Das Matthäus-Evangelium

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER G E S A MT AU S G A B E 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



DAS MATTHAUS-EVANGELIUM 



Ein Zyklus von zwolf Vortragen, 
gehalten in Bern 
vom l.bis 12. September 1910 



1988 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Paul Jenny "f und Paul G.Bellmann 



1. Auflage, Berlin 1918 (Zyklus XV) 

2. Auflage, Dornach 1930 

3. Auflage, Dornach 1949 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 
5., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Bibliographie-Nr. 123 
Jupkersiegel auf dem Einband von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner- Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1971 Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-1230-5 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der 
Theosophischen, sparer Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, mull gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet* 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Bern, 1. September 1910 11 

Die nachatlantischen Volkerstrdmungen. Iraniertum und Turanier- 
tum. Die Zarathustra-Incttvidualitat. 

Zweiter Vortrag, 2. September 1910 32 

Die Geheimnisse des Raumes und der Zeit. Die Hermes- und die 
Moses- Weisheit, Turaniertum und Hebraertum. 

Dritter Vortrag, 3. September 1910 53 



Die Wechselwirkung zwischen Thot- Hermes und Moses als Spiege- 
lung eines kosmischen Vorgangs. Das Geheimnis des hebraischen 
Volkes. Menschliches Denken - ein Abglanz des gottlichen 
Schauens. Das Hineingehen der Krafte der alten Hellsichtigkeit in 
die innere Organisation des Menschen. Das Zahlengesetz der Ver- 
erbung in der Generationenreihe. 

Vierter Vortrag, 4. September 1910 73 

Die althebraische Gotteserkenntnis. Abraham und Melchisedek. 
Das Werden des hebraischen Volkes als Abbild des kosmischen 
Werdens. Vorbereitende Haupt- und Nebenstromungen fur das 
Chris tus-Ereignis. Jeshu ben Pandira. 

Funfter Vortrag, 5. September 1910 91 

Jeshu ben Pandira und die Essaereinweihung. Siebenzahl und 
Zwolfzahl. Die Spiegelung der kosmischen Verhaltnisse in der 
Menschheitsentwickelung. Das Geheimnis des Blutes in der 
Generationenreihe und die Geheimnisse des kosmischen Raumes. 

Sechster Vortrag, 6. September 1910 108 

Die Generationenfolge der Vererbungslinie des Jesus im Lukas- 
Evangelium und diejenige des Jesus im Matthaus-Evangelium. Die 
Stufenfolge beim Hinunterdringen des Gottlich-Geistigen in eine 
menschliche Indrvidualitat und seinem Hinausdringen in den Kos- 
mos. Die gottlich-geistige Wesenheit des Menschen und der 
irdische Adam. Das im Blute der Generationen rinnende iiber- 
personliche Gedachtnis. Das Nasiraertum und die Essaerkolonien. 
Die Schiiler des Jeshu ben Pandira. Mathai und Nezer. Die beiden 
Jesusknaben. 



Siebenter Vortrag, 7. September 1910 126 

Das Gesetz der Vervollkommnungsstufen menschlicher Fahig- 
keiten. Der achtgliedrige Pfad. Das Wesen der Einweihung in 
den vorchristlichen Mysterien. Das Hinuntersteigen in den physi- 
schen Leib und das Sich-Ausbreiten in den Kosmos. Die Gefahr 
der Blendung oder der Trugbilder. Die zwolf Gehilfen des Initia- 
tors. Das Christus-Ereignis wird zum Ausgangspunkt der Freiheit. 
Christus, die Erfullung und das Vorbild der neuen Initiation. 

Achter Vortrag, 8. September 1910 143 

Die Essaereinweihung. Die drei Stufen der Initiation. Das Heraus- 
fiihren der Mysteriengeheimnisse in die auBere Welt durch das 
historische Christus-Ereignis. Die drei Stufen der Versuchung 
Christi. Malchuth und die Reiche der Himmel. Das Wesen des Ich 
im Reiche. 

Neunter Vortrag, 9. September 1910 163 

Das Christus-Ereignis als historische Tatsache. Die Initiation des 
Ich. DieEvangelien sind Mysterienbucher. Es ist das Qmstus-Leben 
ein Darleben der Einweihung auf dem groBen Plan der Welt- 
geschichte. Heilungen. Die Seligpreisungen der Bergpredigt. 

Zehnter Vortrag, 10. September 1910 184 

Die allmahliche Ausstattung der Krafte des menschlichen Ich mit 
dem Mysterien wis sen. Das Hinaufleiten der Jiinger in hohere 
Welten. Die Speisung der Viertausend und der Fiinftausend. Die 
Verklarungsszene. Das einmalige Erscheinen des Christus in einem 
physischen Leibe. Das Wiedererscheinen des Christus im Atheri- 
schen. Die Seligpreisungen. Die Heilungen. Das Himmelsbrot. Das 
neue Essaertum. Falsche Messiasse. 

Elfter Vortrag, 11. September 1910 205 

Das Einstromen belehrender und belebender Krafte aus dem Kos- 
mos durch die Christus-Wesenheit. Ihr Hiniibetstrahlen auf die 
Jiinger und deren Wachstum. Das Petrus-Bekenntnis. Der Men- 
schensohn und der Sohn des lebendigen Gottes. Das Ordnende in 
Menschengemeinden auf Grund ethisch-moralisch-geistiger Ver- 
haltnisse. Das Hinausfuhren der Jiinger in den Makrokosmos 
durch den Christus. Das real-lebendige Einstromen der Krafte des 
Sonnenworts, die friiher als Lehren einflossen, durch das Myste- 
rium von Golgatha. Das Hinaufwachsen in die Reiche der Himmel. 



Zwolfter Vortrag, 12. September 1910 227 

Das Hinaufentwickeln des Menschen der Gotteshohe entgegen 
und das Heruntersteigen gottlich-geistiger Wesenheiten in mensch- 
Uche Seelen und Leiber. Die Christus-Wesenheit und die beiden 
Jesusknaben. Die vier Gesichtspunkte der Evangelisten bei der 
Schilderung der Christus-Tatsache, entsprechend vier Arten der 
Einweihung. Die Jordantaufe und der Lebens- und Todesgang 
Christi als zwei Etappen der Einweihung. Die Auferstehung zeigt 
uns Christus als den das Erdendasein durchwebenden und durch- 
wirkenden Geist. Die Sonnenaura in der Erdenaura. Menschen- 
GottergroJSe. Das Menschliche im Matthaus-Evangelium. 



Hinweise 259 

Namenregister 264 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 265 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 267 



ERSTER VORTRAG 
Bern, 1. September 1910 



Es ist jetzt das dtkte Mai, daB mir hier in der Schweiz die Moglichkeit 
geboten ist, von einer gewissen Seite her das groBte Ereignis der Erd- 
und Menschheitsgeschichte zu besprechen. Das erste Mai war es, als 
in Basel gesprochen werden durfte iiber dieses Ereignis von jener Seite 
her, zu der das Johannes-Evangelium die Veranlassung bietet; das 
zweite Mai, als jene Charakteristik dieses Ereignisses gegeben werden 
durfte, zu welcher das Lukas-Evangelium die Unterlage bietet ; und die- 
ses Mai, als zum dritten Mai, soil der Irnpuls zu dieser Schilderung aus- 
gehen vom Matthaus-Evangelium. Es ist von mir des oftern angedeu- 
tet worden, daB gerade darin etwas Bedeutungsvolles liegt, daB uns 
dieses Ereignis in vier, scheinbar in einer gewissen Weise sich unter- 
scheidenden Urkunden auf bewahrt ist. Was gewissermaBen der heuti- 
gen auBeren materialistischen Gesinnung Veranlassung gibt, mit einer 
negativen, zersetzenden Kritik einzugreifen, das ist gerade das, was 
uns nach unserer anthroposophischen t)berzeugung als bedeutungs- 
voll erscheint. Niemand sollte sich vermessen, irgendein Wesen oder 
eine Tatsache zu charakterisieren, wenn er sie nur von einer Seite an- 
sieht. Jener Vergleich wurde von mir ofter gebraucht : Wenn man ei- 
nenBaum von einer Seite aus photographiert, so darf niemand behaup- 
ten, daB er in dieser Photographie eine wirkliche Wiedergabe dessen 
hat, was der Baum in seinem Anblick nach auBen darbietet; wenn man 
dagegen den Baum von vier Seiten photographieren wurde, und wenn 
man auch vier verschiedene Bilder bekame, die sich untereinander we- 
nig gleichen konnten, so wurde man aus dem Zusammenschauen die- 
ser vier Bilder auch eine geschlossene Ansicht von dem Baum erhalten 
konnen. Wenn das in solch auBerlicher Weise schon der Fall ist fur ein 
jegliches Ding, wie sollte man nicht vermuten konnen, daB ein Ereig- 
nis, welches die groBte Fulle des Geschehens, die groBte Fiille des We- 
sentlichen alles Daseins fur uns Menschen in sich schlieBt, gar nicht 
umfaBt werden konnte, wenn man es nur von einer Seite aus schildert? 
Daher sind es nicht Widerspruche, welche uns in den vier Evangelien 



zutage treten. Es ist hier vielmehr die Tatsache zugrunde Hegend, daB 
die Schilderer sich bewuBt waren, daB ein jeglicher von ihnen dieses 
gewaltige Ereignis nur von einer Seite aus zu schildern vermag, und 
daB es der Menschheit gelingen kann, durch das Zusammenschauen 
dieser verschiedenen Schilderungen nach und nach ein Gesamtbild zu 
gewinnen. Und so wollen auch wir geduldig sein und versuchen, uns 
dieser groBten Tatsache des Erdenwerdens nach und nach dadurch zu 
nahern, daB wir uns anlehnen an diese vier Schilderungen und selbst 
das, was wir wissen konnen, entwickeln mit Anlehnung an diese Do- 
kumente, die wir als das Neue Testament bezeichnen. 

Aus einigem, was friiher gesagt worden ist, konnen Sie schon ermes- 
sen, wie etwa die vier verschiedenen Ausgangspunkte oder Gesichts- 
punkte der Evangelien sich darstellen lassen. Vorerst aber, bevor ich 
auch nur eine auBerliche Charakteristik dieser vier Gesichtspunkte 
gebe, mochte ich darauf aufmerksam machen, daB ich im Beginne die- 
ses Vortragszyklus nicht das tun will, womit man heute die Darstellung 
der oder eines der Evangelien beginnt. Man beginnt gewohnlich da- 
mit, daB man ihre geschichtliche Entstehung darstellt. Es wird sich uns 
das am besten ergeben, wenn wir am Schlusse unseres Zyklus erst sa- 
gen werden, was iiber die Geschichte der Entstehung des Matthaus- 
Evangeliums zum Beispiel zu sagen ist. Denn es ist doch nur naturlich 
und konnte an dem Beispiel anderer Wissenschaften gezeigt werden, 
daB man die Geschichte irgendeiner Sache erst dann verstehen kann, 
wenn man die Sache selber begriffen hat. Niemand wird zum Beispiel 
mit Nutzen an eine Geschichte der Arithmetik herangehen konnen, 
der nichts weiB von Arithmetik. Oberall sonst wird die geschichtliche 
Darstellung ans Ende gelegt, und wo das nicht getan wird, da wider- 
spricht die Einteilung den natiirlichen Bedurfnissen des menschlichen 
Erkennens. Und so werden wir auch diesen Bedurfnissen des mensch- 
lichen Erkennens entgegenkommen und versuchen, den Gehalt des 
Evangeliums, das wir besprechen wollen, zu priifen und dann auf eine 
Darstellung des geschichtlichen Werdens gerade bei diesem Evange- 
lium etwas eingehen. 

Wenn man von auBen die Evangelien auf sich wirken laBt, kann 
man schon einen gewissen Unterschied fiihlen in der Art, wie diese 



Evangelien darstellen, wie sie sprechen. Wenn Sie au£ sich wirken las- 
sen, was in meinen Vortragen iiber das Johannes-Evangelium und 
iiber das Lukas-Evangelium gesagt worden ist, dann werden Sie ge- 
rade in bezug auf diese zwei Evangelien die entsprechende Empfindung 
noch genauer haben. Wenn man skh einlaBt auf das Johannes-Evange- 
lium, dann muB man sagen, daB einen iiberall, wo man versucht in die 
gewaltigen Mitteilungen einzudringen, eine Empfindung von geisti- 
ger GroBe iiberkommt, zu der man ahnend hinauf blickt, und daB man 
im Johannes-Evangelium finden kann, wie es uns das Hochste verrat, 
wozu menschliche Weisheit hinauf blicken kann, das Hochste, was 
menschlichem Erkennen nach und nach zuganglich werden kann. Der 
Mensch steht da gleichsam unten und blickt hinauf zu einem Gipfel 
des Weltendaseins und sagt sich : So klein du auch sein magst alsMensch, 
das Johannes-Evangelium laBt dich ahnen, daB in deine Seele etwas 
hineintaucht, mit dem du verwandt bist und das dich iiberkommt wie 
mit einem Gefiihl des Unendlichen. So ist es vorzugsweise die mit dem 
Menschen verwandte geistige GroBe der Weltenwesen, welche in un- 
sere Seele hineintaucht, wenn wir vom Johannes-Evangelium sprechen. 

Erinnern wir uns nun einmal an das Gefiihl, das uns iiberkommen 
konnte bei der Darstellung des Lukas-Evangeliums. Alles, was diese 
Darstellung des Lukas-Evangeliums damals durchdringen muBte, war 
anders. Ist es beim Johannes-Evangelium vorzugsweise die geistige 
GroBe, zu der wir ahnend hinauf blicken, die wie ein Zauberhauch un- 
sere Seele durchdringt, wenn wir uns den Mitteilungen dieses Evan- 
geliums hingeben, so ist es beim Lukas-Evangelium die Innigkeit, das 
Seelenhafte selber, das uns entgegentritt, man mochte sagen, die In- 
tensity alles dessen, was Liebeskrafte der Welt vermogen, was Opfer- 
krafte in der Welt zuwege bringen, wenn wir ihrer teilhaftig sein kon- 
nen. Schildert uns das Johannes-Evangelium die Wesenheit des Chri- 
stus Jesus in ihrer geistigen GroBe, so zeigt uns das Lukas-Evange- 
lium diese Wesenheit in ihrer unermeBlichen Opferfahigkeit, und es 
laBt uns ahnen, was durch solches Liebesopfer, das wie eine Kraft 
gleich anderen Kraften die Welt durchpulst und durchwebt, in der Ge- 
samtevolution der Welt und der Menschheit geschehen ist. So ist es 
vorzugsweise das Element des Gefiihls, in dem wir weben und leben, 



wenn wir das Lukas-Evangelium auf uns wirken lassen, und so ist es das 
Element der Erkenntnis, das uns etwas sagt iiber die letzten Griinde 
und letzten Ziele dieser Erkenntnis, was uns aus dem Johannes- 
Evangelium entgegentritt. Das Johannes-Evangelium spricht mehr 
zu unserer Erkenntnis, das Lukas-Evangelium mehr zu unserem Her- 
zen. Das kann man fiihlen an den einzelnen Evangelien selbst; es war 
aber auch unser Bestreben, das, was wir als geisteswissenschaftHche 
Darstellungen an diese beidenUrkunden ankniipften, von dieserGrund- 
stimmung gleichsam durchwehen zu lassen. Wer nur Worte horen 
wollte beim Zyklus iiber das Johannes-Evangelium oder iiber das Lu- 
kas-Evangelium, der hat wahrhaftig nicht alles gehort. Die Art und 
Weise des Sprechens war bei den Vortragszyklen eine grundverschie- 
dene. Ganz anders wird wiederum alles sein miissen, wenn wir an das 
Matthaus-Evangelium herantreten. 

Beim Lukas-Evangelium war es so, daB wir alles, was wirMenschen- 
liebe nennen, wie es einmal in der Menschheitsentwickelung da war, 
hineinflieBen sahen in die Wesenheit, welche als der Christus Jesus im 
Beginne unserer neutestamentlichen Zeitrechnung lebte. Wenn man 
das Matthaus-Evangelium nur auBerlich auf sich wirken laBt, dann 
muB man sagen, daB es zunachst eine Urkunde ist, welche eigentlich 
vielseitiger ist als die beiden anderen, ja sogar in einer gewissen Bezie- 
hung vielseitiger als alle drei anderen Evangelien. 

Und wenn wir einmal das Markus-Evangelium darstellen werden, 
dann werden wir sehen, daB auch dieses in einer gewissen Weise ein- 
seitig ist. Zeigt uns das Johannes-Evangelium die WeisheitsgroBe des 
Christus Jesus, zeigt das Lukas-Evangelium die Liebesmacht, so wird 
uns bei einer Schilderung des Markus-Evangeliums entgegentreten, 
was vor alien Dingen als Kraft, als SchafTensmachte, man mochte sa- 
gen, als Herrlichkeit der Welt durch alle Weltenraume hindurchgeht. 
Aber es ist beim Markus-Evangelium etwas Oberwaltigendes in dem 
Ausleben der Intensitat der Weltenkraft. Es ist, wie wenn die Welten- 
kraft von alien Seiten des Raumes rauschend an uns herankame, wenn 
wir das Markus-Evangelium wirklich uns zum Verstandnis bringen! 

So ist es etwas, das sich uns innig warm in die Seele drangt, was uns 
beim Lukas-Evangelium entgegentritt, etwas, das uns HofFnung fur 



die Seele gibt, was uns beim Johannes-Evangelium iiberkommt; und 
es ist etwas wie Schauer vor der Gewalt und Herrlichkeit det Welten- 
krafte, denen gegeniiber wir fast zusammensinken konnten, wenn wir 
das Markus-Evangelium auf uns wirken lassen. 

Anders das Matthaus-Evangelium. Alle die drei Elemente, das hoff- 
nungsvolle, aussichtsreiche Erkenntniselement, das warme Gefuhls- 
und Liebeselement und auch die majestatische WeltengroBe, sie alle 
sind, mochte man sagen, in dem Matthaus-Evangelium darinnen. Aber 
sie sind in einer gewissen Weise so abgeschwacht darinnen, daB sie in 
ihrer Abschwachung uns menschlich viel verwandter erscheinen als in 
den drei anderen Evangelien. Vor der Erkenntnis-, vor der Liebes- 
und der HerrlichkeitsgroBe mochten wir bei den drei anderen Evange- 
lien, wenn wir sie auf uns wirken lassen, so recht zusammensinken. 
Das alles ist im Matthaus-Evangelium darinnen, nur ist es so darinnen, 
daB wir uns ihm gegeniiber aufrecht zu erhalten vermogen. Es ist uns 
alles menschlich verwandter, so daB wir uns nicht darunter, sondern 
in gewissem Sinne daneben stellen konnen. Wir werden vom Matthaus- 
Evangelium nirgends zerschmettert, obwohl es auch von dem etwas 
bringt, was in den drei anderen Evangelien zerschmetternd wirken 
kann. Daher ist das Matthaus-Evangelium die allgemein-menschlichste 
dieser vier Urkunden. Es schildert uns den Christus Jesus am mei- 
sten als Menschen, so daB er uns, wenn wir ihn als Matthaus-Christus 
Jesus auf uns wirken lassen, in alien seinen Gliedern, in alien seinen 
Taten menschlich nahe steht. Es ist das Matthaus-Evangelium in ge- 
wisser Beziehung etwas wie ein Kommentar fur die drei iibrigen Evan- 
gelien. Was uns in den drei anderen zuweilen zu groB ist, als daB wir es 
iiberschauen konnten, es wird uns im kleineren MaBstabe durch das 
Matthaus-Evangelium klar. Und wenn wir dieses begreifen, wird uns 
ein bedeutungsvolles Licht auf die drei anderen Evangelien fallen kon- 
nen. Das ist uns aus Einzelheiten leicht verstandlich. 

Nehmen wir das, was jetzt gesagt werden soil, zunachst einmal rein 
stilistisch. Damit uns im Lukas-Evangelium geschildert werden kann, 
wie der hochste Grad von Liebes- und Opferfahigkeit von diesem We- 
sen, das wir den Christus Jesus nennen, ausflieBt in die Menschheit 
und in die Welt, dazu wird zu Hilfe genommen eine Menschheitsstro- 



mung, die herunterkommt aus den uraltesten Zeiten des Erdenwer- 
dens. Und Lukas selber schildert uns diese Stromung bis hinauf zum 
Menschheitsanfang. - Damit uns gezeigt werden kann, wo der Mensch 
mit seiner Erkenntnis und seiner Weisheit einsetzen kann und einen 
Anfang nimmt nach dem Ziel, zu dem diese Erkenntnis hinkommen 
kann, dazu wird uns im Johannes-Evangelium gleich im Anfange dar- 
gestellt, wie die Schilderung des Christus Jesus sich anlehnt an den 
schopferischen Logos selber. Das Geistigste, was wir mit unserer Er- 
kenntnis erreichen konnen, wird gieich in den ersten Satzen des Jo- 
hannes-Evangeliums angeschlagen. Wir werden gleich. hingefiihrt zu 
einem Hochsten des Erkenntnisstrebens, zu einem Hochsten, das in 
der menschlichen Brust vergegenwartigt werden kann. - Anders ist es 
im Matthaus-Evangeiium. Das beginnt damit, daB es uns zeigt die Ver- 
erbungsverhaltnisse des Menschen Jesus von Nazareth in ihrer Her- 
kunft, sozusagen von einem historischen Moment aus. Es zeigt uns 
die Vererbungsverhaltnisse innerhalb eines einzelnen Volkes : wie ge- 
wissermaBen alle die Eigenschaften, die wir in dem Jesus von Naza- 
reth vereinigt finden, sich summiert haben durch die Vererbung seit 
Abraham herunter, wie gleichsam ein Volk, durch dreimal vierzehn 
Generationen hindurch, das Beste, was es gehabt hat, in das Blut 
hineinflieBen lieB, um in einer vollkommenen Weise in einer mensch- 
lichen Individualist hochste menschliche Krafte darzustellen. - In 
die Unendlichkeit des Logos fiihrt uns das Johannes-Evangelium. In 
das UnermeBliche der Menschheitsevolution bis zum Anfang hinauf 
steigt das Lukas-Evangelium. Ein uberschaubares Volk, herunterver- 
erbend seine Eigenschaften vom Stammvater Abraham durch dreimal 
vierzehn Generationen, das zeigt uns das Matthaus-Evangeiium, so 
zeigt es uns den Menschen Jesus von Nazareth. 

Es kann hier nur angedeutet werden, daB es fur den, welcher das 
Markus-Evangelium wirklich verstehen will, notwendig ist, daB er in 
einer gewissen Beziehung die kosmologischen Krafte kennt, die unser 
ganzes Weltenwerden durchstromen. Denn so, wie der Christus Jesus 
im Markus-Evangelium dargestellt wird, wird uns gezeigt, wie in ei- 
ner menschlichen Wirksamkeit ein Auszug, eine Essenz aus dem Kos- 
mos gegeben ist, eine Essenz von dem, was sonst in dem UnermeBli- 



chen der Weltenweiten als Weltenkrafte lebt. Es wird uns gezeigt, wie 
die Taten des Christus Jesus gleichsam Extrakte sind von kosmischen 
Wirksamkeiten. Wie der Menschengott Christus Jesus, so wie er auf 
der Erde stent, gleichsam als ein Extrakt der Sonnenwirksamkeit mit 
all ihren UnermeBlichkeiten vor uns stent, das will uns das Markus- 
Evangelium schildern. Also wie die Sternenwirksamkeit durch Men- 
schenkraft wirkt, das schildert Markus. 

Das Matthaus-Evangelium kniipft in einer gewissen Weise auch an 
Sternenwirksamkeit an. Es fuhrt uns deshalb, gleich da, wo es uns die 
Geburt des Jesus von Nazareth schildert, zu einem Punkt, von dem 
aus wir das groBeWeltenereignis so ansehen sollen, daB kosmischeTat- 
sachen in einem gewissen Zusammenhang mit dem Menschheitswer- 
den stehen, indem es den Stern zeigt, der die drei Magier hinfiihrt zur 
Geburtsstatte des Jesus. Aber es schildert uns nicht eine kosmische 
Wirkung, wie es das Markus-Evangelium tut; es fordert nicht von uns, 
daB wir unseren Blick erheben zu dieser kosmischen Wirkung : es zeigt 
uns drei Menschen, drei Magier und die Wirkung, welche das Kos- 
mische auf diese drei Menschen ausiibt. Und wir konnen uns zu den drei 
Menschen wenden, um zu verspuren, was sie fuhlen. Also zum Men- 
schen werden wir selbst dann gewiesen, wenn wir uns zum Kosmi- 
schen aufschwingen sollen. Der Reflex des Kosmischen im Menschen- 
herzen wird gezeigt. Der Blick wird nicht hinausgetragen in unermeB- 
liche Weiten, sondern die Wirkung des Kosmischen im menschlichen 
Herzen wird uns gezeigt. 

Ich bitte noch einmal, diese Andeutungen nur stilistisch aufzufassen. 
Denn so ist der Grundcharakter der Evangelien, daB sie von verschie- 
denen Seiten schildern. Die Art und Weise, wie sie schildern, ist durch- 
aus charakteristisch fur das, was sie uns sagen wollen uber das groBte 
Ereignis der Menschheits- und Erdenevolution. 

Das ist auch zunachst das Allerbedeutsamste im Eingange des Mat- 
thaus-Evangeliums, daB wir hingewiesen werden auf die nachsteBluts- 
verwandtschaft des Jesus von Nazareth. Es wird uns darin gleichsam 
die Frage beantwortet: Wie war die physische Personlichkeit dieses 
Jesus von Nazareth beschaffen? Wie summierten sich alle Eigenschaf- 
ten eines Volkes seit dem Stammvater Abraham in dieser einen Per- 



sonlichkeit, damit in ihr jene Wesenheit sich ofFenbaren konnte, welche 
wir die Christus -Wesenheit nennen? Diese Frage wird uns beant- 
wortet. Es wird uns gesagt: Damit die Christus- Wesenheit sich in ei- 
nem physischen Leibe inkarnieren konnte, dazu muBte dieser physi- 
sche Leib Eigenschaften haben, wie er sie nur haben konnte, wenn alle 
Eigenschaften des Blutes jenes Volkes, das von Abraham abstammte, 
summiert in einem Extrakt dargestellt wurden in der einen Personlich- 
keit: Jesus von Nazareth. Es soil daher gezeigt werden: Dieses Blut in 
Jesus von Nazareth fiihrt wirklich zuriick generationenweise bis zum 
Stammvater des hebraischen Volkes. Daher ist die Wesenheit dieses 
Volkes, das, was dieses Volk besonders fur die Weltgeschichte, fur die 
Menschheits- und Erdenentwickelung ist, insbesondere in der physi- 
schen Personlichkeit des Jesus von Nazareth zusammengedrangt. Was 
muB man also zunachst kennen, wenn man die Absicht des Schilderers 
des Matthaus-Evangeliums treffen will in bezug auf diese Einleitung? 
Man muB das Wesen des hebraischen Volkes kennen! Man muB sich 
die Frage beantworten konnen: Welches konnte der Anteil sein, den 
das hebraische Volk gerade durch seine Eigentumlichkeit der Mensch- 
heit zu geben hatte? 

Unsere auBere Geschichte, die auBeren materialistischen Geschichts- 
schilderungen nehmen wenig auf das Riicksicht, was hiermit angefiihrt 
wird. In der auBeren Geschichte schildert man die auBeren Tatsachen. 
Und da steht eigentlich so ziemlich ein Volk neben dem anderen, weil 
man ganz abstrakt schildert. Dabei tritt diejenige Tatsache, welche eine 
fundamentale Tatsache ist fur den, der die Menschheitsentwickelung 
verstehen will, ganz zuriick: jene Tatsache namlich, daB kein Volk in 
der Menschheitsentwickelung dieselbe Aufgabe hat wie ein anderes, 
sondern daB ein jedes Volk seine besondere Mission und seine beson- 
deren Aufgaben hat. Ein jedes Volk hat zu dem Gesamtschatz, welcher 
der Erde durch die Menschheitsentwickelung geliefert werden soil, 
einen Teil beizutragen. Und jeder dieser Teile ist ein anderer, ein ganz 
bestimmter. Ein jedes Volk hat seine bestimmte Mission. Nun aber ist 
bis in die Details der physischen Verhaltnisse hinein ein jedes Volk so 
beschaffen, daB es diesen Anteil, den es der gesamten Menschheit zu 
bringen hat, auch richtig bringen kann. Mit anderen Worten, die Lei- 



ber der Menschen, die zu einem Volke gehoren, zeigen uns eine solche 
Ausgestaltung sowohl des physischen Leibes wie auch des Atherleibes 
und des astralischen Leibes und eine solche Zusanimenfugung dieser 
Leiber, daC sie das rechte Werkzeug werden konnen, damit jener An- 
teil zustande komme, den ein jedes Volk fur die gesamte Menschheit 
zu leisten hat. - Welchen Anteil hatte nun insbesondere das hebraische 
Volk zu leisten, und wie bildete sich dann die Essenz dieses Anteiles 
des hebraischen Volkes zu dem Leibe des Jesus von Nazareth? 

