werden kann, danach
bemiBt sich sein volkswirtschaftlicher, sein weltwirtschaftlicher Wert.
Darauf beruht ein groBer Teil der Theorie von Marx, die heute so
gang und gabe ist, daB man es erleben kann, daB, wenn da oder dort
irgendein Mensch der sogenannten hoheren Stande von seinem Stand-
punkte aus iiber Arbeit spricht, ein Arbeiter aufsteht, ein richtiger
Sozialist, und sagt: Bitte, lesen Sie nach bei Karl Marx - er hat natiir-
lich das Buch nicht bei sich -, bitte, Seite 374, da werden Sie das oder
jenes finden.
Man muB das Leben wirklich kennen, um iiber das Leben urteilen
zu konnen, sonst wird man iiberall erstaunt sein, daB da oder dort dies
oder das geschieht. Was geschieht, geschieht aus den Impulsen der
Menschenseele heraus. Wenn man sich aber so wenig kiimmert, wie in
den letzten Jahrzehnten die Menschen der Erde sich urn das gekum-
mert haben, was auf dem Grande der Menschenseele eigentlich vor
sich gegangen ist, dann sollte man gar nicht erstaunt sein, wenn zu-
letzt das Ganze katastrophal zusammenbricht. Was ich aber ausgefiihrt
habe, fiihrte ich aus einem besonderen Grunde aus. Es ist das erste
Mai, daft das Originelle eintritt, daB dasjenige, was nur die Quelle der
Tauschung ist, zum MaBstabe aller volkswirtschaftlichen Werte ge-
macht wird: die Zeit in der Form der Arbeitszeit.
Nehmen Sie das also vom Standpunkte einer hoheren Perspektive
aus. Die in die Wirklichkeit einsichtigen Menschen haben immer ge-
wuBt: Zeit ist Tauschung. - Nun kommt einmal jemand, der sagt:
Aber das, was in der Welt Wert hat, hat nur so viel Wert, als konden-
sierte Arbeitszeit drinnen ist. - HeiBt das nicht mit andern Worten:
Also eure Wirklichkeit ist Illusion, und nur dasjenige, was konden-
sierte Zeit ist, hat wirklichen Wert? Die Tauschung wird gerade von
denjenigen, die ganz materialistisch sein wollen, die ganz nur auf
dem Boden der Wirklichkeit stehen wollen, bis in die Form der Zeit
zur Wirklichkeit gemacht, und die Wirklichkeit wird iibersehen.
Das ist nur ein Beispiel. Ich konnte Ihnen zahlreiche vorfuhren von
Dingen, die trosten, wenn man bestiirzt ist iiber Wahrheiten, die,
wenn man ein Herz hat fur das Leben der Menschheit, donnerahnlich
einschlagen in das Gemiit. Aber wenn man dann die Dinge im Kon-
kreten studiert, wenn man dann auf die Hand schaut einem solchen,
wie es Karl Marx ist, von dem man weiB, sein Geist wirkt ahrimanisch,
und ihn fragt: Wie verfahrst du im einzelnen? - dann ist es schon so,
daB man auf das Ahrimanische kommt, und daB man fuhlt : Du darfst
solche Wahrheiten dir gestehen. - Ich wollte Ihnen nur ein Beispiel
hier anfiihren. Es ist ja im Grunde genommen auch nicht leicht, sich
sagen zu miissen: Alles dasjenige, was wie anachronistisch in die Welt
hereinragt heute, es ragt dadurch herein, daB die Menschen sich her-
ausstellen aus der geistigen Welt, die ihnen dadurch zur achten Sphare
wird, und daB sie die Welt nur geschopf lich nehmen. - Wenn Sie dies
nehmen, dann werden Sie schon mit allem Schwergewicht empfinden,
was es heiBt, wenn ich immer wieder und wiederum betone: Es
kommt heute gar nicht darauf an, daB ein Mensch inhaltlich etwas
Schones sagt, etwas, was man zugeben kann, sondern es kommt darauf
an, was aus dem, was man sagt oder tut, wirklich wird. Ich muB immer
wieder und wiederum erzahlen, wie von mir immer von neuem der
Versuch gemacht worden ist - Sie wissen, ich sage das nicht aus irgend-
einer albernen Eitelkeit heraus -, darauf aufmerksam zu machen, wie
es nicht darauf ankommt, daB man diesen oder jenen Gedankeninhalt
hat, sondern daB man darauf sieht, wie dieser oder jener Gedanken-
inhalt wirkt. Sie konnen einen Gedanken haben, der wunderschon ist.
Wenn Sie aber keine Ahnung haben, wie der Gedankeninhalt in der
Wirklichkeit wirkt, so kann er das Entgegengesetzte bewirken. Ich
versuchte an verschiedenen Beispielen solche Dinge klarzumachen,
schon seit Jahren. So zum Beispiel im Anfange des Jahrhunderts, des
20. Jahrhunderts, hielt ich einmal einen Vortrag, in dem ich sagte -
ich fasse jetzt vieles, was damals auseinandergesetzt worden ist, in
wenige Worte zusammen, weil ich nur illustrieren will -: Es gibt heute
Leute, mehr als es je gegeben hat, die sind programmaBig Pazifisten,
reden sehr schon iiber die Fuhrung der Menschheit von ihrem pazi-
fistischen Standpunkte. Noch niemals eigentlich hat der Paziflsmus
solchen Umfang angenommen wie in dieser Zeit - also ich redete im
Anfang des Jahrhunderts. Und das ist, sagte ich, das deutliche Zeichen,
daB wir vor dem groBten Kriege der Menschheit stehen. - Denn so
unreal zu denken iiber menschliche Zusammenhange, wie man inner-
halb dieser Kreise gedacht hat, so sehr nur auf den Inhalt der Gedanken
zu gehen, so wenig ein BewuBtsein davon zu haben, wie die reale
Wirksamkeit desjenigen ist, was in der Seele lebt, das man nur er-
kennen kann durch die ganze Weltperspektive, so war man friiher
nicht. Das tut man erst im Zeitalter, in dem sich alle die Dinge aus-
breiteten, von denen wir jetzt gesprochen haben.
Woher kommt es, daB geradezu fur viele Menschen etwas ton-
angebend sein kann, was gar nichts weiter ist als Gedankeninhalt, aber
ganz unwirklicher, der nie etwas zu tun haben kann mit dem, was ge-
schieht: der Woodrow Wilsonsche Gedankeninhalt, der auch nichts
anderes ist als agyptisch-chaldaischer Gedankeninhalt, der sich nicht
kiimmert darum, daB eine geistige Wirklichkeit in der Geschichte da
ist, sondern nur abstrakte Gedanken aneinanderfugt, woher kommt
es? Es kommt von all diesen Eigenturnlichkeiten unseres Zeitalters.
