Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUS GABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



)ie Philosophic, Kosmolo^ 
und Religion 
in der Anthroposophie 



Zehn Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 6. bis 15. September 1922 
«Franzosischer Kurs» 



1980 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe dieser Auflage besorgte Edwin Frobose 



1 . Auflage unter dem Titel 
«Philosophie, Kosmologie und Religion* 
Gesamtausgabe Dornach 1962 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1980 



Bibliographie-Nr. 215 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Graphische Anstalt Schiiler AG, Biel 
ISBN 3-7274-2152-5 (Ln) 3-7274-2153-3 (Kt) 



2» den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte, Da Rudolf 
Steiner aus Zekmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTERVORTRAG, Dornach, 6. September 1922 9 

Die drei Schritte der Anthroposophie 

ZWEITER VORTRAG, 7. September 1922 28 

Seelemibungen des Denkens, Fiihlens und Wollens 

DRITTER VORTRAG, 8. September 1922 45 

Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethoden 

VlERTER VORTRAG, 9. September 1922 61 

Erkenntnis- und Willensiibungen 

FCNFTER VORTRAG, 10. September 1922 79 

Schlaferlebnisse der Seele 

SECHSTER VORTRAG, 11. September 1922 93 

Der Ubergang vom seelisch-geistigen Dasein in der Menschen- 
entwickelung zum sinnlich-physischen 

SlEBENTER VORTRAG, 12. September 1922 108 

Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit 

ACHTER VORTRAG, 13. September 1922 125 

Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus 

NEUNTER VORTRAG, 14. September 1922 143 

Das Schicksal des Ich-Bewufitseins im Zusammenhang mit 
dem Christus-Problem 

ZEHNTER VORTRAG, 15. September 1922 161 

Das Erleben des Willensteils der Seele 

Hinweise 182 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 185 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 187 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 6. September 1922 



Die drei Schritte der Anthroposophie 

Gestatten Sie, daft ich, bevor ich mit meinem heutigen Vortrag beginne, 
die verehrten Anwesenden auf das allerherzlichste begriifte, begriifte aus 
jenem Geiste heraus, der hier in diesem Goetheanum herrschen soli und 
von dem auch all diejenige Arbeit getragen werden soil, die in diesem 
Goetheanum verrichtet wird. Es soli dies ja sein ein Geist, der nicht aus 
einer menschlichen Einseitigkeit hervorgeht, sondern aus dem vollen, 
umfassenden Menschentum. Und das kann so sein, daft auf der einen 
Seite hier dasjenige, was gegeben wird, was erarbeitet wird, stammt aus 
wissenschaftlicher Erkenntnis, aus Kunst und religioser Hingebung. 
Auf der anderen Seite soil dieser Geist sein der des freien, weitherzigen 
und weitseelischen Menschentums. 

Dieser Geist nun hat es sein sollen, auf dem als auf dem besten 
Grundstein 1913 begonnen wurde, dieses Goetheanum zu bauen. Und 
wir haben es ja zustande gebracht, daft in der Zeit, als ganz Europa und 
weite Gebiete iiber Europa hinaus in Fehde lagen, in schweren Feind- 
schaften untereinander waren, daft hier aus einem freien, umfassenden 
Menschentum alle Nationen Europas in Dornach zusammengearbeitet 
haben. Hier hat die internationale Arbeit niemals aufgehort. Auf diese 
Tatsache darf ich wohl heute ganz besonders hinweisen, weil ich die 
Begriiftung, die ich Ihnen hiermit bringe, aus diesem internationalen 
Geiste heraus bringen will. Was hier erarbeitet werden soli, kann ja aus 
keinem anderen Geiste heraus erarbeitet werden, denn nur dieser Geist 
allseitigen universellen freien Menschentums kann auch wirkliche spiri- 
tuelle Wissenschaft, spirituelle Kunst und wahrhafte Religion bringen, 
die an sich allein spirituell und international sein kann. Dieser Geist 
gibt aber auch, ich denke, jene Weite des Herzens, die in der Lage ist, 
jeden Menschen liebevoll zu empfangen und zu begriiften. Und so soli 
es dieser Geist sein, der hier im Goetheanum waltet, aus dem heraus ich 
die ersten Begriiftungsworte spreche. Sie miissen deshalb herzlich ge- 



meint sein. In dieser Herzlichkeit mochte ich den Wunsch aussprechen, 
daft es uns in den nachsten Tagen gelingen moge, auf den verschieden- 
sten Gebieten der Wissenschaft und des Lebens einiges hier zusammen 
zu arbeiten, zu besprechen, das ein jeglicher, der hierher hat kommen 
wollen, mit einer gewissen Befriedigung wiederum nach Hause tragt. 

Wenn wir, die wir hier seit Jahren im Goetheanum arbeiten, in der 
Lage sein werden, den Gedanken hervorzurufen, daft man nach einem 
solchen Besuche doch wiederum immer mit einiger Freude zuriickblickt 
auf das, was man hier erlebt hat, so wird dies diejenigen, die hier am 
Goetheanum wirken, mit ganz besonderer Befriedigung erfiillen. In 
diesem Sinne lassen Sie mich Sie begriiften, Ihnen danken dafiir, daft Sie 
hierher gekommen sind. Und lassen Sie mich den Wunsch aussprechen, 
daft dieser Besuch auch Ihnen zu einiger Befriedigung dienen moge. 

Hier soli, wie schon angedeutet worden ist, spirituelle Erkenntnis ge- 
trieben werden als eine Grundlage fur die Befruchtung des Lebens nach 
seinen verschiedenen Seiten. Die spirituelle Erkenntnis, welche hier in 
diesem Goetheanum gesucht werden soil, sollte nicht verwechselt wer- 
den mit mancherlei, was heute in der Welt als Okkultismus getrieben 
wird, oder auch mit mancherlei, wofiir man heute den Namen Mystik 
anwendet. Dieser Okkultismus, der vielfach heute getrieben wird, ist 
im Grunde genommen dem Geiste unserer Zeit, dem Geiste des wirkli- 
chen modernen Lebens doch zuwiderlaufend. Denn dieser Geist des 
wirklichen modernen Lebens ist doch gegeben durch die Entwickelung 
der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der neueren Zeit. Was hier 
als spirituelle Erkenntnis getrieben wird, soil durchaus rechnen mit 
dem, was dem Geiste moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis im 
strengsten Sinne des Wortes entspricht. Dasjenige, was heute oftmals 
Okkultismus genannt wird, fuftt auf alten Traditionen; es herrscht in 
ihm nicht ein unmittelbarer Geist der Gegenwart. Alte Traditionen 
werden heriibergeholt. Da aber die Menschen der Gegenwart nicht aus 
denselben seelischen Untergriinden heraus die entsprechenden Er- 
kenntnisse entfalten konnen, so kann man sagen, diese alten Traditio- 
nen sind oftmals miftverstanden und als miftverstandene in laienhafter 
Weise heute von diesen oder jenen wie eine die menschliche Seele be- 
friedigen sollende Erkenntnis vorgebracht worden. 



Mit solchem zum Teil mifiverstandenem, tradition ellem Okkultismus 
hat das, was hier getrieben wird, ebensowenig zu tun wie mit dem, was ' 
zuweilen sogar von wissenschaftlicher Seite her gesucht wird auch als 
eine Art Okkultismus, indem man die gewohnlichen wissenschaftlichen 
Methoden des sinnlichen Beobachtens und Experimentierens nachahmt 
fur eine Erforschung des ubersinnlichen Gebietes. Man verkennt dabei, 
daft diejenigen Methoden des naturwissenschaftlichen Forschens, die 
sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben, ganz ausgezeichnet 
ausgebildet worden sind fur die Erkenntnis der aufieren sinnlichen 
Wirklichkeit, dafi sie aber gerade deshalb ungeeignet sind als For- 
schungswege hinauf in das ubersinnliche Gebiet. 

Auf der anderen Seite wird vielfach heute von mystischer Vertiefung, 
von mystischem innerem Erleben gesprochen. Auch da hat man es oft- 
mals mit nichts anderem zu tun als mit einem Sich-Versenken in die 
Seelenerlebnisse alter Mystiker, mit einem Erneuern solcher Seelener- 
lebnisse, und doch im Grunde genommen wiederum nur mit etwas, das 
in einer gewissen unklaren Selbstschau zu einer fragwiirdigen Erkennt- 
nis fuhrt. 

Ich wollte auf diese Dinge nur hindeuten, um von der Verwechslung 
desjenigen, was hier in diesem Goetheanum getrieben wird, mit dem, 
was manchmal in so laienhafter, dilettantischer, wenn auch durchaus 
gutgewollter Weise getan wird, zu warnen. Hier soil eine wissenschaft- 
liche Methode fur die Erkenntnis des Ubersinnlichen ausgebildet wer- 
den, so streng, so exakt, so wissenschaftlich, wie dies fur die wissen- 
schaftlichen Methoden heute auf dem Gebiete des Naturforschens ver- 
langt wird. Man kann nur dann in das ubersinnliche Gebiet hinaufge- 
langen, wenn man nicht stehenbleibt bei den Forschungswegen, die 
blofS fur das Sinnliche geeignet sind. Man kann aber nicht wissenschaft- 
lich in die ubersinnlichen Welten hinauf gelangen, wenn man aus einem 
anderen Geiste heraus verfahrt als der ist, der sich so tiichtig bewahrt 
hat fur das Gebiet der sinnlichen Wirklichkeit. Nur einige einleitende 
Andeutungen iiber Absichten und Ziele der hier getriebenen spirituellen 
Wissenschaft mochte ich heute geben. Daher wird die nahere Ausein- 
andersetzung iiber das, was ich heute andeuten will, erst in den nach- 
sten Tagen gegeben werden konnen. Hinweisen mochte ich zunachst 



darauf, dafi es sich hier zum Zwecke der Erforschung iibersinnlicher 
Welten darum handelt, aus den Tiefen der Menschenseele heraus dieje- 
nigen Krafte zu suchen, die als Erkenntniskrafte in das Ubersinnliche 
so eindringen konnen, wie die Krafte der aufieren Sinne in die phy- 
sisch-sinnliche Welt. Was dem Geistesforscher zunachst obliegt, das ist, 
seinen Seelenblick hinzulenken auf die seelisch-geistige Organisation in 
ihm, die an das Ubersinnliche herandringen kann. Dadurch unterschei- 
det sich der Geistesforscher von dem Naturforscher. Dieser nimmt die 
menschliche Organisation, wie sie ist, wendet sie auf die Natur an und 
verwendet diese Exaktheit dazu, Ergebnisse iiber die Tatsachen der 
aufieren Natur zu gewinnen. 

Der Geistesforscher kann, gerade wenn er zunachst auf dem Boden 
richtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnisse steht, nicht so vorgehen. 
Er mufi zuerst den Blick auf das seelisch-geistige Erkenntnisorgan, ich 
darf es vielleicht nennen das «Geistesauge», lenken. Aber dieser Blick, 
der zunachst das geistige Auge zubereitet, entwickelt, der mufi so sein, 
dafi vor ihm exakt die innere Gesetzmafiigkeit dieses geistigen Auges so 
liegt, wie exakt zum Beispiel vor dem Mathematiker ein mathemati- 
sches Problem oder vor dem Experimentator der Inhalt seines Experi- 
mentes liegt. Diese von dem Forscher an sich selbst vorzunehmende 
Arbeit, die Vorbereitung erst zur Wissenschaft, das ist in der Geistes- 
forschung das Wesentliche. Und so wie der Mathematiker oder Natur- 
forscher im Aufsuchen von Ergebnissen exakt ist, so mufi der Geistes- 
forscher exakt sein im Zubereiten seiner geistig-seelischen Organisa- 
tion, die dann, wie im Sinnlichen das Auge oder das Ohr, die Tatsache 
wahrnimmt. 

Exakt mufi die hier gemeinte spirituelle Forschung sein; exakt ist Ma- 
thematik oder Naturwissenschaft. Aber ich mochte sagen: wo mit der 
Exaktheit Naturwissenschaft aufhort, da fangt Geistesforschung mit 
dieser Exaktheit erst an. Geistesforschung mufi exakt sein in bezug auf 
die Bearbeitung der eigenen Menschlichkeit, so dafi alles dasjenige, was 
getan wird am Menschen selbst, damit er ein Geistesforscher werde, 
exakt verrichtet wird und gewissermafien durch exakte und vor der 
Wissenschaft gerechtfertigte Arbeiten das geistige Auge darstellt, wenn 
es mit der Geistesforschung beginnt, wenn es an die Tatsache der iiber- 



sinnlichen Welt herantritt. Wahrend bei dem, was man oftmals Mystik 
nennt, das innere Seelische in einer ziemlichen Unklarheit behandelt 
wird, mull bei wirklicher Geistesforschung jeder kleinste Schritt mit 
solcher inneren Klarheit und Durchschaubarkeit behandelt werden wie 
sonst das, was der Mathematiker vor sich hat in einem mathematischen 
Problem. Dann wird herbeigefuhrt eine Art Erwachen, ein Erwachen 
auf einer hoheren Stufe des Bewulkseins, vergleichbar mit dem Erwa- 
chen, das wir sonst erleben, wenn wir aus dem gewdhnlichen Schlafe 
herauskommen, um die sinnliche Welt um uns herum zu haben. 

Wenn ich insbesondere bei der Geistesforschung, die hier gemeint 
ist, von Exaktheit spreche, so bezieht sich dieses Wort Exaktheit auf die 
exakte, wissenschaftliche Vorbereitung dessen, was beim Menschen 
dem Forschen vorangehen mufi: die Organisation geistig-seelischer Art. 
Das ist es, was in exakter Durchschaubarkeit zunachst vor dem Geistes- 
forscher sein mufi. Dann beginnt er seine Blicke hinein zu tun in die 
Welt der iibersinnlichen Tatsachen. 

Das soil zunachst nur ein vorbereitender, noch nicht beweisender 
Hinweis sein. Weil in der Vorbereitung der eigentlichen iibersinnlichen 
geistigen Anschauung diese Exaktheit angestrebt wird, darf wohl, wenn 
man die Art des Geist-Anschauens, die hier gemeint ist, hellsichtige 
Clairvoyance nennt, von exakter Clairvoyance gesprochen werden. Das 
soil das spezifisch Eigentiimliche der Geistesforschung sein, die hier 
gepflegt wird, dafi sie beruht auf der methodisch exakten Clairvoyance. 
Die Exaktheit der Clairvoyance soil das Charakteristische der hier ge- 
meinten Geistesforschung sein. 

Von diesem Gesichtspunkte aus mochte man mit der hier getriebenen 
spirituellen Forschung nicht nur ein eng umgrenztes Gebiet beurteilen, 
sondern etwas erarbeiten, wohinein alle iibrigen Wissenschaften und 
Lebensformen der Gegenwart miinden. Nicht nur soli das, was hier 
spirituell erarbeitet wird, ein geistiger Uberbau der naturwissenschaftli- 
chen Anschauung sein, sondern es sollen auch diejenigen Erkenntnisge- 
biete, die im Geiste dieser naturwissenschaftlichen Anschauung in der 
modernen Zeit von der Menschheit erarbeitet worden sind, heraufge- 
fiihrt werden in das Spirituelle, damit sie gewissermafien durch das, was 
spirituelle Forschung geben kann, gekront werden. 



Ich mochte als Beispiel nur die Medizin anfiihren. Die Medizin wird 
in der Art, wie sie heute aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis heraus 
aufgebaut ist, wie sie ja rait bewunderungswiirdigem Resultate dasteht, 
voll anerkannt von dem, was hier als spirituelle Erkenntnis getrieben 
wird. Aber es ist moglich, dasjenige, was heute aus rein aufierer An- 
schauung fiir die Medizin erarbeitet ist, weiterzufiihren durch den Geist 
einer exakten Clairvoyance. Dann erst ergibt sich eigentlich die ganze 
Fruchtbarkeit auch des rein naturwissenschaftlich Medizinischen, das 
heute getrieben wird. Ebenso mochte man auf spirituelle Art hier eine 
Erkenntnis gewinnen, welche das Kiinstlerische ins Geistige hineinzu- 
fiihren in der Lage ist. Und ein Kiinstlerisches wird hier angestrebt, das 
ebenso in spiritueller Art aus der Gesamtnatur des Menschen hervor- 
geht wie das, was hier als Erkenntnis angestrebt wird. Und ein religio- 
ses, ein soziales Element soil hier gepflegt werden so, dafi sich das Reli- 
giose und das Soziale wie etwas Selbstverstandliches aus der errungenen 
spirituelkn Erkenntnis ergeben. 

Die spirituelle Erkenntnis, die hier gesucht wird, soli den ganzen 
Menschen ergreif en und aus dem ganzen Menschen kommen, nicht aus 
einer einzelnen menschlichen Fahigkeit. Deshalb ist es so mit dieser Er- 
kenntnis, dalS sie alle Gebiete des theoretischen wie des praktischen Le- 
bens einmiinden lassen will in das spirituelle Leben, so dafi dadurch erst 
ein Vollmenschliches, ein Universell-Menschliches erreicht werden soil. 

Von diesem Gesichtspunkte aus mochte ich Ihnen in diesen Vortra- 
gen in der Hauptsache iiber drei Gebiete der Erkenntnis sprechen, um 
an diesen drei Beispielen zu erlautern, inwiefern aus dem Geiste der ge- 
genwartigen Wissenschaftlichkeit in den Geist der hoheren, spirituellen 
Wissenschaftlichkeit hineingefuhrt werden kann. Ich mochte in diesen 
Vortragen Ihnen sprechen von Philosophic, von Kosmologie und von 
Religion in der Art, wie sie durch Anthroposophie eine gewisse spiritu- 
elle Gestalt gewinnen sollen. 

Philosophie war einst die universelle Erkenntnis, die in altesten Zeiten 
dem Menschen Aufschluft gegeben hat iiber alle einzelnen Wirklich- 
keitsgebiete des Daseins. Philosophie war nicht eine spezielle Wissen- 
schaft. Philosophie war die universelle Wissenschaft, und alle anderen 
Wissenschaften, die wir heute pflegen, sind ja im Grunde genommen 



aus der Substanz der Philosophic, wie sie noch in Griechenland war, 
heraus gewachsen. Daneben ist nun in der neueren Zeit eine besondere, 
eine spezielle Philosophic entstanden, die in einer gewissen Summe von 
Ideen lebt. Es ist nur das Eigentiimliche eingetreten, dafi diese Philoso- 
phic, aus der im Grunde genommen alle anderen Wissenschaften her- 
ausgewachsen sind, nun in die Lage gekommen ist, ihr eigenes Dasein 
gegeniiber den anderen Wissenschaften rechtfertigen zu miissen. Die 
anderen Wissenschaften, die doch aus der Philosophic herausgewachsen 
sind, beschaftigen sich mit diesem oder jenem anerkannten Wirklich- 
keitsgebiet. Das Wirklichkeitsgebiet ist fur die Sinne oder fur die Beob- 
achtung oder fur das Experiment da. 

Man kann die Berechtigung, sich wissenschaftlich, erkenntnismafog 
damit zu befassen, nicht bezweifeln. Trotzdem alle diese einzelnen Ge- 
biete heraus geboren sind aus der Philosophic, ist die Philosophic heute 
genotigt, ihr eigenes Dasein zu rechtfertigen, zu sagen, warum sie eine 
gewisse Summe von Ideen entwickelt, und ob diese Ideen nicht vielleicht 
ganz unwirklich sind, sich auf gar keine Wirklichkeit beziehen, nur et- 
was menschlich Ausgedachtes sind. Denken wir nur einmal, wie viele 
harte Denkarbeit heute darauf verwendet wird, jene Ideen, die iibrigens 
schon einen sehr abstrakten Charakter angenommen haben, die man 
heute Inhalt der Philosophic nennt, so zu rechtfertigen, daf? sie noch in 
einer gewissen Weise in der Welt ein Ansehen geniefien. Sie haben die 
Wissenschaften erzeugt; diese sind, ich mochte sagen, wohlakkreditiert 
gegeniiber ihren einzelnen Wirklichkeitsgebieten. Philosophic dagegen 
ist heute nicht akkreditiert. Sie mulS eigentlich ihr Dasein als gerechtfer- 
tigt erst erweisen. Davon konnte im alten Griechenland nicht einmal 
die Rede sein. Da fiihlte der Mensch, der nur uberhaupt bis zur Philo- 
sophic sich hin entwickelte, die Wirklichkeit des Philosophierens so, 
wie der gesunde Mensch die Wirklichkeit des Atmens fiihlt. Wenn da- 
gegen der heute Philosophierende seine Philosophic iiberschaut, dann 
empfindet er die Abstraktheit, das Kalte, das Niichterne der Ideen, die 
er in der Philosophic entwickelt. Er fiihlt sich nicht recht robust in der 
Wirklichkeit drinnen stehend. Nur der im chemischen Laboratorium, 
im physikalischen Laboratorium oder in der Klinik Arbeitende hat, 
mochte ich sagen, etwas in der Hand. Wer heute philosophische Ideen 



in sich tragt und ausfiihrt, der fiihlt sich oftmals meilenweit von der 
Wirklichkeit weg entfernt. 

Dazu kommt ein anderes. Es ist tief begriindet, dafi Philosophic 
nicht einen Namen tragt, der blofi auf theoretisches Erkennen hinweist. 
Liebe zur Weisheit ist Philosophic Liebe ist etwas, was nicht blofi im 
Verstande und in der Vernunft, sondern was in der ganzen menschli- 
chen Seele, in dem ganzen menschlichen Gemiit wurzelt. Ein umfas- 
sendes seelisches Erleben, das Liebeserleben, hat der Philosophic den 
Namen gegeben. Der ganze Mensch soil gewissermafien engagiert sein, 
indem er Philosophic entwickelt. Und man kann ja schliefilich nicht 
lieben, lieben im wahren Sinne des Wortes dasjenige, was blofi theore- 
tisch, niichtern und kalt ist. Wenn Philosophic Liebe zur Weisheit ist, 
so setzt das voraus bei denen, die Philosophic in dieser Weise erlebt ha- 
ben, dafi auch diese Sophia, diese Weisheit, etwas Liebenswertes, etwas 
Wirkliches, Wesenhaftes sei, etwas, dessen Dasein man ja nicht erst 
beweisen soli. Denn schliefilich, denken Sie: wenn jemand als Mann ein 
weibliches Wesen oder als Weib ein mannliches Wesen lieben sollte, es 
aber erst notig fande, das Dasein des oder der Geliebten zu beweisen - 
nicht wahr, ein ganz absurder Gedanke! Aber bei der Philosophic in 
ihrem heutigen Sinne ist das nicht anders. Es ist, ich mochte sagen, aus 
der Philosophic als einem Warmen, herzlich vom Menschen Aufge- 
nommenen, in seiner Existenz Selbstverstandlichen etwas Abstraktes, 
Kaltes, Nuchternes, Theoretisches geworden, Woher kommt das? 

Wenn man nicht mit aufierer Geschichte, sondern mit innerlich er- 
lebter und erfiihlter Geschichtserkenntnis zu dem Ursprunge des philo- 
sophischen Lebens zuruckgeht, dann findet man: Philosophic hat eben 
ursprunglich im Menschen nicht so gelebt, wie sie heute in ihm lebt. 
Heute lafit der Mensch im Grunde genommen, wenn er wissenschaft- 
lich denkt, nur dasjenige gelten, was durch die sinnliche Beobachtung 
oder durch das in dem Felde des Sinnlichen erarbeitete Experiment 
erworben ist. Das Erworbene wird dann durch den Verstand zusam- 
mengefafit. Was auf diese Weise erworben ist, das ist erworben durch 
den physischen Menschen. Die Sinne sind physische Organe, sind ein- 
gebettet im physischen Menschen. Das, was der physische Menschen- 
korper erkenntnismafiig erwirbt, wird heute wissenschaftlich aner- 



kannt. Mit dem aber kann man auch nur herangelangen bis zum physi- 
schen Menschen selbst. In diesem physischen Menschen kann nicht 
dasjenige gefunden werden, was die Alten als Philosophic angeschaut 
haben. Wie gesagt kann ich heute nur einleitend sprechen uhd werde 
das, worauf ich hindeute, in den nachsten Tagen weiter auseinanderzu- 
setzen haben; aber eben hindeuten muft ich doch darauf, daft das, was 
noch in der Blutezeit der griechischen Philosophic Philosophic genannt 
worden ist - diese innerlich in der Seele erlebte geistige Substanz -, 
nicht in dem physischen Menschenleib erlebt worden ist, sondern in 
einer menschlichen Organisation, die als ein atherischer Mensch den 
physischen Menschenleib durchsetzt. 

Wir kennen in unserer heutigen Wissenschaft eigentlich nur den phy- 
sischen Menschen. Wir kennen ja nicht jenen Leib, der als ein feiner 
atherischer durchsetzt den physischen Menschenleib, in dem der grie- 
chische Philosoph seine Philosophic erlebt hat. In dem physischen Leib 
erleben wir das Atmen, erleben wir den Sehvorgang. Aber so, wie wir 
diese physische Menschenorganisation vor uns haben, so ist im Men- 
schen auch ein atherischer Korper, ein atherischer Mensch. Schauen wir 
auf den physischen Korper hin, so schauen wir etwa den Atmungsvor- 
gang, konnen uns physikalisch oder biologisch den Sehvorgang klarma- 
chen. Schauen wir auf den ubersinnlichen atherischen Menschen, so 
schauen wir auf den, in dem im griechischen Sinne philosophiert wor- 
den ist. Die griechische Menschheitskonstitution war noch so, daft sich 
der Mensch erfuhlte, erlebte in seinem atherischen Organismus. Und 
indem er den atherischen Organismus so anstrengte, so in Tatigkeit 
uberfuhrte, wie man den physischen Organismus zum Beispiel beim 
Atmen oder beim Sehen in Tatigkeit iiberfuhrt, entstand im atherischen 
Menschen Philosophic So wie wir niemals im Zweifel dariiber sein 
konnen, daft das wirklich ist, was wir als Atmungsvorgang haben, weil 
wir uns unseres physischen Leibes bewuftt sind, so konnte der Grieche 
niemals im Zweifel dariiber sein, daft das, was er als Philosophic erlebte, 
als "Weisheit, die er liebte, daft das in der Wirklichkeit wurzelte, denn er 
war sich seines atherischen Leibes bewuftt. Er war sich bewuftt, daft 
das, was philosophiert, in seinem atherischen Leibe vor sich geht; er 
war sich dariiber klar. 



Der moderne Mensch hat fur seine Erkenntnis den atherischen Leib 
verloren; er weifi nicht, daft er einen atherischen Leib hat. Die traditio- 
nelle Philosophie ist dadurch eine Summe von abstrakten Ideen, daft sie 
als Wirklichkeit nur ansehen kann, was man als Wirklichkeit erlebt, 
worin man sich philosophisch betatigt. Hat man aber fur die Erkennt- 
nis den atherischen Menschen verloren, dann hat man auch die Wirk- 
lichkeit der Philosophie verloren. Man fiihlt sie als abstrakt; man fuhlt 
die Notwendigkeit, ihr Dasein zu beweisen. 

Denken Sie sich, der Mensch wiichse in einen noch robusteren, dich- 
teren, materielleren Organismus hinein, als sein physischer ist. Dann 
wiirde zum Beispiel der Atmungsvorgang sich allmahlich fur dieses ro- 
bustere Erleben sehr verfeinert ausnehmen, und zuletzt wiirde der 
Mensch nichts mehr wissen von dem, was jetzt unser physischer Leib 
ist, so, wie heute der moderne Mensch nichts weift von seinem atheri- 
schen Leib. Dann wiirde das Atmen, der Atmungsvorgang, eine Theo- 
rie sein, eine Summe von Ideen, und man wiirde erst «beweisen» miis- 
sen, daft das Atmen eine Wirklichkeit ist, wie man heute beweisen 
muft, daft die Philosophie in einem Wirklichen wurzelt. Der Zweifel an 
der Wirklichkeit desjenigen, was man lieben soli in der Philosophie, der 
ist entstanden dadurch, daft der atherische Leib aus der Erkenntnis 
des Menschen verloren worden ist. Denn im atherischen Leib, nicht im 
physischen Leib, wird die Wirklichkeit der Philosophie erlebt. 

Soli daher wiederum Philosophie als Wirklichkeit empfunden wer- 
den, so muft erst die Erkenntnis des atherischen Menschen aufkommen. 
Dann wird aus der Erkenntnis des atherischen Menschen wiederum ein 
richtiges philosophisches Erleben kommen konnen. 