Wenn man die Mission des hebraischen Volkes verstehen will, muB 
man schon etwas tiefer hineinschauen in die Gesamtentwickelung der 
Menschheit. Es wird notwendig sein, einiges von dem, was Sie skiz- 
zenhaft in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» und in Vor- 
tragen angedeutet finden konnen, hier etwas genauer zu charakte- 
risieren. Wir verstehen wohl am besten den Anteil des hebraischen 
Volkes an der Gesamtentwickelung der Menschheit, wenn wir wenig- 
stens mit einigen kurzen charakteristischen Strichen den Ausgangs- 
punkt nehmen von jener groBen Katastrophe in der Menschheitsent- 
wickelung, welche wir die adantische Katastrophe nennen. 

Als die atlantische Katastrophe nach und nach iiber die Erdenver- 
haltnisse hereinbrach, zogen die Menschen, welche damals auf dem 
alten atlantischen Kontinente wohnten, von dem Westen nach dem 
Osten. Im wesentlichen waren bei diesem Zuge zwei Stromungen vor- 
handen : eine Stromung, welche sich mehr im Norden bewegte, und 
eine andere, die mehr einen siidlichen Weg nahm. Daher haben wir 
eine groBe Menschheitsstromung von atlantischer Bevolkerung, 
welche durch Europa hindurch bis nach Asien hiniiberging ; und wenn 
man das Gebiet um den Kaspisee herum in Betracht zieht, hat man un- 
gefahr die Art, wie sich dieser Volkerzug der atlantischen Bevolkerung 
allmahlich ausbreitete. Ein anderer Strom ging dagegen durch das heu- 
tige Afrika hindurch. Und in Asien driiben entstand dann eine Art von 
Zusammenstromen dieser beiden Zlige, wie wenn sich gleichsam zwei 
Strome treffen und einen Wirbel bilden. 

Was uns nun vorzugsweise interessieren soil, das ist, wie die An- 
schauungsweise, die ganze Seelenform dieser Volker oder wenigstens 
ihrer Hauptmassen war, welche da von der alten Atlantis nach dem 



Osten hiniibergeworfen wurden. Es war tatsachlich so, daB in der er- 
sten nachatlantischen Zeit die ganze Seelenverfassung eine andere war, 
als sie spater geworden ist, und namentlich als sie heute ist. Es war bei 
all diesen Volkermassen noch eine mehr hellseherische Wahrnehmung 
der Umgebung vorhanden. Die Menschen konnten damals Geistiges 
gewissermaBen noch sehen, und auch das, was heute physisch gesehen 
wird, wurde auf eine mehr geistige Art gesehen. Also eine mehr hell- 
seherische Lebens- und Seelenform war damals vorhanden. Besonders 
wichtig ist es aber, daB dieses Hellsehen der urspriinglichen nachatlan- 
tischen Bevolkerung wieder in einer gewissen Beziehung anders war 
als zum Beispiel das Hellsehen der atlantischen Bevolkerung selbst in 
der eigentlichen Blutezeit der atlantischen Entwickelung. In der Bliite- 
zeit der atlantischen Entwickelung war das in einem hohen Grade vor- 
handene hellseherische Vermogen der Menschen so, daB sie hinein- 
schauten auf reine Art in eine geistige Welt, und daB die Offenbarun- 
gen der geistigen Welt in der Menschenseele Impulse zum Guten be- 
wirkten. Und man konnte sogar sagen : Wer mehr fahig war, in die gei- 
stige Welt hineinzuschauen, der bekam in dieser Blutezeit adantischer 
Entwickelung einen groBeren Impuls des Guten; und wer weniger se- 
hen konnte, bekam einen weniger hohen Impuls des Guten. 

Die Veranderungen, die dann auf der Erde vor sich gingen, waren 
allerdings so geartet, daB schongegen das letzteDrittel der atlantischen 
Zeit, besonders aber in der nachatlantischen Zeit, gerade die guten Sei- 
ten des alten Hellsehens immer mehr und mehr dahingeschwunden 
waren. Nur diejenigen, welche in den Einweihungsstatten eine beson- 
dere Schulung durchmachten, hatten die guten Seiten des adantischen 
Hellsehens bewahrt. Was dagegen auf naturliche Art von dem adanti- 
schen Hellsehen geblieben war, nahm im Laufe der Zeit immer mehr 
einen solchen Charakter an, daB man sagen kann : Was die Menschen 
da sahen, fiihrte sehr leicht zum Schauen gerade der schlimmen, der 
verfuhrerischen und versuchenden Machte des Daseins. Der hellsehe- 
rische Menschenblick war nach und nach kaum mehr stark genug, die 
guten Krafte zu schauen. Dagegen war es der Menschheit geblieben, 
Schlimmes zu schauen, dasjenige, was Versuchung, Verfuhrung fur 
die Menschen sein konnte. Und iiber bestimmte Gebiete der nach- 



atlantischen Bevolkerung war erne gar nicht gute Form des Hellsehens 
verbreitet, ein Hellsehen, das eigentlich selbst schon eine Art von Ver- 
sucher war. 

Mit diesem Niedergehen der alten hellseherischen Kraft war nun 
verbunden einAufbluhen, eine allmahlicheEntwickelung jener Sinnes- 
wahrnehmung, die wir als die normale fur die heutige Menschheit er- 
kennen. Die Dinge, welche die Menschen in der ersten nachatlantischen 
Zeit mit ihren Augen sahen und die der Mensch heute mit seinen ge- 
wohnlichen Augen sieht, waren damals gar nicht verfuhrerisch, weil 
die versuchenden Seelenkrafte dafiir noch nicht vorhanden waren. 
Durch ein AuBeres, wodurch heute der Mensch so sehr zum GenuB- 
ling werden kann, und wenn ein solcher Anblick auch fur den heutigen 
Menschen der verfiihrerischste ware, fiihlte sich der nachatlantische 
Mensch nicht besonders verfuhrt. Dagegen stachelte es ihn, wenn er 
Erbstiicke des alten Hellsehens entwickelte. Die gute Seite der geisti- 
gen Welt sah er kaum mehr, aber das Luziferische und das Ahrimani- 
sche wirkte da mit starker Gewalt auf ihn, so daB er die Krafte'und 
Machte sah, die Versucher und Tauscher sein konnten. Die luziferi- 
schen und ahrimanischen Krafte nahm also der Mensch wahr mit sei- 
nen alten, vererbten Kraften des Hellsehens. Worauf es nun ankam, das 
war, daB die Fiihrer und Lenker der Menschheitsevolution, die ihre 
Weisheit zur Fiihrung der Menschheit aus den Mysterien erhielten, 
Anstalten trafen, daB die Menschen trotz dieses Tatbestandes dennoch 
immer mehr und mehr zum Guten und 2ur Klarheit kamen. 

Nun waren die Menschen, welche nach der atlantischen Katastro- 
phe sich nach dem Osten hiniiber ausgebreitet hatten, von sehr ver- 
schiedenen Entwickelungsstufen. Man kann sagen, je weiter man nach 
dem Osten hinuberkam, desto moralischer und geistig hoher war die 
Entwickelungsstufe der Menschen. In gewissem Sinne wirkte das, was 
sich als auBeres Wahrnehmen wie eine neue Welt heranbildete, mit 
immer groBerer Klarheit; es wirkte immer mehr so, daB es die GroBe 
und Herrlichkeit der auBeren Sinneswelt auf die Menschen wirken 
lieB. Das war der Fall, je weiter man nach dem Osten hinuberkam. 
Starke Anlagen nach dieser Seite hin hatten namentlich jene Menschen, 
welche zum Beispiel in den Gegenden nordlich vom heutigen Indien 



wohnten, bis zum Kaspischen Meer hin, bis zum Oxus und Jaxartes. 
In diesemmittlerenGebiete Asiens wax einVolkergemenge angesiedelt, 
das wirklich das Material hergeben konnte zu mancherlei Volksstro- 
mungen, die sich dann nach verschiedenen Seiten hin ausbreiteten, 
auch zu jenem Volke, das wir in bezug auf seine spirituelle Weltauffas- 
sung oft charakterisiert haben, zu dem altindischen Volke. 

Inmitten Asiens, bei diesem Volkergemenge, war bald nach der at- 
lantischen Katastrophe, zum Teil schon wahrend dieser Zeit, der Sinn 
fur die auBere Wirklichkeit schon sehr stark entwickelt. Dabei war 
aber bei den Menschen, die auf diesem Gebiet inkarniert waren, noch 
eine lebendige Erinnerung, eine Art Erinnerungserkenntnis an das 
vorhanden, was sie in der atlantischen Welt erlebt hatten. Am starksten 
war dies bei jener Volksmasse der Fall, welche dann nach Indien her- 
unterzog. Sie hatte zwar ein groBes Verstandnis fur die Herrlichkeit 
der auBeren Welt, sie war am weitesten fortgeschritten im Beobachten 
der auBeren Sinneswahrnehmungen, aber gleichzeitig war bei ihr am 
starksten entwickelt die Erinnerung an die alten spirituellen Wahr- 
nehmungen der atlantischen Zeit. Daher entwickelte sich bei diesem 
Volk ein starker Drang nach der geistigen Welt hinauf, an die man sich 
erinnerte, und eine Leichtigkeit, wieder hineinzublicken in die spiri- 
tuelle Welt - daneben aber ein Gefuhl, daB das, was die auBeren Sinne 
darboten, Maja oder Illusion sei. Daher entsprang auch bei diesem 
Volke der Impuls, nicht besonders auf die auBere Sinneswelt zu 
schauen, sondern alles zu tun, damit die Seele - jetzt durch kiinstliche 
Entwickelung, durch Joga - sich hinauferheben konne zu dem, was 
wahrend der alten atlantischen Zeit der Mensch unmittelbar aus der 
spirituellen Welt haben konnte. 

Weniger stark war diese Eigenart, die AuBenwelt zu unterschatzen 
und als Maja oder Illusion anzuschauen und dafur nur jene Impulse zu 
entwickeln, welche zum Spirituellen hindrangen, bei dem im Norden 
von Indien gebliebenen Volksteil ausgebildet. Das war aber ein Volks- 
gemenge, das in der tragischsten Situation war. In der ganzen Art der 
Begabung des alten indischen Volkes lag es, daB der Mensch mit einer 
gewissen Leichtigkeit eine bestimmte Jogaentwickelung durchma- 
chen konnte, durch die er wieder hinaufgelangte in die Regionen, in 



welchen er in der atlantischen Zeit gelebt hatte. Leicht war es fur ihn, 
was er als Illusion ansehen muBte, zu uberwinden. Er uberwand es in 
der Erkenntnis. Es war fur ihn ein Hochstes die Erkenntnis: Diese 
Sinnenwelt ist eine Illusion, ist Maja; aber wenn du deine Seele ent- 
wickelst, wenn du dir Miihe gibst, dann gelangst du zu der Welt, die 
hinter der Sinneswelt liegt I Also durch einen inneren Vorgang iiber- 
wand der Inder, was er als Maja oder Illusion ansah, und was er auch 
uberwinden wollte. 

Anders war es bei den nordlichen Volkern, welche in der Geschichte 
dann die Arier im engeren Sinne genannt werden : bei den Persern, Me- 
dern, Bakterern und so weiter. Da war auch stark der Sinn entwickelt 
fur auBere Anschauung, fur den aufieren Intellekt. Aber es war der 
innere Drang, der Impuls, dasselbe durch innere Entwickelung, durch 
eine Art von Joga erreichen zu wollen, was der atlantische Mensch auf 
naturgemaBe Weise hatte, nicht besonders stark vorhanden. Es war 
die lebendige Erinnerung bei den nordlichen Volkern nicht so vor- 
handen, daB sie sie umsetzten in ein Streben, die Illusion der auBeren 
Welt in der Erkenntnis zu uberwinden. Die Seelenverfassung der In- 
der war nicht bei diesen nordlichen Volkern vorhanden. Bei ihnen war 
eine Seelenverfassung vorhanden, in der ein jeder bei dem iranischen, 
persischen oder medischen Volke so etwas fuhlte, was, wenn wir es 
mit unseren heutigen Worten aussprechen wollten, sich in folgender 
Weise ausnehmen wiirde: Wenn wir als Menschen einstmals in der 
spirituellen Welt darinnen waren und Geistiges, Seelisches erlebt und 
gesehen haben, und jetzt in die physische Welt hinausversetzt sind 
und vor einer Welt stehen, die wir mit unseren Augen sehen, mit dem 
Intellekt begreifen, welcher an das Gehirn gebunden ist, dann liegt der 
Grund dazu nicht bloB im Menschen, und man kann das, was da zu 
uberwinden ist, nicht bloB im Inneren des Menschen uberwinden, es 
ist nichts Besonderes dadurch getan! - Es hatte der Iranier gesagt: 
Es muB nicht nur mit dem Menschen eine Veranderung vorgegangen 
sein, es muB sich die Natur und alles, was auf der Erde ist, verandert 
haben, wenn der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann es nicht 
geniigen, daB wir Menschen dasjenige, was um uns herum ist, lassen 
wie es ist, und einfach sagen: Es ist alles Illusion, Maja, und wir selber 



steigen hinauf in die geistige Welt! Dann andern wir zwar uns, aber 
nicht das, was sich in der ganzen umKegenden Welt geandert hat. - Da- 
her sagte er nicht: DrauBen breitet sich die Maja aus, ich selbst werde 
diese Maja uberschreiten, in mir selbst die Uberwindung der Maja 
und damit die spirituelle Welt erreichen ! - Nein, er sagte : Der Mensch 
gehort mit der iibrigen umliegenden Welt zusammen, er ist nur ein 
Glied davon. Wenn also das, was gottlich im Menschen ist, und was 
aus gottlich-geistigen Hohen heruntergestiegen ist, umgewandelt wer- 
den soli, so darf nicht bloB das zuriickverwandelt werden, was im 
Menschen ist, sondern es muB auch dasjenige zuriickverwandelt wer- 
den, was in unserer Umgebung ist. - Das gab diesen Volkern beson- 
ders den Impuls, tatkraftig einzugreifen in die Umgestaltung und Um- 
schaffung der Welt. 

Wahrend man in Indien sagte: Die Welt ist heruntergestiegen; was 
sie jetzt bietet, ist Maja -, sagte man nordlich davon: GewiB, die Welt 
ist heruntergeschritten; aber wir miissen sie so verandern, daB wieder 
ein Geistiges aus ihr wird! - Sinnen, Erkenntnis-Sinnen war der 
Grundcharakter des indischen Volkes. Mit der Welt wurde dieses Volk 
dadurch fertig, daB es die Sinneswahrnehmung Illusion oder Maja 
nannte. Tatkraft, auBere Energie, Wille zum Umarbeiten dessen, was 
in der auBeren Natur ist, das war der Grundcharakter des iranischen 
Volkes und der iibrigen nordlichen Volker. Sie sagten : Was um uns 
herum ist, das ist aus Gottlichem heruntergestiegen; aber der Mensch 
ist dazu berufen, es zum Gottlichen wieder zuruckzufuhren ! - Was im 
Grunde genommen schon im Volkscharakter lag bei den Iraniern, das 
wurde auf ein Hochstes gehoben und mit der groBten Energie durch- 
setzt bei den geistigen Fiihrem, die aus den Mysterien hervorgingen. 

Vollstandig verstehen, auch auBerlich, kann man das, was ostwarts 
und siidwarts vom Kaspisee sich abspielte, nur dann, wenn man es ver- 
gleicht mit dem, was mehr nordlich davon vorging, also in Gegenden, 
die an das heutige Sibirien, an das heutige RuBland angrenzen, sogar 
bis nach Europa hinein sich erstrecken. Da waren Menschen, welche 
sich in hohem Grade das alte Hellsehen bewahrt hatten, und bei denen 
sich in gewisser Beziehung die Waage hielten die Moglichkeit des alten 
geistigen Wahrnehmens und die des sinnlichen Anschauens, des neuen 



Verstandesdenkens. Bei ihnen war in weitesten Kreisen noch ein Hin- 
einschauen in die geistige Welt vorhanden. Wenn man den Charakter 
dieses Hineinschauens in die geistige Welt, das allerdings schon auf 
eine niedere Stufe heruntergestiegen war und bei diesen Volkerschaf- 
ten im wesentlichen - wie wir heute sagen wiirden - ein rdederes astra- 
lisches Hellsehen war, in Betracht zieht, so ergibt sich fur die Gesamt- 
entwickelung der Menschheit eine bestimmte Folge daraus. Wer mit 
dieser Art von Hellsehen begabt ist, wird ein ganz bestimmter Mensch. 
Der Mensch erhalt da eine gewisse Charakteranlage. Das zeigt sich be- 
sonders bei diesen Volkermassen, die im Volkscharakter dieses niedere 
Hellsehen hatten. Ein solcher Mensch hat im wesentlichen den Drang, 
von der Naturumgebung zu fordern, was er zu seinem Lebensunter- 
halt braucht, und moglichst wenig zu tun, um es der Natur zu entrei- 
Ben. SchlieBlich weiB er ja, so wahr wie der heutige Sinnenmensch 
weiB, daB es Pflanzen, Tiere und so weiter gibt, daB es gottlich-geistige 
Wesenheiten gibt, die in alledem darinnenstecken; denn er sieht sie. Er 
weiB auch, daB sie die machtigen Wesen sind, die hinter den physischen 
Wesenheiten stehen. Aber er kennt sie auch so genau, daB er von ihnen 
fordert, sie sollen ihm ohne viel Arbeit das Dasein fristen, in das sie 
ihn hineingestellt haben. Man konnte vieles anfiihren, was auBerlicher 
Ausdruck ist fur die Stimmung und Gesinnung dieser astralisch hell- 
sehenden Menschen. Nur eines soli jetzt dafiir angefiihrt werden. 

In dieser Zeit, die jetzt fur uns zu betrachten wichtig ist, waren alle 
diese Volkerschaften, die mit einem in der Dekadenz begriffenen Hell- 
sehen begabt waren, Nomadenvolker, die, ohne seBhaft zu sein, ohne 
feste Wohnsitze zu griinden, als Hirten herumstreiften, keinen Fleck 
besonders lieb hatten, auch das, was die Erde ihnen bot, nicht beson- 
ders pflegten, und auch gern bereit waren zu zerstoren, was um sie her- 
um war, wenn sie etwas brauchten zu ihrem Lebensunterhalt. Aber 
etwas zu leisten, um das Kulturniveau zu erhohen, um die Erde umzu- 
gestalten, dazu waren diese Volker nicht aufgelegt. 

So entstand der groBe, der wichtige Gegensatz, der vielleicht zu 
dem Allerwichtigsten der nachatlantischen Entwickelung gehort: der 
Gegensatz zwischen diesen mehr nordlichen Volkern und den irani- 
schen Volkern. Bei den Iraniern entwickelte sich die Sehnsucht, einzu- 



greifen in das Geschehen rings um sie herum, seBhaft zu werden, was 
man als Mensch und als Menschheit hat, durch Arbeit sich zu erringen, 
das heiBt also wirklich durch die menschlichen Geisteskrafte die Natur 
umzugestalten. Das war gerade in diesemWinkel der groBte Drang der 
Menschen. Und unmittelbar daran stieB nach Norden jenes Volk, das 
hineinschaute in die geistige Welt, das sozusagen auf «du und du» 
war mit den geistigen Wesenheiten, das aber nicht gern arbeitete, das 
nicht seBhaft war und gar kein Interesse daran hatte, die Kulturarbeit 
in der physischen Welt vorwarts zu bringen. 

Das ist der groBte Gegensatz vielleicht, der sich auBerlich in der 
Geschichte der nachadantischen Zeiten gebildet hat, und der rein eine 
Folge ist der verschiedenen Arten der Seelenentwickelung. Es ist der 
Gegensatz, den man in der auBeren Geschichte auch kennt: der groBe 
Gegensatz zwischen Iran und Turan. Aber man kennt nicht die Ur- 
sachen. Hier haben wir jetzt die Griinde. 

Im Norden, nach Sibirien hinein: Turan, jenes Volkergemenge, das 
in hohem Grade mit den Erbstiicken eines niederen astralischen Hell- 
sehens begabt war, das infolge dieses Lebens in der geistigen Welt 
keine Neigung und keinen Sinn hatte, eine auBere Kultur zu begriin- 
den, sondern - weil diese Menschen mehr passiver Art waren und sogar 
zu ihren Priestern vielfach niedere Magier und Zauberer hatten - sich 
namentlich da, wo es auf das Geistige ankam, mit niederer Zauberei, ja 
zum Teil sogar mit schwarzer Magie beschaftigte. Im Suden davon: 
Iran, jene Gegenden, in denen friihzeitig der Drang entstand, mit den 
primitivsten Mitteln dasjenige, was in der Sinneswelt uns gegeben ist, 
durch menschliche Geisteskraft umzugestalten, so daB auf diese Weise 
auBere Kulturen entstehen konnen. 

Das ist der groBe Gegensatz zwischen Iran und Turan. In einer 
schonen Weise wkd mythisch, legendenhaft angedeutet, wie der nach 
dieser Kulturseite vorgeschrittenste Teil der Menschen von Norden 
herunterzog bis in die Gegend, die wir als die iranische angesprochen 
haben. Und wenn uns in der Legende von Dschemshid, jenem Konige, 
der seine Volker von Norden heruntergefiihrt hat nach Iran, erzahlt 
wird: er bekam von jenem Gotte, der nach und nach anerkannt wer- 
den wird, den er Ahura Mazdao nannte, einen goldenen Dolch, mit 



dem er seine Mission auf der Erde erfullen sollte - dann miissen wir 
uns klar sein, daB mit dem goldenen Dolch des Konigs Dschemshid, 
der seine Volker herausentwickelte aus der tragen Masse der Turanier, 
dasjenige gegeben war, was das an die auBeren Menschenkrafte ge- 
bundene Weisheitsstreben ist, jenes Weisheitsstreben, welches die vor- 
her in Dekadenz gekommenen Kiafte wieder heraufentwickelt und sie 
durchdringt und durchwebt mit dem, was der Mensch auf dem phy- 
sischen Plan an Geisteskraft erringen kann. Dieser goldene Dolch hat 
als Pflug die Erde umgegraben, hat aus der Erde Ackerland gemacht, 
hat die ersten primitivsten Erfindungen der Menschheit gebracht. Er 
hat fortgewirkt und wirkt bis heute in alledem, auf das dieMenschen als 
ihreKulturerrungenschaften stolz sind.Das ist etwasBedeutsames, daB 
der Konig Dschemshid, der herunterzog aus Turan in die iranischen 
Gebiete, von Ahura Mazdao diesen goldenen Dolch erhielt, der den 
Menschen die Kraft gibt, sich die auBere sinnliche Welt zu erarbeiten. 

Dieselbe Wesenheit, von der dieser goldene Dolch stammt, ist auch 
der groBe Inspirator jenes Fiihrers der iranischen Bevolkerung, den 
wir als Zarathustra oder Zoroaster, Zerdutsch kennen. Und Zarathu- 
stra war es, der in uralten Zeiten - bald nach der atlantischen Katastro- 
phe - mit den Giitern, die er aus den heiligen Mysterien heraustragen 
konnte, jenes Volk durchdrang, das den Drang hatte, die auBere Kul- 
tur mit menschlicher Geisteskraft zu durchweben.Dazu sollte Zarathu- 
stra diesen Volkern, die nicht mehr die alte atlantischeFahigkeit hatten, 
hineinzuschauen in die geistige Welt, neue Aussichten und neue Hoff- 
nungen auf die geistige Welt geben. So eroffhete Zarathustra jenen Weg, 
den wir ofter besprochen haben, auf dem die Volker einsehen sollten, 
daB in dem auBeren Sonnenlichtleib nur gegeben ist der auBere Leib 
eines hohen geistigen Wesens, welches er, im Gegensatz zu der kleinen 
menschlichen Aura, die « GroBe Aura», Ahura Mazdao nannte. Er 
wollte damit andeuten, daB dieses zwar jetzt noch weit entfernte We- 
sen einstmals heruntersteigen wiirde auf die Erde, um innerhalb der 
Menschheitsgeschichte sich substantial mit der Erde zu vereinigen und 
im Menschheitswerden weiter zu wirken. Damit wurde fiir diese Men- 
schen von Zarathustra auf dieselbe Wesenheit hingewiesen, die spater 
in der Geschichte als der Christus lebte. 



Damit hatte Zarathustra oder Zoroaster etwas GroBes, etwas Ge- 
waltiges vollbracht. Er hatte der neuen nachatlantischen Menschheit, 
der entgotterten Menschheit, wieder den Aufstieg gebracht zu einem 
Geistigen und die Hoffnung, daB die Menschen mit den Kraften, die 
heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, dennoch zum Gei- 
stigen kommen konnen. Der alte Inder erreichte das alte Geistige wie- 
der in einer gewissen Weise durch die Jogaschulung. Ein neuer Weg 
aber sollte den Menschen eroffhet werden durch das, was Zarathustra 
brachte. 

Zarathustra hatte nun einen bedeutsamen Beschiitzer. - Ich mochte 
ausdriicklich betonen, daB ich von Zarathustra als von einem Wesen 
spreche, welches schon die Griechen in die Zeit funftausend Jahre vor 
dem Trojanischen Krieg versetzten, das also nichts zu tun hat mit dem, 
was die auBere Geschichte als Zarathustra bezeichnet, und auch nichts 
mit dem, was in der Zeit des Darius als Zarathustra erwahnt wird. - 
Der Zarathustra dieser alten Zeiten hatte einen Beschiitzer, welcher 
mit dem spater ublich gewordenen Namen Guschtasb bezeichnet wer- 
den kann. Wir haben also in Zarathustra eine machtige priesterhafte 
Natur, welche auf den groBen Sonnengeist, auf Ahura Mazdao, hin- 
weist, auf jene Wesenheit, welche der Fiihrer sein soli fur die Men- 
schen aus dem auBeren Physischen zuriick zum Geistigen. Und in 
Guschtasb haben wir die konigliche Natur dessen, der geneigt war, 
alles zu tun auf dem auBeren Gebiete, was die groBen Inspirationen 
Zarathustras in der Welt verbreiten konnte. Daher konnte es nicht 
ausbleiben, daB diese Inspirationen und diese Intentionen, welche in 
dem alten Iran durch Zarathustra, durch Guschtasb sich geltend mach- 
ten, zusammenstieBen mit dem, was unmittelbar nordlich dieses Ge- 
bietes war. Und es entwickelte sich durch diesen ZusammenstoB tat- 
sachlich einer der groBten Kriege, die es in der Welt gegeben hat, von 
dem die auBere Geschichte nicht viel berichtet, weil er in uralte Zeiten 
fallt, Es war ein gewaltiger ZusammenstoB zwischen Iran und Turan. 
Und es entwickelte sich aus diesem Kriege, der nicht Jahrzehnte, der 
Jahrhunderte dauerte, eine gewisse Stimmung, die lange Zeit im Inne- 
ren Asiens andauerte, eine Stimmung, die etwa in folgender Weise in 
Worte gefaBt werden muB. 



Der Iranier, der Zarathustra-Mensch, sagte sich etwa folgendes: 
tfberall, wo wir hinschauen, gibt es eine Welt, die zwar herabgestiegen 
ist aus dem Gottlich-Geistigen, die sich aber jetzt darstellt wie ein Ab- 
fall von der fruheren Hohe. Wir mussen voraussetzen, daB alles, was 
um uns herum ist als die Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien, frii- 
her hoher war, und daB alles dies in Dekadenz gekommen ist. Der 
Mensch aber hat die Hoffnung, es wieder hinaufzufuhren. - Nehmen 
wir zum Beispiel ein Tier. Reden wir so, daB wir das, was in dem Ge- 
fiihl eines Iraniers lebte, iibersetzen in unsere Sprache, und reden wir 
so, wie etwa ein Lehrer in der Schule zu seinen Schulern reden wiirde, 
wenn er eine ahnliche Gesinnung charakterisieren wollte. Dann konn- 
ten wir sagen : Sieh dir an, was du um dich herum hast. Das war fruher 
geistiger; jetzt ist es heruntergestiegen, ist in Dekadenz gekommen. 
Nehmen wir einmal den Wolf. Das Tier, das im Wolf ist, das du als 
sinnliches Wesen siehst, ist heruntergestiegen, ist in Dekadenz ge- 
kommen. Es zeigte vor alien Dingen fruher seine schlechten Eigen- 
schaften nicht. Du aber, wenn in dir selbst gute Eigenschaften keimen, 
wenn du deine guten Eigenschaften und geistigen Krafte zusammen 
nimmst, du kannst das Tier zahmen. Du kannst ihm einverweben deine 
eigenen Eigenschaften. Dann kannst du aus dem Wolf einen zahmen 
Hund bilden, der dir dient! Da hast du in Wolf und Hund zwei Wesen, 
die gleichsam zwei Weltenstromungen charakterisieren. - Die Men- 
schen, die ihre geistigen Krafte verwendeten, um die Umwelt zu bear- 
beiten, sie waren imstande, die Tiere zu zahmen, auf eine hohere Stufe 
zu bringen, wahrend die anderen, welche ihre Krafte nicht dazu ver- 
wendeten, die Tiere so lieBen, wie sie waren, so daB sie immer tiefer 
und tiefer sinken muBten. Das sind zwei verschiedene Krafte. Die eine 
tritt in der Stimmung hervor: Wenn ich die Natur so lasse, wie sie ist, 
dann sinkt sie immer tiefer und tiefer herunter, dann wird alles wild. 
Die andere : Aber ich kann meine geistigen Augen auf eine gute Macht 
richten, deren Bekenner ich bin, dann hilft sie mir, dann kann ich das, 
was hinunter sinken will, mit ihrer Hilfe wieder hinauffuhren. Diese 
Macht, zu der ich hinauf blicken kann, sie kann mir die Hoffhung zu 
einer Weiterentwickelung geben ! - Diese Macht identifizierte sich fur 
den Iranier mit Ahura Mazdao, und er sagte sich: Alles, was der 



Mensch tun kann, um die Krafte der Natur zu veredeln, um sie hinauf- 
zuheben, das kann geschehen, wenn der Mensch sich verbindet mit 
Ahura Mazdao, mit der Kraft des Ormuzd. Ormuzd ist eine aufwarts- 
gehende Strdmung. Wenn der Mensch aber die Natur so laBt, wie sie 
ist, dann kann man sehen, wie alles in die Wildheit hineintreibt. Das 
kommt von Ahriman ! - Und nun entwickelte sich folgende Stimmung 
im iranischen Gebiete : Im Norden von uns gehen viele Menschen her- 
um. Sie sind im Dienste von Ahriman. Das sind die Ahrimanleute, die 
nur in der Welt herumstreifen und nur nehmen, was ihnen die Natur 
bietet, die nicht Hand anlegen wollen, um die Natur zu vergeistigen. 
Wir aber wollen uns verbiinden dem Ormuzd, dem Ahura Mazdao! 

