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RUDOLF STEINER G E S A MT AU S G A B E
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DAS MATTHAUS-EVANGELIUM
Ein Zyklus von zwolf Vortragen,
gehalten in Bern
vom l.bis 12. September 1910
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgten Paul Jenny "f und Paul G.Bellmann
1. Auflage, Berlin 1918 (Zyklus XV)
2. Auflage, Dornach 1930
3. Auflage, Dornach 1949
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959
5., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Bibliographie-Nr. 123
Jupkersiegel auf dem Einband von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner- Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1971 Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-1230-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, sparer Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mull gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Bern, 1. September 1910 11
Die nachatlantischen Volkerstrdmungen. Iraniertum und Turanier-
tum. Die Zarathustra-Incttvidualitat.
Zweiter Vortrag, 2. September 1910 32
Die Geheimnisse des Raumes und der Zeit. Die Hermes- und die
Moses- Weisheit, Turaniertum und Hebraertum.
Dritter Vortrag, 3. September 1910 53
Die Wechselwirkung zwischen Thot- Hermes und Moses als Spiege-
lung eines kosmischen Vorgangs. Das Geheimnis des hebraischen
Volkes. Menschliches Denken - ein Abglanz des gottlichen
Schauens. Das Hineingehen der Krafte der alten Hellsichtigkeit in
die innere Organisation des Menschen. Das Zahlengesetz der Ver-
erbung in der Generationenreihe.
Vierter Vortrag, 4. September 1910 73
Die althebraische Gotteserkenntnis. Abraham und Melchisedek.
Das Werden des hebraischen Volkes als Abbild des kosmischen
Werdens. Vorbereitende Haupt- und Nebenstromungen fur das
Chris tus-Ereignis. Jeshu ben Pandira.
Funfter Vortrag, 5. September 1910 91
Jeshu ben Pandira und die Essaereinweihung. Siebenzahl und
Zwolfzahl. Die Spiegelung der kosmischen Verhaltnisse in der
Menschheitsentwickelung. Das Geheimnis des Blutes in der
Generationenreihe und die Geheimnisse des kosmischen Raumes.
Sechster Vortrag, 6. September 1910 108
Die Generationenfolge der Vererbungslinie des Jesus im Lukas-
Evangelium und diejenige des Jesus im Matthaus-Evangelium. Die
Stufenfolge beim Hinunterdringen des Gottlich-Geistigen in eine
menschliche Indrvidualitat und seinem Hinausdringen in den Kos-
mos. Die gottlich-geistige Wesenheit des Menschen und der
irdische Adam. Das im Blute der Generationen rinnende iiber-
personliche Gedachtnis. Das Nasiraertum und die Essaerkolonien.
Die Schiiler des Jeshu ben Pandira. Mathai und Nezer. Die beiden
Jesusknaben.
Siebenter Vortrag, 7. September 1910 126
Das Gesetz der Vervollkommnungsstufen menschlicher Fahig-
keiten. Der achtgliedrige Pfad. Das Wesen der Einweihung in
den vorchristlichen Mysterien. Das Hinuntersteigen in den physi-
schen Leib und das Sich-Ausbreiten in den Kosmos. Die Gefahr
der Blendung oder der Trugbilder. Die zwolf Gehilfen des Initia-
tors. Das Christus-Ereignis wird zum Ausgangspunkt der Freiheit.
Christus, die Erfullung und das Vorbild der neuen Initiation.
Achter Vortrag, 8. September 1910 143
Die Essaereinweihung. Die drei Stufen der Initiation. Das Heraus-
fiihren der Mysteriengeheimnisse in die auBere Welt durch das
historische Christus-Ereignis. Die drei Stufen der Versuchung
Christi. Malchuth und die Reiche der Himmel. Das Wesen des Ich
im Reiche.
Neunter Vortrag, 9. September 1910 163
Das Christus-Ereignis als historische Tatsache. Die Initiation des
Ich. DieEvangelien sind Mysterienbucher. Es ist das Qmstus-Leben
ein Darleben der Einweihung auf dem groBen Plan der Welt-
geschichte. Heilungen. Die Seligpreisungen der Bergpredigt.
Zehnter Vortrag, 10. September 1910 184
Die allmahliche Ausstattung der Krafte des menschlichen Ich mit
dem Mysterien wis sen. Das Hinaufleiten der Jiinger in hohere
Welten. Die Speisung der Viertausend und der Fiinftausend. Die
Verklarungsszene. Das einmalige Erscheinen des Christus in einem
physischen Leibe. Das Wiedererscheinen des Christus im Atheri-
schen. Die Seligpreisungen. Die Heilungen. Das Himmelsbrot. Das
neue Essaertum. Falsche Messiasse.
Elfter Vortrag, 11. September 1910 205
Das Einstromen belehrender und belebender Krafte aus dem Kos-
mos durch die Christus-Wesenheit. Ihr Hiniibetstrahlen auf die
Jiinger und deren Wachstum. Das Petrus-Bekenntnis. Der Men-
schensohn und der Sohn des lebendigen Gottes. Das Ordnende in
Menschengemeinden auf Grund ethisch-moralisch-geistiger Ver-
haltnisse. Das Hinausfuhren der Jiinger in den Makrokosmos
durch den Christus. Das real-lebendige Einstromen der Krafte des
Sonnenworts, die friiher als Lehren einflossen, durch das Myste-
rium von Golgatha. Das Hinaufwachsen in die Reiche der Himmel.
Zwolfter Vortrag, 12. September 1910 227
Das Hinaufentwickeln des Menschen der Gotteshohe entgegen
und das Heruntersteigen gottlich-geistiger Wesenheiten in mensch-
Uche Seelen und Leiber. Die Christus-Wesenheit und die beiden
Jesusknaben. Die vier Gesichtspunkte der Evangelisten bei der
Schilderung der Christus-Tatsache, entsprechend vier Arten der
Einweihung. Die Jordantaufe und der Lebens- und Todesgang
Christi als zwei Etappen der Einweihung. Die Auferstehung zeigt
uns Christus als den das Erdendasein durchwebenden und durch-
wirkenden Geist. Die Sonnenaura in der Erdenaura. Menschen-
GottergroJSe. Das Menschliche im Matthaus-Evangelium.
Hinweise 259
Namenregister 264
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 265
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 267
ERSTER VORTRAG
Bern, 1. September 1910
Es ist jetzt das dtkte Mai, daB mir hier in der Schweiz die Moglichkeit
geboten ist, von einer gewissen Seite her das groBte Ereignis der Erd-
und Menschheitsgeschichte zu besprechen. Das erste Mai war es, als
in Basel gesprochen werden durfte iiber dieses Ereignis von jener Seite
her, zu der das Johannes-Evangelium die Veranlassung bietet; das
zweite Mai, als jene Charakteristik dieses Ereignisses gegeben werden
durfte, zu welcher das Lukas-Evangelium die Unterlage bietet ; und die-
ses Mai, als zum dritten Mai, soil der Irnpuls zu dieser Schilderung aus-
gehen vom Matthaus-Evangelium. Es ist von mir des oftern angedeu-
tet worden, daB gerade darin etwas Bedeutungsvolles liegt, daB uns
dieses Ereignis in vier, scheinbar in einer gewissen Weise sich unter-
scheidenden Urkunden auf bewahrt ist. Was gewissermaBen der heuti-
gen auBeren materialistischen Gesinnung Veranlassung gibt, mit einer
negativen, zersetzenden Kritik einzugreifen, das ist gerade das, was
uns nach unserer anthroposophischen t)berzeugung als bedeutungs-
voll erscheint. Niemand sollte sich vermessen, irgendein Wesen oder
eine Tatsache zu charakterisieren, wenn er sie nur von einer Seite an-
sieht. Jener Vergleich wurde von mir ofter gebraucht : Wenn man ei-
nenBaum von einer Seite aus photographiert, so darf niemand behaup-
ten, daB er in dieser Photographie eine wirkliche Wiedergabe dessen
hat, was der Baum in seinem Anblick nach auBen darbietet; wenn man
dagegen den Baum von vier Seiten photographieren wurde, und wenn
man auch vier verschiedene Bilder bekame, die sich untereinander we-
nig gleichen konnten, so wurde man aus dem Zusammenschauen die-
ser vier Bilder auch eine geschlossene Ansicht von dem Baum erhalten
konnen. Wenn das in solch auBerlicher Weise schon der Fall ist fur ein
jegliches Ding, wie sollte man nicht vermuten konnen, daB ein Ereig-
nis, welches die groBte Fulle des Geschehens, die groBte Fiille des We-
sentlichen alles Daseins fur uns Menschen in sich schlieBt, gar nicht
umfaBt werden konnte, wenn man es nur von einer Seite aus schildert?
Daher sind es nicht Widerspruche, welche uns in den vier Evangelien
zutage treten. Es ist hier vielmehr die Tatsache zugrunde Hegend, daB
die Schilderer sich bewuBt waren, daB ein jeglicher von ihnen dieses
gewaltige Ereignis nur von einer Seite aus zu schildern vermag, und
daB es der Menschheit gelingen kann, durch das Zusammenschauen
dieser verschiedenen Schilderungen nach und nach ein Gesamtbild zu
gewinnen. Und so wollen auch wir geduldig sein und versuchen, uns
dieser groBten Tatsache des Erdenwerdens nach und nach dadurch zu
nahern, daB wir uns anlehnen an diese vier Schilderungen und selbst
das, was wir wissen konnen, entwickeln mit Anlehnung an diese Do-
kumente, die wir als das Neue Testament bezeichnen.
Aus einigem, was friiher gesagt worden ist, konnen Sie schon ermes-
sen, wie etwa die vier verschiedenen Ausgangspunkte oder Gesichts-
punkte der Evangelien sich darstellen lassen. Vorerst aber, bevor ich
auch nur eine auBerliche Charakteristik dieser vier Gesichtspunkte
gebe, mochte ich darauf aufmerksam machen, daB ich im Beginne die-
ses Vortragszyklus nicht das tun will, womit man heute die Darstellung
der oder eines der Evangelien beginnt. Man beginnt gewohnlich da-
mit, daB man ihre geschichtliche Entstehung darstellt. Es wird sich uns
das am besten ergeben, wenn wir am Schlusse unseres Zyklus erst sa-
gen werden, was iiber die Geschichte der Entstehung des Matthaus-
Evangeliums zum Beispiel zu sagen ist. Denn es ist doch nur naturlich
und konnte an dem Beispiel anderer Wissenschaften gezeigt werden,
daB man die Geschichte irgendeiner Sache erst dann verstehen kann,
wenn man die Sache selber begriffen hat. Niemand wird zum Beispiel
mit Nutzen an eine Geschichte der Arithmetik herangehen konnen,
der nichts weiB von Arithmetik. Oberall sonst wird die geschichtliche
Darstellung ans Ende gelegt, und wo das nicht getan wird, da wider-
spricht die Einteilung den natiirlichen Bedurfnissen des menschlichen
Erkennens. Und so werden wir auch diesen Bedurfnissen des mensch-
lichen Erkennens entgegenkommen und versuchen, den Gehalt des
Evangeliums, das wir besprechen wollen, zu priifen und dann auf eine
Darstellung des geschichtlichen Werdens gerade bei diesem Evange-
lium etwas eingehen.
Wenn man von auBen die Evangelien auf sich wirken laBt, kann
man schon einen gewissen Unterschied fiihlen in der Art, wie diese
Evangelien darstellen, wie sie sprechen. Wenn Sie au£ sich wirken las-
sen, was in meinen Vortragen iiber das Johannes-Evangelium und
iiber das Lukas-Evangelium gesagt worden ist, dann werden Sie ge-
rade in bezug auf diese zwei Evangelien die entsprechende Empfindung
noch genauer haben. Wenn man skh einlaBt auf das Johannes-Evange-
lium, dann muB man sagen, daB einen iiberall, wo man versucht in die
gewaltigen Mitteilungen einzudringen, eine Empfindung von geisti-
ger GroBe iiberkommt, zu der man ahnend hinauf blickt, und daB man
im Johannes-Evangelium finden kann, wie es uns das Hochste verrat,
wozu menschliche Weisheit hinauf blicken kann, das Hochste, was
menschlichem Erkennen nach und nach zuganglich werden kann. Der
Mensch steht da gleichsam unten und blickt hinauf zu einem Gipfel
des Weltendaseins und sagt sich : So klein du auch sein magst alsMensch,
das Johannes-Evangelium laBt dich ahnen, daB in deine Seele etwas
hineintaucht, mit dem du verwandt bist und das dich iiberkommt wie
mit einem Gefiihl des Unendlichen. So ist es vorzugsweise die mit dem
Menschen verwandte geistige GroBe der Weltenwesen, welche in un-
sere Seele hineintaucht, wenn wir vom Johannes-Evangelium sprechen.
Erinnern wir uns nun einmal an das Gefiihl, das uns iiberkommen
konnte bei der Darstellung des Lukas-Evangeliums. Alles, was diese
Darstellung des Lukas-Evangeliums damals durchdringen muBte, war
anders. Ist es beim Johannes-Evangelium vorzugsweise die geistige
GroBe, zu der wir ahnend hinauf blicken, die wie ein Zauberhauch un-
sere Seele durchdringt, wenn wir uns den Mitteilungen dieses Evan-
geliums hingeben, so ist es beim Lukas-Evangelium die Innigkeit, das
Seelenhafte selber, das uns entgegentritt, man mochte sagen, die In-
tensity alles dessen, was Liebeskrafte der Welt vermogen, was Opfer-
krafte in der Welt zuwege bringen, wenn wir ihrer teilhaftig sein kon-
nen. Schildert uns das Johannes-Evangelium die Wesenheit des Chri-
stus Jesus in ihrer geistigen GroBe, so zeigt uns das Lukas-Evange-
lium diese Wesenheit in ihrer unermeBlichen Opferfahigkeit, und es
laBt uns ahnen, was durch solches Liebesopfer, das wie eine Kraft
gleich anderen Kraften die Welt durchpulst und durchwebt, in der Ge-
samtevolution der Welt und der Menschheit geschehen ist. So ist es
vorzugsweise das Element des Gefiihls, in dem wir weben und leben,
wenn wir das Lukas-Evangelium auf uns wirken lassen, und so ist es das
Element der Erkenntnis, das uns etwas sagt iiber die letzten Griinde
und letzten Ziele dieser Erkenntnis, was uns aus dem Johannes-
Evangelium entgegentritt. Das Johannes-Evangelium spricht mehr
zu unserer Erkenntnis, das Lukas-Evangelium mehr zu unserem Her-
zen. Das kann man fiihlen an den einzelnen Evangelien selbst; es war
aber auch unser Bestreben, das, was wir als geisteswissenschaftHche
Darstellungen an diese beidenUrkunden ankniipften, von dieserGrund-
stimmung gleichsam durchwehen zu lassen. Wer nur Worte horen
wollte beim Zyklus iiber das Johannes-Evangelium oder iiber das Lu-
kas-Evangelium, der hat wahrhaftig nicht alles gehort. Die Art und
Weise des Sprechens war bei den Vortragszyklen eine grundverschie-
dene. Ganz anders wird wiederum alles sein miissen, wenn wir an das
Matthaus-Evangelium herantreten.
Beim Lukas-Evangelium war es so, daB wir alles, was wirMenschen-
liebe nennen, wie es einmal in der Menschheitsentwickelung da war,
hineinflieBen sahen in die Wesenheit, welche als der Christus Jesus im
Beginne unserer neutestamentlichen Zeitrechnung lebte. Wenn man
das Matthaus-Evangelium nur auBerlich auf sich wirken laBt, dann
muB man sagen, daB es zunachst eine Urkunde ist, welche eigentlich
vielseitiger ist als die beiden anderen, ja sogar in einer gewissen Bezie-
hung vielseitiger als alle drei anderen Evangelien.
Und wenn wir einmal das Markus-Evangelium darstellen werden,
dann werden wir sehen, daB auch dieses in einer gewissen Weise ein-
seitig ist. Zeigt uns das Johannes-Evangelium die WeisheitsgroBe des
Christus Jesus, zeigt das Lukas-Evangelium die Liebesmacht, so wird
uns bei einer Schilderung des Markus-Evangeliums entgegentreten,
was vor alien Dingen als Kraft, als SchafTensmachte, man mochte sa-
gen, als Herrlichkeit der Welt durch alle Weltenraume hindurchgeht.
Aber es ist beim Markus-Evangelium etwas Oberwaltigendes in dem
Ausleben der Intensitat der Weltenkraft. Es ist, wie wenn die Welten-
kraft von alien Seiten des Raumes rauschend an uns herankame, wenn
wir das Markus-Evangelium wirklich uns zum Verstandnis bringen!
So ist es etwas, das sich uns innig warm in die Seele drangt, was uns
beim Lukas-Evangelium entgegentritt, etwas, das uns HofFnung fur
die Seele gibt, was uns beim Johannes-Evangelium iiberkommt; und
es ist etwas wie Schauer vor der Gewalt und Herrlichkeit det Welten-
krafte, denen gegeniiber wir fast zusammensinken konnten, wenn wir
das Markus-Evangelium auf uns wirken lassen.
Anders das Matthaus-Evangelium. Alle die drei Elemente, das hoff-
nungsvolle, aussichtsreiche Erkenntniselement, das warme Gefuhls-
und Liebeselement und auch die majestatische WeltengroBe, sie alle
sind, mochte man sagen, in dem Matthaus-Evangelium darinnen. Aber
sie sind in einer gewissen Weise so abgeschwacht darinnen, daB sie in
ihrer Abschwachung uns menschlich viel verwandter erscheinen als in
den drei anderen Evangelien. Vor der Erkenntnis-, vor der Liebes-
und der HerrlichkeitsgroBe mochten wir bei den drei anderen Evange-
lien, wenn wir sie auf uns wirken lassen, so recht zusammensinken.
Das alles ist im Matthaus-Evangelium darinnen, nur ist es so darinnen,
daB wir uns ihm gegeniiber aufrecht zu erhalten vermogen. Es ist uns
alles menschlich verwandter, so daB wir uns nicht darunter, sondern
in gewissem Sinne daneben stellen konnen. Wir werden vom Matthaus-
Evangelium nirgends zerschmettert, obwohl es auch von dem etwas
bringt, was in den drei anderen Evangelien zerschmetternd wirken
kann. Daher ist das Matthaus-Evangelium die allgemein-menschlichste
dieser vier Urkunden. Es schildert uns den Christus Jesus am mei-
sten als Menschen, so daB er uns, wenn wir ihn als Matthaus-Christus
Jesus auf uns wirken lassen, in alien seinen Gliedern, in alien seinen
Taten menschlich nahe steht. Es ist das Matthaus-Evangelium in ge-
wisser Beziehung etwas wie ein Kommentar fur die drei iibrigen Evan-
gelien. Was uns in den drei anderen zuweilen zu groB ist, als daB wir es
iiberschauen konnten, es wird uns im kleineren MaBstabe durch das
Matthaus-Evangelium klar. Und wenn wir dieses begreifen, wird uns
ein bedeutungsvolles Licht auf die drei anderen Evangelien fallen kon-
nen. Das ist uns aus Einzelheiten leicht verstandlich.
Nehmen wir das, was jetzt gesagt werden soil, zunachst einmal rein
stilistisch. Damit uns im Lukas-Evangelium geschildert werden kann,
wie der hochste Grad von Liebes- und Opferfahigkeit von diesem We-
sen, das wir den Christus Jesus nennen, ausflieBt in die Menschheit
und in die Welt, dazu wird zu Hilfe genommen eine Menschheitsstro-
mung, die herunterkommt aus den uraltesten Zeiten des Erdenwer-
dens. Und Lukas selber schildert uns diese Stromung bis hinauf zum
Menschheitsanfang. - Damit uns gezeigt werden kann, wo der Mensch
mit seiner Erkenntnis und seiner Weisheit einsetzen kann und einen
Anfang nimmt nach dem Ziel, zu dem diese Erkenntnis hinkommen
kann, dazu wird uns im Johannes-Evangelium gleich im Anfange dar-
gestellt, wie die Schilderung des Christus Jesus sich anlehnt an den
schopferischen Logos selber. Das Geistigste, was wir mit unserer Er-
kenntnis erreichen konnen, wird gieich in den ersten Satzen des Jo-
hannes-Evangeliums angeschlagen. Wir werden gleich. hingefiihrt zu
einem Hochsten des Erkenntnisstrebens, zu einem Hochsten, das in
der menschlichen Brust vergegenwartigt werden kann. - Anders ist es
im Matthaus-Evangeiium. Das beginnt damit, daB es uns zeigt die Ver-
erbungsverhaltnisse des Menschen Jesus von Nazareth in ihrer Her-
kunft, sozusagen von einem historischen Moment aus. Es zeigt uns
die Vererbungsverhaltnisse innerhalb eines einzelnen Volkes : wie ge-
wissermaBen alle die Eigenschaften, die wir in dem Jesus von Naza-
reth vereinigt finden, sich summiert haben durch die Vererbung seit
Abraham herunter, wie gleichsam ein Volk, durch dreimal vierzehn
Generationen hindurch, das Beste, was es gehabt hat, in das Blut
hineinflieBen lieB, um in einer vollkommenen Weise in einer mensch-
lichen Individualist hochste menschliche Krafte darzustellen. - In
die Unendlichkeit des Logos fiihrt uns das Johannes-Evangelium. In
das UnermeBliche der Menschheitsevolution bis zum Anfang hinauf
steigt das Lukas-Evangelium. Ein uberschaubares Volk, herunterver-
erbend seine Eigenschaften vom Stammvater Abraham durch dreimal
vierzehn Generationen, das zeigt uns das Matthaus-Evangeiium, so
zeigt es uns den Menschen Jesus von Nazareth.
Es kann hier nur angedeutet werden, daB es fur den, welcher das
Markus-Evangelium wirklich verstehen will, notwendig ist, daB er in
einer gewissen Beziehung die kosmologischen Krafte kennt, die unser
ganzes Weltenwerden durchstromen. Denn so, wie der Christus Jesus
im Markus-Evangelium dargestellt wird, wird uns gezeigt, wie in ei-
ner menschlichen Wirksamkeit ein Auszug, eine Essenz aus dem Kos-
mos gegeben ist, eine Essenz von dem, was sonst in dem UnermeBli-
chen der Weltenweiten als Weltenkrafte lebt. Es wird uns gezeigt, wie
die Taten des Christus Jesus gleichsam Extrakte sind von kosmischen
Wirksamkeiten. Wie der Menschengott Christus Jesus, so wie er auf
der Erde stent, gleichsam als ein Extrakt der Sonnenwirksamkeit mit
all ihren UnermeBlichkeiten vor uns stent, das will uns das Markus-
Evangelium schildern. Also wie die Sternenwirksamkeit durch Men-
schenkraft wirkt, das schildert Markus.
Das Matthaus-Evangelium kniipft in einer gewissen Weise auch an
Sternenwirksamkeit an. Es fuhrt uns deshalb, gleich da, wo es uns die
Geburt des Jesus von Nazareth schildert, zu einem Punkt, von dem
aus wir das groBeWeltenereignis so ansehen sollen, daB kosmischeTat-
sachen in einem gewissen Zusammenhang mit dem Menschheitswer-
den stehen, indem es den Stern zeigt, der die drei Magier hinfiihrt zur
Geburtsstatte des Jesus. Aber es schildert uns nicht eine kosmische
Wirkung, wie es das Markus-Evangelium tut; es fordert nicht von uns,
daB wir unseren Blick erheben zu dieser kosmischen Wirkung : es zeigt
uns drei Menschen, drei Magier und die Wirkung, welche das Kos-
mische auf diese drei Menschen ausiibt. Und wir konnen uns zu den drei
Menschen wenden, um zu verspuren, was sie fuhlen. Also zum Men-
schen werden wir selbst dann gewiesen, wenn wir uns zum Kosmi-
schen aufschwingen sollen. Der Reflex des Kosmischen im Menschen-
herzen wird gezeigt. Der Blick wird nicht hinausgetragen in unermeB-
liche Weiten, sondern die Wirkung des Kosmischen im menschlichen
Herzen wird uns gezeigt.
Ich bitte noch einmal, diese Andeutungen nur stilistisch aufzufassen.
Denn so ist der Grundcharakter der Evangelien, daB sie von verschie-
denen Seiten schildern. Die Art und Weise, wie sie schildern, ist durch-
aus charakteristisch fur das, was sie uns sagen wollen uber das groBte
Ereignis der Menschheits- und Erdenevolution.
Das ist auch zunachst das Allerbedeutsamste im Eingange des Mat-
thaus-Evangeliums, daB wir hingewiesen werden auf die nachsteBluts-
verwandtschaft des Jesus von Nazareth. Es wird uns darin gleichsam
die Frage beantwortet: Wie war die physische Personlichkeit dieses
Jesus von Nazareth beschaffen? Wie summierten sich alle Eigenschaf-
ten eines Volkes seit dem Stammvater Abraham in dieser einen Per-
sonlichkeit, damit in ihr jene Wesenheit sich ofFenbaren konnte, welche
wir die Christus -Wesenheit nennen? Diese Frage wird uns beant-
wortet. Es wird uns gesagt: Damit die Christus- Wesenheit sich in ei-
nem physischen Leibe inkarnieren konnte, dazu muBte dieser physi-
sche Leib Eigenschaften haben, wie er sie nur haben konnte, wenn alle
Eigenschaften des Blutes jenes Volkes, das von Abraham abstammte,
summiert in einem Extrakt dargestellt wurden in der einen Personlich-
keit: Jesus von Nazareth. Es soil daher gezeigt werden: Dieses Blut in
Jesus von Nazareth fiihrt wirklich zuriick generationenweise bis zum
Stammvater des hebraischen Volkes. Daher ist die Wesenheit dieses
Volkes, das, was dieses Volk besonders fur die Weltgeschichte, fur die
Menschheits- und Erdenentwickelung ist, insbesondere in der physi-
schen Personlichkeit des Jesus von Nazareth zusammengedrangt. Was
muB man also zunachst kennen, wenn man die Absicht des Schilderers
des Matthaus-Evangeliums treffen will in bezug auf diese Einleitung?
Man muB das Wesen des hebraischen Volkes kennen! Man muB sich
die Frage beantworten konnen: Welches konnte der Anteil sein, den
das hebraische Volk gerade durch seine Eigentumlichkeit der Mensch-
heit zu geben hatte?
Unsere auBere Geschichte, die auBeren materialistischen Geschichts-
schilderungen nehmen wenig auf das Riicksicht, was hiermit angefiihrt
wird. In der auBeren Geschichte schildert man die auBeren Tatsachen.
Und da steht eigentlich so ziemlich ein Volk neben dem anderen, weil
man ganz abstrakt schildert. Dabei tritt diejenige Tatsache, welche eine
fundamentale Tatsache ist fur den, der die Menschheitsentwickelung
verstehen will, ganz zuriick: jene Tatsache namlich, daB kein Volk in
der Menschheitsentwickelung dieselbe Aufgabe hat wie ein anderes,
sondern daB ein jedes Volk seine besondere Mission und seine beson-
deren Aufgaben hat. Ein jedes Volk hat zu dem Gesamtschatz, welcher
der Erde durch die Menschheitsentwickelung geliefert werden soil,
einen Teil beizutragen. Und jeder dieser Teile ist ein anderer, ein ganz
bestimmter. Ein jedes Volk hat seine bestimmte Mission. Nun aber ist
bis in die Details der physischen Verhaltnisse hinein ein jedes Volk so
beschaffen, daB es diesen Anteil, den es der gesamten Menschheit zu
bringen hat, auch richtig bringen kann. Mit anderen Worten, die Lei-
ber der Menschen, die zu einem Volke gehoren, zeigen uns eine solche
Ausgestaltung sowohl des physischen Leibes wie auch des Atherleibes
und des astralischen Leibes und eine solche Zusanimenfugung dieser
Leiber, daC sie das rechte Werkzeug werden konnen, damit jener An-
teil zustande komme, den ein jedes Volk fur die gesamte Menschheit
zu leisten hat. - Welchen Anteil hatte nun insbesondere das hebraische
Volk zu leisten, und wie bildete sich dann die Essenz dieses Anteiles
des hebraischen Volkes zu dem Leibe des Jesus von Nazareth?