Eine kiinftige Geschichtsschreibung wird auf den Namen Woodrow
Wilson alles dasjenige, was unsere Zeit hervorgebracht hat an un-
realen, das Gegenteil bewirkenden Gedanken, zu taufen haben.
Das ist dasjenige, was einschneidend ist in unser Weltanschauungs-
leben, einschneidend sein muB, und was man nicht betrachten darf
vom Standpunkte von heute auf morgen, sondern was man betrachten
muB vom Standpunkte der ganzen Kosmologie aus, vom Standpunkte
des Darin-Hineingestelltseins. Wer solche Fragen beantwortet von
dem Gesichtspunkt, der sich ergibt aus einer ganzen Weltanschauung,
der urteilt iiber solche Menschen, wie etwa Woodrow Wilson ist, nicht
aus Sympathien oder Antipathien, sondern er urteilt so, wie man ob-
jektiv iiber irgend etwas urteilt. Das aber ist der Anachronismus, daB
sich sehr viele Leute heute nicht darauf einlassen konnen, weil es un-
bequem ist, den Dingen ins Antlitz zu schauen. Man kann den Dingen
nicht ins Antlitz schauen, wenn man nicht tiefer in die Dinge hinein-
forscht. Von solchen Seelen, die heute in keiner Beziehung steheh zu
dem geschichtlichen Leben, muB das gesagt werden: es sind Seelen, die
ignorieren dasjenige, was an wirklicher Geschichte durch die dritte
Hierarchie geschehen ist, und die daher nicht mit den wirklichen
Impulsen zu tun haben, wenn sie sprechen, sondern im Grunde ge-
nommen nur mit Worthulsen zu tun haben.
Das ist eine Grundanforderung unserer Zeit, daB man sich bekannt-
mache damit und einsehe, daB, wenn wir die schonsten BegrifFe haben,
die der menschliche Verstand fassen kann, die schonsten BegrifFe, die
ganz gut ausreichen, um die Natur, die um uns herum ausgebreitet ist,
zu erforschen, wir doch niemals etwas verstehen werden von der Ge-
schichte. Denn die Geschichte spielt sich nicht ab so, wie sich das
Naturleben abspielt; Geschichte spielt sich ab als Taten geistiger We-
senheiten. Das ist das, was sich zu den andern Weltanschauungen hin-
zufinden muB. Von der Theokratie, wie ich es Ihnen gestern geschil-
dert habe, sind die Menschen ausgegangen, indem sie sich wahrend
der Zeit der Theokratie noch erinnert haben an das alte Hereinragen
der theokratischen Ordnung; dann ist die metaphysische Zeit ge-
kommen, die im wesentlichen das Verwaltungsbeamtentum der gan-
zen Welt ausgebildet hat; dann ist die rein materialistische Zeit ge-
kommen, die Zeit der Industriellen. Das wiirde vollstandig hinein-
fiihren in das Irreale gegeniiber dem Geistigen, wenn nicht das
Gegengewicht kommen wiirde des Sich-wieder-Hineinarbeitens in das
Reale, in das Wirkliche, das man aber nur betrachten kann, wenn man
aufsteigen kann zu dem, was sich fur den Menschen im gewohnlichen
Leben im heutigen Zeitenzyklus verhiillt. Wir miissen wieder lernen,
von ubersinnlichen Dingen zu sprechen, wenn wir von Geschichte
sprechen wollen. Im 19. Jahrhundert hat man vielfach von geschicht-
lichen Ideen gesprochen - nun, jeder weiB, daB man mit Ideen eben
keinen Baum umhacken kann; aber daB das geschichtliche Leben der
Menschhek von Ideen bewirkt wird, das glauben zum Beispiel die
Ranke-Anhanger und ahnliche Historiker. Das wird man einsehen
miissen, daB auch diese Zeit, die bloBe metaphysische Zeit, iiber-
wunden werden muB, sonst wird iiberwuchern jene Weltanschauung,
die rein auf das Sinnliche beschrankt ist. Es muB die Menschheit dem
Spirituellen sich entgegenarbeiten. Das kann sie nur, wenn sie zu-
nachst wenigstens auf dem Gebiet der Geschichte sich durcharbeitet
von der Scheingeschichte in der zeitlichen Aufeinanderfolge bis zu
dem realen Geschehen, das hinter der auBeren sinnlichen Wirklichkeit
so greifbar, mochte ich sagen, gerade bei der Geschichte ist. Dann
wird man aber auch nicht mehr soziale oder ahnliche Programme
machen aus Ideen heraus, die bloB auf das auBere Leben sich beziehen,
sondern dann wird man seine sozialen Programme wiederum aus den
Offenbarungen der geistigen Welt heraus verkiinden. Von diesen
Offenbarungen aus der geistigen Welt heraus sind jene Programme,
die die Menschen heute machen, aber sehr, sehr verschieden.
Davon wollen wir dann das nachste Mai sprechen. Nachsten Freitag
werde ich diese Betrachtungen fortsetzen; sie lassen sich nicht so
schnell abschlieBen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 13. September 1918
Ich werde fortfahren, in mehr aphoristischer Form Ihnen weiteres
vorzubringen iiber das Thema, in dem wir ja jetzt schon seit Wochen
drinnenstehen, und das ich Ihnen immer bezeichnet habe dadurch, daB
ich sagte: Die groBe Schwierigkeit in Weltanschauungsfragen liege
jetzt - dieses «jetzt» betone ich ja immer - darin, daB es aus den An-
schauungen der Gegenwart heraus den Menschen schwierig wird,
eine Briicke zu schlagen zwischen dem, was Idealismus genannt wird,
und dem, was bezeichnet werden kann als Anschauung iiber die
natiirliche Ordnung der Dinge. Indem der moderne Mensch versucht,
eine solche Briicke zu schlagen, indem er versucht, sich klarzuwerden,
wie zum Beispiel die moralischen Ideen - wenn wir aus der Summe
der Ideen eine Gruppe herausnehmen -, jetzt nkht auBerlich, sondern
innerlich-real zu den Anschauungen, zu den Begriffen sich verhalten,
die man entwickelt iiber den Gang der kausalen Naturordnung, ver-
fallt er in eine Art von Weltanschauungsdualismus, wie man geistes-
wissenschaftlich das ausdriicken konnte. Das haben wir ja immer wie-
der betont. Der Mensch versucht, eine solche Briicke zu schlagen,
aber es gelingt ihm nicht.
