Die Wissenschaft vom Werden des Menschen

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTR AGE 

VORTRAGE vor mitgliedern 

DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



i 



RUDOLF STEINER 



Die Wissenschaft 
vom Werden des Menschen 

Neun Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 17. August bis 2. September 1918 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Robert Friedenthal 



1. Auflage in dieser Zusarnmenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1967 
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 

Einzelausgaben siehe Seite 189 



Bibliographie-Nr. 183 

Zeichnungen im Text nach Skizzen im Stenogramm, ausgefuhrt von Assja Turgenieff. 
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
Printed in Germany by Kooperative Diirnau, Diirnau 

ISBN 3-7274-1830-3 



7Lu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dal$ seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa- 
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte H6- 
rernachschriften angef ertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 201 



Erster Vortrag, Dornach, 17. August 1918 9 

Die drei Grundiibel der gegenwartigen Menschheitskultur: Borniertheit, 
Philistrositat und Ungeschicklichkeit 

Zweiter Vortrag, 18. August 1918 29 

Die Aura des Menschen. Erinnerung und Liebe 

Dritter Vortrag, 19. August 1918 44 

Die Ziele der Eingeweihten des Ostens, des Westens und des Jesuitismus. 
Ahrimanische Damonisierung der Menschheit durch die Technik 

Vierter Vortrag, 24. August 1918 59 

Das dreifache Sonnenmysterium der alten Zeit. Das Geheimnis des 
Christus Jesus und das Mysterium vom dreifachen Menschen 

Funfter Vortrag, 25. August 1918 75 

Das Wesen des dreigeteilten Menschen. Die zwolf Sinne. Der Sozialismus. 
Apollonius von Tyana 

Sechster Vortrag, 26. August 1918 97 

Die menschliche Seele im Verhaltnis zur Seelenwelt. Die Gliedmafien als 
Gedanken der hoheren Hierarchien. Das Verlorengehen der Geist- 
Erkenntnisse der alten Mysterien. 

Siebenter Vortrag, 31. August 1918 122 



Die Kluft zwischen Idealismus und Realismus. Die Bildung der Sprache 
aus der kosmischen Vernunft. 



Achter Vortrag, 1. September 1918 144 

Die pythagoraische Schule und die Liigenhaftigkeit der damaligen Welt. 
Das Zerstauben von Worten nach dem Tode. Die Wesensglieder des 
Toten. 

Neunter Vortrag, 2. September 1918 159 

Zeit und Raum. Die Perspektivitat der Zeit. Das Hereinwirken von 
Ahriman und Luzifer in den Menschen 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 189 

Hinweise zura Text 189 

Namenregister 199 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben (Marie Steiner 1940) 201 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 205 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 207 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 17. August 1918 

DaB es mir die tiefste Befriedigung gewahrt, die Arbeit in Ihrer Mitte 
an diesem unserem Bau und um unseren Bau herum hier wiederum 
aufnehmen zu konnen, das werden Sie mir wohl ohne weiteres glau- 
ben. Es ist ja tatsachlich so, daB heute nicht nur bei tieferem Nach- 
denken, sondern, man darf sagen, schon bei oberflachlicherem Nach- 
denken demjenigen, der der ganzen Aura dieses Baues nahegetreten 
ist, der Gedanke aufgehen konnte, daB mit diesem Bau doch etwas 
verkniipft ist, was mit den bedeutungsvollsten, schwerwiegendsten 
Aufgaben der Menschenzukunft zusammenhangt. Und nach langerer, 
erzwungener Abwesenheit ist es ja selbstverstandlich, daB man sich 
mit tiefster Befriedigung wiederum an der Statte befindet, an der dieser 
Bau als ein Symbolum unserer Sache steht. 

Zu dem Gesagten darf ich wohl hinzufiigen, daB fur mich besonders 
jedesmal, wenn ich jetzt nach langerer Abwesenheit wiederkomme, 
die tiefste Befriedigung daraus resultiert, daB ich ja immer dann sehen 
kann, wie schon und wie bedeutungsvoll die Arbeit an diesem Bau 
durch die hingebungsvolle Tatigkeit der am Bau Arbeitenden weiter 
gefordert worden ist. Insbesondere in diesen Monaten meiner letzten 
Abwesenheit, wo ja unter so schwierigen Verhaltnissen gearbeitet 
worden ist, ist ja gerade ein Teil der kiinstlerischen Arbeit in einer 
unvergleichlichen Weise fortgeschritten, fortgeschritten in dem Geiste, 
der dieses Ganze durchdringen soil. 

Aber auch mit tiefer Befriedigung sehe ich bei Verfolgung des 
Geistes unserer Arbeit, bei Verfolgung desjenigen, was hier entsteht, 
das Verbundensein treuer Gesinnung bei vielen unserer Freunde, 
treuer Gesinnung gegeniiber dem, was sich gerade in diesem Bau ver- 
korpert. Und dasjenige, was dann beim Wieder-auf-sich-wirken- 
Lassen dieser Sache der Seele sich offenbart, das ist doch, daB hier eine 
Statte vorhanden ist, mit welcher verbunden ist eine solche treue 
Gesinnung einer Anzahl von Freunden unserer geistigen Bewegung, 
einer solch treuen Gesinnung, die da verspricht, daB sich die besten 



Impulse unserer geistigen Bewegung in die Zukunft der Menschheit 
hinein halten werden, der sie so notwendig sein werden. Es gibt schon 
innerhalb gerade der diesem Bau gewidmeten Arbeit etwas, was Vor- 
bild sein konnte fiir dasjenige, was im allgemeinen mit dem, was sich 
unter uns heute Anthroposophische Gesellschaft nennt, eigentlich 
gewollt ist. 

Aber ich habe auf der andern Seite vielfach wiederum das Gefiihl, 
daB das Giinstige, das bedeutungsvoll Gute, das man hier im Zusam- 
menwirken von Menschenarbeit und Menschengefiihl mit diesem Bau 
finden kann, gerade darinnen besteht, daB dieser Bau etwas ist, was 
gewissermaBen in seiner Objektivitat das, was durch unsere Bewegung 
gewollt wird, loslost von den subjektiven Interessen der einzelnen 
Menschen. 

Uber dieses jetzt eben Beruhrte waren ja - und sind - in alien ahn- 
lichen Gesellschaften, auch in der Anthroposophischen Gesellschaft, 
gewisse merkwiirdige Anschauungen vorhanden, die eigentlich nichts 
anderes sind als merkwiirdige Illusionen. Man predigt viel von Selbst- 
losigkeit, von allgemeiner Menschenliebe; aber das sind oftmals bloBe 
Masken fiir gewisse, nur raffinierte egoistische Interessen der einzel- 
nen Menschen. GewiB, die einzelnen Menschen wissen nicht, daB es 
sich fiir sie um bloBe egoistische Interessen handelt, sie sind vor ihrem 
eigenen BewuBtsein gewissermaBen unschuldig; aber es ist doch so. 
Der Bau selbst verlangt aber von einer schon ziemlich groBen Anzahl 
unserer Freunde eine selbstlose Hingabe an etwas Objektives, an 
etwas, was als ein von jeder einzelnen Personlichkeit losgelostes 
Symbolum unserer Sache dasteht. Und insoferne wird wohl dasjenige, 
was mit diesem Bau zusammenhangt, vorbildlich sein konnen fiir das, 
was unsere Bewegung will. 

Meine lieben Freunde, wenn wir uns so wie heute wiederum be- 
griiBen, da diirfen wir insbesondere die Blicke richten auf das Frucht- 
bare und Umfassende dieser unserer geistigen Bewegung, und wir 
diirfen bei einer solchen BegriiBung bedenken, daB es uns ernst sein 
kann mit dem Glauben : Wie es auch immer geschehen mag - das Wie, 
das kann ja noch so oder so, je nach den Verhaltnissen sich abspielen 
aus der furchtbaren Sackgasse, in welche die Menschheit hineingeraten 



ist in der Gegenwart, wird sie nicht friiher herauskommen, als bis sie 
sich entschlieBt, in irgendeiner Weise Anknupfungspunkte zu suchen 
fur fruchtbares Wirken, fruchtbares Tun innerhalb einer solchen gei- 
stigen Bewegung, wie es die unsrige ist. Wir werden ja ganz gewiB 
nicht in egoistischer Weise darauf bestehen, die Wahrheit gerade nur 
innerhalb unseres engen, beschrankten Kreises zu haben; aber wir 
diirfen uns in einem Kreise zusammengehorig wissen, welcher er- 
kennt, daB die Menscheit wegen des Vernachlassigens ihrer Geistes- 
substanz sich in diese furchtbare Lage der Gegenwart gebracht hat. 
Wissen konnen wir uns als solche Menschen, die vereint sind mit 
jenen Ideen, die einzig und allein hinausfuhren konnen aus der Sack- 
gasse, in welche die Menschheit gekommen ist. 

Es ist ja in den Seelen der heutigen Menschen ungemein vieles un- 
geklart. Wenn man wiederum da und dort sich hat unterrichten kon- 
nen iiber die Bediirfnisse, die obwalten nach unserer geistigen Bewe- 
gung, so kann man auf der einen Seite sagen: Ja, es sind doch die 
Seelen derjenigen, die da diirsten nach jenem spirituellen Leben, das 
wir meinen, der Zahl nach in starker Zunahme begriffen. Die Sehn- 
sucht nach solchem spirituellem Leben, sie hat sich, das darf wohl ge- 
sagt werden, ungeheuer vergroBert. Die Aufmerksamkeit, welche 
entgegengebracht wird unseren Impulsen, sie ist unstreitig in den 
letzten Jahren auch eine groBere geworden, wenigstens auf den Ge- 
bieten, die mir in auBerlicher Weise in diesen letzten Jahren und ins- 
besondere in den letzten' Monaten zuganglich waren. Auch das wird 
nicht ganz bedeutungslos sein, zu bemerken, daB eine solche Ver- 
groBerung und Verstarkung dieser Sehnsucht der Menschenseelen 
nach dem spirituellen Leben ganz deutlich vorhanden ist. AUerdings 
steht dieser Verstarkung und Verscharfung der Sehnsucht nach dem 
spirituellen Leben das andere gegeniiber: jene furchtbare Beirrung, 
unter welcher der weitaus groBte Teil der Menschheit leidet, jene 
furchtbare Beirrung, welche durch die altuberkommenen Ideen, oder 
man konnte besser sagen, durch die altiiberkommene Ideenlosigkeit 
innerhalb der Menschheit bewirkt wird, die, man mochte sagen, Be- 
quemlichkeit gegeniiber jedem starken, jedem scharfen Gedanken, 
jene Bequemlichkeit, die einfach herruhrt aus der Laxheit, aus der 



Tragheit, mit der das Gedankenleben seit vielen Jahrzehnten iiber die 
Erde hin gefiihrt worden ist. Diese Laxheit, diese Tragheit beirrt die 
Seelen in dem vor handenen Sehnen nach dem spirituellen Leben. Auf 
der einen Seite stecken die Menschen drinnen in einer wirklichen Sehn- 
sucht nach Geistigkeit, nach ubersinnlichen, starken Impulsen. Auf 
der andern Seite werden die Seelen niedergehalten von all jenen alten 
Machten, die nicht abtreten mogen vom Schauplatz des Menschen- 
wirkens und die doch sehen konnten aus dem, wie weit sie es gebracht 
haben, daB sie nicht mehr auf diesen Schauplatz des Menschenwirkens 
gehoren. Man mochte sagen, daB man diesen dunkeln Eindruck, diesen 
zwiespaltigen Eindruck uberall hat. 

Ich habe ja unter unseren Mitgliedern an manchen Orten, in Ham- 
burg, in Berlin, in Munchen, vielfach, in Ankniipfung an durch Licht- 
bilder wiedergegebene Darstellungen, von unserer Gruppe gespro- 
chen, die an der Hauptstelle unseres Baues stehen soil. Man konnte auf 
der einen Seite sehen, wie tatsachlich machtige Impulse in die Seelen 
auch derjenigen hineingehen, die durch die Verhaltnisse der letzten 
Jahre niemals einen Blick werfen konnten auf das, was hier geschieht. 
Ein neues Menschenverstandnis geht schon aus von der ArtundWeise, 
wie das Ahrimanisch-Luziferische mit dem Christlichen zusammen 
gedacht wird und dargestellt, geoffenbart wird durch unsere Gruppe. 
Es ergreift die Seelen, wenn das, was durch diese Dinge gegeben wird, 
an diese Seelen herantritt. Allein, auf der andern Seite zeigen sich uber- 
all die hemmenden Einfliisse dessen, was als Uberbleibsel des Alten, 
Verfaulten am sogenannten Kulturleben sich iiber die Menschheit 
verbreitet. 

Das hat man ja insbesondere sehen konnen an der, man darf wahr- 
haftig im tiefsten Sinne sagen, humoristischen Art, wie den Vortragen 
begegnet wurde, die ich im Kunsthause unseres Freundes, des Herrn 
von Bernus in Munchen gehalten habe, workmen ich versuchte, die 
inneren Impulse unserer hier betatigten Kunstanschauung einem 
groBeren Publikum nahezubringen. Ja, Interesse hat das bei den Leu- 
ten auBerordentlich viel erregt, denn ich habe im Februar und im Mai 
solche Vortrage in Munchen gehalten, und ich muBte jeden dieser 
Vortrage zweimal halten; Herr von Bernus aber versicherte mir, es 



waren so viel Anfragen da, daB ich jeden dieser Vortrage vor einem 
offentlichen Publikum, worin ich die Prinzipien meiner Kunstan- 
schauung, wie sie hier in dem Bau zutage treten, dargelegt habe, hatte 
viermal halten konnen. Interesse war schon da. Aber da, wo man 
selbstverstandlich unfroh sein wiirde, wenn Zustimmung vorhanden 
ware, bei der Miinchner Zeitungskritik, da war, man kann schon sa- 
gen, in edelstem Sinne humoristisches Zahnefletschen da. Es war ins- 
besondere humoristisch, weil der innere Groll gegen etwas, was man 
gar nicht verstehen konnte, sich da so geltend machte: Es war alles 
solch - nicht gesprochenes, sondern gespieenes Zeug ! Verzeihen Sie 
den harten Ausdruck. Und es zeigte sich gerade an dem Interesse, das 
der Sache entgegengebracht wurde, worinnen Ehrlichkeit und Auf- 
richtigkeit sich aussprach, im Gegensatze zu dem, was aus diesem 
Kunstmittelpunkte sonst sich zeigte — das ist ja Miinchen selbstver- 
standlich, nicht wahr, das ist ja bekannt -, es zeigte sich also, wie in 
diesem Kunstmittelpunkte sowohl das verstandigste als auch das un- 
verstandigste Zeug geredet wurde. Gerade an dieser Diskrepanz 
zeigte sich an einem Beispiel, wie diese zwei Stromungen, von denen 
ich Ihnen sprach, in der Gegenwart vorhanden sind ; wie wir wirklich 
uns bewuBt sein durfen, in etwas ganz Wesentlichem und Wichtigem 
drinnenzustehen, das fur die Welt, fur die Zukunft zu erkampfen ist. 

Ich sage das alles sicher nicht deshalb, weil ich irgendwie anstreben 
wiirde, wenn die Dinge in die OrTentlichkeit treten, wie man sagt, eine 
«gute Presse» zu bekommen; denn ich wiirde in dem Augenblicke, wo 
eine «gute Presse» auftritt, glauben : Da muB selbstverstandlich irgend 
etwas nicht richtig sein, da muB irgend etwas Falsches auf unserer 
Seite geschehen sein. 

Alle diese Dinge sind ja geeignet, in uns das BewuBtsein hervorzu- 
rufen, daB wir gar sehr notig haben, mit aller Entschiedenheit auf dem 
Boden unserer Sache zu stehen. Denn nichts konnte uns in schlimmere 
Verwirrung hineinfiihren, als wenn wir irgendwelche Kompromisse 
schlieBen wollten mit dem, wovon die AuBenwelt meint, daB es das 
Richtige ware fur uns. Nur in den Prinzipien unserer Sache selbst 
miissen wir dasjenige finden, was uns die Richtung fur unser Tun 
angibt. 



Auch fur so etwas, das mehr mittelbar mit unserer Sache zusammen- 
hangt, aber doch innerlich zusammenhangt, auch fur die Eurythmie 
hat sich ja in der letzten Xeit ein immer steigendes Interesse an den 
verschiedensten Orten gezeigt. Und wenn wir, die wir da waren, uns 
erinnern, wie zum Beispiel gerade die Eurythmie in einem Orte auf- 
genommen worden ist, wo sie fast noch gar nicht gesehen worden ist, 
wo sie zum Teil sogar etwas Neues war fur diejenigen, die sie gesehen 
haben, in Hamburg, so muB man sich wirklich an die Art, wie da die 
Sache aufgenommen wurde, mit einer tiefen Befriedigung erinnern. 
Gerade in Hamburg konnte man sehen, wie bedeutungsvoll die Im- 
pulse sind, die auch von einer solchen Sache ausgehen konnen. Und 
da waren Leute, die eigentlich im Grunde zum erstenmal so recht 
einen eurythmischen Wurf gesehen haben. Und es wird vielleicht auch 
fur die Eurythmie die Moglichkeit kommen, mit ihr in die Offentlich- 
keit einzutreten. Aber gerade dann miissen wir mit solch einer Sache 
auf dem allerfestesten Boden stehen, nichts anderes tun, als was ledig- 
lich aus unserer Sache selbst heraus folgt. Sonst wiirde sich sehr bald 
zeigen, daB von einem gewissen Punkte ab niemand glauben darf, daB 
ich in einer gewissen Sache, wenn es auf mich selbst ankommt, bieg- 
sam bin. Die meisten von Ihnen wissen schon, daB ich selbstverstand- 
lich iiberall da, wo es nicht auf etwas Prinzipielles ankommt, sondern 
wo es darauf ankommt, menschlich zu sein, das Menschliche in den 
Vordergrund zu stellen, in jeder Weise mit alien Menschen mitgehe - 
aber wo es an die Grenze kommt, daB auch nur im geringsten irgend 
etwas Prinzipielles verleugnet werden rmiBte, da wiirde ich mich nicht 
als biegsam erweisen. Wenn also in der jetzigen Zeit, wo so vieles an 
Tanzerei gesehen werden kann - denn iiberall wird ja getanzt, das ist 
ja ganz schrecklich, man konnte an jedem Abend, wenn man in einer 
groBeren Stadt wohnt, einen Tanzabend mitmachen, wo iiberall 
schaugetanzt wird -, wenn man da glauben wiirde, und ich sage diese 
Sache nicht so ohne Begriindung, obwohl ich auf nichts Konkretes 
hinweise, daB, wenn diese unsere Eurythmie jetzt vor die Offentlich- 
keit treten wiirde, wir irgendwie uns binden sollten an eine journa- 
listische Verstandnislosigkeit, die irgendwelche Anforderungen stellte, 
so wiirde ich mich in der ganz entschiedensten Weise dagegen ver- 



wahren. Dasjenige, was Geschmacksrichtung ist, was Geschmacks- 
tendenz ist, muB lediglich aus unserer Sache selbst hervorgehen. 

Wir miissen uns manchmal auch erinnern, insbesondere wenn wir 
uns wieder begriiBen, an das aus dem Willen folgende, notwendige, 
geradlinige Sich-Bewegen nach MaBgabe unserer spirituellen Impulse. 
Diese spirituellen Impulse werden ja gegen manches zu kampfen ha- 
ben. Man kann heute nicht mehr bloB sagen Vorurteil, derm die Dinge 
wirken zu stark, als daB man sie mit dem schwachen Wort Vorurteil 
belegen konnte; diese Impulse, die werden gegen mancherlei zu kamp- 
fen haben. Immer wieder und wiederum muB ja hingewiesen werden 
auf die groBe Krankheit unserer Zeit, welche in der Ziigellosigkeit 
gegeniiber dem Gedankenleben besteht. Denn das Gedankenleben ist 
schon ein spirituelles Leben, wenn man es richtig erfaBt. Und weil die 
Menscheit so wenig sich an das Gedankenleben halten will, findet sie 
so wenig den Weg in spirituelle Welten hinein. Und ich muB schon 
von der verschiedensten Seite immer wieder und wieder eines beriih- 
ren : Man halt heute furchtbar viel von dem bloBen Inhalt der Gedan- 
ken. Aber der Inhalt der Gedanken ist an den Gedanken das am aller- 
wenigsten Wichtige. Nicht wahr, ein Weizenkorn ist ein Weizenkorn; 
es laBt sich nicht bestreiten. Aber mag ein Weizenkorn auch ein Wei- 
zenkorn sein: Wenn Sie ein Weizenkorn in einen guten, fruchtbaren 
Weizenboden hineinsenken, so bekommen Sie eine saftige Weizen- 
ahre daraus ; wenn Sie ein Weizenkorn in einen ganz unfruchtbaren, 
steinigen Boden hineinsenken, bekommen Sie entweder gar nichts 
oder eine sehr korrupte Weizenahre. Jedesmal haben Sie es mit einem 
Weizenkorn zu tun. 

Sagen wir jetzt etwas anderes statt Weizenkorn. Sagen wir statt 
Weizenkorn «Idee der freien Menschheit», von der ja heute so viel 
gesprochen wird; «Idee der freien Menschheit» ist «Idee der freien 
Menschheit », wird mancher sagen. Das ist geradeso wie : Weizenkorn 
ist Weizenkorn. Es ist ein Unterschied, ob «Idee der freien Mensch- 
heit» in einem Herzen, in einer Seele gedeiht - ganz genau dieselbe 
Idee mit derselben Begriindung -, wo dieses Herz und diese Seele 
fruchtbarer Boden ist, oder ob die «Idee der freien Menschheit» in 
Woodrow Wilsons Kopf gedeiht! So wenig wie ein Weizenkorn ge- 



deihen kann, wenn es in einen steinigen Boden oder gar in den Felsen 
hineingesenkt wird, so bedeuten all die sogenannten schonen Ideen, 
die in den Programmen Woodrow Wilsons vorkommen, nichts, wenn 
sie aus diesem Kopfe kommen. Allein dies ist etwas, was der gegen- 
wartigen Menschheit so unendlich schwer wird einzusehen, weil die 
gegenwartige Menschheit eben der Anschauung ist : Man halt sich an 
den Inhalt von Programmen, an den Inhalt von Ideen. Aber der Inhalt 
von Programmen, der Inhalt von Ideen, der hat ebensowenig eine 
Bedeutung, als die Keimkraft eines Weizenkorns eine Bedeutung hat, 
bevor dieses Weizenkorn in einen gerade fur es fruchtbaren Weizen- 
boden gesenkt wird. 

Real denken, das ist dasjenige, was der Menschheit so ungeheuer not 
tut. Und mit dem Unrealdenken der Gegenwart hangt etwas anderes 
zusammen, hangt zusammen, daB die Menschheit fast von alien Er- 
eignissen iiberrascht wird. Man kann schon die Frage aufwerfen : Von 
was ist denn die Menschheit nicht iiberrascht worden in den letzten 
Jahren? - Von allem ist sie iiberrascht worden, und sie wird weiter 
noch viel mehr iiberrascht werden, als sie iiberrascht ist. Aber die 
Menschheit laBt sich ja nicht irgendwie auf dasjenige ein, was wirksam 
ist in der Welt. Daher ist es auch heute unmoglich, fur irgendeine Sache 
die Menschheit zu irgendeiner Voraussicht zu bringen. 

Wenn man mit bloBen Ideen arbeitet, dann kann man von alien 
Seiten alles durch alles begriinden. Wenn man mit dem bloBen Inhalt 
von Ideen arbeitet, kann man wirklich alles mit allem begriinden. Auch 
das ist etwas, was im Grunde genommen immer mehr und mehr und 
immer tiefer und tiefer eingesehen werden muB, was aber nicht einge- 
sehen werden will. 

Gewohnlich, wenn man von solchen Dingen spricht und dann Bei- 
spiele anfiihrt, findet man keinen rechten Glauben, weil die Beispiele 
zu grotesk sich ausnehmen. Aber von solchen Dingen, die in so 
grotesken Beispielen zutagetreten, ist unser ganzes gegenwartiges 
Seelen- und Geistesleben durchschwirrt. Ich weiB, daB gar mancher 
vielleicht mit Groll zuhort, wenn ich Ihnen eine recht ausgefallene 
Idee als ein Beispiel anfiihre, Ich will eine ganz ausgefallene Idee 
anfuhren. 



Da ist ein Uriiversitatsprofessor, ein alter, angesehener Universitats- 
professor auf die Tatsache gestoBen, daB Goethe in seinem langen 
Leben Neigungen gehabt hat fur verschiedene Frauen. Darauf ist also 
ein Universitatsprofessor gestoBen, der sich zur Aufgabe gemacht hat, 
Goethes Leben und das Leben der mit ihm zusammenhangenden Gei- 
ster griindlich zu studieren. Und siehe da, selbstverstandlich hat er, 
trotzdem er nicht gerade ein europaischer Universitatsprofessor ist, 
es sich zur Aufgabe gemacht, bei diesen Studien so griindlich zu Werke 
zu gehen, wie sonst in der Regel nur mitteleuropaische Universitats- 
professoren zu Werke gehen : er hat die ganze Galerie der Goetheschen 
Frauengestalten in ihrem Verhaltnis zu Goethe an seiner Seele Revue 
passieren lassen. Und was hat er herausgefunden? Fast wortlich kann 
ich es Ihnen anfuhren. Er hat herausgefunden: Was man iiber die je- 
weilig geliebte Frau in Goethes Leben sagen kann, das ist, daB jede fur 
Goethe eine Art Belgien war, gegeniiber welcher er die Neutralitat 
verletzte, und dann dariiber geseufzt hat, daB sein Herz blute, indem 
er iiber eine leuchtende Unschuld herfallen muBte. Aber er hat auch 
nicht vergessen, jedesmal wiederum wie der deutsche Kanzler zu be- 
haupten, daB das Gebiet der verletzten Neutralitat ein besseres Schick- 
sal verdient haben wiirde, daB aber er, Goethe, nicht anders gekonnt 
habe, da seine Bestimmung, die Rechte seines geistigen Lebens ihn 
verpflichteten, die Geliebte zu opfern, ja den Schmerz seines eigenen 
Herzens zu opfern auf dem Altar der Pflicht, die er habe gegen sein 
eigenes unsterbliches Ich. 

Nun, aus diesem Buche konnte ich Ihnen noch manche ausgefallene 
Idee hier vorlegen. Sie wiirden sagen : Wozu das ? - Aber es hat schon 
seine guten Griinde, denn derlei Ideen finden Sie heute uberallhin 
iiber die Erde zerstreut. Sie sind so, die Ideen der heutigen Menschheit. 
Und nicht umsonst zeigen sich solche Ideen da, wo der Extrakt des 
menschlichen Denkens in der Literatur auftritt, denn diese Anschau- 
ung wird vertreten von Santayana, dem Professor der Harvard-Univer- 
sitat in Amerika, einem sehr angesehenen Spanier, der sich aber ganz 
amerikanisiert hat, dessen Buch wahrend dieser Menschheitskatastro- 
phe geschrieben worden ist, und dessen franzosische Ausgabe einge- 
leitet worden ist von Boutroux, der kurz vor dem Kriege von Heidel- 



berg aus eine groBe Lobrede uber die deutsche Philosophic gehalten 
hat. Dieses Buch heiBt: «L/erreur de la philosophic allemande» und 
ist wahrhaftig nicht ein Zufallsbuch, sondern es ist ganz charakte- 
ristisch fur das Denken der Gegenwart, weil ja wirklich mit derselben 
Leichtigkeit, mit welcher der Professor Santayana die Verletzung der 
belgischen Neutralitat mit den Taten Goethes gegemiber verschiede- 
nen Frauen vergleicht, diese Menschheit das EntferntUegendste zu- 
sammenhalt. Denn diese Art des Denkens tritt Ihnen, wenn Sie wirk- 
lich beobachten konnen, auf alien Gebieten der sogenannten heutigen 
Wissenschaft entgegen. 

Es ist ja schon einmal die Aufgabe jener geistigen Impulse, denen 
unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewidmet ist, 
gegen drei Grundubel in der gegenwartigen sogenannten Mensch- 
heitskultur anzukampfen. Sie kann gar nicht anders, als gegen diese 
drei Grundubel anzukampfen. Das eine Grundubel zeigt sich auf dem 
Gebiete des Denkens, das andere auf dem Gebiete des Fuhlens, und 
das dritte auf dem Gebiete des Wollens. 

Auf dem Gebiete des Denkens ist es allmahlich dazu gekommen, daB 
die Menschen nur so denken konnen, wie dasjenige Denken verlauft, 
das eng an das physische Gehirn gebunden ist. Aber dieses Denken, das 
eng an das physische Gehirn gebunden ist, das sich nicht erheben will 
in freiem Aufschwung zum Spirituellen, das ist unter alien Umstanden 
dazu verurteilt, borniert zu werden, beschrankt zu werden. Und das 
bedeutungsvollste Kennzeichen, namentlich des gegenwartigen wis- 
senschaftlichen Denkens, ist die Borniertheit, ist die Beschranktheit. 
GewiB, man kann auf dem Felde des Beschrankten, des Bornierten 
GroBartiges leisten. Das tut zum Beispiel die gegenwartige Natur- 
wissenschaft. Aber zur Naturwissenschaft, wie sie heute gedacht wird, 
ist ja keine Genialitat notwendig. Also : Borniertheit, Beschranktheit, 
das ist dasjenige, was namentlich auf intellektuellem Gebiete be- 
kampft werden muB. Ich will heute mehr skizzieren, wir werden diese 
Dinge genauer besprechen. 