Diese Erkenntnis des atherischen Menschen zu vermitteln, soli der er- 
ste Schritt der Anthroposophie sein. Ich will in drei Abschnitten vorge- 
hen und mochte jetzt Herrn Dr. Sauerwein bitten, zu iibersetzen. Nach 
der Ubersetzung werde ich fortfahren. 

In der Philosophie hat der Mensch zunachst ein inneres Erlebnis sei- 
ner selbst, das Erlebnis seines atherischen Korpers. Seit die Menschheit 
begonnen hat nachzudenken, fuhlte sie aber auch das Bediirfnis, den 
einzelnen Menschen einzugliedern in den ganzen Kosmos, in das Uni- 



versum. Der Mensch braucht nicht nur eine Philosophic, der Mensch 
braucht auch eine Kosmologie . Er will verstehen, wie er als dieser Ein- 
zelne, der dasteht innerhalb seines Organismus an einem bestimmten 
Ort der Erde, an einem bestimmten Ort der Welt, inwiefern er dem 
ganzen Weltenall angehort, inwiefern er sich aus diesem ganzen Welten- 
all heraus entwickelt hat. 

In den altesten Zeiten der Menschheitsentwickelung fiihlte sich der 
Mensch als ein Glied des ganzen Kosmos. Allein als physischer Mensch 
kann man sich nicht als ein Glied des ganzen Kosmos fiihlen. Was man 
als physischer Mensch im Erleben zwischen Geburt und Tod in sich 
tragt, das gehort dem unmittelbaren Leben der physisch-sinnlichen Um- 
gebung an. Dariiber hinaus hat der Mensch sein seelisches Innenleben. 
Dieses seelische Innenleben ist etwas durchaus anderes als das, was der 
Mensch in seinem physischen Korper aus der physisch-sinnlichen Um- 
gebung in sich tragt. Indem der Mensch sich fiihlen, sich empfinden, 
sich wissen will als ein Glied des ganzen Kosmos, als ein Glied des 
Universums, mufi er auch sein seelisches Innenleben als Teil, als Glied 
des Universums empfinden, fiihlen, wissen. 

In altesten Zeiten der Menschheitsentwickelung waren die Menschen 
wirklich imstande, nicht nur durch dasjenige, was man mifiverstandlich 
heute Anthropomorphismus nennt, sondern durch ein inneres An- 
schauen im Universum, im Kosmos Seelisches, Inneres zu schauen. Da 
konnten die Menschen das, was in ihnen selbst inneres seelisches Leben 
war, so als ein Glied des seelischen und geistigen Lebens im Universum 
anschauen, wie man das physisch-sinnliche korperliche Leben des Men- 
schen als einen Teil des natiirlichen, des sinnlichen Daseins ansehen 
kann. 

Aber die Menschen haben in der neuesten Zeit in exakter Weise nur 
das naturwissenschaftliche Erkennen ausgebildet, das auf Sinnesbeob- 
achtung und Experiment gegriindet ist, und auf jenes Denken, das sich 
nur auf Sinnesbeobachtung und Experiment stiitzt. 

Aus dem, was man auf diese Weise als naturwissenschaftliche Ergeb- 
nisse gewonnen hat, bildete man, indem man die einzelnen Ergebnisse 
zusammenfalke, ein universelles Wissen. Aus den einzelnen Ergebnis- 
sen der Naturwissenschaft bildete man eine Kosmologie. Allein diese 



Kosmologie enthalt blofi das Bild von sinnlich-wirklichen Tatsachen, im 
Denken zusammengefafit. Man bildet sich das Bild eines Universums, 
aber die einzelnen Teile, die einzelnen Glieder in diesem Bilde sind nur 
die erkannten Gesetze der sinnlich-physischen Tatsachen. 

In diesem Bilde, das die naturwissenschaftliche Kosmologie der neue- 
ren Zeit ausgebildet hat, ist nicht so wie in der Kosmologie der Alten 
auch das seelische, das geistige Leben darinnen, sondern es ist nur das- 
jenige darinnen, was naturwissenschaftlich angeschaut werden kann: die 
sinnliche Welt. In diesem Bilde, das als Kosmologie in der neueren Zeit 
dasteht, kann sich der Mensch zwar seinem physischen Leibe nach wie- 
derfinden, nicht aber seinem seelischen Innenleben nach. 

In alten Zeiten konnte man das seelische Innenleben aus dem Bilde 
der Kosmologie herausholen. Aus dem auf Naturwissenschaft gebauten 
kosmologischen Bilde kann man das seelische Innenleben nicht heraus- 
holen. Aber das hangt wiederum damit zusammen, dafi die moderne 
Erkenntnis nicht in derselben Weise auf das geistig-seeliche Innenleben 
hinschauen kann, wie es eine alte, primitive Erkenntnis gekonnt hat. 
Was tut denn die moderne Erkenntnis, wenn sie von Seelischem im 
Leibe spricht? Sie spricht von den Erscheinungen, von den inneren 
Erlebnissen des Denkens, Fiihlens und Wollens, und man sieht das 
seelische Innenleben so an, dafi es ein Ausflufi ist von dem, was in 
dem Gedanklichen, im Gefuhlten, im Gewollten sich vereinzelt und 
durcheinander auslebt. Man macht sich ein Bild, in dem Denken, Fiih- 
len und Wollen als Tatsache des seelischen inneren Lebens eine Rolle 
spielen. 

Wenn man das seelisch-geistige Innenleben so betrachtet, kann man 
dieses Bild niemals davor schutzen, dafi gesagt werden mufi: Ja, was du 
da erkennst und verzeichnest als ineinanderfliefiendes Denken, Fiihlen, 
Wollen, das entsteht mit der Geburt, mit dem Keimesleben, entwickelt 
sich mit dem Kinde und geht mit dem Tode zugrunde. - Es gibt keine 
Moglichkeit einer wissenschaftlichen Einsicht, die dieses Bild eines see- 
lischen Lebens davor schutzen konnte, so angesehen zu werden, dafi 
dieses seelische Leben mit dem Tode verschwindet. Denn in der Tat: 
dieses Denken, Fiihlen und Wollen erscheint zwischen Geburt und Tod 
innig verbunden mit dem physisch-korperlichen Leibesleben. Und 



ebenso wie wir die Glieder wachsen sehen, so sehen wir das Denken, 
das Fiihlen heranwachsen. Wie wir den Korper verkalken und dem 
physischen Niedergang entgegengehen sehen, so sehen wir mit dem 
Korperlichen die Erscheinungen des Denkens, Fiihlens und Wollens 
sich allmahlich ablahmen. 

Was den alten Anschauungen eigen war, das war eine Erkenntnis des 
seelischen Innenlebens, die sich hinaushob iiber dasjenige, was im blo- 
fien Denken, Fiihlen und Wollen lebt. Man sah hin auf eine Grundlage 
des seelischen Innenlebens, die sich im Denken, Fiihlen und Wollen 
nur verbirgt, von der Denken, Fiihlen und Wollen der Abglanz sind. 
Denken, Fiihlen und Wollen sehen wir entstehen und sich weiterent- 
wickeln zwischen Geburt und Tod. Was darunter liegt, wovon Den- 
ken, Fiihlen und Wollen der aufiere Abglanz ist, das sah ein alteres, 
primitives hellsichtiges Erkennen als den astralischen Menschen. 

So, wie man zunachst den atherischen Menschen als einen iibersinnli- 
chen Menschen im physischen Menschen erkennt, kann man im phy- 
sisch-atherischen Menschen den astralischen Menschen als ein hoheres 
Glied erkennen. Dieser astralische Mensch besteht nicht in Denken, 
Fiihlen und Wollen; er liegt dem Denken, Fiihlen und Wollen zugrunde. 
sEr ist das, was aus geistig-seelischen Welten sich hereinlebt in das 
Dasein, das wir zwischen Geburt und Tod verbringen. Dieser astrali- 
sche Mensch ist das, was sich mit dem physischen und atherischen 
Korper umkleidet zwischen Geburt und Tod und das wiederum nach 
dem Tode in eine geistig-seelische Welt hinaus geht. Dieser astralische 
Mensch ist dasjenige im Menschen, dem gegeniiber Geburt und Tod 
nur Erscheinungsformen sind. 

Denken, Fiihlen und Wollen kann man nur innerhalb der physischen 
Organisation des Menschen verstehen und nur finden zwischen Geburt 
und Tod. Da entwickelt es sich, da lahmt es sich allmahlich ab, da ver- 
schwindet es auch. Was als astralischer Mensch dem Denken, Fiihlen 
und Wollen, diesem seelischen Innenleben zugrunde liegt, das geht 
iiber den physischen und iiber den atherischen Menschen hinaus; es laftt 
sich eingliedern in eine kosmische, in eine universelle Welt. Das ist 
nicht eingeschlossen innerhalb der physischen Organisation des Men- 
schen. 



Wir brauchen, um zu einer umfassenden Kosmologie zu kommen, 
eine Erkenntnis des atherischen und astralischen Menschen, von dem 
Denken, Fiihlen und Wollen ein Abglanz sind. Aber Denken, Fiihlen 
und Wollen stehen in der einzelnen menschlichen Individuality da, las- 
sen sich nicht kosmisch eingliedern. Dasjenige aber, was ihnen als Hin- 
tergrund zugrunde liegt, was in ihnen zwischen Geburt und Tod ver- 
borgen ist, was nur einer primitiven oder exakten Clairvoyance zugang- 
lich ist, das lafit sich einem geistigen Kosmos eingliedern, von dem der 
physisch-sinnliche Kosmos nur das Abbild ist. 

Die moderne Kosmologie ist nur ein Uberbau iiber naturwissen- 
schaftliche Forschungsergebnisse, eine Zusammenschliefiung dessen, 
was als Tatsache in dem Physisch-Sinnlichen da ist. In das Bild einer 
solchen Kosmologie lalk sich das Innenleben des Menschen nicht ein- 
gliedern, aber man hat nur eine solche Kosmologie, weil die moderne 
Erkenntnis uberhaupt nicht ein Bild des astralischen Menschen gibt. 
Wer das seelische Leben nur als eine Zusammensetzung von Denken, 
Fiihlen und Wollen erkennt, der kann dieses seelische Leben nicht ge- 
schiitzt denken iiber Geburt und Tod hinaus. Erst, wenn man vom 
Denken, Fiihlen und Wollen fortschreitet zu dem, was sich in ihnen 
verbirgt, zu dem astralischen Menschen, kommt man zu jenem 
Menschlichen, das nicht mehr an den physischen Leib gebunden ist und 
das sich in den Kosmos, in das geistig-seelische Universum eingeglie- 
dert denken lalk. Aber man wird niemals einen solchen geistigen Kos- 
mos wiederfinden, nachdem man ihn verlassen hat, weil man die Er- 
kenntnis des astralischen Menschen verloren hat. Man wird niemals 
einen solchen geistigen, einen solchen seelischen Kosmos im Bilde auf- 
bauen konnen, wenn man nicht erst wiederum zum Bilde des astrali- 
schen Menschen gelangt. 

Die Moglichkeit einer Kosmologie, welche wieder Geistig-Seelisches 
enthalt, hangt ab von dem Aufbau einer Erkenntnis des astralischen 
Menschen. Wir werden nur eine aufierliche Kosmologie haben, die 
Sinnlich-Physisches umfafit - dann wird der Mensch nicht mitumfafit 
werden von dieser Kosmologie. Wir haben eine solche sinnlich-physi- 
sche Kosmologie bekommen, weil die Erkenntnis des astralischen Men- 
schen verlorengegangen ist. Wird die Erkenntnis des astralischen Men- 



schen wieder errungen, dann ist auch die Moglichkeit einer Kosmologie 
vorhanden, die ein Bild des Kosmos enth'alt, das den Menschen mit- 
umfaftt. 

So handelt es sich darum, daft man dazu gelangt, eine Erkenntnis des 
astralischen Menschen zu entwickeln. Dann wird dadurch auch wieder 
errungen werden konnen eine wahre, den Menschen mitumfassende 
Kosmologie. 

Das soli der zweite Schritt der Anthroposophie sein. Wie es sich mit 
dem dritten Schritt verhalt, werde ich, nachdem Dr. Sauerwein so gut 
war, den zweiten Teil zu iibersetzen, im dritten Abschnitt meines Vor- 
trags besprechen. 

Aufter dem, daft sich der Mensch, wie etwa im philosophischen Erle- 
ben, in sich zusammengefaftt erlebt, und daft er sich erlebt, wie es die 
Kosmologie darstellt, als ein Glied des Kosmos, aufter dem erlebt sich 
der Mensch als in einer Wesenheit, durch die er sowohl gegeniiber sei- 
ner eigenen physischen Korperlichkeit wie gegeniiber dem Kosmos, 
dem er als ein Glied angehort, selbstandig ist. Unabhangig von sich als 
seiner Leiblichkeit, unabhangig von seiner Gliedhchkeit gegeniiber dem 
Kosmos fiihlt sich der Mensch, wenn er auf sich als den eigentlichen 
Geistesmenschen hinweist, auf den eigentlich gegenwartig nur hinge- 
deutet wird, wenn wir das Wortchen Ich aussprechen. 

Wenn wir das Wortchen Ich aussprechen, so meinen wir doch dasje- 
nige in unserer Wesenheit, das weder von unserem physischen Leibe, 
noch von unserem atherischen Korper, noch von unserem astralischen 
Korper, insofern wir durch diesen ein Glied des Kosmos sind, umfaftt 
wird, sondern was eine innerliche, auf sich selbst gestellte Wesenheit 
ist. Diese Wesenheit fiihlen wir als einer besonderen Welt, als der gott- 
lichen Welt angehorig, von welcher der Kosmos nur der aufiere Ab- 
glanz, das aufiere Abbild ist. Wir fiihlen als Menschen, indem wir uns 
als Ich ansprechen, daft diese Wesenheit, daft der Geistesmensch, auf 
den mit dem Wortchen Ich hingedeutet wird, mit all dem, was im 
Kosmos enthalten ist, eigentlich nur umkleidet ist, und daft auch diese 
physisch-sinnliche Korperlichkeit eine Umkleidung des eigentlichen 
Wesens ist. 



Indem der Mensch in alteren Zeiten durch ein gewisses innerliches, 
wenn auch primitives Schauen, diese sowohl von der eigenen Leiblich- 
keit wie von dem Kosmos unabhangige Menschen- Wesenheit erlebte, 
wufke er sich einer gottlichen Welt angehorig. Aber er wufke sich auch 
zwischen Geburt und Tod herausgestellt aus dieser gottlichen Welt; er 
wufite sich zwischen Geburt und Tod eingekleidet in einen physischen 
Leib. Er wuike sich zwischen Geburt und Tod hineingestellt in den 
seelisch-physischen Kosmos. Er wuflte sozusagen, dafi seine eigentliche 
Wesenheit, seine Ich-Wesenheit, durch das Kosmische, durch das Phy- 
sisch-Leibliche verborgen ist, und er suchte nach einer Vereinigung die- 
ser Ich-Wesenheit mit der gottlichen Welt, der doch diese Ich-Wesen- 
heit angehort. 

Damit gelangte der Mensch gerade in primitiveren, in alteren Zeiten 
mit dem innerlich geschauten Erlebnis der Ichheit iiber den physischen, 
iiber den atherischen Korper und iiber seine astralische Wesenheit hin- 
aus in das Erfuhlen des Ich, und er gelangte zu einer Vereinigung, reli- 
gio, mit der gottlichen Welt. Das religiose Leben war dasjenige, in wel- 
ches die Erkenntnis, die eine philosophische war, die eine kosmologi- 
sche war, einmundete. Der Mensch fand sich gewissermafien vereinigt 
mit dem, wovon ihn sein eigener Leib trennte, wovon ihn der aufierlich 
angeschaute, sinnlich-seelische Kosmos trennte. Er fand sich vereinigt 
mit dieser gottlichen Welt im religiosen Erleben. Das religiose Erleben 
war die hochste Bliite des Erkenntniserlebens. 

Aber wovon war dieses religiose Erleben auf primitiven Stufen der 
Menschheitsentwickelung abhangig? Es war abhangig von einem wirk- 
lichen inneren Erleben der Ichheit, des eigentlichen Geistesmenschen. 
Nur wenn das Ich erlebt wird, kann fur dieses Ich auch wiederum er- 
sehnt und erlebt werden die Vereinigung mit der gottlichen Welt: das 
religiose Empfinden. 

Was aber ist der modernen Erkenntnis das Ich geworden, der eigent- 
liche Geistesmensch? Der modernen Erkenntnis ist das Ich dasjenige 
geworden, wodurch als in einer abstrakten Idee die Tatsachen des Den- 
kens, des Fiihlens und Wollens zusammengefafit werden. Eine Art 
kosmisches oder hochstens irgendein anderes zusammenfassendes For- 
melhaftes aus Denken, Fuhlen und Wollen, jedenfalls etwas sehr Ab- 



straktes ist nun das Ich geworden. Selbst Philosophen kommen zu einer 
Beschreibung, zu einer Charakteristik des Ich, indem sie die Erlebnisse 
des Denkens, Fiihlens und Wollens wie in einem Abstraktum zusam- 
menfassen. 

Aber in dem, was man so als eine Zusammenfassung von Denken, 
Fiihlen und Wollen im Ich hat, darin hat man nichts gefunden, was 
nicht jede Nacht, wenn der Mensch schlaft, widerlegt wird. Nehmen 
Sie die Charakteristiken der modernen Philosophen, zum Beispiel Berg- 
sons, vom Ich. Sie werden in diesen Charakteristiken iiberall nur etwas 
finden, was in jedem Schlafe widerlegt wird, denn das, was von diesen 
Begriffen, von diesen Ideen vom Ich aufgenommen wird, das wird im 
Schlafe ausgeloscht. Die Realitat widerlegt diese Definitionen, diese 
Charakteristiken vom Ich! Und das, was ich hier sage, wird nicht da- 
durch aus der Welt geschafft, daft man etwa sagt, gedachtnismaftig 
werde nach dem Schlafe wieder angekniipft an das Ich. Es handelt sich 
nicht um Interpretationen, es handelt sich um Tatsachen. Das heifk 
aber: Die moderne Erkenntnis, auch die feinst-philosophische, hat eine 
Erkenntnis des Ich, des eigentlichen Geistesmenschen, verloren, damit 
aber auch den Erkenntnisweg zum Religiosen. 

So hat es sich denn herausgebildet, daft in der neueren Zeit neben die 
Erkenntnis, die sich nur erstreckt auf die dem Menschen in Beobach- 
tung und Experiment erreichbare Welt, sich hinstellen die Traditionen, 
die man in einem wirklichen wahren religiosen Leben friiherer Zeiten 
einmal gehabt hat, die man historisch aufnimmt, zu denen man aber 
den Erkenntnisweg nicht mehr hat, daher nur an sie glaubt. So stellen 
sich fur den modernen Menschen, der die Erkenntnis nicht hingelangen 
lassen will bis zum religiosen Erleben, Wissen und Glauben nebenein- 
ander. Aller Glaubensinhalt, der heute existiert, war einmal ein alter 
Erkenntnisinhalt, der nur als Reminiszenz heraufgebracht wird, indem 
die Tradition sich ihn erhalten hat. Es gibt keinen Glaubensinhalt, der 
nicht Reminiszenz eines alten Erkenntnisinhaltes ist. Und weil man 
heute die lebendige Anschauung, die Anschauung durch exakte Clair- 
voyance von dem wahren Ich, das nicht von jedem Schlafe abgelahmt 
wird, sondern das dem Schlafzustand und dem Wachzustand zugrunde 
liegt, weil man die exakte, clairvoyante Erkenntnis des Ich nicht hat, 



deshalb hat man auch nicht die Fortsetzung des Erkenntnisweges in den 
religiosen Weg hinein und stellt den Glauben, der eigentlich nur alte 
Traditionen als Reminiszenzen wieder heraufbringt, neben das Wissen 
hin. 

Daft heute das, was einstmals Einheit war - Erkenntnis der physi- 
schen Welt und Erkenntnis der gottlichen Welt — , daft das zerfallt in 
zwei aufterlich nebeneinanderstehende Gebiete, Wissen und Glauben, 
das ruhrt davon her, daft die alte, primitive hellseherische Anschauung 
von dem wahren Ich - das nicht so charakterisiert wird, daft jeder 
Schlaf es ausloscht, sondern das angeschaut wird als die Grundlage des 
Menschen, auch wenn der Schlaf Denken, Fiihlen und Wollen aus- 
loscht daft diese alte Erkenntnis verlorengegangen ist und daft die 
exakte Clairvoyance noch nicht vorgeschritten ist zu der Anschauung 
der wirklichen Ichheit des Menschen: des Geistesmenschen. 

Erst, wenn wiederum eine exakte Clairvoyance bis zur Anschauung 
der wahren Ichheit des Menschen fortschreiten will - wie sie fortschrei- 
ten muft zur Anschauung des atherischen Wesens des Menschen, des 
astralischen Wesens des Menschen -, dann wird eine geradlinige Fort- 
setzung von der Erkenntnis der aufteren Welt zu der Erkenntnis der 
gottlichen Welt stattfinden. Dann wird wiederum einmiinden Wissen- 
schaft in das religiose Leben. 

Wir haben darum die Spaltung zwischen Wissen und Glauben, weil 
wir die lebendige, clairvoyante Anschauung des wahren Ich, des vierten 
Gliedes der menschlichen Wesenheit, verloren haben. Deshalb ist es 
auch die Aufgabe des neueren Geisteslebens, diese Erkenntnis des wah- 
ren Ich durch exakte Clairvoyance wiederum herbeizufuhren. Dann 
wird sich wieder der Weg ergeben, aus der Welterkenntnis heraus zur 
Gotteserkenntnis weiterzuschreiten, aus der Weltauffassung heraus 
wieder zum religiosen Leben zu kommen, und den Glauben nur sein zu 
lassen als eine besondere hohere Art des Wissens, nicht als etwas spezi- 
fisch vom Wissen Verschiedenes. 

Was wir also notig haben, ist die Moglichkeit einer wirklichen Ich- 
Erkenntnis. Daraus ergibt sich dann auch die Moglichkeit eines neuen 
religiosen Erlebens. Diese Ich-Erkenntnis so herbeizufuhren, daft sie 
dasteht innerhalb der spirituellen Wissenschaft wie die vorhin charakte- 



risierte Erkenntnis des atherischen Menschen, der nicht im physischen 
Menschenkorper wahrgenommen wird, wie die Erkenntnis des astrali- 
schen Menschen, der iiber Geburt und Tod erhaben ist, so auch die Er- 
kenntnis des Ich, das iiber Schlafen und Wachen erhaben ist, als der 
Hintergrund von Schlafen und Wachen - diese Erkenntnis herbeizufuh- 
ren und damit die Erneuerung des Lebens zu bewirken, das soli nun 
der dritte Schritt der Anthroposophie sein. Auf diese Weise soil sich 
organisch ergeben von dem Gesichtspunkt anthroposophischer For- 
schung aus: 

eine moderne Philosophic durch die exakte clairvoyante Erkenntnis 
des atherischen Leibes, 

eine den Menschen umfassende Kosmologie durch eine klare Erfas- 
sung der astralischen Wesenheit des Menschen, 

eine Erneuerung des religiosen Lebens durch eine exakte clairvoyante 
Erfassung des wahren, iiber Schlaf und Wachen erhabenen menschli- 
chen Ich. 

Von diesem Gesichtspunkt aus werde ich mir erlauben, in den nach- 
sten Vortragen Philosophic, Kosmologie und Religion weiter zu be- 
trachten. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 7. September 1922 



Seeleniibungen des Denkens, Fuhlens und Wollens 

Philosophic ist nicht so entstanden, wie sie in der gegenwartigen Zeit 
weitergefiihrt wird. Sie wird in der Gegenwart so weitergefiihrt, dafi sie 
eine Summe, ein Zusammenhang von Ideen ist, deren innerer substan- 
tieller Wirklichkeitsgehalt von den Philosophen nicht erlebt wird, son- 
dern fiir den man eine theoretische Begriindung sucht, dafi er sich auf 
eine Wirklichkeit beziehe. Dadurch ist der Philosoph nicht in der Lage, 
in so unmittelbarer Art seine Ideen an der Wirklichkeit zu erweisen, 
wie man das irgendeinem vorliegenden Wirklichen gegeniiber immer 
tun kann. Uber ein vorliegendes Wirkliches konnen die Menschen ganz 
gewifi einzelne Illusionen haben, aber man wird sich leicht verstandi- 
gen, wenn man davor steht. In der Philosophic kann man die Ideen, die 
eigentlich doch nur aus der Tradition genommen werden - trotzdem 
man anderes giaubt -, in verschiedener Weise auf die Wirklichkeit be- 
ziehen, weil man diese Wirklichkeit nicht erlebt. Und so entstehen die 
verschiedenen voneinander abweichenden philosophischen Systeme, bei 
denen es so ist, dafi eigentlich keines in seiner absoluten Giiltigkeit er- 
wiesen werden kann, weil man immer gegen die Griinde, die fiir das 
eine oder das andere System vorgebracht werden, entgegengesetzte 
Griinde vorbringen kann, um es zu widerlegen. Und da nur eine rela- 
tive Richtigkeit vorliegt, kann man sagen, der Beweisende und der Wi- 
derlegende haben zumeist ein gleiches Recht. Auf diese Art kann man 
in der Gegenwart zwar zu einem von dem einen oder anderen Philo- 
sophen abweichenden Philosophieren kommen, aber zu nichts, das 
unmittelbar als Wirkliches gefuhlt wiirde und das in ebensolcher 
Unmittelbarkeit iiberzeugend wirken konnte. 

Philosophic ist hervorgegangen aus einem ganz anderen Bewufit- 
seinszustande als dem des abstrakten Denkens, in dem sie heute erar- 
beitet wird. Man mufi dazu kommen, wiederum in diesem Bewufk- 
seinszustande mit der Seele zu leben. Da aber die Menschheit mittler- 

<-»<-> 



weile in ihrer Evolution fortgeschritten ist, kann man den alten Be- 
wufkseinszustand, aus dem die Philosophie entstanden ist, nicht etwa 
wieder heriibernehmen. Man mufi zwar ein Ahnliches erreichen, wenn 
man heute eine Philosophie haben will, aber doch wiederum ein ganz 
anderes. 

Der alte Bewufkseinszustand, aus dem die Philosophie gewonnen 
worden ist, und durch den der Philosoph die eigene Tatigkeit der athe- 
rischen Organisation erlebt hat, war halb unbewufk. Dieser Bewufit- 
seinszustand hatte gegeniiber dem modernen Bewufksein, in dem wir 
wissenschaftlich denken, etwas Traumhaftes. Was uns fur eine neue 
Philosophie als Ideal vorschweben mufi, das ist, wieder eine Philoso- 
phie im atherischen Leibe erleben zu konnen, aber nicht in jener 
traumhaften Weise, wie sie in den alten Zeiten erlebt worden ist. Man 
mufi sich nur klar sein, dafi diese Traume der alten Philosophen nicht in 
derselben Weise Traume waren, wie heutige Traume sind. Heutige 
Traume sind bildhafte Vorstellungen, bei denen aber der Wirklichkeits- 
gehalt nirgends durch den Inhalt der Traumvorstellungen verbiirgt ist. 
Diese Vorstellungen konnen allerlei Lebens-Reminiszenzen sein; sie 
konnen sich auf Vorgange des physischen Organismus beziehen. Man 
hat niemals in der Traumvorstellung selbst einen iiberzeugenden Hin- 
weis auf eine Wirklichkeit. Das war bei jenem Bewulkseinszustande, 
aus dem in alten Zeiten die Philosophie erarbeitet worden ist, anders. 
Bildhaft waren auch diese Vorstellungen, aber sie traten in solcher 
Weise auf, dafi im Bilde zugleich eine vollige Verbiirgung vorhanden 
war fur eine Wirklichkeit geistiger Art, atherischer Art, auf die das Bild 
deutet. Diesem traumhaften, halbbewufiten Seelenzustande konnen wir 
uns heute nicht hingeben. Unsere wissenschaftliche Vorstellungs weise 
fordert, dafi wir in vollbewulker Art denken, uberhaupt in vollbewufi- 
ter Art in der Seele leben, wenn wir erkenntnismaftig arbeiten wollen. 
Wir miissen daher, um eine neue Philosophie zu gewinnen, ein Vorstel- 
len herbeifuhren, welches im atherischen Organismus verlauft, aber zu- 
gleich vollbewulk ist wie das wissenschaftliche Denken, das wir in der 
Mathematik oder in der Naturwissenschaft anwenden. 

