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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange
aus dem Jahre 1 924
BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar,
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235)
BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27.
April, 4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 236)
BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung.
Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli,
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237)
BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthro-
posophischen Bewegung.
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19.,
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache* vora 28. Septem-
ber 1924 (Bibliographie-Nr. 238)
BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am
5. April, in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 239)
BAND VI Funfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in
Zurich am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni,
in Arnheim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August,
und in London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240)
Zum Thema «Wiederverk6rperung und Karma* sei nock auf folgende Bande der
Rudolf Steiner Gesamtausgabe hingewiesen:
«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Natur-
wissenschaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im
Band «Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe)
«Das Prinzip der spirituellen Dkonomie im Zusammenhang mit Wieder-
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Mensch-
heit», 1909 (Bibliographie-Nr. 109/111)
«Die Offenbarungen des Karma*, 1910 (Bibliographie-Nr. 120)
«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam-
menhange von Perstinlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte»,
1911 (Bibliographie-Nr. 126)
«Wiederverkorperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur
der Gegenwart*, 1912 (Bibliographie-Nr. 135)
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen
karmischer Zusammenhange
Dritter Band
Die karmischen Zusammenhange
der anthroposophischen Bewegung
Elf Vortrage, gehalten in Dornach
zwischen dem 1. Juli und 8. August 1924
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage (Manuskriptdruck im Grofiformat unter dem Titel «Die
karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung»)
Dornach 1926
2. Auflage (Erste Buchausgabe unter dem Titel «Esoterische Betrach-
tungen karmischer Zusammenhange III. Teil») Dornach o. J. (1937)
3. Auflage Dornach 1959
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1964
5. Auflage, neu durchgesehen
und mit den Original-Stenogrammen verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1971
6. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1975
7. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1982
8. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1991
Bibliographie-Nr. 237
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgeftihrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 181)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2370-6
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage dcr anthroposophisch orienticrten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Dancben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei
gehaitenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lcbensgang> (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders
als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen durfe.
INHALT
Zur Einfiihrung. Aus «Erinnerungsworte» von Marie Steiner
zur ersten Auflage 1926
Erster Vortrag, Dornach, 1. Juli 1924
Derlntellektualismus und die ihm vorangegangeneSeelenverfassung:
Aufnahme der Gedanken aus dem Weltenather. Mohammedanisch-
spanischer Aristotelismus halt noch im friihen Mittelalter die alte
Anschauung aufrecht; fiir die europaische Bevolkerung mufite ein
besonderer Impuls kommen, urn die Bewufitseinsseele zu entwickeln.
Zwei Geistesstromungen : die arabisierenden Philosophen und die sie
bekampfenden Scholastiker, die den Individualismus vertreten.
Starke innere Kampfe in der Zeit dieses Ringens urn die Bewuflt-
seinsseele und die Realitat des Denkens.
Zweiter Vortrag, 4. Juli 1924
Karmisch-kosmische Vorbereitungskrafte. Im Karma wirken die
friiheren Inkarnationen auf die spateren wie ein geistiger Instinkt
innerhalb des Ich; bewufit wird dieses Wirken nach dem Tode. - Das
Netz der karmischen Zusammenhange. Das Umsetzen von Men-
schen-Erdentaten in Seelen-Himmelstaten, wenn beim Zusammen-
wirken der Menschen heilig-geistiges Handeln hereingeholt wird in
die physisch-sinnliche Welt. Die himmlische Tatenfolge gewisser
Geschehnisse senkt sich dann wie ein feiner Regen in Gedanken-
spiegelbildern auf die Erde nieder. Aber auch die sehr realen
Gespenster des vorigen Zeitalters umgeben die heutigen Menschen,
angelockt vom ahrimanischen Zuge unserer Zeit.
Dritter Vortrag, 6. Juli 1924
Der Zusammenhang der Vorgange am Himmel mit dem menschlichen
Dasein auf der Erde. Was hier auf Erden vorgeht, hat sein Korrelat
in der geistigen Welt und driickt sich in der Sternenschrift aus. Was
liegt kosmisch-geistig einer solchen Gemeinschaft zugrunde, wie es
die Anthroposophische Gesellschaft ist? Welches ist die Vorbestim-
mung, die eine Seele an die Anthroposophie heranfiihrt? - Christus-
Sehnsucht begleitet viele Seelen aus dem vorirdischen Dasein in das
irdische hinein, das Streben, den Christus wieder als das Sonnen-
wesen zu erkennen: eine Nachwirkung der groften kosmischen
Imaginarionen. - Christus-Empfindung mischt sich mit den Vor-
stellungen des alten Heidentums; da hineinverwoben ist fiir manche
Seele die Moglichkeit, den Versuchungen Luzifers oder Ahrimans zu
verfallen.
VlERTER VORTRAG, 8. Juli 1924
Zwei Gruppen von Seelen sind in der anthroposophischen Bewegung
zu unterscheiden: die eine mit einem mehr innerlichen Hcrzens-
bedlirfnis, den Christus in die Mitte zu stellen; die andere will ihn
erkennen aus der Kosmologie, der Erden- und Menschheitsgeschichte
heraus. Voraussetzungen zu diesen Gruppierungen gehcn zurikk bis
in die Zeiten der atlantischen Orakcl. Besonders wichtig ist diejenige
Inkarnation, die in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte fallt.
Die eine Gruppe von Seelen war schon heidentummude, entflammte
sich im Gemiit fiir den Christus; die andere, die weniger Inkarna-
tionen auf Erden gehabt hatte, war noch erfiillt von den miichtigen
Impulsen des alten Heidentums und nahm das Christentum mehr mit
dem vom Gemiite durchzogenen Intellekt auf. Von dem nachtod-
lichen Erleben der gewaltigen Imagination vomAnfang des 19. Jahr-
hunderts brachte die erste die Sehnsucht mit, auch etwas von Kosmo-
logie zu wissen, die andere nahm die Impulse vorzugsweise in ihren
Willen auf, als ob sie sich an einen gefalken Entschluft erinnerte.
FuNFTER VORTRAG, 11. Juli 1924
Das Gemeinsame in der Seelenverfassung dieser beiden Gruppen in
den ersten christlichen Jahrhunderten war ein, wenn auch leises, aber
doch noch vorhandenes Erleben des aurischen Webens in der Natur
und des Hereinstromens einer hellen Geistigkeit zwischen Einschlafen
und Aufwachen. Zu der Empfindung von der Unschuld des Natur-
daseins trat hinzu im 5., 6. Jahrhundert das Sinnen iiber die Tiefe
der Krafte, die das Gute und Bose in der Menschenseele auslosen,
namentlich unter den von Osten her orientierten Menschen (Bul-
garen, Ketzer). Es folgt die Zeit, in der die Schauung des schillern-
den Scheines iiber Pflanzen und Tieren erlischt, das Raunen jener
Geistigkeit verstummt, aber noch wie von etwas Bekanntem dariiber
gesprochen werden kann; dann die Zeit, die man nennt die Abend-
dammerung des lebendigen Logos. Verbunden damit ist die Ent-
stehung der Katechetik und das Exoterischwerden der Messe. Die
Grundstimmung der Seelen, die zwischen dem 7. und 20. Jahrhun-
dert leben, ist: Der Christus wird nicht mehr in seiner Wesenheit
erkannt, der Kultus wird nicht mehr verstanden: es mufi werden die
Kraft auf Erden, dafi Seelen den Christus aufnehmen konnen.
Sechster Vortrag, 13. Juli 1924
Hohe Erkenntnisstatten als Nachziigler der Mysterien waren vor-
handen in den ersten christlichen Jahrhunderten. Man sprach da
nicht von Naturgesetzen, sondern von der schopferischen Kraft der
Gottin Natura. Dann schwindet der leise lebendige Zusammenhang
mit der geistigen Welt im 7., 8. Jahrhundert, aber ein gewisses Be-
wufksein von diesem Zusammenhang fliichtete noch in einzelne Lehr-
statten hinein, deren lebendig impulsierendes Wirken erst im 12.,
13. Jahrhundert sein Ende nimmt. Unterweisungen iiber das Leben
der Elemente, das Wallen der Wandelsterne, den kosmischen Ozean,
die Geheimnisse des Ich wurden als Lehre gepflegt bis in die Wende
des 14./15. Jahrhunderts. Die Schule von Chartres, Cluny. Sogar
an der Universitat von Orleans werden gegen das Ende des 13. Jahr-
hunderts Lehren dieser Art gepflegt. Platoniker und Aristoteliker.
Im Beginne des 13. Jahrhunderts wichtiger Ideenaustausch in der
geistigen Welt zur Herbeifiihrung einer neuen Spiritualitat auf Er-
den. Ein wunderbarer Zusammenklang der Seelen von oben und
unten ist die Folge. In diese geistige Atmosphare hinein konnte das
echte Rosenkreuzertum wirken.
SlEBENTER VORTRAG, 28. Juli 1924
Die Handhabung der Intelligenz durch die menschliche Personlich-
keit fiihrt den Menschen zur Freiheit des Willens. Hinunterstromen
der kosmischen Intelligenz aus den Himmeln auf die Erde in den
ersten christlichen Jahrhunderten bis ins 8., 9. Jahrhundert. Scho-
lastik: ein Ringen des Menschen nach Klarheit uber die herunter-
stromende Intelligenz. In ihr kann sich die Bewufkseinsseele ein-
gliedern. Rosenkreuzerweisheit bestand darin, daft man einige Klar-
heit hatte iiber diese Verhaltnisse. ImSonnengebiete sammelt Michael
die Seelen, die dann im Beginne des 15. Jahrhunderts zur iibersinn-
lichen Michael-Schule sich vereinen. Von nun an sollte durch Eigen-
intelligenz der menschlichen Seele das MichaelmaJKige ausgebildet
werden, bis das neue Michael-Zeitalter auf Erden am Ende des
19. Jahrhunderts beginnen werde. Die grofte Krisis vom Beginne des
15. Jahrhunderts bis heute ist der Kampf Ahrimans gegen Michael.
Ahriman will nun die friihere kosmische Intelligenz ganz irdisch
machen. Die Uberleitung der kosmischen Intelligenz in die Nerven-
Sinnesorganisation des Menschen wird von der geistigen Welt aus er-
lebt wie ein Weltengewitter. So war es zuletzt in der atlantischen
Zeit, als die kosmische Intelligenz von dem menschlichen Herzen
Besitz ergriffen hatte, aber kosmisch blieb. Jetzt mufi der Kopf-
mensch durch Spiritualisierung des Intellekts wieder Herzensmensch
werden.
ACHTER VORTRAG, 1. AllgUSt 1924
Die vorletzte Herrschaft des Michael, ihr kosmopolitisches Geprage
und ihr Ziel: trotz Sundenfalls kann der Mensch doch zur Gottheit
hinauf. Seit dem 8. oder 9. Jahrhundert ist die Verwaltung der Intel-
ligenz aus der Hand Michaels in die Hande der Menschen iiberge-
gangen. Kampf der Scholastiker gegen die mohammedanischen Nach-
Aristoteliker. Betonung des Grundcharakters des alten Mysterien-
wesens - insbesondere der Lehre von der Ursiinde - in der ubersinn-
lichen Lehrschule und Hinweis auf ein neues Mysterienwesen, das mit
der volligen Intelligenz des Menschen rechnet. Eine Atmosphare der
Entmutigung war vorhanden in den alten Mysterien der Alexander-
zeit, die in der Empfindung Ausdruck fand: der Mensch kann nicht
mehr den Zugang zur geistigen Welt finden. Es war die Zeit der
groften Priifung. Das Michael-Wort ist: Der Mensch mufi zur Er-
fassung des Gottlichen auf Erden in siindloser Form kommen. Die
besondere Nuance fur die Jetztzeit, in der die Intelligenz Besitz der
Menschen werden konnte, ist, zu spiiren, daft die Menschen sich zu
retten haben vor Ahrimans Ziel, die Menschen von sich besessen zu
machen. Aufgabe des Anthroposophen ist, eine Empfindung dafiir zu
haben, dafi der Kosmos heute in diesem Kampf e des Ahrimans gegen
den Michaelismus steht. Irdischer Abglanz der ubersinnlichen
Michael-Lehre bei Raimundus de Sabunda. Michael-Impuls ist nicht
nur in dem Buch der Offenbarung, sondern auch in dem Buch der
Natur zu lesen.
Neunter Vortrag, 3. August 1924
Die Krafte des Michael wirken auf den ganzen Menschen und da-
durch stark in das physische Karma hinein. Die Zeit der groften
Krisis. Das Entscheidende der Michael-Impulse. Das Geistige bereitet
sich vor, rassenbildend zu werden. Beobachtung der intimeren Schick-
salszusammenhange; sie reichen bis in das nachste Hierarchienreich
hinein. Entstehung eines zweigeteilten Reichs der Angeloi, wahrend
sich hier die Michael-Gemeinschaft vollzieht. Vorwartsdringen im
michaelischen Sinn heifk, durch keinerlei Riicksichten sich ablenken
zu lassen, in der Richtung der tragenden anthroposophischen Krafte
zu gehen. Der in unserer Zeit iiberallhin verstreute Intellektualismus
ist geistige Nahrung fiir die ahrimanischen Machte. Die Moglichkeiten
des Eingreifens des Ahriman in die Zivilisation werden immer
grofier. Triibung und Ablenkung des Bewufitseins geben ihm die
Moglichkeit, sich zu inkorporieren. Es ist die Zeit der grofien Ent-
scheidungen.
Zehnter Vortrag, 4. August 1924
Der karmische Impuls zum Geistigen ist Zusammenfassung dessen,
was in der geschilderten Weise durchgemacht ist vor dem Herab-
stieg der Seele in den Erdenleib. Notwendigkeit der inneren Initia-
tive des seelischen Lebens fiir den Anthroposophen und der Beach-
tung der Vorbedingungen und Gegenbilder. Untergrabung oder
Beirrung der Initiative durch die Schreibereien und Redereien
des materialistischen Intellektualismus. Allgemeine Lebensfurcht.
Wahrheit des Materialismus nur fiir das Physische. Das Erschut-
ternde im Karma der Menschen, die nicht an die Spiritualitat heran
konnen. Das Physiognomiebildende, Menschengestaltende der mi-
chaelischen Kraft. Den im Felde des Materialismus Stehenden wird
so demonstriert werden, dafi der Geist schaffend ist: sie werden
es anzuschauen haben. Streben des Ahriman, durch die zeitweilige
Durchdringung menschlicher Korper in Seelen zu wirken.
Elfter Vortrag, 8. August 1924 162
Personliche Unsterblichkeit ist eine Wahrheit erst, seitdem die
BewufStseinsseele langsam und allmahlich in die Menschheit einge-
zogen ist. Zusammenwirken von Sonnenintelligenz und Planeten-
intelligenzen. Dann im 9. Jahrhundert - mit dem Hinuntergehen
der kosmischen Intelligenz unter die Menschen - Trennung der bis
dahin zusammengehorigen Weltengewalten; die Sonnenintelligenz
des Michael und die planetarischen Intelligenzen geraten in Oppo-
sition zueinander. Da hinein stellt sich das okumenische Konzil von
869 als das Signal fur etwas Ungeheures, was in der geistigen Welt
geschieht: Spaltung der die Menschenseelen leitenden Engel und
dadurch Unordnung, die in das menschliche Karma hineinkommt;
dadurch das Chaotische in der neueren Geschichte. Mit dem Herein-
dringen des Michael in die Erdenherrschaft wird bei denen, die mit
ihm gegangen sind, die Kraft erweckt, das Karma wieder in Ord-
nung zu bringen.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 181
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 185
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 187
ZUR EINFttHRUNG
Aus «Erinnerungsworte» von Marie Steiner
(zurl. Auf lage 1926)
Um Ernst bat Rudolf Steiner immer wieder ira strengsten, eindring-
lichsten Sinn, als er sich entschlofi, den Werdegang geschichtlicher Per-
sonlichkeiten und die Geschichte der Gesellschaft aus geistigen Unter-
griinden heraus uns zu beleuchten, Tatsachenzusammenhange in ihren
geistigen Umkreis hineinzustellen als ein Beispiel fur die Geschichts-
forschung der Zukunft. So hatte er uns gegeben in den Mysterienspielen
das Muster fur das Drama der Zukunft; so lehrte er uns verstehen, wie
die geistig zuriickgreifende Biographie auf hdherer Stufe den psycho-
logischen Roman der Gegenwart ersetzen konne. Doch was Rudolf
Steiner nicht gestattete, waren Kombinationen, Hypothesen oder
liickenausfiillende Phantasie bei sogenannter geistiger Forschung. Das
nannte er unernst. Und dariiber konnte er heilig ziirnen. Eindringlich
bat er die Zuhorer, sich nur ja nicht mit sensationshungriger Neugierde
dem Inhalte der Karma- Vortrage seelisch zu nahern. Auf die Zusam-
menhange kame es an, auf die Art, wie Licht fallt auf Tatsachen, sie er-
klart und in ihrer notwendigen Folgerichtigkeit erscheinen lafit. Vor
allem musse das Personliche schweigen; wenn aus personlichen Mo-
tiven, mit personlichen oder Gruppen-Interessen an das Studium von
Karma-Fragen herangetreten wiirde, konne nur das grofite Unheil
entstehen. Ja, er scheute sich nicht zu sagen, dafi, wenn in sensationeller
oder Absichten verfolgender Art solches herumgetragen wiirde, es
«eine Pest» ware . . .
. . . Rudolf Steiner bat dringend, die Karma- Vortrage nur so zu
studieren, dafi man mit dem ersten einleitenden Vortrage beginne, sie
nur der Reihe nach durcharbeite und das Augenmerk auf die inneren
Zusammenhange, die Begriindungen, das Ineinanderspiel der Verket-
tungen richte; alles Sensationelle in der Behandlung des Stoffs solle
vermieden werden, alles personliche Interesse ausgeschaltet werden . . .
ERSTER VORTRAG
Dornach, 1. Julil924
Ich mochte heute fitr diejenigen, die eben da sein konnen, einiges aus-
fiihren, was eine Art Episode sein kann innerhalb der Betrachtungen,
die wir hier nun schon seit einiger Zeit pflegen. Es soil, was ich sage,
zur Illustration und Erklarung von manchem dienen, was aus dera bis-
her Behandelten wie eine Frage auftauchen kann, und es soli zu gleicher
Zeit dadurch einiges Licht auf die Seelenverfassung der gegenwartigen
Zivilisation fallen.
Wir haben ja durch Jahre hindurch schon immer auf einen ganz
bestimmten Zeitpunkt der im wesentlichen europaischen Zivilisations-
entwickelung aufmerksam machen miissen, der da liegt in der Mitte
des Mittelalters, um das 14., 15. Jahrhundert. Wir weisen damit auf
denjenigen Punkt in der Menschheitsentwickelung hin, wo der Intel-
lektualismus beginnt, wo die Menschen damit beginnen, vorzugsweise
auf das Denken, auf den Intellekt aufzupassen und ihn zum Richter
zu machen iiber dasjenige, was unter Menschen gedacht und getan
werden soil.
Nun kann man sich ja, weil das Zeitalter des Intellektes heute
da ist, durch das Miterleben der Gegenwart allenfalls eine rechte Vor-
stellung machen von dem, was Intellektualismus ist, was eben im 14.
und 15. Jahrhundert an die Oberflache der Zivilisation gekommen ist.
Aber die Seelenverfassung, die vorangegangen ist, die fiihlt man heute
eigentlich nicht mehr in lebendiger Art. Wenn man Geschichte betrach-
tet, so projiziert man eigentlich dasjenige, was man in der Gegenwart
zu sehen gewohnt ist, auch weiter nach riickwarts im geschichtlichen
Ablauf, und man bekommt nicht viel Vorstellung davon, wie ganz
andersartig die Geister vor diesem Zeitraum waren. Und wenn man
Urkunden sprechen lafit, so liest man eben in die Urkunden zum gro-
fien Teil schon dasjenige hinein, was heutige Denkungs- und Anschau-
ungsart ist.
Der geisteswissenschaftlichen Betrachtung stellt sich eben manches
ganz und gar anders dar. Und wenn man zum Beispiel den Blick auf
jene Personlichkeiten hinwendet, die aus dem Arabismus, aus der
Kultur Asiens heraus auf der einen Seite beeinflufit waren von dem,
was im Mohammedanismus als Religion sich ausgelebt hat, auf der
anderen Seite aber auch beeinflufit waren von dem Aristotelismus,
wenn man auf diese Personlichkeiten schaut, die dann den Weg her-
iiber iiber Afrika nach Spanien gefunden haben, die dann tief beein-
fluik haben die Geister Europas, bis zu Spinoza und iiber Spinoza
hinaus wiederum weiter die Geister Europas beeinflufit haben, dann
gewinnt man iiber sie keine Anschauung, wenn man sich ihre Seelen-
verfassung so vorstellt, wie wenn sie einfach Menschen der Gegen-
wart gewesen waren, nur dafi sie so und so viele Dinge noch nicht ge-
wufit haben, die spater gefunden worden sind. Denn so ungef ahr stellt
man sie sich ja vor. Aber die Denk- und Anschauungsweise auch noch
derjenigen Personlichkeiten aus der angedeuteten Zivilisationsrich-
tung, die etwa im 12. Jahrhundert lebten, war ganz anders als die
heutige.
Heute fuhlt sich der Mensch, wenn er so auf sich selbst zuriick-
blickt, als der Besitzer von Gedanken, Geftihlen, Willensimpulsen, die
dann zur Tat werden. Vor alien Dingen schreibt sich der Mensch eben
zu das «ich denke», das «ich fiihle», das «ich will». Bei diesen Geistern,
bei diesen Personlichkeiten, von denen ich jetzt rede, war das «ich
denke» noch gar nicht von solcher Empfindung begleitet, mit der wir
heute sagen: Ich denke -, sondern nur das «ich fuhle» und «ich will».
Diese Menschen haben ihrer eigenen Personlichkeit nur ihr Fuhlen und
ihr Wollen zugeschrieben. Aus altzivilisatorischen Untergriinden her-
aus lebten sie viel mehr in der Empfindung «es denkt in mir», als dafi
sie gedacht hatten «ich denke». Sie dachten wohl: «ich fuhle, ich will»,
aber sie dachten durchaus nicht in demselben Mafie: «ich denke»,
sondern sie sagten sich - und das ist eine ganz reale Anschauung ge-
wesen, die ich Ihnen jetzt mitteilen will -: Gedanken sind in der sub-
lunarischen Sphare, da leben die Gedanken. - Uberall sind diese Ge-
danken in derjenigen Sphare, die gegeben ist dadurch, dafi wir uns die
Erde (siehe Zeichnung, blau) vorstellen an einem gewissen Punkt, den
Mond hier an einem anderen, dann Merkur, Venus und so weiter.
Sie dachten sich die Erde als dichte, feste Weltenmasse, aber sie dach-
ten sich als zweites, was dazu gehort, die lunarische Sphare bis zum
Monde hinauf (gelb).
Tafel 1*
'it i
Und so wie wir sagen, in der Luft, in der wir atmen, ist Sauer-
stoff, so sagten diese Leute - es ist eben ganz vergessen worden, dafi
das so war -: In dem Ather, der bis zum Mond hinauf reicht, sind
Gedanken. - Und wie wir sagen, wir atmen den Sauerstoff der Luft
ein, so sagten diese Menschen allerdings nicht: wir atmen die Gedan-
ken ein, aber: wir perzipieren die Gedanken, wir nehmen die Gedan-
ken auf . Und sie waren sich dessen bewufit, dafi sie sie aufnehmen.
Sehen Sie, heute kann ein Mensch sich so etwas meinetwillen auch
als Begriff zu eigen machen. Er kann vielleicht sogar aus der Anthro-
posophie heraus so etwas einsehen. Aber er vergifit es ja gleich wieder,
wenn es aufs praktische Leben ankommt. Wenn es aufs praktische
Leben ankommt, dann macht er sich gleich eine ganz merkwiirdige
Vorstellung, er macht sich die Vorstellung, dafi die Gedanken in ihm
entspringen, was ganz gleich ware, wie wenn er meinte, dafi der Sauer-
stoff, den er aufnimmt, nicht von aufien aufgenommen wiirde, sondern
aus ihm heraus entsprange. Fur die Personlichkeiten, von denen ich
spreche, war eben ein tiefes Gefiihl, ein unmittelbares Erlebnis: Ich
* Zu den Tafein siehe auch S. 181.
17
habe nicht meine Gedanken als meinen Besitz, ich darf eigentlich nicht
sagen, «ich» denke, sondern «Gedanken sind», und ich nehme sie auf,
diese Gedanken.
Nun, vom Sauerstoff der Luft wissen wir, daft er in verhaltnis-
maftig kurzer Zeit den Kreislauf durch unseren Organismus durch-
macht. Wir zahlen solche Kreislaufe nach den Pulsschlagen. Das ge-
schieht schnell. Die Personlichkeiten, von denen ich spreche, stellten
sich schon das Aufnehmen der Gedanken wie eine Art von Atmen vor,
aber em sehr langsames Atmen, ein Atmen, das darin besteht, daft im
Beginne des Erdenlebens der Mensch fahig wird, die Gedanken auf-
zunehmen. So wie wir den Atem eine gewisse Zeit zwischen der Ein-
atmung und der Ausatmung in uns halten, so stellten sich diese Men-
schen auch einen Tatbestand vor, dahingehend, daft sie nun die Ge-
danken halten, aber eben nur so, wie wir den Sauerstoff, der der
aufteren Luft angehort, halten. So stellten sie sich es vor: sie halten
die Gedanken, und zwar wahrend der Zeit ihres Erdenlebens, und sie
atmen sie wieder aus, hinaus in die Weltenweiten, wenn sie durch die
Pforte des Todes gehen. So daft man es also zu tun hatte mit einem
Einatmen: Lebensbeginn; Atemhalten: Dauer des Erdenlebens; Aus-
atmen: Hinaussenden der Gedanken in die Welt. Menschen, die so
innerlich erlebten, fiihlten sich mit alien anderen, die gleich erlebten,
in einer gemeinschaftlichen Gedankenatmosphare, die nicht bloft ei-
nige Meilen uber die Erde hinaufging, sondern die eben bis zum Mon-
denumkreis ging.
Man kann sich nun vorstellen, daft diese Anschauung, die damals
um die europaische Zivilisation gekampft hat, sich immer weiter und
weiter ausbreiten wollte, namentlich von jenen Aristotelikern aus, die
von Asien heruber nach Europa auf dem Wege gekommen sind, den
ich angedeutet habe. Man konnte sich nun vorstellen, daft diese An-
schauung sich wirklich ausgebreitet hatte. Was ware geworden?
Ja, es ware dann nicht dazu gekommen, daft im vollsten Sinne des
Wortes sich das hatte ausleben konnen, was sich doch im Laufe der
Erdenentwickelung hat ausleben mussen: namlich die Bewufttseins-
seele. Diejenigen Menschen, von denen ich da spreche, standen sozu-
sagen im letzten Stadium der Entwickelung der Verstandes- oder Ge-
miitsseele. Heraufkommen sollte im 14. und 15. Jahrhundert die Be-
wufitseinsseele, die eben alles in der Zivilisation in Intellektualismus
uberfiihrte, wenn sie im Extrem sich auslebte.
Die europaische Bevolkerung war in ihrer Totalitat im 10., 11., 12.