Auf dem Gebiete des Fuhlens handelt es sich darum, daB die Mensch- 
heit allmahlich zu einer gewissen Philistrositat gekommen ist - man 
kann das nicht anders nennen Engherzigkeit, Philistrositat, Einge- 



schranktheit auf gewisse engumgrenzte Kreise. Das ist ja das haupt- 
sachlichste Kennzeichen des Philisters, daB er sich nicht fur groBe 
Weltenzusammenhange interessieren kann. Kirchturmpolitiker sind 
immer Philister. Das kann naturlich auf dem Gebiete der Geisteswis- 
senschaft nicht genugen, denn da kann man sich nicht auf die engsten 
Kreise beschranken. Man muB sich sogar fur das AuBerirdische, man 
muB sich fur sehr weite Kreise interessieren. Und die Leute argert es 
ja, wenn jemand auch nur vorgibt, fur so weite Kreise wie Mond, 
Sonne, Saturn, etwas wissen zu wollen. Aber die Philistrositat muB 
schon auf alien Gebieten der Nichtphilistrositat weichen, wenn Gei- 
steswissenschaft durchdringen soli. Das ist manchmal nicht bequem, 
denn das fordert ruckhaltloses Sich-der-Sache-Gegemiberstellen, und 
ein mehr vorurteilsloses Sich-der-Sache-Gegenuberstellen. 

Da ist j a in der letzten Zeit einmal etwas recht Niedliches gerade auf 
unserem Boden passiert; aber ich habe vorgebeugt, es ist nichts 
Schlimmes passiert, es hatte nur etwas passieren konnen ! Ich habe - 
Sie werden sich daran noch aus den vorjahrigen Zurcher Vortragen 
erinnern - unter den verschiedenen Beispielen, wie aus der Natur- 
wissenschaft selber eine Art Uberwindung des Darwinismus heraus- 
wachsen kann, auf das ausgezeichnete Buch «Das Werden der Orga- 
nismen» von Oscar Hertwig hingewiesen. Ich habe hier und sonst 
uberall, wo ich nur Gelegenheit gefunden habe, auf dieses ausgezeich- 
nete Buch hingewiesen. Nun erschien sehr bald nach diesem Buch ein 
kiirzeres Buch, worin derselbe Oscar Hertwig iiber das soziale, das 
ethische und das politische Leben spricht, und ich hatte mir schon 
gedacht: Da kann passieren, daB einzelne unserer Mitglieder, wenn sie 
gehort haben, daB ich gesagt habe, das Buch von Oscar Hertwig «Das 
Werden der Organismen» sei ein ausgezeichnetes Buch, nun glauben, 
daB ich denselben Oscar Hertwig fur eine unfehlbare Autoritat an- 
sehe. Dieses Buch, das als zweites erschienen ist von Oscar Hertwig, 
ist ein Buch, das nichts taugt, ein Buch, das herriihrt von einem Men- 
schen, der auf dem Gebiete, um das es sich da handelt, auf dem Ge- 
biete des sozialen, des ethischen, des politischen Lebens absolut keinen 
einzigen ordentlichen Gedanken fassen kann. Ich fiirchtete schon, daB 
einzelne unserer Mitglieder nun hatten finden konnen, daB auch dieses 



Buch irgendeinen Wert haben konnte, weil es von demselben Oscar 
Hertwig herriihrt. So muBte ich denn vorbauen und habe auch iiber- 
all, wo ich bisher die Gelegenheit ergreifen konnte, sie ergriffen, um 
darauf aufmerksam zu machen, daB ich dieses zweite Buch desselben 
Verfassers, der ein ausgezeichnetes naturwissenschaftliches Buch ge- 
schrieben hat, fur ein ganz unfruchtbares, torichtes Zeug halte, von 
einem Menschen, der gar nicht die Moglichkeit hat, iiber die Dinge zu 
reden, iiber die er da redet. Bequem das eine aus dem andern zu fol- 
gern, ohne sich jedesmal den Tatsachen aufs neue vorurteilslos gegen- 
iiberzustellen, das laBt unsere anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft nicht zu. Die fordert eben wirklich von den Menschen 
eine Priifung der Konkretheit gegeniiber jedem einzelnen Falle. 
Philistrositat ist etwas, was schwinden wird, wenn die Impulse der 
Geisteswissenschaft sich verbreiten. Das auf dem Gebiete des Fuhlens. 

Und auf dem Gebiete des Wollens, da ist es dasjenige, was so ganz 
besonders in der neueren Zeit im weitesten Sinne die Menschheit er- 
griffen hat und was ich doch nicht anders benennen kann denn als 
Ungeschicklichkeit. Durch das Eingeschranktsein desjenigen, was man 
lernt auf einem engen Kreis, kann der heutige Mensch in der Regel viel 
auf einem engen Kreise, und er ist ziemlich ungeschickt in bezug auf 
alles, was auBerhalb dieses Kreises liegt. Man kann heute Manner 
kennenlernen, die sich keinen Hosenknopf annahen konnen! Unge- 
schicklichkeit auBerhalb eines engsten Kreises, das ist dasjenige, was 
auf dem Gebiete des Willens insbesondere verbreitet ist. 

Wer nun nicht mit den bloBen abstrakten Gedanken, sondern mit 
der ganzen Seele bei dem ist, was man hier Geisteswissenschaft nennt, 
der wird sehen, daB diese Geisteswissenschaft in die Geschicklichkeit 
der Hande hineingeht, daB sie den Menschen geschickter macht, daB 
sie ihn geeignet macht, wirklich wiederum sein Interesse auf weitere 
Kreise, sein Wollen iiber eine weitere Welt auszudehnen. Naturlich ist 
gerade mit Bezug auf die Ungeschicklichkeit Geisteswissenschaft noch 
zu schwach, aber je starker wir sie aufnehmen, desto mehr wird sie 
eine Bekampferin sein der Ungeschicklichkeit. 

Also das ist es, was beim heutigen Aufnehmen der Geisteswissen- 
schaft, ich mochte sagen, als eine Trinitat ihr gegeniibersteht: Bor- 



niertheit auf intellektuellem Gebiete, Philistrositat, das heiBt Eng- 
herzigkeit auf dem Fiihlensgebiete, Ungeschicklichkeit auf dem Wil- 
lensgebiete. Und die drei liebt man heute, wenn man auch sich dessen 
nicht voll bewuBt ist. Nichts wird heute mehr geliebt in der ganzen 
Welt als Ungeschicklichkeit, Philistrositat und Borniertheit. Und in- 
dem man diese drei liebt, wird man nicht leicht vordringen konnen zu 
den groBen Aspekten, zu denen die Menschheit vordringen muB : zu 
den Aspekten, die sich an die Benennungen Ahriman und Luzifer 
ankniipfen. Und gerade hier ist etwas Wichtiges zu begreifen in unse- 
rer Zeit, denn in unserer Zeit ist unter mannigfaltigen andern Dingen 
auch ein sehr wichtiger Ubergang vom Luziferischen zum Ahrima- 
nischen. Und da sich dieser Ubergang nicht bloB sonstwo, sondern 
auch schon durchaus hier in der Schweiz zeigt, so kann man ja auch 
hier davon sprechen. Auf diesem Gebiet hat vielleicht hier das erste 
gerade durch schweizerische Gepflogenheiten weniger Bedeutung 
erlangt, aber das zweite, das hat alle Aussicht, gerade auf diesem Bo- 
den mehr Bedeutung zu erlangen. Die Menschheit ist namlich in bezug 
auf gewisse Dinge in einem Ubergang von luziferischen zu ahrimani- 
schen Untugenden, von luziferischen Kontraimpulsen in bezug auf die 
Entwickelung der Menschheit zu ahrimanischen Kontraimpulsen. 

Durchaus luziferisch geartet waren gewisse Impulse, die man in der 
friiheren Zeit im Erziehungswesen geltend machte. Man rechnete im 
Erziehungswesen - wir alle, als wir jung waren, mit Ausnahme der 
Jungsten unter uns, wissen ja das sehr genau - mit dem Ehrgeiz, mit 
der Eitelkek. Also man rechnete - vielleicht hier in der Schweiz 
weniger, aber sonst ziemlich viel in der Welt - mit dem Ehrgeiz und 
der Eitelkeit, mit Ordenswesen, Titelwesen und so weiter, nicht wahr ! 
Die ganze Laufbahn mancher Menschen war aufgebaut auf diesen 
luziferischen Impulsen der Eitelkeit, des Ehrgeizes, des Mehr-Geltens 
als ein anderer Mensch und so weiter. Versuchen Sie zuruckzudenken, 
wie das Erziehungswesen schon aufgebaut war auf diesen luziferischen 
Impulsen. 

In der Gegenwart strebt man danach, an die Stelle dieser luzife- 
rischen Impulse ahrimanische zu setzen. Sie hullen sich heute in das 
niedliche Wort «Begabtenpriifungen». Das will auf ahrimanischem 



Gebiete, was das Pochen auf den Ehrgei2 und die Eitelkeit schon bei 
dem Kinde auf luziferischem Gebiete war. Man strebt heute danach, 
die Begabtesten herauszufinden, diejenigen, die schon ohnedies in den 
Klassen am meisten konnen; aus denen sollen wiederum einzelne her- 
ausgezogen werden. Dann stellt man mit diesen Begabtenpriifungen 
an, Priifungen des Intellekts, Priifungen des Gedachtnisses, Priifun- 
gen der Auffassungsgabe und so weiter. Und das ist etwas, wofiir die 
Verfassung des Schweizer Gemiites sehr viel Veranlagung hat. Und 
wenn auch das Luziferische hier weniger eine Rolle spielte, dieses 
Ahrimanische, das zeigt sich schon in sehr niedlichen Keimen: Ver- 
standnis fiir diese Begabtenpriifungen. Denn diese Begabtenpriifun- 
gen gehen ja aus von der Intelligenz, von der Wissenschaft, von der 
gegenwartigen Gelehrtenpsychologie. Da setzt man sich hin, nicht 
wahr, diejenigen, deren Begabung man priifen will, man schreibt 
ihnen auf : Morder - Spiegel - Opfer des Morders. 

Nun sitzen sie da, die armen Lammer, vor den drei Worten Mor- 
der, Spiegel, Opfer des Morders und sollen Verbindungsglieder su- 
chen. Das eine Kind findet : Der Morder schleicht sich an sein Opfer 
heran, aber das Opfer hat einen Spiegel, und in dem spiegelt sich 
gerade der Morder, und da kann sich das Opfer noch retten. - Das ist 
das erste Kind. Seine Auffassungsgabe geht dahin, die drei Worte so 
zu verbinden. 

Jetzt kommt ein anderes : Ein Morder schleicht sich an sein Opfer 
heran, sieht sich in einem Spiegel; da kommt ihm sein Gesicht vor 
wie jemand, der kein gutes Gewissen hat, und der Morder lafk ab von 
seinem Opfer, weil er sein Gesicht im Spiegel sieht. - Das ist das 
zweite Kind. 

Das dritte Kind macht eine andere Kombination: Ein Morder 
schleicht heran. Dieser Morder findet einen Spiegel. Er stoBt sich an 
dem Spiegel; der Spiegel fallt herunter, macht einen furchtbaren 
Larm, poltert. Das Opfer des Morders wird auf das Gepolter auf- 
merksam und kann zur rechten Zeit sich riisten gegen den Morder. 

Das letzte Kind ist das Begabteste! Das erste hat nur das Aller- 
nachste an Ideenkombinationen gefunden, das zweite eine nahe- 
liegende moralische Sache, das dritte Kind hat aber eine sehr kompli- 



zierte Ideenverbindung gefunden. Das ist das Begabteste! Nun ja, es 
ist schon so ahnlich. Man muB ja natiirlich alles, wenn man es kurz 
darstellen will, ein biBchen in seiner eigenartigen Wesenheit darstel- 
len. Aber so will man in der nachsten Zeit die Begabung der Kinder 
priifen, damit man die Begabtesten herausbekomme. 

Das eine ist sicher: Wenn diejenigen Menschen, die diese Methoden 
erfinden, nachdenken wiirden, wer die GroBen sind, die sie verehren, 
so Helmholt^, Newton und so weiter, so miiBten sie sagen, die waren 
bei diesen Begabtenpriifungen alle, durch die Bank, als die unbe- 
gabtesten Kerlchen angesehen worden! - Es ware nichts herausge- 
kommen. Denn Helmholtz, der heute bei den Leuten, die da die Be- 
gabtenpriifungen machen, ganz gewiB als ein groBer Physiker ange- 
sehen wird, hatte einen Wasserkopf und war sehr unbegabt in seiner 
Jugend. 

Was will man denn da priifen? Den bloBen auBeren Organismus, 
lediglich dasjenige, was als physisches Werkzeug des Menschen in 
Betracht kommt, das rein Ahrimanische der Menschennatur! Werden 
jemals die Friichte dieser Begabtenpriifungen in der Menschheit 
irgend etwas bedeuten, dann werden noch greulichere Gedankenge- 
bilde heraufkommen, als diejenigen sind, die zu der gegenwartigen 
Menschheitskatastrophe gefiihrt haben. Allein, wenn man heute den 
Menschen spricht von dem, was vielleicht erst in hundert Jahren zu 
katastrophalen Ereignissen fiihren kann, so interessiert das ja die 
Menschen nicht. Aber wir leben jetzt in diesem t)bergang von luzi- 
ferischem Erziehungssystem zum ahrimanischen Erziehungssystem, 
und wir miissen zu denen gehoren, die solche Sachen ins Auge zu 
fas sen verstehen. 

Dasjenige, was wirksame Kraft fur die Zukunft ist, miissen die 
Menschen umsetzen in Krafte der Gegenwart. Denn das ist es, was 
heute von uns gefordert wird: Gefordert wird echtes, wahres, unbe- 
fangenes Sich-Gegeniiberstellen dem, was konkrete, unmittelbare 
Wirklichkeit ist. 

Darinnen kann man ja sehr sonderbare Erfahrungen machen. Ich 
weiB nicht, ob ich hier eine Erfahrung schon erwahnt habe, die ganz 
interessant ist. Es gibt Schriften von Woodrow Wilson, eine Schrift 



uber die Freiheit, eine andere Schrift heiBt «Nur Literatur», die viel 
bewundert worden sind, auch heute noch von vielen sehr bewundert 
werden. In der einen Schrift, die «Nur Literatur» heiBt, ist ein in- 
teressanter Essay wiedergegeben, den Woodrow Wilson iiber die 
historische Entwickelung von Amerika geschrieben hat. Auch sonst 
sind interessante Essays von Woodrow Wilson wiedergegeben mit 
weiten historischen Gesichtspunkten. Als ich diese Schriften las, 
machte ich eine interessante Erfahrung. In diesen Schriften finden 
sich einzelne Satze, die mir ungemein bekannt schienen, und die doch 
ganz gewiB nicht von irgend etwas abgeschrieben waren; sie schienen 
mir aber doch auBerordentlich bekannt. Und ich kam sehr bald dar- 
auf, daB diese Satze, die da bei Woodrow Wilson stehen, ebensogut 
bei Herman Grimm stehen konnten, ja, daB mancher dieser Satze so- 
gar wortlich bei Herman Grimm steht. Herman Grimm liebe ich; 
Woodrow Wilson, das wissen Sie ja wohl, liebe ich nicht gerade. Aber 
ich kann deshalb doch nicht die objektive Tatsache verschweigen, 
daB in bezug auf den Inhalt der Satze man Satze von Herman Grimm 
in Vortragen, Aufsatzen einfach heriibernehmen und hineinstellen 
konnte in Wilsons Aufsatze, und umgekehrt Satze von Wilson in 
Werke von Herman Grimm heriibernehmen konnte. Da sagen zwei 
dem einfachen, gewohnlichen Wortlaute nach eines und dasselbe. 
Aber in der Gegenwart muB man lernen: Wenn zwei dasselbe sagen, 
ist es nicht dasselbe! Denn es liegt die interessante Tatsache vor: 
Herman Grimms Satze sind personiich erkampft, sind errungen, 
Schritt fur Schritt von der Seele errungen. Woodrow Wilsons ganz 
gleichlautende Satze riihren von einer eigentiimlichen Besessenheit 
her. Von einem unterbewuBten Ich ist der Mann besessen, das diese 
Satze herauftreibt in das bewuBte Leben. 

Wer solche Dinge beurteilen kann, der kommt darauf, daB es sich 
hier darum handelt: Weizenkorn ist Weizenkorn; aber es ist ein Un- 
terschied, ob das Weizenkorn in diesen Boden oder in jenen Boden 
gesenkt wird. Es ist ein Unterschied, ob jemand eine Idee so sehr als 
die seinige hat, daB er sie Stuck fur Stuck auf seinem eigenen, per- 
sonlichsten Wege erkampft hat, oder ob jemand diese Idee dadurch hat, 
daB ein UnterbewuBtes ihn von sich, von diesem UnterbewuBten, 



besessen gemacht hat: da tont alles aus einem besessenen Unterbe- 
wuBten heraus, aus einem BewuBtsein, das vom UnterbewuBten be- 
sessen ist. Also es kommt heute schon darauf an, zu verstehen: Auf 
den Inhalt der Gedanken, auf den Inhalt von Programmen kommt es 
nicht an, sondern auf das lebendige Leben kommt es an, das die 
Menschheit lebt. 

Man kann materialistische Philosophic lehren, man kann bloBe 
Gedankenphilosophie lehren, man kann bloBe materialistische Na- 
turwissenschaft lehren, man kann mit bloB materialistischer Natur- 
wissenschaft ein ausgezeichneter europaischer Gelehrter sein, eine 
Zierde der Universitat sein und daneben ein braver Staatsbiirger: es 
ist ja der Typus nicht so selten, nicht wahr? Sie sind ja iiberall zu 
finden, die Zierden und Leuchten der Wissenschaft, die zu gleicher 
Zeit ganz tadellose, brave Staatsbiirger sind! Das kann man ja ganz 
gut sein. Aber nehmen Sie irgendeine bestimmt geartete Idee, etwa 
den Kampf urns Dasein, um eine triviale Idee zu nennen, oder eine 
Idee, wie sie selbst zahmere Leute wie Oscar Hertwig vertreten, oder 
Ideen, wie sie Spencer oder Mill oder Boutroux und Bergson vertreten, 
die eben durchaus nicht zu spirituellem Leben vordringen wollen, 
sondern bei bloBen Gedankenphilosophien bleiben - aber noch 
mehr: Nehmen Sie das, was materialistische naturwissenschaftliche 
Ideen sind, nehmen Sie diese Ideen -, gewiB, sie konnen wachsen im 
Gehirn von braven Staatsbiirgern; schon, aber Weizenkorn ist Wei- 
zenkorn, doch es ist ein Unterschied, ob ein Weizenkorn in weizen- 
fruchtbarem Boden wachst oder in felsigem Boden, und es ist ein 
Unterschied, ob dieselbe naturwissenschaftliche Idee, die in Europa 
als eine Zierde der Naturwissenschaft errungen werden kann und an 
den Universitaten gilt, in den Gehirnen der Universitatslehrer wachst, 
oder ob sie wachst in dem Gehirn eines Menschen, der einen Bruder 
hat, welcher schon als junger Mann, am Ende der achtziger Jahre, als 
eine Leuchte der Wissenschaft in einem Petersburger Laboratorium 
gilt, der voller fruchtbarer chemischer Ideen ist, mit einer besonderen 
Medaille ausgezeichnet, von alien, die mit ihm gearbeitet haben, als 
junger Mann schon hochverehrt wird - und dieser Bruder ist plotz- 
lich nicht mehr da! Eben noch von der Universitatsbehorde ausge- 



zeichnet, plotzlich nicht mehr da! Auf alien moglichen Umwegen 
sollen dann seine Kollegen erfahren haben, daB er mittlerweile ge- 
henkt worden ist, weil er an Verschworungen teilgenommen hatte 
gegen Alexander III., den Reaktionar. Solche Tatsachen beleuchten 
die Dinge, die in der Gegenwart spielen, als Lichtblitze. Es ist nun 
ein Unterschied, ob dieselbe Idee in das Gehirn ernes braven west- 
europaischen Universitatsprofessors fallt oder in das Gehirn des 
Bruders dieses unter solchen Voraussetzungen Gehenkten. Wenn sie 
in das Gehirn dieses Bruders fallt, dann verwandelt sich dieser Bruder 
in einen Lenin - denn der Bruder dieses Gehenkten ist Lenin -, und 
dann wird dieselbe Idee zur Triebkraft von alledem,\vas Sie jetzt im 
Osten Europas aufgehen sehen. 

Idee ist Idee, wie Weizenkorn Weizenkorn ist, aber man muB er- 
kennen, ob etwas dieselbe Idee ist und nun auftritt, je nachdem, in dem 
Gehirn des Universitatsprofessors oder in dem Gehirn des Bruders 
des dazumal Gehenkten. Man muB den Willen haben, hineinzu- 
schauen in diejenigen Untergriinde des Daseins, wo die wirklichen 
Impulse des Geschehens liegen. Und man muB den Mut haben, abzu- 
lehnen all das Phrasenzeug von Programmen und Ideen von Wissen- 
schaftern, die da glauben, wenn sie dies oder jenes vertreten, so 
komme etwas darauf an. Vertreten kann man dem Inhalte nach dies 
oder jenes; doch darauf kommt es an, in welchem Gebiete des leben- 
digen Lebens dieses also Vertretene ist, so wie es darauf ankommt, 
in welches Gebiet das Weizenkorn fallt, ob in einen fruchtbaren 
Boden oder in einen unfruchtbaren Boden. Den Weg von der Ab- 
straktion, die unter den heutigen ernsten Verhaltnissen iiberall zur 
Illusion oder zum Chaos fiihrt, zu der Wirklichkeit, die einzig und 
allein in der Spiritualitat gefunden werden kann, diesen Weg muB auf 
alien Gebieten die Menschheit suchen. Und wenn es noch so lange 
dauert: Auf diesem Wege allein kann die Menschheit das Heil und den 
Segen aus der gegenwartigen Verwirrung heraus nnden. 

Das ist es, was wir uns ins Herz schreiben sollten, worinnen wir 
uns zusammenfinden sollen. Das ist es, womit wir uns in einer ernsten 
BegriiBung begriiBen sollten: in diesem Wissen, dazuzugehoren zu 
dem, was die Gebrechen der Menschheit heilen muB. Sie sind heilbar, 



aber sie diirfen nicht mit Quacksalbereien geheilt werden wollen. 
Sie miissen geheilt werden mit demjenigen, durch dessen Mangel die 
Menschheit gerade in das Chaos hineingekommen ist. 

Niemals hatte im Osten der Leninismus Plate greifen konnen, wenn 
nicht im Westen die materialistische Wissenschaft, die manchmal gar 
nicht sich materialistisch glaubt, gelehrt worden ware. Derm was im 
Osten gemacht wird, ist direkt ein Kind der materialistischen Wissen- 
schaft. Ein Wechselbalg ist durch Karl Marx entstanden. Das wirk- 
liche Kind der materialistischen Wissenschaft ist schon im Osten 
vorhanden. Aber man muB den Willen haben, in alle diese Dinge wirk- 
lich hineinzuschauen. 

Das, meine lieben Freunde, ist gewissermaBen der Hintergrund, 
auf dem sich nun, ich mochte sagen, abhebt unser Bau. Und einzelne 
Menschen hier bei diesem Bau, sie arbeiten, denken an den Bau wahr- 
haftig recht abseits von den Ideen, die auf so vielen Territorien heute 
die Menschheit bewegen. Man kann sich gut denken, daB da drauBen 
auf den andern Territorien viele Menschen sind, die da finden, daB 
hier Menschen leben, die sich absondern von dem, was heute die 
Welt bewegt und, wie die Menschen glauben, auch bewegen sollte. 
Man konnte sich das denken, daB die Leute vorwurfsvoll an diesen 
Ort hinsehen. Diejenigen, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele 
bei diesem Bau sind, brauchen sich aus diesem Vorwurf nichts zu 
machen. Denn, moge dieser Bau vielleicht gar nicht seine Aufgabe 
erfiillen, moge dieser Bau gar nicht sein Ziel erreichen: was an die- 
sem Bau aber arbeitet und was von denen aus gearbeitet wird, die an 
diesem Bau mit Hingabe arbeiten, das ist dasjenige, was das Aller- 
wichtigste ist in der Gegenwart, das ist dasjenige, was die gegenwartige 
Menschheit herausfuhren muB aus alldem, in das sie hineingekommen 
ist. Und wenn die Menschen drauBen etwa glauben: Hier arbeiten 
Leute abseits von den Aufgaben der gegenwartigen Menschheit so 
muB man diesen Leuten sagen konnen: Hier wird gerade gearbeitet 
fur das Allerwichtigste, fur das Allerwesentlichste in der Gegenwart, 
das nur die andern nicht kennen, wovon die andern noch nichts wis- 
sen. Aber davon wird es gerade abhangen, daB die Menschheit werde 
etwas wissen wollen von dem, was hier geschieht. 



Noch einmal sei es betont: Nicht darauf kommt es an, ob dieser 
Bau sein Ziel erreicht - obgleich es gut ware, wenn er sein Ziel er- 
reichen wiirde -, sondern darauf kommt es an, daB aus gewissen Ideen 
heraus an diesem Bau gearbeitet worden ist, daB sich Menschen ge- 
funden haben fiir das Arbeiten an diesem Bau. Und nicht der Inhalt 
dieser Ideen, sondern die Art, wie diese Ideen leben, das ist dasjenige, 
was die Menschheitsimpulse fiir die Zukunft sind, wahrend das, woran 
heute viele glauben, nichts anderes ist als die zum Grabe sich neigen- 
den, in die Auflosung ubergehenden, fiir die Auflosung auch reifen 
Ideen der Vorzeit. Davon wollen wir dann morgen welter reden. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 18. August 1918 



Ich mochte heute davon ausgehen, eine Art Skizze zu geben von der 
menschlichen Seele, so wie diese menschliche Seele in ihrem Verhalten 
zur Welt und zu sich selbst ist. Ich mochte diese Skizze so halten, daB 
man etwa sagen kann : Wir sehen uns den Menschen als Seelenwesen 
an im Profil. Also, damit wir uns verstehen: Wie wenn wir uns den 
physischen Menschen - nicht das Seelenwesen - so ansehen wiirden, 
daB wir ihn etwa nicht en face, sondern im Profil haben wiirden, 
meinetwillen nach rechts hinuberschauend. Betrachten wir ihn einmal 




so. Natiirlich mussen wir, wenn wir versuchen, so etwas skizzenhaft 
zu entwerfen, uns immer klar dariiber sein, daB wir es mit imagina- 
tiver Erkenntnis zu tun haben, daB also das Wirkliche, das hinter einer 
solchen Sache steht, durch ein Bild wiedergegeben ist. Das Bild deutet 
auf die Sache hin, und man macht ja auch das Bild so, daB es in richti- 



ger Art auf die Sache hindeutet. Aber natiirlich darf man sich eine 
Zeichnung, eine Skizze, welche darstellen soil ein Seelisch-Geistiges, 
nicht so denken, wie man sich irgend etwas vorstellt, das in natura- 
listischer Art eine auBere sinnenfallige Wirklichkeit kopiert. Dessen, 
was ich jetzt sage, muB man sich schon fortwahrend bewuBt sein. Ich 
werde also alles, was den physischen und den niederen atherischen 
Organismus des Menschen betriftt, fortlassen, werde nur das Seelische, 
das Seelisch-Geistige zu skizzieren versuchen (siehe Zeichnung). 

Wie Sie ja aus den verschiedenen Darstellungen, die gegeben wor- 
den sind, wissen, steht dieses Seelisch-Geistige mit der seelisch-geisti- 
gen Umwelt mehr in einem unmittelbaren Zusammenhang als der 
physische Mensch mit der physischen Umgebung. Der physische 
Mensch ist ja gegeniiber der physisch-sinnenfalligen Umgebung ein 
ziemlich abgeschlossenes Wesen. Man mochte sagen : Dieser physisch- 
sinnliche Mensch ist wirklich auch real in seiner Haut eingeschlossen. - 
So ist es nicht bei dem, was man als den geistig-seelischen Menschen 
bezeichnen kann; da muB man sich einen fortdauernden Ubergang 
denken in den Stromungen, die im seelisch-geistigen Inneren des 
Menschen pulsieren, und in all den Bewegungen und Stromungen, die 
in der allgemeinen, universellen geistig-seelischen Welt bestehen. 