So fuhlte man in der Welt die Zweiheit, die da auftrat. So fuhlten die 
iranischen Menschen, die Zarathustra-Menschen, und was sie so fuhl- 
ten, das brachten sie auch in den Gesetzen zum Ausdruck. Sie wollten 
ihr Leben so einrichten, daB in der auBeren Gesetzgebung der Drang 
nach aufwarts zum Ausdruck kommen sollte. Das war die auBere Folge 
des Zarathustrismus. So mussen wir den Gegensatz von Iran und Tu- 
ran ansprechen. Und jenen Krieg, von dem die okkulte Geschichte so 
vieles und so Genaues berichtet, den Krieg zwischen Ardschasb und 
Guschtasb, wovon der eine der Konig derTuranier war und der andere 
der Beschiitzer des Zarathustra, diesen Krieg als Gegensatz zwi- 
schen Nord und Slid mussen wir als Stimmung sich fortsetzen sehen 
auf die beiden Gebiete Iran und Turan. Wenn wir das begreifen, wer- 
den wir flieBen sehen eine gewisse Seelenstromung von Zarathustra 
aus auf die ganze Menschheit, auf die er gewirkt hat. 

So muBte zunachst charakterisiert werden, wie das ganze Milieu, die 
ganze Umgebung war, in welche Zarathustra hineingestellt war. Denn 
wir wissen ja, daB diejenige Individualist, die in das Blut, das von 
Abraham durch dreimal vierzehn Generationen hinunterfloB, sich hin- 
eininkarnierte und die im Matthaus-Evangelium als Jesus von Naza- 
reth auftritt, die Zarathustra-Individualitat war. Sie muBten wir zu- 
nachst dort aufsuchen, wo sie uns zuerst in der nachatlantischen Zeit 
entgegentritt. Und jetzt entsteht fur uns die Frage: Wieso war gerade 
das Blut, das von Abraham in Vorderasien durch die Generationen 
hinunterrann, dasjenige, welches am besten geeignet sein konnte fur 



eine spatere Leiblichkeit des Zarathustra? Denn eine der nachfolgen- 
den Inkarnationen des Zarathustra ist der Jesus von Nazareth. 

Damit diese zweite Frage aufgeworfen werden kann, war es notwen- 
dig, zuerst die Frage nach dem Zentrum aufzuwerfen und zu beant- 
worten, nach jenem Zentrum, das sich in diesem Blute zum Ausdruck 
bringt. Wir haben in der Zarathustra-Individualitat dieses Zentrum, 
welches sich in dieses Blut des hebraischen Volkes hmeininkarniert. 
Wir werden nun morgen zu besprechen haben, warum es gerade dieses 
Blut, dieses Volkstum sein muBte, aus dem Zarathustra seine auBere 
Leiblichkeit nahm. 



ZWEITER VORTRAG 



Bern, 2. September 1910 

Es wkd notwendig sein, daB in den Anfangsvortragen dieses Zyklus 
einiges von dem wieder vorkommt, was schon bei der Beleuchtung 
des Lukas-Evangeliums gesagt worden ist. Gewisse Tatsachen im Le- 
ben des Christus Jesus sind ja nur zu verstehen, wenn man diese beiden 
Evangelien ein wenig miteinander vergleicht. 

Was in erster Linie von Bedeutung ist zum inneren Verstandnis des 
Matthaus-Evangeliums, das ist, daB jene Individualitat, von der uns 
dieses Evangelium zunachst erzahlt, in bezug auf ihre Leiblichkeit her- 
stammt von Abraham und durch die Vererbung durch dreimal vier- 
zehn Generationen hindurch sozusagen einen Extrakt des gesamten 
Volkstumes der Abrahamiten, der Hebraer, in sich tragt und daB diese 
Individualitat fur den Geisteswissenschafter dieselbe ist, welche wir 
als die des Zoroaster oder Zarathustra ansprechen. Wir haben gestern 
gleichsam die auBerliche Umgebung dargestellt, in welche jener Zoro- 
aster oder Zarathustra hineinwirkte. Es wird notwendig sein, auch 
noch einiges von den Weltanschauungen und Ideen zu erwahnen, wel- 
che die Kreise Zarathustras beherrschten. Man muB namlich sagen, 
daB auf jenem Gebiete, innerhalb des sen in uralten Zeiten Zoroaster 
oder Zarathustra gewirkt hat, eine Weltanschauung auf bliihte, die in 
ihren groBen Ziigen tief Bedeutsames enthalt. Man braucht nur einige 
Satze auszusprechen von dem, was ja immerhin als die Lehre des alte- 
sten Zarathustra angesehen werden darf , um auf tiefe Grundlagen der 
ganzen nachatlantischen Weltanschauung hinzuweisen. 

Auch schon auBerlich in der Geschichte wkd uns gesagt, daB jene 
Lehre, innerhalb welcher auch Zarathustra wirkte, ausgehe von zwei 
Prinzipien, welche wir bezeichnen als das Prinzip des Ormuzd, des gu- 
ten, lichtvollen Wesens, und als das Prinzip des Ahriman, des finsteren, 
des bosen Wesens. Aber es wird zu gleicher Zeit auch schon in der 
auBeren Darstellung dieses religiosen Systems betont, daB diese beiden 
Prinzipien - Ormuzd oder Ahura Mazdao und Ahriman - doch wieder 
zuruckgehen auf ein gemeinschaftliches Prinzip : Zeruane Akarene. 



Was ist dieses einheitliche, gleichsam Urprinzip, aus dem die bei- 
den anderen, sich in der Welt bekampfenden Prinzipien herstammen? 
Man ubersetzt Zeruane Akarene gewohnlich mit den Worten «die un- 
erschaifene Zeit». Man kann also sagen: Es fiihrt die Zarathustra- 
Lehre zuletzt zuriick auf das Urprinzip, in dem wir zu sehen haben die 
ruhige, im Weltenlaufe dahinflieBende Zeit. Dabei liegt es allerdings 
schon in jener Wortbedeutung, daB man nicht wiederum fragen kann 
nach dem Ursprunge dieser Zeit, dieses Zeitenumlaufes. - Es ist wich- 
tig, daB man sich insbesondere einmal diese Idee deutlich zumBewuBt- 
sein bringt: daB man von irgend etwas im Weltenzusammenhange 
sprechen kann, ohne innerlich berechtigt zu sein, zum Beispiel nach 
den Ursachen eines solchen ersten Prinzips wieder zu fragen. Das 
auBerliche abstrakte Denken der Menschen wird es sich ja kaum jemals 
nehmen lassen, wenn auf irgendeine Ursache hingewiesen wird, immer 
wieder und wieder zu fragen nach der Ursache dieser Ursache, und so 
gleichsam dieBegriffe in alleEwigkeit nach riickwarts herumzudrehen. 
Man muBte sich einmal, wenn man wirklich feststehen wollte auf dem 
Boden der Geisteswissenschaft, durch grundliche Meditation klarma- 
chen, daB die Frage nach dem Ursprung, nach der Ursache, irgendwo 
haltmachen muB, irgendwo auf horen muB, und daB, wenn man von 
einem gewissen Punkte aus weiter nach den Ursachen fragt, man ein 
bloBes Spiel des Denkens treibt. 

Ich habe in meiner « Geheimwissenschaft im UmriB» auf diese er- 
kenntnistheoretische Tatsache hingewiesen. Ich habe gesagt: Man 
konnte wohl fragen, wenn man auf einer StraBe Furchen sieht, woher 
die Furchen kommen. Man kann antworten: Von den Radern eines 
Wagens. Man kann weiter fragen, wo sich die Rader an demWagen be- 
finden? Man kann fragen, warum die Furchen von dem Wagen ge- 
zogen worden sind? und kann als Antwort erhalten: Weil er liber die 
StraBe gefahren ist. Man kann weiter fragen: Warum er uber die StraBe 
gefahren ist? und mag als Antwort bekommen: Weil er einen Men- 
schen liber die StraBe fahren sollte. - Man kommt aber bei diesem Fra- 
gen zuletzt zu den Entschliissen, welche jenen Menschen dazu gefuhrt 
haben, den Wagen zu benutzen. Und wenn man dann nicht dabei still- 
steht, daB der Mensch diese Absicht gehabt hat, wenn man weiter fragt 



nach den Ursachen dieser Absicht, dann verfehlt man das eigentlich 
Inhaltvolle und bleibt in einem Fragespiel stecken. 

So ist es auch bei den groBen Weltanschauungsfragen. Irgendwo 
muB haltgemacht werden. Haltgemacht werden muB nach dem, was 
den Lehren des Zarathusttismus zugrunde liegt, bei der Zeit, die im 
ruhigen Laufe dahinflieBt. Nun teilt der Zarathusttismus die Zeit seibst 
wieder in zwei Prinzipien, oder besser gesagt, er laBt aus ihr zwei Prin- 
zipien hervorgehen: ein gutes, ein Lichtprinzip, das ich Ihnen gestern 
ziemlich konkret charakterisieren konnte als das Ormuzdprinzip, und 
ein boses, ein Finsternisprinzip, das Ahrimanprinzip. Es liegt dieser 
urpersischen Auffassung wirklich ein ungeheuer tief Bedeutungsvolles 
zugrunde, namlich das, daB alles Bose, alles Uble in der Welt, alles, was 
in seinem physischen Bilde als das Dunkle, als das Finstere bezeichnet 
werden muB, nicht ursprunglich ein Boses, ein Finsteres, ein Ubles ist. 
Gerade darauf machte ich aufmerksam, daB das urpersische Denken 
zum Beispiel den Wolf, der in einer gewissen Weise etwas Wildes, et- 
was Schlimmes darstellt, etwas, woran das Ahrimanprinzip arbeitet, so 
ansieht, daB er sich herunterentwickelt hat, als er sich seibst uberlassen 
blieb und das Ahrimanprinzip in ihm wirksam sein konnte, daB also in 
diesem Sinne der Wolf ursprunglich heruntergeglitten ist von einem 
Wesen, dem wir das Gute nicht absprechen diirfen. Das liegt nach ur- 
persischer, nach urarischer Auffassung allem Werden zugrunde : daB 
Schlimmes, Ubles, Boses dadurch entsteht, daB etwas, was in einem 
friiheren Zeitpunkt in seiner damaligen Gestalt ein Gutes war, diese 
Gestalt in einen spateren Zeitraum hkiein bewahrt hat, daB dieses also, 
statt sich zu andern, statt fortzuschreiten, die Gestalt sich bewahrt hat, 
welche einem friiheren Zeitpunkt angemessen war. Alles Schlimme, 
alles Finstere und Bose leitet die urpersische Anschauung einfach da- 
von ab, daB die Gestalt eines Wesens, welche in einem friiheren Zeit- 
punkt eine gute war, in eine spatere Zeit hinein so geblieben ist, anstatt 
sich entsprechend zu verandern. Und aus dem ZusammenstoB einer 
solchen, aus einem friiheren Zeitraum hereingetragenen Wesensform 
in eine spatere Zeit mit demjenigen, was fortgeschritten ist, daraus ent- 
steht der Kampf des Guten mit dem Bosen. So ist der Streit zwischen 
Gut und Bose nach urpersischer Auffassung kein anderer als der Streit 



zwischen dem, was seine richtige Gestalt in der Gegenwart hat, und 
dem, was seine alte Gestalt in die Gegenwart hineintragt. Es ist also 
das Bose nicht ein absolutes Boses, sondern nur ein versetztes Gutes, 
etwas, das gut war in einer fruheren Zeit. So erscheint das Bose, wel- 
ches sich in die Gegenwart hineinstellt, als ein Geschehnis, das eine 
friihere Zeit hereinbewahrt in die Gegenwart. Da, wo das Fruhere und 
das Spatere noch nicht miteinander in Kampf treten, flieBt noch die un- 
geschiedene, nicht in ihre einzelnen Momente real auseinandergetre- 
tene Zeit dahin. 

Das ist eine tief bedeutsame Anschauung, die wir hier auf demGrund 
der ersten nachatlantischen Volkstiimer im Zarathustrismus finden. 
Und diese Anschauung, die wir eigentlich auch als das Grundprinzip 
des Zarathustrismus ansehen konnen, schlieCt in sich, wenn sie in der 
richtigen Art betrachtet wird, gerade dasjenige, was wir gestern von 
einer ge wis sen Seite her charakterisieren konnten, und was wir so 
stark hervortreten sehen gerade bei jenen Volkern, welche sich an- 
lehnten an die Lehren des Zarathustra. Wir sehen iiberall bei diesen 
Volkerschaften Einsicht in die Notwendigkeit, daB diese zwei, gleich- 
sam aus dem gleichformigen Strom der Zeit herausgewachsenen Mo- 
mente sich einander gegeniibertreten in der Zeit selbst und erst im 
Laufe der Zeit iiberwunden werden. Wir sehen die Notwendigkeit, 
daB das Junge entstehe und daB das Alte erhalten bleibe, und daB im 
Ausglekh des Alten mit dem Jungen das Weltenziel, insbesondere das 
Erdenziel nach und nach erreicht werde. So, wie wir sie jetzt charak- 
terisiert haben, liegt aber diese Anschauungsweise auch zugrunde aller 
Hoherentwickeiung, wie sie auftrat innerhalb dessen, was aus dem 
Zarathustrismus herstammt. Nachdem der Zarathustrismus in den ge- 
stern charakterisierten Zeiten sich seinen Ursitz in jenen Gegenden hat 
anweisenlassen, wirkte er iiberall, wo er auftrat. Und wir werden gleich 
sehen, wie unermeBlich stark er auf alle Folgezeit wirkte. Er wirkte in 
der Weise, daB er den Gegensatz des Alten und des Jungen hinein- 
traufeln lieB in alles, was er wirkte. Und er wirkte tief. 

Zarathustra konnte so tief auf alle Folgezeit wirken, weil er in der 
Zeit, wo er aufgestiegen war zu der hochsten der Initiationen, die zu 
seiner Zeit zu erreichen war, zwei Schiiler sich herangezogen hatte. 



Ich habe sie schon erwahnt. Den einen lehrte er alles, was sich bezieht 
auf die Geheimnisse des Raumes, der sich urn uns herum sinnlich aus- 
breitet, also alles, was die Geheimnisse des Gleichzeitigen sind; dann 
lehrte er den anderen Schuler alles, was die Geheimnisse der dahin- 
flieBendenZeit sind, die Geheimnisse der Evolution, derEntwickelung. 
Auch darauf habe ich schon hingewiesen, daB in einem bestimmten 
Zeitpunkt einer solchen Schulerschaft, wie sie bestand bei diesen bei- 
den groBen Schiilern gegeniiber dem Zarathustra, etwas ganz Beson- 
deres eintritt : daB der Lehrer hinopfern kann etwas von seiner eigenen 
Wesenheit fur seine Schuler. Und Zarathustra, wie er war in seiner Za- 
rathustra-Zeit, hat aus seiner eigenen Wesenheit fiir seine beiden Schu- 
ler hingeopfert seinen eigenen Astraileib und seinen eigenen Atherleib. 
Die Individualitat des Zarathustra, seine innerste Wesenheit, blieb ja 
in sich geschlossen erhalten zu immer wiederkehrenden Inkarnationen. 
Aber, was gleichsam das astralische Kleid war des Zarathustra, der astra- 
lische Leib, in dem er als Zarathustra in uralten Zeiten der nachatlan- 
tischen Entwickelung gelebt hat, dieses astralische Kleid war so voll- 
kommen, so durchdrungen von der ganzen Wesenheit des Zarathu- 
stra, daB es nicht zerstob wie andere astralische Kleider der Menschen, 
sondern in sich geschlossen blieb. Im Weltenwerden konnen solche 
durch die Tiefe der Individualitat, die sie getragen hat, in sich zusam- 
mengeschlossene menschliche Hullen erhalten bleiben. Und der astra- 
lische Leib des Zarathustra blieb erhalten. Und der eine der Schuler, 
der von Zarathustra erhalten hatte die Raumeslehre und die Geheim- 
nisse alles dessen, was gleichzeitig unseren Sinnesraum durchdringt, 
dieser Schuler wurde wiedergeboren in jener Personlichkeit, welche in 
der Geschichte genannt wird Thoth oder Hermes der Agypter. Dieser 
wiederinkarnierte Schuler des Zarathustra, der dazu ausersehen war - 
so lehrt die okkulte Forschung -, jener agyptische Hermes oder Thoth 
zu werden, er sollte nicht nur in sich alles befestigen, was er in einer 
fruheren Inkarnation von Zarathustra iiberkommen hatte, sondern er 
sollte es noch dadurch zur Festigkeit bringen, daB ihm in jener Art, 
wie es durch die heiligen Mysterien moglich ist, einverleibt wurde, ein- 
gegossen, einfiltriert wurde der erhalten gebliebene astralische Leib des 
Zarathustra selber. So wurde die Individualitat dieses Zarathustra- 



Schulers wiedergeboren als der Inaugurator der agyptischen Kultur, 
und einverleibt wurde diesem Hetmes oder Thoth der astralische Leib 
des Zarathustra selbst. Wir haben also direkt ein Glied der Zarathustra- 
Wesenheit in dem agyptischen Hermes. Und mit diesem Glied und mit 
dem, was er sich mitgebracht hatte von seiner Schulerschaft des Zara- 
thustra, wirkte Hermes alles, was wir an GroBem und Bedeutungsvol- 
lem in der agyptischen Kultur haben. 

Damit so etwas geschehen konnte, was durch diesen Missionar, durch 
diesen Sendboten Zarathustras geschah, muBte natiirlich ein Volkstum 
in entsprechender Weise vorhanden sein. Nur bei diesen Volkerschaf- 
ten, wo Menschen waren, die auf dem mehr sudlichen Wege aus den at- 
lantischen Gegenden heriibergezogen waren und sich im Osten Afrikas 
niedergelassen hatten und die sich vieles von ihrer atlantischen Art des 
Hellsehens bewahrt hatten, nur dort konnte fruchtbaren Boden finden, 
was Hermes, der Schuler Zarathustras, einpflanzen konnte. Da stieB 
zusammen das Wesen der Seele in der agyptischen Bevolkerung mit 
dem, was Hermes geben konnte, und dadurch bildete sich die agyp- 
tische Kultur aus. 

Das war nun eine ganz besondere Art von Kultur. Denken Sie nur 
einmal an alles, was als die Geheimnisse des gleichzeitig im Raume Be- 
stehenden dem Hermes als ein teures Gut von seinem Lehrer Zarathu- 
stra iibergeben worden war. Dadurch hatte Hermes in seiner Wesen- 
heit gerade das Alierwichtigste, was Zarathustra beherrschte. Wir ha- 
ben ofter darauf hingewiesen, daB es zum Charakteristischsten der Za- 
rathustra-Lehre gehorte, daB Zarathustra seine Leute hinwies nach 
dem Sonnenleib, nach dem auBeren Licht und dem auBerenphysischen 
Lichtkorper der Sonne und ihnen zeigte, wie dieser Sonnenkorper nur 
die auBere Hiille einer hohen geistigen Wesenheit ist. Also, was durch 
die Raume als Wesenheit zugrunde liegt der ganzen Natur, was gleich- 
zeitig ist, aber durch die Zeit immer f ortschreitet von Epoche zu Epoche 
und sich in einer bestimmten Epoche immer neu zeigt, dies hatte Zara- 
thustra in bezug auf seine Geheimnisse dem Hermes anvertraut. Was 
von der Sonne ausgeht und sich von der Sonne weiterentwickelt, das 
beherrschte Hermes. Das konnte er legen in die Seelen derer, die her- 
ubergekommen waren aus der atlantischen Bevolkerung, weil diese 



Seelen wie durch natiirliche Gaben selbst einst hlneingesehen hatten in 
die Sonnengeheimnisse und sich in derErinnerung etwas davonbewahrt 
hatten. Es war ja alles in fortschreitender Linie inEntwickelung. Sowohl 
die Seelen derer,welche die Hermes- Weisheit empfangen sollten, haben 
sich in fortschreitender Art entwickelt, wie auch Hermes selber. 

Anders war es bei dem zweiten Schiiler des Zarathustra. Er hatte 
diejenigen Geheimnisse empfangen, welche sich auf den Zeitlauf be- 
ziehen, und er muBte daher mitempfangen, was wie die Stauung des 
Alten und des Jungen, wie etwas Gegensatzliches, polarisch Wirken- 
des in der Evolution darinnen steht. Aber auch fur diesen Schiiler hatte 
Zarathustra einen Teil seiner eigenen Wesenheit hingeopfert, so daB 
auch dieser zweite Schiiler bei der Wiedergeburt empfangen konnte 
das Opfer des Zarathustra. Wahrend also die Individualitat des Zara- 
thustra erhalten blieb, wurden die Hiillen von ihm getrennt; sie blie- 
ben aber, weil sie von einer so machtigen Individualitat zusammenge- 
halten waren, intakt und zerstoben nicht. Dieser zweite Schiiler, wel- 
cher die Zeitenweisheit - im Gegensatz zur Raumesweisheit - erhalten 
hatte, empfing zu einer bestimmten Zeit seiner Wiederverkorperung 
den Atherleib des Zarathustra, welchen Zarathustra ebenso hingeop- 
fert hatte wie seinen astralischen Leib. Kein anderer ist dieser wieder- 
geborene Zarathustra- Schiiler als Moses. Moses erhalt einverleibt in 
ganz friiher Kindheit den erhalten gebliebenen Atherleib des Zarathu- 
stra. In einer geheimnisvollen Weise ist in den religiosen Urkunden, 
die wirklich auf Okkultismus gebaut sind, alles enthalten, was uns auf 
solche Geheimnisse, wie sie uns die okkulteForschung lehrt, hinweisen 
kann. Wenn Moses der wiederinkarnierte Schiiler des Zarathustra war 
und einverleibt erhalten sollte den erhalten gebliebenen Atherleib des 
Zarathustra, dann muBte mit ihm etwas ganz Besonderes geschehen. 
Bevor er die entsprechenden Eindriicke aus der Umgebung wie ein 
anderer Mensch erhalten sollte, bevor in seine Individualitat herabstei- 
gen konnten die Eindriicke der Aufienwelt, muBte in seine Wesenheit 
hineinfiltriert werden, was er als ein Wunder-Erbstiick von Zarathustra 
erhalten sollte. Das wird erzahlt in jener Symbolik : daB er in ein Kast- 
chen gelegt und in den FluB versenkt worden ist, was sich wie eine 
merkwurdige Initiation ausnimmt. Eine Initiation besteht ja darin, daB 



ein Mensch abgeschlossen bleibt fur eine bestimmte Zeit von der Au- 
Benwelt, und wahrend dessen dasjenige, was er erhalten soil, in sich 
hineinfiltriert erhalt. Damals also, als Moses so abgeschlossen war, 
konnte ihm in einem bestimmten Moment der auf bewahrte Atherleib 
des Zarathustra einverleibt werden. Da konnte in ihm aufbluhen jene 
wunderbare Zeitenweisheit, die ihm einst Zarathustra fruher vermittelt 
hatte, mit der er jetzt begabt wurde, und die er herausbringen konnte, 
indem er in Bildern, die wieder fur sein Volk geeignet waren, dar- 
stellte die Weisheit der Zeit hintereinander. Daher konnen uns bei Mo- 
ses die groBen Bilder der Genesis entgegentreten als auBere Imagina- 
tionen der Zeitenweisheit, die von Zarathustra herstammte. Sie wa- 
ren das wiedergeborene Wissen, die wiedergeborene Weisheit, die er 
von Zarathustra empfangen hatte. Das war nun in seinem Inneren da- 
durch befestigt, daB er die Atherhulle des Zarathustra selber empfan- 
gen hatte. 

Aber nicht nur das eine ist bei einem solchen, fur die Entwickelung 
der Menschhek so bedeutungsvollen Vorgang notwendig, daB ein 
Initiierter als Inaugurator da ist fur eine Kulturbewegung, sondern 
das andere ist auch notwendig, daB dasjenige, was eine solche groBe 
Individualist als Kulturkeim zu versenken hat, in den entsprechenden, 
das heiBt passenden Volkskeim hineinversenkt werden kann. Und 
wenn wir den Volkskeim, den Volksgrund betrachten wollen, in wel- 
chen Moses hineinversenken konnte, was ihm von Zarathustra iiber- 
tragen worden war, da ist es gut, daB wir uns mit einer gewissen Ei- 
genart der Moses-Weisheit selbst befassen. 

Moses war also in einer fniheren Inkarnation Schiller Zarathustras. 
Er hat damals die Zeitenweisheit erhalten und jenes Geheimnis, wel- 
ches wir dadurch angedeutet haben, daB in alien Zeiten ein Friiheres 
mit einem Spateren zusammenstdBt und dadurch eine Gegensatzlich- 
keit entsteht. Sollte sich Moses mit dieser Weisheit hineinstellen in die 
Menschheitsentwickelung, dann muBte er selbst sich mit der anders- 
gearteten Weisheit, als es die Hermes-Weisheit war, wie ein Gegensatz 
hineinstellen in die Entwickelung. Das geschah. Wir konnen sagen: 
Hermes hat von Zarathustra die direkte Weisheit empfangen, sozusa- 
gen die Sonnenweisheit, das heiBt das Wissen von dem, was geheim- 



nisvoll wesenhaft lebt in der auBeren physischen Hiille des Lichtes und 
des Sonnenleibes, dasjenige also, was einen direkten Weg geht. Anders 
Moses. Moses hatte diejenige Weisheit erhalten, die der Mensch mehr 
in dem dichteren Atherleib bewahrt, nicht in dem astralischen Leib. 
Er hatte diejenige Weisheit erhalten, die nicht nur hinaufschaut zur 
Sonne und fragt, was alles flieBt von dem Sonnenwesen aus, sondern 
die auch das begreift, was sich dem Sonnenlicht, der Sonnenglut ent- 
gegenstellt; was in sich verarbeitet, obwohl es sich nicht da von ver- 
schlechtern laBt, dasjenige, was erdenhaft, was dicht geworden ist, 
was sich aus der Erde heraushebt als das Altgewordene, als das Ver- 
festigte : Erdenweisheit also, die in der Sonnenweisheit zwar lebt, die 
aber doch Erdenweisheit ist. Die Geheimnisse vom Erdenwerden, von 
der Art und Weise, wie sich der Mensch auf der Erde entwickelt und 
die Erdensubstantialitat evolviert hat, als sich die Sonne von der Erde 
getrennt hat, das hatte Moses erhalten. Das macht es aber gerade aus, 
wenn wir jetzt die Sache nicht auBerlich, sondern innerlich betrach- 
ten, warum uns in den Hermes-Lehren etwas wie der krasse Gegensatz 
zu der Moses- Weisheit entgegentritt. 

