Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS
Rudolf Steiner, Berlin 1905
RUDOLF STEINER
BRIEFE
BAND II
1890-1925
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf-Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Paul G. Bellmann
1. Auflage «Briefe II 1 892-1 902»
mit Vortrag Dornach, 27. Oktober 1918
Dornach 1953
2., veranderte und erweiterte Auflage
«BriefeII 1890-1925»
Gesamtausgabe Dornach 1987
Bibliographie-Nr. 39
Zeichen auf dem Schutzumschlag von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl
ISBN 3-7274-0390-X
INHALT
Zu dieser Ausgabe 9
Geleitwort von Marie Steiner zur 1. Auflage des
zweiten Bandes der Brief e 1953 10
Brief e Nr. 253-651 11
Nachtrag zu den Briefen 483
Hinweise 489
Verzeichnis der Briefe 603
Alphabetisches Verzeichnis der Brief empf anger . . 616
Verzeichnis der Verfasser der an Rudolf Steiner
gerichteten Briefe 618
Verzeichnis der in den Briefen erwahnten Personen 619
Korrigenda zum ersten Briefband 626
Ubersicht
iiber die Herausgabetatigkeit Rudolf Steiners . . 627
Handschriftenwiedergaben
nach 48, 96, 148, 360, 388, 448, 464, 480
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 629
ZU DIESER AUSGABE
Mit dem Erscheinen dieses Briefbandes liegen innerhalb der
Gesamtausgabe samtliche Briefe Rudolf Steiners vor, soweit sie
nicht im Zusammenhang mit der theosophischen und anthropo-
sophischen Bewegung stehen.* Vorerst zuriickgestellt wurden
einige Briefe und Briefentwiirfe, deren Adressaten nicht ermit-
telt werden konnten bzw. weil die Orts- oder Datumsangaben
fehlen und teilweise der Sachbezug unklar ist.
Unter den erstmals veroffentlichten Briefen befinden sich
auch die Briefe an Anna Eunike, der spateren Anna Steiner. Fur
eine Veroffentlichung spricht das wachsende Interesse am Werk
und an der Personlichkeit Rudolf Steiners. Diese Briefe gehoren
zum Gesamtbild der Biographie Rudolf Steiners. Bei den Briefen
an Anna Eunike ist noch in Betracht zu ziehen, dafi sie auch
Zeugnis ablegen von der Auseinandersetzung Rudolf Steiners
mit Elisabeth Forster-Nietzsche in der Angelegenheit der Her-
ausgabe der Schriften Friedrich Nietzsches und eine wertvolle
Erganzung der Briefe an Elisabeth Forster-Nietzsche bilden.
Acht Briefe wurden faksimiliert zu dem dazugehorenden
Brieftext gestellt. Zwischen den Seiten 122 und 123 befindet sich
ein Zusatzblatt mit der verkleinerten Wiedergabe der Rostocker
Doktor-Urkunde Rudolf Steiners.
Wiederum sei den Herren Konrad Donat, Bremen, und
Dr. Kurt Eigl, Wien, fur die freundliche Hilfe bei einigen
schwierigen Recherchen zu den Hinweisen herzlichst gedankt.
* Siehe hierzu die Ubersicht in Band I, Seite 9.
Die Erdenwege,
Sie einen sich,
Der Schein will sie trennen,
Vermag es nicht -
Im Seelengebiete,
Dafinden sie sich,
Im Geiste geeinigt -
Durch Erdentreue.
Geleitwort von Marie Steiner
zum zweiten Band der Brief e 1953
253- AN PAULINE UND LADISLAUS SPECHT
Weimar, 30. September 1890
Geschatzteste gnadige Frau
und verehrtester Herr Specht!
Eben bin ich so weit gekommen, daft ich diese als die
ersten Zeilen an Sie richten kann. Es sind Gedanken ganz
eigener Art, die den Menschen iiberkommen, wenn eine so
durchgreifende Anderung in seinem aufieren Lebensgang
vorgeht. Und die lange einsame Fahrt war wohl noch geho-
rig dazu geeignet, alles was dabei in Betracht kommt, mir
vor die Seele zu bringen.
Wenn ich Ihnen alien sagen wollte, wie tief gewurzelt das
Gefiihl des Dankes ist, das sich wahrend der sechs Jahre,
die ich in Ihrer Mitte verbringen durfte, in mein Inneres
eingepflanzt hat: ich fande nicht Worte. Sie haben mir stets
alle das gegeben, was ich so sehr brauchte: Wohlwollen und
freundschaftlichstes Entgegenkommen. Ihre giitige Gesin-
nung verstand es, iiber manches hinwegzusehen, was der
bose Geist der Laune und Mifistimmung bei mir oft anrich-
tete. Ich weifi das zu schatzen und werde es immer zu schat-
zen wissen. Nicht minderen Dank schulde ich Ihrer jeder-
zeit hilfsbereiten Freundschaft, die dem unerfahrenen Bii-
chermenschen oft so nottat. Und was miifite ich noch alles
anfiihren, wenn ich aufzahlen wollte, was ich Ihnen alien
schulde, was mich an Sie und Ihre Familie wie ein Mitglied
derselben kettet. Ich mochte nur eines noch sagen: bleiben
Sie mir alle auch nach der raumlichen Trennung, was Sie
mir immer in einem so hohen Mafie gewesen!
In Weimar bin ich recht gut empfangen worden. Suphan
bemerkte mir heute vormittags, «er hoffe nun endlich in
mir nicht nur einen Heifer im Archivdienste, sondern eine
geistige Stiitze zu finden, wie er sie seit seiner Ankunft in
Weimar sucht».
Es scheint mir auch, dafi ich in bezug auf die Wohnungs-
verhaltnisse nicht gerade ungiinstig daran bin. Ich habe ein
Wohn- und ein Schlafzimmer zum Preise von funfund-
zwanzig Mark pro Monat. Anders und billiger lafk sich die
Sache hier in Weimar kaum einrichten. Einzelne Zimmer
sind nirgends zu finden.
Nun mochte ich, dafi der Brief doch noch heute abgeht,
und beschranke mich daher darauf, Sie zu bitten, mir an
Ihre Frau Mutter und Schwester meinen Handkufi, an
Richard und die Buben meine allerherzlichsten Griifie
zu besteilen, Hans aber ja dabei nicht zu vergessen.
In immer gleicher Hochachtung
flu-
Rudolf Steiner
254. AN LADISLAUS SPECHT
Weimar, 15. Oktober 1890
Verehrtester Herr Specht!
Seien Sie mir herzlichst bedankt fur Ihren lieben, aus-
fuhrlichen Brief. Ich habe mich aufierordentlich mit dem-
selben gefreut. Denn ich habe Sie wahrend der Zeit unseres
Zusammenseins kennengelernt, um Ihre Worte voll schat-
zen zu konnen. Ich weifi, wie Ihnen blofie Formen zuwider
sind.
Wenn Sie mir ein «Einverstanden?» zurufen bei den
Worten: «Wahre Freundschaft», dann wissen Sie wohl, daE
niemand diesem Zuruf mit einem herzhafteren «Ja» entgeg-
nen wird als ich. Lassen Sie uns die weiteren Blatter unter
dieser Aufschrift denn zu meiner innersten Befriedigung
weiterfiihren. Ich hoffe darauf und trage die Zuversicht da-
von in der Brust. Es ist doch so trostvoll fur mich, dem ja
doch noch mancher Kampf bevorsteht, diesen Rest aus un-
mittelbarer Vergangenheit in die Zukunft hiniibernehmen
zu konnen.
Was nun mein Treiben hier anlangt, so kann ich nur sa-
gen, daft ich mich recht vereinsamt fuhle. Meine Arbeiten
im Archiv waren bis auf kleine Reste schon und befriedi-
gend. Es vergeht kein Tag, an dem mir nicht irgend etwas
Neues aufstoftt; und ich bin durch meine bisherigen
Goethestudien so weit, diese Schatze aus dem Nachlaft dem
Gesamtbilde Goethes einzufugen, so daft ich nicht der Un-
bescheidenheit geziehen zu werden fiirchte, wenn ich hoffe:
die wissenschaftlichen Arbeiten Goethes werden durch
meine hiesigen Arbeiten zu einer entsprechenden Einheit
gestaltet werden. Ich habe da freilich viele Schwierigkeiten
zu uberwinden. Nach meiner Uberzeugung mussen diese
Teile des Nachlasses in ganz anderer Art verarbeitet wer-
den, als das bisher bei den erschienenen zwanzig Banden
der Ausgabe der Fall war. Meine Sachen bringen also in
gewisser Hinsicht eine Unebenheit in die Ausgabe. Nun
untersteht die Herausgabe in «letzter Instanz» einem Komi-
tee, bestehend aus: Exzfellenz] von Loeper, Herman Grimm,
Erich Schmidt, Suphan und Seuffert. Bei denen ist die Aban-
derung durchzusetzen. Dazu muft zunachst Suphan, der
Direktor des Archivs, gewonnen werden. Wenn ich Ihnen
nun sage, daft dasselbe Komitee den ganzen Plan gemacht hat,
so werden Sie einsehen, daft solch ein spaterer Eingriff
nicht ohne weiteres durchgesetzt werden kann. Ich sagte
aber Suphan offen, daft ich niemals beziiglich meines Teiles
mich dem Plane fugen werde. Nun ist Suphan kaum der
Mensch, der die notwendige Energie hat, meine Ansichten,
mit denen er sich einverstanden erklart haty auch gehdrig
zu vertreten.
Mein Verhaltnis zu Suphan ist uberhaupt ganz eigentiim-
lich. Ich habe Ihnen schon geschrieben, daft er mich gleich
in den ersten Tagen zu seinem besonderen Freund «er-
nannt» hat. Mir fehlt aber, sozusagen, der rechte Glaube.
Es bleibt so wenig iibrig fur den Menschen, wenn jemand
Hofling wird. Dabei kommt aber wieder in Betracht, daft
Suphan ein tief unglucklicher, im Leben viel geprufter
Mensch ist. Er hat zwei Frauen verloren, die Schwestern
voneinander waren, und lebt mit seinen zwei Knaben (von
sieben und dreizehn Jahren) nun allein, fortwahrend von
hauslichen Miseren geplagt. Er hat nun, da er nach Berlin
zur Enthullung des Lessingdenkmales gefahren ist, den alte-
ren Jungen unter meinen Schutz gestellt. Sie sehen also, er
behandelt mich mit ziemlichem Vertrauen.
Ich hoffe nun jedenfalls, in den allernachsten Wochen
meine Diplomangelegenheit in Ordnung zu haben, obwohl
es mir schwer wird - dermalen nach so kurzer Zeit -, einen
wenn auch kurzen Urlaub zu bekommen. Ich werde aber
froh sein, wenn auch diese Sache endlich iiberwunden sein
wird. Dann werde ich an die Verwirklichung des Dozenten-
planes schreiten. Bei dieser Gelegenheit mochte ich Sie bit-
ten, von dem letzteren Plane zu niemandem zu reden. Denn
es liegt viel daran, dafi das Professoren-Kollegium von kei-
ner Seite her eine Ahnung bekommt, bis die Geschichte eine
vollendete «Tatsache» ist. Ich werde mir erlauben, Ihnen
stets alle Fortschritte der Sache, zu der Sie ja so viel bei-
getragen, vertrauensvoll mitzuteilen.
Heute habe ich endlich auch meine Sendung von Kursch-
ner erhalten, die durch einen Fehler in der Adressierung
zweimal den Weg von Stuttgart nach Wien gemacht hat.
Auch meine Kiste habe ich soeben ins Haus zugestellt er-
halten und danke bestens fur die Ubersendung derselben.
Das lange Ausbleiben derselben war mir schon verdriefilich,
da ich meine Bucher zur Fertigstellung meiner Disputation
darinnen habe.
Fur alles, was Sie mir iiber Ihre Familie schreiben, sage
ich Ihnen nochmals im besonderen besten Dank. Otto und
Ernst werde ich in diesen Tagen auch antworten. Sie sagen,
Ernst galomiert weiter. Ich habe mich iiber seinen Brief
recht gefreut. Er kam mir ganz entgalomiert vor. Auch Ri-
chards schnelles Hineinfinden in seinen Beruf, wovon ich
durch Ihren Brief und seine direkten Nachrichten erfahre,
ist sehr erfreulich. Am Ende macht er noch alle bosen Vor-
ahnungen zuschanden. Es moge nur recht gut weitergehen!
Dafi Hansl wieder unwohl war, hat mich betrubt. Da Ri-
chards Brief nichts iiber das Befinden des kleinen Kerls ent-
halt, so darf ich wohl schliefien, dafi ihm wieder besser ist.
Doch bitte ich Sie alle recht sehr, im nachsten Briefe - wer
immer ihn schreibt - iiber Hansls Befinden mir Kunde zu-
kommen zu lassen.
Dieser Brief trifft Sie am 16. Oktober, d. i. an Ihrem Ge-
burtstage. Ich weifi, dafi Sie Ghickwunsche an diesem Tage
perhorreszieren. Auch wissen Sie, dafi ich keinen besonde-
ren Anlafi brauche, urn Ihnen zu sagen, was ich Ihnen von
ganzer Seele wiinsche. Aber schliefihch ware es doch wieder
gar zu pedantisch, dies Schreiben deswegen einen Tag liegen
zu lassen, damit es erst am 17. in Wien eintrafe. Zum
Schlusse habe ich nur noch zu sagen, dalS es mich befriedigt,
da£ Ihre lastige und schmerzhafte Zungengeschichte wieder
besser ist. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer geschatzten Frau
Gemahlin, der Grofimama und alien anderen Mitgliedern
der Famine auf das beste, und seien Sie bestens gegrufit von
255. AN RICHARD SPECHT
Ihrem aufrkhtig ergebenen
Rudolf Steiner
Weimar, 18. Oktober 1890
Mein lieber Freund !
Sie miissen sich nichts daraus machen, wenn ich Ihnen
hiemit einen Brief wahrend meiner offiziellen Archivzeit
schreibe. Da er aber noch vormittags abgehen mufi, wenn
er Sie morgen als an Ihrem einzigen freien Wochentage tref-
fen soil, so mussen Sie ihn schon — wenn auch gleich einem
Goethe-Ausgabe-Manuskript honoriert - hinnehmen. Er
entspringt deshalb nicht minder warmer inniger Freund-
schaft.
Vor alien Dingen bitte ich Sie urn Entschuldigung, wenn
ich irrtumlich den Brief an Grasberger das letzte Mai liegen
liefi. Ich will ihn heute mitsenden. Sie treffen den Mann mal
am ehesten um 10 Uhr vormittags im Cafe Griensteidl.
Sie werfen mir vor, ich befriedigte Ihre Neugierde beziig-
lich Personlichem zu wenig. Ich glaube, ich habe das we-
nige, was dariiber zu sagen ist, nun auch schon in den Brie-
fen an Ihre Angehorigen mitgeteilt, und es bleibt mir in
dieser Beziehung nichts zu berichten als der Umstand, da£
ich anfange, mich an « Seine » Luft zu gewohnen, d. h. blofi
an die physische. Aber auch die wollte mir anfanglich nicht
taugen.
Nun mull mein dritter Goetheband bald erscheinen. Sie
sollen ihn sofort haben, wenn ich ihn bekomme. Ich bin
neugierig, was man im Reiche der Physiker dazu sagen
wird. Mein vierter Band diirfte im November in Druck ge-
hen. Das «Marchen» habe ich in Angriff genommen, und es
geht unter giinstigen Auspizien vorwarts. Wenn Sie mich
niemandem gegeniiber verraten - ich meine naturlich mit
dem niemand nur Liter aturmensch en - so will ich Ihnen
sagen, dafi ich ernstlich daran denke, eine «Goethe-Philoso-
phie» - unter diesem Titel - zu schreiben. Es schliefit sich
mir jetzt alles zu einem schonen Bilde zusammen, und jeder
Tag bringt mir Neues. Obwohl ich unzufrieden mit mei-
nem dermaligen aufieren Sein bin, habe ich doch seit kur-
zem Arbeitsdrang und Arbeitsmut, wie ich sie wohl vorher
kaum je gehabt. Die Leute um mich herum mogen mich
verstehen oder nicht, ich folge meinem eigenen Lichte.
Goethe sagt so schon: «Das Leben des Menschen, so ge-
mein es aussieht, so leicht es sich mit dem Gewohnlichen,
dem Alltaglichen zu begnugen scheint, hegt und pflegt doch
immer gewisse h oh ere Forderungen im Stillen und mufi sich
nach Mitteln umsehen, sie zu befriedigen.»
Es wird Sie gewifi interessieren, wenn ich Ihnen mitteile,
dafi Goethe 1824 die «Bhagavadgita» gelesen hat. Nun ist es
wohl erklarlich, woher manches im zweiten Teile des
«Faust» kommt. Wir konnen uns denken, welchen Ein-
druck das hohe Lied der Selbstlosigkeit und Liebe auf Goe-
the gemacht haben mag. Wird uns ja so vieles aus diesem
Vermachtnis des alten Indertums klar. Wer diese Lehren
versteht, fiir den sieht das Leben anders aus als gewohnlich,
und er erst weift, dafi Unrecht nicht aus dem Geiste kommt.
Nun nur noch die Bitte, mir an Ihre Angehorigen die
besten Empfehlungen zu bestellen. Ich schulde nun noch
Ihrer werten Frau Mutter und Ernstl je einen Brief.
Schreiben Sie mir bald, wenn auch Weniges. Alles inter-
essiert mich.
In Treue
Ihr Steiner
Grasberger-Brief sende besonders, weil ich ihn jetzt nicht
hier habe.
256. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 18. Oktober 1890
Geschatzteste gnadige Frau!
Vor alien anderen Dingen: haben Sie Dank fiir die Gluck-
wiinsche, die Sie mir in Ihrem geschatzten Briefe nachsen-
den. Wenn nur die Zukunft, der diese Gluckwiinsche gel-
ten, auch so ausfallt, daf§ ich dasjenige zur Verwirklichung
bringen kann, was von jeher mir als das Ziel meines Lebens
vorschwebte ! Wenn ich nur bald die Lage finden kann, wo
Wollen und Konnen in Harmonie zu bringen sind. Ich
hoffe, es wird nun endlich doch gelingen.
Wenn Sie mir sagen, Sie bedauern, dafi ich meine Voraus-
setzungen wegen des Mangels an anregendem Umgange
eingetroffen finde, so mufi ich gestehen, dafi es nicht so
sehr der Mangel an anregendem als der Uberflufi an nicht
anregendem Umgang ist, der mir Weimar wenig erfreulich
erscheinen lafit.
Meine Goethe-Studien machen mir fortdauernd recht
viel Freude. Sie werden aus Richards Briefen das Inhaltliche
derselben erfahren haben. Das «Marchen» hoffe ich in
Balde herausgehobelt zu haben. Ein Blatt in Goethes Nach-
lafi zeigte mir ganz klar, dafi die Auslegung in meinem Sinne
die einzig berechtigte ist. Ich will es mit der Darstellung
diesmal so halten, daf$ die Sache fiir das groftere Publikum
verstandlich wird.
Zuwider ist mir bei alledem, dafi wir auch am Nachmittag
Archivstunden haben. Doch hoffe ich von diesen spaterhin
dispensiert zu werden. Dies wird urn so leichter gehen,
wenn ich einmal meine Jenenser Plane der Verwirklichung
entgegenbringen kann. Der grofiherzogliche Hof ist aber
vorderhand noch nicht in Weimar. Mein Diplom hoffe ich
in vierzehn Tagen bis drei Wochen zu haben. Ich kann nur
leider jetzt nach so kurzer Zeit nicht von hier weg. Ich
lechze auch schon darum nach dieser Zeit, weil mich die
Reise iiber Berlin fiihrt, wo ich Eduard von Hartmann
wieder sprechen kann.
Sie schrieben mir, Ernstls Brief sei durchaus aus eigener
Initiative hervorgegangen. Ich habe mich iiber diese seine
Zeilen sehr gefreut. Sie sind so durchaus verniinftig.
Hoffentlich geht dem Jungen in Balde vollstandig der
Knopf auf .
Und nun habe ich Ihnen fiir das Verschiedenste meinen
besten Dank zu sagen. Einmal fiir die Besorgung der «Son-
derlinge» an Frau Mayreder, die nun auch schon in meinen
Handen sind. Darf ich Sie um ein Wort bitten, ob die May-
reder auch schon die Rechnung an Sie beglichen hat. Ich
will Sie nicht direkt darum fragen. Dann danke ich Ihnen
vielmals fiir die Ubersendung meiner Kiste, die seit dem 3 .
Oktober - bis vorgestern - auf der Reise war und bei ir-
gendeiner Zollrevision jammerlich zugerichtet worden ist.
Sollten Sie endlich wirklich die Freundlichkeit haben, mir
besagte acht Kragen zu schicken, dann bitte ich dies viel-
leicht durch Brief besorgen zu wollen, da man mit Paketen,
die als Zollstucke behandelt werden, die unglaublichsten
Schwierigkeiten hat. Den Wohnungsschlussel will ich Ih-
nen auf demselben Wege zukommen lassen. Dafi ich
Kurschners Sendung erhalten habe, haben Sie wohl aus dem
Briefe an Ihren Herrn Gemahl ersehen.
Nun obliegt mir nur noch, Sie, geschatzteste gnadige
Frau, zu bitten, mich alien Ihren verehrten Angehorigen
auf das beste zu empfehlen.
In auf richtiger Hochachtung
Ihr
Rudolf Steiner
257. AN ERNST SPECHT
Weimar, 18. Oktober 1890
Mein lieber Ernst!
Hast Du auch etwas lange auf diese Antwort warten mus-
sen, so wirst Du doch aus anderen Briefen, die an Deine
lieben Angehorigen abgegangen sind, erfahren haben, wie
erfreulich mir Deine Zeilen waren. Ich begriifite es mit Be-
friedigung, daft Du von dem Wechsel Deiner Professoren
so angenehm benihrt bist und dafi Du mir iiber Deine
Schulverhaltnisse Gutes sagen kannst. Es soli nur auch
immer so fortgehen!
Hast Du meinen Brief an Otto gelesen? Daraus wirst Du
etwas jedenfalls auch Dich Interessierendes iiber die etwas
andern Verhaltnisse entnommen haben, wie sie an dem
Gymnasium hier herrschen.
Du bist jetzt wohl fest im Cornelius Nepos. Der spielt
hier an den Schulen eine geringere Rolle als in Osterreich.
Dafi Du mir so schone Worte iiber Deine Anhanglichkeit
an mich schreibst, hat mir sehr wohlgetan. Ich habe so gerne
das Bewufitsein, dafi meine Schiiler mich liebgewonnen ha-
ben. Auch ich habe Dich ja sehr lieb und werde Dich immer
im Herzen behalten. Immer wird es mir besondere Freude
bereiten, wenn ich horen werde, daft Du Fortschritte ge-
macht hast.
Bringe auch Foges, den ich Dich bitte, bestens von mir zu
griifien, recht viel Gehorsam und guten Willen entgegen.
Er gibt sich ja alle Mixhe mit Dir, und es wird Dir gewifi
heuer besser gehen. Ich vermutete das ja schon aus dem,
wie Du wahrend der Ferien gearbeitet hast.
Hast Du Nelli, Risa und die Geschwister derselben schon
gesehen? Wenn es wieder der Fall ist, dann grufie sie herz-
lichst von mir und sage ihnen, daft ich auch ihnen schreiben
werde. Haben sie schon einen neuen Lehrer?
Nochmals Gliickauf auf ein gutes, erfolgreiches Jahr!
In Treuen
Dein
Steiner
258. AN ROSA MAYREDER
Weimar, 20. Oktober 1890
Geschatzteste gnadige Frau !
Ihre Sendung langte erst nach mannigfachen Umwegen
bei mir an. Sie schrieben erstens auf die Adresse Goethe-
Schillerstiftung, statt Goethe- und Schiller- Archiv. Nun ist
momentan auch die Schillerstiftung in Weimar, was natiir-
lich eine Kollision gab. Dann mache ich Sie aufmerksam,
wenn Sie irgend etwas je wieder iiber die Grenze zu schik-
ken haben, machen Sie, wenn irgend mdglich, eine Brief sen-
dung daraus, damit die Sache nicht als Zollstiick behandelt
wird. So sonderbar das Ihnen vorkommen wird, aber die
guten «Sonderlinge» mufken sich einer sorgfaltigen Revi-
sion auf ihre Staatsungefahrlichkeit unterziehen. Mich
machte die Verspatung der Sendung besorgt, weil ich
schliefilich dachte, Sie seien am Ende krank geworden, um-
somehr f reute ich mich bei deren Eintref f en. Und nun kann
ich den Tag nicht erwarten, wo ich Ihnen Gunstiges iiber
das weitere Schicksal Ihrer von mir so geschatzten Arbeiten
werde mitteilen konnen. Sie konnen iiberzeugt sein, dafi
ich mir alle Miihe geben werde.
Fur Ihre beiden lieben Briefe sage ich Ihnen herzlichen
Dank. Ich habe Ihnen wohl zu verschiedenen Malen ge-
dankt, wie hoch ich es anschlagen mufi, gerade Sie kennen-
gelernt zu haben. Es wird Ihnen erinnerlich sein, da£ ich
Ihnen sagte, wie durchaus kongenial mir das Gefuge Ihres
Geistes gleich bei unserem Zusammentreffen in dem von
mir so hochverehrten Hause Lang erschien. Und wie wir
uns verstanden, das wissen Sie ja auch. Es beriihrt mich mit
tiefster Wehmut, wenn ich aus meinem jetzigen Asyl zu-
riickblicke auf all die schonen Stunden, die ich bei Ihnen
und Ihrem Kreise verleben durfte. Hier stehe ich allein.
Niemand ist hier, der auch nur im entferntesten ein Ver-
standnis fiir das hatte, was mich bewegt und was meinen
Geist tragt.
Dabei freilich erlebe ich mit meinen hiesigen Goethe-
arbeiten viel Freude. Jeder Tag bringt mir Neues aus den
hinterlassenen Papieren dieses einzigen Geistes, und ich
komme allmahlich immer mehr dazu, das Bild zu einem
totaleren zu machen, das ich von Goethe habe. Ich finde
Gedanken und Ideen, von denen ich mir sagte, diese musse
Goethe gesagt haben, jetzt wirklich von ihm aufgezeichnet.