Wollte ich nun zunachst von der einen Seite her charakterisieren, 
wie dieses Verhaltnis des menschlich Geistig-Seelischen zu dem Gei- 
stig-SeeUschen der universellen Umgebung ist, so imiBte ich das viel- 
leicht in der folgenden Weise tun. Ich muBte dasjenige, was aus dem 
Universum, also aus der Unendlichkeit des Raumes in geistig-seeli- 
scher Weise hereinkommt, zunachst in dieser Art malen. Eigentlich 
miiBte ich den ganzen Raum so ausmalen, aber das ist ja nicht notig, 
ich werde nur dasjenige, was zunachst Umgebung des Menschen ist, 
ausmalen. Das ist also jetzt dasjenige, was als Umwelt aufzufassen ist 
(siehe Zeichnung Seite 31, blau). Denken Sie sich also in seelisch- 
geistiger Bildhaftigkeit das, worin der Mensch hineingestellt ist. Der 
Mensch ist ja jetzt noch nicht da, sondern es ist nur das, was aus der 
Umgebung angrenzt, mit diesem Blau gekennzeichnet. Denken Sie 
sich das wie ein in sich wogendes blaues Meer, das den Raum aber aus- 
fullt. Wenn ich sage: Blaues Meer -, ist das natiirlich so aufzufassen, 




wie ich das ofter in den Buchern, die Ihnen ja vorliegen, charakteri- 
siert habe, so wie Farben als Bezeichnung des Aurischen, des Seelisch- 
Geistigen aufzufassen sind. 

Schwimmend, mochte ich sagen, oder schwebend getragen, wie 
eine Woge getragen, ist nun ein anderes Geistig-Seelisches. Das ist 
dasjenige, welches ich jetzt etwa in der folgenden Weise darstellen 
muBte. Wir konnen also, wenn wif von der universellen Umwelt zum 



Menschen iibergehen, uns und das menschliche Geistig-Seelische etwa 
wie schwebend auf diesem Rot denken. Da hatten wir zunachst einen 
Teil des Geistig-Seelischen; davon miiBten wir nur, wenn wir etwas 
der Wirklichkeit gemaB die Skizze machen wollten, den oberen Teil 
in einem etwas ins Violettliche, ins Lila fallenden Rot geben. Das 
wiirde nur richtig gegeben sein, wenn hier oben das Rot sich violett 
abstumpfte. 

Damit habe ich Ihnen zunachst, ich mochte sagen, den einen Pol 
des Geistig-Seelischen des Menschen gegeben. Den andern Pol be- 
kommen wir, wenn wir das, was hier an das universell Geistig-Seeli- 
sche sich anschlieBend gegen das physische menschliche Antlitz zu 
schwimmend-schwebend sich verhalt, etwa in der folgenden Weise 
eingliedern: Gelb, Griin, Orange; Griin geht ins Blaue noch hinein. 

Damit haben Sie eine, ich mochte sagen, Normalaura des Menschen 
im Profil, also von der rechten Seite aus gesehen. Ich sage ausdriick- 
lich: eine Normalaura von der rechten Seite aus gesehen. Dasjenige, 
was sich dem Schauen so darstellen wiirde, daB das Schauen eben diese 
Figur vor sich hatte, das charakterisiert das Hineingestelltsein des 
Menschen in seine geistig-seelische Umgebung. Es charakterisiert 
aber auch die Stellung des Menschen, des Seelisch-Geistigen des Men- 
schen zu sich selber. Man kann, gerade wenn man dasjenige studiert, 
was durch diese Figur dargestellt ist, so recht sehen, wie der Mensch 
nach zwei Seiten hin ein begrenztes Wesen ist. Diese zwei Seiten, nach 
denen hin der Mensch ein begrenztes Wesen ist, die werden im Leben 
immer bemerkt; allein sie werden nicht richtig gedeutet, sie werden 
nicht richtig ins Auge gefaBt, werden wenigstens nicht verstanden. 
Sie wissen ja, daB man in der auBeren Naturwissenschaft davon spricht, 
daB der Mensch, wenn er die Welt betrachtet, wenn er sich Erkennt- 
nisse verschaffen will von der Welt, mit seiner Wissenschaft, mit seiner 
Erkenntnis an bestimmte Grenzen kommt. Wir haben ofter von die- 
sen Grenzen gesprochen, von diesem beruhmten «Ignorabimus» - 
wir werden niemals wissen -, welches von seiten der Naturforscher, 
von seiten mancher Philosophen geltend gemacht wird. Man sagt, der 
Mensch komme eben zu bestimmten Grenzen seines Erkennens, 
seines Anschauens der AuBenwelt. Ich habe Ihnen wohl auch schon 



den beruhmten Ausspruch angefiihrt, den Du Bois-Reymond auf der 
Leipziger Naturforscherversammlung in den siebziger Jahren getan 
hat: In die Regionen hinein, so sagte ungefahr dazumal Du Bois- 
Reymond, in denen Materie spukt, wird das menschliche Erkennen 
niemals dringen. 

Man wiirde richtiger iiber diese Erkenntnisgrenzen des Menschen 
sprechen, wenn man vielleicht sagen wiirde : Der Mensch ist genotigt, 
indem er die Welt betrachtet, gewisse Begriffe sich festzusetzen, 
welche er mit seinem naturwissenschaftlichen Erkennen, auch mit 
seinem gewohnlichen Philosophenerkennen nicht durchdringt. Sie 
brauchen ja nur zu denken an solche Betrachtungen wie den BegrifT 
des Atoms. Vom Atom redet die Naturwissenschaft. Aber das Atom 
hat natiirlich nur dann einen Sinn, wenn man eigentlich nicht davon 
reden kann, wenn man nicht sagen kann, was ein Atom ist; denn in 
dem Augenblicke, wo man anfangen wiirde, das Atom zu beschreiben, 
ware es nicht mehr ein Atom. Es ist ein schlechthin Unnahbares. Und 
so ist es eigentlich schon die Materie, der Stoff selber. Es miissen ge- 
wisse Begriffe festgesetzt werden, an die man nicht herankommt. So 
ist es mit dem Erkennen der AuBenwelt. Es miissen Begriffe festge- 
setzt werden, wie Materie, Kraft und so weiter, an die man nicht 
herankommt. 

DaB solche Begriffe festgesetzt werden miissen, das beruht einfach 
darauf, daB jenes innerlich geistig-seelisch Leuchtende des Menschen 
hier nach auBen in ein Dunkles hinein sich erstreckt. Das, was da 
konstatiert wird als Erkenntnisgrenze, das kann man, ich mochte sa- 
gen, aurisch wirklich richtig sehen. Es liegt hier dem Menschen eine 
Grenze vor. Das Wesen, das er selbst ist, wird hier dargestellt durch 
dasjenige, was ich aurisch habe verlaufen lassen als hellgriin ins Blau- 
violett iibergehend (siehe Zeichnung Seite 31). Aber indem es ins 
Blauviolette iibergeht, ist es nicht mehr der Mensch, da ist es das 
Universelle der Umgebung. Da gelangt der Mensch mit seinem Wesen, 
das die innere Kraft seines Anschauens der Welt ist, an eine Grenze, 
da gelangt er gewissermaBen an das Nichts, und da muB er solche 
Begriffe wie Materie, Atom, Stoff, Kraft festsetzen, die keinen Inhalt 
haben. Das liegt in der menschlichen Organisation, das liegt im Zu- 



3 



sammenhange des Menschen mit dem ganzen Weltenall. Da geht wirk- 
lich die Verbindung des Menschen mit dem Weltenall vor sich. Man 
kann, wenn man im Sinne geisteswissenschaftlicher Vorstellung diese 
Grenze da bezeichnet, das so machen, daB man sagt: Diese Grenze 
laBt den Menschen in bezug auf seine Seele in Beriihrung kommen 
mit dem Universum. - Man kann, indem man die Richtung nach dem 
Universum hin mit der einen Schleife einer Lemniskate bezeichnet, 
das, was dem Menschen angehort, mit der andern Schleife bezeichnen ; 



nur geht das, was aus dem Menschen herausgeht, in das Universum, 
in das Unendliche hinein. Man muB daher die Schleifenlinie, die 
Lemniskate, auf der einen Seite offenlassen, und auf der einen zu- 
machen, und man muB dann diese Schleifenlinie so zeichnen : Hier ist 
die Schleifenlinie geschlossen, hier geht sie ins Unendliche hinaus. 
Es ist dieselbe Linie, die ich dort gezeichnet habe, nur gehen die 
Schenkel hier ins Unendliche hinaus. 



Was ich hier so zeichne als offene Lemniskate, als offene Schleifen- 
linie, das ist nicht bloB etwas Ausgedachtes, das ist etwas, was Sie 
tatsachlich wie ein- und auslaufende Blitze in einer sanften, aber sehr 
langsamen Bewegung als Ausdruck des Verhaltnisses des Menschen 
zum Universum sehen konnen. Die Stromungen des Universums 
nahern sich fortwahrend dem Menschen; er zieht sie an, sie verschlin- 





gen sich in seiner Nahe und gehen wieder heraus. Also es stromt so 
etwas dem Menschen zu, verschlingt sich, geht wieder heraus. Der 
Mensch ist von solchen dem Universum angehorenden Stromungen 
durchsetzt, die sich hier vor ihm auf halten. Dadurch ist der Mensch, 
wie Sie sich vorstellen konnen, von einer Art welligem Aurischen um- 
geben; es kommen diese Stromungen vom Universum herein, machen 
hier einen Wirbel, griifien gleichsam den Menschen, indem sie einen 
Wirbel vor ihm machen, so daB er hier von einer Art aurischer Stro- 
mung umgeben ist. Das ist wesentiich ein Ausdruck des Verhaltnisses 
des Menschen zum Universum, zur geistig-seelischen Umwelt. 

Nun aber konnen Sie dasjenige, was Sie eigentlich als in Ihrem Be- 
wuBtsein liegend empfinden, hier dargestellt finden als blaulich-griin- 
lich-gelblich, nach innen zu orange verlaufend. Aber das stoBt hier 
auf; im Inneren des menschlichen Seelischen stoBt dieses Gelblich- 
Orange auf das auf, was auf dem blauen Meere als das Geistig-Seelische 
des unteren Menschen schwingt, des niederen Menschen. Was ich hier 
rot und im Ubergang ins Orange gezeichnet habe, das gehort zu den 
unterbewuBten Teilen des Menschen, entspricht ja audi denjenigen 
Vorgangen im Physischen, die sich hauptsachlich als Verdauungs- 
tatigkeit und Ahnliches abspielen, woran das BewuBtsein keinen An- 
teil hat. Dasjenige, was mit dem BewuBtsein zusammenhangt, das 
wiirde aurisch charakterisiert sein in den hellen Partien, die ich hier 



dargestellt habe (siehe Zeichnung Seite 31). So wie hier zusammen- 
stoBen des Menschen Geistig-SeeUsches mit dem Geistig-Seelischen 
der Umwelt, so stoBt nach innen des Menschen Geistig-Seelisches mit 
seinem UnterbewuBten - also auch eigentlich dem Universum ange- 
horig - zusammen. Dieses ZusammenstoBen muB ich in den Stro- 
mungen so zeichnen, daB die einen Stromungen ins Unendliche 
hinausgehen; anders muB ich dieses ZusammenstoBen im Inneren des 
Menschen zeichnen. Da muB ich auch eine SchleifenUnie zeichnen, 
aber diese muB ich so zeichnen, daB sie nach innen verlauft. Geben Sie 
acht: Ich zeichne durchaus eine SchleifenUnie, aber ich nehme die 
untere Schleife und schlage sie um, so daB die SchleifenUnie so wird: 



C?" • c^x 



s 



Also, ich schlage die untere Schleife um (siehe Zeichnung, rechts). 
Im Gegensatz zu hier (siehe Zeichnung Seite 35), wo ich die eine 
Schleife ins Unendliche verlaufen lasse, also ins Unendliche ver- 
groBere, schlage ich nun die untere Schleife um. - Dann habe ich da- 
durch bildlich bezeichnet die Stauungen, die sich ergeben da, wo das 
Geistig-SeeUsche hier innen auf das unterbewuBte, also auch univer- 
selle Geistig-SeeUsche auftrifft. Ich muB also diese Stauungen, die im 
Menschen entstehen, wenn ich sie entsprechend denen hier zeichne, 
in dieser Weise charakterisieren (sieben Lemniskaten mit umgeschla- 
gener Schleife). Das sind die Stauungen, welche entsprechen einer 
inneren WeUe im Menschen. 

Wenn Sie diese innere Welle tatsachlich verfolgen wollten, so wiirde 
die Hauptrichtung dieser Welle - aber eben nur die Hauptrichtung - 
etwa so verlaufen, daB sie entlangUefe dem ZusammenstoBen von den, 
wie Sie wissen, unrichtig benannten, aber sogenannten sensitiven und 
motorischen Nerven im Menschen. Das nur nebenbei gesagt, denn 
ich will heute hauptsachUch das Geistig-SeeUsche der Sache erortern. 




Sie sehen daran den starken Gegensatz, der besteht in dem Verhalt- 
nis des Menschen zur geistig-seelischen Umwelt und zu sich selber, zu 
dem Stuck, das er aus der geistig-seelischen Umwelt als sein Unter- 
bewuBtes hereinnimmt, und das ich hier durch die rotliche Woge, die 
auf dem allgemeinen blauen Meere des geistig-seelischen Universums 
schwimmt, zu skizzieren gehabt habe. 

Wir haben gesagt, daB diese Welle hier (siehe Zeichnung Seite 31, 
rechts) gewissermaBen der Schranke entspricht, auf die der Mensch 
aufstoBt, wenn er die AuBenwelt erkennen will. Aber auch hier (links) 
ist eine Schranke; im Inneren des Menschen selbst ist eine Schranke. 
Ware diese Schranke nicht vorhanden, dann wurden Sie immer in Ihr 
Inneres hinuntersehen. Jeder Mensch wiirde in sein Inneres hinunter- 
schauen. So wie, wenn diese Schranke (rechts) nicht vorhanden ware, 
der Mensch in die AuBenwelt hineinschauen wiirde, so wiirde er, 
wenn diese Schranke (links) nicht vorhanden ware, in sein Inneres 
hinunterschauen. Er wiirde allerdings, so wie der Mensch im gegen- 
wartigen Entwickelungszyklus einmal ist, wenn er so in sein Inneres 
hinunterschauen wiirde, wenig Freude haben iiber dieses sein Inneres, 
weil das, was er da sehen wiirde, ein hochst unvollkommenes, chaoti- 
sches, brodelndes Gewoge der inneren Menschennatur ist, etwas, wor- 
iiber der Mensch keine groBe Freude haben konnte; aber es ist das- 
jenige, in welches die phantastischen Mystiker glauben hinunter- 



schauen zu konnen, wenn sie von Mystik sprechen. Dasjenige, was 
sehr haufig von phantastischen Mystikern als das Erstrebenswerte an- 
gesehen wird, was namentlich bei sehr vielen solchen Mystikern - 
ich habe sie im Vorjahre charakterisiert -, die wirklich glauben, indem 
sie in ihr Inneres schauen, das Universum erkennen zu konnen, als 
Mystik figuriert, das ist beim Menschen gerade durch diese Stauwelle 
zugedeckt, richtig zugedeckt. Der Mensch kann nicht in sein Inneres 
hinunterschauen.Dasjenige, was sichhier innerhalb dieser Region bildet 
(links), das staut sich und spiegelt sich, kann sich wenigstens in sich 
selbst zuriickspiegeln, und die Erscheinung dieses Zuriickspiegelns, 
das ist die Erinnerung, das Gedachtnis. Jedesmal, wenn ein Gedanke 
oder ein Eindruck, den Sie gefaBt haben, wiederum zuriickkommt in 
der Erinnerung, so kommt er dadurch zuriick, daB diese Stauung hier 
zu funktionieren beginnt. Wenn Sie diese Stauwelle nicht hatten, so 
wiirde jeder Eindruck, den Sie von auBen bekommen, jeder Gedanke, 
den Sie fassen, durch Sie hindurchgehen, nicht in Ihnen bleiben kon- 
nen und in das iibrige geistig-seelische Universum hineingehen. Nur 
dadurch halten Sie die Eindriicke auf, die Sie empfangen, daB Sie 
diese Stauwelle haben. Dadurch sind Sie aber imstande, durch ge- 
wisse Vorgange, die wir noch charakterisieren werden, die Eindriicke 
wiederum zuriickzubekommen. Und das driickt sich aus im Funk- 
tionieren des Gedachtnisses, im Funktionieren der Erinnerung. Sie 
konnen sich also vorstellen, daB Sie in sich etwas haben wie eine Tafel, 
was hier im Profil gezeichnet ist - denn es ist ja im Profil gezeichnet, 
nicht wahr, es ist solch eine Ebene, die in Ihnen ist -, da wird zuriick- 
geschlagen dasjenige, was nicht durchgehen soli. Sie bleiben, wenn 
Sie wachend sind, mit der AuBenwelt vereint, sonst wiirde alles in 
wachem Zustande durch Sie durchgehen. Sie wiirden eigentlich von 
den Eindriicken nichts wissen, Sie wiirden die Eindriicke bekommen, 
aber konnten sie gar nicht festhalten. 

Das ist also dasjenige, was auf die Erinnerung deutet. Und das, was 
gewissermaBen als die Flache dieser Stauwelle unsere Erinnerung 
bewirkt, deckt dasjenige zu, was der phantastische Mystiker gern in 
sich sehen mochte. Was da drunten ist, davon konnte man schon 
sagen: Fur den, der die Dinge wirklich kennt, gilt das Wort: Der 



Mensch «begehre nimmer und nimmer zu schauen, was sie [die Gotter] 
gnadig bedecken mit Nacht und Grauen». - Doch die Mystiker sind 
phantastisch und wollen da hinunterschauen. Aber sie konnen es ja 
ohnedies nicht, weil sie das normale BewuBtsein so durchlochern, so 
korrumpieren wiirden, daB sich die Gedachtniswelle nicht zuriick- 
schliige. Dasselbe, was unsere Erinnerung ausmacht, was wir so not- 
wendig brauchen zum auBeren Leben, das bedeckt uns dasjenige, was 
die phantastischen Mystiker wohl schauen mochten, was aber der 
Mensch nicht schauen soil. Unter Ihrem Gedachtnis, unter Ihrer 
Gedachtnisursache, unter Ihrer Gedachtnisnache liegt etwas Wesen- 
haftes Tom Menschen. Aber geradeso wie die Hinterwand eines Spie- 
gels, wie der Belag eines Spiegels das, was vorn ist, zumckwirft, so 
geht, was also in Ihrem BewuBtsein ist, nicht da hinten hin; das wird 
wieder zuriickgeworfen und kann deshalb fortwahrend als Erinnerung 
da sein. So kann iiberhaupt unser ganzes Leben sich als Erinnerung 
spiegeln. Und im wesentlichen ist ja dasjenige, was wir das Leben 
unseres Ich nennen, das Spiegeln dieser Erinnerung. 

Sie sehen also, unser bewufites Leben leben wir eigentlich zwischen 
dieser Welle hier (rechts) und zwischen dieser Welle (links). Wir 
waren also Schlauche, die alles durch sich hindurchlassen, wenn wir 
nicht diese Stauwelle hatten, die der Erinnerung zugrunde liegt, und 
wir sahen in die Geheimnisse jenseits der Erkenntnisgrenze hinein, 
wenn wir nicht genotigt waren, auBerhalb des Gebietes des Sinnen- 
falligen BegrifFe zu setzen, fur die wir keinen Inhalt mehr haben. 
Waren wir so organisiert, daB wir diese Stauung hier nicht erzeugen 
konnten, so wiirden wir Schlauche sein. Waren wir so organisiert, daB 
wir nicht genotigt waren, diese gewissermaBen unausgefullten Be- 
grifFe, diese dunklen BegrifFe vor uns hinzusetzen, so waren wir liebe- 
leere und liebelose Wesen; steinerne Naturen waren wir, trockene 
Naturen. Wir konnten nichts in der Welt gern haben, wir waren alle 
Mephistophelesnaturen. 

DaB wir so organisiert sind, daB wir an gewisses Geistig-Seelisches 
unserer Umgebung nicht herankommen konnen mit unseren abstrak- 
ten BegrifFen, mit unserem Fassungsvermogen, das bewirkt, daB wir 
lieben konnen. Denn was wir lieben sollen, an das sollen wir nicht so 



herankommen, daB wir es analysieren im gewohnlichen Sinne des 
Wortes, daB wir es zergliedern, daB wir es behandeln wie der Chemi- 
ker im Laboratorium die chemischen Stoffe. Man liebt ja nicht, wenn 
man chemisch analysiert oder chemisch synthetisiert. Erinnerungs- 
fahigkeit, Liebefahigkeit, das sind die zwei Fahigkeiten, die zugleich 
entsprechen zwei Grenzen der menschlichen Natur. Der einen Grenze 
nach innen entspricht die Erinnerungsfahigkeit; was jenseits der Er- 
innerungszone liegt, ist unterbewuBtes menschliches Inneres. Die 
andere Zone entspricht der Kraft der Liebefahigkeit; was jenseits 
dieser Zone liegt, entspricht dem Geistig-Seelischen des Universums. 
Das UnbewuBte der menschlichen Natur liegt also jenseits dieser Zone, 
soweit das menschliche Innere reicht; das Geistig-Seelische des Uni- 
versums geht unbegrenzt in die Weiten hinaus von der andern Zone an. 

Wir konnen also sprechen von Liebezone, von Erinnerungszone 
und konnen dasjenige, was das menschlich Geistig-Seelische ist, inner- 
halb dieser Zonen einschlieBen; mxissen aber jenseits der einen Zone 
da driiben (siehe Zeichnung Seite 31, links) dasjenige suchen, was un- 
bewuBt bleibt, und was deshalb, weil es unbewuBt bleibt, gerade sehr 
stark zusammenhangt mit der menschlichen Korperlichkeit, mit den 
korperlichen Verrichtungen. Naturlich sind die Dinge in der Wirk- 
lichkeit nicht so einfach, wie man sie darstellen muB, weil alles inein- 
andergreift. Das, was hier rot ist (siehe Zeichnung Seite 31), das greift 
in Dinge hinein, das verandert sich; und wiederum dasjenige, was 
griin und blau ist, das verandert sich auch. In der Wirklichkeit greifen 
die Dinge alle ineinander ein. Aber trotzdem ist in der Hauptsache die 
skizzenhafte Zeichnung richtig und entspricht den Tatsachen. 

Daraus aber ersehen Sie, daB fur das physische Leben auf der Erde 
hier ein starkes, bewuBtes Geistiges ist. Hier (links) ist ein unbewuBtes 
Geistiges, das eigentlich mit dem Universum zusammen verschwimmt. 
Diese zwei Stucke des Menschen unterscheiden sich sehr deutlich von- 
einander. Dieses Geistige (in der Mitte), das ist daher zunachst fur das 
irdische Leben ein solches, das sehr fein gewoben ist. Wie fein gewo- 
benes Licht, mochte ich sagen, ist alles hier (gelb). Wiirde ich am 
Menschen zu zeigen haben, wo dieses fein gewobene Licht ist, so 
wiirde in das hinein, was ich jetzt umfassend so umschreibe, das 



menschliche Haupt fallen. Also was ich so umschrieben habe, was ich 
dorthin als das Gelbe, Gelb-Grunliche, Gelb-Orange nach der andern 
Seite gezeichnet habe, das ist fein gewobenes, wenn ich so sagen darf, 
Geistlicht. Das hat keine starke Verwandtschaft mit der irdischen 
Materie ; das hat eine moglichst geringe Verwandtschaft mit der irdi- 
schen Materie. Deshalb, weil es wenig Verwandtschaft hat, kann es 
auch nicht mit der Materie sich gut verbinden, und so bleibt es zum 
groBen Teile unverbunden mit der Materie; es wird diesem Teil ge- 
geben eine solche Materie, die eigentlich immer jeweils aus der vori- 
gen Inkarnation des Menschen stammt. Das Haupt, das, was das 
menschliche Haupt formt, die Formungskrafte des menschlichen 
Hauptes, das wird im wesentlichen hereingetragen aus der vorigen 
Inkarnation, und da ist nur eine lose Verbindung zwischen diesem 
feingewobenen Geistig-Seelischen und dem Korperhaften, das eigent- 
lich von der vorigen Inkarnation zusammengehalten wird. Ihre Phy- 
siognomic tragen Sie ja eigentlich nach Ihren Verrichtungen und 
Eigenschaften in der vorigen Inkarnation. Und derjenige, der sich gut 
versteht auf Deutungen von Menschen, der sieht gerade durch das 
Physiognomische des Hauptes hindurch; nicht durch dasjenige, was 
von dem luziferischen Inneren stammt, sondern mehr durch die An- 
passung an das Universum. Man muB ja die Physiognomie so sehen, 
als wenn sie in den Menschen hineingedriickt ware. Nicht so sehr, als 
ob sie herausginge, sondern man muB gewissermaBen das Negativ des 
SeeHschen sehen; das sieht man in diesem Negativ des Gesichts. Wenn 
Sie einen Abdruck machen wiirden von jedem Gesicht, da wiirden Sie 
eigentlich die Physiognomie sehen, die ein furchtbar starker Verrater 
ist desjenigen, was Sie in der vorigen Inkarnation angestellt haben. 
Dagegen ist alles, was ich da unten wie nur zusammenhangend mit 
dem wogenden Meere des Geistig-Seelischen der Welt skizziert habe, 
was so aufzufassen ist, daB es des Menschen UnterbewuBtem oder 
UnbewuBtem entspricht, stark verwandt mit der Korperlichkeit; das 
durchsetzt die Korperlichkeit. Diese Korperlichkeit, die verbindet 
sich so mit dem Geistigen, daB das Geistige als Geistiges gar nicht 
erscheinen kann. Daher wiirde man, wenn man hinunterschaute, dieses 
Ineinanderbrodeln von Geistigem und Leiblichem schauen, was hinter 



der Schwelle der Erinnerung liegt. Das ist das, was vorbereitet das 
Haupt der nachsten Inkarnation, das ist das, was sich metamorpho- 
sieren will zu dem, was in der Zukunft erst feste materielle Form be- 
kommt, erst Haupt sein wird in der nachsten Inkarnation. Denn das 
Haupt des Menschen ist ein iiber das MaB seiner Entwickelung Hinaus- 
geschrittenes. Daher ist das Haupt - wie Sie sich erinnern aus den 
friiheren Vortragen, die ich hier gehalten habe - eigentlich mit dem 
siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten Jahre des Menschen in 
seiner Entwickelung schon abgeschlossen. Da ist schon Uberbildung 
des Menschen, in der Hauptesform. 

Aber der iibrige Mensch, der ist auch ein Haupt, so sonderbar das 
aussieht; nur ist er noch nicht so weit als das Haupt. Wenn Sie sich den 
Menschen gekopft denken, so ist das, was iibrigbleibt, auch ein Haupt 
des Menschen, aber auf einer noch sehr zuriickgebliebenen Stufe. Wenn 
es sich weiter entwickelt, dann wird es auch Haupt, wahrend das, was 
Sie als Haupt des Menschen haben, der iibrige Organismus gewesen 
ist in fruherer Inkarnation. Wenn Sie dann dasjenige entleiblicht sich 
denken, vom Leibe befreit, was in Ihrem gegenwartigen Organismus 
noch nicht Haupt ist, wenn Sie sich also das Haupt wegdenken vom 
gegenwartigen Organismus, der erst in der nachsten Inkarnation 
Haupt wird - aber dieser Ihr Organismus ist ja ein Abbild, alles 
Physische ist ein Abbild eines Geistigen -, wenn Sie sich dafur das 
Geistige denken, was also in seiner auBeren Form nicht bis zum Men- 
schen vorgeschritten ist : da sehen Sie es sich nun an unserer luziferi- 
schen Figur bei der Gruppe driiben an, da haben Sie es ! 

Und jetzt denken Sie sich all das Geistig-Seelische, das bei Ihnen 
zuriickgehalten ist von Ihrem Haupte, in den Menschen hineingefugt, 
also all das, was beim Menschen eine Grenze ist, was er nicht durch- 
dringen kann (rechts, siehe Zeichnung Seite 31), in den menschlichen 
Kopf hineingepreBt: dann wird der Mensch nicht nur ein so altes, 
ehrwiirdiges Haupt haben, wie er es ohnedies schon hat, sondern er 
wird ein ganz verknochertes Haupt haben, wird iiberhaupt ganz ver- 
knochern, wie die Ahrimanfigur bei unserer Gruppe driiben. 

Wenn Sie sich also dasjenige, was hier unter der Erinnerungsgrenze 
ist, ausgegossen denken iiber das Innere des Menschen, bekommen Sie 



alles Luziferische. Wenn Sie sich alles dasjenige, was jenseits dieser 
Stauwelle ist (rechts), hereinergossen denken in die menschliche Figur, 
bekommen Sie die ahrimanische Form. Und der Mensch ist zwischen 
beiden. 

Was ich Ihnen da auseinandergesetzt habe, das hat nicht nur eine 
groCe Bedeutung fur das Verstandnis des Menschen, sondern das hat 
auch eine groBe Bedeutung fur das Verstandnis der geistigen Vor- 
gange in der Menschheitsentwickelung. Man versteht nicht, wie das 
Christentum und der Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung 
hereingekommen ist, wenn man nicht grundlich diese Dinge versteht. 
Man versteht auch nicht, welche Funktionen die katholische Kirche 
hatte, welche Funktionen Jesuitismus und ahnliche Stromungen ha- 
ben, welche Osttum und Westtum haben, wenn man sie nicht im Zu- 
sammenhange betrachten kann mit diesen Dingen. 