Ein solches vollbewufites, bildhaftes Denken, das sich auf eine atheri- 
sche Wirklichkeit bezieht, erringen wir uns heute innerhalb der anthro- 



posophischen Forschung durch ein meditatives inneres Seeleniiben. 
Diese meditativen Obungen bestehen im wesentlichen darin, daft die 
Seele sich konzentriert auf einen leicht iiberschaulichen Vorstellungsin- 
halt. Das Ausfuhrliche uber dieses Meditieren werde ich in den folgen- 
den Vortragen noch zu beschreiben haben. Sie finden es auch in mei- 
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und 
in meiner «Geheimwissenschaft im Umrift». Hier will ich nur das prin- 
zipiell sagen, daft es sich darum handelt, alle Seelenkrafte zusammenzu- 
ziehen, von allem iibrigen, das Eindriicke von auften oder innen macht, 
abzusehen, zu abstrahieren und die Seelenkrafte ruhen zu lassen auf 
einer leicht iiberschaulichen Vorstellung. Wenn man eine solche medita- 
tive Obung, die im einzelnen Falle nur kurz zu sein braucht, immer 
wieder und wieder durch Monate, vielleicht durch Jahre wiederholt mit 
der notigen Energie und Ausdauer, so kommt man dazu, eines Tages 
zu bemerken, daft man in seinem seelisch-geistigen Leben vollig unab- 
hangig wird von dem physischen Organismus, daft man tatsachlich jetzt 
einsehen kann: Wenn ich im physischen Organismus denke, so bediene 
ich mich dieses physischen Organismus'; zwar verlauft das Denken 
selbst nicht im physischen Organismus, aber dieser physische Orga- 
nismus gibt durch seine feinere Organisation ein Abbild dieses Den- 
kens; dadurch wird es mir bewuftt. 

Ohne den physischen Organismus kann das Denken des gewohnli- 
chen Bewufttseins nicht vollzogen werden. Daher ist das gewohnliche 
Bewufitsein an den physischen Organismus gebunden. So klar man ein- 
sieht, dafi alles gewohnliche Denken nur mit Hilfe des physischen Or- 
ganismus vor sich geht, so klar wird es einem, daft man in dem Meditie- 
ren eine bildhaft-denkerische Tatigkeit ausiibt, indem man durch Medi- 
tation, durch jenes immer wiederkehrende Ruhen der Seele auf einem 
leicht iiberschaubaren Vorstellungsinhalt, frei geworden ist in seiner in- 
neren Seeientatigkeit von dem physischen Leibe. Und jetzt erlebt man 
um sich herum eine Bildwelt, die in bezug auf diese Bildhaftigkeit ahn- 
lich ist derjenigen der alten Denker, die daraus ihre Philosophic ge- 
wonnen haben, die aber bei durchaus klarer Besonnenheit erlebt wird 
wie jede klare Vorstellung im naturwissenschaftlichen Beobachten und 
Experimentieren. Jetzt bekommt man in dieser Bilderwelt, die man so 



vor sich hat, eine Uberschau iiber diejenigen Krafte im eigenen Men- 
schen, die als Wachstumskrafte seit der Geburt gewirkt haben, die un- 
seren Organismus immer grower und grower werden lie&en. Man be- 
kommt auch eine Uberschau iiber die Krafte, die im Stoffwechsel, in 
der Ernahrung und in den Verdauungsvorgangen wirken. Man be- 
kommt, mit anderen Worten, in Bildvorstellung eine vollige Oberschau 
iiber die Lebenskrafte, die aus der geistig-atherischen Welt heraus den 
Menschen durchsetzen und als ein besonderer atherischer Organismus 
ihn eigentlich aufbauen, seine Form und sein Leben bewirken. Wieder 
ersteht in dem Menschen das, aber vollbewufk, was traumhaft bei den 
Urphilosophen vorhanden war, von denen dann in einer mehr abstrak- 
ten Form die spateren Philosophen nur das aufgenommen haben, was 
man heute vielfach als Philosophic kennt. Man steigt, mit anderen Wor- 
ten, auf zu der Stufe iibersinnlicher Erkenntnis, die man bezeichnet als 
die imaginative Erkenntnis, als die Erkenntnis der Imagination. Im 
imaginativen Erkennen iiberschaut man also die eigenen Wachstums- 
und Lebenskrafte. 

Aber was man da als atherischen oder Lebensorganismus iiberschaut, 
ist nicht in so strenger Weise getrennt von der atherischen Aufienwelt, 
wie man im sinnlichen Anschauen das Objektive von dem Subjektiven 
trennt. Im sinnlichen Anschauen weift ich: Der Gegenstand ist dort - 
ich bin hier. Im atherischen imaginativen Anschauen wachst sozusagen 
der eigene atherische Organismus mit dem Atherischen des Kosmos zu- 
sammen; man fiihlt sich in gleicher Art in seinem eigenen atherischen 
Organismus und im Atherischen des Kosmos darinnen. Was man nun 
da erlebt durch den Zusammenflufi des eigenen atherischen Organismus 
und des atherischen Webens und Treibens im Kosmos, das ist man nun 
imstande, in scharf konturierte Bildvorstellungen zu bringen und es 
dann auch in menschliche Sprache zu kleiden und so auszudriicken, dafi 
es in der menschlichen Sprache erscheinen kann. Auf diese Weise kann 
man wieder eine Philosophic gewinnen. 

Diese Philosophic kann also dadurch wieder erarbeitet werden, dafi 
der Mensch sich aufschwingt zur Ausbildiing des imaginativen Den- 
kens. Wenn aber der imaginative Denker, der Denker auf der Stufe der 
exakten Clairvoyance, die man eben Imagination nennen kann, seine 



Erkenntnisse in der Sprache und in Gedankenformen zum Ausdruck 
bringt, dann ist die Sache so gefafit, dafi der, welcher nun nicht selber 
imaginativ vorstellen kann, in das gewohnliche Bewufitsein, in das 
Vollbewufitsein des gewohnlichen Denkens das, was der Philosoph 
sagt, heriibernehmen kann. Und dadurch, dafi es anders ist, wird es 
auch anders empfunden, anders gefiihlt und erlebt. Es wird aber jene 
Wirklichkeit durch die sprachliche Mitteilung und durch die Aufnahme 
des sprachlich Mitgeteilten auch im gewohnlichen Bewufitsein erlebt, 
jene Wirklichkeit, die der imaginative Denker seinen Worten dadurch 
verleihen kann, dafi er seine Vorstellungen aus der wirklichen atheri- 
schen Welt heraus schopft. 

So kann wieder eine Philosophic gewonnen werden, die aus der athe- 
rischen Welt, aus dem menschlichen atherischen Organismus, aus dem 
atherischen Kosmos heraus gewonnen ist, die auf den Zuhorer so 
wirkt, dafi er im Aufnehmen mit dem gewohnlichen gesunden Men- 
schenverstande erfuhlt: Das ist aus der iibersinnlichen, zunachst atheri- 
schen Wirklichkeit herausgeholt. - Und so wird, wenn das imaginative 
Denken errungen wird, fur die Welt auch wieder eine wahre, die Wirk- 
lichkeit verbiirgende Philosophic gewonnen werden. 

Fur die Kosmologie mufi das meditative Leben erweitert werden. Es 
kann dies dadurch geschehen, dafi die Seele sich daran gewohnt, nicht 
nur mit dem ganzen Umfange ihrer Krafte auf einer iiberschaubaren 
Vorstellung oder einem iiberschaubaren Vorstellungskomplex zu ruhen 
und immer wieder und wieder zu ruhen, um in eine gesteigerte, inten- 
sive Tatigkeit hineinzukommen, die zuletzt losgerissen wird vom phy- 
sischen Organismus und im rein Atherischen verlauft, sondern es mufi 
die Seele auch dazu kommen, solche Vorstellungen, auf denen sie ruht, 
wiederum aus dem Bewufitsein zu entfernen. Die Seele mufi dazu 
kommen, in derselben willkiirlichen Art Vorstellungen, auf die sie sich 
vollstandig konzentriert, anwesend sein zu lassen im Bewufitsein und 
sie dann wieder aus dem Bewufitsein zu entfernen und in einen Zustand 
zu kommen, in welchem blofies Wachsein, blofies Vollbewufitsein vor- 
handen ist ohne einen seelischen Inhalt, der auf eine solche Art erwor- 
ben ist, wie der sinnliche Inhalt oder wie der Denkinhalt. Die Seele 



mufi wach sein, aber von alien den Inhalten nichts in sich haben, die 
man durch das gewohnliche Bewulksein erwirbt. 

Wenn die Seele also bei volligem Wachsein nach der Meditation einen 
leeren Bewulkseinszustand herbeifiihrt und eine gewisse Starkung mit 
innerlicher Kraft in dem Aufrechterhalten dieser Leerheit der Seele bei 
volligem Wachsein erreicht, dann kommt es zuletzt dahin, dafi in das 
leere Bewulksein hineinfliefk ein geistig-seelischer kosmischer Inhalt, 
den man bisher iiberhaupt nicht gekannt hat, eine neue geistige Welt, 
eine geistige Aufienwelt. Das ist dann die Stufe der Inspiration, die 
sich anreiht an die Stufe der iibersinnlichen Erkenntnis durch Imagina- 
tion. 

Hat man diese Fahigkeit, in das leer gemachte Bewufksein hereinzu- 
bekommen durch Inspiration einen geistig-seelischen kosmischen In- 
halt, dann bekommt man auch herein jene Organisation, die ich gestern 
genannt habe den astralischen Organismus des Menschen, jenen astrali- 
schen Organismus, der gelebt hat in einer geistig-seelischen Welt, bevor 
er heruntergestiegen ist auf die Erde und sich mit einem physischen und 
atherischen Leib umkleidet hat. Man lernt das seelisch- geistige Leben 
des eigenen Menschen vor dem Keimesleben, vor der Geburt kennen. 
Man lernt die astralische Organisation kennen, die wiederum im Tode 
den physischen Menschen verlalk und in der geistig-seelischen Welt 
weiterlebt. Man lernt also in inspirierter Erkenntnis den astralischen 
Organismus kennen, der sich im gewohnlichen Bewufksein durch Den- 
ken, Fiihlen und Wollen auslebt. 

Damit lernt man aber auch zugleich den geistigen Kosmos kennen. 
Wie man durch seine Sinne und durch das an die Sinne gebundene 
Denken den physischen Kosmos vor sich hat, so hat man jetzt den gei- 
stigen Kosmos vor sich; nur ist das, was sich aus diesem geistigen Kos- 
mos heraus mit der physischen Menschenorganisation, auch mit der 
atherischen Menschenorganisation abspielt, viel realer als die sinnlichen 
Wahrnehmungseindriicke, die man sonst im gewohnlichen Bewufksein 
erhalt. Man kann schon sagen: Was da durch Inspiration in den Men- 
schen hereinflielk, wodurch er zu einem von seinem Leibe unabhangi- 
gen Seelenleben kommt, das lalk sich vergleichen mit dem Einatmen 
des realen Sauerstoffes. Man erlangt auch jetzt durch diese inspirierte 



Erkenntnis ein genaueres Durchschauen gerade dessen, was menschli- 
cher Atmungsprozess ist, und des Prozesses, der sich etwa als der Blut- 
zirkulationsprozefi in rhtythmischer Art anschlielk an den Atmungs- 
prozefS. Man erhalt eine wirkliche Anschauung des rhythmischen Men- 
schen, ailer rhythmischen Vorgange im Menschen durch inspirierte 
Erkenntnis. Man erlangt eine Anschauung, wie die astralische Organisa- 
tion im rhythmischen Menschen arbeitet. Man erlangt ferner eine An- 
schauung, wie der astralische Organismus in seiner Einkleidung in den 
physischen und atherischen Organismus mit dem Atmungswesen, 
iiberhaupt mit der ganzen rhythmischen Organisation zusammenhangt, 
sich gerade in den Rhythmus der Atmungs- und Blutzirkulation hinein- 
findet. 

Dadurch aber ist man auch in der Lage, erkenntnis gemafi zu durch- 
schauen, was beim Menschen im physischen und atherischen Organis- 
mus nur Vererbung ist, was den Vererbungsgesetzen unterliegt, die 
irdisch sind, und was sich der Mensch mitbringt aus der ubersinnlichen, 
aus der kosmischen, aus der aufierirdischen Welt als seelisches und gei- 
stiges Wesen, das hereinkommt in die irdische Welt und sich mit dem 
physischen und atherischen Organismus nur umkleidet oder, vielleicht 
besser gesagt, sich in dieselben einkleidet. Man kann dann unterschei- 
den zwischen dem, was vererbte Eigenschaften im Menschen sind, und 
dem, was er sich aus einer geistigen Welt in sein physisches Dasein her- 
ein mitgebracht hat. 

In dem, was man nun durch seine astralische Organisation und durch 
ihr Abbild in den rhythmischen Menschenprozessen erkennt, hat man 
etwas, was man in den geistigen Kosmos, den man um sich hat und der 
einem durch Inspiration gegeben ist, jetzt eingliedern kann: man ge- 
langt zu einer Kosmologie, die den Menschen umfassen kann. Man ge- 
langt zu einem kosmischen Bilde, das die Art und Weise enthalt, wie 
der astralische Menschheitsorganismus mit dem Ich - von dem ich 
gleich nachher sprechen werde - auf den Wellen und Wogen der At- 
mung und der iibrigen rhythmischen Vorgange in den physischen Or- 
ganismus einzieht. Man sieht den Kosmos in seiner tatsachlichen Ge- 
setzmaftigkeit sich durch die menschlichen rhythmischen Prozesse in 
den Menschen hinein fortsetzen. Man gelangt zu einer Kosmologie, 



durch die man den astralischen Organismus versteht, durch die man 
aber auch die rhythmischen Vorgange im einzelnen Menschen versteht. 

Dadurch wird die inspirierte Erkenntnis zum Quell einer wirklich 
modernen Kosmologie, die sich wiederum messen kann mit der alten 
Kosmologie, die durch ebenfalls traumhafte Seelenkrafte den Menschen 
in einer ahnlichen Weise eingegliedert hat in den ganzen Kosmos, in 
eine seelisch-geistige kosmische Welt. Das aber, was in der inspirierten 
Erkenntnis errungen wird, das wird wiederum im vollen Bewufksein 
errungen und kann dann in seinem Abglanz in dem menschlichen athe- 
rischen Leibe angeschaut werden. Es ist so, dafi das, was man in der In- 
spiration erlebt, sich in Bildern projiziert auf den atherischen Leib. 
Und so verbindet sich das in der Inspiration aus dem Kosmos heraus 
Gewonnene mit dem, was als Phantasie in der Betatigung des atheri- 
schen Leibes erlebt wird. Das aus dem Kosmos Inspirierte, das in einer 
gewissen Weise innerlich beweglich ist, kann nicht gleich in scharfe 
Konturen gebracht werden, sondern erst, wenn es sich verbindet mit 
dem, was im atherischen Leibe als Phantasie erlebt wird. Dann aber 
kann auch die Kosmologie in scharfe Konturen gebracht werden und es 
entsteht dadurch eine dem modernen Menschen vollig angemessene 
kosmische Philosophic, eine philosophische Kosmologie, die in dieser 
Weise ausgebildet ist durch einen Zusammenflufi von inspirierter Er- 
kenntnis mit demjenigen, was im atherischen Leibe bildhaft in Imagina- 
tionen erlebt wird. Eine solche Kosmologie habe ich zu geben versucht 
in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umrift», das ja auch ins 
Franzosische als ^Science Occulte» iibersetzt worden ist. 

Um das religiose Leben erkenntnismafiig zu begriinden, ist eine wei- 
tere Ausbildung des meditativen Lebens, der Seeleniibungen notwen- 
dig. Nur mufi dieses meditative Leben, mtissen diese Seeleniibungen 
jetzt ausgedehnt werden auf den menschlichen Willen. Bisher ist mehr 
gekennzeichnet worden eine Art von Seeleniibungen, welche durch eine 
besondere Ausbildung des Gedankenlebens sich auszeichneten. Es mufi 
nun auch das seelische Leben, insofern es sich im Willen offenbart, fur 
den Geistesforscher losgelost werden von dem Leben des physischen 
Organismus, von dem Leben des atherischen Organismus. Das ge- 



schieht, indem der Wille in einer Weise angewendet wird, wie er sonst 
im gewohnlichen Bewufitsein nicht angewendet wird. Ich will das an 
einem Beispiele charakterisieren. 

Man versuche, Vorgange der aufteren Welt, die man sonst so ver- 
folgt, wie sie - das Friihere zuerst, das Spatere nachher - aufeinander- 
folgen, die man so auch mit dem Denken verfolgt, man versuche, diese 
Vorgange in racklaufiger Art so vorzustellen, dafi man das Letzte zu- 
erst, dann das unmittelbar Vorhergehende, dann das weiter Vorherge- 
hende bis zum Ersten hin riicklaufig vorstellt. Dadurch fiihrt man 
durch eine Willensanstrengung in der Seele dasjenige aus, was man im 
gewohnlichen Bewufitsein nicht ausfuhrt. Im gewohnlichen Bewufitsein 
folgt man mit dem Willen, der im Denken lebt, dem Verlauf der aufie- 
ren Vorgange. Durch dieses Riickwartsdenken, Andersdenken, als der 
Tatsachenverlauf in der Natur ist, reifit man den Willen los von dem 
physischen und atherischen Organismus, und dadurch verbindet man 
den Willen, der sonst nur ein Abglanz des astralischen Organismus ist, 
mit diesem astralischen Organismus. Und da der astralische Organis- 
mus durch die anderen Meditationen herausgeht aus dem physischen 
und atherischen Organismus, so nimmt man den Willen mit hinaus aus 
dem physischen Organismus in die spirituelle Welt draufien. Indem 
man so den Willen aus dem eigenen Organismus im astralischen Leibe 
heraustreibt, nimmt man auch das, was der eigentliche Geistesmensch 
oder das Ich ist, so mit hinaus aus dem physischen und atherischen Or- 
ganismus, dafi man nun mit dem Ich und mit dem astralischen Orga- 
nismus in der spirituellen Welt mit den spirituellen Wesenheiten zu- 
sammenleben kann. So wie man in der physischen Welt in seinem eige- 
nen Leibe allein lebt, so lernt man jetzt durch eine solche Ausbildung 
des Seelenlebens zusammenzuleben draufien, in der spirituellen Au- 
fienwelt, mit alien den Wesenheiten, die sich zuerst geoffenbart haben 
in der Imagination und in der Inspiration. Dadurch gelangt man dazu, 
ein von der eigenen Korperlichkeit unabhangiges Leben in der geistigen 
Welt zu fiihren. 

Solche Ubungen konnen noch dadurch verstarkt werden, dafi der 
Wille in einer anderen Art angestrengt wird, und je mehr Anstrengung 
zu dieser Evolution des Willens notwendig ist, desto besser ist es fur 



das Erleben der geistigen Welt aufierhalb des physischen und atheri- 
schen Organismus. Man kann Gewohnheiten, die man hat, umwan- 
deln, indem man sich vollbewufit vornimmt: Diese oder jene Gewohn- 
heit, die du seit vielen Jahren hast, gestaltest du durch eine energische 
Aufwendung des Willens in einer anderen Weise aus,, dafi sie in vier, 
fiinf oder zehn Jahren so umgewandelt ist, dafi du mit Bezug auf diese 
Gewohnheit als ein anderer Mensch erscheinst. - Es konnen kleine, 
unbedeutende Gewohnheiten sein, vielleicht sogar jene kleinen, unbe- 
deutenden Gewohnheiten, die so fortleben, ohne dafi man sie viel be- 
denkt. Wenn man an ihnen arbeitet, sind sie am richtigsten fur die Art 
der iibersinnlichen Erkenntnis, die ich jetzt charakterisiere. Zum Bei- 
spiel hat man gewisse Schriftformen. Man nimmt sich mit aller Energie 
vor: Man eigne sich einen anderen Schriftduktus an als der ist, der 
einem gewohnt ist und den man seit seiner Kindheit an sich ausgebildet 
hat. - Wenn man sich so durch Jahre hindurch solchen Willensiibungen 
hingibt, wird die Seele zuletzt stark genug, urn in der spirituellen Au- 
flenwelt, aufierhalb des physischen und atherischen Organismus, mit 
den spirituellen Wesenheiten draufien zu leben, mit den Menschensee- 
len zu leben, entweder bevor sie in das physische Dasein eingetreten 
sind, oder nachdem sie durch den Tod gegangen sind und nun in der 
geistigen Welt leben, ehe sie wieder ins physische Dasein zuriickkeh- 
ren, oder auch mit denjenigen geistigen Wesenheiten zu leben, die nur 
in der geistigen Welt sind und diese Welt so bewohnen, dafi sie nicht, 
wie die Menschen, sich in einen atherischen und physischen Organis- 
mus einkleiden. 

Auf diese Art gelangt man dazu, mit seinem Seelisch-Geistigen in 
derjenigen Welt zu leben, wo das erlebt wird, was den Inhalt des reli- 
giosen Bewufitseins ausmacht. Man gelangt vollbewufit in diejenige 
Welt hinein, die von den alten Religionslehrern als die gottliche Welt 
den Menschen mitgeteilt worden ist, damals durch ein mehr traumhaf- 
tes Hineinleben, jetzt durch ein so vollbewufites Hineinleben, wie wir 
das Vollbewufitsein nur ausbilden in der Mathematik oder in der exak- 
ten Naturwissenschaft der modernen Zeit. Man gelangt auf diese Weise 
dazu, die dritte Stufe der iibersinnlichen Erkenntnis, die wahre Intui- 
tion auszubilden. 



Durch diese wahre Intuition, durch die man erlernt, in der gottlich- 
geistigen Welt zu leben, kann man die Erfahrungen aus dieser gottlich- 
geistigen Welt heriiberholen, um sie zum Inhalt des religiosen Bewuik- 
seins zu machen. Wiederum ist es so, dafi man ein Wesentliches in der 
menschlichen Natur erkennen lernt: wie der Mensch mit seinem wah- 
ren Ich und mit seinem astralischen Organismus leben kann in einer 
rein geistigen, spirituellen Welt. Man erlangt jetzt eine Anschauung da- 
von, wie der Mensch im Wachzustande und wie er im Schlafzustande 
ist. Man kommt dazu, einzusehen, wie wahrend des Wachzustandes 
das Ich und der astralische Organismus sich hineinkleiden in dasjenige, 
was ich vorhin als Atmungs- und Zirkulationsvorgange, als rhythmi- 
sche Vorgange geschildert habe, wie aber, indem das Ich sich ein Ab- 
bild schafft im physischen Organismus, einbezogen werden in diese 
Abbildlichkeit die Stoffwechselvorgange, die in der Zirkulation des 
Blutes leben. Das, was der Mensch im gewohnlichen Bewufitsein sein 
Ich nennt, ist nur ein schwacher Abglanz seines wahren Ich. Das wahre 
Ich wurzelt in der eben charakterisierten geistig-gottlichen Welt. Im 
gewohnlichen Bewufitsein wird dieses Ich dadurch wahrgenommen, 
dafi das Zirkulationssystem des Menschen durchzogen wird von den 
Stoffwechselvorgangen. In diesen in der Zirkulation selbst pulsierenden 
Stoffwechselvorgangen wird dasjenige gespurt, empfunden und gefiihlt, 
was das gewohnliche Bewufksein als das Ich wahrnimmt. Das aber ist 
nur ein schwacher Abglanz des wahren Ich. 

Im Wachzustande lebt im Stoffwechsel, der da kreist in dem rhyth- 
mischen Menschen, das Abbild dieses Ich. Das heilk, es lebt das wirk- 
liche Ich, aber das gewohnliche Bewufitsein hat nur das durch den 
Stoffwechsel bewirkte Abbild in sich. Wenn aber der menschliche phy- 
sische und atherische Organismus das, was im Atmungs- und Zirkula- 
tionsprozesse geschieht und vom Stoffwechsel durchdrungen wird, 
wenn der physische und atherische Organismus - wie es im Schlafzu- 
stande der Fall ist - die Krafte dieses rhythmischen Menschen selber 
brauchen, dann lebt das wahre Ich mit dem astralischen Leibe in der 
spirituellen Auftenwelt. Dann versorgen die Atmung und die Zirkula- 
tion mit dem darin pulsierenden Stoffwechsel den physischen und den 
atherischen Organismus fur sich, und das wahre Ich und die astralische 



Organisation haben einen Bestand neben dem physischen und dem 
atherischen Organismus in der spirituellen Welt. Man schaut diese ab- 
wechselnden Zustande durch die wahre Intuition, wie der physische 
und atherische Organismus Atmungs- und Blutzirkulation mit dem 
darin enthaltenen Stoffwechsel brauchen, um ihre Krafte zu erneuern. 
Wahrend dieser Zeit halten sich das wahre Ich und der astralische Or- 
ganismus in der spirituellen Welt auf, haben dort Bestand. Und dann, 
wenn die Krafte des physischen und atherischen Organismus durch den 
rhythmischen Menschen so weit regeneriert sind, dafi weitere rhythmi- 
sche Prozesse nicht notwendig sind, dann kehren astralischer Leib und 
Ich zuriick und durchsetzen den Stoffwechsel, der im Atmungs- und 
Blutzirkulationsprozesse pulsiert, und der Mensch ist dann wieder ein 
wacher Mensch. 

So schaut man hin, wie das wahre Ich und der astralische Organis- 
mus im Stoffwechsel pulsieren. So lernt man diejenige Welt erkennen, 
welche die alten Religionen als die gottliche Welt bezeichneten, in der 
das Ich des Menschen, das wahre Ich, seine ihm ureigene Heimat hat. 
Und da das, was man so in der Intuition erfalk, sich wiederum in Spie- 
gelbildern ergibt - an dem physischen, an dem atherischen Leibe, wie 
eben in einem Spiegel -, so kann man auch das, was in der rein spiritu- 
ellen Welt unabhangig von aller Korperlichkeit des Menschen erfahren 
wird, wieder in Worte bringen, kann es in Bildern, in Begriffen zum 
Ausdruck bringen. Dann kann es wiederum von dem gesunden Men- 
schenverstande aufgefafit werden, kann gefiihlt und empfunden wer- 
den, kann im menschlichen Gemiit erlebt werden und bildet dann den 
Inhalt des religiosen Bewufitseins, der damit erkenntnismafiig begriin- 
det ist. 

Es ist nicht fur jeden Menschen notwendig, durch Intuition sich hin- 
einzuleben in die gottlich-geistige Welt. Das mufi derjenige tun, der ein 
Geistesforscher wird. Wenn aber der Geistesforscher das, was er in der 
gottlich-geistigen Welt erfahrt, auf die eben charakterisierte Art in 
Worte kleidet, dann nimmt das solche Formen an, dafi man an dem, 
was auf diese Art zur Offenbarung kommt, im gewohnlichen Menschen 
mit Bewufitsein erlebt: Da werden Worte gesprochen, die sich nicht auf 
diese Welt beziehen, die sich aber mit der Kraft der ihnen innewohnen- 



den Wirklichkeit im menschlichen Gemiite ausleben. - Und das ist die 
Kraft, mit der religios auf das Bewufitsein das wirkt, was durch die 
Geistesforschung aus der geistigen Welt herausgeholt wird durch das 
intuitive Erleben dieser geistig-gdttlichen Welt. 

Wenn die Menschheit wiederum zu einem urspriinglichen, auf Er- 
kenntnis begriindeten religiosen Leben kommen will, dann mufi sie das 
gelten lassen, was der Geistesforscher durch wahre Intuition als seine 
Erlebnisse in der gottlich-geistigen Welt aus dieser zu verkiinden ver- 
mag. Dann wird Religion wieder zuriickkehren zu dem, was sie einst 
war. Jede Religion war an ihrem Ausgangspunkte Offenbarung aus der 
gottlich-geistigen Welt heraus, Offenbarung derjenigen Erlebnisse, die 
mit den Wesenheiten in der spirituellen Welt gemacht werden konnen, 
mit jenen Wesenheiten, die sich vorher der imaginativen und inspirier- 
ten Erkenntnis offenbaren, mit denen man aber erst in der Intuition zu- 
sammenkommt. 

Das Denken, welches in Abstraktionen leben kann und das wir vor- 
zugsweise heute im wissenschaftlichen Forschen anwenden, das wir un- 
serem Beobachten und Experimentieren zugrunde legen, ist eigentlich 
erst im Laufe der Menschheitsentwickelung erworben worden. Es war 
nicht bei denjenigen Menschen vorhanden, aus denen jene alten philo- 
sophischen Forscher und Religionslehrer hervorgingen, welche die alte 
Philosophic, die alte Kosmologie, das alte religiose Leben begrundet 
haben und von denen vieles in einer Art Tradition sich erhalten hat. 
Damals waren vorhanden halbbewufke, traumhafte imaginative, inspi- 
rierte, intuitive Erlebnisse. Aus diesen heraus wurden die alten Er- 
kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten gewonnen, und eigentlich 
erst seit dem Entstehen der neueren Naturwissenschaft haben wir das, 
was wir heute als das abstrakte Denken erleben. Man darf nicht glau- 
ben, dafi dieses abstrakte Denken nur vorhanden ist bei den wissen- 
schaftlichen Arbeitern. Es wird heute aufgenommen durch die gewohn- 
lichen Schulen und vom einfachsten, primitivsten Menschen, der noch 
fern von aller stadtischen Bildung draufien auf dem Lande lebt. 

