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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Die Wirklichkeit der hoheren Welten
Acht offentliche Vortrage
gehalten vom 25. November bis 2. Dezember 1921
in Kristiania (Oslo)
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe dieser Auflage besorgten H. Wiesberger und R. Friedenthal
1 . Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1 962
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Kristiania, 29. Nov, 1921: «Jesus oder Christus»,
Dornach 1935, 1962, 1980
Kristiania, 30. Nov. 1921: «Die Kardinalfrage des Wirt-
schaftslebens», Dornach 1962, 1984
Samtliche Vortrage waren abgedruckt in der Wochenschrift
«Das Goetheanum»: Vortrage I bis VI und VIII 23. Jahrgang, 1944,
Nrn. 1-41; Vortrag VII, Nrn. 42-45
Bibliographie-Nr. 79
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1988 by Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0790-5
Z# den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroff entlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
I, Die Wirklichkeit der hoheren Welten. Das freie
Geistesleben und die Geisteslage der Gegenwart
Kristiania (Oslo), 25. November 1921 9
II. Wege zur Erkenntnis hoherer Welten
26. November 1921 43
III. Grundlagen der Anthroposophie
28. November 1921 75
IV. Der Mensch im Lichte der Anthroposophie
29. November 1921 104
V. Die Weltentwickelung im Lichte der Anthropo-
sophie
1. Dezember 1921 139
VI. Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung
2. Dezember 1921 171
VII. Jesus oder Christus
29. November 1921 202
VIII. Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens
30. November 1921 233
Hinweise 269
Personenregister 276
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 277
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 280
DIE WIRKLICHKEIT DER HOHEREN WELTEN
DAS FREIE GEISTESLEBEN
UND DIE GEISTESL AGE DER GEGENWART
Kristiania (Oslo), 25. November 1921
Vor allem anderen lassen Sie mich mein Bedauern dariiber
aussprechen, daft ich nicht in der Lage bin, dasjenige, was ich
mir erlauben werde vor Ihnen zu sprechen, in Ihrer Sprache
vorzubringen. Allein da dies nicht mdglich ist, mull ich Sie
eben darum bitten, das Auszufiihrende in deutscher Sprache
entgegenzunehmen .
Vorerst habe ich fur die aufterordentlich freundlichen, lie-
ben Begriiftungsworte, die eben ausgesprochen worden sind,
auf das allerherzlichste zu danken. Ich hoffe nur, daft es mir
gelingen werde, wenigstens in einigem dasjenige zu erfullen,
was vorausgesetzt wird. Ich bin der hier vereinigten Studen-
tenschaft von Herzen dankbar fur die Gelegenheit, die sie
mir gibt, iiber anthroposophische Geisteswissenschaft eini-
ges zu sagen. Ich weift gerade aus den langen Jahren der
Beschaftigung mit dieser Geisteswissenschaft, welche aufter-
ordentlichen Schwierigkeiten bestehen, sie unserer heu-
tigen Zivilisation und Kulturrichtung einigermaften ver-
standlich zu machen, und wie leicht es ist, daft man ihr ge-
geniiber zunachst mit Mi£verstandnissen kommt. Aus
diesem Grunde darf ich der mich einladenden Studenten-
schaft meinen ganz besonderen Dank aussprechen und die
Versicherung abgeben, daft es mir von ganz besonderem
Werte erscheint, gerade von seiten der Studentenschaft,
innerhalb welcher ja auch in anderen Landern heute an-
throposophische Geisteswissenschaft einige Aufmerksam-
keit findet, diesem Entgegenkommen auch hier zu be-
gegnen.
Nun, fur den heutigen Abend ist das Thema «Die Wirk-
lichkeit der hoheren Welten» gewiinscht worden. Da im
Grunde genommen mein gesamtes Schrifttum seit Jahrzehn-
ten eigentlich die eine grofie Frage nach der Wirklichkeit die-
ser hoheren Welten beantworten will, so werden Sie es ver-
stehen, daft in einem kurzen Abendvortrag von vornherein
man dazu verurteilt ist, etwas Ungenugendes und Unvoll-
standiges zu geben. Ich werde mich bemiihen miissen, einige
Richtlinien anzudeuten, hinzuweisen darauf, wie man zu
dieser Wirklichkeit der hoheren Welten kommt. Ich werde
selbstverstandlich nicht schon heute - einiges wird ja in den
nachsten Tagen bei anderen Gelegenheiten moglich sein -
igendwie etwas restlos Beweisendes vorzubringen in der
Lage sein, sondern nur auf die Wege und Richtungen, in de-
nen diese Beweise liegen, werde ich hindeuten konnen. Die
anthroposophische Geisteswissenschaft kann nicht von der
Wirklichkeit hoherer Welten sprechen, ohne die Wege anzu-
deuten, die zu dieser Wirklichkeit fuhren, und diese Wege
sind durchaus nicht solche, die etwa sich in Gegensatz stellen
wollen zu dem, was sich in so bewunderungswiirdiger Weise
durch das wissenschaftliche Streben der Menschheit, durch
den Wissenschaftsgeist der letzten Jahrhunderte herausgebil-
det hat.
Wenn von dieser oder jener Seite gerade die Wissenschaft-
lichkeit anthroposophischer Forschung angezweifelt wird,
so glaubt diese Forschung selbst, daft diese Zweifel durchaus
auf Mifiverstandnissen beruhen. Denn nicht irgendein bloft
laienhaftes Gerede mochte Anthroposophie sein, sondern et-
was, das mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftig-
keit, mit innerer wissenschaftlicher Disziplin und Methodik
sich den hoheren Welten, den ubersinnlichen Welten nahert,
wie sich seit langem die gesicherte, naturwissenschaftliche
Anschauungsweise den Gesetzmafiigkeiten der Natur na-
hert. Allein es ist notwendig, wenn man gerade mit derselben
Strenge, wie die Naturwissenschaft zu ihren Ergebnissen zu
kommen versucht, zu den iibersinnlichen Welten gelangen
will, daf$ man dann sowohl mit Bezug auf die Ergebnisse,
wie auch mit Bezug auf die Forschungsmethode iiber dasje-
nige hinausgeht, was heute allgemein als wissenschaftlich an-
erkannt wird. Anthroposophische Geisteswissenschaft ist
durchaus auf der Grundlage errichtet, auf welcher man sich
einlebt in all dasjenige, was die moderne Wissenschaft groft
macht. Diese moderne Wissenschaft ist grofi geworden
durch gewissenhafte Beobachtung der Sinneswelt, durch das
Experiment und durch die verstandesmafiige Erwagung des-
sen, was sich durch die Sinnesbeobachtung und das Experi-
ment ergibt. Alles, was man an dieser Forschung lernen
kann, wenn man sich selbst in sie hineinbegibt, das mochte
anthroposophische Geisteswissenschaft mit auf den Weg
nehmen, wenn sie nun hinausgeht sowohl iiber die Ergeb-
nisse, wie auch iiber die Art und Weise der Forschung der
heute schon anerkannten Wissenschaft.
Dieses Hinausgehen fuEt vor alien Dingen ganz stark auf
der Erkenntnis, dafi das menschliche Forschungsvermogen,
insoweit es sich in der Naturwissenschaft ausgebildet hat, zu
gewissen Grenzen kommt. Wer naturwissenschaftlich zu
forschen versteht, der weifi ganz gut, dafi die grofie Frage
des Menschendaseins nach der ewigen Bedeutung der Men-
schenseele, die Frage, die man gewohnlich die Unsterblich-
keitsfrage nennt, die Frage, welche man die Schicksalsfrage
nennt, die Frage also, welche man im weitesten Umfange die
nach den hoheren Welten nennt, dafi diese Frage aufierhalb
der Grenzen der modernen naturwissenschaftlichen For-
schung zunachst liegt. Und man lernt erkennen, daE die
ganze Art und Weise des Denkens, das Erkenntnisvermogen,
die Erkenntnisfahigkeit selber sich an der Sinnesforschung
ausgebildet haben, und daft sie in dem Momente an eine
Grenze kommen, wo sie fiber die Sinneswelt hinausgehen
wollen. Anthroposophie ist mit anerkannten Forschern der
Gegenwart vollig einverstanden, wenn es sich darum han-
delt, festzustellen, daft solche Grenzen fur das gewdhnliche
menschliche Bewufttsein vorhanden sind.
Es gibt ja viele Bestrebungen, die in philosophischer Weise
hinausgehen mochten iiber diese Grenzen. Allein alles, was
der menschliche Verstand, wohl auch das menschliche Ge-
mut ersinnen iiber dasjenige, was jenseits der Sinneswelt
liegt, all das kann doch einer gewissen strengen Kritik nicht
standhalten und verrat sich vor allem als unbefriedigend da-
durch, daft es gewissermaften ins Leere greift, daft der Ver-
stand fiihlen kann, wie er angewiesen ist auf das, was ihm
zunachst die Sinne liefern und wie er, wenn er den Sinnestep-
pich, der um uns herum ausgebreitet ist, durchbrechen will,
wenn er sich selbst iiberlassen ist, wie er dann eigentlich kei-
nen Inhalt mehr hat, wenn man im gewdhnlichen Bewuftt-
sein stehen bleibt.
Tiefere Gemiiter, die dennoch ihre Seelen- und Geistesbe-
diirfnisse vor der Wissenschaft heute zu rechtfertigen versu-
chen und nicht blofi dabei stehen bleiben mochten, sich ei-
nem gewissen Glauben hinzugeben, sondern etwas wissen
mochten iiber die Dinge, welche iiber das Zeitliche hinauslie-
gen, solche tieferen Menschengemiiter fluchten heute sehr
haufig in eine gewisse Mystik hinein. Sie glauben, daft dasje-
nige, was ihnen die auftere Wissenschaft nicht geben kann,
ihnen zuteil werden kann, wenn sie sich in die Tiefen des
Seelenlebens hinunter versenken. Sie glauben, daft aus den
Tiefen des Gemixtes ihnen heraufstromen kann dasjenige,
was ihnen Aussagen liefern kann iiber den ewigen Wert, die
ewige Bedeutung der Menschenseele, iiber die Zusammen-
hange der Menschenseele mit der gottlich-geistigen Welt.
Aber gerade eine tiefere Seelenkunde kann nicht einver-
standen sein mit solch einer Mystik im gewohnlichen Sinne.
Denn eine tiefere Seelenkunde kennt all die verborgenen
Wege des menschlichen Erinnerungsvermogens. Das ge-
wohnliche Bewufitsein hat ja gewift seine Erinnerungen, die
Schatze seines Gedachtnisses, die es immer wieder und wie-
derum hervorholt, weil das fur ein gesundes Seelenleben not-
wendig ist. Aber in den Tiefen der Seelen ruht manches, was
in diese Erinnerungen sich hineinmischt, und was in seiner
Wesenheit dieses gewohnliche Bewulksein nicht uber-
schauen kann. Da schiirft mancher Mystiker aus den Tiefen
der Menschenseele etwas herauf , was er wie einen Ausspruch
hoherer Welten anschaut, aber fur den wirklichen Seelenken-
ner sind das vielleicht nur Eindriicke der Sinnenwelt aus der
lange verflossenen ersten Kindheit. Der Seelenforscher weifi,
welche Metamorphosen das durchmachen kann, was wir
selbst unbewufit in der allerersten Kindheit hereinnehmen in
unsere Seele, wie es verandert im spateren Lebensalter wieder
auftreten kann. Mancher glaubt, einen gottlichen Funken in
seiner Seele auf mystische Art zu finden, und er zieht nichts
anderes aus den Tiefen der Seele hervor als die umgewandel-
ten Kindheitserlebnisse.
Das sind die beiden Klippen, vor die wir gestellt sind,
wenn wir in ernster und ehrlicher Weise an die Wirklichkeit
der hoheren Welten sehnend, forschend herantreten. Sowohl
vor einer spekulativen Philosophic, welche in blofien Ver-
standeserwagungen die aufiere Sinneswelt durchbrechen und
zu einer Art von Jenseitswelt kommen mochte, wie auch vor
einer solchen Mystik, die im Grunde genommen doch nur
verwandelte Erinnerungen aus den Tiefen des Menschenge-
miites hervorholt, mufi sich der ernste Geistesforscher hiiten.
Nach beiden Seiten hin entdeckt er umibersteigliche Gren-
zen : Auf der einen Seite die Sinneswelt, die er nicht durch-
brechen kann mit dem gewohnlichen Bewuiksein, auf der
anderen Seite, nach der Seite des Menschen, die Erinnerungs-
welt, die da sein mufi fur ein gesundes Seelenleben, und die
nach dem Innern hin eine Grenze bildet, die auch fur das
gewohnliche Bewufttsein eigentlich nur durch Illusionen und
Phantasmen uberschritten werden kann.
An diesen beiden Klippen mochte anthroposophische
Geistesforschung vorbeikommen zu einer wirklichen Er-
kenntnis der hoheren, der ubersinnlichen Welten. Sie gesteht
sich daher ganz ehrlich und of fen, dafl die Erkenntnisfahig-
keiten, die im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen
Wissenschaft ublich sind, eben an diese beiden Grenzen
kommen mussen, daft man mit diesen Erkenntnisfahigkeiten
eben nicht in die hoheren Welten eindringen kann. Daher
geht anthroposophische Geisteswissenschaft darauf aus, sol-
che Fahigkeiten, wie die in der Seele schlummernden, deren
sich das gewohnliche Bewufttsein eben nicht bewulk ist, zum
Bewufitsein heraufzuheben und diese erst auszubilden, um
mit diesen ausgebildeten Fahigkeiten dann erst die For-
schung nach der hoheren Wirklichkeit anzutreten. Diese
Geistesforschung geht nicht aus von irgendeinem nebulosen
Mystischen, sie geht durchaus von Fahigkeiten des gewohn-
lichen Lebens aus, bildet diese Fahigkeiten des gewohnlichen
Lebens aber nicht nur weiter um, sondern sie macht aus ih-
nen wesentlich andere Fahigkeiten.
Das erste, worauf die Aufmerksamkeit des ehrlichen Gei-
stesforschers gerichtet sein mufi, ist die menschliche Erinne-
rungsfahigkeit, die wir in ihrer Begrenztheit, in ihrer Einge-
schranktheit eben besprochen haben. Diese Erinnerungsfa-
higkeit, sie macht es uns moglich im gewohnlichen Leben,
dasjenige, was wir seit unserer Geburt oder von einem Zeit-
punkte, der etwas spater liegt, durchgemacht, erlebt haben,
in Bildern immer wieder und wiederum willkiirlich oder un-
willkurlich vor unsere Seele zu zaubern. Dieses Faktum, das
gewohnlich nicht in seiner vollen Tragweite vor die Seelen-
forschung hingestellt wird, stellt nun die Anthroposophie in
voller Tragweite vor die menschliche Seele hin. Und sie ver-
sucht, gerade so, wie das sonst nur bei der Erinnerung, bei
der Gedachtnisfahigkeit der Fall ist, Vorstellungen, Begriffe,
kurz Gedankliches, willkiirlich in den Mittelpunkt des
menschlichen Bewufltseins zu riicken. Sie versucht auf diese
Weise eine erste hohere Erkenntnisfahigkeit auszubilden
durch gewisse Ubungen, die gerade vorgenommen werden
mit der Denkkraft. Sie bleibt nicht stehen bei der Denkkraft,
wie sie sich in der gewohnlichen Erinnerung aufiert. Sie
schreitet fort - nicht zu jener willkiirlichen Meditation, von
der man in nebuloser Mystik oft spricht -, sondern zu einer
innerlich ganz geregelten, systematischen Meditation.
Ich werde hier zunachst das Prinzipielle der Sache anzu-
deuten haben. Alles Genauere finden Sie in verschiedenen
meiner Bucher in alien Einzelheiten, und ich werde Einzel-
heiten auch in den nachsten Tagen hier noch zu erdrtern ha-
ben. Meine Bucher, die diese Einzelheiten erortern, sind vor
allem «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»,
«Geheimwissenschaft». Dasjenige, was ein jahrzehntelanges
Studium ist, kann eben hier nur prinzipiell in einigen Richtli-
nien angedeutet werden. Es handelt sich darum, dafi die
Denkkraft des Menschen zu einer grofieren Starke, zu einer
grofteren Intensitat entwickelt wird, als sie sie im gewohnli-
chen Leben und in der gebrauchlichen Wissenschaft hat.
Wenn man einen Muskel besonders anstrengt in der Arbeit,
so wird die Kraft dieses Muskels verstarkt. Was hier mit ei-
nem aufieren Leibesgliede ausgefuhrt wird, das fuhrt, ganz
systematisch, der Geistesforscher in bezug auf die Seelen-
krafte aus. Er stellt eine leicht iiberschaubare Vorstellung
oder einen leicht iiberschaubaren Vorstellungskomplex mit
voller Bewufltheit, mit vollem freien Willen in den Mittel-
punkt des Bewufkseins, und er verweilt mit dem Bewufitsein
eine Zeitlang - der eine braucht langer, der andere kurzere
Zeit, je nach seinen Fahigkeiten, je nach seiner Konzentra-
tionsmoglichkeit - auf einer solchen iiberschaubaren Vor-
stellung.
Ich bitte Sie, darauf zu achten, dafi ich von einer iiber-
schaubaren Vorstellung spreche. Das ist aufierordentlich
wichtig. Wiirden wir aus unserem gewohnlichen Erinne-
rungsschatze zu unserer Meditation, zu unserer Denkiibung
einfach etwas heraufholen, dann wiirden wir nicht zurecht-
kommen. Denn in dem, was wir da aus unserem Denkschatz
heraufholen, ist vieles enthalten an Reminiszenzen, an unbe-
wuiken Lebenseindriicken, das dann wirken wiirde, wenn
wir uns daran gedanklich iiben. Nichts darf aus dem Unbe-
wufiten heraus wirken in die richtige anthroposophische Me-
ditation hinein. Alles mufS iiberschaubar sein. Alles mufi der
vollen Besonnenheit unterliegen. Daher wird auch zuweilen
gefordert, und das mit Recht, dafi derjenige, der in dieser
anthroposophischen Geisteswissenschaft selber ein Forscher
werden will, sich an einen schon erfahrenen Forscher wende
und sich Ubungen von ihm geben lasse. Wenn wir solche
Dinge iiben, die wir in der einen oder anderen Weise selbst
suchen, oder wenn wir sie uns geben lassen, so treten sie als
etwas Neues in unser Bewufitsein ein, so wie eine Sinneser-
fahrung, der wir gegenuberstehen, die auch nicht aus den
Tiefen unserer Seele aufruckt, sondern die eben als etwas
Neues in unsere Seele eintritt. Es handelt sich nicht darum,
dafi wir aus dem Inhalte irgendeiner solchen Vorstellung et-
was gewinnen, sondern daft sie mit der Neuheit einer Sinnes^
erfahrung in unser Bewufitsein eintritt, und dafi wir dann
mit unseren Seelenkraften auf ihr verweilen. Geradeso wie
wir mit dem Muskel eine Arbeit verrichten, so arbeiten wir
mit den Seelenkraften, wenn wir emsig mit innerer Konzen-
tration auf einer solchen Vorstellung verweilen. Wenn wir
darauf bedacht sind, alle die Einzelheiten, die ich in meinen
Buchern beschrieben habe iiber dieses Uben, zu beobachten,
dann werden wir nicht in irgendeine Suggestion oder Auto-
suggestion verf alien, sondern wir werden jeden einzelnen
Augenblick einer solchen Gedankemibung mit voller Entfal-
tung unseres Willens vornehmen. Wir werden aber nach
einiger Zeit verspiiren, wie wir die innere Seelenkraft verstar-
ken, wie wir sie intensiver machen. Es braucht nicht viel Zeit
fur diese Ubungen an einem einzelnen Tage, aber man muft
diese Ubungen immer wieder und wiederum wiederholen.
Der eine braucht langer, der andere kann schon etwas Erheb-
liches erreichen in wenigen Monaten, manche brauchen
Jahre. Aber im Prinzip liegt iiberall dasselbe vor: dafi sich
die Seelenkrafte, namentlich die Gedankenkrafte, durch sol-
che Ubungen innerlich verstarken. Und man gelangt endlich
an einen Punkt, wo man zu dem sogenannten imaginativen
Denken vorriickt.
Was sich da ausbildet, habe ich imaginatives Denken ge-
nannt aus dem Grunde, weil man allmahlich bemerkt, dafi
das Denken aus jener Abstraktheit und jenem Intellektualis-
mus, dem es im gewohnlichen Leben und in der gewohnli-
chen Wissenschaft unterliegt, herauskommt: Es wird allmah-
lich das rein innere Denken durchleuchtet von einer Bildhaf-
tigkeit, durchwarmt von einer Lebendigkeit, die durchaus
gleichkommen demjenigen, was wir an Lebendigkeit und
Bildhaftigkeit gegeniiber den aufieren Sinneseindrxicken ent-
wickeln. Das ist aufierordentlich wichtig zu beachten, denn
wir wissen alle, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf aufiere
Sinneseindriicke richten, so ist alles intensiv, es ist alles gesat-
tigt. Wir sind mit unserem ganzen Menschen an diese aufie-
ren Sinneseindriicke hingegeben. Wenn wir aber, nachdem
wir die Aufmerksamkeit von den aufieren Sinneseindrucken
abgewendet haben, uns dann dem Denken im gewohnlichen
Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft iiberlassen, so
ist dieses Denken blafi, wenig durchwarmt. Man spricht ja
mit Recht von der Blafiheit des abstrakten Denkens. Und
abstrakt ist fast alles Denken, das man im gewohnlichen Le-
ben und in der gewohnlichen Wissenschaft entwickelt. Voll
gesattigt sind nur diejenigen Gedanken, die wir entwickeln
in dem Momente, wo wir der aulSeren Sinneswirklichkeit
hingegeben sind.
Zu dieser Lebendigkeit, zu dieser innerlichen Gesattigtheit
kommt man aber bei blofiem zunachst inneren Erleben,
wenn man solche Denkiibungen macht, wie ich sie angedeu-
tet habe. Dann kommt man wirklich dazu, bildhaft, imagina-
tiv zu denken. Man mufi sich dann nur klar sein dariiber, dafi
man zunachst in diesem imaginativen Denken nichts vor sich
hat oder in sich hat, was nun schon irgendeiner aufteren
geistigen Wirklichkeit entspricht. Wohl aber merkt man
nach und nach die reale, die objektive Bedeutung dieses ima-
ginativen Denkens, wenn man folgende innere Erfahrung
macht.
Sie wissen alle, wie beim heranwachsenden kleinen Kinde
sich das Gehirn allmahlich zu dem wunderbaren Organ aus-
bildet, das es im Laufe des Lebens dann wird. Man kann
durchaus sagen: Das Gehirn ist zunachst ein plastisches Or-
gan, es duldet, dafi die bildsamen Krafte der Seele sich ab-
driicken in seinem ganzen Bau, in seinen Windungen und so
weiter. Das geschieht ja in den ersten Jahren des kindhchen
Lebens. Das bleibt auf einem gewissen Punkt stehen, auf
dem wir ankommen durch die gewohnliche natiirliche Ent-
wickelung des Menschen und durch die gewohnliche Erzie-
hung. Und mit demjenigen, was wir auf diese Weise errei-
chen, suchen wir dann im gewohnlichen Leben zurechtzu-
kommen, suchen wir uns in der gewohnlichen Wissenschaft
fortzubringen. Aber indem wir uns als Kind von Jahr zu
Jahr entwickelt haben, sind wir ja immer fahiger und fahiger
geworden. Dieses immer Fahiger- und Fahigerwerden, das
erfahrt man wiederum, wenn man nach dem imaginativen
Erkennen strebt. Da erfahrt man, dafi man durch diejenige
Tatigkeit, die ich eben als eine Tatigkeit von Denkiibungen
beschrieben habe, wiederum etwas in sich bearbeitet, dafi
man etwas, was jetzt plastisch ist, bearbeitet. Aber man fuhlt
auch, dafi das, was man da bearbeitet - was in derselben
Weise, ich mochte sagen, seelisch-geistig jetzt gefurcht wird,
wie das physische Gehirn in der Kindheit gefurcht worden
ist — , dafi das ein Ubersinnliches, ein Seelisch-Geistiges im
Menschen ist, das sich abhebt vom physischen Leibe. Und
man fuhlt nach einiger Zeit, dafi man sich ganz anders jetzt
verhalten karin gegeniiber den aufSeren und inneren Erkennt-
nisgrenzen. Man hat gerade als Geistesforscher denjenigen
recht zu geben, die von solchen Erkenntnisgrenzen sprechen.
Man fuhlt aber, dafi man jetzt wirklich diese Erkenntnisgren-
zen durch neuentwickelte Fahigkeiten allmahlich uberschrei-
ten kann.
Wenn diese innere Erfahrung, dieses innere Erlebnis ge-
kommen ist, wenn man wirklich fuhlt, du brauchst jetzt
nicht bloft bei der Sinneswelt stehen zu bleiben, du erfahrst
etwas durch dein bildhaftes Denken, durch dein lebendiges
Denken, wenn du den Sinnesteppich durchstofit, wenn du in
dein Inneres hineinzuschauen versuchst, erfahrst du etwas,
was gewohnliche Naturwissenschaft nicht erfahrt, was ge-
wohnliche Mystik nur in illusionarer Weise sich vor die Seele
riicken kann, wenn man dieses ehrlich als ein Ergebnis einer
inneren Entwickelung erlebt, dann kann man sicher sein, dafi
man auf einem Wege ist, der nun wirklich nach hoheren Wel-
ten hinfiihren kann.
Zunachst hat man ja noch nichts AufSerliches vor sich.
Man hat nur die alten Krafte verstarkt, intensiver gemacht.
Aber man merkt sehr bald, dafi in dem Bewufttsein des Men-
schen jetzt etwas Wesentliches, etwas Wichtiges vor sich
geht. Man bekommt namlich nach und nach etwas wie eine
Innenschau, die sich iiber das ganze bisherige Leben seit der
Geburt erstreckt. Ja, dies ist die erste libersinnliche Wirklich-
keit, die man erlebt: sein eigenes inneres Leben seit der Ge-
burt in einem uberschaubaren Tableau. Und es driickt sich
dieses uberschaubare Tableau dadurch aus, dafi man mit sei-
nem Denken in einem anderen Verhaltnis zu dem ist, was
man jetzt aufierlich wahrnimmt, als man fruher mit seinem
Denken zu dem aufierlich Gegebenen und innerlich Erleb-
ten war.
Im gewohnlichen Leben entwickelt man das Denken. Man
denkt iiber etwas nach. Die Gedanken sind in der Seele, sie
sind subjektiv. Das andere ist objektiv, das andere ist drau-
fien. Man fuhlt seine Gedankentatigkeit getrennt von demje-
nigen, was draufien ist. Jetzt hat man das Tableau seines eige-
nen Seelenlebens seit der Geburt vor sich. Aber ich mochte
sagen, die Gedanken gehen hinein in dieses Gewebe. Man
fuhlt sich in diesem Gewebe drinnen. Man sagt sich: Jetzt
beginnst du dich selber erst wirklich zu erfassen. Du mufit
deine Gedanken abgeben an dasjenige, was dir objektiv vor
das Bewufitsein tritt. - Das begriindet sogar eine gewisse, ich
mochte sagen, schmerzliche Erfahrung zunachst bei dem an-
throposophischen Geistesforscher. Solche schmerzlichen Er-
fahrungen mufi der anthroposophische Geistesforscher mit
seinen Erlebnissen in verschiedener Richtung durchmachen.
Er darf sich nicht scheuen, in einer gewissen Weise innerlich
Schwieriges, oftmals Schmerzliches durchzumachen. Ich
werde auch dariiber heute noch nach anderer Richtung hin
zu sprechen haben. Jetzt aber erlebt man gegeniiber diesem
Lebenstableau zunachst dieses, dafi man in einer Art innerer
Bedriickung die eigene Wesenheit verspiirt. Man verspiirt sie
nicht in der Leichtigkeit, mit der man sonst Gedanken, Vor-
stellungen hegt, mit der sonst Gefuhle, Willensimpulse,
Wiinsche und dergleichen in uns sind, man verspiirt sie wie
etwas, das einen beklemmt. Kurz, man verspiirt in dieser Be-
driickung gerade die Reaiitat. Hat man diese Bedriickung
nicht, dann hat man doch nur ein Gedankengebilde, dann
hat man doch nicht die Reaiitat. Aber indem man in diese
Bedriickung hineintragt alles das, was man friiher an frei sich
entfaltenden Gedankengeweben hatte, ist man dadurch ge-
schiitzt davor, mit seiner imaginativen Erkenntnis etwas zu
entwickeln wie Illusionen, Visionen, Halluzinationen.