Wenn man die Mission des hebraischen Volkes verstehen will, muB
man schon etwas tiefer hineinschauen in die Gesamtentwickelung der
Menschheit. Es wird notwendig sein, einiges von dem, was Sie skiz-
zenhaft in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» und in Vor-
tragen angedeutet finden konnen, hier etwas genauer zu charakte-
risieren. Wir verstehen wohl am besten den Anteil des hebraischen
Volkes an der Gesamtentwickelung der Menschheit, wenn wir wenig-
stens mit einigen kurzen charakteristischen Strichen den Ausgangs-
punkt nehmen von jener groBen Katastrophe in der Menschheitsent-
wickelung, welche wir die adantische Katastrophe nennen.
Als die atlantische Katastrophe nach und nach iiber die Erdenver-
haltnisse hereinbrach, zogen die Menschen, welche damals auf dem
alten atlantischen Kontinente wohnten, von dem Westen nach dem
Osten. Im wesentlichen waren bei diesem Zuge zwei Stromungen vor-
handen : eine Stromung, welche sich mehr im Norden bewegte, und
eine andere, die mehr einen siidlichen Weg nahm. Daher haben wir
eine groBe Menschheitsstromung von atlantischer Bevolkerung,
welche durch Europa hindurch bis nach Asien hiniiberging ; und wenn
man das Gebiet um den Kaspisee herum in Betracht zieht, hat man un-
gefahr die Art, wie sich dieser Volkerzug der atlantischen Bevolkerung
allmahlich ausbreitete. Ein anderer Strom ging dagegen durch das heu-
tige Afrika hindurch. Und in Asien driiben entstand dann eine Art von
Zusammenstromen dieser beiden Zlige, wie wenn sich gleichsam zwei
Strome treffen und einen Wirbel bilden.
Was uns nun vorzugsweise interessieren soil, das ist, wie die An-
schauungsweise, die ganze Seelenform dieser Volker oder wenigstens
ihrer Hauptmassen war, welche da von der alten Atlantis nach dem
Osten hiniibergeworfen wurden. Es war tatsachlich so, daB in der er-
sten nachatlantischen Zeit die ganze Seelenverfassung eine andere war,
als sie spater geworden ist, und namentlich als sie heute ist. Es war bei
all diesen Volkermassen noch eine mehr hellseherische Wahrnehmung
der Umgebung vorhanden. Die Menschen konnten damals Geistiges
gewissermaBen noch sehen, und auch das, was heute physisch gesehen
wird, wurde auf eine mehr geistige Art gesehen. Also eine mehr hell-
seherische Lebens- und Seelenform war damals vorhanden. Besonders
wichtig ist es aber, daB dieses Hellsehen der urspriinglichen nachatlan-
tischen Bevolkerung wieder in einer gewissen Beziehung anders war
als zum Beispiel das Hellsehen der atlantischen Bevolkerung selbst in
der eigentlichen Blutezeit der atlantischen Entwickelung. In der Bliite-
zeit der atlantischen Entwickelung war das in einem hohen Grade vor-
handene hellseherische Vermogen der Menschen so, daB sie hinein-
schauten auf reine Art in eine geistige Welt, und daB die Offenbarun-
gen der geistigen Welt in der Menschenseele Impulse zum Guten be-
wirkten. Und man konnte sogar sagen : Wer mehr fahig war, in die gei-
stige Welt hineinzuschauen, der bekam in dieser Blutezeit adantischer
Entwickelung einen groBeren Impuls des Guten; und wer weniger se-
hen konnte, bekam einen weniger hohen Impuls des Guten.
Die Veranderungen, die dann auf der Erde vor sich gingen, waren
allerdings so geartet, daB schongegen das letzteDrittel der atlantischen
Zeit, besonders aber in der nachatlantischen Zeit, gerade die guten Sei-
ten des alten Hellsehens immer mehr und mehr dahingeschwunden
waren. Nur diejenigen, welche in den Einweihungsstatten eine beson-
dere Schulung durchmachten, hatten die guten Seiten des adantischen
Hellsehens bewahrt. Was dagegen auf naturliche Art von dem adanti-
schen Hellsehen geblieben war, nahm im Laufe der Zeit immer mehr
einen solchen Charakter an, daB man sagen kann : Was die Menschen
da sahen, fiihrte sehr leicht zum Schauen gerade der schlimmen, der
verfuhrerischen und versuchenden Machte des Daseins. Der hellsehe-
rische Menschenblick war nach und nach kaum mehr stark genug, die
guten Krafte zu schauen. Dagegen war es der Menschheit geblieben,
Schlimmes zu schauen, dasjenige, was Versuchung, Verfuhrung fur
die Menschen sein konnte. Und iiber bestimmte Gebiete der nach-
atlantischen Bevolkerung war erne gar nicht gute Form des Hellsehens
verbreitet, ein Hellsehen, das eigentlich selbst schon eine Art von Ver-
sucher war.
Mit diesem Niedergehen der alten hellseherischen Kraft war nun
verbunden einAufbluhen, eine allmahlicheEntwickelung jener Sinnes-
wahrnehmung, die wir als die normale fur die heutige Menschheit er-
kennen. Die Dinge, welche die Menschen in der ersten nachatlantischen
Zeit mit ihren Augen sahen und die der Mensch heute mit seinen ge-
wohnlichen Augen sieht, waren damals gar nicht verfuhrerisch, weil
die versuchenden Seelenkrafte dafiir noch nicht vorhanden waren.
Durch ein AuBeres, wodurch heute der Mensch so sehr zum GenuB-
ling werden kann, und wenn ein solcher Anblick auch fur den heutigen
Menschen der verfiihrerischste ware, fiihlte sich der nachatlantische
Mensch nicht besonders verfuhrt. Dagegen stachelte es ihn, wenn er
Erbstiicke des alten Hellsehens entwickelte. Die gute Seite der geisti-
gen Welt sah er kaum mehr, aber das Luziferische und das Ahrimani-
sche wirkte da mit starker Gewalt auf ihn, so daB er die Krafte'und
Machte sah, die Versucher und Tauscher sein konnten. Die luziferi-
schen und ahrimanischen Krafte nahm also der Mensch wahr mit sei-
nen alten, vererbten Kraften des Hellsehens. Worauf es nun ankam, das
war, daB die Fiihrer und Lenker der Menschheitsevolution, die ihre
Weisheit zur Fiihrung der Menschheit aus den Mysterien erhielten,
Anstalten trafen, daB die Menschen trotz dieses Tatbestandes dennoch
immer mehr und mehr zum Guten und 2ur Klarheit kamen.
Nun waren die Menschen, welche nach der atlantischen Katastro-
phe sich nach dem Osten hiniiber ausgebreitet hatten, von sehr ver-
schiedenen Entwickelungsstufen. Man kann sagen, je weiter man nach
dem Osten hinuberkam, desto moralischer und geistig hoher war die
Entwickelungsstufe der Menschen. In gewissem Sinne wirkte das, was
sich als auBeres Wahrnehmen wie eine neue Welt heranbildete, mit
immer groBerer Klarheit; es wirkte immer mehr so, daB es die GroBe
und Herrlichkeit der auBeren Sinneswelt auf die Menschen wirken
lieB. Das war der Fall, je weiter man nach dem Osten hinuberkam.
Starke Anlagen nach dieser Seite hin hatten namentlich jene Menschen,
welche zum Beispiel in den Gegenden nordlich vom heutigen Indien
wohnten, bis zum Kaspischen Meer hin, bis zum Oxus und Jaxartes.
In diesemmittlerenGebiete Asiens wax einVolkergemenge angesiedelt,
das wirklich das Material hergeben konnte zu mancherlei Volksstro-
mungen, die sich dann nach verschiedenen Seiten hin ausbreiteten,
auch zu jenem Volke, das wir in bezug auf seine spirituelle Weltauffas-
sung oft charakterisiert haben, zu dem altindischen Volke.
Inmitten Asiens, bei diesem Volkergemenge, war bald nach der at-
lantischen Katastrophe, zum Teil schon wahrend dieser Zeit, der Sinn
fur die auBere Wirklichkeit schon sehr stark entwickelt. Dabei war
aber bei den Menschen, die auf diesem Gebiet inkarniert waren, noch
eine lebendige Erinnerung, eine Art Erinnerungserkenntnis an das
vorhanden, was sie in der atlantischen Welt erlebt hatten. Am starksten
war dies bei jener Volksmasse der Fall, welche dann nach Indien her-
unterzog. Sie hatte zwar ein groBes Verstandnis fur die Herrlichkeit
der auBeren Welt, sie war am weitesten fortgeschritten im Beobachten
der auBeren Sinneswahrnehmungen, aber gleichzeitig war bei ihr am
starksten entwickelt die Erinnerung an die alten spirituellen Wahr-
nehmungen der atlantischen Zeit. Daher entwickelte sich bei diesem
Volk ein starker Drang nach der geistigen Welt hinauf, an die man sich
erinnerte, und eine Leichtigkeit, wieder hineinzublicken in die spiri-
tuelle Welt - daneben aber ein Gefuhl, daB das, was die auBeren Sinne
darboten, Maja oder Illusion sei. Daher entsprang auch bei diesem
Volke der Impuls, nicht besonders auf die auBere Sinneswelt zu
schauen, sondern alles zu tun, damit die Seele - jetzt durch kiinstliche
Entwickelung, durch Joga - sich hinauferheben konne zu dem, was
wahrend der alten atlantischen Zeit der Mensch unmittelbar aus der
spirituellen Welt haben konnte.
Weniger stark war diese Eigenart, die AuBenwelt zu unterschatzen
und als Maja oder Illusion anzuschauen und dafur nur jene Impulse zu
entwickeln, welche zum Spirituellen hindrangen, bei dem im Norden
von Indien gebliebenen Volksteil ausgebildet. Das war aber ein Volks-
gemenge, das in der tragischsten Situation war. In der ganzen Art der
Begabung des alten indischen Volkes lag es, daB der Mensch mit einer
gewissen Leichtigkeit eine bestimmte Jogaentwickelung durchma-
chen konnte, durch die er wieder hinaufgelangte in die Regionen, in
welchen er in der atlantischen Zeit gelebt hatte. Leicht war es fur ihn,
was er als Illusion ansehen muBte, zu uberwinden. Er uberwand es in
der Erkenntnis. Es war fur ihn ein Hochstes die Erkenntnis: Diese
Sinnenwelt ist eine Illusion, ist Maja; aber wenn du deine Seele ent-
wickelst, wenn du dir Miihe gibst, dann gelangst du zu der Welt, die
hinter der Sinneswelt liegt I Also durch einen inneren Vorgang iiber-
wand der Inder, was er als Maja oder Illusion ansah, und was er auch
uberwinden wollte.
Anders war es bei den nordlichen Volkern, welche in der Geschichte
dann die Arier im engeren Sinne genannt werden : bei den Persern, Me-
dern, Bakterern und so weiter. Da war auch stark der Sinn entwickelt
fur auBere Anschauung, fur den aufieren Intellekt. Aber es war der
innere Drang, der Impuls, dasselbe durch innere Entwickelung, durch
eine Art von Joga erreichen zu wollen, was der atlantische Mensch auf
naturgemaBe Weise hatte, nicht besonders stark vorhanden. Es war
die lebendige Erinnerung bei den nordlichen Volkern nicht so vor-
handen, daB sie sie umsetzten in ein Streben, die Illusion der auBeren
Welt in der Erkenntnis zu uberwinden. Die Seelenverfassung der In-
der war nicht bei diesen nordlichen Volkern vorhanden. Bei ihnen war
eine Seelenverfassung vorhanden, in der ein jeder bei dem iranischen,
persischen oder medischen Volke so etwas fuhlte, was, wenn wir es
mit unseren heutigen Worten aussprechen wollten, sich in folgender
Weise ausnehmen wiirde: Wenn wir als Menschen einstmals in der
spirituellen Welt darinnen waren und Geistiges, Seelisches erlebt und
gesehen haben, und jetzt in die physische Welt hinausversetzt sind
und vor einer Welt stehen, die wir mit unseren Augen sehen, mit dem
Intellekt begreifen, welcher an das Gehirn gebunden ist, dann liegt der
Grund dazu nicht bloB im Menschen, und man kann das, was da zu
uberwinden ist, nicht bloB im Inneren des Menschen uberwinden, es
ist nichts Besonderes dadurch getan! - Es hatte der Iranier gesagt:
Es muB nicht nur mit dem Menschen eine Veranderung vorgegangen
sein, es muB sich die Natur und alles, was auf der Erde ist, verandert
haben, wenn der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann es nicht
geniigen, daB wir Menschen dasjenige, was um uns herum ist, lassen
wie es ist, und einfach sagen: Es ist alles Illusion, Maja, und wir selber
steigen hinauf in die geistige Welt! Dann andern wir zwar uns, aber
nicht das, was sich in der ganzen umKegenden Welt geandert hat. - Da-
her sagte er nicht: DrauBen breitet sich die Maja aus, ich selbst werde
diese Maja uberschreiten, in mir selbst die Uberwindung der Maja
und damit die spirituelle Welt erreichen ! - Nein, er sagte : Der Mensch
gehort mit der iibrigen umliegenden Welt zusammen, er ist nur ein
Glied davon. Wenn also das, was gottlich im Menschen ist, und was
aus gottlich-geistigen Hohen heruntergestiegen ist, umgewandelt wer-
den soli, so darf nicht bloB das zuriickverwandelt werden, was im
Menschen ist, sondern es muB auch dasjenige zuriickverwandelt wer-
den, was in unserer Umgebung ist. - Das gab diesen Volkern beson-
ders den Impuls, tatkraftig einzugreifen in die Umgestaltung und Um-
schaffung der Welt.
Wahrend man in Indien sagte: Die Welt ist heruntergestiegen; was
sie jetzt bietet, ist Maja -, sagte man nordlich davon: GewiB, die Welt
ist heruntergeschritten; aber wir miissen sie so verandern, daB wieder
ein Geistiges aus ihr wird! - Sinnen, Erkenntnis-Sinnen war der
Grundcharakter des indischen Volkes. Mit der Welt wurde dieses Volk
dadurch fertig, daB es die Sinneswahrnehmung Illusion oder Maja
nannte. Tatkraft, auBere Energie, Wille zum Umarbeiten dessen, was
in der auBeren Natur ist, das war der Grundcharakter des iranischen
Volkes und der iibrigen nordlichen Volker. Sie sagten : Was um uns
herum ist, das ist aus Gottlichem heruntergestiegen; aber der Mensch
ist dazu berufen, es zum Gottlichen wieder zuruckzufuhren ! - Was im
Grunde genommen schon im Volkscharakter lag bei den Iraniern, das
wurde auf ein Hochstes gehoben und mit der groBten Energie durch-
setzt bei den geistigen Fiihrem, die aus den Mysterien hervorgingen.
Vollstandig verstehen, auch auBerlich, kann man das, was ostwarts
und siidwarts vom Kaspisee sich abspielte, nur dann, wenn man es ver-
gleicht mit dem, was mehr nordlich davon vorging, also in Gegenden,
die an das heutige Sibirien, an das heutige RuBland angrenzen, sogar
bis nach Europa hinein sich erstrecken. Da waren Menschen, welche
sich in hohem Grade das alte Hellsehen bewahrt hatten, und bei denen
sich in gewisser Beziehung die Waage hielten die Moglichkeit des alten
geistigen Wahrnehmens und die des sinnlichen Anschauens, des neuen
Verstandesdenkens. Bei ihnen war in weitesten Kreisen noch ein Hin-
einschauen in die geistige Welt vorhanden. Wenn man den Charakter
dieses Hineinschauens in die geistige Welt, das allerdings schon auf
eine niedere Stufe heruntergestiegen war und bei diesen Volkerschaf-
ten im wesentlichen - wie wir heute sagen wiirden - ein rdederes astra-
lisches Hellsehen war, in Betracht zieht, so ergibt sich fur die Gesamt-
entwickelung der Menschheit eine bestimmte Folge daraus. Wer mit
dieser Art von Hellsehen begabt ist, wird ein ganz bestimmter Mensch.
Der Mensch erhalt da eine gewisse Charakteranlage. Das zeigt sich be-
sonders bei diesen Volkermassen, die im Volkscharakter dieses niedere
Hellsehen hatten. Ein solcher Mensch hat im wesentlichen den Drang,
von der Naturumgebung zu fordern, was er zu seinem Lebensunter-
halt braucht, und moglichst wenig zu tun, um es der Natur zu entrei-
Ben. SchlieBlich weiB er ja, so wahr wie der heutige Sinnenmensch
weiB, daB es Pflanzen, Tiere und so weiter gibt, daB es gottlich-geistige
Wesenheiten gibt, die in alledem darinnenstecken; denn er sieht sie. Er
weiB auch, daB sie die machtigen Wesen sind, die hinter den physischen
Wesenheiten stehen. Aber er kennt sie auch so genau, daB er von ihnen
fordert, sie sollen ihm ohne viel Arbeit das Dasein fristen, in das sie
ihn hineingestellt haben. Man konnte vieles anfiihren, was auBerlicher
Ausdruck ist fur die Stimmung und Gesinnung dieser astralisch hell-
sehenden Menschen. Nur eines soli jetzt dafiir angefiihrt werden.
In dieser Zeit, die jetzt fur uns zu betrachten wichtig ist, waren alle
diese Volkerschaften, die mit einem in der Dekadenz begriffenen Hell-
sehen begabt waren, Nomadenvolker, die, ohne seBhaft zu sein, ohne
feste Wohnsitze zu griinden, als Hirten herumstreiften, keinen Fleck
besonders lieb hatten, auch das, was die Erde ihnen bot, nicht beson-
ders pflegten, und auch gern bereit waren zu zerstoren, was um sie her-
um war, wenn sie etwas brauchten zu ihrem Lebensunterhalt. Aber
etwas zu leisten, um das Kulturniveau zu erhohen, um die Erde umzu-
gestalten, dazu waren diese Volker nicht aufgelegt.
So entstand der groBe, der wichtige Gegensatz, der vielleicht zu
dem Allerwichtigsten der nachatlantischen Entwickelung gehort: der
Gegensatz zwischen diesen mehr nordlichen Volkern und den irani-
schen Volkern. Bei den Iraniern entwickelte sich die Sehnsucht, einzu-
greifen in das Geschehen rings um sie herum, seBhaft zu werden, was
man als Mensch und als Menschheit hat, durch Arbeit sich zu erringen,
das heiBt also wirklich durch die menschlichen Geisteskrafte die Natur
umzugestalten. Das war gerade in diesemWinkel der groBte Drang der
Menschen. Und unmittelbar daran stieB nach Norden jenes Volk, das
hineinschaute in die geistige Welt, das sozusagen auf «du und du»
war mit den geistigen Wesenheiten, das aber nicht gern arbeitete, das
nicht seBhaft war und gar kein Interesse daran hatte, die Kulturarbeit
in der physischen Welt vorwarts zu bringen.
Das ist der groBte Gegensatz vielleicht, der sich auBerlich in der
Geschichte der nachadantischen Zeiten gebildet hat, und der rein eine
Folge ist der verschiedenen Arten der Seelenentwickelung. Es ist der
Gegensatz, den man in der auBeren Geschichte auch kennt: der groBe
Gegensatz zwischen Iran und Turan. Aber man kennt nicht die Ur-
sachen. Hier haben wir jetzt die Griinde.
Im Norden, nach Sibirien hinein: Turan, jenes Volkergemenge, das
in hohem Grade mit den Erbstiicken eines niederen astralischen Hell-
sehens begabt war, das infolge dieses Lebens in der geistigen Welt
keine Neigung und keinen Sinn hatte, eine auBere Kultur zu begriin-
den, sondern - weil diese Menschen mehr passiver Art waren und sogar
zu ihren Priestern vielfach niedere Magier und Zauberer hatten - sich
namentlich da, wo es auf das Geistige ankam, mit niederer Zauberei, ja
zum Teil sogar mit schwarzer Magie beschaftigte. Im Suden davon:
Iran, jene Gegenden, in denen friihzeitig der Drang entstand, mit den
primitivsten Mitteln dasjenige, was in der Sinneswelt uns gegeben ist,
durch menschliche Geisteskraft umzugestalten, so daB auf diese Weise
auBere Kulturen entstehen konnen.
Das ist der groBe Gegensatz zwischen Iran und Turan. In einer
schonen Weise wkd mythisch, legendenhaft angedeutet, wie der nach
dieser Kulturseite vorgeschrittenste Teil der Menschen von Norden
herunterzog bis in die Gegend, die wir als die iranische angesprochen
haben. Und wenn uns in der Legende von Dschemshid, jenem Konige,
der seine Volker von Norden heruntergefiihrt hat nach Iran, erzahlt
wird: er bekam von jenem Gotte, der nach und nach anerkannt wer-
den wird, den er Ahura Mazdao nannte, einen goldenen Dolch, mit
dem er seine Mission auf der Erde erfullen sollte - dann miissen wir
uns klar sein, daB mit dem goldenen Dolch des Konigs Dschemshid,
der seine Volker herausentwickelte aus der tragen Masse der Turanier,
dasjenige gegeben war, was das an die auBeren Menschenkrafte ge-
bundene Weisheitsstreben ist, jenes Weisheitsstreben, welches die vor-
her in Dekadenz gekommenen Kiafte wieder heraufentwickelt und sie
durchdringt und durchwebt mit dem, was der Mensch auf dem phy-
sischen Plan an Geisteskraft erringen kann. Dieser goldene Dolch hat
als Pflug die Erde umgegraben, hat aus der Erde Ackerland gemacht,
hat die ersten primitivsten Erfindungen der Menschheit gebracht. Er
hat fortgewirkt und wirkt bis heute in alledem, auf das dieMenschen als
ihreKulturerrungenschaften stolz sind.Das ist etwasBedeutsames, daB
der Konig Dschemshid, der herunterzog aus Turan in die iranischen
Gebiete, von Ahura Mazdao diesen goldenen Dolch erhielt, der den
Menschen die Kraft gibt, sich die auBere sinnliche Welt zu erarbeiten.
Dieselbe Wesenheit, von der dieser goldene Dolch stammt, ist auch
der groBe Inspirator jenes Fiihrers der iranischen Bevolkerung, den
wir als Zarathustra oder Zoroaster, Zerdutsch kennen. Und Zarathu-
stra war es, der in uralten Zeiten - bald nach der atlantischen Katastro-
phe - mit den Giitern, die er aus den heiligen Mysterien heraustragen
konnte, jenes Volk durchdrang, das den Drang hatte, die auBere Kul-
tur mit menschlicher Geisteskraft zu durchweben.Dazu sollte Zarathu-
stra diesen Volkern, die nicht mehr die alte atlantischeFahigkeit hatten,
hineinzuschauen in die geistige Welt, neue Aussichten und neue Hoff-
nungen auf die geistige Welt geben. So eroffhete Zarathustra jenen Weg,
den wir ofter besprochen haben, auf dem die Volker einsehen sollten,
daB in dem auBeren Sonnenlichtleib nur gegeben ist der auBere Leib
eines hohen geistigen Wesens, welches er, im Gegensatz zu der kleinen
menschlichen Aura, die « GroBe Aura», Ahura Mazdao nannte. Er
wollte damit andeuten, daB dieses zwar jetzt noch weit entfernte We-
sen einstmals heruntersteigen wiirde auf die Erde, um innerhalb der
Menschheitsgeschichte sich substantial mit der Erde zu vereinigen und
im Menschheitswerden weiter zu wirken. Damit wurde fiir diese Men-
schen von Zarathustra auf dieselbe Wesenheit hingewiesen, die spater
in der Geschichte als der Christus lebte.
Damit hatte Zarathustra oder Zoroaster etwas GroBes, etwas Ge-
waltiges vollbracht. Er hatte der neuen nachatlantischen Menschheit,
der entgotterten Menschheit, wieder den Aufstieg gebracht zu einem
Geistigen und die Hoffnung, daB die Menschen mit den Kraften, die
heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, dennoch zum Gei-
stigen kommen konnen. Der alte Inder erreichte das alte Geistige wie-
der in einer gewissen Weise durch die Jogaschulung. Ein neuer Weg
aber sollte den Menschen eroffhet werden durch das, was Zarathustra
brachte.
Zarathustra hatte nun einen bedeutsamen Beschiitzer. - Ich mochte
ausdriicklich betonen, daB ich von Zarathustra als von einem Wesen
spreche, welches schon die Griechen in die Zeit funftausend Jahre vor
dem Trojanischen Krieg versetzten, das also nichts zu tun hat mit dem,
was die auBere Geschichte als Zarathustra bezeichnet, und auch nichts
mit dem, was in der Zeit des Darius als Zarathustra erwahnt wird. -
Der Zarathustra dieser alten Zeiten hatte einen Beschiitzer, welcher
mit dem spater ublich gewordenen Namen Guschtasb bezeichnet wer-
den kann. Wir haben also in Zarathustra eine machtige priesterhafte
Natur, welche auf den groBen Sonnengeist, auf Ahura Mazdao, hin-
weist, auf jene Wesenheit, welche der Fiihrer sein soli fur die Men-
schen aus dem auBeren Physischen zuriick zum Geistigen. Und in
Guschtasb haben wir die konigliche Natur dessen, der geneigt war,
alles zu tun auf dem auBeren Gebiete, was die groBen Inspirationen
Zarathustras in der Welt verbreiten konnte. Daher konnte es nicht
ausbleiben, daB diese Inspirationen und diese Intentionen, welche in
dem alten Iran durch Zarathustra, durch Guschtasb sich geltend mach-
ten, zusammenstieBen mit dem, was unmittelbar nordlich dieses Ge-
bietes war. Und es entwickelte sich durch diesen ZusammenstoB tat-
sachlich einer der groBten Kriege, die es in der Welt gegeben hat, von
dem die auBere Geschichte nicht viel berichtet, weil er in uralte Zeiten
fallt, Es war ein gewaltiger ZusammenstoB zwischen Iran und Turan.
Und es entwickelte sich aus diesem Kriege, der nicht Jahrzehnte, der
Jahrhunderte dauerte, eine gewisse Stimmung, die lange Zeit im Inne-
ren Asiens andauerte, eine Stimmung, die etwa in folgender Weise in
Worte gefaBt werden muB.
Der Iranier, der Zarathustra-Mensch, sagte sich etwa folgendes:
tfberall, wo wir hinschauen, gibt es eine Welt, die zwar herabgestiegen
ist aus dem Gottlich-Geistigen, die sich aber jetzt darstellt wie ein Ab-
fall von der fruheren Hohe. Wir mussen voraussetzen, daB alles, was
um uns herum ist als die Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien, frii-
her hoher war, und daB alles dies in Dekadenz gekommen ist. Der
Mensch aber hat die Hoffnung, es wieder hinaufzufuhren. - Nehmen
wir zum Beispiel ein Tier. Reden wir so, daB wir das, was in dem Ge-
fiihl eines Iraniers lebte, iibersetzen in unsere Sprache, und reden wir
so, wie etwa ein Lehrer in der Schule zu seinen Schulern reden wiirde,
wenn er eine ahnliche Gesinnung charakterisieren wollte. Dann konn-
ten wir sagen : Sieh dir an, was du um dich herum hast. Das war fruher
geistiger; jetzt ist es heruntergestiegen, ist in Dekadenz gekommen.
Nehmen wir einmal den Wolf. Das Tier, das im Wolf ist, das du als
sinnliches Wesen siehst, ist heruntergestiegen, ist in Dekadenz ge-
kommen. Es zeigte vor alien Dingen fruher seine schlechten Eigen-
schaften nicht. Du aber, wenn in dir selbst gute Eigenschaften keimen,
wenn du deine guten Eigenschaften und geistigen Krafte zusammen
nimmst, du kannst das Tier zahmen. Du kannst ihm einverweben deine
eigenen Eigenschaften. Dann kannst du aus dem Wolf einen zahmen
Hund bilden, der dir dient! Da hast du in Wolf und Hund zwei Wesen,
die gleichsam zwei Weltenstromungen charakterisieren. - Die Men-
schen, die ihre geistigen Krafte verwendeten, um die Umwelt zu bear-
beiten, sie waren imstande, die Tiere zu zahmen, auf eine hohere Stufe
zu bringen, wahrend die anderen, welche ihre Krafte nicht dazu ver-
wendeten, die Tiere so lieBen, wie sie waren, so daB sie immer tiefer
und tiefer sinken muBten. Das sind zwei verschiedene Krafte. Die eine
tritt in der Stimmung hervor: Wenn ich die Natur so lasse, wie sie ist,
dann sinkt sie immer tiefer und tiefer herunter, dann wird alles wild.