Ich finde taglich eine neue Bestatigung dessen, was ich ge-
ahnt, eine Verwirklichung, was mir nur als kiihne Vermu-
tung erscheinen mufite. Sie erinnern sich dessen, was ich
Ihnen am Abend des mir so unvergefilichen Tages in Waid-
hofen iiber das «Marchen» sagte. Auch dies bestatigt sich
mir aus Goethes Nachlafi. Ich habe durchaus in seinem
Sinne gedeutet. Wie oft denke ich doch bei irgendeiner
neuen Entdeckung: ach, konnte ich doch mit Ihnen iiber
die Sache sprechen! So mufi ich alles mit mir selber ausma-
chen, meine Gesprache sind dermalen nur Gedankenmono-
loge. Es ist ein starker Kontrast gegemiber einem so schon
verlebten Winter im verflossenen Jahre.
Goethe erscheint mir immer mehr wie der Brennpunkt,
in dem sich die Strahlen der abendlandischen Weltanschau-
ung und Weltgestaltung vereinigen. Wir verstehen ihn frei-
lich nur dann, wenn wir uns selbst zu ahnlichem Denken
und Anschauen emporgearbeitet haben. Aber wenn uns
dann aus dieser geistigen Unerschopflichkeit dasselbe ent-
gegenkommt, was wir selbst gedacht und erstrebt haben,
dann fuhlen wir es gleichsam geweiht und sanktioniert von
einer Instanz, die uns als eine hochste gelten muft.
Was machen Ihre Lange-Studien? Ich kann nicht umhin,
Ihnen bei dieser Gelegenheit einen schonen Satz aus der
Feder von Gisela von Arnim, der vor einem Jahr verstorbe-
nen Frau Herman Grimms, einer Tochter Bettina von Ar-
nims, der Freundin Goethes, mitzuteilen. Sie schreibt: «In
dem Augenblick, da ich die Feder niederlege und schliefie,
hat der Materialismus, vor dem ich, da ich zu schreiben
begann, zuriickschauderte und mich in diesen Traum ver-
tiefte, noch viel mehr an unserem Volk verbrochen, als ich
damals ahnte, und das Hochste ausgespielt, was man von
seiner treibenden Kraft vermuten konnte. » - Ich hasse den
Materialismus im Leben, in der Kunst und in der Wissen-
schaft. Er ist der Hemmschuh aller Vertiefung und alles gei-
stigen Aufschwunges. Der «Materialismus» Langes ist nun
noch nebenbei eine geistige Verirrung auch in logischer
Beziehung, ein nicht zu rechtfertigender Widerspruch.
Ich will nur hoffen, dafi Sie dieser Brief bereits in Ihrem
Winterheim antrifft und zwar bei voller Gesundheit. Grii-
fien Sie mir herzlichst Ihren lieben Gemahl und die anderen
Freunde. Frau Marie Lang will ich demnachst schreiben.
Was macht Eck? Hat das Familienfest in seinem Hause
schon stattgefunden? Gerne wiirde ich auch etwas dariiber
horen, wie sich Ihr verehrter Herr Gemahl in seine « de-
skriptiven» Vortrage hineingefunden hat. Und nun noch die
besten Griifie von Ihrem Sie
aufrichtig hochschatzenden
Steiner
259. ROSA MAYREDER AN RUDOLF STEINER
Wien, 22. Oktober 1890
Lieber, verehrter Freund !
Jetzt kann ich Ihnen wohl gestehen, dafi ich diese ganze Zeit her
in mannigfachen Zweifeln verbracht habe. Ich konnte nicht dar-
iiber schliissig werden, ob ich Ihnen den Fehler in der Adresse
meiner Sendung, der mir nicht unbekannt geblieben war, anzeigen
sollte oder nicht; und ich unterliefi es nur in dem Wunsche, nicht
den Schein der Aufdringlichkeit auf mich zu laden. Es kommt mir
aber fast vor, als hatte der «Zuschauer» mich wieder einmal mit
uberfliissigen Bedenken von einer verniinftigen Handlung zuriick-
gehalten. Jene falsche Adresse verdankt einem Zusammentreffen
unglucklicher Umstande ihre Entstehung. Der Morgen, an wel-
chem ich Ihnen die «Sonderlinge» sandte, war einer der wenigen
sonnenhellen dieses Sommers; und in dem Bestreben, ein begon-
nenes Aquarell zu vollenden, iiberliefi ich die Verpackung und
Adressierung der korrigierten Abschrift dem immer bereitwilligen
Lino, vergafi aber, ihm eine nahere Adresse anzugeben. Auf der
Post nun — wo man leider das Paket nicht als Briefsendung annahm
- forderte man eine genauere Angabe des Bestimmungsortes, und
so schrieb Lino, der sich nicht deutlich des Namens entsann, «Stif-
tung» statt «Archiv». Dazu kommt, dafi Linos Schrift nur von
besonders Eingeweihten von der meinigen unterschieden werden
kann - denken Sie sich also, wie bestiirzt ich war, als ich durch den
ahnungslosen Lino von dem nicht mehr gutzumachenden Irrtum
erfuhr! Denn Sie hatten mir ja miindlich und schriftlich wiederholt
das Archiv eingescharft. Mein Trost in dieser Not war nur der
Gedanke, dafi ich, wiewohl der Schein so schlagend wider mich
war, von Ihnen wenigstens keines jener vernichtenden Urteile
iiber den Frauenzimmerverstand zu befiirchten hatte, die ich so
ungern auf mein Haupt herabbeschwore. Aber im Ernst: es ist mir
leid, dafi ich Ihnen meine Sendung und den sie begleitenden Irrtum
nicht brief lich angezeigt habe, um jede Ungewifiheit und die
Nachteile der Verspatung zu vermeiden.
Wir sind seit ungefahr zwolf Tagen von Waidhofen zuriickge-
kehrt. Diese Ubersiedlung bedeutete fur mich eine starke Unter-
brechung aller ernsten Beschaftigung. Meine ganzlich verkummer-
ten hausfraulichen Instinkte zwar erwachen auch bei einem sol-
chen Anlafi nicht; aber die Familienpflichten und die zu Hause
herrschende Unordnung bxldeten Hindernisse genug. Daher bin
ich im zweiten Bande der «Geschichte des Materialismus» iiber
die ersten Seiten noch nicht hinausgekommen. So fehlt mir noch
jedes Urteil, ja jede deutliche Vorstellung von der eigentlichen
Auffassung Langes. Ihre energische Verurteilung des Materialis-
mus hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, obwohl ich sie,
das kann ich nicht verschweigen, nicht teile. Allerdings ist es mir
vollstandig unbegreiflich, wie jemals ein tiefer Geist in der Weltan-
schauung des Materialismus Befriedigung finden, sich an einer Er-
klarungsmethode geniigen lassen konnte, die wie der Atomismus
unter dem Vorgeben, iiber die Erscheinungswelt hinauszufiihren,
sich innerhalb dieser Welt im Kreise herumdreht. Aber wenn ich
nun sehe, wie dieser Gedanke sich durch alle Jahrtausende
menschlichen Denkens hindurch behauptet, von glanzenden Tra-
gern immer wieder aufgegriffen, verteidigt, ausgebaut wird, so
fuhle ich mich geneigt, zwei grundverschiedene Organisationen
des menschlichen Geistes anzunehmen, deren Erkenntnisgebiete
strenge gesondert sind und die einander nichts beweisen noch wi-
derlegen konnen: eine metaphysische und eine materialistische.
Und da ich nun weift, dafi ich Partei bin, wage ich nicht zu urtei-
len. Ich bin zu sehr verstrickt in jene objektive Betrachtungsweise,
die Nietzsche aus einer verkehrten Anwendung historischer Stu-
dien herleitet und die Paul Bourget, der Rivale Guy de Maupas-
sants, mit dem Namen Dilettantismus kennzeichnet. Diese dilet-
tantische Toleranz gegeniiber alien Stil- und Gedankenrichtungen,
wie heterogen sie auch seien, macht mir das Werk Langes zu einer
Quelle des Vergniigens. Vielleicht kommt auch dazu, daft es mir
so viele neue Gebiete des Wissens erschliefit und daft ich mich
noch in jenem ersten Stadium des philosophischen Denkens be-
finde, welches das der Verwunderung ist. Aber selbst wenn der
Materialismus ein Hemmschuh aller Vertiefung und alles geistigen
Aufschwunges bildet, mein Freund, bedeutet es ein so trostloses
Symptom, daft er «das Hochste ausspielt, was man von seiner trei-
benden Kraft vermuten konnte» -? Wenn ein Prinzip, das im Stil-
len lange fortgewirkt hat, endlich zur Herrschaft gelangt und sich
auslebt bis in seine auftersten Konsequenzen, darf man nicht, wie
man es im Leben des Einzelnen erwartet, auch von der Menschheit
hoffen, daft sie es dadurch iiberwindet, dariiber hinauskommt -?
Ware es zu gewagt, aus so vielen Analogien einer Fortentwicklung
in Reaktionen zu schlieften, daft auch die Menschheit einer neuen,
glanzenden Epoche geistigen Aufschwunges entgegengeht -?
Ohne diese Uberzeugung ware ja das Leben in dieser Epoche des
Niederganges nicht zu ertragen! Ich finde eine trostliche Bestati-
gung meiner Hoffnung in jenem indischen Gedanken, daft die
Bahn der Menschheit in einer Spirale um einen einseitig beleuchte-
ten Kegel lauft, so daft sie ewig aus Licht in Finsternis, aus Finster-
nis zum Lichte sich fortbewegt. Und ihr scheinbarer Niedergang
ist nur eine Vorbereitung zu einer hoheren Stufe der Entwicklung.
Die Beschranktheit der materialistischen Lehrsatze erscheint mir
wie die Orientierung eines im Dunklen nach den nachsten Gegen-
standen Tappenden, der sich auf die groben Wahrnehmungen des
Tastsinnes beschranken muft, weil ihm das Licht fehlt, das dem
hoheren Sinn des Gesichtes erst einen Spielraum gewahrt. Aber
macht uns nicht die Gewiftheit, daft es wieder Tag werden wird,
auch die Nacht zur Freundin? Und liegt nicht ein geheimnisvolles
Gliick darin, die Morgenrote zu ahnen und zu erwarten? Sich im
Widerspruch gegen die herrschende Weltanschauung selbstandig
zu entfalten, betrachte ich als einen Vorzug, den nur die edelsten
Geister besitzen; und Ihr Haft gegen den Materialismus, mein
Freund, ist nur eine Biirgschaft fixr meinen liebsten Glauben - den
Glauben an die Zukunft der abendlandischen Menschheit -, wie er
mir eine Biirgschaft Ihrer eigenen groften Zukunft ist. So bestatige
ich selbst, was ich doch gerne leugnen mochte: dort, wo man tatig,
wirkend, machtig sein will, darf man nicht objektiv sein. Ich
komme immer mehr zur Einsicht, daft das Streben nach Objektivi-
tat im Indifferentismus endigt und daft schlieftlich die Reflexion
das Handeln unmoglich macht. Sie geben das nicht zu; und ich
frage mich bestandig: gibt es einen Zustand, in welchem die Im-
pulse des Handelns aus einer tieferen Welteinsicht entspringen,
oder ist jeder Handelnde gezwungen, in einer parteiischen Ver-
blendung fur die eigene Sadie, die eigene Meinung befangen zu
bleiben -? Fiihrt uns der Wunsch nach hoherem, intensiveren Be-
wufttsein, der uns antreibt, uns in das Geheimnis des eigenen Ichs
zu versenken, notwendigerweise aus der Welt des Handelns hin-
weg in eine Welt der Betrachtung, zwischen welchen es keine Ver-
mittlung gibt? Es kommt mir vor, als hatte ich auf diesem Wege
alle urspriingliche Tatkraft, alle Initiative eingebiiftt. Aber viel-
leicht suche ich den Fehler in der Methode, dessen Ursache in der
individuellen Anlage liegt.
16. Oktober 1890
Nach unaufzahlbaren Unterbrechungen, welche dieser Brief er-
fahren hat, lieber Freund, mochte ich mit seiner Absendung nicht
langer zogern. Lassen Sie mich Ihnen deshalb nur noch sagen, daft
Sie mir mit Ihrem Briefe eine grofte, innige Freude bereitet haben.
Allerdings hat mir die Schilderung Ihrer Einsamkeit eine ebenso
grofte Trauer verursacht. Es ist ja trostlos, daft wir Sie hier so sehr
vermissen und Sie in Weimar sich so allein fuhlen! Deshalb hat
mich Ihre Versicherung, daft Sie oft meiner gedachten, wenn ein
Gedanke Sie beschaftigt, mit einer jener seltsamen Empfindungen
erfiillt, von denen man nicht weift, ob sie Gluck oder Schmerz
sind. Denn die Lucke, welche Ihr Scheiden in meinem Leben hin-
terlassen hat, wird mir taglich, stiindlich fuhlbar, bei alien den
zahllosen Punkten des Nachdenkens, wo Unsicherheit, Zweifel,
Verwirrung, Unruhe den Wunsch nach dem unersetzlichen Gluck
der freundschaftlichen Mitteilung erwecken, das Sie mir geboten
haben. Je langer Sie feme sind, mein teurer Freund, desto undenk-
barer wird es mir, daft Sie feme bleiben sollen.
Uber die darstellende Geometrie, der sich Lino in die Arme
geworfen hat, kann ich Ihnen leider wenig Gutes berichten. Er
wurde zum Suppleanten in diesem Gegenstande mit tausend Gul-
den Gehalt ernannt und zwar vorlaufig auf ein Jahr. Seine Ernen-
nung wurde in der Inaugurationsrede des abtretenden Rektors, in
welcher alle ahnlichen Anderungen erwahnt zu werden pflegen,,
verschwiegen, obwohl dieselbe schon herabgelangt war, wie ihm
der Kanzleidiener nach der Inauguration mitteilte. Sie wurde erst
einige Tage spater ihm und den Studenten bekanntgegeben. Zu
dieser Zeit hatten die Einschreibungen der Horer bei den Profes-
soren schon stattgefunden, so daft sich bei Lino nur zehn Horer
meldeten, wahrend bei Professor Staudigl, zu dessen Entlastung
angeblich diese Parallellehrkanzel geschaffen wurde, ihrer hun-
dertsechzig sind. Dazu kommt, daft dieser fruher zwei Assistenten
hatte, wahrend er jetzt einen derselben der neugeschaffenen Lehr-
kanzel iiberlieft. Zu alien diesen verkehrten und verfehlten Ein-
richtungen, die sich als auftere Hindernisse entgegenstellen, gesellt
sich eine innere Schwierigkeit, die ich selbst, wiewohl ich sie aus
Erfahrung hatte kennen sollen, im voraus nicht geniigend erwogen
habe: Linos Gewissenhaftigkeit. Diese Gewissenhaftigkeit, die ihn
bestandig mit selbstqualerischen Zweifeln plagt, ist eine schwere
Biirde, die er heimlich in alien Lebenslagen mit sich schleppt. «Das
hatte ich viel besser machen sollen, andere hatten das weit besser
gemacht als ich» - dieses lahmende Bedenken verlaftt ihn nicht,
weder bei der Arbeit, noch selbst im Verkehre mit seinen Freun-
den. Ich allein weift, wieviel schone und wxeviel verhangnisvolle
Phanomene seines Wesens aus dieser Quelle herzuleiten sind. Und
nun verbringt er schlaflose Nachte und peinvolle Tage in dem Ge-
danken, daft er seine Vortrage nicht gut, nicht selbstandig genug
arbeitet, daft es eine Frivolitat war, eine Lehrkanzel an einer Hoch-
schule mit jemandem zu besetzen, der kein Fachmann ist, und so
fort. Und alle meine Vorstellungen, daft man doch von einem
Praktiker, von einem Architekten, dem man kaum zwei Monate
Zeit gelassen hat, sich mit dem Gegenstande naher zu beschafti-
gen, unmoglich eine selbstandige Leistung erwarten konne, daft
seine Aufgabe doch nur darin bestehe, seine Vortrage leicht faftli-
cher, praktischer zu gestalten als der Fachmann - alle diese Vor-
stellungen bleiben wirkungslos.
Der machtige Eck ist gegenwartig als mannliches Familienober-
haupt stark in die Sphare des burgerlichen Familienlebens herab-
gezogen worden. Die Hochzeit seiner Schwester findet iibermor-
gen statt. Er ist aus diesem Anlaft in die Notwendigkeit geraten,
sich einen Frack anzuschaffen - eine Situation, die ihm neu ist,
weil er den Hochzeiten seiner alteren Schwester noch in der Uni-
form des Wagnervereins beiwohnte. Er ist im allgemeinen kein
Enthusiast der Familienfreuden, wie Sie wissen, iiberdies ein
Gegner der Orthodoxie, namentlich der judischen. Nun sind aber
die kiinftigen Schwiegereltern seiner Schwester so streng koscher,
dafi sie das Hochzeitsmahl von eigens beigestellten, koscheren
Vertrauenskochinnen zubereitet wiinschen. Uber diese Zumutung
geriet Eck in einen so machtigen Zorn, dafi er sich bis zu dem
Ausspruch verstieg, er werde sich bei diesem Festmahl vom Vege-
tarianismus emanzipieren und in eklatanter Weise einen Schinken
verzehren.
Ich sende Ihnen eine leider nicht besonders gegluckte Photogra-
phic Mariens - welche morgen die Bellevue verlafSt, um ihr Win-
terquartier zu beziehen — und die versprochene meine. Und zwar
hauptsachlich, um Sie an ein unerfullt gebliebenes Versprechen
von Ihrer Seite zu erinnern.
Vergonnen Sie bald wieder ein Stiindchen Zeit
Ihrer Sie aufrichtig verehrenden
Rosa Mayreder
Herzlichste Grufte von alien Seiten, in erster Linie von Lino.
260. AN FRIEDRICH ECKSTEIN
Weimar, [Ende] Oktober 1890
Liebster Freund!
Ich hatte Ihnen vieles mitzuteilen. Dies soli in allernach-
ster Zeit geschehen. Heute aber verzeihen Sie mir, wenn ich
mit einer Bitte komme. In Goethes «Braut von Korinth»,
fiinfte Strophe vom Ende (Zeile i66-6y) heifit es:
«Salz und Wasser kiihlt
Nicht, wo Jugend fuhlt.»
Sie kennen gewifi die symbolische Bedeutung von «Salz
und Wasser ». Ich bitte Sie nun, mir die Gefalligkeit zu er-
weisen, mir moglichst rasch dariiber Auskunft zu geben.
Die Geschichte ist mir momentan sehr wichtig.
Wie allein und unverstanden ich mich hier ftihle, davon
konnen Sie sich schwerlich einen Begriff machen. Seit ich
von Wien fort bin, konnte ich noch mit niemanden ein ver-
niinftiges Wort sprechen.
In Treuen
Ihr Steiner
26l. AN JOSEPH KURSCHNER
Weimar, 2. November 1890
Hochgeschatzter Herr Professor!
Je mehr ich von dem wissenschaftlichen Nachlasse hier
in Weimar kennenlerne, desto klarer bestatigt sich mir alles,
was ich in meinen Einleitungen ausgefuhrt habe. Wenn die
hinterlassenen Schriften von mir redigiert erscheinen wer-
den, dann werden sie Stuck fur Stuck schwerwiegende Be-
weisgriinde fur meine Auffassung sein. Das gewagteste
Stuck innerhalb dieser Auffassung ist jedenfalls die Einlei-
tung zum dritten Bande. Aber ich sehe alien Angriffen mit
gutem Mute entgegen, denn ich glaube, die Gegner dieser
Auffassung werden sonderbare Augen machen, wenn ihnen
der Nachlafi vorliegen wird. Dieser kann nur in der aller-
gUnstigsten Weise auf unsere Ausgabe zuruckwirken. Ich
werde mich ja auch sachlich durchaus immer auf meine Ein-
leitungen in der National-Literatur beziehen miissen.* Ich
bitte Sie nun aber dieses durchaus als Mitteilung vertrau-
lichster Natur zu betrachten.
Zugleich nehme ich bei dieser Gelegenheit abermals An-
lafi Ihnen zu sagen, wie hoch ich den Umstand anschlage,
daft Sie mir bei meinen Arbeiten und bei meiner Anschau-
ung in solch unbefangener und wohlwollender Weise entge-
genkommen. Haben Sie besten Dank dafiir. Ich weifi diese
Dies werde ich gegen alle Einwande durchsetzen.
Hire Gesinnung mir gegemiber zu schatzen und werde sie
irnmer zu schatzen wissen.
Den 4. Band erhalten Sie druckfertig unbedingt bis 12.
November. Sie konnen darauf rechnen, denn ich bin jetzt
doch in besserer, arbeitsmoglicher Lage. Verzeihen Sie die
abermalige Verzogerung, aber rechnen Sie mit Bestimmt-
heit fur den 12. November darauf.
Ich hoffe demnachst einen Aufsatz erscheinen lassen zu
konnen, der auf meinen 3. und 4. Band hinweist. Was auch
von seiten der Naturforscher vorgebracht werden mag: ich
bin meiner Sache gewiE und werde die Wahrheit vertei-
digen.
In vollster Hochschatzung
Ihr treu ergebener
Rudolf Steiner
NB: Bitte zu berucksichtigen, dafi meine Adresse ist:
Weimar, Junkerstra£e 12, 2. Treppe
262. FRIEDRICH ECKSTEIN AN RUDOLF STEINER
Wien, 3. November 1890
Lieber Steiner!
Vielen, vielen Dank fur Ihre beiden lieben Briefe, die mich und
unseren Kreis ungemein gefreut und angeregt haben. Besonders
die Gedichte aus dem West-Ostlichen Divan, die Sie uns empfoh-
len haben, sind von uberraschender Tiefe.
Ich will gleich auf den Gegenstand Ihrer Frage ubergehen.
«Salz und Wasser kuhlt
Nicht, wo Jugend fuhlt.»
Urn die Stelle richtig zu verstehen, mufi man sie im Zusammen-
hang mit dem ganzen Gedicht betrachten. Der Inhalt des Gedich-
tes scheint mir esoterisch gesehen der folgende: Die Braut ist der
Geschlechtstrieb, das aufiere Liebesbediirfnis zwischen Mann und
Weib. Dieses war im klassischen Altertum ein ganz harmonisches
und mit der antiken Religion tief verwachsenes, welches nicht als
«unrein» bezeichnet worden war, zum Beispiel Phallizismus. Erst
das Christentum mit seinen asketischen und unterdriickenden
Prinzipien hat den freien sexuellen Verkehr gestort, aber es konnte
dies nur ganz aufierlich tun. Bei Tag war der Mensch Christ, aber
bei Nacbt, das heifk im Unbewufiten, wenn der Verstand ermudet
hinsinkt, dann kommen heimlich die Grundinstinkte wieder her-
auf «aus dem Grabe» und verlangen ihr Recbt. Salz und Wasser
sind die beiden Hauptsymbole des Christentums, und eine ka-
tholische Taufe ist eigentlich nicht vollstandig, wenn dem Tauf-
ling, nachdem er mit dem Taufwasser begossen worden, nicht
noch einige Kbrner Salz auf die Xunge gelegt werden, wahrend der
Priester die liturgischen Worte spricht: «Accipe salem sapientiaey
ut habeas vitam aeternam.» Amen. — (Rituale Romanum).
Vergleichen Sie damit das 16. Kapitel aus dem Propbeten Eze-
chiel. Was die esoterische Bedeutung von Salz und Wasser bedeu-
tet, ist sehr schwer mitzuteilen: Wasser reinigt den menschlichen
Augiasstall. Herkules leitet den Eurotas durch den Augiasstall.
Warum Heracles? Warum ev Qcoxag? Warum Augiasstall? Lesen
Sie in der Bibel alle Stellen iiber die « Wasser des Lebens», Noah
etc. und iiber den «Regen», ferner Goethes Gedicht «Legende»:
«Wasser holen ging» etc., ein «Gedicht, welches die grofiten Ge-
heimnisse des Daseins enthalt». Ferner vergleichen Sie den Schlufi
des Marchens von der Schlange, wo es in die Kuppel des Tempels
regnet.
Salz ist ein uraltes Symbol der geistigen Auferstehung und der
Unsterblichkeit. Salz entsteht, wenn Holz verbrannt wird und die
Ascbe ausgelaugt wird. Das Salz ist die Materie, die verklart ist
und nur mehr dem reinen mathematischen Gesetz der Spharen
gehorcht; alles Unreine in der Mutterlauge zuriicklassend. Aufter-
dem bewahrt es das Fleisch vor Faulnis. - Gott hat mit den Aus-
erwahlten einen Salzbund geschlossen, heifit es in der Bibel. -
Es ware daruber noch sehr vieles zu sagen. Ich schreibe Ihnen
bald wieder einmal. Vorlaufig aber griifie ich Sie aufs herzlichste
in meinem Namen und dem des ganzen Freundeskreises. Es griiftt
Sie nochmals besonders
Ihr getreuer
Machtiger Eck
263. AN RICHARD SPECHT
Weimar, 5. November 1890
Mein lieber Freund!
Eben erinnere ich mich, dafi ich das Heft der «Deutschen
Dichtung», das das Datum «Oktober» tragt und um das ich
Sie in meinem gestrigen Briefe bat, noch in Wien bei Ihnen
gesehen habe, und ich kann mich nicht erinnern, daft das
von mir Gesuchte drinnen war. Vermutlich ist es also in
dem noch im Oktober erschienenen Novemberheft. Ich
bitte Sie also, wenn moglich, mir die beiden letzten Hefte
fur einen Tag zu senden. Sie erhalten Sie gleich wieder
zuriick.
Ihr
Steiner
264. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 8. November 1890
Sehr geehrter Herr!