Jahrhundert keineswegs durchaus befahigt, eine solche Anschauung,
wie die der Personlichkeiten, die ich charakterisiert habe, einfach iiber
sich ergehen zu lassen, denn die Entwickelung der Bewufkseinsseele
ware dann ausgeblieben. Wenn es auch sozusagen im Ratschlufi der
Gotter bestimmt war, dafi die Bewufkseinsseele sich entwickele, so war
es doch so, daft diese Bewufkseinsseele sich nicht aus der Eigentatigkeit
der europaischen Menschheit in ihrer Totalitat heraus hat entwickeln
konnen, sondern es mufite gewissermaften ein Impuls kommen, der
dahin ging, die Bewufkseinsseele besonders zu entwickeln.
So dafi wir heraufkommen sehen von dem Zeitalter an, das ich
jetzt charakterisiert habe, zwei Geistesstromungen. Die eine Geistes-
stromung war sozusagen bei den arabisierenden Philosophen vertre-
ten, die vom Westen Europas herein die europaische Zivilisation stark
beeinflufken, viel starker, als man heute glaubt. Die andere Stromung
war diejenige, welche in scharfster Weise diese Stromung, die ich
charakterisierte, bekampfte, welche in scharfster Strenge diese An-
schauung als die ketzerischste fur Europa hinstellte. Wie stark das
noch lange gefuhlt wurde, das, meine lieben Freunde, empfinden Sie,
wenn Sie Bilder anschauen, wo etwa Dominikanermonche oder Tho-
mas von Aquino selber im Triumphe dargestellt werden, im Triumphe
einer ganz anderen Anschauung, einer Anschauung, die vor alien Din-
gen die Individuality, das Personliche des Menschen betont, die dahin
arbeitet, daft der Mensch sich seine Gedanken als sein Eigentum an-
eignet, und wo diese Dominikaner dargestellt werden, wie sie die Ver-
treter des Arabismus mit Fiifien treten. Die sind unter ihren Fiifien,
die werden getreten. In solchem Gegensatz hat man eben die beiden
Stromungen lange empfunden. Eine Gefuhlsenergie, wie sie in einem
solchen Bilde liegt, ist eigentlich in der heutigen, etwas apathischen
Menschheit nicht mehr vorhanden. Wir brauchen sie aller dings nicht
fur jene Dinge, fur die damals gekampft worden ist, aber wir brauchen
sie fur andere Dinge wiederum gar sehr!
Bedenken wir einmal, was da vorgestellt wurde: Einatmung der
Gedanken aus demWeltenather, aus der sublunarischen Sphare: Lebens-
anfang; Atemhalten: Erdenleben; Ausatmung: wiederum Hinaustre-
ten der Gedanken, aber mit der individuell menschlichen Farbung, in
den Weltenather, in die Impulse der Sphare unter dem Monde, in die
Tafel 1 Impulse der sublunarischen Sphare.
redS Was ist denn dieses Ausatmen? Ganz genau dasselbe, meine lieben
Freunde, wie das, von dem wir sagen: in den drei Tagen nach dem
Tode vergroftert sich der Atherleib des Menschen. Der Mensch sieht
zuriick auf den sich langsam vergrofternden Atherleib, er sieht, wie
sich seine Gedanken hinaus ausbreiten in den Kosmos. Es ist ja ganz
dasselbe, was nur, ich mochte sagen, von einem subjektiveren Stand-
punkte aus dazumal dargestellt worden ist. Also es ist ja immer wie-
derum wahr, wie diese Leute dazumal empfanden und erlebten. Sie
empfanden den Kreislauf des Lebens tiefer, als er heute empfunden
werden kann.
Aber dennoch: waren ihre Anschauungen herrschend geworden in
Europa in der Form, in der sie damals da waren, dann ware nur ein
schwaches Ich-Gefiihl bei den Menschen der europaischen Zivilisation
zur Entwickelung gekommen. Die Bewufkseinsseele hatte nicht her-
austreten konnen, das Ich hatte sich in dem «ich denke» nicht erfafit,
der Unsterblichkeitsgedanke ware immer verschwommener und ver-
schwommener geworden. Die Menschen hatten immer mehr und mehr
auf dasjenige hingeblickt, was so im allgemeinen in der sublunarischen
•Sphare herumwellt und -webt, wenn es iibriggeblieben ist von dem
Menschen, der hier auf dieser Erde gelebt hat. Man hatte die Geistig-
keit der Erde als ihre erweiterte Atmosphare gefuhlt, man hatte sich
mit der Erde gefuhlt, aber nicht als individueller Mensch, abgesondert
von der Erde; denn die Menschen, die ich charakterisierte, die fiihlten
sich eigentlich durch dieses «es denkt in mir» mit der Erde innig zu-
sammenhangend. Sie fiihlten sich nicht in demselben Grade als Indi-
vidualitaten, wie dies die Menschen im iibrigen Europa anfingen zu
fiihlen, wenn auch in unklarer Weise.
Dann aber miissen wir doch auch das Folgende beriicksichtigen:
Nur diese geistige Stromung, von der ich sprach, wufSte davon, daft,
wenn der Mensch stirbt, die von ihm wahrend des Erdenlebens auf-
genommenen Gedanken im Weltenather, der die Erde umgibt, wellen
und weben. Und diese Anschauung wurde also von denjenigen Per-
sonlichkeiten, die ja namentlich aus dem Dominikanerorden hervor-
gingen, scharf bekampft, und scharf wurde geltend gemacht: Der
Mensch ist eine Individualitat, man hat vor alien Dingen auf das-
jenige zu sehen, was vom Menschen als Individualitat durch die Pforte
des Todes geht, nicht auf das, was sich auf lost im allgemeinen Welten-
ather. Das wurde eben vorzugsweise, obwohl nicht allein von den
Dominikanern, aber ich mochte sagen, reprasentativ von den Domi-
nikanern betont. Diese Anschauung von der Individualitat des Men-
schen wurde scharf und energisch vertreten gegeniiber der ersten Rich-
tung, die ich charakterisiert habe. Aber gerade dies bewirkte einen
ganz bestimmten Zustand.
Denn sehen wir einmal hin auf die Vertreter, sagen wir also jetzt,
des Individualismus. Es waren ja da diese individuell gefarbten Ge-
danken, die in den allgemeinen Weltenather iibergingen. Und diejeni-
gen, die gegen diese Stromung kampften, die wurden gerade dadurch,
dafi sie noch wufken, noch lebendig wufiten: da wird das behauptet,
diese Anschauung ist da - beunruhigt gerade von dem, was wirklich
da war. Diese Beunruhigung durch die sich vergrdfternden und auf-
losenden und die menschlichen Gedanken an den Weltenather abge-
benden Krafte, diese Beunruhigung gerade der hervorragendsten Den-
ker, die horte ja erst im 16., 1 7. Jahrhundert auf.
Man mufi sich schon in die Seelenverfassung namentlich solcher
Leute, die dem Dominikanerorden angehort haben, hineinversetzen
konnen, um zu ermessen, wie gerade diese Leute beunruhigt wurden
durch dasjenige, was vorhanden ist als Hinterlassenschaft von den
verstorbenen Menschen, und an das sie nicht mehr mit ihrer Anschau-
ung sozusagen glauben diirfen, glauben konnen. Man mufi sich hin-
einversetzen in die Gemiiter dieser Menschen. So trocken, so abstrakt,
so eisig begrifflich, wie die Menschen heute denken, konnte ja ein her-
vorragender Geist im 13., 14. Jahrhundert nicht denken. Heute kom-
men einem ja die Menschen vor, wenn sie irgendwelche Anschauungen
vertreten, als wenn es als eine Bedingung galte fiir das Vertreten von An-
schauungen, dafi einem erst das Herz aus dem Leibe gerissen wird. Da-
zumal war es nicht so. Dazumal war Innigkeit, ich mochte sagen Herz-
lichkeit in all dem, was man als Ideen vertrat. Dadurch aber, daft diese
Herzlichkeit vorhanden war, war auch in einem solchen Falle wie
dem, den ich hier anfuhre, ein starker innerer Kampf vorhanden.
Und unter den furchtbarsten inneren Kampfen hat sich dasjenige
ausgebildet, was zum Beispiel vom Dominikanerorden als eine gewisse
Philosophic ausgegangen ist, die dann spater das Leben, weil das ja
noch viel mehr auf Autoritat einzelner Menschen gebaut war, stark
beeinflufke. Solch eine allgemeine Bildung gab es ja damals noch nicht;
es stromte in alles, was Bildung war, was uberhaupt die Leute wuftten,
dasjenige hinein, was wenige besafien, die daher auch mehr hinauf-
ragten zu dem, was philosophisches Leben und Streben war. In all
dem, was da in die Zivilisation einflofl, war enthalten, was in solchen
inneren Kampfen durchlebt wurde. Heute liest man die Schriften der
Scholastiker und empfindet nur trockene Gedanken. Aber trocken
sind ja eigentlich blofi die Leser heute. Diejenigen Menschen, die sie
geschrieben haben, waren schon nicht trocken in ihrem Gemute. Die
waren voll inneren Feuers gegenuber ihren Gedanken. Und dieses in-
nere Feuer kam eben von dem Bestreben, abzuweisen den objektiven
GedankeneinflufS.
Wenn heute einer denkt iiber Weltanschauungsfragen, so beirrt ihn
ja eigentlich nichts. Man kann heute den grofken Unsinn denken, und
man denkt ihn ganz ruhig, weil fur die Menschheit, die schon so lange
innerhalb der Bewufkseinsseele sich entwickelt hat, keine Beunruhi-
gung von der Art eintritt, dafi die einzelnen empfinden wiirden, wie
nun die Gedanken der Menschen sich ausnehmen, wenn sie nach dem
Tode hinausfliefien in die Atherumgebung der Erde. Heute sind ja
ganz unbekannt solche Dinge, wie sie noch im 13., 14. Jahrhundert
erlebt werden konnten, wo jiingere Priester zu alteren Priestern kamen
und noch die inneren Qualen, die sie durchmachten im Bestandigblei-
ben in ihrem Religionsbekenntnisse, dadurch ausdriickten, dafi sie sag-
ten: Mich qualen die Gespenster der Toten.
Denn mit den Gespenstern der Toten war das eben gemeint, was
ich jetzt charakterisiert habe. Da konnten die Menschen noch hin-
einwachsen in dasjenige, was sie eben lernten. Man lernte innerhalb
einer gewissen Gemeinschaft, sagen wir einer Dominikanergemein-
schaft, daft der Mensch individuell ist, auch seine individuelle Un-
sterblichkeit hat. Man lernte, daft es eine falsche, ketzerische Anschau-
ung ist, wenn in bezug auf das Denken eine All-Erdenseeele angeschaut
wird, man lernte das scharf bekampfen. Aber man empfand in gewis-
sen Augenblicken, in denen man so recht mit sich selber zu Rate ging,
das objektive Wirken der Gedanken von den Oberresten der verstor-
benen Menschen und sagte sich dann: Ist es denn ganz richtig, daft ich
das tue, was ich tue? Da ist etwas Unbestimmtes, das in meine Seele
hineinwirkt. Ich komme nicht auf dagegen. Ich werde festgehalten. -
Ja, die Intellekte der Menschen, oder wenigstens vieler Menschen, wa-
ren eben zu jener Zeit noch so geordnet, daft fur sie die Toten wenig-
stens noch tagelang nach dem Tode recht allgemein sprachen. Und
hatte der eine aufgehort zu sprechen, so fing ein anderer an. Man fiihlte
sich auch in bezug auf solche Dinge dann ganz darinnen im allgemei-
nen Geistigen des Weltenalls, wenigstens noch im Atherischen.
Dieses Miterleben mit dem Weltenall, das hat in unsere Zeiten
herein eben ganz aufgehort. Und dafiir haben wir das Leben in der
Bewufttseinsseele errungen. Und all das, was uns als eine Realitat
ebenso umgibt wie Tische und Stiihle, wie Baume und Fliisse, was
uns als eine geistige Realitat umgibt, das wirkt nur noch auf die Tie-
fen des Unterbewufttseins der Menschen. Die Innerlichkeit des Lebens,
die geistige Innerlichkeit des Lebens, die hat eben aufgehort. Die wird
erst wiederum errungen in einer lebendig aufgenommenen geisteswis-
senschaftlichen Erkenntnis.
Und so lebendig miissen wir uber eine geisteswissenschaftliche Er-
kenntnis denken, wie es sich uns ergibt, wenn wir solche Erscheinun-
gen, die noch gar nicht so lange hinter uns liegen, anschauen. Man
denke sich den scholastischen Denker oder Schriftsteller des 13. Jahr-
hunderts. Er schreibt seine Gedanken hin. Heute ist denken leicht,
denn die Menschen haben sich schon gewohnt, intellektualistisch zu
denken. Dazumal fing es eben an, da war es noch schwer. Da war man
sich noch bewufit einer ungeheuren inneren Anstrengung, da war man
sich bewuftt einer Ermudung durch das Denken wie durch das Holz-
hacken, wenn ich mich trivial ausdriicken darf. Heute ist ja das Den-
ken vieler Menschen schon ganz automatisch geworden. Und ist man
denn heute etwa von der Sehnsucht befallen, jeden seiner Gedanken
mit seiner menschlichen Personlichkeit zu verfolgen? Man hort zu, wie
die Menschen heute wie ein Automat einen Gedanken aus dem an-
deren hervorgehen lassen konnen, so dafi man gar nicht nachkommt,
dafi man auch gar nicht weifl, warum; denn da ist nichts von einer
Notwendigkeit vorhanden. Aber solange der Mensch im Leibe lebt,
soil er mit seiner Personlichkeit seine Gedanken verfolgen. Dann neh-
men sie schon einen anderen Gang: sie breiten sich aus, wenn er ge-
storben ist.
Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von
dem individuellen Menschen zur Rettung der Lehre von der individu-
ellen Unsterblichkeit mit alien scharf einschneidenden Gedanken ver-
teidigen, polemisch werden gegen Averroes oder sonstige Leute von
jener ersten Richtung, die ich heute charakterisiert habe. Dann war
aber eine Moglichkeit vorhanden: es war die Moglichkeit vorhanden,
da!5 dasjenige, was gerade von einer solchen hervorragenden Person-
lichkeit wie Averroes nach dem Tode wie eine Art Gespenst in der
sublunarischen Sphare sich aufgelost hat, wiederum am Ende der sub-
lunarischen Sphare - eben durch den Mond selber - gerade stark ge-
sammelt worden und geblieben ist, nach der Vergrofterung sogar wie-
der verkleinert worden ist und ihm Gestalt gegeben worden ist, so
daft es wiederum zu einem, ich mochte sagen, im Ather aufgebauten
Wesen konsolidiert worden ist. Das konnte geschehen. Dann saft man
und versuchte, den Individualismus zu begriinden: Man polemisierte
gegen Averroes - und Averroes erschien, erschien drohend und beirrte
das Gemiit. Gegen den langst verstorbenen Averroes standen im 13.
Jahrhundert die wichtigsten scholastischen Schriftsteller auf. Gegen
den langst Gestorbenen polemisierte man, gegen dasjenige, was als
Lehre geblieben ist: er bewies einem, dafi seine Gedanken wiederum
verdichtet, konsolidiert worden sind und weiterleben!
Diese inneren Kampfe, die dem Anfang des Bewufttseinszeitalters
vorangegangen sind, sind schon so, dafi man heute auf ihre ganze In-
tensitat, auf ihre Innigkeit hinschauen sollte. Worte sind schliefilich
Worte, und die spateren Menschen nehmen eben das, was hinter den
Worten ist, mit denjenigen Begriffen, die sie haben. Aber solche Worte
schlossen manchmal reiches Seelenleben ein, deuteten hin auf Seelen-
leben, wie ich sie eben jetzt charakterisiert habe.
Und so haben wir zwei Stromungen, die im Grunde genommen
bis zum heutigen Tage wirksam geblieben sind. Wir haben die eine
Stromung, die gern - jetzt nur noch von der geistigen Welt, aber da
urn so starker - dem Menschen klarmachen mochte, dafi ein allge-
meines Gedankenleben die Erde umgibt, daft man in Gedanken drin-
nen seelisch-geistig atmet, und die andere Stromung, die vor allem den
Menschen hinweisen will darauf, dafi er sich unabhangig machen sollte
von solcher Allgemeinheit, dafi er sich in seiner Individuality erleben
sollte. Die eine Stromung, die erste, mehr wie ein unbestimmtes Rau-
nen in der geistigen Erdenumgebung, ist heute fur viele Menschen, die
schon auch vorhanden sind, nur noch wahrnehmbar, wenn in beson-
ders gestalteten Nachten die Leute auf ihrem Lager liegen und dem
Unbestimmten zuhdren, und wo aus diesem Unbestimmten heraus
alle moglichen Zweif el geboren werden an dem, was die Leute heute aus
ihrer Individualist heraus mit solcher Bestimmtheit behaupten. Wir
haben bei anderen Leuten, die immergut schlafen, weil sie mit sich selbst
zufrieden sind, dann das strenge Betonen des individuellen Prinzips.
Und dieser Kampf lodert eigentlich auf dem Grunde der euro-
paischen Zivilisation. Er lodert bis zum heutigen Tage. Und in den
Dingen, die sich aufterlich an der Oberflache unseres Lebens abspie-
len, haben wir im Grunde genommen kaum etwas anderes als eben
oberflachliche Wellenschlage dessen, was in der Tiefe der Seelen schon
einmal vorhanden ist als Oberrest jenes tieferen, jenes intensiveren
Seelenlebens der damaligen Zeit.
Nun sind ja so manche Seelen aus der damaligen Zeit wiederum
im gegenwartigen Erdenleben da. Sie haben in einer gewissen Weise
besiegt, was sie dazumal in starkem Mafie fur das Oberbewufitsein be-
unruhigt hat, wenigstens fur gewisse Augenblicke im Oberbewufksein
beunruhigt hat. Aber in der Tiefe lodert das in zahlreichen Gemiitern
heute um so mehr. Geisteswissenschaft ist eben wiederum dazu da, um
auch auf solche historische Erscheinungen hinzuweisen.
Nun aber diirfen wir das Folgende nicht vergessen. In demselben
MalSe, in dem die Menschen im Erdenleben unbewufit werden fiir das-
jenige, was doch da ist: die Athergedanken der nachsten Erdenumge-
bung, in demselben Mafie, in dem sich daher die Menschen ihren Eigen-
besitz, das «ich denke* aneignen, in demselben Mafte engt sich die
menschliche Seele ein, und der Mensch geht mit einer eingeengten
Seele durch die Pforte des Todes. Diese eingeengte Seele hat dann un-
wahre, unvollstandige, sich widersprechende irdische Gedanken in den
Weltenather hineingetragen. Die wirken nun auch wieder zuriick auf
die Gemiiter der Menschen. Und daraus entstehen soziale Bewegungen,
wie wir sie eben heute entstehen sehen. Die mufi man ihrer inneren Ent-
stehungsweise nach begreifen, dann wird man auch einsehen, daft es
kein Heilmittel gibt gegen diese oftmals so zerstorerischen sozialen
Anschauungen als die Verbreitung der Wahrheit iiber das geistige Le-
ben und Wesen.
Sie haben ja schon aus den Vortragen gesehen, die hier gerade als
historische Vortrage mit Beriicksichtigung des Reinkarnationsgedan-
kens gehalten worden sind und die zu ganz konkreten Beispielen ge-
fiihrt haben, wie unter der Oberflache der aufieren Geschichte die
Dinge wirken, wie dasjenige, was in einem Zeitalter lebt, in ein spa-
teres Zeitalter durch die ins Leben wiederkommenden Menschen ins
Leben hiniibergetragen wird. Aber es wirkt ja alles, was an Geistigem
vorhanden ist zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, mit an der
Gestaltung dessen, was von einem Erdenleben ins andere durch Men-
schen getragen wird. Heute ware es etwas Gutes, wiirden zahlreiche
Seelen sich jene Objektivitat erwerben, zu der man Verstandnis er-
weckend sprechen kann, wenn man gerade diejenigen Menschen cha-
rakterisiert, die in der Abendrote des Verstandes- oder Gemiitszeit-
alters gelebt haben.
Diese Menschen, die damals gelebt haben, zum Teil jetzt wieder da
sind, die haben gerade diese Abendrote eines Zeitalters tief in ihrer
Seele miterlebt: Sie haben durch ihre fortwahrenden Anfechtungen
von jenen Gespenstern, von denen ich gesprochen habe, im Grunde
doch einen tiefen Zweifel aufgenommen an der einzigartigen Gultig-
keit des Intellektualistischen. Dieser Zweifel ist zu begreifen. Denn
so im 13. Jahrhundert hat es viele Menschen gegeben, die erkennende
Menschen waren, die dazumal im ja fast durchaus theologisierenden
Wissenschaftsbetrieb darinnen waren und die es als eine tiefe Gewis-
sensfrage behandelten: Was wird denn nun eigentlich?
Solche Seelen haben oftmals fur die damalige Zeit Grofies, Ge-
waltiges aus ihren friiheren Inkarnationen in diese Zeit hineingetra-
gen. Sie haben es schon in intellektualistische Farbung gebracht, aber
sie empf anden das Ganze als eine Niedergangsstromung, und sie emp-
fanden Gewissensbisse bei der aufgehenden Strdmung, die nach Indi-
vidualist hindrangte - bis dann diejenigen Philosophen kamen, die
unter einem bestimmten Einfluft standen, der eigentlich alien Sinn
totgeschlagen hat. Wenn man radikal spricht, kann man auch sagen:
bis die kamen, die unter dem Einflufl von Descartes, von Cartesius
standen; denn auch sehr viele von denen, die in der friiheren Scho-
lastik drinnengestanden hatten, waren ja der Denkweise des Carte-
sius sozusagen zum Opfer gefallen. Ich sage nicht, dafi sie Philoso-
phen geworden sind. - Diese Dinge verwandelten sich ja, und wenn
die Menschen anfangen, in diesen Richtungen zu denken, dann wer-
den Dinge zu Selbstverstandlichkeiten, die merkwiirdiger Unsinn sind;
denn von Descartes kommt ja her der Satz: Cogito ergo sum - Ich
denke, also bin ich.
Meine lieben Freunde, das gait unzahligen scharfsinnigen Denkern
als eine Wahrheit: Ich denke, also bin ich. Die Folge davon ist, vom
Morgen bis zum Abend: ich denke, also bin ich. Ich schlafe ein: ich
denke nicht, also bin ich nicht. Ich wache wieder auf : ich denke, also
bin ich. Ich schlafe ein, also, da ich nicht denke, bin ich nicht. - Und
die notwendige Konsequenz ist: man schlaft nicht nur ein, man hort
auf zu sein, wenn man einschlaft! Es gibt keinen weniger geeigneten Tafd 1
Beweis fiir das Dasein des Geistes des Menschen als den Satz: Ich LS
denke, also bin ich. Dennoch fing dieser Satz an, im Zeitalter der Be-
wufitseinsentwickelung als der mafigebende Satz zu gelten.
Man ist heute genotigt, wenn man auf solche Dinge aufmerksam
macht, den Anschein eines Sakrilegs auf sich zu nehmen. Aber gegen-
iiber dem allem mochte ich hinweisen auf eine Art Gesprach, das nicht
historisch verzeichnet ist, das aber durch geistige Forschung heraus-
gefunden werden kann unter den Tatsachen, die geschehen sind, ein
Gesprach, das stattgefunden hat zwischen einem alteren und einem
jiingeren Dominikaner, und das etwa so gelautet hat.
Der Jiingere sagt: Denken ergreift die Menschen. Denken - der
Schatten der Wirklichkeit - ergreift die Menschen. Denken war ja
immer in alten Zeiten die letzte Offenbarung des lebendigen Geistes
von oben. Jetzt ist es dasjenige, das vergessen hat diesen lebendigen
Geist von oben, jetzt wird es als blofier Schatten erlebt. Wahrlich -
sagte dieser Jiingere wenn man einen Schatten sieht, dann deutet
dieser Schatten auf Realitaten hin: die Realitaten sind schon da! -
Also nicht das Denken als solches ist damit angefochten, aber dafi
man aus dem Denken den lebendigen Geist verloren hat.
Der Altere sagte: Es mufi eben in dem Denken - dadurch, daft der
Mensch seine Blicke liebevoll hinwendet auf die aufiere Natur und
Offenbarung als Offenbarung hinnimmt, nicht mit dem Denken an die
Offenbarung herangeht -, es mull eben in dem Denken fur die fruhere
himmlische Realitat wiederum eine irdische Realitat gefunden werden.
Was wird eintreten? - sagte der Jiingere. Wird die europaische
Menschheit so stark sein, um diese irdische Realitat des Denkens zu
finden, oder wird sie nur so schwach sein, um die himmlische Realitat
des Denkens zu verlieren?
Darinnen, in diesem Zwiegesprach, liegt eigentlich alles, was in be-
zug auf die europaische Zivilisation heute noch gelten kann. Denn nach
jener Zwischenzeit mit der Verdunkelung der Lebendigkeit im Den-
ken, die nun da war, mufi eben wiederum das Erringen des lebendigen
Denkens eintreten, sonst wird die Menschheit schwach bleiben und die
eigene Realitat iiber der Realitat des Denkens verlieren. Daher ist
es schon notwendig, dafi seit dem Eintreten unseres Weihnachtsimpul-
ses in der anthroposophischen Bewegung riickhaltlos gesprochen werde
in Form des lebendigen Denkens. Sonst kommen wir immer mehr und
mehr dazu, dafi auch dasjenige, was da oder dorther gewuftt wird -
dafi der Mensch physischen Leib, Atherleib, Astralleib hat -, nur mit
den Formen des toten Denkens erfafit wird. Aber das darf nicht mit
den Formen des toten Denkens erfafit werden, denn dann ist es eigent-
lich eine entstellte Wahrheit, nicht die Wahrheit selber.
Das ist, was ich heute charakterisieren wollte. Wir miissen dazu
kommen, mit innerem Anteil iiber die gewohnliche Geschichte hinaus
Sehnsucht nach derjenigen Geschichte zu haben, die im Geiste gelesen
werden muf5 und gelesen werden kann. Diese Geschichte, sie soli im-
mer mehr und mehr in der anthroposophischen Bewegung gepflegt
werden. Heute wollte ich, ich mochte sagen, mehr das Konkret-Pro-
grammatische nach dieser Richtung hin vor Ihre Seele stellen, meine
lieben Freunde. Manches ist aphoristisch gesagt worden, aber der Zu-
sammenhang in diesen Aphorismen, die ich heute gesprochen habe,
wird Ihnen aufgehen, wenn Sie versuchen, das, was ausgesprochen wer-
den wollte, weniger intellektualistisch zu verfolgen, als vielmehr es
mit dem ganzen Menschen zu erfiihlen - erkennend es erfuhlen, fiih-
lend es erkennen -, damit immer mehr und mehr wirklich von Spiri-
tualitat getragen werde nicht nur, was innerhalb unserer Kreise gesagt
wird, sondern auch das, was innerhalb unserer Kreise gehort wird.
Erziehung brauchen wir zum spirituellen Anhoren, dann werden
wir unter uns die Spiritualitat entwickeln. Diese Empfindung wollte
ich heute anregen, nicht einen systematischen Vortrag halten, sondern
mehr oder weniger - allerdings mit Berufung auf allerlei geistige Tat-
sachen - zu Ihren Herzen sprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 4. Juli 1924
Ich werde heute noch einiges dariiber anzudeuten haben, wie die kar-
mischen Vorbereitungskrafte im Menschen dann weiter ihre Entwicke-
lung durchmachen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes ge-
gangen ist. Wir miissen uns ja vorstellen, da!5 fur das gewohnliche Be-
wufksein die Sache so liegt, dafi die Bildung des Karma, jener Ver-
kehr uberhaupt mit der Welt, den man karmisch nennen kann, sicli
im Menschen mehr instinktiv abspielt. Wir sehen die Tiere instinktiv
handeln. Gerade solcke Worte, die sehr haufig innerhalb und aufler-
halb der Wissenschaft gebraucht werden, wie Instinkt, werden ja ge-
wohnlich in ganz unbestimmter Weise gebraucht. Man gibt sich keine
Miihe, etwas Deutlicheres darunter sich vorzustellen. Was ist denn
eigentlich bei den Tieren dasjenige, was man Instinkt nennt?
