Briefe Band II

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 

VEROFFENTLICHUNGEN  AUS  DEM  NACHLASS 


Rudolf  Steiner,  Berlin  1905 


RUDOLF  STEINER 


BRIEFE 

BAND  II 


1890-1925 


1987 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf-Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die  Herausgabe  besorgten  Edwin  Frobose  und  Paul  G.  Bellmann 


1.  Auflage  «Briefe  II  1 892-1 902» 
mit  Vortrag  Dornach,  27.  Oktober  1918 
Dornach  1953 

2.,  veranderte  und  erweiterte  Auflage 
«BriefeII  1890-1925» 
Gesamtausgabe  Dornach  1987 


Bibliographie-Nr.  39 

Zeichen  auf  dem  Schutzumschlag  von  Rudolf  Steiner 

Alle  Rechte  bei  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1987  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck  GmbH,  Buhl 

ISBN  3-7274-0390-X 


INHALT 


Zu  dieser  Ausgabe   9 

Geleitwort  von  Marie  Steiner  zur  1.  Auflage  des 

zweiten  Bandes  der  Brief e  1953    10 

Brief e  Nr.  253-651    11 

Nachtrag  zu  den  Briefen    483 

Hinweise   489 

Verzeichnis  der  Briefe   603 

Alphabetisches  Verzeichnis  der  Brief empf anger  .  .  616 

Verzeichnis  der  Verfasser  der  an  Rudolf  Steiner 

gerichteten  Briefe   618 

Verzeichnis  der  in  den  Briefen  erwahnten  Personen  619 

Korrigenda  zum  ersten  Briefband   626 

Ubersicht 

iiber  die  Herausgabetatigkeit  Rudolf  Steiners    .  .  627 

Handschriftenwiedergaben 

nach   48,  96,  148,  360,  388,  448,  464,  480 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  629 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Mit  dem  Erscheinen  dieses  Briefbandes  liegen  innerhalb  der 
Gesamtausgabe  samtliche  Briefe  Rudolf  Steiners  vor,  soweit  sie 
nicht  im  Zusammenhang  mit  der  theosophischen  und  anthropo- 
sophischen  Bewegung  stehen.*  Vorerst  zuriickgestellt  wurden 
einige  Briefe  und  Briefentwiirfe,  deren  Adressaten  nicht  ermit- 
telt  werden  konnten  bzw.  weil  die  Orts-  oder  Datumsangaben 
fehlen  und  teilweise  der  Sachbezug  unklar  ist. 

Unter  den  erstmals  veroffentlichten  Briefen  befinden  sich 
auch  die  Briefe  an  Anna  Eunike,  der  spateren  Anna  Steiner.  Fur 
eine  Veroffentlichung  spricht  das  wachsende  Interesse  am  Werk 
und  an  der  Personlichkeit  Rudolf  Steiners.  Diese  Briefe  gehoren 
zum  Gesamtbild  der  Biographie  Rudolf  Steiners.  Bei  den  Briefen 
an  Anna  Eunike  ist  noch  in  Betracht  zu  ziehen,  dafi  sie  auch 
Zeugnis  ablegen  von  der  Auseinandersetzung  Rudolf  Steiners 
mit  Elisabeth  Forster-Nietzsche  in  der  Angelegenheit  der  Her- 
ausgabe  der  Schriften  Friedrich  Nietzsches  und  eine  wertvolle 
Erganzung  der  Briefe  an  Elisabeth  Forster-Nietzsche  bilden. 

Acht  Briefe  wurden  faksimiliert  zu  dem  dazugehorenden 
Brieftext  gestellt.  Zwischen  den  Seiten  122  und  123  befindet  sich 
ein  Zusatzblatt  mit  der  verkleinerten  Wiedergabe  der  Rostocker 
Doktor-Urkunde  Rudolf  Steiners. 

Wiederum  sei  den  Herren  Konrad  Donat,  Bremen,  und 
Dr.  Kurt  Eigl,  Wien,  fur  die  freundliche  Hilfe  bei  einigen 
schwierigen  Recherchen  zu  den  Hinweisen  herzlichst  gedankt. 


*  Siehe  hierzu  die  Ubersicht  in  Band  I,  Seite  9. 


Die  Erdenwege, 
Sie  einen  sich, 

Der  Schein  will  sie  trennen, 
Vermag  es  nicht  - 
Im  Seelengebiete, 
Dafinden  sie  sich, 
Im  Geiste  geeinigt  - 
Durch  Erdentreue. 


Geleitwort  von  Marie  Steiner 
zum  zweiten  Band  der  Brief e  1953 


253-  AN  PAULINE  UND  LADISLAUS  SPECHT 

Weimar,  30.  September  1890 

Geschatzteste  gnadige  Frau 
und  verehrtester  Herr  Specht! 

Eben  bin  ich  so  weit  gekommen,  daft  ich  diese  als  die 
ersten  Zeilen  an  Sie  richten  kann.  Es  sind  Gedanken  ganz 
eigener  Art,  die  den  Menschen  iiberkommen,  wenn  eine  so 
durchgreifende  Anderung  in  seinem  aufieren  Lebensgang 
vorgeht.  Und  die  lange  einsame  Fahrt  war  wohl  noch  geho- 
rig  dazu  geeignet,  alles  was  dabei  in  Betracht  kommt,  mir 
vor  die  Seele  zu  bringen. 

Wenn  ich  Ihnen  alien  sagen  wollte,  wie  tief  gewurzelt  das 
Gefiihl  des  Dankes  ist,  das  sich  wahrend  der  sechs  Jahre, 
die  ich  in  Ihrer  Mitte  verbringen  durfte,  in  mein  Inneres 
eingepflanzt  hat:  ich  fande  nicht  Worte.  Sie  haben  mir  stets 
alle  das  gegeben,  was  ich  so  sehr  brauchte:  Wohlwollen  und 
freundschaftlichstes  Entgegenkommen.  Ihre  giitige  Gesin- 
nung  verstand  es,  iiber  manches  hinwegzusehen,  was  der 
bose  Geist  der  Laune  und  Mifistimmung  bei  mir  oft  anrich- 
tete.  Ich  weifi  das  zu  schatzen  und  werde  es  immer  zu  schat- 
zen  wissen.  Nicht  minderen  Dank  schulde  ich  Ihrer  jeder- 
zeit  hilfsbereiten  Freundschaft,  die  dem  unerfahrenen  Bii- 
chermenschen  oft  so  nottat.  Und  was  miifite  ich  noch  alles 
anfiihren,  wenn  ich  aufzahlen  wollte,  was  ich  Ihnen  alien 
schulde,  was  mich  an  Sie  und  Ihre  Familie  wie  ein  Mitglied 
derselben  kettet.  Ich  mochte  nur  eines  noch  sagen:  bleiben 
Sie  mir  alle  auch  nach  der  raumlichen  Trennung,  was  Sie 
mir  immer  in  einem  so  hohen  Mafie  gewesen! 

In  Weimar  bin  ich  recht  gut  empfangen  worden.  Suphan 
bemerkte  mir  heute  vormittags,  «er  hoffe  nun  endlich  in 
mir  nicht  nur  einen  Heifer  im  Archivdienste,  sondern  eine 
geistige  Stiitze  zu  finden,  wie  er  sie  seit  seiner  Ankunft  in 
Weimar  sucht». 

Es  scheint  mir  auch,  dafi  ich  in  bezug  auf  die  Wohnungs- 
verhaltnisse  nicht  gerade  ungiinstig  daran  bin.  Ich  habe  ein 


Wohn-  und  ein  Schlafzimmer  zum  Preise  von  funfund- 
zwanzig  Mark  pro  Monat.  Anders  und  billiger  lafk  sich  die 
Sache  hier  in  Weimar  kaum  einrichten.  Einzelne  Zimmer 
sind  nirgends  zu  finden. 

Nun  mochte  ich,  dafi  der  Brief  doch  noch  heute  abgeht, 
und  beschranke  mich  daher  darauf,  Sie  zu  bitten,  mir  an 
Ihre  Frau  Mutter  und  Schwester  meinen  Handkufi,  an 
Richard  und  die  Buben  meine  allerherzlichsten  Griifie 
zu  besteilen,  Hans  aber  ja  dabei  nicht  zu  vergessen. 

In  immer  gleicher  Hochachtung 
flu- 
Rudolf  Steiner 


254.  AN  LADISLAUS  SPECHT 

Weimar,  15.  Oktober  1890 

Verehrtester  Herr  Specht! 

Seien  Sie  mir  herzlichst  bedankt  fur  Ihren  lieben,  aus- 
fuhrlichen  Brief.  Ich  habe  mich  aufierordentlich  mit  dem- 
selben  gefreut.  Denn  ich  habe  Sie  wahrend  der  Zeit  unseres 
Zusammenseins  kennengelernt,  um  Ihre  Worte  voll  schat- 
zen  zu  konnen.  Ich  weifi,  wie  Ihnen  blofie  Formen  zuwider 
sind. 

Wenn  Sie  mir  ein  «Einverstanden?»  zurufen  bei  den 
Worten:  «Wahre  Freundschaft»,  dann  wissen  Sie  wohl,  daE 
niemand  diesem  Zuruf  mit  einem  herzhafteren  «Ja»  entgeg- 
nen  wird  als  ich.  Lassen  Sie  uns  die  weiteren  Blatter  unter 
dieser  Aufschrift  denn  zu  meiner  innersten  Befriedigung 
weiterfiihren.  Ich  hoffe  darauf  und  trage  die  Zuversicht  da- 
von  in  der  Brust.  Es  ist  doch  so  trostvoll  fur  mich,  dem  ja 
doch  noch  mancher  Kampf  bevorsteht,  diesen  Rest  aus  un- 
mittelbarer  Vergangenheit  in  die  Zukunft  hiniibernehmen 
zu  konnen. 


Was  nun  mein  Treiben  hier  anlangt,  so  kann  ich  nur  sa- 
gen,  daft  ich  mich  recht  vereinsamt  fuhle.  Meine  Arbeiten 
im  Archiv  waren  bis  auf  kleine  Reste  schon  und  befriedi- 
gend.  Es  vergeht  kein  Tag,  an  dem  mir  nicht  irgend  etwas 
Neues  aufstoftt;  und  ich  bin  durch  meine  bisherigen 
Goethestudien  so  weit,  diese  Schatze  aus  dem  Nachlaft  dem 
Gesamtbilde  Goethes  einzufugen,  so  daft  ich  nicht  der  Un- 
bescheidenheit  geziehen  zu  werden  fiirchte,  wenn  ich  hoffe: 
die  wissenschaftlichen  Arbeiten  Goethes  werden  durch 
meine  hiesigen  Arbeiten  zu  einer  entsprechenden  Einheit 
gestaltet  werden.  Ich  habe  da  freilich  viele  Schwierigkeiten 
zu  uberwinden.  Nach  meiner  Uberzeugung  mussen  diese 
Teile  des  Nachlasses  in  ganz  anderer  Art  verarbeitet  wer- 
den, als  das  bisher  bei  den  erschienenen  zwanzig  Banden 
der  Ausgabe  der  Fall  war.  Meine  Sachen  bringen  also  in 
gewisser  Hinsicht  eine  Unebenheit  in  die  Ausgabe.  Nun 
untersteht  die  Herausgabe  in  «letzter  Instanz»  einem  Komi- 
tee,  bestehend  aus:  Exzfellenz]  von  Loeper,  Herman  Grimm, 
Erich  Schmidt,  Suphan  und  Seuffert.  Bei  denen  ist  die  Aban- 
derung  durchzusetzen.  Dazu  muft  zunachst  Suphan,  der 
Direktor  des  Archivs,  gewonnen  werden.  Wenn  ich  Ihnen 
nun  sage,  daft  dasselbe  Komitee  den  ganzen  Plan  gemacht  hat, 
so  werden  Sie  einsehen,  daft  solch  ein  spaterer  Eingriff 
nicht  ohne  weiteres  durchgesetzt  werden  kann.  Ich  sagte 
aber  Suphan  offen,  daft  ich  niemals  beziiglich  meines  Teiles 
mich  dem  Plane  fugen  werde.  Nun  ist  Suphan  kaum  der 
Mensch,  der  die  notwendige  Energie  hat,  meine  Ansichten, 
mit  denen  er  sich  einverstanden  erklart  haty  auch  gehdrig 
zu  vertreten. 

Mein  Verhaltnis  zu  Suphan  ist  uberhaupt  ganz  eigentiim- 
lich.  Ich  habe  Ihnen  schon  geschrieben,  daft  er  mich  gleich 
in  den  ersten  Tagen  zu  seinem  besonderen  Freund  «er- 
nannt»  hat.  Mir  fehlt  aber,  sozusagen,  der  rechte  Glaube. 
Es  bleibt  so  wenig  iibrig  fur  den  Menschen,  wenn  jemand 
Hofling  wird.  Dabei  kommt  aber  wieder  in  Betracht,  daft 
Suphan  ein  tief  unglucklicher,  im  Leben  viel  geprufter 


Mensch  ist.  Er  hat  zwei  Frauen  verloren,  die  Schwestern 
voneinander  waren,  und  lebt  mit  seinen  zwei  Knaben  (von 
sieben  und  dreizehn  Jahren)  nun  allein,  fortwahrend  von 
hauslichen  Miseren  geplagt.  Er  hat  nun,  da  er  nach  Berlin 
zur  Enthullung  des  Lessingdenkmales  gefahren  ist,  den  alte- 
ren  Jungen  unter  meinen  Schutz  gestellt.  Sie  sehen  also,  er 
behandelt  mich  mit  ziemlichem  Vertrauen. 

Ich  hoffe  nun  jedenfalls,  in  den  allernachsten  Wochen 
meine  Diplomangelegenheit  in  Ordnung  zu  haben,  obwohl 
es  mir  schwer  wird  -  dermalen  nach  so  kurzer  Zeit  -,  einen 
wenn  auch  kurzen  Urlaub  zu  bekommen.  Ich  werde  aber 
froh  sein,  wenn  auch  diese  Sache  endlich  iiberwunden  sein 
wird.  Dann  werde  ich  an  die  Verwirklichung  des  Dozenten- 
planes  schreiten.  Bei  dieser  Gelegenheit  mochte  ich  Sie  bit- 
ten, von  dem  letzteren  Plane  zu  niemandem  zu  reden.  Denn 
es  liegt  viel  daran,  dafi  das  Professoren-Kollegium  von  kei- 
ner  Seite  her  eine  Ahnung  bekommt,  bis  die  Geschichte  eine 
vollendete  «Tatsache»  ist.  Ich  werde  mir  erlauben,  Ihnen 
stets  alle  Fortschritte  der  Sache,  zu  der  Sie  ja  so  viel  bei- 
getragen,  vertrauensvoll  mitzuteilen. 

Heute  habe  ich  endlich  auch  meine  Sendung  von  Kursch- 
ner  erhalten,  die  durch  einen  Fehler  in  der  Adressierung 
zweimal  den  Weg  von  Stuttgart  nach  Wien  gemacht  hat. 
Auch  meine  Kiste  habe  ich  soeben  ins  Haus  zugestellt  er- 
halten und  danke  bestens  fur  die  Ubersendung  derselben. 
Das  lange  Ausbleiben  derselben  war  mir  schon  verdriefilich, 
da  ich  meine  Bucher  zur  Fertigstellung  meiner  Disputation 
darinnen  habe. 

Fur  alles,  was  Sie  mir  iiber  Ihre  Familie  schreiben,  sage 
ich  Ihnen  nochmals  im  besonderen  besten  Dank.  Otto  und 
Ernst  werde  ich  in  diesen  Tagen  auch  antworten.  Sie  sagen, 
Ernst  galomiert  weiter.  Ich  habe  mich  iiber  seinen  Brief 
recht  gefreut.  Er  kam  mir  ganz  entgalomiert  vor.  Auch  Ri- 
chards schnelles  Hineinfinden  in  seinen  Beruf,  wovon  ich 
durch  Ihren  Brief  und  seine  direkten  Nachrichten  erfahre, 
ist  sehr  erfreulich.  Am  Ende  macht  er  noch  alle  bosen  Vor- 


ahnungen  zuschanden.  Es  moge  nur  recht  gut  weitergehen! 
Dafi  Hansl  wieder  unwohl  war,  hat  mich  betrubt.  Da  Ri- 
chards Brief  nichts  iiber  das  Befinden  des  kleinen  Kerls  ent- 
halt,  so  darf  ich  wohl  schliefien,  dafi  ihm  wieder  besser  ist. 
Doch  bitte  ich  Sie  alle  recht  sehr,  im  nachsten  Briefe  -  wer 
immer  ihn  schreibt  -  iiber  Hansls  Befinden  mir  Kunde  zu- 
kommen  zu  lassen. 

Dieser  Brief  trifft  Sie  am  16.  Oktober,  d.  i.  an  Ihrem  Ge- 
burtstage.  Ich  weifi,  dafi  Sie  Ghickwunsche  an  diesem  Tage 
perhorreszieren.  Auch  wissen  Sie,  dafi  ich  keinen  besonde- 
ren  Anlafi  brauche,  urn  Ihnen  zu  sagen,  was  ich  Ihnen  von 
ganzer  Seele  wiinsche.  Aber  schliefihch  ware  es  doch  wieder 
gar  zu  pedantisch,  dies  Schreiben  deswegen  einen  Tag  liegen 
zu  lassen,  damit  es  erst  am  17.  in  Wien  eintrafe.  Zum 
Schlusse  habe  ich  nur  noch  zu  sagen,  dalS  es  mich  befriedigt, 
da£  Ihre  lastige  und  schmerzhafte  Zungengeschichte  wieder 
besser  ist.  Bitte  empfehlen  Sie  mich  Ihrer  geschatzten  Frau 
Gemahlin,  der  Grofimama  und  alien  anderen  Mitgliedern 
der  Famine  auf  das  beste,  und  seien  Sie  bestens  gegrufit  von 


255.  AN  RICHARD  SPECHT 


Ihrem  aufrkhtig  ergebenen 
Rudolf  Steiner 


Weimar,  18.  Oktober  1890 


Mein  lieber  Freund ! 

Sie  miissen  sich  nichts  daraus  machen,  wenn  ich  Ihnen 
hiemit  einen  Brief  wahrend  meiner  offiziellen  Archivzeit 
schreibe.  Da  er  aber  noch  vormittags  abgehen  mufi,  wenn 
er  Sie  morgen  als  an  Ihrem  einzigen  freien  Wochentage  tref- 
fen  soil,  so  mussen  Sie  ihn  schon  —  wenn  auch  gleich  einem 
Goethe-Ausgabe-Manuskript  honoriert  -  hinnehmen.  Er 
entspringt  deshalb  nicht  minder  warmer  inniger  Freund- 
schaft. 


Vor  alien  Dingen  bitte  ich  Sie  urn  Entschuldigung,  wenn 
ich  irrtumlich  den  Brief  an  Grasberger  das  letzte  Mai  liegen 
liefi.  Ich  will  ihn  heute  mitsenden.  Sie  treffen  den  Mann  mal 
am  ehesten  um  10  Uhr  vormittags  im  Cafe  Griensteidl. 

Sie  werfen  mir  vor,  ich  befriedigte  Ihre  Neugierde  beziig- 
lich  Personlichem  zu  wenig.  Ich  glaube,  ich  habe  das  we- 
nige,  was  dariiber  zu  sagen  ist,  nun  auch  schon  in  den  Brie- 
fen  an  Ihre  Angehorigen  mitgeteilt,  und  es  bleibt  mir  in 
dieser  Beziehung  nichts  zu  berichten  als  der  Umstand,  da£ 
ich  anfange,  mich  an  « Seine »  Luft  zu  gewohnen,  d.  h.  blofi 
an  die  physische.  Aber  auch  die  wollte  mir  anfanglich  nicht 
taugen. 

Nun  mull  mein  dritter  Goetheband  bald  erscheinen.  Sie 
sollen  ihn  sofort  haben,  wenn  ich  ihn  bekomme.  Ich  bin 
neugierig,  was  man  im  Reiche  der  Physiker  dazu  sagen 
wird.  Mein  vierter  Band  diirfte  im  November  in  Druck  ge- 
hen.  Das  «Marchen»  habe  ich  in  Angriff  genommen,  und  es 
geht  unter  giinstigen  Auspizien  vorwarts.  Wenn  Sie  mich 
niemandem  gegeniiber  verraten  -  ich  meine  naturlich  mit 
dem  niemand  nur  Liter aturmensch  en  -  so  will  ich  Ihnen 
sagen,  dafi  ich  ernstlich  daran  denke,  eine  «Goethe-Philoso- 
phie»  -  unter  diesem  Titel  -  zu  schreiben.  Es  schliefit  sich 
mir  jetzt  alles  zu  einem  schonen  Bilde  zusammen,  und  jeder 
Tag  bringt  mir  Neues.  Obwohl  ich  unzufrieden  mit  mei- 
nem  dermaligen  aufieren  Sein  bin,  habe  ich  doch  seit  kur- 
zem  Arbeitsdrang  und  Arbeitsmut,  wie  ich  sie  wohl  vorher 
kaum  je  gehabt.  Die  Leute  um  mich  herum  mogen  mich 
verstehen  oder  nicht,  ich  folge  meinem  eigenen  Lichte. 
Goethe  sagt  so  schon:  «Das  Leben  des  Menschen,  so  ge- 
mein  es  aussieht,  so  leicht  es  sich  mit  dem  Gewohnlichen, 
dem  Alltaglichen  zu  begnugen  scheint,  hegt  und  pflegt  doch 
immer  gewisse  h  oh  ere  Forderungen  im  Stillen  und  mufi  sich 
nach  Mitteln  umsehen,  sie  zu  befriedigen.» 

Es  wird  Sie  gewifi  interessieren,  wenn  ich  Ihnen  mitteile, 
dafi  Goethe  1824  die  «Bhagavadgita»  gelesen  hat.  Nun  ist  es 
wohl  erklarlich,  woher  manches  im  zweiten  Teile  des 


«Faust»  kommt.  Wir  konnen  uns  denken,  welchen  Ein- 
druck  das  hohe  Lied  der  Selbstlosigkeit  und  Liebe  auf  Goe- 
the gemacht  haben  mag.  Wird  uns  ja  so  vieles  aus  diesem 
Vermachtnis  des  alten  Indertums  klar.  Wer  diese  Lehren 
versteht,  fiir  den  sieht  das  Leben  anders  aus  als  gewohnlich, 
und  er  erst  weift,  dafi  Unrecht  nicht  aus  dem  Geiste  kommt. 

Nun  nur  noch  die  Bitte,  mir  an  Ihre  Angehorigen  die 
besten  Empfehlungen  zu  bestellen.  Ich  schulde  nun  noch 
Ihrer  werten  Frau  Mutter  und  Ernstl  je  einen  Brief. 

Schreiben  Sie  mir  bald,  wenn  auch  Weniges.  Alles  inter- 
essiert  mich. 

In  Treue 
Ihr  Steiner 

Grasberger-Brief  sende  besonders,  weil  ich  ihn  jetzt  nicht 
hier  habe. 


256.  AN  PAULINE  SPECHT 

Weimar,  18.  Oktober  1890 

Geschatzteste  gnadige  Frau! 

Vor  alien  anderen  Dingen:  haben  Sie  Dank  fiir  die  Gluck- 
wiinsche,  die  Sie  mir  in  Ihrem  geschatzten  Briefe  nachsen- 
den.  Wenn  nur  die  Zukunft,  der  diese  Gluckwiinsche  gel- 
ten,  auch  so  ausfallt,  daf§  ich  dasjenige  zur  Verwirklichung 
bringen  kann,  was  von  jeher  mir  als  das  Ziel  meines  Lebens 
vorschwebte !  Wenn  ich  nur  bald  die  Lage  finden  kann,  wo 
Wollen  und  Konnen  in  Harmonie  zu  bringen  sind.  Ich 
hoffe,  es  wird  nun  endlich  doch  gelingen. 

Wenn  Sie  mir  sagen,  Sie  bedauern,  dafi  ich  meine  Voraus- 
setzungen  wegen  des  Mangels  an  anregendem  Umgange 
eingetroffen  finde,  so  mufi  ich  gestehen,  dafi  es  nicht  so 


sehr  der  Mangel  an  anregendem  als  der  Uberflufi  an  nicht 
anregendem  Umgang  ist,  der  mir  Weimar  wenig  erfreulich 
erscheinen  lafit. 

Meine  Goethe-Studien  machen  mir  fortdauernd  recht 
viel  Freude.  Sie  werden  aus  Richards  Briefen  das  Inhaltliche 
derselben  erfahren  haben.  Das  «Marchen»  hoffe  ich  in 
Balde  herausgehobelt  zu  haben.  Ein  Blatt  in  Goethes  Nach- 
lafi  zeigte  mir  ganz  klar,  dafi  die  Auslegung  in  meinem  Sinne 
die  einzig  berechtigte  ist.  Ich  will  es  mit  der  Darstellung 
diesmal  so  halten,  daf$  die  Sache  fiir  das  groftere  Publikum 
verstandlich  wird. 

Zuwider  ist  mir  bei  alledem,  dafi  wir  auch  am  Nachmittag 
Archivstunden  haben.  Doch  hoffe  ich  von  diesen  spaterhin 
dispensiert  zu  werden.  Dies  wird  urn  so  leichter  gehen, 
wenn  ich  einmal  meine  Jenenser  Plane  der  Verwirklichung 
entgegenbringen  kann.  Der  grofiherzogliche  Hof  ist  aber 
vorderhand  noch  nicht  in  Weimar.  Mein  Diplom  hoffe  ich 
in  vierzehn  Tagen  bis  drei  Wochen  zu  haben.  Ich  kann  nur 
leider  jetzt  nach  so  kurzer  Zeit  nicht  von  hier  weg.  Ich 
lechze  auch  schon  darum  nach  dieser  Zeit,  weil  mich  die 
Reise  iiber  Berlin  fiihrt,  wo  ich  Eduard  von  Hartmann 
wieder  sprechen  kann. 

Sie  schrieben  mir,  Ernstls  Brief  sei  durchaus  aus  eigener 
Initiative  hervorgegangen.  Ich  habe  mich  iiber  diese  seine 
Zeilen  sehr  gefreut.  Sie  sind  so  durchaus  verniinftig. 
Hoffentlich  geht  dem  Jungen  in  Balde  vollstandig  der 
Knopf  auf . 

Und  nun  habe  ich  Ihnen  fiir  das  Verschiedenste  meinen 
besten  Dank  zu  sagen.  Einmal  fiir  die  Besorgung  der  «Son- 
derlinge»  an  Frau  Mayreder,  die  nun  auch  schon  in  meinen 
Handen  sind.  Darf  ich  Sie  um  ein  Wort  bitten,  ob  die  May- 
reder auch  schon  die  Rechnung  an  Sie  beglichen  hat.  Ich 
will  Sie  nicht  direkt  darum  fragen.  Dann  danke  ich  Ihnen 
vielmals  fiir  die  Ubersendung  meiner  Kiste,  die  seit  dem  3 . 
Oktober  -  bis  vorgestern  -  auf  der  Reise  war  und  bei  ir- 
gendeiner  Zollrevision  jammerlich  zugerichtet  worden  ist. 


Sollten  Sie  endlich  wirklich  die  Freundlichkeit  haben,  mir 
besagte  acht  Kragen  zu  schicken,  dann  bitte  ich  dies  viel- 
leicht  durch  Brief  besorgen  zu  wollen,  da  man  mit  Paketen, 
die  als  Zollstucke  behandelt  werden,  die  unglaublichsten 
Schwierigkeiten  hat.  Den  Wohnungsschlussel  will  ich  Ih- 
nen  auf  demselben  Wege  zukommen  lassen.  Dafi  ich 
Kurschners  Sendung  erhalten  habe,  haben  Sie  wohl  aus  dem 
Briefe  an  Ihren  Herrn  Gemahl  ersehen. 

Nun  obliegt  mir  nur  noch,  Sie,  geschatzteste  gnadige 
Frau,  zu  bitten,  mich  alien  Ihren  verehrten  Angehorigen 
auf  das  beste  zu  empfehlen. 

In  auf  richtiger  Hochachtung 
Ihr 

Rudolf  Steiner 


257.  AN  ERNST  SPECHT 

Weimar,  18.  Oktober  1890 

Mein  lieber  Ernst! 

Hast  Du  auch  etwas  lange  auf  diese  Antwort  warten  mus- 
sen,  so  wirst  Du  doch  aus  anderen  Briefen,  die  an  Deine 
lieben  Angehorigen  abgegangen  sind,  erfahren  haben,  wie 
erfreulich  mir  Deine  Zeilen  waren.  Ich  begriifite  es  mit  Be- 
friedigung,  daft  Du  von  dem  Wechsel  Deiner  Professoren 
so  angenehm  benihrt  bist  und  dafi  Du  mir  iiber  Deine 
Schulverhaltnisse  Gutes  sagen  kannst.  Es  soli  nur  auch 
immer  so  fortgehen! 

Hast  Du  meinen  Brief  an  Otto  gelesen?  Daraus  wirst  Du 
etwas  jedenfalls  auch  Dich  Interessierendes  iiber  die  etwas 
andern  Verhaltnisse  entnommen  haben,  wie  sie  an  dem 
Gymnasium  hier  herrschen. 

Du  bist  jetzt  wohl  fest  im  Cornelius  Nepos.  Der  spielt 
hier  an  den  Schulen  eine  geringere  Rolle  als  in  Osterreich. 


Dafi  Du  mir  so  schone  Worte  iiber  Deine  Anhanglichkeit 
an  mich  schreibst,  hat  mir  sehr  wohlgetan.  Ich  habe  so  gerne 
das  Bewufitsein,  dafi  meine  Schiiler  mich  liebgewonnen  ha- 
ben.  Auch  ich  habe  Dich  ja  sehr  lieb  und  werde  Dich  immer 
im  Herzen  behalten.  Immer  wird  es  mir  besondere  Freude 
bereiten,  wenn  ich  horen  werde,  daft  Du  Fortschritte  ge- 
macht  hast. 

Bringe  auch  Foges,  den  ich  Dich  bitte,  bestens  von  mir  zu 
griifien,  recht  viel  Gehorsam  und  guten  Willen  entgegen. 
Er  gibt  sich  ja  alle  Mixhe  mit  Dir,  und  es  wird  Dir  gewifi 
heuer  besser  gehen.  Ich  vermutete  das  ja  schon  aus  dem, 
wie  Du  wahrend  der  Ferien  gearbeitet  hast. 

Hast  Du  Nelli,  Risa  und  die  Geschwister  derselben  schon 
gesehen?  Wenn  es  wieder  der  Fall  ist,  dann  grufie  sie  herz- 
lichst  von  mir  und  sage  ihnen,  daft  ich  auch  ihnen  schreiben 
werde.  Haben  sie  schon  einen  neuen  Lehrer? 

Nochmals  Gliickauf  auf  ein  gutes,  erfolgreiches  Jahr! 

In  Treuen 
Dein 

Steiner 

258.  AN  ROSA  MAYREDER 

Weimar,  20.  Oktober  1890 

Geschatzteste  gnadige  Frau ! 

Ihre  Sendung  langte  erst  nach  mannigfachen  Umwegen 
bei  mir  an.  Sie  schrieben  erstens  auf  die  Adresse  Goethe- 
Schillerstiftung,  statt  Goethe-  und  Schiller- Archiv.  Nun  ist 
momentan  auch  die  Schillerstiftung  in  Weimar,  was  natiir- 
lich  eine  Kollision  gab.  Dann  mache  ich  Sie  aufmerksam, 
wenn  Sie  irgend  etwas  je  wieder  iiber  die  Grenze  zu  schik- 
ken  haben,  machen  Sie,  wenn  irgend  mdglich,  eine  Brief  sen- 
dung daraus,  damit  die  Sache  nicht  als  Zollstiick  behandelt 
wird.  So  sonderbar  das  Ihnen  vorkommen  wird,  aber  die 


guten  «Sonderlinge»  mufken  sich  einer  sorgfaltigen  Revi- 
sion auf  ihre  Staatsungefahrlichkeit  unterziehen.  Mich 
machte  die  Verspatung  der  Sendung  besorgt,  weil  ich 
schliefilich  dachte,  Sie  seien  am  Ende  krank  geworden,  um- 
somehr  f reute  ich  mich  bei  deren  Eintref f en.  Und  nun  kann 
ich  den  Tag  nicht  erwarten,  wo  ich  Ihnen  Gunstiges  iiber 
das  weitere  Schicksal  Ihrer  von  mir  so  geschatzten  Arbeiten 
werde  mitteilen  konnen.  Sie  konnen  iiberzeugt  sein,  dafi 
ich  mir  alle  Miihe  geben  werde. 

Fur  Ihre  beiden  lieben  Briefe  sage  ich  Ihnen  herzlichen 
Dank.  Ich  habe  Ihnen  wohl  zu  verschiedenen  Malen  ge- 
dankt,  wie  hoch  ich  es  anschlagen  mufi,  gerade  Sie  kennen- 
gelernt  zu  haben.  Es  wird  Ihnen  erinnerlich  sein,  da£  ich 
Ihnen  sagte,  wie  durchaus  kongenial  mir  das  Gefuge  Ihres 
Geistes  gleich  bei  unserem  Zusammentreffen  in  dem  von 
mir  so  hochverehrten  Hause  Lang  erschien.  Und  wie  wir 
uns  verstanden,  das  wissen  Sie  ja  auch.  Es  beriihrt  mich  mit 
tiefster  Wehmut,  wenn  ich  aus  meinem  jetzigen  Asyl  zu- 
riickblicke  auf  all  die  schonen  Stunden,  die  ich  bei  Ihnen 
und  Ihrem  Kreise  verleben  durfte.  Hier  stehe  ich  allein. 
Niemand  ist  hier,  der  auch  nur  im  entferntesten  ein  Ver- 
standnis  fiir  das  hatte,  was  mich  bewegt  und  was  meinen 
Geist  tragt. 

