Document text
RUDOLF STEINER
Anweisungen
eine esoterische Schulun
Aus den Inhalten der
«Esoterischen Schule»
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten Giinther Schubert und Hella Wiesberger
Ungekiirzte Ausgabe nach dem gleichnamigen
Band der Rudolf Steiner Gesamtausgabe
Bibliographie-Nr. 245, ISBN 3-7274-2450-8
SONDERAUSGABE
1.-8. Tsd. Dornach 1979
9.-16. Tsd. Dornach 1987
Bestell.-Nr. 5515
Zeichnung auf Seite 96 aus einem Notizbuch Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1968 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-5515-2
ZU DIESER AUSGABE
Die in der vorliegenden Zusammenstellung enthaltenen Texte
von Rudolf Steiner gehoren zum Lehrgut der von ihm zwischen
1904 und 1914 gefuhrten Esoterischen Schule. Sie bilden eine
Erganzung zu dem Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten
der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1 904- 1 9 14» (GA
264), der alle erhalten gebliebenen Unterlagen - Briefe, Rund-
schreiben, Dokumente und Ansprachen - enthalt, soweit sie im
Zusammenhang mit der Einrichtung und Fiihrung der ersten Ab-
teilung der in drei Stufen gefuhrten Schule stehen.
Fiir die hier wiedergegebenen Inhalte und Angaben ist zu
beriicksichtigen, was in den grundlegenden Werken Rudolf
Steiners, besonders in «Theosophie» (GA 9), «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» (GA 10) und «Die Geheim-
wissenschaft im UmriB» (GA 13) - als grundsatzliche Vorausset-
zungen fur das Beschreiten des Erkenntnispfades ausgefuhrt ist.*
Die Texte der Ubungen und Spriiche in der vorliegenden Aus-
gabe sind von Rudolf Steiner schriftlich niedergelegt worden.
Dagegen handelt es sich bei den Ansprachen in Teil IV und V -
mit einer gekennzeichneten Ausnahme - um nachtragliche Auf-
zeichnungen von Teilnehmern, da bei den esoterischen Stunden
nicht mitgeschrieben werden durfte. Nahere Angaben zu den
Inhalten und den Textunterlagen werden im Nachwort der
Herausgeber (siehe Seite 163) und in den Hinweisen gegeben.
* Siehe auch die Literaturhinweise auf Seite 175.
INHALT
Zur Einfuhrung: Die Aufgabe der Geisteswissenschaft 9
Notizen von einem Berliner Vortrag aus dem Jahre 1903 oder 1904
I
ALLGEMEINE ANFORDERUNGEN
(NEBENUBUNGEN)
Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen muB, der
ein okkulte Entwickelung durchmachen will 15
Weitere Regeln in Fortsetzung der «Allgemeinen Anforderungen» . . 22
Fur die Tage der Woche 26
Die zwolf zu meditierenden und im Leben zu berucksichtigenden
Tugenden 31
II
HAUPTUBUNGEN
Zwei allgemein gegebene Hauptiibungen 35
Erklarungen zu den beiden vorhergehenden allgemein gegebenen
Hauptiibungen 41
An verschiedene Schiiler individuell gegebene Hauptiibungen ... 48
III
MANTRISCHE SPRUCHE
die auBer den Haupt- und Nebeniibungen meditiert werden konnen
Meditationen, die das Zeitwesen der Hierarchien erfassen
(Tagesspriiche) 65
Weitere mantrische Spriiche 75
IV
ERLAUTERUNGEN
IN ESOTERISCHEN STUNDEN
Esoterische Stunde in Berlin am 24. Oktober 1905
Einzige Niederschrift Rudolf Steiners einer esoterischen Stunde . . 85
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin am Karfreitag,
13. April 1906
Von der Vereinigung des Abbilds mit dem Urbild
Das AUM und der Ostergedanke 90
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin am 2. Oktober 1906
Vom Aufbau des geistigen Leibes durch die Meditation .... 95
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin am 14. November 1906
Das Erwachen des Menschen zum SelbstbewuBtsein 99
Notizen von der esoterischen Stunde in Miinchen am 6. Juni 1907
Die Grundlagen fur eine esoterische Schulung 103
Kurze Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin am 9. Oktober 1907
Die Bedeutung des Jahres 1879 - Besprechung einer Meditafions-
formel 110
Notizen von den esoterischen Stunden in Miinchen am 16. Januar 1908
und Berlin am 26. Januar 1908
Uber den AtmungsprozeB 112
V
Das Evangelium der Erkenntnis und sein Gebet
Ansprache zur Grundsteinlegung des Dornacher Baues, Dornach,
20. September 1913, mit Vorbemerkung von Marie Steiner zum
Erstdruck 1948 121
VI
Exegese zu «Licht auf den Weg» von Mabel Collins
Meditation im Zusammenhang mit «Licht auf den Weg».
Exegese zu «Die Stimme der Stille» von H. P. Blavatsky
135
146
147
Nachwort der Herausgeber
Hinweise
Register der mantrischen Spriiche
Literaturhinweis
167
163
174
175
Zur Einfuhrung
DIE AUFGABE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Notizen von einem Berliner Vortrag aus dem Jahre 1903 oder 1904
Es gibt ein schones Wort Hegels: der tiefste Gedanke ist mit der Gestalt
Christi, der geschichtlichen und auBerlichen, verbunden. Und es ist das
GroBe an der christlichen Religion, daB sie fur jede Stufe der Bildung
da ist. Das naivste BewuBtsein kann sie erfassen und zugleich ist sie
eine Aufforderung zur tiefsten Weisheit.
DaB die christliche Religion fur jede Stufe des BewuBtseins begreif-
lich ist, das hat schon die Geschichte ihrer Entwickelung gelehrt. DaB
sie auffordert zum Eindringen in die tiefsten Weisheitslehren des Men-
schentums iiberhaupt, das zu zeigen, muB die Aufgabe der theosophi-
schen Geistesstromung sein, oder der Geisteswissenschaft iiberhaupt,
wenn diese ihre Aufgabe versteht. Theosophie ist keine Religion, son-
dern ein Werkzeug zum Verstandnis der Religionen. Sie verhalt sich zu
den religiosen Urkunden so, wie etwa die mathematische Lehre zu den
Urkunden, welche als mathematische Lehrbucher aufgetreten sind.
Man kann die Mathematik verstehen aus den eigenen Geisteskraften
heraus, die Gesetze des Raumes einsehen ohne Riicksicht auf jenes alte
Buch. Aber wenn man sie eingesehen hat, die geometrischen Lehren in
sich aufgenommen hat, so wird man dies alte Buch desto mehr schatzen,
das zuerst vor den menschlichen Geist diese Gesetze hingestellt hat. So
ist es mit der Theosophie. Ihre Quellen sind nicht in den Urkunden,
beruhen nicht auf Uberlieferung. Ihre Quellen sind in den realen gei-
stigen Welten; dort hat man sie zu finden und zu fassen, indem man
seine eigenen geistigen Krafte entwickelt, wie man die Mathematik
erfaBt, indem man die Krafte seiner Intellektualitat zu entwickeln
sucht. Unser Intellekt, der uns zum Erfassen der Gesetze der Sinneswelt
dient, wird getragen von einem Organ, dem Gehirn. Zum Erfassen der
Gesetze geistiger Welten bedurfen wir ebenfalls entsprechender Or-
gane. Wie haben sich unsere physischen Organe entwickelt?
Dadurch, daB auBere Krafte an ihnen gearbeitet haben: die Krafte
der Sonne, die Krafte des Schalles. So entstand das Auge, so entstand
das Ohr - aus neutralen dumpfen Organen, die ein Eindringen der
Sinneswelt zunachst nicht gestatteten und nur langsam sich offneten.
So werden sich auch unsere geistigen Organe offhen, wenn die richtigen
Krafte an ihnen arbeiten.
Welches sind nun die Krafte, die auf unsere jetzt noch dumpfen gei-
stigen Organe einstiirmen? Tagsiiber dringen auf den astralischen Leib
des heutigen Menschen solche Krafte ein, die seiner Entwickelung ent-
gegenarbeiten, die sogar solche Organe, die er friiher hatte, als das helle
Tagesbewufitsein sich ihm noch nicht erschlossen hatte, ertoten. Friiher
nahm der Mensch astralische Eindriicke unmittelbar wahr. Die Um-
welt sprach zu ihm durch Bilder, durch die Ausdrucksform der astra-
lischen Welt. Lebendige, in sich gegliederte Bilder, Farben schwebten
frei umher im Raum als Ausdruck von Lust und Unlust, Sympathie
und Antipathic Dann legten sich diese Farben gleichsam um die Ober-
flache der Dinge, die Gegenstande bekamen feste Konturen. Das war,
als des Menschen physischer Leib immer fester und gegliederter wurde.
Als seine Augen sich voll dem physischen Licht offneten, als der Schleier
der Maja sich vor die geistige Welt legte, erhielt der astralische Leib des
Menschen die Eindriicke der Umwelt auf dem Wege durch den phy-
sischen und Atherleib, er selbst ubermittelte sie dann dem Ich, von wo
aus sie in das BewuBtsein des Menschen traten. Er war somit bestandig
in Anspruch genommen, bestandig tatig. Aber was so an ihm arbeitete,
waren nicht plastische, bildsame Krafte, seiner eigenen Wesensart ent-
sprechend. Es waren Krafte, die an ihm zehrten, ihn ertoteten, um das
Ich-BewuBtsein zu erwecken. Nur in der Nacht, wenn er untertauchte
in die ihm homogene rhythmisch-geistige Welt, starkte er sich neu und
konnte auch dem physischen und Atherleib wieder Krafte zufiihren.
Aus dem Widerstreit der Eindriicke, aus dem Abtoten der friiher im
Menschen unbewuBt wirkenden astralen Organe, war das Leben des
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einzelnen Ich, das Ich-BewuBtsein entstanden. Aus Leben Tod, aus Tod
Leben. Der Kreis der Schlange war geschlossen. Jetzt muBten aus die-
sem wachgewordenen Ich-BewuBtsein heraus die Krafte kommen, die
in den erstorbenen Uberresten friiherer astralischer Organe wieder
Leben entfachten, sie plastisch bildeten.
Zu diesem Ziele bewegt sich die Menschheit, dahin wird sie geleitet
durch ihre Lehrer, ihre Fiihrer, die groBen Eingeweihten, deren Symbol
ja auch die Schlange ist. Es ist eine Erziehung zur Freiheit hin, deshalb
eine langsame, eine schwierige. Die groBen Eingeweihten konnten sozu-
sagen sich und den Menschen die Aufgabe leichter machen, wenn sie den
astralischen Leib des Nachts, wenn er frei ist, so bearbeiteten, daB sie
die astralischen Organe in ihn hineinpragten, von auBen auf ihn wirk-
ten. Aber das ware dann ein Wirken innerhalb des TraumbewuBtseins
des Menschen, ein Eingreifen in seine Freiheitssphare. Das hochste Prin-
zip des Menschen, der Wille, kame nie zur Entfaltung. Stufenweise
wird der Mensch gefuhrt. Es hat eine Initiation gegeben in der Weis-
heit, eine im Gemut, eine im Willen. Das echte Christentum ist die
Zusammenfassung aller Initiationsstufen. Die Initiation des Altertums
war die Vorherverkiindigung, die Vorbereitung. Langsam und allmah-
lich emanzipierte sich der neuere Mensch von seinem Einweiher, seinem
Guru. Zunachst in vollem TrancebewuBtsein, aber ausgeriistet mit den
Mitteln, hineinzupragen in den physischen Leib die Erinnerung an das,
was auBerhalb des physischen Leibes geschehen war, ging die Ein-
weihung vor sich. Deshalb die Notwendigkeit, auch den Atherleib, den
Trager des Gedachtnisses, herauszulosen mitsamt dem astralen. In das
Meer der Weisheit, in Mahadeva, in das Licht des Osiris, tauchten beide
unter. In dem tiefsten Geheimnis, in volliger Abgeschlossenheit, ging
diese Einweihung vor sich. Kein Hauch der AuBenwelt durfte sich da-
zwischen drangen. Der Mensch war dem auBeren Leben wie erstorben,
die zarten Keime wurden abseits des blendenden Tageslichts gepflegt.
Dann trat die Einweihung heraus aus dem Dunkel der Mysterien in
das hellste Licht des Tages. In einer groBen, gewaltigen Personlichkeit,
dem Trager des hochsten einigenden Prinzips, des Wortes, das den ver-
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borgenen Vater ausdriickt, das seine Manifestation ist, das, indem es
menschliche Gestalt annahm, deshalb zum Menschensohn wurde und
Reprasentant sein konnte fur die ganze Menschheit, einigendes Band
aller Iche: in Christos, dem Lebensgeist, dem Ewig-Einigenden vollzog
sich historisch - zugleich sinnbildlich - die Einweihung der ganzen
Menschheit auf der Stufe des Gefiihls, des Gemiits. Von einer Gewalt
war dieses Ereignis, daB es nachwirken konnte in jedem Einzelnen, der
ihm nachlebte, bis ins Physische hinein, bis in das Auftreten der Wund-
male, bis in die bohrendsten Schmerzen. Und alle Gefiihlstiefen wur-
den aufgeriittelt. Eine Intensitat des Empfindens entstand, wie sie in
solch machtigen Wogen sonst nie die Welt durchflutet hat. In der Ini-
tiation am Kreuz der gottlichen Liebe hatte die Opferung des Ich fur
Alle stattgefunden. Der physische Ausdruck des Ich, das Blut, war hin-
geflossen in Liebe fur die Menschheit und wirkte so, daB Tausende sich
zu dieser Initiation, zu diesem Tode drangten und ihr Blut hinstromen
lieBen in Liebe, in Enthusiasmus fur die Menschheit. Wie viel Blut auf
diese Weise hingeflossen ist, ist nie genug betont worden, kommt den
Menschen nicht mehr zum BewuBtsein, auch nicht in theosophischen
Kreisen. Doch die Wellen der Begeisterung, die in diesem hinstromen-
den Blut niederflossen und aufstiegen, haben ihre Aufgabe getan. Sie
sind machtige Impulsgeber geworden. Sie haben den Menschen reif ge-
macht zur Initiation des Willens.
Und dies ist das Vermachtnis des Christus.
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I
Allgemeine Anforderungen
(Nebenilbungen)
Allgemeine Anforderungen,
die ein jeder an sich selbst stellen mufi,
der eine okkulte Entwickelung durchmachen will
In dem Folgenden werden die Bedingungen dargestellt, die einer okkul-
ten Entwickelung zugrunde liegen miissen. Es sollte niemand denken,
daB er durch irgendwelche MaBnahmen des auBeren oder inneren
Lebens vorwartskommen konne, wenn er diese Bedingungen nicht er-
fiillt. Alle Meditations- und Konzentrations- und sonstigen Ubungen
werden wertlos, ja, in einer gewissen Beziehung sogar schadlich sein,
wenn das Leben nicht im Sinne dieser Bedingungen sich regelt. Man
kann dem Menschen keine Krafte geben; man kann nur die in ihm
schon liegenden zur Entwickelung bringen. Sie entwickeln sich nicht
von selbst, weil es auBere und innere Hindernisse fur sie gibt. Die
auBeren Hindernisse werden behoben durch die folgenden Lebens-
regeln. Die inneren durch die besonderen Anweisungen iiber Medita-
tion und Konzentration usw.
Die erste Bedingung ist die Aneignung eines vollkommen klaren
Denkens. Man muB zu diesem Zwecke sich, wenn auch nur eine ganz
kurze Zeit des Tages, etwa fiinf Minuten (je mehr, desto besser) frei-
machen von dem Irrlichtelieren der Gedanken. Man muB Herr in
seiner Gedankenwelt werden. Man ist nicht Herr, wenn auBere Ver-
Mltnisse, Beruf, irgendwelche Tradition, gesellschaftliche Verhaltnisse,
ja, selbst die Zugehorigkeit zu einem gewissen Volkstum, wenn Tages-
zeit, bestimmte Verrichtungen usw., usw., bestimmen, daB man einen
Gedanken hat, und wie man ihn ausspinnt. Man muB sich also in
obiger Zeit ganz nach freiem Willen leer machen in der Seele von dem
gewohnlichen, alltaglichen Gedankenablauf und sich aus eigener Ini-
tiative einen Gedanken in den Mittelpunkt der Seele riicken. Man
braucht nicht zu glauben, daB dies ein hervorragender oder interessan-
ter Gedanke sein muB; was in okkulter Beziehung erreicht werden
soil, wird sogar besser erreicht, wenn man anfangs sich bestrebt, einen
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moglichst uninteressanten und unbedeutenden Gedanken zu wahlen.
Dadurch wird die selbsttatige Kraft des Denkens, auf die es ankommt,
mehr erregt, wahrend bei einem Gedanken, der interessant ist, dieser
selbst das Denken fortreiBt. Es ist besser, wenn diese Bedingung der
Gedankenkontrolle mit einer Stecknadel, als wenn sie mit Napoleon
dem GroBen vorgenommen wird. Man sagt sich: Ich gehe jetzt von
diesem Gedanken aus und reihe an ihn durch eigenste innere Initiative
alles, was sachgemaB mit ihm verbunden werden kann. Der Gedanke
soil dabei am Ende des Zeitraumes noch ebenso farbenvoll und leb-
haft vor der Seele stehen wie am Anfang. Man mache diese Ubung
Tag fur Tag, mindestens einen Monat hindurch; man kann jeden Tag
einen neuen Gedanken vornehmen; man kann aber auch einen Gedan-
ken mehrere Tage festhalten. Am Ende einer solchen Ubung versuche
man, das innere Gefiihl von Festigkeit und Sicherheit, das man bei
subtiler Aufmerksamkeit auf die eigene Seele bald bemerken wird,
sich voll zum BewuBtsein zu bringen, und dann beschlieBe man die
Ubungen dadurch, daB. man an sein Haupt und an die Mitte des
Riickens (Hirn und Ruckenmark) denkt, so wie wenn man jenes Ge-
fiihl in diesen Korperteil hineingieBen wollte.
Hat man sich etwa einen Monat also geiibt, so lasse man eine zweite
Forderung hinzutreten. Man versuche irgendeine Handlung zu erden-
ken, die man nach dem gewohnlichen Verlaufe seines bisherigen Lebens
ganz gewiB nicht vorgenommen hatte. Man mache sich nun diese
Handlung fur jeden Tag selbst zur Pflicht. Es wird daher gut sein,
wenn man eine Handlung wahlen kann, die jeden Tag durch einen
moglichst langen Zeitraum vollzogen werden kann. Wieder ist es besser,
wenn man mit einer unbedeutenden Handlung beginnt, zu der man
sich sozusagen zwingen muB, zum Beispiel man nimmt sich vor, zu
einer bestimmten Stunde des Tages eine Blume, die man sich gekauft
hat, zu begieBen. Nach einiger Zeit soil eine zweite dergleichen Hand-
lungen zur ersten hinzutreten, spater eine dritte und so fort, soviel
man bei Aufrechterhaltung seiner samtlichen anderen Pflichten aus-
fuhren kann. Diese Ubung soil wieder einen Monat lang dauern. Aber
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man soli, soviel man kann, auch wahrend dieses zweiten Monats der
ersten Ubung obliegen, wenn man sich diese letztere auch nicht mehr
so zur ausschlieBlichen Pflicht macht wie im ersten Monat. Doch
darf sie nicht auBer acht gelassen werden, sonst wiirde man bald be-
merken, wie die Friichte des ersten Monats bald verloren sind und der
alte Schlendrian der unkontrollierten Gedanken wieder beginnt. Man
muB uberhaupt darauf bedacht sein, daB man diese Friichte, einmal
gewonnen, nie wieder verliere. Hat man eine solche durch die zweite
Ubung vollzogene Initiativ-Handlung hinter sich, so werde man sich
des Gefuhles von innerem Tatigkeitsantrieb innerhalb der Seele in
subtiler Aufmerksamkeit bewuBt und gieBe dieses Gefiihl gleichsam
so in seinen Leib, daB man es vom Kopfe bis iiber das Herz herab-
stromen lasse.
Im dritten Monat soil als neue Ubung in den Mittelpunkt des Le-
bens geriickt werden die Ausbildung eines gewissen Gleichmutes ge-
geniiber den Schwankungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz,
das «Himmelhochjauchzend, zu Tode betriibt» soil mit BewuBtsein
durch eine gleichmaBige Stimmung ersetzt werden. Man gibt auf sich
acht, daB keine Freude mit einem durchgehe, kein Schmerz einen zu
Boden driicke, keine Erfahrung einen zu maBlosem Zorn oder Arger
hinreiBe, keine Erwartung einen mit Angstlichkeit oder Furcht erfulle,
keine Situation einen fassungslos mache, usw., usw. Man befurchte
nicht, daB eine solche Ubung einen niichtern und lebensarm mache;
man wird vielmehr alsbald bemerken, daB an Stelle dessen, was durch
diese Ubung vorgeht, gelautertere Eigenschaften der Seele auftreten;
vor allem wird man eines Tages eine innere Ruhe im Korper durch
subtile Aufmerksamkeit spiiren konnen; diese gieBe man, ahnlich wie
in den beiden oberen Fallen, in den Leib, indem man sie vom Herzen
nach den Handen, den FiiBen und zuletzt nach dem Kopfe strahlen
laBt. Dies kann naturlich in diesem Falle nicht nach jeder einzelnen
Ubung vorgenommen werden, da man es im Grunde nicht mit einer
einzelnen Ubung zu tun hat, sondern mit einer fortwahrenden Auf-
merksamkeit auf sein inneres Seelenleben. Man muB sich jeden Tag
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wenigstens einmal diese innere Ruhe vor die Seele rufen und dann
die Ubung des Ausstromens vom Herzen vomehmen. Mit den Ubungen
des ersten und zweiten Monats verhalte man sich, wie mit der des
ersten Monats im zweiten.
Im vierten Monat soil man als neue Ubung die sogenannte Positivitat
aufnehmen. Sie besteht darin, alien Erfahrungen, Wesenheiten und
Dingen gegeniiber stets das in ihnen vorhandene Gute, Vortreffliche,
Schone usw. aufzusuchen. Am besten wird diese Eigenschaft der Seele
charakterisiert durch eine persische Legende iiber den Christus Jesus.
Als dieser mit seinen Jiingern einmal einen Weg machte, sahen sie am
Wegrande einen schon sehr in Verwesung iibergegangenen Hund liegen.
Alle Jiinger wandten sich von dem haBlichen Anblick ab, nur der
Christus Jesus blieb stehen, betrachtete sinnig das Tier und sagte: Welch
wunderschone Zahne hat das Tier! Wo die andern nur das HaBliche,
Unsympathische gesehen hatten, suchte er das Schone. So muB der
esoterische Schiiler trachten, in einer jeglichen Erscheinung und in
einem jeglichen Wesen das Positive zu suchen. Er wird alsbald bemer-
ken, daB unter der Hiille eines HaBlichen ein verborgenes Schones, daB
selbst unter der Hiille eines Verbrechers ein verborgenes Gutes, daB
unter der Hiille eines Wahnsinnigen die gottliche Seele irgendwie ver-
borgen ist. Diese Ubung hangt in etwas zusammen mit dem, was man
die Enthaltung von Kritik nennt. Man darf diese Sache nicht so auf-
fassen, als ob man schwarz weiB und weiB schwarz nennen sollte. Es
gibt aber einen Unterschied zwischen einer Beurteilung, die von der
eigenen Personlichkeit bloB ausgeht und Sympathie und Antipathie
nach dieser eigenen Personlichkeit beurteilt. Und es gibt einen Stand-
punkt, der sich liebevoll in die fremde Erscheinung oder das fremde
Wesen versetzt und sich iiberall fragt: Wie kommt dieses Andere dazu,
so zu sein oder so zu tun? Ein solcher Standpunkt kommt ganz von
selbst dazu, sich mehr zu bestreben, dem Unvollkommenen zu helfen,
als es bloB zu tadeln und zu kritisieren. Der Einwand, daB die Lebens-
verhaltnisse von vielen Menschen verlangen, daB sie tadeln und richten,
kann hier nicht gemacht werden. Denn dann sind diese Lebensverhalt-
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nisse eben solche, daB der Betreffende eine richtige okkulte Schulung
nicht durchmachen kann. Es sind eben viele Lebensverhaltnisse vor-
handen, die eine solche okkulte Schulung in ausgiebigem MaBe nicht
moglich machen. Da sollte eben der Mensch nicht ungeduldig ver-
langen, trotz alledem Fortschritte zu machen, die eben nur unter ge-
wissen Bedingungen gemacht werden konnen. Wer einen Monat hin-
durch sich bewuBt auf das Positive in alien seinen Erfahrungen hin-
richtet, der wird nach und nach bemerken, daB sich ein Gefuhl in sein
Inneres schleicht, wie wenn seine Haut von alien Seiten durchlassig
wiirde und seine Seele sich weit offnete gegeniiber allerlei geheimen
und subtilen Vorgangen in seiner Umgebung, die vorher seiner Auf-
merksamkeit vollig entgangen waren. Gerade darum handelt es sich,
die in jedem Menschen vorhandene Aufmerksamlosigkeit gegeniiber
solchen subtilen Dingen zu bekampfen. Hat man einmal bemerkt, daB
dies beschriebene Gefuhl wie eine Art von Seligkeit sich in der Seele
geltend macht, so versuche man dieses Gefuhl im Gedanken nach dem
Herzen hinzulenken und es von da in die Augen stromen zu lassen,
von da hinaus in den Raum vor und um den Menschen herum. Man
wird bemerken, daB man ein intimes Verhaltnis zu diesem Raum da-
durch erhalt. Man wachst gleichsam iiber sich hinaus. Man lernt ein
Stuck seiner Umgebung noch wie etwas betrachten, das zu einem selber
gehort. Es ist recht viel Konzentration zu dieser Ubung notwendig und
vor alien Dingen ein Anerkennen der Tatsache, daB alles Sturmische,
Leidenschaftliche, Affektreiche vollig vernichtend auf die angedeutete
Stimmung wirkt. Mit der Wiederholung der Ubungen von den ersten
Monaten halt man es wieder so, wie fur friihere Monate schon ange-
deutet ist.
Im funften Monat versuche man dann in sich das Gefuhl auszu-
bilden, vollig unbefangen einer jeden neuen Erfahrung gegeniiberzu-
treten. Was uns entgegentritt, wenn die Menschen gegeniiber einem
eben Gehorten und Gesehenen sagen: «Das habe ich noch nie gehort,
das habe ich noch nie gesehen, das glaube ich nicht, das ist eine Tau-
schung», mit dieser Gesinnung muB der esoterische Schuler vollstandig
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brechen. Er muB bereit sein, jeden Augenblick eine vollig neue Erfah-
rung entgegenzunehmen. Was er bisher als gesetzmaBig erkannt hat,
was ihm als moglich erschienen ist, darf keine Fessel sein fur die Auf-
nahme einer neuen Wahrheit. Es ist zwar radikal ausgesprochen, aber
durchaus richtig, daB wenn jemand zu dem esoterischen Schuler kommt
und ihm sagt: «Du, der Kirchturm der X-Kirche steht seit dieser Nacht
vollig schief», so soil der Esoteriker sich eine Hintertur offen lassen
fur den moglichen Glauben, daB seine bisherige Kenntnis der Natur-
gesetze doch noch eine Erweiterung erfahren konne durch eine solche
scheinbar unerhorte Tatsache. Wer im funften Monat seine Aufmerk-
samkeit darauf lenkt, so gesinnt zu sein, der wird bemerken, daB sich
ein Gefuhl in seine Seele schleicht, als ob in jenem Raum, von dem bei
der Ubung im vierten Monat gesprochen wurde, etwas lebendig wiirde,
als ob sich darin etwas regte. Dieses Gefuhl ist auBerordentlich fein
und subtil. Man muB versuchen, dieses subtile Vibrieren in der Um-
gebung aufmerksam zu erfassen und es gleichsam einstromen zu lassen
durch alle funf Sinne, namentlich durch Auge, Ohr und durch die
Haut, insofern diese letztere den Warmesinn enthalt. Weniger Auf-
merksamkeit verwende man auf dieser Stufe der esoterischen Ent-
wickelung auf die Eindriicke jener Regungen in den niederen Sinnen,
des Geschmacks, Geruchs und des Tastens. Es ist auf dieser Stufe noch
nicht gut moglich, die zahlreichen schlechten Einfliisse, die sich unter
die auch vorhandenen guten dieses Gebiets einmischen, von diesen zu
unterscheiden; daher iiberlaBt der Schuler diese Sache einer spateren
Stufe.
