Die Wirklichkeit der höheren Welten

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Die Wirklichkeit der hoheren Welten 



Acht offentliche Vortrage 
gehalten vom 25. November bis 2. Dezember 1921 
in Kristiania (Oslo) 



1988 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe dieser Auflage besorgten H. Wiesberger und R. Friedenthal 



1 . Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1 962 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Kristiania, 29. Nov, 1921: «Jesus oder Christus», 
Dornach 1935, 1962, 1980 
Kristiania, 30. Nov. 1921: «Die Kardinalfrage des Wirt- 
schaftslebens», Dornach 1962, 1984 

Samtliche Vortrage waren abgedruckt in der Wochenschrift 
«Das Goetheanum»: Vortrage I bis VI und VIII 23. Jahrgang, 1944, 
Nrn. 1-41; Vortrag VII, Nrn. 42-45 



Bibliographie-Nr. 79 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1988 by Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0790-5 



Z# den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroff entlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I, Die Wirklichkeit der hoheren Welten. Das freie 
Geistesleben und die Geisteslage der Gegenwart 
Kristiania (Oslo), 25. November 1921 9 

II. Wege zur Erkenntnis hoherer Welten 

26. November 1921 43 

III. Grundlagen der Anthroposophie 

28. November 1921 75 

IV. Der Mensch im Lichte der Anthroposophie 

29. November 1921 104 

V. Die Weltentwickelung im Lichte der Anthropo- 
sophie 

1. Dezember 1921 139 

VI. Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung 

2. Dezember 1921 171 

VII. Jesus oder Christus 

29. November 1921 202 

VIII. Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens 

30. November 1921 233 

Hinweise 269 

Personenregister 276 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 277 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 280 



DIE WIRKLICHKEIT DER HOHEREN WELTEN 
DAS FREIE GEISTESLEBEN 
UND DIE GEISTESL AGE DER GEGENWART 

Kristiania (Oslo), 25. November 1921 

Vor allem anderen lassen Sie mich mein Bedauern dariiber 
aussprechen, daft ich nicht in der Lage bin, dasjenige, was ich 
mir erlauben werde vor Ihnen zu sprechen, in Ihrer Sprache 
vorzubringen. Allein da dies nicht mdglich ist, mull ich Sie 
eben darum bitten, das Auszufiihrende in deutscher Sprache 
entgegenzunehmen . 

Vorerst habe ich fur die aufterordentlich freundlichen, lie- 
ben Begriiftungsworte, die eben ausgesprochen worden sind, 
auf das allerherzlichste zu danken. Ich hoffe nur, daft es mir 
gelingen werde, wenigstens in einigem dasjenige zu erfullen, 
was vorausgesetzt wird. Ich bin der hier vereinigten Studen- 
tenschaft von Herzen dankbar fur die Gelegenheit, die sie 
mir gibt, iiber anthroposophische Geisteswissenschaft eini- 
ges zu sagen. Ich weift gerade aus den langen Jahren der 
Beschaftigung mit dieser Geisteswissenschaft, welche aufter- 
ordentlichen Schwierigkeiten bestehen, sie unserer heu- 
tigen Zivilisation und Kulturrichtung einigermaften ver- 
standlich zu machen, und wie leicht es ist, daft man ihr ge- 
geniiber zunachst mit Mi£verstandnissen kommt. Aus 
diesem Grunde darf ich der mich einladenden Studenten- 
schaft meinen ganz besonderen Dank aussprechen und die 
Versicherung abgeben, daft es mir von ganz besonderem 
Werte erscheint, gerade von seiten der Studentenschaft, 
innerhalb welcher ja auch in anderen Landern heute an- 
throposophische Geisteswissenschaft einige Aufmerksam- 



keit findet, diesem Entgegenkommen auch hier zu be- 
gegnen. 

Nun, fur den heutigen Abend ist das Thema «Die Wirk- 
lichkeit der hoheren Welten» gewiinscht worden. Da im 
Grunde genommen mein gesamtes Schrifttum seit Jahrzehn- 
ten eigentlich die eine grofie Frage nach der Wirklichkeit die- 
ser hoheren Welten beantworten will, so werden Sie es ver- 
stehen, daft in einem kurzen Abendvortrag von vornherein 
man dazu verurteilt ist, etwas Ungenugendes und Unvoll- 
standiges zu geben. Ich werde mich bemiihen miissen, einige 
Richtlinien anzudeuten, hinzuweisen darauf, wie man zu 
dieser Wirklichkeit der hoheren Welten kommt. Ich werde 
selbstverstandlich nicht schon heute - einiges wird ja in den 
nachsten Tagen bei anderen Gelegenheiten moglich sein - 
igendwie etwas restlos Beweisendes vorzubringen in der 
Lage sein, sondern nur auf die Wege und Richtungen, in de- 
nen diese Beweise liegen, werde ich hindeuten konnen. Die 
anthroposophische Geisteswissenschaft kann nicht von der 
Wirklichkeit hoherer Welten sprechen, ohne die Wege anzu- 
deuten, die zu dieser Wirklichkeit fuhren, und diese Wege 
sind durchaus nicht solche, die etwa sich in Gegensatz stellen 
wollen zu dem, was sich in so bewunderungswiirdiger Weise 
durch das wissenschaftliche Streben der Menschheit, durch 
den Wissenschaftsgeist der letzten Jahrhunderte herausgebil- 
det hat. 

Wenn von dieser oder jener Seite gerade die Wissenschaft- 
lichkeit anthroposophischer Forschung angezweifelt wird, 
so glaubt diese Forschung selbst, daft diese Zweifel durchaus 
auf Mifiverstandnissen beruhen. Denn nicht irgendein bloft 
laienhaftes Gerede mochte Anthroposophie sein, sondern et- 
was, das mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftig- 
keit, mit innerer wissenschaftlicher Disziplin und Methodik 
sich den hoheren Welten, den ubersinnlichen Welten nahert, 



wie sich seit langem die gesicherte, naturwissenschaftliche 
Anschauungsweise den Gesetzmafiigkeiten der Natur na- 
hert. Allein es ist notwendig, wenn man gerade mit derselben 
Strenge, wie die Naturwissenschaft zu ihren Ergebnissen zu 
kommen versucht, zu den iibersinnlichen Welten gelangen 
will, daf$ man dann sowohl mit Bezug auf die Ergebnisse, 
wie auch mit Bezug auf die Forschungsmethode iiber dasje- 
nige hinausgeht, was heute allgemein als wissenschaftlich an- 
erkannt wird. Anthroposophische Geisteswissenschaft ist 
durchaus auf der Grundlage errichtet, auf welcher man sich 
einlebt in all dasjenige, was die moderne Wissenschaft groft 
macht. Diese moderne Wissenschaft ist grofi geworden 
durch gewissenhafte Beobachtung der Sinneswelt, durch das 
Experiment und durch die verstandesmafiige Erwagung des- 
sen, was sich durch die Sinnesbeobachtung und das Experi- 
ment ergibt. Alles, was man an dieser Forschung lernen 
kann, wenn man sich selbst in sie hineinbegibt, das mochte 
anthroposophische Geisteswissenschaft mit auf den Weg 
nehmen, wenn sie nun hinausgeht sowohl iiber die Ergeb- 
nisse, wie auch iiber die Art und Weise der Forschung der 
heute schon anerkannten Wissenschaft. 

Dieses Hinausgehen fuEt vor alien Dingen ganz stark auf 
der Erkenntnis, dafi das menschliche Forschungsvermogen, 
insoweit es sich in der Naturwissenschaft ausgebildet hat, zu 
gewissen Grenzen kommt. Wer naturwissenschaftlich zu 
forschen versteht, der weifi ganz gut, dafi die grofie Frage 
des Menschendaseins nach der ewigen Bedeutung der Men- 
schenseele, die Frage, die man gewohnlich die Unsterblich- 
keitsfrage nennt, die Frage, welche man die Schicksalsfrage 
nennt, die Frage also, welche man im weitesten Umfange die 
nach den hoheren Welten nennt, dafi diese Frage aufierhalb 
der Grenzen der modernen naturwissenschaftlichen For- 
schung zunachst liegt. Und man lernt erkennen, daE die 



ganze Art und Weise des Denkens, das Erkenntnisvermogen, 
die Erkenntnisfahigkeit selber sich an der Sinnesforschung 
ausgebildet haben, und daft sie in dem Momente an eine 
Grenze kommen, wo sie fiber die Sinneswelt hinausgehen 
wollen. Anthroposophie ist mit anerkannten Forschern der 
Gegenwart vollig einverstanden, wenn es sich darum han- 
delt, festzustellen, daft solche Grenzen fur das gewdhnliche 
menschliche Bewufttsein vorhanden sind. 

Es gibt ja viele Bestrebungen, die in philosophischer Weise 
hinausgehen mochten iiber diese Grenzen. Allein alles, was 
der menschliche Verstand, wohl auch das menschliche Ge- 
mut ersinnen iiber dasjenige, was jenseits der Sinneswelt 
liegt, all das kann doch einer gewissen strengen Kritik nicht 
standhalten und verrat sich vor allem als unbefriedigend da- 
durch, daft es gewissermaften ins Leere greift, daft der Ver- 
stand fiihlen kann, wie er angewiesen ist auf das, was ihm 
zunachst die Sinne liefern und wie er, wenn er den Sinnestep- 
pich, der um uns herum ausgebreitet ist, durchbrechen will, 
wenn er sich selbst iiberlassen ist, wie er dann eigentlich kei- 
nen Inhalt mehr hat, wenn man im gewdhnlichen Bewuftt- 
sein stehen bleibt. 

Tiefere Gemiiter, die dennoch ihre Seelen- und Geistesbe- 
diirfnisse vor der Wissenschaft heute zu rechtfertigen versu- 
chen und nicht blofi dabei stehen bleiben mochten, sich ei- 
nem gewissen Glauben hinzugeben, sondern etwas wissen 
mochten iiber die Dinge, welche iiber das Zeitliche hinauslie- 
gen, solche tieferen Menschengemiiter fluchten heute sehr 
haufig in eine gewisse Mystik hinein. Sie glauben, daft dasje- 
nige, was ihnen die auftere Wissenschaft nicht geben kann, 
ihnen zuteil werden kann, wenn sie sich in die Tiefen des 
Seelenlebens hinunter versenken. Sie glauben, daft aus den 
Tiefen des Gemixtes ihnen heraufstromen kann dasjenige, 
was ihnen Aussagen liefern kann iiber den ewigen Wert, die 



ewige Bedeutung der Menschenseele, iiber die Zusammen- 
hange der Menschenseele mit der gottlich-geistigen Welt. 

Aber gerade eine tiefere Seelenkunde kann nicht einver- 
standen sein mit solch einer Mystik im gewohnlichen Sinne. 
Denn eine tiefere Seelenkunde kennt all die verborgenen 
Wege des menschlichen Erinnerungsvermogens. Das ge- 
wohnliche Bewufitsein hat ja gewift seine Erinnerungen, die 
Schatze seines Gedachtnisses, die es immer wieder und wie- 
derum hervorholt, weil das fur ein gesundes Seelenleben not- 
wendig ist. Aber in den Tiefen der Seelen ruht manches, was 
in diese Erinnerungen sich hineinmischt, und was in seiner 
Wesenheit dieses gewohnliche Bewulksein nicht uber- 
schauen kann. Da schiirft mancher Mystiker aus den Tiefen 
der Menschenseele etwas herauf , was er wie einen Ausspruch 
hoherer Welten anschaut, aber fur den wirklichen Seelenken- 
ner sind das vielleicht nur Eindriicke der Sinnenwelt aus der 
lange verflossenen ersten Kindheit. Der Seelenforscher weifi, 
welche Metamorphosen das durchmachen kann, was wir 
selbst unbewufit in der allerersten Kindheit hereinnehmen in 
unsere Seele, wie es verandert im spateren Lebensalter wieder 
auftreten kann. Mancher glaubt, einen gottlichen Funken in 
seiner Seele auf mystische Art zu finden, und er zieht nichts 
anderes aus den Tiefen der Seele hervor als die umgewandel- 
ten Kindheitserlebnisse. 

Das sind die beiden Klippen, vor die wir gestellt sind, 
wenn wir in ernster und ehrlicher Weise an die Wirklichkeit 
der hoheren Welten sehnend, forschend herantreten. Sowohl 
vor einer spekulativen Philosophic, welche in blofien Ver- 
standeserwagungen die aufiere Sinneswelt durchbrechen und 
zu einer Art von Jenseitswelt kommen mochte, wie auch vor 
einer solchen Mystik, die im Grunde genommen doch nur 
verwandelte Erinnerungen aus den Tiefen des Menschenge- 
miites hervorholt, mufi sich der ernste Geistesforscher hiiten. 



Nach beiden Seiten hin entdeckt er umibersteigliche Gren- 
zen : Auf der einen Seite die Sinneswelt, die er nicht durch- 
brechen kann mit dem gewohnlichen Bewuiksein, auf der 
anderen Seite, nach der Seite des Menschen, die Erinnerungs- 
welt, die da sein mufi fur ein gesundes Seelenleben, und die 
nach dem Innern hin eine Grenze bildet, die auch fur das 
gewohnliche Bewufttsein eigentlich nur durch Illusionen und 
Phantasmen uberschritten werden kann. 

An diesen beiden Klippen mochte anthroposophische 
Geistesforschung vorbeikommen zu einer wirklichen Er- 
kenntnis der hoheren, der ubersinnlichen Welten. Sie gesteht 
sich daher ganz ehrlich und of fen, dafl die Erkenntnisfahig- 
keiten, die im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen 
Wissenschaft ublich sind, eben an diese beiden Grenzen 
kommen mussen, daft man mit diesen Erkenntnisfahigkeiten 
eben nicht in die hoheren Welten eindringen kann. Daher 
geht anthroposophische Geisteswissenschaft darauf aus, sol- 
che Fahigkeiten, wie die in der Seele schlummernden, deren 
sich das gewohnliche Bewufttsein eben nicht bewulk ist, zum 
Bewufitsein heraufzuheben und diese erst auszubilden, um 
mit diesen ausgebildeten Fahigkeiten dann erst die For- 
schung nach der hoheren Wirklichkeit anzutreten. Diese 
Geistesforschung geht nicht aus von irgendeinem nebulosen 
Mystischen, sie geht durchaus von Fahigkeiten des gewohn- 
lichen Lebens aus, bildet diese Fahigkeiten des gewohnlichen 
Lebens aber nicht nur weiter um, sondern sie macht aus ih- 
nen wesentlich andere Fahigkeiten. 

Das erste, worauf die Aufmerksamkeit des ehrlichen Gei- 
stesforschers gerichtet sein mufi, ist die menschliche Erinne- 
rungsfahigkeit, die wir in ihrer Begrenztheit, in ihrer Einge- 
schranktheit eben besprochen haben. Diese Erinnerungsfa- 
higkeit, sie macht es uns moglich im gewohnlichen Leben, 
dasjenige, was wir seit unserer Geburt oder von einem Zeit- 



punkte, der etwas spater liegt, durchgemacht, erlebt haben, 
in Bildern immer wieder und wiederum willkiirlich oder un- 
willkurlich vor unsere Seele zu zaubern. Dieses Faktum, das 
gewohnlich nicht in seiner vollen Tragweite vor die Seelen- 
forschung hingestellt wird, stellt nun die Anthroposophie in 
voller Tragweite vor die menschliche Seele hin. Und sie ver- 
sucht, gerade so, wie das sonst nur bei der Erinnerung, bei 
der Gedachtnisfahigkeit der Fall ist, Vorstellungen, Begriffe, 
kurz Gedankliches, willkiirlich in den Mittelpunkt des 
menschlichen Bewufltseins zu riicken. Sie versucht auf diese 
Weise eine erste hohere Erkenntnisfahigkeit auszubilden 
durch gewisse Ubungen, die gerade vorgenommen werden 
mit der Denkkraft. Sie bleibt nicht stehen bei der Denkkraft, 
wie sie sich in der gewohnlichen Erinnerung aufiert. Sie 
schreitet fort - nicht zu jener willkiirlichen Meditation, von 
der man in nebuloser Mystik oft spricht -, sondern zu einer 
innerlich ganz geregelten, systematischen Meditation. 

Ich werde hier zunachst das Prinzipielle der Sache anzu- 
deuten haben. Alles Genauere finden Sie in verschiedenen 
meiner Bucher in alien Einzelheiten, und ich werde Einzel- 
heiten auch in den nachsten Tagen hier noch zu erdrtern ha- 
ben. Meine Bucher, die diese Einzelheiten erortern, sind vor 
allem «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», 
«Geheimwissenschaft». Dasjenige, was ein jahrzehntelanges 
Studium ist, kann eben hier nur prinzipiell in einigen Richtli- 
nien angedeutet werden. Es handelt sich darum, dafi die 
Denkkraft des Menschen zu einer grofieren Starke, zu einer 
grofteren Intensitat entwickelt wird, als sie sie im gewohnli- 
chen Leben und in der gebrauchlichen Wissenschaft hat. 
Wenn man einen Muskel besonders anstrengt in der Arbeit, 
so wird die Kraft dieses Muskels verstarkt. Was hier mit ei- 
nem aufieren Leibesgliede ausgefuhrt wird, das fuhrt, ganz 
systematisch, der Geistesforscher in bezug auf die Seelen- 



krafte aus. Er stellt eine leicht iiberschaubare Vorstellung 
oder einen leicht iiberschaubaren Vorstellungskomplex mit 
voller Bewufltheit, mit vollem freien Willen in den Mittel- 
punkt des Bewufkseins, und er verweilt mit dem Bewufitsein 
eine Zeitlang - der eine braucht langer, der andere kurzere 
Zeit, je nach seinen Fahigkeiten, je nach seiner Konzentra- 
tionsmoglichkeit - auf einer solchen iiberschaubaren Vor- 
stellung. 

Ich bitte Sie, darauf zu achten, dafi ich von einer iiber- 
schaubaren Vorstellung spreche. Das ist aufierordentlich 
wichtig. Wiirden wir aus unserem gewohnlichen Erinne- 
rungsschatze zu unserer Meditation, zu unserer Denkiibung 
einfach etwas heraufholen, dann wiirden wir nicht zurecht- 
kommen. Denn in dem, was wir da aus unserem Denkschatz 
heraufholen, ist vieles enthalten an Reminiszenzen, an unbe- 
wuiken Lebenseindriicken, das dann wirken wiirde, wenn 
wir uns daran gedanklich iiben. Nichts darf aus dem Unbe- 
wufiten heraus wirken in die richtige anthroposophische Me- 
ditation hinein. Alles mufS iiberschaubar sein. Alles mufi der 
vollen Besonnenheit unterliegen. Daher wird auch zuweilen 
gefordert, und das mit Recht, dafi derjenige, der in dieser 
anthroposophischen Geisteswissenschaft selber ein Forscher 
werden will, sich an einen schon erfahrenen Forscher wende 
und sich Ubungen von ihm geben lasse. Wenn wir solche 
Dinge iiben, die wir in der einen oder anderen Weise selbst 
suchen, oder wenn wir sie uns geben lassen, so treten sie als 
etwas Neues in unser Bewufitsein ein, so wie eine Sinneser- 
fahrung, der wir gegenuberstehen, die auch nicht aus den 
Tiefen unserer Seele aufruckt, sondern die eben als etwas 
Neues in unsere Seele eintritt. Es handelt sich nicht darum, 
dafi wir aus dem Inhalte irgendeiner solchen Vorstellung et- 
was gewinnen, sondern daft sie mit der Neuheit einer Sinnes^ 
erfahrung in unser Bewufitsein eintritt, und dafi wir dann 



mit unseren Seelenkraften auf ihr verweilen. Geradeso wie 
wir mit dem Muskel eine Arbeit verrichten, so arbeiten wir 
mit den Seelenkraften, wenn wir emsig mit innerer Konzen- 
tration auf einer solchen Vorstellung verweilen. Wenn wir 
darauf bedacht sind, alle die Einzelheiten, die ich in meinen 
Buchern beschrieben habe iiber dieses Uben, zu beobachten, 
dann werden wir nicht in irgendeine Suggestion oder Auto- 
suggestion verf alien, sondern wir werden jeden einzelnen 
Augenblick einer solchen Gedankemibung mit voller Entfal- 
tung unseres Willens vornehmen. Wir werden aber nach 
einiger Zeit verspiiren, wie wir die innere Seelenkraft verstar- 
ken, wie wir sie intensiver machen. Es braucht nicht viel Zeit 
fur diese Ubungen an einem einzelnen Tage, aber man muft 
diese Ubungen immer wieder und wiederum wiederholen. 
Der eine braucht langer, der andere kann schon etwas Erheb- 
liches erreichen in wenigen Monaten, manche brauchen 
Jahre. Aber im Prinzip liegt iiberall dasselbe vor: dafi sich 
die Seelenkrafte, namentlich die Gedankenkrafte, durch sol- 
che Ubungen innerlich verstarken. Und man gelangt endlich 
an einen Punkt, wo man zu dem sogenannten imaginativen 
Denken vorriickt. 

Was sich da ausbildet, habe ich imaginatives Denken ge- 
nannt aus dem Grunde, weil man allmahlich bemerkt, dafi 
das Denken aus jener Abstraktheit und jenem Intellektualis- 
mus, dem es im gewohnlichen Leben und in der gewohnli- 
chen Wissenschaft unterliegt, herauskommt: Es wird allmah- 
lich das rein innere Denken durchleuchtet von einer Bildhaf- 
tigkeit, durchwarmt von einer Lebendigkeit, die durchaus 
gleichkommen demjenigen, was wir an Lebendigkeit und 
Bildhaftigkeit gegeniiber den aufieren Sinneseindrxicken ent- 
wickeln. Das ist aufierordentlich wichtig zu beachten, denn 
wir wissen alle, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf aufiere 
Sinneseindriicke richten, so ist alles intensiv, es ist alles gesat- 



tigt. Wir sind mit unserem ganzen Menschen an diese aufie- 
ren Sinneseindriicke hingegeben. Wenn wir aber, nachdem 
wir die Aufmerksamkeit von den aufieren Sinneseindrucken 
abgewendet haben, uns dann dem Denken im gewohnlichen 
Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft iiberlassen, so 
ist dieses Denken blafi, wenig durchwarmt. Man spricht ja 
mit Recht von der Blafiheit des abstrakten Denkens. Und 
abstrakt ist fast alles Denken, das man im gewohnlichen Le- 
ben und in der gewohnlichen Wissenschaft entwickelt. Voll 
gesattigt sind nur diejenigen Gedanken, die wir entwickeln 
in dem Momente, wo wir der aulSeren Sinneswirklichkeit 
hingegeben sind. 

Zu dieser Lebendigkeit, zu dieser innerlichen Gesattigtheit 
kommt man aber bei blofiem zunachst inneren Erleben, 
wenn man solche Denkiibungen macht, wie ich sie angedeu- 
tet habe. Dann kommt man wirklich dazu, bildhaft, imagina- 
tiv zu denken. Man mufi sich dann nur klar sein dariiber, dafi 
man zunachst in diesem imaginativen Denken nichts vor sich 
hat oder in sich hat, was nun schon irgendeiner aufteren 
geistigen Wirklichkeit entspricht. Wohl aber merkt man 
nach und nach die reale, die objektive Bedeutung dieses ima- 
ginativen Denkens, wenn man folgende innere Erfahrung 
macht. 

Sie wissen alle, wie beim heranwachsenden kleinen Kinde 
sich das Gehirn allmahlich zu dem wunderbaren Organ aus- 
bildet, das es im Laufe des Lebens dann wird. Man kann 
durchaus sagen: Das Gehirn ist zunachst ein plastisches Or- 
gan, es duldet, dafi die bildsamen Krafte der Seele sich ab- 
driicken in seinem ganzen Bau, in seinen Windungen und so 
weiter. Das geschieht ja in den ersten Jahren des kindhchen 
Lebens. Das bleibt auf einem gewissen Punkt stehen, auf 
dem wir ankommen durch die gewohnliche natiirliche Ent- 
wickelung des Menschen und durch die gewohnliche Erzie- 



hung. Und mit demjenigen, was wir auf diese Weise errei- 
chen, suchen wir dann im gewohnlichen Leben zurechtzu- 
kommen, suchen wir uns in der gewohnlichen Wissenschaft 
fortzubringen. Aber indem wir uns als Kind von Jahr zu 
Jahr entwickelt haben, sind wir ja immer fahiger und fahiger 
geworden. Dieses immer Fahiger- und Fahigerwerden, das 
erfahrt man wiederum, wenn man nach dem imaginativen 
Erkennen strebt. Da erfahrt man, dafi man durch diejenige 
Tatigkeit, die ich eben als eine Tatigkeit von Denkiibungen 
beschrieben habe, wiederum etwas in sich bearbeitet, dafi 
man etwas, was jetzt plastisch ist, bearbeitet. Aber man fuhlt 
auch, dafi das, was man da bearbeitet - was in derselben 
Weise, ich mochte sagen, seelisch-geistig jetzt gefurcht wird, 
wie das physische Gehirn in der Kindheit gefurcht worden 
ist — , dafi das ein Ubersinnliches, ein Seelisch-Geistiges im 
Menschen ist, das sich abhebt vom physischen Leibe. Und 
man fuhlt nach einiger Zeit, dafi man sich ganz anders jetzt 
verhalten karin gegeniiber den aufSeren und inneren Erkennt- 
nisgrenzen. Man hat gerade als Geistesforscher denjenigen 
recht zu geben, die von solchen Erkenntnisgrenzen sprechen. 
Man fuhlt aber, dafi man jetzt wirklich diese Erkenntnisgren- 
zen durch neuentwickelte Fahigkeiten allmahlich uberschrei- 
ten kann. 

Wenn diese innere Erfahrung, dieses innere Erlebnis ge- 
kommen ist, wenn man wirklich fuhlt, du brauchst jetzt 
nicht bloft bei der Sinneswelt stehen zu bleiben, du erfahrst 
etwas durch dein bildhaftes Denken, durch dein lebendiges 
Denken, wenn du den Sinnesteppich durchstofit, wenn du in 
dein Inneres hineinzuschauen versuchst, erfahrst du etwas, 
was gewohnliche Naturwissenschaft nicht erfahrt, was ge- 
wohnliche Mystik nur in illusionarer Weise sich vor die Seele 
riicken kann, wenn man dieses ehrlich als ein Ergebnis einer 
inneren Entwickelung erlebt, dann kann man sicher sein, dafi 



man auf einem Wege ist, der nun wirklich nach hoheren Wel- 
ten hinfiihren kann. 

Zunachst hat man ja noch nichts AufSerliches vor sich. 
Man hat nur die alten Krafte verstarkt, intensiver gemacht. 
Aber man merkt sehr bald, dafi in dem Bewufttsein des Men- 
schen jetzt etwas Wesentliches, etwas Wichtiges vor sich 
geht. Man bekommt namlich nach und nach etwas wie eine 
Innenschau, die sich iiber das ganze bisherige Leben seit der 
Geburt erstreckt. Ja, dies ist die erste libersinnliche Wirklich- 
keit, die man erlebt: sein eigenes inneres Leben seit der Ge- 
burt in einem uberschaubaren Tableau. Und es driickt sich 
dieses uberschaubare Tableau dadurch aus, dafi man mit sei- 
nem Denken in einem anderen Verhaltnis zu dem ist, was 
man jetzt aufierlich wahrnimmt, als man fruher mit seinem 
Denken zu dem aufierlich Gegebenen und innerlich Erleb- 
ten war. 

Im gewohnlichen Leben entwickelt man das Denken. Man 
denkt iiber etwas nach. Die Gedanken sind in der Seele, sie 
sind subjektiv. Das andere ist objektiv, das andere ist drau- 
fien. Man fuhlt seine Gedankentatigkeit getrennt von demje- 
nigen, was draufien ist. Jetzt hat man das Tableau seines eige- 
nen Seelenlebens seit der Geburt vor sich. Aber ich mochte 
sagen, die Gedanken gehen hinein in dieses Gewebe. Man 
fuhlt sich in diesem Gewebe drinnen. Man sagt sich: Jetzt 
beginnst du dich selber erst wirklich zu erfassen. Du mufit 
deine Gedanken abgeben an dasjenige, was dir objektiv vor 
das Bewufitsein tritt. - Das begriindet sogar eine gewisse, ich 
mochte sagen, schmerzliche Erfahrung zunachst bei dem an- 
throposophischen Geistesforscher. Solche schmerzlichen Er- 
fahrungen mufi der anthroposophische Geistesforscher mit 
seinen Erlebnissen in verschiedener Richtung durchmachen. 
Er darf sich nicht scheuen, in einer gewissen Weise innerlich 
Schwieriges, oftmals Schmerzliches durchzumachen. Ich 



werde auch dariiber heute noch nach anderer Richtung hin 
zu sprechen haben. Jetzt aber erlebt man gegeniiber diesem 
Lebenstableau zunachst dieses, dafi man in einer Art innerer 
Bedriickung die eigene Wesenheit verspiirt. Man verspiirt sie 
nicht in der Leichtigkeit, mit der man sonst Gedanken, Vor- 
stellungen hegt, mit der sonst Gefuhle, Willensimpulse, 
Wiinsche und dergleichen in uns sind, man verspiirt sie wie 
etwas, das einen beklemmt. Kurz, man verspiirt in dieser Be- 
driickung gerade die Reaiitat. Hat man diese Bedriickung 
nicht, dann hat man doch nur ein Gedankengebilde, dann 
hat man doch nicht die Reaiitat. Aber indem man in diese 
Bedriickung hineintragt alles das, was man friiher an frei sich 
entfaltenden Gedankengeweben hatte, ist man dadurch ge- 
schiitzt davor, mit seiner imaginativen Erkenntnis etwas zu 
entwickeln wie Illusionen, Visionen, Halluzinationen. 