Uber diese Stromungen, die eigentlich richtig erst verstanden wer- 
den konnen, wenn man diese Grundlagen des geistig-seelischen Men- 
schen sich einmal anschaulich vor das Auge fuhrt, Ost-, Westtum, 
Jesuitismus, Amerikanismus und so weiter, werde ich mir morgen 
erlauben, ein weniges zu sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 19. August 1918 



Ich bemuhte mich gestern, Ihnen ein Bild des seelischen Menschen zu 
geben. Dasjenige, was wir fur heute einmal aus diesem Bilde des seeli- 
schen Menschen herausgreifen wollen, das sollen die beiden Grenz- 
zonen sein, die wir gestern kennengelernt haben. Die eine Grenzzone 
ergibt sich ja dadurch, daB der Mensch genotigt ist, haltzumachen, 
wenn er versucht, die AaBenwelt, so wie sie sich ihm zunachst sinnen- 
fallig ergibt, zu durchschauen. Von Grenzen des Erkennens reden 
dann die Naturforscher, Philosophen und so weiter. Wir wissen, daB 
diese Grenzen des Erkennens nicht in Wahrheit vorhanden sind, daB 
sie aber in der Tat fur das sinnliche, fur das physische Anschauen des 
Menschen vorhanden sind. 

Die andere Grenze ist dadurch gegeben, daB alles in unserem Be- 
wuBtsein Befindliche oder in das BewuBtsein Eintretende gewisser- 
maBen reflektiert wird, zuriickgespiegelt wird an einer inneren Zone 
und dadurch zur Erinnerung werden kann. Es geht das, was wir im 
BewuBtsein haben, nicht in die voile Tiefe derjenigen Region hinunter, 
die nur unterbewuBt fur den Menschen bleibt. "Wir wollen diese beiden 
Grenzen herauszeichnen (siehe Zeichnung Seite 45), die Erinnerungs- 
grenze (links) und - wir konnen sie geradezu nennen die Liebefahig- 
keitsgrenze (rechts), die zugleich die Grenze des Naturerkennens ist. 
Wir haben sie bezeichnet, indem wir Lemniskaten, die nach auBen 
offen sind, hier zu zeichnen hatten (rechts), und bier (links) hatten wir 
gewissermaBen Lemniskaten mit einer umgestiilpten Schleife zu ver- 
zeichnen. Das (rechts) also ist dann die Region des AuBen, in das der 
Mensch nicht mehr hineinsieht mit dem gewohnlichen sinnlichen 
Anschauungsvermogen, also: nicht perzipierbar. Das (links) ist die 
Grenze des bewuBten Lebens nach innen, in die der Mensch nicht 
unterzutauchen vermag mit dem BewuBtsein. Der Mensch bleibt mit 
seinem BewuBtsein oberhalb dieser Grenze. Wiirde er mit seinen be- 
wuBten Vorstellungen hinuntertauchen, so wiirde er keine Erinnerung 
haben. 



Nun ist aber gerade in bezug auf das Leben des seelischen Menschen 
angesichts dieser beiden Grenzen etwas ganz Bestimmtes zu sagen. 
Wenn wir in der Entwickelung der Menscheit zuriickgehen etwa hinter 
das 8. vorchristliche Jahrhundert - Sie wissen, 747 vor Christus be- 
ginnt der vierte nachatlantische Zeitraum -, wenn wir hinter diesen 
Zeitpunkt zuriickgehen in die fruheren nachatlantischen Zeitraume, 
dann gilt fur den Menschen dieses, daB dasjenige, was jenseits dieser 
Grenze liegt, doch in einer gewissen Weise noch hereinwirkte in das 
BewuBtsein. Und darauf beruhte eben jenes damals noch vorhandene 
atavistische Hellsehen. Es drangen gewisse Impulse damals herein aus 
dem Universum und machten sich geltend als atavistische Schauun- 
gen. So daB wir sagen konnen: Ganz undurchsichtig - ich meine jetzt 
intellektuell undurchsichtig - wurde dieses AuBen erst seit dem 8. vor- 
christlichen Jahrhundert, und es wurde immer mehr und mehr un- 
durchsichtig. - Jetzt leben wir im funften nachatlantischen Zeitraum. 
Es ist ja undurchsichtig geblieben. Und darauf pochen ja die Leute 



heute ganz auBerordentlich, indem sie immerzu behaupten, daB iiber- 
haupt kein Mensch eindringen konne in jenes «Ding an sich», oder 
wie sie es dann nennen, was da jenseits dieser Grenze liegt. 

Dagegen darf gesagt werden, daB immer mehr und mehr sich eine 
andere Tendenz geltend macht und gegen den sechsten nachatlantischen 
Zeitraum sich immer mehr und mehr geltend machen wird. Das ist: 
es wird gewissermaBen diese Zone hier (links) durchlassig werden. 
Es wird die Zeit kommen, wo aus den Tiefen der Menschennatur das- 
jenige, was ich Ihnen gestern als das Brodelnde geschildert habe, als 
dasjenige, in das der Mensch nicht hinunterschauen soil - in dem Sinne 
vor alien Dingen nicht, wie die phantastischen Mystiker das wollen -, 
es wird aus diesem Gebiete von dem sechsten nachatlantischen Zeit- 
raum an gewissermaBen allerlei durchsickern wollen. Ja, es wird diese 
Zeit schon im funften nachatlantischen Zeitraum beginnen, in unserem 
Zeitraum. Es wird allerlei durchsickern wollen. Es wird sich das ja 
vor alien Dingen dadurch auBern, daB viel mehr Menschen, als man 
heute denkt, immer mehr und mehr aus gewissen rein inneren Erfah- 
rungen entnehmen werden, daB es wiederholte Erdenleben gibt und 
dergleichen. Diese Dinge kommen, man mochte sagen, heute schon, 
obwohl sparlich, zum Durchbruche. Ich habe ofter, hier ja wohl auch 
schon, den Namen eines merkwiirdigen Menschen der Gegenwart 
genannt, des Otto Weininger, der ja besonders bekanntgeworden ist 
durch sein dickes Buch «Geschlecht und Charakter». Noch interessan- 
ter aber ist dasjenige Buch, das nach seinem Tode sein Freund Rappa- 
port herausgegeben hat, und in dem allerlei auBerordentlich Interes- 
santes drinnensteht. Es sind zum groBen Teil Aphorismen. Das 
Ganze tragt den Titel «t)ber die letzten Dinge». Einer dieser Apho- 
rismen besagt ungefahr dieses: Weininger behauptet, die Seele des 
Menschen hatte in ihrem vorgeburtlichen Leben ein gewisses Grauen 
vor sich selber zur Entwickelung gebracht und hatte dadurch die Sehn- 
sucht bekommen, dieses Leben zu vergessen und sich in das Vergessen 
hineinzustiirzen, was die Verleiblichung bedeutete. - Also Weininger 
spricht vollstandig von dem vorgeburtlichen Leben, von dem Ver- 
leiblichen; nur spricht er in seiner diisteren, pessimistischen An- 
schauung davon, daB die Seele sich zu betauben sucht gegeniiber 



ihrem vorgeburtlichen Leben, und die Betaubung sucht sie in der 
Verleiblichung in einem physischen Menschenleib. 

Aber solche unmittelbaren Eindrucke heutiger Menschen von dem 
Wege der Seele gibt es ja viele, und sie werden immer zahlreicher und 
zahlreicher werden. Bei solch einem Menschen wie Weininger kann 
man schon heute sehen, wie dichter, kompakter, mochte ich sagen, das 
Ich innerlich den Menschen anfaBt. Bei Weininger sieht man schon 
deutlich, wie diese Grenze etwas durchlassig wird und da allerlei her- 
aufdringt. Interessant ist es zum Beispiel, welche Nfotiz er hingeschrie- 
ben hat uber seinen eigenen Tod. Er veriibte friihzeitig, mit dreiund- 
zwanzig Jahren schon, Selbstmord. Er schrieb eine ganze Reihe von 
Notizen nieder, die auBerordentlich interessant sind, weil sie geradezu 
Imaginationen astralischen Schauens darstellen. Das alles paarte sich 
mit einem gewissen Charakterzug, der ihn dann dahin fuhrte, eines 
Tages sich einzumieten in Beethovens Sterbehaus in Wien und in 
diesem sich gleich am nachsten Morgen selber zu ermorden, mit drei- 
undzwanzig Jahren. Und dariiber schrieb er die Notiz, daB er sich 
ermorden miisse, weil er sonst furchten miisse, getrieben zu werden 
durch einen unbestimmten Drang, ein Morder zu werden, einen andern 
ermorden zu miissen. 

Man sieht, da rumoren furchtbarste Dinge in der Seele eines auBer- 
ordentlich genialischen Menschen, die nicht so ohne weiteres be- 
zwungen werden konnen durch das, was in seinem BewuBtsein ist, 
weil da vieles aus diesem UnterbewuBten herauf rumort. Sie werden 
begreifen, daB man schon mit einem gewissen Recht darauf hinweisen 
muB, daB die gewohnliche Gescheitheit, die der Mensch jetzt ent- 
wickeln kann, nicht ausreicht, um das, was da aus den unbekannten 
Tiefen herauf kommt, zu erkennen. Denn es sollte ja gar nicht herauf- 
kommen, es sollte da unten bleiben, aber es wird doch herauf kommen. 
Geradeso wie bis zum Jahre 747 vor Christus von auBen etwas herein- 
gekommen ist, so wird nachher von innen etwas aufsteigen. Durch das, 
was der Mensch sich erringen wird an gewohnlicher, normaler Ge- 
scheitheit, wird das nicht bezwungen werden konnen, bei weitem nicht 
bezwungen werden konnen. Da wird man eben brauchen jenes Ver- 
stehen der Welt, welches durch die Geisteswissenschaft zu erwerben 



ist. Es wird Harmonie, innerliche Festigkeit und innerliche Gediegen- 
heit in das menschliche Seelenleben nur eindringen konnen, wenn die 
Menschen dieses innerliche Seelenleben werden ordnen, harmonisie- 
ren wollen durch dasjenige, was aus der Erkenntnis des Geistes heraus 
errungen werden kann. Es strebt die Entwickelung der Menschheit 
also aus einem Zustande heraus, in welchem von der AuBenwelt mehr 
wahmehmbar war, als heute wahrnehmbar ist, und es strebt diese Ent- 
wickelung der Menschheit einem Zustande zu, in welchem aus dem 
tiefsten Inneren des Menschen mehr auftauchen wird, als heute im 
Normalzustand auftaucht. 

Diese Dinge, von denen ich jetzt spreche, sie kennt man eigentlich 
in den eingeweihten Kreisen da und dort sehr gut. Von jenem alten 
Erkennen, das bis ins 8. vorchristliche Jahrhundert den Menschen zu- 
ganglich war, spricht ja noch das ganze morgenlandische Geistesleben, 
das ganze asiatische Geistesleben. Ja, es spricht nicht nur das Geistes- 
leben, es spricht im Grunde genommen die ganze asiatische Kultur 
davon. Daher kommt es, daB es eigentlich so schwer verstandlich ist 
fur den Europaer, wenn heute der Orientale, der asiatische Orientale 
von seiner Kultur spricht. Da muB man schon, wenn man diese Leute 
verstehen will, sich hineinfinden in eine andere Art, die Vorstellungen, 
die Gedanken zu bilden. Heute wiirde es zum Beispiel fur sehr viele 
Menschen sehr interessant sein miissen, so etwas Tonangebendes zu 
verfolgen, wie die Rede ist, welche Rabindranath Tagore, der Inder, ge- 
halten hat iiber den Geist Japans. Sie wissen: Tagore ist der von der 
Nobel- Stiftung preisgekronte Inder. Er hat iiber den Geist Japans einen 
Vortrag gehalten. Es ist weniger wichtig, was er iiber den Geist Japans 
gerade spricht, als der Geist, aus dem heraus er spricht, der Geist des 
heutigen Orientalen, der nur verstanden werden kann, wenn man weiB, 
daB etwas in den Orientalen noch zuriickgeblieben ist von jenem Her- 
auf-, von jenem Hereinkommen der AuBenwelt, wie es heute nicht perzi- 
pierbar ist. Fur die meisten Europaer reden die Orientalen, wenn sie im 
Sinne ihrer Kultur reden, eben eigentlich etwas ziemlich Unverstand- 
liches. Man versteht gewohnlich gar nicht, wo von sie eigentlich reden. 

Auch die andere Erscheinung kommt vor, daB dasjenige, was eigent- 
lich erst in der Zukunft auftreten sollte, in einer gewissen Weise dann 



vorweggenommen wird. Vergleichen konnte ich das damit, daB ich 
hinweise auf Kinder, die als Kinder schon greisenhaft sind. Sie neh- 
men das Greisenhafte als Kinder schon voraus. Da ist die Unregel- 
maBigkeit in der Entwickelung dadurch eingetreten, daB etwas, das 
sparer kommen sollte, friiher hereingeschoben ist, in eine fruhere Zeit. 
Wahrend nun im orientalischen Denken, in der orientalischen An- 
schauungsweise gerade bei den hervorragendsten Geistern ein aus 
alter Zeit Zuriickgebliebenes in der Weise herrscht, wie ich es eben 
angedeutet habe, herrscht namentlich bei so ganz im Sinne des Ameri- 
kanismus denkenden Geistern ein Hereinnehmen von Spaterem, ein 
Hereinschieben von Spaterem. Da merkt man deutlich, wenn man auf 
solche Sachen eingehen kann, daB gerade hervorragendere Geister 
vieles von dem haben, was da (links) durchsickert. Sie bekommen 
eine Vorstellung von solchem Durchsickerndem, wenn Sie zum Bei- 
spiel jenen Essay lesen, den Woodrow Wilson geschrieben hat iiber die 
Entwickelung des amerikanischen, des nordamerikanischen Volkes im 
besonderen. Man kann sich nichts denken, das mehr den Nagel auf den 
Kopf trifTt, das treffender ware als dieser Essay, den Woodrow Wilson 
iiber die Entwickelung des amerikanischen Volkes geschrieben hat. 
Da ist jedes Wort darinnen so, daB man das Gefiihl hat: es ist die 
Sache in der allerallerscharfsten Weise charakterisiert und getroffen. 
Und das fallt insbesondere deshalb auf, weil Wilson in diesem Fall sehr 
scharf aufmerksam macht darauf, daB eine ganze Anzahl von Leuten 
auch in Amerika die Ansicht haben, die eigentlich nur zu rechtfertigen 
ist, wenn man das amerikanische Volk heute noch auffaBt - wogegen 
er, Woodrow Wilson, sich wendet - gleichsam als eine Dependance 
des englischen Volkes. Diese Menschen, die heute noch die Amerika- 
ner so auffassen, als ob diese etwas waren wie Abkommlinge, wie ein 
Zweig der europaischen Englander, diese Leute lehnt Woodrow Wil- 
son im strengsten Sinne des Wortes ab. Die verstehen nichts, meint er, 
von der eigentlichen Entwickelung des amerikanischen Volkes im 
19. Jahrhundert. Denn der Amerikaner beginnt von innen erst Ame- 
rikaner zu sein - so spricht Wilson aus echt amerikanischem Geiste 
heraus, auBerordentlich pragnant und treffend - in dem Momente, wo 
er auf hort anzukmipfen mit seinem Seelenhaften an das, was von Eng- 



land heriibergekommen ist, wo er beginnt, als Bebauer des Bodens 
von Osten nach dem Westen hiniiberzudringen, von der amerikani- 
schen Ostkiiste nach der Westkiiste riiniiberzudringen. In diesem Aus- 
roden der Urwalder, in der Arbeit mit der Flinte, in der Arbeit mit dem 
Spaten, in der Arbeit mit dem Pflug und dem Pferde, in diesem Uber- 
winden jenes Widerstandes, der zu iiberwinden ist bei der Arbeit von 
dem Osten nach dem Westen hiniiber, entwickelt sich fur ihn der 
Westmann, der «Westerner», wie er es nennt. Und in dieser Art und 
Weise der Eroberung des Bodens sieht er, so daB es unmittelbar iiber- 
zeugendsten Eindruck macht, den eigentlichen Nerv der amerikani- 
schen Entwickelung. Man hat iiberall gerade das Gefuhl - man muB 
natiirlich verstehen, das Wie zu lesen in einem solchen Fall, nicht bloB 
das Was -, da spricht viel mehr als der Wilson. Denn wenn der Wilson 
selber spricht - ja, da wird nicht viel Gescheites daraus. Da spricht 
viel mehr, da spricht dasjenige, wovon der Mann als von seinem 
eigenen Inneren her besessen ist, da sprechen Damonennaturen, die 
geradezu grandiose Zukunftsgeheimnisse eingeben. In diese Geheim- 
nisse miiBte eigentlich die Menschheit eindringen, wenn die Ent- 
wickelung verstanden werden soil. 

Man muB heute tatsachlich einen Unterschied machen zwischen der 
bloBen wissenschaftlichen und zeitungsgemaBen Erfassung der Welt, 
die ja bequem ist, die auch allbeliebt ist, und der wahren Erfassung der 
Welt. Die wahre Erfassung der Welt, die muB solche Gegensatze sich 
klarmachen konnen wie die, welche ich jetzt auseinandergesetzt habe : 
von dem Hereinkommen bei den orientalischen Volkern von etwas, 
das da drauBen liegt (siehe Zeichnung Seite 45, rechts); von dem 
Herauf kommen bei den amerikanischen Volkern von etwas, was da 
drinnen (links) liegt. Und was da herauf kommt, es braucht das nicht 
etwas bloB Verwerfhches zu sein, es kann in gewissem Sinne grandiose 
ahrimanische Offenbarung sein, die da herauf kommt. Denn ahrima- 
nische Offenbarung ist es im wesentlichen, welche in jenem ausge- 
zeichneten Aufsatze von Woodrow Wilson iiber die Entwickelung des 
amerikanischen Volkes gegeben ist. 

Die Eingeweihten des Ostens und die Eingeweihten des amerikani- 
schen Volkes, die wissen auch das Notige aus diesen Dingen zu ma- 



chen. Man will von beiden Seiten die Entwickelung der Menschheit 
durchaus in gewisse Bahnen bringen. Die orientalischen Volker, das 
heiBt ihre Eingeweihten, haben ganz bestimmte Absichten fur die 
Zukunftsentwickelung der Menschheit. Diese Leute sehen, was in der 
Entwickelung richtig liegt und versuchen dasjenige, was in der Ent- 
wickelung richtig liegt, soweit der Mensch es beeinfiussen kann, zu 
beeinflussen. Sie suchen ihm eine gewisse Richtung, einen gewissen 
Impuls zu geben. Und der Impuls, der da von den orientalischen Ein- 
geweihten der Entwickelung gegeben werden will, der beruht im 
wesentlichen darauf, daB man nicht mehr rechnen will, so ungefahr 
nach der Halfte der sechsten nachatlantischen Zeit, auf die mensch- 
liche Generation. Man mochte verzichten auf das irdische Menschen- 
geschlecht nach dieser Zeit. Man mochte die Entwickelung der 
Menschheit dahin bringen, daB die Menschen nachher eigentlich nicht 
mehr so recht physische Nachkommen haben, daB die Seelen dann 
schon sich vergeistigen, nicht mehr auf die Erde herunterkommen in 
Verleiblichungen. Man mochte das Reich des Geistes fur die Mensch- 
heit schon von der Mitte der sechsten nachatlantischen Zeit an be- 
griinden. Dies wurde man nur konnen, wenn man gewisse Kultur- 
ingredienzien abweisen wiirde. Nicht nur die Eingeweihten des 
Orients, sondern eigentlich instinktiv jeder gebildete Orientale lehnt 
daher im eminentesten Sinne gewisse Europaismen ab; gerade die- 
jenigen Europaismen, auf die der Europaer ganz besonders stolz ist, 
lehnt er ab. Er lehnt ab namentlich alles dasjenige, was sich ja aus der 
rein technischen, materiellen Kultur in Europa und seinem Anhange 
Amerika ergeben hat. Wer die Entwickelung der Menschheit studiert, 
namentlich im 19. Jahrhundert und in das 20. Jahrhundert herein, der 
wird finden, daB man mit Recht sagt: Die Technik hat es ungeheuer 
weit gebracht, die Technik hat den Menschen Arbeitskrafte abge- 
nommen. Wenn man heute davon redet, die Erde habe so und so viel 
hundert Millionen Einwohner, so ist dieses eigentlich nicht ganz 
richtig, weil man auch rechnen kann, wieviel die Erde Einwohner hat 
nach dem, wieviel gearbeitet wird. Nun wird mit vollstandigem Recht 
gesagt, daB seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von den 
Maschinen, die nach und nach entstanden sind, menschliche Arbeits- 



kraft verrichtet wird. Man kann berechnen, ziemlich exakt berechnen, 
wieviel Millionen Menschen mehr die Erde haben miiBte, wenn alle 
die Arbeit, die von den Maschinen verrichtet wird, von den Menschen 
verrichtet wiirde. Die Erde miiBte funfhundert Millionen Menschen 
mehr haben. Man kann schon sagen : Heute sind auf der Erde nicht 
nur diejenigen Menschen mit zwei Beinen und einem Kopf, die 
statistisch berechnet werden konnen, sondern funfhundert Millionen 
mehr, gemessen an der Arbeitskraft; die Arbeitskraft wird eben von 
Maschinen verrichtet. 

Aber es gibt nichts Materielles, hinter dem nicht ein Geistiges steht. 
Diese funfhundert Millionen Menschenkrafte, die sind die Gelegen- 
heit zum Aufenthalte von ebensovielen ahrimanischen Damonen 
innerhalb der menschlichen Kultur. Diese ahrimanischen Damonen 
sind einmal da. Und diese ahrimanischen Damonen, die lehnt der 
Orientale aus einem gewissen Instinkt heraus radikal ab; die will er 
nicht. Das sehen Sie eigentlich aus jeder Manifestation eines feingebil- 
deten Orientalen heraus, daB er diese ahrimanische Damonologie ab- 
lehnt. Denn diese ahrimanische Damonologie, die gibt dem Menschen 
eine gewisse Schwere, die niemals moglich macht, daB dasjenige ge- 
schieht, was die orientalische Initiation anstrebt: daB das Menschen- 
geschlecht mit der Mitte der sechsten nachatlantischen Zeit physisch 
auf hort auf der Erde zu sein, weil die Menschen zuriickgehalten wer- 
den durch das, was sich auf diese Weise damonologisch-ahrimanisch 
entwickelt. 

Einem andern Ziel streben die Eingeweihten des Amerikanismus zu. 
Sie streben dem entgegengesetzten Ziele zu. Sie streben danach, eine 
innigere Gemeinschaft zu bilden, als im normalen Verlauf der Mensch- 
heitsentwickelung geschehen soil, zwischen den Menschenseelen und 
derjenigen Leiblichkeit, welche auf der Erde zu finden sein wird, der 
dichten, groben Leiblichkeit, die auf der Erde zu finden sein wird von 
dem sechsten nachatlantischen Zeitraume an. Die seelische Kultur 
wird sehr vertieft sein, aber die leibliche wird grob sein. Aber eine 
innigere Verbindung mit dieser groben Leiblichkeit strebt man im 
amerikanischen Westen an, eine innigere Verbindung als die normale 
ist, ein starkeres Untertauchen in die Leiblichkeit. Man will entgegen- 



kommen dem, was da durchsickert (siehe Zeichmmg Seite 45, links), 
will ihm entgegengehen durch starkeres Eindringen in die Leiblich- 
keit. Wahrend man also eine Kultur begriinden will von seiten der 
Orientalen, die nicht rechnet mit den Menschenleibern der spateren 
Erdenentwickelung, will man die Seelen ketten an diese spatere 
Erdenentwickelung innerhalb der amerikanischen Kultur des Westens. 
Man will die Leiber mdglichst so gestalten, daB die Seelen, wenn sie 
durch den Tod gegangen sind, moglichst bald wiederum in einen Leib 
herunterkommen konnen, daB sie moglichst wenig sich auf halten in 
der geistigen Welt. Man will die Seelen moglichst abhalten von einem 
Aufenthalt in der geistigen Welt, man will, daB sie moglichst bald 
wiederum auf die Erde herunterkommen. Man will sie innigst ver- 
binden mit dem Leben der Erde. 

Das sind Tendenzen, die man kennenlernen muB. So sonderbar es 
dem heutigen Menschen noch erscheint, wenn man von diesen Ten- 
denzen spricht, so schadlich ist es ihm, daB sie iibersehen werden. 
Denn notwendig ist, daB der Mensch sich mit vollem BewuBtsein hin- 
einstellt in dasjenige, das eigentlich mit ihm selbst gewollt wird und 
demgegenuber er oftmals leider, leider so steht, daB man sagen kann: 
er laBt alles mogliche mit sich geschehen. 

Aber dieses westliche Ideal, diese Damonologisierung des Men- 
schen, das wird nur erreicht werden konnen, wenn der geistige, psy- 
chische Amerikanismus unterstutzt werden kann von einer andern 
Weltanschauungsstromung, die viel verwandter mit dem Amerikanis- 
mus ist, als man denkt. Sie haben ja gesehen: Es ist wesentlich ein Hin- 
neigen des Amerikanismus zur Ahrimankultur, was das Ausschlag- 
gebende ist. Aber eine richtige Forderung wiirde dieser Amerikanis- 
mus erhalten konnen, wenn er unterstutzt wiirde von einer andern 
Weltanschauung, die viel verwandter mit ihm ist, als man denkt. Das 
ist der Jesuitismus. Jesuitismus und Amerikanismus sind zwei sehr, 
sehr verwandte Dinge. Denn als der fiinfte nachatlantische Zeitraum 
begann, da handelte es sich darum, einen Impuls zu finden, durch den 
man sich in den Stand setzen konnte, die Menschen moglichst hinweg- 
zufuhren von dem Verstandnisse des Christus. Und diejenige Bestre- 
bung in der Kulturentwickelung, welche es sich zur Aufgabe gesetzt 



hat, kein Verstandnis des Christus auf kommen zu lassen, das Ver- 
standnis des Christus vollstandig zu untergraben, das ist der Jesuitis- 
mus. Der Jesuitismus strebt danach, allmahlich jede Moglichkeit eines 
Christus- Verstandnisses auszurotten. Denn dasjenige, was da zugrun- 
de liegt, das hangt schon mit einem tiefen Mysterium zusammen. Da- 
mit, daB etwas von auBen (siehe Zeichnung Seite 45, rechts) immer da 
hereinkam in das menschliche Innere, hangt es zusammen, wie ich 
sagte, daB die Menschen vorher, vor dem 7., 8. vorchristlichen Jahr- 
hundert, atavistisches Hellsehen hatten. Aber durch dieses atavistische 
Hellsehen sahen sie auch im Universum den Christus. Der Christus 
war etwas, was sie sehen konnten im alten Hellsehen. Ich habe das ja 
oft dargestellt, ich habe es dargestellt in der «Geheimwissenschaft im 
UmriB», und der ganze Sinn meines Buches «Das Christentum als 
mystische Tatsache» gipfelt ja schlieBlich darin. Man sah den Christus 
im Kosmos, man sah den Christus im Universum. Aber nun denken 
Sie: Vom 7., 8. vorchristlichen Jahrhundert ab haben wir Menschen 
die Moglichkeit verloren, in das Universum hinauszuschauen. Was 
hatten denn die Menschen mitverloren, wenn nichts anderes gekom- 
men ware, dadurch, daB sie gar nicht mehr hinausschauen konnten ins 
Universum? Was hatten die Menschen verloren? Die Moglichkeit, 
von einem Christus-Geiste uberhaupt etwas zu wis sen, wenn der 
Christus nicht zu ihnen gekommen ware durch das Mysterium von 
Golgatha, wenn der Christus nicht auf die Erde heruntergekommen 
ware. In dem historischen Zeitmomente, wo die Menschen nicht mehr 
den Christus im Kosmos schauen konnten, kam der Christus auf die 
Erde herunter, verband sich mit dem Jesus. Von da ab war es des 
Menschen Aufgabe, den Christus in dem Menschen zu erfassen. Und 
gerettet werden muB die Moglichkeit, daB mit dem, was da durch- 
sickert (siehe Zeichnung, links), der Christus erkannt werde. Denn 
der Christus ist zu den Menschen heruntergestiegen. Der Jesus ist ein 
Mensch, in dem der Christus gewohnt hat. Wirkliche menschliche 
Selbsterkenntnis muB den Jesus-Keim tragen. Dadurch wird man in 
die Zukunft ubersiedeln konnen. Tief begriindet ist es, daB wir von 
einem Christus Jesus sprechen. Denn der Christus entspricht dem Kos- 
mischen; aber dieses Kosmische ist auf die Erde heruntergekommen 



und hat in dem Jesus Wohnung genommen, und der Jesus entspricht 
dem Irdischen mit der ganzen irdischen Zukunft. 