Im sechsten Monat soil man dann versuchen, systematisch in einer
regelmaBigen Abwechslung alle funf Ubungen immer wieder und wie-
der vorzunehmen. Es bildet sich dadurch allmahlich ein schones Gleich-
gewicht der Seele heraus. Man wird namentlich bemerken, daB etwa
vorhandene Unzufriedenheiten mit Erscheinung und Wesen der Welt
vollstandig verschwinden. Eine alien Erlebnissen versohnliche Stim-
mung bemachtigt sich der Seele, die keineswegs Gleichgultigkeit ist,
sondern im Gegenteil erst befahigt, tatsachlich bessernd und fortschritt-
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lich in der Welt zu arbeiten. Ein ruhiges Verstandnis von Dingen er-
offnet sich, die friiher der Seele vollig verschlossen waren. Selbst Gang
und Gebarde des Menschen andern sich unter dem EinfluB solcher
Ubungen, und kann der Mensch gar eines Tages bemerken, daB seine
Handschrift einen anderen Charakter angenommen hat, dann darf
er sich sagen, daB er eine erste Sprosse auf dem Pfade aufwarts eben
im Begriffe zu erreichen ist. Noch einmal muB zweierlei eingescharft
werden:
Erstens, daB die besprochenen sechs Ubungen den schadlichen Ein-
fluB, den andere okkulte Ubungen haben konnen, paralysieren, so daB
nur das Giinstige vorhanden bleibt. Und zweitens, daB sie den posi-
tiven Erfolg der Meditations- und Konzentrationsarbeit eigentlich
allein sichern. Selbst die bloBe noch so gewissenhafte Erfiillung land-
laufiger Moral geniigt fiir den Esoteriker noch nicht, denn diese Moral
kann sehr egoistisch sein, wenn sich der Mensch sagt: Ich will gut
sein, damit ich fur gut befunden werde. - Der Esoteriker tut das Gute
nicht, weil er fiir gut befunden werden soil, sondern weil er nach und
nach erkennt, daB das Gute allein die Evolution vorwarts bringt, das
Bose dagegen und das Unkluge und das HaBliche dieser Evolution
Hindernisse in den Weg legen.
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Weitere Regeln in Fortsetzung der
«Allgemeinen Anforderungen»
Die folgenden Regeln sollten so aufgefaBt werden, daB jeder esote-
rische Schiiler sein Leben womoglich so einrichtet, daB er sich fort-
wahrend beobachtet und lenkt, ob er namentlich in seinem Innern
den entsprechenden Forderungen nachlebt. Alle esoterische Schulung,
namentlich wenn sie in die hoheren Regionen aufsteigt, kann nur zum
Unheil und zur Verwirrung des Schiilers fiihren, wenn solche Regeln
nicht beobachtet werden. Dagegen braucht niemand vor einer solchen
Schulung zuriickzuschrecken, wenn er sich bestrebt, im Sinne dieser
Regeln zu leben. Dabei braucht er auch nicht zu verzagen, wenn er sich
etwa sagen muBte: «Ich erfulle die damit gestellte Forderung ja doch
noch sehr schlecht.» Wenn er nur das innerliche ehrliche Bestreben hat,
bei seinem ganzen Leben diese Regeln nicht aus dem Auge zu verlieren,
so geniigt das schon. Doch muB diese Ehrlichkeit vor alien Dingen
eine Ehrlichkeit vor sich selbst sein. Gar mancher tauscht sich in dieser
Hinsicht. Er sagt: Ich will in reinem Sinne streben. -Wiirde er sich aber
naher priifen, so wiirde er doch bemerken, daB viel verborgener Egois-
mus, raffiniertes Persdnlichkeitsgefuhl im Hintergrunde lauern; solche
Gefuhle sind es namentlich, die sich sehr oft die Maske des selbstlosen
Strebens aufsetzen und den Schiiler irrefiihren. Es kann gar nicht oft
genug durch innere Selbstschau ernstlich gepriift werden, ob man nicht
dergleichen Gefuhle doch im Innern seiner Seele verborgen hat. Man
wird von solchen Gefuhlen immer mehr durch energische Verfolgung
eben der hier zu besprechenden Regeln frei werden. Diese Regeln sind:
Erstens: Es soil in mein Bewufitsein keine ungeprufte Vorstellung
eingelassen werden.
Man beobachte einmal, wie viele Vorstellungen, Gefuhle und Wil-
lensimpulse in der Seele eines Menschen leben, die er durch Lebens-
lage, Beruf, Familienzusammengehorigkeit, Volkszugehor, Zeitverhalt-
nisse usw. aufnimmt. Solcher Inhalt der Seele soil nicht etwa so auf-
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gefaBt werden, als wenn die Austilgung eine fur alle Menschen mora-
lische Tat sei. Der Mensch erhalt ja seine Festigkeit und Sicherheit im
Leben dadurch, daB ihn Volkstum, Zeitverhaltnisse, Familie, Erziehung
usw. tragen. Wiirde er leichtsinnig solche Dinge von sich werfen, so
wiirde er bald stiitzlos im Leben dastehen. Es ist insbesondere fur
schwache Naturen nicht wiinschenswert, daB sie nach dieser Richtung
zu weit gehen. Namentlich soli sich ein jeder esoterische Schuler klar
machen, daB mit Beobachtung dieser ersten Regel einhergehen muB die
Erwerbung des Verstandnisses fiir alle Taten, Gedanken und Gefuhle
auch andrer Wesen. Es darf niemals dazu kommen, daB die Befolgung
dieser Regel zur Ziigellosigkeit oder etwa dahin fuhre, daB jemand
sich sagt, ich breche mit alien Dingen, in die ich hineingeboren und
durch das Leben hineingestellt worden bin. Im Gegenteil, je mehr man
priift, desto mehr wird man die Berechtigung dessen einsehen, was in
Eines Umgebung lebt. Nicht um das Bekampfen und das hochmutige
Ablehnen dieser Dinge handelt es sich, sondern um das innere Frei-
werden durch sorgfaltige Priifung alles dessen, was in einem Verhalt-
nis zu der eignen Seele steht. Man wird dann aus der Kraft dieser
eignen Seele heraus ein Licht verbreiten iiber sein ganzes Denken und
Verhalten, das BewuBtsein wird sich dementsprechend erweitern, und
man wird sich iiberhaupt aneignen, immer mehr und mehr die geistigen
Gesetze, die sich in der Seele offenbaren, sprechen zu lassen, und sich
nicht mehr in die blinde Gefolgschaft der umgebenden Welt stellen.
Es liegt nahe, daB gegeniiber dieser Regel geltend gemacht werde: Wenn
der Mensch alles priifen soil, so wird er ja insbesondere die okkulten
und esoterischen Lehren priifen miissen, die ihm gerade von seinem
esoterischen Lehrer gegeben werden.- Es handelt sich darum, das Priifen
im rechten Sinne zu verstehen. Man kann nicht immer eine Sache
direkt priifen, sondern man muB vielfach indirekt diese Priifung an-
stellen. Es ist zum Beispiel auch heute niemand in der Lage, direkt zu
priifen, ob Friedrich der GroBe gelebt hat oder nicht. Er kann lediglich
priifen, ob der Weg, auf dem die Nachrichten iiber Friedrich den
GroBen auf ihn gekommen sind, ein vertrauenswiirdiger ist. Hier muB
23
die Priifung am richtigen Ort einsetzen. So hat man es auch mit allem
sogenannten Autoritatsglauben zu halten. Oberliefert einem jemand
etwas, was man nicht selbst unmittelbar einsehen kann, so hat man
vor alien Dingen mit dem einem zur Verfiigung stehenden Material
zu priifen, ob er eine glaubwiirdige Autoritat ist, ob er Dinge sagt, die
eine Ahnung und Empfindung davon hervorrufen, daB sie wahr sind.
An diesem Beispiele wird man ersehen, daB es sich darum handelt, die
Priifung beim richtigen Punkte einzusetzen.
Eine zweite Regel ist:
Es soil die lebendige Verpflichtung vor meiner Seele stehen, die Summe
meiner Vorstellungen fortwahrend zu vermehren.
Nichts ist schlimmer fur den esoterischen Schuler, als wenn er bei
einer gewissen Summe Begriffe, die er schon hat, stehen bleiben will,
und mit ihrer Hilfe alles begreifen will. Unendlich wichtig ist es, sich
immer neue und neue Vorstellungen anzueignen. Falls dies nicht ge-
schieht, so wiirde der Schuler, falls er zu ubersinnlichen Einsichten kame,
diesen mit keinem wohl vorbereiteten Begriff entgegenkommen und von
ihnen iiberwaltigt werden, entweder zu seinem Nachteil oder wenigstens
zu seiner Unbefriedigung; dieses letztere darum, weil er unter solchen
Umstanden schon hohere Erfahrungen haben konnte, ohne daB er es
iiberhaupt merkte. Die Zahl der Schuler ist uberhaupt nicht gering,
welche schon ganz umgeben sein konnten von hoheren Erfahrungen,
aber nichts davon bemerken, weil sie wegen ihrer Vorstellungsarmut
sich einer ganz anderen Erwartung hingeben bezuglich dieser Erfah-
rungen, als die richtige ist. Viele Menschen neigen im auBeren Leben
gar nicht zur Bequemlichkeit, in ihrem Vorstellungsleben aber sind sie
direkt abgeneigt, sich zu bereichern, neue Begriffe zu bilden.
Eine dritte Regel ist:
Mir wird nur Erkenntnis iiber diejenigen Dinge, deren Ja und Nein
gegenuber ich weder Sympathie noch Antipathie habe.
Ein alter Eingeweihter scharfte es immer wieder und wieder seinen
Schulern ein: Ihr werdet von der Unsterblichkeit der Seele erst wissen,
wenn ihr ebenso gern hinnehmt, diese Seele werde nach dem Tode ver-
24
nichtet, wie sie werde ewig leben. Solange ihr wunscht, ewig zu leben,
werdet ihr keine Vorstellung von dem Zustande nach dem Tode ge-
winnen. - Wie in diesem wichtigen Fall ist es mit alien Wahrheiten.
Solange der Mensch noch den leisesten Wunsch in sich hat, die Sache
moge so oder so sein, kann ihm das reine helle Licht der Wahrheit nicht
leuchten. Wer zum Beispiel bei seiner Selbstschau den wenn auch noch
so verborgenen Wunsch hat, es mogen die guten Eigenschaften bei ihm
uberwiegen, dem wird dieser Wunsch ein Gaukelspiel vormachen und
keine wirkliche Selbsterkenntnis erlauben.
Eine vierte Regel ist die:
Es obliegt mir, die Scheu vor dem sogenannten Abstrakten zu iiber-
winden.
Solange ein esoterischer Schiller an Begriffen hangt, die ihr Material
aus der Sinneswelt nehmen, kann er keine Wahrheit iiber die hoheren
Welten erlangen. Er muB sich bemuhen, sinnlichkeitsfreie Vorstellun-
gen sich anzueignen. Von alien vier Regeln ist diese die schwerste, ins-
besondere in den Lebensverhaltnissen unseres Zeitalters. Das materia-
listische Denken hat den Menschen in hohem Grade die Fahigkeit ge-
nommen, in sinnlichkeitsfreien Begriffen zu denken. Man muB sich
bemuhen, entweder solche Begriffe recht oft zu denken, welche in der
auBeren sinnlichen Wirklichkeit niemals vollkommen, sondern nur
annahernd vorhanden sind, zum Beispiel den Begriff des Kreises. Ein
vollkommener Kreis ist nirgends vorhanden, er kann nur gedacht wer-
den, aber alien kreisformigen Gebilden liegt dieser gedachte Kreis
als ihr Gesetz zugrunde. Oder man kann ein hohes sittliches Ideal
denken; auch dieses kann in seiner Vollkommenheit von keinem Men-
schen ganz verwirklicht werden, aber es liegt vielen Taten der Men-
schen zugrunde als ihr Gesetz. Niemand kommt in einer esoterischen
Entwickelung vorwarts, der nicht die ganze Bedeutung dieses soge-
nannten Abstrakten fur das Leben einsieht und seine Seele mit den
entsprechenden Vorstellungen bereichert.
25
FUR DIE TAGE DER WOCHE
Der Mensch muB auf gewisse Seelenvorgange Aufmerksamkeit und
Sorgfalt verwenden, die er gewohnlich sorglos und unaufmerksam aus-
fuhrt. Es gibt acht solche Vorgange.
Es ist natiirlich am besten, auf einmal nur eine Ubung vorzunehmen,
zum Beispiel wahrend acht oder vierzehn Tagen, dann die zweite usw.,
dann wieder von vorne anfangen. Ubung acht kann indessen am besten
taglich gemacht werden. Man erreicht dann nach und nach richtige
Selbsterkenntnis und sieht auch, welche Fortschritte man gemacht hat.
Spater kann dann vielleicht - mit Samstag beginnend - taglich eine
Ubung vorgenommen werden neben der achten, zirka fiinf Minuten
dauernden, so daB dann jeweils auf denselben Tag die namliche Ubung
fallt. Also Samstags die Gedankemibung, Sonntags die Entschliisse,
Montags das Reden, Dienstags das Handeln, Mittwochs die Taten usw.
26
SAMSTAG
Auf seine Vorstellungen (Gedanken) achten. Nur bedeutsame Gedan-
ken denken. Nach und nach lernen, in seinen Gedanken das Wesent-
liche vom Unwesentlichen, das Ewige vom Verganglichen, die Wahrheit
von der bloBen Meinung zu scheiden.
Beim Zuhdren der Reden der Mitmenschen versuchen, ganz still zu
werden in seinem Innern und auf alle Zustimmung, namentlich alles
abfallige Urteilen (Kritisieren, Ablehnen), auch in Gedanken und Ge-
fuhlen, zu verzichten.
Dies ist die sogenannte
«richtige Meinung».
SONNTAG
Nur aus begriindeter voller Uberlegung heraus selbst zu dem Unbe-
deutendsten sich entschliefien. Alles gedankenlose Handeln, alles be-
deutungslose Tun soil von der Seele ferngehalten werden. Zu allem
soli man stets wohlerwogene Griinde haben. Und man soli unbedingt
unterlassen, wozu kein bedeutsamer Grand drangt.
1st man von der Richtigkeit eines gefaBten Entschlusses iiberzeugt,
so soil auch daran festgehalten werden in innerer Standhaftigkeit.
Dies ist das sogenannte
«richtige Urteih,
das nicht von Sympathie und Antipathie abhangig gemacht wird.
27
MONTAG
Das Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soli von den Lippen
desjenigen kommen, der eine hdhere Entwickelung anstrebt. Alles Re-
den um des Redens willen - zum Beispiel zum Zeitvertreib - ist in die-
sem Sinne schadlich.
Die gewohnliche Art der Unterhaltung, wo alles bunt durchein-
ander geredet wird, soli vermieden werden; dabei darf man sich nicht
etwa ausschlieBen vom Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im
Verkehr soli das Reden nach und nach zur Bedeutsamkeit sich ent-
wickeln. Man steht jedem Rede und Antwort, doch gedankenvoll, nach
jeder Richtung hin uberlegt. Niemals ohne Grund reden! Gerne schwei-
gen. Man versuche, nicht zu viel und nicht zu wenig Worte zu machen.
Zuerst ruhig hinhoren und dann verarbeiten.
Man heiBt diese Ubung auch:
«das richtige Wort».
DIENSTAG
Die aufieren Handlungen. Diese sollen nicht storend sein fur unsere
Mitmenschen. Wo man durch sein Inneres (Gewissen) veranlaBt wird
zu handeln, sorgfaltig erwagen, wie man der Veranlassung fur das
Wohl des Ganzen, das dauernde Gluck der Mitmenschen, das Ewige,
am besten entsprechen konne.
Wo man aus sich heraus handelt — aus eigener Initiative -, die Wir-
kungen seiner Handlungsweise im voraus auf das Griindlichste erwagen.
Man nennt das auch
28
«die richtige Tat».
Mi l l WOC H
Die Einrichtung des Lebens. Natur- und geistgemaB leben, nicht im
auBeren Tand des Lebens aufgehen. Alles vermeiden, was Unruhe und
Hast ins Leben bringt.
Nichts uberhasten, aber auch nicht trage sein. Das Leben als ein
Mittel zur Arbeit, zur Hoherentwickelung betrachten und demgemaB
handeln.
Man spricht in dieser Beziehung auch vom
«richtigen Standpunkt».
DONNERSTAG
Das menschliche Streben. Man achte darauf, nichts zu tun, was auBer-
halb seiner Krafte liegt, aber auch nichts zu unterlassen, was inner-
halb derselben sich befindet.
Uber das Alltagliche, Augenblickliche hinausblicken und sich Ziele
(Ideale) stellen, die mit den hochsten Pflichten eines Menschen zusam-
menhangen, zum Beispiel deshalb im Sinne der angegebenen Ubungen
sich entwickeln wollen, um seinen Mitmenschen nachher um so mehr
helfen und raten zu konnen, wenn vielleicht auch nicht gerade in der
allernachsten Zukunft.
Man kann das Gesagte auch zusammenfassen in:
«Alle vorangegangenen Ubungen
zur Gewohnheit werden lassen».
29
FREITAG
Das Streben, moglichst viel vom Leben zu lernen.
Nichts geht an uns voriiber, das nicht AnlaB gibt, Erfahrungen zu
sammeln, die niitzlich sind fur das Leben. Hat man etwas unrichtig
oder unvollkommen getan, so wird das ein AnlaB, ahnliches spater
richtig oder vollkommen zu machen.
Sieht man andere handeln, so beobachtet man sie zu einem ahnlichen
Ziele (doch nicht mit lieblosen Blicken). Und man tut nichts, ohne auf
Erlebnisse zuriickzublicken, die einem eine Hilfe sein konnen bei sei-
nen Entscheidungen und Verrichtungen.
Man kann von jedem Menschen, auch von Kindern, viel lernen,
wenn man aufpaBt.
Man nennt diese Ubung auch
«das richtige Gedachtnis»
das heiBt sich erinnern an das Gelernte, an die gemachten Erfah-
rungen.
ZUS AMMENF AS SUNG
Von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun, wenn auch nur fiinf Mi-
nuten taglich zur selben Zeit. Dabei soli man sich in sich selbst ver-
senken, sorgsam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsatze priifen
und bilden, seine Kenntnisse - oder auch das Gegenteil - in Gedanken
durchlaufen, seine Pflichten erwagen, iiber den Inhalt und den wah-
ren Zweck des Lebens nachdenken, iiber seine eigenen Fehler und Un-
vollkommenheiten ein ernstliches MiBfallen haben, mit einem Wort:
das Wesentliche, das Bleibende herauszufmden trachten und sich ent-
sprechende Ziele, zum Beispiel zu erwerbende Tugenden, ernsthaft
vornehmen. (Nicht in den Fehler verfallen und denken, man hatte
irgend etwas gut gemacht, sondern immer weiter streben, den hochsten
Vorbildern nach.) Man nennt diese Ubung auch
«die richtige Beschaulichkeit».
30
zu
APRIL
MAI
JUNI
JULI
AUGUST
SEPTEMBER
OKTOBER
NOVEMBER
DEZEMBER
JANUAR
FEBRUAR
MARZ
Die zwdlf zu meditierenden und im Leben
beriicksichtigenden Tugenden (Monatstugenden)
Devotion :
Devotion (Ehrfurcht)
Equilibrium:
(Inneres) Gleichgewicht
Perseverance:
Ausdauer (Durchhalte-
kraft, Standhaftigkeit)
Unselfishness:
Selbstlosigkeit
Compassion:
Mitleid
Courtesy:
Hoflichkeit
Contentment:
Zufriedenheit
Patience:
Geduld
wird zu Opferkraft
wird zu Fortschritt
wird zu Treue
wird zu Katharsis
wird zu Freiheit
wird zu Herzenstakt
wird zu Gelassenheit
wird zu Einsicht
Controlof speech:
Gedankenkontrolle (Kontrolle der Sprache
Beherrschung der Zunge «Hiite deine
Zunge»)
Courage:
Mut
Discretion:
Diskretion
(Verschwiegenheit)
Magnanimity:
GroBmut
wird zu Wahrheitsempfinden
wird zu Erloserkraft
wird zu Meditationskraft
wird zu Liebe
Immer mit dem Uben anfangen um den 21. des vorigen Monats
zum Beispiel: April vom 21. 3. - 20. 4.
(Englische Ausdriicke vermutlich von H. P. Blavatsky, siehe Hinweis Seite 167)
31
II
Hauptilbungen
Zwei allgemein gegebene Hauptiibungen
I
Morgens friih, sogleich nach dem Erwachen, wenn noch keine anderen
Eindriicke durch die Seele gezogen sind, gibt man sich seiner Medita-
tion hin. Man versucht innerlich ganz still zu werden, das heiBt man
lenkt alle Aufmerksamkeit ab von auBeren Eindriicken und auch von
alien Erinnerungen an das alltagliche Leben. Man sucht auch die Seele
frei zu machen von alien Bekummernissen und Sorgen, die einen etwa
gerade in dieser Zeit bedriicken. Dann beginnt die Meditation. Um sich
die innere Stille zu erleichtern, lenke man vorerst das BewuBtsein auf
eine einzige Vorstellung, etwa «Ruhe», versenke sich ganz in dieselbe
und lasse sie dann aus dem BewuBtsein verschwinden, so daB man
dann gar keine Vorstellung in der Seele hat und ganz allein den Inhalt
der folgenden sieben Zeilen in ihr aufleben laBt. Diese sieben Zeilen
miissen nun fiinf Minuten im BewuBtsein leben. Wollen sich andere
Vorstellungen herandrangen, so kehrt man immer wieder zu diesen
sieben Zeilen zuriick, in die man sich ganz versenkt.
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt.
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt;
Ich werde mich selbst fmden
In der Gottheit der Welt.
Nachdem man dies fiinf Minuten durchgeiibt hat, gehe man zu fol-
gendem iiber.
Man macht einen ruhigen kraftigen Atemzug; nach der Einatmung
atmet man gleich ebenso ruhig und kraftig aus, so daB zwischen Ein-
atmung und Ausatmung keine Pause ist. Dann enthalt man sich eine
35
kleine Weile des Atmens, bestrebt sich aber, die Atemluft ganz auBer
dem Korper zu lassen.
Es sollen ungefahr folgende Zeitverhaltnisse eingehalten werden:
Beim Einatmen ist die Zeit beliebig, man gestaltet den Atemzug so
lange, als seinen Kraften entsprechend ist, die Ausatmung soli dann
zweimal so lang dauern als die Einatmung und das Atementhalten
dreimal so lang als das Einatmen. Wenn man also zum Beispiel zum
Einatmen zwei Sekunden braucht, dann entfallen auf das Ausatmen
vier, auf die Atementhaltung sechs Sekunden. Dieses Einatmen, Aus-
atmen, Atementhalten wiederholt man viermal.
Beim Ein- und Ausatmen denkt man an nichts, sondern lenkt die
Aufmerksamkeit ganz auf das Atmen; dagegen konzentriert man beim
ersten Atementhalten sich ganz auf den Punkt zwischen und etwas
hinter den Augenbrauen, also an der Nasenwurzel (etwas im Innern
des Vordergehims), und erfullt dabei das BewuBtsein allein mit den
Worten:
Ich bin.
Wahrend des zweiten Atementhaltens konzentriert man sich auf einen
Punkt im Innern des Kehlkopfes, und erfullt dabei das BewuBtsein
allein mit der Vorstellung:
Es denkt.
Wahrend des dritten Atementhaltens konzentriert man sich auf seine
beiden Arme und Hande. Man halt dabei die Hande so, daB sie ent-
weder gefaltet sind oder daB die Rechte iiber die Linke gelegt ist. Dabei
erfullt man das BewuBtsein allein mit der Vorstellung:
Sie fiihlt.
Wahrend des vierten Atementhaltens konzentriert man sich auf seine
ganze Korperoberflache, also man stellt sich selbst leiblich moglichst
klar vor, und erfullt dabei sein BewuBtsein mit der Vorstellung:
Er will.
36
(Man wird, wenn man diese Konzentrationsiibungen einige Wochen
energisch fortsetzt, an den Stellen, auf die man sich konzentriert,
etwas fiihlen, also an der Nasenwurzel, im Kehlkopf, einen Strom in
den Handen und Armen und an der ganzen auBeren Korperoberflache.
Beim Konzentrieren auf Arme und Hande wird man fiihlen, wie
die letzteren durch eine Kraft auseinandergetrieben werden, man lasse
sie dann auseinandergehen, das heiBt, der Kraft folgen, aber man
suggeriere sich dies nicht. Es muB ganz von selbst eintreten.
1m Obigen bedeutet bei «Es denkt» das «Es» = das allgemeine Wel-
tendenken, das unpersonlich in unseren Worten leben soli. Bei «Sie
fuhlt» bedeutet «Sie» = die Weltseele; das heiBt, wir sollen nicht per-
sonlich fiihlen, sondern unpersonlich im Sinne der Weltenseele; bei
«Er will» bedeutet «Er» = Gott, in dessen Willen wir unser ganzes
Sein stellen.)
Hat man diese vier Atemziige vollendet, so erfiille man fur eine
Weile das BewuBtsein ganz allein mit der einen Vorstellung, in die
man sich ganz versenkt, so daB nichts anderes wahrend dieser Zeit
die Seele erfullt. Diese Vorstellung ist:
Von Rudolf Steiner je nach der Schiilerpersonlichkeit gegeben, zum Beispiel:
«Meine Kraft»
oder «Ich in mir»
oder «Ich will»
oder «Ich bin bestandig»
oder «Ruhe in der Starke
Starke in der Ruhe»
oder «Seelenwdrme durchdringet mich»
Dann gehe man dazu iiber, sich fiinf Minuten lang ganz in sein eigenes
gottliches Ideal zu versenken. Das muB mit aller Devotion (Andacht)
geschehen.
37
Diese ganze Meditation braucht nicht langer als 15 Minuten zu
dauern.
Bei alien oben angegebenen Zeitverhaltnissen richte man sich nicht
nach der Uhr, sondern nach dem Gefuhle. Man achte darauf, daB
man eine solche Korperlage einnehme, daB man auch durch den eige-
nen Korper, zum Beispiel durch Ermudung, nicht abgelenkt werden
konne.
Das vorige Mantram etwas individualisiert.
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt.
In dem reinen Feuer des Athers
Erstrahlt der Ichheit hohe Kraft.
Ich ruhe im Geiste der Welt,
Ich werde mich immer finden
Im ewigen Geiste der Welt.
II
1 . Es ist eine Morgenmeditation vorzunehmen, die folgendermaBen zu
gestalten ist:
Morgens friih vor einer jeden alltaglichen Beschaftigung und vor
dem Zusichnehmen einer Speise hat man eine vollkommene Ruhe der
Seele herzustellen. Die Aufmerksamkeit ist von alien auBeren Sinnes-
eindriicken und von alien gewohnlichen Verstandesvorstellungen ab-
zulenken. Auch alle Erinnerungen an die gewohnlichen Erlebnisse
mussen vollstandig schweigen. Vor allem mussen alle Sorgen und Be-
kiimmernisse des Lebens ganz zum Schweigen gebracht werden.
38
Dann muB aus der ganz ruhigen Seele die eine Vorstellung sich
erheben:
Oben alles wie unten
Unten alles wie oben
Man muB nun streng 10 Minuten (nicht nach der Uhr, sondern nach
dem Gefiihle) nur in solchen Vorstellungen leben, die man als An-
wendung dieser Vorstellung auf die Erscheinungen der Welt aus ihr
heraus gewinnen kann. Es kommt zunachst nicht darauf an, daB alle
diese Vorstellungen richtig sind, sondern darauf, daB man seine Vor-
stellungen in dieser Richtung betatigt. Doch soil man sich, so viel
man nur irgend kann, bemuhen, nur richtige Vorstellungen zu denken.
Nachdem man dieses vollendet hat, ist zu folgendem iiberzugehen:
Es sind sieben Atemziige zu machen, so, daB man zum Einatmen so
lange braucht, daB man das Weitere ohne Schadigung durchfiihren
kann:
Man atmet ein; nach vollendetem Einatmen atmet man sofort aus,
dann laBt man die Atemluft drauBen, so daB also eine Zeitlang das
Einatmen ganz unterdriickt wird.
Es sind dabei folgende Zeiten zu beriicksichtigen:
Einatmung: In obigem Sinne beliebig lang
Ausatmung: Doppelt so lange wie Einatmen
Atementhaltung: Viermal so lang als Einatmen (dies fur den An-
fang, dann allmahliche Steigerung bis zu zehnmal so lang als Ein-
atmen.)
Bei dem ersten und zweiten Atementhalten hat man sich ganz in die
Vorstellung zu versenken:
Ich bin
und dabei sich zu konzentrieren auf den Punkt an der Nasenwurzel.
(Man erhalt den Punkt, wenn man eine Linie zieht von dem Punkt
zwischen den Augenbrauen waagrecht nach riickwarts, er liegt dann
etwa einen Zentimenter nach riickwarts.)