Das ist etwas, was der anthroposophischen Geisteswissen- 
schaft so haufig in den Weg geworfen wird. Man sagt: Mit 
ihren Ubungen entwickelt sich ja doch nichts anderes als Vi- 
sion, Halluzination. Sie bringt an die Oberflache des Be- 
wufitseins gewissermafien unterdriickte Nervenkrafte, und 
niemand konne die Wirklichkeit desjenigen beweisen, wo- 
von anthroposophische Geisteswissenschaft als von hoheren 
Welten redet. Wer auch nur das beachtet, was ich heute 
schon gesagt habe, der wird fiihlen, daft der Weg, den an- 
throposophische Geisteswissenschaft geht, der entgegenge- 
setzte ist von all jenen Wegen, die zu Visionen, zu Halluzina- 
tionen oder etwa gar zu Mediumismus fiihren. Alles das, was 
zum Mediumismus, zu Halluzinationen, zu Visionen fiihrt, 
das geht zuletzt doch nur hervor aus krank gewordenen Lei- 
besorganen, die gewissermafien ihr Geistig-Seelisches in pa- 
thologischer Weise ausatmen herauf in das Bewufksein. Das 
alles liegt unterhalb der Sinnesempfindung. Dagegen dasje- 
nige, was als imaginative Erkenntnis ausgebildet wird, liegt 



oberhalb der gewohnlichen Sinneswahrnehmung, wird ge- 
rade an der Objektivitat ausgebildet, nicht an dem krankhaf- 
ten Inneren. 

Es ist daher ein vollstandiges Miftverstandnis, wenn man 
solche Pathologie demjenigen vorwirft, was als anthroposo- 
phische geistesforscherische Methode charakterisiert wird. 
Im Gegenteil, dadurch, daft man in volliger Freiheit des Be- 
wulkseins das ergreift, was ich als imaginative Erkenntnis 
geschildert habe, gelangt man dazu, alles Halluzinatorische, 
alles Mediumistische als solches zu durchschauen. Niemand 
wird strenger abweisen alle derartigen Psychopathien, als ge- 
rade derjenige, der nun nicht weiter sein Seelisches hineinge- 
drangt hat in den Leib, wie der Halluzinierende, sondern der 
sein Seelisches durch die geschilderten Anstrengungen aus 
dem Leibe gerade herausgezogen hat, der auf der einen Seite 
nun dazu gekommen ist, sein eigenes Leben bis zu der Ge- 
burt hin zunachst in einem solchen Tableau zu iiberschauen. 

An dem, was ich eben als Realitat bezeichnet habe, merkt 
man, daft man jetzt wirklich ergriffen hat, was nun nicht 
blofie Gedanken, sondern was die lebendigen Krafte sind, 
die, seit wir im Erdenleben weilen, an dem Aufbau unseres 
Organismus mitgearbeitet haben. Was sich als Imagination 
so auftut, ist nichts anderes als die Summe der Krafte, durch 
die wir wachsen, die Summe der Krafte, die auch in unserer 
Ernahrung wirken. Daher nennt anthroposophische Geistes- 
wissenschaft dasjenige, was auf diese Weise als ein iibersinn- 
lich im Menschen Wirkendes entdeckt wird, den Atherleib 
oder Bildekrafteleib. Sie sehen: Auf eine ganz systematische 
Weise entdeckt man ein hoheres Glied der menschlichen We- 
senheit, dasjenige, was als ubersinnliches Glied zunachst ar- 
beitet an der Gestaltung unseres Erdenleibes. Und daran, daft 
man sich in dem, was einem da als Tableau entgegentritt, 
nicht bewegt wie in gewohnlichen Gedanken, sondern so, 



daft man an der Bedriickung gerade die Realitat verspurt, 
dadurch merkt man: Was du da innerlich schaust, ist das- 
selbe, was sonst unbewuftt in deinem Organismus tatig ist. 

Es ist nichts phantastisch Ersonnenes, was die anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft als iibersinnlichen Ather- oder 
Lebensleib anspricht. Es ist nicht die hypothetische alte Le- 
benskraft, die mit Recht von der Wissenschaft verlassen wor- 
den ist, es ist etwas, was sich in ganz realer Anschauung er- 
gibt, was eine Wirklichkeit wird fur das verstarkte Vorstel- 
lungsleben, das entwickelt worden ist, wie die aufiere Sinnes- 
welt eine Wirklichkeit ist. Und nicht nebulose mystische 
Entwickelungen sind es, die uns zu dieser Wirklichkeit brin- 
gen, sondern die Verstarkung, die Erkraftung des ganz nor- 
malen Denkvermogens, das nur hinausgefuhrt wird zu einem 
freien, rein geistig-seelischen Ich. Das ist es, was uns diese 
erste hohere Wirklichkeit vor die Seele bringt. 

Wir mussen aber, da wir auf der einen Seite zunachst ei- 
gentlich nichts anderes als unser eigenes Lebendiges in der 
Zeitenfolge wie ein Tableau iiberblicken als Erdenmensch, 
wir mussen weiterkommen auf dem Wege zu den ubersinnli- 
chen Welten. Das geschieht, indem wir wiederum durch 
Ubungen weitere in der Seele schlummernde Krafte herauf- 
holen. Es gibt im menschlichen Leben, wie Sie wissen, nicht 
nur das Erinnern, also das Festhalten von Vorstellungen, 
sondern es gibt auch das Vergessen. Das Vergessen wird uns 
im gewohnlichen Leben zu unserem Leidwesen oftmals 
leicht. Aber gerade derjenige, der viel in Gedanken lebt, wird 
wissen, dafi Gedanken einen auch plagen konnen, dafi es 
Miihe gibt, die Gedanken ganz zu unterdriicken. Das wird 
insbesondere zu einer groEen Miihe, wenn wir in dieser sy- 
stematischen Weise, wie ich es beschrieben habe, meditieren, 
wenn wir das innere tiefe Denken entwickeln. Wenn wir so 
gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewulk- 



seins riicken und die Krafte des Vorstellens verstarken, dann 
wollen die Vorstellungen nicht gleich wieder fort. Sie be- 
driicken uns. Sie lassen sich nur unterdriicken, wenn wir uns 
wiederum ganz systematisch darin iiben. Wir mussen gewis- 
sermafien, wenn ich mich etwas paradox ausdrucken darf, 
kiinstlich das Vergessen, das Unterdriicken von Vorstellun- 
gen, die da sein wollen, iiben. 

Wiederum habe ich im einzelnen in den genannten Bii- 
chern viele Ubungen geschildert, durch die wir diese Kraft 
verstarken, welche die Vorstellung unterdriickt. Dann kom- 
rnen wir dahin, wenn wir lange Zeit solche Ubungen im Un- 
terdriicken von Vorstellungen machen, das Bewulksein bei 
vollem Wachen ganz leer zu machen. Es ist damit nicht etwas 
so Unwesentliches gesagt, wie man gewohnlich glauben 
konnte. Die meisten Menschen zunachst, die im gewohnli- 
chen Leben drinnen stehen, wenn sie versuchen, ihr Bewufk- 
sein ganz leer zu machen, schlafen nach einiger Zeit ein. Nun 
ist das Bewufksein noch schwerer leer zu machen, wenn man 
zuerst es durch Meditation mit verstarkten Vorstellungen an- 
gefiillt hat. Allein man mufi sich darin iiben. Und dadurch 
gelangt man allmahlich dahin, nicht nur einzelne Vorstellun- 
gen zu unterdriicken, nicht nur gegeniiber denselben das Be- 
wufitsein leer zu machen, sondern man gelangt allmahlich 
durch immerwahrende Anstrengungen dazu, das ganze Ta- 
bleau des bisherigen Lebens, von dem ich gesprochen habe, 
aus dem Bewulksein herauszubringen. Es ist fast das ganze 
Leben wie in einem, ich mochte sagen, zur Zeit gewordenen 
Raume oder in einer zum Raum gewordenen Zeit. Es ist das 
ganze Tableau des bisherigen Lebens vor uns. Wir erlangen 
allmahlich durch die angedeuteten Ubungen die Fahigkeit, 
dieses ganze Tableau aus dem Bewulksein auszuloschen, 
nachdem wir dieses Tableau gehabt haben, das Bewufitsein 
leer zu machen und doch zu wachen. 



Dieses ist erne sehr wichtige Etappe auf dem Wege zur 
Wirklichkeit der hoheren Welten. Denn wenn wir in dieser 
Weise dazu kommen, unser Bewufksein vollig leer zu ma- 
chen, nachdem wir es zuerst mit unserem eigenen Lebensta- 
bleau, mit der Anschauung unseres Atherleibs angefiillt hat- 
ten, dann stehen wir nicht vor einem Nichts. Dann konnen 
wir zwar erkennen, dafi alles das, was Sinneswelt ist, nun 
nicht um uns herum da ist - so wenig ist die Sinneswelt jetzt 
urn uns herum da, wie sie da ist im tiefen traumlosen Schlafe-, 
aber eine Welt, die wir bisher nicht gekannt haben, taucht 
auf, eine Welt ubersinnlicher Wesen und ubersinnlicher Vor- 
gange. Die entdecken wir, nachdem wir unser eigenes Le- 
benstableau erst aus dem Bewufitsein herausgeschafft haben. 
Es ist einfach absurd, gegeniiber dem, was da auftaucht nach 
diesen Anstrengungen, davon zu sprechen, dalS es blofSe Le- 
bensreminiszenzen, dafi es Illusionen sein konnten. Wer das 
in Realitat erlebt, der weifi - ebenso wie er gegeniiber der 
aufteren Sinneswirklichkeit weifi, daft er eben eine Wirklich- 
keit vor sich hat - durch das unmittelbare Leben, da/5 er eben 
eine solche Wirklichkeit vor sich hat. 

Das Wesentliche bei diesem allem aber ist, daft wenn der 
Mensch zum Halluzinierenden, zum Visionsmenschen wird, 
er dann sein gewohnliches Bewufttsein verhert. Der Halluzi- 
nierende lebt in seinen Halluzinationen. Seine gewohnliche 
Besonnenheit ist nicht mehr da. Derjenige, der in solcher 
Weise sich ausbildet, wie ich es beschrieben habe, verliert 
nichts von seinem gesunden Menschenverstand, er verliert 
nichts von seiner gewohnlichen Besonnenheit. All dasjenige, 
was er friiher hatte, bleibt ihm, und er kann von dem An- 
blicke der neuen Welten, der ubersinnlichen Welten, die jetzt 
vor ihm auftauchen, immer zuriickblicken. Wie man auf 
seine Erinnerungen zuriickblickt, kann er immer zuriick- 
blicken zu dem, was er im gewohnlichen Leben, in der ge- 



wohnlichen Wissenschaft seinem Bewufksein einverleiben 
kann. Daher kann der also sich Ausbildende sein bewufkes 
Denken, sein ganz vom Willen durchdrungenes Denken in 
die ganze Wahrnehmung der iibersinnlichen Welt hineintra- 
gen. Er kann iiber diese iibersinnliche Welt verstandesmafiig, 
vernunftgemafi so sprechen, wie man sonst iiber die Sinnes- 
welt in der gewohnlichen Wissenschaft spricht. Da er diese 
hoheren Welten mit dem gewohnlichen Verstande, mit der 
gewohnlichen wissenschaftlichen Methode beschreibt, so 
kann ihm jeder folgen, auch wenn er kein Geistesforscher, 
kein forschender Anthroposoph geworden ist, sondern ein- 
fach seinen gesunden Menschenverstand Kritik iiben lalk. 
Weil der anthroposophische Forscher diesen gesunden Men- 
schenverstand in alle Erkenntnis der hoheren Welten hinein- 
tragt, braucht man kein Geistesforscher zu sein, um seine 
Mitteilungen zu verstehen. Wenn man die Mitteilungen des 
Geistesforschers entgegennimmt, so mussen sie einem in sol- 
chen Formen entgegentreten, da£ der gesunde Menschenver- 
stand sie verfolgen kann. Das gilt nicht nur vom imaginativen 
Denken, durch das einem ja zunachst nur erst das Erdenle- 
ben auftritt, sondern das gilt auch bis zu der Stuf e des Erken- 
nens, von der ich eben jetzt gesprochen habe, und die ich in 
meinen Buchern das inspirierte Erkennen genannt habe. 

Ich bitte, sich an solchen Ausdriicken nicht zu stolen. Es 
ist nichts Aberglaubisches oder Althergebrachtes damit ge- 
meint, sondern allein dasjenige, was ich beschreibe. Inspi- 
riertes Erkennen nenne ich es deshalb, weil in der Tat gerade 
so, wie aus der Aufienwelt als ein Reales die Luft in unseren 
Atmungsorganismus hereinkommt, so jetzt die ubersinnli- 
che Welt in die gewohnliche Seelenwelt hereinkommt. Wir 
sind, indem wir einem solchen inspirierten Erkennen als Gei- 
stesforscher hingegeben sind, in der folgenden Lage. Wir ge- 
hen zunachst aus von der gewohnlichen Seelenverfassung. 



Nachdem wir uns zuerst die Fahigkeit angeeignet haben, das 
Bewuiksein leer zu machen, konnen wir, wo wir auch ste- 
hen, in der Zeit oder im Raume, was wir auch in unserem 
Bewufitsein haben, die Moglichkeit herbeifiihren, das Be- 
wuiksein leer zu machen. Von gewissen Ausgangspunkten 
aus erscheint uns dann irgend etwas von dem Wesen, von 
den Vorgangen der iibersinnlichen Welt. Wie eine Einat- 
mung, eine Inspiration ist dieses. Die geistige Welt wird her- 
eingeatmet in die gewohnliche Welt. Und wiederum miissen 
wir die Starke haben, das gewohnliche Bewufitsein herzustel- 
len, zu urteilen vom gewohnlichen Bewuiksein aus uber 
diese geistige Welt. Es ist ein fortwahrendes Aus- und Einat- 
men der geistigen Welt, ein immer wiederkehrendes Heran- 
kommen an das gewohnliche Bewuiksein, das den Menschen 
eben auch gegeniiber diesen geistigen Welten voll besonnen 
macht. 

Daft der Ausdruck Inspiration berechtigt ist, mag hervor- 
gehen aus etwas, das ich nur zum Vergleich heranziehen 
mochte. Der heutige Geistesforscher ist nicht in der Lage, in 
derselben Weise zu den iibersinnlichen hoheren Welten vor- 
zudringen, wie vordrangen Volker friiherer, namentlich 
menschlicher Urzeiten. Die Art und Weise, wie orientalische 
Volker vorgedrungen sind zu den hoheren Welten, ist iiber- 
liefert und wird in dekadenter Form noch vielfach heute in 
Asien driiben, bei einer anderen Leibesorganisation, bei einer 
anderen Korperkonstitution geiibt als Joga-Ubung. Das ist 
nichts, was man im Abendlande zu unserem Heile aufneh- 
men kann. Das lauft instinktiv, unbewufit ab, wahrend all 
dasjenige, was ich geschildert habe, bei vollem Bewufttsein, 
mit vollem Willen ablauft. Dennoch konnen wir aber in ge- 
wisser Weise etwas lernen an der Art und Weise, wie man in 
fruheren instinktiven Zeitaltern der Menschheitsentwicke- 
lung zu den hoheren Welten und ihren Wirkungen aufsteigen 



wollte. In den Joga-Ubungen suchte der alte Inder sein At- 
men zu regeln, nicht in der gewohnlichen Weise zu atmen, 
sondern in einer geregelten, geordneten oder besser gesagt, 
umgeordneten Weise zu atmen, in einer Weise zu atmen, die 
ihm zum Bewulksein kam, bei der er immer dabei war mit 
seinem Bewufksein, wahrend das gewohnliche Atmen ja 
durchaus unbewufk als ein blower organischer Prozeft ab- 
lauft. Indem erlebt wurde dieser Rhythmus: Einatmen-Aus- 
atmen, Einatmen— Ausatmen, lebte sich der Joga-Schiiler in 
den Weltenrhythmus ein, und in dem physischen Rhythmus 
des Atmens lebte er sich ein in den geistigen Rhythmus des 
Einatmens der geistigen Welten, des Wiederaus atmens der 
geistigen Welten, wie ich das eben als fur unsere abendlandi- 
sche Zivilisation geeignet auch beschrieben habe. Man lebt 
sich in der Tat in einen Rhythmus ein. Dasjenige Dasein, das 
man sonst als Erdendasein hat, das kann gewissermaften fort- 
wahrend inspiriert und wieder inspiriert werden gegenuber 
einer ubersinnlichen, hoheren Welt. Welches ist diese iiber- 
sinnliche hohere Welt? 

Man hat vorher durch das imaginative Anschauen dasje- 
nige erkennen gelernt, was in einem arbeitet als Ather- oder 
Bildekrafteleib wahrend des Erdendaseins. Diesen Ather- 
oder Bildekrafteleib hat man unterdnickt. Man hat eine neue 
Welt entdeckt. Insofern man in dieser neuen Welt lebt, ist 
die Sinneswelt nicht da. Sie ist nur wie eine Erinnerung da, 
wie ich ausgefuhrt habe. Aber in der neuen Welt, die man 
entdeckt, entdeckt man eine hohere Wirklichkeit, diejenige 
Wirklichkeit, die nun den Ather- oder Bildekrafteleib wie- 
derum so durcharbeitet, durchdringt, wie dieser Ather- oder 
Bildekrafteleib den physischen Leib durchdringt. Wiederum 
spricht anthroposophische Geisteswissenschaft nicht aus ei- 
ner Phantastik heraus, sondern aus streng systematisch ein- 
geschlagenen Wegen in die hoheren Wirklichkeiten, von dem 



astralischen Leibe des Menschen, der in dieser Weise ent- 
deckt wird, und der den atherischen oder Bildekrafteleib 
durchdringt, der aber in anderen Welten lebt. Und wenn 
man priift die Welten, in denen dieser astralische Leib mit 
dem Ich lebt, so wie ich korperlich unter den Sinnesdingen 
lebe, dann entdeckt man die geistig-seelische Welt, aus wel- 
cher der Mensch heruntergestiegen ist, indem er sich durch 
die Geburt, oder sagen wir, durch die Empfangnis mit der 
physischen Materie, die ihm Vater und Mutter gegeben ha- 
ben, verbindet. Man entdeckt den ewigen, unsterblichen We- 
senskern des Menschen durch unmittelbare Anschauung, zu 
der man sich durchgerungen hat, und die gepriift werden 
kann von dem gesunden Menschenverstand durch die 
Griinde, die ich angefuhrt habe. 

Es wird einem heute ganz besonders iibel genommen, 
wenn man nicht im allgemeinen, wie etwa der Pantheist, 
spricht von einer verschwommenen Geisteswelt, die alles 
durchdringe, sondern wenn man aufsteigt zu der besonderen 
Beschreibung einer geistig-seelischen Welt, aus der wir her- 
untergestiegen sind durch die Geburt zum physischen Da- 
sein, zu der wir wieder hinaufsteigen, indem wir durch die 
Pforte des Todes gehen, die wir also als Wirklichkeit, nicht 
durch Spekulation, nicht durch nebulose mystische Empfin- 
dung, sondern durch streng geregelte Anschauung entdek- 
ken. Es wird einem iibel genommen, wenn man diese Welten 
beschreibt, wie ich es zum Beispiel getan habe in meiner 
«Geheimwissenschaft». Ich mochte mich durch einen einfa- 
chen Vergleich verstandlich machen, wie man wirklich diese 
Welten beschreiben kann. Wenn Sie auf die gewohnliche 
Erinnerung und das gewohnliche Gedachtnis schauen, was 
erleben Sie dann da? Sie haben dies oder jenes durchgemacht 
im Leben. Was langst vorbei ist, was langst keine auftere Rea- 
litat mehr ist, das steht im Bilde in der Erinnerung vor Ihnen. 



Von diesem Bild aus konstruieren Sie sich das Erlebnis wie- 
derum. Es ist aus der Au£enwelt in Sie eben gewissermafien 
hineingewandert, ist Seeleninhalt geworden. Aus unserem 
Seeleninhalt heraus konstruieren wir uns in jedem Augen- 
blick die ganze Erinnerungswelt, die Welt der aufkren Erleb- 
nisse, in die wir hineinverstrickt worden sind. Das Innere 
wird begriffen, wird ergriffen, wird erfafk im Vorstellungs-, 
im Gemiits-, im Willensleben. Indem man das Innere erfafk, 
zaubert sich die auftere Welt der Erlebnisse vor die Seele. 
Was aber erfafk man durch Imagination, Inspiration? 

Man erfafk nicht bloft dasjenige, was man im Erdenleben 
aufgenommen hat, man erfafk den ganzen Menschen. Man 
lernt erkennen, wie in alien menschlichen Organen der Bil- 
dekrafteleib arbeitet und durch das ganze Leben hindurch 
ein einheitlicher bleibt. Man lernt erkennen, wie der astrali- 
sche Leib in einer geistig-seelischen Welt vor der Geburt und 
der Empfangnis unseren ewigen Wesenskern tragt, wie er in 
uns eindringt, wie er in uns arbeitet. Der Mensch wird sozu- 
sagen ganz durchsichtig. Sein Physisches lernt er erkennen 
als Wirkung des Geistigen. Geradeso wie wir in unsere Erin- 
nerung hereinschauen, unser Erdenleben uns vorkonstru- 
ieren, so konnen wir, wenn wir jetzt tiefer in. unser Inneres 
hineinschauen, wenn wir nicht nur dasjenige in uns erfassen, 
was wir durch unser Erdenleben hindurch geistig-seelisch in 
uns gelegt haben, sondern wenn wir erfassen, wie wir in un- 
seren Organen konstruiert sind, wie unser Atherleib, wie un- 
ser astralischer Leib, wie unser Ich einverwebt ist diesem 
physischen Leib. Wir konnen uns schauend ebenso hinaus- 
versetzen, wie durch die Erinnerung in unseren Atherleib, in 
die grofkn kosmischen, in die Welterlebnisse. Denn der 
Mensch war bei allem dabei, was sich in der Welt, mit der er 
verbunden ist, geistig und seelisch und physisch abgespielt 
hat. Er kann, wenn er sich selbst in der geschilderten Weise 



durchschaut, in der Selbstschau erkennen, durch welche Er- 
eignisse er geschichtlich sich heraufentwickelt hat, durch 
welche Ereignisse das ganze menschliche Wesen im Kosmos 
sich entwickelt hat. 

Wer dies en Gedanken in seiner vollen Tragweite erfaftt, 
wird es nicht mehr absonderlich finden, da$ ich in meiner 
«Geheimwissenschaft» geschildert habe, wie der Mensch in 
seinen urspriinglichen Gestaltungen nicht nur mit der Erde 
verbunden war, sondern mit planetarischen Welten, die als 
altere Metamorphosen der Erde vorangegangen sind, wie 
man durch dasjenige, was im Menschen veranlagt ist, durch- 
schauen kann, dafi die Erde wiederum in andere planetari- 
sche Zustande sich verwandeln wird, wie man das nicht blofi 
durchschauen kann vom Menschen aus, sondern wie man 
wirklich in hohere Welten dadurch eindringt, und die ge- 
wohnlichen Welten, die um uns als Erdenmenschen sich aus- 
breitenden Welten, als Wirkung hoherer geistiger Welten, 
iibersinnlicher Welten erkennen kann. Man muft sich nur be- 
kannt machen mit all den Anstrengungen, die anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft durchmacht, um zu diesen Re- 
sultaten zu kommen. Es ist oftmals der Glaube vorhanden, 
dafi aus irgendwelchen Einfallen heraus, aus subjektiven Ver- 
standeserwagungen oder gar aus Phantasmen dasjenige er- 
zahlt wird, was anthroposophische Geistesforschung iiber 
die Wirklichkeit hoherer Welten vorbringt. Es ist nicht so. 
Klinische Forschung, Sternwartenforschung mufi man im 
einzelnen lernen. Es ist schwer. Dasjenige aber, was in dieser 
Weise innerlich, ich mochte sagen, innerlich experimentie- 
rend vom Menschen erobert wird, um zu der Anschauung 
hoherer Welten zu kommen, es ist noch schwerer. Es erfor- 
dert noch mehr Hingabe, mehr Sorgfalt, mehr innere Gewis- 
senhaftigkeit und Methodik. Und was hier im ernsten und 
ehrlichen Sinne als Geisteswissenschaft geschildert wird, ist 



weit verschieden von dem, was landlaufig als Okkultismus, 
als Mystik und dergleichen auftritt. Wie sich die Wissen- 
schaft zum Aberglauben verhalt, so verhalt sich diese Gei- 
steswissenschaft zu dem landlaufigen Okkultismus, der 
durch allerlei Medien oder durch allerlei laienhaftes Sammeln 
von aufterlichen, iiberraschenden Tatsachen zu seinen Er- 
kenntnissen kommen will. Diese besondere Form des mo- 
dernen Aberglaubens, sie wird durch nichts sicherer iiber- 
wunden als durch die ernste und ehrliche Geistesforschung, 
die ihre durchaus gewissenhaften Methoden ausbildet. 

Und wenn der Mensch in dieser Weise zum inspirierten 
Erkennen und damit zu der Anschauung derjenigen Welt ge- 
kommen ist, die er verlassen hat mit der Geburt oder mit der 
Konzeption, und die er wiederum nach dem Tode betritt, 
wenn der Mensch in diese Welten eintritt, dann erfahrt er 
wiederum innerlich etwas, was, wenn es im Abglanze im ge- 
wohnlichen Bewulksein erscheint - und alles Ubersinnliche 
erscheint ja irgendwie als sehr unbestimmte Gefuhle oder 
dergleichen im gewohnlichen Bewuftstein — , ihm als Pessi- 
mismus erscheint. Was der Geistesforscher durch inspiriertes 
Erkennen erlebt, erscheint ihm als Pessimismus. Warum als 
Pessimismus? Weil der Geistesforscher in der Tat, indem er 
in diese hoheren Welten eintritt, schon etwas empfindet wie 
tiefen Schmerz, wie umfassende Entbehrung. Nun mufi man 
gerade durch diejenigen Ubungen, die ich ja in meinen Bii- 
chern schildere, gewappnet sein, vorbereitet sein dazu, auf- 
recht, wacker diesen Schmerz zu ertragen. Was ist es denn 
fur ein Schmerz? Man lernt diesen Schmerz als eine Realitat 
erkennen. Dieser Schmerz, der eigentlich eine intensive 
Sehnsucht ist, nichts anderes ist er, als das Erleben der Kraft, 
durch welche die Seele aus den geistigen Welten durch die 
Geburt ins physische Dasein tritt. Die letzten Zeiten, welche 
die Seele durchmacht, um, nachdem sie in geistigen Welten 



gelebt hat, ins physische Dasein herunterzusteigen, erlebt die 
Seele als Sehnsucht nach der physischen Welt. Diese Sehn- 
sucht erlebt man als Schmerz nach. Und gerade, da£ man 
nicht nur abstrakt theoretisch etwas erlebt in der Geisteswis- 
senschaft, sondern dafi man mit seinem ganzen Menschen, 
mit Fiihlen und Wollen in Geisteswissenschaft drinnen stent, 
das macht das Wesentliche dieses Weges in die hoheren Wel- 
ten aus. 

Das Theoretisieren genugt nicht, urn den anthroposophi- 
schen Weg in die iibersinnlichen Welten hinein zu machen. 
Was an den Methoden dieser Geistesforschung durchlebt 
werden mufi, erfordert durchaus auf alien Stufen moralische 
Vorbereitung. Und es gibt im Grunde genommen keine bes- 
sere Vorbereitung zur moralischen Festigung des ganzen 
Menschen nach Leib, Seele und Geist, als diejenigen Ubun- 
gen durchzumachen, die durchgemacht werden miissen, um 
die Wirklichkeit iibersinnlicher Welten zu erlangen. Dem 
bloften Theoretiker ergeben sie sich nicht. Nur demjenigen 
ergeben sie sich, der sein ganzes Menschtum einsetzt, der 
alles an Kraften des guten Empfindens, des schonen Auffas- 
sens der Welt, des religiosen, frommen Vertief ens in die Wel- 
tengeheimnisse in seiner Seele lebendig macht, der Men- 
schenliebe und Weltenliebe zu Kraften innerlicher Durch- 
warmung macht, nur der erlangt die moralische Festigung, 
die notwendig ist, um in dieser Weise vorzudringen zu der 
Wirklichkeit hoherer Welten. Es wird daher von manchen 
Menschen anerkannt, dafi die Ubungen, die ich charakteri- 
siere, um den geisteswissenschaftlichen Weg in die hoheren 
Welten zu gehen, eine moralische Seite haben, die durchaus 
anerkennenswert sei. Aber es wird das auch von denjenigen 
zugegeben, die dann abschwenken und nicht mitmachen 
wollen den wirklichen Erkenntnisweg in die iibersinnlichen 
Welten. Es ist aber doch nur dieser Weg, der gegeniiber der 



heutigen wissenschaftlichen Sehnsucht, welche die Mensch- 
heit schon einmal hat, hineinfuhrt in diese hoheren Welten. 