Es wird uns leichter sein, dasjenige genau ins Auge zu fassen, was
fur diese Frage in Betracht kommt, wenn wir diesen neuzeitlichen
Dualismus vergleichen mit dem, was entsprechend im Altertum - ich
meine in der vorchristlichen Zeit, so wie wir von der vorchristlichen
Zeit sprechen - als Ahnliches existiert hat. Das unserem heutigen
Dualismus Ahnliche war in alten Zeiten fur die Menschheit etwas, was
man nennen kann Fatalismus. Man war bis ins 2., 3. vorchristliche
Jahrhundert, und dann spater noch mehr - es wurde aber immer mehr
anachronistisch - geradezu gedrangt, in den Fatalismus zu verfallen.
Und im Grunde genommen ruht auch auf dem Grunde der griechi-
schen Weltanschauung der Fatalismus. In der neueren Zeit 1st aller
Fatalismus eigentlich anachronistisch; das heiBt, er gehort nicht mehr
in die Gegenwart herein. Verfiihrt, konnte man sagen, waren die
Menschen der alten Zeit zum Fatalismus, verfiihrt sind die Menschen
der neueren Zeit, und ganz besonders der Gegenwart, zum Dualismus.
Nun wollen wir einmal uns klarmachen, worauf es beruhte, daB die
alten Menschen so leicht dem Fatalismus verfallen konnten. Wir wis-
sen ja, die Seelenverfassung der Menschen hat sich radikal geandert im
Laufe der Entwickelung, und es ist ein Aberglaube, wenn man nur so,
wie es etwa der landlaufige Darwinismus tut, eine sukzessive Ent-
wickelung annimmt. Fur die Seelenverfassung liegt eine radikale Um-
anderung vor, und in dieser Beziehung ist die Geschichte am aller-
meisten eine Fable convenue. Die Seelenverfassung der alten Menschen
war so, daB ihnen eigentlich niemals das NaturgemaBe so entgegen-
getreten ist, wie es den heutigen Menschen entgegentritt, und dem-
gegeniiber auch das Geistige nicht so begriffsmaBig, so vorstellungs-
maBig, wie es dem heutigen Menschen entgegentritt. Alles dasjenige,
was der alte Mensch von der Natur vorstellte, stellte er so vor, daB er
das NaturgemaBe mit dem Geistigen verquickt vorstellte, und wieder-
um das Geistige stellte er sich so vor, daB er fur die Vorstellung Bilder
aus dem Gange der Natur nahm. Hatte man alte Gotterlehren, so sind
die eigentlich ganz durchtrankt, als Mythe ganz durchtrankt von Vor-
stellungen, die der sinnenfalligen Natur entnommen sind. Sprach man
von der Natur, so sprach man nicht so, wie wir heute sprechen,
so trocken, so abstrakt, sondern man sprach von elementarer Geistig-
keit, von Wesenheiten, welche die Naturerscheinungen tragen, be-
wirken.
Das beruhte nicht auf einer groBen Kindlichkeit der Ausdrucks-
weise, sondern es beruhte auf der wirklichen Anschauung, auf der
wirklichen Seelenverfassung. Der alte Mensch sah die Natur nicht so,
wie wir sie unter dem EinfluB der heutigen Wissenschaft sehen, auch
wenn wir nicht Wissenschafter sind ; er sah sein Geistiges nicht so ab-
strakt, nicht so bloB vorstellungsgemaB, wie wir es heute sehen mus-
sen. Durch dieses Durcheinanderschwimmen von Natur und Geist
trug sich der Mensch selbst in den Fatalismus hinein; denn indem sich
in der neulich geschilderten Weise die Naturerscheinungen fur den
Menschen durchtrankten von Geistestaten, war selbstverstandlich
alles Leben in der auBerlichen Weise beabsichtigt, wie menschliche
Taten beabsichtigt sind. Es war zwar ein Bild, aber der alte Mensch
hatte kein anderes Bild; das aber fiihrt notwendig zu der Tauschung
des Fatalismus.
Im Laufe der Zeit nun entstand eine andere Seelenverfassung. Wir
haben diese Anderung der Seelenverfassung von den allerverschieden-
sten Gesichtspunkten bis jetzt schon charakterisiert; wir wollen sie
heute von einem ganz besonderen Gesichtspunkte ins Auge fas sen.
Wir wollen uns heute einmal die Frage vorlegen, die wir aber nur
beantworten konnen auf Grundlage von alldem, was wir in den letzten
Vortragen vor unsere Seele hingestellt haben: Was ist es eigentlich
sachlich, was der Mensch sieht, wenn er die Naturordnung verfolgt,
und was ist es sachlich, was der Mensch innerlich erdenkt, wenn er
heute von Geist spricht? Jetzt rede ich nicht davon, daB wir in der
Geisteswissenschaft von Geist sprechen, sondern ich rede davon, wie
das allgemeine MenschheitsbewuBtsein heute, mehr oder weniger so
oder so nuanciert, von Geist spricht.
Wir wissen ja, daB der Mensch, auch wenn er nicht Theoretiker ist -
von Theoretikern sehen wir ab -, rein instinktiv, wenn er heute die
Naturordnung iiberschauen will, an das Walten von Stoffen und Kraf-
ten kommt. Ich rede jetzt nicht von den naturwissenschaftlichen Theo-
rien von Stoffen und Kraften, sondern ich rede davon, wie einfach
der heutige Durchschnittsmensch sich die Natur vorstellt, indem er
in seinen Vorstellungen tiber die Natur dazu kommt, in den Natur-
erscheinungen ganz instinktiv stoffliche und kraftdurchsetzte Vor-
gange seinen Anschauungen zugrunde zu legen. Da wird der Mensch
gefiihrt - wenn man die Dinge untersucht, wenn man wirklich sach-
gemaB die Dinge untersucht, wir wissen das ja - zu einer Illusion.
Denn eigentlich ist all das, was ausgesagt werden kann in solchen Zu-
sammenhangen iiber das, was Stoff und Krafte sind, alles ist Illusion.
Die Grundlage der heutigen Naturanschauung ist Illusion. Das be-
ruht nicht auf einer Fehlerhaftigkeit des Denkens allein, das beruht
einfach auf der heutigen Seelenkonstitution, auf der heutigen Seelen-
verfassung. Wir reden nicht mehr wie etwa die indische Weltanschau-
ung von Maja oder Illusion, weil wir den Tatbestand im gewohnlichen
Leben nicht durchschauen. Wir durchschauen diesen Tatbestand nicht,
so daB wir eigentlich, wenn wir die Natur vorstellen, immer in der
Illusion leben. Das ist das eine.
Das andere ist: Wie steht es mit der heutigen Geistanschauung?