Empfangen Sie meinen besten Dank fur Ihren so erfreulichen
Brief. Ich bin vom ersten Augenblick an, als ich Ihr Manuskript
zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in die Hande bekam
und die Korrektur mit der grofken Aufmerksamkeit las, der Uber-
zeugung gewesen, daft Sie in der Beurteilung dieses Teiles der
Goetheschen Tatigkeit entschieden eine Ziel gebende Bedeutung
erlangen wiirden, und ich freue mich lebhaft, aus Ihrem Briefe zu
vernehmen, da£ Ihre Forschungen in Weimar Ihnen die Richtig-
keit Ihrer Annahme bestatigen. Wenn Sie mir personlich auch viel
Gutes sagen, so wollen Sie es nicht als eine einfache Wiederholung,
sondern als den Ausdruck der Uberzeugung entgegennehmen,
wenn ich Ihnen sage, dafi es mir eine freudige Genugtuung gewe-
sen ist, mit einem Manne zusammenarbeiten zu konnen, der den
grofken deutschen Dichter in so hervorragender Weise in einer am
langsten im Schatten gebliebenen Seite erkannt hat.
Daft ich den 4. Band der naturwissenschaftlichen Schriften bis
12. November erhalten soil, hore ich mit Freuden. Mochte Ihre
Zusage in Erfullung gehen. Ich werde dann den Druck unverziig-
lich beginnen lassen.
In vorzuglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
265. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 22. November 1890
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Sie haben mir iiber Ihre lieben Kinder sehr gute Mittei-
lungen gemacht und mir damit eine grofte Freude gemacht.
Haben Sie herzlichen Dank dafur. Sie haben es wohl oft
sehen konnen, daft ich mit nicht gewohnlichen Banden an
Ihren Kindern, namentlich an Otto, hange, und werden es
mir daher gewift nicht versagen, mich auch fernerhin auf
dem laufenden in dieser Beziehung zu halten. Wenn man
wirklich sagen kann, daft ich bei Otto etwas geleistet habe,
dann - glauben Sie mir dies - zahle ich dies jedenfalls zu
meinen besten Leistungen. Und der Mensch hat doch in
seinen Leistungen seine Daseinsfreude.
Mit Ihren Mitteilungen iiber Ihre Kinder haben Sie wohl
auch die Giite, mir sonstiges mitzuteilen, was Ihr von mir
so geschatztes Haus bewegt. Richard hat Ihnen ja wohl aus
seinen Briefen mitgeteilt, dafi ich hier ganz von der Erinne-
rung leben mufi. Doch ich will nicht wieder in den alten
Klageton verfailen, habe ich doch neuerdings wieder Anlafi
genug zu Verdrufi und Verstimmung. Jene bose Geschichte
mit der «Kohlengasse» statt der «Kolingasse» hat tatsach-
lich verursacht, daft meine zweite Kiste erst am 16. Okto-
ber, d. i. nach dem fur mein Erscheinen bestimmten Tage
an Ort und Stelle anlangte, so daft ich jetzt - was ich ganz
und gar nicht voraussetzte - warten mufi, bis mir neuer-
dings ein Termin offiziell bestimmt wird. Ich sagte Ihnen
bereits in Wien, wie gerne ich die ganze Geschichte abgetan
und vom Halse hatte, und nun diese Verzogerung! Ich bin
sehr verstimmt dariiber. Den mir mittlerweile schon zu obi-
gem Zweck erbetenen Urlaub bemitze ich nun, um in Leip-
zig Studien fur meine « Asthetik» zu machen. Die Arbeit ist
es ja doch allein, die mich hier aufrecht erhalt. Ich fahre
heute abends nach Leipzig ab. Hier bin ich namlich auch
fast ganz ohne literarische Behelfe. Die Grofiherzogliche
Bibliothek hat fast nur philologische und literargeschichtli-
che Werke. Sie sehen also, da£ ich moglichst viel entbehre.
Ich glaube, ich habe Richard bereits mitgeteilt, daft ich
die Absicht habe, bald nach dem Erscheinen des ersten von
mir bearbeiteten Goethebandes der Weimarer Ausgabe mit
einem Buch «Goethe-Philosophie» aufzutreten, fur das nun
auch schon fur einen Verleger gesorgt ist. Auch die Unter-
stiitzung der Groftherzogin ist halb und halb dafiir gewon-
nen. Sie glauben nur gar nicht, wie wenig Suphan, der
Goethepapst, von all diesen Dingen versteht und wie das
auch meine Arbeiten im Archiv erschwert. Dieser Mann ist
gegen mich ganz eigentumlich. Er gibt mir alle seine Arbei-
ten zum Durchlesen, gibt alles auf mein Urteil, sucht mich
iiberall; und mir fehlt doch das Vertrauen zu ihm. Sollte ich
sagen, wovon das abhangt, so wiirde mir das wohl schwer,
denn diese Dinge sind zumeist ganz und gar eine Sache der
unmittelbaren Empfindung. Ich ziehe mich hier so zuriick,
wie dies nur irgend angeht. MuE ich doch einmal in Gesell-
schaft gehen, dann empfinde ich nachher einen unbe-
schreiblichen Ekel vor den holzernen Menschen ohne Kern
und Seele. Man kann anklopfen, wo man will: man stoftt
iiberall nur auf niichternen Verstand, kalte Berechnung. Die
schonen Stunden, die ich mit Rudolf Schmidt, dem dani-
schen Dichter, der vier Wochen hier war, verbrachte, sind
nun auch vorbei! Das ist ein geistvoller, von hohen Interes-
sen getragener Mann, der fur mich hier eine wahre Erquik-
kung war. Ich bekam durch ihn auch einen genauen Ein-
blick in die geistigen Verhaltnisse Danernarks, die mich sehr
interessierten.
Und nun nochmals meinen tiefsten, warmsten Dank fur
Ihre Mitteilungen und die Bitte, mir die Freude auch ferner-
hin zu machen, mich iiber Ihre Angehorigen zu unter-
richten.
Ihrer Frau Mutter meinen Handkufi, Ihrer Frau Schwe-
ster, Ihrem Manne, den Kindern (Hansl) meine herzlichst
aufrichtigsten Griifie! Ich bitte jedermann, der mir schreibt,
um Nachricht, wie es meinem geliebten Hans geht. Den
Kindern antworte ich auf ihre Briefe alsbald. Arthur soil
mir nicht bose sein, dafi ich ihm noch gar nicht geschrieben.
Richard bitte ich zu sagen, dafi ich ihm, falls ich heute vor
meiner Abreise nicht mehr zum Schreiben komme, entwe-
der von Leipzig aus oder gleich nach meiner Riickkunft
(Donnerstag friih) schreibe. Die Zeitungen, fur die ich be-
stens danke, sende ich aber noch heute zuriick.
Damit in auf richtiger Hochschatzung
Ihr
Steiner
266. AN RICHARD SPECHT
Weimar, 30. November 1890
Mein lieber Freund!
Vorerst einige Worte iiber die beiden Gedichte, die Sie
mir zu meiner besonderen Freude einsandten. Ich finde das
eine: «Endlich» formvollendeter, das andere: «Wir beide»
tiefer und vielsagender. Durfte ich Ihnen einen Rat geben,
so ware es der, in dem ersten die Zeile: «Ja, auch du kannst
innig warm empfinden» etwas abzuandern. Diese Worte
storen den Schwung des Ganzen. Der Satz hat seine psy-
chologische Berechtigung, wenn man annimmt, dafi der
Empfindende (d. h. der Schreiber des Gedichtes, nicht der,
an den es gerichtet ist) zu der gliicklichen Uberzeugung der
ausgesprochenen Tatsache spontan kommt, mit der Vor-
aussetzung, daft er an dieser Tatsache nie gezweifelt hat, ja
daft er ein ausschliefiliches Gluck in dieser Tatsache findet.
Ein solches ausschliefiliches Gluck wird aber wenig gut mit
den Worten gekennzeichnet: «auch du». Das mir Anstofiige
liegt in dem Wortchen: auch, das eben der Ausschliefilich-
keit entgegenstrebt. Ich habe Ihr sonst mir sehr sympathi-
sches Gedicht in verschiedenen (voneinander entfernt lie-
genden) Zeiten gelesen und wieder gelesen, und ich mu$
sagen: dieses auch war meiner Empfindung zuwider, ja fur
sie verletzend. Ich komme zu dem anderen Gedicht: «Wir
beide». Nachdem ich mir die Sache wiederholt iiberlegt
habe, komme ich zu dem Schlusse: ob es nicht am besten
ware, die erste (zweizeilige) Strophe iiberhaupt wegzulas-
sen. Wozu diese unnotige Reflexion als Einleitung eines
Empfindungsvorganges ? Ich verstehe wenigstens auch ohne
diese Zeilen alles.
Sie werden gewift diese Ausstellungen nicht anders denn
als Fortsetzung unserer manchmal so heftigen Debatten
uber Ihre dichterischen Schopfungen nehmen und als Be-
weis, dafi mein Interesse an Ihren Arbeiten das gleiche ge-
blieben ist.
Nun zu etwas anderem. Ich bin, einem alten Prinzipe
(d. i. Gewohnheit) getreu, etwas spater von Leipzig zu-
ruckgekommen. Diesmal freilich ohne Schuld, weil die Ei-
senbahnverbindung wegen Hochwassers vollig abgesperrt
war. Mir war das eigentlich personlich gar nicht unange-
nehm, denn ich habe dadurch meine Arbeiten um ein we-
sentliches vorwartsgebracht. Meine «Asthetik» geht, wie
Sie sich denken konnen, nicht von Seite i bis . . . weiter,
sondern ich arbeite, je nachdem mir dieses oder jenes nahe-
liegt, ein oder das andere Kapitel aus, auf daft sich dann das
Ganze zusammenschliefte. Gegenwartig beschaftigt mich
die «Idee des Tragischen» und das «Prinzip des Naturalis-
mus in der Kunst». Wenn Sie mir schreiben, daft und wann
Ihnen das recht ist, schicke ich Ihnen dieses letztere Kapitel
zum Durchlesen. Ich hoffe, es in etwa acht Tagen beendet
zu haben.
Meine «Marchen»-Exegese habe ich vorlaufig zuriickle-
gen miissen, weil mir in der Lektiire etwas sehr Wichtiges
aufgestofien ist, das ich noch gehorig durcharbeiten mufi,
bevor ich weiter kann. Dariiber kann ich aber jetzt noch
gar nichts wei teres sagen. Soviel ist sicher: Goethes games
Glaubensbekenntnis liegt in diesem Marchen, - und man
kann es nicht erklaren, ohne gewisse Dinge durchgemacht
zu haben, die in der Zeit von 1790- 1820 in Deutsch-
land still und unsichtbar sich abspielten. Ich bin auf einer
ganz besonderen Spur. Doch davon zu Ostern mundlich
mehr.
Auf meinem Tische liegen wohl drerftig oder mehr Schrif-
ten iiber Fichte. Ich mochte sehr gerne zu dem Schriftstel-
ler-Jubilaum* dieses von mir immer hoher geschatzten Gei-
stes etwas Grundliches zustande bringen. Heute fruh hat
mich eine Stelle von ihm geradezu in Entziickung gebracht:
«Denn das Leben ist Liebe, und die ganze Form und Kraft
des Lebens besteht in der Liebe und entsteht aus der Liebe. -
Ich habe durch das soeben Gesagte einen der tiefsten Satze
der Erkenntnis ausgesprochen, der jedoch, meines Erach-
tens, jeder nur wahrhaft zusammengefaftten und ange-
strengten Aufmerksamkeit auf der Stelle klar und einleuch-
tend werden kann. Die Liebe teilet das an sich tote Sein
gleichsam in ein zweimaliges Sein, dasselbe vor sich selbst
hinstellend, und es vereiniget und verbindet innigst die
Liebe das geteilte Ich, das ohne Liebe nur kalt und ohne
alles Interesse die Welt anschauen wiirde.» Wer so etwas
nicht tot mit dem Verstande versteht, sondern lebendig zu
erfassen vermag, der lebt ein ganz eigenes Leben. Und nur,
* Dezember 1891.
wer das vermag, der versteht die Freiheit, die ich so gerne
zum Angel- und Einheitspunkt meines ganzen Philosophie-
rens machen mochte. Es 1st mir ganz merkwurdig, wie
Fichte und Goethe von zwei Seiten sich hinanarbeiten und
auf der Hohe sich in Vollkommenheit begegnen. Ich
glaube, meine Zek ganz gut zu verstehen, wenn ich sage:
Fichtes und Goethes Idealismus mufi in einer Art Freiheits-
philosophie seine letzte Frucht tragen. Denn das Korrelat
jenes Begriffes bei beiden ist die «Freiheit».
Bei meinen obigen Worten «Vor mir liegen wohl dreifiig
Schriften iiber Fichte» hore ich Sie fast auflachen, denn nun
denken Sie: das mag wohl heillos aussehen. Ich versichere
Ihnen aber: es sieht bei mir jetzt zumeist so «griindlich ge-
macht» aus, dafi ich verdriefilich werden konnte. Mein Auf-
wartermadchen - oder wie so etwas heilk - raumt so
«grundlich» zusammen, daft ich oft lange suchen mufi, bis
ich etwas finde. Die Biicher ordnet sie natiirlich sorgfaltig
nach der Grofie. Ich darf aber gegen diese Ordnung gar
nichts haben, denn hier in Weimar geht alles in strengster
Ordnung, und es wird mir «ordnungsgemafi» jeder Besuch
erwidert, den ich mache. Und sollte ich denn auch hier «als
der schlampigste Mensch» gelten, «den es gibt»!?
Neulich habe ich hier die Oper «Der Barbier von Bag-
dad» gesehen, die auftergewohnlich interessant ist. Man ist
jetzt auch hier gar nicht mehr so sprode wie damals, als die
Oper zum ersten Male aufgefiihrt wurde.
Gegenwartig gastiert Fraulein Haverland hier, deren
kiinstlerische Leistungen fur mich nicht ohne Interesse
sind. Unter aller Kritik jedoch finde ich die Theater in Leip-
zig. Das war zum Davonlaufen.
Daft Ihr Gedicht, von Wagner vorgetragen, gefallen hat,
freut mich aufierordentlich. Schicken Sie mir doch, wo
moglich, das Gedicht.
Mein Urteil iiber Speidels Feuilleton miissen Sie nicht se-
ri6s nehmen. Sie wissen ja, dafi ich «Die Ehre» selbst nicht
kenne, sondern nur Stoff und Inhalt, und dafi daher meine
Ansicht iiber eine Kritik daruber moglicherweise sehr schief
sein kann. Die Geschichte, die Sie in Ihrem Briefe erzahlen,
ist immerhin bemerkenswert.
Uber Bergers Vortrag schreibt mir auch Schrder Gutes.
Bemerkenswert ist, was in dem Feuilleton der «Neuen
Freien Presse» von gestern iiber das Stuck gesagt ist. Daft
«Danae» «lustig» weitergeht, freut mich. Nur tut es mir
leid, daft Sie mir so gar nichts Naheres daruber schreiben.
Warum denken Sie aber bei einem Drama ans Druckenlas-
sen? Seit dem Erfolge des «Verwandelten K6nig» habe ich
wieder bessere Hoffnungen in bezug auf Auffiihrungen von
Dingen, die nicht der naturalistischen Modekrankheit an-
gehoren.
Was ich Ihnen nun noch sagen will, ist, daft mir nun auch
Eck geschrieben hat. Einen inhaltreichen, vielsagenden
Brief. Haben Sie ihn noch nicht gesehen?
Schreiben Sie mir nun doch recht bald wieder. Ich lechze
ja nach allem, was von Wien kommt. In diesen Tagen
schreibe ich auch Hansel und Ihren Brudern. Mit diesem
aber will ich abschliefien und Ihnen nur noch die Bitte bei-
fugen, mich Ihrer lieben Familie, vor allem aber auch Briills,
Schwarz', Strisowers usw., ferner nach Gelegenheit Bieder-
mann, dem Fraulein Herzfeld, Christel, Heidt, Kitir be-
stens zu empfehlen.
Mit esoterischem Handedruck
Ihr Steiner
Als ich neulich an Naumburg voruberfuhr, kam mir leb-
haft die Erinnerung an Nietzsche. Ich brauche Ihnen wohl
nicht zu sagen, daft das «klassischgebildete» Weimar den
ganzen Nietzsche-Rummel verschlafen hat. Bitte, schreiben
Sie mir doch auch, was von den furchtbaren Geschichten,
die die Zeitungen iiber das Wiener Burgtheater bringen,
wahr ist.
267. AN ROSA MAYREDER
Weimar, 30. November 1890
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Am liebsten schriebe ich Ihnen schon heute biindige
Nachricht iiber das Schicksal Ihrer Schriften. Aber ich habe
sie selbst noch nicht. Ich habe die Sachen mit den vorge-
schriebenen kurzen Inhaltsangaben versehen und an Pro-
fessor Kiirschner geschickt, von dem ich gegriindete Uber-
zeugung habe, daft er auf meine Bitte alles fur die Sache tut,
was er bei seinen reichen Verbindungen und dem groften
Verlage, dem er als literarischer Direktor vorsteht, tun
kann. Ich habe aus einer sechsjahrigen Verbindung mit die-
sem Manne die obige Uberzeugung gewonnen. Sie werden
freilich bald zu der Ansicht kommen, daft kaum irgendwo
mehr Geduld notwendig ist als in der literarischen Welt.
Und nun zur Beantwortung Ihres lieben Briefes, der lei-
der nur schon zu lange unbeantwortet geblieben ist. Verzei-
hen Sie diese Lange, ich werde nie mehr so lange auf eine
Antwort warten lassen. Und nun gleich in mediam rem.
Dieses aber ist in unserem Falle Ihre Ansicht iiber den
Materialismus. Sie werden mich gewift immer auf Ihrer
Seite finden, wenn Sie behaupten, es seien zwei grundver-
schiedene Organisationen des menschlichen Geistes anzu-
nehmen, «deren Erkenntnisgebiete streng gesondert sind».
Nur verlange ich, daft man stets dieser Sonderung einge-
denk bleibt und nicht mit der Organisation fur die materia-
listische Ansicht sich in jenes Gebiet begibt, das nur fiir die
entgegengesetzte Organisation zugdnglich ist. Der Materia-
lismus hat gewift eine eingeschrankte Berechtigung. Es ist
ebenso wahr, daft es einen Materialismus geben muft, wie es
wahr ist, daft es eine Materie gibt. Unrichtig und widersin-
nig aber ist es, die materialistische Denkweise dahin zu tra-
gen, wo - ich mochte sagen - der Geist greifbar wird. Der
bornierteste der gegenwartigen Physiologen, Emil Du Bois-
Reymond, hat einmal gesagt, wenn wir erst wiiftten, wie die
Materie denkt, dann konnten wir alle Weltratsel losen. Ich
will diese allem gesunden Denken geradezu ins Gesicht
schlagende Behauptung doch einmal hypothetisch voraus-
setzen und zeigen, wie wir, selbst wenn wir jenes wiiftten,
erst recht nichts davon hatten. Nehmen wir an: die Materie
denke, d. h. mit anderen Worten, die Materie spaltet sich,
legt sich auseinander in sich und in ihr Produkt, den Gedan-
ken. So haben wir das Subjekt Materie und das Objekt, den
Gedanken. Nun entsteht die weitere Frage: Was ist der In-
halt des Gedankens? Da es unter jener Voraussetzung ein
Wirkliches aufier der Materie nicht gibt, so kann der Ge-
dankeninhalt nur wieder Materie sein. So waren wir denn
dabei, die Materie bringt denkend wieder Materie hervor.
Nun frage ich jemanden, wie er auf diesem Wege uberhaupt
zu einer Ansicht kommt. Ich habe oben die Spaltung in
Subjekt und Objekt vorgenommen. Subjekt ist die Materie;
Objekt der Gedanke, der aber sich nur wieder als Materie
entpuppt. Wir haben also die Materie zum Subjekt und Ob-
jekt zugleich, d. h. wir sind in ihr sitzengeblieben. Der Ma-
terialismus ist eben eine ganz sterile Weltansicht, und wenn
er doch zu einem Inhalt kommt, so riihrt das davon her,
dafi er diesen aus anderen Auffassungsweisen entlehnt und
in seinem Sinne umdeutet.
Wenn Sie nun sagen, Sie seien in «jene objektive Betrach-
tungsweise verstrickt, die Nietzsche aus einer verkehrten
Anwendung historischer Studien herleitet», so fande ich es
gerade von dem Standpunkt dieser objektiven Betrach-
tungsweise als ungerechtfertigt, einer so exklusiven An-
schauung zuzustimmen, wie sie der Materialismus ist. Denn
exklusiv ist der Materialismus jedenfalls, weil er die Welt
des Geistes einfach verneint. Eine solche Einseitigkeit fallt
dem Idealismus durchaus nicht bei. Dieser anerkennt die
Materialitat, weil er sehr wohl einsieht, dal§ es eine Form
des Seins gibt, die den Geist raumzeitlicb unter Negation
der Ideenform widerspiegelt. Der Idealismus sieht in der
Materialitat das notwendige Korrelat des Geistes, das diesen
begleiten muft wie der Schatten den Wanderer. Und wie es
unmoglich ist, aus dem Schatten das schattenwerfende Ob-
jekt zuriickzukonstruieren, namlich dem Inhalte, nicht der
Form nach* - ebenso ist es unmoglich, aus der Materie den
Geist aufzubauen. Und nun komme ich zum eigentlich
Langeschen Theorem. Darnach soil unser Geist so organi-
siert sein, daE er die Welt der Wirklichkeit notwendig mate-
rialistisch, d. i. im Falle Langes atomistisch erklaren mufi.
Nun bitte ich Sie, mit mir den Gedankengang Schritt fur
Schritt zu verfolgen. Lange sagt: Wir konnen die Welt nur
so anschauen, wie es der Organisation unseres Geistes ge-
mafi ist. Nun ist unser Geist so organisiert, daft er zuletzt
auf das Reich der Atome verfallt. FolgHch baut er sich die
Weltordnung atomistisch auf. Er erklart alle Erscheinungen
und zuletzt sich selbst atomistisch. Wenn jemand einen
Preis darauf aussetzte, die eklatantesten Widerspriiche auf-
zuturmen, die Anhanger Langes mufiten diesen Preis unbe-
dingt gewinnen. Der Geist ist so organisiert, daft er sich nur
materialistisch erklaren kann. Ja, woher ruhrt denn dann
uberhaupt das Bewufksein von einem Geiste? Der Geist
mu£ Ungeistiges sehen. Wo soli er denn in dieser Welt, zu
der ihn nun einmal seine Organisation verurteilt, sich selbst,
also auch seine eigene Organisation, finden? Woher soli der
Geist wissen, daft er sich nur so erklaren kann, wenn er gar
nicht dazu organisiert ist, die Organisation eines Geistes,
sondern nur die Konstitution der Materie einzusehen? Wer
in aller Welt einen Geist begreifen kann, der von sich selbst
einsieht, dafi er vermoge seiner Organisation sein eigenes
Gegenteil ist, der muftte wohl ein sonderbares Gehirn
haben.
Ich bin ein Mensch, der nur dann einer Auffassung zu-
stimmen kann, wenn sie vor dem Forum des strengen Ge-
* Ohne dieses Einschiebsel mvilke mich ja Lino einer
jammerlichen Unkenntnis der Deskription zeihen.
dankens sich legitimieren kann. Der Materialismus kann das
nicht, weil er sich selbst nie verstehen kann.
Wenn Sie, verehrteste gnadige Frau, sagen, dafi der Mate-
rialismus lange im stillen fortgewirkt hat und sogar Friichte
gezeitigt hat, so frage ich Sie, wo sind diese Friichte? Hat
der auf sich selbst gestiitzte Materialismus wissenschaftliche
oder kunstlerische Epochen der Menschheit auf die Ober-
flache gebracht? Sind nicht die materialistischen Epochen
in der Geschichte immer die unfruchtbarsten gewesen? Be-
zeichnen Plato und Aristoteles oder bezeichnet Demokrit
die Blute griechischer Weisheit? Hat Goethe, der den Mate-
rialismus hafite bis zum Exzefi, oder hat Holbach die altge-
wordene Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts neu
verjungt? Sie sagen: «Macht uns nicht die Gewiftheit, daft
es wieder Tag werden wird, auch die Nacht zur Freundin?»
Ich bestreite die Richtigkeit dieses Vergleiches. Der Mate-
rialismus verhalt sich nicht zum Idealismus wie die Nacht
zum Tag. Ich mochte die metaphorische Frage anders stel-
len: Mufi ich, um einzusehen, dafi ein Winterrock vorteil-
haft ist, mich eine Stunde einer eisigen Kalte aussetzen? Sie
sagen im weiteren Verlaufe Ihres Briefes: «So bestatige ich
selbst, was ich doch gerne leugnen mochte: dort, wo man
tatig, wirkend, machtig sein will, darf man nicht objektiv
sein. Ich komme immer mehr zur Einsicht, dafi das Streben
nach Objektivitat im Indifferentismus endigt und daE
schliefilich die Reflexion das Handeln unmoglich macht.»
Ich kann das nicht zugeben, weil die Objektivitat der Be-
trachtung, die Handlung dem Willen angehdrt. Wenn ich
in irgendeiner Weise handelnd in die Weltordnung ein-
greife, so ist mein Handeln etwas ganz Bestimmtes, Indivi-
dualisiertes, das von partiellen Bestimmungen des Weltpro-
zesses abhangt und nicht von den allgemeinen, unbeding-
ten, die der Betrachtung zur Grundlage dienen. Ich kann
ganz gut einsehen, dafi irgendeine Handlung - und es gilt
dies von jeder Handlung - unvollkommen ist, wenn ich sie
im Zusammenhang mit den hdchsten Prinzipien des Da-
seins betrachte, dennoch aber kann mir klar sein, daft ich
nach den individualisierten Voraussetzungen nur diese
Handlung und diese nur so vollbringen kann. Dies beein-
trachtigt meine Freiheit gar nicht. Wenn ich handle, gehen
mich die allgemeinen Prinzipien des Wissens gar nichts an,
sondern nur die Antezedenzien meines Handelns. Diese
Prinzipien verhalten sich zu meinem Handeln so wie die
Gesetze des Verdauungsprozesses zu diesem letzteren
selbst. Niemand kann nach physiologischen Gesetzen ver-
dauen, wenn er sie auch bis ins kleinste hinein kennte. Wir
mussen die Bestimmungsgriinde unseres Willens streng von
den Prinzipien der Ethik trennen. Ich gebe zu - dafi es sehr
schwer ist, diese beiden Dinge auseinanderzuhalten.
