Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaftliche
Menschenkunde
Neunzehn Vortrage, gehalten in Berlin
zwischen dem 19. Oktober 1908 und 17. Juni 1909
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hans W. Zbinden
1 . Auflage (Zyklus A, enthaltend die Vortrage III, VII,
X, XI, XIII, XVII, XVIII, XIX) Berlin 1915
2. Auflage (erste Buchausgabe) erweitert um 11 Vortrage
und mit den vorhandenen Nachschriften verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1959
3. Auflage nach neu hinzugekommenen Nachschriften revidiert
Gesamtausgabe Dornach 1973
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Abdrucke in Zeitschriften und Einzelausgaben
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographic- Nr. 107
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwakung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1070-1
Zu den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachscliriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
maften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 328 ff.
Erster Vortrag, Berlin, 19. Oktober 1 908 9
Die astralische Welt
Zweiter Vortrag, 21 . Oktober 1908 26
Einige Merkmale der astralischen Welt
Dritter Vortrag, 23. Oktober 1908 42
Geschichte des physischen Planes und okkulte Geschichte
Vierter Vortrag, 26. Oktober 1908 56
Das Gesetz des Astral-Planes: Entsagung
Das Gesetz des Devachan-Planes : Opferung
Funfter Vortrag, 27. Oktober 1908 66
Uber das Wesen des Schmerzes, des Leides, der Lust und der Seligkeit
Sechster Vortrag, 29. Oktober 1908 73
Uber die vier menschlichen Gruppenseelen:
Lowe, Stier, Adler und Mensch
Siebenter Vortrag, 2. November 1908 . 82
Das Vergessen
Achter Vortrag, 10. November 1908 97
Das Wesen der Krankheitsformen
Neunter Vortrag, 16. November 1908 115
Wesen und Bedeutung der Zehn Gebote
Zehnter Vortrag, 8. Dezember 1908 132
Das Wesen der Erbsiinde
Elfter Vortrag, 21. Dezember 1908 148
Uber den Rhythmus der menschlichen Leiber
Zwolfter Vortrag, 1 . Januar 1909 161
Mephistopheles und die Erdbeben der Erde
Dreizehnter Vortrag, 12. Januar 1909 186
Rhythmen in der Menschennatur
Vierzehnter Vortrag, 26. Januar 1909 203
Krankheit und Karma
Funfzehnter Vortrag, 15. Februar 1909 220
Das Christentum im Entwickelungsgang unserer gegenwartigen
Menschheit. Fuhrende Individualitaten und avatarische Wesenheiten
Sechzehnter Vortrag, 22. Marz 1 909 240
Die Christus-Tat und die widerstrebenden geistigen Machte
Luzifer, Ahriman, Asuras
Siebzehnter Vortrag, 27. April 1909 261
Lachen und Weinen. Die Physiognomie des Gottlichen
im Menschen
Achtzehnter Vortrag, 3. Mai 1909 277
Die Auspragung des Ichs bei den verschiedenen Menschenrassen
Neunzehnter Vortrag, 1 7. Juni 1 909 295
Evolution, Involution und Schopfung aus dem Nichts
Hinweise 319
Namenregister 326
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 329
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 337
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 339
ERSTER VORTRAG
Berlin, 19. Oktober 1908
Manchen Winter haben wir uns hier zur Betrachtung geisteswissen-
schaftlicher Gegenstande zusammengefunden, und fiir eine kleinere
Gruppe von Ihnen ist es nun schon eine ziemliche Anzahl von Win-
tern, die uns zu solchen Betrachtungen zusammengefuhrt haben.
Wir diirfen aus Griinden, die wir vielleicht gerade anlaBlich der
demnachst stattfindenden Generalversammlung besprechen werden,
in diesem Augenblick in unserer Seele ein wenig zuriickblicken auf die
verflossene Zeit unseres anthroposophischen Zusammenlebens. Es
sind einige noch unter Ihnen, die in gewisser Beziehung eine Art von
Kern dieser Versammlung hier bilden und die sich ihre spirituelle
Grundiiberzeugung heriibergebracht haben aus friiheren Zeiten, die
sich dann vor sechs oder sieben Jahren mit uns vereinigt haben und
den Kern gebildet haben, um den sich dann nach und nach alle die
iibrigen suchenden Freunde, wenn man das Wort gebrauchen darf,
herumkristallisiert haben. Und wir diirfen sagen, daB im Laufe dieser
Zeit nicht nur die Zunahme dieser Versammlungen an Zahl uns
einiges sagen darf, sondern daB es uns nach einer andern Richtung
hin mit Hilfe derjenigen geistigen Machte, die bei einer im rechten
Sinne geleisteten geisteswissenschaftlichen Arbeit immer anwesend
sind, gelungen ist, bei unserer Arbeit eine gewisse innere Systematik
einzuhalten. Bedenken Sie - namentlich diejenigen, die ganz von
Anfang an unsere Zweigversammlungen mitgemacht haben-, wie wir
als ein kleiner Kreis vor sechs bis sieben Jahren begonnen haben
und wie wir uns ganz langsam und allmahlich, auch innerlich, inhalt-
lich, den Boden geschaffen haben, auf dem wir heute stehen. Wir
haben so begonnen, daB wir in gewisser Beziehung mit den einfach-
sten geisteswissenschaftlichen GrundbegrifFen zuerst versuchten, uns
eine Grundlage zu schaffen, und wir sind nach und nach dahin ge-
kommen, daB wir im letzten Winter immerhin hier die Moglichkeit
hatten - wenigstens in unsern Zweigversammlungen -, von Dingen
der verschiedenen Gebiete der hoheren Welten so zu sprechen, wie
man spricht von Ereignissen und Erfahrungen der gewohnlichen
physischen Welt. Wir konnten uns unterrichten von den verschie-
denen geistigen Wesenheiten und denjenigen Welten, welche gegen-
iiber unserer sinnlichen Welt eben iiber sinnliche sind. Und nicht nur,
daB wir so in einer gewissen Beziehung eine innere Systematik in
unserer Zweigarbeit eintreten lassen konnten, es konnten auch im
letzten Winter hier zwei Kurse gehalten werden, in welchen den-
jenigen, die sich nach und nach an den Kern angegliedert hatten,
die Moglichkeit geboten wurde, sozusagen den AnschluB an unsere
Betrachtungen zu finden.
Diejenigen unserer Mitglieder, welche sich zuruckerinnern an die
Anfange unscres gegenwartigen Zweiges, werden ja auch auf manche
Fahrlichkeiten und Hemmnisse dieser Arbeit zuruckblicken konnen.
Es sind einige unter Ihnen, welche es verstanden haben, durch alle
diese Fahrlichkeiten hindurch treu zu dem zu halten, was wir die
geisteswissenschaftliche Arbeit nennen. Es darf wohl gesagt werden,
daB die, welche verstehen, treu und geduldig und energisch aus-
zuhalten, gewiB auch iiber kurz oder lang sehen werden, daB es
gewisse Resultate einer solchen Treue und Energie wohl gibt.
Es ist schon gesagt worden und ofter wurde es hier betont, daB
wir es endlich dahin gebracht haben, iiber hohere Welten zu sprechen
wie iiber etwas, wir diirfen sagen Selbstverstandliches, und wir
haben hervorgehoben, daB diejenigen, die langere Zeit unsere Zweig-
versammlungen innerlich mitgemacht haben, sich dadurch eine
gewisse anthroposophische Reife angeeignet haben. Diese anthro-
posophische Reife liegt nicht in Theorien, nicht in irgendeinem be-
grifflichen Verstandnis, sondern sie liegt in einer inneren Stimmung,
die man sich im Laufe der Zeit aneignet. Wer eine Zeitlang das,
was die Geisteswissenschaft zu geben vermag, wirklich innerlich
aufnimmt, der wird allmahlich fuhlen, daB er Dinge anhoren kann
als wirkliche Tatsachen, als etwas Selbstverstandliches, die ihn vor-
her ganz anders beriihrt hatten.
So wollen wir denn auch gleich heute in diesem einleitenden Vor-
trag damit beginnen, riickhaltlos, wir diirfen sogar sagen, riicksichts-
los iiber ein gewisses Kapitel der hoheren Welten zu sprechen, wel-
ches uns tiefer hineinfiihren soil in das Verstandnis des menschlichen
Charakters und der menschlichen Personlichkeit. Denn im Grunde
genommen, wozu dienen sie denn, alle die Betr achtungen der hoheren
Welten, die wir anstellen? Wenn wir reden iiber die astralische Welt,
tiber die devachanische Welt, in welchem Sinne reden wir zunachst
dariiber als.Angehbrige der physischen Welt? Wir reden iiber diese
hoheren Welten gar nicht von dem BewuBtsein aus, als ob sie uns
ganz fremde Welten waren, die in gar keinem Zusammenhang stun-
den mit der physischen Welt, sondern wir sind uns bewuBt, daB das,
was wir hohere Welten nennen, um uns herum ist, daB wir darin leben
und daB diese hoheren Welten in unsere physische Welt hineinragen,
daB in den hoheren Welten die Ursachen und Urgriinde liegen fur
Tatsachen, die sich hier vor unsern physischen Augen, vor unseren
physischen Sinnen abspielen. So lernen wir dieses Leben, so wie es
um uns herum ist, in bezug auf den Menschen und die Natur-
ereignisse erst kennen, wenn wir das, was unsichtbar ist, aber sich
offenbart im Sichtbaren, wenn wir dieses andern Welten Angehorige
ansehen, um es beurteilen zu konnen da, wo es in unsere physische
Welt hineinspielt. Normale und abnorme Erscheinungen des gewohn-
lichen physischen Lebens werden uns erst klar, wenn wir das geistige
Leben, das hinter dem physischen ist, kennenlernen, dieses geistige
Leben, das viel reicher und umfanglicher ist als das physische Leben,
das nur einen kleinen Ausschnitt davon bildet.
Der Mensch steht - und muB stehen fur alle unsere Betrachtungen
- im Mittelpunkte. Den Menschen verstehen, heiBt eigentlich,
einen groBen Teil der Welt uberhaupt verstehen. Aber er ist schwie-
rig zu verstehen, und wir werden ein kleines Stuck Menschenver-
standnis uns aneignen, wenn wir heute von einigen Tatsachen - denn
die Zahl der Tatsachen ist eine ungeheure -, nur von einigen wenigen
Tatsachen der sogenannten astralischen Welt sprechen. Der Mensch
hat, wie Sie wissen, einen Seeleninhalt, der sehr mannigfaltig ist.
Wir wollen uns heute einmal einen Teil dieses Seeleninhaltes ver-
gegenwartigen. Gewisse Eigenschaften der Seele wollen wir vor
unsere Anschauung hinstellen.
Wir leben in unserem Seelenleben in den mannigfaltigsten Gefiihlen
und Empfindungen, in Gedanken und Vorstellungen, in Ideen und
Willensimpulsen. Das alles lauft ab in unserem Seelenleben vom
Morgen bis zum Abend. Wenn wir den Menschen oberflachlich
betrachten, so erscheint uns ja dieses Seelenleben mit Recht als
etwas in sich Geschlossenes, wie etwas in sich Zusammengeho-
riges. Betrachten Sie, wie Ihr Leben verflieBt, wenn Sie des Mor-
gens den ersten Gedanken hegen, wenn die erste Empfindung
durch Ihre Seele zuckt, der erste Willensimpuls von Ihnen ausgeht;
und betrachten Sie, wie bis zum Abend, wo das BewuBtsein in
Schlaf versinkt, Vorstellung an Vorstellung, Gefiihl an Gefiihl sich
angliedert, Willensimpuls an Willensimpuls. Das alles sieht aus wie
ein fortlaufender Strom. Im tieferen Sinne betrachtet, ist das aber
kein so fortlaufender Strom, denn durch das, was wir denken, fuh-
len und empfinden, stehen wir in einer fortwahrenden Beziehung -
die allerdings den meisten Menschen ganz unbewuBt bleibt - zu den
hoheren Welten. Betrachten wir nun heute die Beziehung, in der
wir stehen, in bezug auf die astralische Welt.
Wenn wir irgendein Gefiihl haben, wenn Freude oder Schreck
durch unsere Seele zuckt, so ist das zunachst ein Ereignis in unserer
Seele. Aber nicht bloB das. Wenn ein Mensch das hellseherisch prii-
fen kann, so kann er bemerken, daB in dem Augenblicke des
Schrecks oder der Freude von ihm etwas ausgeht wie eine leuch-
tende Stromung, die hineingeht in die astralische Welt. Aber sie geht
nicht sinn- und richtungslos hinein, sondern nimmt ihren Weg zu
einer Wesenheit der astralischen Welt, so daB dadurch, daB in uns
eine Empfindung aufglanzt, wir in eine Verbindung kommen mit
einem Wesen der astralischen Welt. Nehmen wir an, irgendein
Gedanke greift Platz in unserer Seele, sagen wir, wir denken nach
iiber die Natur eines Tisches. Indem der Gedanke unsere Seele
durchzittert, kann der Hellseher wiederum nachweisen, wie von
diesem Gedanken eine Stromung ausgeht hin zu einem Wesen der
astralischen Welt. Und so ist es fur jeden Gedanken, jede Vorstel-
lung, jede Empfindung. Von dem ganzen Strom des Lebens, der ab-
flieBt von der Seele, gehen fortwahrend Stromungen nach den ver-
schiedensten Wesen der astralischen Welt. Es ware eine ganz irrtum-
liche Vorstellung, zu glauben, daB diese Stromungen, die da aus-
gehen, etwa alle zu einem Wesen der astralischen Welt gingen. Das
ist nicht der Fall. Sondern von all diesen einzelnen Gedanken,
einzelnen Empfindungen und Gefiihlen gehen die verschiedensten
Stromungen aus, und sie gehen zu den verschiedensten Wesen der
astralischen Welt. Das ist das Eigenartige dieser Tatsache, daB wir
als einzelne Menschen nicht nur mit einem solchen Wesen in Verbin-
dung stehen, sondern daB wir die verschiedensten Faden spinnen zu
den verschiedensten Wesen der astralischen Welt. Die astralische
Welt ist von einer groBen Anzahl von Wesenheiten bevolkert, ebenso
wie die physische Welt, und diese Wesen stehen mit uns in der man-
nigfaltigsten Weise in Verbindung.
Wenn wir aber das ganz Komplizierte dieser Sache einsehen wol-
len, mussen wir noch etwas anderes in Erwagung Ziehen. Nehmen
wir an, zwei Menschen sehen einen Blitzstrahl und haben dem
gegeniiber eine ganz ahnliche Empfindung. Dann geht von jedem
der beiden Menschen eine Stromung aus; aber beide Stromungen
gehen jetzt zu ein und demselben Wesen der astralischen Welt. So
daB wir sagen konnen : es gibt ein Wesen, einen Bewohner der astra-
lischen Welt, mit dem setzen sich die beiden Wesen der physischen
Welt in Verbindung. Es kann sein, daB nicht nur ein Wesen, sondern
funfzig, hundert oder tausend Menschen, die eine ahnliche Empfin-
dung haben, Stromungen aussenden zu einem einzigen Wesen der
astralischen Welt. Indem diese tausend Menschen nur in dem einen
Punkte ubereinstimmen, stehen sie in Verbindung mit dem gleichen
Wesen der astralischen Welt. Aber denken Sie, was diese Menschen,
die in dem einen Falle eine gleiche Empfindung haben, sonst an ver-
schiedenen Empfindungen, Gefiihlen und Gedanken in sich tragen!
Dadurch stehen sie mit anderen Wesenheiten der astralischen Welt in
Verbindung ; dadurch gehen die verschiedensten Verbindungsstrange
von der astralischen Welt hinein in die physische Welt.
Nun gibt es die Moglichkeit, gewisse Klassen von Wesenheiten in
der astralischen Welt zu unterscheiden. Wir gewinnen am leichtesten
eine Vorstellung von diesen Klassen, wenn wir ein Beispiel ins
Auge fassen. Nehmen Sie eine groBe Anzahl von Menschen der
europaischen Welt, und nehmen wir einmal von den Seeleninhalten
dieser Menschen den BegrifF, die Idee des Rechtes. Sonst mogen die
Menschen die mannigfaltigsten Erlebnisse haben und dadurch mit
den verschiedensten Wesen der astralischen Welt in der verwickeltsten
Weise in Verbindung stehen. Dadurch aber, daB diese Menschen
uber den BegrifF des Rechtes in gleicher Art denken, in der gleichen
Weise diesen BegrifF sich angeeignet haben, stehen sie alle mit einem
Wesen der astralischen Welt in Verbindung, und dieses Wesen der
astralischen Welt konnen wir geradezu wie ein Zentrum, wie einen
Mittelpunkt ansehen, von welchem nach all den Menschen, die da
in Betracht kommen, Strahlen ausgehen. Und sooft diese Menschen
sich vergegenwartigen den BegrifF des Rechtes, sooft stehen sie in
Verbindung mit diesem einzigen Wesen. Genau so, wie die Menschen
Fleisch und Blut haben und sich daraus zusammensetzen, so besteht
dieses Wesen in dem BegrifF des Rechtes; es lebt darinnen. Ebenso
gibt es eine astralische Wesenheit fur den BegrifF des Mutes, des
Wohlwollens, der Tapferkeit, der Rache und so weiter. Also fur das,
was im Menschen Eigenschaften sind, Seeleninhalte, gibt es Wesen-
heiten in der astralischen Welt. Dadurch ist liber eine groBere Anzahl
von Menschen etwas ausgebreitet wie ein astralisches Netz. Wir alle,
die wir gleiche RechtsbegrifFe haben, sind eingebettet in einen
Korper einer astralischen Wesenheit, die wir geradezu nennen konnen
das Rechtswesen. Wir alle, die wir die gleichen BegrifFe haben von
Mut, Tapferkeit und so weiter, stehen mit einem und demselben
astralischen Wesen in Verbindung, das als seine Substantiality Recht,
Mut oder Tapferkeit hat. Dadurch ist aber auch jeder einzelne von
uns eine Art Konglomerat von Stromungen, denn wir konnen jeden
Menschen so ansehen, wie wenn von alien Seiten die astralischen
Wesen Stromungen in seinen Korper hineinsenden. Wir alle sind
ein ZusammenfluB von Stromungen, die aus der astralischen Welt
herauskommen.
Nun werden wir im Verlaufe der Wintervortrage immer mehr und
mehr darauf hinweisen konnen, wie der Mensch, der im Grunde
genommen auf diese Art ein ZusammenfluB ist von solchen Stromun-
gen, diese Stromungen in sich selber, um seinen Ich-Mittelpunkt
konzentriert. Denn das ist das Wichtigste fur des Menschen Seelen-
leben, daB er alle diese Stromungen zusammenfaBt um einen Mittel-
punkt, der in seinem SelbstbewuBtsein liegt. Dieses SelbstbewuBt-
sein ist deshalb etwas so Wichtiges im Menschen, weil es wie ein Be-
herrscher sein muB in der inneren menschlichen Wesenheit, der die
verschiedenen Stromungen, die von alien Seiten in uns einflieBen,
zusammenfaBt und in sich verbindet. Denn in dem Augenblicke, wo
das SelbstbewuBtsein nachlassen wiirde, konnte es eintreten, daB der
Mensch sich nicht mehr als eine Einheit fiihlte; es konnte eintreten,
daB alle die verschiedenen Begriffe des Mutes, der Tapferkeit und so
weiter, auseinanderfallen wiirden. Der Mensch wiirde dann kein Be-
wufitsein mehr davon haben, daB er eine Einheit ist, sondern er
wiirde sich fiihlen, als ob er aufgeteilt ware in alle die verschie-
denen Stromungen. Es gibt eine Moglichkeit - und da zeigt sich
uns, wie wir durch Kenntnis des wahren Sachverhaltes auch wirklich
in das Verstandnis der geistigen Welt eindringen konnen daB der
Mensch sozusagen die dirigierende Herrschaft verlieren kann iiber
das, was da in ihn hineinstromt. Denken Sie sich, Sie haben als ein-
zelner Mensch ein gewisses Leben hinter sich, Sie haben mancherlei
erlebt, haben von Jugend auf eine Anzahl Ideale gehabt, die sich
nach und nach in Ihnen entwickelt haben. Ein jedes solches Ideal
kann von dem andern verschieden sein. Sie haben das Ideal des Mutes,
der Tapferkeit, des Wohlwollens gehabt und so weiter. Dadurch sind
Sie in die Stromungen der verschiedensten astralischen Wesen hinein-
gekommen. Es kann auch auf eine andere Weise der Mensch in eine
solche verschiedene Aufeinanderfolge von Stromungen der astra-
lischen Wesen hineinkommen. Nehmen wir an, der Mensch habe im
Verlaufe seines Lebens eine Anzahl Freundschaften gehabt. Ganz
bestimmte Gefiihle und Empfindungen haben sich unter dem Ein-
fluB dieser Freundschaften, ganz besonders in der Jugend, entwik-
kelt. Dadurch gingen Stromungen zu einem ganz bestimmten Wesen
der astralischen Welt. Dann trat eine neue Freundschaft in das
Leben des Menschen ein; dadurch wurde er wieder mit einem andern
Wesen der astralischen Welt verbunden, und so das ganze Leben
hindurch. Nun nehmen wir an, durch eine Erkrankung der Seele trate
das ein, daB das Ich die Herrschaft iiber die verschiedenen Stromun-
gen verlore, daB es sie nicht mehr gruppieren konnte. Da wiirde der
Mensch dahin kommen, daB er sich nicht mehr als ein Ich fiihlte, als
geschlossene Wesenheit, als eine Einheit in seinem SelbstbewuBt-
sein. Wenn er sein Ich durch einen KrankheitsprozeB der Seele ver-
lieren wiirde, so wiirde er diese Stromungen so empfinden, als wenn
er nicht sich wahrnehmen wiirde, sondern diese einzelnen Stro-
mungen, als wenn er in sie ausflosse. Bestimmte Irrsinnsfalle sind
nur darauf zuriickzufuhren. Ein besonders tragischer Irrsinnsfall wird
Ihnen erklarlich werden, wenn wir ihn von diesem Gesichtspunkt
aus, von der astralischen Welt aus betrachten : Friedrkh Nietzsche.
Viele von Ihnen werden wohl davon gehort haben: Im Winter
1888 auf 1889 brach bei Friedrich Nietzsche der Wahnsinn aus. Es
ist interessant fur den Leser seiner letzten Briefe zu beobachten,
wie Friedrich Nietzsche sich aufteilte, in verschiedene Stromungen
zerteilte in dem Augenblick, wo er sein Ich verlor. Da schreibt er
an diesen oder jenen Freund oder an sich selber auch: «Da lebt ein
Gott in Turin, der einmal ein Professor der Philosophic in Basel
gewesen ist; aber er war nicht egoistisch genug, das geblieben zu
sein.» Also er hatte sein Ich verloren, und das kleidete er in solche
Worte. «Und es schreitet der Gott Dionysos am Po.» Und er schaut
herab auf alle seine Ideale und Freundschaften, die unter ihm hin-
wandeln. Er kommt sich vor bald als der Konig Carlo Alberto, bald
als ein anderer, bald sogar als einer der Verbrecher, von denen er in
den letzten Tagen seines Lebens damals gelesen hatte. Zu dieser Zeit gab
es zwei aufsehenerregende Falle von Morden, und in den Augen-
blicken seiner Krankheit identifizierte er sich mit den betreffenden
Frauenmordern. Da empfand er nicht sein Ich, sondern eine Stro-
mung, die in die astralische Welt hineinging. So tritt in abnormen
Fallen an die Oberflache des Lebens, was sonst durch das Zentrum
des SelbstbewuBtseins zusammengehalten wird.
Es wird immer mehr und mehr fur die Menschen notig sein, zu
wissen, was auf dem Grunde der Seele ist. Denn der Mensch ware
ein unendlich armes Wesen, wenn er nicht imstande ware, viele sol-
cher Stromungen zu bilden in die astralische Welt hinein; und er
ware doch auch ein sehr begrenztes Wesen, wenn er nicht dutch die
spirituelle Vertiefung seines Lebens die Moglichkeit gewinnen konnte,
allmahlich Herr zu werden iiber alle diese Stromungen. So daB wir
uns wirklich sagen miissen: Wir sind nicht innerhalb unserer Haut
begrenzt, sondern wir ragen iiberall hinein in die andern Welten, und
andere Wesen ragen in unsere Welt herein. Ein ganzes Netz von
Wesenheiten ist ausgesponnen iiber die astralische Welt.
Nun wollen wir gerade einige dieser Wesenheiten ein wenig genauer
betrachten, die in dieser Art mit uns in Beziehung stehen. Das sind
Wesen, die sich uns vergleichsweise etwa so darstellen : Die astralische
Welt umgibt uns. Denken wir uns hier eine solche Wesenheit, meinet-
willen die, welche mit dem Begriff und der Empfindung des Mutes
etwas zu tun hat. Sie erstreckt ihre Fangarme nach alien Seiten, und
diese Fangarme gehen in die menschlichen Seelen hinein; und indem
die Menschen Mut entwickeln, ist eine Verbindung zwischen diesem
Wesen des Mutes und der menschlichen Seele hergestellt. Andere
Menschen sind anders. Alle zum Beispiel, welche eine bestimmte
Form des Angst- oder des Liebesgefuhls entwickeln, stehen ja mit
einem Wesen der astralischen Welt in Verbindung. Wenn wir uns auf
diese Wesen einlassen, kommcn. wir zu dem, was wir nennen konnen
die Verfassung, das soziale Leben in der astralischen Welt. Die Men-
schen, wie sie hier auf dem physischen Plan leben, sind nicht blofi
einzelne Wesen; auch auf dem physischen Plan stehen wir in hundert-
faltigen und tausendfaltigen Verbindungen. Wir stehen in Rechts-
verbindung, in Freundschaften zueinander und so weiter. Es regeln
sich unsere Verbindungen auf dem physischen Plan nach unseren
Ideen, Begriffen, Vorstellungen und so weiter. In einer gewissen Weise
miissen sich auch die sozialen Verbindungen derjenigen Wesen auf
dem Astralplan, die wir jetzt eben vor unsere Seele hingestellt haben,
in irgendeiner Art regeln. Wie leben denn diese Wesen miteinander?
Diese Wesen haben keinen so dichten physischen Korper aus Fleisch
und Blut wie wir Menschen; sie haben astralische Korper, sind hoch-
stens atherischer Substanz. Sie strecken ihre Fuhlhorner aus in unsere
Welt hinein. Aber wie leben sie nun zusammen? Wenn diese Wesen
nicht zusammenwirken wiirden, ware auch unser menschliches Leben
ein ganz anderes. Im Grunde genommen ist ja unsere physische Welt
nur der auBere Ausdruck dessen, was auf dem astralischen Plan
geschieht. Wenn also ein Wesen in der Astralwelt ist, welches das
Rechtswesen ist und zu dem alle Gedanken hingehen, die sich auf
Recht beziehen, und ein anderes Wesen, zu dem alle Gedanken hin-
gehen, die sich auf Schenken beziehen, und dann in unserer Seele der
Gedanke entsteht: Schenken ist Recht- dann geht eine Stromung von
beiden Wesen aus und in unsere Seele hinein. Wir stehen mit beiden
in Verbindung. Wie vertragen sich nun diese Wesen untereinander?