Diese heutige Geistanschauung ist etwas, was sehr, sehr in Abstrak-
tionen schwebt. Sie konnen dies am besten verfolgen, wenn Sie sich
die eine oder andere Philosophic nehmen. Es ist schon ganz gleich-
giiltig, welche Philosophic Sie nehmen. Sie konnen eine so halbver-
worrene, in Wortgetandel ablaufende Philosophic nehmen wie die
Euckensche, Sie konnen eine etwas auf sichererenGrundlagenruhende
wie die Liebmannsche nehmen, Sie konnen sich auf eine solche ein-
lassen, welche mehr zum popularen BewuBtsein spricht, wie die
Schopenhauersche und so weiter: da wird in Philosophien und Welt-
anschauungen der Gegenwart von Geist gesprochen; wenn die Philo-
sophien nicht rein positivistisch sind, wie die Comtesche, die wir
neulich kennenlernten, wenn sie nicht materialistisch sind, so wird
immerhin von den Philosophen von Geist gesprochen. Aber was ist
das, wovon da in den Philosophien gesprochen wird, und was Geist
genannt wird aus der heutigen Seelenkonstitution heraus? Geradeso
wie dasjenige, was der Mensch wie ein Netz durch die Naturerschei-
nungen hindurchzieht, indem er eine gewisse stoffliche und kraftliche
Ordnung annimmt, die Naturanschauung zur Illusion macht, so ist
alles das, was heute in den landlaufigen Anschauungen iiber den Geist
gesagt wird, im Grunde eine Halluzination, und die gebrauchlichen
Philosophien sind eigentlich nur eine Summe von nicht bemerkten
Halluzinationen. Im Grunde genommen ist der Mensch heute so kon-
stituiert, daB er mit seiner Seele, wenn er zur Natur hinsieht, zwischen
der Illusion, wenn er zum Geiste hinsieht, zwischen der Halluzination
schwebt. Was die Philosophen vom Geiste traumen, indem sie rein
aus Begriffen heraus eine gewisse Anschauung vom Geiste sich kon-
struieren wollen, das ist eigentlich nur eine Summe von feinen Hallu-
zinationen, allerdings von feinen, aber eben doch von Halluzinationen.
Es sind Gebilde, die aus Griinden, iiber die wir heute nicht sprechen
wollen, aus dem Inneren des Menschen aufsteigen, die als solche
unmittelbar mit der Wirklichkeit nichts Rechtes eigentlich zu tun
haben.
Ich habe Sie ofters aufmerksam gemacht auf solche Erscheinungen
der Tatsachenwelt, welche klar zeigen, daB alles das, was die Menschen
sich vorstellen konnen, nicht viel zu tun zu haben braucht mit der
Wirklichkeit. Ich habe, um dies zu erharten, hingewiesen darauf, daB
zum Beispiel in ihrer Naivitat eine ganze Anzahl von Philosophen
heute davon reden, der Mensch miisse zusammengesetzt gedacht wer-
den aus Leib und Seele. Selbst die weltberuhmte Wundtsche Philo-
sophic spricht von Leib und Seele und gibt sich der Meinung hin, daB
sie vorurteilslos ist. Aber in Wirklichkeit - auf das habe ich ja schon
aufmerksam gemacht was ist die ganze Wundtsche Philosophic oder
ahnliche Philosophien? Es ist nur die Ausfiihrung desjenigen, was das
achte allgemeine Konzil von Konstantinopel im Jahre 869 beschlossen
hat: daB man nicht sprechen diirfe - so ungefahr konnte man den
dazumal ja allerdings verklausulierten KonzilsbeschluB definieren — ,
wenn man vom Menschen spricht, von Leib, Seele und Geist, sondern
daB das Geistige nur eine Eigenschaft des Seelischen sei, daB man nur
sprechen diirfe von Leib und Seele. Und die Trichotomie Leib, Seele
und Geist war ja eine ketzerische Anschauung durch das ganze Mittel-
alter hindurch. Die theologischen Philosophen haben gebebt, wenn
sie durch die Wirklichkeit dazu gedrangt worden waren, von Leib,
Seele und Geist nur etwas anzudeuten, denn es war eben eine ketze-
rische Anschauung. Unter dieser Anschauung stehen die Philosophen
noch heute. Sie fuhren nur dasjenige aus, was jenes Konzil von Kon-
stantinopel dazumal dogmatisiert hat, und sie glauben, vorurteilslos
zu sein, sie glauben, daB sie etwas, was aus ihren reinen Anschau-
ungen, Forschungen folgt, ausfiihren, wahrend sie in Wahrheit Aus-
fiihrer eines Konzilsbeschlusses sind. Man muB die Dinge ohne
Illusion anschauen; man muB auf die Wirklichkeit hinschauen. Unsere
jungen Studenten lernen iiberall in der Philosophic dasjenige, was das
Konzil von Konstantinopel 869 beschlossen hat.
Nun behaupte ich durchaus nicht, daB dasjenige, was heute gelehrt
wird, eine direkte Folge oder Wirkung jenes Konzilsbeschlusses ist;
sondern was dazumal dogmatisiert wurde auf dem achten Konzil in
Konstantinopel, das war als Dogma auch wiederum nur der gedank-
liche AusfluB von tieferen Geschehnissen, die unter der Oberflache
der Dinge verborgen sind und die heute noch fortlaufen. Und alles
dasjenige, was dogmatisieren will - gleichgiiltig, pb es die braven
Philosophen des Konzils von Konstantinopel gemacht haben oder die
braven Professoren der heutigen Universitaten — , alle diese Begriffs-
gespinste sind im Grunde genommen nur begriffliche Halluzina-
tionen, welche aufsteigen in dem Menschen und zu diinn sind, mochte
ich sagen, an Realitatsgehalt, um die Wirklichkeit, die darunter waltet,
wirklich zu erfassen. Weil der heutige Mensch seiner Seelenkonsti-
tution nach gewissermaBen pendelt zwischen dem Halluzinatorischen
seiner Begriffswelt und dem Illusorischen seiner Naturanschauung,
deshalb liegt fur ihn die Gefahr des Dualismus vor. Und er wird immer
in der Gefahr sein, alles, was er als Ideen, als Ideale ausheckt, nur
tragen zu konnen in die halluzinatorische Sphare der BegrifFe, die nicht
an die Wirklichkeit heranreicht; oder aber, er wird, was er iiber die
Natur ausheckt, tragen konnen in die Illusions sphare der Natur-
anschauung, die wiederum nichts mit der wahren Wirklichkeit zu
schaffen hat, die eben eine Illusion ist. Der Mensch ist eben niemals
dazu veranlagt, dasjenige, was er Wahrheit nennt - ein Wort -, un-
mittelbar zu finden, ich mochte sagen, bequem zu finden. Er muB von
etwas, was im Leben ihm Zwiespalt, Zweifel, Skeptizismus bringen
kann, ausgehen und zur Wahrheit durchdringen. In dem heutigen Ent-
wickelungszyklus ist der Mensch gezwungen, aufzusteigen von dem
Pendeln zwischen der Halluzination der Philosophic und der Illusion
der Naturanschauung zu dem wahrhaft Wirklichen, zu dem, was wirk-
lich ist.