Will man den Menschen abschlieBen vom Geistigen, so nimmt man 
ihm den Christus. Dann hat man die Moglichkeit, den Jesus so zu 
bemitzen, daB die Erde nur in ihrem irdischen Aspekt vorhanden 
bleibt. Sie werden daher beim Jesuitismus eine fortwahrende Be- 
kampfung der Christologie finden, dagegen ein scharfes Betonen des- 
sen, daB man ein Heer ist, eine Armee fur den Jesus. Ja, naturlich: 
Geisteswissenschaft ist schon ein Mittel, daB solche Dinge erkannt 
werden, daB den Menschen die Schuppen von den Augen fallen. Da- 
her werden jene, die nicht erkannt sein wollen, immer wiitender und 
wiitender werden auf dasjenige, was Geisteswissenschaft will. Wiiten- 
der, man sieht es: Das Juliheft der jesuitischen Zeitschrift «Stimmen 
der Zeit» - friiher «Stimmen aus Maria-Laach» - enthalt nicht nur 
einen, sondern gleich zwei Artikel gegen mich. Und wer dieses im 
Zusammenhang zu denken vermag mit dem, was sonst jetzt sich an 
neuen Aspirationen des Jesuitismus in der Welt entwickelt, der wird 
daraus iiberhaupt etwas Tieferes sehen konnen. Nur leider, man 
spricht ja von solchen Dingen heute doch zumeist vor einer schlaf en- 
den Menschheit. Die Menschen lieben es, die wichtigsten Dinge zu 
verschlafen, nicht hinzuhoren auf dasjenige, was nun wirklich zu- 
kunftbestimmend ist. Daher werden die Menschen jetzt von alien 
Dingen, wie ich vorgestern sagte, iiberrascht. Sie wollen ja auch iiber- 
rascht sein. Spricht man moglichst friih von den Dingen, die im SchoBe 
der Zeit Hegen, so betrachten die Menschen das als etwas Unbequemes, 
weil sie moglichst lange gut brav burgerlich bequem auf ihren Polster- 
sesseln sitzen mochten, auch wenn sie verantwortungs voile, fiihrende 
Menschheitsstellen innehaben. Aber diejenigen, welche sich fur 
Geisteswissenschaft interessieren, sollten schon sich in die Seelen ein- 
gravieren, daB man alles tun wird, um diese Geisteswissenschaft un- 
wirksam zu machen. Es ist nicht gerade gut, wenn auch wir innerhalb 
unserer Kreise allzusehr schlafen mit Bezug auf die Beobachtung des- 
jenigen, was in der Welt vorgeht. 

Zuweilen ist es ja recht schwierig, zu sehen, wie doch immer alles, 
was so personlich spielt, hohergestellt wird als dasjenige, was in der 



gegenwartigen Zeit so ganz besonders wichtig und wesentlich ist: das 
Hinschauen auf die groBen Angelegenheiten der Menschheit, die sich 
langsam vorbereiten. Die Angriffe, die zu tun haben mit den groBen 
«Wo!lungen», die kommen schon von den verschiedensten gegneri- 
schen, ernst zu nehmenden Seiten. Solch ein AngrifF wie der, von dem 
ich eben gesprochen habe, er ist schon in gewissem Sinne ernster zu 
nehmen. Man muB ihn in der richtigen Weise taxieren konnen. Nicht 
ernst zu nehmen nach dieser Richtung hin sind ja natiirlich jene scho- 
nen Angriffe, welche aus dem Unterirdischen unserer Gesellschaft 
selber immer wiedemm auftauchen, und die ja zum Teil bloB deshalb 
ein boses Ansehen haben, weil immer wieder und wiederum die Ten- 
denz bemerkbar ist, daB man gerade die groBte, liebevollste Teilnahme 
gegenuber jenen Leuten hat, welche dasjenige, was ernst erstrebt wird 
in unseren Reihen, verlastern, zu vemnglimpfen suchen und derglei- 
chen. Und erst wenn das Unheil da ist, dann entschlieBt man sich nach 
und nach, wirklich zu sehen ; vorher werden manche Leute gehatschelt, 
welche dann das Unheil bringen. 

Ich sage dies nicht, well ich daran denke, daB das oder jenes anders 
sein sollte, sondern weil ich mich wirklich verpflichtet fuhle, darauf 
aufmerksam zu machen, daB die Menschheit aufwachen muB, und daB 
wir vor alien Dingen zu denen gehoren mussen, welche nach Wachheit 
streben. 

Auf gewissen Gebieten kann man ja heute alles mogliche tun. Der 
von mir hier gemeinte Schlaf der Menschheit, der nur iiberwunden 
werden kann durch ein Eindringen in die geistigen Welten, der ist 
auBerordentlich schwer zu iiberwinden, der Schlaf der Menschen. Und 
mit Bezug auf die Verbreitung des geisteswissenschaftlichen Erkennt- 
nisgutes hat man es vielfach gerade mit diesem Schlaf zu tun als dem 
Gegner. Ich will dabei gar nicht von einer einzelnen Erscheinung 
sprechen, sondern in der ganzenKulturbewegung ist gegenwartig etwas 
Schlafriges gegenuber den eigentlichen Impulsen, die iiberall, an alien 
Stellen den Menschen iiber den Kopf hinauswachsen. Zwei Dinge 
sind notwendig, die man sich wie goldene Regeln eigentlich einschrei- 
ben muBte in seine Seele: Niemals war mehr als in unserem fiinften 
nachatlantischen Zeitraum die Notwendigkeit vorhanden, daB die 



Menschen sich immer mehr und mehr bemiihen - und daB Menschen 
da sind, die das konnen, daran ist nicht zu zweifeln -, gerade das zu 
erreichen, was besonders wertvoll ist: geisteswissenschaftliche Er- 
kenntnisse zu verstehen. GewiB, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse 
miissen gesucht werden durch hellsichtiges Eindringen in die geistige 
Welt; das ist eine Notwendigkeit. Aber das ist eine Selbstverstand- 
lichkeit, daB es Hellseher geben muB, die eindringen in die geistige 
Welt, daB es Leute geben muB, die iibersinnliche Erkenntnisse an- 
streben. Zwekens aber ist besonders wichtig, daB sich fur diese geistes- 
wissenschaftlichen Erkenntnisse, fur diese in iibersinnlichen Welten 
gesuchte Erkenntnis Leute flnden, die kraft des Intellekts die Sache 
verstehen. Das vemunftige, verstandige Begreifen der Geisteswissen- 
schaft, das ist heute ganz besonders notwendig, denn das ist dasjenige, 
wodurch die widerstrebendsten Kulturmachte gerade iiberwunden 
werden- Der Intellekt der Menschen ist heute so groB, daB die ganze 
Geisteswissenschaft verstanden werden kann, wenn man nur will. Und 
gerade dieses Verstandnis anzustreben, ist ein allgemein-menschliches, 
nicht ein egoistisches Interesse der Kultur. Denn dieses Verstandnis 
kann angestrebt werden, wenn jene intellektuellen Krafte, die heute 
verwendet werden auf naturwissenschaftlichen Gebieten an allerlei 
Kleinkram, wenn jene intellektuellen Krafte, die heute volkswirt- 
schaftlich recht fruchtlos verwendet werden, und endlich, wenn jene 
Krafte, die in einer fruchtlosen, vielleicht sogar menschenmorderi- 
schen Technik verwendet werden, entsprechend angewendet wiirden, 
und die Menschen nicht verzogen wiirden von friihester Kindheit an. 
Dann wiirde man sehen, wie ieicht das spirituelle Geistesgut wirklich 
zum Verstandnisse der Menschheit gebracht werden konnte. Das ist 
das eine. 

Die andere goldene Regel ist diese, daB man heute noch etwas an- 
deres braucht fur das Fruchtbarmachen des spirituellen Geistesgutes 
fur unsere Kultur. Das erste ist etwas, was Ahriman abgerungen wer- 
den muB. Die Menschen sind heute schon gescheit, denn Ahriman 
sorgt dafiir, daB die Menschen gescheit sind. Oh, die Menschen sind 
gescheit! Sie verwenden ihre Gescheitheit eben nur im materialisti- 
schen Interesse. Die Menschen sind nicht nur gescheit, sie sind uber- 



gescheit. Davon werden wir aber in den nachsten Vortragen noch 
sprechen, damit Sie sehen, welchen ungeheuren EinfluB gerade das 
ahrimanische Element auf die menschliche tJbergescheitheit der heu- 
tigen Zeit hat. Aber noch etwas anderes ist notwendig. Noch einem 
andern Geiste ist manches abzuringen. Wir brauchen nicht nur Ge- 
scheitheit, mit der das spirituelle Geistesgut durchdrungen werden soil, 
wir brauchen vor alien Dingen sehr, sehr dringlich - ja, wie soli ich es 
ausdnicken wir brauchen bei den Menschenseelen, an die das spiri- 
tuelle Geistesgut herankommt, Temperament, Enthusiasmus, Feuer, 
Warme. Wir brauchen Menschen, welche mit der ganzen, vollen Seele 
dasjenige vertreten, was spirituelles Geistesgut ist. Gerade auf spiri- 
tuellem Gebiete muB den luziferischen Kraften, die sonst so wirksam 
jetzt sind in der Welt, dieses abgerungen werden. Es gibt einen scho- 
nen Anblick: es ist der Anblick desjenigen, der in ruhiger Klarheit, 
aber mit innerem Feuer und Enthusiasmus, weil es ihm eine Notwen- 
digkeit ist, fur das spirituelle Geistesgut sich erwarmen kann. Es gibt 
einen andern Anblick : das ist der, wo man moglichst versucht, durch 
das spirituelle Geistesgut eingelullt zu werden, traumerisch zu werden, 
hingegossen warm zu werden, aufzugehen in die universellen Krafte, 
die Seele zu vereinigen mit dem gottlichen All. Das sind Gegensatze, 
die man in der Gegenwart doch wohl beobachten kann, Gegensatze, 
die es notwendig ist, zu beobachten. Denn es wird nicht leicht werden, 
das spirituelle Geistesgut der Menschenkultur einzuverleiben. Und es 
muB hinein, denn die Menschenkultur braucht es. Man wird uber 
vieles ganz, ganz anders nicht nur denken lernen rmissen, sondern auch 
fuhlen und empfinden lernen miissen. 

Ja, ich konnte noch manches sagen in Anknupfung an dasjenige, 
was ich jetzt eben ausgesprochen habe, aber ich will vielleicht lieber 
schweigen und will Ihnen Gelegenheit geben, nachzudenken. Man 
kann iiber manches nachdenken, was angeregt werden konnte durch 
manche Tiicke, welche ich ganz absichtlich in die eben ausgesprochene 
Wahrheit hineingelegt habe. Nun, davon wollen wir dann das nachste 
Mai weiter sprechen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 24. August 1918 



Wenn man eine Zeit, in der man selbst lebt, verstehen will, so muB man 
sie aus groBeren Weltenzusammenhangen heraus verstehen. Das ist 
gerade das Kleinliche der gegenwartigen Zeit, daB man nicht will die 
Impulse, die Krafte, die wirksam sind in der Gegenwart, aus groBe- 
rem Zusammenhang heraus sich klarmachen. Und insbesondere wird 
es immer wieder und wiederum notwendig sein, um das eine oder das 
andere gegenwartig Wirksame zu verstehen, zuriickzugreifen zu den 
Verhaltnissen, durch welche die Menschheitsentwickelung gegangen 
ist zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Dieses Mysterium von 
Golgatha, wir haben es ja von den verschiedensten Gesichtspunkten 
aus dargestellt und haben gesehen, wie tief, wie bedeutsam es eingreift 
in den ganzen Evolutionsgang, die ganze Entwickelung der Mensch- 
heit. Wir wis sen, daB die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha 
anders die Welt empfanden, anders anschauten als nach dem Myste- 
rium von Golgatha. Natiirlich geht das nicht so auf einmal aus dem 
einen Zustand in den andern Zustand uber. Aber der riickschauenden 
Betrachtung ergibt sich schon dasjenige, was wir von den verschie- 
densten Gesichtspunkten aus dargelegt haben. Insbesondere mochte 
ich heute, um eine gewisse Grundlage fur die nachsten Betrachtungen 
zu flnden, auf eines hinweisen. 

Wenn wir die Stimmung, die Verfassung der Menschenseelen vor 
dem Mysterium von Golgatha betrachten, so konnen wir im allge- 
meinen sagen, daB innerhalb der Kulturmenschheit, also derjenigen 
Menschhek, aus der die heutige Kulturmenschheit hervorgegangen 
ist, vor dem Mysteruim von Golgatha eine gewisse Fahigkeit in den 
Seelen vorhanden war, in die Geheimnisse der kosmischen, geistigen 
Welt hineinzuschauen. Es war fur die Menschen vor dem Mysterium 
von Golgatha gewissermaBen selbstverstandlich, nicht so zum Ster- 
nenhimmel hinaufzuschauen, wie heute der Mensch zum Sternen- 
himmel hinaufschaut. Wir wissen ja, heute schaut der Mensch zum 
Sternenhimmel hinauf, indem er sich sagt: Mit unserer Erde sind 



einige andere Planeten verbunden, die mit ihr zusammen urn die Sonne 
kreisen; dann sind unzahlige andere Fixsterne da, die wiederum ihre 
Planeten haben. - Und wenn dann der Mensch darauf achtet, was er 
eigentlich, indem er sich so etwas iiberlegt, fur einen Gedanken hat, 
so muB er sich doch sagen, er hat den Gedanken einer groBen Welt- 
maschinerie. DaB da noch anderes waltet und wirkt als die Krafte 
dieser groBen Weltmaschinerie, das macht sich der Mensch der Ge- 
genwart nur sehr, sehr wenig klar. Das war mehr oder weniger fur 
den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha selbstverstandlich. 
Insbesondere war fur ihn selbstverstandlich, die Sonne zum Beispiel 
nicht bloB als dasjenige anzuschauen, als was sie der heutige Physiker 
anschaut, roh gesprochen, eine Art gluhender Kugel im Weltenraume 
drauBen, sondern der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha 
wuBte ganz genau: Diese Sonne, von der die Physik spricht, diese 
Sonne ist nur ein Element in der ganzen Sonne. Dieser Sonne Hegt zu- 
grunde ein Seelisches und ein Geistiges. Und das Geistige, das dieser 
Sonne zugrunde liegt, sprach ja noch der griechische Weise als das 
allgemeine Weltgute an, als das Gute der Welt, als das einheitliche, die 
Welt durchwallende Gute. Das war ihm der Geist der Sonne. Ihm ware 
es, diesem griechischen Weisen, als starkster Aberglaube vorgekom- 
men, so zu denken, wie der heutige Physiker denkt, daB da drauBen 
im Weltenraume einfach eine gliihende Kugel schwebe; sondern ihm 
war diese gliihende, schwebende Kugel die Offenbarung des einheit- 
lich Guten, das in der Welt zentral wirksam ist. Und mit diesem zen- 
tralen Guten, das geistiger Art ist, ist wiederum verbunden ein Seeli- 
sches: der Helios, wie es die Griechen nannten. Und erst das dritte, 
der physische Ausdruck des Guten und des Helios, war dann die phy- 
sische Sonne. Es sah also der Mensch damals an Stelle der Sonne ein 
Dreifaches. Und mit diesem Dreifachen, das in der Sonne in alten 
Zeiten gesehen worden ist, brachten diejenigen Menschen, welche in 
der Zeit des Mysteriums von Golgatha dachten - ausgeriistet mit dem 
Wissen dieses Mysteriums von Golgatha, ausgeriistet mit dem Wissen 
der alten Mysterien -, mit diesem dreifachen Sonnenmysterium brach- 
ten diese Weisen das Christus-Mysterium zusammen, das Mysterium 
von Golgatha selber. Mit der Sonnenverehrung war verbunden fur 



diejenigen, die etwas wuBten, die Christus-Verehrung. Mit der Sonnen- 
weisheit war wiedemm fur diejenigen, die etwas wuBten, verbunden 
die Christus-Weisheit. 

Um aber das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, naturgemaB zu 
fiihlen, als etwas Selbstver standliches zu empfinden, dazu war eben die 
{Constitution der Seele notwendig, die damals da war. Und diese Kon- 
stitution der Seele verschwand eben. Sie verschwand schon seit dem 
8. vorchristlichen Jahrhundert, mit dem Jahre 747 - dies ist die wirk- 
liche Griindungszahl von Rom - vor dem Mysterium von Golgatha. 
Mit der Griindung Roms schwindet eigentlich die alte Moglichkeit, 
in dem Kosmos draufien das Geistige zu sehen. Mit dem Eintritt 
Roms in die Geschichte tritt das in die Menschheitsevolution ein, 
was man das prosaische Element nennen kann. Die Griechen zum Bei- 
spiel bewahrten in ihrer ganzen Weltanschauung noch die Moglich- 
keit, hinter der Sonne eben die zwei andern Sonnen, die seelische und 
die geistige Sonne zu sehen. Und nur dadurch, daB nun nicht rein in 
griechische Weisheit und in griechisches Empfinden das Mysterium 
von Golgatha getaucht worden ist, sondern in romische Weisheit und 
in romisches Empfinden, dadurch ist es gekommen, daB man ge- 
brochen hat mit dem Wissen von dem Zusammenhang des Christus 
mit der geistigen Sonne. Damit haben sich ja namentlich die christ- 
lichen Kirchenvater und die christlichen Kirchenlehrer zu befassen 
gehabt, dieses Mysterium von der Sonne zu verhullen, dieses Myste- 
rium von der Sonne fiir die Menschheit verges sen zu machen, es 
nicht herauskommen zu lassen. Es sollte gewissermaBen ein Schleier 
gebreitet werden durch die fortgehende Entwickelung des Christen- 
tums, wie man das nennt, iiber die tiefe, die bedeutsame, die um- 
fassende Weisheit von dem Zusammenhange des Christus mit dem 
Sonnenmysterium. 

Wenn man definieren sollte die Aufgabe der Kirche, jener Kirche, 
die entstanden ist dadurch, daB das Christentum in das Romertum 
eingesenkt worden ist, dann miiBte man dies so tun, daB man sagte : 
Die romisch gefarbte christliche Kirche hatte sich namentlich zur 
Aufgabe zu machen, das Christus-Mysterium moglichst zu ver- 
hullen, es moglichst wenig bekanntwerden zu lassen. - Die Einrich- 



tung, welche die Kirche durch den Romanismus erfahren hat, die ist 
insbesondere geeignet gewesen, die Menschen so wenig wie moglich 
von dem Christus-Geheimnis wissen zu lassen. Die Kirche war da- 
durch eine Institution zur Geheimhaltung des Christus-Mysteriums 
geworden, eine Institution geworden, moglichst wenig in die Welt 
kommen zu lassen von dem Christus-Mysterium. Dies ist etwas, was 
immer mehr und mehr in der jetzigen Zeit der Menschheit klarwerden 
muB, weil beginnen muB diejenige Zeit, welche in der Lage ist, wie- 
derum mit andern BegrifFen zu arbeiten als mit den romischen Be- 
griffen. Romische BegrifFe haben gerade das Scharfumrissene, das 
Scharf konturierte, das Kadaverhafte. Diejenigen BegrifFe, welche ent- 
wickelt werden, um zum Beispiel den Menschen in seiner Wahrheit zu 
begreifen, wie ich ihn in seiner Normalaura, mochte ich sagen, Ihnen 
vor acht Tagen hier auf die Tafel gezeichnet, skizziert habe, die Be- 
grifFe, die notwendig sind, um die wahre Wirklichkeit des Menschen 
wieder zu erfassen und damit die wahre Wirklichkeit der Welt einiger- 
maBen zu begreifen, diese BegrifFe miissen flussig sein, diese Be- 
grifFe durfen nicht scharf konturiert sein, denn die Wirklichkeit ist 
nichts Starres, sondern etwas Werdendes. Und wollen wir mit unse- 
ren BegrifFen und Ideen die Wirklichkeit erfassen, so miissen wir mit 
unseren BegrifFen dem FluB, dem Werden der Wirklichkeit nach- 
schreiten. 

Wenn auBer acht gelassen wird dieses Flussigwerden der BegrifFe, 
dann kommt das zustande, was heute zum Unheil der Menschheit an 
zahlreichen Orten beobachtet werden kann. Nehmen Sie eine Erschei- 
nung, die heute fur etwas grundlichere, nicht schlafende Weltenbeob- 
achter sich geradezu aufdrangt. Es ist die folgende Erscheinung. Nicht 
wahr, wir haben in der Welt unter uns Gelehrte, Gelehrte auf den 
mannigfaltigsten Gebieten. Diese Gelehrten vertreten, bewahren, wie 
man sagt, die Wissenschaft, und die heutige Menschheit, die ja nicht 
autoritatsglaubig ist, glaubt aber trotz ihres aus der Welt geschafFten 
Autoritatsglaubens aufs Wort alles dasjenige, was von den Gelehrten 
der verschiedenen Gebiete vertreten wird. Und die Gelehrten unter- 
einander glauben den andern immer dasjenige, was nicht gerade in 
ihrem Gebiete ist. In diese Verhaltnisse sehen die Menschen heute 



nicht gern hinein, weil das ganze Zerfaserte und Chaotische unserer 
Kultur den Menschen auffallen miiBte, wenn sie in diese Verhaltnisse 
hineinsehen wiirden. Aber wir haben ja zum Beispiel das Folgende er- 
lebt. Nehmen wir an, so ein Gelehrter - wir konnten immer fur die 
verschiedenen Gebiete einen herausheben - hat zu seinem speziellen 
Gebiete, nun, meinetwillen ~ ich will etwas Ausgefallenes nehmen 
die Agyptologie. Da besteht dann sein Beruf darinnen, daB er iiber die 
Eigentumlichkeit des agyptischen Volkes die ubrigen Menschen, 
die sich nicht beschaftigen konnen mit dem, was man die Quellen 
nennt, unterrichtet, daB er auch iiber die Beziehungen des agyptischen 
Volkes zu andern Volkern des Altertums die Menschen unterrichtet. 
Der Menschen Aufgabe ist es, das aufs Wort zu glauben, denn der 
Mann ist ja in der Agyptologie eine Autoritat. Nun ist aber in unserer 
Zeit ein Unheil gekommen : Eine groBe Anzahl von diesen Gelehrten, 
die solche Spezialgebiete vertreten, haben nicht geschwiegen, sondern 
iiber Themen gesprochen, die nicht zu ihrem Fachgebiet gehoren. Es 
ware ja besser gewesen, wenn sie geschwiegen hatten, aber sie haben 
nicht geschwiegen; sie haben zum Beispiel ihr Denken, ihre Gedan- 
kenformen heute unter dem Eindruck dieser Ereignisse angewendet 
auf ihr eigenes Volk und auf seine Beziehungen zu den andern Vol- 
kern. Und da hat man nun geniigend Gelegenheit zu sehen, was fiir 
Unsinn eigentlich die Leute reden. Nun miiBte man Schlusse ziehen, 
Schliisse, die sehr real gedacht werden konnen. Gar mancher, der etwas 
gilt, sagen wir, auf dem Gebiete der Agyptologie, und von dem man 
die Meinung hat, daB seine Begriffe mit Bezug auf die Eigentumlich- 
keiten des agyptischen Volkes und seines Verhaltnisses zu andern 
Volkern unanfechtbar seien, der redet nun plotzlich in der Gegen- 
wart lauter Unsinn iiber sein eigenes Volk und iiber das Verhaltnis 
seines eigenen Volkes zu den andern Volkern. Ja, glauben Sie, er wird 
nun iiber die Agypter und iiber ihre Beziehungen zu andern Volkern 
gescheiter reden und geredet haben? Wenn Balfour heute iiber das 
Verhaltnis seines Volkes zu der ubrigen Welt spricht, oder wenn 
Houston Stewart Chamberlain fortwahrend Unsinn redet iiber das Ver- 
haltnis der Menschen zu den andern Menschen, da konnten einige 
auch ohne Nachdenken irgendwie herauskriegen, daB die Leute Un- 



sinn reden, volligen Unsinn reden ! Aber nun hat der Chamberlain ge- 
schrieben «Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts» und eine groBe 
Anzahl anderer Biicher, bei denen man nicht die Gelegenheit hat, die 
Geschichte zu priifen. Er hat natiirlich ganz genau denselben Unsinn 
geredet dazumal. 

Es ist schon einmal gegenwartig die Zeit der Priifung, und nament- 
lich die Zeit der Priifung dafiir, nun endlich einmal einzusehen, daB es 
nicht bloB darauf ankommt, Urteile abzugeben, die einen gewissen 
eingeschrankten Wert haben, indem sie richtig sind auf einem be- 
stimmten Gebiete - das ist fast jedes Urteil, das Falscheste ist auf 
einem bestimmten Gebiete richtig -, sondern daB es darauf ankommt, 
geradezu zu suchen jene Hiissigkeit der Urteile, die nur durch die 
Geisteswissenschaft gefunden werden kann, die in die Realitat ein- 
dringt. 

Es ist ja merkwurdig, welche Kollisionen zwischen gesundem Den- 
ken und zeitgemaBem Denken gerade heute an die Oberflache treten. 
Man hat in den letzten Tagen von einer religiosen Diskussion gehort, 
die stattgefunden hat in Petersburg - Petrograd, so hat man eine Zeit- 
lang gesagt, ich weiB nicht, ob man jetzt schon wieder Petersburg 
sagt -, also von einer religiosen Diskussion, die in dem ehemaligen 
St. Petersburg stattgefunden hat. Mitten drinnen im Bolschewismus 
hat man von einer religiosen Diskussion gehort. Da haben iiber die 
Religion und ihre Entwickelung gesprochen Sozialisten, Popen, selbst- 
verstandlich auch allerlei Bourgeoisleute. Die haben natiirlich nicht 
das Gescheiteste geredet. Nun konnte man aus der Diskussion, die da 
gepflogen worden ist, die natiirlich in der Wolle gefarbt war von der 
Gegenwart, aber durchaus mit den starrsten alten BegrifTen arbeitete, 
wie es scheint, doch manches lernen. Zum Beispiel hat da ein Pope 
etwas hochst Interessantes vorgebracht. Der Pope fiihlt sich genotigt, 
zu seinen Lammern so zu sprechen, wie er es bisher gewohnt war. 
Nun hat er natiirlich bisher so geredet, daB alles dasjenige, was auf 
der Welt ist, der Zarismus und alles, alles selbstverstandlich von Gott 
kommt. Was kann er heute machen, der gute Pope? Er muB natiirlich 
das, was er gewohnt war, friiher seinen Lammern zu sagen - jetzt 
sind es keine Lammer mehr -, heute wenigstens irgendwie beibehalten, 



denn er will ja nicht zu neueren Begriffen iibergehen. Da sagt er derm: 
Die Welt ist von Gott, alles ist von Gott; da wir jetzt eine Sowjet- 
regiemng haben, ist sie auch von Gott. Bolschewismus ist eben von 
Gott der Menschheit geschickt. Da alles von Gott ist, ist auch der 
Bolschewismus von Gott. - Was soil er anderes sagen? Ich bin ganz 
iiberzeugt davon, die SchluBfolgerung kann auch noch weiter aus- 
gedehnt werden. Warum sollte man nicht sehr schon plausibel 
machen konnen, daB der Teufel von Gott ist? Der Teufel ist einge- 
setzt von Gott, nach ganz derselben SchluBfolgerung ! - Das ist es ja, 
daB man wirklich einmal tiefer hineinleuchtet in dasjenige, was not- 
wendig ist. Das findet natiirlich auf alien Gebieten starkste Gegner- 
schaft.Schlafen aber kann man nicht, wenn man sich vorgenommen 
hat, teilzunehmen an dieser Umarbeitung des Vorstellungsvermogens 
der Menschen. 

Begriffe, die der Materialismus herausgearbeitet hat und die gerade- 
zu als unanfechtbar gelten, sie gehoren zu demjenigen, was gewisser- 
maBen am griindlichsten iiberwunden werden miiBte. Nichts begegnet 
einem ja heute haufiger aus der sogenannten Autoritat der Wissen- 
schaft heraus als dasjenige, was genannt wird das Gesetz von der Er- 
haltung der Energie und des Stoffes, Erhaltung von Kraft und StofF. 
Das ist dasjenige, was ganz besonders der Menschheit ans Herz ge- 
wachsen ist. Die ganz und gar mechanistisch, physikalisch gewordene 
Weltanschauung will sich betauben gegeniiber dem Vorhandensein 
des Geistes. Da sie den Geist nicht anerkennen will, kann sie dem 
Geist auch nicht Dauer, nicht Ewigkeit zuschreiben; sie schreibt die 
Ewigkeit ihrem kleinen Gotzen, dem Atom, oder iiberhaupt dem Stoff 
oder der Kraft zu. Aber, die Wahrheit ist, daB von alldem, was Sie 
sinnlich anschauen konnen, was Sie da stofHich und als Krafte in der 
Welt umgibt, nach den Gesetzen des Weltenalls nichts, aber auch gar 
nichts iiber die Stufe des Venuszeitalters hinaus existieren wird. Wir 
wissen, daB auf die Evolution der Erde die Jupiterevolution folgt, und 
auf die Jupiterevolution die Venusevolution, dann die Vulkanevolu- 
tion. So wie sich der Mensch in verschiedenen Verkorperungen 
wiederfindet, so findet sich die Erde wieder als Jupiter, nach der Ju- 
piterevolution als Venus, nach der Venusevolution als Vulkan. Das- 



jenige, was heute von irgendeinem physikalischen Experiment als 
StofF und Stoffgefiige gefunden werden kann, es hat nicht Bestand 
iiber das Venusdasein hinaus. Es gibt keine Erhaltung des Stoffes und 
der Kraft - solchen Stoffes, solcher Kraft, von der die Physiker spre- 
chen konnen - iiber das Venusdasein hinaus. Das ganze Gesetz von 
der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ist lediglich ein Aberglaube, 
ist dasjenige, wovon alle physikalischen Begriffe beherrscht werden. 
Aber etwas wird zugedeckt, indem man geradezu davon spricht, die 
Welt bestehe aus unzerstorbarem StofF, der sich immer in andern 
Gruppierungen ergibt. Zugedeckt wird das, was als Antwort kommen 
mufi, wenn man die Frage aufwirft : Ja, was bleibt denn dann, wenn 
alles das, was unsere Sinne in weiterem Umkreise umgibt, schon nicht 
mehr da sein wird, wenn die Venuszeit gekommen oder in ihrer 
Mitte angelangt sein wird? Was bleibt dann? Wo ist denn irgend etwas, 
was bleibt? 

