Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. Zur Therapie und Hygiene

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE UBER MEDIZIN 



RUDOLF STEINER 



Physiologisch-Therapeutisches 

auf Grundlage der Geisteswissenschaft 

Zur Therapie und Hygiene 



Elf Vortrage, gehalten in Dornach vom 7. bis 9. Oktober 1920, 
in Stuttgart vom 26. bis 28. Oktober 1922, 
und in Dornach vom 31. Dezember 1923 bis 2. Januar 1924 

Ein offentlicher Vortrag, Dornach 7. April 1920, 
ein Votum, Dornach 26. Marz 1920, 
eine Ansprache und zwei Besprechungen mit Arzten, 
Dornach 21. bis 23. April 1924 



1989 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1965 

2., teilweise erganzte Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1975 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 
Einzelausgaben siehe Seite 328 



Bibliographie-Nr. 314 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen von Rudolf Steiner 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 328) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1965 by der Rudolf Steiner-NachlaUverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3141-5 



7,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben Seite 335ff. 



I 

PHYSIOLOGISCH-THERAPEUTISCHES 
AUF GRUNDLAGE DER GEISTES WISSENSCH AFT 



Erster Vortrag, Dornach, 7. Oktober 1920 11 

Zweiter Vortrag, Dornach, 8. Oktober 1920 23 

Dritter Vortrag, Dornach, 9. Oktober 1920 38 

Vierter Vortrag, Dornach, 9. Oktober 1920, abends 53 

II 

ANTHROPOSOPHISCHE GRUNDLAGEN 
FUR DIE ARZNEIKUNST 

Erster Vortrag, Stuttgart, 26. Oktober 1922 75 

Zweiter Vortrag, Stuttgart, 27. Oktober 1922 99 

Dritter Vortrag, Stuttgart, 27. Oktober 1922, abends 119 

Vierter Vortrag, Stuttgart, 28. Oktober 1922 140 

III 

ZUR THERAPIE 

Erster Vortrag, Dornach, 31. Dezember 1923 165 

Zweiter Vortrag, Dornach, 1. Januar 1924 184 

Dritter Vortrag, Dornach, 2. Januar 1924 200 

IV 

DIE HYGIENE ALS SOZIALE FRAGE 
Offentlicher Vortrag, Dornach, 7. April 1920 221 



V 

ZUR PS YCHI ATRIE 
Votum, Dornach, 26. Marz 1920 262 

VI 

ANSPRACHE UND BESPRECHUNGEN 
BEI ARZTEZUSAMMENKUNFTEN 

Ansprache, Dornach, 21. April 1924 271 

Erste Besprechung, Dornach, 22. April 1924 285 

Zweite Besprechung, Dornach, 23. April 1924 302 

Programme der Kurse Dornach 1920 und Stuttgart 1922 322 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 327 

Hinweise zum Text 329 

Namenregister 333 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 335 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 347 

Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 349 



Phy siologisch -Therapeutisches 
auf Grundlage 
der Geisteswissenschaft 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 7. Oktober 1920 

Der Vortragende ist noch nicht da. Ich hoffe, dafi er bald kommt, 
aber ich mochte Sie zunachst nicht so hier erwartungsvoll sitzen 
lassen. Es ist ja selbstverstandlich geradezu, dafi diese Vortragsreihe 
eine besondere Wichtigkeit hat innerhalb unseres Kurses. Es soil 
an einem praktischen Gebiete gezeigt werden, wie diese unsere 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Lage ist, 
wirklich in die Lebenspraxis hineinzugreifen. Nun ist ja, das fiihlt 
jeder Mensch am eigenen Leibe, dasjenige Gebiet der Lebenspraxis, 
das die Medizin, das die Therapie betrifft, eines der allerwichtigsten, 
und schon aus diesem Grunde darf gleich im Anfange unseres anthro- 
posophischen Strebens das Hineintragen der Anthroposophie in das 
Medizinische nicht fehlen. 

Nun haben wir uns gerade bei diesem Kurs bestrebt, die einzelnen 
Facher durch gewissermafien auch aufierlich abgestempelte Fach- 
leute vertreten zu lassen, und es ist der Vertretung der Geisteswissen- 
schaft vor der Welt gegenuber notwendig, daft diese einzelnen 
Facher von Fachleuten vertreten werden, sonst werden sie ja doch 
nicht in derjenigen Art aufgenommen, wie sie aufgenommen werden 
miifken. Und so will ich mich denn, bis eben der Vortragende 
kommt, bemiihen, einiges zu Ihnen zu sprechen vom Gesichtspunkte 
der Geisteswissenschaft iiber Physiologie und ihre Beziehung zum 
Therapeutischen. So etwas sollte ja das Thema beriihren. Und ich 
will Ihnen zeigen, wie in das medizinische Studium und dann auch 
in die medizinische Praxis, in die ganze medizinische Kunst, Geistes- 
wissenschaft hineinzuwirken berufen ist. 

Nun wissen Sie ja, dafi gewohnlich innerhalb unseres Hochschul- 
betriebes dem eigentlich medizinischen Studium ein vorbereitendes 
naturwissenschaftliches Studium vorangeht. Darauf folgt das eigent- 
liche medizinische Studium. Also, nachdem man die mehr biologisch- 
physiologischen Erscheinungen kennengelernt hat, widmet man sich 
mehr den pathologischen Erscheinungen, um sich dann zur Therapie 



hindurchzuringen. Aber es diirfte auch einer groften Anzahl der 
verehrten Zuhorer bekannt sein, wie schlecht eigentlich die Therapie 
bei diesem medizinischen Studium wegkommt. Es ist schon so, dafi 
durch die naturwissenschaftliche Hinorientierung das medizinische 
Studium zur Auffassung der Naturprozesse am Menschen fiihrt, 
und daft gewissermaften der angehende Mediziner, wenn er dann in 
das pathologische Gebiet eintritt, mit einer gewissen Anschauung 
liber die Naturprozesse ankommt, daft er kaum ein richtiges Ver- 
haltnis zu den pathologischen Prozessen gewinnen kann. Eines, 
scheint mir nun aber, ist ja in der neueren Zeit mit einer gewissen 
Notwendigkeit als eine Meinung aufgetreten: Wir sind gewdhnt wor- 
den, eine ganz bestimmte Anschauung zu gewinnen uber die Natur- 
prozesse, ihren inneren Zusammenhang und die zugrunde liegende 
Kausalitat. Im gesunden Menschen miissen wir dieser Voraussetzung 
nach ganz offenbar gewisse Naturprozesse in einem notwendigen 
Kausalzusammenhang suchen. Im kranken Menschen, oder sagen wir, 
in dem erkrankten Organismus, was konnen wir da aber anderes 
suchen als im Grunde genommen auch kausal notwendig verlaufende 
Naturprozesse? — Dennoch sind wir gezwungen, zu sagen, das, was 
in diesem ganz offenbar kausal bedingten Naturprozesse in der 
Krankheit vorliegt, das sei gegeniiber dem gesunden Organismus 
abnorm, das falle aus dem Kausalzusammenhang des gesunden Orga- 
nismus in einer gewissen Weise heraus. Kurz, wir werden, wenn wir 
in das Gebiet der Medizin eindringen, ganz offenbar sogleich wan- 
kend und skeptisch gemacht in bezug auf dasjenige, was als unsere 
eigentliche Naturanschauungsgesinnung gegeniiber dem Natur- 
geschehen unserer modernen Anschauung zugrunde liegt. Das hat 
denn auch dazu gefiihrt, daft bei vielen Medizinern ein Skeptizismus 
geradezu, dasjenige, was ich bei anderen Gelegenheiten hier schon 
erwahnt habe, eine Art Nihilismus gegeniiber der Therapie auf- 
getreten ist. Ich kannte noch jene beruhmten Professoren, die an der 
medizinischen Fakultat in Wien tatig waren — in der Zeit, als diese 
medizinische Fakultat auf ihrer Glanzhohe angekommen war — 
und die eigentlich im Grunde genommen therapeutische Nihilisten 
waren. Sie sagten: Man kann eine Krankheit — und sie wahlten dabei 



besonders diejenige Krankheit, auf die eine solche Anschauung 
ganz besonders anwendbar ist — , wie zum Beispiel die Lungen- 
entziindung, eigentlich nur ihren eigenen Verlauf nehmen lassen, 
und durch irgendwelche lindernden, fordernden und so weiter 
auftere Maftnahmen diesen Verlauf in die richtigen Bahnen leiten, 
bis die Krisis eintritt und dann wiederum das Ganze abflutet. — Man 
kann eigentlich im Grunde genommen von dem, was man durch 
Jahrhunderte, ja Jahrtausende eine Heilung genannt hat, im wahren 
Sinne des Wortes nicht sprechen. 

Es wiirde sich, wenn eine solche Anschauung konsequent fort- 
gesetzt wiirde, allmahlich aus der Medizin eine blofte Pathologie ent- 
wickeln. Denn in bezug auf das Untersuchen der Krankheiten, aller- 
dings vom Gesichtspunkte der materialistisch denkenden Natur- 
wissenschaft, hat man es gerade in dieser Zeit des therapeutischen 
Nihilismus zu einer aufterordentlich gro&en Vollkommenheit gebracht. 
Und idh mochte auch an dieser Stelle vor einem Mifiverstandnisse 
warnen, das darinnen bestehen konnte, dafi irgend jemand glaubt, 
von dieser Statte aus und von seiten der anthroposophisch orien- 
tierten Geisteswissenschaft iiberhaupt konne die grofie Bedeutung 
der Naturwissenschaft der neueren Zeit verkannt und unterschatzt 
werden. Das ist durchaus nicht der Fall. Derjenige, der nur ein 
wenig hineingeschaut hat in dasjenige, was die pathologischen Unter- 
suchungsmethoden im Laufe der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts 
an Forderung erfahren haben, der mufi erstaunend, bewundernd vor 
diesem groflartigen, gewaltigen Fortschritte stehen, Ja nicht nur 
dieses, er mulS sich zu einem ganz anderen Bekenntnisse noch durch- 
ringen. Er mufi sich sagen: Gewifi, es ist der Materialismus herauf- 
gezogen. Der Materialismus kann erstens gewissen Anspriichen des 
menschlichen Gemiites keine Geniige leisten, er kann aber auch 
andererseits in die weiten Gebiete des menschlichen Erkennens nicht 
in geniigender Weise hineinleuchten. — Aber auf der anderen Seite 
hat dieser Materialismus doch, ich mochte sagen, eine Art Mission 
gehabt. Die Fahigkeit zum experimentell beobachtenden Forschen 
hat er in einer auflerordentlich gewissenhaften Weise ausgebildet. 
Und so etwas wie die moderne, allerdings materialistisch gefarbte 



Pathologic verdanken wir einzig und allein diesem Materialismus. 
Man nimmt es einem immer iibel, wenn man in der neueren Zeit 
nicht einseitig ist, und als ich, wahrend ich Redakteur und Heraus- 
geber des «Magazims fiir Litteratur» war, beim Tode Biichners auch 
einen Biichner nun nicht verdammenden, sondern gerade seine Ver- 
dienste anerkennenden Artikel geschrieben hatte, hat man mich zum 
Materialisten selber gestempelt. Das ist gerade das Wesentliche im 
Erleben und Betreiben der Geisteswissenschaft, daft man sich in 
alles hineinversetzen kann, daft man iiberall die Gedankenform 
findet, die Empfindungsform findet, aus denen vielleicht sogar die 
entgegengesetztesten Richtungen und Weltanschauungen ihre Krafte 
herausschopfen konnen, und daft man auch wiirdigen kann die Ver- 
dienste desjenigen, was hervorgegangen ist aus so etwas, wie der 
Materialismus es ist, der allerdings in der Gegenwart — das ist ein- 
fach eine Zeitforderung — iiberwunden werden mufi. 

Aber auf etwas anderes mochte ich Sie noch aufmerksam machen. 
Sie haben gehort hier im Laufe unserer Vortrage, daft wir streben 
nach einer Phanomenologie in der Wissenschaft. Sie haben auch 
gehort, und zwar mit der allergroftten Berechtigung gehort, daft 
gestrebt werden miisse sogar nach einer hypothesenfreien Chemie. 
Nun bin ich ganz darauf gespannt, daft in manchen der Dinge, die 
gerade vorgebracht werden miissen mit Bezug auf das Medizinische 
und die medizinische Praxis, jemand in den Auseinandersetzungen 
das eine oder das andere finden konne, was ihm wie eine Hypothese 
vorkommt. Aber man mufi den Begriff der Hypothese, gerade wenn 
man nun eintritt in die Betrachtung des Organischen aus dem Un- 
organischen heraus, zuerst ordentlich herausstellen. 

Was ist eine Hypothese? Nun, nehmen wir einmal eine ganz 
triviale Sache aus dem gewohnlichen Leben. Wenn ich einen Weg 
gegangen bin und ich habe auf diesem Wege einen Menschen gesehen, 
ich gehe weiter, ich sehe ihn nicht mehr, da werde ich zunachst wohl 
nicht annehmen, daft dieser Mensch verschwunden sei in den Erd- 
boden hinein, das wird in den wenigsten Fallen der Fall sein, sondern 
ich werde mich umsehen, sehe vielleicht ein Haus. Ich kann meine 
Gedanken so begrenzen, daft ich mir sagen kann: Nun, der Mensch 



ist in dieses Haus hineingegangen. Ich sehe ihn jetzt nicht, aber er ist 
jetzt drinnen, und ich werde keine unberechtigte Hypothese auf- 
stellen, wenn ich gewissermafien die Gedanken, die sich mir ergeben 
im Verlaufe der Sinneswahrnehmung, dann, wenn in diesem Verlaufe 
etwas eintritt, was erklarend fortgesetzt werden mufi so, dafi ich 
irgend etwas voraussetze, hypothesenhaft anzunehmen habe, was sich 
zwar ergibt aus meinem Vorstellungsverlaufe, was aber nicht un- 
mittelbar gesehen, beobachtet werden kann, was also fiir mich nicht 
unmittelbar Phanomen ist. Ich werde nicht eine unbestimmte Hypo- 
these aufstellen, wenn ich so etwas annehme, geradesowenig wie ich 
eine unbestimmte Hypothese aufstelle, wenn ich durch irgendeinen 
Vorgang Warme zunachst mit dem Thermometer wahrnehmbar 
habe und dann durch Erstarrung oder dergleichen diese Warme ver- 
schwinden sehe und dann spreche von verschwundener latenter 
Warme. 

Es handelt sich also darum, dafi es durchaus gerade zum frucht- 
bringenden Forschen notwendig ist, die Reihe der Sinnesvorstellungen 
da oder dort fortzusetzen. Eine unberechtigte Hypothese ist die- 
jenige, die zu Vorstellungen kommt, bei denen, wenn man sie voll- 
zieht, es sich einem einsichtsvollen Denken herausstellt, dafi das ihm 
zugrunde liegende uberhaupt niemals wahrgenommen werden kann. 
Man mufi dann die Vorstellungen, zu denen man kommt — und das 
sind die Vorstellungen iiber Atomistik, Molekularismus — , ausstatten 
mit solchen Ingredienzien, die niemals wahrgenommen werden kon- 
nen, sonst konnte man sie eben wahrnehmen. Denn man kann ja 
zum Beispiel niemals sich der Illusion hingeben, wenn man die klein- 
sten Teile der Korper durch irgendeinen Vorgang noch sehen 
wiirde, dafi man dann noch das Licht erklaren konnte durch die 
Bewegung. Denn dann wiirde man ja das Licht hineintragen bis in 
diese kleinsten Teile. 

Ich bitte Sie, an dieser Stelle doch Veranlassung zu nehmen, iiber 
berechtigtes Fortdenken innerhaltb der Erfahrung und iiber die Auf- 
stellung unberechtigter Hypothesen gerade sich eine klare An- 
schauung zu verschaffen. 

Wenn wir nun noch einmal zuruckkommen auf unseren fruheren 



Gedanken, dann miissen wir folgendes sagen: Wir sehen den so- 
genannten normalen Menschen vor uns. Wir sehen auf der anderen 
Seite den erkrankten Menschen vor uns. Wir miissen notwendiger- 
weise in beiden Organisationen einen naturgemafi verlaufenden Pro- 
zefi anerkennen. Und doch, wie verhalt sich der eine Prozefi zu 
dem andern? Gerade das Trennen der Physiologie von der Pathologie 
und der Therapie, wie das in der neueren Zeit so iiblich geworden 
ist, verhindert uns, beim tJbergange von einem zu dem anderen zu 
entsprechenden Vorstellungen zu kommen. Aufterdem kann ja im 
Grunde genommen der moderne Mediziner das Geistige gar nicht 
in Berechnung ziehen, wenn er Physiologie oder auch wenn er Patho- 
logie treibt, denn dieses Geistige ist ja innerhalb der modernen 
Wissenschaftsgesinnung eigentlich doch ein Unbekanntes. Und es 
fallt uns daher heraus aus alien unseren Betrachtungen. Nun kann 
man, indem man diese beiden Naturprozesse, das Physiologische und 
das Pathologische, klar und anschaulich zunachst in abstrakter Form 
einander gegenuberstellt, ich mochte sagen, gewisse Endformen des 
Pathologischen vor die Betrachtung hinstellen, und man wird aus 
der Betrachtung solcher Endformen heraus vielleicht zu fruchtbaren 
Vorstellungen gerade kommen konnen. Sie brauchen nicht schon beim 
Beginne einer Wissenschaft an das Vorhandensein, an das Gefordert- 
sein einer unbedingten Notwendigkeit zu denken. Dieses, was man 
Richtigkeit, was man innere Notwendigkeit nennt, kann sich ja erst 
im Verlaufe der Betrachtung ergeben. Und so kann man, ich mochte 
sagen, an jedem Zipfel anfangen, wenn man ein gewisses Natur- 
gebilde betrachten will. Nehmen wir einen sehr extremen Fall inner- 
halb des erkrankten menschlichen Organismus. Da haben wir als 
einen sehr extremen Fall, der der modernen Medizin auflerordentlich 
viel Schwierigkeiten macht, die Karzinombildung, die Krebsbildung. 

Wir sehen innerhalb dieses Krankheitsbildes gewissermafien auf- 
treten etwas, was auch der mikroskopischen Untersuchung zeigt, wie 
ein Organisches sogar, oder wenigstens ein organisch Aussehendes, 
im gewohnlichen Organismus so auftritt, daft es allmahlich das Leben 
des iibrigen Organismus zerstort. Wir konnen uns zunachst nur sagen, 
wir finden da gewissermafien innerhalb der Korperlichkeit des 



menschlichen Organismus etwas auftreten, wo wir sehen, wie, aus 
unbekannten Tiefen heraufkommend, in unseren gewohnlichen 
Naturverlauf etwas anderes sich hineinstellt, was diesen Natur- 
verlauf stort. 

Aber wir konnen auch an das andere Extrem des pathologischen 
Organismus gehen, wir konnen sehen, wie auf der anderen Seite das- 
jenige entstehen kann, was in einer gewissen Weise eine Oberwuche- 
rung der Normaltatigkeit des menschlichen Organismus ins Un- 
normale hinein ist, wir betrachten einen menschlichen Organismus 
dann als abnorm. Ich will mit diesen Ausdriicken normal und abnorm 
nicht besonders spielen, aber zur vorlaufigen Verstandigung konnen 
sie ja doch hinreichen. Im weiteren Verlaufe wiirde sich zeigen, 
wenn gerade diese Betrachtungen fortgesetzt werden miiftten, die ich 
jetzt hier anstelle, was ich nicht hoffe, daft das Normale auch in 
Obergangen einfach in das sogenannte Abnorme hinein verlauft. Aber 
zur vorlaufigen Verstandigung konnen ja die Ausdriicke normal und 
abnorm durchaus gebraucht werden. Wir sehen, wenn wir die 
normale menschliche Organisation gegeniiber haben, entwickelt auch 
seelisch sich eine bestimmte Art des Wollens, eine bestimmte Art des 
Fiihlens, eine bestimmte Art des Denkens. Wir haben uns im sozialen 
Leben allmahlich angeeignet, gewissermaften eine Art Normalbild 
herauszukristallisieren aus den Vorstellungen, die wir uns aus unse- 
rem Verkehr mit Menschen eben machen, ein Bild, das uns anleitet, 
einen Menschen als normal zu betrachten, der in einer gewissen Weise 
Wollen, Fiihlen, Denken aus sich herausgestaltet bis zu einem ge- 
wissen Mafie. 

Wir kommen da ganz notwendigerweise, wenn wir den Gedanken 
nur ein klein wenig verdichten, dazu, uns zu sagen: Wenn nun der 
Organismus zu stark funktioniert, wenn er gewissermaften so funk- 
tioniert, wie funktionieren wiirde irgendein Korper, in dem latente 
Warme ist, dem wir diese latente Warme nehmen und der dann viel 
zuviel freie Warme an die Umgebung abgeben wiirde, so daft wir 
uns nicht mehr auskennen, was wir mit dieser Warme machen sollen, 
wenn also der menschliche Organismus so funktionieren wiirde, daft 
er gewissermaften zuviel nach dieser Richtung aus sich heraustreibt, 



dann wiirde er uns ganz notwendigerweise, wenn er uns in Realitat 
gegeniibertrate, zeigen miissen diejenigen Ergebnisse, die wir zum 
Beispiel innerhalb des gedanklichen Gebietes, wo aber immer das 
Emotionelle durch das Gefiihlsmaftige hineinspielt, finden. Innerhalb 
des gedanklichen Gebildes wiirde uns ein solcher menschlicher Orga- 
nismus mit dem behaftet erscheinen, was wir Manie nennen. Wir 
sehen nun also an diesem menschlichen Organismus etwas von dem 
auftreten, was sich gewissermaften durch eine Oberflutung dieses 
Organismus mit Organisationskraften, die hindrangen nach dem 
Sinnesmaftigen, ergibt. Wir haben in den karzinomartigen Bildun- 
gen etwas, wo im Organismus, gewissermaften sich absondernd, 
Naturkraft organisierend auftritt, wo sich diese Organisationskraft 
einlagert in den Organismus. Wir haben auf der anderen Seite in den 
pathologischen Erscheinungen der Manie oder ahnlichen Erschemun- 
gen etwas, was gewissermaften vom Organismus nicht gehalten 
werden kann, was aus dem Organismus heraus kommt. Wenn ich 
das schematisch zeichnen sollte, so konnte ich das so zeichnen, daft 
ich sage: Wenn ich mit diesem hier umfasse die Normalbildung des 
menschlichen Organismus, so miiftte ich das Auftreten eines Karzi- 
nominosen so hineinzeichnen (rot), daft ich gewissermaften an irgend- 
einer Stelle etwas hinzeichne, was als Wachstumskrafte auftritt, die 
nun dem Organismus innerlich anhaften, so daft er da etwas abgeben 
muft, was er sonst an den ganzen Organismus abgeben wiirde. 




1 Q 



Wollte ich zeichnen dasjenige, was beim anderen Pol, bei der 
Manie auftritt, so miifite ich — schematisch ist das naturlich alles 
gemeint — es etwa als herausquellend aus dem Organismus (blau), 
als ein nach dem Geistig-Seelischen Hindrangendes annehmen. 

Sie konnen dann diese auflersten Falle, die ich hier angefiihrt habe, 
die gewissermaften extreme Falle sind, die konnen Sie in ab- 
geschwachterem Zustande sich vorstellen. Denken wir uns, es kommt 
nicht bis zur Karzinombildung, sondern es kommt gewissermalSen 
bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung. Wenn es 
bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung kommt, 
dann wird einfach irgendein Organ — denn es kann ja naturlich das, 
was da geschieht, nicht im Nichts geschehen, nicht in den Zwischen- 
raumen des Organismus — , es wird irgendein Organ ergriffen, aber 
es verbindet sich gewissermafien die Kraft, die sonst nach Innen 
strebt in der Karzinombildung und da ganz selbstandig sich inner- 
lich emanzipiert, mit dem, was als Normalkraft in einem Organe ist, 
und wir haben es mit der Erkrankung eines Organes dann zu tun, 
die wir in der verschiedensten Weise, wie es ja gang und gabe ge- 
worden ist, gebrauchlich geworden ist in der Medizin, bezeichnen 
konnen. 

Nehmen wir an, solch ein Hinneigen zur Manie wird auf halbem 
Wege aufgehalten. Der Betreffende wird durch das Abnorme seiner 
Organisation nicht dazu gebracht, dafi das Geistig-Seelische vollig 
herausgesetzt wird wie in der Hochmanie, wo er gewissermafien ganz 
aufSer sich kommt und das Gedankliche emotionell seinen eigenen 
Verlauf nimmt. Es bleibt gewissermajRen auf halbem Wege dasjenige 
stehen, was nach dem anderen Extrem hindrangt, dann haben wir es 
zu tun mit den verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Er- 
krankungen — der sogenannten, sage ich — , die eben in der ver- 
schiedensten Weise auftreten konnen, von den organisch bedingten 
Illusionen und so weiter bis zu den organisch kaum mehr nach- 
weisbaren, aber im Organismus immer doch begriindeten Zustanden 
der Hysterie und so weiter. 

Sie sehen, hier ist versucht worden, gewissermafien nach zwei ver- 
schiedenen Richtungen hin die Erscheinungen zu verfolgen, die uns 



aus dem Normalen ins Pathologische hineinfiihren. Und nur wenn 
man zunachst diese Erscheinungen verfolgt, kann man zu einer An- 
schauung iiber diese Erscheinungen kommen. Ich mochte Ihnen nun 
von einer anderen Seite her zeigen, wie man noch nicht ganz aus dem 
Gebiete jener Geisteswissenschaft heraus, deren Methode ich Ihnen 
charakterisiert habe als Imagination, als Inspiration, als Intuition, 
sondern, ich mochte sagen, schon aus einem gewissen Instinkte heraus, 
in einer gewissen Weise erfassen kann, was da eigentlich zugrunde 
liegt, aber wie dieses Erfassen, wenn es eben nicht bis zum geistes- 
wissenschaftlichen Weg vordringen will, doch in der Mitte stecken- 
bleibt. 

Wir haben innerhalb der deutschen Geistesentwickelung eine aulter- 
ordentlich interessante Erscheinung. Ganz abgesehen jetzt davon, wie 
man sich zu Schelling stellen will als Philosophen, wir haben in ihm 
eine interessante kulturhistorische Erscheinung. Mag alles falsch und 
schief sein, was er in seiner Philosophic ausgebildet hat, in ihm lebte 
aber ein gewisser Instinkt fur das natiirliche Geschehen bis in die 
Gebiete hinein, wo die gewohnliche Naturwissenschaft so ungern das 
natiirliche Geschehen verfolgt, wo sie sich mehr auf eine ganz grobe 
Empirie verlalk. Schelling hat durchaus da, wo ihm die Moglichkeit 
vorlag, auch versucht medizinisch zu denken, ja er hat sich sogar in 
Fragen der Heilungsprozesse in einem ausgiebigen MafSe betatigt. 
Man hat sich wenig in den philosophischen Geschkhtsbetrachtungen 
iiber die neuere Zeit damit beschaftigt, wie eigentlich Schelling dar- 
auf gekommen ist, ganz instinktiv so unterzutauchen aus der blofien 
abstrakten, logisch philosophischen Betrachtung in eine reale Natur- 
betrachtung, selbst des Organischen. Und er hat ja sogar eine Zeit- 
schrift herausgegeben, die sich in ausgiebigem Mafie mit medizini- 
schen Fragen beschaftigt hat. 

Woher kommt das? Man kann sich daruber aufklaren, wenn man 
weift und in richtiger Weise zu wiirdigen versteht, aus welchen tiefen 
Erkenntnisinstinkten heraus Schelling seine Wahrheiten und seine 
Irrtiimer geschopft hat. Und so findet sich bei Schelling, durchaus 
nicht auf eine klare Erkenntnis gebaut, aber, ich mochte sagen, her- 
ausgehauen aus dem Instinktiven des seelischen Lebens, ein merk- 



wiirdiger Satz. Die Natur erkennen, sagte er, heilk die Natur 
schaffen. — Ja, wenn dieser Satz realisiert ware unmittel'bar fiir das 
menschliche Erkennen, dann hatten wir es leicht, in die Medizin 
hineinzukommen. Wenn wir mit in unser Erkennen aufnehmen konn- 
ten die Schaffenskrafte, wenn wir in unserem Bewufksein anwesend 
hatten die Schaffenskrafte, dann konnten wir sehr leicht in das 
Gebiet der physiologischen und pathologischen Erscheinungen hin- 
eindringen, denn dann wurden wir die schaffende Natur gewisser- 
maften bei ihren Schritten beobachten konnen. Die empirische 
Anschauung sagt einfach: Das konnen wir nicht. — Und derjenige, 
der dann weitergeht, kann sagen, dafi gerade in der Nichterfiillbar- 
keit einer solchen, iiber das menschliche Vermogen hinausgehenden 
Forderung, wie sie da Schelling aufgestellt hat, etwas von dem liegt, 
was uns nicht hineinschauen lalk zunachst in einen solchen Prozefi, 
wo neue Bildungen auftreten. Weil wir das Schaffen der Natur 
unmittelbar mit unserem Erkennen nicht verfolgen konnen, deshalb 
konnen wir nicht hineinschauen da, wo neue Bildungen auftreten, 
das heifk, wir konnen das Dasein der materiellen Prozesse, wie sie 
sich zum Beispiel in der Karzinombildung vollziehen, nicht ohne 
weiteres verfolgen. Aber in dem richtigen Zusammenhalten des- 
jenigen, was uns da eigentlich versagt ist, indem wir nicht erfiillen 
konnen die instinktive Forderung eines genialischen Menschen: Die 
Natur erkennen heilk die Natur schaffen — , in der Nichterfiillbar- 
keit dieser Forderung, in Zusammenstellung mit demjenigen, was 
uns nun doch auftritt im karzinomatosen Prozefi, wird sich ergeben, 
wie man solchen Prozessen zu Leibe zu gehen hat. 

