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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Verbindung
zwischen
Lebenden und Toten
Acht Vortrage, gehalten in verschiedenen Stadten
zwischen dem 16. Februar und 3. Dezember 1916
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten R. Friedenthal und J. Waeger
1, Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1968
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1976
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
4., durchgesehene Auflage,
Gesamtausgabe Dornach 1995
Weitere Veroffentlichungen
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 168
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Switzerland by Zbinden Druck, Basel
ISBN 3-7274-1680-7
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hat-
te Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, da£ sie schriftlich fest-
gehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zuneh-
mend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer-
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben
zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers.
Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung
der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durch-
sicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick-
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
Hamburg, 16. Februar 1916 9
Die Wesensglieder des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt
Kassel, 18. Februar 1916 38
Uber das Ereignis des Todes und Tatsachen der nachtodlichen Zeit
Leipzig, 22. Februar 1916 66
Wie kann die seelische Not der Gegenwart iiberwunden werden?
Zurich, 10. Oktober 1916 91
Karmische Wirkungen
Zurich, 24. Oktober 1916 121
Die Lebensluge der heutigen Kulturmenschheit
St. Gallen, 26. Oktober 1916 148
Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
Bern, 9. November 1916 177
Der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt
Zurich, 3. Dezember 1916 199
Notizbucheintragungen zum Vortrag vom 18. Februar 1916 . 220
Eintrittskarte zum Vortrag vom 3. Dezember 1916 .... 221
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 223
Hinweise zum Text 225
Nachweis der Korrekturen 233
Namenregister 235
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 237
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 243
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 245
Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner vor
jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Ge-
sellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffe-
nen Landern die folgenden Worte gesprochen:
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer,
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen-
wart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Da$, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes-
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Gol-
gatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!
DAS LEBEN ZWISCHEN TOD UND
NEUER GEBURT
Hamburg, 16. Februar 191 6
Es ist unser Bestreben, erkennend, soweit es moglich ist, einzudringen
in diejenigen Welten, welche der gewohnlichen sinnenfalligen, ver-
standesma&gen Erkenntnis, die an den physischen Plan gebunden ist,
verschlossen sind. Wir sind ja gewohnt worden zu denken im Laufe
der Jahre, dafi der Mensch in dem Leben, in dem er innerhalb seines
physischen Leibes eingeschlossen ist, in einer Welt steht, die nur ein
geringer Teil der gesamten wirklichen Welt ist. Wir konnen, da wir so
selten zusammenkommen, gerade bei diesen Zusammenkunften nicht
alles, ich mochte sagen aus den Fundamenten heraus erklaren. Bei
unseren sonstigen Versammlungen und aus unseren Schriften mufi
sich erkennen lassen, daft die Dinge wohlbegriindet sind, die ausge-
sprochen werden bei denjenigen Zusammenkunften, die wir nur selte-
ner haben konnen. Denn es darf unser Bediirfnis sein, gerade bei sol-
chen Zusammenkunften Wichtiges und Wesentliches uber die eben
angedeutete, grofiere wirkliche Welt, die die physische Welt und die
geistige Welt umfafit, erkennen zu lernen.
Seit wir das letzte Mai uns hier getroffen haben, ist ja auch inner-
halb der Kreise, in welchen unsere Geisteswissenschaft gepflegt wird,
mancherlei geschehen. Eine grofiere Anzahl lieber Freunde sind durch
die Pforte des Todes gegangen. Auch seit dem Beginne dieser schwe-
ren Kriegszeit sind Freunde durch die Pforte des Todes gegangen, die
unmittelbar teilnehmen miissen an den grofien Ereignissen. Das heifit,
wir sind selbst auch innerhalb unseres Kreises von der grofien geisti-
gen Welt insofern beriihrt worden, als Seelen, die innerhalb unserer
Reihen waren, nach Ablegung ihres Leibes diese geistige Welt betreten
haben. Es liegt in der Gesinnung, welche aus unserer Geisteswissen-
schaft erfliefit, dafi fur uns die Seelen, die also den physischen Plan
verlassen haben, die von einer anderen Welt aufgenommen worden
sind, uns verbunden bleiben, wie sie uns verbunden waren, wahrend
sie noch durch physische Augen uns anblickten, durch die Mittel des
physischen Leibes zu uns sprechen konnten.
Gerade wenn man sich der Welt nahert, die unsere Toten aufnimmt,
dann lernt man in solchen Momenten, in denen man den Seelen der
sogenannten Verstorbenen nahetritt, alles Erschiitternde kennen, das
schon einmal auf unsere Seele sich entladen mufi, wenn diese Seele
versucht, hiniiberzublicken iiber jene Schwelle, die uns trennt von der
geistigen Welt, und einzutreten in die Welt, die nur geschaut werden
kann im entkorperten Zustand der Seele. Und Sie werden es vielleicht
begreiflich finden, dafi aus mancherlei Empfindungen heraus, die ge-
rade durch meine eigene Seele gezogen sind im Laufe des Jahres, seit
wir uns gesehen haben, dafi aus solchen Empfindungen heraus man-
ches Wort getont wird, das wir heute miteinander zu sprechen haben.
Ich habe gerade im letzten Jahre ofter zu unseren Freunden auszu-
sprechen gehabt, daft das rechte Vertrauen desjenigen, der in die Be-
dingungen des Daseins hineinsieht, doch eigentlich erst erwachsen
kann, wenn man weifi, dafi diejenigen, die durch die Pforte des Todes
gegangen sind und hier treu mitarbeitende Seelen waren, dieses blei-
ben, so dafi wir ganz gewif? fur unsere Arbeit diejenigen Seelen nicht
verlieren, die Verstandnis fur unsere Sache gewonnen haben, da sie mit
uns verbunden waren hier, bevor sie durch die Pforte des Todes gegan-
gen sind. Und unter solchen Seelen sind so treue Mitarbeiter, dafi wir
sagen konnen: Wenn manchmal die Gegnerschaft und das Unver-
standnis hier in der physischen Welt gerade unserer Sache gegemiber
so grofi ist und immer grofier wird, wie wir es bemerken konnen, so
diirfen wir doch an das Einleben unserer Sache in den Entwickelungs-
gang der Menschheit glauben, weil wir diesen Glauben gewinnen kon-
nen durch die Verbindung mit den entkorperten Seelen, die Verstand-
nis gewonnen haben fur die ganze Bedeutung, die unsere Sache fur
diesen Entwickelungsgang der Menschheit hat.
Allerdings gerade dann, wenn der Mensch durch die geoffnete Seele
herantritt an die Welt, in der die sogenannten Toten sind - man kann
so schon sprechen, wenn es selbstverstandlich auch die gesamte geisti-
ge Welt ist, in der die Toten sind -, gerade wenn der Mensch heranzu-
treten vermag, ich mochte sagen wie ein Besucher, wie ein Begleiter
der Toten an die geistige Welt, dann lernt er immer mehr kennen das,
was auch hier schon betont worden ist: dafi wirklich die Begriffe, die
Vorstellungen, die Ideen, die wir uns iiber die Welt machen und die
wir uns deshalb so machen, weil wir im physischen Leibe sind, da£
diese Vorstellungen und Ideen vielfach verandert werden miissen,
biegsam gemacht werden miissen, damit sie auch dasjenige umfassen
konnen, was die Geheimnisse des geistigen Daseins sind. Der heutige
Mensch ist sehr, sehr angepafit an das blofi materielle Schauen seiner
Umgebung, und er bildete sich deshalb auch die Vorstellungen nach
diesem blofi materiellen Schauen. Dadurch wird es ihm vor alien Din-
gen schwierig, in die geistigen Welten auch nur mit der Vorstellung
einzudringen. Gar viele glauben, man konne nicht ein Verstandnis der
geistigen Welten gewinnen, wenn man noch nicht hineinschauen kann.
Sie glauben es aber nur aus dem Grunde, weil sie ihre Ideen starr und
tot gemacht haben dadurch, dafi sie sich zu stark gewohnt haben, nur
an die physische Welt zu denken.
Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, mochte ich gerade einiges
von dem heute zu Ihnen sprechen, was mit dem Leben der sogenann-
ten Toten zusammenhangt. Wir wissen, dafi wir betrachten miissen
und beachten miissen, wenn wir das Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt ins Auge fassen wollen, wie der Mensch sich aus
den vier Gliedern, die wir ja gut kennen - physischem Leib, Atherleib,
astralischem Leib und Ich - zusammensetzt. Wenn wir zunachst die
aufierlichste, noch von dem physischen Plane her sichtbare Tatsache
des Todes ins Auge fassen, so ist es diese, dafi der Mensch seinen
physischen Leib ablegt. Wir brauchen nicht einzugehen auf die ver-
schiedene Art, in der nun dieser physische Leib, sei es durch Verbren-
nung, sei es durch Verwesung - beides ist im Grunde genommen nur
durch die Zeit verschieden, in der es geschieht - sich mit dem Erden-
dasein vereint. Aber schon wenn wir diese Tatsache, dafi der physische
Leib von dem gesamten Wesen des Menschen abfallt im Tode und sich
mit der Erde, wie man sagt vereinigt - wenn man blofi diese Tatsache
betrachtet in ihrer Bedeutung fur den physischen Plan, so ist sie ei-
gentlich in einer recht unvollkommenen Weise ins Auge gefafk. Sie ist
sogar oftmals in einer recht unvollkommenen Weise ins Auge gefafit
von geisteswissenschaftlichen Richtungen, die bis zu einem gewissen
Grade hineinblicken in geistige Gebiete. Diese lassen sich noch beirren
durch allerlei moralische Vorstellungen, die aber in vieler Beziehung
gerade ungeeignet sind, das Hereinragen des Geistigen in die physi-
sche Welt in der richtigen Art zu verstehen.
Alle physischen Ereignisse haben auch ihre geistigen Bedeutungen.
Es gibt kein physisches Ereignis, das nicht auch eine geistige Bedeu-
tung hatte. Also das physische Ereignis ist, dafi unser physischer Leib
von uns abfallt, gleichsam in seine Teile, in seine Molekiile, in seine
Atome zersplittert wird und der Erde iibergeben wird. Nun ist es ein
gropes Vorurteil der heutigen materialistischen Weltanschauung, die
aber im Grunde genommen schon lange mehr oder weniger die
Menschheit beherrscht, dafi der menschliche Leib, wie wir ihn von der
Geburt bis zum Tode tragen oder, sagen wir von der Empfangnis bis
zum Tode, dafi dieser menschliche Leib einfach in kleinste Teile, in
Atome zerfallt, und dafi diese Atome dann der Erde einverleibt wer-
den oder dem Erdgebiete einverleibt werden und dann Atome bleiben
und als Atome dann in andere Wesenheiten ubergehen. Zu diesem
Vorurteil kommt man leicht durch die heutige materialistische An-
schauungsweise. Aber schon diese Vorstellungsweise ist eigenthch im
Grunde genommen vor der Geisteswissenschaft nichts anderes als ein
Unsinn. Denn Atome in dem Sinne, wie der Chemiker sie annimmt,
gibt es in Wirklichkeit nicht. Dasjenige, was da aus den kleinsten Tei-
len unseres Leibes wird, gleichgiiltig wie wir mit der Erde als Leib
vereinigt werden, das ist zuletzt Warme. Es verwandelt sich im Grun-
de genommen in irgendeiner Weise in kiirzerer oder langerer Zeit
unser gesamter physischer Organismus zuletzt in Warme.
Deshalb sprechen wir auch von Warme in der Geisteswissenschaft,
wie bekannt ist, als von einem vierten Aggregatzustande, wahrend die
Physik die Warme nicht gelten lalk als einen vierten Aggregatzustand,
sondern sie nur als eine Eigenschaft der Korper betrachtet. Und diese
Warme ist es zunachst, welche wirklich der Erde gegeben wird. Sie
wird der Erde mitgeteilt. Wir geben also von unserem physischen Leib
aus unserer Erde Warme. Es ist wirklich die in der Erde vorhandene
Warme innig zusammenhangend mit dem, was die Menschen zuriick-
lassen von sich. In Luft, in Wasser und so weiter verwandelt sich der
Mensch nicht. Das sind nur Ubergangszustande, die er durchmacht.
Was von ihm zu Luft und Wasser wird, wird zuletzt Warme. Ja, wenn
auch erst nach Jahrhunderten die letzten Reste des Materiellen in
Warme iibergehen, wenn auch dasjenige, was Knochensystem ist,
meinetwillen sogar erst nach Jahrtausenden in Warme ubergeht, es
geht zuletzt in Warme iiber. Und wenn Sie auch in die Museen gehen,
jetzt uralte Skelette find en von Menschen, die in ganz vergangenen
Zeiten die Erde betreten haben, einmal wird auch der Zeitpunkt kom-
men, wo das, was da heute in Skeletten vorhanden ist, nur noch Warme
innerhalb des Erdenkorpers ist. Dafi iiberhaupt unser physischer Leib
der Erde verbleibt, das hat fur den, der durch die Pforte des Todes
gegangen ist, eine grofie, eine wesentliche Bedeutung. Er geht in die
geistige Welt. Er lafit seinen Leib der Erde zuriick. Das ist fur den
sogenannten Toten ein Erlebnis, eine Erfahrung. Er macht das durch:
Dein Leib geht von dir weg. - Man mufi sich vorstellen, dafi das ein
Erlebnis ist. Was ist das fur ein Erlebnis? Nun, davon konnen Sie sich
emen Begriff machen, wenn Sie die Erlebnisse auf dem physischen
Plane nehmen. Ein Erlebnis ist es, sagen wir, wenn Sie irgendeine neue
Empfindung, die Sie vorher nicht gehabt haben, erleben und sie verste-
hen lernen; da haben Sie etwas Ihrer Seele zuerteilt, was sie vorher
nicht besessen hat, einen neuen Begriff, eine neue Vorstellung. Aber
nun denken Sie sich solch ein kleines Erlebnis ins Grofie gesteigert. Es
ist ein unendlich Gewaltiges, das der Mensch durchmacht, was ihm
iiberhaupt die Moglichkeit gibt, zwischen Tod und Geburt zu sehen,
zu denken, zu begreifen: dafi er den Leib von sich ablegt, dafi er ihn
dem Planeten iibergibt, den er verlafit. Es ist ein grofies, ein gewaltiges
Erlebnis, das sich mit keinem Erlebnis des Erdendaseins vergleichen
lafit. Der Wert eines Erlebnisses besteht darinnen, dafi wir etwas in der
Seele haben, das zuriickbleibt als Folge, als Konsequenz des Erlebnis-
ses. So konnen wir die Frage aufwerfen: Was bleibt denn zuriick als
Folge, als Konsequenz dieses Erlebnisses des Hinweggehens des phy-
sischen Leibes von unserem gesamten Menschenwesen?
Wiirden wir beim Durchgang durch die Todespforte dieses Erlebnis
nicht haben konnen, das wir wissentlich mitmachen, das Weggehen
unseres physischen Leibes, so wiirden wir nach dem Tode niemals ein
Ich-Bewufksein entfalten konnen! Das Ich-Bewulksein nach dem
Tode wird angeregt durch dieses Erleben des Hinweggehens des phy-
sischen Leibes. Fur den Toten ist es von grofiter Bedeutung: Ich sehe
meinen physischen Leib von mir hinwegschwinden. - Und das andere:
Ich sehe aus diesem Ereignis heraus in mir selber die Empfindung er-
wachsen: Ich bin ein Ich. - Man kann das paradoxe Wort aussprechen:
Konnten wir unseren Tod nicht erleben von der anderen Seite, wiirden
wir nach dem Tode nicht ein Ich-Bewuiksein haben konnen. - So wahr
die Menschenseele, wenn sie durch die Geburt oder auch schon durch
die Empfangnis ins Dasehi tritt, sich nach und nach dem Gebrauche des
physischen Apparates anpafk und dadurch das Ich-Bewufitsein im
Leibe gewinnt, so wahr gewinnt das Menschenwesen das Ich-Bewufk-
sein nach dem Tode von der anderen Seite des Daseins dadurch, dafi es
das Abfallen des physischen Leibes von dem Gesamtmenschen erlebt.
Denken Sie nur einmal, was das eigentlich bedeutet. Wenn wir den
Tod von dieser physischen Seite des Daseins ansehen, erscheint er uns
als das Ende dieses Daseins, als dasjenige, was hinter sich fiir die phy-
sische Anschauung das Nichts hat. Von der anderen Seite angesehen,
ist der Tod als solcher das Herrlichste, das immerzu vor des Menschen
Seele stehen kann. Denn das bedeutet, dafi der Mensch immer die
Empfindung haben kann von dem Sieg des geistigen Daseins iiber das
Leibliche. Und wahrend wir hier im physischen Leben nicht immer
die Vorstellung unserer Geburt vor uns haben konnen - kein Mensch
hat die Vorstellung seiner Geburt, kein Mensch kann aus physischer
Erfahrung heraus etwas iiber seine Geburt wissen -, so wenig wir also
hier im physischen Leben auf unsere Geburt hinschauen konnen, so
sicher haben wir immer, wenn wir voll bewufit werden nach dem
Tode, unser Todesereignis unmittelbar vor uns. Aber nichts irgendwie
Beklemmendes hat dieses Todesereignis, sondern dieses Todesereignis
ist dort das grofite, das herrlichste, das schonste Ereignis, das wir vor
unserer Seele haben konnen. Denn es stellt uns immer dar die ganze
Grofie dieser Tatsache, dafi von dem Tode das Bewulksein, das Selbst-
bewufitsein herriihrt in der geistigen Welt, dafi der Tod der Anreger
dieses Selbstbewufitseins in der geistigen Welt ist.
Als zweites miissen wir das zweke Glied unseres Menschendaseins
betrachten, den atherischen Leib. Wir wissen aus den elementaren
Darstellungen, die wir alle durchgemacht haben im Laufe unseres
Zweiglebens, dafi dieser Atherleib uns noch eine verhaltnismafiig
kurze Zeit nach dem Tode erhalten bleibt, dafi er aber dann auch ab-
gelegt wird. Wir wissen auch, daft eine gewisse Bedeutung darinnen
liegt, dafi dieser atherische Leib, so wie wir ihn hatten, nach dem Tode
noch tagelang mit uns vereinigt bleibt.
Solange wir diesen atherischen Leib an uns tragen, nachdem wir den
physischen Leib abgelegt haben, konnen wir noch immer alles dasjeni-
ge denken, was wir haben denken konnen wahrend unseres physischen
Daseins. Daher konnen wir alle Gedanken, die wir in uns tragen, wie
in einem grofien Tableau iiberblicken. Unsere Gedanken, die wir wah-
rend des Lebens durchgemacht haben, erblicken wir in dem Lebens-
tableau, das Ihnen oft beschrieben worden ist. Wir haben unser ganzes
Leben wie in einem Panorama vor uns in den Tagen, in denen wir den
Atherleib noch an uns tragen, und wir haben es vor uns in Gleichzei-
tigkeit, das heifit, wir erblicken alles auf einmal. Denn dasjenige, was
wir hier in der physischen Welt Gedachtnis nennen, das entsteht zwar
im Atherleib, aber es ist an den physischen Leib gebunden. Diesen
physischen Leib haben wir abgelegt. Wir schauen die Gedanken. Wir
bringen sie nicht aus den Untergriinden herauf, die mit dem physischen
Leib etwas zu tun haben, wir schauen sie und iiberschauen wie in einem
Panorama das Leben, das wir durchgemacht haben.
Dann legen wir diesen atherischen Leib ab. Aber dieser atherische
Leib, den wir da ablegen, er bleibt uns unser ganzes ferneres Leben
nach dem Tode sichtbar. Er ist aufien, aber er bleibt uns sichtbar. Er
vereinigt sich mit dem gesamten Universum, aber dasjenige, was da mit
ihm geschieht, das bleibt uns sichtbar, das schauen wir. Und das gehort
zu den Geheimnissen des Todes, dafi wir dasjenige, was wir in uns
gehabt haben an Gedanken, als wir lebten, in einem Panorama schau-
en, solange wir den Atherleib an uns tragen, dafi wir das aufier uns mit
der Welt vereinigen, gewissermafien der Welt einverwoben iiberschau-
en, daft das zu unserer Welt gehort, nicht zu unserem Ich nach dem
Tode. Es ist wirklich das Erlebnis so, als ob dasjenige, was da als
Atherleib wahrend des Lebens in uns webt und lebt, einfach sich hin-
einleben wiirde in die Atherwelt draufien.