Und indem man aufriickt durch Imagination und Inspira- 
tion, gelangt man erstens hinein in sein eigenes Selbst. Aber 
dieses eigene Selbst mufi sich auch hingeben an die Umwelt. 
Ich habe schon angefuhrt, wie das Denken gewissermafien 
schon bei der Imagination ausfliefien mufi in das Objektive. 
Wir nehmen dieses Denken uberall mit hin. Die voile Beson- 
nenheit des Denkens nehmen wir uberall mit hin, wo wir 
ubersinnliche Welten entdecken. Aber wir miissen auch ge- 
wahr werden, wie unser ganzer Mensch sich gewissermafien 
hingeben mufi an diese Wirklichkeit iibersinnlicher Welten. 
Nach der Inspiration aber, durch die Anstrengungen, die wir 
durchmachen, durch die Erlebnisse, die wir haben, gelangen 
wir dazu, auch unser Ich, den Mittelpunkt unseres Wesens, 
kraftig zu fuhlen. Und hier tritt der Punkt ein, wo man die 
Harmonie, die Vereinigung des Erlebnisses der Freiheit mit 
dem Erlebnis der Naturnotwendigkeit erkennen kann. Wir 
sind im gewohnlichen Leben eingespannt in diese Naturnot- 
wendigkeit. Wie sehr fuhlen wir, dafi dasjenige, was in unse- 
ren Willensimpulsen lebt, auch dann, wenn es sich ein wenig 
aus dem Sundhaften in das Gute heraufgearbeitet hat, den- 
noch aus unterbewulken Tiefen des Seelenlebens, aus In- 
stinktivem und Triebhaftem heraufkommt. Fast so wenig, 
wie wir bewufk iiberschauen konnen, was wir durchmachen 
vom Einschlafen bis zum Aufwachen, konnen wir iiber- 
schauen, was in unseren Willenstrieben lebt, und worin doch 
zuletzt vieles von dem enthalten ist, was auch in unser be- 
wufkes, verantwortungsvoll sittliches Leben hineinspielt. 

Derjenige aber, der durch Inspiration und Imagination ge- 
gangen ist, erha.lt auch durch die Anstrengungen, die er 
durchgemacht hat, eine Verstarkung seines Ich. Er erlebt sein 
Ich intensiver. Er erlebt es allerdings hingegeben, ich mochte 



sagen, ausgegossen an die aufiere Welt, aber er erlebt es so, 
dafi es ihm wiedergegeben wird. Und er ist jetzt nicht mehr 
in der Lage, wie ein vorurteilsvolles naturwissenschaftliches 
Anschauen zu tun pflegt, zu sagen: Dieselbe Naturnotwen- 
digkeit, die den Stein zur Erde fallen lalk, die durch den Son- 
nenstrahl den Stein erwarmen lafk, die in Elektrizitat und 
Magnetismus, in den akustischen, in den optischen Erschei- 
nungen lebt, diese selbe Notwendigkeit lebt auch, wenn ich 
als Mensch handle, wenn ich als Mensch meine Willensim- 
pulse entwickle. - Und in der gewohnlichen Wissenschaft 
und im gewohnlichen Leben kommt man in bezug auf diese 
Frage iiber herbe Zweifel nicht hinaus. 

Auf der einen Seite steht die menschliche Freiheit, deren 
wir uns bewufit sind. Verleugnen mull man sie, so glaubt 
man, wenn man im ehrlichen Sinne ein heutiger naturwissen- 
schaftlicher Forscher ist und an die Erhaltung der Kraft und 
des Stoffes glaubt. Man meint dann, aus freiem Willen heraus 
konne kein menschlicher Willensimpuls, keine menschliche 
Handlung kommen, denn der Mensch musse unterworfen 
sein der Naturnotwendigkeit, wie alle anderen Wesen in den 
Reichen der Natur. Aber wenn man sein wahres Ich-Wesen 
jetzt in verstarkter Art vor sich hat, erlangt man eine Art Er- 
kenntnis, die noch hoher ist als Inspiration und Imagination. 
Ich habe sie die wahre Intuition genannt, das wahre Unter- 
tauchen, aber jetzt in eine geistige Wirklichkeit. Da wird das- 
jenige, was Anthroposophie die wiederholten Erdenleben 
nennt, von einem wirklichen Sinn durchdrungen. Was einem 
als notwendig erscheint im eigenen Handeln, im eigenen 
Willen, das zeigt sich als Ergebnis vorangegangener Erdenle- 
ben. Der ewige Wesenskern des Menschen macht irdische 
Leben in Wiederholungen durch, und dazwischen Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt in geistig-seelischen Wel- 
ten. Und man lernt jetzt erkennen: Was sich von Leben zu 



Leben zieht, ist ein notwendiges Sich-Unterstellen in bezug 
auf unser Ich und seine Willensimpulse, nicht der aufteren 
Naturnotwendigkeit, sondern jener Notwendigkeit, die 
durch die wiederholten Erdenleben geht. Mit unserem Den- 
ken aber, das zunachst als das gewohnliche Bewulksein diese 
Notwendigkeit nicht iiberschaut, das herausgeholt ist aus 
dieser Notwendigkeit, das in sich als ein freies, sinnlichkeits- 
freies Denken, wie ich es in meiner «Philosophie der Frei- 
heit» dargestellt habe, in dem einzelnen Erdendasein sich 
entwickelt, mit dem haben wir eine Grundlage fur unsere 
Freiheit. Indem wir uns als Mensch des einzelnen Lebens 
hinaufringen zu solchen sittlichen Impulsen, die in freier 
Denkkraft erfafit sind, werden wir hier auf Erden zwischen 
Geburt und Tod zu freien Menschen. Und was in uns als 
Notwendigkeit lebt, was sich als Schicksal auslebt, das ist 
nicht eine Naturnotwendigkeit, das geht durch die wieder- 
holten Erdenleben hindurch. 

Auch das ergibt sich als eine Anschauung dem Intuitiven, 
der dritten Stufe des ubersinnlichen Erkennens. In einer 
wunderbaren Harmonie steht vor uns das, was als Freiheit 
des einzelnen Erdenlebens auftritt, und das, was wir als eine 
Notwendigkeit des Schicksals fiihlen, die aber nicht eine 
Notwendigkeit der aufieren Natur, auch nicht der natiirli- 
chen Beschaffenheit des menschlichen Lebens ist, sondern 
die hereinstrahlt aus friiheren Erdenleben. Hierdurch wer- 
den wir nicht unfrei, gerade so wenig wie wir unfrei werden 
dadurch, dafi wir einen neuen Schauplatz unseres Lebens be- 
treten und abhangig sind von dem, wie dieser neue Schau- 
platz mit dem friiheren verbunden ist, etwa wenn wir von 
Europa nach Amerika wandern. Es ist unser Schicksal, wie 
uns das Schiff himibergetragen hat, wir betreten einen neuen 
Schauplatz, bleiben aber frei, auch wenn wir von Europa 
nach Amerika heriibergewandert sind. Wir konnen Notwen- 



digkeit von Freiheit unterscheiden, sobald wir diese Not- 
wendigkeit in den wiederhoken Erdenleben, die Freiheit in 
dem einzelnen Erdenleben erblicken. Und das Hinaufblik- 
ken in hohere Welten gibt uns eine menschliche Sicherheit, 
indem es uns zeigt, welches der Sinn des Erdenlebens ist. 
Wir werden nicht bloft erfaftt von einer Sehnsucht nach hd- 
heren Welten, die wir allerdings auch erfiihlen miissen, wenn 
wir auf Erden sicher stehen wollen, denn das Gottlich-Gei- 
stige ist immer in uns, und wir werden unsicher im Erdenle- 
ben, wenn wir unsere Verbindung mit dem Gdttlich-Geisti- 
gen nicht haben. Aber wir werden nicht weltfliichtige, erden- 
fremde Menschen durch die wahre Erkenntnis der Wirklich- 
keit hoherer Welten im anthroposophischen Sinne. Wir wis- 
sen, daft wir immer wiederum auf die Erde herabsteigen 
miissen, um in unser menschliches Wesen allmahlich die 
Freiheit aufzunehmen. Freiheitsbewufttsein durchdringt uns, 
obwohl wir die grofte Schicksalsfrage in einem geistigen 
Sinne aus den hoheren Welten, aus der Wirklichkeit dieser 
hoheren Welten herauszulesen verstehen. 

Was ich zu sagen hatte, konnte ich nur in einzelnen Stri- 
chen andeuten. Es liegt ja heute schon eine reiche Literatur 
vor, die jedem zur Verfiigung steht. In einem kurzen Abend- 
vortrag konnte ich nur einzelne Richtlinien geben. Aber 
durch das, was ich gesagt habe, werden Sie einigermaften ent- 
nehmen, daft diese Geisteswissenschaft, diese anthroposo- 
phische Erforschung der ubersinnlichen Welten durchaus 
nichts Weltfremdes, nichts Unpraktisches sein will. Sie will 
nicht den Menschen hinauffuhren selbstisch in leere Wolken- 
kuckucksheime, nein, sie wiirde glauben, sich siindhaft ge- 
geniiber dem Geistigen zu verhalten, wenn sie den Menschen 
weltfremd machen wiirde. Der Geist wird nur in der richti- 
gen Weise erf afk, wenn wir ihn in seiner Kraft erfassen, wenn 
wir uns mit ihm so durchdringen, daft wir dadurch prakti- 



sche Menschen werden. Der Geist ist ein Schopferisches. Er 
hat die Aufgabe, die Mission, das materielle Dasein zu 
durchdringen, nicht es zu fliehen. Daher ist anthroposophi- 
sche Erkenntnis der iibersinnlichen Welten zugleich durch- 
aus wirkliche Lebenspraxis. Und Anthroposophie ist daher 
bestrebt - ich werde das noch in spateren Vortragen, die mir 
erlaubt sind, hier in Kristiania zu halten, im einzelnen aus- 
fiihren -, sowohl die einzelnen Wissenschaften, wie das 
kiinstlerische Leben, wie auch die praktischen Lebensgebiete 
mit dem zu befruchten, was sie zu der sinnlichen materiellen 
Welt hinzu aus der Wirklichkeit der hoheren Welten heraus 
zu sagen hat. 

Wenn man dasjenige, was der Mensch in seiner Leibesor- 
ganisation hat, aus dem atherischen oder Bildekrafteleib her- 
aus begreift, welcher der Imagination zuganglich ist, wenn 
man begreift, was am zeitlichen Menschen in Lunge, Leber, 
Magen, Gehirn und so weiter lebt, in seiner Gestaltung aus 
dem astralischen Leibe heraus, der aus geistig-seelischen 
Welten heruntergestiegen ist, dann begreift man auch in einer 
aufierlichen Weise Gesundheit und Krankheit. Dann kann 
durch eine solche Erkenntnis der ubersinnlichen Welten 
nicht bloft eine gewisse Erkenntnisbefriedigung erzielt wer- 
den, sondern dann kann zum Beispiel erlebt werden eine Be- 
fruchtung des medizinisch-therapeutischen Wissens. In 
Stuttgart und in Dornach in der Schweiz haben wir bereits 
medizinisch-therapeutische Institute, welche praktisch ver- 
werten dasjenige, was an Anregungen fur die Medizin, na- 
mentlich fur die Therapie, aber auch fur die Pathologie, von 
der anthroposophischen Erkenntnis ubersinnlicher Welten 
kommen kann. Und auch in kunstlerischer Beziehung sucht 
Anthroposophie dasjenige, was sie an hoheren Welten erfafk, 
fruchtbar zu machen. 

Im Dornacher Bau, im Goetheanum, in der Freien Hoch- 



schule fur Geisteswissenschaft wurde aus dem heraus, was 
anthroposophische Anschauung ist, ein neuer Baustil ge- 
schaffen. Dieser neue Baustil ist nicht irgend etwas Symboli- 
sches oder Allegorisches. Kein einziges Symbolum, keine 
einzige Allegorie findet sich, sondern alles ist in wirkliche 
kiinstlerische Gestaltung ausgeflossen. Geisteswissenschaft 
ist keine Theorie, sie ergreift nicht blofi das Intellektuelle. 
Das Intellektuelle, kunstlerisch verwertet, wiirde ja eine alle- 
ge* rische, stroherne Symbolik geben. Geisteswissenschaft 
fuhrt zur wirklichen Anschauung, zum konkreten Ergreifen 
des Inhaltes der geistigen Welt. Dieser Inhalt kann dann wie- 
derum der Materie einbezogen werden, wie es in der Natur 
selber ist. Man erforscht im hochsten Mafie dasjenige, was 
Goethe als Kunst verlangt: sie soil sein eine Manifestation 
geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals zur Offenba- 
rung kommen wiirden. - Und ebenso versuchen wir dasje- 
nige, was in der ganzen menschlichen Organisation an Bilde- 
kraften wirkt, was ubersinnlich am Menschen wirkt, aus die- 
ser menschlichen Organisation herauszuholen zu einer Be- 
wegungskunst, die wir uns erlauben werden, am nachsten 
Sonntag hier in einer Vorstellung vorzufuhren: zur Ausbil- 
dung der Eurythmie. Das ist nicht eine Tanzkunst, das ist 
nicht irgend etwas Pantomimisches, das ist etwas, was aus 
dem Ubersinnlichen in das Sinnliche der Menschennatur ge- 
holt ist, was tatsachlich zeigt, wie der Mensch innerlich ver- 
bunden ist mit dem ganzen Kosmos und seiner Gesetzma- 
fiigkeit, und wie er in einer sichtbaren Sprache geradeso in- 
nere Seelen- und Geistesgeheimnisse zur Darstellung brin- 
gen kann, wie er das durch die horbare Sprache oder durch 
den Gesang kann. 

Ebenso kann Geisteswissenschaft in das soziale, in das 
moralische, in das ethische Leben wirken. Ich habe das ver- 
sucht zu zeigen durch meine «Kernpunkte der sozialen 



Frage». Das, was unter den Menschen lebt in sozialer Bezie- 
hung, kann niemals in aufierer marxistischer oder sonstiger 
materialistischer Weise erfaftt werden. Der Mensch ist einmal 
ein geistig-ubersinnliches Wesen seiner Innerlichkeit nach, 
und er ist auch als soziales Wesen darauf angewiesen, das 
Ubersinnliche in diesem Sozialen wirksam zu gestalten. 
Ohne dieses kommt man auch nicht zu irgendeiner frucht- 
baren Gestaltung der sozialen Fragen, die heute so brennende 
sind. 

Endlich aber hangt ja all dasjenige, was nun auf einem For- 
schungs-, nicht auf einem blofien Glaubenswege von anthro- 
posophischer Geisteswissenschaft gesucht wird als Weg zu 
hoheren Welten, zusammen mit dem tiefst Innersten, was 
der Mensch erstrebt, mit dem, was er erstrebt als seinen Zu- 
sammenhang mit dem gottlich-geistigen Weltengrunde, mit 
dem, was er erstrebt an Hingabe, an frommer Hingabe an 
diesen Weltengrund. Kurz, es hangt zusammen mit all dem, 
was der Mensch im tiefsten Inneren als seine religiosen Emp- 
findungen, als sein ganzes religioses Leben entfalten mufi, 
wenn er zu seiner vollen Menschenwiirde kommen will. Da- 
her bedeutet anthroposophische Erkenntnis der ubersinnli- 
chen Welten zu gleicher Zeit eine Belebung, eine Befruch- 
tung des religiosen Lebens, dessen wir heute, was jeder Un- 
befangene zugeben wird, gar sehr bediirftig sind. Daher kann 
ich es kaum begreifen, dafi man gerade von theologischer 
Seite auch neuerdings wiederum eingewendet hat gegen an- 
throposophische Geistesforschung, sie ertote das religiose 
Leben. Der Satz ist zum Beispiel gef alien: Das Leben der 
Anthroposophie bedeute den Tod der Religion. - Nun, das 
Leben der Anthroposophie hangt zusammen mit demjenigen 
Leben der menschlichen Seele, das gerade die innigsten reli- 
giosen Krafte entwickelt. Es kann dieses anthroposophische 
Forschen nach den iibersinnlichen Wirklichkeiten nicht den 



Tod der Religion bedeuten, sondern hochstens den Tod von 
etwas, was man fur Religion halt und eigentlich schon ein 
Erstorbenes ist. Da wiirde Anthroposophie auf das schon 
Erstorbensein hinweisen konnen, wiirde gewissermafien eine 
Art von Leichenschau sein. Ihrem Wesen nach aber mufi sie, 
weil sie ein lebensvoller Weg in die iibersinnlichen Wirklich- 
keiten ist, zu gleicher Zeit ein Mittel sein, die religiosen Emp- 
findungen, das ganze religiose Durchdrungensein des Men- 
schen mit Hingabe an die iibersinnlichen Welten zu erhohen, 
zu beleben, zu durchwarmen. 

So will Anthroposophie auf den verschiedensten, auf den 
profansten und auf den heiligsten Gebieten des Lebens be- 
fruchtend wirken. Sie will im schonsten und edelsten Sinne — 
das ist ihr Ziel, ihr Ideal, so wenig sie auch heute schon davon 
erreichen kann - auf den profansten und auf den heiligsten 
Gebieten des Lebens eingreifen in die fortschrittliche Ent- 
wickelung der Menschheit. Und jeder Unbefangene, der mit 
wachem Bewufitsein die katastrophale Zeit durchgemacht 
hat, durch die wir im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts 
gegangen sind, wird zugeben, dafi heute die verschiedensten 
Gebiete des Lebens eine Auffrischung brauchen, dafi man- 
ches eine Neubelebung braucht. Gewifi hangt dasjenige, was 
ich mir in kurzen Strichen erlaubte vor Ihnen zu charakteri- 
sieren, zusammen mit den ewigen Angelegenheiten der 
Menschheit. Es kann gepflegt werden im Forum des Lebens, 
wenn der Mensch sich bewuftt werden will seiner inneren 
Sicherheit, die nur liegen kann in dem Bewufksein seiner 
ewigen Wesenheit, es kann gepflegt sein in der Einsamkeit der 
stillen Hutte, wenn der Mensch entnickt ist dem Forum des 
Lebens : denn von dem Ewigen in seiner eigenen Wesenheit, 
von dem Ewigen in ihm mufi der Mensch jederzeit beriihrt 
sein, wenn er im vollen Sinne des Wortes Mensch sein will. 
Es ist also auf der einen Seite durchaus etwas, was allgemein 



menschlich ist, was allgemein fur den Menschen von unbe- 
dingtem Interesse ist, weil es seine ewigen Angelegenheiten 
beruhrt. In unserer Zeit aber, wo wir so vieles niedergehen 
sehen, mufi man auch zugeben, dafi gegeniiber den Nieder- 
gangskraften gar sehr Impulse zu einem Aufstieg unserer 
abendlandischen Zivilisation wiederum notwendig sind. 
Nicht nur, weil sie auf das Ewige achtet, bedarf heute An- 
throposophie einiger Beriicksichtigung, sondern auch gegen- 
iiber den grofien, schweren Zeitaufgaben. 

Daher darf ich vielleicht zum Schlusse der heutigen Be- 
trachtung die Worte aussprechen: Anthroposophie will nicht 
nach Erbauung in mystischen Wolkenkuckucksheimen be- 
diirftige Menschen zu einer Weltfremdheit fiihren, anthro- 
posophische Geisteswissenschaft will so zu der Wirklichkeit 
iibersinnlicher Welten fiihren, dafi der Mensch den Geist er- 
greift, um praktisch in das materielle Leben einzugreifen. Er 
mull das, weil er dessen bedarf zu seiner Lebenssicherheit, 
wegen seiner notwendigen Beruhrung mit ubersinnlichen 
Welten, mit dem Ewigen in seiner Natur, heute aber auch 
besonders zur Losung jener schweren Zeitfragen, in die wir 
in unserer katastrophalen Zeit hineingestellt sind. 



WEGE ZUR ERKENNTNIS HOHERER WELTEN 



Kristiania (Oslo), 26. November 1921 



Mein erstes Wort gelte dem Ausdruck meines innigsten Dan- 
kes fur den herzlich schonen Willkommensgruft Ihres Herrn 
Vorsitzenden, und Ihnen alien Dank dafur, daft es moglich 
geworden ist, vor Ihnen iiber ein Kapitel anthroposophischer 
Geisteswissenschaft sprechen zu konnen. Ich darf es ausspre- 
chen, daft mir diese Einladung Ihrerseits von ganz besonde- 
rem Wert ist, denn es muE ja begreiflich erscheinen, daft das- 
jenige, was in den nachsten Bestrebungen fiir die Zukunft 
gemeint ist, sich vor allem gern an die Studentenschaft wen- 
det, weil geistige Schatze wohl zunachst innerhalb der Stu- 
dentenschaft am besten geborgen sein konnen und von da 
aus am besten ihren Weg in die Zukunft machen konnen. 
Aus diesem Gefiihl heraus sage ich also Ihrem Herrn Vorsit- 
zenden und Ihnen alien fiir Ihren herzlichen Willkommens- 
gruft innigsten Dank. 

Es ist gewiinscht worden, daft ich heute gerade iiber das 
Thema spreche: Wege zur hoheren, das heifk zur iibersinn- 
lichen Erkenntnis. Ich nehme an, daft nur ein Teil von Ihnen 
in meinem gestrigen Vortrage war, daher wird es schon ge- 
boten sein, daft ich einige der wichtigeren gestern vor- 
gebrachten Dinge in meinen Vortrag wiederum hineinver- 
webe. 

Anthroposophische Geisteswissenschaft strebt vor alien 
Dingen nach einem vollen Einklang mit dem, was im Laufe 
der letzten Jahrhunderte an wissenschaftlichen Geistesgiitern 
heraufgekommen ist. Anthroposophie ist nicht in irgendei- 
ner Weise, wie manche glauben, gegen wissenschaftliche Be- 



strebungen gerichtet, sondern im Gegenteil, am liebsten sind 
denjenigen, die ganz ehrlich und ernst in unserer anthropo- 
sophischen Bewegung stehen, solche Menschen, die ein voi- 
les Urteil dariiber haben, was in der neueren Zeit errungen 
worden ist an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, an in- 
nerer wissenschaftlicher Gesinnung. Allerdings, mit dem, 
was anerkannte Wissenschaft ist, glaubt man mit Recht, nicht 
in iibersinnliche Welten eindringen zu konnen. Und auf ei- 
nem gemeinsamen Boden mit der anerkannten Wissenschaft 
steht in einer gewissen Weise in bezug auf diesen Punkt auch 
Anthroposophie. Sie ist sich durchaus klar dariiber, dafi die- 
jenigen Recht haben, die gegeniiber der Naturerkenntnis von 
Grenzen des menschlichen Wissens reden. Sie ist sich auch 
klar dariiber, dafi diese Grenzen mit den gewohnlichen 
menschlichen Erkenntniskraften nicht iiberschritten werden 
konnen. Daher wird auch von Anthroposophie gar nicht der 
Versuch gemacht, mit diesen gewohnlichen Bewu£tseins- 
und Erkenntniskraften die Wege zur iibersinnlichen Er- 
kenntnis zu finden, sondern Anthroposophie ist bestrebt, 
nicht nur in bezug auf die Ergebnisse des wissenschaftlichen 
Forschens dort anzufangen, wo gewohnliche Wissenschaft 
aufhoren raufi, sondern sie ist auch bestrebt, mit ihren Me- 
thoden dort anzufangen, wo die fur die aufiere Natur und 
auch fur die physische Natur des Menschen geltende Wissen- 
schaft aufhoren mufi. Anthroposophie mufi daher nicht nur 
liber anderes reden, sondern sie mufi auch anders reden. 
Dennoch steht sie im vollen Einklange mit wissenschaftlicher 
Gewissenhaftigkeit und mit wissenschaftlicher Disziplin. Sie 
geht davon aus, die Erkenntniskrafte, durch welche in die 
iibersinnlichen Welten hinaufgedrungen werden soli, erst aus 
ihrem Schlummer in der menschlichen Wesenheit herauszu- 
holen. Anthroposophie behauptet nicht, dafi zum Erkennen 
ubersinnlicher Welten besondere Eigenschaften, Fahigkeiten 



gehoren, die nur einzelne Menschen haben, sondern sie wiil 
durchaus nur au£ diejenigen Krafte sich sttitzen, welche aus 
jeder Menschenseele hervorgeholt werden konnen, welche 
aber hinausgehen iiber das, was wir im gewohnlichen Wachs- 
tum seit unserer Kindheit gewissermafien als Menschen an- 
ererbt erhalten, und welche auch hinausgehen iiber das, was 
durch die gewohnliche Erziehung, durch das gewohnliche 
Lernen erreicht wird. 

Der Mensch mufi, wenn er im anthroposophischen Sinne 
Geistesforscher werden will, wenn ich so sagen darf, von 
dem Punkte aus, auf dem man im gewohnlichen Leben und 
in der gewohnlichen Wissenschaft steht, seine Entwickelung 
nun selbst in die Hand nehmen. Diejenigen Krafte, die zu- 
nachst ausgebildet werden mussen, sind die des Denkens. 
Damit wird nur ein Anfang dieser Entwickelung gemacht, 
denn wir werden sehen, dafi es sich nicht blofi um Ausbil- 
dung einseitiger Verstandes- oder Denkkrafte, sondern um 
Ausbildung des ganzen Menschen handelt. Aber ein Anfang 
mufi gemacht werden mit einer besonderen Ubung im Den- 
ken. Das Denken, an das wir heute nicht nur im aufieren 
Leben, sondern auch in der Wissenschaft gewohnt sind, gibt 
sich hin an die aufiere Beobachtung, es lauft gewissermafien 
am Faden der aufSeren Beobachtung hin. Wir richten unsere 
Sinne in die Aufienwelt und knupfen unsere Gedanken an 
dasjenige an, was uns die Sinne iiberliefern. Wir haben da- 
durch eine feste Stiitze an der Beobachtung der Aufienwelt 
fur die Verbindung unserer Seeleninhalte, unserer Erleb- 
nisse. Es ist in berechtigter Weise wissenschaftliches Bestre- 
ben gewesen, gerade diese Stiitze, die Stiitze der Beobach- 
tung, immer mehr und mehr auszubilden. Und diese Beob- 
achtung hat noch ihre besondere Verstarkung erfahren durch 
den wissenschaftlichen Gebrauch des Experimentes, bei dem 
man ja alle einzelnen Bedingungen, um zu einzelnen Erschei- 



nungen hinfuhren zu konnen, wirklich zu iiberblicken ver- 
mag, so daft gewissermafien die Vorgange ganz durchsichtig 
werden. 

Von diesem Hingegebensein des Denkens an die aufiere 
Objektivitat mufi anthroposophische Geisteswissenschaft 
fiir ihre Aufgabe abgehen. Fur sie handelt es sich darum, das 
Denken vor alien Dingen innerlich zu verstarken, intensiver 
zu machen. Ich habe mir erlaubt, gestern zu sagen: Wie ein 
Muskel, wenn er eine bestimmte Arbeit verrichtet, starker 
wird, so ist es auch mit unseren Seelenkraften. Wenn wir 
bestimmte, uberschaubare Vorstellungen immer wieder und 
wieder in systematischer Ubung in den Mittelpunkt unseres 
Bewulkseins riicken, und mit dem ganzen Menschen uns 
hingeben an solche Vorstellungen, so verstarken wir gerade 
unsere Denkkrafte. Dieses Intensivwerden der Denkkrafte 
mufi aber natiirlich so erreicht werden, dafi in alledem, was 
man da vornimmt, der voile besonnene Wille des Menschen 
enthalten ist. Daher kann derjenige, der im anthroposophi- 
schen Sinne ein Geistesforscher werden will, vor alien Din- 
gen ein grofies Vorbild haben innerhalb der heutigen Wissen- 
schaftlichkeit: das ist die Mathematik. So sonderbar und pa- 
radox es klingen mag, der anthroposophische Geistesfor- 
scher, wenn er uber das Laientum hinauskommen will, beob- 
achtet vor alien Dingen etwas, was schon uber des alten Plato 
Schule als eine Devise geschrieben war: dafi in wirkliche gei- 
steswissenschaftliche Erkenntnis keiner eindringen kann, der 
nicht eine gewisse mathematische Kultur hat. 

Was ist denn eigentlich das Besondere, das die Seele von 
der Mathematik hat? Das hat sie, dafi alles, was im mathema- 
tischen Erkennen vor die Seele tritt, innerlich durchsichtig, 
ubersichtlich ist, dafi gewissermafien nichts in dieser Er- 
kenntnis drinnen steckt, dem man sich nur unbewulk und 
ohne Anwendung seines Willens hingibt. 