So, wie das menschliche Bewufitsein durch dieses abstrakte Denken 
in der gesamten zivilisierten Welt ist, so war es noch im 8., 9. nach- 



christlichen Jahrhundert in keinem Teile der Menschheit. Oberall lebte 
das, was aus den drei anderen Bewufkseinszustanden heraus gewonnen 
worden ist. Aber jene Vollbewufitheit, welche wir heute als den wahren 
Ausdruck des Menschlichen auffassen miissen, die konnte nur dadurch 
errungen werden, daft das abstrakte Denken, das heute eine Zierde des 
wissenschaftlichen Lebens ist, sich dem menschlichen Leben eingeglie- 
dert hat. Mit anderen Worten: Ein Denken in der Weise, daft man sich 
dazu der physischen Menschenorganisation bedient und diese physische 
Organisation zum Denken braucht, wie das heute der Fall ist, ein sol- 
ches Denken hat es in den alteren Zeiten nicht gegeben. Da dachte der 
Mensch nur mit demjenigen in seiner Organisation, was atherische, was 
astralische, was Ich-Organisation war. Durch das, was sich aus Imagi- 
nation, Inspiration und Intuition offenbarte, wurden ihm die Gedanken 
mitgegeben. So ist es heute noch bei Menschen, die durch irgendwelche 
Umstande, die wir noch erwahnen wollen, eine Art Hellsehen haben, 
das nicht das moderne exakte Hellsehen ist, sondern das aus alten Zu- 
standen vererbtes, traumhaftes Hellsehen ist. Solche Personen konnen 
niemals ihre seelischen Erlebnisse kontrollieren, aber sie konnen sie ha- 
ben, so haben, wie die Menschen alterer Epochen sie hatten. Dann ist 
man manchmal erstaunt, welche scharfen Gedanken solchen Menschen 
in ihren traumhaften Visionen mitgegeben werden, Gedanken, denen 
manchmal eine weit geistreichere Logik zugrunde liegt, als sie sich 
selbst ein heutiger Philosoph machen kann. Das sind eben die Gedan- 
ken, die aus der geistigen Welt heraus offenbart werden. Einzig solche 
Gedanken gab es in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung, geof- 
fenbarte Gedanken. 

Das abstrakte Denken, das man heute allein kennt, ist mit dem 
Werkzeug des physischen Leibes erarbeitet. Es wird erlebt mit dem 
Werkzeuge des physischen Leibes, und das ist das Charakteristikon 
dessen, was die Menschheit in ihrer neueren Zeit, wo sie zu ihrem 
Vollbewufitsein aufgestiegen ist, sich errungen hat. Ein mit dem physi- 
schen Leibe errungenes Denken ist eigentlich gegeniiber der geistigen 
Welt ein deplaciertes Denken. Denn gerade durch das, was ich eben 
charakterisiert habe, zeigt sich das Denken als angehorig der geistigen 
Welt. Es ist jetzt deplaciert, wenn sich der Mensch in seinem Denken 



der physischen Organisation bedient. Dadurch lebt das Denken in 
einem Element, das nicht sein ureigenes Element ist. Aber dadurch er- 
langt der Mensch auch in diesem Denken etwas, das er niemals erlangen 
konnte, wenn das Denken nur als Offenbarung aus Imagination, Inspi- 
ration und Intuition sich ergeben konnte. Dadurch, dafi das Denken 
durch den physischen Organismus erarbeitet wird, hat es in seinem 
substantiellen Gehalt nichts in sich von der geistigen Welt. Es ist im 
Grunde genommen eine Tatigkeit, die blofi im physischen Organismus 
ausgeiibt wird. Mit anderen Worten: Dieses abstrakte Denken erlebt 
nichts Wirkliches; es ist wie herausgeprefit, herausfiltriert aus der Ima- 
gination. Was erlebt wird, ist Schein. Was wir im abstrakten Denken 
erleben, ist Schein-Erleben gerade dadurch, dafi wir vollbewufit werden 
in diesem Denken. 

Zweierlei konnen wir in diesem Denken erleben. Einmal kann dasje- 
nige, was wir in diesem abstrakten Denken als Schein-Erleben haben 
und was nicht selbst darauf Anspruch macht, etwas auszudriicken, Ab- 
bild der objektiven Natur werden. Dadurch erst hat der Mensch das er- 
rungen, worauf er heute so stolz ist: eine objektive Naturwissenschaft. 
Die Naturvorgange draufien konnten von einem eigenen, mit Eigensub- 
stanz erfiillten Denken nicht in einer objektiven Darstellung gegeben 
werden. Wir konnen solche Beschreibungen, wie sie in alten Zeiten von 
den Naturvorgangen gegeben sind, nicht als objektive Naturwissen- 
schaft anerkennen. Gerade indem das Denken nur ein Scheinleben hat, 
bildet sich im Scheinleben die aufiere Welt ab. In einem Denken, das 
nicht eine eigene Substanz hat, erscheint bildhaft die Substanz der aufie- 
ren Naturvorgange. So verdankt die Menschheit in ihrem Fortschritt 
dem Umstande, dafi sie sich ihr Vollbewufitsein in einem denkerischen 
Schein-Erleben errungen hat, die objektive Naturwissenschaft. Es 
wurde der Zeitraum, in welchem das abstrakte Denken heraufkam, 
auch die Zeit, in der die objektive Naturwissenschaft errungen worden 
ist. 

Ein Zweites, das der Mensch diesem Aufschwunge zum abstrakten 
Denken verdankt, ist sein Erleben der Freiheit. Was man als moralische 
Impulse erlebt durch Imagination, Inspiration und Intuition, auch 
wenn man es so erlebt wie in alten Zeiten, traumhaft - wo es immer 



durch die Traume, die Instinkte und Emotionen des Organismus erlebt 
wurde, indem es ein Impuls zum Handeln wurde -, das iibt immer auf 
den Menschen einen Zwang aus. Was immer man seinem Organismus 
als Trieb in seinem Handeln zugrunde legen mufl, das treibt einen, 
zwingt einen da- und dorthin. Und das, was aus einer wirklichen athe- 
rischen Welt herausgeholt wird in der Imagination als moralische Im- 
pulse, das zwingt mich; man kann nicht anders, als ihnen folgen. 
Ebenso ist es mit dem, was aus der Inspiration und aus der Intuition 
stammt. Nimmt aber der Mensch, indem er zwischen Geburt und Tod 
das Scheinleben des abstrakten Denkens erlebt - des reinen Denkens, 
das nichts ist als Denken, aber das durch den physischen Organismus 
ausgefuhrt wird -, nimmt er in dieses Denken die moralischen Impulse 
herein, so leben diese in dem reinen Denken, das nur ein Scheinleben 
hat und zu nichts zwingen kann, das ebensowenig zu etwas zwingen 
kann, wie Spiegelbilder zu etwas zwingen konnen. Was in der Wirk- 
lichkeit stofit, das zwingt mich; was aber blofi ein Scheinleben hat wie 
das, was wir im reinen Denken erleben, das kann einen Menschen nicht 
zwingen. Da mufi ich mich selber entschliefien, wenn ich ihm folgen 
will. Damit ist zu gleicher Zeit in diesem Schein-Erleben des Denkens 
die Moglichkeit der menschlichen Freiheit gegeben. Und indem morali- 
sche Impulse, die in der geistigen Welt wurzeln, hereinkommen und 
den Menschen erfiillen in diesem Schein erlebenden Denken, werden sie 
zu freien Impulsen. 

Zweierlei also verdankt der Mensch seinem Aufschwunge zu dem 
Schein-Erleben im Denken: das Zeitalter der objektiven Naturwissen- 
schaft und das Erringen der wirklichen Freiheit. Diese Beziehungen 
habe ich, ebenso wie ich das Erheben in die ubersinnlichen Welten in 
dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», in 
meiner «Geheimwissenschaft» und in der «Theosophie» darstellte, so 
habe ich versucht, das Erringen des Freiheitsbewufitseins in der moder- 
nen Zeit in meiner «Philosophie der Freiheit» nach seiner Grundlegung 
hin darzustellen. So konnen wir sagen: In dem Zeitalter, in welchem 
der Mensch sein Vollbewufitsein dadurch errungen hat, dafi das Den- 
ken heruntergestromt ist bis zum physischen Organismus und sich des- 
sen bedient, in dem Zeitalter hat dieses Denken abgelehnt das alte 



traumhafte Hellsehen, durch das einmal eine alte Philosophic, eine alte 
Kosmologie und das alte religiose Leben begriindet wurden. Der 
Mensch hat dadurch die Moglichkeit erlangt, in der physischen Organi- 
sation zwischen Geburt und Tod objektive Naturwissenschaft auszu- 
bilden, Er hat weiter die Moglichkeit erlangt, Freiheit auszubilden. 
Aber er steht heute an dem Punkt, wo er den Weg wieder beschreiten 
mufi hinauf in die iibersinnliche Welt - unter Beibehaltung seines Voll- 
bewufkseins - in vollbewufiter Imagination, Inspiration und Intuition, 
um zu dem, was er in objektiver Naturwissenschaft und Freiheit erle- 
ben kann, hinzu zu erringen eine auf Erkenntnis der iibersinnlichen 
Welt gebaute neue Philosophic, eine neue Kosmologie und ein neues 
religioses Leben. Sie gemigen dem modernen Menschen in derselben 
Weise als Offenbarung einer iibersinnlichen Welt, wie er durch seine 
Vollbewufitheit innerhalb der sinnlichen Welt befriedigt ist durch die 
Erringung der objektiven Naturwissenschaft und der Freiheit. 

Damit ist auf der einen Seite durch die Kennzeichnung von Freiheit 
und objektiver Naturwissenschaft, auf der anderen Seite durch die 
Kennzeichnung einer modernen spirituellen Wissenschaft zugleich cha- 
rakterisiert, wie die Menschheit aus dem gegenwartigen Zeitalter in die 
Zukunft hinein fortschreiten mufi, damit sie durch die Erringung einer 
iibersinnlichen Erkenntnis sich einfugen kann in den von der Welten- 
ordnung geforderten wahren Menschheitsfortschritt. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 8. September 1922 



Imaginative, inspirierte und intuitive 
Erkenntnismethoden 

Durch die Meditationsiibungen, die zur imaginativen Erkenntnis fiihren 
sollen, wird das gesamte seelische Innenleben des Menschen verwan- 
delt. Ebenso werden verwandelt die Beziehungen der Menschenseele 
zur umliegenden Welt. Es handelt sich ja darum, dafi Meditieren in 
dem Sinne, wie es in den letzten Vortragen hier gemeint war, besteht in 
einem Konzentrieren aller Seelenkrafte auf einen bestimmten, leicht 
iiberschaulichen Vorstellungskomplex. Es ist wichtig, dafi man dies ins 
Auge fafit: ein leicht iiberschaulicher Vorstellungskomplex, ein solcher, 
auf den das Geistig-Seelische des Menschen in der unmittelbaren Ge- 
genwart alle Aufmerksamkeit verwenden kann, so dafi wahrend des 
Ruhens der Seele auf diesem Vorstellungskomplex nichts in sie einfliefk 
von irgendwie unterbewufiten oder unbewufiten oder irgendwie aus der 
Erinnerung heraufspielenden Seeleneindriicken. 

Man mufi, wenn die imaginative Erkenntnis in der richtigen Weise 
herbeigefuhrt werden soli, beim Meditieren den ganzen Vorstellungs- 
komplex, dem man sich mit alien Seelenkraften hingibt, so vor sich ha- 
ben wie etwa ein mathematisches Problem, so dafi in das Meditieren 
nichts hineinspielt von gefiihlsbetonten Vorstellungen oder von wil- 
lensdurchzogenen Vorstellungen. Wenn man sich einem mathemati- 
schen Problem hingibt, weift man in jedem Augenblick, dafi man mit 
der Seelentatigkeit in dem verharrt, was man unmittelbar vor dem See- 
lenauge hat. Man weifi, dafi nichts Emotionelles, nichts Gefiiblsmafti- 
ges, keine Reminiszenzen aus dem verflossenen Leben in das hinein- 
kommen diirfen, was man sich vorstellt und was zur Urteilsfallung in 
dem betreffenden Problem fiihrt. In einer solchen Seelenverfassung 
mufi man auch sein bei dem richtigen Meditieren. 

Dann ist es am besten, wenn man sich moglichst einem solchen Vor- 
stellungskomplex hingibt, der einem ganz neu ist, von dem man weifi, 



dafi man ihn ganz gewifi noch niemals gedacht hat. Denn wenn man 
einfach aus der Erinnerung etwas heraufholen wiirde, so konnte man ja 
gar nicht wissen, was da alles an unbewufken, geftihlsmafiigen Impul- 
sen hineinspielt. Es ist daher fur den Meditanten aufierordentlich gut, 
wenn er sich von einem erfahrenen Geistesforscher raten lafit, denn die- 
ser wird darauf sehen, daft der Meditierende einen Vorstellungsinhalt 
habe, iiber den er ganz gewifi bisher nicht gedacht haben kann, so dafi 
dasjenige, was nunmehr meditiert wird, zum ersten Male in das Be- 
wulksein eintritt, nichts Erinnerungsmafiiges, nichts von Instinktivem 
hineinspielen kann und nur das Geistig-Seelische bei diesem Meditieren 
engagiert ist. 

Wenn dann eine solche Meditation, die an einem Tage nur kurz zu 
sein braucht, immer wiederholt wird, dann kommt endlich ein Seelen- 
zustand zustande, der den Menschen ganz deutlich fuhlen lafk: Jetzt 
lebst du in einer inneren Tatigkeit, die sich losgelost hat von dem phy- 
sischen Leibe; jetzt lebst du in einer Tatigkeit, die anders ist, als wenn 
du deine Denktatigkeit oder deine Gefuhls- oder Willenstatigkeit in- 
nerhalb des physischen Leibes auslosest. - Was einem da besonders 
entgegentritt, das ist, dafi man deutlich fiihlt: Man lebt in einer von der 
physischen Korperlichkeit getrennten Welt. - Man lebt sich eben all- 
mahlich in die atherische Welt hinein und das fiihlt man daran, dafi der 
eigene Organismus, der physische Organismus, den Charakter einer re- 
lativen Objektivitat annimmt. Man schaut gewissermafien von aufien 
auf diesen physischen Organismus hin, so wie man sonst vom Innern 
dieses physischen Organismus auf aufiere Gegenstande schaut. Aber 
was sich im inneren Erleben zeigt, dafi das Meditieren von Erfolg be- 
gleitet war, das ist, dafi die Gedanken gewissermafien dichter werden, 
dafi sie nicht nur den Charakter tragen, den sie sonst haben, namlich 
den des Abstrakten, sondern da!5 man in den Gedanken etwas erlebt, 
was ahnlich ist den Wachstumskraften, die einen vom kleinen Kinde 
zum erwachsenen Menschen gemacht haben, oder den Kraften, die tag- 
lich in einem tatig sind, wenn der Stoffwechsel den Leib versorgt. 

Das Denken nimmt durchaus einen realen Charakter an. Und gerade 
weil das Denken einen realen Charakter annimmt, so dafi man sich jetzt 
in dem Denken fiihlt, wie man sich fruher in seinen Wachstumsprozes- 



sen oder in seinen Lebensprozessen gefiihlt hat, gerade aus dem Grunde 
muft dieses imaginative Denken auf die eben beschriebene Art erwor- 
ben sein. Denn wenn man es so erworben hatte, daft Unbewulkes, viel- 
leicht sogar Korperliches beim Meditieren mitgespielt hatte, so wiirden 
jene Krafte, jene Realitaten, die man jetzt im iibersinnlichen Denken er- 
lebt, auch wiederum zuriickspielen in den physischen und in den athe- 
rischen menschlichen Organismus. Sie wiirden sich dort vereinigen mit 
den Wachstumskraften, mit den Ernahrungskraften und man wiirde, 
indem man dann in einem solchen realen Denken verharrt, seinen phy- 
sischen und seinen atherischen Organismus verandern. Das darf aber 
auf keine Weise sein! Alle Tatigkeit, die man zum Ziele dieser imagina- 
tiven Erkenntnis ausfiihrt, alle diese Krafte miissen lediglich angewen- 
det werden auf das Verhaltnis des Menschen zu seiner Umwelt und sie 
diirfen in keiner Weise eingreifen in den physischen oder atherischen 
Organismus. Diese beiden miissen vollig unverandert bleiben, so dafi 
der Mensch, wenn er sich eine dahingehende Fahigkeit erwirbt, indem 
er jetzt gewissermafien mit seinem Denken in der atherischen Welt 
schwebt, zuriickblickt mit seinem Denken auf seinen unveranderten 
physischen Leib. Der ist so geblieben, wie er war; da greift dieses athe- 
rische Denken nicht ein. 

Man fiihlt sich also mit diesem atherischen Denken ganz aufierhalb 
seines physischen Leibes, aber es mufi dieses Aufierhalbstehen stets 
durch freie Willkur wieder abgewechselt werden konnen mit dem volli- 
gen Drinnenstehen im physischen Organismus. Wer in der richtigen 
Weise durch Meditation das imaginative Erkennen herbeigefuhrt hat, 
der mufi in dem einen Augenblick in diesem atherischen Denken sein 
konnen, das sich innerlich wie ein Wachstums-, wie ein Ernahrungs- 
prozefi erlebt und sich durchaus wie etwas Reales innerlich fiihlt, und 
er raufi im nachsten Augenblicke wieder, indem dieses Denken ver- 
schwindet, zuriickkehren konnen in seinen physischen Leib und mit 
seinen Augen so sehen kdnnen, wie er gewohnlich sieht, mu& mit sei- 
nen Ohren so horen konnen, wie er sonst hort, mufi so tasten konnen 
wie sonst. Dieses in vollig freier Willkur mogliche Hin- und Her- 
schweben zwischen einem Sein im physischen Leibe und aufierhalb des- 
selben im Atherischen mufi stets herbeigefuhrt werden konnen. Dann 



ist ein richtiges imaginatives Denken erreicht. Wie das nun wirkt, 
mochte ich im zweiten Teile des Vortrages darlegen. 

Fur den, der ein Geistesforscher werden will, ist notwendig, dafi er 
lange Zeit hindurch in systematischer Weise die mannigfaltigsten 
Ubungen durchmacht. Durch das, was ich soeben prinzipiell angedeu- 
tet habe, wird man aber immerhin dazu kommen, das atherische Den- 
ken so weit zu erleben, dafi man das, was ein Geistesforscher an Aussa- 
gen macht, kontrollieren kann, obwohl diese Kontrolle auch durch den 
gewohnlichen gesunden Menschenverstand durchaus moglich ist, wenn 
er nur unbefangen und vorurteilslos genug ist. 

Man mufi das Meditieren, wenn es in der richtigen Weise zu einem 
Erfolg fuhren soil, unterstiitzen durch gewisse andere Seelenubungen. 
Vor alien Dingen miissen immer mehr und mehr solche Seeleneigen- 
schaften ausgebildet werden wie Charakterstarke, innere Wahrhaftig- 
keit, eine gewisse Seelenruhe und vor alien Dingen eine vollige Beson- 
nenheit. Das mufi immer wiederholt werden: eine Besonnenheit, die 
sowohl die Meditationsiibungen selbst wie dann auch alles, was in ihrer 
Folge als exaktes Hellsehen unternommen wird, in einer solchen See- 
lenstimmung und Seelenverfassung verrichten lafit, wie man beim Ma- 
thematisieren ist. Wenn man solche Eigenschaften wie Charakterstarke, 
innere Wahrhaftigkeit, Besonnenheit, eine gewisse Seelenruhe gewohn- 
heitsmafSig hat, dann ist der Meditationsvorgang imstande, wenn er 
immer wieder wiederholt wird - bei dem einen dauert es nach seinen 
Anlagen vielleicht nur wenige Wochen, bei manchem kann es Jahre 
dauern -, seine Ergebnisse dem ganzen physischen und atherischen 
Menschenorganismus einzupragen, so dafi der Mensch wirklich zu 
einer solchen inneren Tatigkeit im imaginativen Erkennen kommt, wie 
er sonst in einer Tatigkeit ist durch seinen physischen Leib im sinnlichen 
Anschauen der Welt und im Denken durch den Korper. 

Wenn der Mensch ein solches imaginatives Erkennen erlangt hat, 
dann ist er zunachst imstande, den eigenen Lebenslauf, den er von 
Kindheit auf bis zum gegenwartigen Augenblicke durchlebt hat, wie in 
einer Einheit, wie in einem Zeittableau zu uberschauen. Man hat ein 
fortwahrendes innerlich bewegtes Werdendes vor sich als seinen eige- 



nen Lebenslauf. Das ist aber, indem man durch das imaginative Erken- 
nen diesen Lebenslauf jetzt betrachtet, nicht etwa gleich dem, was man 
sonst wie Erinnerung an das Leben vor sich hat, sondern was man nun 
vor sich hat, ist so real, wie eben die Wachstums-, die Lebenskrafte 
sind, die aus dem Korper des kleinen Kindes heraus die ganze seelische 
Konfiguration treiben, dann im weiteren Verlaufe das Denken und so 
weiter treiben. Alles, was sich da innerlich heraus arbeitet, was die Ent- 
wickelung des atherischen Organismus des Menschen im Laufe des Le- 
bens ist, das uberschaut man. Von dem, was man so iiberschaut und 
was viel realer ist als das Tableau der Erinnerungen, von dem sind die 
Erinnerungen, die in das gewohnliche Bewufksein eintreten, nur wie 
eine Art Abglanz, wie eine obere Welle, die aufgeworfen wird von Tie- 
fenvorgangen, in die man jetzt eindringt, Tiefenvorgangen des Lebens, 
atherischen Vorgangen, die sonst gar nicht ins Bewufitsein eintreten, 
uns aber gestalten, formen, uns im Leben werden lassen von unserer 
Geburt bis zum gegenwartigen Augenblick. 

Diese Tatsachen, diese Prozesse treten vor dem imaginativen Be- 
wufksein auf. Das gibt dem Menschen eine wirkliche Selbsterkenntnis 
zunachst seines irdischen Lebens. Wie man zur Selbsterkenntnis des 
aufSerirdischen Lebens kommt, wird sich uns noch in den nachsten Ta- 
gen zeigen. Denn eigentlich besteht der erste Schritt des iibersinnlichen 
Erkennens darin, dafi einem das eigene Atherleben, wie man es von der 
Kindheit bis zum gegenwartigen Augenblick verbracht hat, in seinem 
iibersinnlichen Charakter entgegentritt. Man lernt sich dadurch erst 
richtig verstehen, und was man auf diese Weise erlebt, das spiegelt sich 
wiederum durch den eigenen physischen und atherischen Organismus 
so, dafi man in dem, was man auf diese Weise als die eigenen atheri- 
schen Vorgange erlebt, etwas hat, was einem zeigt, wie der gesamte 
atherische Kosmos sich im einzelnen Menschen auslebt, wie die aufiere 
atherische Welt, ich mochte sagen, weiter wellt und schwingt in dem 
atherischen Organismus des Menschen. 

Jetzt kann man sagen, da$ man das, was man so erlebt, in sprach- 
lich-begriffliche Form kleiden kann, und aus dem imaginativen Erleben 
der Welt in dem atherischen Menschen kann eine wahre Philosophic 
entstehen. Was man so erlebt, bleibt aber fur das gewohnliche Bewulk- 



sein durchaus unbewufk. Voll in dieser Tatigkeit, in die sich da der 
Mensch durch das imaginative Erkennen einfiigt, lebt eigentlich nur das 
ganz kleine Kind, bevor es sprechen gelernt hat. Denn indem es spre- 
chen lernt, indem sich die Sprache im Seelenleben herausbildet, sondern 
sich aus den allgemeinen Wachstums- und sonstigen Lebenskraften jene 
Krafte ab, die dann als abstraktes Denken erlebt werden. Das Kind hat 
dieses abstrakte Denken noch nicht. Die Metamorphose eines Teiles der 
Wachstums- und Lebenskrafte zu Denkkraften hat sich noch nicht 
vollzogen. Daher ist das Kind gegeniiber dem Kosmos in einer Tatig- 
keit, in die man sich wieder zuriickversetzt fiihlt durch das imaginative 
Erkennen, nur, daft das Kind es unbewuik erlebt. Der imaginative 
Denker erlebt es vollbewufit in klarer Besonnenheit. 

Fur den Menschen, der nicht das imaginative Denken erringt, ist es 
unmoglich, dasjenige zu tiberschauen, was da spielt zwischen dem 
menschlichen atherischen Organismus und dem Atherischen im Kos- 
mos. Das Kind kann es nicht schauen, obwohl es das unmittelbar er- 
lebt, weil es noch kein abstraktes Denken hat; der Mensch mit dem ge- 
wohnlichen Bewufitsein kann es nicht schauen, weil er sein abstraktes 
Denken noch nicht durch Meditation vertieft hat. Vertieft er es durch 
Meditation, dann schaut er vollbewulk im Grunde genommen jenes 
Wechselspiel des atherischen menschlichen Organismus mit dem Athe- 
rischen im Kosmos, in dem noch ungeteilt das ganz kleine Kind lebt. 
Und so mochte man den paradoxen Satz aussprechen: Der allein ist ein 
wirklicher Philosoph, der als reifer Mensch wiederum in seiner Seelen- 
verfassung zum ganz kleinen Kinde werden kann, der aber die Gabe 
sich erworben hat, diese Seelenverfassung des kleinen Kindes in einem 
wacheren Zustande zu erleben, als das Wachsein des gewdhnlichen Be- 
wufitseins ist, und wiederum heraufzuholen in sein ganzes Seelenleben 
das, was man war als ganz kleines Kind, bevor man durch die Sprache 
zum abstrakten Denken iibergegangen ist. - Und das, was man so er- 
lebt, vollbewufk zu iiberschauen, das gibt den Philosophen der moder- 
nen Zeit. Der Philosoph der modernen Zeit lebt in der - vollbewuiken - 
Verfassung des ganz kleinen Kindes, bevor es sprechen gelernt hat. 

Das ist das Paradoxe, was, wie ich denke, ganz besonders deutlich 
machen kann, wie sich die Menschenseele tatsachlich innerhalb des mo- 



dernen Geisteslebens zu einer wirklichen, realen philosophischen See- 
lenverfassung aufschwingen wird. 

Zu einer vollstandigen iibersinnlichen Erkenntnis ist notwendig die 
Erweiterung der meditativen Ubungen zu demjenigen, was zur Inspira- 
tion fiihren kann. Man kommt dazu, wenn man nicht nur jenes Ruhen 
der Seele auf Vorstellungskomplexen iibt, wie es bisher beschrieben 
worden ist, sondern wenn man - prinzipiell ist das auch schon in diesen 
Tagen erwahnt worden - auch das Fortschaffen solcher durch Medita- 
tion oder infolge der Meditation ins Bewufitsein getretener Bilder ver- 
mag. So, wie man durch vollig freie Willkiir die Bilder des imaginativen 
Erkennens herbeigefuhrt hat, muft man auch in die Lage kommen, 
diese Bilder wiederum aus dem Bewufitsein, aus dem Seelenleben fort- 
zuschaffen. Es ist eine grofiere Energie der Seele notwendig, um Bilder, 
die entweder durch das meditative Leben oder infolge desselben auftre- 
ten, wieder fortzus chaff en, als etwa, um Vorstellungen fortzuschaffen, 
die ins Bewuiksein eingetreten sind entweder aus dem Gedachtnis her- 
aus oder aus der gewohnlichen sinnlichen Anschauung. Man braucht 
mehr Kraft, um meditative Vorstellungen, imaginative Bilder aus dem 
Bewufttsein fortzuschaffen als solche gewohnliche Vorstellungen. Aber 
diese starkere Kraft, welche die Seele anwenden muft, ist notwendig 
zum Fortschreiten in der iibersinnlichen Erkenntnis. 