Dann kommt die Zeit, wie Sie wissen, wo wir von dem, was wir hier
auf dem physischen Plan an uns tragen, nur das Ich und den astrali-
schen Leib haben, und selbstverstandlich das Hinschauen auf dasjeni-
ge, was wir waren. Da erleben wir uns in einer ganz anderen Weise als
hier im physischen Leib - mit einem erhdhten Bewufitsein, das der
Tod in uns begriindet hat. Aber wir diirfen uns niemals der Vorstel-
lung hingeben, daft etwa dieses Leben zwischen Tod und neuer Geburt
fur die Seele unbewufk ware. Es ist ein starkeres, intensiveres Bewufit-
sein mit diesem Leben verbunden als das Bewulksein hier im physi-
schen Leibe, nur ist das Bewuiksein in einer ganz anderen Art ausge-
bildet. Und man kommt selbstverstandlich dem, wie man sich den
Toten vorzustellen hat, nur dadurch nahe, dafi man all das zusammen-
nimmt, was die Geisteswissenschaft geben kann, um die Vorstellungen
umzuformen, die ja hier auf dem physischen Plane den rein physischen
Gegenstanden und Ereignissen angepafit sind. So leben wir in unserem
Ich und in unserem astralischen Leib. Unseren Atherleib haben wir
abgelegt. Er ist mit dem objektiven Dasein verbunden.
Meine lieben Freunde, wohl ein erschutterndes Erlebnis ist es fiir
den, der die geistige Welt betritt, um die Toten, mit denen man in
Beriihrung kommen kann, zu besuchen, zu begleiten, nun nicht al-
lein das individuelle Leben des Toten zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, sondern auch dasjenige zu verfolgen, auf das der Tote
hinschaut, was sich von ihm als sein Atherleib einverwoben hat in
die Welt, die jetzt fiir ihn eine Aufienwelt, eine objektive Welt ist,
also dasjenige zu beobachten, was der Tote jetzt eben der Atherwelt
gegeben hat. Und so ist es schon, dafi man in einer gewissen Weise
in einer zweifachen Art den Toten erleben kann. Man kann dasjeni-
ge von ihm erleben, was er der Atherwelt iibergeben hat, man kann
dasjenige von ihm erleben, worinnen sein Bewuiksein nach dem
Tode sitzt.
Ich sage, erschiitternd ist auch das erste In-Beriihrung-Treten mit
demjenigen, was der Tote der Atherwelt zuriickgelassen hat, erschiit-
ternd ist dieses selbst dann, wenn man nicht in Verbindung kommen
konnte mit demjenigen Wesen, das zwischen dem Tod und einer neu-
en Geburt fortlebt und das Bewufitsein und Selbstbewulksein des
Toten tragt, sondern mit dem, was er zuriickgelassen hat. Selbst dann
tragt eine diesbeziigliche Erfahrung all das tief, tief die Seele Angrei-
fende, das iiberhaupt die Beriihrung mit der geistigen Welt hat.
Und zu diesem Erschutternden gehort vor alien Dingen die wirk-
liche, lebendige Erfahrung, dafi solches Geistige, wie das eben ange-
deutete, also solches Geistige, das atherisch Geistiges ist, das zuriick-
bleibt von dem Toten, dafi das eigentlich fortwahrend um uns herum
ist. So wahr als wir in der Luft leben, die uns iiberall umgibt, so wahr
umgibt uns die Welt, in der das zuriickbleibt, was der Tote als seine
Atherwelt zuriicklafit. In der Welt, in der wir drinnenstehen auch mit
unseren physischen Leibern, ist auch dieses Geistige, von dem ich jetzt
spreche. So wahr Luft um uns herum ist, so wahr ist um uns herum
dasjenige, was die Toten zuriicklassen. Nur durch Bewufitseinszustan-
de sind wir getrennt von den geistigen Welten; nicht durch Raumes-
verhaltnisse, durch Bewufkseinszustande sind wir getrennt.
Nehmen Sie einmal einen Menschen, der sich bemiiht, Seelenubun-
gen zu machen. Ich betone ausdriicklich, solche Seeleniibungen miis-
sen in aller Ruhe der Seele gemacht werden. Wer irgendwie aufgeregt
wird durch die Seeleniibungen, der schadet sich. Wenn Seeleniibungen
in der Art gemacht werden, wie hier von ihnen gesprochen wird und
wie in unserer Literatur von ihnen gesprochen wird, so dafi sie wirk-
lich Seeleniibungen sind und das leibliche Dasein an ihnen nicht teil-
nimmt, dann konnen sie niemals auch im geringsten Mafie den
Menschen schaden, auch nicht seelischen Schaden bringen. Aber wir
wiirden ja in das wirkliche Geisteswissen gar nicht hineingelangen,
wenn wir nicht auch ab und zu immer solche Dinge andeuten konnten.
Nehmen Sie an, ein Mensch macht etwa die folgende Ubung. Er
sagt sich: Ich sehe mit meinen Augen Farben: Rot, Blau und so weiter.
- Und nun ginge er iiber dazu, etwas in einem gewissen Sinne Leben-
diges mit dem Rot, Blau, Grim und so weiter zu erleben. Man kommt
ja allmahlich darauf, dafi man als Mensch in der physischen Welt, ins-
besondere in unserer heutigen materialistischen Zeit, in einer sehr gro-
ben Weise drinnensteht, dafi man nicht eingeht auf das Feinere, das
man erleben kann. Dieses Feinere erlebt man, wenn man auf den mehr
seelischen Eindruck achtet, den Farben, es konnen aber auch andere
Sinneseindrucke sein, auf uns machen. Natiirlich weift jeder auch im
Groben: Wenn er eine blaue Flache auf sich wirken laftt, so wirkt sie
anders, als wenn er eine rote Flache auf sich wirken laftt. Eine rote
Flache hat fur den, der, ohne nervos dabei zu werden - ich betone das
ausdriicklich -, empfindet, etwas Attackierendes, etwas gewisserma-
ften aus seiner Flache Herausgehendes, uns Angreifendes. Aus dem
Rot kommt immer etwas uns entgegen. Das Blau ruft in uns die gegen-
teilige Empfindung hervor. Es bleibt ruhig an seinem Platze. Es
kommt uns nichts entgegen aus dem Blau. Im Gegenteil, wir haben die
Empfindung, wenn wir feiner mitempfinden konnen mit den Farben,
daft wir mit unseren Seelenkraften in das Blau hineindringen konnen,
daft wir es durchdringen konnen. Das Griin ist gewissermafien in ei-
nem rhythmischen Gleichgewichtszustande. Daher wirkt es so wohl-
tatig als Pflanzendecke der Erde. Das Griine wirkt so auf uns, daft wir
zum Teil eindringen, daft es auch wiederum auf uns zuruckkommt.
Sehen wir ein weithin grimes Feld, so haben wir das Gefuhl, daft wir
in etwas hineinkommen - und dann kommt es uns wieder entgegen:
hinein - entgegen. Dadurch jenes Erfrischende, das ein weites, grimes
Feld fur uns hat.
Daft so etwas von den Menschen auch bemerkt worden ist, daft man
gewissermaften mit den Farben leben kann, davon konnen Sie sich ja
iiberzeugen, wenn Sie in Goethes - allerdings heute von wenigen ver-
standenen - Farbenlehre das Kapitel liber sittliche Wirkungen der Far-
ben lesen, wo Sie fur alle Farben die entsprechenden Empfindungen
angegeben finden, die man bei ihnen haben kann. Man kann also mit
den Farben leben, auch mit den anderen Sinnesempfindungen, aber wir
wollen, um ein Beispiel zu bringen, jetzt von den Farben sprechen.
Man kann mit den Farben so leben, daft einem beim Blau etwas in der
Seele ersteht wie eine Kraft, die gleich ist etwa der Sehnsucht, die aus
unserer Seele hinausgeht, die aber wohlgefallig aufgenommen wird von
dem Blauen. Bei dem Roten entsteht immer etwas, was uns wie entge-
genkommt, was uns nicht gelten lassen will, was uns in einer gewissen
feinen Weise iiberfallen will. Man kann, wahrend man Farben empfin-
det, gewissermafien moralisch-seelisches Erleben haben. Selbstver-
standlich kann nicht jeder Mensch in einer Inkarnation solche Ubun-
gen machen; aber ich schildere solche Ubungen, damit Sie sehen, wie
die einzelnen Welten miteinander zusammenhangen. Wiirde also ein
Mensch solche Ubungen machen, so wiirde er viel reiner leben in der
Welt der Farben. Wiirde er fur andere Sinnesempfindungen solche
Ubungen machen, wiirde er in der Welt der anderen Sinnesempfindun-
gen reiner leben. Aber dann wiirde bald auch etwas anderes eintreten.
Nehmen Sie an, ein Mensch wiirde so lebendig das blaue Himmels-
gewolbe erleben. Er wiirde dann nicht blofi das Blau iiber sich haben
- und das ist ja noch dazu ein Blau, das sehr subjektiv ist, denn es ist
in Wirklichkeit kein Gewolbe da -, sondern er wiirde wie eine wohl-
tatige innere Halbkugelflache iiber sich erleben, die iiberall sein seeli-
sches Leben aufnimmt, eine Halbkugelflache, hinter deren Flachen-
haftigkeit sich das seelische Erleben hineinfinden kann. Menschen, die
in tieferem Sinne die Welt mitleben, sprechen deshalb so wie zum
Beispiel Jakob Bohme, der nicht sagt: Wenn der Mensch das blaue
Himmelsgewolbe sieht . . . -, sondern der sagt: Wenn der Mensch die
Tiefe sieht. - Darinnen liegt das ganze Miterleben des Blau: Wenn der
Mensch die Tiefe sieht.
Aber es tritt eine Begleiterscheinung auf, wenn man sich so hinein-
lebt in das Farbenleben, dafi Seelisches zugleich erglimmt, wenn die
Farben da sind. Es lebt auf die Moglichkeit, einen ganz kleinen Zeit-
raum zu beniitzen, den man sonst gar nicht beniitzen kann. Wenn Sie
einem aufieren Gegenstand entgegentreten im gewohnlichen physi-
schen Leben, so sehen Sie ihn; Sie sehen also eine bestimmte Farbe. Da
beginnt doch eigentlich Ihr Eindruck. Dann konnen Sie nachdenken,
sich eine Vorstellung iiber die Farbe bilden. Aber mit dem Sehen der
Farbe beginnt Ihr Mitleben mit dem Gegenstande. Aber das ist nicht
der Anfang desjenigen, was geschieht. Das weifi heute schon der
aufiere Laboratoriumspsychologe, dafi eine gewisse Zeit verfliefit zwi-
schen der Wirkung auf unser Auge und dem Eintreten der Vorstellung
des Blau. Also das Blau wirkt zunachst auf unser Auge. Dann nehmen
wir es nicht gleich wahr, sondern es verfliefit eine gewisse Zeit; dann
erst wird es uns bewufit.
Sie konnen heute in den gewohnlichen Biichern nachlesen, wie in
den Laboratorien dariiber die Versuche gemacht werden. Man kon-
struiert gewisse Apparate und versucht, einen Eindruck auftreten zu
lassen, und hat davor das Versuchskaninchen, den Studenten. Der mufi
nun registrieren durch einen anderen Apparat, wann er den Eindruck
bekommt, so dafS man den kleinen Zeitraum feststellen kann, der ver-
flielk zwischen gleichsam dem Anschlagen unserer Sinnesorgane und
dem Bewufitwerden. Da vergeht ein gewisser Zeitraum. In diesem
Zeitraum erleben wir also noch nicht die blaue Farbe, wenn es sich um
einen blauen Eindruck handelt, aber wir erleben in diesem Zeitraum
schon den sittlichen Eindruck der Farbe. Der wirkt schon in uns. Also
wie die Seele sich hineinergielk in das Blau, wie das wohlgefallig auf-
genommen wird, das ist schon in uns. Das Seelische der Farbe, das
wirkt eigentlich friiher, nur bleibt es im Unbewufiten. Der Mensch
nimmt es nicht wahr. Und der Mensch fangt erst an, sein Bewufitsein
zu entwickeln, wenn die Farbe auftritt. Er beachtet das nicht, was der
Farbempfindung vorangeht.
Denken Sie nun einmal, wenn man genotigt ist, in einer gewissen
Weise auf diesen sittlichen Eindruck der Farbe, auf dieses Seelenerle-
ben der Farbe besonders zu achten, dann stellt sich etwas Besonderes
auch ein. Man mufi darauf achten, wenn man notwendig hat, die Farbe
gewissermafien selbst erst hinzuzutun auf irgendeine Flache, das heifit,
wenn man malt, oder wenn man iiberhaupt Farben vermittelt, die erst
erscheinen sollen aus dem Gedanken heraus. Wenn man es mit wirk-
licher Malerei zu tun hat, arbeitet man dann aus dem seelischen Ein-
druck der Farbe heraus. Da macht man es nicht so wie der reine
Modell-Kiinstler, der blofi das Modell nachmacht, sondern da weifi
man, da hat man diesen seelischen Eindruck hervorzurufen, da gibt
man Rot hin. An einer anderen Flache gibt man Blau hin, weil man
diesen oder jenen seelischen Eindruck hervorzurufen hat. So ist die
ganze Malerei gehalten in unserem Dornacher Bau. Da ist das, was
Farbengebung ist, durchaus entsprungen aus dem Seelischen, das ja
erscheinen soil durch die Farben. Dadurch war aber im eminentesten
Sinne notwendig, zuerst den Bau in sich zu haben als seelisches Wesen.
So wie der Bau der Welt entgegentreten wird, so ist er herausgewach-
sen als Bau aus dem seelischen Wesen. Das, woraus er herausgewach-
sen ist, das wiirden die Menschen wahrnehmen am Dornacher Bau,
wenn sie diesen kleinen Zeitraum benutzen konnten, der da verfliefk
zwischen dem, dafi der Bau auf die Sinnesorgane wirkt, und dem, dafi
der Eindruck zum Bewulksein gebracht wird. Aber derjenige, der
beteiligt war an dem Aufbau, der mufi aus diesem kleinen Zeitraum
heraus gerade schaffen, der raufi alles, was an dem Bau an Farben und
Formen ist, aus diesem kleinen Zeitraum heraus schaffen.
Ich habe Sie, ich mochte sagen in einer wissenschaftlicheren Weise
in etwas gefuhrt, was Ihnen vielleicht schwer erscheint. Aber man mufi
auch solche Schwierigkeiten iiberwinden. Es kann auch in der heutigen
Zeit durchaus schon so sein, dafi der Mensch nun wie begnadet - und
begnadet sind wir in einer gewissen Weise immer, indem wir in der
Welt drinnenstehen - in irgendeiner Weise diesen Augenblick festhal-
ten kann. Er sieht irgend etwas und wird doch zuweilen den Eindruck
haben konnen, dafi eigentlich schon eine Wechselwirkung stattgefun-
den hat zwischen ihm und dem, was er sieht, wenn er es sich zum
Bewulksein bringt. Er sieht etwas und sagt sich: Es kommt mir vor,
wie wenn ich das schon friiher gesehen hatte.
Sie werden vielleicht alle Bekanntschaft gemacht haben damit, da$
man gewissermafien einem Wesen oder Gegenstand gegeniibertritt
und so das Gefuhl hat: Es ist nicht erst dann da, wenn es einen Ein-
druck auf das Bewufitsein macht, sondern es hat sich genahert, es ist
schon vorher nahe an uns herangekommen. Das Heranschleichen,
konnte man sagen, man kann es zuweilen bemerken. Fur das gewohn-
liche Leben aber liegt das, was so in diesem kleinen Zeitraum stattfin-
det, schon durchaus jenseits des Bewufitseins, jenseits der Schwelle. In
dem Augenblick, wo man sich zum Bewufitsein bringen kann das, was
so gerade jenseits der Schwelle des Bewulkseins liegt, in diesem Au-
genblick macht man eine wichtige geistige Entdeckung. Ich will es in
einem speziellen Fall noch einmal vor Augen bringen. Eine Anzahl
von Ihnen hat ja die Sache schon gehort, ich habe es vielleicht auch hier
schon erwahnt. Im vorigen Jahre starb ein Knablein in der Nahe des
Baues, wurde zerdriickt von einem Mobelwagen. Der Atherleib dieses
Knableins ist mit dem Dornacher Bau vereint, bildet die Aura des
Dornacher Baues, lebt in der Aura des Dornacher Baues. Und wenn
man kiinstlerisch zu schaffen hat an dem Dornacher Bau, dann kom-
men Krafte aus diesem Atherleib, der vergroftert natiirlich dann er-
scheint. Man fiihlt in sich diese Krafte, wie man seelisch den Bau fiih.lt.
Warum ist denn das? Das ist aus dem Grunde, weil in der Welt, von
der ich eben gesprochen habe, die immer um uns ist, die wir nur nicht
wahrnehmen, weil sie unbeachtet bleibt, bevor der Eindruck an uns
kommt, weil in der Welt also die Atherleiber der Toten enthalten sind,
auf die die Toten hinschauen. Was die Toten von unserer Welt sehen,
worauf die Toten schauen, das ist in der uns umgebenden Atherwelt
enthalten. Und wir wiirden es sogar immer schauen, wenn wir gewis-
sermaften schauen konnten, bevor wir schauen in der physischen Welt,
wenn wir nur ein wenig diese Schwelle iibertreten konnten.
Das hindert aber nicht, daft die Toten durch dasjenige, was sie zu-
riickgelassen haben, immer wirksam sind in dieser Welt. Uns umgibt
eine Welt, in der die Atherleiber der Toten leben. In irgendeiner Weise
sind sie mit ihr verbunden. Und nur weil dasjenige, was im Ather lebt,
erst an unseren physischen Leib anschlagen und den Apparat des phy-
sischen Leibes in Bewegung setzen muft, nehmen wir dieses gewaltige
Umwobensein von dem, was von den Toten in unserer Welt atherisch
vorhanden bleibt, nicht wahr. Dieses Gefuhl miissen wir uns aber
aneignen, daft unsere Welt bereichert werden mufi fur unsere Vorstel-
lungen um dasjenige, was zunachst in dieser ganzen Atherwelt durch
die Atherleiber der Toten vorhanden ist.
Die Toten selber sind zunachst nicht in dieser Welt drinnen, nur
ihre zunickgebliebenen Atherleiber. Die Toten selber konnen wir auf
so leichte Art nicht finden - obwohl diese leichte Art auch schwierig
ist. Die Toten selber leben also weiter, nachdem sie ihren Atherleib
abgelegt haben, in ihrem astralischen Leib und in ihrem Ich. Sie kon-
nen ermessen, wie wir unsere Vorstellungen umgestalten miissen,
wenn Sie in Betracht Ziehen, daft ja alles Gedankenhafte mit dem
Atherleib, der in die auftere Atherwelt geht, von uns abgesondert ist.
Das Gedankenhafte, das wir hier in unserem physischen Leibe aufge-
schichtet haben, bleibt uns nicht nach dem Tode. Das Gedankenhafte
wird eine Auftenwelt. Der Tote sieht auf seine Gedanken nach dem
Tode nicht so hin, wie er hinsah etwa auf Gedanken, die er sich wah-
rend des Lebens gebildet hat, und an die er sich dann erinnert, die er
aus seinen Untergrunden heraufbringt. Der Tote sieht auf seine Ge-
danken wie auf ein atherisches Gemalde hin, er sieht seine Gedanken
draufien in der Welt. Gedanken sind etwas Aufierliches fiir denjenigen,
der durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dasjenige, was hier sich
uns offenbart durch Gefiihl und Wille, das bleibt mit unserer Indivi-
dualist verbunden. Das lebt dann weiter in unserem astralischen Leib
und in unserem Ich. Unser Ich entziindet sich zum Selbstbewufitsein
durch die Anschauung des Momentes des Todes. Unser astralischer
Leib entziindet sich dadurch, dafi die Gedanken in dem Gemalde vor
uns sind, sich in unseren astralischen Leib hereindrangen. Wir erleben
sie dadurch in unserem astralischen Leib. Hier im physischen Leib
erleben wir Gedanken so, dafi wir sie von innen heraus holen. Nach
dem Tode erleben wir Gedanken so, dafi wir auf sie hinblicken wie auf
Sterne, auf Welten oder auf Berge, und sie machen auf uns einen Ein-
druck. Diesen Eindruck empfangen wir und erleben ihn in unserem
astralischen Leib und in unserem Ich. Also das gerade Umgekehrte ist
der Fall wie im physischen Leben. Wahrend wir Gedanken hier etwas
Innerliches nennen, muss en wir sie nach dem Tode ein Aufierliches
nennen. Wir leben, aufgegangen in die Welt, ausgegossen in die Welt.
Das ist wichtig, dafi wir das einsehen, dafi wir nicht uns der Vorstel-
lung hingeben, als ob die Welt nach dem Tode nur so etwas ware wie
eine feine, diinne Wiederholung der physischen Welt hier, wie man es
oftmals in spiritistischen Kreisen annimmt. Sie ist etwas ganz anderes.
Sie ist schon deshalb etwas ganz anderes, weil unsere Gedanken Wesen
aufierhalb unserer sind.