Nun konnte man die Frage aufwerfen - ich spreche naturlich mehr
oder weniger aphoristisch, erst das Ganze soil einen Zusammenhang
dann geben : Was kann man denn als nachsten Grund dafiir angeben,
daB der alte Mensch mehr in den Fatalismus, der neuere Mensch mehr
in den Dualismus in Weltanschauungsfragen hat verfallen konnen,
oder verfallen kann? Man verfallt in solche Gefahren dann, wenn man
sich iiberlaBt dem bloBen Begriffs spiel, man konnte heute auch sagen:
der bloBen Dialektik.
Nun werden Sie freilich einwenden: Die heutigen Menschen bei
ihrem Wirklichkeitssinn sind gar nicht dazu veranlagt, einem bloBen
Begriffsspiel zu verfallen. - Sie irren gar sehr! Kiinftige Zeitalter, die
das unsrige objektiver einschatzen werden, die werden schon ein-
sehen, da6 niemals in der Menschheit vorhanden waren solche Nei-
gungen, zu theoretisieren, mit bloBen Begriffen zu spielen, als gerade
in der Gegenwart. Der Mensch veriaBt heute sehr gern die Wirklich-
keit und wendet sich dem bloBen Begriffsspiel zu. Wenn man aber die
Wirklichkeit veriaBt und anfangt, seine Begriffe zu drehen, zu wenden,
zu verbinden, zu trennen, in dem Augenblick, wo man von der Wirk-
lichkeit abgekommen ist, dann ist schon die Gefahr vorhanden ent-
weder des Fatalismus oder des Dualismus. Dasjenige, worauf es an-
kommt, und was sich der heutige Mensch ganz besonders anzuerziehen
hat, das ist eben der oft von den verschiedensten Gesichtspunkten
auch hier betonte Wirklichkeitssinn.
Nun ist es namentlich geistigen Dingen gegeniiber nicht ganz leicht,
sich den Wirklichkeitssinn anzuerziehen, denn gerade geistigen Din-
gen gegeniiber steckt man mehr, als man glaubt, im bloBen Begriffs-
spiel, in einer spielerischen Dialektik. Und dasjenige, was als auBere
Illusion erscheint, sobald es hereinspielt ins moralisch-geistige Leben
der Menschen, ist sehr stark geeignet, das IllusionsmaBige zu fordern.
Uber gewisse Dinge versucht der Mensch immer zu theoretisieren.
Er versucht zu theoretisieren iiber das Gute und das Bose, iiber die
Freiheit oder die Notwendigkeit; iiber die allerwichtigsten Fragen des
Lebens, kann man sagen, ist der Mensch eigentlich furchtbar geneigt
zu theoretisieren, das heiBt, sich einem bloBen Begriffsspiel zu iiber-
lassen. Und was man heute da oder dort an Weltanschauungsdiskus-
sionen trifft, das lauft eigentlich in der Regel nur innerhalb der Be-
griffsdialektik. Die Menschen tauschen sich allerdings auch sogar
dariiber, indem sie glauben, Begriffe zu haben, aber in Wirklichkeit ja
gar nicht Begriffe haben konnen; sondern sie haben neben dem Be-
griff noch die Sympathien und Antipathien fur gewisse Begriffe und
gegen gewisse Begriffe, und nach seinen Sympathien und Antipathien
bildet sich dann ein Mensch diesen oder jenen Begriffszusammenhang
und dergleichen. Aber darauf will ich weniger Riicksicht nehmen. In
den weitaus meisten Weltanschauungsdiskussionen, die ja ein Be-
griffsspiel bilden in Fragen, ist ein Absehen von der Wirklichkeit.
Gehen wir, um das klarzumachen, was ich hiermit eigentlich meine,
von einer im Leben oft auftretendenTatsache aus : vomHaB, vomVor-
handensein des Hasses. So etwas, wie das Vorhandensein des Hasses
in der Menschennatur, will man erklaren. Mit einer bloBen BegrifFs-
spielerei versucht man sehr haufig, solche und ahnliche Dinge zu er-
klaren. Der HaB ist da als eine Seelenerscheinung, als eine psycho-
logische Realitat. Aber wer sich auf diese Dinge einlaBt, findet sehr
bald, daB man die ganze Farbe der Erscheinung des Hasses mit ge-
wissen Begriffen, die man sich dariiber macht, doch nicht eigentlich
einfangen kann. Solche Dinge, wie HaB, kann man nur verstehen,
wenn man versucht, von der Illusionswelt zu der wahren Wirklich-
keitswelt zu kommen. Der HaB ist etwas, was aus einer tieferen Wirk-
lichkeitswelt in die menschliche Seele hereinspielt. Man muB sich nun
fragen : Dieser HaB, ist er in der Wirklichkeitswelt dasselbe, als was er
in der menschlichen Seele erscheint? Wenn er in der Wirklichkeits-
welt etwas anderes ist, als er in der menschlichen Seele erscheint, dann
werden wir bald einsehen, wie nahe es liegt, daB man zu keiner
geistigen Anschauung kommt, wenn man bloB den HaB in der mensch-
lichen Seele kennenlernt. Wenn man den HaB mit geisteswissen-
schaftlichen Methoden aufsucht im Kosmos - jetzt nicht im einzelnen
Menschen, in die einzelne Menschenseele spielt er herein, der HaB -,
wenn man ihn aufsucht im Kosmos, so ist er da etwas ganz anderes.
Man findet dasselbe, was in der Menschenseele als HaB sich verwirk-
licht, auch drauBen im Kosmos. Man muB nur nicht darauf herein-
fallen, bloB solche Naturkrafte zu suchen, wie sie die heutige wissen-
schaftliche Illusion sucht, sondern man muB in die Wirklichkeit hin-
einschauen, die hinter der Natur ist, dann findet man schon im Kos-
mos das Entsprechende fur den HaB. Aber im Kosmos ist dieser HaB
etwas wesentlich anderes, als er in der menschlichen Seele ist. Im
Kosmos ist der HaB eine Kraft, ohne welche niemals Individualisie-
rung eintreten konnte. Niemals konnten Sonderwesen entstehen, auch
das menschliche Sonderwesen konnte nicht entstehen, wenn es nicht
im Kosmos die Kraft des Hasses gabe. Ich spreche nicht von dem
illusionistischen AbstoBen der Atome, sondern ich spreche von etwas
Realem. Im Kosmos entsteht HaB, aber im Kosmos darf HaB nicht so
moralisch bewertet werden, wie wenn er in die Menschenseele herein-
spielt. Im Kosmos ist HaB eine Kraft, welche aller Individualisierung
zugrunde liegt. Die ganze Welt wiirde in eine groBe Einheit ver-
schwimmeln, so wie es die nebulosen Pantheisten gern haben mochten,
es wiirde sich kein Wesen sondern, es wiirde sich nicht gliedern, wenn
nicht durch den ganzen Kosmos das waltete, was die Menschen zu-
nachst nicht sehen im Kosmos, was aber in die Menschenseele herein-
spielt und in der Menschenseele die besondere Form, die man da als
HaB kennenlernt, annimmt.