Nach der anderen Seite hin, ja, da hat Schelling allerdings aus 
keinem Instinkt heraus gesprochen. Ich bitte Sie nur einmal, den 
polarischen Gegensatz zu dem, was Schelling gesprochen hat, ins 
Auge zu fassen. Wenn auf der einen Seite der Satz steht: Die Natur 
erkennen heifk die Natur schaffen — , den wir nicht erfiillen konnen, 
so wiirde ja auf der anderen Seite der Satz stehen: Den Geist 
erkennen heilk den Geist zerstoren. Dieser Satz ist bisher nur von 
Geisteswissenschaftern und da auch nur in einem gewissen mysterio- 
sen Dunkel ausgesprochen worden: Den Geist erkennen heilk den 



Geist zerstoren. Wenn wir nun nicht erfiillen konnen das Schaffen 
der Natur, so konnen wir — das wollen wir zunachst durch Analogie 
zugeben, man kann davon dann noch weiter reden — , so konnen wir 
auch nicht aus unserem menschlichen Vermogen heraus den Geist 
zerstoren. Wir konnen nicht vordringen mit unserem Erkennen bis 
dahin, wo die Zerstorung des Geistigen beginnt. Aber Sie ahnen schon, 
da besteht eine gewisse Verwandtschaft zu den manischen oder ahn- 
lichen Zustanden, denn da tritt etwas Zerstorerisches im Geiste auf. 
Und gesucht wird werden miissen auf der einen Seite der Zusammen- 
hang jener normalen menschlichen Vermogen, die nicht konnen die 
Natur schaffen, indem sie erkennen, und die nicht konnen den Geist 
zerstoren, indem sie ihn erkennen. Hier ! haibe ich Ihnen zunachst den 
Weg aufgezeigt, etwas, was uns geradezu aus einem normalen, aber in- 
stinktiv tiefer angeregten Bewufitsein hineinfuhrt in ein Verhaltnis 
des Menschen zur Natur. Wir werden sehen, dafi auf diesem Wege, 
der hier angedeutet worden ist, im weiteren Verlaufe dasjenige 
liegt, was eigentlich gesucht werden mufi beim Obergange von der 
Physiologie zu der Pathologic 

Nun, ich hoffe, dafi ich morgen nicht auch noch genotigt bin, in 
dieser Weise zu Ihnen zu sprechen, aber ich werde doch versuchen, 
im Laufe der nachsten Tage wenigstens dann skizzenweise zu irgend- 
einer Zeit abends diese Betrachtung fortzusetzen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 8. Oktober 1920 



Ich will anknupfen an dasjenige, was ich gestern am Schlusse dieser 
Betrachtungen gesagt habe. Es handelte sich darum, dafi hingewiesen 
wurde auf eine Personlichkeit, die gewissermaflen durch ihre philo- 
sophischen Instinkte getrieben worden ist von der Erkenntnis des 
Geistig-Seelischen in ein Ahnen des Zusammenhanges dieses Geistig- 
Seelischen mit dem physisch-leiblichen Dasein des Menschen. Es 
handelt sich um die Personlichkeit Schellings y und ich habe gesagt, 
dafi aus diesen Instinkten heraus Schelling sich ja auch nicht nur in 
theoretischer Medizin, sondern mit allerlei Heilbehandlungen prak- 
tisch betatigt hat. Ich weifi nicht, ob dies mit grolSerer oder gerin- 
gerer Befriedigung geschehen ist, als es bei manchen gut praparier- 
ten Arzten geschieht. Denn diese Frage, wieviel durch einen Heil- 
prozefi zur Besserung eines Menschen beigetragen wird, ist ja in den 
meisten Fallen, wenn man es nicht gerade innerlich anschaut, ohne- 
dies eine sehr problematische. Schelling hat aber aus dieser ganzen 
Seelenverfassung heraus, aus der ihm dieser Instinkt geworden ist, 
ein Prinzip gewonnen, von dem man allerdings sagen kann, dafi es 
gut ware, wenn es eine Art inneres Prinzip fiir jeden Arzt wiirde, so 
wiirde, dafi der Arzt gewissermafien seine ganze praktische An- 
schauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus 
diesem Prinzipe heraus einstellen wiirde. Und ich habe eben die 
Schellingschen Worte selber angefuhrt. Sie sind eine Art von Kuhn- 
heit. Er sagte einfach: Die Natur erkennen heifit die Natur schaf- 
fen. — Nun, nicht wahr, dasjenige, was einem zuerst auffallen mufi, 
wenn jemand, der ein genialischer Mensch ist, einen solchen Aus- 
spruch tut, das ist ja die ganz offenbare Absurditat dieses Aus- 
spruches. Denn niemand wird sich im Ernste zutrauen, dafi er als 
irdischer Mensch im physischen Leibe imstande ist, irgend etwas von 
der Natur durch das Naturerkennen auch zu schaffen. Selbstver- 
standlich wird in der Technik fortwahrend geschaff en, aber da handelt 
es sich ja nicht darum, etwas wirklich in dem Sinne zu schaffen, wie 



es Schelling meint, sondern nur durch eine Zusammenstellung, 
Komponierung der Naturkrafte. der Natur Gelegenheit zu geben, 
ihrerseits zu schaffen in einer bestimmten Weise und durch eine 
bestimmte Anordnung und so weiter. Also wir haben es im Grunde 
genommen zu tun mit einer Absurditat, die ein genialischer Mensch 
seinem ganzen Denken doch eigentlich zugrunde legt. Und ich 
habe Ihnen gestern einen anderen Satz angefiihrt, welcher dem: 
Die Natur erkennen heiflt die Natur schaffen — entgegengestellt 
werden kann und der da heiften wiirde dann: Den Geist erkennen 
heiftt den Geist zerstoren. — Diesen letzteren Satz hat wohl Schelling 
nicht in einer so grundsatzlichen Weise ausgesprochen. Aber der- 
jenige, der nun in der neueren Zeit wiederum an Geisteswissenschaft 
herantritt und eigenes Geistesforschen entwickelt, der sieht, daft im 
Grunde genommen beide Satze zuriickweisen auf uralte Erkenntnis- 
inspirationen. Gewifi, Schelling, der nach keiner Richtung hin ein 
Eingeweihter war, sondern einfach ein genialischer Mensch, Schelling 
hat aus seinen Instinkten heraus den einen Satz gepragt. Dieser 
eine Satz erinnert einen soglekh, wenn man nun solche Studien 
macht, die eben in der Zeit Schellings nicht gemacht worden sind, 
daft er anklingt an uralte Weistiimer. Dann wird man heriiber- 
getragen zu dem anderen Satze, der in einer ahnlichen Weise aus 
uralten Weistiimern heranklingt. Beide Satze sind mit der gewohn- 
lichen heutigen Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissen- 
schaften anwenden, nicht irgendwie zu begreifen. Beide sind eigent- 
lich so nebeneinander betrachtet und fur sich betrachtet eine Ab- 
surditat. Sie weisen aber auf Allerwichtigstes in der Menschheits- 
organisation, sowohl fur den gesunden wie fiir den kranken Zu- 
stand, hin. 

Wir konnen, wenn wir die auftere Natur betrachten, den fertigen 
Naturprozessen gegeniiber nichts anderes sagen als: Die Natur er- 
kennen heifk hochstens in Gedanken die Natur nachschaffen. Also 
dasjenige, was wir unsere Gedanken nennen und was es nicht weiter- 
bringt als zu einem Nachschaffen der Natur, dem die innere Bilde- 
kraft fehlt, das entwickeln wir eigentlich in unserem Denken, in dem 
von Gedanken, von Vorstellungen durchtrankten Seelenleben. Aber 



es ist ja schon hingewiesen worden darauf, wie dieses von Vor- 
stellungen durchtrankte Seelenleben im Grunde genommen nichts 
anderes ist als dasjenige, was sich urn die Zahnwechselperiode herum 
aus dem physisch-atherischen Organismus heraus emanzipiert, was 
man also bis zum Zahnwechsel hin im physisch-atherischen Organis- 
mus des Menschen drinnen hat. So daft man dasjenige, was da im 
physisch-atherischen Menschen kraftet in den Kinderjahren, was da 
wirklich eine schaffende Tatigkeit ausiibt, eine schopferische Tatig- 
keit, dann abgeschwacht hat, abgetont im Seelenleben als eine 
Bilderwelt oder Gedankenwelt oder Vorstellungswelt, kurz, ich 
mochte sagen, als eine von ihrer schopferischen Substantiality her- 
unter verdiinnte Weltenkraft, in den Gedanken, in den Vorstellun- 
gen drinnen. Es sitzt also einfach in unserem Organismus dasjenige, 
was wir vom siebenten Jahre ab erkennen, das sitzt einfach organisie- 
rend in unserem Organismus drinnen. Da schafft es. Da schafft es 
zwar nicht so, daft wir es sehen konnen schaffend in der aufteren 
Natur, aber da sehen wir es schaffend drinnen in unserem eigenen 
Organismus. So daft, wenn das Kind schon ein Weiser sein konnte 
und sich aussprechen konnte nun nicht iiber die auftere Natur, son- 
dern iiber dasjenige, was in seinem Innern vorgeht, wenn das Kind 
in sein Inneres blicken und dort die Natur durchschauen konnte, 
dann wiirde es sagen, wie Schelling gesagt hat: Diese Natur erkennen 
heiftt diese Natur schaffen -, denn da wiirde das Kind sich einfach 
durchimpragnieren mit den schaffenden Kraften, wiirde eins werden 
mit diesen schaffenden Kraften. Und Schelling hat in seinem medi- 
zinischen Instinkt, in seinem physiologischen Instinkt, nichts anderes 
getan als dasjenige, was fiir das ganze spatere Leben eine Absurditat 
ist, heraufgeholt aus dem Kindheitszeitalter und hat es heraus- 
gestoften, indem er gewissermaften gesagt hat: All dieses Erkennen 
im Alter ist doch nichts anderes als ein ohnmachtiges Bildergespinst; 
konnte man als Kind erkennen, dann wiirde man sagen miissen: 
Erkennen heiftt eigentlich schaffen, heiftt schopferische Tatigkeit ent- 
wickeln. Aber wir konnen diese schopferische Tatigkeit nur 
schauen in dem eigenen Inneren. 

Was ist es denn eigentlich also, was uns da als schopferische Tatig- 



keit in dem eigenen Inneren entgegentritt, was ein genialischer 
Mensch wie Schelling so ausspricht, wie ich es angedeutet habe? 
Nicht wahr, das Genialische beruht ja iiberhaupt darauf, dafi der 
Mensch sich ein gewisses Kindliches im spateren Alter bewahrt. Die- 
jenigen Menschen sind niemals genial, die unbedingt altern, die das 
Altern schon aufnehmen in einer gewissen normalen Art, wenn eben 
das entsprechende Alter herankommt, sondern diejenigen Menschen 
sind die eigentlich Genialischen, die hineintragen in das spatere 
Alter etwas positiv Schopferisch-Kindliches. Es ist dieses Kindliche, 
dieses positiv Schopferische, dieses erkennend Schopferische, das ge- 
wissermafien — wenn ich mich toricht ausdriicken will — nicht Zeit 
hat, nach aufien hin zu erkennen, weil es die Erkenntniskrafte nach 
innen wendet und schafft. Das ist die Erbschaft, die wir mit- 
bringen, indem wir durch die Geburt ins physische Dasein treten. 
Wir bringen Organisationskrafte mit, und wir konnen sie durch 
Geisteswissenschaft gewissermafien schauen. Und ein solcher Mensch 
wie Schelling hat sie instinktiv geahnt. 

Nun, ein jeder Mensch aber, der sich solches Schauen aneignet, 
weilS, dafi die Dinge nicht so sind, daft etwa diese geistig-seelischen 
Krafte, die da im ersten Kindheitsalter organisierend den Organis- 
mus durchtranken, etwa mit dem Zahnwechsel vollstandig auf- 
horen, Sie machen nur eine Etappe durch. Sie werden gewissermafien 
auf eine geringere Wirkungsmenge herabgedrangt, so dafi wir spater 
durchaus noch organisierende Krafte in uns haben. Aber wir haben 
uns erobert das Gedachtnisbildende, das mit dem Zahnwechsel in 
das Bewufitsein eintritt und sich dadurch loslost von der Organi- 
sation. Wir haben das Gedachtnis aus seinem latenten Zustande in 
sein Freiwerden hereinbekommen, haben als seelische Anschauungs- 
kraft unsere Wachstums-, unsere Bewegungskraft, unsere Gleich- 
gewichtskraft, die dann in entsprechend erhohtem Mafie im ersten 
Kindheitsalter wirken. Aber Sie sehen daraus, da!5 in der normalen 
Menschheitsentwickelung in einer gewissen Weise bis zu einem Mafi 
herab diese organisierende Kraft, diese Wachstumskraft gewisser- 
mafien umgewandelt werden mull in geistig-seelische, sagen wir, in 
Erinnerungskraft, in gedankenbildende Kraft. Nehmen wir aber an, 



durch irgendeinen Vorgang werde zuviel von dieser organisierenden 
Kraft, die im ersten Kindheitsalter wirkt, zuriickgehalten, es sei 
einfach die Entwickelung so gestaltet, dafi nicht genug Krafte der 
Organisation in gedachtnisbildende Kraft umgewandelt werden, 
dann bleiben sie unten im Organismus stecken, dann werden sie 
gewissermalten nicht mit jedem Einschlafen in den Schlaf ordentlich 
hineingetragen, sondern wirken vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen im Organismus weiter, durchrumorend den Organismus. 

Man wird dazu gefiihrt, wenn man die medizinische physiolo- 
gisch-phanomenologische Forschung in der Richtung, die ich Ihnen 
hier in diesen kurzen Vortragszeiten nur andeuten kann, macht, 
einzusehen, dafS es im menschlichen Organismus moglich ist, dafi 
Krafte, die eigentlich ins Geistig-Seelische hineingehen sollten im 
richtigen Lebensabschnitte, unten bleiben in der physischen Organi- 
sation. Dann ist dasjenige gegeben, wovon ich Ihnen gestern ge- 
sprochen habe, wenn das Normalmafi der Organisationskrafte sich 
umwandelt mit dem Zahnwechsel, dann haben wir ein solches Maft 
von Kraften im Organismus im spateren Lebensalter, das diesen 
Organismus nach seiner Normalgestalt und Normalstruktur durch- 
organisieren kann. Wenn wir aber das nicht haben, wenn wir zu- 
wenig umwandeln, dann bleiben organisierende Krafte da unten, 
treten irgendwo auf, und wir erhalten jene Neubildungen, jene 
karzinomatosen Neubildungen, von denen ich gestern gesprochen 
habe, und wir konnen auf diese Weise verfolgen den Prozefi des Er- 
krankens oder des Krankens, wie der Mediziner Troxler sich in der 
ersten Halfte des 19. Jahrhunderts ausgedriickt hat, des Krankens 
in dem spateren Lebensabschnitte. Und wir konnen dann ver- 
gleichen, wie es mit den Kinderkrankheiten nun steht, denn selbst- 
verstandlich konnen Kinderkrankheiten nicht denselben Ursprung 
haben, weil sie im kindlichen Lebensalter auftreten, wo durchaus 
noch nichts umgewandelt ist. Aber wenn man gelernt hat dasjenige, 
was an Krankheitsursachen im spateren Lebensalter auftritt, hat 
man sich ja auch eine Fahigkeit angeeignet, zu beobachten, wie es 
mit den Krankheitsursachen im Kindheitsalter liegt. Da findet man 
allerdings in einer gewissen Weise dasselbe, nur von einer anderen 



Seite her. Man findet, dafi auch dann zuviel von geistig-seelischer 
Organisationskraft im menschlichen Organismus ist, wenn Kinder- 
krankheiten auftreten. Fiir denjenigen, der sich in dieser Richtung 
Anschauungsvermogen angeeignet hat, treten diese Dinge besonders 
kraftvoll hervor, wenn er das Phanomen des Scharlachs, der Masern 
wahrend der kindlichen Zeit ins Auge fafk, wo er sehen kann, wie 
im kindlichen Organismus dasjenige, was sonst normalerweise funk- 
tionieren wiirde, das Geistig-Seelische, zu rumoren anfangt, wie es 
in einem hoheren Mafie wirkt, als es eigentlich wirken sollte. Der 
ganze Verlauf dieser Krankheiten wird verstandlich in dem Augen- 
blicke, wo man dieses Rumoren des Geistig-Seelischen im Organismus 
nun wirklich schauen kann als die Grundlage der Erkrankung. Und 
dann ist man nicht mehr weit — ich bitte, meinen Satz ganz genau 
ins Auge zu fassen, denn ich gehe nie einen Schritt weiter, als 
gerechtfertigt ist durch die vorhergehenden Erwagungen, wenn 
auch manches nur skizzenhaft gesagt werden kann, aber ich deute 
uberali an, wie weit man gehen kann — , ich sage nicht, daft hier 
nun ein SchlufS gezogen wird, sondern sage nur, man ist nicht 
mehr weit, etwas anzuerkennen, was aufterordentlich wichtig ist 
anzuerkennen fiir ein wirkliches Wissen. Wenn wir dabei angelangt 
sind, zu erkennen, wie im menschlichen Organismus bei einer Er- 
krankung im spateren Lebensalter, die nach der Richtung der Neu- 
bildung geht, zuviel organisierende Kraft da ist, die also einen 
Oberschufi gewissermafien in einer Organisationsinsel ergibt, dann ist 
man eben auch nicht mehr weit da von, sich zu sagen: Weist so 
das spatere Lebensalter auf die friiheste Kindheit zuriick, so weist 
schliefilich dasjenige, was sich in der Kindheit zeigt, auf die Zeit 
vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfangnis zuriick; es weist 
zuriick auf das geistig-seelische Dasein des Menschen, das er durch- 
laufen hat, bevor er mit einem physischen Leibe umkleidet wurde. 
Ein solcher Mensch hat einfach zuviel mitgebracht an Geistig- 
Seelischem aus seinem vormenschlichen Leben, vorirdischen Leben, 
und dieser Oberschuft lebt sich in den Kinderkrankheiten aus. Es 
wird in der Zukunft gar nicht anders gehen, als sich hineintreiben 
zu lassen aus den unfruchtbaren materialistischen Betrachtungen, in 



denen wir heute namentlich im Physiologisch-Therapeutischen stek- 
ken, in eine geistig-seelische Betrachtung. Und man wird schon 
sehen, daft dasjenige, was in der Geisteswissenschaft auftritt, nicht 
etwa aus dem Grunde auftritt, weil der Geistesforscher zuwenig 
drinnensteht in der physischen Forschung, und weil er gewisser- 
maften ein Dilettant ist in der physischen Forschung, wobei ich in 
Parenthese durchaus sage, daft viele, die sich Geistesforscher nennen, 
allerdings solche Dilettanten sind, aber es ist dasjenige nicht das, 
was sein soil. Der Geistesforscher braucht nicht zuwenig drinnen 
zu stecken in der physischen Forschung, um Geistesforscher zu 
werden, sondern er wird Geistesforscher, wenn er gerade mehr drin- 
nensteckt als der gewohnliche Naturforscher. Wenn er die Erschei- 
nungen intensiver durchschaut, dann treiben ihn die Erscheinungen 
schon selbst ins Geistig-Seelische hinein, insbesondere, wenn wir vom 
Kranksein zu sprechen haben. 

Und auf der anderen Seite, der Satz: Den Geist erkennen heiftt 
den Geist zerstoren — ja, das ist ja eigentlich eine ebensolche Ab- 
surditat. Aber auch dieser Satz weist auf etwas hin, was erkannt, 
was durchschaut werden muft. Namlich gerade so, wie uns der Satz: 
Die Natur erkennen heiftt die Natur schaffen — auf das erste 
Kindheitszeitalter hinweist, eigentlich noch auf das Vorgeburtliche, 
wenn wir ihn in der richtigen Weise schauend ausdehnen, ebenso 
weist uns der Satz: Den Geist erkennen heiftt den Geist zerstoren — 
auf des Menschen Lebensende hin, auf dasjenige, was das Ertotende 
im Menschen ist. Sie brauchen ja nur, ich mochte sagen, in paradoxer 
Weise sich an diesen Satz zu halten: Den Geist erkennen heiftt den 
Geist zerstoren — , dann werden Sie schon finden, wie man ihm nicht 
folgen darf, wie er aber trotzdem im Leben als etwas, dem man sich 
asymptotisch fortwahrend annahert, da ist. Den Geist erkennen, das 
heiftt fur den, der nicht einfach, ich mochte sagen, daraufloserkennt, 
sondern der in rich tiger Weise Selbstschau entwickelt: Sehen, 
Schauen, fortwahrende Abbauprozesse, fortwahrende Zerstorungs- 
prozesse im menschlichen Organismus. So wie wir, wenn wir in das 
kindlich schaffende Zeitalter hineinsehen, fortwahrende Aufbau- 
prozesse sehen, Aufbauprozesse, die aber ein Eigentumliches haben, 



die uns eigentlich das Bewulksein triiben. Deshalb traumen wir, 
schlafen wir halb im Kindheitszeitalter, deshalb ist das Bewulksein 
nicht voll erwacht. Diese unsere eigene irdische Geistigkeit, namlich 
die bewufite Geistigkeit zuruckdrangende Wachstumstatigkeit, ist 
dasjenige, was uns eigentlich durchorganisiert, und in dem Momente, 
wo diese Kraft ins Bewufksein hereindringt, hort sie auf, uns in dem- 
selben Mafte durchzuorganisieren, wie sie uns vorher durchorganisiert 
hat. Ebenso, wie man da zuschaut, indem man ins Kindheitsalter 
hineinblickt, den aufbauenden Kraften, aber bewufkseinslahmen- 
den Kraften, so schaut man zu, indem man den entwickelten Denk- 
prozessen schauend sich hingibt, Abbauprozessen, die aber dazu 
geeignet sind, als Abbauprozesse gerade unser Bewufksein hell und 
klar zu machen. 

Das ist dasjenige, was die moderne physiologische Wissenschaft 
allzuwenig beriicksichtigt, obwohl sie es eigentlich in ihren Erschei- 
nungen so offenkundig daliegen hat, wie man nur irgend etwas 
daliegen haben kann. Nehmen Sie sich die wirklichen Erscheinungen 
der modernen Physiologie einmal heran, und Sie werden sehen, nichts 
kann klarer belegt werden aus all dem, was man kennt iiber Gehirn- 
physiologie und dergleichen, also daft man es bei den eigentlich 
seelisch-geistigen Prozessen, die bewufit verlaufen, nicht zu tun hat 
mit irgendwelchen Wachstumskraften, mit irgendwelchen Kraften der 
Nahrungsaufnahme, sondern daft man es zu tun hat mit Ausschei- 
dungsprozessen, durch das Nervensystem mit Abbauprozessen, daft 
man es zu tun hat mit einem fortwahrenden langsamen Ersterben. 
Es ist der Tod, der in uns wirkt, indem wir uns hingeben an das- 
jenige, was geistig eigentlich in unserem Bewulksein wirkt. Und 
ebenso, wie wir durch die unbewufk schaffenden Krafte auf den 
Lebensanfang blicken, so blicken wir durch die bewufk vorstellenden 
Krafte, dadurch, dafi sie als zerstorende Krafte sich uns enthullen, als 
dasjenige sich enthullen, was immer mehr und mehr anfangt, indem 
wir ins irdische Leben hereinwachsen, uns zu ergreifen, uns ab- 
zubauen und uns zuletzt dem irdischen Tode entgegenzufiihren; wir 
sehen eben durch diese Krafte zu dem anderen Ende des Lebens, 
nach dem Tode hin. Und nicht anders wird man Geburt und Tod, 



oder sagen wir Empfangnis, Geburt und Tod verstehen konnen, als 
dadurch, daft man das Geistige mit hereinnimmt. Und in dem Satze: 
Den Geist erkennen heilk den Geist zerstoren — liegt eigentlich das, 
dafi man damit sagen will: wiirde man nun auf den Geist hinschauen 
wollen, wiirde man ihn nicht mehr oder weniger naiv aufnehmen, 
wiirde man ihn eben so aufnehmen, wie man die auftere Natur auf- 
nimmt, dann wiirde man dasjenige, was in dieser bewuiken Denk- 
und Vorstellungs- und Empfindungs-, Gefuhlstatigkeit wirkt, zu- 
riickstauen miissen, man wiirde das Abbauen verhindern miissen. 
Das heifk, man miilke in dem Momente die Gewalt iiber das Geistige, 
das innerlich Bewufke, zur Unbewufkheit, zu einem Wirken des 
Geistigen in Unbewufkheit herunterstimmen, herunterlahmen. Man 
wiirde dazu kommen, ein Geistiges aus sich herauszubilden, ein 
Geistiges gewissermafien aus sich herauszustofien. Aber man konnte 
nicht mit dem Bewulksein mit, weil man die Organisation nicht 
hineintragen kann in diesen Abbauprozefi, in diesen Geistprozeft. 
Und so konnen wir sagen: Wahrend die Organisationsprozesse dar- 
innen bestehen, daft wir gewissermaften — natiirlich ist das eine 
abstrakte Betrachtung jetzt — das Formgerust des menschlichen 
Organismus haben (siehe Zeichnung a), in das sich hineinbegibt die 
organisierende Kraft (siehe Zeichnung b, rot) als Geistig-Seelisches, 




Tatd l :: 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 328. 



31 



haben wir es im anderen Falle so — in dem zweiten Fall, den ich 
beschrieben habe — , daft wir hier das Formgeriiste des menschlichen 
Organismus haben, aber es nicht durchdrungen sein lassen wollen von 
der organisierenden, von der bis zu einem gewissen Grade unser 
Bewufttsein lahmenden Kraft, sondern daft wir die organisierende 
Kraft, die wir als Geist nun erkennen wollen, heraustreiben wollen 
(siehe Zeichnung c). Wir konnen aber nicht mit unserem Ich mit, 



weil dieses an den Organismus gebunden ist. Wir haben die andere 
Seite, die Seite, wo der Mensch zwar anfangt, Geistiges zu ent- 
wickeln, im Geistigen namentlich Willenstatigkeit zu entwickeln. 
In der Durchdringung mit Willenstatigkeit, die unbewufit bleibt, ge- 
wissermaften schlafend, traumend ist, beruht das, daft wir eigentlich 
ohne Bewufttsein ein Geistig-Seelisches herausbringen aus unserer 
Organisation. Wir haben die andere, die manische Seite, die tobende 
Seite, wo der Mensch toll wird, und die verschiedenen Formen der 
sogenannten geistigen Erkrankungen, die aber in nichts anderem 
bestehen als darinnen, daft wir hier bei den physischen Erkrankungen 
ein Geistig-Seelisches haben, das nicht hineingehort in den physi- 
Tafel 1 schen Organismus (siehe Zeichnung b), wahrend wir bei den so- 



Tafel 2 




genannten geistigen Erkrankungen im Psychisch-Seelischen aus dem 
Physisch-Atherischen etwas heraustreiben, was eigentlich drinnen 
sein sollte und was wir aus dem Organismus heraustreiben (siehe 
Zeichnung c). Wir sehen heute von der anderen Seite noch beleuchtet TA-I i 
dasjenige, worauf wir gestern gekommen sind. Und die Sache ist so, dafi 
uns gerade dieser Gesichtspunkt mehr leitet, wir werden morgen 
sehen, zu welchen fruchtbaren therapeutischen Konsequenzen man 
gerade durch diese Gesichtspunkte kommt, die sich dann durchaus 
im Leben bestatigen, die sich erweisen als die alleraulSerste Lebens- 
praxis in der Medizin, als die therapeutische Praxis. 