Natiirlich ist Geisteswissenschaft im anthroposophischen 
Sinne nicht Mathematik. Aber ein bedeutsames Vorbild kann 
gerade die Art und Weise sein, wie man sich in mathemati- 
sches Denken hineinfindet. Eigentlich ist nicht die Mathema- 
tik dieses Vorbild, wohl aber, wenn ich mich so ausdriicken 
darf, das Mathematisieren. Und wenn man vor alien Dingen 
gelernt hat, iiber alles Illusionare, tiber alles Suggestive hin- 
auszukommen durch eine solche mathematisierende Kultur, 
dann kann man mit besonderem Erfolg daran gehen, iiber- 
schaubare Vorstellungen, aber solche Vorstellungen, die ei- 
nem neu sind, in sich aufzunehmen. Man lafit sie sich von 
einem erfahrenen Geistesforscher geben oder sucht sonst zu 
Vorstellungen zu kommen, die man noch nicht in der Erin- 
nerung hat. Diese setzt man in den Mittelpunkt des Bewuik- 
seins und gibt sich ihnen mit dem ganzen Seelenleben hin, 
wendet alle Krafte der Aufmerksamkeit von allem iibrigen 
ab und versucht eine gewisse, nicht allzulange Zeit auf eine 
solche Vorstellung oder solchen Vorstellungskomplex zu 
richten. Warum mufi diese Vorstellung oder dieser Vorstel- 
lungskomplex etwas Neues sein? Ja, wenn wir Reminiszen- 
zen aus unserer Erinnerung heraufholen, konnen wir niemals 
ganz sicher sein, was da in unserem Organismus vorgeht, 
was da in unserem Organismus im aufierseelischen Unbe- 
wulken zu gewissen Erlebnissen treibt. Wir konnen mit un- 
serer Erkenntnis uns wirklich nur frei bewegen, wenn wir 
der Sinnesanschauung gegeniiberstehen, weil die Sinnesan- 
schauung in jedem Augenblicke uns begegnen wird, weil wir 
bei ihr sicher wissen, daft sie nicht in irgendeiner phantasti- 
schen Weise hervorgeholt sein kann aus Lebensreminiszen- 
zen. Ebenso muE dasjenige sein, was wir jetzt mit Ausschlufi 
der sinnlichen Wahrnehmungen anwesend sein lassen in un- 
serem Bewufitsein, dem wir uns ganz hingeben, so hingeben, 
dafi wir ohne sinnliche Wahrnehmungen in einer inneren Le- 



bendigkeit sind, wie sonst nur bei der aufieren sinnlichen 
Wahrnehmung. Das ist es, worauf es zunachst ankommt bei 
dem Wege zur hoheren Erkenntnis, da£ das sinnlichkeits- 
freie Denken in eine innere Bewegung kommt, die unsere 
Seele so stark in Anspruch nimmt, wie sonst nur eine aufiere 
Sinneswahrnehmung. Man mochte sagen: Was der Mensch 
sonst in der aufSeren Sinneswahrnehmung erlebt, das mufi er 
erleben lernen an demjenigen Denken, welches sich verstarkt 
und dennoch ganz von besonnenem, bewufkem Willen 
durchzogen ist. 

Damit ist schon eine Barriere starker Art aufgerichtet ge- 
gen alles das, was in das Bewufitsein hereinkommen will an 
Suggestion, Illusion, an Visionen, Halluzinationen. Geistes- 
wissenschaftliche Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, wird 
immer mifiverstanden, wenn man sagt: Nun ja, solch ein 
Geistesforscher kann ja durch seine Ubungen auch nur zu 
Halluzinationen oder dergleichen kommen, zu allerlei 
krankhaften Seelenzustanden. - Wer es wirklich ernst nimmt 
mit der Art und Weise, wie der Weg in die hdhere Erkenntnis 
der Anthroposophie geschildert wird, der wird sehen, dafi 
gerade diese Geistesforschung den Menschen am allerklar- 
sten macht tiber alles, was Illusionen, was Halluzinationen 
oder was gar Mediumistisches ist. Das wird alles nach der 
anderen Seite, nach der krankhaften Seite gehend, streng ab- 
gewiesen, wird in seiner Wertlosigkeit gerade von demjeni- 
gen durchschaut, was mit wirklicher geistiger Forschung er- 
rungen werden kann. Dann kommt man dazu, ein ganz an- 
deres Denken sich anzueignen. Das alte Denken, das man 
fur das gewohnliche Leben und fur die gewohnliche Wissen- 
schaft braucht, das bleibt voll bestehen. Aber es tritt zu die- 
sem Denken ein ganz neues Denken hinzu, wenn man in 
entsprechender Weise - Sie finden das in meinem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder 



in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben — solche 
Ubungen, wie ich sie prinzipiell jetzt als Denkubungen cha- 
rakterisiert habe, immer wieder und wiederum systematisch 
vollfiihrt - der eine braucht langer dazu, der andere kiirzer — , 
wenn man diese Ubungen in seinem Bewufitsein als innerlich 
intime Seelenentwickelung vollfiihrt. Was da zu dem ge- 
wohnlichen Denken hinzukommt, ich mochte es in der fol- 
genden Weise charakterisieren. 

Ich darf vielleicht dabei eine personliche Bemerkung ma- 
chen, die aber nicht personlich gemeint ist, sondern von der 
Sie wohl zugeben werden, dafi sie zu dem Objektiven meiner 
Darstellungen gehort. Ich habe in dem Beginn der neunziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts meine «Philosophie der Frei- 
heit» geschrieben, um zu zeigen, wie im moralischen, ethi- 
schen Leben der Menschheit die Freiheit wirklich begriindet 
ist, wirklich lebt. Diese «Philosophie der Freiheit» hat viele 
Mifiverstandnisse hervorgerufen, weil man sich einfach nicht 
hineinfinden kann in die Art des Denkens, wie sie in dieser 
«Philosophie der Freiheit» geiibt wird. Es ist namlich in die- 
ser «Philosophie der Freiheit» schon jenes Denken geiibt, zu 
dem man sich eigentlich behufs Erkenntnis hoherer Welten 
systematisch hindurchringen mufi. Es ist der Anfang nur ge- 
macht, derjenige Anfang, den jeder schon im gewohnlichen 
Leben machen kann. Aber es ist zu gleicher Zeit der Anfang 
fur die Erkenntnis hoherer Welten. Das gewohnliche Den- 
ken - Sie brauchen sich nur zu besinnen auf die Art dieses 
gewohnlichen Denkens, so werden Sie sehen, wie berechtigt 
das ist, was ich sage -, das gewohnliche Denken ist eigentlich 
ein aus raumlichen Wahrnehmungen bestehendes Denken. 
Wir richten ja alles im Grunde genommen in unserem ge- 
wohnlichen Denken raumlich ein. Bedenken Sie nur, daft wir 
das Zeitliche ja auch auf das Raumliche zuruckfuhren. Wir 
driicken die Zeit durch die Bewegungen der Uhr aus. Wir 



haben im Grunde genommen auch in unseren physikalischen 
Formeln denselben Vorgang. Kurz, wir kommen zuletzt dar- 
auf, daft das gewohnliche Denken ein kombinierendes ist, 
ein solches, das auseinanderliegende Gebilde zusammenfafit. 
Dieses Denken brauchen wir fur das gesunde gewohnliche 
Leben, brauchen wir auch fur die gesunde gewohnliche Wis- 
senschaft. 

Dasjenige Denken aber, das zum Behufe der Erkenntnis 
hoherer Welten hinzukommen mufi, und das man durch sol- 
che Ubungen erringt, das ist ein Denken, welches ich nennen 
mochte das morphologische Denken, das Denken in Gestal- 
ten. Dieses Denken bleibt nicht im Raume stehen, dieses 
Denken ist durchaus ein solches, welches im Medium der 
Zeit so lebt, wie das andere Denken im Medium des Raumes. 
Dieses Denken gliedert nicht einen Begriff an den anderen, 
dieses Denken stellt vor die Seele etwas wie einen Begriffsor- 
ganismus. Wenn man einen Begriff, eine Idee, einen Gedan- 
ken hat, dann kann man nicht in beliebiger Weise zum ande- 
ren iibergehen. Geradeso, wie man nicht beim Organismus 
des Menschen vom Kopf zu beliebigen anderen Formen 
iibergehen kann, sondern zum Hals, dann zur Schulter, zum 
Brustkorb und so weiter iibergehen mufi, wie in einem Orga- 
nismus alles gegliedert ist, wie auch ein Organismus nur ganz 
betrachtet werden kann, so mufi dasjenige Denken, das ich 
das morphologische Denken nenne, innerlich beweglich 
sein. Es ist, wie gesagt, im Medium der Zeit, nicht des Rau- 
mes, aber es ist so innerlich beweglich, daft es eine Gestalt 
aus der anderen hervorruft, daft dieses Denken selber sich 
fortwahrend organisch gliedert, fortwahrend wachst. Dieses 
morphologische Denken, das ist es, das zum anderen Den- 
ken hinzukommen mufi, und das man durch solche Medita- 
tionsiibungen erlangen kann, wie ich sie im Prinzip angedeu- 
tet habe und die das Denken verstarken, intensiver machen. 



Mit diesem morphologischen Denken, mit diesem Denken, 
das in Gestalten, in Bildern verlauft, erringt man die erste 
Stufe der Erkenntnis iibersinnlicher Welten, namentlich das- 
jenige, was ich in meinen Schriften die imaginative Erkennt- 
nis genannt habe. 

Diese imaginative Erkenntnis gibt noch nicht irgend etwas 
Aufieres. Sie fiihrt zunachst nur zur menschlichen Selbster- 
kenntnis, aber zu einer viel tieferen Selbsterkenntnis, als die- 
jenige ist, die man nur in der gewohnlichen Selbstschau er- 
ringen kann. Diese imaginative Erkenntnis, sie fiihrt uns ins 
Bewufksein herein Gestalten. Diese Gestalten werden so le- 
bendig erlebt, wie sonst irgendeine Sinneswahrnehmung. 
Aber sie haben eine ganz besondere Eigentumlichkeit. Un- 
sere gewohnlichen Gedanken wiirden nicht gesund in unse- 
rem Bewufitsein enthalten sein, wenn wir uns nicht ihrer 
erinnern wiirden. An unserer Erinnerungsfahigkeit, an unse- 
rem Gedachtnisse hangt aufierordentlich viel fur die gesunde 
Entfaltung unseres Seelenlebens, unserer geistigen Gesund- 
heit. Nur derjenige, der eine kontinuierliche Erinnerung hat 
fur alle Wachzustande bis zu einem gewissen Punkte in sei- 
ner Kindheit, der ist geistig gesund. Es wird Ihnen ja viel- 
leicht auch bekannt sein, in welche furchtbare Lage ein 
Mensch kommt, der Psychopath in dem Sinne ist, dafS ge- 
wisse Erinnerungen ausgeloscht sind. Man kennt in der Psy- 
chiatric diesen Zustand des Ausloschens der Erinnerungen 
und kann gerade aus ihm entnehmen, wie wesentlich es fur 
die seelische Gesundheit des Menschen ist, daft die Erinne- 
rung eine kontinuierliche ist. Das gilt fur uns ere gewohnliche 
Gedankenbildung. 

Es gilt nicht fur das, was ich eben als das imaginative, als das 
morphologische Denken charakterisiert habe. Geradeso, wie 
wir, wenn wir das Auge oder ein anderes Sinnesorgan an 
einen aufieren Sinnesreiz hinwenden, nur so lange das Erleb- 



nis der Wahrnehmungen haben, als wir den Sinn exponieren, 
so haben wir auch dasjenige, was wir erlebt haben als gestal- 
tetes Denken, als imaginatives Denken, nur im Momente des 
Erlebens, und es kann nicht im gewohnlichen Sinne das, was 
so im imaginativen Denken auftritt, in die Erinnerung, in das 
Gedachtnis gepragt werden. Es mufi jederzeit wiederum neu 
hervorgerufen werden, wenn es erlebt werden soil. 

Derjenige also, der zu einem solchen organisch-morpho- 
logischen Denken kommt, das gewissermalSen sich in leben- 
digem Wachstum selber fortbildet, kann die Ergebnisse die- 
ses Denkens nicht in der gewohnlichen Erinnerung behalten. 
Freiheit kann man auch nur charakterisieren, wenn man zu 
solchem sich entwickelnden, wachsenden Denken aufsteigt. 
Deshalb wurde meine «Philosophie der Freiheit» mit solchen 
Mifiverstandnissen behangt, wie das eben geschehen ist. 
Aber sie mufite in dieser Methode gegeben werden, weil eben 
die Freiheit ein geistiges Erlebnis ist, und man nicht zu ihr 
kommt mit dem gewohnlichen kombinierenden Denken. 
Das ist ja das Uberraschende fur Anfanger in der geisteswis- 
senschaftlichen Methode: sie glauben gewohnlich, wenn sie 
ein imaginatives Erlebnis haben, dafi sich das in ihrer Seele 
gerade so einpragen konne wie irgendein anderer Gedanke. 
Das ist aber nicht der Fall. Es verliert sich aus dem Bewuik- 
sein. Nur das kann man behalten, wie man zu diesem imagi- 
nativen Erlebnis gekommen ist. Man kann die Bedingungen 
wieder herstellen, dann kommt auch das Erlebnis. Wie man 
zu einer Blume, die man gesehen hat, wenn man weggegan- 
gen ist, wieder hingehen mu6, um sie zu sehen, so mufi man 
dieselben inneren Vorgange hervorrufen, um ein solches 
imaginatives Erlebnis, wie man es einmal gehabt hat, wie- 
derum zu haben. 

Geisteswissenschaftlicher Inhalt ist nicht ohne weiteres 
erinnerbar. Das gilt sogar fur den ehrlichen Geistesforscher 



schon fur die allerersten elementarsten Dinge. Und da darf 
ich vielleicht wiederum ein Personliches anbringen, das aber 
auch ein Objektives ist. Sehen Sie, dasjenige, was der anthro- 
posophische Geistesforscher zu sagen hat, das kann er nicht 
in derselben Weise, sagen wir, von Tag zu Tag in seinen Vor- 
tragen vorbringen, wie man gewohnlich wissenschaftliche 
Darstellungen vorbringen kann. Die merkt man sich, die hat 
man im Gedachtnis, die bringt man aus dem Gedachtnisse 
vor. Was der Geistesforscher vorzubringen hat, das mufi aus 
seinem lebendigen inneren Erleben kommen. Er kann sich 
gar nicht in derselben Weise vorbereiten, wie man sich sonst 
mit Hilfe seines Gedachtnisses vorbereitet. Er kann nur die 
Bedingungen herbeifuhren, die es ihm moglich machen, 
selbst die anfanglichsten Dinge der Geisteswissenschaft zu 
erleben. Man mufi sich schon klar dariiber sein, dafi anthro- 
posophische Geisteswissenschaft eben schon in ihren allerer- 
sten Anfangen zur Entwickelung von sonst schlummernden 
Kraften in der Seele fiihrt, und man mufi nicht glauben, dafi 
man durch gewohnliche philosophische Spekulationen zu 
irgendwelchen Ergebnissen in bezug auf hohere Welten 
kommen kann. 

Dieses imaginative Erkennen, das ich Ihnen auf diese 
Weise geschildert habe, das fiihrt, sagte ich, aber nur zu einer 
Art von Selbsterkenntnis. Es fiihrt namlich zuletzt dahin, 
dafi man wie in einem grofSen Tableau, zeitlich aber auf ein- 
mal, alles iiberschaut, was im wesentlichen gesetzmaftig das 
ganze Leben seit der Geburt hier auf Erden aufgebaut hat. 
Innerlich sieht man die schaffenden Bildungskrafte am Men- 
schen, zunachst an seinem eigenen Menschen. So, wie das 
etwa geschildert wird — selbst von naturwissenschaftlich 
Denkenden ist das ja anerkannt - bei gewissen Leuten, die in 
Todesgefahr waren, etwa bei Ertrinkenden, dafi sie ein we- 
bendes, bewegtes Bild ihres bisherigen Lebens ablaufen se- 



hen, so - allerdings nicht als Erinnerungsbild, nicht mit den 
Einzelheiten des Lebens, sondern gerade mit den Hauptsa- 
chen, mit denjenigen Kraften, die einen vorwarts gebracht 
haben - sieht man dieses Tableau, welches, ich mdchte sagen, 
eben ein tieferes Erinnerungstableau ist. Aber zu gleicher 
Zeit ist dieses Tableau so, daft man nicht bloft das gewohn- 
liche, gedankliche Seelenleben vor sich hat, sondern dasje- 
nige innerliche Leben, das von der Seele aus am Organismus 
arbeitet. 

Man kommt jetzt durch eine solche Anschauung zu einem 
Standpunkt, von dem aus es einem allerdings kindlich er- 
scheint, wenn noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr- 
hunderts spekulativ der Vitalismus von einer «Lebenskraft» 
gesprochen hat. Von einer solchen Lebenskraft spricht man in 
der Anthroposophie nicht. Wohl aber spricht man von der 
Anschauung des Lebens, von der Anschauung desjenigen, 
was ich den Atherleib oder Bildekrafteleib nenne, der auf 
der einen Seite das Seelische darstellt, auf der anderen Seite 
aber, ich mochte sagen, das verdichtete, das intensivierte 
Seelische, das am Organismus arbeitet. Man wird also zu 
gleicher Zeit in eine tiefere Erkenntnis des Seelischen gefiihrt 
und in eine tiefere Erkenntnis der Art und Weise, wie das 
Seelische am Organismus arbeitet. Ich will Ihnen ein Beispiel 
dafur anfiihren, ein elementares, aber charakteristisches 
Beispiel. 

Sie wissen ja, daft heute die anerkannte Psychologie eigent- 
lich doch nicht weiter kommt, als bis zu gewissen Spekula- 
tionen iiber die Beziehungen von Seele und Leib, Seele und 
Korper. Die Seele wird geschildert, als ob sie den Korper 
bewegte, oder es wird von den materialistisch Gesinnten die 
Seele als das Plus angesehen, das der Korper gewissermaften 
produziert. Am haufigsten spricht man heute von dem psy- 
chophysischen Parallelismus : daft die Seelenerscheinungen 



und die korperlichen Erscheinungen parallel ablaufen und so 
weiter. Das alles sind Spekulationen, die eigentlich nur dar- 
au£ beruhen, daft man denselben Wissenschaftsgeist, der 
sonst herrscht, in das menschliche seelisch-leibliche, see- 
lisch-korperliche Leben nicht einfiihren will. 

Sie alle kennen die physikalische Anschauung, die von 
latenter Warme spricht, von einer latenten Warme, die in 
irgendeinem Ding enthalten ist, die aber nicht als Warme 
erscheint. Wenn man gewisse Bedingungen herbeifiihrt, wird 
diese Warme, wie man sagt, frei. Sie erscheint dann. Man hat 
vorher die Warme in den Dingen drinnen, sie bewirkt in den 
Dingen etwas, das aber nicht aufierlich durch Warmevor- 
gange sich ausdriickt. Man spricht von latenter Warme, von 
freiwerdender Warme. 

Eine solche Anschauung, naturlich modifiziert, bereichert, 
mufi durchaus auch auf das konkrete, nicht spekulative See- 
lenanschauen ausgedehnt werden. Wir sehen das Kind heran- 
wachsen bis zum Zahnwechsel, um das siebente Jahr herum. 
Mit diesem Zahnwechsel ist aber viel mehr verbunden, als 
man gewohnlich meint. Wer eine unbefangene Beobachtung 
fur Seelisch-Leibliches hat, der weifi, dafi die ganze Art des 
Denkens, des Vorstellens, auch des Gefuhls- und Empfin- 
dungslebens, also alles Seelische bei dem Kinde ganz anders 
wird nach dem Zahnwechsel, als es vorher gewesen ist. Der 
Zahnwechsel ist gewissermaften fur eine bestimmte Art des 
kindlichen Lebens ein Schluftpunkt. Der Mensch hat nicht 
mehr notig, nach dem Zahnwechsel diejenigen Krafte fur sei- 
nen Organismus anzuwenden, die er vorher angewendet hat. 
Denn diese Krafte, welche — wenn ich mich jetzt trivial aus- 
driicken darf - die zweiten Zahne herausstofien, die sind 
nicht blofi lokalisiert etwa im menschlichen Haupte, es sind 
die Krafte, die im ganzen Organismus sind, die nur beim 
HerausstofSen der zweiten Zahne eben sich an einem einzel- 



nen Orte zeigen. Wer diesen ganzen Vorgang so sachgemafi 
wissenschaftlich verfolgt, wie man heute gewohnt ist, in der 
Naturwissenschaft zu denken, der kommt dazu, zu erken- 
nen, dafi diejenigen Krafte, die die Zahne herausstofien, eben 
vorher latent waren, gebunden waren im Organismus, daft 
sie den Organismus eben durchorganisiert haben, und daft sie 
jetzt beimZahnwechsel frei geworden sind und nach demZahn- 
wechsel beim Kinde als seelisch-geistige Krafte erscheinen. 

Hier haben wir ein konkretes, nicht ein erspekuliertes 
Wechselverhaltnis des Seelisch-Geistigen und des Korper- 
lich-Leiblichen. Wer nur im gegenwartigen Augenblick auf 
die Seele und dann auf den Leib hinschauen will, der mag 
lange spekulieren und experimentieren, er wird doch nur zu 
abstrakten Anschauungen iiber das Verhaltnis der Seele und 
des Leibes kommen. Derjenige, der zur Zeitenfolge iiber- 
geht, der wird beobachten, wie in dem Kinde nach dem 
Zahnwechsel etwas an seelischen Kraften, an Konturierung 
des Gedachtnisbegriffes, an Konturierung der Empfindun- 
gen auftritt, und er wird wissen, daft das, was da als freige- 
wordenes Seelenleben jetzt da ist, vorher untergetaucht war 
in den Organismus. Er lernt beobachtend, nicht denkend 
blofi, das Verhaltnis von Seele und Korper wirklich kennen. 

Das ist ein Beispiel, wie wir das Zusammenwirken von 
Seele und Leib durch die imaginative Erkenntnis erforschen 
konnen. Man sieht hinein, wie das Seelisch-Geistige an dem 
Leiblich-Physischen arbeitet. Das bietet sich in dem Tableau 
dar, von dem ich gesprochen habe. Wenn man auf diese 
Weise dazu gekommen ist, dieses bildhafte, imaginative Den- 
ken auszubilden, dann mufi man durch die Starke, die man 
gewonnen hat, weitergehen. Ich sagte: Wie der Muskel an 
der Arbeit erstarkt, so erstarkt unsere Denkkraft, indem sie 
solche Ubungen ausfuhrt, wie ich sie charakterisiert habe, 
wie Sie sie in den genannten Biichern weiter charakterisiert 



finden konnen. Wenn man nun in dieser Weise ein verstark- 
tes, bis zur Bildhaftigkeit, bis zur Gestaltungskraft kommen- 
des Denken in sich ausbildet, das in der Zeit lebt, dann kann 
man auch dazu kommen, andere Krafte des Seelenlebens zu 
verstarken. Die gewohnlichen Vorstellungen des Lebens 
kommen und gehen, oder auch wir versuchen, sie loszuwer- 
den, entweder indem wir sie seeiisch loszuwerden suchen, 
oder indem unser Organismus durch das Vergessen dafiir 
sorgt und so weiter. Solche Vorstellungen, die wir - wie ich 
es geschildert habe - behufs hoherer Erkenntnis in unserem 
Bewufksein prasent machen, gegenwartig sein lassen, kon- 
nen schwerer zum Vergessen gebracht werden als andere. 
Da mussen wir uns stark anstrengen. Das ist eine zweite Art 
der Ubung, das, ich mochte sagen, kiinstliche Vergessen, das 
kiinstliche Unterdriicken der Vorstellungen. Wenn wir aber 
dieses kiinstliche Unterdriicken der Vorstellungen entspre- 
chend unseren individuellen Anlagen geniigend lange iiben, 
dann kommen wir dazu, dieses ganze Tableau, von dem ich 
eben gesprochen habe, auch unterdriicken zu konnen, so dafi 
wir das Bewufitsein vollig leer machen. Was uns einzig und 
allein bleiben mulS, das ist eben das vom Willen und von der 
Besonnenheit durchdrungene Denken. Dieses Denken aber 
tritt jetzt wiederum in einer neuen Gestalt auf. 

Ich habe Ihnen nun schon von zwei Gestalten des Den- 
kens gesprochen, von dem gewohnlichen, an den Raum ge- 
bundenen Denken, und dem Denken, das ein eigenes Wachs- 
tum hat, wo immer ein Begriff, ein Gedanke aus dem anderen 
hervorwachst, wie sich bei einem Organismus ein Glied an 
das andere ansetzt. Indem man dieses morphologische Den- 
ken eine Zeitlang fortfuhrt, kommt man dazu, nun eine dritte 
Form des Denkens ausbilden zu konnen, und die braucht 
man, wenn man aufsteigt zu der hoheren Stufe der iibersinn- 
lichen Erkenntnis, die ich gleich schildern werde, wenn man 



also aufsteigt in der hoheren Welt zu mehr als zu dem, was 
ein blofier Uberblick iiber die eigene Organisation ist. 

Durch das imaginative Erkennen kommt man dazu, die 
eigene Organisation so zu iiberblicken, dafi man sich sagt: 
Das Seelisch-Geistige als ein Ubersinnliches arbeitet im Er- 
denleben an dem Physisch-Leiblichen. Man braucht dieses 
morphologische Denken, sonst wiirde man das, was in der 
Zeit vor sich geht, was aus dem Ubersinnlichen heraus arbei- 
tet an dem Sinnlichen, nicht verstehen, denn das ist in fort- 
wahrender Metamorphose vorhanden. Man mufi sein Den- 
ken beweglich und innerlich zusammenhangend machen. 
Dasjenige, was lebt aus dem Geiste heraus, kann man nicht 
erfassen durch das blofie kombinierende Denken, das mufi 
erfafit werden durch ein innerlich lebendiges Denken. Aber 
man mufi zu einem noch anderen Denken kommen, wenn 
man gewachsen sein will der nachsthdheren Stufe der uber- 
sinnlichen Erkenntnis. Und dieses andere Denken, ich 
mochte es Ihnen an einem Beispiel erlautern. Es ist selbst 
dieses Beispiel schon etwas schwierig zu durchdringen, aber 
wir werden uns doch verstandigen konnen. 

Ich erinnere daran, dafi Goethe versucht hat, die einzelnen 
Schadelknochen als gestaltete, metamorphosierte Knochen 
von der Art der Riickenwirbel aufzufassen. Goethe hat eine 
Metamorphose, eine Umgestaltung der Ruckgratswirbel in 
den einzelnen Kopfknochen gesehen. Zu einem gewissen 
Grade, allerdings modifiziert, ist das ja auch die Anschauung 
der heutigen Wissenschaft; nicht mehr ganz so, wie Goethe 
sich das vorgestellt hat, aber es ist das schon heute auch noch 
eine geltende Vorstellung. Nun ist aber mit dieser blofi mor- 
phologischen Ableitung der Kopfknochen nichts getan, son- 
dern man mufi noch weitergehen, wenn man die Beziehung 
des menschlichen Hauptes zu dem iibrigen menschlichen 
Organismus - also beim Skelett wollen wir stehenbleiben - 



verstehen will. Da mufi man nicht bloft an eine Umgestaltung 
denken, sondern man muE noch an etwas ganz anderes den- 
ken, wenn man die Frage aufwirft: Wie verhalt sich zum Bei- 
spiel das Knochensystem, sagen wir in der Form der Arme 
oder der Beine, zu dem Knochensystem in der Form der 
Schadelknochen, der Kopfknochen? Da ist es so, daft man 
die Metamorphose, durch die das eine aus dem anderen her- 
vorgeht, nur versteht, wenn man davon ausgeht, daft nicht 
nur eine Umgestaltung stattfindet, eine raumliche Umgestal- 
tung in der Zeit, sondern daft noch etwas ganz anderes statt- 
findet, namlich eine Art Umsttilpung. Sie miissen namlich, 
wenn Sie das gegenseitige Verhaltnis verstehen wollen, sagen 
wir, der Beinknochen zu den Kopfknochen, die auftere 
Oberflache der Kopfknochen mit der Innenflache eines 
Hohlknochens, sagen wir, des Oberschenkels, vergleichen. 
So daft die Sache so ist, daft das Innere des Oberschenkel- 
knochens nach auften gewendet werden miiftte, aufterdem 
noch seine Elastizitat andern miiftte. Dann wiirde das Innere 
nach auften gekehrt erscheinen, und es wiirde die auftere 
Oberflache eines Schadelknochens entsprechen der inneren 
Flache eines Hohlknochens der Gliedmaften. Und umge- 
kehrt: Die auftere Flache des Schienbeins entspricht nicht 
der aufteren Flache der Schadeldecke, sondern der Innenfla- 
che der Schadeldecke. Sie miissen sich also vorstellen, daft 
dabei etwas stattfindet wie beim Umstiilpen eines Hand- 
schuhs. Das Innere wird nach auften gekehrt, gleichzeitig 
aber wird die Elastizitat verandert. Es entsteht eine andere 
Form. Es ist also so, wie wenn man den Handschuh nicht 
nur umstiilpt, sondern, nachdem man ihn umgestiilpt hat, er 
durch andere Elastizitatskrafte eine vollig andere Form an- 
nehmen wiirde. 

Sie sehen, ich muft Ihnen etwas aufterordentlich Kompli- 
ziertes schon als einen ersten Hinweis auf diese dritte Art 



des Denkens anfuhren: ein Denken, das nicht nur in sich 
verandernden Gestalten lebt, sondern ein Denken, das in der 
Lage ist, die Gestaltung des Inneren nach aufien zu kehren 
und dabei die Form zu verandern. Das ist nicht anders mog- 
lich als dadurch, daft man nun mit dem Denken nicht mehr 
in der Zeit bleibt, sondern bei diesem Umstiilpen geht dasje- 
nige, woriiber man denkt, im Denken aus Raum und Zeit 
heraus, kommt in eine Wirklichkeit, die jenseits von Raum 
und Zeit liegt. 