Das ist etwas, was der anthroposophischen Geisteswissen-
schaft so haufig in den Weg geworfen wird. Man sagt: Mit
ihren Ubungen entwickelt sich ja doch nichts anderes als Vi-
sion, Halluzination. Sie bringt an die Oberflache des Be-
wufitseins gewissermafien unterdriickte Nervenkrafte, und
niemand konne die Wirklichkeit desjenigen beweisen, wo-
von anthroposophische Geisteswissenschaft als von hoheren
Welten redet. Wer auch nur das beachtet, was ich heute
schon gesagt habe, der wird fiihlen, daft der Weg, den an-
throposophische Geisteswissenschaft geht, der entgegenge-
setzte ist von all jenen Wegen, die zu Visionen, zu Halluzina-
tionen oder etwa gar zu Mediumismus fiihren. Alles das, was
zum Mediumismus, zu Halluzinationen, zu Visionen fiihrt,
das geht zuletzt doch nur hervor aus krank gewordenen Lei-
besorganen, die gewissermafien ihr Geistig-Seelisches in pa-
thologischer Weise ausatmen herauf in das Bewufksein. Das
alles liegt unterhalb der Sinnesempfindung. Dagegen dasje-
nige, was als imaginative Erkenntnis ausgebildet wird, liegt
oberhalb der gewohnlichen Sinneswahrnehmung, wird ge-
rade an der Objektivitat ausgebildet, nicht an dem krankhaf-
ten Inneren.
Es ist daher ein vollstandiges Miftverstandnis, wenn man
solche Pathologie demjenigen vorwirft, was als anthroposo-
phische geistesforscherische Methode charakterisiert wird.
Im Gegenteil, dadurch, daft man in volliger Freiheit des Be-
wulkseins das ergreift, was ich als imaginative Erkenntnis
geschildert habe, gelangt man dazu, alles Halluzinatorische,
alles Mediumistische als solches zu durchschauen. Niemand
wird strenger abweisen alle derartigen Psychopathien, als ge-
rade derjenige, der nun nicht weiter sein Seelisches hineinge-
drangt hat in den Leib, wie der Halluzinierende, sondern der
sein Seelisches durch die geschilderten Anstrengungen aus
dem Leibe gerade herausgezogen hat, der auf der einen Seite
nun dazu gekommen ist, sein eigenes Leben bis zu der Ge-
burt hin zunachst in einem solchen Tableau zu iiberschauen.
An dem, was ich eben als Realitat bezeichnet habe, merkt
man, daft man jetzt wirklich ergriffen hat, was nun nicht
blofie Gedanken, sondern was die lebendigen Krafte sind,
die, seit wir im Erdenleben weilen, an dem Aufbau unseres
Organismus mitgearbeitet haben. Was sich als Imagination
so auftut, ist nichts anderes als die Summe der Krafte, durch
die wir wachsen, die Summe der Krafte, die auch in unserer
Ernahrung wirken. Daher nennt anthroposophische Geistes-
wissenschaft dasjenige, was auf diese Weise als ein iibersinn-
lich im Menschen Wirkendes entdeckt wird, den Atherleib
oder Bildekrafteleib. Sie sehen: Auf eine ganz systematische
Weise entdeckt man ein hoheres Glied der menschlichen We-
senheit, dasjenige, was als ubersinnliches Glied zunachst ar-
beitet an der Gestaltung unseres Erdenleibes. Und daran, daft
man sich in dem, was einem da als Tableau entgegentritt,
nicht bewegt wie in gewohnlichen Gedanken, sondern so,
daft man an der Bedriickung gerade die Realitat verspurt,
dadurch merkt man: Was du da innerlich schaust, ist das-
selbe, was sonst unbewuftt in deinem Organismus tatig ist.
Es ist nichts phantastisch Ersonnenes, was die anthroposo-
phische Geisteswissenschaft als iibersinnlichen Ather- oder
Lebensleib anspricht. Es ist nicht die hypothetische alte Le-
benskraft, die mit Recht von der Wissenschaft verlassen wor-
den ist, es ist etwas, was sich in ganz realer Anschauung er-
gibt, was eine Wirklichkeit wird fur das verstarkte Vorstel-
lungsleben, das entwickelt worden ist, wie die aufiere Sinnes-
welt eine Wirklichkeit ist. Und nicht nebulose mystische
Entwickelungen sind es, die uns zu dieser Wirklichkeit brin-
gen, sondern die Verstarkung, die Erkraftung des ganz nor-
malen Denkvermogens, das nur hinausgefuhrt wird zu einem
freien, rein geistig-seelischen Ich. Das ist es, was uns diese
erste hohere Wirklichkeit vor die Seele bringt.
Wir mussen aber, da wir auf der einen Seite zunachst ei-
gentlich nichts anderes als unser eigenes Lebendiges in der
Zeitenfolge wie ein Tableau iiberblicken als Erdenmensch,
wir mussen weiterkommen auf dem Wege zu den ubersinnli-
chen Welten. Das geschieht, indem wir wiederum durch
Ubungen weitere in der Seele schlummernde Krafte herauf-
holen. Es gibt im menschlichen Leben, wie Sie wissen, nicht
nur das Erinnern, also das Festhalten von Vorstellungen,
sondern es gibt auch das Vergessen. Das Vergessen wird uns
im gewohnlichen Leben zu unserem Leidwesen oftmals
leicht. Aber gerade derjenige, der viel in Gedanken lebt, wird
wissen, dafi Gedanken einen auch plagen konnen, dafi es
Miihe gibt, die Gedanken ganz zu unterdriicken. Das wird
insbesondere zu einer groEen Miihe, wenn wir in dieser sy-
stematischen Weise, wie ich es beschrieben habe, meditieren,
wenn wir das innere tiefe Denken entwickeln. Wenn wir so
gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewulk-
seins riicken und die Krafte des Vorstellens verstarken, dann
wollen die Vorstellungen nicht gleich wieder fort. Sie be-
driicken uns. Sie lassen sich nur unterdriicken, wenn wir uns
wiederum ganz systematisch darin iiben. Wir mussen gewis-
sermafien, wenn ich mich etwas paradox ausdrucken darf,
kiinstlich das Vergessen, das Unterdriicken von Vorstellun-
gen, die da sein wollen, iiben.
Wiederum habe ich im einzelnen in den genannten Bii-
chern viele Ubungen geschildert, durch die wir diese Kraft
verstarken, welche die Vorstellung unterdriickt. Dann kom-
rnen wir dahin, wenn wir lange Zeit solche Ubungen im Un-
terdriicken von Vorstellungen machen, das Bewulksein bei
vollem Wachen ganz leer zu machen. Es ist damit nicht etwas
so Unwesentliches gesagt, wie man gewohnlich glauben
konnte. Die meisten Menschen zunachst, die im gewohnli-
chen Leben drinnen stehen, wenn sie versuchen, ihr Bewufk-
sein ganz leer zu machen, schlafen nach einiger Zeit ein. Nun
ist das Bewufksein noch schwerer leer zu machen, wenn man
zuerst es durch Meditation mit verstarkten Vorstellungen an-
gefiillt hat. Allein man mufi sich darin iiben. Und dadurch
gelangt man allmahlich dahin, nicht nur einzelne Vorstellun-
gen zu unterdriicken, nicht nur gegeniiber denselben das Be-
wufitsein leer zu machen, sondern man gelangt allmahlich
durch immerwahrende Anstrengungen dazu, das ganze Ta-
bleau des bisherigen Lebens, von dem ich gesprochen habe,
aus dem Bewulksein herauszubringen. Es ist fast das ganze
Leben wie in einem, ich mochte sagen, zur Zeit gewordenen
Raume oder in einer zum Raum gewordenen Zeit. Es ist das
ganze Tableau des bisherigen Lebens vor uns. Wir erlangen
allmahlich durch die angedeuteten Ubungen die Fahigkeit,
dieses ganze Tableau aus dem Bewulksein auszuloschen,
nachdem wir dieses Tableau gehabt haben, das Bewufitsein
leer zu machen und doch zu wachen.
Dieses ist erne sehr wichtige Etappe auf dem Wege zur
Wirklichkeit der hoheren Welten. Denn wenn wir in dieser
Weise dazu kommen, unser Bewufksein vollig leer zu ma-
chen, nachdem wir es zuerst mit unserem eigenen Lebensta-
bleau, mit der Anschauung unseres Atherleibs angefiillt hat-
ten, dann stehen wir nicht vor einem Nichts. Dann konnen
wir zwar erkennen, dafi alles das, was Sinneswelt ist, nun
nicht um uns herum da ist - so wenig ist die Sinneswelt jetzt
urn uns herum da, wie sie da ist im tiefen traumlosen Schlafe-,
aber eine Welt, die wir bisher nicht gekannt haben, taucht
auf, eine Welt ubersinnlicher Wesen und ubersinnlicher Vor-
gange. Die entdecken wir, nachdem wir unser eigenes Le-
benstableau erst aus dem Bewufitsein herausgeschafft haben.
Es ist einfach absurd, gegeniiber dem, was da auftaucht nach
diesen Anstrengungen, davon zu sprechen, dalS es blofSe Le-
bensreminiszenzen, dafi es Illusionen sein konnten. Wer das
in Realitat erlebt, der weifi - ebenso wie er gegeniiber der
aufteren Sinneswirklichkeit weifi, daft er eben eine Wirklich-
keit vor sich hat - durch das unmittelbare Leben, da/5 er eben
eine solche Wirklichkeit vor sich hat.
Das Wesentliche bei diesem allem aber ist, daft wenn der
Mensch zum Halluzinierenden, zum Visionsmenschen wird,
er dann sein gewohnliches Bewufttsein verhert. Der Halluzi-
nierende lebt in seinen Halluzinationen. Seine gewohnliche
Besonnenheit ist nicht mehr da. Derjenige, der in solcher
Weise sich ausbildet, wie ich es beschrieben habe, verliert
nichts von seinem gesunden Menschenverstand, er verliert
nichts von seiner gewohnlichen Besonnenheit. All dasjenige,
was er friiher hatte, bleibt ihm, und er kann von dem An-
blicke der neuen Welten, der ubersinnlichen Welten, die jetzt
vor ihm auftauchen, immer zuriickblicken. Wie man auf
seine Erinnerungen zuriickblickt, kann er immer zuriick-
blicken zu dem, was er im gewohnlichen Leben, in der ge-
wohnlichen Wissenschaft seinem Bewufksein einverleiben
kann. Daher kann der also sich Ausbildende sein bewufkes
Denken, sein ganz vom Willen durchdrungenes Denken in
die ganze Wahrnehmung der iibersinnlichen Welt hineintra-
gen. Er kann iiber diese iibersinnliche Welt verstandesmafiig,
vernunftgemafi so sprechen, wie man sonst iiber die Sinnes-
welt in der gewohnlichen Wissenschaft spricht. Da er diese
hoheren Welten mit dem gewohnlichen Verstande, mit der
gewohnlichen wissenschaftlichen Methode beschreibt, so
kann ihm jeder folgen, auch wenn er kein Geistesforscher,
kein forschender Anthroposoph geworden ist, sondern ein-
fach seinen gesunden Menschenverstand Kritik iiben lalk.
Weil der anthroposophische Forscher diesen gesunden Men-
schenverstand in alle Erkenntnis der hoheren Welten hinein-
tragt, braucht man kein Geistesforscher zu sein, um seine
Mitteilungen zu verstehen. Wenn man die Mitteilungen des
Geistesforschers entgegennimmt, so mussen sie einem in sol-
chen Formen entgegentreten, da£ der gesunde Menschenver-
stand sie verfolgen kann. Das gilt nicht nur vom imaginativen
Denken, durch das einem ja zunachst nur erst das Erdenle-
ben auftritt, sondern das gilt auch bis zu der Stuf e des Erken-
nens, von der ich eben jetzt gesprochen habe, und die ich in
meinen Buchern das inspirierte Erkennen genannt habe.
Ich bitte, sich an solchen Ausdriicken nicht zu stolen. Es
ist nichts Aberglaubisches oder Althergebrachtes damit ge-
meint, sondern allein dasjenige, was ich beschreibe. Inspi-
riertes Erkennen nenne ich es deshalb, weil in der Tat gerade
so, wie aus der Aufienwelt als ein Reales die Luft in unseren
Atmungsorganismus hereinkommt, so jetzt die ubersinnli-
che Welt in die gewohnliche Seelenwelt hereinkommt. Wir
sind, indem wir einem solchen inspirierten Erkennen als Gei-
stesforscher hingegeben sind, in der folgenden Lage. Wir ge-
hen zunachst aus von der gewohnlichen Seelenverfassung.
Nachdem wir uns zuerst die Fahigkeit angeeignet haben, das
Bewuiksein leer zu machen, konnen wir, wo wir auch ste-
hen, in der Zeit oder im Raume, was wir auch in unserem
Bewufitsein haben, die Moglichkeit herbeifiihren, das Be-
wuiksein leer zu machen. Von gewissen Ausgangspunkten
aus erscheint uns dann irgend etwas von dem Wesen, von
den Vorgangen der iibersinnlichen Welt. Wie eine Einat-
mung, eine Inspiration ist dieses. Die geistige Welt wird her-
eingeatmet in die gewohnliche Welt. Und wiederum miissen
wir die Starke haben, das gewohnliche Bewufitsein herzustel-
len, zu urteilen vom gewohnlichen Bewuiksein aus uber
diese geistige Welt. Es ist ein fortwahrendes Aus- und Einat-
men der geistigen Welt, ein immer wiederkehrendes Heran-
kommen an das gewohnliche Bewuiksein, das den Menschen
eben auch gegeniiber diesen geistigen Welten voll besonnen
macht.
Daft der Ausdruck Inspiration berechtigt ist, mag hervor-
gehen aus etwas, das ich nur zum Vergleich heranziehen
mochte. Der heutige Geistesforscher ist nicht in der Lage, in
derselben Weise zu den iibersinnlichen hoheren Welten vor-
zudringen, wie vordrangen Volker friiherer, namentlich
menschlicher Urzeiten. Die Art und Weise, wie orientalische
Volker vorgedrungen sind zu den hoheren Welten, ist iiber-
liefert und wird in dekadenter Form noch vielfach heute in
Asien driiben, bei einer anderen Leibesorganisation, bei einer
anderen Korperkonstitution geiibt als Joga-Ubung. Das ist
nichts, was man im Abendlande zu unserem Heile aufneh-
men kann. Das lauft instinktiv, unbewufit ab, wahrend all
dasjenige, was ich geschildert habe, bei vollem Bewufttsein,
mit vollem Willen ablauft. Dennoch konnen wir aber in ge-
wisser Weise etwas lernen an der Art und Weise, wie man in
fruheren instinktiven Zeitaltern der Menschheitsentwicke-
lung zu den hoheren Welten und ihren Wirkungen aufsteigen
wollte. In den Joga-Ubungen suchte der alte Inder sein At-
men zu regeln, nicht in der gewohnlichen Weise zu atmen,
sondern in einer geregelten, geordneten oder besser gesagt,
umgeordneten Weise zu atmen, in einer Weise zu atmen, die
ihm zum Bewulksein kam, bei der er immer dabei war mit
seinem Bewufksein, wahrend das gewohnliche Atmen ja
durchaus unbewufk als ein blower organischer Prozeft ab-
lauft. Indem erlebt wurde dieser Rhythmus: Einatmen-Aus-
atmen, Einatmen— Ausatmen, lebte sich der Joga-Schiiler in
den Weltenrhythmus ein, und in dem physischen Rhythmus
des Atmens lebte er sich ein in den geistigen Rhythmus des
Einatmens der geistigen Welten, des Wiederaus atmens der
geistigen Welten, wie ich das eben als fur unsere abendlandi-
sche Zivilisation geeignet auch beschrieben habe. Man lebt
sich in der Tat in einen Rhythmus ein. Dasjenige Dasein, das
man sonst als Erdendasein hat, das kann gewissermaften fort-
wahrend inspiriert und wieder inspiriert werden gegenuber
einer ubersinnlichen, hoheren Welt. Welches ist diese iiber-
sinnliche hohere Welt?
Man hat vorher durch das imaginative Anschauen dasje-
nige erkennen gelernt, was in einem arbeitet als Ather- oder
Bildekrafteleib wahrend des Erdendaseins. Diesen Ather-
oder Bildekrafteleib hat man unterdnickt. Man hat eine neue
Welt entdeckt. Insofern man in dieser neuen Welt lebt, ist
die Sinneswelt nicht da. Sie ist nur wie eine Erinnerung da,
wie ich ausgefuhrt habe. Aber in der neuen Welt, die man
entdeckt, entdeckt man eine hohere Wirklichkeit, diejenige
Wirklichkeit, die nun den Ather- oder Bildekrafteleib wie-
derum so durcharbeitet, durchdringt, wie dieser Ather- oder
Bildekrafteleib den physischen Leib durchdringt. Wiederum
spricht anthroposophische Geisteswissenschaft nicht aus ei-
ner Phantastik heraus, sondern aus streng systematisch ein-
geschlagenen Wegen in die hoheren Wirklichkeiten, von dem
astralischen Leibe des Menschen, der in dieser Weise ent-
deckt wird, und der den atherischen oder Bildekrafteleib
durchdringt, der aber in anderen Welten lebt. Und wenn
man priift die Welten, in denen dieser astralische Leib mit
dem Ich lebt, so wie ich korperlich unter den Sinnesdingen
lebe, dann entdeckt man die geistig-seelische Welt, aus wel-
cher der Mensch heruntergestiegen ist, indem er sich durch
die Geburt, oder sagen wir, durch die Empfangnis mit der
physischen Materie, die ihm Vater und Mutter gegeben ha-
ben, verbindet. Man entdeckt den ewigen, unsterblichen We-
senskern des Menschen durch unmittelbare Anschauung, zu
der man sich durchgerungen hat, und die gepriift werden
kann von dem gesunden Menschenverstand durch die
Griinde, die ich angefuhrt habe.
Es wird einem heute ganz besonders iibel genommen,
wenn man nicht im allgemeinen, wie etwa der Pantheist,
spricht von einer verschwommenen Geisteswelt, die alles
durchdringe, sondern wenn man aufsteigt zu der besonderen
Beschreibung einer geistig-seelischen Welt, aus der wir her-
untergestiegen sind durch die Geburt zum physischen Da-
sein, zu der wir wieder hinaufsteigen, indem wir durch die
Pforte des Todes gehen, die wir also als Wirklichkeit, nicht
durch Spekulation, nicht durch nebulose mystische Empfin-
dung, sondern durch streng geregelte Anschauung entdek-
ken. Es wird einem iibel genommen, wenn man diese Welten
beschreibt, wie ich es zum Beispiel getan habe in meiner
«Geheimwissenschaft». Ich mochte mich durch einen einfa-
chen Vergleich verstandlich machen, wie man wirklich diese
Welten beschreiben kann. Wenn Sie auf die gewohnliche
Erinnerung und das gewohnliche Gedachtnis schauen, was
erleben Sie dann da? Sie haben dies oder jenes durchgemacht
im Leben. Was langst vorbei ist, was langst keine auftere Rea-
litat mehr ist, das steht im Bilde in der Erinnerung vor Ihnen.
Von diesem Bild aus konstruieren Sie sich das Erlebnis wie-
derum. Es ist aus der Au£enwelt in Sie eben gewissermafien
hineingewandert, ist Seeleninhalt geworden. Aus unserem
Seeleninhalt heraus konstruieren wir uns in jedem Augen-
blick die ganze Erinnerungswelt, die Welt der aufkren Erleb-
nisse, in die wir hineinverstrickt worden sind. Das Innere
wird begriffen, wird ergriffen, wird erfafk im Vorstellungs-,
im Gemiits-, im Willensleben. Indem man das Innere erfafk,
zaubert sich die auftere Welt der Erlebnisse vor die Seele.
Was aber erfafk man durch Imagination, Inspiration?
Man erfafk nicht bloft dasjenige, was man im Erdenleben
aufgenommen hat, man erfafk den ganzen Menschen. Man
lernt erkennen, wie in alien menschlichen Organen der Bil-
dekrafteleib arbeitet und durch das ganze Leben hindurch
ein einheitlicher bleibt. Man lernt erkennen, wie der astrali-
sche Leib in einer geistig-seelischen Welt vor der Geburt und
der Empfangnis unseren ewigen Wesenskern tragt, wie er in
uns eindringt, wie er in uns arbeitet. Der Mensch wird sozu-
sagen ganz durchsichtig. Sein Physisches lernt er erkennen
als Wirkung des Geistigen. Geradeso wie wir in unsere Erin-
nerung hereinschauen, unser Erdenleben uns vorkonstru-
ieren, so konnen wir, wenn wir jetzt tiefer in. unser Inneres
hineinschauen, wenn wir nicht nur dasjenige in uns erfassen,
was wir durch unser Erdenleben hindurch geistig-seelisch in
uns gelegt haben, sondern wenn wir erfassen, wie wir in un-
seren Organen konstruiert sind, wie unser Atherleib, wie un-
ser astralischer Leib, wie unser Ich einverwebt ist diesem
physischen Leib. Wir konnen uns schauend ebenso hinaus-
versetzen, wie durch die Erinnerung in unseren Atherleib, in
die grofkn kosmischen, in die Welterlebnisse. Denn der
Mensch war bei allem dabei, was sich in der Welt, mit der er
verbunden ist, geistig und seelisch und physisch abgespielt
hat. Er kann, wenn er sich selbst in der geschilderten Weise
durchschaut, in der Selbstschau erkennen, durch welche Er-
eignisse er geschichtlich sich heraufentwickelt hat, durch
welche Ereignisse das ganze menschliche Wesen im Kosmos
sich entwickelt hat.
Wer dies en Gedanken in seiner vollen Tragweite erfaftt,
wird es nicht mehr absonderlich finden, da$ ich in meiner
«Geheimwissenschaft» geschildert habe, wie der Mensch in
seinen urspriinglichen Gestaltungen nicht nur mit der Erde
verbunden war, sondern mit planetarischen Welten, die als
altere Metamorphosen der Erde vorangegangen sind, wie
man durch dasjenige, was im Menschen veranlagt ist, durch-
schauen kann, dafi die Erde wiederum in andere planetari-
sche Zustande sich verwandeln wird, wie man das nicht blofi
durchschauen kann vom Menschen aus, sondern wie man
wirklich in hohere Welten dadurch eindringt, und die ge-
wohnlichen Welten, die um uns als Erdenmenschen sich aus-
breitenden Welten, als Wirkung hoherer geistiger Welten,
iibersinnlicher Welten erkennen kann. Man muft sich nur be-
kannt machen mit all den Anstrengungen, die anthroposo-
phische Geisteswissenschaft durchmacht, um zu diesen Re-
sultaten zu kommen. Es ist oftmals der Glaube vorhanden,
dafi aus irgendwelchen Einfallen heraus, aus subjektiven Ver-
standeserwagungen oder gar aus Phantasmen dasjenige er-
zahlt wird, was anthroposophische Geistesforschung iiber
die Wirklichkeit hoherer Welten vorbringt. Es ist nicht so.
Klinische Forschung, Sternwartenforschung mufi man im
einzelnen lernen. Es ist schwer. Dasjenige aber, was in dieser
Weise innerlich, ich mochte sagen, innerlich experimentie-
rend vom Menschen erobert wird, um zu der Anschauung
hoherer Welten zu kommen, es ist noch schwerer. Es erfor-
dert noch mehr Hingabe, mehr Sorgfalt, mehr innere Gewis-
senhaftigkeit und Methodik. Und was hier im ernsten und
ehrlichen Sinne als Geisteswissenschaft geschildert wird, ist
weit verschieden von dem, was landlaufig als Okkultismus,
als Mystik und dergleichen auftritt. Wie sich die Wissen-
schaft zum Aberglauben verhalt, so verhalt sich diese Gei-
steswissenschaft zu dem landlaufigen Okkultismus, der
durch allerlei Medien oder durch allerlei laienhaftes Sammeln
von aufterlichen, iiberraschenden Tatsachen zu seinen Er-
kenntnissen kommen will. Diese besondere Form des mo-
dernen Aberglaubens, sie wird durch nichts sicherer iiber-
wunden als durch die ernste und ehrliche Geistesforschung,
die ihre durchaus gewissenhaften Methoden ausbildet.
Und wenn der Mensch in dieser Weise zum inspirierten
Erkennen und damit zu der Anschauung derjenigen Welt ge-
kommen ist, die er verlassen hat mit der Geburt oder mit der
Konzeption, und die er wiederum nach dem Tode betritt,
wenn der Mensch in diese Welten eintritt, dann erfahrt er
wiederum innerlich etwas, was, wenn es im Abglanze im ge-
wohnlichen Bewulksein erscheint - und alles Ubersinnliche
erscheint ja irgendwie als sehr unbestimmte Gefuhle oder
dergleichen im gewohnlichen Bewuftstein — , ihm als Pessi-
mismus erscheint. Was der Geistesforscher durch inspiriertes
Erkennen erlebt, erscheint ihm als Pessimismus. Warum als
Pessimismus? Weil der Geistesforscher in der Tat, indem er
in diese hoheren Welten eintritt, schon etwas empfindet wie
tiefen Schmerz, wie umfassende Entbehrung. Nun mufi man
gerade durch diejenigen Ubungen, die ich ja in meinen Bii-
chern schildere, gewappnet sein, vorbereitet sein dazu, auf-
recht, wacker diesen Schmerz zu ertragen. Was ist es denn
fur ein Schmerz? Man lernt diesen Schmerz als eine Realitat
erkennen. Dieser Schmerz, der eigentlich eine intensive
Sehnsucht ist, nichts anderes ist er, als das Erleben der Kraft,
durch welche die Seele aus den geistigen Welten durch die
Geburt ins physische Dasein tritt. Die letzten Zeiten, welche
die Seele durchmacht, um, nachdem sie in geistigen Welten
gelebt hat, ins physische Dasein herunterzusteigen, erlebt die
Seele als Sehnsucht nach der physischen Welt. Diese Sehn-
sucht erlebt man als Schmerz nach. Und gerade, da£ man
nicht nur abstrakt theoretisch etwas erlebt in der Geisteswis-
senschaft, sondern dafi man mit seinem ganzen Menschen,
mit Fiihlen und Wollen in Geisteswissenschaft drinnen stent,
das macht das Wesentliche dieses Weges in die hoheren Wel-
ten aus.
Das Theoretisieren genugt nicht, urn den anthroposophi-
schen Weg in die iibersinnlichen Welten hinein zu machen.
Was an den Methoden dieser Geistesforschung durchlebt
werden mufi, erfordert durchaus auf alien Stufen moralische
Vorbereitung. Und es gibt im Grunde genommen keine bes-
sere Vorbereitung zur moralischen Festigung des ganzen
Menschen nach Leib, Seele und Geist, als diejenigen Ubun-
gen durchzumachen, die durchgemacht werden miissen, um
die Wirklichkeit iibersinnlicher Welten zu erlangen. Dem
bloften Theoretiker ergeben sie sich nicht. Nur demjenigen
ergeben sie sich, der sein ganzes Menschtum einsetzt, der
alles an Kraften des guten Empfindens, des schonen Auffas-
sens der Welt, des religiosen, frommen Vertief ens in die Wel-
tengeheimnisse in seiner Seele lebendig macht, der Men-
schenliebe und Weltenliebe zu Kraften innerlicher Durch-
warmung macht, nur der erlangt die moralische Festigung,
die notwendig ist, um in dieser Weise vorzudringen zu der
Wirklichkeit hoherer Welten. Es wird daher von manchen
Menschen anerkannt, dafi die Ubungen, die ich charakteri-
siere, um den geisteswissenschaftlichen Weg in die hoheren
Welten zu gehen, eine moralische Seite haben, die durchaus
anerkennenswert sei. Aber es wird das auch von denjenigen
zugegeben, die dann abschwenken und nicht mitmachen
wollen den wirklichen Erkenntnisweg in die iibersinnlichen
Welten. Es ist aber doch nur dieser Weg, der gegeniiber der
heutigen wissenschaftlichen Sehnsucht, welche die Mensch-
heit schon einmal hat, hineinfuhrt in diese hoheren Welten.