Die andere : Aber ich kann meine geistigen Augen auf eine gute Macht
richten, deren Bekenner ich bin, dann hilft sie mir, dann kann ich das,
was hinunter sinken will, mit ihrer Hilfe wieder hinauffuhren. Diese
Macht, zu der ich hinauf blicken kann, sie kann mir die Hoffhung zu
einer Weiterentwickelung geben ! - Diese Macht identifizierte sich fur
den Iranier mit Ahura Mazdao, und er sagte sich: Alles, was der
Mensch tun kann, um die Krafte der Natur zu veredeln, um sie hinauf-
zuheben, das kann geschehen, wenn der Mensch sich verbindet mit
Ahura Mazdao, mit der Kraft des Ormuzd. Ormuzd ist eine aufwarts-
gehende Strdmung. Wenn der Mensch aber die Natur so laBt, wie sie
ist, dann kann man sehen, wie alles in die Wildheit hineintreibt. Das
kommt von Ahriman ! - Und nun entwickelte sich folgende Stimmung
im iranischen Gebiete : Im Norden von uns gehen viele Menschen her-
um. Sie sind im Dienste von Ahriman. Das sind die Ahrimanleute, die
nur in der Welt herumstreifen und nur nehmen, was ihnen die Natur
bietet, die nicht Hand anlegen wollen, um die Natur zu vergeistigen.
Wir aber wollen uns verbiinden dem Ormuzd, dem Ahura Mazdao!
So fuhlte man in der Welt die Zweiheit, die da auftrat. So fuhlten die
iranischen Menschen, die Zarathustra-Menschen, und was sie so fuhl-
ten, das brachten sie auch in den Gesetzen zum Ausdruck. Sie wollten
ihr Leben so einrichten, daB in der auBeren Gesetzgebung der Drang
nach aufwarts zum Ausdruck kommen sollte. Das war die auBere Folge
des Zarathustrismus. So mussen wir den Gegensatz von Iran und Tu-
ran ansprechen. Und jenen Krieg, von dem die okkulte Geschichte so
vieles und so Genaues berichtet, den Krieg zwischen Ardschasb und
Guschtasb, wovon der eine der Konig derTuranier war und der andere
der Beschiitzer des Zarathustra, diesen Krieg als Gegensatz zwi-
schen Nord und Slid mussen wir als Stimmung sich fortsetzen sehen
auf die beiden Gebiete Iran und Turan. Wenn wir das begreifen, wer-
den wir flieBen sehen eine gewisse Seelenstromung von Zarathustra
aus auf die ganze Menschheit, auf die er gewirkt hat.
So muBte zunachst charakterisiert werden, wie das ganze Milieu, die
ganze Umgebung war, in welche Zarathustra hineingestellt war. Denn
wir wissen ja, daB diejenige Individualist, die in das Blut, das von
Abraham durch dreimal vierzehn Generationen hinunterfloB, sich hin-
eininkarnierte und die im Matthaus-Evangelium als Jesus von Naza-
reth auftritt, die Zarathustra-Individualitat war. Sie muBten wir zu-
nachst dort aufsuchen, wo sie uns zuerst in der nachatlantischen Zeit
entgegentritt. Und jetzt entsteht fur uns die Frage: Wieso war gerade
das Blut, das von Abraham in Vorderasien durch die Generationen
hinunterrann, dasjenige, welches am besten geeignet sein konnte fur
eine spatere Leiblichkeit des Zarathustra? Denn eine der nachfolgen-
den Inkarnationen des Zarathustra ist der Jesus von Nazareth.
Damit diese zweite Frage aufgeworfen werden kann, war es notwen-
dig, zuerst die Frage nach dem Zentrum aufzuwerfen und zu beant-
worten, nach jenem Zentrum, das sich in diesem Blute zum Ausdruck
bringt. Wir haben in der Zarathustra-Individualitat dieses Zentrum,
welches sich in dieses Blut des hebraischen Volkes hmeininkarniert.
Wir werden nun morgen zu besprechen haben, warum es gerade dieses
Blut, dieses Volkstum sein muBte, aus dem Zarathustra seine auBere
Leiblichkeit nahm.
ZWEITER VORTRAG
Bern, 2. September 1910
Es wkd notwendig sein, daB in den Anfangsvortragen dieses Zyklus
einiges von dem wieder vorkommt, was schon bei der Beleuchtung
des Lukas-Evangeliums gesagt worden ist. Gewisse Tatsachen im Le-
ben des Christus Jesus sind ja nur zu verstehen, wenn man diese beiden
Evangelien ein wenig miteinander vergleicht.
Was in erster Linie von Bedeutung ist zum inneren Verstandnis des
Matthaus-Evangeliums, das ist, daB jene Individualitat, von der uns
dieses Evangelium zunachst erzahlt, in bezug auf ihre Leiblichkeit her-
stammt von Abraham und durch die Vererbung durch dreimal vier-
zehn Generationen hindurch sozusagen einen Extrakt des gesamten
Volkstumes der Abrahamiten, der Hebraer, in sich tragt und daB diese
Individualitat fur den Geisteswissenschafter dieselbe ist, welche wir
als die des Zoroaster oder Zarathustra ansprechen. Wir haben gestern
gleichsam die auBerliche Umgebung dargestellt, in welche jener Zoro-
aster oder Zarathustra hineinwirkte. Es wird notwendig sein, auch
noch einiges von den Weltanschauungen und Ideen zu erwahnen, wel-
che die Kreise Zarathustras beherrschten. Man muB namlich sagen,
daB auf jenem Gebiete, innerhalb des sen in uralten Zeiten Zoroaster
oder Zarathustra gewirkt hat, eine Weltanschauung auf bliihte, die in
ihren groBen Ziigen tief Bedeutsames enthalt. Man braucht nur einige
Satze auszusprechen von dem, was ja immerhin als die Lehre des alte-
sten Zarathustra angesehen werden darf , um auf tiefe Grundlagen der
ganzen nachatlantischen Weltanschauung hinzuweisen.
Auch schon auBerlich in der Geschichte wkd uns gesagt, daB jene
Lehre, innerhalb welcher auch Zarathustra wirkte, ausgehe von zwei
Prinzipien, welche wir bezeichnen als das Prinzip des Ormuzd, des gu-
ten, lichtvollen Wesens, und als das Prinzip des Ahriman, des finsteren,
des bosen Wesens. Aber es wird zu gleicher Zeit auch schon in der
auBeren Darstellung dieses religiosen Systems betont, daB diese beiden
Prinzipien - Ormuzd oder Ahura Mazdao und Ahriman - doch wieder
zuruckgehen auf ein gemeinschaftliches Prinzip : Zeruane Akarene.
Was ist dieses einheitliche, gleichsam Urprinzip, aus dem die bei-
den anderen, sich in der Welt bekampfenden Prinzipien herstammen?
Man ubersetzt Zeruane Akarene gewohnlich mit den Worten «die un-
erschaifene Zeit». Man kann also sagen: Es fiihrt die Zarathustra-
Lehre zuletzt zuriick auf das Urprinzip, in dem wir zu sehen haben die
ruhige, im Weltenlaufe dahinflieBende Zeit. Dabei liegt es allerdings
schon in jener Wortbedeutung, daB man nicht wiederum fragen kann
nach dem Ursprunge dieser Zeit, dieses Zeitenumlaufes. - Es ist wich-
tig, daB man sich insbesondere einmal diese Idee deutlich zumBewuBt-
sein bringt: daB man von irgend etwas im Weltenzusammenhange
sprechen kann, ohne innerlich berechtigt zu sein, zum Beispiel nach
den Ursachen eines solchen ersten Prinzips wieder zu fragen. Das
auBerliche abstrakte Denken der Menschen wird es sich ja kaum jemals
nehmen lassen, wenn auf irgendeine Ursache hingewiesen wird, immer
wieder und wieder zu fragen nach der Ursache dieser Ursache, und so
gleichsam dieBegriffe in alleEwigkeit nach riickwarts herumzudrehen.
Man muBte sich einmal, wenn man wirklich feststehen wollte auf dem
Boden der Geisteswissenschaft, durch grundliche Meditation klarma-
chen, daB die Frage nach dem Ursprung, nach der Ursache, irgendwo
haltmachen muB, irgendwo auf horen muB, und daB, wenn man von
einem gewissen Punkte aus weiter nach den Ursachen fragt, man ein
bloBes Spiel des Denkens treibt.
Ich habe in meiner « Geheimwissenschaft im UmriB» auf diese er-
kenntnistheoretische Tatsache hingewiesen. Ich habe gesagt: Man
konnte wohl fragen, wenn man auf einer StraBe Furchen sieht, woher
die Furchen kommen. Man kann antworten: Von den Radern eines
Wagens. Man kann weiter fragen, wo sich die Rader an demWagen be-
finden? Man kann fragen, warum die Furchen von dem Wagen ge-
zogen worden sind? und kann als Antwort erhalten: Weil er liber die
StraBe gefahren ist. Man kann weiter fragen: Warum er uber die StraBe
gefahren ist? und mag als Antwort bekommen: Weil er einen Men-
schen liber die StraBe fahren sollte. - Man kommt aber bei diesem Fra-
gen zuletzt zu den Entschliissen, welche jenen Menschen dazu gefuhrt
haben, den Wagen zu benutzen. Und wenn man dann nicht dabei still-
steht, daB der Mensch diese Absicht gehabt hat, wenn man weiter fragt
nach den Ursachen dieser Absicht, dann verfehlt man das eigentlich
Inhaltvolle und bleibt in einem Fragespiel stecken.
So ist es auch bei den groBen Weltanschauungsfragen. Irgendwo
muB haltgemacht werden. Haltgemacht werden muB nach dem, was
den Lehren des Zarathusttismus zugrunde liegt, bei der Zeit, die im
ruhigen Laufe dahinflieBt. Nun teilt der Zarathusttismus die Zeit seibst
wieder in zwei Prinzipien, oder besser gesagt, er laBt aus ihr zwei Prin-
zipien hervorgehen: ein gutes, ein Lichtprinzip, das ich Ihnen gestern
ziemlich konkret charakterisieren konnte als das Ormuzdprinzip, und
ein boses, ein Finsternisprinzip, das Ahrimanprinzip. Es liegt dieser
urpersischen Auffassung wirklich ein ungeheuer tief Bedeutungsvolles
zugrunde, namlich das, daB alles Bose, alles Uble in der Welt, alles, was
in seinem physischen Bilde als das Dunkle, als das Finstere bezeichnet
werden muB, nicht ursprunglich ein Boses, ein Finsteres, ein Ubles ist.
Gerade darauf machte ich aufmerksam, daB das urpersische Denken
zum Beispiel den Wolf, der in einer gewissen Weise etwas Wildes, et-
was Schlimmes darstellt, etwas, woran das Ahrimanprinzip arbeitet, so
ansieht, daB er sich herunterentwickelt hat, als er sich seibst uberlassen
blieb und das Ahrimanprinzip in ihm wirksam sein konnte, daB also in
diesem Sinne der Wolf ursprunglich heruntergeglitten ist von einem
Wesen, dem wir das Gute nicht absprechen diirfen. Das liegt nach ur-
persischer, nach urarischer Auffassung allem Werden zugrunde : daB
Schlimmes, Ubles, Boses dadurch entsteht, daB etwas, was in einem
friiheren Zeitpunkt in seiner damaligen Gestalt ein Gutes war, diese
Gestalt in einen spateren Zeitraum hkiein bewahrt hat, daB dieses also,
statt sich zu andern, statt fortzuschreiten, die Gestalt sich bewahrt hat,
welche einem friiheren Zeitpunkt angemessen war. Alles Schlimme,
alles Finstere und Bose leitet die urpersische Anschauung einfach da-
von ab, daB die Gestalt eines Wesens, welche in einem friiheren Zeit-
punkt eine gute war, in eine spatere Zeit hinein so geblieben ist, anstatt
sich entsprechend zu verandern. Und aus dem ZusammenstoB einer
solchen, aus einem friiheren Zeitraum hereingetragenen Wesensform
in eine spatere Zeit mit demjenigen, was fortgeschritten ist, daraus ent-
steht der Kampf des Guten mit dem Bosen. So ist der Streit zwischen
Gut und Bose nach urpersischer Auffassung kein anderer als der Streit
zwischen dem, was seine richtige Gestalt in der Gegenwart hat, und
dem, was seine alte Gestalt in die Gegenwart hineintragt. Es ist also
das Bose nicht ein absolutes Boses, sondern nur ein versetztes Gutes,
etwas, das gut war in einer fruheren Zeit. So erscheint das Bose, wel-
ches sich in die Gegenwart hineinstellt, als ein Geschehnis, das eine
friihere Zeit hereinbewahrt in die Gegenwart. Da, wo das Fruhere und
das Spatere noch nicht miteinander in Kampf treten, flieBt noch die un-
geschiedene, nicht in ihre einzelnen Momente real auseinandergetre-
tene Zeit dahin.
Das ist eine tief bedeutsame Anschauung, die wir hier auf demGrund
der ersten nachatlantischen Volkstiimer im Zarathustrismus finden.
Und diese Anschauung, die wir eigentlich auch als das Grundprinzip
des Zarathustrismus ansehen konnen, schlieCt in sich, wenn sie in der
richtigen Art betrachtet wird, gerade dasjenige, was wir gestern von
einer ge wis sen Seite her charakterisieren konnten, und was wir so
stark hervortreten sehen gerade bei jenen Volkern, welche sich an-
lehnten an die Lehren des Zarathustra. Wir sehen iiberall bei diesen
Volkerschaften Einsicht in die Notwendigkeit, daB diese zwei, gleich-
sam aus dem gleichformigen Strom der Zeit herausgewachsenen Mo-
mente sich einander gegeniibertreten in der Zeit selbst und erst im
Laufe der Zeit iiberwunden werden. Wir sehen die Notwendigkeit,
daB das Junge entstehe und daB das Alte erhalten bleibe, und daB im
Ausglekh des Alten mit dem Jungen das Weltenziel, insbesondere das
Erdenziel nach und nach erreicht werde. So, wie wir sie jetzt charak-
terisiert haben, liegt aber diese Anschauungsweise auch zugrunde aller
Hoherentwickeiung, wie sie auftrat innerhalb dessen, was aus dem
Zarathustrismus herstammt. Nachdem der Zarathustrismus in den ge-
stern charakterisierten Zeiten sich seinen Ursitz in jenen Gegenden hat
anweisenlassen, wirkte er iiberall, wo er auftrat. Und wir werden gleich
sehen, wie unermeBlich stark er auf alle Folgezeit wirkte. Er wirkte in
der Weise, daB er den Gegensatz des Alten und des Jungen hinein-
traufeln lieB in alles, was er wirkte. Und er wirkte tief.
Zarathustra konnte so tief auf alle Folgezeit wirken, weil er in der
Zeit, wo er aufgestiegen war zu der hochsten der Initiationen, die zu
seiner Zeit zu erreichen war, zwei Schiiler sich herangezogen hatte.
Ich habe sie schon erwahnt. Den einen lehrte er alles, was sich bezieht
auf die Geheimnisse des Raumes, der sich urn uns herum sinnlich aus-
breitet, also alles, was die Geheimnisse des Gleichzeitigen sind; dann
lehrte er den anderen Schuler alles, was die Geheimnisse der dahin-
flieBendenZeit sind, die Geheimnisse der Evolution, derEntwickelung.
Auch darauf habe ich schon hingewiesen, daB in einem bestimmten
Zeitpunkt einer solchen Schulerschaft, wie sie bestand bei diesen bei-
den groBen Schiilern gegeniiber dem Zarathustra, etwas ganz Beson-
deres eintritt : daB der Lehrer hinopfern kann etwas von seiner eigenen
Wesenheit fur seine Schuler. Und Zarathustra, wie er war in seiner Za-
rathustra-Zeit, hat aus seiner eigenen Wesenheit fiir seine beiden Schu-
ler hingeopfert seinen eigenen Astraileib und seinen eigenen Atherleib.
Die Individualitat des Zarathustra, seine innerste Wesenheit, blieb ja
in sich geschlossen erhalten zu immer wiederkehrenden Inkarnationen.
Aber, was gleichsam das astralische Kleid war des Zarathustra, der astra-
lische Leib, in dem er als Zarathustra in uralten Zeiten der nachatlan-
tischen Entwickelung gelebt hat, dieses astralische Kleid war so voll-
kommen, so durchdrungen von der ganzen Wesenheit des Zarathu-
stra, daB es nicht zerstob wie andere astralische Kleider der Menschen,
sondern in sich geschlossen blieb. Im Weltenwerden konnen solche
durch die Tiefe der Individualitat, die sie getragen hat, in sich zusam-
mengeschlossene menschliche Hullen erhalten bleiben. Und der astra-
lische Leib des Zarathustra blieb erhalten. Und der eine der Schuler,
der von Zarathustra erhalten hatte die Raumeslehre und die Geheim-
nisse alles dessen, was gleichzeitig unseren Sinnesraum durchdringt,
dieser Schuler wurde wiedergeboren in jener Personlichkeit, welche in
der Geschichte genannt wird Thoth oder Hermes der Agypter. Dieser
wiederinkarnierte Schuler des Zarathustra, der dazu ausersehen war -
so lehrt die okkulte Forschung -, jener agyptische Hermes oder Thoth
zu werden, er sollte nicht nur in sich alles befestigen, was er in einer
fruheren Inkarnation von Zarathustra iiberkommen hatte, sondern er
sollte es noch dadurch zur Festigkeit bringen, daB ihm in jener Art,
wie es durch die heiligen Mysterien moglich ist, einverleibt wurde, ein-
gegossen, einfiltriert wurde der erhalten gebliebene astralische Leib des
Zarathustra selber. So wurde die Individualitat dieses Zarathustra-
Schulers wiedergeboren als der Inaugurator der agyptischen Kultur,
und einverleibt wurde diesem Hetmes oder Thoth der astralische Leib
des Zarathustra selbst. Wir haben also direkt ein Glied der Zarathustra-
Wesenheit in dem agyptischen Hermes. Und mit diesem Glied und mit
dem, was er sich mitgebracht hatte von seiner Schulerschaft des Zara-
thustra, wirkte Hermes alles, was wir an GroBem und Bedeutungsvol-
lem in der agyptischen Kultur haben.
Damit so etwas geschehen konnte, was durch diesen Missionar, durch
diesen Sendboten Zarathustras geschah, muBte natiirlich ein Volkstum
in entsprechender Weise vorhanden sein. Nur bei diesen Volkerschaf-
ten, wo Menschen waren, die auf dem mehr sudlichen Wege aus den at-
lantischen Gegenden heriibergezogen waren und sich im Osten Afrikas
niedergelassen hatten und die sich vieles von ihrer atlantischen Art des
Hellsehens bewahrt hatten, nur dort konnte fruchtbaren Boden finden,
was Hermes, der Schuler Zarathustras, einpflanzen konnte. Da stieB
zusammen das Wesen der Seele in der agyptischen Bevolkerung mit
dem, was Hermes geben konnte, und dadurch bildete sich die agyp-
tische Kultur aus.
Das war nun eine ganz besondere Art von Kultur. Denken Sie nur
einmal an alles, was als die Geheimnisse des gleichzeitig im Raume Be-
stehenden dem Hermes als ein teures Gut von seinem Lehrer Zarathu-
stra iibergeben worden war. Dadurch hatte Hermes in seiner Wesen-
heit gerade das Alierwichtigste, was Zarathustra beherrschte. Wir ha-
ben ofter darauf hingewiesen, daB es zum Charakteristischsten der Za-
rathustra-Lehre gehorte, daB Zarathustra seine Leute hinwies nach
dem Sonnenleib, nach dem auBeren Licht und dem auBerenphysischen
Lichtkorper der Sonne und ihnen zeigte, wie dieser Sonnenkorper nur
die auBere Hiille einer hohen geistigen Wesenheit ist. Also, was durch
die Raume als Wesenheit zugrunde liegt der ganzen Natur, was gleich-
zeitig ist, aber durch die Zeit immer f ortschreitet von Epoche zu Epoche
und sich in einer bestimmten Epoche immer neu zeigt, dies hatte Zara-
thustra in bezug auf seine Geheimnisse dem Hermes anvertraut. Was
von der Sonne ausgeht und sich von der Sonne weiterentwickelt, das
beherrschte Hermes. Das konnte er legen in die Seelen derer, die her-
ubergekommen waren aus der atlantischen Bevolkerung, weil diese
Seelen wie durch natiirliche Gaben selbst einst hlneingesehen hatten in
die Sonnengeheimnisse und sich in derErinnerung etwas davonbewahrt
hatten. Es war ja alles in fortschreitender Linie inEntwickelung. Sowohl
die Seelen derer,welche die Hermes- Weisheit empfangen sollten, haben
sich in fortschreitender Art entwickelt, wie auch Hermes selber.
Anders war es bei dem zweiten Schiiler des Zarathustra. Er hatte
diejenigen Geheimnisse empfangen, welche sich auf den Zeitlauf be-
ziehen, und er muBte daher mitempfangen, was wie die Stauung des
Alten und des Jungen, wie etwas Gegensatzliches, polarisch Wirken-
des in der Evolution darinnen steht. Aber auch fur diesen Schiiler hatte
Zarathustra einen Teil seiner eigenen Wesenheit hingeopfert, so daB
auch dieser zweite Schiiler bei der Wiedergeburt empfangen konnte
das Opfer des Zarathustra. Wahrend also die Individualitat des Zara-
thustra erhalten blieb, wurden die Hiillen von ihm getrennt; sie blie-
ben aber, weil sie von einer so machtigen Individualitat zusammenge-
halten waren, intakt und zerstoben nicht. Dieser zweite Schiiler, wel-
cher die Zeitenweisheit - im Gegensatz zur Raumesweisheit - erhalten
hatte, empfing zu einer bestimmten Zeit seiner Wiederverkorperung
den Atherleib des Zarathustra, welchen Zarathustra ebenso hingeop-
fert hatte wie seinen astralischen Leib. Kein anderer ist dieser wieder-
geborene Zarathustra- Schiiler als Moses. Moses erhalt einverleibt in
ganz friiher Kindheit den erhalten gebliebenen Atherleib des Zarathu-
stra. In einer geheimnisvollen Weise ist in den religiosen Urkunden,
die wirklich auf Okkultismus gebaut sind, alles enthalten, was uns auf
solche Geheimnisse, wie sie uns die okkulteForschung lehrt, hinweisen
kann. Wenn Moses der wiederinkarnierte Schiiler des Zarathustra war
und einverleibt erhalten sollte den erhalten gebliebenen Atherleib des
Zarathustra, dann muBte mit ihm etwas ganz Besonderes geschehen.
Bevor er die entsprechenden Eindriicke aus der Umgebung wie ein
anderer Mensch erhalten sollte, bevor in seine Individualitat herabstei-
gen konnten die Eindriicke der Aufienwelt, muBte in seine Wesenheit
hineinfiltriert werden, was er als ein Wunder-Erbstiick von Zarathustra
erhalten sollte. Das wird erzahlt in jener Symbolik : daB er in ein Kast-
chen gelegt und in den FluB versenkt worden ist, was sich wie eine
merkwurdige Initiation ausnimmt. Eine Initiation besteht ja darin, daB
ein Mensch abgeschlossen bleibt fur eine bestimmte Zeit von der Au-
Benwelt, und wahrend dessen dasjenige, was er erhalten soil, in sich
hineinfiltriert erhalt. Damals also, als Moses so abgeschlossen war,
konnte ihm in einem bestimmten Moment der auf bewahrte Atherleib
des Zarathustra einverleibt werden. Da konnte in ihm aufbluhen jene
wunderbare Zeitenweisheit, die ihm einst Zarathustra fruher vermittelt
hatte, mit der er jetzt begabt wurde, und die er herausbringen konnte,
indem er in Bildern, die wieder fur sein Volk geeignet waren, dar-
stellte die Weisheit der Zeit hintereinander. Daher konnen uns bei Mo-
ses die groBen Bilder der Genesis entgegentreten als auBere Imagina-
tionen der Zeitenweisheit, die von Zarathustra herstammte. Sie wa-
ren das wiedergeborene Wissen, die wiedergeborene Weisheit, die er
von Zarathustra empfangen hatte. Das war nun in seinem Inneren da-
durch befestigt, daB er die Atherhulle des Zarathustra selber empfan-
gen hatte.
Aber nicht nur das eine ist bei einem solchen, fur die Entwickelung
der Menschhek so bedeutungsvollen Vorgang notwendig, daB ein
Initiierter als Inaugurator da ist fur eine Kulturbewegung, sondern
das andere ist auch notwendig, daB dasjenige, was eine solche groBe
Individualist als Kulturkeim zu versenken hat, in den entsprechenden,
das heiBt passenden Volkskeim hineinversenkt werden kann. Und
wenn wir den Volkskeim, den Volksgrund betrachten wollen, in wel-
chen Moses hineinversenken konnte, was ihm von Zarathustra iiber-
tragen worden war, da ist es gut, daB wir uns mit einer gewissen Ei-
genart der Moses-Weisheit selbst befassen.
Moses war also in einer fniheren Inkarnation Schiller Zarathustras.
Er hat damals die Zeitenweisheit erhalten und jenes Geheimnis, wel-
ches wir dadurch angedeutet haben, daB in alien Zeiten ein Friiheres
mit einem Spateren zusammenstdBt und dadurch eine Gegensatzlich-
keit entsteht. Sollte sich Moses mit dieser Weisheit hineinstellen in die
Menschheitsentwickelung, dann muBte er selbst sich mit der anders-
gearteten Weisheit, als es die Hermes-Weisheit war, wie ein Gegensatz
hineinstellen in die Entwickelung. Das geschah. Wir konnen sagen:
Hermes hat von Zarathustra die direkte Weisheit empfangen, sozusa-
gen die Sonnenweisheit, das heiBt das Wissen von dem, was geheim-
nisvoll wesenhaft lebt in der auBeren physischen Hiille des Lichtes und
des Sonnenleibes, dasjenige also, was einen direkten Weg geht. Anders
Moses. Moses hatte diejenige Weisheit erhalten, die der Mensch mehr
in dem dichteren Atherleib bewahrt, nicht in dem astralischen Leib.
Er hatte diejenige Weisheit erhalten, die nicht nur hinaufschaut zur
Sonne und fragt, was alles flieBt von dem Sonnenwesen aus, sondern
die auch das begreift, was sich dem Sonnenlicht, der Sonnenglut ent-
gegenstellt; was in sich verarbeitet, obwohl es sich nicht da von ver-
schlechtern laBt, dasjenige, was erdenhaft, was dicht geworden ist,
was sich aus der Erde heraushebt als das Altgewordene, als das Ver-
festigte : Erdenweisheit also, die in der Sonnenweisheit zwar lebt, die
aber doch Erdenweisheit ist. Die Geheimnisse vom Erdenwerden, von
der Art und Weise, wie sich der Mensch auf der Erde entwickelt und
die Erdensubstantialitat evolviert hat, als sich die Sonne von der Erde
getrennt hat, das hatte Moses erhalten. Das macht es aber gerade aus,
wenn wir jetzt die Sache nicht auBerlich, sondern innerlich betrach-
ten, warum uns in den Hermes-Lehren etwas wie der krasse Gegensatz
zu der Moses- Weisheit entgegentritt.