Dabei  freilich  erlebe  ich  mit  meinen  hiesigen  Goethe- 
arbeiten  viel  Freude.  Jeder  Tag  bringt  mir  Neues  aus  den 
hinterlassenen  Papieren  dieses  einzigen  Geistes,  und  ich 
komme  allmahlich  immer  mehr  dazu,  das  Bild  zu  einem 
totaleren  zu  machen,  das  ich  von  Goethe  habe.  Ich  finde 
Gedanken  und  Ideen,  von  denen  ich  mir  sagte,  diese  musse 
Goethe  gesagt  haben,  jetzt  wirklich  von  ihm  aufgezeichnet. 
Ich  finde  taglich  eine  neue  Bestatigung  dessen,  was  ich  ge- 
ahnt,  eine  Verwirklichung,  was  mir  nur  als  kiihne  Vermu- 
tung  erscheinen  mufite.  Sie  erinnern  sich  dessen,  was  ich 
Ihnen  am  Abend  des  mir  so  unvergefilichen  Tages  in  Waid- 
hofen  iiber  das  «Marchen»  sagte.  Auch  dies  bestatigt  sich 
mir  aus  Goethes  Nachlafi.  Ich  habe  durchaus  in  seinem 


Sinne  gedeutet.  Wie  oft  denke  ich  doch  bei  irgendeiner 
neuen  Entdeckung:  ach,  konnte  ich  doch  mit  Ihnen  iiber 
die  Sache  sprechen!  So  mufi  ich  alles  mit  mir  selber  ausma- 
chen,  meine  Gesprache  sind  dermalen  nur  Gedankenmono- 
loge.  Es  ist  ein  starker  Kontrast  gegemiber  einem  so  schon 
verlebten  Winter  im  verflossenen  Jahre. 

Goethe  erscheint  mir  immer  mehr  wie  der  Brennpunkt, 
in  dem  sich  die  Strahlen  der  abendlandischen  Weltanschau- 
ung und  Weltgestaltung  vereinigen.  Wir  verstehen  ihn  frei- 
lich  nur  dann,  wenn  wir  uns  selbst  zu  ahnlichem  Denken 
und  Anschauen  emporgearbeitet  haben.  Aber  wenn  uns 
dann  aus  dieser  geistigen  Unerschopflichkeit  dasselbe  ent- 
gegenkommt,  was  wir  selbst  gedacht  und  erstrebt  haben, 
dann  fuhlen  wir  es  gleichsam  geweiht  und  sanktioniert  von 
einer  Instanz,  die  uns  als  eine  hochste  gelten  muft. 

Was  machen  Ihre  Lange-Studien?  Ich  kann  nicht  umhin, 
Ihnen  bei  dieser  Gelegenheit  einen  schonen  Satz  aus  der 
Feder  von  Gisela  von  Arnim,  der  vor  einem  Jahr  verstorbe- 
nen  Frau  Herman  Grimms,  einer  Tochter  Bettina  von  Ar- 
nims,  der  Freundin  Goethes,  mitzuteilen.  Sie  schreibt:  «In 
dem  Augenblick,  da  ich  die  Feder  niederlege  und  schliefie, 
hat  der  Materialismus,  vor  dem  ich,  da  ich  zu  schreiben 
begann,  zuriickschauderte  und  mich  in  diesen  Traum  ver- 
tiefte,  noch  viel  mehr  an  unserem  Volk  verbrochen,  als  ich 
damals  ahnte,  und  das  Hochste  ausgespielt,  was  man  von 
seiner  treibenden  Kraft  vermuten  konnte. »  -  Ich  hasse  den 
Materialismus  im  Leben,  in  der  Kunst  und  in  der  Wissen- 
schaft.  Er  ist  der  Hemmschuh  aller  Vertiefung  und  alles  gei- 
stigen Aufschwunges.  Der  «Materialismus»  Langes  ist  nun 
noch  nebenbei  eine  geistige  Verirrung  auch  in  logischer 
Beziehung,  ein  nicht  zu  rechtfertigender  Widerspruch. 

Ich  will  nur  hoffen,  dafi  Sie  dieser  Brief  bereits  in  Ihrem 
Winterheim  antrifft  und  zwar  bei  voller  Gesundheit.  Grii- 
fien  Sie  mir  herzlichst  Ihren  lieben  Gemahl  und  die  anderen 
Freunde.  Frau  Marie  Lang  will  ich  demnachst  schreiben. 
Was  macht  Eck?  Hat  das  Familienfest  in  seinem  Hause 


schon  stattgefunden?  Gerne  wiirde  ich  auch  etwas  dariiber 
horen,  wie  sich  Ihr  verehrter  Herr  Gemahl  in  seine  «  de- 
skriptiven»  Vortrage  hineingefunden  hat.  Und  nun  noch  die 
besten  Griifie  von  Ihrem  Sie 

aufrichtig  hochschatzenden 
Steiner 


259.  ROSA  MAYREDER  AN  RUDOLF  STEINER 

Wien,  22.  Oktober  1890 

Lieber,  verehrter  Freund ! 

Jetzt  kann  ich  Ihnen  wohl  gestehen,  dafi  ich  diese  ganze  Zeit  her 
in  mannigfachen  Zweifeln  verbracht  habe.  Ich  konnte  nicht  dar- 
iiber schliissig  werden,  ob  ich  Ihnen  den  Fehler  in  der  Adresse 
meiner  Sendung,  der  mir  nicht  unbekannt  geblieben  war,  anzeigen 
sollte  oder  nicht;  und  ich  unterliefi  es  nur  in  dem  Wunsche,  nicht 
den  Schein  der  Aufdringlichkeit  auf  mich  zu  laden.  Es  kommt  mir 
aber  fast  vor,  als  hatte  der  «Zuschauer»  mich  wieder  einmal  mit 
uberfliissigen  Bedenken  von  einer  verniinftigen  Handlung  zuriick- 
gehalten.  Jene  falsche  Adresse  verdankt  einem  Zusammentreffen 
unglucklicher  Umstande  ihre  Entstehung.  Der  Morgen,  an  wel- 
chem  ich  Ihnen  die  «Sonderlinge»  sandte,  war  einer  der  wenigen 
sonnenhellen  dieses  Sommers;  und  in  dem  Bestreben,  ein  begon- 
nenes  Aquarell  zu  vollenden,  iiberliefi  ich  die  Verpackung  und 
Adressierung  der  korrigierten  Abschrift  dem  immer  bereitwilligen 
Lino,  vergafi  aber,  ihm  eine  nahere  Adresse  anzugeben.  Auf  der 
Post  nun  —  wo  man  leider  das  Paket  nicht  als  Briefsendung  annahm 
-  forderte  man  eine  genauere  Angabe  des  Bestimmungsortes,  und 
so  schrieb  Lino,  der  sich  nicht  deutlich  des  Namens  entsann,  «Stif- 
tung»  statt  «Archiv».  Dazu  kommt,  dafi  Linos  Schrift  nur  von 
besonders  Eingeweihten  von  der  meinigen  unterschieden  werden 
kann  -  denken  Sie  sich  also,  wie  bestiirzt  ich  war,  als  ich  durch  den 
ahnungslosen  Lino  von  dem  nicht  mehr  gutzumachenden  Irrtum 
erfuhr!  Denn  Sie  hatten  mir  ja  miindlich  und  schriftlich  wiederholt 
das  Archiv  eingescharft.  Mein  Trost  in  dieser  Not  war  nur  der 
Gedanke,  dafi  ich,  wiewohl  der  Schein  so  schlagend  wider  mich 


war,  von  Ihnen  wenigstens  keines  jener  vernichtenden  Urteile 
iiber  den  Frauenzimmerverstand  zu  befiirchten  hatte,  die  ich  so 
ungern  auf  mein  Haupt  herabbeschwore.  Aber  im  Ernst:  es  ist  mir 
leid,  dafi  ich  Ihnen  meine  Sendung  und  den  sie  begleitenden  Irrtum 
nicht  brief lich  angezeigt  habe,  um  jede  Ungewifiheit  und  die 
Nachteile  der  Verspatung  zu  vermeiden. 

Wir  sind  seit  ungefahr  zwolf  Tagen  von  Waidhofen  zuriickge- 
kehrt.  Diese  Ubersiedlung  bedeutete  fur  mich  eine  starke  Unter- 
brechung  aller  ernsten  Beschaftigung.  Meine  ganzlich  verkummer- 
ten  hausfraulichen  Instinkte  zwar  erwachen  auch  bei  einem  sol- 
chen  Anlafi  nicht;  aber  die  Familienpflichten  und  die  zu  Hause 
herrschende  Unordnung  bxldeten  Hindernisse  genug.  Daher  bin 
ich  im  zweiten  Bande  der  «Geschichte  des  Materialismus»  iiber 
die  ersten  Seiten  noch  nicht  hinausgekommen.  So  fehlt  mir  noch 
jedes  Urteil,  ja  jede  deutliche  Vorstellung  von  der  eigentlichen 
Auffassung  Langes.  Ihre  energische  Verurteilung  des  Materialis- 
mus  hat  einen  tiefen  Eindruck  auf  mich  gemacht,  obwohl  ich  sie, 
das  kann  ich  nicht  verschweigen,  nicht  teile.  Allerdings  ist  es  mir 
vollstandig  unbegreiflich,  wie  jemals  ein  tiefer  Geist  in  der  Weltan- 
schauung des  Materialismus  Befriedigung  finden,  sich  an  einer  Er- 
klarungsmethode  geniigen  lassen  konnte,  die  wie  der  Atomismus 
unter  dem  Vorgeben,  iiber  die  Erscheinungswelt  hinauszufiihren, 
sich  innerhalb  dieser  Welt  im  Kreise  herumdreht.  Aber  wenn  ich 
nun  sehe,  wie  dieser  Gedanke  sich  durch  alle  Jahrtausende 
menschlichen  Denkens  hindurch  behauptet,  von  glanzenden  Tra- 
gern  immer  wieder  aufgegriffen,  verteidigt,  ausgebaut  wird,  so 
fuhle  ich  mich  geneigt,  zwei  grundverschiedene  Organisationen 
des  menschlichen  Geistes  anzunehmen,  deren  Erkenntnisgebiete 
strenge  gesondert  sind  und  die  einander  nichts  beweisen  noch  wi- 
derlegen  konnen:  eine  metaphysische  und  eine  materialistische. 
Und  da  ich  nun  weift,  dafi  ich  Partei  bin,  wage  ich  nicht  zu  urtei- 
len.  Ich  bin  zu  sehr  verstrickt  in  jene  objektive  Betrachtungsweise, 
die  Nietzsche  aus  einer  verkehrten  Anwendung  historischer  Stu- 
dien  herleitet  und  die  Paul  Bourget,  der  Rivale  Guy  de  Maupas- 
sants,  mit  dem  Namen  Dilettantismus  kennzeichnet.  Diese  dilet- 
tantische  Toleranz  gegeniiber  alien  Stil-  und  Gedankenrichtungen, 
wie  heterogen  sie  auch  seien,  macht  mir  das  Werk  Langes  zu  einer 
Quelle  des  Vergniigens.  Vielleicht  kommt  auch  dazu,  daft  es  mir 
so  viele  neue  Gebiete  des  Wissens  erschliefit  und  daft  ich  mich 


noch  in  jenem  ersten  Stadium  des  philosophischen  Denkens  be- 
finde,  welches  das  der  Verwunderung  ist.  Aber  selbst  wenn  der 
Materialismus  ein  Hemmschuh  aller  Vertiefung  und  alles  geistigen 
Aufschwunges  bildet,  mein  Freund,  bedeutet  es  ein  so  trostloses 
Symptom,  daft  er  «das  Hochste  ausspielt,  was  man  von  seiner  trei- 
benden  Kraft  vermuten  konnte»  -?  Wenn  ein  Prinzip,  das  im  Stil- 
len  lange  fortgewirkt  hat,  endlich  zur  Herrschaft  gelangt  und  sich 
auslebt  bis  in  seine  auftersten  Konsequenzen,  darf  man  nicht,  wie 
man  es  im  Leben  des  Einzelnen  erwartet,  auch  von  der  Menschheit 
hoffen,  daft  sie  es  dadurch  iiberwindet,  dariiber  hinauskommt  -? 
Ware  es  zu  gewagt,  aus  so  vielen  Analogien  einer  Fortentwicklung 
in  Reaktionen  zu  schlieften,  daft  auch  die  Menschheit  einer  neuen, 
glanzenden  Epoche  geistigen  Aufschwunges  entgegengeht  -? 
Ohne  diese  Uberzeugung  ware  ja  das  Leben  in  dieser  Epoche  des 
Niederganges  nicht  zu  ertragen!  Ich  finde  eine  trostliche  Bestati- 
gung  meiner  Hoffnung  in  jenem  indischen  Gedanken,  daft  die 
Bahn  der  Menschheit  in  einer  Spirale  um  einen  einseitig  beleuchte- 
ten  Kegel  lauft,  so  daft  sie  ewig  aus  Licht  in  Finsternis,  aus  Finster- 
nis  zum  Lichte  sich  fortbewegt.  Und  ihr  scheinbarer  Niedergang 
ist  nur  eine  Vorbereitung  zu  einer  hoheren  Stufe  der  Entwicklung. 
Die  Beschranktheit  der  materialistischen  Lehrsatze  erscheint  mir 
wie  die  Orientierung  eines  im  Dunklen  nach  den  nachsten  Gegen- 
standen  Tappenden,  der  sich  auf  die  groben  Wahrnehmungen  des 
Tastsinnes  beschranken  muft,  weil  ihm  das  Licht  fehlt,  das  dem 
hoheren  Sinn  des  Gesichtes  erst  einen  Spielraum  gewahrt.  Aber 
macht  uns  nicht  die  Gewiftheit,  daft  es  wieder  Tag  werden  wird, 
auch  die  Nacht  zur  Freundin?  Und  liegt  nicht  ein  geheimnisvolles 
Gliick  darin,  die  Morgenrote  zu  ahnen  und  zu  erwarten?  Sich  im 
Widerspruch  gegen  die  herrschende  Weltanschauung  selbstandig 
zu  entfalten,  betrachte  ich  als  einen  Vorzug,  den  nur  die  edelsten 
Geister  besitzen;  und  Ihr  Haft  gegen  den  Materialismus,  mein 
Freund,  ist  nur  eine  Biirgschaft  fixr  meinen  liebsten  Glauben  -  den 
Glauben  an  die  Zukunft  der  abendlandischen  Menschheit  -,  wie  er 
mir  eine  Biirgschaft  Ihrer  eigenen  groften  Zukunft  ist.  So  bestatige 
ich  selbst,  was  ich  doch  gerne  leugnen  mochte:  dort,  wo  man  tatig, 
wirkend,  machtig  sein  will,  darf  man  nicht  objektiv  sein.  Ich 
komme  immer  mehr  zur  Einsicht,  daft  das  Streben  nach  Objektivi- 
tat  im  Indifferentismus  endigt  und  daft  schlieftlich  die  Reflexion 
das  Handeln  unmoglich  macht.  Sie  geben  das  nicht  zu;  und  ich 


frage  mich  bestandig:  gibt  es  einen  Zustand,  in  welchem  die  Im- 
pulse des  Handelns  aus  einer  tieferen  Welteinsicht  entspringen, 
oder  ist  jeder  Handelnde  gezwungen,  in  einer  parteiischen  Ver- 
blendung  fur  die  eigene  Sadie,  die  eigene  Meinung  befangen  zu 
bleiben  -?  Fiihrt  uns  der  Wunsch  nach  hoherem,  intensiveren  Be- 
wufttsein,  der  uns  antreibt,  uns  in  das  Geheimnis  des  eigenen  Ichs 
zu  versenken,  notwendigerweise  aus  der  Welt  des  Handelns  hin- 
weg  in  eine  Welt  der  Betrachtung,  zwischen  welchen  es  keine  Ver- 
mittlung  gibt?  Es  kommt  mir  vor,  als  hatte  ich  auf  diesem  Wege 
alle  urspriingliche  Tatkraft,  alle  Initiative  eingebiiftt.  Aber  viel- 
leicht  suche  ich  den  Fehler  in  der  Methode,  dessen  Ursache  in  der 
individuellen  Anlage  liegt. 

16.  Oktober  1890 

Nach  unaufzahlbaren  Unterbrechungen,  welche  dieser  Brief  er- 
fahren  hat,  lieber  Freund,  mochte  ich  mit  seiner  Absendung  nicht 
langer  zogern.  Lassen  Sie  mich  Ihnen  deshalb  nur  noch  sagen,  daft 
Sie  mir  mit  Ihrem  Briefe  eine  grofte,  innige  Freude  bereitet  haben. 
Allerdings  hat  mir  die  Schilderung  Ihrer  Einsamkeit  eine  ebenso 
grofte  Trauer  verursacht.  Es  ist  ja  trostlos,  daft  wir  Sie  hier  so  sehr 
vermissen  und  Sie  in  Weimar  sich  so  allein  fuhlen!  Deshalb  hat 
mich  Ihre  Versicherung,  daft  Sie  oft  meiner  gedachten,  wenn  ein 
Gedanke  Sie  beschaftigt,  mit  einer  jener  seltsamen  Empfindungen 
erfiillt,  von  denen  man  nicht  weift,  ob  sie  Gluck  oder  Schmerz 
sind.  Denn  die  Lucke,  welche  Ihr  Scheiden  in  meinem  Leben  hin- 
terlassen  hat,  wird  mir  taglich,  stiindlich  fuhlbar,  bei  alien  den 
zahllosen  Punkten  des  Nachdenkens,  wo  Unsicherheit,  Zweifel, 
Verwirrung,  Unruhe  den  Wunsch  nach  dem  unersetzlichen  Gluck 
der  freundschaftlichen  Mitteilung  erwecken,  das  Sie  mir  geboten 
haben.  Je  langer  Sie  feme  sind,  mein  teurer  Freund,  desto  undenk- 
barer  wird  es  mir,  daft  Sie  feme  bleiben  sollen. 

Uber  die  darstellende  Geometrie,  der  sich  Lino  in  die  Arme 
geworfen  hat,  kann  ich  Ihnen  leider  wenig  Gutes  berichten.  Er 
wurde  zum  Suppleanten  in  diesem  Gegenstande  mit  tausend  Gul- 
den Gehalt  ernannt  und  zwar  vorlaufig  auf  ein  Jahr.  Seine  Ernen- 
nung  wurde  in  der  Inaugurationsrede  des  abtretenden  Rektors,  in 
welcher  alle  ahnlichen  Anderungen  erwahnt  zu  werden  pflegen,, 
verschwiegen,  obwohl  dieselbe  schon  herabgelangt  war,  wie  ihm 


der  Kanzleidiener  nach  der  Inauguration  mitteilte.  Sie  wurde  erst 
einige  Tage  spater  ihm  und  den  Studenten  bekanntgegeben.  Zu 
dieser  Zeit  hatten  die  Einschreibungen  der  Horer  bei  den  Profes- 
soren  schon  stattgefunden,  so  daft  sich  bei  Lino  nur  zehn  Horer 
meldeten,  wahrend  bei  Professor  Staudigl,  zu  dessen  Entlastung 
angeblich  diese  Parallellehrkanzel  geschaffen  wurde,  ihrer  hun- 
dertsechzig  sind.  Dazu  kommt,  daft  dieser  fruher  zwei  Assistenten 
hatte,  wahrend  er  jetzt  einen  derselben  der  neugeschaffenen  Lehr- 
kanzel  iiberlieft.  Zu  alien  diesen  verkehrten  und  verfehlten  Ein- 
richtungen,  die  sich  als  auftere  Hindernisse  entgegenstellen,  gesellt 
sich  eine  innere  Schwierigkeit,  die  ich  selbst,  wiewohl  ich  sie  aus 
Erfahrung  hatte  kennen  sollen,  im  voraus  nicht  geniigend  erwogen 
habe:  Linos  Gewissenhaftigkeit.  Diese  Gewissenhaftigkeit,  die  ihn 
bestandig  mit  selbstqualerischen  Zweifeln  plagt,  ist  eine  schwere 
Biirde,  die  er  heimlich  in  alien  Lebenslagen  mit  sich  schleppt.  «Das 
hatte  ich  viel  besser  machen  sollen,  andere  hatten  das  weit  besser 
gemacht  als  ich»  -  dieses  lahmende  Bedenken  verlaftt  ihn  nicht, 
weder  bei  der  Arbeit,  noch  selbst  im  Verkehre  mit  seinen  Freun- 
den.  Ich  allein  weift,  wieviel  schone  und  wxeviel  verhangnisvolle 
Phanomene  seines  Wesens  aus  dieser  Quelle  herzuleiten  sind.  Und 
nun  verbringt  er  schlaflose  Nachte  und  peinvolle  Tage  in  dem  Ge- 
danken,  daft  er  seine  Vortrage  nicht  gut,  nicht  selbstandig  genug 
arbeitet,  daft  es  eine  Frivolitat  war,  eine  Lehrkanzel  an  einer  Hoch- 
schule  mit  jemandem  zu  besetzen,  der  kein  Fachmann  ist,  und  so 
fort.  Und  alle  meine  Vorstellungen,  daft  man  doch  von  einem 
Praktiker,  von  einem  Architekten,  dem  man  kaum  zwei  Monate 
Zeit  gelassen  hat,  sich  mit  dem  Gegenstande  naher  zu  beschafti- 
gen,  unmoglich  eine  selbstandige  Leistung  erwarten  konne,  daft 
seine  Aufgabe  doch  nur  darin  bestehe,  seine  Vortrage  leicht  faftli- 
cher,  praktischer  zu  gestalten  als  der  Fachmann  -  alle  diese  Vor- 
stellungen bleiben  wirkungslos. 

Der  machtige  Eck  ist  gegenwartig  als  mannliches  Familienober- 
haupt  stark  in  die  Sphare  des  burgerlichen  Familienlebens  herab- 
gezogen  worden.  Die  Hochzeit  seiner  Schwester  findet  iibermor- 
gen  statt.  Er  ist  aus  diesem  Anlaft  in  die  Notwendigkeit  geraten, 
sich  einen  Frack  anzuschaffen  -  eine  Situation,  die  ihm  neu  ist, 
weil  er  den  Hochzeiten  seiner  alteren  Schwester  noch  in  der  Uni- 
form des  Wagnervereins  beiwohnte.  Er  ist  im  allgemeinen  kein 
Enthusiast  der  Familienfreuden,  wie  Sie  wissen,  iiberdies  ein 


Gegner  der  Orthodoxie,  namentlich  der  judischen.  Nun  sind  aber 
die  kiinftigen  Schwiegereltern  seiner  Schwester  so  streng  koscher, 
dafi  sie  das  Hochzeitsmahl  von  eigens  beigestellten,  koscheren 
Vertrauenskochinnen  zubereitet  wiinschen.  Uber  diese  Zumutung 
geriet  Eck  in  einen  so  machtigen  Zorn,  dafi  er  sich  bis  zu  dem 
Ausspruch  verstieg,  er  werde  sich  bei  diesem  Festmahl  vom  Vege- 
tarianismus  emanzipieren  und  in  eklatanter  Weise  einen  Schinken 
verzehren. 

Ich  sende  Ihnen  eine  leider  nicht  besonders  gegluckte  Photogra- 
phic Mariens  -  welche  morgen  die  Bellevue  verlafSt,  um  ihr  Win- 
terquartier  zu  beziehen  —  und  die  versprochene  meine.  Und  zwar 
hauptsachlich,  um  Sie  an  ein  unerfullt  gebliebenes  Versprechen 
von  Ihrer  Seite  zu  erinnern. 

Vergonnen  Sie  bald  wieder  ein  Stiindchen  Zeit 

Ihrer  Sie  aufrichtig  verehrenden 
Rosa  Mayreder 

Herzlichste  Grufte  von  alien  Seiten,  in  erster  Linie  von  Lino. 


260.  AN  FRIEDRICH  ECKSTEIN 

Weimar,  [Ende]  Oktober  1890 

Liebster  Freund! 

Ich  hatte  Ihnen  vieles  mitzuteilen.  Dies  soli  in  allernach- 
ster  Zeit  geschehen.  Heute  aber  verzeihen  Sie  mir,  wenn  ich 
mit  einer  Bitte  komme.  In  Goethes  «Braut  von  Korinth», 
fiinfte  Strophe  vom  Ende  (Zeile  i66-6y)  heifit  es: 

«Salz  und  Wasser  kiihlt 
Nicht,  wo  Jugend  fuhlt.» 

Sie  kennen  gewifi  die  symbolische  Bedeutung  von  «Salz 
und  Wasser ».  Ich  bitte  Sie  nun,  mir  die  Gefalligkeit  zu  er- 
weisen,  mir  moglichst  rasch  dariiber  Auskunft  zu  geben. 
Die  Geschichte  ist  mir  momentan  sehr  wichtig. 


Wie  allein  und  unverstanden  ich  mich  hier  ftihle,  davon 
konnen  Sie  sich  schwerlich  einen  Begriff  machen.  Seit  ich 
von  Wien  fort  bin,  konnte  ich  noch  mit  niemanden  ein  ver- 
niinftiges  Wort  sprechen. 

In  Treuen 
Ihr  Steiner 

26l.  AN  JOSEPH  KURSCHNER 

Weimar,  2.  November  1890 
Hochgeschatzter  Herr  Professor! 

Je  mehr  ich  von  dem  wissenschaftlichen  Nachlasse  hier 
in  Weimar  kennenlerne,  desto  klarer  bestatigt  sich  mir  alles, 
was  ich  in  meinen  Einleitungen  ausgefuhrt  habe.  Wenn  die 
hinterlassenen  Schriften  von  mir  redigiert  erscheinen  wer- 
den,  dann  werden  sie  Stuck  fur  Stuck  schwerwiegende  Be- 
weisgriinde  fur  meine  Auffassung  sein.  Das  gewagteste 
Stuck  innerhalb  dieser  Auffassung  ist  jedenfalls  die  Einlei- 
tung  zum  dritten  Bande.  Aber  ich  sehe  alien  Angriffen  mit 
gutem  Mute  entgegen,  denn  ich  glaube,  die  Gegner  dieser 
Auffassung  werden  sonderbare  Augen  machen,  wenn  ihnen 
der  Nachlafi  vorliegen  wird.  Dieser  kann  nur  in  der  aller- 
gUnstigsten  Weise  auf  unsere  Ausgabe  zuruckwirken.  Ich 
werde  mich  ja  auch  sachlich  durchaus  immer  auf  meine  Ein- 
leitungen in  der  National-Literatur  beziehen  miissen.*  Ich 
bitte  Sie  nun  aber  dieses  durchaus  als  Mitteilung  vertrau- 
lichster  Natur  zu  betrachten. 

Zugleich  nehme  ich  bei  dieser  Gelegenheit  abermals  An- 
lafi  Ihnen  zu  sagen,  wie  hoch  ich  den  Umstand  anschlage, 
daft  Sie  mir  bei  meinen  Arbeiten  und  bei  meiner  Anschau- 
ung  in  solch  unbefangener  und  wohlwollender  Weise  entge- 
genkommen.  Haben  Sie  besten  Dank  dafiir.  Ich  weifi  diese 


Dies  werde  ich  gegen  alle  Einwande  durchsetzen. 


Hire  Gesinnung  mir  gegemiber  zu  schatzen  und  werde  sie 
irnmer  zu  schatzen  wissen. 

Den  4.  Band  erhalten  Sie  druckfertig  unbedingt  bis  12. 
November.  Sie  konnen  darauf  rechnen,  denn  ich  bin  jetzt 
doch  in  besserer,  arbeitsmoglicher  Lage.  Verzeihen  Sie  die 
abermalige  Verzogerung,  aber  rechnen  Sie  mit  Bestimmt- 
heit  fur  den  12.  November  darauf. 

Ich  hoffe  demnachst  einen  Aufsatz  erscheinen  lassen  zu 
konnen,  der  auf  meinen  3.  und  4.  Band  hinweist.  Was  auch 
von  seiten  der  Naturforscher  vorgebracht  werden  mag:  ich 
bin  meiner  Sache  gewiE  und  werde  die  Wahrheit  vertei- 
digen. 

In  vollster  Hochschatzung 
Ihr  treu  ergebener 

Rudolf  Steiner 

NB:  Bitte  zu  berucksichtigen,  dafi  meine  Adresse  ist: 

Weimar,  Junkerstra£e  12,  2.  Treppe 


262.  FRIEDRICH  ECKSTEIN  AN  RUDOLF  STEINER 

Wien,  3.  November  1890 

Lieber  Steiner! 

Vielen,  vielen  Dank  fur  Ihre  beiden  lieben  Briefe,  die  mich  und 
unseren  Kreis  ungemein  gefreut  und  angeregt  haben.  Besonders 
die  Gedichte  aus  dem  West-Ostlichen  Divan,  die  Sie  uns  empfoh- 
len  haben,  sind  von  uberraschender  Tiefe. 

Ich  will  gleich  auf  den  Gegenstand  Ihrer  Frage  ubergehen. 

«Salz  und  Wasser  kuhlt 
Nicht,  wo  Jugend  fuhlt.» 

Urn  die  Stelle  richtig  zu  verstehen,  mufi  man  sie  im  Zusammen- 
hang  mit  dem  ganzen  Gedicht  betrachten.  Der  Inhalt  des  Gedich- 
tes  scheint  mir  esoterisch  gesehen  der  folgende:  Die  Braut  ist  der 
Geschlechtstrieb,  das  aufiere  Liebesbediirfnis  zwischen  Mann  und 


Weib.  Dieses  war  im  klassischen  Altertum  ein  ganz  harmonisches 
und  mit  der  antiken  Religion  tief  verwachsenes,  welches  nicht  als 
«unrein»  bezeichnet  worden  war,  zum  Beispiel  Phallizismus.  Erst 
das  Christentum  mit  seinen  asketischen  und  unterdriickenden 
Prinzipien  hat  den  freien  sexuellen  Verkehr  gestort,  aber  es  konnte 
dies  nur  ganz  aufierlich  tun.  Bei  Tag  war  der  Mensch  Christ,  aber 
bei  Nacbt,  das  heifk  im  Unbewufiten,  wenn  der  Verstand  ermudet 
hinsinkt,  dann  kommen  heimlich  die  Grundinstinkte  wieder  her- 
auf  «aus  dem  Grabe»  und  verlangen  ihr  Recbt.  Salz  und  Wasser 
sind  die  beiden  Hauptsymbole  des  Christentums,  und  eine  ka- 
tholische  Taufe  ist  eigentlich  nicht  vollstandig,  wenn  dem  Tauf- 
ling,  nachdem  er  mit  dem  Taufwasser  begossen  worden,  nicht 
noch  einige  Kbrner  Salz  auf  die  Xunge  gelegt  werden,  wahrend  der 
Priester  die  liturgischen  Worte  spricht:  «Accipe  salem  sapientiaey 
ut  habeas  vitam  aeternam.»  Amen.  —  (Rituale  Romanum). 

Vergleichen  Sie  damit  das  16.  Kapitel  aus  dem  Propbeten  Eze- 
chiel.  Was  die  esoterische  Bedeutung  von  Salz  und  Wasser  bedeu- 
tet,  ist  sehr  schwer  mitzuteilen:  Wasser  reinigt  den  menschlichen 
Augiasstall.  Herkules  leitet  den  Eurotas  durch  den  Augiasstall. 
Warum  Heracles?  Warum  ev  Qcoxag?  Warum  Augiasstall?  Lesen 
Sie  in  der  Bibel  alle  Stellen  iiber  die  « Wasser  des  Lebens»,  Noah 
etc.  und  iiber  den  «Regen»,  ferner  Goethes  Gedicht  «Legende»: 
«Wasser  holen  ging»  etc.,  ein  «Gedicht,  welches  die  grofiten  Ge- 
heimnisse  des  Daseins  enthalt».  Ferner  vergleichen  Sie  den  Schlufi 
des  Marchens  von  der  Schlange,  wo  es  in  die  Kuppel  des  Tempels 
regnet. 

Salz  ist  ein  uraltes  Symbol  der  geistigen  Auferstehung  und  der 
Unsterblichkeit.  Salz  entsteht,  wenn  Holz  verbrannt  wird  und  die 
Ascbe  ausgelaugt  wird.  Das  Salz  ist  die  Materie,  die  verklart  ist 
und  nur  mehr  dem  reinen  mathematischen  Gesetz  der  Spharen 
gehorcht;  alles  Unreine  in  der  Mutterlauge  zuriicklassend.  Aufter- 
dem  bewahrt  es  das  Fleisch  vor  Faulnis.  -  Gott  hat  mit  den  Aus- 
erwahlten  einen  Salzbund  geschlossen,  heifit  es  in  der  Bibel.  - 

Es  ware  daruber  noch  sehr  vieles  zu  sagen.  Ich  schreibe  Ihnen 
bald  wieder  einmal.  Vorlaufig  aber  griifie  ich  Sie  aufs  herzlichste 
in  meinem  Namen  und  dem  des  ganzen  Freundeskreises.  Es  griiftt 
Sie  nochmals  besonders 

Ihr  getreuer 
Machtiger  Eck 


263.  AN  RICHARD  SPECHT 


Weimar,  5.  November  1890 

Mein  lieber  Freund! 

Eben  erinnere  ich  mich,  dafi  ich  das  Heft  der  «Deutschen 
Dichtung»,  das  das  Datum  «Oktober»  tragt  und  um  das  ich 
Sie  in  meinem  gestrigen  Briefe  bat,  noch  in  Wien  bei  Ihnen 
gesehen  habe,  und  ich  kann  mich  nicht  erinnern,  daft  das 
von  mir  Gesuchte  drinnen  war.  Vermutlich  ist  es  also  in 
dem  noch  im  Oktober  erschienenen  Novemberheft.  Ich 
bitte  Sie  also,  wenn  moglich,  mir  die  beiden  letzten  Hefte 
fur  einen  Tag  zu  senden.  Sie  erhalten  Sie  gleich  wieder 
zuriick. 

Ihr 
Steiner 

264.  JOSEPH  KURSCHNER  AN  RUDOLF  STEINER 

Stuttgart,  8.  November  1890 

Sehr  geehrter  Herr! 