Und indem man aufriickt durch Imagination und Inspira-
tion, gelangt man erstens hinein in sein eigenes Selbst. Aber
dieses eigene Selbst mufi sich auch hingeben an die Umwelt.
Ich habe schon angefuhrt, wie das Denken gewissermafien
schon bei der Imagination ausfliefien mufi in das Objektive.
Wir nehmen dieses Denken uberall mit hin. Die voile Beson-
nenheit des Denkens nehmen wir uberall mit hin, wo wir
ubersinnliche Welten entdecken. Aber wir miissen auch ge-
wahr werden, wie unser ganzer Mensch sich gewissermafien
hingeben mufi an diese Wirklichkeit iibersinnlicher Welten.
Nach der Inspiration aber, durch die Anstrengungen, die wir
durchmachen, durch die Erlebnisse, die wir haben, gelangen
wir dazu, auch unser Ich, den Mittelpunkt unseres Wesens,
kraftig zu fuhlen. Und hier tritt der Punkt ein, wo man die
Harmonie, die Vereinigung des Erlebnisses der Freiheit mit
dem Erlebnis der Naturnotwendigkeit erkennen kann. Wir
sind im gewohnlichen Leben eingespannt in diese Naturnot-
wendigkeit. Wie sehr fuhlen wir, dafi dasjenige, was in unse-
ren Willensimpulsen lebt, auch dann, wenn es sich ein wenig
aus dem Sundhaften in das Gute heraufgearbeitet hat, den-
noch aus unterbewulken Tiefen des Seelenlebens, aus In-
stinktivem und Triebhaftem heraufkommt. Fast so wenig,
wie wir bewufk iiberschauen konnen, was wir durchmachen
vom Einschlafen bis zum Aufwachen, konnen wir iiber-
schauen, was in unseren Willenstrieben lebt, und worin doch
zuletzt vieles von dem enthalten ist, was auch in unser be-
wufkes, verantwortungsvoll sittliches Leben hineinspielt.
Derjenige aber, der durch Inspiration und Imagination ge-
gangen ist, erha.lt auch durch die Anstrengungen, die er
durchgemacht hat, eine Verstarkung seines Ich. Er erlebt sein
Ich intensiver. Er erlebt es allerdings hingegeben, ich mochte
sagen, ausgegossen an die aufiere Welt, aber er erlebt es so,
dafi es ihm wiedergegeben wird. Und er ist jetzt nicht mehr
in der Lage, wie ein vorurteilsvolles naturwissenschaftliches
Anschauen zu tun pflegt, zu sagen: Dieselbe Naturnotwen-
digkeit, die den Stein zur Erde fallen lalk, die durch den Son-
nenstrahl den Stein erwarmen lafk, die in Elektrizitat und
Magnetismus, in den akustischen, in den optischen Erschei-
nungen lebt, diese selbe Notwendigkeit lebt auch, wenn ich
als Mensch handle, wenn ich als Mensch meine Willensim-
pulse entwickle. - Und in der gewohnlichen Wissenschaft
und im gewohnlichen Leben kommt man in bezug auf diese
Frage iiber herbe Zweifel nicht hinaus.
Auf der einen Seite steht die menschliche Freiheit, deren
wir uns bewufit sind. Verleugnen mull man sie, so glaubt
man, wenn man im ehrlichen Sinne ein heutiger naturwissen-
schaftlicher Forscher ist und an die Erhaltung der Kraft und
des Stoffes glaubt. Man meint dann, aus freiem Willen heraus
konne kein menschlicher Willensimpuls, keine menschliche
Handlung kommen, denn der Mensch musse unterworfen
sein der Naturnotwendigkeit, wie alle anderen Wesen in den
Reichen der Natur. Aber wenn man sein wahres Ich-Wesen
jetzt in verstarkter Art vor sich hat, erlangt man eine Art Er-
kenntnis, die noch hoher ist als Inspiration und Imagination.
Ich habe sie die wahre Intuition genannt, das wahre Unter-
tauchen, aber jetzt in eine geistige Wirklichkeit. Da wird das-
jenige, was Anthroposophie die wiederholten Erdenleben
nennt, von einem wirklichen Sinn durchdrungen. Was einem
als notwendig erscheint im eigenen Handeln, im eigenen
Willen, das zeigt sich als Ergebnis vorangegangener Erdenle-
ben. Der ewige Wesenskern des Menschen macht irdische
Leben in Wiederholungen durch, und dazwischen Leben
zwischen Tod und neuer Geburt in geistig-seelischen Wel-
ten. Und man lernt jetzt erkennen: Was sich von Leben zu
Leben zieht, ist ein notwendiges Sich-Unterstellen in bezug
auf unser Ich und seine Willensimpulse, nicht der aufteren
Naturnotwendigkeit, sondern jener Notwendigkeit, die
durch die wiederholten Erdenleben geht. Mit unserem Den-
ken aber, das zunachst als das gewohnliche Bewulksein diese
Notwendigkeit nicht iiberschaut, das herausgeholt ist aus
dieser Notwendigkeit, das in sich als ein freies, sinnlichkeits-
freies Denken, wie ich es in meiner «Philosophie der Frei-
heit» dargestellt habe, in dem einzelnen Erdendasein sich
entwickelt, mit dem haben wir eine Grundlage fur unsere
Freiheit. Indem wir uns als Mensch des einzelnen Lebens
hinaufringen zu solchen sittlichen Impulsen, die in freier
Denkkraft erfafit sind, werden wir hier auf Erden zwischen
Geburt und Tod zu freien Menschen. Und was in uns als
Notwendigkeit lebt, was sich als Schicksal auslebt, das ist
nicht eine Naturnotwendigkeit, das geht durch die wieder-
holten Erdenleben hindurch.
Auch das ergibt sich als eine Anschauung dem Intuitiven,
der dritten Stufe des ubersinnlichen Erkennens. In einer
wunderbaren Harmonie steht vor uns das, was als Freiheit
des einzelnen Erdenlebens auftritt, und das, was wir als eine
Notwendigkeit des Schicksals fiihlen, die aber nicht eine
Notwendigkeit der aufieren Natur, auch nicht der natiirli-
chen Beschaffenheit des menschlichen Lebens ist, sondern
die hereinstrahlt aus friiheren Erdenleben. Hierdurch wer-
den wir nicht unfrei, gerade so wenig wie wir unfrei werden
dadurch, dafi wir einen neuen Schauplatz unseres Lebens be-
treten und abhangig sind von dem, wie dieser neue Schau-
platz mit dem friiheren verbunden ist, etwa wenn wir von
Europa nach Amerika wandern. Es ist unser Schicksal, wie
uns das Schiff himibergetragen hat, wir betreten einen neuen
Schauplatz, bleiben aber frei, auch wenn wir von Europa
nach Amerika heriibergewandert sind. Wir konnen Notwen-
digkeit von Freiheit unterscheiden, sobald wir diese Not-
wendigkeit in den wiederhoken Erdenleben, die Freiheit in
dem einzelnen Erdenleben erblicken. Und das Hinaufblik-
ken in hohere Welten gibt uns eine menschliche Sicherheit,
indem es uns zeigt, welches der Sinn des Erdenlebens ist.
Wir werden nicht bloft erfaftt von einer Sehnsucht nach hd-
heren Welten, die wir allerdings auch erfiihlen miissen, wenn
wir auf Erden sicher stehen wollen, denn das Gottlich-Gei-
stige ist immer in uns, und wir werden unsicher im Erdenle-
ben, wenn wir unsere Verbindung mit dem Gdttlich-Geisti-
gen nicht haben. Aber wir werden nicht weltfliichtige, erden-
fremde Menschen durch die wahre Erkenntnis der Wirklich-
keit hoherer Welten im anthroposophischen Sinne. Wir wis-
sen, daft wir immer wiederum auf die Erde herabsteigen
miissen, um in unser menschliches Wesen allmahlich die
Freiheit aufzunehmen. Freiheitsbewufttsein durchdringt uns,
obwohl wir die grofte Schicksalsfrage in einem geistigen
Sinne aus den hoheren Welten, aus der Wirklichkeit dieser
hoheren Welten herauszulesen verstehen.
Was ich zu sagen hatte, konnte ich nur in einzelnen Stri-
chen andeuten. Es liegt ja heute schon eine reiche Literatur
vor, die jedem zur Verfiigung steht. In einem kurzen Abend-
vortrag konnte ich nur einzelne Richtlinien geben. Aber
durch das, was ich gesagt habe, werden Sie einigermaften ent-
nehmen, daft diese Geisteswissenschaft, diese anthroposo-
phische Erforschung der ubersinnlichen Welten durchaus
nichts Weltfremdes, nichts Unpraktisches sein will. Sie will
nicht den Menschen hinauffuhren selbstisch in leere Wolken-
kuckucksheime, nein, sie wiirde glauben, sich siindhaft ge-
geniiber dem Geistigen zu verhalten, wenn sie den Menschen
weltfremd machen wiirde. Der Geist wird nur in der richti-
gen Weise erf afk, wenn wir ihn in seiner Kraft erfassen, wenn
wir uns mit ihm so durchdringen, daft wir dadurch prakti-
sche Menschen werden. Der Geist ist ein Schopferisches. Er
hat die Aufgabe, die Mission, das materielle Dasein zu
durchdringen, nicht es zu fliehen. Daher ist anthroposophi-
sche Erkenntnis der iibersinnlichen Welten zugleich durch-
aus wirkliche Lebenspraxis. Und Anthroposophie ist daher
bestrebt - ich werde das noch in spateren Vortragen, die mir
erlaubt sind, hier in Kristiania zu halten, im einzelnen aus-
fiihren -, sowohl die einzelnen Wissenschaften, wie das
kiinstlerische Leben, wie auch die praktischen Lebensgebiete
mit dem zu befruchten, was sie zu der sinnlichen materiellen
Welt hinzu aus der Wirklichkeit der hoheren Welten heraus
zu sagen hat.
Wenn man dasjenige, was der Mensch in seiner Leibesor-
ganisation hat, aus dem atherischen oder Bildekrafteleib her-
aus begreift, welcher der Imagination zuganglich ist, wenn
man begreift, was am zeitlichen Menschen in Lunge, Leber,
Magen, Gehirn und so weiter lebt, in seiner Gestaltung aus
dem astralischen Leibe heraus, der aus geistig-seelischen
Welten heruntergestiegen ist, dann begreift man auch in einer
aufierlichen Weise Gesundheit und Krankheit. Dann kann
durch eine solche Erkenntnis der ubersinnlichen Welten
nicht bloft eine gewisse Erkenntnisbefriedigung erzielt wer-
den, sondern dann kann zum Beispiel erlebt werden eine Be-
fruchtung des medizinisch-therapeutischen Wissens. In
Stuttgart und in Dornach in der Schweiz haben wir bereits
medizinisch-therapeutische Institute, welche praktisch ver-
werten dasjenige, was an Anregungen fur die Medizin, na-
mentlich fur die Therapie, aber auch fur die Pathologie, von
der anthroposophischen Erkenntnis ubersinnlicher Welten
kommen kann. Und auch in kunstlerischer Beziehung sucht
Anthroposophie dasjenige, was sie an hoheren Welten erfafk,
fruchtbar zu machen.
Im Dornacher Bau, im Goetheanum, in der Freien Hoch-
schule fur Geisteswissenschaft wurde aus dem heraus, was
anthroposophische Anschauung ist, ein neuer Baustil ge-
schaffen. Dieser neue Baustil ist nicht irgend etwas Symboli-
sches oder Allegorisches. Kein einziges Symbolum, keine
einzige Allegorie findet sich, sondern alles ist in wirkliche
kiinstlerische Gestaltung ausgeflossen. Geisteswissenschaft
ist keine Theorie, sie ergreift nicht blofi das Intellektuelle.
Das Intellektuelle, kunstlerisch verwertet, wiirde ja eine alle-
ge* rische, stroherne Symbolik geben. Geisteswissenschaft
fuhrt zur wirklichen Anschauung, zum konkreten Ergreifen
des Inhaltes der geistigen Welt. Dieser Inhalt kann dann wie-
derum der Materie einbezogen werden, wie es in der Natur
selber ist. Man erforscht im hochsten Mafie dasjenige, was
Goethe als Kunst verlangt: sie soil sein eine Manifestation
geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals zur Offenba-
rung kommen wiirden. - Und ebenso versuchen wir dasje-
nige, was in der ganzen menschlichen Organisation an Bilde-
kraften wirkt, was ubersinnlich am Menschen wirkt, aus die-
ser menschlichen Organisation herauszuholen zu einer Be-
wegungskunst, die wir uns erlauben werden, am nachsten
Sonntag hier in einer Vorstellung vorzufuhren: zur Ausbil-
dung der Eurythmie. Das ist nicht eine Tanzkunst, das ist
nicht irgend etwas Pantomimisches, das ist etwas, was aus
dem Ubersinnlichen in das Sinnliche der Menschennatur ge-
holt ist, was tatsachlich zeigt, wie der Mensch innerlich ver-
bunden ist mit dem ganzen Kosmos und seiner Gesetzma-
fiigkeit, und wie er in einer sichtbaren Sprache geradeso in-
nere Seelen- und Geistesgeheimnisse zur Darstellung brin-
gen kann, wie er das durch die horbare Sprache oder durch
den Gesang kann.
Ebenso kann Geisteswissenschaft in das soziale, in das
moralische, in das ethische Leben wirken. Ich habe das ver-
sucht zu zeigen durch meine «Kernpunkte der sozialen
Frage». Das, was unter den Menschen lebt in sozialer Bezie-
hung, kann niemals in aufierer marxistischer oder sonstiger
materialistischer Weise erfaftt werden. Der Mensch ist einmal
ein geistig-ubersinnliches Wesen seiner Innerlichkeit nach,
und er ist auch als soziales Wesen darauf angewiesen, das
Ubersinnliche in diesem Sozialen wirksam zu gestalten.
Ohne dieses kommt man auch nicht zu irgendeiner frucht-
baren Gestaltung der sozialen Fragen, die heute so brennende
sind.
Endlich aber hangt ja all dasjenige, was nun auf einem For-
schungs-, nicht auf einem blofien Glaubenswege von anthro-
posophischer Geisteswissenschaft gesucht wird als Weg zu
hoheren Welten, zusammen mit dem tiefst Innersten, was
der Mensch erstrebt, mit dem, was er erstrebt als seinen Zu-
sammenhang mit dem gottlich-geistigen Weltengrunde, mit
dem, was er erstrebt an Hingabe, an frommer Hingabe an
diesen Weltengrund. Kurz, es hangt zusammen mit all dem,
was der Mensch im tiefsten Inneren als seine religiosen Emp-
findungen, als sein ganzes religioses Leben entfalten mufi,
wenn er zu seiner vollen Menschenwiirde kommen will. Da-
her bedeutet anthroposophische Erkenntnis der ubersinnli-
chen Welten zu gleicher Zeit eine Belebung, eine Befruch-
tung des religiosen Lebens, dessen wir heute, was jeder Un-
befangene zugeben wird, gar sehr bediirftig sind. Daher kann
ich es kaum begreifen, dafi man gerade von theologischer
Seite auch neuerdings wiederum eingewendet hat gegen an-
throposophische Geistesforschung, sie ertote das religiose
Leben. Der Satz ist zum Beispiel gef alien: Das Leben der
Anthroposophie bedeute den Tod der Religion. - Nun, das
Leben der Anthroposophie hangt zusammen mit demjenigen
Leben der menschlichen Seele, das gerade die innigsten reli-
giosen Krafte entwickelt. Es kann dieses anthroposophische
Forschen nach den iibersinnlichen Wirklichkeiten nicht den
Tod der Religion bedeuten, sondern hochstens den Tod von
etwas, was man fur Religion halt und eigentlich schon ein
Erstorbenes ist. Da wiirde Anthroposophie auf das schon
Erstorbensein hinweisen konnen, wiirde gewissermafien eine
Art von Leichenschau sein. Ihrem Wesen nach aber mufi sie,
weil sie ein lebensvoller Weg in die iibersinnlichen Wirklich-
keiten ist, zu gleicher Zeit ein Mittel sein, die religiosen Emp-
findungen, das ganze religiose Durchdrungensein des Men-
schen mit Hingabe an die iibersinnlichen Welten zu erhohen,
zu beleben, zu durchwarmen.
So will Anthroposophie auf den verschiedensten, auf den
profansten und auf den heiligsten Gebieten des Lebens be-
fruchtend wirken. Sie will im schonsten und edelsten Sinne —
das ist ihr Ziel, ihr Ideal, so wenig sie auch heute schon davon
erreichen kann - auf den profansten und auf den heiligsten
Gebieten des Lebens eingreifen in die fortschrittliche Ent-
wickelung der Menschheit. Und jeder Unbefangene, der mit
wachem Bewufitsein die katastrophale Zeit durchgemacht
hat, durch die wir im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
gegangen sind, wird zugeben, dafi heute die verschiedensten
Gebiete des Lebens eine Auffrischung brauchen, dafi man-
ches eine Neubelebung braucht. Gewifi hangt dasjenige, was
ich mir in kurzen Strichen erlaubte vor Ihnen zu charakteri-
sieren, zusammen mit den ewigen Angelegenheiten der
Menschheit. Es kann gepflegt werden im Forum des Lebens,
wenn der Mensch sich bewuftt werden will seiner inneren
Sicherheit, die nur liegen kann in dem Bewufksein seiner
ewigen Wesenheit, es kann gepflegt sein in der Einsamkeit der
stillen Hutte, wenn der Mensch entnickt ist dem Forum des
Lebens : denn von dem Ewigen in seiner eigenen Wesenheit,
von dem Ewigen in ihm mufi der Mensch jederzeit beriihrt
sein, wenn er im vollen Sinne des Wortes Mensch sein will.
Es ist also auf der einen Seite durchaus etwas, was allgemein
menschlich ist, was allgemein fur den Menschen von unbe-
dingtem Interesse ist, weil es seine ewigen Angelegenheiten
beruhrt. In unserer Zeit aber, wo wir so vieles niedergehen
sehen, mufi man auch zugeben, dafi gegeniiber den Nieder-
gangskraften gar sehr Impulse zu einem Aufstieg unserer
abendlandischen Zivilisation wiederum notwendig sind.
Nicht nur, weil sie auf das Ewige achtet, bedarf heute An-
throposophie einiger Beriicksichtigung, sondern auch gegen-
iiber den grofien, schweren Zeitaufgaben.
Daher darf ich vielleicht zum Schlusse der heutigen Be-
trachtung die Worte aussprechen: Anthroposophie will nicht
nach Erbauung in mystischen Wolkenkuckucksheimen be-
diirftige Menschen zu einer Weltfremdheit fiihren, anthro-
posophische Geisteswissenschaft will so zu der Wirklichkeit
iibersinnlicher Welten fiihren, dafi der Mensch den Geist er-
greift, um praktisch in das materielle Leben einzugreifen. Er
mull das, weil er dessen bedarf zu seiner Lebenssicherheit,
wegen seiner notwendigen Beruhrung mit ubersinnlichen
Welten, mit dem Ewigen in seiner Natur, heute aber auch
besonders zur Losung jener schweren Zeitfragen, in die wir
in unserer katastrophalen Zeit hineingestellt sind.
WEGE ZUR ERKENNTNIS HOHERER WELTEN
Kristiania (Oslo), 26. November 1921
Mein erstes Wort gelte dem Ausdruck meines innigsten Dan-
kes fur den herzlich schonen Willkommensgruft Ihres Herrn
Vorsitzenden, und Ihnen alien Dank dafur, daft es moglich
geworden ist, vor Ihnen iiber ein Kapitel anthroposophischer
Geisteswissenschaft sprechen zu konnen. Ich darf es ausspre-
chen, daft mir diese Einladung Ihrerseits von ganz besonde-
rem Wert ist, denn es muE ja begreiflich erscheinen, daft das-
jenige, was in den nachsten Bestrebungen fiir die Zukunft
gemeint ist, sich vor allem gern an die Studentenschaft wen-
det, weil geistige Schatze wohl zunachst innerhalb der Stu-
dentenschaft am besten geborgen sein konnen und von da
aus am besten ihren Weg in die Zukunft machen konnen.
Aus diesem Gefiihl heraus sage ich also Ihrem Herrn Vorsit-
zenden und Ihnen alien fiir Ihren herzlichen Willkommens-
gruft innigsten Dank.
Es ist gewiinscht worden, daft ich heute gerade iiber das
Thema spreche: Wege zur hoheren, das heifk zur iibersinn-
lichen Erkenntnis. Ich nehme an, daft nur ein Teil von Ihnen
in meinem gestrigen Vortrage war, daher wird es schon ge-
boten sein, daft ich einige der wichtigeren gestern vor-
gebrachten Dinge in meinen Vortrag wiederum hineinver-
webe.
Anthroposophische Geisteswissenschaft strebt vor alien
Dingen nach einem vollen Einklang mit dem, was im Laufe
der letzten Jahrhunderte an wissenschaftlichen Geistesgiitern
heraufgekommen ist. Anthroposophie ist nicht in irgendei-
ner Weise, wie manche glauben, gegen wissenschaftliche Be-
strebungen gerichtet, sondern im Gegenteil, am liebsten sind
denjenigen, die ganz ehrlich und ernst in unserer anthropo-
sophischen Bewegung stehen, solche Menschen, die ein voi-
les Urteil dariiber haben, was in der neueren Zeit errungen
worden ist an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, an in-
nerer wissenschaftlicher Gesinnung. Allerdings, mit dem,
was anerkannte Wissenschaft ist, glaubt man mit Recht, nicht
in iibersinnliche Welten eindringen zu konnen. Und auf ei-
nem gemeinsamen Boden mit der anerkannten Wissenschaft
steht in einer gewissen Weise in bezug auf diesen Punkt auch
Anthroposophie. Sie ist sich durchaus klar dariiber, dafi die-
jenigen Recht haben, die gegeniiber der Naturerkenntnis von
Grenzen des menschlichen Wissens reden. Sie ist sich auch
klar dariiber, dafi diese Grenzen mit den gewohnlichen
menschlichen Erkenntniskraften nicht iiberschritten werden
konnen. Daher wird auch von Anthroposophie gar nicht der
Versuch gemacht, mit diesen gewohnlichen Bewu£tseins-
und Erkenntniskraften die Wege zur iibersinnlichen Er-
kenntnis zu finden, sondern Anthroposophie ist bestrebt,
nicht nur in bezug auf die Ergebnisse des wissenschaftlichen
Forschens dort anzufangen, wo gewohnliche Wissenschaft
aufhoren raufi, sondern sie ist auch bestrebt, mit ihren Me-
thoden dort anzufangen, wo die fur die aufiere Natur und
auch fur die physische Natur des Menschen geltende Wissen-
schaft aufhoren mufi. Anthroposophie mufi daher nicht nur
liber anderes reden, sondern sie mufi auch anders reden.
Dennoch steht sie im vollen Einklange mit wissenschaftlicher
Gewissenhaftigkeit und mit wissenschaftlicher Disziplin. Sie
geht davon aus, die Erkenntniskrafte, durch welche in die
iibersinnlichen Welten hinaufgedrungen werden soli, erst aus
ihrem Schlummer in der menschlichen Wesenheit herauszu-
holen. Anthroposophie behauptet nicht, dafi zum Erkennen
ubersinnlicher Welten besondere Eigenschaften, Fahigkeiten
gehoren, die nur einzelne Menschen haben, sondern sie wiil
durchaus nur au£ diejenigen Krafte sich sttitzen, welche aus
jeder Menschenseele hervorgeholt werden konnen, welche
aber hinausgehen iiber das, was wir im gewohnlichen Wachs-
tum seit unserer Kindheit gewissermafien als Menschen an-
ererbt erhalten, und welche auch hinausgehen iiber das, was
durch die gewohnliche Erziehung, durch das gewohnliche
Lernen erreicht wird.
Der Mensch mufi, wenn er im anthroposophischen Sinne
Geistesforscher werden will, wenn ich so sagen darf, von
dem Punkte aus, auf dem man im gewohnlichen Leben und
in der gewohnlichen Wissenschaft steht, seine Entwickelung
nun selbst in die Hand nehmen. Diejenigen Krafte, die zu-
nachst ausgebildet werden mussen, sind die des Denkens.
Damit wird nur ein Anfang dieser Entwickelung gemacht,
denn wir werden sehen, dafi es sich nicht blofi um Ausbil-
dung einseitiger Verstandes- oder Denkkrafte, sondern um
Ausbildung des ganzen Menschen handelt. Aber ein Anfang
mufi gemacht werden mit einer besonderen Ubung im Den-
ken. Das Denken, an das wir heute nicht nur im aufieren
Leben, sondern auch in der Wissenschaft gewohnt sind, gibt
sich hin an die aufiere Beobachtung, es lauft gewissermafien
am Faden der aufSeren Beobachtung hin. Wir richten unsere
Sinne in die Aufienwelt und knupfen unsere Gedanken an
dasjenige an, was uns die Sinne iiberliefern. Wir haben da-
durch eine feste Stiitze an der Beobachtung der Aufienwelt
fur die Verbindung unserer Seeleninhalte, unserer Erleb-
nisse. Es ist in berechtigter Weise wissenschaftliches Bestre-
ben gewesen, gerade diese Stiitze, die Stiitze der Beobach-
tung, immer mehr und mehr auszubilden. Und diese Beob-
achtung hat noch ihre besondere Verstarkung erfahren durch
den wissenschaftlichen Gebrauch des Experimentes, bei dem
man ja alle einzelnen Bedingungen, um zu einzelnen Erschei-
nungen hinfuhren zu konnen, wirklich zu iiberblicken ver-
mag, so daft gewissermafien die Vorgange ganz durchsichtig
werden.
Von diesem Hingegebensein des Denkens an die aufiere
Objektivitat mufi anthroposophische Geisteswissenschaft
fiir ihre Aufgabe abgehen. Fur sie handelt es sich darum, das
Denken vor alien Dingen innerlich zu verstarken, intensiver
zu machen. Ich habe mir erlaubt, gestern zu sagen: Wie ein
Muskel, wenn er eine bestimmte Arbeit verrichtet, starker
wird, so ist es auch mit unseren Seelenkraften. Wenn wir
bestimmte, uberschaubare Vorstellungen immer wieder und
wieder in systematischer Ubung in den Mittelpunkt unseres
Bewulkseins riicken, und mit dem ganzen Menschen uns
hingeben an solche Vorstellungen, so verstarken wir gerade
unsere Denkkrafte. Dieses Intensivwerden der Denkkrafte
mufi aber natiirlich so erreicht werden, dafi in alledem, was
man da vornimmt, der voile besonnene Wille des Menschen
enthalten ist. Daher kann derjenige, der im anthroposophi-
schen Sinne ein Geistesforscher werden will, vor alien Din-
gen ein grofies Vorbild haben innerhalb der heutigen Wissen-
schaftlichkeit: das ist die Mathematik. So sonderbar und pa-
radox es klingen mag, der anthroposophische Geistesfor-
scher, wenn er uber das Laientum hinauskommen will, beob-
achtet vor alien Dingen etwas, was schon uber des alten Plato
Schule als eine Devise geschrieben war: dafi in wirkliche gei-
steswissenschaftliche Erkenntnis keiner eindringen kann, der
nicht eine gewisse mathematische Kultur hat.
Was ist denn eigentlich das Besondere, das die Seele von
der Mathematik hat? Das hat sie, dafi alles, was im mathema-
tischen Erkennen vor die Seele tritt, innerlich durchsichtig,
ubersichtlich ist, dafi gewissermafien nichts in dieser Er-
kenntnis drinnen steckt, dem man sich nur unbewulk und
ohne Anwendung seines Willens hingibt.