Ich weift sehr gut, dafi man sich nicht gleich hineinfinden 
kann in diese dritte Art des Denkens, die ganz anders ist als 
das kombinierende und das gestaltende Denken, in dieses 
Denken, welches, ich mdchte sagen, untertaucht in die Un- 
raumlichkeit und Unzeitlichkeit; und dasjenige, was wieder 
erscheint, das ist der Form nach verandert, hat das Innere 
nach aufien gekehrt, das Aufiere nach innen gekehrt. Aber 
Anthroposophie will nicht jenes laienhafte Herumreden 
iiber die hoheren Welten bringen, dem sich viele hingeben, 
sondern Anthroposophie mufi darauf hinweisen, weil sie 
ehrlich wie nur irgendeine ehrliche Wissenschaft ist, dafi es 
nicht nur notwendig ist, das Gebiet der gewohnlichen Wis- 
senschaft zu verlassen, sondern dafi die Art des Denkens eine 
ganz andere werden muft. Man mufi ganz anders den Men- 
schen innerlich zusammenhalten, wenn man in dieser Weise 
zu einem qualitativen Denken vorriicken will, denn es ist 
einfach ein Andern der ganzen Qualitat des Gedankens, die 
bei diesem Umstiilpen, bei diesem Umkehren des Inneren in 
das Aufiere entsteht. 

Erst dann, wenn man in dieser Weise sein Denken dazu 
gebracht hat, dafi es ins Qualitative untergetaucht ist, kann 
man derjenigen Stufe der Erkenntnis in die ubersinnlichen 
Welten folgen, die sich anschliefien muE an das imaginative 
Denken. Hat man nun das Tableau, von dem ich gesprochen 



habe, unterdriickt, so daft man ein leeres Bewufksein herge- 
stellt hat, dann hat man eben fur kurze Zeit ein leeres Be- 
wufksein. Man kann, wenn man bloft eine Vorstellung unter- 
driickt, das Bewufksein eine Weile leer machen. Wenn man 
aber diese Realitat, die einem eigentlich in Wachstum, in Er- 
nahrung fortwahrend gedient hat im Erdendasein, unter- 
driickt, so taucht man unter in eine vollig neue Welt. Dann 
ist man in den hoheren Welten, und dann hat man die ge- 
wdhnliche Sinneswelt wie eine Erinnerung hinter sich. Man 
muft sie als solche haben, sonst ist man kein seelisch gesunder 
Mensch, sonst ist man ein psychopathischer Mensch, sonst 
halluziniert man oder hat Illusionen. 

Wenn man in der Geistesforschung regelrecht vorgeht, so 
bleibt die Besonnenheit, so bleibt das vom Willen durch- 
drungene Bewufksein bis in die hochsten Welten hinauf, und 
es kann gar nicht die Rede davon sein, daft man irgendwie 
Halluzinationen oder Suggestionen hat. Hat man Suggestio- 
nen oder Halluzinationen, so wird das gewohnliche Bewufk- 
sein ganz verdrangt durch das krankhafte Bewufksein. Das 
ist aber das Wesentliche des von der Anthroposophie ange- 
strebten Bewufkseins behuf s der Erkenntnis hoherer Welten, 
daft das gewohnliche Bewufksein voll bestehen bleibt, daft 
man ein vernunftiger Mensch, ein besonnener Mensch bleibt 
neben dem, daft man sich in hohere Welten erhebt. Und auch 
das, was ich Ihnen angefuhrt habe als jene Erkraftung des 
Denkens mit dem umgestiilpten Denken, dem ubermorpho- 
logischen Denken, auch das ist eigentlich nur dazu da, daft 
man mit volliger Bewufkheit nun in diese hoheren Welten 
eindringen kann, Diese hoheren Welten erlebt man jetzt 
wirklich mit einem geistigen Inhalt. 

Hat man durch das imaginative Bewufksein eine Anschau- 
ung erlangt von dem, was an einem arbeitet seit der Geburt 
- Ubersinnliches, das arbeitet an dem Sinnlichen — , so erlangt 



man jetzt eine Erkenntnis von dem, was vor der Geburt, 
oder sagen wir vor der Empfangnis des Menschen innerhalb 
der physischen Welt von ihm im geistig-seelischen Dasein 
vorhanden war, wo er ebenso umgeben ist von Wesen, gei- 
stig-seelischen Wesen, wie wir hier von sinnlichen Wesen 
umgeben sind in der Zeit zwischen der Geburt und dem 
Tode. Kurz, man erlebt den ewigen Wesenskern des Men- 
schen, indem man zuriickschaut hinter die Geburt in dieje- 
nige Daseinsstufe des Menschen, die er durchlebte, bevor er 
hier auf dieser Erde innerhalb der physischen Vererbungs- 
stromung empfangen wurde, man erlebt ihn in seiner geisti- 
gen Umgebung. 

Das, was also zur Erkenntnis der hoheren Welten gefuhrt 
hat, ist nicht eine Spekulation, ist nicht ein Begriffs system, 
ist eine Anschauung. Gerade so, wie man durch die Entwik- 
kelung seines Leibes seit seinem embryonalen Dasein eine 
Anschauung von der aufieren Sinneswelt erlangt, so erlangt 
man durch diejenigen Vornahmen, die ich Ihn en dem Prinzip 
nach geschildert habe, die Sie in den angefuhrten Buchern in 
alien Einzelheiten geschildert finden, Erkenntnisse von See- 
lenvorgangen, erlangt die Moglichkeit, umgeben zu sein von 
jener geistigen Welt, in der wir waren vor der Geburt und in 
die wir eintreten, wenn wir durch die Pforte des Todes tre- 
ten. Durch Anschauung wird die Erkenntnis der hoheren 
Welten errungen. 

Nun, dadurch habe ich Ihnen zunachst den Erkenntnis- 
weg geschildert. Der Weg in die hoheren Welten ware aber 
nicht vollstandig geschildert, wenn man ihn nur als Erkennt- 
nisweg schilderte, denn zu dem, was der Mensch da durch- 
macht, gehort noch etwas anderes als ein blofies Leben im 
Denken. Mag es schwierig sein, die zwei hoheren Formen 
des Denkens sich anzueignen, etwas anderes bietet weitere 
Schwierigkeiten. 



Wenn wir hier in der physischen Welt uns vorzugsweise 
an die Beobachtung, an das Experiment halten, so geschieht 
das aus dem Grunde, weil wir dadurch in einer gewissen 
Weise beruhigt sind liber den Wahrheitsgehalt unserer Er- 
kenntnisse. Man mag erkenntnistheoretisch nun streiten 
iiber das Wesen der Sinneswahrnehmungen und ihr Verhalt- 
nis zu dem wahren Sein und so weiter, darauf kommt es jetzt 
nicht an. Worauf es ankommt, ist, dalS uns die Sinneswahr- 
nehmung die Wahrheit desjenigen verburgt, was wir seelisch 
erleben, was seelisch als das Spiegelbild dieser Sinneswahr- 
nehmungen auftritt, und wir sind beruhigt, indem wir uns 
anlehnen an die auftere Wirklichkeit. Es ist ja sogar in der 
neueren Zeit die Krankheit des Spiritismus aufgetreten, die 
auf eine ebensolche Art das Sein des Geistigen durch eine 
aufiere Beobachtung erharten will. Man kann natiirlich nicht 
starker Materialist sein, als wenn man Spiritist ist. Der Spiri- 
tismus ist nur die Potenzierung des Materialismus, denn man 
will nicht nur behaupten, dafi es Materie gibt, oder vielleicht 
nur Materie gibt, sondern man will sogar behaupten, dafi der 
Geist so erscheine wie die Materie, das heifit selber nur Mate- 
rie sei. Es ist nur eben die letzte Phase, die letzte Konsequenz 
des Materialismus, was als Spiritismus auftritt. Wahre Gei- 
steswissenschaft erstrebt eben einen Aufstieg in die geistigen 
Welten, nicht ein Herunterziehen der geistigen Welten in die 
materiellen Vorgange. 

Dasjenige aber, was man, ich mochte sagen, als eine Stiitze 
fur ein seelisch Erlebtes durch die aufiere Sinneswelt hat, das 
hat man nun nicht, wenn man sich in der angedeuteten Weise 
hinauflebt in die geistigen Welten. Man mufi eine andere 
Stiitze haben. Man braucht etwas, was einem in derselben 
Weise Ruhe gibt dariiber, dafi man nicht im Leeren schwebt, 
dafi man nicht in den blauen Dunst hinein seelisch erlebt, 
man braucht etwas, an das man sich ebenso anlehnen kann, 



wie an die auftere Sinneswahrnehmung im gewohnlichen Le- 
ben. Und das, was man da braucht, kann wiederum nur 
durch die Entwickelung innerer Krafte kommen. Ich bitte, 
mich nicht miftzuverstehen. Ich meine nicht, daft diejenigen 
Krafte, die man im gewohnlichen Leben schon hat - man 
muft nur die Worte gebrauchen, die aus dem gewohnlichen 
Leben entlehnt sind daft die geniigend seien. Es miissen 
auch auf anderen Gebieten als auf dem des Denkens Krafte 
ausgebildet werden, damit man nicht nur zu Anschauungen, 
sondern zu im Sein wurzelnden Anschauungen kommt. Was 
aufterlich einem in der Sinneswahrnehmung die Beruhigung 
gibt, das ist ja, daft ein Sinn den anderen unterstiitzt. Wenn 
irgendeiner einen Gehoreindruck oder einen Gesichtsein- 
druck hat, so ist er noch immer nicht sicher, ob das nicht 
eine Halluzination ist. Er ist erst sicher, wenn ihn, ich 
mochte sagen, der Schwere-Sinn unterstiitzt, wenn ihm ein 
anderer Sinn zu Hilfe kommt, wenn dasjenige, was durch 
das Gesicht oder das Gehdr nicht geniigend verbiirgt werden 
kann, durch einen anderen Sinn mitverbiirgt wird. Und was 
ist es denn eigentlich, wodurch wir uns berufen fiihlen, ge- 
gemiber der sinnlichen Welt von Sein zu sprechen? 

Sie konnen verschiedenes erwagen. Ich miiftte stundenlang 
erkenntnistheoretisch sprechen - das kann ich natiirlich hier 
nicht -, wenn ich dasjenige, was ich kurz zusammenfassen 
will, auch erharten wollte. Aber dieses gilt, und Sie werden 
darauf kommen, wenn Sie die entsprechenden Gedanken 
verfolgen: Wir nennen in der Sinneswelt ein Ding wirklich, 
wenn es so auf uns wirkt, daft wir uns selber verleugnen 
miiftten, wenn wir das Ding verleugneten. Wenn Sie eine 
Glocke nicht nur schlagen horen, sondern sie auch beruhren 
konnen, sie auch sonst im Zusammenhange mit den Dingen 
finden, so miiftten Sie, wenn diese Wirklichkeit von Ihnen 
seelisch erlebt wiirde, sich selber ausloschen, wenn Sie nicht 



das aufiere Ding wirklich nennen konnten. Wir nennen ein 
aufieres Ding wirklich, wenn wir, ohne seine Wirklichkeit 
anzuerkennen, unsere eigene Wirklichkeit verleugnen miifi- 
ten. Sie sehen, es hangt innig dasjenige, was wir als Wirklich- 
keit bezeichnen, mit unserer eigenen Wirklichkeit zusam- 
men. Deshalb miissen wir auch aus unserer eigenen, aber 
jetzt geistig-seelischen Wirklichkeit die Krafte holen, die sich 
etwa vergleichen lassen mit einem Gegenstand, den ich an- 
greife und der sich durch die Schwere kundgibt. Wir miissen 
in unserem Inneren die Stutzkrafte suchen fur die Realitat 
der hdheren geistigen Welten, in die wir uns in der Art einle- 
ben, die ich Ihnen geschildert habe. Das kdnnen wir nur, 
wenn wir gewisse moralische Eigenschaften, die wir im ge- 
wohnlichen Leben eben behufs des ethischen Verhaltens ha- 
ben, weiter ausbilden. So wie wir die Denkkrafte verstarken, 
so miissen wir die moralischen Krafte verstarken. Es handelt 
sich nicht blofi darum, dafi man diese moralischen Krafte fiir 
das ethische Leben ausbildet, sondern es handelt sich darum, 
daft man diese moralischen Krafte wiederum verstarkt. 

Von zwei Arten mdchte ich Ihnen nur sprechen. Das erste 
ist, dafi dasjenige, was man moralischen Mut, was man Mut 
uberhaupt nennt im Menschen, ebenso intensiver gemacht 
werden mufi wie die Denkkrafte. Was wir an Mut in uns 
haben, es kann intensiver gemacht werden, wenn wir gerade 
das, was wir in der imaginativen Erkenntnis als eine Riick- 
schau in einem Tableau vor unsere Seele stellen, richtig be- 
trachten, richtig erleben. Da finden wir, dafi wir in unserem 
eigenen Leben, wenn wir in es untertauchen, einen hohereft 
Mut finden, eine starkere innere Muteskraft, als wir sie fiir 
das aufiere Leben, dem wir uns passiv hingeben, gewohnlich 
brauchen. Dieser Mut mufi erhoht werden. 

Und eine andere moralische Kraft mufi erhoht werden. 
Wahrend sich der Mut eigentlich auf das Gefuhlsleben be- 



zieht, eine gewisse innere Sicherheit darstellt, eine gewisse 
innere Kraft bildet, mussen wir in bezug auf den Willen et- 
was ausbilden, was dadurch entsteht, dafi wir zum Beispiel 
in ganz energischer Weise in bestimmten Zeitpunkten uns 
etwas vornehmen und dann mit eiserner Gewalt in einem 
spateren Zeitpunkte versuchen, die Bedingungen herbeizu- 
fiihren, urn dasjenige, was wir friiher uns vorgenommen ha- 
ben, auch wirklich auszufiihren. Solche Ubungen, ganz sy- 
stematisch, mufi der anthroposophische Geistesforscher 
auch machen. Er mufi die Impulse seines Willens von jetzt in 
Zusammenhang bringen innerlich mit den Impulsen, die vor 
Zeiten in ihm da waren. Im gewdhnlichen Leben ubergeben 
wir uns der Gegenwart. In dem Leben, das uns in hdhere 
Welten hinauffuhren soli, mussen wir eine innere Kontinui- 
tat des Willens vorstellen. Wir mussen selbst in der Lage sein, 
durch Jahre hindurch aus Absichten heraus in spaterer Zeit 
irgend etwas auszufiihren. Dadurch bilden wir eine starke 
Willens stiitze, eine starke Willensstromung, die wir selber in 
uns setzen. Es ist dies eine ganz besondere Selbstzucht. Wir 
machen uns nicht bloft von dem abhangig, was uns jetzt aus 
aufieren Anlassen, unseren Trieben und Instinkten oder viel- 
leicht selbst aus Idealen heraus zu irgendeinem Handeln 
treibt, sondern wir verbinden innerlich seelisch-geistig als 
Willensimpuls einen spateren Zeitpunkt unseres seelischen 
Lebens mit einem friiheren Zeitpunkte. Bilden wir im Ge- 
mute eine Erhohung des Mutes aus, bilden wir die Kontinui- 
tat der Willensimpulse aus, so dafi iiber die Zeit hiniiber un- 
sere Willensimpulse dauern, dann kommen wir dazu, indem 
wir in dieser Art, wie ich es geschildert habe, uns in die hohe- 
ren Welten hinauferheben, geradeso, wie wir es sonst der 
aufieren Sinneswelt gegeniiber tun konnen, auch die Wirk- 
lichkeit dessen, was wir dann wahrnehmen, zu konstatieren. 
Diese Wirklichkeit mufi aus innerlich verstarkten Kraften 



konstatiert werden konnen. Daher ist der Weg in die geisti- 
gen Welten nicht die Ausbildung einer einseitigen Erkennt- 
niskraft, sondern sie ist eine Ausbildung des ganzen Men- 
schen nach Denken, Fiihlen und Wollen, nach dem Erkennt- 
nisstreben, nach dem asthetischen Streben, nach dem ethi- 
schen Streben. Und es ist dieser Weg in die hoheren Welten 
zugleich eine religiose Versenkung, eine religiose Vertiefung 
des Menschen. 

Das ist das Wichtige, dafi wir uns klar sind dariiber, dafi in 
der neueren Zeit, ebenso, wie durch die Wissenschaft in vie- 
ler Beziehung Zweifel entstanden sind an den geistigen Wel- 
ten, auch durch die Wissenschaft wiederum diese geistigen 
Welten erobert werden miissen. Es ist eine Kurzsichtigkeit, 
zu glauben, dafi der Mensch dadurch, daft er mit ebenso be- 
sonnenem Bewulksein in die hoheren Geisteswelten auf- 
steigt, wie er mit seinen Sinnen an die Sinneswelt kommt, 
irgendwie das religiose Leben beeintrachtigen wiirde. Dieje- 
nigen, die in dieser Richtung Kritik iiben, die iiben gewohn- 
lich ihre Kritik aus dem Glauben heraus, dafi anthroposophi- 
sche Geisteswissenschaft auch nur zu einem Intellektualis- 
mus, zu einem Rationalismus komme. Das ist nicht der Fall. 
In diejenige Entwickelung des Denkens, die auf die angedeu- 
tete Weise errungen wird, fliefit der ganze Mensch nach Fiih- 
len, nach Wollen ein, und was die hier gemeinte Geisteswis- 
senschaft als Weg in die hoheren Welten vorzeichnet, das ist 
eine Entfaltung, eine Entwickelung des Vollmenschen. Und 
so wie auch im gewohnlichen Sinnesleben das Denken nur 
erscheint als eine Bliite aus dem Organismus heraus, so er- 
scheint auch die hohere Erkenntnis als eine Bliite des vollent- 
wickelten Menschen, der alle seine Krafte auf dem Wege in die 
hoheren Welten hinein harmonisch und intensiv ausbildet. 

Das blofie Denken auszubilden, fiihrt eigentlich nur zu 
einer Bilderwelt. Will man in dieser Bilderwelt die Wirklich- 



keit wahrnehmen, dann mufi man in der Weise, wie ich es 
angedeutet habe, auch das, was in der Moral als Mut, was in 
dem charaktervollen Leben als der Wille ist, der uns eigen 
bleibt, der durch die Zeit hindurch erscheint, ausbilden. 
Diese beiden und noch andere Krafte, die Sie in den Biichern, 
die angefiihrt wurden, lesen konnen, mussen verstarkt wer- 
den. Der ganze, der voile seelisch-geistige Mensch mufi in 
jene anderen Welten hinaufgefuhrt werden, in denen der 
Mensch lebt, bevor er hier von den physischen Kraften kon- 
zipiert wird, zum physischen Erdenleben iibergeht, oder in 
denen er lebt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen 
ist. Will man zu diesem Leben erkennend aufsteigen, will 
man sich die Anschauung der iibersinnlichen Welten errin- 
gen, dann rmifi man den ganzen seelisch-geistigen Menschen 
dahin fuhren, nicht bloft irgend etwas, was theoretisch sich 
ergehen will in diesen Welten. Dadurch aber ist diese anthro- 
posophische Geisteswissenschaft auch befruchtend fur das 
gesamte Leben. Diese anthroposophische Geisteswissen- 
schaft will nicht in irgendeiner abstrusen Mystik den Men- 
schen weltfremd machen, sie will ihn gerade ins praktische, 
ins wahrhaft praktische Leben einfiihren. Und daher wirkt 
sie befruchtend auf Wissenschaft, auf Kunst, auf das soziale, 
auf das religiose Leben, kurz, auf die verschiedensten Ge- 
biete des Lebens. Dariiber kann ich nur noch einige Andeu- 
tungen machen. 

Wenn man das erkennt, was ich vorhin das Lebenstableau 
der Ruckschau genannt habe, das ein Bildekrafteleib, der 
aber in der Zeit abfliefk, ist, dann schaut man auch an, wie 
der menschliche physische Leib aus diesem Kraftesystem 
heraus entsteht, wie er sich bildet. Es ist ja nur ein aufierer 
Schein, wenn wir sprechen vom Herzen, von der Lunge und 
so weiter. In Wahrheit ist das Herz ein ProzelS, und die au- 
fiere raumliche Gestalt ist nur der im Augenblicke festgehal- 



tene Prozefi. So ist es mit jedem Organ. Wir konnen das, was 
im Augenblick als Gestalt festgehalten ist, erkennen. Aber 
wir konnen das nicht erkennen, was der fortfliefiende Le- 
bensprozefi ist, aus dem Gesundheit und Krankheit hervor- 
gehen, wenn wir uns nicht zur Erkenntnis der iibersinnlichen 
Bildekrafte des Leibes aufschwingen. Daher kann Medizin, 
namentlich die Therapie, eine wesentliche Befruchtung aus 
der Geisteswissenschaft erfahren, und wir haben sowohl in 
Stuttgart wie in Dornach bereits aus den Anregungen der 
Anthroposophie heraus klinisch-therapeutische Institute er- 
richten konnen, welche dasjenige fruchtbar machen sollen 
fur die kranke Menschheit, was aus der Geisteswissenschaft 
in anthroposophischer Orientierung gewonnen werden 
kann. Und in mancher anderen Beziehung kann Geisteswis- 
senschaft das Leben befruchten. Wir haben in Dornach, als 
wir eine Hochschule fur Geisteswissenschaft errichten woll- 
ten, nicht einen beliebigen Rahmen schaffen konnen. Was da 
vorlag, als die Freunde unserer anthroposophischen Weltan- 
schauung in der Hochschule fur Geisteswissenschaft einen 
Bau auffiihren wollten, war etwas ganz Besonderes. Ich 
mochte es mit einem Vergleich charakterisieren. 

Nehmen Sie einmal an: eine Nufi mit einer Schale. Wenn 
Sie unbefangen denken, so werden Sie sich sagen: Die Schale 
der Nufi mufi in ihrer Form gerade so sein, wie sie eben ist, 
weil die Nufi so ist, wie sie ist. Die Schale gehort zur Nufi. 
Wenn man heute irgend etwas geistig begriindet in ahnlicher 
Art, wie das, was in der anthroposophischen Bewegung gei- 
stig leben will, und man in der Lage ist, einen Bau aufzufuh- 
ren, so geht man eben zu einem Baumeister, der einem in 
diesem oder jenem Stil einen Bau auffuhrt, womoglich 
irgend etwas, was zu dem darin Befindlichen gar nicht palk, 
wie eine Nuftschale, die der darin befindlichen Nufi gar nicht 
angepaftt ware. Weil Anthroposophie nicht etwas blofi 



Theoretisches, etwas blofi im Worte Lebendes sein will, 
konnte die anthroposophische Bewegung auch gegenuber ih- 
rer Umrahmung nicht so vorgehen. In Dornach mufi dasje- 
nige, was vom Podium aus erklingt, was von der Biihne aus 
gespielt wird, was an Kunstlerischem vor die Menschen 
durch das Wort oder durch die Bewegungen auf die Buhne 
tritt, genau denselben inneren Wesensstil haben wie dasje- 
nige, was von den Wanden spricht, wie das, was au£en als 
auftere Architektur dem Menschen entgegen tritt. So wie die- 
selben Wachstumskrafte, welche die Nufi gestalten, auch die 
Nufischale gestalten, so mufite dasjenige, was in der Anthro- 
posophie im Worte lebt, auch kunstlerisch die Umrahmung 
in einem neuen Baustil geben. Es war also durchaus orga- 
nisch begriindet, dafi in Dornach ein neuer Baustil auf- 
tauchte, der eben nichts anderes ist, als das aufierlich Sicht- 
bare fur das, was sonst geistig-seelisch auch im Worte lebt. 
Man wird das, was Anthroposophie unserer Zeit sein will, 
eben gerade dadurch einsehen konnen, dafi sie in dieser 
Weise befruchtend auch ins kunstlerische Leben hinein- 
wirkt. Und in unserer Eurythmie, die erst im Anfange ist, 
haben wir eine menschliche Bewegungskunst geschaffen, wo 
nicht ein Tanz, nicht eine Pantomime vorliegt in den sich 
bewegenden einzelnen Menschen oder Menschengruppen, 
sondern wo das, was da in Bewegungsformen auftritt, eine 
ebenso gesetzmaftige Sprache ist wie die Lautsprache, oder 
ein sichtbarer Gesang ist, wie sonst der Gesang in Tonen 
gehort werden kann. Was als Eurythmie auftritt, das ist 
durchaus aus der geistig-seelisch-leiblichen Gesetzmafiigkeit 
des Menschen herausgeholt. 

So konnten wir nach den verschiedensten kunstlerischen 
Richtungen hin befruchtend mit Anthroposophie wirken. 

In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» ist versucht 
worden, zu den grofien sozialen Problemen der Gegenwart 



von anthroposophischem Standpunkt aus Stellung zu neh- 
men. Wer da bedenkt, daft man es im sozialen Leben eben 
mit dem ganzen Menschen zu tun hat, nicht bloft mit dem, 
was man durch rationelle Wissenschaft etwa im Marxismus 
oder ahnlichem erreichen kann, der wird zugeben, daft dasje- 
nige, was eindringt in die hoheren Geisteswelten, auch ein- 
dringen kann in die Gesetze des sozialen Zusammenlebens 
der Menschen, denn diese Gesetze sind eben seelisch-geistige 
Gesetze der hoheren Welten. Sie konnen uns auch zu solchen 
Gesetzen fuhren, welche die Menschen zu einem befriedi- 
genden sozialen Zusammenleben bringen konnen. Denn 
Geistiges ist es, was die Menschen in der Sozietat vereinigt, 
und was sie physisch vereinigt, ist eben nur herausgestaltet 
aus dem Geistigen. Daft man dieses vergessen hat, das ist in 
vielem der Grund fur unsere furchtbare Katastrophe, fur un- 
sere vorhandenen Niedergangskrafte. Mit dem Geiste muft 
sich die Menschheit wiederum durchdringen. 

Weiter hat befruchtend wirken konnen Anthroposophie 
in Erziehung, Padagogik. In der von Emil Molt in Stuttgart 
begriindeten Waldorfschule wird auf den werdenden Men- 
schen, auf das Kind angewendet, was als wirkliche Men- 
schenerkenntnis vor der anthroposophischen Forschung auf- 
tritt. Die Wege, die uns in hohere Welten hineinfuhren, die 
bringen uns auch dazu, von Jahr zu Jahr, von Woche zu 
Woche, dasjenige im Menschenkinde, das heranwachst von 
seiner Geburt bis zur Geschlechtsreife, zu schauen, was sich 
das Kind mitgebracht hat aus den hoheren geistigen Welten, 
was der Erzieher, der Unterrichtende, hervorzaubern muft. 
Ich kann das seiner Richtung nach nur andeuten. Das alles 
ist im einzelnen zu einer padagogischen Kunst in der Wal- 
dorfschule auszubilden versucht worden. Damit sind nur 
Beispiele geliefert, wie fur die verschiedensten Gebiete des 
Lebens Anthroposophie anregend wirken will. 



Fur das religiose Leben, sagte ich schon, kann Anthropo- 
sophie belebend wirken deshalb, weil sie wissenschaftlich 
hinfuhrt zu den hdheren Welten, weil sie zeigt, wie dasje- 
nige, was der Mensch im verganglichen Erdendasein als sich 
Gestaltendes, aber nicht durch das gewohnliche Erkennen 
durchschaubares Ewiges tragt, in seiner wahren Gestalt, in 
seinem Eigenen in den iibersinnlichen Welten sich ausnimmt. 
Dort kann es hoheres Schauen wahrnehmen. Hier ist es ver- 
borgen, weil es, indem es in die Geburt eintritt, aufgesogen 
wird von der physischen Gestaltung. Indem am Materiellen 
das Geistige arbeitet, wird es fur das gewohnliche Erkennen 
unsichtbar. Darum ist es aber nicht unlebendig. Es ist nur 
verborgen im Materiellen. Im Materiellen ist das Geistige zu 
erkennen- Dazu sollen die Wege, die von der Anthroposo- 
phie eroffnet werden wollen in die iibersinnlichen Welten, 
die Mittel bedeuten. 

Anthroposophie will eben deshalb nicht etwas sein, was 
den Menschen asketisch von der gewohnlichen Welt weg- 
fuhrt, sondern sie will so zum Geistigen, zu iibersinnlichen 
Welten die Wege eroffnen, dafi der Mensch mit diesem Gei- 
stigen das materielle, das praktische Leben wieder gestalten 
kann. Das ist ja das Wichtige, daft wir den Geist als ein Schaf- 
fendes erkennen. Derjenige Geist ware schwach, der un- 
schopferisch nur erlebt wiirde iiber dem Materiellen. Es gibt 
sehr viele Menschen, die sagen: Ach, das Materielle dieser 
Welt, das ist etwas Niedriges; dariiber mufi man sich erhe- 
ben. Das Materielle muE man verlassen, um zu hohem Gei- 
stigem zu kommen. - Man mufi allerdings vieles iiberwin- 
den, um zu der Erkenntnis dieses Geistigen zu kommen. 
Aber wenn man in Liebe dieses Geistige erreicht hat - und 
man kann es nur erreichen in Liebe und in religioser From- 
migkeit und Inbrunst, denn die Entwickelung der morali- 
schen Fahigkeiten, von der ich auch gesprochen habe, fuhrt 



dazu, in Liebe in die iibersinnlichen Welten einzudringen — , 
dann hat man dieses Ubersinnlich-Geistige an das Materielle 
angenahert. Denn nicht das ist das starke Geistige, was das 
Materielle flieht, sondern das ist das starke Geistige, was das 
Materielle gestaltet, was im Materiellen praktisch geistig wir- 
ken kann. Das auf der einen Seite. 