39
Bei der dritten und vierten Atementhaltung hat man sich zu ver-
senken in die Vorstellung:
Es denkt
und sich zu konzentrieren auf den Kehlkopf.
Bei der fiinften und sechsten Atementhaltung hat man sich zu ver-
senken in die Vorstellung:
Sie fuhlt
und sich dabei zu konzentrieren auf das Herz.
Bei der siebenten Atementhaltung versenke man sich in:
Er will
und konzentriere sich dabei auf den Nabel, indem man sich dabei in
Gedanken Strahlen zieht, die den ganzen Unterleib durchziehen.
Beim Ein- und Ausatmen enthalte man sich jedes Gedankens.
(«&» bedeutet: Das Weltdenken. «Sie» bedeutet: Die Weltseele. «Er»
bedeutet: Der Weltgeist. Doch sind diese Vorstellungen nur zur Orien-
tierung. Sie sollen wahrend der Meditation nicht im BewuBtsein gegen-
wartig sein. Sie wiirden den mantramartigen Charakter der obigen
Formel nur storen.)
Diese ganze Ubung ist damit zu beschlieBen, daB man sich fiinf
Minuten lang in das eigene gottliche Ideal devotioneil versenkt.
2. Im Laufe des Tages hat man die besonders beschriebenen Neben-
iibungen zu machen.
3. Abends die Riickschau auf die Tageserlebnisse.
Alkohol ist absolut zu meiden. Vegetarische Kost nicht unbedingt,
doch forderlich.
40
Erkldrungen zu den beiden vorhergehenden
allgemein gegebenen Hauptiibungen
Wer eine esoterische Entwickelung anstrebt, dem muB vor allem klar
sein, daB in gewissen auBerst einfachen Satzen eine Kraft verborgen
ist, die dadurch wirksam wird, daB er diese Satze in seiner Seele leben
laBt. Er erfaBt nicht das Richtige, wenn er solche Satze nur mit dem
Verstande begreifen will. Da sagen sie ihm zunachst sehr wenig. Er
muB eine gewisse Zeit sein ganzes Inneres erfullt sein lassen mit einem
solchen Satze, sich ihm mit alien seinen Seelenkraften hingeben. - Ein
solcher Satz ist: «Ich bin».
In diesem Satze liegt in der Tat das ganze Geheimnis des gegen-
wartigen Menschendaseins. Es kann namlich innerlich einen solchen
Satz nur ein Wesen denken, fuhlen und wollen, das eine solche auBere
Gestalt hat wie der gegenwartige Erdenmensch. Es muB bei einem
solchen Wesen die Gestalt sich so gebildet haben, daB alle im Leibe
wirksamen Krafte auf die Form hinzielen, die nach vorne zu der ge-
wolbten Stirne wird. Diese nach vorn gewolbte Stirne und das «Ich
bin» gehoren zusammen. Es gab in fruheren Entwickelungszeiten der
menschlichen Gestalt eine Stufe, auf der sich diese Gestalt noch nicht
zu einer solchen Stirne nach vorne gedrangt hatte. Damals konnte das
«Ich bin» noch nicht innerlich gedacht, gewollt und gefiihlt werden.
Nun ware es aber durchaus unrichtig, wenn man glauben wollte, daB
die geschilderte Gestalt des Leibes das «Ich bin» hervorbringe. Dieses
«lch bin» war schon vorher vorhanden. Es konnte sich nur noch nicht
in einer entsprechenden Gestalt ausdriicken. So wie es sich jetzt in der
Korpergestalt des Menschen ausspricht, so driickte es sich vorher in
einer Seelenwelt aus. Und es ist eben diese Kraft des «Ich bin», welche
sich in einem Zeitraum der fernen Vergangenheit mit jenem Menschen-
korper vereinigte, der noch nicht die heutige Stirnbildung hatte, und
diese Kraft des «Ich bin» hat die vorige Gestalt zur gegenwartigen
Stirne aufgetrieben. — Daher kommt es, daB der Mensch durch eine
41
gewisse Versenkung in das «Ich bin» die Kraft in sich spiiren kann,
welche inn in seiner gegenwartigen Form selbst gebildet hat. Und diese
Kraft ist eine hohere Kraft als die Krafte, die heute in seinem gewohn-
lichen Leben in ihm sind. Denn es ist die seelische Schopferkraft, die
aus dem Seelischen das Leibliche heraus formt. - Daher muB der eso-
terisch Strebende sich fur eine kurze Weile ganz in das «Ich bin» hin-
einleben, das heiBt, er muB dieses «Ich bin» denken, dabei zu gleicher
Zeit aber auch so etwas in sich erleben, wie: «Ich freue mich, daB ich
als selbstandiges Wesen mitwirken kann an der Welt». Und auch so
etwas muB der Mensch erleben, wie: «Ich will mein Dasein, ich will
mich hineinsetzen in den ganzen Zusammenhang der Welt». Wenn
der Mensch alles dieses in einen einzigen inneren BewuBtseinsakt zu-
sammendrangt und dabei gleichzeitig seine ganze BewuBtseinskraft auf
die Gegend der Stirne und der darunterliegenden inneren Gehirnglieder
verlegt, so versetzt er sich tatsachlich in eine hohere Welt, aus der
heraus seine Stirnbildung bewirkt worden ist. Er muB nur nicht glau-
ben, daB er nun gleich von heute auf morgen diese hoheren Welten
erobern kann. Er muB vielmehr die Geduld haben, diese Versenkung
durch lange Zeiten hindurch taglich immer wieder vorzunehmen. Hat
er diese Geduld, dann wird er nach einiger Zeit bemerken, wie ihm ein
Gedanke aufgeht, der nun kein bloBer gedachter Gedanke mehr ist, son-
dern ein von Kraft durchzogener, lebendiger Gedanke. Er wird sich
etwa sagen konnen: So, wie dieser mein Gedanke, so muB innerlich le-
bendig sein die Kraft, welche in dem Pflanzenkeime ist und ihn zu den
Gliedern des Pfianzenkorpers auftreibt. — Und bald wird sich ihm dieser
Gedanke so zeigen, wie wenn er Licht ausstrdmte. In diesem innerlichen
Lichtausstromen fiihlt sich der Mensch froh und daseinsfreudig. Ein
Gefiihl durchdringt ihn, das man nur mit «freudiger Liebe am schopfe-
rischen Dasein» bezeichnen kann. Und dem Willen teilt sich eine Kraft
mit, wie wenn ihn der genannte Gedanke mit Warme durchstrahlt, die
ihn energisch macht. Das alles kann der Mensch saugen aus der geschil-
derten richtigen Versenkung in das «Ich bin». Der Mensch wird nach
und nach erkennen, daB intellektuelle, seelische und moralische Kraft
42
hochster Art auf diese Weise in ihm geboren wird, und daB er sich da-
durch in ein immer mehr bewuBtes Verhaltnis bringt zu einer hoheren
Welt.
Ein zweiter solcher Satz ist: «Es denkt». Dieses «Es denkt» stellt
in einer ahnlichen Art, wie es eben fur das «Ich bin» geschildert wor-
den ist, die Kraft dar, durch welche von den hoheren Welten heraus
die Gestalt der menschlichen Sprachwerkzeuge gebildet worden ist.
Als das Denken noch nicht in einem menschlichen Leibe sich auslebte,
sondern noch in einer hoheren Seelenwelt, da bewirkte es von da aus,
daB an der menschlichen Gestalt die damals an dieser noch nicht vor-
handenen Sprachorgane sich angliederten. Wenn daher der esoterisch
Strebende sich wie vorher mit Denken, Gefiihl und Wille ganz in das
«Es denkt» versenkt und dabei das BewuBtsein auf die Gegend des Kehl-
kopfes hin konzentriert, so erlebt er die schopferische Seelenkraft, wel-
che sich von den oberen Welten her in dem Schaffen der Sprachorgane
kundgegeben hat. Wenn er wieder die oben gekennzeichnete Geduld
hat, so wird er es erleben, wie aus dem «Es denkt» Strahlungen aus-
gehen, die wie der Ausgangspunkt einer geistigen musikalischen Har-
monie sind, und die ihn mit einem Gefiihl heiliger Frdmmigkeit er-
fullen und zugleich mit einer Kraft, die ihm sagt: «Was ich als Mensch
will, wird nach und nach immer weiser werden». Er wird eine Ahnung
von jener Kraft erhalten, welche als gdttlich-geistige Kraft sich durch
das Weltenall ergieBt, und welche alle Dinge nach MaB, Zahl und
Gewicht ordnet.
Ein dritter Satz ist: «Sie fuhlt». Auch die Kraft dieses Satzes war
einst - und zwar in einer noch fruheren Zeit - noch nicht im Menschen,
sondern in einer hoheren Seelenwelt. Von da aus wirkte sie herunter
und bildete die Gestalt um, welche der Menschenleib bis dahin hatte.
Dieser Menschenleib hatte namlich bis dahin noch nicht die Hande
von den FiiBen verschieden. Die heutigen Hande und FiiBe waren da-
mals gleichgeformte Bewegungsorgane. Deshalb hatte auch der Mensch
noch nicht seinen aufrechten Gang. Es war ein groBer Schritt nach vor-
warts in der menschlichen Entwickelung, daB seine vorderen Bewe-
43
gungsorgane in Arbeitsorgane umgestaltet wurden. Er erhielt dadurch
den aufrechten Gang, der ihn befahigt, die niedere Natur zu iiber-
winden, indem sein Blick hinausgerichtet wird in die himmlischen Gei-
steswelten. Er wurde aber auch dadurch erst fahig, Karma zu bilden.
Denn erst die Taten eines so gestalteten Wesens stehen unter dessen
eigener Verantwortlichkeit. Dazu haben geistige Wesen den Menschen
umgestaltet, als das vorher nur in ihnen befindliche «Sie fuhlt» in den
Menschenleib hineinstromte. Wenn sich daher der esoterisch Strebende
wieder in ahnlicher Art, wie es oben geschildert worden ist, in dieses
«Sie fuhlt» versenkt, so erhebt er sich zu den entsprechenden Schaffens-
kraften der hoheren Welten. Er muB nur bei dem «Sie fiihlt» das ganze
BewuBtsein auf die beiden Arme und Hande konzentrieren. Es wird
ihm dann aus dem Gedanken «Sie fuhlt» ein inneres Leben ausstromen
von unbeschreiblicher Seligkeit. Man kann dieses Gefiihl als das der
Liebe im tatigen Dasein bezeichnen. Der Mensch erhalt dadurch ein
BewuBtsein, wie die schaffende Liebe durch den Weltenraum hinflutet
und durch ihre Tat in alles den belebenden Hauch einfuhrt.
Ein vierter Satz ist: «Er will». Es war die Kraft dieses Satzes, durch
welche in urferner Vergangenheit der menschliche Leib iiberhaupt erst
als eine selbstandige Wesenheit von seiner Umgebung herausgegliedert
worden ist.
Bevor von hoheren seelischen Welten heraus diese Kraft auf ihn
wirkte, war der menschliche Leib noch nicht durch eine auBere Haut
nach alien Seiten abgeschlossen, sondern die Stoffstromungen stromten
damals von alien Seiten in ihn ein und von ihm aus. Er hatte kein selb-
standiges Leben, sondern lebte ganz das Leben seiner Umgebung mit.
Natiirlich war diese Umgebung damals eine ganz andere als die gegen-
wartige irdische Umgebung. Wenn nun der esoterisch Strebende sich
wieder mit seinem ganzen Denken, Fiihlen und Wollen in das «Er will»
versenkt und dabei das BewuBtsein auf die ganze auBere Hautoberflache
konzentriert, so versetzt er sich allmahlich in die hohen Schopferkrafte
des «Er will». Es sind das jene Krafte der ubersinnlichen Welt, durch
welche den sinnlichen Dingen ihre Form und Gestalt gegeben wird.
44
Der Mensch wird, wenn er geniigend Ausdauer hat, in dem innerlichen
Erleben dieses Gedankens etwas fuhlen, wie wenn er iiber alles sinnlich-
korperliche Dasein hinausgehoben ware und herabblickte auf das Feld
des sinnlichen Schaffens, um auf diesem zu wirken, so wie es den in der
Geisteswelt gewonnenen gottlichen Gedanken entspricht. Die Kraft,
die von dem Gedanken ausgeht, ist die des wonnigen Versetztseins in
die reine Geistigkeit und der Gewinn des BewuBtseins, daB man dieser
sinnlichen Welt aus hoheren Regionen das zufuhren kann, was sie
braucht.
Der Esoteriker wird wahrend des Sich-versenkens in diese Kraft-
gedanken zugleich die Aufmerksamkeit auf seinen AtmungsprozeB
zu richten haben und diesen aus einer unbewuBten Tatigkeit zu einer
bewuBt geregelten Verrichtung fur kurze Zeit umzugestalten haben.
Denn wahrend die geschilderte Einwirkung der Krafte aus hoheren
Welten auf die menschliche Gestalt die angegebene Umwandlung her-
vorbrachte, wurde durch ebendieselben Krafte im Innern dieser Ge-
stalt das gegenwartige Atmungssystem zustande gebracht, das not-
wendig ist fur ein Wesen mit solcher Selbstandigkeit des Leibes, solchen
Handen, die unter eigener Verantwortung arbeiten, solchen Sprach-
werkzeugen, welche inneres Erleben der Seele in auBerlich horbaren
Ton umsetzen. Durch die entsprechende Hinlenkung der Aufmerksam-
keit auf den AtmungsprozeB wird die Erhebung in die hoheren schop-
ferischen Weltregionen gefordert.
Wenn der esoterisch Strebende so allmahlich bewuBt erleben lernt,
was an hoheren Weltenkraften ja immer in ihm schlummert, was er
vorher nur nicht kennt, so wird ihm lebendig, ahnungsvoll anschaulich,
was er vorher sich schon durch Studium angeeignet haben soli. Er soli
sich bekannt gemacht haben damit, daB der Mensch mit der ganzen
Erdenentwickelung verschiedene Verwandlungsstufen durchgemacht
hat, bevor der gegenwartige Erdenzustand zustande gekommen ist.
Man nennt diese Verwandlungszustande: Saturnzustand, Sonnenzu-
stand, Mondzustand. Nun hat sich auch der Esoteriker damit bekannt-
zumachen, daB in spateren Epochen gewisse friihere Zustande sich in
45
einer gewissen Art wiederholen. So wiederholte sich wahrend der Er-
denentwickelung der Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand, und zwar
so, daB die Saturnwiederholung dem Schaffen des «Er will» an der
auBeren menschlichen Hiille entspricht. Die Sonnenwiederholung ent-
spricht dem Schaffen des «Sie fiihlt» an den Armen und Handen und
die Mondenwiederholung entspricht dem Schaffen des «Es denkt» an
den Sprachorganen. Man sieht, wie so der Mensch seine Anschauung
des Leibes als eines bloB geschaffenen Wesens in der sinnlichen Welt
verlaBt und sich in die Anschauung der hoheren Welten hineinlebt, wo
die Krafte sind, die an dem Menschen schaffen. Und so werden auch
die bloBen Begriffe, die der Mensch von solchen Dingen aufgenommen
hat, wie Saturn, Sonne und Mond, lebendige Anschauungen und Er-
lebnisse. Und so muB es sein, wenn immer mehr und mehr der Weg
gefunden werden soli aus dem Exoterischen in das Esoterische. Aller-
dings muB man das hier als Ubung Gegebene nur als den Anfang be-
trachten. Man muB aber erst mit aller Energie das hier Gegebene
durcharbeiten, dann kommt man so weit, daB man die weiteren Ubun-
gen erhalten kann, durch welche noch hohere Krafte geweckt werden,
die im Inneren des Menschen schlummern. Es kommt darauf an, die
in den Worten «lch bin», «Es denkt», «Sie fuhlt», «Er will» liegenden
spirituellen Tatsachen zu ahnen und ihre Verbindung zu fuhlen mit
den Gliedern des Korpers, welcher ein aus der geistigen Welt heraus
entstandenes Gebilde ist.
Zur Information muB noch gesagt werden, daB in obigen Kraft-
worten die drei Formen
ES - SIE - ER
in der Natur der hoheren Welten wohl begriindet sind.
«Es» ist das Kraftwort fur das Weltendenken, das ist, jene Wesen-
heiten in der hoheren Welt, welchen das schaffende Denken in eben-
demselben Grade eigen ist wie den unter ihnen stehenden Menschen
das sinnliche Anschauen.
46
«Sie» ist das Kraftwort fur die Weltenseele, welche ein Fuhlen hat,
das von ihr ausstromt, wahrend das menschliche Fuhlen durch die
Anregung von auBen einstromt. Jenes Fuhlen der Weltseele ist die
schaffende Weltenliebe, durch welche die Dinge ins Dasein treten.
«Er» ist das Kraftwort fur den Weltenwillen, den Weltengeist, dessen
Wille aus sich selbst wirkt, wahrend der menschliche Wille durch die
auBere Welt zum Wirken bestimmt wird. Dieser «Er» ist die schaffende
Urkraft der Welt.
47
An verschiedene Schiller individuell
gegebene Hauptiibungen
Haupt-Obungen fur morgens und abends.
Morgens, moglichst bald nach dem Erwachen:
Abziehen der Aufmerksamkeit von alien auBeren Sinneseindriicken,
auch von alien Erinnerungen an das alltagliche Leben. In dieser leer-
gemachten Seele erfiillt man sich zunachst mit der Vorstellung «Ruhe».
Es soil sein, wie wenn man diese Empfindung der Ruhe sich durch
den ganzen Korper gieBe. Doch kann dies ganz kurz geschehen. (Zwei
bis fiinf Sekunden.) Dann erfiillt man durch etwa fiinf Minuten die
Seele mit den folgenden sieben Zeilen:
Lichterstrahlende Gebilde
Glanzendes Wogenmeer des Geistes,
Euch verlieB die Seele.
In dem Gottlichen weilte sie,
In ihm ruhte ihr Wesen.
In das Reich der Daseinshullen
Tritt bewuBt mein «Ich».
Man versucht diese Zeilen so bildhaft wie moglich vorzustellen. So
denke man bei den beiden ersten Zeilen ein Lichtmeer, in dem sich Ge-
stalten formen; man denke bei der dritten, vierten und fiinften Zeile,
wie die Seele beim Aufwachen auftaucht aus diesem Lichtmeer. Bei
der sechsten und siebenten Zeile denke man, wie man durch das Auf-
wachen in die Hiillen des Korpers hineingeht.
48
Im Laufe des Tages sind die Nebeniibungen zu machen. Bei diesen
kommt es weniger darauf an, daB man sich an eine bestimmte Stunde
bindet.
Abends: «Ich habe den ganzen Tag hindurch Eindriicke der phy-
sisch-sinnlichen AuBenwelt empfangen und mir dariiber Vorstellungen
gemacht. Ich werde in der Nacht solche Eindriicke nicht haben. Ich
werde in der geistigen Welt sein. Ich werde mir nun durch Sinnbilder
die iibersinnliche Welt vorstellen, damit diese Sinnbilder nach und
nach mich in diese iibersinnliche Welt hineinfiihren. Ich werde mir
vorstellen, daB der Raum um mich und in mir von iibersinnlichem Licht
erfiillt ist, wie wenn ein Lichtmeer in verschiedenen Farben erglanzte
und dieses Lichtmeer durchflossen ware von Warmestromungen; eine
der Warmestromungen geht in mein Herz hinein. (Licht - Symbol
gottlicher Weisheit; Warme - Symbol gottlicher Liebe)».
Diese Vorstellung meditativ in aller Seelenruhe durch drei bis vier
Minuten anhalten und daraufhin den Eindruck der in den folgenden
sieben Zeilen wiedergegebenen Meditation in der Seele festhalten; nur
entsprechend mit entgegengesetztem Vorstellungsverlauf:
Es tritt bewuBt mein Ich
Aus dem Reich der Daseinshullen,
Zu ruhen in der Welten Wesen.
Ins Gottliche strebet es.
Gewinne Seele dieses Reich;
Des Geistes glanzend Wogenmeer,
Des Lichts erstrahlende Gebilde.
Dann Riickschau auf das Tagesleben, bildsam und riicklaufig.
49
II
Abends:
In Symbolen den Inhalt erleben von Licht, Warme;
dann:
In der Gottheit der Welt
Werde ich mich selber finden,
In IHR rune ich.
Es erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele
In der reinen Liebe zu alien Wesen,
Es erglanzt die Gottheit der Welt
In den reinen Strahlen des Lichts.
(Fiinf Minuten der Wirkung hingeben, dann Riickschau auf die Er-
eignisse des Tages - sieben bis acht Minuten.)
Vorstellung des Rosenkreuzes
In meinem Herzen wohne Weltenlicht.
Morgens:
Wiedererwecken der Bilder.
In den reinen Strahlen des Lichts
Erglanzt die Gottheit der Welt.
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt;
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt.
(Fiinf Minuten der Wirkung hingeben. Dann: Seelenruhe.)
50
Vorstellung einer werdenden Pflanze; man lasse diese in Gedanken
ganz langsam vor sich wachsen: Blatt fur Blatt, Blute, Frucht. Man
stelle sich die Kraft vor: wie diese das Werden bewirkt. Dann denke
man sich diese Kraft in das eigene Herz hinein.
(Konzentriere sich darauf zwei bis drei Minuten.)
In meinem Herzen wohne Weltenwort.
Am Tage: Nebeniibungen.
51
Abends:
III
Meditation iiber das Rosenkreuz
Es weiset dieses Zeichen mir
Lebenssieg iiber Todesmacht.
In mir fiihlen will ich
Dieses Zeichens Sinn.
Es wird mich aufrichten
Und aufgerichtet tragen
In alien Lebensspharen.
Morgens:
Im Urbeginn war das Wort
Und das Wort sei in mir;
Und das Wort war gottlich.
Und mit gottlicher Kraft
Durchdringe mich das Wort.
Und ein Gott war das Wort
Und Gotteskraft gebe das Wort meinem Willen.
Am Tage die Nebeniibungen.
52
Abends:
IV
Vorstellung des Rosenkreuzes
Du meine Seele,
Blicke hin auf dieses Zeichen:
Ausdruck sei es dir
Des Weltengeistes,
Der erfiillet Weltenweiten,
Der da wirkt durch Zeitenfolgen
Und ewig wirkt in dir.
(Seelenruhe)
Morgens:
Vorstellung des Rosenkreuzes
In diesem Zeichen
Stehe mein Denken,
Stehe mein Wollen,
Stehe mein Fuhlen.
Was es deutet
Lebe in meines Herzens Tiefen,
Lebe als Licht in mir.
(Seelenruhe)
Abends:
1. Riickschau so, wie sie gefordert ist in Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hdheren Wehen: fiinf Minuten etwa.
2. Rosenkreuz-Meditation, die etwa fiinf Minuten dauert und an die
sich dann weitere fiinf Minuten lang schlieBt:
In des Lichtes reinen Strahlen
Kann ich schauen
Aller Weisheit reine Kraft.
In des Herzens Wellenschlag
Kann ich fuhlen
Alles Daseins starkes Sinnbild.
Beides will ich fuhlen.
(Seelenruhe)
Morgens:
Erst Rosenkreuz-Meditation.
Dann Versenkung in den Gedanken:
Weisheit im Geiste,
Liebe in der Seele,
Kraft im Willen:
Sie geleiten mich
Und halten mich.
Ich vertraue ihnen,
Ich opfre ihnen.
(Seelenruhe)
Die Nebeniibungen im Sinne von Geheimwissenschaft.
54
Abends:
VI
Des Lichtes reine Strahlen
Zeiget mir der Welten Geist;
Der Liebe reine Warme
Zeige mir der Welten Seele.
Gottinnigkeit
In meinem Herzen
In meinem Geist.
(Seelenruhe)
Morgens:
Vorstellung des Rosenkreuzes
In meinem Geist
In meinem Herzen
Gottinnigkeit.
Zeige mir der Welten Seele
Der Liebe reine Warme;
Zeiget mir der Welten Geist
Des Lichtes reine Strahlen.
(Seelenruhe)
Abends:
VII
1. Riickschau. Vom Abend zum Morgen.
2. Blau des Himmels mit vielen Sternen:
Fromm und ehrfiirchtig
Sende ahnend in Raumesweiten
Meine Seele den fiihlenden Blick.
Aufnehme dieser Blick
Und sende in meines Herzens Tiefen
Licht, Liebe, Leben,
Aus Geisteswelten.
(Seelenruhe)
Morgens:
Vorstellung des Rosenkreuzes
Was in diesem Sinnbild
Zu mir spricht
Der Welten hoher Geist,
Erfiille meine Seele
Zu aller Zeit
In alien Lebenslagen
Mit Licht, Liebe, Leben.
(Seelenruhe)
Sechs Nebemibungen.
56
Morgens:
VIII
Es dammert die Sonne,
Es schwinden die Steme.
Es dammert die Seele,
Es schwinden die Traume,
Tag nimm mich auf.
Tag beschiitze mich
In wandelndem Erdenleben.
Abends:
Wenn Stemenweltensein
Mein Ich ins Geistgebiet
Schlafend entriickt:
Hole ich mir Seelenkraft
Aus wirkender Weltenmacht,
Zu streben geisteswarts.
IX
Meditationsworte fur schon Vorgeschrittenere, die Empfindung ergreifend:
Abends:
1. Riickschau
2. Sich vorstellend versetzen in den monddurchhellten Nachtraum;
darin empfindend erleben:
Im Urbeginn war Jahve
Und Jahve war bei den Elohim
Und Jahve war einer der Elohim
Und Jahve lebt in mir.
Dann vorstellend verwandeln lassen den monddurchhellten Raum in
den sonnendurchleuchteten Tagraum; darin empfindend erleben:
Und Christus lebt in mir
Und Christus ist einer der Elohim
Und Christus ist bei den Elohim
Am Ende wird sein Christus.
Morgens:
Erst sonnendurchleuchteter Tagraum - empfindend erleben in Abend-
dammerungstimmung
Am Ende wird sein Christus
Dann Vorstellung — Sonne iiber dem Haupte:
Und Christus ist in mir
Dann Vorstellung Tagraum - empfindend erleben in Morgenstim-
mung:
Und ich bin in durchchristeter Welt.
Dazu: sechs Nebeniibungen.
58
Abends:
Es schwebet empor
Aus den Weltentiefen
Die Christussonne
Ihr Licht wird Geist -
Es leuchtet im All
Es geistet in mir
Es lebet in meinem Ich.
mehr vorstellend meditieren
vorstellend-fuhlend meditieren
fuhlend meditieren
Morgens:
mehr fuhlend meditieren
Es lebet in meinem Ich
Es geistet in mir
Es leuchtet im All
Es ist das Geisteslicht - vorstellend-fuhlend meditieren
Es ist Licht der Christussonne
Aus den Weltentiefen,
Aus denen es schwebend kommt.
vorstellend meditieren
Abends:
XI
Im Urbeginn war das Wort
Und das Wort war bei Gott
Und ein Gott war das Wort.
Und das Wort,
Es lebe im Herzen,
Im Herzen deines Wesens,
In deinem Ich.
Morgens:
In deinem Ich,
Im Herzen deines Wesens
Da lebe das Wort,
Das Geisteswort.
Und das Wort war bei Gott
Und ein Gott war das Wort.
Im Urbeginne war das Wort.
60
Morgens:
XII
Standhaftigkeit:
Sicherheit:
Liebe:
Hoffnung:
Vertrauen:
linkes Bein
rechtes Bein
linke Hand
rechte Hand
Kopf
Standhaft mien stellen ins Dasein:
Sicher schreiten die Lebensbahn:
Liebe hegen im Wesenskern:
Hoffnung pragen in jedes Tun:
Vertrauen legen in alles Denken:
konzentrieren auf linkes Bein
konzentrieren auf rechtes Bein
konzentrieren auf linken Arm
konzentrieren auf rechten Arm
konzentrieren auf den Kopf
Diese Fiinf fiihren mich zum Ziel
Diese Fiinf gaben mir das Dasein.
Abends:
Riickschau auf die Tageserlebnisse.
Von riickwarts nach vorn
recht bildsam.
61
XIII
Andere Fassung der vorhergehenden Ubung
Morgens:
Standhaftigkeit:
Sicherheit:
Kraft:
Liebe:
Hoffnung:
Vertrauen:
linkes Bein
rechtes Bein
Herz
linker Arm
rechter Arm
Kopf
Standhaft stelle ich mich ins Dasein:
Sicher schreite ich die Lebensbahn:
Kraft flieBt mir ins Herz:
Liebe hege ich im Wesenskern:
Hoffnung prage ich in jedes Tun:
Vertrauen lege ich in alles Denken:
konzentrieren auf linkes Bein
konzentrieren auf rechtes Bein
konzentrieren auf das Herz
konzentrieren auf linken Arm
konzentrieren auf rechten Arm
konzentrieren auf Kopf
Diese Sechs geleiten mich durchs Dasein.