Es gibt nun allerdings gewisse Anschauungen in der Gegenwart, die 
bei der Betrachtung solcher Dinge nach dem Prinzip vorgehen : In der 
Nacht sind alle Kiihe graul Die sehen dann uberall nur das gleiche und 
sind sehr entzuckt, wenn sie zum Beispiel im Hermestum das gleiche 
wie im Mosestum finden : hier einmal eine Dreiheit, da eine Dreiheit, 
dort eine Vierheit und hier eine Vierheit. Damit ist aber nicht viel ge- 
tan. Denn das ware ungefahr ebenso, wie wenn jemand einen anderen 
zum Botaniker erziehen wollte und ihn nicht die Unterschiede lehrte, 
wodurch sich zum Beispiel die Rose von der Nelke unterscheidet, son- 
dern nur auf dasjenige hinweisen wiirde, was bei beiden gleich ist. Da- 
mit kommen wir nicht durch. Wir miissen wissen, wodurch sich die 
Wesenheiten unterscheiden und auch die Weisheiten. Und so miissen 
wir auch wissen, daB die Moses-Weisheit eine ganz andere war als die 
Hermes-Weisheit. Beide gingen zwar von Zarathustra aus; aber wie 
gerade sich auch die Einheit trennt und in verschiedener Weise mani- 
festiert, so gab auch Zarathustra zweien seiner Schuler so verschieden- 
artige Offenbarungen. 



Wenn wir die Hermes- Weisheit auf uns wirken las sen, finden wir 
alles, was uns die Welt lichtvoll macht, was uns zeigt, wie der Welten- 
ursprung ist und wie das Licht hineinwirkt. Aber wir finden in der 
Hermes-Weisheit nicht die BegrifFe, die uns zugleich zeigen, wie in al- 
lem Werden ein Fruheres in ein Spateres hineinwirkt, wie dadurch die 
Vergangenheit mit der Gegenwart in Streit kommt und wie Finsternis 
sich dem Licht entgegenstellt. Erdenweisheit, die uns begreiflich 
macht, wie sich die Erde nach der Trennung von der Sonne entwickelt 
hat mit dem Menschen, das ist im Grunde genommcn in der Hermes- 
Weisheit gar nicht enthalten. Das aber sollte insbesondere die Mission 
der Moses- Weisheit sein : die Erde nach ihrer Trennung von der Sonne 
in ihrem Werden dem Menschen begreiflich zu machen. Erdenweis- 
heit ist das, was Moses zu bringen hatte, Sonnenweisheit, was Hermes 
zu bringen hatte. In Moses also, indem er sich erinnert an alles, was er 
von Zarathustra erhalten hat, leuchtet auf das Erdenwerden, die Er- 
denevolution des Menschen. Er geht gleichsam vom Irdischen aus. 
Aber dieses Irdische ist ja von der Sonne getrennt, es enthalt in einer 
gewissen Weise abschattiert das Sonnenhafte. Das Irdische kommt ihm 
entgegen und begegnet sich mit dem Sonnenhaften. Daher muBte sich 
die Erdenweisheit des Moses mit der Sonnenweisheit des Hermes in 
der Tat auch im konkreten Dasein begegnen. Diese beiden Richtungen 
muBten aufeinanderstoBen. Das wird uns in seiner Tatsachlichkeit 
ganz wunderbar in dem ZusammenstoB des Moses und seiner Initiation 
mit der Hermes-Weisheit auch auBerlich dargestellt. In dem Geboren- 
werden in Agypten, in dem Hingezogensein seines Volkes nach Agyp- 
ten, in dem ZusammenstoBen des Moses-Volkes mit dem agyptischen 
Hermes-Volk liegt der auBerliche Abglanz des ZusammenstoBes von 
Sonnenweisheit mit Erdenweisheit, wie sie beide von Zarathustra her- 
stammen, wie sie sich aber beide in ganz verschiedenen Evolutions- 
stromen iiber die Erde ergieBen, wie sie zusammenwirken miissen 
und zusammenfallen. 

Nun driickt sich eine gewisse Weisheit, die im Zusammenhang steht 
mit den Methoden der Mysterien, immer in einer ganz besonderen Art 
aus iiber die tiefsten Geheimnisse des menschlichen und auch des son- 
stigen Geschehens. Ich habe schon in Munchen bei den Vortragen 



iiber die «Geheimnisse der biblischen Schopfungsgeschichte » darauf 
hingewiesen, wie es gegeniiber diesen groBen Wahrheiten, welche 
nicht nur den Menschen in seinen tiefsten Geheimnissen, sondern auch 
die Weltentatsachen iiberhaupt umfassen, wie es in bezug auf diese 
Geheimnisse auBerordentlich schwierig ist, in irgendeiner gangbaren, 
auBeren Sprache solche Dinge auszudriicken. Unsere Worte sind wirk- 
lich fur uns oft Fesseln, denn sie haben ihren pragnanten Sinn, der 
ihnen seit langen Zeiten zubereitet ist. Und wenn wir mit den groBen 
Weistiimern, die sich uns in unserer Seele enthiillen, an die Sprache 
herantreten und in Worte gieBen wollen, was sich uns innerlich ent- 
hiillt, dann entsteht ein Kampf gegen dieses so schwache Instrument 
der Sprache, das wirklich in gewisser Beziehung ungeheuer unzulang- 
lich ist. 

Die groBte Trivialitat, welche wohl im Laufe des 19. Jahrhunderts 
und der neueren Kultur iiberhaupt gesagt worden ist, die aber unzah- 
lige Male wiederholt wurde im Zeitalter des Loschpapiers, das ist die : 
daB eine jede wirkliche Wahrheit in einfacher Weise sich ausdriicken 
lassen miisse, und daB die Sprache mit ihren Ausdrucksformen ge- 
radezu ein MaBstab dafxir ware, ob jemand irgendeine Wahrheit besaBe 
oder nicht. Aber dieser Satz ist nur ein Ausdruck dafiir, daB diejenigen, 
die ihn aussprechen, nicht im Besitze der eigentlichen Wahrheit sind, 
sondern nur im Besitze derjenigen Wahrheiten, die ihnen durch die 
Sprache im Laufe der Jahrhunderte ubermittelt sind, und die sie nur 
ein wenig anders gestalten. Fiir solche Leute reicht die Sprache dann 
aus, und sie fiihlen nicht den Kampf, den man manchmal mit der 
Sprache fiihren muB. Dieser Kampf tritt uns aber da, wo etwas GroBes 
und Gewaltiges zu sagen ist, nur allzu stark vor die Seele. 

Ich habe schon in Miinchen darauf hingewiesen, wie in dem Rosen- 
kreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» das Ende der ersten 
Szene im «Meditationszimmer» einen harten Kampf mit der Sprache 
abgegeben hat. Was darin von dem Hierophanten zum Schuler gesagt 
werden sollte, das ist etwas, was nur zum allergeringsten MaBe in das 
schwache Instrument der Sprache hineingegossen werden konnte. 

Nun wurden aber in den heiligen Mysterien gerade die tiefsten Ge- 
heimnisse zum Ausdruck gebracht. Daher empfand man in den Myste- 



rien zu alien Zeiten, ein wie schwaches Instrument die Sprache 1st, und 
wie ungeeignet sie ist, Bilder herzugeben fiir das, was man eigentKch 
sagen will. Daher der Drang aller Zeiten in den Mysterien nach Aus- 
drucksmitteln fiir dasjenige, was die Seele innerlich erlebte. Und als 
die schwachsten erwiesen sich jene Ausdrucksmittel, welche derMensch 
fiir den auBeren Gebrauch, fiir den auBeren Umgang jahrhundertelang 
bewahrt. Dagegen erwiesen sich als geeignet die Bilder, die sich erga- 
ben, wenn man den Blick hinausrichtete in die Raumesweiten : die Ster- 
nenbilder, das Aufgehen eines bestimmten Sternes in einem gewissen 
Zeitpunkt, die Bedeckung eines Sternes durch einen anderen in einem 
bestimmten Zeitpunkt. Kurz, die Bilder, die sich auf diese Weise er- 
gaben, konnte man gut brauchen, um das auszudriicken, was in einer 
bestimmten Weise sich in der Menschenseele vollzieht. Ich will das 
kurz charakterisieren. 

Nehmen wir an, in einem bestimmten Zeitpunkt sollte ein groBes 
Ereignis dadurch geschehen, daB eine Menschenseele in diesem Zeit- 
punkt reif wurde, etwas GroBes zu erleben und dies den Volkern zu 
iiberbringen, oder man wollte ausdriicken, daB das betreffende Volk 
selbst oder ein ganzer Teil der Menschheit einen besonderen Reife- 
zustand erlangt hatte und in der Evolution zu einer bestimmten Stufe 
hinaufgestiegen war, und zeigen, wie sich hineinstellte in dieses Volk 
eine Individualitat, vielleicht von einer ganz anderen Seite her. Da nel 
also zusammen der Hohepunkt der Entwickelung dieser Individuali- 
tat mit dem Hohepunkt der Entwickelung der Volksseele, und dieses 
Zusammenfallen wollte man ausdriicken in seiner Einzigartigkeit. 
Alles, was man in solchem Falle mit der Sprache sagen konnte, wirkte 
nicht groBartig genug, um die Bedeutung eines solchen Ereignisses in 
unser Gefiihl hineinzugieBen. Daher driickte man es in dieser Weise 
aus : Das Zusammenfallen der hochsten Starke einer einzelnen Indivi- 
dualitat mit der hochsten Starke einer einzelnen Volksseele ist so, wie 
wenn die Sonne steht im Sternbild des Lowen und uns von dort ihr 
Licht zustrahlt. Da wurde das Bild des Lowen genommen, um in ei- 
nem bildhaften Ausdruck darzustellen, was angedeutet werden sollte 
in seiner Starke in der Menschheitsevolution. Was sich so auBerlich 
darbot im Weltenraum, das wurde zum Ausdrucksmittel fiir dasjenige, 



was in der Menschheit vor sich geht. Von dorther riihrten die Aus- 
dnicke, die gebraucht wurden in der Menschheitsgeschichte und die 
hergenommen sind von dem Lauf der Gestirne. Das waren Ausdrucks- 
mittel fur die geistigen Tatsachen in der Menschheit. 

Wenn von so etwas gesprochen wird, daB zum Beispiel die Sonne 
im Zeichen des Lowen steht, und daB durch ein Himmelsereignis, wie 
das Sich-Decken der Sonne mit einem bestimmten Sterhbild, symbo- 
lisch ausgedriickt wird ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung, 
dann kann es wohl sein, daB die Triviallinge so etwas umkehren und 
meinen, daB alle auf die Menschheitsgeschichte sich beziehenden Er- 
eignis se fruiter mythisch gehullt worden waren in Vorgange, die von 
den Sternen hergenommen sind, wahrend man in Wahrheit dasjenige, 
was in der Menschheit vor sich ging, dadurch ausdriickte, daB man die 
Bilder hernahm von der Konstellation der Gestirne. In Wahrheit ist 
das Richtige immer umgekehrt von dem, was die Triviallinge lieben. 

Dieser Zusammenhang mit dem Kosmos ist etwas, was uns mit ei- 
ner gewissen Ehrfurcht erfullen sollte gegeniiber allem, was uns gesagt 
wird iiber die groBen Ereignisse der Menschheitsevolution, und was 
ausgedriickt wird in den Bildern, die hergenommen sind von dem 
kosmischenDasein. Aber es besteht doch ein geheimer Zusammenhang 
zwischen dem ganzen kosmischen Dasein und demjenigen, was sich 
im Menschendasein vollzieht. Es ist das, was auf der Erde sich voll- 
zieht, ein Spiegelbild dessen, was im Kosmos geschieht. 

So ist auch das Entgegenschreiten der Sonnenweisheit des Hermes 
und der Erdenweisheit des Moses, wie es in Agypten zum Ausdruck 
kommt, in gewisser Beziehung ein Abbild, ein Spiegelbild von Wir- 
kungsweisen im Kosmos drauBen. Denken Sie sich gewisse Wirkun- 
gen von der Sonne ausstrahlend zur Erde und andere Wirkungen von 
der Erde zuruckstrahlend in den Weltenraum, so wird es nicht einerlei 
sein, wo sich diese beiden Wirkungen im Raum begegnen; sondern je 
nachdem sie sich naher oder ferner begegnen, wird auch die Wirkung 
des ZusammentrefFens der ausgesendeten und zuriickgesendeten Strah- 
len eine verschiedene sein. Nun stellte man das ZusammenstoBen der 
Hermes-Weisheit mit der Moses-Weisheit im alten Agypten in den 
Mysterien in der Weise dar, daB es sich vergleichen lieB mit etwas, was 



im Grunde genommen im Kosmos auch schon dagewesen ist nach un- 
serer geisteswissenschaftlichenKosmologie. Wir wissen, daBurspriing- 
Hch eine Trennung von Sonne und Erde stattgefunden hat, daB dann 
die Erde noch eine Zeitlang mit dem Monde verbunden war, und daB 
dann ein Teil von der Erde sich hinausbewegte in den Raum und sie 
als unser heutiger Mond wieder verlassen hat. Da hat also die Erde 
einen Teil von sich als Mond wieder zuriickgeschickt in den Welten- 
raum, der Sonne zu. Wie ein solches «Herausstrahlen» der Erde ge- 
gen die Sonne zu, war auch der eigentiimliche Vorgang, als sich dieEr- 
denweisheit des Moses im Agyptertum begegnete mit der Sonnen- 
weisheit des Hermes. 

Es war die Moses- Weisheit in ihrem weiteren Verlaufe etwas, von 
dem man sagen kann, sie entwickelte sich als die Wissenschaft der 
Erde und des Menschen - eben als Erdenweisheit - nach der Trennung 
von der Sonnenweisheit weiter, aber in der Weise, daB sie der Sonne 
entgegenwuchs und aufnahm, was von der Sonne als direkte Weisheit 
kam und mit dem sie sich jetzt durchdrang. Aber nur bis zu einem ge- 
wissen Grade sollte sie sich mit der direkten Sonnenweisheit durch- 
dringen; dann sollte sie allein weiterschreiten und sich selbstandig ent- 
wickeln. Daher bleibt die Moses-Weisheit nur so lange in Agypten, 
bis sie genugsam aufnehmen konnte, was sie brauchte; dann erfolgte 
der «Auszug der Moseskinder aus Agypten », damit dasjenige, was als 
Sonnenweisheit von der Erdenweisheit aufgenommen worden ist, ver- 
daut und jetzt selbstandig weitergebracht wird. 

Wir haben also innerhalb der Moses-Weisheit zwei Glieder zu un- 
terscheiden: ein Glied, wo sich die Moses-Weisheit im SchoBe der 
Hermes- Weisheit entwickelt, gleichsam von alien Seiten von ihr um- 
geben ist und immerfort die Hermes- Weisheit aufnimmt; dann trennt 
sie sich von ihr und entwickelt sich abgesondert von ihr nach dem Aus- 
zug aus Agypten, entwickelt in ihrem eigenen SchoB die Hermes- 
Weisheit weiter und erreicht bei dieser Weiterentwickelung drei Etap- 
pen. Wohin soil sich die Moses-Weisheit entwickeln? Was ist ihre Auf- 
gabe? - Ihre Aufgabe soli sein, daB sie den Weg wieder zuruckfindet 
zur Sonne. Sie ist Erdenweisheit geworden. Moses wird geboren mit 
dem, was ihm Zarathustra gegeben hat als Erdenweiser. Er soil den 



Weg wieder zuriickflnden. Und er sucht ihn zuriick auf seinen ver- 
schiedenen Etappen, indem er sich impragniert in der ersten Etappe 
mit der Hermes-Weisheit; dann entwickelt er sich weiter. Was er auf 
diesem Wege durchmacht, laBt sich wieder am besten darstellen in Bil- 
dern kosmischer Vorgange. Wenn das, was auf der Erde geschieht, 
wieder zuriickstrahlt in den Raum, dann begegnet es auf dem Wege 
zur Sonne zuerst dem Merkur. Wir wissen ja, daB dasjenige, was in der 
gewohnlichen Astronomie Venus ist, nach der okkulten Terminologie 
Merkur genannt wird, und ebenso ist das, was gewohnlich Merkur 
genannt wird, im okkulten Sinne Venus. Man trim: also, wenn man 
von der Erde ausgeht der Sonne zu, zunachst das Merkurartige, dann 
auf dem weiteren Wege das Venusartige und dann das Sonnenhafte. 
Daher sollte Moses in inneren Seelenvorgangen das von Zarathustra 
Ererbte so entwickeln, daB es beim Riickzug wieder das Sonnenhafte 
finden konnte. Es muBte sich also bis zu einem bestimmten Grade her- 
anentwickeln. Was er als Weisheit gepflanzt hat in die weltliche Kultur, 
das muBte sich so entwickeln, wie es seinem Volke gegeben war. Da- 
her war sein Weg so, daB er dasjenige, was Hermes direkt brachte, wie 
in Radienstrahlen von der Sonne, auf dem Riickweg neu entwickelte, 
umgekehrt, nachdem er zunachst etwas von der Hermes- Weisheit auf- 
genommen hatte. 

Nun wird uns gesagt, daB Hermes, der spater Merkur, Thoth, ge- 
nannt wurde, seinem Volke Kunst und Wissenschaft gebracht hat, 
auBeres Weltwissen, auBere weltliche Kunst, in der Art, wie es sein 
Volk brauchen konnte. In anderer Art, gleichsam entgegengesetzt, 
sollte bis zu diesem Hermes-Merkur-Standpunkt Moses selber weiter- 
dringen, die Hermes-Weisheit riicklaufig selber ausbilden. Das ist dar- 
gestellt in dem Fortgang des hebraischen Volkes bis zu dem Punkte 
des Zeitalters und der Regierung des David, der uns entgegentritt als 
der konigliche Psalmensanger, als gottlicher Prophet, der als Gottes- 
mann wirkte wie als Schwerttrager und auch als Trager des Musik- 
instrumentes. David, der Hermes, der Merkurius des hebraischen Vol- 
kes, so wird er uns geschildert. So weit hat es jetzt jener Strom des 
hebraischen Volkstumes gebracht, daB er ein selbstandiges Hermes- 
tum oder Merkurtum hervorbrachte. Die aufgenommene Hermes- 



Weisheit war also im davidischen Zeitalter bis in die Region des Mer- 
kur gelangt. 

Weiterschreiten sollte die Weisheit des Moses auf der riicklaufigen 
Bahn bis zu dem Punkte, wo die Venusregion ist, wenn man so sagen 
darf. Die Venusregion kam fur den Hebraismus in jener Zeit, als 
die Moses-Weisheit, das heiBt das, was durch Jahrhunderte als diese 
Moses-Weisheit heruntergestromt war, sich verbinden muBte mit ei- 
nem ganz anderen Element, mit einer Weisheitsrichtung, die gleich- 
sam von der anderen Seite hergestrahlt war. So wie das, was von der 
Erde zuriickstrahlt in den Raum, auf dem Weg zur Sonne in einem 
Punkt die Venus triift, so traf die Moses-Weisheit zusammen mit dem, 
was auf der anderen Seite von Asien herubergestrahlt war, in der ba- 
bylonischen Gefangenschaft. Was sich wie in abgeschwachter Form 
kundgab in den Mysterien Babylons und Chaldaas, mit dem traf die 
Weisheit des hebraischen Volkes in ihrer besonderen Entwickelung 
zusammen in der babylonischen Gefangenschaft. Wie wenn ein Wan- 
derer, der ausgegangen ware von der Erde und gewuBt hatte, was auf 
der Erde ist, die Region des Merkur durchdrungen hatte und gekom- 
men ware in die Region der Venus, um auf der Venus das auf sie fal- 
lende Sonnenlicht zu empfangen, so empfing die Moses-Weisheit das- 
jenige, was direkt ausgegangen war aus den Heiligtumern des Zara- 
thustrismus und sich in abgeschwachter Gestalt fortgepflanzt hatte in 
den Mysterien und Weistumern der Chaldaer und Babylonier. Das 
empfing die Moses-Weisheit jetzt wahrend der babylonischen Gefan- 
genschaft. Da verband sich die Moses-Weisheit mit dem, was bis in 
die Gebiete des Euphrat und Tigris hinubergedrungen war. 

Da geschah abermals ein anderes. In der Tat war Moses zusammen- 
getrofFen mit dem, was einst von der Sonne ausgegangen war. Moses, 
nicht er selbst, aber das, was er seinem Volke mit seiner Weisheit hin- 
terlassen hatte, floB zusammen in den Statten, welche die Weisheit der 
Hebraer betreten muBte wahrend der babylonischen Gefangenschaft, 
es floJB zusammen direkt mit dem Sonnenhaften dieser Weisheit. Denn 
dort lehrte wahrend dieser Zeit in den Mysterienstatten am Euphrat 
und Tigris, mit denen damals die hebraischen Weisen bekannt wurden, 
der wiederinkarnierte Zarathustra. Ungefahr zur Zeit der babyloni- 



schen Gefangenschaft war Zarathustra selber inkarniert, und dort 
lehrte er, der einen Teil seiner Weisheit abgegeben hatte, um einen Teil 
davon wiederzubekommen. Er selber inkamierte sich ja immer wieder, 
und wurde so, in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos, der 
Lehrer der in die babylonische Gefangenschaft hinabgefuhrten Juden, 
die mit den Heiligtiimern dieser Gegenden bekannt wurden. 

So kam die Moses-Weisheit in ihrem FortflieBen, in ihrem Fortstro- 
men zusammen mit dem, was Zarathustra selbst hat werden konnen, 
nachdem er von den weiter abgelegenen Mysterienstatten hingezogen 
war in die Statten Vorderasiens. Denn dort wurde er der Lehrer der 
initiierten Schuler Chaldaas, sowohl einzelner eingeweihter Lehrer als 
auch der Lehrer derjenigen, die jetzt empfingen die Befruchtung ihrer 
Moses-Weisheit mit jenem Strome, der ihnen dadurch entgegenkom- 
men konnte, daB sie das, was Zarathustra einst ihrem Ahnherrn, dem 
Moses, gelehrt hatte, jetzt wiederempfangen konnten von Zarathustra 
selbst in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos. Diese 
Schicksale hatte die Moses-Weisheit durchgemacht. Sie hatte in der 
Tat ihren Ursprung bei Zarathustra; sie war versetzt worden in ein 
fremdes Gebiet. Es war, wie wenn ein Sonnenwesen mit verbundenen 
Augen herabgetragen wurde auf die Erde und nun im Ruckmarsch 
alles wieder suchen muBte, was es verloren hatte. 

So war Moses der Schuler Zarathustras. Er fand sich in seinem Da- 
sein in der agyptischen Kultur so, daB alles, was ihm Zarathustra einst 
gegeben hatte, aufgeleuchtet war in seinem Inneren. Aber es war so, 
wie wenn er nicht gewuBt hatte, woher es ihm, abgesondert auf dem 
Erdeninselfelde aufleuchtete. Und entgegen ging er demjenigen, was 
einstmals Sonne war. Entgegen ging er innerhalb Agyptens der Her- 
mes-Weisheit, die auf direkte Weise brachte, was Zarathustra- Weis- 
heit war, nicht auf dem reflektierten Wege wie Moses. Und nachdem 
er geniigend davon aufgenommen hatte, entwickelte sich der Strom 
der Moses-Weisheit in direkter Weise weiter. Und indem er im davidi- 
schen Zeitalter ein direktes Hermestum, eine eigene Wissenschaft und 
Kunst begriindete, ging er der Sonne entgegen, von der er ausge- 
gangen war in einer Gestalt, in der er sich zuerst verhiillt zeigen 
muBte. 



In den altbabylonischen Lehrstatten, wo er auch der Lehrer des Py- 
thagoras war, da konnte Zarathustra nur so lehren, wie es iiberhaupt 
moglich ist zu lehren in einem bestimmten Korper, da man angewie- 
sen ist auf die Werkzeuge dieses betreffenden Korpers. Sollte Zarathu- 
stra die voile Sonnenhaftigkeit, die er einstmals zum Ausdruck ge- 
brachthatte und iibertragen hatte an Hermes und Moses, in einer neuen 
Gestalt zum Ausdrucke bringen, welche dem Fortschritte der Zeit an- 
gemessen war, dann muBte er eine korperliche Hiille haben, die ein 
wiirdiges Instrument war, die dem fortgeschrittenen Zeitalter ange- 
messen war. Nur in einer Gestalt, die bedingt war durch einen Korper, 
wie er im alten Babylon hervorgebracht war, konnte Zarathustra alles 
dasjenige wieder hervorbringen, was er iibertragen konnte auf Pytha- 
goras, auf die hebraischen Gelehrten und auf die chaldaischen und 
babylonischen Weisen, die damals im 6. vorchristlichen Jahrhundert 
imstande waren, ihn zu horen. Es war mit dem, was Zarathustra 
lehren konnte, wirklich so, wie wenn das Sonnenlicht erst aufgefangen 
wurde von der Venus und nicht direkt auf die Erde kommen konnte; 
es war, wie wenn die Zarathustra-Weisheit nicht in ureigener Gestalt, 
sondern erst in abgeschwachter Gestalt sich zeigen konnte. Denn damit 
die Zarathustra-Weisheit in ureigener Gestalt wirksam sein konnte, da- 
zu muBte sich Zarathustra erst umgeben mit einem geeigneten Korper. 
Dieser geeignete Korper konnte nur zustande kommen auf eine ganz 
eigene Weise, die man etwa in folgender Art charakterisieren konnte. 

Wir haben gestem gesagt, daB es drei verschiedene Volksseelen- 
arten in Asien gab : die indische im Siiden, die iranische und die nord- 
asiatisch-turanische. Wir haben darauf hingewiesen, daB diese drei 
Seelenarten dadurch entstanden sind, daB der nordliche Strom der at- 
lantischen Bevolkerung nach Asien sich hiniiberbewegt hat und dort 
ausgestrahlt ist. Ein anderer Strom ging aber durch Afrika hindurch 
und sandte seine letzten Auslaufer bis in das turanische Element hin- 
iiber. Und wo der nordliche Strom, der von der Atlantis nach Asien 
zog, und die andere Stromung, die sich von der Atlantis durch Afrika 
ausbreitete, zusammenstieBen, da entstand eine eigentumliche Mi- 
schung, da bildete sich ein Volkstum heraus, aus dem das spatere 
Hebraertum entstanden ist. Mit diesem Volkstum geschah etwas ganz 



Besonderes. Alles das, wovon wir gesagt haben, daB es wie ein astra- 
lisch-atherisches Hellsehen in der Dekadenz zunickgeblieben war bei 
gewissen Volkerschaften und in dieser Gestalt ein Schlimmes gewor- 
den war, indem es als auBerliches Hellsehen wie in einer letzten Phase 
auftrat, das alles schlug sich innerhalb derjenigen Leute, die zum he- 
braischen Volke wurden, nach innen. Es nahm eine ganz andere Rich- 
tung an. Statt daB es in auBerer Wirkung als die Reste des alten adan- 
tischen Hellsehens sich in einem niederen astralischen Hellsehen zeigte, 
trat es bei diesem Volke so auf, daB es im Inneren des Leibes organisie- 
rend wirkte. Was auBerlich etwas Dekadentes war, was deshalb, weil 
es konservativ geblieben war, ein dekadentes Element des Hellsehens, 
etwas mit ahrimanischem Element Durchzogenes geworden war, das 
war in richtiger Weise fortgeschritten, indem es eine im Inneren des 
Menschen wirksame Kraft geworden war, die im Inneren des Men- 
schen organisierte. Es lebte sich beim hebraischen Volke nicht aus in 
einem zuriickgebliebenen Hellsehertum, sondern es organisierte die 
Leiblichkeit um und machte sie dadurch in bewuBter Weise vollkom- 
mener. Alles, was im Turaniertum dekadent war, das wirkte fort- 
scharTend und umgestaltend beim hebraischen Volke. 

Deshalb diirfen wir sagen : In der Leiblichkeit des hebraischen Vol- 
kes, die sich durch die Vererbung in der Blutsverwandtschaft fortge- 
pflanzt hatte von Generation zu Generation, wirkte alles, was als au- 
Bere Anschauung seine Zeit erfiillt hatte, was nicht mehr auBere An- 
schauung sein sollte, was auf einen anderen Schauplatz treten sollte, 
um in seinem rechten Element zu sein. Was den Atlantiern die Kraft 
gegeben hatte, geistig hineinzuschauen in den Raum und in geistige 
Gebiete, was verwildert war bei den Turaniern als hellseherischer Rest, 
das alles wirkte bei diesem kleinen hebraischen Volke so, daB es nach 
innen schlug. Alles, was beim Atlantiertum gottlich-geistig war, wirkte 
beim hebraischen Volke im Inneren, bildete Organe, wirkte leibge- 
staltend und konnte daher auf blitzen innerhalb des Blutes des hebra- 
ischen Volkes als das gottliche BewuBtsein im Inneren. Es war beim 
hebraischen Volke so, wie wenn alles, was der Atlantier gesehen hat, 
wenn er den hellseherischen Blick in alle Richtungen des Raumes 
schickte, wie wenn das aufgetreten ware, ganz nach innen geschlagen, 



im Innersten als OrganbewuBtsein des hebraischen Volkes, als das 
Jahve- oder Jehova-BewuBtsein, als das GottesbewuBtsein im Inneren. 
Mit seinem Blute vereinigt fand dieses Volk den Gott, der ausgebreitet 
war im Raum, fand sich durchdrungen, impragniert mit dem Gott, 
der im Raum ausgebreitet war, und es wuBte, daB dieser Gott in sei- 
nem Inneren, in der Pulsation seines Blutes lebt. 