Auf der anderen Seite darf ich Ihnen vielleicht zum Schlufi 
gerade an diesem Orte das eine sagen, dafi die anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die 
Wege in die iibersinnlichen Welten hinein so gestaltet, dafi 
das, was gefunden wird auf diesen Wegen, nicht fernsteht 
den gewohnhchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen 
und ihren Wirksamkeiten, sondern daft es sie durchdringt als 
eine geistig-seelische Kraft selber. Wie der Mensch dadurch 
ein Vollmensch ist, daft er in seinem Leiblich-Physischen 
hier auf der Erde steht, dieses Leiblich-Physische aber ein 
Geistig-Seelisches in sich tragt, so ist auch Wissenschaft nur 
im vollen Sinne des Wortes Vollwissenschaft, wenn sie nicht 
blo£ ein Wissen, eine Erkenntnis von der aufSeren materiel- 
len Wirklichkeit ist, sondern wenn sie dieses Wissen mit dem 
anderen Wissen, mit dem Wissen von den geistigen Welten 
durchziehen kann. Deshalb mochte anthroposophische Gei- 
steswissenschaft sich so in die andere Wissenschaft hinein- 
stellen, daft sie im Grunde genommen dem von der Natur 
und dem Wesen sowohl des Menschen wie des Kosmos Ge- 
forderten entspricht. So wie der Mensch in sich tragen muE 
Geist und Seele in seinem materiellen Leben, so mufi eine 
wirkliche Geisteswissenschaft, welche wahre, ehrliche Wege 
in die ubersinnlich-geistigen Welten eroffnet, selber der 
Geist und die Seele der gewohnlichen, der materiellen Wis- 
senschaft werden. Und so wie der Geist und die Seele im 
Menschen nicht wider den Leib streiten, nicht wider den 
Korper sich auflehnen, sondern mit ihm im vollen Einklang 



stehen sollen, so mufi in vollem Einklang stehen mit der 
wahren, ehrlichen Natur- und Geschichtserkenntnis dasjeni- 
ge, was anthroposophische Geisteserkenntnis ist. 



GRUNDLAGEN DER ANTHROPOSOPHIE 



Kristiania (Oslo), 28. November 1921 



In drei Vortragen denke ich Ihnen einen Uberblick zu geben 
iiber das, was Anthroposophie zu sagen hat iiber den Men- 
schen und iiber das Verhaltnis des Menschen zur Welt. Dies 
sind ja ohne Zweifel die beiden bedeutendsten Fragegebiete 
fur alle menschliche Anschauung: die Welt und der Mensch. 
Sie schliefien im Grunde genommen sowohl jede kleinste wie 
jede grofite wissenschaftliche und Lebensfrage ein. Es liegt 
nun in der Natur der Aufgabe, dafi ich mich darauf zu be- 
schranken haben werde, zu sagen, was iiber diese beiden Fra- 
gegebiete innerhalb der anthroposophischen Horizonte liegt, 
das also, was sich bezieht auf die grofien Lebensfragen des 
menschlichen Daseins, welche iiber die sinnliche Erkenntnis 
und iiber das Feld der gewohnlichen Wissenschaft hinaus- 
gehen. 

Man kann nicht leugnen, dafi in bezug auf den Menschen, 
in bezug auf Selbsterkenntnis des Menschen eine derjenigen 
Fragen gegeben ist, welche den Menschen selbst am tiefsten, 
am intensivsten beriihren muft. Denn der Mensch muft, um 
Sicherheit im Leben zu haben, um einen festen Standpunkt 
im Leben zu haben, eine Anschauung seiner eigenen Wesen- 
heit haben. Und der Mensch hat, das darf wohl gesagt wer- 
den, jederzeit auch nach Welterkenntnis gesucht, denn er 
weilS, dalS das, was in den Geheimnissen der Weltentwicke- 
lung eingeschlossen ist, zusammenhangt mit seinem eigenen 
Wesen, dafi er vor alien Dingen iiber das letztere, iiber das 
eigene Wesen nur etwas wissen kann, wenn er erkennt, was 
die Welt, der er einmal angehort, ihm zu geben vermag. Nun 



kann man auch nicht leugnen, daft in der Gegenwart ein reges 
Interesse vorhanden ist fur alles, was in bezug auf Menschen- 
erkenntnis und Welterkenntnis iiber die gewohnliche Sinnes- 
wissenschaft hinausgeht, und wir sehen zahlreiche Versuche, 
iiber diese gewohnliche Wissenschaft hinauszugehen, um zu 
erforschen, was jenseits von Geburt und Tod liegt, was jen- 
seits desjenigen liegt, was man durch die gewohnliche Sin- 
nesbeobachtung und durch den auf diese Sinnesbeobachtung 
gestiitzten Verstand ergriinden kann. Wir sehen ja in der 
neueren Zeit gerade wissenschaftlich forschende Menschen 
in der mannigf altigsten Weise bemuht, iiber die gekennzeich- 
neten Gebiete hinauszugehen, und ich mochte einleitungs- 
weise wenigstens markante Anschauungen gegenwartiger 
Forscher erwahnen, welche beweisen, daft ein reges Interesse 
fur Fragen, wie die in meinen drei Vortragen zu behandelnden, 
vorhanden ist, daft es aber auch aufterordentlich schwierig 
ist, selbst den in der gewdhnlichen Wissenschaft ganz gut be- 
wanderten Personlichkeiten, in das Gebiet des Geistigen, des 
Seelischen einzudringen. Ich mochte nicht im Abstrakten her- 
umreden, mochte gleich von konkreten Beispielen ausgehen. 

Ein deutscher Forscher, der sich viel damit beschaftigt hat, 
zu sehen, wie die iibersinnliche Natur der Seele als solche zu 
erforschen ist, wie die iibersinnliche Natur der Seele auf die 
sinnliche Natur des Leibes wirkt, hat aus seiner arztlichen 
und sonstigen Naturforschererfahrung heraus manches Bei- 
spiel von der Wirkung der Seele, des zweifellos Seelischen 
auf die menschliche Korperlichkeit gegeben, und ein eklatan- 
tes Beispiel, das dieser Arzt und Forscher Schleich, der mir 
auch personlich sehr gut bekannt ist, in einem seiner Bucher 
erwahnt, ist das folgende. Er stellt dar, wie in furchtbarer 
Aufregung ein Patient zu ihm kam, der in seinem Biiro wah- 
rend des Tages sich ein wenig die Haut mit der tintigen Feder 
geritzt hatte. Es war, wie der Arzt konstatieren konnte, eine 



aufierordentlich leichte, unbedeutende Verwundung. Aber 
der Patient war von der Wahnidee befallen, da& er sich eine 
Blutvergiftung durch diesen Stich mit der tintigen Feder zu- 
gezogen habe, und dafi er unbedingt sterben miisse, wenn 
ihm die Hand nicht abgenommen, amputiert wiirde, und er 
bat, so schnell als moglich die Hand, den Arm amputiert zu 
bekommen. Der Arzt konnte ihm nichts anderes sagen als, 
er solle nur ruhig sein, die Sache werde in ein paar Tagen 
voriiber sein und er habe gar nichts zu befurchten. Selbstver- 
standlich konnte eben der Arzt unter voller Verantwortung 
nichts anderes als dieses sagen. Er konnte ihm doch nicht 
den Arm wegschneiden. Der Betreffende aber gab sich nicht 
damit zufrieden, ging zu einem anderen Arzt, der ihm das- 
selbe sagte, der ihm den Arm natiirlich auch nicht abschnitt. 
Aber etwas angstlich, weil mit den menschlichen Gemiitszu- 
standen sehr gut bekannt, war Schleich doch, und er erkun- 
digte sich am nachsten Morgen nach dem Patienten, und 
siehe da: der Patient war gestorben! Die Autopsie ergab 
nichts von irgendeiner bemerkbaren inneren Blutvergiftung 
oder dergleichen. Es konnte gar keine Rede davon sein. Aber 
der Patient war gestorben. Schleich fugt zu diesem Fall, den 
er erzahlt, hinzu: Tod durch radikale Autosuggestion. Der 
Betreffende habe sich eingebildet, er miisse sterben; das war 
eine au£erordentlich radikale Autosuggestion, und der Be- 
treffende ist wirklich unter dem Einflufi dieser Autosug- 
gestion gestorben. 

So sagt ein Forscher, der immerhin mit alien naturwissen- 
schaftlichen Methoden, mit alien medizinischen Methoden 
sehr gut bekannt ist. Er berichtet diesen Fall, um daran zu 
erharten, welche Macht etwas rein Seelisches, also ein Ge- 
danke, der gefafit wird, auf den Verlauf von Korperprozes- 
sen haben konne: bis zum Herbeifuhren des Todes. So meint 
Schleich. 



Schleich bringt eine ganze Menge anderer Falle als Bei- 
spiele, die weniger markant und radikal sind, um zu bewei- 
sen, dafi tatsachlich eine Moglichkeit vorhanden ist, hinzu- 
schauen auf das in Gedanken, in Empfindungen, in Gefiih- 
len, Willensimpulsen lebende Seelenwesen, das durch die ei- 
gene Kraft nun wirken kann auf das Korperliche. Also es soli 
sozusagen dargestellt werden die Wirkung des Ubersinn- 
lichen auf das Sinnliche. 

Ein anderer Fall, der von einem viel bedeutenderen Natur- 
forscher erzahlt wird, von Oliver Lodge, ist der folgende: 
Oliver Lodge hat ja seinen Sohn Raymond im Weltkriege 
verloren. Der Betreffende ist an der belgisch-deutschen 
Grenze gef alien, und Sir Oliver Lodge - er hat ja schon seit 
langem hingeneigt dazu, eine Briicke zu bauen von Sinnlich- 
Naturwissenschaftlichem zu Ubersinnlichem - wurde durch 
diesen Fall, durch den Verlust seines geliebten Sohnes, ja 
noch personlich aufierordentlich stark getroffen. Und durch 
allerlei Veranstaltungen, die an ihn herantraten, die hier 
nichts zur Sache tun, die ich daher auch nicht zu erzahlen 
brauche, wurde er dazu geftihrt, die mediale Kraft einer Per- 
sdnlichkeit dazu zu beniitzen, mit der abgeschiedenen Seele 
seines Sohnes Raymond Lodge in Verbindung zu treten. 

Nun, wenn in gewohnlichen Spiritistenkreisen ein solcher 
Fall auftaucht, braucht man ihn nicht besonders ernst zu 
nehmen, denn man weift ja, wie unkritisch da verfahren wird, 
und wie laienhaft gegeniiber den naturwissenschaftlichen 
Untersuchungsmethoden iiber solche Falle, iiber solche 
Dinge in solchen Kreisen geurteilt und geforscht wird. Aber 
man mufi die Sache ernster nehmen, wenn man es zu tun hat 
mit einem der grofiten Naturforscher der Gegenwart, mit 
jemandem, der durchaus auf dem Gebiet aufierer naturwis- 
senschaftlicher Forschung grundlich bewandert ist, der die 
naturwissenschaftliche Methode kennt. Und aus diesem 



Grunde ist es auch, dafi das Buch, welches Sir Oliver Lodge 
geschrieben hat iiber den Geistverkehr mit seinem Sohne 
Raymond Lodge, einen so grofien Eindruck gemacht hat. 
Wenn man das Buch liest, so hat man ohne weiteres sogleich 
das Gefuhl: Man hat es hier zu tun mit einer Personlichkeit, 
welche nicht leichtsinnig, nicht ohne wissenschaftliche Ver- 
antwortung und Gewissenhaftigkeit an die Untersuchung 
solcher Dinge herangeht. Und auch in den anderen Dingen, 
die ich hier nicht erzahlen will, sieht man iiberall, dafi Oliver 
Lodge auf dieses Gebiet dieselbe Denkweise anwendet, die- 
selbe wissenschaftliche Methode, die er gewohnt ist, im phy- 
sikalischen Laboratorium anzuwenden. Das Reale, das er 
nun erzahlt und das, wie man ja sagen kann, mit Recht einen 
gro£en Eindruck hervorgerufen hat bei all denen, die das 
Werk von Sir Oliver Lodge lasen, das ist das Folgende. 

Durch das betreffende Medium wurden Oliver Lodge und 
einige andere Personlichkeiten, die bei den Versuchen dabei 
waren, darauf aufmerksam gemacht, wie sein Sohn, das heilk 
die Seele, der Geist seines Sohnes ihm berichten will von 
einer Szene, die sich kurz vor dem Tode an der belgisch- 
deutschen Grenze zugetragen hat, und es wurde durch das 
Medium erzahlt, daft sich Raymond Lodge photographieren 
liefi, und dieser Akt des Photographierens wurde mit einer 
besonderen Ausfuhrlichkeit auf medialem Wege erzahlt. Es 
wurde ausdriicklich gesagt: Es wurden zwei Aufnahmen ge- 
macht, und diese zwei Aufnahmen wurden beschrieben, und 
es wurde hingedeutet darauf, daft auf der zweiten Aufnahme 
die ganze Stellung des Sohnes von Oliver Lodge etwas anders 
ist als auf der ersten Aufnahme. In der Zeit, als diese media- 
len Mitteilungen in London durch das Medium gemacht 
worden sind - und von Sir Oliver Lodge wird es so darge- 
stellt, daft man wirklich sieht, er braucht, ich betone das im- 
mer wieder, alle wissenschaftlichen Vorsichtsmafiregeln — , in 



der Zeit, in der der Versuch angestellt wurde, wuftte niemand 
in London etwas von den Photographien oder von dem Akt 
der photographischen Aufnahme. Es konnte also, so meinte 
Lodge, nachdem er alles gepriift hat, die Mitteilung, wenn 
sie wahr ist, nur von dem toten Sohne selber kommen. Und 
siehe da, nach etwa zwei oder drei Wochen kamen die Photo- 
graphien wirkJich nach London, die vorher niemand gekannt 
hat. Sie waren so, wie sie durch das Medium, beziehungs- 
weise also nach dem Glauben von Sir Oliver Lodge durch 
die Seele seines Sohnes beschrieben waren. Darinnen konnte 
auch ein Naturforscher zunachst, man mochte sagen, em ex- 
perimentum crucis sehen. Es konnte eben niemand die Pho- 
tographien in London gesehen haben. Und es stellte sich her- 
aus, daft die Mitteilung bis auf den Grad hin genau war, daft 
tatsachlich zwei Aufnahmen gemacht waren, und die zweite 
Aufnahme hatte die andere Haltung. Der Photograph hatte 
die Aufnahme gemacht in der Gruppe, innerhalb welcher 
Raymond Lodge war, und sie bei der zweiten Aufnahme et- 
was anders gesetzt, und das war nun ganz genau wirklich 
beschrieben worden. Man hat nicht den geringsten Grund, 
bei einem gewissenhaften Naturforscher an dieser mitgeteil- 
ten Tatsache irgendwie zu zweifeln. 

Nun, ich habe Ihnen zwei radikale Falle dargestellt, die 
zeigen, wie aus der Sehnsucht, der Erkenntnissehnsucht von 
durchaus ernsten wissenschaftlichen Personlichkeiten in un- 
serer Gegenwart das Streben entsteht, vom Menschen mehr 
kennenzulernen, als die auftere sinnliche Forschung geben 
kann. 

Wer vom anthroposophischen Gesichtspunkte sprechen 
will, und wer tiber die Grundlagen der anthroposophischen 
Forschung berichten will, der ist heute schon einmal geno- 
tigt, darauf aufmerksam zu machen, daft diese Methoden an- 
throposophischer Forschung doch noch andere sind als die- 



jenigen, die selbst von so ernst zu nehmenden Personlichkei- 
ten heute geiibt werden. Denn diese Grundlagen - ich hoffe, 
daft das durch die drei Vortrage, die ich hier zu halten habe, 
nach alien Seiten hin klar wird — , diese Grundlagen anthro- 
posophischer Forschung sollen, selbst solchen kritischen 
Geistern gegeniiber, noch kritischer, noch gewissenhafter in 
bezug auf wissenschaftliche Denkweise und Gesinnung sein. 
Und wer es nun wagt, selbst gegeniiber solchen Personlich- 
keiten Kritik zu iiben, der ist vielleicht erst berufen, daruber 
zu urteilen, auf einer wie viel grofteren Sicherheit, als selbst 
die gewissenhaftesten Naturforscher der Gegenwart, An- 
throposophie, die man so leicht der Phantastik zeiht, bauen 
will. Und um gerade auf das Kritische, auf das im ernsten 
Sinne Wissenschaftliche der anthroposophischen Grundla- 
gen hier hinzuweisen, will ich das nun vorbringen, was gegen 
die wissenschaftliche Ausdeutung, die in beiden Fallen hier 
von angesehenen Personlichkeiten gegeben wird, doch kri- 
tisch sich einwenden laftt. Ich gehe heute von diesen Dingen 
aus, weil gerade mit Bezug auf mein heutiges Thema man- 
ches ja vorausgenommen ist durch meine beiden letzten Vor- 
trage, so daft Wesentliches wohl fur die meisten der hier ver- 
sammelten verehrten Zuhorer in diesen beiden Vortragen 
schon gesagt worden ist, und ich will daher das Gesagte von 
einem anderen Gesichtspunkte aus kurz beleuchten. 

Schleich gegemiber mit seinem Tod durch Autosuggestion 
mufi folgendes eingewendet werden. Ich bitte zunachst das 
so aufzufassen, dafi ich nur einen kritischen Einwand mache, 
wie die Sache auch sein konnte! Nehmen wir einmal an, die 
betreffende Personlichkeit, die sich die tintige Feder in die 
Hand gestochen hat und glaubte, an Blutvergiftung zu lei- 
den, hatte doch einen innerlichen Defekt gehabt, der einen 
schnellen Tod in der nachsten Nacht einfach durch naturli- 
che Ursache herbeifuhren mu£te. Solche plotzlichen Tode 



gibt es ja. Aber auf der anderen Seite weifi jeder, der sich im 
Ernste bekanntmacht mit dem, was immerhin an einer Ver- 
starkung, an einer Intensivierung der menschlichen Erkennt- 
niskrafte geleistet werden kann in dem Sinne, wie ich das in 
den letzten Tagen versuchte auseinanderzusetzen, dafi ge- 
wisse unbestimmte Gemiitskrafte durch abnorme Zustande, 
man kann durchaus sagen, durch abnorme pathologische Zu- 
stande, zu einer besonderen Hohe getrieben werden konnen. 
Und die Falle sind ja durchaus vorhanden und wiederum im 
kritischen Sinne so in der Literatur verzeichnet, dafi sie jeder 
nachprufen kann, wo immerhin der Wille des Menschen - 
wir werden gleich nachher sehen, wie das moglich ist — sich 
umgestaltet, metamorphosiert zu einer gewissen Erkenntnis- 
kraft. Und weil der Wille des Menschen in die Zukunft ge- 
richtet ist, kann er, durch gewisse pathologische Voraus- 
setzungen bedingt, das, was sich aus dem ganzen menschli- 
chen Zusammenhang heraus fur die Zukunft eines Menschen 
vorbereitet, unter Umstanden vorausahnen. Ob man das nun 
Ahnungen nennt oder wie man es nennen will, das ist gleich- 
giiltig. Und es ist durchaus in das Gebiet des Tatsachlichen 
zu rechnen, dafi Menschen in pathologischen Zustanden, die 
leichter Art sind, so dafi sie nicht gerade als Krankheit zum 
Vorschein kommen, sagen wir, vorausahnen, wie sie in vier- 
zehn Tagen - sie sehen es im Bilde - vom Pferde stiirzen 
werden. Alle Vorsichtsmafinahmen helfen nichts, weil sie ja 
die begleitenden Umstande doch nicht wahrnehmen. Sie ha- 
ben einfach das vorausgeahnt, was in der Zukunft eintreten 
wird. 

Kritisch ist nun einzuwenden von dem, der wirklich die 
geistigen Verhaltnisse des Menschen in ihrer Intensivierung 
kennt, dafi ja bei dem betreffenden Patienten des Schleich 
einfach das vorgelegen haben kann, was seinen Tod in der 
nachsten Nacht bewirkte, und er vorher eine innere Ahnung 



hatte von diesem eintretenden Tode. Solche innere Ahnung 
braucht nicht zum Bewufitsein zu kommen, kann durchaus 
im Unterbewufiten bleiben. Aber ihre Wirkung auf das Be- 
wufitsein kann sie aufiern durch das, was man nennt: Man 
wird nervos, man wird zappelig, man tut allerlei Dinge, die 
uniiberlegt sind. Und es konnte durchaus das Stofien der tin- 
tigen Feder in die Hand unter dem Einflufi der Nervositat, 
die von dieser Ahnung kam, gekommen sein, so dafi der Be- 
treffende einfach innerlich unbewufit wufite - wenn ich mich 
des Paradoxons bedienen darf - er werde sterben. Aber er 
kleidete das nicht in die Behauptung, dafi er seinen Tod ahne, 
sondern er wurde nervos, stiefi sich die Feder in die Hand 
und kleidete das in die Behauptung, er werde an Blutvergif- 
tung sterben. Es handelte sich dann nicht urn einen Tod 
durch Autosuggestion, sondern darum, dafi der Betreffende 
eine innere Ahnung hatte von seinem kommenden Tode, und 
alles, was er unternahm, aus seiner Ahnung heraus unter- 
nahm. Wenn die Sache so ist, dann verwechselt Schleich ein- 
fach Ursache und Wirkung, dann liegt eben nicht eine Auto- 
suggestion in der Weise vor, wie Schleich es annimmt, dafi 
der bewufite Gedanke irgendwo suggestiv den Tod bewirkt 
habe, sondern dann liegt das vor, dafi der Tod unter alien 
Umstanden eingetreten ware, dafi aber die Todesahnung den 
Betreffenden zu seinen Forderungen gebracht hat. Sie sehen, 
man kann sich schon kritisch auch zu solchen Dingen verhal- 
ten, wenn man bekannt ist mit dem, was eben durchaus auch 
mdglich ist: das Heraufdammern von gewissen unterbewuft- 
ten Zustanden, die in der Seele immer vorhanden sind, in das 
Bewufitsein, aber in maskierten Zustanden. Vieles von dem, 
was sich im Bewufitsein aufiert, ist eigentlich in anderer 
Form in den unbewufiten Tiefen der Menschenseele vorhan- 
den und wird nur vom Bewufitsein anders ausgelegt. 

Nehmen wir den andern Fall von Sir Oliver Lodge. Sie 



werden wahrscheinlich alle das kennen, was man « second 
sight», das zweite Gesicht, nennt. Da kann durchaus durch 
eine Intensivierung der menschlichen Erkenntniskrafte der 
Mensch etwas schauen, was er eben durch seine gewohnli- 
chen gesunden Sinne nicht schauen kann. Da kann in einer 
gewissen Weise der Mensch schauen, wie es nicht den sonsti- 
gen Bedingungen des Raumes, in den er eingespannt ist, ent- 
spricht, und da kann der Mensch in einer gewissen Weise 
Raum und Zeit mit seinem Wahrnehmungsvermogen iiber- 
winden. Nun, hieraus ergibt sich der kritische Einwand, 
selbst gegen die Gewissenhaftigkeit von Sir Oliver Lodge. 
Denn immerhin braucht Sir Oliver Lodge dieses Experimen- 
tum crucis, um zu beweisen, daft kein anderer, als die Seele 
seines Sohnes aus dem Jenseits mit ihm gesprochen haben 
konne. Aber derjenige, der weilS, wie fein und intim gerade 
dieses « second sight» wirkt, wie sich durch die Intimitaten 
dieser Art von Wahrnehmung Raum und Zeit unter gewissen 
abnormen Umstanden - wie sie ja bei einer medialen Person- 
lichkeit immer vorhanden sind, wenn auch meistens nicht 
zum Heile dieser medialen Personlichkeit - uberwinden las- 
sen, der weifi auch, daft das bis zu dem Grade gehen kann, 
den man in der folgenden Art charakterisieren kann. 

Die beiden Bilder sind jedenfalls vierzehn Tage oder drei 
Wochen spater in London angekommen. Diejenigen Perso- 
nen, die bei der Mediumssitzung waren, hatten ihre Augen 
auf diese Bilder gerichtet. Es war eine Zukunftstatsache, daft 
Sir Oliver Lodge selber und seine Verwandten diese Bilder 
ansahen. Und diese Zukunftstatsache, die brauchte einfach 
durch eine Art zweiten Gesichts das Medium zu interpretie- 
ren. Wenn dies der Fall war, kann man nicht mehr sprechen 
von einem Hereinleuchten des Ubersinnlichen der Seele des 
Raymond Lodge in die Experimentierstube von Sir Oliver 
Lodge; dann hat man es in diesem Falle zu tun mit etwas, das 



durchaus im Bereich des Irdischen sich abspielt, einfach mit 
einem Zukunftsehen, das ja auch iiber das gewdhnliche 
Wahrnehmungsvermogen hinausgeht, das aber mcht berech- 
tigt, anzunehmen, dafi die jenseitige Seele sich herein in das 
Sitzungszimmer geauftert habe. 

Ich erwahne diese beiden Falle und die kritischen Ein- 
wande, um ein Gefiihl davon hervorzurufen, wie vorsichtig 
und wie durchaus kritisch die Denkweise der anthroposo- 
phischen Geistesforschung ist. Denn diese anthroposophi- 
sche Geistesforschung geht zunachst iiberhaupt gar nicht aus 
- das haben ja schon meine beiden letzten Vortrage gezeigt - 
von abnormen Erscheinungen, sondern sie geht aus von dem 
durchaus normalen Menschenleben, von dem, was als Er- 
kenntniskrafte, als Willenskrafte, als Gefuhlskrafte im nor- 
malen menschlichen Leben da ist. Und diese Krafte will an- 
throposophische Forschung zum Behufe der Erkenntnis 
iibersinnlicher Welten weiter entwickeln, um gewissermafien 
ein innerliches Recht zu haben, um die richtige Gewissenhaf- 
tigkeit zu haben, Ubungen vorzunehmen, welche das Den- 
ken verstarken. Meditationsiibungen, wie ich sie in den letz- 
ten Tagen beschrieben habe, verstarken das Denken bis zu 
einem hohen Grade, so dafi der Mensch zu einem Denken 
kommt, das ebenso lebendig, intensiv ist, wie das sinnliche 
Wahrnehmen. Oder es sind Willensubungen, wie ich sie auch 
schon erwahnt habe, wie ich sie auch weiterhin noch charak- 
terisieren will in diesen Vortragen. Um diese Ubungen vor- 
zunehmen, dazu ist vor alien Dingen notwendig, dafi der 
Mensch eine intensive Aufmerksamkeit habe auf das normale 
Leben, dafi er sich gut auskenne in den Verhaltnissen, in de- 
nen der Mensch im normalen Leben selber drinnen steht. 

In Deutschland hat jungst ein wissenschaftlich geschulter 
Mann einen kurzen Abrifi der von mir gegriindeten anthro- 
posophischen Wissenschaft gegeben. Der betreffende Mann 



ist durchaus nicht ein Blindglaubiger. Er stellt das, was ja in 
einer reichen Literatur von mir gegeben worden ist, in einem 
kurzen Abrift zusammen. Er stellt es zusammen, indem er 
zunachst sich weder fiir ja noch fur nein entscheidet, und er 
macht eine Bemerkung, die sich so ausnimmt, wie die Be- 
merkungen eines starken Gegners, obwohl der Mann weder 
Gegner noch Anhanger ist. Aber ich mu8 gestehen, dafi mir 
diese scharfe Bemerkung aufierordentlich gut gefallt, gut 
gefallt aus der ganzen Situation heraus, in der anthroposo- 
phische Geistesforschung gegeniiber der anderen geistigen 
Zivilisation in unserer Gegenwart ist. Der Mann macht die 
Bemerkung: Manche meiner Behauptungen waren, wenn 
man sie mit dem gewohnlichen Bewulksein verfolgt, unwi- 
derstehlich komisch. - Ich muE gestehen, dafi mir diese Be- 
merkung aufierordentlich gut gefallt aus folgendem einfa- 
chem Grunde. Wenn man solche Dinge erzahlt, wie die von 
Oliver Lodge oder den anderen Fall, den ich erzahlt habe, da 
horchen die Menschen auf, weil es in einem gewissen Sinne 
an die Sensationsgefiihle heranschlagt, weil es herausriickt 
aus dem, was man gewohnt ist, und da findet man keine un- 
widerstehliche Komik. Wenn aber der Anthroposoph geno- 
tigt ist, gerade an das ganz normale Menschliche anzukniip- 
fen, an die gewohnliche menschliche Erinnerung, an die ge- 
wohnlichen menschlichen Willensaufierungen, und davon 
redet, da£ man durch gewisse Ubungen das menschliche Ge- 
dankenleben verstarken kann durch Meditation, daft man 
durch Selbsterziehung den Willen in einer gewissen Weise 
entwickeln kann, so dafi der Mensch ein anderer wird als er 
vorher war und als anderer dann in die ubersinnlichen Wel- 
ten eindringen konne, dann kann, weil man sozusagen mit 
gewohnlichen Worten redet, welche die Menschen eben im 
Leben auf das anwenden, was immer um sie ist, die sie sich 
daher nicht nehmen lassen wollen fiir etwas anderes, dann 



kann man unwiderstehlich komisch wirken. Daher wirkt auf 
diejenigen Menschen, welche die Worte nur auf das anwen- 
den wollen, worauf sie eben im gewohnlichen Leben ange- 
wendet werden, manches so unwiderstehlich komisch. Der 
anthroposophische Geistesforscher findet nur, dafi sehr hau- 
fig solche Urteile iiber anthroposophische Geisteswissen- 
schaft sich vor ihm so ausnehmen, wie wenn jemand einen 
Brief bekommt, den er lesen sollte, ihn aber nicht liest, son- 
dern die Tinte chemisch analysiert. Ich mufi gestehen, dafi 
mir sehr vieles, was iiber Anthroposophie gesagt wird, so 
vorkommt, wie wenn jemand einen Brief nicht liest, sondern 
die Tinte chemisch analysiert. 