Wenn wir fragen nach der Ursache einer physischen Krankheit, 
miissen wir sie eigentlich letzten Endes in einer Verirrung des 
Geistigen im Organismus suchen. Gewifi, man darf da nicht ab- 
strakt vorgehen. Derjenige, der nichts versteht vom Zusammenhange 
des Seelisch-Geistigen mit dem physischen Organismus, der sollte 
eigentlich in diese Dinge nicht dreinreden. Denn man kann das 
Spezielle, wo irgendwo in einem Organ eine zu grofie Organisations- 
kraft, eine, ich mochte sagen, hypertrophische Organisationskraft 
sitzt, nur erkennen, wenn man das Konkret-Geistig-Seelische, das in 
sich ebenso konkretisiert ist, wie das Physisch-Leibliche zur Leber, 
zum Magen und so weiter konkretisiert ist, wenn man dieses Geistig- 
Seelische, wovon die Psychologie keine Ahnung hat, mit seinen Be- 
standteilen, mit seinen Gliedern ebenso kennt wie das Physisch- 
Sinnliche. Und wenn man die Beziehungen kennt zwischen beiden, 
dann kann man hinweisen aus dem oftmals sogar geistig-seelischen 
Befunde, der bei dem Menschen auftritt, wo irgendwo eine Art 
Uberorganisation in irgendeinem Organe steckt. Man wird bei alle- 
dem, was nicht auftere Insulte sind, hinweisen konnen auf irgend 
solch einen Ursprung. 

Umgekehrt, wenn man es nun mit Geisteskrankheiten zu tun hat, 
mit sogenannten Geisteskrankheiten, dann wird man ein Abstrakt- 
ling bleiben, wenn man glaubt, aus einer halben Phanomenologie 
irgend etwas gewinnen zu konnen, wenn man glaubt, dadurch, 
dalS man einfach die geistig-seelischen Abnormitaten beschreibt — 
was zu beschreiben ja sehr nutzlich ist — , irgend etwas gewinnen zu 



konnen. Mit diesen Beschreibungen kann man naturlich Sensationen 
bei Laien sehr gut hervorrufen, denn es ist immer interessant, wie 
irgend jemand, der narrisch ist, abweicht von dem normalen Maft 
des Lebens. Denn interessant ist das Seltene, und es ist in unserer 
Zeit doch so, daft wenigstens noch als Seltenhek auftritt dasjenige, 
was in dieser Weise vom normalen Leben abweicht. Aber dabei 
stehenzubleiben, darum kann es sich nie handeln. Insbesondere kann 
es sich nicht darum handeln, etwa hinzutreiben zu dem laienhaft 
dilettantischen Urteil, daft der Geist und die Seele erkrankt seien, 
und daft man den Geist und die Seele nun irgendwie durch geistig- 
seelische Maftnahmen, wie es sich die Abstraktlinge traumen, kurie- 
ren kann. Nein, gerade bei den sogenannten Geisteskrankheiten hangt 
es in eminentester Weise davon ab, daft man iiberall hinweisen kann 
darauf, wo die Unterorganisation irgendeines Organes sitzt. Der- 
jenige, der eine bis zur Geisteskrankheit getriebene Melancholie oder 
Hypochondrie wirklich erkennen will, soil nicht im Seelischen her- 
umwaten, sondern der soil versuchen, aus der Unterleibsbeschaffen- 
heit des betreffenden Menschen zu erkennen, wie da die Unter- 
organisation in der Unterleibsorganisation des Menschen wirkt, wie 
eine unter dem normalen Maft wirkende Organisationskraft gewisser- 
maften etwas herausf alien laftt, wie man in der Chemie sagt; man 
fallt etwas heraus aus irgendeiner Losung und dergleichen, so daft ein 
Bodensatz entsteht, wie dadurch eine zu geringe Organisationskraft 
Physisch-Leibliches, das sonst von der Organisationskraft durchdrun- 
gen ware, herausfallt, wie es im Organismus als Physisch-Leibliches 
dann vorhanden ist, wie es abgelagert wird, was in Leber, in Galle, 
im Magen, im Herzen, in der Lunge vorgeht. Vorgange, die allerdings 
nicht so bequem zu untersuchen sind, wie man gern mochte in unse- 
rer heutigen, an das Grobe — denn das Histologische ist auch ein 
Grobes — sich wendenden Zeit. Psychologien sind notig zu einer sol- 
chen Untersuchung, aber iiberall ist es notig, daft die sogenannten 
Geisteskrankheiten zuriickgefiihrt werden auf korperliche Zustande. 

Allerdings, sie werden dadurch weniger interessant. Aber es ist 
doch so. Es ist naturlich interessanter, wenn ein Hypochonder sagen 
kann, auf diese oder jene Weise ist sein Seelisches engagiert am 



geistig-seelischen Kosmos, als wenn man ihm nachweisen kann, daft 
in seiner Leber eine unterorganisierende Kraft ist. Oder es ist inter- 
essanter, im Geistig-Seelischen, sagen wir, die Ursache zu suchen fiir 
die Hysterie, interessanter, als wenn man einfach auf die Stoff- 
wechselvorgange der sexuellen Organe hinzuweisen hat, wenn man 
von den hysterischen Erscheinungen spricht oder auch von dem, was 
sich sonst im Organismus an Stoffwechselunregelmaftigkeiten aus- 
dehnt. Aber erkennen wird man die Dinge nicht, wenn man sie nicht 
in dieser Weise verfolgt. 

Geisteswissenschaft geht durchaus nicht darauf aus, immer nur 
den Geist zu suchen. Das mag sie ruhig den Spiritisten und anderen 
interessanten, weil auch seltenen Leuten — sie sind nur leider viel zu 
wenig selten! — iiberlassen; aber sie redet nicht fortwahrend von 
Geist, Geist, Geist, sondern sie versucht, den Geist wirklich zu 
ergreifen, und sie versucht, seine Wirksamkeiten zu verfolgen und 
gelangt dadurch gerade an der rechten Stelle in ein Begreifen des 
Materiellen hinein. Sie hat gar nicht den Stolz, die Geisteskrank- 
heiten auf geistige abstrakte Weise zu erklaren, sondern sie fiihrt gerade 
fiir die Geisteskrankheiten in eine materielle Auffassung der Geistes- 
krankheiten hinein. 

So daft man sagen kann: Sie weist auf das interessante Phanomen 
erklarend hin, das sich — man braucht nur eine kurze Zeit zuriick- 
zublicken — vielleicht noch bei Griesinger oder anderen, oder in der 
Vor-Griesingerschen Zeit in der Psychiatrie findet, so daft sich zeigt, 
daft vor verhaltnismaftig kurzer Zeit die Psychiater auch noch 
wenigstens den korperlichen Tatbestand einbezogen haben in ihre 
Diagnose. Was ist heute immer haufiger und haufiger geworden? 
Daft einen die Psychiater uberhaufen in ihrer Literatur mit Krank- 
heitsbildern, die lediglich eine Beschreibung der Abnormitaten des 
Geistig-Seelischen sind. So daft hier der Materialismus in ein ab- 
strakt Geistig-Seelisches gerade hineingefuhrt hat. Das ist seine 
Tragik. Da hat er gerade aus dem Materiellen herausgefiihrt. Das 
ist das Merkwiirdige fiir den Materialismus, daft er an gewissen 
Stellen gerade zum Unverstandnis, zum Nichtbegreifen des Materiel- 
len fiihrt, wahrend derjenige, der den Geist verfolgt als eine wirk- 



liche Tatsache, ihn auch da verfolgt, wo er hineinwirkt in das 
Materielle, und wo er sich dann dem Materiellen entzieht, so daft 
das Materielle sich ablagert, wie in den sogenannten Geisteskrank- 
heiten. 

Diese Dinge mulke ich zugrunde legen, wenn ich Ihnen nun auch 
einiges uber Richtlinien mit Bezug auf das Therapeutische morgen 
andeuten mochte. Dasjenige aber, was wir so durch ein Befruchten 
des Physiologisch-Therapeutischen mit dem Geisteswissenschaft- 
lichen finden, hat schon auch seine soziale Seite. Und es ist das 
Eigentiimliche >des Lebens, dafi wir jetzt iiberall, wenn wir nicht in 
einem abstrakten Zuruckziehen in ein lebensfeindliches Gelehrten- 
dasein das Wissenschaftliche suchen, sondern in der lebensvollen Auf- 
fassung des menschlichen Daseins, des menschlichen Zusammenseins, 
dann gerade durch eine wirkliche lebendige Wissenschaft in das 
Soziale hineingetrieben werden. Denn wir haben zum Beispiel ein 
aufierordentlich interessantes soziales Phanomen in der neuzeit- 
lichsten Entwickelung vor uns. Wir sehen, wie durch 'die Spaltung der 
Menschen auf der einen Seite hinauf in ein bourgeois-aristokratisches 
Wesen, auf der anderen Seite hinunter in das proletarische Wesen, 
das einseitig aristokratische Wesen ergriffen wird von einem falschen 
Geistessuchen, von dem Materialismus auf geistigem Gebiete, und 
wie das proletarische Wesen ergriffen wird von einem gewissen 
Spiritualismus auf materiellem Gebiete. Was heifit Spiritualismus 
auf materiellem Gebiete? Es heifk, stehenzubleiben, wenn man nach 
den Ursachen des Daseins sucht. Das Proletariat hat daher den 
wissenschaftlichen Materialismus als eine Lebensanschauung aus- 
gebildet, in derselben Zeit, als das aristokratische Element die Geist- 
lehre materialistisch ausgebildet hat. Wahrend die Proletarier 
Materialisten geworden sind, sind die Aristokraten Spiritisten ge- 
worden. Denn wenn Sie unter den Proletariern Spiritisten finden, so 
ist das nicht aus dem eigenen proletarischen Kraut, sondern es ist 
«Mimicry», es ist nachgeahmt, es ist bloft etwas, was durch An- 
steckung — ich werde morgen von Ansteckung sprechen — hiniiber- 
gedrungen ist aus dem aristokratisch-bourgeoisen Element. Und 
wenn Sie unter Aristokraten den Materialismus auf der anderen 



Seite ausgebildet sehen also dadurch, daft sich die Geister materiell 
anschauen lassen, wie man Flammen anschaut, daft man also den 
Materialismus hineintragt in das Allergeistigste und das Geistige 
materiell sehen will, dann wachst das aus jener urspriinglichen deka- 
denten Einseitigkeit, die sich aus dem Gesamtmenschlichen, aus der 
Totalitat heraus hinwendet eben auf der einen Seite nach dem aristo- 
kratischen und nach dem bourgeoisen Element, das von dem aristo- 
kratischen Element angekrankelt ist. Wenn dasjenige, was sich, wenn 
es den Geist anwendet, gezwungen fiihlt, in der Materie stehen- 
zubleiben, weil es nicht durch entsprechende Schulbildung und der- 
gleichen herausgezogen wird, wenn das Proletariat gezwungen wird, 
beim Geistsuchen in der Materie stehenzubleiben, dann entwickelt 
sich der Materialismus als Lebensanschauung. Der Materialismus 
wurde entwickelt von dem Proletariat als Lebensanschauung zum 
Beispiel in der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Materia- 
lismus wurde entwickelt von den mehr aristokratischen Menschen 
als Spiritismus, denn der Spiritismus ist Materialismus, maskierter 
Materialismus, der dazu noch nicht einmal dabei bleibt, ehrlich sich 
zu bekennen, sondern der liigt und der behauptet, daft seine mate- 
riellen Bekenner spirituelle Geister seien. Nach dieser Reminiszenz 
wollen wir dann morgen in unseren Betrachtungen fortfahren. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 9. Oktober 1920 



Es wird natiirlich nur moglich sein, iiber spezielle Heilungsver- 
fahren einiges im allgemeinen anzudeuten in der kurzen Zeit, die 
gerade fur diesen therapeutischen Teil unserer Veranstaltung zur 
Verfugung stehen kann. Andererseits ist es auch eine etwas, ich 
mochte sagen, zweifelhafte Sache, iiber das Spezielle gerade des 
Medizinischen Detailangaben machen zu mussen, wenn man nicht, 
wie das zum Beispiel im Friihling hier der Fall war, vor einem rein 
fachlichen Publikum steht. Denn so sehr es auf der einen Seite fur die 
Zukunft der Menschheitsentwickelung notwendig sein wird, dafi 
die weitesten Kreise von den allgemein richtunggebenden Faktoren 
des Heilens, gewissermafien den Konsequenzen der Medizin, Ver- 
standnis sich werden erwerben mussen, damit ein vertrauensvolles, 
aber auf der Sache begriindetes Verhaltnis zwischen dem Arzte und 
den Patienten bestehen konne, und so sehr es notwendig sein wird, 
dafi ein solches Verstandnis der Richtungslinie des Medizinischen fiir 
eine Sozial-Hygiene in weitesten Kreisen wird errungen werden 
mussen, sowenig ist es auf der anderen Seite wiinschenswert, daft in 
das Medizinische allzu stark dilettantisches und laienhaftes Urteil 
hineinspielt, was ja leider durch den Zustand des medizinischen 
Wesens in der neueren Zeit reichlich geschehen ist. Es mufi durch- 
aus betont werden, dafl es wenigstens nicht meine Absicht sein kann, 
irgendwie das Kurpfuschertum zu fordern, sondern dal$ innerhalb 
unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ganz ent- 
schieden das Bestreben vorhanden sein mufi, die wirkliche, auf treu 
methodischem Studium beruhende medizinische Wissenschaft als 
medizinische Kunst zu fordern, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse 
in diese wirkliche medizinische Kunst hineinzubringen. Also nicht 
etwa auf seiten derjenigen soil hier gestanden werden, die aus einer, 
man konnte sagen, unbegrenzten Unkenntnis desjenigen, was sie 
eigentlich reden, gegen alles mogliche, was sie Schulmedizin nennen 
und dergleichen, Sturm laufen. Auf seiten dieser Leute sollte hier 



wahrhaftig nicht gestanden werden. Dann ist noch etwas zu beriick- 
sichtigen, wenn Dinge besprochen werden, wie die zum Beispiel heute 
in Frage kommenden. Es ist in die Medizin etwas eingedrungen in der 
neueren Zeit, es war in einem gewissen Sinne gewift seit langem da, 
aber in der neueren Zeit hat es sich mit all der Vehemenz bemerklich 
gemacht, mit der sich nun schon einmal in unserer chaotisch wirken- 
den sozialen Ordnung Dinge bemerklich machen: das ist die Partei- 
bildung sogar innerhalb des medizinischen Wesens. Und die sich be- 
kampfenden Parteien stehen sich auf diesem Boden kaum anders 
gegeniiber als, ich mochte sagen, politische Parteien. Daft das nicht 
forderlich sein kann fur das medizinische Wesen, das ist im all- 
gemeinen leicht einzusehen, und der Streit der Allopathen mit den 
Homoopathen, der sogenannten Schulmediziner mit den Naturheil- 
kundigen und so weiter, hat nun reichlich Verwirrung gebracht in 
dasjenige, was wir als Verstandnis fur das medizinische Wesen in 
weiteren Kreisen unserer Menschheit notig haben. Das alles muftte 
ich vorausschicken, damit nur ja auf keinen falschen Boden gestellt 
werde dasjenige, was ich heute noch zu sagen haben werde. 

Ich habe Sie ja aufmerksam gemacht darauf, wie auf der einen 
Seite im menschlichen Organisationsprozeft drinnensteht das Geistig- 
Seelische, welches in den physischen Erkrankungsprozessen gewisser- 
mafien iiberwuchert, so daft dieses Geistig-Seelische nicht in der 
richtigen Weise abgesondert wirkt von dem physischen Organ und 
daher in ihm wuchert. Wir haben es dann mit all den Krankheiten 
zu tun, welche nach Neubildungen im Organismus treiben. Wir 
haben es auf der anderen Seite mit solchen Erkrankungen zu tun, 
in denen das Geistig-Seelische in einer solchen Art sich ausbildet, 
daft es zu wenig eingreift in den physischen Organismus, daher 
gewisse Teile des physischen Organismus den nicht von der mensch- 
lichen Organisation ergriffenen Prozessen, sondern den untergeord- 
neten Prozessen des Naturdaseins uberlaftt, mochte ich sagen, so daft 
sich in einem uberragenden Mafte Organe — wenn ich das Wort 
gebrauchen darf — verphysizieren, statt daft sie sich seelisch-geistig 
durchdringen wiirden. Dann flutet das Seelisch-Geistige heraus, ohne 
daft es in der richtigen Weise mit dem Ich-Bewufttsein iiberspannt 



werden kann, und es entstehen alle diejenigen Erkrankungsformen, 
welche man uneigentlich als Geisteskrankheiten bezeichnet. 

Aber diese Anschauung mufi sich in dem Augenblicke, wo man 
von einer gesunden Physiologie zu einer gesunden Pathologie und 
Therapie vorschreitet, modifizieren, das heifit, ich mochte sagen, in 
einer noch genaueren Weise ausbilden. Sie mufi sich namlich zu- 
sammengliedern mit jener Anschauung vom Wesen des Menschen, die 
hier schon wiederholt vorgebracht worden ist, aber in ganz anderem 
Zusammenhange, als wir sie heute notig haben. Es ist die Anschauung 
von der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Wir haben es 
ja im Menschen auf der einen Seite zu tun mit einer Dreigliederung 
des seelischen Wesens im Vorstellenden, im Fiihlenden und in den 
Willensimpulsen. Aber diese Dreigliederung des seelischen Wesens 
entspricht ganz genau einer Dreigliederung des physisch-korper- 
lichen Wesens in eine Art Kopfsystem oder Nerven-Sinnessystem, 
in ein rhythmisches System und in ein Stoffwechsel-Gliedmaft en- 
system. Ich bemerke ausdrucklich, daft diese Gliederung des mensch- 
lichen Organismus nicht eine verstandesmaftige sein darf, sondern 
eine anschauliche. Denn derjenige, der da etwa unter dem Kopfsystem 
verstehen wiirde dasjenige, was bis zum Halse reicht, und dann unter 
dem Zirkulations- oder rhythmischen System dasjenige, was den 
Rumpf umfaftt, und dasjenige, was das Verdauungssystem mit Glied- 
maftensystem, Sexualsystem umfaftt, der wiirde, wenn er eine solche 
aufterliche Gliederung vornahme, eben durchaus nicht dasjenige 
treffen, was sachgemaft ist. Sondern es handelt sich darum, daft 
das Nerven-Sinnessystem hauptsachlich im Kopfe lokalisiert ist, 
daft es sich aber iiber den ganzen ubrigen Organismus als solches 
ausdehnt. So daft wir in einem gewissen Sinne, wenn wir hier in 
anthroposophischer Absicht von dem Nerven-Sinnessystem zu spre- 
chen haben, sagen mussen, es ist dasjenige System von Funktionen 
im menschlichen Organismus — denn wir haben es nicht mit 
Raumesabgrenzungen, sondern mit Funktionsabgrenzungen zu tun — , 
welches ja im wesentlichen im Haupte lokalisiert ist, aber die 
Hauptestatigkeit iiber den ganzen Menschen ausdehnt, so daft in 
gewisser Beziehung der ganze Mensch wiederum Haupt ist. Ebenso 



ist es fur die anderen Systeme. Und es war daher ein blofter Unfug, 
wenn ein leichtfertiger Medizinprofessor, welcher nicht die Absicht 
hatte, in diese Dinge einzugehen, wohl aber die Absicht hatte, diese 
Dinge vor der Welt zu verleumden, von dem «Bauchsystem» gespro- 
chen hat, um zu diskreditieren dasjenige, was mit dem Stoffwechsel- 
system eigentlich gemeint ist. Er hat eben gezeigt, daft er durchaus 
kein Verstandnis dafiir hat, wie es bei dieser Gliederung ankommt 
auf das Funktionelle und nicht auf das raumlich Abzugrenzende. 

Wenn man dann diese Gliederung des Menschen versteht, iiber die 
man viele Vortrage halten konnte, um sie in alien Details zu schil- 
dern, kommt man dazu, deutlich die Unterschiede anzuschauen, 
welche bestehen zwischen dem Kopfsystem, also dem Nerven-Sinnes- 
system auf der einen Seite, dem Stoffwechsel-Gliedmaftensystem auf 
der anderen Seite und dem mittleren System, dem rhythmischen 
System, das im wesentlichen dazu berufen ist, den Ausgleich zwi- 
schen den beiden anderen Systemen zu bewirken. Wir haben dann, 
wenn wir die ganze Wesenheit des Menschen umfassen wolien, das 
Folgende vor uns: Die eigentliche vorstellende und wahrnehmende 
Tatigkeit des Menschen, sie hat zu ihrer Grundlage, man kann nicht 
einmal sagen zum Werkzeug, aber zu ihrer physischen Grundlage 
alles dasjenige, was sich abspielt physisch im Nerven-Sinnessystem. 
Es ist nun nicht so, wie eine neuere Psychologie und Physiologie 
meint, daft sich im Nerven-Sinnessystem auch diejenigen Prozesse 
abspielen, die in primarer Weise zusammenhangen mit dem Gefiihls- 
und Willenssystem. Nein, das halt vor einem genaueren Studium der 
Sache nicht stand. Dieses genauere Studium finden Sie, wenigstens 
in seinen Leitlinien, angedeutet in meinem Buche «Von Seelenratseln» ; 
aber nach dieser Richtung wird eben sehr viel Detailarbeit noch zu 
leisten sein. Dann wird sich schon dasjenige, was Geisteswissen- 
schaft heute mit Gewiftheit von ihrer Seite zu sagen hat, auch von 
der anderen Seite, von der physisch-empirischen Seite her heraus- 
stellen, dann wird sich herausstellen, daft das Fiihlen des Menschen 
nicht zusammenhangt in primarer Weise mit dem Nerven-Sinnes- 
system, sondern mit dem rhythmischen System, daft geradeso, wie 
das Nerven-Sinnessystem entspricht dem vorstellenden Wahrnehmen, 



das rhythmische System entspricht dem Fiihlen, und daft erst durch 
die Wechselwirkung des rhythmischen Systems mit dem Nerven- 
Sinnessystem, auf dem Umwege durch den Rhythmus des Gehirn- 
wassers, der heranschlagt an das Nerven-Sinnessystem, eingeschaltet 
wird das Nerven-Sinnessystem als Trager des Vorstellungslebens 
dann, wenn wir unsere Gefuhle zu Vorstellungen erheben, wodurch 
das dumpf-traumhafte Gefiihlsleben von uns selber wahrgenommen 
und vorgestellt wird auf innerhche Weise. Und ebenso, wie das 
Gefiihlsleben direkt zusammenhangt mit dem rhythmischen System 
und indirekt durch dieses vermittelt wird, so hangt direkt zu- 
sammen das Willensleben mit dem Stoffwechselsystem. Und dieser 
Zusammenhang ist dann wiederum so, daft in sekundarer Weise, weil 
der Stoffwechsel natiirlich auch im Gehirn vor sich geht, das Stoff- 
wechselsystem in seinen Funktionen an das Nerven-Sinnessystem 
heranschlagt und auf diese Weise wir innerlich zustandebringen die 
Vorstellungen von unseren Willensimpulsen, die sonst in einem 
dumpfen Schlafesleben innerhalb unseres Organismus spielen 
wiirden. 

Sie sehen da, daft wir im menschlichen Organismus drei von- 
einander verschiedene Systeme haben, die in verschiedener Weise 
das Seelenleben tragen. Nun sind diese Systeme aber nicht nur von- 
einander verschieden, sondern sie sind auch entgegengesetzt — wie 
gesagt, ich kann diese Dinge heute nur skizzieren — , so daft wir auf 
Tafel 3 der einen Seite haben das Nerven-Sinnessystem, auf der anderen Seite 
all das haben, was die Funktionen des Stoffwechselsystems, des Stoff- 
wechsel-Gliedmaftensystems ausmachen (siehe Zeichnung). Ober den 
Zusammenhang des Stoffwechsels mit den Gliedmaften konnen Sie ja 
sich Vorstellungen machen, wenn Sie einfach die Wirkungen der be- 
wegten Glieder auf den Stoffwechsel ins Auge fassen. Diese Wirkung 
ist eine viel groftere, als man gewohnlich innerhalb des aufteren Be- 
wufttseins meint. Aber diese beiden Systeme, ich mochte sagen, das 
Nerven-Sinnessystem und das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem, sie 
sind auch in einer gewissen Weise polarisch entgegengesetzt. Und 
diese polarische Entgegensetzung muft fur eine gesunde Pathologie 
und Therapie, namentlich fur eine solche Pathologie, die ganz orga- 



/ M5 \ 




nisch heriiberfuhrt in die Therapie, griindlich ins Auge gefafit 
werden und fiir alle einzelnen Details, deren es natiirlich unzahlige 
gibt, sorgfaltig studiert werden. Denn wenn man in die Detail- 
wirkungen eingeht, dann stellt sich folgendes heraus. Es stellt sich 
heraus, dafi im hohen Grade das vorhanden ist, was ich schon 
gestern andeutete. Wir haben innerhalb alles dessen, was zusam- 
menhangt mit dem Kopf system oder Nerven-Sinnessystem Abbau- laid 
prozesse, so dalS, wahrend unser Vorstellen im wachen Zustande 
verlauft, wahrend wir wahrnehmen und vorstellen, dieses Wahr- 
nehmen und Vorstellen nicht gebunden ist etwa an Wachstums- und 
Aufbauprozesse, sondern an Abbauprozesse, an Ausscheidungspro- l akl 
zesse. Und man wird darauf kommen eigentlich, wenn man in ganz 
gesunder Weise anschaut dasjenige, was heute schon die empirisch- 
physiologische Wissenschaft nach dieser Richtung darbietet. Es ist 
heute im Grunde genommen schon der empirische Beweis auch dafiir 
vorhanden, oder ich konnte besser sagen, die empirische Bestatigung 
fiir dasjenige, was da die Geisteswissenschaft durch Anschauung 
liefert. Verfolgen Sie nur dasjenige, was gewisse geistvolle Physio- 
logen beizubringen vermogen iiber die physischen Vorgange im 



Nervensystem, die sich abspielen als Parallelerscheinungen des Vor- 
stellens und Wahrnehmens. Dann werden Sie sehen, dafi durchaus 
diese Behauptung, dafi wir es zu tun haben mit Ausscheidungs- und 
Abbauprozessen, nicht mit Aufbauprozessen, wahrend wir denken, 
wachend denken und wahrnehmen, heute schon sehr gut gestutzt ist. 
Dagegen haben wir es da, wo die Willensprozesse sich vermitteln fiir 
den Menschen im Stoffwechsel-Gliedmaftensystem, mit Aufbau- 
prozessen zu tun. Nun stehen aber alle einzelnen Funktionen des 
Menschen durchaus miteinander in Wechselwirkung. Und sehen wir 
uns die Sache ordentlich an, so miissen wir sagen: Die Aufbau- 
prozesse von unten wirken hinauf in die Abbauprozesse, die Abbau- 
prozesse von oben wirken hinunter in die Aufbauprozesse. Und Sie 
haben, wenn Sie dieses sinngemafi verfolgen, dann als ausgleichen- 
des System, als Funktionen, die den Ausgleich bewirken, da drinnen 
zwischen den abbauenden Prozessen und den aufbauenden Prozessen 
die rhythmischen Prozesse, die den Abbau in den Aufbau, den Auf- 
bau in den Abbau hineintreiben. Und studieren wir der Sache nach, 
nicht rein aufierlich, studieren wir der Sache nach dasjenige, was in 
der sogenannten Blutzirkulation des Herzens, in der Durchatmung 
des menschlichen Leibes vor sich geht, so haben wir iiberall dar- 
innen, ich mochte sagen, Spezialverlaufe, irgendwie unterbrochene. 
Ich kann nicht eingehen auf dieses Unterbrechen, das hat seinen 
guten Sinn; aber wir haben iiberall Spezialisierung dieser Rhythmus- 
kurve, die ich hier aufgezeichnet habe (siehe Zeichnung). Der At- 
Tafel 3 mungsverlauf ist ein Spezialfall dieser Kurve, der ProzefS, den Sie 
rechts hinzeichnen, wenn Sie den Blutgang vom Herzen nach oben, nach 
dem Haupte oder beziehungsweise nach der Lunge und hinunter 
nach dem Korper zeichnen, so haben Sie Spezialisierungen dieses 
Prozesses. Kurz, wenn Sie dasjenige beleben, was hier angedeutet 
wird, so dringen Sie nicht auf eine solche tote Weise, wie es ge- 
wohnlich geschieht, in das Funktionengewebe des menschlichen Or- 
ganismus ein, sondern in einer lebendigen Weise. Sie aber miissen 
dabei Ihre Vorstellungen selber lebendig machen. Es mufi gewisser- 
mafien dabei ein plastisches Abbild des menschlichen Organismus 
vorgestellt werden konnen. Man kann den menschlichen Organismus 




Taft-I 



nicht mit den ruhend abstrakten Vorstellungen umfassen, mit denen 
man ihn umfassen mochte in der heutigen Physiologie und Patholo- 
gie, sondern man mufi ihn erfassen mit bewegten Vorstellungen, mit 
solchen Vorstellungen, die wirklich eingreifen ihrerseits in die Wir- 
kung von dem, was innerliche Bewegung hat, was keineswegs blofie 
mechanische Wechselwirkungen gegeneinander in Ruhe befindlicher 
Organe sind. So kommen wir darauf, wie im Grunde genommen 
fortwahrend im menschlichen Organismus eine Wechselwirkung vor- 
handen ist zwischen den Abbauprozessen, den ertotenden Prozessen 
und zwischen den Aufbau-, den Wachstumsprozessen, den Wuche- 
rungsprozessen und so weiter. Ohne diese Tatigkeit ist die mensch- 
liche Organisation nicht zu erfassen. 