Empfangen  Sie  meinen  besten  Dank  fur  Ihren  so  erfreulichen 
Brief.  Ich  bin  vom  ersten  Augenblick  an,  als  ich  Ihr  Manuskript 
zu  Goethes  naturwissenschaftlichen  Schriften  in  die  Hande  bekam 
und  die  Korrektur  mit  der  grofken  Aufmerksamkeit  las,  der  Uber- 
zeugung  gewesen,  daft  Sie  in  der  Beurteilung  dieses  Teiles  der 
Goetheschen  Tatigkeit  entschieden  eine  Ziel  gebende  Bedeutung 
erlangen  wiirden,  und  ich  freue  mich  lebhaft,  aus  Ihrem  Briefe  zu 
vernehmen,  da£  Ihre  Forschungen  in  Weimar  Ihnen  die  Richtig- 
keit  Ihrer  Annahme  bestatigen.  Wenn  Sie  mir  personlich  auch  viel 
Gutes  sagen,  so  wollen  Sie  es  nicht  als  eine  einfache  Wiederholung, 
sondern  als  den  Ausdruck  der  Uberzeugung  entgegennehmen, 
wenn  ich  Ihnen  sage,  dafi  es  mir  eine  freudige  Genugtuung  gewe- 
sen ist,  mit  einem  Manne  zusammenarbeiten  zu  konnen,  der  den 
grofken  deutschen  Dichter  in  so  hervorragender  Weise  in  einer  am 
langsten  im  Schatten  gebliebenen  Seite  erkannt  hat. 


Daft  ich  den  4.  Band  der  naturwissenschaftlichen  Schriften  bis 
12.  November  erhalten  soil,  hore  ich  mit  Freuden.  Mochte  Ihre 
Zusage  in  Erfullung  gehen.  Ich  werde  dann  den  Druck  unverziig- 
lich  beginnen  lassen. 

In  vorzuglicher  Hochachtung 
Ihr  ergebenster 

Kiirschner 


265.  AN  PAULINE  SPECHT 

Weimar,  22.  November  1890 
Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Sie  haben  mir  iiber  Ihre  lieben  Kinder  sehr  gute  Mittei- 
lungen  gemacht  und  mir  damit  eine  grofte  Freude  gemacht. 
Haben  Sie  herzlichen  Dank  dafur.  Sie  haben  es  wohl  oft 
sehen  konnen,  daft  ich  mit  nicht  gewohnlichen  Banden  an 
Ihren  Kindern,  namentlich  an  Otto,  hange,  und  werden  es 
mir  daher  gewift  nicht  versagen,  mich  auch  fernerhin  auf 
dem  laufenden  in  dieser  Beziehung  zu  halten.  Wenn  man 
wirklich  sagen  kann,  daft  ich  bei  Otto  etwas  geleistet  habe, 
dann  -  glauben  Sie  mir  dies  -  zahle  ich  dies  jedenfalls  zu 
meinen  besten  Leistungen.  Und  der  Mensch  hat  doch  in 
seinen  Leistungen  seine  Daseinsfreude. 

Mit  Ihren  Mitteilungen  iiber  Ihre  Kinder  haben  Sie  wohl 
auch  die  Giite,  mir  sonstiges  mitzuteilen,  was  Ihr  von  mir 
so  geschatztes  Haus  bewegt.  Richard  hat  Ihnen  ja  wohl  aus 
seinen  Briefen  mitgeteilt,  dafi  ich  hier  ganz  von  der  Erinne- 
rung  leben  mufi.  Doch  ich  will  nicht  wieder  in  den  alten 
Klageton  verfailen,  habe  ich  doch  neuerdings  wieder  Anlafi 
genug  zu  Verdrufi  und  Verstimmung.  Jene  bose  Geschichte 
mit  der  «Kohlengasse»  statt  der  «Kolingasse»  hat  tatsach- 
lich  verursacht,  daft  meine  zweite  Kiste  erst  am  16.  Okto- 
ber,  d.  i.  nach  dem  fur  mein  Erscheinen  bestimmten  Tage 
an  Ort  und  Stelle  anlangte,  so  daft  ich  jetzt  -  was  ich  ganz 


und  gar  nicht  voraussetzte  -  warten  mufi,  bis  mir  neuer- 
dings  ein  Termin  offiziell  bestimmt  wird.  Ich  sagte  Ihnen 
bereits  in  Wien,  wie  gerne  ich  die  ganze  Geschichte  abgetan 
und  vom  Halse  hatte,  und  nun  diese  Verzogerung!  Ich  bin 
sehr  verstimmt  dariiber.  Den  mir  mittlerweile  schon  zu  obi- 
gem  Zweck  erbetenen  Urlaub  bemitze  ich  nun,  um  in  Leip- 
zig Studien  fur  meine  «  Asthetik»  zu  machen.  Die  Arbeit  ist 
es  ja  doch  allein,  die  mich  hier  aufrecht  erhalt.  Ich  fahre 
heute  abends  nach  Leipzig  ab.  Hier  bin  ich  namlich  auch 
fast  ganz  ohne  literarische  Behelfe.  Die  Grofiherzogliche 
Bibliothek  hat  fast  nur  philologische  und  literargeschichtli- 
che  Werke.  Sie  sehen  also,  da£  ich  moglichst  viel  entbehre. 

Ich  glaube,  ich  habe  Richard  bereits  mitgeteilt,  daft  ich 
die  Absicht  habe,  bald  nach  dem  Erscheinen  des  ersten  von 
mir  bearbeiteten  Goethebandes  der  Weimarer  Ausgabe  mit 
einem  Buch  «Goethe-Philosophie»  aufzutreten,  fur  das  nun 
auch  schon  fur  einen  Verleger  gesorgt  ist.  Auch  die  Unter- 
stiitzung  der  Groftherzogin  ist  halb  und  halb  dafiir  gewon- 
nen.  Sie  glauben  nur  gar  nicht,  wie  wenig  Suphan,  der 
Goethepapst,  von  all  diesen  Dingen  versteht  und  wie  das 
auch  meine  Arbeiten  im  Archiv  erschwert.  Dieser  Mann  ist 
gegen  mich  ganz  eigentumlich.  Er  gibt  mir  alle  seine  Arbei- 
ten zum  Durchlesen,  gibt  alles  auf  mein  Urteil,  sucht  mich 
iiberall;  und  mir  fehlt  doch  das  Vertrauen  zu  ihm.  Sollte  ich 
sagen,  wovon  das  abhangt,  so  wiirde  mir  das  wohl  schwer, 
denn  diese  Dinge  sind  zumeist  ganz  und  gar  eine  Sache  der 
unmittelbaren  Empfindung.  Ich  ziehe  mich  hier  so  zuriick, 
wie  dies  nur  irgend  angeht.  MuE  ich  doch  einmal  in  Gesell- 
schaft  gehen,  dann  empfinde  ich  nachher  einen  unbe- 
schreiblichen  Ekel  vor  den  holzernen  Menschen  ohne  Kern 
und  Seele.  Man  kann  anklopfen,  wo  man  will:  man  stoftt 
iiberall  nur  auf  niichternen  Verstand,  kalte  Berechnung.  Die 
schonen  Stunden,  die  ich  mit  Rudolf  Schmidt,  dem  dani- 
schen  Dichter,  der  vier  Wochen  hier  war,  verbrachte,  sind 
nun  auch  vorbei!  Das  ist  ein  geistvoller,  von  hohen  Interes- 
sen  getragener  Mann,  der  fur  mich  hier  eine  wahre  Erquik- 


kung  war.  Ich  bekam  durch  ihn  auch  einen  genauen  Ein- 
blick  in  die  geistigen  Verhaltnisse  Danernarks,  die  mich  sehr 
interessierten. 

Und  nun  nochmals  meinen  tiefsten,  warmsten  Dank  fur 
Ihre  Mitteilungen  und  die  Bitte,  mir  die  Freude  auch  ferner- 
hin  zu  machen,  mich  iiber  Ihre  Angehorigen  zu  unter- 
richten. 

Ihrer  Frau  Mutter  meinen  Handkufi,  Ihrer  Frau  Schwe- 
ster,  Ihrem  Manne,  den  Kindern  (Hansl)  meine  herzlichst 
aufrichtigsten  Griifie!  Ich  bitte  jedermann,  der  mir  schreibt, 
um  Nachricht,  wie  es  meinem  geliebten  Hans  geht.  Den 
Kindern  antworte  ich  auf  ihre  Briefe  alsbald.  Arthur  soil 
mir  nicht  bose  sein,  dafi  ich  ihm  noch  gar  nicht  geschrieben. 
Richard  bitte  ich  zu  sagen,  dafi  ich  ihm,  falls  ich  heute  vor 
meiner  Abreise  nicht  mehr  zum  Schreiben  komme,  entwe- 
der  von  Leipzig  aus  oder  gleich  nach  meiner  Riickkunft 
(Donnerstag  friih)  schreibe.  Die  Zeitungen,  fur  die  ich  be- 
stens  danke,  sende  ich  aber  noch  heute  zuriick. 

Damit  in  auf  richtiger  Hochschatzung 

Ihr 

Steiner 


266.  AN  RICHARD  SPECHT 

Weimar,  30.  November  1890 

Mein  lieber  Freund! 

Vorerst  einige  Worte  iiber  die  beiden  Gedichte,  die  Sie 
mir  zu  meiner  besonderen  Freude  einsandten.  Ich  finde  das 
eine:  «Endlich»  formvollendeter,  das  andere:  «Wir  beide» 
tiefer  und  vielsagender.  Durfte  ich  Ihnen  einen  Rat  geben, 
so  ware  es  der,  in  dem  ersten  die  Zeile:  «Ja,  auch  du  kannst 
innig  warm  empfinden»  etwas  abzuandern.  Diese  Worte 
storen  den  Schwung  des  Ganzen.  Der  Satz  hat  seine  psy- 


chologische  Berechtigung,  wenn  man  annimmt,  dafi  der 
Empfindende  (d.  h.  der  Schreiber  des  Gedichtes,  nicht  der, 
an  den  es  gerichtet  ist)  zu  der  gliicklichen  Uberzeugung  der 
ausgesprochenen  Tatsache  spontan  kommt,  mit  der  Vor- 
aussetzung,  daft  er  an  dieser  Tatsache  nie  gezweifelt  hat,  ja 
daft  er  ein  ausschliefiliches  Gluck  in  dieser  Tatsache  findet. 
Ein  solches  ausschliefiliches  Gluck  wird  aber  wenig  gut  mit 
den  Worten  gekennzeichnet:  «auch  du».  Das  mir  Anstofiige 
liegt  in  dem  Wortchen:  auch,  das  eben  der  Ausschliefilich- 
keit  entgegenstrebt.  Ich  habe  Ihr  sonst  mir  sehr  sympathi- 
sches  Gedicht  in  verschiedenen  (voneinander  entfernt  lie- 
genden)  Zeiten  gelesen  und  wieder  gelesen,  und  ich  mu$ 
sagen:  dieses  auch  war  meiner  Empfindung  zuwider,  ja  fur 
sie  verletzend.  Ich  komme  zu  dem  anderen  Gedicht:  «Wir 
beide».  Nachdem  ich  mir  die  Sache  wiederholt  iiberlegt 
habe,  komme  ich  zu  dem  Schlusse:  ob  es  nicht  am  besten 
ware,  die  erste  (zweizeilige)  Strophe  iiberhaupt  wegzulas- 
sen.  Wozu  diese  unnotige  Reflexion  als  Einleitung  eines 
Empfindungsvorganges  ?  Ich  verstehe  wenigstens  auch  ohne 
diese  Zeilen  alles. 

Sie  werden  gewift  diese  Ausstellungen  nicht  anders  denn 
als  Fortsetzung  unserer  manchmal  so  heftigen  Debatten 
uber  Ihre  dichterischen  Schopfungen  nehmen  und  als  Be- 
weis,  dafi  mein  Interesse  an  Ihren  Arbeiten  das  gleiche  ge- 
blieben  ist. 

Nun  zu  etwas  anderem.  Ich  bin,  einem  alten  Prinzipe 
(d.  i.  Gewohnheit)  getreu,  etwas  spater  von  Leipzig  zu- 
ruckgekommen.  Diesmal  freilich  ohne  Schuld,  weil  die  Ei- 
senbahnverbindung  wegen  Hochwassers  vollig  abgesperrt 
war.  Mir  war  das  eigentlich  personlich  gar  nicht  unange- 
nehm,  denn  ich  habe  dadurch  meine  Arbeiten  um  ein  we- 
sentliches  vorwartsgebracht.  Meine  «Asthetik»  geht,  wie 
Sie  sich  denken  konnen,  nicht  von  Seite  i  bis  .  .  .  weiter, 
sondern  ich  arbeite,  je  nachdem  mir  dieses  oder  jenes  nahe- 
liegt,  ein  oder  das  andere  Kapitel  aus,  auf  daft  sich  dann  das 
Ganze  zusammenschliefte.  Gegenwartig  beschaftigt  mich 


die  «Idee  des  Tragischen»  und  das  «Prinzip  des  Naturalis- 
mus  in  der  Kunst».  Wenn  Sie  mir  schreiben,  daft  und  wann 
Ihnen  das  recht  ist,  schicke  ich  Ihnen  dieses  letztere  Kapitel 
zum  Durchlesen.  Ich  hoffe,  es  in  etwa  acht  Tagen  beendet 
zu  haben. 

Meine  «Marchen»-Exegese  habe  ich  vorlaufig  zuriickle- 
gen  miissen,  weil  mir  in  der  Lektiire  etwas  sehr  Wichtiges 
aufgestofien  ist,  das  ich  noch  gehorig  durcharbeiten  mufi, 
bevor  ich  weiter  kann.  Dariiber  kann  ich  aber  jetzt  noch 
gar  nichts  wei teres  sagen.  Soviel  ist  sicher:  Goethes  games 
Glaubensbekenntnis  liegt  in  diesem  Marchen,  -  und  man 
kann  es  nicht  erklaren,  ohne  gewisse  Dinge  durchgemacht 
zu  haben,  die  in  der  Zeit  von  1790- 1820  in  Deutsch- 
land  still  und  unsichtbar  sich  abspielten.  Ich  bin  auf  einer 
ganz  besonderen  Spur.  Doch  davon  zu  Ostern  mundlich 
mehr. 

Auf  meinem  Tische  liegen  wohl  drerftig  oder  mehr  Schrif- 
ten  iiber  Fichte.  Ich  mochte  sehr  gerne  zu  dem  Schriftstel- 
ler-Jubilaum*  dieses  von  mir  immer  hoher  geschatzten  Gei- 
stes  etwas  Grundliches  zustande  bringen.  Heute  fruh  hat 
mich  eine  Stelle  von  ihm  geradezu  in  Entziickung  gebracht: 
«Denn  das  Leben  ist  Liebe,  und  die  ganze  Form  und  Kraft 
des  Lebens  besteht  in  der  Liebe  und  entsteht  aus  der  Liebe.  - 
Ich  habe  durch  das  soeben  Gesagte  einen  der  tiefsten  Satze 
der  Erkenntnis  ausgesprochen,  der  jedoch,  meines  Erach- 
tens,  jeder  nur  wahrhaft  zusammengefaftten  und  ange- 
strengten  Aufmerksamkeit  auf  der  Stelle  klar  und  einleuch- 
tend  werden  kann.  Die  Liebe  teilet  das  an  sich  tote  Sein 
gleichsam  in  ein  zweimaliges  Sein,  dasselbe  vor  sich  selbst 
hinstellend,  und  es  vereiniget  und  verbindet  innigst  die 
Liebe  das  geteilte  Ich,  das  ohne  Liebe  nur  kalt  und  ohne 
alles  Interesse  die  Welt  anschauen  wiirde.»  Wer  so  etwas 
nicht  tot  mit  dem  Verstande  versteht,  sondern  lebendig  zu 
erfassen  vermag,  der  lebt  ein  ganz  eigenes  Leben.  Und  nur, 


*  Dezember  1891. 


wer  das  vermag,  der  versteht  die  Freiheit,  die  ich  so  gerne 
zum  Angel-  und  Einheitspunkt  meines  ganzen  Philosophie- 
rens  machen  mochte.  Es  1st  mir  ganz  merkwurdig,  wie 
Fichte  und  Goethe  von  zwei  Seiten  sich  hinanarbeiten  und 
auf  der  Hohe  sich  in  Vollkommenheit  begegnen.  Ich 
glaube,  meine  Zek  ganz  gut  zu  verstehen,  wenn  ich  sage: 
Fichtes  und  Goethes  Idealismus  mufi  in  einer  Art  Freiheits- 
philosophie  seine  letzte  Frucht  tragen.  Denn  das  Korrelat 
jenes  Begriffes  bei  beiden  ist  die  «Freiheit». 

Bei  meinen  obigen  Worten  «Vor  mir  liegen  wohl  dreifiig 
Schriften  iiber  Fichte»  hore  ich  Sie  fast  auflachen,  denn  nun 
denken  Sie:  das  mag  wohl  heillos  aussehen.  Ich  versichere 
Ihnen  aber:  es  sieht  bei  mir  jetzt  zumeist  so  «griindlich  ge- 
macht»  aus,  dafi  ich  verdriefilich  werden  konnte.  Mein  Auf- 
wartermadchen  -  oder  wie  so  etwas  heilk  -  raumt  so 
«grundlich»  zusammen,  daft  ich  oft  lange  suchen  mufi,  bis 
ich  etwas  finde.  Die  Biicher  ordnet  sie  natiirlich  sorgfaltig 
nach  der  Grofie.  Ich  darf  aber  gegen  diese  Ordnung  gar 
nichts  haben,  denn  hier  in  Weimar  geht  alles  in  strengster 
Ordnung,  und  es  wird  mir  «ordnungsgemafi»  jeder  Besuch 
erwidert,  den  ich  mache.  Und  sollte  ich  denn  auch  hier  «als 
der  schlampigste  Mensch»  gelten,  «den  es  gibt»!? 

Neulich  habe  ich  hier  die  Oper  «Der  Barbier  von  Bag- 
dad»  gesehen,  die  auftergewohnlich  interessant  ist.  Man  ist 
jetzt  auch  hier  gar  nicht  mehr  so  sprode  wie  damals,  als  die 
Oper  zum  ersten  Male  aufgefiihrt  wurde. 

Gegenwartig  gastiert  Fraulein  Haverland  hier,  deren 
kiinstlerische  Leistungen  fur  mich  nicht  ohne  Interesse 
sind.  Unter  aller  Kritik  jedoch  finde  ich  die  Theater  in  Leip- 
zig. Das  war  zum  Davonlaufen. 

Daft  Ihr  Gedicht,  von  Wagner  vorgetragen,  gefallen  hat, 
freut  mich  aufierordentlich.  Schicken  Sie  mir  doch,  wo 
moglich,  das  Gedicht. 

Mein  Urteil  iiber  Speidels  Feuilleton  miissen  Sie  nicht  se- 
ri6s  nehmen.  Sie  wissen  ja,  dafi  ich  «Die  Ehre»  selbst  nicht 
kenne,  sondern  nur  Stoff  und  Inhalt,  und  dafi  daher  meine 


Ansicht  iiber  eine  Kritik  daruber  moglicherweise  sehr  schief 
sein  kann.  Die  Geschichte,  die  Sie  in  Ihrem  Briefe  erzahlen, 
ist  immerhin  bemerkenswert. 

Uber  Bergers  Vortrag  schreibt  mir  auch  Schrder  Gutes. 
Bemerkenswert  ist,  was  in  dem  Feuilleton  der  «Neuen 
Freien  Presse»  von  gestern  iiber  das  Stuck  gesagt  ist.  Daft 
«Danae»  «lustig»  weitergeht,  freut  mich.  Nur  tut  es  mir 
leid,  daft  Sie  mir  so  gar  nichts  Naheres  daruber  schreiben. 
Warum  denken  Sie  aber  bei  einem  Drama  ans  Druckenlas- 
sen?  Seit  dem  Erfolge  des  «Verwandelten  K6nig»  habe  ich 
wieder  bessere  Hoffnungen  in  bezug  auf  Auffiihrungen  von 
Dingen,  die  nicht  der  naturalistischen  Modekrankheit  an- 
gehoren. 

Was  ich  Ihnen  nun  noch  sagen  will,  ist,  daft  mir  nun  auch 
Eck  geschrieben  hat.  Einen  inhaltreichen,  vielsagenden 
Brief.  Haben  Sie  ihn  noch  nicht  gesehen? 

Schreiben  Sie  mir  nun  doch  recht  bald  wieder.  Ich  lechze 
ja  nach  allem,  was  von  Wien  kommt.  In  diesen  Tagen 
schreibe  ich  auch  Hansel  und  Ihren  Brudern.  Mit  diesem 
aber  will  ich  abschliefien  und  Ihnen  nur  noch  die  Bitte  bei- 
fugen,  mich  Ihrer  lieben  Familie,  vor  allem  aber  auch  Briills, 
Schwarz',  Strisowers  usw.,  ferner  nach  Gelegenheit  Bieder- 
mann,  dem  Fraulein  Herzfeld,  Christel,  Heidt,  Kitir  be- 
stens  zu  empfehlen. 

Mit  esoterischem  Handedruck 
Ihr  Steiner 


Als  ich  neulich  an  Naumburg  voruberfuhr,  kam  mir  leb- 
haft  die  Erinnerung  an  Nietzsche.  Ich  brauche  Ihnen  wohl 
nicht  zu  sagen,  daft  das  «klassischgebildete»  Weimar  den 
ganzen  Nietzsche-Rummel  verschlafen  hat.  Bitte,  schreiben 
Sie  mir  doch  auch,  was  von  den  furchtbaren  Geschichten, 
die  die  Zeitungen  iiber  das  Wiener  Burgtheater  bringen, 
wahr  ist. 


267.  AN  ROSA  MAYREDER 

Weimar,  30.  November  1890 
Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Am  liebsten  schriebe  ich  Ihnen  schon  heute  biindige 
Nachricht  iiber  das  Schicksal  Ihrer  Schriften.  Aber  ich  habe 
sie  selbst  noch  nicht.  Ich  habe  die  Sachen  mit  den  vorge- 
schriebenen  kurzen  Inhaltsangaben  versehen  und  an  Pro- 
fessor Kiirschner  geschickt,  von  dem  ich  gegriindete  Uber- 
zeugung  habe,  daft  er  auf  meine  Bitte  alles  fur  die  Sache  tut, 
was  er  bei  seinen  reichen  Verbindungen  und  dem  groften 
Verlage,  dem  er  als  literarischer  Direktor  vorsteht,  tun 
kann.  Ich  habe  aus  einer  sechsjahrigen  Verbindung  mit  die- 
sem  Manne  die  obige  Uberzeugung  gewonnen.  Sie  werden 
freilich  bald  zu  der  Ansicht  kommen,  daft  kaum  irgendwo 
mehr  Geduld  notwendig  ist  als  in  der  literarischen  Welt. 

Und  nun  zur  Beantwortung  Ihres  lieben  Briefes,  der  lei- 
der  nur  schon  zu  lange  unbeantwortet  geblieben  ist.  Verzei- 
hen  Sie  diese  Lange,  ich  werde  nie  mehr  so  lange  auf  eine 
Antwort  warten  lassen.  Und  nun  gleich  in  mediam  rem. 

Dieses  aber  ist  in  unserem  Falle  Ihre  Ansicht  iiber  den 
Materialismus.  Sie  werden  mich  gewift  immer  auf  Ihrer 
Seite  finden,  wenn  Sie  behaupten,  es  seien  zwei  grundver- 
schiedene  Organisationen  des  menschlichen  Geistes  anzu- 
nehmen,  «deren  Erkenntnisgebiete  streng  gesondert  sind». 
Nur  verlange  ich,  daft  man  stets  dieser  Sonderung  einge- 
denk  bleibt  und  nicht  mit  der  Organisation  fur  die  materia- 
listische  Ansicht  sich  in  jenes  Gebiet  begibt,  das  nur  fiir  die 
entgegengesetzte  Organisation  zugdnglich  ist.  Der  Materia- 
lismus hat  gewift  eine  eingeschrankte  Berechtigung.  Es  ist 
ebenso  wahr,  daft  es  einen  Materialismus  geben  muft,  wie  es 
wahr  ist,  daft  es  eine  Materie  gibt.  Unrichtig  und  widersin- 
nig  aber  ist  es,  die  materialistische  Denkweise  dahin  zu  tra- 
gen,  wo  -  ich  mochte  sagen  -  der  Geist  greifbar  wird.  Der 
bornierteste  der  gegenwartigen  Physiologen,  Emil  Du  Bois- 
Reymond,  hat  einmal  gesagt,  wenn  wir  erst  wiiftten,  wie  die 


Materie  denkt,  dann  konnten  wir  alle  Weltratsel  losen.  Ich 
will  diese  allem  gesunden  Denken  geradezu  ins  Gesicht 
schlagende  Behauptung  doch  einmal  hypothetisch  voraus- 
setzen  und  zeigen,  wie  wir,  selbst  wenn  wir  jenes  wiiftten, 
erst  recht  nichts  davon  hatten.  Nehmen  wir  an:  die  Materie 
denke,  d.  h.  mit  anderen  Worten,  die  Materie  spaltet  sich, 
legt  sich  auseinander  in  sich  und  in  ihr  Produkt,  den  Gedan- 
ken.  So  haben  wir  das  Subjekt  Materie  und  das  Objekt,  den 
Gedanken.  Nun  entsteht  die  weitere  Frage:  Was  ist  der  In- 
halt  des  Gedankens?  Da  es  unter  jener  Voraussetzung  ein 
Wirkliches  aufier  der  Materie  nicht  gibt,  so  kann  der  Ge- 
dankeninhalt  nur  wieder  Materie  sein.  So  waren  wir  denn 
dabei,  die  Materie  bringt  denkend  wieder  Materie  hervor. 
Nun  frage  ich  jemanden,  wie  er  auf  diesem  Wege  uberhaupt 
zu  einer  Ansicht  kommt.  Ich  habe  oben  die  Spaltung  in 
Subjekt  und  Objekt  vorgenommen.  Subjekt  ist  die  Materie; 
Objekt  der  Gedanke,  der  aber  sich  nur  wieder  als  Materie 
entpuppt.  Wir  haben  also  die  Materie  zum  Subjekt  und  Ob- 
jekt zugleich,  d.  h.  wir  sind  in  ihr  sitzengeblieben.  Der  Ma- 
terialismus  ist  eben  eine  ganz  sterile  Weltansicht,  und  wenn 
er  doch  zu  einem  Inhalt  kommt,  so  riihrt  das  davon  her, 
dafi  er  diesen  aus  anderen  Auffassungsweisen  entlehnt  und 
in  seinem  Sinne  umdeutet. 

Wenn  Sie  nun  sagen,  Sie  seien  in  «jene  objektive  Betrach- 
tungsweise  verstrickt,  die  Nietzsche  aus  einer  verkehrten 
Anwendung  historischer  Studien  herleitet»,  so  fande  ich  es 
gerade  von  dem  Standpunkt  dieser  objektiven  Betrach- 
tungsweise  als  ungerechtfertigt,  einer  so  exklusiven  An- 
schauung  zuzustimmen,  wie  sie  der  Materialismus  ist.  Denn 
exklusiv  ist  der  Materialismus  jedenfalls,  weil  er  die  Welt 
des  Geistes  einfach  verneint.  Eine  solche  Einseitigkeit  fallt 
dem  Idealismus  durchaus  nicht  bei.  Dieser  anerkennt  die 
Materialitat,  weil  er  sehr  wohl  einsieht,  dal§  es  eine  Form 
des  Seins  gibt,  die  den  Geist  raumzeitlicb  unter  Negation 
der  Ideenform  widerspiegelt.  Der  Idealismus  sieht  in  der 
Materialitat  das  notwendige  Korrelat  des  Geistes,  das  diesen 


begleiten  muft  wie  der  Schatten  den  Wanderer.  Und  wie  es 
unmoglich  ist,  aus  dem  Schatten  das  schattenwerfende  Ob- 
jekt  zuriickzukonstruieren,  namlich  dem  Inhalte,  nicht  der 
Form  nach*  -  ebenso  ist  es  unmoglich,  aus  der  Materie  den 
Geist  aufzubauen.  Und  nun  komme  ich  zum  eigentlich 
Langeschen  Theorem.  Darnach  soil  unser  Geist  so  organi- 
siert  sein,  daE  er  die  Welt  der  Wirklichkeit  notwendig  mate- 
rialistisch,  d.  i.  im  Falle  Langes  atomistisch  erklaren  mufi. 
Nun  bitte  ich  Sie,  mit  mir  den  Gedankengang  Schritt  fur 
Schritt  zu  verfolgen.  Lange  sagt:  Wir  konnen  die  Welt  nur 
so  anschauen,  wie  es  der  Organisation  unseres  Geistes  ge- 
mafi  ist.  Nun  ist  unser  Geist  so  organisiert,  daft  er  zuletzt 
auf  das  Reich  der  Atome  verfallt.  FolgHch  baut  er  sich  die 
Weltordnung  atomistisch  auf.  Er  erklart  alle  Erscheinungen 
und  zuletzt  sich  selbst  atomistisch.  Wenn  jemand  einen 
Preis  darauf  aussetzte,  die  eklatantesten  Widerspriiche  auf- 
zuturmen,  die  Anhanger  Langes  mufiten  diesen  Preis  unbe- 
dingt  gewinnen.  Der  Geist  ist  so  organisiert,  daft  er  sich  nur 
materialistisch  erklaren  kann.  Ja,  woher  ruhrt  denn  dann 
uberhaupt  das  Bewufksein  von  einem  Geiste?  Der  Geist 
mu£  Ungeistiges  sehen.  Wo  soli  er  denn  in  dieser  Welt,  zu 
der  ihn  nun  einmal  seine  Organisation  verurteilt,  sich  selbst, 
also  auch  seine  eigene  Organisation,  finden?  Woher  soli  der 
Geist  wissen,  daft  er  sich  nur  so  erklaren  kann,  wenn  er  gar 
nicht  dazu  organisiert  ist,  die  Organisation  eines  Geistes, 
sondern  nur  die  Konstitution  der  Materie  einzusehen?  Wer 
in  aller  Welt  einen  Geist  begreifen  kann,  der  von  sich  selbst 
einsieht,  dafi  er  vermoge  seiner  Organisation  sein  eigenes 
Gegenteil  ist,  der  muftte  wohl  ein  sonderbares  Gehirn 
haben. 

Ich  bin  ein  Mensch,  der  nur  dann  einer  Auffassung  zu- 
stimmen  kann,  wenn  sie  vor  dem  Forum  des  strengen  Ge- 

*  Ohne  dieses  Einschiebsel  mvilke  mich  ja  Lino  einer 
jammerlichen  Unkenntnis  der  Deskription  zeihen. 


dankens  sich  legitimieren  kann.  Der  Materialismus  kann  das 
nicht,  weil  er  sich  selbst  nie  verstehen  kann. 

Wenn  Sie,  verehrteste  gnadige  Frau,  sagen,  dafi  der  Mate- 
rialismus lange  im  stillen  fortgewirkt  hat  und  sogar  Friichte 
gezeitigt  hat,  so  frage  ich  Sie,  wo  sind  diese  Friichte?  Hat 
der  auf  sich  selbst  gestiitzte  Materialismus  wissenschaftliche 
oder  kunstlerische  Epochen  der  Menschheit  auf  die  Ober- 
flache  gebracht?  Sind  nicht  die  materialistischen  Epochen 
in  der  Geschichte  immer  die  unfruchtbarsten  gewesen?  Be- 
zeichnen  Plato  und  Aristoteles  oder  bezeichnet  Demokrit 
die  Blute  griechischer  Weisheit?  Hat  Goethe,  der  den  Mate- 
rialismus hafite  bis  zum  Exzefi,  oder  hat  Holbach  die  altge- 
wordene  Menschheit  des  achtzehnten  Jahrhunderts  neu 
verjungt?  Sie  sagen:  «Macht  uns  nicht  die  Gewiftheit,  daft 
es  wieder  Tag  werden  wird,  auch  die  Nacht  zur  Freundin?» 
Ich  bestreite  die  Richtigkeit  dieses  Vergleiches.  Der  Mate- 
rialismus verhalt  sich  nicht  zum  Idealismus  wie  die  Nacht 
zum  Tag.  Ich  mochte  die  metaphorische  Frage  anders  stel- 
len:  Mufi  ich,  um  einzusehen,  dafi  ein  Winterrock  vorteil- 
haft  ist,  mich  eine  Stunde  einer  eisigen  Kalte  aussetzen?  Sie 
sagen  im  weiteren  Verlaufe  Ihres  Briefes:  «So  bestatige  ich 
selbst,  was  ich  doch  gerne  leugnen  mochte:  dort,  wo  man 
tatig,  wirkend,  machtig  sein  will,  darf  man  nicht  objektiv 
sein.  Ich  komme  immer  mehr  zur  Einsicht,  dafi  das  Streben 
nach  Objektivitat  im  Indifferentismus  endigt  und  daE 
schliefilich  die  Reflexion  das  Handeln  unmoglich  macht.» 
Ich  kann  das  nicht  zugeben,  weil  die  Objektivitat  der  Be- 
trachtung,  die  Handlung  dem  Willen  angehdrt.  Wenn  ich 
in  irgendeiner  Weise  handelnd  in  die  Weltordnung  ein- 
greife,  so  ist  mein  Handeln  etwas  ganz  Bestimmtes,  Indivi- 
dualisiertes,  das  von  partiellen  Bestimmungen  des  Weltpro- 
zesses  abhangt  und  nicht  von  den  allgemeinen,  unbeding- 
ten,  die  der  Betrachtung  zur  Grundlage  dienen.  Ich  kann 
ganz  gut  einsehen,  dafi  irgendeine  Handlung  -  und  es  gilt 
dies  von  jeder  Handlung  -  unvollkommen  ist,  wenn  ich  sie 
im  Zusammenhang  mit  den  hdchsten  Prinzipien  des  Da- 


seins  betrachte,  dennoch  aber  kann  mir  klar  sein,  daft  ich 
nach  den  individualisierten  Voraussetzungen  nur  diese 
Handlung  und  diese  nur  so  vollbringen  kann.  Dies  beein- 
trachtigt  meine  Freiheit  gar  nicht.  Wenn  ich  handle,  gehen 
mich  die  allgemeinen  Prinzipien  des  Wissens  gar  nichts  an, 
sondern  nur  die  Antezedenzien  meines  Handelns.  Diese 
Prinzipien  verhalten  sich  zu  meinem  Handeln  so  wie  die 
Gesetze  des  Verdauungsprozesses  zu  diesem  letzteren 
selbst.  Niemand  kann  nach  physiologischen  Gesetzen  ver- 
dauen,  wenn  er  sie  auch  bis  ins  kleinste  hinein  kennte.  Wir 
mussen  die  Bestimmungsgriinde  unseres  Willens  streng  von 
den  Prinzipien  der  Ethik  trennen.  Ich  gebe  zu  -  dafi  es  sehr 
schwer  ist,  diese  beiden  Dinge  auseinanderzuhalten. 