Abends:
Ruckschau auf die Tageserlebnisse.
Bildsam.
Von riickwarts nach vorne.
62
Ill
Mantriscbe Spruche
aufier den Haupt- und Nebenubungen
meditiert werden kdnnen
MEDITATIONEN
DIE DAS ZEITWESEN DER HIERARCHIEN ERFASSEN
(Tagesspriiche)
« . . . sieben Spriiche, die sich auf die sieben Wochentage verteilen.
Man ubt sie so, daB man sich am Freitag in den fur Sonnabend, am
Sonnabend in den fur Sonntag usw. vertieft. Sie konnen dies mehrmals
im Tage machen und versuchen 20-30 Minuten die Tiefe eines solchen
Spruches auszuschopfen. Sie werden sehr viel davon haben fur die
Gewinnung eines Zusammenhanges mit dem Mysterium der alldurch-
dringenden Siebenheit.»
Der Tag fangt im okkulten Sinne um sechs Uhr nachmittags an
65
FREITAG FUR SAMSTAG
GroBer umfassender Geist,
der Du den endlosen Raum erfulltest,
als von meinen Leibesgliedern
keines noch vorhanden war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Kraft.
Du sandtest Deine Krafte aus,
und in der Erde Urbeginn spiegelte sich
meiner Leibesform erstes Urbild.
In Deinen ausgesandten Kraften
war ich selbst.
Du warst.
Mein Urbild schaute Dich an.
Es schaute mich selbst an,
der ich war ein Teil von Dir.
Du warst.
SAMSTAG FUR SONNTAG
GroBer umfassender Geist,
viele Urbilder sproBten aus Deinem Leben,
damals, als meine Lebenskrafte
noch nicht vorhanden waren.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Krafte.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn
zur Lebenssonne
und gabest mir die Lebenskraft.
In Deinen strahlenden Lebenskraften
war ich selbst.
Du warst.
Meine Lebenskraft strahlte in der Deinen
in den Raum,
mein Leib begann sein Werden
in der Zeit.
Du warst.
67
SONNTAG FUR MONTAG
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Lebensfonnen leuchtete Empfindung,
als meine Empfindung
noch nicht vorhanden war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Empfindungen.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn,
und in meinem Leibe begann
das Leuchten der eignen Empfindung.
In Deinen Gefuhlen
fuhlte ich mich selbst.
Du warst.
Meine Empfindungen fuhlten Dein Wesen in sich,
Meine Seele begann in sich zu sein,
weil Du in mir warst.
Du warst.
MONTAG FUR DIENSTAG
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Empfindungen lebte Erkenntnis,
als mir noch nicht Erkenntnis gegeben war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seek zu Dir.
Ich zog ein in meinen Leib.
In meinen Empfindungen lebte ich mir selbst.
Du warst in der Lebenssonne;
in meiner Empfindung
lebte Dein Wesen als mein Wesen.
Meiner Seele Leben
war auBerhalb Deines Lebens.
Du warst.
Meine Seele fuhlte ihr eigenes Wesen in sich.
In ihr erstand Sehnsucht, -
die Sehnsucht nach Dir,
aus dem sie geworden.
Du warst.
69
DIENSTAG FUR MITTWOCH
GroBer umfassender Geist,
in Deines Wesens Erkenntnis ist Welterkenntnis,
die mir werden soil.
Du bist.
Ich will einigen meine Seele mit Dir.
Dein erkennender Fiihrer
beleuchte meinen Weg.
Fiihlend Deinen Fiihrer
durchschreite ich die Lebensbahn.
Dein Fiihrer ist in der Lebenssonne;
er lebte in meiner Sehnsucht;
aufnehmen will ich sein Wesen
in meines.
Du bist.
Meine Kraft nehme auf
des Fiihrers Kraft in sich.
Seligkeit zieht in mich, —
die Seligkeit, in der die Seele
den Geist findet.
Du bist.
MITTWOCH FUR DONNERSTAG
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Lichte strahlt der Erde Leben,
mem Leben ist in dem Deinen.
Du bist.
Meine Seele wirkt in der Deinen.
Mit Deinem Fiihrer gehe ich meinen Weg;
ich lebe mit Ihm.
Sein Wesen ist Bild
meines eignen Wesens.
Du bist.
Des Fiihrers Wesen in meiner Seele
fmdet Dich, umfassender Geist.
Seligkeit wird mir
aus Deines Wesens Hauch.
Du bist.
DONNERSTAG FUR FREITAG
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Leben lebe ich mit der Erde Leben.
In Dir bin ich.
Du bist.
Ich bin in Dir.
Der Fiihrer hat mich zu Dir gebracht;
ich lebe in Dir.
Dein Geist ist
meines eignen Wesens Bild.
Du bist.
Gefunden hat Geist
den umfassenden Geist.
Gottseligkeit schreitet
zu neuem Weltschaffen.
Du bist. Ich bin. Du bist.
NACH DEM VORIGEN JEDEN TAG
GroBer umfassender Geist,
mein Ich erhebe sich von unten nach oben,
ahnen mog es Dich im Allumfassen.
Der Geist meines Wesens durchleuchte sich
mit dem Licht Deiner Boten,
Die Seele meines Wesens entziinde sich
an den Feuerflammen Deiner Diener
Der Wille meines Ich erfasse
Deines Schopferwortes Kraft.
Du bist.
Dein Licht strahle in meinen Geist,
Dein Leben erwarme meine Seele,
Dein Wesen durchdringe mein Wollen,
daB Verstandnis fasse mein Ich
fur Deines Lichtes Leuchten,
Deines Lebens Liebewarme,
Deines Wesens Schopferworte.
Du bist.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
Und der Geist hat eingepragt meinem Leibe
Die sinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie sehe
Das Licht der Korper.
Und der Geist hat eingepragt meinem Leibe
Vernunft und Empfindung
Und Gefiihl und Wille
Auf daB ich durch sie wahrnehme die Korper
Und auf sie wirke.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
Und ich will eingliedern meinem Geiste
Die ubersinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie schaue das Licht der Geister.
Und ich will einpragen meinem Geiste
Weisheit und Kraft und Liebe,
Auf daB durch mich wirken die Geister
Und ich werde das selbstbewuBte Werkzeug
Ihrer Taten.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
75
Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wiederfinden,
Wenn ich,
Guten Willens fur den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.
O Gottesgeist erfulle mich
Erfulle mich in meiner Seele;
Meiner Seele leihe starke Kraft,
Starke Kraft auch meinem Herzen
Meinem Herzen, das dich sucht,
Sucht durch tiefe Sehnsucht
Tiefe Sehnsucht nach Gesundheit
Nach Gesundheit und Starkmut
Starkmut der in meine Glieder stromt
Stromt wie edles Gottgeschenk
Gottgeschenk von dir, o Gottesgeist
O Gottesgeist erfulle mich.
77
Es offenbart die Weltenseele sich
Am Kreuze des Weltenleibes.
Sie lebet fiinfstrahlig leuchtend
Durch Weisheit, Liebe, Willenskraft,
Durch Allsinn und durch Ichsinn
Und findet so
Den Geist der Welt in sich.
Es leuchtet die Sonne
Dem Dunkel des Stoffes;
So leuchtet des Geistes
Allheilendes Wesen
Dem Seelendunkel
In meinem Menschensein.
So oft ich mien besinne
Auf ihre starke Kraft
In reenter Herzenswarme
Durchglanzt sie mich
Mit ihrer Geistesmittagskraft.
Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Krafte, die mich starken.
Ich will mich erfullen
Mit dieser Krafte Warme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fiihlen will ich
Wie Ruhe sich ergieBt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich starke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.
Meditationsworte, die den Widen ergreifen
Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entziinde das Mitleid,
DaB Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt.
Fur einen Verstorbenen
« . . . Werden Sie ganz still in sich dreimal des Tages, wovon das eine
Mai unmittelbar am Abend vor dem Einschlafen sein soil, so daB Sie
die Gedanken selbst mit hiniibernehmen in die geistige Welt. Am besten
ist es, Sie schlafen mit den Gedanken ein:
<Meine Liebe sei den Hiillen,
Die dich jetzt umgeben -
Kiihlend alle Warme,
Warmend alle Kalte -
Opfernd einverwoben!
Lebe liebgetragen,
Lichtbeschenkt, nach oben!>
Es kommt darauf an, daB Sie bei den Worten <Warme> und <Kalte>
die richtigen Gefuhle haben. Es sind nicht physische <Warme> und
<Kalte> gemeint, sondern etwas von Gefiihlswarme und Gefuhlskalte,
obwohl der in physischer Hiille befindliche Mensch sich nicht ganz
leicht eine Vorstellung von dem machen kann, was diese Eigenschaften
fur den Entkorperten bedeuten. Dieser muB namlich zunachst gewahr
werden, daB das noch an ihm befindliche Astrale wirksam ist, ohne daB
es sich der physischen Werkzeuge bedienen kann. Vieles, wonach der
Mensch hier auf Erden strebt, wird ihm durch die physischen Werkzeuge
gegeben. Nun sind diese nicht da. Dieses Nichthaben der physischen Sin-
nesorgane gleicht - aber eben gleicht nur - dem Gefuhle des brennen-
den Durstes ins Seelische ubertragen. Das sind die starken <Hitze-
empfindungen> nach der Entkorperung. Und ebenso ist es mit dem,
wonach unser Wille verlangt, es zu tun. Er ist gewohnt, sich physischer
Tatigkeitsorgane zu bedienen und hat sie nicht mehr. Diese <Entbeh-
rung> kommt einem seelischen Kaltegefuhl gleich. Gerade diesen Ge-
fiihlen gegeniiber konnen die Lebenden helfend eingreifen. Denn diese
Gefuhle sind nicht etwa blofi Ergebnisse des individuellen Lebens,
sondern sie hangen zusammen mit den Mysterien der Inkarnation.
Und es ist deshalb moglich, dem Entkorperten zu Hilfe zu kommen. . . »
82
IV
Erlduterungen in esoterischen Stunden
Esoterische Stunde in Berlin
am 24. Oktober 1905
Einzige Niederschrift Rudolf Steiners einer esoterischen Stunde
Der Spruch:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen.
Dies Selbst bin Ich,
Ich bin dies Selbst.
erhebt uns jeden Morgen zu unserem hoheren Selbst. Solche Spriiche
sind nicht durch die Willkiir einer Personlichkeit ersonnen, sondern sie
sind herausgeholt aus der geistigen Welt. Viel mehr ist deshalb in ihnen
enthalten, als man gewohnlich glaubt. Und man denkt dann richtig
iiber sie, wenn man voraussetzt, daB man ihren Inhalt nie ganz er-
griinden kann, sondern immer mehr in ihnen fmden kann, je mehr man
sich in sie vertieft. Von der Esoterischen Schule konnen daher immer
nur einzelne Hinweise gegeben werden, wie man den Inhalt sucht.
Einige solche Hinweise werden im Folgenden gegeben.
Strahlender als die Sonne
Der Mensch sieht die Gegenstande um sich herum nur, wenn diese von
der Sonne beschienen werden. Was sie sichtbar macht, sind die von
ihnen in das Auge des Beschauers zuriickgeworfenen Sonnenstrahlen.
Ware kein Licht, so waren die Dinge nicht sichtbar. Aber durch dieses
auBere Licht werden nur die Gegenstande der physischen Welt sicht-
bar. Ein Licht, das «strahlender ist als die Sonne», muB dem Menschen
leuchten, wenn er die seelischen und die geistigen Wesen und Dinge
sehen soil. Dieses Licht geht von keiner auBeren Sonne aus. Es geht
85
aus von der Lichtquelle, die wir in uns selbst entziinden, wenn wir in
unserem Innern das hohere, ewige Selbst aufsuchen. Dieses hohere Selbst
ist andern Ursprungs als das niedere Selbst. Das letztere empfindet
die alltagliche Umgebung. Aber, was in dieser alMglichen Umgebung
lebt, ist einmal entstanden und wird vergehen. Was wir daran empfin-
den, hat so selbst nur einen verganglichen Wert. Und aus solchen Emp-
fmdungen und den Gedanken dariiber ist auch unser vergangliches
Selbst aufgebaut. Alle Dinge, welche durch die Sonne sichtbar werden,
sie sind einmal nicht gewesen und sie werden einmal nicht mehr sein.
Und auch die Sonne ist einmal entstanden und wird dereinst vergehen.
Aber die Seele ist gerade dazu da, in den Dingen das Ewige zu er-
kennen. Wenn einstmals die ganze Erde nicht mehr sein wird, dann
werden noch die Seelen sein, die sie bewohnt haben. Und was diese
Seelen auf der Erde erlebt haben, das werden sie als eine Erinnerung
anderswohin tragen. Es ist, wie wenn mir ein Mensch Gutes getan hat.
Die Tat vergeht. Aber was er in meine Seele dadurch verpflanzt hat,
das bleibt. Und das Band von Liebe, das dadurch mich mit ihm ver-
bunden hat, das vergeht nicht. Was man erlebt, ist immer der Ur-
sprung von etwas Bleibendem in uns. Wir selbst holen so aus den
Dingen das Bleibende heraus und tragen es in die Ewigkeit hinuber.
Und wenn die Menschen dereinst auf einen ganz anderen Schauplatz
verpflanzt werden, dann werden sie das mitbringen, was sie hier ge-
sammelt haben. Und ihre Taten in der neuen Welt werden aus der
Erinnerung an die alte gewoben sein. Denn kein Same ist, der nicht
Frucht erzeugt. Sind wir mit einem Menschen in Liebe verbunden, so
ist diese Liebe ein Same, und die Frucht erleben wir in aller Zukunft,
indem wir mit einem solchen Menschen zusammengehdren in aller Zu-
kunft. So lebt etwas in uns, was mit der gottlichen Kraft verwoben ist,
die alle Dinge zum ewigen Weltgewebe verbindet. Dieses «Etwas» ist
unser hoheres Selbst. Und dieses ist «strahlender als die Sonne». Das
Licht der Sonne beleuchtet nur einen Menschen von auBen. Meine
Seelensonne beleuchtet ihn von innen. Deshalb ist sie strahlender als
die Sonne.
86
Reiner als der Schnee
In sich ist jedes Ding rein. Verunreinigt kann es nur werden, wenn es
sich mit anderem verbindet, was nicht so mit ihm verbunden sein
sollte. Das Wasser fur sich ist rein. Aber auch das, was als der Schmutz
im Wasser enthalten ist, ware rein, wenn es in sich ware, wenn es sich
nicht unrechtmaBigerweise mit dem Wasser verbunden hatte. Kohle
fur sich ist rein. Zum Schmutze wird sie nur, wenn sie sich mit dem
Wasser unrichtig verbindet. Wenn nun das Wasser seine eigene Form
im Schneekristall annimmt, dann sondert sie aus alles, was sich unrecht-
maBig mit ihm verbunden hat. So wird die Menschenseele rein, wenn
sie alles aussondert, was zu Unrecht mit ihr verbunden ist. Und zu ihr
gehort das Gottliche, das Unvergangliche. Jedes Ideal, jeder Gedanke
an etwas GroBes und Schemes gehort zur inneren Form der Seele. Und
wenn sie sich auf solche Ideale, auf solche Gedanken besinnt, dann
reinigt sie sich, wie sich das Wasser reinigt, wenn es Schneekristall
wird. Und weil das Geistige reiner als aller Stoff ist, so ist das «h6here
Selbst», das heiBt die Seele, die im Hohen lebt, «reiner als der Schnee».
Feiner als der Ather
Der Ather ist der feinste Stoff. Aber aller Stoff ist noch dicht im Ver-
haltnis zum Seelischen. Nicht das Dichte ist das Bleibende, sondern
das «Feine». Der Stein, an den man denkt als Stoff, vergeht als Stoff.
Aber der Gedanke an den Stein, der in der Seele lebt, bleibt. Gott hat
diesen Gedanken gedacht. Und er hat daraus den dichten Stein ge-
macht. Wie das Eis nur verdichtetes Wasser ist, so ist der Stein nur
ein verdichteter Gedanke Gottes. Alle Dinge sind solche verdichtete
Gedanken Gottes. «Das hohere Selbst» aber lost alle Dinge auf, und
in ihm leben dann die Gottesgedanken. Und wenn von solchen Gottes-
gedanken das Selbst gewoben ist, dann ist es «feiner als der Ather».
87
Der Geist in meinem Herzen
Erst dann hat der Mensch ein Ding begriffen, wenn er es mit dem Her-
zen erfaBt hat. Verstand und Vernunft sind bloB Vermittler fur die
Auffassung des Herzens. Durch Verstand und Vernunft dringt man
zu den Gottesgedanken. Aber wenn man so den Gedanken hat, dann
muB man ihn lieben lernen. Der Mensch lernt nach und nach alle
Dinge lieben. Das will nicht sagen, daB er urteilslos sein Herz an alles
hangen soil, was ihm begegnet. Denn unsere Erfahrung ist zunachst
eine trugerische. Aber wenn man sich bemuht, ein Wesen oder Ding auf
seinen gottlichen Grand hin zu erforschen, dann beginnt man es auch
zu lieben. Wenn ich einen verworfenen Menschen vor mir habe, so
soli ich nicht etwa seine Verworfenheit lieben. Dadurch wiirde ich
nur im Irrtum sein, und ihm wiirde ich nicht helfen. Wenn ich aber
dariiber nachdenke, wie dieser Mensch zu seiner Verworfenheit ge-
kommen ist, und wenn ich ihm beistehe, die Verworfenheit abzulegen,
dann helfe ich ihm, und ich selbst ringe mich zur Wahrheit durch. Ich
muB iiberall suchen, wie ich lieben kann. Gott ist in alien Dingen, aber
dieses Gottliche in einem Dinge muB ich erst suchen. Nicht die AuBen-
seite eines Wesens oder Dinges soil ich ohne weiteres lieben, denn diese
ist trugerisch, und da konnte ich leicht den Irrtum lieben. Aber hinter
aller Illusion liegt die Wahrheit, und die kann man immer lieben. Und
sucht das Herz die Liebe der Wahrheit in alien Wesen, dann lebt der
«Geist im Herzen». Solche Liebe ist das Kleid, das die Seele immer
tragen soli. Dann webt sie selbst das Gottliche in die Dinge hinein.
Die Mitglieder der Schule sollen manche freie Minute des Tages be-
niitzen, um solche Gedanken an die gottlichen Weisheitsspriiche zu
kniipfen, die uns von den Meistern aus einer unermeBlich groBen Welt-
erfahrung gegeben sind. Nie sollten sie glauben, daB sie einen solchen
Spruch schon ganz verstanden haben, sondern immer voraussetzen,
88
daB noch mehr darinnenliegt, als sie schon gefunden haben. Durch
solche Gesinnung erlangt man das Gefiihl, daB in aller wahren Weis-
heit der Schliissel liegt zum Unendlichen, und man verbindet sich
durch solche Gesinnung mit diesem Unendlichen.
Nicht darauf kommt es an, daB man viele Satze meditiert, sondern
darauf, daB man weniges immer wieder in der ruhig gewordenen Seele
leben laBt.
In der Meditation selbst soil man wenig spekulieren, sondern ge-
lassen den Inhalt der Meditationssatze auf sich wirken lassen. Aber
aufier der Meditation in den freien Augenblicken des Tages soil man
immer wieder auf den Inhalt der Meditationssatze zuruckkommen
und sehen, welche Betrachtungen man aus ihnen saugen kann. Dann
werden sie lebendige Kraft, die sich in die Seele senkt und diese stark
und kraftig macht. Denn wenn die Seele sich mit der ewigen Wahrheit
verbindet, lebt sie selbst im Ewigen. Und wenn die Seele im Ewigen
lebt, dann haben die hoheren Wesen den Zugang zu ihr und konnen
ihre eigene Kraft in sie senken.
89
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin
am Karfreitag, 13. April 1906
VON DER VEREINIGUNG DES ABBILDS MIT DEM URBILD
DAS AUM UND DER OSTERGEDANKE
Alles Physische urn uns her entsteht und vergeht, nur die Urbilder der
Dinge entstehen und vergehen nicht; sie sind nicht geschaffen und ver-
gehen nicht, sie sind ewig. Die physische Erde entsteht und vergeht,
aber das Urbild der Erde entsteht und vergeht nicht. Das Urbild der
Erde ist ewig. Und in dem Urbild der Erde sind enthalten alle andern
Urbilder der physischen Welt. Wie das Urbild der Erde, so entstehen
und vergehen sie nicht, sie sind ewig. Wie die Erde ihr ewiges Urbild
hat, so hat auch jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch
das seinige, das in Ewigkeit erstrahlt in Schonheit und Herrlichkeit.
Mit den Urbildern der Dinge muB der Mensch sich immer mehr ver-
einigen lernen. Zu ihnen muB er aufsteigen. Er lernt mit diesen sich
verbinden durch das Leben mit der Erinnerung. Wenn der Schuler
in der Abendriickschau auf den Tag zuriickblickt, der verstrichen ist,
und sich erinnert an die Szenen des Tages, an Freudiges und Schmerz-
liches, was er erlebt hat, wenn er die Freuden und Schmerzen, die mit
den Ereignissen des Tages verkniipft waren, in der Erinnerung wieder
durch die Seele ziehen laBt, dann setzt er sich mit jenem Leben in Ver-
bindung, das bleibt, das noch vorhanden ist auch ohne die materielle
Wirklichkeit. Der Mensch muB durch seine Phantasie sich zuriickrufen
die Ereignisse in seinem eigenen Leben und dem Leben anderer und
muB sich durch seine Seele fluten lassen Freude und Schmerz, die mit
den Ereignissen verkniipft waren: dadurch lernt er den Aufstieg zu
den Wesenheiten, die sich in Freude und Schmerz verkorpern und
lernt bewuBt leben in der Seelenwelt. Bestandig sind wir von solchen
Wesenheiten umgeben. Dann lernt man sie wahrnehmen.
Wenn wir versuchen, uns in die Erinnerung zu rufen Erlebnisse aus
der Vergangenheit, bei denen wir dabei gewesen, so ist das etwas ande-
90
res, als wenn wir zuriickdenken an Ereignisse, von denen wir gelesen
oder gehort haben. Der Unterschied ist der, daB wir bei den ersteren
mit unserem Selbst dabei gewesen sind. Und darauf kommt es an.
Es ist gut, wenn wir uns darin iiben, Erlebnisse aus unserer Vergangen-
heit in die Erinnerung zuriickzurufen. Ein Schmerz, eine Freude, die
wir einst empfanden, sieht in der Erinnerung ganz anders aus, als da-
mals in der Gegenwart. Durch dieses Zuriickrufen nahern wir uns der
wahren Erkenntnis. Wir sehen die Dinge, wie sie wirklich sind, wenn
wir es erreichen konnen, einen Schmerz, eine Freude, die wir nicht
haben, wirklich zu fiihlen. Wenn wir fahig sind, Bilder in uns auf-
steigen zu lassen von dem, was wir jetzt nicht sehen, so nahern wir
uns damit der schaffenden Gottlichkeit.
In den Rosenkreuzerschulen wurden solche Lehren den Schulern ge-
geben. Sie muBten aus eigener Willkiir Lust und Unlust, die mit frii-
heren Vorgangen im Leben verkniipft waren, jetzt ohne die brutale
Wirklichkeit durch ihre Seele ziehen lassen. Wenn man in dieser Weise
Lust und Unlust in der Seele aufsteigen laBt, so erweckt man die see-
lischen Organe. Dem, der das noch nicht selber herbeifiihren konnte,
wurden zur Erweckung der Seelenorgane von den Eingeweihten dra-
matische Bilder vorgefuhrt, Szenen aus dem menschlichen Leben, bei
denen der Mensch lernte, auch ohne die brutale Wirklichkeit das zu
empfinden, was sonst mit den Ereignissen selbst verkniipft ist. Das
ist das, was von den Ereignissen in der Welt bleibt. Dazu muB der
Mensch sich emporschwingen lernen.
Der Mensch wird sich in dem MaBe an friihere Erdenleben erinnern,
als er gelernt hat, das Ewige in den Dingen zu erkennen und als er
selbst solches Ewige in die Welt hineinbringt.
Der Yogaschiiler macht Atemiibungen. Das Atmen des gewohn-
lichen Menschen ist unregelmaBig, unrhythmisch. Der Yogaschiiler lernt
seinen Atem in Rhythmus bringen. Das unrhythmische Atmen ist
eigentlich ein Toten. Durch seinen Atem, den der Mensch ausstromt,
totet er. Sich und anderen Lebewesen bringt er den Tod, so lange nicht
der Atem durch die Yogaiibung rhythmisch und lebensvoll geworden
91
ist. Durch das rhythmische Atmen wird das Atmen des Menschen auch
individuell. Bei den Wilden sind selbst die Handlungen wenig indi-
vidual. Je hoher der Mensch steigt in der Entwickelung, desto mehr
werden seine Handlungen ein individuelles Geprage tragen. Aber das
Atmen ist zunachst auch bei alien entwickelten Menschen gleich; nun
muB der Mensch lernen, seinen Atem zu individualisieren. Dadurch
arbeitet er im AtmungsprozeB sich selbst in charakteristischer Weise
immer mehr in die Umwelt hinein. So viel, wie er von sich in die
Umwelt durch sein Atmen hineinarbeitet, so viel bleibt von ihm als
Ewiges, Unvergangliches zuriick, so viel wird er in alien folgenden
Inkarnationen von sich wiederfinden. Er wandelt durch den rhyth-
mischen AtmungsprozeB die Umwelt um und ist so ein Mitarbeiter
an kosmischen Vorgangen. Er schafft mit auf der Erde.
Wahrend der Atem des gewohnlichen Menschen totet, bringt der
Atem des gereinigten Menschen der Umwelt Leben. Die Luft in den Stad-
ten ist nicht nur schlechter, weil sie durch allerlei Physisches verunreinigt
wird, sondern das unrhythmische, nicht gereinigte Atmen der Men-
schen verdirbt die Luft. Die Luft in den Stadten ist voll Giftstoff
durch die Unmoralitat der Menschen. Auf dem Lande ist die Luft
reiner als in den Stadten. Die Menschen fiihren dort noch ein ein-
facheres, rhythmischeres Leben in groBerer Ruhe. Wahrend der Mensch
in den Stadten erfullt ist mit Gedanken an tausenderlei Dinge, die un-
rhythmisch in seinem Leben durcheinanderfluten, so gewohnt sich der
Mensch auf dem Lande daran, sein Leben in den rhythmischen Verlauf
der Natur, des Werdens und Vergehens, in den Rhythmus der Jahres-
zeiten einzufugen. Rhythmisch nimmt er im Zusammenhang mit der
Natur jedes Jahr zu bestimmten Zeiten bestimmte Arbeiten vor und
setzt sich dadurch in eine viel innigere Verbindung mit den groBen
Weltgesetzen, als es der Stadter tut, der diese Weltgesetze ganz unbe-
riicksichtigt laBt. Durch dieses rhythmische Sicheinordnen in den Ver-
lauf des Weltenlebens bringt der auf dem Lande Lebende auch in sein
Leben Rhythmisches hinein. Durch solchen Rhythmus wird auch die
Luft, die er ausatmet, rhythmischer, reiner und besser.
92
Die Pflanzen stromen reine Luft aus. Sie sind rein, ohne Begierde,
selbstlos; darum fuhlt man sich wohl in der Pflanzenwelt: sie stromt
Leben aus. Aber der gewdhnliche Mensch bringt mit seinem Atem
der Umwelt den Tod. Er muB durch ein reines, moralisches, selbst-
loses Leben seinen Atem verwandeln in einen reinen, lebensvollen, und
durch die Yogaiibungen muB er ihn in Rhythmus bringen. Dann muB
er lernen, seine Individuality in dem Atem auszustromen, sie der
Welt einzupragen: er gibt dadurch der Umwelt Leben. Durch fort-
gesetzte Schulung dieser Art lernt der Yogi iiber dem rein Physischen
schweben, sich hineinversetzen in das Ewige. Er steigt dadurch auf zu
den ewigen, unverganglichen Urbildern der Dinge, die nicht entstehen
und nicht vergehen; auch mit seinem eigenen Urbild vereinigt er sich.
Der Mensch entsteht und vergeht physisch; aber fur jeden Menschen
ist ein Urbild da; das ist ewig.
Lernt der Yogi sich mit den Urbildern vereinigen, so ist er aufge-
stiegen in die ewige Welt des Geistes; er schwebt iiber dem Vergang-
lichen. Das ist der Zustand, von dem gesagt wird, daB der Yogi dann
ruht zwischen den Schwingen des groBen Vogels, des Schwanes, des
Aum.