Man konnte leicht versucht sein, zu glauben, daB das soziale Leben
auf dem astralen Plan ahnlich sei dem Leben auf dem physischen
Plan. Aber es unterscheidet sich das Zusammenleben auf dem astra-
lischen Plan ganz wesentlich von dem Zusammenwirken auf dem
physischen Plan. Die Menschen, welche die einzelnen Plane nur so
iibereinander gruppieren und die hoheren Welten so charakterisieren,
als wenn es dort ganz ahnlich zuginge wie in der physischen Welt,
beschreiben die hoheren Welten nicht richtig. Es ist ein gewaltiger
Unterschied zwischen der physischen Welt und den hoheren Welten,
und dieser Unterschied wird immer groBer, je hoher wir hinauf kom-
men. Es ist vor alien Dingen in der astralischen Welt eine bestimmte
Eigentumlichkeit vorhanden, die gar nicht auf dem physischen Plan
zu finden ist. Das ist die Durchlassigkeit, die Durchdringlichkeit der
Materie des astralischen Plans. Es ist in der physischen Welt un-
moglich, daB Sie sich hinstellen auf denselben Platz, wo schon ein
anderer steht; es ist die Undurchdringlichkeit ein Gesetz der phy-
sischen Welt. In der astralischen Welt ist es nicht so, da besteht das
Gesetz der Durchlassigkeit. Und durchaus moglich ist es, es ist sogar
die Regel, daB sich die Wesen durchdringen und in den Raum, wo
schon ein Wesen ist, ein anderes hineindringt. Es konnen zwei, vier,
hundert Wesen an einem und demselben Ort der astralischen Welt
sein. Das hat aber nun etwas anderes zur Folge, namlich, daB auf
dem astralen Plan die Logik des Zusammenlebens eine ganz andere
ist als auf dem physischen Plan. Sie werden am besten begrei-
fen, wie die Logik des Astralplans ganz verschieden ist von der
Logik des physischen Plans - nicht etwa die Logik des Denkens,
sondern die Logik der Tat, des Zusammenlebens wenn Sie das
folgende Beispiel nehmen.
Denken Sie sich einmal, eine Stadt hatte beschlossen, eine Kirche
zu bauen auf einem bestimmten Platz. Dann muB notwendigerweise
der weise Rat dieser Stadt erstens sich beraten, wie diese Kirche zu
bauen ist, was fur Anstalten dafur zu treffen sind und so weiter.
Nehmen wir nun an, es bildeten sich in der Stadt zwei Parteien. Die
eine Partei will auf diesem einen Platze eine Kirche bauen in einer
bestimmten Gestalt, mit einem gewissen Baumeister und so weiter,
die andere Partei will eine andere Kirche bauen mit einem andern
Baumeister. Da werden auf dem physischen Plan die beiden Parteien
ihre Absicht nicht ausfiihren konnen. Also es ist notwendig, bevor
man uberhaupt an etwas geht, daB eine Partei siegt, daB eine Partei
die Oberhand gewinnt und daB es ausgemacht ist, welche Gestalt die
Kirche haben soli. Sie wissen ja, daB tatsachlich der weitaus groBte
Teil des menschlichen sozialen Lebens abflieBt in solchen Beratungen
und solchen gegenseitigen Verhandlungen, bevor man irgend etwas
ausfiihrt; daB man sich einigt iiber das, was eigentlich zu geschehen
hat. Es wiirde ja nichts geschehen, wenn nicht in den meisten Fallen
doch irgendeine Partei die Oberhand gewanne und in der Majoritat
bliebe. Aber die Partei, die in der Minoritat bleibt, wird nicht ohne
weiteres sagen : Ich habe unrecht gehabt -, sondern wird weiter glau-
ben, sie habe recht gehabt. Es handelt sich in der physischen Welt
um die Diskussion iiber die Vorstellungen, die rein innerhalb der
physischen Welt entschieden werden miissen, weil es unmoglich ist,
daB man an einem und demselben Ort zwei Plane ausfiihren kann.
Ganz anders ist es in der astralischen Welt. Da ware es durchaus
moglich, daB an einem und demselben Orte, sagen wir, zwei Kirchen
gebaut wiirden. Solches geschieht tatsachlich in der astralischen
Welt fortwahrend, und es ist das einzig Richtige in der astralischen
Welt. Dort streitet man sich nicht so wie in der physischen Welt.
Man halt dort nicht solche Versammlungen ab und sucht eine Majo-
ritat fur dieses oder jenes herauszubringen ; es ist das dort auch gar
nicht einmal notig. Wenn sich hier der Rat einer Stadt zusammen-
setzt und von funfundvierzig Menschen vierzig eine Meinung haben
und die andern eine andere, da mogen sich die beiden Parteien, wie sie
so dasitzen, in Gedanken morden wollen wegen ihrer verschiedenen
Meinung, so ist es doch nicht so schlimm, weil sich auBerlich die
Dinge gleich stoBen. Es sucht nicht gleich jede Partei ohne Rucksicht
auf die andere ihre Kirche dahin zu bauen, weil auf dem physischen
Plan der Gedanke Seelengut bleiben kann; er kann da drinnen blei-
ben. Auf dem astralischen Plan ist es nicht so einfach. Da ist es so :
Wenn der Gedanke gefaBt ist, steht er in einer gewissen Beziehung
auch schon da. So daB also, wenn eine solche astralische Wesenheit
wie die, von denen ich eben gesprochen habe, einen Gedanken hat,
diese Wesenheit gleich die entsprechenden Fiihlfaden ausstreckt,
welche die Form dieses Gedankens haben, und ein anderes Wesen
streckt von sich die Fiihlfaden aus ; beides durchdringt sich nun gegen-
seitig und ist im selben Raum als neugebildete Wesenheit drinnen.
So durchdringen sich fortwahrend die verschiedensten Meinungen,
Gedanken und Empfindungen. Das Allerentgegengesetzteste kann
sich durchdringen in der astralischen Welt. Und wir miissen sagen:
Wenn in der physischen Welt iiber die Punkte, die wir besprochen
haben, Widerspruch herrscht, in der astralischen Welt herrscht
sogleich Widerstreit. Denn als Wesen der astralischen Welt kann man
nicht die Gedanken in sich zuriickhalten, die Gedanken werden so-
gleich Tat, die Gegenstande sind gleich da. Nun werden dort zwar
nicht solche Kirchen gebaut, wie wir sie auf dem physischen Plan
haben; aber nehmen wir einmal an, ein Wesen der astralischen Welt
wollte etwas realisieren, und ein anderes Wesen wollte das durch-
kreuzen. Diskutieren kann man da nicht, sondern da gilt der Grund-
satz: eine Sache muB sich bewahren! Wenn nun die beiden Fuhl-
horner wirklich in demselben Raume sind, dann fangen sie an, sich
zu bekampfen, und dann wird die Idee, welche die fruchtbarere ist,
die also recht hat - das ist die, die bestehen kann -, die andere ver-
nichten und wird sich geltend machen. So daB wir da fortwahrend
den Widerstreit haben der verschiedensten Meinungen, Gedanken
und Empflndungen. Auf dem astralischen Plan muB eine jede Mei-
nung zur Tat werden. Da streitet man sich nicht, da laBt man die
Meinungen kampfen, und diejenige, welche die fruchtbarere ist,
schlagt die andere aus dem Felde. Es ist sozusagen die astralische
Welt die viel gefahrlichere, und manches von dem, was uber die
Gefahrlichkeit der astralischen Welt gesagt wird, hangt mit dem
zusammen, was eben ausgesprochen worden ist. Also dort wird alles
zur Tat. Und die Meinungen, die da sind, miissen miteinander kamp-
fen, nicht diskutieren.
Jetzt werde ich eine Sache beriihren, die zwar fur die heutige
materialistische Zeit schockierend ist, die aber doch wahr ist. Wir
haben oft betont, daB unsere Zeit sich ja heute immer mehr einlebt
in das bloBe BewuBtsein der physischen Welt, also auch in die Charak-
tereigenschaften und Charaktereigentumlichkeiten der physischen
Welt; wo also, wenn die Diskussion angeschlagen wird, jeder den
andern, der nicht seiner Meinung ist, vernichten mochte oder ihn fur
einen Toren halt. So ist es in der astralischen Welt nicht. Da wird
ein Wesen sagen: Ich kiimmere mich nicht um andere Meinungen! -
Da herrscht absoluteste Toleranz. Ist eine Meinung die fruchtbarere,
so wird sie die andern aus dem Felde schlagen. Man laBt die andern
Meinungen ebenso bestehen wie die eigene, weil sich die Dinge
schon zurecht richten miissen durch den Kampf. Wer sich nach und
nach in die spirituelle Welt einlebt, muB sich nach den Gewohn-
heiten der spirituellen Welt richten lernen; und der erste Teil der
spirituellen Welt ist einmal die astralische Welt, wo solche Usancen
herrschen, wie sie eben charakterisiert wurden, so daB in einem Men-
schen, der sich einlebt in die geistige Welt, in einer gewissen Bezie-
hung auch die Gewohnheiten der Wesen der geistigen Welt Platz
greifen miissen. Und das ist auch richtig, Immer mehr soli unsere
physische Welt ein Abbild der geistigen Welt werden, und wir wer-
den dadurch in unsere Welt immer mehr Harmonie bringen, daB wir
uns eines vornehmen : das Leben in der physischen Welt soil sich ab-
spielen wie das Leben in der astralischen Welt. Wir konnen zwar
nicht an einem Orte zwei Kirchen bauen, aber wo die Meinungen
verschieden sind, laBt man sie sich gegenseitig in bezug auf ihre
Fruchtbarkeit in der Welt durchdringen. Die Meinungen, welche die
fruchtbarsten sind, werden schon den Sieg davontragen, wie das auch
in der astralischen Welt ist.
So konnen innerhalb einer spirituellen Weltenstromung die Charak-
tereigentiimlichkeiten der astralischen Welt geradezu hineinreichen in
die physische Welt. Das wird ein groBes Feld der Erziehung sein,
welches die geisteswissenschaftliche Bewegung zu bebauen haben
wird: immer mehr auf dem physischen Plan ein Abbild zu schaffen
der astralischen Welt. So sehr es den Menschen schockiert, der nur
den physischen Plan kennt und sich danach nur vorstellen kann, daB
nur eine Meinung vertreten werden konne und daB alle, die andere
Meinungen haben, Dummkopfe sein miissen, so wird es doch immer
mehr und mehr selbstverstandlich sein fur die Angehorigen einer
spirituellen Weltanschauung, daB eine absolute innerliche Toleranz
der Meinungen herrscht, eine Toleranz, die sich nicht darstellt wie die
Konsequenz einer Predigt, sondern wie etwas, was in unserer Seele
Platz greifen wird, weil wir uns immer mehr und mehr naturgemaB
die Usancen der hoheren Welten aneignen.
Was jetzt geschildert worden ist, diese Durchdringlichkeit, ist eine
sehr wichtige und wesentliche Eigentiimlichkeit der astralischen
Welt. Kein Wesen der astralischen Welt wird einen solchen Wahr-
heitsbegrifF entwickeln, wie wir ihn auf der physischen Welt kennen.
Die Wesen der astralischen Welt finden das, was im Physischen Dis-
kussion und so weiter ist, ganz unfruchtbar. Fur sie gilt auch der
Ausspruch Goethes : «Was fruchtbar ist, allein ist wahr !» Die Wahr-
heit muB man nicht durch theoretische Erwagungen kennenlernen,
sondern durch ihre Fruchtbarkeit, durch die Art, wie sie sich geltend
machen kann. Es wird also ein Wesen der astralischen Welt mit einem
andern Wesen niemals streiten, wie die Menschen es tun, sondern ein
solches Wesen wird zu dem andern sagen : Schon, tu du das Deine, ich
tue das Meine. Es wird sich schon herausstellen, welches die frucht-
barere Idee ist, welche Idee die andern aus dem Felde schlagen wird.
Wenn wir uns in eine solche Denkweise hineinversetzen, haben
wir auch schon an praktischem Wissen etwas gewonnen. Man darf
nicht glauben, daB die Entwickelung des Menschen in die geistige
Welt hinein sich in tumultuarischer Weise vollzieht, denn sie geschieht
innerlich, in intimer Weise. Und konnen wir darauf achtgeben und
uns so etwas aneignen, was jetzt als Eigentiimlichkeit der astralischen
Welt charakterisiert wurde, dann werden wir immer mehr dahin
kommen, solche Gefiihle, wie die astralen Wesen sie haben, als Muster-
gefuhle fur unsere eigenen zu betrachten. Wenn wir uns nach dem
Charakter der astralischen Welt richten, konnen wir hoffen, uns hinauf-
zuleben zu den geistigen Wesenheiten, deren Leben uns auf diese
Weise immer mehr und mehr aufgeht. Das ist es, was sich dabei als
das Fruchtbare fur die Menschen erweist.
Es soli das heute Besprochene in vieler Beziehung wie eine Art
von Vorbereitung sein fur das, was wir in den nachsten Vortragen
behandeln werden. Wenn wir iiber Wesen der astralischen Welt und
ihre Charaktereigentumlichkeit jetzt gesprochen haben, so miissen wir
doch schon heute darauf aufmerksam machen, da6 diese astralische
Welt sich doch in einer viel scharferen Weise unterscheidet von den
hoheren Welten, sagen wir von der devachanischen Welt, als man
leicht zu glauben geneigt sein konnte. Es ist ja wahr, die astralische
Welt ist da, wo unsere physische Welt auch ist. Sie durchdringt unsere
physische Welt, und alles, wovon wir schon manchmal gesprochen
haben, ist immer um uns herum in demselben Raum, wo auch die
physischen Tatsachen und die physischen Wesenheiten sind. Da ist
aber auch die devachanische Welt. Sie unterscheidet sich dadurch, daB
wir in einem andern BewuBtseinszustand die devachanische Welt er-
leben als die astrale.
Nun konnten Sie leicht glauben: Hier ist die physische Welt, sie
wird durchdrungen von der astralischen Welt, der devachanischen
und so weiter. - Das ist nicht so ganz einfach. Wenn wir die hoheren
Welten genauer, als wir das friiher getan haben, beschreiben wollen,
so miissen wir uns klar werden, daB doch noch ein anderer Unter-
schied besteht zwischen der astralischen Welt und der devachanischen
Welt. Unsere astralische Welt namlich, wie wir in ihr leben und wie
sie unseren physischen Raum durchdringt, ist in einer gewissen Be-
ziehung eine Doppelwelt, wahrend die devachanische Welt in einer
gewissen Weise eine einfache ist. Das ist etwas, was wir als eine Vor-
bereitung heute schon erwahnen wollen. Es gibt gewissermaBen zwei
astrale Welten, und die beiden unterscheiden sich in der Weise, daB
die eine sozusagen die astralische Welt des Guten, die andere die
astralische Welt des Bosen ist, wahrend es bei der devachanischen
Welt noch unrichtig ware, diesen Unterschied in so schroffer Weise
hinzustellen. Wir miissen also sagen, wenn wir die Welten von oben
nach unten betrachten: zuerst das hohere Devachan, dann die niedere
devachanische Welt, dann die astralische Welt, und dann die physische
Welt. Dann betrachten wir noch nicht die Gesamtheit unserer Wel-
ten, sondern wir miissen noch tiefere Welten betrachten als die phy-
sische. Es gibt noch eine unter unserer physischen Welt liegende
untere astralische Welt. Diejenige, die die gute ist, liegt iiber dem
physischen Plan, diejenige, die die bose ist, darunter, und auch diese
durchdringt die physische Welt praktisch. Nun gehen die verschie-
densten Stromungen hiniiber zu den Wesen der astralischen Welt.
Dabei miissen wir unterscheiden, daB Stromungen von guten und
schlechten Eigenschaften von den Menschen ausgehen zu den astralen
Wesenheiten. Die, welche gute Stromungen sind, gehen auch zu einer
guten Wesenheit hin, und die schlechten Stromungen gehen zu einem
entsprechenden schlechten Wesen der astralischen Welt hin. Und
wenn wir die Summe aller guten und bosen Wesen der astralischen
Welt nehmen, haben wir in einer gewissen Weise zwei astralische
Welten. Wenn wir die devachanische Welt betrachten, werden wir
sehen, daB das bei ihr in einem gleichen MaBe nicht der Fall ist. Es
stecken also in der astralischen Welt zwei Welten drinnen, die sich
gegenseitig durchdringen und die in gleicher Weise zum Menschen
eine Beziehung haben. Diese zwei Welten sind in bezug auf ihre Ent-
stehungsweise vor alien Dingen voneinander zu unterscheiden.
Wenn wir zuriickschauen in die Erdenentwickelung, kommen wir
zu einer Zeit, wo die Erde mit Sonne und Mond noch zusammen-
hangend war. In einer spateren Zeit war die Erde selbst Mond und
war ein Korper, der auBerhalb der Sonne war in der alten Monden-
zeit. Damals gab es schon eine astralische Welt, bevor unsere Erde
die jetzige Erde geworden ist. Aber diese astralische Welt ware,
wenn sie sich hatte ohne Hindernisse gerade fortentwickeln konnen,
die gute astralische Welt geworden. Dadurch aber, daB sich der
Mond getrennt hat von der Erde, ist in die allgemeine astralische
Welt eingegliedert worden die bose astralische Welt. Wir sind auf der
Erde in bezug auf die astralische Welt erst so weit, daG wir eine
bose astralische Welt eingegliedert bekommen haben. In der Zukunft
wird auch der devachanischen Welt eine bose eingegliedert werden.
Vorlaufig wollen wir uns durchaus vor die Seele halten, daB es nicht
eine, sondern im Grunde genommen zwei astralische Welten gibt:
eine, in die hineingehen alle die Stromungen, die fur den menschlichen
Fortschritt und die Fortentwickelung fruchtbar sind, und in die andere
astralische Welt, der zugleich auch Kamaloka angehort, gehen alle
die Stromungen, welche die menschliche Entwickelung hemmen. In
beiden astralischen Welten sind Wesenheiten, von denen wir in mehr
abstrakter Art heute kennengelernt haben, wie sie auf uns EinfluB
haben, wie sie selbst miteinander leben. Von dieser Bevolkerung der
hoheren Welten, von ihrer Verfassung, ihrer Konstitution werden
wir das nachstemal Genaueres kennenlernen.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 21. Oktober 1908
In diesem Vortrage, der noch zu den Einleitungen unserer eigent-
lichen «Generalversammlungs-Kampagne» gehdren soil, wird na-
mentlich ein Zweck verfolgt werden: zu zeigen, daB Geisteswissen-
schaft oder vielmehr die ihr zugrunde liegende spirituelle Betrach-
tungsweise der Welt in vollstem Einklange und vollster Harmonie
gerade mit gewissen Ergebnissen der speziellen Wissenschaftlich-
keit steht. Es ist fur den Anthroposophen, wie es sich insbesondere
bei popularen und offentlichen Vortragen zeigen kann, nicht ganz
leicht, voiles Verstandnis bei einem ganz unvorbereiteten Publikum
zu finden. Wenn Geisteswissenschaft zusammenstoBt mit einem ganz
unvorbereiteten Publikum, muB sich der Anthroposoph dessen ein
wenig bewuBt sein, daB er ja in bezug auf viele Dinge eine ganz
andere Sprache spricht als diejenigen, welche noch gar nichts oder
nur ganz obernachlich und auBerlich von den Erkenntnissen vernom-
men haben, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung zugrunde
liegen. Es gehort ein gewisses tieferes Eindringen dazu, um den Ein-
klang, die Harmonie zu finden zwischen dem, was heute in der auBe-
ren Wissenschaft so leicht gebracht werden kann, namlich zwischen
den Erlebnissen der sinnlichen Forschung und dem, was uns gegeben
ist durch die Erkenntnis des spirituellen, des hoheren, des iiber-
sinnlichen BewuBtseins. Man muB sich einleben, um ganz allmahlich
diese Harmonie wirklich zu iiberschauen. Dann aber wird man schon
sehen, wie ein schoner Einklang besteht zwischen dem, was der
Geistesforscher behauptet, und den Behauptungen, das heiBt der Auf-
zahlung von Tatsachen, die von der physischen Forschung vor-
gebracht werden. Man darf deshalb auch nicht gar zu ungerecht
sein gegen diejenigen, welche den Anthroposophen nicht verstehen
konnen, weil ihnen ja alle Vorbereitungen dazu fehlen, welche un-
bedingt erforderlich sind, um die Ergebnisse der Geistesforschung
erfassen zu konnen, und so miissen sie, in den meisten Fallen, schon
in den Worten und auch in den Begriffen etwas gan2 anderes den-
ken als das, was gemeint ist. Deshalb kann in weitem Umfange ein
groBeres Verstandnis fur die Geisteswissenschaft nur dadurch erzielt
werden, daB man ganz unverhohlen vom spirituellen Standpunkt
aus auch vor einem unvorbereiteten Publikum spricht. Dann wird es
unter diesen unvorbereiteten Leuten eine groBe Anzahl von solchen
geben, welche sagen: Das ist ja alles nur Torheit, Phantasterei, nur
ausgekliigeltes dummes Zeug, was da vorgebracht wird! - Einige
aber wird es immer geben, die durch die innersten Bedurfnisse ihrer
Seele zuerst eine Ahnung davon bekommen, daB doch etwas dahinter-
steckt, und die werden weitergehen und sich nach und nach einleben.
Solches geduldiges Einleben ist es, worauf es ankommen muB, und
das ist es auch, was wir erzielen konnen. Daher wird es sehr naturlich
sein, daB ein groBer Teil von denen, die aus bloBer Neugier zu einem
Vortrage iiber Geisteswissenschaft kommen, nachher leicht in der
Welt das Urteil verbreitet: Das ist eine Sekte, die nur ihr besonderes
Kauderwelsch verbreitet! - Aber wenn man die Schwierigkeiten
kennt, wird man auch die ruhige Geduld haben zu der Selektion, die
herausgebildet werden muB. Es werden sich die Personlichkeiten aus
dem Publikum selbst herausfinden und einen Kern bilden, durch den
dann die Geisteswissenschaft allmahlich einflieBen wird in unser gan-
zes Leben.
An einem besonderen Beispiel soil heute gezeigt werden, wie es fur
vorbereitete Schuler der Geisteswissenschaft, die sich schon daran
gewohnt haben, in den Vorstellungen zu denken und zu leben, welche
die Geist-Erkenntnis erweckt, leicht wird, sich abzufinden mit den
scheinbar schwierigsten Mitteilungen, die durch die positive physisch-
sinnliche Forschung gemacht werden. So daB sich der Lernende all-
mahlich das BewuBtsein aneignen wird: es gibt durchaus die Mog-
lichkeit fur mich, daB ich, je weiter ich fortschreite, einsehe, ein wie
gutes Fundament fur alle Welterkenntnis die Geistesforschung ist. -
Das wird dem Suchenden die Ruhe geben, die er braucht den Stur-
men gegeniiber, die sich deshalb gegen die Geisteswissenschaft er-
gieBen, weil sie ja fur viele eine ganz fremde Sprache spricht. Und
wenn wir die Geduld haben, uns in diese Harmonie einzuleben, so
werden wir auch immer groBere Sicherheit gewinnen. Wenn dann die
Leute sagen: Was ihr uns da er2ah.lt, stimmt ja nicht iiberein mit den
elementarsten Forschungen der Wissenschaft ! - dann wird der
Anthroposoph antworten: Ich weiB, daB dutch das, was die Geistes-
wissenschaft geben kann, voile Harmonie in bezug auf alle diese Tat-
sachen geschafFen werden kann, wenn es auch vielleicht im Augen-
blick keine Moglichkeit gibt, sich da zu verstandigen. Als ein beson-
deres Kapitel, urn mehr das BewuBtsein zu starken, wollen wir das,
was jetzt gesagt werden soli, vor unsere Seele hintreten lassen.
Der Schiiler der Geisteswissenschaft ist gewohnt, wenn er eine Zeit-
lang in der spirituellen Weltanschauung lebt, vom physischen Leib,
Atherleib, Astralleib so zu sprechen, daB sie fur ihn immer mehr
Begrifle werden, die er handhaben kann und die ihn fiihren und
leiten, wenn er ein Weltverstandnis der auBeren Dinge sucht. Er muB
sich nach und nach daran gewohnen, in dem, was als physische Leib-
lichkeit um ihn herum ist, nicht eine gleichartige, sondern eine diffe-
renzierte Leiblichkeit zu sehen. Er sieht den Stein an und sagt nicht :
der Stein besteht aus diesen und jenen Stoffen, der Menschenleib
auch, und deshalb kann ich den Menschenleib ebenso behandeln wie
den Stein. Denn schon der Pflanzenleib ist, wenn er auch aus den-
selben physischen Stoffen besteht wie der Stein, etwas ganz anderes :
er hat in sich den Atherleib, und der physische Leib der Pflanze
wiirde zerfallen, wenn ihn nicht in alien Teilen der Atherleib durch-
ziehen wiirde. Daher sagt der Geisteswissenschafter: der physische
Leib der Pflanze wiirde in Verwesung ubergehen, wenn nicht wah-
rend des Lebens der Atherleib ihn vor dieser Auflosung behutete,
gegen diese Auflosung kampfte. Wenn wir so die Pflanze betrachten,
finden wir sie als eine Ineinanderfiigung des Prinzips des physischen
Leibes und des Atherleibes.
Nun ist schon ofters betont worden, was das elementarste Prinzip
des Atherleibes ist, namlich das der Wiederholung. Ein Wesen, das
nur unter dem Prinzip des Atherleibes und des physischen Leibes
stande, wiirde in sich selbst das Prinzip der Wiederholung zum Aus-
druck bringen. Das sehen wir an der Pflanze in ausgesprochenstem
MaBe heraustreten. Wir sehen, wie sich an der Pflanze Blatt fur Blatt
entwickelt. Das riihrt davon her, daB der pflanzliche physische Leib
von einem Atherleib dur chzogen ist, und der hat das Prinzip der Wie-
derholung, Er bildet ein Blatt, dann ein zweites, ein drittes und fugt
so in steter Wiederholung Blatt an Blatt. Aber auch wenn das Pflan-
zenwachstum oben zum AbschluB kommt, herrscht auch da noch die
Wiederholung. Sie sehen an der Pflanze oben ebenso sozusagen einen
Kranz von Blattern, die den Kelch der Bliite bilden. Diese Kelch-
blatter haben eine andere Form als die andern Blatter. Aber Sie kon-
nen auch da noch das BewuBtsein entwickeln, daft das nur eine etwas
umgeanderte Form der Wiederholung derselben Blatter ist, die in einer
gleichen Wiederholung iiber den ganzen Stengel sich hinaufentfaltet.
So da6 wir sagen konnen: Auch da oben, wo sich die Pflanze zum
AbschluB bringt, sind die griinen Kelchblatter eine Art Wiederholung.
Und selbst die Blutenblatter sind eine Wiederholung. Freilich haben
sie eine andere Farbe. Sie sind zwar im wesentlichen noch Blatter,
aber schon stark umgewandelte Blatter, Nun war es Goethes groBe
Arbeit auf dem pflanzlichen Gebiet, daB er zeigte, wie nicht nur die
Kelchblatter und Blutenblatter umgeanderte Blatter sind, sondern wie
man auch Stempel und StaubgefaBe nur als eine solche umgewandelte
Wiederholung der Blatter anzusehen hat.
Es ist aber nicht nur eine bloBe Wiederholung, die uns bei der
Pflanze entgegentritt. Ware nur das bloBe elementare Prinzip des
Atherleibes allein tatig, so wiirde es geschehen, daB von unten bis
oben der Atherleib die Pflanze durchdringt. Da wiirde sich Blatt an
Blatt entwickeln, und das wiirde kein Ende finden, nirgends wiirde
ein AbschluB eintreten.
Wodurch tritt denn dieser AbschluB in der Bliite ein, so daB die
Pflanze ihr Dasein abschlieBt und neuerdings fruchtbar wird, um eine
neue Pflanze hervorzubringen? Dadurch, daB in demselben MaBe, in
dem die Pflanze nach oben wachst, von oben ihr entgegenkommt,
sie aufierlich in sich schlieBend, der astralische Leib der Pflanze. Die
Pflanze hat in sich keinen eigenen astralischen Leib, aber indem sie
nach oben wachst, begegnet ihr von oben der pflanzliche Astralleib.
Er bringt das zum AbschluB, was der Atherleib in ewiger Wieder-
holung tun wiirde, er bewirkt die Umwandlung der griinen Blatter
in Kelchblatter, in Blutenblatter, StaubgefaBe und Stempel. Wir kon-
nen daher sagen: Fur den okkulten Blick wachst die Pflanze ihrem
seelenhaften Teil, ihrem astralischen Teil entgegen; der bewirkt die
Umwandlung. DaB nun die Pflanze eben Pflanze bleibt, daB sie nicht
iibergeht zur willkurlichen Bewegung oder Empfindung, das riihrt
davon her, daB dieser astralische Leib, welcher der Pflanze da oben
begegnet, nicht innerlich Besitz ergreift von ihren Organen, sondern
sie nur auBerlich umfaBt, von oben hineinwirkt. In dem MaBe, als
der astralische Leib die Organe innen anfaBt, in demselben MaBe
geht die Pflanze in das Tier iiber. Das ist der ganze Unterschied.