Es muE aber doch geschehen, wenn Klarheit in die Sache
kommen soil. In jedem anderen Gebiete ist dies Auseinan-
derhalten leichter, weil der Schauplatz, auf dem die Gesetze
waken, ein anderer ist als der, wo sie erscheinen. Wenn ich
die Gesetze der Planetenbewegung betrachte, so weift ich
genau: die Sache, welche diesen Gesetzen unterliegt, ist au-
fter mir im Raume, die Gesetze aber kommen in meinem
Geiste zur Erscheinung. Hier verwechselt niemand Sache
und Begriff. Anders ist es bei meinem Handeln. Hier spielt
sich Sache und Erkenntnisprozeft auf dem gleichen Schau-
platz ab innerhalb meines Bewufkseins. Das menschliche
Individuum, das handelt, ist zugleich der Betrachter dieser
seiner Handlungen. Aber deshalb muft doch Sache und Be-
griff auseinandergehalten werden. Ich bin eben nicht eine
abstrakte Einheit, in der alles verschwimmt, sondern eine
lebendige Einheit eines individuellen besonderen Ichs, das
in einer gewissen Zeit- und Raumsphare lebt und eines all-
gemeinen, reflektierenden Ichs, das unbeschrankt, raum-
und zeitlos ist. Wer wie Hamlet beide Ich konfundiert, der
kommt erstens nicht zum Handeln, zweitens nicht zum
Verstandnis seiner selbst. Daft im Hamlet diese beiden Ich
im Kampfe liegen, darinnen besteht das Tieftragische seines
Charakters. Dabei aber bleibt die Freiheit doch voll beste-
hen. Denn ich ware nur in dem Falle unfrei, wenn ich in
einem besonderen Fall dazu kame, nach den allgemein-ethi-
schen Prinzipien zu handeln und dieses nicht konnte. In
dieser Lage bin ich aber nie, denn meine Aufgaben werden
mir von der Zeit und dem Orte gestellt, in der und an dem
ich lebe; nicht von der Ethik. Dafi ich jetzt diesen Brief
schreibe, ist eine Folge davon, dafi wir uns kennengelernt,
uns freundschaftlich zugetan sind, dafi Sie den Austausch
der Gedanken in dieser Richtung wiinschen, dafi Sie mir
geschrieben usw. Und we'd das alles vorhergegangen, ent-
schliefte ich mich aus freiem Willen, Ihnen diesen Brief zu
schreiben. Nun kann doch diese Betrachtungsweise auijede
Handlung des Menschen angewendet werden. Dann lost
sich aber doch der Sie qualende Widerspruch vollstandig.
Mir ist es ganz unmoglich, anders zu sehen. Ich bitte Sie
dringend, schreiben Sie mir, was fur Zweifel Ihnen nach
diesen meinen etwas weitschichtigen Auseinandersetzun-
gen noch bestehen bleiben. Ich werde sogleicb antworten,
denn bei dem Umstande, dafi ich genau weift, dafi Ihre
Geistesrichtung mit der meinigen auf das vollstandigste
ubereinstimmt, beangstigt mich jede Meinungsverschie-
denheit. Wenn Sie mit mir in irgendeiner Frage verschie-
dener Ansicht sind, so riihrt das nicht von einer verschie-
denen geistigen Organisation, sondern nur von dem Urn-
stand her, da£ wir uns uber den fraglichen Punkt nicht
bis zur vollen Verstandigung klar genug ausgesprochen
haben.
Sie haben sehr Unrecht getan, dafi Sie in Ihren lieben
Brief den Satz einfiigten: «Und ich unterliefi es nur in
dem Wunsche, nicht den Schein der Aufdringlichkeit auf
mich zu laden. » Da habe ich Sie einen Augenblick lang nicht
verstanden. Wer mich kennt, dem sollte ein solcher Wunsch
gar nicht kommen. Es gibt Beziehungen zwischen Men-
schen, die solche Worte wie Aufdringlichkeit gar nicht
mehr in ihrem Lexikon haben. Ich freue mich doch so innig
uber jedes neue Lebenszeichen. Vergelten Sie mir nur nicht
Gleiches mit Gleichem und lassen Sie mich nicht vier Wo-
chen auf eine Antwort warten.
Da$ Ihr Gemahl mit der darstellenden Geometrie solche
Mifihelligkeiten hat, ist recht bedauerlich. Nur glaube ich,
geht er in der Gewissenhaftigkeit zu weit. Man mull sich in
einem solchen Falle immer vor Augen halten, dafi eigentlich
doch von der gro£eren oder geringeren Vollendung eines
fortlaufenden Vortrags wenig fur die Zuhorerschaft folgt.
Wenn sie mir namlich schreiben, Lino habe Bedenken, daft
«er nicht gut, nicht selbstandig genug die Vortrage ausgear-
beitet habe», so finde ich diese Bedenken hyperkasuistisch.
Denn dies ist eine Forderung, die niemand erheben darf.
Unterlassen Sie doch nicht, mir auch zu schreiben, ob die
peinvollen Stunden, die ihm diese neue Aufgabe gebracht
hat, nun schon geschwunden sind. Griiften Sie ihn von mir
auf das allerherzlichste, und seien Sie selbst gegriiftt von
Ihrem
Rudolf Steiner
Meine Photographie - freilich eine Weimarer - erhalten Sie
demnachst.
268. AN KARL JULIUS SCHROER
Weimar, 30. November 1890
Hochgeschatzter Herr Professor!
Es ist wohl durchaus nicht anzunehmen, daft Goethes
Vater an seinen Sohn nicht geschrieben habe. Aber bei der
sorgfaltigen Art, mit der Goethe alles vernichtet hat, was an
Briefen aus seiner vor-italienischen Zeit vorhanden war, ist
es nur zu erklarlich, dafi wir von dem Briefwechsel mit sei-
nem Vater gar nichts haben. Hier wenigstens weifi niemand
iiber Goethes Vater etwas. Das einzige sind die Brief stellen
aus den bereits erschienenen Banden der Briefausgabe, die
ich Ihnen hiemit mitteile. (Die grofieren Zahlen bedeuten
immer die Seiten, die nebenstehenden kleinen die Zeilen
von oben nach unten gezahlt.)
I. Band: 722, 1224, 20 16, 22 12, 2624, 283, 4, 15, 31 3, 32 16, 17,21,
34 23, 35 16, 43 23, 47 17, 50 if., 53 4, 5, 13, 68 1&, 73 21, 78 ,
7922, 81 18, 99l2f., 10724, 111 8f., 11721, 1446, 1604,
180 10, 18223, 20527, 226i2, 2593, 268 6.
II. Band: 3i2, 3O20, 35 13, i9f., 42i6, 63i9, 65h, 101 28, 104 4f.,
1356,14, 1772, 22022, 265 14, 27623, 278 is, 28022f.,
296 s.
III. Band: 22f., n,2of., 14 is, 15 20, 306, 37i3ff., 402f., 5023, 111 13,
II816, 1449, 161 13.
IV. Band: 503ff., 60 17, 62i3f., 88 is, 275 i6f.,3232i.
V. Band: 181 2.
VI. Band: 56, 972i.
Ich entnehme diese Angaben dem in Vorbereitung be-
findlichen Register zu den sieben ersten Briefbanden. Da
dieses Register erst in einiger Zeit erscheinen wird, so konn-
ten Ihnen vielleicht diese Verweise einstweilen mitzlich
sein.
Ein Aufsatz von mir fiir die «Chronik» ist fertig. Da aber
der Goethe-Papst (Prof. Suphan) eben in Berlin ist und
ich verpflichtet bin, ihm alles vorzuweisen, was ich wah-
rend meines Hierseins iiber Goethe schreibe, so diirfte er
vielleicht erst in drei bis vier Tagen abgehen konnen. Wenn
nicht in der Dezember-Nummer, so wird er aber gewifi in
der Janner-Nummer erscheinen konnen.
Ich arbeite intensiv an dem ersten Bande der morphologi-
schen Schriften. Ich bin uberzeugt, Sie werden viele Freude
haben, wenn Sie dem neuen Material gegenubertreten wer-
den. Wenn auch vieles fragmentarisch ist, so ist doch der
grofie Zusammenhang durchaus kenntlich. Wenn ich nur
den Plan, den ich fiir die Herausgabe habe, durchbringe,
dann soli alles so ubersichtlich als moglich sein. Allein Sie
glauben wohl nicht, wie Goethe hier verbureaukratisiert
(verzeihen Sie die barbarische Wortbildung fur eine jeden-
falls noch viel barbarischere Sache) wird. Zum Gluck fand
ich ein von Goethe selbst herriihrendes Schema fiir die An-
ordnung der morphologischen Sachen vor, und da darf ich
wohl hoffen, dafi ich mit diesem Dekret in der Hand den
Widerstand der Redaktoren brechen kann. Ich denke, Sie,
mein geschatzter Lehrer, stimmen mir wohl zu, wenn ich
sage: wo Goethes eigene Intentionen irgendwie gewuftt
werden konnen, sind sie unbedingt zu beobachten.
Und nun will ich Ihnen im Vertrauen einiges Charakteri-
stisches mitteilen. Zuerst eine Stelle, die uns unmittelbar
dahin erhebt, was Goethe will: «Hier aber werden wir vor
alien Dingen bekennen und aussprechen, da£ wir mit Be-
wufksein uns in der Region befinden, wo Metaphysik und
Naturgeschichte iibereinandergreifen, also da, wo der ern-
ste treue Forscher am liebsten verweilt. Denn hier wird er
durch den Zudrang grenzenloser Einzelheiten nicht mehr
geangstigt, weil er den hohen Einflu£ der einfachsten Idee
schatzen lernt, welche auf die verschiedenste Weise Klarheit
und Ordnung dem Vielfaltigen zu verleihen vermag.
Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise
bestarkt, im hohern Sinne die Gegenstande betrachtet, so
gewinnt er eine Zuversicht und kommt dadurch dem Erfah-
renden entgegen, welcher nur mit gemessener Bescheiden-
heit ein Allgemeines anzuerkennen sich bequemt. -
Wir leben in einer Zeit, wo wir uns taglich mehr angeregt
fiihlen, die beiden Welten, denen wir angehoren, die obere
und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im
Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mifibehagen
mit dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu be-
schwichtigen. Die grofien Vorteile, die dadurch zu gewin-
nen sind, wissen wir unter den mannigfachsten Umstanden
zu schatzen, und sie besonders auch den Wissenschaften
und Kiinsten mit kluger Tatigkeit zuzuwenden.
Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind
wir nicht mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwis-
senschaften die Erfahrung der Idee entgegenzusetzen; wir
gewohnen uns vielmehr, die Idee in der Erfahrung aufzusu-
chen, iiberzeugt, dafi die Natur nach Ideen verfahre, inglei-
chen dafi der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee
verfolge. »
In unserem Verhalten zur Natur unterscheidet Goethe
vier Arten von Menschen: die Nutzenden, die Wifibegieri-
gen, die Anschauenden und die Umfassenden. Er charakte-
risiert diese vier Arten des Verhaltens folgendermaften :
«i. Die Nutzenden, Nutzen-Suchenden, Fordernden,
sind die ersten, die das Feld der Wissenschaft gleichsam um-
reiften, das Praktische ergreifen; das Bewu£tsein durch Er-
fahrung gibt ihnen Sicherheit, das Bedurfnis eine gewisse
Breite.
2. Die Wiftbegierigen bedurfen eines ruhigen, uneigen-
niitzigen Blickes, einer neugierigen Unruhe, eines klaren
Verstandes und stehen immer im Verhaltnis mit jenen; sie
verarb.eiten auch nur im wissenschaftlichen Sinne dasjenige,
was sie vorfinden.
3. Die An^ch^iendenr-verhalten sich schon produktiv,
und das Wissen, indem es sich selbst steigert, fordert, ohne
es zu bemerken, das Anschauen und geht dahin uber, und
so sehr sich auch die Wissenden vor der Imagination kreu-
zigen und segnen, so mussen sie doch, ehe sie sichs verse-
hen, die produktive Einbildungskraft zu Hilfe rufen.
4. Die Umfassenden, die man in einem stolzern Sinne die
Erschaffenden nennen konnte, verhalten sich im hochsten
Grade produktiv, indem sie namlich von Ideen ausgehen,
sprechen sie die Einheit des Ganzen schon aus, und es ist
gewissermafien nachher die Sache der Natur, sich in diese
Ideen zu fugen.»
Dieses vorlaufig iiber Goethes Absichten bei seiner Na-
turforschung.
Eben komme ich von Leipzig zuriick, wo ich einige Tage
war, urn einiges auf der Universitatsbibliothek einzusehen.
Da finde ich denn Ihre Karte vor, die mir ein neues Ubel in
Ihrer Familie berichtet. Mochte doch ein giitiges Geschick
Sie bald wieder dahin bringen, daft Sie alle Ihre Lieben ge-
sund und Ihre Umgebung froh sehen!
Ich mochte sehr gerne wahrend dieses Winters einen
Vortrag im Goethe- Verein halten. Im Dezember wird es
aber kaum gehen. Ich hatte es so gerne zustande gebracht,
bin aber gegenwartig so sehr in bezug auf meine Geldmittel
in anderer Weise in Anspruch genommen, daft es mir wohl
unmoglich sein wird, schon im Dezember die ja relativ doch
immerhin kostspielige Reise nach Wien zu machen. Spater
aber wird es ganz gut gehen. Ich sage Ihnen dieses ganz
off en, weil ich sonst ja sehr gerne nach Wien kommen
mochte. Freilich kommt dazu der Grund, daft man es hier
nicht gerne sehen wiirde, wenn ich langere Zeit meine Ar-
beiten unterbrache. Jedenfalls teile ich Ihnen meine Reise
nach Wien zur rechten Zeit mit.
Exz[ellenz] v. Loeper (auch Prof. Suphan) lassen Sie be-
stens griifien. Die Grofiherzogin ist gegenwartig in Hol-
land. Und nun mit den besten Wunschen fur Ihre und Ihrer
Angehorigen Gesundheit
in aller Treue
Ihr
Stein er
269. AN FRIEDRICH ECKSTEIN
Weimar, [Ende] November 1890
Lieber, verehrter Freund!
Wie sehr ich Ihnen fur Ihre beiden Briefe dankbar bin,
konnte ich im Augenblicke wohl schwer schildern. Ich
mochte Ihnen aber doch einmal eines sagen, was mich
drangt, Ihnen zu sagen: Es gibt zwei Ereignisse in meinem
Leben, die ich so sehr zu den allerwichtigsten meines Da-
seins zahle, daft ich iiberhaupt ein ganz anderer ware, wenn
sie nicht eingetreten waren. Uber das eine mufi ich schwei-
gen; das andere aber ist der Umstand, daft ich Sie kennen-
lernte. Was Sie mir sind, das wissen Sie wohl noch besser als
ich selbst; daft ich Ihnen unbegrenzt zu danken habe, das
aber weift ich. Ihr lakonischer Brief «Lesen Sie Jung-Stil-
lings Heimweh» wiegt wohl viele dickleibige Schreiben auf .
Solch ein Buch lehrt uns den Weg zu dem «Stirb und
Werde!» Wissen Sie, daft Jung-Stilling auch einen «Schliissel
zum Heimweh» geschrieben hat?
Merkwiirdig ist die Art, wie Goethe Jung gegeniiber-
stand. Er spricht in seinen Briefen ganz merkwiirdige
Worte iiber diesen seinen Freund. Und von Jung getraue
ich mir zu behaupten, daft ihm Goethe der sympathischste
Mensch war, der ihm je gegeniibergetreten.
Nun mochte ich Ihnen aber einige Ausspriiche Goethes
im Vertrauen mitteilen und Ihre Meinung dariiber horen.
«Wir leben in einer Zeit, wo wir uns taglich mehr ange-
regt ftihlen, die beiden Welten, denen wir angehoren, die
obere und die untere, als verbunden zu betrachten.»
«In dem Geiste des Schauenden ereignet sich immerfort
wechselweise eine sich im Gleichgewichte bewegende Sy-
stole und Diastole. »
«Das Wesen der Menschen ist viererlei Art:
1. Die Nutzenden, Nutzen-Suchenden, -Fordernden,
sind die ersten, die das Feld der Wissenschaft gleichsam um-
reifien, das Praktische ergreifen; das Bewufttsein durch Er-
fahrung gibt ihnen Sicherheit, das Bedurfnis eine gewisse
Breite.
2. Die Wijlbegierigen bediirfen eines ruhigen, uneigen-
niitzigen Blickes, einer neugierigen Unruhe, eines klaren
Verstandes und stehen im Verhaltnis mit jenen; sie verarbei-
ten auch nur im wissenschaftlichen Sinne dasjenige, was sie
vorfinden.
3. Die Schauenden verhalten sich produktiv, und das
Wissen, indem es sich selbst steigert, fordert, ohne es zu
bemerken, das Schauen und geht dahin iiber, und, so sehr
sich auch die Wissenden vor der Imagination kreuzigen und
segnen, so miissen sie doch, ehe sie sich's versehen, die pro-
duktive Einbildungskraft zu Hilfe rufen.
4. Die Erleuchteten, die man in einem stolzen Sinne die
Erschaffenden nennen konnte, verhalten sich im hochsten
Grade produktiv; indem sie namlich von der Imagination
ausgehen, wird ihr Wissen Schaffen, ist ihr ideeller Prozeft
der Weltprozeft.»
Ich glaube, Goethe versteht nur der, welcher den Sinn
dieser Worte versteht. Mir ist klar, daft Goethe mit seinem
«Teilhaftigsein am Weltprozesse» unmittelbar die Selbst-
auflosung des Individuums und dessen Wiederfinden im
Weltall meinte, die Vergottung des Menschen. Charakteri-
stisch fur ihn ist in dieser Hinsicht, daft er einmal offen
sagte: Ich habe etwas zu hiiten als mein Geheimnis, und
wer mich von auften sieht, der hat nichts von mir gesehen.
Ich weift von letzterer Stelle nicht genau den Wortlaut, der
Sinn aber ist richtig zitiert. Merkwurdig ist, daft Fichte aus
personlichem Umgange mit Goethe die Ansicht gewann,
daft letzterer das lebe, was er (Fichte) selbst denke. Daher
das unerschiitterliche Vertrauen, das Fichte in Goethe
setzte, auch noch nach dem unseligen Atheismusstreit.
Kennen Sie Erasmus Francisci «Gegenstrahl der Morgen-
rote». Wissen Sie, daft Faust bei Widmann «an hohen Fest-
tagen, wann die Sonne zu morgens fruh aufging, das crepus-
culum matutinum gebrauchte?» Vergleichen Sie Faust (II.
Teil) bei seiner Erblindung:
«Die Nacht scheint tiefer, tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet helles Licht»
mit Hamanns Worten: «Je mehr die Nacht meines Lebens
zunimmt, desto heller wird der Morgen im Herzen.»
Nicht ohne Interesse werden Sie das Lied im Divan
(Hempel, Band IV, S. 160 ff.): «Wiederfinden» lesen.
In einem nachsten Briefe hoffe ich Ihnen Interessantes
iiber das «Marchen von der griinen Schlange» mitteilen zu
konnen. Es sind Deutungen aus Goethes Umgebung da,
die von ihm selbst zusammengestellt erhalten sind. Ich habe
sie nur noch nicht sehen konnen.
Nun bitte ich Sie nur noch: griilSen Sie mir unseren lieben
Kreis, zu dem in treuer Anhanglichkeit wie zu Ihnen selbst
auch
verharrt
Ihr Steiner
NACHSCHRIFT
Es gibt eine Handschrift des Gedichtes «Wiederfinden»
(im Westostlichen Divan), welche zwischen der dritten und
der tiefesoterischen vierten Strophe noch folgendes einge-
schaltet enthalt:
«Denn das Oben und das Unten
Ward zum ersten Mai geschaut,
Unter freiem Himmelsrunde
Tief der Erde Schofi erbaut.
Ach, da trennte sich fur immer,
War doch der Befehl gescheh'n!
Feuerwasser in den Himmel,
Wellenwasser in die Seen.»
Es mufi uns doch etwas ganz Besonderes bedeuten, wenn
Goethe z. B. 13. Mai 1780 in sein Tagebuch schreibt: «Es
offenbaren sich mirneue Geheimnisse.»
Unter dem 24. November 1807 lese ich im Tagebuch:
«Alchymie aus dem Gothaischen Bande: Artis auriferae
Vol. I.» Unter dem 25. November: «Nach Tische Roger
Bacons <De mirabili potestate naturae et artis>. Nachher die
anderen vorgedruckten alchymistischen Sachen.»
Unter dem 17. Mai 1808: «Systole und Diastole des Welt-
geistes.»*
Dies alles sind mir fortlaufende Beweise dafiir, daft
Goethe ein Esoteriker in des Wortes bester Bedeutung war.
In dem noch nicht veroffentlichten Tagebuche von 18 12
findet sich aber auch direkt die Bemerkung: «Exoterisches
und Esoterisches.»
Meine Ansicht ist die, dafi fur Goethe Systole und Dia-
stole die fortwahrende Auf- und Abbewegung war, in der
er sich zwischen Oben und Unten befand. Gerne wiilke
ich, wie Sie sich dazu stellen.
Herzlichen Dank fiir Ihre Erklarung der Stelle in der
«Braut von Korinth», und herzliche GruEe an unseren gan-
zen Kreis von Ihrem
treuen
Steiner
* Es ist dies dieselbe Systole und Diastole, von der
Goethe sagt: sie regieren alles menschliche Wesen «wie die
Pendelschlage die 2eit».
270. AN RUDOLF SCHMIDT
Weimar, 5. Dezember 1890
Hochgeschatzter, lieber Herr Dr. Schmidt!
Vor alien anderen Dingen sage ich Ihnen vielen Dank fiir
Ihren lieben Brief; nicht weniger auch Ihrer verehrten Frau
fiir die freundlich angefugten Griifie von ihr und von dem
«vierbeinigen Goethe». Ich war uber das Gedenken der
ganzen Familie herzlich erfreut und dachte: wie schade es
doch ist, daft Sie Ihre Gattin und den kleinen Olympier
nicht mit nach Weimar gebracht haben.
Die Art, wie Sie Ihren groften Erfolg in Dresden auffas-
sen, ist fiir diejenigen, die das Gluck hatten, Sie kennen und
schatzen zu lernen, gewifi die erhebendste. Aber - glauben
Sie mir — fur Deutschland hat dieser Erfolg nicht minder
eine ganz besondere Bedeutung. Er ist ein lebendiger Beleg
dafur, daf? in einer Stadt wie Dresden sich 1 500-1 600 Men-
schen noch genug Idealismus und Empfindung fiir wahr-
bafte Poesie bewahrt haben aus dem Sumpfe der astheti-
schen Zerfahrenheit, in der wir - in Deutschland - stecken.
Nur diese asthetische Zerfahrenheit, die in einer furchtba-
ren geistigen Indolenz wurzelt, hat es moglich gemacht, daft
Ibsen jenen Anhang gewonnen hat, den er nun einmal eben
hat. Man mochte aufjauchzen bei dem Gedanken, dafi Ihr
«Verwandelter K6nig» mit seiner Tiefe und schonen poeti-
schen Form solche 1500 bis 1600 «Mitwisser» hat heranzie-
hen konnen. Denn hier Mitwisser zu sein, bedeutet viel und
bedeutet vor allem die Fahigkeit der Erhebung in die edlen
Regionen des Idealismus. Ich wiinschte nur, dafi das Gebiet
dieser «Mitwisser» sich immer mehr und mehr erweitere.
Dann ware auch der Boden gewonnen, die herrlichen Ideen
Rasmus Nielsens einem deutschen Publikum zuganglich zu
machen. Soweit es mir bis jetzt moglich war, vorzudringen
in den Werken dieses Geistes, habe ich es getan und dabei
die Empfindung gewonnen, wie recht Sie haben, wenn Sie
Rasmus Nielsen den «begabtesten Mann» nennen, «der in
einer bestimmten Epoche auf der Erde lebte».
Sie konnen sich aber auch denken, wie brennend meine
Begierde ist, unter solchen Umstanden ganz und voll in alle
Tiefen dieses Geistes einzudringen. Denn mir ist es - das
darf ich wohl sagen - immer aufrichtig um die Wahrheit zu
tun. Aufierdem finde ich durch meine eigene Denkrichtung
so viel auf dem Wege, der in Nielsens Anschauung fuhrt,
vorgezeichnet, da£ auch daraus fiir mich reichliche Befrie-
digung flielk. Dafi zuletzt alle Philosophic der grofte Mono-
log sein miisse, den das menschliche Selbstbewufitsein halt,
um sich selbst, und damit die Welt, zu verstehen, schien
mir von jeher klar. Dafi man aber, von dieser Vorausset-
zung ausgehend, vom Wissen und nicht vom Sein beginnen
miisse, ist einleuchtend. Was uns die wissenschaftliche Ent-
wicklung bringen soli, kann nur vom Wissen aus und nicht
vom Sein aus erreicht werden.
Die mir aufgetragenen Grii£e habe ich bestellt. Kohler
hat sich iiber Ihren Dresdener Erfolg aufierordentlich ge-
freut. Der Arme liegt nun acht Wochen vollig unbeweglich
im Bette. Da£ ihm dieser Zustand manchmal unertraglich
scheint, ist wohl leicht zu begreifen, besonders da ein Ende
noch immer nicht abzusehen ist. Er trug mir die herzlich-
sten Grille und besten Gluckwiinsche an Sie auf. Die Zeilen
an Bock habe ich bestellt, allein die guten Leute nicht zu
Hause angetroffen. Auch an Wahle und Suphan habe ich
Ihre Griifie iiberbracht, dem ersteren seine Teilnahmslosig-
keit fur Bajer arg vorgehalten. Er will das nun gutmachen
und lalk sich Ihrem vierbeinigen Genossen besonders emp-
fehlen.
Die Anzeige Ihres Dresdener Erfolges stand sofort in der
«Weimarischen Zeitung». Wenn ich das Blatt noch bekom-
men kann, will ich es Ihnen senden; ebenso die gestern
abends erschienene Nummer, wo wieder eine Freudenbot-
schaft steht. Diesmal die von Ihrem guten Erfolge mit Ih-
rem Einakter. Ich habe mich herzlich gefreut, als ich die
Nachricht las.