Man erlangt diese Kraft, indem man sich immer mehr und mehr be- 
miiht, wenn die imaginativen Bilder aufgetreten sind, das Bewufitsein 
davon frei zu machen und nichts anderes ins Bewufitsein eintreten zu 
lassen. Dadurch tritt das auf, was man nennen kann, ein bloftes Wach- 
sein, ohne dafi irgendein Seeleninhalt da ist. Dieses blofie Wachsein 
fiihrt dann zur Inspiration. Denn wenn die Seele auf diese Weise durch 
die starke Kraft ihrer Selbstbefreiung von imaginativen Bildern zum lee- 
ren Bewufitsein gekommen ist, dann stromen die geistigen Inhalte des 
Kosmos in diese leergewordene aber wache Seele ein. Dann hat man 
nach und nach vor sich und um sich einen geistigen Kosmos, wie man 
als sinnlicher Mensch im gewohnlichen Bewufitsein einen physisch- 
sinnlichen Kosmos um sich hat. 

Das, was man jetzt im geistigen Kosmos erlebt, stellt sich einem so 



dar, dal$ es auf dasjenige zuriickweist, was man in der Sinneswelt erlebt 
hat. Man hat in der Sinneswelt erlebt Sonne, Mond, Planeten, Fixsterne 
und anderes Tatsachliches eben der physisch-sinnlichen Welt. Indem 
man jetzt den geistigen Kosmos aufzufassen vermag durch das leerge- 
wordene Bewufitsein, indem man die Inspiration durchmacht, erlebt 
man die Offenbarung des geistigen Wesens der Sonne, die Offenbarun- 
gen des geistigen Wesens des Mondes, des geistigen Wesens der Plane- 
ten und der Fixsterne. Und wiederum mu£ es so sein, daft der Mensch 
in freier Willkur das, was er im Geistigen als Kosmos erlebt, zuriickbe- 
ziehen kann auf das, was er durch seinen physischen Leib als physisch- 
sinnlichen Kosmos erlebt hat. Man mufi sagen konnen: Ich erlebe jetzt 
ein geistiges Wesenhaftes, das sich offenbart; das mufi ich beziehen als 
den Sonnengeist auf das, was ich in der physisch-sinnlichen Welt als die 
physisch-sinnliche Sonne erlebe; und ich erlebe ein geistig-seelisches 
Wesen, das sich offenbart, und ich muE es als das geistige Wesen des 
Mondes zuriickbeziehen konnen auf das, was ich in der physisch-sinn- 
lichen Welt als den Mond erlebe und so weiter. 

Wiederum mufi der Mensch frei sich hin- und herbewegen konnen, 
aber indem er gleichzeitig in der geistigen Welt und in der physisch- 
sinnlichen drinnen ist. Er mufi sich mit seinem Seelenleben frei hin- 
und herbewegen konnen zwischen den geistigen Offenbarungen des 
Kosmos und zwischen dem, was er als physisch-sinnliche Offenbarun- 
gen innerhalb des physischen Erdenlebens zu erleben gewohnt ist. 
Wenn man so das Geistige der Sonne bezieht auf das Physische der 
Sonne, das Geistige des Mondes auf das Physische des Mondes und so 
weiter, so ist das ein ahnlicher Seelenvorgang, als er etwa vorliegt, 
wenn man eine neue Wahrnehmung hat und sich an etwas erinnert, was 
man friiher erlebt hat. Wie man etwas, was einem in einer neuen Wahr- 
nehmung entgegentritt, um es sich zu verdeutlichen, mit dem zusam- 
menbringt, was man schon erlebt hat, so bringt man im wirklich freien 
inspirativen Leben dasjenige, was man als Offenbarungen kosmischer 
geistiger Wesenheiten erlebt, mit dem zusammen, was man innerhalb 
der physisch-sinnlichen Welt erlebt hat. Es ist hier so, als ob das Erle- 
ben im Geistigen neue Ahnungen gabe an das, was man friiher in der 
Sinneswelt durch seinen physischen Leib erlebt hat. Und man mufi die 



voile Besonnenheit haben, diesen hoheren Grad der iibersinnlichen Er- 
kenntnis, der etwas Uberwaltigendes hat, in derselben ruhigen Seelen- 
verfassung zu erleben wie das Zusammenbringen einer neuen Wahr- 
nehmung mit einer alten Erinnerung. 

Dieses Erleben durch Inspiration unterscheidet sich ganz wesentlich 
von demjenigen, was man friiher hat haben konnen als blofie Imagina- 
tion. Mit der Imagination lebt man in der atherischen Welt. Man fiihlt 
sich in dieser atherischen Welt so lebend, wie man sich sonst in seinem 
physischen Leibe gefiihlt hat. Aber man fiihlt die atherische Welt als 
eine Summe von allerdings mehr rhythmischen Vorgangen, als ein Vi- 
brieren im Weltenather, das man aber durchaus in Begriffen, in Ideen 
zu deuten in der Lage ist. Man fiihlt eben im atherisch-imaginativen Er- 
leben ein Allgemeingeschehen, man fiihlt iibersinnliche, atherische Tat- 
sachen. In der Inspiration fiihlt man nicht blofi solche atherische iiber- 
sinnliche Tatsachen, die ineinander ubergehen, sich metamorphosieren, 
die auch alle moglichen Formen annehmen, sondern jetzt fiihlt man 
durch die Inspiration, wie in dieser atherischen wogenden Welt, in die- 
ser rhythmisch vibrierenden Welt wie auf den Wellen eines atherischen 
Weltenmeeres wirkliche Wesenheiten schweben und sich betatigen. 
Man fiihlt so, was einen an die Sonne erinnert, was an den Mond, an 
die Planeten und Fixsterne erinnert und auch an die physischen Erden- 
dinge erinnert, an Mineralien und Pflanzen, und das alles in dem Wel- 
tenather drinnen. 

So fiihlt man den astralischen Kosmos. Was man hier in der phy- 
sisch-sinnlichen Welt nur seiner Aufienseite nach hat, das erkennt man 
jetzt wieder in seinem geistigen Dasein, wesenhaft. Und man erlangt 
auch eine Anschauung von der inneren Wesenheit des menschlichen 
Organismus, sowohl der ganzen Form des menschlichen Organismus 
wie der Formen der einzelnen Organe, Lunge, Herz, Leber und so 
weiter. Denn alles, was dem menschlichen Organismus Form und Le- 
ben gibt, das ruhrt nicht blofi - das sieht man jetzt - von dem her, was 
drauften im physischen Kosmos um uns herum ist und tatig ist, sondern 
es riihrt von dem her, was innerhalb dieses physischen Kosmos als gei- 
stige Wesenheiten - als Sonnenwesenheit, Mondwesenheit, als Tier- 
und Pflanzenwesenheiten - das physische Geschehen und das atherische 



Geschehen durchseelt und durchgeistigt, und was dann so wirkt, dafi es 
dem menschlichen Organismus Leben und Form gibt. Man begreift die 
Form und das Leben des physischen Organismus erst dann, wenn man 
zur Inspiration aufgestiegen ist. 

Was man da erlebt, das bleibt dem gewdhnlichen Bewulksein voll- 
standig verborgen. Das wiirde man mit dem gewohnlichen Bewufitsein 
nur wahrnehmen konnen, wenn man nicht nur durch seine Augen se- 
hen, mit seinen Ohren horen, mit seinem Geschmacksorgan schmecken 
konnte, sondern wenn der Atmungsprozefi, das Ein- und Ausatmen, 
ein Wahrnehmungsvorgang ware, wenn wir im Ein- und Ausstromen 
des Atems so etwas hatten wie einen Wahrnehmungsvorgang, in dem 
wir innerlich im ganzen Organismus das Ein- und Ausstromen der 
Atemluft erleben wtirden. Weil das so ist, hat eine gewisse orientalische 
Schule, die Jogaschule, das Atmen zu einem Erkenntnisprozefi umge- 
bildet, in einen Wahrnehmungsprozefi metamorphosiert. Dadurch, dafi 
die Jogaphilosophie das Atmen zu einem bewufiten, wenn auch halb 
traumerischen Erkenntnisprozefi umbildet, also im Atmungsprozefi et- 
was erleben will, wie wir es im Sehen und Horen erleben, dadurch bil- 
det sie in der Tat eine Kosmologie aus, eine Einsicht, wie die geistigen 
Wesenheiten des Kosmos in den Menschen hereinwirken, und wie sich 
der Mensch als ein Glied des geistigen Kosmos erlebt. Aber solche Joga- 
vorschriften auszuiiben, widerspricht derjenigen Form der menschli- 
chen Organisation, welche die abendlandische Menschheit in der Gegen- 
wart angenommen hat. Solche Jogaiibungen waren der menschlichen 
Organisation nur in einem alteren Zeitabschnitt moglich, und was heute 
Jogis ausfiihren, ist im Grunde genommen schon in der Dekadenz. 

Fur einen ganz bestimmten, ich mochte sagen mittleren Zeitraum der 
Erdenmenschheitsentwickelung war es sozusagen der menschlichen 
Organisation angemessen, durch solche Jogaiibungen den Atmungs- 
prozefi zu einem Bewufitseins-, Erkenntnisprozefi zu machen und auf 
diese Art eine traumhafte, aber immerhin geltende Kosmologie auszu- 
bilden. Was in jener Zeitepoche fur die damals gebildete, im damaligen 
Sinne wissenschaftliche Menschheit zu einer richtigen Kosmologie ge- 
fuhrt hat, das muE auf einer hoheren Stufe von dem gegenwartigen 
Menschen mit seiner korperlichen und seelischen Verfassung wiederum 



erreicht werden, aber nicht in jenem halb traumerischen, halb unbe- 
wufiten Zustande wie damals, sondern in vollbewulker Art, wie ich es 
beschrieben habe, als ich iiber die Inspiration sprach. Wiirde der abend- 
landische Mensch Jogaiibungen ausfiihren, so wiirde er unter alien Um- 
standen - eben wegen seiner ganz anderen Organisation - mit solchen 
Atmungsiibungen seine physische und seine atherische Organisation 
nicht unberiihrt lassen, sondern verandern. Und in seinen Erkenntnis- 
prozefi trate das hinein, was aus seinem physischen und atherischen 
Organismus kame und was sich als ein Unobjektives in die Kosmologie 
hineinmischen wiirde. Aber geradeso wie man als Philosoph die allerer- 
ste Kindheit in das Seelenleben wiederum heraufholen raufi, aber sie 
vollbewulk durchschauen mufi, so mufi man jene Seelenverfassung, die 
fiir die Menschheit in bezug auf Kosmologie geltend war, als das Joga- 
system sich anwenden lieft, wieder in das Seelenleben heraufrufen, aber 
man muE sie in voller Besonnenheit erleben, im Vollbewulksein, in 
einem hoheren Wachen, als das gewohnliche Wachen ist. 

So kann man also sagen: Der moderne Philosoph mufi im voll- 
erwachten Zustande die kindliche Seelenverfassung des einzelnen Men- 
schen wieder heraufrufen in seine Seelenverfassung, und der Kosmologe 
im modernen Sinne mufi die Seelenverfassung einer mittleren Epoche 
der Erdenmenschheitsentwickelung wieder heraufrufen, aber jetzt wie- 
derum im vollbewulken Zustande. Einen individuellen Seelenzustand 
muE zur Vollbewufitheit bringen der moderne Philosoph. Ein Seelen- 
zustand, der einmal bei den Kosmologen einer friiheren Menschheit da 
war, er mull in vollbewufker Art heraufgerufen werden von dem mo- 
dernen Kosmologen. Kind werden in vollbewufkem Zustande, bedeutet 
Philosoph sein. Jogamensch, wie er einmal im Verlaufe der ganzen 
Menschheitsentwickelung in einem mittleren Zeitraum leben konnte, 
das Wiederheraufrufen dieses Zustandes und dessen Verwandlung in 
Vollbewulkheit, bedeutet im heutigen Sinne Kosmologe werden. 

Was es bedeutet, religioser Mensch zu sein, mochte ich im letzten 
Teile schildern. 

Ich habe gestern geschildert, wie die dritte Stufe der ubersinnlichen 
Erkenntnis, die wahre Intuition, durch Willensiibungen zu erreichen 



ist, durch solche Willensiibungen, die Sie im genaueren nachlesen kon- 
nen in den gestern genannten Schriften, und die auch noch im einzelnen 
in den nachsten Tagen geschildert werden sollen. Hier wird der Mensch 
in eine Seelenverfassung gebracht, die als traumhafter Seelenzustand bei 
jener Menschheit vorhanden war, die als erste, als Urmenschheit, auf 
unserer Erde im Beginne der Menschheitsentwickelung lebte. Nur war 
bei dieser Urmenschheit eine traumhafte, eine halb unbewuflte, instink- 
tive Intuition vorhanden. 

Diese Intuition raufi der moderne Erkenner des religiosen Lebens 
wiederum zur Vollbewufitheit bringen. Die mehr instinktive Intuition 
der Urmenschheit tritt allerdings wie ein Nachklang noch bei einzel- 
nen Menschen der Gegenwart auf, die das ausleben, was sie instinktiv- 
intuitiv in ihrer Umgebung als geistige Krafte wahrnehmen, mit denen 
sie wie in der Aufienwelt leben. Sie verwenden diese Intuitionen, die 
Nachklange der traumhaften Intuitionen der Urmenschheit sind, im 
dichterischen, im kunstlerischen Schaffen. Diese Intuitionen spielen 
auch eine Rolle bei dem, was erste wissenschaftliche Einfalle sind; sie 
spielen im heutigen Phantasieleben der Menschheit eine aufierordentlich 
grofie Rolle. 

Was hier als die wahre, vollbewufite Intuition beschrieben wird und 
was auf die gestern dargestellte Weise erreicht wird, ist etwas ganz an- 
deres. Der Urmensch hatte ja eine ganz andere Seelenverfassung als der 
moderne Mensch. Er lebte gewissermaften in der ganzen Aufienwelt, in 
Wolken und Nebel, in Sternen, Sonne und Mond, in der Pflanzenwelt 
wie im Tierreich; er lebte in alledem fast mit derselben Intensitat, wie er 
in seinem eigenen Leibe sich lebend fiihlte. Es ist aufSerordentlich 
schwierig, diese Seelenverfassung der Urmenschheit heute wieder fur 
das gewohnliche Bewulksein anschaulich zu machen. Aber alles, was 
aufierlich historisch erkannt werden kann, weist uns zurtick auf eine 
solche Seelenverfassung der Urmenschheit. Sie war dadurch begriindet, 
dafi der Urmensch nun nicht eigentlich seine korperlichen Zustande so 
im Unbewufiten liegen hatte wie wir modernen Menschen. Wir mo- 
dernen Menschen leben nicht mehr mit unserer Ernahrung, mit unse- 
rem Wachstum, mit den Vorgangen in unserem physischen Organis- 
mus. Ausgebreitet iiber dieses Erleben, das ganz im Unbewufiten ver- 



bleibt, webt das mehr oder weniger bewulke Seelenleben in Wollen und 
Fiihlen oder das ganz bewufite Seelenleben im Vorstellen. Aber unter 
dem, was wir da unmittelbar erleben als Vorstellen, Fiihlen und Wol- 
len, ist dasjenige, was der menschliche physische Organismus Vollbringt 
und was dem gewohnlichen Bewufitsein ganz unbewufit bleibt. 

Beim Urmenschen war das wesentlich anders. Er erlebte als Kind 
nicht solche deutlichen Vorstellungen wie wir. Sein Vorstellen war viel- 
fach fast traumerisch, und erst recht im Unbestimmten verschwimmend 
war sein Gefiihlsleben, wenn auch vehement. Das Gefiihlsleben der 
Seele war viel ahnlicher einem korperlichen Schmerz oder einer korper- 
lichen Lust, als es heute beim modernen Menschen der Fall ist. Dafiir 
aber fiihlte es der Urmensch in der Kindheit, wie er wuchs. Er fiihlte 
sein Wachsen als Leibes- und Seelenleben, und er fiihlte noch als Er- 
wachsener, wie die Nahrungsmittel in ihm ihre Wege im Stoffwechsel 
nehmen, wie das Blut zirkuliert und den Nahrungssaft durch den Or- 
ganismus tragt. Wer mit einer Organisation ausgeriistet ist, wie ich sie 
gestern in ihrem Werden geschildert habe, kann auch heute noch eine 
Anschauung, wenn auch auf einer niederen Stufe, von diesem korperli- 
chen Erleben des Urmenschen haben, wenn er beobachtet, wie, nach- 
dem sie gegrast haben, Kiihe liegen, die verdauen, die den Stoffwechsel 
in seiner besonderen Regsamkeit erleben. Es ist ein korperlich-see- 
lisches Leben in diesen Wesen, das geradezu wie das Hineinschwingen 
und innerliche Aufleuchten von kosmischen Vorgangen erscheint. Sie 
erleben ein innerliches Wohlgefuhl im Verdauen, im Ernahren, im 
Herumtragen der Nahrungsstoffe durch die Blutzirkulation, und man 
braucht nicht einmal Hellseher zu sein, um es der ganzen aufleren Ver- 
fassung, der Geste dieser Tiere anzusehen, wie sie mit ihrem Tierbe- 
wulksein ihre Verdauung verfolgen. 

So verfolgte der Urmensch, als er in die Erdentwickelung eintrat, 
seine physischen Prozesse, die unmittelbar vereinheitlicht waren, eine 
Einheit bildeten mit den seelischen Prozessen. Dadurch, dafi er sein 
eigenes physisches Innere so erlebte, konnte der Urmensch auch die 
Auftenwelt fast ebenso intensiv korperlich-seelisch erleben, wie er sich, 
wenn ich mich so ausdriicken darf, in seiner Lunge, in seinem Herzen, 
in den Vorgangen des Magens, der Leber und so weiter fiihlte. So 



fuhlte er sich in dem zuckenden Blitze, in dem rollenden Donner, in 
der sich verwandelnden Wolke, in dem sich verandernden Mond. Er 
lebte da die Zeitraume mit, das Wachsen des Mondes, so wie er die 
Vorgange seiner Verdauung erlebte. Es war ihm dieses Aufiere fast so 
ein Inneres wie sein eigenes Innere. Und das, was man innerlich erlebte, 
war ihm so wie das, was er im dahinfliefienden Strome und so weiter 
erlebte. Das Wellenspiel des Stromes war ihm ein innerlicher Vorgang, 
den er miterlebte, in den er untertauchte, wie er in seine eigene Blutzir- 
kulation untertauchte. 

So lebte sich der Urmensch in die Aufienwelt hinein, dafi ihm die 
Aufienwelt ebenso erscheinen mufite - sie ist ja auch so - wie das eigene 
Innere. Man nennt das heute Animismus. Man mifiversteht aber damit 
heute vollstandig, was da eigentlich zugrundeliegt, indem man den Ani- 
mismus so ansieht, als ob der Mensch das, was er in sich erlebte, in die 
Aufienwelt hinausprojiziert hatte. Was er in der Aufienwelt erlebte, das 
war eine ganz elementare Tatsache seines Bewufitseins, so selbstver- 
standlich, wie uns die Bedeutung der Farben- und Tonerscheinungen 
ist. Man darf nicht annehmen, daft der Urmensch in einer besonders 
phantasievollen Weise dasjenige in die Aufienwelt hineingetraumt hat, 
was uns von ihm als Bewufitseinsinhalte berichtet wird. Er nahm es 
wirklich wahr in einer so selbstverstandlichen Weise, wie wir es heute 
tun. Die smnliche Anschauung ist nur ein Umwandlungsprodukt dieser 
ursprunglichen Anschauung des Urmenschen, der tatsachlich in der 
Aufienwelt das wahrnahm, was im atherischen, im astralischen Kosmos 
diejenigen Wesenheiten vollbringen, die den Kosmos in Tatigkeit, 
schaffend, erhalten. Das nahm er wahr, wenn auch wie im Traumen, 
ganz dumpf, aber er nahm es wahr, und dieses Wahrnehmen war zu- 
gleich der Inhalt seines religiosen Bewufitseins. Der Urmensch hatte 
eine gewisse Seelenverfassung gegeniiber der Umwelt, aber diese See- 
lenverfassung steigerte sich so, dafi er im ganzen ihn umgebenden Kos- 
mos zugleich die geistigen Wesenheiten wahrnahm, mit denen er sein 
eigenes Menschenwesen verwandt fuhlte. Fiir ihn war in seiner An- 
schauung die Verbindung gegeben, die wir in abgeleiteten Formen in 
unserem religiosen Bewufitsein haben. Fiir ihn war das religiose Be- 
wufitsein nur die hohere Stufe seines primitiven Erkennens. 



Wenn man ein neues religioses Bewulksein auf wahrer Erkenntnis 
begriinden will, so kann man auch nicht anders, als sich wieder in diese 
Seelenverfassung der Urmenschheit zuriickzuversetzen. Nur darf sie 
beim modernen Menschen nicht traumhaft, nicht halbbewufk sein, 
sondern sie muE wacher sein als das gewohnliche Bewufttsein, aufge- 
wacht, so wie ich es fur das Erringen der wahren Intuition geschildert 
habe, wo wir in der Tat die Fahigkeit erringen, mit unserem eigenen 
Ich aus uns herauszugehen und in die anderen geistigen Wesenheiten 
des Kosmos so unterzutauchen und so mit ihnen zu leben, wie wir im 
physischen Erdenleben in unserem physischen Organismus leben. Wir 
tauchen im Erdenleben unter in den physischen Organismus; wir tau- 
chen in der wahren intuitiven Erkenntnis mit unserem Ich unter in die 
geistigen Wesenheiten des Kosmos. Wir leben mit ihnen und erringen 
uns dadurch die Verbindung unseres Ich mit der Welt, der eigentlich 
dieses Ich angehort. Denn dieses Ich ist Geistwesen wie die anderen 
Geistwesen, auf die ich eben hindeutete, und wir erringen auf unmittel- 
bare Weise die Verbindung mit den Geistern, zu denen wir selbst geho- 
ren, durch ein religioses Bewulksein. Ein dumpfes, instinktives religioses 
Bewufksein war dem Urmenschen gegeben. Was des Urmenschen See- 
lenverfassung war, das miissen wir wieder heraufholen und in Vollbe- 
wufitheit erleben. Dann werden wir eine religiose Erkenntnis, eine Er- 
kenntnisreligion fur den modernen Menschen gewinnen. 

Wie wir die Seelenverfassung der Kindheit wieder heraufholen miis- 
sen und in Vollbewufitheit tauchen miissen, wenn wir moderner Philo- 
soph werden wollen, wie wir die Seelenverfassung der Menschheit einer 
mittleren Epoche, die den Atmungsprozefi in traumhafter Art zu einem 
wahrnehmenden Erkenntnisprozefi machen konnte, wie wir diese See- 
lenverfassung wieder heraufheben in unsere eigene und in Vollbewufit- 
heit tauchen miissen, um im modernen Sinne Kosmologen zu werden, 
so miissen wir auch die Seelenverfassung des Urmenschen in bezug auf 
sein Verhaltnis zur Aufienwelt wieder in uns heraufholen und in Vollbe- 
wulkheit tauchen, damit wir zu einer Erkenntnisreligion im modernen 
Sinne des Wortes kommen konnen. Die Seelenverfassung der Kindheit 
in Vollbewufitheit wieder zu erleben, ist die Voraussetzung wirk- 
licher moderner Philosophic Eine mittlere Menschheitsepoche, in wel- 



cher dkr Atmungsvorgang zu einem Wahrnehmungsprozefi werden 
konnte, in Vollbewufitheit wieder in unserem Seelenleben zu erleben, 
ist die Voraussetzung der modernen Kosmologie. Und die Seelenverfas- 
sung gar der Urmenschheit - der ersten Menschheit auf dieser Erde, die 
noch mit den Gottern in unmittelbarer Verbindung stand - wieder in 
die gegenwartige Seelenstimmung des modernen Menschen heraufzuhe- 
ben, sie darin regsam zu machen und in Vollbewufkheit zu tauchen, das 
ist die Voraussetzung einer Erkenntnisreligion fur den modernen Men- 
schen. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 9. September 1922 



Erkenntnis- und Willenstibungen 

Die Ubungen, urn zur Inspiration zu kommen, welche ich charakteri- 
siert habe, sind eigentlich fiir eine weitergehende tibersinnliche Erkennt- 
nis doch nur Voriibungen. Man kommt allerdings durch diese Obungen 
dazu, den eigenen menschlichen Lebenslauf in der Art, wie ich es cha- 
rakterisiert habe, schauen zu konnen, das schauen zu konnen, was sich 
als atherische Tatsachenwelt hinter dem Denken, dem Fiihlen und dem 
Wollen des Menschen in der Weite des Erdendaseins entfaltet. Man 
kommt dann durch das Fortschaffen derjenigen Bildanschauungen, die 
entweder in der Meditation oder infolge der Meditation im Bewufks.ein 
gewonnen werden, man kommt durch diese Herstellung des leeren Be- 
wulkseins auch dazu, die atherische Wesenheit des Kosmos und die 
darin waltenden geistigen Wesenheiten in ihren Offenbarungen ken- 
nenzulernen. Allein, wenn man in dieser Weise nur das menschliche 
Seelenleben kennenlernt, also die astralische Organisation des Men- 
schen, so wird einem zunachst klar, was in der Vererbungsentwicke- 
lung fiir die physische Organisation des Menschen vorliegt, mit anderen 
Worten, was der Mensch in den fortlaufenden Vererbungstatsachen von 
seinen Vorfahren fiir den physischen Leib ererbt. Man bekommt auch 
eine Anschauung dariiber, was in dem atherischen Organismus vom 
Kosmos herein gewirkt wird, was dann nicht der Vererbung unterliegt, 
sondern was sich der Vererbung entwindet und eine Bedeutung hat fiir 
die menschliche Individuality, was also den Menschen schon in seinem 
atherischen Leib und in seiner astralischen Organisation frei macht von 
dem, was er von seinen Vorfahren ererbt, von denen er seinen physi- 
schen Leib bekommt. 

Es ist aufterordentlich wichtig, auf diese Art genau zu der Unter- 
scheidung zwischen demjenigen zu kommen, was im fortlaufenden 
Strome der physischen Vererbung von den Vorfahren auf die Nach- 
kommen iibertragen wird und was dagegen aus der atherisch-kosmi- 



schen Welt heraus dem menschlichen Individuum gegeben wird, wo- 
durch dieses menschliche Individuum eigentlich erst personlich, indivi- 
duell ist und sich den vererbten Merkmalen entwindet. Dieses klar zu 
durchschauen, ist insbesondere wichtig fur die Erziehungswissenschaft, 
fiir die Padagogik; und gerade durch solche Erkenntnisse, auf die hier 
hingedeutet wird, konnen bedeutsame Grundlagen fiir den Padagogen 
gewonnen werden. Ich darf dabei vielleicht verweisen auf das Biichel- 
chen, das vorhanden ist in der Fassung von Albert Steffen iiber den 
Padagogischen Kursus, den ich hier in Dornach zu Weihnachten vori- 
gen Jahres gehalten habe, und auch auf das, was in der letzten Juli/ 
August-Nummer der englischen Zeitschrift « Anthroposophy» enthalten 
ist, das auch mit Bezug auf das Erziehungswesen interessant ist. 

Was an inspirierter Erkenntnis durch die charakterisierten Ubungen 
entwickelt wird, macht den Menschen nur bekannt mit der astralischen 
Organisation des Erdenlebens. Man lernt erkennen, was man als gei- 
stig-seelisches Wesen in seiner Entwickelung ist von der Geburt bis 
zum gegenwartigen Zeitpunkt, aber von dem, was man auf diese Weise 
erkennt, ist man aus diesen Erkenntmssen heraus noch nicht in der 
Lage, zu sagen, daft es mit dem Erdenlauf beginnt und auch mit dem 
Erdenlebenslauf endigt, Man kommt da sozusagen zu dem Geistig-See- 
lischen in seinem Erdenleben, aber man kommt nicht dazu, dieses Gei- 
stig-Seelische als ein Ewiges, als den ewigen Wesenskern des Menschen 
zu durchschauen. Dazu ist notwendig, daft die Ubungen im Fort- 
schaffen der durch die Meditation herbeigefuhrten Bilder so fortgesetzt 
und erweitert werden, daft die Seele immer kraftiger und energischer 
wird in diesem Fortschaffen. Dieses Weiterfiihren kann zunachst in 
nichts anderem bestehen als in fortdauerndem energischem Uben. Man 
mufi immer und immer wieder sich anstrengen, solche Bilder, die durch 
das imaginative Bewufttsein entweder herbeigefuhrt oder geschaffen 
werden, mit einer Kraft aus dem Bewufttsein fortzuschaffen, so daft das 
Bewufttsein ein leeres wird. Nach und nach verstarkt sich die Kraft der 
Seele in diesem Fortschaffen so, daft sie zuletzt eine so grofte ist, daft 
man jenes eine grofte Bild des Lebenslaufes selbst seit der Geburt, das 
man durch Imagination vor die Seele hingestellt erhalt, nun auch weg- 
schaffen kann. 