Nehmen Sie ein Bliitenblatt der Pflanze, so konnen Sie sagen : Auch
in dem Bliitenblatt der Pflanze wirken zusammen Atherleib und astra-
lischer Leib, aber der Atherleib hat sozusagen die Oberhand. Der
astralische Leib ist nicht imstande, seine Fuhlfaden nach dem Innern
zu erstrecken, er wirkt nur von auBen ein. - Wenn wir das spirituell
ausdriicken wollen, konnen wir sagen: Was beim Tier innerlich ist,
was es als Lust und Leid, Freude und Schmerz, Trieb, Begierde und
Instinkt innerlich erlebt, das ist bei der Pflanze nicht innerlich, das
senkt sich aber fortwahrend von auBen auf die Pflanze hernieder. Das
ist durchaus etwas Seelenhaftes. Und wahrend das Tier seine Augen
nach auBen wendet, seine Freude an der Umgebung hat und seine
Geschmackswahrnehmung nach auBen richtet und sich an ein em ihm
zukommenden GenuB erquickt, also die Lust im Innern empfindet,
kann Ihnen derjenige, der die Dinge wirklich spirituell betrachten
kann, sagen, daB diese astralische Wesenheit der Pflanze auch Freude
und Schmerz, Lust und Leid hat, aber in der Art, daB sie herunter-
schaut auf das, was sie bewirkt. Sie freut sich iiber die rote Rosenfarbe
und iiber alles, was ihr entgegenkommt. Und wenn die Pflanzen
Blatter und Bliiten bilden, dann durchzieht das und schmeckt das die
Pflanzenseele, die da heruntersieht. Da kommt es zu einem Austausch
zwischen dem sich heruntersenkenden Pflanzenseelenteil und den
Pflanzen selber. Die Pflanzenwelt ist in ihrer Seelenhaftigkeit zur
Freude, zuweilen auch zum Leide da. So sehen wir wirklich eine
Austauschempfindung zwischen der Pflanzendecke unserer Erde und
der die Pflanzen einhullenden Astralitat der Erde, welche die Seelen-
haftigkeit der Pflanzen darstellt. Was als Astralitat auf die Pflanzen
auBerlich wirkt, ergreift die Seelenhaftigkeit des Tieres innerlich und
macht es erst zum Tiere. Aber es ist ein wichtiger Unterschied zwi-
schen der wirkenden Seelenhaftigkeit in der Astralitat der Pflanzen-
welt und in der Astralitat des tierischen Lebens.
Wenn Sie hellseherisch priifen, was als Astralitat auf die Pflanzen-
decke wirkt, dann finden Sie in der Seelenhaftigkeit der Pflanzen eine
gewisse Summe von Kraften, und alle diese Krafte, die in den Pflanzen-
seelen wirken, haben eine gewisse Eigentumlichkeit. Wenn ich nun
von Pflanzenseelenhaftigkeit spreche, von jener Astralitat, welche die
Erde durchdringt und worinnen sich das Seelenhafte der Pflanzen ab-
spielt, so miissen Sie sich klar sein, daB diese Pflanzenseelen in ihrer
Astralitat nicht so leben wie zum Beispiel physische Wesen auf unserer
Erde. Pflanzenseelen konnen sich durchdringen, so daB wie in einem
fliissigen Element die Pflanzenseelen verrinnen. Aber eines ist ihnen
eigentiimlich : sie entwickeln namlich gewisse Krafte, und alle diese
Krafte haben die Eigenschaft, daB sie dem Mittelpunkt des Planeten
zustromen. Da wirkt in alien Pflanzen eine Kraft, die von oben nach
unten geht und die dem Mittelpunkt der Erde zustrebt. Gerade da-
durch wird das Pflanzenwachstum in seiner Richtung geregelt. Wenn
Sie die Achse der Pflanzen verlangern, treffen Sie den Mittelpunkt
der Erde. Das ist die Richtung, die ihnen von der von oben kommen-
den Seelenhaftigkeit gegeben wird. Untersuchen wir die Pflanzen-
seelenhaftigkeit, so finden wir also, daB ihre wichtigste Eigentumlich-
keit die ist, daB sie durchstrahlt wird von Kraften, die alle dem
Mittelpunkt der Erde zustreben.
Anders ist es, wenn wir im allgemeinen jene Astralitat im Umkreis
unserer Erde betrachten, welche dem Tierischen angehort, die das
Tierische hervorruft. Was Pflanzenseelenhaftigkeit ist, wiirde als solche
noch nicht tierisches Leben hervorrufen konnen. Zum Tierischen ist
notwendig, daB noch andere Krafte das Astralische durchziehen, so
daB der okkulte Forscher, wenn er bloB im Astralischen bleibt, unter-
scheiden kann, ob irgendeine astralische Substantiality zum pflanz-
lichen Wachstum oder zum tierischen Wachstum Veranlassung geben
wird. Das kann man in der astralischen Sphare unterscheiden. Denn
alles, was nur Krafte zeigt, die dem Mittelpunkt der Erde oder eines
andern Planeten zustreben, wird Veranlassung geben zum Pflanzen-
wachstum. Wenn dagegen Krafte auftreten, die zwar senkrecht darauf
stehen, aber wie fortwahrende Kreisbewegungen mit auBerordent-
Hcher Beweglichkeit in jeder Richtung um den ganzen Planeten herum-
gehen, dann ist das eine andere Substantiality, die Veranlassung gibt
zum tierischen Leben. In jedem Punkt, wo Sie Beobachtungen an-
stellen, finden Sie, daB die Erde in jeder Lage und in jeder Richtung
und Hohe umzogen wird von Stromungen, die, wenn man ihre Rich-
tung fortsetzt, Kreise bilden, welch e die Erde umflieBen. Diese Astra-
litat vertragt sich ganz gut mit der Pfknzenastralitat. Beide durch-
dringen einander und sind doch innerlich gesondert. Sie unterscheiden
sich aber durch ihre inneren Eigenschaften. Es konnen also durchaus
an einem und demselben Orte der Erdoberflache beide Arten von
Astralitat durcheinanderstromen. Da flndet der Hellseher, wenn er
einen bestimmten Raumesteil priift, Krafte, die nur dem Mittelpunkt
der Erde zustreben; sie werden durchsetzt von andern Kraften, die
nur umkreisende sind, und der Hellseher weiB dann : diese enthalten
die Veranlassung zum tierischen Leben.
Es ist schon hie und da von mir betont worden, daB das Astralische
ganz andere Gesetze hat, auch andere Raumesgesetze als das Physische.
Wenn wir morgen iiber den vierdimensionalen Raumbegriff einiges
vor uns hinstellen konnen, werden Sie manches von dem, was ich
Ihnen jetzt mehr aus okkulten Tatsachen heraus gebe, noch besser
begreifen konnen. Heute wollen wir nur aus den okkulten Tatsachen
heraus noch eine Eigentumlichkeit gerade dieser tierischen Astralitat
vor unsere Seele rucken.
Wenn Sie einen physischen Korper haben, gleichgiiltig ob Pflanze
oder Tier, so miissen Sie ihn betrachten als etwas raumlich Abge-
schlossenes, und Sie haben sozusagen kein Recht mehr, dasjenige zu
dem betreffenden Leib oder Korper zu rechnen, was von ihm raum-
lich abgetrennt ist. Sie werden da, wo raumliche Trennung herrscht,
sprechen miissen von verschiedenen Korpern. Nur dann, wenn auch
ein raumlicher Zusammenhang besteht, konnen Sie sprechen von
einem einzigen Korper. So ist es nicht in der astralischen Welt, be-
sonders nicht in der, welche Veranlassung gibt, daB das Tierreich
sich bilden kann. Da konnen tatsachlich voneinander getrennt lebende
astralische Gebilde ein Ganges ausmachen. Es kann hier irgend-
ein astralisches Gebilde sein in einem Raumesteil, und in einem
ganz anderen Raumesteil kann ein anderes astralisches Gebilde sein,
das wiederum raumlich fur sich abgeschlossen ist. Es kann aber sein,
daB trotzdem diese zwei astralischen Gebilde, die nicht durch den
geringsten Raumesstrich zusammenhangen, ein einziges Wesen aus-
machen. Ja, es konnen drei, vier, fiinf solcher voneinander raumlich
getrennter Gebilde zusammenhangen. Und es kann sogar folgendes
eintreten: Nehmen Sie an, Sie haben ein solches astralisches Wesen,
das gar nicht irgendwie physisch sich verkorpert hat; dann konnen
Sie ein anderes Gebilde finden, das zu diesem gehort. Nun beobachten
Sie das eine Gebilde und finden, daB darin etwas vorgeht, das Sie
bezekhnen, weil gewisse StofTe aufgenommen und andere ausgeschie-
den werden, als Nahrungsaufnahme, als Verzehren von etwas. Und
wahrend Sie an dem einen Gebilde dieses wahrnehmen, konnen Sie
bemerken, daB in einem andern, raumlich davon getrennten astra-
lischen Gebilde andere Vorgange vor sich gehen, welche ganz dem
entsprechen, was da in dem einen als Nahrungsaufnahme vor sich
geht. Auf der einen Seite friBt das Wesen, auf der andern Seite emp-
findet es den Geschmack. Und es entspricht, obwohl raumlich kein
Zusammenhang da ist, der Vorgang in dem einen Gebilde ganz dem
Vorgang in dem andern Gebilde. So konnen raumlich ganz getrennte
astralische Gebilde doch innerlich zusammengehoren. Ja, es kommt
vor, daB hundert weit voneinander getrennte astralische Gebilde so
voneinander abhangig sind, daB kein Vorgang geschehen kann, ohne
daB er sich auch in den andern Gebilden in der entsprechenden Weise
vollzieht. Wenn dann die Wesen im Physischen ihre Verkorperung
finden, dann konnen Sie noch Nachklange dieser astralischen Eigen-
tumlichkeit im Physischen entdecken. So werden Sie gehort haben,
daB Zwillinge einen merkwiirdigen Parallelismus aufweisen. Das
kommt davon her, daB sie, wahrend sie in ihren Verkorperungen
raumlich getrennt sind, in ihren astralischen Leibern verwandt ge-
blieben sind. Und wahrend in dem astralischen Leib des einen etwas
geschieht, kann das gar nicht allein vor sich gehen, sondern es auBert
sich auch in dem astralischen Teil des andern. Das Astralische zeigt
selbst da, wo es als Pflanzenastralitat auftritt, diese Eigentiimlichkeit
der Abhangigkeit bei raumlich ganz voneinander getrennten Dingen.
So werden Sie in bezug auf das Pflanzliche schon von der Eigentiim-
lichkeit gehort haben, daB der Wein in den Fassern einen ganz merk-
wiirdigen Vorgang zeigt, wenn wiederum die Weinzeit kommt. Da
macht sich dasjenige, was die Reife der neuen Weintrauben verursacht,
wiederum bemerkbar, sogar in den Weinfassern.
Ich wollte nur anfiihren, daB sich im OfFenbaren immer etwas ver-
rat von dem Verborgenen, was mit den Methoden der okkuiten For-
schung zutage gefordert werden kann. Daraus werden Sie erkennen,
daB es durchaus nicht unnatiirlich erscheint, daB unser ganzer Orga-
nismus sich astralisch zusammengliedert aus voneinander ganz ver-
schiedenen Wesensgliedern.
Es gibt eigentumliche Meerestierbildungen, die Ihnen erklarlich
werden, wenn Sie das voraussetzen, was wir jetzt ein wenig iiber die
Geheimnisse der astralischen Welt entwickelt haben. Im Astralischen
ist es durchaus nicht so, daB die astralischen Krafte, welche die
Nahrungsaufnahme vermitteln, zusammenhangen miissen mit denen,
welche die Bewegung oder die Fortpflanzung regeln. Wenn der hell-
seherische Forscher den astralischen Raum durchforscht nach solchen
Gebilden, die Veranlassung geben zum tierischen Leben, dann findet
er etwas sehr Merkwiirdiges. Er findet eine gewisse astralische Sub-
stantiality, von der er sich sagen muB: wenn sie in einem tierischen
Leibe arbeitet, ist sie durch die Krafte, die in ihr walten, besonders
dazu geeignet, das Physische so umzuwandeln, daB es ein Organ der
Nahrungsaufnahme wird. Nun konnen irgendwo ganz andere astra-
lische Wesensglieder sein, wodurch, wenn sie sich hineinsenken in
einen Leib, nicht Organe der Nahrungsaufnahme gebildet werden,
sondern Organe der Bewegung oder der Wahrnehmung. Sie konnen
sich vorstellen: Wenn Sie auf der einen Seite einen Apparat haben,
um die Nahrung aufzunehmen, haben Sie auf der andern Seite einen
Apparat, um Hande und FuBe zu bewegen. So haben sich aus der
astralischen Welt die Krafte in Sie hineingesenkt, aber diese Krafte
konnen von ganz verschiedenen Seiten zusammenstromen. Die eine
astralische Kraftmasse hat Ihnen das eine, die andere hat Ihnen das
andere gegeben, und sie finden sich zusammen in Ihrem physischen
Leib, weil Ihr physischer Leib ein raumlich zusammenhangendes
Physisches sein mu8. Das hangt von den Gesetzen der physischen
Welt ab. Die verschiedenen Kraftmassen, die von auBen sich zu-
sammenfinden, miissen da ein Einheitliches bilden. Sie bilden nicht
gleich von Anfang an ein Einheitliches. Wir konnen das, was wir
jetzt eben als Ergebnis der okkulten Forschung auf astralischem
Gebiete eingesehen haben, geradezu noch in seiner Wirkung auf die
physische Welt konstatieren.
Da gibt es gewisse Tiere, die Siphonophoren, die sehr merkwurdig
leben als Meerestiere. Wir sehen bei ihnen etwas wie einen gemein-
schaftlichen Stamm, der eine Art hohler Schlauch ist. Daran bildet
sich oben etwas aus, was eigentlich keine andere Fahigkeit hat, als
sich mit Luft zu fullen und sich wiederum zu leeren; und dieser Vor-
gang bewirkt, dafi das ganze Gebilde aufrecht steht. Ware dieses
glockenformige Gebilde nicht da, so wiirde das Ganze, was daran hangt,
sich nicht aufrecht erhalten konnen. Es ist das also eine Art Gleich-
gewichtswesen, das dem Ganzen das Gleichgewicht gibt. Das konnte
uns vielleicht nicht als etwas Besonderes erscheinen. Aber es ist etwas
Besonderes fur uns, wenn wir uns klar werden, daft das Gebilde, das
da oben ist und dem ganzen Wesen das Gleichgewicht gibt, nicht
ohne Nahrung sein kann. Es ist etwas Tierisches, und Tierisches muB
sich ernahren. Es hat dazu aber nicht die Moglichkeit, weil es gar
keine Werkzeuge zur Nahrungsaufnahme hat. Damit sich nun dieses
Gebilde ernahren kann, sind an ganz andern Stellen dieses Schlauches,
und zwar verteilt, gewisse Auswiichse vorhanden, die einfach echte
Polypen sind. Die wiirden fortwahrend umpurzeln und sich nicht im
Gleichgewicht halten konnen, wenn sie nicht an einem gemeinsamen
Stamm angewachsen waren. Sie konnen aber jetzt von auBen die
Nahrung in sich aufnehmen. Die geben sie dem ganzen Schlauch, der
sie durchzieht, und dadurch wird auch das Luft-Gleichgewichtswesen
ernahrt. So ist da schon auf der einen Seite ein Wesen, das nur das
Gleichgewicht erhalten kann, und auf der andern Seite ein Wesen,
welches das Ganze dafiir ernahren kann. Jetzt haben wir ein Gebilde,
bei dem es aber doch mit der Nahrungsaufnahme sehr hapern kann:
wenn die Nahrung aufgenommen ist, ist nichts mehr da. Das Tier
muB andere Stellen aufsuchen, wo es neue Nahrung findet. Dazu muB
es Bewegungsorgane haben. Auch dafur ist gesorgt; derm es sind
noch andere Gebilde an diesem Schlauch angewachsen, die noch etwas
anderes konnen, die nicht das Gleichgewicht halten und nicht er-
nahren konnen, die aber dafur in sich gewisse Muskelbildungen haben.
Diese Gebilde konnen sich zusammenziehen, dadurch das Wasser
auspressen und damit im Wasser einen GegenstoB verursachen, so
daB, wenn das Wasser ausgestoBen ist, das ganze Gebilde sich nach
der entgegengesetzten Seite bewegen muB. Und damit hat es die
Moglichkeit, andere Tiere zur Nahrung zu erlangen. Die Medusen
bewegen sich durchaus so vor warts, daB sie Wasser herauspressen
und dadurch den GegenstoB verursachen. Solche Medusen, die so-
zusagen echte Bewegungsgebilde sind, sind nun auch da angewachsen.
So haben Sie nun hier ein Konglomerat von verschiedenen tieri-
schen Gebilden : eine Art, die nur das Gleichgewicht erhalt, eine andere
Art, die nur ernahrt, dann andere Wesen, die die Bewegung ver-
mitteln. Solch ein Wesen wurde aber, wenn es nur fur sich ware,
absolut zugrunde gehen, es konnte sich nicht fortpflanzen. Aber auch
dafur ist gesorgt. Wiederum wachsen dafur an anderen Stellen des
Schlauches kugelartige Gebilde hervor, die gar keine andere Fahigkeit
haben als die der Fortpflanzung. In diesen Wesen bilden sich innerlich
in einem Hohlraum mannliche wie weibliche Befruchtungsstoffe aus,
die sich im Innern gegenseitig befruchten ; und dadurch werden Wesen
ihrer Art hervorgebracht. So ist also auch das Fortpflanzungsgeschaft
bei diesen Wesen auf ganz bestimmte Gebilde verteilt, die sonst etwas
anderes gar nicht konnen.
AuBerdem finden Sie noch gewisse Auswiichse an diesem Schlauch,
an diesem gemeinsamen Stamm: das sind andere Wesen, bei denen
alles verkiimmert ist. Sie sind nur dazu da, daB das, was darunter
liegt, einen gewissen Schutz hat. Da haben sich gewisse Gebilde ge-
opfert, haben alles andere hingegeben und sind nur Deckpolypen
geworden. Jetzt sind noch gewisse lange Faden zu bemerken, die
man Tentakel nennt, die wiederum umgewandelte Organe sind. Die
haben alle die Fahigkeiten der andern Gebilde nicht, aber wenn das
Tier einen AngrifF von irgendeinem feindlichen Tier erfahrt, wehren
sie den AngrifF ab. Das sind Verteidigungsorgane. Und noch eine
andere Art von Organen ist da, die man Taster nennt. Das sind feine,
bewegliche und sehr empfindliche Fuhl- und Tastorgane, eine Art
Sinnesorgan. Der Tastsinn, der beim Menschen iiber den ganzen Leib
verbreitet ist, ist hier in einem besonderen Glied vorhanden.
Eine solche Siphonophore - so heiBt dieses Tier, das Sie im Wasser
herumschwimmen sehen -, was ist sie fur den, der die Dinge mit
dem Blick eines Okkultisten betrachten kann? Da sind die verschie-
densten Gebilde astralisch zusammengestromt: Gebilde der Ernah-
rung, der Bewegung, der Fortpflanzung und so weiter. Und weil sich
diese verschiedenen Tugenden der astralischen Substantialitat phy-
sisch verkorpern wollten, muBten sie sich auffadeln auf eine gemein-
same Substantialitat. So sehen Sie hier eine Wesenheit, die auf eine
hochst merkwiirdige Art uns den Menschen vorherverkundet. Denken
Sie sich alle die Organe, die hier als selbstandige Wesen auftreten, in
einem innerlichen Kontakt miteinander, verwachsen miteinander, so
haben Sie den Menschen, und auch die hoheren Tiere, in physischer
Beziehung. Da sehen Sie, wie handgreiflich durch die Tatsachen der
physischen Welt das bestatigt wird, was die hellseherische Forschung
Ihnen zeigt, daB auch im Menschen die verschiedensten astralischen
Krafte zusammenstromen, die er dann durch sein Ich zusammen-
halt, und die, wenn sie nicht mehr zusammenwirken, den Menschen
auseinanderstreben lassen als ein Wesen, das sich nicht mehr als eine
Einheit fuhlt.
Im Evangelium wird davon gesprochen: so und so viele damo-
nische Wesenheiten, die zusammengestromt sind, sind in dem Men-
schen drinnen, um eine Einheit zu bilden. Sie erinnern sich, daB in
gewissen abnormen Lebenslagen, in Krankheitsfallen der Seele, der
Mensch den inneren Zusammenhang verliert. Es gibt gewisse Irrsinns-
falle, wo der Mensch nicht mehr sein Ich festhalten kann und wo er
gewahr wird, daB seine Wesenheit aufgeteilt wird in verschiedene
Gebilde; er verwechselt sich mit den urspriinglichen partiellen Ge-
bilden, die da in dem Menschen zusammengeflossen sind.
Es gibt einen gewissen okkulten Grundsatz, der da sagt: Es ist
im Grunde alles, was in der geistigen Welt vorhanden ist, so, daB es
sich irgendwo in der auBeren Welt schlieBlich verrat. So sehen Sie
das Zusammengefugtsein des menschlichen astralischen Leibes phy-
sisch verkorpert in einer solchen Siphonophore. Da guckt zu einem
Guckloch die okkulte Welt in die physische hinein. Wiirde der Mensch
mit seiner Verkorperung nicht haben warten konnen, bis er die ge-
niigende physische Dichte erlangen konnte, so wiirde er - nicht
physisch, aber geistig - ein solches Wesen sein, das aus einem solchen
Stiickwerk zusammengesetzt ist. Die GroBe hat dabei gar nichts zu
tun. Ein solches Wesen, das in die Gattung der Hohltiere gehort,
das Ihnen jede Naturgeschichte heute schon beschreibt und das in
einer gewissen Beziehung eine Art Entzucken fur den naturwissen-
schaftlichen Forscher bildet, es wird uns innerlich begreiflich, wenn
wir es aus den okkulten Grundlagen der tierischen Astralitat ver-
stehen konnen. Das ist ein solches Beispiel. Da konnen Sie dem ruhig
zuhoren, der eine ganz andere Sprache spricht und sagt, die physische
Forschung widerspreche dem, was die Anthroposophie verkimdet;
denn darauf konnen Sie antworten: Wenn man sich wirklich geduldig
Zeit laBt, um die Dinge in Einklang zu bringen, dann wird sich schon
die Harmonie herausstellen selbst fur die kompliziertesten Dinge. Die
Vorstellung, die man gewohnlich von Entwickelung hat, ist meistens
eine sehr einfache. Die Entwickelung hat sich aber durchaus nicht
so einfach zugetragen.
Zum SchluB mochte ich eine Art von Problem aufwerfen, das wie
eine Aufgabe dastehen soli; und wir werden versuchen, gerade ein
solches Problem vom okkulten Standpunkte aus zu losen. Wir haben
an einem verhaltnismaBig niederen Tier eine wichtige okkulte Wahr-
heit auBerlich dokumentiert gesehen. Gehen wir nun zu einer etwas
hoheren Tiergattung, zum Beispiel zu den Fischen uber, die uns noch
mehr Ratsel aufgeben konnen. Nur einzelne Merkmale will ich Ihnen
hinstellen.
Immer wieder werden Sie, wenn Sie in den Aquarien Fische be-
obachten, das wunderbare Leben des Wassers bewundern konnen.
Aber glauben Sie nicht, daB irgendeine okkulte Einsicht diese Be-
trachtungen storen wird. Wenn Sie mit den Tatsachen der okkulten
Forschung da hineinleuchten und sehen, was fur andere okkulte Wesen
da noch herumwimmeln, um diese Tiere gerade so zu bilden, wie sie
sind, so wird das Verstandnis Ihre Bewunderung nicht vermindern,
sondern nur erhohen. Aber nehmen wir einen gewohnlichen Fisch.
Er bietet uns schon ganz gewaltige Ratsel dar. Der Durchschnitts-
fisch hat zunachst, an der Seite verlaufend, merkwiirdige Streifen, die
auch die Schuppen in einer andern Form zeigen. Sie verlaufen an
beiden Seiten wie zwei Langslinien. Wenn Sie dem Tier diese Langs-
linien abtoteten, dann wiirde der Fisch wie verriickt. Dann namlich
hatte er die Fahigkeit verloren, um die DruckdifFerenzen im Wasser
zu flnden, zu finden, wo das Wasser mehr tragt und wo weniger, wo
es diinner und dichter ist. Der Fisch hatte dann nicht mehr die Fahig-
keit, sich nach den Druckdifferenzen im Wasser zu bewegen. Das
Wasser ist an verschiedenen Stellen verschieden dicht, es wird also
ein verschiedener Druck ausgeiibt, Der Fisch bewegt sich oben an
der Wasseroberflache anders als unten. Die verschiedenen Druck-
verhaltnisse und alle die Bewegungen, die dadurch hervorgerufen
werden, daB das Wasser in Bewegung ist, das empfindet der Fisch
durch diese Langslinien. Aber nun stehen die einzelnen Punkte dieser
Langslinien durch feine Organe, die Sie auch in jeder Naturgeschichte
beschrieben finden konnen, in Verbindung mit dem ganz primitiven
Gehororgan der Fische. Und die Art, wie der Fisch so die Bewegun-
gen und das innere Leben des Wassers wahrnimmt, das geschieht auf
ganz ahnliche Weise, wie der Mensch den Luftdruck wahrnimmt.
Nur iiben zunachst die Druckverhaltnisse auf die Langslinien ihre
Einnusse aus, und das ubertragt sich auf das Gehororgan. Der Fisch
hort das. Die Sache ist aber noch komplizierter. Der Fisch hat eine
Schwimmblase. Die dient ihm zunachst dazu, die Druckverhaltnisse
des Wassers zu beniitzen und sich gerade in bestimmten Druckver-
haltnissen zu bewegen. Der Druck, der da auf die Schwimmblase
ausgeiibt wird, gibt ihm erstens die Kunst des Schwimmens. Aber weil
die verschiedenen Bewegungen und Schwingungen die Schwimm-
blase beriihren und sie wie eine Membrane behandeln, wirkt das
wiederum zuriick auf das Gehororgan, und mit Hilfe des Gehor-
organes orientiert sich der Fisch in alien seinen Bewegungen. Die
Schwimmblase ist also in der Tat eine Art Membrane, die da aus-
gespannt ist und in Schwingungen gerat, welche der Fisch hort. Da
wo der Kopf des Fisches nach hinten endet, hat der Fisch die Kiemen,
wodurch er die Moglichkeit bekommt, die Luft des Wassers zu be-
nutzen, um atmen zu konnen.
Wenn Sie in den gewohnlichen biologischen Theorien iiber die
Entwickelung diese Dinge alle verfolgen, finden Sie eigentlich immer
die Entwickelung ziemlich primitiv dargestellt. Man denkt : der Kopf
des Fisches entwickelt sich etwas hoher, und dann entsteht der Kopf
eines hoher organisierten Tieres, und es entwickelt sich die Flosse
etwas hoher, und dann entstehen die Bewegungsorgane der hoheren
Tiere und so weiter. So einfach ist aber diese Sache nicht, wenn man
die Vorgange mit der geistigen Beobachtung verfolgt. Denn damit
ein geistiges Gebilde, das sich zum Fisch verkorpert hat, sich hoher
entwickeln kann, muB etwas viel Komplizierteres geschehen. Es muB
vieles von den Organen umgestiilpt und umgeandert werden. Die-
selben Krafte, die in der Schwimmblase des Fisches wirken, bergen
in sich, gleichsam wie in einer Muttersubstanz, die Krafte, die der
Mensch in der Lunge hat. Aber sie selbst gehen auch nicht verloren.