Natiirlich ist Geisteswissenschaft im anthroposophischen
Sinne nicht Mathematik. Aber ein bedeutsames Vorbild kann
gerade die Art und Weise sein, wie man sich in mathemati-
sches Denken hineinfindet. Eigentlich ist nicht die Mathema-
tik dieses Vorbild, wohl aber, wenn ich mich so ausdriicken
darf, das Mathematisieren. Und wenn man vor alien Dingen
gelernt hat, iiber alles Illusionare, tiber alles Suggestive hin-
auszukommen durch eine solche mathematisierende Kultur,
dann kann man mit besonderem Erfolg daran gehen, iiber-
schaubare Vorstellungen, aber solche Vorstellungen, die ei-
nem neu sind, in sich aufzunehmen. Man lafit sie sich von
einem erfahrenen Geistesforscher geben oder sucht sonst zu
Vorstellungen zu kommen, die man noch nicht in der Erin-
nerung hat. Diese setzt man in den Mittelpunkt des Bewuik-
seins und gibt sich ihnen mit dem ganzen Seelenleben hin,
wendet alle Krafte der Aufmerksamkeit von allem iibrigen
ab und versucht eine gewisse, nicht allzulange Zeit auf eine
solche Vorstellung oder solchen Vorstellungskomplex zu
richten. Warum mufi diese Vorstellung oder dieser Vorstel-
lungskomplex etwas Neues sein? Ja, wenn wir Reminiszen-
zen aus unserer Erinnerung heraufholen, konnen wir niemals
ganz sicher sein, was da in unserem Organismus vorgeht,
was da in unserem Organismus im aufierseelischen Unbe-
wulken zu gewissen Erlebnissen treibt. Wir konnen mit un-
serer Erkenntnis uns wirklich nur frei bewegen, wenn wir
der Sinnesanschauung gegeniiberstehen, weil die Sinnesan-
schauung in jedem Augenblicke uns begegnen wird, weil wir
bei ihr sicher wissen, daft sie nicht in irgendeiner phantasti-
schen Weise hervorgeholt sein kann aus Lebensreminiszen-
zen. Ebenso muE dasjenige sein, was wir jetzt mit Ausschlufi
der sinnlichen Wahrnehmungen anwesend sein lassen in un-
serem Bewufitsein, dem wir uns ganz hingeben, so hingeben,
dafi wir ohne sinnliche Wahrnehmungen in einer inneren Le-
bendigkeit sind, wie sonst nur bei der aufieren sinnlichen
Wahrnehmung. Das ist es, worauf es zunachst ankommt bei
dem Wege zur hoheren Erkenntnis, da£ das sinnlichkeits-
freie Denken in eine innere Bewegung kommt, die unsere
Seele so stark in Anspruch nimmt, wie sonst nur eine aufiere
Sinneswahrnehmung. Man mochte sagen: Was der Mensch
sonst in der aufSeren Sinneswahrnehmung erlebt, das mufi er
erleben lernen an demjenigen Denken, welches sich verstarkt
und dennoch ganz von besonnenem, bewufkem Willen
durchzogen ist.
Damit ist schon eine Barriere starker Art aufgerichtet ge-
gen alles das, was in das Bewufitsein hereinkommen will an
Suggestion, Illusion, an Visionen, Halluzinationen. Geistes-
wissenschaftliche Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, wird
immer mifiverstanden, wenn man sagt: Nun ja, solch ein
Geistesforscher kann ja durch seine Ubungen auch nur zu
Halluzinationen oder dergleichen kommen, zu allerlei
krankhaften Seelenzustanden. - Wer es wirklich ernst nimmt
mit der Art und Weise, wie der Weg in die hdhere Erkenntnis
der Anthroposophie geschildert wird, der wird sehen, dafi
gerade diese Geistesforschung den Menschen am allerklar-
sten macht tiber alles, was Illusionen, was Halluzinationen
oder was gar Mediumistisches ist. Das wird alles nach der
anderen Seite, nach der krankhaften Seite gehend, streng ab-
gewiesen, wird in seiner Wertlosigkeit gerade von demjeni-
gen durchschaut, was mit wirklicher geistiger Forschung er-
rungen werden kann. Dann kommt man dazu, ein ganz an-
deres Denken sich anzueignen. Das alte Denken, das man
fur das gewohnliche Leben und fur die gewohnliche Wissen-
schaft braucht, das bleibt voll bestehen. Aber es tritt zu die-
sem Denken ein ganz neues Denken hinzu, wenn man in
entsprechender Weise - Sie finden das in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder
in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben — solche
Ubungen, wie ich sie prinzipiell jetzt als Denkubungen cha-
rakterisiert habe, immer wieder und wiederum systematisch
vollfiihrt - der eine braucht langer dazu, der andere kiirzer — ,
wenn man diese Ubungen in seinem Bewufitsein als innerlich
intime Seelenentwickelung vollfiihrt. Was da zu dem ge-
wohnlichen Denken hinzukommt, ich mochte es in der fol-
genden Weise charakterisieren.
Ich darf vielleicht dabei eine personliche Bemerkung ma-
chen, die aber nicht personlich gemeint ist, sondern von der
Sie wohl zugeben werden, dafi sie zu dem Objektiven meiner
Darstellungen gehort. Ich habe in dem Beginn der neunziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts meine «Philosophie der Frei-
heit» geschrieben, um zu zeigen, wie im moralischen, ethi-
schen Leben der Menschheit die Freiheit wirklich begriindet
ist, wirklich lebt. Diese «Philosophie der Freiheit» hat viele
Mifiverstandnisse hervorgerufen, weil man sich einfach nicht
hineinfinden kann in die Art des Denkens, wie sie in dieser
«Philosophie der Freiheit» geiibt wird. Es ist namlich in die-
ser «Philosophie der Freiheit» schon jenes Denken geiibt, zu
dem man sich eigentlich behufs Erkenntnis hoherer Welten
systematisch hindurchringen mufi. Es ist der Anfang nur ge-
macht, derjenige Anfang, den jeder schon im gewohnlichen
Leben machen kann. Aber es ist zu gleicher Zeit der Anfang
fur die Erkenntnis hoherer Welten. Das gewohnliche Den-
ken - Sie brauchen sich nur zu besinnen auf die Art dieses
gewohnlichen Denkens, so werden Sie sehen, wie berechtigt
das ist, was ich sage -, das gewohnliche Denken ist eigentlich
ein aus raumlichen Wahrnehmungen bestehendes Denken.
Wir richten ja alles im Grunde genommen in unserem ge-
wohnlichen Denken raumlich ein. Bedenken Sie nur, daft wir
das Zeitliche ja auch auf das Raumliche zuruckfuhren. Wir
driicken die Zeit durch die Bewegungen der Uhr aus. Wir
haben im Grunde genommen auch in unseren physikalischen
Formeln denselben Vorgang. Kurz, wir kommen zuletzt dar-
auf, daft das gewohnliche Denken ein kombinierendes ist,
ein solches, das auseinanderliegende Gebilde zusammenfafit.
Dieses Denken brauchen wir fur das gesunde gewohnliche
Leben, brauchen wir auch fur die gesunde gewohnliche Wis-
senschaft.
Dasjenige Denken aber, das zum Behufe der Erkenntnis
hoherer Welten hinzukommen mufi, und das man durch sol-
che Ubungen erringt, das ist ein Denken, welches ich nennen
mochte das morphologische Denken, das Denken in Gestal-
ten. Dieses Denken bleibt nicht im Raume stehen, dieses
Denken ist durchaus ein solches, welches im Medium der
Zeit so lebt, wie das andere Denken im Medium des Raumes.
Dieses Denken gliedert nicht einen Begriff an den anderen,
dieses Denken stellt vor die Seele etwas wie einen Begriffsor-
ganismus. Wenn man einen Begriff, eine Idee, einen Gedan-
ken hat, dann kann man nicht in beliebiger Weise zum ande-
ren iibergehen. Geradeso, wie man nicht beim Organismus
des Menschen vom Kopf zu beliebigen anderen Formen
iibergehen kann, sondern zum Hals, dann zur Schulter, zum
Brustkorb und so weiter iibergehen mufi, wie in einem Orga-
nismus alles gegliedert ist, wie auch ein Organismus nur ganz
betrachtet werden kann, so mufi dasjenige Denken, das ich
das morphologische Denken nenne, innerlich beweglich
sein. Es ist, wie gesagt, im Medium der Zeit, nicht des Rau-
mes, aber es ist so innerlich beweglich, daft es eine Gestalt
aus der anderen hervorruft, daft dieses Denken selber sich
fortwahrend organisch gliedert, fortwahrend wachst. Dieses
morphologische Denken, das ist es, das zum anderen Den-
ken hinzukommen mufi, und das man durch solche Medita-
tionsiibungen erlangen kann, wie ich sie im Prinzip angedeu-
tet habe und die das Denken verstarken, intensiver machen.
Mit diesem morphologischen Denken, mit diesem Denken,
das in Gestalten, in Bildern verlauft, erringt man die erste
Stufe der Erkenntnis iibersinnlicher Welten, namentlich das-
jenige, was ich in meinen Schriften die imaginative Erkennt-
nis genannt habe.
Diese imaginative Erkenntnis gibt noch nicht irgend etwas
Aufieres. Sie fiihrt zunachst nur zur menschlichen Selbster-
kenntnis, aber zu einer viel tieferen Selbsterkenntnis, als die-
jenige ist, die man nur in der gewohnlichen Selbstschau er-
ringen kann. Diese imaginative Erkenntnis, sie fiihrt uns ins
Bewufksein herein Gestalten. Diese Gestalten werden so le-
bendig erlebt, wie sonst irgendeine Sinneswahrnehmung.
Aber sie haben eine ganz besondere Eigentumlichkeit. Un-
sere gewohnlichen Gedanken wiirden nicht gesund in unse-
rem Bewufitsein enthalten sein, wenn wir uns nicht ihrer
erinnern wiirden. An unserer Erinnerungsfahigkeit, an unse-
rem Gedachtnisse hangt aufierordentlich viel fur die gesunde
Entfaltung unseres Seelenlebens, unserer geistigen Gesund-
heit. Nur derjenige, der eine kontinuierliche Erinnerung hat
fur alle Wachzustande bis zu einem gewissen Punkte in sei-
ner Kindheit, der ist geistig gesund. Es wird Ihnen ja viel-
leicht auch bekannt sein, in welche furchtbare Lage ein
Mensch kommt, der Psychopath in dem Sinne ist, dafS ge-
wisse Erinnerungen ausgeloscht sind. Man kennt in der Psy-
chiatric diesen Zustand des Ausloschens der Erinnerungen
und kann gerade aus ihm entnehmen, wie wesentlich es fur
die seelische Gesundheit des Menschen ist, daft die Erinne-
rung eine kontinuierliche ist. Das gilt fur uns ere gewohnliche
Gedankenbildung.
Es gilt nicht fur das, was ich eben als das imaginative, als das
morphologische Denken charakterisiert habe. Geradeso, wie
wir, wenn wir das Auge oder ein anderes Sinnesorgan an
einen aufieren Sinnesreiz hinwenden, nur so lange das Erleb-
nis der Wahrnehmungen haben, als wir den Sinn exponieren,
so haben wir auch dasjenige, was wir erlebt haben als gestal-
tetes Denken, als imaginatives Denken, nur im Momente des
Erlebens, und es kann nicht im gewohnlichen Sinne das, was
so im imaginativen Denken auftritt, in die Erinnerung, in das
Gedachtnis gepragt werden. Es mufi jederzeit wiederum neu
hervorgerufen werden, wenn es erlebt werden soil.
Derjenige also, der zu einem solchen organisch-morpho-
logischen Denken kommt, das gewissermalSen sich in leben-
digem Wachstum selber fortbildet, kann die Ergebnisse die-
ses Denkens nicht in der gewohnlichen Erinnerung behalten.
Freiheit kann man auch nur charakterisieren, wenn man zu
solchem sich entwickelnden, wachsenden Denken aufsteigt.
Deshalb wurde meine «Philosophie der Freiheit» mit solchen
Mifiverstandnissen behangt, wie das eben geschehen ist.
Aber sie mufite in dieser Methode gegeben werden, weil eben
die Freiheit ein geistiges Erlebnis ist, und man nicht zu ihr
kommt mit dem gewohnlichen kombinierenden Denken.
Das ist ja das Uberraschende fur Anfanger in der geisteswis-
senschaftlichen Methode: sie glauben gewohnlich, wenn sie
ein imaginatives Erlebnis haben, dafi sich das in ihrer Seele
gerade so einpragen konne wie irgendein anderer Gedanke.
Das ist aber nicht der Fall. Es verliert sich aus dem Bewuik-
sein. Nur das kann man behalten, wie man zu diesem imagi-
nativen Erlebnis gekommen ist. Man kann die Bedingungen
wieder herstellen, dann kommt auch das Erlebnis. Wie man
zu einer Blume, die man gesehen hat, wenn man weggegan-
gen ist, wieder hingehen mu6, um sie zu sehen, so mufi man
dieselben inneren Vorgange hervorrufen, um ein solches
imaginatives Erlebnis, wie man es einmal gehabt hat, wie-
derum zu haben.
Geisteswissenschaftlicher Inhalt ist nicht ohne weiteres
erinnerbar. Das gilt sogar fur den ehrlichen Geistesforscher
schon fur die allerersten elementarsten Dinge. Und da darf
ich vielleicht wiederum ein Personliches anbringen, das aber
auch ein Objektives ist. Sehen Sie, dasjenige, was der anthro-
posophische Geistesforscher zu sagen hat, das kann er nicht
in derselben Weise, sagen wir, von Tag zu Tag in seinen Vor-
tragen vorbringen, wie man gewohnlich wissenschaftliche
Darstellungen vorbringen kann. Die merkt man sich, die hat
man im Gedachtnis, die bringt man aus dem Gedachtnisse
vor. Was der Geistesforscher vorzubringen hat, das mufi aus
seinem lebendigen inneren Erleben kommen. Er kann sich
gar nicht in derselben Weise vorbereiten, wie man sich sonst
mit Hilfe seines Gedachtnisses vorbereitet. Er kann nur die
Bedingungen herbeifuhren, die es ihm moglich machen,
selbst die anfanglichsten Dinge der Geisteswissenschaft zu
erleben. Man mufi sich schon klar dariiber sein, dafi anthro-
posophische Geisteswissenschaft eben schon in ihren allerer-
sten Anfangen zur Entwickelung von sonst schlummernden
Kraften in der Seele fiihrt, und man mufi nicht glauben, dafi
man durch gewohnliche philosophische Spekulationen zu
irgendwelchen Ergebnissen in bezug auf hohere Welten
kommen kann.
Dieses imaginative Erkennen, das ich Ihnen auf diese
Weise geschildert habe, das fiihrt, sagte ich, aber nur zu einer
Art von Selbsterkenntnis. Es fiihrt namlich zuletzt dahin,
dafi man wie in einem grofSen Tableau, zeitlich aber auf ein-
mal, alles iiberschaut, was im wesentlichen gesetzmaftig das
ganze Leben seit der Geburt hier auf Erden aufgebaut hat.
Innerlich sieht man die schaffenden Bildungskrafte am Men-
schen, zunachst an seinem eigenen Menschen. So, wie das
etwa geschildert wird — selbst von naturwissenschaftlich
Denkenden ist das ja anerkannt - bei gewissen Leuten, die in
Todesgefahr waren, etwa bei Ertrinkenden, dafi sie ein we-
bendes, bewegtes Bild ihres bisherigen Lebens ablaufen se-
hen, so - allerdings nicht als Erinnerungsbild, nicht mit den
Einzelheiten des Lebens, sondern gerade mit den Hauptsa-
chen, mit denjenigen Kraften, die einen vorwarts gebracht
haben - sieht man dieses Tableau, welches, ich mdchte sagen,
eben ein tieferes Erinnerungstableau ist. Aber zu gleicher
Zeit ist dieses Tableau so, daft man nicht bloft das gewohn-
liche, gedankliche Seelenleben vor sich hat, sondern dasje-
nige innerliche Leben, das von der Seele aus am Organismus
arbeitet.
Man kommt jetzt durch eine solche Anschauung zu einem
Standpunkt, von dem aus es einem allerdings kindlich er-
scheint, wenn noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr-
hunderts spekulativ der Vitalismus von einer «Lebenskraft»
gesprochen hat. Von einer solchen Lebenskraft spricht man in
der Anthroposophie nicht. Wohl aber spricht man von der
Anschauung des Lebens, von der Anschauung desjenigen,
was ich den Atherleib oder Bildekrafteleib nenne, der auf
der einen Seite das Seelische darstellt, auf der anderen Seite
aber, ich mochte sagen, das verdichtete, das intensivierte
Seelische, das am Organismus arbeitet. Man wird also zu
gleicher Zeit in eine tiefere Erkenntnis des Seelischen gefiihrt
und in eine tiefere Erkenntnis der Art und Weise, wie das
Seelische am Organismus arbeitet. Ich will Ihnen ein Beispiel
dafur anfiihren, ein elementares, aber charakteristisches
Beispiel.
Sie wissen ja, daft heute die anerkannte Psychologie eigent-
lich doch nicht weiter kommt, als bis zu gewissen Spekula-
tionen iiber die Beziehungen von Seele und Leib, Seele und
Korper. Die Seele wird geschildert, als ob sie den Korper
bewegte, oder es wird von den materialistisch Gesinnten die
Seele als das Plus angesehen, das der Korper gewissermaften
produziert. Am haufigsten spricht man heute von dem psy-
chophysischen Parallelismus : daft die Seelenerscheinungen
und die korperlichen Erscheinungen parallel ablaufen und so
weiter. Das alles sind Spekulationen, die eigentlich nur dar-
au£ beruhen, daft man denselben Wissenschaftsgeist, der
sonst herrscht, in das menschliche seelisch-leibliche, see-
lisch-korperliche Leben nicht einfiihren will.
Sie alle kennen die physikalische Anschauung, die von
latenter Warme spricht, von einer latenten Warme, die in
irgendeinem Ding enthalten ist, die aber nicht als Warme
erscheint. Wenn man gewisse Bedingungen herbeifiihrt, wird
diese Warme, wie man sagt, frei. Sie erscheint dann. Man hat
vorher die Warme in den Dingen drinnen, sie bewirkt in den
Dingen etwas, das aber nicht aufierlich durch Warmevor-
gange sich ausdriickt. Man spricht von latenter Warme, von
freiwerdender Warme.
Eine solche Anschauung, naturlich modifiziert, bereichert,
mufi durchaus auch auf das konkrete, nicht spekulative See-
lenanschauen ausgedehnt werden. Wir sehen das Kind heran-
wachsen bis zum Zahnwechsel, um das siebente Jahr herum.
Mit diesem Zahnwechsel ist aber viel mehr verbunden, als
man gewohnlich meint. Wer eine unbefangene Beobachtung
fur Seelisch-Leibliches hat, der weifi, dafi die ganze Art des
Denkens, des Vorstellens, auch des Gefuhls- und Empfin-
dungslebens, also alles Seelische bei dem Kinde ganz anders
wird nach dem Zahnwechsel, als es vorher gewesen ist. Der
Zahnwechsel ist gewissermaften fur eine bestimmte Art des
kindlichen Lebens ein Schluftpunkt. Der Mensch hat nicht
mehr notig, nach dem Zahnwechsel diejenigen Krafte fur sei-
nen Organismus anzuwenden, die er vorher angewendet hat.
Denn diese Krafte, welche — wenn ich mich jetzt trivial aus-
driicken darf - die zweiten Zahne herausstofien, die sind
nicht blofi lokalisiert etwa im menschlichen Haupte, es sind
die Krafte, die im ganzen Organismus sind, die nur beim
HerausstofSen der zweiten Zahne eben sich an einem einzel-
nen Orte zeigen. Wer diesen ganzen Vorgang so sachgemafi
wissenschaftlich verfolgt, wie man heute gewohnt ist, in der
Naturwissenschaft zu denken, der kommt dazu, zu erken-
nen, dafi diejenigen Krafte, die die Zahne herausstofien, eben
vorher latent waren, gebunden waren im Organismus, daft
sie den Organismus eben durchorganisiert haben, und daft sie
jetzt beimZahnwechsel frei geworden sind und nach demZahn-
wechsel beim Kinde als seelisch-geistige Krafte erscheinen.
Hier haben wir ein konkretes, nicht ein erspekuliertes
Wechselverhaltnis des Seelisch-Geistigen und des Korper-
lich-Leiblichen. Wer nur im gegenwartigen Augenblick auf
die Seele und dann auf den Leib hinschauen will, der mag
lange spekulieren und experimentieren, er wird doch nur zu
abstrakten Anschauungen iiber das Verhaltnis der Seele und
des Leibes kommen. Derjenige, der zur Zeitenfolge iiber-
geht, der wird beobachten, wie in dem Kinde nach dem
Zahnwechsel etwas an seelischen Kraften, an Konturierung
des Gedachtnisbegriffes, an Konturierung der Empfindun-
gen auftritt, und er wird wissen, daft das, was da als freige-
wordenes Seelenleben jetzt da ist, vorher untergetaucht war
in den Organismus. Er lernt beobachtend, nicht denkend
blofi, das Verhaltnis von Seele und Korper wirklich kennen.
Das ist ein Beispiel, wie wir das Zusammenwirken von
Seele und Leib durch die imaginative Erkenntnis erforschen
konnen. Man sieht hinein, wie das Seelisch-Geistige an dem
Leiblich-Physischen arbeitet. Das bietet sich in dem Tableau
dar, von dem ich gesprochen habe. Wenn man auf diese
Weise dazu gekommen ist, dieses bildhafte, imaginative Den-
ken auszubilden, dann mufi man durch die Starke, die man
gewonnen hat, weitergehen. Ich sagte: Wie der Muskel an
der Arbeit erstarkt, so erstarkt unsere Denkkraft, indem sie
solche Ubungen ausfuhrt, wie ich sie charakterisiert habe,
wie Sie sie in den genannten Biichern weiter charakterisiert
finden konnen. Wenn man nun in dieser Weise ein verstark-
tes, bis zur Bildhaftigkeit, bis zur Gestaltungskraft kommen-
des Denken in sich ausbildet, das in der Zeit lebt, dann kann
man auch dazu kommen, andere Krafte des Seelenlebens zu
verstarken. Die gewohnlichen Vorstellungen des Lebens
kommen und gehen, oder auch wir versuchen, sie loszuwer-
den, entweder indem wir sie seeiisch loszuwerden suchen,
oder indem unser Organismus durch das Vergessen dafiir
sorgt und so weiter. Solche Vorstellungen, die wir - wie ich
es geschildert habe - behufs hoherer Erkenntnis in unserem
Bewufksein prasent machen, gegenwartig sein lassen, kon-
nen schwerer zum Vergessen gebracht werden als andere.
Da mussen wir uns stark anstrengen. Das ist eine zweite Art
der Ubung, das, ich mochte sagen, kiinstliche Vergessen, das
kiinstliche Unterdriicken der Vorstellungen. Wenn wir aber
dieses kiinstliche Unterdriicken der Vorstellungen entspre-
chend unseren individuellen Anlagen geniigend lange iiben,
dann kommen wir dazu, dieses ganze Tableau, von dem ich
eben gesprochen habe, auch unterdriicken zu konnen, so dafi
wir das Bewufitsein vollig leer machen. Was uns einzig und
allein bleiben mulS, das ist eben das vom Willen und von der
Besonnenheit durchdrungene Denken. Dieses Denken aber
tritt jetzt wiederum in einer neuen Gestalt auf.
Ich habe Ihnen nun schon von zwei Gestalten des Den-
kens gesprochen, von dem gewohnlichen, an den Raum ge-
bundenen Denken, und dem Denken, das ein eigenes Wachs-
tum hat, wo immer ein Begriff, ein Gedanke aus dem anderen
hervorwachst, wie sich bei einem Organismus ein Glied an
das andere ansetzt. Indem man dieses morphologische Den-
ken eine Zeitlang fortfuhrt, kommt man dazu, nun eine dritte
Form des Denkens ausbilden zu konnen, und die braucht
man, wenn man aufsteigt zu der hoheren Stufe der iibersinn-
lichen Erkenntnis, die ich gleich schildern werde, wenn man
also aufsteigt in der hoheren Welt zu mehr als zu dem, was
ein blofier Uberblick iiber die eigene Organisation ist.
Durch das imaginative Erkennen kommt man dazu, die
eigene Organisation so zu iiberblicken, dafi man sich sagt:
Das Seelisch-Geistige als ein Ubersinnliches arbeitet im Er-
denleben an dem Physisch-Leiblichen. Man braucht dieses
morphologische Denken, sonst wiirde man das, was in der
Zeit vor sich geht, was aus dem Ubersinnlichen heraus arbei-
tet an dem Sinnlichen, nicht verstehen, denn das ist in fort-
wahrender Metamorphose vorhanden. Man mufi sein Den-
ken beweglich und innerlich zusammenhangend machen.
Dasjenige, was lebt aus dem Geiste heraus, kann man nicht
erfassen durch das blofie kombinierende Denken, das mufi
erfafit werden durch ein innerlich lebendiges Denken. Aber
man mufi zu einem noch anderen Denken kommen, wenn
man gewachsen sein will der nachsthdheren Stufe der uber-
sinnlichen Erkenntnis. Und dieses andere Denken, ich
mochte es Ihnen an einem Beispiel erlautern. Es ist selbst
dieses Beispiel schon etwas schwierig zu durchdringen, aber
wir werden uns doch verstandigen konnen.
Ich erinnere daran, dafi Goethe versucht hat, die einzelnen
Schadelknochen als gestaltete, metamorphosierte Knochen
von der Art der Riickenwirbel aufzufassen. Goethe hat eine
Metamorphose, eine Umgestaltung der Ruckgratswirbel in
den einzelnen Kopfknochen gesehen. Zu einem gewissen
Grade, allerdings modifiziert, ist das ja auch die Anschauung
der heutigen Wissenschaft; nicht mehr ganz so, wie Goethe
sich das vorgestellt hat, aber es ist das schon heute auch noch
eine geltende Vorstellung. Nun ist aber mit dieser blofi mor-
phologischen Ableitung der Kopfknochen nichts getan, son-
dern man mufi noch weitergehen, wenn man die Beziehung
des menschlichen Hauptes zu dem iibrigen menschlichen
Organismus - also beim Skelett wollen wir stehenbleiben -
verstehen will. Da mufi man nicht bloft an eine Umgestaltung
denken, sondern man muE noch an etwas ganz anderes den-
ken, wenn man die Frage aufwirft: Wie verhalt sich zum Bei-
spiel das Knochensystem, sagen wir in der Form der Arme
oder der Beine, zu dem Knochensystem in der Form der
Schadelknochen, der Kopfknochen? Da ist es so, daft man
die Metamorphose, durch die das eine aus dem anderen her-
vorgeht, nur versteht, wenn man davon ausgeht, daft nicht
nur eine Umgestaltung stattfindet, eine raumliche Umgestal-
tung in der Zeit, sondern daft noch etwas ganz anderes statt-
findet, namlich eine Art Umsttilpung. Sie miissen namlich,
wenn Sie das gegenseitige Verhaltnis verstehen wollen, sagen
wir, der Beinknochen zu den Kopfknochen, die auftere
Oberflache der Kopfknochen mit der Innenflache eines
Hohlknochens, sagen wir, des Oberschenkels, vergleichen.
So daft die Sache so ist, daft das Innere des Oberschenkel-
knochens nach auften gewendet werden miiftte, aufterdem
noch seine Elastizitat andern miiftte. Dann wiirde das Innere
nach auften gekehrt erscheinen, und es wiirde die auftere
Oberflache eines Schadelknochens entsprechen der inneren
Flache eines Hohlknochens der Gliedmaften. Und umge-
kehrt: Die auftere Flache des Schienbeins entspricht nicht
der aufteren Flache der Schadeldecke, sondern der Innenfla-
che der Schadeldecke. Sie miissen sich also vorstellen, daft
dabei etwas stattfindet wie beim Umstiilpen eines Hand-
schuhs. Das Innere wird nach auften gekehrt, gleichzeitig
aber wird die Elastizitat verandert. Es entsteht eine andere
Form. Es ist also so, wie wenn man den Handschuh nicht
nur umstiilpt, sondern, nachdem man ihn umgestiilpt hat, er
durch andere Elastizitatskrafte eine vollig andere Form an-
nehmen wiirde.
Sie sehen, ich muft Ihnen etwas aufterordentlich Kompli-
ziertes schon als einen ersten Hinweis auf diese dritte Art
des Denkens anfuhren: ein Denken, das nicht nur in sich
verandernden Gestalten lebt, sondern ein Denken, das in der
Lage ist, die Gestaltung des Inneren nach aufien zu kehren
und dabei die Form zu verandern. Das ist nicht anders mog-
lich als dadurch, daft man nun mit dem Denken nicht mehr
in der Zeit bleibt, sondern bei diesem Umstiilpen geht dasje-
nige, woriiber man denkt, im Denken aus Raum und Zeit
heraus, kommt in eine Wirklichkeit, die jenseits von Raum
und Zeit liegt.