Das ist das Wesentliche bei den Grundlagen der Anthro- 
posophie, dafi man ausgeht von den durchaus normalen 
menschlichen Erlebnissen, dalS man das gut kennt, was heu- 
tige wissenschaftliche Erkenntnis ist, was heutiges morali- 
sches, ethisches Leben ist, und daft man gerade diese Dinge 
zu einer hoheren Intensitat entwickelt, so dafi man dann in 
die hoheren Welten eindringt durch die Steigerung derjeni- 
gen Erkenntniskrafte, die eigentlich in ihrem minderen 
Grade auch im gewohnlichen Leben und in der Wissenschaft 
vorhanden sind. Allerdings mufi man dazu eben einen Sinn 
haben fur diese gewohnlichen Erlebnisse des Menschen. Man 
mufi dasjenige, was ja durchaus gewohnliches, normales Er- 
lebnis ist, aber herausfallt aus dem, was man gern aufmerk- 
sam beobachtet, ins Auge fassen. Es mussen sozusagen 
Dinge Ratselfragen werden konnen, deren Ratselhaftigkeit 
man im gewohnlichen Leben leicht ubersieht, obwohl sie da- 
stehen im gewohnlichen Leben. Und hier schon beginnt fur 
manchen die unwiderstehliche Komik, wenn man sagt: Vor 
alien Dingen mussen gerade Ratselfragen werden die Fragen, 
die sich auf den Wechselzustand des Menschen zwischen 
Wachen und Schlafen beziehen. Wir wechseln fur unser Le- 



ben fortwahrend zwischen Wachen und Schlafen, beachten 
aber wenig diesen Pendelschlag des Lebens, der sich abspielt 
zwischen dem Zustande des Wachens und dem Zustande des 
Schlafens. Man hat ja die sonderbarsten Theorien aufgebaut. 
Ich konnte lange sprechen, wenn ich die einzelnen Theorien 
erwahnen wiirde, die man aufgebaut hat iiber den Wechsel- 
zustand von Wachen und Schlafen. Aber ich will nur die 
eine, die bekannteste, gebrauchlichste erwahnen, die einfach 
annimmt: Wahrend des Wachens wird der Mensch ermudet, 
und wenn er geniigend ermudet ist, dann schlaft er eben ein, 
und der Schlaf bringt dann wiederum die Ausgleichung fur 
die Ermiidung. Er schafft - man kann das nun so oder so 
darstellen, mehr oder weniger materialistisch - die Ursache 
der Ermiidung fort. Ich mochte einmal wissen, ob derjenige, 
der radikal diese Theorie vertritt, schon einmal geniigend be- 
obachtet hat, wenn so jemand, der nun durchaus keine Ver- 
anlassung gehabt hat, am Tage besonders zu ermiiden, sagen 
wir, ein dicker Rentier, wenn der, ich will nicht einmal sagen, 
abends spat, sondern vielleicht des Nachmittags zu einem 
schwierigeren Konzert oder gar zu einem Vortrage geht und 
vielleicht nicht erst nach den ersten fiinf Minuten, sondern 
nach zwei Minuten einschlaft, ob man bei dem durchaus 
sagen kann, daft die Ermiidung die Ursache des Einschla- 
fens ist. 

Es sind das durchaus Dinge, die ja zunachst wirklich eine 
Art von komischem Anstrich haben, die aber in ihrer vollen, 
ernsten Ratselhaftigkeit, gerade wenn man sie allseitig beur- 
teilt, vor des Menschen Seele treten mussen. Und wer einfach 
glaubt, durch die gewdhnlichen, heute anerkannten natur- 
wissenschaftlichen Methoden den Wechsel zwischen Wa- 
chen und Schlafen studieren zu konnen, der wird eben nie- 
mals zu irgendeiner befriedigenden Problemlosung auf die- 
sem Gebiete kommen konnen. Denn schon solche durchaus 



normalen Fragen des Lebens setzen voraus, daft man nicht 
mit den gewohnlichen Erkenntniskraften, sondern mit den 
durch Meditation, Konzentration, durch andere Seeleniibun- 
gen, wie ich sie beschrieben habe in meinem Buche «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in mei- 
ner «Geheimwissenschaft», mit verstarktem, mit intensivier- 
tem Denken und auch mit einem umgestalteten Willen an die 
Erscheinungen herantritt. 

Was gewinnt man, wenn man zunachst versucht, durch 
eine ernst gemeinte Meditation sein Denken zu verstarken? 
Ich habe es in diesen Tagen erortert, wie diese Meditation, 
wenn sie in gesundem Sinne wirken soil, darauf ausgeht, das 
Denken so zu verstarken, daft dieses Denken eine umgewan- 
delte Erinnerung wird. Im gewohnlichen Erinnern haben wir 
ja innerliche Bilder, welche uns irgend etwas abbilden, was 
wir im gewohnlichen Erdenleben seit der Geburt durchge- 
macht haben. Von einem realen Ereignis stellt sich uns in der 
Erinnerung ein Bild vor die Seele, und der Zusammenhang 
des gesunden Seelenlebens und der Zusammenhang mit der 
aufteren Welt, in dem wir drinnenstehen, biirgt uns einfach 
dafiir, daft wir in den Erinnerungen Dinge nicht irgendwie 
phantastisch aufwerfen, sondern daft das Erinnerungsbild 
hinweist auf etwas, was wirklich einmal real da war. So muft 
man dahin gelangen, Bilder, wie die Erinnerungsbilder sonst 
sind, im imaginativen Erkennen, wie ich es genannt habe in « 
diesen Tagen, vor die Seele stellen zu konnen, Bilder, die 
einfach dadurch entstehen, daft man immer mehr und mehr 
meditative Vorstellungen in sein Bewufttsein hereinriickt 
und, so wie man sonst einen Muskel an der Arbeit erkraftet, 
die Seelenfahigkeit des Denkens erkraftet, starker macht. 
Man muft dazu gelangen, das Denken so stark zu machen, 
daft es in seinem Inhalte lebt, wie man sonst nur in der Sinnes- 
erfahrung, in den Sinnen lebt. Dann aber, wenn man eine 



geniigend lange Zeit solche Ubungen durchgemacht hat, 
wenn man wirklich zu einer solchen inneren Lebendigkeit 
des Denkens gekommen ist, dann tritt das ein, was man eben 
bildhaftes, gestaltendes, morphologisches Denken nennen 
kann. Dann hat man im Denken ein so Lebendiges, einen so 
lebendigen Inhalt, wie man ihn sonst nur in der sinnlichen 
Wahrnehmung hat. Dann aber lernt man noch etwas anderes 
erkennen. Das, was uns die moderne Wissenschaft heraufge- 
bracht hat, wird ja eigentlich von vielen bedauert: Es ist der 
Materialismus. Nun aber mufi auf einem gewissen Gebiete 
gerade Anthroposophie, welche mit ihren Methoden in die 
ubersinnlichen Welten eindringen will, unter der Anregung 
der modernen Wissenschaft im rechten Sinne auf gewissen 
Gebieten durchaus materialistisch werden. Und das ist der 
Fall, wenn man nun gelernt hat, sein Denken in gesunder 
Weise zu verstarken, wenn man gelernt hat, im imaginativen 
Denken Bilder von sinnlicher Lebendigkeit vor Augen zu 
haben, durch die man wirklich frei wird in der Behandlung 
des Wahrnehmungsmaterials, wie man sonst nur frei ist in 
der Sinneswahrnehmung, wo man ganz gewifi weifi: Wenn 
ich Rot sehe, wenn ich Cis hore, so habe ich es mit etwas 
Aufierlichem zu tun, nicht mit etwas, was aus meiner Seele 
aufsteigt. So weifi ich, wenn ich das imaginative Denken 
habe, daft ich nicht etwas habe, was als Phantasma aus meiner 
Seele aufsteigt, sondern was in mir lebt wie eine Sinneswahr- 
nehmung. 

Dann aber, wenn man dieses innerlich erlebt, dieses Frei- 
gewordensein von der LeibUchkeit, wie man eben nur frei ist 
in der Sinneswahrnehmung, dann weift man auch, was die 
Erinnerung des gewohnlichen Lebens ist, dann weifi man, 
daft man mit der Erinnerung, mit den Gedachtnisvorstellun- 
gen jederzeit hinuntertaucht in den physischen Leib, daft 
man jederzeit, indem man eine Erinnerungsvorstellung hat, 



einen parallelgehenden physischen oder wenigstens atheri- 
schen Leibesvorgang hat. Man lernt die materielle Bedeutung 
desjenigen Lebens kennen, das das gewdhnliche Gedanken- 
leben ist. Man schreibt nicht mehr, wie es etwa der franzosi- 
sche Philosoph Bergson tut, das, was in den Erinnerungen 
lebt, der selbstandigen Seele zu, sondern man weifi, dafi im 
gewohnlichen Erinnerungsleben die Seele einfach in den Leib 
untertaucht und im Leibe das Instrument hat, die Erinnerun- 
gen heraufzuzaubern. Denn man weifi jetzt, dafi man erst in 
der Imagination dazu gekommen ist, korperfrei zu denken, 
mit der blofien Seele zu denken, und daft man das niemals im 
gewohnlichen Leben tut. Im gewohnlichen Leben nimmt 
man sinnlich wahr, zieht die Gedanken ab von der sinnlichen 
Wahrnehmung, behalt die Gedanken im Gedachtnis. Dieses 
Im-Gedachtnis-Behalten aber bedeutet, in den Leib unterge- 
taucht sein. Man lernt jetzt erst durch imaginatives Erkennen 
den Prozeft des Erinnerns und den Prozefi der Sinneswahr- 
nehmungen kennen. Man lernt erkennen, was es heilk, frei, 
leib-, korperfrei in Gedanken zu leben. Man lernt aber auch 
erkennen, was es heifk, mit den Gedanken durch die Erinne- 
rungen unterzutauchen in den physischen Organismus. Und 
ebenso, wie man dieses kennenlernen kann durch ein Inten- 
sivermachen des Denkens, durch ein Verstarken, Erkraften 
des Denkens in der Meditation, so kann man nach der ande- 
ren Seite, nach der Willensseite, eine Art von Selbsterziehung 
uben, durch die man zu einem ahnlichen Resultate kommt. 

Im gewohnlichen Leben hat ja der Wille eigentlich nur 
einen bestimmten Wert, wenn er in die aufiere Handlung 
iiberfliefit, sonst bleibt er ein blofier Wunsch, selbst wenn 
wir in unseren hochsten Idealen leben, in den schonsten 
Idealen, wenn wir ganz Idealisten sind. Sind wir nicht in der 
Lage, Hand anzulegen an die auftere physische Wirklichkeit, 
konnen wir die schonsten Ideale haben, es bleibt beim bio- 



ften Wunsch. Was hat denn also der Wunsch eigentlich fiir 
eine besondere Eigenschaft? Der Wunsch hat die besondere 
Eigenschaft, daft er sich von der Wirklichkeit zuriickzieht. 
Und man kann bildhaft sagen: Es ist wie ein Einziehen der 
seelischen Fiihler, wenn man im bloften Wunsche lebt. Man 
lebt ganz innerlich im Seelischen, wenn man im bloften Wun- 
sche lebt % Aber man weift auch, wie der Wunsch gefarbt ist 
zunachst von den menschlichen Temperamenten. Anderes 
wunschen melancholische Menschen, anderes wiinschen san- 
guinische Menschen. Und derjenige, der nun mit gewissen- 
hafter naturwissenschaftlicher Methode zu Werke gehen 
wiirde, wiirde schon auch die physischen Bedingungen des 
Wunschens sehen. Man kann also die atherischen Bedingun- 
gen des Wunschens in den Temperamenten sehen, aber auch 
die physischen Bedingungen des Wunschens, die besondere 
Art der Blutzusammensetzung, der sonstigen Korperbe- 
schaffenheit und dergleichen erkennen. Allerdings ist es da 
notwendig, daft man jene Kritikhaftigkeit, von der ich in der 
Einleitung zu meinem heutigen Vortrage schon gesprochen 
habe, wirklich iiben kann, und ich mochte sagen, durch diese 
Kritikhaftigkeit wird mancher schone Traum zerstreut. Ge- 
statten Sie mir auch den Hinweis, wie da mancher schone 
Traum zerstreut wird. 

Ich will gewift nicht pietatlos sein und aus Pietatlosigkeit 
vor Ihnen sehr ideale Dinge zerstoren, denn ich habe ein 
Gefuhl fiir das Schone, fiir das Herrliche, das zum Beispiel 
enthalten ist in der Mystik einer Heiligen Theresa oder eines 
Johannes vom Kreuz. Glauben Sie nicht, daft ich irgend je- 
mandem nachstehe in der Verehrung des Schonen, das in die- 
sen mystischen Aufterungen liegt. Aber der, welcher sich 
nun Erfahrung gesammelt hat fiir die besondere Art, wie 
zum Beispiel die Heilige Theresa oder Johannes vom Kreuz 
ihre Gesichte, ihre Visionen vorbringen, der weift, welchen 



Anteil an diesen Dingen das menschliche Wiinschen hat, 
welchen Anteil gerade bei diesen mystischen Dingen die in 
dem Untergrund der Seele lebenden Wiinsche haben, und er 
wird dann weitergefiihrt von den Wiinschen auf die korperli- 
che Beschaffenheit. Fiir den Forscher gibt es nichts, was in 
dieser Weise entheiligt werden konnte dadurch, daft man auf 
die Wahrheit hinweist. Allein, es ist eine gewisse innere Auf- 
geregtheit gewisser Organe, eine andere Nervenwirkung in 
gewissen Organen, welche heraufwirkt in die Seele und 
selbst so Schones bewirkt, wie dasjenige, was vorgebracht 
wird von Johannes vom Kreuz oder der Heiligen Theresa 
oder anderen solchen Mystikern. Und man hat viel mehr 
Recht, wenn man in einer gewissen Korperbeschaffenheit 
auch die Beschaffenheit der Bilder sucht, die hier so schon, 
so wunderbar poetisch zutage treten, als wenn man diese Be- 
schaffenheit der Bilder in dem Schauen irgendeines nebulo- 
sen Geheimnisses sucht. Wie gesagt, nicht zerpflucken 
mochte ich das, was ich nicht weniger verehre als irgend je- 
mand hier, aber auf die Wahrheit mufi hinge wiesen werden, 
auf den kritischen Geist der anthroposophischen Grundla- 
gen, darauf, dafi sich der Anthroposoph vor alien Dingen 
keinen Illusionen hingeben darf. Und illusionsfrei mufi er 
zunachst sein auch gegeniiber dem menschlichen Wiinschen 
und seinem Wurzeln in dem menschlichen Organismus, in 
dem physischen Organismus, und in dem, ich mochte sagen, 
Aufleuchten dessen, was im menschlichen Organismus — 
wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf - kocht und zu 
den schonsten Visionen wird. 

Der Mensch mufi nicht nur, wenn er Geistesforscher im 
anthroposophischen Sinn werden will, sein Denkvermogen 
verstarken durch Meditation, er mufi auch durch Selbsterzie- 
hung sein Wunschleben zu einem anderen machen. Das ge- 
schieht auf die Weise, dafi man das, was sonst im Leben wie 



von selbst geschieht, systematisch in die Hand nimmt. Seien 
wir ehrlich: Im gewohnlichen Leben lassen wir uns von al- 
lem viel mehr leiten, als daft wir unser eigenes Leben leiten. 
Im gewohnlichen Leben wirken diese oder jene Dinge auf 
uns ein, und wenn wir zehn Jahre zuriickblicken in unser 
vergangenes Erdenleben, so finden wir durchaus, dafi die au- 
fieren Verhaltnisse, die Menschen, mit denen wir zusammen- 
gekommen sind, dasjenige in uns zur Entwickelung gebracht 
haben, was heute in uns anders ist, als es vor zehn Jahren 
war. Wer im ernsten Sinne anthroposophischer Geistesfor- 
scher werden will, der mufi in dieser Beziehung auch solche 
Ubungen machen, die Willensiibungen sind. Der gewohnli- 
che Lebenswille hat einen Sinn, wenn er auf aufiere Hand- 
lungen geht. Der anthroposophische Geistesforscher mufi 
die Willensimpulse anwenden auf die eigene Entwickelung, 
auf das eigene Leben. Er muE sich vornehmen konnen: in 
bezug auf diese oder jene Charaktereigenschaft, in bezug auf 
diese oder jene LebensaufSerung mullt du anders werden als 
du jetzt bist. 

So paradox es klingen mag, etwas, was man stark in Ge- 
wohnheit hat, und wenn es selbst nur eine Kleinigkeit ist, es 
hilft einem, wenn aus der eigensten Initiative, aus ureigen- 
stem Impuls heraus man sich vornimmt, mit Bezug auf ir- 
gendeine Sache anders zu werden. Eine Kleinigkeit, sage ich, 
es braucht nur die Kleinigkeit der Handschrift zu sein. Wenn 
sich jemand wirklich mit eiserner Energie vornimmt, eine 
andere Handschrift zu schreiben, als er bisher geschrieben 
hat, so ist die Anwendung dieser Kraft durch die Abande- 
rung einer Gewohnheit - hier wiederum mit Bezug auf die 
Gewohnheit - zu vergleichen mit der Verstarkung einer 
Muskelkraft, weil der Wille verstarkt ist. Und indem der 
Wille innerlich sich verstarkt, nicht auf Aufterliches, sondern 
innerlich angewandt wird, entwickelt er dabei seine Wirkun- 



gen im Menschen. Und was ich sonst (lurch meine Willens- 
wirkungen an der aufieren Welt verandere, das verandere ich 
nun in bezug auf meinen eigenen Menschen. Und wenn man 
solche Willensiibungen, wie sie wiederum in anthroposophi- 
schen Schriften im einzelnen angegeben sind, durchmacht, 
dann kommt man dazu, das Wunschleben so umzugestalten, 
daft es nun frei wird von der menschlichen Organisation, wie 
durch das Meditieren das Denken vom Korper, vom Leibe 
frei wird. Dann ist das voriiber - fur diejenigen Augenblicke, 
in denen man in anthroposophischer Forschung verweilt 
wovon man noch sagen kann: Der Wunsch ist der Vater des 
Gedankens. - Wenn solche Selbsterziehung, solches Auf- 
sich-selber-Anwenden der Erziehungsimpulse geiibt wird im 
reifsten Alter, dann wird der Wunsch zu einer innerlichen 
Kraft, welche sich verbindet mit dem frei gewordenen Den- 
ken. Und dadurch gelangt man dazu, nun wirklich zu sehen, 
was die Willensimpulse des gewohnlichen Lebens sind, was 
die Gedanken des gewohnlichen Lebens sind. Wie man fru- 
her Rot und Blau oder Cis oder C wahrzunehmen gelernt 
hat, so lernt man jetzt Gedanken wahrzunehmen als Wirk- 
lichkeiten, so lernt man jetzt dieWillensimpulse von sich ab- 
gesondert kennen. 

Man gelangt auf diese Weise dazu, erst die Wechselzu- 
stande zwischen Wachen und Schlafen in der richtigen Weise 
zu beurteilen. Erst dadurch, daft man den Gedanken durch 
Ubung so gemacht hat, daft er objektiv geworden ist wie eine 
Sinneswahrnehmung, dafi man mit diesem in freier Medita- 
tion entwickelten Gedanken nicht mehr mit seinem Leibe 
verbunden ist wie mit einem erinnerten Gedanken, gelangt 
man dazu, den Akt des Einschlafens in der richtigen Weise 
durch Anschauung erfassen zu konnen. Derjenige, der so et- 
was wie das gewohnliche, normale Einschlafen mit den ge- 
wohnlichen Erkenntniskraften durchschauen will, der wird 



Hypothesen uber Hypothesen aufstellen konnen: Er lernt 
nicht erkennen, was das Einschlafen selber ist. Und dieses 
verstarkte Denken, das man sich angeeignet hat, und ande- 
rerseits der umgestaltete Wunsch, die sind es, welche dem 
Menschen zeigen: Wenn du einschlafst, so kannst du in ei- 
nem gewissen Sinne den Moment deines Einschlafens noch 
verfolgen, du schaust gewissermaften auf dein Einschlafen 
hin, und du erfahrst jetzt, daft du, indem du einschlafst, nicht 
einfach vor dir hast einen veranderten Zustand deines Leibes, 
sondern daft du wirklich mit deinem selbstandigen Seelenle- 
ben aus deinem Leibe hinausschlupfst, hinausgehst, denn du 
laftt etwas zuriick, und das sind deine Gedanken. 

Erst dadurch, daft man die Gedanken verstarkt hat, kann 
man sie bewuftt zurucklassen beim Einschlafen. Sie bleiben 
beim Leibe, die Gedanken, sie durchsetzen den Leib als Bil- 
dekrafte. Und man merkt, man ist nur herausgetreten aus 
seinem Leibe mit dem Fuhlen und dem Wollen. Aber man 
hat damit auch, indem man sieht, mit welchem Seelischen 
man heraustritt aus dem Leib, eine anschauliche Sicherheit 
davon bekommen, daft man ein selbstandiges Seelisches hat, 
daft man mit dem selbstandigen Seelischen aus dem Leib her- 
ausriickt. Und man weift jetzt: Was man im Bette beim Ein- 
schlafen zuriickgelassen hat, ist nicht bloft das, was man 
durch die physische Anatomie und Physiologie und Biologie 
erforschen kann, sondern das ist durchsetzt von dem Gedan- 
kengewebe. Man muftte das Gedankengewebe erst stark ge- 
nug machen, damit man es nun so verlassen kann, bewuftt, 
wie man sich abwendet mit dem Gesicht von den Farben, 
wie man die Anschauung verlaftt. Und man weift durch das 
verstarkte Denken: Du hast in deinem Bette zuriickgelassen, 
damit diese fur sich bestehen zwischen dem Einschlafen und 
Aufwachen, deinen physischen Leib und einen Kraftleib, der 
die kraftartig wirkenden Gedanken enthalt. - Diese gestal- 



tenden Gedanken, diese morphologischen Gedanken, von 
denen ich in den vorigen Vortragen gesprochen habe, die 
sind in unserem gewohnlichen Bewufttsein nur wie Spiegel- 
bilder. Sie haben auch eine Wirklichkeit, und mit dieser 
Wirklichkeit sitzen sie als ein besonderer atherischer Leib in 
dem physischen Leib darinnen. Man weift jetzt: Mit deinem 
Willen, mit deinem Fiihlen bist du einschlafend aus deinem 
Sinnenleibe und aus deinem Gedankenleibe - ich kann auch 
sagen physischen Leib und Atherleib, oder physischen Leib 
und Bildekrafteleib - herausgetreten. Nur sind wir im ge- 
wohnlichen Leben so geartet, daft unser Bewufttsein nicht 
stark genug ist, sich bewuftt besonnen zu erhalten, wenn es 
nicht gedankenerfullt ist. Das Bewufttsein, wie wir es im ge- 
wohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft 
haben, muE sich mit dem Leibe vereinigen und die Gedanken 
des Leibes in sich erleben, dann ist es eben voll bewuftt. 
Wenn es als bloftes Fiihlen und Wollen nun heraustritt aus 
dem Leibe, dann wird es im Gewohnlichen eben unbewuftt. 
Aber wer das in diesen Tagen hier erwahnte imaginative 
Denken sich angeeignet hat, der erlebt eben den Augenblick 
des Einschlafens bewuftt, und er kann auch solche Zustande 
herbeifuhren, die sonst so sind, wie der gewohnliche Schlaf, 
nur da$ sie jetzt nicht unbewufit sind, sondern daft der 
Mensch in sich ein Kraftendes fuhlt, da£ er das, womit er aus 
dem Leibe herausgetreten ist, den Gefiihls- und Willensorga- 
nismus der Seele, wirklich erlebt, daft er also dasjenige, was 
leibfrei werden kann, wirklich erlebt. 

Wer auf diese Weise kennengelernt hat den Moment des 
Einschlafens, der lernt auch den Moment des Aufwachens 
kennen. Er lernt jetzt beurteilen, daft der Moment des Auf- 
wachens eigentlich aus zwei Teilen besteht: Wir wachen auf, 
wie wir sonst uns verhalten, wenn wir durch einen Sinnesein- 
druck gereizt werden. Es muft bei jedem Aufwachen irgend- 



wie etwas unsere Seele reizen. Es braucht nur der eigene Leib 
zu sein, der lange genug geschlafen hat, und der in seinem 
veranderten Zustand diesen Reiz ausiibt. Aber es ist immer, 
geradeso wie beim sinnlichen Eindruck ein Reiz da ist, ein 
Reiz da beim Aufwachen, und dieser Reiz spricht zu unse- 
rem Gefiihl, das beim Einschlafen herausgetreten ist. Wie 
sonst die Augen, die Ohren Ton oder Farbe wahrnehmen, so 
nimmt jetzt die selbstandige Seele mit ihrem Fiihlen etwas 
Aufierliches wahr, und es ist der Moment des Aufwachens 
ein Wahrnehmen durch das Gefiihl, und es ist der Moment 
des Aufwachens ein Ergreifen des Korpers. Wie wenn wir 
sonst einen Arm bewegen oder ein Bein bewegen, so ergrei- 
fen wir mit dem selbstandigen Willen den Organismus. Es 
sind wirklich zwei Akte, die da sind beim Aufwachen. 

Jetzt haben wir fur das Einschlafen und Aufwachen die 
Wechselbeziehung kennengelernt zwischen der selbstandi- 
gen Seele, die in ihrem Fiihlen und Wollen sich aus dem 
Leibe jede Nacht herausbegibt, und den Zustanden, in denen 
diese Seele ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo sie 
eben mit dem Leibe verbunden ist. Die Grundlagen anthro- 
posophischer Forschung sind also eine Erkraftung der Er- 
kenntnis- und Willensfahigkeit, so dafi man Dinge anschauen 
kann, wirklich wahrnehmen kann, die man sonst nicht wahr- 
nehmen kann. Und ist man imstande, in dieser Weise die 
Wechselzustande zwischen Schlafen und Wachen wahrzu- 
nehmen, so kann man auch noch zu etwas anderem vor- 
riicken. 

Wenn man immer mehr und mehr solche Ubungen, wie 
ich sie in diesen Tagen geschildert habe, wie sie in den ange- 
deuteten Biichern ausfiihrlich mit Einzelheiten beschrieben 
sind, weiter macht, dann kommt man dadurch dazu, eben 
nicht immer schlafen zu imissen, wenn man aus seinem Leibe 
heraus ist, sondern willkiirlich Gefiihl und Wille aus seinem 



Leibe wirklich herausziehen zu konnen und wirklich zuriick- 
zuschauen auf den Leib. Dann ist der Leib des Menschen 
etwas, was objektiv ist, wie sonst das Pult oder der 
Tisch. Und erst dadurch lernt man wirklich eine Sache ken- 
nen, dafi man nicht mehr mit ihr verkniipft ist, nicht mit ihr 
subjektiv durchdrungen ist, sondern dadurch, dafi man sie 
als Objekt vor sich hat. Was man als Objekt vor sich hat, 
wenn man mit Wille und Gefuhl herausriickt aus dem 
menschlichen Leib, das ist vor alien Dingen der physische 
Leib. Wir werden morgen sehen, wie er in etwas veranderter 
Form auftritt, wie man durch diese Anschauung au£erhalb 
des Leibes eben auch eine neue Anschauung vom physischen 
Wesen des Menschen bekommt. Aber es ist vor alien Dingen 
der Bildekrafteleib, der aus einem Gedankengewebe, aber 
aus kraftenden Gedanken besteht. Auf den sieht man zuriick 
wie auf einen Spiegel. Und man hat die eigentumliche Tatsa- 
che, daft man fruher als Subjekt, als Persdnlichkeit, mit sei- 
nen Gedanken verbunden war; jetzt hat man die Gedanken- 
welt, ich mochte sagen, wie auf einer photographischen 
Platte vor sich, indem man auf den eigenen Leib zuriick- 
schaut. Es ist, wie man sonst eben im Auge drinnen ein klei- 
nes Abbild der uberschauten Welt hat. Wie das Auge da- 
durch ein Organ fur das Sehen ist, dafi sich die Welt drinnen 
abbilden kann, so wird fur eine solche Anschauung der zu- 
ruckgebliebene Ather- und physische Leib ein Spiegelungs- 
apparat, wo sich nun eben geistig-seelisch etwas spiegelt, 
wahrend sich im Auge nur aufSerlich physisch etwas spiegelt. 
Aber man sieht durch diesen Spiegel eben nicht nur das Ge- 
dankengewebe, sondern man sieht die Welt, indem man die 
Gedanken zuriickgelassen hat am physischen Leibe. 