Indem wir also auf der einen Seite Iraniertum und Turaniertum ent- 
gegengestellt sehen, wie wir es gestern charakterisiert haben, und in- 
dem wir nun Turaniertum und Hebraertum einander gegeniiberstellen, 
sehen wir dasjenige, was bei den Turaniern dekadent ist, in seinem 
Fortschritt und in seinem Elemente, wie es spater sein muBte, im Blut 
des hebraischen Volkes pulsieren. So, daB es innerlich gefuhlt wird, 
lebt alles das auf, was der Atlantier gesehen hat. Und in einem einzi- 
gen Worte schlieBt es sich zusammen, in dem Worte Jahve oder Je- 
hova. Wie in einem einzigen Punkt, wie in ein einziges Zentrum des 
GottesbewuBtseins zusammengedrangt, lebt durch die Generationen 
Abrahams, Isaaks, Jakobs und so weiter heruntergehend, im Blute der 
Generationen, unsichtbar, aber innerlich gefuhlt, der Gott, der hinter 
alien Wesen sich gezeigt hat fur das atlantische Hellsehen, der jetzt der 
Gott im Blute Abrahams, Isaaks und Jakobs war und diese Generatio- 
nen fiihrte von Schicksal zu Schicksal. Es war auf diese Weise das 
AuBere innerlich geworden; es wurde erlebt, nicht mehr geschaut, und 
es wurde nicht mehr mit einzelnen verschiedenen Namen bezeichnet, 
sondern mit einem Einzelnamen, mit dem: «Ich bin der Ich-bin!» Es 
hatte eine ganz andere Gestalt angenommen. Wahrend es der Mensch 
in der atlantischen Zeit uberall fand, wo er nicht war - drauBen in der 
Welt fand es der Mensch jetzt da, wo er sein Zentrum hatte, in sei- 
nem Ich, und fuhlte es in dem Blute, das durch die Generationen rinnt. 
Es ist der groBe Gott der Welt jetzt geworden jener Gott des hebra- 
ischen Volkes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der im Blute 
durch die Generationen rinnt. 

So wird jenes Volkstum begrundet, das wir in seiner eigentum- 
lichen inneren Mission fur die Menschheitsevolution morgen betrach- 
ten werden. Wir haben heute nur andeuten konnen den allerersten 
Punkt der Blutsbeschaffenheit dieses Volkes, wo zusammengedrangt 



ist im Inneren alles, was einst der Mensch in der atlantischen Zeit von 
auBen hat auf skh eindringen lassen. Wir werden sehen, welche Ge- 
heimnisse sich in dem vollziehen, was damit nur angeschlagen ist, und 
wir werden die eigentumliche Natur jenes Volkes kennenlernen, aus 
welchem Zarathustra seinen Korper nehmen konnte zu dem Wesen, 
das wir als den Jesus von Nazareth bezeichnen. 



DRITTER VORTRAG 



Bern, 3. September 1910 



Bevor wir heute zu unserem Thema ubergehen, mochte ich eine kleine 
Erganzung geben zu dem gestern Gesagten. Ich machte darauf auf- 
merksam, wie in den Vorgangen der Menschheitsentwickelung, na- 
mentlich in den groBen bedeutungsvollen Vorgangen unseres Daseins, 
etwas zu sehen ist, was sich charakteristisch ausdriicken laBt durch eine 
Sprache, die hergenommen ist von den Vorgangen im Kosmos. Ich er- 
wahnte, wie unmoglich es ist, klar, deutlich und auch eingehend das- 
jenige, was in bezug auf die groBen Geheimnisse zu sagen ist, in ge- 
wohnliche Worte zu kleiden. 

Wenn wir jenen bedeutungsvollen Vorgang charakterisieren wollen, 
den wir nennen konnen die Wechselwirkung zwischen den zwei gro- 
Ben Schulern des Zarathustra, zwischen Hermes oder Thoth und Mo- 
ses, so konnen wir dies am besten dadurch tun, daB wir ihn darstellen 
als die Wiederholung eines groBen kosmischen Vorganges, wobei wir 
diesen letzteren allerdings so auffassen miissen, daB er uns im Sinne der 
okkulten Weisheit, im Sinne der Geheimwissenschaft erscheint. Blik- 
ken wir, um diesen kosmischen Vorgang zunachst vor uns zu haben, 
wiederholentlich zuriick auf jene Zeit, da sich unsere Erde von ihrer 
Sonne getrennt hat, wo beide also sozusagen mit einem selbstandigen 
Zentrum ein eigenes Leben im Kosmos weiterfuhrten. Wir konnen 
uns diesen Vorgang so vorstellen, daB wir uns die gesamte Substantia- 
lity der Erde und der Sonne in urferner Vergangenheit als ein Ganzes 
denken, gleichsam als einen groBen Weltenleib, und daB sich diese bei- 
den in urferner Vergangenheit trennten. Allerdings muB dabei immer 
im Auge behalten werden, daB wir dabei andere kosmische Vorgange 
unberiicksichtigt lassen, die der Trennung von Sonne und Erde paral- 
lel gingen, als die Abspaltung der anderen Planeten unseres Sonnen- 
systems. Fur unsere Zwecke konnen wir die Zeitverhaltnisse dieser 
anderen Trennungen zunachst unberiicksichtigt lassen und konnen 
sagen : Es fand also einmal eine Trennung in der Weise statt, daB die 
Sonne das eine Zentrum bildete und die Erde das andere. 



Wenn wir nun diesen Zeitpunkt der Erden-Sonnentrennung ins 
Auge fassen, miissen wir zunachst auch beriickskhtigen, daB wk hier- 
bei auf Zeiten zuriickblicken, in denen dasjenige, was jetzt als «Erde» 
bezeichnet ist, noch die Substantialitat unseres heutigen Mondes in 
sich, in ihrem eigenen SchoBe hatte, so daB da gleichsam Erde + Mond 
und Sonne einander gegeniiberstehen. Alles, was vor dieser Trennung 
an geistigen, physischen Kraften vorhanden war, spaltete sich in der 
Weise, daB gleichsam das grobere Element, die groberen, dichteren 
Wirksamkeiten mit der Erde gingen, wahrend die feineren, hoheren, 
geistig-atherischen Wirksamkeiten mit der Sonne gingen. Nun miissen 
wir uns vorstellen, daB eine langere Zeit hindurch Erde und Sonne 
voneinander getrennt ihre Lebensentwickelung durchmachten, daB 
zunachst alles, was von der Sonne ausging zur Erde hin, ganz anderer 
Natur war als etwa jene Wirkungen, welche heute von der Sonne auf 
die Erde herunter sich tatig erweisen. Da haben wir zuerst eine Art 
Erdendasein, ein Erdenleben, das sich sozusagen erweist als ein inne- 
res, verschlossenes Erdenleben, welches wenig annimmt von dem Son- 
nenleben, von dem, was da geistig und in seinem Ausdruck physisch 
von der Sonne auf die Erde herunterstrahlt. 

In dieser ersten Zeit der Sonnen-Erdentrennung war es ja so, daB 
die Erde gewissermaBen einer Vertrocknung, einer Verdorrung, einer 
Mumifizierung entgegenging. Und wenn es so geblieben ware, daB die 
Erde den Mond in ihrem SchoB behalten hatte, so ware das Leben, das 
heute auf der Erde besteht, niemals moglich geworden. Wahrend die 
Erde noch den Mond in sich hatte, konnte das Sonnenleben sich nicht 
in vollem MaBe wirksam erweisen; das konnte es erst spater, nachdem 
die Erde dasjenige, was heute Mond ist, von sich abgesondert hatte, 
und gerade so die geistigen Wesenheiten, die mit dem Mond verbun- 
den sind, aus sich heraussonderte, wie auch die Substantialitat des 
Mondes von der Erde abgesondert worden ist. 

Nun ist aber mit dieser Trennung des Mondes von der Erde noch 
etwas anderes verbunden. Wir miissen uns ja klar sein, daB alles, was 
wir heute das Leben auf unserer Erde nennen, sich langsam und all- 
mahlich entwickelt hat. Und wir geben in der Geisteswissenschaft auch 
die aufeinanderfolgenden Zustande an, wie sie sich herangebildet und 



entfaltet haben, welche das Erdenleben moglich machten. Da haben 
wir zuerst das alte Saturndasein, dann das alte Sonnendasein, das alte 
Mondendasein und zuletzt erst unser Erdendasein. Also demjenigen, 
was wir als Sonnentrennung oder auch als vorhergehendes Zusammen- 
sein der Erde mit der Sonne bezeichnen, dem gingen andere Entwicke- 
lungsprozesse voran von ganz anderer Natur, namlich das Saturn-, 
Sonnen-, Mondendasein, aus dem sich dann erst unser Erdendasein 
entwickelte. Und als die Erde in der jetzigen Gestalt beginnt, da ist sie 
noch verbunden mit der Substanz aller Planeten, die zu unserem Son- 
nensystem gehoren und die sich erst sparer herausdifferenzieren. Diese 
Herausdifferenzierung ist ein Ergebnis von Kraften, die wahrend des 
Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins gewirkt haben. 

Nun wissen wir, daB wahrend des Saturndaseins nicht eine solche 
Konfiguration der Materie, des Stoffes vorhanden war, wie es heute 
der Fall ist. Feste Korper, fliissige oder wasserige Korper, sogar gas- 
formige, dampfformige oder luftformige Korper waren auf dem alten 
Saturn noch nicht vorhanden. Er war lediglich in seinem ganzen Ge- 
fiige etwas, was nur in Warme vorhanden war. Eine bloBe Warme- 
diflferenzierung, eine bloBe Warmestruktur war auf diesem alten Sa- 
turn vorhanden. Wir konnen daher sagen: Der alte Saturn hatte nur 
einen Warmeleib, und alles, was sich auf ihm entwickelte, entwickelte 
sich in dem Element der Warme. Ich brauche hier nicht zu wiederho- 
len, daB derjenige, der so etwas sagt, ganz genau weiB, wie unmoglich 
es fur die heutige Physik ist, sich einen solchen bloB aus Warme be- 
stehenden Leib zu denken, wie ja uberhaupt « Warme » fur die heutige 
Physik nur ein Zustand, aber nicht etwas Substantielles ist. Aber es 
geht uns hier nicht die heutige Physik etwas an, sondern allein das, was 
die Wahrheit 1st. 

Nun geht die Entwickelung vorwarts von dem Warmeleib des Sa- 
turn zu dem spateren alten Sonnenzustand. Da verdichtet sich gewis- 
sermaBen, wie es in der «Geheimwissenschaft im UmriB» dargestellt 
ist, der Warmeleib des Saturn. EinTeil der Warme bleibt naturlich vor- 
handen; aber es verdichtet sich der Warmeleib zum Teil zum gasigen, 
luftformigen Zustand der Sonne. Aber damit ist nicht nur eine Ver- 
dichtung verkniipft, sondern auch eine Verdiinnung; es findet dabei 



auch statt eine Hinaufentwickelung zum Licht. Wir konnen daher 
sagen : Wenn wir himiberschreiten von dem Warmezustand des alten 
Saturn zum Sonnenzustand, so kommen wir da zu einem Welten- 
korper, der in sich hat Luft, Warme und Licht. 

Und wenn wir dann von der Sonne weiterschreiten zu dem alten 
Mondenzustand, der unserem Erdenzustand vorangegangen ist, so 
finden wir, daB wiederum eine Verdichtung eintritt; wir finden jetzt 
nicht nur einen gasigen oder luftformigen Zustand, sondern daneben 
auch einen wasserigen Zustand. Aber nach der anderen Seite, gleich- 
sam nach der Vergeistigung, nach der Atherisierung hin, ist auch eine 
Veranderung eingetreten. Wir sehen, daB nicht nur Licht vorhanden 
ist wahrend des Mondenzustandes, sondern auch dasjenige, was man 
Klangather nennt, der identisch ist mit dem heutigen chemischen Ather. 
Was hier als Klangather bezeichnet wird, ist nicht dasselbe, was wir 
physisch als Klang oder Ton bezeichnen. Dieses letztere ist nur ein 
Abglanz dessen, was das hellseherische Vermogen als die Harmonie 
der Spharen, als atherischen Ton empfindet, der durch die Welt webt 
und lebt. Wir sprechen daher von etwas viel Geistigerem, von etwas 
viel Atherischerem, wenn wir von diesem Ather und diesem Klange 
selbst sprechen. 

Dann kommen wir von dem alten Mondendasein zu dem Erdenzu- 
stand. Da findet die Verdichtung zum Festen statt. Solche festen Kor- 
per, wie sie auf der Erde sind, gab es auf dem alten Mond nicht. Das ist 
erst ein Zustand, der sich auf der Erde gebildet hat. So haben wir jetzt 
auf der Erde Warme, Gasformiges oder Luftformiges, Wasseriges oder 
Fliissiges und feste Korper, und auf der anderen Seite haben wir Licht- 
ather, Klangather und dann Lebensather. Das ist dasjenige, wozu es die 
Entwickelung auf der Erde gebracht hat. Wir haben auf der Erde also 
sieben Zustande elementarischer Natur, wie wir auf dem alten Saturn 
nur einen einzigen, einen mittleren, den Warmezustand haben. Daher 
haben wir uns unsere Erde, als sie sich im Beginne ihres jetzigen Da- 
seins aus dem kosmischen Dunkel heraushebt, wo sie noch mit der 
Sonne und auch mit den anderen Planeten vereinigt war, vorzustelien 
als in diesen sieben elementarischen Zustanden webend und lebend. 
Mit der Sonnentrennung aber geschieht etwas sehr Merkwiirdiges. 



Fur das heutige auBere Leben, wie es sich darstellt unter den Wir- 
kungsweisen, die von der Sonne zur Erde hereinstrahlen, finder sich 
zwar Warme und Licht, aber unter diese Wirkungsweisen, die der 
wahrnehmbaren Sinneswelt angehoren und in das ganze Gebiet der 
sinnlichen Wahrnehmungen fallen, gehoren nicht die AuBerungen, die 
Offenbarungen des Klangathers und des Lebensathers. Aus diesem 
Grunde ist es auch, daB dasjenige, was wir die Wirkungen des Klang- 
athers nennen, sich nur in den chemischen Zusammensetzungen und 
Zersetzungen, also in den gegenseitigen Verhaltnissen des materiellen 
Daseins auBert. Und was wir die Wirkung des Lebensathers nennen, 
so wie er von der Sonne hereinstrahlt, kann nicht direkt wahrgenom- 
men werden vom Menschen in ahnlicher Weise, wie das Licht dem 
Menschen unmittelbar wahrnehmbar wird, indem er mit der sinnli- 
chen Wahrnehmung Helligkeit und Dunkelheit unterscheidet. Es 
wird das Leben wahrgenommen in seinen Wirkungen in den lebenden 
Wesenheiten, nicht aber wird der einstrahlende Lebensather direkt 
wahrgenommen. Daher ist auch die Wissenschaft gedrangt zu sagen, 
das Leben als solches sei ihr ein Ratsel. - So flnden wir, daB die zwei 
obersten Arten der atherischen Offenbarungen, Lebensather und Klang- 
ather, ob sie zwar von der Sonne ausgehen und zu dem Feinsten geho- 
ren, was von der Sonne ausgeht, doch nicht fur das Erdenwerden un- 
mittelbar offenbar werden. Da haben wir etwas, was, obwolil es von 
der Sonne herniederstrahlt, dem gewohnlichen Wahrnehmen verbor- 
gen ist. Fur alles, was im Klangather und Lebensather lebt, wird auf 
der Erde, auch fur die heutigen Verhaltnisse, sozusagen etwas mensch- 
liches Inneres wahrnehmbar. Nicht die unmittelbaren Wirkungen des 
Lebens und der Spharenharmonie werden auf der Erde wahrnehmbar, 
wohl aber wird wahrnehmbar das, was in der ganzen Konstitution des 
Menschen wirkt. 

Nun werde ich Ihnen das am leichtesten dadurch charakterisieren 
konnen, daB ich Sie noch einmal verweise auf die Entwickelung, wel- 
che der Mensch auf der Erde genommen hat. Wir wissen, daB in alten 
Zeiten bis in die atlantische Zeit hinein der Mensch begabt war mit 
einem unmittelbaren Hellsehen, durch das er mit seinem Wahrneh- 
mungsvermogen nicht nur eine Sinnenwelt schaute wie heute, sondern 



durch das er die geistigenHintergriinde des sinnlichenDaseins schauen 
konnte. Wodurch konnte er das ? Das war dadurch moglich, daB fiir 
die Menschen in jener alten Zeit ein Zwischenzustand vorhanden 
war, ein Zustand zwischen dem, was wir als unser heutiges Wachbe- 
wuBtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben, und demjeni- 
gen, was wir den Schlafzustand nennen. Im Wachzustande nirnmt der 
Mensch die physisch-sinnlichen Dinge wahr ; im Schlafzustande nimmt 
er - oder die Mehrzahl der Menschen - zunachst heute gar nichts wahr, 
da lebt er nur. Wiirden Sie freilich hellseherisch dieses Leben des Men- 
schen wahrend des Schlafzustandes untersuchen, so wiirden Sie sonder- 
bare Entdeckungen machen, sonderbar aber nur fiir den Menschen, 
der die Welt auBerlich betrachtet. 

Wahrend des Schlafzustandes ist der astralische Leib und das Ich des 
Menschen, das wissen wir, auBerhalb seines physischen Leibes und 
Atherleibes. Nun habe ich wiederholt darauf aufmerksam gemacht, 
daB man sich nicht vorstellen soil, daB der astralische Leib und das Ich, 
die in der Nacht auBerhalb des physischen und Atherleibes sind, etwa 
nur wie eine Nebelwolke, wie man gewohnlich sagt, ganz in der Nahe 
des physischen Leibes schweben. Was man als eine solche Nebelwolke 
zum Beispiel in dem Zustand eines niederen astralischen Hellsehens 
ansehen kann, und was wir den astralischen Leib nennen, das ist nur 
der grobste Anfang dessen, was der Mensch wahrend des Schlafzustan- 
des darstellt. Und wenn man diese Wolke in der Nahe des physischen 
und Atherleibes als das einzige ansehen wollte, wiirde man damit nur 
beweisen, daB man von den niedersten Formen des astralischen Hell- 
sehens ausgeht. Was der Mensch in Wirklichkeit wahrend des Schlafes 
ist, das ist weit ausgedehnt. In der Tat beginnen die Innenkrafte im 
astralischen Leibe und im Ich im Augenblicke des Einschlafens sich 
auszudehnen iiber das ganzeSonnensystem, sie werden einTeil des gan- 
zen Sonnensystems. Von iiberall her saugt der Mensch in seinen astra- 
lischen Leib und in sein Ich die Krafte zur Starkung dieses Lebens ein, 
wenn er im Schlafzustande ist, um sich dann beim Aufwachen wieder 
zusammenzuziehen in die engeren Grenzen seiner Haut und in diese 
das hineinzufiigen, was er in der Nacht herausgesogen hat aus dem 
Gesamtumfange des Sonnensystems. Deshalb nannten auch die mittel- 



alterlichen Okkultisten diesen geistigen Leib des Menschen den «astra- 
lischen» Leib, weil er verbunden ist mit den Sternenwelten und aus ih- 
nen seine Krafte saugt. So konnen wir sagen : Der Mensch ist tatsach- 
lich wahrend des Nachtschlafens ausgedehnt iiber das ganze Sonnen- 
system. 

Was durchdringt nun wahrend des Schlafes unseren astralischen 
Leib ? Wenn wir auBerhalb unseres physischenLeibes sind in derNacht, 
dann ist unser astralischer Leib durcblebt und durchwebt von den 
Spharenharmonien, von dem, was sonst sich nur im Ather, im Klang- 
ather verbreiten kann. Wie etwa au£ einer Metallplatte, die mit einem 
gewissen Staub bestreut worden ist, die Schwingungen, die die Luft 
durchpulsen, wenn man die Platte mit einem Violinbogen streicht, 
auch innerhalb dieses Staubes fortpulsieren und die bekannten Chlad- 
nischen Klangfiguren erzeugen, so durchzittern und durchpulsen den 
Menschen wahrend der Nacht die Spharenharmonien und bringen 
wieder in Ordnung, was der Mensch wahrend des Tages mit den au- 
Beren Sinneswahrnehmungen in Unordnung gebracht hat. Und was 
den Lebensather durchwebt und durchlebt, das durchpulst uns auch 
wahrend des Schlafzustandes, nur hat der Mensch keine Wahrneh- 
mung fur dieses innerliche Leben seiner Hiillen, wenn er vom physi- 
schen und Atherleibe getrennt ist. Im normalen Zustande besitzt der 
Mensch nur ein Wahrnehmen, wenn er wieder untertaucht in den 
physischen Leib und Atherleib und die auBeren Organe des Atherlei- 
bes zum Denken und die auBeren Organe des physischen Leibes zum 
sinnlichen Wahrnehmen benutzt. 

Aber in den alten Zeiten gab es eben Zwischenzustande zwischen Wa- 
chen und Schlafen, die heute nur auf abnorme Weise herbeigefiihrt 
werden konnen und im gewohnlichen Leben wegen der damit verbun- 
denen Gefahr auch gar nicht herbeigefiihrt werden sollen. In den at- 
lantischen Zeiten aber waren diese Wahrnehmungsfahigkeiten nor- 
malerweise entwickelt, es waren Zwischenzustande zwischen Wachen 
und Schlafen. Dadurch konnte sich der Mensch in dasjenige hinein- 
versetzen, was lebte und webte in der Spharenharmonie und in dem 
Lebensather. Mit anderen Worten: Der Mensch konnte in den alten 
Zeiten - wenn auch in den Erdenwirkungen die Spharenharmonie und 



das Leben sich nur in den auBeren Lebewesen zeigen - durch das alte 
Hellsehen wahrnehmen, was ihm die Sonne zustrahlte als Spharenhar- 
monie und als das den Raum durchpulsende Leben. 

Diese Moglichkeit horte nach und nach auf. Es schloB sich das Tor 
gegeniiber diesen Wahrnehmungen, als der Mensch die alte Hellsich- 
tigkeit verlor. Und damit trat dann allmahlich etwas anderes ein : die 
innere Kraft des Wissens, die innere Kraft des Erkennens. Erst da- 
durch lernte der Mensch innerlich nachsinnen, innerlich nachdenken. 
Alles, was wir heute im wachen Leben unser Nachdenken iiber die 
Dinge der physischen Welt nennen und soweiter, also unser eigentliches 
Innenleben, das entwickelte sich erst mit dem Schwinden der alten Hell- 
sichtigkeit. Ein solches Innenleben, wie es der Mensch heute hat, das in 
den Gefuhlen, Empfindungen, Gedanken und Vorstellungen verlauft 
und das im Grunde das Schopferische unserer Kultur ausmacht, hatte 
der Mensch in den ersten atlantischen Zeiten noch nicht. Er lebte in 
den Zwischenzustanden zwischen Wachen und Schlafen ausgegossen 
in eine geistige Welt, und die Sinnenwelt nahm er wie in einem Nebel 
wahr, jedenfalls war sie dem Verstandnis, den inneren Spiegelbildern 
des auBeren Lebens voUstandig entruckt. - Das auBere Leben steigt 
also auf, wahrend das alte Hellsehen allmahlich verschwindet. 

So konnen wir sagen: Es entwickelte sich in unserem Inneren etwas, 
was ein schwacher Abglanz dessen ist, was wir die Spharenharmonie 
nennen und die Wirkung des Lebensathers. Aber in demselben MaBe, 
wie sich der Mensch innerlich erfiillt fiihlte mit Empfindungen, mit 
Wahrnehmungen, die ihm die auBere Welt wiederholten und die sein 
heutiges Innenleben ausbildeten, in demselben MaBe schwand fur ihn 
die Spharenmusik. Und in demselben MaBe, wie sich der Mensch 
fiihlte als einelch-Wesenheit, schwand fur ihn hin dieWahrnehmung des 
die Welt durchpulsenden gottlichen Lebensathers. Der Mensch muBte 
sich den jetzigen Zustand dadurch erkaufen, daB er gewisse Seiten des 
auBeren Lebens verlor. So fiihlte der Mensch als Erdenwesen in sich 
abgeschlossen das Leben, das er als direkt von der Sonne ausstrahlend 
nicht mehr wahrnehmen konnte; und nur einen schwachen Abglanz 
hat er von dem gewaltigen kosmischen Leben, von Spharenklang und 
Lebensather, heute in seinem Innenleben. 



Auch fur das menschliche Erkennen entwickelte sich wie eine Wie- 
derholung das, was sich fur die Erde selbst entwickelt hat. Die Erde 
ware, als sie sich von der Sonne abgetrennt hatte, in sich verschlossen 
worden, ware verhartet worden, wenn sie weiter verbunden geblieben 
ware mit all den Substantialitaten, mit denen sie sich von der Sonne ge- 
trennt hatte. Die Sonne konnte mit ihren Wirkungen zunachst nicht 
in das Erdenwerden eingreifen, und das dauerte so lange, bis die Tren- 
nung des Mondes von der Erde eintrat. Deshalb haben wir in dem, 
was die Erde als Mond aus sich herauswarf, eine AbstoBung all der- 
jenigen Substantialitaten zu erblicken, welche es der Erde unmoglich 
machten, die direkten Sonnenwirkungen zu empfangen. Und indem 
sie den Mond aus sich heraussetzte, offhete sie dadurch ihr Sein und 
ihr Wesen erst so recht den Einfliissen, den Wirkungen der von ihr ge- 
trennten Sonne, kam gleichsam der Sonne entgegen. Entgegen jener 
Richtung, in der sich die Erde selbst von der Sonne getrennt hatte, 
schickte sie einen Teil ihres eigenen Wesens, den Mond, der dann die 
Wirkung des Sonnenwesens der Erde reflektiert wiedergab, wie er 
auBerlich das Licht wiedergibt. In der Abspaltung des Mondes von der 
Erde liegt also etwas hochst Bedeutungsvolles vor: das Sich-OfFnen 
der Erde gegeniiber den Sonnenwirkungen. 

Was so kosmisch geschah, das muBte auch eintreten ~ sich wieder- 
holend - fiir das Menschenleben. Die Erde hatte sich langst geoffhet 
dem Sonnenwirken, da war erst der richtige Zeitpunkt gekommen, 
wo sich der Mensch abschlieBen muBte den unmittelbaren Sonnen- 
wirkungen. Die unmittelbaren Sonnenwirkungen waren fur die atlan- 
tischen Menschen noch vorhanden in ihrem Hellsehen; da empflngen 
die Atlantier das, was von der Sonne hereinstrahlte. Und wie fur die 
Erde eine Zeit eintrat, wo sie anfing sich zu verharten, so trat fur den 
Menschen eine Zeit ein, wo er sich zuriickzog, ein Innenleben entwik- 
kelte und sich nicht der Sonnenwirkung mehr offhen konnte. Und die- 
ser ProzeB der Heranbildung eines Innenlebens, wo sich der Mensch 
nicht der Sonne offhen konnte und nur in sich selber das entwickeln 
konnte, was ein schwacher Abglanz war der Wirkungen des Lebens- 
athers, des Klangathers, der Spharenharmonie, diese Zeit dauerte lange 
bis in die nachatlantische Zeit hinein. 



So gab es also in den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung 
ein unmittelbares Wahrnehmen der Sonnenwirkungen. Dann ver- 
schlossen sich die Menschen diesen Wirkungen. Und als dieselben 
nicht mehr in den Menschen hereindringen konnten, wahrend das 
menschliche Innenleben dafiir immer mehr und mehr aufbluhte, da 
waren es nur die heiligen Mysterien, welche ihre Bekenner so zur Ent- 
wickelung der geistigen Krafte brachten, daB der Mensch sozusagen 
entgegen den normalen Erdverhaltnissen, durch das, was man mit 
Joga bezeichnen kann, die Sonnenwirkungen unmittelbar wahrneh- 
men konnte. Daher entwkkelten sich in der zweiten Halfte der adan- 
tischen Zeit die mit Recht Orakel genannten Statten innerhalb des 
adantischen Landes, wo innerhalb einer Menschheit, die normaler- 
weise nicht mehr die direkten Wirkungen des Klangathers und des 
Lebensathers wahrnehmen konnte, solche Schuler und Bekenner der 
heiligen Weisheit ausgebildet wurden, die dadurch, daB sie das bloBe 
sinnliche Wahrnehmen zunachst unterdriickten, die Offenbarungen 
des Klangathers und des Lebensathers wahrnehmen konnten. Und 
diese Moglichkeit blieb erhalten fur die wirklichen Statten der Ge- 
heimwissenschaft in der nachatiantischen Zeit. Es ist ja so stark ge- 
blieben, daB selbst die auBere Wissenschaft, ob sie es zwar nicht ver- 
steht, noch eine Uberlieferung aus der Schule des Pythagoras bewahrt 
hat, die dahin geht, daB man die Spharenharmonien horen kann. Nur 
verwandelt die auBere Wissenschaft so etwas wie die Spharenharmonie 
gleich in ein Abstraktum - was sie aber nicht war - und denkt nur 
nicht das, was sie ist. Denn in Wirklichkeit verstand man in den Pytha- 
goreerschulen unter der Fahigkeit der Wahrnehmung der Spharen- 
harmonie das reale Sich-wieder-OrTnen der menschlichen Wesenheit 
dem Klangather, der Spharenharmonie, und dem realen gottlichen 
Lebensather. 