Ich weift sehr gut, dafi man sich nicht gleich hineinfinden
kann in diese dritte Art des Denkens, die ganz anders ist als
das kombinierende und das gestaltende Denken, in dieses
Denken, welches, ich mdchte sagen, untertaucht in die Un-
raumlichkeit und Unzeitlichkeit; und dasjenige, was wieder
erscheint, das ist der Form nach verandert, hat das Innere
nach aufien gekehrt, das Aufiere nach innen gekehrt. Aber
Anthroposophie will nicht jenes laienhafte Herumreden
iiber die hoheren Welten bringen, dem sich viele hingeben,
sondern Anthroposophie mufi darauf hinweisen, weil sie
ehrlich wie nur irgendeine ehrliche Wissenschaft ist, dafi es
nicht nur notwendig ist, das Gebiet der gewohnlichen Wis-
senschaft zu verlassen, sondern dafi die Art des Denkens eine
ganz andere werden muft. Man mufi ganz anders den Men-
schen innerlich zusammenhalten, wenn man in dieser Weise
zu einem qualitativen Denken vorriicken will, denn es ist
einfach ein Andern der ganzen Qualitat des Gedankens, die
bei diesem Umstiilpen, bei diesem Umkehren des Inneren in
das Aufiere entsteht.
Erst dann, wenn man in dieser Weise sein Denken dazu
gebracht hat, dafi es ins Qualitative untergetaucht ist, kann
man derjenigen Stufe der Erkenntnis in die ubersinnlichen
Welten folgen, die sich anschliefien muE an das imaginative
Denken. Hat man nun das Tableau, von dem ich gesprochen
habe, unterdriickt, so daft man ein leeres Bewufksein herge-
stellt hat, dann hat man eben fur kurze Zeit ein leeres Be-
wufksein. Man kann, wenn man bloft eine Vorstellung unter-
driickt, das Bewufksein eine Weile leer machen. Wenn man
aber diese Realitat, die einem eigentlich in Wachstum, in Er-
nahrung fortwahrend gedient hat im Erdendasein, unter-
driickt, so taucht man unter in eine vollig neue Welt. Dann
ist man in den hoheren Welten, und dann hat man die ge-
wdhnliche Sinneswelt wie eine Erinnerung hinter sich. Man
muft sie als solche haben, sonst ist man kein seelisch gesunder
Mensch, sonst ist man ein psychopathischer Mensch, sonst
halluziniert man oder hat Illusionen.
Wenn man in der Geistesforschung regelrecht vorgeht, so
bleibt die Besonnenheit, so bleibt das vom Willen durch-
drungene Bewufksein bis in die hochsten Welten hinauf, und
es kann gar nicht die Rede davon sein, daft man irgendwie
Halluzinationen oder Suggestionen hat. Hat man Suggestio-
nen oder Halluzinationen, so wird das gewohnliche Bewufk-
sein ganz verdrangt durch das krankhafte Bewufksein. Das
ist aber das Wesentliche des von der Anthroposophie ange-
strebten Bewufkseins behuf s der Erkenntnis hoherer Welten,
daft das gewohnliche Bewufksein voll bestehen bleibt, daft
man ein vernunftiger Mensch, ein besonnener Mensch bleibt
neben dem, daft man sich in hohere Welten erhebt. Und auch
das, was ich Ihnen angefuhrt habe als jene Erkraftung des
Denkens mit dem umgestiilpten Denken, dem ubermorpho-
logischen Denken, auch das ist eigentlich nur dazu da, daft
man mit volliger Bewufkheit nun in diese hoheren Welten
eindringen kann, Diese hoheren Welten erlebt man jetzt
wirklich mit einem geistigen Inhalt.
Hat man durch das imaginative Bewufksein eine Anschau-
ung erlangt von dem, was an einem arbeitet seit der Geburt
- Ubersinnliches, das arbeitet an dem Sinnlichen — , so erlangt
man jetzt eine Erkenntnis von dem, was vor der Geburt,
oder sagen wir vor der Empfangnis des Menschen innerhalb
der physischen Welt von ihm im geistig-seelischen Dasein
vorhanden war, wo er ebenso umgeben ist von Wesen, gei-
stig-seelischen Wesen, wie wir hier von sinnlichen Wesen
umgeben sind in der Zeit zwischen der Geburt und dem
Tode. Kurz, man erlebt den ewigen Wesenskern des Men-
schen, indem man zuriickschaut hinter die Geburt in dieje-
nige Daseinsstufe des Menschen, die er durchlebte, bevor er
hier auf dieser Erde innerhalb der physischen Vererbungs-
stromung empfangen wurde, man erlebt ihn in seiner geisti-
gen Umgebung.
Das, was also zur Erkenntnis der hoheren Welten gefuhrt
hat, ist nicht eine Spekulation, ist nicht ein Begriffs system,
ist eine Anschauung. Gerade so, wie man durch die Entwik-
kelung seines Leibes seit seinem embryonalen Dasein eine
Anschauung von der aufieren Sinneswelt erlangt, so erlangt
man durch diejenigen Vornahmen, die ich Ihn en dem Prinzip
nach geschildert habe, die Sie in den angefuhrten Buchern in
alien Einzelheiten geschildert finden, Erkenntnisse von See-
lenvorgangen, erlangt die Moglichkeit, umgeben zu sein von
jener geistigen Welt, in der wir waren vor der Geburt und in
die wir eintreten, wenn wir durch die Pforte des Todes tre-
ten. Durch Anschauung wird die Erkenntnis der hoheren
Welten errungen.
Nun, dadurch habe ich Ihnen zunachst den Erkenntnis-
weg geschildert. Der Weg in die hoheren Welten ware aber
nicht vollstandig geschildert, wenn man ihn nur als Erkennt-
nisweg schilderte, denn zu dem, was der Mensch da durch-
macht, gehort noch etwas anderes als ein blofies Leben im
Denken. Mag es schwierig sein, die zwei hoheren Formen
des Denkens sich anzueignen, etwas anderes bietet weitere
Schwierigkeiten.
Wenn wir hier in der physischen Welt uns vorzugsweise
an die Beobachtung, an das Experiment halten, so geschieht
das aus dem Grunde, weil wir dadurch in einer gewissen
Weise beruhigt sind liber den Wahrheitsgehalt unserer Er-
kenntnisse. Man mag erkenntnistheoretisch nun streiten
iiber das Wesen der Sinneswahrnehmungen und ihr Verhalt-
nis zu dem wahren Sein und so weiter, darauf kommt es jetzt
nicht an. Worauf es ankommt, ist, dalS uns die Sinneswahr-
nehmung die Wahrheit desjenigen verburgt, was wir seelisch
erleben, was seelisch als das Spiegelbild dieser Sinneswahr-
nehmungen auftritt, und wir sind beruhigt, indem wir uns
anlehnen an die auftere Wirklichkeit. Es ist ja sogar in der
neueren Zeit die Krankheit des Spiritismus aufgetreten, die
auf eine ebensolche Art das Sein des Geistigen durch eine
aufiere Beobachtung erharten will. Man kann natiirlich nicht
starker Materialist sein, als wenn man Spiritist ist. Der Spiri-
tismus ist nur die Potenzierung des Materialismus, denn man
will nicht nur behaupten, dafi es Materie gibt, oder vielleicht
nur Materie gibt, sondern man will sogar behaupten, dafi der
Geist so erscheine wie die Materie, das heifit selber nur Mate-
rie sei. Es ist nur eben die letzte Phase, die letzte Konsequenz
des Materialismus, was als Spiritismus auftritt. Wahre Gei-
steswissenschaft erstrebt eben einen Aufstieg in die geistigen
Welten, nicht ein Herunterziehen der geistigen Welten in die
materiellen Vorgange.
Dasjenige aber, was man, ich mochte sagen, als eine Stiitze
fur ein seelisch Erlebtes durch die aufiere Sinneswelt hat, das
hat man nun nicht, wenn man sich in der angedeuteten Weise
hinauflebt in die geistigen Welten. Man mufi eine andere
Stiitze haben. Man braucht etwas, was einem in derselben
Weise Ruhe gibt dariiber, dafi man nicht im Leeren schwebt,
dafi man nicht in den blauen Dunst hinein seelisch erlebt,
man braucht etwas, an das man sich ebenso anlehnen kann,
wie an die auftere Sinneswahrnehmung im gewohnlichen Le-
ben. Und das, was man da braucht, kann wiederum nur
durch die Entwickelung innerer Krafte kommen. Ich bitte,
mich nicht miftzuverstehen. Ich meine nicht, daft diejenigen
Krafte, die man im gewohnlichen Leben schon hat - man
muft nur die Worte gebrauchen, die aus dem gewohnlichen
Leben entlehnt sind daft die geniigend seien. Es miissen
auch auf anderen Gebieten als auf dem des Denkens Krafte
ausgebildet werden, damit man nicht nur zu Anschauungen,
sondern zu im Sein wurzelnden Anschauungen kommt. Was
aufterlich einem in der Sinneswahrnehmung die Beruhigung
gibt, das ist ja, daft ein Sinn den anderen unterstiitzt. Wenn
irgendeiner einen Gehoreindruck oder einen Gesichtsein-
druck hat, so ist er noch immer nicht sicher, ob das nicht
eine Halluzination ist. Er ist erst sicher, wenn ihn, ich
mochte sagen, der Schwere-Sinn unterstiitzt, wenn ihm ein
anderer Sinn zu Hilfe kommt, wenn dasjenige, was durch
das Gesicht oder das Gehdr nicht geniigend verbiirgt werden
kann, durch einen anderen Sinn mitverbiirgt wird. Und was
ist es denn eigentlich, wodurch wir uns berufen fiihlen, ge-
gemiber der sinnlichen Welt von Sein zu sprechen?
Sie konnen verschiedenes erwagen. Ich miiftte stundenlang
erkenntnistheoretisch sprechen - das kann ich natiirlich hier
nicht -, wenn ich dasjenige, was ich kurz zusammenfassen
will, auch erharten wollte. Aber dieses gilt, und Sie werden
darauf kommen, wenn Sie die entsprechenden Gedanken
verfolgen: Wir nennen in der Sinneswelt ein Ding wirklich,
wenn es so auf uns wirkt, daft wir uns selber verleugnen
miiftten, wenn wir das Ding verleugneten. Wenn Sie eine
Glocke nicht nur schlagen horen, sondern sie auch beruhren
konnen, sie auch sonst im Zusammenhange mit den Dingen
finden, so miiftten Sie, wenn diese Wirklichkeit von Ihnen
seelisch erlebt wiirde, sich selber ausloschen, wenn Sie nicht
das aufiere Ding wirklich nennen konnten. Wir nennen ein
aufieres Ding wirklich, wenn wir, ohne seine Wirklichkeit
anzuerkennen, unsere eigene Wirklichkeit verleugnen miifi-
ten. Sie sehen, es hangt innig dasjenige, was wir als Wirklich-
keit bezeichnen, mit unserer eigenen Wirklichkeit zusam-
men. Deshalb miissen wir auch aus unserer eigenen, aber
jetzt geistig-seelischen Wirklichkeit die Krafte holen, die sich
etwa vergleichen lassen mit einem Gegenstand, den ich an-
greife und der sich durch die Schwere kundgibt. Wir miissen
in unserem Inneren die Stutzkrafte suchen fur die Realitat
der hdheren geistigen Welten, in die wir uns in der Art einle-
ben, die ich Ihnen geschildert habe. Das kdnnen wir nur,
wenn wir gewisse moralische Eigenschaften, die wir im ge-
wohnlichen Leben eben behufs des ethischen Verhaltens ha-
ben, weiter ausbilden. So wie wir die Denkkrafte verstarken,
so miissen wir die moralischen Krafte verstarken. Es handelt
sich nicht blofi darum, dafi man diese moralischen Krafte fiir
das ethische Leben ausbildet, sondern es handelt sich darum,
daft man diese moralischen Krafte wiederum verstarkt.
Von zwei Arten mdchte ich Ihnen nur sprechen. Das erste
ist, dafi dasjenige, was man moralischen Mut, was man Mut
uberhaupt nennt im Menschen, ebenso intensiver gemacht
werden mufi wie die Denkkrafte. Was wir an Mut in uns
haben, es kann intensiver gemacht werden, wenn wir gerade
das, was wir in der imaginativen Erkenntnis als eine Riick-
schau in einem Tableau vor unsere Seele stellen, richtig be-
trachten, richtig erleben. Da finden wir, dafi wir in unserem
eigenen Leben, wenn wir in es untertauchen, einen hohereft
Mut finden, eine starkere innere Muteskraft, als wir sie fiir
das aufiere Leben, dem wir uns passiv hingeben, gewohnlich
brauchen. Dieser Mut mufi erhoht werden.
Und eine andere moralische Kraft mufi erhoht werden.
Wahrend sich der Mut eigentlich auf das Gefuhlsleben be-
zieht, eine gewisse innere Sicherheit darstellt, eine gewisse
innere Kraft bildet, mussen wir in bezug auf den Willen et-
was ausbilden, was dadurch entsteht, dafi wir zum Beispiel
in ganz energischer Weise in bestimmten Zeitpunkten uns
etwas vornehmen und dann mit eiserner Gewalt in einem
spateren Zeitpunkte versuchen, die Bedingungen herbeizu-
fiihren, urn dasjenige, was wir friiher uns vorgenommen ha-
ben, auch wirklich auszufiihren. Solche Ubungen, ganz sy-
stematisch, mufi der anthroposophische Geistesforscher
auch machen. Er mufi die Impulse seines Willens von jetzt in
Zusammenhang bringen innerlich mit den Impulsen, die vor
Zeiten in ihm da waren. Im gewdhnlichen Leben ubergeben
wir uns der Gegenwart. In dem Leben, das uns in hdhere
Welten hinauffuhren soli, mussen wir eine innere Kontinui-
tat des Willens vorstellen. Wir mussen selbst in der Lage sein,
durch Jahre hindurch aus Absichten heraus in spaterer Zeit
irgend etwas auszufiihren. Dadurch bilden wir eine starke
Willens stiitze, eine starke Willensstromung, die wir selber in
uns setzen. Es ist dies eine ganz besondere Selbstzucht. Wir
machen uns nicht bloft von dem abhangig, was uns jetzt aus
aufieren Anlassen, unseren Trieben und Instinkten oder viel-
leicht selbst aus Idealen heraus zu irgendeinem Handeln
treibt, sondern wir verbinden innerlich seelisch-geistig als
Willensimpuls einen spateren Zeitpunkt unseres seelischen
Lebens mit einem friiheren Zeitpunkte. Bilden wir im Ge-
mute eine Erhohung des Mutes aus, bilden wir die Kontinui-
tat der Willensimpulse aus, so dafi iiber die Zeit hiniiber un-
sere Willensimpulse dauern, dann kommen wir dazu, indem
wir in dieser Art, wie ich es geschildert habe, uns in die hohe-
ren Welten hinauferheben, geradeso, wie wir es sonst der
aufieren Sinneswelt gegeniiber tun konnen, auch die Wirk-
lichkeit dessen, was wir dann wahrnehmen, zu konstatieren.
Diese Wirklichkeit mufi aus innerlich verstarkten Kraften
konstatiert werden konnen. Daher ist der Weg in die geisti-
gen Welten nicht die Ausbildung einer einseitigen Erkennt-
niskraft, sondern sie ist eine Ausbildung des ganzen Men-
schen nach Denken, Fiihlen und Wollen, nach dem Erkennt-
nisstreben, nach dem asthetischen Streben, nach dem ethi-
schen Streben. Und es ist dieser Weg in die hoheren Welten
zugleich eine religiose Versenkung, eine religiose Vertiefung
des Menschen.
Das ist das Wichtige, dafi wir uns klar sind dariiber, dafi in
der neueren Zeit, ebenso, wie durch die Wissenschaft in vie-
ler Beziehung Zweifel entstanden sind an den geistigen Wel-
ten, auch durch die Wissenschaft wiederum diese geistigen
Welten erobert werden miissen. Es ist eine Kurzsichtigkeit,
zu glauben, dafi der Mensch dadurch, daft er mit ebenso be-
sonnenem Bewulksein in die hoheren Geisteswelten auf-
steigt, wie er mit seinen Sinnen an die Sinneswelt kommt,
irgendwie das religiose Leben beeintrachtigen wiirde. Dieje-
nigen, die in dieser Richtung Kritik iiben, die iiben gewohn-
lich ihre Kritik aus dem Glauben heraus, dafi anthroposophi-
sche Geisteswissenschaft auch nur zu einem Intellektualis-
mus, zu einem Rationalismus komme. Das ist nicht der Fall.
In diejenige Entwickelung des Denkens, die auf die angedeu-
tete Weise errungen wird, fliefit der ganze Mensch nach Fiih-
len, nach Wollen ein, und was die hier gemeinte Geisteswis-
senschaft als Weg in die hoheren Welten vorzeichnet, das ist
eine Entfaltung, eine Entwickelung des Vollmenschen. Und
so wie auch im gewohnlichen Sinnesleben das Denken nur
erscheint als eine Bliite aus dem Organismus heraus, so er-
scheint auch die hohere Erkenntnis als eine Bliite des vollent-
wickelten Menschen, der alle seine Krafte auf dem Wege in die
hoheren Welten hinein harmonisch und intensiv ausbildet.
Das blofie Denken auszubilden, fiihrt eigentlich nur zu
einer Bilderwelt. Will man in dieser Bilderwelt die Wirklich-
keit wahrnehmen, dann mufi man in der Weise, wie ich es
angedeutet habe, auch das, was in der Moral als Mut, was in
dem charaktervollen Leben als der Wille ist, der uns eigen
bleibt, der durch die Zeit hindurch erscheint, ausbilden.
Diese beiden und noch andere Krafte, die Sie in den Biichern,
die angefiihrt wurden, lesen konnen, mussen verstarkt wer-
den. Der ganze, der voile seelisch-geistige Mensch mufi in
jene anderen Welten hinaufgefuhrt werden, in denen der
Mensch lebt, bevor er hier von den physischen Kraften kon-
zipiert wird, zum physischen Erdenleben iibergeht, oder in
denen er lebt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen
ist. Will man zu diesem Leben erkennend aufsteigen, will
man sich die Anschauung der iibersinnlichen Welten errin-
gen, dann rmifi man den ganzen seelisch-geistigen Menschen
dahin fuhren, nicht bloft irgend etwas, was theoretisch sich
ergehen will in diesen Welten. Dadurch aber ist diese anthro-
posophische Geisteswissenschaft auch befruchtend fur das
gesamte Leben. Diese anthroposophische Geisteswissen-
schaft will nicht in irgendeiner abstrusen Mystik den Men-
schen weltfremd machen, sie will ihn gerade ins praktische,
ins wahrhaft praktische Leben einfiihren. Und daher wirkt
sie befruchtend auf Wissenschaft, auf Kunst, auf das soziale,
auf das religiose Leben, kurz, auf die verschiedensten Ge-
biete des Lebens. Dariiber kann ich nur noch einige Andeu-
tungen machen.
Wenn man das erkennt, was ich vorhin das Lebenstableau
der Ruckschau genannt habe, das ein Bildekrafteleib, der
aber in der Zeit abfliefk, ist, dann schaut man auch an, wie
der menschliche physische Leib aus diesem Kraftesystem
heraus entsteht, wie er sich bildet. Es ist ja nur ein aufierer
Schein, wenn wir sprechen vom Herzen, von der Lunge und
so weiter. In Wahrheit ist das Herz ein ProzelS, und die au-
fiere raumliche Gestalt ist nur der im Augenblicke festgehal-
tene Prozefi. So ist es mit jedem Organ. Wir konnen das, was
im Augenblick als Gestalt festgehalten ist, erkennen. Aber
wir konnen das nicht erkennen, was der fortfliefiende Le-
bensprozefi ist, aus dem Gesundheit und Krankheit hervor-
gehen, wenn wir uns nicht zur Erkenntnis der iibersinnlichen
Bildekrafte des Leibes aufschwingen. Daher kann Medizin,
namentlich die Therapie, eine wesentliche Befruchtung aus
der Geisteswissenschaft erfahren, und wir haben sowohl in
Stuttgart wie in Dornach bereits aus den Anregungen der
Anthroposophie heraus klinisch-therapeutische Institute er-
richten konnen, welche dasjenige fruchtbar machen sollen
fur die kranke Menschheit, was aus der Geisteswissenschaft
in anthroposophischer Orientierung gewonnen werden
kann. Und in mancher anderen Beziehung kann Geisteswis-
senschaft das Leben befruchten. Wir haben in Dornach, als
wir eine Hochschule fur Geisteswissenschaft errichten woll-
ten, nicht einen beliebigen Rahmen schaffen konnen. Was da
vorlag, als die Freunde unserer anthroposophischen Weltan-
schauung in der Hochschule fur Geisteswissenschaft einen
Bau auffiihren wollten, war etwas ganz Besonderes. Ich
mochte es mit einem Vergleich charakterisieren.
Nehmen Sie einmal an: eine Nufi mit einer Schale. Wenn
Sie unbefangen denken, so werden Sie sich sagen: Die Schale
der Nufi mufi in ihrer Form gerade so sein, wie sie eben ist,
weil die Nufi so ist, wie sie ist. Die Schale gehort zur Nufi.
Wenn man heute irgend etwas geistig begriindet in ahnlicher
Art, wie das, was in der anthroposophischen Bewegung gei-
stig leben will, und man in der Lage ist, einen Bau aufzufuh-
ren, so geht man eben zu einem Baumeister, der einem in
diesem oder jenem Stil einen Bau auffuhrt, womoglich
irgend etwas, was zu dem darin Befindlichen gar nicht palk,
wie eine Nuftschale, die der darin befindlichen Nufi gar nicht
angepaftt ware. Weil Anthroposophie nicht etwas blofi
Theoretisches, etwas blofi im Worte Lebendes sein will,
konnte die anthroposophische Bewegung auch gegenuber ih-
rer Umrahmung nicht so vorgehen. In Dornach mufi dasje-
nige, was vom Podium aus erklingt, was von der Biihne aus
gespielt wird, was an Kunstlerischem vor die Menschen
durch das Wort oder durch die Bewegungen auf die Buhne
tritt, genau denselben inneren Wesensstil haben wie dasje-
nige, was von den Wanden spricht, wie das, was au£en als
auftere Architektur dem Menschen entgegen tritt. So wie die-
selben Wachstumskrafte, welche die Nufi gestalten, auch die
Nufischale gestalten, so mufite dasjenige, was in der Anthro-
posophie im Worte lebt, auch kunstlerisch die Umrahmung
in einem neuen Baustil geben. Es war also durchaus orga-
nisch begriindet, dafi in Dornach ein neuer Baustil auf-
tauchte, der eben nichts anderes ist, als das aufierlich Sicht-
bare fur das, was sonst geistig-seelisch auch im Worte lebt.
Man wird das, was Anthroposophie unserer Zeit sein will,
eben gerade dadurch einsehen konnen, dafi sie in dieser
Weise befruchtend auch ins kunstlerische Leben hinein-
wirkt. Und in unserer Eurythmie, die erst im Anfange ist,
haben wir eine menschliche Bewegungskunst geschaffen, wo
nicht ein Tanz, nicht eine Pantomime vorliegt in den sich
bewegenden einzelnen Menschen oder Menschengruppen,
sondern wo das, was da in Bewegungsformen auftritt, eine
ebenso gesetzmaftige Sprache ist wie die Lautsprache, oder
ein sichtbarer Gesang ist, wie sonst der Gesang in Tonen
gehort werden kann. Was als Eurythmie auftritt, das ist
durchaus aus der geistig-seelisch-leiblichen Gesetzmafiigkeit
des Menschen herausgeholt.
So konnten wir nach den verschiedensten kunstlerischen
Richtungen hin befruchtend mit Anthroposophie wirken.
In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» ist versucht
worden, zu den grofien sozialen Problemen der Gegenwart
von anthroposophischem Standpunkt aus Stellung zu neh-
men. Wer da bedenkt, daft man es im sozialen Leben eben
mit dem ganzen Menschen zu tun hat, nicht bloft mit dem,
was man durch rationelle Wissenschaft etwa im Marxismus
oder ahnlichem erreichen kann, der wird zugeben, daft dasje-
nige, was eindringt in die hoheren Geisteswelten, auch ein-
dringen kann in die Gesetze des sozialen Zusammenlebens
der Menschen, denn diese Gesetze sind eben seelisch-geistige
Gesetze der hoheren Welten. Sie konnen uns auch zu solchen
Gesetzen fuhren, welche die Menschen zu einem befriedi-
genden sozialen Zusammenleben bringen konnen. Denn
Geistiges ist es, was die Menschen in der Sozietat vereinigt,
und was sie physisch vereinigt, ist eben nur herausgestaltet
aus dem Geistigen. Daft man dieses vergessen hat, das ist in
vielem der Grund fur unsere furchtbare Katastrophe, fur un-
sere vorhandenen Niedergangskrafte. Mit dem Geiste muft
sich die Menschheit wiederum durchdringen.
Weiter hat befruchtend wirken konnen Anthroposophie
in Erziehung, Padagogik. In der von Emil Molt in Stuttgart
begriindeten Waldorfschule wird auf den werdenden Men-
schen, auf das Kind angewendet, was als wirkliche Men-
schenerkenntnis vor der anthroposophischen Forschung auf-
tritt. Die Wege, die uns in hohere Welten hineinfuhren, die
bringen uns auch dazu, von Jahr zu Jahr, von Woche zu
Woche, dasjenige im Menschenkinde, das heranwachst von
seiner Geburt bis zur Geschlechtsreife, zu schauen, was sich
das Kind mitgebracht hat aus den hoheren geistigen Welten,
was der Erzieher, der Unterrichtende, hervorzaubern muft.
Ich kann das seiner Richtung nach nur andeuten. Das alles
ist im einzelnen zu einer padagogischen Kunst in der Wal-
dorfschule auszubilden versucht worden. Damit sind nur
Beispiele geliefert, wie fur die verschiedensten Gebiete des
Lebens Anthroposophie anregend wirken will.
Fur das religiose Leben, sagte ich schon, kann Anthropo-
sophie belebend wirken deshalb, weil sie wissenschaftlich
hinfuhrt zu den hdheren Welten, weil sie zeigt, wie dasje-
nige, was der Mensch im verganglichen Erdendasein als sich
Gestaltendes, aber nicht durch das gewohnliche Erkennen
durchschaubares Ewiges tragt, in seiner wahren Gestalt, in
seinem Eigenen in den iibersinnlichen Welten sich ausnimmt.
Dort kann es hoheres Schauen wahrnehmen. Hier ist es ver-
borgen, weil es, indem es in die Geburt eintritt, aufgesogen
wird von der physischen Gestaltung. Indem am Materiellen
das Geistige arbeitet, wird es fur das gewohnliche Erkennen
unsichtbar. Darum ist es aber nicht unlebendig. Es ist nur
verborgen im Materiellen. Im Materiellen ist das Geistige zu
erkennen- Dazu sollen die Wege, die von der Anthroposo-
phie eroffnet werden wollen in die iibersinnlichen Welten,
die Mittel bedeuten.
Anthroposophie will eben deshalb nicht etwas sein, was
den Menschen asketisch von der gewohnlichen Welt weg-
fuhrt, sondern sie will so zum Geistigen, zu iibersinnlichen
Welten die Wege eroffnen, dafi der Mensch mit diesem Gei-
stigen das materielle, das praktische Leben wieder gestalten
kann. Das ist ja das Wichtige, daft wir den Geist als ein Schaf-
fendes erkennen. Derjenige Geist ware schwach, der un-
schopferisch nur erlebt wiirde iiber dem Materiellen. Es gibt
sehr viele Menschen, die sagen: Ach, das Materielle dieser
Welt, das ist etwas Niedriges; dariiber mufi man sich erhe-
ben. Das Materielle muE man verlassen, um zu hohem Gei-
stigem zu kommen. - Man mufi allerdings vieles iiberwin-
den, um zu der Erkenntnis dieses Geistigen zu kommen.