Rosenbergs Abhandlung iiber Sie mit dem Bilde habe ich
leider bis jetzt noch nicht erhalten. Ich mochte sie aber so
gerne haben. Vielleicht durfte ich Sie bitten, die Liebens-
wiirdigkeit zu haben und Rosenberg noch einmal daran zu
erinnern. Auch bin ich gespannt auf die Bilder Ihrer ge-
schatzten Frau und Ihres Arbeitsgenossen, die Sie mir so
freundlichst in Aussicht stellen. Damit nehme ich fur heute
Abschied von Ihnen, bitte Sie recht sehr, mich Ihrer Frau
Gemahlin bestens zu empfehlen und Bajer meinen Gruft zu
ubermitteln; Sie selbst aber empfangen herzlichsten Grufi
von
Ihrem
Rudolf Steiner
271. AN PAULINE UND LADISLAUS SPECHT
Weimar, 24. Dezember 1890
Hochgeschatzte gnadige Frau
und verehrtester Herr Specht!
Voran stelle ich mein dankbarstes Gedenken an die mich
so erfreuende Uberraschung, die Sie mir zum bevorstehen-
den Weihnachtsfeste bereitet haben. Die schonen Dinge
zieren seit diesem Morgen meinen Schreibtisch und werden
mir immer, wenn ich mich zur hauslichen Arbeit setze, wie
mich griifiend erscheinen von jenen lieben Menschen, in
deren Gemeinschaft ich so viele Jahre verlebt habe.
Auch Ihre lieben Zeilen habe ich soeben erhalten, und
zwar gerade in dem Augenblicke, da ich den Brief zur Post
tragen wollte, in dem ich Ihnen mit einigen Satzen frohe
Weihnachtstage wiinschte. Ich zerreifie ihn jetzt, da er ja
doch durch diesen schnell iiberholt wird, freilich auf die
Gefahr hin, daft sich dadurch meine Wiinsche auf recht
frohliche Weihnachten etwas zu spat einfinden. Jedenfalls
aber sind sie allerherzlichst gemeint, ebenso wie der Dank,
den ich Ihnen hiemit aus tiefstem Innern fur die Ihrigen sage.
Nicht minder dankbar bin ich Ihnen fur den warmen An-
teil, den Sie fortdauernd an mir und meinen Arbeiten neh-
men. Zu Anfang der nachsten Woche werde ich mein an
Richard versprochenes Kapitel uber Naturalismus und
Kunst senden. Es wird mir eine ganz besondere Freude sein,
wenn dieser Aufsatz, der einen Teil meiner « Asthetik» bildet,
auch Sie interessiert; ich habe in denselben viel von den Ge-
danken hineingelegt, die seit Jahren meine innerste Uber-
zeugung uber den Lebensnerv der Kunst geworden sind. Es
ist aber nicht gerade leicht, hier vollstandig klar zu werden,
da ja die «Modernen» so viel Unklarheit geschaffen haben,
dafi vielfach die Begriffe nicht nur fehlen, sondern - was viel
schlimmer ist - eine karikierte Gestalt bekommen haben.
Endlich danke ich Ihnen ganz besonders, daft Sie so lie-
benswiirdig waren, meine auf die Zensuren der Kinder so
gespannten Erwartungen so bald, nachdem die Wiirfel ge-
fallen waren, zu befriedigen. Ich ersehe aus Ihrem freundli-
chen Berichte, daft der Stand der Erfolge sich im wesentli-
chen nicht viel geandert hat. Ein paar Grade auf oder ab in
der Notengebung machen ja schlieftlich nicht so viel aus,
und auch Sie werden ja mit den Ausweisen nicht unzufrie-
den sein. Wenn nur Ernstl es im Zeichnen wenigstens zu
einem «Geniigend» bringen konnte; da doch selbst ein fur
den Gesamtfortschritt nicht weiter in Betracht kommendes
«Ungenugend» immerhin das Zeugnis entstellt. Bitte
schon: sagen Sie doch den Kindern, daft ich jedem beson-
ders im Laufe der Festtage schreibe. Einstweilen mogen sich
alle von mir herzlichst gegriiftt halten und meine Wiinsche
auf frohe Weihnachten entgegennehmen.
Was Ihr Brief von Richard und seinem Stiicke enthalt,
hat mich freudig interessiert. Es ist besonders befriedigend,
daft er unbeirrt um das, was die jungen Talente um ihn her
beginnen, seinen eigenen Weg wandert. Nur so kann wirk-
lich etwas Gutes herauskommen. Mit den Schlagworten der
Parteien, ob sie sich auf literarischem oder einem anderen
Felde vernehmen lassen, ist ja doch nichts auszurichten. Ich
lasse Richard sagen, ich wartete mit Verlangen auf sein
Stuck und freue mich recht sehr darauf . Er hat mir auch das
Gedicht, das in der «Modernen Dichtung» gedruckt war,
versprochen. Ist dasselbe schon erschienen?
Heute abends werden Sie wohl alle wie immer an diesem
Tage bei Hansls Weihnachtsbaum sein; ich denke mit einer
gewissen Wehmut daran, daft ich so viele Male an dieser
schonen Freudestunde auch habe teilnehmen diirfen. Ich
bin fur den Abend zu Suphan gebeten, der zwei Knaben
hat, von denen mir besonders Martin, der altere, der in Un-
tertertia ist, recht anhanglich ist. Ich habe mit den Buben
oft gelernt oder sie sonst versorgt, wenn ihr Vater von hier
abwesend war.
Die herzlichen Worte, die Sie mir auf meine Lebensstel-
lung beziiglich senden, sind mir ein neuer Beweis Ihrer
freundschaftlichen Teilnahme an mir. Glauben Sie mir: ich
weift dies zu schatzen und werde es immer. Erhalten Sie mir
dieses Wohlwollen und diese gute Gesinnung immer! Wissen
Sie aber auch von mir, daft ich Ihnen und Ihrem Hause stets
in treuester Freundschaft anhanglich sein werde und daft
mich nichts mehr freuen wird, als Gutes von da zu horen.
Mit dieser Versicherung will ich denn meinen heutigen
Brief beschlieften, nur noch bittend, Ihrer Frau Mutter mei-
nen besten Weihnachtswunsch zu uberbringen und mich
doch baldigst wieder mit einigen Zeilen zu erfreuen.
Nochmals frohe Weihnachten alien
Ihr
Rudolf Steiner
272. AN ARTHUR SPECHT
Weimar, 26. Dezember 1890
Mein lieber, guter Arthur!
Du hast am langsten auf einen Brief von mir warten mus-
sen; ich will Dir also heute zuerst schreiben und Dich vor
allem anderen bitten, mir wegen des langen Ausbleibens
dieser Zeilen nicht bose zu sein und auch dasselbe nicht so
aufzufassen, als wenn ich nicht mit allerwarmster Neigung
Dir zugetan ware; aber Du weiftt: ich bin einmal ein fauler
Briefschreiber, und diese Faulheit scheint zu den Krankhei-
ten zu gehoren, deren Kur am schwersten ist. Indem ich
aber dies einfach damit abtue, daft ich meine Besserung auf
diesem Gebiete dem Zukunfts-Koch, der sich darauf ver-
legt, als dessen erster Versuchspatient iiberlasse,* gehe ich
gleich darauf uber, Dir fur Deine lieben, guten Zeilen herz-
lich zu danken. Ich ersehe zu meinem aufrichtigen Bedau-
* Nimm mir den schlechten Witz nicht libel; ich werde
in jedem Briefe einen machen, bis sie die Zahl derjenigen
erreichen, die Du bei Tische gemacht hast.
ern, daft Du mit Deinem Stande in der Schule nicht so recht
zufrieden bist und daft Du auch in diesem Jahre recht ange-
strengt arbeiten mufit. Ich erinnere mich recht wohl daran,
wie Du im vorigen Schuljahre oft bis in die Nachmitter-
nacht hinein saftest, um Deine Arbeiten zu vollenden, und
dabei liber Kopfschmerzen klagtest, wenn ich am Tische
gegeniiber war. Es tut mir sehr leid, daft diese grofte Menge
von Arbeiten Dich auch dieses Jahr driickt. Aus dem Briefe
Deiner lieben Mutter ersehe ich aber, daft nun doch Dein
Fleift im geometrischen Zeichnen es so weit gebracht hat,
daft Deine Note sogar auf «Vorzuglich» gestiegen ist. Daft
Du diese Note auch in Geschichte hast, legitimiert Dich ja
auch als fleiftigen Menschen, und ich glaube, Deine Ange-
horigen werden da mit mir einer Ansicht sein. Das «Lo-
benswert» in Mathematik gefallt mir ganz besonders. Daft
Du im Franzosischen mit einem bloften «Geniigend» da-
vongekommen bist, ist wohl nur auf irgendeinen bosen Zu-
fall zuruckzufuhren und wird sich ja wahrscheinlich nicht
wiederholen. Also nur Mut, lieber Freund!
Wie geht es Dir gesundheitlich? Was treibst Du sonst?
Ich bitte Dich, schreibe mir gelegentlich alles ; mich interes-
siert jedes Ding, das Dich oder Deine Angehorigen betrifft,
und ich freue mich immer, wenn ich eines Eurer Briefe an-
sichtig werde.
Hoffentlich verbringt Ihr alle die Weihnachtstage recht
gut und verlebt angenehme Ferien bis zu Neujahr! Zum
letzteren sende ich Dir von dem ganzen Herzen ein voiles
«Gluckauf»; es moge Dir recht viel Gutes und Schones
bringen.
Ich habe die Weihnachten, so gut es fur mich hier mog-
lich ist, verlebt und wurde durch manches Zeichen herzli-
cher Teilnahme von da und dort erfreut. Ich trug mich auch
mit dem Plane, fur ein paar Tage nach Berlin zu gehen, fand
es aber zuletzt doch angemessener, die Ferien jetzt zu mei-
ner Arbeit zu verwenden und bin dageblieben, trotzdem
ich eine sehr freundliche Einladung bekommen hatte.
Deinen Briidern schreibe ich wohl auch noch heute;
griifte sie vorlaufig und tue desgleichen bei alien anderen
Angehorigen.
In herzlichster Treue
Dein
Steiner
273. AN RUDOLF SCHMIDT
Weimar, 27. Dezember 1890
Verehrtester Herr Doktor!
Voran die Bitte, mein Zogern mit diesem Schreiben gii-
tigst entschuldigen zu wollen. Ich wollte Ihnen durchaus
sogleich meine Photographie mitsenden; aber der Schlingel
von Photographen wird ewig nicht fertig damit, und so kam
es, dafi ich sogar versaumt habe, Ihnen zum Weihnachtsfe-
ste ein herzliches «Gluckauf» und «Frohe Festtage» zuzu-
rufen; ich will nun aber auch nicht mehr langer warten,
sondern die Photographie ein folgendes Mai mitsenden und
Ihnen heute ein inniges «Prosit Neujahr» senden. Daft ich
dieses Prosit als Neujahrsgruft auch Ihrer geschatzten Frau
und dem klugen, auf die solide Spitze einer in sich gegriin-
deten Personlichkeit gestellten Bajer zurufe, bitte ich in
meinem Namen auszurichten. Bajers Bild finde ich unge-
heuer charakteristisch. In seiner Physiognomie liegt so viel,
daft wohl ein jeder, ob er Dichter oder Philosoph ist, etwas
herauslesen kann. Ich finde, von meinem Standpunkte aus,
das Bild als das eines Philosophen, und zwar mochte ich
ihn unter den Deutschen entschieden Fichte am nachsten
stellen. Es liegt etwas vom «absoluten Ich» in dieser Physio-
gnomie. Diese Augen verraten eine Selbstheit, die nicht so
einfach von und durch Natur gesetzt ist, sondern die nach-
her durch « absolute Tatigkeit» Selbst gesetzt hat. Es spricht
aus seinen Ziigen in der behaglichen und klugen Ruhe ent-
schieden das: «Ich bin, weil ich bin und bin, was ich bin,
schlechthin, weil ich bin.»
Der gute Erfolg Ihres Einakters macht mir eine unge-
heure Freude, Hoffentlich bringt Ihnen das neue Jahr recht
viele neue Erfolge und uns ein neues Stuck aus Ihrer Feder.
Wenn ich an Bajer direkt schreiben konnte, dann wiirde ich
ihn aufhetzen, dafi er seinem guten Herrn nicht Ruhe la£t,
bis die letzte Szene auf dem Papiere stent. Aber Sie hatten
ja die Giite, mir zu schreiben, dafi das Stuck bereits immer
mehr Leben gewinnt, und ich, der ich mit solcher Erwar-
tung jeder Ihrer Geistmanifestationen entgegensehe, kniipfe
an diese Stelle Ihres lieben Brief es meine Hoffnungen. Hier
erlaube ich mir gleich meinen innigsten Dank fur die Zusen-
dung Ihres «Grundtvig» auszusprechen. Ich war vorgestern
bei Bock und habe dort vorgeschlagen, das Buch in Gesell-
schaft zu lesen. Ich werde so auch am besten in die nicht-
philosophische Prosa hineinkommen. Bocks Frau hat Ihre
Weihnachtskarte erhalten und will Ihnen demnachst schrei-
ben. Meine Nielsen-Verehrung wachst mit jedem Kapitel,
durch das ich mich hindurcharbeite. Ich komme immer
mehr auf das zuriick, was Sie mir iiber Nielsens Bedeutung
gesagt haben. Dieser Mann bedeutet geradezu ein Kultur-
programm, und ich darf wohl sagen, dafi ich auch Sie, ver-
ehrtester Herr, in dem Mafie besser verstehen lerne, je tiefer
ich in diese Philosophic eindringe. Den gewaltigen Ab-
grund, der zwischen der Welt des Seins und der des Wissens
gahnt, hat keiner so tief erfafk und so glucklich zu uber-
briicken gesucht als Rasmus Nielsen. Ich hoffe, ich werde
Ihnen in allerkiirzester Zeit diese meine Ansicht in viel kon-
kreterer Form vorlegen konnen, als ich dies heute schon
vermag. Dazu muE ich freilich die «Grundideen der Logik»
ganz durchgearbeitet haben. Bock ist sehr liebevoll und
hilfsbereit. Er hat mir neuerlich ein Buchelchen von Nielsen
gegeben: «Folkelige Foredrag». Ich bin noch nicht dazu
gekommen, mich damit zu befassen; aber ich glaube, es
handelt von den religionsphilosophischen Ansichten Ihres
gro£en Landsmannes. Auch diese sind mir ja sehr inter-
essant.
Gestern sah ich Ihren «Engel» als Eboli und Ihren «K6-
nig» als Marquis Posa in Schillers «Don Carlos». Ich mufi
Ihnen aber sagen, ich kann das in Weimar vielfach herr-
schende abfallige Urteil iiber Fraulein Jenicke nicht teilen;
mir hat sie auch als Eboli ganz gut gefallen. Wiecke, den Sie
ja auch kennengelernt haben, spielte den Carlos recht
befriedigend.
Gleichzeitig mit diesem Brief e erhalten Sie wohl die
beiden Sie interessierenden Nummern der «Weimarischen
Zeitung», die ich Ihnen unter Kreuzband schicke.
Herzlichen Graft an Ihre verehrte Frau, an Bajer und an
Sie selbst von
Ihrem Sie so schatzenden
R. Steiner
274. AN WALTER FEHR
Weimar, 31. Dezember 1890
Mein lieber, guter Walter!
Das Jahr soil nicht zu Ende gehen, ohne daft ich Dir und
durch Dich auch Deinen lieben Angehorigen meinen herz-
lichsten Gruft aus der Goethestadt hiniibersende in jenes
Wien, das ich so schwer entbehre und nach dem ich mich so
heftig zurucksehne. 1st es doch vor alien andern Dingen der
Umstand, daft ich wahrend einer Reihe von Jahren in Wien
mit lieben, guten Freunden verkehrte, die mir so viel sind
und bleiben und deren lebendige Gegenwart ich leider nun
entbehren muft. Du glaubst gar nicht, wie oft ich der scho-
nen Stunden gedenke, die mir gegdnnt waren in Deinem
und Deiner lieben Angehorigen Beisein zuzubringen, wie
ich der Stunden gedenke, wo unser Trifolium hinter einem
Glase Bier vorkam, als ob wir aufter uns selbst nichts mehr
bedurfen. Man gewohnt sich nicht leicht an neue Verhalt-
nisse; in keinem Falle, am wenigsten aber, wenn einem die
alten so teuer waren. Dafi mir in diesem Augenblicke, wo
die Sonne eben ihre letzten Strahlen auf das Jahr 1 890 her-
aufsendet, ganz besonders klar vor Augen steht, was mir Ihr
alle waret, wirst Du begreifen. Nimm daher aus vollem
Freundesherzen meinen tiefgefiihlten Neujahrsgrufi entge-
gen und iiberbringe ihn auch Deinen werten Schwestern Frl.
Johanna u. Gundi. Ebenso Willi und Giinther und dem
Constant. Sage ihnen, dafi ich alien ein recht frohes und zu-
friedenes Jahr 1891 wunsche und dafi ich mich freue, sie im
Fnihlinge zu sehen.
Dir und Kock aber will ich am 2. Janner abends, wenn Du
also diesen Brief schon hast, punkt 8 Uhr mit einem Ganzen
Kulmbacher zuvorkommen. Ja, es wiirde mich ganz beson-
ders freuen, wenn dieser Brief das Zuvor- in ein Gleichkom-
men verwandeln wiirde.
Wenn Du abrechnest, dafi ich mich in die steife Holzern-
heit des norddeutschen Wesens eben durchaus nicht ge-
wohnen kann und wenn Du noch dies und jenes abrechnest,
so geht es mir gut; wenigstens habe ich keinen Grund, mich
zu beklagen.
Meine Arbeiten im Archive sind wohl ganz geeignet,
einen Menschen fur eine Zeitlang auszufiillen, der das Be-
diirfnis hat, sich Geistigem ganz zu widmen. Ich stofte auf
viel Neues und Interessantes, das nicht verfehlen wird, ein
neues Licht gerade auf das von mir vertretene Gebiet
Goetheschen Denkens zu werfen. Hoffentlich bringen
diese Arbeiten auch meine Person in jene Geleise, die ich
mir erhoffte, da ich im September von Wien schied. Durch
die Erwerbung des Diploms ist ja auch der aufiere «Firnis»
gewonnen, den die Welt einmal will.
Und nun, mein lieber Freund, mochte ich Dich doch
auch bitten, mir der alte zu bleiben, jener gute Walter, den
ich immer so lieb gehabt um seines lieben Herzens und sei-
ner zart-schonen Gesinnung willen, dessen Charakter mir
immer ein Gegenstand der Achtung und Verehrung war.
Jener Walter, der Du mir warst in den Tagen, da wir uns
fanden, in jenen endlich, wo wir einen herrlich schonen
Winter in liebem Kreise verbrachten, jener Walter, der im-
mer so treu und brav verstand, Freund und Bruder zu sein.
Wenn ich weifi, daft jenes Kammerlein Deines Herzens, wo
die Freundschaft fur mich sitzt, intakt geblieben ist und im-
mer noch in gleicher Art funktioniert, dann bin ichs zufrie-
den, dann weifi ich, daft ich an einer Freundschaft, die mir
so innig Bediirfnis ist, nicht zweifeln darf. Du sagtest ein-
mal: wenn Du mich verlorest, so ware es Dir schrecklich.
Dies wird niemals der Fall sein. Ich bin nur manchmal etwas
nachlassig in der Freundschaft, aber gewifi nie untreu. Und
diese Nachlassigkeit: sie verfolgt mich wie ein boser Da-
mon, den ich nicht loswerden kann und um dessentwillen
ich oftmals verkannt werde. Moge das bei Dir nicht der Fall
sein. Unter diesem Zeichen wollen wir das neue Jahr begin-
nen und immerdar will in treuer Freundschaft verharren
Dein alter
Steiner
275. AN LADISLAUS SPECHT
Weimar, 3. Januar 1891
Verehrtester Herr Specht!
Da in meinem Lebenslaufe das Wirken in Ihrer geschatz-
ten Familie einen so integrierenden Bestandteil bildet, so
sehe ich mich gezwungen, wieder einmal zu Ihrem Qual-
geist zu werden und Sie zu bitten, mir dieses Wirken in
schriftlicher Form zu bestatigen, damit ich es «schwarz auf
wei$», wenn nicht nach Hause, wohl aber zur Universitat
tragen kann. Es erscheint namlich, wenn auch nicht uner-
laftlich, so doch wichtig, daft ich iiber eine schon verbrachte
padagogische Wirksamkeit irgendeinen Schein beibringe.
Seien Sie mir deshalb nicht bose, wenn ich Sie bitte, mir in
Zeugnisform zu bestatigen, dafi ich den Unterricht und die
Erziehung Ihrer Kinder besorgt habe. Das Schriftstuck
sollte folgendes enthalten:
a) daft ich in Kraljevec in Ungarn am 27. Februar 1861 ge-
boren bin.
b) daft ich in Ihrem Hause vom 10. Juli 1884 bis 28. Septem-
ber 1 890 den Unterricht und die Erziehung von vier Kin-
dern (Sdhnen) besorgt habe, und zwar gefiihrt habe ei-
nen Ihrer Sonne bis zur Maturitatspriifung der Oberreal-
schule; den zweiten bis zur sechsten Gymnasial-, den
dritten bis zu ebenderselben Realschulklasse, endlich den
jiingsten bis zur dritten Gymnasialklasse.
c) ein Wort dariiber, daft mein Wirken Erfolg hatte; end-
lich,
d) daft mein moralisches Verhalten wahrend der Zeit mei-
nes Aufenthaltes in Ihrem Hause ein durchaus zufrie-
denstellendes war.
Es mag Ihnen sonderbar erscheinen, aber ich muft auf
den letzten Punkt auch Wert legen, da das Rostocker Uni-
versitatsstatut ein en Paragraphen hat, der da heiftt: «Be-
scheinigung des sittlichen Wohlverhaltens», und gegen Pe-
danterie gibt es kein Mittel. Ich muft also zum letzten Ende
den Ausweis tiber meine Bravheit in dieser Form auch noch
mitbringen.
Wenn Sie ein gesetzlich beglaubigtes Amtssiegel fiihren,
so genugt dies neben Ihrer Unterschrift unter dem Schrift-
stuck; im gegenteiligen Falle - verzeihen Sie meine Qualerei
— miiftte ich Sie bitten, die Unterschrift von dem Notar lega-
lisieren zu lassen und zwar so, daft aus der Legalisierungs-
klausel ersichtlich ist, daft Ihr Name identisch ist mit dem
Trager Ihrer Firma.
Ich kann wohl hoffen, daft die ganze schon so lange han-
gende Angelegenheit bereits ihre Erledigung gefunden ha-
ben wird, wenn ich zu Ostern das Vergniigen und die
Freude habe, Sie wiederzusehen. Wenn Sie in der Lage wa-
ren, das Schriftstuck so fertigzustellen, daft es am 10. dieses
Monats in meinen Handen ware, so ware ich Ihnen sehr
dankbar.
Anschlieftend an diese meine Bitte will ich Ihnen im Ver-
trauen mitteilen, dafi ich meine Stellung gegeniiber dem
Hofe wohl fur eine gute halten darf . Ich habe als der einzige
unter den Mitarbeitern des Archivs von der Grofiherzogin
die Erlaubnis erhalten, die Resultate meiner Forschungen
auch aufierhalb der Goethe-Ausgabe, die in ihrem Auftrage
erscheint, zu verwerten, «wegen der Wichtigkeit der mir
zugefallenen Partien». Auch hore ich von vertrauenswiirdi-
ger Seite, dafi sich der Grofiherzog zu einer ihm naheste-
henden Person dahin ausgesprochen hat, dafi er mich per-
sonlich Hebgewonnen hatte. Ich war dariiber eigentlich
iiberrascht, da ich im personlichen Verkehre, wenn man
von den ublichen Titulaturen und Hoflichkeitsfloskeln ab-
sieht, mit ihm so wie mit jedermann verkehre und ihm ge-
geniiber von meinem so oft geriigten rechthaberischen Ton
nicht abweiche. Aber ich lege Wert darauf, ohne Riicken-
beugen und Grundsatzverleugnung das zu erreichen, was
eben ohne diese Mittel zu erreichen ist. Und ich bin der
Ansicht, dafi ich, wie die Dinge jetzt stehen, und wenn Su-
phan - zu dem mir allerdings das Vertrauen fehlt - kein
falsches Spiel spielt, zu dem von mir gewunschten Ziele
binnen nicht allzulanger Zeit komme.
Richard schreibe ich in allernachster Zeit. Ihnen aber und
Ihrer geschatzten Frau Gemahlin sende ich nochmals meine
herzlichsten Gliickwunsche zum neuen Jahre. Uber mein
aufieres Befinden zu schreiben, war eigentlich nie so recht
nach meiner Art. Doch will ich mir diesmal nicht versagen,
zu berichten, dafi es mir gesundheitlich trotz der hier herr-
schenden ganz greulichen Kalte gut geht. Wie mir sonst
Weimar anschlagt, werden Sie aus einem meinem nachsten
Briefe beizufugenden Konterfei entnehmen konnen.
Nun nochmals um Verzeihung gebeten ob meiner heuti-
gen Bitte, mich Ihrer verehrten Frau und Ihrem Wohl-
wollen fernerhin empfehlend,
in alter Treue
Ihr
Rudolf Steiner
276. AN ROSA MAYREDER
Weimar, 4. Januar 1891
Geschatzteste gnadige Frau!
Kiirschner schreibt mir, da£ es ihm dringenderer alterer
Verpflichtungen und der sich gegen Weihnachten zu immer
mehrenden literarischen Arbeiten halber bei dem besten
Willen bisher noch nicht moglich war, mit den ihm iiberge-
benen Arbeiten sich eingehend zu befassen, dafi er dies aber
in der allernachsten Zeit tun werde. Wir konnen also in
Balde jetzt auf eine Entscheidung rechnen.
Der Erfolg, den Sie mittlerweile auf Ihrem anderen Schaf-
fensgebiete gehabt haben, macht mir die innigste Freude.