Nun war gerade derjenige, der am gewaltigsten, am groBartigsten 
darauf hinwies, daB hinter der Wirksamkeit der Sonne, wie sie auf die 
Erde hereinstrahlt mit ihrem Licht und ihrer Warme, noch etwas 
anderes ist, etwas, das Klangeswirksamkeit, ja Lebenswirksamkeit ist, 
die sich im menschlichen Innenleben eben nur in einem schwachen 
Abglanz geltend machen, Zarathustra oder Zoroaster. Und wenn wir 



seine Lehre in eine Sprache iibersetzen wollen, die von unseren heuti- 
gen Worten genommen ist, so konnen wir sagen, er hat seine Schuler 
folgendes gelehrt: Wenn ihr hinaufschaut zur Sonne, so nehmt ihr die 
wohltatige Warme wahr und das wohltatige Licht, das der Erde zu- 
strahlt; wenn ihr aber hohere Organe entwickelt, wenn ihr geistiges 
Wahrnehmen entwickelt, so konnt ihr das Sonnenwesen wahrnehmen, 
das hinter dem physischen Sonnenleben ist; und dann nehmt ihr wahr 
Klangeswirkungen und in den Klangeswirkungen Lebenssinn! - Was 
so als Geistiges hinter den physischen Sonnenwirkungen als Nachstes 
wahrzunehmen war, das bezeichnete Zarathustra fur seine Schuler als 
Ormuzd, als Ahura Mazdao, als die GroBe Aura der Sonne. Wir wer- 
den es daher begreif lich finden, daB man in der Ubersetzung das Wort 
Ahura Mazdao auch die «groBe Weisheit» nennen kann, im Gegen- 
satz zu dem, was der Mensch heute in sich als die kleine Weisheit ent- 
wickelt. Die groBe Weisheit ist die, welche er wahrnimmt, wenn er die 
Geistigkeit der Sonne, die groBe Sonnenaura wahrnimmt. 

So konnte ein Dichter, auf alte Zeiten der Menschheitsentwickelung 
blickend, hinweisen auf dasjenige, was fur den Geistesforscher eine 
Wahrheit ist, und sagen : 

«Die Sonne tont nach alter Weise 
In Bruderspharen Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang.» 

Asthetlinge werden das natiirlich fur etwas Gesuchtes halten. Sie 
haben es so gern, wenn man sagt, es sei dichterische Freiheit, wenn 
Goethe die Sonne tonen laBt. Sie ahnen nicht, was ein Dichter im Sinne 
Goethes ist, der nur Realitaten schildert, wenn er sagt: «Die Sonne 
tont nach alter Weise », das heiBt nach der Weise, wie sie die alte 
Menschheit gekannt hat. Denn so tont sie auch heute noch fur den, der 
eingeweiht ist. 

Darauf hatte Zarathustra seine Schuler hingewiesen. Er hatte natiir- 
lich unter seinen Schiilern besonders die zwei auf diese gewaltige Tat- 
sache hingewiesen, die wir als seine intimsten Schuler bezeichnen konn- 
ten, die dann in ihren Wiederverkorperungen als Hermes und Moses 



erschienen sind. Aber auf zwei ganz verschiedene Arten hat er sie 
hingewiesen auf das, was hinter dem lichthaften Sonnenleib ist. Er 
hat den Hermes so darauf hingewiesen, daB dieser in dem verblieb, 
was unmittelbar von der Sonne herkommt, Und er hat den Moses so 
inspiriert, daB er wie in einer Erinnerung behielt, was das Geheimnis 
der Sonnenweisheit ist. 

Wenn wir nun im Sinne der «Geheimwissenschaft» uns vorstellen 
die Erde nach der Trennung von der Sonne, das Hinausgehen der 
Mondenkrafte von der Erde, und dieses alles nach dem Sich-Offhen der 
Erde gegen die Sonne, so haben wir in Venus und Merkur dasjenige, 
was mitten drinnen steht zwischen Erde und Sonne. Und wenn wir 
nun den ganzen Zwischenraum zwischen Sonne und Erde einteilen in 
drei Mittelglieder, so konnen wir sagen: Die Erde hat sich von der 
Sonne herausgetrennt; sie selber hat der Sonne entgegengeschickt 
den Mond. Es haben sich dann abgespalten von der Sonne und sind 
der Erde entgegengekommen Venus und Merkur, So daB wir also in 
Venus und Merkur etwas zu sehen haben, was von der Sonne heran- 
kommt an die Erde und in dem Mond etwas, was der Sonne entgegen- 
geht. 

Wie sich die kosmischen Verhaltnisse gestalten, so gestaiten sich, 
wie in einer Spiegelung, auch die Verhaltnisse in der Menschheitsent- 
wickelung. Wenn wir die Offenbarungen des Zarathustra als Sonnen- 
weisheit annehmen, die er auf der einen Seite dem Hermes, auf der ande- 
ren dem Moses vermittelte, so war dasjenige, was in Hermes lebte, 
weil er ja den astralischen Leib des Zarathustra in sich hatte, das von 
Zarathustra Ausstrahlende der Sonnenweisheit; und was in Moses 
lebte, war sozusagen abgeschlossen wie ein abgeschlossener Weisheits- 
planet, der sich erst entgegenentwickeln muBte dem, was direkt von 
der Sonne ausstrahlte. Wie also die Erdenwirksamkeit durch das Ab- 
geben des Mondes sich offnete der Sonnenwirksamkeit, so orTnete sich 
die Moses- Weisheit der direkt von Zarathustra ausstrahlenden Weis- 
heit, der Sonnenweisheit. Und diese beiden, die Erdenweisheit des 
Moses und die Sonnenweisheit des Zarathustra in Hermes, trafen zu- 
sammen in Agypten, wo das Mosestum mit dem Hermestum zusam- 
mentrifft. So daB wir dasjenige, was Moses aus sich selbst herausent- 



wickelte, was er, wie aus der Entf ernung von Zarathustra aufnehmend, 
in sich selber erweckte, ausstrahlte und seinem Volke xiberKeferte, 
analog aufzufassen haben dem Ausschleudern der Mondensubstan- 
tialitat von der Erde. 

Was Moses so als Weisheit fur sein Volk ausstrahlte, das konnen wir 
auch nennen nach dem Namen, der die Moses-Weisheit zusammenfaBt, 
die Jahve- oder Jehovaweisheit. Denn wenn wir den Namen Jahve 
oder Jehova in richtiger Weise verstehen, ist er wie ein Resume der ge- 
samten Moses-Weisheit. Wenn wir aber das so auffassen, wird uns 
auch verstandlich, warum die alten Traditionen Jahve oder Jehova 
eine Mondgottheit nennen. Diese Tatsache werden Sie in vielen Mit- 
teilungen finden, aber den Grund dafur konnen Sie erst einsehen, wenn 
Sie diese tiefen Zusammenhange auf sich wirken lassen. Wie die Erde 
das, was sie als Mond in sich enthielt, heraussetzte und der Sonne ent- 
gegenschickte, so muBte auch die Erdenweisheit des Moses dem Her- 
mes entgegengehen, der ja die unmittelbare Weisheit des Zarathustra 
besaB in dem von Zarathustra hingeopferten Astralleibe, und dann sich 
selber entwickeln. Wir haben schon charakterisiert, wie nach dieser Be- 
gegnung mit Hermes das Mosestum sich entwickelte bis in das davi- 
dische Zeitalter, und wie ein anderes, ein neues Hermestum oder Mer- 
kurtum erscheint in David, dem koniglichen Krieger und gottlichen 
Sanger des hebraischen Volkes. Und wir haben gesehen, wie das Moses- 
tum naher kommt dem Sonnenelement, als es sich neuerdings beriihrt 
wahrend der babylonischenGefangenschaft mit der ausstrahlendenSon- 
nenweisheit, weil Zarathustra unter dem Namen Zarathas oder Nazara- 
thos selber derLehrer der hebraischen Eingeweihten wahrend der baby- 
lonischen Gefangenschaft war. So sehen wir in der Moses-Weisheit 
etwas, was den ganzen kosmischen Gang der Erdentrennung von der 
Sonne und das, was mit der Erde hinterher geschehen ist, wiederholt. 

Solche Zusammenhange erschienen als etwas, was die alten Weisen 
des hebraischen Volkes und alle die, welche sie fuhlten, mit tiefster 
Ehrfurcht erfullte. Sie fuhlten etwas wie unmittelbare Offenbarungen, 
die ihnen aus den Weltenraumen und dem Weltensein selber entgegen- 
strahlten. Und eine solche Personlichkeit wie die des Moses erschien 
ihnen wie ein Sendbote der kosmischen Machte selber. Sie fuhlten es. 



Und so etwas mussen wir nachfiihlen, wenn wir wirklich die alten 
Zeiten verstehen wollen, sonst bleibt alles Verstehen nur eine leere 
Abstraktion. 

Nun handelt es sich datum, daB dasjenige, was so von Zarathustra 
ausgestrahlt ist und sich durch Hermes und Moses auf die Nachwelt 
ergossen hat, sich in einer entsprechenden Weise auch so fortentwik- 
keln konnte, daB es auf hoherer Stufe wiedererscheinen konnte in einer 
anderen Form, in einer hoheren Ausbildungsform. Dazu war not- 
wendig, daB Zarathustra selber, die Individualist, die vorher nur hin- 
geopfert hatte den astralischen Leib und den Atherleib, in einem phy- 
sischen Leibe auf der Erde erscheinen konnte, um auch diesen hinzu- 
opfern. Das ist ein Stufengang, ein schoner Stufengang. Erst lebte in 
uralten Zeiten Zarathustra auf seine Art und gab den Impuls der nach- 
atlantischen Entwickelung in der urpersischen, in der iranischen Kul- 
tur. Dann gab er seinen astralischen Leib ab, um eine nachste Kultur 
in Szene zu setzen durch Hermes, und er gab seinen Atherleib ab an 
Moses. So hatte er zwei seiner Hiillen hingeopfert. Nun muBte er auch 
noch Gelegenheit erhalten, seinen physischen Leib hinzuopfern. Denn 
das erforderte das groBe Geheimnis der Entwickelung der Mensch- 
heit, daB von einem Wesen die drei Leiber hingeopfert werden konn- 
ten. Fiir Hermes hatte Zarathustra hingeopfert seinen astralischen Leib, 
fur Moses seinen Atherleib. Das dritte, was ihm noch bevorstand, 
war die Hinopferung des physischen Leibes. Dazu bedurfte es beson- 
derer Veranstaltungen, dazu muBte der physische Leib des Zarathustra 
erst in besonderer Weise zubereitet sein. Und wir haben gestern schon 
darauf hingedeutet, wie durch das eigentumliche Leben beim hebra- 
ischen Volke durch Generationen hindurch jener physische Leib zu- 
bereitet wurde, der dann von Zarathustra hingeopfert werden konnte 
als sein drittes groBes Opfer. Dazu war notwendig, daB in dem hebra- 
ischen Volke alles, was sonst direkte auBere geistige Wahrnehmung, 
was astralisches Schauen war, was bei den turanischen Volkern in 
Dekadenz gekommen war, innerliche Wirksamkeit wurde. 

Das ist das Geheimnis des hebraischen Volkes. Wahrend bei den tu- 
ranischen Volkern die Krafte, welche Erbstiicke aus alter Zeit waren, 
der Zubereitung auBerer Hellseherorgane dienten, strahlten sie beim 



hebraischen Volke nach innen und organisierten die innere Leiblich- 
keit, so daB das hebraische Volk auser sehen war, im Inner en zu fiihlen 
und zu empfinden, was sonst geschaut worden war wahrend der adan- 
tischen Zeit, ausgebreitet uber den Sinnesraum hinter den einzelnen 
sinnlichen Dingen. Jahve oder Jehova, wie inn bewuBt ausspricht das 
hebraische Volk, ist der in einem Punkt zusammengefaBte «GroBe 
Geist», der hinter alien Dingen und Wesenheiten dem uralten Hell- 
sehen erschien. Auch das wird uns angedeutet, daB der Stammvater 
dieses althebraischen Volkes in einer ganz besonderen Art und Weise, 
eben als Stammvater, diese innere Organisation erhalten hat. 

Ich bemerke an dieser Stelle etwas, was ich auch schon ofter bemerkt 
habe : daB Sagen und Legenden, die in bildhafter Weise von den Tat- 
sachen erzahlen, die sich in alten Zeiten zugetragen haben, wahrer und 
zutrefTender sind als die heutige anthropologische Forschung, die aus 
den heutigen Ausgrabungen und einzelnen Denkmalsfetzen ein Bild 
des Weltenwerdens zusammensetzt. Die alten Legenden werden in den 
meisten Fallen bewahrheitet von dem, was wir die geisteswissen- 
schaftliche Forschung nennen. Ich sage «in den meisten » und nicht 
«in alien », weil ich es nicht untersucht habe, obwohl es sehr wahr- 
scheinlich iiberall da, wo es wirkliche alte Legenden sind, der Fall ist. 
So fiihrt uns auch das hebraische Volk, wenn wir seinem Ursprung 
nachgehen, nicht auf das zuriick, was heute eine anthropologische 
Forschung vermutet, sondern es fiihrt uns wirklich zuriick auf einen 
Stammvater, von dem uns die Bibel erzahlt. Das ist eine wirkliche Ge- 
stalt, dieser Abraham oder Abram, und es ist durchaus wahr, was die 
talmudische Legende von diesem Stammvater erzahlt. 

In dieser Legende wird uns der Vater des Abraham geschildert als 
ein Feldherr jener sagenhaften, aber wiederum wirklichen Person- 
lichkeit, die in der Bibel als «Nimrod» bezeichnet wird. Und auf 
Grund eines Traumerlebnisses wird der Sohn seines Feldherrn dem 
Nimrod angekundigt von denen, die die Zeichen der Zeit verstehen, 
als eine Wesenheit, die viele Konige und Herrscher entthronen werde. 
Nimrod fiirchtet sich davor und befiehlt, daB der Sohn seines Feld- 
herrn getotet werde. Das erzahlt die Legende; das bestatigt uns die 
okkulte Forschung. Der Vater des Abraham ergreift eine Ausflucht 



und zeigt ein fremdes Kind dem Nimrod vor. Das eigene Kind aber, 
Abraham, wird in einer Hohle auferzogen. Und die Tatsache, daB wirk- 
lich Abraham der erste ist, der durch jene Krafte, die sonst fur die au- 
Beren hellseherischen Fahigkeiten Verwendung fanden, jetzt im Inne- 
ren jene organisatorische Kraft entwickelt, die zum inneren Gottes- 
bewuBtsein fiihren soil, diese Umkehrung der ganzen Kraftsumme 
wird angedeutet in der Legende dadurch, daB das Kind wahrend der 
drei Jahre, wo es in der Hohle auferzogen wird, Milch saugt durch 
Gottes Gnade aus seinem eigenen Finger der rechten Hand. Das 
Durch-sich-selber-Genahrtwerden, das Hineingehen der Krafte, welche 
friiher die alte Hellsichtigkeit bewirkt haben, in die innere Organi- 
sation des Menschen, das wird uns in dem Stammvater des hebra- 
ischen Volkes, in Abraham, in wunderbarer Weise charakterisiert. 
Solche Legenden wirken, wenn man ihren eigentlichen Grund erfahrt, 
mit einer solchen Kraft auf uns, daB wir uns sagen: Wir begreifen es, 
daB die alten Mitteiler dasjenige, was hinter den Legenden steht, nicht 
anders sagen konnten als in Bildern. Aber diese Bilder waren geeignet, 
wenn auch nicht das BewuBtsein, so doch die Gefuhle fur die groBen 
Tatsachen hervorzurufen. Und das geniigte fur die alten Zeiten. 

So ist Abraham derjenige, der zuerst den inneren Abglanz der gott- 
lichen Weisheit, des gottlichen Schauens, in so recht menschlicher 
Weise als menschliches Denken iiber das Gottliche entwickelt. Abram 
oder Abraham, wie er spater genannt wurde, hatte tatsachlich, was die 
okkulte Forschung immer zu betonen hat, eine andere physische Orga- 
nisation als alles, was sonst an Menschen um ihn herum lebte. Die 
Menschen ringsherum waren damals in ihrer Organisation nicht so, 
daB sie inneres Denken durch ein besonderes Werkzeug hatten aus- 
bilden konnen. Sie konnten Denken ausbilden, wenn sie leibfrei wur- 
den, wenn sie sozusagen in ihrem Atherleib Krafte entwickelten; wenn 
sie aber im physischen Leibe darinnen steckten, hatten sie noch nicht 
ausgebildet das Werkzeug des Denkens. Abraham ist in der Tat der 
erste, der in vorziiglicher Weise das physische Werkzeug des Denkens 
ausgebildet hatte. Daher wird er nicht mit Unrecht - auch das ist 
natiirlich wieder mit dem notigen granum salis zu verstehen - als der Er- 
finder der Arithmetik bezeichnet, der in vorziiglicher Weise auf das 



Instrument des physischen Leibes angewiesenen Gedankenwissen- 
schaft. Arithmetik ist etwas, was in seiner Form, wegen seiner inneren 
GewiBheit, nahe herantritt an das, was hellseherisch gewuBt werden 
kann. Aber es ist die Arithmetik angewiesen auf ein leibliches Organ. 

So haben wir hier einen tiefinneren Zusammenhang zwischen dem, 
was auBere Krafte bisher zum Hellsehen benutzten, und dem, was jetzt 
ein inneres Organ benutzt zum Denken. Das ist darin angedeutet, daB 
man Abraham als den Erfinder der Arithmetik kennzefchnet. Wir haben 
daher in Abraham diejenige Personlichkeit zu sehen, welche zuerst 
eingepflanzt erhalten hat das physische Organ des Denkens, jenes 
Organ, durch das der Mensch mit seinem physischen Denken sich er- 
heben konnte zu dem Gedanken an einen Gott. Fruher konnte der 
Mensch von Gott und gottlichem Dasein nur etwas wissen durch hell- 
seherische Beobachtung. Alles, was aus alter Zeit stammte an Wissen 
iiber Gott und gottliches Dasein, das entstammte hellseherischer Beob- 
achtung. Mit dem Gedanken sich zu erheben zum Gottlichen, dazu 
brauchte es eines physischen Werkzeuges; das ist dem Abraham zu- 
erst eingepflanzt gewesen. Und da es sich hier um ein physisches Organ 
handelt, so war auch das ganze Verhaltnis zur objektiven Welt und 
zur subjektiven Wesenheit des Menschen dieses Gottesgedankens, der 
durch ein physisches Werkzeug erfaBt wurde, ein anderes als fruher. 

Fruher hatte man in den Geheimschulen in der gottlichen Weisheit 
den Gottesgedanken erfaBt, und man konnte ihn uberliefern an den- 
jenigen, der dies auch konnte, wenn er dahin gebracht wurde, daB er 
Wahrnehmungen haben konnte im Atherleib, frei von den Organen 
des physischen Leibes. Soil aber das, was physisches Werkzeug ist, auf 
einen anderen iibergehen, so gibt es nur ein Mittel: die Vererbung in 
der physischen Organisation. Was also fur Abraham das Wichtigste, 
das Wesentlichste war, das physische Organ, das muBte, sollte es sich 
auf der Erde erhalten, in physischer Vererbung von Generation zu 
Generation fortgepflanzt werden, weil es eben ein physisches Organ 
war. So begreifen wir es, daB die Vererbung im Volke, sozusagen das 
Herunterrinnen dieser physischen Veranlagung durch das Blut der 
Generationen, ein so Wichtiges ist im hebraischen Volk. 

Was aber bei Abraham zuerst physische Veranlagung war, namlich 



AusmeiBelung, Auskristallisierung eines physischen Organs fur das 
Erfassen des Gottlichen, das muBte sich erst einleben. Indem es sich 
vererbte von Generation zu Generation, drang es immer tiefer in die 
menschliche Wesenheit ein und erfaBte dieselbe immer tiefer, je tiefer 
es sich vererbte. Wir konnen daher sagen: Was Abraham empfangen 
hatte zur Mission des hebraischenVolkes, das muBte sich vervollkomm- 
nen, das muBte, indem es von Mensch zu Mensch durch die Vererbung 
uberging, in der Fortentwickelung vollkommener werden. Es konnte 
aber das, was ein physisches Organ war, nur durch die Vererbung 
immer vollkommener werden. 

Sollte nun diejenige Wesenheit, die wir als die Individuality des 
Zarathustra zunachst kennengelernt haben, einen moglichst vollkom- 
menen physischen Leib haben, das heiBt einen physischen Leib, der 
auch diejenigen Organe hatte, die ein Werkzeug sein konnten zum Er- 
fassen des Gottesgedankens im physischen Menschenleibe, dann muBte 
auf die hochste Hohe gebracht werden, was als physisches Werk- 
zeug dem Abraham eingepflanzt worden war. Es muBte innerlich sich 
befestigen, muBte sich vererben und so sich entwickeln, daB daraus ein 
richtiger Leib fur den Zarathustra werden konnte mit all den Eigen- 
schaften, die Zarathustra brauchte in seinem physischen Leibe. Wenn 
aber der physische Leib eines Menschen in dieser Weise vollkommen 
werden soil, wenn er so brauchbar werden soli, wie er fur Zarathustra 
brauchbar sein sollte, dann durfte nicht bloB der physische Leib des 
Menschen vollkommener werden. Es ist naturlich unmoglich, daB fur 
sich allein, herausgerissen aus dem gesamten Menschen, nur der phy- 
sische Leib des Menschen vollkommen werde. Es muBten alle drei 
Hiillen nach und nach sich vervollkommnen durch physische Ver- 
erbung. Was also dem physischen Menschen, dem atherischen und dem 
astralischen Menschen auf dem Wege durch die physische Vererbung 
gegeben werden kann, das muBte ihm gegeben werden in den aufein- 
anderfolgenden Generationen. 

Nun besteht ein gewisses Gesetz innerhalb der Entwickelung. Die- 
ses Gesetz kennen wir fur die Entwickelung des einzelnen Menschen 
und haben es auch schon ofter charakterisiert. Wir haben gezeigt, wie 
beim Menschen ein besonderes Stuck seiner Entwickelung die Zeit 



ausmacht von der Geburt bis zum sechsten, siebenten Jahre : In diese 
Zeit fallt hinein die Entwickelung des physischen Leibes. Die Entwik- 
kelung des Atherleibes fallt in die Zeit vom sechsten, siebenten Jahre 
bis zum vierzehnten, funfzehnten. Von da ab bis zum einundzwanzig- 
sten, zweiundzwanzigsten Jahre haben wir dann die Entwickelung des 
astralischen Leibes. Das ist sozusagen die GesetzmaBigkeit, die durch 
die Siebenzahl bezeichnet wird, fur die Entwickelung des einzelnen 
Menschen. Eine ahnliche GesetzmaBigkeit besteht fur die Entwicke- 
lung der Menschheit der auBeren Hiillen durch die Generationen hin- 
durch, und wir werden auf die tieferen Gesetze dieses Vorganges noch 
hinzuweisen haben. Wahrend der einzelne Mensch im Verlaufe von je 
sieben Jahren eine Entwickelungsstufe durchmacht, bis zum siebenten 
Jahre seinen physischen Leib entwickelt, der wahrend dieser Zeit im- 
mer vollkommener und vollkommener wird, so wird das ganze Ge- 
fiige des physischen Leibes, wie es sich durch die Generationen hin- 
durch vervollkommnen kann, durch sieben Generationen hindurch zu 
einer gewissen Vollkommenheit gebracht. Aber die Vererbung ge- 
schieht nicht so, daB sie von einem Menschen auf den nachsten Nach- 
kommen iibergeht, nicht direkt von der einen auf die nachste Genera- 
tion. Es konnen die Eigenschaften, auf die es ankommt, nicht unmit- 
telbar vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter iiber- 
gehen, sondern nur vom Vater auf den Enkel, also auf die zweite Gene- 
ration, dann auf die vierte Generation und so weiter. Also es kann sich 
die Vererbung nicht unmittelbar ausleben. Wir muBten es bei den Gene- 
rationen zu tun haben mit einer Vererbung in der Siebenzahl; aber da 
die Vererbung immer ein Glied iiberspringt, haben wir es in Wirklich- 
keit zu tun mit einer Vierzehnzahl. 

Was in Abraham veranlagt war als physische Leiblichkeit, das konnte 
auf seiner Hohe angelangt sein nach vierzehn Generationen. Sollten 
aber auch der Atherleib und der astralische Leib davon ergriffen wer- 
den, so muBte jene Entwickelung, die fur den einzelnen Menschen wei- 
tergeht vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, durch weitere sieben 
beziehungsweise vierzehn Generationen hindurchgehen. Und was fur 
den Menschen eine Entwickelung durch die nachsten sieben Jahre - 
vom vierzehnten ab - ist, das muBte wieder durch vierzehn Generatio- 



nen hindur chgehen. Das heiBt also : Was bei dem Stammvater Abraham 
veranlagt war als physische Organisation, das muBte sich ausleben durch 
dreimal sieben beziehungsweise dreimal vierzehn Generationen; dann 
war es so, daB es ergriffen hatte den physischen Leib, den Atherleib und 
den astralischen Leib. Durch dreimal vierzehn Generationen, das heiBt 
durch zweiundvierzig Generationen, ist es einem Menschen durch die 
Vererbung in der Generationenreihe moglich, daB er dasjenige voll- 
kommen im physischen Leibe, Atherleibe und astralischen Leibe aus- 
gebildet erhalt, was Abraham in der ersten Anlage erhalten hat. 

Gehen wir also von Abraham durch dreimal vierzehn Generationen 
hinunter, so haben wir einen Menschenleib, der in sich ganz durch- 
drungen, impragniert ist mit dem, was in der ersten Anlage bei Abra- 
ham vorhanden war. Dies erst konnte der Leib sein, den Zarathustra 
fur seine Verkorperung brauchen konnte. Das erzahlt uns auch der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums. Und in der Generationentafel, 
die er gibt, deutet er noch ausdrucklich darauf hin, daB er vierzehn 
Glieder aufzahlt von Abraham bis auf David, vierzehn von David bis 
zur babylonischen Gefangenschaft, und vierzehn von der babyloni- 
schen Gefangenschaft bis auf Christus. Durch diese dreimal vierzehn 
Glieder - wobei immer eines iibersprungen ist - ist in gewisser Weise 
ganz zur Ausbildung gelangt, was bei Abraham fur die Mission des 
hebraischen Volkes veranlagt war. Da ist es ganz in die Gliedrigkeit 
des Menschen eingepragt. Da heraus konnte der Leib genommen wer- 
den, den Zarathustra brauchte, um zur Verkorperung zu kommen in 
der Zeit, als er ein ganz Neues der Menschheit eroffnen sollte. 

So sehen wir, daB aus einer ganz besonderen Tiefe heraus der Be- 
ginn des Matthaus-Evangeliums geschdpft ist. Solche Dinge miissen 
wir aber erst verstehen. Wir miissen verstehen: Was uns mit diesen 
dreimal vierzehn Generationen gesagt ist, soil uns darauf hindeuten, 
wie in dem, was vererbt werden konnte von dem Joseph auf den Jesus 
von Nazareth, die Essenz dessen lebte, was in der ersten Anlage bei 
Abraham vorhanden war, was dann ausstrahlte in das ganze hebraische 
Volk und sich dann sammeln konnte in dem einen Instrument, in der 
einen Hulle, die die Hiille war fur Zarathustra, in dem sich verkorpern 
konnte der Christus. 