Gerade wenn man solche Vorstellungen sich vor die Seele fiihrt,
dann merkt man, dafi man nicht nur, ich mochte sagen ein wenig
Vorurteilslosigkeit braucht, um sich mit der Geisteswissenschaft ein-
verstanden zu erklaren, sondern dafi man auch eine gewisse Moglich-
keit haben mufi, die Begriffe fliissig zu machen, die Begriffe etwas zu
verandern, dafi man nicht den Anspruch erheben darf, mit den Begrif-
fen, die man hier hat, auch dasjenige sich vorstellen zu konnen, was in
der geistigen Welt darinnen ist. Daher ist fiir denjenigen, der in der
Lage ist, einen sogenannten Toten, sagen wir, zu besuchen, notig, daft
er diesen Verkehr mit den Toten lernt. Wahrend wir hier, wenn wir
einem Menschen gegeniibertreten, dadurch, ich mochte sagen in eine
Beziehung zu seinem Inneren treten, dafi er vielleicht dieses Innere uns
ausspricht durch Worte oder durch Mienen oder durch Gebarden, ist
es beim Toten so, daft, wenn wir zu ihm in Beziehung treten, er uns
dasjenige, was er uns sagen will, in der objektiven Welt zeigt. Wir
sehen gleichsam in Imaginationen, auf die er uns hinweist, dasjenige,
was er erlebt, was er uns zu sagen hat. Ich mochte sagen, der Tote sagt,
wenn man ihn irgend etwas fragt: Sehe dort hin, dort wirst du finden,
was ich jetzt erlebe.
Aber das alles ist ein schneller Vorgang. Der Tote hat also die Fa-
higkeit, Gedanken, die wir hier nur innerlich, unsichtbar erleben,
iibersinnlich zu schauen. Nur wenn man sich die Fahigkeit aneignet,
mit ihm Gedanken zu schauen, dann kann man mit ihm erleben. Da-
durch hat er die ganz besondere Fahigkeit, auch unsere Gedanken als
Toter, als sogenannter Toter, mitzuerleben.
Das tritt einem insbesondere bei einer Erscheinung auf, die ich auch
hier beriihren mochte. Wenn jemand von uns weggegangen ist, den wir
geliebt haben, so tragen wir die Gedanken an ihn in unserer Seele
weiter. Wir denken an dasjenige, was wir mit ihm zusammen erlebt
haben, was wir mit ihm erfuhlt haben und so weiter. Der Tote, sagte
ich, schaut Gedanken. Er sieht auch unsere Gedanken, und er kann
sogar sehr bald unterscheiden die Gedanken, die er als Abdriicke der
geistigen Welt selber hat, die Imaginationen bedeuten fur das, was in
der geistigen Welt ist, und diejenigen Gedanken, die ein Mensch in der
Seele denkt, die in einem Leibe ist. Er kann das unterscheiden. Er
unterscheidet es durch sein inneres Erleben. Der Unterschied ist sogar
ein sehr grower. Wenn der Tote - beim Initiierten ist es ganz gleich -
den Gedanken von etwas erleben soli, was nur in der geistigen Welt ist,
so mufi er aktiv diesen Gedanken erleben. Er mufi jedes Stuck dieses
Gedankens, das er erlebt, selber, ich mochte sagen erst nachfahren.
Der Vorgang ist ja schwer klarzumachen. Nehmen Sie an, hier ware
ein Gemalde, aber dieses Gemalde wiirden Sie nur sehen, wenn Sie alle
Einzelheiten selbst nachzeichnen und nachmalen wiirden. Das kann
der Tote. Alle Gedanken, die er sieht, malt er nach, er schafft sie
gleichsam nach, und er erlebt dieses Nachschaffen. Darinnen besteht
im wesentlichen ein grofies Stuck des Lebens zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, dafi dasjenige, was in der geistigen Welt in der
Gedankenbildung vorhanden ist, nachgeschaffen wird. Das schafft
man so nach. Dann weifi man, man hat es zu tun mit Gedankenbildun-
gen, die blofi der geistigen Welt angehoren.
Anders ist das Erlebnis, wenn man auf Gedanken hinschaut von der
geistigen Welt aus, die bei den Menschen leben, die man zuriickgelas-
sen hat in der physischen Welt. Da ist es nicht, als ob man sie nach-
schafft, sondern da treten einem wirklich die Gedanken so entgegen,
dafi man sich passiv zu ihnen verhalten kann. Wie der Blumenstock
von mir nicht erst nachgezeichnet zu werden braucht, sondern sich
unmittelbar als Eindruck dann bildet, so sind die Gedanken der Le-
benden. Die entstehen wirklich in einer ahnlichen Weise, wie die Ein-
driicke der physischen Welt hier entstehen. Und das ist dasjenige, was
die To ten an den Gedanken der Lebenden, die sie liebten, erhebt, er-
freut, erwarmt. Denn es ist ein ganz besonderes Gebiet fur die Toten,
hineinzuschauen in die Gedanken der sie liebenden Zuriickgebliebe-
nen. Das ist eine besondere Welt fur sie. Man konnte ja hier die phy-
sische Welt erleben so, dafi nur dasjenige da ware, was im minera-
lischen, im tierischen, im pflanzlichen und im menschlichen Reich ent-
steht. Dann wiirde es zum Beispiel keine Kunst geben. Die Kunst ist
hinzuerschaffen zu dem, uber das hinaus, was man eigentlich braucht.
Sie ist dasjenige aber, von dem der Mensch, der die Entwickelung der
Menschheit iiberhaupt seelisch ins Auge fafit, weifi, dafi es nicht fehlen
darf in der Welt, trotzdem die Natur ebenso vollstandig ware, wie sie
ist, auch wenn es keine Kunst gabe. So konnte der Tote allenfalls leben,
wie der Mensch in der oden, toten, blofien Naturwelt leben wiirde, in
einer Welt ohne Kunst, so konnte der Tote leben, wenn das Sonder-
bare eintreten wiirde, dafi jeder Tote gleich nach seinem Tode von
seinen Lieben vergessen wiirde. Dasjenige, was geschaut wird an Ge-
danken, die in den Seelen der die Toten Liebenden zuriickgeblieben
sind, das ist etwas, was zu der Welt, die der Tote unmittelbar braucht,
allerdings hinzukommt, was aber das Dasein des Toten erhoht, ver-
schonert. Man kann das vergleichen mit der Kunst in der physischen
Welt, aber der Vergleich hinkt, denn fur den Toten ist es eine Erho-
hung, eine Verschonung in einem weit hoheren Sinne als die Verscho-
nung der physischen Welt fiir uns durch die Kunst.
Es hat daher im ganzen Weltendasein einen tiefen Sinn, wenn wir
unsere Gedanken mit den Gedanken der Toten vereinen, namentlich
auch in der Weise, wie hier ofter davon gesprochen worden ist, dafi wir
namentlich auch solche Gedanken an die Toten heranbringen, die in
der Sprache, in der Be griff ssprache abgefafit sind, die ja den Lebenden
und den Toten gemeinschaftlich ist: in der Sprache, die wir hier in der
Geisteswissenschaft sprechen. Denn dasjenige, was Inhalt der Geistes-
wissenschaft ist, verstehen die Toten so gut wie die Lebendigen. Das
wird ihnen auch niemals fremd, den Toten.
Ich glaube, gerade durch das Zusammentragen von solchen Vorstel-
lungen bekommen wir allmahlich ein plastisches Bild von der geistigen
Welt. Wir konnen uns hineinfinden in dasjenige, was jenseits der
Schwelle liegt und woraus im Grunde genommen doch alles dasjenige
auch flieik, was diesseits dieser Schwelle fiir uns vorhanden ist.
Diesen Erscheinungen gegeniiber mu£ ins Auge gefafit werden, daft
- allerdings in berechtigter Weise, weil es zum Weltenplan gehort - die
gegenwartige Menschheit mit Bezug auf das Schauen der Welt kurz-
sichtig ist, aber kurzsichtiger eigentlich noch, als es sein miilke. Denn
wenn so der recht materialistisch Gesinnte in unserer Gegenwart seine
Begriffe, seine Vorstellungen von der Welt sich bildet, dann denkt er,
diese Vorstellungen, diese Begriffe, die sind die allgemein mensch-
lichen. Sie wissen ja, wie schwer es einem materialistisch gesinnten
Menschen gerade beizubringen ist, dafi man auch anders denken kann
als er. Der Materialist ist ja doch gerade auf dem Boden stehend, dafi
er sagt, der ist ein Narr, der nicht so denkt wie er. Es gibt gerade keine
grofiere innere Intoleranz als diejenige des materialistisch gesinnten
Menschen. Der materialistisch gesinnte Mensch denkt im Grunde
immer so: Friiher haben die Menschen gedacht, allerlei Geistiges sei
vorhanden, kaum einen Schritt haben sie gemacht im Leben, ohne dafi
sie uberall Geister vermutet oder gesehen haben sogar. Das ist aber
alles eitel Phantasterei gewesen. Jetzt haben wir es endlich so weit
gebracht als Menschengeschlecht, dafi wir diese Kindereien abgelegt
haben. - Und doch konnten die Menschen eigentlich auf Schritt und
Tritt bemerken, wie unsinnig gerade solch eine Vorstellung ist.
Ich will Ihnen das an einem Beispiel klarmachen, das scheinbar weit
hergeholt ist und von einer ganz anderen Seite herkommt als dasjenige,
was wir heute besprochen haben. Denken wir einmal an das von uns
von verschiedenen Seiten oft betrachtete Bild von dem ersten Stadium
des Erdenwerdens, vom Paradiesesdasein des Menschen, wie wir es in
der Bibel haben. Denken wir an dieses Bild von den ersten Menschen
Adam und Eva im Paradies, Eva in den Apfel beifiend, Adam den
Apfel gebend, die Schlange am Baum, die Eva verfiihrend. Dieses
Motiv wird zuweilen auch noch gemalt, gerade in der heutigen Zeit
allerdings so, dafi man ein moglichst naturliches Weib und einen noch
naturlicheren Mann malt, weil das modern ist. Sei es impressionistisch,
sei es expressionistisch, jedenfalls werden ein moglichst naturliches
Weib und ein noch natiirlicherer Mann und eine natiirliche Landschaft
und eine natiirliche Schlange gemalt, die natiirliche gierige Zahne zeigt
und so weiter. Aber man hat nicht immer so gemalt, denn ein solches
Bild wiirde nicht den eigentlichen Tatbestand geben, den wir dabei zu
sehen haben. Wir wissen ja, dafi wir in der Schlange das Symbolum fur
den eigentlichen Verfiihrer, fur den Luzifer zu sehen haben. Aber der
Luzifer ist eine Wesenheit, die, wie wir wissen, 2uriickgeblieben ist
wahrend des Mondendaseins, die also so, wie sie im Erdendasein auf-
tritt, in der Schlange nur ihr Symbolum haben kann, aber die Schlange
ist doch nicht der Luzifer, sondern das mufi doch geistig irgendwie
gesehen werden. Das heilk, es mufi auch mit seelischen Kraften dieser
Luzifer gesehen werden. Von innen heraus, mit Anstrengung innerer
Krafte mufi dieser Luzifer gesehen werden. Wie konnte man ihn denn
sehen, meine lieben Freunde? Wir tragen ja im Grunde genommen alle
die Eindriicke des Luzifer in uns, geradeso wie die Eindriicke des
Ahriman. Ich will Ihnen moglichst kurz, ohne alle Beweisfiihrungen
und ohne alle Erlauterungen im kleinen, die Sie sich selber suchen
konnen nach dem, was wir schon in unserer Literatur haben, vorfiih-
ren, wie man etwa iiber den Luzifer auch eine Vorstellung haben
konnte.
Der Mensch tragt die Impulse des Luziferischen in sich. Er tragt sie
so in sich, dafi sie in seinem Haupte sitzen, von seinem Haupte aus den
astralischen Leib, bei dem das Luziferische stehengeblieben ist, durch-
dringen. Also wahrend sonst die Geister der Form sein Haupt gebildet
haben, drangen sich die luziferischen Impulse mit in sein Haupt hin-
ein, aber auch in das, was aus dem Astralischen gebildet wird, in das
Ruckenmark. Wiirden wir also von einem Menschen herauszeichnen
den Kopf und seine Verlangerung, das Riickgrat, so wiirden wir eine
Schlange bekommen, eine schlangenformige Bildung mit einem Men-
schenkopf. Natiirlich ist das Ganze dann astralisch zu denken, der
Kopf noch etwas Nachbildung des menschlichen Kopfes, und das
Riickgrat, das daran hangt, schlangelt sich so. Denken Sie sich das
objektiv hinausprojiziert, so ist es eine Schlange mit einem Menschen-
kopf. Das heiik, wer Luzifer aufierlich im Bilde sieht, konnte eigent-
lich sagen: Schlange mit dem Menschenkopf. - Nicht eine Schlange mit
dem Schlangenkopf, denn das ist kein Luzifer mehr, das ist eine irdi-
sche Schlange, auf die schon die Geister der Form als irdisches Wesen
gewirkt haben. Also Schlange mit dem Menschenkopf, miilken wir
sagen. Das heifit, dafi ein Maler, der den Luzifer auf dem Baume malen
wollte, die Schlange an dem Baume sich schlangelnd und einen Men-
schenkopf oben darstellen mulke. Da wiirde er aus der Erkenntnis
unserer Geisteswissenschaft heraus malen. Wir mtifiten uns also vor-
stellen Adam und Eva bei einem Baume, und in den Baum hineinge-
ringelt, einem Schlangenkorper ahnlich, eben nur das astralisch gewor-
dene Ruckenmark und was nachbildet den menschlichen Kopf. Wenn
das Weib ihn zunachst sieht, ist er natiirlich dem weiblichen Gesichte
nachgebildet.
Gehen Sie hier in das Museum, in die Kunsthalle, und schauen Sie
sich das Bild von dem Meister Bertram an und sehen Sie, wie dieser in
der Mitte des Mittelalters noch diese Schlange an den Baum hingemalt
hat, so wie ich das jetzt erzahlt habe. Das ist frappierend! Das ist
grofiartig frappierend, denn es liefert uns den Beweis, dafi ein Maler in
der Mitte des Mittelalters aus den realen, aus den wirklichen Vorstel-
lungen der geistigen Welt heraus gemalt hat. Das ist ein vollgiiltiger
Beweis, dafi wir gar nicht viele Jahrhunderte zuriickzugehen brauchen,
um heute noch die Dokumente dafur zu erhalten, dafi man dazumal
noch etwas gewufit hat, was die Menschheit heute in dem materialisti-
schen Zeitalter vergessen hat.
Selbstverstandlich wird niemals in einer aufieren Kunstgeschichte
diese Sache, die ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, beriihrt wer-
den. Dennoch kann sich jeder in unserer materialistischen Zeit nicht
nur gesinnungs-, sondern anschauimgsweise iiberzeugen davon: Das
Hinschauen auf das Geistige ist erst seit ein paar Jahrhunderten ver-
schwunden. Wer in die Kunsthalle geht und von dem Meister Bertram
dieses Paradiesesbild sich ansieht, hat den vollgultigen, auf dem aufie-
ren physischen Plane erbrachten Beweis, dafi es noch gar nicht lange
her ist, dafi die Menschen durch, wie wir sagen atavistisches Hellsehen
in die geistige Welt hineinschauen konnten und deren Geheimnisse
noch ganz anders wufiten, als man sie in der Gegenwart weifi. Denken
Sie nur, wie blind eigentlich die Menschen durch die Welt gehen, da sie
sich selbst aufierlich auf dem physischen Plane davon iiberzeugen
konnten, wenn sie nur wollten, dafi Entwickelung vorhanden ist im
Menschengeschlechte .
Das ist das Bedeutsame, dafi im Laufe der letzten drei bis vier Jahr-
hunderte das vorhandene, mehr atavistisch unbewufite alte Hellsehen
zuriickgegangen ist. Denn selbstverstandlich, der Meister Bertram
hatte nicht Geisteswissenschaft entwickeln konnen. Er hat nur ge-
schaut, noch im Atherischen geschaut, was da eigentlich mit dem
Luzifer ist, und hat darnach gemalt. Es war unbewufites, instmktives
Hellsehen.
Damit die aufiere Anschauung dem Menschen hat kommen kon-
nen, mufite dieses alte Erblicken der geistigen Welt zuriickgehen. Es
mufi aber wieder errungen werden von den Menschen. Und die Zeit
mufi kommen nach und nach, in der wieder errungen werden wird
dasjenige, was verlorengegangen ist, nur allerdings im Felde der Be-
wufitheit. Daher mufi es durch die Stromung der Geisteswissenschaft
vorbereitet werden. Die Menschen kommen nicht anders als dadurch,
dafi sie die Geisteswissenschaft studieren, wiederum an die geistige
Welt heran. Aber diese Geisteswissenschaft mufi eben wirklich den
Einblick in die geistige Welt bringen.
Man kann heute wissenschaftlich beweisen, wie weit es die Natur-
wissenschaft bringen kann. Wenn heute der rein naturwissenschaftlich
Denkende iiber die Sache spricht, spricht er eigentlich iiber den Seelen-
apparat, iiber das korperliche Werkzeug des seelischen Lebens. Nun
priife man einmal in den Darstellungen, die heute zu haben sind - man
nennt es Psychophysiologic - die von den bedeutendsten naturwis-
senschaftlichen Denkern der Gegenwart herruhren, dasjenige, was sie
iiber das Seelische, das heiftt in ihrem Sinne iiber den Seelenapparat zu
sagen wissen. Da finden Sie in hochst eigentumlicher Weise iiberall,
dafi diese Leute sagen: Betrachten wir das Empfindungs-, das Vorstel-
lungsleben, so gehort iiberall der seelische Apparat dazu, und sie schil-
dern nun, was im Gehirn, im Nervensystem geschieht, wenn ein
Mensch empfindet, vorstellt. Uberall lalk sich der leibliche, der mate-
rielle Parallelvorgang finden. Wenn nun diese Forscher an das Fuhlen
und an den Willen kommen, dann finden sie nichts von einem leib-
lichen Parallelvorgang.
Dafi so etwas nicht zutage tritt, nicht beachtet wird, das riihrt nur
davon her, weil die Naturforschung und ihr Nachtrab - Nachtrab
kann man eigentlich nicht sagen, weil Nachtrab niitzlich ist, der mo-
nistische Nachtrab der Naturforschung ist aber hochst uberfliissig -,
also weil die Monisten blofi krahen davon, dafi fur jeden Denk- und
Empfindungsvorgang ein gewisser physischer Vorgang vorhanden ist
und dafi das Denken und Empfinden an das Gehirn gebunden ist. Aber
sie sprechen nicht vom Fuhlen und Wollen. Hochstens von Gefiihls-
tonen sprechen sie, das heifit ein gewisses abgetontes Vorstellen. Aber
zum Fuhlen und Wollen, da kommen sie nicht. Und die ehrlichen
Naturforscher sagen: Unsere Wissenschaft erstreckt sich nicht iiber
Fuhlen und Wollen. Sie konnen es in der naturwissenschaftlichen Li-
teratur nachlesen, was ich jetzt sage. Es lafit sich in alien Teilen nach-
weisen. Zum Beispiel konnen Sie bei Dr. Theodor Ziehen, dem sehr
bekannten Psychiater und Psychophysiologen der Gegenwart, am
leichtesten dasjenige bewahrheitet finden, was ich jetzt sage. Der weist
die einzelnen Vorgange auf, die dem Denken, die dem Empfinden
entsprechen. Er kommt noch bis zur Gefiihlstonung; aber zum eigent-
lichen Gefiihl und Willen kommt er nicht. Er leugnet daher Gefiihl
und Wille. Die sind iiberhaupt nicht vorhanden, sagt er. Kann man
eigentlich wissenschaftlich klarer belegen, dafi sich das naturwissen-
schaftliche Denken blofi auf das Zeitliche, blofi auf dasjenige erstreckt,
was wir mit dem Tode ablegen, und dafi dasjenige, was dariiber etwas
hinaus ist, was gerade, wie ich angefuhrt habe, in Gefiihl und Wille
lebt, so wenig zum Leibe gehdrt, dafi der Naturforscher es gar nicht
findet, dafi er es sogar ablehnt, ableugnet! Daher krahen die Leute:
Gefiihl und Wille gibt es nicht, weil sie nicht mit der gewohnlichen
Wissenschaft zu finden sind; die Naturwissenschaft beweist uns heute
selber, dafi Gefiihl und Wille nicht mit dem Leib als solchem verbun-
den sind wie Gedanken und Empfindungen!
Das hangt damit zusammen, dafi die Gedanken sich absondern von
uns, nach dem Tode draufien ausgebreitet erscheinen. Gefiihl und
Wille bleiben uns. Und aus Gefiihl und Wille entspringt die Kraft, das
Gedankentableau zu schaffen. Wer heute will, kann streng durch das
Naturwissenschaftliche zeigen, wie mit allem, was Natur ist, Gefiihl
und Wille nichts zu tun haben, sondern dalS sie als astralischer Leib
und als Ich herausgehen nach dem Tode und mit der Menschenindivi-
dualitat zusammenbleiben, sich entziinden zu einem neuen Bewufit-
sein auf die Weise, wie ich es beschrieben habe; aus dem Grunde, weil
das gesamte Sich-Ausbreiten atherisch ist, sich im astralischen Leibe
spiegelt und dann im Ich spiegelt, wenn der astralische Leib auch ab-
gelegt ist.