Aber was ist da eigentlich vorhanden? Sehen Sie sich nur die 
Sache einmal genauer an. Wenn der Abbauprozefi der Nerven-Sinnes- 
organisation hineinwirkt durch den Rhythmus in das Stoffwechsel- 
Gliedmafiensystem, dann ist etwas vorhanden, was entgegenwirkt 
dem Stoffwechsel-Gliedmaftensystem, was fur dieses Stoffwechsel- 
GliedmalSensystem Gift ist. Und umgekehrt ist dasjenige, was im 
Aufbausystem vorhanden ist, wenn es im Rhythmus hineinwirkt in 



das Kopfsystem, fur das Kopfsystem Gift. Und da die Systeme, wie 
ich angedeutet habe, iiber den ganzen ubrigen Organismus aus- 
gebreitet sind, so hat man es iiberall im menschlichen Organismus 
zu tun mit einem fortwahrenden Giften und Entgiften, was durch 
den rhythmischen Prozefi zum Ausgleich gebracht wird. Wir sehen 
also nicht hinein in einen solchen Naturprozeft, wie man ihn sich 
gewohnlich vorstellen mochte, der einseitig — einsichtig, mochte ich 
sagen — verlauft, so daft man die gesunden Prozesse einfach als die 
normalen bezeichnen kann, sondern wir sehen hinein in zwei ein- 
ander entgegenwirkende Prozesse, von denen der eine fur den an- 
deren durchaus ein krankender ProzefS ist, und wir konnen gar nicht 
leben im physischen Organismus, ohne dafi wir unser Gliedmaften- 
Stoffwechselsystem fortwahrend den Krankheitsursachen des Kopf- 
systems, und das Kopfsystem den Krankheitsursachen des Stoff- 
wechselsystems aussetzen. Und so wie die Waage, wenn sie nicht 
gleichmaflig belastet ist, so ausschlagt, ganz nach Naturgesetzen, 
dafi der Waagebalken nicht horizontal liegt, so ist, weil das Leben 
ein in sich bewegliches ist, einfach nicht ein ruhender Gleichgewichts- 
zustand vorhanden, sondern ein Gleichgewichtszustand, der nach 
beiden Seiten in Unregelmafiigkeit ausschlagen kann. Und heilen 
heilk nichts anderes, als zum Beispiel das Kopfsystem, wenn es zu 
stark vergiftend wirkt auf das Stoffwechselsystem, seiner vergiften- 
den Wirkung zu entladen, ihm seine vergiftende Wirkung zu neh- 
men. Oder umgekehrt, wenn das Gliedmafien-Stoffwechselsystem zu 
stark auf das Kopfsystem vergiftend, das heifit wuchernd wirkt, 
mufi ihm seine Giftwirkung genommen werden. Aber zu einer voll- 
standigen Anschauung auf diesem Gebiete kommt man erst, wenn 
man nun wiederum dasjenige, was man in die Lage kommt am Men- 
schen zu beobachten, ausdehnt auf die Beobachtung der ganzen 
Natur, wenn man nun diese Natur im geisteswissenschaftlichen 
Sinne aufzufassen in der Lage ist. Wenn Sie zum Beispiel den 
Pflanzenbildeprozefi ins Auge fassen, dann haben Sie ganz deutlich, 
ich mochte sagen, im Allermakroskopischsten, ganz deutlich ein 
Aufwartsstreben des Pflanzenbildeprozesses, ein Hinwegstreben vom 
Erdenzentrum, und Sie konnen reizvoll diese sich metamorpho- 



sierenden Bildebestrebungen der Pflanzen, wenigstens den ersten 
Linien nach, den Grundlinien nach, in Goethes « Metamorphose der 
Pflanzen » studieren. 

In Goethes «Metamorphose der Pflanzen» ist zunachst skizzenhaft 
enthalten nur die allererste Gliederung, die allerersten Elemente des- 
jenigen, was iiber das Pflanzenwesen nach dieser Richtung zu studie- 
ren ist. Aber die Richtung dieses Studierens muiS weiter ausgebildet 
werden. Die Grundlinien miissen verfolgt werden, dann bekommen 
wir eine lebendige Anschauung daraus iiber alles dasjenige, was da 
geschieht im Pflanzenwachstum, wenn wurzelnd im Boden, ge- 
wissermafien da in negativer Richtung das Aufwartsstreben aus- 
bildend in der Wurzel, die Pflanze anfangt zu wachsen, dann hinauf- 
wachst, die Anziehungskraft der Erde, die noch in der Wurzel iiber- 
wiegend tatig ist, iiberwindend, dann sich hindurchringt durch 
andere Krafte, um zuletzt zur Bliite und Frucht und Keimesbildung 
zu kommen. 

Auf diesem Wege geschieht sehr vieles. Auf diesem Wege ge- 
schieht zum Beispiel dasjenige, dafi wiederum eine entgegengesetzte 
Kraft eingreift. Diese entgegengesetzte Kraft, die da eingreift, kon- 
nen Sie beobachten, wenn Sie zum Beispiel — Sie konnen irgendein 
Beispiel herausgreifen — , sagen wir, die gewohnliche Birke, Weifi- 
birke, Betula alba, herausgreifen und genauer den Prozefi verfolgen, 
der sich vollzieht von der Wurzelbildung durch die Stammesbildung, 
namentlich dann durch die Rindenbildung, wie sich auf Grundlage 
alles desjenigen, was zusammenwirkt in der Stamm- und Rinden- 
bildung, dasjenige herausbildet, was dann in der Blattbildung zu- 
standekommt. Man kann das geisteswissenschaftlich besonders gut 
studieren, wenn man die noch braunlich erscheinenden jungen 
Birkenblatter im Friihling studiert. Wenn man das alles anschaulich 
studiert, so bekommt man eine Anschauung von einem sich Meta- 
morphosieren auch der Krafte, die sich da abspielen, die da wirken 
im Innern der Pflanze, und man bekommt die Anschauung, wie auf 
der einen Seite wirkt in dem Pflanzenbildungsprozesse eine Kraft- 
richtung von unten nach oben. Man bekommt aber auch dasjenige, 
was noch retardierend wirkt, was zuerst bei der Wurzel, ich mochte 



sagen, noch stark als Schwerkraft gewirkt hat, was aber dann, in- 
dem die Pflanze sich entringt der Erdensubstanz, indem sie aus der 
Luft herauswirkt, in einer anderen Weise zusammenwirkt mit der 
aufstrebenden Kraft. Und wir haben dann eine interessante Stufe, 
aber auch jetzt sachgemafte Stufe, urn einzusehen, wie in der 
Pflanzenbildung bei diesem nach aufwarts strebenden Prozefi in der 
Birkenrinde sich ablagern gewisse Salze, Kalisalze, die einfach das 
Ergebnis sind der nach unten wirkenden Krafte, die im Wechsel- 
spiel stehen mit den nach oben wirkenden Kraften und, ich mochte 
sagen, zur Eiweifibildung hinneigen, zu demjenigen, was ich als 
albuminisierende Kraftbildung bezeichnen mochte. So dringt man ein 
zum Beispiel in den Pflanzenbildeprozefi. Ich kann das hier nur 
andeuten. Sie sehen, wir dringen eben so ein, indem wir gewisser- 
mafien anschauen, wie sich da ablagern in der Birkenrinde die Kali- 
salze, wie sich dann etwas entringt dieser nach unten ziehenden 
Kraft — ich mochte sagen, des Prozesses, der etwa zu vergleichen 
ware mit dem, wenn so ein Salz herausfallt aus einer Losung — , wir 
kommen dann zu dem Prozesse, der vor sich geht, indem sich die 
Losung dem Salze entringt, wir kommen da, indem wir das lebendig 
erfassen, in den Eiweifibildungsprozefi, in dasjenige hinein, was ich 
als den Albuminisierungsprozefi bezeichnen mochte. Da haben wir 
einen Weg, das Auflere, das den Menschen umgibt, zu studieren, an- 
schaulich zu studieren. 

Und dann, dann schauen wir zuriick auf den Menschen und 
sehen, wie der Mensch im Grunde genommen, sagen wir, wenn wir 
ins Auge fassen seinen von oben nach unten wirkenden Abbauprozefi, 
in sich hat dieselbe Form von Kraften, die bei der Pflanze von 
unten nach oben wirkt. Wir schauen da gewissermafSen in dem, was 
an Kraften wirkt vom Kopfsystem nach unten, nach dem Glied- 
maften-Stoffwechselsystem, wie gewissermaften ein umgekehrtes 
Pflanzliches drinnen wirkt, wie in der Tat die Krafte, die wir nach 
aufwarts geschickt sehen im Pflanzenwachstum, nach abwarts wir- 
ken. Wenn zum Beispiel der Mensch diesen, ich mochte sagen, bei 
ihm in seinem Innern wirkenden Pflanzenbildungsprozefi in der 
unrichtigen Weise aufhalt, so daft er nicht in richtiger Weise von 



dem, was im Kopfe wirkt — das Astralische, das Ich-Wesen — , durch- 
dringt das Leibeswesen, aber diese Durchdringung sich aufiert inner- 
halb des Leibes, dann haben wir es zu tun mit etwas, was da auf- 
gehalten wird, was verlaufen sollte im menschlichen Organismus, 
wir haben es zu tun mit einer pathologischen Erscheinung, die uns 
entgegentritt zum Beispiel in den Fallen, wo Rheumatismus, wo 
gichtische Zustande auftreten. Wir studieren dasjenige, was von die- 
sem Aufbauprozesse, indem er in einer gewissen Weise zuriickgestaut 
wird, im menschlichen Organismus bewirkt wird, wir studieren das 
und finden es wieder in dem Prozesse des Rheumatismus, in dem 
Prozesse der Gichtbildung und so weiter. Und wir lenken jetzt 
wiederum den Blick von dem Inneren des Organismus, sagen wir, 
nach einem solchen Pflanzenbildungsprozefl, wie er uns bei Betula 
alba vorliegt; dann gewinnen wir folgendes. Dann schauen wir auf 
der einen Seite hinein in dasjenige, was sich da abspielt in der 
Salzbildung, auf der anderen Seite in der Eiweifibildung. Und wir 
finden, wenn wir diesen Prozefi der Eiweifibildung ordentlich ver- 
stehen, darinnen den entgegengesetzten Prozefl von demjenigen, was 
da aufgehalten wird. Im Organismus wird aufgehalten derjenige 
Prozefi, der sich abspielen sollte ahnlich jenem Prozesse, der sich als 
richtiger Prozeft der Albuminisierung in den Birkenblattern abspielt, 
und wir bekommen dadurch einen Zusammenhang zwischen den- 
jenigen Prozessen, die sich zum Beispiel in den Birkenblattern ab- 
spielen und den Prozessen des Organismus, indem wir dasjenige, was 
in den Birkenblattern ist, zu Heilmitteln verarbeiten, die wir den 
Menschen beibringen, und durch die wir, weil sie in der richtigen 
Weise entgegengesetzt sind diesem Stauprozefi, der im Rheumatismus, 
in der Gicht auftritt, in dieser Weise heilbringend wirken. Das heifit, 
wir schauen in dieser Weise zusammen dasjenige, was drauflen in der 
Natur sich abspielt, mit dem, was im Innern des Organismus sich 
abspielt und bekommen da eine Vorstellung heraus, wie wir die 
Heilkrafte dirigieren sollen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie 
dann, wenn die Abbauprozesse so verlaufen, dafi der Organismus 
sie gewissermaften nicht aufhalten kann, da$ sie nach unten sich 
verbreitern, das rhythmische System sie nicht in der richtigen Weise 



zuriickschlagt, daft sie dann an die Peripherie des Korpers aus- 
laufen, daft sie gewissermaften nach der Haut herausdrangen. Wir 
bekommen entziindliche Zustande in dem Aufteren der Menschen, 
wir bekommen Hautausschlage und dergleichen. Und wir schauen 
wiederum zuriick auf unsere Pflanze, Betula alba, und wir finden 
den entgegengesetzten Prozeft in der Ablagerung der Kalisalze in 
der Birkenrinde, bekommen dadurch die Moglichkeit, einzusehen, 
wie wir diesen im menschlichen Wesen zu einer Uberexsudation trei- 
benden Prozeft des Hautausschlages bekampfen, indem wir ein Heil- 
mittel aus der Birkenrinde bereiten. 

Und so konnen wir studieren, wie pflanzliche, wie mineralische 
Prozesse wirken, und wir bekommen einen Zusammenhang zwi- 
schen dem, was da in der aufteren Natur ist und demjenigen, was 
im Innern des Menschen wirkt. Wir bekommen mit anderen Worten 
das Aufsteigen der medizinischen Empirie, der therapeutischen Em- 
pirie, zu demjenigen, was Goethe in seinem Sinne, jetzt nicht im 
verstandesmaftigen, sondern in seinem Sinne die rationelle Stufe der 
Wissenschaft nennt, wir bekommen eine Wissenschaft als Therapie, 
welche wirklich die Zusammenhange durchschaut. So leicht sind die 
Dinge nicht, denn man muft mindestens nach gewissen Typen, zu- 
nachst nach geheimen Typen der menschlichen Personlichkeit und 
nach Geheimnissen des Naturdaseins die Dinge wirklich im ein- 
zelnen studieren. Und man mul5 nun nicht etwa glauben, daft, wenn 
man den Prozeft studiert hat an einem solchen Exempel wie Betula 
alba, man dann schon alles dasjenige iiberschauen kann, was da in 
Betracht kommt. Bei irgendwelchen anderen Pfianzenbildeprozessen, 
ich will sagen, zum Beispiel bei der Roftkastanie und dergleichen, 
vollziehen sich diese Bildungsprozesse in wesentlich anderer Art, 
und keineswegs zu einem allgemeinen Gefasel und Geschwafel fiihrt 
dasjenige, was hier angedeutet wird, sondern es fiihrt zu einem sehr 
ernsten und ausgebreiteten Studium. 

Aber — dieses Wort mochte ich insbesondere an die verehrte 
Studentenschaft richten — dieses Studium wird nicht, wenn es in 
rationeller Weise getrieben wird, Sie in eine Furcht vor dem Um- 
fange hineinzutreiben haben. Denn ich kann Ihnen die Versiche- 



rung geben, wenn all dasjenige, was Examensballast ist, was — um 
in diesem paracelsischen Sinne zu sprechen — Examens-Tartaros ist, 
wegfallt, und dafiir alles dasjenige getrieben wird, was in dieser 
Weise in eine rationelle Anschauung von einer therapeutischen 
Pathologie und pathologischen Therapie hineinfiihrt, dann werden 
die Studenten der Medizin nicht etwa noch mehr, sondern weniger 
zu studieren haben. Und dieses Studium wird, weil es sie durchleben 
wird, nur in ihnen einen grofieren Enthusiasmus hervorrufen als 
dasjenige, was sie heute an den Menschen heranfuhrt und was ihnen 
im wesentlichen nichts anderes liefert, als daft sie Organe sehen, die 
keineswegs ruhend sind, sondern die nur verstanden werden, wenn 
man sie in ihrer lebendigen Funktion auffafit und in ihrer Wechsel- 
wirkung zu anderen Organen, wenn man diese Organisation studiert, 
wenn man dieses ganz ins Funktionelle-Hineintreiben und dazu eine 
aufiere Naturwissenschaft hat, welche ebenfalls wieder ins Funktio- 
nelle hineintreibt. Es wird ja durchaus immer wieder parallel zu 
studieren sein jener innere Vorgang im Menschen, jenes Eigentiim- 
liche, das sich da abspielt als Vergiftungen und Giftwirkungen, die 
aus dem Gleichgewicht gekommen sind, und diejenigen Prozesse, 
die sich gerade nicht in der Naturordnung abspielen und die, weil 
das Auftere polarisch zu dem Inneren sich verhalt, in einer gewissen 
Weise auch polarisch zu verwenden sind, und die daher durchaus 
in die Pathologie, oder besser gesagt in eine therapeutische Pathologie 
und pathologische Therapie hineinfuhren konnen. 

So konnte ich Ihnen nur andeuten dasjenige, was, ich mb'chte 
sagen, die Schritte zu lenken hat, welche eine Gesundung des medizi- 
nischen Studierens nehmen mufi, und ich konnte Ihnen nur an- 
deuten, wie die Geisteswissenschaft hineinwirken will in dieses medi- 
zinische Studieren. Ich werde Ihnen heute abend, wo ich wiederum 
eine halbe Stunde nach Beendigung der eurythmischen Vorstellung 
fur alle hier vortragen werde, noch einige andere Beispiele geben, 
welche Ihnen zeigen werden, wie dieses intuitive Zusammenschauen 
der aufieren Naturwirkungen mit den Wirkungen des inneren Orga- 
nismus eben zum Therapeutischen und zum Erkennen des Pathologi- 
schen fuhren kann. Ich mochte da eingehen dann auf einzelne Stoffe. 



Ich konnte in dieser kurzen Zeit, die mir hier zur Verfiigung stand, 
nur das Prinzip gewissermaften an dem Beispiel von Betula alba an- 
geben, werde heute abend noch einiges andere angeben, werde mich 
aber iiberall daran halten eben, anzudeuten, was in das allgemeine 
Verstandnis der Menschen hineingehen soli. Denn von diesem aus- 
gehend mufi dann wiederum der Mediziner speziell weiterbauen. Er 
soil in das Spezielle hineingehen, denn das Spezielle zu behandeln, 
erfordert auch iiberall eine individuelle Beurteilung, und da ist es 
notwendig, da£ aus dem Verstandnis aller Laien fiir die medizini- 
schen Richtungen, fiir die medizinischen Prinzipien ein Verstandnis, 
eine verstandnisvolle Art dafiir herauswachst, was der Arzt inner- 
halb der aufieren Welt vorzunehmen hat. 

Und wenn Sie in richtigem Sinne den Gang betrachten, den eigent- 
lich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft fiir die Medizin 
nehmen will — ich werde heute abend noch dariiber weiter zu reden 
haben — , so werden Sie sich schon sagen: Wahrhaftig, diese anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft will nicht in das Kur- 
pfuschertum, in das Laientum, in den Dilettantismus hineintreiben, 
sondern sie will vor alien Dingen hinwirken auf eine Gesundung der 
Wissenschaft, der echten, ernsten Wissenschaft selbst, die dann 
wiederum selbst ihre soziale Wirkung schon haben wird. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 9. Oktober 1920 



Heute abend mochte ich Ihnen noch einzelne Erganzungen geben zu 
jenen Vortragen, die ich in diesen Tagen hier unfreiwillig habe 
halten miissen. Ich mochte gewissermaften aphoristisch auf einiges 
hindeuten, das doch aufklarend noch wirken kann auf dasjenige, was 
als Prinzipien fur eine Befruchtung gerade des medizinisch-therapeu- 
tischen Studiums durch die Geisteswissenschaft dienen kann. Es wird 
ja selbstverstandlich aus den Griinden, die ich schon heute morgen 
angedeutet habe, nicht sehr in Details eingegangen werden konnen, 
nicht so sehr wegen der Kiirze der Zeit — das auch natiirlich — , son- 
dern vor alien Dingen darum, weil dennoch die Detailerkenntnisse 
einer eigentlichen fachlichen Auseinandersetzung vorbehalten werden 
miissen, wiederum aus den Griinden, die ich schon heute morgen vor- 
gebracht habe. Jedoch mochte ich gerade nach dieser Richtung hin 
einiges noch beitragen, welches zum allgemeinen Verstandnis des 
medizinischen Wesens fiihren kann, so daft gerade eine Art sozialer 
Wirkung aus diesem Teile geisteswissenschaftlich medizinischer Be- 
trachtung hervorgehen kann, namlich die Begrundung eines gewissen 
Vertrauens zwischen Publikum und Arzteschaft. Je besser das Ver- 
standnis sein wird, das man dem medizinischen Wesen wird entgegen- 
bringen konnen, desto besser wird auch dieses medizinische Wesen 
wirken konnen. 

Nun habe ich Sie heute morgen darauf aufmerksam gemacht, wie 
eigentlich das Leben des menschlichen Organismus darinnen besteht, 
daft in vollig entgegengesetzter Weise das Nerven-Sinnessystem, kurz, 
das Kopfsystem und das Gliedmaften-Stoffwechselsystem wirken, die 
dann durch das rhythmische System ihren Ausgleich erfahren. Es 
wird gewissermaften alles dasjenige, was die Abbauprozesse sind, 
die ganz notwendigen Abbauprozesse des Nerven-Sinnessystems, 
fortwahrend in Einklang und Austausch gebracht mit dem, was die 
Aufbauprozesse sind des Gliedmaften-Stoffwechselsystems. Sie kon- 
nen sich denken — und man kann das im einzelnen nachweisen — , 



daft daher die beiden Systeme des menschlichen Organismus durch- 
aus im entgegengesetzten Sinne wirken, daft sie auch gewissermaften 
aufeinander so wirken, daft, was in dem einzelnen, zum Beispiel im 
Gliedmaften-Stoffwechselsystem vorgeht, nicht zu stark dadurch be- 
eintrachtigt werden darf, daft gewissermaften mit einem Unberiick- 
sichtigtlassen des rhythmischen Systems diejenige Tatigkeit, die ei- 
gentlich nur geeignet ist fur das Kopfsystem, hereinwirkt in das 
Gliedmaften-Stoffwechselsystem. Und wenn man einmal in einer 
hinreichenden Weise durchschaut hat, um was es sich da handelt, 
wird man auch begreiflich finden, wie allerdings solche Obergriffe 
des einen Systems auf das andere stattfinden konnen, wie, mit an- 
deren Worten, das Kopfsystem, das Nerven-Sinnessystem — in dem 
ja auch Stoffwechselprozesse vor sich gehen miissen, wie ich Ihnen 
auseinandergesetzt habe — , einmal auch iiberwuchert werden kann 
von solchen Stoffwechselprozessen, so daft gewissermaften diese 
Stoffwechselprozesse das Kopfsystem innerlich funktionell verahn- 
lichen dem Gliedmaften-Stoffwechselsystem. Und das Umgekehrte 
kann stattfinden. Es kann, weil ja im Gliedmaften-Stoffwechsel- 
system durchaus auch, wenn auch im normalen Leben in untergeord- 
neter Weise, dasselbe Funktionensystem wirksam ist wie im Kopfe, 
einmal ubergreifen, gewissermaften eine zu grofte Intensitat ge- 
winnen im Stoffwechsel-Gliedmaftensystem diejenige Tatigkeit, die 
dort nur ein bestimmtes Maft erreichen sollte und ihre eigentliche 
Bedeutung im Haupte hat. 

Es kann, mit anderen Worten, einmal die Nerven-Sinnestatigkeit, 
die auch vorhanden ist im Gliedmafien-Stoffwechselsystem, dadurch, 
daft auf sie stark impragnierend die Kopftatigkeit wirkt, zum Bei- 
spiel im Unterleibe eine iiberwiegende werden, oder besser gesagt 
eine solche werden, deren Intensitat zu grofi ist. Dann wird das- 
jenige in den Organen des Unterleibes vor sich gehen, was normaler- 
weise als Abbauprozesse nur im Nerven-Sinnessystem vor sich gehen 
soli. Es wird naturlich im Unterleibssystem eine andere Gestalt an- 
nehmen, aber es wird dort, ich mochte sagen, sein Unwesen treiben. 
Wir konnen in der Tat, wenn wir so hineinblicken in die Organi- 
sation des Menschenwesens, in dem, was ich eben beschrieben habe, 



die Entstehung einer schweren menschlichen Erkrankung erkennen, 
namlich des Typhus abdominalis. Der Typhus kann gewift aufier- 
lich empinsch beobachtet werden hinsichtlich seiner Erscheinung, 
aber verstanden und hineingestellt in die ganze menschliche Organi- 
sation kann er nur werden, wenn man in dieser Weise, ich mochte 
sagen, vom Standpunkt einer rationellen Medizin aus — um diese 
goethesche Bezeichnungsweise zu gebrauchen — das Menschenwesen 
durchschaut. Ich habe Ihnen dann auch heute morgen gezeigt, wie 
man iibergehen kann vom Physiologisch-Pathologischen zum Thera- 
peutischen, indem man nicht nur dasjenige zu durchschauen ver- 
sucht, was im Menschenwesen vor sich geht, sondern mit zu durch- 
schauen versucht dasjenige, was in der aufieren Natur vor sich 
geht. In der aufleren Natur finden Prozesse statt, die, wenn man 
sie in der richtigen Weise durchschaut, eingefuhrt werden konnen 
durch Obertragung der entsprechenden Stoffe in den menschlichen 
Organismus, und die dort, weil in einer gewissen Weise die iiufkre 
Natur, sagen wir, die Pflanzennatur durch ihr Emporstrebendes im 
entgegengesetzten Sinne wirkt wie das Hinunterstrebende der Men- 
schenwesenheit, dort gewisse Prozesse aufhalten, die in unrichtiger 
Weise spielen zwischen den drei Systemen des menschlichen Or- 
ganismus. 

Interessant ist zu beobachten, wie dasjenige, was ich Ihnen heute 
morgen mehr dargestellt habe fur die pflanzliche Welt und ihren 
Zusammenhang mit dem Menschen, auch fiir die mineralische Welt 
durchschaut werden kann. Da miissen wir aber, um fiir die minerali- 
sche Welt die Sache zu durchschauen, zu gewissen anthroposophi- 
schen Erkenntnissen iiber den Menschen greifen. 

Im Menschen wirkt das Geistig-Seelische, das Atherische, das 
Physische. Dieses Geistig-Seelische wirkt so — Sie haben es ja durch 
die Auseinandersetzung dieser Vortrage erkennen konnen — , daft es 
durchdrungen sein kann von dem vollen Ich-Bewulksein. Dann ist 
der Mensch gewissermafien in seiner normalen Organisation. Oder 
es kann auch das Ich-Bewufttsein irgendwie abgelahmt sein, zuriick- 
treten. Wenn dann das Geistig-Seelische in irgendeiner Weise rumort, 
seine eigenen Wege geht, ohne daft es in der richtigen Weise von dem 



Ich durchdrungen wird, dann entstehen die verschiedenen Gebiete 
der sogenannten geistigen Erkrankung. Aber alles dasjenige, was 
geistig-seelisch am Menschen ist, sowohl, ich mochte sagen, das, was 
man, anthroposophisch benannt, unter dem Astralischen versteht — 
das ist das mehr unterbewuftte, traumhafte oder aber ganz un- 
bewuftte Seelenleben — , als auch dasjenige, was man unter der Ich- 
Wirksamkeit — das ist das vollbewuftte Seelenleben — versteht, alles 
das hat in gewisser Weise seinen physischen Trager, durch den es im 
physischen Leben wirkt. So daft wir sagen konnen: Wir miissen, wenn 
wir den Menschen betrachten, nicht bloft unseren Blick hinwenden 
auf dasjenige, was zum Beispiel die Ich-Tatigkeit, die eine rein 
geistige ist, ausmacht, sondern wir miissen auch unseren Blick werfen 
auf dasjenige, was im Organismus der eigentliche Trager dieser Ich- 
Tatigkeit ist. Und da finden wir, daft der eigentliche Trager dieser 
Ich-Tatigkeit im wesentlichen im Blute verankert ist. 