Nun entsteht allerdings dieFrage: Wie ist das Verhaltnis des Mensch-
lichen zu diesem Kosmischen? Von einer gewissen Seite her habe ich
Ihnen schon etwas dariiber angedeutet; wir wollen heute noch einiges
Aphoristische dazufiigen. Als einsichtige Philologen - heute ist auch
die Philologie erstens verabstrahiert, und zweitens ziemlich philistros
geworden -, aber als die einsichtigeren Philologen die Sprachen
studierten, welche man bei den sogenannten wilden Menschen in
Amerika hatte finden konnen, als die «Zivilisierten», ich sage das
unter Anfiihrungszeichen, in Amerika eingedrungen waren, als also
diese Zivilisierten die wilden Amerikaner entdeckt hatten, da fanden
die einsichtigeren Philologen, daB es doch merkwiirdig sei, was diese
wilden Menschen fur logisch durchsichtig ausgebildete Sprachen
haben ! Eine ganze groBe Anzahl solcher Sprachen fanden sich da, in
denen sich, wie die Philologen versichern konnen und wie es auch
wahr ist, die Finessen des Spanischen und Italienischen in der Sprach-
bildung und Sprachgliederung zusammenfinden. Bei den wilden Ein-
geborenen Gronlands fand man solche Dinge. Nun ist es ganz zweifel-
los : jenen Intellekt, auf den der moderne Mensch so stolz ist, den hatten
diese Wilden nicht. Dieser moderne Intellekt wiirde auch nicht sehr
weit kommen, wenn er sich auf Sprachbildung und auf Sprachschop-
fung einlieBe; denn was der moderne Intellekt zustande bringt, wenn
er sprachschopferisch auftreten will, davon kann man sich mancher-
orts hinlanglich iiberzeugen. Da waltete in der Tat in der Menschen-
seele, die noch eine wilde war, die noch nicht den gegenwartigen
Intellekt hatte, objektive Vernunft, jene objektive Vernunft, die ich
Ihnen auch sonst neulich einmal im Sprachschopferischen der Mensch-
heit wirksam zeigte. Da waltete Vernunft. Diese Vernunft, die da
waltete, die traf den Menschen noch nicht so stark individualisiert,
wie die heutige Weltvernunft den Menschen trifft; sie traf den Men-
schen noch weniger individualisiert, weniger gesondert, und wirkte
in ihm noch mehr als kosmische Vernunft. Und so ist es auch in der
Entwickelung der Menschheit gekommen. Der Mensch war in jenen
alten Zeiten nicht jenes wilde Wesen, von dem die heutige Anthro-
pologic illusionistische Vorstellungen erweckt, sondern er war ein
Giied eines Gesamtorganismus - obwohl das naturlich bildlich ge-
sprochen ist - und er individualisierte sich nach und nach. Also er
war ein Glied und driickte noch mehr die kosmische Vernunft aus, oder
man konnte auch sagen, in ihm driickte sich mehr die kosmische Ver-
nunft aus.
Da haben Sie eine tatsachliche Andeutung, wie das Kosmische, das
da wirkt, hereinspielt in die Menschenseele. Und nun konnen Sie das
auch ubertragen auf eine solche Spezialerscheinung wie den kos-
mischen HaB, der sich in die Menschenseele hereinfindet. Und wir
wis sen ja, es muB auf geistigem Gebiete ahnlich wie auf natiirlichem
Gebiete gesprochen werden von gewissen Polaritaten. Wie ist das-
jenige hereingekommen, was kosmische Vernunft ist in der Sprache?
Heute ist die Menschheit nicht mehr sprachschopferisch, sie war
sprachschopferisch; was heute in den Sprachen auftritt, sind nur
Residuen. Wie ist in die Menschenseele jene kosmische Vernunft her-
eingedrungen, wie ist sie individuell geworden? Suchen wir uns diese
Frage zu beantworten, so kommen wir zu alle dem, was wir das
Ahrimanische nennen. Und wie dringt aus dem Kosmischen so etwas
herein wie die Erscheinung des Hasses in der Menschenseele? Da
kommen wir auf das dem Ahrimanischen polarisch entgegengesetzte
Luziferische. Der heutige Mensch schamt sich, von Ahriman und
Luzifer zu sprechen, wahrend er sich nicht schamt, von positiver oder
negativer Elektrizitat oder positivem oder negativem Magnetismus
zu reden. Das aber, daB er sich schamt, ist eben nur beruhend auf
einem modernen Aberglauben.
Auch wenn wir uns klar sind daruber, daB diese Tatsache vorliegt,
daB wirklich geistige Entitaten, geistig Wesenhaftes hereintrat auf der
einen Seite als Luziferisches in solchen Gebilden wie dem HaB, oder
als Ahrimanisches in solchen Dingen wie der Sprache oder auch dem
Denken, so miissen wir auf der andern Seite uns auch dariiber klar-
werden, wie die Dinge bedeutsam sind im ganzen Weltenzusammen-
hange, wie das sich in den ganzen Weltenzusammenhang hineinstellt.
Wenn ich den HaB so ansehe, daB ich sage, auf ihm beruhen die groBen
Anfangstatsachen, eben daB es sich individualisieren, absondern kann,
daB nicht alles ineinanderschwimmt in einem allgemeinen Urbrei,
so deute ich auf das Phanomen, auf die Tatsache des Hasses in ur-
urferner Vergangenheit hin, in jener Vergangenheit, in welcher der
Mensch noch nicht in seiner heutigen Form vorhanden war; ich deute
auf eine sehr, sehr feme Vergangenheit hin. Ich gebe Ihnen also
gewissermaBen eine Anschauung vom HaB, welche einer fernen, fer-
nen Vergangenheit entspricht, derjenigen Vergangenheit, in der der
Mensch sich noch nicht herausgegliedert hat aus der iibrigen Welten-
ordnung. Wir konnen von den verschiedenen Naturreichen sprechen,
von denen wir wissen - Sie brauchen nur meine «Geheimwissenschaft
im UmriB» zu lesen -, wie sie sich aufgebaut haben als mineralisches,
pflanzliches, tierisches, menschliches Reich. Wir konnen von diesen
Naturreichen sprechen. Wenn wir vollstandig, nicht von ihrem Illu-
sorischen, sondern von ihrer Wirklichkeit sprechen, lebt in alldem
die Kraft des Hasses darinnen, aber des Hasses so, wie ich ihn Ihnen
als kosmischen HaB veranschaulicht habe.