Im Grunde genommen ist alles in Ordnung. Und die heutige Wis-
senschaft widerlegt nicht die Geisteswissenschaft, sondern sie beweist
sie in Wirklichkeit! Wenn man nur einiges Verstandnis aufbringen
konnte, so wiirde man sehen, wie durch ein richtiges Verstandnis ge-
rade die echte Naturwissenschaft die Berechtigung der Geisteswissen-
schaft auch in bezug auf deren einzelne Behauptungen aufweist.
Geisteswissenschaft ist, wie Sie sehen, etwas, was in unserer Zeit
beginnen mufi, in die Entwickelung der Menschheit hereinzutreten,
was beginnen mufi, die Menschheit zu ergreifen, weil sonst die
Menschheit dahin kommen wird, nur das Zeitliche zu begreifen und
vom Ewigen, das in uns lebt, nichts zu wissen. Es wird die Zeit kom-
men, wo die Menschen zuerst dieses einsehen werden, und dann sich
auch wiederum mehr mit der Entwickelung ihres Willenslebens, mit
der Entwickelung ihres Gefiihlslebens befassen werden. Denn nur
durch Gefiihl und Wille einen wir uns mit der Welt, die nicht gedan-
kenlos ist.
Da werden nattirlich die Leute einwenden: Nun, dann fiihlst du halt
die geistige Welt, du willst sie gar nicht! Nein, wir werden ja gerade
vereint durch Gefiihl und Wille mit der objektiven Gedankenwelt, mit
den Gedanken, die leben, die wir nicht blofi denken. Und so wahr wie
die Menschheit in der Vorzeit ein Hineinschauen in die geistige Welt
gehabt hat, so wahr wird sich diese Menschheit in der Zukunft dieses
Hineinschauen in die geistige Welt wiederum erringen miissen. Sie
wird es sich aber nur erringen konnen, wenn sie sich entschlielSen
wird, auf die Gedanken von der geistigen Welt, die von unserer Zeit
abgelehnt wird, sich erst etwas einzulassen.
Dazu wird vieles, vieles korrigiert werden miissen, was so an Be-
griffen und Vorstellungen in unserer Gegenwart herumschwirrt. Man
glaubt gar nicht, wie gedankenlos im Grunde genommen die Men-
schen der Gegenwart - gestatten Sie, dafi ich das Paradoxon gebrau-
che -, die Menschen denken. Sie geben Definitionen, von denen sie
felsenfest iiberzeugt sind, dafi sie richtig sind, dafi sie gar nicht ange-
fochten werden konnen. Der Geisteswissenschafter aber hat die Auf-
gabe, das, wovon die Menschen felsenfest iiberzeugt sind, weil es ihnen
ganz logisch vorkommt, weil sie iiberzeugt sind davon, erst recht zu
priifen. Wenn zum Beispiel jemand gefragt wird im heutigen materia-
listischen Zeitalter: Was ist ein wahrer Begriff ? - so wird man kommen
und ungefahr sagen: Ein wahrer Begriff ist, wenn ich mir ein inneres
Bild mache von einem Gegenstand, der wirklich draufien vorhanden
ist in der Welt. Das heifit, jeder wird heute definieren: Wahrheit be-
steht in der Ubereinstimmung eines Bildes, das man sich in Gedanken
macht, mit einem Sein draufien. Man kann nun sehr leicht, wenn man
den Begriff untersucht, nachweisen, daft der wahre Begriff mit dem,
was man gewohnlich so nennt, uberhaupt nichts zu tun hat. Man kann
leicht nachweisen, da$ das Sein ganz andere Wege geht als das Bild, das
man sich als Begriff macht. Wenn ein Begriff nur dann wahr ist, wenn
er mit einem Sein iibereinstimmt, dann wiirde er natiirlich auch nur so
lange wahr sein, als das Sein ihn bewahrheitet. So konnte man einen
Begriff etwa vergleichen mit einem Gemalde, das man als Portrat von
einem Menschen macht. Das Portrat ist dann gut, wenn es ahnlich ist
dem Menschen. Aber mit dem Sein des Menschen hat es nichts zu tun.
Die Ubereinstimmung des Bildes mit einem Selbst kommt gar nicht
dazu zu der inneren Wahrheit des Bildes. Denn denken Sie sich, Sie
machen ein Portrat von einem Menschen und er stirbt gleich darnach.
Erst hat das Bild iibereingestimmt mit dem, was ist, und nachher mit
dem, was nicht ist. Das Sein hat gar keinen Bezug darauf, ob das Bild
wahr ist oder nicht, keine Beziehung mit dem Sein. Die ist iiberhaupt
etwas ganz Erphantasiertes fur den, der wirklich die Sache logisch
betrachtet. Das Wesentliche ist, dafi die Dinge innerlich erlebt werden.
Und dieses innerliche Erleben, das mull sich die Menschheit wiederum
aneignen.
Dazu gehort aber vor allem - und dazu konnen wir insbesondere
durch unsere so schwere, leidvolle Zeit hingefuhrt werden -, dafi die
Menschheit sich wiederum erringt ein Gefuhl fur wirkliche Wahrheit.
"Wir kommen ja nach und nach durch den Materialismus von der
Wahrheit im Grunde genommen ganz ab. Wir haben uns verloren
durch den Materialismus gerade in bezug auf den Wahrheitsbegriff.
Vergleichen Sie heute einmal da, wo Sie es nachpriifen konnen, die
journalistischen Schilderungen - und wie viele Menschen lesen heute
gar nichts anderes als Zeitungen - irgendeines Ereignisses, das Sie sel-
ber mitangesehen haben mit Ihren eigenen Wahrnehmungen. Wenn
Sie es wiederlesen in den Zeitungen, da werden Sie finden, es ist so
geschildert, wie der betreffende Zeitungsschreiber meint, dafi es auf
seine Leser einen Eindruck machen kann. Aber ein Gefuhl davon, dafi
alles der Wahrheit entsprechen soli, das, das wird immer geringer und
geringer. Aber das gehort dazu. Und solange das nicht die Menschheit
durchdringt, wird in den Seelen sich nicht derjenige Impuls regen
konnen, der aus der sinnlichen Welt in die geistige hinausfuhrt. Denn
unter diesen mangelnden Wahrheitsbegriff en werden die Begriffe un-
ter der Hand zu falschen. Wie oft erleben wir zum Beispiel folgendes:
Irgendeiner schreibt tiber Geisteswissenschaft, sagen wir uber dasjeni-
ge, was ich liber Geisteswissenschaft veroffentlicht habe. Der schreibt
nun und kann natiirlich nicht umhin, von seinen materialistischen
Begriffen aus zu sagen, dafi das alles aus der Phantasie heraus gespon-
nen werde und dafi man das nicht diirfe: aus der Phantasie heraus
spinnen. Und dann kommt er darauf, dafi er untersucht, wie es denn
komme, daft ein Mensch ein Phantast sein kann.
Ein solcher Artikel ist wirklich erschienen vor gar nicht langer Zeit!
Er untersucht, wie es denn kommt, daft ein Mensch so phantastisch
sein kann. Da wird erzahlt, wo denn der Mensch - in diesem Falle war
ich es - herstammt, wo er friiher gelebt hat, wie er durch eine gewisse
Rassenmischung dazu kommen kann, solche Phantasien zu haben. Er
phantasiert in seinem Materialismus das Unglaublichste zusammen.
Und das ist das, was ich sage: Man nimmt einfach die Luge in die
Hand, man verdreht innerlich die Wahrheit.
Selbstverstandlich kann man das nicht unmittelbar nachweisen.
Aber was fur eine Verlogenheit liegt darinnen, wenn man imstande ist,
jemandem Phantasie vorzuwerfen und dann iiber ihn selber zu phan-
tasieren! Wenn Sie genauer unser gegenwartiges Leben ansehen, dann
werden Sie sehen, wie ungeheuer verbreitet heute dieses mangelhafte
Verantwortlichkeitsgefiihl dafiir ist, dafi alles dasjenige, was wir sagen,
mit der Realitat auch wirklich ubereinstimmt. Ohne uns dieses Gefuhl
in der allerintensivsten Weise anzueignen, konnen wir nicht den Zu-
gang zu der geistigen Welt finden. Wir konnen gar nicht erfassen,
warum denn dasjenige wahr sein mufi, was uns die Geisteswissenschaft
aus der geistigen Welt als Wahrheit herausholt. Aber wir sind viel zu
kurzdenkend, um in dieser Weise wirklich unsere Gegenwart zu be-
trachten, und wir sind zu sehr mit unseren Interessen an dem oder
jenem hangend, um wirklich auf alien Gebieten zu sehen, wie die Un-
wahrheit hereinschillert und -splittert in alle einzelnen Vorgange des
Lebens.
Wahres Empfinden, wahres Vorstellen, dariiber wirklich nachzu-
sinnen, das gehort zu den ersten Vorbereitungen der Geisteswissen-
schaft. Und hineinfallen mufi solches Sinnen, ich mochte sagen in
eine Art bewulker Vorbereitungszeit fur dasjenige, was Menschen-
zukunft wirklich sein mufi; denn nur in der Wiedervereinigung un-
serer Seele mit dem Geistigen kann das zukunftige Heil des Men-
schengeschlechts liegen. Geisteswissenschaft ist nicht etwas, was wir
nur wie eine andere Sensation suchen, sondern Geisteswissenschaft
mufi etwas sein, von dem wir wissen, dafi es in der gegenwartigen
Zeit auftreten mufi, weil die Menschheit diese Geisteswissenschaft
braucht. Und gewissermafien wie zu ihr verpflichtet miissen wir uns
fiihlen, wenn wir licht und klar in den Gang der Entwickelung der
Menschheit hineinblicken.
Welche unendliche Bereicherung aber erfahren wir durch dasjenige,
was uns die Geisteswissenschaft dadurch geben kann, dafi uns die Welt
nach und nach erweitert wird dadurch, dafi zu dem Physisch-Wirk-
lichen der Menschheits entwickelung auch das Geistig-Wirkliche hin-
zugefiigt wird! Immer mehr und mehr sind von der Welt, in der der
Mensch ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die Menschen
in der materialistischen Zeit abgeschnitten worden. Wiederum gege-
ben werden mufi ihnen durch die Geisteswissenschaft das Zusammen-
leben mit dem gesamten Menschen, mit dem auch, was vom Menschen
vorhanden ist, wenn der Mensch keinen physischen Leib an sich tragt.
Dafur gibt unsere Welt nichts.
Man kann es wirklich schwer auf der Seele empfinden, wenn man
gerade in unserer heutigen schweren Zeit so etwas sieht wie ein Buch,
das jetzt eben zum Beispiel von Ernst Haeckel erschienen ist. «Ewig-
keitsgedanken» nennt er dieses Buch. Nun ist Ernst Haeckel einer der
ausgezeichnetsten Geister in unserer Gegenwart. Diese «Ewigkeitsge-
danken» kniipfen gerade an den grofien Krieg der Gegenwart an.
Welches ist der Hauptinhalt davon? Der Hauptinhalt dieses neuesten
Haeckelschen Buches ist, dafi er fragt: Was kann uns dieser Krieg
zeigen? Tausende und abertausende von Menschen sterben dahin
durch die aufiere Gewalt, ohne irgendeine Notwendigkeit. Kann da
jemand nicht in diesem Kriege den notwendigen Beweis sehen - meint
Haeckel -, dafi alle Ewigkeits- und Unendlichkeitsgedanken ein Un-
ding sind? Mufi uns nicht gerade dieser Krieg davon iiberzeugen, der
des Menschen Leben verdirbt durch die aufieren Zufalle, der Kugeln
und so weiter, mufi uns dieser Krieg nicht zeigen - so meint Ernst
Haeckel -, wie es nichts gibt, das iiber das gewohnliche physische
Leben hinausgeht?
Selbstverstandlich werden andere Menschen der Gegenwart durch
dasjenige, was diese schweren Ereignisse sind, gerade zu Ewigkeitsge-
danken anderer Art kommen, zu dem entgegengesetzten Ewigkeitsge-
danken, zu dem Ewigkeitsgedanken, der Ihnen wenigstens das Gefiihl
hervorruft, daft diejenigen, die durch die Pforte des Todes gehen in
solchen Zeiten, ihre Menschheitsaufgabe in anderen Welten weiter
fortsetzen und daft gerade dasjenige, was sie als Opfer bringen, in dem
weiteren Leben mit der Ausgangspunkt fur dasjenige ist, was sie zu
leisten haben, wenn sie den physischen Leib nicht mehr an sich tragen.
Mit den bisherigen Wissenschaften kann man das eine und das an-
dere beweisen. So wie man mit den bisherigen Wissenschaften ausge-
zeichnete Apparate machen kann, die das menschliche Dasein erho-
hen, die die menschliche Kultur im friedlichen Sinne vorwartsbringen,
und die schlimmsten Zerstorungsapparate, so lafit sich mit derselben
aufieren Wissenschaft das eine und das andere machen und das eine
und das andere beweisen.
Um wirklich in die Welt einzudringen, in der das Ewige lebt, dazu
ist die Geisteswissenschaft notwendig. Und diese Geisteswissenschaft,
ich habe auch hier davon gesprochen, wenigstens zu einer Anzahl von
Ihnen habe ich schon davon gesprochen, sie zeigt uns unter anderem
auch, daft diejenigen, die fruhzeitig, bevor das gewohnliche Lebensal-
ter fur den physischen Plan abgelaufen ist, aus ihrem physischen Leib
hinausgehen, ihren Atherleib der Atherwelt iibergeben, in ihrer Indi-
vidualist fortleben. Also der ganze Sinn und Geist der Geisteswissen-
schaft zeigt, daft ein solcher Atherleib, der noch lange den physischen
Leib versorgen konnte, wenn er nun der Atherwelt iibergeben wird,
Lebenskrafte in sich hat, die noch durch Jahrzehnte den physischen
Leib versorgen konnten. Das ist da in der Atherwelt, wie ich es Ihnen
an einem Beispiel gezeigt habe.
Dasjenige, was einer mit seinem Opfertod sich erwirbt, das lebt in
seiner Individuality weiter. Das lebt in ihm gerade in einer solchen
Zeit, wie die unsrige ist, wo wir den Sinn dessen, was geschieht, nur
durchschauen konnen, wenn wir ihn mit dem Seelenauge der Geistes-
wissenschaft durchschauen konnen. Und sie macht uns aufmerksam
auf das geistige Gegenbild desjenigen, was jetzt iiber Europas Erde
geschieht dadurch, da£ auf dem physischen Plane Europas die gewal-
tigen und leidvollen Vorgange sich abspielen. Das geistige Korrelat,
der geistige Parallelvorgang davon mufi, weil alles Physische von der
geistigen Welt aus geleitet wird, hereinfliefien in die physischen Vor-
gange der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hinein. Aber
fruchtbar wird das nur werden konnen, wenn Menschenseelen hier auf
Erden in ihren physischen Leibern ein Bewufitsein haben werden, dafi
sie mit dem, was von den zahlreichen, tausenden und abertausenden
von Opfertoden fortlebt in der geistigen Welt, ein Wirksames und
Helfendes haben, unter das sie sich gleichsam stellen konnen, um in die
Zukunft hinein auch auf der Erde selber hier zu wirken, vereint mit
den To ten durch das Bewufitsein, das die Seele haben kann von der
Wirklichkeit einer geistigen Welt.
Das ist es, was auch fur dieses Ereignis die Geisteswissenschaft den
Menschen geben mufi. Dann werden sie in richtigem Sinne auch das
Geistige dieses allergewaltigsten Weltereignisses fur die Zukunft
fruchtbar machen konnen und in rechtem Sinne erdenken und erfuh-
len und empfinden konnen:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassner,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewulk
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DIE ¥ESENSGLIEDER DES MENSCHEN IM LEBEN
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Kassel, 18. Februar 1916
Die Zeit, in der wir leben, wird uns ja ganz besonders nahelegen kon-
nen, wie eindringlich notig es fiir Menschen in unserer Gegenwart ist,
den Sinn des Erdenlebens zu erforschen. Und der Sinn des Erdenle-
bens kann uns niemals aufgehen, wenn wir bloE den Blick hinwenden
auf dasjenige, was sich in der Sinneswelt abspielt. Denn alles dasjenige,
was sich in der Sinneswelt abspielt, erhalt seinen tieferen Sinn erst
dadurch, dafi das Geistige in diesem Sinnlichen auch zum Ausdrucke
kommt. Unsere Zeit ist eine schwere Prufungszeit. Und diejenigen,
welche treu und fest zu unserer Sache zu halten gewillt sind, werden
insbesondere verstehen miissen, wie diese unsere Zeit eine schwere
Prufungszeit ist, wie sie ihren Sinn - auch wiederum ihren Sinn! - in
unsere Seele herein nur wird offenbaren konnen, wenn wir uns erhe-
ben zu dem, was sich geistig auch in so schweren Ereignissen zum
Ausdrucke bringt, die sich auf dem physischen Plane abspielen.
Angesichts der Tatsache, dafi wir auf Felder blicken, auf denen in
unzahligen Fallen die Todespforte sich aufrichtet, und angesichts des
Gedankens, dafi auch schon viele unserer Freunde in grofierer Zahl
den physischen Plan verlassen haben, werden wir heute vielleicht be-
sonders gut tun, wenn wir den Blick hinwenden auf dasjenige, was
iiber die Welt zu sagen ist, in welche der Mensch geht, wenn er hier
durch die Todespforte schreitet. Wir wollen von diesem Gesichts-
punkte aus - Sie wissen ja, es gibt viele, viele Gesichtspunkte, von
denen aus unsere Betrachtungsweise einsetzen kann - heute wiederum
betrachten das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
In unserer Geisteswissenschaft versuchen wir zunachst den Men-
schen zu erkennen, wie er vor uns steht: Wir wissen, er steht so da, dal?
er vor uns entfaltet seine physischen Seiten und seine geistigen Seiten.
Wir wissen, diese geistigen Seiten bleiben fiir den physischen Plan ein
Ubersinnliches; das Geistige kann sich nur offenbaren, ankiindigen
durch das Physische hindurch. Und wenn wir so den Menschen, urn
ihn zu verstehen im Sinne unserer Geisteswissenschaft, hier auf dem
physischen Plan betrachten, so sagen wir: Es enthiillen sich uns zu-
nachst - Sie wissen das aus meiner Darstellung der «Theosophie» -
vier Hauptglieder der menschlichen Wesenheit, die wir nennen den
physischen Leib, den atherischen Leib, den astralischen Leib und das
Ich. Schon vom Atherleib an aufwarts sind die Glieder der menschli-
chen Natur ubersinnlich fur die physische Betrachtung. Aber wir er-
leben ja unser Ich und unseren astralischen Leib. Wir erleben sie inner-
lich. Wir erleben sie dadurch, dafi wir eben in der Lage sind, uns als Ich
zu wissen, wenn dieses Ich auch unsichtbar, ubersinnlich bleibt. Kurz,
man kann schon verstehen, auch wenn man bleibt bei dem, was nur die
physische Welt enthullt, warum wir den Menschen nach diesen vier
Gliedern betrachten.
Nun wollen wir heute einmal uns vor die Seele stellen, dafi man
auch den Menschen, der da lebt zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt, in einer ahnlichen Weise betrachten kann, dafi es moglich ist,
auch von Gliedern des Menschen zu sprechen, der in dem Lebenslauf
ist zwischen Tod und neuer Geburt. Sie wissen ja: den physischen Leib
iibergeben wir den Elementen, den Substanzen der Erde; der Atherleib
wird iibergeben der allgemeinen Atherwelt; nach einiger Zeit lost sich
auch dasjenige, was vorzugsweise in unserem astralischen Leibe ist,
wovon aber der irdische Mensch schon nichts weifi, das lost sich ge-
wissermafien auch, und das Ich geht dann seinen Weg durch die Welt,
die wir eben durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Nun sollen wir nicht glauben, dafi der Mensch, der zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt steht, nicht ein ebenso differenziertes, ein
ebenso gegliedertes Wesen sei wie der Mensch hier in der physischen
Welt. Wir konnen auch von Gliedern der menschlichen Natur spre-
chen zwischen Tod und neuer Geburt; nur werden wir dann in der
folgenden Weise sprechen miissen.