Wir wissen, die Tiere haben eine Gruppenseele. Das Tier ist ja, so
wie es ist, kein abgeschlossenes Wesen, sondern dahinter steht die
Gruppenseele. Welcher Welt gehort denn eigentlich die Gruppenseele
an? Da mufi man die Frage beantworten: Wo findet man die Gruppen-
seelen der Tiere? Hier in der physisch-sinnlichen Welt findet man die
Gruppenseelen der Tiere ja nicht, hier sind nur die einzelnen Indivi-
duen der Tiere. Man findet die Gruppenseelen der Tiere erst, wenn
man entweder durch Initiation oder im gewohnlichen Verlauf der
menschlichen Entwickelung zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt in die ganz andere Welt hineinkommt, die der Mensch zwischen
Tod und neuer Geburt durchmacht. Da findet man unter den Wesen-
heiten, mit denen man dann zusammen ist und unter denen ja vor-
zugsweise diejenigen sind, die ich angefiihrt habe als solche, mit denen
man das Karma ausarbeitet, die Gruppenseelen der Tiere. Und die
Tiere, die hier auf dieser Erde sind, handeln, wenn sie instinktiv han-
deln, aus dem vollen Bewufksein dieser Gruppenseelen heraus. So kon-
nen Sie sich vorstellen, meine lieben Freunde, wie, wenn wir, schema-
tisch gezeichnet, hier das Reich haben, in dem wir zwischen Tod und
neuer Geburt leben (siehe Zeichnung, gelb), die Krafte wirken, die von
den Gruppenseelen der Tiere ausgehen (blau). Die sind da drinnen
auch. Und hier auf dieser Erde sind dann die einzelnen Tiere, die
wirken, indem sie gewissermaften an den Faden gezogen werden, die
zu den Gruppenseelen hingehen, die man in dem Reiche zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt findet. Das ist Instinkt.
Tafel 2
Es ist ganz natiirlich, daft eine materialistische Weltanschauung den
Instinkt nicht erklaren kann, weil der Instinkt ein Handeln aus dem
heraus ist, was Sie zum Beispiel in meinem Buche «Theosophie» und in
meiner «Geheimwissenschaft im Umrift» als «Geisterland» bezeichnet
finden. Beim Menschen ist das anders. Der Mensch hat auch einen In-
stinkt, aber er handelt, wenn er hier ist, durch diesen Instinkt nicht
aus diesem Reiche heraus, sondern er handelt aus seinen friiheren Er-
denleben heraus, iiber die Zeit hinaus aus seinen friiheren Erdenleben,
aus einer Anzahl fruherer Erdenleben (rot). Wie das geistige Reich auf
die Tiere in der Art wirkt, daft sie instinktiv handeln, so wirken die
friiheren Inkarnationen des Menschen auf die spateren Inkarnationen
so, daft das Karma einfach instinktmaftig ausgelebt wird, aber es ist
ein geistiger Instinkt, es ist ein Instinkt, der innerhalb des Ich wirkt.
Gerade wenn man dies ins Auge faftt, wird man die absolut wider-
spruchslose Vereinigung dieses Instinktwirkens mit der menschlichen
Freiheit ins Auge fassen. Denn die Freiheit wirkt aus dem Gebiete
heraus, aus dem die Tiere instinktiv wirken: aus dem Geisterreiche
heraus.
Nun wird es sich uns aber heute viel mehr darum handeln, wie
dieser Instinkt sich vorbereitet, wenn der Mensch durch die Pforte des
Todes geht. Hier im Erdenleben ist das karmische Erleben eben instink-
tiv, es spielt sich sozusagen unter der Oberflache des Bewufltseins ab.
Tafel 2
In dem Augenblicke, wo wir durch die Pforte des Todes gegangen
sind, wird alles das, was wir zunachst auf Erden erlebt haben, wah-
rend weniger Tage ja objektiv bewufit; wir haben es vor uns in sich
immer vergrofternden Bildern. Da geht mit dem, was wir da iiber-
schauen, auch dasjenige mit, was sich instinktiv im karmischen Waken
abgespielt hat. So daf$ also, wenn der Mensch durch die Pforte des
Todes schreitet und das Leben, sich immer mehr vergrofiernd (siehe
Zeichnung, gelb) vor seinem Anblick sich abspielt, mit alledem auch
dasjenige mitgeht, was ihm nur instinktiv, nicht bewufit war: das
ganze karmische Gewebe (blau). Das sieht er nicht gleich in den nach-
sten Tagen nach dem Tode, aber er sieht allerdings das, was er sonst
nur in der blassen Erinnerung iiberblickt, in lebendiger Gestaltung;
er sieht zum Beispiel, dal5 da schon etwas anderes drinnen ist als die
gewohnliche Erinnerung. Wenn man dann mit dem Initiationsblick
iiberschaut, was da der Mensch vor sich hat, so kann man folgendes
ausfuhren.
Der Mensch selbst, der gestorben ist und das gewohnliche Bewufit-
sein gehabt hat wahrend des Erdenlebens, sieht ja sozusagen dasjenige,
was er da vor sich hat als sein Erdenleben in einem machtigen Pano-
rama, das sieht er ja sozusagen von vorne (siehe Zeichnung, blau). Mit
Tafel 2
dem Initiationsblick kann man es auch von der anderen Seite, von
riickwarts anschauen (gelb), dann spriefit da heraus das Netz der kar-
mischen Zusammenhange. Da sieht man es dann, dieses Netz der kar-
mischen Zusammenhange, die ja zunachst noch aus Gedanken gespon-
nen sind, die in dem Willen wahrend des Erdenlebens gelebt haben - da
kommt es heraus.
Aber jetzt gliedert sich gleich ein anderes an, meine lieben Freunde.
Ich habe es Ihnen ja oftmals betont: die Gedanken, die man wahrend
des Erdenlebens bewufit durchlebt, sind tot; diejenigen Gedanken aber,
die ins Karma hineinverwoben sind, und die da herauskommen, sie
sind lebendig. So daft nach dem Riickwarts der Lebensiiberschau le-
bendige Gedanken heraussprieften. Und jetzt ist das ungeheuer Be-
deutsame und Wesenhafte dieses, daft nun die Wesen der dritten Hier-
archie herankommen und das, was da aufsprieftt, ich mochte sagen von
der Hinterseite der Lebensiiberschau, in Empfang nehmen. Angeloi,
Archangeloi, Archai saugen gewissermafien dasjenige auf, was da auf-
sprieftt, atmen es auf.
Das geschieht wahrend der Zeit, wahrend welcher der Mensch sich
hinauflebt bis zum Ende der Mondsphare. Dann tritt er ein in diese
Mondsphare, und die Rikkwartswanderung durch das Leben beginnt,
die ein Drittel der Zeit dauert, die der Mensch auf der Erde durchlebt
hat, die eigentlich, genauer gesprochen, so lange dauert, wie die Schla-
fenszeiten dauerten, die der Mensch auf der Erde verbracht hat.
Wie dieses Rikkwartsleben geschieht, habe ich Ihnen ja auch schon
ofter dargestellt. Wir konnen uns aber zunachst fragen: Wenn der
Mensch im gewohnlichen Schlafe ist, wie ist er da im Verhaltnis zu
dem Zustande, in dem er so unmittelbar nach dem Tode ist? Ja, sehen
Sie, wenn der Mensch in den gewohnlichen Schlaf kommt, so ist er ja
als geistig-seelisches Wesen nur in seinem Ich und in seinem astralischen
Leibe. Er hat nicht seinen Atherleib bei sich, der ist zuriickgeblieben
im Bette. Dadurch bleiben die Gedanken leblos, haben gar keine Wir-
kungsweise, sind Bilder. Jetzt, indem der Mensch durch die Pforte des
Todes geht, nimmt der Mensch zunachst seinen Atherleib mit, der sich
dann vergroftert, und der Atherleib hat nun nicht nur fur das phy-
sische Wesen das Belebende in sich, sondern auch fur die Gedanken.
Dadurch konnen die Gedanken lebendig werden, daft der Mensch eben
seinen Atherleib mitgenommen hat, der ja im Loslosen die lebendigen
Gedanken hinaustragt von dem Menschen zu dem gnadenvollen Emp-
fangen der Angeloi, Archangeloi, Archai hin.
Das ist zunachst, ich mochte sagen, der erste Akt, der sich abspielt
im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daft jenseits der
Schwelle des Todes herankommen an das, was sich vom Menschen
loslost, was seinem sich auflosenden atherischen Leibe anvertraut ist,
die Wesenheiten der dritten Hierarchie, dafi das in Empfang genom-
men wird von den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Und wir ver-
richten als Menschen ein gutes, ein schones, ein herrliches Gebet, wenn
wir iiber den Zusammenhang des Lebens mit dem Tode oder iiber
einen Verstorbenen so denken, daB wir sagen:
Es empfangen Angeloi, Archangeloi, Archai im Atherweben
das Schicksalsnetz des betreffenden Menschen.
Denn da schauen wir hin auf einen geistigen Tatbestand. Und es hangt
schon etwas davon ab, ob Menschen geistige Tatbestande denken oder
nicht, ob sie bloft mit Gedanken, die auf der Erde zuriickbleiben, Tote
begleiten, oder ob sie die Toten begleiten auf ihrem weiteren Wege mit
Gedanken, die Abbilder sind dessen, was in jenem Reiche geschieht,
in das der Tote eingetreten ist.
Das ist ja dasjenige, meine lieben Freunde, was der heutigen In-
itiationswissenschaft als so ungeheuer wiinschenswert erscheint: daft
innerhalb des Erdenlebens solches gedacht werde, was Abbild ist eines
wirklichen geistigen Geschehens. Mit bioftem Theoriendenken, mit dem
bloften Denken dariiber, daft der Mensch hohere Glieder hat, mit dem
Aufzahlen dieser hoheren Glieder ist ja noch keine Verbindung her-
gestellt mit der geistigen Welt. Erst mit dem Denken von Realitaten,
die sich in der geistigen Welt abspielen, ist eine solche Verbindung mit
der geistigen Welt hergestellt.
Daher sollten es wiederum Herzen vernehmen konnen, was Her-
zen vernommen haben wahrend der alten Initiationszeiten in den
alten Mysterien, wo man den zu Initiierenden eindrucksvoll immer
zugerufen hat: Machet mit die Schicksale der Toten! Es ist ja nur das
mehr oder weniger abstrakt gewordene Wort davon geblieben: «Me-
mento mori», das auf den gegenwartigen Menschen nicht mehr in der
tiefen Weise wirken kann, weil es eben abstrakt geworden ist, weil es
nicht das Bewufttsein hinausdehnt in ein lebendigeres Leben, als es
hier in der Sinneswelt ist.
Und was da der Empfang des menschiichen Schicksalsnetzes ist
durch Angeloi, Archangeloi, Archai, das entwickelt sich so, daft man
den Eindruck hat: das webt und lebt in violett-blauer Atheratmo-
sphare. Es ist Weben und Leben in violett-blauer Atheratmosphare.
Und wenn sich der Atherleib auflost, das heilk, wenn die Gedan-
ken eingeatmet sind von Angeloi, Archangeloi, Archai, dann tritt
der Mensch nach einigen Tagen in dieses Zuriickleben ein, wie ich es
Ihnen geschildert habe. Da erlebt der Mensch seine Taten, seine Wil-
lensimpulse, seine Gedankenrichtungen so, wie sie gewirkt haben in
den anderen Menschen, denen er irgend etwas Gutes oder Boses zu-
gefiigt hat. Er lebt sich ganz ein in die Gemiiter der anderen Men-
schen, er lebt nicht in seinem eigenen Gemiite. Mit dem deutlichen Be-
wufitsein, dafi er es ist, der mit diesen Dingen etwas zu tun hat, erlebt
er die Erlebnisse, die in den Tiefen der Seelen der anderen Menschen
vor sich gegangen sind, mit denen er in karmische Verbindung getre-
ten ist, denen er uberhaupt irgend etwas in Gutem oder Bosem zuge-
fiigt hat. Da zeigt es sich wieder, wie nunmehr dasjenige aufgenommen
wird, was der Mensch so erlebt. Er erlebt es in voller Wirklichkeit, in
einer Wirklichkeit, die ich ja schildern muftte als wirklicher noch als
die Sinneswirklichkeit zwischen der Geburt und dem Tode. Er erlebt
also eine Realitat, in der er, ich mochte sagen, glutvoller drinnen steht
als hier im Erdenleben.
Schaut man das wiederum mit dem Blick der Initiationseinsicht
von der anderen Seite an, so sieht man, wie jetzt das, was da der Mensch
erlebt, in die Wesenhaftigkeit, in die Realitat der Kyriotetes, Dynamis,
Exusiai aufgenommen wird. Die saugen die Negative der mensch-
lichen Taten auf. Die durchdringen sich damit. Und dieser Blick, die-
ser Initiiertenblick, der nun auf dieses ganz Wunderbare hinschaut,
wie der Menschen in Gerechtigkeit umgesetzte Tatenfolgen aufgesogen
werden von Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, dieser ganze Anblick ver-
setzt denjenigen, der ihn hat, in ein solches Bewulksein, dafi er sich
weifi im Mittelpunkt der Sonne, und damit im Mittelpunkte des Pla-
netensystems. Er schaut vom Gesichtspunkt der Sonne aus auf das-
jenige, was geschieht. Und er sieht ein lilaartiges Weben und Leben,
er sieht das Auf saugen der in Gerechtigkeit umgesetzten Menschen-
taten durch Exusiai, Dynamis und Kyriotetes in dem Weben und
Leben einer hellvioletten, einer lilafarbigen Astralatmosphare.
Sehen Sie, da hat man die Wahrheit, dafi der Sonnenanblick, so
wie er sich dem Erdenmenschen darstellt, ja nur von der einen Seite
her ist, von der Peripherie her. Vom Mittelpunkte erscheint die Sonne
als das Feld, wo die Geisteswirkungen, die Taten von Exusiai, Dyna-
mis, Kyriotetes vor sich gehen. Da ist alles geistige Tat, geistiges Er-
eignis. Da finden wir, ich mochte sagen, die Ruckseite der Bilder des
Erdenlebens, das wir hier zwischen der Geburt und dem Tode erleben.
Und wiederum denken wir in der richtigen Weise an dasjenige, was
da geschieht, wenn wir den Gedanken so gestalten, dafi wir das Wort,
das gewohnlich blofi fur Verwehen, Vergehen, Verwelken, Vernichtet-
werden gebraucht wird, in seiner eigentlichen Bedeutung nehmen. Wir
haben das Wort «Wesen», wir haben das Wort «Geben». Wenn wir
sagen: «Vergeben», so heifit das «Hingeben». Nur im Kartenspiel heifit
es anders, aber in der naturgemafien Sprache heifk es «Hingeben».
Wenn wir sagen: «Verwesen», heifk es: das Wesen hinleiten. Mit die-
sem Bewufksein bilden wir den Satz:
Es verwesen in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes
im Astralempfinden des Kosmos
die gerechten Folgen des Erdenlebens des Menschen.
Dann, wenn dieses vollbracht ist, wenn der Mensch dieses Drittel des
irdischen Lebens verlebt hat nach dem Tode, zuriickgewandert ist,
sich nun wiederum am Ausgangspunkte des Erdenlebens, aber im Gei-
stesraum fiihlt, in dem Momente vor seinem Eintritt in das Erdenleben,
da tritt der Mensch, man kann sagen, durch den Mittelpunkt der Sonne
in das eigentliche Geisterland ein. Da drinnen werden nun diese ins
Gerechte umgesetzten Erdentaten aufgenommen in die Tatigkeit der
ersten Hierarchic Da gelangen sie in den Bereich der Seraphim, Che-
rubim und Throne. Da tritt der Mensch ein in ein Reich, bei dessen Be-
treten er fiihlt: was auf der Erde durch mich geschehen ist, das nehmen
in ihr eigenes Tatenwesen auf Seraphim, Cherubim und Throne.
Bedenken Sie nur, meine lieben Freunde, wir denken richtig iiber
dasjenige, was mit dem Toten vorgeht im weiteren Leben nach dem
Tode, wenn wir den Gedanken hegen: Das, was er hier auf der Erde am
Schicksalsnetz gesponnen hat, das wird zunachst aufgefangen von An-
geloi, Archangeloi, Archai. Die tragen es hin, in dem nachsten Abschnitt
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in den Bereich der Exusiai,
Dynamis, Kyriotetes. Diese werden umfangen, umsponnen von den
Wesenheiten der ersten Hierarchie. Und immer wird in diesem Um-
spinnen, Umfangen in das Wesen, in das Tatenwesen, in das Tun der
Throne, Cherubim und Seraphim des Menschen Tun auf Erden auf-
genommen. Und wir denken wiederum richtig, wenn wir uns nun zu
dem ersten und zu dem zweiten Satze den dritten hinzufugen:
Es auferstehen in Thronen, Cherubim, Seraphim
als deren Tatenwesen
die gerechten Ausgestaltungen des Erdenlebens des Menschen.
So dafi, wenn man den Initiationsblick hinrichtet auf das, was fort-
wahrend geschieht in der geistigen Welt, wir hier auf der Erde das
Treiben der Menschen haben mit ihrem Karma-Instinkte, mit dem,
was sich als das Schicksalsgewebe abspielt: ein mehr oder weniger
dem Gedankengewebe ahnliches Gewebe. Richten wir aber den Blick
hinauf in die geistigen Welten, dann sehen wir, wie dasjenige, was
einstmals Erdentaten der Menschen war, nachdem es durch Angeloi,
Archangeloi, Archai, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes durchgegangen ist,
aufgenommen wird, sich oben als Himmelstaten verbreitet bei Thro-
nen, Cherubim, Seraphim (es wird an die Taf el geschrieben) :
Tafel 3 1 . Es empfangen Angeloi, Archangeloi, Archai im Atherweben
das Schicksalsnetz des Menschen.
2. Es verwesen in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes
im Astralempfinden des Kosmos
die gerechten Folgen des Erdenlebens des Menschen.
3. Es auferstehen in Thronen, Cherubim, Seraphim
als deren Tatenwesen
die gerechten Ausgestaltungen des Erdenlebens des Menschen.
Das, meine lieben Freunde, ist insbesondere in der Gegenwart eine be-
deutsame, eine unendlich bedeutsame und eine unendlich erhabene
Tatsachenreihe. Denn jetzt eben ist es so im eingetretenen Michael-
Reiche, daft, ich mochte sagen, in diesem weltgeschichtlichen Augen-
blicke geschaut werden konnen die Taten derjenigen Menschen, die
vor Ablauf des Kali Yuga in den achtziger, neunziger Jahren des vo-
rigen Jahrhunderts hier auf Erden gelebt haben; dasjenige, was damals
war unter Menschen, das ist jetzt aufgenommen worden von Thronen,
Cherubim und Seraphim. Aber niemals war der geistige Lichtkontrast
ein so grofter, wie er in der Gegenwart ist fur diese Tatsachenreihe.
Wenn man in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den
Blick hinaufgerichtet hat und gesehen hat, wie die Revolutionsleute
von der Mitte des 1 9. Jahrhunderts in ihren Taten gewissermaften oben
aufgenommen wurden von Thronen, Cherubim und Seraphim, dann
sah man, daft etwas von Diisternis iiber der Mitte des 19. Jahrhunderts
lagerte. Und es hellte sich nur wenig auf dasjenige, was man dann sah
beim Ubergange in das Reich der Seraphim, Cherubim und Throne.
Wenn man aber jetzt zuriickblickt auf das, was am Ende des 19.
Jahrhunderts als Taten der Menschen in dem Verhaltnis der Men-
schen untereinander sich abgespielt hat, dann - nachdem man eben
noch klar hat sehen konnen in dieser auslaufenden Kali Yugazeit, nach-
dem man eben noch einigermaften hat sehen konnen, was sich da ab-
gespielt hat und sozusagen wie verwehende Gedankenmassen durch-
schauen konnte dasjenige, was sich schicksalsmaftig unter diesen Men-
schen vom Ende des Kali Yuga abgespielt hat -, dann entschwindet
einem das, und man schaut dasjenige, was himmelwarts daraus ge-
worden ist, in einem strahlend hellen Lichte.
Das aber bezeugt nichts anderes als die ungeheure Bedeutung dessen,
was da eigentlich geschieht im Umsetzen von Menschen-Erdentaten
in Seelen-Himmelstaten in der Gegenwart. Denn, was der Mensch als
sein Schicksal, als sein Karma erlebt, das spielt sich ab fur ihn, in ihm,
um ihn, von Erdenleben zu Erdenleben. Aber dasjenige, was sich ab-
spielt noch in der Region der Himmelswelten als die Folge dessen, was
er hier auf der Erde erlebt und verrichtet hat, das wirkt fortwahrend
auch in der historischen Gestaltung des Erdenlebens weiter. Das spielt
sich ab in dem, was der Mensch hier auf Erden nicht als einzelner
Mensch beherrscht.
Nehmen Sie diesen Satz nur in seiner vollen Schwere, meine lieben
Freunde. Der einzelne Mensch erlebt sein Schicksal. Schon wenn zwei
Menschen zusammenwirken, entsteht ja ganz etwas anderes als der
Vollzug des Schicksals des einen und des anderen Menschen. Es spielt
sich sozusagen zwischen den beiden Menschen etwas ab, was heraus-
geht axis demjenigen, was jeder einzelne erlebt. Fur das gewohnliche
Bewulksein ist ja kein Zusammenhang zunachst bemerkbar zwischen
dem, was sich da zwischen Menschen abspielt, und dem, was oben in
den geistigen Welten geschieht. Nur wenn heilig-geistiges Handeln
hereingeholt wird in die physisch-sinnliche Welt, wenn die Menschen
bewulk ihre physisch-sinnlichen Taten so umgestalten, daiS sie zugleich
Taten in der geistigen Welt sind, dann wird ein solcher Zusammenhang
hergestellt.
Aber alles das, was dann zwischen Menschen geschieht im grofieren
Umkreise, das ist ja noch etwas anderes, als was der einzelne Mensch
als Schicksal erlebt. Das alles, was so nicht einzelmenschliches Schick-
sal ist, sondern was durch das Zusammen-Denken und Zusammen-
Empfinden, Zusammen-Fuhlen und Zusammen-Handeln der Men-
schen auf Erden bewirkt wird, das steht im Zusammenhange mit dem-
jenigen, was da oben Seraphim, Cherubim und Throne tun. Und in
das f liefien ein die Taten der Menschen in dem Zusammenhange dieser
Menschen, und auch die einzelnen menschlichen Erdenleben.
Dann ist eben der weitere Anblick, der sich dem Initiiertenblick
darbietet, von einer besonderen Wichtigkeit. Wir schauen hinauf. Oben
zeigt sich heute die himmlische Tatenfolge desjenigen, was in den
letzten siebziger Jahren, den achtziger, den neunziger Jahren des vo-
rigen Jahrhunderts sich hier auf Erden abgespielt hat. Dann ist es,
wie wenn ein feiner Regen, ein geistiger Regen herunterfiele auf die
Erde und benetze die Menschenseelen und triebe sie zu dem, was
zwischen den Menschen gewissermafien historisch entsteht.
Und da kann man dann wiederum sehen, wie in lebendigen Ge-
danken-Spiegelbildern dasjenige auf dem Umwege durch Seraphim,
Cherubim und Throne heute lebt, was in den siebziger, achtziger, neun-
ziger Jahren des 19. Jahrhunderts hier auf der Erde durch Menschen
getan worden ist.
Wenn man dieses durchblickt, ist es einem ja wirklich oftmals so,
daft man ganz genau sieht: Man spricht heute mit einem Menschen;
dasjenige, was er einem sagt durch die allgemeine Meinung, was nicht
aus seinen eigenen Emotionen, seinen inneren Impulsen kommt, son-
dern was er einem sagt, weil er eben ein Angehoriger dieses Zeitalters
ist, das erscheint einem oftmals wie im Zusammenhang stehend mit
denjenigen Menschen, die in den siebziger, achtziger, neunziger Jah-
ren des vorigen Jahrhunderts gelebt haben. Es ist wirklich so, daft
man manchen heutigen Menschen wie in einer Geistversammlung sieht,
umringt von gewissen Menschen, die sich urn ihn bemiihen, die aber
eigentlich nur die vom Himmel geregneten Nachbilder dessen sind,
was durch Menschen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelebt
hat.
So gehen wirklich auf geistige Art die Revenants, ich mochte sa-
gen, die sehr realen Gespenster eines fruheren Zeitalters, in einem spa-
teren Zeitalter um. Es ist das eine der feinen, generellen Karmawir-
kungen, die in der Welt vorhanden sind, und die oftmals auch von den
okkultesten der Okkultisten nicht beachtet werden. Man mochte man-
chem, der einem heute etwas nicht Personliches, sondern Stereotypes
sagt, ins Ohr raunen: Das hat dir der oder jener im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts gesagt!
So erst wird das Leben ein Ganzes. Und wieder muft von diesem
Zeitalter, von diesem mit dem Ablauf des Kali Yuga begonnenen Zeit-
alter gesagt werden, daft es sich unterscheidet von alien zunachst histo-
rischen fruheren Zeitaltern. Es unterscheidet sich in der Art, daft tat-
sachlich diejenigen Menschentaten, die verflossen sind im letzten Drit-
tel des 19. Jahrhunderts, auf das erste Drittel dieses 20. Jahrhunderts
den denkbar groftten Einfluft haben.
Meine lieben Freunde, ich sage es, indem ich damit etwas bezeich-
nen will, was fern ist allem Gebrauche von aberglaubischen Worten,
ich sage es als etwas, das mit dem vollen Bewufttsein, eine exakte Tat-
sache auszusprechen, gesagt wird: Noch nie sind so vernehmbar die
Gespenster der letzten uns vorangegangenen Zeit unter uns herumge-
gangen wie in der Gegenwart. Und wenn die Menschen heute diese
Gespenster nicht wahrnehmen, so ist es nicht deshalb, weil wir im
finsteren Zeitalter leben, sondern weil die Menschen zunachst noch
durch das Licht des lichten Zeitalters geblendet sind. Dadurch ist das,
was durch die Revenants des vorigen Jahrhunderts unter uns vollzo-
gen wird, etwas so ungeheuer Fruchtbares fur die Ahrimanleute. Die
Ahrimanleute wirken heute, ohne dafi es die Menschen bemerken, in
einer besonders schlimmen Weise. Sie versuchen, moglichst viel von
diesen Gespenstern des vorigen Jahrhunderts, ich mochte sagen, ahri-
manisch zu galvanisieren und zu Einfluft zu bringen auf die Menschen
der Gegenwart.
Man kann durch nichts diesem ahrimanischen Zuge unseres Zeit-
alters mehr entgegenkommen als durch alles das, was geschieht, indem
sich fiir die Verirrungen des vorigen Jahrhunderts, die ja eigentlich
heute fiir die Einsichtigen langst verglommene Ideen sind, populare
Vereinigungen bilden. Das Laientum hat ja niemals so stark in einem
Zeitalter die Verirrungen des vorigen Zeitalters popularisiert wie in
dem heutigen Zeitalter, wie in der Gegenwart. Und man kann schon
sagen: will man das Wesen der ahrimanischen Taten kennenlernen, so
kann man das heute eigentlich uberall, wo man Versammlungen be-
sucht, die aus dem gewohnlichen Bewufitsein heraus wirksam sind.