Es  muE  aber  doch  geschehen,  wenn  Klarheit  in  die  Sache 
kommen  soil.  In  jedem  anderen  Gebiete  ist  dies  Auseinan- 
derhalten  leichter,  weil  der  Schauplatz,  auf  dem  die  Gesetze 
waken,  ein  anderer  ist  als  der,  wo  sie  erscheinen.  Wenn  ich 
die  Gesetze  der  Planetenbewegung  betrachte,  so  weift  ich 
genau:  die  Sache,  welche  diesen  Gesetzen  unterliegt,  ist  au- 
fter  mir  im  Raume,  die  Gesetze  aber  kommen  in  meinem 
Geiste  zur  Erscheinung.  Hier  verwechselt  niemand  Sache 
und  Begriff.  Anders  ist  es  bei  meinem  Handeln.  Hier  spielt 
sich  Sache  und  Erkenntnisprozeft  auf  dem  gleichen  Schau- 
platz ab  innerhalb  meines  Bewufkseins.  Das  menschliche 
Individuum,  das  handelt,  ist  zugleich  der  Betrachter  dieser 
seiner  Handlungen.  Aber  deshalb  muft  doch  Sache  und  Be- 
griff auseinandergehalten  werden.  Ich  bin  eben  nicht  eine 
abstrakte  Einheit,  in  der  alles  verschwimmt,  sondern  eine 
lebendige  Einheit  eines  individuellen  besonderen  Ichs,  das 
in  einer  gewissen  Zeit-  und  Raumsphare  lebt  und  eines  all- 
gemeinen, reflektierenden  Ichs,  das  unbeschrankt,  raum- 
und  zeitlos  ist.  Wer  wie  Hamlet  beide  Ich  konfundiert,  der 
kommt  erstens  nicht  zum  Handeln,  zweitens  nicht  zum 
Verstandnis  seiner  selbst.  Daft  im  Hamlet  diese  beiden  Ich 
im  Kampfe  liegen,  darinnen  besteht  das  Tieftragische  seines 
Charakters.  Dabei  aber  bleibt  die  Freiheit  doch  voll  beste- 


hen.  Denn  ich  ware  nur  in  dem  Falle  unfrei,  wenn  ich  in 
einem  besonderen  Fall  dazu  kame,  nach  den  allgemein-ethi- 
schen  Prinzipien  zu  handeln  und  dieses  nicht  konnte.  In 
dieser  Lage  bin  ich  aber  nie,  denn  meine  Aufgaben  werden 
mir  von  der  Zeit  und  dem  Orte  gestellt,  in  der  und  an  dem 
ich  lebe;  nicht  von  der  Ethik.  Dafi  ich  jetzt  diesen  Brief 
schreibe,  ist  eine  Folge  davon,  dafi  wir  uns  kennengelernt, 
uns  freundschaftlich  zugetan  sind,  dafi  Sie  den  Austausch 
der  Gedanken  in  dieser  Richtung  wiinschen,  dafi  Sie  mir 
geschrieben  usw.  Und  we'd  das  alles  vorhergegangen,  ent- 
schliefte  ich  mich  aus  freiem  Willen,  Ihnen  diesen  Brief  zu 
schreiben.  Nun  kann  doch  diese  Betrachtungsweise  auijede 
Handlung  des  Menschen  angewendet  werden.  Dann  lost 
sich  aber  doch  der  Sie  qualende  Widerspruch  vollstandig. 
Mir  ist  es  ganz  unmoglich,  anders  zu  sehen.  Ich  bitte  Sie 
dringend,  schreiben  Sie  mir,  was  fur  Zweifel  Ihnen  nach 
diesen  meinen  etwas  weitschichtigen  Auseinandersetzun- 
gen  noch  bestehen  bleiben.  Ich  werde  sogleicb  antworten, 
denn  bei  dem  Umstande,  dafi  ich  genau  weift,  dafi  Ihre 
Geistesrichtung  mit  der  meinigen  auf  das  vollstandigste 
ubereinstimmt,  beangstigt  mich  jede  Meinungsverschie- 
denheit.  Wenn  Sie  mit  mir  in  irgendeiner  Frage  verschie- 
dener  Ansicht  sind,  so  riihrt  das  nicht  von  einer  verschie- 
denen  geistigen  Organisation,  sondern  nur  von  dem  Urn- 
stand  her,  da£  wir  uns  uber  den  fraglichen  Punkt  nicht 
bis  zur  vollen  Verstandigung  klar  genug  ausgesprochen 
haben. 

Sie  haben  sehr  Unrecht  getan,  dafi  Sie  in  Ihren  lieben 
Brief  den  Satz  einfiigten:  «Und  ich  unterliefi  es  nur  in 
dem  Wunsche,  nicht  den  Schein  der  Aufdringlichkeit  auf 
mich  zu  laden. »  Da  habe  ich  Sie  einen  Augenblick  lang  nicht 
verstanden.  Wer  mich  kennt,  dem  sollte  ein  solcher  Wunsch 
gar  nicht  kommen.  Es  gibt  Beziehungen  zwischen  Men- 
schen, die  solche  Worte  wie  Aufdringlichkeit  gar  nicht 
mehr  in  ihrem  Lexikon  haben.  Ich  freue  mich  doch  so  innig 
uber  jedes  neue  Lebenszeichen.  Vergelten  Sie  mir  nur  nicht 


Gleiches  mit  Gleichem  und  lassen  Sie  mich  nicht  vier  Wo- 
chen  auf  eine  Antwort  warten. 

Da$  Ihr  Gemahl  mit  der  darstellenden  Geometrie  solche 
Mifihelligkeiten  hat,  ist  recht  bedauerlich.  Nur  glaube  ich, 
geht  er  in  der  Gewissenhaftigkeit  zu  weit.  Man  mull  sich  in 
einem  solchen  Falle  immer  vor  Augen  halten,  dafi  eigentlich 
doch  von  der  gro£eren  oder  geringeren  Vollendung  eines 
fortlaufenden  Vortrags  wenig  fur  die  Zuhorerschaft  folgt. 
Wenn  sie  mir  namlich  schreiben,  Lino  habe  Bedenken,  daft 
«er  nicht  gut,  nicht  selbstandig  genug  die  Vortrage  ausgear- 
beitet  habe»,  so  finde  ich  diese  Bedenken  hyperkasuistisch. 
Denn  dies  ist  eine  Forderung,  die  niemand  erheben  darf. 
Unterlassen  Sie  doch  nicht,  mir  auch  zu  schreiben,  ob  die 
peinvollen  Stunden,  die  ihm  diese  neue  Aufgabe  gebracht 
hat,  nun  schon  geschwunden  sind.  Griiften  Sie  ihn  von  mir 
auf  das  allerherzlichste,  und  seien  Sie  selbst  gegriiftt  von 

Ihrem 
Rudolf  Steiner 

Meine  Photographie  -  freilich  eine  Weimarer  -  erhalten  Sie 
demnachst. 


268.  AN  KARL  JULIUS  SCHROER 

Weimar,  30.  November  1890 
Hochgeschatzter  Herr  Professor! 

Es  ist  wohl  durchaus  nicht  anzunehmen,  daft  Goethes 
Vater  an  seinen  Sohn  nicht  geschrieben  habe.  Aber  bei  der 
sorgfaltigen  Art,  mit  der  Goethe  alles  vernichtet  hat,  was  an 
Briefen  aus  seiner  vor-italienischen  Zeit  vorhanden  war,  ist 
es  nur  zu  erklarlich,  dafi  wir  von  dem  Briefwechsel  mit  sei- 
nem  Vater  gar  nichts  haben.  Hier  wenigstens  weifi  niemand 
iiber  Goethes  Vater  etwas.  Das  einzige  sind  die  Brief stellen 


aus  den  bereits  erschienenen  Banden  der  Briefausgabe,  die 
ich  Ihnen  hiemit  mitteile.  (Die  grofieren  Zahlen  bedeuten 
immer  die  Seiten,  die  nebenstehenden  kleinen  die  Zeilen 
von  oben  nach  unten  gezahlt.) 

I.  Band:  722,  1224,  20 16,  22 12,  2624,  283, 4, 15,  31 3,  32 16, 17,21, 
34  23,  35 16,  43  23,  47 17,  50  if.,  53  4, 5, 13, 68 1&,  73  21,  78 , 

7922,  81  18,  99l2f.,  10724,  111  8f.,  11721,  1446,  1604, 

180 10,  18223,  20527,  226i2,  2593,  268  6. 

II.  Band:  3i2,  3O20,  35 13,  i9f.,  42i6,  63i9,  65h,  101 28,  104 4f., 
1356,14,  1772,  22022,  265 14,  27623,  278 is,  28022f., 
296  s. 

III.  Band:  22f.,  n,2of.,  14 is,  15 20,  306,  37i3ff.,  402f.,  5023,  111  13, 

II816,  1449,  161 13. 

IV.  Band:  503ff.,  60 17,  62i3f.,  88  is,  275  i6f.,3232i. 
V.  Band:  181 2. 

VI.  Band:  56,  972i. 

Ich  entnehme  diese  Angaben  dem  in  Vorbereitung  be- 
findlichen  Register  zu  den  sieben  ersten  Briefbanden.  Da 
dieses  Register  erst  in  einiger  Zeit  erscheinen  wird,  so  konn- 
ten  Ihnen  vielleicht  diese  Verweise  einstweilen  mitzlich 
sein. 

Ein  Aufsatz  von  mir  fiir  die  «Chronik»  ist  fertig.  Da  aber 
der  Goethe-Papst  (Prof.  Suphan)  eben  in  Berlin  ist  und 
ich  verpflichtet  bin,  ihm  alles  vorzuweisen,  was  ich  wah- 
rend  meines  Hierseins  iiber  Goethe  schreibe,  so  diirfte  er 
vielleicht  erst  in  drei  bis  vier  Tagen  abgehen  konnen.  Wenn 
nicht  in  der  Dezember-Nummer,  so  wird  er  aber  gewifi  in 
der  Janner-Nummer  erscheinen  konnen. 

Ich  arbeite  intensiv  an  dem  ersten  Bande  der  morphologi- 
schen  Schriften.  Ich  bin  uberzeugt,  Sie  werden  viele  Freude 
haben,  wenn  Sie  dem  neuen  Material  gegenubertreten  wer- 
den. Wenn  auch  vieles  fragmentarisch  ist,  so  ist  doch  der 
grofie  Zusammenhang  durchaus  kenntlich.  Wenn  ich  nur 
den  Plan,  den  ich  fiir  die  Herausgabe  habe,  durchbringe, 


dann  soli  alles  so  ubersichtlich  als  moglich  sein.  Allein  Sie 
glauben  wohl  nicht,  wie  Goethe  hier  verbureaukratisiert 
(verzeihen  Sie  die  barbarische  Wortbildung  fur  eine  jeden- 
falls  noch  viel  barbarischere  Sache)  wird.  Zum  Gluck  fand 
ich  ein  von  Goethe  selbst  herriihrendes  Schema  fiir  die  An- 
ordnung  der  morphologischen  Sachen  vor,  und  da  darf  ich 
wohl  hoffen,  dafi  ich  mit  diesem  Dekret  in  der  Hand  den 
Widerstand  der  Redaktoren  brechen  kann.  Ich  denke,  Sie, 
mein  geschatzter  Lehrer,  stimmen  mir  wohl  zu,  wenn  ich 
sage:  wo  Goethes  eigene  Intentionen  irgendwie  gewuftt 
werden  konnen,  sind  sie  unbedingt  zu  beobachten. 

Und  nun  will  ich  Ihnen  im  Vertrauen  einiges  Charakteri- 
stisches  mitteilen.  Zuerst  eine  Stelle,  die  uns  unmittelbar 
dahin  erhebt,  was  Goethe  will:  «Hier  aber  werden  wir  vor 
alien  Dingen  bekennen  und  aussprechen,  da£  wir  mit  Be- 
wufksein  uns  in  der  Region  befinden,  wo  Metaphysik  und 
Naturgeschichte  iibereinandergreifen,  also  da,  wo  der  ern- 
ste  treue  Forscher  am  liebsten  verweilt.  Denn  hier  wird  er 
durch  den  Zudrang  grenzenloser  Einzelheiten  nicht  mehr 
geangstigt,  weil  er  den  hohen  Einflu£  der  einfachsten  Idee 
schatzen  lernt,  welche  auf  die  verschiedenste  Weise  Klarheit 
und  Ordnung  dem  Vielfaltigen  zu  verleihen  vermag. 

Indem  nun  der  Naturforscher  sich  in  dieser  Denkweise 
bestarkt,  im  hohern  Sinne  die  Gegenstande  betrachtet,  so 
gewinnt  er  eine  Zuversicht  und  kommt  dadurch  dem  Erfah- 
renden  entgegen,  welcher  nur  mit  gemessener  Bescheiden- 
heit  ein  Allgemeines  anzuerkennen  sich  bequemt.  - 

Wir  leben  in  einer  Zeit,  wo  wir  uns  taglich  mehr  angeregt 
fiihlen,  die  beiden  Welten,  denen  wir  angehoren,  die  obere 
und  die  untere,  als  verbunden  zu  betrachten,  das  Ideelle  im 
Reellen  anzuerkennen  und  unser  jeweiliges  Mifibehagen 
mit  dem  Endlichen  durch  Erhebung  ins  Unendliche  zu  be- 
schwichtigen.  Die  grofien  Vorteile,  die  dadurch  zu  gewin- 
nen  sind,  wissen  wir  unter  den  mannigfachsten  Umstanden 
zu  schatzen,  und  sie  besonders  auch  den  Wissenschaften 
und  Kiinsten  mit  kluger  Tatigkeit  zuzuwenden. 


Nachdem  wir  uns  nun  zu  dieser  Einsicht  erhoben,  so  sind 
wir  nicht  mehr  in  dem  Falle,  bei  Behandlung  der  Naturwis- 
senschaften  die  Erfahrung  der  Idee  entgegenzusetzen;  wir 
gewohnen  uns  vielmehr,  die  Idee  in  der  Erfahrung  aufzusu- 
chen,  iiberzeugt,  dafi  die  Natur  nach  Ideen  verfahre,  inglei- 
chen  dafi  der  Mensch  in  allem,  was  er  beginnt,  eine  Idee 
verfolge. » 

In  unserem  Verhalten  zur  Natur  unterscheidet  Goethe 
vier  Arten  von  Menschen:  die  Nutzenden,  die  Wifibegieri- 
gen,  die  Anschauenden  und  die  Umfassenden.  Er  charakte- 
risiert  diese  vier  Arten  des  Verhaltens  folgendermaften : 

«i.  Die  Nutzenden,  Nutzen-Suchenden,  Fordernden, 
sind  die  ersten,  die  das  Feld  der  Wissenschaft  gleichsam  um- 
reiften,  das  Praktische  ergreifen;  das  Bewu£tsein  durch  Er- 
fahrung gibt  ihnen  Sicherheit,  das  Bedurfnis  eine  gewisse 
Breite. 

2.  Die  Wiftbegierigen  bedurfen  eines  ruhigen,  uneigen- 
niitzigen  Blickes,  einer  neugierigen  Unruhe,  eines  klaren 
Verstandes  und  stehen  immer  im  Verhaltnis  mit  jenen;  sie 
verarb.eiten  auch  nur  im  wissenschaftlichen  Sinne  dasjenige, 
was  sie  vorfinden. 

3.  Die  An^ch^iendenr-verhalten  sich  schon  produktiv, 
und  das  Wissen,  indem  es  sich  selbst  steigert,  fordert,  ohne 
es  zu  bemerken,  das  Anschauen  und  geht  dahin  uber,  und 
so  sehr  sich  auch  die  Wissenden  vor  der  Imagination  kreu- 
zigen  und  segnen,  so  mussen  sie  doch,  ehe  sie  sichs  verse- 
hen,  die  produktive  Einbildungskraft  zu  Hilfe  rufen. 

4.  Die  Umfassenden,  die  man  in  einem  stolzern  Sinne  die 
Erschaffenden  nennen  konnte,  verhalten  sich  im  hochsten 
Grade  produktiv,  indem  sie  namlich  von  Ideen  ausgehen, 
sprechen  sie  die  Einheit  des  Ganzen  schon  aus,  und  es  ist 
gewissermafien  nachher  die  Sache  der  Natur,  sich  in  diese 
Ideen  zu  fugen.» 

Dieses  vorlaufig  iiber  Goethes  Absichten  bei  seiner  Na- 
turforschung. 


Eben  komme  ich  von  Leipzig  zuriick,  wo  ich  einige  Tage 
war,  urn  einiges  auf  der  Universitatsbibliothek  einzusehen. 
Da  finde  ich  denn  Ihre  Karte  vor,  die  mir  ein  neues  Ubel  in 
Ihrer  Familie  berichtet.  Mochte  doch  ein  giitiges  Geschick 
Sie  bald  wieder  dahin  bringen,  daft  Sie  alle  Ihre  Lieben  ge- 
sund  und  Ihre  Umgebung  froh  sehen! 

Ich  mochte  sehr  gerne  wahrend  dieses  Winters  einen 
Vortrag  im  Goethe- Verein  halten.  Im  Dezember  wird  es 
aber  kaum  gehen.  Ich  hatte  es  so  gerne  zustande  gebracht, 
bin  aber  gegenwartig  so  sehr  in  bezug  auf  meine  Geldmittel 
in  anderer  Weise  in  Anspruch  genommen,  daft  es  mir  wohl 
unmoglich  sein  wird,  schon  im  Dezember  die  ja  relativ  doch 
immerhin  kostspielige  Reise  nach  Wien  zu  machen.  Spater 
aber  wird  es  ganz  gut  gehen.  Ich  sage  Ihnen  dieses  ganz 
off  en,  weil  ich  sonst  ja  sehr  gerne  nach  Wien  kommen 
mochte.  Freilich  kommt  dazu  der  Grund,  daft  man  es  hier 
nicht  gerne  sehen  wiirde,  wenn  ich  langere  Zeit  meine  Ar- 
beiten  unterbrache.  Jedenfalls  teile  ich  Ihnen  meine  Reise 
nach  Wien  zur  rechten  Zeit  mit. 

Exz[ellenz]  v.  Loeper  (auch  Prof.  Suphan)  lassen  Sie  be- 
stens  griifien.  Die  Grofiherzogin  ist  gegenwartig  in  Hol- 
land. Und  nun  mit  den  besten  Wunschen  fur  Ihre  und  Ihrer 
Angehorigen  Gesundheit 

in  aller  Treue 
Ihr 

Stein  er 

269.  AN  FRIEDRICH  ECKSTEIN 

Weimar,  [Ende]  November  1890 
Lieber,  verehrter  Freund! 

Wie  sehr  ich  Ihnen  fur  Ihre  beiden  Briefe  dankbar  bin, 
konnte  ich  im  Augenblicke  wohl  schwer  schildern.  Ich 
mochte  Ihnen  aber  doch  einmal  eines  sagen,  was  mich 


drangt,  Ihnen  zu  sagen:  Es  gibt  zwei  Ereignisse  in  meinem 
Leben,  die  ich  so  sehr  zu  den  allerwichtigsten  meines  Da- 
seins  zahle,  daft  ich  iiberhaupt  ein  ganz  anderer  ware,  wenn 
sie  nicht  eingetreten  waren.  Uber  das  eine  mufi  ich  schwei- 
gen;  das  andere  aber  ist  der  Umstand,  daft  ich  Sie  kennen- 
lernte.  Was  Sie  mir  sind,  das  wissen  Sie  wohl  noch  besser  als 
ich  selbst;  daft  ich  Ihnen  unbegrenzt  zu  danken  habe,  das 
aber  weift  ich.  Ihr  lakonischer  Brief  «Lesen  Sie  Jung-Stil- 
lings  Heimweh»  wiegt  wohl  viele  dickleibige  Schreiben  auf . 
Solch  ein  Buch  lehrt  uns  den  Weg  zu  dem  «Stirb  und 
Werde!»  Wissen  Sie,  daft  Jung-Stilling  auch  einen  «Schliissel 
zum  Heimweh»  geschrieben  hat? 

Merkwiirdig  ist  die  Art,  wie  Goethe  Jung  gegeniiber- 
stand.  Er  spricht  in  seinen  Briefen  ganz  merkwiirdige 
Worte  iiber  diesen  seinen  Freund.  Und  von  Jung  getraue 
ich  mir  zu  behaupten,  daft  ihm  Goethe  der  sympathischste 
Mensch  war,  der  ihm  je  gegeniibergetreten. 

Nun  mochte  ich  Ihnen  aber  einige  Ausspriiche  Goethes 
im  Vertrauen  mitteilen  und  Ihre  Meinung  dariiber  horen. 

«Wir  leben  in  einer  Zeit,  wo  wir  uns  taglich  mehr  ange- 
regt  ftihlen,  die  beiden  Welten,  denen  wir  angehoren,  die 
obere  und  die  untere,  als  verbunden  zu  betrachten.» 

«In  dem  Geiste  des  Schauenden  ereignet  sich  immerfort 
wechselweise  eine  sich  im  Gleichgewichte  bewegende  Sy- 
stole und  Diastole. » 

«Das  Wesen  der  Menschen  ist  viererlei  Art: 

1.  Die  Nutzenden,  Nutzen-Suchenden,  -Fordernden, 
sind  die  ersten,  die  das  Feld  der  Wissenschaft  gleichsam  um- 
reifien,  das  Praktische  ergreifen;  das  Bewufttsein  durch  Er- 
fahrung  gibt  ihnen  Sicherheit,  das  Bedurfnis  eine  gewisse 
Breite. 

2.  Die  Wijlbegierigen  bediirfen  eines  ruhigen,  uneigen- 
niitzigen  Blickes,  einer  neugierigen  Unruhe,  eines  klaren 
Verstandes  und  stehen  im  Verhaltnis  mit  jenen;  sie  verarbei- 
ten  auch  nur  im  wissenschaftlichen  Sinne  dasjenige,  was  sie 
vorfinden. 


3.  Die  Schauenden  verhalten  sich  produktiv,  und  das 
Wissen,  indem  es  sich  selbst  steigert,  fordert,  ohne  es  zu 
bemerken,  das  Schauen  und  geht  dahin  iiber,  und,  so  sehr 
sich  auch  die  Wissenden  vor  der  Imagination  kreuzigen  und 
segnen,  so  miissen  sie  doch,  ehe  sie  sich's  versehen,  die  pro- 
duktive  Einbildungskraft  zu  Hilfe  rufen. 

4.  Die  Erleuchteten,  die  man  in  einem  stolzen  Sinne  die 
Erschaffenden  nennen  konnte,  verhalten  sich  im  hochsten 
Grade  produktiv;  indem  sie  namlich  von  der  Imagination 
ausgehen,  wird  ihr  Wissen  Schaffen,  ist  ihr  ideeller  Prozeft 
der  Weltprozeft.» 

Ich  glaube,  Goethe  versteht  nur  der,  welcher  den  Sinn 
dieser  Worte  versteht.  Mir  ist  klar,  daft  Goethe  mit  seinem 
«Teilhaftigsein  am  Weltprozesse»  unmittelbar  die  Selbst- 
auflosung  des  Individuums  und  dessen  Wiederfinden  im 
Weltall  meinte,  die  Vergottung  des  Menschen.  Charakteri- 
stisch  fur  ihn  ist  in  dieser  Hinsicht,  daft  er  einmal  offen 
sagte:  Ich  habe  etwas  zu  hiiten  als  mein  Geheimnis,  und 
wer  mich  von  auften  sieht,  der  hat  nichts  von  mir  gesehen. 
Ich  weift  von  letzterer  Stelle  nicht  genau  den  Wortlaut,  der 
Sinn  aber  ist  richtig  zitiert.  Merkwurdig  ist,  daft  Fichte  aus 
personlichem  Umgange  mit  Goethe  die  Ansicht  gewann, 
daft  letzterer  das  lebe,  was  er  (Fichte)  selbst  denke.  Daher 
das  unerschiitterliche  Vertrauen,  das  Fichte  in  Goethe 
setzte,  auch  noch  nach  dem  unseligen  Atheismusstreit. 

Kennen  Sie  Erasmus  Francisci  «Gegenstrahl  der  Morgen- 
rote».  Wissen  Sie,  daft  Faust  bei  Widmann  «an  hohen  Fest- 
tagen,  wann  die  Sonne  zu  morgens  fruh  aufging,  das  crepus- 
culum  matutinum  gebrauchte?»  Vergleichen  Sie  Faust  (II. 
Teil)  bei  seiner  Erblindung: 

«Die  Nacht  scheint  tiefer,  tief  hereinzudringen, 
Allein  im  Innern  leuchtet  helles  Licht» 
mit  Hamanns  Worten:  «Je  mehr  die  Nacht  meines  Lebens 
zunimmt,  desto  heller  wird  der  Morgen  im  Herzen.» 

Nicht  ohne  Interesse  werden  Sie  das  Lied  im  Divan 
(Hempel,  Band  IV,  S.  160  ff.):  «Wiederfinden»  lesen. 


In  einem  nachsten  Briefe  hoffe  ich  Ihnen  Interessantes 
iiber  das  «Marchen  von  der  griinen  Schlange»  mitteilen  zu 
konnen.  Es  sind  Deutungen  aus  Goethes  Umgebung  da, 
die  von  ihm  selbst  zusammengestellt  erhalten  sind.  Ich  habe 
sie  nur  noch  nicht  sehen  konnen. 

Nun  bitte  ich  Sie  nur  noch:  griilSen  Sie  mir  unseren  lieben 
Kreis,  zu  dem  in  treuer  Anhanglichkeit  wie  zu  Ihnen  selbst 
auch 

verharrt 
Ihr  Steiner 

NACHSCHRIFT 

Es  gibt  eine  Handschrift  des  Gedichtes  «Wiederfinden» 
(im  Westostlichen  Divan),  welche  zwischen  der  dritten  und 
der  tiefesoterischen  vierten  Strophe  noch  folgendes  einge- 
schaltet  enthalt: 

«Denn  das  Oben  und  das  Unten 
Ward  zum  ersten  Mai  geschaut, 
Unter  freiem  Himmelsrunde 
Tief  der  Erde  Schofi  erbaut. 
Ach,  da  trennte  sich  fur  immer, 
War  doch  der  Befehl  gescheh'n! 
Feuerwasser  in  den  Himmel, 
Wellenwasser  in  die  Seen.» 

Es  mufi  uns  doch  etwas  ganz  Besonderes  bedeuten,  wenn 
Goethe  z.  B.  13.  Mai  1780  in  sein  Tagebuch  schreibt:  «Es 
offenbaren  sich  mirneue  Geheimnisse.» 

Unter  dem  24.  November  1807  lese  ich  im  Tagebuch: 
«Alchymie  aus  dem  Gothaischen  Bande:  Artis  auriferae 
Vol.  I.»  Unter  dem  25.  November:  «Nach  Tische  Roger 
Bacons  <De  mirabili  potestate  naturae  et  artis>.  Nachher  die 
anderen  vorgedruckten  alchymistischen  Sachen.» 


Unter  dem  17.  Mai  1808:  «Systole  und  Diastole  des  Welt- 
geistes.»* 

Dies  alles  sind  mir  fortlaufende  Beweise  dafiir,  daft 
Goethe  ein  Esoteriker  in  des  Wortes  bester  Bedeutung  war. 

In  dem  noch  nicht  veroffentlichten  Tagebuche  von  18 12 
findet  sich  aber  auch  direkt  die  Bemerkung:  «Exoterisches 
und  Esoterisches.» 

Meine  Ansicht  ist  die,  dafi  fur  Goethe  Systole  und  Dia- 
stole die  fortwahrende  Auf-  und  Abbewegung  war,  in  der 
er  sich  zwischen  Oben  und  Unten  befand.  Gerne  wiilke 
ich,  wie  Sie  sich  dazu  stellen. 

Herzlichen  Dank  fiir  Ihre  Erklarung  der  Stelle  in  der 
«Braut  von  Korinth»,  und  herzliche  GruEe  an  unseren  gan- 
zen  Kreis  von  Ihrem 

treuen 
Steiner 

*  Es  ist  dies  dieselbe  Systole  und  Diastole,  von  der 
Goethe  sagt:  sie  regieren  alles  menschliche  Wesen  «wie  die 
Pendelschlage  die  2eit». 


270.  AN  RUDOLF  SCHMIDT 

Weimar,  5.  Dezember  1890 

Hochgeschatzter,  lieber  Herr  Dr.  Schmidt! 

Vor  alien  anderen  Dingen  sage  ich  Ihnen  vielen  Dank  fiir 
Ihren  lieben  Brief;  nicht  weniger  auch  Ihrer  verehrten  Frau 
fiir  die  freundlich  angefugten  Griifie  von  ihr  und  von  dem 
«vierbeinigen  Goethe».  Ich  war  uber  das  Gedenken  der 
ganzen  Familie  herzlich  erfreut  und  dachte:  wie  schade  es 
doch  ist,  daft  Sie  Ihre  Gattin  und  den  kleinen  Olympier 
nicht  mit  nach  Weimar  gebracht  haben. 

Die  Art,  wie  Sie  Ihren  groften  Erfolg  in  Dresden  auffas- 
sen,  ist  fiir  diejenigen,  die  das  Gluck  hatten,  Sie  kennen  und 


schatzen  zu  lernen,  gewifi  die  erhebendste.  Aber  -  glauben 
Sie  mir  —  fur  Deutschland  hat  dieser  Erfolg  nicht  minder 
eine  ganz  besondere  Bedeutung.  Er  ist  ein  lebendiger  Beleg 
dafur,  daf?  in  einer  Stadt  wie  Dresden  sich  1 500-1 600  Men- 
schen  noch  genug  Idealismus  und  Empfindung  fiir  wahr- 
bafte  Poesie  bewahrt  haben  aus  dem  Sumpfe  der  astheti- 
schen  Zerfahrenheit,  in  der  wir  -  in  Deutschland  -  stecken. 
Nur  diese  asthetische  Zerfahrenheit,  die  in  einer  furchtba- 
ren  geistigen  Indolenz  wurzelt,  hat  es  moglich  gemacht,  daft 
Ibsen  jenen  Anhang  gewonnen  hat,  den  er  nun  einmal  eben 
hat.  Man  mochte  aufjauchzen  bei  dem  Gedanken,  dafi  Ihr 
«Verwandelter  K6nig»  mit  seiner  Tiefe  und  schonen  poeti- 
schen  Form  solche  1500  bis  1600  «Mitwisser»  hat  heranzie- 
hen  konnen.  Denn  hier  Mitwisser  zu  sein,  bedeutet  viel  und 
bedeutet  vor  allem  die  Fahigkeit  der  Erhebung  in  die  edlen 
Regionen  des  Idealismus.  Ich  wiinschte  nur,  dafi  das  Gebiet 
dieser  «Mitwisser»  sich  immer  mehr  und  mehr  erweitere. 
Dann  ware  auch  der  Boden  gewonnen,  die  herrlichen  Ideen 
Rasmus  Nielsens  einem  deutschen  Publikum  zuganglich  zu 
machen.  Soweit  es  mir  bis  jetzt  moglich  war,  vorzudringen 
in  den  Werken  dieses  Geistes,  habe  ich  es  getan  und  dabei 
die  Empfindung  gewonnen,  wie  recht  Sie  haben,  wenn  Sie 
Rasmus  Nielsen  den  «begabtesten  Mann»  nennen,  «der  in 
einer  bestimmten  Epoche  auf  der  Erde  lebte». 

Sie  konnen  sich  aber  auch  denken,  wie  brennend  meine 
Begierde  ist,  unter  solchen  Umstanden  ganz  und  voll  in  alle 
Tiefen  dieses  Geistes  einzudringen.  Denn  mir  ist  es  -  das 
darf  ich  wohl  sagen  -  immer  aufrichtig  um  die  Wahrheit  zu 
tun.  Aufierdem  finde  ich  durch  meine  eigene  Denkrichtung 
so  viel  auf  dem  Wege,  der  in  Nielsens  Anschauung  fuhrt, 
vorgezeichnet,  da£  auch  daraus  fiir  mich  reichliche  Befrie- 
digung  flielk.  Dafi  zuletzt  alle  Philosophic  der  grofte  Mono- 
log  sein  miisse,  den  das  menschliche  Selbstbewufitsein  halt, 
um  sich  selbst,  und  damit  die  Welt,  zu  verstehen,  schien 
mir  von  jeher  klar.  Dafi  man  aber,  von  dieser  Vorausset- 
zung  ausgehend,  vom  Wissen  und  nicht  vom  Sein  beginnen 


miisse,  ist  einleuchtend.  Was  uns  die  wissenschaftliche  Ent- 
wicklung  bringen  soli,  kann  nur  vom  Wissen  aus  und  nicht 
vom  Sein  aus  erreicht  werden. 

Die  mir  aufgetragenen  Grii£e  habe  ich  bestellt.  Kohler 
hat  sich  iiber  Ihren  Dresdener  Erfolg  aufierordentlich  ge- 
freut.  Der  Arme  liegt  nun  acht  Wochen  vollig  unbeweglich 
im  Bette.  Da£  ihm  dieser  Zustand  manchmal  unertraglich 
scheint,  ist  wohl  leicht  zu  begreifen,  besonders  da  ein  Ende 
noch  immer  nicht  abzusehen  ist.  Er  trug  mir  die  herzlich- 
sten  Grille  und  besten  Gluckwiinsche  an  Sie  auf.  Die  Zeilen 
an  Bock  habe  ich  bestellt,  allein  die  guten  Leute  nicht  zu 
Hause  angetroffen.  Auch  an  Wahle  und  Suphan  habe  ich 
Ihre  Griifie  iiberbracht,  dem  ersteren  seine  Teilnahmslosig- 
keit  fur  Bajer  arg  vorgehalten.  Er  will  das  nun  gutmachen 
und  lalk  sich  Ihrem  vierbeinigen  Genossen  besonders  emp- 
fehlen. 

Die  Anzeige  Ihres  Dresdener  Erfolges  stand  sofort  in  der 
«Weimarischen  Zeitung».  Wenn  ich  das  Blatt  noch  bekom- 
men  kann,  will  ich  es  Ihnen  senden;  ebenso  die  gestern 
abends  erschienene  Nummer,  wo  wieder  eine  Freudenbot- 
schaft  steht.  Diesmal  die  von  Ihrem  guten  Erfolge  mit  Ih- 
rem Einakter.  Ich  habe  mich  herzlich  gefreut,  als  ich  die 
Nachricht  las. 