Hier, wenn wir den Menschen auf dem physischen Plan betrachten,
erscheint uns das Ich als dasjenige, was uns zunachst - wenn wir den
Ausdruck gebrauchen diirfen - als das Hochste entgegentritt. Den
physischen Leib hat der Mensch mit alien Mineralien gemeinschaft-
lich, den Atherleib mit alien Pflanzen, den astralischen Leib mit alien
Tieren. Das Ich hat er fur sich allein. In der geistigen Welt ist das Ich,
welches uns hier als gewissermafien das hochste Glied der menschli-
chen Natur erscheint, dieses Ich ist dort in der Welt zwischen Tod und
neuer Geburt das niederste Glied der menschlichen Natur. Wie wir
hier beim physischen Leib anfangen, so mulS man fur die geistige Welt
beim Ich anfangen, das nur wahrend der Zeit, wahrend der Mensch die
Seelenwelt durchmacht, eingehullt ist wie in einem Nebel vom Astra-
lischen, aber das doch das niederste Glied der menschlichen Wesenheit
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist. Und so wie wir uns
hier umhiillen, indem wir aus der geistigen Welt in die physische Welt
hereintreten durch die Geburt oder durch die Empfangnis, so umhiil-
len wir uns auch in der geistigen Welt, man mochte sagen mit Geist-
gliedern. Die Namen fur diese Geistglieder kennen wir eigentlich
schon. Nur betrachten wir sie ein wenig von einer anderen Seite her.
Wir hiillen uns namlich, wenn wir durch die Pforte des Todes getreten
sind, in das Geistselbst ein. Dies ist ja ein Glied der menschlichen
Natur, das der Mensch in der Zukunft wahrend der Jupiterentwicke-
lung bei sich entfalten wird. Dasjenige, was ich jetzt Geistselbst nenne
fur die Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ist nicht
genau dasselbc, was sich dann entwickeln wird, wenn der Mensch
weiterschreitet von der Erde zum Jupiter hin; sondern dasjenige, was
der Mensch entwickeln wird auf dem Jupiter, wird eine Art aufierli-
ches Abbild sein, eine Art fur die Sinne auftretendes Gegenbild der
geistigen Wesenheit, in die sich der Mensch einhullt, wenn er die Zeit
durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das ist schon
so, dafi man auch dieses Glied, in das sich da der Mensch einhullt,
wenn er die Zeit durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt, als
Geistselbst bezeichnen kann.
Beim weiteren Verlauf hulk sich dann der Mensch in dasjenige
Glied ein, das man als Lebensgeist bezeichnen kann, das wiederum ein
geistiges Gegenstiick zu etwas ist, was sich im physischen Verlauf erst
wahrend der Venusentwickelung ergeben wird. Und der eigentliche
Geistmensch ist dasjenige, was sich im Menschen entwickelt als das
geistige Gegenbild desjenigen, was im physischen Abbild der Mensch
in der hochsten Sphare, auf die wir heute noch hinblicken konnen,
wahrend der Vulkanentwickelung, in seiner physischen Entwickelung
haben wird. So dafi wir sagen konnen: Wie sich der Mensch hier ein-
hiillt in den astralischen, atherischen und physischen Leib, so hiillt er
sich ein, indem er in die geistige Welt hineinwachst, in Geistselbst,
Lebensgeist, Geistesmensch.
Nun mochte ich Ihnen etwas genauer schildern, wie sich die Din-
ge ergeben aus der, wie man sagen kann, initiierten Erkenntnis her-
aus. Zur Halfte wissen Sie ja iiber diese Dinge schon Bescheid.
Wenn der Mensch hier durch die Pforte des Todes getreten ist, so
wird sein physischer Leib den Elementen der Erde iibergeben. Die-
ses Loslosen des physischen Leibes ist ein aufierordentlich Wichtiges
fur das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Gewifi,
es erscheint trivial, wenn man sagt, der Tod ist eigentlich fur die
geistige Welt die Geburt; aber es ist trotzdem auch ein berechtigtes
Wort. Wir miissen uns nur angewohnen, unsere Begriffe etwas be-
weglich zu machen, so dafi wir nicht haften mit unseren Begriffen
unmittelbar an dem, was uns die Erde darbietet. Wir sind gewohnt,
unsere Begriffe nur nach dem zu bilden, was uns die Erde darbietet.
Wir miissen die Begriffe schon verandern konnen. Das Leben in der
geistigen Welt ist durchaus verschieden von dem Leben der Erde.
Die geistige Erfahrung, die der Mensch also macht in der geistigen
Welt, indem er durch die Pforte des Todes schreitet, ist: dafi abfallt
von ihm der physische Leib. Das ist ein bedeutsames, ein ungeheuer
bedeutsames Erleben! Und zunachst ist von diesem Erlebnis zu sa-
gen, dafi es sich ganz gegenteilig verhalt in bezug auf den Beginn des
geistigen Lebens nach dem Tode, wie sich die Geburt des Menschen
verhalt zu unserem physischen Leben zwischen Geburt und Tod.
Kein Mensch kann ja mit physischer Erkenntnis kraft der Erde hin-
schauen auf seine Geburt. Die Geburt erlebt der Mensch nicht mit
seinen physischen Erkenntniskraften hier auf der Erde. Ebenso wie
wir die physische Geburt nicht erleben, wie der Mensch keine Erin-
nerung hat - diese beginnt erst spater - an die Vorgange seiner
Geburt und wie das richtig ist fur das Erdenleben und so sein mufi,
so ist es gegenteilig fur das Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Denn der Moment, der Augenblick des, ich kann
nicht sagen Sterbens, aber des Gestorbenseins, der bleibt als etwas,
worauf immer wieder und wiederum hinschauen kann der Mensch
in dem ganzen Verlauf des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt.
Ebenso wie wir uns im physischen Leben niemals erinnern an die
Vorgange unserer Geburt, ebenso klar haben wir vor uns unsere
ganze Lebenszeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hin-
durch den Moment des Todes, aber von der anderen Seite, von der
Seite des geistigen Erlebens, gewissermaften vom anderen Ufer aus.
Fur den Erdenmenschen kann mit einer gewissen Berechtigung der
Tod etwas Schreckhaftes haben. Er stellt den Verfall des physischen
Erdenmenschen dar. Das gerade Gegenteil ist der Fall, wenn der
Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zuruckblickt
auf das Gestorbensein: Dann stellt ihm das immerwahrend dar den
Sieg des Geistes iiber das Leibliche, dann stellt der Tod das Schon-
ste, das Grofite, das Herrlichste, das Erhabenste dar, das im Grunde
genommen iiberhaupt erlebt werden kann. Und indem der Mensch
seine ganze geistige Lebenszeit zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt hindurch auf das Gestorbensein hinzusehen vermag, ist die-
ser Hinblick auf das Gestorbensein dasjenige, was uns das Bewufit-
sein gibt nach dem Tode, so dafi wir wissen: Wir haben unseren
physischen Leib abgelegt. Und dafi wir das erfahren, dafi wir das
immer vor uns haben, das gibt uns unser Selbstbewufitsein nach dem
Tode ebenso, wie wir unser Selbstbewuiksein hier in der physischen
Welt dadurch erlangen, dafi wir unseren physischen Leib haben.
Wenn wir mit unserem astralischen Leib und Ich vom Einschlafen
bis zum Aufwachen aufierhalb des physischen Leibes sind, so haben
wir fur die physische Welt kein Bewufitsein. Wir miissen beim Aufwa-
chen physisch in uns hineinstofien, dann kann das Ich-Bewufitsein
wieder erbhihen. Jedesmal, wenn wir nach dem Tode hinblicken auf
das Gestorbensein, wenn das ganze Ereignis, dieses - von der anderen
Seite gesprochen - erhabene, schone Ereignis vor unserer Seele steht,
dann entziindet sich immer wieder und wiederum nach dem Tode das
Bewufitsein. Das hangt ganz und gar von der immerwahrenden Be-
trachtung dieses Augenblicks ab.
Und damit ist noch etwas anderes verbunden. Es ist etwas schwie-
rig, iiber diese Dinge zu sprechen, weil, wie gesagt, keine entsprechen-
den Erfahrungen hier in der physischen Welt vorhanden sind, aber
man mufi versuchen, diese Dinge auch zu charakterisieren, so wie sie
eben sind. Wenn wir also im weiteren Fortleben nach dem Tode hin-
blicken auf unser Gestorbensein, dann haben wir vor alien Dingen den
empfindungs-, vorstellungsmafiigen Eindruck, dafi da, wo wir gestor-
ben sind, nunmehr, nachdem wir gestorben sind, nichts ist, nicht ein-
mal Raum. Es ist, wie gesagt, schwer zu beschreiben, aber es ist so:
Nichts ist da. Und im aufieren Sinne gesprochen: Herrlich, erhaben
erscheint die Sache aus dem Grunde, weil iiberall sonst uns eine neue
Welt aufgeht. Es drangt sich die flutende Geistwelt von alien Seiten
heran, aber nichts ist da, aus dem wir herausgestorben sind.
So theoretisch beschrieben hat vielleicht die Sache etwas Grauen-
volles, aber in der Empfindung nach dem Tode ist es nichts Grauen-
volles. In der Empfindung nach dem Tode lafit es eine tiefe Befriedi-
gung in die Seek quellen. Man lernt gleichsam sich ausdehnen in die
ganze Welt und hinschauen auf etwas, was wie leer ist in der Welt. Und
daraus entsteht die Empfindung: Das ist dein Platz in der Welt, der
Platz, der aus alien den Weiten heraus ist, und der dein ist. - Und man
bekommt die Empfindung, gerade aus dieser Leere, dafi man einen
Sinn hat fur die ganze Welt, dafi jedes einzelne Menschendasein - man
bekommt es zunachst natiirlich als Erklarung fur sich selber - da sein
mufi, Dieser Platz wiirde immer leer sein, wenn ich nicht da ware - so
sagt sich jede Seele. Dafi jeder, jeder als Mensch einen Platz zugeteilt
hat im Weltenall, diese Empfindung, die unglaublich innerlich erwar-
mende Empfindung, die geht aus dieser Betrachtung hervor: dalS die
ganze Welt da ist, und dafi diese ganze Welt heraus getrieb en hat wie
aus einer Symphonie die einzelne Note, die man ist, und die da sein
mufi, sonst ware die Welt nicht da. Diese Empfindung, das ist diejeni-
ge, die aus der Riickschau auf das Todeserlebnis entsteht. Die bleibt,
denn die gibt vorzugsweise das Ich-Bewuiksem, das Selbstbewulksein
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Dann dauert ja eine verhaltnismafiig kurze Zeit - aber die geniigt -
ein Zusammensein noch mit dem atherischen Leib. Alles dasjenige, was
man erlebt hat im Leben, selbst die kleinsten Ereignisse, stehen auf
einmal da wie in einem groften Lebenstableau, tagelang; sie bleiben
tagelang. Man hat dabei das ganz intensive Gefiihl: Die Erde, auf der
man bisher gestanden hat, bewegt sich weiter, man selbst bleibt aber
zuriick, man beginnt stillzustehen. Man geht nicht mit der raumlichen
Bewegung der Erde weiter mit. Und dabei breitet sich das Lebens-
tableau aus.
Nicht im eigentlichen Sinne spricht man, wenn man von einer Er-
innerung an das Leben spricht, denn Erinnerungen, die hat man so,
daft man in der Zeit zuriickblickt. Aber das ist nicht so, sondern es ist
gleichzeitig; es ist ein Tableau, es ist ein bewegtes Tableau. Selbst, wie
gesagt, auf die kleinsten Ereignisse erstreckt sich das.
Dann trennt man sich von diesem atherischen Erlebnis. Es erfolgt,
wie man eben zu sagen pflegt, die Loslosung des Atherleibes. Dasje-
nige, mit dem man verbunden war als Atherleib, das hat man, wahrend
man es fruher als sein Inneres anzusprechen hatte, nunmehr aufterlich,
und es wird immer grower und webt sich ein - das ist eigentlich der
richtige Ausdruck - in die geistige Welt, in die man jetzt eingetreten
ist. Nur ist in dieser geistigen Welt die leere Aussparung, von der ich
gesprochen habe; die bleibt ausgespart. Und der Atherleib webt sich
ein rund herum aufterlich, wird immer grower und grower.
Nun miissen wir durchaus festhalten, daft es eine irrtiimliche Vor-
stellung ware - ich muft gestehen, ich habe mich in alien Fallen, in
denen ich gerade diese Tatsache, von der ich jetzt spreche, intensiv
untersuchen konnte, iiberzeugt, daft es ein Irrtum ware -, zu glauben,
daft wir in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt das,
was wir da als Atherleib einverwoben haben der allgemeinen geistigen
Welt, nicht sehen wurden. Wir sehen es immerdar. Wir schauen immer
darauf hin, es gehort zu unserer Auftenwelt. Was bisher in unserem
Atherleib zu unserer Innenwelt gehort hat, gehort nunmehr zu unserer
Auftenwelt. Wir schauen auf das hin. Und es ist wichtig, daft wir auf
das hinschauen konnen, denn dadurch wird uns so viel von der geisti-
gen Auftenwelt verstandlich als Verwandtschaft besteht zwischen
dem, was wir hineinverwoben haben, und der gesamten geistigen
Auftenwelt.
Sie erinnern sich vielleicht aus den Vortragen, die ich einmal gehal-
ten habe in Wien iiber die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt, dafi ich gesagt habe: Zunachst ist der Mensch verwoben in eine
Welt, die voller Weisheit ist. Wahrend er hier die Weisheit angestrengt
sucht, ist er da im Lichte der Weisheit ganz drinnen. Und diese Weis-
heit, in der er drinnen ist, die iiberwaltigt ihn. Und sie wiirde ihn weiter
iiberwaltigen, wenn er nicht einweben konnte das, was er in seinem
Atherleib wahrend des Lebens emverwoben hat an Weisheit, wenn er
das nicht in die Welt hineinweben konnte. Dadurch dampft sich ihm
die ungeheure Lichtuberfulle des allgemeinen Weltenathers ab, und er
fangt an, Verstandnis zu haben fur dasjenige, was im allgemeinen
Weltenather die Welt durchwebt und durchseelt und durchgeistet.
Damit haben wir dasjenige, was gewissermafien von dem Menschen
abfallt, wenn der Mensch in die geistige Welt aufgenommen wird.
Denn von den irdischen Gliedern der menschlichen Natur bleiben im
wesentlichen nur das Ich und der astralische Leib zuriick. Der phy-
sische Leib ist abgefallen. Dafiir bleibt, was ich genannt habe «die
Leere», bestehen. Der Atherleib wird unterworfen dem allgemeinen
Weltenather. Der Mensch geht seinen Weg weiter. Fur das, was er dem
Weltenather als seinen Atherleib nun abgibt, fur das hullt er sich ein
in dasjenige, was wir genannt haben das Geistselbst. Das ist gewisser-
mafien jetzt ein aufieres Glied. Es dringt heran unbestimmter Ather an
ihn; der umhullt ihn mit einer Art von Geistselbst.
Nun ist es gut, wenn wir ein wenig noch stehenbleiben bei dem, was
zunachst, ich mochte sagen, zuriickbleibt: der Begriff vom Menschen.
Von dieser Leere brauchen wir nicht zu sprechen, denn die ist vor alien
Dingen nur fur den Menschen selber von der grofken Bedeutung, der
gestorben ist, der diejenigen Erlebnisse daran hat, die ich geschildert
habe. Aber mit dem Atherleib ist es etwas anderes. Schon der Ather-
leib webt sich ja objektiv ein in dasjenige, was allgemeiner Weltenather
ist. Er ist dann darinnen, dieser Atherleib des Menschen.
Nun werden Sie es verstandlich finden, dafi gewissermafien ein
Atherleib eines Menschen, der in jugendlichem Alter stirbt, etwas an-
deres ist in der Welt draufien als der Atherleib eines Menschen, der
gewissermafien die normale Altersgrenze erreicht. Jeder Atherleib hat
selbstverstandlich seine Aufgabe, und es kann nicht irgendein Wunsch,
friih oder spat zu sterben, aus dem entstehen, was ich jetzt sagen
werde; das ware eine ganz schiefe und falsche, die falscheste Auffas-
sung der Sache. Aber dennoch ist das giiltig, was jetzt zu sagen ist.
Wenn ein Mensch stirbt in jugendlichem Alter, so hat er einen
Atherleib, der vielleicht noch Jahrzehnte hatte den physischen Leib
versorgen konnen, hatte arbeiten konnen im physischen Leib. Nun
geht in der geistigen Welt ebensowenig eine Kraft verloren wie in der
physischen Welt. Das heifit, in dem Atherleib, von dem der Mensch
verlassen wird nach dem Tod, ist die Kraft vorhanden, die vielleicht
noch jahrzehntelang, wenn der Mensch im zwanzigsten, dreifiigsten
Jahre stent, den physischen Leib des Menschen hatte versorgen kon-
nen. Sie ist nicht mehr in einem physischen Menschenleib; sie ist drau-
fien in der Welt. An einem Beispiel kann dieses vielleicht am schonsten
vor unsere Seele treten.
Wir hatten in Dornach am Bau - zu einigen von unseren Freunden
habe ich iiber diese Sache schon gesprochen - ein Knablein; der Knabe
ist durch einen tragischen Umstand im siebenten Lebensjahr zugrunde
gegangen. Das Knablein hatte am Abend Speisevorrate aus unserer
Kantine geholt, die dort in der Nahe des Dornacher Baues ist, und eine
merkwiirdige Verkettung der Umstande hat ergeben, daft das Knab-
lein aus der Kantine heraus und durch ein Schilfrohr gegangen ist,
das neben einem Wege ist, iiber den gerade dazumal ein vollgeladener
Mobelwagen fuhr. Und der vollgeladene Mobelwagen wurde umge-
worfen und zerdnickte das Knablein. Es war eine recht schmerzliche
Sache. Gerade nach dem Vortragsabend, nach zehn Uhr kam uns die
Nachricht, dafi das Knablein nicht da ware. Man konnte nichts anderes
tun als nachsehen, wie das mit diesem Mobelwagen sich verhielte. Die
aulSeren Umstande waren auch ganz merkwurdig. Der Knabe wollte
eine Viertelstunde friiher weggehen und ist zuriickgehalten worden
von irgend jemandem, der mit ihm gehen wollte. Er wollte durch eine
andere Tiire hinaus; dann ware er rechts am Mobelwagen vorbeigegan-
gen, wahrend er so links zerdriickt worden ist. Man hatte ihm gesagt,
er solle zu dieser Tiire hinausgehen, so da$ er formlich hingeschickt
worden ist. Es ist aufierdem ein Weg, auf dem vielleicht jahrelang kein
Mobelwagen gefahren 1st, und vielleicht wird auch jahrelang wieder
keiner fahren. Es war ein Mobelwagen, der einem von unseren Mitglie-
dern ausnahmsweise einmal Mobel gebracht hat. - Man suchte den
Knaben also. Der Mobelwagen war so schwer beladen und ungluck-
seligerweise so gefallen, dafi er nicht gleich gehoben werden konnte,
denn die Leute, die den Mobelwagen fuhren, hatten nichts mitgebracht
dazu und gingen einfach weg. Man wollte den Mobelwagen erst am
nachsten Tag heben. - Nun aber mufke er natiirlich in der Nacht
gehoben werden, und man fand das tote Knablein darunter.
Dieses Knablein war also einige Zeitlang immer in der Atmosphare
des Baues gewesen. Nun ist es wirklich wahr, dafi seit jener Zeit, bald
nach jenem Tode, der Atherleib jenes Knableins in die Aura des Baues
hineinverwoben ist. Und derjenige, der - es ist ja gewifi nicht unbe-
scheiden, das zu sagen - wie ich zu tun hat mit dem ganzen Kunstle-
rischen des Baues, der merkt, wie aus jener unverbrauchten Atherkraft
des Atherleibes die Befruchtung kommt, die man braucht, um das oder
jenes wiederum kunstlerisch in den Bau einzufiigen.
Selbstverstandlich ware es vielleicht dem menschlichen Egoismus
sympathischer, das alles immer nur der eigenen Genialitat zuzuschrei-
ben. Aber es ist schon durchaus so, da$ auch dasjenige, was uns innerlich
kommt, dafi das von aufieren geistigen Einflussen herriihrt. Und wir
konnen diese geistigen EinfMsse im einzelnen konkret nachweisen. Wir
haben es da mit dem Atherleib eines Knaben zu tun, der sieben Jahre alt
geworden ist, der also sechs bis sieben Jahrzehnte lang noch den physi-
schen Leib hatte versorgen konnen, der mit der ganzen ungeheuer wei-
sen Baukraft, die notwendig ist, um den physischen Menschenleib
kunstgemafi zu formen, in der Atheraura des Dornacher Baues ist.
Und selbst den Ktinstlern wage ich es zu sagen, mit vollstandiger
Sicherheit: Die Kunst, die notwendig ist, um aus dem Atherleib heraus
den physischen Leib zu formen, die ist viel grofier als irgendeine Kunst,
die der Mensch auf der Erde ausiibt. Der Mensch ist schon das groftte
Kunstprodukt. Und alle die Impulse, um den physischen Menschen-
leib zu formen, die stecken in dem Atherleib darinnen. Auch der
Kiinstler bringt sie aus seinem atherischen Leib heraus, wenn er kiinst-
lerisch schafft.