Man hat heute viel Gelegenheit, den Ahrimanismus in der Welt ken-
nenzulernen, denn er wirkt aufterordentlich stark. Und er ist es ja, der
auf diesem Umwege, wie ich es heute geschildert habe, die Menschen
abhalt davon, dasjenige in ihr Herz, in ihre Seele aufzunehmen, was
neu hervortreten mufi, weil es eben fruher nicht da war, wie das, was
eben in der Anthroposophie zutage tritt.
Die Menschen sind schon zufrieden, wenn sie nur irgendwie das-
jenige, was in der Anthroposophie neu zutage tritt, decken konnen mit
irgendeinem alten Ausspruch. Man soil nur sehen, wie zufrieden die
Menschen sind, wenn in irgendeinem Vortrage von mir etwas vor-
kommt, von dem dann einer sagen kann: Sieh einmal, das steht auch in
einem alten Buche. - Es steht doch ganz anders darinnen, eben aus
ganz anderen Bewufitseinsgninden heraus! Aber man ist so wenig rau-
tig, das, was auf dem Boden der Gegenwart wachst, aufzunehmen, dafi
man sich schon beruhigt fiihlt, wenn man so etwas aus der Vergangen-
heit herbeibringen kann.
Das eben bezeugt, wie stark Vergangenheitsimpulse auf die gegen-
wartigen Menschen wirken und wie beruhigt sich die Menschen der
Gegenwart fiihlen, wenn Vergangenheitsimpulse auf sie wirken. Und
das kommt eben davon her, dafi dieses 19. Jahrhundert so stark in das
20. Jahrhundert noch hereinwirkt. Kunftige Betrachter der Mensch-
heitsgeschichte der Gegenwart, die ja geistig schildern werden, wah-
rend wir heute blofi aus Dokumenten schildern, die werden vor alien
Dingen das zu schildern haben, was in den Worten liegt: Schaut man
hin auf den Beginn des 20. Jahrhunderts, auf die ersten drei Jahrzehnte,
so nimmt sich alles das zumeist so aus, wie wenn es eigentlich getan
ware von den Schattenbildern der Menschentaten vom Ende des 19.
Jahrhunderts.
Wenn ich vielleicht ein Wort hier aussprechen darf, das wahrhaftig
nicht politisch gemeint ist - Politik mufi aus unserer Anthroposophi-
schen Gesellschaft ganz herausbleiben -, aber wenn ich ein Wort hier
aussprechen darf, das eben einfach Tatsachen charakterisieren soli, so
ist es dieses: Man kann hinschauen auf die weltumwalzenden Taten -
Geschehnisse, meine ich, Ereignisse, denn Taten waren es ja nicht -,
aber auf die weltumwalzenden Ereignisse namentlich des zweiten Jahr-
zehnts des 20. Jahrhunderts. Es ist ja schon so oft ausgesprochen wor-
den, dafi es eine Trivialitat geworden ist, zu sagen, dafi eigentlich, so-
lange die Zeit wahrt, iiber die man Geschichte schreibt, solch Welt-
umwalzendes sich nicht zugetragen hat. Aber stehen denn nicht die
Menschen im Grunde genommen in diesen weltumwalzenden Taten so
darinnen, als wenn sie nicht darinnen stiinden? Man geht uberall her-
um; es ist so, als ob sich die weltumwalzenden Ereignisse auiRerhalb
der Menschen abspielten, als wenn die Menschen gar keinen Anteil
daran hatten. Man mochte fast jeden Menschen, den man heute trifft,
fragen: Ja, hast denn du mitgemacht das zweite Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts? Und erst, wenn man die Sache noch von einem anderen
Gesichtspunkte ansieht: wie hilflos nehmen sich die Menschen aus, wie
unendlich hilflos, wie hilflos im Urteilen, wie hilflos im Tun! Minister-
stiihle sind ja noch niemals unter so grofien Schwierigkeiten besetzt
worden wie in dieser Zeit. Bedenken Sie nur, wie kurios es ist, was nach
dieser Richtung eigentlich geschieht, wie hilflos die Menschen sind in
dem, was sich da abspielt! Da kommt man schon darauf, die Frage
aufzuwerfen: Ja, wer tut derm da eigentlich etwas? Wer ist denn daran
beteiligt? Nun, wer daran beteiligt ist, meine lieben Freunde, das sind,
mehr als die Menschen der Gegenwart, die Menschen vom letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts. Deren Schattenkrafte sieht man in allem
wirksam.
Sehen Sie, das ist das Geheimnis unserer Zeit. Man mochte sagen:
Keine anderen Toten waren jemals so machtig wie diejenigen vom
letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Das ist auch ein Welt-
aspekt. Und wenn man mit Bezug auf den geistigen Inhalt sich die
entsprechenden Dinge anschaut im einzelnen Falle, kommt man doch
auf ganz Merkwiirdiges.
Es hat sich fur mich darum gehandelt, ob ich bei der Neuauflage
meiner Schriften, die geschrieben worden sind in den siebziger, acht-
ziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dies oder jenes an-
dern sollte. Diejenigen, die einfache Philister der Gegenwart sind, sa-
gen: Alles hat sich erneut; die wissenschaftlichen Theorien und Hypo-
thesen von dazumal sind ja langst abgetane Dinge. - Betrachtet man
aber die Sache vom realen Standpunkte, so kann man nichts andern.
Denn eigentlich steht hinter jedem, der heute ein Buch schreibt, oder
der von einer Lehrkanzel herunterspricht, einer dahinter im Schatten-
bilde: da sprechen noch immer die Du Bois-Reymonds, die Helm-
holtzens, die Haeckels, diejenigen, die eben in der damaligen Zeit
gesprochen haben; in der Medizin die Oppoizer, Billroths und so wei-
ter. Das ist etwas vom Geheimnis der Gegenwart. Deshalb sagt die
Initiations wissenschaft: Niemals waren die Toten so machtig wie in
unserem Zeitalter.
Das ist dasjenige, was ich jetzt in diese Karmabetrachtungen ein-
fiigen wollte.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 6.Julil924
Wir haben gesehen, wie die Betrachtung des Karma, in dem das mensch-
liche Schicksal eingeschlossen ist, fuhrt von den weitesten Verhalt-
nissen des Weltenalls, von den Sternenwelten, bis hinein in die in-
timsten Erlebnisse des menschlichen Herzens, insofern dieses Herz ja
ein Ausdruck ist fiir alles das, was der Mensch im Leben auf sich
wirken fiihlt, was mit ihm im Zusammenhange des Erdendaseins vor-
geht. Wir werden immer wiederum, wenn wir gerade aus einem tief eren
Verstandnis der karmischen Zusammenhange heraus zum Urteilen
kommen wollen, aufgefordert, nach diesen beiden so entfernt von-
einander liegenden Gebieten des Weltendaseins hinzuschauen. Man mufi
eigentlich sagen: Was man sonst audi betrachtet, sei es die Natur, sei
es die mehr naturliche ^Configuration der Menschheitsentwickelung
in der Geschichte oder das Volkerleben, es fiihrt alles nicht so hoch
hinauf in kosmische Gebiete wie gerade die Karmabetrachtung. Diese
Karmabetrachtung, sie macht uns uberhaupt aufmerksam auf die Zu-
sammenhange des menschlichen, hier auf der Erde vollbrachten Le-
bens mit dem, was in den Weltenweiten vorgeht. Wir sehen dieses
menschliche Leben auf der Erde, wenn es in gewissen Zusammenhan-
gen seine Grenze erreicht, sich entfalten bis etwa zum siebzigsten
Jahre. Was dariiber hinaus ist, ist eigentlich ein gnadevoll geschenktes
Leben. Was darunter ist, steht unter karmischen Einfliissen; die wer-
den wir noch zu betrachten haben.
Aber man kann - das haben wir ja schon ofter von verschiedenen
Gesichtspunkten aus in den mannigfaltigsten Betrachtungen beruhrt -
ein menschliches Erdenleben auf etwa zweiundsiebzig Jahre rechnen.
Zweiundsiebzig Jahre ist nun auch, vor dem Hintergrund der Ge-
heimnisse des Kosmos gesehen, eine merkwurdige Zahl, deren Bedeu-
tung einem eigentlich erst dann so richtig aufgeht, wenn man, ich
mochte sagen, das kosmische Geheimnis des menschlichen Erdenlebens
in Betracht zieht. Wir haben ja geschildert, was die Sternenwelt vom
geistigen Gesichtspunkte aus eigentlich ist. Wir kommen sozusagen,
wenn wir in ein neues Erdenleben eintreten, aus der Sternenwelt in
dieses Erdenleben zuriick. Und da fallt einera auf, wie sich alte An-
schauungen, auch wenn man traditionell gar nicht an sie ankniipft, ein-
fach wieder ergeben, sobald man mit Hilfe der heutigen Geistesfor-
schung sich dem entsprechenden Gebiet naht. Wir haben ja gesehen,
wie die verschiedenen Planetensterne, wie die Fixsterne teilnehmen
am menschlichen Leben, an dem, was das menschliche Leben durch-
dringt und durchzieht hier auf Erden. Letzten Endes, wenn wir ein
ausgelebtes Erdenleben vor uns haben, das nicht gar zu sehr stecken-
bleibt in den unteren Grenzen, das wenigstens die Halfte der Erden-
zeit durchlebt, kann man sagen: der Mensch, indem er von geistig-
kosmischen Weiten heruntersteigt zu einem irdischen Dasein, kommt
immer von einem bestimmten Sterne her. Man kann diese Richtung
verfolgen, und es ist nicht unsachlich, sondern im Gegenteil recht
exakt, wenn wir davon sprechen, der Mensch habe einmal «seinen
Stern ». Ein bestimmter Stern, ein Fixstern, ist die geistige Heimat des
Menschen.
Wenn man dasjenige, was ja aufter Raum und Zeit erlebt wird
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, umsetzt in seine raum-
liche Bildlichkeit, dann mu!5 man dazu kommen, sich zu sagen: Je-
der Mensch hat seinen Stern, der bestimmend ist fur das, was er sich
erarbeitet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und er kommt
aus der Richtung eines bestimmten Sternes her. - So daft wir schon in
unser Gemiit die Vorstellung aufnehmen konnen: Wenn wir das ge-
samte Menschengeschlecht betrachten, das die Erde bewohnt, so fin-
den wir, wenn wir hier auf der Erde Umschau halten und die Kon-
tinente durchgehen, diese Kontinente bevolkert von den Menschen,
die gegenwartig inkarniert sind. Die anderen Menschen - wo finden
wir sie im Weltenall? Wohin haben wir zu schauen im Weltenall, wenn
wir den Seelenblick zu ihnen hinwenden wollen, nachdem sie dort
eine bestimmte Zeit hindurch zugebracht haben nach dem Durch-
schreiten der Pforte des Todes? Wir schauen in die richtigen Richtun-
gen, wenn wir hinschauen zum Sternenhimmel. Das sind die Seelen -
wenigstens sind das die Richtungen, die uns die Seelen finden lassen -,
die sich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt befinden. Wir
iiberschauen das ganze Menschengeschlecht, das die Erde bevolkert,
wenn wir hinauf- und hinunterschauen.
Nur diejenigen, die eben auf dem Gange dahin oder auf dem Gange
daher sind, finden wir in der planetarischen Region. Wir konnen aber
nicht uber die Mitternachtsstunde des Daseins sprechen zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, ohne an einen Stern zu denken, den dann
gewissermaften, aber mit Berucksichtigung dessen, was ich liber Ster-
nenwesen gesagt habe, der Mensch bewohnt zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Wenn man mit einem solchen Wissen an den Kos-
mos herantritt, meine lieben Freunde: da drauften sind die Sterne,
Weltenzeichen, aus denen uns entgegenschimmert und entgegenglanzt
das Seelenleben derjenigen, die zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt sind - dann werden wir aufmerksam darauf, dafS wir ja auch
die Konstellation der Sterne darauf hin ansehen konnen, uns fragend:
Wie hangt das alles, was wir in den Weltenweiten schauen, mit dem
Menschenleben zusammen? — Wir lernen dann anders, gemiitvoll hin-
aufschauen auf den silberglanzenden Mond, auf die blendende Sonne,
auf die nachtlicherweile funkelnden Sterne; denn wir fiihlen uns mit
alledem auch menschlich vereint. Und das ist etwas, was durch An-
throposophie fur Menschenseelen errungen werden soil: daft sich diese
Menschenseelen mit dem ganzen Kosmos auch menschlich vereint fiih-
len. Aber dann auch gehen uns erst gewisse Geheimnisse des Welten-
daseins auf.
Meine lieben Freunde, die Sonne geht auf und unter, die Sterne
gehen auf und unter. Wir konnen verfolgen, wie die Sonne, sagen wir,
untergeht in der Gegend, wo bestimmte Sterngruppen sind. Wir kon-
nen jenen scheinbaren, wie man heute sagt, Gang, den die Sterne ma-
chen bei ihrem Umkreise um die Erde, verfolgen; wir konnen den
Gang der Sonne verfolgen. Wir sagen heute, im Laufe von vierund-
zwanzig Stunden sei es so, dafi die Sonne die Erde umkreist — schein-
bar natiirlich alles -, dafi die Sterne die Erde umkreisen. So sagen wir,
aber das ist ja nicht ganz richtig gesprochen. Wenn wir immer wieder
und wiederum aufmerksam Sternengang und Sonnengang beobachten,
so kommen wir dahinter, dafi die Sonne im Verhaltnis zu den Ster-
nen nicht immer zur selben Zeit auf geht, sondern immer ein klein
wenig spater; jeden Tag ein klein wenig spater kommt sie an den Ort,
an dem sie am vorhergehenden Tag im Verhaltnis zu den Sternen gewe-
sen ist. Und dann summieren sich diese Zeitstrecken, urn die die Sonne
immer zuriickbleibt hinter dem Sternengang, summieren sich, werden
eine Stunde, werden zwei Stunden, werden drei Stunden und werden
schliefilich ein Tag. Und der Zeitpunkt riickt heran, wo wir sagen kon-
nen: die Sonne ist hinter dem Stern um einen Tag zuriickgeblieben.
Und nun nehmen wir an, irgend jemand sei meinetwillen am ersten
Marz irgendeines Jahres geboren, habe gelebt bis zum Ablauf des
zweiundsiebzigsten Lebensjahres. Er feiert seinen Geburtstag immer
am ersten Marz, weil die Sonne sagt, am ersten Marz sei dieser Ge-
burtstag. Er kann ihn auch so feiern, denn die Sonne erglanzt durch
die zweiundsiebzig Jahre hindurch, wenn sie auch weiterriickt im
Verhaltnis zu den Sternen, doch immer in der Nachbarschaft jenes
Sternes, der geleuchtet hat, als der Mensch auf der Erde angekom-
men ist.
Wenn der Mensch aber zweiundsiebzig Jahre gelebt hat, dann ist
ein voller Tag abgelaufen, und er kommt in seinem Lebensalter an
einer Stelle an, wo die Sonne den Stern verlassen hat, in den sie ge-
rade eingetreten ist, als er sein Leben angetreten hat. Und er kommt
bei seinem Geburtstag iiber den ersten Marz hinaus: der Stern sagt
nicht mehr dasselbe, was die Sonne sagt. Die Sterne sagen, es sei der
zweite Marz, die Sonne sagt, es sei der erste Marz: der Mensch hat einen
Weltentag verloren, denn es sind gerade zweiundsiebzig Jahre, daft die
Sonne um einen Tag hinter dem Stern zuriickbleibt.
Und wahrend dieser Zeit, wahrend sich die Sonne im Bereiche sei-
nes Sternes aufhalten kann, kann der Mensch auf der Erde leben.
Dann, unter normalen Verhaltnissen, wenn die Sonne nicht mehr sei-
nen Stern beruhigt iiber sein irdisches Dasein, wenn die Sonne nicht
mehr zu seinem Stern sagt: der ist unten, und ich gebe dir das, was
dir dieser Mensch zu geben hat, von mir aus, wahrend ich nun vor-
laufig, dich zudeckend, mit ihm dasjenige mache, was du sonst mit
ihm machtest zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn die
Sonne das nicht mehr zum Stern sagen kann, fordert der Stern den
Menschen wiederum zuriick.
Und da haben Sie die Vorgange am Himmel als unmittelbar zu-
sammenhangend mit dem menschlichen Dasein auf der Erde: Wir
sehen in den Geheimnissen des Himmels das Lebensalter des Menschen
ausgesprochen. Der Mensch kann zweiundsiebzig Jahre leben, weil die
Sonne in dieser Zeit um einen Tag zuriickbleibt. Dann kann sie also
einen Stern, den sie vorher beruhigt hat, indem sie sich vor ihn gestellt
hat, nicht mehr beruhigen, so dafi der wieder frei geworden ist fur die
geistig-seelische Arbeit des Menschen im Kosmos.
Diese Dinge konnen eigentlich nicht anders begriffen werden, als
wenn sie mit Ehrfurcht begriffen werden, mit jener Ehrfurcht, welche
die alten Mysterien die Ehrfurcht vor dem Oberen genannt haben.
Denn diese Ehrfurcht vor dem Oberen leitet uns immer wieder und
wieder an, dasjenige, was hier auf Erden geschieht, im Zusammen-
hange zu sehen mit dem, was in der gewaltigen majestatischen Sternen-
schrift sich abspielt. Und es ist eigentlich doch ein recht eingeschrank-
tes Leben, das die Menschen heute zum Beispiel fiihren, gegeniiber dem
Leben, das noch im Anfange der dritten nachatlantischen Periode ge-
fuhrt wurde, wo man iiberall beim Menschen gerechnet hat nicht nach
demjenigen, was blofi seine Schritte auf der Erde verzeichnet, sondern
nach dem, was iiber das Menschenleben die Sterne des Weltenalls sagen.
Sehen Sie, ist man einmal aufmerksam auf solche Zusammenhange
und ist man in der Lage, in seiner Seele solche Zusammenhange mit
Ehrfurcht aufzunehmen, dann wird man sich auch sagen konnen: Was
immer hier auf der Erde vorgeht, hat ja sein Korrelat, sein Gegenbild
in den geistigen Welten. Und in der Sternenschrift driickt sich aus, wie
der Zusammenhang ist zwischen dem, was hier vorgeht, mit dem,
was - wenn wir vom Erdengesichtspunkt aus sprechen - eine ziemliche
Zeit vorher in der geistigen Welt sich abgespielt hat. Und eigentlich
mufi jede karmische Betrachtung in solch scheuer Ehrfurcht vor den
Weltengeheimnissen angestellt werden.
Nun nahern wir uns einmal in solch scheuer Ehrfurcht einigen kar-
mischen Betrachtungen, die in der nachsten Zeit hier gepf logen werden
sollen. Nehmen wir einmal zunachst das eine: Hier sitzt eine Anzahl
von Menschen, ein Ausschnitt aus dem, was man die Anthroposophische
Gesellschaft nennt. Immerhin, ob der eine nun mit starkeren, der an-
dere mit schwacheren Banden vereinigt ist mit dieser Anthroposophi-
schen Gesellschaft, es gehort schon zum Schicksal des Menschen, bei
manchen zum grundlegenden, intensiven Schicksal, seinen Weg in die
Anthroposophische Gesellschaft gefunden zu haben. Und es liegt nun
einmal in jener Vergeistigung, welche die Anthroposophische Gesell-
schaft finden soil seit der Weihnachtstagung, nun auch immer bewuft-
ter und bewufiter zu werden iiber dasjenige, was geistig-kosmisch ei-
ner solchen Gemeinschaft zugrunde liegt, wie es die Anthroposophi-
sche Gesellschaft ist. Dann kann auch aus diesem Bewufksein heraus
der einzelne in dieser Gesellschaft darinnenstehen.
Deshalb kann es immerhin begreiflich sein, dafi mit jenen Verant-
wortlichkeiten, die sich ergeben aus der Weihnachtstagung her, nun
auch damit begonnen wird, etwas iiber das Karma der Anthroposo-
phischen Gesellschaft zu sprechen, iiber dieses recht komplizierte Kar-
ma; denn es ist ja ein allgemeines Karma, das aus dem karmischen Zu-
sammenflusse vieler einzelner Menschen entsteht. Und wenn Sie alles
das in seinem wahren Sinn und in seinem tiefen Sinn nehmen, was im
Verlauf dieser Karmavortrage gesagt worden ist und was auch aus
anderen Zusammenhangen hervorgeht, die hier betrachtet worden
sind, dann werden Sie ja darauf kommen, meine lieben Freunde, dafi
dasjenige, was sich hier abspielt, indem eine Anzahl von Menschen
durch ihr Karma in die Anthroposophische Gesellschaft hereingefuhrt
werden, sein Vorgeschehen, so will ich es nennen, hat in einem Gesche-
hen, das sich abgespielt hat mit diesen Menschen, bevor sie in das
irdische Dasein eingetreten sind, und das wieder die Nachwirkung ist
von Ereignissen, die sich in vorigen Erdenleben abgespielt haben.
Wenn Sie nun zunachst nur einmal den Gedanken schweifen lassen
iiber alles das, was durch eine solche Idee angeregt wird, dann werden
Sie sagen: Es kann dieser Gedanke allmahlich dahin vertieft werden,
dafi die Geschichte geistig erscheint, die hinter der Anthroposophischen
Gesellschaft steht. Nur kann das nicht im Fluge geschehen, sondern
es kann nur langsam und allmahlich zum Bewufitsein kommen, damit
es so zum Bewufitsein komme, daft auch das Tun der Anthroposo-
phischen Gesellschaft sich errichte auf den Untergriinden, die durch-
aus fur die Anthroposophen vorhanden sind.
Und nun, sehen Sie, zunachst ist es ja Anthroposophie, welche die
Gesellschaft zusammenhalt, Anthroposophie als solche. Und Anthro-
posophie mufi doch in irgendeiner Weise von demjenigen, der sich in
der Gesellschaft einfindet, gesucht werden. Das hat seine Vorgescheh-
nisse in dem, was erlebt worden ist - wir wollen es zunachst nur bis
dahin verfolgen -, bevor die Seelen, die eben Anthroposophen werden,
in das irdische Dasein heruntersteigen.
Wenn aber dann mit einer gewissen Durchschau auf das, was da
eigentlich sich vollzogen hat, das Auge hinblickt auf die Welt, dann
mufi heute das Folgende gesagt werden: Es gibt in der Welt heute viele
Menschen, die man da oder dort findet und von denen man, wenn man
ihren Zusammenhang mit ihrem vorirdischen Dasein ins Auge fafit,
eigentlich sagen mu!5: sie sind durch dieses vorirdische Dasein fur die
Anthroposophische Gesellschaft bestimmt gewesen und konnen durch
gewisse Ereignisse nicht den Weg in dieselbe finden. - Viel mehr solcher
Menschen, als man denkt, gibt es. Das aber legt uns erst recht herzlich
die Frage auf: Welches ist die Vorbestimmung, welches ist die Prede-
stination, die eine Seele an die Anthroposophie heranfiihrt?
Sehen Sie, ich mochte zunachst von extremen Fallen ausgehen,
welche lehren konnen, wie das Karma gerade bei einer solchen Sache
spielt. In der Anthroposophischen Gesellschaft entsteht ja wirklich,
man mochte sagen, in einer intensiveren Weise fur den einzelnen Men-
schen die Frage nach dem Karma als auf einem anderen Gebiete. Ich
will nur auf das Folgende hinweisen: Nehmen Sie einmal an, dafi die
Seelen, die gegenwartig in einem Menschenleibe inkarniert sind, zu-
meist nicht so weit, man kann schon sagen uberhaupt nicht so weit,
zuruckfuhren, dafi sie zunachst irgend etwas erlebt haben konnen in
verflossenen Erdenleben, was sie - nehmen wir ein radikales Bei-
spiel - innerhalb der anthroposophischen Bewegung zur Eurythmie
hinfuhrt; denn diese Eurythmie hat es ja nicht gegeben in denjenigen
Zeiten, in denen die Seelen verkorpert waren, die heute Eurythmie
suchen.
Da entsteht die brennende Frage: Wie kommt eine Seele dazu, den
Gang nach der Eurythmie hin zu machen aus karmischen Untergriin-
den heraus? Aber so ist es ja mit alien einzelnen Gebieten des gesamten
Lebens: Seelen finden sich heute, welche nach dem, was Anthroposo-
phie gibt, den Weg suchen. Wie kommen sie dazu, dasjenige, was die
Vorbedingungen ihres Karma in den vorigen Erdenleben sind, gerade
nach der Richtung zur Anthroposophie hin zu entfalten?
Nun sind da zunachst solche Seelen, die mit einer gewissen inne-
ren starken Intensitat zur Anthroposophie hingetrieben werden. Diese
Intensitat ist ja nicht bei alien gleich, aber es gibt Seelen, die mit einer
starken inneren Intensitat hingetrieben werden zur Anthroposophie,
dafi es einem so vorkommt, als wenn sie geradezu ohne Seitenpfade,
in aller Geradheit zur Anthroposophie hinsteuern und in irgendein
Gebiet des anthroposophischen Lebens hineinmunden.
Da gibt es eine Anzahl von Seelen, die aus dem Grunde zu einem
solchen weltenkosmischen Steuern in ihrer Seele kommen, weil sie in
besonderer Starke empfunden haben in abgelaufenen Jahrhunderten,
in denen sie ihr voriges Erdenleben durchgemacht haben, daft das
Christentum an einem bestimmten Wendepunkt angekommen war.
Sie haben in einem Zeitalter gelebt, wo das Christentum vorzugsweise
dazu gefuhrt hatte, in ein mehr oder weniger instinktives menschliches
Fiihlen uberzugehen, wo das Christentum zwar mit einer Selbstver-
standlichkeit, aber mit einer instinktiven Selbstverstandlichkeit ge-
iibt wurde, wo die Seelen eigentlich nicht die Frage aufgeworfen ha-
ben: Warum bin ich ein Christ? - Und wir kommen, wenn wir den
Blick zuriickwenden auf das 13., 12., 11., 10., 9., 8. Jahrhundert der
nachchristlichen Entwickelung, insbesondere auf solche Seelen, die
durchchristet waren, die hereinwuchsen in das Bewufkseinszeitalter, die
aber das Christentum noch vor dem Bewufitseinszeitalter in die reine
Gemiitsseele hinein voll aufgenommen haben, denen aber schon in be-
zug auf die mehr weltlichen Angelegenheiten dasjenige erglanzte, was
die Bewufitseinsseele bringen soil.
Was da, ich mochte sagen, unbewufit gelebt hat, so dafi es gewisser-
maften mit Umgehung des Kopfes dazumal in die Verrichtungen des
Organismus hineingegangen ist, was da gelebt hat in vieler Beziehung
als ein frommes Christentum, aber ein Christentum, das iiber sich
selber nicht zur Klarheit kam, das stellte an diese Menschen die For-
derung - denn, was unbewu/k ist in einem Erdenleben, wird um einen
Grad bewulker im nachsten Erdenleben -, die Frage aufzuwerfen:
Warum sind wir Christen?