Aber wenn man in Liebe dieses Geistige erreicht hat - und
man kann es nur erreichen in Liebe und in religioser From-
migkeit und Inbrunst, denn die Entwickelung der morali-
schen Fahigkeiten, von der ich auch gesprochen habe, fuhrt
dazu, in Liebe in die iibersinnlichen Welten einzudringen — ,
dann hat man dieses Ubersinnlich-Geistige an das Materielle
angenahert. Denn nicht das ist das starke Geistige, was das
Materielle flieht, sondern das ist das starke Geistige, was das
Materielle gestaltet, was im Materiellen praktisch geistig wir-
ken kann. Das auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite darf ich Ihnen vielleicht zum Schlufi
gerade an diesem Orte das eine sagen, dafi die anthroposo-
phische Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die
Wege in die iibersinnlichen Welten hinein so gestaltet, dafi
das, was gefunden wird auf diesen Wegen, nicht fernsteht
den gewohnhchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen
und ihren Wirksamkeiten, sondern daft es sie durchdringt als
eine geistig-seelische Kraft selber. Wie der Mensch dadurch
ein Vollmensch ist, daft er in seinem Leiblich-Physischen
hier auf der Erde steht, dieses Leiblich-Physische aber ein
Geistig-Seelisches in sich tragt, so ist auch Wissenschaft nur
im vollen Sinne des Wortes Vollwissenschaft, wenn sie nicht
blo£ ein Wissen, eine Erkenntnis von der aufSeren materiel-
len Wirklichkeit ist, sondern wenn sie dieses Wissen mit dem
anderen Wissen, mit dem Wissen von den geistigen Welten
durchziehen kann. Deshalb mochte anthroposophische Gei-
steswissenschaft sich so in die andere Wissenschaft hinein-
stellen, daft sie im Grunde genommen dem von der Natur
und dem Wesen sowohl des Menschen wie des Kosmos Ge-
forderten entspricht. So wie der Mensch in sich tragen muE
Geist und Seele in seinem materiellen Leben, so mufi eine
wirkliche Geisteswissenschaft, welche wahre, ehrliche Wege
in die ubersinnlich-geistigen Welten eroffnet, selber der
Geist und die Seele der gewohnlichen, der materiellen Wis-
senschaft werden. Und so wie der Geist und die Seele im
Menschen nicht wider den Leib streiten, nicht wider den
Korper sich auflehnen, sondern mit ihm im vollen Einklang
stehen sollen, so mufi in vollem Einklang stehen mit der
wahren, ehrlichen Natur- und Geschichtserkenntnis dasjeni-
ge, was anthroposophische Geisteserkenntnis ist.
GRUNDLAGEN DER ANTHROPOSOPHIE
Kristiania (Oslo), 28. November 1921
In drei Vortragen denke ich Ihnen einen Uberblick zu geben
iiber das, was Anthroposophie zu sagen hat iiber den Men-
schen und iiber das Verhaltnis des Menschen zur Welt. Dies
sind ja ohne Zweifel die beiden bedeutendsten Fragegebiete
fur alle menschliche Anschauung: die Welt und der Mensch.
Sie schliefien im Grunde genommen sowohl jede kleinste wie
jede grofite wissenschaftliche und Lebensfrage ein. Es liegt
nun in der Natur der Aufgabe, dafi ich mich darauf zu be-
schranken haben werde, zu sagen, was iiber diese beiden Fra-
gegebiete innerhalb der anthroposophischen Horizonte liegt,
das also, was sich bezieht auf die grofien Lebensfragen des
menschlichen Daseins, welche iiber die sinnliche Erkenntnis
und iiber das Feld der gewohnlichen Wissenschaft hinaus-
gehen.
Man kann nicht leugnen, dafi in bezug auf den Menschen,
in bezug auf Selbsterkenntnis des Menschen eine derjenigen
Fragen gegeben ist, welche den Menschen selbst am tiefsten,
am intensivsten beriihren muft. Denn der Mensch muft, um
Sicherheit im Leben zu haben, um einen festen Standpunkt
im Leben zu haben, eine Anschauung seiner eigenen Wesen-
heit haben. Und der Mensch hat, das darf wohl gesagt wer-
den, jederzeit auch nach Welterkenntnis gesucht, denn er
weilS, dalS das, was in den Geheimnissen der Weltentwicke-
lung eingeschlossen ist, zusammenhangt mit seinem eigenen
Wesen, dafi er vor alien Dingen iiber das letztere, iiber das
eigene Wesen nur etwas wissen kann, wenn er erkennt, was
die Welt, der er einmal angehort, ihm zu geben vermag. Nun
kann man auch nicht leugnen, daft in der Gegenwart ein reges
Interesse vorhanden ist fur alles, was in bezug auf Menschen-
erkenntnis und Welterkenntnis iiber die gewohnliche Sinnes-
wissenschaft hinausgeht, und wir sehen zahlreiche Versuche,
iiber diese gewohnliche Wissenschaft hinauszugehen, um zu
erforschen, was jenseits von Geburt und Tod liegt, was jen-
seits desjenigen liegt, was man durch die gewohnliche Sin-
nesbeobachtung und durch den auf diese Sinnesbeobachtung
gestiitzten Verstand ergriinden kann. Wir sehen ja in der
neueren Zeit gerade wissenschaftlich forschende Menschen
in der mannigf altigsten Weise bemuht, iiber die gekennzeich-
neten Gebiete hinauszugehen, und ich mochte einleitungs-
weise wenigstens markante Anschauungen gegenwartiger
Forscher erwahnen, welche beweisen, daft ein reges Interesse
fur Fragen, wie die in meinen drei Vortragen zu behandelnden,
vorhanden ist, daft es aber auch aufterordentlich schwierig
ist, selbst den in der gewdhnlichen Wissenschaft ganz gut be-
wanderten Personlichkeiten, in das Gebiet des Geistigen, des
Seelischen einzudringen. Ich mochte nicht im Abstrakten her-
umreden, mochte gleich von konkreten Beispielen ausgehen.
Ein deutscher Forscher, der sich viel damit beschaftigt hat,
zu sehen, wie die iibersinnliche Natur der Seele als solche zu
erforschen ist, wie die iibersinnliche Natur der Seele auf die
sinnliche Natur des Leibes wirkt, hat aus seiner arztlichen
und sonstigen Naturforschererfahrung heraus manches Bei-
spiel von der Wirkung der Seele, des zweifellos Seelischen
auf die menschliche Korperlichkeit gegeben, und ein eklatan-
tes Beispiel, das dieser Arzt und Forscher Schleich, der mir
auch personlich sehr gut bekannt ist, in einem seiner Bucher
erwahnt, ist das folgende. Er stellt dar, wie in furchtbarer
Aufregung ein Patient zu ihm kam, der in seinem Biiro wah-
rend des Tages sich ein wenig die Haut mit der tintigen Feder
geritzt hatte. Es war, wie der Arzt konstatieren konnte, eine
aufierordentlich leichte, unbedeutende Verwundung. Aber
der Patient war von der Wahnidee befallen, da& er sich eine
Blutvergiftung durch diesen Stich mit der tintigen Feder zu-
gezogen habe, und dafi er unbedingt sterben miisse, wenn
ihm die Hand nicht abgenommen, amputiert wiirde, und er
bat, so schnell als moglich die Hand, den Arm amputiert zu
bekommen. Der Arzt konnte ihm nichts anderes sagen als,
er solle nur ruhig sein, die Sache werde in ein paar Tagen
voriiber sein und er habe gar nichts zu befurchten. Selbstver-
standlich konnte eben der Arzt unter voller Verantwortung
nichts anderes als dieses sagen. Er konnte ihm doch nicht
den Arm wegschneiden. Der Betreffende aber gab sich nicht
damit zufrieden, ging zu einem anderen Arzt, der ihm das-
selbe sagte, der ihm den Arm natiirlich auch nicht abschnitt.
Aber etwas angstlich, weil mit den menschlichen Gemiitszu-
standen sehr gut bekannt, war Schleich doch, und er erkun-
digte sich am nachsten Morgen nach dem Patienten, und
siehe da: der Patient war gestorben! Die Autopsie ergab
nichts von irgendeiner bemerkbaren inneren Blutvergiftung
oder dergleichen. Es konnte gar keine Rede davon sein. Aber
der Patient war gestorben. Schleich fugt zu diesem Fall, den
er erzahlt, hinzu: Tod durch radikale Autosuggestion. Der
Betreffende habe sich eingebildet, er miisse sterben; das war
eine au£erordentlich radikale Autosuggestion, und der Be-
treffende ist wirklich unter dem Einflufi dieser Autosug-
gestion gestorben.
So sagt ein Forscher, der immerhin mit alien naturwissen-
schaftlichen Methoden, mit alien medizinischen Methoden
sehr gut bekannt ist. Er berichtet diesen Fall, um daran zu
erharten, welche Macht etwas rein Seelisches, also ein Ge-
danke, der gefafit wird, auf den Verlauf von Korperprozes-
sen haben konne: bis zum Herbeifuhren des Todes. So meint
Schleich.
Schleich bringt eine ganze Menge anderer Falle als Bei-
spiele, die weniger markant und radikal sind, um zu bewei-
sen, dafi tatsachlich eine Moglichkeit vorhanden ist, hinzu-
schauen auf das in Gedanken, in Empfindungen, in Gefiih-
len, Willensimpulsen lebende Seelenwesen, das durch die ei-
gene Kraft nun wirken kann auf das Korperliche. Also es soli
sozusagen dargestellt werden die Wirkung des Ubersinn-
lichen auf das Sinnliche.
Ein anderer Fall, der von einem viel bedeutenderen Natur-
forscher erzahlt wird, von Oliver Lodge, ist der folgende:
Oliver Lodge hat ja seinen Sohn Raymond im Weltkriege
verloren. Der Betreffende ist an der belgisch-deutschen
Grenze gef alien, und Sir Oliver Lodge - er hat ja schon seit
langem hingeneigt dazu, eine Briicke zu bauen von Sinnlich-
Naturwissenschaftlichem zu Ubersinnlichem - wurde durch
diesen Fall, durch den Verlust seines geliebten Sohnes, ja
noch personlich aufierordentlich stark getroffen. Und durch
allerlei Veranstaltungen, die an ihn herantraten, die hier
nichts zur Sache tun, die ich daher auch nicht zu erzahlen
brauche, wurde er dazu geftihrt, die mediale Kraft einer Per-
sdnlichkeit dazu zu beniitzen, mit der abgeschiedenen Seele
seines Sohnes Raymond Lodge in Verbindung zu treten.
Nun, wenn in gewohnlichen Spiritistenkreisen ein solcher
Fall auftaucht, braucht man ihn nicht besonders ernst zu
nehmen, denn man weift ja, wie unkritisch da verfahren wird,
und wie laienhaft gegeniiber den naturwissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden iiber solche Falle, iiber solche
Dinge in solchen Kreisen geurteilt und geforscht wird. Aber
man mufi die Sache ernster nehmen, wenn man es zu tun hat
mit einem der grofiten Naturforscher der Gegenwart, mit
jemandem, der durchaus auf dem Gebiet aufierer naturwis-
senschaftlicher Forschung grundlich bewandert ist, der die
naturwissenschaftliche Methode kennt. Und aus diesem
Grunde ist es auch, dafi das Buch, welches Sir Oliver Lodge
geschrieben hat iiber den Geistverkehr mit seinem Sohne
Raymond Lodge, einen so grofien Eindruck gemacht hat.
Wenn man das Buch liest, so hat man ohne weiteres sogleich
das Gefuhl: Man hat es hier zu tun mit einer Personlichkeit,
welche nicht leichtsinnig, nicht ohne wissenschaftliche Ver-
antwortung und Gewissenhaftigkeit an die Untersuchung
solcher Dinge herangeht. Und auch in den anderen Dingen,
die ich hier nicht erzahlen will, sieht man iiberall, dafi Oliver
Lodge auf dieses Gebiet dieselbe Denkweise anwendet, die-
selbe wissenschaftliche Methode, die er gewohnt ist, im phy-
sikalischen Laboratorium anzuwenden. Das Reale, das er
nun erzahlt und das, wie man ja sagen kann, mit Recht einen
gro£en Eindruck hervorgerufen hat bei all denen, die das
Werk von Sir Oliver Lodge lasen, das ist das Folgende.
Durch das betreffende Medium wurden Oliver Lodge und
einige andere Personlichkeiten, die bei den Versuchen dabei
waren, darauf aufmerksam gemacht, wie sein Sohn, das heilk
die Seele, der Geist seines Sohnes ihm berichten will von
einer Szene, die sich kurz vor dem Tode an der belgisch-
deutschen Grenze zugetragen hat, und es wurde durch das
Medium erzahlt, daft sich Raymond Lodge photographieren
liefi, und dieser Akt des Photographierens wurde mit einer
besonderen Ausfuhrlichkeit auf medialem Wege erzahlt. Es
wurde ausdriicklich gesagt: Es wurden zwei Aufnahmen ge-
macht, und diese zwei Aufnahmen wurden beschrieben, und
es wurde hingedeutet darauf, daft auf der zweiten Aufnahme
die ganze Stellung des Sohnes von Oliver Lodge etwas anders
ist als auf der ersten Aufnahme. In der Zeit, als diese media-
len Mitteilungen in London durch das Medium gemacht
worden sind - und von Sir Oliver Lodge wird es so darge-
stellt, daft man wirklich sieht, er braucht, ich betone das im-
mer wieder, alle wissenschaftlichen Vorsichtsmafiregeln — , in
der Zeit, in der der Versuch angestellt wurde, wuftte niemand
in London etwas von den Photographien oder von dem Akt
der photographischen Aufnahme. Es konnte also, so meinte
Lodge, nachdem er alles gepriift hat, die Mitteilung, wenn
sie wahr ist, nur von dem toten Sohne selber kommen. Und
siehe da, nach etwa zwei oder drei Wochen kamen die Photo-
graphien wirkJich nach London, die vorher niemand gekannt
hat. Sie waren so, wie sie durch das Medium, beziehungs-
weise also nach dem Glauben von Sir Oliver Lodge durch
die Seele seines Sohnes beschrieben waren. Darinnen konnte
auch ein Naturforscher zunachst, man mochte sagen, em ex-
perimentum crucis sehen. Es konnte eben niemand die Pho-
tographien in London gesehen haben. Und es stellte sich her-
aus, daft die Mitteilung bis auf den Grad hin genau war, daft
tatsachlich zwei Aufnahmen gemacht waren, und die zweite
Aufnahme hatte die andere Haltung. Der Photograph hatte
die Aufnahme gemacht in der Gruppe, innerhalb welcher
Raymond Lodge war, und sie bei der zweiten Aufnahme et-
was anders gesetzt, und das war nun ganz genau wirklich
beschrieben worden. Man hat nicht den geringsten Grund,
bei einem gewissenhaften Naturforscher an dieser mitgeteil-
ten Tatsache irgendwie zu zweifeln.
Nun, ich habe Ihnen zwei radikale Falle dargestellt, die
zeigen, wie aus der Sehnsucht, der Erkenntnissehnsucht von
durchaus ernsten wissenschaftlichen Personlichkeiten in un-
serer Gegenwart das Streben entsteht, vom Menschen mehr
kennenzulernen, als die auftere sinnliche Forschung geben
kann.
Wer vom anthroposophischen Gesichtspunkte sprechen
will, und wer tiber die Grundlagen der anthroposophischen
Forschung berichten will, der ist heute schon einmal geno-
tigt, darauf aufmerksam zu machen, daft diese Methoden an-
throposophischer Forschung doch noch andere sind als die-
jenigen, die selbst von so ernst zu nehmenden Personlichkei-
ten heute geiibt werden. Denn diese Grundlagen - ich hoffe,
daft das durch die drei Vortrage, die ich hier zu halten habe,
nach alien Seiten hin klar wird — , diese Grundlagen anthro-
posophischer Forschung sollen, selbst solchen kritischen
Geistern gegeniiber, noch kritischer, noch gewissenhafter in
bezug auf wissenschaftliche Denkweise und Gesinnung sein.
Und wer es nun wagt, selbst gegeniiber solchen Personlich-
keiten Kritik zu iiben, der ist vielleicht erst berufen, daruber
zu urteilen, auf einer wie viel grofteren Sicherheit, als selbst
die gewissenhaftesten Naturforscher der Gegenwart, An-
throposophie, die man so leicht der Phantastik zeiht, bauen
will. Und um gerade auf das Kritische, auf das im ernsten
Sinne Wissenschaftliche der anthroposophischen Grundla-
gen hier hinzuweisen, will ich das nun vorbringen, was gegen
die wissenschaftliche Ausdeutung, die in beiden Fallen hier
von angesehenen Personlichkeiten gegeben wird, doch kri-
tisch sich einwenden laftt. Ich gehe heute von diesen Dingen
aus, weil gerade mit Bezug auf mein heutiges Thema man-
ches ja vorausgenommen ist durch meine beiden letzten Vor-
trage, so daft Wesentliches wohl fur die meisten der hier ver-
sammelten verehrten Zuhorer in diesen beiden Vortragen
schon gesagt worden ist, und ich will daher das Gesagte von
einem anderen Gesichtspunkte aus kurz beleuchten.
Schleich gegemiber mit seinem Tod durch Autosuggestion
mufi folgendes eingewendet werden. Ich bitte zunachst das
so aufzufassen, dafi ich nur einen kritischen Einwand mache,
wie die Sache auch sein konnte! Nehmen wir einmal an, die
betreffende Personlichkeit, die sich die tintige Feder in die
Hand gestochen hat und glaubte, an Blutvergiftung zu lei-
den, hatte doch einen innerlichen Defekt gehabt, der einen
schnellen Tod in der nachsten Nacht einfach durch naturli-
che Ursache herbeifuhren mu£te. Solche plotzlichen Tode
gibt es ja. Aber auf der anderen Seite weifi jeder, der sich im
Ernste bekanntmacht mit dem, was immerhin an einer Ver-
starkung, an einer Intensivierung der menschlichen Erkennt-
niskrafte geleistet werden kann in dem Sinne, wie ich das in
den letzten Tagen versuchte auseinanderzusetzen, dafi ge-
wisse unbestimmte Gemiitskrafte durch abnorme Zustande,
man kann durchaus sagen, durch abnorme pathologische Zu-
stande, zu einer besonderen Hohe getrieben werden konnen.
Und die Falle sind ja durchaus vorhanden und wiederum im
kritischen Sinne so in der Literatur verzeichnet, dafi sie jeder
nachprufen kann, wo immerhin der Wille des Menschen -
wir werden gleich nachher sehen, wie das moglich ist — sich
umgestaltet, metamorphosiert zu einer gewissen Erkenntnis-
kraft. Und weil der Wille des Menschen in die Zukunft ge-
richtet ist, kann er, durch gewisse pathologische Voraus-
setzungen bedingt, das, was sich aus dem ganzen menschli-
chen Zusammenhang heraus fur die Zukunft eines Menschen
vorbereitet, unter Umstanden vorausahnen. Ob man das nun
Ahnungen nennt oder wie man es nennen will, das ist gleich-
giiltig. Und es ist durchaus in das Gebiet des Tatsachlichen
zu rechnen, dafi Menschen in pathologischen Zustanden, die
leichter Art sind, so dafi sie nicht gerade als Krankheit zum
Vorschein kommen, sagen wir, vorausahnen, wie sie in vier-
zehn Tagen - sie sehen es im Bilde - vom Pferde stiirzen
werden. Alle Vorsichtsmafinahmen helfen nichts, weil sie ja
die begleitenden Umstande doch nicht wahrnehmen. Sie ha-
ben einfach das vorausgeahnt, was in der Zukunft eintreten
wird.
Kritisch ist nun einzuwenden von dem, der wirklich die
geistigen Verhaltnisse des Menschen in ihrer Intensivierung
kennt, dafi ja bei dem betreffenden Patienten des Schleich
einfach das vorgelegen haben kann, was seinen Tod in der
nachsten Nacht bewirkte, und er vorher eine innere Ahnung
hatte von diesem eintretenden Tode. Solche innere Ahnung
braucht nicht zum Bewufitsein zu kommen, kann durchaus
im Unterbewufiten bleiben. Aber ihre Wirkung auf das Be-
wufitsein kann sie aufiern durch das, was man nennt: Man
wird nervos, man wird zappelig, man tut allerlei Dinge, die
uniiberlegt sind. Und es konnte durchaus das Stofien der tin-
tigen Feder in die Hand unter dem Einflufi der Nervositat,
die von dieser Ahnung kam, gekommen sein, so dafi der Be-
treffende einfach innerlich unbewufit wufite - wenn ich mich
des Paradoxons bedienen darf - er werde sterben. Aber er
kleidete das nicht in die Behauptung, dafi er seinen Tod ahne,
sondern er wurde nervos, stiefi sich die Feder in die Hand
und kleidete das in die Behauptung, er werde an Blutvergif-
tung sterben. Es handelte sich dann nicht urn einen Tod
durch Autosuggestion, sondern darum, dafi der Betreffende
eine innere Ahnung hatte von seinem kommenden Tode, und
alles, was er unternahm, aus seiner Ahnung heraus unter-
nahm. Wenn die Sache so ist, dann verwechselt Schleich ein-
fach Ursache und Wirkung, dann liegt eben nicht eine Auto-
suggestion in der Weise vor, wie Schleich es annimmt, dafi
der bewufite Gedanke irgendwo suggestiv den Tod bewirkt
habe, sondern dann liegt das vor, dafi der Tod unter alien
Umstanden eingetreten ware, dafi aber die Todesahnung den
Betreffenden zu seinen Forderungen gebracht hat. Sie sehen,
man kann sich schon kritisch auch zu solchen Dingen verhal-
ten, wenn man bekannt ist mit dem, was eben durchaus auch
mdglich ist: das Heraufdammern von gewissen unterbewuft-
ten Zustanden, die in der Seele immer vorhanden sind, in das
Bewufitsein, aber in maskierten Zustanden. Vieles von dem,
was sich im Bewufitsein aufiert, ist eigentlich in anderer
Form in den unbewufiten Tiefen der Menschenseele vorhan-
den und wird nur vom Bewufitsein anders ausgelegt.
Nehmen wir den andern Fall von Sir Oliver Lodge. Sie
werden wahrscheinlich alle das kennen, was man « second
sight», das zweite Gesicht, nennt. Da kann durchaus durch
eine Intensivierung der menschlichen Erkenntniskrafte der
Mensch etwas schauen, was er eben durch seine gewohnli-
chen gesunden Sinne nicht schauen kann. Da kann in einer
gewissen Weise der Mensch schauen, wie es nicht den sonsti-
gen Bedingungen des Raumes, in den er eingespannt ist, ent-
spricht, und da kann der Mensch in einer gewissen Weise
Raum und Zeit mit seinem Wahrnehmungsvermogen iiber-
winden. Nun, hieraus ergibt sich der kritische Einwand,
selbst gegen die Gewissenhaftigkeit von Sir Oliver Lodge.
Denn immerhin braucht Sir Oliver Lodge dieses Experimen-
tum crucis, um zu beweisen, daft kein anderer, als die Seele
seines Sohnes aus dem Jenseits mit ihm gesprochen haben
konne. Aber derjenige, der weilS, wie fein und intim gerade
dieses « second sight» wirkt, wie sich durch die Intimitaten
dieser Art von Wahrnehmung Raum und Zeit unter gewissen
abnormen Umstanden - wie sie ja bei einer medialen Person-
lichkeit immer vorhanden sind, wenn auch meistens nicht
zum Heile dieser medialen Personlichkeit - uberwinden las-
sen, der weifi auch, daft das bis zu dem Grade gehen kann,
den man in der folgenden Art charakterisieren kann.
Die beiden Bilder sind jedenfalls vierzehn Tage oder drei
Wochen spater in London angekommen. Diejenigen Perso-
nen, die bei der Mediumssitzung waren, hatten ihre Augen
auf diese Bilder gerichtet. Es war eine Zukunftstatsache, daft
Sir Oliver Lodge selber und seine Verwandten diese Bilder
ansahen. Und diese Zukunftstatsache, die brauchte einfach
durch eine Art zweiten Gesichts das Medium zu interpretie-
ren. Wenn dies der Fall war, kann man nicht mehr sprechen
von einem Hereinleuchten des Ubersinnlichen der Seele des
Raymond Lodge in die Experimentierstube von Sir Oliver
Lodge; dann hat man es in diesem Falle zu tun mit etwas, das
durchaus im Bereich des Irdischen sich abspielt, einfach mit
einem Zukunftsehen, das ja auch iiber das gewdhnliche
Wahrnehmungsvermogen hinausgeht, das aber mcht berech-
tigt, anzunehmen, dafi die jenseitige Seele sich herein in das
Sitzungszimmer geauftert habe.
Ich erwahne diese beiden Falle und die kritischen Ein-
wande, um ein Gefiihl davon hervorzurufen, wie vorsichtig
und wie durchaus kritisch die Denkweise der anthroposo-
phischen Geistesforschung ist. Denn diese anthroposophi-
sche Geistesforschung geht zunachst iiberhaupt gar nicht aus
- das haben ja schon meine beiden letzten Vortrage gezeigt -
von abnormen Erscheinungen, sondern sie geht aus von dem
durchaus normalen Menschenleben, von dem, was als Er-
kenntniskrafte, als Willenskrafte, als Gefuhlskrafte im nor-
malen menschlichen Leben da ist. Und diese Krafte will an-
throposophische Forschung zum Behufe der Erkenntnis
iibersinnlicher Welten weiter entwickeln, um gewissermafien
ein innerliches Recht zu haben, um die richtige Gewissenhaf-
tigkeit zu haben, Ubungen vorzunehmen, welche das Den-
ken verstarken. Meditationsiibungen, wie ich sie in den letz-
ten Tagen beschrieben habe, verstarken das Denken bis zu
einem hohen Grade, so dafi der Mensch zu einem Denken
kommt, das ebenso lebendig, intensiv ist, wie das sinnliche
Wahrnehmen. Oder es sind Willensubungen, wie ich sie auch
schon erwahnt habe, wie ich sie auch weiterhin noch charak-
terisieren will in diesen Vortragen. Um diese Ubungen vor-
zunehmen, dazu ist vor alien Dingen notwendig, dafi der
Mensch eine intensive Aufmerksamkeit habe auf das normale
Leben, dafi er sich gut auskenne in den Verhaltnissen, in de-
nen der Mensch im normalen Leben selber drinnen steht.
In Deutschland hat jungst ein wissenschaftlich geschulter
Mann einen kurzen Abrifi der von mir gegriindeten anthro-
posophischen Wissenschaft gegeben. Der betreffende Mann
ist durchaus nicht ein Blindglaubiger. Er stellt das, was ja in
einer reichen Literatur von mir gegeben worden ist, in einem
kurzen Abrift zusammen. Er stellt es zusammen, indem er
zunachst sich weder fiir ja noch fur nein entscheidet, und er
macht eine Bemerkung, die sich so ausnimmt, wie die Be-
merkungen eines starken Gegners, obwohl der Mann weder
Gegner noch Anhanger ist. Aber ich mu8 gestehen, dafi mir
diese scharfe Bemerkung aufierordentlich gut gefallt, gut
gefallt aus der ganzen Situation heraus, in der anthroposo-
phische Geistesforschung gegeniiber der anderen geistigen
Zivilisation in unserer Gegenwart ist. Der Mann macht die
Bemerkung: Manche meiner Behauptungen waren, wenn
man sie mit dem gewohnlichen Bewulksein verfolgt, unwi-
derstehlich komisch. - Ich muE gestehen, dafi mir diese Be-
merkung aufierordentlich gut gefallt aus folgendem einfa-
chem Grunde. Wenn man solche Dinge erzahlt, wie die von
Oliver Lodge oder den anderen Fall, den ich erzahlt habe, da
horchen die Menschen auf, weil es in einem gewissen Sinne
an die Sensationsgefiihle heranschlagt, weil es herausriickt
aus dem, was man gewohnt ist, und da findet man keine un-
widerstehliche Komik. Wenn aber der Anthroposoph geno-
tigt ist, gerade an das ganz normale Menschliche anzukniip-
fen, an die gewohnliche menschliche Erinnerung, an die ge-
wohnlichen menschlichen Willensaufierungen, und davon
redet, da£ man durch gewisse Ubungen das menschliche Ge-
dankenleben verstarken kann durch Meditation, daft man
durch Selbsterziehung den Willen in einer gewissen Weise
entwickeln kann, so dafi der Mensch ein anderer wird als er
vorher war und als anderer dann in die ubersinnlichen Wel-
ten eindringen konne, dann kann, weil man sozusagen mit
gewohnlichen Worten redet, welche die Menschen eben im
Leben auf das anwenden, was immer um sie ist, die sie sich
daher nicht nehmen lassen wollen fiir etwas anderes, dann
kann man unwiderstehlich komisch wirken. Daher wirkt auf
diejenigen Menschen, welche die Worte nur auf das anwen-
den wollen, worauf sie eben im gewohnlichen Leben ange-
wendet werden, manches so unwiderstehlich komisch. Der
anthroposophische Geistesforscher findet nur, dafi sehr hau-
fig solche Urteile iiber anthroposophische Geisteswissen-
schaft sich vor ihm so ausnehmen, wie wenn jemand einen
Brief bekommt, den er lesen sollte, ihn aber nicht liest, son-
dern die Tinte chemisch analysiert. Ich mufi gestehen, dafi
mir sehr vieles, was iiber Anthroposophie gesagt wird, so
vorkommt, wie wenn jemand einen Brief nicht liest, sondern
die Tinte chemisch analysiert.