Nun, richten Sie Ihre Augen hinaus in den weiten Umkreis, den Sie 
uberschauen konnen. Schauen Sie sich alles, alles an, schauen Sie sich 
die Gesamtheit des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen, des 
menschlichen Reiches an; schauen Sie sich an alles dasjenige, was Sie 
sehen konnen als Sterne, Lichterscheinungen, alle Lufterscheinungen, 
alle Wassererscheinungen, sehen Sie hin, wo Sie hinsehen wollen, fas- 
sen Sie alles zusammen, was Sie irgendwie in Ihren auCeren Sinnes- 
wahrnehmungen zusammenfassen konnen und stellen Sie sich die 
Frage: Wo ist etwas, was von unserem jetzigen Dasein bleibt? - In 
keinem Tier, in keiner Pflanze, in keinem Mineral, in keiner Luft, in 
keinem Wasser, nirgends als nur im Menschen! In allem, was Sie 
heute sehen konnen, ist nichts enthalten, was regelrecht iiber das 
Venusdasein hinausgeht, als einzig und allein der Mensch selber. In 
nichts anderem konnen Sie etwas Bleibendes, etwas, was mit dem 
Begriffe der Ewigkeit angesprochen werden kann, suchen, in nichts 
anderem als in dem Menschen. Das heiBt: Suchen wk die Keime fur 
die wahre Weltenzukunft, wo miissen wir sie suchen? - Wir miissen sie 
im Menschen suchen! Wir konnen sie bei keinem andern Geschopf, 
in keinem Naturreiche suchen. Aber durch die Naturreiche haben die 
alten Menschen vor dem Mysterium von Golgatha das kosmische All, 



geistig natiirlich, gesehen. Wenn wir die Sonne nehmen: Sie haben 
einen glxihenden Ball gesehen, aber sie haben durch den gliihenden 
Ball den Helios und das Gute gesehen. Doch dieser gliihende Sonnen- 
ball wird nicht langer vorhanden sein als das Venusdasein; dann ist 
er weg. Und alles dasjenige, wodurch man wie die Alten als durch einen 
Schleier die Konstituion irgendeines geistigen Daseins gesehen hat, 
es wird weg sein. Und von alledem, was jetzt da ist, bleibt fur die 
Zukunft nur das, was in den Menschen keimhaft veranlagt ist. 

Was ist denn also eigentlich geschehen? Die Menschen haben vor 
dem Mysterium von Golgatha hinausgesehen in das weite Weltenall; 
sie haben gesehen Sterne iiber Sterne, sie haben gesehen die Sonne und 
den Mond, sie haben gesehen Luft und Wasser, die verschiedenen 
Reiche. Aber sie haben sie nicht so angeschaut wie der heutige Mensch, 
sondern sie haben hinter alldem das geistig-gottliche Dasein geschaut, 
und sie haben hinter alldem den Christus, der noch nicht zur Erde 
niedergestiegen war, geschaut. In diesen alten Zeiten hat man den 
Christus verbunden mit dem Kosmos, auBerirdisch hat man ihn ge- 
sehen. In all dem, worinnen man den Christus gesehen hat, ist nichts, 
was iiber das Venusdasein hinaus dauert. Alles, wodurch sich in den 
Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha dem Menschen das Geistige 
enthiillt hat und auch der Christus im Kosmos, hat nur einen Bestand 
bis zum Venusdasein. Die Menschen lebten vor dem Mysterium von 
Golgatha mit dem Himmel, aber dieser Himmel ist so sinnlich, daB er 
auch mit dem Venusdasein verschwindet. Was iiber das Venusdasein 
hinaus bleibt, das hat seine Keime nur im Menschen. Der Christus 
muBte aus dem Weltenall zu dem Menschen kommen, wenn er mit dem 
Menschen den Gang in die Ewigkeit antreten wollte. Weil das alles 
so ist, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe, deshalb stieg der 
Christus aus dem Kosmos herab, um fortan mit dem zu sein, was als 
Keim im Menschen in die Ewigkeit hinaus dauert. 

Das ist das groBe kosmische Ereignis, das man verstehen muB. Die 
Menschen vor dem Mysterium von Golgatha konnten den Gott, den 
Christus im Weltenall verehren. Die Menschen, die darauf kommen 
muBten - und es ist die Zeit seit dem Mysterium von Golgatha immer 
mehr und mehr darauf gekommen, daB nur im Menschen der Keim 



ist fur die ewige Weltenzukunft -, diese Menschen muBten einen 
Christus haben nicht im Weltenall drauBen, das zerfallt, sondern ver- 
eint mit dem Menschen, mit der menschlichen Organisation, mit dem 
menschlichen Reiche. Wortlich wahr ist es: Dasjenige, was da ist im 
weiten Umkreis der Sinne als Sterne, als Himmelskorper, es wird 
vergehen. Aber das Wort, der Logos, der erschienen ist in dem 
Christus, und der sich vereinigt mit dem ewigen Wesenskern des 
Menschen, der wird bleiben. Und das ist eine wortliche Wahrheit, wie 
die Dinge in den wirklichen okkulten, religiosen Urkunden wort- 
liche Wahrheiten sind. 

Das aber ist auch der Grund, warum wir gewissermaBen einen Dua- 
lismus in der Namengebung haben miissen - ich habe darauf schon 
hingedeutet -, in der Namengebung Christus Jesus. Den Christus, der 
dem auBerirdischen Weltenall angehort, dieses geistige Wesen, das vor 
dem Mysterium von Golgatha nicht mit den Menschen der Erde ver- 
bunden war, muB man auf der einen Seite erkennen; das darf nicht 
vergessen werden, denn das ist heruntergestiegen und hat sich mit der 
Menschennatur, mit dem Jesus verbunden. In dem Dualismus Chri- 
stus Jesus liegt dasjenige, was notwendig ist, zu verstehen. In dem 
Christus muB man das Kosmisch-Geistige sehen; in dem Jesus muB 
man dasjenige sehen, durch welches dieses Kosmisch-Geistige in die 
historische Entwickelung eingetreten ist und sich so mit der Mensch- 
heit verbunden hat, daB es mit dem Menschenkeim nun weiter in die 
Ewigkeiten leben kann. 

Dieses mit den alten Mysterien zusammenhangende Christusge- 
heimnis zu verhullen, zu entstellen, das war gewissermaBen die Auf- 
gabe der Kirche in den verflossenen Jahrhunderten. Und versuchen 
Sie einmal, den Werdegang der Menschheit in diesen verflossenen 
Jahrhunderten wirklich zu studieren, versuchen Sie sich klarzumachen, 
wie es denjenigen einzelnen Menschen gegangen ist, welche den 
Christus Jesus wirklich suchen wollten, die wirklich den Weg finden 
wollten zu dem Christus Jesus: es war immer ein Martyrerweg. Er 
muBte immer gesucht werden, der Christus Jesus, gegen die Konven- 
tionen, wie er ja auch heute selbstverstandlich gegen dasjenige, was 
von den Konventionen geblieben ist, gesucht werden muB. Aber 



man kann dem Christus-Geheimnis nicht nahekommen, wenn man 
es nicht verbindet mit dem Naturgeheimnis. 

Sie sehen, die Notwendigkeit, die wir vor unsere Seele hingestellt 
haben, von dem Herunterkommen des Christus aus kosmischen 
Hohen zu dem Menschenkeim, das Geheimnis von dem Jesus-Wer den 
des Christus, man kann es nur verstehen, wenn eine Einheit wird 
Naturbetrachtung, Weltbetrachtung, Kosmologie und die Wissen- 
schaft von dem Werden des Menschen und des Gottlichen in der 
Menschheit. Das mochte man gerade von einer gewissen Seite her ver- 
meiden, daB Naturwissenschaft zu gleicher Zeit Geisteswissenschaft 
und Geisteswissenschaft zu gleicher Zeit Naturwissenschaft werde. 
Das ist ja das Bestreben der meisten Theologen, und auf der andern 
Seite wiederum das Bestreben der meisten Naturgelehrten der Ge- 
genwart, daB eine Schranke aufgerichtet werde zwischen der Natur- 
wissenschaft auf der einen Seite und der Geisteswissenschaft auf der 
andern Seite. Nur ja soil nicht iiber den Christus Jesus etwas gesagt 
werden, was zu gleicher Zeit zusammenhangt mit der Erdenevolu- 
tion, und nur ja soil nicht iiber die Erdenevolution, das heiBt iiber 
ihre einzelnen Teile etwas gesagt werden, was zusammenhangt mit 
dem groBen geistigen Mysterium. 

Indem man diese Dinge beriihrt, beriihrt man in der Tat Wichtig- 
stes, Allerwichtigstes im Menschenleben der Gegenwart. Denn jenes 
konfuse Geschwatz von allerlei Geistigem, auf das auch unsere 
Freunde einen so oftmals aufmerksam machen, und zum Ekel einen 
aufmerksam machen, dieses konfuse Geschwatz vom Geiste niitzt gar 
nichts. Ich meine, es kommt alle Augenblicke einer und sagt: Nun 
sehen Sie einmal, der hat wiederum ganz theosophisch oder anthropo- 
sophisch geredet, er hat das und das gesagt ! - Dieses bequeme Suchen 
nach Stiitzen in der gegenwartigen Konfusion, das ist nicht dasjenige, 
was wir anstreben sollen, sondern wir sollen schon auf dem Funda- 
ment feststehen, das uns die Geisteswissenschaft sein wird. Und die 
Zeit ist zu ernst, um weitere Kompromisse, besonders auf diesem Ge- 
biete zu pflegen. 

Die Briicke zu schaffen zwischen dem Naturwissen, iiberhaupt 
zwischen dem Wissen des Wahrgenommenen und dem Wissen des- 



jenigen, zu dem die Siinde, zu dem die Erlosung, kurz, zu dem die 
religiosen Wahrheiten gehoren, die Briicke zu schafFen zwischen die- 
sen zwei Gebieten, das kann nur geschehen, wenn man den Mut 
haben wird, in das Geistige wirklich real einzudringen. Aber auch 
iiber die Lebenswahrheiten wird man nichts Verminftiges wissen 
konnen, wenn man nicht den Mut hat, in das Geistige real, wirklich 
einzudringen. Zum Eindringen in das geistig Reale gehort vor alien 
Dingen diese Moglichkeit: wiederum etwas zuriickzublicken zu dem 
dreifachen Sonnenmysterium der alten Zeit, aber in dem neuen Sinne, 
wie es der gegenwartigen Menschheit angemessen ist. Geradeso wie 
die Sonne eine Dreiheit ist, so ist ja der Mensch auch eine Dreiheit. 
Aber es handelt sich darum, daB wir diesen dreifachen Menschen 
wirklich studieren. Das ist Wichtigstes fur die Gegenwart: den drei- 
fachen Menschen zu studieren. Ich mochte Ihnen heute einmal vor- 
bereitend - morgen und iibermorgen werden wir diese wichtige Sache 
zu Ende fiihren - schematisch etwas angeben, was Sie fuhren kann 
auf dem Wege, der eigentlich gesucht werden miiBte, um den drei- 
fachen Menschen zu begreifen. 

Denken Sie sich einmal das Folgende - also das, was ich jetzt skiz- 
ziere, soil ein Schema sein — , denken Sie sich, Sie hatten ein Gebilde, 
das ganz und gar nur Bild, nur Abbild sei, das im Grunde gar keine 
Bedeutung in sich selber hat, also Abbild ist. Das will ich so skizzieren: 
ich zeichne einfach einen Kreis (siehe Zeichnung Seite 71, blau), eine 
Kreisflache. Das ist ein Gebilde, das Abbild ist von etwas anderem, 
aber dadurch, daB es Abbild ist, hat es das andere, wovon es Abbild 
ist, vollstandig aufgezehrt. Es ist ja sonderbar, wenn ich folgendes 
sage, aber denken Sie sich einmal: In unserer Kuppel, in der kleinen 
Kuppel arbeiten vier Damen; nehmen wir einmal an, diese vier Da- 
men wiirden, auf jeder Seite zwei, malen, sich selber portratieren, 
aber dieses Portratieren hatte eine besondere Folge. Also denken Sie 
sich, diese vier Damen, die portratieren sich in der kleinen Kuppel, 
malen sich selber da ab, aber dieses Sich-selber-Portratieren, das hatte 
eine ganz bestimmte Folge: sie verschwanden namlich dadurch, sie 
gingen uber in ihr Abbild, sie horten auf zu sein. Wenn sie fertig sind, 
sind sie nicht mehr da. Dadurch, daB die Abbilder entstanden sind, 



sind sie selbst nicht mehr da. - Solch ein Gebilde stellen Sie sich unter 
dem, was ich hier skizzenhaft aufgezeichnet habe, einmal vor: ein 
Gebilde, das dadurch entstanden ist, daB es gemacht worden ist von 
etwas, wovon es Abbild ist; aber dadurch, daB das Abbild da ist, ist 
das andere aufgezehrt. 

Nun ist aber dieses Aufgezehrte nicht allein in der Welt. Stellen 
Sie sich namlich vor, es ware die Geschichte noch nicht aus mit diesen 
vier Damen. Gut, diese vier Damen waren verschwunden, sie hatten 
sich da aufgemalt und waren verschwunden ; aber die Bilder sind da. 
Sie sind nicht allein da im Weltenall, das Weltenall ist mit seinen 
Kraften auBerdem noch da. Die Damen sind verschwunden, sind von 
den Bildern gewissermaBen aufgesogen worden; aber dadurch, daB 
die Bilder da sind, zieht sich aus dem Weltenall wiederum Substan- 
tielles zusammen und bildet die Damen neu, allerdings jetzt als Kinder: 
sie entstehen langsam wieder, entstehen da daneben. So entsteht neben 
diesem Gebilde wiederum sein Urbild (siehe Zeichnung, gelb). Ich 



muBte es eigentlich ein Stiickchen hinein zeichnen, ich zeichne es nun 
daneben auf : das ist das Urbild. Das ist das Urbild, aber es ist ein sehr 
loser Zusammenhang zwischen diesem Abbild und dem Urbild, ein 
sehr loser Zusammenhang. Beide haben fast gar nichts miteinander 
zu tun. Dieses Abbild ist richtig verhartet und hat fast gar nichts mit 
seinem Urbilde zu tun. 

Dann denken Sie sich ein zweites Gebilde. Ich will das zweite Ge- 
bilde so skizzieren, daB ich es nun auch als Abbild mache (siehe 
Zeichnung Seite 72, violett) ; nur ist das erste drinnen in dem zweiten. 
Das erste ist etwas fur sich, aber es ist auch drinnen in dem zweiten. 
Also ich zeichne da kiihn iiber das erste das zweite druber. Das ist 
wiederum solch ein Abbild, und wiederum so ahnlich ein Abbild von 
einem andern, das ich auch nun da drauf zeichnen will (siehe Zeich- 





nung, rot); das muss ich aber nun schon inniger mit dem verbin- 
den. Da ist die Sache also so, daB ich nicht den Vergleich wahlen 
konnte, den ich fruher mit den vier Damen gewahlt habe, sondem 
wenn ich beziiglich dieses Bildes und Abbildes jetzt einen Vergleich 
wahlen wiirde, miiBte ich so sagen: Es sind also die vier Damen da, 
sie malen in der kleinen Kuppel, und wahrend sie malen, geht schon 
auch etwas von ihnen selber auf, wird aufgesogen. Aber nur zur 
Halfte werden sie aufgesogen; zuletzt sind sie so, daB sie - nun, ich 
will also sagen, um nicht einen unasthetischen Vergleich hervorzu- 
rufen: Es wird von der einen die linke Korperhalfte aufgesogen, die 
rechte ragt noch heraus aus dem Bilde; von der anderen die rechte 
Korperhalfte aufgesogen, die linke ragt noch heraus. Also sie sind 
teilweise aufgesogen; teilweise ragen sie noch heraus. Das ist das 
zweite. 

Dann stellen Sie sich ein drittes vor, das also wiederum das erste 
mitumfaBt und das zweite auch mitumfaBt (siehe Zeichnung Seite 73, 
grun). Das aber ist zum groBen Teil mit seinem Abbilde verbunden, 
das ist noch nicht getrennt von seinem Abbilde. Da miiBte ich also, 
wenn ich den Vergleich festhalten wollte, sagen : Die Damen malen, 
aber sie bleiben auch als Damen vorhanden, und das Ganze, was ich 
vor mir habe, sind die Damen und ihre Abbilder. Das ist vorhanden 
(siehe Zeichnung, orange), das ist zum groBten Teile auch im Urbilde 
vorhanden. 

So haben Sie also hier (Zeichnung Seite 71) etwas schematisch ge- 
zeichnet : zuerst oben ein Abbild, verhartet, kristallisiert, es hat mog- 



lichst wenig mit seinem Urbilde zu tun; das Urbild ist daneben, neu 
entstehend. Das ist namlich Ihr Kopf; der ist der materiellste, ver- 
hartetste Teil der Menschennatur. Sein Urbild hat geradezu nichts mit 
ihm zu tun, entsteht neu; und wenn Sie achtundzwanzig Jahre alt 
geworden sind, ist Ihr Kopf so, daB er aus sich selber gar nicht ein- 
mal mehr etwas hergibt, ausgewachsen ist. Der groBte Materialist in 
der Menschennatur ist das Haupt. Ein zweites Gebilde ist Brust und 
Atmung und alles, was dazugehort. Das ist ungefahr so, daB ich das 
zweite als Schema gebrauchen konnte (Zeichnung Seite 72). Das ist 
schon mehr verbunden, da hangen Geist und Materie schon mehr zu- 
sammen, das ist schon durchgeistigter. Alles das, was Lunge und 
AtmungsprozeB ist, ist schon fur die Erde vergeistigter. Und was 
iibrigbleibt, GliedmaBen, im Zusammenhange damit alles das, was die 
Sexualitat umfaBt, da ist Geistiges mit Physischem eins, da sind sie 
noch zusammen. Das gehort zum dritten Schema (Zeichnung oben). 

Das ist der dreifache Mensch. Ich habe es Ihnen heute nur schema- 
tisch auf die Tafel zeichnen konnen. Dieses zu gleicher Zeit wunder- 
bare und fruchtbare, dieses groBartige und tiefeindringende Myste- 
rium vom dreifachen Menschen hangt wiederum mit dem dreifachen 
Sonnenmysterium zusammen. Das aber hangt wiederum zusammen 



mit all den Wahrheiten, die wir brauchen wie das Brot des Lebens fur 
alles dasjenige, was sich setzen muB an die Stelle dessen, was in das 
Chaos, was in die Sackgasse hineingekommen ist und zu den gegen- 
wartigen Menschheitskatastrophen gefuhrt hat. Davon werden wir 
morgen weiter sprechen. 



fUnfter vortrag 



Dornach, 25. August 1918 



Auf den dreigeteilten Menschen habe ich gestem schematisch hinge- 
wiesen. Es ist ja durchaus so, da6 aus unserem gegenwartigen Geistes- 
leben heraus wenig Empfindungen vorhanden sind fur das Verstand- 
nis des Wesens des Menschen, so wie es erfaBt werden muB vom 
geisteswissenschaftlichen Standpunkte. Allein, wir miissen uns doch 
bemiihen, an dieses Menschenwesen heran2ukommen. Die wichtig- 
sten Vorstellungen, die man auch uber das Gesamtleben des Menschen 
gewinnen muB, iiber die Entwickelung des Menschen zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt, auch sie sind nur zu beherrschen, wenn 
man ausgeht von einem solchen Verstandnisse, das an diesen dreige- 
teilten Menschen ankmipft. Betrachten wir fur heute einmal im ein- 
zelnen diesen dreigeteilten Menschen. 

Es wurde ja gestern schon darauf aufmerksam gemacht, daB wir da 
zunachst auf das Haupt des Menschen hinweisen konnen. In einem 
gewissen Sinne ist dieses Haupt des Menschen wirklich eine Art selb- 
standige Formwesenheit. Sie konnen sich ja selber hinstellen vor ein 
Menschenskelett, und Sie konnen leicht das Haupt abheben. Wie eine 
Kugel konnen Sie es abheben. In Wirklichkeit ist allerdings die 
Trennung zwischen den drei Gliedern der menschlichen Natur nicht 
so einfach, daB man sagen konnte: Dasjenige, was man da vom iib- 
rigen Skelett so bequem abhebt wie eine Kugel, das ist dieser Hauptes- 
teil. - So streng sind die Dinge nicht geschieden. Aber man muB sich 
ja allmahlich herausarbeiten aus dem bloBen Schematismus, auch aus 
dem, den einem die Natur selbst nahelegt, zu einer lebendigen 
Empfindung. Und ich muBte ja gestern schon, wie Sie gesehen haben, 
nicht etwa drei nebeneinanderliegende Kreise aufzeichnen, sondern 
einen Kreis fur das Haupt, einen zweiten Kreis, der dieses Haupt 
ubergriff, und einen dritten Kreis, der wiederum beide ubergriff. So 
daB, wenn man schematisch den dreigeteilten Menschen zeichnen 
wiirde nach seiner physischen Wesenheit, man eben ihn so zu zeich- 
nen haben wiirde, daB man sagt: Der Hauptesteil (siehe Zeichnung 



roter Kreis A), der Rumpfteil (oval, gelb), und dann der Glied- 
maBenteil (orange) -, eigentlich drei Kugeln, wenn auch diese Kugeln 
in die Lange gezogen werden miissen. Mit dem Hauptesteil, also mit 
dem, was hier als roter Kreis A bezeichnet worden ist, mit diesem 
Hauptesteil stent das Geistige, das, wie Sie gestern gesehen haben, 
eine junge Bildung ist, im Zusammenhange (hellschraffierter kleiner 
Kreis, weiB). Dieses Geistige des Hauptes, das ist eine junge geistige 
Bildung, wahrend das Haupt selbst eine alte physische Bildung, eine 
physische Formwesenheit ist. Bei dem Haupte ist daher vor alien 
Dingen richtig, was man sonst im allgemeinen fur den Menschen an- 
fiihrt, was aber in dieser Allgemeinheit, wie man es anfuhrt, nicht 
ganz richtig ist; fur das Haupt ist es richtig. Was ich hier als WeiBes, 
Geistiges bezeichnet habe in bezug auf das Haupt, das ist, wenn Sie 
schlafen, herauBen aus dem Haupte. Wenn Sie wachen, ist es mit dem 
Haupt vereinigt, ist zum groBten Teile im physischen Haupte drinnen. 
Es kann sich also am leichtesten vom physischen Haupte trennen; es 
geht heraus und geht wiederum zuriick, hinein. 




Das ist schon durchaus nicht so fur den mittleren Menschen, nennen 
wir ihn meinetwillen den Brustmenschen. Alles dasjenige, was vom 
Thorax, vom Brustkorbe eingeschlossen ist, von den Rippen und 
vom Riickgrat, das ist mit dem Geistigen verbunden, aber es ist nicht 



so ausgesprochen das Geistige herauBen, wenn Sie schlafen. Das 
Geistige steht schon auch wahrend des Schlafens fur diesen mittleren 
Menschen in einer starken Verbindung mit dem Physischen. Und fiir 
den dritten Menschen, fur den GliedmaBenmenschen, wozu auch der 
sexuelle Mensch gehort, da ist eigentlich praktisch eine Trennung 
zwischen Schlafen und Wachen in Wirklichkeit doch nicht vorhanden. 
Da kann man gar nicht sagen, daB wirklich das Geistig-Seelische im 
Schlafe sich trennt; die bleiben mehr oder weniger auch im Schlafe 
vereint. So daB man nach einem andern Schema den wachenden 
Menschen gut so zeichnen konnte, daB man sagte: Wenn das der 
physische Mensch ist, wachend (siehe Zeichnung a, dunkel schraf- 



fiert, rot), so wurde dieses der geistige Mensch sein (hell schraffiert, 
weiB). Das wiirde der schlafende Mensch sein (siehe Zeichnung b, 
rot und weiB) ; es bliebe also dieses mehr oder weniger mit dem Leib- 
lichen vereint, und nur das geht eigentlich heraus (siehe Zeichnung b). 
Das wiirde von einem gewissen Gesichtspunkte aus die eigentliche 
Zeichnung sein fiir den Gegensatz des wachenden und schlafenden 
Menschen. 

Nun werden Sie die wichtigen Dinge, die wir zu besprechen haben, 
nur dann verstehen, wenn Sie diese GHederung des dreigeteilten Men- 
schen, die wir eben besprochen haben, fiir sich durchkreuzen mit einer 
andern Gliederung des Menschen, die ankniipft an dasjenige, was ich 
die vorige Woche hier auseinandergesetzt habe. 




Wenn wir so noch einmal das Haupt, den Rumpfmenschen, den 
GliedmaBenmenschen durchsprechen, so konnen wir ja sagen: Im 
eigentlichsten Sinne Mensch ist nur der Rumpfmensch. Der ist daher 
auch derjenige, dem der lebendige Odem eingehaucht ist durch die 
Elohim. Er ist der atmende Mensch. Da ist die Teilung nicht so ganz 
bequem wie beim Skelett; der Atmungsvorgang durch Nase und 
Mund gehort schon zum Rumpfmenschen. Also, nicht wahr, es ist die 
Teilung in Wirklichkeit nicht so schematisch bequem zu machen, wie 
man es sich gern aufzeichnen mochte, aber das sind ja natiirlich die 
Schwierigkeiten des Verstandnisses fur eine solche Sache. 

Also der eigentliche Mensch, der Erdenmensch, ist der Rumpf- 
mensch. Und der Kopfmensch, als physische Gestaltung, das ist 
eigentlich nicht etwas durch und durch Menschliches. Man kann 
nicht sagen, daB der Menschenkopf etwas durch und durch Mensch- 
liches ist. Der Menschenkopf hat eben sehr viel Ahrimanisches in sich. 
Er ist im wesentlichen so gegliedert, wie er gegliedert ist, aus dem 
Grunde, weil gewisse Bildungsprinzipien in ihm namentlich dieje- 
nigen sind, die noch von der alten Sonne, also von diesem zweiten 
Erdenstadium - Saturn, Sonne -, zuriickgeblieben sind. Unser Haupt 
mit seiner ganzen komplizierten Bildung ware nicht so, wie es ist, 
wenn es nicht seine erste Bildung bekommen hatte in diesen uralten 
Zeiten der alten Sonne. Und es sind also eigentlich alte, uralte Bil- 
dungsprinzipien, die heute hereinragen in die Erdensphare, und die 
wir aus diesem Grunde als ahrimanische bezeichnen miissen. Zuriick- 
gebliebene Prinzipien miissen wir ja immer als luziferische oder 
ahrimanische, je nach den Gesichtspunkten, ansehen. Dasjenige, was 
den Menschen als Erdenmenschen ausmacht, wo die Prinzipien des 
Erdenwerdens hauptsachlich spielen, das ist der Brust-, der Rumpf- 
mensch. 

Der GliedmaBenmensch ist auch nicht rein der Mensch, sondern 
der hat sehr viel Luziferisches in sich, und seine Bildungsprinzipien 
sind eigentlich noch nicht voile Bildungsprinzipien, sondern sie sind 
solche, welche ihre voile Ausgestaltung erst haben werden, wenn die 
Erde ins Venusstadium gekommen sein wird, wenn also das Jupiter- 
stadium vorausgegangen und im Ubergange sein wird in das Venus- 



stadium. Dann werden die Bildungsprinzipien, die heute, ich mochte 
sagen, noch diesen Schatten von einem Wesen ausbilden, der der 
Extremitatenmensch ist, dieses dritte menschliche Wesen, in ihrer 
vollen Intensitat, in ihrer richtigen Gestalt wirken: wenn die Venus- 
zeit da sein wird. Also das nimmt der Mensch voraus, was in der 
Venuszeit erst da sein wird und bildet es heute unvollkomnien, keim- 
haft, laBt es nicht iiber das Keimhafte hinauskommen. 

So ist die Sache kosmisch betrachtet. Kosmisch betrachtet also sind 
wir in unserer Gestaltung so, daG wir in unserem Haupte gewisser- 
maBen nach den Kraften die alte Sonnenzeit wiederholen, in unserer 
Brust das Erdenwerden tragen; indem wir Extremitatenmenschen 
sind, tragen wir die Keime zum Venuswerden in uns. Das ist kosmisch 
betrachtet. 