Das aber fiihrte dazu - ich spreche heute einleitungsweise die Dinge
zunachst andeutend, sie sollen weiter ausgefiihrt werden -, dafi solche
Seelen nun auch in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt vorzugsweise in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts in der
geistigen Welt einen Zusammenhang hatten. Und es gab Seelenver-
einigungen in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts in der geistigen
Welt, die die Konsequenzen des Christentums zogen, das sie hier auf
Erden erlebt haben, in dem Glanze und in dem umfassenden Schein,
in der umfassenden Offenbarung der geistigen Welt. Gerade in der
ersten Halfte des 19. Jahrhunderts gab es Seelen in dem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt, die dahin drangten, in kosmische
Imaginationen umzusetzen, was sie in einem christlichen vorangehen-
den Leben gefiihlt haben. Und gerade das, was ich hier einmal als einen
Kultus beschrieben habe, das spielte sich da im Obersinnlichen ab.
Und eine grolte Anzahl Seelen war versammelt in diesen gemeinsam
gewobenen kosmischen Imaginationen, in diesen machtigen Bildern
eines Zukunftsdaseins, das dann in veranderter Gestalt gesucht werden
sollte wahrend des nachsten Erdendaseins.
Aber da hineinverwoben war alles dasjenige, was an schweren in-
neren Kampfen, die viel schwerer waren, als man gewohnlich denkt,
sich abgespielt hat zwischen dem 7. und 13., 14. nachchristlichen Jahr-
hundert. Die Seelen derjenigen Menschen, die ich meine, haben gerade
in dieser Zeit manches durchgemacht. Und alles, was sie da durchge-
macht haben, woben sie hinein in jene machtigen kosmischen Imagi-
nationen, die in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts von einer gro-
fieren Anzahl von Seelen gemeinschaftlich gewoben wurden.
Alles das, was da an kosmischen Imaginationen gewoben wurde,
das ist durchspielt auf der einen Seite von etwas, das ich nicht anders
beschreiben kann denn als eine Art von sehnendem, erwartungsvollem
Gefiihle. All dieses Ausarbeiten von machtigen kosmischen Imagina-
tionen wird erlebt von diesen Seelen so, dafi sie ein verdichtetes, aber
aus mannigfaltigen Einzelheiten heraus verdichtetes Gefiihl in ihren
Seelen, in ihren entkorperten Seelen haben; es ist das Gefiihl, das ich
etwa in der folgenden Art beschreiben kann: Wir haben unten im
letzten Erdendasein die Hinneigung zu dem Christus erlebt. Wir haben
tief die Geheimnisse empfunden, weiche die Tradition aufbewahrt
hatte fur die Christen, an das heilig-ernste Geschehen, das sich in Pa-
lastina im Beginne der christlichen Zeitrechnung abgespielt hat. Aber
hat Er denn in aller seiner Glorie, in all seinem Glanze vor unserer
Seele gestanden, dieser Christus? Diese Frage ging aus den Gemutern
hervor. Sie sagten: Haben wir es nicht nur nach unserem Tode vernom-
men, wie der Christus aus kosmischen Hohen als Sonnenwesen auf die
Erde heruntergestiegen ist? Haben wir ihn als Sonnenwesen erlebt?
Hier ist er nicht mehr: Er ist mit der Erde vereint; hier gibt es nur
etwas wie eine weltenkosmische Erinnerung an ihn. Wir miissen wieder
zu der Erde den Weg finden, um den Christus vor unserer Seele zu ha-
ben. Christus-Sehnsucht begleitete diese Seelen - aus dem Weben von
grofien, majestatischen, kosmischen Imaginationen, die mit den Gei-
stern der oberen Hierarchien gewoben wurden; diese Sehnsucht be-
gleitete diese Seelen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische herein.
Das ist etwas, was mit einer hinreifienden Intensitat erlebt werden
kann fur den geistigen Blick, der das Geschehen in der verkorperten
und nichtverkorperten Menschheit beobachtete im Laufe des 19. und
20. Jahrhunderts. Und da mischte sich eben das Mannigfaltigste in diese
Eindriicke hinein. Denn gerade dadurch, dafi die Seelen, die jetzt wie-
dererscheinen, mitgemacht haben in ihrer Christus-Empfindung all
das, was sich abgespielt hat zwischen denen, die nach dem Christen-
tum strebten, und denen, die noch drinnenstanden in den Vorstellun-
gen des alten Heidentums, wie es ja zumeist der Fall war in den Jahr-
hunderten, auf die ich hingedeutet habe, gerade dadurch liegt fur diese
Seelen ja wirklich vieles von dem vor, was in der Seele die Moglichkeit
herbeifiihrt, auf der einen Seite den Versuchungen Luzifers, auf der
anderen Seite den Versuchungen Ahrimans zu verfallen. Und im Kar-
ma weben Ahriman und Luzifer geradeso wie die guten Gotter. Das
haben wir ja schon gesehen.
Nun, was alles einverwoben ist in dasjenige, was heute in seiner
karmischen Auswirkung sich abspielt, das raufi im einzelnen verfolgt
werden, um wirklich die geistigen Untergriinde des anthroposophischen
Strebens zu verfolgen. Und es ist, wenn die Weihnachtstagung ernst
genommen wird, auch durchaus der Zeitpunkt da, wo von gewissen
Dingen der Schleier sozusagen hinweggezogen werden darf. Nur miis-
sen die Dinge mit dem notigen Ernste aufgef afit werden.
Beginnen wir einmal, wie gesagt, mit einem radikalen Fall. Lassen
wir das, was eben gesagt worden ist, in der heutigen Stunde im Hinter-
grunde walten, indem wir das Folgende besprechen.
Wir sehen, wie sich aus dem vorirdischen Dasein in das irdische
Dasein herein durch ihre Erziehung hindurch, durch das, was sie auf
der Erde erleben, Menschenseelen finden, die den Weg in die Anthro-
posophische Gesellschaft herein suchen, die auch eine Weile in der An-
throposophischen Gesellschaft sind. Unter ihnen kann sich der Fall er-
eignen, dafi, gerade nachdem eine solche Seele eine Zeitlang sich als
ein eifriges, vielfach sogar iibereifriges Mitglied der Anthroposophi-
schen Gesellschaft zeigt, sie dann spater zum allerheftigsten Gegner
wird. Sehen wir uns an einem solchen extremen Fall das Karma ein-
mal an.
Nehmen wir einmal diesen extremen Fall: Jemand tritt herein in
die Anthroposophische Gesellschaft, er erweist sich als ein eifriges
Mitglied; nach einiger Zeit bringt er es zustande, nicht nur Gegner zu
werden, sondern vielleicht beschimpfender Gegner - im Grunde ge-
nommen ein sehr, sehr merkwiirdiges Karma.
Betrachten wir einen einzelnen Fall. Da ist eine Seele. Wir schauen
zuriick in ein voriges Erdendasein. Wir schauen dabei zuriick in die
Zeit, wo alte Erinnerungen aus der Heidenzeit her, beriickend fur die
Leute, dagewesen sind, und wo die Leute sich hineingefunden haben
in das, was ja in jener Zeit sich, ich mochte sagen, mit Warme als
Christentum ausgebreitet hat, was aber von vielen Menschen doch
auch mit einer gewissen Oberflachlichkeit aufgenommen wurde.
Wenn solche Dinge besprochen werden, mufS man sich ja immer
klar sein, dafi man sozusagen irgendwo anfangen mufi bei einem Er-
denleben. Jedes Erdenleben fiihrt ja wiederum auf friihere zuriick,
so dafi naturlich ungeklarte Reste da sind, auf die man als blofie Tat-
sachen hinweisen kann. Sie sind ja wieder die karmischen Folgen von
fruheren; aber man mufi doch irgendwie anfangen.
Nun kann man eine solche Seele schauen, wie sie gefunden wird
gerade in jener Zeit - und zwar gefunden wird auf eine Art, die mir
und anderen hier in der Gesellschaft recht nahegegangen ist -, gefun-
den wird in jener Zeit, auf die ich hingedeutet habe, als eine Art ver-
fehlter Goldmacher, im Besitze von Schriften, Manuskripten, die sie
kaum verstehen konnte, die sie in ihrer Art ausdeutete, und dann expe-
rimentierte sie nach den Vorschriften, ohne eigentlich eine Ahnung
zu haben von dem, was sie da machte. Denn in die geistig-chemischen
Zusammenhange hineinzuschauen, ist ja keine einfache Sache. Und so
sehen wir einen solchen Experimentator mit einer kleinen Bibliothek
der mannigfaltigsten Vorschriften, die weit hineinfuhren bis in ara-
bisch-maurische Zusammenhange, und sehen, wie an fast abgelegener
Statte, aber einer Statte, die besucht wird von vielen Neugierigen, die-
ser Mensch seine Tatigkeit entfaltet. Er kommt dazu, sich ein eigen-
tiimliches Leiden heranzuziichten unter dem Einflusse dieser unver-
standenen, verstandnislos geiibten Tatigkeit, ein Leiden, das nament-
lich seinen Kehlkopf ergreift - es ist eine mannliche Inkarnation -, so
daft die Stimme allmahlich umflort und immer umflorter wird und
zuletzt kaum mehr da ist.
Nun sind die christlichen Lehren verbreitet, sie ergreifen ja die
Menschen iiberall. Da ist auf der einen Seite die Gier in diesem Men-
schen, das Goldmachen zu erreichen, und mit dem Goldmachen man-
ches andere, was man hatte erreichen konnen, wenn es in der damali-
gen Zeit gelungen ware; auf der anderen Seite das Herandringen des
Christentums an ihn in einer Weise, die eigentlich voll von Vorwiir-
fen ist. Etwas von einer, ich mochte sagen, nicht ganz gereinigten Fau-
stischen Stimmung entwickelt sich. Stark wird das Gefuhl: Hast du
nicht doch furchtbar Unrecht getan? Und nach und nach bildet sich
nun dennoch unter dem Einflusse solcher Gedanken die skeptisch in
der Seele lebende Anschauung heraus: Dafi du deine Stimme verloren
hast, das ist die gottliche Strafe, die gerechte Strafe dafiir, dafi du dich
an unrichtiges Zeug herangemacht hast.
In dieser Seelenlage suchte der Betreffende den Rat von Menschen
auf, die jetzt auch mit der Anthroposophischen Gesellschaft sich ver-
bunden haben, die dazumal in sein Schicksal so eingreifen konnten,
dafi sie gewissermaften seine Seele retteten aus diesen tiefen Zweifeln
heraus. Man kann schon sprechen von einer Art Rettung der Seele.
Aber das alles vollzog sich unter solchen Nebenereignissen, dafi der
Betreffende doch in einem starken, nur aufierlich bleibenden Fiihlen
dieses durchlebte. Auf der einen Seite wurde er iiberwaltigt von einer
Art Dankgefiihl gegeniiber denjenigen, die ihn seelisch errettet hatten;
auf der anderen Seite mischte sich gerade in diese Unklarheit ein
furchtbar ahrimanischer Impuls hinein durch dasjenige, was hier ein-
getreten war: nach einer starken, nach dem Unrecht-Magischen hin
gehenden Neigung ein nicht ganz echtes Sich-Erfuhlen in der christ-
lichen Gerechtigkeit; in das alles mischte sich ein ahrimanischer Zug
hinein. Weil es Unklarheit iiber die Seele verbreitete, so kam der Be-
treffende dazu, in seinen Dank einen ahrimanischen Zug hineinzu-
bringen, und der Dank wurde umgewandelt in etwas, was in der Seele
einen unwiirdigen Ausdruck fand und dem Betreffenden wieder vor
die Seele trat, als er in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt namentlich an derjenigen Stelle angekommen war, die ich be-
zeichnet habe als die erste Halfte des 19. Jahrhunderts. So dafi er da
durchlebte, was die Seele dazumal an aufierem, veraufterlichtem, ich
mochte sagen, kriechendem Dank entwickelte, dafi er dieses in der
ganzen Menschenunwiirdigkeit wieder da durchlebte.
Und so sehen wir gerade dieses Bild des ahrimanisierten Dankes
hineingemischt in die kosmischen Imaginationen, von denen ich ge-
sprochen habe. Und wir sehen, wie diese Seele hinuntersteigt aus dem
vorirdischen Dasein in das irdische Dasein, auf der einen Seite mit all
denjenigen Impulsen, die ihr gekommen sind aus ihrer Zeit des alten
Goldmachen-Wollens, der Vermaterialisierung des geistigen Strebens,
wahrend auf der anderen Seite sich unter ahrimanischem Einf lufi etwas
entwickelt, was deutlich wahrzunehmen ist als Schamgefuhl iiber den
unrechtmaftig veraufierlichten Dank. Diese zwei Stromungen leben
in der Seele beim Heruntersteigen, und diese zwei Stromungen driicken
sich dadurch aus, daft die betreffende Personlichkeit, als sie wieder
Persdnlichkeit geworden ist im irdischen Leben, den Weg sucht zu
denjenigen hin, die da waren, wo auch diese Seele war in der ersten
Halfte des 19. Jahrhunderts.
Nun entsteht zunachst etwas wie eine Erinnerung an das, was durch-
lebt worden ist in der Bildgestaltung des unrechtmaftigen, des ver-
aufierlichten Dankes - das alles spielt sich, ich mochte sagen, wie
automatisch ab — und es erwacht dann dasjenige, was da drinnen
lebt, was ich geschildert habe als Schamgefiihl iiber die eigene Men-
schenunwiirdigkeit. Das ergreift diese Seele. Da dies aber ahrimani-
siert ist - auch aus dem Karma friiherer Zeiten heraus selbstverstand-
lich -, giefit es etwas aus wie einen furchtbaren Hafi auf all dasjenige,
dem man sich zunachst zugewendet hat/ Und das gewendete Scham-
gefiihl verwandelt sich, transformiert sich in eine wutende Gegner-
schaft, gleichzeitig vereinigt mit der ungeheuren Enttauschung dar-
iiber, daft das Unbewufite so wenig seine Befriedigung gefunden hat.
Es hatte diese Befriedigung gefunden, wenn irgend etwas Ahnliches
eingetreten ware, wie es in der unrechtmaftigen Goldmacherkunst lag.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, da haben wir ein Beispiel, wie
sich nun in einem radikalen Falle die Dinge innerlich wenden; wie
wir die merkwurdigen, mysteriosen Wege von so etwas wie dem Zu-
sammenhang von Schamgefiihl und Haft in einem friiheren Dasein
aufsuchen miissen, wenn wir aus den Vorbedingungen heraus ein ge-
genwartiges Leben verstehen wollen.
Sehen Sie, wenn man solche Dinge so betrachtet, dann gieftt sich
allerdings etwas von Verstandnis iiber all dasjenige aus, was in der
Welt durch Menschen vorgeht, und dann beginnen grofte Schwierig-
keiten des Lebens, wenn man es mit dem Karmagedanken ernst nimmt.
Aber diese Schwierigkeiten sollen kommen, denn sie sind im ganzen
Wesen des Menschenlebens begriindet. Und eine solche Bewegung wie
die anthroposophische mufi eben vielem ausgesetzt sein, weil sie nur
dadurch jene starke Kraft entwickeln kann, welche ihr notwendig ist.
Ich habe dieses Beispiel zuerst angefuhrt aus dem Grunde, damit
Sie sehen, daft auch sozusagen das Negative wird gesucht werden miis-
sen im karmischen Zusammenhange mit dem ganzen Schicksale, das
die anthroposophische Bewegung erstehen lafit aus den vorangegan-
genen Inkarnationen der in ihrer Gesellschaft Vereinigten, und dem-
jenigen, was jetzt geschieht.
So, meine lieben Freunde, kann gehofft werden, dafi ein ganz neues
Verstandnis nach und nach erwacht fur das Wesen der Anthroposo-
phischen Gesellschaft, dafi sozusagen die Seele der Anthroposophischen
Gesellschaft mit all ihren verschiedenen Schwierigkeiten erforscht wer-
den kann. Denn auch da mufi man nicht blofi beim einzelnen Men-
schenleben bleiben, sondern zuriickgehen auf dasjenige, was sich ei-
gentlich, man kann da nicht sagen, wieder verkorpert, aber wieder
erlebt. Und damit wollte ich heute beginnen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 8. Juli 1924
Ich mochte heute einiges einfiigen in unsere Betrachtungen, das uns
dann moglich machen wird, die karmischen Zusammenhange der an-
throposophischen Bewegung selber genauer zu verfolgen. Dasjenige,
was ich heute einfiigen will, soli ausgehen von der Tatsache, da& in der
anthroposophischen Bewegung zwei Gruppen von Menschen sind. Im
allgemeinen habe ich ja charakterisiert, wie sich die anthroposophische
Bewegung aus einzelnen Menschen zusammensetzt. Die Sache ist na-
turlich zunachst nur im grojRen und ganzen gemeint, aber es gibt eben
zwei Gruppen von Menschen in der anthroposophischen Bewegung.
Nur sind die Erscheinungen, die ich charakterisiere, nicht so auf der f la-
chen Hand liegend; sie sind nicht so, daf$ man mit der groben Beobach-
tung sagen kann: Bei dem einen ist das so, bei dem anderen ist das so.
Vieles von dem, was ich heute zu charakterisieren haben werde, liegt
nicht im vollen gewohnlichen Bewufitsein der Persdnlichkeit, sondern
liegt eben, wie das meiste Karmische, in den Instinkten, im Unter-
bewufitsein, pragt sich aber durchaus in Charakter, Temperament,
Handlungsweise und in der wirklichen Handlung aus.
Wir haben die eine Gruppe zu unterscheiden, welche zu dem Chri-
stentum in einer solchen Weise steht, daft den Angehorigen dieser
Gruppe die Zugehorigkeit zum Christentum besonders am Herzen
liegt, und dafi in ihren Seelen die Sehnsucht lebt, sich als Anthroposoph
im richtigen Sinne des Wortes, wie sie es auffassen, Christ nennen
zu konnen. Fur diese Gruppe ist es geradezu ein Trost, daft in vollem
Umfange gesagt werden kann: Die anthroposophische Bewegung stellt
eine solche Bewegung dar, welche den Christus-Impuls anerkennt und
in sich tragt. Und es wiirde dieser Gruppe Gewissensbisse machen,
wenn das nicht der Fall ware.
Die andere Gruppe ist zunachst in ihrer Offenbarung oder in der
Offenbarung ihrer Personlichkeiten nicht weniger ehrlich christlich,
aber es ist so, dafi diese Gruppe eigentlich aus einer anderen Voraus-
setzung heraus an das Christentum herankommt. Es ist so, dafi diese
Gruppe zunachst Befriedigung findet an der anthroposophischen Kos-
mologie, an der Entwickelung der Erde aus anderen planetarischen
Formen heraus, Befriedigung findet an demjenigen, was Anthroposo-
phie iiber den Menschen im allgemeinen zu sagen hat, und von da aus-
gehend dann gewift naturgemaft zu dem Christentum hingefiihrt wird,
aber nicht in demselben Mafie ein innerliches Herzensbediirfnis hat,
unbedingt den Christus in die Mitte zu stellen. Wie gesagt, diese Dinge
spielen sich zum groften Teile im Unterbewuftten ab. Wer Seelenbeob-
achtung iiben kann, der weift immer im einzelnen Falle die betreffen-
den Persdnlichkeiten in der richtigen Weise zu beurteilen.
Nun gehen die Voraussetzungen zu dieser Gruppierung in alte
Zeiten zuriick. Sie wissen ja aus meiner «Geheimwissenschaft im Um-
rift» daft in einer bestimmten Zeit der Erdenentwickelung Seelen ge-
wissermafien ihren Abschied genommen haben von der fortlaufenden
Erdenentwickelung, daft sie zum Bewohnen anderer Planeten gekom-
men sind, und daft sie wahrend einer bestimmten Zeit, der lemurischen
und der atlantischen Zeit, wiederum auf die Erde heruntergekommen
sind. Und wir wissen ja auch, daft unter dem Einflusse der Tatsache,
daft von den verschiedenen Planeten, vom Jupiter, Saturn, Mars und
so weiter, aber auch von der Sonne die Seelen heruntergekommen sind,
um irdische Gestalt anzunehmen, die urspriinglichen Mysterien, die ich
in meiner «Geheimwissenschaft» auch Orakel genannt habe, entstan-
den sind.
Nun sind diese Seelen so, daft unter ihnen natiirlich viele waren,
welche durch ein sehr altes Karma dazu neigten, eben in diejenige
Stromung sich hineinzubegeben, die dann die christliche wurde. Wir
mussen ja ins Auge fassen, daft immerhin kaum ein Drittel der Erden-
bevolkerung sich zum Christentum bekennt, und daft also nur gesagt
werden kann, daft ein gewisser Teil der Menschenseelen, die da her-
unterkamen, die Tendenz entwickelte, den Impuls entwickelte, nach
der christlichen Stromung hin sich zu entfalten.
Nun kamen eben die Seelen zu verschiedenen Zeiten herunter, und
es gibt solche, welche verhaltnismaftig friih heruntergekommen sind in
den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung. Es gibt aber auch
solche, welche verhaltnismaftig spat heruntergekommen sind, die so-
zusagen einen langen vorirdischen planetarischen Aufenthalt gehabt
TafeH haben. Es sind dies solche Seelen, bei denen, wenn man zuriickgeht
von ihrer jetzigen Inkarnation, man vielleicht kommt zu einer Inkar-
nation in der ersten Halfte des Mittelalters, zu einer christlichen In-
karnation, vielleicht noch zu einer christlichen Inkarnation, dann,
wenn man weiter zuriickgeht, zu den vorchristlichen und so weiter,
und daft man verhaltnismafiig bald von der friihesten Inkarnation,
auf die man auftrifft, sagen mufi: Jetzt geht es nach riickwarts hinauf
ins Planetarische. Vorher waren diese Seelen noch nicht in Erdenin-
karnationen da. Bei anderen Seelen, die auch ins Christentum einge-
laufen sind, steht die Sache so, dafi man weit zunickgehen kann, viele
Inkarnationen findet, und dann sind, nach vielen vorchristlichen, auch
schon atlantischen Inkarnationen, diese Seelen in die christliche Stro-
mung untergetaucht.
Nun ist ja natiirlich fur alles intellektualistische Betrachten eine
solche Sache, wie ich sie jetzt eben erwahnt habe, so irrefuhrend als
moglich; denn leicht konnte man auf den Glauben kommen, daft bei
solchen Personlichkeiten, die gegenuber dem heutigen Urteile der Zi-
vilisation als besonders fahige Kopfe zu gelten haben, gerade viele
Inkarnationen nach riickwarts hin vorliegen. Das mufi aber nicht der
Fall sein, sondern es konnen durchaus solche Personlichkeiten, welche
im heutigen Sinne gute Fahigkeiten haben, in das Leben eingreifende
Fahigkeiten haben, solche sein, bei denen man nicht auf so viele In-
karnationen zuriickkommt.
Ich darf dabei vielleicht an das erinnern, was ich - inaugurierend
die anthroposophische Stromung, die wir jetzt eben in der anthropo-
sophisdhen Bewegung haben - bei der Weihnachtstagung vorgebracht
habe, wo ich von denjenigen Individualitaten gesprochen habe, an
die dann das Gilgamesch-Epos ankniipft. Ich habe ja dazumal einiges
iiber solche Individualitaten ausgefvihrt. Bei einer dieser Individuali-
taten haben wir es gerade mit verhaltnismafiig wenigen nach riick-
warts reichenden Inkarnationen zu tun. Dagegen ist es eben bei der
anderen so, dafi wir es mit vielen nach riickwarts reichenden Inkarna-
tionen zu tun haben.
Nun ist ja vor alien Dingen, ganz gleichgultig, ob noch Inkarna-
tionen dazwischen liegen oder nicht, fur Menschenseelen, die heute in
die Anthroposophie hereinkommen, diejenige Inkarnation wichtig -
die in der Regel ja auf lange Zeiten, auf zwei bis drei Jahrhunderte ver-
teilt ist die etwa in das 3., 4., 5. nachchristliche Jahrhundert fallt,
bei einigen eben auch noch in spatere Zeiten. Wir miissen uns also vor
alien Dingen die Erlebnisse der Seelen in dieser Zeit ansehen - bei eini-
gen geht es auch noch bis ins 7., 8. Jahrhundert her auf, und dann kom-
men sie zum Befestigen durch eine spatere Inkarnation. Aber ich will
die Sache heute moglichst prazise ankniipfen an die erste sozusagen
christliche Inkarnation.
Bei diesen Seelen kommt sehr stark in Betracht, wie sie sich nach
ihren Vorbedingungen, nach ihren friiheren Erdenleben zum Christen-
tum stellen konnten. Sehen Sie, meine lieben Freunde, diese Frage ist
deshalb eine wichtige Karmafrage, zunachst - wir werden spater ja
auch sozusagen nebensachlichere Karmafragen zu besprechen haben,
aber diese Frage ist eine karmische Kardinalfrage -, weil zur Anthro-
posophischen Gesellschaft, zunachst mit Obergehung vieler anderer,
nebensachlicherer Dinge, die Menschen ja gerade durch diese inner-
sten Erlebnisse friiherer Inkarnationen kommen, gerade durch das-
jenige, was ihre Seele in bezug auf Weltanschauung, religioses Bekennt-
nis und so weiter erlebt hat. Daher mufi in bezug auf das Karma der
Anthroposophischen Gesellschaft schon in den Vordergrund gestellt
werden, was diese Seelen in bezug auf Erkenntnis, in bezug auf Welt-
anschauung und Religionen erlebt haben.
Nun war es in diesen ersten Jahrhunderten der christlichen Ent-
wickelung durchaus moglich, noch traditionell an Erkenntnisse anzu-
kmipfen, die ja seit der Begriindung des Christentums uber das Wesen
Christi vorhanden war en, Erkenntnisse, die dahin gingen, daft man
denjenigen, der als Christus in der Personlichkeit des Jesus lebte, als
einen Sonnenbewohner, ein Sonnenwesen angesehen hat, bevor es das
irdische Leben betreten hat. Man darf nicht glauben, daft die christ-
liche Welt in bezug auf diese Sachen immer so unwissend war wie
heute. In den ersten Jahrhunderten des Christentums verstand man
schon auch das Evangelium an bestimmten Stellen, die sehr deutlich
sprechen in der Richtung, daft das Wesen, das als Christus bezeichnet
wird, von der Sonne herunter in einen Menschenleib gekommen ist.
Wie man sich das im einzelnen vorgestellt hat, darauf kommt es ja
weniger an; aber diese Vorstellung, die so weit ging, wie ich es jetzt
charakterisierte, die hatte man eben.
Doch war zu gleicher Zeit in der Epoche, von welcher ich jetzt
gesprochen habe, schon eine geringere Moglichkeit da, so etwas zu ver-
stehen, dafi ein Wesen, das von der Sonne stammt, auf die Erde her-
unterkommt. Und insbesondere waren es diejenigen Seelen, die in das
Christentum eingestromt waren und viele Erdeninkarnationen, bis weit
in die atlantische Zeit zuriickreichend, hatten - viele Seelen waren
es — , die eigentlich nicht mehr verstehen konnten, wie man den Chri-
stus ein Sonnenwesen nennen kann. Gerade diejenigen Seelen, welche
in ihren alten Bekenntnissen sich an die Sonnenorakel angeschlossen
fuhlten, die eigentlich schon in der atlantischen Zeit den Christus ver-
ehrten, aber indem sie den Christus verehrten, eben auf die Sonne hin-
aufschauten, diese Seelen, die also einmal - selbst nach des heiligen
Augustinus Ausspruch — , schon bevor das Christentum auf der Erde
begriindet wurde, gewissermaften Sonnenchristen waren, diese Seelen
konnten aus ihrer ganzen Geistigkeit heraus kein rechtes Verstandnis
dafiir finden, dafl der Christus ein Sonnenheld ware. Deshalb zogen
sie es vor, an demjenigen festzuhalten, was ohne diese Interpretation,
ohne diese christologische Kosmologie, den Christus allerdings als ei-
nen Gott betrachtete, aber als einen Gott, unbekannt woher, der sich
mit dem Leibe des Jesus vereinigt hatte. Und dann nahmen sie das,
was in den Evangelien erzahlt wird, eben einfach unter den Voraus-
setzungen hin, die ich angefuhrt habe. Sie konnten nicht mehr den
Blick hinaufwenden in die kosmischen Welten, um das Wesen des
Christus zu verstehen, gerade deshalb, weil sie den Christus eben nur
in aufierirdischen Welten kennengelernt hatten. Weil ihnen auch die
irdischen Mysterien, die Sonnenorakel, von dem Christus immer als
von einem Sonnenwesen gesprochen haben, konnten sie sich nicht in
die Anschauung hineinfinden, dafi dieser Christus, dieser aufierirdi-
sche Christus ein wirkliches Erdenwesen geworden sei.