Also wohlgemerkt: Es ist moglich, die Ubungen fur das Fortschaffen 
eines Seeleninhaltes und fiir die Herstellung eines leeren Bewufttseins so 
weit fortzufuhren, dafi die Seele so stark wird, auch von dem eigeneh 
Lebenslauf zu abstrahieren. Und in diesem Moment, wo man dazu 
stark genug ist, lebt man in einem Bewulksein, das nicht mehr vor sich 
hat den physischen Organismus, nicht mehr vor sich hat den atheri- 
schen Organismus, damit aber auch alles dasjenige nicht mehr vor sich 
hat von der Welt, was durch den physischen und durch den atherischen 
Organismus aufgenommen wird. Fiir dieses Bewufitsein ist nicht vor- 
handen die Sinneswelt mit alien ihren Sinneseindrucken, fiir dieses Be- 
wufttsein ist aber auch nicht vorhanden die Summe alles atherischen 
Geschehens im Kosmos, zu dem man sich ja erst durch das imaginative 
Erkennen aufgeschwungen hat. Man hat also alles das weggeschafft. 
Dadurch ist ein hoherer Grad der Inspiration innerhalb der Menschen- 
seele herbeigefiihrt. Was dann durch diesen hoheren Grad der Inspira- 
tion auftritt, das ist der Zustand der Seele, in welchem sie war in einer 
geistig-seelischen Welt, bevor sie durch die Empfangnis, durch das em- 
bryonale Leben, durch die Geburt herabgestiegen ist in einen menschli- 
chen physischen Organismus. Man gelangt also auf diese Weise zu einer 
Anschauung des vorirdischen Daseins der Menschenseele. Man schaut 
hinein in diejenigen Welten, in denen die Seele war, bevor sie hier auf 
der Erde, ich mochte sagen, das erste Atom eines Physischen mit der 
Empfangnis iiberliefert erhalten hat. Man schaut zuriick in die Entwik- 
kelung dieser Menschenseele in der geistig-seelischen Welt, man lernt 
das praexistente Leben dieser Menschenseele kennen. Damit erst hat 
man die eine Seite der Ewigkeit des menschlichen Seelenkernes ergrif- 
fen. Und wenn man das ergriffen hat, dann hat man im Grunde ge- 
nommen erst die wahre Natur der menschlichen Ich-Wesenheit, des 
Geistesmenschen, erkannt. Der ist also erst jener Inspiration zugang- 
lich, die auch abstrahieren kann nicht nur von dem eigenen physischen 
Leib und seinen Eindriicken, sondern auch von dem eigenen Atherleib 
als Lebenslauf und seinen Eindriicken. 

Ist man bis zu dieser Erkenntnis der praexistenten Menschenseele in 
ihrem rein geistig-seelischen Dasein vorgeschritten, dann kann man 
auch eine Anschauung erhalten von dem, was eigentlich das Denken ist, 



das Vorstellen, das wir als Menschen in der Seele fur das gewohnliche 
Bewulksein im Erdendasein haben. Durch die Fahigkeiten und Krafte 
des gewohnlichen Bewufitseins kann man auch bei der sorgfaltigsten 
Selbstanschauung der Seele nicht dazu kommen, die Wesenheit des 
Denkens oder des Vorstellens zu durchschauen. 

Soli ich nun klarmachen, wie sich fiir diese Inspiration die Wesenheit 
des menschlichen irdischen Vorstellens darstellt, so muft ich mich eines 
Bildes bedienen, aber dieses Bild spricht die voile Realitat aus. Denken 
Sie sich einen menschlichen Leichnam. Dieser Leichnam hat noch die 
Formen, die der Mensch im Leben gehabt hat. Die Organe sind noch 
so gegliedert, wie der Mensch sie im Leben gegliedert hatte. Dennoch 
miissen wir sagen, wenn wir den Leichnam anschauen: Er ist nur der 
Rest desjenigen, was der lebendige Mensch war. - Aber wenn wir die- 
sen Leichnam nun seiner Wesenheit nach studieren, miissen wir uns sa- 
gen: So wie er als Leichnam vor uns liegt, kann er keine urspriingliche 
Wirklichkeit haben. Er ist nicht denkbar als etwas, das so entsteht, wie 
er als Leichnam ist; er kann nur als Rest eines lebendigen Organismus 
da sein. Der lebendige Organismus mufi zuerst dagewesen sein. - Die 
Formen des Leichnams, die Glieder, alles weist nicht nur auf den 
Leichnam hin, sondern auf das, aus dem der Leichnam geworden ist. 
Und wer den Leichnam in dem Zusammenhang des Lebens richtig an- 
schaut, der wird durch den Leichnam verwiesen auf das, aus dem der 
Leichnam geworden ist, auf den lebendigen Menschen. Die Natur, der 
wir den Leichnam iibergeben, kann diesen nur zerstoren. Sie kann ihn 
nicht als solchen aufbauen. Wollen wir auf die aufbauenden Krafte im 
Leichnam sehen, so miissen wir auf den lebendigen Menschen hin- 
schauen. 

Auf einer anderen Stufe, in einer ahnlichen Weise enthullt sich fiir die 
inspirierte Erkenntnis die Wesenheit desjenigen Denkens oder Vorstel- 
lens, das wir im gewohnlichen Bewufitsein haben. Dieses ist namlich 
eigentlich ein Leichnam, wenigstens etwas, das fortwahrend im Erden- 
leben in das Leichnamhafte des Seelischen ubergeht. Das lebendige 
Denken war vorhanden, als der Mensch noch nicht sein Erdendasein 
hatte, sondern in der geistig-seelischen Welt ein geistig-seelisches We- 
sen war. Da war dieses Denken und Vorstellen etwas ganz anderes; da 



war es ein Lebendiges im Geistesgeschehen. Und was wir als unsere 
Denkkraft im gewohnlichen Bewulksein haben, das ist ein Obriggeblie- 
benes von jenem Geistig-Lebendigen, das wir waren, bevor wir auf die 
Erde herabstiegen. Das ist iibriggeblieben, so wie der Leichnam von 
dem lebendigen physischen Menschen ubrigbleibt. Wie der Anschau- 
ung am Leichnam sich enthiillt, dafi der Leichnam zuriickfiihrt auf den 
lebendigen Menschen, so stellt sich dem, der durch die inspirierte Er- 
kenntnis jetzt auf das ersterbende, beziehungsweise schon tote Denken 
oder Vorstellen der Seele sieht, ihm stellt sich dar, wie er dieses Denken 
als den Leichnam des eigentlichen «Denkwesens» behandeln mufi, wie 
er dieses irdische Denken zuriickfiihren mufi auf ein iibersinnliches, 
lebens voiles Denken. 

Das ist es, was uns auch qualitativ das Verhaltnis eines Teiles unseres 
Seelenlebens zu unserem vorgeburtlichen, rein geistig-seelischen Dasein 
enthiillt. Wir lernen einfach auf diese Weise wirklich erkennen, was das 
gewohnliche Vorstellen und Denken bedeutet, wenn wir es zuriickbe- 
ziehen auf seine lebendige Wesenheit, die nicht innerhalb des Erdenda- 
seins zu finden ist, die im Erdendasein eben nur einen Abglanz hat. 
Und dieser Abglanz ist das gewohnliche Denken oder Vorstellen. Da- 
her steht dieses gewohnliche Denken oder Vorstellen mit seiner Ab- 
straktheit im Grunde genommen der wahren Wirklichkeit fern, wie der 
Leichnam des Menschen der wahren menschlichen Wirklichkeit fern- 
steht. Wenn wir von der Abstraktheit, von der blofien Intellektualitat 
des Denkens sprechen, dann ist es eben so, dafi wir dunkel fiihlen: So 
wie uns dieses Denken im gewohnlichen Bewulksein entgegentritt, ist 
es nicht das, was es sein sollte; es ist aus etwas geworden, in dem eigent- 
lich seine wahre Natur liegt. - Das ist das aufierordentlich Wichtige, 
daft eine wahre Erkenntnis nicht blofi in allgemeinen Redensarten, son- 
dern in konkreten Bildern dasjenige, was der Mensch hier im physi- 
schen Leibe erlebt, zu beziehen versteht auf seinen ewigen Wesenskern, 
so wie es jetzt mit dem Denken, mit dem Vorstellen des gewohnlichen 
Bewufitseins geschehen ist. Dann gewinnt eigentlich erst die Anschau- 
ung iiber die Bedeutung der Imagination und Inspiration das rechte 
Licht, denn dann weift man, daft das tote oder ersterbende Denken im 
Grunde genommen durch jene Obungen, die man macht, urn die Inspi- 



ration herbeizufiihren, wiederum belebt wird, belebt wird innerhalb 
des physischen Erdendaseins. Inspirierte Erkenntnis erwerben ist also 
im Grunde genommen Belebung des ersterbenden Denkens. Dadurch 
wird man nicht etwa vollstandig zuriickversetzt in das vorgeburtliche 
Dasein, aber man bekommt durch die seelische Anschauung ein wirkli- 
ches Bild dieses vorgeburtlichen Daseins, von dem man weifl, dafi es 
nicht hier auf der Erde entstanden ist, sondern dafi es hereinleuchtet aus 
einem vorirdischen menschlichen Dasein in dieses Menschendasein. 
Man erkennt es an dem Bilde, dafi es das Erkenntniszeugnis ist fur den 
Zustand der menschlichen Seele im vorirdischen Dasein. 

Welche Bedeutung dies hat fur die philosophische Erkenntnis, soil im 
nachsten Teil dieses Vortrages auseinandergesetzt werden. 

Wie man auf diese Art in der Lage ist, die wahre Wesenheit des Den- 
kens und Vorstellens des gewohnlichen Bewufitseins zu erforschen, so 
kann man auch durch die hier gemeinte iibersinnliche Erkenntnis die 
Wesenheit, die hinter dem Wollen steckt, zur Anschauung bringen. 
Nur ist dazu notwendig nicht blofi die hohere Erkenntnis der Inspira- 
tion, sondern die hohere Erkenntnis der Intuition, die ich gestern cha- 
rakterisiert habe und von der ich sagte, dafi, um sie auszubilden, gewisse 
Willensiibungen notwendig sind. Wenn man diese Willensiibungen aus- 
fiihrt, gelangt man dazu, die eigene seelisch-geistige Wesenheit hinaus- 
zutragen sowohl aus dem physischen wie aus dem "atherischen Orga- 
nismus. Man tragt sie hinaus in die Geisteswelt selbst. Die eigene 
Wesenheit als Ich-Mensch und als astralische Organisation tragt man 
hinaus in die geistige Welt. Man lernt auf diese Art erkennen, was es be- 
deutet, auflerhalb seines physischen und seines atherischen Organismus 
zu leben. Man lernt erkennen, in welchen Zustand die Menschenseele 
kommt, wenn sie den physischen und den atherischen Organismus ab- 
geworfen hat. Das aber heiftt nichts Geringeres als: man bekommt auf 
diese Weise ein Vorgesicht desjenigen, was sich mit dem Menschen ab- 
spielt, wenn er durch das Ereignis des Todes geht. 

Durch das Ereignis des Todes werden der physische und der atheri- 
sche Organismus abgestreift. Sie werden so abgestreift, dafi sie in der 
Form, die sie im Erdendasein getragen haben, nicht mehr die Umklei- 



dung des Menschen bilden konnen. Was aber dann mit dem eigentli- 
chen menschlichen Wesenskern geschieht, das lernt man in der intuiti- 
ven Erkenntnis schon im Vorgesicht kennen, wenn man mit seinem 
Geistesmenschen, statt dafi man in seinem physischen Leibe ist, drau- 
fien ist in der Welt der geistigen Wesenheiten. Denn das ist man. Durch 
die intuitive Erkenntnis kommt man in die Lage, aufSerhalb seiner phy- 
sischen und atherischen Organisation so in anderen geistigen Wesenhei- 
ten drinnen zu sein, wie man sonst hier im Erdenleben in seinem physi- 
schen und in seinem atherischen Leib drinnen ist. Was man also durch 
die Intuition bekommt, ist ein Erlebnisbild dessen, was man durchzu- 
machen hat, wenn man durch das Ereignis des Todes geht. Erst in die- 
ser Art ist eine wirkliche Anschauung zu gewinnen von dem, was der 
Idee der unsterblichen Menschenseele zugrunde liegt. Diese Menschen- 
seele ist - das lehrt schon die inspirierte Erkenntnis - nach der einen 
Seite ungeboren. Nach der anderen Seite ist sie unsterblich. 

Das lehrt die Intuition. Auf diese Art aber, da man durch sie die 
wahre Wesenheit des menschlichen ewigen Wesenskernes kennenlernt, 
insofern er ein Leben nach unserem physischen Tode zu fuhren hat, 
lernt man auch dasjenige erkennen, was hinter dem menschlichen Wol- 
len steckt. Was hinter dem menschlichen Denken steckt, ist soeben cha- 
rakterisiert worden; das ist durch die Inspiration erkennbar. Was hinter 
dem menschlichen Wollen steckt, wird erkennbar, wenn man durch 
Willensubungen die Intuition herbeifuhrt. Dann enthullt sich einem das 
Wollen so, dafi hinter ihm etwas ganz anderes steckt, von dem das 
Wollen des gewohnlichen Bewufkseins lediglich der Abglanz ist. Dann 
zeigt sich namlich, dafi das Wollen etwas hinter sich hat, das in gewis- 
sem Sinne ein jiingeres Glied des menschlichen Seelerilebens ist. Wenn 
wir vom Denken und vom Vorstellen als einem Ersterbenden, ja als von 
einem schon Toten sprechen und es ansehen als den alteren Teil der 
menschlichen Seele, dann miissen wir demgegenuber das Wollen als den 
jiingeren Teil der Menschenseele ansprechen. Wir konnen sagen, dafi 
das Wollen, beziehungsweise das, was als eigentliches Seelisches hinter 
dem Wollen steckt, sich zu dem Denken so verhalt wie ein junges Kind 
zu einem Greise. Nur ist, wenn wir auf Kind und Greis hinschauen, in 
der menschlichen Organisation die Greisenorganisation eigentlich zeit- 



lich nach der kindlicheti Organisation vorhanden. Im Seelischen dage- 
gen bestehen das Kindliche und das Greisenhafte riebeneinander. Die 
Seele hat ihr Alter und ihre Jugend, ja sogar ihren Tod und ihre Geburt 
fortwahrend in sich. 

Gegeniiber einer solchen, von Inspiration und Intuition getragenen 
Seelenerkenntnis, die ganz konkret ist, ist das, was man heute Philoso- 
phic nennt, etwas aufierordentlich Abstraktes, denn diese beschreibt 
einfach Denken und Wollen. Die wirkliche Seelenerkenntnis dagegen 
kann darauf hinweisen: wenn das Wollen alt ist, dann wird es ein Den- 
ken, und das altgewordene, ja erstorbene Denken hat sich aus einem 
Wollen entwickelt. Man lernt so wirklich das seelische Leben kennen, 
lernt auch hinschauen auf die Tatsache, dafi dasjenige, was sich uns in 
diesem Erdenleben als ein Denken enthiillt, in einem friiheren Erden- 
leben ein Wollen war, und was in diesem Erdenleben ein Wollen, also 
noch etwas Junges im Seelenleben ist, das wird im spateren Erdenleben 
ein Denken. 

So lernt man auf diese Weise hineinschauen in die Seele und lernt sie 
eigentlich erst wirklich kennen. Dann enthiillt sich einem der wollende 
Teil der Menschenseele als etwas, was ein embryonales Leben fuhrt. 
Wenn wir mit dem, was wir als ein Wollen in uns haben, hinausgehen 
in die geistige Welt, dann haben wir eine jugendliche Seele, die uns 
durch ihren eigenen Charakter dariiber belehrt, dafi sie eigentlich ein 
Kind ist. Und ebensowenig, wie wir von einem Kinde annehmen kon- 
nen, dafi es nicht weiter wachse zum Greise hin, wenn es nicht gerade 
krank ist, ebensowenig konnen wir von dem, was wir als jugendliche 
Seele erkennen, nun annehmen - das enthiillt uns die Intuition -, dafi 
sie sich mit dem Tode auf lost, denn sie hat ja erst ihr embryonales Le- 
ben erreicht. Wir lernen durch die Intuition kennen, wie sie mit dem 
Todesmoment hinausgeht in die geistige Welt. Das heifit, wirklich den 
ewigen Wesenskern des Menschen erkennen nach seiner Ungeborenheit 
und nach seiner Unsterblichkeit. Demgegeniiber arbeitet die moderne 
Philosophic nur in Ideen, die dem gewohnlichen Bewufitsein entnom- 
men sind. Was heifit das aber: Ideen, die dem gewohnlichen Bewufit- 
sein entnommen sind? Nun, wir konnen es ja aus dem Angefuhrten se- 
hen: das sind tote Seelenwesenheiten. 



Wenn also diese mit Ideen des gewohnlichen Bewufitseins arbeitende 
Philosophic den denkenden Teil der Seek richtig anschauen will, um zu 
Ergebnissen zu kommen, so wird sie, wenn sie unbefangen genug dazu 
ist, rein durch die Untersuchung dessen, was im Denken und Yorstel- 
len des gewohnlichen Bewulkseins vorliegt, sich sagen: Das erklart sein 
Dasein nicht aus sich selber ~, gerade so, wie man bei einem Leichnam 
sich sagen mufi: Der kann nicht aus einem Leichnam entstanden sein, 
der mufi aus etwas anderem entstanden sein. - Die Physiologie weist 
durch Anschauung darauf hin. Die Philosophic sollte aus dem, was hier 
durch Intuition vorliegt, den Schlufi ziehen: Gerade deshalb, weil das 
gewdhnliche Denken und Vorstellen einen ersterbenden Charakter hat, 
darf ich bei ihm auf ein Vorhergehendes schlie£en. - Was die Inspira- 
tion durch Anschauung ergriindet, das kann die Philosophic durch logi- 
sche Schliisse, durch Dialektik, das heilk auf indirekte, beweisende Art 
finden. 

Was miifke also eine Philosophic tun, die innerhalb des gewohnli- 
chen Bewulkseins stehenbleiben will? Sie mu£te sagen: Wenn ich mich 
nicht zu irgendeiner ubersinnlichen Erkenntnis aufschwingen will, 
miiike ich wenigstens analysieren, was im gewohnlichen Bewulksein 
vorliegt. - Und wenn sie es unbefangen macht, findet sie, dafi das Den- 
ken und Vorstellen des gewohnlichen Bewufkseins etwas Leichnam- 
haftes hat. Sie miifke also sagen: Weil das etwas ist, was seine Wesen- 
heit nicht aus sich selbst erklart, darf ich darauf schliefien, dafi die wirk- 
liche Wesenheit der Sache vorangeht. - Dazu gehort aber allerdings jene 
Unbefangenheit in der Analyse der Seele, die erkennt, dafi das Denken 
und Vorstellen etwas Leichnamhaftes hat. Aber diese Unbefangenheit 
ist moglich. Denn nur Befangenheit erkennt im Denken, wie es dem 
gewohnlichen Bewulksein gegeben ist, etwas Lebendiges. Unbefangen- 
heit enthullt dieses Denken als etwas, was fur sich selber abgestorben 
ist. Deshalb sagte ich auch im vorigen Vortrage: Es ist ganz gut moglich, 
in das erstorbene Denken den Inhalt der Naturwissenschaft hereinzu- 
nehmen. - Das auf der einen Seite. 

Die intellektualistische Philosophic kann also nur auf indirektem 
Wege zu einem Erkennen des ewigen Wesenskernes des Menschen 
kommen, und zwar nur durch das Erkennen dessen, was dem Erden- 



leben gegeniiber als ein Vorangehendes zu betrachten ist. Wenn dann 
eine solche Philosophic nicht nur auf das Denken eingeht, wenn sie 
nicht nur intellektualistisch sein will, sondern auch eingeht auf ein inne- 
res Erleben des Wollens, iiberhaupt der anderen Seelenkrafte, die im 
Weltenzusammenhange jiinger sind als das Denken, dann kann eine 
solche Philosophic sich eine Vorstellung machen von dem Wechselspiel 
zwischen dem Denken und dem Wollen. Sie kommt dann auf der einen 
Seite zu dem logischen Schlufi von dem Zusammenhang des ersterben- 
den Denkens zu dem vorirdischen Seelendasein, das sie nicht anschauen 
kann, das sie seiner Wesenheit nach nicht erkennen kann, auf das sie 
aber schliefien kann als auf etwas, das in einem Unbekannten da ist. 
Und wenn sie eingeht auf das Wollen oder auf die Gemiitskrafte und 
das Wechselspiel zwischen dem Denken und den Gemiitskraften erlebt, 
dann wird sie darauf kommen, nicht nur ein Ersterbendes, sondern 
auch ein Embryonales im Wollen zu erkennen. Das konnen Sie, wenn 
Sie es nur unbefangen in die entsprechenden Worte kleiden, sogar bei 
Bergson finden. An der Art, wie er spricht, wie er philosophiert, merkt 
man bei ihm den Impuls, den er selber empfindet, und durch dessen 
Empfindung er sich selber hineinversetzt in die Erkenntnis eines ewigen 
Wesenskernes der Menschenseele. Aber da Bergson es ablehnt, zu einer 
ubersinnlichen Erkenntnis zu kommen, so gelangt er nur zu einer Er- 
kenntnis des menschlichen Wesenskernes, insofern er sich im Erden- 
leben offenbart; und er kann eigentlich nicht aus seiner Philosophic biin- 
dige Beweise bekommen fur Ungeborenheit und Unsterblichkeit. Aber 
er charakterisiert auf der einen Seite, was alt geworden ist, als Denken - 
wenn er es auch anders benennt - und als Leichnamhaftes sich hiniiber- 
legend iiber die Sinnesanschauungen. Auf der anderen Seite fiihlt er - 
durch die lebendige Art, wie er es charakterisiert - das Embiyonale im 
Wollen, in das er sich lebendig versetzen kann und dem man anfuhlt: es 
ist ein Ewiges darinnen. Aber er kommt auf diese Art doch nur zu der 
Charakteristik des geistig-seelischen Wesenskernes des Menschen im Er- 
denleben, nicht dariiber hinaus. 

So kann man sagen: Alle blofi auf das gewohnliche Bewulksein bau- 
ende Ideen-Philosophie kann, wenn sie unbefangen ist, durch eine Ana- 
lyse des Denkens und Wollens auf einem indirekten Wege nur zu einem 



Schlusse dariiber kommen, daft die Seele ein ungeborenes und unsterb- 
liches Wesen ist, aber nicht zu einer direkten Anschauung dariiber. - 
Diese direkte Anschauung, das heiftt die Erfiillung der Ideenphiloso- 
phie, die Anschauung der wirklichen ewigen Wesenheit der Seele, die 
kann nur gewonnen werden durch Imagination, Inspiration und Intui- 
tion, wie sie hier geschildert wurden. Daher wird ein wirklicher Inhalt 
iiber das Ewige der Menschenseele, wenn er auch heute in der Philoso- 
phic auftritt, doch nur traditionell aus alteren traumhaften Erkenntnis- 
sen geschopft sein, wenn es auch die Philosophen oft nicht wissen und 
glauben, daft sie es aus sich selbst herausholen. Dieser Inhalt kann 
durchzogen sein von Dialektik und Logik. Aber eine wirkliche Erneue- 
rung des philosophischen Lebens ist davon abhangig, daft das Geistes- 
leben der Gegenwart anerkennt vollbewuftte Imagination, vollbewuftte 
Inspiration, vollbewuftte Intuition, und daft es diese Erkenntnismetho- 
den nicht nur anerkennt, sondern deren Ergebnisse fur das philosophi- 
sche Leben auch wirklich verwendet. 

Wie sich das fur Kosmologie und Religion ausnimmt, werde ich in 
den nachsten beiden Teilen der Betrachtung zu erlautern versuchen. 

Wenn Sie bedenken, daft man erst durch eine hohere Inspiration zur 
Anschauung des ewigen Wesenskernes des Menschen kommt, wie die- 
ser Wesenskern im aufterirdischen Dasein ist, so werden Sie sich sagen: 
Erst durch diese hohere Inspiration und - mit Riicksicht auf das, was 
ich iiber Intuition gesagt habe - erst durch die Intuition kann der 
Mensch sich selber eigentlich erkennen. - Also er kann das, was aus 
dem Kosmos in sein eigenes Wesen hereinspielt, erst durch die hohere 
Inspiration und durch die Intuition erkennen. Wenn er dasjenige, in das 
der Kosmos hereinspielt, namlich sich selbst, eigentlich erst in Inspira- 
tion und Intuition kennenlerat, so kann eine wirkliche Kosmologie - 
das heiftt ein Bild des Kosmos, das den Menschen nach seiner totalen 
Wesenheit mitumfaftt - erst entstehen innerhalb der inspirierten und in- 
tuitiven Erkenntnis. Dadurch erst erlangt der Mensch eine Anschauung 
von dem, was auch in seinem Erdendasein an seinem physischen und an 
seinem atherischen Organismus arbeitet. 

In diesem physischen und atherischen Organismus ist ja das Geistig- 



Seelische des Menschen nicht nur verborgen, sondern es ist wahrend 
des Erdendaseins fur das wache Tagesleben geradezu umgewandelt, me- 
tamorphosiert. Ebensowenig, wie die Wurzel eine Pflanze in ihrer 
wirklichen Gestalt wiedergeben kann, ebensowenig kann eine Be- 
trachtung des physischen und des atherischen Organismus eine An- 
schauung von dem ewigen Wesenskern des Menschen geben. Diese ge- 
winnt man nur, wenn man hineinschaut in das, was vom Menschen vor 
der Geburt und nach dem Tode lieet. Erst dann aber kann man die 
wahre Wesenheit des Menschen, die man aufterhalb des Erdendaseins 
zu konstatieren hat, auf einen Kosmos beziehen. Daher hat auch das 
moderne Geistesleben in der Zeit, in welcher es irgendeine Clair- 
voyance abgelehnt hat, gar nicht die Moglichkeit gehabt, zu einer Kos- 
mologie zu kommen, die den Menschen mitumfafit, wie ich es schon 
angedeutet habe, wie es aber insbesondere aus dem ersichtlich sein 
mufi, was ich heute geschildert habe. Dennoch hat man von philosophi- 
scher Seite immer in friiheren Zeiten, noch im Beginne des vorigen 
Jahrhunderts, namentlich aber am Ende des 18. Jahrhunderts, als einen 
Teil der Philosophic eine, wie man sagte, «rationelle Kosmologie» aus- 
gebildet. 

Diese rationelle Kosmologie, die ein Teil der Philosophic sein sollte, 
wurde von den Philosophen auch nur mit Hilfe des gewohnlichen Be- 
wulkseins ausgebildet. Aber wenn man schon mit der gewohnlichen 
Philosophic die eben charakterisierten Schwierigkeiten hatte, zur wah- 
ren Wesenheit der Seele vorzudringen, so wird man verstehen, da!5 es 
ganz unmoglich ist, einen wirklichen Inhalt fur eine Kosmologie zu 
gewinnen, die den Menschen mitumfalk, wenn man sich nur in den 
Ideen des gewohnlichen Bewufitseins bewegen will. Die rationelle Kos- 
mologie, welche die Philosophen noch bis vor kurzer Zeit ausgebildet 
haben, lebte daher ihrem Inhalte nach in Wahrheit von den aus der 
Tradition empfangenen kosmologischen Ideen, die von der Menschheit 
gewonnen worden sind, als noch ein traumhaftes Hellsehen vorhanden 
war, und die nur erneuert werden konnen durch das, was hier als 
exakte Clairvoyance geschildert wird. Die Philosophen haben auch auf 
diesem Gebiete nicht gewuEt, dafi sie eigentlich Anleihen machten bei 
der alten Kosmologie. Sie bekamen gewisse Ideen; diese nahmen sie auf 



aus der Geschichte der Kosmologie und glaubten, sie hatten diese Ideen 
aus sich selber heraus produziert. Aber was sie herausbrachten, waren 
nur logische Zusammenhange, durch die sie die alten Ideen zusammen- 
stellten und etwa eine neue Systematik brachten. So entstanden solche 
Kosmologien in friiheren Zeiten als Teil der Philosophic, aber da man 
kein lebendiges Verhaltnis mehr hatte zu dem, was man als Ideen auf- 
nahm, was man aus dem alten Hellsehen heriibernahm, so wurden die 
Ideen der Kosmologien immer abstrakter. 