Rosenbergs  Abhandlung  iiber  Sie  mit  dem  Bilde  habe  ich 
leider  bis  jetzt  noch  nicht  erhalten.  Ich  mochte  sie  aber  so 
gerne  haben.  Vielleicht  durfte  ich  Sie  bitten,  die  Liebens- 
wiirdigkeit  zu  haben  und  Rosenberg  noch  einmal  daran  zu 
erinnern.  Auch  bin  ich  gespannt  auf  die  Bilder  Ihrer  ge- 
schatzten  Frau  und  Ihres  Arbeitsgenossen,  die  Sie  mir  so 
freundlichst  in  Aussicht  stellen.  Damit  nehme  ich  fur  heute 
Abschied  von  Ihnen,  bitte  Sie  recht  sehr,  mich  Ihrer  Frau 
Gemahlin  bestens  zu  empfehlen  und  Bajer  meinen  Gruft  zu 
ubermitteln;  Sie  selbst  aber  empfangen  herzlichsten  Grufi 
von 

Ihrem 
Rudolf  Steiner 


271.  AN  PAULINE  UND  LADISLAUS  SPECHT 

Weimar,  24.  Dezember  1890 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau 
und  verehrtester  Herr  Specht! 

Voran  stelle  ich  mein  dankbarstes  Gedenken  an  die  mich 
so  erfreuende  Uberraschung,  die  Sie  mir  zum  bevorstehen- 
den  Weihnachtsfeste  bereitet  haben.  Die  schonen  Dinge 
zieren  seit  diesem  Morgen  meinen  Schreibtisch  und  werden 
mir  immer,  wenn  ich  mich  zur  hauslichen  Arbeit  setze,  wie 
mich  griifiend  erscheinen  von  jenen  lieben  Menschen,  in 
deren  Gemeinschaft  ich  so  viele  Jahre  verlebt  habe. 

Auch  Ihre  lieben  Zeilen  habe  ich  soeben  erhalten,  und 
zwar  gerade  in  dem  Augenblicke,  da  ich  den  Brief  zur  Post 
tragen  wollte,  in  dem  ich  Ihnen  mit  einigen  Satzen  frohe 
Weihnachtstage  wiinschte.  Ich  zerreifie  ihn  jetzt,  da  er  ja 
doch  durch  diesen  schnell  iiberholt  wird,  freilich  auf  die 
Gefahr  hin,  daft  sich  dadurch  meine  Wiinsche  auf  recht 
frohliche  Weihnachten  etwas  zu  spat  einfinden.  Jedenfalls 
aber  sind  sie  allerherzlichst  gemeint,  ebenso  wie  der  Dank, 
den  ich  Ihnen  hiemit  aus  tiefstem  Innern  fur  die  Ihrigen  sage. 

Nicht  minder  dankbar  bin  ich  Ihnen  fur  den  warmen  An- 
teil,  den  Sie  fortdauernd  an  mir  und  meinen  Arbeiten  neh- 
men.  Zu  Anfang  der  nachsten  Woche  werde  ich  mein  an 
Richard  versprochenes  Kapitel  uber  Naturalismus  und 
Kunst  senden.  Es  wird  mir  eine  ganz  besondere  Freude  sein, 
wenn  dieser  Aufsatz,  der  einen  Teil  meiner  «  Asthetik»  bildet, 
auch  Sie  interessiert;  ich  habe  in  denselben  viel  von  den  Ge- 
danken  hineingelegt,  die  seit  Jahren  meine  innerste  Uber- 
zeugung  uber  den  Lebensnerv  der  Kunst  geworden  sind.  Es 
ist  aber  nicht  gerade  leicht,  hier  vollstandig  klar  zu  werden, 
da  ja  die  «Modernen»  so  viel  Unklarheit  geschaffen  haben, 
dafi  vielfach  die  Begriffe  nicht  nur  fehlen,  sondern  -  was  viel 
schlimmer  ist  -  eine  karikierte  Gestalt  bekommen  haben. 

Endlich  danke  ich  Ihnen  ganz  besonders,  daft  Sie  so  lie- 
benswiirdig  waren,  meine  auf  die  Zensuren  der  Kinder  so 


gespannten  Erwartungen  so  bald,  nachdem  die  Wiirfel  ge- 
fallen  waren,  zu  befriedigen.  Ich  ersehe  aus  Ihrem  freundli- 
chen  Berichte,  daft  der  Stand  der  Erfolge  sich  im  wesentli- 
chen  nicht  viel  geandert  hat.  Ein  paar  Grade  auf  oder  ab  in 
der  Notengebung  machen  ja  schlieftlich  nicht  so  viel  aus, 
und  auch  Sie  werden  ja  mit  den  Ausweisen  nicht  unzufrie- 
den  sein.  Wenn  nur  Ernstl  es  im  Zeichnen  wenigstens  zu 
einem  «Geniigend»  bringen  konnte;  da  doch  selbst  ein  fur 
den  Gesamtfortschritt  nicht  weiter  in  Betracht  kommendes 
«Ungenugend»  immerhin  das  Zeugnis  entstellt.  Bitte 
schon:  sagen  Sie  doch  den  Kindern,  daft  ich  jedem  beson- 
ders  im  Laufe  der  Festtage  schreibe.  Einstweilen  mogen  sich 
alle  von  mir  herzlichst  gegriiftt  halten  und  meine  Wiinsche 
auf  frohe  Weihnachten  entgegennehmen. 

Was  Ihr  Brief  von  Richard  und  seinem  Stiicke  enthalt, 
hat  mich  freudig  interessiert.  Es  ist  besonders  befriedigend, 
daft  er  unbeirrt  um  das,  was  die  jungen  Talente  um  ihn  her 
beginnen,  seinen  eigenen  Weg  wandert.  Nur  so  kann  wirk- 
lich  etwas  Gutes  herauskommen.  Mit  den  Schlagworten  der 
Parteien,  ob  sie  sich  auf  literarischem  oder  einem  anderen 
Felde  vernehmen  lassen,  ist  ja  doch  nichts  auszurichten.  Ich 
lasse  Richard  sagen,  ich  wartete  mit  Verlangen  auf  sein 
Stuck  und  freue  mich  recht  sehr  darauf .  Er  hat  mir  auch  das 
Gedicht,  das  in  der  «Modernen  Dichtung»  gedruckt  war, 
versprochen.  Ist  dasselbe  schon  erschienen? 

Heute  abends  werden  Sie  wohl  alle  wie  immer  an  diesem 
Tage  bei  Hansls  Weihnachtsbaum  sein;  ich  denke  mit  einer 
gewissen  Wehmut  daran,  daft  ich  so  viele  Male  an  dieser 
schonen  Freudestunde  auch  habe  teilnehmen  diirfen.  Ich 
bin  fur  den  Abend  zu  Suphan  gebeten,  der  zwei  Knaben 
hat,  von  denen  mir  besonders  Martin,  der  altere,  der  in  Un- 
tertertia  ist,  recht  anhanglich  ist.  Ich  habe  mit  den  Buben 
oft  gelernt  oder  sie  sonst  versorgt,  wenn  ihr  Vater  von  hier 
abwesend  war. 

Die  herzlichen  Worte,  die  Sie  mir  auf  meine  Lebensstel- 
lung  beziiglich  senden,  sind  mir  ein  neuer  Beweis  Ihrer 


freundschaftlichen  Teilnahme  an  mir.  Glauben  Sie  mir:  ich 
weift  dies  zu  schatzen  und  werde  es  immer.  Erhalten  Sie  mir 
dieses  Wohlwollen  und  diese  gute  Gesinnung  immer!  Wissen 
Sie  aber  auch  von  mir,  daft  ich  Ihnen  und  Ihrem  Hause  stets 
in  treuester  Freundschaft  anhanglich  sein  werde  und  daft 
mich  nichts  mehr  freuen  wird,  als  Gutes  von  da  zu  horen. 

Mit  dieser  Versicherung  will  ich  denn  meinen  heutigen 
Brief  beschlieften,  nur  noch  bittend,  Ihrer  Frau  Mutter  mei- 
nen besten  Weihnachtswunsch  zu  uberbringen  und  mich 
doch  baldigst  wieder  mit  einigen  Zeilen  zu  erfreuen. 

Nochmals  frohe  Weihnachten  alien 

Ihr 

Rudolf  Steiner 

272.  AN  ARTHUR  SPECHT 

Weimar,  26.  Dezember  1890 

Mein  lieber,  guter  Arthur! 

Du  hast  am  langsten  auf  einen  Brief  von  mir  warten  mus- 
sen;  ich  will  Dir  also  heute  zuerst  schreiben  und  Dich  vor 
allem  anderen  bitten,  mir  wegen  des  langen  Ausbleibens 
dieser  Zeilen  nicht  bose  zu  sein  und  auch  dasselbe  nicht  so 
aufzufassen,  als  wenn  ich  nicht  mit  allerwarmster  Neigung 
Dir  zugetan  ware;  aber  Du  weiftt:  ich  bin  einmal  ein  fauler 
Briefschreiber,  und  diese  Faulheit  scheint  zu  den  Krankhei- 
ten  zu  gehoren,  deren  Kur  am  schwersten  ist.  Indem  ich 
aber  dies  einfach  damit  abtue,  daft  ich  meine  Besserung  auf 
diesem  Gebiete  dem  Zukunfts-Koch,  der  sich  darauf  ver- 
legt,  als  dessen  erster  Versuchspatient  iiberlasse,*  gehe  ich 
gleich  darauf  uber,  Dir  fur  Deine  lieben,  guten  Zeilen  herz- 
lich  zu  danken.  Ich  ersehe  zu  meinem  aufrichtigen  Bedau- 

*  Nimm  mir  den  schlechten  Witz  nicht  libel;  ich  werde 
in  jedem  Briefe  einen  machen,  bis  sie  die  Zahl  derjenigen 
erreichen,  die  Du  bei  Tische  gemacht  hast. 


ern,  daft  Du  mit  Deinem  Stande  in  der  Schule  nicht  so  recht 
zufrieden  bist  und  daft  Du  auch  in  diesem  Jahre  recht  ange- 
strengt  arbeiten  mufit.  Ich  erinnere  mich  recht  wohl  daran, 
wie  Du  im  vorigen  Schuljahre  oft  bis  in  die  Nachmitter- 
nacht  hinein  saftest,  um  Deine  Arbeiten  zu  vollenden,  und 
dabei  liber  Kopfschmerzen  klagtest,  wenn  ich  am  Tische 
gegeniiber  war.  Es  tut  mir  sehr  leid,  daft  diese  grofte  Menge 
von  Arbeiten  Dich  auch  dieses  Jahr  driickt.  Aus  dem  Briefe 
Deiner  lieben  Mutter  ersehe  ich  aber,  daft  nun  doch  Dein 
Fleift  im  geometrischen  Zeichnen  es  so  weit  gebracht  hat, 
daft  Deine  Note  sogar  auf  «Vorzuglich»  gestiegen  ist.  Daft 
Du  diese  Note  auch  in  Geschichte  hast,  legitimiert  Dich  ja 
auch  als  fleiftigen  Menschen,  und  ich  glaube,  Deine  Ange- 
horigen  werden  da  mit  mir  einer  Ansicht  sein.  Das  «Lo- 
benswert»  in  Mathematik  gefallt  mir  ganz  besonders.  Daft 
Du  im  Franzosischen  mit  einem  bloften  «Geniigend»  da- 
vongekommen  bist,  ist  wohl  nur  auf  irgendeinen  bosen  Zu- 
fall  zuruckzufuhren  und  wird  sich  ja  wahrscheinlich  nicht 
wiederholen.  Also  nur  Mut,  lieber  Freund! 

Wie  geht  es  Dir  gesundheitlich?  Was  treibst  Du  sonst? 
Ich  bitte  Dich,  schreibe  mir  gelegentlich  alles ;  mich  interes- 
siert  jedes  Ding,  das  Dich  oder  Deine  Angehorigen  betrifft, 
und  ich  freue  mich  immer,  wenn  ich  eines  Eurer  Briefe  an- 
sichtig  werde. 

Hoffentlich  verbringt  Ihr  alle  die  Weihnachtstage  recht 
gut  und  verlebt  angenehme  Ferien  bis  zu  Neujahr!  Zum 
letzteren  sende  ich  Dir  von  dem  ganzen  Herzen  ein  voiles 
«Gluckauf»;  es  moge  Dir  recht  viel  Gutes  und  Schones 
bringen. 

Ich  habe  die  Weihnachten,  so  gut  es  fur  mich  hier  mog- 
lich  ist,  verlebt  und  wurde  durch  manches  Zeichen  herzli- 
cher  Teilnahme  von  da  und  dort  erfreut.  Ich  trug  mich  auch 
mit  dem  Plane,  fur  ein  paar  Tage  nach  Berlin  zu  gehen,  fand 
es  aber  zuletzt  doch  angemessener,  die  Ferien  jetzt  zu  mei- 
ner  Arbeit  zu  verwenden  und  bin  dageblieben,  trotzdem 
ich  eine  sehr  freundliche  Einladung  bekommen  hatte. 


Deinen  Briidern  schreibe  ich  wohl  auch  noch  heute; 
griifte  sie  vorlaufig  und  tue  desgleichen  bei  alien  anderen 
Angehorigen. 

In  herzlichster  Treue 
Dein 

Steiner 

273.  AN  RUDOLF  SCHMIDT 

Weimar,  27.  Dezember  1890 

Verehrtester  Herr  Doktor! 

Voran  die  Bitte,  mein  Zogern  mit  diesem  Schreiben  gii- 
tigst  entschuldigen  zu  wollen.  Ich  wollte  Ihnen  durchaus 
sogleich  meine  Photographie  mitsenden;  aber  der  Schlingel 
von  Photographen  wird  ewig  nicht  fertig  damit,  und  so  kam 
es,  dafi  ich  sogar  versaumt  habe,  Ihnen  zum  Weihnachtsfe- 
ste  ein  herzliches  «Gluckauf»  und  «Frohe  Festtage»  zuzu- 
rufen;  ich  will  nun  aber  auch  nicht  mehr  langer  warten, 
sondern  die  Photographie  ein  folgendes  Mai  mitsenden  und 
Ihnen  heute  ein  inniges  «Prosit  Neujahr»  senden.  Daft  ich 
dieses  Prosit  als  Neujahrsgruft  auch  Ihrer  geschatzten  Frau 
und  dem  klugen,  auf  die  solide  Spitze  einer  in  sich  gegriin- 
deten  Personlichkeit  gestellten  Bajer  zurufe,  bitte  ich  in 
meinem  Namen  auszurichten.  Bajers  Bild  finde  ich  unge- 
heuer  charakteristisch.  In  seiner  Physiognomie  liegt  so  viel, 
daft  wohl  ein  jeder,  ob  er  Dichter  oder  Philosoph  ist,  etwas 
herauslesen  kann.  Ich  finde,  von  meinem  Standpunkte  aus, 
das  Bild  als  das  eines  Philosophen,  und  zwar  mochte  ich 
ihn  unter  den  Deutschen  entschieden  Fichte  am  nachsten 
stellen.  Es  liegt  etwas  vom  «absoluten  Ich»  in  dieser  Physio- 
gnomie. Diese  Augen  verraten  eine  Selbstheit,  die  nicht  so 
einfach  von  und  durch  Natur  gesetzt  ist,  sondern  die  nach- 
her  durch  « absolute  Tatigkeit»  Selbst  gesetzt  hat.  Es  spricht 
aus  seinen  Ziigen  in  der  behaglichen  und  klugen  Ruhe  ent- 
schieden das:  «Ich  bin,  weil  ich  bin  und  bin,  was  ich  bin, 
schlechthin,  weil  ich  bin.» 


Der  gute  Erfolg  Ihres  Einakters  macht  mir  eine  unge- 
heure  Freude,  Hoffentlich  bringt  Ihnen  das  neue  Jahr  recht 
viele  neue  Erfolge  und  uns  ein  neues  Stuck  aus  Ihrer  Feder. 
Wenn  ich  an  Bajer  direkt  schreiben  konnte,  dann  wiirde  ich 
ihn  aufhetzen,  dafi  er  seinem  guten  Herrn  nicht  Ruhe  la£t, 
bis  die  letzte  Szene  auf  dem  Papiere  stent.  Aber  Sie  hatten 
ja  die  Giite,  mir  zu  schreiben,  dafi  das  Stuck  bereits  immer 
mehr  Leben  gewinnt,  und  ich,  der  ich  mit  solcher  Erwar- 
tung  jeder  Ihrer  Geistmanifestationen  entgegensehe,  kniipfe 
an  diese  Stelle  Ihres  lieben  Brief es  meine  Hoffnungen.  Hier 
erlaube  ich  mir  gleich  meinen  innigsten  Dank  fur  die  Zusen- 
dung  Ihres  «Grundtvig»  auszusprechen.  Ich  war  vorgestern 
bei  Bock  und  habe  dort  vorgeschlagen,  das  Buch  in  Gesell- 
schaft  zu  lesen.  Ich  werde  so  auch  am  besten  in  die  nicht- 
philosophische  Prosa  hineinkommen.  Bocks  Frau  hat  Ihre 
Weihnachtskarte  erhalten  und  will  Ihnen  demnachst  schrei- 
ben. Meine  Nielsen-Verehrung  wachst  mit  jedem  Kapitel, 
durch  das  ich  mich  hindurcharbeite.  Ich  komme  immer 
mehr  auf  das  zuriick,  was  Sie  mir  iiber  Nielsens  Bedeutung 
gesagt  haben.  Dieser  Mann  bedeutet  geradezu  ein  Kultur- 
programm,  und  ich  darf  wohl  sagen,  dafi  ich  auch  Sie,  ver- 
ehrtester  Herr,  in  dem  Mafie  besser  verstehen  lerne,  je  tiefer 
ich  in  diese  Philosophic  eindringe.  Den  gewaltigen  Ab- 
grund,  der  zwischen  der  Welt  des  Seins  und  der  des  Wissens 
gahnt,  hat  keiner  so  tief  erfafk  und  so  glucklich  zu  uber- 
briicken  gesucht  als  Rasmus  Nielsen.  Ich  hoffe,  ich  werde 
Ihnen  in  allerkiirzester  Zeit  diese  meine  Ansicht  in  viel  kon- 
kreterer  Form  vorlegen  konnen,  als  ich  dies  heute  schon 
vermag.  Dazu  muE  ich  freilich  die  «Grundideen  der  Logik» 
ganz  durchgearbeitet  haben.  Bock  ist  sehr  liebevoll  und 
hilfsbereit.  Er  hat  mir  neuerlich  ein  Buchelchen  von  Nielsen 
gegeben:  «Folkelige  Foredrag».  Ich  bin  noch  nicht  dazu 
gekommen,  mich  damit  zu  befassen;  aber  ich  glaube,  es 
handelt  von  den  religionsphilosophischen  Ansichten  Ihres 
gro£en  Landsmannes.  Auch  diese  sind  mir  ja  sehr  inter- 
essant. 


Gestern  sah  ich  Ihren  «Engel»  als  Eboli  und  Ihren  «K6- 
nig»  als  Marquis  Posa  in  Schillers  «Don  Carlos».  Ich  mufi 
Ihnen  aber  sagen,  ich  kann  das  in  Weimar  vielfach  herr- 
schende  abfallige  Urteil  iiber  Fraulein  Jenicke  nicht  teilen; 
mir  hat  sie  auch  als  Eboli  ganz  gut  gefallen.  Wiecke,  den  Sie 
ja  auch  kennengelernt  haben,  spielte  den  Carlos  recht 
befriedigend. 

Gleichzeitig  mit  diesem  Brief e  erhalten  Sie  wohl  die 
beiden  Sie  interessierenden  Nummern  der  «Weimarischen 
Zeitung»,  die  ich  Ihnen  unter  Kreuzband  schicke. 

Herzlichen  Graft  an  Ihre  verehrte  Frau,  an  Bajer  und  an 
Sie  selbst  von 

Ihrem  Sie  so  schatzenden 
R.  Steiner 


274.  AN  WALTER  FEHR 

Weimar,  31.  Dezember  1890 

Mein  lieber,  guter  Walter! 

Das  Jahr  soil  nicht  zu  Ende  gehen,  ohne  daft  ich  Dir  und 
durch  Dich  auch  Deinen  lieben  Angehorigen  meinen  herz- 
lichsten  Gruft  aus  der  Goethestadt  hiniibersende  in  jenes 
Wien,  das  ich  so  schwer  entbehre  und  nach  dem  ich  mich  so 
heftig  zurucksehne.  1st  es  doch  vor  alien  andern  Dingen  der 
Umstand,  daft  ich  wahrend  einer  Reihe  von  Jahren  in  Wien 
mit  lieben,  guten  Freunden  verkehrte,  die  mir  so  viel  sind 
und  bleiben  und  deren  lebendige  Gegenwart  ich  leider  nun 
entbehren  muft.  Du  glaubst  gar  nicht,  wie  oft  ich  der  scho- 
nen  Stunden  gedenke,  die  mir  gegdnnt  waren  in  Deinem 
und  Deiner  lieben  Angehorigen  Beisein  zuzubringen,  wie 
ich  der  Stunden  gedenke,  wo  unser  Trifolium  hinter  einem 
Glase  Bier  vorkam,  als  ob  wir  aufter  uns  selbst  nichts  mehr 
bedurfen.  Man  gewohnt  sich  nicht  leicht  an  neue  Verhalt- 
nisse;  in  keinem  Falle,  am  wenigsten  aber,  wenn  einem  die 


alten  so  teuer  waren.  Dafi  mir  in  diesem  Augenblicke,  wo 
die  Sonne  eben  ihre  letzten  Strahlen  auf  das  Jahr  1 890  her- 
aufsendet,  ganz  besonders  klar  vor  Augen  steht,  was  mir  Ihr 
alle  waret,  wirst  Du  begreifen.  Nimm  daher  aus  vollem 
Freundesherzen  meinen  tiefgefiihlten  Neujahrsgrufi  entge- 
gen  und  iiberbringe  ihn  auch  Deinen  werten  Schwestern  Frl. 
Johanna  u.  Gundi.  Ebenso  Willi  und  Giinther  und  dem 
Constant.  Sage  ihnen,  dafi  ich  alien  ein  recht  frohes  und  zu- 
friedenes  Jahr  1891  wunsche  und  dafi  ich  mich  freue,  sie  im 
Fnihlinge  zu  sehen. 

Dir  und  Kock  aber  will  ich  am  2.  Janner  abends,  wenn  Du 
also  diesen  Brief  schon  hast,  punkt  8  Uhr  mit  einem  Ganzen 
Kulmbacher  zuvorkommen.  Ja,  es  wiirde  mich  ganz  beson- 
ders freuen,  wenn  dieser  Brief  das  Zuvor-  in  ein  Gleichkom- 
men  verwandeln  wiirde. 

Wenn  Du  abrechnest,  dafi  ich  mich  in  die  steife  Holzern- 
heit  des  norddeutschen  Wesens  eben  durchaus  nicht  ge- 
wohnen  kann  und  wenn  Du  noch  dies  und  jenes  abrechnest, 
so  geht  es  mir  gut;  wenigstens  habe  ich  keinen  Grund,  mich 
zu  beklagen. 

Meine  Arbeiten  im  Archive  sind  wohl  ganz  geeignet, 
einen  Menschen  fur  eine  Zeitlang  auszufiillen,  der  das  Be- 
diirfnis  hat,  sich  Geistigem  ganz  zu  widmen.  Ich  stofte  auf 
viel  Neues  und  Interessantes,  das  nicht  verfehlen  wird,  ein 
neues  Licht  gerade  auf  das  von  mir  vertretene  Gebiet 
Goetheschen  Denkens  zu  werfen.  Hoffentlich  bringen 
diese  Arbeiten  auch  meine  Person  in  jene  Geleise,  die  ich 
mir  erhoffte,  da  ich  im  September  von  Wien  schied.  Durch 
die  Erwerbung  des  Diploms  ist  ja  auch  der  aufiere  «Firnis» 
gewonnen,  den  die  Welt  einmal  will. 

Und  nun,  mein  lieber  Freund,  mochte  ich  Dich  doch 
auch  bitten,  mir  der  alte  zu  bleiben,  jener  gute  Walter,  den 
ich  immer  so  lieb  gehabt  um  seines  lieben  Herzens  und  sei- 
ner zart-schonen  Gesinnung  willen,  dessen  Charakter  mir 
immer  ein  Gegenstand  der  Achtung  und  Verehrung  war. 
Jener  Walter,  der  Du  mir  warst  in  den  Tagen,  da  wir  uns 


fanden,  in  jenen  endlich,  wo  wir  einen  herrlich  schonen 
Winter  in  liebem  Kreise  verbrachten,  jener  Walter,  der  im- 
mer  so  treu  und  brav  verstand,  Freund  und  Bruder  zu  sein. 
Wenn  ich  weifi,  daft  jenes  Kammerlein  Deines  Herzens,  wo 
die  Freundschaft  fur  mich  sitzt,  intakt  geblieben  ist  und  im- 
mer  noch  in  gleicher  Art  funktioniert,  dann  bin  ichs  zufrie- 
den,  dann  weifi  ich,  daft  ich  an  einer  Freundschaft,  die  mir 
so  innig  Bediirfnis  ist,  nicht  zweifeln  darf.  Du  sagtest  ein- 
mal:  wenn  Du  mich  verlorest,  so  ware  es  Dir  schrecklich. 
Dies  wird  niemals  der  Fall  sein.  Ich  bin  nur  manchmal  etwas 
nachlassig  in  der  Freundschaft,  aber  gewifi  nie  untreu.  Und 
diese  Nachlassigkeit:  sie  verfolgt  mich  wie  ein  boser  Da- 
mon, den  ich  nicht  loswerden  kann  und  um  dessentwillen 
ich  oftmals  verkannt  werde.  Moge  das  bei  Dir  nicht  der  Fall 
sein.  Unter  diesem  Zeichen  wollen  wir  das  neue  Jahr  begin- 
nen  und  immerdar  will  in  treuer  Freundschaft  verharren 

Dein  alter 
Steiner 

275.  AN  LADISLAUS  SPECHT 

Weimar,  3.  Januar  1891 

Verehrtester  Herr  Specht! 

Da  in  meinem  Lebenslaufe  das  Wirken  in  Ihrer  geschatz- 
ten  Familie  einen  so  integrierenden  Bestandteil  bildet,  so 
sehe  ich  mich  gezwungen,  wieder  einmal  zu  Ihrem  Qual- 
geist  zu  werden  und  Sie  zu  bitten,  mir  dieses  Wirken  in 
schriftlicher  Form  zu  bestatigen,  damit  ich  es  «schwarz  auf 
wei$»,  wenn  nicht  nach  Hause,  wohl  aber  zur  Universitat 
tragen  kann.  Es  erscheint  namlich,  wenn  auch  nicht  uner- 
laftlich,  so  doch  wichtig,  daft  ich  iiber  eine  schon  verbrachte 
padagogische  Wirksamkeit  irgendeinen  Schein  beibringe. 
Seien  Sie  mir  deshalb  nicht  bose,  wenn  ich  Sie  bitte,  mir  in 
Zeugnisform  zu  bestatigen,  dafi  ich  den  Unterricht  und  die 
Erziehung  Ihrer  Kinder  besorgt  habe.  Das  Schriftstuck 
sollte  folgendes  enthalten: 


a)  daft  ich  in  Kraljevec  in  Ungarn  am  27.  Februar  1861  ge- 
boren  bin. 

b)  daft  ich  in  Ihrem  Hause  vom  10.  Juli  1884  bis  28.  Septem- 
ber 1 890  den  Unterricht  und  die  Erziehung  von  vier  Kin- 
dern  (Sdhnen)  besorgt  habe,  und  zwar  gefiihrt  habe  ei- 
nen  Ihrer  Sonne  bis  zur  Maturitatspriifung  der  Oberreal- 
schule;  den  zweiten  bis  zur  sechsten  Gymnasial-,  den 
dritten  bis  zu  ebenderselben  Realschulklasse,  endlich  den 
jiingsten  bis  zur  dritten  Gymnasialklasse. 

c)  ein  Wort  dariiber,  daft  mein  Wirken  Erfolg  hatte;  end- 
lich, 

d)  daft  mein  moralisches  Verhalten  wahrend  der  Zeit  mei- 
nes  Aufenthaltes  in  Ihrem  Hause  ein  durchaus  zufrie- 
denstellendes  war. 

Es  mag  Ihnen  sonderbar  erscheinen,  aber  ich  muft  auf 
den  letzten  Punkt  auch  Wert  legen,  da  das  Rostocker  Uni- 
versitatsstatut  ein  en  Paragraphen  hat,  der  da  heiftt:  «Be- 
scheinigung  des  sittlichen  Wohlverhaltens»,  und  gegen  Pe- 
danterie  gibt  es  kein  Mittel.  Ich  muft  also  zum  letzten  Ende 
den  Ausweis  tiber  meine  Bravheit  in  dieser  Form  auch  noch 
mitbringen. 

Wenn  Sie  ein  gesetzlich  beglaubigtes  Amtssiegel  fiihren, 
so  genugt  dies  neben  Ihrer  Unterschrift  unter  dem  Schrift- 
stuck;  im  gegenteiligen  Falle  -  verzeihen  Sie  meine  Qualerei 
—  miiftte  ich  Sie  bitten,  die  Unterschrift  von  dem  Notar  lega- 
lisieren  zu  lassen  und  zwar  so,  daft  aus  der  Legalisierungs- 
klausel  ersichtlich  ist,  daft  Ihr  Name  identisch  ist  mit  dem 
Trager  Ihrer  Firma. 

Ich  kann  wohl  hoffen,  daft  die  ganze  schon  so  lange  han- 
gende  Angelegenheit  bereits  ihre  Erledigung  gefunden  ha- 
ben  wird,  wenn  ich  zu  Ostern  das  Vergniigen  und  die 
Freude  habe,  Sie  wiederzusehen.  Wenn  Sie  in  der  Lage  wa- 
ren,  das  Schriftstuck  so  fertigzustellen,  daft  es  am  10.  dieses 
Monats  in  meinen  Handen  ware,  so  ware  ich  Ihnen  sehr 
dankbar. 

Anschlieftend  an  diese  meine  Bitte  will  ich  Ihnen  im  Ver- 


trauen  mitteilen,  dafi  ich  meine  Stellung  gegeniiber  dem 
Hofe  wohl  fur  eine  gute  halten  darf .  Ich  habe  als  der  einzige 
unter  den  Mitarbeitern  des  Archivs  von  der  Grofiherzogin 
die  Erlaubnis  erhalten,  die  Resultate  meiner  Forschungen 
auch  aufierhalb  der  Goethe-Ausgabe,  die  in  ihrem  Auftrage 
erscheint,  zu  verwerten,  «wegen  der  Wichtigkeit  der  mir 
zugefallenen  Partien».  Auch  hore  ich  von  vertrauenswiirdi- 
ger  Seite,  dafi  sich  der  Grofiherzog  zu  einer  ihm  naheste- 
henden  Person  dahin  ausgesprochen  hat,  dafi  er  mich  per- 
sonlich  Hebgewonnen  hatte.  Ich  war  dariiber  eigentlich 
iiberrascht,  da  ich  im  personlichen  Verkehre,  wenn  man 
von  den  ublichen  Titulaturen  und  Hoflichkeitsfloskeln  ab- 
sieht,  mit  ihm  so  wie  mit  jedermann  verkehre  und  ihm  ge- 
geniiber von  meinem  so  oft  geriigten  rechthaberischen  Ton 
nicht  abweiche.  Aber  ich  lege  Wert  darauf,  ohne  Riicken- 
beugen  und  Grundsatzverleugnung  das  zu  erreichen,  was 
eben  ohne  diese  Mittel  zu  erreichen  ist.  Und  ich  bin  der 
Ansicht,  dafi  ich,  wie  die  Dinge  jetzt  stehen,  und  wenn  Su- 
phan  -  zu  dem  mir  allerdings  das  Vertrauen  fehlt  -  kein 
falsches  Spiel  spielt,  zu  dem  von  mir  gewunschten  Ziele 
binnen  nicht  allzulanger  Zeit  komme. 

Richard  schreibe  ich  in  allernachster  Zeit.  Ihnen  aber  und 
Ihrer  geschatzten  Frau  Gemahlin  sende  ich  nochmals  meine 
herzlichsten  Gliickwunsche  zum  neuen  Jahre.  Uber  mein 
aufieres  Befinden  zu  schreiben,  war  eigentlich  nie  so  recht 
nach  meiner  Art.  Doch  will  ich  mir  diesmal  nicht  versagen, 
zu  berichten,  dafi  es  mir  gesundheitlich  trotz  der  hier  herr- 
schenden  ganz  greulichen  Kalte  gut  geht.  Wie  mir  sonst 
Weimar  anschlagt,  werden  Sie  aus  einem  meinem  nachsten 
Briefe  beizufugenden  Konterfei  entnehmen  konnen. 

Nun  nochmals  um  Verzeihung  gebeten  ob  meiner  heuti- 
gen  Bitte,  mich  Ihrer  verehrten  Frau  und  Ihrem  Wohl- 
wollen  fernerhin  empfehlend, 

in  alter  Treue 
Ihr 

Rudolf  Steiner 


276.  AN  ROSA  MAYREDER 

Weimar,  4.  Januar  1891 

Geschatzteste  gnadige  Frau! 

Kiirschner  schreibt  mir,  da£  es  ihm  dringenderer  alterer 
Verpflichtungen  und  der  sich  gegen  Weihnachten  zu  immer 
mehrenden  literarischen  Arbeiten  halber  bei  dem  besten 
Willen  bisher  noch  nicht  moglich  war,  mit  den  ihm  iiberge- 
benen  Arbeiten  sich  eingehend  zu  befassen,  dafi  er  dies  aber 
in  der  allernachsten  Zeit  tun  werde.  Wir  konnen  also  in 
Balde  jetzt  auf  eine  Entscheidung  rechnen. 