Und so kamen diese Seelen, als sie dann durch die Pforte des Todes
gingen, in eine merkwiirdige Lage. Sie kamen in die Lage, die ich.
wenn ich es etwas trivial charakterisieren soli, dadurch kennzeichnen
konnte, dafi ich sage: Diese Christen befanden sich im Post-mortem-
Zustande in der Lage, in der ein Mensch sich befindet, der von einem
anderen Menschen gut den Namen kennt, vielleicht auch vieles von
ihm hat erzahlen horen, aber ihn selbst seiner Wesenheit nach nie ken-
nengelernt hat. Da kann es eben passieren, dafi, wenn jene Stiitze fehlt,
die ihm gedient hat, solange er blofi den Namen gekannt hat, ihm
dann, wenn irgend etwas kommt, wo er die Wesenheit kennen soli,
sein seelisches Leben gegeniiber dieser Erscheinung versagt.
Und so kamen diese Seelen, von denen ich eben jetzt gesprochen
habe, die in alten Zeiten namentlich zu den Sonnenorakeln sich zuge-
horig fiihlten, im Post-mortem-Zustande in die Lage, sich zu fragen: Ja,
wo ist denn eigentlich der Christus? Wir sind jetzt bei den Wesen der
Sonne, da haben wir ihn immer gefunden; jetzt finden wir ihn nicht! -
Dafi er auf Erden sei, das hatten sie nicht mitgenommen in ihre Ge-
danken und Gefuhle, die ihnen geblieben waren, als sie durch die
Pforte des Todes gegangen waren. Sie fanden sich nach dem Tode in
einer grofien Ungewifiheit liber den Christus, und sie Iebten in dieser
Ungewiftheit iiber den Christus, sie blieben in dieser Ungewiftheit in
vieler Beziehung und waren dadurch - wenn noch eine Inkarnation in
der Zwischenzeit kam - leicht geneigt, denjenigen Menschengruppen
sich anzuschliefien, die in der Religionsgeschichte Europas in den ver-
schiedenen Ketzergesellschaften geschildert werden.
Und gleichgiiltig, ob sie noch eine solche Inkarnation durchmach-
ten oder nicht, sie fanden sich dann ein, ich mochte sagen, in jener
grofien iiberirdischen Versammlung, die ich am letzten Sonntag hier
charakterisiert habe, und die ich versetzt habe in die Zeit der ersten
Halfte des 19. Jahrhunderts. Da fanden sich vor einer Art ubersinn-
lichem Kultus, der da bestand in machtigen Imaginationen, eben auch
diese Seelen ein, denen man vorzugsweise in diesem iiberirdischen Kul-
tus das Sonnengeheimnis Christi in machtigen Imaginationen vor das
geistige Auge stellte. Es hatte dies die Aufgabe, diese Seelen, die in
einer gewissen Weise in der gekennzeichneten Art mit ihrem Christen-
tum in eine Sackgasse gekommen waren, wenigstens durch Bilder, be-
vor sie wiederum zum Erdenleben heruntergingen, an den Christus
heranzufiihren, den sie nicht ganz, aber so weit verloren hatten, dafi
er in ihrer Seele in die Stromungen des Zweifels und der Ungewifiheit
hineingeraten war.
Eigentiimlich verhielten sich dann diese Seelen. Sie gerieten zwar
nicht etwa in eine noch grofiere Ungewiftheit dadurch, dafi man ihnen
dieses vorfiihrte - es gab schon eine Art von Befriedigung fur sie in
dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, auch eine Art
von Erlosung aus gewissen Zweifeln ~, aber es gab fiir sie auch eine
Art Erinnerung an das, was sie nun, von dem Mysterium von Gol-
gatha noch nicht in der richtigen Weise, in der kosmischen Weise
durchdrungen, iiber den Christus aufgenommen hatten. Und so blieb
ihnen im Innersten ihres Wesens eine ungeheure Warme und Hingabe
fur das Fiihlen des Christentums und ein unterbewufites Heraufdam-
mern jener machtigen Imaginationen. Und das alles drangte sich zu-
sammen in die Sehnsucht, nun in richtiger Weise Christen sein zu
konnen. Als sie dann herunterstiegen, wieder jung wurden, zur Erde
kamen am Ende des 19. Jahrhunderts oder urn die Wende des 19. zum
20. Jahrhundert, da waren sie diejenigen Seelen, welche gar nicht an-
ders konnten - weil sie eigentlich in gefiihlsmafiiger Weise, ohne kos-
misches Verstandnis, den Christus aufgenommen hatten in der friih-
christlichen Inkarnation als sich zu Christus hingedrangt zu fiihlen.
Aber die Eindriicke, die sie in den machtigen Imaginationen bekom-
men hatten, zu denen sie im vorirdischen Leben hindrangten, die blie-
ben ihnen unbestimmte Sehnsuchten. Und so wurde es ihnen schwer,
sich in die anthroposophische Weltanschauung hineinzufinden, inso-
fern diese anthroposophische Weltanschauung zunachst den Kosmos
betrachtet und die Christus-Betrachtung noch zuriickstellt. Warum
wurde es ihnen schwer? Es wurde ihnen schwer aus dem einfachen
Grunde, weil sie zu der Frage: Was ist Anthroposophie? - in ganz be-
sonderer Art standen.
Werfen wir die Frage auf: Was ist Anthroposophie ihrer Realitat
nach? Ja, meine lieben Freunde, wenn Sie durchschauen alle die wun-
derbaren, majestatischen Imaginationen, die als ein ubersinnlicher Kul-
tus in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts dastanden, und das in
Menschenbegriffe iibersetzen, dann haben Sie die Anthroposophie.
Fur das nachsthohere Erlebnisniveau, fiir die nachste geistige Welt,
aus der der Mensch heruntersteigt ins irdische Dasein, war Anthropo-
sophie da in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts. Nicht auf der
Erde war sie, aber da war sie. Und wenn heute Anthroposophie ge-
schaut wird, dann schaut man sie nach der Richtung der ersten Halfte
des 19. Jahrhunderts; ganz selbstverstandlich schaut man sie dort. So-
gar schon am Ende des 18. Jahrhunderts schaut man sie.
Und sehen Sie, Menschen konnen folgendes Erlebnis haben. Es gibt
eine Personlichkeit, die war einmal in einer ganz besonderen Lage.
Durch einen Freund wurde die grofie Ratselfrage des menschlichen
Erdendaseins aufgeworfen. Aber dieser Freund war etwas verstrickt
in das Kantsche Denken, und so kam die Sache in einer abstrakt-philo-
sophischen Weise heraus. Der andere konnte sich nicht hineinfinden
in das «kantige» Kantsche Denken, und alles riihrte in seiner Seele
diese Frage auf: Wie hangt Vernunft und Sinnlichkeit im Menschen
zusammen? — Da offneten sich gewissermafien — nicht Tore, aber
Schleusen, die fiir einen Moment hereinleuchten lieften in diese Seele
jene Regionen der Welt, in der sich abspielten jene gewaltigen Imagina-
tionen. Und da kam das, was so, nicht durch Tore, nicht durch Fen-
ster, aber durch Schleusen hereinkam, in, ich mochte sagen, Miniatur-
bilder iibersetzt, heraus als das «Marchen von der griinen Schlange und
der schonen Lilie». Denn die Personlichkeit, die ich meine, ist Goethe.
Es sind Miniaturbilder, kleine Spiegelbilder, sogar manchmal ins
Liebliche iibersetzt, was da herunterkam in dem «Marchen von der
griinen Schlange und der schonen Lilie». Es braucht daher gar nicht
besonders wunderbar zu erscheinen, dafi, als es sich darum handelte,
das Anthroposophische in kiinstlerischen Bildern zu geben, wo ja auch
zuriickgegangen werden mufke auf die Imaginationen, da meine
«Pforte der Einweihung» in der Struktur - wenn auch im ganzen In-
halte anders - ahnlich wurde dem «Marchen von der griinen Schlange
und der schonen Lilie».
Sehen Sie, die Dinge liegen eben so, dafi man schon durch das, was
vorgegangen ist, hineinschauen kann in den Zusammenhang. Jeder, der
nur einigermafien mit okkulten Tatsachen sich beschaftigt hat, weifi
ja, dafi dasjenige, was auf Erden geschieht, im Grunde genommen die
Herunterspiegelung von etwas ist, was lange vorher sich in der gei-
stigen Welt abgespielt hat, etwas variiert, so daft nicht hineingemischt
sind bestimmte Geister der Hindernisse, Geister der Hemmnisse, aber
es hat sich eben vorher im Geistigen abgespielt.
Und diejenigen Seelen, die sich gerade anschickten, am Ende des
19. Jahrhunderts, am Beginn des 20. Jahrhunderts oder eigentlich um
die Wende, herunterzusteigen ins irdische Dasein, die brachten sich
dann eine gewisse Sehnsucht, allerdings im Unterbewufitsein, mit, auch
etwas von Kosmologie und dergleichen zu wissen, hinzuschauen auf
die Welt im anthroposophischen Sinne. Aber ihre Gemiitsentflammung
fur den Christus war vor allem stark, und daher hatten sie Gewissens-
bisse empfunden, wenn das, wozu sie sich hingezogen fiihlten im vor-
irdischen Dasein, zur Anschauung der Anthroposophie, nicht von dem
Christus-Impuls durchzogen gewesen ware. Das ist die eine Gruppe,
im groften ganzen natiirlich.
Die andere Gruppe lebte anders. Die andere Gruppe hatte, als sie
in ihrer gegenwartigen Inkarnation auftrat, ich mochte sagen, noch
nicht jene Miidigkeit im Heidentum erlangt, welche die Seelen, die
ich beschrieben habe, erlangt hatten. Gegenuber den anderen waren
sie ja verhaltnismaftig kurze Zeit auf Erden, hatten weniger Inkarna-
tionen vollfiihrt. In diesen wenigen Inkarnationen hatten sie sich er-
fiillt mit jenen machtigen Impulsen, die man gerade dann haben kann,
wenn man mit den vielen heidnischen Gottern in friiheren Erdenleben
noch in einem sehr lebendigen Zusammenhange gestanden hat, und
wenn dieser Zusammenhang noch stark nachwirkt in spateren Inkar-
nationen. Es sind daher auch solche Seelen, die in den ersten christ-
lichen Jahrhunderten noch nicht miide waren des alten Heidentums,
in denen die alten heidnischen Impulse stark nachwirkten, trotzdem
sie mehr oder weniger zum Christentum, das ja nur langsam sich aus
dem Heidentum herausarbeitete, hinneigten. Diese Seelen nahmen da-
mals das Christentum vorzugsweise mit dem allerdings vom Gemiite
durchzogenen Intellekt auf, aber doch immerhin mit dem Intellekt,
und dachten viel iiber das Christentum. Dabei miissen Sie nicht an ge-
lehrtes Denken denken; es konnen verhaltnismafiig einfache Menschen
gewesen sein in einfachen Lebensverhaltnissen, aber sie dachten viel.
Wiederum ist es gleichgiiltig, ob eine spatere Inkarnation noch
nachfolgte, denn die hat wohl einiges verandert, aber das Wesentliche
ist nun, daft, als diese Seelen durch die Pforte des Todes gingen, sie die
Riickschau auf die Erde so hatten, daft ihnen eigentlich das Christen-
tum wie etwas erschien, in das sie erst hineinwachsen muftten. Weil
sie eben weniger mude waren des alten Heidentums, weil sie noch
aus dem alten Heidentum heraus starke Impulse in ihren Seelen tru-
gen, warteten sie gewissermaften noch darauf, erst echte Christen zu
werden.
Gerade diejenigen Personlichkeiten, von denen ich auch heute vor
acht Tagen gesprochen habe, daft sie gegen das Heidentum auf der
Seite des Christentums kampften, gehorten selber zu solchen Seelen,
die eigentlich noch viel Heidentum, viel heidnische Impulse in sich
trugen und eigentlich noch warteten, richtig Christen zu werden. Als
diese Seelen durch die Pforte des Todes gingen, driiben in der geistigen
Welt ankamen, durchmachten das Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt und dann in der Zeit, die ich angedeutet habe - erste
Halfte des 19. Jahrhunderts oder etwas friiher -, vor jene gewaltigen,
gloriosen Imaginationen kamen, da erblickten sie in diesen Imagina-
tionen lauter Impulse fiir den Antrieb ihres Arbeitens, ihres Wirkens.
Sie nahmen diese Impulse vorzugsweise in ihren Willen auf. Und man
mochte sagen: Sieht man dann hin mit dem okkulten Blicke auf das,
was solche Seelen namentlich in ihrem Willen tragen, dann zeigt sich
gerade heute in diesem Willen vielfach der Abdruck jener gewaltigen
Imaginationen.
Aber solche Seelen, die in einer solchen Verfassung ins irdische Le-
ben eintreten, die haben zunachst das Bediirfnis, dasjenige, was sie im
vorirdischen Dasein als maftgebend in der Karma- Arbeit erlebt haben,
auch hier wiederum in der Art zu erleben, wie es sich eben auf Erden
erleben laftt. Und so verlief fiir die erste Art von Seelen, fiir die erste
Gruppe von Seelen das geistige Leben in der ersten Halfte des 19.
Jahrhunderts so, daft sie sich gedrangt haben dazu aus einer tiefen
Sehnsucht heraus, Teilnehmer jenes ubersinnlichen Kultus zu werden.
Aber dabei kamen sie, ich mochte sagen, in eine gewisse Art von nebu-
loser Stimmung, so daft beim Herunterstieg auf die Erde nur dunkle
Erinnerungen blieben, an die dann allerdings verstandnisvoll ankniip-
fen konnte die ins Irdische verwandelte Anthroposophie. Dagegen
war es bei der zweiten Gruppe wie ein Wiederzusammenfinden in der
Nachwirkung eines Entschlusses, der gefafk worden war gerade von
diesen Seelen, die noch immer nicht ganz miide des Heidentums wa-
ren, die aber in der Erwartung standen, Christen werden zu konnen in
einer sachgemalSen Entwickelung. Es war, wie wenn sie sich erinnern
sollten an einen Entschlufi, den sie damals in der ersten Halfte des
19. Jahrhunderts gefa&t hatten: all dasjenige, was da in machtigen
Bildern stand, herunterzutragen auf die Erde, es in Erdenform zu ver-
wandeln. Gerade wenn wir hinschauen auf manchen Anthroposo-
phen, der vor alien Dingen den Impuls in sich trug, in tatiger Art mit
der Anthroposophie mitzuarbeiten, gerade unter solchen Anthropo-
sophen finden wir Seelen der zuletzt charakterisierten Art. BeideTypen
sind sehr deutlich voneinander zu unterscheiden.
Nun, meine lieben Freunde, werden Sie sagen: Ja, das alles, was
du uns da sagst, das klart uns auf iiber manches im Karma der Anthro-
posophischen Gesellschaft; aber es konnte einem ja angst und bange
werden vor dem, was noch nachkommt, wenn man sieht, wie man da
iiber manche Dinge aufgeklart wird, iiber die man vielleicht nicht
gerne aus einer gewissen Unwissenheit herausgerissen wird. Denn sol-
len wir jetzt beginnen nachzudenken, ob wir zu dem einen oder zu dem
anderen Typus gehoren?
Darauf mufi schon eine ganz bestimmte Antwort gegeben werden.
Die Antwort, die darauf gegeben werden mufi, ist diese: Ware die
Anthroposophische Gesellschaft nur etwas, was eine theoretische Lehre
in sich triige, vielleicht auch das Bekenntnis zu diesen oder jenen Ideen
der Kosmologie, der Christologie und so weiter, ware sie ihrem Wesen
nach dieses, so ware sie wirklich nicht das, was sie im Sinne derjenigen
sein soil, die an ihrem Ursprunge stehen. Anthroposophie soli tatsach-
lich etwas sein, was bei den wahren Anthroposophen das Leben umge-
stalten kann, was in das Geistige hiniibertragen kann dasjenige, was
man nur in seinen ungeistigen Auslebungen heme erleben kann.
Nun frage ich Sie: Wirkt das auf das Kind ganz besonders schlimm
ein, wenn es iiber gewisse Dinge in einem bestimmten Lebensalter auf-
geklart wird? Bis zu einem gewissen Lebensjahre wissen ja die Kinder
nicht, ob sie Franzosen oder Deutsche oder Norweger oder Belgier oder
Italiener sind, wenigstens hat die ganze Betrachtungsweise, ob sie das
oder jenes sind, keine grofie Bedeutung fur sie. Sie wissen sozusagen
nichts davon. Sie werden noch nicht viel chauvinistische Sauglinge er-
lebt haben, Sie werden auch noch nicht Chauvinisten mit drei Jahren
und dergleichen erlebt haben. Man wird erst in einer bestimmten Le-
bensepoche gewahr: du bist Deutscher, du bist Franzose, du bist Eng-
ender, du bist Hollander und so weiter. Lebt man sich nicht in natur-
gemafter Art in diese Dinge ein, indem man sie hinnimmt? Sagt man
etwa, daft das etwas ist, was man nicht ertragen konnte: in einem be-
stimmten kindlichen Alter zu erfahren, man sei Pole oder man sei
Franzose oder Deutscher oder Russe oder Hollander? Da ist man es
eben gewohnt, da betrachtet man es als etwas Selbstverstandliches,
Aber das, meine lieben Freunde, ist auf aufterem, sinnlichem Gebiete.
Anthroposophie soil aber das ganze Menschenleben auf ein hoheres
Niveau heraufheben. Man soli anderes ertragen lernen als das, was
einen bloft, wenn man es miftversteht, im sinnlichen Leben schockiert.
Und unter dem, was man erkennen lernen soil, ist eben dieses, daft
man nun auch selbstverstandlich hineinwachsen soil in die Selbster-
kenntnis: man gehort zu dem einen oder zu dem anderen Typus.
Dadurch wird, mochte ich sagen, die Unterlage geschaffen fvir den
Menschen, die anderen karmischen Einschlage in richtiger Weise in
das Leben hineinzustellen. Und deshalb muftte schon gewissermaften
als erste Direktion das gegeben werden, wie man sich nach der beson-
deren Art seiner Predestination zur Anthroposophie, zu dieser ganzen
Christologie und zu dem mehr Passiv- oder Aktivsein in der anthro-
posophischen Bewegung stellt.
Natiirlich gibt es zwischen beiden Typen auch durchaus Ubergange.
Aber diese Ubergange riihren davon her, daft dasjenige, was aus der
vorhergehenden Inkarnation heruberkommt, heriiberwirkt in die ge-
genwartige, durchleuchtet wird von der noch friiheren Inkarnation.
Namentlich bei den Seelen der zweiten Gruppe ist das vielfach der
Fall. Es leuchtet bei ihnen vieles noch aus den echt heidnischen Inkar-
nationen heriiber. Daher haben sie eine ganz vorbestimmte Neigung,
den Christus sofort so zu nehmen, wie er eigentlich genommen werden
mufi : als eine kosmische Wesenheit.
Das, was ich da sage, zeigt sich eigentlich gar nicht so stark der
ideellen Betrachtung als vielmehr der praktischen Lebensbetrachtung.
Man kann viel besser als ihren Gedanken nach die beiden Typen ken-
nenlernen - die abstrakten Gedanken haben ja keine grofte Bedeutung
fur den Menschen -, man kann den Menschen viel besser kennenlernen
an der Art und Weise, wie er Einzelheiten im Leben handhabt. Und da
wird man zum Beispiel finden, dafi Obergangstypen von dem einen zu
dem anderen vielfach unter denjenigen sind - das Personliche ist ja
dabei selbstverstandlich immer ausgeschlossen die eigentlich gar
nicht anders konnen, als die Gewohnheiten des aufieranthroposophi-
schen Lebens in die anthroposophische Bewegung hereintragen, die
eigentlich gar nicht einmal geneigt sind, die anthroposophische Be-
wegung besonders wichtig zu nehmen, die sich namentlich dadurch
charakterisieren, dafi sie in der anthroposophischen Bewegung viel
iiber Anthroposophen schimpfen. Gerade unter denen, die viel schimp-
fen iiber die Verhaltnisse in der anthroposophischen Bewegung selber,
namentlich iiber Personlichkeiten, schimpfen im kleinlichen, sind
Obergangstypen, die von dem einen in das andere hinuberschillern. Da
sind dann die beiden Impulse nicht von einer sehr starken Intensitat.
Und wir miissen daher unter alien Umstanden, selbst wenn es bis-
weilen eine Art Gewissenserforschung darstellt, eine Charakter-Ge-
wissenserforschung, wir miissen schon dem Leben eine Moglichkeit
abgewinnen, die anthroposophische Bewegung dahin zu vertiefen, daft
wir an solche Dinge herantreten, uns ein wenig Gedanken dariiber
machen: Wie gehoren wir unserer iibersinnlichen Natur nach zu dieser
anthroposophischen Bewegung? Dadurch wird eine allmahlich immer
starker werdende vergeistigte Auffassung der anthroposophischen Be-
wegung zutage treten. Was man als Theorien verficht, und was nicht
besonders tief zu gehen braucht, wenn man es nur als Theorien ver-
ficht, das wendet man dann auf das Leben an. Es ist eine starke An-
wendung auf das Leben, wenn man sich selber, entsprechend diesen
Dingen, in das Leben hineinstellt. Dafi einer viel redet vom Karma:
das wird so belohnt, das wird so bestraft von einem Leben ins andere
heriiber -, das braucht einem nicht besonders weh zu tun. Aber wenn
es sozusagen ins eigene Fleisch geht, wenn es sich darum handelt, die
gegenwartige Inkarnation hereinzustellen mit einer ganz bestimmten
iibersinnlichen Qualitat, die ihr zugrunde Hegt, dann geht es schon
naher an die eigene Wesenheit heran. Und Vertiefung des menschlichen
Wesens soil es ja sein, was wir durch die Anthroposophie in das Erden-
leben, in die Erdenzivilisation hereinbringen.
Nun, meine lieben Freunde, das war eine Intermezzobetrachtung,
die dann am nachsten Freitag weiterfiihren wird.
FONFTER VORTRAG
Dornach, 11. Julil924
Die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft kommen zu die-
ser Gesellschaft, wie es ja durchaus selbstverstandlich ist, aus Griin-
den der inneren Seelenverfassung. Wenn also iiber das Karma der An-
throposophischen Gesellschaft gesprochen wird, wie wir es jetzt tun,
iiber das Karma der anthroposophischen Bewegung iiberhaupt, aus der
karmischen Entwickelung von Mitgliedern und Mitgliedergruppen
heraus, dann mufi es sich natiirlich auch darum handeln, die Grund-
lagen zu diesem Karma in der Seelenverfassung der Menschen, die
Anthroposophie suchen, zu sehen. Und das haben wir ja bereits be-
gonnen. Wir wollen noch einiges zu dieser Seelenverfassung kennen-
lernen, um dann auch auf das weitere im Karma der anthroposophi-
schen Bewegung eingehen zu konnen.
Sie haben ja gesehen, ich habe als auf das Wichtigste in der Seelen-
verfassung der Anthroposophen auf dasjenige hingewiesen, was diese
in jenen Inkarnationen erlebt haben, die sie etwa in den ersten Jahr-
hunderten der Begriindung des Christentums durchmachten, erlebt
haben. Ich sagte, es konnen Inkarnationen dazwischen liegen, wichtig
ist aber diejenige Inkarnation, die so in das 4. bis 8. nachchristliche
Jahrhundert fallt. Diese Inkarnation hat uns durch ihre Betrachtung
ergeben, da!5 wir zwei Gmppen von Personlichkeiten zu unterschei-
den haben, die zur anthroposophischen Bewegung kommen. Diese zwei
Gruppen haben wir charakterisiert. Wir wollen aber jetzt etwas Ge-
meinsames ins Auge fassen, etwas, was sozusagen als wichtiges Gemein-
sames auf dem Grunde der Seelen liegt, die eine solche Entwickelung
durchgemacht haben, wie ich sie im letzten Mitgliedervortrag charak-
terisiert habe.
Wir stehen da durchaus, wenn wir auf diese ersten christlichen Jahr-
hunderte hinschauen, in einer Zeit, in der die Menschen noch ganz
anders waren als jetzt. Wir konnen sagen: Wenn der heutige Mensch
aufwacht, so geschieht das so, daft er eigentlich mit grofier Schnellig-
keit hineinschlupft in seinen physischen Leib, natiirlich mit der Re-
serve, die ich hier besprochen habe. Ich sagte schon, das Hineinschliip-
fen und das Sich-Ausdehnen darinnen dauert ja den ganzen Tag; aber
die Wahrnehmung, daft das Ich und der astralische Leib herankom-
men, das geschieht aufterordentlich schnell. Es ist heute fur den auf-
wachenden Menschen sozusagen keine Zwischenzeit vorhanden zwi-
schen dem Gewahrwerden des atherischen Leibes und dem Gewahr-
werden des physischen Leibes. Man geht schnell durch die Wahrneh-
mung des atherischen Leibes hindurch, bemerkt den atherischen Leib
gar nicht und taucht sogleich in den physischen Leib hinein beim Auf-
wachen. Das ist die Eigentiimlichkeit des heutigen Menschen.
Die Eigentiimlichkeit jener Menschen, die noch in diesen ersten
christlichen Jahrhunderten gelebt haben, die ich charakterisiert habe,
bestand darin, daft sie im Aufwachen deutlich wahrnahmen: Ich kom-
me in ein Zweifaches hinein, in den atherischen Leib und in den phy-
sischen Leib. Und sie wuftten: Man geht durch die Wahrnehmung des
atherischen Leibes durch und gelangt dann erst in den physischen Leib
hinein. Und es war so, daft die Leute eigentlich in diesem Augenblicke,
wo sie aufwachten, vor sich hatten, wenn auch nicht ein ganzes Le-
benstableau, so doch viele Bilder aus ihrem bisherigen Erdenleben. Und
noch etwas anderes hatten sie vor sich, was ich gleich nachher charak-
terisieren werde. Denn daft man so, ich mochte sagen, etappenweise
in dasjenige hineingelangt, was im Bette liegenbleibt, in den atherischen
und in den physischen Leib, das bewirkte fiir die ganze Zeit des Wach-
seins etwas anderes, als was heute unsere Erlebnisse wahrend des Wach-
seins sind.
Wiederum, wenn wir das Einschlafen heute betrachten, so ist das
Eigenttimliche, daft wenn das Ich und der astralische Leib aus dem
physischen Leib und Atherleib herausgehen, so saugt das Ich sehr
schnell den astralischen Leib auf. Und da das Ich ganz haltlos ist ge-
geniiber dem Kosmos, noch gar nichts wahrnehmen kann, so hort der
Mensch beim Einschlafen auf, wahrzunehmen. Was da herausdringt
als Traume, ist ja nur sporadisch.