Man sehe sich nur einmal die philosophischen Biicher friiherer Zeiten 
an in den Kapiteln, die iiber die Kosmologie sprechen, und man wird 
finden, wie abstrakt und im Grunde genommen leer diese Ideen sind, 
die da iiber Weltenwerden, iiber Weltenende und so weiter entwickelt 
werden. Man kann sagen, die Ideen sind heriibergenommen worden. In 
uralten Zeiten waren diese Ideen lebendig, weil der Mensch ein leben- 
diges Verhaltnis hatte zu dem, was diese Ideen ausdriickten. Allmahlich 
waren diese Ideen diinn und abstrakt geworden und man charakteri- 
sierte nur in aufterlicher Weise, was eine Kosmologie enthalten soil, die 
nicht nur auf die aufiere Naturordnung geht, die den Menschen seiner 
ganzen Wesenheit nach mitumfassen kann und die auf das Geistig-Seeli- 
sche des Kosmos geht. In dieser Beziehung hat der aufierordentlich 
geistvolle Emile Boutroux bedeutsame Charakteristiken gegeben, wie 
zu einer Kosmologie zu kommen sei. Da aber auch er nur auf das 
bauen will, was das gewohnliche Bewufitsein umfassen kann, so kam er 
auch nur zu einer abstrakten Kosmologie. 

So wurden die Kosmologien immer leerer und leerer an wirklichem 
Inhalt, wurden eine Summe von abstrakten Ideen und Charakteristiken. 
Daher ist es kein Wunder, dafi diese rationelle Kosmologie allmahlich 
sehr in Miftkredit gekommen ist. Die Naturforscher kamen herauf, 
welche die Natur so durchforschen konnten, als Triumpf der Naturwis- 
senschaft, wie das in der neueren Zeit geschehen ist. Sie konnen Natur- 
gesetze formulieren, aus Beobachtung und Experiment eine innere Re- 
gelmafiigkeit der Natur konstatieren und daraus eine naturalistische 
Kosmologie zusammenstellen. Was man so aus den Ideen iiber die au- 
fkre Natur als naturalistische Kosmologie zusammenstellte, hatte zwar 
nun einen Inhalt, den aufieren sinnlichen Inhalt. Gegen den kam die in- 



haltlose rationelle Kosmologie, welche die Philosophen konstruierten, 
nicht auf. Sie kam daher in Mifikredit; man liefi sie allmahlich fallen 
und spricht deshalb nicht mehr von einer rationellen, das heifit bloft 
logisch erschlossenen Kosmologie, sondern man begniigt sich jetzt mit 
einer naturalistischen Kosmologie, die aber den Menschen nicht um- 
fafit. 

So kann man sagen: Gerade die Kosmologie lehrt, noch mehr als die 
gewohnliche Philosophic, wie man wiederum zur Imagination, Inspira- 
tion und Intuition seine Zuflucht nehmen mufi. Die Philosophic kann 
wenigstens die Menschenseele beobachten und sie findet bei unbefange- 
ner Beobachtung des Denkens, das als Ersterbendes auf etwas anderes 
hinweist, daft aufterhalb des ganzen Menschendaseins etwas liegt, was 
den Menschen innerlich umfaftt; und ebenso kann sie iiber den Tod 
hinausweisen. Also kann die Philosophic wenigstens aus Schliissen, die 
aus dem reichen Seelenleben des Denkens, Fiihlens und Wollens gezo- 
gen sind, ihre Abstraktionen reich und mannigfaltig machen. Das ist 
noch moglich. Die Kosmologie als geistige Wissenschaft kann nur be- 
griindet werden, wenn man ihr einen Inhalt auch aus der geistigen An- 
schauung heraus gibt. Da kann man nicht einmal mehr auf einen Inhalt 
schlieften. Will man einen Inhalt haben, muft man ihn aus den alten 
hellseherischen Anschauungen entlehnen, wie man ihn in den traditio- 
nell iibernommenen Ideen hatte, oder man mufi auf eine neue Art, wie 
es dargestellt worden ist, wiederum dazu kommen. 

Ist also die Philosophic noch in der Lage, den logischen Weg durch- 
machen zu konnen, so ist eine Kosmologie dazu nicht mehr in der 
Lage. Daher hat sie auch nach und nach als rationelle Kosmologie, die 
nur auf das gewohnliche Bewufttsein bauen konnte, ihren Inhalt und 
damit ihren Kredit verloren. Und wollen wir wieder iiber die naturali- 
stische Kosmologie hinaus zu einer neuen Kosmologie kommen, die 
den Menschen in seiner Totalitat umfaftt, so miissen wir uns dazu be- 
quemen, durch Inspiration und Intuition dasjenige im Menschen anzu- 
schauen, in das der geistige Kosmos sich hereinspiegelt. Mit anderen 
Worten: Noch mehr als die Philosophic ist die Kosmologie darauf an- 
gewiesen, daft das neue Geistesleben die Methoden der vollbewufiten 
Imagination, Inspiration und Intuition anerkennt, und nicht nur diese 



Methoden anerkennt, sondern die Ergebnisse dieser Methoden auch fiir 
eine wirkliche Kosmologie verwendet. 

Was fiir die Religion von dieser Seite aus zu sagen ist, soil dann im 
letzten Teile dargestellt werden. 

Zu einer erkenntnismaEigen Grundlage des religiosen Lebens ist 
notwendig, dalS die Erlebnisse, die der geistige Mensch unter den gei- 
stigen Wesenheiten machen kann, in das Erdenleben hereingetragen 
und innerhalb desselben geschildert werden. Man hat es in diesen Er- 
lebnissen mit etwas zu tun, was dem irdischen Leben vollig unahnlich 
ist, von ihm ganz verschieden ist. Man hat es mit etwas zu tun, worin- 
nen der Mensch eigentlich nur aufierhalb des irdischen Lebens steht, 
was daher auch nur erfafit werden kann mit denjenigen Menschenkraf- 
ten, die ganz unabhangig sind von dem physischen und atherischen 
menschlichen Organismus, die also ganz gewifS nicht innerhalb des ge- 
wohnlichen Bewufkseins liegen konnen. Nur wenn dieses gewohnliche 
Bewufitsein zu hellseherischen Fahigkeiten aufsteigt, kann es Schilde- 
rungen derjenigen Erlebnisse entwerfen, die der Mensch in der rein gei- 
stigen Welt macht. Daher ist eine «rationelle Theologie», eine Theolo- 
gie, welche sich bloft auf das gewohnliche Bewufitsein stiitzen will, in 
einer noch iibleren Lage als eine «rationelle Kosmologie». 

Die rationelle Kosmologie hat immerhin noch etwas, was wenigstens 
hereinleuchtet in das menschliche Erdendasein, da ja - allerdings auf 
indirekte Weise, auf einem Umwege - auch der physische und der athe- 
rische Mensch etwas in ihrer Form, in ihrem Leben bewirkt werden 
von geistigen Wesenheiten. Die Erlebnisse aber, die der Mensch in rei- 
nen Geisteswelten hat und die durch exakte Intuition erfahren werden 
konnen, sie konnen nicht irgendwie aus dem gewohnlichen Bewufitsein 
erschlossen werden, wie es in der Philosophic der Fall ist. Sie konnen 
auch nicht einmal geahnt werden, sondern sie konnen heute, wo man 
alles, was menschliche Erkenntnis ist, aus dem gewohnlichen Be- 
wufitsein heraus gestalten will, in einer noch deutlicheren Weise als 
dies bei den kosmologischen Ideen der Fall ist, nur traditionell aus 
jenen Zeiten ubernommen werden, in denen die Menschen in traum- 
haftem Hellsehen sich hineingelebt haben in die geistigen Welten und 



in diese irdische Welt das heriibergetragen haben, was sie dort erlebt 
haben. 

Wenn sich jemand einbildet, er konne irgendwie in Ideen, die nur auf 
Grundlage des gewohnlichen Bewufitseins errichtet sind, irgend etwas 
aussagen iiber die Wesenheit dessen, was der Mensch in der Gotteswelt 
erlebt, so irrt er sich gewaltig. Daher ist die Theologie immer mehr und 
mehr dazu gekommen, eine Art historischer Theologie zu bilden, und 
dabei noch mehr als die Kosmologie nur die alten, in einem friiheren 
Hellsehen erworbenen Ideen iiber das Gottesreich aufzunehmen. Diese 
werden dann durch Logik und Dialektik in ein System gebracht. Man 
glaubt dann, etwas elementar Urspriingliches darin zu haben, aber es ist 
doch nur als Systematik das Eigentum derjenigen, die diese Theologie 
bearbeitet haben. Es ist ein historisches Produkt, zuweilen in neue 
Formen gegossen. Aber alles, was an wirklichem Inhalt vorhanden ist, 
das ist bei denen, die nur aus dem gewohnlichen Bewulksein schopfen 
wollen, eben der Tradition, der Geschichte entlehnt. Dadurch aber ist 
das, was einzelne Philosophen, die in friiheren Zeiten eine rationelle 
Kosmologie ausgebildet haben und auch als rationelle Theologie noch 
ausbilden wollten, noch mehr in Mifikredit gekommen. Dort ist die ra- 
tionelle Kosmologie in Mifikredit gekommen gegeniiber der naturalisti- 
schen Kosmologie; hier, auf religiosem Gebiete, ist die rationelle Theo- 
logie in MilSkredit gekommen gegeniiber dem, was sich als rein histori- 
sche Theologie herausbildete, die auf die reine Wirklichkeit verzichtete, 
auf das, was unmittelbares Hervorbringen von Ideen iiber die geistige 
Welt ist, von einem Erleben der geistigen Welt. 

Dieses unmittelbare Verhaltnis, diese lebendigen Beziehungen zu 
dem Erleben in der geistigen Welt waren der neueren Menschheit ei- 
gentlich schon in dem Zeitalter hingeschwunden, als im Mittelalter die 
Gottesbeweise aufkamen. Solange ein unmittelbares Verhaltnis zu dem 
im Gottesreich Erlebten vorhanden war, redete man nicht von dialekti- 
schen oder logischen Gottesbeweisen. Die Gottesbeweise selbst sind ein 
Beweis dafiir, dafi, als sie aufkamen, das lebendige Verhaltnis zum Got- 
tesreich erstorben war. Im Grunde genommen hatte die scholastische 
Theologie recht, die sagte: Die gewohnliche Vernunft ist nicht imstande, 
etwas auszusagen iiber das Gottesreich; sie kann nur die Ideen, die 



schon da sind, verdeutlichen, in ein System bringen. Sie kann nur etwas 
beitragen, um die Lehrgestalt in eine dem Menschen annehmbare Form 
zu bringen. 

In der neueren Zeit konnen wir beobachten, wie aus dieser Ohn- 
macht des gewohnlichen Bewufkseins, iiber das Gottesreich etwas aus- 
zumachen, zwei Verirrungen entstanden sind. Da sind auf der einen 
Seite die Wissenschafter, die iiber Religion, iiber Gott reden wollen, die 
aber die Ohnmacht des gewohnlichen Bewulkseins gegeniiber dem 
Gottesreich fiihlen und dann bloft eine Religionsgeschichte begriinden. 
Ein religioser Gehalt kann in der unmittelbaren Gegenwart auf diese 
Weise nicht hervorgebracht werden. Daher betrachtet man die beste- 
henden Religionen oder die bestandenen Religionen geschichtlich. Was 
betrachtet man da eigentlich? Man betrachtet das, was einmal als reli- 
gioser Gehalt da war durch das alte traumhafte intuitive Hellsehen. 
Oder man betrachtet das vom religiosen Leben in der Gegenwart, was 
noch als Rest aus dem alten traumhaft hellseherischen Zustande sich er- 
halten hat. Das bezeichnet man als Religionsgeschichte und verzichtet 
vollig auf die Hervorbringung eines eigenen religiosen Lebens. 

Andere wieder merken, dafi dieses gewohnliche Bewufksein, dieses 
klare Alltagsbewulksein im Menschen doch ohnmachtig ist, irgend et- 
was auszusagen iiber die Erlebnisse im rein geistigen Gottesreich. Da- 
her wendet man sich an die mehr unterbewulken Regionen der Men- 
schenseele, an die Gefiihlswelt, an gewisse mystische Fahigkeiten und 
spricht von einem unmittelbaren, elementaren Gotteserleben. Das ist ja 
heute sehr verbreitet, daft man von einem unmittelbaren, elementaren 
Gotteserleben spricht. Ja, gerade die Vertreter dieses elementaren Got- 
teserlebens sind fiir den Zustand der Geistesverfassung der Gegenwart 
besonders charakteristisch. Sie fliehen mit aller Macht die Moglichkeit, 
ihr Gottesbewufitsein in klare Ideen, die logisch gestaltet sind, zu brin- 
gen. Sie machen lange Ausfiihrungen dariiber, daft eben dieses die 
wahre Religion nach ihrer Meinung enthaltende elementare Gotteserle- 
ben nicht in logische Beweise gebracht werden konne, daft man darauf 
verzichten miisse, den religiosen Gehalt in intellektualistischen Formen 
auszudriicken. Solche Vertreter eines elementaren Gottesbewufttseins 
geben sich aber doch nur Illusionen hin, denn das, was irgendwo in 



einer Seelenregion erlebt wird, kann auch in klare Ideen gebracht wer- 
den. Und stellt man nach dem Muster dieser Leute die Theorie auf, der 
religiose Gehalt verliere, wenn er in klare Ideen umgesetzt wird, so 
zeigt man damit, dafi man sich nicht einem wirklichen, sondern nur 
einem ertraumten Ideengehalt hingegeben hat. Es ist ganz besonders cha- 
rakteristisch fiir die Gegenwart in bezug auf das religiose Leben, dafi 
man an etwas appelliert, das, wenn es zur Klarheit gebracht werden 
soil, eigentlich in den Irrtum verfallt. 

Daraus geht ganz besonders hervor, dafi wir zur Erneuerung der Er- 
kenntnisgrundlage des religiosen Lebens nur gelangen konnen, wenn 
wir eine Erkenntnismethode nicht abweisen, die hineinfuhren kann in 
die lebendige Anschauung des Erlebens des Geistesmenschen und der 
geistigen Wesenheiten. Gerade fiir die erkenntnismafiige Grundlegung 
der Religion brauchen wir diese Erkenntnismethode ganz besonders. 
Denn fiir die Religion kann das gewohnliche Bewufitsein hochstens Er- 
kenntnisse systematisieren oder verdeutlichen oder in eine Lehrgestalt 
bringen; finden kann es sie nicht. Sonst mufi sich die Religion beschran- 
ken auf das blofi traditionelle Aufnehmen des aus ganz anderen mensch- 
lichen Seelenverfassungen in friiheren Zeiten Hervorgegangenen. Damit 
miifite sie sich beschranken auf das, was dem an moderner Wissenschaft 
herangeschulten Bewufitsein niemals geniigen wiirde. 

Daher mufi fiir die erkenntnismafiige Grundlegung der Religion ein 
Satz ausgesprochen werden, den ich heute schon fiir andere Gebiete 
ausgesprochen habe, der aber fiir die einzelnen Zweige ganz besonders 
ausgesprochen werden mufi. Ich mufi ihn zum dritten Male jetzt fiir die 
erkenntnismafiige Grundlegung der Religion aussprechen: 

Soli das religiose Leben aus den geistigen Bediirfnissen der Gegen- 
wart heraus erneuert werden und eine lebendige Anfachung erfahren, 
so mufi das Geistesleben der Gegenwart vollbewufite imaginative, in- 
spirierte und intuitive Erkenntnis anerkennen - und insbesondere fiir 
das religiose Gebiet nicht nur anerkennen, sondern fiir den lebendigen 
religiosen Gehalt mufi dieses unser modernes Geistesleben diese gei- 
steswissenschaftlichen Ergebnisse auch in entsprechender Weise ver- 
wenden. 



FONFTER VORTRAG 
Dornach, 10. September 1922 



Scblaferlebnisse der Seek 

In der neuesten Zeit ist die Idee des Unbewufken aufgetaucht und es 
wird von ihr in der Psychologie sehr viel gesprochen. Man verweist in 
die Region des Unbewufken alles das im menschlichen Seelenleben, das 
von dem gewohnlichen Bewulksein nicht erreicht, nicht beobachtet, 
nicht erklart werden kann. Und wenn man von diesem Unbewufken 
spricht, dann setzt man doch voraus, daft dasjenige, wovon man eigent- 
lich meint, es miisse ein Unbekanntes bleiben, Krafte in sich enthalt, 
die hereinwirken in das bewuftte Seelenleben. Das Auftauchen dieser 
Idee des Unbewufken verdankt man allein dem Umstande, daft in der 
neueren Zeit eine gewisse Skepsis, ja ein Gefuhl der Ohnmacht einge- 
treten ist gegemiber der Bewaltigung der eigentlichen philosophischen, 
kosmologischen und Religionsprobleme. Die Erkenntnis, welche hier 
als imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis geschildert worden 
ist, hat nun aber die Aufgabe, einzudringen in dieses unbestimmte Re- 
servoir, das als «Unbewufttes» in der neueren Wissenschaft so vielfach 
figuriert. Durch diese iibersinnliche Erkenntnis sollen ja gerade die 
konkreten Tatsachen, welche dem gewohnlichen Bewufksein nicht zu- 
ganglich sind, durch das Erreichen anderer Bewufkseinszustande, in de- 
nen eine andere Seelenverfassung und deshalb auch eine andere Wahr- 
nehmungsfahigkeit da sind, erforscht werden. Ich mochte Ihnen heute 
ein Beispiel solcher Erforschung eines unbewufiten Seelengebietes dar- 
stellen, namlich die Erlebnisse, welche die Menschenseele durchmacht 
zwischen Einschlafen und Aufwachen. 

Was mit der Menschenseele im Schlafzustande vorgeht, bleibt fur das 
gewohnliche Bewufksein ein richtiges Unbewufkes. Allein man soil nur 
nicht glauben, dafi die Erlebnisse der Seele wahrend des Schlafzustandes 
weniger bedeutungsvoll, weniger einschneidend in das Leben des Men- 
schen seien als die Zustande, die Erlebnisse wahrend des Wachbewufk- 
seins. Gewifi, fur das aufiere Erdenleben, fur unser Schaffen und Arbei- 



ten, fur den aufteren Fortschritt der Menschheit kommt vor alien Din- 
gen das wache Tagesleben in Betracht. Fur die Konfiguration, fur das 
Werden des eigenen menschlichen Inneren kommen aber vor allem die 
reichen Erlebnisse des Schlafzustandes in Betracht. Diese reichen 
Erlebnisse des Schlafzustandes, wenn sie auch unbewuftt bleiben, 
sind deshalb doch real, und sie spielen in ihren Nachwirkungen her- 
ein in das wache Tagesleben. Nicht nur ist die allgemeine Seelenstim- 
mung des Menschen vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchsetzt 
und durchzogen von den Nachwirkungen des Schlaflebens, son- 
dern auch der physische und der atherische Organismus, die ja durch- 
kraftet sind von dem astralischen Organismus und von dem eigent- 
lichen Geistesorganismus, dem Ich-Organismus, auch sie werden 
wahrend des Wachlebens beeinfluftt von den Nachwirkungen des 
Schlaflebens. 

Die Erscheinungen stellen sich fur das gewohnliche Bewufttsein zu- 
nachst so dar, daft die auftere Sinneswahrnehmung abdammert, daft sie 
zuletzt ganz erloscht, daft ein solches Erloschen auch stattfindet fur das 
Denken, Fiihlen und Wollen, und daft, mit Ausnahme jenes Ober- 
gangszustandes, in welchem sich die Traume ereignen, der Mensch in 
einen bewufttlosen Zustand versinkt. Aber was wahrend dieses bewuftt- 
losen Zustandes mit der Seele vor sich geht, das ist - das muft ja wohl 
betont werden - etwas durchaus Reales, und was dem gewohnlichen 
Bewufttsein in dieser Beziehung unbewuftt bleibt, das kann die imagi- 
native, die inspirierte, die intuitive Erkenntnis beleuchten. So will ich 
Ihnen denn heute die Erlebnisse der Seele wahrend des Schlafzustandes, 
die unbewuftt bleiben, zunachst wenigstens skizzenhaft so schildern, 
wie Imagination, Inspiration und Intuition das dem gewohnlichen Be- 
wufttsein Unbewuftte schauen konnen. Ich werde Ihnen also die Erleb- 
nisse der Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen so schildern, als ob 
sie bewuftt erlebt werden, denn sie werden von der hoheren Erkenntnis 
bewuftt erlebt. Nicht, als ob die Seele die ganze Nacht unbewuftt ware, 
aber auch auf das, was sonst unbewuftt bleibt, kann eben in dem Zu- 
stande der Imagination, Inspiration und Intuition hingeschaut werden, 
so daft es beleuchtet werden kann und offenbar wird. Da zeigt sich 
dann das Folgende. 



Indem der Mensch zunachst in den Schlafzustand eintritt, hort die 
Sinneswelt urn ihn herum auf, fur die Seele da zu sein. Der Mensch 
dringt ein in ein solches inneres Erleben, das in sich undifferenziert ist, 
in einem gewissen Sinne unbestimmt ist. Die Seele fiihlt sich - ich sage: 
sie fiihlt sich; sie fiihlt sich nicht, aber wenn sie sich bewufit ware, 
wiirde sie sich fiihlen -, sie fiihlt sich vergroftert wie in einem weitaus- 
gebreiteten Nebel. Es ist in diesem innerlichen Erfiihlen und Erleben 
zunachst fur den ersten Zustand des Schlafes nicht Subjekt und nicht 
Objekt zu unterscheiden. Es sind auch nicht einzelne Erscheinungen 
und Tatsachen zu unterscheiden, es ist ein allgemeines Erfiihlen eines, 
wie gesagt, nebelhaften Weltempfindens. Und man fiihlt dieses nebel- 
hafte Weltempfinden wie sein eigenes Dasein. Nun tritt aber zugleich in 
dem schlafenden Menschen das auf, was man nennen konnte ein tiefes 
Bedurfnis, in der gdttlichen Wesenheit der Welt zu ruhen. In dieses 
Ausfliefien des Erlebens in einem allgemeinen undifferenzierten Zustan- 
de mischt sich hinein eine unbestimmte Sehnsucht - man mufi das Wort 
doch gebrauchen -, in Gott zu ruhen. Wie gesagt schildere ich so, als ob 
die unbewufk erlebten Ereignisse bewufit durchgemacht wiirden. So ist 
fur die Seele gewissermafien versunken die aufiere Tageswelt, alles, was 
sie durch die Sinne bekommt. Versunken sind auch alle die Antriebe, 
durch welche die Seele im Korper fiihlt, alle die Antriebe, durch welche 
die Seele ihre Willensimpule durch den Korper durchsendet. Vorhanden 
ist zunachst ein allgemeines Welterfiihlen mit einer Gottessehnsucht. 

In diesen Zustand, der als der erste nach dem Einschlafen eintritt, 
konnen sich die Traume hineinmischen, Traume, welche entweder Bil- 
der, symbolische Bilder aufieren Erlebens sind, Erinnerungsvorstellun- 
gen, symbolische Bilder innerer korperlicher Zustande und so weiter, 
oder Traume, in die sich auch hineinmischen konnen gewisse wahre 
Tatsachen der geistigen Welt, ohne dafi der nur mit dem gewohnlichen 
Bewufitsein behaftete Traumer eine deutliche Erkenntnis von dem er- 
werben konnte, was diese Traume eigentlich enthalten. Auch fur denje- 
nigen, der durch imaginative Erkenntnis - denn durch diese kann man 
es schon - in diesen Seelenzustand hineinschaut, sind die Traume nicht 
etwa eine Aufhellung des inneren Tatbestandes, sondern eher eine Art 
Verhullung der reinen Wahrheit. Denn diese reine Wahrheit in bezug 



auf das, was hier gemeint ist, kann von dem Menschen doch nur er- 
kannt werden, wenn er durch Seeleniibungen, wie sie geschildert wor- 
den sind, in der entsprechenden Weise sich in freiem Willen darauf 
vorbereitet. Nur als Erfolg dieser Seeleniibungen kann das reine An- 
schauen auch dieses ersten Schlafzustandes auftreten. 

Wenn man nun durch eine solche entsprechende Erkenntnis auf diesen 
ersten Schlafzustand hinblickt, wenn man ihn durchschaut, dann stellt 
er sich heraus, nicht ganz gleich, aber sehr ahnlich den unbewufiten Er- 
lebnissen in der allerersten Kindheit. Geradeso wie wenn der Mensch 
imstande ware, die Erlebnisse der ersten Kindheit, die aber unbewufit 
bleiben, sich zum Bewufitsein zu bringen und sie hineinzugiefien in die- 
jenigen Begriffe und Ideen des gewohnlichen Bewufitseins, welche die 
Philosophic bearbeitet - dann wiirden diese Ideen der Philosophic ja 
Realitat gewinnen, man wiirde sich in der Philosophic als in etwas Rea- 
les erheben -, so kann man auch sagen, dafi in dem ersten Stadium eines 
jeden Schlafzustandes der Mensch zum unbewufiten Philosophen wird, 
zu dem wird, was er im wachen Tagesbewufitsein an Ideen, dialekti- 
schen und logischen Gesetzen in seiner Seele verarbeitet. Konnte man 
das mit Wirklichkeitserleben durchsetzen, das in den Weltennebel der 
atherischen Welt Ausgeflossensein und die Sehnsucht der Seele, in Gott 
zu ruhen, konnte man diese beiden Seelenerlebnisse sich zum Bewufk- 
sein bringen und hineingiefien in die abstrakten philosop^ischen Ideen, 
so wiirden diese lebendig werden, und die Philosophic wiirde etwa das 
sein, was sie in Griechenland vor Sokrates war, und was sie in alteren 
Menschheitszeiten war, namlich inneres Wirklichkeitserleben. 

Wir haben nun zwei Stadien der Menschheitsentfaltung kennenge- 
lernt: das Stadium der allerersten Kindheit, das, wenn es zum Bewufit- 
sein gebracht wird, darstellen wiirde die Realitat der philosophischen 
Ideen; und wir haben jetzt verzeichnen konnen das Erlebnis des ersten 
Schlafzustandes, das sehr ahnlich ist dem unbewufiten Kindheitserlebnis 
und das ebenfalls, wenn es zum Bewufitsein gebracht wird, der im 
Wachzustande errungenen Philosophic Wirklichkeitserleben gibt. 

Das ist die Schilderung der ersten, nicht sehr lange dauernden Zu- 
stande, wie sie der Mensch durchmacht vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen. 



Nachdem die Menschenseele eine Zeitlang in dem geschilderten Zu- 
stande wahrend ihres Schlafes war, setzt sich dieser Zustand in einen 
anderen hinein fort. Diese zweite Etappe des Schlafes stellt sich so dar, 
daft der Mensch statt des Erlebens im eigenen physischen und atheri- 
schen Organismus, wie er es bei Tage hat, eine Art Erleben hat, so daft 
er den Kosmos, den er sonst bei Tage urn sich hat, in sich fiihlt. Und 
wahrend in der ersten Etappe des Schlafes kein deutliches Unterschei- 
den im Erleben der Seele da ist zwischen Subjekt und Objekt, wird 
jetzt immer mehr und mehr diese Unterscheidung bedeutungsvoll, nur 
daft der Mensch wahrend des Schlafes gewissermaften in den umgekehr- 
ten Zustand gekommen ist als wahrend des Wachens. Er fiihlt sich 
jetzt, erlebt sich im Kosmos und schaut zuriick als auf ein Objektives 
auf seinen physischen und seinen atherischen Organismus. So, wie er 
im Tagesbewufttsein seine Organe - Lunge, Leber, Herz und so weiter - 
in sich dumpf erlebt, so erlebt er jetzt wahrend des Schlafzustandes 
den kosmischen Inhalt in sich; er wird gewissermaften seelisch selber 
Kosmos. Nicht, als ob er sich zum ganzen Kosmos ausdehnte, sondern 
er erlebt etwas wie eine Nachbildung des Kosmos in sich. Aber die er- 
ste unbewuftte Erfahrung, die jedoch durchaus real ist, ist ein, ich 
mochte sagen, Zersplittertsein dieses inneren Erlebens der Seele, ein 
Verteiltsein der Seele auf viele Einzelheiten einer Mannigfaltigkeit. Die 
Seele erlebt sich nicht als Einheit, sie erlebt sich als eine Vielheit. So wie 
wir, wenn wir uns wahrend des Tages erlebten, uns nicht als dieser 
einheitliche Mensch, sondern als eine Vielheit von Augen, Ohren, Lun- 
ge, Leber und so weiter im Gehirn erleben wiirden und vermissen 
wiirden die Einheit, so erlebt man gewissermaften die kosmischen In- 
gredienzien, ohne wahrend des Schlafes ihre Einheit zunachst zu erle- 
ben. Das bewirkt einen Zustand der Seele, den man, wenn er bewuftt 
ware, bezeichnen miiftte als eine die Seele durchsetzende Angstlichkeit, 
als Angst. Wie gesagt, wenn man ihn im bewuftten Erleben darstellen 
will, so stellt sich dieser Zustand als Angstzustand dar. Aber die Seele 
erlebt real das, was so an objektiven Vorgangen dieser nachtlichen 
Angst zugrunde liegt, wie etwa im Tagesleben die organischen Vor- 
gange des physischen und atherischen Organismus demjenigen zu- 
grunde liegen, was die Seele als von innen kommende Angstlichkeit da 



oder dort erleben konnte. Es sind in der Tat die Ereignisse, die, man 
mochte sagen, angstmachende Ereignisse sind, durch die sich da die 
Seele durchzuleben hat. 