Nun kommt ein Zeitpunkt in der Evolution, wo in die Menschen-
seele hereinspielt dasjenige, was sonst allgemeine kosmische Tat-
sache ist; es spielt herein in die Menschenseele durch luziferische,
ahrimanische Krafte: jetzt ist es in der Menschenseele drinnen, jetzt
ist es herausgehoben aus dem Kosmischen, wie sich dieses Kosmische
aus der Vergangenheit bis jetzt gebildet hat.
Nun wissen wir - wenn wir schematisch zeichnen das Kosmische
der Vergangenheit bis zum heutigen Zeitpunkt (violett) -, nachdem
vt\o left
rot
wir so viel gesprochen haben iiber das sogenannte Gesetz von der
Erhaltung der Kraft oder des Stoffes, das es ja nicht gibt! daB
gewissermaBen dasjenige, was rein natiirlich real in der Gegenwart
ist, aufhort bis auf den Stoff hin. Wir wissen: Dasjenige, was heute
bloB gGistig anschauliche Gegenwart hat, ist Keim auch fur das Stoff-
liche der Zukunft (rot). - Wenn wir die Dinge geistig anschauen, so
mussen wir sagen: All dasjenige, was nun Vergangenheitsordnung ist,
das ist herausgeflossen aus dem Geistigen. Das Herausgeflossene wird
sein Ende finden. Was Zukunftsordnung ist, flieBt erst heraus aus
dem Geistigen. Es konnte sich niemals zur Naturordnung festsetzen,
wenn es Erhaltung der Kraft und des Stoffes gabe. Aber das ist der
starkste aller Aberglauben, die jemals existiert haben, daB es eine
Erhaltung des Stoffes und der Energie gabe. Das Geistige, das sich
heute ankundigt in bloBen Gedanken, das ist ebenso der Keim fur
die Naturordnung der Zukunft, wie der kleine Pflanzenkeim, der sich
in der Pflanze des heurigen Jahres erst ankundigt, der Keim ist fur
die Pflanze des nachsten Jahres.
Dadurch steht der Mensch selber in einer zwiespaltigen Weise in
der Weltenordnung drinnen. Und man wird gewiesen auf den Men-
schen in seiner Zwiespaltigkeit, wenn man den ganzen Zusammen-
hang verstehen will, wenn man vor alien Dingen einen Ubergang
finden will von dem kosmischen HaB zu dem individuell-seelischen
HaB, der in der Menschennatur auftritt. Sie wissen, wenn wir den
Menschen so anschauen, wie er heute vor uns steht, so konnen wir
sagen: Vorstellung, Fuhlen und Wollen ist sein Wesen. Er gliedert
sich uns in vorstellendes, in fiihlendes, in wollendes Wesen, die eine
Einheit bilden. Aber all das Schone, das die Philosophic dariiber sagt,
das kommt ja doch auf keinen griinen Zweig, wenn man nicht auf der
andern Seite auch wiederum die Dinge klar und genau unterscheiden
kann. Nun werden selbst die etwas begriffsspitzigen Psychologen der
Gegenwart darauf aufmerksam, daB man vom Wollen eigentlich nichts
Rechtes weiB. Ich habe Ihnen ja das Wesen des Wollens auseinander-
gelegt; heute geniigt es, darauf hinzudeuten, daB auch die Psychologie
der Gegenwart sich sagen muB, vom Wollen weiB man nichts Rechtes.
Das Wollen wird ja eigentlich auch im wachen Menschenleben seiner
Entitat, seiner Wesenheit nach verschlafen. Man konnte auch sagen,
der Mensch reicht nicht hinunter mit seiner Seele zum Wollen. Er
glaubt - ich habe das bei der Besprechung des Augustinus ausein-
andergesetzt an einer konkreten Tatsache -, er glaubt, dieser Mensch,
drinnenzustehen in der Wesenheit selbst, indem er vorstellt; das kann
er aber nicht beziiglich des Wollens sagen. Denn wie sich irgendeine
gewollte Absicht verkniipft auch nur mit dem komplizierten Mecha-
nismus organ der Handbewegung oder des Gehens der Beine, da von
weiB der Mensch ebensowenig im wachen Leben, wie er weiB von
seinem Leibe, wenn er schlaft, oder von seiner Umgebung, wenn er
schlaft. Das Wollen wird eigentlich verschlafen vom gegenwartigen
Menschen. Dringt man nun vor durch die Methode der Geisteswissen-
schaft vom bloflen Vorstellen zum Wollen, so lernt man aus den Tat-
sachen heraus, allerdings aus den geistigenTatsachenheraus, begreifen,
wie es kommt, daB der Mensch sein Wollen heute verschlaft.
Mit unserem Denken, mit unserem Intellekt als Menschen waren
wir eigentlich sehr schlimm daran, wenn nicht der andere Umstand
ware, den ich erwahnt habe, und den ich gleich nachher weiter aus-
fuhren werde. Mit unserem Denken waren wir eigentlich sehr schlimm
daran, denn unser Denken bleibt im Grunde genommen immer mit
Bezug auf unser menschliches Wesen kindlich. Unser Denken erwirbt
sich im Laufe unseres Lebens zwischen Geburt und Tod einiges
Wissen iiber die unmittelbare Gegenwart der Welt; iiber Vergangen-
heit und Zukunft nichts, oder hochstens etwas in Hypothesen, die
aber gleich zerfallen, wenn man sie nur wirklich ernstlich anfaBt.
Dieses Denken, das ist eben Zukunftskeim. Und so wenig der Keim
in der Pflanze heute etwas ist, was in der Wirklichkeit der Pflanzenwelt
schon eine Bedeutung hat, sondern im besten Falle erst im nachsten
Jahre haben wird, ebensowenig hat das heutige Denken schon einen
Wirklichkeitswert. Es verhalt sich zu dem, was es seinem Wirklich-
keitswert nach sein kann, so, wie das kleine Kind sich zum Menschen
verhalt. Das Denken ist eigentlich ganz fur die Zukunft angelegt;
aber erst das, was so daraus wird, wie aus dem Pflanzenkeim die
Pflanze wird, das wird in der Zukunft eine reale Bedeutung haben.