Das ist das Wesentliche bei den Grundlagen der Anthro-
posophie, dafi man ausgeht von den durchaus normalen
menschlichen Erlebnissen, dalS man das gut kennt, was heu-
tige wissenschaftliche Erkenntnis ist, was heutiges morali-
sches, ethisches Leben ist, und daft man gerade diese Dinge
zu einer hoheren Intensitat entwickelt, so dafi man dann in
die hoheren Welten eindringt durch die Steigerung derjeni-
gen Erkenntniskrafte, die eigentlich in ihrem minderen
Grade auch im gewohnlichen Leben und in der Wissenschaft
vorhanden sind. Allerdings mufi man dazu eben einen Sinn
haben fur diese gewohnlichen Erlebnisse des Menschen. Man
mufi dasjenige, was ja durchaus gewohnliches, normales Er-
lebnis ist, aber herausfallt aus dem, was man gern aufmerk-
sam beobachtet, ins Auge fassen. Es mussen sozusagen
Dinge Ratselfragen werden konnen, deren Ratselhaftigkeit
man im gewohnlichen Leben leicht ubersieht, obwohl sie da-
stehen im gewohnlichen Leben. Und hier schon beginnt fur
manchen die unwiderstehliche Komik, wenn man sagt: Vor
alien Dingen mussen gerade Ratselfragen werden die Fragen,
die sich auf den Wechselzustand des Menschen zwischen
Wachen und Schlafen beziehen. Wir wechseln fur unser Le-
ben fortwahrend zwischen Wachen und Schlafen, beachten
aber wenig diesen Pendelschlag des Lebens, der sich abspielt
zwischen dem Zustande des Wachens und dem Zustande des
Schlafens. Man hat ja die sonderbarsten Theorien aufgebaut.
Ich konnte lange sprechen, wenn ich die einzelnen Theorien
erwahnen wiirde, die man aufgebaut hat iiber den Wechsel-
zustand von Wachen und Schlafen. Aber ich will nur die
eine, die bekannteste, gebrauchlichste erwahnen, die einfach
annimmt: Wahrend des Wachens wird der Mensch ermudet,
und wenn er geniigend ermudet ist, dann schlaft er eben ein,
und der Schlaf bringt dann wiederum die Ausgleichung fur
die Ermiidung. Er schafft - man kann das nun so oder so
darstellen, mehr oder weniger materialistisch - die Ursache
der Ermiidung fort. Ich mochte einmal wissen, ob derjenige,
der radikal diese Theorie vertritt, schon einmal geniigend be-
obachtet hat, wenn so jemand, der nun durchaus keine Ver-
anlassung gehabt hat, am Tage besonders zu ermiiden, sagen
wir, ein dicker Rentier, wenn der, ich will nicht einmal sagen,
abends spat, sondern vielleicht des Nachmittags zu einem
schwierigeren Konzert oder gar zu einem Vortrage geht und
vielleicht nicht erst nach den ersten fiinf Minuten, sondern
nach zwei Minuten einschlaft, ob man bei dem durchaus
sagen kann, daft die Ermiidung die Ursache des Einschla-
fens ist.
Es sind das durchaus Dinge, die ja zunachst wirklich eine
Art von komischem Anstrich haben, die aber in ihrer vollen,
ernsten Ratselhaftigkeit, gerade wenn man sie allseitig beur-
teilt, vor des Menschen Seele treten mussen. Und wer einfach
glaubt, durch die gewdhnlichen, heute anerkannten natur-
wissenschaftlichen Methoden den Wechsel zwischen Wa-
chen und Schlafen studieren zu konnen, der wird eben nie-
mals zu irgendeiner befriedigenden Problemlosung auf die-
sem Gebiete kommen konnen. Denn schon solche durchaus
normalen Fragen des Lebens setzen voraus, daft man nicht
mit den gewohnlichen Erkenntniskraften, sondern mit den
durch Meditation, Konzentration, durch andere Seeleniibun-
gen, wie ich sie beschrieben habe in meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in mei-
ner «Geheimwissenschaft», mit verstarktem, mit intensivier-
tem Denken und auch mit einem umgestalteten Willen an die
Erscheinungen herantritt.
Was gewinnt man, wenn man zunachst versucht, durch
eine ernst gemeinte Meditation sein Denken zu verstarken?
Ich habe es in diesen Tagen erortert, wie diese Meditation,
wenn sie in gesundem Sinne wirken soil, darauf ausgeht, das
Denken so zu verstarken, daft dieses Denken eine umgewan-
delte Erinnerung wird. Im gewohnlichen Erinnern haben wir
ja innerliche Bilder, welche uns irgend etwas abbilden, was
wir im gewohnlichen Erdenleben seit der Geburt durchge-
macht haben. Von einem realen Ereignis stellt sich uns in der
Erinnerung ein Bild vor die Seele, und der Zusammenhang
des gesunden Seelenlebens und der Zusammenhang mit der
aufteren Welt, in dem wir drinnenstehen, biirgt uns einfach
dafiir, daft wir in den Erinnerungen Dinge nicht irgendwie
phantastisch aufwerfen, sondern daft das Erinnerungsbild
hinweist auf etwas, was wirklich einmal real da war. So muft
man dahin gelangen, Bilder, wie die Erinnerungsbilder sonst
sind, im imaginativen Erkennen, wie ich es genannt habe in «
diesen Tagen, vor die Seele stellen zu konnen, Bilder, die
einfach dadurch entstehen, daft man immer mehr und mehr
meditative Vorstellungen in sein Bewufttsein hereinriickt
und, so wie man sonst einen Muskel an der Arbeit erkraftet,
die Seelenfahigkeit des Denkens erkraftet, starker macht.
Man muft dazu gelangen, das Denken so stark zu machen,
daft es in seinem Inhalte lebt, wie man sonst nur in der Sinnes-
erfahrung, in den Sinnen lebt. Dann aber, wenn man eine
geniigend lange Zeit solche Ubungen durchgemacht hat,
wenn man wirklich zu einer solchen inneren Lebendigkeit
des Denkens gekommen ist, dann tritt das ein, was man eben
bildhaftes, gestaltendes, morphologisches Denken nennen
kann. Dann hat man im Denken ein so Lebendiges, einen so
lebendigen Inhalt, wie man ihn sonst nur in der sinnlichen
Wahrnehmung hat. Dann aber lernt man noch etwas anderes
erkennen. Das, was uns die moderne Wissenschaft heraufge-
bracht hat, wird ja eigentlich von vielen bedauert: Es ist der
Materialismus. Nun aber mufi auf einem gewissen Gebiete
gerade Anthroposophie, welche mit ihren Methoden in die
ubersinnlichen Welten eindringen will, unter der Anregung
der modernen Wissenschaft im rechten Sinne auf gewissen
Gebieten durchaus materialistisch werden. Und das ist der
Fall, wenn man nun gelernt hat, sein Denken in gesunder
Weise zu verstarken, wenn man gelernt hat, im imaginativen
Denken Bilder von sinnlicher Lebendigkeit vor Augen zu
haben, durch die man wirklich frei wird in der Behandlung
des Wahrnehmungsmaterials, wie man sonst nur frei ist in
der Sinneswahrnehmung, wo man ganz gewifi weifi: Wenn
ich Rot sehe, wenn ich Cis hore, so habe ich es mit etwas
Aufierlichem zu tun, nicht mit etwas, was aus meiner Seele
aufsteigt. So weifi ich, wenn ich das imaginative Denken
habe, daft ich nicht etwas habe, was als Phantasma aus meiner
Seele aufsteigt, sondern was in mir lebt wie eine Sinneswahr-
nehmung.
Dann aber, wenn man dieses innerlich erlebt, dieses Frei-
gewordensein von der LeibUchkeit, wie man eben nur frei ist
in der Sinneswahrnehmung, dann weift man auch, was die
Erinnerung des gewohnlichen Lebens ist, dann weifi man,
daft man mit der Erinnerung, mit den Gedachtnisvorstellun-
gen jederzeit hinuntertaucht in den physischen Leib, daft
man jederzeit, indem man eine Erinnerungsvorstellung hat,
einen parallelgehenden physischen oder wenigstens atheri-
schen Leibesvorgang hat. Man lernt die materielle Bedeutung
desjenigen Lebens kennen, das das gewdhnliche Gedanken-
leben ist. Man schreibt nicht mehr, wie es etwa der franzosi-
sche Philosoph Bergson tut, das, was in den Erinnerungen
lebt, der selbstandigen Seele zu, sondern man weifi, dafi im
gewohnlichen Erinnerungsleben die Seele einfach in den Leib
untertaucht und im Leibe das Instrument hat, die Erinnerun-
gen heraufzuzaubern. Denn man weifi jetzt, dafi man erst in
der Imagination dazu gekommen ist, korperfrei zu denken,
mit der blofien Seele zu denken, und daft man das niemals im
gewohnlichen Leben tut. Im gewohnlichen Leben nimmt
man sinnlich wahr, zieht die Gedanken ab von der sinnlichen
Wahrnehmung, behalt die Gedanken im Gedachtnis. Dieses
Im-Gedachtnis-Behalten aber bedeutet, in den Leib unterge-
taucht sein. Man lernt jetzt erst durch imaginatives Erkennen
den Prozeft des Erinnerns und den Prozefi der Sinneswahr-
nehmungen kennen. Man lernt erkennen, was es heilk, frei,
leib-, korperfrei in Gedanken zu leben. Man lernt aber auch
erkennen, was es heifk, mit den Gedanken durch die Erinne-
rungen unterzutauchen in den physischen Organismus. Und
ebenso, wie man dieses kennenlernen kann durch ein Inten-
sivermachen des Denkens, durch ein Verstarken, Erkraften
des Denkens in der Meditation, so kann man nach der ande-
ren Seite, nach der Willensseite, eine Art von Selbsterziehung
uben, durch die man zu einem ahnlichen Resultate kommt.
Im gewohnlichen Leben hat ja der Wille eigentlich nur
einen bestimmten Wert, wenn er in die aufiere Handlung
iiberfliefit, sonst bleibt er ein blofier Wunsch, selbst wenn
wir in unseren hochsten Idealen leben, in den schonsten
Idealen, wenn wir ganz Idealisten sind. Sind wir nicht in der
Lage, Hand anzulegen an die auftere physische Wirklichkeit,
konnen wir die schonsten Ideale haben, es bleibt beim bio-
ften Wunsch. Was hat denn also der Wunsch eigentlich fiir
eine besondere Eigenschaft? Der Wunsch hat die besondere
Eigenschaft, daft er sich von der Wirklichkeit zuriickzieht.
Und man kann bildhaft sagen: Es ist wie ein Einziehen der
seelischen Fiihler, wenn man im bloften Wunsche lebt. Man
lebt ganz innerlich im Seelischen, wenn man im bloften Wun-
sche lebt % Aber man weift auch, wie der Wunsch gefarbt ist
zunachst von den menschlichen Temperamenten. Anderes
wunschen melancholische Menschen, anderes wiinschen san-
guinische Menschen. Und derjenige, der nun mit gewissen-
hafter naturwissenschaftlicher Methode zu Werke gehen
wiirde, wiirde schon auch die physischen Bedingungen des
Wunschens sehen. Man kann also die atherischen Bedingun-
gen des Wunschens in den Temperamenten sehen, aber auch
die physischen Bedingungen des Wunschens, die besondere
Art der Blutzusammensetzung, der sonstigen Korperbe-
schaffenheit und dergleichen erkennen. Allerdings ist es da
notwendig, daft man jene Kritikhaftigkeit, von der ich in der
Einleitung zu meinem heutigen Vortrage schon gesprochen
habe, wirklich iiben kann, und ich mochte sagen, durch diese
Kritikhaftigkeit wird mancher schone Traum zerstreut. Ge-
statten Sie mir auch den Hinweis, wie da mancher schone
Traum zerstreut wird.
Ich will gewift nicht pietatlos sein und aus Pietatlosigkeit
vor Ihnen sehr ideale Dinge zerstoren, denn ich habe ein
Gefuhl fiir das Schone, fiir das Herrliche, das zum Beispiel
enthalten ist in der Mystik einer Heiligen Theresa oder eines
Johannes vom Kreuz. Glauben Sie nicht, daft ich irgend je-
mandem nachstehe in der Verehrung des Schonen, das in die-
sen mystischen Aufterungen liegt. Aber der, welcher sich
nun Erfahrung gesammelt hat fiir die besondere Art, wie
zum Beispiel die Heilige Theresa oder Johannes vom Kreuz
ihre Gesichte, ihre Visionen vorbringen, der weift, welchen
Anteil an diesen Dingen das menschliche Wiinschen hat,
welchen Anteil gerade bei diesen mystischen Dingen die in
dem Untergrund der Seele lebenden Wiinsche haben, und er
wird dann weitergefiihrt von den Wiinschen auf die korperli-
che Beschaffenheit. Fiir den Forscher gibt es nichts, was in
dieser Weise entheiligt werden konnte dadurch, daft man auf
die Wahrheit hinweist. Allein, es ist eine gewisse innere Auf-
geregtheit gewisser Organe, eine andere Nervenwirkung in
gewissen Organen, welche heraufwirkt in die Seele und
selbst so Schones bewirkt, wie dasjenige, was vorgebracht
wird von Johannes vom Kreuz oder der Heiligen Theresa
oder anderen solchen Mystikern. Und man hat viel mehr
Recht, wenn man in einer gewissen Korperbeschaffenheit
auch die Beschaffenheit der Bilder sucht, die hier so schon,
so wunderbar poetisch zutage treten, als wenn man diese Be-
schaffenheit der Bilder in dem Schauen irgendeines nebulo-
sen Geheimnisses sucht. Wie gesagt, nicht zerpflucken
mochte ich das, was ich nicht weniger verehre als irgend je-
mand hier, aber auf die Wahrheit mufi hinge wiesen werden,
auf den kritischen Geist der anthroposophischen Grundla-
gen, darauf, dafi sich der Anthroposoph vor alien Dingen
keinen Illusionen hingeben darf. Und illusionsfrei mufi er
zunachst sein auch gegeniiber dem menschlichen Wiinschen
und seinem Wurzeln in dem menschlichen Organismus, in
dem physischen Organismus, und in dem, ich mochte sagen,
Aufleuchten dessen, was im menschlichen Organismus —
wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf - kocht und zu
den schonsten Visionen wird.
Der Mensch mufi nicht nur, wenn er Geistesforscher im
anthroposophischen Sinn werden will, sein Denkvermogen
verstarken durch Meditation, er mufi auch durch Selbsterzie-
hung sein Wunschleben zu einem anderen machen. Das ge-
schieht auf die Weise, dafi man das, was sonst im Leben wie
von selbst geschieht, systematisch in die Hand nimmt. Seien
wir ehrlich: Im gewohnlichen Leben lassen wir uns von al-
lem viel mehr leiten, als daft wir unser eigenes Leben leiten.
Im gewohnlichen Leben wirken diese oder jene Dinge auf
uns ein, und wenn wir zehn Jahre zuriickblicken in unser
vergangenes Erdenleben, so finden wir durchaus, dafi die au-
fieren Verhaltnisse, die Menschen, mit denen wir zusammen-
gekommen sind, dasjenige in uns zur Entwickelung gebracht
haben, was heute in uns anders ist, als es vor zehn Jahren
war. Wer im ernsten Sinne anthroposophischer Geistesfor-
scher werden will, der mufi in dieser Beziehung auch solche
Ubungen machen, die Willensiibungen sind. Der gewohnli-
che Lebenswille hat einen Sinn, wenn er auf aufiere Hand-
lungen geht. Der anthroposophische Geistesforscher mufi
die Willensimpulse anwenden auf die eigene Entwickelung,
auf das eigene Leben. Er muE sich vornehmen konnen: in
bezug auf diese oder jene Charaktereigenschaft, in bezug auf
diese oder jene LebensaufSerung mullt du anders werden als
du jetzt bist.
So paradox es klingen mag, etwas, was man stark in Ge-
wohnheit hat, und wenn es selbst nur eine Kleinigkeit ist, es
hilft einem, wenn aus der eigensten Initiative, aus ureigen-
stem Impuls heraus man sich vornimmt, mit Bezug auf ir-
gendeine Sache anders zu werden. Eine Kleinigkeit, sage ich,
es braucht nur die Kleinigkeit der Handschrift zu sein. Wenn
sich jemand wirklich mit eiserner Energie vornimmt, eine
andere Handschrift zu schreiben, als er bisher geschrieben
hat, so ist die Anwendung dieser Kraft durch die Abande-
rung einer Gewohnheit - hier wiederum mit Bezug auf die
Gewohnheit - zu vergleichen mit der Verstarkung einer
Muskelkraft, weil der Wille verstarkt ist. Und indem der
Wille innerlich sich verstarkt, nicht auf Aufterliches, sondern
innerlich angewandt wird, entwickelt er dabei seine Wirkun-
gen im Menschen. Und was ich sonst (lurch meine Willens-
wirkungen an der aufieren Welt verandere, das verandere ich
nun in bezug auf meinen eigenen Menschen. Und wenn man
solche Willensiibungen, wie sie wiederum in anthroposophi-
schen Schriften im einzelnen angegeben sind, durchmacht,
dann kommt man dazu, das Wunschleben so umzugestalten,
daft es nun frei wird von der menschlichen Organisation, wie
durch das Meditieren das Denken vom Korper, vom Leibe
frei wird. Dann ist das voriiber - fur diejenigen Augenblicke,
in denen man in anthroposophischer Forschung verweilt
wovon man noch sagen kann: Der Wunsch ist der Vater des
Gedankens. - Wenn solche Selbsterziehung, solches Auf-
sich-selber-Anwenden der Erziehungsimpulse geiibt wird im
reifsten Alter, dann wird der Wunsch zu einer innerlichen
Kraft, welche sich verbindet mit dem frei gewordenen Den-
ken. Und dadurch gelangt man dazu, nun wirklich zu sehen,
was die Willensimpulse des gewohnlichen Lebens sind, was
die Gedanken des gewohnlichen Lebens sind. Wie man fru-
her Rot und Blau oder Cis oder C wahrzunehmen gelernt
hat, so lernt man jetzt Gedanken wahrzunehmen als Wirk-
lichkeiten, so lernt man jetzt dieWillensimpulse von sich ab-
gesondert kennen.
Man gelangt auf diese Weise dazu, erst die Wechselzu-
stande zwischen Wachen und Schlafen in der richtigen Weise
zu beurteilen. Erst dadurch, daft man den Gedanken durch
Ubung so gemacht hat, daft er objektiv geworden ist wie eine
Sinneswahrnehmung, dafi man mit diesem in freier Medita-
tion entwickelten Gedanken nicht mehr mit seinem Leibe
verbunden ist wie mit einem erinnerten Gedanken, gelangt
man dazu, den Akt des Einschlafens in der richtigen Weise
durch Anschauung erfassen zu konnen. Derjenige, der so et-
was wie das gewohnliche, normale Einschlafen mit den ge-
wohnlichen Erkenntniskraften durchschauen will, der wird
Hypothesen uber Hypothesen aufstellen konnen: Er lernt
nicht erkennen, was das Einschlafen selber ist. Und dieses
verstarkte Denken, das man sich angeeignet hat, und ande-
rerseits der umgestaltete Wunsch, die sind es, welche dem
Menschen zeigen: Wenn du einschlafst, so kannst du in ei-
nem gewissen Sinne den Moment deines Einschlafens noch
verfolgen, du schaust gewissermaften auf dein Einschlafen
hin, und du erfahrst jetzt, daft du, indem du einschlafst, nicht
einfach vor dir hast einen veranderten Zustand deines Leibes,
sondern daft du wirklich mit deinem selbstandigen Seelenle-
ben aus deinem Leibe hinausschlupfst, hinausgehst, denn du
laftt etwas zuriick, und das sind deine Gedanken.
Erst dadurch, daft man die Gedanken verstarkt hat, kann
man sie bewuftt zurucklassen beim Einschlafen. Sie bleiben
beim Leibe, die Gedanken, sie durchsetzen den Leib als Bil-
dekrafte. Und man merkt, man ist nur herausgetreten aus
seinem Leibe mit dem Fuhlen und dem Wollen. Aber man
hat damit auch, indem man sieht, mit welchem Seelischen
man heraustritt aus dem Leib, eine anschauliche Sicherheit
davon bekommen, daft man ein selbstandiges Seelisches hat,
daft man mit dem selbstandigen Seelischen aus dem Leib her-
ausriickt. Und man weift jetzt: Was man im Bette beim Ein-
schlafen zuriickgelassen hat, ist nicht bloft das, was man
durch die physische Anatomie und Physiologie und Biologie
erforschen kann, sondern das ist durchsetzt von dem Gedan-
kengewebe. Man muftte das Gedankengewebe erst stark ge-
nug machen, damit man es nun so verlassen kann, bewuftt,
wie man sich abwendet mit dem Gesicht von den Farben,
wie man die Anschauung verlaftt. Und man weift durch das
verstarkte Denken: Du hast in deinem Bette zuriickgelassen,
damit diese fur sich bestehen zwischen dem Einschlafen und
Aufwachen, deinen physischen Leib und einen Kraftleib, der
die kraftartig wirkenden Gedanken enthalt. - Diese gestal-
tenden Gedanken, diese morphologischen Gedanken, von
denen ich in den vorigen Vortragen gesprochen habe, die
sind in unserem gewohnlichen Bewufttsein nur wie Spiegel-
bilder. Sie haben auch eine Wirklichkeit, und mit dieser
Wirklichkeit sitzen sie als ein besonderer atherischer Leib in
dem physischen Leib darinnen. Man weift jetzt: Mit deinem
Willen, mit deinem Fiihlen bist du einschlafend aus deinem
Sinnenleibe und aus deinem Gedankenleibe - ich kann auch
sagen physischen Leib und Atherleib, oder physischen Leib
und Bildekrafteleib - herausgetreten. Nur sind wir im ge-
wohnlichen Leben so geartet, daft unser Bewufttsein nicht
stark genug ist, sich bewuftt besonnen zu erhalten, wenn es
nicht gedankenerfullt ist. Das Bewufttsein, wie wir es im ge-
wohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft
haben, muE sich mit dem Leibe vereinigen und die Gedanken
des Leibes in sich erleben, dann ist es eben voll bewuftt.
Wenn es als bloftes Fiihlen und Wollen nun heraustritt aus
dem Leibe, dann wird es im Gewohnlichen eben unbewuftt.
Aber wer das in diesen Tagen hier erwahnte imaginative
Denken sich angeeignet hat, der erlebt eben den Augenblick
des Einschlafens bewuftt, und er kann auch solche Zustande
herbeifuhren, die sonst so sind, wie der gewohnliche Schlaf,
nur da$ sie jetzt nicht unbewufit sind, sondern daft der
Mensch in sich ein Kraftendes fuhlt, da£ er das, womit er aus
dem Leibe herausgetreten ist, den Gefiihls- und Willensorga-
nismus der Seele, wirklich erlebt, daft er also dasjenige, was
leibfrei werden kann, wirklich erlebt.
Wer auf diese Weise kennengelernt hat den Moment des
Einschlafens, der lernt auch den Moment des Aufwachens
kennen. Er lernt jetzt beurteilen, daft der Moment des Auf-
wachens eigentlich aus zwei Teilen besteht: Wir wachen auf,
wie wir sonst uns verhalten, wenn wir durch einen Sinnesein-
druck gereizt werden. Es muft bei jedem Aufwachen irgend-
wie etwas unsere Seele reizen. Es braucht nur der eigene Leib
zu sein, der lange genug geschlafen hat, und der in seinem
veranderten Zustand diesen Reiz ausiibt. Aber es ist immer,
geradeso wie beim sinnlichen Eindruck ein Reiz da ist, ein
Reiz da beim Aufwachen, und dieser Reiz spricht zu unse-
rem Gefiihl, das beim Einschlafen herausgetreten ist. Wie
sonst die Augen, die Ohren Ton oder Farbe wahrnehmen, so
nimmt jetzt die selbstandige Seele mit ihrem Fiihlen etwas
Aufierliches wahr, und es ist der Moment des Aufwachens
ein Wahrnehmen durch das Gefiihl, und es ist der Moment
des Aufwachens ein Ergreifen des Korpers. Wie wenn wir
sonst einen Arm bewegen oder ein Bein bewegen, so ergrei-
fen wir mit dem selbstandigen Willen den Organismus. Es
sind wirklich zwei Akte, die da sind beim Aufwachen.
Jetzt haben wir fur das Einschlafen und Aufwachen die
Wechselbeziehung kennengelernt zwischen der selbstandi-
gen Seele, die in ihrem Fiihlen und Wollen sich aus dem
Leibe jede Nacht herausbegibt, und den Zustanden, in denen
diese Seele ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo sie
eben mit dem Leibe verbunden ist. Die Grundlagen anthro-
posophischer Forschung sind also eine Erkraftung der Er-
kenntnis- und Willensfahigkeit, so dafi man Dinge anschauen
kann, wirklich wahrnehmen kann, die man sonst nicht wahr-
nehmen kann. Und ist man imstande, in dieser Weise die
Wechselzustande zwischen Schlafen und Wachen wahrzu-
nehmen, so kann man auch noch zu etwas anderem vor-
riicken.
Wenn man immer mehr und mehr solche Ubungen, wie
ich sie in diesen Tagen geschildert habe, wie sie in den ange-
deuteten Biichern ausfiihrlich mit Einzelheiten beschrieben
sind, weiter macht, dann kommt man dadurch dazu, eben
nicht immer schlafen zu imissen, wenn man aus seinem Leibe
heraus ist, sondern willkiirlich Gefiihl und Wille aus seinem
Leibe wirklich herausziehen zu konnen und wirklich zuriick-
zuschauen auf den Leib. Dann ist der Leib des Menschen
etwas, was objektiv ist, wie sonst das Pult oder der
Tisch. Und erst dadurch lernt man wirklich eine Sache ken-
nen, dafi man nicht mehr mit ihr verkniipft ist, nicht mit ihr
subjektiv durchdrungen ist, sondern dadurch, dafi man sie
als Objekt vor sich hat. Was man als Objekt vor sich hat,
wenn man mit Wille und Gefuhl herausriickt aus dem
menschlichen Leib, das ist vor alien Dingen der physische
Leib. Wir werden morgen sehen, wie er in etwas veranderter
Form auftritt, wie man durch diese Anschauung au£erhalb
des Leibes eben auch eine neue Anschauung vom physischen
Wesen des Menschen bekommt. Aber es ist vor alien Dingen
der Bildekrafteleib, der aus einem Gedankengewebe, aber
aus kraftenden Gedanken besteht. Auf den sieht man zuriick
wie auf einen Spiegel. Und man hat die eigentumliche Tatsa-
che, daft man fruher als Subjekt, als Persdnlichkeit, mit sei-
nen Gedanken verbunden war; jetzt hat man die Gedanken-
welt, ich mochte sagen, wie auf einer photographischen
Platte vor sich, indem man auf den eigenen Leib zuriick-
schaut. Es ist, wie man sonst eben im Auge drinnen ein klei-
nes Abbild der uberschauten Welt hat. Wie das Auge da-
durch ein Organ fur das Sehen ist, dafi sich die Welt drinnen
abbilden kann, so wird fur eine solche Anschauung der zu-
ruckgebliebene Ather- und physische Leib ein Spiegelungs-
apparat, wo sich nun eben geistig-seelisch etwas spiegelt,
wahrend sich im Auge nur aufSerlich physisch etwas spiegelt.