Kleine Stiicke bleiben zuriick, nur stiilpen sie sich um; materiell ver-
geht alles, was zu ihnen gehort, und sie bilden dann das Trommelfell
des Menschen. In der Tat ist das Trommelfell, als ein sehr weit ab-
stehendes Organ in bezug auf das Raumliche am Menschen, ein Stuck
jener Membrane ; in ihm wirken die Krafte, die da in der Schwimm-
blase des Fisches funktioniert haben. Und weiter: Die Kiemen ge-
s taken sich um zu den Gehdrknochelchen, wenigstens zum Teil, so
daB Sie in dem menschlichen Gehororgan zum Beispiel umgeanderte
Kiemen haben. Jetzt konnen Sie sehen, es ist etwa so, wie wenn die
Schwimmblase des Fisches umgestiilpt worden ware gerade iiber die
Kiemen. Daher haben Sie beim Menschen das Trommelfell drauBen,
die Gehororgane drinnen. Das, was ganz drauBen ist beim Fisch, die
merkwiirdigen Langslinien, durch die der Fisch sich orientiert, bilden
beim Menschen die drei halbzirkelformigen Kanale, durch die der
Mensch sich im Gleichgewicht erhalt. Wenn Sie diese drei halbzirkel-
formigen Kanale zerstdrten, wiirde der Mensch taumelig werden und
konnte sich nicht mehr im Gleichgewicht halten.
So haben Sie nicht einen einfachen ProzeB aus der Naturgeschichte,
sondern Sie haben eine merkwiirdige astralische Arbeit, wo geradezu
die Dinge fortwahrend umgestiilpt werden. Denken Sie sich: diese
Hand hatten Sie mit einem Handschuh bedeckt, drinnen im Innern
hatten Sie aber Gebilde, welche elastisch sind. Wenn Sie ihn jetzt
umkehren, ihn umstiilpen, wird er ein ganz kleines Gebilde sein; da
werden die Organe, die auBen waren, klein und winzig werden, und
die Organe, die innen waren, werden eine weite Flache bilden. Erst
dadurch verstehen wir die Entwickelung, wenn wir wissen, daB in
der geheimnisvollsten Weise innerhalb des Astralischen eine solche
Umstiilpung stattfindet, und wie von da heraus der Fortgang des
Physischen zustande kommt.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 23. Oktober 1908
Wir sprechen in bezug auf die auBere physische Welt von einer
«Geschichte». Wir blicken zuriick an der Hand auBerer Dokumente
und Nachrichten in die verflossenen Zeiten der Geschichte der Volker,
der Menschheit. Sie wissen ja, daB man auf diesem Wege durch die
ErschlieBung so mancher neuerer Dokumente bis in fruhe Jahrtau-
sende vor Christi Geburt zuriickblicken kann. Nun haben Sie aus
den Vortragen, die wir auf dem Felde der Geisteswissenschaft gehort
haben, entnehmen konnen, daB wir an der Hand von okkulten Doku-
menten noch viel weiter, in unbegrenzte Weiten der Vergangenheit
zuriicksehen konnen. Wir erkennen also eine auBere Geschichte der
auBeren physischen Welt an. Wir wissen, wenn wir sprechen iiber
die Lebensgewohnheiten, iiber die Kenntnisse, iiberhaupt iiber die
Erlebnisse der Volker, welche lebten in den unmittelbar hinter uns
liegenden Jahrhunderten, wenn wir iiber ihre Entdeckungen und
Erfindungen sprechen wollen, daB wir anders sprechen mussen, als
wenn wir ein oder zwei Jahrtausende zuriickgehen und von den Sitten
und Gewohnheiten, von den Kenntnissen und Erkenntnissen weit
zuruckliegender Volker sprechen. Und immer anders wird die Ge-
schichte, wenn wir weiter zuriickgehen in der Zeit. Es ziemt sich
vielleicht, einmal zu fragen, ob denn das Wort « Geschichte », «histo-
rische Entwickelung» nur eine Bedeutung hat fur diese auBere phy-
sische Welt, ob nur da im Laufe der Zeiten sich die Ereignisse, die
Physiognomie des Geschehens andern, oder ob vielleicht das Wort
Geschichte auch eine Bedeutung haben kann fur die andere Seite des
Daseins, fur jene Seite, die wir eben gerade durch die Geisteswissen-
schaft beschreiben, die der Mensch zu durchleben hat in der Zeit
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Zunachst, bloB auBerlich angesehen, mussen wir uns ja sagen, daB
nach alle dem, was wir wissen, das Leben des Menschen in diesen
anderen, fur den heutigen Menschen iibersinnlichen Weiten sogar ein
langeres ist als das in der physischen Welt. Hat das Wort « Geschichte »
audi fur diese Welt, fur diese andere Seite des Daseins, eine Bedeu-
tung? Oder sollen wir uns der Anschauung hingeben, daB in den
Gefilden, die der Mensch durchlebt in der Zeit zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt, immer alles gleichbleibt, daB es dasselbe
ist, wenn wir zum Beispiel zuriickgehen durch das 18., 17. Jahrhundert
hindurch bis in das 8., 7., 6. Jahrhundert nach dem Erscheinen des
Christus Jesus auf der Erde und noch weiter, in die vorchristlichen
Jahrhunderte? Die Menschen, die mit der Geburt das irdische Dasein
betreten, treffen ja mit jeder neuen Geburt andere Verhaltnisse auf
der Erde an. Denken wir uns einmal in die Seele eines Menschen
hinein - und es sind ja unsere eigenen Seelen, um die es sich handelt -,
der erschienen ist in einer Verkorperung im alten Agypten oder im
alten Persien. Stellen wir uns lebhaft vor, in welche Verhaltnisse ein
Mensch hineingeboren wurde, der im alten Agypten gegeniiberstand
den gigantischen Pyramiden und Obelisken und all den Lebensver-
haltnissen, die uns in dem alten Agypten gegeben sind. Denken wir
uns, was das gerade fur das Leben zwischen Geburt und Tod fur
Lebens verhaltnisse sind. Sagen wir nun, dieser Mensch stirbt, er macht
eine Zeit durch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und
wird nunmehr hineingeboren in eine Zeit des 7., 8. Jahrhunderts der
nachchristlichen Epoche. Vergleichen wir die Zeiten: Wie anders
stellt sich der Seele in dem irdischen Dasein die Welt dar in den
Zeiten vor dem Erscheinen des Christus Jesus auBerlich hier auf dem
physischen Plan! Und fragen wir weiter: Was erlebt die Seele, die
vielleicht in den ersten Jahrhunderten der nachchristlichen Zeit er-
schienen ist und die jetzt wiederum unseren physischen Plan betritt? -
Da findet sie die neueren staatlichen Einrichtungen, von denen dazu-
mal keine Rede war. Sie erlebt das, was unsere modernen Kultur-
mittel gebracht haben, kurz, ein ganz anderes Bild bietet sich einer
solchen Seele dar gegeniiber dem, was sich ihr in den vorhergehenden
Inkarnationen dargeboten hat. Und wir sind uns bewuBt, wenn wir
diese einzelnen Inkarnationen vergleichen, wie verschieden sie von-
einander sind. Ist es da nicht berechtigt, die Frage aufzuwerfen : Wie
ist es denn mit den Lebensverhaltnissen eines Menschen zwischen
dem Tode und der neuen Geburt, also zwischen zwei Inkarnationen?
Wenn ein Mensch friiher im alten Agypten gelebt hat und nach dem
Tode in die geistige Welt gegangen ist, dort bestimmte Tatsachen,
bestimmte Wesenheiten gefunden hat, wenn er dann wieder ins phy-
sische Dasein trat in den ersten christlichen Jahrhunderten, wieder
starb und wieder himiberging in die andere Welt und so weiter -
ist es da nicht berechtigt, zu fragen, ob sich auf der anderen Seite
des Daseins bei all den Erlebnissen, die der Mensch da durchmacht,
nicht auch eine «Geschkhte» abspielt, ob nicht auch da im Verlaufe
der Zeit sich vieles andert?
Sie wissen ja, daB, wenn wir das Leben des Menschen zwischen
dem Tode und der neuen Geburt schildern, wir ein allgemeines Bild
davon geben, wie dieses Leben ist. Wir schildern da, ausgehend von
dem Moment des Todes, wie der Mensch, nachdem sich vor seiner
Seele jenes groBe Erinnerungstableau entwickelt hat, eintritt in die
Zeit, wo seine im astralischen Leib befindlichen Triebe, Begierden,
Leidenschaften, kurz, wo alles, was ihn noch an die physische Welt
bindet, noch in ihm ist, wo sich das abspielt, was man gewohnt worden
ist Kamaloka zu nennen, und wie der Mensch, nachdem er diese Ver-
bindung abgestreift hat, dann in das Devachan eingeht, in eine rein
geistige Welt. Und wir schildern dann weiter, was in dieser Zeit
zwischen dem Tode und der neuen Geburt fur den Menschen in
diesem rein geistigen Dasein sich weiter entwickelt bis zu seinem
Wiederkommen in der physischen Welt. Sie haben gesehen, wie das,
was wir da schildern, zunachst immer sozusagen mit Riicksicht darauf
besprochen wurde, daB es sich auf die Gegenwart, auf unser unmittel-
bares Leben bezieht. Und so ist es auch. Man muB naturlich von
irgend etwas ausgehen, man muB auf irgendeinem Posten stehen,
wenn man schildert. Geradeso wie man bei Schilderungen der Gegen-
wart ausgehen muB von den Beobachtungen und Erfahrungen in der
Gegenwart, so ist es auch bei Schilderungen iiber die geistige Welt
notwendig, das Bild, das sich dem hellseherischen Blick darbietet fur
das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, ungefahr so
zu schildern, wie es sich in der Gegenwart durchschnittlich abspielt,
wenn der Mensch stirbt und durch die geistige Welt einem neuen
Dasein entgegenlebt. Aber fur eine umfassende okkulte Beobachtung
ergibt sich durchaus, daB auch fur diese Welt, die der Mensch durch-
lebt zwischen dem Tode und der neuen Geburt, das Wort «Ge-
schichte» eine gute Bedeutung hat. Auch da geschieht geradeso etwas,
wie hier in der physischen Welt. Und ebenso wie wir aufeinander-
folgende sich unterscheidende Ereignisse erzahlen, wie wir etwa
anfangen bei dem 4. Jahrtausend vor Christus und die Ereignisse
schildern bis in unsere nachchristliche Zeit hinein, so miissen wir fur
die andere Zeit des Daseins ebenso eine «Geschichte» konstatieren,
miissen uns auch da bewuBt werden, daB das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt in der Zeit der agyptischen, der altpersi-
schen oder der uralt indischen Kultur nicht genau so war, wie es zum
Beispiel in unserer Zeit ist. Wenn man sich also zunachst eine vor-
laufige Vorstellung in unserer Gegenwart iiber das Kamaloka-Leben
und iiber das Devachan-Leben gebildet hat, dann ist es wohl auch an
der Zeit, diese Schilderungen auszudehnen und zu einer geschichtli-
chen Betrachtung dieser Welten vorzuriicken. Und wir wollen, um uns
iiber diese Dinge klar zu werden, wenn wir einiges iiber das Kapitel
« okkulte Geschichte» vorfiihren, uns gleich an ganz bestimmte geistige
Tatsachen halten. Wir miissen allerdings, um uns verstandigen zu
konnen, weit zuriickgreifen, etwa bis in die atlantische Zeit zuriick.
Wir sind ja heute so weit, daB wir etwas fur jeden Bekanntes voraus-
setzen, wenn wir von solchen Zeiten sprechen.
Wir fragen uns, wie in diesen Zeiten, in denen schon von Geburt
und Tod die Rede sein kann, wie da das Leben des Menschen - um
einen Ausdruck zu haben - im Jenseits sich ausnahm. Es unterschied
sich das Leben im Jenseits damals von dem Leben im Diesseits ganz
anders, als es sich heute unterscheidet. Wenn der Atlantier starb,
was geschah da mit seiner Seele? Sie ging iiber in einen Zustand,
wo sie sich im eminentesten Sinne geborgen fiihlte in einer geistigen
Welt, in einer Welt hoherer geistiger Individualitaten. Wir wissen
ja, daB auch hier auf dieser physischen Erde das Leben des Atlantiers
anders verlief als unser heutiges Leben. Der heutige Wechsel zwischen
Wachen und Schlafen und das UnbewuBtsein wahrend der Nacht -
es ist ofter davon gesprochen worden -, das war in der atlantischen
Zeit nicht da. Wahrend der Mensch hiniiberschlummerte und wahrend
sich zuriickzog von seinem BewuBtsein das Wissen der physischen
Dinge um ihn herum, ging er ein in eine Welt des Geistigen. Da tauchte
auf fur ihn der Anblick von geistigen Wesenheiten. So wie er hier
mit Pnanzen, Tieren, Menschen und so weiter zusammen ist bei Tag,
so tauchte driiben auch wahrend des Schlaf bewuBtseins auf eine Welt
von niederen und hoheren geistigen Wesenheiten in demselben MaBe,
als der Mensch einschlief. Der Mensch lebte sich in diese Welt hinein.
Und wenn der Atlantier mit dem Tode hiniiberging in eine jenseitige
Welt, dann tauchte um so heller diese Welt der geistigen Wesenheiten,
der geistigen Geschehnisse auf. Der Mensch fiihlte sich in diesen
atlantischen Zeiten in seinem ganzen BewuBtsein viel mehr heimisch
in diesen hoheren Welten, in diesen Welten geistiger Begebenheiten
und geistiger Wesenheiten als in der physischen Welt. Und wir diirfen
nur in die ersten atlantischen Zeiten zuriickgehen, da finden wir, daB
die Menschen dieses physische Dasein so auffaBten - alle Ihre Seelen
taten das so - wie einen Besuch in einer Welt, wo man eben eine
Zeitlang verweilt, die aber anders ist als die eigentliche Heimat, welche
nicht in dieser irdischen Sphare verfloB.
Eines aber war in den atlantischen Zeiten eine Eigenartigkeit dieses
Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wovon sich der
heutige Mensch schwer eine Vorstellung machen kann, weil er sie
ganz verloren hat. Jene Fahigkeit, «Ich» zu sich zu sagen, sich als
ein selbstbewuBtes Wesen zu fiihlen, sich als ein «Ich» zu empfinden,
was das Wesentliche des heutigen Menschen ausmacht, das ging mit
dem Verlassen der physischen Welt fur den Atlantier ganz verloren.
Indem er sich hinaufbewegte in die geistige Welt, sei es im Schlafe
oder in hoherem MaBe wahrend des Lebens zwischen dem Tode und
der neuen Geburt, da setzte sich an die Stelle des Ich-BewuBtseins :
«Ich bin ein selbstbewuBtes Wesen», «ich bin in mir», an diese Stelle
setzte sich das BewuBtsein: «Ich bin geborgen in den hoheren Wesen-
heiten », «ich tauche gleichsam hinein in das Leben dieser hoheren We-
senheiten selber». Eins fiihlte sich der Mensch mit den hoheren Wesen-
heiten, und in dem Sich-eins-Fiihlen empfand er eine unendliche Selig-
keit in diesem Jenseits. Und so wuchs seine Seligkeit immer mehr
und mehr, je weiter er sich von dem BewuBtsein des physisch-sinn-
lichen Daseins entfernte. Es war ein beseligendes Leben, je weiter
wir zuriickgehen in der Zeit. Und wir haben es ofter gehort, worin
der Sinn der Menschheitsentwickelung in dem irdischen Dasein be-
steht. Er besteht darin, daB der Mensch immer mehr und mehr ver-
strickt wird mit dem physischen Dasein auf unserer Erde. Wenn der
Mensch der atlantischen Zeit in dem SchlafbewuBtsein sich im Jen-
seits ganz zu Hause fiihlte, diese Welt als hell und klar und freundlich
empfand, so war dafur auch sein BewuBtsein im Diesseits noch ein
halb traumhaftes. Es war noch kein rechtes Besitzergreifen des phy-
sischen Leibes vorhanden. Wenn der Mensch aufwachte, vergass er
in einer gewissen Beziehung die Gotter und Geister, die er im Schlafe
erlebt hatte, aber er lebte sich doch nicht so hinein in das physische
BewuBtsein wie heute, wenn er des Morgens aufwacht. Die Gegen-
stande hatten noch keine klaren Umrisse. Es war fur den Atlantier
immer so, wie wenn Sie an einem Nebelabend hinausgehen und die
StraBenlaternen umgeben sehen mit einem Hof, mit einer Aura von
alien moglichen Farben. So undeutlich waren alle Gegenstande des
physischen Planes. Das BewuBtsein des physischen Planes war erst
im Aufdammern. Es war noch nicht das starke BewuBtsein des «Ich
bin» in den Menschen hineingefahren. Erst gegen die letzten atlan-
tischen Zeiten entwickelte sich immer mehr und mehr das mensch-
liche SelbstbewuBtsein, das PersonlichkeitsbewuBtsein in dem MaBe,
als der Mensch jenes beseligende BewuBtsein im Schlafe verlor. Der
Mensch eroberte sich nach und nach die physische Welt, er lernte
immer mehr den Gebrauch seiner Sinne, und damit bekamen auch
die Gegenstande der physischen Welt immer festere und bestimmtere
Umrisse. In demselben MaBe, als der Mensch sich die physische Welt
eroberte, anderte sich aber auch das BewuBtsein driiben in der geisti-
gen Welt.
Wir haben die verschiedenen Zeitraume der nachatlantischen Zeit
verfolgt. Wir haben zuriickgeschaut in die uralt indische Kultur. Wir
haben gesehen, wie sich da der Mensch das AuBere so weit erobert
hatte, daB er es als Maja empfand, daB er sich zuriicksehnte in die
Gefilde des alten geistigen Landes. Wir haben gesehen, wie in der
persischen Kulturzeit die Eroberung des physischen Planes schon so
weit gegangen war, daB der Mensch sich verbinden wollte mit den
guten Kraften des Ormuzd, um die Krafte der physischen Welt um-
zugestalten, Wir haben ferner gesehen, wie in der agyptisch-baby-
lonisch-chaldaisch-assyrischen Zeit die Menschen in der FeldmeB-
kunst, die zur Bearbeitung der Erde fiihrte, oder auch in der Sternen-
kunde die Mittel fanden, die sie weiterbrachten in der Eroberung der
auBeren Welt. Und endlich sahen wir, wie die griechisch-lateinische
Zeit noch weiter ging, wie in Griechenland jene schone Ehe zustande
kam zwischen dem Menschen und der physischen Welt, in der griechi-
schen Stadtebildung oder auch in der griechischen Kunst. Und wir
sahen, wie im vierten Zeitraum das Personliche, das so zum ersten
Male da war, auftauchte im alten romischen Recht. Wahrend sich
der Mensch fruher in einem Ganzen geborgen fuhlte, was noch der
Abglanz war fruherer geistiger Wesenheiten, fuhlte sich der Romer
zuerst als der Erdenbiirger. Der Begriff des Burgers kam auf.
Die physische Welt war Stuck fur Stuck erobert. Sie wurde aber
auch dafur von dem Menschen lieb gewonnen. Die Neigungen und
Sympathien des Menschen verbanden sich mit der physischen Welt,
und in dem gleichen MaBe, wie die Sympathie fur die physische Welt
wuchs, verband sich auch das BewuBtsein des Menschen mit den
physischen Dingen. Aber in demselben MaBe verdunkelte sich auch
fur den Menschen das BewuBtsein in dem Jenseits, in der Zeit zwi-
schen dem Tode und der neuen Geburt. Jenes beseligende Sich-
geborgen-Fiihlen in dem Dasein hoherer geistiger Wesenheiten, das
verlor der Mensch in demselben MaBe im Jenseits, als er im Verlaufe
der in der Geschichte sich folgenden Eroberungen der physischen
Welt das Diesseits lieb gewann. Es wuchs von Stufe zu Stufe die
Eroberung der physischen Welt durch den Menschen, immer neue
Naturkrafte entdeckte er, immer neue Werkzeuge erfand er. Lieber
und immer lieber gewann er dies Leben zwischen Geburt und Tod.
Dafiir aber verdunkelte sich sein altes dammerhaftes HellseherbewuBt-
sein in der jenseitigen Welt. Es horte niemals vollstandig auf, aber
es verdunkelte sich. Und wahrend sich der Mensch die physische Welt
eroberte, stellt die Geschichte der jenseitigen Welt einen Niedergang
dar. Dieser Niedergang steht im Verhaltnis zu dem Heraufsteigen
det Kultur, das wir schildern, wenn wir die Menschen in den ersten
primitiven Kulturanfangen betrachten, wie sie zwischen zwei Reib-
steinen sich ihr Getreide zerreiben, und dann sehen, wie sie von Stufe
zu Stufe aufsteigen, wie sie die ersten Entdeckungen machen, sich
Werkzeuge verschafFen und gebr auchen lernen, und wie das im Laufe
der Zeit immer weiter vorwartsschreitet. Immer reicher wird das
Leben auf dem physischen Plan. Der Mensch lernt gigantische Bauten
auffiihren. Aber indem wir so Geschichte schildern, durch die agyp-
tisch-babylonisch-chaldaisch-assyrische Zeit, durch die griechisch-
romische Zeit hindurch bis in unsere Zeit, miissen wir allerdings
einen Einschnitt machen, wenn wir einen kulturgeschichtlichen Fort-
gang schildern wollen. In demselben MaBe miiBten wir schildern
einen Weg des Niederganges der Verbindung zwischen hoheren
Gottern und dem, was der Mensch den Gottern leisten durfte, was
er tat im Sinne der geistigen Welt und inmitten der geistigen Welt.
Und wir sehen, wie in den spateren Zeiten der Mensch immer mehr
seine Verbindung mit den geistigen Welten und geistigen Fahigkeiten
verliert. Wir miiBten fur das Jenseits ebenso eine Geschichte des
Niederganges schreiben fur die Menschen, wie wir fur das Diesseits
eine Geschichte des Aufschwunges, der fortlaufenden Eroberung der
physischen Welt schreiben konnen. So erganzen sich sozusagen gei-
stige Welt und physische Welt, oder noch besser gesagt: so bedingen
sie sich.
Es gibt - wie Sie ja auch wissen - eine Beziehung zwischen dieser
geistigen Welt und unserer physischen Welt. Es ist ja oft gesprochen
worden von den groBen Vermittlern zwischen der geistigen Welt und
der physischen Welt, von den Eingeweihten, von denjenigen, die
zwar im physischen Leibe verkorpert sind, aber dennoch mit ihrer
Seele hinaufragen in die geistige Welt zwischen Geburt und Tod,
wo sonst der Mensch ganz abgeschlossen ist von der geistigen Welt,
die auch in dieser Zeit Erfahrungen machen konnen in der geistigen
Welt, sich hineinleben konnen in die geistige Welt. Was waren sie
fur den Menschen, diese mehr oder weniger groBen oder kleinen
Boten der geistigen Welt, wenn wir von den Spitzen derselben reden,
meinetwillen von den alten heiligen Rishis der Inder, von dem Buddha,
dem Hermes, Zarathustra, Moses oder all denen, die in den alteren
Zeiten die groBen Gottesboten waren? Wenn wit von all denen
sprechen, die so Gottes- oder Geistesboten fur die Menschen waren,
was waren sie in bezug auf das Verhaltnis zwischen der physischen
und der geistigen Welt?
Wahrend ihrer Einweihung und durch ihre Einweihung erlebten
sie die Verhaltnisse der geistigen Welt. Sie konnten nicht nur mit
ihren physischen Augen sehen und mit ihrem physischen Verstand
wahrnehmen, was in der physischen Welt hier vorging, sondern sie
konnten durch ihre gesteigerte Wahrnehmungsfahigkeit auch das
wahrnehmen, was in der geistigen Welt vorgeht. Der Eingeweihte
lebt nicht nur auf dem physischen Plan mit den Menschen, sondern
er kann auch verfolgen, was die Toten tun in der Zeit zwischen dem
Tode und der neuen Geburt. Sie sind ihm ebenso vertraute Gestalten
wie die Menschen auf dem physischen Plan. Daraus konnen Sie sehen,
daB alles, was so erzahlt wird als okkulte Geschichte, eben flieBt aus
den Erlebnissen der Eingeweihten.
Eine wichtige Wendung, auch fur die von uns jetzt beriihrte Ge-
schichte, tritt auf der Erde ein durch das Erscheinen des Christus.
Und wir bekommen ein Bild von dem Fortriicken der Geschichte
in der jenseitigen Welt, wenn wir uns fragen: Welche Bedeutung
hat die Tat des Christus auf der Erde? Welche Bedeutung hat das
Mysterium von Golgatha fur die Geschichte im Jenseits ?
An verschiedenen Orten konnte ich in manchen Vortragen hin-
weisen auf die einschneidende Bedeutung des Ereignisses von Gol-
gatha fur die Entwickelung der Geschichte des physischen Planes.
Fragen wir jetzt einmal: Wie stellt sich das Ereignis von Golgatha
dar, wenn wir es betrachten von der Perspektive des Jenseits aus?
Wir kommen zur Beantwortung dieser Frage, wenn wir gerade den
Zeitpunkt der Entwickelung im Jenseits ins Auge fassen, wo die
Menschen am meisten herausgetreten waren auf den physischen Plan,
wo das PersonlichkeitsbewuBtsein am starksten sich entwickelt hatte :
den Zeitpunkt der griechisch-lateinischen Zeit. Und das ist auch der
Zeitpunkt des Erscheinens des Christus Jesus auf der Erde : Auf der
einen Seite das intensivste PersonlichkeitsbewuBtsein, die intensivste
Freude an der sinnlichen Welt, auf der anderen Seite der starkste,
der gewaltigste Ruf nach der jenseitigen Welt in dem Ereignis von
Golgatha, und die groBte Tat, die der Oberwindung des Todes
durch das Leben, wie es sich in diesem Ereignis von Golgatha dar-
stellt. Diese zwei Dinge fallen durchaus zusammen, wenn wir die
physische Welt ins Auge fassen. Es war wirklich eine groBe Freude
und eine gesteigerte Sympathie am auBeren Dasein in der griechi-
schen Zeit. Nur solche Menschen konnten jene wunderbaren griechi-
schen Tempel schaffen, in welchen, wie Ihnen geschildert worden ist,
die Gbtter selber wohnten. Nur diese Menschen, die so in der physi-
schen Welt standen, konnten jene Kunstwerke der Bildhauerei schaf-
fen, wo eine so wunderbare Vermahlung des Geistes mit der Materie
zutage tritt. Dazu gehbrte Freude und Sympathie fur den physischen
Plan. Die haben sich allmahlich erst entwickelt, und wir spiiren ge-
radezu den Fortgang in der Geschichte, wenn wir vergleichen das
Aufgehen des Griechen in der physischen Welt mit der erhabenen
Weltanschauung, welche die ersten nachatlantischen Kulturmenschen
von ihren heiligen Rishis entgegengenommen haben: Kein Interesse
hatten diese an der physischen Welt, heimisch fiihlten sich diese Men-
schen in der geistigen Welt, beseligt schauten sie noch hinauf in die
Welt des Geistes, die sie zu erreichen suchten an der Hand der Lehren
und Obungen, die ihnen die heiligen Rishis gaben. Zwischen diesem
Verschmahen der Sinnesfreude bis zu der groBten Freude an der
Sinneswelt in der griechisch-lateinischen Zeit liegt ein groBes Stuck
menschlicher Geschichte - bis zu dem Punkt, wo jene Ehe zwischen
dem Geiste und der Sinneswelt zustande gekommen ist, in der beide
zu ihrem Rechte kamen.