VIERTER VORTRAG 
Bern, 4. September 1910 



Nach dem, was wir gestern ausfuhren konnten, besteht ein groBer, be- 
deutungsvoller Unterschied zwischen dem, was man die Erkenntnis 
der geistigen Welt durch alle Zeiten hindurch nennen kann, und jener 
Art von Erkenntnis der gottlich-geistigen Welt, wie sie angestrebt 
werden konnte aus der besonderen Beschaffenheit, aus der besonderen 
Organisation gerade des hebraischen Volkes. Wir haben darauf hin- 
gewiesen, daB dieses hebraische Volk schon in seinem Stammvater 
Abraham oder Abram eine ganz besondere Organisation erhalten hat, 
die darin bestand, daB dem menschlichen Organismus eingeordnet wor- 
den ist ein physisches Werkzeug, ein physisches Organ, urn sozusagen 
durch die Mittel der Sinneserkenntnis, so weit das moglich ist, sich hin- 
aufzuerheben zu einer gewissen - nicht nur Ahnung, sondern Erkennt- 
nis des Gottlich-Geistigen. Erkenntnis des Gottlich-Geistigen gab es 
und gibt es iiberall und immer. Aber diese gleichsam ewige Erkennt- 
nis des Gottlich-Geistigen wird erreicht auf dem Wege der Mysterien- 
einweihung, auf dem Wege der Initiation iiberhaupt. Von diesem, was 
durch eine besondere menschliche Entwickelung, was sozusagen auf 
kunstlichem Wege innerhalb der Menschheitsevolution erreicht wer- 
den kann, miissen wir unterscheiden jene Erkenntnis der geistigen 
Welt, die fur irgendeine Zeit die normale ist, sozusagen als besondere 
Mission in der Menschheitsentwickelung herauskommend. So konn- 
ten wir fur die alte atlantische Zeit eine astralisch-hellseherische Wahr- 
nehmung des Gottlich-Geistigen das Normale nennen. Fur die Zei- 
ten aber, in welchen das hebraische Volk bluht, ist die normale, das 
heiBt die auBerliche, exoterische Erkenntnis der geistigen Welt die- 
jenige, welche zustande kommt mit Hilfe eines besonderen physi- 
schen Organs durch jene Erkenntniskraft, die an ein solches physi- 
sches Organ gebunden ist. Und wir haben schon darauf hingewiesen, 
daB das Volk Abrahams zu dieser Erkenntnis in der Weise kam, daB 
es gleichsam das gottliche Dasein verschmolzen fuhlte mit dem eige- 
nen Inneren. Innenerkenntnis also, Ergreifen des Gottlichen im eige- 



nen Innersten war es, was durch dieses Organ moglich geworden 
war. 

Aber es ist dieses Ergreifen des Gottlich-Geistigen im Inneren durch 
diese Erkenntnis nicht gleich so moglich geworden, daB der einzelne 
Mensch hatte sagen konnen: Ich versenke mich in mein eigenes Inne- 
res ; ich suche dieses eigene Innere so tief zu erfassen, als ich es nur er- 
fassen kann, und dann flnde ich den Tropfen des gottlich-geistigen 
Daseins, der mir eine Erkenntnis geben kann von der Beschaffenheit 
des sen, was auch die auBere Welt an Gottlich-Geistigem durchlebt und 
durchwebt. - So war es nicht gleich. Das ist erst gekommen durch 
die Erscheinung, durch die Offenbarung des Christus innerhalb der 
Menschheitsentwickelung. Fur das althebraische Volk war erst die 
MogHchkeit gegeben, im Volksgeiste das GottHche zu erleben, wenn 
sich der einzelne fuhlte als ein Glied des ganzen Volkes, nicht als eine 
einzelne Individuality. Wenn er sich mit dem Blut in eine herunter- 
flieBende Generationenreihe hineingehorig fuhlte, dann fuhlte er leben 
in dem VolksbewuBtsein, in seinem Blut, das Gottes- oder Jahve-Be- 
wuBtsein. Wenn man daher zutrefTend bezeichnen will im geisteswis- 
senschaftlichen Sinne, kann man den Gott Jahve nicht dadurch be- 
zeichnen, daB man sagen wiirde: Er ist der Gott Abrahams. Damit 
wiirde er nur ungenau bezeichnet sein. Sondern man muB sagen : Er 
ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; er ist diejenige Wesenheit, 
die von Generation zu Generation flieBt, die sich im VolksbewuBtsein 
in Einzelmenschen, durch einzelne Menschen hindurch offenbart. 

Das ist der Unterschied und der groBe Fortschritt von dieser Er- 
kenntnis Abrahams, Isaaks und Jakobs zu der christiichen, daB die 
christliche Erkenntnis in der einzelnen Menschenindividualitat das- 
selbe erkennt, was die althebraische Erkenntnis nur errekhen konnte 
durch Vertiefung in den Volksgeist, in den Geist, der in dem Blute der 
Generationen rann. So konnte Abraham sagen: Insofern mir verhei- 
Ben ist, der Begriinder eines Volkes zu sein, das sich ausbreiten wird in 
den von mir abstammenden Generationen, wird leben in dem Blute, 
das durch sie hinunterrinnt, der Gott, den wir als den hochsten an- 
erkennen; er offenbart sich uns im BewuBtsein unseres Volkes. - Das 
wurde das Nor male. 



Nun geht durch alle Zeiten hindurch ein hdheres Erkennen des 
Gottlich-Geistigen : das Mysterienerkennen. Das ist nicht abhangig 
von jenen anderen, besonderen Formen. Man konnte in der Zeit der 
alten atlantischen Entwickelung durch ein gewisses astraHsch-atheri- 
sches Hellsehen hineinschauen in den gottlich-geistigen Untergrund 
des Daseins; man konnte sein Inneres entwickeln und zu einer My- 
sterien- oder Orakelerkenntnis kommen. Und auch in der Zeit, als die 
hebraische Erkenntnis das Normale war, konnte man in gewissen Stat- 
ten dadurch hinaufsteigen, daB man nicht im Leibe, wie die Abraha- 
miten, sondern auBer dem Leibe das Gotdiche erkannte; man konnte 
hinaufsteigen zu dem Gottlich-Geistigen unter dem Gesichtspunkt des 
Ewigen, indem der Mensch sein Ewiges erhob zum Anschauen des 
Gottlich-Geistigen . 

Sie konnen sich nun leicht vorstellen, daB fur Abraham eines not- 
wendig war. Er lernte auf seine ganz besondere Art, auf dem Wege 
durch ein physisches Organ, durch physische Erkenntnis das Gottlich- 
Geistige kennen. Er lernte auf diesem Wege den fiihrenden Weltengott 
kennen. Wenn er sich lebendig in den Gesamtweg der Entwickelung 
hineinstellen wollte, dann war es fur ihn unendlich wichtig, zu erken- 
nen, daB der Gott, der sich im VolksbewuBtsein kundtut, derselbe ist, 
der in den Mysterien zu alien Zeiten als die schopferische und schaf- 
fende Gottheit anerkannt wurde. Also es muBte Abraham identifizie- 
ren konnen seinen Gott mit dem Gott der Mysterien. Das war nur un- 
ter einer ganz bestimmten Voraussetzung moglich. Unter einer ganz 
bestimmten Voraussetzung muBte ihm die GewiBheit gegeben werden, 
daB dieselben Krafte im VolksbewuBtsein sprechen, die in den Myste- 
rien auf eine hohere Art sprechen. Wenn wir diese GewiBheit einsehen 
wollen, mussen wir uns eine Tatsache der Menschheitsentwickelung 
vor Augen fiihren. 

In meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» konnen Sie nachlesen, 
daB es in der alten Adantis Eingeweihte gegeben hat, die dort Orakel- 
priester genannt werden; auf den Namen kommt es nicht an. Ich habe 
auch darauf hingewiesen, daB einer dieser groBen Initiierten der Fiihrer 
aller atlantischen Orakel war, der Sonneneingeweihte, im Gegensatz 
zu den untergeordneten Orakelstatten der Atlantis, welche Merkur-, 



Mars-, Jupitereingeweihte und so weiter in sich bargen. Ich habe auch 
darauf hingewiesen, daB dieser groBe Sonneneingeweihte, der Fiihrer 
des Sonnenorakels, auch der groBe Fiihrer der bedeutungsvollen Kul- 
turkolonie war, die sich vom Westen nach dem Osten, von der Adantis 
nach dem Inneren Asiens, bewegt hat, um von dort auszustrahlen, zu 
inaugurieren die nachatlantische Kultur. In geheimnisvolle Statten im 
Inneren Asiens zog sich dieser groBe Eingeweihte, der er damals schon 
war, zuriick. Er gab zunachst denjenigen groBen Weisen, die wir als 
die heiligen Rishis bezeichnen, die Moglichkeit, groBe Lehrer ihres 
Volkstums zu sein. Und er war es, dieser groBe, geheimnisvolle Initi- 
ierte, der auch dem Zarathustra oder Zoroaster seine Einweihung zu- 
teil werden lieB. 

Anders wurde allerdings dem Zarathustra, anders den indischen 
Rishis die Einweihung gegeben; denn sie hatten verschiedene Auf- 
gaben. Den Rishis wurde eine solche Einweihung gegeben, daB sie so- 
zusagen wie von selbst, wenn sie ihr Inneres weiter entwickelten, die 
groBen Geheimnisse des Daseins aussprechen konnten. Dadurch wur- 
den sie die groBen Fiihrer und Lehrer der vorvedischen, altindischen 
Kultur. Es war fur sie noch etwas, was zwar auf kunstlichem Wege er- 
zeugt war, aber auf diesem Wege durchaus ahnlich war dem alten 
atlantischen Hellsehen, das nur einzeln auf die sieben Rishis verteilt 
war. Jeder der sieben Rishis hatte sein bestimmtes Gebiet. Wie die ver- 
schiedenen Orakelstatten ihr besonderes Gebiet hatten, so hatte jeder 
der sieben Rishis seine besondere Aufgabe. Und ein Kollegium sprach, 
wenn jeder der sieben Rishis sagte, was er wuBte von der Urweisheit 
der Welt. Die hatten sie empfangen von dem groBen Sonnenein- 
geweihten, der hinausverpflanzt hatte von dem Westen nach dem Osten 
die alte atlantische Weisheit und sie eben in einer besonderen Weise 
weitergegeben hatte an die, welche die Trager der nachatlantischen 
Kultur werden sollten. In anderer Weise gab er sie dem Zarathustra, so 
daB Zarathustra so sprechen konnte, wie ich es auch angedeutet habe. 

Die Rishis sagten: Um zum hochsten Gotdich-Geistigen zu kom- 
men, muB man alles, was in der Umwelt ist, was sich den auBeren Sin- 
nen darbietet, als Maja oder Illusion ansehen; man muB sich ab wen- 
den davon, ganz den Blick in das Innere versenken: dann geht eine 



andere Welt in einem auf als die, welche vor einem ist. - Also mit Ab- 
wendung von der illusionaren Welt der Maja, mit der Entwickelung 
des eigenen Inneren hinaufzusteigen in die gottlich-geistigen Spharen, 
das war die Lehre der alten indischen Rishis. Anders Zarathustra. Er 
wandte sich nicht ab von dem, was sich auBerlich manifestiert. Er sagte 
nicht: Das AuBere ist Maja oder Illusion, von der wir uns ab wen- 
den miissen. Sondern er sagte: Diese Maja oder Illusion ist die OfFen- 
barung, das wirkliche Kleid des gottlich-geistigen Daseins. Wir diirfen 
uns nicht von ihm abwenden, sondern im Gegenteil, wir miissen es er- 
forschen. Wir miissen sehen im Sonnenlichtleib das auBere Gewebe, 
worinnen webt und lebt Ahura Mazdao ! 

So war in gewisser Weise der Standpunkt Zarathustras der ent- 
gegengesetzte von dem der alten Rishis. Es ist gerade die nachindische 
Kultur dadurch bedeutsam geworden, daB sie der AuBenwelt einpra- 
gen sollte, was sich der Mensch durch sein geistiges Wirken erobern 
kann. Und wir haben auch gesehen, wie Zarathustra das Beste, was er 
zu geben hatte, iibertragen hatte in der geschilderten Art an Moses und 
Hermes. Damit die Moses- Weisheit in der richtigen Weise fruchtbar 
werden konnte und als Samen aufgehen konnte, muBte sie hinein- 
gesenkt sein in das Volkstum, das zu seinem Stammvater Abraham 
hatte. Denn Abraham hatte zuerst das Organ in sich veranlagt, ein 
JahvebewuBtsein zu erwerben. Aber er muBte wissen, daB der Gott, 
der sich in seinem Inneren ankiindigen konnte den physischen Er- 
kenntniskraften, mit derselben Stimme spricht, mit welcher der ewige, 
alles durchwebende Gott der Mysterien spricht, nur daB er sich auf eine 
eingeschrankte Weise, namlich wie Abraham ihn erkennen konnte, 
offenbarte. 

Einer solchen bedeutsamen Wesenheit, wie es der groBe atlantische 
Sonneninitiierte war, ist es nicht ohne weiteres moglich, zu denen, die 
zu irgendeiner Zeit leben und eine besondere Mission haben, sogleich 
in einer verstandlichen Sprache zu reden. Eine so hohe Individualitat 
wie der groBe Sonneninitiierte, der in seiner Individualitat ein ewiges 
Dasein fiihrt, von dem mit Recht gesagt wurde - um anzudeuten den 
Ewigkeitscharakter dieser Individualitat daB man von ihm nicht 
anfuhren sollte Namen und Alter, nicht Vater und Mutter, ein solcher 



groBer Fiihrer des Menschheitsdaseins kann sich nur dadurch ofFenba- 
ren, daB er etwas annimmt, wodurch er verwandt wird denen, welchen 
er sich ofFenbaren kann. So nahm, um dem Abraham die entsprechende 
Auf klarung zu geben, der Lehrer der Rishis, der Lehrer des Zarathu- 
stra, eine Gestalt an, in welcher er den Atherleib trug, der auf bewahrt 
war von dem Stammvater des Abraham, denselben Atherleib, der 
schon in dem Stammvater des Abraham, in Sem, dem Sohne Noahs, 
vorhanden war. Dieser Atherleib des Sem war aufbewahrt worden, 
wie der Atherleib des Zarathustra fur Moses aufbewahrt worden war, 
und seiner bediente sich der groBe Eingeweihte des Sonnenmyste- 
riums, um sich in einer verstandlichen Art dem Abraham ofFenbaren zu 
konnen. Diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweih- 
ten des Sonnenmysteriums ist jene Begegnung, welche uns im Alten 
Testament geschildert wird als die Begegnung des Abraham mit dem 
Konige, mit dem Priester des hochsten Gottes, mit Melchisedek oder 
Malek-Zadik, wie man gewohnt geworden ist ihn zu nennen (l.Mose 
14, 18-20). Das ist eine Begegnung von groBter, von universellster Be- 
deutung, diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweihten 
des Sonnenmysteriums, der - nur um ihn sozusagen nicht zu verbliifFen 
- in dem Atherleib des Sem sich zeigte, des Stammvaters des semiti- 
schen Stammes. Und bedeutungsvoll wird in der Bibel auf etwas hin- 
gewiesen, was leider nur zu wenig verstanden wird, namlich darauf, 
woher sozusagen dasjenige kommen kann, was Melchisedek dem Abra- 
ham zu geben in der Lage ist. Was kann Melchisedek dem Abraham 
geben? Er kann ihm geben das Geheimnis des Sonnendaseins, das 
natiirlich Abraham nur in seiner Art verstehen kann, dasselbe, was hin- 
ter der Zarathustra-OfFenbarung steht, worauf Zarathustra erst pro- 
phetisch hingewiesen hat. 

Wenn wir uns die Tatsache vorstellen, daB Zarathustra seine bevor- 
zugten Schiller auf das hinwies, was als Ahura Mazdao geistig hinter 
dem Sonnenlichtleib lebt, indem er sagte: Seht hin, dahinter steckt 
etwas, was jetzt noch nicht mit der Erde vereinigt ist, was aber einst in 
die Erdene volution sich ergieBen wird und auf die Erde herunterstei- 
gen wird -, wenn wir anerkennen, daB Zarathustra nur prophetisch 
vorherverkiinden konnte den Sonnengeist, den Christus, von dem er 



sagte : Er wird kommen in einem menschlichen Leibe -, dann werden 
wir sagen miissen, daB fur denjenigen Menschen, der vorbereiten und 
spater herbeifiihren sollte die Inkarnation des Christus auf der Erde, 
sich noch groBere Tiefen dieses Sonnengebeimnisses zeigen muBten. 
Das geschah dadurch, daB der Lehrer des Zarathustra selber bei jener 
Begegnung EinfluB nahm auf Abraham, sozusagen aus derselben 
Quelle seinen EinfluB brachte, aus der dann der Christus-EinnuB 
kommt. Das wird uns wieder in der Bibel symbolisch angedeutet, in- 
dem gesagt wird: Indem Abraham dem Melchisedek entgegengeht, 
bringt ihm dieser Konig von Salem, dieser Priester des hochsten der 
Gotter, Brot und Traubensaft. «Brot und Traubensaft» wird spater 
noch einmal ausgeteilt: Als das Geheimnis des Christus ausgedruckt 
werden soil fiir seine Bekenner bei der Einsetzung des Abendmahles, 
da geschieht es durch Brot und Traubensaft ! Indem die Gleichheit des 
Opfers in so bedeutungsvoller Weise betont wird, wird darauf hin- 
gewiesen, daB es dieselbe Quelle ist, aus der Melchisedek schopft, und 
woheraus der Christus schopft. 

Also es sollte ein EinfluB stattfinden von dem, was spater auf die 
Erde niedersteigen sollte, auf dem Umwege durch Melchisedek. Und 
dieser EinfluB sollte auf den groBen Vorbereiter des spateren Ereignis- 
ses, auf Abraham, erfolgen. Und die Folge der Wirkung dieser Begeg- 
nung des Abraham mit Melchisedek war die, daB Abraham nun spiirte : 
was ihn da antreibt, was er anspricht mit dem Namen jahve oder Je- 
hova als das Hochste, was er denken kann, das kommt aus derselben 
Quelle, aus der auch fiir alles hochste Erdenwissen das BewuBtsein des 
Initiierten kommt von dem alle Welten durchwebenden und durch- 
lebenden hochsten Gott. Das war das BewuBtsein, das Abraham jetzt 
weitertragen konnte. - Ein anderes BewuBtsein ging in Abraham noch 
auf : das BewuBtsein, daB nun tatsachlich mit dem Blute der Generatio- 
nen, das durch das Volkstum hinunterrinnt, etwas gegeben sein soil, was 
sich richtig nur vergleichen laBt mit dem, was in den Mysterien ge- 
schaut werden kann, wenn der hellseherische Blick sich hinausrichtet 
in die Geheimnisse des Daseins und die Sprache des Kosmos versteht. 

Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, wie man in den Myste- 
rien die Geheimnisse des Kosmos ausdruckt, indem man eine Sternen- 



sprache spricht und die Geheimnisse des Kosmos zum Ausdrucksmit- 
tel nimmt fur das, was man sagen will. Es gab Zeiten, in denen die My- 
sterienlehrer das Auszudriickende in solche Worte, in solche Bilder 
kleideten, die hergenommen waren von der Konstellation der Sterne. 
Man sah gleichsam in den Wegen der Sterne, in den Lagen der Sterne zu- 
einander die Bilder, durch die man ausdriicken wollte, was der Mensch 
geistig erlebt, wenn er sich zu dem Gottlich-Geistigen hinauferhebt. 

Was hat man nun in der Mysterienweisheit gelesen in dieser Sternen- 
schrift? Man hat darinnen gelesen die Geheimnisse der die Welt durch- 
webenden und durchlebenden Gottheit. Es waren die Ordnungen der 
Sterne der augenfallige Ausdruck der Gottheit. Man richtete den Blick 
in Weltenalle und sagte : Da kiindet sich die Gottheit an ! Und wie sie 
sich ankiindet, das beschreiben uns die Ordnungen und Harmonien 
der Sterne. - So lebte sich fiir ein solches Anschauen der Weltengott 
aus in der Ordnung der Sterne. 

Sollte sich auf eine besondere Art in der Mission des hebraischen 
Volkes dieser Weltengott ausleben, so muBte er sich in derselben Ord- 
nung ausleben, die im Kosmos in den Sternenbahnen vorgezeichnet 
ist. Das heiBt, es muBte sich durch das Blut der Generationen, in wel- 
chem ja das auBere Instrument der Jahve-Offenbarungen enthalten war, 
eine ahnliche Ordnung ausdriicken, wie sie sich ausdriickt in den Ster- 
nenbahnen. Mit anderen Worten: In der Nachkommenschaft des Abra- 
ham muBte etwas sein, was in der Generationenfolge, in der Bluts- 
verwandtschaft, ein Spiegelbild dessen war, was Sternenschrift im 
Kosmos ist. Deshalb bekam Abraham die VerheiBung : Deine Nach- 
kommen sollen geordnet sein wie die Sterne am Himmel ! - Das ist die 
richtige Auslegung des Satzes, der gewohnlich heiBt: « Deine Nach- 
kommen sollen zahlreich sein wie die Sterne am Himmel », und womit 
nur die Vielzahl der Nachkommenschaft angedeutet wird (1 . Mose 22, 
17). Aber nicht die Vielzahl ist gemeint, sondern gemeint ist, daB in der 
Nachkommenschaft eine solche Ordnung herrschen solle, wie sie am 
Himmel in der Sprache der Gotter wahrgenommen wurde in der Grup- 
pierung der Sterne. Da sah man hinauf in eine solche Ordnung, wie sie 
sich darstellt in der Ordnung des Tierkreises. Und in der Stellung der 
Wandelsterne, der Planeten zum Tierkreis driickten sich jene Konstella- 



tionen aus, in denen man die Sprache fand, um die Taten der Gotter, wie 
sie weben durch das Weltall, auszudnicken. Dieses feste Band also, das 
im Zodiakus und in dem Verhaltnis der Planeten zu den zwolf Tier- 
kreiszeichen sich darstellt, muBte sich ausdriicken in der Blutsver- 
wandtschaft in der Nachkommenschaft des Abraham. 

So haben wir in den zwolf Sohnen Jakobs, in den zwolf Stammen 
des hebraischen Volkes die Abbilder der zwolf Zeichen des Tierkrei- 
ses. Wie sich oben in den zwolf Tierkreisbildern die Sprache der Got- 
ter ausdriickt, so driickt sich Jahve aus in dem durch die Generationen 
herabflieBenden Blute des jiidischen Volkes, das sich nach den zwolf 
Sohnen des Jakob in die zwolf Stamme teilte. Dasjenige, was sich in 
diese Konstellation des Tierkreises hineinordnet, bezeichnen wir mit 
dem Namen der Planeten, mit Venus, Merkur, Mond, Sonne und so 
weiter. Und wir haben gesehen, wie dasjenige, was sich im Laufe der 
Zeit im Lebensgange des hebraischen Volkes als Einzelabschnitte ab- 
spielt, in der Tat in gewisser Beziehung zu parallelisieren ist mit dem 
Weg der Planeten durch den Zodiakus : daB wir David, den koniglichen 
Sanger, parallelisieren mussen mit Hermes oder Merkur, daB wir die 
Zeit der babylonischen Gefangenschaft, das heiBt jene Konfiguration, 
welche die Jahve-OfFenbarung etwa sechs Jahrhunderte vor unserer 
Zeitrechnung durch einen neuen Einschlag erhalten hat, parallelisieren 
diirfen mit dem Namen der Venus als einem Namen unseres Planeten- 
systems. Das sollte dem Abraham angedeutet werden. So daB zum Bei- 
spiel die Art, wie eine Personlichkeit wie David sich hineinstellt in die 
Stammesfolge, parallel geht dem, wie der Merkur zum Zodiakus steht. 
Der Stamm Juda zum Beispiel entspricht dem Sternbilde des Lowen, 
und das Hineingestelltsein des David in den Stamm Juda wurde in der 
Geschichte des hebraischen Volkes dem entsprechen, was im Kosmos 
das Bedecken des Sternbildes des Lowen durch Merkur ware. So kann 
man lesen an alien Einzelheiten, in der Blutfolge, in dem merkwiirdi- 
gen Ubertragen der Konigs- oder Priesterwiirde, in den Kampfen oder 
Siegen des einen oder des anderen Stammes, in der ganzen hebraischen 
Geschichte, was die Bedeckung der einzelnen Sternbilder drauBen im 
Weltenraume ist. Das lag in dem bedeutungsvollen Wort: Deine 
Nachkommen sollen geordnet sein wie die Harmonie der Sterne am 



Himmel. - Wir miissen nur nicht in den Urkunden, die auf Okkultis- 
mus gebaut sind, jene Trivialitaten sehen, welche so gern darin ge- 
sehen werden, sondern wir miissen voraussetzen, daB diese Urkunden 
von einer unendlichen Tiefe sind. 

So sehen wir in der Tat, wie Ordnung vorhanden ist in dieser Ge- 
nerationenfolge, die uns dann im Matthaus-Evangelium geschildert 
wird. Wir sehen, daB uns dieser Evangelist andeutet, wie auf eine ganz 
besondere Weise das Blut jenes Leibes zusammengesetzt war, der zu- 
nachst aufnehmen sollte die Individualitat des Zarathustra, damit diese 
Individualitat des Zarathustra die OfTenbarung des Christus auf der 
Erde herbeifuhren konnte. 

Was war also durch die zweiundvierzig Generationen hindurch von 
Abraham bis auf Joseph erlangt worden? Das war erlangt worden, 
daB mit dem Letzten in der Generationenfolge eine Blutmischung zu- 
stande gekommen war, die sich nach den Gesetzen der Sternenwelt, 
der heiligen Mysterien vollzogen hatte. Und in dieser Blutmischung, 
welche die Zarathustra-Individualitat brauchte, um das groBe Werk 
auszufuhren, war eine innere Ordnung, eine Harmonie, die einer der 
schonsten, der bedeutsamsten Ordnungen des Sternensystems ent- 
sprach. So war die Blutmischung, die Zarathustra vorfand, ein Abbild 
des ganzen Kosmos. Dieses Blut, das da durch Generationen hindurch 
gebildet wurde, war so gemischt, wie die Ordnungen des Kosmos ge- 
regelt sind. Das alles liegt zugrunde jener bedeutsamen Urkunde, 
welche wir jetzt, wenn ich so sagen darf, in einer abgeschwachten Form 
in dem Evangelium nach Matthaus vor uns haben. Dieses tiefe Geheim- 
nis von einem Volkswerden als Abbild eines kosmischen Werdens 
liegt dem zugrunde. 

So fuhlten diejenigen, welche zunachst etwas wuBten von dem gro- 
Ben Mysterium Christi. Sie fuhlten schon in dem Blut, welches dieser 
Matthaus- Jesus von Nazareth in sich hatte, ein Abbild des Kosmos, 
ein Abbild jenes Geistes, der im ganzen Kosmos waltet. Dieses Ge- 
heimnis driickten sie aus, indem sie sagten : In dem Blut, in welchem 
leben sollte das Ich, das dann Jesus von Nazareth war, lebte der Geist 
des ganzen Kosmos. Sollte also dieser physische Leib geboren werden, 
dann muBte er sein ein Abdruck des Geistes des ganzen Kosmos, des 



Geistes, der da waltet in der Welt. - Das war urspriinglich die Formel, 
daB die Kraft, die jener Blutmischung zugrunde lag, welche die des 
Zarathustra oder Jesus von Nazareth wurde, daB diese Kraft der Geist 
war unseres ganzen Kosmos, eben jener Geist, der urspriinglich, nach 
der Trennung der Sonne von unserer Erde, briitend dasjerdge durch- 
drang, was sich herausgegliedert hatte in der Weltenevolution. Aus 
den schon erwahnten Miinchener Vortragen wissen wir : Wenn wir den 
Beginn der Genesis, das «Bereschit bara Elohim eth haschamajim 
we'eth ha'aretz », nicht mit den trivialenWorten der heutigen Zeit uber- 
setzen wollen, die sich nicht mehr mit dem alten Sinn decken, sondern 
wenn wir den wahren Sinn heraussuchen, daB wir dann zu ubersetzen 
haben : «In dem, was heriibergekommen war aus dem Saturn-, Sonnen- 
und Mondendasein, ersannen in kosmischer Tatigkeit die Elohim das- 
jenige, was sich nach auBen offenbart, was sich im Inneren regt. Und 
iiber dem, was sich im Inneren regt, und durch das, was sich regt, 
herrschte das finstere Dunkel; aber es breitete sich aus da hinein, es 
briitete dariiber, es durchdringend mit Warme - ahnlich wie das Huhn 
das Ei - der schopferische Geist der Elohim, Ruach-Elohim.» Was 
da als Geist briitete, das ist dasselbe, ganz dasselbe, was dann die Ord- 
nungen bewirkte, welche man ausdriicken konnte in einer gewissen 
Weise durch die Konstellation der Sterne. So fuhlten die urspriing- 
Hchen Eingeweihten des Christus-Mysteriums, daB die Blutmischung 
des Jesus von Nazareth ein Abbild dessen war, was Ruach-Elohim 
durch das Weltendasein hindurch wirkte. Und sie nannten daher das 
Blut, das auf diese Weise fur das groBe Ereignis zubereitet worden ist, 
«geschaflen durch den Geist des Weltendaseins», durch denselben 
Geist, der in jener bedeutungsvollen Schilderung der Genesis, in dem 
«Bereschit bara.. .», genannt wird Ruach. 