Der  Erfolg,  den  Sie  mittlerweile  auf  Ihrem  anderen  Schaf- 
fensgebiete  gehabt  haben,  macht  mir  die  innigste  Freude. 
Sie  glauben  vielleicht  noch  immer  nicht  vollinhaltlich,  wie 
hoch  mir  Ihre  Begabung  steht  und  wie  ich  in  Ihnen  die 
scharf  erfassende  Kunstlerin  verehre  und  schatze.  Die  licht- 
volle  Klarheit  in  der  psychologischen  Motivierung,  die  feine 
Zeichnung  jener  Punkte  des  Lebens,  wo  sich  Probleme  mit 
inhaltstrotzender  Wirklichkeit  beriihren,  ziehen  mich  an 
Ihren  Schriften  so  an.  Ihre  Malereien  kenne  ich  allerdings 
nicht  aus  eigener  Anschauung,  doch  gedenke  ich  mit  dem 
schmerzlichen  Gefuhl  eines  augenblicklich  Entbehrenden 
Ihrer  aus  der  Lebensfulle  unmittelbaren  Anschauungsstre- 
bens  kommenden  Kunsturteile,  die  mich  immer  so  fessel- 
ten.  Sie  gehoren  zu  jenen  Geistern,  von  denen  ich  sagen 
mdchte,  «sie  beruhigen  mich,  wenn  sie  mit  mir  iibereinstim- 
men,  und  ich  mochte  von  ihnen  nicht  grundsatzlich  abwei- 
chende  Ansichten  haben».  Wenn  Sie  zeigen,  wie  des  Lebens 
Hochstes  an  dem  Faden  der  Alltagiichkeit  hangt  und  oft 
nur,  weil  die  Moglichkeit  fehlt,  diesen  Faden  abzuschnei- 
den,  in  seinem  Ringen  nach  Freiheit  erliegt,  so  schreiben  Sie 
mir  immer  aus  der  Seele.  Ihre  novellistischen  Skizzen  wer- 
den  zeigen,  wie  man  gefalligste  Wirklichkeit  mit  Fragen 
nach  dem  «Warum  des  Lebens»,  ohne  didaktisch  zu  wer- 
den,  durchsetzen  kann.  Und  hierinnen  liegt  Ihre  kiinstleri- 
sche  Aufgabe.  Sie  haben  mir  bewiesen,  dafi  man  seinen  Stoff 


bis  ins  Kleinste  zerzausen,  zerfasern  kann,  ohne  unkunstle- 
risch  zu  werden;  Sie  haben  mir  nicht  weniger  gezeigt,  wie 
man  in  die  Wirklichkeit  mit  all  ihrer  saftstrotzenden  Leben- 
digkeit  untertauchen  kann,  ohne  das  Selbst  der  freien  Per- 
sdnlichkeit,  ohne  die  feste  Stiitze  vernunftgemafier  Klarheit 
dabei  zu  verlieren.  Ich  habe  meine  Sympathie  zu  Ihrem  gan- 
zen  Wesen  wachsen  sehen  in  dem  Mafie,  als  ich  das  Lechzen 
nach  Selbstbehauptung,  nach  voller  uneingeschrankter  Ent- 
faltung  der  menschlichen  Totalitat  erkannte.  Der  Drang 
nach  voller  ganzer  Menschlichkeit,  die  nicht  Stand,  nicht 
Geschlecht,  gar  nichts  kennt,  was  uns  zu  Halb-,  Viertel- 
und  Achtelmenschen  macht,  dieser  Drang  war  fur  mich  et- 
was  so  Erhebendes,  dafi  ich  die  Summe  der  Freuden,  die 
mir  daraus  wuchsen,  nicht  ziehen  kann. 

Wenn  ich  untersinken  soil  mit  meinem  Selbst,  verschwin- 
den  im  Objekte,  ohne  mich  wiederzufinden,  dann  kann  die 
Erkenntnis  auch  nicht  mehr  das  sein,  was  sie  sein  mufi, 
namlich  die  Auseinandersetzung  iiber  meine  Bestimmung. 
Ich  fuhle  mich  erst  dann  ganz  voll  in  meiner  Menschlich- 
keit, wenn  ich  den  Punkt  kenne,  der  mein  «Ich»,  mein  indi- 
viduelles  Sein  mit  dem  Sein  des  Universums  verkniipft.  Mir 
ist  die  Wissenschaft  letzten  Endes  die  Antwort  auf  die 
gro£e  Frage:  was  bedeutet  mein  «Ich»  dem  Universum  ge- 
geniiber?  Ich  will  mich  meines  Selbstbewulkseins  nur  zu 
dem  Zwecke  entauftern,  um  es  im  Objekte  wiederzufinden. 
Aber  es  hinzuwerfen,  um  in  der  unendlichen  Objektivitat 
unterzugehen,  das  kann  nimmermehr  zur  Erkenntnis  fuh- 
ren.  Das  Individuum-Sein,  das  Absondern  als  «Ich»  bedeu- 
tet mir  die  grofie  Frage,  bedeutet  mir  Schmerz  und  Qual 
des  Daseins.  Das  Finden  im  Objekt,  das  Aufgehen  im  Uni- 
versum -  die  Erlosung  und  das  heitere  Geniefien  der  hoch- 
sten  Welt-Harmonie.  Es  ist  furchtbar,  sich  ausgeworfen  zu 
sehen  aus  dem  Gebiete  des  Weltgeistes,  ein  Punkt  zu  sein 
im  Weltbau,  es  ist  unertraglich,  «Ich»  zu  sein;  aber  abzu- 
werfen  diese  Haut  der  Besonderung,  hinauszutreten  auf  den 
Plan,  da,  wo  der  Weltgeist  schafft,  und  zu  sehen,  wie  im 


Wesen  des  Ganzen  auch  meine  Individuality  begriindet  ist, 
vom  Standpunkt  des  zeitlosen  Anschauens  sein  eigenes  Zei- 
tendasein  zu  begreifen,  das  ist  ein  Augenblick  des  Entziik- 
kens,  gegen  den  man  alle  Qual  des  Daseins  eintauschen 
mufi.  Aber  wer  nie  ein  «Ich»  war,  kann  auch  das  «Ich»  nicht 
begreifen;  wer  nie  gelitten  hat,  kann  auch  die  Wonne  nicht 
verstehen,  die  im  Begreifen  des  Schmerzes  liegt;  wer  nicht 
das  Ubel  der  Besonderung  durchlebt,  kann  nicht  der  Freude 
der  Selbstzersetzung  teilhaftig  werden.  Um  sterben  zu 
konnen,  raufi  man  erst  gelebt  haben. 

Hier  bin  ich  aus  der  Sphare  allgemeiner  Betrachtungen 
zu  dem  speziellen  Thema  Ihres  lieben  letzten  Briefes  ge- 
kommen.  Sie  wissen  wohl,  wo  der  Ankniipfungspunkt 
liegt.  Ich  war  recht  schmerzlich  von  diesem  speziellen 
Thema  beriihrt  und  hoffe,  dafi  in  der  Zeit,  die  seit  Ihrem 
Schreiben  verflossen  ist,  das  Befinden  Ihres  lieben  Gemahls 
wieder  volliger  Gesundheit  gewichen  ist  und  daft  die  ja  jetzt 
schwebende  Ferialzeit  sein  ja  doch  nur  von  Uberanstren- 
gung  geschadigtes  Wohlsein  wiederhergestellt  hat.  Jeden- 
falls  stelle  ich  an  Sie  die  freundschaftliche  Bitte,  mir  recht 
bald  iiber  das  Befinden  des  verehrten  Lino  Nachricht  zu- 
kommen  zu  lassen.  Sie  wurden  mich  durch  ein  momentanes 
Schweigen  wirklich  beunruhigen. 

Die  «Hesperischen  Fruchte»  bildeten  meine  Festlektiire 
am  ersten  Weihnachtstag.  Ich  war  iiber  einzelnes  aus  dem 
Kapitel  iiber  Freundschaft  ebenso  erfreut,  wie  mir  anderes 
den  Magen  umgedreht  hat.  Doch  dariiber  kann  ich  wohl 
heute  nicht  mehr  ausfiihrlich  werden. 

Moge  Ihnen  das  «Neue  Jahr»  nur  Gutes  bringen  und  Sie 
die  Friichte  Ihrer  schonen  Begabung  bald  sehen  lassen;  mit 
diesem  Wunsche  und  den  besten  Griiften  an  Lino  bin  ich  in 

treuer  Freundschaft 
Ihr 


Rudolf  Steiner 


277-  AN  RUDOLF  SCHMIDT 


Weimar,  21.  Januar  1891 

Verehrter  Herr  Dr.  Schmidt! 

Eine  besondere  Freude  haben  Sie  mir  durch  die  Ubersen- 
dung  Hires  Bildes  gemacht,  fur  die  ich  Ihnen  herzlichst 
danke.  Sie  glauben  gar  nicht,  wie  oft  ich  Ihrer  gedenke  und 
wie  sehr  ich  mich  nach  den  Zeiten  zuriicksehne,  die  ich  an 
Ihrer  Seite  habe  verbringen  diirfen.  Jetzt  fanden  Sie  es  auch 
in  meiner  Behausung  schon  wohnlicher,  und  die  Kalte 
wurde  Sie  nicht  mehr  abschrecken,  bei  mir  den  Schwarzen 
zu  nehmen.  Denn  allmahlich  habe  ich  doch  alles  eingerich- 
tet,  was  die  Kiirze  der  Zeit,  die  ich  bei  Ihrer  Ankunft  selbst 
erst  in  Weimar  war,  noch  hat  mangelhaft  erscheinen  lassen. 

Ich  hoffe,  daft  ich  Ihnen  in  meinem  nachsten  Briefe  auch 
iiber  meine  Rasmus  Nielsen-Studien  bereits  etwas  Sie  Be- 
friedigendes  werde  mitteilen  konnen.  Heute  will  ich  es  lie- 
ber  nicht  tun,  denn  ich  stehe  mitten  in  den  «Logischen 
Grundideen»,  und  ich  mufi  meine  gewonnenen  Einsichten 
erst  ganz  ausgaren  lassen,  bevor  sie  sich  vor  Ihnen  zeigen 
sollen.  Es  steht  soviel  jedenfalls  fest,  daft  Sie  durch  Ihre  mir 
nicht  nur  liebe,  sondern  so  bedeutungsvolle  Anwesenheit 
in  Weimar  eines  der  wichtigsten  Bildungsfermente  in  mei- 
nem Lebenslauf  gelegt  haben. 

Ich  sende  Ihnen  die  beiden  Nummern  der  «Weimari- 
schen  Zeitung»  noch  einmal,  da  ich  annehmen  mufi,  dafi 
meine  erste  Sendung  durch  den  brutalen  Sinn  der  deutschen 
Post,  die  nicht  genug  frankierte  Kreuzband-Sendungen  ein- 
fach  wegwirft,  verlorengegangen  ist.  Und  wahrscheinlich 
ist  es  mir  passiert,  dafi  ich  das  Ding  ungeniigend  frankiert 
habe. 

Ihren  Lebensabrifi  mit  dem  Bilde  habe  ich  leider  bis  jetzt 
noch  immer  nicht  erhalten. 

Ihre  Griifie  habe  ich  an  Kohler,  Suphan,  Wahle,  Gebrii- 
der  Krause  und  auch  an  Frau  Mechler  bestellt.  Die  arme 


Frau  hatte  eine  maftlose  Freude  dariiber  und  fragte  mich, 
ob  sie  sich  erlauben  diirfe,  den  Grufi  durch  mich  erwidern 
zu  lassen,  welches  ich  denn  hiermit  tue. 

Dr.  Kohler  ist  seit  einigen  Tagen  so  weit,  daft  er  taglich 
einige  Stunden  aufterhalb  des  Bettes  zubringen  darf;  auch 
Gehversuche  im  Zimmer  konnte  er  einige  anstellen.  Sie 
sehen  aber  aus  diesem  Berichte,  wie  langsam  der  ganze 
Heilungprozeft  vonstatten  geht. 

Haben  Sie  wohl  etwas  iiber  Hoffory  gehort?  Es  soli  ihm 
doch  nicht  moglich  gewesen  sein,  seine  Vorlesungen  wieder 
aufzunehmen:  Ja,  er  soil  sich  in  einem  Sanatorium  in  Lich- 
terfelde  befinden.  Genaueres  konnte  ich  hier  nun  freilich 
nicht  erfahren. 

Daft  ich  Bajer  den  Herren  im  Goethe- Archiv  feierlichst 
vorgestellt  habe,  schrieb  ich  Ihnen  wohl  schon.  Dr.  von  der 
Hellen  muftte  doch  wissen,  iiber  welches  Wesen  er  sich  bei 
der  ersten  Mitteilung  iiber  Bajer  so  im  unklaren  geblieben 
ist.  Seine  westpreuftische  Niichternheit  konnte  sich  freilich 
bis  zu  der  Erkenntnis  dessen,  was  er  da  auf  dem  «selbstge- 
wahlten  St.  Helena»  vor  sich  hatte,  nicht  aufschwingen.  Das 
verdroft  mich.  Aber  ich  will  Ihnen  doch  nicht  verhehlen, 
da£  ich  Bajers  Bild  mit  dem  seiner  Herrin  knapp  hinter 
meinem  Tintenfasse  auf  dem  Schreibtische  postiert  habe. 

Fiir  heute  nur  noch  die  besten  Empfehlungen  Ihrer  ge- 
schatzten  Frau  Gemahlin  und  meinem  «vierbeinigen  Ich- 
Philosophen»;  endlich  auch  Ihnen  selbst  besten  Gruft  von 
Ihrem 

aufrichtig  ergebenen 
Rudolf  Steiner 


278.  AN  PAULINE  SPECHT 


Weimar,  23.  Januar  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

In  nicht  geringes  Erstaunen  hat  mich  der  Teil  Ihres  lieben 
Briefes  versetzt,  wo  Sie  von  meinem  Gesundheitszustande 
sprechen.  Ich  weift  nicht,  auf  welchem  Wege  Formey  etwas 
uber  mich  erfahren  kann,  denn  ich  habe  seit  meinem  Ab- 
gange  weder  ihm  noch  einem  uns  gemeinsamen  Bekannten 
eine  Zeile  geschrieben.  Selbst  wenn  also  das  wahr  ware,  was 
er  sagte,  so  konnte  er  es  kaum  wissen.  Ich  kann  Ihnen  nun 
aber  sagen,  daft  ich  dermalen  vollkommen  gesund  bin. 
Wenn  ich  auf  Richards  liebe,  so  willkommene  Sendung 
noch  nicht  geantwortet  habe,  so  bitte  ich  tausendmal  des- 
willen  urn  Entschuldigung.  Ich  mufite  in  diesen  Tagen  den 
ersten  von  mir  hier  zu  bearbeitenden  Band  druckfertig  ma- 
chen.  Vor  einer  halben  Stunde  etwa  habe  ich  den  Schluft- 
punkt  daruntergesetzt.  Es  war  eine  heillose  Hetzarbeit,  da 
der  Setzer  bereits  seit  acht  Tagen  wartet  und  nichts  zu  tun 
hat.  Sie  konnen  sich  wohl  vorstellen,  daft  man  unter  sol- 
chem  Drangen  jeden  Augenblick  beniitzen  mufi.  Aufterdem 
hatte  ich  Korrekturen  zu  zwei  Aufsatzen  zu  besorgen,  die 
Ihnen  nebst  dem  dritten  Bande  meiner  Goethe- Werke  dem- 
nachst  zugehen  werden.  Der  letztere  ist  namlich  schon  er- 
schienen,  nur  fehlen  mir  noch  die  Freiexemplare.  Weift 
Gott,  wo  die  wieder  stecken!  Aufterdem  mufi  mein  vierter 
Kiirschner-Band  noch  in  diesem  Monate  fertig  werden.  Um 
an  dem  letzteren  zu  arbeiten,  meldete  ich  mich  neulich  ein- 
mal  krank.  Ich  erinnere  mich  dessen,  weil  wohl  moglich 
ware,  daft  Formey  hier  Bekannte  hat,  und  der  angefuhrte 
Umstand  zu  jener  falschen  Darstellung  meiner  gesundheit- 
lichen  Verhaltnisse  Veranlassung  gegeben  haben  kann. 

Meiner  Uberbiirdung  mit  Arbeit,  die  aber  bald  ein  Ende 
haben  wird,  ist  es  denn  auch  zuzuschreiben,  daft  ich  Ihrem 
lieben  Herrn  Gemahl  fur  die  liebenswiirdige  Ausfolgung  des 


Testimonium  morum  noch  nicht  gedankt  habe.  Es  soil 
demnachst  geschehen,  und  ich  bitte  Sie,  geschatzteste 
gnadige  Frau,  ihm  vorlaufig  meinen  herzlichsten  Dank  zu 
uberbringen. 

Richard  erhalt  jedenfalls  in  den  ersten  Tagen  der  nachsten 
Woche  ein  Schreiben  iiber  sein  Stiick.  Es  kam  gerade  in  eine 
etwas  bose  Zeit  hinein,  denn  wahrend  man  Hals  iiber  Kopf 
Texte  vergleichen  mufi,  lafit  sich  die  Frische  fur  ein  richtiges 
Urteil  iiber  ein  Kunstprodukt  nicht  gewinnen.  Und  ich 
rnochte  ihm  doch  voll  gerecht  werden.  Nur  der  Umstand, 
dafi  ich  nicht  iiber  das  Stiick  schreiben  konnte,  hielt  mich 
ab,  an  ihn  zu  schreiben.  Hansels  reizendes  Briefchen  riihrt 
mich  wirklich,  ich  werde  ihm  morgen  einen  Brief  schreiben. 
Auf  die  Antworten  Ihrer  Kinder  freue  ich  mich  herzlich. 
Richards  Gedicht  in  der  «Modernen  Dichtung»  habe  ich 
gelesen.  Ich  kannte  es  bereits.  Es  hat  mir  aber  neuerdings 
sehr  gut  gefallen. 

Serenissimus  zeigt  sehr  viel  Teilnahme  und  Interesse  fiir 
mich.  Er  gewinnt  unbedingt,  wenn  man  ihn  naher  kennen- 
lernt.  Ich  rnochte  ihn  einen  Gefuhlsidealisten  nennen,  auf 
den  der  Umstand  doch  nicht  wirkungslos  geblieben  ist,  dafi 
er  noch  Goethe  gekannt  hat.  Er  sagte  mir  letzthin:  «Es 
macht  mir  Freude,  Sie  hier  zu  haben. »  Ich  glaube,  die  Leute 
haben  es  doch  nicht  einmal  so  ungerne,  wenn  man  ihnen 
nicht  so  ganz  ohne  Selbstbewufitsein  entgegentritt,  wie  das 
leider  in  ihrer  Umgebung  in  so  ekelerregender  Weise  der 
Fall  ist. 

Nun  nur  noch  Dank  von  ganzem  Herzen  fiir  Ihren  lieben 
Brief,  der  mir  durch  die  Auffassung  jenes  ganz  unbegninde- 
ten  Geschwatzes  Formeys  die  Anteilnahme  neuerdings 
zeigt,  die  Sie  mir  bewahren.  Bitte  empfehlen  Sie  mich  Ihrer 
Frau  Mutter  und  Schwester,  Ihrem  lieben  Herrn  Gemahl 
und  griiEen  Sie  die  Kinder  herzlichst  von 

Ihrem  dankbarsten 
Rudolf  Steiner 


279-  AN  PAULINE  SPECHT 


Weimar,  4.  Februar  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Erlauben  Sie,  dafi  ich  Ihnen  heute  den  dritten  Band  mei- 
ner  Goethe- Ausgabe  iibersende  mit  denselben  Widmungs- 
worten,  die  auch  der  zweite  tragt.  Bei  lege  ich  demselben 
den  Separatabzug  eines  Aufsatzes,  der  Ihnen  Nachricht  ge- 
ben  kann,  in  welcher  Richtung  sich  meine  Arbeiten  hier  im 
Archiv  bewegen.  Diese  Bewegung  geschieht  nun  freilich 
nicht  ohne  alle  Hemmnisse.  Ich  ging  vom  Anfange  an  hier 
meinen  eigenen  Weg  und  habe  auf  demselben  vor  kurzem  - 
nach  vieler  Miihe  und  Arbeit  -  meinen  ersten  Band  vollen- 
det.  Die  Druckerei  wartete  darauf.  Da  ging  dann  im  letzten 
Augenblicke  Direktor  Suphan  aller  Mut  aus;  er  getraute 
sich  den  Band  nicht  in  die  Druckerei  zu  geben.  Ich  erklarte, 
nicht  ein  Wort  andern  zu  konnen.  Ich  mufke  ein  Zirkular 
an  die  Redaktoren  ausarbeiten,  in  dem  ich  mein  selbstandi- 
ges  Vorgehen  rechtfertigte;  zum  Gliicke  wurde  schliefilich 
die  Berechtigung  meines  Standpunktes  eingesehen,  und  ich 
konnte  vorgestern  endlich  den  Druck  beginnen  lassen.  Nun 
ist  freilich  alles  in  Ordnung,  denn  da  man  mich  einmal  ge- 
wahren  lie£,  wird  man  es  wohl  auch  in  Zukunft  tun  miissen. 
Aber  genug  geargert  habe  ich  mich  doch.  Ich  hoffe  aber,  es 
wird  mich  dann  auch  intensiver  freuen,  wenn  ich  die  Arbeit 
fertig  vor  mir  sehe,  die  heraustritt  aus  der  Schablone,  in  die 
bisher  in  wahrhaft  bornierter  Weise  die  Weimarer  Ausgabe 
eingezwangt  war.  Sie  glauben  gar  nicht,  was  fur  Miihe  die 
Leute  haben,  um  alle  die  Stimmen  niederzuhalten,  die  aus 
aller  Welt  gegen  diese  Borniertheit  sich  erheben  wollen. 
Doch  genug  davon.  Man  wird  ja  auch  voll  entschadigt 
durch  all  das  Herrliche  und  Bedeutende,  das  Goethes 
Nachla£  birgt. 

Meine  Rostocker  Reise  fallt  wohl  noch  in  den  Februar, 
gewiE  aber  in  die  erste  Halfte  des  Marz.  Wenn  ich  zu 


Ostern  nach  Wien  komme,  hoffe  ich  Ihnen  in  dieser  Hin- 
sicht  ganz  geordnete  Verhaltnisse  mitbringen  zu  konnen. 

Ich  lege  diesem  Brief  ein  anderes  Bild  von  mir  bei,  das  ich 
Sie  recht  sehr  bitte,  meinen  lieben  Schulern  Otto,  Arthur 
und  Ernst  zu  ubergeben.  Richard  erhalt  zugleich  mit  diesem 
einen  Brief  von  mir.  Ich  habe  ihm  da  in  aufrichtigster,  unge- 
schminktester  Weise  meine  Meinung  iiber  das  Stuck,  das 
mir  ganz  aufierordentlich  gefallen  hat,  mitgeteilt.  Wenn  ich 
aber  doch  einiges  anders  gewunscht  hatte,  so  moge  er  sich 
daraus  doch  nichts  machen. 

In  dem  Augenblicke,  da  ich  dieses  schreibe,  erhalte  ich 
wieder  eine  Todesanzeige  aus  dem  Schroerschen  Hause,  die 
zweite,  seit  ich  in  Weimar  bin.  Revy,  Schroers  Schwieger- 
sohn,  ist  gestorben.  Sie  konnen  sich  nicht  vorstellen,  welche 
Sorgen  ich  in  bezug  auf  die  Widerstandskraft  des  guten  al- 
ten  Mannes  gegen  soviel  Ungemach  habe.  Er  hat  in  kurzer 
Zeit  einen  Sohn  verloren  und  eine  Tochter  zur  Witwe  wer- 
den  sehen,  ganz  abgesehen,  daft  vor  kurzem  sein  Schwager 
und  seine  Schwagerin  gestorben  sind.  Die  letztere  erst  an- 
fangs  Januar. 

Bei  uns  hier  ist  es  jetzt  weniger  winterlich.  Wahrend  ich 
dies  schreibe,  scheint  die  Sonne  ganz  fruhlingsmafiig  auf 
die  Schlofigarten  und  die  Ilm  erholt  sich  von  dem  Erstau- 
nen,  das  ihr  der  Umstand  gemacht  hat,  da£  sie  dies  Jahr  seit 
langer  Zeit  wieder  hat  zufrieren  mussen. 

Nun  mw&  ich  den  Brief  abschlieften,  mein  Archivfreund 
Wahle  erscheint,  um  mit  mir  ein  Manuskript  durchzusehen, 
das  heute  noch  erledigt  werden  muE. 

Mit  herzlichsten  Griiften  an  alle  Familienglieder 

in  aufrichtigster  Hochschatzung 
Ihr 

Rudolf  Steiner 

NB.  Richard  bekommt  in  kiirzester  Zeit  ein  besonderes 
Exemplar  meines  dritten  Bandes. 


280.  AN  EDUARD  VON  HARTMANN 


Weimar,  5.  Februar  1891 

Hochgeschatzter  Herr! 

Gestatten  Sie,  dafi  ich  mich  Ihnen  mit  den  mitfolgenden 
Arbeiten  wieder  in  Erinnerung  bringe.  Das  Januarheft  der 
in  Wien  erscheinenden  «Deutschen  Worte»  brachte  von  mir 
eine  Abhandlung  \iber  Ihre  Lehre.  Diese  Zeitschrift  ist  ge- 
rade  in  denjenigen  Kreisen  Osterreichs  verbreitet,  von  de- 
nen  ich  Verstandnis  fiir  die  von  mir  gelieferte  Charakteri- 
stik  Ihrer  von  mir  so  hochgestellten  philosophischen  Rich- 
tung  erwarten  darf.  Sie  haben  mir  durch  die  Art,  wie  Sie 
meine  bisherigen  Arbeiten,  namentlich  die  in  meinem  zwei- 
ten  Goethebande  gegebene  Auseinandersetzung  der 
Grundgedanken  Ihrer  Philosophic,  beurteilten,  Mut  ge- 
macht,  einmal  zusammenfassend  den  von  Ihnen  vertretenen 
Standpunkt  zu  kennzeichnen.  Der  Aufsatz  wird  Ihnen  je- 
denfalls  den  Beweis  liefern,  dafi  ich  ein  treuer  Anhanger 
Ihrer  Richtung  geblieben  bin.  Meine  von  Ihrer  dualistischen 
Erkenntnistheorie  etwas  abweichende  monistische  ist  nicht 
nur  kein  Hindernis  fiir  das  Verstandnis  und  die  Vertretung 
Ihres  wissenschaftlichen  Monismus,  sondern  ich  finde  im- 
mer  mehr,  dafi  gerade  der  immanente  Idealismus,  dem  ich 
in  der  Erkenntnistheorie  huldige,  mich  zwingt,  Anhanger 
Ihrer  Naturphilosophie,  Metaphysik,  Ethik,  Religionsphi- 
losophie  und  Politik  zu  sein.  Wenn  ich  in  der  Asthetik  in 
der  Weise  etwas  abweiche,  daft  ich  zwar  am  «asthetischen 
Schein»  als  der  Grundlage  aller  asthetischen  Betrachtungs- 
weise  festhalte,  aber  denselben  anders  begrunde,  als  es  in 
Ihrer  Asthetik  geschieht,  so  ist  das  wohl  auch  nur  eine  Kon- 
sequenz  meiner  erkenntnistheoretischen  Uberzeugung. 
Wer,  wie  ich,  in  jedem  Dinge  eine  Verbindung  von  Idee 
und  «unmittelbar  Gegebenem»  sieht,  dem  obliegt  es,  in  dem 
einzelnen  Falle  die  besondere  Art  dieser  Verbindung  nach- 
zuweisen.  Und  so  muft  ich  zeigen,  in  welchem  Sinne  beim 


Kunstobjekt  Idee  und  Gegebenes  verbunden  sind,  urn  den 
«asthetischen  Schein»  zu  erzeugen.  Ich  mu!5  es  daher  in  der 
Asthetik  so  machen,  wie  Sie  in  der  Naturphilosophie  und 
Geschichte,  namlich  den  asthetischen  Schein  als  eine  beson- 
dere  Entwicklungsstufe  der  Idee  darstellen.  Der  konkrete 
Idealismus  scheint  es  mir  zu  fordern,  dafi  man  merit  von 
dem  negativen  Merkmal:  «Abl6sung  des  Scheins  von  der 
Realitat»  ausgeht,  sondern  die  positiven  Elemente,  die  das 
Schone  konstituieren,  untersucht  und  dann  zeigt,  wie  durch 
die  so  charakterisierte  Natur  der  Kunst  die  Ablosung  von 
der  unmittelbar  gegebenen  Wirklichkeit  gefordert  wird. 
Doch  das  sind  Dinge,  die  es  nur  mit  den  ersten  sechzig  Sei- 
ten  Ihrer  « Philosophic  des  Sch6nen»  zu  tun  haben,  wah- 
rend  ich  in  Ihre  Ausfiihrungen  iiber  die  Formen  des  Scheins 
und  die  einzelnen  Kiinste,  gerade  wieder  von  meinem 
Standpunkte  aus,  aus  tiefster  Uberzeugung  einstimme. 

Zugleich  mit  diesem  Aufsatze  erlaube  ich  mir  den  dritten 
Band  meiner  Goethearbeit  zu  iibersenden,  dem  der  vierte 
bald  nachfolgen  soil.  Die  Einleitung  zu  den  physikalischen 
Arbeiten  Goethes  kann  wohl  nur  als  ein  Ganzes,  das  heifit 
das  in  diesem  Bande  Enthaltene  zusammen  mit  den  Ausfiih- 
rungen des  vierten  beurteilt  werden.  Ich  kann  Ihnen  aber 
schon  jetzt  die  Versicherung  geben,  dafi  es  nur  die  aus  mei- 
nem immanenten  Idealismus  fliefiende  Uberzeugung  ist,  die 
mich  zu  den  in  der  Einleitung  sich  findenden  Aufstellungen 
gebracht  hat.  Es  war  mir  schwer,  in  dieser  Sache  schon  jetzt 
das  Wort  zu  ergreifen.  Die  Welt  nimmt  so  etwas  von  einem 
jungen  Manne  sehr  schlecht  auf.  Ich  hoffe  von  niemandem 
Gerechtigkeit  als  von  den  Philosophen.  Die  Naturwissen- 
schaft  der  Gegenwart  steht  auf  einem  viel  zu  einseitigen 
Standpunkte  dazu.  Gliicklich  aber  schatzte  ich  mich,  wenn 
Sie,  hochverehrter  Herr,  meinen  Ausfiihrungen  die  Folge- 
richtigkeit  nicht  ganz  absprachen.  Ich  glaube,  daft  die  von 
mir  aufgestellten  Satze  iiber  das  Wesen  der  Sinnesempfin- 
dung  und  deren  Verhaltnis  zu  der  Naturgesetzlichkeit  allein 
Klarheit  iiber  das  Prinzip  der  Goetheschen  Farbenlehre 


verbreiten  kann.  Die  Zustimmung  freilich  ist  wieder  eine 
andere  Sache.  Ihnen  wird  auch  der  Anfang  dieser  meiner 
Einleitung  zeigen,  wie  fur  mich  Ihre  Denkweise  so  recht 
eigentlich  im  Zentrum  des  wissenschaftlichen  Treibens 
der  Gegenwart  liegt  und  wie  ich  immer  danach  trachte, 
mein  eigenes  Denken  irgendwo  an  Ihre  Schopfungen  anzu- 
schlie£en. 

Ich  lege  noch  einen  kleinen  Aufsatz  bei,  der  die  Art  cha- 
rakterisieren  soil,  wie  ich  meine  Aufgabe  dem  Goetheschen 
Nachlasse  gegemiber  auffasse.  Die  philologische  Wortkra- 
merei,  mit  der  man  jetzt  einzig  und  allein  in  der  sogenann- 
ten  Goetheforschung  operiert,  ist  mir  ein  Greuel.  Dennoch 
wollte  ich  es  nicht  ablehnen,  den  wissenschaftlichen  Nach- 
lafi  Goethes,  insofern  er  sich  auf  Morphologie,  Geologie 
und  Naturphilosophie  bezieht,  zu  redigieren  und  wissen- 
schaftlich  auszubeuten,  weil  ich  an  der  Hand  des  Materials 
gesehen  habe,  dafi  fur  die  Totalauffassung  Goethes,  von 
dieser  Seite  her,  noch  etwas  zu  tun  ist.  In  dieser  Richtung 
Ihre  Billigung  zu  finden,  wiirde  mich  fur  manches  trosten, 
was  ich  habe  erdulden  miissen,  weil  ich  in  der  Art,  wie  man 
heute  Literaturkritik  und  Goetheforschung  treibt,  durchaus 
keine  Wissenschaft  sehen  kann. 

In  dem  Augenblicke,  da  ich  daran  gehe,  Gegenwartiges 
an  Sie,  hochgeschatzter  Herr  Doktor,  zu  expedieren,  bin 
ich  damit  beschaftigt,  Ihre  neueste  Schrift  iiber  den  Spiritis- 
mus  zu  studieren,  aus  der  mir  die  tiefste  Befriedigung  fliefk. 