Was aber war das Gegenstiick zu dieser Eroberung des physischen
Planes in der griechisch-lateinischen Zeit in der geistigen Welt? Wer
da hineinschauen kann in die geistige Welt, der weiB, daB es nicht
eine Sage ist, sondern daB es wirklich auf Wahrheit beruht, was die
griechischen Dichter sagen von denen, die die besten Menschen ihrer
Kultur waren. Diejenigen, welche sich so ganz mit ihren Sympathien
drinnen fiihlten in der physischen Welt, wie fiihlten sie sich in der
geistigen Welt? Es ist durchaus der Wahrheit entsprechend, wenn
einem solchen die Worte in den Mund gelegt werden: Lieber ein
Bettler sein in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der Schatten! -
Der dumpfeste, der am wenigsten intensive BewuBtseinszustand trat
ein gerade in dieser Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
Bei aller Sympathie fur die physische Welt verstand der Mensch nicht
das Dasein in der jenseitigen Welt. Es kam ihm vor, als wenn er alles
verloren hatte, und die geistige Welt schien ihm wertlos. In dem-
selben MaBe als die Sympathie fur die physische Welt wuchs, in dem-
selben MaBe fuhlten sich verloren driiben in der geistigen Welt die
griechischen Helden. Und ein Agamemnon, ein Achill fuhlten sich
driiben wie ausgepreBte Wesen, wie ein Nichts in dieser Welt der
Schatten. Allerdings gab es dazwischen Zeiten - denn der Zusammen-
hang mit der geistigen Welt ist niemals ganz verlorengegangen -, in
denen auch diese Menschen mit den geistigen Wesenheiten und gei-
stigen Tatigkeiten leben konnten. Aber der BewuBtseinszustand, der
eben angedeutet worden ist, war durchaus vorhanden. So haben wir
eine Geschichte der jenseitigen Welt, eine Geschichte des Nieder-
ganges, wie wir eine Geschichte des Aufschwunges haben fur die
diesseitige Welt.
Diejenigen, welche als Gottes- oder Geistesboten genannt worden
sind, haben immer die Moglichkeit gehabt, heriiber und hinuber zu
gehen, von der einen Welt in die andere. Versuchen wir uns einmal
zu vergegenwartigen, was diese Geistesboten in den vorchristlichen
Zeiten den Menschen des physischen Planes waren. Sie waren die-
jenigen, welche aus ihren Erfahrungen in der geistigen Welt heraus
den Menschen der alten Welt sagen konnten, wie es eigentlich in der
geistigen Welt ist. Freilich erlebten sie auch da driiben das aus-
geloschte BewuBtsein der physischen Erdenmenschen, dafiir aber auch
die ganze geistige Welt in ihrer glanzvollen Fiille. Und sie konnten
den Erdenmenschen Nachricht bringen, daB es eine geistige Welt gibt,
und ihnen sagen, wie sie ausschaut. Zeugnis konnten sie ablegen fur
diese geistige Welt. Das war in diesen Zeiten ganz besonders wichtig,
wo die Menschen auf dem physischen Plan immer mehr und mehr
herausgingen mit ihren Interessen auf den physischen Plan. Und je
mehr die Menschen die Erde eroberten, je mehr Freude und Sym-
pathie sich einlebten in bezug auf die physische Welt, desto mehr
auch muBten die Gottesboten immer betonen, daB die geistige Welt
da ist. Sie konnten immer so sprechen: Dies und jenes wiBt ihr von
der Erde. Aber es gibt auch eine geistige Welt. Dies und das muB
euch gesagt werden von der geistigen Welt! - Kurz, das ganze Ta-
bleau der geistigen Welt ist durch die Gottesboten den Menschen ent-
hiillt worden. Die Menschen kannten es in den verschiedensten Reli-
gionen. Aber immer, wenn sozusagen diese Gottesboten heriiber-
kamen nach ihrer Einweihung oder sonst nach einem Besuch in der
geistigen Welt, da konnten sie fur die physische Welt, die ja immer
schoner und schoner fur das Leben auf dem physischen Plan wurde,
Erfrischungen und Erhebungen aus der geistigen Welt mitbringen,
irgend etwas von den Schatzen der geistigen Welt. Da brachten sie
die Friichte des geistigen Lebens hinein in das physische Leben.
Immer war es so, daB durch das, was ihnen die Gottesboten brachten,
die Menschen in den Geist hineingefuhrt wurden. Gewonnen hat die
Welt des Physischen, das Diesseits, durch die Gottesboten und ihre
Botschaften.
Nicht in demselben MaBe konnten diese Gottesboten fruchtbar
wirken fur die jenseitige Welt. Sie konnen es sich durchaus so vor-
stellen: Wenn der Eingeweihte, der Gottesbote, hiniibergeht in die
jenseitige Welt, sind ihm die Wesen driiben geradeso Genossen wie
die Wesen in der physischen Welt. Er kann zu ihnen sprechen und
ihnen Mitteilung machen von dem, was in der physischen Welt vor-
geht. Aber je mehr wir uns dem griechisch-lateinischen Zeitraume
nahern, desto weniger Wertvolles konnte der Eingeweihte, wenn er
von der Erde in das Jenseits hiniiberkam, den Seelen im Jenseits
bieten. Denn sie fiihlten zu sehr den Verlust dessen, woran sie ge-
hangen hatten in der physischen Welt. Nichts mehr war fur sie wert-
voll von dem, was ihnen der Eingeweihte erzahlen konnte. So war
in den vorchristlichen Zeiten im hochsten Grade fruchtbar das, was
die Eingeweihten als ihre Botschaften den Menschen in der phy-
sischen Welt heriiberbrachten, und so war fur die geistige Welt un-
fruchtbar, was sie den Abgeschiedenen von der physischen Welt
hiniiberbringen konnten. Buddha, Hermes, Zarathustra, so groBe
Botschaft sie den Menschen der physischen Welt brachten, so wenig
konnten sie driiben erreichen. Denn sie konnten wenig erfreuliche
und belebende Botschaften hiniibertragen in das Jenseits.
Stellen wir jetzt das, was durch den Christus fur das Jenseits ge-
sehah, was gerade sozusagen in der Zeit tiefster Dekadenz, wenn wir
die okkulte Geschichte schildern, in der griechisch-lateinischen Zeit
fur das Jenseits der Fall ist, stellen wir das mit dem zusammen, was
vorher durch die Eingeweihten geschah. Wir wissen, was das Er-
eignis von Golgatha fur die Erdengeschichte bedeutet. Wir wissen,
daB es die Besiegung des irdischen Todes durch das Leben des Geistes
ist, die Uberwindung alien Todes durch die Erdenevolution. Wenn
wir auch heute nicht auf alles eingehen konnen, was das Mysterium
von Golgatha bedeutet, so konnen wir es doch in ein paar Worten
zusammenfassen: Es bedeutet den endgultigen und unumstoBlichen
Tatsachenbeweis, daB das Leben den Tod besiegt. Und auf Golgatha
hat das Leben den Tod besiegt, hat der Geist den Keim zur end-
giiltigen Besiegung der Materie gelegt! Was im Evangelium erzahlt
wird uber jenen Besuch, den der Christus nach dem Ereignis von
Golgatha in der Unterwelt bei den Toten getan hat, das ist nicht
eine Legende oder ein Symbolum. Die okkulte Forschung zeigt Ihnen,
daB es eine Wahrheit ist. Ebenso wahr, wie der Christus unter den
Menschen in den drei letzten Jahren des Jesus-Lebens gewandelt hat,
ebenso konnten sich die Toten seines Besuches erfreuen. Unmittelbar
nach dem Ereignis von Golgatha erschien er den Toten, den ab-
geschiedenen Seelen. Das ist eine okkulte Wahrheit. Und jetzt konnte
er ihnen sagen, daB in der physischen Welt driiben der Geist unum-
stoBlich den Sieg iiber die Materie davongetragen hat! Das war eine
Lichtflamme in der jenseitigen Welt fur die abgeschiedenen Seelen,
die wie geistig-elektrisch einschlug und das erstorbene Jenseits-
bewuBtsein der griechisch-lateinischen Zeit anregte, eine ganz neue
Phase beginnend fur die Menschen zwischen dem Tode und der neuen
Geburt. Und immer heller und heller wurde seit jener Zeit das Be-
wuBtsein des Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
So konnen wir, wenn wir Geschichte schildern, die Angaben iiber
die Gegenwartsverhaltnisse durch das erganzen, was wir iiber Kama-
loka und iiber das Devachanleben zu sagen haben, und wif miissen
darauf hinweisen, daB durch das Erscheinen des Christus auf der Erde
eine ganz neue Phase beginnt fur das Jenseitsleben, daB die Frucht
dessen, was der Christus fur die Erdenevolution geleistet hat, sich aus-
lebt in einer radikalen Anderung des Jenseitslebens. Dieser Besuch
des Christus im Jenseits bedeutet Ungeheures, eine Auffrischung des
Lebens im Jenseits zwischen Tod und neuer Geburt. Seit jener Zeit
fiihlten sich die Abgeschiedenen, die sich in diesem wichtigen Augen-
blick der griechisch-lateinischen Zeit, trotz ailer ihrer Freude far die
physische Welt, wie Schatten empfanden, so daB sie lieber Bettler
sein wollten in der Oberwelt, als Konige im Reiche der Schatten, sie
fiihlten sich jetzt immer mehr und mehr heimisch werdend im Jen-
seits. Und seither ist das der Fall, daB die Menschen immer mehr und
mehr hineinwachsen in die geistige Welt, und eine Periode des Auf-
stieges, des Auf bliihens in der geistigen Welt war damit angebrochen.
So haben wir einmal das Ereignis von Golgatha von dem Ge-
sichtspunkte der anderen Welt aus - wenn auch nur skizzenhaft -
benihrt und zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, daB es eine Ge-
schichte fur die geistige Welt geradeso gibt wie eine Geschichte fur
die physische Welt. Und erst dadurch, daB wir diese wirklichen Be-
ziehungen zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt er-
forschen, wird die eine Welt auch fur die andere Welt im Menschen-
leben fruchtbar. Immer werden wir sehen, was wir gewinnen fur die
Betrachtung des Menschenlebens auf der Erde, wenn wir die wahren
Eigenschaften der geistigen Welt vor uns hinstellen.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 26. Oktober 1908
Unser heutiger Vortrag soli handeln von den Bedingungen, die der
Mensch zu erfullen hat, wenn er die in ihm schlummernden Krafte
und Fahigkeiten ausbilden und zu eigener Erfahrung und Beobach-
tung der hoheren Welten kommen will. Sie haben in den Artikeln
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» ein Bild von
mancherlei, was der Mensch zu erfullen hat, wenn er den Erkenntnis-
pfad gehen will, wenn er hinaufdringen will in die hoheren Welten.
Doch konnen diese Artikel nur Einzelheiten geben. Selbst wenn man
sie dreimal, ja zehnmal groBer im Umfang machen wurde - es ist
iiber alles in diesem Gebiete unendlich viel zu sagen! Es wird daher
immer nutzlich sein, wenn man nach dieser oder jener Richtung hin
weitere Ausfuhrungen gibt. Man kann die Dinge jedesmal nur von
einer gewissen Seite her beleuchten, und man muB den Grundsatz
festhalten, das, was man von einer Seite her gewonnen hat, zu er-
ganzen dadurch, daB es von einer anderen Seite her beleuchtet wird.
Wir wollen uns heute zur Aufgabe setzen, manches von dem, was
Bedingungen des Erkenntnispfades, Bedingungen des Aufstieges in
die hoheren Welten ist, skizzenhaft von einer gewissen Seite her zu
beleuchten.
Sie erinnern sich an die Andeutungen, die in der Interpretation
iiber Goethes «Marchen» gegeben worden sind. Es handelt sich dar-
um, daB der Mensch Seelenkrafte verschiedener Art hat und daB
von der Ausbildung derselben: also des Denkens in sich selbst, des
Fuhlens in sich selbst und des Wollens in sich selbst, der Aufstieg
auf der einen Seite abhangt, und auf der anderen Seite, daB der Mensch
durch die Methode der Obungen diese drei in das richtige MaBver-
haltnis zueinander bringt. Das Wollen, Fiihlen und Denken muB in
Erkenntnis der einzelnen, geistigen Lebensziele immer in genau rich-
tigem MaBe zur Entwickelung gebracht werden. Fur ein bestimmtes
Ziel muB zum Beispiel das Wollen zuriicktreten, das Fiihlen dagegen
starker hervortreten, fur ein anderes Ziel muB das Denken zuruck-
treten und wieder fur ein anderes Ziel das Fiihlen. Alle diese Seelen-
krafte miissen durch die okkulten Obungen in richtiger Proportion
ausgebildet werden. Mit der Ausbildung des Denkens, Fiihlens und
Wollens hangt der Aufstieg in die hoheren Welten zusammen.
Vor allem handelt es sich urn eine Lauterung, Reinigung des Den-
kens. Das ist notig, damit das Denken nicht mehr abhangig ist von
der auBeren Sinnesbeobachtung, die auf dem physischen Plan ge-
wonnen werden kann. Doch nicht nur das Denken, sondern auch
das Fiihlen und Wollen konnen Erkenntniskrafte werden. Sie gehen
im gewohnlichen Leben personliche Wege. Sympathie und Anti-
pathie gehen auf die einzelne Personlichkeit hin zugeschnittene Wege.
Sie konnen aber zu objektiven Erkenntniskraften werden. Es mag
dieses unglaublich klingen fiir die heutige Wissenschaft. Vom Den-
ken, besonders von dem auf die sinnliche Beobachtung gerichteten
vorstellungsmaBigen Denken, glaubt man das leicht, aber wie
sollten Menschen zugeben konnen, daB das Gefuhl eine Erkenntnis-
quelle werden konne, wenn sie sehen, wie gegeniiber demselben
Dinge der eine so, der andere so fiihlt? Wie konnte man annehmen,
daB etwas so Schwankendes, was so von der Personlichkeit abhangt
wie Sympathie und Antipathie, maBgebend werden konne fiir eine
Erkenntnis, und daB sie so weit diszipliniert werden konnen, daB
sie das innerste Wesen eines Dinges erfassen konnten. DaB der Ge-
danke es tut, dies kann man leicht begreifen; daB aber auch dann,
wenn wir einem Dinge gegeniiberstehen und dieses Ding in uns ein
Gefuhl erweckt, dieses Fiihlen so in uns vorhanden sein kann, daB
nicht die Sympathie oder Antipathie des einzelnen spricht, sondern
es selbst zum Ausdrucksmittel werden kann fiir das, was im Innersten
des Dinges vorhanden ist, das scheint schwer glaublich. DaB ferner
auch die Kraft des Willens und Begehrens Ausdrucksmittel werden
kann fiir das Innere, das scheint zunachst geradezu frivol.
Ebenso aber, wie das Denken gereinigt und dadurch objektiv wer-
den kann, so daB es zum Ausdrucksmittel der Tatsachen sowohl in
der sinnlichen als auch in den hohern Welten wird, so kann auch
das Fiihlen und das Wollen objektiv werden, Doch diese Sache darf
nicht miBverstanden werden. So wie das Gefuhl im heutigen Men-
schen im gewohnlichen Leben ist, in seinem unmittelbaren Gefuhls-
inhalte, so wird es nicht zum Ausdrucksmittel einer hoheren Welt.
Dies Gefuhl ist etwas Personliches ; die okkulten Ubungen, die der
Schuler erhalt, gehen darauf aus, dies Gefuhl zu kultivieren, das heiBt
zu verandern, zu verwandeln. Dadurch wird das Gefuhl allerdings
etwas anderes, als es war, da es noch personlich war. Nun darf man
aber nicht glauben, wenn man auf dem okkulten Pfade durch die
Ausbildung des Gefuhls eine gewisse Stufe erlangt hat, daB man dann
etwa vom Gesichtspunkte des erkennenden Menschen aus sagen
konne: Ich habe eine Wesenheit vor mir und ich fuhle etwas von
dieser Wesenheit -, und daB dasjenige, was man da im Gefuhl hat,
eine Wahrheit, eine Erkenntnis sei. Der Vorgang ist ein viel in-
timerer, innerlicherer, der an der Hand der okkulten Ubungen das
Gefuhl umwandelt. Das driickt sich darin aus, daB derjenige, der
durch die Ubungen sein Gefuhl verwandelt hat, zu der imaginativen
Erkenntnis kommt, so daB sich ihm ein geistiger Inhalt in Symbolen
offenbart, die Ausdruck sind dessen, was in der astralischen Welt an
Tatsachen und Wesenheiten vorhanden ist. Das Gefuhl wird anders,
es wird Imagination, so daB im Menschen die astralen Bilder auf-
tauchen, die ihm die Geschehnisse des Astralraumes ausdriicken. Der
Mensch sieht nicht so, wie in der physischen Welt, zum Beispiel eine
Rose mit Farben uberzogen, sondern in symbolischen Bildern, und
zwar alles, was uns in der okkulten Wissenschaft vorgefuhrt wird,
in Bildern. So das schwarze Kreuz, das mit Rosen geziert ist. Alle
solche Symbole sollen eine bestimmte Tatsache zum Ausdruck brin-
gen und entsprechen ebenso astralen Tatsachen, wie das, was wir in
der auBeren physischen Welt sehen, physischen Tatsachen entspricht.
Man bildet also das Gefuhl aus, erkennt aber in der Imagination.
Ebenso ist es mit dem Willen. Wenn man die Stufe erlangt hat,
die durch Schulung des Willens bis zu einem gewissen Grade erlangt
werden kann, dann sagt man nicht, wenn eine Wesenheit einem ent-
gegentritt: sie erweckt in mir ein Begehrungsvermogen, sondern,
wenn der Wille ausgebildet ist, beginnt man dasjenige wahrzunehmen,
was Gegenstand des Tonens im Devachan ist.
Das Gefuhl wird in uns ausgebildet, und das astralische Schauen
in der Imagination ist die Folge. Der Wille wird in uns ausgebildet,
und das Erleben des devachanischen Geschehens in der geistigen
Musik, der Spharenharmonie, aus der uns heraustont die innerste
Natur der Dinge: das ist die Folge. Ebenso wie man das Denken
ausbildet und dadurch zum objektiven Denken gelangt, was die erste
Stufe ist, so bildet man das Fiihlen aus, und es wird auf der Stufe
der Imagination eine neue Welt aufgehen. Und ebenso bildet man
den Willen aus, und es ergibt sich in der Inspiration die Erkenntnis
der niederen devachanischen Welt, und endlich tut sich in der Intui-
tion die hohere devachanische Welt vor dem Menschen auf.
So konnen wir sagen: Indem sich der Mensch in die nachste Stufe
des Daseins hinaufhebt, ergeben sich ihm Bilder, die wir aber jetzt
nicht mehr so anwenden wie unsere Gedanken, so da6 wir fragen:
wie entsprechen diese Bilder der Wirklichkeit? Sondern die Dinge
zeigen sich ihm in Bildern, die aus Farben und Formen bestehen,
und durch die Imagination mufi der Mensch selber die Wesenheiten,
die sich ihm so symbolisch zeigen, entratseln. In der Inspiration spre-
chen die Dinge zu uns, da brauchen wir nicht zu fragen, nicht zu
entratseln in Begriffen, das ware ein tjbertragen der Theorie des
Erkennens vom physischen Plan, sondern da spricht das innerste
Wesen der Dinge selbst zu uns. Wenn uns ein Mensch entgegentritt,
der sein innerstes Wesen uns zum Ausdruck bringt, so ist das anders,
als wenn wir einem Stein gegeniiber sind. Den Stein miissen wir
entratseln und iiber ihn nachdenken. Beim Menschen ist etwas, was
wir nicht so erfahren, sondern wir erfahren sein Wesen in dem, was
er zu uns sagt: er spricht zu uns. So ist es mit der Inspiration. Da
ist es nicht ein begriffliches diskursives Denken, sondern da hort
man hin, was die Dinge sagen; sie sprechen selber ihr Wesen aus.
Es hatte keinen Sinn, wenn man sagen wollte: Wenn jemand stirbt
und ich treffe ihn im Devachan wieder, werde ich da wissen, wen
ich da treffe, da doch die devachanischen Wesenheiten anders aus-
schauen miissen und nicht verglichen werden konnen mit dem, was
auf dem physischen Plan ist? - Im Devachan sagt das Wesen selbst,
was es fur ein Wesen ist, so wie wenn ein Mensch uns nicht nur
seinen Namen sagen wiirde, sondern wie wenn er fortwahrend sein
Wesen uns zuflieBen lieBe. Das stromt uns dutch die Spharenmusik
zu; ein Verkennen ist da nicht mehr moglich.
Nun ist das ein gewisser Anhaltspunkt zur Beantwortung einer
Frage. Man kommt sehr leicht zu MiBverstandnissen durch die ver-
schiedenen geisteswissenschaftlichen Darstellungen und glaubt leicht,
daft die physische, die astralische und die devachanische Welt sich
raumlich voneinander unterscheiden. Wir wissen ja: da, wo die phy-
sische Welt ist, da ist auch die astralische und devachanische; sie
sind ineinander. Nun konnte man da die Frage aufwerfen: Wenn
alles ineinander ist, da kann ich die drei Welten ja nicht unterscheiden
wie im physischen Raum, wo alles nebeneinander ist. Wenn das Jen-
seits im Diesseits darin steckt, wie unterscheide ich dann die astra-
lische und die devachanische Welt voneinander? - Dadurch unter-
scheidet man sie, daB, wenn man vom Astralischen zum Devacha-
nischen aufsteigt, die Summe von Bildern und Farben in demselben
MaBe, als man hinaufsteigt in das Devachanische, in ihren Formen
durchklungen werden. Dasjenige, was vorher geistig leuchtend war,
wird nunmehr geistig tonend. Es gibt auch einen Unterschied im
Erleben der hoheren Welten, so daB derjenige, der sich hinauflebt,
immer an bestimmten Erlebnissen erkennen kann, ob er in dieser
oder jener Welt ist.
Heute sollen die Unterschiede in bezug auf das Erleben der astra-
lischen und der devachanischen Welt charakterisiert werden. Also
nicht nur dadurch, daB die astralische Welt durch Imagination und
die devachanische durch Inspiration erkannt werden, sondern auch
durch andere Erlebnisse wissen wir, in welcher Welt wir sind.
Ein Glied in der astralischen Welt ist diejenige Zeit, die der Mensch
unmittelbar nach dem Tode zu durchleben hat und die in der geistes-
wissenschaftlichen Literatur die Kamaloka-Zeit genannt wird. Was
heiBt im Kamaloka sein? Wir haben ofters versucht, durch Umschrei-
bungen zu geben, was es heiBt, im Kamaloka zu sein. Ich habe oft
das charakteristische Beispiel herangezogen von dem Feinschmecker,
der da lechzt nach dem GenuB, den ihm nur der Geschmackssinn
verschaffen kann. Der physische Leib ist abgestreift und zuriick-
gelassen beim Tode, der Atherleib zum gr oBen Teil auch, aber der
astralische Leib ist noch vorhanden, und der Mensch ist im Besitz
seiner Eigenschaften und Krafte, die er im Leben innerhalb des phy-
sischen Leibes gehabt hat. Diese andern sich nicht sofort nach dem
Tode, sondern erst nach und nach. Wenn der Mensch Sehnsucht
gehabt hat nach leckeren Speisen, so bleibt ihm diese Sehnsucht,
dieses Lechzen nach dem GenuB, aber es fehlt ihm nach dem Tode
das Instrument, dieselbe zu befriedigen, denn der physische Leib mit
seinen Organen ist nicht mehr da. Er muB den GenuB entbehren,
und er lechzt nach etwas, was er entbehren muB. Das gilt fur alle
eigentlichen Kamaloka-Erlebnisse, und diese bestehen eigentlich in
nichts anderem als in dem Leben, in dem Zustande innerhalb des
astralischen Leibes, wo der Mensch noch Sehnsucht hat nach Be-
friedigungen, die nur durch den physischen Leib erfullt werden kon-
nen. Und weil er diesen nicht mehr hat, ist er genotigt, das Streben
und Lechzen nach den Geniissen sich zu untersagen: das ist die Zeit
des Abgewohnens. Erst dann ist er davon befreit, wenn er diese
Sehnsucht aus dem Astralleib herausgerissen hat.
Wahrend dieser ganzen Kamaloka-Zeit lebt etwas in dem Astral-
leib, was man Entbehrung nennen kann, Entbehrung in den ver-
schiedensten Formen und Nuancen und Differenzierungen; das ist
der Inhalt des Kamaloka. Ebenso wie man das Licht in rote, gelbe,
griine, blaue Tone difFerenzieren kann, so sind auch die Entbehrun-
gen in den verschiedensten Qualitaten zu difFerenzieren, und das
Merkmal der Entbehrung ist das Kennzeichen des Menschen, der
in Kamaloka ist. Doch der Astralplan ist nicht nur Kamaloka, son-
dern er ist weit umfassender. Aber niemals wxirde ein Mensch, der
nur in der physischen Welt gelebt und nur ihren Inhalt erlebt hat,
zunachst - sei es nach dem Tode oder durch andere Mittel, die astra-
lische Welt zu erleben wenn er sich nicht vorbereitet hat, die an-
deren Teile der astralischen Welt erleben konnen. Er kann zunachst
die astralische Welt nicht anders erleben als in der Entbehrung.
Wer in die hoheren Welten hinauf kommt und weiB : ich entbehre
dies oder jenes, und es ist keine Ausskht, es zu erhalten - der erlebt
den BewuBtseinsinhalt der astralischen Welt. Auch wenn sich jemand
als Mensch okkulte Mittel geben lassen konnte, so daB er aus seinem
Leibe heraus den Astralplan betreten konnte, er wiirde immer die
Entbehrung in der astralischen Welt erleiden miissen.
Wie kann man sich nun so ausbilden, daB man nicht nur den Teil
der astralischen Welt kennenlernt, der in der Entbehrung zum Aus-
druck kommt, die Entbehrungsphase, sondem daB man die astra-
lische Welt im besten Sinne erlebt, daB man jenen Teil erlebt, der
wirklich diese Welt auch im guten und besten Sinne zum Ausdruck
bringt? Durch die Ausbildung dessen, was das Gegenteil der Ent-
behrung ist, kann der Mensch in den anderen Teil der astralischen
Welt hineinkommen. Daher werden die Methoden, die in dem Men-
schen die Krafte wachrufen, die dem Entbehren entgegengesetzt sind,
diejenigen sein, die den Menschen in den anderen Teil der astralischen
Welt bringen. Diese miissen ihm gegeben werden. Das sind die Krafte
der Entsagung. Ebenso wie das Entbehren, so ist auch das Entsagen
in mannigfachen Nuancen denkbar. Mit der kleinsten Entsagung, die
wir uns auferlegen, machen wir einen Schritt vorwarts in dem Sinn,
daB wir uns zu der guten Seite der astralischen Welt hinaufentwickeln.
Wenn man sich das Unbedeutendste versagt, so ist dies ein Anerzie-
hen von etwas, das etwas Wesentliches beitragt zum Erfahren der
guten Seiten der astralischen Welt. Darum wird in den okkulten
Oberlieferungen so viel Gewicht darauf gelegt, daB der Schiiler sich
probeweise dies oder jenes entzieht, daB er Entsagung iibt. Dadurch
bekommt er Eintritt in die gute Seite der astralischen Welt.
Was wird dadurch bewirkt? Denken wir zunachst einmal an die
Erfahrungen im Kamaloka. Denken wir, jemand geht durch den Tod
oder durch andere Dinge aus dem physischen Leib hinaus, so werden
ihm die physischen Instrumente des Leibes fehlen. Dadurch fehlt
ihm unbedingt das Werkzeug fur irgendeine Befriedigung. Es tritt
sofort Entbehrung ein, und diese tritt als imaginatives Bild in der
astralischen Welt auf. Zum Beispiel erscheint ein rotes Fiinfeck, oder
ein roter Kreis. Dies ist nichts anderes als das Bild dessen, was in
das Gesichtsfeld der Menschen eintritt und dem Entbehren ebenso
entspricht, wie in der physischen Welt ein Objekt auf dem physischen
Plan dem entspricht, was man in der Seele als Vorstellung davon
erlebt. Hat man sehr niedere Geliiste, sehr tiefstehende Begierden,
dann treten grauenvolle Tiere dem Menschen entgegen, wenn er aus
dem Leib heraus ist. Diese furchtbaren Tiete sind das Symbolum fur
diese niedrigsten Geliiste. Hat man abet Entsagung gelernt, dann ver-
wandelt sich in dem Augenblick, wo man durch den Tod oder die
Initiation aus dem Leib heraus ist, der rote Kreis, weil man das Rot
mit dem Gefuhl der Entsagung durchdringt, in nichts, und es ent-
steht ein griiner Kreis. Ebenso wird das Tier durch die Entsagungs-
krafte verschwinden, und ein edles Gebilde der astralischen Welt
wird erscheinen.