Wiederum war das nicht so in jenen Zeiten, von denen ich gespro-
chen habe. Da sog das Ich nicht sogleich den astralischen Leib auf,
sondern der astralische Leib blieb in seiner eigenen Substanz selbstandig
bestehen, nachdem die Menschen eingeschlafen waren. Und er bheb
eigentlich bis zu einem gewissen Grade die ganze Nacht hindurch be-
stehen. So dafi der Mensch am Morgen nicht so aufwachte, dafi er aus
der Bewufttseinsfinsternis aufwachte, sondern er wachte so auf, dafi
er die Empfindung hatte: Du hast ja da in einer lichtvollen Welt ge-
lebt, in der allerlei vorgegangen ist; Bilder waren es zwar, aber es ist
allerlei vorgegangen. - Es war also durchaus so, dafi der Mensch in
der damaligen Zeit eine Zwischenempfindung hatte zwischen dem
Wachen und Schlafen. Sie war leise, sie war intim, aber sie war da. Das
horte bei der eigentlich zivilisierten Menschheit erst vollstandig auf
mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Dadurch aber erlebten ja alle die
Seelen, von denen ich neulich gesprochen habe, die Welt anders, als
sie die heutigen Menschen erleben. Stellen wir uns einmal vor das
Auge, wie die Menschen, also Sie alle, meine lieben Freunde, dazumal
die Welt erlebten.
Dadurch, daft eine Etappe war im Untertauchen in den atheri-
schen und physischen Leib, dadurch schaute der Mensch wahrend sei-
nes ganzen Wachseins nicht so in die Natur hinaus, daft er nur die
nuchterne prosaische Sinneswelt sah, die der Mensch heute sieht und
die er, wenn er sie sich erganzen will, nur durch seine Phantasie erganzen
kann. Sondern er schaute hinaus, sagen wir in die Welt der Pflanzen,
zum Beispiel auf ein blumiges Wiesengebiet so, als ob ein leiser, blau-
lich-rotlicher Wolkenschein - namentlich dann, wenn die Sonne mil-
der schien am Tag, wenn es nicht gerade Mittagszeit war -, wie wenn
ein blaulich-rotlicher, mannigfaltig gewellter und gewolkter Schein,
Nebelschein, sich ausbreitete iiber der blumigen Wiese. Was man etwa
heute sieht, wenn leichter Nebel iiber der Wiese ist, was dann aber her-
riihrt von dem verdunsteten Wasser, das sah man im Geistig-Astrali-
schen dazumal. Und so sah man eigentlich jede Baumkrone gehullt in
eine solche Wolke, so sah man Saatfelder so, wie wenn rotlich-blau-
liche Strahlungen, nebelhaft spriefiend, aus dem Kosmos in den Erd-
boden sich heruntersenkten.
Und schaute man die Tiere an, dann hatte man den Eindruck, daft
diese Tiere nicht nur ihre physische Gestalt haben, sondern dafi diese
physische Gestalt in einer astralischen Aura sich befindet. Leise, intim
nahm man diese Aura wahr, eigentlich aber nur, wenn die Lichtver-
haltnisse des Sonnenscheins in einer bestimmten milden Weise tatig
waren. Aber man nahm sie eben wahr. Man sah also iiberall in der
aufferen Natur Geistiges waken und weben.
Und starb man, dann war einem dasjenige, was man in den ersten
Tagen, nachdem man durch die Pforte des Todes geschritten war,
als eine Riickschau auf das Erdenleben hatte, etwas, was einem im
Grunde vertraut war; denn man hatte eine ganz bestimmte Empfin-
dung gegeniiber dieser nach dem Tode auftretenden Riickschau auf
das Erdenleben. Man hatte die Empfindung, dafi man sich sagte: Jetzt
entlasse ich aus meinem Organismus dasjenige Aurische, das hingeht
zu dem, was ich in der Natur an Aurischem gesehen habe. In seine ei-
gene Heimat geht mein Atherleib - so empfand man.
Alle diese Empfindungen waren in noch alteren Zeiten natiirlich
wesentlich starker. Aber sie waren auch noch, wenn auch in leiser
Art, vorhanden in der Zeit, von der ich hier spreche. Und man emp-
fand dann, wenn man dies sah, nachdem man durch die Pforte des
Todes gegangen war: In all dem geistigen Weben und Leben, das ich
geschaut habe iiber den natiirlichen Dingen und natiirlichen Vorgan-
gen, spricht das Wort des Vatergottes, und zum Vater gehet mein
Atherleib.
Wenn der Mensch so durch die andere Art des Aufwachens die
auftere Natur sah, so sah er auch sein eigenes Aufkres anders, als das
spater der Fall war. Wenn der Mensch einschlief , wurde der astralische
Leib nicht gleich aufgesogen von dem Ich. In einem solchen Verhalt-
nisse «tont» der astralische Leib. Und es tonte aus geistigen Welten in
das schlafende Menschen-Ich herein — wenn auch nicht mehr so deut-
lich wie in uralten Zeiten, so doch eben in leiser, intimer Form - aller-
lei, was man nicht horen kann im wachenden Zustande. Und der
Mensch hatte beim Aufwachen durchaus die Empfindung: einer Gei-
stersprache in lichten kosmischen Raumen war ich teilhaftig vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen.
Und wenn dann der Mensch, einige Tage nachdem er durch die
Pforte des Todes geschritten war, den Atherleib abgelegt hatte und
nun in seinem astralischen Leibe lebte, dann hatte er wiederum das
Gefiihl: In diesem astralischen Leibe erlebe ich alles das im Riicklauf,
was ich auf der Erde gedacht, getan habe. Aber ich erlebe in diesem
astralischen Leibe, in dem ich jede Nacht im Schlafe gelebt habe, das-
jenige, was ich auf Erden gedacht und getan habe. - Und wahrend der
Mensch nur Unbestimmtes mitnahm in das Aufwachen hinein, fiihlte
er jetzt, indem er in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt in seinem Astralleib sein Erdenleben zuriicklebte: In diesem
meinem astralischen Leibe lebt der Christus. Ich habe es nur nicht be-
merkt, aber jede Nacht lebte mein astralischer Leib in der Wesen-
haftigkeit des Christus. Jetzt wuftte der Mensch: Solange er zu erleben
hat dieses rikklaufende Erdenleben, veriaftt ihn, weil er bei seinem
astralischen Leibe ist, der Christus nicht.
Sehen Sie, wie man auch zum Christentum gestanden haben mag in
diesen ersten christlichen Jahrhunderten, ob so wie die erste Gruppe
der Menschen, die ich besprochen habe, ob so wie die zweite Gruppe,
ob man gewissermaften noch mit mehr heidnischer Kraft oder mit
Heidentumsmiidigkeit lebte, man erlebte ganz gewift - wenn auch
nicht auf der Erde - nach dem Tode die grofte Tatsache des Mysteriums
von Golgatha: daft sich der Christus, das friiher dirigierende Wesen der
Sonne, vereinigt hat mit dem, was als Menschen auf der Erde lebt. Das
haben alle diejenigen erlebt, welche in den ersten Jahrhunderten der
christlichen Entwickelung dem Christentum nahegetreten waren. Fur
die anderen ist es mehr oder weniger unverstandlich geblieben, was sie
da nach dem Tode erlebten. Das aber waren die Grundunterschiede
im Erleben der Seelen in den ersten christlichen Jahrhunderten und
spater.
Aber das alles bewirkte noch etwas anderes. Das alles bewirkte,
daft der Mensch, wenn er im wachenden Zustande die Natur schaute,
diese Natur durchaus als die Domane des Vatergottes empfand. Denn
all das Geistige, was er da webend und lebend bemerkte, war ihm der
Ausdruck, die Offenbarung des Vatergottes. Und er empfand, daft
eine Welt da ist, die in der Zeit, in der der Christus auf der Erde er-
schien, etwas brauchte: namlich die Aufnahme des Christus in die
Erdensubstanz fiir die Menschheit. Es empfand der Mensch noch etwas
wie lebendiges Christus-Prinzip gegeniiber dem Naturgeschehen und
Naturwalten. Denn es war ja etwas verbunden mit diesem Anschauen
der Natur, so daft man in ihr ein geistiges Weben und Walten schaute.
Was da empfunden wurde als geistiges Weben und Walten, was da
gewissermafien in sich wandelnden Geistgestalten iiber allem Pflanz-
lichen und um alles Tierische schwebte, das wurde so empfunden, daft
der unbefangen fiihlende Mensch diese Empfindung zusammenbrachte
in die Worte: Das ist Unschuld des Naturdaseins. Ja, meine lieben
Freunde, was da geistig zu schauen war, nannte man geradezu die
Unschuld im Naturwalten, und man sprach von der unschuldigen
Geistigkeit im Naturwalten. Dasjenige aber, was innerlich gefuhlt
wurde, wenn man aufwachte: daft man vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen in einer Welt heller, tonender Geistigkeit war, das empfand
man so, daft darinnen das Gute und das Bdse walten kann, daft in ihm,
wenn es so heraustont aus den Tiefen des Geistigen, gute Geister und
bose Geister sprechen, daft die guten Geister die Unschuld der Natur
nur hoher bringen wollen, sie bewahren wollen, daft die bosen Geister
aber der Unschuld der Natur die Schuld beigeben. Und man empfand
iiberall, wo solche Christen lebten, wie ich sie hier schildere, das Wal-
ten des Guten und das Walten des Bosen gerade durch den Umstand,
daft im schlafenden Zustande beim Menschen das Ich nicht in sich
hineinsog den astralischen Leib.
Es waren nicht alle diejenigen, die sich damals Christen nannten,
oder irgendwie dem Christentum nahestanden, von dieser Seelenver-
fassung. Aber es war eine grofte Anzahl von Menschen, die in den siid-
lichen und mittleren Gegenden Europas lebten, die sagten: Ja, mein
Inneres, das sich da selbstandig auslebt zwischen Einschlafen und Auf-
wachen, das gehort der Region einer guten und der Region einer bosen
Welt an. Und viel, viel wurde nachgedacht und nachgesonnen iiber die
Tiefe der Krafte, die das Gute und Bose in der Menschenseele auslosen.
Schwer wurde empfunden das Hineingestelltsein der Menschenseele
in eine Welt, in der die guten und die bosen Machte miteinander kamp-
fen. In den allerersten Jahrhunderten waren diese Empfindungen in
den siidlichen und mittleren Gegenden Europas noch nicht vorhanden,
aber im 5., 6. Jahrhundert wurden sie immer haufiger; und nament-
lich unter denjenigen Menschen, die mehr Kunde erhielten vom Osten
heriiber - in der mannigfaltigsten Weise kam ja diese Kunde vom
Osten heriiber -, entstand diese Seelenstimmung. Und weil sich diese
Seelenstimmung besonders stark in denjenigen Gegenden ausbreitete,
fur die sich der Name «Bulgarien» dann herausbildete - auf eine merk-
wiirdige Weise blieb ja der Name auch, als spater ganz andere Volker-
schaften diese Gegenden bewohnten -, nannte man in spateren Jahr-
hunderten die langste Zeit hindurch in Europa Menschen, welche diese
Seelenstimmung besonders stark ausgebildet hatten, Bulgaren. Bul-
garen waren in den spateren christlichen Jahrhunderten der ersten
Halfte des Mittelalters fiir die West- und Mitteleuropaer Menschen,
welche besonders stark beriihrt wurden von dem Gegensatze der guten
und der bosen kosmisch-geistigen Machte. Man findet den Namen
Bulgaren in ganz Europa fiir solche Menschen, wie ich sie charakteri-
siert habe.
Aber mehr oder weniger gerade in solcher Seelenverfassung waren
die Seelen, von denen ich hier spreche: die Seelen, die dann in ihrer
weiteren Entwickelung dazu kamen, jene machtigen Bilder im iiber-
irdischen Kultus zu schauen, an ihrer Betatigung mitzumachen, die
dann in die erste Halfte des 19. Jahrhunderts fielen. All das, was die
Seelen durchleben konnten in diesem Sich-drinnen-Wissen in dem
Kampfe zwischen Gut und Bose, das wurde durch das Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt hindurchgetragen. Und das nuan-
cierte, das farbte die Seelen, die dann vor den geschilderten machtigen
Bildern standen.
Dazu kam aber noch etwas anderes. Diese Seelen waren sozusagen
die letzten, die innerhalb der europaischen Zivilisation sich noch etwas
bewahrt hatten von diesem gesonderten Wahrnehmen des atherischen
und astralischen Leibes im Wachen und Schlafen. Sie lebten durchaus,
indem sie sich an diesen Eigentumlichkeiten des Seelenlebens erkann-
ten, in Gemeinschaften. Man sah sie innerhalb derjenigen Christen,
die sich immer mehr und mehr an Rom anschlossen, als Ketzer an. Man
war ja dazumal noch nicht so weit, dafi man die Ketzer in derselben
strengen Form verdammte wie spater, aber man sah sie als Ketzer an.
Man hatte iiberhaupt von ihnen einen unheimlichen Eindruck. Man
hatte eben den Eindruck, daft sie mehr sahen als die anderen Leute,
dafi sie auch zu dem Gottlichen in einer anderen Weise standen durch
das Wahrnehmen des Schlafzustandes. Denn die anderen Menschen,
unter denen sie wohnten, die hatten eben langst dieses verloren, hat-
ten sich langst mehr der Seelenverfassung genahert, die dann im 14.
Jahrhundert in Europa allgemein wurde.
Aber wenn dann diese Menschen, von denen ich da spreche, diese
Menschen mit der gesonderten Wahrnehmung des astralischen und des
Atherleibes, durch die Pforte des Todes gingen, dann unterschieden
sie sich auch von denjenigen, die anders waren. Und man darf nicht
glauben, dafi der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
ohne alien Anteil ist an dem, was auf der Erde durch Menschen ge-
schieht. Wie wir gewissermafien von hier aus in die himmlisch-geistige
Welt hinaufschauen, schaut man zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt von der himmlisch-geistigen Welt auf die Erde herunter. Wie
man von hier aus teilnimmt an den Geistwesen, nimmt man von der
geistigen Welt aus teil an dem, was die Erdwesen auf Erden erleben.
Nun folgte auf die Zeit, die ich hier schildere, jene, in der hier in
Europa das Christentum sich darauf einrichtete, etwas zu sein auch
unter der Voraussetzung, daft der Mensch nichts mehr weifi von seinem
astralischen Leib und von seinem atherischen Leib. Es richtete sich das
Christentum darauf ein, iiber die geistige Welt zu reden, ohne dafi
beim Menschen diese Voraussetzungen gemacht werden konnten. Denn
bedenken Sie nur, meine lieben Freunde: Wenn die alten christlichen
Lehrer in den ersten Jahrhunderten zu ihren Christen sprachen, so
fanden sie in der Tat schon eine grofie Zahi von solchen, die nur auf
die aufiere Autoritat hin die Worte als wahr hinnehmen konnten; aber
die noch naivere Stimmung der damaligen Zeit lieft eben diese Worte
hinnehmen, wenn sie aus warmem, enthusiastischem Herzen gesprochen
waren. Und wie warm und enthusiastisch Herzen in den ersten Jahr-
hunderten das Christentum predigten, davon macht man sich heute, wo
so vieles in eine blofte Wortpredigt iibergegangen ist, keinen Begriff
mehr.
Aber diejenigen, die sprechen konnten zu solchen Seelen, wie ich
sie hier geschildert habe, was konnten die fur Worte sprechen? Ja,
meine lieben Freunde, die konnten sagen: Schaut hin auf dasjenige,
was sich in regenbogenschillerndem Scheine iiber den Pflanzen, was
sich an Begierdenhaftem an den Tieren zeigt, schaut hin: das ist der
Abglanz, das ist die Offenbarung der geistigen Welt, von der auch
wir sprechen, der geistigen Welt, aus der heraus der Christus stammt.
Man sprach gewissermaften, indem man zu solchen Menschen von den
geistigen Weistiimern sprach, nicht von etwas Unbekanntem; man
sprach zu ihnen, indem man sie erinnern konnte an dasjenige, was sie
unter gewissen Umstanden in der milden Sonnenbeleuchtung schauen
konnten als den Geist in der Natur.
Und wiederum, wenn man ihnen davon sprach, dafi das Evange-
lium da ist, welches von der geistigen Welt, von den geistigen Geheim-
nissen verkiindet, wenn man ihnen sprach von den Geheimnissen des
Alten Testamentes, dann sprach man ihnen wieder nicht von etwas
Unbekanntem, sondern man konnte ihnen sagen: Hier ist das Wort
des Testamentes; dieses Wort des Testamentes ist von jenen Menschen-
wesen aufgeschrieben, die zwar deutlicher als ihr vernommen haben
das Raunen jener Geistigkeit, in der eure Seelen zwischen dem Ein-
schlafen und Aufwachen sind, aber ihr wiftt von diesem Raunen, denn
ihr erinnert euch daran, wenn ihr am Morgen aufgewacht seid. Und
so konnte man davon zu diesen Menschen als von etwas Bekanntem
sprechen. So war in gewisser Weise in dem Gesprache, das die Priester,
das die Prediger der damaligen Zeit mit diesen Menschen fuhrten,
etwas darinnen von dem, was in den Seelen dieser Menschen selber
sich abspielte. Und so war in dieser Zeit das Wort noch lebendig und
konnte als Lebendiges gepflegt werden.
Und wenn dann diese Seelen, zu denen man im Worte sprechen
konnte als in etwas Lebendigem, hinunterschauten auf die Erde, nach-
dem sie durch die Pforte des Todes geschritten waren, dann sahen
sie auf die Abenddammerung dieses lebendigen Wortes da unten, und
sie hatten die Empfindung: der Logos dammert. Das war die Grund-
empfindung solcher Seelen, wie ich sie geschildert habe, die nach dem
7., 8., 9. Jahrhundert oder schon etwas friiher durch die Pforte des
Todes gegangen sind, dafi sie beim Hinunterschauen auf die Erde
empfunden haben: Hier unten auf Erden ist die Abenddammerung
des lebendigen Logos. Und es lebte wohl in diesen Seelen das Wort:
«Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet», und
sie empfanden: Aber die Menschen haben immer weniger ein Haus
fur das Wort, das im Fleische leben soil, fortleben soil auf der Erde.
Das gab wiederum eine Grundstimmung, die Grundstimmung bei
den Seelen, die zwischen dem 7., 8. und dem 19., 20. Jahrhundert in
der geistigen Welt lebten, auch wenn sie in irgendeinem Erdendasein
eine Unterbrechung hatten, das gab die Grundstimmung ab: Der Chri-
stus lebt zwar fiir die Erde, denn er ist fur die Erde gestorben, aber die
Erde kann ihn nicht aufnehmen; und es mufi werden die Kraft auf
der Erde, dafi Seelen den Christus aufnehmen konnen! Das lebte sich
neben allem anderen, was ich geschildert habe, gerade in diese in ihrer
Erdenzeit als ketzerisch angesehenen Seelen hinein zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt: Das Bedurfnis nach einer neuen, nach einer
erneuerten Christus-Offenbarung, Christus- Verkiindigung.
Unter solcher Seelenverfassung erlebten diese entkorperten Men-
schen, wie auf Erden dasjenige geschah, was ihnen auf der Erde eigent-
lich noch ganzlich unbekannt sein mufke. Sie lernten verstehen, was
da unten auf Erden sich abspielte. Sie sahen, wie immer weniger und
weniger die Seelen auf der Erde vom Geiste ergriffen waren, wie gar
keine Menschen mehr da waren, denen man sagen konnte: Wir ver-
kiindigen euch den Geist, den ihr selber noch schwebend iiber der
Pflanzenwelt, schimmernd an den Tieren schauen konnt. Wir lehren
euch das Testament, das herausgeschrieben ist aus jenen Tonen, die
ihr noch raunen hort, wenn ihr das Nachfiihlen der nachtlichen Erleb-
nisse habt. - Alles das war nicht mehr da.
Sie sahen von oben, wo sich die Dinge ganz anders ausnahmen, wie
in der christlichen Entwickelung ein Ersatz eintrat fiir die alte Sprache.
Denn schliefilich, wenn auch die Prediger zu den weitaus meisten Men-
schen schon so sprechen mufiten, da diese kein Bewufksein des Geisti-
gen im Erdenleben hatten, es war die ganze Tradition, der ganze Ge-
brauch der Rede noch aus Zeiten heraus, in denen man voraussetzen
konnte, dafi, wenn man vom Geiste redete, die Menschen noch etwas
fiihlten vom Geiste.
Das alles verschwand eigentlich erst vollstandig um das 9., 10., 11.
Jahrhundert herum. Da entstand eine ganz andere Verfassung sogar
im Anhoren. Wenn man friiher einen Menschen, der aus dem Geiste
heraus sprach, der eben enthusiastisch-gotterfiillt war, reden horte, da
hatte man das Gefuhl, beim Zuhoren gehe man eigentlich etwas aus
sich heraus, man gehe etwas in seinen atherischen Leib hinein, den
physischen Leib verlasse man etwas. Und wiederum hatte man das
Gefuhl, man nahere sich da dem astralischen Leibe. Man hatte wirk-
lich immerhin noch ein leises Gefuhl des Entriicktseins beim Zuhoren.
Man gab noch nicht so viel auf das blofte Nur-H6ren, man gab viel
mehr auf das, was man innerlich in einer leisen Entriicktheit erlebte.
Man lebte mit die Worte, die gesprochen wurden von gottbegeisterten
Menschen.
Das verschwand im 9., 10., 11. Jahrhundert gegen das 14. Jahrhun-
dert hiniiber vollstandig. Das Nur-Hbren wurde immer mehr gang
und gabe. Da entstand denn das Bediirfnis, an etwas anderes zu appel-
Iieren, wenn man von dem Geistigen sprach. Da entstand das Bediirf-
nis, aus dem, der zuhoren sollte, herauszuziehen dasjenige, was er als
Ansicht haben sollte iiber die geistige Welt. Es entstand das Bediirf-
nis, ihn gewissermafien so zu bearbeiten, daft er sich aus diesem ver-
harteten Korper heraus doch noch gedrangt fiihle, etwas iiber die
geistige Welt zu sagen. Und daraus entstand das Bediirfnis, in Frage-
und Antwortspiel die Unterweisung iiber die geistige Welt zu geben.
Indem man fragt - Fragen haben immer etwas Suggestives -: Was ist
die Taufe? - und den Menschen auf eine bestimmte Antwort prapa-
riert, oder: Was ist die Firmung? Was ist der Heilige Geist? Was ist
der Tod? Welches sind die sieben Hauptsiinden? - indem man dieses
Frage- und Antwortspiel prapariert, ersetzt man das selbstverstand-
liche elementare Zuhoren. Und es kam in dieser Zeit - zuerst an die-
jenigen Menschen, die in solche Schulen kamen, wo man das tun
konnte - herauf, was ein Einlernen in Frage und Antwort war dessen,
was iiber die geistige Welt zu sagen war: der Katechismus entstand.
Sehen Sie, man mufi auf solche Ereignisse hinschauen. Das sahen
die Seelen, die in besonders starker Weise da oben waren in der geisti-
gen Welt und jetzt herunterschauten: Da mufi etwas an die Menschen
herankommen, was wir ja gar nicht kennen konnten, was uns gar nicht
nahelag! Und das war ein machtiger Eindruck, dafi da unten auf der
Erde der Katechismus entstand. Es ist nichts Besonderes damit gegeben,
wenn die Historiker aufterlich die Entstehung des Katechismus zeigen;
aber es ist viel gegeben, wenn man die Entstehung des Katechismus an-
schaut, wie sie sich von seiten der Obersinnlichkeit ausnahm: Da unten
mussen die Menschen ganz Neues in dem Tiefsten ihrer Seele durch-
machen, mussen auf Katechismusart lernen, was sie glauben sollen.
Damit schildere ich Ihnen eine Empfindung. Eine andere habe ich
Ihnen in der folgenden Weise zu schildern. Wenn wir zurikkgehen in
die ersten Jahrhunderte des Christentums, so war noch nicht eine Mog-
lichkeit vorhanden, daft man als Christ in eine Kirche ging, sich hin-
setzte oder hinkniete und nun die Messe von Anfang an, vom Introitus
bis zu den Gebeten, die da folgen auf die Kommunion, anhorte. Das
war nicht moglich fur alle, eine ganze Messe zu horen, sondern die-
jenigen, die Christen wurden, wurden in zwei Gruppen geteilt: die
Katechumenen, welche bleiben durften bei der Messe, bis das Evange-
lium zu Ende gelesen war; nach dem Evangelium bereitet sich das Of-
fertorium vor, da mufken sie hinausgehen. Und nur diejenigen, die
schon langere Zeit fur jene heilig-innige Gemiitsstimmung vorbereitet
waren, in der man das Mysterium der Transsubstantiation, die Wand-
lung wahrnehmen durfte: die Transsubstanten, die durften drinnen-
bleiben, die horten die Messe zu Ende.
Das war ein ganz anderes Teilnehmen an der Messe. Die Menschen,
von denen ich Ihnen da gesprochen habe, dafi sie in ihren Seelen die
Zustande durchmachten, die ich geschildert habe, die hinunterschauten
und nun schon jenes merkwurdige, ihnen noch unmoglich erscheinende
Ereignis des katechetischen Unterrichtes wahrnehmen, diese Menschen
hatten sich mehr oder weniger fur ihren Kultus die alte christliche
Sitte bewahrt: den Menschen erst nach langer Vorbereitung die ganze
Messe anhoren zu lassen, mitmachen zu lassen. Diese Menschen, von
denen ich da gesprochen habe, kannten durchaus ein Exoterisches und
ein Esoterisches an der Messe. Als esoterisch wurde von ihnen ange-
sehen, was von der Transsubstantiation, von der Wandlung ab ge-
schieht.
Nun sahen sie wiederum herunter auf das, was sich im aufieren
Kultus des Christentums zutrug. Sie sahen: Die ganze Messe ist exo-
terisch geworden, die ganze Messe spielt sich auch vor demjenigen
ab, der noch nicht durch eine besondere Vorbereitung in eine besondere
Seelenstimmung hineingekommen ist. Ja, kann denn da der Mensch
auf der Erde wirklich zu dem Mysterium von Golgatha hinkommen,
wenn er in unheiliger Stimmung die Transsubstantiation empfindet? -
So empfanden diese Seelen von dem Leben aus, das zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt verfliefk. Wer aber die Transsubstantia-
tion nicht versteht, versteht nicht das Geheimnis von Golgatha. So
dachten wiederum diese Seelen in ihrem Zustande zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt: Der Christus wird nicht mehr in seiner We-
senheit erkannt; der Kultus wird nicht mehr verstanden.
Das lud sich ab im Inneren der Seelen, die ich geschildert habe.
Und wenn so diese Seelen auf dasjenige hinunterschauten, was sich
ausbildete als ein Symbolum beim Messelesen - das sogenante Sank-
tissimum, worinnen die Hostie auf einem halbmondformigen Unter-
satze ist dann empfanden sie: Das ist ja das lebendige Symbolum
dafiir, dafi man einstmals in dem Christus das Sonnenwesen gesucht
hat; denn auf jedem Sanktissimum, auf jeder Monstranz sind die Strah-
len der Sonne darauf. Aber verlorengegangen ist der Zusammenhang
des Christus mit der Sonne; nur noch im Symbolum ist er da. Er ist da
geblieben bis zum heutigen Tage im Symbolum, aber das Symbolum
selber wird nicht verstanden! - Das war die zweite Empfindung, aus
der dann aufspriefite eine Verstarkung des Sinnes dafiir, dafi eine neue
Christus-Empfindung kommen musse.