Es gibt nun allerdings gewisse Anschauungen in der Gegenwart, die
bei der Betrachtung solcher Dinge nach dem Prinzip vorgehen : In der
Nacht sind alle Kiihe graul Die sehen dann uberall nur das gleiche und
sind sehr entzuckt, wenn sie zum Beispiel im Hermestum das gleiche
wie im Mosestum finden : hier einmal eine Dreiheit, da eine Dreiheit,
dort eine Vierheit und hier eine Vierheit. Damit ist aber nicht viel ge-
tan. Denn das ware ungefahr ebenso, wie wenn jemand einen anderen
zum Botaniker erziehen wollte und ihn nicht die Unterschiede lehrte,
wodurch sich zum Beispiel die Rose von der Nelke unterscheidet, son-
dern nur auf dasjenige hinweisen wiirde, was bei beiden gleich ist. Da-
mit kommen wir nicht durch. Wir miissen wissen, wodurch sich die
Wesenheiten unterscheiden und auch die Weisheiten. Und so miissen
wir auch wissen, daB die Moses-Weisheit eine ganz andere war als die
Hermes-Weisheit. Beide gingen zwar von Zarathustra aus; aber wie
gerade sich auch die Einheit trennt und in verschiedener Weise mani-
festiert, so gab auch Zarathustra zweien seiner Schuler so verschieden-
artige Offenbarungen.
Wenn wir die Hermes- Weisheit auf uns wirken las sen, finden wir
alles, was uns die Welt lichtvoll macht, was uns zeigt, wie der Welten-
ursprung ist und wie das Licht hineinwirkt. Aber wir finden in der
Hermes-Weisheit nicht die BegrifFe, die uns zugleich zeigen, wie in al-
lem Werden ein Fruheres in ein Spateres hineinwirkt, wie dadurch die
Vergangenheit mit der Gegenwart in Streit kommt und wie Finsternis
sich dem Licht entgegenstellt. Erdenweisheit, die uns begreiflich
macht, wie sich die Erde nach der Trennung von der Sonne entwickelt
hat mit dem Menschen, das ist im Grunde genommcn in der Hermes-
Weisheit gar nicht enthalten. Das aber sollte insbesondere die Mission
der Moses- Weisheit sein : die Erde nach ihrer Trennung von der Sonne
in ihrem Werden dem Menschen begreiflich zu machen. Erdenweis-
heit ist das, was Moses zu bringen hatte, Sonnenweisheit, was Hermes
zu bringen hatte. In Moses also, indem er sich erinnert an alles, was er
von Zarathustra erhalten hat, leuchtet auf das Erdenwerden, die Er-
denevolution des Menschen. Er geht gleichsam vom Irdischen aus.
Aber dieses Irdische ist ja von der Sonne getrennt, es enthalt in einer
gewissen Weise abschattiert das Sonnenhafte. Das Irdische kommt ihm
entgegen und begegnet sich mit dem Sonnenhaften. Daher muBte sich
die Erdenweisheit des Moses mit der Sonnenweisheit des Hermes in
der Tat auch im konkreten Dasein begegnen. Diese beiden Richtungen
muBten aufeinanderstoBen. Das wird uns in seiner Tatsachlichkeit
ganz wunderbar in dem ZusammenstoB des Moses und seiner Initiation
mit der Hermes-Weisheit auch auBerlich dargestellt. In dem Geboren-
werden in Agypten, in dem Hingezogensein seines Volkes nach Agyp-
ten, in dem ZusammenstoBen des Moses-Volkes mit dem agyptischen
Hermes-Volk liegt der auBerliche Abglanz des ZusammenstoBes von
Sonnenweisheit mit Erdenweisheit, wie sie beide von Zarathustra her-
stammen, wie sie sich aber beide in ganz verschiedenen Evolutions-
stromen iiber die Erde ergieBen, wie sie zusammenwirken miissen
und zusammenfallen.
Nun driickt sich eine gewisse Weisheit, die im Zusammenhang steht
mit den Methoden der Mysterien, immer in einer ganz besonderen Art
aus iiber die tiefsten Geheimnisse des menschlichen und auch des son-
stigen Geschehens. Ich habe schon in Munchen bei den Vortragen
iiber die «Geheimnisse der biblischen Schopfungsgeschichte » darauf
hingewiesen, wie es gegeniiber diesen groBen Wahrheiten, welche
nicht nur den Menschen in seinen tiefsten Geheimnissen, sondern auch
die Weltentatsachen iiberhaupt umfassen, wie es in bezug auf diese
Geheimnisse auBerordentlich schwierig ist, in irgendeiner gangbaren,
auBeren Sprache solche Dinge auszudriicken. Unsere Worte sind wirk-
lich fur uns oft Fesseln, denn sie haben ihren pragnanten Sinn, der
ihnen seit langen Zeiten zubereitet ist. Und wenn wir mit den groBen
Weistiimern, die sich uns in unserer Seele enthiillen, an die Sprache
herantreten und in Worte gieBen wollen, was sich uns innerlich ent-
hiillt, dann entsteht ein Kampf gegen dieses so schwache Instrument
der Sprache, das wirklich in gewisser Beziehung ungeheuer unzulang-
lich ist.
Die groBte Trivialitat, welche wohl im Laufe des 19. Jahrhunderts
und der neueren Kultur iiberhaupt gesagt worden ist, die aber unzah-
lige Male wiederholt wurde im Zeitalter des Loschpapiers, das ist die :
daB eine jede wirkliche Wahrheit in einfacher Weise sich ausdriicken
lassen miisse, und daB die Sprache mit ihren Ausdrucksformen ge-
radezu ein MaBstab dafxir ware, ob jemand irgendeine Wahrheit besaBe
oder nicht. Aber dieser Satz ist nur ein Ausdruck dafiir, daB diejenigen,
die ihn aussprechen, nicht im Besitze der eigentlichen Wahrheit sind,
sondern nur im Besitze derjenigen Wahrheiten, die ihnen durch die
Sprache im Laufe der Jahrhunderte ubermittelt sind, und die sie nur
ein wenig anders gestalten. Fiir solche Leute reicht die Sprache dann
aus, und sie fiihlen nicht den Kampf, den man manchmal mit der
Sprache fiihren muB. Dieser Kampf tritt uns aber da, wo etwas GroBes
und Gewaltiges zu sagen ist, nur allzu stark vor die Seele.
Ich habe schon in Miinchen darauf hingewiesen, wie in dem Rosen-
kreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» das Ende der ersten
Szene im «Meditationszimmer» einen harten Kampf mit der Sprache
abgegeben hat. Was darin von dem Hierophanten zum Schuler gesagt
werden sollte, das ist etwas, was nur zum allergeringsten MaBe in das
schwache Instrument der Sprache hineingegossen werden konnte.
Nun wurden aber in den heiligen Mysterien gerade die tiefsten Ge-
heimnisse zum Ausdruck gebracht. Daher empfand man in den Myste-
rien zu alien Zeiten, ein wie schwaches Instrument die Sprache 1st, und
wie ungeeignet sie ist, Bilder herzugeben fiir das, was man eigentKch
sagen will. Daher der Drang aller Zeiten in den Mysterien nach Aus-
drucksmitteln fiir dasjenige, was die Seele innerlich erlebte. Und als
die schwachsten erwiesen sich jene Ausdrucksmittel, welche derMensch
fiir den auBeren Gebrauch, fiir den auBeren Umgang jahrhundertelang
bewahrt. Dagegen erwiesen sich als geeignet die Bilder, die sich erga-
ben, wenn man den Blick hinausrichtete in die Raumesweiten : die Ster-
nenbilder, das Aufgehen eines bestimmten Sternes in einem gewissen
Zeitpunkt, die Bedeckung eines Sternes durch einen anderen in einem
bestimmten Zeitpunkt. Kurz, die Bilder, die sich auf diese Weise er-
gaben, konnte man gut brauchen, um das auszudriicken, was in einer
bestimmten Weise sich in der Menschenseele vollzieht. Ich will das
kurz charakterisieren.
Nehmen wir an, in einem bestimmten Zeitpunkt sollte ein groBes
Ereignis dadurch geschehen, daB eine Menschenseele in diesem Zeit-
punkt reif wurde, etwas GroBes zu erleben und dies den Volkern zu
iiberbringen, oder man wollte ausdriicken, daB das betreffende Volk
selbst oder ein ganzer Teil der Menschheit einen besonderen Reife-
zustand erlangt hatte und in der Evolution zu einer bestimmten Stufe
hinaufgestiegen war, und zeigen, wie sich hineinstellte in dieses Volk
eine Individualitat, vielleicht von einer ganz anderen Seite her. Da nel
also zusammen der Hohepunkt der Entwickelung dieser Individuali-
tat mit dem Hohepunkt der Entwickelung der Volksseele, und dieses
Zusammenfallen wollte man ausdriicken in seiner Einzigartigkeit.
Alles, was man in solchem Falle mit der Sprache sagen konnte, wirkte
nicht groBartig genug, um die Bedeutung eines solchen Ereignisses in
unser Gefiihl hineinzugieBen. Daher driickte man es in dieser Weise
aus : Das Zusammenfallen der hochsten Starke einer einzelnen Indivi-
dualitat mit der hochsten Starke einer einzelnen Volksseele ist so, wie
wenn die Sonne steht im Sternbild des Lowen und uns von dort ihr
Licht zustrahlt. Da wurde das Bild des Lowen genommen, um in ei-
nem bildhaften Ausdruck darzustellen, was angedeutet werden sollte
in seiner Starke in der Menschheitsevolution. Was sich so auBerlich
darbot im Weltenraum, das wurde zum Ausdrucksmittel fiir dasjenige,
was in der Menschheit vor sich geht. Von dorther riihrten die Aus-
dnicke, die gebraucht wurden in der Menschheitsgeschichte und die
hergenommen sind von dem Lauf der Gestirne. Das waren Ausdrucks-
mittel fur die geistigen Tatsachen in der Menschheit.
Wenn von so etwas gesprochen wird, daB zum Beispiel die Sonne
im Zeichen des Lowen steht, und daB durch ein Himmelsereignis, wie
das Sich-Decken der Sonne mit einem bestimmten Sterhbild, symbo-
lisch ausgedriickt wird ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung,
dann kann es wohl sein, daB die Triviallinge so etwas umkehren und
meinen, daB alle auf die Menschheitsgeschichte sich beziehenden Er-
eignis se fruiter mythisch gehullt worden waren in Vorgange, die von
den Sternen hergenommen sind, wahrend man in Wahrheit dasjenige,
was in der Menschheit vor sich ging, dadurch ausdriickte, daB man die
Bilder hernahm von der Konstellation der Gestirne. In Wahrheit ist
das Richtige immer umgekehrt von dem, was die Triviallinge lieben.
Dieser Zusammenhang mit dem Kosmos ist etwas, was uns mit ei-
ner gewissen Ehrfurcht erfullen sollte gegeniiber allem, was uns gesagt
wird iiber die groBen Ereignisse der Menschheitsevolution, und was
ausgedriickt wird in den Bildern, die hergenommen sind von dem
kosmischenDasein. Aber es besteht doch ein geheimer Zusammenhang
zwischen dem ganzen kosmischen Dasein und demjenigen, was sich
im Menschendasein vollzieht. Es ist das, was auf der Erde sich voll-
zieht, ein Spiegelbild dessen, was im Kosmos geschieht.
So ist auch das Entgegenschreiten der Sonnenweisheit des Hermes
und der Erdenweisheit des Moses, wie es in Agypten zum Ausdruck
kommt, in gewisser Beziehung ein Abbild, ein Spiegelbild von Wir-
kungsweisen im Kosmos drauBen. Denken Sie sich gewisse Wirkun-
gen von der Sonne ausstrahlend zur Erde und andere Wirkungen von
der Erde zuruckstrahlend in den Weltenraum, so wird es nicht einerlei
sein, wo sich diese beiden Wirkungen im Raum begegnen; sondern je
nachdem sie sich naher oder ferner begegnen, wird auch die Wirkung
des ZusammentrefFens der ausgesendeten und zuriickgesendeten Strah-
len eine verschiedene sein. Nun stellte man das ZusammenstoBen der
Hermes-Weisheit mit der Moses-Weisheit im alten Agypten in den
Mysterien in der Weise dar, daB es sich vergleichen lieB mit etwas, was
im Grunde genommen im Kosmos auch schon dagewesen ist nach un-
serer geisteswissenschaftlichenKosmologie. Wir wissen, daBurspriing-
Hch eine Trennung von Sonne und Erde stattgefunden hat, daB dann
die Erde noch eine Zeitlang mit dem Monde verbunden war, und daB
dann ein Teil von der Erde sich hinausbewegte in den Raum und sie
als unser heutiger Mond wieder verlassen hat. Da hat also die Erde
einen Teil von sich als Mond wieder zuriickgeschickt in den Welten-
raum, der Sonne zu. Wie ein solches «Herausstrahlen» der Erde ge-
gen die Sonne zu, war auch der eigentiimliche Vorgang, als sich dieEr-
denweisheit des Moses im Agyptertum begegnete mit der Sonnen-
weisheit des Hermes.
Es war die Moses- Weisheit in ihrem weiteren Verlaufe etwas, von
dem man sagen kann, sie entwickelte sich als die Wissenschaft der
Erde und des Menschen - eben als Erdenweisheit - nach der Trennung
von der Sonnenweisheit weiter, aber in der Weise, daB sie der Sonne
entgegenwuchs und aufnahm, was von der Sonne als direkte Weisheit
kam und mit dem sie sich jetzt durchdrang. Aber nur bis zu einem ge-
wissen Grade sollte sie sich mit der direkten Sonnenweisheit durch-
dringen; dann sollte sie allein weiterschreiten und sich selbstandig ent-
wickeln. Daher bleibt die Moses-Weisheit nur so lange in Agypten,
bis sie genugsam aufnehmen konnte, was sie brauchte; dann erfolgte
der «Auszug der Moseskinder aus Agypten », damit dasjenige, was als
Sonnenweisheit von der Erdenweisheit aufgenommen worden ist, ver-
daut und jetzt selbstandig weitergebracht wird.
Wir haben also innerhalb der Moses-Weisheit zwei Glieder zu un-
terscheiden: ein Glied, wo sich die Moses-Weisheit im SchoBe der
Hermes- Weisheit entwickelt, gleichsam von alien Seiten von ihr um-
geben ist und immerfort die Hermes- Weisheit aufnimmt; dann trennt
sie sich von ihr und entwickelt sich abgesondert von ihr nach dem Aus-
zug aus Agypten, entwickelt in ihrem eigenen SchoB die Hermes-
Weisheit weiter und erreicht bei dieser Weiterentwickelung drei Etap-
pen. Wohin soil sich die Moses-Weisheit entwickeln? Was ist ihre Auf-
gabe? - Ihre Aufgabe soli sein, daB sie den Weg wieder zuruckfindet
zur Sonne. Sie ist Erdenweisheit geworden. Moses wird geboren mit
dem, was ihm Zarathustra gegeben hat als Erdenweiser. Er soil den
Weg wieder zuriickflnden. Und er sucht ihn zuriick auf seinen ver-
schiedenen Etappen, indem er sich impragniert in der ersten Etappe
mit der Hermes-Weisheit; dann entwickelt er sich weiter. Was er auf
diesem Wege durchmacht, laBt sich wieder am besten darstellen in Bil-
dern kosmischer Vorgange. Wenn das, was auf der Erde geschieht,
wieder zuriickstrahlt in den Raum, dann begegnet es auf dem Wege
zur Sonne zuerst dem Merkur. Wir wissen ja, daB dasjenige, was in der
gewohnlichen Astronomie Venus ist, nach der okkulten Terminologie
Merkur genannt wird, und ebenso ist das, was gewohnlich Merkur
genannt wird, im okkulten Sinne Venus. Man trim: also, wenn man
von der Erde ausgeht der Sonne zu, zunachst das Merkurartige, dann
auf dem weiteren Wege das Venusartige und dann das Sonnenhafte.
Daher sollte Moses in inneren Seelenvorgangen das von Zarathustra
Ererbte so entwickeln, daB es beim Riickzug wieder das Sonnenhafte
finden konnte. Es muBte sich also bis zu einem bestimmten Grade her-
anentwickeln. Was er als Weisheit gepflanzt hat in die weltliche Kultur,
das muBte sich so entwickeln, wie es seinem Volke gegeben war. Da-
her war sein Weg so, daB er dasjenige, was Hermes direkt brachte, wie
in Radienstrahlen von der Sonne, auf dem Riickweg neu entwickelte,
umgekehrt, nachdem er zunachst etwas von der Hermes- Weisheit auf-
genommen hatte.
Nun wird uns gesagt, daB Hermes, der spater Merkur, Thoth, ge-
nannt wurde, seinem Volke Kunst und Wissenschaft gebracht hat,
auBeres Weltwissen, auBere weltliche Kunst, in der Art, wie es sein
Volk brauchen konnte. In anderer Art, gleichsam entgegengesetzt,
sollte bis zu diesem Hermes-Merkur-Standpunkt Moses selber weiter-
dringen, die Hermes-Weisheit riicklaufig selber ausbilden. Das ist dar-
gestellt in dem Fortgang des hebraischen Volkes bis zu dem Punkte
des Zeitalters und der Regierung des David, der uns entgegentritt als
der konigliche Psalmensanger, als gottlicher Prophet, der als Gottes-
mann wirkte wie als Schwerttrager und auch als Trager des Musik-
instrumentes. David, der Hermes, der Merkurius des hebraischen Vol-
kes, so wird er uns geschildert. So weit hat es jetzt jener Strom des
hebraischen Volkstumes gebracht, daB er ein selbstandiges Hermes-
tum oder Merkurtum hervorbrachte. Die aufgenommene Hermes-
Weisheit war also im davidischen Zeitalter bis in die Region des Mer-
kur gelangt.
Weiterschreiten sollte die Weisheit des Moses auf der riicklaufigen
Bahn bis zu dem Punkte, wo die Venusregion ist, wenn man so sagen
darf. Die Venusregion kam fur den Hebraismus in jener Zeit, als
die Moses-Weisheit, das heiBt das, was durch Jahrhunderte als diese
Moses-Weisheit heruntergestromt war, sich verbinden muBte mit ei-
nem ganz anderen Element, mit einer Weisheitsrichtung, die gleich-
sam von der anderen Seite hergestrahlt war. So wie das, was von der
Erde zuriickstrahlt in den Raum, auf dem Weg zur Sonne in einem
Punkt die Venus triift, so traf die Moses-Weisheit zusammen mit dem,
was auf der anderen Seite von Asien herubergestrahlt war, in der ba-
bylonischen Gefangenschaft. Was sich wie in abgeschwachter Form
kundgab in den Mysterien Babylons und Chaldaas, mit dem traf die
Weisheit des hebraischen Volkes in ihrer besonderen Entwickelung
zusammen in der babylonischen Gefangenschaft. Wie wenn ein Wan-
derer, der ausgegangen ware von der Erde und gewuBt hatte, was auf
der Erde ist, die Region des Merkur durchdrungen hatte und gekom-
men ware in die Region der Venus, um auf der Venus das auf sie fal-
lende Sonnenlicht zu empfangen, so empfing die Moses-Weisheit das-
jenige, was direkt ausgegangen war aus den Heiligtumern des Zara-
thustrismus und sich in abgeschwachter Gestalt fortgepflanzt hatte in
den Mysterien und Weistumern der Chaldaer und Babylonier. Das
empfing die Moses-Weisheit jetzt wahrend der babylonischen Gefan-
genschaft. Da verband sich die Moses-Weisheit mit dem, was bis in
die Gebiete des Euphrat und Tigris hinubergedrungen war.
Da geschah abermals ein anderes. In der Tat war Moses zusammen-
getrofFen mit dem, was einst von der Sonne ausgegangen war. Moses,
nicht er selbst, aber das, was er seinem Volke mit seiner Weisheit hin-
terlassen hatte, floB zusammen in den Statten, welche die Weisheit der
Hebraer betreten muBte wahrend der babylonischen Gefangenschaft,
es floJB zusammen direkt mit dem Sonnenhaften dieser Weisheit. Denn
dort lehrte wahrend dieser Zeit in den Mysterienstatten am Euphrat
und Tigris, mit denen damals die hebraischen Weisen bekannt wurden,
der wiederinkarnierte Zarathustra. Ungefahr zur Zeit der babyloni-
schen Gefangenschaft war Zarathustra selber inkarniert, und dort
lehrte er, der einen Teil seiner Weisheit abgegeben hatte, um einen Teil
davon wiederzubekommen. Er selber inkamierte sich ja immer wieder,
und wurde so, in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos, der
Lehrer der in die babylonische Gefangenschaft hinabgefuhrten Juden,
die mit den Heiligtiimern dieser Gegenden bekannt wurden.
So kam die Moses-Weisheit in ihrem FortflieBen, in ihrem Fortstro-
men zusammen mit dem, was Zarathustra selbst hat werden konnen,
nachdem er von den weiter abgelegenen Mysterienstatten hingezogen
war in die Statten Vorderasiens. Denn dort wurde er der Lehrer der
initiierten Schuler Chaldaas, sowohl einzelner eingeweihter Lehrer als
auch der Lehrer derjenigen, die jetzt empfingen die Befruchtung ihrer
Moses-Weisheit mit jenem Strome, der ihnen dadurch entgegenkom-
men konnte, daB sie das, was Zarathustra einst ihrem Ahnherrn, dem
Moses, gelehrt hatte, jetzt wiederempfangen konnten von Zarathustra
selbst in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos. Diese
Schicksale hatte die Moses-Weisheit durchgemacht. Sie hatte in der
Tat ihren Ursprung bei Zarathustra; sie war versetzt worden in ein
fremdes Gebiet. Es war, wie wenn ein Sonnenwesen mit verbundenen
Augen herabgetragen wurde auf die Erde und nun im Ruckmarsch
alles wieder suchen muBte, was es verloren hatte.
So war Moses der Schuler Zarathustras. Er fand sich in seinem Da-
sein in der agyptischen Kultur so, daB alles, was ihm Zarathustra einst
gegeben hatte, aufgeleuchtet war in seinem Inneren. Aber es war so,
wie wenn er nicht gewuBt hatte, woher es ihm, abgesondert auf dem
Erdeninselfelde aufleuchtete. Und entgegen ging er demjenigen, was
einstmals Sonne war. Entgegen ging er innerhalb Agyptens der Her-
mes-Weisheit, die auf direkte Weise brachte, was Zarathustra- Weis-
heit war, nicht auf dem reflektierten Wege wie Moses. Und nachdem
er geniigend davon aufgenommen hatte, entwickelte sich der Strom
der Moses-Weisheit in direkter Weise weiter. Und indem er im davidi-
schen Zeitalter ein direktes Hermestum, eine eigene Wissenschaft und
Kunst begriindete, ging er der Sonne entgegen, von der er ausge-
gangen war in einer Gestalt, in der er sich zuerst verhiillt zeigen
muBte.
In den altbabylonischen Lehrstatten, wo er auch der Lehrer des Py-
thagoras war, da konnte Zarathustra nur so lehren, wie es iiberhaupt
moglich ist zu lehren in einem bestimmten Korper, da man angewie-
sen ist auf die Werkzeuge dieses betreffenden Korpers. Sollte Zarathu-
stra die voile Sonnenhaftigkeit, die er einstmals zum Ausdruck ge-
brachthatte und iibertragen hatte an Hermes und Moses, in einer neuen
Gestalt zum Ausdrucke bringen, welche dem Fortschritte der Zeit an-
gemessen war, dann muBte er eine korperliche Hiille haben, die ein
wiirdiges Instrument war, die dem fortgeschrittenen Zeitalter ange-
messen war. Nur in einer Gestalt, die bedingt war durch einen Korper,
wie er im alten Babylon hervorgebracht war, konnte Zarathustra alles
dasjenige wieder hervorbringen, was er iibertragen konnte auf Pytha-
goras, auf die hebraischen Gelehrten und auf die chaldaischen und
babylonischen Weisen, die damals im 6. vorchristlichen Jahrhundert
imstande waren, ihn zu horen. Es war mit dem, was Zarathustra
lehren konnte, wirklich so, wie wenn das Sonnenlicht erst aufgefangen
wurde von der Venus und nicht direkt auf die Erde kommen konnte;
es war, wie wenn die Zarathustra-Weisheit nicht in ureigener Gestalt,
sondern erst in abgeschwachter Gestalt sich zeigen konnte. Denn damit
die Zarathustra-Weisheit in ureigener Gestalt wirksam sein konnte, da-
zu muBte sich Zarathustra erst umgeben mit einem geeigneten Korper.
Dieser geeignete Korper konnte nur zustande kommen auf eine ganz
eigene Weise, die man etwa in folgender Art charakterisieren konnte.
Wir haben gestem gesagt, daB es drei verschiedene Volksseelen-
arten in Asien gab : die indische im Siiden, die iranische und die nord-
asiatisch-turanische. Wir haben darauf hingewiesen, daB diese drei
Seelenarten dadurch entstanden sind, daB der nordliche Strom der at-
lantischen Bevolkerung nach Asien sich hiniiberbewegt hat und dort
ausgestrahlt ist. Ein anderer Strom ging aber durch Afrika hindurch
und sandte seine letzten Auslaufer bis in das turanische Element hin-
iiber. Und wo der nordliche Strom, der von der Atlantis nach Asien
zog, und die andere Stromung, die sich von der Atlantis durch Afrika
ausbreitete, zusammenstieBen, da entstand eine eigentumliche Mi-
schung, da bildete sich ein Volkstum heraus, aus dem das spatere
Hebraertum entstanden ist. Mit diesem Volkstum geschah etwas ganz
Besonderes. Alles das, wovon wir gesagt haben, daB es wie ein astra-
lisch-atherisches Hellsehen in der Dekadenz zunickgeblieben war bei
gewissen Volkerschaften und in dieser Gestalt ein Schlimmes gewor-
den war, indem es als auBerliches Hellsehen wie in einer letzten Phase
auftrat, das alles schlug sich innerhalb derjenigen Leute, die zum he-
braischen Volke wurden, nach innen. Es nahm eine ganz andere Rich-
tung an. Statt daB es in auBerer Wirkung als die Reste des alten adan-
tischen Hellsehens sich in einem niederen astralischen Hellsehen zeigte,
trat es bei diesem Volke so auf, daB es im Inneren des Leibes organisie-
rend wirkte. Was auBerlich etwas Dekadentes war, was deshalb, weil
es konservativ geblieben war, ein dekadentes Element des Hellsehens,
etwas mit ahrimanischem Element Durchzogenes geworden war, das
war in richtiger Weise fortgeschritten, indem es eine im Inneren des
Menschen wirksame Kraft geworden war, die im Inneren des Men-
schen organisierte. Es lebte sich beim hebraischen Volke nicht aus in
einem zuriickgebliebenen Hellsehertum, sondern es organisierte die
Leiblichkeit um und machte sie dadurch in bewuBter Weise vollkom-
mener. Alles, was im Turaniertum dekadent war, das wirkte fort-
scharTend und umgestaltend beim hebraischen Volke.
Deshalb diirfen wir sagen : In der Leiblichkeit des hebraischen Vol-
kes, die sich durch die Vererbung in der Blutsverwandtschaft fortge-
pflanzt hatte von Generation zu Generation, wirkte alles, was als au-
Bere Anschauung seine Zeit erfiillt hatte, was nicht mehr auBere An-
schauung sein sollte, was auf einen anderen Schauplatz treten sollte,
um in seinem rechten Element zu sein. Was den Atlantiern die Kraft
gegeben hatte, geistig hineinzuschauen in den Raum und in geistige
Gebiete, was verwildert war bei den Turaniern als hellseherischer Rest,
das alles wirkte bei diesem kleinen hebraischen Volke so, daB es nach
innen schlug. Alles, was beim Atlantiertum gottlich-geistig war, wirkte
beim hebraischen Volke im Inneren, bildete Organe, wirkte leibge-
staltend und konnte daher auf blitzen innerhalb des Blutes des hebra-
ischen Volkes als das gottliche BewuBtsein im Inneren. Es war beim
hebraischen Volke so, wie wenn alles, was der Atlantier gesehen hat,
wenn er den hellseherischen Blick in alle Richtungen des Raumes
schickte, wie wenn das aufgetreten ware, ganz nach innen geschlagen,
im Innersten als OrganbewuBtsein des hebraischen Volkes, als das
Jahve- oder Jehova-BewuBtsein, als das GottesbewuBtsein im Inneren.
Mit seinem Blute vereinigt fand dieses Volk den Gott, der ausgebreitet
war im Raum, fand sich durchdrungen, impragniert mit dem Gott,
der im Raum ausgebreitet war, und es wuBte, daB dieser Gott in sei-
nem Inneren, in der Pulsation seines Blutes lebt.