Das Aum ist das Hiniibergehen aus den Abbildern zum Urbild
zuriick, - das Aufgehen in dem Unverganglichen, Dieses Aufgehen in
dem Ewigen, das Sich- Vereinigen mit den Urbildern, wird auch aus-
gedriickt in dem Mantram aus den Upanishaden:
Yasmat jatam jagat sarvam, yasminn eva praliyate
yenedam dhriyate caiva, tasmai jnanatmane namah.
Das ist, was auch in dem Ostergedanken liegt. Es ist die Auferstehung
des Menschen aus dem Haften am Verganglichen und Materiellen in
die ewigen Regionen der Urbilder hinein. Die Natur dient als Symbol
dafur. Wie aus der Erde um Ostern aufsprieBt iiberall neues Leben,
nachdem das Samenkorn sich geopfert hat und in der Erde verfault
ist, um neuem Leben die Moglichkeit zu entstehen zu geben, so muB
93
auch alles Niedere im Menschen absterben. Er muB die niedere Natur
hinopfern, damit er sich erheben kann zu den ewigen Urbildern der
Dinge. Darum feiert auch die Christenheit in dieser Zeit des Erwachens
der Natur aus dem Winterschlaf, den Tod und die Auferstehung des
Erlosers.
Der Mensch muB auch erst sterben, um dann die Auferstehung im
Geistigen zu erleben. Nur wer das Haften am Verganglichen iiber-
windet, der kann selbst unverganglich werden, wie die ewigen Ur-
bilder, der kann ruhen zwischen den Flugeln des groBen Vogels Aum.
Dann wird der Mensch ein solcher, der an dem Fortschritt der Welt
mitarbeitet. Er gestaltet sie dann mit um fur ein zukiinftiges Dasein;
er wirkt dann magisch aus seinem Innersten in die Welt hinein.
Urselbst, von dem wir ausgegangen sind,
Urselbst, welches in alien Dingen lebt,
Zu dir, du hoheres Selbst, kehren wir zuriick.
94
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin
am 2. Oktober 1906
VOM AUFBAU DES GEISTIGEN LEIBES
DURCH DIE MEDITATION
In einem bescheiden demiitigen Sinne soil es dennoch unser Selbst-
gefiihl heben, daB wir wiirdig gefunden worden sind, teilzunehmen
an der Esoterischen Schule. Nicht durch ein Ungefahr sind wir dahin
gelangt. DaB wir sie gesucht haben, daB wir EinlaB erhielten, beweist
uns, daB dieses Streben uns schon seit mehreren Leben erfullte. Die
Welt drauBen kann uns nicht mehr befriedigen, wir konnen nicht in
ihr aufgehen. Konnten wir das, wir hatten den Weg hierher nicht ge-
sucht. Die Welt drauBen reprasentiert das voile Aufbluhen der funften
Unterrasse; neben diesem Aufbluhen macht sich schon geltend die
Morgenrote des sechsten Tages, oder der sechsten Unterrasse. Diese
wird eine viel geistigere werden; der geistige Leib wird viel mehr ent-
wickelt sein. Sie wird die Vorbliite dessen sein, was sich in der sechsten
Wurzelrasse voll entwickeln wird. - Wir, die wir in der Esoterischen
Schule sind, gehoren zu dieser Morgenrote des sechsten Tages; wir
folgen und dienen dem groBen Meister, der ihre Gestaltung iiberwacht;
unsere Aufgabe ist es, diesen geistigen Leib aus uns heraus zu schaffen
und zu gebaren. Unser physischer Leib ist nicht unser Ich; wir diirfen
uns nicht mit ihm identifizieren. So wie er jetzt ist, in dieser minerali-
schen Festigkeit, haben wir ihn als ein Werkzeug fur die Aufgaben
der funften Wurzelrasse erhalten. Als ein Werkzeug miissen wir ihn
handhaben und formen; unser Ich soli Gewalt iiber ihn haben. Friiher
hatte unser Ich ein andersgeartetes Werkzeug; der Leib der vierten
Wurzelrasse, der atlantischen, die noch nicht die Trennung von Sonne
und Regen kannte, die durch wallende Nebel sich bewegte, war in
mancher Hinsicht anders geartet, aber unser Ich war dasselbe; noch
verschiedener waren die Leiber der lemurischen Rasse, besonders in
95
deren Anfangsstadien, die sich schwebend bewegten in wassrigem und
in luftartigem Element. Dasselbe Ich arbeitete an ihnen. Unser physi-
scher Leib ist aus dem Makrokosmos herausgeboren. Die auBere Welt
hat inn gebildet; aus unserem physischen Leib heraus muB unser Ich
den geistigen Leib gebaren. Atma heiBt unser geistiger Leib. Atma
bedeutet Atem. Durch das geregelte Atmen in der Meditation bauen
wir unsern geistigen Leib auf. Tatsachlich atmen wir mit jedem Atem-
zug unser Ich aus oder ein.
A. Phys. Org., Phys. Leib, Atherl., Astrall.
B. Manas, Buddhi, Atma (Geistselbst. ...)
Diese Zeichnung hilft uns veranschaulichen, was tatsachlich geschieht.
Innerhalb unseres von den Gottern aufgebauten auBeren Leibes for-
men wir den geistigen Leib. Das Ich stromt in ihn hinein mit jeder Ein-
atmung, und wieder heraus beim Ausatmen. Indem wir das Atmen
regeln und an den verschiedenen Stellen unseres Korpers konzentrie-
ren, versorgen wir unsern geistigen Leib mit den Kraften, die zu seinem
Aufbau notig sind. Mit der Stelle im Vorderkopf, hinter und etwas
iiber der Nasenwurzel, steht das Ich selbst in direkter Verbindung;
mit dem Kehlkopf das Denken, mit den Handen das Fiihlen, mit den
FiiBen und iiberhaupt dem untern Korpergeriist das Wollen. Durch-
strdmen wir mit Hilfe des geregelten Atmens unsern Korper mit diesen
Kraften, so bauen wir an unserm geistigen Leib.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes... (Siehe Seite 75)
96
Notizen aus derselben Stunde von einer anderen Hand:
Es werden dem Schuler im Laufe der inneren Entwickelung bestimmte
Ubungen gegeben, wodurch er seinen Geistesmenschen ausbilden soil.
Atemiibungen hat er vorzunehmen nach Angabe seines Lehrers. Diese
Atemiibungen sind dazu da, ihn zur Vergeistigung zu fiihren. In sich
hat der Mensch ein Organ, welches, wenn er einatmet, sich mit Luft
anfullt, und wenn er ausatmet, wieder luftleer wird.
Beim Einatmen tritt die Luft in dieses Organ ein bis in die feinsten
Verzweigungen hinein. Dieses Organ ist die Lunge. In der Luft lebt
der Geist des Menschen. Wenn er einatmet, atmet er seinen Geist ein,
und wenn er ausatmet, atmet er seinen Geist aus. Immer mehr ent-
wickelt sich der Geist des Menschen. So ist also abwechselnd der Geist
des Menschen in ihm oder drauBen in der Welt. Durch Ein- und Aus-
atmen wird das Wachstum des Geistesmenschen gefordert.
Es kommt sehr darauf an, was der Mensch seinem Geiste beim
Ausatmen mitgibt. Durch diese Gedanken wird sein Geist aufgebaut.
Durch jeden Gedanken, den er dem Atem mitgibt, den er ausstromt,
baut er seinen Geist auf. Nicht immer hatte der Mensch ein Organ,
um die Luft einzuatmen. Gehen wir zuriick auf den friiheren Planeten,
den Mond, so lebten dort Wesen, die nicht Luft, sondern Feuer ein-
atmeten. Und so, wie der Mensch jetzt Sauerstoff einatmet und Koh-
lensaure ausatmet, so atmeten dort die Wesen Feuer ein und stromten
Kalte aus.
Es wird auch eine Zeit kommen, wo die Menschen nicht mehr
Luft einatmen und ausatmen. Gerade so, wie der Mensch sich auf
der Erde selbst seine Warme bereitet durch sein Warmeorgan, das Herz
mit dem Blutkreislauf, so wird er spater innerlich selbst ein Luftorgan
haben, welches den Organismus ebenso mit dem versorgt, was wir
jetzt aus der Luft aufnehmen, wie das Warmeorgan uns jetzt versorgt
mit Warme, die friiher auf dem Monde von den Wesen aus der Um-
welt aufgesogen und eingeatmet wurde. Die verbrauchte Luft werden
in Zukunft die Menschen selbst verarbeiten konnen in ihrem Innern.
97
Wenn das erreicht ist, dann werden sie die Luft nicht mehr aus der
Umgebung aufnehmen, sie werden dann nicht mehr in der Luft leben.
Auf einer spateren Stufe, auf dem Jupiter, werden die Menschen im
Lichte leben und Licht einatmen, wie sie jetzt Luft einatmen, und wie
sie auf dem Monde Warme eingeatmet haben.
Es wird auch auf dieser Erde einmal die Zeit kommen, wo der
Mensch nur noch in seinem Geiste lebt, wo er seinen Korper nur als
Werkzeug braucht; schon jetzt bahnt sich diese Zeit an. Wir leben
zwar am funften Tage der Menschheit, in der funften Rasse und Ent-
wickelungsperiode unserer Erde; aber in der Geisteswelt ist schon die
Zeit der sechsten Morgenrote angebrochen. Da lebt die Menschheit
schon in der Morgenrote des sechsten Tages.
98
Notizen von der esoterischen Stunde in Berlin
am 14. November 1906
DAS ERWACHEN DES MENSCHEN
ZUM SELBSTBEWUSSTSEIN
In diesen Betrachtungen sollen die Ubungen naher erklart werden,
welche diejenigen zu machen haben, die sich in okkulter Schulung be-
finden. Wer diese Ubungen noch nicht auszufuhren hat, dem sollen
die gegebenen Erklarungen eine Vorbereitung sein fiir die Zeit, wo
auch er diese Ubungen auszufuhren haben wird. Die groBen Meister
der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen leiten uns
bei unserem inneren Ringen um Erkenntnis. — Eine vielen bekannte
Ubung ist die, daB man sich zuerst konzentriert auf den Punkt an der
Nasenwurzel zwischen den Augenbrauen im Innern des Kopfes, dann
auf den Punkt im Innern des Kehlkopfes, dann auf den zur Linie aus-
einandergezogenen Punkt, der sich von den Schultern an in Armen
und Handen erstreckt, und dem noch weiter auseinandergezogenen
Punkt, der sich iiber die ganze Korperoberflache hin ausdehnt. In der
Geheimkunde spricht man von diesen Linien und Flachen auch als
Punkt. Diese Ubung wollen wir nun besser verstehen lernen.
Dazu miissen wir in Gedanken weit zuriickgehen und uns in die
lemurische Zeit versetzen. Da sah es auf der Erde noch ganz anders
aus. Was jetzt feste Felsen sind, flutete dahin wie Wasser. Luft im heu-
tigen Sinne war noch nicht vorhanden, in heiBe Dampfe war die ganze
Erde eingehullt. Viele Metalle, die heute fest sind, waren in Dampf-
form da, oder sie rannen dahin wie Wasser; die Dampfatmosphare war
durchzogen von Atherstromungen wie heute von Luftstromungen. Auf
dieser Erde lebte schon der Mensch. Aber er war eine Art Fisch-Vogel-
tier, das sich schwebend, schwimmend fortbewegte. Damals nun trat
ein wichtiges Ereignis ein im menschlichen Werden dadurch, daB der
Mensch eine Haut bildete und sich so von der iibrigen Welt abschloB
99
als ein selbstandiges Wesen. Bisher war der Mensch nicht getrennt ge-
wesen von der Umgebung, sondern die Stromungen der ganzen Welt
waren in ihn hineingedrungen; nun aber schloB er sich ab durch die
Haut. Dies AbschlieBen war bewirkt durch eine ganz bestimmte Ather-
stromung. Nach einer gewissen Zeit trat ein weiteres bedeutsames Er-
eignis ein. Der Mensch richtete sich auf und gab damit seinem ganzen
Streben und Handeln eine bestimmte Richtung. Vorher war der Kor-
per des Menschen so gerichtet gewesen wie beim heutigen Tier. Jetzt
erst konnte der Mensch seine vorderen GliedmaBen, seine Arme und
Hande so ausgestalten, wie sie heute sind, das heiBt zur Arbeit im
eigentlichen Sinne. Jetzt erst begann der Mensch selbstandig zu arbei-
ten, jetzt erst konnte er individuelles Karma entwickeln. Kein Tier kann
das. Nur ein Wesen mit aufrechtem Gang schafft eigenes Karma. Eine
zweite besondere Atherstromung hat diese Umwandlung bewirkt. -
Eine dritte Atherstromung hatte eine dritte wichtige Umwandlung
zur Folge. Jetzt erst, als der Mensch einen aufrechten Gang entwickelte,
konnten sich Lungen bilden wie sie nur der Mensch hat, und damit
verbunden bildete sich aus zarten Athersubstanzen der Kehlkopf. Nun
konnte sich allmahlich die menschliche Sprache entwickeln. - Durch
eine vierte Atherstromung bildete sich das Organ zwischen den Augen-
brauen an der Nasenwurzel und dadurch erst erwachte der Mensch
zum SelbstbewuBtsein: zum SelbstbewuBtsein, vorher hatte er nur
Selbstgefiihl besessen.
Wenn man nun seine Aufmerksamkeit fest und energisch immer nur
auf einen der vier Punkte richtet, also auf die Nasenwurzel, oder auf
den Kehlkopf, oder auf Hande und Arme, oder auf die ganze Korper-
oberflache, und diese Ubung mit einem ganz bestimmten Worte verbin-
det, das nur von Mund zu Mund, vom Lehrer zum Schiiler mitgeteilt
wird, so tritt man in Verbindung mit der betreffenden Atherstromung,
die die Umwandlung am menschlichen Leibe hervorrief. Darin besteht
ja vor allem die okkulte Schulung, daB wir uns der Vorgange, die unbe-
wuBt an unserem Korper arbeiten, bewuBt werden. Wir sollen in be-
wuBten Zusammenhang treten mit den Kraften des Kosmos.
100
Wenn man seine Hande so kreuzt, daB die rechte Hand iiber der
linken liegt und sich auf die so zusammengelegten Hande konzentriert
in Verbindung mit einem ganz bestimmten Wort, so wird man, vor-
ausgesetzt, daB die Ubung oft genug mit groBter Energie und Aus-
dauer gemacht wird, bald bemerken, daB die beiden Hande ausein-
anderstreben und daB sich die Arme ganz von selbst ausbreiten. Es
ist die Stellung der mittelalterlichen Heiligen. Auch diese Ubung hat
ihre bestimmte Bedeutung. Es zirkulieren immer Atherstromungen aus
dem Kosmos durch den menschlichen Korper. Ein solcher Strom tritt
durch den Kopf ein, zieht von da in den rechten FuB, dann in die linke
Hand, dann in die rechte Hand, dann in den linken FuB und von da
zuriick zum Kopf. Denken wir uns den Menschen in der eben be-
schriebenen Stellung stehend mit ausgebreiteten Armen, so hat die
Stromung die Form des Pentagramms. Schlimm ware es fur den Men-
schen, wenn die Stromung nicht durch den Kopf in ihn eintreten
wiirde, sondern durch die FuBe. Durch die FiiBe ziehen alle schlechten
Einflusse in den menschlichen Leib. Die schwarzen Magier niitzen dies
aus. — Aber dieser Strom zirkuliert nicht nur dann in dem Menschen,
wenn er sich in dieser besonderen Stellung befindet, sondern immer,
auch wenn die Hande zusammengelegt sind oder ein Bein gekrummt
ist. Es gibt fiinf verschiedene Atherschwingungen durch den mensch-
lichen Korper. Eine davon zirkuliert auch in der festen Substanz und
heiBt daher, weil sie auch die feste Erde durchdringen kann, «erdig».
Diese fiinf Strdmungen zirkulieren standig im Menschen und brin-
gen ihn in Verbindung mit dem gesamten Kosmos.
Aus dem Geiste ist des Menschen Wesenheit gewoben, aus dem
Geiste sind wir geboren, hinabgestiegen in die Materie und stromen
wieder zuriick zum Geist. Die Strdmungen, die bei unserem Hernieder-
steigen in die Materie an uns tatig waren, die sollen uns nun bewuBt
werden. Wir gehen denselben Weg zuriick, den wir gekommen sind,
aber bewuBt. Eine andere wahre Entwickelung gibt es nicht. Was wir
durch diese Ubungen jetzt schon in uns entfachen, das wird die all-
gemeine Menschheit erst in der sechsten Wurzelrasse entwickeln. Eine
101
Wurzelrasse heiBt in der Geheimwissenschaft ein Schopfungstag. Wir
sind daran, den sechsten Schopfungstag vorzubereiten, wir sind in der
Morgenrote des sechsten Schopfungstages. Das Herabsteigen aus dem
Geist, das Leben in der Materie und die Riickkehr zum Geist, wird in
drei Buchstaben dargestellt
AUM...
102
Notizen von der esoterischen Stunde in Munchen
am 6. Juni 1907
DIE GRUNDLAGEN FUR EINE ESOTERISCHE SCHULUNG
Wir miissen uns einmal klar dariiber werden, welches eigentlich die
Grundlagen fur eine esoterische Schulung sind, und was eigentlich ihr
Wesen ist. Die Schule, der wir angehoren, ist so organisiert, daB darin
verschiedene Kreise sind. Alle diejenigen, die neu hinzukommen, sind
die «Suchenden». Wer dann weiter vorriickt, gehort zu den «Uben-
den». Und daran schlieBt sich an die eigentliche «Schulung». In diese
drei Kreise zerfallt unsere Schule. Wir alle sind in die Esoterische
Schule eingetreten, um gewisse Organe im Innern zu entwickeln, die
uns fahig machen, die hoheren Welten selbst zu erleben. Wie enwickelt
man iiberhaupt Organe in sich? Alle unsere Organe sind entstanden
durch eine fruhere Tatigkeit von uns. Wir wollen uns das an einem Bei-
spiel veranschaulichen: Es gab eine Zeit, wo wir alle noch keine Augen
hatten. Damals bewegte sich der Mensch schwebend-schwimmend in
einem wasserigen Urmeere. Da hatte er, um sich zu orientieren, ein
Organ, das heute nur noch als Rudiment vorhanden ist. Es ist dies die
sogenannte Zirbeldriise. Sie liegt oben auf der Mitte des Kopfes, etwas
nach innen gestiilpt. Bei manchen Tieren kann man sie sehen, wenn
man die Schadeldecke abhebt. Mit diesem Organ konnte der Mensch
der Vorzeit wahrnehmen, ob er sich einem niitzlichen oder schadlichen
Dinge naherte. Vor allem aber war es ein Organ zur Wahrnehmung
von Warme oder Kalte. Wenn damals die Sonne auf die Erde herab-
schien, so konnte der Mensch sie zwar nicht sehen, aber die Zirbeldriise
zog ihn hin zu den Stellen des wasserigen Meeres, wo die Sonne das
Wasser erwarmte. Und diese Warme gab ihm ein Gefiihl groBer Selig-
keit. An solchen Stellen des Wassers verweilte der Mensch lange und
kam weit an die Oberflache, so daB die Sonnenstrahlen ihn treffen
konnten. Und dadurch, daB die Sonnenstrahlen direkt auf seinen Kor-
103
per fielen, wurden unsere heutigen Augen gebildet. Zweierlei war also
notig, damit Augen entstehen konnten: Einmal muBte die Sonne her-
abscheinen, andererseits aber muBten die Menschen auch herzuschwim-
men zu den von der Sonne erwarmten Stellen und sich der Sonne aus-
setzen. Hatten die damaligen Menschen das nicht getan, sondern sich
gesagt: Ich will nur das entwickeln, was schon in mir liegt -, so hatten
sie zwar eine immer groBere Zirbeldriise entwickeln konnen, ein Scheu-
sal von einem Organ, aber Augen hatten sie nie bekommen.
Geradeso miissen wir es uns denken bei der Entwickelung geistiger
Augen. Man muB nicht sagen: Die hoheren Welten liegen schon in mir,
ich muB sie nur herausentwickeln. - Jene Menschen konnten auch
nicht die Sonne aus sich herausentwickeln, aber wohl die Organe, um
sie zu sehen. So konnen auch wir nur die Organe ausbilden, um die
geistige Sonne, die hoheren Welten zu sehen, sie aber nicht aus uns
herausentwickeln. Und niemals konnen wir uns die Organe entwickeln,
wenn uns nicht einerseits die geistige Sonne bescheint und andererseits
wir uns nicht beeilen, uns ihr auszusetzen, damit sie uns bescheinen
kann. Die Stellen, wo fur uns die geistige Sonne scheint, das sind die
esoterischen Schulen, und alle diejenigen, die es in die esoterischen
Schulen treibt, werden von ihren Strahlen getroffen, wenn sie sich
dementsprechend verhalten nach den Anweisungen der Schule.
Jedes Organ, das eine Vergangenheit hatte, wird auch eine Zukunft
haben. Auch die Zirbeldriise wird in der Zukunft wieder ein wichtiges
Organ. Und diejenigen, die in den esoterischen Schulen sind, arbeiten
jetzt schon an ihrer Ausbildung. Die Ubungen, die wir erhalten, wirken
nicht nur auf den Astral- und Atherleib, sondern auch auf die Zirbel-
driise. Und wenn die Wirkung sehr eingreifend wird, so geht sie von
der Zirbeldriise aus in die LymphgefaBe und von da ins Blut. Aber
nicht nur diejenigen, die jetzt okkulte Ubungen machen, werden in
Zukunft eine ausgebildete Zirbeldriise haben, sondern alle Menschen.
Und bei den Menschen, die die bose Rasse ausmachen werden, wird
sie ein Organ fur die schlimmsten und schrecklichsten Impulse sein
und so groB sein, daB sie den groBten Teil des Leibes ausmacht. Wie
104
man viele Miicken aus der Entfernung als Miickenschwarm sieht, so
wiirde man dann, da so viele driisenartige Menschenkorper auf der
Erde herumwandeln werden, die Erde selbst als eine groBe Driise vom
Weltenraum aus schauen konnen. Bei denjenigen aber, die ihre Zirbel-
driise in richtiger Weise ausbilden, wird sie ein sehr edles und voll-
kommenes Organ sein.
Nun wollen wir die Ubungen, die uns gegeben sind, naher betrach-
ten und dabei eingedenk sein, daB diese Ubungen es sind, die unsere
Seelen empfanglich machen fur die geistigen Sonnenstrahlen.
GewissermaBen als Vorbereitung fur die eigentlichen okkulten
Ubungen dienen die sechs Nebeniibungen. Wer sich ihnen mit dem
rechten Ernst und Eifer hingibt, in dem erzeugen sie diejenige Grund-
verfassung der Seele, die notig ist, um die rechte Frucht von den okkul-
ten Ubungen zu haben.
/. Gedankenkontrolle: Wenigstens fiinf Minuten soli man sich tag-
lich freimachen und iiber einen moglichst unbedeutenden Gedanken,
der einen von vornherein gar nicht interessiert, nachdenken, indem
man logisch alles aneinanderknupft, was sich iiber den Gegenstand
denken laBt. Es ist wichtig, daB es ein unbedeutender Gegenstand sei,
denn gerade der Zwang, den man sich dann antun muB, um lange bei
ihm zu verharren, ist es, der die schlummernden Fahigkeiten der Seele
weckt. Nach einiger Zeit bemerkt man dann in der Seele ein Gefiihl
von Festigkeit und Sicherheit. Nun muB man sich aber nicht vorstellen,
daB dies Gefiihl einen ganz heftig uberrumpele. Nein, es ist dies ein
ganz feines, subtiles Gefiihl, das man erlauschen muB. Diejenigen, die
behaupten, sie konnten absolut dies Gefiihl nicht in sich verspuren,
gleichen zumeist denen, die ausgehen, um unter vielen anderen Gegen-
standen einen ganz kleinen, feinen Gegenstand zu suchen. Sie suchen
zwar, aber nur so obenhin, und da konnen sie den kleinen Gegenstand
nicht fmden, sondern iibersehen ihn. Ganz still in sich hineinlauschen
muB man, dann empfindet man dies Gefiihl, und zwar tritt es haupt-
sachlich im vorderen Teil des Kopfes auf. Hat man es dort verspiirt,
105
so gieBt man es in Gedanken ins Gehirn und ins Riickenmark. Allmah-
lich meint man dann, es gingen Strahlen aus vom Vorderkopfe bis ins
Riickenmark hinein.
2. Initiative des Handelns: Dazu muB man sich eine Handlung
wahlen, die man sich selbst ausdenkt. Wer zum Beispiel als Tatigkeits-
iibung das BegieBen einer Blume nahm, wie es in der Vorschrift als
Beispiel steht, der tut etwas ganz Zweckloses. Denn die Handlung
soil aus eigener Initiative entspringen, also muB man sie sich selbst
ausgedacht haben. Dann macht sich bei dieser Obung bald ein Ge-
fiihl bemerkbar, etwa wie: «Ich kann etwas leisten», «ich bin zu mehr
tiichtig als friiher», «ich fiihle Tatigkeitsdrang». Eigentlich im ganzen
oberen Teil des Korpers fiihlt man das. Man versucht dann, dies Ge-
fiihl zum Herzen flieBen zu lassen.
3. Erhabensein iiber Lust und Leid: Es wandelt einen zum Beispiel
einmal das Weinen an. Dann ist es Zeit, diese Obung zu machen. Man
zwingt sich mit aller Gewalt, jetzt einmal nicht zu weinen. Dasselbe
gilt auch vom Lachen. Man versuche einmal, wenn einen das Lachen
ankommt, nicht zu lachen, sondern ruhig zu bleiben. Das soil nicht
heiBen, daB man nun nicht mehr lachen solle, aber man muB sich in
der Hand haben, Herr werden iiber Lachen und Weinen. Und hat
man sich ein paarmal iiberwunden, so verspiirt man bald auch ein Ge-
fuhl von Ruhe und Gleichmut. Dies Gefuhl laBt man durch den ganzen
Korper flieBen, indem man es vom Herzen aus zuerst in Arme und
Hande gieBt, damit es durch die Hande in die Taten ausstrahle. Dann
laBt man es zu den FiiBen stromen und zuletzt nach dem Kopfe. Diese
Obung verlangt eine ernstliche Selbstbeobachtung, die man mindestens
eine Viertelstunde am Tag durchfuhren soil.
4. Positivitdt: Man soil in allem Schlechten das Kornchen Gute, in
allem HaBlichen das Schone, und auch noch in jedem Verbrecher das
Fiinkchen Gottlichkeit zu finden wissen. Dann bekommt man das
Gefuhl, als dehne man sich iiber seine Haut hinaus aus. Es ist ein
106
ahnliches Gefiihl des GroBerwerdens, wie es der Atherleib nach dem
Tode hat. Verspiirt man dies Gefiihl, so lasse man es von sich aus-
strahlen durch Augen, Ohren und die ganze Haut, hauptsachlich durch
die Augen.
5. Unbefangenheit: Man soil sich beweglich halten, immer fahig
sein, noch Neues aufzunehmen. Wenn uns jemand etwas erzahlt, was
wir fur unwahrscheinlich halten, muB doch immer in unserem Herzen
ein Winkelchen bleiben, wo wir uns sagen: er konnte doch Recht
haben. - Dies braucht uns nicht kritiklos zu machen, wir konnen ja
nachpriifen. Es uberkommt uns dann ein Gefiihl, als strome von auBen
etwas auf uns ein. Das saugen wir ein durch Augen, Ohren und die
ganze Haut.
6. Gleichgewicht: Die fiinf vorhergehenden Empfindungen sollen
nun in Harmonie gebracht werden, indem man auf alle gleichmaBig
viel achtet.
Diese Ubungen brauchen nicht gerade je einen Monat gemacht zu
werden. Es muBte eben iiberhaupt eine Zeit angegeben werden. Es
kommt vor allem darauf an, daB man die Ubungen gerade in dieser Rei-
henfolge macht. Wer die zweite Ubung vor der ersten macht, der hat gar
keinen Nutzen davon. Denn gerade auf die Reihenfolge kommt es an.
Manche meinen sogar, mit der sechsten Ubung, mit der Harmonisie-
rung, anfangen zu miissen. Aber harmonisiert sich etwas, wenn nichts
da ist? Wer die Ubungen nicht in der rechten Reihenfolge machen
will, dem nutzen sie gar nichts. Wie wenn einer iiber einen Steg sechs
Schritte machen muB und den sechsten Schritt zuerst machen will,
so unsinnig ist es, mit der sechsten Ubung beginnen zu wollen.
Dann haben die meisten von uns eine Morgenmeditation bekommen.
Man soil das friih am Morgen machen zu einer Stunde, die man sich
selbst festsetzt, und die man so streng als moglich einhalt. Man vertieft
sich dabei zuerst in sieben Zeilen. Bei einigen von uns lauten sie fol-
gendermaBen:
107
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt!