Wir wollen dann ubermorgen in dem nachsten Vortrag weiterspre-
chen iiber das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft.
SECHSTER VORTRAG
Dornach,13.Julil924
Ich habe unter den geistigen Entwickelungsbedingungen, welche zur
anthroposophischen Bewegung gefiihrt haben und gewisserma$en in
dem Karma der anthroposophischen Bewegung enthalten sind von
geistiger Seite her, die beiden aufieren Symptome angefiihrt: dasjenige,
das sich ausdruckt in der Entstehung der Katechetik, in der Entstehung
des Katechismus mit seinen Fragen und Antworten, was zu einem nicht
an die geistige Welt unmittelbar ankniipfenden Glauben fiihrte, und
das Exoterischmachen der Messe, die in ihrer Ganze, auch mit Bezug
auf die Transsubstantiation und Kommunion, alien Menschen, auch
den unvorbereiteten, zuganglich wurde, also den Charakter des alten
Mysteriums verlor. In diesen beiden irdischen Ereignissen vollzog sich
dasjenige, was dann in der Beobachtung von der geistigen Welt aus,
dazu fiihrte, innerhalb der geistigen Entwickelung in einer ganz be-
stimmten Weise das vorzubereiten, was geistige Offenbarung werden
sollte um die Wende des 19. zum 20, Jahrhundert: die geistige Offen-
barung, wie sie dem Zeitenlauf angemessen ist, wie sie kommen mufite
nach dem Michael-Ereignis, und wie sie kommen mufke in der Zeit,
als die alte, finstere Epoche des Kali Yuga ablief, und eben ein neues,
lichtes Zeitalter fur die Menschheit heraufziehen sollte.
Ein Drittes haben wir heute hinzuzufiigen. Und erst wenn wir diese
drei geistigen Vorbedingungen fur jede spirituelle Entwickelung in der
Gegenwart und in der Zukunft werden vor unsere Seele gefiihrt haben,
diese drei geistigen Bedingungen, die geeignet waren, eine Anzahl von
Menschen zusammenzufiihren, schon bevor sie heruntergestiegen sind
in die physische Welt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts oder um
die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, erst wenn wir diese Vorbe-
dingungen kennengelernt haben, wird es moglich sein, einzelne aufier-
karmische Ereignisse zu begreifen, welche eingeflossen sind in diejeni-
gen Lebenslaufe, die zusammengebunden sind in der anthroposophi-
schen Bewegung.
Die besondere Art, sich zu der Natur zu stellen, und die Art, sich
zum Geistigen zu stellen, wie sie heute in einem hohen Grade schon
ausgebildet ist, riihrt eben eigentlich erst von der Zeit her, die begon-
nen hat im 14., 15. Jahrhundert. Vorher war insbesondere die Bezie-
hung der Menschheit zum Geistigen eine wesentlich andere. Nicht in
Begriffen und Ideen naherte man sich dem Geiste, sondern in Erleb-
nissen, die noch durchdrangen, wenn auch schwach und leise, aber
doch noch durchdrangen zum Geistigen.
Wenn wir heute von der Natur sprechen, haben wir ein wesenloses,
totes Abstraktum. Wenn wir vom Geiste sprechen, haben wir ein Unbe-
stimmtes, das wir irgendwie in der Welt voraussetzen, das wir ein-
fassen in abstrakte Ideen und Begriffe. So war es nicht in der Zeit, in
der die Seelen, die heute sich mit der Sehnsucht nach einer Spirituali-
tat zusammenfinden, ihre maftgebende vorige Inkarnation hatten und
in dieser maftgebenden vorigen Inkarnation hinhorchten auf das, was
ihnen die erkennenden Fiihrer der Menschheit fur die Bediirfnisse ihrer
Seele zu sagen hatten.
Da kommt zunachst dasjenige Zeitalter in Betracht, das so herauf-
geht bis ins 7., 8. christliche Jahrhundert, wo wir eben noch einen lei-
sen Zusammenhang der Menschenseele mit der geistigen Welt, ein Er-
leben der geistigen Welt selber haben, wo auch die erkennenden Men-
schen in Iebendiger Beziehung zur geistigen Welt standen. Und dann
haben wir das Zeitalter, das mit dem 7., 8. Jahrhundert beginnt und
dauert bis zur groften Wende im 14. und 15. Jahrhundert, wo diejeni-
gen Menschenseelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten auf
der Erde noch jenes Zeitalter, das ich geschildert habe, mitgemacht ha-
ben, in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt waren.
Aber wenn auch vom 6., 7., 8. Jahrhundert ab kein unmittelbarer
Zusammenhang mit der geistigen Welt vorhanden war, so, mochte ich
sagen, fliichtete doch ein gewisses Bewufitsein dieses Zusammenhanges
noch in einzelne Lehrstatten hinein. Man redete in einzelnen Lehr-
statten noch so, wie man in den ersten christlichen Jahrhunderten auf
dem Erkenntnisgebiete gesprochen hat. Und dann war es wohl mog-
lich, dafi einzelne auserlesene Menschen an der Art und Weise, wie
man redete iiber die geistige Welt, innere Impulse bekamen, um doch
wenigstens zu gewissen Zeiten durchzubrechen in die geistige Welt.
Und es gab immerhin einzelne Statten, in denen man so lehrte, dafi
man sich von dieser Art heute keine Vorstellung mehr machen kann.
Im 12., 13. Jahrhundert nahm das eigentlich erst sein Ende, und da
ist es, ich mochte sagen, eingestromt zuletzt in eine bedeutende Dich-
tung, in der es fur das Erleben der Menschen ein Ende gefunden hat,
in Dantes Commedia, in die «Divina Commedia». Es liegt in dem-
jenigen, was vor der Entstehung der Commedia liegt, ein wunderbares
Kapitel menschlicher Entwickelung aus dem Grunde, weil da fort-
wahrend die Wirksamkeiten von hier, von der Erde aus, und die Wirk-
samkeiten von dem Oberirdischen aus zusammenspielen. Beides fliefk
fortwahrend zusammen: weil die Menschen auf der Erde den Zusam-
menhang mit der geistigen Welt etwas verloren hatten, weil denjenigen
Menschen, die oben lebten und diesen Zusammenhang hier auf der
Erde noch erlebt hatten, der Anblick des Irdischen eine besonders
wehmutsvolle Stimmung hervorrief . Sie sahen hinsinken, was sie selbst
noch auf der Erde erlebt hatten, und sie begeisterten, spiritualisierten
von der iibersinnlichen Welt aus Individualitaten in der sinnlichen
Welt, um doch da und dort noch eine Pflegestatte zu bilden von dem-
jenigen, was Zusammenhang des Menschen mit der Geistigkeit ist.
Machen wir uns doch klar - ich habe es vor Jahren hier angedeutet-,
wie bis ins 7., 8. Jahrhundert, als Nachwirkung der vorchristlichen
Einweihung, das Christentum aufgenommen wurde in Statten, die
immerhin als hohe Erkentnisstatten, als die Nachziigler der Mysterien
vorhanden waren. Da war es so, dafi Menschen, zunachst nicht unter-
richtlich, aber durch eine auf das Geistige hin gerichtete Erziehung im
Korperlichen und im Geistigen, vorbereitet wurden auf den Moment,
wo sie das leise Hinschauen auf die Geistigkeit haben konnten, die in
der Menschenumgebung auf Erden sich offenbaren kann. Dann rich-
tete sich ihr Blick hinaus auf die Reiche des Mineralischen, des Pf lanz-
lichen, und alles das, was im tierischen, im menschlichen Reiche lebt.
Und dann sahen sie aurisch aufspriefSen und wiederum befruchtet wer-
den aus dem Kosmos die geistig-elementaren Wesenheiten, die in ailem
Natiirlichen lebten.
Und dann vor alien Dingen erschien ihnen - wie ein Wesen, das
sie ansprachen wie einen anderen Menschen, nur eben wie ein Wesen
hoherer Art - die «Gottin Natura». Es war das diejenige Gottin, die
sie, ich kann nicht sagen leibhaftig, aber seelenhaftig in vollem Glanze
vor sich sahen. Man sprach nicht von abstrakten Naturgesetzen, man
sprach von der in der Natur uberall schopferischen Kraft der Gottin
Natura.
Sie war die Metamorphose der alten Proserpina. Sie war jene schaf-
fende Gottin, mit der sich in einer gewissen Weise derjenige verband,
der nach Erkenntnis suchen sollte, die ihm erschien aus jedem Mineral,
aus jeder Pflanze, aus jedem Getier, erschien aus den Wolken, erschien
aus den Bergen, erschien aus den Quellen. Von dieser Gottin, die ab-
wechselnd in Winter und Sommer oberirdisch und unterirdisch schafft,
von dieser Gottin empfanden sie: sie ist die Helferin derjenigen Gott-
heit, von der die Evangelien sprechen, sie ist die ausfuhrende gottliche
Macht.
Und wenn dann ein solcher Mensch, der nach Erkenntnis strebte, in
geniigender Weise iiber das Mineralische, Pflanzliche, Tierische unter-
richtet war von dieser Gottin, wenn er eingefiihrt war in die lebendigen
Krafte, dann lernte er durch sie kennen die Natur der vier Elemente:
Erde, Wasser, Luft, Feuer. Und er lernte kennen, wie wogen und weben
innerhalb des Mineralischen, Tierischen und Pflanzlichen diese kon-
kret iiber die Welt sich ergieflenden vier Elemente: Erde, Wasser, Luft,
Feuer. Und er fuhlte sich selbst hineinverwoben mit seinem atherischen
Leib in das Weben der Erde mit ihrer Schwere, des Wassers mit seiner
belebenden Kraft, der Luft mit ihrer empfindungsweckenden Kraft,
des Feuers mit seiner Ich-entzundenden Kraft. Da fuhlte sich der
Mensch hineinverwoben. Das empfand er als das Geschenk des Unter-
richtes der Gottin Natura, der Nachfolgerin, der Metamorphose der
Proserpina. Und daft die Schiiler eine Ahnung bekamen von diesem
lebendigen Verkehr mit der gotterfullten, gottsubstantiierten Natur,
hindurchdrangen bis zum Weben und Leben der Elemente, darauf
sahen die Lehrer.
Dann, nachdem die Schiiler so weit waren, wurden sie eingefiihrt
in das Planetensystem. Und sie lernten, wie in der Kenntnis des Pla-
netensy stems sich zugleich die Kenntnis der menschlichen Seele ergibt:
Lerne erkennen, wie die Wandelsterne am Himmel wallen, so lernst du
erkennen, wie deine eigene Seele in deinem Inneren wirkt und webt
und lebt. Das wurde vor die Schuler hingestellt.
Und dann wurden sie herangefiihrt an dasjenige, was man den
«Groften Ozean» nannte. Aber dieser Ozean war das kosmische Meer,
das von den Planeten, von den Wandelsternen zu den Ruhesternen, zu
den Fixsternen hinausfuhrte.
Dann drangen sie ein in die Geheimnisse des Ich dadurch, daft sie
die Geheimnisse der Fixsternwelt kennenlernen konnten.
Es ist heute vergessen, daft es solche Unterweisungen gegeben hat.
Aber solche Unterweisungen waren da. Und solches lebendige Erken-
nen war ja bis zum 7., 8. Jahrhundert in den Nachziiglern der Myste-
rien gepflegt. Und als Lehre, als Theorie wurde es nun weitergepflegt
bis in die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert, von der ich so oft ge-
sprochen habe. Und wir konnen verfolgen in einzelnen Statten, wo
solche Lehren gepflegt wurden, wie diese alten Lehren fortlebten, wenn
auch unter den grofttmoglichen Schwierigkeiten, wenn auch fast ab-
getotet bis zu Begriffen und Ideen, aber doch zu so lebendigen Begrif-
fen und Ideen, daft sie eine Aufschau zu alldem, wovon ich gesprochen
habe, noch entziinden konnten in einzelnen Menschen.
Da gab es im 11., namentlich aber im 12. Jahrhundert, heriiber-
reichend ins 13. Jahrhundert, eine eigentlich wunderbare Schule, in der
Lehrer waren, welche durchaus wuftten, wie in den vorangehenden
Jahrhunderten die Schuler hingefiihrt wurden zum Erleben des Gei-
stigen. Es war die grofte Schule von Chartres, in der zusammengeflos-
sen waren alle diejenigen Anschauungen, die hervorgegangen waren
aus jener geistigen Lebendigkeit, die ich geschildert habe.
In Chartres, wo heute noch jene wunderbaren architektonischen
Meisterwerke sich finden, da war vor alien Dingen hingekommen ein
Strahl der noch lebendigen Weisheit des Peter von Compostella, der in
Spanien gewirkt hat, der ein lebendig mysterienhaftes Christentum
in Spanien pflegte, das noch sprach von der Helferin Christi, der Na-
tur, das noch sprach davon, daft erst dann, wenn diese Natur den Men-
schen eingefuhrt hat in die Elemente, in die Planetenwelt, in die Ster-
nenwelt, daft erst dann der Mensch reif wird, die sieben Helferinnen,
ich kann wiederum nicht sagen leibhaftig, aber seelenhaftig kennen-
zulernen, Helferinnen, die nicht in abstrakten Theoriekapiteln vor die
menschliche Seele hintraten, sondern als lebendige Gottinnen: Gram-
matik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Mu-
sik. Als gottlich-geistige Gestalten, lebendig lernten die Schuler sie
kennen.
Nun, von solchen lebendigen Gestalten sprachen diejenigen, die urn
Peter von Compostella waren. Die Lehren des Peter von Compostella,
sie strahlten hinein in die Schule von Chartres. In dieser Schule von
Chartres lehrte zum Beispiel der grofte Bernardus von Chartres, der
seine Schuler begeisterte, indem er ihnen zwar nicht mehr die Gottin
Natura, nicht mehr die Gottinnen der sieben freien Kiinste zeigen
konnte, der aber in einer solchen Lebendigkeit von ihnen sprach, daft
wenigstens die Phantasiebilder vor die Schuler hingezaubert wurden,
daft in jeder Lehrstunde Wissenschaft zur leuchtenden Kunst wurde.
Da lehrte Bernardus Silvestris, der wie in machtigen Schilderun-
gen vor den Schiilern erstehen lieft dasjenige, was eben alte Weisheit
war. Da lehrte vor alien Dingen Johannes von Chartres, der in einer
geradezu grandios-inspirierten Weise von der menschlichen Seele
sprach; dieser Johannes von Chartres, den man auch Johannes Salis-
bury nannte, entwickelte da Anschauungen, in denen er sich ausein-
andersetzte mit Aristoteles, mit dem Aristotelismus. Da wurde auf die
besonders bevorzugten Schuler so gewirkt, daft sie eine Einsicht davon
bekamen, daft auf der Erde nicht mehr sein kann eine solche Lehre,
wie sie war in den ersten christlichen Jahrhunderten, daft die Erden-
entwickelung das nicht mehr ertragen kann. Da wurde den Schiilern
klargemacht: Es gibt eine alte, fast hellseherische Erkenntnis, aber die
dammert ab. Wissen nur kann man noch von Dialektik, Rhetorik,
Astronomie, Astrologie, schauen kann man nicht mehr die Gottinnen
der sieben freien Kiinste, denn weiterwirken muft der schon im Alter-
tum den Begriffen und Ideen des fiinften nachatlantischen Zeitalters
gewachsene Aristoteles.
Und mit einer inspirierenden Kraft verpflanzte sich dasjenige, was
[eine solche Lehre war, was] in der Schule von Chartres auf diese Weise
gelehrt wurde, auch nach dem Cluniacenserorden hin und wurde ver-
weltlicht in demjenigen, was der Abt der Cluniacenser, Hildebrand, der
dann als Gregor VII. Papst wurde, iiber die Kirche verfiigt hat; aber mit
einer aufterordentlichen Reinheit pflanzte sich diese Lehre in der Schule
von Chartres weiter fort, und es glanzte das 12. Jahrhundert in diesen
Lehren. Und insbesondere war einer da, der eigentlich alle anderen
iiberragte, und der, ich mochte sagen, in einer ideellen Inspiration die
Geheimnisse der sieben freien Kiinste in ihrem Zusammenhange mit
dem Christentum in Chartres lehrte: Alanus von Lille.
Alanus von Lille, er befeuerte geradezu Schiiler im 12. Jahrhundert
in Chartres. Er hatte eine grofte Einsicht in die Tatsache, daft in den
nachsten Jahrhunderten dasjenige nicht weiter der Erde zugute kom-
men kann, was in einer solchen Weise gelehrt wird, denn das war nicht
nur Platonismus, das war Lehre vom Mysterienschauen der vorplato-
nischen Zeit, nur daft dieses Schauen das Christentum in sich aufge-
nommen hatte. Und denjenigen, von denen er Verstandnis voraus-
setzte, lehrte Alanus von Lille schon zu seinen Lebzeiten: Jetzt muft
eine aristotelisch gefarbte Erkenntnis eine Weile auf Erden wirken, in
scharfen Begriffen und Ideen. Denn nur so kann vorbereitet werden,
was in einer spateren Zeit als eine Spiritualitat wiederkommen muft.
Es sieht fur manche heutige Menschen, wenn sie die Literatur von
damals lesen, trocken aus, aber es ist nicht trocken, wenn man eine
Anschauung davon gewinnen kann, was vor den Seelen derjenigen
stand, die in Chartres lehrten und wirkten. Lebendig wirkt durch,
auch in der Dichtung, die von Chartres ausging, dieses Sich-Verbun-
den-Fiihlen mit den lebendigen Gottern der sieben freien Kiinste. Und
in der, fur denjenigen, der sie verstehen kann, eindringlichen Dichtung:
«La bataille des VII arts» fiihlen wir den geistigen Atem der sieben
freien Kiinste. Das alles wirkte im 12. Jahrhundert.
Das alles, sehen Sie, lebte noch dazumal in der geistigen Atmo-
sphare, das alles machte sich noch in einer gewissen Weise geltend. Das
alles hatte ja noch manches Verwandte mit Schulen, die in Norditalien,
in Italien uberhaupt, in Spanien schon noch bestanden, aber ein sehr
sporadisches Leben fiihrten. Aber es pflanzte sich fort in lebendiger
Art nach verschiedenen Stromungen der Erde hin. Und gegen das Ende
des 12. Jahrhunderts war vieles von dem an der Universitat von Orle-
ans, wo merkwiirdige Lehren nach dieser Art hin gepflegt wurden,
wo manches vorhanden war von Inspiration durch die Schule von
Chartres.
Und dann geschah es eben eines Tages, daft da unten in Italien ein
vorher in Spanien weilender Gesandter, unter einem machtigen histo-
rischen Eindruck stehend, so etwas bekam wie eine Art Sonnenstkh,
und in ihm alles das, was er in seiner Schule als Vorbereitung empfan-
gen hatte, unter dem Einflusse dieses leisen Sonnenstiches zu einer
machtigen Offenbarung wurde: wo er sah, was der Mensch sehen
konnte unter dem Einflufl des lebendigen Erkenntnisprinzipes, wo er
sah den machtig aufsteigenden Berg mit alldem, was herauslebt aus
Mineralien, Pflanzen und Tieren, wo erschien die Gottin Natura, wo
erschienen die Elemente, wo erschienen die Planeten, wo erschienen die
Gdttinnen der sieben freien Kiinste, wo dann auftrat Ovid als der fuh-
rende Lehrer -, wo noch einmal vor eines Menschen Seele stand jenes
Gewaltige, was so oftmals vor Menschenseelen gestanden hat in den
ersten Jahrhunderten des Christentums. Es war die Vision des Bru-
netto Latini, die dann iibergegangen ist auf Dante und aus der Dantes
Commedia geflossen ist.
Aber ein anderes ergab sich fur alle diejenigen, die in Chartres ge-
wirkt hatten, als sie durch die Pforte des Todes gingen und, hindurch-
gegangen durch die Pforte des Todes, die geistige Welt betraten. Es
war ein bedeutsames geistiges Leben, das Peter von Compostella, Ber-
nardus von Chartres, Bernardus Silvestris, Johannes von Chartres-
Salisbury, Henri d'Andeli, der das Gedicht: «La bataille des VII arts»
verfafk hat, gefiihrt hatten, aber insbesondere das des Alanus von
Lille. Er hat ja auf seine Art die Schrift «Contra Haereticos» verfafk
und damit aus der alten Anschauung heraus gegen die Ketzer sich ge-
wendet im christlichen Sinne, aber eben aus der Anschauung der gei-
stigen Welt heraus.
Und jetzt betraten alle diese Seelenindividualitaten, welche als die
letzten noch gewirkt haben in den Nachklangen der alten geschauten
Weisheit, der lichtvoll geschauten Weisheit, jetzt betraten sie die gei-
stige Welt: jene geistige Welt, wo gerade, sich vorbereitend zum Erden-
dasein, wichtigste Seelen waren, die demnachst heruntersteigen sollten
ins Erdendasein, um zu wirken in dem Sinne, wie dann gewirkt wer-
den mufke, urn die Wende herbeizufiihren, die im 14., 15. Jahrhundert
eintrat.
Da haben wir ein geistiges Dasein, meine lieben Freunde: Die letzten
Groften der Schule von Chartres waren eben in der geistigen Welt
angekommen. Diejenigen Individualitaten, die die Hochbliite der Scho-
lastik einleiteten, waren noch in der geistigen Welt. Und einer der
wichtigsten Ideenaustausche hinter den Kulissen der menschlichen Ent-
wickelung spielte sich ab im Beginne des 13. Jahrhunderts zwischen
denen, die noch den alten schauenden Platonismus hinaufgetragen ha-
ben aus der Schule von Chartres in die iibersinnliche Welt, und den-
jenigen, die sich dazu bereiteten, den Aristotelismus herunterzutragen
als den grofien Ubergang fur die Herbeifuhrung einer neuen Spirituali-
tat, die in der Zukunft hereinfluten sollte in die Entwickelung der
Menschheit.
Da kam man uberein, indem gerade diese Individualitaten, die aus
der Schule von Chartres herstammten, denen sagten, die sich eben an-
schickten, herunterzusteigen in die sinnlich-physische Welt und den
Aristotelismus in der Scholastik als das richtige Element des Zeitalters
zu pflegen: Fur uns ist zunachst ein Erdenwirken nicht moglich, denn
die Erde ist jetzt nicht so, um in dieser Lebendigkeit die Erkenntnis zu
pflegen. Was wir noch pflegen konnten als die letzten Trager des Pla-
tonismus, das mulS nun vom Aristotelismus abgelost werden. Wir blei-
ben hier oben. Und so blieben denn, ohne da£ sie in mafigebliche Erden-
inkarnationen bisher eintraten, die Geister von Chartres in der iiber-
sinnlichen Welt. Aber sie wirkten machtig mit bei der Gestaltung jener
grandiosen Imagination, die eben gestaltet wurde in der ersten Halfte
des 19. Jahrhunderts, von der ich Ihnen gesprochen habe.
Sie wirkten in vollem Einklange mit denen zusammen, die mit dem
Aristotelismus zunachst auf die Erde herunterstiegen. Und insbeson-
dere war es der Dominikanerorden, welcher Individualitaten enthielt,
die, ich mochte sagen, in dieser Art von iibersinnlichem Vertrag mit
den Geistern von Chartres standen, die mit ihnen gewissermafien ver-
abredet hatten: Wir steigen herunter, um im Aristotelismus die Er-
kenntnis weiter zu pflegen. Ihr bleibt oben. Wir werden auch auf
Erden mit euch in Verbindung bleiben konnen. Auf Erden kann zu-
nachst der Platonismus nicht gedeihen. Wir werden euch wiederfinden,
wenn wir zuriickkommen, und wenn vorbereitet werden soli diejenige
Zeit, in welcher, nachdem die Erde die scholastische Entwickelung des
Aristotelismus durchgemacht hat, die Spiritualitat wiederum gemein-
sam mit den Geistern von Chartres entwickelt werden kann.
Es war von tief eingreifender Bedeutung zum Beispiel, als Alanus
von Lille - so hat er geheiften wahrend seines Erdendaseins - aus der
geistigen Welt heruntersendete einen von ihm in der geistigen Welt
wohlunterrichteten Schiiler, urn zwar gerade alle die Diskrepanzen,
welche bestehen konnten zwischen dem Platonismus und dem Aristo-
telismus, auf die Erde herunterfluten zu lassen, aber so, daft aus dem
scholastischen Prinzip der damaligen Zeit eine Harmonie entstehen
konnte. Und so wurde insbesondere im 13. Jahrhundert dahin gewirkt,
daft zusammenflieften konnte die Arbeit derjenigen, die etwa im Do-
minikanerkleide auf der Erde waren, und das Wirken derer, die driiben
geblieben waren in der anderen Welt, da sie zunachst nicht Erden-
leiber finden konnten, um ihre besondere Art von Geistigkeit auszu-
pragen, die nicht zum Aristotelismus hinkommen konnte.
Und es entstand im 13. Jahrhundert eben ein wunderbares Zusam-
menwirken zwischen demjenigen, was auf der Erde geschah, und dem,
was von oben her einfloft. Oftmals waren sich die Menschen, die auf
Erden wirkten, dieses Zusammenwirkens gar nicht bewuftt, um so
mehr aber diejenigen, die driiben wirkten. Es war ein lebendiges Zu-
sammen wirken. Man mochte sagen: das Mysterienprinzip war hinauf-
gestiegen in die Himmel und lieft seine Sonnenstrahlen herabfallen auf
das, was auf Erden gewirkt hat.
Es ging bis in Einzelheiten, und kann insbesondere an Einzelheiten
verfolgt werden. Alanus von Lille, er hatte in seiner eigenen irdischen
Entwickelung als Lehrer von Chartres nur so weit gehen konnen, daft
er in einem bestimmten Lebensalter das Kleid der Zisterzienser ange-
legt hatte, Zisterzienserordenspriester wurde. Und in den Zisterzien-
serorden hatte sich noch das letzte an Ordensiibungen in der damaligen
Zeit hineingefliichtet, um Platonismus, platonische Weltanschauung
mit dem Christentum zusammen zu erwecken.
Die Art und Weise, wie er einen Schiiler heruntergesendet hat,
driickt sich darin aus, daft er diesen Schiiler schickte, um durch den
Dominikanerorden die Aufgabe, die auf den Aristotelismus iibergehen
sollte, weiter sich auswirken zu lassen. Der Ubergang, der da war,
driickte sich insbesondere aufterlich durch ein merkwiirdiges Symptom
aus: Jener, ich mochte sagen, iiberirdische Schiiler des Alanus ab In-
sulis, er trug auf Erden zuerst das Zisterzienserkleid, vertauschte es
aber spater mit dem Dominikanerkleid.
Da haben wir die Individualitaten, die auf eine iibersinnlich-sinn-
liche Weise wahrend des 13. Jahrhunderts und noch etwas ins 14. Jahr-
hundert hinein zusammenwirken: Maftgebende spatere Scholastiker
und ihre Schiiler, miteinander langverbundene Menschenseelen, diese
aber audi verbunden wiederum mit den groften Geistern der Schule
von Chartres.
Da haben wir, ich mochte sagen, jenen groftartigen, gewaltigen,
weltgeschichtlichen Plan, der dahin ging, daft diejenigen, die nicht
zum Aristotelismus auf die Erde haben heruntersteigen konnen, sich
bewahrten in der geistigen Welt droben, um zu warten, bis die anderen
dasjenige, in dem sie so innig mit den Zuriickgebliebenen verbunden
waren, auf der Erde weiterpflegen konnten unter dem Einfluft schar-
fer, vom Aristotelismus herriihrender Begriffe und
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