Humanistisch betrachtet ist es etwas anderes. Da miissen wir auf 
die menschliche Individualist sehen, wie diese menschliche Indivi- 
dualist von Inkarnation zu Inkarnation schreitet. Da miissen wir 
sagen: Was wir heute in dieser Inkarnation als Haupt an uns tragen, 
das hat sich verwandt erwiesen unserer vorigen Inkarnation; dasjenige, 
was wir jetzt als Brustmenschen in uns tragen, das ist eigentlich rein 
verwandt unserer gegenwartigen Inkarnation; und dasjenige, was wir 
als Extremitatenmensch in uns tragen, das wird ja Haupt in der nach- 
sten Inkarnation, das ist verwandt schon mit der nachsten Inkarnation. 
Ich habe Ihnen in der vorigen Woche gesagt : Das Haupt hat etwas Ver- 
raterisches, insbesondere in seinem Negativ. Wenn Sie einen Abdruck 
nehmen wiirden von der Physiognomie des Hauptes und diese Phy- 
siognomic anschauen wiirden, so wiirden Sie in dieser negativen 
Physiognomie Ihres Hauptes viel von dem erkennen, was Sie in einer 
vorigen Inkarnation angestellt haben. 

Umgekehrt ist es mit dem Extremitatenmenschen. Da konnen Sie 
aber nicht einen Abdruck nehmen, sondern da miissen Sie anders vor- 
gehen. Denken Sie sich vom Menschen das Haupt und den Rumpf- 
menschen weg, aber denken Sie sich alles das, was nun Ihre Hande 
und Beine tun, machen Sie sich ein Bild von dem, was Ihre Hande 
und Beine tun. Sie miissen sich da eine Art Landkarte machen. Nicht 
wahr, jedesmal, wenn Sie mit Ihren Handen das oder jenes tun, ge- 



schieht es ja an einem andern Orte. Sie gehen ja auBerdem herum, 
Sie kommen in Beziehung zu andern Wesen. Wenn Sie das ailes 
malen wiirden, was Ihre Hande und Beine tun, und ein Bild im Laufe 
Ihres Lebens entwerfen wiirden - es wiirde ein sehr bewegtes Bild 
werden - von dem, was Ihre Hande und FiiBe, Arme und Beine tun, 
dann wiirden Sie in dieser Zeichnung eine komplizierte Landkarte 
erblicken ; aus der wiirden Sie viel von dem verraten bekommen, was 
Ihnen karmisch aufbewahrt ist fur Ihre nachste Inkarnation. Dar- 
innen wiirden Sie viel ablesen konnen von dem Karma der nachsten 
Inkarnation. Es ist durchaus bedeutsam : So wie der Negativabdruck 
der Physiognomie in seiner Ruhe, in seiner festen, konturierten 
Zeichnung verraterisch ist fur das, was in der vorigen Inkarnation 
schon geschehen ist, so wiirde dasjenige, was man abpunktieren konnte 
von dem, wie sich Arme, Hande, Beine, FiiBe verhalten, auBerordent- 
lich instruktiv sein fur das, was der Mensch in der nachsten Inkar- 
nation ausfuhren wird. Namentlich ist es auch instruktiv fur das, was 
der Mensch in der nachsten Inkarnation ausfiihrt, wohin er geht, wo- 
hin ihn seine Beine tragen. Wenn Sie alle die Orte, wenn Sie einfach 
den Weg verfolgen wiirden, wohin Sie Ihre Beine tragen, so wiirde 
da eine Landkarte daraus werden. Sie wiirden merkwiirdige Figuren 
bekommen. Nicht ganz ohne EinfluB sind die Neigungen der Men- 
schen auf diese Figuren. Es spricht sich viel von den geheimen Nei- 
gungen in diesen Figuren aus. Die sind sehr verraterisch, diese Spuren, 
die da bleiben, fur dasjenige, was die nachste Inkarnation dem Men- 
schen bringt. Also das ware humanistisch betrachtet. Das andere war 
kosmisch betrachtet. 

Diese Gliederung des Menschen, die, ich mdchte sagen, abzielt auf 
die Gegenwart, bedeutet aber wiederum eine Verbindung mit den 
Geheimnissen der alten Mysterien, in denen man mehr atavistisch die 
Sache gewuBt hat, aber in denen man solche Geheimnisse, wie sie 
jetzt eben angefuhrt worden sind, schon gekannt hat. Es gibt eine 
schone Sage, anknupfend an den Konig Salomo, iiber die Bestimmt- 
heit, mit welcher der Mensch seine FiiBe dorthin setzt, wo er seinen 
Tod finden soli. Gleichsam ist der Sinn dieser Sage, daB ein bestimmter 
Ort auf der Erde ist, wo der Mensch seinen Tod finden soil - Sie 



werden einen Zweigvortrag finden, wo ich gerade uber diese Salomo- 
Sage vorgetragen habe -, dahin setzt der Mensch dann seine FiiBe. 
Das hangt zusammen mit dem alten Mysterienwissen von diesen 
Dingen. 

Nun, der Mensch hat ja eigentlich, wenn er so im allgemeinen lebt, 
nur sein gewohnliches BewuBtsein; aber er ist, wie Sie sehen, ein recht 
kompliziertes Wesen, der Mensch. Wenn er wachend ist, wenn er sein 
jiingstes geistiges Glied, das Haupt, in seinem physischen Haupte 
drinnen hat, dann weiB er ja nichts von seinem Haupte. Sie werden 
mit Recht sagen : Gott sei Dank, daB man nichts vom Haupte weiB ; 
denn weiB man vom Haupte, so ist es nur der Kopfschmerz. - Auf eine 
andere Weise wird sich der Mensch seines Hauptes nicht bewuBt, als 
wenn er Kopfschmerz kriegt; dann weiB er, daB er ein Haupt hat. 
Sonst bleibt das unbewuBt, im eminentesten Sinne unbewuBt, viel un- 
bewuBter, als ein ubriges Glied des menschlichen physischen Leibes. 
Der Mensch darf ganz froh sein, wenn er im normalen BewuBtsein 
von seinem Haupte nichts weiB. Aber unter diesem BewuBtsein des 
Hauptes, das gewohnlich eigentlich nur von der AuBenwelt Kenntnis 
nimmt, das nur darauf ausgeht, zu wissen von dem, was in der Um- 
gebung ist, unter diesem Wissen ruht ein anderes, eine Art Traum- 
bewuBtsein, ein Traumeswissen. Ihr Haupt traumt fortwahrend. Und 
wahrend Sie von der AuBenwelt wissen in der Art, wie Ihnen das 
wohl bekannt ist, traumen Sie eigentlich unter der Schwelle des Be- 
wuBtseins, im UnterbewuBtsein, fortwahrend. Und was Sie da trau- 
men, dieses Traumen im Haupte, wenn Sie es voll auffassen konnten, 
wenn Sie es ganz in das BewuBtsein hereinbringen konnten, so wiirde 
Ihnen das ein Bild geben, ein richtiges, zusammenfassendes Bild 
Ihrer vorigen Inkarnation. Denn Ihre vorige Inkarnation traumen Sie 
unterbewuBt in Ihrem Haupte. Das ist schon so. Es ist immer ein 
leises BewuBtsein vorhanden, das nur \ibertaubt ist von dem starkeren 
Lichte des gewohnlichen BewuBtseins, ein traumendes BewuBtsein 
von der vorigen Inkarnation. 

Mit dem Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha ist das auBere 
BewuBtsein so stark geworden, daB nach und nach dieses Unterbe- 
wuBtsein der vorigen Inkarnation vollig ausgeloscht worden ist. Aber 



vor diesem Jahre 747 hat man vielgewuBt von diesem TraumesbewuBt- 
sein des Hauptes. Daher finden Sie auch iiberall auf dem Grunde der 
alten Kulturen die wiederholten Erdenleben als eine Tatsache ange- 
fiihrt. Das riihrt einfach davon her, daB dazumal dieses UnterbewuBt- 
sein des Hauptes noch nicht so vollig in den Hintergrund getreten war 
wie jet2t, wie das geschehen ist durch den vierten, namentiich durch 
den fiinften nachatlantischen Zeitraum. 

Von dem, was seelisch-geistig mit dem Brustkorb und dem Rumpf 
des Menschen zusammenhangt, wissen Sie ja auch im gewohnlichen 
BewuBtsein sehr wenig. Das ist schon an sich ein Traumhaftes. Es 
schlagt nur manchmal, und dann sehr chaotisch, unregelmaBig, dieses 
Rumpf- und BrustkorbbewuBtsein in das BewuBtsein des Menschen 
im Traume herauf. Wenn der Mensch regelmaBig atmen kann, wenn 
sein Herzschlag regelmaBig ist, also wenn alle seine Funktionen des 
Brustkorbes und Rumpfes regelmaBig sind, so verlauft das BewuBt- 
sein des Rumpfes nicht so hell wie das Kopf bewuBtsein, sondern es 
verlauft auch im gewohnlichen Leben traumhaft. Man traumt im Ge- 
fuhle - ich habe das im vorigen Jahre hier ausgefiihrt - von diesem 
mittleren Menschen. Aber dieses, was da im Gefuhle liegt, was der 
Mensch nur im Gefuhle erlebt, wenn es heraufgeholt wird durch ein 
mehr hellseherisch werdendes BewuBtsein, wenn mit andern Wor- 
ten der Mensch das, was in seinem Brustkorb sich abspielt, ebenso 
bewufit zu uberschauen lernt, wie er sonst im wachen Zustande nur 
das iiber schaut, was in seinem HauptesbewuBtsein ist, ja, dann teilt 
sich dieses Rumpf- und BrustkorbbewuBtsein deutlich in zwei Teile. 
Der eine Teil traumt zuriick in die ganze Zeit zwischen dem vorigen 
Tod und der jetzigen Geburt oder Empfangnis. Also wahrend Sie 
traumhaft, in sehr tiefen Traumen in Ihrem HauptesbewuBtsein unter- 
bewuBt haben dasjenige, was in der vorigen Inkarnation war, haben 
Sie das, was seit der vorigen Inkarnation bis zu der jetzigen Geburt in 
der Zwischenzeit verflossen ist, in den Traumen des Brustkorbes. Und 
in den Traumen, die mehr nach den unteren Partien des Brustkorbes 
gelegen sind, haben Sie ein starkes BewuBtsein von dem, was zwischen 
Ihrem kommenden Tode und dem nachsten Erdenleben ist. Also das 
BewuBtsein, das im Brustkorb konzentriert ist, das aber mehr oder 



weniger unterbewuBt bleibt fur den gegenwartigen Menschen, das ist 
eigentlich ein traumhaftes BewuBtsein sowohl fur die Zeit vor dieser 
Geburt wie fiir die Zeit nach diesem Tode. Was zwischen unserem 
letzten Erdentode und unserer nachsten Erdenempfangnis liegt, mit 
Ausnahme desjenigen oder auch mit EinschluB desjenigen, was wir 
jetzt erleben zwischen Geburt und Tod, das entratselt sich fur dieses 
UnterbewuBtsein des mittleren Menschen. 

Und in demjenigen, was recht sehr stark durch das ganze Leben hin- 
durch unterbewuBt bleibt, was nur heraufgezogen werden kann, wenn 
der Mensch imstande ist, es durch immerwahrendes Sich-Beschaftigen 
mit geisteswissenschaftlichen Studien und Obungen heraufzuziehen, 
so daB gewisse Momente des Schlaf lebens, die sonst eben schlafend, 
unbewuBt vor sich gehen, heraufgehoben werden und der Mensch 
mitten aus dem Schlaf heraus bewuBt wird, da kann sich das Tableau 
von der nachsten Erdeninkarnation aus diesem dritten Menschen, aus 
dem UnterbewuBtsein des Extremitatenmenschen heraus entwickeln. 
Dasjenige, was der Mensch als sein gewohnliches, heute wachendes 
BewuBtsein hat, ist eigentlich eine Art Seitentrieb des Menschen; das 
strahlt in das Haupt herein von auBen. Aber hinter diesem BewuBt- 
sein liegt ein anderes BewuBtsein, das sich verbreitet iiber die vorige 
Inkarnation, iiber das Leben von der vorigen Inkarnation bis zu die- 
ser, iiber das Leben von dieser Inkarnation bis zur nachsten, und 
dann wiederum iiber die nachste Inkarnation. Nur verschlaft der 
Mensch dieses BewuBtsein. 

Es ist das BewuBtsein der vorigen Inkarnation im Haupte. In all den 
Organen, die vorzugsweise dem Ausatmen dienen, wirkt ein starkes 
BewuBtsein fiir das Leben zwischen der vorigen Inkarnation und die- 
ser. In all den Funktionen, die vorzugsweise dem Einatmen dienen, 
wirkt ein BewuBtsein von der jetzigen Inkarnation bis zur nachsten 
Erdeninkarnation. Und in dem GliedmaBenmenschen, in all den ge- 
heimnisvollen Vorgangen des GliedmaBenmenschen wirkt ein sehr, 
sehr unterbewuBt bleibendes BewuBtsein der nachsten menschlichen 
Inkarnation. 

Diese BewuBtseine sind mehr oder weniger verdeckt worden seit 
dem Beginn der vierten nachatlantischen Zeit, seit 747 vor dem My- 



sterium von Golgatha. Und der Beruf unserer Zeit ist wiederum, aus 
dem allgemeinen chaotischen MenschenbewuBtsein heraus die be- 
stimmten BewuBtseine von diesen konkreten Vorgangen der kos- 
mischen und der Menschheitsevolution herausZuholen. 

Mit alldem, was ich jetzt entwickelt habe, muB sich eine andere Ein- 
sicht in die Menschenwesenheit, ich mochte sagen, kreuzen. Ja, es ist 
schon notwendig, daB wir uns in so schwierige Erorterungen ein- 
lassen, wir kommen sonst nicht zum genaueren Verstandnisse. Ich 
hatte ja so gerne, wenn fur diese schwierigen Erorterungen nicht nur 
ein gewisses Uber-sich-ergehen-Lassen waltete, sondern wenn gerade 
fur diese schwierigen Dinge - weil das der gegenwartigen Menschheit 
so notwendig ware - ein biBchen Enthusiasmus, ein biBchen tempe- 
ramentvolles Eingehen aufzubringen ware, was ja in einer Gesell- 
schaft der heutigen Zeit so unendlich schwierig ist. 

Sehen Sie, Sie richten Ihre Sinne nach auBen. Da finden Sie durch 
Ihre Sinne die AuBenwelt als eine sinnenfallige ausgebreitet. Ich 
2eichne das schematisch, was da nach auBen als sinnenfallig ausge- 
breitet um uns herum liegt. Bitte, es soil das, was da auBen herum liegt, 
dieses (siehe Zeichnung, blau) sein. Wenn Sie Ihre Augen, Ihre Ohren, 
wenn Sie Ihren Geruchssinn, was Sie wollen, auf die AuBenwelt rich- 
ten, so wendet sich Ihnen gewissermaBen entgegen, es wendet sich 
diesen Sinnen entgegen dasjenige, was die Innenseite dieses AuBen ist— 
also bitte: die Innenseite dieses AuBen (links). Nehmen Sie an, Sie 
wenden Ihre Sinne dem zu, was ich da gezeichnet habe (siehe Zeich- 
nung, Pfeile), so sind diese Sinne auf diese AuBenwelt gerichtet und 
Sie sehen das, was sich innen hier hineinneigt. Nun folgt die schwie- 
rige Vorstellung, auf die ich aber schon kommen muB. Alles das, was 
Sie da anschauen, zeigt sich Ihnen von innen. Denken Sie sich, daB 
das auch eine AuBenseite haben muB. Nun, ich will es schematisch da- 
durch vor Ihre Seele rufen, daB ich sage : Wenn Sie so hinausschauen, 
sehen Sie als Grenze Ihres Schauens das Firmament: das hier ist ja 
fast so, nur daB ich es klein gezeichnet habe. Aber jetzt denken Sie 
sich, Sie konnten flugs da hinausfliegen und konnten da durchfliegen 
und von der andern Seite gucken, Ihre sinnenfalligen Eindriicke von 
der andern Seite angucken. Also Sie konnten so hinschauen (siehe 




Zeichnung, Pfeile oben). Bitte, das sehen Sie naturlich nicht; aber 
konnten Sie so hinschauen, so wurde das der andere Aspekt sein. 
Sie wiirden aus sich heraus miissen und wiirden von der andern Seite 
Ihre ganze sinnenfallige Welt anschauen miissen. Sie wiirden also das, 
was sich Ihnen als Farbe zuwendet, von der Riickseite betrachten, das, 
was sich Ihnen als Ton zuwendet, von der Riickseite betrachten und 
so weker; was sich Ihnen als Geruch zuwendet, wiirden Sie von der 
Riickseite betrachten, Sie wiirden von der Riickseite den Geruch in 
die Nase fassen. Also von der andern Seite denken Sie sich die Welt- 
betrachtung : wie einen Teppich ausgebreitet die sinnenfalligen Dinge, 
und nun den Teppich von der andern Seite einmal angesehen. Ein 



kleines Stuck sehen Sie nur, ein sehr, sehr kleines Stuck von dieser 
Ruckseite. Dieses sehr kleine Stuck, das kann ich hier nur dadurch zur 
Darstellung bringen, daB ich die Sache so mache: Denken Sie sich 
jetzt, ich zeichne das, was Sie da von der andem Seite sehen wiirden, 
rot ein; so daB ich sagen kann, schematisch sieht man das Sinnen- 
fallige so : Wie man es gewohnlich sieht, so sieht es blau aus ; sieht man 
es von der andern Seite, so sieht es rot aus, aber das sieht man natiir- 
lich nicht. In diesem, was man da rot sehen wiirde, steckt erstens alles 
das drin, was erlebt werden kann zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt, zweitens alles das, was beschrieben ist in der «Geheimwissen- 
schaft im UmriB» als Saturn-, Sonnen-, Monden-, Erdenentwickelung 
und so weiter. Dasjenige liegt da aufgespeichert, was eben verborgen 
ist fur die sinnenfallige Anschauung. Das ist da auf der andern Seite 
der Kugel. Aber ein kleines Stuck sehen Sie davon; das kann ich nur 
so zeichnen, daB ich jetzt sage: Nehmen Sie dieses kleine Stuck von 
dem Roten, das ginge da heriiber (siehe Zeichnung, unten) und durch- 
kreuzt sich mit dem Blauen, so daB das Blaue, statt daB es jetzt vorne 
ist, dahinter ist. Ich muBte eigentlich hier vierdimensional zeichnen, 
wenn ich es wirklich zeichnen wiirde, ich kann es daher nur ganz 
schematisch zeichnen. Also da (links) sind die Sinne jetzt hier dem 
Blauen zugewendet; da sind sie nicht zugewendet dem Blauen, son- 
dern dem Roten, das Sie sonst nicht sehen. Aber hinter dem Rot hat 
sich jetzt gekreuzt das, was sonst gesehen wird, und das ist jetzt dar- 
unter. Und dieses kleine Stuck, das da sich kreuzt mit dem andern, das 
sehen Sie fortwahrend im gewohnlichen BewuBtsein. Das sind nam- 
lich Ihre aufgespeicherten Erinnerungen. Alles, was als Erinnerung 
entsteht, entsteht nicht nach Gesetzen dieser auBeren Wahrnehmungs- 
welt, sondern es entsteht nach den Gesetzen, die dieser hinteren Welt 
da entsprechen. Dieses Innere, das Sie als Ihre Erinnerungen haben, das 
entspricht wirklich dem, was da auf der andern Seite ist (rechts). In- 
dem Sie in sich hineinblicken, in alles das, was Ihre Erinnerungen 
sind, sehen Sie tatsachlich die Welt auf einem Stuck von der andern 
Seite; da ragt das andere ein wenig herein, da sehen Sie die Welt von 
der andern Seite. Und wenn Sie jetzt durch Ihre Erinnerungen, wie 
sie so aufgeschrieben sind, durchschliipfen konnten - ich habe vor 



acht Tagen davon gesprochen -, wenn Sie da hinunter konnten, unter 
Ihre Etinnerungen sehen und sie von der andern Seite anschauen 
konnten, von da dtiiben (siehe Zeichnung, links), da wiirden Sie die 
Erinnerungen als Ihre Aura sehen. Da wiirden Sie den Menschen sehen 
als ein geistig-seelisches aurisches Wesen, wie Sie sonst die auBere 
Welt sinnenfallig in den Wahrnehmungen sehen. Nur ware es eben- 
sowenig angenehm - wie ich das vor acht Tagen hier charakterisiert 
habe -, weil da der Mensch noch nicht schon ist von dieser andern 
Seite. 

Also das ist das Interessante, was man kreuzen muB mit dem an- 
dern Verstandnis des dreigliedrigen Menschen. Diese Kreuzung hier, 
die liegt nun im mittleren Menschen, im Brustmenschen. Sie erinnern 
sich an die Zeichnung, die ich vor acht Tagen gemacht habe, wo ich 
ja die in sich gewundenen Lemniskaten mit den zuriickgeschlagenen 
Schleifen hatte: die miiBte ich hier zeichnen. Hier miiBte ich diesen 
Brustmenschen zeichnen mit den zuriickgeschlagenen Lemniskaten 
(siehe Zeichnung Seite 85, links unten): das wiirde zusammenfallen 
mit der Erinnerungssphare. So daB dieser dreigliedrige Mensch hier in 
seinem mittleren Teil diese Umwendung des Menschen hat, wo das 
Innere auBerlich und das AuBere innerlich wird, wo Sie ein Tableau, 
das Sie sonst als Welttableau, als die groBe Welterinnerung sehen 
wiirden, nun als Ihre eigene kleine mikrokosmische Erinnerung 
sehen. Sie sehen in Ihrem gewohnlichen BewuBtsein dasjenige, was 
sich zugetragen hat von Ihrem dritten Jahre an bis jetzt: das ist eine 
innere Aufzeichnung, ein kleines Stiick fur das, was gleichartig mit 
dem ist, was sonst Aufzeichnung fur die ganze Weltenevolution ist, 
was auf der andern Seite liegt. 

Nicht ohne Grund habe ich seinerzeit, wie den meisten von Ihnen 
wohl bekannt sein wird, davon gesprochen - und ich habe es ja wieder- 
um ausgefuhrt in meinem letzten Buche «Von Seelenratseln» am 
SchluB in der Anmerkung nicht ohne Grund habe ich davon ge- 
sprochen, daB der Mensch eigentlich zwolf Sinne hat. Diese Sinne 
miissen wir uns so denken, daB eine Anzahl von diesen zwolf Sinnen 
nach dem Sinnenfalligen zugewendet sind, eine andere Anzahl von 
diesen zwolf Sinnen sind aber nach riickwarts gerichtet. Sie sind auch 



da unten (siehe Zeichnung Seite 85) nach dem gerichtet, was schon 
das Gewendete ist. Und zwar sind nach dem auBeren Sinnenfalligen 
gerichtet: Ichsinn, Denksinn, Sprachsinn, Horsinn, Sehsinn, Ge- 
schmackssinn, Geruchssinn. Diese Sinne sind gerichtet nach dem 
Sinnenfalligen. Die andern Sinne kommen ja eigentlich dem Men- 
schen deshalb nicht zum BewuBtsein, weil sie zunachst nach seinem 
eigenen Inneren und dann nach dem Umgekehrten der Welt gerichtet 
sind. Das sind vorzugsweise : Warmesinn, Lebenssinn, Gleichge- 
wichtssinn, Bewegungssinn, Tastsinn. So dafi wir sagen konnen: Fiir 
das gewohnliche BewuBtsein liegen sieben Sinne im Hellen (oben) 
und fiinf Sinne im Dunkeln (unten). Und diese fiinf Sinne, die im 
Dunkeln liegen, die sind der andern Seite der Welt zugewendet, auch 
im Menschen der andern Seite (siehe Zeichnung Seite 85). 

Sie konnen daher einen vollstandigen Parallelismus haben zwischen 
den Sinnen und zwischen etwas anderem, wovon wir gleich sprechen 
werden (siehe Zeichnung, Kreis). Also nehmen wir an, wir hatten als 
Sinne zu verzeichnen den Horsinn, den Sprachsinn, den Denksinn, 
den Ichsinn, den Warmesinn, den Lebenssinn, den Gleichgewichts- 
sinn, den Bewegungssinn, den Tastsinn, den Geruchssinn, den Ge- 
schmackssinn, den Sehsinn, so haben Sie im wesentlichen alles das- 
jenige, was vom Ichsinn geht bis zum Geruchssinn, im Hellen liegend, 
in dem, was dem gewohnlichen BewuBtsein zuganglich ist (siehe 
Zeichnung, schraffiert). Und alles dasjenige, was abgewendet ist vom 
gewohnlichen BewuBtsein, so wie die Nacht vom Tag abgekehrt ist, 
das gehort den andern Sinnen an. 

Es ist natiirlich die Grenze auch wiederum nur schematisiert; es 
fallt etwas ineinander; es sind die Wirklichkeiten nicht so bequem. 
Aber diese Gliederung des Menschen nach den Sinnen ist so, daB Sie 
schon im Schema an die Stelle der Sinne nur zu zeichnen brauchen die 
Himmelszeichen, so haben Sie: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, 
Lowe, Jungfrau, Waage - sieben Himmelszeichen fiir die helle Seite; 
fiinf fur die dunkle Seite : Skorpion, Schiitze, Steinbock, Wassermann, 
Fische: Tag, Nacht; Nacht, Tag. Und Sie haben einen vollstandigen 
Parallelismus zwischen dem mikrokosmischen Menschen - dem, was 
zugewendet ist seinen Sinnen, und dem, was abgewendet ist, aber 




eigentlich zugewendet ist seinen unteren Sinnen - und zwischen dem, 
was im auBeren Kosmos den Wechsel bedeutet von Tag und Nacht. Es 
geht gewissermaBen im Menschen dasselbe vor, was im Weltenge- 
baude vorgeht. Im Weltengebaude wechseln Tag und Nacht, im 
Menschen wechselt auch Tag und Nacht, namlich Wachen und 
Schlafen, wenn sich auch beide voneinander emanzipiert haben fur 
den gegenwartigen BewuBtseinszyklus des Menschen. Wahrend des 
Tages ist der Mensch zugewendet den Tagessinnen; wir konnen 
ebensogut sagen: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Lowe, Jungfrau, 
Waage, wie wir sagen konnten: Ichsinn, Denksinn, Sprachsinn und 
so weiter. Sie konnen jedes Ich eines andern Menschen sehen, Sie 
konnen die Gedanken des andern Menschen verstehen, Sie konnen 
horen, sehen, schmecken, riechen: das sind die Tagessinne. In der 
Nacht ist der Mensch so, wie sonst die Erde nach der andern Seite ge- 
wendet ist, den andern Sinnen zugewendet, nur sind diese noch nicht 



vollentwickelt. Sie werden erst nach der Venuszeit so voll entwickelt 
sein, daB sie wahrnehmen konnen, was da nach der andern Seite ist. 
Sie sind noch nicht so voll entwickelt, daB sie das wahrnehmen kon- 
nen, was da nach der andern Seite ist. Sie sind in Nacht gehullt, wie 
beim Durchgang durch die andern Himmelsregionen, durch die andern 
Bilder des Tierkreises, die Erde in der Nacht ist. Das Durchschreiten 
des Menschen durch seine Sinne ist ganz zu parallelisieren mit dem 
Gang - ob Sie nun sagen der Sonne um die Erde oder der Erde um 
die Sonne, das ist ja schlieBlich fur diesen Zweck gleichgiiltig ; aber 
diese Dinge hangen zusammen. Und diese Zusammenhange kannten 
die Weisen der alten Mysterien sehr gut. 

Das verschwand fur das BewuBtsein eben allmahlich in der vierten 
nachatlantischen Zeit, aber es muB wieder heraufgeholt werden, muB 
auch gegen die Widerstande, die sich dagegen erheben, wiederum 
heraufgeholt werden fur die Menschheitskultur. Denn in den Be- 
griffen, die man sich da aneignet, liegt dasjenige, was einem auch ver- 
standlich erscheinen laBt, was nun im sozialen, im geschichtlichen 
Leben vor sich geht. Solange Sie Naturleben und geistiges Leben in 
der Art trennen, wie das die moderne Menschheit heute liebt, so lange 
kommen Sie nicht zu solchen Begriffen, die im geschichtlichen Werden 
eine Rolle spielen konnten, sondern Sie werden iiberwaltigt von den 
Begriffen, die im geschichtlichen Leben eine Rolle spielen. Uberwaltigt 
werden Sie. Dafur gibt es ja viele Beispiele. 