Es wiirde sehr weit fiihren, wenn ich — was durchaus sein konnte — 
Ihnen im einzelnen zeigen wollte, wie gerade durch die besondere 
Wirksamkeit des Blutes, durch das Zusammenwirken der Stoff- 
wechseltatigkeit im Blute mit der rhythmischen Tatigkeit im Blute, 
das Ich mit dem ubrigen Seelischen zusammenwirkt. Was uns aber 
jetzt in diesem Augenblicke mehr interessieren soil, das ist die 
Briicke vom Physiologisch-Pathologischen hiniiber ins Therapeuti- 
sche. Und da finden wir denn etwas aufterordentlich Wichtiges. Wir 
konnen gewissermaften das physische Geriiste, den physischen Trager 
eines Geistig-Seelischen, also sagen wir des vollbewuftten Ich, so be- 
einflussen durch irgendwelche Prozesse, die wir in ihm verursachen, 
daft er sich gewissermaften der Ich-Tatigkeit entzieht, daft er aber 
eine ahnliche Funktion ausfiihrt, wie sonst nur unter dem Einflusse 
der Ich-Tatigkeit. Ich will einen besonderen Fall nach dieser 
Richtung hervorholen. Bitte denken Sie sich einmal — ich will jetzt 
schematisch zeichnen — durch das menschliche Blutsystem gewisser- 
maften geriistformig, in einem Kraftegeriiste aufgebaut dasjenige, was 
als Ich-Tatigkeit wirkt. Die Ich-Tatigkeit selbst mochte ich dadurch 
bezeichnen, daft ich langs der Linie dieses Kraftegerustes farbige 
Streifen zeichne, welche dann das Geistig-Seelische der Ich-Tatigkeit 




Tafel 4 



ror 



bilden (siehe Zeichnung, rot). Wenn man nun in einer gewissen 
Weise die der Ich-Tatigkeit zugrunde liegende Krafteorganisation 
beeinflussen kann, so kann es sein, dafi diese Krafteorganisation sich 
gewissermafien verselbstandigt, sich herausreifk und als physische 
Wirksamkeit, als ein Geriiste von physischen Wirkungskraften sich 
heraussondert aus dem Geistig-Seelischen, aber dennoch gewisser- 
maften wie ein Abbild desjenigen, was die geistig-seelische Tatigkeit 
ist, doch blofi physisch wirkt. Man gliedert sich dann in gewisser 
Weise eine Art Doppelganger ein, der im tief Unterbewufiten drunten 
wirkt, der aber ahnlich wirkt, nur eben im Raume, das heiftt nur 
physisch, wie er sonst wirkt, wenn er lediglich hingebungsvoll das 
Werkzeug fur die Ich-Tatigkeit ist. 

Man kann das hervorrufen — man braucht es nicht zu tun, man 
kann es in elementaren Fallen schon selbst, man kann immer den 
Punkt, den Goethe bezeichnet als denjenigen, hinter dem die Natur 
ihr offenbares Geheimnis enthiillt, schon finden, wenn man nur die 
entsprechenden Wege geht — , man kann dadurch, dafi der Mensch 
zuviel Phosphor in sich bekommt, oder daft er mit einer starken 
Phosphordosis behandelt wird, diesen Zustand hervorrufen. Man 
kann gewissermafien dasjenige, was im Leibe der Trager der Ich- 



Tatigkeit ist, aus dieser Ich-Tatigkeit heraussondern, so daft im Leibe 
fur sich diese Ich-Tatigkeit wie in einem Abbilde vollfiihrt wiirde. 
Und was wiirde die Folge sein? Die Folge wiirde dann sein, daft ge- 
rade unter der Einwirkung der Phosphorkrafte die Blutstatigkeit ihr 
gewohnliches Maft iiberwiegen wiirde, namentlich im Knochentrakte, 
und im Knochentrakte gewissermaften eine Art Hyperamie eintreten 
wiirde. Auf diese Weise, durch diese Hyperamie wiirde dann das- 
jenige, was nun solch einer ubertriebenen Blutgefafttatigkeit vom 
Knochenknorpel benachbart ist, wuchern, und es wiirde dem Ver- 
kalkungsprozeft der Knochen entgegengewirkt werden. 

Ich habe Ihnen geschildert, was eintreten konnte durch eine Be- 
handlung des Menschen, innerhalb welcher er zuviel Phosphor be- 
kommt, das heiftt innerhalb welcher die Funktion, die der Phosphor 
im menschlichen Organismus vollziehen kann, zu stark ausgefuhrt 
wird. Aber diejenigen Krafte, die drauften in der Welt sind, die in 
den einzelnen Mineralien verankert sind, sie sind gewissermaften in 
einer anderen Form, sagen wir, in einer ubersinnlichen Form im 
Menschen auch vorhanden, und sie konnen ja im Menschen tatig 
sein. Der Mensch ist in gewisser Beziehung ein Mikrokosmos. Wenn 
nun diese Krafte, die sonst drauften in der Natur im Phosphor ver- 
ankert sind, wenn diese Krafte in der Menschenwesenheit wirken, 
was namentlich im friihen Lebensalter der Fall sein kann, dann 
entsteht die Erkrankung der Rachitis. Und wir haben dadurch, daft 
wir so den Zusammenhang des Menschen mit der Weltumgebung 
durchschauen, die Erkenntnis dann zu gewinnen, daft Entstehung der 
Rachitis im menschlichen Organismus ein ahnlicher Prozeft ist wie 
derjenige, der sich in der Entstehung des Phosphors drauften in der 
Natur vollzieht. Ich deute Ihnen hier aphoristisch und selbstver- 
standlich so, daft nicht alle Glieder einer Beweiskette zusammen- 
geschlossen werden konnen, in einem bestimmten Falle an, welches 
eigentlich die Wegrichtung ist, durch die man geisteswissenschaftlich 
diesen Zusammenhang des Menschen mit der iibrigen Welt sucht. 

Nun kann man aber weitergehen. Ich habe Ihnen heute friih ge- 
zeigt, wie zusammenwirkt in einer Weise, die ich so angedeutet 
habe, daft ich das Gliedmaften-Stoffwechselsystem auf der einen 



Seite, das Nerven-Sinnessystem auf der anderen Seite hatte und 
das ausgleichende rhythmische System dazu, diese beiden Systeme 
zusammenwirken (siehe Zeichnung). Sehen Sie, da ist es nun so, daft 



Tafd 5 



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in der Tat dasjenige, was im Gliedmaften-Stoffwechselsystem un- 
regelmafiig, krankend wirkt, gerade das Gesundmachende im Kopf- 
system ist. Daher haben wir im Kopfsystem des Menschen immer 
gewisse Funktionen, die vom Phosphor herriihren, aber von einer 
sehr geringen Menge Phosphor, die sich im Gehirn des Menschen 
findet. Diese Phosphortatigkeit, man lernt sie auf der anderen Seite 
kennen in der Art, wie ich Ihnen das jetzt beschrieben habe, im 
Stoffwechsel-Gliedmafienorganismus als den richtigen Abbau in die 
Verkalkungsprozesse hinein hemmend. Aber sie mussen vorhanden 
sein, diese Phosphorprozesse im Gehirn, wo der Abbau vorhanden 
sein soil, und wo vor alien Dingen dieser Abbau fortwahrend fort- 
wirken soil. Mit anderen Worten: Weil wir im Gehirn den Phosphor- 
prozefi anwesend haben, haben wir im Gehirn fortwahrend, ich 
mochte sagen, einen naszierenden Zustand, haben wir eine Art 
Rachitisentstehung. Darauf beruht gerade unsere Gehirntatigkeit, 



dafi fortwahrend der Knochen gebildet sein will, aber fortwahrend 
diese Knochenbildung verhindert wird, nachdem einmal die Schadel- 
decke ordentlich herumgebildet ist urn dieses menschliche Gehirn. 
Wir haben im menschlichen Gehirn — das ergibt sich der mensch- 
lichen Anschauung — ein fortwahrendes Hinstreben zur Knochen- 
bildung. Aber diese Knochenbildung ist einmal abgeschlossen in 
einem bestimmten Lebensalter. Dann wird diese Knochenbilde- 
tatigkeit aufgehalten. Also wir haben wirklich hier ein Krank- 
machendes, das ausgeglichen wird von der anderen Seite, vom an- 
deren Pol des Organismus her, wir haben ein fortwahrendes Hin- 
streben zur Rachitis. 

Nun ist das Merkwiirdige, dafi ein solcher Rhythmus, wie er hier 
sich im Menschen beobachten laftt, auch in der ganzen iibrigen Natur, 
nur in gewisser Beziehung entgegengesetzt, wiederum vorhanden ist. 
Wenn wir auf die merkwiirdige Bedeutung des Phosphors fur das 
menschliche Gehirn hinblicken, so miissen wir uns ja sagen: Indem 
der Phosphor aufgenommen wird, wird er verarbeitet bis zum 
Haupte hinauf. Da macht er innerhalb des menschlichen Organis- 
mus selber Veranderungen durch. Er folgt jener Richtung, die die 
Wachstumsrichtung des Menschen ist. Er gliedert sich ein in diese 
Wachstumsrichtung des Menschen. Und dieses Eingliedern reduziert 
gewissermafien seine Wirksamkeit auf ein Minimum, das verdiinnt 
ihn, und in dieser Verdiinnung wirkt er so, dalS eben die aufgehal- 
tene Rachitis des Kopfes Trager sein kann gerade derjenigen seelisch- 
geistigen Prozesse, die durch Vermittlung des menschlichen Hauptes 
ausgefiihrt werden miissen. 

Nun stellt sich das Eigentiimliche heraus, wenn man sehr kleine 
Dosen Phosphor, statt etwas grofterer, gewohnlich wahrnehmbarer 
Dosen Phosphor, dem Menschen in der richtigen Weise beibringt, 
dann hat man gewisserma£en auch in den Funktionen des Phosphors 
schon etwas anderes erreicht. Bringt man diese kleinen Dosen dem 
menschlichen Organismus bei, so wirken diese kleinen Dosen nun 
im Menschen so, wie der Phosphor wirkt in dem menschlichen Ge- 
hirn. Sie wirken dort nun im iibrigen Organismus als kleine Dosen 
aufhaltend den Rachitisprozeft, wenn er bei Kindern begonnen hat. 



Daher ist in diesem Falle der Phosphor in kleiner Menge, in klein- 
sten Dosen ein Heilmittel gegen die Rachitis, und in weitergehendem 
Sinne ist der Phosphor tiberhaupt ein Heilmittel gegen alles das- 
jenige, was das Ich-Geriiste, das physische Ich-Geriiste, das ich da 
(siehe Zeichnung Seite 57, wei$) unter dem Roten gezeichnet habe, T.iid 4 
das im Organismus durch Kranksein emanzipiert ist von der eigent- 
lichen seelischen Tatigkeit, wiederum zuriickbringt zur Seelentatig- 
keit, das heiEt, es wiederum ins Normale hin umkehrt. 

Ich mufke Ihnen eine sehr komplizierte Auseinandersetzung geben 
iiber das menschliche Wesen, damit Sie aus dem sehen, was eigent- 
lich zugrunde liegt dem Streite zwischen Allopathen und Homoo- 
pathen. Auf gewissen Gebieten, kann man sagen, zeigt sich dasjenige, 
was in der Homoopathie zutage tritt, ganz eklatant, wie hier in die- 
sem Falle, den ich Ihnen angedeutet habe. Mit gewissen kleinen 
Dosen von Phosphor oder auch von Schwefel, kurz, von etwas Ver- 
brennlichem — ich komme darauf noch zuriick — , ist durchaus die 
Rachitis, sind uberhaupt auch sonstige entzundHche Zustande zu 
heilen, die von einer, ich mochte sagen, von der Ich-Wesenheit 
emanzipierten Bluttatigkeit kommen. 

Sie sehen, wenn man sich einlalk darauf, den Menschen so zu be- 
trachten, wie Geisteswissenschaft einen anleitet, dann wird, wie in 
diesem Falle, der Zusammenhang des Menschen auch mit der aufteren 
unorganischen Natur durchsichtig. Und was ich hier angefuhrt habe, 
kann durchaus ausgedehnt werden auf andere unorganische Stoffe. 
Nur mufi man ins Detail gehen. Und gerade diese Art, den Zu- 
sammenflufi von Pathologie, Physiologie und Therapie zu bewirken, 
erfordert ein hingebungsvolles Studium der innermenschlichen und 
der auftermenschlichen Welt. Wir konnen den Phosphor, den Schwe- 
fel verbrennliche Stoffe nennen. Diese verbrennlichen Stoffe, sie 
stellen sich, wenn man nun wirklich die Betrachtung ausdehnt, als 
diejenigen heraus, die durchaus in ahnlicher Weise wirken, wie das 
eben vom Phosphor beschrieben worden ist. Sie wirken so, dafi sie 
gewissermafSen das emanzipierte Ich-Geriiste wiederum hinein- 
stellen in die Ich-Tatigkeit. 

In umgekehrter Weise wirken gewisse Salze, dasjenige, was also 



nicht verbrennlich ist, sondern dasjenige, was sich im Wasser auf- 
lost und bei der Erkaltung des Wassers wiederum abscheidet. Diese 
Salze, kohlensaure, andere Salze, wirken so, daft sie umgekehrt eine 
zu starke Verbindung des Geistig-Seelischen, namentlich der Ich- 
Tatigkeit, mit dem Geriiste hervorrufen, also daft sie nicht das 
Geriiste ablosen, sondern daft sie gewissermaften das Geistig-See- 
lische zu stark hineindriicken. Und sie konnen daher wiederum 
dann als Heilmittel angewendet werden, wenn durch irgend etwas 
diese Verbindung eine zu lose ist. So konnen wir sagen: Verstehen 
wir dasjenige, was eigentlich vorgeht durch irgendeinen Stoff, den 
wir in den Organismus hineinbringen, verstehen wir, wie er die 
ganze Organisation beeinfluftt, dann verstehen wir, wie wir ent- 
gegenwirken konnen irgendeinem Prozeft, der abnorm verlauft und 
dem entgegengewirkt werden mufi. 

Insbesondere wirksam sind fur gewisse Prozesse, wie zum Beispiel 
fiir jenen Prozeft, welcher der fruher Lungenschwindsucht genann- 
ten Krankheit zugrunde liegt, gerade solche salzartige Korper, also 
losliche Korper. Denn dasjenige, was Lungenschwindsucht ist, er- 
fordert eben, daft man einem Prozesse entgegenwirkt, der im mensch- 
lichen Organismus der entgegengesetzte Prozefi ist desjenigen, der 
stattfindet, wenn in einer Losung sich Salz eben auflost. Und so 
handelt es sich darum, daft einen die Ausbreitung seiner Erkennt- 
nisse iiber die ganze menschliche Wesenheit hineinfiihrt in den Zu- 
sammenhang des Menschen mit seiner ganzen aufteren weltlichen 
Umgebung. 

Dasjenige, was ich jetzt ausgefiihrt habe — ich kann nur immer 
beispielsweise sprechen in diesen erganzenden aphoristischen Be- 
trachtungen — , laftt sich noch durch andere Beispiele illustrieren. 
Nehmen wir irgendwoher, wir konnen, ich mochte sagen, ja iiberall 
solche Beispiele finden, aber nehmen wir einmal Beispiele aus einem 
Gebiete, das uns zu gleicher Zeit in den ganzen Zusammenhang des 
Geistig-Seelischen mit dem Physischen hineinfiihren kann. Das- 
jenige, was durch das Nerven-Sinnessystem vermittelt wird, das 
stellt sich ja im Menschenleben so dar, daft es vom Aufwachen bis 
zum Einschlafen das bewufite Leben des Menschen bedeutet. So daft 



wir geradezu sagen konnen: Das Kopf system ist der Ausdruck fiir 
das bewuftte Leben des Menschen. Aber das Stoffwechsel-GIied- 
maftensystem, das ist nicht in gleicher Weise der Ausdruck fiir das 
bewuftte Leben des Menschen. Wir gehen sozusagen durch die Welt 
mit bewufttem Kopf, aber doch mit unbewuftten Gliedern. Diese 
Glieder werden nur bewuftt, wenn sie in irgendeiner Weise beruhrt 
werden, wenn sie einen Insult erleiden und dergleichen. So daft 
wir sagen konnen: Der normale Zustand fiir das Kopf-, fiir das 
Nerven-Sinnessystem ist im wachenden Zustand die Bewufttheit, fiir 
das entgegengesetzte System des Menschen die Unbewufttheit. 

Aber man kann in einer gewissen Weise im Menschen kiinstlich 
eine Art Bewufttheit erzeugen fiir das andere, fiir das Stoffwechsel- 
Gliedmaftensystem. Und das geschieht zum Beispiel durch die 
Massage. Worinnen besteht denn die Massage? Sie besteht darinnen, 
da# man durch auftere Maftnahmen dasjenige bewuftt macht, was 
sonst unbewuftt bleibt. Es handelt sich dann darum, daft man ver- 
ursachen kann, daft ein zu geringer Zusammenhang zwischen dem 
Geistig-Seelischen und dem Physischen durch diese Massage ge- 
bessert werden kann. Nehmen wir an, der Mensch ware krankhaft so 
organisiert, daft er von seinem Geistig-Seelischen aus eine zu geringe 
Neigung hat, dieses Geistig-Seelische voll hineinzutreiben in 
sein Stoffwechsel-Gliedmaftensystem. Dann unterstiitzt man das 
Physische dieses Stoffwechsel-Gliedmaftensy stems, indem man es 
massiert, indem man es also bis zu einem gewissen Grade von dem 
Zustande des Geistigen in den Zustand der Bewufttheit herauferhebt, 
man unterstiitzt dieses System in seiner Wirksamkeit, und dadurch 
ruft man ein starkeres Durchstromtsein dieses Systems mit dem 
Geistig-Seelischen herbei. Und versteht man dann, wie dieses Stoff- 
wechsel-Gliedmaftensystem wirkt, weift man zum Beispiel, daft das- 
jenige, was in den Armen und Handen pulsiert, was da als Geistig- 
Seelisches pulsiert, daft das sich innerlich fortsetzt und den inner- 
lichen Stoffwechsel des Menschen beherrscht, dann wird man auch 
wissen, was es bedeutet, partielle Bewufttheit herbeizufuhren durch 
Massage in den Armen und Handen. Es bedeutet das eine Forderung 
des Geistig-Seelischen im Stoffwechselsystem, aber in demjenigen 



Stoffwechselsystem, das im Menschen nach innen hinein auf- 
bauend, Verdauung bewirkend, den Stoff aufnehmend, die Ver- 
dauung in der Weise bewirkt, daft sie stoffaufnehmend wirkt. 

So kann man sagen: Findet man, daft der Mensch innerlich orga- 
nisch an Stoffwechselstorungen leidet, an Stoffwechselstorungen 
aber, die sich etwa darauf beziehen, daft seine Nahrung nicht ordent- 
lich in den Korper sich einfiigt, oder daft die Verarbeitung dieser 
Nahrung in dem Aufbauprozesse sich nicht ordentlich vollzieht, 
kurz, daft der nach innen gehende Stoffwechsel nicht in Ordnung 
ist, dann kann in gewissen Fallen — man mufi natiirlich jetzt Detail- 
kenntnisse haben, um das in der richtigen Weise zu sehen — die 
Arm- und Handemassage eine Hilfe sein. Sie beruht darauf, daft 
man das Geistig-Seelische durch den Grad von Bewufttheit, den 
man durch die Massage hervorbringt, in seiner Wirksamkeit unter- 
stiitzt. Massiert man Beine und Fiifte, dann wird etwas anderes 
eintreten. Dasjenige, was als Geistig-Seelisches Beine und Fiifte durch- 
dringt, das steht wiederum in einem Zusammenhange organisch mit 
Ausscheidungsprozessen, mit Abbauprozessen. Daher wird man, 
wenn die Verdauung nach der Richtung nicht in Ordnung ist, daft 
die Ausscheidungsprozesse nicht in der richtigen Weise sich voll- 
ziehen, mit einer Massage unter Umstanden an Beinen und Fuften 
etwas helfen konnen. 

Aber Sie sehen, wenn man in dieser Weise geisteswissenschaftlich 
durchleuchtet das medizinische Wesen, dann vollbringt man solche 
Dinge nicht nur ganz zufallig empirisch, wenn sie sich gerade der 
Empirie darbieten, sondern man kann ganz bewuftt auf eine Be- 
arbeitung des Zusammenhanges zwischen Physiologie, Pathologie und 
Therapie auf den verschiedensten Gebieten eben hinarbeiten. Ich 
mochte Ihnen, wie gesagt, diese Dinge sagen, nur um zu beleuchten 
die Richtungen, nach denen man gehen mufi. Und ich weift ganz 
gut, wieviel gerade an solchen Dingen frappiert, weil ja natiirlich 
nicht alle Einzelheiten herbeigetragen werden konnen. 

Nimmt man zum Beispiel eine Erkrankung, die auch dem Medi- 
ziner sehr viel Sorge machen kann, sagen wir zum Beispiel die 
Zuckerharnruhr, den Diabetes mellitus, dann miissen wir wiederum 



hinblicken auf den Zusammenhang des Geistig-Seelischen, und zwar 
des bewufiten Geistig-Seelischen, des Ich-durchzogenen Geistig- 
Seelischen und des physischen Tragers dieser Ich-Tatigkeit. Nur 
kommt jetzt etwas anderes zustande als in dem heute zuerst er- 
wahnten Fall. Nehmen wir an, diese Ich-Tatigkeit wird eine zu 
grofie im menschlichen Organismus. Sie dehnt sich iiber ihr Maft 
aus. Dann konnen solche abnorme Ausscheidungsprozesse statt- 
finden, wie sie stattfinden bei dem Diabetiker. Da haben wir es 
also zu tun gewissermafkn mit einer iibertriebenen Ich-Tatigkeit im 
Organischen selber. Da haben wir es mit einem zu tiefen Sichhinein- 
senken des Ich in das Organische zu tun, so dafi durch dieses tiefe 
Einsenken eben dasjenige herausgetrieben wird, was gerade bei dem 
Diabetiker erscheint. 

Nun konnen wir wiederum den Blick ablenken von dem, was 
da im Innern des Menschen vorgeht, und ihn hinlenken zu dem, was 
in der menschlichen Auftenwelt vorgeht. Da haben wir in der 
Aufienwelt Pflanzen, von denen wir ja heute morgen schon er- 
kannt haben, wie sie in einer gewissen Weise von unten nach oben 
einen Prozefi entwickeln, den der Mensch von oben nach unten ent- 
wickelt. In der Tat verlauft dasjenige, was, ich mochte sagen, als 
hypertrophe Ich-Tatigkeit in den Organismus hineinarbeitet bei 
dem Diabetes, entgegen der Richtung des Pflanzenwachstums. Wenn 
wir dann gerade die richtige Funktion bei der wachsenden Pflanze 
auffinden, dann konnen wir unter Umstanden ein Verhaltnis her- 
stellen zwischen dem, was gerade beim Diabetiker nach unten wirkt 
und was bei der Pflanze nach oben wirkt. Wir miissen nur die 
Pflanze so auffassen, dafi wir uns sagen: Die Pflanze ist ein Wesen, 
physisch ist sie auch; sie wachst, sie pflanzt sich fort, also hat sie 
einen atherischen Leib. Sie hat auch einen atherischen Leib fur die 
geisteswissenschaftliche Anschauung. Aber sie bringt es nicht bis zur 
inneren seelischen Beweglichkeit; sie hat also kein Astralisches, sie 
hat auch keine Ich-Tatigkeit. Aber sie wachst doch der Ich-Tatigkeit, 
der astralischen Tatigkeit entgegen. Dasselbe, was die Pflanze nach 
oben entfaltet, entfaltet der Mensch von oben nach unten. 

Wenn wir nun zu beobachten vermdgen, was da eigentlich in der 



Pflanze vorgeht, indem sie derjenigen Richtung entgegenwachst, in 
der der Mensch gerade nun entgegengesetzt, von oben nach unten 
sein Ich ausbildet, so finden wir, wie dasjenige im Pflanzlichen ent- 
steht, was nun eine innere Beziehung haben kann gerade zu dieser 
inneren Ich-Tatigkeit dadurch, daft es auch mit der Verbrennlich- 
keit etwas zu tun hat. Ich habe friiher auf verbrennliche Korper 
aufmerksam gemacht. Jetzt sehen wir verbrennliche, fiuchtige, dem 
Verbrennlichen nahe Korperlichkeit sich herausbilden aus der 
Pflanze in den atherischen Dlen. Wenn wir die atherischen Die in 
gewissen Pflanzen entstehen sehen, dann ergibt sich nun fur eine 
solche Betrachtung, wie ich sie eben angedeutet habe, dafi das die 
entgegengesetzte Tatigkeit ist derjenigen gegeniiber, welche zum 
Beispiel die hineingeprefke, in den menschlichen Organismus hinein- 
geprefke Ich-Tatigkeit ausiibt, wodurch der Mensch Diabetiker wird. 
Und man kann dann, wenn man nur in der richtigen Weise das- 
jenige, was man in der Aufienwelt als das Entgegengesetzte hat, 
an den Menschen heranbringt, man kann der Zuckerharnruhr ent- 
gegenarbeiten. 

Man mufi es so machen, daft man allerdings in diesem Falle 
wirklich entgegenwirkt, das heifk, daft man zum Beispiel in Bader die 
atherischen Die oder auch die Pflanzen selber, die atherisches Dl ent- 
wickeln, bringt, und den Menschen in solchen Badern eben baden 
lalk. Dadurch wirken diese Krafte, die die Pflanze entfaltet in 
den atherischen Dlen, von aufien nach innen entgegen den Kraften, 
welche die Zuckerharnruhr bewirken. Wir konnen auf diese Weise 
gerade durch solche Bader dem Menschen helfen. 

Ich fiihre eben nur einzelne Beispiele aus der reichen Fiille an, 
die vorgebracht werden konnen, von denen ich eine grofie Anzahl 
im heurigen Friihjahr fur Facharzte vorgebracht habe. Ich fiihre es 
hier nur an in bezug auf Prinzipielles, aber Sie konnen daraus sehen, 
wie das medizinische Wesen allmahlich rationell gemacht wird, so 
dafi exemplifiziert wird, dafi man wirklich den Prozefi im Innern 
des Menschen sieht, und den ProzefS in der aufieren Natur sieht, und 
sieht, wie sich diese beiden Prozesse entweder unterstiitzen, tragen 
oder entgegenwirken, wie also ein Prozeft, der im menschlichen 



Organismus ist, aufgehalten werden kann und wie nach der Heilung 
hingestrebt werden kann. Wir kornmen, wenn wir eine solche Betrach- 
tungsweise ausdehnen, ich mochte sagen, in der Erkenntnis des 
physischen Menschen und seiner Zusammenhange mit dem geistig- 
seelischen Menscben immer weiter. Sie wissen ja, daft in der moder- 
nen medizinischen naturwissenschaftlichen Anschauung eine grofte 
Rolle das Vererbungsproblem spielt. Allein dieses Vererbungs- 
problem wird durchwegs in einer sehr abstrakten und aufterlichen 
Weise behandelt. Es kann eben durch die auftere Wissenschaft nur 
wenig in Zusammenhang gebracht werden mit dem, was im Men- 
schenwesen eigentlich wirkt. Denn der Mensch ist ja tatsachlich — 
und jetzt mochte ich etwas vor Sie hinstellen, was aus einer reichen 
anthroposophischen Forschung heraus gewonnen werden mufi, was 
ich aber als ein Ergebnis hinstellen mochte — aus der ganzen iibrigen 
Welt, die zu ihm gehort als irdische Welt und auch als aufterirdische 
Welt, herausgebildet. Und er ist in einer verschiedenen Weise her- 
ausgebildet. 

Wir finden zum Beispiel, daft der weibliche Organismus so her- 
ausgebildet ist, sagen wir, aus der Natur oder aus dem Kosmos, daft 
beim weiblichen Organismus mehr diejenigen Krafte vorkommen, 
welche gewissermaften weniger an die Krafte der Erde gebunden 
sind. Beim weiblichen Organismus ist etwas stark Aufterirdisches 
vorhanden. Beim mannlichen Organismus sind vorzugsweise die- 
jenigen Krafte entwickelt, die nun mit dem irdischen Leben zu- 
sammenhangen. Das kommt im gewdhnlichen Leben sonst nicht so 
stark in Betracht, aber es kommt in Betracht bei dem, was Fort- 
pflanzung ist. Da handelt es sich darum, daft diejenigen Krafte, die 
im weiblichen Organismus wirken und zur Fortpflanzung bei- 
tragen, tatsachlich die Ubertragung desjenigen sind, was als Aufter- 
irdisches sich in die gesamte menschliche Wesenheit einorganisiert. 
Dasjenige aber, was den Menschen herunterholt in die irdische Welt 
hinein, ist vorzugsweise im mannlichen Organismus organisiert. Und 
nun betrachten wir dasjenige am Menschen, was eigentlich durch 
diese seine Erdenumgebung in ihm ist. Das Auffalligste, was in ihm 
ist durch seine Erdenumgebung, ist ja die Ich-Tatigkeit. Diese Ich- 



Tatigkek, sie gibt ja geradezu der Erdenentwickelung des Menschen 
ihren vollen Sinn. Wir miissen uns von anderen Welten in die 
Erdenwelt hereinentwickeln, um die Ich-Tatigkeit in unserem 
Geistig-Seelischen voll ausbilden zu kbnnen. Diese Ich-Tatigkeit, 
ich habe sie Ihnen aufgewiesen, wie sie gebunden ist an das Krafte- 
geriiste, das durch das Blut vermittelt ist. So miiftten wir also sagen: 
Dasjenige, was vorzugsweise dem Blute einorganisiert wird, was 
vorzugsweise nach der Ich-Tatigkeit hin wirkt, das wird auf dem 
Wege der Fortpflanzung von der mannlichen Personlichkeit her 
bewirkt; dasjenige, was mehr das Aufterirdische im Menschen organi- 
siert, was erst von der Ich-Tatigkeit durchzogen werden mufi, das 
kommt mehr von der weiblichen Seite her. 