Dieser heilige Sinn, der wahrhaftig groBer ist als jeglicher andere, 
triviale Sinn, liegt zunachst als der hohere Sinn dem zugrunde, was ge- 
nannt wird «die Empfangnis aus dem heiligen Geiste des Welten- 
alls». Das liegt dem zugrunde, was enthalten ist in dem Wort: «Und 
die Gebarerin dieses Wesens war erfiillt von der Kraft dieses Geistes 
des Weltenalls» (Matth.1,18). Wir miissen nur die ganze GroBe eines 
solchen Mysteriums empfinden, und wir werden dann schon finden, 



daB in dieser Art, die Sache darzustellen, etwas unendlich Hoheres liegt 
als in alledem, was exoterisch in der Conceptio immaculata, in der « Un- 
befleckten Empfangnis » gegeben ist. Man braucht ja nur zwei Dinge in 
der Bibel sich selbst gegeniiberzustellen, wenn man die wahre Absicht 
der Bibel erkennen und von einer trivialen Ausdeutung der Unberleck- 
ten Empfangnis abkommen will. Das eine ist dies : Wozu wurde der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums die ganze Reihe der Generationen 
von Abraham bis auf Joseph aufstellen, wenn er etwa sagen wollte, daB 
mit dieser ganzen Generationenfolge die Geburt des Jesus von Naza- 
reth nichts zu tun habe? Er bemiiht sich darzustellen, wie das Blut von 
Abraham bis auf Joseph heruntergeleitet wird, und dann sollte er sagen, 
daB mit diesem Blut in Wahrheit das Blut des Jesus von Nazareth 
nichts zu tun habe? Und die andere Tatsache ist, daB Ruach-Elohim, 
der in der Bibel der Heilige Geist genannt wird, in der hebraischen 
Sprache weiblichen Geschlechts ist, ein Femininum ist, was doch wohl 
auch in irgendeiner Weise in Betracht kommen muB. - Wir werden 
darauf noch weiter zu sprechen kommen; jetzt wollte ich nur ein Ge- 
fiihl dafiir hervorrufen, wie groB die Gedankenkonzeption ist, die 
diesem Mysterium bei seinem Ausgangspunkt zugrunde Hegt. 

Was da beim Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung sich abgespielt 
hat, und was nur die Weisen kannten, die wirklich in die Geheimnisse 
des Weltendaseins eingeweiht waren, das wurde zunachst ausgedriickt 
in aramaischer Sprache in der Urkunde, welche dem Matthaus-Evan- 
gelium zugrunde liegt. Und nicht nur durch den Okkultismus, son- 
dern auch durch rein philologische Forschung ist es moglich, zu be- 
weisen, daB diese Urkunde, welche dem Matthaus-Evangelium zu- 
grunde liegt, bereits im Jahre 71 existiert hat. Das wahre Zustande- 
kommen der Evangelien konnen Sie in meinem Buche «Das Christen- 
tum als mystische Tatsache » dargestellt nnden. Aber wenn man wirk- 
lich genau vorgeht, kann man selbst philologisch nachweisen, daB 
alles, was von einer spateren Konzeption des Matthaus-Evangeliums 
gesagt wird, nicht richtig ist; denn wir konnen nachweisen, daB bereits 
im Jahre 71 - also verhaltnismaBig kurze Zeit nach dem Ereignisse von 
Palastina - eine aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums vor- 
handen war. Aber weil ich hier nicht philologische Tatsachen, sondern 



nur geisteswissenschaftliche zu vertreten habe, will ich dabei nur auf 
eines hinweisen aus der talmudischen Literatur, die vollstandig ge- 
sichert ist durch judische Gelehrte. 

In der talmudischen Literatur finden wir eine Angabe, daB Rabbi 
Gamaliel II. mit seiner Sch wester in einen Erbschaftsstreit verwickelt 
war, der dadurch entstanden war, daB im Jahre 70 sein Vater in einem 
Streit mit den Romern umgekommen war. Und es wird uns erzahlt, daB 
Rabbi Gamaliel II. damals vor einem Richter stand, der nach allem, was 
uns die talmudische Literatur berichtet, ein Halbchrist war, ein so- 
genannter Judenchrist. Solche gab es schon in jenen Richterstellen, die 
von den Romern den Juden hingesetzt waren. Dabei ging nun etwas 
Merkwiirdiges vor : Rabbi Gamaliel II. kampft mit seiner Schwester um 
die Erbschaft, um das Vermogen seines Vaters. Und vor seinem Rich- 
ter, der schon etwas vom Christentum weiB, macht er geltend, daB nach 
dem bei den Juden geltenden Gesetz nur der Sohn, nicht aber die Toch- 
ter erben konne, und daB ihm allein also die Erbschaft gehore. Da halt 
ihm der Richter vor, daB ja die Thora abgesetzt sei in denjenigen Krei- 
sen, innerhalb welcher er Richter sei, und da er Recht und Urteils- 
spruch bei ihm suche, so wolle er nicht bloB richten nach dem Gesetz 
der Juden, sondern nach dem Gesetz, das sich an die Stelle der Thora 
hingesetzt habe. Das alles war geschehen, wie schon gesagt, im Jahre 
71, da der Vater des Gamaliel im Jahre 70 bei der Judenverfolgung um- 
gekommen war. Nun fand Rabbi Gamaliel keinen anderen Ausweg 
mehr, als daB er den Richter bestach. Da machte der bestochene Richter 
am nachsten Tage ein Zitat, und zwar war das ein solches, das entlehnt 
war der aramaischen Urschrift des Matthaus-Evangeliums. Und was 
sagte der Richter? Der Christus «sei nicht gekommen, das Gesetz des 
Moses zu brechen, sondern es zu erfullen ! » (Matth. 5, 17). So glaubte er 
damit sein Gewissen endasten zu konnen, wenn er das Gesetz beugte, 
indem er sagte, er richte doch im Sinne des Christus, wenn er dem 
Gamaliel die Erbschaft zusprache. 

Daraus wissen wir, daB im Jahre 71 eine christliche Urkunde be- 
stand, aus welcher Worte entlehnt wurden, welche heute im Matthaus- 
Evangelium enthalten sind. Wir haben also dieses auBerliche Zeichen 
- es wird namlich jene Stelle in aramaischer Sprache angefuhrt -, daB 



diese Urkunde, diese aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums, 
damals mindestens teilweise vorhanden gewesen ist. Was die okkulte 
Forschung dariiber zu sagen hat, das werden wir noch zu besprechen 
haben. Dies sollte jetzt nur angefiihrt werden, urn zu zeigen: Wenn 
man schon die auBere Wissenschaft zu Hilfe zieht, darf man das nicht 
machen, was so oft gemacht wird, daB namlich alles zusammengetra- 
gen wird, was die Herren gerade lesen konnen, wiihrend sie zum Bei- 
spiel die talmudische Literatur unberiicksichtigt lassen, die auBer- 
ordentlich bedeutsam ist fiir das, was man auch exoterisch iiber diese 
Dinge erkennen kann. 

So sehen wir, daB wir auch auBerlich auf einem recht guten Boden 
stehen, wenn man das Matthaus-Evangelium verhaltnismaBig fruh an- 
setzt. Damit schon allein, mochte ich sagen, ist auch auBerlich ein ge- 
wisser Beweis geliefert, daB die Menschen, welche an der Abfassung 
des Matthaus-Evangeliums beteiligt waren, zeitlich nicht sehr weit 
entfernt von den Ereignissen in Palastina waren, so daB dadurch selbst 
exoterisch gesichert ist, daB man damals nicht einfach den Leuten ins 
Gesicht liigen konnte und sagen, es hatte also im Beginne unserer 
Zeitrechnung nicht der Christus Jesus gelebt, von dem wir sprechen. 
Denn es war nicht einmal ein halbes Jahrhundert darnach, so daB man 
noch zu Augenzeugen zu sprechen hatte und denen nicht Dinge sagen 
konnte, welche sich nicht zugetragen hatten. Das sind Dinge, die exo- 
terisch wichtig sind, und wir wollen sie nur anfuhren zum Beleg fur 
das Exoterische der Sache. 

Wir haben also gesehen, wie aus den Geheimnissen des Kosmos her- 
aus in der Menschheitsevolution Veranstaltungen getroffen worden 
sind, um aus dem gleichsam filtrierten Blute des hebraischen Volkes, 
das die Ordnung des Weltalls selbst in sich aufgenommen hatte, einen 
Korper herzustellen, in welchem sich wieder inkarniert der groBe Ein- 
geweihte Zarathustra. Denn von der Zarathustra-Individualitat spricht 
das Matthaus-Evangelium; und keine andere Individualist als die Za- 
rathustra-Individualitat ist es, von der dieses Evangelium spricht. Nun 
diirfen wir uns nicht etwa denken, daB alles dies, was wir gleichsam 
aus den tiefsten Geheimnissen der Weltenevolution hervorheben, 
sich so ganz offen vor aller Augen abgespielt habe. Das war auch fiir 



die Zeitgenossen in ein tiefes Geheimnis gehullt und nur den wenig- 
sten Eingeweihten verstandlich. Daher ist es begreif lich, daB ein so 
tiefes Schweigen herrscht iiber alles, was sich damals als das groBte 
Ereignis der Menschheitsevolution zugetragen hat. Und wenn sich 
heute die Historiker auf ihre Urkunden berufen und sagen, daB diese 
Urkunden iiber dieses Ereignis schweigen, so muB uns das nicht ver- 
wundern, sondem ganz natiirlich erscheinen. 

Wenn wir jetzt charakterisiert haben, wie von der Zarathustra-Seite 
her dieses groBte Ereignis unserer Menschheitsevolution vorbereitet 
wurde, so miissen wir uns jetzt noch andere vorbereitende Stromun- 
gen zu diesem groBen Ereignis ein wenig vor die Seele fuhren. Vieles, 
vieles geschah in der Menschheitsevolution unmittelbar vorher und 
auch unmittelbar nachher, nachdem diese Ereignisse um Christus her- 
um sich abgespielt hatten. Es ist dieses Ereignis im Grunde schon lange 
vorher vorbereitet worden. Wie es von auBerer Seite vorbereitet 
wurde, indem Zarathustra Moses und Hermes ausgesandt hat, indem 
von Melchisedek, von dem Sonnenmysterium selber, die auBere Hiille 
des Jesus von Nazareth vorbereitet wurde, so wurde ein anderes noch 
vorbereitet, gleichsam eine Nebenstromung dieser groBen Stromung, 
die aber, wenn sie auch nur eine Nebenstromung ist, doch etwas zu 
tun hat mit der groBen Hauptstromung, die von Zarathustra herkommt. 
Diese Nebenstromung bereitet sich langsam vor in jenen Statten, die 
uns bezeichnet werden auch von der auBeren Geschichte dadurch, daB 
wir auf gewisse Sekten aufmerksam gemacht werden, welche eine be- 
sondere Seelenentwickelung anstrebten, und die uns von Philo als die 
«Therapeuten» beschrieben werden. Die Therapeuten waren Angeho- 
rige einer geheimnisvollen Sekte, die auf innerlichem Wege ihre Seelen 
zu reinigen suchten, um das herauszubringen, was durch den auBeren 
Verkehr und durch die auBeren Erkenntnisse verunreinigt wird, um 
sich dadurch in reine geistige Spharen zu erheben. Eine Abzweigung 
dieser Sekte der Therapeuten, in welcher jene Nebenstromung weiter 
vorbereitet wurde, waren die in Asien lebenden «Essaer» oder «Esse- 
ner». Diese Menschen alle - Sie konnen eine kurze Beschreibung dar- 
iiber in meinem « Christentum als mystische Tatsache» finden -, welche 
in diesen Sekten vereinigt waren, hatten eine gewisse gemeinsame 



geistige Leitung. Sowohl bei den Therapeuten wie auch bei den Essa- 
ern war eine gewisse geistige Leitung vorhanden. Und wenn wir diese 
geistige Leitung exoterisch kennenlernen wollen, miissen wir uns an 
das erinnern, was wir im vorigen Jahre bei den Vortragen iiber das 
Lukas-Evangelium besprochen haben. Wir haben dabei angefuhrt das 
Geheimnis des Gautama Buddha, wie es in den orientalischen Schriften 
auch exoterisch behandelt wird, und wir haben gesagt, daB derjenige, 
der ein Buddha werden will im Laufe der Entwickelung, zunachst ein 
Bodhisattva werden miisse. Wir haben ausgefiihrt, wie derjenige, der 
aus der Geschichte als « Buddha » bekannt ist, auch zuerst ein Bodhi- 
sattva war und dann Buddha wurde. Bis zum neunundzwanzigsten 
Jahre seines physischen Seins als der Sohn des Konigs Suddhodana war 
er noch ein Bodhisattva, und erst im neunundzwanzigsten Jahre ist er 
durch seine innere Seelenentwickelung vom Bodhisattva zum Buddha 
geworden. Der Bodhisattvas gibt es nun eine ganze Reihe in der Ent- 
wickelung der Menschheit; und jener Bodhisattva, der sechs Jahr- 
hunderte vor unserer Zeitrechnung ein Buddha geworden war, ist 
einer von den Bodhisattvas, welche die Entwickelung der Menschheit 
leiten. Eine solche Individualist, welche aufsteigt von der Wiirde eines 
Bodhisattva zur Wiirde eines Buddha, inkorporiert sich spater nicht 
wieder in einem physischen Leibe auf der Erde. Wir haben dann ge- 
sehen, wie sich der Buddha manifestiert hat bei der Geburt des Jesus 
des Lukas-Evangeliums, indem er sich mit diesem Jesus, den wir den 
Jesus der nathanischen Linie nannten, verband mit seinem atherischen 
Leibe. Und wir haben gesehen, daB dies ein anderer Jesus ist als der, 
von dem wir beim Matthaus-Evangelium zunachst sprechen. 

In diesem Buddhawerden des Konigssohnes des Suddhodana haben 
wir zu sehen den AbschluB einer alten Entwickelung. In der Tat ge- 
hort diese Entwickelung, welche ihren AbschluB mit dem Buddha- 
werden jenes Bodhisattva erreicht, derselben Stromung an, der auch 
die heiligen Rishis der Inder angehoren; aber diese erreichte mit dem 
Buddhawerden jenes Bodhisattva einen gewissen AbschluB. - Wenn 
nun ein Bodhisattva zum Buddha wird, so tritt an seine Stelle sein 
Nachfolger. Das erzahlt auch die alte indische Legende, indem sie sagt, 
daB der Bodhisattva, der herunterstieg, um als Sohn des Konigs Sud- 



dhodana zur Buddhawiirde aufzusteigen, vor seinem letzten Herab- 
steigen die Krone des Bodhisattva weitergab an seinen Nachfolger in 
den geistigen Reichen. Es gab also seit jenen Zeiten einen Nachfolger 
jenes Bodhisattva, der damals Buddha wurde. Und dieser neue Bo- 
dhisattva, der nun als Bodhisattva weiter wirkte, hatte eine besondere 
Aufgabe fur die Menschheitsentwickelung. Ihm war besonders die 
Aufgabe zugefallen, geistig zu leiten jene Bewegung, welche sich im 
Therapeutentum, im Essaertum kundgab, so daB wir in jenem Bodhi- 
sattva, der der Nachfolger des Buddha wurde, anerkennen den geisti- 
gen Leiter der Therapeuten- und Essaergemeinden. Da wirkte sein 
EinfluB. Dieser Bodhisattva schickte sozusagen zur Leitung der Essaer 
unter der Regierung des Konigs Alexander Jannai - ungefahr 125 bis 
77 vor unserer Zeitrechnung - eine besondere Individuality in die 
Essaergemeinden hinein. Diese besondere Individuality leitete un- 
gefahr ein Jahrhundert vor dem Erscheinen des Christus Jesus auf der 
Erde die Essaergemeinden. Diese Personlichkeit ist dem Okkultis- 
mus gut bekannt, aber auch der auBeren talmudischen Literatur. 

Es gab also ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, ein Jahrhun- 
dert vor der Erscheinung des Christus auf der Erde, eine Individuality, 
die nichts zu tun hat mit dem Jesus des Lukas-Evangeliums und nichts 
zu tun hat mit dem Jesus des Matthaus-Evangeliums, eine Person- 
lichkeit, die Lenker und Leiter war in den Essaergemeinden. Diese 
Personlichkeit ist dem Okkultismus gut bekannt als eine Art von Vor- 
laufer der Essaer fur das Christentum; sie ist bekannt aber auch in der 
talmudischen Literatur unter dem Namen Jesus, der Sohn des Pandira, 
Jeshu ben Pandira. Diesen Jesus, Sohn des Pandira, iiber den iible 
jiidische Literaturen allerlei gefabelt haben, was dann in neuerer Zeit 
wieder aufgewarmt worden ist, diese Personlichkeit, die eine edle und 
groBe Personlichkeit war, darf man nicht verwechseln, wie es einige 
Talmudisten tun, mit dem Jesus von Nazareth, von dem wir spre- 
chen. Wir kennen auch diesen essaischen Vorlaufer des Christentums 
in dem Jesus, dem Sohn des Pandira. Und wir wissen, daB dieser Jeshu 
ben Pandira von denen, die damals in der essaischen Lehre Gottes- 
lasterungen sahen, angeklagt worden ist der Gotteslasterung und 
Haresie, dann zuerst gesteinigt und, nachdem er gesteinigt worden 



war, an einem Baum aufgehangt worden ist, um zur Strafe auch noch 
die Schande hinzuzufugen. Das ist eine okkulte, aber auch eine in der 
talmudischen Literatur vorkommende Tatsache. 

In diesem Jeshu ben Pandira haben wir eine Personlichkeit zu sehen, 
die unter dem Schutze des Bodhisattva stent, welcher der Nachfol- 
ger jenes Bodhisattva ist, der als der Sohn des Konigs Suddhodana 
spater zum Buddha geworden ist. So liegen die Dinge ganz klar. Wir 
haben eine Art Vorbereitung, eine Nebenstromung der chrisdichen 
Hauptstromung in jener Stromung zu sehen, welche abhangig ist von 
dem Nachfolger des Buddha, von dem jetzigen Bodhisattva, der spater 
der Maitreya Buddha werden wird und seine Sendboten in die Essaer- 
gemeinden hineingeschickt hat; sie lebte sich damals aus in dem Mis- 
sionar, der in den Essaergemeinden das bewirkte, was wir in dem 
nachsten Vortrag kennenlernen werden. 

So haben wir den Namen Jesus zu suchen bei der Individualitat, 
von der uns das Matthaus- und das Lukas-Evangelium berichten; wir 
mussen den Namen Jesus aber auch ein Jahrhundert vor dem Beginn 
unserer Zeitrechnung in der Essaergemeinde suchen bei jener edlen 
Personlichkeit, gegeniiber der alles, was iible talmudische Literatur 
gefunden hat, Verleumdung ist, die angeklagt worden ist wegen Got- 
teslasterung und Haresie, die erst gesteinigt und nachher an einen 
Baum gehangt worden ist. 



FUNFTER VORTRAG 



Bern, 5. September 1910 



DaB jener Jesus, Sohn des Pandira, Jeshu ben Pandira, in bezug auf 
Verwandtschaft oder sonstwie, nichts zu tun hat mit derjenigen Per- 
sonlichkeit oder Individuality, von welcher wir sprechen als dem Jesus 
des Matthaus-Evangeliums oder dem Jesus des Lukas- oder irgend- 
eines anderen Evangeliums, daB dieser ein Jahrhundert vor unserer 
Zeitrechnung, also vor dem Stattfinden des Christus-Ereignisses ge- 
steinigte und nachher an einen Baum gehangte Jeshu ben Pandira 
nicht verwechselt werden darf mit alledem, wovon wir sprechen, wenn 
wir von den Evangelien sprechen, das muB streng festgehalten werden. 
Nur bemerken will ich ausdrucklich: Um auf die Personlichkeit des 
Jeshu ben Pandira hinzuweisen, um dariiber etwas zu sagen, daB er 
existiert hat, dazu ist zunachst nicht notwendig irgendeine okkulte Er- 
kenntnis, nicht irgendein hellseherisches Vermogen, sondern das kann 
man sich zusammenlesen, wenn man will, aus den hebraischen, den 
talmudischen Urkunden. Die Verwechslung mit dem eigentlichen Jesus 
hat ja zu verschiedenen Zeiten immer stattgefunden, und sie hat zu- 
erst bereits stattgefunden im 2. Jahrhundert nach dem Beginne unserer 
Zeitrechnung. Wenn wir also ausdrucklich betont haben, daB dieser 
Jesus, Sohn des Pandira, in dieser Beziehung nichts zu tun hat mit 
dem Jesus der Evangelien, so miissen wir auf der anderen Seite aber 
doch wieder einen geschichtlichen, allerdings jetzt nur durch geistes- 
wissenschaftliche Forschung feststellbaren Zusammenhang dieser bei- 
den Personlichkeiten festhalten. Diesen Zusammenhang werden wir 
aber nur dann in seiner Tiefe begreifen, wenn wir auf die Menschheits- 
evolution und ihre Fuhrer noch einmal mit ein paar Worten eingehen. 

Wenn wir zu denjenigen Wesenheiten, denjenigen Individualitaten 
hinaufschauen, welche die groBen Fuhrer der Menschheitsevolution 
sind, so kommen wir zuletzt zu einer Reihe hoher Individualitaten, die 
man gern bezeichnet - weil sozusagen die Theorie von diesen Indivi- 
dualitaten am besten im Orient festgestellt worden ist - als die Bo- 
dhisattvas. Solcher Bodhisattvas gibt es eine ganze Anzahl. Ihre Auf- 



gabe ist es, groBe Lehrer derMenschheit zu sein, von Epoche zu Epoche 
dasjenige von den geistigen Welten durch die Mysterienschulen in die 
Menschheit einflieBen zu lassen, was nach der menschlichen Reife fur 
irgendeine Epoche einflieBen soli. Und man kann sagen: Diese Bo- 
dhisattvas wechseln sich ab in den aufeinanderfolgenden Zeiten; es 
wirkt immer einer der Bodhisattvas als Nachfolger des anderen. Fur 
unsere Zeiten interessieren uns zunachst jene beiden Bodhisattvas, die 
wir schon ofter haben anfiihren mussen, wenn wir von unserer Mensch- 
heitsentwickelung sprechen: jener Bodhisattva, der als der Sohn des 
Konigs Suddhodana Buddha geworden ist, und jener, welcher in der 
Wiirde des Bodhisattva sein Nachfolger wurde, und der, da das Amt 
des Bodhisattva so lange dauert, es auch heute noch ist und - im Ein- 
klange der orientalischen Weisheit mit der hellseherischen Forschung 
darf es gesagt werden - es auch noch durch die nachsten zweitausend- 
funf hundert Jahre sein wird. Dann wird dieser Bodhisattva denselben 
Aufstieg durchmachen, den sein Vorganger durchmachte, als er zum 
Buddha erhoben worden ist. Es wird der gegenwartig amtierende 
Bodhisattva dann erhoben werden zur Wiirde des Maitreya Buddha. 

In der Leitung der Menschheitsevolution, von der wir sprechen als 
von einer Leitung durch Lehrer, haben wir die sich abwechselnd fol- 
genden Bodhisattvas. Und wir mussen die Reihe dieser Bodhisattvas 
auffassen als die groBen Lehrer der Menschheitsevolution und durfen 
sie nicht verwechseln mit dem, was Quell dieser Lehre ist, und wovon 
wieder die Bodhisattvas dasjenige erhalten, was sie der Menschheits- 
evolution als aufeinanderfolgende Lehren zu geben haben. Wir haben 
uns glekhsam vorzustellen ein Kollegium von Bodhisattvas, und in- 
mitten dieses Kollegiums haben wir uns zu denken den lebendigen 
Quell fur die Lehren der Bodhisattvas. Und dieser lebendige Quell ist 
kein anderer als derjenige, den wir nach unserem Sprachgebrauch mit 
dem Ausdrucke «Christus» bezeichnen. So daB von dem Christus alle 
Bodhisattvas dasjenige empfangen, was sie im Laufe der Zeitentwicke- 
lung den Menschen zu geben haben. 

Nun hat ein Bodhisattva sich vorzugsweise der Lehre zu widmen, 
solange er eben Bodhisattva ist; denn wir haben gesehen, daB der Bo- 
dhisattva, wenn er zur Buddhawiirde erhoben wird, nicht wieder her- 



untersteigt, um in einem physischen Leibe inkamiert zu werden. Wie- 
derum kann es im Einklange mit aller orientalischen Philosophic gesagt 
werden, daB der Gautama Buddha, der damals als Sohn des Konigs 
Suddhodana seine letzte Inkarnation in einem physischen Leibe durch- 
machte, seit jener Zeit nur noch Verkorperungen erlebt, die hinunter- 
gehen bis zum Atherleib. Und wir haben bei den Vortragen uber das 
Lukas-Evangelium hervorgehoben, welches die nachste Aufgabe die- 
ses zum Buddha gewordenen Bodhisattva war. Wir haben gesehen: 
Als der Jesus des Lukas-Evangeliums geboren worden ist, der soge- 
nannte nathanische Jesus, der ein anderer ist als der Jesus des Matthaus- 
Evangeliums, da drang die Wesenhek des Buddha, die damals ver- 
korpert war bis zum Atherleibe, gleichsam ein in den astralischen Leib 
dieses nathanischen Jesus, den uns zunachst das Lukas-Evangelium 
schildert. Daher kann man sagen : Seit seiner Inkarnation als Gautama 
Buddha war dieses Wesen nicht mehr zum Lehren da, sondern es war 
fortan dieser Buddha da zur lebendigen Wirksamkeit. Zu einer realen 
Kraft war er geworden, die von der geistigen Welt hereinwirkt in 
unsere physische Welt. Es ist etwas durchaus anderes, zu wirken durch 
Lehre und zu wirken durch lebendige Kraft, durch Wachstumskraft. 
Bis zu dem Moment, wo ein Bodhisattva Buddha wird, ist er Lehrer; 
von diesem Moment ab ist er eine lebendige Kraft, die organisierend, 
lebengebend eingreift in irgendeiner Beziehung. So griff der Buddha 
ein in die Organisation des nathanischen Jesus, wie es Lukas schildert, 
und so verhielt er sich gemaB seiner neuen Wiirde. 

Vom 6. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis in unsere Zeit 
hinein ist nun an die Stelle jenes Bodhisattva, der damals Buddha 
wurde, sein Nachfolger in die Reihe der groJBen Lehrer getreten, jener, 
der sparer zum Maitreya Buddha werden wird. Daher haben wir die 
Lehre, welche die Menschheit notwendig hatte seit jener Zek, da Gau- 
tama Buddha, der Sohn des Konigs Suddhodana wirkte, dort zu 
suchen, wo jener Bodhisattva, der sein Nachfolger ist, die Inspiration 
ausiibt, wo er sozusagen einflieBen laBt in seine Schiiler, in seine Zog- 
linge dasjenige, was sie der Welt mitteilen sollen. - Ich habe gestern 
schon darauf aufmerksam gemacht, wie ausersehen war zu einem In- 
strument fur diesen Bodhisattva alles, was zum Beispiel vereinigt war 



in den Therapeuten- und Essaergemeinden, und daB zu den bedeu- 
tendsten, zu den erhabensten und reinsten Personlichkeiten innerhalb 
der Essaergemeinden Jesus, Sohn des Pandira, gehorte. So miissen 
wir gleichsam hereinscheinen sehen den Lehrgehalt jenes Bodhisattva 
in die Erdenmenschheit durch die Essaer. 

Die eigentiichen Essaergemeinden waren dem tieferen Lehrgehalt 
nach - davon konnen Sie sich auch durch die auBere Geschichte iiber- 
zeugen - verhaltnismaBig bald verschwunden, nachdem das Christus- 
Ereignis sich auf der Erde abgespielt hatte. Daher wird es nicht gar so 
unglaublich erscheinen, wenn ich sage, daB im Grunde die Therapeu- 
ten- und Essaergemeinden wesentlich dazu eingerichtet waren, um 
aus den geistigen Regionen, aus den Spharen der Bodhisattvas das- 
jenige heruntergelangen zu las sen, was man brauchte, um das groBe, be- 
deutsame Ereignis der Christus-Erscheinung zu begreifen. Die wich- 
tigsten Lehren, die der Menschheit zugekommen sind, um das Chri- 
stus-Ereignis zu begreifen, stammten aus den Therapeuten- und Essaer- 
gemeinden. So war gewissermaBen Jesus, der Sohn des Pandira, dazu 
ausersehen, sich von dem Bodhisattva, der der Maitreya Buddha wer- 
den wird und der hineinwirkte in die Essaergemeinden, inspirieren 
zu lassen zu solchen Lehren, welche das Mysterium von Palastina, das 
Mysterium des Christus verstandlich machen konnten. Das Genauere 
iiber die Therapeuten und Essaer ist allerdings nur zu erkunden auf 
dem Wege der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die auBere Ge- 
schichte weiB sehr wenig davon. Und wir wollen sozusagen ohne 
Scheu - da wir in einem anthroposophischen Kreise sind, der solche 
Dinge hinzunehmen versteht - aus den Geheimnissen der Therapeu- 
ten und Essaer herausholen, was notwendig ist, um zu einem tieferen 
Verstandnis des Matthaus-Evangeliums und auch der anderen Evan- 
gelien zu kommen. Und wir wollen diese Geheimnisse so schildern, 
wie der Geisteswissenschafter iiber die Therapeuten und Essaer den- 
ken muB. 

Das Wesentliche, worauf es bei diesen Gemeinden ankam, die also 
ein Jahrhundert vor dem Chris tus-Ereignis bliihten, um es durch Lehre 
vorzubereiten, war die Art, wie bei denen, die Mitglieder der Thera- 
peuten und Essaer waren, die Einweihung bewirkt wurde. Sie mach- 



ten eine Einweihung durch, die ganz besonders ge
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