Nicht wahr, die Menschen haben seit, nun, sagen wir zweihundert 
Jahren, wie sie glauben, furchtbar viel gedacht. Man kann zusammen- 
stellen, was die Menschen seit zweihundert Jahren gedacht haben, was 
sie an Idealen ausgebildet haben, wovon sie als den groBen Idealen 
gesprochen haben und immer wieder sprechen: von dem Ideal der 
Aufklarungszeit bis jetzt zu dem Ideal des groBen Casar-Ersatzes 
Woodrow Wilson. All dasjenige, was da uber die verschiedenen Ideale ge- 
sprochen worden ist, das haben die Menschen durch die Jahrhunderte, 
durch zwei Jahrhunderte hindurch gedacht; das bildete die Gedanken 
der Menschen. Aber die Weltgeschichte ist wenig bewegt worden von 
diesen Gedanken. Die Weltgeschichte ist von etwas ganz anderem be- 
wegt worden: von jenen Gedanken, die in den Dingen gewirkt und ge- 



webt haben. Und niemals waren eigentlich die Gedanken, die in den 
Menschenkopfen wimmeln, weiter entfernt von den groJBen kosmi- 
schen Gedanken, die in den Dingen leben, als in unserer Zeit. Das- 
jenige, was seit, man kann sagen, hundertfunfzig Jahren die Menschen 
dazu getrieben hat, eine gewisse Gestaltung der Welt zu bewirken, 
das sind nicht die Gedanken von Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit, 
Gerechtigkeit und so weiter, sondern das sind die Gedanken, welche 
verwoben waren zum Beispiei mit dem Auf kommen des mechanischen 
Webstuhls. DaB der mechanische Webstuhl hereingekommen ist in 
die moderne Entwickelung in der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts, 
daB sich diese bedeutsame Erfindung des mechanischen Webstuhls an 
die Stelle der alten Handweberei hineingefunden hat in die Mensch- 
heitsentwickelung, und daB von diesem mechanischen Webstuhl die 
ganze Maschinenkultur der neueren Zeit ausgegangen ist, darinnen 
weben die objektiven Gedanken, die wirklichen Gedanken, welche 
der Welt die Gestaltung gegeben haben, die sie bis heute hat, und aus 
der das gegenwartige katastrophale Chaos entstanden ist. Man muB 
nicht, wenn man eine Geschichte schreiben will des gegenwartigen 
katastrophalen Chaos, an die Gedanken, die in dem MenschenbewuBt- 
sein gewimmelt haben, sich wenden, sondern an diese objektiven Ge- 
danken von der Begriindung, von der Erfindung des mechanischen 
Webstuhls bis zu dem Werden der GroBindustrie und ihres Schattens, 
des Sozialismus. Denn wenn das auch scheinbare Gegensatze sind, 
GroBindustrie und Sozialismus, so sind sie polarische Gegensatze, die 
zueinander gehoren, sie sind nicht voneinander zu trennen. Bei die- 
sen objektiven Gedanken muB man anfragen und das geschichtliche 
Werden betrachten. 

Da findet man dann, daB die Menschen sich vielen Illusionen hinge- 
geben haben in der Zeit des 18. Jahrhunderts, das 19. Jahrhundert 
hindurch, und namentlich in dem Teil des 20. Jahrhunderts, in dem 
wir jetzt leben. Sie haben sich vielen Illusionen hingegeben in ihren 
Gedanken; aber iiberwaltigt sind sie worden von den objektiven, 
historisch-kosmischen Gedanken. Die weben in den Dingen. Und ein 
Interesse fur diese objektiv webenden Gedanken, wenn auch ein 
furchtbar einseitiges Interesse, haben eigentlich doch nur diejenigen 



Menschen allmahlich entwickelt, welche den Sozialismus als Welt- 
anschauung ausgebildet haben. Und das ist etwas ungeheuer Charak- 
teristisches. Wenn Sie das 19. Jahrhundert verfolgen: das Bourgeois- 
turn verliert immer mehr und mehr das Interesse fur groBe Weltan- 
schauungsfragen. GroBe Weltanschauungsfragen werden sogar dem 
Bourgeoistum hochst unangenehm, sie werden womoglich in die 
Asthetik hinein abgeschoben. Ob es geistige Wesen gibt oder nicht, 
dariiber mag man, wenn man ein richtiger Durchschnittsbourgeois 
ist, von der Biihne herunter allerlei vernehmen, wo man nicht daran 
zu glauben braucht, wo es nicht darauf ankommt, ob die Dinge Wahr- 
heiten sind oder nicht: da laBt man sich von Bjdrnson und ahnlichen 
Leuten das Mannigfaltigste vormachen. So in das Asthetische hinein, 
in das Spielen mit allerlei sogenannten Kunstlerischem, dahin wird das 
WeltanschauungsgemaBe fur das Bourgeoistum in der neueren Zeit 
abgeschoben. Wirklich fur Weltanschauungsfragen die Kopfe gegen- 
seitig zerschlagen - womit ich das nicht als ein Ideal betrachten will 
im physischen Sinne, aber im geistigen Sinne ist es in gewissem Sinne 
ein Ideal : Sie wis sen, ich habe mit einem sehr starken Aplomb darauf 
hingewiesen, daB ich gerne Temperament haben wiirde auch beim 
Vertreten anthroposophischer Wahrheiten -, die Kopfe eingeschlagen 
hat man sich in den letzten Jahrzehnten auf sozialistischem Gebiete. 
Und darum haben sich die andern nicht gekximmert. Sie haben, 
mochte ich sagen, diejenigen Leute allein gelassen, welche die Welt 
eigentlich von einem sehr engen Aspekt aus gesehen haben, welche 
die Welt nur gesehen haben von dem Aspekt der Fabrik aus, von dem 
Inneren der Fabrik aus, von dem Inneren der Buchdruckerwerkstatte 
und so weiter. Und es ist ja im hochsten MaBe interessant, was fur 
eine sogenannte Weltanschauung herausgekommen ist von dem 
Aspekte der Fabrik aus: denn das ist der Sozialismus! Das ist vom 
Aspekt des Inneren der Fabrik, das ist vom Aspekt der Menschen aus, 
die gar nichts anderes kennen als das Innere der Fabrik. Und fur das, 
was da sich heranentwickelte, hat sich das Bourgeoistum, das sich mit 
allerlei abstrakten Ideen, aber auch im Abstrakten mit Asthetisieren 
befaBt, so daB man nicht sehr sich die Kopfe zu zerschlagen brauchte, 
fur das, was da unten sich entwickelt hat, hat sich das Bourgeoistum 



eigentlich wenig interessiert. Und so ist das Bourgeoistum kurioser- 
weise in die Mitte hineingekommen zwischen der absterbenden, der 
ganz absterbenden alten Weltanschauung, die alles Geistige verloren 
hat, die alle groBen Fragen uberhaupt in den Asthetizismus hinein 
abschieben mochte, und dem, was da neu herauf kommt, dem Sozialis- 
mus, der uberhaupt noch keine Begriffe hat, der noch lediglich mit 
Worten allerlei Systeme bereitet, weil er die Welt uberhaupt noch nicht 
sehen kann, sondern nur die Fabrik sehen kann, nur das allerauBerste 
Mechanische sehen kann. Denken Sie sich doch, was es eigentlich zu 
bedeuten hat, wenn der Mensch innerlich nichts weiB von Mineral- 
reich, Pflanzenreich und Tierreich, sondern nur weiB von der Art und 
Weise, wie in der Maschine mechanisch sich dieser oder jener Zapfen 
auf und ab bewegt, das oder jenes zugefeilt und zugehobelt wird und 
dergleichen! Der Sozialismus ist eine Weltanschauung, die da fuBt 
auf der Anschauung einer Welt, die rein mechanisch ist. Es ist fur den 
Sozialisten das Stuck der Welt herausgeschnitten, das mechanisch ist ; 
danach formt er sich seine Begriffe. 

Das hat man entstehen lassen, weil man das Prinzip hatte, sich 
eigentlich nur asthetisch um die Dinge zu bekiimmern. Als die Theo- 
sophische Gesellschaft zuerst begriindet worden ist, hat man ja auch 
ihren Hauptgrundsatz gesehen in der Liebe aller Menschen unterein- 
ander. Wieviel ist dariiber deklamiert worden! Nun, ich habe mich 
ja uber diesen Punkt geniigend ausgesprochen. Er ist ebenso bequem 
wie unfruchtbar. Aber er riihrt auch davon her, daB man moglichst 
abschieben will dasjenige, was wirklich konkreten Inhalt hat, in das 
Inhaltlose hinein. Und so konnte man auch nicht ein eigentliches 
Interesse fassen fur den wirklichen Hergang der Dinge. Einzelnen 
Menschen fiel das Absonderliche herkommlicher, sagen wir Ge- 
schichtsbetrachtung auf. Nehmen wir einen Fall. 

Nehmen Sie eine beliebte Darstellung der romischen Kaiserzeit; 
versuchen Sie in den Schulbiichern oder in den Biichern auch, die 
die groBen autoritativen Historiker geschrieben haben, iiber die ro- 
mische Kaiserzeit sich zu unterrichten. Ich glaube, Sie werden aus 
diesen Darstellungen auBerordentlich wenig vernehmen iiber eine 
gewisse Personlichkeit, die schon unter Nero eine bedeutende poli- 



tische Rolle gespielt hat - so unter Nero kommen bereits die politi- 
schen Aspirationen durch -, dann ganz besonderes Aufsehen erregte 
und bedeutenden EinfluB auf die Politik Roms erlangte unter Ves- 
pasian und Titus, so daB man sagen kann, daB diese Personlichkeit die 
Seele der Regierung des Vespasianus und Titus war. Dann wendete 
sich diese Personlichkeit der andern Seite zu unter der Regierung des 
Domitianus, den sie fur einen Schadling des Romertums hielt. Sie 
wendete sich der andern Seite zu. Es wird ihr der ProzeB gemacht, 
ein sehr aufsehenerregender ProzeB in Rom, der sehr interessant ver- 
laufen ist, in welchem Domitianus geradezu umgeschlagen hat vom 
Tyrannen zu einem, der sich gegeniiber diesem ProzeB nicht zu helfen 
wuBte, daher den Mann nicht verurteilen konnte. Dann wiederum, 
als an Stelle des Domitianus Nerva kam, sehen wir diese Personlich- 
keit wieder energisch verbunden mit dem Kaiser, dem Casar. Da sehen 
wir aber diese Personlichkeit groBe Politik machen aus der gesamten 
Weltanschauung der damaligen Zeit heraus, und wir sehen zu gleicher 
Zeit diese Personlichkeit versuchen, wirklich weitgehende, aus dem 
Kosmos heruntergeholte Begriffe noch einmal, zum letzten Male 
wahrend der romischen Kaiserzeit, den politischen Ereignissen ein- 
zuimpfen. Und kurioserweise finden Sie ja eine richtige Beschreibung 
dieser Personlichkeit in gar keinem gebrauchlichen Geschichtsbuche, 
nicht einmal bei Sueton und Tacitus, sondern nur bei Philostratus. Und 
Philostratus schildert auch nur so, daB man nicht wuBte, schildert er 
einen Roman oder eine Wirklichkeit. Er schildert das Leben des 
Apollonius von Tyana. Denn Apollonius von Tyana ist der, von dem 
ich Ihnen gesagt habe, daB er von Nero an bis zu Nerva und nament- 
lich unter Vespasian und Titus einen so groBen EinfluB auf die Politik 
hatte, und den Philostratus beschrieb. Und der Tubinger Theologe 
Baur, der Historiker Baur war im hochsten Grade erstaunt, daB man 
so gar nichts findet iiber eine Personlichkeit wie den Apollonius, der 
eine erste Rolle spielen miiBte in der Geschichtsdarstellung. Natiir- 
lich sah Baur nicht ein, worauf es ankommt. Es kommt darauf an, 
daB in Apollonius eine Personlichkeit dasteht in der Geschichte, die 
schon diesen groBen EinfluB hatte, aber die aus dem uberragenden 
Kosmischen die Prinzipien herunterholte. Das war dem ins Romische 



hineinmiindenden Christentum im hochsten Grade fatal. Und nun 
bitte ich Sie zu beriicksichtigen, daB alles dasjenige, was historisch da 
ist, von der Kirche Gnaden da ist. Es ist ja sonst nichts da, als was die 
Kirche aus Gnade den Menschen gelassen hat. Nicht mit Unrecht hat 
ein alter, gar nicht dummer Mensch behauptet, daB es uberhaupt 
einen Plato, einen Sophokles gar nicht gegeben hatte, sondern daB 
Mdnche vom 14. und 15. Jahrhundert des Sophokles* Dramen ge- 
schrieben hatten; denn ein strikter Beweis dafiir, daB Sophokles ge- 
lebt hat, ist nicht da. Wenn auch die Behauptung nicht haltbar ist, 
selbstverstandlich Unsinn ist, aber wie unsicher alles dasjenige ist, 
was geschichtliche Fable convenue ist, wir haben es ja schon oft be- 
tont. Und wir miissen uns dariiber klar sein. Wir rmissen ja die Gegen- 
wart mit der Vergangenheit in Zusammenhang bringen, denn wir 
nahern uns jetzt einer groBen, bedeutungsvollen Frage. 

Wir haben wiederum, vom modernen Standpunkte jetzt, hinge- 
wiesen auf den dreigeteilten Menschen, auf diesen Zusammenhang mit 
kosmischen Wahrheiten, auf die Notwendigkeit, daB das wieder ent- 
hullt werde. Ja, worin bestand denn eigentlich die Haupttatigkeit der 
Kirche, namentlich seit dem achten okumenischen Konzil in Konstan- 
tinopel, das 869 stattfand? Sie bestand darinnen, auszuloschen, aus- 
zutilgen vom menschlichen BewuBtsein dasjenige, was in jenen alten 
Zeiten auch das Christentum an Verstandnis fur den Zusammenhang 
des Menschen mit dem Kosmos, mit der groBen geistigen Welt hatte. 
Mit einer wahren Angstlichkeit hat man alles dasjenige beseitigt, was 
diesen Zusammenhang verrat. Und nur, weil nicht alles beseitigt 
werden kann, weil das Karma dem schon entgegenwirkt, sind solche 
Werke wie das des Philostratus geblieben. Und daher konnen Sie es 
begreifen, wenn Sie jetzt die Vergangenheit mit der Gegenwart zu- 
sammenbringen, daB gewisse Menschen von kirchlicher Seite heil- 
lose Angst bekommen, wenn in der Gegenwart wiederum die An- 
kniipfung gepflogen werden soil zwischen dem, was den Menschen 
zu einem Wesen des Kosmos macht, und diesem Menschen selber und 
seiner Aufgabe. 

Es geht eben nicht an, daB man nur schlafrig dasjenige verfolgt, 
was durch die anthroposophische Bewegung gewollt sein sollte. Man 



muB es in lebendigem, kraftvollem BewuBtsein verfolgen. Das ist 
schon notwendig, Damit habe ich hingewiesen auf dasjenige, was wir 
nun weiter ausfiihren wollen. Morgen werde ich den Vortrag hier 
halten, in dem ich diese Betrachtungen fortsetzen werde. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach, 26. August 1918 



Gewisse Fragen werden dem denkenden Menschen sich doch immer 
wieder und wiederum aufdrangen, wenn er auch in Zeiten, in denen 
die materialistische Kultur iiberwiegt, diesen Fragen mehr oder we- 
niger aus dem Wege gehen mochte. Es sind viele Fragen. Ich mochte 
heute ein paar aus der groBen Reihe der Fragen herausheben, die da- 
von kommen, daB der Mensch doch, selbst wenn er sich straubt, eine 
geistige Welt anzuerkennen, den Eindruck dieser geistigen Welt ver- 
spiirt. Zu solchen Fragen gehort zum Beispiel diese, die ja, man 
mochte sagen, das Leben alltaglich aufwirft: Gewisse Menschen 
sterben jung, andere sterben ganz alt, andere dazwischen. Gegeniiber 
dieser Tatsache, daB auf der einen Seite ganz junge Kinder sterben, 
auf der andern Seite Leute ganz alt werden und dann sterben, erheben 
sich fur den Menschen Fragen, welche mit den Mitteln, die man heute 
wissenschaftliche Mittel nennt, niemals - bei klarer Besinnung wird 
das jeder zugeben miissen - werden zu beantworten sein. Und doch 
sind sie fur das Menschenleben brennende Fragen, und jeder kann 
eigentlich empfinden, daB sich far das Leben Unendliches auf klaren 
miiBte dadurch, daB man diesen Fragen nahetreten konnte: Warum 
sterben Menschen zuweilen friiher, im Kindesalter, im Jugendalter, 
in der Mitte der gewohnlichen Lebenszeit? Warum sterben andere alt? 
Was hat das fur eine Bedeutung im gesamten Weltenall? 

Sich solche Fragen zu beantworten, dazu hatten die Menschen bis 
zu jenem Zeitpunkte, den ich Ihnen in diesen Betrachtungen schon 
angegeben habe, bis zu dem Zeitpunkt der beginnenden vierten nach- 
atlantischen Zeit, so ungefahr bis in die Mitte des 8. vorchristlichen 
Jahrhunderts, noch Vorstellungen, Begriffe. Aus alter Weisheit her- 
uberbekommen hatten sie Begriffe. Es gab auch in jenen alten Zeiten, 
die dem 8. vorchristlichen Jahrhundert vorangingen, iiber die da- 
malige Erdenkultur verbreitet uberall Vorstellungen, welche nach 
dem Sinn der damaligen Zeit den Menschen AufschluB gaben iiber 
solche Fragen wie die eben angedeuteten. Dasjenige, was wir heute 



Wissenschaft nennen, kann nicht einmal einen rechten Sinn verbinden 
mit solchen Fragen, kommt gar nicht darauf, daB etwas mit diesen 
Fragen gegeben ist, wozu man irgendeine Antwort suchen sollte. Das 
alles riihrt davon her, daB in der Zeit, die seit dem eben angedeuteten 
Zeitpunkte verflossen ist, eigentlich alle Vorstellungen verlorenge- 
gangen sind, die sich auf den geistigen und damit auf den ewigen 
Menschen beziehen. Es sind nur diejenigen Vorstellungen geblieben, 
die sich auf den verganglichen Menschen und den zwischen Geburt 
und Tod eingeschlossenen Menschen beziehen. 

Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daB in alien alten Weltan- 
schauungen von einer dreifachen Sonne gesprochen wurde, von jener 
Sonne, die man mit den physischen Sinnen wahrnimmt als eine 
leuchtende Kugel im Weltenraume drauBen. Hinter dieser Sonne aber 
sahen die alten Weisen die seelische Sonne - im griechischen Sinne 
gesprochen, den Helios - und erst hinter dieser seelischen Sonne die 
geistige Sonne, die zum Beispiel noch Plato identifizierte mit dem 
Guten. Es hat fur den heutigen Menschen eigentlich keinen rechten 
Sinn, von dem Helios, der seelischen Sonne, oder gar von der geisti- 
gen Sonne, von dem Guten, zu sprechen. Aber so wie uns hier zwi- 
schen Geburt und Tod die physische Sonne leuchtet, so scheint, wenn 
ich sagen darf, in unser Ich hinein in der Zeit, die wir verbringen 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die geistige Sonne, die 
eben noch von Plato identifiziert wird mit dem Guten. Fur die Zeit 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt von dieser leuchtenden 
Kugel zu sprechen, von der unsere heutige materialistische Weltan- 
schauung spricht, hat keinen Sinn; zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt hat nur Sinn zu sprechen von der geistigen Sonne, von dem, 
was Plato noch als das Gute bezeichnet. Aber gerade ein solcher Be- 
grifT sollte uns auf etwas hinweisen. Er sollte uns darauf hinweisen, 
nachzudenken, wie es sich eigentlich verhalt mit dem, was wir uns als 
physische Vorstellung von der Welt bilden. DaB wir in dem, was wir 
uns als physische Vorstellungen von der Welt bilden, in dem, was 
sinnenfallig vor uns ausgebreitet ist, zu sehen haben eine Art von 
Tauschung, eine Art von Maja, das wird doch nicht im vollen Sinne 
des Wortes ernst genommen, wenigstens nicht so ernst, daB die An- 



schauung des Lebens wirklich mit diesen Dingen durchdrungen 
wiirde. 

So eine Art Vorstellung von der Sonne hat im Grande der jenige, 
der die heutige Physik, Astrophysik meinetwillen, autoritativ nimmt: 
Wenn er da hinauffahren konnte, wohin die Physiker die Sonne ver- 
setzen, so wiirde er, indem er sich der Sonne nahert - nun, sehen wir 
jetzt von menschlichen Lebensbedingungen ab, setzen wir voraus, daB 
die Lebensbedingungen absolut sein konnten gewaltige Hitze ver- 
spiiren, so stellt er es sich vor, und er wiirde da, wenn er innerhalb 
des Raumes ankommt, den sich der Physiker von der Sonne ausge- 
fiillt denkt, innerhalb dieses Raumes gliihendes Gas oder dergleichen 
finden. So stellt sich der Physiker ja das eigentlich vor: einen gliihen- 
den Gasball oder so etwas. Aber so ist es nicht, das ist eine richtige 
Maja, eine richtige Tauschung. Und diese Vorstellung halt vor den 
wahren physikalischen Anschauungen, die man gewinnen kann, auch 
nicht stand, geschweige denn vor der wirklichen ubersinnlichen An- 
schauung. Wenn man sich namlich wirklich der Sonne nahern konnte 
und dahin kommen wiirde, wo die Sonne ist - ja, indem man sich 
nahert, da findet man schon so etwas, wie wenn man durch flutendes 
Licht durchgehen miifite (es wird gezeichnet: gelber Kreis, innen 
blauer Kern) ; aber wenn man da hineinkommt, wo die Physiker die 
physische Sonne vermuten, findet man zunachst das, was man an- 
sprechen konnte als leeren Raum. Da ist uberhaupt nichts; es ist gar 
nichts da, wo man die physische Sonne vermutet. Ich zeichne es 
schematisch (blau), weil eigentlich nichts dort ist. Da ist nichts, da ist 
leerer Raum. Aber ein sonderbarer leerer Raum ist das! Wenn ich 
sage: Es ist nichts da so rede ich eigentlich nicht ganz richtig; es ist 
weniger als nichts da. Es ist nicht nur ein leerer Raum da, sondern es 
ist weniger als nichts da. Und das ist es, was als eine Vorstellung fur 
abendlandische Menschen heute auBerordentlich schwer zu bilden ist. 
Der Morgenlander hat diese Vorstellung auch heute noch ohne wei- 
teres; fur den ist es gar nichts Wunderbares oder Schwerverstand- 
liches, wenn man ihm davon spricht, da6 da weniger als nichts ist. 
Der Abendlander denkt sich, und er denkt sich das insbesondere, 
wenn er ein waschechter Kantianer ist, denn viel mehr Leute, als man 



heute denkt, sind Kantianer, sind unbewuBte Kantianer: Wenn nichts 
im Raum ist, so ist es eben leerer Raum 3 - Aber das ist nicht der Fall; 
es kann auch ausgeschopfter Raum sein. Wenn Sie namlich da durch 
diese Sonnenkorona durchsehen wiirden, so wiirden Sie diesen leeren 
Raum, in den Sie da eintr eten wiirden, hochst unbehaglich empfinden : 
er zerreiBt Sie namlich. Und darin zeigt er seine Wesenheit, daB er 
mehr ist - oder weniger ist, wie ich besser sagen kann - als ein leerer 
Raum. Sie brauchen ja nur die einfachsten mathematischen Begriffe zu 
Hilfe zu nehmen, so wird Ihnen nicht ganz unklar bleiben konnen, 
was ich da meine: leerer Raum ist weniger noch als bloB leer. Nehmen 
wir an, Sie besitzen irgend etwas an Vermogen. Aber es kann auch 
vorkommen, daB Sie alles, was Sie besitzen, ausgegeben haben, daB 
Sie nichts haben. Aber man kann weniger als nichts haben: man kann 
Schulden haben, dann hat man wirklich weniger als nichts. Man kann, 
wenn man von der Raumerfiillung zu immer diinnerer und dunnerer 
Raumerfiillung iibergeht, bis zum leeren Raum kommen; man kann 
aber dann hinter die bloBe Leerheit noch hiniibergehen, wie man von 
dem Nichts zu den Schulden gehen kann. 

Das ist der groBte Fehler der heutigen Weltanschauung, daB sie 
diese eigentumliche Art von negativer Stofflichkeit - wenn ich mich 
so ausdriicken darf - nicht kennt, daB sie nur die Leerheit kennt und 
die Erfullung, und nicht dasjenige, was weniger ist als die Leerheit. 
Denn dadurch, daB das heutige Wis sen, die heutige Weltanschauung 
das, was weniger ist als die Leerheit, nicht kennt, dadurch wird diese 
heutige Weltanschauung mehr oder weniger im Materialismus fest- 
gehalten, richtig im Materialismus festgehalten, ich mochte sagen: 
gebannt in den Materialismus. Denn es gibt auch imMenschen, wenn 
ich mich so ausdriicken darf, einen Ort, welcher leerer ist als leer; nicht 
in seiner Ganze, aber welcher eingelagert hat Teile, die leerer sind als 
leer. Im ganzen ist ja der Mensch - ich meine der physische Mensch - 
ein Wesen, welches einen Raum materiell ausfiillt; aber ein gewisses 
Glied der menschlichen Natur, von den dreien, die ich angef iihrt habe, 
hat tatsachlich etwas in sich, was sonnenahnlich ist, leerer ist als leer. 
Das ist - ja, Sie miissen es schon hinnehmen - der Kopf. Und gerade 
darauf, daB der Mensch so organisiert ist, daB sein Kopf sich immer 



entleeren kann und in gewissen Gliedern leerer sein kann als leer, da- 
durch hat dieser Kopf die Moglichkeit, das Geistige sich einzulagern. 
Stellen Sie sich einmal die Sache vor, wie sie eigentlich ist. Natiirlich 
muB man die Dinge sich schematisch vorstellen; aber denken Sie sich, 
alles dasjenige, was materiell Ihren Kopf ausfiillt, wiirde ich schematisch 
durch das Folgende zekhnen. Das ware schematisch Ihr Kopf (siehe 
Zeichnung, rot). Nun aber muB ich, wenn ich ihn vollstandig zeichnen 
will, in diesem Kopf leere Stellen lassen. Das ist natiirlich jetzt nicht 
so groB, aber drinnen sind leere Stellen. In diese leeren Stellen kann 
dasjenige hinein, was ich Ihnen den jungen Geist genannt habe in die- 
sen Tagen. In die leeren Stellen hinein muB der junge Geist, gewisser- 
maBen in seinen Strahlen, gezeichnet werden (gelb). 




Ja, die Materialisten sagen : Das Gehirn ist das Werkzeug des Seelen- 
lebens, des Denkens. - Das Umgekehrte ist wahr: Die Locher im 
Gehirn, ja sogar dasjenige, was mehr ist als Locher, oder ich konnte 
auch sagen, weniger ist als Locher, was leerer ist als leer, das ist das 
Werkzeug des Seelenlebens. Und da, wo das Seelenleben nicht ist, wo 
das Seelenleben fortwahrend aufstoBt, wo der Raum unseres Schadels 
mit Gehirnmasse ausgefiillt ist, da wird nichts gedacht, da wird nichts 
seelisch erlebt. Wir brauchen unser physisches Gehirn nicht zum 
Seelenleben, sondern wir brauchen es nur, damit wir das Seelenleben 
einfangen, physisch einfangen. Wenn da nicht das Seelenleben, das in 
den Lochern des Gehirnes eigentlich lebt, iiberall aufstoBen wiirde, so 



wiirde es verfliegen; es kame uns nicht zum BewuBtsein. Aber es lebt 
in den Lochern des Gehirns, die leerer sind als leer. 

So miissen wir uns die Begriffe allmahlich korrigieren. Wir nehmen, 
wenn wir vor dem Spiegel stehen, nicht uns wahr, sondern unser 
Spiegelbild. Uns konnen wir vergessen. Wir sehen uns im Spiegel 
drinnen. So erlebt der Mensch auch nicht sich, indem er durch sein 
Gehirn dasjenige zusammenhalt, was in den Lochern des Gehirnes 
liegt; er erlebt, wie sich uberall sein Seelenleben spiegelt, indem es an 
die Gehirnmasse anstoBt. Es spiegelt sich uberall; das erlebt der 
Mensch. Er erlebt eigentlich sein Spiegelbild. Das aber, was da in die 
Locher hereingeschliipft ist, das ist dasjenige, was dann, wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes geht, ohne die Widerlage des Ge- 
hirnes seiner selbst bewuBt wird, weil es dann in entgegengesetzter 
Weise mit BewuBtsein durchsetzt wird. 

Nun will ich ein anderes Schema aufzeichnen. Nehmen Sie das 
Folgende. Bitte, ich will jetzt das Gehirn recht drastisch zeichnen, wie 
das Locher laBt (blau). Da sei die Gehirnmasse, da lasse es die Locher, 
und dahinein in diese Locher geht das Seelenleben (gelb). Dieses 
Seelenleben, das setzt sich aber vor den Lochern fort. Da kommen 
wir in die ja natiirlich nur in der Nahe des Menschen sichtbare, aber 
ins Unbestimmte auslaufende Menschenaura hinein. 




Denken wir uns jetzt das Gehirn weg, und denken wir uns, wir 
sehen beim gewohnlichen Menschen zwischen Geburt und Tod das 



Seelenleben an, dann wiirden wir sagen mussen : Der wahre Mensch, 
in dieser Weise gesehen, der ist in seinem Zustande zwischen Geburt 
und Tod so, daB er eigentlich - da muB ich aller dings das jetzt anders 
schematisch zeichnen - sein Antlitz seinem Korper so zuwendet (siehe 
Zeichnung Seite 105, lila) ; sein Seelenleben wendet er dem Korper- 
lichen zu. Und wenn wir auf das Gehirn sehen, so streckt dieses 
Seelenleben hier Fiihlhorner vor, d
…[truncated]