Nun finden wir also in dieser Weise zusammenwirken Mannliches 
und Weibliches in der Fortpflanzung, und wir konnen dadurch erst 
richtige Begriffe von der Vererbung gewinnen, wenn wir dieses ein- 
sehen. Nun wird zunachst beriihrt von dem mannlichen Einfluft 
der weibliche Same, der weibliche Keim. Und dieser weibliche 
Keim hat eine gewisse Selbstandigkeit im weiblichen Organismus. 
Wir miissen sagen, wenn wir einen ausgewachsenen weiblichen Orga- 
nismus vor uns haben, wirkt dieses Aufterirdische vorzugsweise im 
iibrigen weiblichen Organismus. In demjenigen Teile des weiblichen 
Organismus, der zur Keimbildung die Veranlassung gibt, wirkt das 
nicht mit, wirkt insbesondere nicht mit nach der Konzeption. So 
daft gerade der weibliche Keim, der durch die Konzeption gegangen 
ist, eine gewisse Selbstandigkeit hat, also dasjenige, was er als Ver- 
mittler der Ich-Tatigkeit bedeutet, in bezug auf den Nachkommen 
in einer gewissen Weise selbstandig iibertragt. Wenn man diese 
Dinge weift, dann kann man sie so anwenden, daft Erscheinungen in 
der Auftenwelt einem entgegenkommen wie illustrierend dasjenige, 
was man zuerst im geistigen Schauen gewonnen hat. Man gewinnt 
im geistigen Schauen die Erkenntnis, daft in der Tat im weiblichen 
Organismus ein Aufterirdisches verankert ist, daft das Irdische, das 
also gerade an der Bluttatigkeit haftet, durch den mannlichen Orga- 
nismus vermittelt wird, daft durch diese Vermittlung der weibliche 
Eikeim eine gewisse Selbstandigkeit erlangt, gewissermaften ab- 



gesondert vom iibrigen aufterirdischen weiblichen Organismus sich 
durch die Befruchtung entwickelt. 

Solch einen Vorgang, den man geistig-seelisch erkennt, hat man 
dann im Hintergrunde, wenn man eine so merkwiirdige Erscheinung 
wie die der Hamophilen, der Bluter, erklaren will. Da tritt ja die 
merkwiirdige Tatsache zutage, daft es Menschen gibt, welche an einer 
mangelnden Gerinnung des Blutes so leiden, daft sie bei der geringsten 
Korperverletzung, oftmals ohne daft eine solche nachweisbar ist, 
reichlich Blut absondern, dadurch zum Verbluten neigen. Diese 
Bluterkrankheit, sie hat etwas hochst Eigentiimliches an sich: Aus 
Bluterfamilien stammende Manner bekommen die Blutungen nicht, 
wenn sie geboren werden von Frauen, die von Nichtbluterfamilien 
herstammen, sie bekommen sie dann als Manner nicht, diese Bluter- 
krankheit, aber wenn Frauen Nachkommenschaft bekommen, die 
aus Bluterfamilien stammen, dann bekommen sie selber nicht durch 
Vererbung die Bluterkrankheit; dagegen bekommen die von ihnen ab- 
stammenden Manner die Bluterkrankheit. Das heiftt, die Bluter- 
krankheit geht durch die Frau durch. Das weist uns hin auf jene 
Selbstandigkeit des Keimes, von der ich eben gesprochen habe. Und 
es deutet uns die auftere Erscheinung gewissermaften illustrierend 
auf dasjenige hin, was wir durch Geistesschau gewinnen. 

Nun, ich habe Ihnen heute gewissermaften nur erzahlend einiges 
vorgefuhrt, was in der folgenden Richtung verlauft. Ich habe Ihnen 
gezeigt, wie man auf der einen Seite durch Geistesschau hinein- 
blicken kann in das Wesen des Menschen, in das konkrete Wesen des 
Menschen, in seine Aufbau- und Abbauprozesse, in seine Gesun- 
dungs- und Erkrankungsprozesse, die eigentlich in standiger Wechsel- 
wirkung stehen, und zwischen denen ein Ausgleich gesucht werden 
muft. Ich habe Ihnen gezeigt, wie man durch Geistesschau das Wech- 
selverhaltnis des Menschen mit seiner Umgebung finden kann, wie 
man dadurch die Briicke schlagen kann von Physiologie und Patho- 
logie zu der Therapie. Und ich habe Ihnen zuletzt an einem beson- 
deren Beispiel veranschaulichen wollen, wie man — ich habe einen 
extremen Fall gewahlt, den der Bluterkrankheit und den der Ver- 
erbungsverhaltnisse bei der Bluterkrankheit — , wenn man in der 



richtigen Weise die Natur ansieht in den Fallen, wo die Natur ihr 
offenbares Geheimnis enthullt, iiberall die Illustration desjenigen 
bekommt, was man erst geisteswissenschaftlich erkannt hat. So daft 
es den Einwand gar nicht gibt, der etwa so lautete, daft derjenige, 
der doch nicht hineinschauen konne in die geistige Welt, daft der 
gar keinen Weg habe, urn irgendwelche Beweise fiir dasjenige zu 
finden, was der Geisteswissenschafter behauptet. Nein, so liegt die 
Sache nicht, sondern es handelt sich darum, daft man ja die geistes- 
wissenschaftlichen Resultate, ich mochte sagen, auf der einen Seite 
ohne Dogmatismus und Autoritatsglauben aufnehmen kann, und 
auf der anderen Seite sie aber auch ohne vorgefaftten, vorurteils- 
vollen Skeptizismus aufnehmen kann. Man nimmt sie einfach auf. 
Man sagt sich zunachst nicht: Ich glaube sie — man lehnt sie aber 
auch nicht leichtsinnig ab, man nimmt sie und priift sie an der 
aufteren Wirklichkeit. 

Sie werden sehen, wenn Sie dasjenige, was Ihnen zunachst paradox, 
oftmals sogar phantastisch erscheint, indem es heruntergeholt wird 
aus der geistigen Welt durch iibersinnliches Schauen in der Geistes- 
forschung, wenn Sie es im Leben anwenden, wenn Sie das Leben 
fragen, daft es bestatigt wird an den Punkten, worauf es ankommt. 
Sie werden finden, iiberall liefert die Empirie die Bestatigungen fiir 
dasjenige, was die Geistesforschung findet. Diejenigen Menschen, die 
heute unter der Ausrede, daft sie ja nicht in die geistige Welt 
schauen konnen, die Erkenntnisse dieser geistigen Welt ablehnen, 
gleichen jenem Menschen, der ein so geformtes Eisen (es wird ge- 
Tafel 4 zeichnet) sieht und sagt: Damit beschlage ich mein Pferd, das ist ein 
recks Hufeisen. — Der andere aber, der sagt ihm: Es ist schade, damit das 
Pferd zu beschlagen, denn das hat magnetische Krafte in sich, das 
ist ein Magnet — , und wenn ihm erwidert wird: Ich sehe nichts von 
magnetischer Kraft, fiir mich ist das ein Hufeisen. 

Ja, die Sache liegt so, daft in allem Materiellen das Geistige ist, daft 
wir jetzt in dem Zeitalter leben, wo dieses Geistige gesucht werden 
muft. Derjenige, der, in der Materie forschend, fragen will, ohne den 
Geist zu suchen, der gleicht demjenigen, der ein Hufeisen, einen Ma- 
gneten zum Pferdebeschlagen gebraucht, der also nicht weifi, wie 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:314 Seite:70 



eigentlich die Dinge gerade in der materiellen Welt anzuwenden sind. 
So liickenhaft aphoristisch dasjenige sein mulke, was ich Ihnen heute 
nur erganzend zu dem Vortrage sagen konnte, es sollte ja auch nur die 
Richtung zeigen, in welcher in Zukunft gerade das medizinische Stu- 
dienwesen verlaufen mufi. Denn dieses medizinische Studienwesen 
hangt so innig zusammen mit dem sozialen Wesen. Geradeso, wie die 
Menschenwelt sozial nur gesunden kann, wenn in das soziale Urteil 
die geistige Erkenntnis hineingetragen wird, so kann eigentlich unsere 
Medizin nur gesunden, wenn in sie hineingetragen wird das geistige 
Schauen. 

Sie sehen, Phantasten sind wir auf keinem Gebiete. Dilettanten 
wollen wir wenigstens auf keinem Gebiete sein. Es handelt sich um 
ernstes Forschen, nur eben um ein Forschen, welches jenen Grund- 
satz entwickelt hat, der heute vielfach angewendet wird. Wenn heute 
da oder dort eine Hypothese ausgehangt wird, dann sagt man, sie 
bedeutet eine bequeme Handhabe, um die Erscheinungen zu iiber- 
schauen. Man kommt ja auch schon dazu, in der Mathematik sogar 
solche Hypothesen oder Gedankenrichtungen auszuhecken. Geistes- 
wissenschaft steht auf dem Boden, da£ nichts gescheut werden darf, 
um alles dasjenige, was fiir den Fortschritt des Menschenlebens not- 
wendig ist zu erreichen, dafi nichts gescheut werden darf an Auf- 
wendung von Kraften in der Richtung dieser Notwendigkeit. Und 
deutlich vernimmt man heute aus dem Gang der Menschheitsent- 
wickelung die Zeichen der Zeit, welche uns sagen: In den alten 
Richtlinien ist nicht mehr vorwartszukommen. 

Nun wohl, dieses Dornach ist nur aus dem Grunde entstanden, 
weil in den alten Richtlinien nicht mehr vorwartszukommen ist, und 
es soli hier dasjenige gesucht werden, was die neuen Richtlinien 
sind. Spezialisiert haben wir uns genug. Jetzt handelt es sich darum, 
dafi wir die einzelnen Spezialitaten wiederum zusammenbringen. 
Vielleicht werden Sie gerade an diesem Kurs sehen, wie aus einem 
Zentrum heraus die geistigen Krafte fliefien sollen, die diese einzel- 
nen Spezialitaten zusammenbringen. Dazu mussen ailerdings jene 
bequemen Wege verlassen werden, die man heute so vielfach sucht. 
Aber die Fruchte werden vor alien Dingen in der Richtung des Fort- 



schrittes der Menschheit liegen. Gerade aus diesem Grunde hatte ich 
daher vor alien Dingen gern gehabt, wenn wirklich alles dasjenige, 
was hier geisteswissenschaftlich gesagt werden kann, auch von Spe- 
zialisten gesagt worden ware. Und es war mir daher gar nicht recht, 
daft ich selber gerade fur ein wichtigstes Gebiet, fur das medizinische 
Gebiet, vor Ihnen hier eintreten mulke. Aber da die Dinge nun ein- 
mai so gekommen sind, blieb eben nichts anderes ubrig, und Sie 
miissen damit vorlieb nehmen. Dasjenige aber, worauf es unter alien 
Umstanden angekommen ware, ob nun ein Spezialist oder ein all- 
gemeiner Betrachter hier das Notige vorgebracht hatte, ware eben 
dasjenige gewesen, zu zeigen, daft auch auf diesem schwierigen 
Gebiete der Medizin ein Fortschritt nur durch die Befruchtung von 
der Geistesforschung heraus moglich ist. Es wiirde sich, ich mochte 
sagen, recht anschaulich gezeigt haben, wenn auch fur dieses Gebiet 
jemand aufgetreten ware, der aus den Traditionen der Zeit heraus, 
aus alledem, was die Zeit selbst den Medizinern liefern konnte, auf 
der anderen Seite durch einen offenen Sinn fiir die Geisteswissen- 
schaft hatte zeigen konnen: Man kann zu gleicher Zeit auf der 
vollen Hohe der heutigen medizinischen Wissenschaft, der offiziellen 
medizinischen Wissenschaft stehen und doch ein so guter Geistes- 
wissenschafter sein, dafi man nur glauben kann, man konne sogar 
diese Medizin heute nur ertragen, wenn man sie geisteswissenschaft- 
lich durchleuchten kann. Ob Ihnen das hervorgehen konnte in einer 
geniigend intensiven Weise dadurch, dafi schon einmal die Tat- 
sache sich herausstellte, dafi ich den Fachmediziner ersetzen mufite, 
das weifi ich nicht. Aber ich hoffe, dafi noch ofter Gelegenheit ist, 
in einer solchen Weise, wie es auch der Zeit einleuchtet durch die 
aufieren Umstande, zu zeigen: Auch die Medizin kann nur in die 
Zukunft hineingefiihrt werden, wenn der Geist in sie eindringt, wie 
er gemeint ist, wie er wenigstens angestrebt wird hier in diesem 
Goetheanum, wenn Goethescher Geist in die Medizin einzieht. 



Anthroposophische Grundlagen 
fur die Arzneikunst 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 26. Oktober 1922 

Sie werden heute ein wenig Nachsicht haben miissen mit mir, ich bin 
eben erst hier angekommen nach einer sehr ermiidenden Reise und 
kann eigentlich erst im Grunde genommen wahrscheinlich morgen 
ordentlich zu Ihnen sprechen. 

Nun mochte ich heute aber eine Art Einleitung geben zu den 
Vortragen, die ich hier vor Ihnen halten darf. Eigentlich war es nicht 
meine Absicht, innerhalb dieser arztlichen Veranstaltung zu spre- 
chen, da ich glaube, daft die Anregungen, die aus anthroposophischer 
Forschungsart fur die Medizin und das naturwissenschaftliche Den- 
ken sich ergeben, aufgenommen werden sollten von denjenigen, die 
auf dem entsprechenden Gebiete Fachleute sind. Es kann sich ja 
wirklich bei alledem, was fur Medizin und zum Beispiel auch fur 
Physiologie von anthroposophischer Geistesforschung herkommt, nur 
um Anregungen handeln, die dann empirisch weiterbearbeitet werden 
miissen. Erst auf der Grundlage dieser empirischen Weiterarbeit kann 
sich iiber diejenigen Dinge, um die es sich handelt, ein gultiges, iiber- 
zeugendes Urteil bilden, ein Urteil von der Art, wie man es auf 
therapeutischem Gebiete braucht. 

Wenn ich aber doch nun unter Ihnen diese wenigen Vortrage 
halten werde, so geschieht es auf den besonderen Wunsch unserer 
Arzte hier, und ich werde mich bemiihen, gerade diejenigen Seiten in 
diesen Tagen zu beriihren, durch welche das eigentlich Anthroposo- 
phische hereinleuchten kann in das medizinische Gebiet. Ich werde 
den Versuch machen, zu zeigen, dafi zunachst das Urteil, das man 
gewinnen kann iiber den Menschen, sowohl in seinem gesunden wie 
in seinem kranken Zustande bereichert und vertieft werden kann 
durch die anthroposophische Anschauung. Ich darf vielleicht ein- 
leitungsweise darauf aufmerksam machen, wie diese anthroposo- 
phische Anschauungsweise heute — das heifit in unserer historischen 
Gegenwart — eigentlich zu nehmen ist. Man verwechselt so leicht das- 
jenige, was hier Anthroposophie genannt wird, mit alteren traditio- 



nellen Menschheitsanschauungen, iiber deren Wert ich ja hier kein 
Wort verlieren will, die ich nicht kritisieren will, denen gegenuber 
aber doch gesagt werden mufi, daft die Anschauungen, die von mir 
vertreten werden, auf ganz anderen Grundlagen beruhen als jene 
Anschauungen, die traditionell als mystische, theosophische, gnosti- 
sche und so weiter in der menschlichen Geschichtsentwickelung her- 
aufgekommen sind. Und ich brauche ja nur die Hauptsache hervor- 
zuheben, um vielleicht gerade dadurch gleich radikal klarmachen 
zu konnen, worinnen der Unterschied besteht zwischen den hier ver- 
tretenen Anschauungen und jenen alteren. Jene alteren Anschauun- 
gen beruhen durchaus darauf, daft sie entstanden sind innerhalb des 
menschlichen Denkens zu einer Zeit, in der es noch keine Natur- 
wissenschaft in unserem Sinne gegeben hat, und meine Anschauungen 
beruhen darauf, daft sie entstehen in einer Zeit, in welcher die Natur- 
wissenschaft entwickelt ist, in welcher es die Naturwissenschaft auch 
schon zu einer gewissen, wenn auch nur vorlaufigen Vollendung ge- 
bracht hat. Das ist dasjenige, was immer bedacht werden mufi, wenn 
man den ganzen Sinn der Auseinandersetzungen verstehen will, der 
dasjenige durchdringt, was von anthroposophischer Seite her iiber die 
verschiedensten Zweige des menschlichen Wissens und Konnens ge- 
sagt und erforscht werden kann. 

Und Sie wissen ja alle — ich brauche Ihnen das nicht auseinander- 
zusetzen — , daft in jenen alteren Zeiten, in denen eine — in unserem 
Sinne naturlich — naturwissenschaftsfreie Anschauung iiber die iiber- 
sinnliche Welt vorhanden war, auch die Medizin mit iibersinnlichen 
Anschauungen durchsetzt war, mit Anschauungen iiber den Men- 
schen, die sich nicht auf die Art ergaben, wie wir das heute eigent- 
lich selbstverstandlich finden innerhalb der empirischen Forschung. 
Man braucht nur etwa hinter Galen zuriickzugehen, und man findet, 
wenn man unbefangen genug ist dazu, uberall Anschauungen iiber 
den Menschen, auf denen dann auch die medizinischen Gedanken 
ruhen, Anschauungen iiber den Menschen, die, indem sie hinschauen 
auf die Form des Menschen, die Form seiner Organe, auf die Funk- 
tionen des Menschen, mit demjenigen, was wir heute hereinbekommen 
in unsere Empirie, in ihrer Art Gedanken iiber Obersinnliches ver- 



binden, das sie — man glaubt das leicht — scheinbar hineinversetzen 
in die menschliche Natur, das aber fur sie mit der menschlichen 
Natur so verbunden war wie fur uns etwa mit den Dingen der 
aufteren Welt Farben, Formen und unorganische Krafte verbunden 
sind. Nur derjenige, der befangen ist, wird heute von jenen ver- 
gangenen Zeiten der menschlichen medizinischen Entwickelung so 
sprechen, als wenn es sich dabei durchaus nur um kindliche An- 
schauungen gegeniiber den jetzigen handeln konnte. Die historischen 
Darstellungen sind gerade auf diesem Gebiete im Grunde so un- 
geniigend als moglich, und fiir den, der ein wenig sich einlebt in den 
geschichtlichen Gang der Menschheit und nicht gerade auf dem 
Standpunkte steht, von dem aus er urteilen kann, daft jetzt eine Voll- 
endung erreicht ist und alles Fruhere toricht war, wird es naturlich 
klar sein, daft wir auch mit dem, was wir jetzt haben, eine Voll- 
endung nur relativer Art vor uns haben, und daft wir auf das Fruhere 

— auch wenn wir auf die Erfolge blicken, zeigt sich das — durchaus 
nicht nur mit blofter Oberhebung blicken diirfen. Aber immerhin, es 
darf von niemandem, in welchem Sinne er sich auch an irgendeinen 
Wissenszweig der Gegenwart macht, iibersehen werden, was Natur- 
wissenschaft in der neueren Zeit fiir die Menschheit geleistet hat. 
Und wenn sich eine, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrau- 
chen, geistgemafte Betrachtungsweise uber den Menschen, iiber seine 
Gesundheit und Krankheit heute irgendwie betatigen will, so darf sie 
nicht gegen die naturwissenschaftliche Forschung, sondern allein mit 
naturwissenschaftlicher Forschung sich betatigen. 

Sie werden danach von mir nicht voraussetzen, daft ich in irgend- 
eine Polemik gegeniiber den naturwissenschaftlichen Anschauungen 
verfallen will. Im Gegenteil, ich mochte gleich von vornherein be- 
tonen, daft das sogar aus einem ganz bescimmten Grunde nicht der 
Fall sein kann, aus einem prinzipiellen Grunde nicht der Fall sein 
kann. Sehen Sie, wenn man gerade auf jene eben erwahnten alteren 
medizinischen Ansichten zuriickblickt, so findet man, daft ihnen — 
trotzdem sie nicht etwa so toricht waren, wie heute mancher glaubt 

— doch aber dasjenige fehlte, was wir heute durch die Naturwissen- 
schaft gewonnen haben. Das fehlte diesen alten Anschauungen, und 



es fehlte ihnen aus dem Grunde, weil einfach das menschliche Er- 
kenntnisvermogen in jenen alteren Zeiten gar nicht daraufhin ver- 
anlagt war, die Dinge so zu sehen, wie wir sie heute mit unserer 
sinnenfalligen und durch Werkzeuge verstarkten Empirie sehen. Das, 
was wir heute durch unsere Empirie erkennen, das war etwas, von 
dem man etwa sagen kann: Ja, der alte Arzt — verzeihen Sie, daft 
ich diesen Ausdruck gebrauche, ich konnte ebensogut sagen: der alte 
Physiologe oder Biologe — , der alte Arzt sah etwas ganz anderes, als 
der heutige Mensch sieht. Man konnte geradezu von einer anderen 
Orientierung des arztlichen Bewufttseins sprechen fur jene alteren 
Zeiten, die eigentlich radikal ihr Ende gefunden haben mit Galen. 
Aber das, was er sah, sagen wir, in seinen vier Elementen des mensch- 
lichen Organismus, in der schwarzen, der gelben Galle, in dem 
Schleim, dem Blut, das sah er durchaus nicht so, wie heute der 
Mensch es sieht, sondern was er anders sah, sah er so, daft, wenn er 
es beschreibt und wenn man die Worte versteht — man versteht sie 
gewohnlich nicht, wie sie aus alten Zeiten uberliefert sind — , es einem 
heute wie Nebel erscheint; er sah diesen Nebel wie eine Realitat, er 
sah nicht etwa dasjenige, was wir Schleim nennen in seinem Schleim, 
er sah in seinem Schleim etwas, was nicht nur durchlebte Fliissigkeit 
war, sondern sogar durchseelte Fliissigkeit war. Das sah er. Es war 
fur ihn etwas so klar Gesehenes, wie wenn wir sagen, irgend etwas 
ist rot oder blau. Dafiir aber, daft er da etwas sah, wofiir heute das 
wissenschaftliche Bewufttsein nicht mehr organisiert ist, dafiir sah er 
das nicht, was wir heute eigentlich innerhalb des wissenschaftlichen 
Bewufttseins haben. Man mochte sagen, nehmen wir an, irgend 
jemand, der ein gar nicht so abnormes Auge hat, schaut durch irgend- 
eine Brille, und dadurch werden ihm die Umrisse scharfer, als sie fur 
sein sonstiges Bewufttsein sind. So ist auch durch die moderne Em- 
pirie das, was friiher verschwommen, aber geistig-seelisch gesehen 
worden ist, verschwunden, dafiir ist das scharf Konturierte unserer 
heutigen Empirie gekommen. Das hatte man in alteren Zeiten nicht. 
Daher kurierte man auch aus einer Art Instinkt heraus, der iibrigens 
verbunden war mit einer starken Entwickelung des menschlichen 
Mitgefuhles. Es war immer beim alten Arzte eine Art sogar zuweilen 



aufreibenden Miterlebens mit der Krankheit des Patienten. Aus 
diesem Miterleben heraus wurde kuriert. Und die scharfen Umrisse, 
die wir heute durch unsere sinnenfallige Empirie haben, die sah man 
eben nicht. Nun konnen wir, weil einfach das Fortschreiten zu dieser 
sinnenfalligen Empirie in der Entwickelung der Menschheit begriin- 
det liegt, nicht etwa diese heutige Empirie beseitigen und wiederum 
zum alten zuriickkehren. Wir werden auch nur, wenn wir irgend- 
welche atavistische Fahigkeiten uns aneignen, so etwas von Natur 
aus haben, wie die Alten es auf alien Gebieten, also auch auf arzt- 
lichem Gebiete, hatten. Wenn man heute hereinwachst einfach schon 
durch unsere besonders geartete Volksschulbildung — ich will gar 
nicht von der hoheren Bildung sprechen — , wenn man heute herein- 
wachst in unsere Zivilisation, so ist es unmoglich, daft man etwas so 
sieht, wie es die Alten gesehen haben. Das kann man nicht. Man 
wurde heute, wenn man so sehen wurde, wie die Alten gesehen haben, 
zwar nicht sehr stark, aber doch wenigstens als psychopathisch, als 
nicht ganz in Ordnung betrachtet werden. Und das nicht ganz mit 
Unrecht. Denn in der Tat, etwas Psychopathisches ist bei allem, 
ich mochte sagen, elementarnaturhaften — nun, nennen wir es «Hell- 
sehen» — der Gegenwart vorhanden. Dariiber mtissen wir uns ganz 
klar sein. Aber was wir konnen, das ist, durch Entwickelung von 
inneren Fahigkeiten, die sonst in der Seele latent sind, uns hinauf- 
arbeiten zu einem Sehen des Geistigen im Seelischen, so, wie sich eben 
das Auge heraufarbeitete im Laufe der Stammesgeschichte von einem 
unbestimmten Sehen zu einem scharf konturierten Sehen. Also es 
konnen heute Fahigkeiten des geistigen Schauens entwickelt werden. 
Nun sehen Sie, wenn solche Fahigkeiten des geistigen Schauens ent- 
wickelt werden — ich habe die Entwickelung dargestellt in meinem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in 
anderen meiner Schriften — , wenn solche Fahigkeiten entwickelt 
werden beim Menschen, dann sieht er zunachst eine Welt, die er 
friiher nicht gesehen hat, aber eine Welt, welche umschlielk zunachst 
eine Art von geistigem Kosmos aufier dem Kosmos, den uns unser 
heutiger Sinnesanblick gibt, unter Hinzuziehung desjenigen, was die 
Astronomie findet und berechnet. Zu diesem sinnenfalligen, von 



Naturgesetzen durchsetzten Kosmos kommt ein anderer hinzu, ein 
geistiger Kosmos. Wenn wir dann verfolgen dasjenige, was wir in 
dem geistigen Kosmos finden konnen, finden wir darinnen auch den 
Menschen. Wir begreifen ein geistiges Universum, ein durchseeltes 
Universum, und wir begreifen als ein Glied dieses durchgeistigten, 
durchseelten Universums den Menschen. Wenn wir gewohnliche 
Naturwissenschaft treiben, dann beginnen wir entweder mit den ein- 
fachsten Lebewesen oder mit der einfachsten Lebensform, mit der 
Zelle, verfolgen dann das Einfachere zum Komplizierten herauf, 
steigen also von demjenigen, was der einfachen, blofi physikalisch 
gegliederten Materie am ahnlichsten ist, zu dem hochkomplizierten 
menschlichen Organismus herauf. Wenn wir Geisteswissenschaft in 
ernstem Sinne treiben, beginnen wir gewissermafien am anderen Ende. 
Wir steigen herunter von dem Erfassen des Geistigen im Universum 
und schauen dieses Geistige im Universum als das Komplizierte an, 
die Zelle sehen wir als das Einfachste im Organismus an. Das Uni- 
versum, geisteswissenschaftlich angeschaut, ist das Komplizierteste, 
und wir gelangen allmahlich dazu geradeso, wie wir komplizieren 
unsere eigenen Erkenntniselemente, um, sagen wir, von der Zelle zum 
Menschen zu kommen, so vereinfachen wir dasjenige, was uns der 
Kosmos gibt, immer mehr und mehr und kommen dann zum Men- 
schen. Wir gehen einen entgegengesetzten Weg, das heifit, wir be- 
ginnen am polarisch entgegengesetzt gelegenen Ausgangspunkt, aber 
wir kommen, wenn wir in dieser Weise heute zunachst Geistes- 
wissenschaft treiben, dadurch im Grunde genommen nicht bis in 
diejenigen Gebiete, die etwa von unserer heutigen sinnf alligen Empirie 
umschlossen werden. Ich muft groften Wert darauf legen, daft gerade 
in diesen prinzipiellen Dingen keine MHSverstandnisse entstehen. 
Deshalb muft ich Sie schon heute bitten, mir einige pedantisch ge- 
formte Begriffe zu verzeihen. Wenn jemand etwa glauben wollte: 
Nun, es ist unsinnig, sinnenfallige Empirie in der Physiologie, in der 
Biologie zu treiben, wozu braucht man die spezielle Fachwissen- 
schaft, man entwickelt sich geistige Fahigkeiten, schaut in die geistige 
Welt hinein, kommt dann zu einer Anschauung iiber den Menschen, 
iiber den gesunden, iiber den kranken Menschen, und kann gewisser- 



maften eine geistige Medizin begriinden, — so ware das ein grower 
Irrtum. Es tun ja das manche auch, aber es kommt nichts dabei 
heraus. Hochstens das, daft sie wacker schimpfen auf die empirische 
Medizin, aber sie schimpfen eben dann iiber etwas, was sie nicht 
kennen. Also darum kann es sich nicht handeln, daft wir etwa einen 
Strich machen gegentiber der gewohnlichen sinnenfalligen empiri- 
schen Wissenschaft und aus geistigen Wolkenkuckucksheimen her- 
unter eine Geisteswissenschaft begriinden. So ist es gar nicht gegen- 
iiber den empirischen Wissenschaften, das heiftt demjenigen, was man 
heute empirische Wissenschaften nennt, was ich hier sinnenfallig- 
empirische Wissenschaft nennen mochte. So ist es gar nicht. Sie kon- 
nen zum Beispiel, wenn Sie geisteswissenschaftlich forschen, nicht 
etwa auf dasselbe kommen, was Sie mit dem Mikroskop erforschen. 
Sie konnen ruhig jemanden, der Ihnen den Glauben beibringen will, 
dafi er aus der Geisteswissenschaft heraus dasselbe finden kann, was 
man unter dem Mikroskop findet, als einen Scharlatan auffassen. 
Das ist nicht so. Dasjenige, was empirische Forschung in heutigem 
Sinne gibt, besteht. Und um die Wissenschaft auch im Sinne geistes- 
wissenschaftlicher Anthroposophie vollstandig zu machen auf irgend- 
einem Gebiete, dazu ist nicht etwa ein Hinwegraumen des sinnen- 
fallig Empirischen statthaft, sondern es ist durchaus ein Rechnen 
mit dieser sinnenfalligen Empirie notwendig. Nirgends wird der- 
jenige, der, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, in an- 
throposophischer Geisteswissenschaft Fachmann ist, etwas anderes 
finden, als dafi man dadurch, dafi man Geisteswissenschaft treibt, 
erst recht sich im Sinne des sinnenfallig Empirischen mit den Er- 
scheinungen der Welt befassen mufi. 