Das ist nur ein Beispiel, es konnten andere angefiihrt werden, in
denen die Tragkraft der unverbrauchten Atherleiber geschaut werden
kann. Gerade in diesem Jahre sind ja auch in jugendlichem Alter liebe
Freunde von uns durch die Pforte des Todes gegangen. Und so sehen
wir denn, wie gerade jetzt in dieser Zeit unzahlige Menschen durch die
Todespforte gehen, im riistigen Alter, ihre Atherleiber zuriicklassen,
die alle noch jahrzehntelang am physischen Leib hatten arbeiten kon-
nen. Diese Atherleiber, die noch dazu gekraftigt und gestarkt sind
dadurch, dal? sie durch Opfertode gegangen sind, sind vorhanden und
werden vorhanden sein. Und diejenigen Menschen, die in der Lage
sein werden in kiinftigen Zeiten, wenn wiederum anderes iiber der
europaischen Erde sich abspielt als diese gegenwartigen Ereignisse, die
dann iiber die europaische Erde hingehen werden, sie werden in einer
geistigen, in einer Atheratmosphare leben, in welcher sich finden diese
unverbrauchten Atherleiber. Und wenn sich Seelen finden hier auf der
Erde, welche Verstandnis haben werden fur dasjenige, was nicht bloft
als abstraktes Angedenken, sondern als wirkliche atherische Krafte
geistig leben wird - dieses Verstandnis wird man nur aus der Geistes-
wissenschaft haben konnen so werden sie die inspirierenden Krafte
desjenigen, was da sein wird von diesen Atherleibern, wohl spiiren.
Und das gehort zu den Gefiihlen, die jetzt schwer auf unseren
Herzen lasten, schwer aus dem Grunde, weil wir auf der einen Seite
hinblicken mussen auf das Ungeheure, das geschehen konnte, wenn
recht viele Menschen sich bewufit werden konnten, was durch die
Tode gesat wird, die jetzt durch die grofien Ereignisse der Zeit um uns
herum geschehen, wahrend auf der anderen Seite das Hauflein der
Menschen ein noch so kleines ist, das fur diese Dinge Verstandnis
haben kann. Und es konnte wohl sehr leicht geschehen durch den
Unverstand der Menschen gegemiber der Geisteswissenschaft wegen
des die ganze Menschheit erfullenden Materialismus, dafi ohne irgend-
eine Spur von Ahnung fur dasjenige, was aus dem Tode entsteht, die
Menschen in der Zukunft weiterleben konnten.
Solch einen Satz sollen wir auf keine andere Weise in unserem eige-
nen Herzen leben lassen, als allein dadurch, dafi wir uns, soweit es an
uns ist, ganz von einem solchen Bewufksein durchdringen, dieses Be-
wufitsein ganz voll aufnehmen und unsererseits dasjenige tun, was wir
zum Verstandnis einer solchen Sache tun konnen. Wir sollen nicht,
mochte ich sagen, uns mit der bangen Sorge nur erfullen, wieviel Ma-
terialismus da ist. Wir sollen zwar erkennen, wieviel Materialismus auf
der Erde ist, aber wir sollen demgegeniiber uns nicht etwa abschliefien
vor der immer mehr und mehr sich ausbreitenden materialistischen
Weltanschauung, sondern um so mehr dasjenige tun, was uns obliegt.
So viel iiber dasjenige, was uber das Atherisch-Leibliche zu sagen
ist. Dann schreitet der Mensch weiter. Er hat sich zunachst eingehiillt
in eine Art von Geistselbst, welches auf eine etwas andere Weise gebil-
det wird als alles dasjenige, was gebildet wird, wenn wir hier im Erden-
dasein leben. Man konnte sagen: Das Geistselbst ist etwas, was von
alien Seiten zu uns herandringt, und in dessen Mitte wir uns fiihlen.
Dann lebt sich der Mensch weiter ein in die anderen Hiillen, indem er
zu gleicher Zeit durchlebt, wie ich ofter geschildert habe, eine Art gei-
stigen Riickgang, indem er durchlebt - aber jetzt in einer anderen Art
als durch das blo£e Tableau, das geschildert worden ist - dasjenige, was
wie eine Art von Gegensatz wirkt zu dem Erdenleben. Man kann sich
klarmachen, wie nun die folgende Zeit verlauft, nachdem der Atherleib
abgelegt ist und wir mit unserem Astralleib und mit unserem Ich, in das
Geistselbst eingehiillt, weiterleben. Dieses Geistselbst ist eine Art
Triebkraft. Das fiihrt uns eben zuriick, so daft wir zuriickerleben,
wirklich riickwartsgehen unser letztes Erdenleben vom Tod bis zur
Geburt hin. Wenn wir zum Beispiel hier auf Erden irgend jemandem
etwas gesagt haben, das ihm Leid zugefugt hat, so erleben wir ein sol-
ches Ereignis von unserem Gesichtspunkte hier auf der Erde im phy-
sischen Leib. Wir konnen es nicht von dem Standpunkte des anderen
erleben. Wir wiirden ja iiberhaupt nicht im physischen Leib leben
konnen, wenn wir anders leben wollten, als eben von uns aus alles zu
erleben. Aber nehmen wir den extremen Fall: Wir haben jemandem
sehr weh getan durch ein Wort, das wir aus Rache gesagt haben. Was
er spurt, was er empfindet, das erleben wir hier nicht. Bei dem Riick-
gang, den ich jetzt beschreibe, erleben wir das, was der andere empfin-
det, immer als die Wirkung dessen, was wir verrichtet haben. Also wir
leben in der Welt der Wirkungen drinnen. Ganz aus uns herausgegan-
gen erleben wir das, was die anderen durch uns wahrend unseres phy-
sischen Lebens durchlebt haben, bis wir durchkommen zu dem Punkt,
wo wir unsere Geburt erreicht haben. Dann umhiillen wir uns mit dem,
was man nun nennen konnte das geistige Gegenbild zu dem, was sich
auf der Venus entwickeln wird: wir umhiillen uns mit dem Lebensgeist.
Und durch diesen Lebensgeist wird nun das weitere Leben be-
stimmt, das ich ja ofter geschildert habe. Sie finden es von den ver-
schiedensten Gesichtspunkten aus geschildert auch in dem Wiener
Vortragszyklus iiber das Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt. Ich will es hier wiederum von einem anderen Gesichtspunkte
schildern.
Wir werden also von dem Lebensgeist gleichsam umhiillt. Das au-
fiert sich in einer gewissen Weise, und es ist wesentlich, dafi wir das
verstehen. Das Geistselbst leitet uns zuerst zuriick; das Geistselbst hat
es hauptsachlich mit unserer Wesenheit, mit unserer Individuality zu
tun, und es fuhrt uns dann auch weiter. Nachdem es uns bis zu unserer
Geburt gebracht hat, fuhrt es uns weiter die Wege, die wir in der
geistigen Welt zu tun haben.
Anders ist es mit dem, was nun die weitere Htille, der Lebensgeist,
mit uns verrichtet. Hier im physischen Leib sind wir von dem Ather-
leib durchdrungen, der ja auch den Lebensather und alles das enthalt,
was uns belebt. Wir sind gewissermafien - Sie wissen, der Atherleib
ragt nur ein klein wenig iiber den physischen Leib hervor, hat sonst
eine ganz ahnliche Form - von dem Atherleib durchdrungen, und wir
leben durch diesen Atherleib. Wer keinen Atherleib hat, kann nicht
auf dem physischen Plane leben.
Wenn wir unseren astralischen Leib abgelegt haben, wissen wir:
Wir sind von diesem Lebensgeist umhiillt. - Jetzt merken wir auch:
Wir waren schon die ganze Zeit umhiillt, wahrend uns das Geistselbst
zuriickgefuhrt hat. Aber jetzt merken wir es erst. Wir merken es erst
hinterher, wenn wir das Ganze, was man Kamalokazeit nennt, durch-
gemacht haben. Und wir werden jetzt etwas sehr Merkwiirdiges ge-
wahr: Dadurch, dafi wir von diesem Lebensgeist umhiillt werden,
dadurch ist unser Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt erst
moglich. Denn hier im physischen Leib miissen wir leben, ich mochte
sagen innerhalb unserer Haut. Das konnen wir nicht zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt. Wiirden wir in der
geistigen Welt nur in uns leben wollen, gewissermafien nur an einem
einzigen Orte der geistigen Welt, dann wiirden wir fortwahrend ster-
ben miis sen, also nicht leben konnen. Wir muss en vielmehr mit dem
ganzen Universum leben. Wir miissen das ganze Universum als ein
grofies Lebendiges haben und miissen mit ihm leben.
Nun konnte das allerdings auf zweifache Weise geschehen. Wir
konnten ausflieften ins ganze Universum. Aber wenn wir auf einmal
ausfliefien wiirden, wtirde das Bewufitsein, das wir haben, das ich ge-
schildert habe, dieses Selbstbewufitsein, auch ins Nebulose ausfliefien.
Wir miissen vielmehr herumbewegt werden in dem grofien, lebendi-
gen Weltenorganismus. Hier in unserem physischen Leib ist ein Glied
von uns, sagen wir die Hand, an einem bestimmten Ort. In der geisti-
gen Welt miissen wir immer herumgefuhrt werden. Wir miissen immer
von einem Ort zum anderen getragen werden. Das macht der Lebens-
geist. Dadurch verlassen wir den einen Ort, kommen an den anderen.
Das vollzieht sich allerdings rhythmisch, so dafi wir immer wieder an
einen und denselben Ort zunickkommen. Aber wir miissen in der
Welt herumgefuhrt werden. Ein bewegtes, ein geistig bewegtes Leben,
das entsteht fur uns. Hier, als physischer Mensch, sind wir mit gewis-
sen Ausnahmen an einen einzigen Ort gebannt. Das Geistige wird
allerdings immer etwas ins Physische hereingetragen, und dadurch
konnen wir herumgehen auf dem physischen Plan. Das ist im wesent-
lichen eine ahrimanische Wirkung, da das Geistige von Ahriman her-
eingetragen wird ins Physische. Aber im Geistigen, da ist es recht, dafi
wir durch den ganzen zugehorigen Weltenorganismus gefiihrt werden.
Und auf diese Weise leben wir uns, so wie wir uns hier auf der Erde
an einem Orte einleben, ich mochte sagen in den ganzen Umkreis des
Erdenlebens ein. Und indem wir in ihm herumgefuhrt werden von
Geistesort zu Geistesort - Genaueres finden Sie in meinem Wiener
Zyklus -, wird in uns zu gleicher Zeit eingepflanzt dasjenige, was wir
an Kraften brauchen, um unser neues Erdenleben vorzubereiten, um
nun wiederum zum Erdenleben hingezogen zu werden. Denn das
Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das verlauft ja in der ersten
Halfte so, daft wir uns herausfinden aus dem Erdenleben; in der zwei-
ten Halfte finden wir uns wiederum vorbereitend hinein in ein neues
Erdenleben.
Sehen Sie, der Materialismus macht heute aus alien Dingen im
Grunde das Gegenteil. Er wird den Menschen in die schwersten Irrtii-
mer hineinfiihren, und zwar in solche, die nicht nur glaublich, sondern
fast wie selbstverstandlich sind. Wenn eine Personlichkeit auftritt, die
genial ist wie zum Beispiel Goethe, so nehmen die Leute das ganz
materialistisch. Uber Goethe ist ein ganz dickes Buch geschrieben
worden und erschienen, wo alle seine Vorfahren, die aufgetrieben
werden konnen, im materialistischen Sinne korperlich und geistig ge-
priift werden - aber der Materialist nimmt nur Korper an und dann
wird gezeigt, wie Goethe das eine von dem einen Vorfahren, das an-
dere von dem anderen hat. Goethe hat ja selbst ironisch gesagt: Vom
Vater hab' ich die Statur, von der Mutter die Frohnatur - und so
weiter. Gerade hier in Kassel habe ich in einem Vortragszyklus einmal
entwickelt, wie die Leute das ganz materialistisch nehmen, indem ge-
zeigt wird, wie wir alles «vererbt» haben durch die physische Verer-
bungsstromung, insbesondere auch das Genie. Und schon ofter habe
ich gesagt: Die Sache ist absurd, lacherlich toricht, und doch wieder so
glaublich, denn dem Materialisten leuchtet das unmittelbar ein, wenn
durch viele Generationen hindurch gewisse Eigenschaften gesteigert
werden, daft sie dann beim Genie wie vererbt erscheinen. Der Materia-
list glaubt sogar, damit eine Erfahrung auszusprechen. Aber er spricht
keine andere Erfahrung aus als etwa diejenige, daft einer, der ins Was-
ser fallt und herausgezogen wird, naft ist. - Die Seele geht natiirlich
durch all die Vorfahren hindurch in einer gewissen Weise, und da-
durch hangt ihr das alles an, was sie aus den Vorfahren herausgezogen
hat. So wie der naft ist, der ins Wasser gefallen ist, so hat der Mensch
auch die Eigenschaften seiner Vorfahren, wenn er durch die Genera-
tionen hindurchgeht. Anders ware es, wenn das Gegenteil davon ein-
treten wurde, wenn man nachweisen wiirde, daft das Genie, das vor-
handen ist, auf die Nachkommen sich vererbt: Das tut es aber nicht.
Das sollten die Leute einmal beweisen! Aber das werden sie wohl
bleibenlassen. Man untersucht Goethes Vorfahren; aber man laftt es
hiibsch bleiben, zu seinem Sohn oder zu seinen Enkeln zu gehen!
Sehen Sie nur einmal nach, ob die genialen Eigenschaften sich auf die
Nachkommen vererben! Es konnen Falle eintreten, wo die Sache ka-
schiert ist, aber von einer Vererbung genialer Eigenschaften auf die
Nachkommen kann gar nicht die Rede sein. Da wiirde es sich ja erst
zeigen, da wiirde man es erfahren. Eine solche Vererbung genialer
Eigenschaften gibt es aber nicht.
Aber etwas anderes ist der Fall. Wenn man versucht, eine Men-
schenindividualitat, die in einem bestimmten Zeitpunkt in einen phy-
sischen Leib hineingeht, weiter zuriickzuverfolgen - sie kommt ja aus
der geistigen Welt heraus -, so ist es dieselbe Individuality, die nun
schon Vater und Mutter zusammenbringt, die mitwirkt, dafi Vater und
Mutter zu ihrer Erzeugung zusammenkommen. Ja sie wirkt schon mit,
noch weiter zuriick. Sie wirkt gewissermafien die ganze Generationen-
folge so in einer Ordnung, dafi zuletzt die zwei Menschen sich finden,
durch die diese eine Individuality ihre Verkorperung finden kann. In
dem, was sich abspielt durch Jahrhunderte von den Vorfahren auf die
Nachkommen, wirkt schon die Individuality mit. So sonderbar es
klingt, es ist so. Goethe hatte Vater und Mutter, Grofivater und GrofS-
mutter und so weiter. Wenn wir die Jahrhunderte zuriickgehen, so
sehen wir, dafi diese Individuality von Goethe aus der geistigen Welt
heraus schon so wirkt, dafi sich immer diejenigen zusammenfinden,
die zuletzt den alten Kaspar Goethe und die Frau Aja ergeben haben.
Durch Jahrhunderte wirkt aus der geistigen Welt die Individuality
schon; sie wirkt hinein in die Generationenfolge.
Es ist gerade das Umgekehrte der Fall von dem, was angenommen
wird. Der Mensch hat das, was er in seiner Seele tragt, nicht von seinen
Vorfahren physisch ererbt, sondern er stellt sich seine Vorfahren so
zusammen aus der geistigen Welt, von der Weltenmitternacht an, die
in der Mitte liegt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dafi er
diejenigen dann finden kann, durch die er den Weg ins Erdenleben
herein macht. Das ist das Mysterium, das da herauskommt. Das ist
etwas ungeheuer Bedeutsames, im Grunde genommen eigentlich Er-
schutterndes. Und wir sehen dadurch gerade, dafi wirklich ein inniger
Zusammenhang ist zwischen dem, was in der geistigen Welt geschieht
und dem, was weiter unten in der physischen Welt geschieht. Und wir
sehen zu gleicher Zeit, wie merkwiirdig hineinverflochten ist unser
geistig-seelisches Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in
das, was hier geschieht, was nur hier nicht beachtet wird.
Man redet vom Geiste in der neueren Philosophic in einer ganz
merkwiirdigen Weise. Da hat es in Halle einen Professor gegeben, der
jetzt als ein sehr bedeutendes Licht auf philosophischem Gebiet ange-
sehen wird, der hat ein Buch veroffentlicht - «Die Philosophic des Als
Ob» -, in dem er nachzuweisen versucht, daft solche Begriffe wie Geist
und Seele keine Wirklichkeit darstellen, dafi sie aber doch niitzlich
sind in der Weltenbetrachtung des Menschen. Man sollte, sagt er, den
Menschen nicht so betrachten, daft man sagt, er habe eine Seele. Aber
nun, er bewegt seine Hande und er spricht, so daft man sagen kann:
Man betrachtet ihn, als ob er eine Seele hatte. Im iibrigen lafit man die
Seele Seele sein. Man leugnet sie ab; man kummert sich nicht um sie;
aber man betrachtet es so, als ob der Mensch eine Seele hatte, als ob die
Seele dies alles zusammen bewirken wolle.
Es ist eine bequeme, aber auch eine furchtbar gedankenlose Philo-
sophic Derjenige allerdings, welcher versucht, diese Philosophie ein-
mal im konkreten Leben anzuwenden, der sieht, dafi diese «Als-ob-
Philosophie» wenig taugt, selbst als Methode. Und solch einen Men-
schen, wie Fritz Mauthner, der eine Sprachphilosophie geschrieben hat
und der alles auf Sprache zuriickfuhrt, den rmifite man eigentlich unter
dem Gesichtspunkt dieser «Als-ob-Philosophie» betrachten: als ob
solch ein Mensch auch Geist haben konnte. Wenn man aber diesen
Versuch macht, so taugt diese Methode nicht. Man bringt nicht heraus,
dafi er so betrachtet werden kann, als ob er Geist gehabt hatte; es laftt
sich nicht anwenden. Wo kein Geist vorhanden ist, da lafit es sich nicht
anwenden. - Sie wissen selbstverstandlich, wie ich dies meine. Aber ich
fuhre diesen Fritz Mauthner nur deshalb an, weil er zu denjenigen
gehort, welche den ganzen Sinn der Geschichte uberhaupt ableugnen
und welcher es am evidentesten ausgesprochen hat vom Standpunkte
des gegenwartigen Materialismus, dafi die Geschichte nie eine Wissen-
schaft sein kann. Er sagt: Wenn ein Regentropf en auf die Erde fallt, so
kann man die Gesetze des Regentropfens finden naturwissenschaft-
lich, denn es fallen viele Regentropfen nach denselben Gesetzen. Da
kann man die einzelnen Falle miteinander vergleichen, und da kann
man die Gesetze finden. - Das ist dasjenige, was gegenwartig Philoso-
phen glauben, dafi es zu den einzelnen Gesetzen fiihrt, wenn man viele
Falle beobachtet und sich immer dasselbe zeigt. Aber in der Geschich-
te geschehen die Dinge alle nur einmal, der Dreifiigjahrige Krieg nur
einmal und so weiter; und daher ist die ganze Geschichte nur eine
Folge von Zufallen fur Fritz Mauthner. Zu solchen Behauptungen
miissen die Menschen in der Gegenwart kommen, wenn sie den Geist
in Wirklichkeit ableugnen; denn Geschichte ware auch nur eine Folge
von Zufalligkeiten, wenn nicht das gerade als Reales in der Geschichte
wirkte, was wir jetzt aufgezeigt haben, was aus der geistigen Welt
heraus wirkt und woran mitarbeiten die Menschen zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt. Wir weben gewissermafien an dem, was hier
auf der Erde geschieht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Wir weben nur nach denjenigen Impulsen, die uns dann aus der geisti-
gen Welt zukommen.
Man kann wirklich sagen: Man glaube nur ja nicht, daft von irgend-
einer wissenschaftlichen Seite her im Ernste ein Einwand gegen die
Geisteswissenschaft kommen kann; denn wenn man das, was die heu-
tige Wissenschaft wirklich leisten kann, vergleicht mit der Geisteswis-
senschaft, so ist die heutige Wissenschaft die beste Stutze gerade fur
die Geisteswissenschaft. Man mufi nur die Sache in der rechten Weise
anfassen.
Wenn wir heute irgendein Buch in die Hand nehmen, in dem sich
ein materialistisch gesinnter Mensch so halb psychologisch, also see-
lenkundlich, halb leibeskundlich ausspricht, so finden wir das Folgen-
de. Diese Leute suchen, wie der Mensch vorstellt, sich dadurch zu
vergegenwartigen, dafi sie den Denkapparat - Nervenleben, Gehirnle-
ben - aufzeigen. Sie untersuchen den Denkapparat und konnen dann
wirklich zeigen, dafi, wenn in uns irgendeine Vorstellung Platz greift,
ein Gehirnvorgang geschieht. Sie sagen also: Seht ihr, wir konnen euch
nachweisen, dafi ohne einen Gehirnvorgang ein Gedanke, eine Vor-
stellung gar nicht gefafk werden konnte; was wollt ihr also mit einer
selbstandigen Seele? Es ist doch nur der Denkapparat vorhanden!