Sie glauben vielleicht noch immer nicht vollinhaltlich, wie
hoch mir Ihre Begabung steht und wie ich in Ihnen die
scharf erfassende Kunstlerin verehre und schatze. Die licht-
volle Klarheit in der psychologischen Motivierung, die feine
Zeichnung jener Punkte des Lebens, wo sich Probleme mit
inhaltstrotzender Wirklichkeit beriihren, ziehen mich an
Ihren Schriften so an. Ihre Malereien kenne ich allerdings
nicht aus eigener Anschauung, doch gedenke ich mit dem
schmerzlichen Gefuhl eines augenblicklich Entbehrenden
Ihrer aus der Lebensfulle unmittelbaren Anschauungsstre-
bens kommenden Kunsturteile, die mich immer so fessel-
ten. Sie gehoren zu jenen Geistern, von denen ich sagen
mdchte, «sie beruhigen mich, wenn sie mit mir iibereinstim-
men, und ich mochte von ihnen nicht grundsatzlich abwei-
chende Ansichten haben». Wenn Sie zeigen, wie des Lebens
Hochstes an dem Faden der Alltagiichkeit hangt und oft
nur, weil die Moglichkeit fehlt, diesen Faden abzuschnei-
den, in seinem Ringen nach Freiheit erliegt, so schreiben Sie
mir immer aus der Seele. Ihre novellistischen Skizzen wer-
den zeigen, wie man gefalligste Wirklichkeit mit Fragen
nach dem «Warum des Lebens», ohne didaktisch zu wer-
den, durchsetzen kann. Und hierinnen liegt Ihre kiinstleri-
sche Aufgabe. Sie haben mir bewiesen, dafi man seinen Stoff
bis ins Kleinste zerzausen, zerfasern kann, ohne unkunstle-
risch zu werden; Sie haben mir nicht weniger gezeigt, wie
man in die Wirklichkeit mit all ihrer saftstrotzenden Leben-
digkeit untertauchen kann, ohne das Selbst der freien Per-
sdnlichkeit, ohne die feste Stiitze vernunftgemafier Klarheit
dabei zu verlieren. Ich habe meine Sympathie zu Ihrem gan-
zen Wesen wachsen sehen in dem Mafie, als ich das Lechzen
nach Selbstbehauptung, nach voller uneingeschrankter Ent-
faltung der menschlichen Totalitat erkannte. Der Drang
nach voller ganzer Menschlichkeit, die nicht Stand, nicht
Geschlecht, gar nichts kennt, was uns zu Halb-, Viertel-
und Achtelmenschen macht, dieser Drang war fur mich et-
was so Erhebendes, dafi ich die Summe der Freuden, die
mir daraus wuchsen, nicht ziehen kann.
Wenn ich untersinken soil mit meinem Selbst, verschwin-
den im Objekte, ohne mich wiederzufinden, dann kann die
Erkenntnis auch nicht mehr das sein, was sie sein mufi,
namlich die Auseinandersetzung iiber meine Bestimmung.
Ich fuhle mich erst dann ganz voll in meiner Menschlich-
keit, wenn ich den Punkt kenne, der mein «Ich», mein indi-
viduelles Sein mit dem Sein des Universums verkniipft. Mir
ist die Wissenschaft letzten Endes die Antwort auf die
gro£e Frage: was bedeutet mein «Ich» dem Universum ge-
geniiber? Ich will mich meines Selbstbewulkseins nur zu
dem Zwecke entauftern, um es im Objekte wiederzufinden.
Aber es hinzuwerfen, um in der unendlichen Objektivitat
unterzugehen, das kann nimmermehr zur Erkenntnis fuh-
ren. Das Individuum-Sein, das Absondern als «Ich» bedeu-
tet mir die grofie Frage, bedeutet mir Schmerz und Qual
des Daseins. Das Finden im Objekt, das Aufgehen im Uni-
versum - die Erlosung und das heitere Geniefien der hoch-
sten Welt-Harmonie. Es ist furchtbar, sich ausgeworfen zu
sehen aus dem Gebiete des Weltgeistes, ein Punkt zu sein
im Weltbau, es ist unertraglich, «Ich» zu sein; aber abzu-
werfen diese Haut der Besonderung, hinauszutreten auf den
Plan, da, wo der Weltgeist schafft, und zu sehen, wie im
Wesen des Ganzen auch meine Individuality begriindet ist,
vom Standpunkt des zeitlosen Anschauens sein eigenes Zei-
tendasein zu begreifen, das ist ein Augenblick des Entziik-
kens, gegen den man alle Qual des Daseins eintauschen
mufi. Aber wer nie ein «Ich» war, kann auch das «Ich» nicht
begreifen; wer nie gelitten hat, kann auch die Wonne nicht
verstehen, die im Begreifen des Schmerzes liegt; wer nicht
das Ubel der Besonderung durchlebt, kann nicht der Freude
der Selbstzersetzung teilhaftig werden. Um sterben zu
konnen, raufi man erst gelebt haben.
Hier bin ich aus der Sphare allgemeiner Betrachtungen
zu dem speziellen Thema Ihres lieben letzten Briefes ge-
kommen. Sie wissen wohl, wo der Ankniipfungspunkt
liegt. Ich war recht schmerzlich von diesem speziellen
Thema beriihrt und hoffe, dafi in der Zeit, die seit Ihrem
Schreiben verflossen ist, das Befinden Ihres lieben Gemahls
wieder volliger Gesundheit gewichen ist und daft die ja jetzt
schwebende Ferialzeit sein ja doch nur von Uberanstren-
gung geschadigtes Wohlsein wiederhergestellt hat. Jeden-
falls stelle ich an Sie die freundschaftliche Bitte, mir recht
bald iiber das Befinden des verehrten Lino Nachricht zu-
kommen zu lassen. Sie wurden mich durch ein momentanes
Schweigen wirklich beunruhigen.
Die «Hesperischen Fruchte» bildeten meine Festlektiire
am ersten Weihnachtstag. Ich war iiber einzelnes aus dem
Kapitel iiber Freundschaft ebenso erfreut, wie mir anderes
den Magen umgedreht hat. Doch dariiber kann ich wohl
heute nicht mehr ausfiihrlich werden.
Moge Ihnen das «Neue Jahr» nur Gutes bringen und Sie
die Friichte Ihrer schonen Begabung bald sehen lassen; mit
diesem Wunsche und den besten Griiften an Lino bin ich in
treuer Freundschaft
Ihr
Rudolf Steiner
277- AN RUDOLF SCHMIDT
Weimar, 21. Januar 1891
Verehrter Herr Dr. Schmidt!
Eine besondere Freude haben Sie mir durch die Ubersen-
dung Hires Bildes gemacht, fur die ich Ihnen herzlichst
danke. Sie glauben gar nicht, wie oft ich Ihrer gedenke und
wie sehr ich mich nach den Zeiten zuriicksehne, die ich an
Ihrer Seite habe verbringen diirfen. Jetzt fanden Sie es auch
in meiner Behausung schon wohnlicher, und die Kalte
wurde Sie nicht mehr abschrecken, bei mir den Schwarzen
zu nehmen. Denn allmahlich habe ich doch alles eingerich-
tet, was die Kiirze der Zeit, die ich bei Ihrer Ankunft selbst
erst in Weimar war, noch hat mangelhaft erscheinen lassen.
Ich hoffe, daft ich Ihnen in meinem nachsten Briefe auch
iiber meine Rasmus Nielsen-Studien bereits etwas Sie Be-
friedigendes werde mitteilen konnen. Heute will ich es lie-
ber nicht tun, denn ich stehe mitten in den «Logischen
Grundideen», und ich mufi meine gewonnenen Einsichten
erst ganz ausgaren lassen, bevor sie sich vor Ihnen zeigen
sollen. Es steht soviel jedenfalls fest, daft Sie durch Ihre mir
nicht nur liebe, sondern so bedeutungsvolle Anwesenheit
in Weimar eines der wichtigsten Bildungsfermente in mei-
nem Lebenslauf gelegt haben.
Ich sende Ihnen die beiden Nummern der «Weimari-
schen Zeitung» noch einmal, da ich annehmen mufi, dafi
meine erste Sendung durch den brutalen Sinn der deutschen
Post, die nicht genug frankierte Kreuzband-Sendungen ein-
fach wegwirft, verlorengegangen ist. Und wahrscheinlich
ist es mir passiert, dafi ich das Ding ungeniigend frankiert
habe.
Ihren Lebensabrifi mit dem Bilde habe ich leider bis jetzt
noch immer nicht erhalten.
Ihre Griifie habe ich an Kohler, Suphan, Wahle, Gebrii-
der Krause und auch an Frau Mechler bestellt. Die arme
Frau hatte eine maftlose Freude dariiber und fragte mich,
ob sie sich erlauben diirfe, den Grufi durch mich erwidern
zu lassen, welches ich denn hiermit tue.
Dr. Kohler ist seit einigen Tagen so weit, daft er taglich
einige Stunden aufterhalb des Bettes zubringen darf; auch
Gehversuche im Zimmer konnte er einige anstellen. Sie
sehen aber aus diesem Berichte, wie langsam der ganze
Heilungprozeft vonstatten geht.
Haben Sie wohl etwas iiber Hoffory gehort? Es soli ihm
doch nicht moglich gewesen sein, seine Vorlesungen wieder
aufzunehmen: Ja, er soil sich in einem Sanatorium in Lich-
terfelde befinden. Genaueres konnte ich hier nun freilich
nicht erfahren.
Daft ich Bajer den Herren im Goethe- Archiv feierlichst
vorgestellt habe, schrieb ich Ihnen wohl schon. Dr. von der
Hellen muftte doch wissen, iiber welches Wesen er sich bei
der ersten Mitteilung iiber Bajer so im unklaren geblieben
ist. Seine westpreuftische Niichternheit konnte sich freilich
bis zu der Erkenntnis dessen, was er da auf dem «selbstge-
wahlten St. Helena» vor sich hatte, nicht aufschwingen. Das
verdroft mich. Aber ich will Ihnen doch nicht verhehlen,
da£ ich Bajers Bild mit dem seiner Herrin knapp hinter
meinem Tintenfasse auf dem Schreibtische postiert habe.
Fiir heute nur noch die besten Empfehlungen Ihrer ge-
schatzten Frau Gemahlin und meinem «vierbeinigen Ich-
Philosophen»; endlich auch Ihnen selbst besten Gruft von
Ihrem
aufrichtig ergebenen
Rudolf Steiner
278. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 23. Januar 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
In nicht geringes Erstaunen hat mich der Teil Ihres lieben
Briefes versetzt, wo Sie von meinem Gesundheitszustande
sprechen. Ich weift nicht, auf welchem Wege Formey etwas
uber mich erfahren kann, denn ich habe seit meinem Ab-
gange weder ihm noch einem uns gemeinsamen Bekannten
eine Zeile geschrieben. Selbst wenn also das wahr ware, was
er sagte, so konnte er es kaum wissen. Ich kann Ihnen nun
aber sagen, daft ich dermalen vollkommen gesund bin.
Wenn ich auf Richards liebe, so willkommene Sendung
noch nicht geantwortet habe, so bitte ich tausendmal des-
willen urn Entschuldigung. Ich mufite in diesen Tagen den
ersten von mir hier zu bearbeitenden Band druckfertig ma-
chen. Vor einer halben Stunde etwa habe ich den Schluft-
punkt daruntergesetzt. Es war eine heillose Hetzarbeit, da
der Setzer bereits seit acht Tagen wartet und nichts zu tun
hat. Sie konnen sich wohl vorstellen, daft man unter sol-
chem Drangen jeden Augenblick beniitzen mufi. Aufterdem
hatte ich Korrekturen zu zwei Aufsatzen zu besorgen, die
Ihnen nebst dem dritten Bande meiner Goethe- Werke dem-
nachst zugehen werden. Der letztere ist namlich schon er-
schienen, nur fehlen mir noch die Freiexemplare. Weift
Gott, wo die wieder stecken! Aufterdem mufi mein vierter
Kiirschner-Band noch in diesem Monate fertig werden. Um
an dem letzteren zu arbeiten, meldete ich mich neulich ein-
mal krank. Ich erinnere mich dessen, weil wohl moglich
ware, daft Formey hier Bekannte hat, und der angefuhrte
Umstand zu jener falschen Darstellung meiner gesundheit-
lichen Verhaltnisse Veranlassung gegeben haben kann.
Meiner Uberbiirdung mit Arbeit, die aber bald ein Ende
haben wird, ist es denn auch zuzuschreiben, daft ich Ihrem
lieben Herrn Gemahl fur die liebenswiirdige Ausfolgung des
Testimonium morum noch nicht gedankt habe. Es soil
demnachst geschehen, und ich bitte Sie, geschatzteste
gnadige Frau, ihm vorlaufig meinen herzlichsten Dank zu
uberbringen.
Richard erhalt jedenfalls in den ersten Tagen der nachsten
Woche ein Schreiben iiber sein Stiick. Es kam gerade in eine
etwas bose Zeit hinein, denn wahrend man Hals iiber Kopf
Texte vergleichen mufi, lafit sich die Frische fur ein richtiges
Urteil iiber ein Kunstprodukt nicht gewinnen. Und ich
rnochte ihm doch voll gerecht werden. Nur der Umstand,
dafi ich nicht iiber das Stiick schreiben konnte, hielt mich
ab, an ihn zu schreiben. Hansels reizendes Briefchen riihrt
mich wirklich, ich werde ihm morgen einen Brief schreiben.
Auf die Antworten Ihrer Kinder freue ich mich herzlich.
Richards Gedicht in der «Modernen Dichtung» habe ich
gelesen. Ich kannte es bereits. Es hat mir aber neuerdings
sehr gut gefallen.
Serenissimus zeigt sehr viel Teilnahme und Interesse fiir
mich. Er gewinnt unbedingt, wenn man ihn naher kennen-
lernt. Ich rnochte ihn einen Gefuhlsidealisten nennen, auf
den der Umstand doch nicht wirkungslos geblieben ist, dafi
er noch Goethe gekannt hat. Er sagte mir letzthin: «Es
macht mir Freude, Sie hier zu haben. » Ich glaube, die Leute
haben es doch nicht einmal so ungerne, wenn man ihnen
nicht so ganz ohne Selbstbewufitsein entgegentritt, wie das
leider in ihrer Umgebung in so ekelerregender Weise der
Fall ist.
Nun nur noch Dank von ganzem Herzen fiir Ihren lieben
Brief, der mir durch die Auffassung jenes ganz unbegninde-
ten Geschwatzes Formeys die Anteilnahme neuerdings
zeigt, die Sie mir bewahren. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer
Frau Mutter und Schwester, Ihrem lieben Herrn Gemahl
und griiEen Sie die Kinder herzlichst von
Ihrem dankbarsten
Rudolf Steiner
279- AN PAULINE SPECHT
Weimar, 4. Februar 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Erlauben Sie, dafi ich Ihnen heute den dritten Band mei-
ner Goethe- Ausgabe iibersende mit denselben Widmungs-
worten, die auch der zweite tragt. Bei lege ich demselben
den Separatabzug eines Aufsatzes, der Ihnen Nachricht ge-
ben kann, in welcher Richtung sich meine Arbeiten hier im
Archiv bewegen. Diese Bewegung geschieht nun freilich
nicht ohne alle Hemmnisse. Ich ging vom Anfange an hier
meinen eigenen Weg und habe auf demselben vor kurzem -
nach vieler Miihe und Arbeit - meinen ersten Band vollen-
det. Die Druckerei wartete darauf. Da ging dann im letzten
Augenblicke Direktor Suphan aller Mut aus; er getraute
sich den Band nicht in die Druckerei zu geben. Ich erklarte,
nicht ein Wort andern zu konnen. Ich mufke ein Zirkular
an die Redaktoren ausarbeiten, in dem ich mein selbstandi-
ges Vorgehen rechtfertigte; zum Gliicke wurde schliefilich
die Berechtigung meines Standpunktes eingesehen, und ich
konnte vorgestern endlich den Druck beginnen lassen. Nun
ist freilich alles in Ordnung, denn da man mich einmal ge-
wahren lie£, wird man es wohl auch in Zukunft tun miissen.
Aber genug geargert habe ich mich doch. Ich hoffe aber, es
wird mich dann auch intensiver freuen, wenn ich die Arbeit
fertig vor mir sehe, die heraustritt aus der Schablone, in die
bisher in wahrhaft bornierter Weise die Weimarer Ausgabe
eingezwangt war. Sie glauben gar nicht, was fur Miihe die
Leute haben, um alle die Stimmen niederzuhalten, die aus
aller Welt gegen diese Borniertheit sich erheben wollen.
Doch genug davon. Man wird ja auch voll entschadigt
durch all das Herrliche und Bedeutende, das Goethes
Nachla£ birgt.
Meine Rostocker Reise fallt wohl noch in den Februar,
gewiE aber in die erste Halfte des Marz. Wenn ich zu
Ostern nach Wien komme, hoffe ich Ihnen in dieser Hin-
sicht ganz geordnete Verhaltnisse mitbringen zu konnen.
Ich lege diesem Brief ein anderes Bild von mir bei, das ich
Sie recht sehr bitte, meinen lieben Schulern Otto, Arthur
und Ernst zu ubergeben. Richard erhalt zugleich mit diesem
einen Brief von mir. Ich habe ihm da in aufrichtigster, unge-
schminktester Weise meine Meinung iiber das Stuck, das
mir ganz aufierordentlich gefallen hat, mitgeteilt. Wenn ich
aber doch einiges anders gewunscht hatte, so moge er sich
daraus doch nichts machen.
In dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, erhalte ich
wieder eine Todesanzeige aus dem Schroerschen Hause, die
zweite, seit ich in Weimar bin. Revy, Schroers Schwieger-
sohn, ist gestorben. Sie konnen sich nicht vorstellen, welche
Sorgen ich in bezug auf die Widerstandskraft des guten al-
ten Mannes gegen soviel Ungemach habe. Er hat in kurzer
Zeit einen Sohn verloren und eine Tochter zur Witwe wer-
den sehen, ganz abgesehen, daft vor kurzem sein Schwager
und seine Schwagerin gestorben sind. Die letztere erst an-
fangs Januar.
Bei uns hier ist es jetzt weniger winterlich. Wahrend ich
dies schreibe, scheint die Sonne ganz fruhlingsmafiig auf
die Schlofigarten und die Ilm erholt sich von dem Erstau-
nen, das ihr der Umstand gemacht hat, da£ sie dies Jahr seit
langer Zeit wieder hat zufrieren mussen.
Nun mw& ich den Brief abschlieften, mein Archivfreund
Wahle erscheint, um mit mir ein Manuskript durchzusehen,
das heute noch erledigt werden muE.
Mit herzlichsten Griiften an alle Familienglieder
in aufrichtigster Hochschatzung
Ihr
Rudolf Steiner
NB. Richard bekommt in kiirzester Zeit ein besonderes
Exemplar meines dritten Bandes.
280. AN EDUARD VON HARTMANN
Weimar, 5. Februar 1891
Hochgeschatzter Herr!
Gestatten Sie, dafi ich mich Ihnen mit den mitfolgenden
Arbeiten wieder in Erinnerung bringe. Das Januarheft der
in Wien erscheinenden «Deutschen Worte» brachte von mir
eine Abhandlung \iber Ihre Lehre. Diese Zeitschrift ist ge-
rade in denjenigen Kreisen Osterreichs verbreitet, von de-
nen ich Verstandnis fiir die von mir gelieferte Charakteri-
stik Ihrer von mir so hochgestellten philosophischen Rich-
tung erwarten darf. Sie haben mir durch die Art, wie Sie
meine bisherigen Arbeiten, namentlich die in meinem zwei-
ten Goethebande gegebene Auseinandersetzung der
Grundgedanken Ihrer Philosophic, beurteilten, Mut ge-
macht, einmal zusammenfassend den von Ihnen vertretenen
Standpunkt zu kennzeichnen. Der Aufsatz wird Ihnen je-
denfalls den Beweis liefern, dafi ich ein treuer Anhanger
Ihrer Richtung geblieben bin. Meine von Ihrer dualistischen
Erkenntnistheorie etwas abweichende monistische ist nicht
nur kein Hindernis fiir das Verstandnis und die Vertretung
Ihres wissenschaftlichen Monismus, sondern ich finde im-
mer mehr, dafi gerade der immanente Idealismus, dem ich
in der Erkenntnistheorie huldige, mich zwingt, Anhanger
Ihrer Naturphilosophie, Metaphysik, Ethik, Religionsphi-
losophie und Politik zu sein. Wenn ich in der Asthetik in
der Weise etwas abweiche, daft ich zwar am «asthetischen
Schein» als der Grundlage aller asthetischen Betrachtungs-
weise festhalte, aber denselben anders begrunde, als es in
Ihrer Asthetik geschieht, so ist das wohl auch nur eine Kon-
sequenz meiner erkenntnistheoretischen Uberzeugung.
Wer, wie ich, in jedem Dinge eine Verbindung von Idee
und «unmittelbar Gegebenem» sieht, dem obliegt es, in dem
einzelnen Falle die besondere Art dieser Verbindung nach-
zuweisen. Und so muft ich zeigen, in welchem Sinne beim
Kunstobjekt Idee und Gegebenes verbunden sind, urn den
«asthetischen Schein» zu erzeugen. Ich mu!5 es daher in der
Asthetik so machen, wie Sie in der Naturphilosophie und
Geschichte, namlich den asthetischen Schein als eine beson-
dere Entwicklungsstufe der Idee darstellen. Der konkrete
Idealismus scheint es mir zu fordern, dafi man merit von
dem negativen Merkmal: «Abl6sung des Scheins von der
Realitat» ausgeht, sondern die positiven Elemente, die das
Schone konstituieren, untersucht und dann zeigt, wie durch
die so charakterisierte Natur der Kunst die Ablosung von
der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit gefordert wird.
Doch das sind Dinge, die es nur mit den ersten sechzig Sei-
ten Ihrer « Philosophic des Sch6nen» zu tun haben, wah-
rend ich in Ihre Ausfiihrungen iiber die Formen des Scheins
und die einzelnen Kiinste, gerade wieder von meinem
Standpunkte aus, aus tiefster Uberzeugung einstimme.
Zugleich mit diesem Aufsatze erlaube ich mir den dritten
Band meiner Goethearbeit zu iibersenden, dem der vierte
bald nachfolgen soil. Die Einleitung zu den physikalischen
Arbeiten Goethes kann wohl nur als ein Ganzes, das heifit
das in diesem Bande Enthaltene zusammen mit den Ausfiih-
rungen des vierten beurteilt werden. Ich kann Ihnen aber
schon jetzt die Versicherung geben, dafi es nur die aus mei-
nem immanenten Idealismus fliefiende Uberzeugung ist, die
mich zu den in der Einleitung sich findenden Aufstellungen
gebracht hat. Es war mir schwer, in dieser Sache schon jetzt
das Wort zu ergreifen. Die Welt nimmt so etwas von einem
jungen Manne sehr schlecht auf. Ich hoffe von niemandem
Gerechtigkeit als von den Philosophen. Die Naturwissen-
schaft der Gegenwart steht auf einem viel zu einseitigen
Standpunkte dazu. Gliicklich aber schatzte ich mich, wenn
Sie, hochverehrter Herr, meinen Ausfiihrungen die Folge-
richtigkeit nicht ganz absprachen. Ich glaube, daft die von
mir aufgestellten Satze iiber das Wesen der Sinnesempfin-
dung und deren Verhaltnis zu der Naturgesetzlichkeit allein
Klarheit iiber das Prinzip der Goetheschen Farbenlehre
verbreiten kann. Die Zustimmung freilich ist wieder eine
andere Sache. Ihnen wird auch der Anfang dieser meiner
Einleitung zeigen, wie fur mich Ihre Denkweise so recht
eigentlich im Zentrum des wissenschaftlichen Treibens
der Gegenwart liegt und wie ich immer danach trachte,
mein eigenes Denken irgendwo an Ihre Schopfungen anzu-
schlie£en.
Ich lege noch einen kleinen Aufsatz bei, der die Art cha-
rakterisieren soil, wie ich meine Aufgabe dem Goetheschen
Nachlasse gegemiber auffasse. Die philologische Wortkra-
merei, mit der man jetzt einzig und allein in der sogenann-
ten Goetheforschung operiert, ist mir ein Greuel. Dennoch
wollte ich es nicht ablehnen, den wissenschaftlichen Nach-
lafi Goethes, insofern er sich auf Morphologie, Geologie
und Naturphilosophie bezieht, zu redigieren und wissen-
schaftlich auszubeuten, weil ich an der Hand des Materials
gesehen habe, dafi fur die Totalauffassung Goethes, von
dieser Seite her, noch etwas zu tun ist. In dieser Richtung
Ihre Billigung zu finden, wiirde mich fur manches trosten,
was ich habe erdulden miissen, weil ich in der Art, wie man
heute Literaturkritik und Goetheforschung treibt, durchaus
keine Wissenschaft sehen kann.
In dem Augenblicke, da ich daran gehe, Gegenwartiges
an Sie, hochgeschatzter Herr Doktor, zu expedieren, bin
ich damit beschaftigt, Ihre neueste Schrift iiber den Spiritis-
mus zu studieren, aus der mir die tiefste Befriedigung fliefk.
Sie bittend, das meinen ersten philosophischen Arbeiten
geschenkte Wohlwollen mir auch fernerhin zu bewahren,
bin ich in warmer Verehrung
Ihr ergebenster
Rudolf Steiner
28l. AN ROSA MAYREDER
Weimar, 12. Marz 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Haben Sie vielen herzlichsten Dank fur Ihren lieben
Brief, der mich eben in der denkbar verdriefilichsten Stim-
mung angetroffen hat, aber auch viel zur Aufbesserung der-
selben getan hat. Ich leide namlich seit einigen Tagen wieder
an einer vollstandigen Aphonie, verursacht durch Lahmung
der Stimmbander, ein Ding, das aufterordentlich lastig ist.