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gdttlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt.
Ich werde mien selbst finden
In der Gottheit der Welt!
Man soil nun bei der Meditation nicht spekulieren iiber diese sieben
Zeilen, sondern ganz darin leben. Recht bildhaft soli man sie sich
vorstellen. Also:
In den reinen Strahlen des Lichtes
da fuhlt man sich umflossen von den Strahlenfluten des Lichtes, die
von alien Seiten auf einen eindringen, man sieht ihren Glanz so deut-
lich als man es nur vermag.
Erglanzt die Gottheit der Welt
man stellt sich vor, daB Gott es ist, der in diesen Strahlen auf einen
einstrdmt, man sucht ihn zu fiihlen und in sich aufzunehmen.
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gdttlichkeit meiner Seele
man stellt sich vor, wie man die gottlichen Strahlen, die man aufge-
nommen hat, zur Begliickung aller Wesen wieder ausstrahlen laBt.
Die SchluBzeilen sollen die Vorstellung und Empfindung erwecken,
daB man ganz eingebettet sei in die Strahlen der Gottheit, und daB
man in ihnen sich selbst finde. Wer sich das besonders bildhaft vor-
stellen will, kann sich schlieBlich auch einen Baum vorstellen, den er
liebgewonnen hat und zu dem er gern zuriickkehrt.
108
Nach diesen sieben Zeilen ist uns ein Wort oder ein Satz gegeben
zur Versenkung. Diese Konzentration auf einen Satz oder ein Wort,
zum Beispiel «Starke», ist sehr wichtig. Es ist das eine Art Losungs-
wort, ein Kraftwort, das genau der Seelenverfassung jedes Einzelnen
angepaBt ist. Dies Wort soil man in der Seele erklingen lassen so etwa,
wie man eine Stimmgabel anschlagt. Und wie man auf das Verklingen
der Stimmgabel horcht, so soil man nach der Versenkung in das Wort
es auch still verklingen lassen in der Seele, sich dem hingeben, was in
der Seele durch dies Wort bewirkt wurde.
Zum SchluB versenkt man sich noch fiinf Minuten in sein eigenes
gottliches Ideal. Welcher Art das Ideal ist, kommt nicht in Betracht,
es handelt sich nur um die Erzeugung der richtigen Seelenstimmung.
Ob man dabei an den Meister oder an den Sternenhimmel denkt, ist
einerlei. Es sind schon Atheisten gekommen, die meinten, sie hatten gar
kein gottliches Ideal. Aber sie konnten auf den Sternenhimmel ver-
wiesen werden, der doch jedem ein Gefuhl der Ehrfurcht und Devotion
abnotigt.
Wer einmal mit diesen Ubungen begonnen hat, der sollte doch da-
bei bleiben und nicht, wenn es ihm gerade nicht paBt, aussetzen. Der
Astral- und der Atherleib gewohnen sich bald an diese Ubungen, und
wenn sie sie nicht bekommen, so revoltieren sie. Eine Unterbrechung
oder gar ein volliges Aufhoren ist unter alien Umstanden sehr ge-
fahrlich.
Wichtig ist auch die abendliche Ruckschau. Sie muB von riickwarts
nach vorwarts vollzogen werden, da wir uns gewohnen sollen an die
Wahrnehmungsart des Astralplanes. Man muB sich bei der Ruckschau
alles moglichst bildhaft vorstellen. Anfangs kann man freilich, wenn
man achtzig bedeutende Erlebnisse hatte, sie nicht alle achtzig bildhaft
vor die Seele rufen. Da muB man eben eine weise Auswahl treffen, bis
schlieBlich das ganze Tagesleben wie ein Tableau sich vor einem abrollt.
Wieder kommt es da vielmehr auf die kleinen unbedeutenden Hand-
lungen an, denn gerade die Anstrengung ist es, die die Krafte der Seele
weckt.
109
Kurze Notizen von der esoterischen Stunde
in Berlin, am 9. Oktober 1907
DIE BEDEUTUNG DES JAHRES 1879
BESPRECHUNG ErNER MEDITATIONSFORMEL
Alles, was in einer esoterischen Stunde ausgesprochen wird, wird uns
unmittelbar von den Meistern zugefuhrt, und derjenige, der es aus-
spricht, ist nur ein Werkzeug ihrer Absichten.
Der Unterschied zwischen einer exoterischen und einer esoterischen
Stunde besteht darin, daB dort Lehren, Kenntnisse aufgenommen wer-
den; hier wird etwas erlebt. Die Meister sprechen fortwahrend zu den
Menschen; nur die Vorbereiteten, diejenigen, deren Seele geoffnet ist,
so daB die Meister den Eingang zu ihnen finden, konnen ihre Stimme
vernehmen. - Die esoterische Arbeit ist von groBter Bedeutung fur die
Welten-Entwickelung, - doch auch fur den in einfachster sozialer Stel-
lung stehenden Menschen.
Das Jahr 1879 ist eine wichtigste Epoche in der Menschheitsentwik-
kelung durch ein Ereignis, das auf dem astralen Plane stattfand: seit-
dem hat unsere Kultur eine andere Richtung genommen.
1250 fing eine geistige Strdmung an, die ihren Hohepunkt 1459 er-
reichte: als Christian Rosenkreutz zum Ritter des rosigen Kreuzes er-
hoben wurde. Dann fing (1510) jenes Zeitalter an, das man im Okkul-
tismus das Zeitalter des Gabriel nennt. 1879 begann dasjenige des
Michael; das nachstfolgende wird das Zeitalter des Oriphiel genannt.
Da werden groBe Kampfe unter den Menschen wiiten; deswegen wird
jetzt ein kleines Hauflein vorbereitet, das dazu bestimmt ist, in jenem
diisteren Zeitalter die Fackel der spirituellen Erkenntnis leuchten zu
lassen.*
* Siehe Hinweis Seite 171.
110
Besprechung der Meditationsformel: «In den reinen Strahlen des
Lichtes». - Imaginatives Vorstellen der einzelnen Strophen:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Ergldnzt die Gottheit der Welt
Da ergieBt sich die Gottheit wie ein silbernes, glanzendes Mondlicht
iiber die AuBenwelt: wir fuhlen uns wie durchstromt und umflossen
von diesem Licht.
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gdttlichkeit meiner Seele
Nach dem Aufgehen in der Umwelt, wo wir die Gottheit zu erkennen
suchten, versenken wir uns in unser eigenes Innere, und durch die Liebe,
die uns mit alien Wesen verbindet, linden wir den Zusammenhang mit
der Gottheit und fuhlen die Gottlichkeit unserer eigenen Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Das Wort Ruhe hat eine magische Kraft: derjenige, dem es gelingt, sich
in ihm zu konzentrieren und es auf sich wirken zu lassen, der fuhlt, wie
wenn er ganz durchrieselt ware von einem Gefuhl der Ruhe und des
Friedens. Indem wir in uns den Zusammenhang mit der Gottheit fuh-
len, finden wir in unserm Innern diese Ruhe und diesen Frieden: Ruhe
umwogt uns, dringt in uns ein.
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt.
Und nun entsteht in uns die Vorstellung wie von einem Leuchtpunkt,
einem glanzenden Funken, der von der Feme uns entgegenschimmert
und dem wir zustreben - und worin wir uns finden werden in dem
SchoBe der Gottheit.
Ill
Notizen von der esoterischen Stunde in Munchen
am 16. Januar 1908
UBER DEN ATMUNGSPROZESS
Handelte es sich in unserer letzten esoterischen Stunde um die groBen
GesetzmaBigkeiten des geistigen Lebens, wie sie sich im Laufe der
Menschheitsentwickelung offenbaren, handelte es sich um die groBen
geistigen Machte, die alles, was auf dem physischen Plane geschieht,
leiten, und die sich gegenseitig in ihrer Wirksamkeit ablosen, so wollen
wir heute in einer etwas intimeren Weise von den Gesetzen des geisti-
gen Lebens sprechen, wie es sich im Innern des Menschen selbst abspielt.
Derjenige, der in einer okkulten Schulung steht, ist in gewissem
Sinne ein Wartender, ein Suchender. Er wartet darauf, daB sich ihm
eines Tages eine neue Welt enthulle auBer derjenigen, die er sonst
wahrgenommen hat. Er wartet darauf, daB er sich eines Tages sagen
konne: Ich sehe eine neue Welt; zwischen alien Dingen, die ich bisher
im Raume wahrnehmen konnte, sehe ich eine Fulle von geistigen Wesen-
heiten, die mir vorher verborgen waren. - Um Euch das ganz klar
werden zu lassen, miiBt Ihr Euch die sieben BewuBtseinszustande, die
der Mensch im Laufe seiner Entwickelung durchlauft, noch einmal vor
die Seele rufen. Der erste BewuBtseinszustand, den der Mensch durch-
machte, war ein dumpfer, dammeriger Grad des BewuBtseins, in dem
sich der Mensch eins fiihlte mit dem Kosmos; Saturndasein nennen
wir diesen Zustand. Im Sonnendasein nahm der Umfang des BewuBt-
seins ab, aber es wurde dafur um so heller. Als dann der Mensch das
Mondendasein durchlebte, war sein BewuBtsein ahnlich dem, was wir
als letzten Rest in unseren Traumen erleben, es war ein dumpfes Bilder-
bewuBtsein. Hier auf Erden haben wir das helle TagesbewuBtsein,
welches bleiben wird, wenn der Mensch sich auf dem Jupiter wieder
zum BilderbewuBtsein erhebt, so daB wir dann dort ein helles Bilder-
bewuBtsein haben. Noch zu zwei hoheren Zustanden, dem inspirierten
112
und intuitiven BewuBtseinszustand, wird sich der Mensch dann noch
weiterhin erheben. So steht also unser helles TagesbewuBtsein mitten
zwischen dem dumpfen BilderbewuBtsein des Mondes und dem hellen
BilderbewuBtsein des Jupiter. Und das, worauf der Esoteriker wartet,
daB es sich ihm eines Tages enthiille, ist das JupiterbewuBtsein. Es
wird an jeden von Euch einmal herankommen, beim einen fruher, beim
andern spater, das hangt von seinen Fahigkeiten, vom Grade der inne-
ren Reife ab.
Nun ist aber das JupiterbewuBtsein in seinen ersten Keimen schon
vorhanden bei einem jeden Menschen. In ganz zarter Weise ist das zu-
kiinftige BewuBtsein schon angedeutet, der Mensch vermag es sich nur
nicht zu deuten. Darin besteht eben das esoterische Leben zu einem
groBen Teile, daB der Schiiler lernt, die subtilen Vorgange in sich selbst
und in seiner Umgebung richtig zu deuten. Auch das alte Mondenbe-
wuBtsein ist noch nicht ganz verschwunden, sondern in seinen letzten
Rudimenten noch da. Die zwei Zustande beim heutigen Menschen, in
denen im einen noch das alte MondenbewuBtsein, im andern schon
das neue JupiterbewuBtsein da ist, sind das Schamgefiihl und das
Angstgefiihl. Im Schamgefiihl, wo das Blut nach der Peripherie des
Korpers gedrangt wird, lebt noch ein letzter Rest des MondenbewuBt-
seins, und im Angstgefiihl, wo das Blut nach dem Herzen strdmt, um
dort einen festen Mittelpunkt zu finden, kiindigt sich an das Jupiter-
bewuBtsein. So schlagt also normales TagesbewuBtsein nach zwei Sei-
ten aus.
Wenn wir iiber irgend etwas Scham empfmden, und uns die Scham-
rote ins Gesicht steigt, so erleben wir etwas, was an das Mondendasein
erinnert. Stellt Euch einen Mondenmenschen vor. Er konnte noch nicht
«Ich» zu sich sagen, sondern lebte in einem dumpfen, dammernden
BilderbewuBtsein, ganz eingebettet in astralische Krafte und Wesen-
heiten, mit denen er sich eins und in Harmonie fiihlte. Denkt Euch
einmal, meine Schwestern und Briider, bei einem solchen Monden-
menschen sei eines Tages plotzlich das Gefuhl heraufgedammert: Ich
bin ein «Ich». Ich bin verschieden von den andern, bin ein selbstandiges
113
Wesen, und alle die andern Wesen in meiner Umgebung schauen mich
an. - Da hatte den ganzen Mondenmenschen von oben bis unten durch-
gliiht ein ganz ungeheures Schamgefiihl, er hatte zu verschwinden, un-
terzugehen versucht vor Scham, wenn er ein solch verfruhtes Ich-
Gefiihl hatte fiihlen konnen. So mochten auch wir, meine Schwestern
und Briider, wenn uns ein Schamgefiihl ankommt, am liebsten ver-
schwinden, gleichsam versinken unter den Boden, unsere Ichheit auf-
losen. Stellt Euch vor, wie der alte Mondenmensch eingebettet war in
die Harmonie mit den Kraften und Wesenheiten seiner Umgebung.
Wenn sich ihm ein feindliches Wesen nahte, so iiberlegte er nicht, son-
dern er wuBte instinktiv, wie er ihm ausweichen miiBte. Er handelte
da in einem Gefiihle, das er, wenn er bewuBt gewesen ware, etwa fol-
gendermaBen hatte ausdriicken konnen: Ich weiB, daB die Gesetz-
maBigkeit der Welt nicht so eingerichtet ist, daB mich dieses wilde
Tier nun zerreiBen wird, sondern die Harmonie der Welt ist so, daB
es Mittel geben muB, die mich vor meinem Feinde schiitzen. — So ganz
unmittelbar in Harmonie mit den Kraften des Alls fuhlte sich der alte
Mondenmensch. Und ware ein Ich-Gefuhl in ihm erwacht, so hatte das
sofort diese Harmonie gestort. Und das Ich-Gefuhl hat tatsachlich, als
es anfing, den Menschen auf Erden zu durchdringen, ihn mehr und
mehr in Disharmonie gebracht mit seiner Umgebung. Der Hellhorer
hort das All erklingen in einer gewaltigen Harmonie, und wenn er
damit vergleicht die Tone, die aus den einzelnen Menschen zu ihm
dringen, so gibt das heute bei alien Menschen einen MiBklang, beim
einen mehr, beim andern weniger, aber ein MiBklang ist es. Und Eure
Aufgabe ist es, im Laufe Eurer Entwickelung diesen MiBklang immer
mehr in Harmonie aufzulosen. Durch die Ichheit ist dieser MiBklang
entstanden, aber weise ward er eingerichtet von den geistigen Machten,
die das Weltall beherrschen und leiten. Waren die Menschen immer in
der Harmonie geblieben, so waren sie nie zur Selbstandigkeit gekom-
men. Der MiBklang ward eingesetzt, damit der Mensch frei, aus eigener
Kraft sich die Harmonie wieder erringen konne. Das selbstbewuBte
Ich-Gefiihl muBte sich also zunachst auf Kosten der inneren Harmonie
114
entwickeln. 1st dann die Zeit gekommen, wo das JupiterbewuBtsein
aufleuchtet, und der Mensch wieder in harmonischen Zusammenhang
kommt mit den Kraften des Kosmos, dann wird er sein selbstbewuBtes
Ich-Gefiihl mit hiniiberretten in den neuen BewuBtseinszustand, so daB
der Mensch dann ein selbstandiges Ich und doch in Harmonie mit dem
All sein wird.
Wir haben nun gesehen, daB sich im Angstgefuhl schon das neue
JupiterbewuBtsein ankiindigt. Aber immer, wenn ein zukiinftiger Zu-
stand vor der Zeit aufzutreten beginnt, so ist er verfriiht und nicht recht
am Platze. Das wird Euch an einem Beispiel klar werden. Wenn man eine
Blume, die ihrer Art nach im August bliihen sollte, in einem Treibhaus
schon im Mai zur Bliite bringt, so wird sie dann im August, wenn ihre
eigentliche Bliitezeit gekommen ist, keine Bliite mehr entfalten konnen;
ihre Krafte werden erschopft sein und sie wird in die Verhaltnisse, in
die sie dann kommen sollte, nicht mehr hineinpassen. Und auch im Mai
wird sie, sobald man sie aus dem Gewachshause nimmt, zu Grunde
gehen miissen, weil sie eben in die naturlichen Verhaltnisse dieser Jah-
reszeit nicht paBt. Geradeso ist es mit dem Angstgefuhl. Es ist auch
heute nicht am Platze und noch viel weniger in der Zukunft. Was ge-
schieht beim Angstgefuhl? Das Blut wird ins Zentrum des Menschen,
ins Herz gepreBt, um dort einen festen Mittelpunkt zu bilden, um den
Menschen stark zu machen gegen die AuBenwelt. Die innerste Kraft
des Ich ist es, die das bewirkt. Diese Kraft des Ich, die auf das Blut
wirkt, die muB immer bewuBter und kraftiger werden und auf dem
Jupiter wird der Mensch dann ganz bewuBt sein Blut nach dem Mittel-
punkt leiten und sich stark machen konnen. Das Unnaturliche und
Schadliche daran ist aber heute das Gefuhl der Angst, das mit dieser
Blutstrdmung verbunden ist. Das darf in Zukunft nicht mehr sein, nur
die Krafte des Ich, ohne Angst, miissen da wirken.
Immer feindlicher stellt sich im Laufe der menschlichen Entwicke-
lung die AuBenwelt um uns. Immer mehr miiBt Ihr lernen, Eure innere
Kraft der herandrangenden AuBenwelt entgegenzustellen. Aber die
Angst muB dabei verschwinden. Und ganz besonders fur den, der eine
115
esoterische Schulung durchmacht, ist es notig, unumganglich notig,
daB er sich freimache von alien Angst- und Furchtgefuhlen. Nur da hat
die Angst eine gewisse Berechtigung, wo sie uns aufmerksam macht,
daB wir uns stark machen sollen, aber alle unnatiirlichen Angstgefiihle,
die den Menschen qualen, miissen ganz und gar verschwinden. Was
sollte geschehen, wenn der Mensch noch Angst- und Furchtgefuhle hat
und das JupiterbewuBtsein stellt sich ein? Dort wird die AuBenwelt
sich dem Menschen viel, viel feindlicher und schrecklicher gegeniiber-
stellen als heute. Ein Mensch, der hier nicht die Angst sich abgewohnt,
wird dort von einem schreckensvollen Entsetzen ins andere fallen.
Schon jetzt bereitet sich immer mehr dieser Zustand in der AuBen-
welt vor. Und deutlicher noch wird das sich dem Menschen zeigen in
jener schrecklichen Zeit, die hereinbrechen wird unter der Herrschaft
des Oriphiel, von dem ich Euch das letztemal gesprochen habe. Da
muB der Mensch gelernt haben, festzustehen! Unsere heutige Kultur
schafft selbst jene entsetzlichen Ungeheuer, die den Menschen auf dem
Jupiter bedrohen werden. Schaut Euch die riesenhaften Maschinen an,
welche die menschliche Technik heute mit allem Scharfsinn konstru-
iert! In ihnen schafft sich der Mensch die Damonen, die in Zukunft
gegen ihn wiiten werden. Alles, was der Mensch heute an technischen
Apparaten und Maschinen sich erbaut, wird in Zukunft Leben gewin-
nen und sich dem Menschen in furchtbarer Weise feindlich entgegen-
stellen. Alles, was aus reinem Nutzlichkeitsprinzip, aus Einzel- oder
Gesamtegoismus heraus geschaffen wird, ist in Zukunft des Menschen
Feind. Wir fragen heute viel zu viel nach dem Nutzen dessen, was wir
tun. Wenn wir die Entwickelung wirklich fordern wollen, so diirfen wir
nicht nach dem Nutzen fragen, sondern vielmehr danach, ob etwas
schon und edel ist. Wir sollen nicht nur aus dem Nutzlichkeitsprinzip
heraus handeln, sondern aus reiner Freude am Schonen. Alles, was der
Mensch heute schafft, um sein kunstlerisches Bediirfnis zu befriedigen,
aus reiner Liebe am Schonen, auch das wird sich in Zukunft beleben
und es wird zur Hoherentwickelung des Menschen beitragen. Aber
furchtbar ist es, heute sehen zu miissen, wie viele Tausende von Men-
116
sehen schon von der friihesten Kindheit an dazu angehalten werden,
keine andere Tatigkeit zu kennen als die um des materiellen Nutzens
willen, abgeschnitten zu sein zeitlebens von allem Schonen und Kiinst-
lerischen. In den armsten Volksschulen sollten die herrlichsten Kunst-
werke hangen, das wiirde unendlichen Segen bringen in der mensch-
lichen Entwickelung. Der Mensch baut sich selbst seine Zukunft. Man
kann einen Begriff davon bekommen, wie es etwa auf dem Jupiter
sein wird, wenn man sich klar macht, daB es heute nichts absolut Gutes
und nichts absolut Boses gibt. In jedem Menschen ist heute das Gute
und das Bose gemischt. Der Gute muB sich immer sagen, daB er nur
ein wenig mehr Gutes als der Bose in sich hat, aber durchaus nicht gut
an sich ist. Auf dem Jupiter wird aber Gut und Bose nicht mehr ver-
mischt sein, sondern die Menschen werden sich spalten in ganz Gute
und ganz Bose. Und alles, was wir heute an Schonem und Edlem pfle-
gen, dient zur Verstarkung des Guten auf dem Jupiter, und alles, was
nur vom Gesichtspunkte des Egoismus und der Niitzlichkeit geschieht,
verstarkt das Bose.
Damit der Mensch den bosen Machten der Zukunft gegeniiber ganz
gewachsen sei, muB er die innerste Kraft seines Ich in die Hand be-
kommen, er muB das Blut bewuBt so regulieren konnen, daB es ihn
stark mache dem Bosen gegeniiber, aber ohne jede Angst. Die Kraft,
die das Blut nach innen treibt, muB er dann in seiner Gewalt haben.
Aber auch jene andere Fahigkeit, das Blut vom Herzen zur Peripherie
stromen zu lassen, darf ihm nicht verloren gehen. Denn der Jupiterzu-
stand wird in einer gewissen Weise auch die Riickkehr zum alten Mon-
denbewuBtsein bedeuten. Der Mensch wird wieder in Harmonie kom-
men mit den groBen Weltgesetzen und sich eins mit ihnen fiihlen. Er
wird wieder die Fahigkeit erlangen, zusammenzustromen mit den gei-
stigen Weltenmachten, aber nicht wie auf dem Monde unbewuBt und
dammerhaft, sondern auf dem Jupiter wird er sein helles TagesbewuBt-
sein und selbstbewuBtes Ich-Gefuhl immer beibehalten und doch in
Harmonie leben mit den Kraften und Gesetzen der Welt. Der MiB-
klang wird sich dann in Harmonie auflosen. Und um sich so einflieBen
117
lassen zu konnen in die Harmonie des Alls, muB er bewuBt die innerste
Kraft seines Ich vom Herzen hinausstrahlen lassen konnen. Er muB
also bewuBt die inneren Krafte seines Blutes zentralisieren konnen,
wenn ihm ein Feind gegenubertritt, und er muB sie auch bewuBt aus-
strahlen konnen. Dann nur wird er den zukunftigen Verhaltnissen ge-
wachsen sein.
Derjenige nun, der eine innere Entwickelung anstrebt, muB heute
schon anfangen, diese Krafte allmahlich immer mehr in seine Gewalt
zu bekommen. Er tut es dadurch, daB er bewuBt seinen Atem aus- und
einziehen lernt. Wenn der Mensch seinen Atem einzieht, so treten
damit die Krafte des Ich in Tatigkeit, die inn in Zusammenhang brin-
gen mit den Kraften des Kosmos, diejenigen Krafte, die vom Herzen
nach auBen strahlen. Und wenn der Mensch den Atem ausgibt, und
wenn er sich des Atems enthalt, so treten diejenigen Krafte des Ich in
Tatigkeit, die nach dem Mittelpunkte, nach dem Herzen drangen und
dort ihm ein festes Zentrum schaffen. So lernt der Schuler schon heute,
wenn er bewuBt seine Atemiibungen in diesem Sinne macht, allmahlich
Herr zu werden iiber die Krafte seines Ich. Niemand darf aber glau-
ben, selbstandig solche Ubungen unternehmen zu diirfen, wenn er noch
keine Anweisung dazu erhalten hat. Ein jeder wird sie bekommen zu
rechter Zeit. Aber auch fur den, der noch keine solchen Ubungen
macht, ist es nie zu friih, sich schon mit dem Sinn dieser Uungen be-
kannt zu machen und Verstandnis dafiir zu erlangen. Sie werden ihm
dann spater nur um so fruchtbarer werden. So sollt Ihr, meine Schwe-
stern und Briider, immer mehr Verstandnis bekommen auch fur die
subtilen Vorgange in Euch und im Weltganzen und allmahlich hinein-
wachsen in die zukunftigen Perioden der menschlichen Entwickelung.
118
Von den Ausfiihrungen fiber dasselbe Thema in der esoterischen Stunde in Berlin
am 26. Januar 1908 wurde folgendes festgehalten:
... Wenn wir tief einatmen und den Atem anhalten, so rekapitulieren
wir ein Stuck Mondzustand. Wenn wir dagegen den Atem drauBen
lassen, so haben wir darin ein Stuck Jupiterzustand. Damit hangt es
zusammen, ob der Geheimschuler Ubungen bekommt, in denen er den
Atem anhalten muB, weil er in gewisser Weise den Mondzustand
durchmachen muB, oder ob er Ubungen erhalt, in denen er den Atem
drauBen lassen muB, weil er so den Jupiterzustand erreichen kann.
Ein jeder ist da individuell zu behandeln.
Wir wissen, daB sich der Strom der Menschheit bereits jetzt in zwei
Teile spaltet, den einen, der in das Gute, Sittliche iibergeht, und den
anderen, der in das Schaurige, Bose endet. Solche Zustande bahnen
sich jetzt schon an, die Keime sind schon jetzt vorhanden. So wird alles
dasjenige, was heute an Maschinen, Instrumenten in der Welt ist und
in Bewegung gesetzt wird, auf dem Jupiter zu furchtbaren, entsetz-
lichen Damonen werden. Alles, was nur dem Nutzlichkeitsprinzipe
dient, wird dereinst zu solchen furchtbaren Machten erstarken. Para-
lysiert kann dieses werden, wenn wir die Nutzlichkeitsapparate um-
wandeln in solche, die neben ihrer Nutzlichkeit vor allem die Schon-
heit, das Gottliche verkunden. Es ist sehr gut, daB wir dieses wissen.
Sonst wiirden derartige Machte die Erde einst zerreiBen. Wir sehen
auch, wie ungeheuer wichtig es ist, daB wir bei der Erziehung des
Kindes dasselbe umgeben mit kiinstlerischen Eindriicken. Kunst macht
frei. Auch die Lokomotive muB einst umgewandelt werden in eine
Maschine, die schon ist. - Unsere Furcht- und Angstgefiihle sind Nah-
rung fur andere bose Wesenheiten. Wir miissen derartige Gedanken
nicht aufkommen lassen. Denn auf dem Jupiter werden uns derartige
Damonen in weit groBerer Zahl umgeben als jetzt. Aber fur den steht
in dieser Beziehung nichts zu furchten, der wie ein kluger Mensch
seine Hiille rein halt, so daB sich keine Fliegen um den Schmutz an-
sammeln konnen.
119
V
Das Evangelium der Erkenntnis
und sein Gebet
VORBEMERKUNG
Marie Steiner
In den vier Mysteriendramen hatte Rudolf Steiner seinen Erkenntnis-
sen eine dramatische Form gegeben. Geistige Erkenntnis war von
Menschen auf der Biihne dargelebte Gestaltung geworden. Das aus
dem Innern der Seele zum Geiste drangende Streben sollte nun durch
handelnde Personen ausgedriickt werden.
Mit Selbstverstandlichkeit hatten die alten Griechen in das histo-
rische Geschehen die Gottergestalten hineinverwoben: sie waren ihnen
noch wesenhaft nahe. Kunst war ohne das Erfiihlen des Gottlichen
nicht moglich. Doch als ein Erkenntnisproblem stellte sich jetzt das
Gesetz von Karma vor den geistigen Blick; erlebt muBte es werden
durch tiefstes Erfiihlen. An solchem tiefen Erleben die Mitmenschen
teilnehmen zu lassen, geschieht am besten auf dem Wege der Kunst.