In diesem Stadium des Schlafes zeigt sich nun das Hineinwirken von 
Vorkommnissen des Tageslebens in das Schlafleben. Fur den modernen 
Menschen, der nach dem Mysterium von Golgatha lebt, zeigen sich da 
die Nachwirkungen dessen, was er wahrend des Tageslebens durch- 
macht an religioser innerer Hingabe zu dem Christus und zu dem My- 
sterium von Golgatha. Alles Hinblicken und Hinschauen, alle Vereh- 
rung und Anbetung, die man fur den Christus und fur das Mysterium 
von Golgatha im wachen Tagesleben entwickelt, sind von einer Nach- 
wirkung in diese zweite Etappe des Schlaflebens hinein. Fur diejenigen 
Menschen, die im Erdendasein vor dem Mysterium von Golgatha leb- 
ten, war das anders. Sie bekamen von ihren religiosen Fuhrern entspre- 
chehde Mittel, religiose Verrichtungen, deren Wirkungen sie hinein- 
nehmen konnten in das Schlafleben und die so wirkten, dafi diese 
Angstlichkeit im Schlafzustande nach und nach iiberwunden wurde. 
Fur den Menschen, der nach dem Mysterium von Golgatha lebt, ist es 
so, dal$ seine innere Verbindung mit dem Christus Jesus, sein Gefiihl 
der Zugehorigkeit zu dem Christus Jesus, die religiosen Verrichtungen, 
die er an den Christus Jesus richtet, iiberhaupt sein ganzes Verhaltnis 
zu dem Christus Jesus und das tatsachliche Ausleben dieses Verhaltnis- 
ses, dafi dies alles nun hineinwirkt in das Schlafleben und gewisserma- 
fien jene Angstlichkeit uberwinden hilft, welche die Seele bedriickt. 

Wie gesagt, schildere ich so, wie sich die Dinge vor dem inspirierten 
Bewulksein ausnehmen, wie sie aber als real durchaus von der Seele er- 
lebt werden. Daher stelle ich Begriffe auf, die eigentlich Begriffe des 
bewufken Lebens sind, aber die realen korrespondierenden Prozesse 
sind durchaus im Leben der Seele da. Wir begegnen in der Tat, wenn 
wir bei Tage ein Verhaltnis zu dem Christus entwickelt haben, wahrend 
dieser zweiten Etappe des Schlaflebens der fiihrenden Macht des Chri- 
stus. Diese fiihrende Macht des Christus ist es, durch welche wir jene 
die Seele bedriickende Angstlichkeit uberwinden. Und es entwickelt 
sich heraus aus dieser Angstlichkeit ein kosmisches Verhaltnis zur Welt. 
Es stehen infolge der Entwickelung dieses Verhaltnisses vor der Seele, 



aber eigentlich so, daft die Seele dies als ihr Innenleben erlebt, die Be- 
wegungen des Planetensystems unseres Sonnenkosmos. Nicht, als ob 
die Seele sich wahrend dieses Schlaflebens in die planetarische Welt hin- 
aus ausdehnte, aber eine innere Nachbildung der planetarischen Welt 
lebt sich in der Seele aus. Sie erlebt tatsachlich den planetarischen Kos- 
mos in einer Nachbildung. Wenn auch dasjenige, was die Seele also in 
jeder Nacht wie einen inneren klemen Globus, Himmelsglobus, erlebt, 
nicht in das Bewufitsein des Tageslebens hereinstrahlt, so strahlt es 
doch in die Wirklichkeit des Tageslebens hiniiber, und es lebt weiter 
vom Aufwachen bis zum Einschlafen im physischen und im atherischen 
Organismus. Wenn wir namlich den physischen und den atherischen 
Organismus in dem Atmungssystem, in dem Blutzirkulationssystem, in 
dem ganzen rhythmischen System durchschauen, so leben darin, beglei- 
tend die Atmungsstromungen, begleitend die Blutzirkulation, Reize, 
Impulse, welche in das wache Leben hereinwirken aus demjenigen, was 
als planetarisches inneres Erleben zwischen Einschlafen und Aufwachen 
von der Seele erlebt wird, so dafi in der Tat wahrend des Wachens in 
unserem Atmen, in unserer Blutzirkulation als nachwirkender Reiz die 
Planetenbewegungen unseres Sonnensystems pulsieren. Und wahrend 
des Schlafzustandes - wo der astralische und der Ich-Organismus 
aufierhalb des physischen und des atherischen Organismus sind, das 
erweist sich ja durch eine solche Beobachtung - da wirken die Planeten- 
bewegungen nicht unmittelbar, da werden sie von der Seele aufierhalb 
des physischen und des atherischen Organismus erlebt. Aber im Innern 
des schlafenden physischen Organismus zittern nach, vibrieren nach 
diese Reize, die von der vorhergehenden Nacht kommen, die wahrend 
des Tages Atmungsprozesse und Blutzirkulation durchpulsiert haben. 
Wahrend der folgenden Nacht ist dann eine Nachwirkung von ihnen 
da, und am nachsten Morgen erneuern sich diese Reize wiederum als 
die Folge dessen, was die Seele in der Nacht als innere Nachbildung des 
planetarischen Kosmos erlebt hat. 

Neben diesem kosmischen Erleben tritt aber noch etwas anderes in 
dieser zweiten Etappe des Schlaflebens auf. Die Seele bekommt ein 
deutliches Erleben von alien den Beziehungen zu Menschenseelen, die 
sie jemals in den verschiedenen Erdenleben gehabt hat. Wir haben ja in 



unserem Inneren, ich mochte sagen, die «Zeichen» von alien den Bezie- 
hungen, die wir jemals in den aufeinanderfolgenden Erdenleben zu 
Menschenseelen gehabt haben. Diese alle treten in einer gewissen bild- 
haften Weise jetzt vor die Seele. Die Seele erlebt, wenn auch unbewulk, 
aber real alles, was sie einmal im Rechten oder Unrechten mit anderen 
Menschen zu tun gehabt hat. Und ebenso erlebt sie werdend ihre Be- 
ziehungen zu geistigen Wesenheiten, die den Kosmos bewohnen und die 
niemals in einem physischen Korper leben, die also gegeniiber dem 
physischen Menschenleben immer ein iibersinnliches Dasein leben. Die 
Menschenseele lebt sich also wahrend des Schlafes auch hinein in ein 
reiches Netz von Beziehungen zu den Menschenseelen, zu denen sie 
solche Beziehungen angekmipft hat. Diese Beziehungen erscheinen 
wiederum, und ebenso erscheint alles das, was in diesen Beziehungen 
geblieben ist als die Nachwirkung von Recht oder Unrecht, das man 
Menschen getan hat, Gutes und Boses, was man ihnen zugefugt hat. 
Kurz, was gewordenes Schicksal des Menschen ist, stellt sich in diesem 
Stadium des Schlafes vor die Seele hin. 

Was eine altere Philosophie Karma genannt hat, tritt in diesem 
Schlafzustande jede Nacht vor die Menschenseele. Und wenn die plane- 
tarischen Erlebnisse als Reize fortwirken in Atmung und Blutzirkula- 
tion, also im physischen und atherischen Organismus des Menschen, 
dann zeigt sich fur den, der durch die inspirierte Erkenntnis solches zu 
beobachten vermag, dafi dieses Erleben der wiederholten Erdenleben 
auch hiniiberspielt in das Tagesbewufttsein, wenn es auch in diesem 
nicht unmittelbar gegenwartig ist. Fur die inspirierte Erkenntnis, die 
das anschaut, was da die Seele erlebt, ist dann die Tatsache der wieder- 
holten Erdenleben einfach gegeben, denn die wiederholten Erdenleben 
stellen sich in der Anschauung der Inspiration unmittelbar im Zusam- 
menhange mit demjenigen dar, was man schaut an Beziehungen zu 
Menschen, die man je gehabt hat. Indem man diese Beziehungen iiber- 
schaut, stellt sich einem die Entwickelung durch die wiederholten Er- 
denleben dar. Die eine Beziehung schaut man, die in ein bestimmtes 
Erdenleben zuriickweist, die andere, die in ein anderes weist und so 
weiter. Ebenso stellt sich das Karma als eine Tatsache vor den Men- 
schen hin. 



Was so wahrend des Schlafes von der Seele erlebt wird, das wirkt in 
das Tagesbewulksein in der Weise herein, daft die allgemeine Seelen- 
stimmung des Menschen, die als dumpfes Erfiihlen seiner selbst wah- 
rend des Tages spielt, abhangig ist von dem, was wir in dieser Etappe 
des Schlaflebens durchmachen. Ob wir uns gliicklich oder ungliicklich 
im dumpfen Innendasein fuhlen, ob wir uns frisch oder ermattet fiih- 
len, das ist im weiten Umfange eine Folge dessen^ was in diesen ge- 
schilderten Zustanden wahrend des Schlafes erlebt wird. Und so befin- 
den wir uns wahrend dieser Etappe des Schlafzustandes tatsachlich in 
dem Kosmos drauften, wenn auch das, was wir als Innenleben in der 
Seele erleben, eine Nachbildung des Kosmos ist, und wenn auch das, 
was wir iiber die wiederholten Erdenleben und iiber das Karma erleben, 
in Bildern, in Nachbildern vor die Seele tritt. In dem, was wir da als 
solche Nachbilder, kosmische und schicksalgemafte Nachbilder vor der 
Seele stehend haben, ist das enthalten, was des Menschen Innensein im 
Kosmos genannt werden kann. Und wenn man das, was man auf diese 
Weise durch die inspirierte Erkenntnis erringen kann, nun, indem man 
es zuruckstrahlen lafk ins gewohnliche Bewulksein, in Begriffe und 
Ideen fafit, dann hat man damit die wirkliche, auch den ganzen Men- 
schen umfassende Kosmologie. Diese Kosmologie ist dann eine erlebte 
Kosmologie. Wir konnen sagen: Der Mensch lernt, wenn er mit Be- 
wufhsein diese Etappe des Schlaflebens zuriickstrahlt, sich selber er- 
kennen als ein Glied der kosmischen Ordnung, wobei diese kosmische 
Ordnung sich planetarisch auslebt, also gewissermafien als kosmische 
Naturordnung. 

Aber jetzt tritt innerhalb der kosmischen Ordnung auch die morali- 
sche Weltordnung auf. Es ist nicht so wie hier im Erdendasein, dafi wir 
auf der einen Seite die Naturordnung haben, die ihre eigene Gesetzma- 
ftigkeit hat und moralfrei ist, und auf der anderen Seite die moralische 
Weltenordnung, die nur in der Seele erlebt wird fur das Erdendasein, 
sondern wir haben eine einheitliche Welt vor uns. Was wir als planeta- 
rischen Kosmos erleben, ist durchlebt und durchgeistigt von morali- 
schen Impulsen in fortstromender Entwickelung. Wir leben zugleich in 
einem natiirlichen und in einem moralischen Kosmos. 

Sie erkennen die voile Bedeutung dieser Nachtereignisse auch fur 



das Tagesleben. So konnen wir sagen, dafi fur die aufiere Konfiguration 
des Menschen das, was die Seele zwischen Einschlafen und Aufwachen 
im Kosmos erlebt, wesendicher und bedeutungsvoller ist als das, was 
sie wahrend des wachen Tageslebens vor sich hat, derm sowohl die 
physischen und atherischen Lebensfunktionen wie das moralische 
Sich-Befinden sind Ergebnisse des kosmischen Erlebens zwischen Ein- 
schlafen und Aufwachen. 

Die dritte Etappe des Schlaflebens ist dadurch zu charakterisieren, 
dafi das Erleben innerhalb des planetarischen Kosmos allmahlich iiber- 
geht in ein Erleben der Fixsternwelt, so dafi im Innenleben der Seele die 
Fixsternwelt in einer Art Nachbildung erlebt wird, aber so, da£ nicht 
etwa Nachbildungen jener aufieren Sinnesbilder der Fixsternkonsteila- 
tionen vorhanden sind, wie wir sie vor uns haben im wachen Tagesle- 
ben, sondern die Seele lebt sich ein in diejenigen Wesenheiten, von de- 
nen in den friiheren Betrachtungen gesagt worden ist, daf5 die Intuition 
sie als die entsprechenden geistigen Wesenheiten fiir die Sterne erkennt. 
Wir erleben hier in der Sinneswelt die sinnlichen Bilder der Sterne im 
physischen Bewufksein. Wenn die Intuition, wie ich es geschildert 
habe, iibergeht in die geistige Welt, so erkennt sie wiederum in gewis- 
sen geistigen Wesenheiten dasjenige, wofiir die Sonne und die anderen 
Fixsterne nur die physischen Nachbilder fiir unsere Tages-Sinneser- 
kenntnisse sind. Innerhalb dieser geistigen Wesenheiten der Sterne lebt 
die Seele in der dritten Etappe des Schlafzustandes. Sie fiihlt Nachbilder 
der Sternkonstellationen, das heifit aber eigentlich der Verhaltnisse, 
welche zwischen den Betatigungen der geistigen Sternwesen bestehen. 
Sie erlebt solche Konstellationen. 

In alterer traumhafter Wissenschaft hat man insbesondere das Her- 
einleben der Fixsternkonstellationen und des Tierkreises geschildert. 
Um diese handelt es sich ja hauptsachlich im seelischen Erleben des 
Schlafzustandes. Man bekommt in der Sinneswelt viel mehr ein Ent- 
sprechendes, ein Korrespondierendes fiir die entsprechenden einzelnen 
geistigen Wesenheiten, wenn man die Sternbilder ins Auge fafit statt der 
einzelnen Sterne, So lebt sich die Seele zwischen Einschlafen und Auf- 
wachen, wenn sie frei vom physischen und atherischen Leib ist, so frei, 



dafi sie diese beiden als Objekte vor sich hat, wie wir sonst die aufteren 
Sinnesdinge als Objekte vor uns haben. So Iebt sich die Seele tatsachlich 
als eine geistigeWesenheit in einenKosmos von geistigen Wesenheiten hin- 
ein. Was sie da unbewufit durchmacht, das kann die intuitive Erkenntnis 
beleuchten. Aber was da durchgemacht wird, hat auch seine Nachwir- 
kung in das wache Tagesleben herein, indem im wesentlichen die Konsti- 
tutionsart der menschlichen Gesundheit, der Gesamtheit der Gesundheit 
und der Frische des menschlichen Leibes - nicht der Seele wie im ersten 
Stadium des S.chlafes - eine Nachwirkung desjenigen ist, was die Seele 
jeweilig wahrend der Nacht unter den Sternenwesen durchmacht. 

Aber insbesondere stellt sich vor die Seele hin, sobald es erlebt wird, 
wenn auch nicht bewufit, das ganze Ereignis der Geburt im weitesten 
Sinne, das heilk das Hereinziehen der Seele durch die Empfangnis und 
durch das Keimesleben in einen physischen Menschenleib. Und wie- 
derum stellt sich vor die Seele das Verlassen des Leibes im Tode, der 
Ubergang in die geistig-seelische Welt von seiten des Geisteswesens des 
Menschen. Dasjenige also, was die Wahrheit ist iiber die Ereignisse Ge- 
burt und Tod, das stellt sich wirklich jede Nacht vor die Menschenseele 
hin. Und auch das ist eine Nachwirkung dieser Nachterlebnisse, dafi 
der Mensch wahrend des Tageslebens ein inneres dumpfes Gefiihl hat: 
Geburt und Tod bedeuten im menschlichen Leben nimmermehr das, als 
was sie sich nur fur die Sinnesbeobachtung darstellen. Es ist einfach 
nicht richtig, dafi der Mensch, wenn er ein gesundes Bewulksein hat, 
glauben konnte, Geburt und Tod seien in Wirklichkeit nur diejenigen 
Ereignisse, als die sie sich im aufSeren Sinnesleben darstellen. Es ist 
nicht wahr, dafi der Mensch diesen Glauben nur deswegen nicht hat, 
weil er sich in seiner Phantasie ausmalt, ein ewiges Wesen zu sein, ein 
Dasein zu haben iiber den Tod hinaus. Nein, dafi der Mensch dies nicht 
glauben kann, das riihrt davon her, weil in das Tagesleben herein in der 
Form eines dumpfen Gefuhls iiber die Welt und das Menschenleben 
dasjenige hereinstrahlt, was die Seele allnachtlich erlebt als Bild des 
Hereinziehens des Menschen aus einer geistigen Welt in das Erdenleben 
und des Wiederhinausziehens des Menschen in die geistige Welt. 

Es ist also, was wahrend des wachen Tageslebens als religiose Sehn- 
sucht, als religioses Bewufksein auftritt, eine Nachwirkung des Sternen- 



erlebens der Seele wahrend der Nacht. Und es ist dieses, was ich eben 
geschildert habe, die Etappe des tiefsten menschlichen Schlafes. Der 
Mensch lebt also eigentlich aus seinem Schlafe heraus sein religioses 
Tageserfuhlen. Ebenso, wie durch ein aus einem voll entwickelten 
Bewufitsein in Intuitionen gefafites, durchzogenes Urmenschheitserleben 
erkenntnismaftig das religiose Leben heute begriindet werden kann, 
ebenso kann gesagt werden, dafi diese religiose Erkenntnis gewonnen 
werden kann, wenn die menschliche ubersinnliche Intuition das Sta- 
dium des tiefsten Schlafes erkenntnismafiig beleuchtet. Denn das, was 
in den Tiefen des Schlafes ruht, war zugleich auch die das Gottliche 
bewahrende Quelle. Und da unser Tagesbewufitsein nur ein Abglanz ist 
von den Bewuikseinsmoglichkeiten, die es fur den Menschen gibt, so 
erscheint eben auch das, was der Mensch als natiirliches religioses Ge- 
fuhl in sich tragt, als ein solcher Abglanz dessen, was in Glorie und 
Grofiartigkeit, wenn auch unbewufit, im dritten Stadium des Schlafle- 
bens von der Seele durchgemacht wird. Der Mensch taucht ins Schlaf- 
leben unter nicht nur, um seinen ermudeten Korper zu erholen, nicht 
nur, um sich die Reize aus dem Schlafe zu holen, die seine Atmung und 
seine Blutzirkulation brauchen, nicht nur, um die anderen Anregungen, 
die er braucht, sich aus der geistigen Welt zu erwerben, sondern auch 
das, was den Menschen religios durchzieht, dringt hinauf an die Ober- 
flache der Seele, an die bewufke Tagesregion aus den tiefen Unter- 
schichten, durch welche das menschliche Seelenleben zwischen dem 
Einschlafen und Aufwachen hindurchstromt. 

Man mochte sagen: So wie der Mensch wahrend des ersten Stadiums 
des Schlafes, ahnlich wie in der ersten Kindheit, ein philosophisches 
Leben lebt - so paradox dies fur das Bewulksein der Gegenwart klingen 
mag -, so wie er im zweiten Stadium des Schlafes ein kosmologisches 
Leben lebt, so lebt er im dritten Stadium des Schlafes ein gottdurch- 
tranktes Leben. Der Mensch mufi dann aus diesem dritten Stadium des 
Schlafzustandes wieder zuruckkehren zum Tagesbewufitsein. 

Aus dem letzten Stadium des Schlafes kehrt der Mensch, indem er die 
angefuhrten Stadien in umgekehrter Reihenfolge durchmacht, wieder 
zum wachen Tagesbewulksein zuriick. Zunachst ist der Mensch ja als 



Seele, als Geist aufierhalb seines physischen und seines atherischen Or- 
ganismus, und man mufi, indem man das Phanomen des Schlafes voll- 
standig erkennen will, in intuitiver Erkenntnis sich die Frage beantwor- 
ten: Warum wird der Mensch wiederum zu seinem physischen und 
atherischen Organismus zuriickgezogen? Welcher Impuls waltet da? - 
Man erkennt diesen Impuls, wenn man geniigend weit die intuitive Er- 
kenntnis des Schlafes fortsetzt. Man erkennt dann - so wie man jene 
Geistwesenheiten erkennt, welche dem Sonnenfixstern und den Kon- 
stellationen der anderen Fixsterne entsprechen - als Impuls dafiir dieje- 
nigen Geistwesenheiten, deren Nachbildung in unserer physischen 
Sinneswelt der Mond ist. Die Krafte des Mondes durchsetzen ja unse- 
ren ganzen Kosmos. Und wenn wir durch die Intuition nicht nur das 
physische Dasein des Mondes, sondern auch das geistige Korrelat dieses 
physischen Daseins erkennen, dann finden wir in diesen geistigen We- 
senheiten, die dem physischen Mondendasein entsprechen, eben jene 
Wesen, welche in ihrem Zusammenwirken die Impulse abgeben, die 
uns, wenn wir das tiefste Stadium des Schlafes erreicht haben, wieder 
zuriickbringen in unseren physischen und in unseren atherischen Leib. 
Es sind iiberhaupt die Mondenkrafte, welche den astralischen und den 
Ich-Organismus des Menschen binden an den physischen und den athe- 
rischen Organismus. 

In jeder Nacht, in der die Seele aus der geistigen Welt einziehen will 
in einen physischen und atherischen Organismus, mufi sie sich einfugen 
in die Stromungen der Mondenkrafte. Es kommt dabei - das wird 
Ihnen ja natiirlich erscheinen - nicht in Betracht, ob Neumond oder 
Vollmond ist. Denn auch dann, wenn der Mond als Neumond sinnlich 
nicht sichtbar ist, wirken dennoch durch den Kosmos diejenigen Kraf- 
te, welche die Seele aus den geistigen Welten zuriickbringen in den 
physischen und atherischen Organismus, obwohl den Verwandlungen, 
die das sinnliche Mondenbild durchmacht und die als Halbmond, Voll- 
mond und so weiter gesehen werden, obwohl diesen sinnlichen Meta- 
morphosenbildern Vorgange in dem seelischen Wesen des Mondes ent- 
sprechen, die allerdings etwas zu tun haben mit dem Geist des Men- 
schen und der Menschenseele im physischen und atherischen Organis- 
mus. Man mochte sagen, die besondere Konfiguration des Zusammen- 



hanges zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Atheri- 
schen des Menschen ist bedingt durch diejenigen Krafte, die im Kosmos 
waken und weben und die ihren sinnlichen Ausdruck bekommen in je- 
nem Sinneswesen, das wir in dem Mondenwesen in seinen verschiede- 
nen Metamorphosen vor uns haben. 

So konnen wir auch in die verborgenen Seiten des menschlichen 
Wachlebens und Schlaflebens hineinblicken und uns dariiber unterrich- 
ten, was den Menschen am Morgen wieder zuriickbringt in das wache 
Tagesleben. Er kehrt durch die selben Stadien in umgekehrter Folge 
wieder zuriick. Und indem er durch das letzte Stadium durchgeht, das 
von Gottessehnsucht durchtrankt ist, mischen sich wiederum die 
Traume in das Schlafleben hinein, und der Mensch taucht allmahlich 
wieder in seinen physischen und atherischen Organismus unter. 

Warum der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geht, diesen 
Mondenkraften nicht mehr unterliegt, inwiefern er sich ihnen entzieht, 
indem er dann fur lange Zeit in die geistige Welt eintritt, dieses, sowie 
iiberhaupt die Geheimnisse der Geburt, des Todes und der wiederhol- 
ten Erdenleben zu betrachten, wird dann im wesentlichen der Inhalt des 
nachsten und des iibernachsten Vortrages sein. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 11. September 1922 



Der Ubergang vom seelisch-geistigen Dasein in der 
Menschenentwickelung zum sinnlich-physischen 

Aus den Darstellungen, die ich iiber inspiriertes und intuitives Erken- 
nen gegeben habe, wird ersichtlich geworden sein, daft es fur das 
menschliche Innere, fur das Geistig-Seelische des Menschen em kosmi- 
sches Erleben gibt. Ich konnte gestern darauf hinweisen, daft ein sol- 
ches kosmisches Erleben des Menschen vorhanden ist im Schlafzustan- 
de, nur daft es fur das gewohnliche Bewufttsein eben unbewulk bleibt. 
Der Mensch erlebt kosmisch, aber er weift im gewohnlichen Bewuftt- 
sein nichts davon. Man kann sagen, wahrend der Mensch im sinnlichen 
Erfahren im physischen Erdendasein sich erlebt in seinem physischen 
und atherischen Leib und das, was dieser physische und atherische Leib 
als Organe in sich haben, als sein Innenwesen ansieht, wird wahrend 
des kosmischen Erlebens, wie es zum Beispiel beim Schlafe geschieht, 
eine Nachbildung kosmischer Wesenheiten als Innenleben erfahren, so 
daft man tatsachlich sagen kann, schon fur den gewohnlichen Schlafzu- 
stand wird die gewohnliche Innenwelt des Menschen eine Auftenwelt. 
Der Mensch hat einfach, wenn er schlaft, den physischen und den athe- 
rischen Leib, die sonst sein Wesen ausmachen, als eine Auftenwelt vor 
sich, und das, was in der sinnlichen Beobachtung Umwelt, Kosmos ist, 
das wird in einem gewissen Sinne zu einer Innenwelt. 

Nur besteht wahrend des Schlafzustandes in dem astralischen Men- 
schen, in dem Ich-Menschen, ein fortlaufender Wunsch, wiederum in 
den physischen Leib zuriickzukehren. Dieser Wunsch wird ganz be- 
sonders regsam in demjenigen Stadium des Schlafes, das ich gestern als 
das tiefste bezeichnet habe, als den Schlaf - wenn ich ihn nach der ge- 
stagen Charakteristik so nennen darf - mit dem Fixsternbewulksein. 
Dieser Wunsch, wieder in den physischen und in den atherischen Leib 
zuriickzukehren, hangt natiirlich damit zusammen, daft lebensvoll wah- 
rend des Schlafzustandes vorhanden bleiben, da sind in der Welt der 



physische und der atherische Leib. Und daft der Mensch wiederum zu- 
riickkehren will, eine Begierde in sich entwickelt, wieder zuriickzukeh- 
ren, das wird in ihm angefacht, wie ich gestern ausgefuhrt habe, durch 
die im Kosmos wirksamen geistigen Mondenkrafte. 

Wenn man Geisteswissenschaft, Anthroposophie, in richtiger Weise 
verstehen will, raufi man sich klar dariiber sein, daft die einzelnen Ver- 
haltnisse von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dargestellt wer- 
den miissen. Es konnte zum Beispiel jemand einmal horen, daft ich ge- 
sagt habe: Der Grund, warum der Mensch wiederum am Morgen in 
den physischen und in den atherischen Leib zuriickkehren will, liegt 
darin, daft die Seele sich zuriicksehnt, den Wunsch hat, zuriickzukeh- 
ren. - Dann konnte jemand sagen: Diese Riickkehr hangt von den 
Mondenkraften ab. - Beides ist richtig, nur daft eben der Zusammen- 
hang besteht, daft der Wunsch, wieder mit dem physischen Organismus 
verbunden zu werden, angefacht wird wahrend des kosmischen Erle- 
bens durch die Mondenkrafte, die eben auch den menschlichen astrali- 
schen und den Ich- Organismus zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen durchsetzen. Diese Mondenkrafte, das heiftt ihr geistiges 
Korrelat, konnen nun nicht tatig sein, wenn der Mensch im vorirdi- 
schen Dasein ist, also bevor er aus der geistig-seelischen Welt herunter- 
gestiegen ist und sich in einen physischen Menschenleib eingekleidet 
hat. Wenn der Mensch im vorirdischen Dasein in einem rein geistigen 
Kosmos ist, so ist da zunachst keine Beziehung vorhanden zu einem 
physischen und zu einem atherischen Organismus, denn diese sind 
nicht da. Wahrend des Schlafes jedoch warten gewissermafien der phy- 
sische und der atherische Organismus, wiederum durchseelt und 
durchgeistigt zu werden von dem eigentlichen inneren Menschen. 

Ein solcher physischer und atherischer Organismus sind im vorirdi- 
schen Dasein des Menschen nicht vorhanden
…[truncated]