Dasjenige, was man zunachst bekommt aus der Geisteswissen- 
schaft heraus, das sind Richtlinien fur die empirische Forschung, das 
sind gewisse Regulative, die uns zeigen, dafi wir dasjenige, was in 
dem Organismus an einem bestimmten Orte ist, auch in Gemafiheit 
dieses Ortes zum Beispiel betrachten miissen. Eine Zelle, wird man- 
cher sagen, ist eine Zelle. Und dasjenige, was diese Zelle unterschei- 
det von der anderen, ob sie nun eine Leberzelle oder eine Gehirn- 
zelle ist, das mufi sich ergeben auch wiederum aus empirischer Be- 



trachtung heraus. Das ist eben gerade nicht der Fall. Sehen Sie, wenn 
ich zum Beispiel morgens urn neun Uhr bei meinem Spaziergang bei 
emer Bank vorbeikomme, sitzen da zwei Menschen nebeneinander. 
Ich sehe mir sie an, bilde mir ein Urteil iiber verschiedene Dinge an 
diesen Menschen. Mein Weg fiihrt mich nachmittags urn drei Uhr 
wiederum vorbei; sitzen wiederum da die beiden Menschen. Ja, der 
empirische Tatbestand ist in beiden Fallen zunachst ganz genau der- 
selbe fur dasjenige, was sich darbietet, mit Ausnahme feiner Unterschei- 
dungen. Aber es kann der eine Mensch sitzengeblieben sein die sechs 
Stunden, der andere, gleich nachdem ich vorbeigegangen bin, weg- 
gegangen und erst jetzt wieder gekommen sein und einen weiten 
Weg gemacht haben. Das verandert das Bild ganz wesentlich und 
hat gar nichts zu tun mit dem Tatbestand, der sich mir zunachst 
sinnenfallig darbietet. Sinnenfallig bietet sich mir dar derselbe Tat- 
bestand um neun Uhr morgens und um drei Uhr nachmittags. Aber 
der sinnenfallige Tatbestand mufi beurteilt werden aus seinem Zu- 
sammenhang, aus seinen Bestandteilen heraus. Und da handelt es sich 
gar sehr darum, sich zum Beispiel klar zu werden, inwiefern eine 
Leberzelle ganz anders beurteilt werden mufi als, sagen wir, eine 
Gehirnzelle oder eine Blutzelle. Denn nur dann, wenn das zum Bei- 
spiel richtig ist, daft eine urspriingliche Keimzelle zugrunde liegt, 
die befruchtet worden ist, und durch einfache Spaltung, Teilung, der 
ganze Organismus aus dieser Keimzelle heraus zu erklaren ist, nur 
wenn das gilt, wiirde man so vorgehen konnen, dafi man von vorn- 
herein die Leberzelle gleich mit der Gehirnzelle behandelt und nur 
sich nach dem rein sinnenfallig empirischen Tatbestand richtet. Ja 
aber, wenn das zum Beispiel gar nicht der Fall ware, wenn zum 
Beispiel dadurch, daft eine Zelle in der Leber einfach durch ihre Lage 
in einer anderen Beziehung stiinde zu aufiermenschlichen Kraften, zu 
Kraften, die aufierhalb der menschlichen Haut liegen, als eine 
Gehirnzelle, dann diirfen wir nicht blofi auf dasjenige schauen, was 
vor sich geht als die Fortsetzung des Teilungsvorganges und die Lage- 
rung, die sich dann ergibt, sondern dann miissen wir in einer ganz 
anderen Weise die Gehirnzelle zum Universum in Beziehung bringen 
als die Leberzelle. 



Wenn jemand eine Magnetnadel ansieht und findet, sie weist von 
Siiden nach Norden, von Norden nach Siiden, und jetzt behauptet, 
die Krafte, warum sie in die Nord-Siid-Richtung sich stellt, liegen 
in der Magnetnadel, so wiirde man ihn heute ganz bestimmt nicht fiir 
einen Physiker ansehen, sondern man bringt als Physiker die Magnet- 
nadel in Beziehung zu etwas, was man Erdmagnetismus nennt. Es 
mogen sich die Leute was immer fiir Theorien machen, aber jeden- 
falls kann man nicht aus Kraften, die innerhalb der Magnetnadel 
liegen, ihre Richtung herleiten, sondern man mufi die Magnetnadel 
zu dem Universum in Beziehung bringen. 

Wenn jemand das Organische betrachtet, so sind ihm in der Regel 
die Beziehungen zum Universum aufierordentlich sekundar. Aber 
wenn es so ware, dafi zum Beispiel einfach durch die andere Lage- 
rung die Leber in einem ganz anderen Verhaltnisse zu aufiermensch- 
lichen universellen Kraften stiinde als das Gehirn, dann konnten 
wir nicht auf dem Wege, den wir heute mit der tatsachlichen Empirie 
verfolgen, zu irgendeiner Erklarung des Menschen kommen. Denn in 
diesem Falle konnten wir nur dann zu einer Erklarung des Menschen 
kommen, wenn wir in der Lage waren zu sagen, welchen Anteil, 
sagen wir an der Gestaltung des Gehirnes und der Gestaltung der 
Leber das ganze Universum hat, so wie an der Richtung der Magnet- 
nadel die Erde ihren Anteil hat. 

Wir verfolgen heute, sagen wir, dasjenige, was in der Ver- 
erbungsstromung liegt. Wir gehen hinauf zu den Vorfahren oder 
bis zur Gegenwart, gehen bis zu den Nachkommen, machen es so in 
der Tierreihe, machen es so in der Menschenreihe, beriicksichtigen 
dasjenige, was sich uns da ergibt — was wir natiirlich kennen miis- 
sen — , aber wir beriicksichtigen fiir dasjenige, was sich uns da ergibt, 
lediglich das, was uns die unmittelbaren Vorgange sagen, die wir 
sozusagen innermenschlich betrachten. Wir fragen nichts danach, ob 
unter Umstanden im menschlichen Organismus fiir den befruchteten 
Keim blofi die Gelegenheit gegeben ist, dafi universelle Krafte in der 
mannigfaltigsten Weise auf diesen Keim wirken. Und wir fragen gar 
nicht danach: Konnen wir vielleicht iiberhaupt gar nicht die Ge- 
staltung der befruchteten Keimzelle irgendwie dadurch erklaren, dafi 



wir innerhalb des Menschen stehen bleiben, miissen wir sie nicht auf 
das ganze Universum beziehen? Uns sind heme fur die offizielle 
Wissenschaft die Krafte, die da vom Universum hereinwirken, etwas 
Sekundares. Gewift, sie werden beriicksichtigt, aber sie sind etwas 
Sekundares. Sie werden sagen: Ja, aber die Wissenschaft fiihrt uns 
heute zu einem Punkte, auf dem wir solche Fragen gar nicht auf- 
werfen; das ist etwas Veraltetes, die menschlichen Organe zum Uni- 
versum in Beziehung zu bringen! 

In der Weise, wie es oft gemacht wird, ist es auch etwas Veraltetes. 
Aber daft wir iiberhaupt heute in weitestem Umkreise gar nicht dazu 
gefiihrt werden, solche Fragen aufzuwerfen, das riihrt ja lediglich 
von unserer wissenschaftlichen Erziehung her. Wir werden wissen- 
schaftlich so erzogen, daft wir sozusagen erhalten werden auf dieser 
bloft sinnenfallig-empirischen Forschung, daft wir gar nicht darauf 
kommen, Fragen aufzuwerfen, so wie diejenigen sind, die ich zu- 
nachst nur einleitend hypothetisch aufgeworfen habe. Aber vom Auf- 
werfen der Fragen hangt es eigentlich ab, wie weit man in der Er- 
kenntnis kommt, und wie weit man im menschlichen Handeln auf 
alien Gebieten kommt. Wo Fragen erst gar nicht aufgeworfen wer- 
den, da lebt man eigentlich in einer Art wissenschaftlichen Nebels. 
Man verdunkelt sich den freien Ausblick in die Wirklichkeit selber. 
Und dann kommt es, daft man eigentlich nur dann, wenn die Dinge 
sich in die Gedanken nicht mehr fiigen wollen, sieht, wie ein- 
geschrankt die Anschauungen sind, 

Ich glaube allerdings, daft dieses Gefiihl, das ich damit andeute, 
eigentlich am meisten gerade in der gegenwartigen Medizin vor- 
handen sein kann, ein gewisses Gefiihl, daft die Tatsachen doch ei- 
gentlich anders verlaufen im Menschen, als sie nach den manchmal 
recht geradlinigen Theorien — nach denen wir iibrigens auch 
kurieren — verlaufen miiftten. Dann bekommt man ein Gefiihl, daft es 
doch noch von irgendeiner anderen Seite moglich sein muftte, der 
Sache sich zu nahern. Und eigentlich meine ich, daft dasjenige, was 
hier zu sagen ist, kaum fur jemand anderen eine Bedeutung haben 
kann, wenn er Fachwissenschafter ist, als eben gerade fur den, der 
aus dem praktischen Verfolgen der Vorgange im gesunden und im 



kranken Menschen gesehen hat, wie uberall eigentlich die An- 
schauungen, die man hat, zu leicht geschiirzt sind, wie sie uberall 
nicht herankommen an das Komplizierte der Tatsachen. 

Seien wir doch in dieser Beziehung einmal ehrlich! Schauen wir 
hin, wie das ganze 19. Jahrhundert fast auf alien Gebieten wissen- 
schaftlichen und praktischen Denkens immer eines heraufgebracht 
hat wie ein Axiom. Man konnte geradezu verzweifeln, wie einem 
dieses axiomartige Ding immer entgegengeschleudert wird! Die Leute 
sagten immer: Erklarungen miissen so einfach wie moglich sein. — 
Dann haben auch die Leute die Erklarungen so einfach wie moglich 
gemacht. Ja, aber wenn die Dinge kompliziert sind und die Vor- 
gange, dann ist es eben ein Vorurteil, dafi Erklarungen so einfach 
wie moglich sein miissen, dann mulS man sich bequemen, sich eben 
auf das Komplizierte einzulassen! In dieser Beziehung ist ungeheuer- 
licher Schaden angerichtet worden — ich mochte sagen: in der 
ganzen menschlichen Natur, insofern Wissenschaft und Kunst in 
Betracht kommen — dadurch, da$ man immer wiederum und wieder- 
um das deklamiert hat: Erklarungen miissen so einfach wie moglich 
sein. — Die Natur ist uberall, in ihrem Kleinsten und im Grofken, 
nicht einfach, sondern ungeheuer kompliziert. Und man kann eigent- 
lich der Natur selber nur beikommen, wenn man von vornherein 
weifi: Auch die scheinbar vollkommensten Anschauungen verhalten 
sich zu der Wirklichkeit so wie die Photographien, sagen wir eines 
Baumes, von einer gewissen Seite aus. Ich kann den Baum von den 
verschiedensten Seiten photographieren. Photographien schauen unter 
Umstanden ganz verschieden voneinander aus. Je mehr Photo- 
graphien ich habe, desto eher werde ich der Wirklichkeit des Baumes 
nahekommen mit meiner Vorstellung. 

In bezug auf Theorien, Anschauungen, meint man heute: irgend- 
eine Theorie gilt. Die andere ist dann falsch, die man nicht gerade 
hat. Das ist aber ganz genau so, wie wenn jemand von einer gewissen 
Seite einen Baum photographiert; die hat er nun. Ein anderer photo- 
graphiert den Baum von einer ganz anderen Seite, der zeigt ihm die 
Photographie, und nun sagt er: Das ist falsch, total falsch, richtig ist 
nur das — seine Ansicht ist die richtige. So ungefahr hat man iiber- 



haupt gestritten iiber Materialismus, Idealismus, Realismus und alles 
mogliche. Die Streitigkeiten, die auf diesem Gebiete gepflogen wor- 
den sind, nehmen sich nicht viel anders aus als dasjenige, was ich 
Ihnen in einer scheinbar ganz trivialen Weise jetzt als einen Ver- 
gleich angefuhrt habe. Daher bitte ich Sie von vornherein, dasjenige, 
was ich hier vorzubringen habe, nicht so aufzufassen, als ob es mate- 
rialistisch, idealistisch oder spiritualistisch sein sollte, sondern ledig- 
lich so, als ob es auf die Wirklichkeit in Gemafiheit des menschlichen 
Anschauungsvermogens losgehen soli. Wir konnen zuweilen mit 
materialistischen Vorstellungen sehr viel erreichen, wenn wir das 
Wirkliche beherrschen wollen, wenn wir nur dann auch den ent- 
gegengesetzten Aspekt iris Feld fiihren konnen. Und wenn wir nicht 
in der Lage sind, die Aspekte auseinanderzuhalten, nun, dann be- 
kommen wir eben menschliche Anschauungen, die sich ungefahr so 
ausnehmen, wie wenn man auf eine Platte alle moglichen verschie- 
denen Photographien aufnehmen wiirde. So nehmen sich auch sehr 
viele Dinge aus, die heute tradiert werden, wie wenn man von den 
verschiedensten Seiten immer auf eine Platte photographiert hatte. 

Nun, sehen Sie, wenn man diejenigen Krafte, von den en ich gesagt 
habe, daft sie latent in der Seele sind, aktuell macht durch jene 
Mittel, die ich besprochen habe in meinem Buche «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann kommt man in der Tat 
iiber den gewohnlichen Erkenntnisstandpunkt, der ja ganz besonders 
sorgfaltig in der neuesten Phase der Biologie verfolgt wird, hinauf 
zu dem, was ich beschrieben habe als sogenanntes imaginatives Er- 
kennen. Ein weiterer Standpunkt ist das inspirierte Erkennen, und 
der zunachst hochste Standpunkt, wenn ich mich dieses Ausdruckes 
bedienen darf, ist das intuitive, das wirklich intuitive Erkennen. Im 
imaginativen Erkennen bekomme ich Bilder von der Wirklichkeit, 
von denen ich ganz gut weift, daft sie Bilder sind, aber ich weifi auch, 
dafi sie nicht Traumbilder sind, sondern Bilder der Wirklichkeit. Ich 
habe noch nicht die Wirklichkeit im imaginativen Erkennen, aber 
ich habe Bilder einer Wirklichkeit. Im inspirierten Erkennen bekom- 
men diese Bilder gewissermafien Konsistenz, es lebt etwas in diesen 
Bildern; ich weift durch die Bilder mehr, als was mir das Bild geben 



kann. Ich weifi durch die Bilder, dafi sie sich auf eine geistige Reali- 
tat beziehen. Und im intuitiven Erkennen stehe ich innerhalb dieser 
geistigen Realitat selber. So ist der Aufstieg. Dasjenige, was iiber diese 
drei Erkenntnisarten zu sagen ist, finden Sie eben in dem ofters 
schon genannten Buche. 

Nun, zunachst geben einem diese drei Erkenntnisarten, die jenseits 
der gewohnlichen gegenstandlichen, also der sinnenfalligen Tat- 
sachenerkenntnis liegen, Erkenntnisse iiber geistige Welten: ein geisti- 
ges Universum und den geistigen Menschen, den geistig-seelischen 
Menschen; noch nicht zunachst Erkenntnisse iiber das, was wir heute 
als empirische Forschungsergebnisse, sagen wir, in der Biologie haben. 
Aber ein anderes ist die Anwendung der besonderen Seelenverfas- 
sung, in die man da kommt, wenn man imaginativ erkennt, oder 
wenn man inspiriert erkennt, oder wenn man intuitiv erkennt, auf 
die Erkenntnis des Menschen. 

Sehen Sie, da kommt man zum Beispiel, sagen wir, an den mensch- 
lichen Gehirnbau heran. Dieser menschliche Gehirnbau ist ja gewis- 
sermafien, fur Physiologen und Mediziner nicht so sehr, aber fur die 
sogenannten Psychologen, etwas Merkwiirdiges. Die Psychologen 
sind ja ein besonderes Volkchen innerhalb unserer Zivilisation, weil 
sie es fertig gebracht haben, nicht wahr, eine Wissenschaft zu haben 
ohne Gegenstand: Psychologie ohne Seele, Seelenkunde ohne Seele. 
Fur die Psychologen ist schon dieser Gehirnbau etwas sehr Merk- 
wiirdiges. Nehmen Sie zum Beispiel einen Psychologen, der sogar aus 
der ganz empirischen Wissenschaft hervorgegangen ist. Man wufke 
sich ja in der neuesten Zeit mit der Philosophic nicht zu helfen, weil 
man nicht unterscheiden konnte, ob ein Philosoph etwas weift oder 
nicht. Da man sich aber dariiber klar war, daft Naturwissenschafter 
immer etwas wissen, nahm man auch bei der Besetzung von philo- 
sophischen Lehrstiihlen in der neueren Zeit Naturwissenschafter, die 
sich mit Philosophic befaftten. Bei den Naturwissenschaftern ist es 
selbstverstandlich, daft sie etwas wissen, denn man kann zwar in der 
Philosophic herumreden, aber man kann nicht in der Naturwissen- 
schaft einen blauen Dunst erzahlen, den man unter dem Mikroskop 
oder im Teleskop gesehen haben will oder mit der Rontgenrohre; 



wenn man das nachpriift, so wird man darauf kommen. In der 
Philosophic ist es heute nicht so leicht nachzupriifen, ob einer einen 
blauen Dunst erzahlt. Nun, sehen Sie sich bei Tbeodor Ziehen an, 
wie er iiber den Gehirnbau spricht. Dabei ist mir etwas ganz 
Interessantes passiert. Vielleicht kann ich Ihnen das durch eine 
Erzahlung besser anschaulich machen. Ich war einmal in einer 
Versammlung — es ist schon viele Jahre her — , da sprach zuerst 
ein Arzt iiber den Gehirnbau, setzte den Gehirnbau auseinander im 
Zusammenhang mit dem Seelenleben des Menschen, nach einer An- 
schauung, die man ganz mit Recht materialistisch nennen kann. Es 
war ein ganz waschechter Materialist, der da den Gehirnbau ganz gut 
auseinandersetzte, soweit er heute durchforscht ist, und der also das 
Seelenleben im Zusammenhang mit diesem Gehirnbau erklarte. Der 
Vorsitzende dieser Versammlung war ein Herbartianer, und der kon- 
struierte sich nun nicht den Gehirnbau, aber dasjenige, was das Vor- 
stellungsleben ist, so wie es der Philosoph Herbart einmal gemacht 
hat. Der sagte dann: Ja, es ist doch merkwiirdig, der Physiologe, der 
Arzt, der zeichnet das Gehirn auf und macht da Figuren; wenn ich 
als Herbartianer, sagte er, die komplizierten Vorstellungsassoziatio- 
nen aufzeichne, wobei ich bloft ein Bild meine von dem, was sich als 
Vorstellungen vergesellschaftet, nicht etwa Nervenfaden, die eine 
Nervenzelle mit der anderen verbinden, wenn ich als richtiger 
Herbartianer, der sich nicht um das Gehirn kiimmert, dasjenige, was 
ich mir vorstelle iiber die Art, wie sich Vorstellungen verketten und 
so weiter, nur ganz symbolisch zeichne, so sieht das ganz ahnlich aus 
wie die Zeichnungen des Physio logen iiber den physischen Gehirnbau. 

Das ist nicht ohne Grund, daft das ahnlich ausschaut. Indem wir 
immer mehr und mehr auf den Bau des Gehirnes naturwissenschaft- 
lich gekommen sind, hat sich namlich immer mehr und mehr gezeigt, 
daft eigentlich der auftere Bau des Gehirnes in einer ganz wunder- 
baren Weise dem Bau unseres Vorstellungslebens entspricht. Man 
kann alles, was man im Vorstellungsleben findet, im Gehirnbau 
wiederfinden. Es ist einfach — bitte nehmen Sie das cum grano 
salis — , wie wenn die Natur selber im Gehirn ein plastisches Abbild 
unseres Vorstellungslebens hatte schaffen wollen. So etwas fallt 



einem ganz besonders auf, wenn man, sagen wir, solche Darstellun- 
gen wie die von Meynert liest. Jetzt sind sie schon etwas veraltet. 
Meynert ist Materialist gewesen, aber ausgezeichneter Gehirn- 
physiologe, Psychiater, und man mochte sagen: Ja, der ist Materialist, 
aber dasjenige, was er einem als Materialist gibt, das ist eine 
wunderbare Abschlagszahlung fur dasjenige, was man auch heraus- 
kriegt, auch wenn man sich gar nicht kummert um das menschliche 
Gehirn, sondern b!o$ darum, wie sich Vorstellungen verkniipfen und 
trennen und so weiter und bloft diese Symbole hinzeichnen will. — 
Kurz, es ist so, daf$ man, wenn man durch irgend etwas Materialist 
werden konnte, man es durch den Bau des menschlichen Gehirnes 
ganz besonders werden konnte. Jedenfalls mufi man sagen, wenn es 
ein Geistig-Seelisches gibt, so hat dieses Geistig-Seelische im mensch- 
lichen Gehirn einen so adaquaten Ausdruck gefunden, daft man nun 
gar nicht weit von der Behauptung ist: Ja, was braucht man noch 
ein Geistig-Seelisches fur das Vorstellungsleben? Wenn man nooh eine 
Seele verlangen wiirde, die noch denken kann! Da das Gehirn eine so 
genaue Abbildung ist des Geistig-Seelischen, warum soil das Gehirn 
nicht denken konnen? - 

Alle diese Dinge miissen Sie natiirlich mit dem bekannten Gran 
Salz verstehen. Ich will nur auf den Sinn der ganzen Auseinander- 
setzung heute hinweisen. Das menschliche Gehirn kann einen schon, 
besonders wenn man in die Detailforschung eingeht, zum Materia- 
listen machen. Und was da so eigentlich fiir ein Geheimnis obwaltet, 
was da eigentlich zugrunde liegt, das wird einem doch erst klar, 
wenn man zur imaginativen Erkenntnis kommt. In der imaginativen 
Erkenntnis namlich zeigen sich einem Bilder, Bilder fiir nur wirklich 
Geistiges, Bilder, die man friiher nicht gesehen hat. Aber man mochte 
sagen, diese Bilder erinnern einen an die durch die Nervenzellen 
und Nervenfaden geformten Bilder im menschlichen Gehirn. Und ich 
mochte sagen, wenn ich Ihnen eine Erklarung geben sollte fiir die 
Frage: Was ist eigentlich dieses imaginative Erkennen, das natiirlich 
ganz im Ubersinnlichen verlauft, was ist es? Wenn ich Ihnen gleich- 
sam versinnbildlichen sollte die imaginative Erkenntnis, wie der 
Mathematiker es mit seinen Figuren macht, indem er mathematische 



Probleme aufzeichnet, dann konnte ich auch sagen: Man stelle sich 
vor, daft man in der Welt mehr erkennt, als was die Sinneserkenntnis 
gibt, dadurch, daft man aufsteigen kann zu Bildern, die eine Realitat 
so geben, wie das menschliche Gehirn die menschliche Seelenrealitat 
gibt. Die Natur selber stellt das hin als eine reale, als eine sinnlich- 
reale Imagination im Gehirn, was man eigentlich in der imaginativen 
Erkenntnis auf einem hoheren Gebiete erlangt. 

Aber dadurch kommt man tiefer jetzt hinein in die menschliche 
Konstitution. Wir werden das in den nachsten Tagen sehen: Man 
kommt immer zu einer Moglichkeit, diesen Wunderbau des mensch- 
lichen Gehirns nicht isoliert fur sich zu sehen, sondern ich mochte 
sagen: Wahrend man eine Welt, eine iibersinnliche Welt oben durch 
Imagination sieht, ist es so, wie wenn ein Teil dieser Welt sich 
herunterrealisiert hatte und im menschlichen Gehirn eine realisierte 
imaginative Welt vor uns dastehen wiirde. Und in der Tat, ich glaube 
nicht, daft irgend jemand adaquat iiber das menschliche Gehirn 
sprechen kann, der nicht in dem menschlichen Gehirnbau eine imagi- 
native Darstellung des Seelenlebens sieht. Das ist auch dasjenige, was 
uns immer wiederum in eine Zwickmuhle fiihrt, wenn wir von der 
bloften Gehirnphysiologie ausgehen und zum Seelenleben hiniiber- 
kommen wollen. Namlich, wenn man beim Gehirn stehenbleiben 
will, braucht man gar nicht das Seelenleben. Nur derjenige hat ein 
Recht, gegeniiber dem Bau des menschlichen Gehirnes noch von einem 
Seelenleben zu sprechen, der dieses Seelenleben aufterdem noch anders 
kennt, als man es kennt auf dem gewohnlichen Wege dieser Welt. 
Denn wenn man in der geistigen Welt dieses Seelenleben kennenlernt: 
im Bau des menschlichen Gehirnes hat es sein adaquates Abbild, und 
alles das, was das iibersinnliche Seelenorgan vorstellungsgemaft kann, 
kann das Gehirn auch. Denn bis in die Funktionen hinein ist das 
Gehirn ein Abbild; so daft niemand Materialismus belegen oder 
widerlegen kann von der Gehirnphysiologie aus. Das gibt es einfach 
nicht. Wenn der Mensch bloft Gehirnwesen ware, so wiirde man gar 
nicht daraufzukommen brauchen, daft er noch eine Seele hat. 

Dagegen wenden wir uns nun zu einer anderen Funktion des 
Menschen hin, als das Vorstellen ist. Ich werde jetzt nur einleitungs- 



weise etwas darzustellen haben, was ich in den nachsten Tagen immer 
weiter und weiter auszufiihren haben werde; wenden wir uns zu dem, 
was im Atmungsprozefi liegt. Ich nehme jetzt den Atmungsprozefi 
als Funktion. Vergegenwartigen Sie sich die Atmungsvorgange und 
dasjenige, was im menschlichen Bewufitsein von den Atmungs- 
vorgangen sitzt: da kommen Sie nicht zu so etwas wie gegeniiber 
dem Vorstellungsleben. Wenn Sie sich sagen: Ich habe eine Vorstel- 
lung, die erinnert mich an eine andere Vorstellung, die ich vor drei 
Jahren gehabt habe, ich verbinde die eine mit der anderen — , da be- 
kommen Sie in der Tat Zeichnungen, namentlich wenn Sie sie iiber 
mehrere Vorstellungen ausdehnen, die zum Beispiel den Meynertschen 
Zeichnungen iiber den Gehirnbau sehr ahnlich sind. Das konnen Sie 
nicht, wenn Sie zum Beispiel dasjenige, was in dem Atmungsvorgange 
liegt, auf den menschlichen Organismus beziehen. Sie konnen nicht in 
derselben Weise adaquat einen Ausdruck finden in der Organ- 
struktur, in der Organgliederung, in der Organformierung fiir den 
Atmungsprozeft, wie Sie es konnen fiir den Vorstellungsprozefi im 
Gehirn. Das konnen Sie nicht. Wir haben im Atmungsvorgange 
etwas, was eben nicht in der gleichen Weise einen adaquaten Aus- 
druck findet im menschlichen Organismus, wie das Vorstellungs- 
leben, das Wahrnehmungsleben auch in dem Gehirnbau einen ada- 
quaten Abdruck findet. Aber erhebt man sich zur inspirierten Er- 
kenntnis, das heifit, lernt man erkennen, wie man in der imaginativen 
Erkenntnis zunachst Bilder hat, wie dann durch die inspirierte Er- 
kenntnis in diese Bilder, ich mochte sagen, von hinten herein sie 
durchstrahlend, Realitat hineinkommt, lernt man das erkennen, lernt 
man also hineinschauen in die iibersinnliche Welt so, daft sich einem 
sattigen die Imaginationen mit spiritueller Realitat, dann steht man 
plotzlich in etwas Ubersinnlichem drinnen, was seine voile Ahnlich- 
keit hat mit der Beziehung zwischen dem Atmungsvorgange, dem 
Lungenbau, dem Bau des Arachnoidealkanals, des Riickenmarks- 
kanals, dem Eindringen des Atemstofies in das Gehirn. Kurz, schrei- 
ten Sie zur inspirierten Erkenntnis fort, dann haben Sie dasjenige, 
was Sie ebenso hinfiihrt zu der ganzen Bedeutung des Atmungs- 
prozesses, wie Sie schon die imaginative Erkenntnis zur Bedeutung 



des Gehirnbaus hinfiihrt. Und dann konnen Sie sagen: So wie das 
Gehirn gewissermafien eine realisierte Imagination ist, so ist alles, 
was mit dem Atmen zusammenhangt, eine realisierte, eine in die 
Sinnenwelt herunterversetzte Inspiration. Derjenige, der nach inspi- 
rierter Erkenntnis sucht, der tut namlich gar nichts anderes, als sich 
in eine Welt hineinversetzen, die dann geistig-seelisch ist, die aber 
hier in der Sinnenwelt vor einem steht, wenn man in seiner Totalitat 
den Atmungsvorgang verfolgt in seiner Bedeutung fur den mensch- 
lichen Organismus. 