Indem wir also auf der einen Seite Iraniertum und Turaniertum ent-
gegengestellt sehen, wie wir es gestern charakterisiert haben, und in-
dem wir nun Turaniertum und Hebraertum einander gegeniiberstellen,
sehen wir dasjenige, was bei den Turaniern dekadent ist, in seinem
Fortschritt und in seinem Elemente, wie es spater sein muBte, im Blut
des hebraischen Volkes pulsieren. So, daB es innerlich gefuhlt wird,
lebt alles das auf, was der Atlantier gesehen hat. Und in einem einzi-
gen Worte schlieBt es sich zusammen, in dem Worte Jahve oder Je-
hova. Wie in einem einzigen Punkt, wie in ein einziges Zentrum des
GottesbewuBtseins zusammengedrangt, lebt durch die Generationen
Abrahams, Isaaks, Jakobs und so weiter heruntergehend, im Blute der
Generationen, unsichtbar, aber innerlich gefuhlt, der Gott, der hinter
alien Wesen sich gezeigt hat fur das atlantische Hellsehen, der jetzt der
Gott im Blute Abrahams, Isaaks und Jakobs war und diese Generatio-
nen fiihrte von Schicksal zu Schicksal. Es war auf diese Weise das
AuBere innerlich geworden; es wurde erlebt, nicht mehr geschaut, und
es wurde nicht mehr mit einzelnen verschiedenen Namen bezeichnet,
sondern mit einem Einzelnamen, mit dem: «Ich bin der Ich-bin!» Es
hatte eine ganz andere Gestalt angenommen. Wahrend es der Mensch
in der atlantischen Zeit uberall fand, wo er nicht war - drauBen in der
Welt fand es der Mensch jetzt da, wo er sein Zentrum hatte, in sei-
nem Ich, und fuhlte es in dem Blute, das durch die Generationen rinnt.
Es ist der groBe Gott der Welt jetzt geworden jener Gott des hebra-
ischen Volkes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der im Blute
durch die Generationen rinnt.
So wird jenes Volkstum begrundet, das wir in seiner eigentum-
lichen inneren Mission fur die Menschheitsevolution morgen betrach-
ten werden. Wir haben heute nur andeuten konnen den allerersten
Punkt der Blutsbeschaffenheit dieses Volkes, wo zusammengedrangt
ist im Inneren alles, was einst der Mensch in der atlantischen Zeit von
auBen hat auf skh eindringen lassen. Wir werden sehen, welche Ge-
heimnisse sich in dem vollziehen, was damit nur angeschlagen ist, und
wir werden die eigentumliche Natur jenes Volkes kennenlernen, aus
welchem Zarathustra seinen Korper nehmen konnte zu dem Wesen,
das wir als den Jesus von Nazareth bezeichnen.
DRITTER VORTRAG
Bern, 3. September 1910
Bevor wir heute zu unserem Thema ubergehen, mochte ich eine kleine
Erganzung geben zu dem gestern Gesagten. Ich machte darauf auf-
merksam, wie in den Vorgangen der Menschheitsentwickelung, na-
mentlich in den groBen bedeutungsvollen Vorgangen unseres Daseins,
etwas zu sehen ist, was sich charakteristisch ausdriicken laBt durch eine
Sprache, die hergenommen ist von den Vorgangen im Kosmos. Ich er-
wahnte, wie unmoglich es ist, klar, deutlich und auch eingehend das-
jenige, was in bezug auf die groBen Geheimnisse zu sagen ist, in ge-
wohnliche Worte zu kleiden.
Wenn wir jenen bedeutungsvollen Vorgang charakterisieren wollen,
den wir nennen konnen die Wechselwirkung zwischen den zwei gro-
Ben Schulern des Zarathustra, zwischen Hermes oder Thoth und Mo-
ses, so konnen wir dies am besten dadurch tun, daB wir ihn darstellen
als die Wiederholung eines groBen kosmischen Vorganges, wobei wir
diesen letzteren allerdings so auffassen miissen, daB er uns im Sinne der
okkulten Weisheit, im Sinne der Geheimwissenschaft erscheint. Blik-
ken wir, um diesen kosmischen Vorgang zunachst vor uns zu haben,
wiederholentlich zuriick auf jene Zeit, da sich unsere Erde von ihrer
Sonne getrennt hat, wo beide also sozusagen mit einem selbstandigen
Zentrum ein eigenes Leben im Kosmos weiterfuhrten. Wir konnen
uns diesen Vorgang so vorstellen, daB wir uns die gesamte Substantia-
lity der Erde und der Sonne in urferner Vergangenheit als ein Ganzes
denken, gleichsam als einen groBen Weltenleib, und daB sich diese bei-
den in urferner Vergangenheit trennten. Allerdings muB dabei immer
im Auge behalten werden, daB wir dabei andere kosmische Vorgange
unberiicksichtigt lassen, die der Trennung von Sonne und Erde paral-
lel gingen, als die Abspaltung der anderen Planeten unseres Sonnen-
systems. Fur unsere Zwecke konnen wir die Zeitverhaltnisse dieser
anderen Trennungen zunachst unberiicksichtigt lassen und konnen
sagen : Es fand also einmal eine Trennung in der Weise statt, daB die
Sonne das eine Zentrum bildete und die Erde das andere.
Wenn wir nun diesen Zeitpunkt der Erden-Sonnentrennung ins
Auge fassen, miissen wir zunachst auch beriickskhtigen, daB wk hier-
bei auf Zeiten zuriickblicken, in denen dasjenige, was jetzt als «Erde»
bezeichnet ist, noch die Substantialitat unseres heutigen Mondes in
sich, in ihrem eigenen SchoBe hatte, so daB da gleichsam Erde + Mond
und Sonne einander gegeniiberstehen. Alles, was vor dieser Trennung
an geistigen, physischen Kraften vorhanden war, spaltete sich in der
Weise, daB gleichsam das grobere Element, die groberen, dichteren
Wirksamkeiten mit der Erde gingen, wahrend die feineren, hoheren,
geistig-atherischen Wirksamkeiten mit der Sonne gingen. Nun miissen
wir uns vorstellen, daB eine langere Zeit hindurch Erde und Sonne
voneinander getrennt ihre Lebensentwickelung durchmachten, daB
zunachst alles, was von der Sonne ausging zur Erde hin, ganz anderer
Natur war als etwa jene Wirkungen, welche heute von der Sonne auf
die Erde herunter sich tatig erweisen. Da haben wir zuerst eine Art
Erdendasein, ein Erdenleben, das sich sozusagen erweist als ein inne-
res, verschlossenes Erdenleben, welches wenig annimmt von dem Son-
nenleben, von dem, was da geistig und in seinem Ausdruck physisch
von der Sonne auf die Erde herunterstrahlt.
In dieser ersten Zeit der Sonnen-Erdentrennung war es ja so, daB
die Erde gewissermaBen einer Vertrocknung, einer Verdorrung, einer
Mumifizierung entgegenging. Und wenn es so geblieben ware, daB die
Erde den Mond in ihrem SchoB behalten hatte, so ware das Leben, das
heute auf der Erde besteht, niemals moglich geworden. Wahrend die
Erde noch den Mond in sich hatte, konnte das Sonnenleben sich nicht
in vollem MaBe wirksam erweisen; das konnte es erst spater, nachdem
die Erde dasjenige, was heute Mond ist, von sich abgesondert hatte,
und gerade so die geistigen Wesenheiten, die mit dem Mond verbun-
den sind, aus sich heraussonderte, wie auch die Substantialitat des
Mondes von der Erde abgesondert worden ist.
Nun ist aber mit dieser Trennung des Mondes von der Erde noch
etwas anderes verbunden. Wir miissen uns ja klar sein, daB alles, was
wir heute das Leben auf unserer Erde nennen, sich langsam und all-
mahlich entwickelt hat. Und wir geben in der Geisteswissenschaft auch
die aufeinanderfolgenden Zustande an, wie sie sich herangebildet und
entfaltet haben, welche das Erdenleben moglich machten. Da haben
wir zuerst das alte Saturndasein, dann das alte Sonnendasein, das alte
Mondendasein und zuletzt erst unser Erdendasein. Also demjenigen,
was wir als Sonnentrennung oder auch als vorhergehendes Zusammen-
sein der Erde mit der Sonne bezeichnen, dem gingen andere Entwicke-
lungsprozesse voran von ganz anderer Natur, namlich das Saturn-,
Sonnen-, Mondendasein, aus dem sich dann erst unser Erdendasein
entwickelte. Und als die Erde in der jetzigen Gestalt beginnt, da ist sie
noch verbunden mit der Substanz aller Planeten, die zu unserem Son-
nensystem gehoren und die sich erst sparer herausdifferenzieren. Diese
Herausdifferenzierung ist ein Ergebnis von Kraften, die wahrend des
Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins gewirkt haben.
Nun wissen wir, daB wahrend des Saturndaseins nicht eine solche
Konfiguration der Materie, des Stoffes vorhanden war, wie es heute
der Fall ist. Feste Korper, fliissige oder wasserige Korper, sogar gas-
formige, dampfformige oder luftformige Korper waren auf dem alten
Saturn noch nicht vorhanden. Er war lediglich in seinem ganzen Ge-
fiige etwas, was nur in Warme vorhanden war. Eine bloBe Warme-
diflferenzierung, eine bloBe Warmestruktur war auf diesem alten Sa-
turn vorhanden. Wir konnen daher sagen: Der alte Saturn hatte nur
einen Warmeleib, und alles, was sich auf ihm entwickelte, entwickelte
sich in dem Element der Warme. Ich brauche hier nicht zu wiederho-
len, daB derjenige, der so etwas sagt, ganz genau weiB, wie unmoglich
es fur die heutige Physik ist, sich einen solchen bloB aus Warme be-
stehenden Leib zu denken, wie ja uberhaupt « Warme » fur die heutige
Physik nur ein Zustand, aber nicht etwas Substantielles ist. Aber es
geht uns hier nicht die heutige Physik etwas an, sondern allein das, was
die Wahrheit 1st.
Nun geht die Entwickelung vorwarts von dem Warmeleib des Sa-
turn zu dem spateren alten Sonnenzustand. Da verdichtet sich gewis-
sermaBen, wie es in der «Geheimwissenschaft im UmriB» dargestellt
ist, der Warmeleib des Saturn. EinTeil der Warme bleibt naturlich vor-
handen; aber es verdichtet sich der Warmeleib zum Teil zum gasigen,
luftformigen Zustand der Sonne. Aber damit ist nicht nur eine Ver-
dichtung verkniipft, sondern auch eine Verdiinnung; es findet dabei
auch statt eine Hinaufentwickelung zum Licht. Wir konnen daher
sagen : Wenn wir himiberschreiten von dem Warmezustand des alten
Saturn zum Sonnenzustand, so kommen wir da zu einem Welten-
korper, der in sich hat Luft, Warme und Licht.
Und wenn wir dann von der Sonne weiterschreiten zu dem alten
Mondenzustand, der unserem Erdenzustand vorangegangen ist, so
finden wir, daB wiederum eine Verdichtung eintritt; wir finden jetzt
nicht nur einen gasigen oder luftformigen Zustand, sondern daneben
auch einen wasserigen Zustand. Aber nach der anderen Seite, gleich-
sam nach der Vergeistigung, nach der Atherisierung hin, ist auch eine
Veranderung eingetreten. Wir sehen, daB nicht nur Licht vorhanden
ist wahrend des Mondenzustandes, sondern auch dasjenige, was man
Klangather nennt, der identisch ist mit dem heutigen chemischen Ather.
Was hier als Klangather bezeichnet wird, ist nicht dasselbe, was wir
physisch als Klang oder Ton bezeichnen. Dieses letztere ist nur ein
Abglanz dessen, was das hellseherische Vermogen als die Harmonie
der Spharen, als atherischen Ton empfindet, der durch die Welt webt
und lebt. Wir sprechen daher von etwas viel Geistigerem, von etwas
viel Atherischerem, wenn wir von diesem Ather und diesem Klange
selbst sprechen.
Dann kommen wir von dem alten Mondendasein zu dem Erdenzu-
stand. Da findet die Verdichtung zum Festen statt. Solche festen Kor-
per, wie sie auf der Erde sind, gab es auf dem alten Mond nicht. Das ist
erst ein Zustand, der sich auf der Erde gebildet hat. So haben wir jetzt
auf der Erde Warme, Gasformiges oder Luftformiges, Wasseriges oder
Fliissiges und feste Korper, und auf der anderen Seite haben wir Licht-
ather, Klangather und dann Lebensather. Das ist dasjenige, wozu es die
Entwickelung auf der Erde gebracht hat. Wir haben auf der Erde also
sieben Zustande elementarischer Natur, wie wir auf dem alten Saturn
nur einen einzigen, einen mittleren, den Warmezustand haben. Daher
haben wir uns unsere Erde, als sie sich im Beginne ihres jetzigen Da-
seins aus dem kosmischen Dunkel heraushebt, wo sie noch mit der
Sonne und auch mit den anderen Planeten vereinigt war, vorzustelien
als in diesen sieben elementarischen Zustanden webend und lebend.
Mit der Sonnentrennung aber geschieht etwas sehr Merkwiirdiges.
Fur das heutige auBere Leben, wie es sich darstellt unter den Wir-
kungsweisen, die von der Sonne zur Erde hereinstrahlen, finder sich
zwar Warme und Licht, aber unter diese Wirkungsweisen, die der
wahrnehmbaren Sinneswelt angehoren und in das ganze Gebiet der
sinnlichen Wahrnehmungen fallen, gehoren nicht die AuBerungen, die
Offenbarungen des Klangathers und des Lebensathers. Aus diesem
Grunde ist es auch, daB dasjenige, was wir die Wirkungen des Klang-
athers nennen, sich nur in den chemischen Zusammensetzungen und
Zersetzungen, also in den gegenseitigen Verhaltnissen des materiellen
Daseins auBert. Und was wir die Wirkung des Lebensathers nennen,
so wie er von der Sonne hereinstrahlt, kann nicht direkt wahrgenom-
men werden vom Menschen in ahnlicher Weise, wie das Licht dem
Menschen unmittelbar wahrnehmbar wird, indem er mit der sinnli-
chen Wahrnehmung Helligkeit und Dunkelheit unterscheidet. Es
wird das Leben wahrgenommen in seinen Wirkungen in den lebenden
Wesenheiten, nicht aber wird der einstrahlende Lebensather direkt
wahrgenommen. Daher ist auch die Wissenschaft gedrangt zu sagen,
das Leben als solches sei ihr ein Ratsel. - So flnden wir, daB die zwei
obersten Arten der atherischen Offenbarungen, Lebensather und Klang-
ather, ob sie zwar von der Sonne ausgehen und zu dem Feinsten geho-
ren, was von der Sonne ausgeht, doch nicht fur das Erdenwerden un-
mittelbar offenbar werden. Da haben wir etwas, was, obwolil es von
der Sonne herniederstrahlt, dem gewohnlichen Wahrnehmen verbor-
gen ist. Fur alles, was im Klangather und Lebensather lebt, wird auf
der Erde, auch fur die heutigen Verhaltnisse, sozusagen etwas mensch-
liches Inneres wahrnehmbar. Nicht die unmittelbaren Wirkungen des
Lebens und der Spharenharmonie werden auf der Erde wahrnehmbar,
wohl aber wird wahrnehmbar das, was in der ganzen Konstitution des
Menschen wirkt.
Nun werde ich Ihnen das am leichtesten dadurch charakterisieren
konnen, daB ich Sie noch einmal verweise auf die Entwickelung, wel-
che der Mensch auf der Erde genommen hat. Wir wissen, daB in alten
Zeiten bis in die atlantische Zeit hinein der Mensch begabt war mit
einem unmittelbaren Hellsehen, durch das er mit seinem Wahrneh-
mungsvermogen nicht nur eine Sinnenwelt schaute wie heute, sondern
durch das er die geistigenHintergriinde des sinnlichenDaseins schauen
konnte. Wodurch konnte er das ? Das war dadurch moglich, daB fiir
die Menschen in jener alten Zeit ein Zwischenzustand vorhanden
war, ein Zustand zwischen dem, was wir als unser heutiges Wachbe-
wuBtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben, und demjeni-
gen, was wir den Schlafzustand nennen. Im Wachzustande nirnmt der
Mensch die physisch-sinnlichen Dinge wahr ; im Schlafzustande nimmt
er - oder die Mehrzahl der Menschen - zunachst heute gar nichts wahr,
da lebt er nur. Wiirden Sie freilich hellseherisch dieses Leben des Men-
schen wahrend des Schlafzustandes untersuchen, so wiirden Sie sonder-
bare Entdeckungen machen, sonderbar aber nur fiir den Menschen,
der die Welt auBerlich betrachtet.
Wahrend des Schlafzustandes ist der astralische Leib und das Ich des
Menschen, das wissen wir, auBerhalb seines physischen Leibes und
Atherleibes. Nun habe ich wiederholt darauf aufmerksam gemacht,
daB man sich nicht vorstellen soil, daB der astralische Leib und das Ich,
die in der Nacht auBerhalb des physischen und Atherleibes sind, etwa
nur wie eine Nebelwolke, wie man gewohnlich sagt, ganz in der Nahe
des physischen Leibes schweben. Was man als eine solche Nebelwolke
zum Beispiel in dem Zustand eines niederen astralischen Hellsehens
ansehen kann, und was wir den astralischen Leib nennen, das ist nur
der grobste Anfang dessen, was der Mensch wahrend des Schlafzustan-
des darstellt. Und wenn man diese Wolke in der Nahe des physischen
und Atherleibes als das einzige ansehen wollte, wiirde man damit nur
beweisen, daB man von den niedersten Formen des astralischen Hell-
sehens ausgeht. Was der Mensch in Wirklichkeit wahrend des Schlafes
ist, das ist weit ausgedehnt. In der Tat beginnen die Innenkrafte im
astralischen Leibe und im Ich im Augenblicke des Einschlafens sich
auszudehnen iiber das ganzeSonnensystem, sie werden einTeil des gan-
zen Sonnensystems. Von iiberall her saugt der Mensch in seinen astra-
lischen Leib und in sein Ich die Krafte zur Starkung dieses Lebens ein,
wenn er im Schlafzustande ist, um sich dann beim Aufwachen wieder
zusammenzuziehen in die engeren Grenzen seiner Haut und in diese
das hineinzufiigen, was er in der Nacht herausgesogen hat aus dem
Gesamtumfange des Sonnensystems. Deshalb nannten auch die mittel-
alterlichen Okkultisten diesen geistigen Leib des Menschen den «astra-
lischen» Leib, weil er verbunden ist mit den Sternenwelten und aus ih-
nen seine Krafte saugt. So konnen wir sagen : Der Mensch ist tatsach-
lich wahrend des Nachtschlafens ausgedehnt iiber das ganze Sonnen-
system.
Was durchdringt nun wahrend des Schlafes unseren astralischen
Leib ? Wenn wir auBerhalb unseres physischenLeibes sind in derNacht,
dann ist unser astralischer Leib durcblebt und durchwebt von den
Spharenharmonien, von dem, was sonst sich nur im Ather, im Klang-
ather verbreiten kann. Wie etwa au£ einer Metallplatte, die mit einem
gewissen Staub bestreut worden ist, die Schwingungen, die die Luft
durchpulsen, wenn man die Platte mit einem Violinbogen streicht,
auch innerhalb dieses Staubes fortpulsieren und die bekannten Chlad-
nischen Klangfiguren erzeugen, so durchzittern und durchpulsen den
Menschen wahrend der Nacht die Spharenharmonien und bringen
wieder in Ordnung, was der Mensch wahrend des Tages mit den au-
Beren Sinneswahrnehmungen in Unordnung gebracht hat. Und was
den Lebensather durchwebt und durchlebt, das durchpulst uns auch
wahrend des Schlafzustandes, nur hat der Mensch keine Wahrneh-
mung fur dieses innerliche Leben seiner Hiillen, wenn er vom physi-
schen und Atherleibe getrennt ist. Im normalen Zustande besitzt der
Mensch nur ein Wahrnehmen, wenn er wieder untertaucht in den
physischen Leib und Atherleib und die auBeren Organe des Atherlei-
bes zum Denken und die auBeren Organe des physischen Leibes zum
sinnlichen Wahrnehmen benutzt.
Aber in den alten Zeiten gab es eben Zwischenzustande zwischen Wa-
chen und Schlafen, die heute nur auf abnorme Weise herbeigefiihrt
werden konnen und im gewohnlichen Leben wegen der damit verbun-
denen Gefahr auch gar nicht herbeigefiihrt werden sollen. In den at-
lantischen Zeiten aber waren diese Wahrnehmungsfahigkeiten nor-
malerweise entwickelt, es waren Zwischenzustande zwischen Wachen
und Schlafen. Dadurch konnte sich der Mensch in dasjenige hinein-
versetzen, was lebte und webte in der Spharenharmonie und in dem
Lebensather. Mit anderen Worten: Der Mensch konnte in den alten
Zeiten - wenn auch in den Erdenwirkungen die Spharenharmonie und
das Leben sich nur in den auBeren Lebewesen zeigen - durch das alte
Hellsehen wahrnehmen, was ihm die Sonne zustrahlte als Spharenhar-
monie und als das den Raum durchpulsende Leben.
Diese Moglichkeit horte nach und nach auf. Es schloB sich das Tor
gegeniiber diesen Wahrnehmungen, als der Mensch die alte Hellsich-
tigkeit verlor. Und damit trat dann allmahlich etwas anderes ein : die
innere Kraft des Wissens, die innere Kraft des Erkennens. Erst da-
durch lernte der Mensch innerlich nachsinnen, innerlich nachdenken.
Alles, was wir heute im wachen Leben unser Nachdenken iiber die
Dinge der physischen Welt nennen und soweiter, also unser eigentliches
Innenleben, das entwickelte sich erst mit dem Schwinden der alten Hell-
sichtigkeit. Ein solches Innenleben, wie es der Mensch heute hat, das in
den Gefuhlen, Empfindungen, Gedanken und Vorstellungen verlauft
und das im Grunde das Schopferische unserer Kultur ausmacht, hatte
der Mensch in den ersten atlantischen Zeiten noch nicht. Er lebte in
den Zwischenzustanden zwischen Wachen und Schlafen ausgegossen
in eine geistige Welt, und die Sinnenwelt nahm er wie in einem Nebel
wahr, jedenfalls war sie dem Verstandnis, den inneren Spiegelbildern
des auBeren Lebens voUstandig entruckt. - Das auBere Leben steigt
also auf, wahrend das alte Hellsehen allmahlich verschwindet.
So konnen wir sagen: Es entwickelte sich in unserem Inneren etwas,
was ein schwacher Abglanz dessen ist, was wir die Spharenharmonie
nennen und die Wirkung des Lebensathers. Aber in demselben MaBe,
wie sich der Mensch innerlich erfiillt fiihlte mit Empfindungen, mit
Wahrnehmungen, die ihm die auBere Welt wiederholten und die sein
heutiges Innenleben ausbildeten, in demselben MaBe schwand fur ihn
die Spharenmusik. Und in demselben MaBe, wie sich der Mensch
fiihlte als einelch-Wesenheit, schwand fur ihn hin dieWahrnehmung des
die Welt durchpulsenden gottlichen Lebensathers. Der Mensch muBte
sich den jetzigen Zustand dadurch erkaufen, daB er gewisse Seiten des
auBeren Lebens verlor. So fiihlte der Mensch als Erdenwesen in sich
abgeschlossen das Leben, das er als direkt von der Sonne ausstrahlend
nicht mehr wahrnehmen konnte; und nur einen schwachen Abglanz
hat er von dem gewaltigen kosmischen Leben, von Spharenklang und
Lebensather, heute in seinem Innenleben.
Auch fur das menschliche Erkennen entwickelte sich wie eine Wie-
derholung das, was sich fur die Erde selbst entwickelt hat. Die Erde
ware, als sie sich von der Sonne abgetrennt hatte, in sich verschlossen
worden, ware verhartet worden, wenn sie weiter verbunden geblieben
ware mit all den Substantialitaten, mit denen sie sich von der Sonne ge-
trennt hatte. Die Sonne konnte mit ihren Wirkungen zunachst nicht
in das Erdenwerden eingreifen, und das dauerte so lange, bis die Tren-
nung des Mondes von der Erde eintrat. Deshalb haben wir in dem,
was die Erde als Mond aus sich herauswarf, eine AbstoBung all der-
jenigen Substantialitaten zu erblicken, welche es der Erde unmoglich
machten, die direkten Sonnenwirkungen zu empfangen. Und indem
sie den Mond aus sich heraussetzte, offhete sie dadurch ihr Sein und
ihr Wesen erst so recht den Einfliissen, den Wirkungen der von ihr ge-
trennten Sonne, kam gleichsam der Sonne entgegen. Entgegen jener
Richtung, in der sich die Erde selbst von der Sonne getrennt hatte,
schickte sie einen Teil ihres eigenen Wesens, den Mond, der dann die
Wirkung des Sonnenwesens der Erde reflektiert wiedergab, wie er
auBerlich das Licht wiedergibt. In der Abspaltung des Mondes von der
Erde liegt also etwas hochst Bedeutungsvolles vor: das Sich-OfFnen
der Erde gegeniiber den Sonnenwirkungen.
Was so kosmisch geschah, das muBte auch eintreten ~ sich wieder-
holend - fiir das Menschenleben. Die Erde hatte sich langst geoffhet
dem Sonnenwirken, da war erst der richtige Zeitpunkt gekommen,
wo sich der Mensch abschlieBen muBte den unmittelbaren Sonnen-
wirkungen. Die unmittelbaren Sonnenwirkungen waren fur die atlan-
tischen Menschen noch vorhanden in ihrem Hellsehen; da empflngen
die Atlantier das, was von der Sonne hereinstrahlte. Und wie fur die
Erde eine Zeit eintrat, wo sie anfing sich zu verharten, so trat fur den
Menschen eine Zeit ein, wo er sich zuriickzog, ein Innenleben entwik-
kelte und sich nicht der Sonnenwirkung mehr offhen konnte. Und die-
ser ProzeB der Heranbildung eines Innenlebens, wo sich der Mensch
nicht der Sonne offhen konnte und nur in sich selber das entwickeln
konnte, was ein schwacher Abglanz war der Wirkungen des Lebens-
athers, des Klangathers, der Spharenharmonie, diese Zeit dauerte lange
bis in die nachatlantische Zeit hinein.
So gab es also in den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung
ein unmittelbares Wahrnehmen der Sonnenwirkungen. Dann ver-
schlossen sich die Menschen diesen Wirkungen. Und als dieselben
nicht mehr in den Menschen hereindringen konnten, wahrend das
menschliche Innenleben dafiir immer mehr und mehr aufbluhte, da
waren es nur die heiligen Mysterien, welche ihre Bekenner so zur Ent-
wickelung der geistigen Krafte brachten, daB der Mensch sozusagen
entgegen den normalen Erdverhaltnissen, durch das, was man mit
Joga bezeichnen kann, die Sonnenwirkungen unmittelbar wahrneh-
men konnte. Daher entwkkelten sich in der zweiten Halfte der adan-
tischen Zeit die mit Recht Orakel genannten Statten innerhalb des
adantischen Landes, wo innerhalb einer Menschheit, die normaler-
weise nicht mehr die direkten Wirkungen des Klangathers und des
Lebensathers wahrnehmen konnte, solche Schuler und Bekenner der
heiligen Weisheit ausgebildet wurden, die dadurch, daB sie das bloBe
sinnliche Wahrnehmen zunachst unterdriickten, die Offenbarungen
des Klangathers und des Lebensathers wahrnehmen konnten. Und
diese Moglichkeit blieb erhalten fur die wirklichen Statten der Ge-
heimwissenschaft in der nachatiantischen Zeit. Es ist ja so stark ge-
blieben, daB selbst die auBere Wissenschaft, ob sie es zwar nicht ver-
steht, noch eine Uberlieferung aus der Schule des Pythagoras bewahrt
hat, die dahin geht, daB man die Spharenharmonien horen kann. Nur
verwandelt die auBere Wissenschaft so etwas wie die Spharenharmonie
gleich in ein Abstraktum - was sie aber nicht war - und denkt nur
nicht das, was sie ist. Denn in Wirklichkeit verstand man in den Pytha-
goreerschulen unter der Fahigkeit der Wahrnehmung der Spharen-
harmonie das reale Sich-wieder-OrTnen der menschlichen Wesenheit
dem Klangather, der Spharenharmonie, und dem realen gottlichen
Lebensather.