Hoffentlich verhilft mir das Universalagens der Neuzeit,
die Elektrizitat, bald wieder zu meiner Stimme und damit
auch zur besseren Stimmung. Um aber aus dieser korperli-
chen und seelischen Verstimmung herauszukommen, be-
merke ich Ihnen, daft Ihre Voraussetzung in bezug auf Ihre
Schriften durchaus nicht richtig ist. Dieselben finden sogar
in Kurschner einen verstandnisvollen Schatzer. Ich darf Ih-
nen aber wohl im Vertrauen mitteilen, daft er, der durchaus
empfanglich fur neue Richtungen und Bestrebungen ist, ei-
nen harten Kampf mit dem Verlag zu kampfen hat, dessen
Direktor er ist, und der mit alien Kraften an den alten
«Uber Land und Meer»-Traditionen festhalten will. Doch
das Zuriickdrangen der letzteren und damit auch das Publi-
zieren Ihrer Schriften ist wohl nur eine Frage der Zek. Frei-
lich mufi ich Ihnen gestehen, daft ich mich auf eine lange
Zeit nicht einlasse und, wenn wir mit Stuttgart nicht in den
nachsten Monaten zum Ziel kommen, wir im Einverneh-
men mit Kurschner ein anderes versuchen wollen. Denn Sie
diirfen mir es glauben: ich betrachte Ihre Angelegenheiten
in dieser Richtung wie die meinigen, und wir mussen zum
Ziel kommen. Sie diirfen das nicht als vage Versicherung
nehmen. Ich werde mich, wenn ich Sie gedruckt sehe, gewift
ebenso freuen wie Sie selbst. Denn ich habe mich noch nie
so gut mit einer Richtung verstanden wie mit der Ihrigen.
Der lebendige Verkehr mit dem Publikum wird Sie auch zu
jener kunstlerischen Ausgestaltung Ihrer Richtung bringen,
die ich von Herzen wiinsche und in welcher ich das kiinstle-
risch ausgefiihrt sehen werde, was ich auf dem Wege des
philosophischen Nachdenkens zuletzt auch suche. Sie wis-
sen das schon, denn ich habe es Ihnen wohl schon miindlich
gesagt, aber es gewahrt mir eine solche Befriedigung, Ihre
kiinstlerische Individuality auf meinen Wegen gefunden zu
haben, dafi ich es immer wieder gerne ausspreche. Also hin-
weg mit der Mutlosigkeit Ihres letzten Briefes !
Ich habe in den letzten Tagen nur Arbeit gehabt und we-
nig Freundliches erlebt. Sie wiirden erstaunen, wenn Sie
Weimar kennenlernten, wie bald man gewahr wird, dafi
man auf den Grabern deutscher Grofie wandelt. Es ist un-
bedingt richtig: in dem Augenblick, da Goethe starb, verfiel
Weimar in einen Dornroschen-Schlaf, aus dem es nicht wie-
der erwachen will. Ich versichere Sie, da$ hier niemand
meine Sprache versteht, dafi ich mich nach gar keiner Seite
hin verstandigen kann. Wenn Sie nun erwagen, was ein un-
mittelbarer, personlicher Verkehr fur uns alle bedeutet, so
werden Sie meine Lage kaum anders als die eines Exilierten
bezeichnen konnen. Und wie notwendig hatte ich gerade
jetzt geistige Anregung. In dem Augenblick, als ich von
Wien wegging, war ich eben im Begriffe, in meinem Den-
ken jene wichtige Stufe zu erreichen, wo Idee, Form und
Begriff (essentia, quidditas und universale) in ihrer richtigen
gegenseitigen Beleuchtung erscheinen. Ich wollte damit den
Nominalismus der neueren Naturwissenschaft uberwinden
und die Entitat der Essenz wieder herstellen. Dafi ich ge-
rade dazu berufen bin, spricht auch Eduard von Hartmann
in einem Schreiben aus, das ich soeben von ihm erhalte und
in dem er mir in der denkbar freundschaftlichen Weise ent-
gegenkommt. Er meint: ich ware dazu ausersehen, durch
eine Synthesis von Nominalismus und Realismus eine neue
Form des philosophischen Realismus herbeizufuhren.
Diese Aufmunterung ist gewifi viel wert, da ich ja nie selbst
meine Aufgabe in einer solchen Weise formuliert habe, also
annehmen mull, dafi Eduard von Hartmann durch Studium
meiner Schriften zu der Formulierung gekommen ist. Hatte
ich diesen Winter in Wien zubringen diirfen, dann ware ich
wohl heute weiter.
Was mein Nach-Wien-Kommen betrifft, so diirfen Sie
mir glauben, dafi ich sehnsuchtig auf den Tag meiner Ab-
reise warte. Ich werde aber kaum gerade zu Ostern reisen
konnen. Meine hiesigen Obliegenheiten zwingen mich
namlich, den Zeitpunkt von der Beendigung des ersten Ban-
des der Weimarer Goethe- Ausgabe, den ich bearbeite und
dessen Druck jetzt lauft, abhangig zu machen. Ich reise
dann von hier nach Berlin, von da nach Wien und iiber
Stuttgart wieder zuriick. Den Zeitpunkt werde ich Ihnen
demnachst angeben. Ich muE Sie also bitten, mich dann von
dem Handschlage zu entbinden, wenn Sie denselben so auf-
gefalk haben sollten, dafi damit die Osterwoche gemeint
ware. Denn ich kann wohl schon heute sagen, dafi der
Druck des Bandes wohl kaum vor dem 10. April fertig sein
wird. Dann allerdings zogere ich keine Stunde, denn ich
lechze nach - Menschen.
Daft es Ihrem lieben Gemahl wieder gut geht, freut mich
aufterordentlich. Griiften sie ihn doch herzlichst von mir.
In den nachsten Tagen sende ich Ihnen den dritten Band
meiner Goethe-Ausgabe, aus dessen Einleitung ich Ihnen
in Waidhofen einige Stellen vorgelesen habe. Er ist endlich
erschienen.
In treuer, unveranderlicher Freundschaft
Ihr
Steiner
282. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 15. Marz 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau !
Durch ein Schreiben Ihrer verehrten Frau Schwester er-
fahre ich soeben, dafi auch Otto an den Masern erkrankt
ist. Hoffentlich aber bleibt es doch wenigstens dabei stehen;
denn ich kann mir denken, wieviel Verdriefilichkeit Ihnen
aus dieser bosen Geschichte wieder erwachsen ist. Wenn
nur die Kinder in ihren Schulobliegenheiten nicht gar zu
sehr gestort sind! Ich wiinsche von ganzem Herzen, daft ich
in Wien wieder alles gesund und froh au£ den Beinen finde.
Heute kann ich dies auch nicht einmal von mir sagen. Ich
bin seit einer Reihe von Tagen wieder vollstdndig aphonisch
und mufi elektrisiert werden, worauf die Stimme wieder
klingt, freilich - zu meinem Verdrusse - nur fur anderthalb
bis zwei Stunden. Ich bin neugierig, wann ich damit wieder
ins Geleise komme. Den genauen Zeitpunkt meiner Reise
kann ich heute noch nicht bestimmen. Vor der Hand liegt
mir die Sehnsucht darnach in alien Gliedern. Ich werde
namlich von hier nach Rostock, dann liber Berlin nach
Wien und iiber Stuttgart wieder zuriickreisen. Die Verhalt-
nisse hier machen es dringend notwendig, daft ich die bei-
den Reisen verbinde. Vorher mufi aber der erste von mir in
Weimar zu bearbeitende Band ausgedruckt sein. Es geht
dies aber bisher sehr rasch vorwarts, und ich kann wohl
hoffen, dafi ich Anfang oder langstens Mitte April in Wien
bin. Nach dem Schlufipunkt des Bandes warte ich nur noch
bis zum nachsten Eisenbahnzuge. Wie sehr ich wieder Tage
der Erfrischung und des Zusammenseins mit Menschen
notwendig habe, werden Sie so recht erst aus den miindli-
chen Mitteilungen entnehmen konnen. Jene Art von Men-
schen, die wir in Wien als besonders schatzenswert finden,
gibt es hier gar nicht. Alles geht in den kleinlichsten, per-
sonlichsten Interessen auf . Hier denkt niemand individuell,
personlich, alles standesgemaft. Anders ist die Denkart des
Geheimen Regierungsrates, anders mufi die des Geheimen
Hofrates sein, denn beide sind verschieden wie Regierungs-
rat und Hofrat.
Zu den Kleinlichsten der Kleinlichen gehort Suphan, der
Direktor des Archivs. Eine echt phiKstrose Schulmeisterna-
tur ohne alle grofSeren Gesichtspunkte. Wo irgend etwas
sich frei, selbstandig und unbehindert entwickeln sollte, da
hangt seine Gesinnung wie ein Bleigewicht daran. Er kann
natiirlich nichts dafiir. Denn kein Mensch kann anders sein,
als er geworden ist. Aber wer mit solchen Menschen zu tun
hat, fuhlt sich in allem gelahmt. Dabei ist er mit einer Art
von neidischem HaE erfullt gegen alle fremden Leistungen,
und man erregt sein aufterstes Miftfallen, wenn man ein leb-
haftes Interesse fur das geistige Leben der Gegenwart hat.
Mein nicht zu verleugnender, nur leider hier schwer zu be-
friedigender Drang, die Stromungen im geistigen Leben der
Gegenwart voll kennenzulernen, hat mir von Suphans Seite
den Beinamen «Bildungsepikureer» eingebracht. Mir er-
scheint es immer unbegreiflich, wie man mit diesem Worte
liberhaupt ein Gefiihl des Vorwurfes verbinden kann. Sie
werden aber aus dieser meiner Angabe entnehmen konnen,
welches Leit-Gesinnungs-Motiv bei der Direktion des
Goethe- Archivs herrschend ist.
Dafi Richard sein Stuck nicht doch umarbeitet, argert
mich eigentlich. Denn ich bleibe dabei: es liefie sich aus
dem Stoffe etwas recht Gutes machen. Auch halte ich das
Sich-Selbst-Vertrosten auf eine spatere Zeit nicht fur gut,
denn man sollte eine solche Sache dann anfassen, wenn sie
die Krafte unserer Psyche noch voll in Spannung halt, nicht
nachher, wenn das Gefiihl unbedingt kalter geworden sein
Die allseitige Verstimmung in Ihrer lieben Familie be-
greife ich, also auch die Ihres lieben Gemahls. Dafi auch
noch die Wahlen zur Herabstimmung das ihrige beitragen,
finde ich nicht minder verstandlich. Ich muli aufrichtig ge-
stehen, da£ mein Begriffsvermogen aufhort gegeniiber sol-
chen Verhaltnissen, wie sie sich in den letzten Wahlen aus-
gelebt haben. Ich habe Leute wie Steinwender immer fur
verrannt und etwas borniert, nie aber fiir so brutal gehalten,
daE sie einen Mann wie Carneri aus seinem Wahlbezirke
verdrangen. Gerade dieser Fall ist symptomatisch. Er be-
weist, dafi Verdienst und Arbeit nicht mehr gilt und da£ die
Hohlheit alles zu beherrschen vermag, wenn sie sich einer
beliebten Phrase bedient. Man hat heute kein Bewulksein
davon, dafi der Mensch nach seinem Leistungsvermogen
beurteilt werden mufi.
Ob ich in der Lage bin, mein asthetisches Kapitel voraus-
zusenden oder ob ich es lieber mitbringe, weifi ich wirklich
noch nicht. Eine Abschrift davon nehme ich auch nach Ber-
lin mit, da ich gerne mit Eduard von Hartmann iiber die
Hauptfragen sprechen mochte. Ich weifi nicht, ob ich Ihnen
schon geschrieben habe, dafi ich gerade von diesem Manne
neue Aufmunterung erhalten habe, riistig fortzuarbeiten an
der «Asthetik». Er sagt, er werde gerade mein Unterneh-
men mit Freude begriifien.
Und nun nur noch die Bitte, mich alien Gliedern der Fa-
milie bestens zu empfehlen, und die Versicherung, dafi ich
mit Sehnsucht an meine Wiener Reise denke. Den Kindern
wunsche ich baldige, voile Gesundheit.
In Hochschatzung
Ihr dankbarer
Rudolf Steiner
283. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 21. Marz 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Sie werden glauben, dafi es tiefinnerlich empfunden ist,
wenn ich Ihnen zu Ihrem Geburtstage die herzlichsten
Griifte hiermit iibersende. Hoffentlich sind die lieben Kin-
der nun wieder hergestellt und der bose Gast, der sich in
den letzten Wochen in Ihrem Hause eingestellt hat, triibt
Ihnen wenigstens nicht die Freude des 23. Marz. Ich muE
gestehen, dafi ich bis vor ganz kurzer Zeit gehofft habe,
schon am 23. oder 24. Marz in Wien sein zu konnen. Nun
mufi ich leider noch anderthalb bis zwei Wochen warten.
In solchen Zeiten, die eigentlich ganz widerrechtlich sich in
unser Leben einflechten, verdoppeln sich die Tage. Auch
hat in den letzten Tagen der Zustand meines Kehlkopfes
nicht gerade zur Erhohung meiner allgemeinen Befriedi-
gung beigetragen. Nachdem er schon ziemlich imstande
war, macht er mir wieder Mannchen. Ich kann mich dar-
iiber freilich nicht wundern, da ich in den letzten zwei Ta-
gen ein ziemlich bewegtes Leben fiihren mufite. Vorgestern
namlich war ich zum Diner beim ErbgrofSherzog und ge-
stern zum Souper bei der Grofiherzogin eingeladen. Es
wird Sie vielleicht interessieren, wenn ich Ihnen mitteile,
da£ bei der Erbgrofiherzogin recht flott iiber Yogi, Fakire
und indische Philosophic gesprochen wurde. Sie konnen
sich denken, dafi ich da wieder recht grundlich unterge-
taucht bin in das mystische Element, in dem ich eine Zeit-
lang in Wien fast besorgniserregend geschwommen habe.
Der Erbgrofiherzog erklarte zwar, er halte «das alles fur
physiologisch unmoglich», da aber die Erbgrofiherzogin
sehr begeistert fiir die Sache ist, so kann es ja immerhin
kommen, dafi die Mystik hier noch ganz hoffahig wird. Da
dies wohl das letzte Stadium vor ihrem Aussterben ist, so
konnte man diese Erscheinung ja mit Freuden begriifien.
Mehr gefreut hat mich der Umstand, dafi mir gestern die
Erbgroftherzogin sagte, sie schwarme fur Hamerling. Ich
mochte wiinschen, dafi diese Schwarmerei auch in Deutsch-
land allgemeiner wiirde, denn deutsche Professoren z. B.
wissen von Hamerling selten mehr, als «dafi er auf die Ner-
ven wirkt». Wenn ich auch durchaus die Art mifibillige, wie
in Osterreich Hamerling im Parteiinteresse ausgebeutet und
seine Satze zu Parteischlagern verzerrt werden, so ist mir
die mit vollkommener Unkenntnis gepaarte summarische
Verdammung des guten Hamerling in Deutschland furcht-
bar zuwider. Ich bin eben daran, «Die Atomistik des Wil-
lens», Hamerlings hinterlassenes philosophisches Buch, zu
lesen, von dem er in den letzten Wochen seines Lebens viel
gesprochen hat. Ich hatte ja die Freude, direkt aus seinen
Briefen Andeutungen iiber dieses nachgelassene Werk
Hamerlings zu erhalten.
Ich werde heute auch noch an Richard schreiben und ihm
auch die Hefte aus der «Modernen Dichtung» endlich
zuriicksenden.
Ob Sie an Ihrem Geburtstage wohl alle Familienmitglie-
der schon wiedersehen, weifi ich wohl nicht. Wenn es aber
der Fall ist, dann bitte ich recht sehr, mich Brulls, Schwarzs,
Strisowers auf das beste zu empfehlen. Jedenfalls aber bitte
ich schon, Ihrer Frau Mutter mich zu empfehlen, Ihren
Gatten herzlichst zu griiften sowie die Kinder, denen ich
rasche und voile Gesundwerdung wunsche. Nochmals
herzlichsten Gluckwunsch zum Geburtsfeste
in voller Hochschatzung
Ihr dankbarer
Steiner
284. AN KARL JULIUS SCHROER
(Ausschnitt)
[Weimar, 20.] April 1891
... In Weimar ist leider kaum jemand, mit dem man sich
iiber Goethe aussprechen konnte. Suphan hat weder Ver-
standnis noch Interesse fur Goethe. Er wirft uns Wienern
vor, dafi wir Goethe «singen», weil ihm unsere Hingabe an
die Sache eigentlich zuwider ist . . .
285. AN RICHARD SPECHT
Weimar, 22. April 1891
Mein lieber Freund!
Dies ist wohl der letzte Brief, den ich Ihnen vor meiner
Abreise schreibe, denn nun hoffe ich doch bald fortzukom-
men. Die Grofiherzogin wiinscht durchaus, daE mein erster
Band in ununterbrochener Folge fertiggestellt werde. Und
so sei es denn! Was ich fur Empfindungen gegeniiber diesen
fortwahrenden Verzogerungen habe, will ich lieber ganz
verschweigen.
Sie haben die Gute gehabt, mir das Probeheft der «Mo-
dernen Rundschau » zusenden zu lassen. Ich habe mich uber
Ihr Gedicht «Endlich» sehr gefreut. Auch uber die Rezen-
sion von Bergers Gedichten, die wohl von Ihnen ist. Es ist
noch manches Gute in dem Hefte, so «Im dunkelsten Erd-
teil der Moderne» und «Der Roman vom Ubermenschen».
Der letztere Aufsatz macht mich sehr neugierig auf «Am
offenen Meer», wenn ich auch kaum glauben kann, daft der
Dichter von «Fraulein Julie» und «Der Vater» etwas wirk-
lich Kunstlerisches schaffen kann. Vor kurzem wurde mir
auch eine andere Zeitschrift, «Die Moderne», zugeschickt,
worinnen mich manches interessiert, wenn auch weniges an-
gesprochen hat. Doch werde ich bald aufhoren, auf meinen
Geschmack auch nur das allergeringste zu geben, denn wer
es liber sich bringt, hier in Weimar mit den Vampiren des
Klassischen gemeinsame Sache zu machen, von dem ist we-
nig zu halten. Wenn nicht aus dem eigenen Innern manch-
mal noch etwas kame, das Trost in diese Ode brachte, dann
mufite man davonlaufen. Aber ich wollte ja nicht schon wie-
der klagen! Unbotmafiige Feder!
Zu Ostern hatten wir hier eine Vorstellung der Devrient-
schen Faustbearbeitung mit der Musik des hiesigen Kapell-
meisters Lassen. Die Darstellung war unter der Mittelma-
ftigkeit, bis auf das Gretchen, das von Frau Wiecke ganz
ausgezeichnet gegeben wurde.
Sie haben jetzt in Wien grofiartige Ibsen-Festlichkeiten
gehabt. Dafi Minor dabei die Festrede gehalten hat, wun-
dert mich ganz besonders. Es wiirde mich ganz aufieror-
dentlich interessieren, Genaueres uber alle diese Vorgange
zu horen. Ich habe, seit ich von Wien wegging, aufier der
«Neuen Freien Presse», die ich taglich lese, keine Wiener
Zeitung in der Hand gehabt. Denn Weimar liegt eben mit-
ten in der Welt aufterhalb derselben. Wollten Sie mir einiges
schreiben, so ware ich Ihnen wirklich ganz ungemein dank-
bar. Besonders unterlassen Sie nicht, mir zu sagen, ob Sie
denn selbst auch an den Festlichkeiten teilgenommen ha-
ben. Wenn Sie mir nicht allzu spat schreiben, so trifft mich
ein Brief jedenfalls in Weimar, sonst auf der Riickreise in
Berlin, wo ich ja auch einige Tage bleiben werde. Also bitte:
schreiben Sie mir doch bald.
Sonnabend wird in Weimar die Kaiserin erwartet, und
die ganze Stadt ist verriickt ob dieser Erwartung.
Dafi Professor Bardeleben aus Jena, der an dem Tische
neben mir ein Spezialkapitel der Osteologie sichtet, einen
wichtigen anatomischen Aufsatz Goethes gefunden hat,
werden Sie vielleicht aus den Zeitungen entnommen haben.
Ich habe dabei den Triumph erlebt, durch diesen Fund ei-
nen ganz «speziellen» Bundesgenossen in der wissenschaft-
lichen «Goetheforschung» auf meine Seite zu bekommen.
Bei dem Umstande, dafi Bardeleben in Jena ist, hat das auch
fur mich personlich eine grofie Bedeutung. Bardeleben war
auch vor alien anderen deutschen Anatomen dazu berufen,
gerade Goethes anatomischen Nachla£ zu ordnen, denn
er ist ja der Entdecker des sechsten und siebenten Fingers
bei den Saugetieren und dem Menschen; es handelt sich da
um eine Entdeckung, die von grofier wissenschaftlicher
Bedeutung ist.
Was sagen Sie zu Speidels Feuilleton iiber die «Kronpra-
tendenten». Jedenfalls scheint er Burckhard gegeniiber die
Waffen noch nicht gestreckt zu haben. In bezug auf diesen
Burckhard haben Sie in der «Modernen Rundschau» aller-
dings einen bosen Artikel von Kulka, der wenig fur die
Kennerschaft seines Verfassers spricht, soviel ich heute
noch als Aufienstehender beurteilen kann. Vielleicht ist das
nun aber iiberhaupt nichts.
Wie geht es Ihnen und alien Ihren lieben Familienmitglie-
dern gesundheitlich? Griifien Sie mir doch ja alle recht herz-
lich und sagen Sie ihnen, daft ich es nicht mehr erwarten
kann, sie alle zu sehen; Sie selbst aber seien in
treuer Freundschaft herzlichst gegriilk
von Ihrem
Steiner
286. AN RUDOLF SCHMIDT
Weimar, 24. April 1891
Sehr geehrter Herr Doktor Schmidt!
Sie werden mich gewifi fur den nachlassigsten Menschen
der Welt halten, denn dieser Brief hatte ja schon vor vielen
Wochen in Ihre Hande gelangen sollen. Aber ich bitte Sie
instandigst, diese Verzogerung nicht auf ein Erkalten der
Anhanglichkeit zuruckzufuhren, die ich von den ersten
Stunden unserer Bekanntschaft zu Ihnen hege und die ge-
wifi nie abnehmen wird. Allein das archivarische Arbeiten,
das den Geist dumpf macht, erzeugt bei mir erne ^eistige
Unbehaglichkeit, die mich fast jeder Schreiblust beraubt.
Ich will dariiber gar nicht weiter sprechen, denn man macht
sich solche Dinge nur noch bitterer, wenn man dariiber viel
reflektiert. Glauben Sie mir: ich habe dringend notig, die
wenigen Stunden des Tages, die mir das Archiv iibriglaftt,
auf die Lektiire zu verwenden, um geistig nicht ganz zerfah-
ren zu werden. Und da haben mir Nielsens Schriften gute,
sehr schone Stunden bereitet. Ich brenne vor Begierde, Sie
wiederzusehen und Ihnen zu zeigen, dafi gerade, was diesen
nordischen Geist angeht, derselbe diesen Winter tief in
mein Inneres eingegriffen hat. Hoffentlich findet sich inmit-
ten der rauschenden Festlichkeiten, die Sie in Weimar mit-
zumachen haben werden, doch ein Stiindchen, in dem Sie
meine Stube aufsuchen. Ich war glucklich uber die Nach-
richt, dafi Sie nach Weimar kommen. Nicht weniger war
ich erfreut uber die Kunde von dem riistigen Fortschreiten
Ihres neuen Stuckes, woriiber ich zuletzt von Suphan ge-
hort habe, bei der Gelegenheit, als er Ihre Beitrage zur
Goetheforschung erhielt. Hoffentlich geht das Stuck bald
auch auf deutschen Biihnen in Szene.
«Der verwandelte K6nig» ist leider in Weimar nicht mehr
aufgefiihrt worden, ein Faktum, das mir allerdings unbe-
greiflich ist. Denn ich rechnete mit Bestimmtheit darauf,
daft er ein drittes Mai fur die auswartigen Abonnenten gege-
ben wird. Dies hatte eigentlich geschehen mussen und auch
sehr leicht geschehen konnen.
Reinhold Kohler habe ich Ihre Grufie stets iiberbracht;
auch jene, die Sie an Bock schrieben, ubernahm ich auszu-
richten. Der gute Mann ist leider noch immer ans Zimmer
gefesselt. Eine einzige Spazierfahrt, die er gewagt hat,
mufite er damk bezahlen, dafi sich die Schmerzen im Beine
vermehrten. Hoffentlich treffen Sie ihn bei Ihrer Ankunft
noch an. Denn er denkt, in der allernachsten Zeit nach
Wiesbaden zu gehen.
Ich recline mit Bestimmtheit darauf, daft Sie bei Ihrem
diesmaligen Hierherkommen auch Ihre sehr geschatzte
Frau Gemahlin mitbringen, der ich mich vorderhand warm-
stens zu empfehlen bitte. Ob wir freilich auch darauf rech-
nen diirfen, dafi der «vierbeinige Goethe » mitkommt, das
weift ich nicht. Jedenfalls mochte ich diesem Briefe auch an
ihn meine besten Griifie einverleiben. Ich wiirde ihn doch
gar zu gerne auch einmal bei mir empfangen.
Ihr Hierherkommen war in diesen Tagen in der Zeitung
«Deutschland» angekiindigt. In der freudigen Erwartung,
da& Sie recht bald in Weimar eintreffen, sage ich Ihnen
auf recht frohes Wiedersehen
Ihr ergebener
R. Steiner
Wenn Sie mir durch eine Korrespondenzkarte Ihre An-
kunft anzeigen wiirden, ware ich Ihnen sehr dankbar; ich
wiirde dann jedenfalls nicht versaumen, Sie auf dem Bahn-
hofe zu erwarten.
287. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 20. Mai 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Wohl kann ich mir denken, dalS Sie mir alle sehr, sehr
ziirnen ob meines beharrlichen Schweigens. Aber der Um-
stand, dafi sich meine Wiener Reise von Woche zu Woche
hinausschiebt und dafi ich hier bei meinem Bande (wir
drucken jetzt am 26. Bogen) wie festgenagelt bin, dabei
fortwahrende Verdriefilichkeiten Suphan gegeniiber (bei
dem ich nur immer nach langem Kampfe etwas durchsetzen
kann), hat mich in denkbar mifimutigste Stimmung ver-
setzt, die nur durch das achttagige Theaterfest, wo hier alles
aus den Fugen ging, mit etwas guter Laune wechselte. Da-
fur ist seither der Umschlag um so starker. Doch ich will
Sie damit nicht errmiden, sondern Ihnen sofort auch Besse-
res sagen. Ich habe in aller Stille und ohne hier von dem
unmittelbaren Inhalt meines auswartigen Tuns etwas zu sa-
gen, meine Reise nach Rostock (1.-3. Mai) gemacht; das Re-
sultat wird nun offiziell nach Fertigstellung des Druckes
meiner Dissertation, was ja nun in wenig Wochen der Fall
sein wird. Nach Wien komme ich jedenfalls, nachdem mein
Band abgeschlossen sein wird. Ich bin nun aber schon so
skeptisch geworden, daft ich mit der Feststellung meines
Reisedatums lieber warte, bis sie mit mehr Gewifiheit ge-
schehen kann. Daft ich unter oberwahnten Verhaltnissen
nicht daran denken konnte, mich in Berlin aufzuhalten, ist
wohl ohne weiteres klar. Gut scheint es mit den auf Jena
gesetzten Hoffnungen zu stehen. Nur will man an Literatur
eher als an Philosophic denken, was ich niemals akzeptieren
konnte. Ich liebe die Philosophic ebensosehr, wie ich mich
der Literaturgeschichte gegeniiber ganz gleichgiiltig ver-
halte, und bin in der Philosophic ebenso tuchtig wie in der
Literaturgeschichte untiichtig. Aber es liegt etwas Tragi-
sches in dem Umstande, daft alle meine bisherigen Publika-
tionen sich in irgendeiner Weise an Goethe anschlieften. Ich
will Ihnen diese Behauptung alsogleich durch ein Beispiel
illustrieren. Eines der Kapitel in der «Atomistik des Wil-
lens» von Robert Hamerling schlieftt sich direkt an meine
«Erkenntnistheorie» an. Mir war alles so sympathisch, daft
ich die Seiten durch meine fortwahrenden Randstriche vol-
lig verunzierte. Am bekanntesten diinkte mich ein wortli-
ches Zitat. Erst die Nennung meines Namens machte mir
klar, daft dieses Zitat aus meiner «Erkenntnistheorie» ist;
diese selbst aber ist, dem Titel nach, falsch zitiert, namlich
«Steiner, Goethes Erkenntnistheorie» statt «Erkenntnis-
theorie der Goetheschen Weltanschauung*. Beim Goethe-
feste stellte sich mir ein Pfarrer aus Wurttemberg vor
(Schwiegersohn des Bildhauers Donndorf), der sich gera-
dezu als ein schwarmerischer Anhanger meiner Ideen ent-
puppte, der aber nach kurzer Zeit die Tragik begriff, die fur
mich darinnen liegt, daft ich noch immer an die eigentliche
Goetheforschung gefesselt bin. Er sagte: schon die Einlei-
tung zum dritten Bande zeige, daft ich innerlich mit
Goetheforschung gar nichts mehr zu tun habe. Ach! Wenn
doch nur meine hiesige Tatigkeit der Puppen-Schlafzustand
sein konnte, aus dem ich als Schmetterling heraus und in
den heiteren Himmel der reinen, von aller Anhangerschaft
freien, philosophischen Lehrtatigkeit fliegen konnte! Ich
weifi sehr gut, dafi man mir sagen wird, ich bewiese zu we-
nig Energie, urn das herbeizufiihren. Ich mochte diesem
Vorwurfe am liebsten nichts entgegensetzen, denn ich ma-
che ihn mir seit Wochen selbst taglich mehrmals. Aber es
ist doch auch so etwas wie ein altes Naturgesetz: der
Mensch kann nicht aus seiner Haut heraus, und ich werde
so schon auch in der meinen bleiben miissen. Vielleicht
werden sich spater, wenn der Erfolg auf meiner Seite ist,
selbst meine und anderer jetzt vollberechtigte Zweifel ver-
wischen.
Seit Ihrem letzten lieben Briefe habe ich nichts von den
Schulerfolgen Ihrer Kinder vernommen. Richard erzahlte
mir nichts in seinem letzthin an mich gesandten Briefe. Ich
hoffe aber von Woche zu Woche personlich zu erfahren.
Vielleicht schreibt mir aber doch Otto oder einer seiner
jungen B ruder wieder einmal.
Sie selbst und Ihren lieben Herrn Gemahl aber bitte ich,
mir mein langes Nichtschreiben zu verzeihen und mich
nicht damit zu strafen, da£ Sie diesen Brief unbeantwortet
lassen. Sie konnten mich am ehesten ja wieder aufrichten,
wenn Sie mir aus Ihrem Hause gute Nachrichten zukom-
men liefien. Es ware mir furchterlich, zu denken, dafi ich
meine besten Freunde verletzte, da ich ja ohnedies hier in
Weimar allem so fremd und kuhl wie moglich gegeniiber-
stehe, am meisten dem Judas der Humanitat, dem falschen
Herder- Apostel Suphan.
Mk der Bitte, mich der ganzen Familie, insbesondere
Ihrem lieben Gemahl, herzlichst zu empfehlen,
bin ich in aller Dankbarkeit
Ihr
Steiner
288. AN RICHARD SPECHT
Weimar, 20. Mai 1891
Mein lieber Freund!
Herzlichsten Dank fur Ihre Ibsen-Nachrichten. Ich habe
mich dabei am meisten iiber die Anerkennung gefreut, die
Ihnen dabei geworden ist. Die Ibsen-Verehrung selbst zu
teilen, ist mir, wie Sie ja wohl wissen, nicht moglich. Und
ich kann eigentlich nicht begreifen, was Felix Dormann
will, wenn er in einer wiisten Weise die altesten Dinge von
der Welt sagt, die heute nur deshalb neu klingen, weil sie in
einer besseren Zeit als selbstverstandlich und banal nicht
gesagt wurden. Mein lieber Freund! Mir ist die ganze Ibsen-
sche Richtung so fremdartig und unsympathisch wie die
moderne Naturweisheit. Sie diirfen mir aber glauben, daft
ich weit davon entfernt bin, alles Neue kurzweg abzuleh-
nen. Ich sehe in Conrad Alberti einen Menschen, der sich
vielleicht noch zu Bestem durchringen wird. Nur die bare
Flachheit, die sich herausnimmt, das Diimmste, Selbstver-
standlichste fur neu auszugeben, hasse ich. Ich dachte, man
solle nur iiber das reden, was man versteht, aber ich habe
beim Weimarer Theaterfeste gesehen, dafi Leute wie
Schlenther usw. iiber alles dasjenige die flachsten, aufter-
lichsten Dinge sagen, iiber die sie aber schon gar nichts
wissen.
Das Weimarer Theaterfest brachte etwas Leben in die
Stadt und eine schone Opernleistung: Gunlod. Sonst haben
wir - aufier Sonnenthals Wallenstein - wohl wenig Gutes
gesehen. Die Faustauffuhrung war - das einzige Gretchen
der Frau Wiecke-Halberstedt abgerechnet - das Miserabel-
ste, das sich ersinnen laSt. Wildenbruchs Epilog war gera-
dezu albern. Goethe und Schiller von Schauspielern darge-
stellt - das Monument vor dem Theater nachahmend — und
sich Schmeicheleien, Schonheiten sagend, zuletzt Schiller
bedauernd, daft er so fruh gestorben ist, muE doch unwi-
derstehlich komisch wirken. Das Stiick von Heyse «Die
schlimmen Briider» wurde geradezu verlacht. Ich konnte
mich, trotzdem ich auf einem Platze saft, wo ich zu expo-
niert war, die ganze Zeit iiber des Lachens nicht enthalten.
Das Stiick ist aber auch zu Tode gelacht worden und wird
hoffentlich nirgends mehr aufstehen. Ware nicht der ge-
samte Hof anwesend gewesen, so hatte es offenbar noch
mehr abgesetzt. Es war ein wahres Gliick, daft Heyse es
vorzog, nicht zu erscheinen.
Was Sie mir iiber Ihre neuen Bekanntschaften schreiben,
freut mich sehr. Ich hoffe, sie werden Ihnen noch manche
schone Stunde verschaffen. Insbesondere die mit delle
Grazie. Was macht Ihnen der Roman fur einen Eindruck?
Wissen Sie nichts iiber seinen Weitergang?
Burckhard und Bezecny waren hier beim Feste. Der erste
reiste aber nach zwei Tagen ab, den letzteren sprach ich
einigemal beim Hofdiner am eigentlichen Festtage. Dort
hoffte ich auch Burckhard zu finden, aber er war eben
schon fort. Ich hatte ihn gerne iiber seine Meinung von dem
Gretchen der Frau Wiecke gefragt, das ich selbst mit ihr
durchgesprochen habe, und hatte ihn iiberhaupt gerne auf
diese im hochsten Mafie begabte Schauspielerin hingewie-
sen. Freilich ist ihre Figur fur ein grofteres Theater zu klein.
Bei dem Umstande aber, daft, wie mir Bezecny sagte, das
Burgtheater dermalen keine Darstellerin des Gretchen hat,
ware an ein Gastspiel vielleicht doch zu denken.
Griiften Sie alles von mir und schreiben Sie mir doch
recht bald wieder. Meinen Goetheband haben Sie hoffent-
lich erhalten, wohl auch die «Moderne Dichtung».
In Treuen
Ihr
Steiner
289. AN ROSA MAYREDER
Weimar, 20. Mai 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Ihre Briefe erst heute zu beantworten, ist gewifi eine un-
erhorte Nachlassigkeit. Wenn Sie aber bei meiner Anwesen-
heit in Wien miindlich horen werden, mit welchem Mifimut
und mit welcher Niedergeschlagenheit meines Gemiites ich
die ganzen Wochen hindurch zu kampfen habe, dann wer-
den Sie vielleicht selbst das Unverzeihliche verzeihlich fin-
den. Ich war froh, als ich beim Goethefeste endlich - nach
acht Monaten - einen Menschen fand, der meine ganze tra-
gische Lage hier in Weimar begreift. Ein wurttembergischer
Pfarrer, der aber noch durch das Tubinger Stift gegangen ist
und sich daher die Entwicklung des hohen intellektuellen
Vermogens mitgenommen hat, auf die die Deutschen einer
besseren Zeit noch Wert legten, - stellte sich mir beim
Goethediner vor und entpuppte sich nach und nach als ein
verstandnisvoller Anhanger meines Ideenkreises. Dieser be-
griff nun auch, welche Tragik fur mich darinnen liegt, dafi
ich au£erlich mit einem Wirkungskreise verwoben sein
mufi, dem ich innerlich bereits ganz fremd geworden bin.
Er sagte: schon die Vorrede zu meinem dritten Goethe-
bande beweise, dafi ich in meinem Herzen von dieser An-
hangerschaft zu einer ganz freien Behandlungsweise ge-
kommen sei. Und so sehe ich mich denn den ganzen vollen
Tag hindurch in einer Tatigkeit, die mein «Ich», wie es vor
fiinf bis vier Jahren war, mit grofter Hingebung getan hatte.
Indem ich sie heute vollbringe, tue ich sie nicht mehr. Unter
solchen Umstanden konnen Sie sich wohl denken, dafi fur
mich die Reise nach Wien viel, sehr viel bedeutet. Dennoch
kann ich vor Beendigung meines Bandes nicht abkommen.
Wir drucken jetzt den 26. Bogen. Und dann habe ich noch
einen Herzenswunsch. Ich mochte nicht friiher nach Wien
kommen, bis ich Ihnen voile und giinstige Gewifiheit iiber
Ihre Schriften bringen kann. Und diese mufi mir nun doch
in kiirzester Zeit werden. Kiirschner ist wohl auch momen-
tan etwas bose auf mich, da mein vierter Band nicht mit
wiinschenswerter Schnelligkeit vorruckt. Allein wenn der
fertig ist, dann wird auch da wieder alles in Ordnung sein.
Wie gesagt: bis auf den Umstand, dafi ich die Haut endlich
einmal abwerfen will, die, seit zwei Jahren organisch ge-
trennt, mich nur noch wie eine anorganisch gewordene
Schale umgibt. Sonst ist mein ganzes Dasein Luge und Un-
sinn; mein Wirken nicht meines, sondern das einer elenden
Marionette, gezogen von den Faden, die ich vor Jahren ge-
sponnen habe, die ich aber jetzt nicht einmal beriihren, ge-
schweige denn selbst fuhren mochte. Ich glaube, Sie werden
mich verstehen. Hier in Weimar, der Stadt der klassischen
Mumien, stehe ich allem Leben und Treiben fremd und
kiihl gegenuber. Ich habe niemanden, demgegenuber ich
mich aussprechen konnte, der mir auch nur im geringsten
Verstandnis entgegenbrachte. Bitte schonstens mir Ihren
lieben Gemahl herzlichst zu griiften.
In Treuen und in voller Freundschaft
Ihr
Steiner
290. AN ROSA MAYREDER
Oberhof, Thuringen, 24. Mai 1891
Geschatzteste gnadige Frau!
Auf den Klageruf, den Sie in diesen Tagen von mir
bekommen haben, will ich Ihnen heute einen Grufi aus
froherer Stimmung senden. Ich sehe anderthalb Tage hin-
durch endlich einmal statt der klassischen Mumien die
herrlichste, entziickendste Natur.
Bitte: sagen Sie Ihrem lieben Gemahl und unserem gan-
zen Kreise herzlichsten Grufi, den ich aus einem reizenden
Thuringischen Orte sende.
St.
291. AN HELENE RICHTER
Weimar, 19. Juni 1891
Geschatztestes Fraulein!
Wohl fiihle ich es wie ein Unrecht, daft ich Ihnen Ihren
Shelley- Aufsatz bis heute noch nicht geschickt habe. Aber
das Versaumte soli jetzt in wenigen Tagen nachgeholt wer-
den* Die «Ausschreitungen» der Theater-Festwoche be-
wirkten bei mir eine furchtbare Abspannung, und ich
wollte wahrend der Dauer derselben mich einer Arbeit
nicht unterziehen, von der ich aufrichtig sagen kann, daft
sie mir ganz aufterordentlich viel Freude macht: der genaue-
ren Durchsicht Ihres Manuskriptes. Sie werden nun das-
selbe viel verunziert durch meine Randbemerkungen in
kiirzester Zeit erhalten. Wenn ich mir gegeniiber Ihrer Ab-
handlung eine Bitte erlauben darf, so ist es die: Bleiben Sie
bei dem Thema. Sie haben es von einer Seite erfaftt, von der
aus es einer ganz besonderen Vertiefung fahig ist. Sie wer-
den auch nicht bald einen Stoff finden, an dem Sie die Ihnen
eigene Behandlungsart in dem Mafie betatigen konnen wie
gerade Shelley gegeniiber. Mir 1st diese Behandlungsart
sympathisch, die den einzelnen Geist auf dem breiten Un-
tergrunde seiner Lebens- und Weltauffassung erscheinen
laftt. Georg Brandes kann trotz vieler Schwachen hier viel-
fach als Muster dienen. Ich glaube nur, daft Sie gerade in
dieser Beziehung noch einmal tuchtig Hand an Ihre Arbeit
legen miiftten. Ich weifi ja recht gut, daft der Autor die stili-
stische Architektonik oft als Fessel empfindet. Dem Leser
aber ist sie unentbehrlich. Sie werden aus meinen Bemer-
kungen ersehen, wie ich diese allgemeinen Satze im einzel-
nen gerne angewendet sehen mochte. Jedenfalls sollen Sie
sich bald iiberzeugen, da£ Ihr Manuskript nicht jenes ver-
hangnisvolle Schicksal getroffen hat, das Sie vermuten.
Schon deshalb nicht, weil ich seit ihrer Abreise iiberhaupt
nicht in der «Kunstlerkneipe» gewesen bin.
Daft Ihnen die in meiner erkenntnistheoretischen Schrift
vertretenen Ideen nicht ganz uninteressant waren, freut
mich aufterordentlich. Auch ich hoffe, einmal dariiber mit
Ihnen sprechen zu konnen. Auch ich erinnere mich mit vie-
ler Freude an die Festwoche, die schonste, die ich bisher in
Weimar zugebracht habe. Wenn ich dabei besonders daran
denke, daft ich personlich zwei wichtige Erlebnisse zu ver-
zeichnen habe, so ist das vielleicht ein leicht begreiflicher
Egoismus. Ich meine damit: erstens die Befriedigung, die
ich davon habe, eine so genaue und ernste Kennerin des
von mir hoch verehrten und den ersten Geistern beigezahl-
ten Shelley kennengelernt zu haben, zweitens die Freude,
die mir das Eintreten Max Christliebs, dieses verstandnis-
vollen Beurteilers meiner Weltanschauung, bereitet hat.
Und nun will ich heute nur noch die Pflicht erfullen, Wah-
les Griifie an Sie und Fraulein Schwester zu bestellen und
Sie bitten, sowohl selbst entgegenzunehmen wie auch an
Ihr Fraulein Schwester giitigst zu bestellen die besten Emp-
fehlungen
Ihres ganz ergebenen
Steiner
292. AN PAULINE SPECHT
Weimar, 12. Juli 1891
Hochgeschatzte gnadige Frau!
Es war allerdings durchaus nicht meine Meinung, daft die
Ferien herankommen wiirden, ehe ich Wien und meine so
lieben Wiener Freunde wiedersehe. Wenn ich Ihnen dabei
auch noch sagen konnte, wie an- und ausgeodet ich durch
dieses erste Jahr in Weimar bin, dann wiirden Sie erst ganz
begreifen, wie notwendig mir ein leider bisher unmoghcher
Aufenthalt in Wien gewesen ware. Nun hoffe ich aber bald
hier loszukommen. Ich korrigiere gegenwartig am 27. Bo-
gen, und der erste Band ist im ganzen 29 Bogen stark. Ich
lege diesem Briefe die bibliographische Einleitung, die ich
zu dem Bande geschrieben habe, bei. Sie werden daraus er-
sehen, welche Bedeutung der Sache zukommt, aber Sie wer-
den vielleicht auch einigermafien ermessen konnen, welche
Arbeit die Sache gekostet hat. Wenn ich Ihnen dazu noch
sage, daft ich mir fur jede einzelne Neuerung erst den Boden
erkampfen muftte, wenn Sie daran denken, daft Suphans
Mitarbeiterschaft darin bestand, mir alle moglichen Steine
in den Weg zu werf en, die aus der stupiden Gesinnung eines
alten preuftischen Gymnasiallehrers hervorgehen, so haben
Sie viele, aber nicht alle Schwierigkeiten, die ich hier zu
iiberwinden gehabt habe. Zu diesem Kapitel ware namlich
noch so manches zu sagen, das ich lieber unterdriicken will.
Ich sende Ihnen auch hiemit meine Publikation aus dem
Goethe-Jahrbuch, der ich eine gute Aufnahme bei Ihnen
wunsche, weil ich ihr einigen Wert beilege. Ihr soil in Kurze
der Abdruck meiner Dissertation iiber «Die Grundfrage der
Erkenntnistheorie mit besonderer Rucksicht auf Fichtes
Wissenschaftslehre. Prolegomena zu einer jeden kiinftigen
Erkenntnistheorie* nachfolgen, mit welchem meine Pro-
motionsangelegenheit ihren offiziellen Abschluft erhalt. Sie
werden aus derselben ersehen, daft ich seit meiner «Er-
kenntnistheorie» iiber die einschlagigen Fragen doch man-
ches gebriitet habe, was sich immerhin in der philosophi-
schen Wissenschaft zeigen kann.
In den letzten Tagen habe ich von Richard und Otto mich
erfreuende, liebe Briefe erhalten. Aus dem ersteren ersehe
ich, daft Ihr verehrter Gemahl in der letzten Zeit wieder viel
unwohl war. Hoffentlich tut die Unteracher Luft, in der Sie
ja jedenfalls bald alle atmen, das ihre, um ihn wieder herzu-
stellen. Jedenfalls bitte ich Sie, geschatzteste gnadige Frau,
ihm zu sagen, daft ich ihm dies wunsche. Dasselbe nicht
weniger Richard, der mit manchem Ubel wieder zu kamp-
fen gehabt hat. Hoffentlich finde ich in Unterach nur von
Gesundheit strotzende Antlitze. Ich schreibe heute auch
noch an Richard und Otto, welch letzteren ich sehr bitte,
mir die Ergebnisse des Semesterabschlusses von sich und
seinen lieben Briidern mitzuteilen. Dafi ich diese Bitte vor
allem an Sie, verehrteste gnadige Frau, stelle, ist selbstver-
standlich, grenzt aber bei meiner Nachlassigkeit im Brief-
schreiben sozusagen stark an Unverschamtheit. Ich mochte
Sie aber doch ersuchen, mir nicht Gleiches mit Gleichem zu
vergelten.
Hoffentlich hat sich der Schlufi des Schuljahres in einer
Sie befriedigenden Weise vollzogen und haben sich nament-
lich auch Ihre Besorgnisse in bezug auf Ernstl als unbegriin-
det erwiesen.
Sehr hat mich in letzterer Zeit gefreut, von Richards Be-
suchen bei delle Grazie zu horen. Ich weifi ja, mit welcher
Befriedigung ich an die Abende zuriickdenke, die ich dort
verlebt habe.
Noch eines: bei einer Revision der botanischen Objekte
des hiesigen Goethehauses warf ich neulich auch einen
Blick auf Goethes Schadelsammlung. Dabei ging mir so-
gleich folgender Gedanke durch den Kopf. Als Goethe die
fur die damalige Zeit wichtige Entdeckung von der Wirbel-
natur der Schadelknochen machte, wird er gewifi den
Schopsenschadel, an dem er den Fund tat, vom Lido in Ve-
nedig mitgenommen und sich aufbewahrt haben. Ich stellte
sofort die Hypothese auf: besagter Schopsenkopf sei unter
diesen Schadeln. Gleich schrieb ich Bardeleben nach Jena
von meiner Vermutung. Bardeleben ist namlich der Bear-
beiter des Anatomischen. Und so machten wir uns denn auf
die Suche nach besagtem Schopsenkopf: Geheimer Hofrat
Ruland, Professor Bardeleben aus Jena und ich. Nach lan-
gerem Forschen stellte sich uns denn auch besagter Kopf in
seiner ganzen Herrlichkeit vor. Wir haben nun die Befriedi-
gung, jenen Schafskopf gefunden zu haben, an dem Goethe
eine seiner wichtigsten Ideen aufgegangen ist. Also gesche-
hen zu Weimar Ende Juni 1891, hundertundein Jahr nach
besagter Entdeckung.
Nun bitte ich Sie noch, mich alien Ihren Angehorigen,
Ihrem Herrn Gemahl und Ihrer Frau Mutter besonders, zu
empfehien und auch weiterhin in Wohlwollen zu gedenken
Ihres ganz ergebenen
Steiner
293. AN RICHARD SPECHT
Weimar, 18. Juli 1891
Mein lieber, guter Freund!
Aus Ihrem letzten lieben Briefe mufke ich ersehen, dafi
Sie in der letzten Zeit mit manchen Anfechtungen Ihrer Ge-
sundheit zu kampfen gehabt haben. Hoffentlich ist das nun
alles behoben und Sie erholen sich in der guten Unteracher
Luft aufs beste und schnellste. Wenn ich von dem Teile
Ihres Briefes absehe, der sich mit dieser Mitteilung beschaf-
tigt, so darf ich wohl sagen, dafi mir der Inhalt desselben,
soweit er sich auf Sie bezieht, grofte Freude gemacht hat,
denn er berichtet mir von vielen schonen Erfolgen, die Sie
in der letzteren Zeit zu verzeichnen haben und die vielleicht
wenige mit solcher Befriedigung erfullen wie gerade mich.
Und ich freue mich ganz besonders, alle Einzelheiten von
Ihnen mundlich zu vernehmen. Ich werde mich wahrhaftig
daran erfrischen, und ich habe solches notig. Eine ganz be-
sondere Genugtuung ist es mir, daft Sie sich Ihre idealisti-
sche Weltanschauung nicht rauben lassen, trotzdem Sie mit-
ten drinnenstehen in dem Strudel der «Moderne», der alle
jungen Geister mit solcher Macht mit sich fortreifk. Ich ge-
hore so wenig zu den Menschen, die «schnell fertig mit dem
Urteile» sind, daft ich Hermann Bahrs jiingstes Buch «Die
Uberwindung des Naturalismus» von Anfang bis zu Ende
gelesen habe. Aber ich bin in meinen Ansichten nicht er-
schiittert worden. Ja, ich mu!5 gestehen, dafi es fiir mich,
der ich das Heil der Menschheit darinnen sehe, daft sie sich
zur vollen geistigen Freiheit durchringt, etwas Ekelerregen-
des hat, wenn ich bei Bahr das Bestreben vernehme, den
Menschen vollstandig in den ideen- und ideallosen Nerven-
taumel untergehen zu lassen. Ich habe mich in dieser Zeit
viel mit den neuesten Erscheinungen der russischen Litera-
tur und des russischen Lebens beschaftigt und mir nament-
lich einen Einblick in die Unter-Kulturstromungen dieses
Landes zu verschaffen gesucht. Ich habe auch da nur den
Eindruck gewonnen, dafi aller Geistesprozefi ein Befrei-
ungsprozefi ist, und so bleibe ich denn dabei, daft alle Bewe-
gungen, die darauf abzielen, jenen Prozefi zu hemmen, der
den Menschen immer mehr herauszieht aus der Bewulklo-
sigkeit, direkt schadlich sind. Es ware doch ganz absonder-
lich, wenn, wahrend die Russen dahin streben, immer mehr
und mehr die freie Personlichkeit herauszuarbeiten und die
voile Menschenwiirde zu erreichen, wir in Europas Westen
von dem Leben der Nerven den freien Geist vollstandig
iibertonen lassen wiirden. Dort stehenbleiben wollen, wo
Goethe stand, ist unsinnig, aber ohne ihn im Leibe zu haben
und ohne nut den von ihm in die Welt gesetzten Triebfe-
dern sich ganz durch und durch auszuspannen, ist kein
Fortschritt moglich. Das ist ja nicht so schnell zu haben,
wie unsere Zeitgenossen gerne mochten, aber der mufi es
sich schon gefallen lassen, der so unvorsichtig war, am Ende
des 19. Jahrhunderts zu leben. Wir durfen uns den Luxus
einmal nicht gestatten, so einfach naiv in die Welt hineinzu-
leben.
Haben Sie Herma
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