So muB der Mensch erst das, was ihm objektiv gegeben ist, den
roten Kreis oder das scheuBliche Tier, durch die ausgebildeten Ent-
sagungskrafte, dutch den Verzicht, in sein Gegenteil umwandeln.
Die Entsagung zaubert hetaus aus unbekannten Tiefen die wahren
Gestalten der astralischen Welt. So darf also kein Mensch glauben,
wenn er sich im echten Sinne in die astralische Welt hinaufschwingen
will, daB dabei nicht das Mittun seiner Seelenkrafte notwendig sei. Er
wiirde ohne dieses nur in einen Teil der astralischen Welt gelangen.
Er muB vetzichten, auch auf alle Imagination. Wer verzichtet, dei
entsagt, und das ist dasjenige, was die wahte Gestalt der astralischen
Welt hervorzaubert.
Im Devachan hat man Inspiration. Auch hier gibt es eine inner-
liche Unterscheidung fur die Telle des Devachan, die der Mensch
nicht passiv erleben kann, wenn er sie nach dem Tode etlebt. Im
Devachan ist es so, daB durch einen gewissen Weltenzusammenhang
noch nicht soviel Unheil angerichtet ist. Die astralische Welt hat das
furchtbare Kamaloka in sich, abet das Devachan hat das noch nicht.
Das wird erst im Jupiter- und Venuszustand der Fall sein, wenn durch
Anwendung der schwatzen Magie und detgleichen dasselbe in den
Dekadenzzustand iibergegangen sein wird. Dann freilich wird sich
im Devachan Ahnliches entwickeln wie dasjenige, was heute in der
astralischen Welt ist. Hier im Devachan ist also im jetzigen Ent-
wickelungszyklus das Verhaltnis etwas anders.
Was tritt zunachst vor dem Menschen auf, wenn er auf dem Er-
kenntnispfad aufsteigt von der astralischen Welt zum Devachan, oder
wenn er den Weg des einfachen Menschen geht und er nach dem
Tode hinaufgefuhrt wird, was erlebt er dann im Devachan? Seligkeit
erlebt er! Das, was sich aus den Farbennuancen in Tone heraus-
differenziert, das ist unter alien Umstanden Seligkeit. Im Devachan
ist auf der heutigen Stufe der Entwickelung alles ein Hervorbringen,
Produzieren, und in bezug auf die Erkenntnis ein geistiges Horen.
Und Seligkeit ist alles Produzieren, Seligkeit ist alles Horen der
Spharenharmonie. Der Mensch wird im Devachan nur Seligkeit,
lauter Seligkeit empfinden. Wenn er durch Mittel geistigen Wissens
durch die Leiter der menschlichen Entwickelung, die Meister der
Weisheit und des Zusammenklanges der Empflndungen, oder aber
im Falle des gewtihnlichen Menschen nach dem Tode hinaufgefuhrt
wird: er wird immer Seligkeit dort erleben. Das ist dasjenige, was
der Eingeweihte erleben muB, wenn er so weit gekommen ist auf
dem Erkenntnispfad. Aber es liegt in der Fortentwickelung der Welt,
daft es nicht bei der bloBen Seligkeit bleiben darf. Das wiirde nur
eine Steigerung des raffiniertesten spirituellen Egoismus bedeuten.
Die Individualist des Menschen wiirde immer nur in sich aufnehmen
die Warme der Seligkeit, die Welt aber wiirde so nicht weitergehen.
So wiirden Wesen ausgebildet, die sich in sich selbst seelisch ver-
harten. Zum Heile und Fortschritt der Welt muB daher derjenige,
der durch die Obungen in das Devachan hineinkommt, nicht nur
die Moglichkeit erhalten, in der Spharenmusik alle Nuancen der
Seligkeit zu erleben, sondern er muB in sich Gefuhle des Gegenteils
der Seligkeit entwickeln. Wie das Entsagen dem Entbehren gegen-
iibersteht, so verhalt sich das Gefiihl der Opferung zur Seligkeit, der
Opferung, die da bereit ist, dasjenige, was man als Seligkeit erhalt,
auszugieBen, es in die Welt flieBen zu lassen.
Dies Gefiihl des Sich-Opferns haben jene gottlichen Geister, die
wir die Throne nennen, gehabt, als sie begannen ihren Anteil zu
haben in der Schopfung. Als sie ihren eigenen StofT auf dem Saturn
ausgegossen haben, da haben sie sich hingeopfert fur die werdende
Menschheit. Das, was wir heute als StofT haben, ist dasselbe, was sie
ausstromten auf dem Saturn. Und ebenso haben sich die Geister der
Weisheit auf der alten Sonne hingeopfert. Diese gottlichen Geister
sind hinaufgestiegen in die hoheren Welten, sie haben das Erlebnis
der Seligkeit nicht nur passiv hingenommen, sondern sie haben bei
dem Durchgang dutch das Devachan gelernt, sich zu opfern. Sie
sind nicht armer durch dies Opfer geworden, sondern reicher. Nur
ein Wesen, das ganz in der Materie lebt, glaubt, durch das Opfern
schwinde es dahin - nein, ein Sich-hoher-, Sich-reicher-Entwickeln ist
mit dem Hinopfern im Dienst der universalen Evolution verknupft.
So sehen wir, daB der Mensch aufsteigt zur Imagination und In-
spiration und eintritt in jene Sphare, wo sein ganzes Wesen sich durch-
dringt mit immer neuen Nuancierungen der Seligkeit, wo er sozu-
sagen alles um sich herum so erlebt, daB es nicht nur zu ihm spricht,
sondern wo alles um ihn herum wird ein Aufsaugen der geistigen
Tone der Seligkeit.
In der Wandlung der ganzen Gefuhle, die der Mensch hat, besteht
der Aufstieg zum hoheren Erkenntnisvermogen, und die okkulte
Schulung besteht in nichts anderem, als daB die Regeln und Methoden,
die uns die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der
Empfindungen gegeben haben und die durch jahrtausendealte Er-
fahrung erprobt sind, daB durch diese Regeln und Methoden Ge-
fuhl und Wille des Menschen gewandelt wird und daB ihn dies hinauf-
fuhrt zu hoheren Erkenntnissen und Erlebnissen. Dadurch, daB der
Schuler nach und nach seinen Gefuhls- und Willensinhalt okkult
kultiviert und umbildet, erlangt er diese hoheren Fahigkeiten.
Wer in der geisteswissenschaftlichen Bewegung darinnensteht, darf
es nicht gleichgiiltig nehmen, ob er drei oder sechs oder sieben Jahre
dazu gehort. Das hat etwas zu bedeuten. Das Gefiihl des Miterlebens
dieses inneren Wachstums durch seine innere GesetzmaBigkeit, das
soil sich der Schuler klarmachen. Es handelt sich darum, daB wir
unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, sonst gehen die Wirkungen
desselben an uns voniber.
FONFTER vortrag
Berlin, 27. Oktober 1908
Es soli heute ausgegangen werden von einfachen Formen des Schmer-
zes, von den Elementargestalten desselben. Wenn man sich in den
Finger schneidet und Schmerz empfindet oder die Hand gequetscht
wird, oder wenn die Hand abgehauen wird und man Schmerz emp-
findet, ist es eine einfachste, primitivste Art des Schmerzes; damit
soli diese Betrachtung beginnen. Wenn wir seelenkundige Gelehrte,
Psychologen fragen, was sie zur Erklarung des einfachsten Schmerzes
herbeitragen konnen, so sind gerade in der Gegenwart diese Psycholo-
gen etwas drollig geworden. Sie haben eine merkwiirdige Entdeckung
gemacht: denn sie haben gefunden, daC der Schmerz nicht anders
erklart werden kann, als wenn man noch zu den verschiedenen Sinnen,
dem Geruchs-, Gesichts- und Gehorsinn, auch einen Schmerzes-
sinn dazunimmt, so daB der Mensch mit diesem Sinne den Schmerz
wahrnimmt, geradeso wie er mit den Augen das Licht und mit dem
Ohr die Tone wahrnimmt. Sie sagen : der Mensch empfinde Schmerz,
weil er einen Schmerzessinn habe. Die auCere Erfahrung gibt uns
zwar keinen Anhaltspunkt, der dafiir sprechen wurde, einen Schmer-
zessinn anzunehmen, aber trotzdem fuhlt sich die auf die reine Be-
obachtung sich stiitzende Wissenschaft durchaus nicht abgehalten,
ihn anzunehmen. Sie erfindet eben den Schmerzessinn. Aber wir wol-
len davon keine weitere Notiz nehmen, sondern uns fragen: Wie
kommt ein solcher einfacher, primitiver Schmerz zustande, wie wird
er empfunden, wenn man sich in den Finger schneidet?
Der Finger ist ein Teil des physischen Leibes. In diesem sind die
Stoffe der aufieren physischen Welt vorhanden. Der Finger ist durch-
setzt von dem atherischen und dem astralischen Teil des Leibes, der
zum Finger gehort. Was haben diese hoheren Teile, das Atherische
und das Astralische, fur eine Aufgabe? Dieser physische Aufbau des
Fingers, der aus KohlenstofT, WasserstofF, SauerstorT, StickstofF und
so weiter besteht, diese Zellen, die in ihm angeordnet sind, konnten
nicht so sein, wenn nicht hinter ihnen der tatige Akteur, der Bildner
und Auf bauer, der Atherleib ware, der sowohl in der Entwickelung
des Fingers gewirkt hat, so daB die Zellen sich 2um Finger zusam-
mengefugt haben, als auch diese Zellen in ihrer jetzigen Zusam-
menfugung erhalt, denn er verhindert, daB der Finger abfallt und
verwest. Dieser Atherleib durchsetzt, durchatherisiert den ganzen
Finger, er ist in demselben Raum wie der physische Finger. Aber
auch der Astralfinger ist da. Wenn wir im Finger irgendeine Emp-
findung haben, einen Druck oder eine sonstige Wahrnehmung, so ist
natiirlich der Astralleib des Fingers der Vermittler desselben, denn
die Empflndung ist im Astralleibe.
Es ist aber keineswegs ein bloB mechanischer Zusammenhang
zwischen dem physischen, atherischen und astralischen Finger, son-
dern dieser Zusammenhang ist ein fortwahrend lebendiger. Der athe-
rische Finger durchgliiht und durchkraftet immer den physischen
Finger, er arbeitet fortwahrend an der Gestaltung der inneren Teile
desselben. Was hat denn der atherische Finger fur ein eigentliches
Interesse an dem physischen Finger? Er hat das Interesse, iiberall
diese Teile, mit denen er bis in die kleinsten Teile verbunden ist, an
die richtige Stelle, in das richtige Verhaltnis zu bringen.
Denken wir nun, wir machten uns ein Ritzchen in die Haut und
verletzten sie dadurch: da verhindern wir durch diesen Einschnitt
den Atherfinger daran, daB er die Teile in der richtigen Weise an-
ordnet. Er ist im Finger und sollte die Teile zusammenhalten. Dieser
mechanische Einschnitt halt sie auseinander, da kann der Atherfinger
nicht tun, was er tun soil. Er ist in derselben Lage, wie wir sein
wiirden, wenn wir selbst uns zum Beispiel irgendein Gerat hergerich-
tet hatten, um im Garten zu arbeiten, und jemand uns das Gerat
zerstorte. Da kann man seine Arbeit nicht so verrichten, wie man
mochte. Jetzt muB man entbehren, was man in AngrifT nehmen wollte.
Dieses Nichtkonnen bezeichnet man am besten mit Entbehrung.
Diese Unmoglichkeit, einzugreifen, empfindet der astralische Teil des
Fingers als Schmerz.
Wenn man die Hand wegschlagt, kann man nur die physische Hand
wegschlagen, nicht die Atherhand, und diese Atherhand kann dann
nicht wirken; diese ungeheure Entbehrung empfindet die Astralhand
als Schmerz. So haben wir durch Zusammenwirken des Atherischen
und Astralischen das Wesen des primitivsten, elementarsten Schmer-
zes kennengelernt. So entsteht in der Tat der Schmerz, und er dauert
so lange, bis nunmehr das Astralische in diesem einzelnen Teil
sich daran gewohnt hat, daB diese Tatigkeit nicht mehr ausgefuhrt
wird.
Vergleichen wir nun damit den Schmerz im Kamaloka. Dort ist
plotzlich dem Menschen sein ganzer Leib entrissen, er ist nicht
mehr da, und die Atherkrafte konnen nicht mehr eingreifen. Der
Astralleib spurt, daB das Ganze nicht mehr organisiert werden kann,
er begehrt die Tatigkeit, die man nur mit dem physischen Leibe
ausfuhren kann, er empfindet diese Entbehrung als Schmerz. Jeder
Schmerz ist eine unterdriickte Tatigkeit. Jede unterdriickte Tatigkeit
im Kosmos fuhrt zum Schmerz, und weil oft Tatigkeit im Kosmos
zu unterdriicken ist, ist der Schmerz etwas Notwendiges im Kosmos.
Es kann aber auch etwas anderes eintreten. Es kann in einem
gewissen Grade die Hand durch Entbehrungsprozesse und derglei-
chen langsam zuriickgebracht werden von ihrer besonders lebendigen
Tatigkeit, und dadurch konnen ihre Funktionen unterdriickt wer-
den. Das ist ja zum Beispiel der Fall, wenn der Mensch beginnt sich
zu kasteien. Da bringt er die friiher regen und tatigen Organe des
Korpers in gewisser Weise zum Stillstand, Dann entzieht sich zum
Beispiel bei der Hand der astralische Teil der Atherhand. Diese hat
dann einen OberschuB an Kraften, sie hat an Aufgaben verloren,
trotzdem sie ebenso rege die Tatigkeit fortsetzen konnte. Sie hat
auf diese Weise, trotzdem eine eigentliche Verletzung nicht da ist,
ihre Aufgabe verloren. Wenn der Mensch sich nun so behandelt,
daB er diese uberschussige Kraft in dem Astralleib zu spuren be-
ginnt und sich sagen kann: Ich habe da uberschussige Kraft iibrig;
vorher habe ich alle Kraft gebraucht, um den physischen Leib zu
regulieren, jetzt habe ich den physischen Leib gebandigt. - Er
nimmt nicht mehr so viel Kraft in Anspruch -, so verspiirt der Astral-
leib die so geartete uberschussige Kraft als Seligkeit. Denn gerade-
so wie unterdriickte Tatigkeit Schmerz bereitet, so gibt angesam-
melte Kraft das Gefuhl von Seligkeit. Die Moglichkeit, mehr zu tun,
als er von vorneherein veranlagt war zu tun, bedeutet fur den Astral-
leib Seligkeit. Dies BewuBtsein einer strotzenden Kraft, die hinauf-
gehen kann in der Produktion, die von innen heraus dirigiert werden
darf, da der auBere Korper sie nicht in Anspruch nimmt: das bedeutet
Seligkeit.
Welchen Sinn hat es nun, daB in Ordensgemeinschaften etwas zur
Abtotung des physischen Korpers getan wird? Was heiBt das also?
Das heiBt : die Funktionen des physischen Leibes nicht so in Anspruch
nehmen, sie dadurch ruhig machen und so im Atherleibe etwas an
Kraft zuriickbehalten. Denken wir uns nebeneinander einen Men-
schen, der entbehrungsvoll gelebt hat, der es nach und nach dazu
gebracht hat, daB der Stoffwechsel des physischen Leibes ruhig vor
sich geht, ohne den Atherleib viel in Anspruch zu nehmen, und
einen andern Menschen, der moglichst viel essen will, bei dem alles
drunter und driiber geht, bei dem viel verdaut wird. Bei dem einen,
bei dem alles in der Ruhe vor sich geht, ja bei dem die physischen
Funktionen sogar eine gewisse Tragheit zeigen und nicht so sehr die
Krafte des Atherleibes aufzehren, da bleibt dem Atherleibe Kraft
iibrig. Bei dem anderen aber muB die ganze Kraft des Atherleibes
fur die Bediirfnisse des Gaumens und Magens verwendet werden;
da werden alle Krafte des Atherleibes verbraucht, um den physischen
Leib in seinen Funktionen zu erhalten. Die Folge davon ist, daB der-
jenige, der seinen Leib zur Ruhe und Anspruchslosigkeit gebracht
hat, uberschiissige Krafte in seinem Atherleibe hat, und der Astral-
leib spiegelt dieselben als Erkenntniskrafte, nicht bloB als Seligkeit,
und es treten vor einem solchen die imaginativen Bilder der astra-
lischen Welt auf. Savonarola zum Beispiel hatte keinen ihn besonders
in Anspruch nehmenden physischen Leib ; er war schwachlich, sogar
eigentlich fortwahrend kranklich, er hatte viel in seinem Atherleib,
was nicht in den physischen Leib hinein verbraucht wurde, und er
konnte diese Krafte dazu verwenden, um seine gewaltigen Kraft-
gedanken und Impulse zu finden, er konnte jene machtigen Reden
halten, durch die er seine Zuhorer begeisterte. Durch seine Visionen,
die er auch hatte, konnte er dasjenige, was in der Zukunft geschehen
soil, machtig vor seine Horer hinstellen.
Und jetzt konnen wir das auf die geistigen Welten iibertragen.
Ebenso wie gehemmte Tatigkeit im Kamaloka Entbehrung ist - und
im Kamaloka ist immer Entbehrung -, fallt nun, wenn der Mensch
in das Devachan kommt, alle gehemmte Tatigkeit hinweg, weil
dort nichts mehr da ist, was irgendwie mit dem Physischen zusam-
menhangt und mit Gier sich zurucksehnt in das Physische. Da ist
dem Menschen die geistige Substantiality iiberliefert, welche nach
und nach aufbaut die Gestalt seiner kunftigen Inkarnation. Da ist
reinste, ungehemmteste Tatigkeit, und die empfindet der Mensch als
reinste Seligkeit. Der Mensch lernt fortwahrend in seinem Leben
durch alles, was um ihn herum ist. Seine Leiber aber, die er jetzt
hat, die hat er aufgebaut nach den Kraften seiner fruheren Inkarna-
tionen, die hat er sich durch diese Krafte aufgebaut. Was er jetzt
in seinem Leben kennenlernt, das ist noch nicht in seinem Leibe.
Der Mensch andert sich innerhalb seines Lebens, seine Gefuhle und
Empfindungen andern sich, seine Ideale wachsen, eine groBe Summe
gehemmten Tatigkeitsdranges steckt im Menschen - seinen Leib aber
kann er nicht umgestalten, er muB den Korper so lassen, wie er
nach den Erfahrungen der fruheren Inkarnationen aufgebaut ist. Von
diesen Hemmungen ist er im Devachan befreit, und die Folge davon
ist, daB sich sein ungehemmter Tatigkeitsdrang in Seligkeit aus-
lebt. Er scharTt sich seinen Astralleib, seinen atherischen und seinen
physischen Leib dort fur das neue Leben. Was hier unverbraucht
bleibt, das wird in Anwendung gebracht im Devachan. Er nimmt
hinauf ins Devachan nicht nur sein jetziges, gegenwartiges BewuBt-
sein, sondern auch dasjenige, was iiber seine Personlichkeit hinaus-
geht. Das gibt ihm im Devachan ein erhohtes Dasein, so daB er also
zu dem, was hier seine Individualitat ist, noch das im Devachan
erlebt, was er zur Individualitat hinzuerobert hat und was er wahrend
seines Lebens noch nicht hat zum Ausdruck bringen konnen. So
begreifen wir Schmerz und Entbehrung von der untersten Stufe bis
hinauf zur Seligkeit. In einer Welt konnen wir immer die Spuren
dessen verfolgen, was durch alle Welten hindurchgeht.
So konnen wir heute auch die asketischen Methoden der Entwicke-
lung besser wiirdigen. Wir konnen sagen: Wie der Schmerz zusam-
menhangt mit einer auBeren Verletzung des physischen Leibes, so
hangt die Seligkeit, die empfunden wird, zusammen mit einer
Verringerung der auBeren und dadurch mit einer Erhohung der
inneren Tatigkeit. Das ist die verniinftige Seite der alten Askese,
und wir konnen verstehen, warum in Entsagung dasjenige gesucht
worden ist, was in die hoheren Welten hinauffiihren sollte. So miis-
sen wir uns oft die primitivsten Seiten der Sache klarmachen, um in
gewisser Weise begreifen zu lernen, wie uns die Geisteswissenschaft
durch das Einfachste, wie die Verletzung eines Fingers, den Weg
von Entbehrung und Entsagung zur Seligkeit erklarlich macht, und
ebenso wie die Ertragung des Korperschmerzes eine Art Erkenntnis-
weg werden kann. Denn alles ist Gleichnis, und wenn wir uns das
Kleine, das vor uns liegt, erklaren, wie es die Geisteswissenschaft
erkennen laBt, dann erheben wir uns allmahlich zu einer geistigen
Hdhe, die uns das GroBte begreifen laBt.
Wenn wir das vergleichen mit dem, was gestern gesagt worden
ist, so wird es erklarlich, daB das Ertragen von korperlichen Schmer-
zen eine Art Schulung, eine Art Erkenntnisweg sein kann. Denken
wir uns einen Menschen, der noch nie Kopfschmerzen gehabt hat. Er
kann sagen: Ich weiB nichts davon, daB ich ein Gehirn habe, denn
ich habe es noch nie gefuhlt. Denken wir uns, daB nicht durch auBere
Einflusse solcher Kopfschmerz zustande kommt, sondern durch eine
gewisse Stufe der christlichen Einweihung, die man «die Dornen-
kronung» nennt. Da hat der Mensch das Gefuhl zu erleben: Was
auch fur Leiden und Schmerzen und Hemmungen an mich heran-
treten, die mir dasjenige, was mir das Wichtigste ist, meine Mission,
untergraben wollen - ich will aufrecht stehen, wenn ich auch allein
stehe! - Wenn jemand monate-, ja jahrelang sich in diesen Gefiihlen
iiben wurde, wurde er zuletzt zu einem solchen Gefuhl von Kopf-
schmerz kommen, wie wenn Stacheln sich in seinen Kopf hinein-
bohrten. Das ist ein Ubergang zum Erkennen derjenigen okkulten
Krafte, die das Gehirn gebildet haben. Wenn die Atherkrafte des
Gehirns genau tun, was sie tun mussen, dann finden sie nichts,
was dem Menschen diese Krafte zum BewuBtsein bringen konnte.
In dem Augenblick aber, wo das physische Gehirn in einer gewissen
Weise verwundet ist unter dem EinfluB dieser Gefiihle, muB der
Atherleib sich loslosen, er muB sich zuruckziehen aus dem Gehirn,
er wird hinausgetrieben aus dem Gehirn, und die Folge dieser Selb-
standigkeit des Atherkopfes ist die Erkenntnis. Dieser voriiber-
gehende Schmerz ist nur der Obergang zur Erreichung der Erkennt-
niskrafte, und das ist nichts anderes als die Objektivierung dessen,
was der Mensch vorher nicht wuBte. Friiher wuBte er nicht, daB er
ein Gehirn habe, jetzt lernt er erkennen die Atherkrafte und ihre
Wirksamkeit, die sein Gehirn aufgebaut haben und die es erhalten.
So konnte man noch verschiedenes sagen. Wenn ein physisches
Organ getrennt wird von seinem Athergliede, so daB der Atherleib
nicht eingreifen kann, empfindet man Schmerz. Dann, wenn der
Astralleib sich daran gewohnt hat, wenn die Vernarbung eintritt, die
ein Freiwerden des Atherkorpers bedeutet, wenn also nicht alle Krafte
des Atherleibes verwendet werden, tritt das Umgekehrte ein: nam-
lich das Gefuhl von Lust und Seligkeit.
SECHSTER VORTRAG
Berlin, 29. Oktober 1908
Wir werden heute eine Betrachtung anstellen iiber Dinge, die von
einer gewissen Seite her Ihnen bekannt sind. Aber es geht ja bei alien
geisteswissenschaftlichen Dingen so, daB wir sie erst dann vollstandig
durchdringen, wenn sie von verschiedenen Seiten beleuchtet werden;
und es sind innerhalb der anthroposophischen Stromung hier in
unseren mitteleuropaischen Gegenden Dinge zur Besprechung zu
bringen, die aus den weit vorgeschrittenen Forschungen des Okkul-
tismus geholt sind, die also leicht miBverstandlich aufgefaBt werden
konnen. Auf der anderen Seite aber wiirden wir nicht weiterkommen,
wenn wir nicht wagen wiirden, iiber solche Dinge einmal ganz un-
geschminkt zu sprechen.
Denken Sie daran, daB, wenn wir zuriickgehen in der Menschheits-
entwickelung durch die verschiedenen Kulturepochen der nachatlan-
tischen Zeit bis hinein in die Atlantis, und in immer altere Zeiten hin-
aufsteigen auch innerhalb der Atlantis, daB wir da, wenn wir den
geistigen Blick richten auf die Vorgange, immer andere Gestalten des
Menschen finden. Im letzten Drittel der atlantischen Epoche ist der
Atherleib, bis zu einem gewissen Grade noch auBerhalb des physischen
Leibes, der Kopf des Atherleibes ist noch nicht mit den Kraften des
physischen Leibes verbunden, die die Krafte des Ichs, des Selbst-
bewuBtseins sind. Wenn wir den Vorgang, der da zugrunde liegt, be-
obachten, so konnen wir sagen : Die Fortentwickelung besteht darin,
daB der Atherkopf sich hineinschiebt in den physischen Kopf. Be-
trachten wir heute ein Pferd, dann ragt iiber den physischen Kopf der
Atherkopf des Pferdes heraus. Er hat noch eine machtige GroBe iiber
den physischen Kopf hinaus. Ich habe Ihnen auch gesagt, welche
machtige Organisation die Atherteile des Elefanten bilden, die weit,
weit iiber den physischen Leib hinausragen. So war auch beim Men-
schen in der atlantischen Zeit noch der Atherleib herauBen und
schob sich allmahlich immer mehr hinein. Ein solches Hineinschieben
von einem dunneren Gliede in ein dichteres bedeutet zugleich eine
Verdichtung desjenigen, was physisch ist. Der physische Kopf des
Menschen hat also damals noch ganz anders ausgesehen als spater.
Wiirden wir noch weiter zuriickgehen, bis in die letzten lemurischen
Zeiten, so wurde man geistig erst sehr wenig vom physischen Kopf
sehen; erst in ganz weicher, durchsichtiger Materie war er vorhan-
den. Erst durch das allmahliche Hineinschieben des Atherkopfes
wurden Teile des Kopfes verdichtet, erst losgelost von den Teilen der
Umgebung. Auch in der spateren Atlantis war der Mensch noch in
ungeheurer Weise begabt mit dem, was sich in krankhafter Weise er-
halten hat im Wasserkopf, in einem wasserigen Gehirn. AuBerdem
haben wir uns noch dazu zu denken eine Knochenerweichung, eine
vollige Erweichung der oberen Glieder des Menschen. Das klingt
schrecklich fur den heutigen Menschen. Aus dieser wasserigen Sub-
stanz hat sich verhartet, was heute den menschlichen Kopf bildet und
umschlieBt. Es ist das nicht einmal ein sehr ungeeignetes Bild, das ich
manchmal brauche, das Verharten, Auskristallisieren aus den Wasser-
massen, aus einer Salzlosung in einem Glase; es gibt die Dinge ziemlich
genau wieder, dies Herauskristallisieren des Salzes aus der wasserigen
Salzlosung. Was mit dem Kopf in so spater Zeit vor sich ging, ist
mit dem iibrigen Menschen viel fruher geschehen. Auch die iibrigen
Glieder haben sich allmahlich aus einer weichen Masse herausgebildet.
So daB wir sagen konnen: Wo ist denn damals eigentlich das
menschliche Ich, das heutige Ich? Im Menschen eigentlich nicht; es
ist noch in der Umgebung. Durch das Einziehen des Ichs konnen
wir auch sagen, verharten sich die oberen Glieder des Menschen.