Nun war gerade derjenige, der am gewaltigsten, am groBartigsten
darauf hinwies, daB hinter der Wirksamkeit der Sonne, wie sie auf die
Erde hereinstrahlt mit ihrem Licht und ihrer Warme, noch etwas
anderes ist, etwas, das Klangeswirksamkeit, ja Lebenswirksamkeit ist,
die sich im menschlichen Innenleben eben nur in einem schwachen
Abglanz geltend machen, Zarathustra oder Zoroaster. Und wenn wir
seine Lehre in eine Sprache iibersetzen wollen, die von unseren heuti-
gen Worten genommen ist, so konnen wir sagen, er hat seine Schuler
folgendes gelehrt: Wenn ihr hinaufschaut zur Sonne, so nehmt ihr die
wohltatige Warme wahr und das wohltatige Licht, das der Erde zu-
strahlt; wenn ihr aber hohere Organe entwickelt, wenn ihr geistiges
Wahrnehmen entwickelt, so konnt ihr das Sonnenwesen wahrnehmen,
das hinter dem physischen Sonnenleben ist; und dann nehmt ihr wahr
Klangeswirkungen und in den Klangeswirkungen Lebenssinn! - Was
so als Geistiges hinter den physischen Sonnenwirkungen als Nachstes
wahrzunehmen war, das bezeichnete Zarathustra fur seine Schuler als
Ormuzd, als Ahura Mazdao, als die GroBe Aura der Sonne. Wir wer-
den es daher begreif lich finden, daB man in der Ubersetzung das Wort
Ahura Mazdao auch die «groBe Weisheit» nennen kann, im Gegen-
satz zu dem, was der Mensch heute in sich als die kleine Weisheit ent-
wickelt. Die groBe Weisheit ist die, welche er wahrnimmt, wenn er die
Geistigkeit der Sonne, die groBe Sonnenaura wahrnimmt.
So konnte ein Dichter, auf alte Zeiten der Menschheitsentwickelung
blickend, hinweisen auf dasjenige, was fur den Geistesforscher eine
Wahrheit ist, und sagen :
«Die Sonne tont nach alter Weise
In Bruderspharen Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.»
Asthetlinge werden das natiirlich fur etwas Gesuchtes halten. Sie
haben es so gern, wenn man sagt, es sei dichterische Freiheit, wenn
Goethe die Sonne tonen laBt. Sie ahnen nicht, was ein Dichter im Sinne
Goethes ist, der nur Realitaten schildert, wenn er sagt: «Die Sonne
tont nach alter Weise », das heiBt nach der Weise, wie sie die alte
Menschheit gekannt hat. Denn so tont sie auch heute noch fur den, der
eingeweiht ist.
Darauf hatte Zarathustra seine Schuler hingewiesen. Er hatte natiir-
lich unter seinen Schiilern besonders die zwei auf diese gewaltige Tat-
sache hingewiesen, die wir als seine intimsten Schuler bezeichnen konn-
ten, die dann in ihren Wiederverkorperungen als Hermes und Moses
erschienen sind. Aber auf zwei ganz verschiedene Arten hat er sie
hingewiesen auf das, was hinter dem lichthaften Sonnenleib ist. Er
hat den Hermes so darauf hingewiesen, daB dieser in dem verblieb,
was unmittelbar von der Sonne herkommt, Und er hat den Moses so
inspiriert, daB er wie in einer Erinnerung behielt, was das Geheimnis
der Sonnenweisheit ist.
Wenn wir nun im Sinne der «Geheimwissenschaft» uns vorstellen
die Erde nach der Trennung von der Sonne, das Hinausgehen der
Mondenkrafte von der Erde, und dieses alles nach dem Sich-Offhen der
Erde gegen die Sonne, so haben wir in Venus und Merkur dasjenige,
was mitten drinnen steht zwischen Erde und Sonne. Und wenn wir
nun den ganzen Zwischenraum zwischen Sonne und Erde einteilen in
drei Mittelglieder, so konnen wir sagen: Die Erde hat sich von der
Sonne herausgetrennt; sie selber hat der Sonne entgegengeschickt
den Mond. Es haben sich dann abgespalten von der Sonne und sind
der Erde entgegengekommen Venus und Merkur, So daB wir also in
Venus und Merkur etwas zu sehen haben, was von der Sonne heran-
kommt an die Erde und in dem Mond etwas, was der Sonne entgegen-
geht.
Wie sich die kosmischen Verhaltnisse gestalten, so gestaiten sich,
wie in einer Spiegelung, auch die Verhaltnisse in der Menschheitsent-
wickelung. Wenn wir die Offenbarungen des Zarathustra als Sonnen-
weisheit annehmen, die er auf der einen Seite dem Hermes, auf der ande-
ren dem Moses vermittelte, so war dasjenige, was in Hermes lebte,
weil er ja den astralischen Leib des Zarathustra in sich hatte, das von
Zarathustra Ausstrahlende der Sonnenweisheit; und was in Moses
lebte, war sozusagen abgeschlossen wie ein abgeschlossener Weisheits-
planet, der sich erst entgegenentwickeln muBte dem, was direkt von
der Sonne ausstrahlte. Wie also die Erdenwirksamkeit durch das Ab-
geben des Mondes sich offnete der Sonnenwirksamkeit, so orTnete sich
die Moses- Weisheit der direkt von Zarathustra ausstrahlenden Weis-
heit, der Sonnenweisheit. Und diese beiden, die Erdenweisheit des
Moses und die Sonnenweisheit des Zarathustra in Hermes, trafen zu-
sammen in Agypten, wo das Mosestum mit dem Hermestum zusam-
mentrifft. So daB wir dasjenige, was Moses aus sich selbst herausent-
wickelte, was er, wie aus der Entf ernung von Zarathustra aufnehmend,
in sich selber erweckte, ausstrahlte und seinem Volke xiberKeferte,
analog aufzufassen haben dem Ausschleudern der Mondensubstan-
tialitat von der Erde.
Was Moses so als Weisheit fur sein Volk ausstrahlte, das konnen wir
auch nennen nach dem Namen, der die Moses-Weisheit zusammenfaBt,
die Jahve- oder Jehovaweisheit. Denn wenn wir den Namen Jahve
oder Jehova in richtiger Weise verstehen, ist er wie ein Resume der ge-
samten Moses-Weisheit. Wenn wir aber das so auffassen, wird uns
auch verstandlich, warum die alten Traditionen Jahve oder Jehova
eine Mondgottheit nennen. Diese Tatsache werden Sie in vielen Mit-
teilungen finden, aber den Grund dafur konnen Sie erst einsehen, wenn
Sie diese tiefen Zusammenhange auf sich wirken lassen. Wie die Erde
das, was sie als Mond in sich enthielt, heraussetzte und der Sonne ent-
gegenschickte, so muBte auch die Erdenweisheit des Moses dem Her-
mes entgegengehen, der ja die unmittelbare Weisheit des Zarathustra
besaB in dem von Zarathustra hingeopferten Astralleibe, und dann sich
selber entwickeln. Wir haben schon charakterisiert, wie nach dieser Be-
gegnung mit Hermes das Mosestum sich entwickelte bis in das davi-
dische Zeitalter, und wie ein anderes, ein neues Hermestum oder Mer-
kurtum erscheint in David, dem koniglichen Krieger und gottlichen
Sanger des hebraischen Volkes. Und wir haben gesehen, wie das Moses-
tum naher kommt dem Sonnenelement, als es sich neuerdings beriihrt
wahrend der babylonischenGefangenschaft mit der ausstrahlendenSon-
nenweisheit, weil Zarathustra unter dem Namen Zarathas oder Nazara-
thos selber derLehrer der hebraischen Eingeweihten wahrend der baby-
lonischen Gefangenschaft war. So sehen wir in der Moses-Weisheit
etwas, was den ganzen kosmischen Gang der Erdentrennung von der
Sonne und das, was mit der Erde hinterher geschehen ist, wiederholt.
Solche Zusammenhange erschienen als etwas, was die alten Weisen
des hebraischen Volkes und alle die, welche sie fuhlten, mit tiefster
Ehrfurcht erfullte. Sie fuhlten etwas wie unmittelbare Offenbarungen,
die ihnen aus den Weltenraumen und dem Weltensein selber entgegen-
strahlten. Und eine solche Personlichkeit wie die des Moses erschien
ihnen wie ein Sendbote der kosmischen Machte selber. Sie fuhlten es.
Und so etwas mussen wir nachfiihlen, wenn wir wirklich die alten
Zeiten verstehen wollen, sonst bleibt alles Verstehen nur eine leere
Abstraktion.
Nun handelt es sich datum, daB dasjenige, was so von Zarathustra
ausgestrahlt ist und sich durch Hermes und Moses auf die Nachwelt
ergossen hat, sich in einer entsprechenden Weise auch so fortentwik-
keln konnte, daB es auf hoherer Stufe wiedererscheinen konnte in einer
anderen Form, in einer hoheren Ausbildungsform. Dazu war not-
wendig, daB Zarathustra selber, die Individualist, die vorher nur hin-
geopfert hatte den astralischen Leib und den Atherleib, in einem phy-
sischen Leibe auf der Erde erscheinen konnte, um auch diesen hinzu-
opfern. Das ist ein Stufengang, ein schoner Stufengang. Erst lebte in
uralten Zeiten Zarathustra auf seine Art und gab den Impuls der nach-
atlantischen Entwickelung in der urpersischen, in der iranischen Kul-
tur. Dann gab er seinen astralischen Leib ab, um eine nachste Kultur
in Szene zu setzen durch Hermes, und er gab seinen Atherleib ab an
Moses. So hatte er zwei seiner Hiillen hingeopfert. Nun muBte er auch
noch Gelegenheit erhalten, seinen physischen Leib hinzuopfern. Denn
das erforderte das groBe Geheimnis der Entwickelung der Mensch-
heit, daB von einem Wesen die drei Leiber hingeopfert werden konn-
ten. Fiir Hermes hatte Zarathustra hingeopfert seinen astralischen Leib,
fur Moses seinen Atherleib. Das dritte, was ihm noch bevorstand,
war die Hinopferung des physischen Leibes. Dazu bedurfte es beson-
derer Veranstaltungen, dazu muBte der physische Leib des Zarathustra
erst in besonderer Weise zubereitet sein. Und wir haben gestern schon
darauf hingedeutet, wie durch das eigentumliche Leben beim hebra-
ischen Volke durch Generationen hindurch jener physische Leib zu-
bereitet wurde, der dann von Zarathustra hingeopfert werden konnte
als sein drittes groBes Opfer. Dazu war notwendig, daB in dem hebra-
ischen Volke alles, was sonst direkte auBere geistige Wahrnehmung,
was astralisches Schauen war, was bei den turanischen Volkern in
Dekadenz gekommen war, innerliche Wirksamkeit wurde.
Das ist das Geheimnis des hebraischen Volkes. Wahrend bei den tu-
ranischen Volkern die Krafte, welche Erbstiicke aus alter Zeit waren,
der Zubereitung auBerer Hellseherorgane dienten, strahlten sie beim
hebraischen Volke nach innen und organisierten die innere Leiblich-
keit, so daB das hebraische Volk auser sehen war, im Inner en zu fiihlen
und zu empfinden, was sonst geschaut worden war wahrend der adan-
tischen Zeit, ausgebreitet uber den Sinnesraum hinter den einzelnen
sinnlichen Dingen. Jahve oder Jehova, wie inn bewuBt ausspricht das
hebraische Volk, ist der in einem Punkt zusammengefaBte «GroBe
Geist», der hinter alien Dingen und Wesenheiten dem uralten Hell-
sehen erschien. Auch das wird uns angedeutet, daB der Stammvater
dieses althebraischen Volkes in einer ganz besonderen Art und Weise,
eben als Stammvater, diese innere Organisation erhalten hat.
Ich bemerke an dieser Stelle etwas, was ich auch schon ofter bemerkt
habe : daB Sagen und Legenden, die in bildhafter Weise von den Tat-
sachen erzahlen, die sich in alten Zeiten zugetragen haben, wahrer und
zutrefTender sind als die heutige anthropologische Forschung, die aus
den heutigen Ausgrabungen und einzelnen Denkmalsfetzen ein Bild
des Weltenwerdens zusammensetzt. Die alten Legenden werden in den
meisten Fallen bewahrheitet von dem, was wir die geisteswissen-
schaftliche Forschung nennen. Ich sage «in den meisten » und nicht
«in alien », weil ich es nicht untersucht habe, obwohl es sehr wahr-
scheinlich iiberall da, wo es wirkliche alte Legenden sind, der Fall ist.
So fiihrt uns auch das hebraische Volk, wenn wir seinem Ursprung
nachgehen, nicht auf das zuriick, was heute eine anthropologische
Forschung vermutet, sondern es fiihrt uns wirklich zuriick auf einen
Stammvater, von dem uns die Bibel erzahlt. Das ist eine wirkliche Ge-
stalt, dieser Abraham oder Abram, und es ist durchaus wahr, was die
talmudische Legende von diesem Stammvater erzahlt.
In dieser Legende wird uns der Vater des Abraham geschildert als
ein Feldherr jener sagenhaften, aber wiederum wirklichen Person-
lichkeit, die in der Bibel als «Nimrod» bezeichnet wird. Und auf
Grund eines Traumerlebnisses wird der Sohn seines Feldherrn dem
Nimrod angekundigt von denen, die die Zeichen der Zeit verstehen,
als eine Wesenheit, die viele Konige und Herrscher entthronen werde.
Nimrod fiirchtet sich davor und befiehlt, daB der Sohn seines Feld-
herrn getotet werde. Das erzahlt die Legende; das bestatigt uns die
okkulte Forschung. Der Vater des Abraham ergreift eine Ausflucht
und zeigt ein fremdes Kind dem Nimrod vor. Das eigene Kind aber,
Abraham, wird in einer Hohle auferzogen. Und die Tatsache, daB wirk-
lich Abraham der erste ist, der durch jene Krafte, die sonst fur die au-
Beren hellseherischen Fahigkeiten Verwendung fanden, jetzt im Inne-
ren jene organisatorische Kraft entwickelt, die zum inneren Gottes-
bewuBtsein fiihren soil, diese Umkehrung der ganzen Kraftsumme
wird angedeutet in der Legende dadurch, daB das Kind wahrend der
drei Jahre, wo es in der Hohle auferzogen wird, Milch saugt durch
Gottes Gnade aus seinem eigenen Finger der rechten Hand. Das
Durch-sich-selber-Genahrtwerden, das Hineingehen der Krafte, welche
friiher die alte Hellsichtigkeit bewirkt haben, in die innere Organi-
sation des Menschen, das wird uns in dem Stammvater des hebra-
ischen Volkes, in Abraham, in wunderbarer Weise charakterisiert.
Solche Legenden wirken, wenn man ihren eigentlichen Grund erfahrt,
mit einer solchen Kraft auf uns, daB wir uns sagen: Wir begreifen es,
daB die alten Mitteiler dasjenige, was hinter den Legenden steht, nicht
anders sagen konnten als in Bildern. Aber diese Bilder waren geeignet,
wenn auch nicht das BewuBtsein, so doch die Gefuhle fur die groBen
Tatsachen hervorzurufen. Und das geniigte fur die alten Zeiten.
So ist Abraham derjenige, der zuerst den inneren Abglanz der gott-
lichen Weisheit, des gottlichen Schauens, in so recht menschlicher
Weise als menschliches Denken iiber das Gottliche entwickelt. Abram
oder Abraham, wie er spater genannt wurde, hatte tatsachlich, was die
okkulte Forschung immer zu betonen hat, eine andere physische Orga-
nisation als alles, was sonst an Menschen um ihn herum lebte. Die
Menschen ringsherum waren damals in ihrer Organisation nicht so,
daB sie inneres Denken durch ein besonderes Werkzeug hatten aus-
bilden konnen. Sie konnten Denken ausbilden, wenn sie leibfrei wur-
den, wenn sie sozusagen in ihrem Atherleib Krafte entwickelten; wenn
sie aber im physischen Leibe darinnen steckten, hatten sie noch nicht
ausgebildet das Werkzeug des Denkens. Abraham ist in der Tat der
erste, der in vorziiglicher Weise das physische Werkzeug des Denkens
ausgebildet hatte. Daher wird er nicht mit Unrecht - auch das ist
natiirlich wieder mit dem notigen granum salis zu verstehen - als der Er-
finder der Arithmetik bezeichnet, der in vorziiglicher Weise auf das
Instrument des physischen Leibes angewiesenen Gedankenwissen-
schaft. Arithmetik ist etwas, was in seiner Form, wegen seiner inneren
GewiBheit, nahe herantritt an das, was hellseherisch gewuBt werden
kann. Aber es ist die Arithmetik angewiesen auf ein leibliches Organ.
So haben wir hier einen tiefinneren Zusammenhang zwischen dem,
was auBere Krafte bisher zum Hellsehen benutzten, und dem, was jetzt
ein inneres Organ benutzt zum Denken. Das ist darin angedeutet, daB
man Abraham als den Erfinder der Arithmetik kennzefchnet. Wir haben
daher in Abraham diejenige Personlichkeit zu sehen, welche zuerst
eingepflanzt erhalten hat das physische Organ des Denkens, jenes
Organ, durch das der Mensch mit seinem physischen Denken sich er-
heben konnte zu dem Gedanken an einen Gott. Fruher konnte der
Mensch von Gott und gottlichem Dasein nur etwas wissen durch hell-
seherische Beobachtung. Alles, was aus alter Zeit stammte an Wissen
iiber Gott und gottliches Dasein, das entstammte hellseherischer Beob-
achtung. Mit dem Gedanken sich zu erheben zum Gottlichen, dazu
brauchte es eines physischen Werkzeuges; das ist dem Abraham zu-
erst eingepflanzt gewesen. Und da es sich hier um ein physisches Organ
handelt, so war auch das ganze Verhaltnis zur objektiven Welt und
zur subjektiven Wesenheit des Menschen dieses Gottesgedankens, der
durch ein physisches Werkzeug erfaBt wurde, ein anderes als fruher.
Fruher hatte man in den Geheimschulen in der gottlichen Weisheit
den Gottesgedanken erfaBt, und man konnte ihn uberliefern an den-
jenigen, der dies auch konnte, wenn er dahin gebracht wurde, daB er
Wahrnehmungen haben konnte im Atherleib, frei von den Organen
des physischen Leibes. Soil aber das, was physisches Werkzeug ist, auf
einen anderen iibergehen, so gibt es nur ein Mittel: die Vererbung in
der physischen Organisation. Was also fur Abraham das Wichtigste,
das Wesentlichste war, das physische Organ, das muBte, sollte es sich
auf der Erde erhalten, in physischer Vererbung von Generation zu
Generation fortgepflanzt werden, weil es eben ein physisches Organ
war. So begreifen wir es, daB die Vererbung im Volke, sozusagen das
Herunterrinnen dieser physischen Veranlagung durch das Blut der
Generationen, ein so Wichtiges ist im hebraischen Volk.
Was aber bei Abraham zuerst physische Veranlagung war, namlich
AusmeiBelung, Auskristallisierung eines physischen Organs fur das
Erfassen des Gottlichen, das muBte sich erst einleben. Indem es sich
vererbte von Generation zu Generation, drang es immer tiefer in die
menschliche Wesenheit ein und erfaBte dieselbe immer tiefer, je tiefer
es sich vererbte. Wir konnen daher sagen: Was Abraham empfangen
hatte zur Mission des hebraischenVolkes, das muBte sich vervollkomm-
nen, das muBte, indem es von Mensch zu Mensch durch die Vererbung
uberging, in der Fortentwickelung vollkommener werden. Es konnte
aber das, was ein physisches Organ war, nur durch die Vererbung
immer vollkommener werden.
Sollte nun diejenige Wesenheit, die wir als die Individuality des
Zarathustra zunachst kennengelernt haben, einen moglichst vollkom-
menen physischen Leib haben, das heiBt einen physischen Leib, der
auch diejenigen Organe hatte, die ein Werkzeug sein konnten zum Er-
fassen des Gottesgedankens im physischen Menschenleibe, dann muBte
auf die hochste Hohe gebracht werden, was als physisches Werk-
zeug dem Abraham eingepflanzt worden war. Es muBte innerlich sich
befestigen, muBte sich vererben und so sich entwickeln, daB daraus ein
richtiger Leib fur den Zarathustra werden konnte mit all den Eigen-
schaften, die Zarathustra brauchte in seinem physischen Leibe. Wenn
aber der physische Leib eines Menschen in dieser Weise vollkommen
werden soil, wenn er so brauchbar werden soli, wie er fur Zarathustra
brauchbar sein sollte, dann durfte nicht bloB der physische Leib des
Menschen vollkommener werden. Es ist naturlich unmoglich, daB fur
sich allein, herausgerissen aus dem gesamten Menschen, nur der phy-
sische Leib des Menschen vollkommen werde. Es muBten alle drei
Hiillen nach und nach sich vervollkommnen durch physische Ver-
erbung. Was also dem physischen Menschen, dem atherischen und dem
astralischen Menschen auf dem Wege durch die physische Vererbung
gegeben werden kann, das muBte ihm gegeben werden in den aufein-
anderfolgenden Generationen.
Nun besteht ein gewisses Gesetz innerhalb der Entwickelung. Die-
ses Gesetz kennen wir fur die Entwickelung des einzelnen Menschen
und haben es auch schon ofter charakterisiert. Wir haben gezeigt, wie
beim Menschen ein besonderes Stuck seiner Entwickelung die Zeit
ausmacht von der Geburt bis zum sechsten, siebenten Jahre : In diese
Zeit fallt hinein die Entwickelung des physischen Leibes. Die Entwik-
kelung des Atherleibes fallt in die Zeit vom sechsten, siebenten Jahre
bis zum vierzehnten, funfzehnten. Von da ab bis zum einundzwanzig-
sten, zweiundzwanzigsten Jahre haben wir dann die Entwickelung des
astralischen Leibes. Das ist sozusagen die GesetzmaBigkeit, die durch
die Siebenzahl bezeichnet wird, fur die Entwickelung des einzelnen
Menschen. Eine ahnliche GesetzmaBigkeit besteht fur die Entwicke-
lung der Menschheit der auBeren Hiillen durch die Generationen hin-
durch, und wir werden auf die tieferen Gesetze dieses Vorganges noch
hinzuweisen haben. Wahrend der einzelne Mensch im Verlaufe von je
sieben Jahren eine Entwickelungsstufe durchmacht, bis zum siebenten
Jahre seinen physischen Leib entwickelt, der wahrend dieser Zeit im-
mer vollkommener und vollkommener wird, so wird das ganze Ge-
fiige des physischen Leibes, wie es sich durch die Generationen hin-
durch vervollkommnen kann, durch sieben Generationen hindurch zu
einer gewissen Vollkommenheit gebracht. Aber die Vererbung ge-
schieht nicht so, daB sie von einem Menschen auf den nachsten Nach-
kommen iibergeht, nicht direkt von der einen auf die nachste Genera-
tion. Es konnen die Eigenschaften, auf die es ankommt, nicht unmit-
telbar vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter iiber-
gehen, sondern nur vom Vater auf den Enkel, also auf die zweite Gene-
ration, dann auf die vierte Generation und so weiter. Also es kann sich
die Vererbung nicht unmittelbar ausleben. Wir muBten es bei den Gene-
rationen zu tun haben mit einer Vererbung in der Siebenzahl; aber da
die Vererbung immer ein Glied iiberspringt, haben wir es in Wirklich-
keit zu tun mit einer Vierzehnzahl.
Was in Abraham veranlagt war als physische Leiblichkeit, das konnte
auf seiner Hohe angelangt sein nach vierzehn Generationen. Sollten
aber auch der Atherleib und der astralische Leib davon ergriffen wer-
den, so muBte jene Entwickelung, die fur den einzelnen Menschen wei-
tergeht vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, durch weitere sieben
beziehungsweise vierzehn Generationen hindurchgehen. Und was fur
den Menschen eine Entwickelung durch die nachsten sieben Jahre -
vom vierzehnten ab - ist, das muBte wieder durch vierzehn Generatio-
nen hindur chgehen. Das heiBt also : Was bei dem Stammvater Abraham
veranlagt war als physische Organisation, das muBte sich ausleben durch
dreimal sieben beziehungsweise dreimal vierzehn Generationen; dann
war es so, daB es ergriffen hatte den physischen Leib, den Atherleib und
den astralischen Leib. Durch dreimal vierzehn Generationen, das heiBt
durch zweiundvierzig Generationen, ist es einem Menschen durch die
Vererbung in der Generationenreihe moglich, daB er dasjenige voll-
kommen im physischen Leibe, Atherleibe und astralischen Leibe aus-
gebildet erhalt, was Abraham in der ersten Anlage erhalten hat.
Gehen wir also von Abraham durch dreimal vierzehn Generationen
hinunter, so haben wir einen Menschenleib, der in sich ganz durch-
drungen, impragniert ist mit dem, was in der ersten Anlage bei Abra-
ham vorhanden war. Dies erst konnte der Leib sein, den Zarathustra
fur seine Verkorperung brauchen konnte. Das erzahlt uns auch der
Schreiber des Matthaus-Evangeliums. Und in der Generationentafel,
die er gibt, deutet er noch ausdrucklich darauf hin, daB er vierzehn
Glieder aufzahlt von Abraham bis auf David, vierzehn von David bis
zur babylonischen Gefangenschaft, und vierzehn von der babyloni-
schen Gefangenschaft bis auf Christus. Durch diese dreimal vierzehn
Glieder - wobei immer eines iibersprungen ist - ist in gewisser Weise
ganz zur Ausbildung gelangt, was bei Abraham fur die Mission des
hebraischen Volkes veranlagt war. Da ist es ganz in die Gliedrigkeit
des Menschen eingepragt. Da heraus konnte der Leib genommen wer-
den, den Zarathustra brauchte, um zur Verkorperung zu kommen in
der Zeit, als er ein ganz Neues der Menschheit eroffnen sollte.
So sehen wir, daB aus einer ganz besonderen Tiefe heraus der Be-
ginn des Matthaus-Evangeliums geschdpft ist. Solche Dinge miissen
wir aber erst verstehen. Wir miissen verstehen: Was uns mit diesen
dreimal vierzehn Generationen gesagt ist, soil uns darauf hindeuten,
wie in dem, was vererbt werden konnte von dem Joseph auf den Jesus
von Nazareth, die Essenz dessen lebte, was in der ersten Anlage bei
Abraham vorhanden war, was dann ausstrahlte in das ganze hebraische
Volk und sich dann sammeln konnte in dem einen Instrument, in der
einen Hulle, die die Hiille war fur Zarathustra, in dem sich verkorpern
konnte der Christus.