Aber man sieht durch diesen Spiegel eben nicht nur das Ge-
dankengewebe, sondern man sieht die Welt, indem man die
Gedanken zuriickgelassen hat am physischen Leibe.
So kann man ganz genau im einzelnen schildern, wie es
hergeht, wenn der Mensch meditativ und durch Selbsterzie-
hung des Willens seine Erkenntniskrafte zum Behuf der Er-
kenntnis ubersinnlicher Welten verstarkt. Dadurch kommt
der Mensch dazu, gewisse Zustande zu entwickeln, die nun
nicht schlafend sind, wenn er aufierhalb des Leibes ist, son-
dern das darstellen, was kh in meinen Schriften die Konti-
nuitat des Bewulkseins genannt habe. Der Mensch geht mit
seinem selbstandigen seelischen Wesen im hdheren Erken-
nen wirklich aus seinem Leibe heraus. Er erkennt dieses Her-
ausgekommensein dadurch, dafi er den Gedankenspiegel
jetzt nicht an sich, sondern au£er sich hat. Der Mensch geht
aus dem Leibe heraus, aber er bleibt - ich habe das schon
ausgefuhrt - durchaus seiner selbst bewulk. Er kann immer
wieder zuriickkehren, er ist keiner, der halluziniert, der sich
Visionen hingibt, sondern mit mathematischer Sicherheit
den ganzen Vorgang verfolgt, der sich hier abspielt. Da-
durch, dafi der Mensch in dieser Weise den Vorgang verfol-
gen kann, kann er nun auch zuriick das gewdhnliche irdische
Leben beurteilen. Er weift, wie das ist, wenn er nun mit der
selbstandigen Seele in den Korper untertaucht. Er lernt nicht
nur das Einschlafen, das Herausgehen aus dem Korper ken-
nen, er lernt jetzt ganz willkurlich in seinen Korper mit der
selbstandigen Seele untertauchen. Das macht noch einen be-
sonderen Eindruck, wenn der Mensch einmal seine selbstan-
dige Seele erlebt hat und dann untertaucht, der Korper ihn
wieder gefangennimmt. Da hort dasjenige auf , was man selb-
standig als geistig-seelische Welt um sich hat. Man fuhlt es
wie abschwinden, und man fiihlt, wie man absorbiert wird,
indem man wieder untertaucht in den Korper. Man lernt
ebenso das Herausgehen aus dem Korper kennen, indem
man sieht, wie die Gedanken sich von einem entfernen, wie
sie beim Korper bleiben, und wie man mit dem fuhlenden
und wollenden Wesen der Seele aus dem Korper herausgeht.
Man fiihlt aber in dem Momente, wo man herausgeht, die
geistige Welt auftauchen.
Was hat man jetzt kennengelernt? Jetzt hat man kennenge-
lernt auf dem Umwege durch das Aufwachen und Einschla-
fen das Geborenwerden und Sterben. Man hat kennenge-
lernt, wie der Mensch beim Einschlafen unbewufit mit sei-
nem Fuhlen und Wollen aus dem physischen und atherischen
Organismus herausriickt und darin wiederum untertaucht
des Morgens beim Aufwachen. Wie er da unbewulk wird, so
wird er heller bewulk, wenn er nach stattgehabten Ubungen
aus seinem physischen Korper herausgeht. Das ist, was man
nun erlebt im vollen Bewufitsein als eine Vorausnahme des
Vorganges, der im Tode eintritt, und dessen, was man erlebt,
wenn man untertaucht aus der geistigen Welt in den physi-
schen Leib. Wenn die Gedanken wiederum verschwinden,
wenn sie sich wiederum als blofte Bilder, als Unwirklichkei-
ten in der Personlichkeit geltend machen, lernt man den Mo-
ment des Geborenwerdens kennen.
Wahrend man mit den gewohnlichen wissenschaftlichen
Methoden dabei stehenbleibt, den gewohnlichen Verstand
anzuwenden, die Gedanken anzuwenden auf die aufiere Be-
obachtung oder das Experiment, die mit einem verbunden
bleiben, macht man durch anthroposophische Forschung
eine andere Personlichkeit aus sich insofern, als man die Ge-
danken verobjektiviert, als man seinen eigenen Leib zu einem
umfassenden groften Sinnesorgan macht. Ich mdchte sagen,
ein einziges Auge wird der eigene Leib. Das Auge ist aber
jetzt aufter ihm, ist zugleich wie eine photo graphische Platte.
Die Welt, in der man ist, die geistig-seelische Welt, die bildet
sich jetzt gedankenhaft in der AuEenwelt ab. Und jetzt
kommt man dazu, indem man sozusagen ganz normale Vor-
gange, das Aufwachen und Einschlafen, das Geborenwerden
und Sterben, durchschaut hat, auch eine innere Anschauung
zu haben von dem Seelischen. Jetzt lernt man durch An-
schauung entscheiden, ob das eine blofi unbewufite Vorstel-
lung war, was Professor Schleich Tod durch Autosuggestion
nennt, oder ob das « second sight» war, was Oliver Lodge
beschreibt. Man lernt jetzt namlich wirklich erkennen, wie
sich der Mensch verhalt, wenn er nicht zum bewuftten Gei-
stesforscher wird, sondern wenn durch abnorme Verhalt-
nisse herausgedrangt wird das selbstandige Seelische aus dem
physischen Leibe. Dazu ist Veranlassung, wenn der physi-
sche Leib in irgendeiner Weise krank wird. Sagen wir nur,
irgendein Organ wird verletzt. Das kann schon durchaus
hinreichen, daft bei dem noch zum selbstandigen Schauen
unfahigen Menschen, Seelen- und Geistesmenschen, nun
doch, weil er nicht durch den bloften Schlaf, sondern durch
pathologische Zustande herausgedrangt wird aus seinem
physischen Leib, ein unvollkommenes Schauen von dem auf-
tritt, was sonst in bewuftter, methodischer Weise von dem
Geistesforscher bewirkt wird. Daher hat man nicht notig,
die abnormen Beobachtungen, die heute schon durchaus die
Leute interessieren, die etwas uber das gewohnliche Triviale
hinauskommen wollen, in ihrer Wahrheit zu leugnen. Aber
man wird auch kritisch dagegen, und diese Kritik ruhrt ein-
fach davon her, daft anthroposophische Geisteswissenschaft
nicht das ist, was ihr viele Leute nachsagen, daft sie nicht die
Karikatur ist, die viele Leute aus ihr machen, sondern eben
mit der Anerkennung aller wissenschaftlichen, gewissenhaf-
ten Methodik, die sich die Menschheit im Laufe der letzten
Jahrhunderte errungen hat, aufrucken will durch Erweckung
besonderer Geisteskrafte in die ubersinnlichen Welten. Und
da der Mensch mit seinem innersten, ewigen Wesenskern
diesen ubersinnlichen Welten angehort, so kann der Mensch
nach seinem sterblichen und unsterblichen Teil, nach seiner
ganzen Wesenheit nur durch diese Geistesforschung erkannt
werden, wie das im morgigen Vortrage gezeigt werden soli.
Dadurch aber, daft der Mensch in dieses sein Ewiges unter-
taucht, dafi er gewissermafien nicht blofi eine Anthropologic
aufbaut, durch die man weifi, wie der Mensch durch seinen
Korper weifi, sondern dafi er aufbaut eine Anthroposophie,
die da weift, wie der Mensch durch seine Seele und durch
seinen Geist als selbstandige Wesenheit weifi, dadurch lernt
der Mensch erst die wahre Welt kennen.
Von diesem Gesichtspunkte aus das wahre Wesen des
Menschen, auch sein unsterbliches, sein ewiges Wesen, und
die wahre Gestalt der Welt zu schildern, das wird die Auf-
gabe der beiden nachsten Vortrage sein.
DERMENSCH IM LICHTE DER ANTHROPOSOPHIE
Kristiania (Oslo), 29. November 1921
Den heutigen Vortrag diirfte ich wohl kaum in der Form
halten, wie ich es vorhabe, wenn nicht der gestrige vorange-
gangen ware. Nicht mir aus dem Grunde, weil dieser Vortrag
eine Fortsetzung des gestrigen sein soli, sondern auch aus
dem anderen Grunde, weil das, was aus anthroposophischer
Erkenntnis heraus iiber den eigentlichen Wesenskern des
Menschen zu sagen ist, zunachst fur die auftere Erfahrung so
paradox klingt, dafi es schon notwendig ist, die gesicherte
Grundlage zu kennen, auf der solche Erkenntnisse aufgebaut
sind. Und ich glaube bemerklich gemacht zu haben, dafi
sowohl nach der einen Seite, nach der Seite des kritischen
Geistes, wie auch nach der Seite der gewissenhaften For-
schung Anthroposophie es durchaus aufnehmen kann mit
allem, was die neuere Zeit gewohnt worden ist, fur wissen-
schaftliche Methodik und wissenschaftliche Gesinnung zu
halten.
Was den Gegenstand des heutigen Vortrags bildet, ist eben
der eigentliche menschliche Wesenskern, der ja auch gestal-
tend, dirigierend dem aufteren physischen Menschen zu-
grunde liegt. Der physische Mensch gehort, wie gerade Gei-
steswissenschaft zeigen kann, mehr als man gewohnlich an-
nimmt, der Weltentwickelung als solcher an und wird mehr
der Gegenstand des nachsten Vortrags im Zusammenhange
eben mit der ganzen Weltenentwickelung sein miissen. Auch
in bezug auf das eigentliche Wesen des Menschen denkt man
heute anders in ernsten Kreisen, auch ernsten wis sens chaftli-
chen Kreisen, als es noch vor einigen Jahrzehnten in der
Hochbliite des Materialismus gerade bei den aufgeklartesten
Menschen iiblich war. Aber was als Anthroposophie in die-
sem Vortrage vor Sie hintritt, wird vielleicht starker als von
manchen anderen Seiten gerade von denen zuriickgewiesen,
die nun auf ihre Art, ich mochte sagen, mit Festhaitung des
mehr materialistischen Geistes der Wissenschaft herantreten
mdchten an das geistig-seelische Element im Menschen.
Wir sehen, wie heute die Menschen sich zu interessieren
beginnen, die eigentlichen Griinde herauszufinden, warum
der Mensch in gewisse abnorme Seelenzustande kommen
kann, in denen er Halluzinatorisches, Illusionares erlebt, in
denen er der Suggestion und Autosuggestion zuganglich ist.
Fur diese abnormen Seelenerscheinungen interessiert man
sich aus dem Grunde heute ganz besonders, weil sie ja- ohne
daft die in der Seele schlummernden Krafte, von deren Ent-
wickelung ich gesprochen habe, wirklich entfaltet werden -
so, wie man ein aufieres Experiment vollbringt, der Untersu-
chung unterzogen werden konnen. Man geht einfach heran
an solche Personlichkeiten, welche in dieser Weise ein abnor-
mes Geistesleben haben, und untersucht die Erscheinungen,
wie man im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett
gewohnt ist, Versuche zu machen. Diese Personlichkeiten
und manche, die auch nicht den entsprechenden abnormen
Seelenzustanden unterliegen, haben sehr haufig den Glau-
ben, dafi man gerade durch solche abnorme Seelenzustande,
durch visionares Schauen, durch halluzinatorische Erfahrung
irgendwelche Mittel in die Hand bekommen konne, tiefer in
die wahre Wesenheit des Menschen einzudringen. Ja, es wird
sogar geglaubt, dafi man in solchen Zustanden eine Art
Offenbarung aus wirklichen geistigen Welten erhalten
konne. Wir werden, wenn wir heute vom anthroposophi-
schen Standpunkte aus das menschliche Wesen untersuchen,
gerade in der Lage sein, wiederum eine Art Licht zuriickzu-
werfen auf die Bedeutung dieser abnormen Seelenzustande.
Aus der Kritik, die ich gestern gegeben habe, werden Sie von
vornherein iiberzeugt sein konnen, daft auch diesen Erschei-
nungen gegeniiber anthroposophische Geistesforschung im
vollsten Sinne des Wortes kritisch ist.
Eine andere Art von Erscheinung tritt dann auf, wenn ge-
wisse Gedanken von Persdnlichkeiten zweifellos unter nicht
gewohnlichen Raumes- und Zeitbedingungen erfahren wer-
den konnen. Man spricht iiber diese Falle ja heute auch schon
in ganz ernsten wissenschaftlichen Kreisen. Eine solche Er-
scheinung ist die Telepathic Da spricht man davon, dafi
ohne die gewohnliche sinnliche Vermittlung die Menschen
in gewissen Seelenzustanden fur Gedankliches, vielleicht so-
gar fur Gedankliches, das in der Entfernung sich abspielt,
eine gewisse Wahrnehmung entfalten zu konnen. Man
spricht von Telekinese, das heifit von gewissen Kraften, die
von den Menschen ausgehen konnen, und die ohne die phy-
sische Vermittlung des Menschen, gewissermafien blofi
durch Einwirkung in die Feme, sich auftern, sich offenbaren,
so daft es dann scheint, als ob der Mensch einen Willen ent-
falten konne ohne die Vermittlung seiner Gliedmaften, in die
Entfernung hin. Ja, man hat auch heute schon in wissen-
schaftlicher Beziehung Versuche angestellt mit wissenschaft-
licher Methodik, welche man einreiht in das Kapitel der Te-
leplastik, wo an dem Menschen oder in der Nahe des Men-
schen materienartige Gebilde, Phantome erscheinen, denen
man deutlich ansieht, dafi sie meinetwillen aus feiner Materie
bestehen, aus Atherischem bestehen, daft ihnen aber pla-
stisch, als eine plastische Gestaltungskraft das eingegliedert
ist, was in dem menschlichen Gedanken wurzelt, was in den
menschlichen Gedanken vorhanden ist.
Man spricht also von Telepathie, Telekinese, man spricht
von Teleplastik. Anthroposophische Geisteswissenschaft
mufi gegenuber diesen Erscheinungen wiederum die kriti-
sche Frage aufwerfen: Riihren diese Erscheinungen wirklich
her von dem, wovon gestern gesagt worden ist, dafi es im
Einschlafen als Gefiihls-Willenswesen aus dem physischen
und dem Ather- oder Bildekrafteleib des Menschen heraus-
tritt und aufierhalb verharrt vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen? Hat man es in dem, was sich als Telepathie im Men-
schen aufiert, als Telekinese, als Teleplastik, hat man es da
mit einer Wirkung des ewigen Geistig-Seelischen, dessen,
was wir als Gefuhls- und Willenswesen kennen gelernt ha-
ben, zu tun oder hat man es vielleicht nur mit dem zu tun,
was zuriickgelassen wird im Bette, wenn der Mensch schlaft,
was also besteht aus dem physischen Leib und dem atheri-
schen oder Bildekrafteleib? Wenn man es nur mit dem letzte-
ren zu tun hat, dann mogen diese Erscheinungen einem noch
so wunderbar vorkommen, sie mogen noch so absonderlich
sein, sie gehoren dann zu dem, was mit dem Tode des Men-
schen verschwindet. Denn mit dem Tode des Menschen ver-
schwindet das, was beim Einschlafen zurtickbleibt. Das, was
das eigentlich unsterbliche, ewige Wesen des Menschen ist,
was im Einschlafen sich herauszieht aus dem physischen und
dem Bildekrafteleib, das ist in der Regel dann, wenn diese
Erscheinungen der Telepathie, der Teleplastik, der Teleki-
nese auftreten, auch irgendwie unter hypnotischem Einflufi
oder dergleichen aus dem physischen und dem Atherleib
heraus entfernt. So dafi man sagen mufi: Diese sogenannten
wunderbar en Erscheinungen konnen auf nichts hindeuten,
was mit dem ewigen Wesenskern des Menschen zusammen-
hangt. Wenn sie auch noch so wunderbar sind, sie sind ge-
bunden an das, was im Tode sich loslost und dem Elemente
der Erde sich verbindet. Sie konnen dann nur hinweisen auf
eine Welt, die ebenfalls dem Menschen entschwindet, wenn
er durch die Pforte des Todes geht.
Diesen kritischen Einwand muft also gegeniiber einzelnen,
heute vielfach schon anerkannten Erscheinungen, anthropo-
sophische Geisteswissenschaft ebenso machen, wie gegen-
iiber denjenigen Erscheinungen, die ich Ihnen gestern erzahlt
habe, und es wird darauf ankommen, was Anthroposophie
zu diesen Erscheinungen zu sagen hat, nachdem sie ihrerseits
ihre Forschungen angestellt hat iiber das, was der wahrhaft
ewige Wesenskern des Menschen ist.
Nun darf ich vielleicht wiederum darauf aufmerksam ma-
chen, da$ ja durch jene gedanklichen, meditativen und durch
jene Willensiibungen, von denen ich gestern und in meinen
fruheren hiesigen Vortragen gesprochen habe, ein Zustand
herbeigefiihrt wird im Menschen, und zwar gerade im Ge-
fiihls- und Willenswesen des Menschen, der auf der einen
Seite dem Schlafzustande ahnlich ist, sich aber doch wie-
derum von diesem radikal unterscheidet.
Ich habe gestern dargestellt, wie innerlich lebendig durch-
leuchtet, durchkraftet das sonst bewufklose, gleichsam abge-
lahmte Gefiihls- und Willenswesen des Menschen wird, wie
also der Mensch Zustande dadurch behufs anthroposophi-
scher Forschung herbeifuhren kann, wodurch er ebenso mit
seinem Gefiihls- und Willenswesen aufterhalb des physi-
schen Leibes ist, wie er es im Schlafe ist. Aber er ist dann
nicht in einer dunklen, finsteren Welt, in einer Welt, die fur
ihn Bewufklosigkeit bedingt, er ist in einer Welt geistiger
Umgebung. Und fur ihn wird vor alien Dingen das erste Ob-
jekt, auf das er zuriickblicken kann, sein eigener physischer
Leib und sein eigener Bildekrafteleib, jener Bildekrafteleib,
der aus Gedanken, die man aber als Krafte wahrnimmt, die
Welt zuriickspiegelt zu dem Wesenskern des Menschen, der
aus diesem physischen und Bildekrafteleib herausgetreten
ist. Die Gedankenwelt, die man friiher mit sich verbunden
hatte, sie wird gewissermafien von dem zuriickgebliebenen
physischen Leib zuriickgespiegelt, und man erlangt ein Bild
der Welt jetzt nicht dadurch, dafi sich blofi in den Sinnesor-
ganen, wie etwa im Auge, die aufiere Welt spiegelt tind so die
physische Welt bewufit erfahren wird, sondern man erlangt
ein Bild der geistigen Grundlage der Welt dadurch, dafS ge-
wissermafien der ganze menschliche Organismus zu einer
Art von einzigem, totalem Sinnesorgan wird, das aber jetzt,
wie ein anderes Objekt, aufierhalb des Menschen ist.
Dieses aufierhalb des Menschen befindliche Wesen, das
lernt der Mensch allmahlich kennen, wenn er immer weiter
und weiter in anthroposophischer Forschung vorriickt, in-
nerlich immer kraftiger und kraftiger wird. Ich habe schon
gesagt: Von allem, was der Mensch erleben kann als Visio-
nar, als jemand, der halluziniert, als jemand, der iiberhaupt
in abnormen Seelenzustanden ist, unterscheidet sich dieser
Zustand, in den sich der anthroposophische Geistesforscher
bringt, dadurch, dafi er immer die Moglichkeit hat, sein ge-
sundes, besonnenes Bewufitsein neben dem Schauen der ho-
heren Welt zu behalten. Es tritt wirklich fur den Menschen
nun etwas ein, das man nennen kann ein Hin- und Herpen-
deln, ein Hin- und Herschwingen zwischen dem Schauen
der geistigen Welt und dem Schauen der physischen Welt.
Das heilk, der Mensch kann abwechselnd aufter seinem phy-
sischen Leibe sein und in der Weise beobachten, wie
ich es eben gesagt habe; er kann aber auch wiederum in
ihm zu voller Bewufitheit, zum gewohnlichen Denken, Fuh-
len und Wollen zuruckkehren und das Erlebte beurteilen
mit dern gewohnlichen Denken, Fiihlen und Wollen, mit der
gewohnlichen gesunden Besonnenheit, mit der er sonst
das aufkre Sinnenleben und das gewohnliche Leben iiber-
haupt beurteilt. So daft der Mensch vollig kritisch, mit
derjenigen Kritik, die er sich nur heranerzogen hat im Le-
ben, dem gegenuberstehen kann, was er in dieser Weise
erforscht, was vor ihm als ein hoheres Erlebnis der Seek auf-
tritt.
Dieses Abwechseln zwischen den Zustanden, das ist bei
abnormen Seelenzustanden nicht vorhanden. Der Visionar,
der Halluzinant hat nicht die Moglichkeit, durch seinen ge-
sunden besonnenen Willen willkurlich wiederum zuriickzu-
kehren, wann er eben es fur richtig halt, zu seiner gewohnli-
chen Besonnenheit, das heifit in seinen gewdhnlichen Kor-
per. Es ist etwas Unwillkiirliches, etwas Unterbewufites, was
ihn in diesen abnormen Zustanden zum Halluzinieren, zur
Vision bringt, und gerade diese Kritiklosigkeit gegeniiber
den abnormen Zustanden ist es, auf die immer wieder und
wieder hingewiesen werden mufi, wenn das, was anthropo-
sophische Geistesforschung hervorbringt, nun auch zusam-
mengeworfen wird mit dem, was eben dem Halluzinatori-
schen, dem visionaren Wesen angehort.
Indem man aber auf diese Weise hin- und herschwingt
zwischen dem iibersinnlichen Schauen und dem gewohnli-
chen Bewufkseinszustande, gelangt man immer mehr und
mehr dazu, mit den Kraften, die man im Gefuhls- und Wil-
lenswesen sich ausgebildet hat, zuruckzuschauen auf das,
was als physischer Leib und als Atherleib oder Bildekrafte-
leib objektiv nunmehr aufter dem geistig-seelischen Wesens-
kern des Menschen ist. Und man lernt, indem man sich em-
porgerungen hat zum imaginativen Bewufitsein, nun wirk-
lich das, was man so vor sich hat, als ein Bild einer anderen
Welt kennen. Und das ist das Wichtige, da£ man durch ima-
ginatives und durch inspiriertes Erkennen, wie ich es be-
schrieben habe in den letzten Tagen, beurteilen lernt, was
das eigentlich ist, was man da nunmehr von aufien als physi-
schen und Bildekrafteleib ansieht. Es ist so, wenn ich mich
eines Vergleiches bedienen darf, wie wenn jemand ein Bild
zunachst vor sich hat und durch Kenntnis der Perspektive
aus diesem Bilde heraus die entsprechende Wirklichkeit, die
es abbilden soil, kennenlernt. Nur dafi dasjenige, was man
auf diese Weise aus einem gewohnlichen Bilde als die ent-
sprechende Wirklichkeit kennenlernt, eben doch nur ein in-
neres seelisches Erlebnis ist, wahrenddem die Perspektive,
zu der sich bei fortschreitender Geistesforschung dieser ob-
jektive physische Leib, dieser objektive Bildekrafteleib er-
weitert, doch ein Tatsachenerlebnis ist. Man lernt namlich
erkennen, dafi in diesem physischen Leib und in diesem Bil-
dekrafteleib dasjenige enthalten ist, und zwar im Abbilde
enthalten ist, was der Mensch war, bevor er durch die Geburt
oder sagen wir durch die Empfangnis in die physische Welt
heruntergestiegen ist. Es lost sich los gewissermafien aus
demjenigen, was man vor sich hat, das, was die Perspektive
zuriick in die geistig-seelische Welt hineingibt, die man
durchgemacht hat, bevor man durch Konzeption und Ge-
burt sich vereinigt hat mit der physischen Materie, die man
durch Eltern und Voreltern, durch die physischen Verer-
bungsstromungen auf der Erde empfangen hat. Und aufge-
schlossen wird fur die Anschauung das, was die geistig-seeli-
sche Umgebung des Menschen war, bevor er in das Erden-
dasein heruntergestiegen ist, aufgeschlossen wird diejenige
Welt, in der die Krafte sind, die der Mensch eingegliedert hat
in die physische Form, die ihm von Eltern und Voreltern
iibergeben worden ist.
Man lernt sich jetzt kennen im praexistenten Zustande,
und das Eigentumliche, das da auftritt, das ist, dafi man tat-
sachlich in diesem Tableau, das die praexistente Wesenheit
des Menschen darstellt, die Welt im Grunde umgekehrt sieht
im Verhaltnis zu einer physischen Perspektive. Im Verhaltnis
zu einer physischen Perspektive ist es so, dafi man die nach-
sten Gegenstande deutlich sieht, und dafi eben in demselben
Mafie, in dem die Gegenstande weiter entfernt liegen, die
Dinge ungenauer werden. Es liegt das wiederum im Wesen
des perspektivischen Schauens in der Raumeswelt. In derje-
nigen Perspektive, die einem jetzt aufsteigt aus dem zuriick-
gebliebenen Menschenwesen, in der ist es umgekehrt. Was
nahe ist dem physischen Erdenleben, das stent nahe auch
dem gegenwartigen Erleben, und der Mensch kennt ja sein
Inneres im physischen Erdenleben nicht. Es ist sein physi-
sches Erdenleben etwas, das ihm seinen ewigen Wesenskern
verdunkelt. Dieses Nachste, das wird nun nicht am friihesten
geistig sichtbar, wenn man also in die praexistente Welt hin-
einschaut, sondern es wird zuerst das Fernere sichtbar. Und
wenn man aufgestiegen ist durch die drei Stufen, die man
durch Ubungen als hohere Erkenntnisstufen in sich ausbil-
den kann in dem Sinne, wie ich es in meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben
habe, so gelangt man tatsachlich durch Imagination, Inspira-
tion und Intuition dazu, ein geschlossenes, geistig-seelisches
Weltenbild zu erhalten, das einen zunickfuhrt bis zu einem
vorigen Erdenleben.
Wie eine physische Perspektive begrenzt ist in der Feme,
so ist durch ein zuriickliegendes Erdenleben, das sich einem
durch Intuition erschliefit, dasjenige begrenzt, was man als
das Bild der Welt bekommt, die man im praexistenten Zu-
stand durchlebt hat. Es ist weder irgend etwas Phantasti-
sches, noch irgend etwas logisch Erschlossenes, wenn in an-
throposophischer Geisteswissenschaft gesprochen wird von
den wiederholten Erdenleben, sondern es ist etwas durch Er-
kenntnis Errungenes, etwas, was sich dem wirklichen geisti-
gen Schauen darstellt. Dieses geistige Schauen mufi allerdings
erst aus den Tiefen des seelischen Wesens hervorgeholt wer-
den. Man erlangt dann eine positive Erkenntnis davon, daE
in dem physischen Leib des Menschen und in dem atheri-
schen oder Bildekrafteleib des Menschen sich eingestaltet,
eingebildet haben diejenigen Wesenskrafte, die im Menschen
waren in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt.
Das erklart mit, daft man sich hereinentwickelt hat aus ei-
ner geistigen Welt in die physische. Und in den physischen
Leib, den man an sich gewissermaften als Werkzeug, nicht
bloft als Umhullung tragt, und in den Bildekrafteleib, der die
lebendigen Krafte enthalt, die den Organen, dem Stoffwech-
sel, dem Wachstum zugrunde liegen, in diesen physischen
Leib und Atherleib, der dann fur das geistige Schauen als
Objektivitat vor uns erscheint, ist hineingebildet der We-
senskern der Seele, wie er sich seit dem letzten Tode bis zu
v \, . .1 1 . • • . • V.I- TOT .1.1," J 1
uicsci ocuui t uuicii cmc gciaug-seciiaCiic w cit iiiiiuuicii ciil-
wickelt hat. Man lernt das, was der Mensch zuriicklaftt,
wenn er sich als Gefuhls-Willenswesen herausbegibt aus sei-
nem physischen und Atherleib, gewissermaften als das letzte
kennen, zu dem sich der Mensch sehnend aus der geistigen
Welt hingeneigt hat, nachdem er gewissermaften in der geisti-
gen Welt alt geworden und der geistigen Welt abgestorben
ist in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
So wie der Mensch seinen physischen Leib welk werden fin-
det in einem gewissen Alter, wenn er d
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