Das in den Geschicken der Menschheit sich darlebende Karma so dar-
zustellen, war die Forderung der Zeit. Rudolf Steiner erfullte diese
Forderung. Nachdem der deutsche Geist in der Hochblute seiner Klas-
sik seine volkische Mission erfullt und sich in die Umwelt ergossen,
in ihr aufgegangen war, gait es, den Geist zu individualisieren und
kiinftige Kulturperioden vorauszunehmen, die wieder das zusammen-
fugen wiirden, was auf dem Wege war, sich zu atomisieren. Die in der
Seele wirkenden Lebenskrafte mussen die Materie nun ergreifen und
so durchdringen, daB auch sie ganz durchscheinend wird. Der Mensch,
der innerhalb der Erdentwicklung das letzte Glied der Hierarchien
ist, soil sich zu ihnen hinauf auch bewuBtseinsmaBig erheben. Bis ihm
das gelingt, wird er noch oft zuriick in die Finsternis stiirzen: erlahmen
jedoch darf er in diesem Ringen um den Aufstieg nicht. Die Wege zu
diesem Ziel werden uns gewiesen durch richtig erfaBte Kunst, Wissen-
schaft und Religion.
Diese Erkenntnisse wurden Inhalt der gewaltigen Vortrage Dr.
Steiners, die den Mysteriendramen in Miinchen folgten. Die Knapp-
123
heit des zur Verfiigung stehenden Raumes und der Wunsch, den Myste-
rienspielen eine wiirdige Statte zu errichten, veranlaBte die Zuhorer,
den langst gehegten Wunsch zum EntschluB reifen zu lassen. Der Bau
in Miinchen unter Mitwirkung der fur diesen Gedanken sich begei-
sternden Kiinstler wurde beschlossen. Es folgten lange Verhandlungen
mit den Stadtobrigkeiten, die aber das Gesuch ablehnten.
In der freien Schweiz traten nun unsere Freunde zusammen und
erwirkten die Erlaubnis zum Bau auf dem Dornacher Hiigel, der in
landlicher Einsamkeit dalag und einigen Baslern Gelegenheit zum Som-
meraufenthalt geboten hatte. Dieser Vorschlag wurde mit Dank ange-
nommen. So hatte nun das Schicksal entschieden. Die vorbereitenden
Arbeiten begannen. Zeichnungen und Planung der Anlagen wurden
entworfen und der Ort bestimmt fur die Grube, in welche der von
unserem Freund Max Benzinger ausgestaltete Grundstein versenkt wer-
den sollte. Der iiber ihn sich erhebende Bau wiirde den freien Blick
in alle Himmelsrichtungen gewahren.
Wohl wuBten die Gegenmachte der aufwartssteigenden mensch-
lichen Entwicklung, daB ihren Absichten hiermit ein machtiges Boll-
werk entgegengestellt wiirde. Und es war, als ob sie die Naturkrafte
zu Hilfe riefen, um diese Grundsteinlegung zu verhindern. Die Ele-
mente rasten, der Regen ergoB sich in Strdmen, die Winde tobten. In
dem aufgeweichten lehmigen Kalkboden blieb mancher Uberschuh
stecken. Aber niemandem von uns ware es eingefallen zu denken, daB
man aus solchen Griinden den Tag der Grundsteinlegung hatte ver-
schieben konnen; er war ja vom Schicksal dazu vorbestimmt.
Dr. Steiners durchgeistigte Stimme siegte iiber das rasende Element
und drang in die Herzen. Dicht nebeneinander standen um ihn herum
die Freunde, deren einer es fertigbrachte, wenn auch luckenhaft, aber
doch Dr. Steiners Worte schriftlich festzuhalten. So daB damit die
Erinnerung an diesen Tag des 20. Septembers 1913 auch fur die Nach-
welt erhalten werden kann.
124
Ansprache zur Grundsteinlegung des Dornacher Baues
am 20. September 1913
Meine lieben Schwestern und Briider,
Verstehen wir uns heute an diesem Festabend richtig. Verstehen wir
uns dahin, daB diese Handlung in einem gewissen Sinne bedeutet fur
unsere Seek ein Gelobnis. Unser Streben hat es mit sich gebracht, daB
wir hier an diesem Orte, von dem aus wir weit hinaus sehen nach den
vier Elementarrichtungen der Himmelsrose, aufrichten diirfen dieses
Wahrzeichen geistigen Lebens der neueren Zeit. Verstehen wir uns,
daB wir uns am heutigen Tage, indem wir unsere Seelen verbunden
fiihlen mit dem, was wir in die Erde symbolisch versenkt haben, an-
verloben dieser von uns als richtig erkannten geistigen Evolutions-
strdmung der Menschheit. Versuchen wir, meine lieben Schwestern und
Briider, dieses Seelengelobnis abzulegen: daB wir hinwegsehen wollen
fur diesen Augenblick von allem Kleinlichen des Lebens, von all dem,
was uns verbindet, notwendig verbinden muB als Mensch mit dem
Leben des Alltags. Versuchen wir in diesem Augenblicke in uns den
Gedanken zu erwecken der Verbindung der Menschenseele mit dem
Streben in der Zeitenwende. Versuchen wir einen Augenblick daran
zu denken, daB, indem wir das getan haben, was wir heute Abend
vollbringen wollten, wir das BewuBtsein in uns tragen miissen, hinaus-
zuschauen in weite, weite Zeitenkreise, um gewahr zu werden, wie sich
die Mission, deren Wahrzeichen werden soil dieser Bau, einreihen wird
der groBen Mission der Menschheit auf unserem Erdenplaneten. Nicht
in Stolz und Obermut, in Demut, Hingebung und Opferwilligkeit ver-
suchen wir unsere Seelen hinaufzulenken zu den groBen Planen, den
groBen Zielen des menschlichen Wirkens auf der Erde. Versuchen wir
uns zu versetzen in die Lage, in der wir eigentlich sein sollen und sein
miissen, wenn wir diesen Augenblick richtig verstehen.
Versuchen wir daran zu denken, wie einstmals einzog in unsere
125
Erdenevolution die groBe Kunde und Botschaft, das urewige Evan-
gelium gottlich-geistigen Lebens, wie es hinzog iiber die Erde, als die
gottlichen Geister selber die groBen Lehrer der Menschheit noch waren.
Versuchen wir, meine lieben Schwestern und Briider, uns zuriickzu-
versetzen in jene gottlichen Zeiten der Erde, von denen noch ein letztes
Sehnen, eine letzte Erinnerung uns aufgeht, wenn wir etwa im alten
Griechenlande mit den letzten Tonen der Mysterienweisheit - und
zugleich mit den ersten philosophischen Tonen - den groBen Plato
kiinden horen von den ewigen Ideen und der ewigen Hyle der Welt.
Und versuchen wir zu begreifen, was iiber unsere Erdenevolution seit-
her gezogen ist an luziferischen und ahrimanischen Einflussen. Ver-
suchen wir uns klarzumachen, wie aus der Menschenseele gewichen
ist der Zusammenhang mit dem gottlichen Weltendasein, mit dem Wol-
len, mit dem Fiihlen und mit dem gottlich-geistigen Erkennen.
Versuchen wir in diesem Augenblick tief, tief in unserer Seele nach-
zufiihlen, was da drauBen, in den Landern im Osten, Norden, Westen
und Siiden heute die Menschenseelen fiihlen, die wir anerkennen diir-
fen als die besten, und die nicht hinauskommen iiber dasjenige, was
wir aussprechen konnen mit den Worten: ein unbestimmtes, unzulang-
liches Sehnen und Hoffen auf den Geist. Schaut Euch um, meine lieben
Schwestern und Briider, wie dieses unbestimmte Sehnen, dieses unbe-
stimmte Hoffen auf den Geist waltet in der heutigen Menschheit!
Fiihlet horend, hier beim Grundstein unseres Wahrzeichens, wie in dem
unbestimmten Sehnen und Hoffen der Menschheit nach dem Geiste
der Schrei horbar ist nach der Antwort, nach jener Antwort, die ge-
geben werden kann da, wo Geisteswissenschaft walten kann mit ihrem
Evangelium der Kunde von dem Geiste. Versucht in Eure Seelen Euch
zu schreiben das GroBe des Augenblicks, den wir durchmachen am
heutigen Abend. Wenn wir horen konnen den Sehnsuchtsruf der
Menschheit nach dem Geiste, und errichten wollen den Wahrbau, von
dem aus verkiindet werden soil immer mehr und mehr die Botschaft
von dem Geiste, wenn wir dieses fiihlen im Leben dieser Welt,
dann verstehen wir uns an diesem Abend richtig. Dann wissen wir -
126
nicht in Hochmut und nicht in Uberschiitzung unseres Strebens, son-
dern in Demut, in Hingabe und Opferwilligkeit wissen wir, daB wir
sein miissen in unserem sich bemiihenden Streben die Fortsetzer jener
Geistesarbeit, die im Abendland ausgelost worden ist im Laufe einer
fortschreitenden menschheitlichen Entwickelung, die aber endlich da-
zu fiihren muBte durch die notwendige Gegenstromung der ahrimani-
schen Krafte, daB heute die Menschheit an einem Punkte steht, wo
die Seelen verdorren, veroden miiBten, wenn jener Sehnsuchtsschrei
nach dem Geiste nicht erhort wiirde. Fiihlen wir, meine lieben Schwe-
stern und Briider, diese Angste! So muB es sein, wenn wir weiter kamp-
fen diirfen in jenem groBen geistigen Kampf, der ein Kampf ist, durch-
gliiht vom Feuer der Liebe; in jenem groBen geistigen Kampf, dessen
Fortsetzer wir sein diirfen, der gefuhrt worden ist von unseren Vor-
fahren einstmals, als sie driiben abgelenkt haben den ahrimanischen
Ansturm der Mauren.
Wir stehen, durch Karma gefuhrt, in diesem Augenblicke an dem
Ort, durch den durchgegangen sind wichtige spirituelle Stromungen.
Fiihlen wir in uns den Ernst der Lage am heutigen Abend. Einst-
mals war die Menschheit am Endpunkt angelangt des Strebens nach
Personlichkeit. Da in der Fiille dieser Erden-Personlichkeit verdorrt
war das alte Erbstiick der gottlichen Leiter des Urbeginnes der Erden-
evolution, da erschien driiben im Osten das Weltenwort:
Im Urbeginne war das Wort
Und das Wort war bei Gott
Und ein Gott war das Wort.
Und das Wort erschien den Menschenseelen und hat zu den Menschen-
seelen gesprochen: Erfullet die Erdenevolution mit dem Sinn der
Erde! - Jetzt ist das Wort selber iibergegangen in die Erden-Aura, ist
aufgenommen von der spirituellen Aura der Erde.
Vierfach verkiindet worden ist das Weltenwort durch die Jahr-
hunderte, die nun bald zwei Jahrtausende geworden sind. So hat das
Weltenlicht hineingeleuchtet in die Erdenevolution.
127
Immer tiefer sank und muBte sinken Ahriman. Fuhlen wir uns
umgeben von den Menschenseelen, in denen erklingt der Sehnsuchts-
schrei nach dem Geiste. Fuhlen wir aber, meine lieben Schwestern
und Briider, wie bei dem allgemeinen Sehnsuchtsschrei diese Menschen-
seelen bleiben miiBten, weil Ahriman, der finstere Ahriman, das Chaos
breitet iiber die erstrebte Geisteserkenntnis der Welten der hoheren
Hierarchien. Fiihlet, daB die Moglichkeit vorhanden ist, in unserer
Zeit hinzuzufiigen zu dem vierfach verkiindeten Geisteswort jenes
andere, das ich Euch nur im Symbole darstellen kann.
Vom Osten kam es heriiber - das Licht und das Wort der Ver-
kiindigung. Vom Osten aus ist es hingezogen nach dem Westen, vier-
fach verkiindet in den vier Evangelien, abwartend, daB vom Westen
her kommen wird der Spiegel, der Erkenntnis hinzufugen wird dem,
was noch Verkiindigung ist im vierfach ausgesprochenen Weltenwort.
Tief geht es uns zu Herzen und Seelen, wenn wir vernehmen jene
Bergpredigt, die da gesprochen worden ist, als die Zeiten der Heran-
reifung der menschlichen Personlichkeit erfullt waren, da das alte
Geisteslicht geschwunden war und das neue Geisteslicht erschien. Das
neue Geisteslicht ist erschienen! Aber da es erschienen war, ging es
durch die Jahrhunderte der Menschheitsevolution vom Osten nach
dem Westen, wartend auf das Verstandnis fur die Worte, die einst-
mals in der Bergpredigt in die menschlichen Herzen getont haben. Aus
den Tiefen unserer Weltevolution ertont jenes urewige Gebet, das als
Verkiindigung des Weltenwortes gesprochen worden ist, da sich das
Mysterium von Golgatha vollzog. Und tief tonte hin das urewige Ge-
bet, das dem Mikrokosmos in tiefster Seele kiinden sollte aus dem
Innersten des menschlichen Herzens heraus das Geheimnis des Daseins.
Es sollte erklingen in dem, was uns als «Vaterunser» verkiindet worden
ist, als es ertonte vom Osten nach dem Westen. Doch wartend verhielt
sich dieses Weltenwort, das damals in den Mikrokosmos sich hinein-
senkte, auf daB einstmals es zusammenklingen diirfe mit dem Fiinften
Evangelium; heranreifen muBten die Menschenseelen, um das zu ver-
stehen, was vom Westen her als das uralteste, weil das makrokosmi-
128
sehe Evangelium, wie ein Echo nun entgegenklingen soil dem mikro-
kosmischen Evangelium des Ostens.
Wenn wir Verstandnis entgegenbringen dem gegenwartigen Augen-
blick, dann wird uns auch das Verstandnis dafiir aufgehen, daB den
vier Evangelien hinzugefiigt werden kann ein funftes. So mogen denn
am heutigen Abend zu des Mikrokosmos Geheimnissen hinzu die Worte
erklingen, welche die Geheimnisse des Makrokosmos ausdriicken. Als
erstes des Funften Evangeliums soli hier ertonen das makrokosmische
Gegenbild des mikrokosmischen Gebetes, das einstmals verkiindet
wurde vom Osten nach dem Westen. So klinge wider als Zeichen
des Verstandnisses das makrokosmische Weltengebet, enthalten im
Funften, uralten Evangelium, das verbunden ist mit dem Mond und
dem Jupiter, so wie die vier Evangelien verbunden sind mit der Erde:
AUM, Amen!
Es walten die Ubel,
Zeugen sich losender Ichheit,
von andern erschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im taglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaB Euren Namen,
Ihr Vater in den Himmeln.
Das Vaterunser war als Gebet der Menschheit gegeben worden. Dem
mikrokosmischen Vaterunser, das verkiindet wurde vom Osten nach
dem Westen, tont nun entgegen das uralte makrokosmische Gebet. So
tont es wider, wenn es, recht verstanden von Menschenseelen, hin-
ausklingt in die Weltenweiten und zuriickgegeben wird mit den Wor-
ten, die gepragt worden sind aus dem Makrokosmos heraus. Nehmen
wir es mit uns, das makrokosmische Vaterunser, fiihlend, daB wir da-
mit beginnen, das Verstandnis zu erringen fur das Evangelium der Er-
kenntnis: das Fiinfte Evangelium. Tragen wir von diesem wichtigen
129
Augenblick nach Hause in unserer Seele mit Ernst und Wiirde unser
Wollen, tragen wir nach Hause die GewiBheit, daB alle Weisheit, nach
der da sucht die Menschenseele - wenn das Suchen ein echtes ist — , eine
Gegenstromung ist der kosmischen Weisheit; und alle in selbstloser
Liebe der Seele wurzelnde Menschenliebe aus der in der Menschheits-
evolution waltenden Liebe erfruchtet.
Durch alle Erdenzeiten hindurch und in alle Menschenseelen hinein
wirkt aus dem starken Menschenwillen, der sich erfullt mit dem Sinn
des Daseins und dem Sinn der Erde, eine Verstarkung durch die kos-
mische Kraft, welche die Menschheit heute sich erfleht, unbestimmt
hinrichtend den Blick zu einem Geiste, den sie erhofft, aber nicht er-
kennen will, weil in die Menschenseele Ahriman eine ihr unbewuBte
Furcht gesenkt hat iiberall da, wo heute vom Geiste gesprochen wird.
Fiihlen wir das, meine Schwestern und Briider, in diesem Augenblick.
Fiihlet dieses, so werdet Ihr Euch zu Eurem Geisteswerk riisten konnen
und Euch als Geisteslichtes Offenbarer «gedankenkraftig auch noch
dann bezeugen, wenn iiber voll erwachter Geistesschau der fmstere
Ahriman, die Weisheit dampfend, des Chaos Dunkelheit verbreiten
will». Erfiillet, meine Schwestern und Briider, Eure Seelen mit der
Sehnsucht nach wirklicher Geist-Erkenntnis, nach wahrer Menschen-
liebe, nach starkem Wollen. Und versucht in Euch rege zu machen
jenen Geist, der da vertrauen kann der Sprache des Weltenwortes, die
uns entgegenhallt aus Weltenfernen und aus Raumesweiten, herein-
klingend in unsere Seelen. Das ist, was der wirklich fiihlen muB am
heutigen Abend, der den Sinn des Daseins erfaBt hat: Die Menschen-
seelen sind an einem Rande ihres Strebens. Fiihlet in Demut, nicht in
Hochmut, in Hingabe und Opferwilligkeit, nicht in Uberhebung Eures
Selbstes, was werden soli mit dem Wahrzeichen, zu dem wir den
Grundstein heute gelegt haben. Fiihlet die Bedeutung der Erkenntnis,
die uns werden soil dadurch, daB wir wissen konnen: Es muB in unserer
Zeit in den Raumesweiten die Hiille der geistigen Wesenheiten durch-
stoBen werden, wenn die geistigen Wesenheiten kommen, uns zu spre-
chen von dem Sinn des Daseins. Alliiberall im Umkreis werden auf-
130
nehmen miissen Menschenseelen den Sinn des Daseins. Horet, wie an
den verschiedenen Geistesorten, wo von Geisteswissenschaft, von Reli-
gion und Kunst gesprochen und in ihrem Sinn gehandelt wird, horet,
wie immer oder werden die Strebenskrafte der Seelen, fiihlet, daB Ihr
lernen sollt, diese Seelen, diese Strebenskrafte der Seele zu befruchten
aus den Geistes-Imaginationen, den Inspirationen und Intuitionen her-
aus. Fiihlet, was der finden wird, der richtig horen wird den Ton der
schopferischen Geistigkeit.
Diejenigen, die zum alten Vaterunser hinzu werden verstehen ler-
nen den Sinn des Gebets vom Fiinften Evangelium, die werden aus
unserer Zeitenwende heraus diesen Sinn griindlich erkennen konnen.
Wenn wir lernen werden, den Sinn dieser Worte zu verstehen, so
werden wir die Keime aufzunehmen suchen, die da erbluhen miissen,
wenn die Erdenevolution nicht verdorren, wenn sie weiter fruchten
und gedeihen soil, auf daB die Erde das ihr vom Urbeginn gestellte
Ziel durch Menschenwillen erreichen kann.
So fiihlet an diesem Abend, daB lebendig werden muB in den Men-
schenseelen die Weisheit und der Sinn der neuen Erkenntnis, der neuen
Liebe und der neuen starken Kraft. Die Seelen, die da wirken werden
in der Bliite und der Frucht kiinftiger Erdenevolutionen, werden das-
jenige verstehen miissen, was wir heute unseren Seelen zum ersten Male
einverleiben wollen: die makrokosmisch widerklingende Stimme des
uralt ewigen Gebetes:
AUM, Amen!
Es walten die Ubel,
Zeugen sich losender Ichheit,
Von andern erschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im taglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaB Euren Namen,
Ihr Vater in den Himmeln.
131
So gehen wir auseinander - in unserer Seek das BewuBtsein der
Bedeutung mitnehmend von dem Ernst und der Wiirde der Handlung,
die wir verrichtet haben. Das BewuBtsein, das von diesem Abend
bleibt, soli in uns entziinden das Streben nach Erkenntnis einer der
Menschheit gegebenen Neuoffenbarung, nach der da diirstet die Men-
schenseele, von der sie trinken wird, aber erst dann, wenn sie gewinnen
wird furchtlos den Glauben und das Vertrauen zu dem, was da ver-
kiinden kann die Wissenschaft vom Geiste, die wiederum vereinen
soil, was eine Weile getrennt durch die Menschheitsevolution gehen
muBte: Religion, Kunst und Wissenschaft. Nehmen wir dies, meine
Schwestern und Briider, mit als etwas, was wir als ein Gedenken an
diese gemeinsam gefeierte Stunde nicht wieder vergessen mochten.
(Nun folgte noch Eindecken und Einbetonieren des Grundsteins).
132
VI
Exegesen zu
«Licht auf den Weg»
von Mabel Collins
<Die Stimme der Stille»
von H. P. Blavatsky
Exegese zu «Licht auf den Weg»
von Mabel Collins
Die folgenden Erklarungen Rudolf Steiners beziehen sich auf die ersten Satze
aus «Licht auf den Weg»:
«Geschrieben wurden diese Lehren fur jeden, der die Wahrheit sucht.
Beachte sie!
Bevor das Auge sehen kann, muB es der Tranen sich entwohnen.
Bevor das Ohr vermag zu horen, muB die Empfindlichkeit ihm schwinden.
Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muB das Verwunden sie
verlernen.
Und eh' vor ihnen stehen kann die Seele, muB ihres Herzens Blut die FiiBe
netzen.»
Was der auf das Endliche gerichtete Verstand (Kama Manas) die Wahr-
heit nennt, das ist nur eine Unterart dessen, was der Esoteriker als
«die Wahrheit sucht». Denn die Verstandeswahrheit bezieht sich auf
dasjenige, was geworden ist, was offenbar ist. Und das Offenbare ist
nur ein Teil des Seins. Jedes Ding unserer Umwelt ist zugleich Produkt,
Geschopf (das heiBt Gewordenes, Offenbares) und Keim (Unoffen-
bares, Werdendes). Und erst, wenn man ein Ding als die beiden Aspekte
(Gewordenes und Werdendes) betrachtet, dann hat man vor Augen,
daB es ein Glied des Einen Lebens ist, des Lebens, das die Zeit nicht
auBer sich, sondern in sich hat. So ist auch die endliche Wahrheit nur
ein Gewordenes; sie muB belebt werden durch eine werdende Wahr-
heit. Die erstere erfafit man, die zweite «beachtet» man. Alle bloB
wissenschaftliche Wahrheit gehort zur ersten Art. Wer solche Wahr-
heit allein sucht, fur den ist «Licht auf den Weg» nicht geschrieben. Es
ist geschrieben fur die, welche die Wahrheit suchen, die heute Keim
ist, um morgen Produkt zu werden; und die nicht das Gewordene er-
fassen, sondern das Werdende beachten. Will jemand die Lehren von
«Licht auf den Weg» verstehen, dann muB er sie als seine eigenen er-
135
zeugen und doch als vollig andere lieben, wie eine Mutter ihr Kind als
eigenes erzeugt und als anderes liebt.
Die vier ersten Lehren sind solche, die die Eingangspforte zur Eso-
terik eroffnen, wenn sie verstanden werden. - Was bringt der Mensch
den Gegenstanden seines Erkennens entgegen? Wer immer sich priift,
wird fmden, daB Freude und Schmerz seine Antwort auf die Eindriicke
der sinnlichen und iibersinnlichen Welt sind. Man gibt sich so leicht
dem Glauben hin, daB man Lust und Unlust abgelegt habe. Man muB
aber in die verborgensten Winkel seiner Seele hinuntersteigen und seine
Lust, seine Unlust heraufholen; denn nur, wenn alle solche Lust und
alle solche Unlust verzehrt wird von der Seligkeit des hdheren Selbst,
dann ist Erkenntnis moglich. Man denkt: man werde dadurch ein
kalter und niichterner Mensch. Das ist nicht der Fall. Ein Stuck Gold
bleibt dasselbe Stuck Gold — nach Gewicht und Farbe — , auch wenn
es zum Schmuckgegenstand umgeformt wird. So bleibt Kama das, was
es ist - nach Inhalt und Intensitat — , auch wenn es spirituell geformt
wird. Die Kama-Kraft soil nicht ausgerottet werden, sondern in den
Inhalt des gottlichen Feuers einverleibt werden. So soli des Auges Zart-
sinn nicht in Tranen sich entladen, sondern die empfangenen Eindriicke
vergolden. Lose jede Trane auf und verleihe den perlenden Glanz, den
sie hat, dem Strahl, der in das Auge dringt. Verschwendete Kraft ist
deine Lust und dein Schmerz; verschwendet fur die Erkenntnis. Denn
die Kraft, die in diese Lust und diesen Schmerz ausflieBt, soil ein-
stromen in den Gegenstand der Erkenntnis.
«Bevor das Auge sehen kann, mufi es der Tranen sich entwdhnen.»
Wer noch den Verbrecher verabscheut in dem gewohnlichen Sinne,
und wer noch den Heiligen anbetet in diesem gewohnlichen Sinne, der
hat nicht sein Auge der Tranen entwohnt. Verbrenne alle deine Tranen
in dem Willen zum Helfen. Weine nicht iiber den Armen; erkenne
seine Lage und hilf! Murre nicht iiber das Bose; verstehe es und wandle
es in Gutes. Deine Tranen triiben nur die reine Klarheit des Lichtes.
136
Du empfindest um so zarter, je weniger du empfindlich bist. Der Klang
wird dem Ohr klar, wenn diese Klarheit nicht gestort wird durch das
Entziicken, durch das Sympathisieren, die ihm beim Eingange in das
Ohr begegnen.
«Bevor das Ohr vermag zu horen, mufi die Empfindlichkeit ihm
schwinden.»
In anderer Art gesprochen, heiBt das: Lasse die Herzschlage des andern
in dir widerklingen und store sie nicht durch die Schlage deines eige-
nen Herzens. Du sollst dein Ohr offnen und nicht deine Nervenendi-
gungen. Denn deine Nervenendigungen werden dir sagen, ob dir ein
Ton behaglich ist oder nicht; aber dein offenes Ohr wird dir sagen,
wie der Ton selbst ist. Wenn du zu dem Kranken gehst, so laB jede
Fiber seines Leibes zu dir sprechen und ertote den Eindruck, den er
dir macht.
Und zusammengefaBt die ersten zwei Satze: Kehre deinen Willen
um, laB ihn so kraftvoll wie moglich werden, aber laB ihn nicht als
den deinen in die Dinge stromen, sondern erkundige dich nach der
Dinge Wesen und gib ihnen dann deinen Willen; laB dich und deinen
Willen aus den Dingen stromen. LaB die Leuchtkraft deiner Augen
aus jeder Blume, aus jedem Sterne flieBen, aber behalte dich und deine
Tranen zuriick.
Schenke deine Worte den Dingen, die stumm sind, damit sie durch
dich sprechen. Denn sie sind nicht eine Aufforderung an deine Lust,
diese stummen Dinge, sondern sie sind eine Aufforderung an deine
Tatigkeit. Nicht, was sie geworden ohne dich, ist fur dich da, sondern
was sie werden sollen, muB durch dich da sein.
Und solang du deinen Wunsch einem einzigen Dinge aufdriickst,
ohne daB dieser dein Wunsch aus dem Dinge selbst geboren ist, solange
verwundest du das Ding. Solange du aber irgend etwas verwundest,
solange kann kein Meister auf dich horen. Denn der Meister hort nur
jene, die seiner bediirfen. Niemand aber bedarf des Meisters, der sich
137
den Dingen aufdrangen will. Des Menschen niederes Selbst ist wie eine
spitze Nadel, die sich iiberall eingraben will. Solange sie das will, wird
kein Meister ihre Stimme horen wollen.
«Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen, mufi das Ver-
wunden sie verlernen.»
Solange noch die spitzen Nadeln des «Ich will» aus den Worten des
Menschen ragen, solange sind seine Worte die Sendboten seines nie-
deren Selbst. Sind diese Nadeln entfernt und ist die Stimme weich und
schmiegsam geworden, daB sie sich wie ein Schleiergewand um die
Geheimnisse aller Dinge legt, dann webt sie sich selbst zum Geist-
gewand (Majavirupa), und des Meisters zarter Laut kleidet sich in sie.
Mit jedem Gedanken, den der Mensch im wahren Sinne des Wortes
der inneren Wahrheit der Dinge widmet, webt er einen Faden zu dem
Kleide, in das sich der Meister hiillen mag, der ihm erscheint. - Wer
sich selbst zum Sendboten der Welt macht, zum Organ, durch das die
Tiefen der Weltratsel sprechen, der «ergieBt seiner Seele Leben in die
Welt», sein Herzblut netzt seine FiiBe, auf daB sie eilends ihn dahin
tragen, wo gewirkt werden soil. Und wenn die Seele da ist, wo nicht
das niedere Ich ist, wenn sie nicht da ist, wo der Mensch genieBend
steht, sondern da, wohin ihn die tdtigen FiiBe getragen haben, dann
erscheint auch da der Meister.
«Und eh' vor ihnen stehen kann die Seele, mufi ihres Herzens Blut
die Fufie netzen.»