So hat man die Imagination eigentlich notig, um den Gehirnbau 
zu verstehen, man hat die Inspiration notig, um den Atmungsrhyth- 
mus und alles, was mit ihm zusammenhangt, zu verstehen. Und so ist 
alles, was mit dem Atmungsrhythmus zusammenhangt, eigentlich 
etwas ganz anderes gegeniiber dem Universum als der Gehirnbau. 
Der Gehirnbau, mochte ich sagen, ist in seiner aufieren Plastik am 
meisten ein Abbild des Geistigen. Daher braucht man auch nicht weit 
in die iibersinnliche Welt hereinzugehen, nur bis zur Imagination, die 
ganz angrenzt an die gewohnliche Erkenntnis, aber man kommt 
schon zu einem Verstandnis des Gehirnbaues. Den Atmungsprozefi 
konnen Sie nicht finden mit Imagination, da miissen Sie inspirierte 
Erkenntnis haben, da miissen Sie weiter hinaufgehen in die iiber- 
sinnliche Welt. 

Und am weitesten, sehen Sie, mufi man in die iibersinnliche Welt 
hinaufgehen, wenn man den Stoffwechselprozefi verstehen will. Die- 
ser Stoffwechselprozeft ist eigentlich im Grunde genommen das Ge- 
heimnisvollste im Menschen. Denn es wird sich uns in den nachsten 
Tagen zeigen, wie man uber diesen Stoffwechsel doch ganz anders 
zu denken hat, als man heute in der sinnlich-empirischen Physiologie 
denkt. Die Veranderungen, die dasjenige durchmacht, was ich 
materiell auf die Zunge bekomme, bis zu dem Punkte, sagen wir, 
wo es etwas bewirkt in meiner Gehirnzelle, diese Veranderungen 
sind schlechterdings niemals zu verfolgen mit blofier empirischer 
Forschung, sondern die sind nicht anders zu verfolgen als mit intui- 
tiver Erkenntnis. Durch diese intuitive Erkenntnis dringen wir vom 
blofien Anschauen des Objektes in das Objekt selber hinein. Und 



tatsachlich, der Stoffwechsel beim Menschen ist ein solcher, daft, 
wahrend das Geistig-Seelische sich im Gehirn ein blofies Abbild 
schafft und im iibrigen drauften bleibt, es den Atmungsrhythmus be- 
einflufit, also sich hineinversetzt, den Atmungsrhythmus durchdringt 
als Geistig-Seelisches, aber eben sich immer wiederum zuriickzieht, so 
taucht das menschliche Geistig-Seelische in den Stoffwechsel voll- 
standig unter, so daft es sogar als Geistig-Seelisches verschwindet. 
Man findet es nicht wieder. Man findet es auch empirisch nicht 
wieder. 

Sehen Sie sich an bei diesem Theodor Ziehen, wie fein er be- 
schreibt, wie das menschliche Gehirn im Bau ist. Man kann in der 
Tat das Gedachtnis auch symbolisch so konstruieren, daft man da 
auch noch physiologische, anatomische Gegenbilder im Gehirn nach- 
weisen kann. Schon wenn er zu Gefiihlsvorgangen kommt, da hapert 
die Geschichte, daher redet er nicht von Gefuhlen als etwas Selb- 
standigem, sondern nur von gefiihlsbetonten Vorstellungen. Aber von 
Willen reden die heutigen Psychologen gar nicht mehr. Warum? Sehr 
natiirlich reden sie nichts! Nun, wenn ich den Arm heben will, also 
einen Willensakt vollziehen will, so habe ich zunachst die Vor- 
stellung; dann taucht etwas in das Gebiet hinunter, das vollstandig, 
wie man heute sagt, «unbewufk» ist. In dieses Reservoir tut man 
alles dasjenige hinein, was man in der Seele nicht beobachten kann 
und von dem man glaubt, dafi es doch da ist. Dann taucht das Ganze 
in das Unbewu/ke hinunter. Dann schaue ich mir an, wie ich meine 
Hand bewege. Aber zwischen der Intention und der geschehenen 
Tatsache geht der Wille, der sich abspielt, ganz in das Materielle des 
physischen Organismus hinunter. Das kann man genau durch die 
Intuition verfolgen; der geht hinunter in das innerste Wesen des 
Organismus. Der Willensakt geht bis zum Stoffwechsel. Und es gibt 
keinen Willensakt beim physischen Erdenmenschen, der sich nicht 
fur die intuitive Erkenntnis in einem entsprechenden Stoffwechsel- 
vorgange verfolgen liefte. Aber es gibt auch keinen Willensvorgang, 
der nicht in einer, nenne man es Zersetzung oder Auflosung, wie man 
will, innerhalb der Stoffwechselvorgange seinen Ausdruck fande. 
Der Wille schafft erst weg dasjenige, was irgendwo im Organismus 



ist, damit er sich entfalten kann. Es ist geradeso, wie wenn ich in 
meinem Arm, wenn ich ihn zum Ausdruck meines Willens brauche, 
da erst etwas verbrennen miiftte. Da mufi erst etwas weg — es wird 
sich schon in den nachsten Tagen zeigen, ich weift, daft es heute eine 
furchtbare naturwissenschaftliche Ketzerei ist, aber es wird sich uns 
als eine Wahrheit entfhiillen — , es mufi erst etwas Stoffliches vernichtet 
werden, damit der Wille sich hinsetzen kann. Da, wo Stoff ist, da 
mufi das Geistig-Seelische sich festsetzen. Das ist das Wesen der 
intuitiven Erkenntnis. Sie kommen nicht zu der Erklarung der 
Stoffwechselvorgange im Menschen, wenn Sie sie nicht suchen mit 
intuitiver Erkenntnis. 

Aber aus diesen dreien: aus dem Nerven-Sinnesprozeft, aus den 
rhythmischen Prozessen — dem Atmungsprozeft und dem Blutzirku- 
lationsprozeft — und den Stoffwechselvorgangen besteht eigentlich im 
Grunde genommen alles, was im Menschen an Funktionen vorhanden 
ist. Und so ist der Mensch eigentlich realisierte, gegenstandliche Er- 
kenntnis — dasjenige, was er zunachst vor uns ist, ob wir ihn von 
auften anschauen, ob wir ihn sezieren. Jetzt spezialisieren wir uns auf 
sein Haupt. Was da eigentlich los ist im Haupte, das wird einem 
klar, wenn man weift, daft es imaginative Erkenntnis gibt. Sieht man 
auf den rhythmischen Menschen: was da eigentlich los ist im rhyth- 
mischen Menschen, es wird einem klar, wenn man weift, daft es inspi- 
rierte Erkenntnis gibt. Sieht man auf die Stoffwechselvorgange: was 
da los ist in den Stoffwechselvorgangen, es wird einem klar, wenn 
man weift, was eine intuitive Erkenntnis ist. Und so stecken gewisser- 
maften die Realitatsprinzipien im Menschen ineinander. Schauen Sie 
sich also zum Beispiel diejenigen Organe an, die bloft Willensorgane 
sind, dann haben Sie erst in der intuitiven Erkenntnis die Moglich- 
keit, diese Willensorgane zu begreifen. 

Nun, solange man, ich mochte sagen, die einformige gegenstand- 
liche Erkenntnis auf den Menschen anwendet, kommt man eben 
nicht darauf, daft nun in der Tat dieser Mensch doch eigentlich etwas 
anderes ist, als was man so gewohnlich empfindet. Nicht wahr, es 
weift ja naturlich die heutige Physiologie, daft der Mensch zum 
groften Teile eigentlich eine Wassersaule ist. Das ist selbstverstandlich 



etwas, was ich Ihnen nicht zu sagen brauche. Aber wenn Sie jetzt 
sich ganz ehrlich dariiber hermachen, ob denn in der Physiologie 
auch beriicksichtigt wird, dafi der Mensch eine Wassersaule ist, oder 
ob nicht doch dann gedacht wird iiber den Menschen so, als ob man 
es mit lauter scharf konturierten festen Formen zu tun hatte, so 
werden Sie, wenn Sie sich das einmal fragen, sagen: Darauf wird 
nicht viel Riicksicht genommen, daft der Mensch doch eigentlich im 
wesentlichen Fliissigkeitswesen ist, und dafi das Feste nur eingeglie- 
dert ist. Der Mensch ist aber auch Gaswesen, luftformiges Wesen, 
und der Mensch ist schliefilich auch hauptsachlich Warmewesen. 

Dasjenige wiederum, was im Menschen fest ist, das kann ich mit 
der gewohnlichen gegenstandlichen Erkenntnis sehr gut begreifen. So 
wie ich im Laboratorium mich bekanntmache mit dem Wesen des 
Schwefelquecksilbers, so kann ich mich bekanntmachen mit dem- 
jenigen, was fest ist, durch chemisch-physikalische Untersuchungen 
des menschlichen Organismus. 

Das kann ich nicht mehr mit Bezug auf dasjenige, was fliissig ist 
im Menschen. Dasjenige, was da im Menschen als einem Fliissigkeits- 
wesen in fortwahrender Organisierung und Entorganisierung lebt, 
das lalk sich nicht so anschauen wie der Magen, den ich aufzeichne, 
oder das Herz. Wenn ich diese Organe aufzeichne, wie wenn sie fest 
waren, lafk sich natiirlich gut dariiber reden. Aber so ist das nicht, 
wenn man wirklich ernst nimmt dieses Fliissigkeitswesen des Men- 
schen. Da drinnen im Fliissigen entsteht fortwahrend etwas und ver- 
geht fortwahrend etwas. Es ist so, wie wenn das Herz immer fort- 
wahrend entstehen und immer fortwahrend vergehen wiirde, wenn 
das auch nicht so rasch geschieht. Wenn man an den Fliissigkeits- 
menschen herankommt, da mufi man herangehen mit Imagination. 

Und das, was gasig, was luftformig ist an uns: man weifi natiirlich, 
wie die Funktionen, die sich im Luftformigen abspielen, ihre grofie 
Bedeutung haben im Organismus, man weifi, wie uberallhin von 
uberallher im menschlichen Organismus die luftformigen Stoffe be- 
zogen werden, wie alles in Zirkulation ist in bezug auf das Luft- 
formige; aber indem das eine Gebiet des Luftformigen in das andere 
hineinwirkt, wirkt es genau nach dem Muster der Inspiration hinein. 



Dasjenige, was luftformig ist im Menschen: wir konnen es nur iiber- 
schauen mit Inspiration. 

Und dasjenige, was nun Warmegebiet ist im Menschen: Versuchen 
Sie sich einen Moment klarzumachen, wie der Mensch noch etwas 
ganz Besonderes ist dadurch, daft er eine Warmestruktur ist, dafi an 
den verschiedensten Stellen in verschiedenster Weise Warme und 
Kalte in Struktur ist. Da rnuf? man selber drinnen sein, wie der 
Mensch in seiner Eigenwarme selber drinnen lebt mit seinem Ich. Da 
muE man mit intuitiver Erkenntnis herein. 

Und so konnen Sie sagen, wenn Sie den Menschen total betrachten 
— nicht so, wie wenn er ein Zusammenhang von festen, scharf kon- 
turierten Organen ware, sondern wenn Sie den Menschen in seiner 
Totalitat betrachten — : Man mufi von verschiedenen Aspekten herein. 
Geradeso, wie wenn man vom Gehirn zu den anderen Organstruktu- 
ren kommt, man getrieben wird, imaginativ, inspirativ, intuitiv zu 
erkennen, so auch, wenn man den Menschen in bezug auf seine 
verschiedenen Aggregatsstrukturen betrachtet. Und sehen Sie, wenn 
man das Feste, was am Menschen ist, betrachtet, dasjenige, was im 
Menschen als wirklich fester Korper vorhanden ist, so unter- 
scheidet sich das im menschlichen Organismus fast gar nicht von 
dem, wie es aufierhalb des menschlichen Organismus vorhanden ist. 
Aber wesentlich unterscheidet sich dasjenige, was fliissig vorhanden 
ist, dasjenige, was gasformig vorhanden ist, und gar die Warme. 
Davon werden wir dann in den nachsten Tagen zu sprechen haben. 
Aber erst dann, wenn man in einer solchen Weise die Betrachtung 
iiber den Menschen erweitert, bekommen die Organe ihre richtige 
Bedeutung innerhalb der menschlichen Natur fur die Erkenntnis. 

Mit der rein sinnenfallig-empirischen Physiologie konnen Sie ja 
kaum die Funktionen des menschlichen Organismus weiterverfolgen 
als bis zu dem Obergang des Speisebreies von den Darmzotten in die 
Lymphgefafte. So weit kommt man in der heutigen sinnenfalligen 
Empirie noch. Was man weiter anstellt, das phantasiert man eigent- 
lich. Alle Vorstellungen iiber die Vorgange, die vor sich gehen, damit 
dasjenige entsteht, was in den Stoffen, die wir von aufien aufnehmen, 
dann geschieht — die Vorgange zum Beispiel innerhalb des Blut- 



kreislaufes — , das ist im Grunde genommen innerhalb der heutigen 
Physiologie Phantasterei. Und gar so etwas, wie zum Beispiel der 
Anteil der Nieren an der menschlichen Organisation ist, kann man 
erst begreifen, wenn man neben den aufsteigenden Prozessen, die 
heute fast einzig und allein als von Bedeutung angesehen werden fur 
die menschliche Konstitution, die absteigenden Prozesse betrachtet. 
Vor langer Zeit schon sagte ich einem Freunde: Ebenso wichtig wie 
die Betrachtung der Entfaltung des menschlichen Keimes von der 
Befruchtung bis zur Geburt, ebenso wichtig ist fur jedes Studium 
des Embryonallebens die Betrachtung der um den Keim herum ge- 
lagerten Organe, die spater herausgeworfen werden. Und erst dann 
hat man ein vollstandiges Bild, wenn man die Teilung der Zelle, die 
Gestaltung durch die Teilung der Zelle betrachtet, wenn man neben 
diesem aufsteigenden Prozefi auch den absteigenden Prozefi verfolgt. 
Denn nicht nur haben wir wahrend der Embryonalzeit diesen ab- 
steigenden Prozefi gewissermaften neben uns, sondern wir tragen ihn 
auch im spateren Leben fortwahrend in uns, und wir miissen fur jedes 
Organ wissen: inwiefern sind in ihm aufsteigende, inwiefern ab- 
steigende Prozesse. Absteigende Prozesse sind in der Regel mit einer 
Steigerung des Bewufitseins sogar verbunden. Klares Bewufitsein: 
dazu sind sogar absteigende Prozesse, Zersetzung, Zerstorung, Weg- 
raumung des Materiellen notwendig. 

Ebenso ist es mit den Abscheideprozessen. Die Nieren sind Ab- 
scheidungsorgane. Aber die Frage entsteht: Wenn sie zunachst fur die 
sinnenfallige Empirie Abscheidungsorgane sind, haben sie keine Be- 
deutung fur die Konstitution des Menschen aufierdem noch? Sind sie 
nicht vielleicht fur den Aufbau des Menschen wichtiger durch etwas 
anderes als durch ihre Funktion des Abscheidens? Und wenn wir die 
Funktionen weiter verfolgen und, sagen wir, von der Niere zur 
Leber heriibergehen, so haben wir diese interessante Erscheinung: 
Die Niere scheidet zuletzt nach aufien ab, die Leber scheidet nach 
innen ab. Und die Frage entsteht: Was bedeutet das fur das Ver- 
haltnis des Leberprozesses zum Nierenprozefi, daft die Niere 
relativ nach aufien sich ergiefSt mit ihren Abscheidungsprodukten, 
die Leber sich nach innen ergielk? Also dafi einmal der Mensch mit 



der Aufienwelt kommuniziert, das andere Mai mit sich selbst kom- 
muniziert? — Da werden wir gefiihrt zu einem allmahlichen Durch- 
schauen der menschlichen Organisation. Aber man mufi zu diesem 
Durchschauen eben zu Hilfe nehmen dasjenige, was auf solchen 
Wegen gesucht wird, wie ich sie heute nur einleitungsweise andeuten 
konnte. Ich will den nachsten Vortrag darauf bauen und zeigen, in- 
wiefern sie zu einem wirklichen pathologischen und therapeutischen 
Begreifen fiihren und inwiefern man Richtungsprinzipien hat fur 
dasjenige, was heute anerkannte empirische Forschung ist, die durch- 
aus nicht in irgendeiner Weise angetastet werden soil, sondern der 
gegeniiber nur gezeigt werden soil, wie sie eigentlich erst ihren richti- 
gen Wert erhalt dadurch, daft man solche Richtlinien aufstellen kann. 

Ich bin namlich nicht etwa darauf aus, der naturwissenschaftlichen 
Forschung von heute oder der naturwissenschaftlichen Medizin 
etwas anzutun, sondern ich mochte gerade zeigen, daft in dieser 
naturwissenschaftlichen Medizin noch ungeheure Fundgruben liegen 
zu einer besseren Erkenntnis, als man mit den heutigen Methoden und 
vor alien Dingen aus der heutigen Anschauungsweise heraus gewinnt. 
Nicht abgekanzelt soli die naturwissenschaftliche Anschauung wer- 
den, sondern im Gegenteil, erst recht begriindet soil sie werden. 
Durch Begriindung aus dem Geiste heraus gewinnt sie erst ihre voile 
Bedeutung. Davon darf ich dann morgen weitersprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 27. Oktober 1922 



Wenn ich einrichten sollte ein medizinisches Studium fur solche 
Menschen, welche unmittelbar an dieses Studium herankommen und 
dieses Studium im Verlaufe von einiger Zeit absolvieren wollen, so 
wiirde ich, nachdem die notigen naturwissenschaftlichen Erkennt- 
nisse erworben sind, beginnen miissen mit der Auseinandersetzung 
der verschiedenen menschlichen Funktionen. Ich wiirde beginnen 
miissen damit, in einer Art anatomisch-physiologischer Weise, die 
Verarbeitung der Nahrungsmittel vom Ptyalinisieren durch das Pep- 
sinisieren zunachst zu verfolgen bis zur Aufnahme der Nahrungs- 
mittel in das Blut, wiirde also dann, nachdem der gesamte Ver- 
dauungsakt besprochen ist im engeren Sinne, ubergehen miissen zu 
der Besprechung des Herz-Lungensystems mit allem, was damit zu- 
sammenhangt. Ich wiirde dann zu besprechen haben alles dasjenige, 
was zum Nierensystem des Menschen gehort. Das Nierensystem 
miifite dann besprochen werden im Zusammenhang mit dem ganzen 
Nerven-Sinnesapparat, der gar nicht so, ich mochte sagen, durch 
heute anerkannte Erkenntnis mit dem Nierensystem zusammenhangt, 
und dann miifke besprochen werden das Leber-, Galle-, Milzsystem, 
und auf dem Wege dieses Kreislaufes wiirde man langsam einen 
Uberblick bekommen iiber die Einrichtungen im menschlichen Orga- 
nismus, so wie man sie braucht, um dasjenige aufzubauen, was durch 
anthroposophische Geisteswissenschaft nun eigentlich erst aufgebaut 
werden mufi. Dann wiirde man auf Grundlage, ich mochte sagen, der 
Durchleuchtung der sinnlich-empirischen Forschungsergebnisse, die 
so geordnet sein miifiten, wie ich sie eben angegeben habe, zum Thera- 
peutischen ubergehen konnen. 

Nun konnen Sie sich ja denken, daft iiber ein so umfassendes, 
weites Gebiet in ein paar Tagen nur einige Andeutungen gegeben 
werden konnen. Es konnen nur Andeutungen gegeben werden in der 
ganzen Medizinischen Woche von unseren verehrten arztlichen 
Freunden, und es ist daher notwendig, dafi ich eine Menge von 



Dingen sage, die aufgebaut sind auf einer solchen Behandlung des 
empirischen Tatbestandes, die heute nicht iiblich ist, die sich aber 
dennoch, wie ich glaube, zwanglos ergibt fur jeden, der die ent- 
sprechenden physiologischen und auch therapeutischen Kenntnisse 
hat, so wie sie heute vorhanden sind. Naturlich wird manches hier 
anders gesagt werden miissen, als man es heute gewohnt ist, aber es 
ist eigentlich nichts, was, wenn man die heutigen sinnenfallig-empiri- 
schen Kenntnisse in ihrem ganzen Zusammenhang nimmt, nicht mit 
ihnen in irgendeinen Einklang schon gebracht werden konnte. Nun 
wird alles, was ich sagen kann, aphoristisch sein und im Grunde ge- 
nommen nur das letzte Ziel angeben konnen. Der Ausgangspunkt 
wiirde aber sein die gegenwartige sinnenfallige empirische Forschung, 
und der Zwischenweg, der miiftte eigentlich gemacht werden durch 
die Arbeit der arztlichen Freunde im weitesten Umfange, denn dieser 
Zwischenweg ist ein aufterordentlich langer und ist schon durchaus 
notwendig aus dem Grunde, weil ja, so wie die Dinge heute liegen, 
dasjenige, was hier vorgebracht werden kann, im Grunde niemals voll 
anerkannt werden wird, bevor dieser Weg wenigstens fiir die wichtig- 
sten Erscheinungen gemacht wird. Ich glaube auch nicht, daft das so 
schwierig ist, als das heute aussieht, wenn man nur sich dazu be- 
quemt, die iiberall vorhandenen Vorarbeiten — manchmal aufter- 
ordentlich guten, aber nur nicht gegipfelten Vorarbeiten, wie sie 
heute vorhanden sind — in den Rahmen einer solchen Gesamtauffas- 
sung, wie ich sie hier anzudeuten versuche, zu bringen. 

Ich habe gestern versucht, Ihnen zu zeigen, wie man durch eine 
Erweiterung der gewdhnlichen Erkenntnis gewissermaften an den 
Menschen herankommen kann. Nun, wenn Sie das beriicksichtigen, 
was ich eben gesagt habe, so werde ich dazu auch noch das Folgende 
fiigen diirfen. Sie werden es zunachst aufterordentlich anstoftig finden 
konnen, wenn auf dem Felde der Anthroposophie davon gesprochen 
wird, daft man den Menschen, so wie er einmal in der physischen 
Welt dasteht, gliedern miisse in ein physisch organisiertes System, in 
ein atherisch organisiertes System, in ein — nun stoften Sie sich eben 
nicht an Ausdriicken, sie sind nur da, um eine Terminologie zu 
haben — , in ein astralisch organisiertes System und dasjenige, was nun 



den Menschen als eigentliches Ich-System so charakterisiert, daft er 
jene innere seelische Zusammenfassung, innerliche Seele entwickeln 
kann, die man beim Tier nicht findet, jene Zusammenfassung, welche 
auf der einen Seite dadurch erscheint, daft der Menscli sein inneres 
Erleben in einem, wenn ich mich so ausdriicken darf, Ich-Punkte ver- 
einigen kann, von dem dann auch, wenigstens im bewuftten Zustande, 
seine gesamte organische Tatigkeit in einem gewissen Sinne ausstrahlt, 
was sich andererseits dadurch ausdriickt, daft der Mensch wahrend 
seiner irdischen Entwickelung in einem anderen Verhaltnisse steht zu 
der Geschlechtsentwickelung oder Geschlechterentwickelung als die 
tierische Organisation. Die tierische Organisation ist — selbstver- 
standlich sind da immer Griinde zu einer ausnahmsweisen Entwicke- 
lung vorhanden — im wesentlichen doch diese, daft sie gipfelt in der 
Geschlechtsreife und daft ein gewisser Verfall da ist, der auch viel- 
leicht unmittelbar nach der ersten Zeit der Geschlechtsreife nicht so 
ganz radikal auftritt, aber es ist ein gewisser organischer Verfall da, 
wahrend beim Menschen tatsachlich die physische Entwickelung 
durch die Geschlechtsreife einen gewissen Aufschwung nimmt. So daft 
also aufterlich-empirisch, wenn man alle Faktoren beriicksichtigt, sich 
schon eine gewisse Differenz zwischen dem Menschen und dem Tiere 
darbietet. 

Nun konnten Sie sagen: So etwas ist ja eigentlich eine abstrakte 
Einteilung, wenn man spricht von physischer Organisation, athe- 
rischer Organisation, astralischer Organisation und Ich-Organisation. 
Diesen Einwand, daft das eine abstrakte Einteilung ware, haben auch 
manche Leute, besonders von seiten der Philosophic her, gemacht. 
Man hat die Funktionen des menschlichen Organismus, und man 
unterscheidet sie — Unterscheidungen brauchen nicht immer auf sach- 
liche Untergriinde zuriickzuweisen — , und so glaubt man, daft man 
es mit einer Abstraktion zu tun hatte. Das ist nicht der Fall. Was 
eigentlich hinter dieser Einteilung und Gliederung steckt, das wird 
sich uns im Verlaufe dieser Tage zeigen, aber es steckt nicht bloft die 
Sehnsucht dahinter, etwa so in Form eines Schemas die Dinge ein- 
zuteilen, sondern es ist tatsachlich so, daft, wenn wir von der physi- 
schen Organisation des Menschen reden, so umfaftt diese alles das- 



jenige, was wir innerhalb des menschlichen Organismus so behandeln 
konnen, wie wir es behandeln in unseren Laboratoriumsversuchen 
und -untersuchungen. Alles das umfassen wir, wenn wir von mensch- 
licher physischer Organisation reden. 

Wenn wir aber von der menschlichen atherischen Organisation 
reden, so sind wir nicht in der Lage, unsere Denkweise gegeniiber 
dieser atherischen Organisation, die in die physische eingegliedert ist, 
so zu behandeln, daft wir stehenbleiben bei denjenigen Ideen und 
Gesetzmaftigkeiten, die wir an unseren Laboratoriumsversuchen und 
Laboratoriumsbeobachtungen haben. Und man moge zunachst den- 
ken wie man will tiber dasjenige, was sich der iibersinnlichen Er- 
kenntnis als atherische Organisation des Menschen darbietet. Aber 
ohne daft man irgendwie einzugehen braucht auf die mechanistische 
oder vitalistische Methode, zeigt sich doch der unmittelbaren An- 
schauung — und das wiirde eben der Gegenstand langer Auseinan- 
dersetzungen sein, die sich einreihen wiirden in jenen Lehrplan, von 
dem ich vorhin gesprochen habe — , daft die gesamte atherische Orga- 
nisation, die Sie sich nur als eine Struktur von Funktionen zu denken 
brauchen, nun unmittelbar eingreift in alles dasjenige, was fliissiger 
Natur in der menschlichen Organisation ist. So daft wir die physische 
Denkweise beschranken miissen auf alles dasjenige, was fest in der 
menschlichen Organisation ist, also im Grunde genommen auf den 
festen Aggregatzustand, und daft wir zurechtkommen mit der 
menschlichen Organisation nur dann, wenn wir dasjenige, was fliissig 
ist in dieser Organisation, als nicht blofi Fliissiges, so wie wir es in 
der aufteren unorganischen Natur haben, sondern als Fliissiges be- 
trachten, das durch und durch belebt ist, als lebendiges Fliissiges. 
Das ist das, was gemeint ist, wenn gesagt wird, daft der Mensch einen 
Xtherleib hat. Und wir brauchen gar nicht einzugehen auf Hypo- 
thesen uber das Leben, sondern nur dasjenige zu nehmen, was wir 
zum Beispiel meinen, wenn wir sagen: Die Zelle ist belebt. Wir 
brauchen gar nicht weiterzugehen, gleichgiiltig, ob wir Mechanisten, 
Idealisten oder Spiritualisten sind. Wenn wir sagen: Die Zelle is
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