Sie  bittend,  das  meinen  ersten  philosophischen  Arbeiten 
geschenkte  Wohlwollen  mir  auch  fernerhin  zu  bewahren, 
bin  ich  in  warmer  Verehrung 

Ihr  ergebenster 
Rudolf  Steiner 


28l.  AN  ROSA  MAYREDER 


Weimar,  12.  Marz  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Haben  Sie  vielen  herzlichsten  Dank  fur  Ihren  lieben 
Brief,  der  mich  eben  in  der  denkbar  verdriefilichsten  Stim- 
mung  angetroffen  hat,  aber  auch  viel  zur  Aufbesserung  der- 
selben  getan  hat.  Ich  leide  namlich  seit  einigen  Tagen  wieder 
an  einer  vollstandigen  Aphonie,  verursacht  durch  Lahmung 
der  Stimmbander,  ein  Ding,  das  aufterordentlich  lastig  ist. 
Hoffentlich  verhilft  mir  das  Universalagens  der  Neuzeit, 
die  Elektrizitat,  bald  wieder  zu  meiner  Stimme  und  damit 
auch  zur  besseren  Stimmung.  Um  aber  aus  dieser  korperli- 
chen  und  seelischen  Verstimmung  herauszukommen,  be- 
merke  ich  Ihnen,  daft  Ihre  Voraussetzung  in  bezug  auf  Ihre 
Schriften  durchaus  nicht  richtig  ist.  Dieselben  finden  sogar 
in  Kurschner  einen  verstandnisvollen  Schatzer.  Ich  darf  Ih- 
nen aber  wohl  im  Vertrauen  mitteilen,  daft  er,  der  durchaus 
empfanglich  fur  neue  Richtungen  und  Bestrebungen  ist,  ei- 
nen harten  Kampf  mit  dem  Verlag  zu  kampfen  hat,  dessen 
Direktor  er  ist,  und  der  mit  alien  Kraften  an  den  alten 
«Uber  Land  und  Meer»-Traditionen  festhalten  will.  Doch 
das  Zuriickdrangen  der  letzteren  und  damit  auch  das  Publi- 
zieren  Ihrer  Schriften  ist  wohl  nur  eine  Frage  der  Zek.  Frei- 
lich  mufi  ich  Ihnen  gestehen,  daft  ich  mich  auf  eine  lange 
Zeit  nicht  einlasse  und,  wenn  wir  mit  Stuttgart  nicht  in  den 
nachsten  Monaten  zum  Ziel  kommen,  wir  im  Einverneh- 
men  mit  Kurschner  ein  anderes  versuchen  wollen.  Denn  Sie 
diirfen  mir  es  glauben:  ich  betrachte  Ihre  Angelegenheiten 
in  dieser  Richtung  wie  die  meinigen,  und  wir  mussen  zum 
Ziel  kommen.  Sie  diirfen  das  nicht  als  vage  Versicherung 
nehmen.  Ich  werde  mich,  wenn  ich  Sie  gedruckt  sehe,  gewift 
ebenso  freuen  wie  Sie  selbst.  Denn  ich  habe  mich  noch  nie 
so  gut  mit  einer  Richtung  verstanden  wie  mit  der  Ihrigen. 
Der  lebendige  Verkehr  mit  dem  Publikum  wird  Sie  auch  zu 


jener  kunstlerischen  Ausgestaltung  Ihrer  Richtung  bringen, 
die  ich  von  Herzen  wiinsche  und  in  welcher  ich  das  kiinstle- 
risch  ausgefiihrt  sehen  werde,  was  ich  auf  dem  Wege  des 
philosophischen  Nachdenkens  zuletzt  auch  suche.  Sie  wis- 
sen  das  schon,  denn  ich  habe  es  Ihnen  wohl  schon  miindlich 
gesagt,  aber  es  gewahrt  mir  eine  solche  Befriedigung,  Ihre 
kiinstlerische  Individuality  auf  meinen  Wegen  gefunden  zu 
haben,  dafi  ich  es  immer  wieder  gerne  ausspreche.  Also  hin- 
weg  mit  der  Mutlosigkeit  Ihres  letzten  Briefes ! 

Ich  habe  in  den  letzten  Tagen  nur  Arbeit  gehabt  und  we- 
nig  Freundliches  erlebt.  Sie  wiirden  erstaunen,  wenn  Sie 
Weimar  kennenlernten,  wie  bald  man  gewahr  wird,  dafi 
man  auf  den  Grabern  deutscher  Grofie  wandelt.  Es  ist  un- 
bedingt  richtig:  in  dem  Augenblick,  da  Goethe  starb,  verfiel 
Weimar  in  einen  Dornroschen-Schlaf,  aus  dem  es  nicht  wie- 
der erwachen  will.  Ich  versichere  Sie,  da$  hier  niemand 
meine  Sprache  versteht,  dafi  ich  mich  nach  gar  keiner  Seite 
hin  verstandigen  kann.  Wenn  Sie  nun  erwagen,  was  ein  un- 
mittelbarer,  personlicher  Verkehr  fur  uns  alle  bedeutet,  so 
werden  Sie  meine  Lage  kaum  anders  als  die  eines  Exilierten 
bezeichnen  konnen.  Und  wie  notwendig  hatte  ich  gerade 
jetzt  geistige  Anregung.  In  dem  Augenblick,  als  ich  von 
Wien  wegging,  war  ich  eben  im  Begriffe,  in  meinem  Den- 
ken  jene  wichtige  Stufe  zu  erreichen,  wo  Idee,  Form  und 
Begriff  (essentia,  quidditas  und  universale)  in  ihrer  richtigen 
gegenseitigen  Beleuchtung  erscheinen.  Ich  wollte  damit  den 
Nominalismus  der  neueren  Naturwissenschaft  uberwinden 
und  die  Entitat  der  Essenz  wieder  herstellen.  Dafi  ich  ge- 
rade dazu  berufen  bin,  spricht  auch  Eduard  von  Hartmann 
in  einem  Schreiben  aus,  das  ich  soeben  von  ihm  erhalte  und 
in  dem  er  mir  in  der  denkbar  freundschaftlichen  Weise  ent- 
gegenkommt.  Er  meint:  ich  ware  dazu  ausersehen,  durch 
eine  Synthesis  von  Nominalismus  und  Realismus  eine  neue 
Form  des  philosophischen  Realismus  herbeizufuhren. 
Diese  Aufmunterung  ist  gewifi  viel  wert,  da  ich  ja  nie  selbst 
meine  Aufgabe  in  einer  solchen  Weise  formuliert  habe,  also 


annehmen  mull,  dafi  Eduard  von  Hartmann  durch  Studium 
meiner  Schriften  zu  der  Formulierung  gekommen  ist.  Hatte 
ich  diesen  Winter  in  Wien  zubringen  diirfen,  dann  ware  ich 
wohl  heute  weiter. 

Was  mein  Nach-Wien-Kommen  betrifft,  so  diirfen  Sie 
mir  glauben,  dafi  ich  sehnsuchtig  auf  den  Tag  meiner  Ab- 
reise  warte.  Ich  werde  aber  kaum  gerade  zu  Ostern  reisen 
konnen.  Meine  hiesigen  Obliegenheiten  zwingen  mich 
namlich,  den  Zeitpunkt  von  der  Beendigung  des  ersten  Ban- 
des  der  Weimarer  Goethe- Ausgabe,  den  ich  bearbeite  und 
dessen  Druck  jetzt  lauft,  abhangig  zu  machen.  Ich  reise 
dann  von  hier  nach  Berlin,  von  da  nach  Wien  und  iiber 
Stuttgart  wieder  zuriick.  Den  Zeitpunkt  werde  ich  Ihnen 
demnachst  angeben.  Ich  muE  Sie  also  bitten,  mich  dann  von 
dem  Handschlage  zu  entbinden,  wenn  Sie  denselben  so  auf- 
gefalk  haben  sollten,  dafi  damit  die  Osterwoche  gemeint 
ware.  Denn  ich  kann  wohl  schon  heute  sagen,  dafi  der 
Druck  des  Bandes  wohl  kaum  vor  dem  10.  April  fertig  sein 
wird.  Dann  allerdings  zogere  ich  keine  Stunde,  denn  ich 
lechze  nach  -  Menschen. 

Daft  es  Ihrem  lieben  Gemahl  wieder  gut  geht,  freut  mich 
aufterordentlich.  Griiften  sie  ihn  doch  herzlichst  von  mir. 

In  den  nachsten  Tagen  sende  ich  Ihnen  den  dritten  Band 
meiner  Goethe-Ausgabe,  aus  dessen  Einleitung  ich  Ihnen 
in  Waidhofen  einige  Stellen  vorgelesen  habe.  Er  ist  endlich 
erschienen. 

In  treuer,  unveranderlicher  Freundschaft 

Ihr 


Steiner 


282.  AN  PAULINE  SPECHT 


Weimar,  15.  Marz  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau ! 

Durch  ein  Schreiben  Ihrer  verehrten  Frau  Schwester  er- 
fahre  ich  soeben,  dafi  auch  Otto  an  den  Masern  erkrankt 
ist.  Hoffentlich  aber  bleibt  es  doch  wenigstens  dabei  stehen; 
denn  ich  kann  mir  denken,  wieviel  Verdriefilichkeit  Ihnen 
aus  dieser  bosen  Geschichte  wieder  erwachsen  ist.  Wenn 
nur  die  Kinder  in  ihren  Schulobliegenheiten  nicht  gar  zu 
sehr  gestort  sind!  Ich  wiinsche  von  ganzem  Herzen,  daft  ich 
in  Wien  wieder  alles  gesund  und  froh  au£  den  Beinen  finde. 
Heute  kann  ich  dies  auch  nicht  einmal  von  mir  sagen.  Ich 
bin  seit  einer  Reihe  von  Tagen  wieder  vollstdndig  aphonisch 
und  mufi  elektrisiert  werden,  worauf  die  Stimme  wieder 
klingt,  freilich  -  zu  meinem  Verdrusse  -  nur  fur  anderthalb 
bis  zwei  Stunden.  Ich  bin  neugierig,  wann  ich  damit  wieder 
ins  Geleise  komme.  Den  genauen  Zeitpunkt  meiner  Reise 
kann  ich  heute  noch  nicht  bestimmen.  Vor  der  Hand  liegt 
mir  die  Sehnsucht  darnach  in  alien  Gliedern.  Ich  werde 
namlich  von  hier  nach  Rostock,  dann  liber  Berlin  nach 
Wien  und  iiber  Stuttgart  wieder  zuriickreisen.  Die  Verhalt- 
nisse  hier  machen  es  dringend  notwendig,  daft  ich  die  bei- 
den  Reisen  verbinde.  Vorher  mufi  aber  der  erste  von  mir  in 
Weimar  zu  bearbeitende  Band  ausgedruckt  sein.  Es  geht 
dies  aber  bisher  sehr  rasch  vorwarts,  und  ich  kann  wohl 
hoffen,  dafi  ich  Anfang  oder  langstens  Mitte  April  in  Wien 
bin.  Nach  dem  Schlufipunkt  des  Bandes  warte  ich  nur  noch 
bis  zum  nachsten  Eisenbahnzuge.  Wie  sehr  ich  wieder  Tage 
der  Erfrischung  und  des  Zusammenseins  mit  Menschen 
notwendig  habe,  werden  Sie  so  recht  erst  aus  den  miindli- 
chen  Mitteilungen  entnehmen  konnen.  Jene  Art  von  Men- 
schen, die  wir  in  Wien  als  besonders  schatzenswert  finden, 
gibt  es  hier  gar  nicht.  Alles  geht  in  den  kleinlichsten,  per- 
sonlichsten  Interessen  auf .  Hier  denkt  niemand  individuell, 


personlich,  alles  standesgemaft.  Anders  ist  die  Denkart  des 
Geheimen  Regierungsrates,  anders  mufi  die  des  Geheimen 
Hofrates  sein,  denn  beide  sind  verschieden  wie  Regierungs- 
rat  und  Hofrat. 

Zu  den  Kleinlichsten  der  Kleinlichen  gehort  Suphan,  der 
Direktor  des  Archivs.  Eine  echt  phiKstrose  Schulmeisterna- 
tur  ohne  alle  grofSeren  Gesichtspunkte.  Wo  irgend  etwas 
sich  frei,  selbstandig  und  unbehindert  entwickeln  sollte,  da 
hangt  seine  Gesinnung  wie  ein  Bleigewicht  daran.  Er  kann 
natiirlich  nichts  dafiir.  Denn  kein  Mensch  kann  anders  sein, 
als  er  geworden  ist.  Aber  wer  mit  solchen  Menschen  zu  tun 
hat,  fuhlt  sich  in  allem  gelahmt.  Dabei  ist  er  mit  einer  Art 
von  neidischem  HaE  erfullt  gegen  alle  fremden  Leistungen, 
und  man  erregt  sein  aufterstes  Miftfallen,  wenn  man  ein  leb- 
haftes  Interesse  fur  das  geistige  Leben  der  Gegenwart  hat. 
Mein  nicht  zu  verleugnender,  nur  leider  hier  schwer  zu  be- 
friedigender  Drang,  die  Stromungen  im  geistigen  Leben  der 
Gegenwart  voll  kennenzulernen,  hat  mir  von  Suphans  Seite 
den  Beinamen  «Bildungsepikureer»  eingebracht.  Mir  er- 
scheint  es  immer  unbegreiflich,  wie  man  mit  diesem  Worte 
liberhaupt  ein  Gefiihl  des  Vorwurfes  verbinden  kann.  Sie 
werden  aber  aus  dieser  meiner  Angabe  entnehmen  konnen, 
welches  Leit-Gesinnungs-Motiv  bei  der  Direktion  des 
Goethe- Archivs  herrschend  ist. 

Dafi  Richard  sein  Stuck  nicht  doch  umarbeitet,  argert 
mich  eigentlich.  Denn  ich  bleibe  dabei:  es  liefie  sich  aus 
dem  Stoffe  etwas  recht  Gutes  machen.  Auch  halte  ich  das 
Sich-Selbst-Vertrosten  auf  eine  spatere  Zeit  nicht  fur  gut, 
denn  man  sollte  eine  solche  Sache  dann  anfassen,  wenn  sie 
die  Krafte  unserer  Psyche  noch  voll  in  Spannung  halt,  nicht 
nachher,  wenn  das  Gefiihl  unbedingt  kalter  geworden  sein 

Die  allseitige  Verstimmung  in  Ihrer  lieben  Familie  be- 
greife  ich,  also  auch  die  Ihres  lieben  Gemahls.  Dafi  auch 
noch  die  Wahlen  zur  Herabstimmung  das  ihrige  beitragen, 
finde  ich  nicht  minder  verstandlich.  Ich  muli  aufrichtig  ge- 


stehen,  da£  mein  Begriffsvermogen  aufhort  gegeniiber  sol- 
chen  Verhaltnissen,  wie  sie  sich  in  den  letzten  Wahlen  aus- 
gelebt  haben.  Ich  habe  Leute  wie  Steinwender  immer  fur 
verrannt  und  etwas  borniert,  nie  aber  fiir  so  brutal  gehalten, 
daE  sie  einen  Mann  wie  Carneri  aus  seinem  Wahlbezirke 
verdrangen.  Gerade  dieser  Fall  ist  symptomatisch.  Er  be- 
weist,  dafi  Verdienst  und  Arbeit  nicht  mehr  gilt  und  da£  die 
Hohlheit  alles  zu  beherrschen  vermag,  wenn  sie  sich  einer 
beliebten  Phrase  bedient.  Man  hat  heute  kein  Bewulksein 
davon,  dafi  der  Mensch  nach  seinem  Leistungsvermogen 
beurteilt  werden  mufi. 

Ob  ich  in  der  Lage  bin,  mein  asthetisches  Kapitel  voraus- 
zusenden  oder  ob  ich  es  lieber  mitbringe,  weifi  ich  wirklich 
noch  nicht.  Eine  Abschrift  davon  nehme  ich  auch  nach  Ber- 
lin mit,  da  ich  gerne  mit  Eduard  von  Hartmann  iiber  die 
Hauptfragen  sprechen  mochte.  Ich  weifi  nicht,  ob  ich  Ihnen 
schon  geschrieben  habe,  dafi  ich  gerade  von  diesem  Manne 
neue  Aufmunterung  erhalten  habe,  riistig  fortzuarbeiten  an 
der  «Asthetik».  Er  sagt,  er  werde  gerade  mein  Unterneh- 
men  mit  Freude  begriifien. 

Und  nun  nur  noch  die  Bitte,  mich  alien  Gliedern  der  Fa- 
milie  bestens  zu  empfehlen,  und  die  Versicherung,  dafi  ich 
mit  Sehnsucht  an  meine  Wiener  Reise  denke.  Den  Kindern 
wunsche  ich  baldige,  voile  Gesundheit. 

In  Hochschatzung 
Ihr  dankbarer 

Rudolf  Steiner 

283.  AN  PAULINE  SPECHT 

Weimar,  21.  Marz  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Sie  werden  glauben,  dafi  es  tiefinnerlich  empfunden  ist, 
wenn  ich  Ihnen  zu  Ihrem  Geburtstage  die  herzlichsten 


Griifte  hiermit  iibersende.  Hoffentlich  sind  die  lieben  Kin- 
der nun  wieder  hergestellt  und  der  bose  Gast,  der  sich  in 
den  letzten  Wochen  in  Ihrem  Hause  eingestellt  hat,  triibt 
Ihnen  wenigstens  nicht  die  Freude  des  23.  Marz.  Ich  muE 
gestehen,  dafi  ich  bis  vor  ganz  kurzer  Zeit  gehofft  habe, 
schon  am  23.  oder  24.  Marz  in  Wien  sein  zu  konnen.  Nun 
mufi  ich  leider  noch  anderthalb  bis  zwei  Wochen  warten. 
In  solchen  Zeiten,  die  eigentlich  ganz  widerrechtlich  sich  in 
unser  Leben  einflechten,  verdoppeln  sich  die  Tage.  Auch 
hat  in  den  letzten  Tagen  der  Zustand  meines  Kehlkopfes 
nicht  gerade  zur  Erhohung  meiner  allgemeinen  Befriedi- 
gung  beigetragen.  Nachdem  er  schon  ziemlich  imstande 
war,  macht  er  mir  wieder  Mannchen.  Ich  kann  mich  dar- 
iiber  freilich  nicht  wundern,  da  ich  in  den  letzten  zwei  Ta- 
gen ein  ziemlich  bewegtes  Leben  fiihren  mufite.  Vorgestern 
namlich  war  ich  zum  Diner  beim  ErbgrofSherzog  und  ge- 
stern  zum  Souper  bei  der  Grofiherzogin  eingeladen.  Es 
wird  Sie  vielleicht  interessieren,  wenn  ich  Ihnen  mitteile, 
da£  bei  der  Erbgrofiherzogin  recht  flott  iiber  Yogi,  Fakire 
und  indische  Philosophic  gesprochen  wurde.  Sie  konnen 
sich  denken,  dafi  ich  da  wieder  recht  grundlich  unterge- 
taucht  bin  in  das  mystische  Element,  in  dem  ich  eine  Zeit- 
lang  in  Wien  fast  besorgniserregend  geschwommen  habe. 
Der  Erbgrofiherzog  erklarte  zwar,  er  halte  «das  alles  fur 
physiologisch  unmoglich»,  da  aber  die  Erbgrofiherzogin 
sehr  begeistert  fiir  die  Sache  ist,  so  kann  es  ja  immerhin 
kommen,  dafi  die  Mystik  hier  noch  ganz  hoffahig  wird.  Da 
dies  wohl  das  letzte  Stadium  vor  ihrem  Aussterben  ist,  so 
konnte  man  diese  Erscheinung  ja  mit  Freuden  begriifien. 
Mehr  gefreut  hat  mich  der  Umstand,  dafi  mir  gestern  die 
Erbgroftherzogin  sagte,  sie  schwarme  fur  Hamerling.  Ich 
mochte  wiinschen,  dafi  diese  Schwarmerei  auch  in  Deutsch- 
land  allgemeiner  wiirde,  denn  deutsche  Professoren  z.  B. 
wissen  von  Hamerling  selten  mehr,  als  «dafi  er  auf  die  Ner- 
ven  wirkt».  Wenn  ich  auch  durchaus  die  Art  mifibillige,  wie 
in  Osterreich  Hamerling  im  Parteiinteresse  ausgebeutet  und 


seine  Satze  zu  Parteischlagern  verzerrt  werden,  so  ist  mir 
die  mit  vollkommener  Unkenntnis  gepaarte  summarische 
Verdammung  des  guten  Hamerling  in  Deutschland  furcht- 
bar  zuwider.  Ich  bin  eben  daran,  «Die  Atomistik  des  Wil- 
lens»,  Hamerlings  hinterlassenes  philosophisches  Buch,  zu 
lesen,  von  dem  er  in  den  letzten  Wochen  seines  Lebens  viel 
gesprochen  hat.  Ich  hatte  ja  die  Freude,  direkt  aus  seinen 
Briefen  Andeutungen  iiber  dieses  nachgelassene  Werk 
Hamerlings  zu  erhalten. 

Ich  werde  heute  auch  noch  an  Richard  schreiben  und  ihm 
auch  die  Hefte  aus  der  «Modernen  Dichtung»  endlich 
zuriicksenden. 

Ob  Sie  an  Ihrem  Geburtstage  wohl  alle  Familienmitglie- 
der  schon  wiedersehen,  weifi  ich  wohl  nicht.  Wenn  es  aber 
der  Fall  ist,  dann  bitte  ich  recht  sehr,  mich  Brulls,  Schwarzs, 
Strisowers  auf  das  beste  zu  empfehlen.  Jedenfalls  aber  bitte 
ich  schon,  Ihrer  Frau  Mutter  mich  zu  empfehlen,  Ihren 
Gatten  herzlichst  zu  griiften  sowie  die  Kinder,  denen  ich 
rasche  und  voile  Gesundwerdung  wunsche.  Nochmals 
herzlichsten  Gluckwunsch  zum  Geburtsfeste 

in  voller  Hochschatzung 
Ihr  dankbarer 

Steiner 

284.  AN  KARL  JULIUS  SCHROER 

(Ausschnitt) 

[Weimar,  20.]  April  1891 

...  In  Weimar  ist  leider  kaum  jemand,  mit  dem  man  sich 
iiber  Goethe  aussprechen  konnte.  Suphan  hat  weder  Ver- 
standnis  noch  Interesse  fur  Goethe.  Er  wirft  uns  Wienern 
vor,  dafi  wir  Goethe  «singen»,  weil  ihm  unsere  Hingabe  an 
die  Sache  eigentlich  zuwider  ist  .  .  . 


285.  AN  RICHARD  SPECHT 

Weimar,  22.  April  1891 

Mein  lieber  Freund! 

Dies  ist  wohl  der  letzte  Brief,  den  ich  Ihnen  vor  meiner 
Abreise  schreibe,  denn  nun  hoffe  ich  doch  bald  fortzukom- 
men.  Die  Grofiherzogin  wiinscht  durchaus,  daE  mein  erster 
Band  in  ununterbrochener  Folge  fertiggestellt  werde.  Und 
so  sei  es  denn!  Was  ich  fur  Empfindungen  gegeniiber  diesen 
fortwahrenden  Verzogerungen  habe,  will  ich  lieber  ganz 
verschweigen. 

Sie  haben  die  Gute  gehabt,  mir  das  Probeheft  der  «Mo- 
dernen  Rundschau »  zusenden  zu  lassen.  Ich  habe  mich  uber 
Ihr  Gedicht  «Endlich»  sehr  gefreut.  Auch  uber  die  Rezen- 
sion  von  Bergers  Gedichten,  die  wohl  von  Ihnen  ist.  Es  ist 
noch  manches  Gute  in  dem  Hefte,  so  «Im  dunkelsten  Erd- 
teil  der  Moderne»  und  «Der  Roman  vom  Ubermenschen». 
Der  letztere  Aufsatz  macht  mich  sehr  neugierig  auf  «Am 
offenen  Meer»,  wenn  ich  auch  kaum  glauben  kann,  daft  der 
Dichter  von  «Fraulein  Julie»  und  «Der  Vater»  etwas  wirk- 
lich  Kunstlerisches  schaffen  kann.  Vor  kurzem  wurde  mir 
auch  eine  andere  Zeitschrift,  «Die  Moderne»,  zugeschickt, 
worinnen  mich  manches  interessiert,  wenn  auch  weniges  an- 
gesprochen  hat.  Doch  werde  ich  bald  aufhoren,  auf  meinen 
Geschmack  auch  nur  das  allergeringste  zu  geben,  denn  wer 
es  liber  sich  bringt,  hier  in  Weimar  mit  den  Vampiren  des 
Klassischen  gemeinsame  Sache  zu  machen,  von  dem  ist  we- 
nig  zu  halten.  Wenn  nicht  aus  dem  eigenen  Innern  manch- 
mal  noch  etwas  kame,  das  Trost  in  diese  Ode  brachte,  dann 
mufite  man  davonlaufen.  Aber  ich  wollte  ja  nicht  schon  wie- 
der  klagen!  Unbotmafiige  Feder! 

Zu  Ostern  hatten  wir  hier  eine  Vorstellung  der  Devrient- 
schen  Faustbearbeitung  mit  der  Musik  des  hiesigen  Kapell- 
meisters Lassen.  Die  Darstellung  war  unter  der  Mittelma- 
ftigkeit,  bis  auf  das  Gretchen,  das  von  Frau  Wiecke  ganz 
ausgezeichnet  gegeben  wurde. 


Sie  haben  jetzt  in  Wien  grofiartige  Ibsen-Festlichkeiten 
gehabt.  Dafi  Minor  dabei  die  Festrede  gehalten  hat,  wun- 
dert  mich  ganz  besonders.  Es  wiirde  mich  ganz  aufieror- 
dentlich  interessieren,  Genaueres  uber  alle  diese  Vorgange 
zu  horen.  Ich  habe,  seit  ich  von  Wien  wegging,  aufier  der 
«Neuen  Freien  Presse»,  die  ich  taglich  lese,  keine  Wiener 
Zeitung  in  der  Hand  gehabt.  Denn  Weimar  liegt  eben  mit- 
ten in  der  Welt  aufterhalb  derselben.  Wollten  Sie  mir  einiges 
schreiben,  so  ware  ich  Ihnen  wirklich  ganz  ungemein  dank- 
bar.  Besonders  unterlassen  Sie  nicht,  mir  zu  sagen,  ob  Sie 
denn  selbst  auch  an  den  Festlichkeiten  teilgenommen  ha- 
ben. Wenn  Sie  mir  nicht  allzu  spat  schreiben,  so  trifft  mich 
ein  Brief  jedenfalls  in  Weimar,  sonst  auf  der  Riickreise  in 
Berlin,  wo  ich  ja  auch  einige  Tage  bleiben  werde.  Also  bitte: 
schreiben  Sie  mir  doch  bald. 

Sonnabend  wird  in  Weimar  die  Kaiserin  erwartet,  und 
die  ganze  Stadt  ist  verriickt  ob  dieser  Erwartung. 

Dafi  Professor  Bardeleben  aus  Jena,  der  an  dem  Tische 
neben  mir  ein  Spezialkapitel  der  Osteologie  sichtet,  einen 
wichtigen  anatomischen  Aufsatz  Goethes  gefunden  hat, 
werden  Sie  vielleicht  aus  den  Zeitungen  entnommen  haben. 
Ich  habe  dabei  den  Triumph  erlebt,  durch  diesen  Fund  ei- 
nen ganz  «speziellen»  Bundesgenossen  in  der  wissenschaft- 
lichen  «Goetheforschung»  auf  meine  Seite  zu  bekommen. 
Bei  dem  Umstande,  dafi  Bardeleben  in  Jena  ist,  hat  das  auch 
fur  mich  personlich  eine  grofie  Bedeutung.  Bardeleben  war 
auch  vor  alien  anderen  deutschen  Anatomen  dazu  berufen, 
gerade  Goethes  anatomischen  Nachla£  zu  ordnen,  denn 
er  ist  ja  der  Entdecker  des  sechsten  und  siebenten  Fingers 
bei  den  Saugetieren  und  dem  Menschen;  es  handelt  sich  da 
um  eine  Entdeckung,  die  von  grofier  wissenschaftlicher 
Bedeutung  ist. 

Was  sagen  Sie  zu  Speidels  Feuilleton  iiber  die  «Kronpra- 
tendenten».  Jedenfalls  scheint  er  Burckhard  gegeniiber  die 
Waffen  noch  nicht  gestreckt  zu  haben.  In  bezug  auf  diesen 
Burckhard  haben  Sie  in  der  «Modernen  Rundschau»  aller- 


dings  einen  bosen  Artikel  von  Kulka,  der  wenig  fur  die 
Kennerschaft  seines  Verfassers  spricht,  soviel  ich  heute 
noch  als  Aufienstehender  beurteilen  kann.  Vielleicht  ist  das 
nun  aber  iiberhaupt  nichts. 

Wie  geht  es  Ihnen  und  alien  Ihren  lieben  Familienmitglie- 
dern  gesundheitlich?  Griifien  Sie  mir  doch  ja  alle  recht  herz- 
lich  und  sagen  Sie  ihnen,  daft  ich  es  nicht  mehr  erwarten 
kann,  sie  alle  zu  sehen;  Sie  selbst  aber  seien  in 

treuer  Freundschaft  herzlichst  gegriilk 
von  Ihrem 

Steiner 


286.  AN  RUDOLF  SCHMIDT 

Weimar,  24.  April  1891 

Sehr  geehrter  Herr  Doktor  Schmidt! 

Sie  werden  mich  gewifi  fur  den  nachlassigsten  Menschen 
der  Welt  halten,  denn  dieser  Brief  hatte  ja  schon  vor  vielen 
Wochen  in  Ihre  Hande  gelangen  sollen.  Aber  ich  bitte  Sie 
instandigst,  diese  Verzogerung  nicht  auf  ein  Erkalten  der 
Anhanglichkeit  zuruckzufuhren,  die  ich  von  den  ersten 
Stunden  unserer  Bekanntschaft  zu  Ihnen  hege  und  die  ge- 
wifi  nie  abnehmen  wird.  Allein  das  archivarische  Arbeiten, 
das  den  Geist  dumpf  macht,  erzeugt  bei  mir  erne  ^eistige 
Unbehaglichkeit,  die  mich  fast  jeder  Schreiblust  beraubt. 
Ich  will  dariiber  gar  nicht  weiter  sprechen,  denn  man  macht 
sich  solche  Dinge  nur  noch  bitterer,  wenn  man  dariiber  viel 
reflektiert.  Glauben  Sie  mir:  ich  habe  dringend  notig,  die 
wenigen  Stunden  des  Tages,  die  mir  das  Archiv  iibriglaftt, 
auf  die  Lektiire  zu  verwenden,  um  geistig  nicht  ganz  zerfah- 


ren  zu  werden.  Und  da  haben  mir  Nielsens  Schriften  gute, 
sehr  schone  Stunden  bereitet.  Ich  brenne  vor  Begierde,  Sie 
wiederzusehen  und  Ihnen  zu  zeigen,  dafi  gerade,  was  diesen 
nordischen  Geist  angeht,  derselbe  diesen  Winter  tief  in 
mein  Inneres  eingegriffen  hat.  Hoffentlich  findet  sich  inmit- 
ten  der  rauschenden  Festlichkeiten,  die  Sie  in  Weimar  mit- 
zumachen  haben  werden,  doch  ein  Stiindchen,  in  dem  Sie 
meine  Stube  aufsuchen.  Ich  war  glucklich  uber  die  Nach- 
richt,  dafi  Sie  nach  Weimar  kommen.  Nicht  weniger  war 
ich  erfreut  uber  die  Kunde  von  dem  riistigen  Fortschreiten 
Ihres  neuen  Stuckes,  woriiber  ich  zuletzt  von  Suphan  ge- 
hort  habe,  bei  der  Gelegenheit,  als  er  Ihre  Beitrage  zur 
Goetheforschung  erhielt.  Hoffentlich  geht  das  Stuck  bald 
auch  auf  deutschen  Biihnen  in  Szene. 

«Der  verwandelte  K6nig»  ist  leider  in  Weimar  nicht  mehr 
aufgefiihrt  worden,  ein  Faktum,  das  mir  allerdings  unbe- 
greiflich  ist.  Denn  ich  rechnete  mit  Bestimmtheit  darauf, 
daft  er  ein  drittes  Mai  fur  die  auswartigen  Abonnenten  gege- 
ben  wird.  Dies  hatte  eigentlich  geschehen  mussen  und  auch 
sehr  leicht  geschehen  konnen. 

Reinhold  Kohler  habe  ich  Ihre  Grufie  stets  iiberbracht; 
auch  jene,  die  Sie  an  Bock  schrieben,  ubernahm  ich  auszu- 
richten.  Der  gute  Mann  ist  leider  noch  immer  ans  Zimmer 
gefesselt.  Eine  einzige  Spazierfahrt,  die  er  gewagt  hat, 
mufite  er  damk  bezahlen,  dafi  sich  die  Schmerzen  im  Beine 
vermehrten.  Hoffentlich  treffen  Sie  ihn  bei  Ihrer  Ankunft 
noch  an.  Denn  er  denkt,  in  der  allernachsten  Zeit  nach 
Wiesbaden  zu  gehen. 

Ich  recline  mit  Bestimmtheit  darauf,  daft  Sie  bei  Ihrem 
diesmaligen  Hierherkommen  auch  Ihre  sehr  geschatzte 
Frau  Gemahlin  mitbringen,  der  ich  mich  vorderhand  warm- 
stens  zu  empfehlen  bitte.  Ob  wir  freilich  auch  darauf  rech- 
nen  diirfen,  dafi  der  «vierbeinige  Goethe »  mitkommt,  das 
weift  ich  nicht.  Jedenfalls  mochte  ich  diesem  Briefe  auch  an 
ihn  meine  besten  Griifie  einverleiben.  Ich  wiirde  ihn  doch 
gar  zu  gerne  auch  einmal  bei  mir  empfangen. 


Ihr  Hierherkommen  war  in  diesen  Tagen  in  der  Zeitung 
«Deutschland»  angekiindigt.  In  der  freudigen  Erwartung, 
da&  Sie  recht  bald  in  Weimar  eintreffen,  sage  ich  Ihnen 

auf  recht  frohes  Wiedersehen 
Ihr  ergebener 

R.  Steiner 

Wenn  Sie  mir  durch  eine  Korrespondenzkarte  Ihre  An- 
kunft  anzeigen  wiirden,  ware  ich  Ihnen  sehr  dankbar;  ich 
wiirde  dann  jedenfalls  nicht  versaumen,  Sie  auf  dem  Bahn- 
hofe  zu  erwarten. 