Der eigentliche Inhalt, die Substanz des Denkens, hat heute nur einen
Keimwert. Steigen wir aber geisteswissenschaftlich ins Wollen hin-
unter und versuchen wir, das Subjekt des Wollens zu erkennen -
Wollen ist ja nur eine Tatigkeit aber versuchen wir, das Subjekt
unseres eigenen Wollens zu erkennen, dann ist das Wollen etwas, das
in sich tragt das BewuBtsein von fernster Vergangenheit, kosmischer
Vergangenheit. Sie konnen niemals mit dem Intellekt, ohne durch
Imagination, Inspiration und Intuition sich in das Wollen hineinzu-
stellen, irgend etwas iiber die Evolution der Welt verstehen; denn nur
im menschlichen Wollen, das zu gleicher Zeit den ganzen mensch-
lichen Organismus aufbaut, liegt ein Subjekt, welches, so wie Sie das
Gedachtnis in bezug auf Ihr gewohnliches Leben haben, so das Ge-
dachtnis iiber die kosmische Vergangenheit hat.
Das ist der Unterschied zwischen dem menschlichen Intellekt und
dem menschlichen Wollen, daC der menschliche Intellekt hochstens
ein Gedachtnis fur das personliche, individuelle Leben entwickelt,
daB das Wollen, zu dem der Mensch mit seinem Intellekt nicht hin-
unterreicht, das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit hat. Der
Mensch tragt in sich das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit,
aber er kann es zunachst, ohne geisteswissenschaftliche Forschung, mit
seinem Intellekt nicht erreichen. So kann man sagen, auf der einen
Seite steht der Mensch da als wollendes Wesen, tragt in sich, wenn
ich das Gedachtnis nennen darf - es ist nur bildlich gesprochen -,
das Gedachtnis der kosmischen Vergangenheit. Er steht da als in-
telligentes Wesen, tragt in sich als intelligentes Wesen nur die Gegen-
wart, weil der Intellekt nur Keim ist fur die Zukunft, noch nicht etwas
Gegenwartiges. Wie der Pflanzenkeim - ich muB es immer wieder
sagen - noch nichts Gegenwartiges ist, sondern etwas Zukiinftiges,
so ist der Intellekt im Verhaltnis zum Wollen geradeso wie der kleine
Pflanzenkeim zu der ganzen Pflanze. Indem wir Wollende sind, stehen
wir allerdings als kosmische Menschen durch das Individuelle auf
dem Boden der ganzen Vergangenheit; indem wir intelligente Men-
schen sind, stehen wir in der Gegenwart da und bereiten uns vor, in
die Zukunft hiniiberzuwachsen.
So ist eigentlich unser Wollen im Verhaltnis zu unserem Intellekt
auch zu vergleichen, konnte man sagen, mit einem Greise und einem
Kind. Wie sich der Greis zum Kinde verhalt, verhalt sich, natiirlich
mit entsprechender Ausdehnung der Zeit, unser wollender Mensch zu
unserem denkenden Menschen.
Wodurch wird der Ausgleich geschaffen? Nun wirkt eben herein in
unseren denkenden Menschen das, was ich vorhin und oft schon das
Ahrimanische genannt habe, die kosmische Vernunft. Wiirden wir auf
uns Menschen angewiesen sein, ohne da6 Ahriman wirkte, so ware es
mit unserem Intellekt in der Gegenwart ganz anders besteilt. Die
romisch-katholische Kirche konnte furchtbar zufrieden sein mit einer
Menschheit, welche nur das MaB des Intellekts hatte, das heute aus der
menschlichen Natur herauswachst. Denn dieser Intellekt ist eben im
Verhaltnis zu dem, wozu der Mensch im gesamten Kosmos veranlagt
ist, kindlich, ebenso wie unser Wollen greisenhaft ist.
In unser Denken - und dieses Denken ist ja nicht in der Evolution
denkbar ohne die Mitwirkung zum Beispiel des sprachlichen Elemen-
tes - wirkt das Ahrimanische herein. In unser Wollen wirkt das Luzi-
ferische hinein. Das Ahrimanische, das durchdringt uns, indem es
unseren Intellekt, der in der Gesamtevolution heute noch schwacher
ist, der ein kindlicher ist, auf eine gewisse Sonnenhohe hinaufschraubt.
Aber es entsteht dadurch auch die Kehrseite : wir haben einen Intellekt,
der eigentlich nicht aus uns wachst; wir haben ungefahr einen solchen
Intellekt, den man vergleichen konnte nicht mit einer Pflanze, die aus
dem Boden wachst und dann den Keim hat, sondern mit einer Pflanze,
der eine andere Pflanze aufgesetzt ist, die nicht einen Keim tragt, son-
dern eine andere Pflanze tragt, und zwar eine weitaus vollkommenere
Pflanze.
Unser Intellekt ist ahrimanisch geordnet, ahrimanisch durchglie-
dert. Dadurch hat unser Intellekt fur den Menschen etwas Verblen-
dendes. Selbstverstandlich stehen wir nicht auf dem Standpunkt,
wenn wir Geisteswissenschafter sind, daB wir diesen Intellekt, weil er
ahrimanisch ist, nicht gebrauchen sollen; sondern man muB nur
illusionsfrei die Dinge anschauen, man muB sich nur klar dariiber sein,
daB der menschliche Intellekt ein Licht ist, das stark scheint, starker
scheint als dasjenige scheinen konnte, was als Intellekt heute schon
aus der Menschennatur herausflieBt. Es hat das intellektuelle Prinzip
fur die Menschennatur etwas Verblendendes, etwas die Dinge fur
ihn in eine gewisse Sphare Riickendes, in der er geblendet wird. So
wie ein starkes, aufs starkste. blendendes Licht auf die Dinge fallen
wiirde, so ist es, wenn der Mensch selbst mit seinem Intellekt die
Dinge beleuchtet. Dadurch macht er sie sich ja eigentlich im wesent-
lichen zur Illusion.
So wie in unseren Intellekt hereinspielt das Ahrimanische, so spielt
herein in unser Wollen, damit es einschlaft, damit es richtig einschlaft,
das Luziferische. Wie unseren keimhaften Intellekt das ahrimanische
Prinzip aufhellt, so schlafert ein, lullt ein unser Wollenssubjekt, das
eigentlich das Gedachtnis der ganzen Vergangenheit in sich tragt, das
Luziferische, so daB der Mensch nichts weiB von dieser Vergangen-
heit.
Das ist etwas tiefer erfaBt die Grundlage des Dualistischen im Men-
schen, dieses Dualistischen, das uberbruckt werden muB, das aber
nicht uberbruckt werden kann, wenn man bloB an Theorien sich
wendet, sondern das nur uberbruckt werden kann, wenn man sich an
die Tatsachen selber wendet, an die Tatsachen des geistigen Lebens,
wenn man weiB, daB anders urstandet unser Intellekt in der Welt als
unser Wollen. Mit unserem Intellekt und unserem Wollen ist es so,
wie wenn man ein Kind und einen Greis nebeneinanderstellt und sich
kiinstlich tauschen wiirde, inde
…[truncated]