VIERTER VORTRAG
Bern, 4. September 1910
Nach dem, was wir gestern ausfuhren konnten, besteht ein groBer, be-
deutungsvoller Unterschied zwischen dem, was man die Erkenntnis
der geistigen Welt durch alle Zeiten hindurch nennen kann, und jener
Art von Erkenntnis der gottlich-geistigen Welt, wie sie angestrebt
werden konnte aus der besonderen Beschaffenheit, aus der besonderen
Organisation gerade des hebraischen Volkes. Wir haben darauf hin-
gewiesen, daB dieses hebraische Volk schon in seinem Stammvater
Abraham oder Abram eine ganz besondere Organisation erhalten hat,
die darin bestand, daB dem menschlichen Organismus eingeordnet wor-
den ist ein physisches Werkzeug, ein physisches Organ, urn sozusagen
durch die Mittel der Sinneserkenntnis, so weit das moglich ist, sich hin-
aufzuerheben zu einer gewissen - nicht nur Ahnung, sondern Erkennt-
nis des Gottlich-Geistigen. Erkenntnis des Gottlich-Geistigen gab es
und gibt es iiberall und immer. Aber diese gleichsam ewige Erkennt-
nis des Gottlich-Geistigen wird erreicht auf dem Wege der Mysterien-
einweihung, auf dem Wege der Initiation iiberhaupt. Von diesem, was
durch eine besondere menschliche Entwickelung, was sozusagen auf
kunstlichem Wege innerhalb der Menschheitsevolution erreicht wer-
den kann, miissen wir unterscheiden jene Erkenntnis der geistigen
Welt, die fur irgendeine Zeit die normale ist, sozusagen als besondere
Mission in der Menschheitsentwickelung herauskommend. So konn-
ten wir fur die alte atlantische Zeit eine astralisch-hellseherische Wahr-
nehmung des Gottlich-Geistigen das Normale nennen. Fur die Zei-
ten aber, in welchen das hebraische Volk bluht, ist die normale, das
heiBt die auBerliche, exoterische Erkenntnis der geistigen Welt die-
jenige, welche zustande kommt mit Hilfe eines besonderen physi-
schen Organs durch jene Erkenntniskraft, die an ein solches physi-
sches Organ gebunden ist. Und wir haben schon darauf hingewiesen,
daB das Volk Abrahams zu dieser Erkenntnis in der Weise kam, daB
es gleichsam das gottliche Dasein verschmolzen fuhlte mit dem eige-
nen Inneren. Innenerkenntnis also, Ergreifen des Gottlichen im eige-
nen Innersten war es, was durch dieses Organ moglich geworden
war.
Aber es ist dieses Ergreifen des Gottlich-Geistigen im Inneren durch
diese Erkenntnis nicht gleich so moglich geworden, daB der einzelne
Mensch hatte sagen konnen: Ich versenke mich in mein eigenes Inne-
res ; ich suche dieses eigene Innere so tief zu erfassen, als ich es nur er-
fassen kann, und dann flnde ich den Tropfen des gottlich-geistigen
Daseins, der mir eine Erkenntnis geben kann von der Beschaffenheit
des sen, was auch die auBere Welt an Gottlich-Geistigem durchlebt und
durchwebt. - So war es nicht gleich. Das ist erst gekommen durch
die Erscheinung, durch die Offenbarung des Christus innerhalb der
Menschheitsentwickelung. Fur das althebraische Volk war erst die
MogHchkeit gegeben, im Volksgeiste das GottHche zu erleben, wenn
sich der einzelne fuhlte als ein Glied des ganzen Volkes, nicht als eine
einzelne Individuality. Wenn er sich mit dem Blut in eine herunter-
flieBende Generationenreihe hineingehorig fuhlte, dann fuhlte er leben
in dem VolksbewuBtsein, in seinem Blut, das Gottes- oder Jahve-Be-
wuBtsein. Wenn man daher zutrefTend bezeichnen will im geisteswis-
senschaftlichen Sinne, kann man den Gott Jahve nicht dadurch be-
zeichnen, daB man sagen wiirde: Er ist der Gott Abrahams. Damit
wiirde er nur ungenau bezeichnet sein. Sondern man muB sagen : Er
ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; er ist diejenige Wesenheit,
die von Generation zu Generation flieBt, die sich im VolksbewuBtsein
in Einzelmenschen, durch einzelne Menschen hindurch offenbart.
Das ist der Unterschied und der groBe Fortschritt von dieser Er-
kenntnis Abrahams, Isaaks und Jakobs zu der christiichen, daB die
christliche Erkenntnis in der einzelnen Menschenindividualitat das-
selbe erkennt, was die althebraische Erkenntnis nur errekhen konnte
durch Vertiefung in den Volksgeist, in den Geist, der in dem Blute der
Generationen rann. So konnte Abraham sagen: Insofern mir verhei-
Ben ist, der Begriinder eines Volkes zu sein, das sich ausbreiten wird in
den von mir abstammenden Generationen, wird leben in dem Blute,
das durch sie hinunterrinnt, der Gott, den wir als den hochsten an-
erkennen; er offenbart sich uns im BewuBtsein unseres Volkes. - Das
wurde das Nor male.
Nun geht durch alle Zeiten hindurch ein hdheres Erkennen des
Gottlich-Geistigen : das Mysterienerkennen. Das ist nicht abhangig
von jenen anderen, besonderen Formen. Man konnte in der Zeit der
alten atlantischen Entwickelung durch ein gewisses astraHsch-atheri-
sches Hellsehen hineinschauen in den gottlich-geistigen Untergrund
des Daseins; man konnte sein Inneres entwickeln und zu einer My-
sterien- oder Orakelerkenntnis kommen. Und auch in der Zeit, als die
hebraische Erkenntnis das Normale war, konnte man in gewissen Stat-
ten dadurch hinaufsteigen, daB man nicht im Leibe, wie die Abraha-
miten, sondern auBer dem Leibe das Gotdiche erkannte; man konnte
hinaufsteigen zu dem Gottlich-Geistigen unter dem Gesichtspunkt des
Ewigen, indem der Mensch sein Ewiges erhob zum Anschauen des
Gottlich-Geistigen .
Sie konnen sich nun leicht vorstellen, daB fur Abraham eines not-
wendig war. Er lernte auf seine ganz besondere Art, auf dem Wege
durch ein physisches Organ, durch physische Erkenntnis das Gottlich-
Geistige kennen. Er lernte auf diesem Wege den fiihrenden Weltengott
kennen. Wenn er sich lebendig in den Gesamtweg der Entwickelung
hineinstellen wollte, dann war es fur ihn unendlich wichtig, zu erken-
nen, daB der Gott, der sich im VolksbewuBtsein kundtut, derselbe ist,
der in den Mysterien zu alien Zeiten als die schopferische und schaf-
fende Gottheit anerkannt wurde. Also es muBte Abraham identifizie-
ren konnen seinen Gott mit dem Gott der Mysterien. Das war nur un-
ter einer ganz bestimmten Voraussetzung moglich. Unter einer ganz
bestimmten Voraussetzung muBte ihm die GewiBheit gegeben werden,
daB dieselben Krafte im VolksbewuBtsein sprechen, die in den Myste-
rien auf eine hohere Art sprechen. Wenn wir diese GewiBheit einsehen
wollen, mussen wir uns eine Tatsache der Menschheitsentwickelung
vor Augen fiihren.
In meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» konnen Sie nachlesen,
daB es in der alten Adantis Eingeweihte gegeben hat, die dort Orakel-
priester genannt werden; auf den Namen kommt es nicht an. Ich habe
auch darauf hingewiesen, daB einer dieser groBen Initiierten der Fiihrer
aller atlantischen Orakel war, der Sonneneingeweihte, im Gegensatz
zu den untergeordneten Orakelstatten der Atlantis, welche Merkur-,
Mars-, Jupitereingeweihte und so weiter in sich bargen. Ich habe auch
darauf hingewiesen, daB dieser groBe Sonneneingeweihte, der Fiihrer
des Sonnenorakels, auch der groBe Fiihrer der bedeutungsvollen Kul-
turkolonie war, die sich vom Westen nach dem Osten, von der Adantis
nach dem Inneren Asiens, bewegt hat, um von dort auszustrahlen, zu
inaugurieren die nachatlantische Kultur. In geheimnisvolle Statten im
Inneren Asiens zog sich dieser groBe Eingeweihte, der er damals schon
war, zuriick. Er gab zunachst denjenigen groBen Weisen, die wir als
die heiligen Rishis bezeichnen, die Moglichkeit, groBe Lehrer ihres
Volkstums zu sein. Und er war es, dieser groBe, geheimnisvolle Initi-
ierte, der auch dem Zarathustra oder Zoroaster seine Einweihung zu-
teil werden lieB.
Anders wurde allerdings dem Zarathustra, anders den indischen
Rishis die Einweihung gegeben; denn sie hatten verschiedene Auf-
gaben. Den Rishis wurde eine solche Einweihung gegeben, daB sie so-
zusagen wie von selbst, wenn sie ihr Inneres weiter entwickelten, die
groBen Geheimnisse des Daseins aussprechen konnten. Dadurch wur-
den sie die groBen Fiihrer und Lehrer der vorvedischen, altindischen
Kultur. Es war fur sie noch etwas, was zwar auf kunstlichem Wege er-
zeugt war, aber auf diesem Wege durchaus ahnlich war dem alten
atlantischen Hellsehen, das nur einzeln auf die sieben Rishis verteilt
war. Jeder der sieben Rishis hatte sein bestimmtes Gebiet. Wie die ver-
schiedenen Orakelstatten ihr besonderes Gebiet hatten, so hatte jeder
der sieben Rishis seine besondere Aufgabe. Und ein Kollegium sprach,
wenn jeder der sieben Rishis sagte, was er wuBte von der Urweisheit
der Welt. Die hatten sie empfangen von dem groBen Sonnenein-
geweihten, der hinausverpflanzt hatte von dem Westen nach dem Osten
die alte atlantische Weisheit und sie eben in einer besonderen Weise
weitergegeben hatte an die, welche die Trager der nachatlantischen
Kultur werden sollten. In anderer Weise gab er sie dem Zarathustra, so
daB Zarathustra so sprechen konnte, wie ich es auch angedeutet habe.
Die Rishis sagten: Um zum hochsten Gotdich-Geistigen zu kom-
men, muB man alles, was in der Umwelt ist, was sich den auBeren Sin-
nen darbietet, als Maja oder Illusion ansehen; man muB sich ab wen-
den davon, ganz den Blick in das Innere versenken: dann geht eine
andere Welt in einem auf als die, welche vor einem ist. - Also mit Ab-
wendung von der illusionaren Welt der Maja, mit der Entwickelung
des eigenen Inneren hinaufzusteigen in die gottlich-geistigen Spharen,
das war die Lehre der alten indischen Rishis. Anders Zarathustra. Er
wandte sich nicht ab von dem, was sich auBerlich manifestiert. Er sagte
nicht: Das AuBere ist Maja oder Illusion, von der wir uns ab wen-
den miissen. Sondern er sagte: Diese Maja oder Illusion ist die OfFen-
barung, das wirkliche Kleid des gottlich-geistigen Daseins. Wir diirfen
uns nicht von ihm abwenden, sondern im Gegenteil, wir miissen es er-
forschen. Wir miissen sehen im Sonnenlichtleib das auBere Gewebe,
worinnen webt und lebt Ahura Mazdao !
So war in gewisser Weise der Standpunkt Zarathustras der ent-
gegengesetzte von dem der alten Rishis. Es ist gerade die nachindische
Kultur dadurch bedeutsam geworden, daB sie der AuBenwelt einpra-
gen sollte, was sich der Mensch durch sein geistiges Wirken erobern
kann. Und wir haben auch gesehen, wie Zarathustra das Beste, was er
zu geben hatte, iibertragen hatte in der geschilderten Art an Moses und
Hermes. Damit die Moses- Weisheit in der richtigen Weise fruchtbar
werden konnte und als Samen aufgehen konnte, muBte sie hinein-
gesenkt sein in das Volkstum, das zu seinem Stammvater Abraham
hatte. Denn Abraham hatte zuerst das Organ in sich veranlagt, ein
JahvebewuBtsein zu erwerben. Aber er muBte wissen, daB der Gott,
der sich in seinem Inneren ankiindigen konnte den physischen Er-
kenntniskraften, mit derselben Stimme spricht, mit welcher der ewige,
alles durchwebende Gott der Mysterien spricht, nur daB er sich auf eine
eingeschrankte Weise, namlich wie Abraham ihn erkennen konnte,
offenbarte.
Einer solchen bedeutsamen Wesenheit, wie es der groBe atlantische
Sonneninitiierte war, ist es nicht ohne weiteres moglich, zu denen, die
zu irgendeiner Zeit leben und eine besondere Mission haben, sogleich
in einer verstandlichen Sprache zu reden. Eine so hohe Individualitat
wie der groBe Sonneninitiierte, der in seiner Individualitat ein ewiges
Dasein fiihrt, von dem mit Recht gesagt wurde - um anzudeuten den
Ewigkeitscharakter dieser Individualitat daB man von ihm nicht
anfuhren sollte Namen und Alter, nicht Vater und Mutter, ein solcher
groBer Fiihrer des Menschheitsdaseins kann sich nur dadurch ofFenba-
ren, daB er etwas annimmt, wodurch er verwandt wird denen, welchen
er sich ofFenbaren kann. So nahm, um dem Abraham die entsprechende
Auf klarung zu geben, der Lehrer der Rishis, der Lehrer des Zarathu-
stra, eine Gestalt an, in welcher er den Atherleib trug, der auf bewahrt
war von dem Stammvater des Abraham, denselben Atherleib, der
schon in dem Stammvater des Abraham, in Sem, dem Sohne Noahs,
vorhanden war. Dieser Atherleib des Sem war aufbewahrt worden,
wie der Atherleib des Zarathustra fur Moses aufbewahrt worden war,
und seiner bediente sich der groBe Eingeweihte des Sonnenmyste-
riums, um sich in einer verstandlichen Art dem Abraham ofFenbaren zu
konnen. Diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweih-
ten des Sonnenmysteriums ist jene Begegnung, welche uns im Alten
Testament geschildert wird als die Begegnung des Abraham mit dem
Konige, mit dem Priester des hochsten Gottes, mit Melchisedek oder
Malek-Zadik, wie man gewohnt geworden ist ihn zu nennen (l.Mose
14, 18-20). Das ist eine Begegnung von groBter, von universellster Be-
deutung, diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweihten
des Sonnenmysteriums, der - nur um ihn sozusagen nicht zu verbliifFen
- in dem Atherleib des Sem sich zeigte, des Stammvaters des semiti-
schen Stammes. Und bedeutungsvoll wird in der Bibel auf etwas hin-
gewiesen, was leider nur zu wenig verstanden wird, namlich darauf,
woher sozusagen dasjenige kommen kann, was Melchisedek dem Abra-
ham zu geben in der Lage ist. Was kann Melchisedek dem Abraham
geben? Er kann ihm geben das Geheimnis des Sonnendaseins, das
natiirlich Abraham nur in seiner Art verstehen kann, dasselbe, was hin-
ter der Zarathustra-OfFenbarung steht, worauf Zarathustra erst pro-
phetisch hingewiesen hat.
Wenn wir uns die Tatsache vorstellen, daB Zarathustra seine bevor-
zugten Schiller auf das hinwies, was als Ahura Mazdao geistig hinter
dem Sonnenlichtleib lebt, indem er sagte: Seht hin, dahinter steckt
etwas, was jetzt noch nicht mit der Erde vereinigt ist, was aber einst in
die Erdene volution sich ergieBen wird und auf die Erde herunterstei-
gen wird -, wenn wir anerkennen, daB Zarathustra nur prophetisch
vorherverkiinden konnte den Sonnengeist, den Christus, von dem er
sagte : Er wird kommen in einem menschlichen Leibe -, dann werden
wir sagen miissen, daB fur denjenigen Menschen, der vorbereiten und
spater herbeifiihren sollte die Inkarnation des Christus auf der Erde,
sich noch groBere Tiefen dieses Sonnengebeimnisses zeigen muBten.
Das geschah dadurch, daB der Lehrer des Zarathustra selber bei jener
Begegnung EinfluB nahm auf Abraham, sozusagen aus derselben
Quelle seinen EinfluB brachte, aus der dann der Christus-EinnuB
kommt. Das wird uns wieder in der Bibel symbolisch angedeutet, in-
dem gesagt wird: Indem Abraham dem Melchisedek entgegengeht,
bringt ihm dieser Konig von Salem, dieser Priester des hochsten der
Gotter, Brot und Traubensaft. «Brot und Traubensaft» wird spater
noch einmal ausgeteilt: Als das Geheimnis des Christus ausgedruckt
werden soil fiir seine Bekenner bei der Einsetzung des Abendmahles,
da geschieht es durch Brot und Traubensaft ! Indem die Gleichheit des
Opfers in so bedeutungsvoller Weise betont wird, wird darauf hin-
gewiesen, daB es dieselbe Quelle ist, aus der Melchisedek schopft, und
woheraus der Christus schopft.
Also es sollte ein EinfluB stattfinden von dem, was spater auf die
Erde niedersteigen sollte, auf dem Umwege durch Melchisedek. Und
dieser EinfluB sollte auf den groBen Vorbereiter des spateren Ereignis-
ses, auf Abraham, erfolgen. Und die Folge der Wirkung dieser Begeg-
nung des Abraham mit Melchisedek war die, daB Abraham nun spiirte :
was ihn da antreibt, was er anspricht mit dem Namen jahve oder Je-
hova als das Hochste, was er denken kann, das kommt aus derselben
Quelle, aus der auch fiir alles hochste Erdenwissen das BewuBtsein des
Initiierten kommt von dem alle Welten durchwebenden und durch-
lebenden hochsten Gott. Das war das BewuBtsein, das Abraham jetzt
weitertragen konnte. - Ein anderes BewuBtsein ging in Abraham noch
auf : das BewuBtsein, daB nun tatsachlich mit dem Blute der Generatio-
nen, das durch das Volkstum hinunterrinnt, etwas gegeben sein soil, was
sich richtig nur vergleichen laBt mit dem, was in den Mysterien ge-
schaut werden kann, wenn der hellseherische Blick sich hinausrichtet
in die Geheimnisse des Daseins und die Sprache des Kosmos versteht.
Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, wie man in den Myste-
rien die Geheimnisse des Kosmos ausdruckt, indem man eine Sternen-
sprache spricht und die Geheimnisse des Kosmos zum Ausdrucksmit-
tel nimmt fur das, was man sagen will. Es gab Zeiten, in denen die My-
sterienlehrer das Auszudriickende in solche Worte, in solche Bilder
kleideten, die hergenommen waren von der Konstellation der Sterne.
Man sah gleichsam in den Wegen der Sterne, in den Lagen der Sterne zu-
einander die Bilder, durch die man ausdriicken wollte, was der Mensch
geistig erlebt, wenn er sich zu dem Gottlich-Geistigen hinauferhebt.
Was hat man nun in der Mysterienweisheit gelesen in dieser Sternen-
schrift? Man hat darinnen gelesen die Geheimnisse der die Welt durch-
webenden und durchlebenden Gottheit. Es waren die Ordnungen der
Sterne der augenfallige Ausdruck der Gottheit. Man richtete den Blick
in Weltenalle und sagte : Da kiindet sich die Gottheit an ! Und wie sie
sich ankiindet, das beschreiben uns die Ordnungen und Harmonien
der Sterne. - So lebte sich fiir ein solches Anschauen der Weltengott
aus in der Ordnung der Sterne.
Sollte sich auf eine besondere Art in der Mission des hebraischen
Volkes dieser Weltengott ausleben, so muBte er sich in derselben Ord-
nung ausleben, die im Kosmos in den Sternenbahnen vorgezeichnet
ist. Das heiBt, es muBte sich durch das Blut der Generationen, in wel-
chem ja das auBere Instrument der Jahve-Offenbarungen enthalten war,
eine ahnliche Ordnung ausdriicken, wie sie sich ausdriickt in den Ster-
nenbahnen. Mit anderen Worten: In der Nachkommenschaft des Abra-
ham muBte etwas sein, was in der Generationenfolge, in der Bluts-
verwandtschaft, ein Spiegelbild dessen war, was Sternenschrift im
Kosmos ist. Deshalb bekam Abraham die VerheiBung : Deine Nach-
kommen sollen geordnet sein wie die Sterne am Himmel ! - Das ist die
richtige Auslegung des Satzes, der gewohnlich heiBt: « Deine Nach-
kommen sollen zahlreich sein wie die Sterne am Himmel », und womit
nur die Vielzahl der Nachkommenschaft angedeutet wird (1 . Mose 22,
17). Aber nicht die Vielzahl ist gemeint, sondern gemeint ist, daB in der
Nachkommenschaft eine solche Ordnung herrschen solle, wie sie am
Himmel in der Sprache der Gotter wahrgenommen wurde in der Grup-
pierung der Sterne. Da sah man hinauf in eine solche Ordnung, wie sie
sich darstellt in der Ordnung des Tierkreises. Und in der Stellung der
Wandelsterne, der Planeten zum Tierkreis driickten sich jene Konstella-
tionen aus, in denen man die Sprache fand, um die Taten der Gotter, wie
sie weben durch das Weltall, auszudnicken. Dieses feste Band also, das
im Zodiakus und in dem Verhaltnis der Planeten zu den zwolf Tier-
kreiszeichen sich darstellt, muBte sich ausdriicken in der Blutsver-
wandtschaft in der Nachkommenschaft des Abraham.
So haben wir in den zwolf Sohnen Jakobs, in den zwolf Stammen
des hebraischen Volkes die Abbilder der zwolf Zeichen des Tierkrei-
ses. Wie sich oben in den zwolf Tierkreisbildern die Sprache der Got-
ter ausdriickt, so driickt sich Jahve aus in dem durch die Generationen
herabflieBenden Blute des jiidischen Volkes, das sich nach den zwolf
Sohnen des Jakob in die zwolf Stamme teilte. Dasjenige, was sich in
diese Konstellation des Tierkreises hineinordnet, bezeichnen wir mit
dem Namen der Planeten, mit Venus, Merkur, Mond, Sonne und so
weiter. Und wir haben gesehen, wie dasjenige, was sich im Laufe der
Zeit im Lebensgange des hebraischen Volkes als Einzelabschnitte ab-
spielt, in der Tat in gewisser Beziehung zu parallelisieren ist mit dem
Weg der Planeten durch den Zodiakus : daB wir David, den koniglichen
Sanger, parallelisieren mussen mit Hermes oder Merkur, daB wir die
Zeit der babylonischen Gefangenschaft, das heiBt jene Konfiguration,
welche die Jahve-OfFenbarung etwa sechs Jahrhunderte vor unserer
Zeitrechnung durch einen neuen Einschlag erhalten hat, parallelisieren
diirfen mit dem Namen der Venus als einem Namen unseres Planeten-
systems. Das sollte dem Abraham angedeutet werden. So daB zum Bei-
spiel die Art, wie eine Personlichkeit wie David sich hineinstellt in die
Stammesfolge, parallel geht dem, wie der Merkur zum Zodiakus steht.
Der Stamm Juda zum Beispiel entspricht dem Sternbilde des Lowen,
und das Hineingestelltsein des David in den Stamm Juda wurde in der
Geschichte des hebraischen Volkes dem entsprechen, was im Kosmos
das Bedecken des Sternbildes des Lowen durch Merkur ware. So kann
man lesen an alien Einzelheiten, in der Blutfolge, in dem merkwiirdi-
gen Ubertragen der Konigs- oder Priesterwiirde, in den Kampfen oder
Siegen des einen oder des anderen Stammes, in der ganzen hebraischen
Geschichte, was die Bedeckung der einzelnen Sternbilder drauBen im
Weltenraume ist. Das lag in dem bedeutungsvollen Wort: Deine
Nachkommen sollen geordnet sein wie die Harmonie der Sterne am
Himmel. - Wir miissen nur nicht in den Urkunden, die auf Okkultis-
mus gebaut sind, jene Trivialitaten sehen, welche so gern darin ge-
sehen werden, sondern wir miissen voraussetzen, daB diese Urkunden
von einer unendlichen Tiefe sind.
So sehen wir in der Tat, wie Ordnung vorhanden ist in dieser Ge-
nerationenfolge, die uns dann im Matthaus-Evangelium geschildert
wird. Wir sehen, daB uns dieser Evangelist andeutet, wie auf eine ganz
besondere Weise das Blut jenes Leibes zusammengesetzt war, der zu-
nachst aufnehmen sollte die Individualitat des Zarathustra, damit diese
Individualitat des Zarathustra die OfTenbarung des Christus auf der
Erde herbeifuhren konnte.
Was war also durch die zweiundvierzig Generationen hindurch von
Abraham bis auf Joseph erlangt worden? Das war erlangt worden,
daB mit dem Letzten in der Generationenfolge eine Blutmischung zu-
stande gekommen war, die sich nach den Gesetzen der Sternenwelt,
der heiligen Mysterien vollzogen hatte. Und in dieser Blutmischung,
welche die Zarathustra-Individualitat brauchte, um das groBe Werk
auszufuhren, war eine innere Ordnung, eine Harmonie, die einer der
schonsten, der bedeutsamsten Ordnungen des Sternensystems ent-
sprach. So war die Blutmischung, die Zarathustra vorfand, ein Abbild
des ganzen Kosmos. Dieses Blut, das da durch Generationen hindurch
gebildet wurde, war so gemischt, wie die Ordnungen des Kosmos ge-
regelt sind. Das alles liegt zugrunde jener bedeutsamen Urkunde,
welche wir jetzt, wenn ich so sagen darf, in einer abgeschwachten Form
in dem Evangelium nach Matthaus vor uns haben. Dieses tiefe Geheim-
nis von einem Volkswerden als Abbild eines kosmischen Werdens
liegt dem zugrunde.
So fuhlten diejenigen, welche zunachst etwas wuBten von dem gro-
Ben Mysterium Christi. Sie fuhlten schon in dem Blut, welches dieser
Matthaus- Jesus von Nazareth in sich hatte, ein Abbild des Kosmos,
ein Abbild jenes Geistes, der im ganzen Kosmos waltet. Dieses Ge-
heimnis driickten sie aus, indem sie sagten : In dem Blut, in welchem
leben sollte das Ich, das dann Jesus von Nazareth war, lebte der Geist
des ganzen Kosmos. Sollte also dieser physische Leib geboren werden,
dann muBte er sein ein Abdruck des Geistes des ganzen Kosmos, des
Geistes, der da waltet in der Welt. - Das war urspriinglich die Formel,
daB die Kraft, die jener Blutmischung zugrunde lag, welche die des
Zarathustra oder Jesus von Nazareth wurde, daB diese Kraft der Geist
war unseres ganzen Kosmos, eben jener Geist, der urspriinglich, nach
der Trennung der Sonne von unserer Erde, briitend dasjerdge durch-
drang, was sich herausgegliedert hatte in der Weltenevolution. Aus
den schon erwahnten Miinchener Vortragen wissen wir : Wenn wir den
Beginn der Genesis, das «Bereschit bara Elohim eth haschamajim
we'eth ha'aretz », nicht mit den trivialenWorten der heutigen Zeit uber-
setzen wollen, die sich nicht mehr mit dem alten Sinn decken, sondern
wenn wir den wahren Sinn heraussuchen, daB wir dann zu ubersetzen
haben : «In dem, was heriibergekommen war aus dem Saturn-, Sonnen-
und Mondendasein, ersannen in kosmischer Tatigkeit die Elohim das-
jenige, was sich nach auBen offenbart, was sich im Inneren regt. Und
iiber dem, was sich im Inneren regt, und durch das, was sich regt,
herrschte das finstere Dunkel; aber es breitete sich aus da hinein, es
briitete dariiber, es durchdringend mit Warme - ahnlich wie das Huhn
das Ei - der schopferische Geist der Elohim, Ruach-Elohim.» Was
da als Geist briitete, das ist dasselbe, ganz dasselbe, was dann die Ord-
nungen bewirkte, welche man ausdriicken konnte in einer gewissen
Weise durch die Konstellation der Sterne. So fuhlten die urspriing-
Hchen Eingeweihten des Christus-Mysteriums, daB die Blutmischung
des Jesus von Nazareth ein Abbild dessen war, was Ruach-Elohim
durch das Weltendasein hindurch wirkte. Und sie nannten daher das
Blut, das auf diese Weise fur das groBe Ereignis zubereitet worden ist,
«geschaflen durch den Geist des Weltendaseins», durch denselben
Geist, der in jener bedeutungsvollen Schilderung der Genesis, in dem
«Bereschit bara.. .», genannt wird Ruach.