Aber sie kommen noch zu etwas anderem, diese materialistisch
gesinnten Leute. Sehen Sie sich die gebrauchlichen Lehrbiicher durch,
so werden Sie finden: Dahin kommen diese Leute, den Denkapparat
aufzuzeigen und alles Denken und Vorstellen in Verbindung zu brin-
gen mit den mechanischen Vorgangen im Gehirn und Nervensystem;
aber sie miissen ableugnen Gefiihl und Wille. Gefiihl und Wille kann
nicht erklart werden durch korperliche Vorgange. Daher wird dies
einfach ausgeschaltet. Und Sie konnen heute, wenn Sie die Biicher
aufschlagen, iiberall finden: Die Menschen haben zwar aus ihren Vor-
urteilen auch einen Willen angenommen und ein Gefiihl angenommen,
aber das ist eigentlich ein Nichts, das ist gar nicht vorhanden.
Also macht der Naturforscher gerade halt vor Gefiihl und Wille.
Indem wir nun wissen, daft sich die Gedanken mit unserem Atherleib
von uns absondern, erklart sich uns, daft dieses Abgesonderte, das mit
unserem Atherleib aus uns herausgeht, auch hier auf der Erde an un-
serem Aufteren arbeitet, den Denkapparat sich erst herrichtet, und
wenn der Denkapparat geformt ist, dann kommt das Denken mit Hilf e
des vom Denken selbst geformten Denkapparates. Gefiihl und Wille
bleiben uns im Astralleib und im Ich. Die tragen wir in die geistige
Welt. Nicht eine Wissenschaft zwingt zum Materialismus, im Gegen-
teil, die wirkliche heutige Wissenschaft rechtfertigt iiberall unsere
Geisteswissenschaft. Der heutige Materialismus ist durchaus abhangig
davon, daft die Leute keinen Trieb haben zu dem geistigen Leben, daft
sie keinen Sinn haben wollen fur geistiges Leben. Auch das Verstand-
nis brauchte nicht zu fehlen. Denn wirklich, wenn man sich einlaftt auf
das, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt heraus zu geben
vermag selbst fur solche Kapitel, wie wir sie heute vor unsere Seele
haben treten lassen fur das Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt: verstanden werden kann es schon, man braucht nur ein feine-
res, subtileres Verstandnis, als das grobe Verstandnis ist, das der heu-
tige Mensch fur die auftere Welt vielfach anwenden will. Aber wir
leben auch in einer Zeit, in der eben der Materialismus zu seiner
Hochflut gekommen ist. Der Geistesforscher kann sogar genau ange-
ben, daft das Jahr, in dem der Materialismus zu einer Hochflut gekom-
men ist, das Jahr 1840/41 etwa ist. Seit der Zeit ist er sogar schon
wiederum etwas im Abflauen; aber die Nachwirkungen sind natiirlicli
grofie. Aber dieser Materialismus, was bedeutet er fur die Auffassung
des physischen Menschenlebens? Gerade die scharfsinnigsten Geister
der Gegenwart fiihren den Menschen in eine ungeheuer zu betrauern-
de Irre hinein unter dem Einflufi des Materialismus.
Da 1st ein wirklich ganz scharfsinniger Mann, Kriminalanthropolo-
ge ist er seinem Fache nach. Er hat viele Verbrechergehirne untersucht.
Er hat zuerst einen beriihmten, bedeutenden Satz iiber Verbrecherge-
hirne gefunden, den Satz, dafi bei dem Verbrechergehirn zumeist - bei
der weitaus groflten Anzahl der Falle - der hintere Hirnlappen, der das
Kleingehirn bedeckt, zu klein ausgebildet ist, wie es beim Affen auch
der Fall ist. Der Affe ist gerade dadurch ausgezeichnet, dafi er auch
einen kleinen Hinterhauptslappen hat. Das war natiirlich ein gefunde-
nes Fressen, indem man sagen konnte: Aha, das ist ein Ruckfall in die
Affennatur, wenn der Mensch verbrecherisch ist; er wird geboren mit
einem zu kleinen Hinterhauptslappen!
Aber denken Sie, was das fiir das sittliche Leben fiir eine ungeheure
Bedeutung haben mufi, wenn einer nur zugeben will, dafi der Mensch
einen physischen Leib hat. Der mufi dann sagen: Was redet ihr da alles
von Verantwortlichkeit, was redet ihr davon, dafi ihr den Menschen
sittlich bessern wollt durch diese oder jene Erziehung? Das ist ja alles
Unsinn: Diejenigen, die geboren werden mit einem zu kleinen Hinter-
hauptslappen, der wahrend dieses Lebens selbstverstandlich nicht iiber
das Kleingehirn wachsen kann, die werden Verbrecher; mit Notwen-
digkeit werden die Verbrecher. Und ware der Materialismus wahr, so
mufite auch dieses wahr sein: Wir hangen dann die Menschen nicht aus
dem Grund, weil sie einen anderen ermordet haben, sondern weil sie
zu kleine Hinterhauptslappen haben! Man miifite das nur auch geste-
hen: Wir konnen gar nicht in der Welt leben, wenn wir solches nicht
gestehen wiirden. Materialistisch in diesem Sinne kann man gar nicht
sein, wenn man nicht zugeben wiirde: Man hangt die Leute, weil sie zu
kleine Hinterhauptslappen haben. - Etwas anderes wiirde nur eine
Verhiillung der Wahrheit sein.
Aber ist es die Wahrheit? Wir miissen in dem Sinne, wie wir das
heute getan haben, von dem Atherleib sprechen, dafi der auch noch
vorhanden ist, von jenem Atherleib, der nach dem Tode sich sogar
vergrofiert und in den allgemeinen Weltenather sich einwebt. Wenn
wir nun den jungen Menschen bekommen, der einen zu kleinen Hin-
terhauptslappen hat, so konnen wir den zwar nicht wachsen lassen, das
wird keine physische Wissenschaft jemals zustande bringen, aber wir
konnen die Erziehung in der entsprechenden Weise einrichten, indem
wir uns sagen: Da ist auch ein Atherleib vorhanden, und ein Teil des
Atherleibes, der dem Hinterhauptslappen entspricht, und wir bilden
durch entsprechende Erziehung den Atherleib des Hinterhauptslap-
pens gerade aus, und der ist ebenso wirksam im Leben, vielleicht sogar
in gewissem Sinne wirksamer als der physische Hinterhauptslappen,
weil er eine gewisse Kraft iiberwinden mufi. Und jener Trost quillt uns
dann aus unserer Erkenntnis, da$ die physische Gestaltung unseres
Hinterhauptslappens es nicht ausmacht, sondern dafi wir bei demjeni-
gen Menschen, dessen Hinterhauptslappen zu klein ist, den Atherlap-
pen dann entsprechend ausbilden konnen dadurch, dafi wir diese oder
jene Gefiihle in ihm hervorrufen, wenn wir bemerken, dafi er diese
oder jene Anlage hat zum Unrecht-Tun. Dann werden wir ihn retten
konnen.
Sehen Sie, das ist die Wahrheit. Das ist die moralische Seite der
Geisteswissenschaft! Die ist eben auch vorhanden. Trostlosigkeit und
Ode namentlich in moralisch-sittlicher Beziehung, wenn man nur
wahr sein wollte, wiirde man hervorgehen sehen aus der materialisti-
schen Weltanschauung. Trostvolle Moglichkeit, tatig einzugreifen in
das, was die Menschen werden, kann man hervorgehen sehen aus dem-
jenigen, was uns die spirituelle Wissenschaft geben kann. Wenn wir nur
im richtigen Augenblicke gewisse Anlagen bei einem Kinde bemerken,
die zu verbrecherischen Handlungen fiihren konnten, so konnen wir
durch eine gewisse Art der Erziehung besonders das ausbilden, was auf
diesen Hinterhauptslappen im Ather besonders stark wirkt, und damit
in den Menschen die Kraft hineinweben, die nun mit ihm zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt weiterlebt und gerade auch im Phy-
sischen in der nachsten Inkarnation den Hinterhauptslappen beson-
ders gut ausbildet. Nicht nur, dafi wir ihm fur diese Inkarnation helfen;
wir setzen auch die Anlage fur ein besonders gut entwickeltes Gehirn,
die er dann tragen kann durch das Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt zur Aufnahme in seiner nachsten leiblichen Inkarnation.
So stellt uns nun praktisch Geisteswissenschaft in das Leben hinein.
Nur wird sie tun miissen, was hinausgeht iiber das, was man heute tut.
Heute denkt man noch viel zu sehr, dafi man mit Geisteswissenschaft
geniigend getan habe, wenn man eine Weile zugehort hat, und wenn
man glaubt, sie habe giinstig, erhebend auf unsere Seele gewirkt. Das
ist nicht genug! Geisteswissenschaft mufi in alle Lebenszweige hinein-
gehen in der praktischen Betatigung. In alien Lebenszweigen miissen
sich die Friichte der Geisteswissenschaft zeigen. Die Padagogik, die
heute ganz besonders trostlos ist, weil man da nur ausgeht von dem,
weil man nur glaubt an das, was der Mensch physisch hat, die mufi
ganz besonders befruchtet werden von Geisteswissenschaft.
Heute kann es noch viele Menschen geben, die sagen: Ihr konnt uns
ja gut erzahlen von Geisteswissenschaft, aber warum sollen wir denn
glauben an das, was ihr uns da erzahlt? Das konnen wir ja doch selber
nicht sehen. Hochstens konnte es derjenige sehen, der in einer gewis-
sen Weise den Weg in die geistigen Welten findet, wie das dargestellt
ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». - Wenn
man sagt: Ich will vor alien Dingen etwas praktisch sehen - und dabei
denkt, auf diese Weise das Geistige in die physische Welt hereinzutra-
gen, aufierlich den Geist so zu schauen, wie man das Physische sieht,
weil man zu bequem ist, den Geist auf geistige Weise zu suchen, so ist
das ein ganz egoistischer Gesichtspunkt. Und wenn der Materialismus
heute mit dem Egoismus zusammenhangt - Weltanschauung ist er
ja! -, so ist der materialistische Spiritismus noch viel egoistischer.
Denn der Materialismus geht wenigstens bloft darauf hinaus, gelten zu
lassen nur die physische Welt und diese physische Welt dann auch zu
befriedigen. Der Spiritismus mochte aber fur die geistige Welt erstens
einmal ein sinnliches Anschauen, und zweitens, mochte ich sagen fort-
wahrend Befriedigung haben, und die eben auch auf eine physische
Art. Aber in seiner Unklarheit stellt er sich diese physische Art doch
als das Geistige vor, kurz, er mochte in der physischen Welt bleiben
und doch ein Geistiges haben! Es ist eigentlich jammervoll, dafi die-
jenige Steigerung unseres Materialismus moglich geworden ist, die in
dem landlaufigen, besonders in Amerika bliihenden Spiritismus zutage
tritt; denn da ist die Tendenz, das Geistige zu vergrobern, das Geistige
und die geistigen Vorgange materiell vorzustellen.
Aber es gibt viele andere Wege, dasjenige, was auf dem physischen
Plan ist, als einen Abdruck der geistigen Welt zu erkennen. Und einer
der Wege - es konnen natiirlich jetzt nicht alle aufgefiihrt werden - ist
der, dafi man das Geistige sucht da, wo es wirkt, zum Beispiel in den
Kindern, wo es sich eben entwickeln soli. Und da mulS die Padagogik
befruchtet werden. Die Padagogik wird nur auf einen griinen Zweig
kommen, wenn die Menschen dahin gelangen, eine Empfindung, ein
Gefiihl fiir das Geistige zu entwickeln, so dalS der Lehrer nicht nur nach
allerlei Anleitungen Padagogik treibt, sondern vor alien Dingen davon
ausgeht, die werdende Individuality zu beobachten, zu sehen, was sich
aus ihr herausentwickeln will. Das mufi errungen werden, richtig errun-
gen werden! Und es ist gut, wenn wir uns, damit wir an dieses Erringen
glauben konnen, aufmerksam machen darauf, dafi der Mensch in der
Gegenwart eigentlich furchtbar kurzsichtig ist. Er glaubt, dafi man es
herrlich weit gebracht habe in unserer Zeit, dafi man endlich alle die
Kindereien friiherer Jahrhunderte abgestreift hat. Es ist aber nicht
wahr, dafi man Vorurteile abgestreift hat. Man hat nur abstreifen miis-
sen - um den physischen Plan deutlich zu sehen und Freiheit zu erlan-
gen - das alte atavistische Hellsehen, und das ist in seinen letzten Aus-
laufern vor noch nicht so langer Zeit abgestreift worden. Ich konnte
vorgestern zu unseren lieben Freunden in Hamburg von einem beson-
deren Beispiel dieses Hellsehens sprechen. Wenn man Gelegenheit hat-
te, hier herumzugehen, wurde man vielleicht auch ein solches Beispiel
finden konnen. Ich will Ihnen aber das Hamburger Beispiel erzahlen;
Sie konnen vielleicht fiir Kassel ein ahnliches selber suchen.
Wenn der Sundenfall im Paradiese, jenes gewaltige Bild, das dasteht
in der Bibel fiir die luziferische Verfuhrung des Menschen, heute vom
Maler dargestellt wird, so werden Adam und Eva und die Schlange
realistisch dargestellt, mit dem gewohnlichen Schlangenkopf. Nun
wissen wir aus unserer Geisteswissenschaft, dafi diese Schlange Luzi-
fer ist. Die physische Schlange auf der Erde kann hochstens eine Art
Symbolum fiir Luzifer sein, aber diese physische Schlange ist nicht der
Luzifer, auch die grofie Schlange, die man sich ringeln lafit urn einen
Baum, und die oben einen gewohnlichen, gemeinen Schlangenkopf
hat, ist kein Luzifer. Luzifer ist ein Wesen, das auf dem Mondensein
stehengeblieben ist, ein Wesen, das man naturlich nicht sinnlich sehen
kann. Auf dem Monde hat man ja nicht so sinnlich gesehen; erst die
Erde hat dieses Sinnliche hervorgebracht. Die Erdenschlange sieht
man mit den Sinnen. Luzifer kann man naturlich nicht sinnlich sehen,
er mufi innerlich geschaut werden. Wenn man innerlich schaut, so ist
das ein inneres Spiiren. Und man spurt: Aha, das ist derjenige, der in
seinem oberen Teile Ahnlichkeit hat mit dem menschlichen Kopf; er
hat ja die Augen herausgetrieben: «Eure Augen werden aufgetan wer-
den, ihr werdet sehend werden», er ist im Kopfe drinnen und fullt
noch das Nervensystem aus bis in das Ruckenmark hinunter, - ein
Menschenkopf, der sich fortsetzt in dem Schlangenkorper, aber das
alles nur atherisch gedacht. Er miifke also wahrgenommen werden von
innen. Wenn man den Luzifer malt, miifite man, wenn man nach der
Bibel malen wollte, das Atherische fur das Ruckenmark malen, und
oben etwas, was auch noch atherisch ist, was noch nicht physisch ist,
den Menschenkopf. Das wiirde, ins Bild gefafit, die Lehre sein von
dem, was wir heute haben.
In Hamburg sieht man biblische Bilder von dem Meister Bertram,
und so, wie ich es jetzt beschrieben habe, den Siindenfall: Nicht eine
gewohnliche Schlange, sondern eine Schlange mit der gewohnlichen
Gestalt, aber mit einem Menschenkopf. Im 14., 15. Jahrhundert, in der
Mitte des Mittelalters, da make der Maler so, das heifit, man wufite es
dazumal noch. Da haben Sie es doch greifbar erwiesen, wie es um die
Sache stent! Der Maler ist nicht hingegangen und hat eine gewohnliche
Schlange gemalt, sondern dazumal konnte man das noch, weil noch
atavistisches Hellsehen vorhanden war. Erst seit ein paar Jahrhunder-
ten ist dieses vollstandig verschwunden, und es mufi wieder errungen
werden. Es kann auf keine andere Weise errungen werden als dadurch,
dafi wir uns vorbereiten, durch die Geisteswissenschaft die geistige
Welt wiederum zu verstehen.
Derjenige, der daher mit voller Seele und mit vollem Herzen bei
unserer Geisteswissenschaft ist, nimmt sie so, dafi er sieht: Es ist die
wichtigste Aufgabe unserer Zeit, daft die Menschen verstehen lernen,
was in der geistigen Welt ist, urn dadurch sich wiederum vorzuberei-
ten, auch wieder hineinschauen zu konnen in die geistige Welt, in
dasjenige, was mitwirkt innerhalb der Welt, die urn uns herum ist. Wie
anders werden wir als Menschen durch die Welt gehen, wenn wir
wissen: Nicht nur Luft umgibt uns, sondern diese Luft ist durchdrun-
gen vom Webenden nicht nur der sichtbaren Welt - das Licht ist ja
auch sonst nicht sichtbar, sondern Farben sind sichtbar sondern in
dem Lichte weben die toten Atherleiber. Naturwissenschaft und Gei-
steswissenschaft werden sich in schoner Weise verbinden, nur wird
Geisteswissenschaft fur alle Menschen da sein, da sie alien Menschen
etwas bringen wird.
Ich glaube, es ist in unserer Zeit ganz besonders notwendig, dafi wir
eindringlich uns verpflichtet fiihlen, recht oft solche Wahrheiten wie
diejenigen, die wir heute haben erfahren konnen fur das Leben zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, in unsere Meditation herein-
treten zu lassen. Auch das ist ein guter Meditationsstoff, wenn wir den
Anfang des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, diese
Leerheit, die uns unseren Platz anweist in der Welt, diese Anweisung
der Atherwelt, das Hineinverwobenwerden unseres eigenen Atherlei-
bes in die Atherwelt, wenn wir das recht oft meditierend vor unsere
Seele treten lassen. Dadurch wird das, was in uns lebt, angeregt, um
immer mehr und mehr hineinzuwachsen in das unmittelbare Erleben
der geistigen Welt. Und das hat schon die Menschheit in der Gegen-
wart notwendig. Man konnte fuhlen, wenn man die Zeitereignisse
betrachtet, wie notwendig dieses Hineinleben in die geistige Welt fur
die Gegenwartsmenschheit ist. Die gegenwartige Priifungszeit wird
nur in der richtigen Weise durchgemacht werden konnen, wenn eine
Anzahl von Menschen es treu und menschlich hingebend empfinden
kann, was in der Geisteswissenschaft lebt und wie diese Geisteswissen-
schaft die menschliche Zukunft vorbereiten rnul
Ernst sind schon diese Zeichen der Zeit, und der Ernst enthiillt sich,
wenn wir gerade iiber mancherlei nachdenken, was uns so naheliegt.
Denken Sie doch, wir sprechen von dem, was unseren Weg durchzie-
hen soil mit einem ernsten Grundsatze: Aufsuchen das Gleiche in alien
Menschenseelen und durch alle Nationen und Rassen hindurch. Wir
betrachten mit Recht dies als ein hohes Ideal der Menschheit, aber wir
diirfen uns nicht verhehlen, welchen ungeheuren Kontrast das Leben
des gegenwartigen Europa zu diesem Ideal bildet. Konnen wir denn
sagen, daft die europaische Menschheit heute irgendwie in dem, was sie
ausspricht, diesem Ideal auch nur im entferntesten nahesteht? Wie weit
steht sie von ihm entfernt! Und diirfen wir denn - diirfen, sage ich -
dieses Ideal als eines betrachten, das wir so unmittelbar heute anwen-
den diirfen? Sind wir denn nicht als Deutsche selbst verpflichtet, damit
wir uns nichts vormachen, uns klar zu sein dariiber, daft wir durch die
europaischen Verhaltnisse gar nicht im entferntesten denken konnen
an die Realisierung eines solchen Ideales? Die uns spezifisch als Deut-
sche auferlegte Mission wiirden wir ganz schlecht erfullen, wenn wir
in allgemeinen verschwommenen Idealen heute einfach aufgehen wiir-
den. Die Zeit verpflichtet uns, das Spezifische unseres mitteleuropai-
schen Wesens zu entfalten. Und mit dem diirfen wir schon zusammen-
hangend betrachten das Karma, das uns, ich mochte sagen im Speziel-
len zugewachsen ist.