Dadurch, daB das Ich auBerhalb des Menschen war, war es in einer
anderen Beziehung noch mit einer Eigenart behaftet, die spater anders
wurde. Durch Einziehen in den physischen Leib wurde das Ich ver-
anlaBt, ein individuelles Ich zu werden, wahrend es vorher noch eine
Art Gruppenseele war. Ich will Ihnen hier ein Bild geben fur den Tat-
bestand. Denken Sie sich, es saBe ein Kreis von zwolf Menschen;
irgendwo in einem Kreis angeordnet saBen diese zwolf Menschen.
Durch die Entwickelung, wie sie heute ist, hat jeder Mensch sein Ich
in sich. Es sitzen also zwolf Ichs im Kreis herum. Betrachten wir
aber in der atlantischen Zeit einen solchen Kreis von Menschen, so
saBen die physischen Korper auch herum, aber das Ich ist erst im
Atherleibe, der noch drauBen ist. Vor einem jeden also befindet sich
sein Ich. Das Ich hat aber eine andere Eigenschaft, es ist nicht so zen-
tralisiert, es entfaltet gleich seine Krafte und verbindet sich mit den
Ichs der anderen Menschen, so daB sie einen Ring bilden, der wieder-
um seine Krafte nach seinem Mktelpunkt schickt. Also haben wir hier
einen atherischen Kreis korper, der eine Einheit in sich bildet, und in
ihm die Ichs, also ein Kreis von physischen Korpern und innerhalb
eine atherische Kreisflache, die eine Einheit bildet, dadurch, daB die
Ichs eingefangen werden, wird eingeschlossen das Einzel-Ich und
durch dieses Bild kommen wir zu einer anschaulichen Vorstellung
der Gruppenseelen.
Gehen wir immer weiter zuriick, so konnen wir dieses Bild fest-
halten, aber wir miissen uns nicht mehr einen solchen regelmaBigen
Kreis von Menschen vorstellen, sondern diese Menschen konnen in
der mannigfaltigsten Weise in der Welt zerstreut sein. Denken wir
uns einen Menschen im westlichen Frankreich, einen andern im Osten
von Amerika und so weiter, also nicht zusammensitzend, aber da,
wo es sich um die Gesetze der geistigen Welt handelt, konnen die
Iche doch zusammenhangen, wenn die Menschen auch iiber der Erde
zerstreut sind. Diese Menschen bilden dann diesen Reigen. Das, was
durch das ZusammenflieBen ihrer Ichs gebildet wird, ist dann zwar
nicht ein so geometrisch schoner Atherkorper, aber es ist doch ein
Einheitliches. Es hat also eine Gruppe von Menschen damals gegeben,
die dadurch verbunden waren, daB ihre Ichs eine Einheit bildeten;
und zwar gab es im wesentlichen vier solche Gruppen-Ichs. Sie
miissen sich diese Menschen wieder entsprechend den Gesetzen der
geistigen Welt vorstellen. Die Gruppenseelen der vier Gruppen gingen
ineinander; sie waren nicht innerlich verbunden, gingen aber inein-
ander. Man nennt diese vier Gruppenseelen mit den Namen der vier
apokalyptischen Tieren: Adler, Lowe, Stier, Mensch, Der Mensch
war aber auf einer anderen Stufe der damaligen Entwickelung wie der
heutige Mensch. Die Namen sind aus der Organisation der Grup-
penseelen genommen. Warum konnte man sie so nennen? Das mochte
ich Ihnen heute von einer anderen Seite begreiflich machen.
Wir versetzen uns einmal so recht anschaulich in friihe Zeiten des
lemurischen Lebens zuriick. Die Seelen, die heute in menschlichen
Leibern verkorpert sind, waren da noch nicht bis zu den physischen
Korpern heruntergestiegen; sie hatten noch gar nicht die Tendenz da-
zu, sich mit physischer Materie zu verbinden. Auch die Korper, die
spater Menschenkorper werden sollten, sind noch sehr, sehr tierahn-
lich. Auf Erden sind die groteskesten physischen Wesenheiten, die sich
selbst noch grotesk ausnehmen wiirden gegeniiber dem, was wir heute
die groteskestenTiere nennen. Alles war noch in einer weichen, schliipf-
rigen Materie, wasserig oder feurig siedend, sowohl die Menschen
wie auch die Umgebung. Es waren naturlich schon unter diesen gro-
tesken Gestalten die Vorfahren des physischen Menschenkorpers, aber
diese waren nicht in Besitz genommen von den Ichs. Tatsachlich leb-
ten die vier Gruppenseelen, die wir charakterisiert haben, schon als
vier Gruppenseelen vor dem Einzug des Geistigen in die physische
Organisation, so daB vier Ichs warteten auf ihre Verkorperung, solche
Ichs, die veranlagt waren zu ganz besonderen Gestalten, die sich da
unten befanden. Die einen waren veranlagt, zu den Organisationen
sich hinzuziehen, die schon in physischer Form in ganz bestimmten
Gestalten vorhanden waren, die anderen wieder zu anderen; die Ge-
stalten, die unten waren, muBten in ihren Formen in gewisser Weise
entsprechen den Arten der Ichs, die da warteten. Es waren Formen
vorhanden, die besonders geeignet waren, die Lowen-Ichs zu emp-
fangen, andere die Stier-Ichs und so weiter. Das war in einer sehr
fruhen Zeit der Erdentwickelung. Nun denken Sie sich, die Gruppen-
seele, die wir Stierseele genannt haben, zieht sich zu ganz bestimm-
ten Formen, die da unten sind. Diese schauen in einer bestimmten
Weise aus ; ebenso wurde die Lowenseele zu besonderen Formen hin-
gezogen. Also zeigt uns auch das Physische auf Erden ein vierfaches
Bild. Die eine Gruppe entwickelt besonders stark die Organe, deren
Funktionen mehr mit den Funktionen des Herzens iibereinkamen;
sie waren einseitig auf das Herz hin organisiert; ein besonders aggres-
sives, mutvolles, angreifendes Element war in ihnen. Sie sind mut-
voll, wollen sich Geltung verschajflfen, wollen die anderen iiberwin-
den, sind sozusagen schon Eroberer, geborene Eroberernaturen,
schon in der Gestalt. Das sind solche, bei denen das Herz, der Sitz
des Ichs, stark gemacht worden ist. Bei anderen sind die Organe der
Verdauung, der Ernahrung, der Fortpflanzung besonders entwickelt;
bei der dritten Gruppe besonders die Bewegungsorgane; bei der
vierten Gruppe aber sind gleichmaBig die Sachen verteilt, sowohl das
Mutvolle, Aggressive wie das Ruhige, das durch die Ausbildung der
Verdauungsorgane hineinkommt; beides wurde ausgebildet. Die
Gruppe, bei der das Aggressive, das zu der Organisation des Herzens
gehort, ausgebildet wurde, das waren die Menschen, deren Gruppen-
seelen zu den Lowen gehorten; die zweite Gruppe war die des Stieres,
die dritte Gruppe, die mit dem beweglichen Element, das nicht viel
vom Irdischen wissen will, gehort zur Gruppenseele des Adlers. Es
sind die, die sich erheben konnen uber das Irdische. Und die, bei denen
die Dinge sich im Gleichgewicht hielten, gehorten zur Gruppen-
seele des « Menschen ». So haben wir formlich im Physischen die Pro-
jektion der vier Gruppenseelen.
Damals wiirde sich ein ganz eigenartiger Anblick fur den Beschauer
geboten haben. Man hatte eine Art Rasse gefunden, von der man sich
mit prophetischer Gabe hatte sagen konnen : Das sind physische We-
sen, die etwas an Lowen erinnern, die den Charakter des Lowen
wiedergeben, wenn sie auch anders aussahen als heute die Lowen. Es
waren lowenmutige Menschen, aggressive Menschenkeime. Dann
wieder gab es eine Gruppe von stierahnlichen Menschen, alles auf dem
physischen Plan angesehen. Die dritte und vierte Rasse konnen Sie
sich leicht erganzen. Die dritte Rasse war schon stark visionar. Wah-
rend die erste kampfmutig war, wahrend die zweite alles pflegte, was
mit dem physischen Plan, mit der Verarbeitung des physischen Planes
zusammenhangt, hatten Sie eine dritte Klasse von Menschen gefun-
den, die sehr visionar waren. In der Regel hatten sie etwas, was im
Verhaltnis zu den anderen Leibern mifigestaltet war. Sie wiirden Sie
erinnert haben an solche Menschen, die viel Psychisches haben und an
Visionen glauben, die aber, weil sie sich um das Physische nicht viel
kummern, etwas Vertrocknetes haben, etwas Verkiimmertes gegen-
iiber dem Kraftstrotzenden der beiden anderen Gruppen. Sie wiirden
Sie erinnert haben an die Vogelnatur. «Ich will zuriickbehalten
meinen Geist», das war die Tendenz der Adlermenschen. Die anderen
hatten etwas, was sozusagen aus alien Teilen gemischt war.
Dazu kommt noch etwas : Wenn wir so weit zuriickgehen, daB wir
solche Verhaltnisse auf Erden antrefTen, dann miissen wir auch den
anderen Gedanken uns etwas nahelegen, daB ja alles, was geschehen
war im Verlaufe der Erdenevolution, geschehen war, urn zu regeln die
Angelegenheiten der Erde aus dem Geistigen heraus. Es war alles nur
ein Umweg, um zu dem heutigen Menschen zu kommen. Wer noch
mehr in die Dinge hinein hatte schauen konnen, der hatte die Erfah-
rung machen konnen, daB diese Lowennaturen, die erinnerten an das,
was wir heute in ganz anderer Weise an dem Lowenleib sehen, eine
besondere Anziehungskraft bildeten fur die mannlichen Gestalten der
Atherleiber. Diese fuhlten sich besonders hingezogen zu diesen
Lowenmenschen, so daB dies Wesen waren, die auBerlich einen
Lowenleib hatten, innerlich aber einen mannlichen Atherleib. Es war
ein machtiges Atherwesen mit mannlichern Charakter, und ein kleiner
Teil dieses Atherwesens verdichtete sich zu dem physischen Lowen-
leib. Der physische Leib war formlich der Kometenkern, wahrend
der Atherleib den Kometenschweif bildete, der der eigentliche Schop-
fer des Kernes war. Die Stierrasse aber hatte eine besondere Anzie-
hungskraft fur den weiblichen Atherleib. Also der Stierkdrper hatte
gerade die Kraft, den weiblichen Atherleib anzuziehen und sich mit
ihm zu verbinden. Und nun denken Sie sich noch, daB das fortwah-
rend arbeitet, die Atherleiber fortwahrend eindringend, umgestaltend.
Das Verhaltnis der lowenartigen Menschen zu den stierartigen ist
besonders wichtig in den alteren Zeiten. Die anderen kommen weni-
ger in Betracht. Die mannlichen Atherleiber, die einen physischen
Lowenleib aus sich herauskristallisierten, hatten die Fahigkeit, den
physischen Lowenleib selbst zu befruchten, so daB also geradezu die
Fortpflanzung der Menschheit besorgt wurde durch die lowenartige
Rasse. Es war eine Art Befruchtung aus dem Geistigen heraus, eine
ungeschlechtliche Fortpflanzung. Dasselbe konnte aber auch die stier-
artige Rasse bewirken. Das, was physisch geworden war, wirkte hier
zuriick auf den weiblichen Atherleib. Im Laufe der Entwickelung
gestalten sich die Sachen anders. Wahrend die Lowennatur die Art
der Fortpflanzung behalt, weil die befruchtende Kraft aus dem Gei-
stigen heraus von oben kam, wahrend hier der ProzeB sich steigerte,
wurde der andere ProzeB immer mehr und mehr zurxickgedrangt.
Unfruchtbarer und unfruchtbarer wurde die Stiermenschheit. Die
Folge war, daB wir auf der einen Seite eine Menschheit hatten, die
durch Befruchtung erhalten wurde, auf der anderen Seite eine andere
Halfte, die immer unfruchtbarer wurde. Die eine Seite wurde zum
weiblichen, die andere zum mannlichen Geschlecht, Die heutige
weibliche physische Natur hat ja einen mannlichen Atherleib, wah-
rend der Atherleib des Mannes weiblich ist. Der physische Leib der
Frau ist hervorgegangen aus der Lowennatur, wahrend der physische
Stierleib der Vorfahre des mannlichen Leibes ist.
Das Geistige im Menschen hat einen gemeinsamen Ursprung, ist
neutral, ging erst in den physischen Leib hinein, als sich die
Geschlechter schon differenziert hatten; da wurde erst das Geistige
in Angriff genommen, da erst der Kopf verhartet. Da erst verband
sich der Atherleib des Kopfes mit dem physischen Leib, dem war
es ganz einerlei, ob er auf einem Manner- oder Frauenleib sich auf-
setzte, da sind beide Geschlechter gleich. Wir miissen sagen, es hat die
Frau durch ihre Entwickelung, solange wir absehen von dem, was
uberhaupt iiber die DifFerenzierung hinausgeht, in ihrer Natur etwas
Lowenartiges. Dieses verborgene Mutvolle wird man schon finden.
Die Frau kann den Mut der Innerlichkeit zum Beispiel im Kriege, in
der Krankenpflege, fur gewisse Dienste der Menschheit entwickeln.
Der mannliche physische Leib hat dasjenige, was wir im echten Sinne
die Stiernatur nennen konnen. Das hangt damit zusammen, daB der
Mann, wie er sonst organisiert ist, mehr die im physischen Schaffen
begnindete Tatigkeit hat. Okkult betrachtet stellen sich die Dinge
durchaus so dar, wenn es auch sehr merkwiirdig klingt. Sie sehen also,
wie diese Gruppenseelen zusammengewirkt haben. Sie arbeiten so, daB
sie ihre Arbeit zusammenlegen, die Lowen- und die Stier-Gruppen-
seele. Diese gottlichen Wesenheiten wirken zusammen und im heuti-
gen Menschen stecken die Arbeiten der verschiedenen gottlichen
Gruppenseelen.
Diese Bilder, die ich hier skizzenhaft vor Sie hingestellt habe,
werden schon ihre Wirkung haben. Verfolgen Sie die Menschen im-
mer weiter zuriick, bis zu der Zeit, als noch keine Fortpflanzung
moglich war, so miissen wir also sagen: Es verwandelt sich der
auBere physische Frauenleib in etwas, was lowenartig war, wahrend
der Mannerleib stierartig war. Solche Dinge miissen nur in heiligem,
ernstem Sinne genommen werden, wenn wir sie im richtigen Sinne
verstehen wollen. Es wiirde denjenigen, die die Anatomie des Men-
schen studiert haben, leicht werden, die anatomischen Verschieden-
heiten des physischen Leibes von Mann und Weib abzuleiten von
diesen Naturen des Lowen und des Stieres. So lange wird die physische
Wissenschaft ganz unfruchtbar sein, nur auBere Tatsachen berichten,
solange sie nicht eindringt in diesen Geist der Tatsachen.
Nun wird es Ihnen nicht mehr so sonderbar erscheinen, wie es
einmal eine Rasse von Menschen gegeben hat, die einen Lowen-
korper hatten. Diese nahmen die Ich-Natur auf und dadurch wan-
delte sich die Lowennatur immer mehr zum Frauenleib. Die, die nichts
von diesem Geistigen abbekommen haben, wandelten sich in ganz
anderer Weise urn, namlich zu den heutigen Lowen, und was mit ihnen
verwandt ist. Warum auch diese Tiere zweigeschlechtlich sind, davon
ein anderes Mai. Die, die nichts abbekommen hatten von der Geistig-
keit, bildeten die heutigen Lowen heraus, wahrend die, die etwas ab-
bekommen hatten, den heutigen Frauenleib herausbildeten.
Im Verlaufe der Zeit konnen noch viele, viele andere Seiten dieser
Dinge gezeigt werden. Das anthroposophische Lernen ist nicht so wie
das mathematische. Zuerst wird aufmerksam darauf gemacht, daB es
zum Beispiel die vier Gruppenseelen gibt; damit sind zunachst nur die
Namen gegeben. Dann wird irgendein Gesichtspunkt gewahlt, und es
wird die Sache von auBen her beleuchtet. Und so kommen wir im-
mer wieder von einer anderen Seite heran. Wir gehen um das, was
zuerst hingestellt wurde, herum und beleuchten es von den verschie-
densten Seiten her. Wer sich das gesagt sein laBt, wird niemals dazu
kommen konnen, zu sagen, daB sich irgendwelche anthroposophi-
schen Dinge widersprechen. So ist es selbst bei den groBten Dingen,
die wir betrachten. Die Verschiedenheit riihrt her von den verschie-
denen Standpunkten, von denen aus man die Dinge betrachtet.
Lassen Sie uns von dieser Versammlung das mitnehmen, was man
innere Toleranz nennen konnte. Moge es uns gerade innerhalb unse-
rer anthroposophischen Spezialstromung gelingen, diesen inneren
Geist der Toleranz in die anthroposophische Bewegung hineinzu-
bringen. Das nehmen wir noch als einen Gefuhlsinhalt mit, und ver-
suchen nun wieder drauBen zu wirken, so daB dieser Geist allerinner-
lichster Verstandigung Platz greifen kann. Auch von verschiedenen
Orten aus konnen wir unsere Seele, unser Herz hinneigen lassen zu
dem, was uns alle verbindet, zu den groBen anthroposophischen
Idealen. Und wir konnen dann das herausbringen, was ein geistiger
Organismus sein soil, was wachst und gedeiht: das Leben unserer
anthroposophischen Sache, zu der wir unsere Kraft von den verschie-
densten Seiten sollen hinstrahlen lassen.
SIEBENTER VORTRAG
Berlin, 2. November 1908
Wir wollen heute eine derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrach-
tungen anstellen, die uns zeigen, wie das Wissen, das wir durch die
anthroposophische Weltanschauung erlangen, geeignet ist, uns Auf-
schliisse zu geben iiber das Leben im weitesten Sinne. Nicht nur das
Leben der alltaglichen Wirklichkeit wird uns verstandlich durch sol-
ches Wissen, wir erhalten audi Aufschiiisse iiber das Leben in jenem
groBen, weiten Umfange, den wir dann ins Auge fassen, wenn wir es
hinausverfolgen iiber den Tod bis in die Zeiten hinein, die zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt fur den Menschen verflieBen.
Gerade aber fur das tagliche Leben kann uns die Geisteswissenschaft
groBen Nutzen bringen, sie kann uns manches Ratsel losen, sie kann
uns zeigen, wie wir sozusagen mit dem Leben fertigwerden konnen.
Denn fur den Menschen, der nicht hineinzuschauen vermag in die
Untergriinde des Daseins, bleibt eben vieles unverstandlich von dem,
was ihm im Leben taglich, ja stiindlich begegnet. Es tiirmen sich ihm
viele Fragen auf, die aus der Sinneserfahrung nicht beantwortet wer-
den konnen und die, wenn sie unbeantwortet bleiben, Ratsel bleiben
und storend in das Leben eingreifen, indem sie Unbefriedigung her-
vorrufen. Unbefriedigtsein im Leben kann aber niemals zur Entwik-
kelung und zum wahren Heile der Menschheit dienen. Wir konnten
Hunderte solcher Lebensratsel hinstellen, die viel tiefer in das Leben
hineinleuchten, als man gewohnlich nur ahnt.
Ein solches Wort, welches viele Ratsel birgt, ist das Wort «Ver-
gessen». Sie alle kennen es als das Wort, welches das Gegenteil von
dem anzeigt, was wir das Behalten einer gewissen Vorstellung, eines
ge wis sen Gedankens, eines Eindruckes nennen. Sie alle haben gewiB
mit dem, was sich hinter dem Worte Vergessen verbirgt, allerlei triibe
Erfahrungen gemacht. Sie alle haben wohl das Qualende durch-
gemacht, das oftmals dadurch entsteht, daB diese oder jene Vorstel-
lung, dieser oder jener Eindruck, wie wir sagen, aus dem Gedacht-
nisse entschwunden ist. Vielleicht haben Sie dann auch nachgedacht :
Wozu muB so etwas wie das Vergessen zu den Erscheinungen des
Lebens gehoren?
Nun kann man AufschluB, und zwar AufschluB in fruchtbarer Art
iiber eine solche Sache doch nur gewinnen aus den Tatsachen des
okkulten Lebens heraus. Sie wissen ja, daft das Gedachtnis, die Erinne-
rung, etwas zu tun hat mit dem, was wir den menschlichen Atherleib
nennen. So diirfen wir auch voraussetzen, daB sozusagen das Gegen-
teil des Gedachtnisses, der Erinnerung, das Vergessen, etwas zu tun
haben wird mit dem Atherleib. Die Frage ist vielleicht berechtigt: Hat
es einen Sinn im Leben, daB der Mensch die Dinge, die er einmal in
seinem Vorstellungsleben gehabt hat, auch vergessen kann? Oder
miissen wir uns damit begniigen, was ja hinsichtlich dieser Vorstel-
lung so haufig geschieht, daB sozusagen das Vergessen nur negativ
charakterisiert wird, daB man sagt: Es ist eben ein Mangel der mensch-
lichen Seele, daB sie nicht alles in jedem Augenblick gegenwartig
haben kann. - Wir werden nur einen AufschluB gewinnen iiber das
Vergessen, wenn wir uns die Bedeutung seines Gegenteils vor die
Seele fiihren, die Bedeutung und das Wesen des Gedachtnisses.
Wenn wir sagen, daB das Gedachtnis etwas zu tun hat mit dem
Atherleib, so miissen wir uns wohl fragen: Wie kommt es, daB beim
Menschen der Atherleib diese Aufgabe erhalt, die Eindriicke und Vor-
stellungen zu behalten, da doch der Atherleib schon bei der Pflanze
vorhanden ist und da eigentUch eine wesentlich andere Aufgabe hat?
Wir haben ofter davon gesprochen, daB ein Pflanzenwesen, das wir vor
uns haben, im Gegensatz zu dem bloBen Stein seine ganze Materialitat
durchdrungen hat von dem Atherleib. Und der Atherleib ist in der
Pflanze das Prinzip des Lebens im engeren Sinne, dann das Prinzip
der Wiederholung. Wenn die Pflanze nur der Tatigkeit des Atherleibes
unterworfen ware, so wiirde, von der Wurzel der Pflanze angefangen,
immerfort das Prinzip des Blattes sich wiederholen. DaB sich in einem
Lebewesen Glieder immer von neuem wiederholen, daran ist der
Atherleib schuld, denn er will immer wieder dasselbe hervorbringen.
Deshalb gibt es ja auch so etwas im Leben, was wir Fortpflanzung
nennen, die Hervorbringung seinesgleichen. Sie beruht im wesent-
lichen auf einer Tatigkeit des Atherleibes, Alles, was beim Menschen
und auch beim Tier auf Wiederholung beruht, ist auf das atherische
Prinzip zuruckzufuhren. DaB sich beim Riickgrat Ringknochen um
Ringknochen wiederholt, riihrt von dieser Tatigkeit des Atherleibes
her. DaB die Pflanze in ihrem Wachstum oben abschlieBt, daB uns
in der Bliite eine Zusammenfassung des ganzen Wachstums erscheint,
das riihrt davon her, daB sich von auBen die Astralitat der Erde in das
Wachstum der Pflanze hineinsenkt. DaB sich beim Menschen die Ring-
knochen des Ruckgrates nach oben erweitern zur Gehirnkapsel und
da Hohlknochen werden, das hat seinen Ursprung in der Tatigkeit des
Astralleibes des Menschen. So konnen wir sagen, daB alles, was Ab-
schliisse hervorbringt, dem Astralischen unterliegt, und alle Wieder-
holung vom Atherprinzip hernihrt. Die Pflanze hat diesen Atherleib
und der Mensch hat ihn auch. Bei der Pflanze kann natiirlich von
einem Gedachtnis nicht die Rede sein. Denn etwa gar zu behaupten,
daB die Pflanze durch ein gewisses unbewuBtes Gedachtnis sich merkt,
wie das Blatt war, das sie hervorgebracht hat, und nun ein Stuckchen
weiter wachst und dann nach dem Muster des ersten Blattes das nachste
hervorbringt, das fiihrt zu den Phantastereien, zu denen heute eine
neuerliche Naturwissenschaft hinneigt. Da spricht man zum Beispiel
auch davon, daB die Vererbung herriihre von einer Art unbewuBten
Gedachtnisses. Das bildet jetzt einen gewissen, man mochte fast sagen,
Unfug in der naturwissenschaftlichen Literatur, denn bei der Pflanze
von Gedachtnis zu reden, ist eigentlich bloBer Dilettantismus in
hoherem Sinne.
Wir haben es zu tun mit dem Atherleib, der das Prinzip der Wie-
derholung ist. Um den Unterschied fassen zu konnen zwischen dem
pflanzlichen Atherleibe und dem menschlichen, der neben den Eigen-
schaften des pflanzlichen Atherleibes auch noch die Fahigkeit hat, das
Gedachtnis auszubilden, mxissen wir uns klarmachen, worinnen sich
denn iiberhaupt Pflanze und Mensch unterscheiden. Denken Sie ein-
mal, Sie senken einen Pflanzensamen in die Erde; dann entsteht aus
diesem Pflanzensamen eine ganz bestimmte Pflanze. Aus einem Wei-
zensamen wird Weizenhalm und Weizenahre entstehen, aus einem
Bohnensamen die Bohnenpflanze. Und Sie werden sich sagen mvissen :
Es ist in einer gewissen Weise unabanderlich bestimmt durch die
Natur des Samens, wie diese Pflanze sich entwickeln wird. Es ist ja
wahr, daB der Gartner hinzukommen mag und durch allerlei Garten-
kiinste die Pflanze veredelt, in einer gewissen Weise umgestaltet. Aber
das ist im Grunde genommen doch etwas Ausnahmsweises und hat
auBerdem doch nur einen geringen Umfang gegen das, was wir vorhin
damit bezeichneten, daB wir sagten : Es wird sich aus dem Samen eine
Pflanze entwickeln, die eine ganz bestimmte Gestalt, ein ganz bestimm-
tes Wachstum und so weiter hat. Ist das nun beim Menschen auch so?
GewiB, bis zu einem gewissen Grade ist das der Fall, aber nur bis zu
einem gewissen Grade. Wir sehen, wenn ein Mensch entsteht aus dem
Menschenkeim, daB auch er an einer gewissen Grenze der Entwicke-
lung sich abschlieBt. Wir sehen, daB von Negereltern ein Neger ent-
steht, von WeiBen ein WeiBer, und so konnten wir mancherlei anfuh-
ren, was uns zeigen wiirde, daB ebenso wie bei der Pflanze auch beim
Menschen die Entwickelung innerhalb gewisser Grenzen eingeschlos-
sen ist. Aber das geht nur bis zu einer gewissen Grenze, bis zur
Grenze der physischen, der atherischen, auch noch der astralischen
Natur. Es wird manches nachweisbar sein in den Gewohnheiten und
Leidenschaften eines Kindes, das durch das ganze Leben bleibend ist,
das sozusagen ahnlich ist den Leidenschaften, den Instinkten der
Vorfahren. Aber wenn der Mensch ebenso eingeschlossen ware in den
Grenzen eines gewissen Wachstumes wie die Pflanze, dann gabe es
gar nicht so etwas wie die Erziehung, wie die Entwickelung der seeli-
schen und geistigen Eigenschaften. Wenn Sie sich zwei Kinder ver-
schiedener Elternpaare denken, die aber in bezug auf Anlagen und auf
auBere Eigenschaften sehr verwandt sind, und sich nun vorstellen,
das eine Kind werde verwahrlost, man wende nicht viel an auf seine
Erziehung, das andere aber werde sorgfaltig erzogen, in eine gute
Schule geschickt, daB es eine inhaltsvolle Entwickelung durchmacht,
dann konnen Sie unmoglich sagen, daB diese inhaltsvolle Entwicke-
lung schon so im Keim beim Kinde enthalten gewesen ware wie etwa
bei der Bohne. Die Bohne wachst auf jeden Fall aus dem Keim her-
vor, Sie brauchen sie nicht besonders zu erziehen. Das gehort zu
ihrer Natur. Wir konnen nicht die Pflanzen erziehen, den Menschen
aber konnen wir erziehen. Wir konnen dem Menschen etwas iiber-
liefern, in ihn etwas hineinbringen, wahrend wir ahnliches in die
Pflanze nicht hineinbringen konnen. Woher riihrt das? Das hat seinen
Grund darin, daB der Atherleib der Pflanze in jedem Falle eine be-
stimmte innere GesetzmaBigkeit hat, die abgeschlossen ist, die sich von
Samen zu Samen hindurchentwickelt und die einen bestimmten Kreis
hat, iiber den nicht hinausgegangen werden kann. Anders ist es beim
Atherleib des Menschen. Da ist es so, daB auBer demjenigen Teil des
Atherleibes, der verwendet wird auf das Wachstum, auf dieselbe Ent-
wickelung, die der Mensch auch in gewissen Grenzen eingeschlossen
hat wie die Pflanze, daB auBer diesem Teil sozusagen noch ein ande-
rer Teil im Atherleibe ist, der frei auftritt, der von vornherein keine
Verwendung hat, wenn wir nicht dem Menschen in der Erziehung
allerlei beibringen, der menschlichen Seele allerlei einfugen, was dann
dieser freie Teil des Atherleibes verarbeitet. So also ist wirklich ein
durch die Natur selbst nicht verbrauchter Teil des Atherleibes im
Menschen vorhanden. Diesen Teil des Atherleibes bewahrt sich der
Mensch; er verwendet ihn nicht zum Wachstum, nicht zu seiner natiir-
lichen organischen Entwickelung, sondern behalt ihn als etwas Freies
in sich, durch das er die Vorstellungen, die durch die Erziehung in ihn
hineinkommen, aufnehmen kann.