Wer in sich stehen bleibt, kann nicht den Meister fmden; wer ihn fin-
den will, muB seiner Seele Kraft — seines Herzens Blut - in sein Tun
- in seine tatigen FiiBe - flieBen lassen.
So ist der erste Sinn der vier Grundlehren. Wer mit diesem ersten
lebt, dem kann der zweite enthiillt werden und dann die folgenden.
Denn diese Lehren sind okkulte Wahrheiten, und eine jede okkulte
Wahrheit hat mindestens einen siebenfachen Sinn. -
138
Der zweite Teil der Exegese bezieht sich auf die Satze Nr. 17 und 18 aus
Kapitel II:
17. «Das Innerste frage, das Eine, nach seiner Geheimnisse letztem, das dir es
umschliefit seit Jahrtausenden.
Der groBe, schwere Kampf, die Uberwindung der Wiinsche deiner eignen
Seele ist eine Arbeit von Jahrtausenden. Erwarte deshalb nicht den Sieges-
preis, eh' du Erfahrung von Jahrtausenden gesammelt. Kommt dann die Zeit,
wo diese letzte Lehre zur Wahrheit wird, betritt der Mensch die Schwelle,
die iibers Menschentum hinaus ihn hebt.»
Kapitel II. Nr. 17. In diesen letzten Paragraphen des II. Kapitels von
«Licht auf den Weg» ist Weisheit der tiefsten Art enthalten. In Nr. 17
ist die Aufforderung enthalten, das «Innerste», das «Eine» zu fragen
nach seiner «Geheimnisse letztem». Wer himmterleuchtet in die Tiefen
dieses «Innersten», der findet in der Tat die Ergebnisse von «Jahr-
tausenden». Denn was der Mensch heute ist, das ist er durch lange
Jahrtausende hindurch geworden. Durch Welten hindurch ist ja das
Innerste gegangen, und verborgen ruhen in seinem SchoBe die Fruchte,
die es aus diesen Welten mitgenommen. DaB unser Innerstes so ist, wie
es jetzt ist, das verdankt es dem Umstande, daB unzahlige von Bildun-
gen gearbeitet haben an seinem Aufbau, daB es hindurchgegangen ist
durch viele Reiche und daB es immer und immer wieder aus diesen
Reichen sich Organe angebildet hat. Durch diese Organe ist es in
Wechselverkehr getreten mit den Welten, die es jeweilig umgeben haben.
Und was es aus diesem Wechselverkehr gewonnen hat, das hat es hiniiber-
genommen in neue Welten, um ausgestattet mit den Errungenschaften
von fruher auf neuen Stufen noch immer reichere Erlebnisse zu haben.
Und heute beniitzen wir den also differenzierten Wesenskern unseres
Innersten, um auf dem «Planeten», den wir «Erde» nennen, eine Sum-
me von Erlebnissen zu haben.
Alle Erlebnisse des «Mond-Planeten» und der fruheren sind in unse-
rem Innersten. Sie waren schon in diesem Innersten, als dieses durch
ein Pralaya hindurch sich zur «Erde» heriiberentwickelte. Und so wa-
139
ren diese Erlebnisse in der Pitrinatur dieses Innersten, wie die ganze
Lilie - latent - in dem Liliensamenkorn ist. Nur ist freilich dieses
Liliensamenkorn noch immer etwas Physisch-Sichtbares. Der «Pitri-
same» aber, der vom «Monde» zur «Erde» heriiberschlief, war inkar-
niert in Materien der hochsten Art, wahrnehmbar nur fur «des Dang-
ma erschlossenes Auge». Aber wie das Liliensamenkorn, wenn es in
geeigneten Boden gesenkt wird, die Materien von Erde, Wasser und
Luft so ordnet, daB eine neue Lilie sich bildet, so ordnet der «Pitri-
same» bei seinen Zyklen durch das irdische Dasein die Materien so,
daB im Laufe dieser Zyklen der voile «Mensch» nach und nach ent-
steht, der nach Ablauf der sechsten und beim Beginn der siebenten irdi-
schen Runde wahrhaft «Gottes Ebenbild» genannt werden darf. Bis
in die Mitte der vierten Runde - bis zum Ende der lemurischen Zeit -
teilt sich die menschliche Pitrinatur in der Arbeit an ihrem eigenen
Organismus mit «Bildnern» hochster und hoherer Art; immer mehr
aber muB, von diesem Zeitpunkt an, des Menschen «Innerstes» selbst
diese Arbeit ubernehmen. K. H. sagt iiber diese Arbeit das Folgende:
Alles, was «du» zu tun hast, ist, «ganz Mensch» zu werden. Denn
wisse: nur deiner physischen Natur nach bist du jetzt schon - beinahe -
Mensch. Denn auch der physischen Natur nach wirst du es erst am
Ende der vierten Runde sein. Noch unorganisiert, noch chaotisch aber
sind dein Astralleib, dein Mentalleib und dein Ich-Leib (hoherer Ma-
nas). Ebenso vollkommen wie dein physischer Leib nach der vierten,
muB dein Astralleib nach der funften, dein Mentalleib nach der sech-
sten und dein arupischer (hoherer Mental-)Leib nach der siebenten
Runde sein, wenn du am Ende der irdischen Zyklen deine Bestimmung
erreicht haben sollst. Und nur dann, wenn du diese Bestimmung er-
reicht hast, kannst du als ein normal-terrestrischer Pitri zum nachsten
Planeten hinuberwandeln.
Diejenigen aber, welche den okkulten Pfad gehen wollen, sollen
mit BewuBtsein immer mehr arbeiten an diesem dreifachen Heraus-
organisieren ihrer hoheren Leiber aus ihrem «Innersten». Das ist der
Sinn des Meditierens.
140
Man gestaltet (organisiert) seinen Astralleib durch Erhebung zum
hoheren Selbst und durch Selbstpriifung. So, wie auBermenschliche
Krafte in verflossenen Runden gearbeitet haben, um die Organe des
physischen Leibes von heute zu bauen, so arbeitet das innermensch-
liche hohere Selbst an dem Astralleibe, damit dieser ein «Ebenbild der
Gottheit» oder auch «ganz Mensch» werde. Dann wird er geeignet,
durch seine Organe die Geheimnisse hoherer Welten so zu erleben,
wie der physische Leib durch seine Sinnesorgane die Geheimnisse der
physisch-mineralischen Welt erlebt. Wir priifen uns bezuglich unserer
Tageserlebnisse am Abend. Wir erheben uns durch die bekannte For-
mel zu unserem «hoheren Selbst». In beiden Tatigkeiten wirken wir
organisierend, bauend auf unseren Astralkorper. Wir machen ihn da-
durch erst zum Astral-Organismus, zum Korper mit Organen, wah-
rend er vorher nur eine Art Trager war. Diese «Formel» ist ja diese:
«Strahlender als die Sonne,
Reiner als der Schnee,
Feiner als der Ather,
Ist das Selbst,
Der Geist, inmitten meines Herzens.
Ich bin dieses Selbst.
Dieses Selbst bin Ich.»
Es eroffnet sich der Blick allerdings dadurch auf eine «Arbeit von
Jahrtausenden», wie es weiter in Paragraph 17 heiBt. So, wie Jahr-
tausende notwendig waren, bis die auBere physische Ebenbildlichkeit
erreicht worden ist, so wird eine Arbeit von Jahrtausenden notwendig
sein, bis diese Ebenbildlichkeit fur die hoheren Korper erreicht sein
wird. Dann erst steht der Mensch an der «Schwelle, die iibers Men-
schentum hinaus ihn hebt». Und er muB gerade so in der siebenten
Runde «an diese Schwelle» kommen, wie er am Ende der lunarischen
(Mond-)Epoche an der Schwelle sein muBte, die ihn iiber das lunarische
Pitritum hinaushob.
141
Durch die Mental-Meditation eines Satzes aus den inspirierten
Schriften organisiert der Meditierende seinen Mentalleib. Wenn der
Mensch aus der Bhagavad-Gita oder aus anderen Schriften, welche die
theosophische Literatur an die Hand ihm gibt, sich solche Meditations-
satze nimmt, dann arbeitet er an der Organisation dieses seines Mental-
leibes. Es muB immer wieder und wieder betont werden, daB es bei
diesem Meditieren viel weniger darauf ankommt, verstandesmaBig den
Satz durchzunehmen — das soli fur sich auBerhalb der eigentlichen Me-
ditation geschehen -, als vielmehr bei vollig freiem Blickfeld des Be-
wuBtseins mit dem Satz zu leben. Er soil uns sagen, was er uns zu sagen
hat. Wir sollen die von ihm Empfangenden sein. 1st er ein inspirierter
Satz, dann beginnt er in unserem BewuBtsein zu leben, dann stromt
Lebendiges von ihm aus, dann wird er in uns Fiille, vorher nicht ge-
ahnter Inhalt. Solange wir iiber ihn spekulieren, konnen wir namlich
doch nur das in ihn hineinlegen, was schon in uns ist. Dadurch kommen
wir aber nicht weiter.
Die Organisation des Ich-Leibes hangt von dem devotioneilen Teile
unserer Meditation ab. Je mehr wir durch diese Devotion erreichen,
je tiefer, ernster sie ist, desto ahnlicher werden wir der Wesenheit, als
die wir hinausziehen sollen aus unserem planetarischen Leben zu den
Aufgaben, die in einem spateren Sein an uns gestellt werden.
142
18. «Das Wissen, das du nun dein eigen nennst, ist nur dein Eigentum, weil
deine Seele in Eins verschmolzen ist mit alien Seelen und Eins geworden
mit dem Innersten. Es ist ein Schatz vom Hochsten dir vertraut. Doch
tauschst du sein Vertrauen, miBbrauchst dein Wissen du, laBt du es schlum-
mern, wo du's nutzen solltest, dann selbst von der erklommenen Hohe ist
der Sturz noch moglich. An der Schwelle selbst da weichen noch Erhabne
zuriick, unfahig, die Verantwortung zu tragen und auBerstand, sich hoher
aufzuschwingen. Darum gedenke stets mit heiliger Furcht, mit bangem Zit-
tern dieses Augenblicks und riiste dich im voraus zu dem Kampf.»
Nr. 18. Wir miissen erleben, daB wir Eins sind mit allem, was lebt.
Wir miissen uns klar dariiber sein, daB das, was wir unser Eigen nen-
nen, dann kein Leben hat, wenn es eine Eigenheit sein will. Es hat dann
ebensowenig ein Leben, wie unser kleiner Finger ein Leben hatte, wenn
er abgeschnitten ware von unserem ganzen Organismus. Und was fur
unseren kleinen Finger die physische - sinnliche - Abschneidung ware,
das ware fur unsere Eigenheit ein Wissen, das sich nur auf diese Eigen-
heit selbst beziehen wollte. Eins waren wir, als wir innerhalb einer
allgottlichen Wesenheit den Planeten betraten, der der dritte vor unse-
rer Erde war; innerhalb der allgottlichen Wesenheit waren wir, und
doch eine Eigenheit, wie jeder Ton in einer Symphonie eine Eigen-
heit ist und doch Eins mit der ganzen Symphonie. Und was wir unsere
Eigenheit zu nennen berufen sind, das soil auf sich wirken lassen, was
es trifft in den 343 Welten, die es durchlebt (sieben Planeten, sieben
Runden auf jedem Planeten, sieben sogenannte Globen zu jeder Runde
= 7x7x7 Metamorphosen = 343).
Was wir da zu erleben vermogen, das ist als Anlage in uns gelegt
im Anfange. Und das ist der Schatz, «vom Hochsten dir vertraut».
Und wie der Schatz uns vertraut ist, so sollen wir ihn stellen in den
Zusammenklang der planetarischen Symphonie. Ein Erlebnis wird sich
dem immer wieder bieten, der diese Dinge voll versteht. Alle Vertie-
143
fung in unser Inneres bleibt unfruchtbar, leer, wenn wir sie nur fur
uns selbst haben wollen. Unsere Vervollkommnung anstreben, heiBt
doch nur einem hoheren Egoismus fronen. Unser Wissen muB immer-
dar ausflieBen von uns. Nicht gesagt soil damit sein, daB wir unbedingt
immer lehren sollen. Das soil jeder, wie er es kann, und wenn er es
kann. Aber der kleinste Handgriff im alltaglichen Leben macht es
moglich, ein lebendiges Ergebnis selbstlos erworbenen Wissens zu sein.
Und wenn wir das in der Empfindung haben, daB alles Leben Eins
ist, daB alles Sondersein nur in der Maya begriindet ist: dann wird
alle unsere Vertiefung in unser Inneres auch mit dem lebendigen Ge-
fiihle erworben, daB es lebendig werden soli in dem All-Einen Leben.
Dann aber ist unsere Vertiefung immer durch Fruchtbarkeit belohnt.
Dann sind wir sicher, daB wir nicht fallen konnen. Wer nur, um zu
wissen, nur um seiner eigenen Vollkommenheit willen Wissen erstrebt,
nur um weiterzukommen auf der Stufenleiter des Daseins: der kann
noch fallen, auch wenn er schon sehr hoch gestiegen sein sollte. Und
wir miissen uns vor allem der «Verantwortung» bewuBt sein, die wir
durch das Erwerben hoherer Erkenntnis auf uns nehmen. Nur ein ge-
wisses MaB von Entwickelungsmoglichkeit ist der Gesamtmenschheit
zuerteilt im Entwickelungswege. Machen daher wir uns vollkommener,
eignen wir uns ein MaB von Vollkommenheit friiher zu, als es im Nor-
malfortschreiten moglich ware, so nehmen wir von dem gemeinsamen
MaBe der Menschheit etwas fur uns. Wir lassen die Waagschale auf un-
serer Seite sinken; die Waage schnellt auf der anderen Seite empor. Nur
durch Geben in irgendeiner Art konnen wir gutmachen, was wir ge-
nommen haben. Aber wir diirfen auch darum nicht denken, daB es
besser sei, nicht zu nehmen. Das hieBe wieder egoistisch sein und sich
dem Nehmen entziehen, auf daB man auch der Pflicht des Gebens
enthoben ware.
Nicht nehmen und nicht geben bedeuten den Tod; wir aber sollen
dem Leben dienen. Wir sollen uns die Moglichkeit des Gebens erwer-
ben; deshalb miissen wir die Verantwortung des Nehmens auf uns
laden. Nur miissen wir uns in jedem Augenblicke dieser Verantwor-
144
tung bewuBt sein. Wir miissen unausgesetzt sinnen, wie wir am besten
geben, wenn wir genommen haben.
Das gibt einen «Kampf», einen ernsten, heiligen Kampf. Aber dieser
Kampf muB sein. Wir diirfen ihn nicht scheuen. Stets miissen wir uns
riisten zu diesem Kampf. - Besonders die hohe Bedeutung dieses Kamp-
fes wurde und wird den Mysten aller Einweihungsschulen vorgefiihrt.
Sie werden ermahnt, sich zu erfiillen, sich zu durchdringen mit dem
BewuBtsein dieses Kampfes. Atmet unser Innerstes das Leben dieses
Kampfes als Grundstimmung der Seele, dann lebt auf in diesem Innern
das innere Gesicht und das innere Gehor. Und vermogen wir ruhig,
ganz ruhig zu sein auf diesem Kampfplatze, dann beginnen auf unse-
rem astralen und mentalen Himmel hohere Geheimnisse aufzublitzen.
Dann symbolisieren sich in uns Gefuhle, Gedanken zu geistig-greif-
baren Wirklichkeiten; und aus dem Nebel dieser geistig-greifbaren
Wirklichkeiten ertont die Stimme des Meisters, formt sich des Meisters
Gestalt. Es beginnt fur uns der hohere Verkehr. Wir beginnen, in der
Welt nicht mehr bloB Mitakteure zu sein, sondern werden fur sie
Boten (Angelos).
Das was hier geschildert wird als Exegese von Nr. 18, ist Satz fur
Satz Wirklichkeit, zu erlebende hohere Wirklichkeit. Und wer sich
durchdringt mit dem Sinn dieses Satzes in dieser Weise, der wird ein
Burger hoherer Welten.
145
Meditation
im Zusammenhang mit «Licht auf den Weg»
Morgens:
1. ) AUM
2. ) Erhebung zum hoheren Selbst durch die Formel:
«Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich. Ich bin dies Selbst.»
3. ) Kontemplative Meditation in «Licht auf den Weg»
a) 14 Tage: «Bevor das Auge . . . »
b) 14 Tage: «Ehe das Ohr ...»
c) 14 Tage: «Ehe vor den Meistern ...»
d) 14 Tage: «Ehe vor ihnen stehen ...»
4. ) Devotionelle Hingabe an das absolut verehrungswiir-
dige Ideal.
Abends:
Tagesriickschau. Anfang mit den letzten Erlebnissen und
Handlungen am Abend und aufsteigend bis zum Morgen.
146
Exegese
zu «Die Stimme der Stille» von H. P. Blavatsky
Einem aus der alten Theosophischen Gesellschaft herkommenden ScMler gab
Rudolf Steiner als Meditationsstoff die kleine Schrift von H. P. Blavatsky
«Die Stimme der Stille» (vgl. S. 158 ff.) an:
« . . . so daB Sie in den ersten 14 Tagen die ersten beiden Satze der
Schrift in dem Blickfeld des BewuBtseins sein lassen. Ich meine (mit
Auslassung des allerersten Satzes) die folgenden:
Wer des Geistes Stimme auBer sich verstehen will,
der muB des eigenen Geistes Wesen erst erleben -
Wenn der Suchende die Welt der Sinne nicht mehr
allein horen will, so muB er den suchen, welcher
diese Welt erzeugt, er muB in Gedanken leben,
welche die Sinnenwelt zur Scheinwelt machen.
Es kommt nicht darauf an, daB man iiber diese Satze spekuliert, son-
dern darauf, daB man ein paar Minuten mit ihnen lebt. Dazu muB
man sich ihren Inhalt vorher so angeeignet haben, daB man ihn mit
einem geistigen Blicke uberschauen, geistig vor sich hinstellen, und
ohne daB man iiber ihn spintisiert, hingebend auf sich wirken laBt.
Denn nur dadurch wird die Meditation fruchtbar, daB man die zu
meditierenden Gedanken in voller Ruhe auf sich einstromen laBt.»
(Brief vom 14. April 1904)
«... Ich bitte Sie nun, auch noch in den nachsten Wochen die Teile
der <Stimme> zu meditieren, welche den sieben Stimmen vorangehen.
Ich werde in den nachsten Tagen diese sieben Stimmen interpretieren
und Sie erhalten dann ein erstes Exemplar der Interpretation. »
(Brief vom 14. Mai 1904)
147
« . . . Die rechte Stimmung ist die Geduld ... Die Stimmung des War-
tens beschleunigt unsere Schritte.
Sie meinen, wenn man in der Meditation die Worte, die eigentlich
selbstverstandlich sind, wiederhole, so sei das doch zwecklos. Das ist
aber nicht der Fall. Kame es auf das Wissen an, dann ware es zweck-
los. Aber es kommt eben darauf an, daB man wieder und immer wie-
der durch sich selbst erlebt, was man sein soli, und was man selbst-
tatig aus sich machen soli. Sie fmden dariiber Naheres in den Zusatzen,
die ich Ihnen zur <Stimme der Stille> versprochen habe, und Ihnen
heute beilege.» (Brief vom 1 1 . August 1 904)
Nachfolgende «Zusatze» beziehen sich auf den Anfang von H. P. Blavatskys
«Die Stimme der Stille» in einer von Rudolf Steiner verwendeten und im
AnschluB an die Exegese wiedergegebenen Ubersetzung, welche in einer un-
bekannten Handschrift beim Manuskript der Exegese Rudolf Steiners liegt.
Diese Ubersetzung weicht von derjenigen von Franz Hartmann, Lotus-
Verlag Leipzig (o. J.) stark ab. Es liegt nahe, anzunehmen, daB die verwen-
dete Ubersetzung in Zusammenhang mit Rudolf Steiner entstanden ist.
148
In dem ersten Satz der «Stimme der Stille» wird von den niederen
Seelenkraften (Iddhis oder Siddhis) gesprochen. Und es wird auf «Ge-
fahren dieser Seelenkrafte» hingedeutet. Zunachst mochte ich bemer-
ken, daB gerade das kleine Werkchen, die «Stimme der Stille» dazu
bestimmt ist, als Meditationsstoff zu dienen. Es ist ganz aus okkultem
Wissen heraus geschrieben. Und okkultes Wissen ist lebendiges Wissen,
das heiBt, es wirkt als Kraft auf den ganzen Menschen, wenn dieser
sich meditierend damit durchdringt. Aber, wie ich schon einmal ge-
sagt habe, es handelt sich dabei nicht um ein verstandesgemaBes Auf-
nehmen und Zergliedern dieses Wissens, sondern um eine vollige Hin-
gabe an dasselbe. Nur wem es gelingt, das BewuBtseinsfeld fur kurze
Zeit ganz frei zu bekommen von alien Eindriicken des Alltags und sich
ganz und gar fur diese Zeit zu erfullen mit dem Meditationsgedanken,
der erhalt die Frucht des Meditierens.
Ich mochte nun auf einiges hinweisen, was als okkultes Wissen der
«Stimme der Stille» zu Grunde liegt. Aber ausdriicklich muB ich be-
merken, daB es sich nicht darum handelt, solches Wissen in den Augen-
blicken der Meditation in die Satze der «Stimme der Stille» hinein-
zuspekulieren, sondern darum, daB man dieses Wissen in Zeiten, die
auBerhalb der Meditation liegen, sich aneignet. Dann wird dasselbe
ein Bestandstiick unserer Seele und es wirkt in uns, auch wenn wir es
uns nicht in ausfuhrlichen Gedanken wahrend der Meditation ausein-
anderlegen.
Alle wirklich okkulten Satze beruhen auf der Erkenntnis der Wel-
tenentwickelung und sind aus dem Wissen heraus geschrieben, das den
Menschen im Einklang sieht mit dem Einen All-Leben, das sich in
immer neuen Formen auslebt. Der Mensch aber soil sich selbst als eine
dieser Formen erkennen. Er soli einsehen lernen, daB die Entwicke-
lungsvorgange einer langen Vergangenheit in sein Wesen eingeflossen
sind, und daB er selbst die Ubergangsform zu hoheren Zustanden
bildet.
So wie der Mensch heute ist, besteht er aus einer Reihe von Korpern,
dem physischen, dem astralen, dem unteren Geistkorper, dem hoheren
149
Geistkorper. Und noch hohere Korper sind in ihm vorlaufig bloB an-
gedeutet. Nun versteht sich der Mensch erst recht, wenn er weiB, daB
die genannten Korper nicht etwa alle in dem gleichen Grade voll-
kommen entwickelt sind. Denn wenn auch zum Beispiel der astralische
Korper als solcher hoher steht als der physische, so ist doch der heutige
astralische Korper des Menschen tiefer stehend als sein physischer
Korper. Man muB unterscheiden zwischen Vollkommenheit in seiner
Art, und Vollkommenheit an sich. Des Menschen physischer Korper
ist heute in seiner Art auf einer gewissen Hohe der Vollkommenheit
angelangt, und er wird es vollends sein, wenn die gegenwartige soge-
nannte «Runde» unserer Erde zu Ende sein wird. Der Astralkorper
aber steht heute noch auf einem niederen Grade der Vollkommenheit,
und er wird erst in der 5. Runde so weit sein, wie in seiner Art der
physische Leib schon heute ist. Noch weiter zuriick in ihrer Art sind
dann die hoheren Korper. Man kann deshalb sagen: Der Mensch muB
noch viel an sich arbeiten, auf daB seine hoheren Korper so organisiert,
so durchgebildet werden, wie sein physischer Korper ist. Der Mensch
kann heute nicht im wesentlichen so viel an seiner physischen Organi-
sation siindigen wie er an seinen hoheren Korpern dies kann. GewiB,
man kann auch seine physische Organisation schadigen; aber das Scha-
digen der hoheren Korper bedeutet noch etwas ganz anderes. Denn
diese hoheren Korper sind noch in einer Art Embryonalzustand, und wir
wirken, indem wir auf sie wirken, auf Anlagen, nicht auf Organe, die
im Reiche der Natur bis zu einem gewissen Grade ihre fertige Form
erlangt haben. Wie wir denken, wie wir empfmden, fiihlen und wiin-
schen, so organisieren wir unsere hoheren Korper. Wir tun das in der
gleichen Art, wie es Naturkrafte vor lange hinter uns liegenden Zeit-
raumen taten, als sie aus niederen Gebilden unsere physischen Organe,
unsere Lunge, Herz, Augen, Ohren und so weiter bildeten. Als Fort-
setzer der Natur auf den hoheren Planen (Ebenen) haben wir uns
anzusehen. DaB wir unsere Gedanken, Wiinsche, Empfindungen, Ge-
fuhle so lenken, damit wir selbst unsere hoheren Korper in der Art
organisieren, wie die Natur unseren physischen Korper organisiert
150
hat: dazu sind solche Anleitungen wie die «Stimme der Stille». Und
wir bringen uns in die rechte Entwickelungsrichtung, wenn wir in der
Meditation solche Satze auf uns wirken lassen. Denn diese Satze sind
eben geistige Naturkrafte, die uns leiten, und durch die wir uns selbst
leiten. Leiten wir uns durch sie, dann organisieren sich unsere hoheren
Korper, und wir erhalten Sinnes- und Tatorgane fur die hoheren Plane,
wir werden sehend, horend und handelnd auf diesen hoheren Planen,
wie wir durch die Naturkrafte sehend, horend und handelnd auf dem
physischen Plan geworden sind. Es ist einzusehen, daB bei solcher Ent-
wickelung «Gefahren» vorhanden sind. Die sogenannten niederen See-
lenkrafte bilden diese Gefahren, wenn nicht die geistige Kraft in die
entsprechende Richtung gelenkt wird. Um diese Richtung zu erzielen,
ist «Stimme der Stille» geschrieben.
Es ist auch eine Gefahr fur den Menschen, wenn er sich ein un-
richtiges Gefiihl fur den Satz aneignet, daB die «auBere Welt» eine
bloBe Scheinwelt ist. Das ist gewiB in einer Richtung wahr. Aber der
Mensch ist nicht dazu berufen, sich von dieser «auBeren Welt» zuriick-
zuziehen und sich in hohere Welten zu fluchten. Wir sollen in die hohe-
ren Welten uns Einblick verschaffen; aber wir sollen uns klar dariiber
sein, daB wir in diesen hoheren Welten die Ursachen suchen sollen fur
Wirkungen, die in unserer physischen Welt zur Zeit liegen. Wir sollen
uns stets vorhalten, daB wir in unseren eigenen Geist uns zu vertiefen
haben. Durch solche Vertiefung lernen wir den Geist verstehen, der
auBer uns durch jedes Blatt, durch jedes Tier, durch jeden Menschen
zu uns spricht. Aber falsch ware es, wenn wir den Geist suchten und
seine Organe miBachteten, und die Organe des Geistes sind die Erschei-
nungen und Vorgange dieser Welt. Die Antriebe, die Motive zum Wir-
ken in dieser Welt sollen wir von hoheren Planen holen; das Wirken
selbst muB zwischen Geburt und Tod in dieser Welt liegen. Wir sollen
die Welt nicht verachten, sondern lieben; aber wir sollen sie nicht
lieben so, wie sie den bloBen physischen Sinnen erscheint, sondern wir
sollen taglich, stundlich lernen, wie sie ein Ausdruck des Geistes ist.
Uberall suche man im Sinne des dritten Satzes der «Stimme der Stille»
151
den auf hoherem Plane liegenden «Hervorbringer». GewiB, dadurch
wird die Sinnenwelt zur Scheinwelt. Aber nur insofern, als der Mensch
sie gewohnlich ansieht. Zum Beispiel: Wir sehen einen Verbrecher.
So wie einen solchen die meisten Menschen ansehen, so sehen sie nur
Schein. Wir lernen das Wahre an dem Verbrecher kennen, wenn wir
mit einem Blick ihm gegeniibertreten, der an den hdheren Welten ge-
scharft ist. Wenn wir tief hineinschauen in das Weltgetriebe, dann
andern sich alle unsere Gefiihle, alle unsere Empfmdungen gegemiber
der uns umgebenden Wirklichkeit. Und durch solche Erkenntnis wer-
den wir tuchtig fiir die wirkliche Welt, in der wir leben. Wir miissen
immer mehr und mehr einsehen, daB wir viel weniger zunachst dazu
berufen sind, die Welt zu korrigieren, als unsere Schein-Ansichten von
der Welt zu korrigieren. Erst dann konnen wir bessernd in die Welt
eingreifen, wenn wir uns selbst dadurch gebessert haben, daB wir von
falschen zu wahren Ansichten uns durchgerungen haben. Deshalb steht
in der «Stimme der Stille»: «Nur dann, erst dann,
…[truncated]