So kann man ganz genau im einzelnen schildern, wie es 
hergeht, wenn der Mensch meditativ und durch Selbsterzie- 
hung des Willens seine Erkenntniskrafte zum Behuf der Er- 



kenntnis ubersinnlicher Welten verstarkt. Dadurch kommt 
der Mensch dazu, gewisse Zustande zu entwickeln, die nun 
nicht schlafend sind, wenn er aufierhalb des Leibes ist, son- 
dern das darstellen, was kh in meinen Schriften die Konti- 
nuitat des Bewulkseins genannt habe. Der Mensch geht mit 
seinem selbstandigen seelischen Wesen im hdheren Erken- 
nen wirklich aus seinem Leibe heraus. Er erkennt dieses Her- 
ausgekommensein dadurch, dafi er den Gedankenspiegel 
jetzt nicht an sich, sondern au£er sich hat. Der Mensch geht 
aus dem Leibe heraus, aber er bleibt - ich habe das schon 
ausgefuhrt - durchaus seiner selbst bewulk. Er kann immer 
wieder zuriickkehren, er ist keiner, der halluziniert, der sich 
Visionen hingibt, sondern mit mathematischer Sicherheit 
den ganzen Vorgang verfolgt, der sich hier abspielt. Da- 
durch, dafi der Mensch in dieser Weise den Vorgang verfol- 
gen kann, kann er nun auch zuriick das gewdhnliche irdische 
Leben beurteilen. Er weift, wie das ist, wenn er nun mit der 
selbstandigen Seele in den Korper untertaucht. Er lernt nicht 
nur das Einschlafen, das Herausgehen aus dem Korper ken- 
nen, er lernt jetzt ganz willkurlich in seinen Korper mit der 
selbstandigen Seele untertauchen. Das macht noch einen be- 
sonderen Eindruck, wenn der Mensch einmal seine selbstan- 
dige Seele erlebt hat und dann untertaucht, der Korper ihn 
wieder gefangennimmt. Da hort dasjenige auf , was man selb- 
standig als geistig-seelische Welt um sich hat. Man fuhlt es 
wie abschwinden, und man fiihlt, wie man absorbiert wird, 
indem man wieder untertaucht in den Korper. Man lernt 
ebenso das Herausgehen aus dem Korper kennen, indem 
man sieht, wie die Gedanken sich von einem entfernen, wie 
sie beim Korper bleiben, und wie man mit dem fuhlenden 
und wollenden Wesen der Seele aus dem Korper herausgeht. 
Man fiihlt aber in dem Momente, wo man herausgeht, die 
geistige Welt auftauchen. 



Was hat man jetzt kennengelernt? Jetzt hat man kennenge- 
lernt auf dem Umwege durch das Aufwachen und Einschla- 
fen das Geborenwerden und Sterben. Man hat kennenge- 
lernt, wie der Mensch beim Einschlafen unbewufit mit sei- 
nem Fuhlen und Wollen aus dem physischen und atherischen 
Organismus herausriickt und darin wiederum untertaucht 
des Morgens beim Aufwachen. Wie er da unbewulk wird, so 
wird er heller bewulk, wenn er nach stattgehabten Ubungen 
aus seinem physischen Korper herausgeht. Das ist, was man 
nun erlebt im vollen Bewufitsein als eine Vorausnahme des 
Vorganges, der im Tode eintritt, und dessen, was man erlebt, 
wenn man untertaucht aus der geistigen Welt in den physi- 
schen Leib. Wenn die Gedanken wiederum verschwinden, 
wenn sie sich wiederum als blofte Bilder, als Unwirklichkei- 
ten in der Personlichkeit geltend machen, lernt man den Mo- 
ment des Geborenwerdens kennen. 

Wahrend man mit den gewohnlichen wissenschaftlichen 
Methoden dabei stehenbleibt, den gewohnlichen Verstand 
anzuwenden, die Gedanken anzuwenden auf die aufiere Be- 
obachtung oder das Experiment, die mit einem verbunden 
bleiben, macht man durch anthroposophische Forschung 
eine andere Personlichkeit aus sich insofern, als man die Ge- 
danken verobjektiviert, als man seinen eigenen Leib zu einem 
umfassenden groften Sinnesorgan macht. Ich mdchte sagen, 
ein einziges Auge wird der eigene Leib. Das Auge ist aber 
jetzt aufter ihm, ist zugleich wie eine photo graphische Platte. 
Die Welt, in der man ist, die geistig-seelische Welt, die bildet 
sich jetzt gedankenhaft in der AuEenwelt ab. Und jetzt 
kommt man dazu, indem man sozusagen ganz normale Vor- 
gange, das Aufwachen und Einschlafen, das Geborenwerden 
und Sterben, durchschaut hat, auch eine innere Anschauung 
zu haben von dem Seelischen. Jetzt lernt man durch An- 
schauung entscheiden, ob das eine blofi unbewufite Vorstel- 



lung war, was Professor Schleich Tod durch Autosuggestion 
nennt, oder ob das « second sight» war, was Oliver Lodge 
beschreibt. Man lernt jetzt namlich wirklich erkennen, wie 
sich der Mensch verhalt, wenn er nicht zum bewuftten Gei- 
stesforscher wird, sondern wenn durch abnorme Verhalt- 
nisse herausgedrangt wird das selbstandige Seelische aus dem 
physischen Leibe. Dazu ist Veranlassung, wenn der physi- 
sche Leib in irgendeiner Weise krank wird. Sagen wir nur, 
irgendein Organ wird verletzt. Das kann schon durchaus 
hinreichen, daft bei dem noch zum selbstandigen Schauen 
unfahigen Menschen, Seelen- und Geistesmenschen, nun 
doch, weil er nicht durch den bloften Schlaf, sondern durch 
pathologische Zustande herausgedrangt wird aus seinem 
physischen Leib, ein unvollkommenes Schauen von dem auf- 
tritt, was sonst in bewuftter, methodischer Weise von dem 
Geistesforscher bewirkt wird. Daher hat man nicht notig, 
die abnormen Beobachtungen, die heute schon durchaus die 
Leute interessieren, die etwas uber das gewohnliche Triviale 
hinauskommen wollen, in ihrer Wahrheit zu leugnen. Aber 
man wird auch kritisch dagegen, und diese Kritik ruhrt ein- 
fach davon her, daft anthroposophische Geisteswissenschaft 
nicht das ist, was ihr viele Leute nachsagen, daft sie nicht die 
Karikatur ist, die viele Leute aus ihr machen, sondern eben 
mit der Anerkennung aller wissenschaftlichen, gewissenhaf- 
ten Methodik, die sich die Menschheit im Laufe der letzten 
Jahrhunderte errungen hat, aufrucken will durch Erweckung 
besonderer Geisteskrafte in die ubersinnlichen Welten. Und 
da der Mensch mit seinem innersten, ewigen Wesenskern 
diesen ubersinnlichen Welten angehort, so kann der Mensch 
nach seinem sterblichen und unsterblichen Teil, nach seiner 
ganzen Wesenheit nur durch diese Geistesforschung erkannt 
werden, wie das im morgigen Vortrage gezeigt werden soli. 
Dadurch aber, daft der Mensch in dieses sein Ewiges unter- 



taucht, dafi er gewissermafien nicht blofi eine Anthropologic 
aufbaut, durch die man weifi, wie der Mensch durch seinen 
Korper weifi, sondern dafi er aufbaut eine Anthroposophie, 
die da weift, wie der Mensch durch seine Seele und durch 
seinen Geist als selbstandige Wesenheit weifi, dadurch lernt 
der Mensch erst die wahre Welt kennen. 

Von diesem Gesichtspunkte aus das wahre Wesen des 
Menschen, auch sein unsterbliches, sein ewiges Wesen, und 
die wahre Gestalt der Welt zu schildern, das wird die Auf- 
gabe der beiden nachsten Vortrage sein. 



DERMENSCH IM LICHTE DER ANTHROPOSOPHIE 



Kristiania (Oslo), 29. November 1921 



Den heutigen Vortrag diirfte ich wohl kaum in der Form 
halten, wie ich es vorhabe, wenn nicht der gestrige vorange- 
gangen ware. Nicht mir aus dem Grunde, weil dieser Vortrag 
eine Fortsetzung des gestrigen sein soli, sondern auch aus 
dem anderen Grunde, weil das, was aus anthroposophischer 
Erkenntnis heraus iiber den eigentlichen Wesenskern des 
Menschen zu sagen ist, zunachst fur die auftere Erfahrung so 
paradox klingt, dafi es schon notwendig ist, die gesicherte 
Grundlage zu kennen, auf der solche Erkenntnisse aufgebaut 
sind. Und ich glaube bemerklich gemacht zu haben, dafi 
sowohl nach der einen Seite, nach der Seite des kritischen 
Geistes, wie auch nach der Seite der gewissenhaften For- 
schung Anthroposophie es durchaus aufnehmen kann mit 
allem, was die neuere Zeit gewohnt worden ist, fur wissen- 
schaftliche Methodik und wissenschaftliche Gesinnung zu 
halten. 

Was den Gegenstand des heutigen Vortrags bildet, ist eben 
der eigentliche menschliche Wesenskern, der ja auch gestal- 
tend, dirigierend dem aufteren physischen Menschen zu- 
grunde liegt. Der physische Mensch gehort, wie gerade Gei- 
steswissenschaft zeigen kann, mehr als man gewohnlich an- 
nimmt, der Weltentwickelung als solcher an und wird mehr 
der Gegenstand des nachsten Vortrags im Zusammenhange 
eben mit der ganzen Weltenentwickelung sein miissen. Auch 
in bezug auf das eigentliche Wesen des Menschen denkt man 
heute anders in ernsten Kreisen, auch ernsten wis sens chaftli- 
chen Kreisen, als es noch vor einigen Jahrzehnten in der 



Hochbliite des Materialismus gerade bei den aufgeklartesten 
Menschen iiblich war. Aber was als Anthroposophie in die- 
sem Vortrage vor Sie hintritt, wird vielleicht starker als von 
manchen anderen Seiten gerade von denen zuriickgewiesen, 
die nun auf ihre Art, ich mochte sagen, mit Festhaitung des 
mehr materialistischen Geistes der Wissenschaft herantreten 
mdchten an das geistig-seelische Element im Menschen. 

Wir sehen, wie heute die Menschen sich zu interessieren 
beginnen, die eigentlichen Griinde herauszufinden, warum 
der Mensch in gewisse abnorme Seelenzustande kommen 
kann, in denen er Halluzinatorisches, Illusionares erlebt, in 
denen er der Suggestion und Autosuggestion zuganglich ist. 
Fur diese abnormen Seelenerscheinungen interessiert man 
sich aus dem Grunde heute ganz besonders, weil sie ja- ohne 
daft die in der Seele schlummernden Krafte, von deren Ent- 
wickelung ich gesprochen habe, wirklich entfaltet werden - 
so, wie man ein aufieres Experiment vollbringt, der Untersu- 
chung unterzogen werden konnen. Man geht einfach heran 
an solche Personlichkeiten, welche in dieser Weise ein abnor- 
mes Geistesleben haben, und untersucht die Erscheinungen, 
wie man im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett 
gewohnt ist, Versuche zu machen. Diese Personlichkeiten 
und manche, die auch nicht den entsprechenden abnormen 
Seelenzustanden unterliegen, haben sehr haufig den Glau- 
ben, dafi man gerade durch solche abnorme Seelenzustande, 
durch visionares Schauen, durch halluzinatorische Erfahrung 
irgendwelche Mittel in die Hand bekommen konne, tiefer in 
die wahre Wesenheit des Menschen einzudringen. Ja, es wird 
sogar geglaubt, dafi man in solchen Zustanden eine Art 
Offenbarung aus wirklichen geistigen Welten erhalten 
konne. Wir werden, wenn wir heute vom anthroposophi- 
schen Standpunkte aus das menschliche Wesen untersuchen, 
gerade in der Lage sein, wiederum eine Art Licht zuriickzu- 



werfen auf die Bedeutung dieser abnormen Seelenzustande. 
Aus der Kritik, die ich gestern gegeben habe, werden Sie von 
vornherein iiberzeugt sein konnen, daft auch diesen Erschei- 
nungen gegeniiber anthroposophische Geistesforschung im 
vollsten Sinne des Wortes kritisch ist. 

Eine andere Art von Erscheinung tritt dann auf, wenn ge- 
wisse Gedanken von Persdnlichkeiten zweifellos unter nicht 
gewohnlichen Raumes- und Zeitbedingungen erfahren wer- 
den konnen. Man spricht iiber diese Falle ja heute auch schon 
in ganz ernsten wissenschaftlichen Kreisen. Eine solche Er- 
scheinung ist die Telepathic Da spricht man davon, dafi 
ohne die gewohnliche sinnliche Vermittlung die Menschen 
in gewissen Seelenzustanden fur Gedankliches, vielleicht so- 
gar fur Gedankliches, das in der Entfernung sich abspielt, 
eine gewisse Wahrnehmung entfalten zu konnen. Man 
spricht von Telekinese, das heifit von gewissen Kraften, die 
von den Menschen ausgehen konnen, und die ohne die phy- 
sische Vermittlung des Menschen, gewissermafien blofi 
durch Einwirkung in die Feme, sich auftern, sich offenbaren, 
so daft es dann scheint, als ob der Mensch einen Willen ent- 
falten konne ohne die Vermittlung seiner Gliedmaften, in die 
Entfernung hin. Ja, man hat auch heute schon in wissen- 
schaftlicher Beziehung Versuche angestellt mit wissenschaft- 
licher Methodik, welche man einreiht in das Kapitel der Te- 
leplastik, wo an dem Menschen oder in der Nahe des Men- 
schen materienartige Gebilde, Phantome erscheinen, denen 
man deutlich ansieht, dafi sie meinetwillen aus feiner Materie 
bestehen, aus Atherischem bestehen, daft ihnen aber pla- 
stisch, als eine plastische Gestaltungskraft das eingegliedert 
ist, was in dem menschlichen Gedanken wurzelt, was in den 
menschlichen Gedanken vorhanden ist. 

Man spricht also von Telepathie, Telekinese, man spricht 
von Teleplastik. Anthroposophische Geisteswissenschaft 



mufi gegenuber diesen Erscheinungen wiederum die kriti- 
sche Frage aufwerfen: Riihren diese Erscheinungen wirklich 
her von dem, wovon gestern gesagt worden ist, dafi es im 
Einschlafen als Gefiihls-Willenswesen aus dem physischen 
und dem Ather- oder Bildekrafteleib des Menschen heraus- 
tritt und aufierhalb verharrt vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen? Hat man es in dem, was sich als Telepathie im Men- 
schen aufiert, als Telekinese, als Teleplastik, hat man es da 
mit einer Wirkung des ewigen Geistig-Seelischen, dessen, 
was wir als Gefuhls- und Willenswesen kennen gelernt ha- 
ben, zu tun oder hat man es vielleicht nur mit dem zu tun, 
was zuriickgelassen wird im Bette, wenn der Mensch schlaft, 
was also besteht aus dem physischen Leib und dem atheri- 
schen oder Bildekrafteleib? Wenn man es nur mit dem letzte- 
ren zu tun hat, dann mogen diese Erscheinungen einem noch 
so wunderbar vorkommen, sie mogen noch so absonderlich 
sein, sie gehoren dann zu dem, was mit dem Tode des Men- 
schen verschwindet. Denn mit dem Tode des Menschen ver- 
schwindet das, was beim Einschlafen zurtickbleibt. Das, was 
das eigentlich unsterbliche, ewige Wesen des Menschen ist, 
was im Einschlafen sich herauszieht aus dem physischen und 
dem Bildekrafteleib, das ist in der Regel dann, wenn diese 
Erscheinungen der Telepathie, der Teleplastik, der Teleki- 
nese auftreten, auch irgendwie unter hypnotischem Einflufi 
oder dergleichen aus dem physischen und dem Atherleib 
heraus entfernt. So dafi man sagen mufi: Diese sogenannten 
wunderbar en Erscheinungen konnen auf nichts hindeuten, 
was mit dem ewigen Wesenskern des Menschen zusammen- 
hangt. Wenn sie auch noch so wunderbar sind, sie sind ge- 
bunden an das, was im Tode sich loslost und dem Elemente 
der Erde sich verbindet. Sie konnen dann nur hinweisen auf 
eine Welt, die ebenfalls dem Menschen entschwindet, wenn 
er durch die Pforte des Todes geht. 



Diesen kritischen Einwand muft also gegeniiber einzelnen, 
heute vielfach schon anerkannten Erscheinungen, anthropo- 
sophische Geisteswissenschaft ebenso machen, wie gegen- 
iiber denjenigen Erscheinungen, die ich Ihnen gestern erzahlt 
habe, und es wird darauf ankommen, was Anthroposophie 
zu diesen Erscheinungen zu sagen hat, nachdem sie ihrerseits 
ihre Forschungen angestellt hat iiber das, was der wahrhaft 
ewige Wesenskern des Menschen ist. 

Nun darf ich vielleicht wiederum darauf aufmerksam ma- 
chen, da$ ja durch jene gedanklichen, meditativen und durch 
jene Willensiibungen, von denen ich gestern und in meinen 
fruheren hiesigen Vortragen gesprochen habe, ein Zustand 
herbeigefiihrt wird im Menschen, und zwar gerade im Ge- 
fiihls- und Willenswesen des Menschen, der auf der einen 
Seite dem Schlafzustande ahnlich ist, sich aber doch wie- 
derum von diesem radikal unterscheidet. 

Ich habe gestern dargestellt, wie innerlich lebendig durch- 
leuchtet, durchkraftet das sonst bewufklose, gleichsam abge- 
lahmte Gefiihls- und Willenswesen des Menschen wird, wie 
also der Mensch Zustande dadurch behufs anthroposophi- 
scher Forschung herbeifuhren kann, wodurch er ebenso mit 
seinem Gefiihls- und Willenswesen aufterhalb des physi- 
schen Leibes ist, wie er es im Schlafe ist. Aber er ist dann 
nicht in einer dunklen, finsteren Welt, in einer Welt, die fur 
ihn Bewufklosigkeit bedingt, er ist in einer Welt geistiger 
Umgebung. Und fur ihn wird vor alien Dingen das erste Ob- 
jekt, auf das er zuriickblicken kann, sein eigener physischer 
Leib und sein eigener Bildekrafteleib, jener Bildekrafteleib, 
der aus Gedanken, die man aber als Krafte wahrnimmt, die 
Welt zuriickspiegelt zu dem Wesenskern des Menschen, der 
aus diesem physischen und Bildekrafteleib herausgetreten 
ist. Die Gedankenwelt, die man friiher mit sich verbunden 
hatte, sie wird gewissermafien von dem zuriickgebliebenen 



physischen Leib zuriickgespiegelt, und man erlangt ein Bild 
der Welt jetzt nicht dadurch, dafi sich blofi in den Sinnesor- 
ganen, wie etwa im Auge, die aufiere Welt spiegelt tind so die 
physische Welt bewufit erfahren wird, sondern man erlangt 
ein Bild der geistigen Grundlage der Welt dadurch, dafS ge- 
wissermafien der ganze menschliche Organismus zu einer 
Art von einzigem, totalem Sinnesorgan wird, das aber jetzt, 
wie ein anderes Objekt, aufierhalb des Menschen ist. 

Dieses aufierhalb des Menschen befindliche Wesen, das 
lernt der Mensch allmahlich kennen, wenn er immer weiter 
und weiter in anthroposophischer Forschung vorriickt, in- 
nerlich immer kraftiger und kraftiger wird. Ich habe schon 
gesagt: Von allem, was der Mensch erleben kann als Visio- 
nar, als jemand, der halluziniert, als jemand, der iiberhaupt 
in abnormen Seelenzustanden ist, unterscheidet sich dieser 
Zustand, in den sich der anthroposophische Geistesforscher 
bringt, dadurch, dafi er immer die Moglichkeit hat, sein ge- 
sundes, besonnenes Bewufitsein neben dem Schauen der ho- 
heren Welt zu behalten. Es tritt wirklich fur den Menschen 
nun etwas ein, das man nennen kann ein Hin- und Herpen- 
deln, ein Hin- und Herschwingen zwischen dem Schauen 
der geistigen Welt und dem Schauen der physischen Welt. 
Das heilk, der Mensch kann abwechselnd aufter seinem phy- 
sischen Leibe sein und in der Weise beobachten, wie 
ich es eben gesagt habe; er kann aber auch wiederum in 
ihm zu voller Bewufitheit, zum gewohnlichen Denken, Fuh- 
len und Wollen zuruckkehren und das Erlebte beurteilen 
mit dern gewohnlichen Denken, Fiihlen und Wollen, mit der 
gewohnlichen gesunden Besonnenheit, mit der er sonst 
das aufkre Sinnenleben und das gewohnliche Leben iiber- 
haupt beurteilt. So daft der Mensch vollig kritisch, mit 
derjenigen Kritik, die er sich nur heranerzogen hat im Le- 
ben, dem gegenuberstehen kann, was er in dieser Weise 



erforscht, was vor ihm als ein hoheres Erlebnis der Seek auf- 
tritt. 

Dieses Abwechseln zwischen den Zustanden, das ist bei 
abnormen Seelenzustanden nicht vorhanden. Der Visionar, 
der Halluzinant hat nicht die Moglichkeit, durch seinen ge- 
sunden besonnenen Willen willkurlich wiederum zuriickzu- 
kehren, wann er eben es fur richtig halt, zu seiner gewohnli- 
chen Besonnenheit, das heifit in seinen gewdhnlichen Kor- 
per. Es ist etwas Unwillkiirliches, etwas Unterbewufites, was 
ihn in diesen abnormen Zustanden zum Halluzinieren, zur 
Vision bringt, und gerade diese Kritiklosigkeit gegeniiber 
den abnormen Zustanden ist es, auf die immer wieder und 
wieder hingewiesen werden mufi, wenn das, was anthropo- 
sophische Geistesforschung hervorbringt, nun auch zusam- 
mengeworfen wird mit dem, was eben dem Halluzinatori- 
schen, dem visionaren Wesen angehort. 

Indem man aber auf diese Weise hin- und herschwingt 
zwischen dem iibersinnlichen Schauen und dem gewohnli- 
chen Bewufkseinszustande, gelangt man immer mehr und 
mehr dazu, mit den Kraften, die man im Gefuhls- und Wil- 
lenswesen sich ausgebildet hat, zuruckzuschauen auf das, 
was als physischer Leib und als Atherleib oder Bildekrafte- 
leib objektiv nunmehr aufter dem geistig-seelischen Wesens- 
kern des Menschen ist. Und man lernt, indem man sich em- 
porgerungen hat zum imaginativen Bewufitsein, nun wirk- 
lich das, was man so vor sich hat, als ein Bild einer anderen 
Welt kennen. Und das ist das Wichtige, da£ man durch ima- 
ginatives und durch inspiriertes Erkennen, wie ich es be- 
schrieben habe in den letzten Tagen, beurteilen lernt, was 
das eigentlich ist, was man da nunmehr von aufien als physi- 
schen und Bildekrafteleib ansieht. Es ist so, wenn ich mich 
eines Vergleiches bedienen darf, wie wenn jemand ein Bild 
zunachst vor sich hat und durch Kenntnis der Perspektive 



aus diesem Bilde heraus die entsprechende Wirklichkeit, die 
es abbilden soil, kennenlernt. Nur dafi dasjenige, was man 
auf diese Weise aus einem gewohnlichen Bilde als die ent- 
sprechende Wirklichkeit kennenlernt, eben doch nur ein in- 
neres seelisches Erlebnis ist, wahrenddem die Perspektive, 
zu der sich bei fortschreitender Geistesforschung dieser ob- 
jektive physische Leib, dieser objektive Bildekrafteleib er- 
weitert, doch ein Tatsachenerlebnis ist. Man lernt namlich 
erkennen, dafi in diesem physischen Leib und in diesem Bil- 
dekrafteleib dasjenige enthalten ist, und zwar im Abbilde 
enthalten ist, was der Mensch war, bevor er durch die Geburt 
oder sagen wir durch die Empfangnis in die physische Welt 
heruntergestiegen ist. Es lost sich los gewissermafien aus 
demjenigen, was man vor sich hat, das, was die Perspektive 
zuriick in die geistig-seelische Welt hineingibt, die man 
durchgemacht hat, bevor man durch Konzeption und Ge- 
burt sich vereinigt hat mit der physischen Materie, die man 
durch Eltern und Voreltern, durch die physischen Verer- 
bungsstromungen auf der Erde empfangen hat. Und aufge- 
schlossen wird fur die Anschauung das, was die geistig-seeli- 
sche Umgebung des Menschen war, bevor er in das Erden- 
dasein heruntergestiegen ist, aufgeschlossen wird diejenige 
Welt, in der die Krafte sind, die der Mensch eingegliedert hat 
in die physische Form, die ihm von Eltern und Voreltern 
iibergeben worden ist. 

Man lernt sich jetzt kennen im praexistenten Zustande, 
und das Eigentumliche, das da auftritt, das ist, dafi man tat- 
sachlich in diesem Tableau, das die praexistente Wesenheit 
des Menschen darstellt, die Welt im Grunde umgekehrt sieht 
im Verhaltnis zu einer physischen Perspektive. Im Verhaltnis 
zu einer physischen Perspektive ist es so, dafi man die nach- 
sten Gegenstande deutlich sieht, und dafi eben in demselben 
Mafie, in dem die Gegenstande weiter entfernt liegen, die 



Dinge ungenauer werden. Es liegt das wiederum im Wesen 
des perspektivischen Schauens in der Raumeswelt. In derje- 
nigen Perspektive, die einem jetzt aufsteigt aus dem zuriick- 
gebliebenen Menschenwesen, in der ist es umgekehrt. Was 
nahe ist dem physischen Erdenleben, das stent nahe auch 
dem gegenwartigen Erleben, und der Mensch kennt ja sein 
Inneres im physischen Erdenleben nicht. Es ist sein physi- 
sches Erdenleben etwas, das ihm seinen ewigen Wesenskern 
verdunkelt. Dieses Nachste, das wird nun nicht am friihesten 
geistig sichtbar, wenn man also in die praexistente Welt hin- 
einschaut, sondern es wird zuerst das Fernere sichtbar. Und 
wenn man aufgestiegen ist durch die drei Stufen, die man 
durch Ubungen als hohere Erkenntnisstufen in sich ausbil- 
den kann in dem Sinne, wie ich es in meinem Buche «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben 
habe, so gelangt man tatsachlich durch Imagination, Inspira- 
tion und Intuition dazu, ein geschlossenes, geistig-seelisches 
Weltenbild zu erhalten, das einen zunickfuhrt bis zu einem 
vorigen Erdenleben. 

Wie eine physische Perspektive begrenzt ist in der Feme, 
so ist durch ein zuriickliegendes Erdenleben, das sich einem 
durch Intuition erschliefit, dasjenige begrenzt, was man als 
das Bild der Welt bekommt, die man im praexistenten Zu- 
stand durchlebt hat. Es ist weder irgend etwas Phantasti- 
sches, noch irgend etwas logisch Erschlossenes, wenn in an- 
throposophischer Geisteswissenschaft gesprochen wird von 
den wiederholten Erdenleben, sondern es ist etwas durch Er- 
kenntnis Errungenes, etwas, was sich dem wirklichen geisti- 
gen Schauen darstellt. Dieses geistige Schauen mufi allerdings 
erst aus den Tiefen des seelischen Wesens hervorgeholt wer- 
den. Man erlangt dann eine positive Erkenntnis davon, daE 
in dem physischen Leib des Menschen und in dem atheri- 
schen oder Bildekrafteleib des Menschen sich eingestaltet, 



eingebildet haben diejenigen Wesenskrafte, die im Menschen 
waren in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt. 

Das erklart mit, daft man sich hereinentwickelt hat aus ei- 
ner geistigen Welt in die physische. Und in den physischen 
Leib, den man an sich gewissermaften als Werkzeug, nicht 
bloft als Umhullung tragt, und in den Bildekrafteleib, der die 
lebendigen Krafte enthalt, die den Organen, dem Stoffwech- 
sel, dem Wachstum zugrunde liegen, in diesen physischen 
Leib und Atherleib, der dann fur das geistige Schauen als 
Objektivitat vor uns erscheint, ist hineingebildet der We- 
senskern der Seele, wie er sich seit dem letzten Tode bis zu 

v \, . .1 1 . • • . • V.I- TOT .1.1," J 1 

uicsci ocuui t uuicii cmc gciaug-seciiaCiic w cit iiiiiuuicii ciil- 
wickelt hat. Man lernt das, was der Mensch zuriicklaftt, 
wenn er sich als Gefuhls-Willenswesen herausbegibt aus sei- 
nem physischen und Atherleib, gewissermaften als das letzte 
kennen, zu dem sich der Mensch sehnend aus der geistigen 
Welt hingeneigt hat, nachdem er gewissermaften in der geisti- 
gen Welt alt geworden und der geistigen Welt abgestorben 
ist in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. 
So wie der Mensch seinen physischen Leib welk werden fin- 
det in einem gewissen Alter, wenn er d
…[truncated]