Nun aber geschieht ja dieses Aufnehmen von Vorstellungen so, daB
der Mensch zunachst die Eindriicke empfangt. Eindriicke muB der
Mensch immer empfangen, denn auch die ganze Erziehung beruht
auf Eindriicken und auf dem Zusammenwirken zwischen Atherleib
und astralischem Leib. Denn um Eindriicke zu empfangen, dazu
gehort der astralische Leib. DaB Sie diesen Eindruck behalten, daB
er nicht wieder verschwindet, dazu ist der Atherleib notwendig. Auch
zu der kleinsten, scheinbar unbedeutendsten Erinnerung ist schon
die Tatigkeit des Atherleibes notwendig. Wenn Sie zum Beispiel einen
Gegenstand anschauen, so ist dazu der Astralleib notig. DaB Sie ihn
aber behalten, wenn Sie den Kopf wegwenden, dazu brauchen Sie
schon den Atherleib. Zum Anschauen gehort der astralische Leib;
um die Vorstellung zu haben, dazu brauchen Sie schon den Atherleib.
Also wenn auch diese Tatigkeit des Atherleibes fur ein solches Behal-
ten der Vorstellungen noch eine sehr geringe ist, wenn sie auch
eigentlich erst dann in Betracht kommt, wenn sich bleibende Ge-
wohnheken, bleibende Neigungen, Temperamentsveranderungen
und so weiter ergeben, man braucht hierzu doch schon den Atherleib.
Er muB da sein, schon wenn man eine einfache Vorstellung in der
Erinnerung behalten will. Denn alles Behalten von Vorstellungen be-
ruht in gewisser Weise auf Erinnerung.
Nun haben wir also durch die Erziehungseindriicke, durch die
geistige Entwickelung des Menschen seinem freien Athergliede aller-
lei eingefugt, und wir konnen uns nun fragen: Bleibt nun dieses
freie AthergHed ganz ohne Bedeutung fur Wachstum und Entwicke-
lung des Menschen? Nein, das ist nicht der Fall. Es beteiligt sich
nach und nach, je alter der Mensch wird - nicht so sehr in den Jugend-
jahren -, dasjenige, was so seinem Atherleib durch die Eindriicke der
Erziehung einverleibt worden ist, an dem ganzen Leben des mensch-
lichen Leibes, auch innerlich. Und Sie konnen sich am besten eine
Vorstellung davon machen, wie sich das beteiligt, wenn Sie sich eine
Tatsache mitteilen lassen, die gewohnlich im Leben nicht in Betracht
gezogen wird. Man meint ja, Seelisches hatte fur das Leben des Men-
schen im allgemeinen keine sehr groBe Bedeutung. Dennoch kann
folgendes vorkommen : Denken Sie sich einmal, ein Mensch bekomme
eine Krankheit, einfach aus dem Grunde, weil er irgendwelchen un-
geeigneten Verhaltnissen eines Klimas ausgesetzt war. Nun miissen
wir uns einmal hypothetisch vorstellen, daB dieser Mensch unter
zweierlei Bedingungen krank sein kann: zum Beispiel so, daB er in
dem freien Glied des Atherleibes nicht viel zu verarbeiten hat. Neh-
men wir an, er sei ein indolenter Mensch, auf den die AuBenwelt
wenig Eindruck machte, der der Erziehung groBe Schwierigkeiten
entgegengesetzt hat, bei dem die Dinge zu dem einen Ohr hinein und
aus dem anderen wieder herausgegangen sind. Ein solcher Mensch
wird als Mittel des Gesundwerdens etwas nicht haben, was zum Bei-
spiel ein anderer hat, dem ein reger, lebhafter Sinn eigen ist, der
viel in der Jugend aufgenommen, der viel verarbeitet hat und daher
fur sein freies Glied des Atherleibes sehr gut gesorgt hat. Das wird
natiirlich fur die auBere Medizin erst noch festzustellen sein, warum
sich bei dem einen groBere Schwierigkeiten dem HeilungsprozeB ent-
gegenstellen als bei dem anderen. Dieses freie Glied des Atherleibes,
das energisch geworden ist durch mannigfaltige Eindriicke, das macht
sich eben hier geltend, das beteiligt sich durch seine innerliche Beweg-
lichkeit am HeilungsprozeB. In zahlreichen Fallen verdanken die Men-
schen ihre schnelle Gesundung oder ihre schmerzlose Gesundung
dem Umstande, daB sie in reger geistiger Beteiligung in der Jugend
fleiBig die Eindriicke, die sich ihnen darboten, aufgenommen haben.
Da sehen Sie die Einfliisse des Geistes auf den Leib! Mit etwas
ganz anderem hat man es in der Heilung bei einem Menschen zu tun,
der stumpfsinnig durch das Leben geht, als bei einem, der dieses freie
Glied des Atherleibes nicht schwer und lethargisch hat, sondern bei
dem es regsam geblieben ist. Sie konnen sich ja schon auBerlich von
dieser Tatsache uberzeugen, wenn Sie die Welt mit offenen Augen
betrachten, wenn Sie beobachten, wie sich bei Erkrankungen geistig
indolente und geistig regsame Menschen verhalten.
So sehen Sie, daB beim Menschen der Atherleib doch noch etwas
ganz anderes ist als bei der bloBen Pflanze. Der Pflanze fehlt dieses
freie Glied des Atherleibes, das den Menschen weiterentwickelt, und
daB der Mensch ein solches freies Glied des Atherleibes hat, darauf
beruht im Grunde genommen die ganze Entwickelung des Menschen.
Wenn Sie vergleichen die Bohnen von vor tausend Jahren mit den
heutigen Bohnen, so werden Sie zwar einen gewissen Unterschied
wahrnehmen, doch ist er im wesentlichen sehr klein; die Bohnen
sind im wesentlichen in derselben Gestalt geblieben. Aber vergleichen
Sie einmal die Menschen Europas im Zeitalter Karls des GroBen mit
den Menschen von heute: warum haben die Menschen heute ganz
andere Vorstellungen und ganz andere Empfindungen ? Weil sie immer
ein freies Glied des Atherleibes gehabt haben, wodurch sie etwas auf-
nehmen und ihre Natur umwandeln konnten. Das alles gilt im all-
gemeinen. Jetzt mussen wir aber einmal betrachten, wie sich im ein-
zelnen diese ganze Wirkungsweise ausnimmt, die wir da charakteri-
siert haben.
Setzen wir den Fall, es konnte ein Mensch, wenn er einen Eindruck
empfangen hat, diesen Eindruck nicht wieder aus seiner Erinnerung
verwischen, sondern es bliebe dieser Eindruck da. Es ware eine
kuriose Sache zunachst, wenn Sie denken miiBten, daB alles, was seit
Ihrer Jugend auf Sie Eindruck gemacht hat, an jedem Tag des Lebens,
von morgens bis abends, immer gegenwartig ware. Sie wissen ja,
daB das nur eine gewisse Zeit nach dem Tode gegenwartig ist. Da
hat es seinen guten Zweck. Aber im Leben vergiBt es der Mensch.
Sie alle haben nicht nur Unzahliges vergessen, was Sie in Ihrer Kind-
heit erlebt haben, sondern auch vieles, was im vorigen Jahr - und
auch gewiB einiges von dem, was gestern an Sie herangetreten ist.
Eine Vorstellung, die aus dem Gedachtnis entschwunden ist, die Sie
« vergessen » haben, ist nun keineswegs etwa aus Ihrer ganzen Wesen-
heit, aus Ihrem ganzen geistigen Organismus verschwunden. Das ist
durchaus nicht der Fall. Wenn Sie gestern eine Rose gesehen und
es nun vergessen haben, so ist doch das Bild der Rose noch in Ihnen
vorhanden, und ebenso die anderen Eindriicke, die Sie aufgenommen
haben, wenn sie auch fur Ihr unmittelbares BewuBtsein vergessen
sind.
Nun ist ein groBer, gewaltiger Unterschied zwischen einer Vor-
stellung, wahrend wir sie in unserer Erinnerung haben, und der-
selben Vorstellung, wenn sie aus unserer Erinnerung verschwunden
ist. Also wir fassen ins Auge eine Vorstellung, die wir uns durch
einen auBeren Eindruck gebildet haben und die jetzt in unserem Be-
wuBtsein lebt. Dann blicken wir seelisch hin, wie sie nach und nach
verschwindet, nach und nach vergessen wird. Aber sie ist da, sie
bleibt im ganzen geistigen Organismus. Was tut sie da? Womit be-
schaftigt sich diese sozusagen vergessene Vorstellung? Sie hat ihr
ganz bedeutungsvolles Amt. Sie fangt namlich erst dann an, in der
richtigen Weise an diesem Ihnen geschilderten freien Glied des Ather-
leibes zu arbeiten und dieses freie Glied des Atherleibes fur den
Menschen brauchbar zu machen, wenn sie vergessen ist. Es ist, als
wenn sie erst dann verdaut ware. Solange sie der Mensch verwendet,
um durch sie etwas zu wissen, so lange arbeitet sie nicht innerlich
an der freien Beweglichkeit, an der Organisation des freien Gliedes
des Atherleibes. In dem Augenblick, wo sie in die Vergessenheit
hinuntersinkt, fangt sie an zu arbeiten. So daB wir sagen konnen:
Es wird in dem freien Gliede des menschlichen Atherleibes fort-
wahrend gearbeitet, fortwahrend an ihm geschafft. Und was ist es,
was da schafft? Das sind die vergessenen Vorstellungen. Das ist der
groBe Segen des Vergessens ! Solange eine Vorstellung in Ihrem Ge-
dachtnis haftet, solange beziehen Sie diese Vorstellung auf einen
Gegenstand. Wenn Sie eine Rose betrachten und die Vorstellung
davon im Gedachtnis haben, beziehen Sie die Rosen- Vorstellung auf
den auBeren Gegenstand. Dadurch ist die Vorstellung an den auBeren
Gegenstand gefesselt und muB zu ihm ihre innere Kraft senden. In
dem Augenblick aber, wo die Vorstellung von Ihnen vergessen wird,
ist sie innerlich entfesselt. Da fangt sie an, Keimkrafte zu entwickeln,
die innerlich an dem Atherleib des Menschen arbeiten. So haben
unsere vergessenen Vorstellungen fur uns eine ganz wesentliche Be-
deutung. Eine Pflanze kann nicht vergessen. Sie kann natiirlich auch
nicht Eindriicke empfangen. Sie konnte aber schon deshalb nicht
vergessen, weil ihr ganzer Atherleib zu ihrem Wachstum aufgebraucht
wird, weil kein unverbrauchter Rest da ist. Sie hatte nichts, wenn
Vorstellungen in sie hinein konnten, was da zu entwickeln ware.
Aber alles, was geschieht, geschieht aus der gesetzmaBigen Not-
wendigkeit heraus. Oberall, wo etwas vorhanden ist, was sich ent-
wickeln soil und nicht in seiner Entwickelung unterstiitzt wird, da
wird fur die Entwickelung ein Hindernis gescharTen. Alles, was in
einem Organismus nicht in die Entwickelung eingefugt wird, das
wird zu einem Hindernis fur die Entwickelung. Nehmen Sie an, im
Innern des Auges sonderten sich allerlei Einschliisse ab, Substanzen,
die nicht in die allgemeine Wasserigkeit des Auges aufgenommen
werden konnten; da wiirde das Auge gestort werden in seinem Sehen.
Es darf nichts bleiben, was nicht hineinverwoben wird, was nicht
aufgenommen werden kann. So ist es auch mit den geistigen Ein-
driicken, Ein Mensch, der zum Beispiel Eindriicke empfangen konnte
und diese Eindriicke standig in seinem BewuBtsein behalten wiirde,
der konnte sehr leicht dahin kommen, daB das Glied, das sich von
den vergessenen Vorstellungen nahren soil, zu wenig von diesen ver-
gessenen Vorstellungen erhielte und wie ein lahmes Glied die Ent-
wickelung storen wiirde, anstatt sie zu fordern. Da haben Sie zugleich
den Grund, warum es schadlich ist, wenn ein Mensch in der Nacht
daliegt, und, weil er an gewissen Sorgen leidet, die Eindriicke durch-
aus nicht aus seinem BewuBtsein herausschafFen kann. Wiirde er sie
vergessen konnen, so wiirden sie zu wohltatigen Bearbeitern seines
Atherleibes werden. Hier haben Sie handgreiflich den Segen des Ver-
gessens, und hier haben Sie zugleich einen Hinweis auf die Not-
wendigkeit, daB Sie nicht zwangsmaBig diese oder jene Vorstellung
festhalten, sondern vielmehr lernen sollen, dieses oder jenes zu ver-
gessen. Es ist fur die innere Gesundheit eines Menschen im hochsten
Grade schadlich, wenn er gewisse Dinge durchaus nicht vergessen
kann.
Was wir hier fur die alltaglichsten Dinge des Augenblickes sagen
konnen, das hat auch seine Anwendung auf ethisch-moralische Ver-
haltnisse. Etwas, was wir die wohltatige Wirkung eines Charakters
nennen konnen, der nichts nachtragt, beruht wirklich auch darauf.
Es zehrt an der Gesundheit eines Menschen, wenn wir nachtragerisch
sind. Wenn uns jemand einen Schaden zugefugt hat und wir den
Eindruck dessen, was er uns getan hat, in uns aufgenommen haben
und immer wieder darauf zuruckkommen, sobald wir ihn sehen, dann
beziehen wir diese Vorstellung des Schadens auf den Menschen, wir
lassen sie dann nach auBen stromen. Nehmen wir aber an, wir hatten
es dahin gebracht, dem Menschen, der uns einen Schaden zugefugt
hat, so die Hand zu driicken, wenn wir ihm wieder begegnen, als
ob nichts geschehen ware : dann ist das in Wahrheit heilsam. Und es
ist kein Bild, sondern eine Tatsache, daB es heilsam wirkt. Eine solche
Vorstellung, die sich als stumpf und unwirksam nach auBen erweist,
wenn uns ein Mensch etwas getan hat, die ergieBt sich in demselben
Augenblick nach innen wie lindernder Balsam fur gar mancherlei,
was im Menschen ist. Diese Dinge sind Tatsachen, und daraus konnen
wir in einem noch weiteren Sinne den Segen des Vergessens sehen.
Das Vergessen ist kein bloBer Mangel fur den Menschen, sondern
etwas, was zu den wohltuendsten Dingen im Menschenleben gehort.
Wiirde der Mensch nur das Gedachtnis entwickeln und wiirde alles
in dem Gedachtnis bleiben, was auf ihn einen Eindruck macht, dann
wiirde ja sein Atherleib immer mehr zu tragen haben, wiirde immer
reicheren Inhalt bekommen, aber er wiirde gleichzeitig innerlich
immer mehr und mehr verdorren. DaB er entwickelungsfahig wird,
das verdankt er dem Vergessen. Ohnedies ist es ja so, daB keine Vor-
stellung ganz aus dem Menschen verschwunden ist. Das zeigt sich
am besten bei jener groBen Ruckerinnerung, die wir unmittelbar nach
dem Tode vor uns haben. Da zeigt es sich, daB kein Eindruck voll-
standig verlorengegangen ist.
Nachdem wir so den Segen des Vergessens fur das alltagliche Leben
in den neutralen und auch in den moralischen Gebieten ein wenig
gestreift haben, konnen wir dieses Vergessen in seiner Wirksamkeit
fur das Leben in seinem groBen Umfange wahrend der Zeit zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt in Erwagung Ziehen. Was ist
denn im Grunde genommen Kamaloka, jene Durchgangszeit des
Menschen, die da liegt vor seinem Eintritt in das Devachan, in die
eigentliche geistige Welt? Dieses Kamaloka ist da, weil der Mensch
unmittelbar nach dem Tode nicht vergessen kann seine Neigungen,
seine Begierden, seine Genusse, die er im Leben gehabt hat. Der
Mensch verlaBt im Tode zunachst seinen physischen Leib. Dann steht
jenes Ihnen oft geschilderte groBe Erinnerungs tableau vor der Seele.
Das hort nach zwei, drei, spatestens vier Tagen vollstandig auf. Dann
bleibt eine Art Extrakt des Atherleibes. Wahrend der eigentliche um-
fangliche Teil des Atherleibes sich herauszieht und sich auflost im
allgemeinen Weltenather, bleibt eine Art von Essenz, von Gerippe,
von Geriist des Atherleibes zuriick, aber zusammengezogen. Der
astralische Leib ist der Trager aller Instinkte, Triebe, Begierden,
Leidenschaften, der Geftihle, Empfindungen und Genusse. Nun wurde
ja der astralische Leib in Kamaloka nicht zu dem BewuBtsein der
qualenden Entbehrung kommen konnen, wenn er nicht dadurch, daB
er noch mit den Resten des Atherleibes verbunden ist, fortwahrend
die Moglichkeit hatte, sich zu erinnern an das, was er im Leben ge-
nossen und begehrt hat. Und das Abgewohnen ist ja im Grunde
nichts anderes als ein allmahliches Vergessen dessen, was den Men-
schen an die physische Welt kettet. So also muB der Mensch, wenn
er in das Devachan eintreten will, erst das Vergessen dessen lernen,
was ihn an die physische Welt kettet. Also auch da sehen wir, daB
der Mensch gequalt wird dadurch, daB er noch eine Erinnerung hat
an die physische Welt. So wie Sorgen fur den Menschen qualend
werden konnen, wenn sie nicht fort wollen aus dem Gedachtnis, so
qualend werden auch die Neigungen und Instinkte, die nach dem
Tode bleiben, und diese qualende Erinnerung an den Zusammen-
hang mit dem Leben driickt sich aus in alledem, was der Mensch
durchzumachen hat wahrend seiner Kamaloka-Zeit. Und in dem
Augenblick, wo es ihm gelungen ist, alles das zu vergessen, was von
Wiinschen und Begierden gegeniiber der physischen Welt vorhanden
war, da treten erst die Errungenschaften und die Friichte des vor-
herigen Lebens so heraus, wie sie im Devachan wirksam sein mussen.
Da werden sie Bildner und Werkmeister an der Gestaltung des neuen
Lebens. Denn im Grunde ist es ja so, daB der Mensch im Devachan
arbeitet an der neuen Gestalt, die er haben soil, wenn er wieder ins
Leben tritt. Dieses Arbeiten, dieses Vorberei ten seiner spaterenWesen-
heit, das gibt ihm die Seligkeit, die er wahrend des Devachans hin-
durch empfindet. Wenn der Mensch durch das Kamaloka durchge-
gangen ist, dann beginnt er schon mit der Vorarbeit fur seine kiinftige
Gestaltung. Das Leben im Devachan ist immer damit ausgefullt, daB
er jenen Extrakt, den er mitbekommen hat, dazu verwendet, urn seine
nachste Gestalt in ihrem Urbild auszubauen. Dieses Urbild formt er
so, daB er da hineinarbeitet die Friichte des verflossenen Lebens. Das
kann er aber nur dadurch, daB er vergiBt, was ihm das Kamaloka
so schwer gemacht hat.
Wenn wir also sprechen von einem Leiden und Entbehren im
Kamaloka, so sehen wir, daB das davon herriihrt, daB der Mensch
nicht imstande ist, gewisse Zusammenhange mit der physischen Welt
zu vergessen, daB die physische Welt wie eine Erinnerung vor seiner
Seele schwebt. Dann aber, wenn er durchgegangen ist durch «Lethes
Flut», wenn er durch den FluB des Vergessens geschritten ist, wenn
er dieses Vergessen gelernt hat, dann werden die Errungenschaften
und Erlebnisse der vorherigen Inkarnation dazu verwendet, um das
Urbild, den Prototyp des nachfolgenden Lebens Stuck fur Stuck
heran2ubilden. Und dann beginnt an die Stelle des Leidens die selige
Lust des Devachans zu treten. Geradeso wie wir im gewohnlichen
Leben, wenn uns Sorgen qualen, wenn gewisse Vorstellungen aus
unserem Gedachtnisse nicht herauswollen, wie wir da unserem Ather-
leibe ein verholzendes Stiick, ein verdorrendes Stuck einschieben, das
zu unserer Ungesundung beitragt, geradeso haben wir in unserer
Wesenheit ein Stiick nach dem Tode, das zu unseren Leiden und Ent-
behrungen so lange beitragt, als wir uns nicht durch das Vergessen
alle Zusammenhange mit der physischen Welt hinweggeschafft haben.
So wie diese vergessenen Vorstellungen fiir den Menschen zu einem
Keim von Gesundung werden konnen, so werden alle Erfahrungen
des vorhergehenden Lebens zu einem Quell von Lust im Devachan,
wenn der Strom des Vergessens durchschritten ist, wenn der Mensch
alles das vergessen hat, was ihn an das Leben in der sinnlichen Welt
bindet.
So also sehen wir, wie auch fiir den groBen Umfang des Lebens
diese Gesetze von Vergessen und Erinnerung durchaus gelten.
Nun konnten Sie vielleicht die Frage aufwerfen: Wie kann denn
iiberhaupt der Mensch nach dem Tode Vorstellungen von dem haben,
was im verflossenen Leben geschehen ist, wenn er dieses Leben ver-
gessen muB? Es konnte jemand sagen: Konnt ihr denn iiberhaupt
von Vergessen sprechen, da doch der Mensch den Atherleib abgelegt
hat und Erinnerung und Vergessen doch etwas mit dem Atherleib zu
tun haben? Es bekommen naturlich Erinnerung und Vergessen nach
dem Tode eine gewisse andere Gestalt. Sie wandeln sich so, daB dann
an die Stelle des gewohnlichen Erinnerns das Lesen in der Akasha-
Chronik tritt. Was in der Welt geschehen ist, ist ja nicht verschwun-
den, es ist objektiv da. Indem im Kamaloka hinschwindet die Erinne-
rung an den Zusammenhang mit dem physischen Leben, tauchen
diese Ereignisse auf in einer ganz anderen Weise, indem sie sich dem
Menschen in der Akasha-Chronik entgegenstellen. Er braucht also
dann nicht den Zusammenhang mit dem Leben, der sich ihm aus der
gewohnlichen Erinnerung ergibt. Es werden sich uns alle solche Fra-
gen, die aufgeworfen werden konnen, losen. Dazu gehort aber, daB
wir uns Zeit las sen, daB wir nach und nach diese Dinge erledigen,
denn es ist nicht moglich, gleich alles zur Hand zu haben, was eine
Sache begreif lich machen kann.
Es erklart sich uns auch vieles im alltaglichen Leben, wenn wir
diese Dinge, wie sie jetzt besprochen worden sind, wissen. Da zeigt
sich uns vieles, was zum menschlichen Atherleib gehort, in der eigen-
artigen Zuriickwirkung der Temperamente auf den Menschen. Wir
haben ja gesagt, daB diese bleibende Charaktereigentumlichkeit, die
wir als Temperament bezeichnen, auch ihren Ursprung im Atherleib
hat. Nehmen wir einen Menschen mit einem melancholischen Tem-
perament, der gar nicht hinauskommt iiber gewisse Vorstellungen,
iiber die er immer nachsinnen muB. Das ist ganz anders als bei einem
sanguinischen oder bei einem phlegmatischen Temperament, wo die
Vorstellungen nur so hinschwinden. Ein melancholisches Tempera-
ment wird gerade in dem Sinn, wie wir es eben gesehen haben, der
Gesundheit des Menschen abtraglich sein, wahrend ein sanguinisches
Temperament der Gesundheit des Menschen in einem gewissen Sinne
auBerordentlich zutraglich sein kann. Naturlich diirfen diese Dinge
nicht so genommen werden, daB man sagt: Der Mensch muB sich
bemiihen, alles zu vergessen. Aber Sie sehen, daB gerade aus diesen
Dingen, wie wir sie kennengelernt haben, das Gesunde und Zutrag-
liche eines sanguinischen oder phlegmatischen Temperamentes sich
erklart und das Ungesunde eines melancholischen Temperamentes.
Naturlich ist die Frage, ob dann ein solches phlegmatisches Tempera-
ment auch in der richtigen Weise wirkt. Ein Phlegmatiker, der nur
triviale Vorstellungen aufnimmt, wird sie leicht vergessen. Das kann
ihn nur gesund machen. Aber wenn er nur solche Vorstellungen auf-
nimmt, kann es wiederum durchaus nicht fur ihn gut sein. Da wirken
verschiedene Dinge durcheinander.
Die Frage: Ist das Vergessen nur ein Mangel der Menschennatur
oder doch vielleicht etwas Niitzliches? - diese Frage wird uns durch
die geisteswissenschaftliche Erkenntnis beantwortet. Und wir sehen
auf der anderen Seite, wie auch starke moralische Impulse folgen
konnen aus der Erkenntnis solcher Dinge. Wenn der Mensch glaubt,
daB es fur sein Heil - das ganz objektiv zu betrachten ist - zutraglich
ist, wenn er zugefugte Beleidigungen und Verletzungen vergessen
kann, so wird ein ganz anderer Impuls da sein. Solange er aber glaubt,
daB das keine Bedeutung hat, wird kein Moralpredigen etwas niitzen.
Wenn er aber weiB, daB er vergessen soil und daB sein Heil davon
abhangt, dann wird er wohl ganz anders diesen Impuls auf sich wir-
ken lassen. Man braucht das nicht gleich egoistisch nennen, sondern
wir durfen sagen: Bin ich krank und siech, verderbe ich mein geisti-
ges und seelisches und leibliches Innere, so bin ich auch fur die Welt
nichts niitze. Man kann auch die Frage des Wohlbenndens von einem
ganz anderen Standpunkte aus betrachten. Wer ein ausgesprochener
Egoist ist, bei dem werden ja auch solche Betrachtungen nicht viel
niitzen. Aber wer der Menschheit Heil im Auge hat und deshalb auch
darauf bedacht ist, daB er mitwirken kann, also in der mittelbaren Art
auch sein eigenes Heil im Auge hat - wenn der Mensch imstande ist,
das zu bedenken, dann wird er aus solchen Betrachtungen auch mora-
lische Friichte ziehen konnen. Und es wird sich eben zeigen, wenn
Geisteswissenschaft eingreift in des Menschen Leben, indem sie ihm
iiber gewisse geistige Verhaltnisse die Wahrheit zeigt, daB sie ihm
die groBten ethisch-moralischen Impulse liefern wird, wie sie keine
andere Erkenntnis und keine bloB auBerlichen Moralgebote ihm bie-
ten konnen. Tatsachenerkenntnis der geistigen Welt, wie Geistes-
wissenschaft sie vermittelt, ist daher ein starker Impuls, der auch in
bezug auf die Moral die groBten Fortschritte im Menschenle
…[truncated]