Dieser heilige Sinn, der wahrhaftig groBer ist als jeglicher andere,
triviale Sinn, liegt zunachst als der hohere Sinn dem zugrunde, was ge-
nannt wird «die Empfangnis aus dem heiligen Geiste des Welten-
alls». Das liegt dem zugrunde, was enthalten ist in dem Wort: «Und
die Gebarerin dieses Wesens war erfiillt von der Kraft dieses Geistes
des Weltenalls» (Matth.1,18). Wir miissen nur die ganze GroBe eines
solchen Mysteriums empfinden, und wir werden dann schon finden,
daB in dieser Art, die Sache darzustellen, etwas unendlich Hoheres liegt
als in alledem, was exoterisch in der Conceptio immaculata, in der « Un-
befleckten Empfangnis » gegeben ist. Man braucht ja nur zwei Dinge in
der Bibel sich selbst gegeniiberzustellen, wenn man die wahre Absicht
der Bibel erkennen und von einer trivialen Ausdeutung der Unberleck-
ten Empfangnis abkommen will. Das eine ist dies : Wozu wurde der
Schreiber des Matthaus-Evangeliums die ganze Reihe der Generationen
von Abraham bis auf Joseph aufstellen, wenn er etwa sagen wollte, daB
mit dieser ganzen Generationenfolge die Geburt des Jesus von Naza-
reth nichts zu tun habe? Er bemiiht sich darzustellen, wie das Blut von
Abraham bis auf Joseph heruntergeleitet wird, und dann sollte er sagen,
daB mit diesem Blut in Wahrheit das Blut des Jesus von Nazareth
nichts zu tun habe? Und die andere Tatsache ist, daB Ruach-Elohim,
der in der Bibel der Heilige Geist genannt wird, in der hebraischen
Sprache weiblichen Geschlechts ist, ein Femininum ist, was doch wohl
auch in irgendeiner Weise in Betracht kommen muB. - Wir werden
darauf noch weiter zu sprechen kommen; jetzt wollte ich nur ein Ge-
fiihl dafiir hervorrufen, wie groB die Gedankenkonzeption ist, die
diesem Mysterium bei seinem Ausgangspunkt zugrunde Hegt.
Was da beim Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung sich abgespielt
hat, und was nur die Weisen kannten, die wirklich in die Geheimnisse
des Weltendaseins eingeweiht waren, das wurde zunachst ausgedriickt
in aramaischer Sprache in der Urkunde, welche dem Matthaus-Evan-
gelium zugrunde liegt. Und nicht nur durch den Okkultismus, son-
dern auch durch rein philologische Forschung ist es moglich, zu be-
weisen, daB diese Urkunde, welche dem Matthaus-Evangelium zu-
grunde liegt, bereits im Jahre 71 existiert hat. Das wahre Zustande-
kommen der Evangelien konnen Sie in meinem Buche «Das Christen-
tum als mystische Tatsache » dargestellt nnden. Aber wenn man wirk-
lich genau vorgeht, kann man selbst philologisch nachweisen, daB
alles, was von einer spateren Konzeption des Matthaus-Evangeliums
gesagt wird, nicht richtig ist; denn wir konnen nachweisen, daB bereits
im Jahre 71 - also verhaltnismaBig kurze Zeit nach dem Ereignisse von
Palastina - eine aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums vor-
handen war. Aber weil ich hier nicht philologische Tatsachen, sondern
nur geisteswissenschaftliche zu vertreten habe, will ich dabei nur auf
eines hinweisen aus der talmudischen Literatur, die vollstandig ge-
sichert ist durch judische Gelehrte.
In der talmudischen Literatur finden wir eine Angabe, daB Rabbi
Gamaliel II. mit seiner Sch wester in einen Erbschaftsstreit verwickelt
war, der dadurch entstanden war, daB im Jahre 70 sein Vater in einem
Streit mit den Romern umgekommen war. Und es wird uns erzahlt, daB
Rabbi Gamaliel II. damals vor einem Richter stand, der nach allem, was
uns die talmudische Literatur berichtet, ein Halbchrist war, ein so-
genannter Judenchrist. Solche gab es schon in jenen Richterstellen, die
von den Romern den Juden hingesetzt waren. Dabei ging nun etwas
Merkwiirdiges vor : Rabbi Gamaliel II. kampft mit seiner Schwester um
die Erbschaft, um das Vermogen seines Vaters. Und vor seinem Rich-
ter, der schon etwas vom Christentum weiB, macht er geltend, daB nach
dem bei den Juden geltenden Gesetz nur der Sohn, nicht aber die Toch-
ter erben konne, und daB ihm allein also die Erbschaft gehore. Da halt
ihm der Richter vor, daB ja die Thora abgesetzt sei in denjenigen Krei-
sen, innerhalb welcher er Richter sei, und da er Recht und Urteils-
spruch bei ihm suche, so wolle er nicht bloB richten nach dem Gesetz
der Juden, sondern nach dem Gesetz, das sich an die Stelle der Thora
hingesetzt habe. Das alles war geschehen, wie schon gesagt, im Jahre
71, da der Vater des Gamaliel im Jahre 70 bei der Judenverfolgung um-
gekommen war. Nun fand Rabbi Gamaliel keinen anderen Ausweg
mehr, als daB er den Richter bestach. Da machte der bestochene Richter
am nachsten Tage ein Zitat, und zwar war das ein solches, das entlehnt
war der aramaischen Urschrift des Matthaus-Evangeliums. Und was
sagte der Richter? Der Christus «sei nicht gekommen, das Gesetz des
Moses zu brechen, sondern es zu erfullen ! » (Matth. 5, 17). So glaubte er
damit sein Gewissen endasten zu konnen, wenn er das Gesetz beugte,
indem er sagte, er richte doch im Sinne des Christus, wenn er dem
Gamaliel die Erbschaft zusprache.
Daraus wissen wir, daB im Jahre 71 eine christliche Urkunde be-
stand, aus welcher Worte entlehnt wurden, welche heute im Matthaus-
Evangelium enthalten sind. Wir haben also dieses auBerliche Zeichen
- es wird namlich jene Stelle in aramaischer Sprache angefuhrt -, daB
diese Urkunde, diese aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums,
damals mindestens teilweise vorhanden gewesen ist. Was die okkulte
Forschung dariiber zu sagen hat, das werden wir noch zu besprechen
haben. Dies sollte jetzt nur angefiihrt werden, urn zu zeigen: Wenn
man schon die auBere Wissenschaft zu Hilfe zieht, darf man das nicht
machen, was so oft gemacht wird, daB namlich alles zusammengetra-
gen wird, was die Herren gerade lesen konnen, wiihrend sie zum Bei-
spiel die talmudische Literatur unberiicksichtigt lassen, die auBer-
ordentlich bedeutsam ist fiir das, was man auch exoterisch iiber diese
Dinge erkennen kann.
So sehen wir, daB wir auch auBerlich auf einem recht guten Boden
stehen, wenn man das Matthaus-Evangelium verhaltnismaBig fruh an-
setzt. Damit schon allein, mochte ich sagen, ist auch auBerlich ein ge-
wisser Beweis geliefert, daB die Menschen, welche an der Abfassung
des Matthaus-Evangeliums beteiligt waren, zeitlich nicht sehr weit
entfernt von den Ereignissen in Palastina waren, so daB dadurch selbst
exoterisch gesichert ist, daB man damals nicht einfach den Leuten ins
Gesicht liigen konnte und sagen, es hatte also im Beginne unserer
Zeitrechnung nicht der Christus Jesus gelebt, von dem wir sprechen.
Denn es war nicht einmal ein halbes Jahrhundert darnach, so daB man
noch zu Augenzeugen zu sprechen hatte und denen nicht Dinge sagen
konnte, welche sich nicht zugetragen hatten. Das sind Dinge, die exo-
terisch wichtig sind, und wir wollen sie nur anfuhren zum Beleg fur
das Exoterische der Sache.
Wir haben also gesehen, wie aus den Geheimnissen des Kosmos her-
aus in der Menschheitsevolution Veranstaltungen getroffen worden
sind, um aus dem gleichsam filtrierten Blute des hebraischen Volkes,
das die Ordnung des Weltalls selbst in sich aufgenommen hatte, einen
Korper herzustellen, in welchem sich wieder inkarniert der groBe Ein-
geweihte Zarathustra. Denn von der Zarathustra-Individualitat spricht
das Matthaus-Evangelium; und keine andere Individualist als die Za-
rathustra-Individualitat ist es, von der dieses Evangelium spricht. Nun
diirfen wir uns nicht etwa denken, daB alles dies, was wir gleichsam
aus den tiefsten Geheimnissen der Weltenevolution hervorheben,
sich so ganz offen vor aller Augen abgespielt habe. Das war auch fiir
die Zeitgenossen in ein tiefes Geheimnis gehullt und nur den wenig-
sten Eingeweihten verstandlich. Daher ist es begreif lich, daB ein so
tiefes Schweigen herrscht iiber alles, was sich damals als das groBte
Ereignis der Menschheitsevolution zugetragen hat. Und wenn sich
heute die Historiker auf ihre Urkunden berufen und sagen, daB diese
Urkunden iiber dieses Ereignis schweigen, so muB uns das nicht ver-
wundern, sondem ganz natiirlich erscheinen.
Wenn wir jetzt charakterisiert haben, wie von der Zarathustra-Seite
her dieses groBte Ereignis unserer Menschheitsevolution vorbereitet
wurde, so miissen wir uns jetzt noch andere vorbereitende Stromun-
gen zu diesem groBen Ereignis ein wenig vor die Seele fuhren. Vieles,
vieles geschah in der Menschheitsevolution unmittelbar vorher und
auch unmittelbar nachher, nachdem diese Ereignisse um Christus her-
um sich abgespielt hatten. Es ist dieses Ereignis im Grunde schon lange
vorher vorbereitet worden. Wie es von auBerer Seite vorbereitet
wurde, indem Zarathustra Moses und Hermes ausgesandt hat, indem
von Melchisedek, von dem Sonnenmysterium selber, die auBere Hiille
des Jesus von Nazareth vorbereitet wurde, so wurde ein anderes noch
vorbereitet, gleichsam eine Nebenstromung dieser groBen Stromung,
die aber, wenn sie auch nur eine Nebenstromung ist, doch etwas zu
tun hat mit der groBen Hauptstromung, die von Zarathustra herkommt.
Diese Nebenstromung bereitet sich langsam vor in jenen Statten, die
uns bezeichnet werden auch von der auBeren Geschichte dadurch, daB
wir auf gewisse Sekten aufmerksam gemacht werden, welche eine be-
sondere Seelenentwickelung anstrebten, und die uns von Philo als die
«Therapeuten» beschrieben werden. Die Therapeuten waren Angeho-
rige einer geheimnisvollen Sekte, die auf innerlichem Wege ihre Seelen
zu reinigen suchten, um das herauszubringen, was durch den auBeren
Verkehr und durch die auBeren Erkenntnisse verunreinigt wird, um
sich dadurch in reine geistige Spharen zu erheben. Eine Abzweigung
dieser Sekte der Therapeuten, in welcher jene Nebenstromung weiter
vorbereitet wurde, waren die in Asien lebenden «Essaer» oder «Esse-
ner». Diese Menschen alle - Sie konnen eine kurze Beschreibung dar-
iiber in meinem « Christentum als mystische Tatsache» finden -, welche
in diesen Sekten vereinigt waren, hatten eine gewisse gemeinsame
geistige Leitung. Sowohl bei den Therapeuten wie auch bei den Essa-
ern war eine gewisse geistige Leitung vorhanden. Und wenn wir diese
geistige Leitung exoterisch kennenlernen wollen, miissen wir uns an
das erinnern, was wir im vorigen Jahre bei den Vortragen iiber das
Lukas-Evangelium besprochen haben. Wir haben dabei angefuhrt das
Geheimnis des Gautama Buddha, wie es in den orientalischen Schriften
auch exoterisch behandelt wird, und wir haben gesagt, daB derjenige,
der ein Buddha werden will im Laufe der Entwickelung, zunachst ein
Bodhisattva werden miisse. Wir haben ausgefiihrt, wie derjenige, der
aus der Geschichte als « Buddha » bekannt ist, auch zuerst ein Bodhi-
sattva war und dann Buddha wurde. Bis zum neunundzwanzigsten
Jahre seines physischen Seins als der Sohn des Konigs Suddhodana war
er noch ein Bodhisattva, und erst im neunundzwanzigsten Jahre ist er
durch seine innere Seelenentwickelung vom Bodhisattva zum Buddha
geworden. Der Bodhisattvas gibt es nun eine ganze Reihe in der Ent-
wickelung der Menschheit; und jener Bodhisattva, der sechs Jahr-
hunderte vor unserer Zeitrechnung ein Buddha geworden war, ist
einer von den Bodhisattvas, welche die Entwickelung der Menschheit
leiten. Eine solche Individualist, welche aufsteigt von der Wiirde eines
Bodhisattva zur Wiirde eines Buddha, inkorporiert sich spater nicht
wieder in einem physischen Leibe auf der Erde. Wir haben dann ge-
sehen, wie sich der Buddha manifestiert hat bei der Geburt des Jesus
des Lukas-Evangeliums, indem er sich mit diesem Jesus, den wir den
Jesus der nathanischen Linie nannten, verband mit seinem atherischen
Leibe. Und wir haben gesehen, daB dies ein anderer Jesus ist als der,
von dem wir beim Matthaus-Evangelium zunachst sprechen.
In diesem Buddhawerden des Konigssohnes des Suddhodana haben
wir zu sehen den AbschluB einer alten Entwickelung. In der Tat ge-
hort diese Entwickelung, welche ihren AbschluB mit dem Buddha-
werden jenes Bodhisattva erreicht, derselben Stromung an, der auch
die heiligen Rishis der Inder angehoren; aber diese erreichte mit dem
Buddhawerden jenes Bodhisattva einen gewissen AbschluB. - Wenn
nun ein Bodhisattva zum Buddha wird, so tritt an seine Stelle sein
Nachfolger. Das erzahlt auch die alte indische Legende, indem sie sagt,
daB der Bodhisattva, der herunterstieg, um als Sohn des Konigs Sud-
dhodana zur Buddhawiirde aufzusteigen, vor seinem letzten Herab-
steigen die Krone des Bodhisattva weitergab an seinen Nachfolger in
den geistigen Reichen. Es gab also seit jenen Zeiten einen Nachfolger
jenes Bodhisattva, der damals Buddha wurde. Und dieser neue Bo-
dhisattva, der nun als Bodhisattva weiter wirkte, hatte eine besondere
Aufgabe fur die Menschheitsentwickelung. Ihm war besonders die
Aufgabe zugefallen, geistig zu leiten jene Bewegung, welche sich im
Therapeutentum, im Essaertum kundgab, so daB wir in jenem Bodhi-
sattva, der der Nachfolger des Buddha wurde, anerkennen den geisti-
gen Leiter der Therapeuten- und Essaergemeinden. Da wirkte sein
EinfluB. Dieser Bodhisattva schickte sozusagen zur Leitung der Essaer
unter der Regierung des Konigs Alexander Jannai - ungefahr 125 bis
77 vor unserer Zeitrechnung - eine besondere Individuality in die
Essaergemeinden hinein. Diese besondere Individuality leitete un-
gefahr ein Jahrhundert vor dem Erscheinen des Christus Jesus auf der
Erde die Essaergemeinden. Diese Personlichkeit ist dem Okkultis-
mus gut bekannt, aber auch der auBeren talmudischen Literatur.
Es gab also ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, ein Jahrhun-
dert vor der Erscheinung des Christus auf der Erde, eine Individuality,
die nichts zu tun hat mit dem Jesus des Lukas-Evangeliums und nichts
zu tun hat mit dem Jesus des Matthaus-Evangeliums, eine Person-
lichkeit, die Lenker und Leiter war in den Essaergemeinden. Diese
Personlichkeit ist dem Okkultismus gut bekannt als eine Art von Vor-
laufer der Essaer fur das Christentum; sie ist bekannt aber auch in der
talmudischen Literatur unter dem Namen Jesus, der Sohn des Pandira,
Jeshu ben Pandira. Diesen Jesus, Sohn des Pandira, iiber den iible
jiidische Literaturen allerlei gefabelt haben, was dann in neuerer Zeit
wieder aufgewarmt worden ist, diese Personlichkeit, die eine edle und
groBe Personlichkeit war, darf man nicht verwechseln, wie es einige
Talmudisten tun, mit dem Jesus von Nazareth, von dem wir spre-
chen. Wir kennen auch diesen essaischen Vorlaufer des Christentums
in dem Jesus, dem Sohn des Pandira. Und wir wissen, daB dieser Jeshu
ben Pandira von denen, die damals in der essaischen Lehre Gottes-
lasterungen sahen, angeklagt worden ist der Gotteslasterung und
Haresie, dann zuerst gesteinigt und, nachdem er gesteinigt worden
war, an einem Baum aufgehangt worden ist, um zur Strafe auch noch
die Schande hinzuzufugen. Das ist eine okkulte, aber auch eine in der
talmudischen Literatur vorkommende Tatsache.
In diesem Jeshu ben Pandira haben wir eine Personlichkeit zu sehen,
die unter dem Schutze des Bodhisattva stent, welcher der Nachfol-
ger jenes Bodhisattva ist, der als der Sohn des Konigs Suddhodana
spater zum Buddha geworden ist. So liegen die Dinge ganz klar. Wir
haben eine Art Vorbereitung, eine Nebenstromung der chrisdichen
Hauptstromung in jener Stromung zu sehen, welche abhangig ist von
dem Nachfolger des Buddha, von dem jetzigen Bodhisattva, der spater
der Maitreya Buddha werden wird und seine Sendboten in die Essaer-
gemeinden hineingeschickt hat; sie lebte sich damals aus in dem Mis-
sionar, der in den Essaergemeinden das bewirkte, was wir in dem
nachsten Vortrag kennenlernen werden.
So haben wir den Namen Jesus zu suchen bei der Individualitat,
von der uns das Matthaus- und das Lukas-Evangelium berichten; wir
mussen den Namen Jesus aber auch ein Jahrhundert vor dem Beginn
unserer Zeitrechnung in der Essaergemeinde suchen bei jener edlen
Personlichkeit, gegeniiber der alles, was iible talmudische Literatur
gefunden hat, Verleumdung ist, die angeklagt worden ist wegen Got-
teslasterung und Haresie, die erst gesteinigt und nachher an einen
Baum gehangt worden ist.
FUNFTER VORTRAG
Bern, 5. September 1910
DaB jener Jesus, Sohn des Pandira, Jeshu ben Pandira, in bezug auf
Verwandtschaft oder sonstwie, nichts zu tun hat mit derjenigen Per-
sonlichkeit oder Individuality, von welcher wir sprechen als dem Jesus
des Matthaus-Evangeliums oder dem Jesus des Lukas- oder irgend-
eines anderen Evangeliums, daB dieser ein Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung, also vor dem Stattfinden des Christus-Ereignisses ge-
steinigte und nachher an einen Baum gehangte Jeshu ben Pandira
nicht verwechselt werden darf mit alledem, wovon wir sprechen, wenn
wir von den Evangelien sprechen, das muB streng festgehalten werden.
Nur bemerken will ich ausdrucklich: Um auf die Personlichkeit des
Jeshu ben Pandira hinzuweisen, um dariiber etwas zu sagen, daB er
existiert hat, dazu ist zunachst nicht notwendig irgendeine okkulte Er-
kenntnis, nicht irgendein hellseherisches Vermogen, sondern das kann
man sich zusammenlesen, wenn man will, aus den hebraischen, den
talmudischen Urkunden. Die Verwechslung mit dem eigentlichen Jesus
hat ja zu verschiedenen Zeiten immer stattgefunden, und sie hat zu-
erst bereits stattgefunden im 2. Jahrhundert nach dem Beginne unserer
Zeitrechnung. Wenn wir also ausdrucklich betont haben, daB dieser
Jesus, Sohn des Pandira, in dieser Beziehung nichts zu tun hat mit
dem Jesus der Evangelien, so miissen wir auf der anderen Seite aber
doch wieder einen geschichtlichen, allerdings jetzt nur durch geistes-
wissenschaftliche Forschung feststellbaren Zusammenhang dieser bei-
den Personlichkeiten festhalten. Diesen Zusammenhang werden wir
aber nur dann in seiner Tiefe begreifen, wenn wir auf die Menschheits-
evolution und ihre Fuhrer noch einmal mit ein paar Worten eingehen.
Wenn wir zu denjenigen Wesenheiten, denjenigen Individualitaten
hinaufschauen, welche die groBen Fuhrer der Menschheitsevolution
sind, so kommen wir zuletzt zu einer Reihe hoher Individualitaten, die
man gern bezeichnet - weil sozusagen die Theorie von diesen Indivi-
dualitaten am besten im Orient festgestellt worden ist - als die Bo-
dhisattvas. Solcher Bodhisattvas gibt es eine ganze Anzahl. Ihre Auf-
gabe ist es, groBe Lehrer derMenschheit zu sein, von Epoche zu Epoche
dasjenige von den geistigen Welten durch die Mysterienschulen in die
Menschheit einflieBen zu lassen, was nach der menschlichen Reife fur
irgendeine Epoche einflieBen soli. Und man kann sagen: Diese Bo-
dhisattvas wechseln sich ab in den aufeinanderfolgenden Zeiten; es
wirkt immer einer der Bodhisattvas als Nachfolger des anderen. Fur
unsere Zeiten interessieren uns zunachst jene beiden Bodhisattvas, die
wir schon ofter haben anfiihren mussen, wenn wir von unserer Mensch-
heitsentwickelung sprechen: jener Bodhisattva, der als der Sohn des
Konigs Suddhodana Buddha geworden ist, und jener, welcher in der
Wiirde des Bodhisattva sein Nachfolger wurde, und der, da das Amt
des Bodhisattva so lange dauert, es auch heute noch ist und - im Ein-
klange der orientalischen Weisheit mit der hellseherischen Forschung
darf es gesagt werden - es auch noch durch die nachsten zweitausend-
funf hundert Jahre sein wird. Dann wird dieser Bodhisattva denselben
Aufstieg durchmachen, den sein Vorganger durchmachte, als er zum
Buddha erhoben worden ist. Es wird der gegenwartig amtierende
Bodhisattva dann erhoben werden zur Wiirde des Maitreya Buddha.
In der Leitung der Menschheitsevolution, von der wir sprechen als
von einer Leitung durch Lehrer, haben wir die sich abwechselnd fol-
genden Bodhisattvas. Und wir mussen die Reihe dieser Bodhisattvas
auffassen als die groBen Lehrer der Menschheitsevolution und durfen
sie nicht verwechseln mit dem, was Quell dieser Lehre ist, und wovon
wieder die Bodhisattvas dasjenige erhalten, was sie der Menschheits-
evolution als aufeinanderfolgende Lehren zu geben haben. Wir haben
uns glekhsam vorzustellen ein Kollegium von Bodhisattvas, und in-
mitten dieses Kollegiums haben wir uns zu denken den lebendigen
Quell fur die Lehren der Bodhisattvas. Und dieser lebendige Quell ist
kein anderer als derjenige, den wir nach unserem Sprachgebrauch mit
dem Ausdrucke «Christus» bezeichnen. So daB von dem Christus alle
Bodhisattvas dasjenige empfangen, was sie im Laufe der Zeitentwicke-
lung den Menschen zu geben haben.
Nun hat ein Bodhisattva sich vorzugsweise der Lehre zu widmen,
solange er eben Bodhisattva ist; denn wir haben gesehen, daB der Bo-
dhisattva, wenn er zur Buddhawiirde erhoben wird, nicht wieder her-
untersteigt, um in einem physischen Leibe inkamiert zu werden. Wie-
derum kann es im Einklange mit aller orientalischen Philosophic gesagt
werden, daB der Gautama Buddha, der damals als Sohn des Konigs
Suddhodana seine letzte Inkarnation in einem physischen Leibe durch-
machte, seit jener Zeit nur noch Verkorperungen erlebt, die hinunter-
gehen bis zum Atherleib. Und wir haben bei den Vortragen uber das
Lukas-Evangelium hervorgehoben, welches die nachste Aufgabe die-
ses zum Buddha gewordenen Bodhisattva war. Wir haben gesehen:
Als der Jesus des Lukas-Evangeliums geboren worden ist, der soge-
nannte nathanische Jesus, der ein anderer ist als der Jesus des Matthaus-
Evangeliums, da drang die Wesenhek des Buddha, die damals ver-
korpert war bis zum Atherleibe, gleichsam ein in den astralischen Leib
dieses nathanischen Jesus, den uns zunachst das Lukas-Evangelium
schildert. Daher kann man sagen : Seit seiner Inkarnation als Gautama
Buddha war dieses Wesen nicht mehr zum Lehren da, sondern es war
fortan dieser Buddha da zur lebendigen Wirksamkeit. Zu einer realen
Kraft war er geworden, die von der geistigen Welt hereinwirkt in
unsere physische Welt. Es ist etwas durchaus anderes, zu wirken durch
Lehre und zu wirken durch lebendige Kraft, durch Wachstumskraft.
Bis zu dem Moment, wo ein Bodhisattva Buddha wird, ist er Lehrer;
von diesem Moment ab ist er eine lebendige Kraft, die organisierend,
lebengebend eingreift in irgendeiner Beziehung. So griff der Buddha
ein in die Organisation des nathanischen Jesus, wie es Lukas schildert,
und so verhielt er sich gemaB seiner neuen Wiirde.
Vom 6. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis in unsere Zeit
hinein ist nun an die Stelle jenes Bodhisattva, der damals Buddha
wurde, sein Nachfolger in die Reihe der groJBen Lehrer getreten, jener,
der sparer zum Maitreya Buddha werden wird. Daher haben wir die
Lehre, welche die Menschheit notwendig hatte seit jener Zek, da Gau-
tama Buddha, der Sohn des Konigs Suddhodana wirkte, dort zu
suchen, wo jener Bodhisattva, der sein Nachfolger ist, die Inspiration
ausiibt, wo er sozusagen einflieBen laBt in seine Schiiler, in seine Zog-
linge dasjenige, was sie der Welt mitteilen sollen. - Ich habe gestern
schon darauf aufmerksam gemacht, wie ausersehen war zu einem In-
strument fur diesen Bodhisattva alles, was zum Beispiel vereinigt war
in den Therapeuten- und Essaergemeinden, und daB zu den bedeu-
tendsten, zu den erhabensten und reinsten Personlichkeiten innerhalb
der Essaergemeinden Jesus, Sohn des Pandira, gehorte. So miissen
wir gleichsam hereinscheinen sehen den Lehrgehalt jenes Bodhisattva
in die Erdenmenschheit durch die Essaer.
Die eigentiichen Essaergemeinden waren dem tieferen Lehrgehalt
nach - davon konnen Sie sich auch durch die auBere Geschichte iiber-
zeugen - verhaltnismaBig bald verschwunden, nachdem das Christus-
Ereignis sich auf der Erde abgespielt hatte. Daher wird es nicht gar so
unglaublich erscheinen, wenn ich sage, daB im Grunde die Therapeu-
ten- und Essaergemeinden wesentlich dazu eingerichtet waren, um
aus den geistigen Regionen, aus den Spharen der Bodhisattvas das-
jenige heruntergelangen zu las sen, was man brauchte, um das groBe, be-
deutsame Ereignis der Christus-Erscheinung zu begreifen. Die wich-
tigsten Lehren, die der Menschheit zugekommen sind, um das Chri-
stus-Ereignis zu begreifen, stammten aus den Therapeuten- und Essaer-
gemeinden. So war gewissermaBen Jesus, der Sohn des Pandira, dazu
ausersehen, sich von dem Bodhisattva, der der Maitreya Buddha wer-
den wird und der hineinwirkte in die Essaergemeinden, inspirieren
zu lassen zu solchen Lehren, welche das Mysterium von Palastina, das
Mysterium des Christus verstandlich machen konnten. Das Genauere
iiber die Therapeuten und Essaer ist allerdings nur zu erkunden auf
dem Wege der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die auBere Ge-
schichte weiB sehr wenig davon. Und wir wollen sozusagen ohne
Scheu - da wir in einem anthroposophischen Kreise sind, der solche
Dinge hinzunehmen versteht - aus den Geheimnissen der Therapeu-
ten und Essaer herausholen, was notwendig ist, um zu einem tieferen
Verstandnis des Matthaus-Evangeliums und auch der anderen Evan-
gelien zu kommen. Und wir wollen diese Geheimnisse so schildern,
wie der Geisteswissenschafter iiber die Therapeuten und Essaer den-
ken muB.
Das Wesentliche, worauf es bei diesen Gemeinden ankam, die also
ein Jahrhundert vor dem Chris tus-Ereignis bliihten, um es durch Lehre
vorzubereiten, war die Art, wie bei denen, die Mitglieder der Thera-
peuten und Essaer waren, die Einweihung bewirkt wurde. Sie mach-
ten eine Einweihung durch, die ganz besonders ge
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