287.  AN  PAULINE  SPECHT 

Weimar,  20.  Mai  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Wohl  kann  ich  mir  denken,  dalS  Sie  mir  alle  sehr,  sehr 
ziirnen  ob  meines  beharrlichen  Schweigens.  Aber  der  Um- 
stand,  dafi  sich  meine  Wiener  Reise  von  Woche  zu  Woche 
hinausschiebt  und  dafi  ich  hier  bei  meinem  Bande  (wir 
drucken  jetzt  am  26.  Bogen)  wie  festgenagelt  bin,  dabei 
fortwahrende  Verdriefilichkeiten  Suphan  gegeniiber  (bei 
dem  ich  nur  immer  nach  langem  Kampfe  etwas  durchsetzen 
kann),  hat  mich  in  denkbar  mifimutigste  Stimmung  ver- 
setzt,  die  nur  durch  das  achttagige  Theaterfest,  wo  hier  alles 
aus  den  Fugen  ging,  mit  etwas  guter  Laune  wechselte.  Da- 
fur  ist  seither  der  Umschlag  um  so  starker.  Doch  ich  will 
Sie  damit  nicht  errmiden,  sondern  Ihnen  sofort  auch  Besse- 
res  sagen.  Ich  habe  in  aller  Stille  und  ohne  hier  von  dem 
unmittelbaren  Inhalt  meines  auswartigen  Tuns  etwas  zu  sa- 
gen, meine  Reise  nach  Rostock  (1.-3.  Mai)  gemacht;  das  Re- 
sultat  wird  nun  offiziell  nach  Fertigstellung  des  Druckes 


meiner  Dissertation,  was  ja  nun  in  wenig  Wochen  der  Fall 
sein  wird.  Nach  Wien  komme  ich  jedenfalls,  nachdem  mein 
Band  abgeschlossen  sein  wird.  Ich  bin  nun  aber  schon  so 
skeptisch  geworden,  daft  ich  mit  der  Feststellung  meines 
Reisedatums  lieber  warte,  bis  sie  mit  mehr  Gewifiheit  ge- 
schehen  kann.  Daft  ich  unter  oberwahnten  Verhaltnissen 
nicht  daran  denken  konnte,  mich  in  Berlin  aufzuhalten,  ist 
wohl  ohne  weiteres  klar.  Gut  scheint  es  mit  den  auf  Jena 
gesetzten  Hoffnungen  zu  stehen.  Nur  will  man  an  Literatur 
eher  als  an  Philosophic  denken,  was  ich  niemals  akzeptieren 
konnte.  Ich  liebe  die  Philosophic  ebensosehr,  wie  ich  mich 
der  Literaturgeschichte  gegeniiber  ganz  gleichgiiltig  ver- 
halte,  und  bin  in  der  Philosophic  ebenso  tuchtig  wie  in  der 
Literaturgeschichte  untiichtig.  Aber  es  liegt  etwas  Tragi- 
sches  in  dem  Umstande,  daft  alle  meine  bisherigen  Publika- 
tionen  sich  in  irgendeiner  Weise  an  Goethe  anschlieften.  Ich 
will  Ihnen  diese  Behauptung  alsogleich  durch  ein  Beispiel 
illustrieren.  Eines  der  Kapitel  in  der  «Atomistik  des  Wil- 
lens»  von  Robert  Hamerling  schlieftt  sich  direkt  an  meine 
«Erkenntnistheorie»  an.  Mir  war  alles  so  sympathisch,  daft 
ich  die  Seiten  durch  meine  fortwahrenden  Randstriche  vol- 
lig  verunzierte.  Am  bekanntesten  diinkte  mich  ein  wortli- 
ches  Zitat.  Erst  die  Nennung  meines  Namens  machte  mir 
klar,  daft  dieses  Zitat  aus  meiner  «Erkenntnistheorie»  ist; 
diese  selbst  aber  ist,  dem  Titel  nach,  falsch  zitiert,  namlich 
«Steiner,  Goethes  Erkenntnistheorie»  statt  «Erkenntnis- 
theorie  der  Goetheschen  Weltanschauung*.  Beim  Goethe- 
feste  stellte  sich  mir  ein  Pfarrer  aus  Wurttemberg  vor 
(Schwiegersohn  des  Bildhauers  Donndorf),  der  sich  gera- 
dezu  als  ein  schwarmerischer  Anhanger  meiner  Ideen  ent- 
puppte,  der  aber  nach  kurzer  Zeit  die  Tragik  begriff,  die  fur 
mich  darinnen  liegt,  daft  ich  noch  immer  an  die  eigentliche 
Goetheforschung  gefesselt  bin.  Er  sagte:  schon  die  Einlei- 
tung  zum  dritten  Bande  zeige,  daft  ich  innerlich  mit 
Goetheforschung  gar  nichts  mehr  zu  tun  habe.  Ach!  Wenn 
doch  nur  meine  hiesige  Tatigkeit  der  Puppen-Schlafzustand 


sein  konnte,  aus  dem  ich  als  Schmetterling  heraus  und  in 
den  heiteren  Himmel  der  reinen,  von  aller  Anhangerschaft 
freien,  philosophischen  Lehrtatigkeit  fliegen  konnte!  Ich 
weifi  sehr  gut,  dafi  man  mir  sagen  wird,  ich  bewiese  zu  we- 
nig  Energie,  urn  das  herbeizufiihren.  Ich  mochte  diesem 
Vorwurfe  am  liebsten  nichts  entgegensetzen,  denn  ich  ma- 
che  ihn  mir  seit  Wochen  selbst  taglich  mehrmals.  Aber  es 
ist  doch  auch  so  etwas  wie  ein  altes  Naturgesetz:  der 
Mensch  kann  nicht  aus  seiner  Haut  heraus,  und  ich  werde 
so  schon  auch  in  der  meinen  bleiben  miissen.  Vielleicht 
werden  sich  spater,  wenn  der  Erfolg  auf  meiner  Seite  ist, 
selbst  meine  und  anderer  jetzt  vollberechtigte  Zweifel  ver- 
wischen. 

Seit  Ihrem  letzten  lieben  Briefe  habe  ich  nichts  von  den 
Schulerfolgen  Ihrer  Kinder  vernommen.  Richard  erzahlte 
mir  nichts  in  seinem  letzthin  an  mich  gesandten  Briefe.  Ich 
hoffe  aber  von  Woche  zu  Woche  personlich  zu  erfahren. 
Vielleicht  schreibt  mir  aber  doch  Otto  oder  einer  seiner 
jungen  B  ruder  wieder  einmal. 

Sie  selbst  und  Ihren  lieben  Herrn  Gemahl  aber  bitte  ich, 
mir  mein  langes  Nichtschreiben  zu  verzeihen  und  mich 
nicht  damit  zu  strafen,  da£  Sie  diesen  Brief  unbeantwortet 
lassen.  Sie  konnten  mich  am  ehesten  ja  wieder  aufrichten, 
wenn  Sie  mir  aus  Ihrem  Hause  gute  Nachrichten  zukom- 
men  liefien.  Es  ware  mir  furchterlich,  zu  denken,  dafi  ich 
meine  besten  Freunde  verletzte,  da  ich  ja  ohnedies  hier  in 
Weimar  allem  so  fremd  und  kuhl  wie  moglich  gegeniiber- 
stehe,  am  meisten  dem  Judas  der  Humanitat,  dem  falschen 
Herder- Apostel  Suphan. 

Mk  der  Bitte,  mich  der  ganzen  Familie,  insbesondere 
Ihrem  lieben  Gemahl,  herzlichst  zu  empfehlen, 

bin  ich  in  aller  Dankbarkeit 
Ihr 


Steiner 


288.  AN  RICHARD  SPECHT 


Weimar,  20.  Mai  1891 

Mein  lieber  Freund! 

Herzlichsten  Dank  fur  Ihre  Ibsen-Nachrichten.  Ich  habe 
mich  dabei  am  meisten  iiber  die  Anerkennung  gefreut,  die 
Ihnen  dabei  geworden  ist.  Die  Ibsen-Verehrung  selbst  zu 
teilen,  ist  mir,  wie  Sie  ja  wohl  wissen,  nicht  moglich.  Und 
ich  kann  eigentlich  nicht  begreifen,  was  Felix  Dormann 
will,  wenn  er  in  einer  wiisten  Weise  die  altesten  Dinge  von 
der  Welt  sagt,  die  heute  nur  deshalb  neu  klingen,  weil  sie  in 
einer  besseren  Zeit  als  selbstverstandlich  und  banal  nicht 
gesagt  wurden.  Mein  lieber  Freund!  Mir  ist  die  ganze  Ibsen- 
sche  Richtung  so  fremdartig  und  unsympathisch  wie  die 
moderne  Naturweisheit.  Sie  diirfen  mir  aber  glauben,  daft 
ich  weit  davon  entfernt  bin,  alles  Neue  kurzweg  abzuleh- 
nen.  Ich  sehe  in  Conrad  Alberti  einen  Menschen,  der  sich 
vielleicht  noch  zu  Bestem  durchringen  wird.  Nur  die  bare 
Flachheit,  die  sich  herausnimmt,  das  Diimmste,  Selbstver- 
standlichste  fur  neu  auszugeben,  hasse  ich.  Ich  dachte,  man 
solle  nur  iiber  das  reden,  was  man  versteht,  aber  ich  habe 
beim  Weimarer  Theaterfeste  gesehen,  dafi  Leute  wie 
Schlenther  usw.  iiber  alles  dasjenige  die  flachsten,  aufter- 
lichsten  Dinge  sagen,  iiber  die  sie  aber  schon  gar  nichts 
wissen. 

Das  Weimarer  Theaterfest  brachte  etwas  Leben  in  die 
Stadt  und  eine  schone  Opernleistung:  Gunlod.  Sonst  haben 
wir  -  aufier  Sonnenthals  Wallenstein  -  wohl  wenig  Gutes 
gesehen.  Die  Faustauffuhrung  war  -  das  einzige  Gretchen 
der  Frau  Wiecke-Halberstedt  abgerechnet  -  das  Miserabel- 
ste,  das  sich  ersinnen  laSt.  Wildenbruchs  Epilog  war  gera- 
dezu  albern.  Goethe  und  Schiller  von  Schauspielern  darge- 
stellt  -  das  Monument  vor  dem  Theater  nachahmend  —  und 
sich  Schmeicheleien,  Schonheiten  sagend,  zuletzt  Schiller 
bedauernd,  daft  er  so  fruh  gestorben  ist,  muE  doch  unwi- 


derstehlich  komisch  wirken.  Das  Stiick  von  Heyse  «Die 
schlimmen  Briider»  wurde  geradezu  verlacht.  Ich  konnte 
mich,  trotzdem  ich  auf  einem  Platze  saft,  wo  ich  zu  expo- 
niert  war,  die  ganze  Zeit  iiber  des  Lachens  nicht  enthalten. 
Das  Stiick  ist  aber  auch  zu  Tode  gelacht  worden  und  wird 
hoffentlich  nirgends  mehr  aufstehen.  Ware  nicht  der  ge- 
samte  Hof  anwesend  gewesen,  so  hatte  es  offenbar  noch 
mehr  abgesetzt.  Es  war  ein  wahres  Gliick,  daft  Heyse  es 
vorzog,  nicht  zu  erscheinen. 

Was  Sie  mir  iiber  Ihre  neuen  Bekanntschaften  schreiben, 
freut  mich  sehr.  Ich  hoffe,  sie  werden  Ihnen  noch  manche 
schone  Stunde  verschaffen.  Insbesondere  die  mit  delle 
Grazie.  Was  macht  Ihnen  der  Roman  fur  einen  Eindruck? 
Wissen  Sie  nichts  iiber  seinen  Weitergang? 

Burckhard  und  Bezecny  waren  hier  beim  Feste.  Der  erste 
reiste  aber  nach  zwei  Tagen  ab,  den  letzteren  sprach  ich 
einigemal  beim  Hofdiner  am  eigentlichen  Festtage.  Dort 
hoffte  ich  auch  Burckhard  zu  finden,  aber  er  war  eben 
schon  fort.  Ich  hatte  ihn  gerne  iiber  seine  Meinung  von  dem 
Gretchen  der  Frau  Wiecke  gefragt,  das  ich  selbst  mit  ihr 
durchgesprochen  habe,  und  hatte  ihn  iiberhaupt  gerne  auf 
diese  im  hochsten  Mafie  begabte  Schauspielerin  hingewie- 
sen.  Freilich  ist  ihre  Figur  fur  ein  grofteres  Theater  zu  klein. 
Bei  dem  Umstande  aber,  daft,  wie  mir  Bezecny  sagte,  das 
Burgtheater  dermalen  keine  Darstellerin  des  Gretchen  hat, 
ware  an  ein  Gastspiel  vielleicht  doch  zu  denken. 

Griiften  Sie  alles  von  mir  und  schreiben  Sie  mir  doch 
recht  bald  wieder.  Meinen  Goetheband  haben  Sie  hoffent- 
lich erhalten,  wohl  auch  die  «Moderne  Dichtung». 

In  Treuen 
Ihr 

Steiner 


289.  AN  ROSA  MAYREDER 

Weimar,  20.  Mai  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Ihre  Briefe  erst  heute  zu  beantworten,  ist  gewifi  eine  un- 
erhorte  Nachlassigkeit.  Wenn  Sie  aber  bei  meiner  Anwesen- 
heit  in  Wien  miindlich  horen  werden,  mit  welchem  Mifimut 
und  mit  welcher  Niedergeschlagenheit  meines  Gemiites  ich 
die  ganzen  Wochen  hindurch  zu  kampfen  habe,  dann  wer- 
den Sie  vielleicht  selbst  das  Unverzeihliche  verzeihlich  fin- 
den.  Ich  war  froh,  als  ich  beim  Goethefeste  endlich  -  nach 
acht  Monaten  -  einen  Menschen  fand,  der  meine  ganze  tra- 
gische  Lage  hier  in  Weimar  begreift.  Ein  wurttembergischer 
Pfarrer,  der  aber  noch  durch  das  Tubinger  Stift  gegangen  ist 
und  sich  daher  die  Entwicklung  des  hohen  intellektuellen 
Vermogens  mitgenommen  hat,  auf  die  die  Deutschen  einer 
besseren  Zeit  noch  Wert  legten,  -  stellte  sich  mir  beim 
Goethediner  vor  und  entpuppte  sich  nach  und  nach  als  ein 
verstandnisvoller  Anhanger  meines  Ideenkreises.  Dieser  be- 
griff  nun  auch,  welche  Tragik  fur  mich  darinnen  liegt,  dafi 
ich  au£erlich  mit  einem  Wirkungskreise  verwoben  sein 
mufi,  dem  ich  innerlich  bereits  ganz  fremd  geworden  bin. 
Er  sagte:  schon  die  Vorrede  zu  meinem  dritten  Goethe- 
bande  beweise,  dafi  ich  in  meinem  Herzen  von  dieser  An- 
hangerschaft  zu  einer  ganz  freien  Behandlungsweise  ge- 
kommen  sei.  Und  so  sehe  ich  mich  denn  den  ganzen  vollen 
Tag  hindurch  in  einer  Tatigkeit,  die  mein  «Ich»,  wie  es  vor 
fiinf  bis  vier  Jahren  war,  mit  grofter  Hingebung  getan  hatte. 
Indem  ich  sie  heute  vollbringe,  tue  ich  sie  nicht  mehr.  Unter 
solchen  Umstanden  konnen  Sie  sich  wohl  denken,  dafi  fur 
mich  die  Reise  nach  Wien  viel,  sehr  viel  bedeutet.  Dennoch 
kann  ich  vor  Beendigung  meines  Bandes  nicht  abkommen. 
Wir  drucken  jetzt  den  26.  Bogen.  Und  dann  habe  ich  noch 
einen  Herzenswunsch.  Ich  mochte  nicht  friiher  nach  Wien 
kommen,  bis  ich  Ihnen  voile  und  giinstige  Gewifiheit  iiber 
Ihre  Schriften  bringen  kann.  Und  diese  mufi  mir  nun  doch 


in  kiirzester  Zeit  werden.  Kiirschner  ist  wohl  auch  momen- 
tan  etwas  bose  auf  mich,  da  mein  vierter  Band  nicht  mit 
wiinschenswerter  Schnelligkeit  vorruckt.  Allein  wenn  der 
fertig  ist,  dann  wird  auch  da  wieder  alles  in  Ordnung  sein. 
Wie  gesagt:  bis  auf  den  Umstand,  dafi  ich  die  Haut  endlich 
einmal  abwerfen  will,  die,  seit  zwei  Jahren  organisch  ge- 
trennt,  mich  nur  noch  wie  eine  anorganisch  gewordene 
Schale  umgibt.  Sonst  ist  mein  ganzes  Dasein  Luge  und  Un- 
sinn;  mein  Wirken  nicht  meines,  sondern  das  einer  elenden 
Marionette,  gezogen  von  den  Faden,  die  ich  vor  Jahren  ge- 
sponnen  habe,  die  ich  aber  jetzt  nicht  einmal  beriihren,  ge- 
schweige  denn  selbst  fuhren  mochte.  Ich  glaube,  Sie  werden 
mich  verstehen.  Hier  in  Weimar,  der  Stadt  der  klassischen 
Mumien,  stehe  ich  allem  Leben  und  Treiben  fremd  und 
kiihl  gegenuber.  Ich  habe  niemanden,  demgegenuber  ich 
mich  aussprechen  konnte,  der  mir  auch  nur  im  geringsten 
Verstandnis  entgegenbrachte.  Bitte  schonstens  mir  Ihren 
lieben  Gemahl  herzlichst  zu  griiften. 

In  Treuen  und  in  voller  Freundschaft 

Ihr 

Steiner 

290.  AN  ROSA  MAYREDER 

Oberhof,  Thuringen,  24.  Mai  1891 
Geschatzteste  gnadige  Frau! 

Auf  den  Klageruf,  den  Sie  in  diesen  Tagen  von  mir 
bekommen  haben,  will  ich  Ihnen  heute  einen  Grufi  aus 
froherer  Stimmung  senden.  Ich  sehe  anderthalb  Tage  hin- 
durch  endlich  einmal  statt  der  klassischen  Mumien  die 
herrlichste,  entziickendste  Natur. 

Bitte:  sagen  Sie  Ihrem  lieben  Gemahl  und  unserem  gan- 
zen  Kreise  herzlichsten  Grufi,  den  ich  aus  einem  reizenden 
Thuringischen  Orte  sende. 

St. 


291.  AN  HELENE  RICHTER 


Weimar,  19.  Juni  1891 

Geschatztestes  Fraulein! 

Wohl  fiihle  ich  es  wie  ein  Unrecht,  daft  ich  Ihnen  Ihren 
Shelley- Aufsatz  bis  heute  noch  nicht  geschickt  habe.  Aber 
das  Versaumte  soli  jetzt  in  wenigen  Tagen  nachgeholt  wer- 
den* Die  «Ausschreitungen»  der  Theater-Festwoche  be- 
wirkten  bei  mir  eine  furchtbare  Abspannung,  und  ich 
wollte  wahrend  der  Dauer  derselben  mich  einer  Arbeit 
nicht  unterziehen,  von  der  ich  aufrichtig  sagen  kann,  daft 
sie  mir  ganz  aufterordentlich  viel  Freude  macht:  der  genaue- 
ren  Durchsicht  Ihres  Manuskriptes.  Sie  werden  nun  das- 
selbe  viel  verunziert  durch  meine  Randbemerkungen  in 
kiirzester  Zeit  erhalten.  Wenn  ich  mir  gegeniiber  Ihrer  Ab- 
handlung  eine  Bitte  erlauben  darf,  so  ist  es  die:  Bleiben  Sie 
bei  dem  Thema.  Sie  haben  es  von  einer  Seite  erfaftt,  von  der 
aus  es  einer  ganz  besonderen  Vertiefung  fahig  ist.  Sie  wer- 
den auch  nicht  bald  einen  Stoff  finden,  an  dem  Sie  die  Ihnen 
eigene  Behandlungsart  in  dem  Mafie  betatigen  konnen  wie 
gerade  Shelley  gegeniiber.  Mir  1st  diese  Behandlungsart 
sympathisch,  die  den  einzelnen  Geist  auf  dem  breiten  Un- 
tergrunde  seiner  Lebens-  und  Weltauffassung  erscheinen 
laftt.  Georg  Brandes  kann  trotz  vieler  Schwachen  hier  viel- 
fach  als  Muster  dienen.  Ich  glaube  nur,  daft  Sie  gerade  in 
dieser  Beziehung  noch  einmal  tuchtig  Hand  an  Ihre  Arbeit 
legen  miiftten.  Ich  weifi  ja  recht  gut,  daft  der  Autor  die  stili- 
stische  Architektonik  oft  als  Fessel  empfindet.  Dem  Leser 
aber  ist  sie  unentbehrlich.  Sie  werden  aus  meinen  Bemer- 
kungen  ersehen,  wie  ich  diese  allgemeinen  Satze  im  einzel- 
nen gerne  angewendet  sehen  mochte.  Jedenfalls  sollen  Sie 
sich  bald  iiberzeugen,  da£  Ihr  Manuskript  nicht  jenes  ver- 
hangnisvolle  Schicksal  getroffen  hat,  das  Sie  vermuten. 
Schon  deshalb  nicht,  weil  ich  seit  ihrer  Abreise  iiberhaupt 
nicht  in  der  «Kunstlerkneipe»  gewesen  bin. 


Daft  Ihnen  die  in  meiner  erkenntnistheoretischen  Schrift 
vertretenen  Ideen  nicht  ganz  uninteressant  waren,  freut 
mich  aufterordentlich.  Auch  ich  hoffe,  einmal  dariiber  mit 
Ihnen  sprechen  zu  konnen.  Auch  ich  erinnere  mich  mit  vie- 
ler  Freude  an  die  Festwoche,  die  schonste,  die  ich  bisher  in 
Weimar  zugebracht  habe.  Wenn  ich  dabei  besonders  daran 
denke,  daft  ich  personlich  zwei  wichtige  Erlebnisse  zu  ver- 
zeichnen  habe,  so  ist  das  vielleicht  ein  leicht  begreiflicher 
Egoismus.  Ich  meine  damit:  erstens  die  Befriedigung,  die 
ich  davon  habe,  eine  so  genaue  und  ernste  Kennerin  des 
von  mir  hoch  verehrten  und  den  ersten  Geistern  beigezahl- 
ten  Shelley  kennengelernt  zu  haben,  zweitens  die  Freude, 
die  mir  das  Eintreten  Max  Christliebs,  dieses  verstandnis- 
vollen  Beurteilers  meiner  Weltanschauung,  bereitet  hat. 
Und  nun  will  ich  heute  nur  noch  die  Pflicht  erfullen,  Wah- 
les  Griifie  an  Sie  und  Fraulein  Schwester  zu  bestellen  und 
Sie  bitten,  sowohl  selbst  entgegenzunehmen  wie  auch  an 
Ihr  Fraulein  Schwester  giitigst  zu  bestellen  die  besten  Emp- 
fehlungen 

Ihres  ganz  ergebenen 
Steiner 

292.  AN  PAULINE  SPECHT 

Weimar,  12.  Juli  1891 

Hochgeschatzte  gnadige  Frau! 

Es  war  allerdings  durchaus  nicht  meine  Meinung,  daft  die 
Ferien  herankommen  wiirden,  ehe  ich  Wien  und  meine  so 
lieben  Wiener  Freunde  wiedersehe.  Wenn  ich  Ihnen  dabei 
auch  noch  sagen  konnte,  wie  an-  und  ausgeodet  ich  durch 
dieses  erste  Jahr  in  Weimar  bin,  dann  wiirden  Sie  erst  ganz 
begreifen,  wie  notwendig  mir  ein  leider  bisher  unmoghcher 
Aufenthalt  in  Wien  gewesen  ware.  Nun  hoffe  ich  aber  bald 
hier  loszukommen.  Ich  korrigiere  gegenwartig  am  27.  Bo- 


gen,  und  der  erste  Band  ist  im  ganzen  29  Bogen  stark.  Ich 
lege  diesem  Briefe  die  bibliographische  Einleitung,  die  ich 
zu  dem  Bande  geschrieben  habe,  bei.  Sie  werden  daraus  er- 
sehen,  welche  Bedeutung  der  Sache  zukommt,  aber  Sie  wer- 
den vielleicht  auch  einigermafien  ermessen  konnen,  welche 
Arbeit  die  Sache  gekostet  hat.  Wenn  ich  Ihnen  dazu  noch 
sage,  daft  ich  mir  fur  jede  einzelne  Neuerung  erst  den  Boden 
erkampfen  muftte,  wenn  Sie  daran  denken,  daft  Suphans 
Mitarbeiterschaft  darin  bestand,  mir  alle  moglichen  Steine 
in  den  Weg  zu  werf  en,  die  aus  der  stupiden  Gesinnung  eines 
alten  preuftischen  Gymnasiallehrers  hervorgehen,  so  haben 
Sie  viele,  aber  nicht  alle  Schwierigkeiten,  die  ich  hier  zu 
iiberwinden  gehabt  habe.  Zu  diesem  Kapitel  ware  namlich 
noch  so  manches  zu  sagen,  das  ich  lieber  unterdriicken  will. 
Ich  sende  Ihnen  auch  hiemit  meine  Publikation  aus  dem 
Goethe-Jahrbuch,  der  ich  eine  gute  Aufnahme  bei  Ihnen 
wunsche,  weil  ich  ihr  einigen  Wert  beilege.  Ihr  soil  in  Kurze 
der  Abdruck  meiner  Dissertation  iiber  «Die  Grundfrage  der 
Erkenntnistheorie  mit  besonderer  Rucksicht  auf  Fichtes 
Wissenschaftslehre.  Prolegomena  zu  einer  jeden  kiinftigen 
Erkenntnistheorie*  nachfolgen,  mit  welchem  meine  Pro- 
motionsangelegenheit  ihren  offiziellen  Abschluft  erhalt.  Sie 
werden  aus  derselben  ersehen,  daft  ich  seit  meiner  «Er- 
kenntnistheorie»  iiber  die  einschlagigen  Fragen  doch  man- 
ches gebriitet  habe,  was  sich  immerhin  in  der  philosophi- 
schen  Wissenschaft  zeigen  kann. 

In  den  letzten  Tagen  habe  ich  von  Richard  und  Otto  mich 
erfreuende,  liebe  Briefe  erhalten.  Aus  dem  ersteren  ersehe 
ich,  daft  Ihr  verehrter  Gemahl  in  der  letzten  Zeit  wieder  viel 
unwohl  war.  Hoffentlich  tut  die  Unteracher  Luft,  in  der  Sie 
ja  jedenfalls  bald  alle  atmen,  das  ihre,  um  ihn  wieder  herzu- 
stellen.  Jedenfalls  bitte  ich  Sie,  geschatzteste  gnadige  Frau, 
ihm  zu  sagen,  daft  ich  ihm  dies  wunsche.  Dasselbe  nicht 
weniger  Richard,  der  mit  manchem  Ubel  wieder  zu  kamp- 
fen  gehabt  hat.  Hoffentlich  finde  ich  in  Unterach  nur  von 
Gesundheit  strotzende  Antlitze.  Ich  schreibe  heute  auch 


noch  an  Richard  und  Otto,  welch  letzteren  ich  sehr  bitte, 
mir  die  Ergebnisse  des  Semesterabschlusses  von  sich  und 
seinen  lieben  Briidern  mitzuteilen.  Dafi  ich  diese  Bitte  vor 
allem  an  Sie,  verehrteste  gnadige  Frau,  stelle,  ist  selbstver- 
standlich,  grenzt  aber  bei  meiner  Nachlassigkeit  im  Brief- 
schreiben  sozusagen  stark  an  Unverschamtheit.  Ich  mochte 
Sie  aber  doch  ersuchen,  mir  nicht  Gleiches  mit  Gleichem  zu 
vergelten. 

Hoffentlich  hat  sich  der  Schlufi  des  Schuljahres  in  einer 
Sie  befriedigenden  Weise  vollzogen  und  haben  sich  nament- 
lich  auch  Ihre  Besorgnisse  in  bezug  auf  Ernstl  als  unbegriin- 
det  erwiesen. 

Sehr  hat  mich  in  letzterer  Zeit  gefreut,  von  Richards  Be- 
suchen  bei  delle  Grazie  zu  horen.  Ich  weifi  ja,  mit  welcher 
Befriedigung  ich  an  die  Abende  zuriickdenke,  die  ich  dort 
verlebt  habe. 

Noch  eines:  bei  einer  Revision  der  botanischen  Objekte 
des  hiesigen  Goethehauses  warf  ich  neulich  auch  einen 
Blick  auf  Goethes  Schadelsammlung.  Dabei  ging  mir  so- 
gleich  folgender  Gedanke  durch  den  Kopf.  Als  Goethe  die 
fur  die  damalige  Zeit  wichtige  Entdeckung  von  der  Wirbel- 
natur  der  Schadelknochen  machte,  wird  er  gewifi  den 
Schopsenschadel,  an  dem  er  den  Fund  tat,  vom  Lido  in  Ve- 
nedig  mitgenommen  und  sich  aufbewahrt  haben.  Ich  stellte 
sofort  die  Hypothese  auf:  besagter  Schopsenkopf  sei  unter 
diesen  Schadeln.  Gleich  schrieb  ich  Bardeleben  nach  Jena 
von  meiner  Vermutung.  Bardeleben  ist  namlich  der  Bear- 
beiter  des  Anatomischen.  Und  so  machten  wir  uns  denn  auf 
die  Suche  nach  besagtem  Schopsenkopf:  Geheimer  Hofrat 
Ruland,  Professor  Bardeleben  aus  Jena  und  ich.  Nach  lan- 
gerem  Forschen  stellte  sich  uns  denn  auch  besagter  Kopf  in 
seiner  ganzen  Herrlichkeit  vor.  Wir  haben  nun  die  Befriedi- 
gung, jenen  Schafskopf  gefunden  zu  haben,  an  dem  Goethe 
eine  seiner  wichtigsten  Ideen  aufgegangen  ist.  Also  gesche- 
hen  zu  Weimar  Ende  Juni  1891,  hundertundein  Jahr  nach 
besagter  Entdeckung. 


Nun  bitte  ich  Sie  noch,  mich  alien  Ihren  Angehorigen, 
Ihrem  Herrn  Gemahl  und  Ihrer  Frau  Mutter  besonders,  zu 
empfehien  und  auch  weiterhin  in  Wohlwollen  zu  gedenken 

Ihres  ganz  ergebenen 
Steiner 


293.  AN  RICHARD  SPECHT 

Weimar,  18.  Juli  1891 

Mein  lieber,  guter  Freund! 

Aus  Ihrem  letzten  lieben  Briefe  mufke  ich  ersehen,  dafi 
Sie  in  der  letzten  Zeit  mit  manchen  Anfechtungen  Ihrer  Ge- 
sundheit  zu  kampfen  gehabt  haben.  Hoffentlich  ist  das  nun 
alles  behoben  und  Sie  erholen  sich  in  der  guten  Unteracher 
Luft  aufs  beste  und  schnellste.  Wenn  ich  von  dem  Teile 
Ihres  Briefes  absehe,  der  sich  mit  dieser  Mitteilung  beschaf- 
tigt,  so  darf  ich  wohl  sagen,  dafi  mir  der  Inhalt  desselben, 
soweit  er  sich  auf  Sie  bezieht,  grofte  Freude  gemacht  hat, 
denn  er  berichtet  mir  von  vielen  schonen  Erfolgen,  die  Sie 
in  der  letzteren  Zeit  zu  verzeichnen  haben  und  die  vielleicht 
wenige  mit  solcher  Befriedigung  erfullen  wie  gerade  mich. 
Und  ich  freue  mich  ganz  besonders,  alle  Einzelheiten  von 
Ihnen  mundlich  zu  vernehmen.  Ich  werde  mich  wahrhaftig 
daran  erfrischen,  und  ich  habe  solches  notig.  Eine  ganz  be- 
sondere  Genugtuung  ist  es  mir,  daft  Sie  sich  Ihre  idealisti- 
sche  Weltanschauung  nicht  rauben  lassen,  trotzdem  Sie  mit- 
ten drinnenstehen  in  dem  Strudel  der  «Moderne»,  der  alle 
jungen  Geister  mit  solcher  Macht  mit  sich  fortreifk.  Ich  ge- 
hore  so  wenig  zu  den  Menschen,  die  «schnell  fertig  mit  dem 
Urteile»  sind,  daft  ich  Hermann  Bahrs  jiingstes  Buch  «Die 
Uberwindung  des  Naturalismus»  von  Anfang  bis  zu  Ende 
gelesen  habe.  Aber  ich  bin  in  meinen  Ansichten  nicht  er- 


schiittert  worden.  Ja,  ich  mu!5  gestehen,  dafi  es  fiir  mich, 
der  ich  das  Heil  der  Menschheit  darinnen  sehe,  daft  sie  sich 
zur  vollen  geistigen  Freiheit  durchringt,  etwas  Ekelerregen- 
des  hat,  wenn  ich  bei  Bahr  das  Bestreben  vernehme,  den 
Menschen  vollstandig  in  den  ideen-  und  ideallosen  Nerven- 
taumel  untergehen  zu  lassen.  Ich  habe  mich  in  dieser  Zeit 
viel  mit  den  neuesten  Erscheinungen  der  russischen  Litera- 
tur  und  des  russischen  Lebens  beschaftigt  und  mir  nament- 
lich  einen  Einblick  in  die  Unter-Kulturstromungen  dieses 
Landes  zu  verschaffen  gesucht.  Ich  habe  auch  da  nur  den 
Eindruck  gewonnen,  dafi  aller  Geistesprozefi  ein  Befrei- 
ungsprozefi  ist,  und  so  bleibe  ich  denn  dabei,  daft  alle  Bewe- 
gungen,  die  darauf  abzielen,  jenen  Prozefi  zu  hemmen,  der 
den  Menschen  immer  mehr  herauszieht  aus  der  Bewulklo- 
sigkeit,  direkt  schadlich  sind.  Es  ware  doch  ganz  absonder- 
lich,  wenn,  wahrend  die  Russen  dahin  streben,  immer  mehr 
und  mehr  die  freie  Personlichkeit  herauszuarbeiten  und  die 
voile  Menschenwiirde  zu  erreichen,  wir  in  Europas  Westen 
von  dem  Leben  der  Nerven  den  freien  Geist  vollstandig 
iibertonen  lassen  wiirden.  Dort  stehenbleiben  wollen,  wo 
Goethe  stand,  ist  unsinnig,  aber  ohne  ihn  im  Leibe  zu  haben 
und  ohne  nut  den  von  ihm  in  die  Welt  gesetzten  Triebfe- 
dern  sich  ganz  durch  und  durch  auszuspannen,  ist  kein 
Fortschritt  moglich.  Das  ist  ja  nicht  so  schnell  zu  haben, 
wie  unsere  Zeitgenossen  gerne  mochten,  aber  der  mufi  es 
sich  schon  gefallen  lassen,  der  so  unvorsichtig  war,  am  Ende 
des  19.  Jahrhunderts  zu  leben.  Wir  durfen  uns  den  Luxus 
einmal  nicht  gestatten,  so  einfach  naiv  in  die  Welt  hineinzu- 
leben. 

Haben  Sie  Herma
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