Denken Sie doch einmal, daft wir, wenn Sie die Weltenereignisse
heute betrachten, nicht ganz schlecht im Sinne dieser groften Welten-
ereignisse gefuhrt worden sind. Das Karma hat es mit sich gebracht,
daft unsere Bewegung zuerst der allgemeinen theosophischen Bewe-
gung angehort hat. Lange bevor dieser Krieg gezeigt hat, was er heute
den Deutschen zeigen kann, hat sich unsere deutsche Bewegung voll-
standig getrennt, herausgegliedert aus der theosophischen und hat
betont, wie notwendig es ist, daft gerade aus deutscher Volkssubstanz
heraus uns diejenige spirituelle Bewegung erwachst, die uns tragen
kann und die auch die andere Welt wird tragen miissen. Wir konnen
sagen, wir haben als anthroposophische Bewegung besonders den
englischen Haft schon jahrelang vorher auf unserem speziellen Felde
gespiirt. Er hat sich jetzt nur vergroftert, denn man kann dort nicht
schweigen; was in den letzteren Zeiten geschrieben worden ist von
seiten der sogenannten englischen Theosophen iiber uns, das iiber-
steigt alles menschlich irgendwie noch zu Entschuldigende. Also wir
diirfen schon sagen, daft wir, wenn wir den Gang unserer Bewegung
iiberblicken, unser Karma auch so durch unsere Bewegung laufend
finden, dafi es in voller Ubereinstimmung ist mit dem, was uns auch
heute die grofie Bewegung in der Welt anzeigt. Dafi uns unser Karma
friih genug zum selbstandigen Betonen des deutschen Geisteslebens
gefuhrt hat, diirfen wir allerdings in aller Bescheidenheit als uns giin-
stiges Karma hinstellen, und dafi Anthroposophie ihren Mittelpunkt
im deutschen Geistesleben gefunden hat, diirfen wir als eine Art von
leuchtendem Morgenstern fur unsere karmischen Stromungen be-
trachten. Und da, mochte ich sagen, die Vorzeichen fur das, was drau-
fien in der Welt sich abspielt, sich schon bei uns viel friiher gezeigt
haben, so konnen wir auch aus dieser einzelnen Tatsache heraus schon
den Glauben ableiten, dafi in unserer Bewegung etwas ist von einer
Kraft fur die allgemeine grofie Menschheitsbewegung.
Lernen wir, meine lieben Freunde, der in unserer Bewegung ruhen-
den spirituellen Kraft vertrauen, daf$ sie zu dem Besten gehort, dem
unsere Seele iiberhaupt anhangen kann. Lernen wir die ganze Schwere
und die ganze Bedeutung des Gedankens und der Empfindung und des
Willensimpulses durchleben, die ganze Schwere und die ganze Bedeu-
tung von dem, was es heilk: Es mufi einzelne Seelen geben, die da
verstehen gegeniiber den grofien Anforderungen unserer Zeit, wie
zusammenwirken miissen die geistigen Impulse mit dem, was sich in
der zukiinftigen Geschichte hier auf der Erde abspielen raufi. Lernen
wir verstehen, nicht blofi im abstrakten, auch im konkreten Sinne, was
die unzahligen Tode, die jetzt iiber die Erde fluten, zu bedeuten haben.
Lernen wir verstehen, wie treu unsere Seelen zu unserer Bewegung
halten miissen, damit es Menschen gibt, die hinaufblicken konnen in
rechter Weise in die Sphare, wo auch die Atherleiber und die Indivi-
dualitaten, die die Opfer dargebracht haben fur unsere Zeit auf dem
grofien historischen Felde, weiter wirken werden und zusammen wir-
ken werden mit denjenigen, die spater in Friedenszeiten die Erde be-
gehen werden. Lernen wir verstehen, was es heifk, den richtigen Sinn
dafur zu finden, dafi eine Geistigkeit eben auch dasjenige durchdringt,
was heute auf dem physischen Plan sich vollzieht, dafi die Bekenner
der Geisteswissenschaft dazu da sind, ihren Sinn hinaufzuwenden zu
dem, was geistig entsteht aus Mut und Opfer unserer Zeit. Lernen wir
im richtigen Sinne verstehen die Worte, mit denen wir unsere Betrach-
tungen schliefien wollen:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassner,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
UBER DAS EREIGNIS DES TODES
UND TATSACHEN DER N ACHTODLICHEN 2EIT
Leipzig, 22. Februar 1916
Wir leben in einer Zeit, in welcher wir an den Tod, das Hindurchgehen
der Menschen durch die Todespforte, an dieses bedeutsame Lebenser-
eignis des Menschen, taglich oder stiindlich gemahnt werden. Denn
ein Lebensereignis wird der Tod fur den Menschen im wahren Sinne
des Wortes nur durch die Geisteswissenschaft, die dem Menschen
zeigt, wie in seinem Inneren jene ewigen Krafte wirken, die durch
Geburten und Tode hindurchgehen und die sich fur die Zeit zwischen
Geburt und Tod die eine Art des Daseins, eine besondere Form des
Daseins schaffen, um nach dem Durchgehen durch die Todespforte
eine andere Daseinsform anzunehmen. So wird der Tod gewisserma-
fien aus dem abstrakten Lebensende, das er allein sein kann fur die
materialistische Weltanschauung, durch die Geisteswissenschaft ein
Ereignis, wenn auch ein tief schwerwiegendes, im umfassenden Leben
des Menschen. Und auch innerhalb unserer Reihen selber, in erster
Linie durch die gegenwartigen geschichtlichen Ereignisse, dann aber
auch durch Griinde aufierhalb derselben, sind liebe Freunde durch die
Todespforte gegangen, so dafi es vielleicht gerade in der Gegenwart
besonders angemessen erscheint, iiber das Ereignis des Todes und die-
jenigen Tatsachen des menschlichen Lebens, die sich an den Tod an-
reihen, in unserer heutigen Betrachtung einiges zu geben.
Allerdings, immer wieder und wiederum sind in unseren geistes-
wissenschaftlichen Betrachtungen Auseinandersetzungen aufgetaucht
iiber das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir
haben gerade iiber diesen Gegenstand schon viele Anhaltspunkte ge-
wonnen. Allein, Sie wissen ja wohl aus dem bisherigen Verlauf der
Geisteswissenschaft, dal? immer alles nur gegeben werden kann von
einem gewissen Gesichtspunkt aus, und dafi wir im Grunde die Dinge
nur immer genauer und genauer dadurch kennenlernen konnen, daft
sie uns von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet sind. So
werde ich denn zu demjenigen, was wir schon wissen, heute iiber das
angeregte Thema einiges hinzufiigen, das uns fiir unsere Gesamtwelt-
auffassung niitzlich sein kann.
Wir betrachten - und das ist zunachst gut - den Menschen geistes-
wissenschaftlich so, wie er als Ausdruck seiner Gesamtwesenheit hier
in der physischen Welt vor uns steht. Wir miissen zunachst von dem
ausgehen, was uns der Mensch in der physischen Welt darbietet, und
daher habe ich auch immer wieder und wiederum darauf aufmerksam
gemacht, wie wir gewissermafien etwas wie eine leitende Ubersicht
bekommen iiber den Gesamtmenschen, wenn wir ihn so betrachten,
dafi wir zugrunde legen zunachst den physischen Leib, den wir von
aufien durch Sinnesbetrachtung, durch die wissenschaftliche Zerglie-
derung des sinnlich Betrachteten hier in der physischen Welt kennen-
lernen. Wir legen dann denjenigen Leib oder diejenige Organisations -
form zugrunde, welche wir als den atherischen Leib bezeichnen, der ja
schon einen iibersinnlichen Charakter hat, der also mit den gewohn-
lichen Sinnesorganen nicht betrachtet werden kann - auch mit dem
Verstand nicht, der an das Gehirn gebunden ist - und der daher der
gewohnlichen Wissenschaft bereits unzuganglich ist. Dieser atherische
Leib ist aber immerhin ein Gebilde, von dem man sagen kann, da£
auch Geister wie Immanuel Hermann Fichte, der Sohn des gro£en
Johann Gottlieb Fichte, dann Troxler und andere davon gewufit ha-
ben. Dieser atherische Leib ist etwas im Menschen, welches zwar nur
in imaginativer Erkenntnis aufgefafit werden kann, weil es iibersinn-
lich ist, was aber doch fiir die ubersinnliche Erkenntnis eben aufierlich
angeschaut werden kann, so wie fiir die sinnliche Erkenntnis der sinn-
liche physische Leib aufierlich angeschaut werden kann.
Wir steigen dann in der Betrachtung auf zu dem astralischen Leib.
Der astralische Leib ist nun nicht etwas, was so aufierlich sinnlich
angeschaut werden kann wie der physische Leib durch die aufieren
Sinne, wie der atherische Leib durch den inneren Sinn, sondern der
astralische Leib ist so etwas, was nur innerlich erlebt werden kann,
worinnen man selber sein muE, um es zu erleben, und ebenso das
vierte Glied, das wir zunachst hier in der physischen Welt zu erfassen
haben, das Ich. Aus diesen vier Gliedern der menschlichen Natur bau-
en wir uns den Gesamtmenschen auf. Wir wissen aber auch aus den
bisherigen Betrachtungen, da$ dasjenige, was wir eigentlich den phy-
sischen Leib des Menschen nennen, etwas sehr Kompliziertes ist, dafi
sich dieser physische Leib des Menschen aufbaut in einem langen
Werdegang durch Saturn-, Sonnen-, Mondenzeit hindurch, dafi auch
schon mitgewirkt hat das Erdenwerden von dem Urbeginne des Er-
dendaseins bis in unsere Zeit. Ein komplizierter Entwickelungsgang
hat unseren physischen Leib aufgebaut. Von dem, was da eigentlich in
dem physischen Leibe lebt, bietet sich der Betrachtung, die dem Men-
schen in der physischen Welt zunachst zuganglich ist, auch fur die
gewohnliche Wissenschaft eigentlich nur die Aufienseite dar. Man
konnte sagen, das gewohnliche physische Anschauen und die physi-
sche Wissenschaft, wie sie hier in der Welt leben, die kennen von dem
physischen Leibe nur so viel, als ein Mensch von einem Hause kennt,
der aufien um das Haus herumgeht und niemals in das Innere gekom-
men ist, niemals kennengelernt hat, was im Inneren des Hauses ist und
welche Menschen im Hause leben. Nur wird selbstverstandlich derje-
nige, der im materialistischen Sinne auf dem Boden der aufteren Wis-
senschaft steht, sagen: Oh, wir kennen sehr gut dieses Innere des phy-
sischen Leibes! Wir kennen, weil wir oftmals das Gehirn geschaut
haben innerhalb der Gehirnwande, weil wir den Magen, das Herz
geschaut haben bei der Leichensezierung, wir kennen ja dieses Innere!
Aber dieses Innere, das so von aufien gesehen werden kann, das
Raumlich-Innere, das ist nicht dasjenige, was hier gemeint ist, wenn
von dem Inneren gesprochen wird. Dieses Raumlich-Innere ist auch
nur ein Aufieres; dieses Raumlich-Innere ist sogar beim physischen
Menschenleib viel aufterlicher als das wirkliche Raumlich-Aufierliche.
Das ist allerdings sonderbar, wenn ich das sage. Aber Sie wissen ja aus
den bisherigen Beschreibungen unserer Geisteswissenschaft, dafi un-
sere Sinnesorgane schon wahrend der Saturnzeit aufgebaut worden
sind, und die tragen wir an der Aufienseite unseres Leibes, an der
raumlichen Aufienseite. Die sind aus viel geistigeren Kraften aufgebaut
als zum Beispiel unser Magen oder dasjenige, was innerlich im raum-
lichen Sinne ist. Dasjenige, was innerlich ist, ist aus den ungeistigsten
Kraften aufgebaut. Und so sonderbar es klingt, so mufi doch einmal
darauf aufmerksam gemacht werden, dafi der Mensch sich eigentlich
verkehrt ausspricht iiber sich. Es ist das ja natiirlich, weil wir hier auf
dem physischen Plan leben - aber verkehrt spricht er sich aus. Er
miifite eigendich dasjenige, was die Haut im Gesichte ist, das Innere
nennen und seinen Magen das Aufiere. Da wiirde man der Wirklich-
keit viel naherkommen! Man wiirde der Wirklichkeit naherkommen,
wenn man sagen wiirde, wir essen von innen nach aufien, wir schicken
die Speisen von innen nach aufien, indem wir sie in den Magen schik-
ken, als jetzt, wo wir sagen: von aufien nach innen; denn je weiter
unsere Organe an der Oberflache liegen, von desto geistigeren Kraften
riihren sie her, und von urn so ungeistigeren Kraften riihren sie her, je
mehr sie in unserem raumlichen Inneren liegen.
Sie konnen das sogar aus den bisherigen Schilderungen der Geistes-
wissenschaft leicht einsehen. Wenn Sie sich genau erinnern an dasjeni-
ge, was in der bisherigen Schilderung der Geisteswissenschaft vorge-
bracht worden ist, so werden Sie wissen, dafi wahrend der Mondenent-
wickelung sich etwas abspaltet und bei der Erdenentwickelung wieder
abspaltet und hinausgeht aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenent-
wickelung in den Weltenraum. Bei dieser Abspaltung ist namlich et-
was Merkwiirdiges geschehen: Wir sind gewendet worden, richtig so
gewendet worden, wie ein Handschuh umgedreht, umgewendet wird,
das Innere nach aufien und das Aufiere nach innen. Dasjenige, was sich
heute als Gesicht nach aufien wendet, war wirklich wahrend der
Saturn- und Sonnenzeit - in der ersten Anlage natiirlich - nach innen
gewendet, und auch noch wahrend eines Teiles der Mondenzeit; und
die Anlagen zu unseren heutigen inneren Organen wurden wahrend
des Mondendaseins noch so gebildet, dafi sie von aufien gebildet wur-
den. Wir sind seit jener Zeit wirklich umgewendet wie ein Rock.
Heute tut man das nicht mehr so viel, Rocke wenden, aber man hat es
in friiheren Zeiten getan, als man die Rocke noch langer tragen konnte.
Heute ist das ja nicht mehr ublich. Wenn wir von unserem physischen
Leib sprechen, miissen wir uns also bewufit werden, dafi an ihm vieles
Ubersinnliche ist, dafi seine ganze Bauart iibersinnlich ist, dafi er aus
dem Ubersinnlichen heraus gebaut ist und uns nur seine Aufienseite
zuwendet, wenn wir das betrachten als Ganzes.
Wenn wir nun an den Atherleib kommen, so ist dieser iiberhaupt
nicht mehr fur die physisch-sinnliche Betrachtung sichtbar; aber urn
so wichtiger wird dieser Atherleib dann, wenn der Mensch durch die
Pforte des Todes gegangen ist. Da ist zunachst in der Zeit, in die wir
eintreten in den ersten Tagen, dieser Atherleib von einer ganz beson-
deren Wichtigkeit. Aber auch in bezug auf den physischen Leib miis-
sen wir noch lernen umzudenken, richtig lernen umzudenken, wenn
wir in dem rechten Mafie das ins Auge fassen wollen, was uns nach
dem Durchgang durch die Todespforte erwartet. Sie wissen ja, denn
das kann noch von der physischen Welt aus beobachtet werden, beim
Durchgang durch die Todespforte legt der Mensch seinen physischen
Leib, wie man sagt, ab. Er wird iibergeben durch Verwesung oder
Verbrennung - die beiden Prozesse unterscheiden sich nur durch
Zeitlange - dem Element der Erde. Nun konnte es scheinen, als ob fiir
den, der nun durch die Todespforte gegangen ist, dieser physische
Leib als solcher einfach abgetan ware. Das ist aber nicht der Fall. Der
Erde konnen wir von unserem physischen Leib namlich nur dasjenige
iibergeben, was von der Erde selber stammt. Nicht konnen wir der
Erde iibergeben von unserem physischen Leib dasjenige, was von dem
alten Mondendasein herriihrt, was von dem alten Sonnendasein her-
riihrt, von dem alten Saturndasein herriihrt. Dasjenige, was von dem
alten Saturndasein herriihrt, von dem Sonnendasein und vom Mon-
dendasein, ja sogar von einem grofien Teil des Erdendaseins noch, das
sind iibersinnliche Krafte. Und diese iibersinnlichen Krafte, die in
unserem physischen Leib drinnenstecken, von denen sich uns eben nur
in der sinnlichen Anschauung, wie ich eben auseinandergesetzt habe,
die Aufienseite zeigt, diese iibersinnlichen Krafte, wohin kommen
denn die, wenn wir durch die Todespforte hindurchgegangen sind? -
Von unserem physischen Leib, von diesem wunderbarsten Gebilde,
das iiberhaupt in der Welt vorhanden ist zunachst als Gebilde, von
unserem physischen Leib wird, wie gesagt, nur dasjenige, was ihm die
Erde gegeben hat, der Erde zuriickgegeben. Das andere, wo ist es
denn, wenn wir durch die Todespforte geschritten sind? - Das andere
zieht sich zuriick von dem, was in die Erde gleichsam hineinsinkt
durch Verwesung oder Verbrennung; das andere wird aufgenommen
in das ganze Universum. Und wenn Sie alles, alles, was Sie ahnen
konnen im Umkreis der Erde, mit sarntlichen Planeten und Fixsternen
denken, und wenn Sie das moglichst geistig denken, so werden Sie in
diesem also geistig Gedachten den Ort haben, wo das Geistige von uns
ist. Denn nur ein Stuck dieses Geistigen wird abgetrennt, das in War-
me lebt, und das bei der Erde verbleibt. Warme, unsere innere Warme,
unsere Eigenwarme wird abgetrennt, bleibt bei der Erde. Aber alles
dasjenige, was sonst geistig ist am physischen Leib, das wird hinaus-
getragen in den ganzen Weltenraum, in den ganzen Kosmos.
Wenn wir nun als Mensch unseren physischen Leib verlassen,
wohinein gehen wir denn, in was tauchen wir denn eigentlich unter?
Wir tauchen wie in Blitzesschnelligkeit mit unserem Tode in das unter,
was aus all den ubersinnlichen Kraften unseren physischen Leib bildet.
Sie konnen sich ganz ruhig vorstellen, dafi alle die Baukrafte, die seit
der Saturnzeit an Ihrem physischen Leib gewirkt haben, sich ins Un-
endliche ausdehnen und Ihnen den Ort bereiten, in dem Sie leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Alles das ist, mochte ich
sagen, nur zusammengezogen in dem Raum, der von unserer Haut
eingeschlossen ist zwischen der Geburt und dem Tode.
Wenn wir nun aufierhalb des physischen Leibes sind, dann machen
wir vor alien Dingen eine Erfahrung, die fur das ganze nachfolgende
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wichtig ist. Ich habe
sie schon ofters angedeutet. Diese Erfahrung ist von entgegengesetzter
Natur wie die entsprechende Erfahrung hier im Leben des physischen
Planes. Hier im Leben des physischen Planes, da konnen wir mit dem
gewohnlichen sinnlichen Erkennen, das wir haben, nicht zuriickblik-
ken bis zu der Stunde unserer Geburt. Kein Mensch kann seine eigene
Geburt erinnern, kann zuriickschauen. Er weifi nur, dafi er geboren ist,
erstens deshalb, weil man es ihm vielleicht gesagt hat, und zweitens,
weil er es daraus schliefit, dafi alle Menschen, die noch spater die Erde
betreten haben als er, auch geboren sind; aber eine wirkliche Erfahrung
von seiner eigenen Geburt kann der Mensch nicht haben.
Gerade umgekehrt ist es mit der entsprechenden Erfahrung nach
dem Tode. Wahrend niemals die unmittelbare Anschauung unserer
Geburt vor unserer Seele stehen kann in dem physischen Leben, steht
im ganzen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt der
Moment des Todes, wenn der Mensch nur hinschaut auf ihn geistig,
vor der Seele. Nur miissen wir uns allerdings klar sein, dafi dieser
Moment des Todes dann von der anderen Seite gesehen wird. Wenn
der Tod etwas Schreckhaftes haben kann, so ist es nur deshalb, weil er
hier gesehen wird als eine Auflosung gewissermafien, als ein Ende.
Von der anderen Seite, von der geistigen Seite her, wenn zuriickge-
schaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immerfort als
der Sieg des Geistes, als das Heraus-sich-Winden des Geistes aus dem
Physischen. Da erscheint er als das grofite, herrlichste, als das bedeut-
samste Ereignis. Und aufterdem entziindet sich an diesem Ereignisse
dasjenige, was unser Ich-BewuiStsein nach dem Tode ist. Wir haben in
der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nicht nur
in ahnlichem, sondern sogar in einem viel hoheren Sinne ein Ich-Be-
wufttsein als hier im physischen Leben. Aber dieses Ich-Bewufitsein
wiirden wir nicht haben, wenn wir nicht immerfort zuriickblicken
konnten, sehen wiirden, aber von der anderen Seite, von der geistigen
Seite, diesen Moment, in dem wir uns herausgerungen haben mit un-
serem Geistigen aus dem Physischen. Dafi wir ein Ich sind, wissen wir
nur dadurch, dafi wir wissen: Wir sind gestorben, wir haben unser
Geistiges aus unserem Physischen herausgelost. In dem Augenblicke,
wo wir jenseits der Pforte des Todes nicht hinschauen auf den Moment
des Todes, da ist es fur dieses Ich-Bewufitsein nach dem Tode so, wie
es fur das physische Ich-Bewufitsein hier im Schlafe ist. Wie man im
Schlafe nichts weifi von dem physischen Ich-Bewufitsein, so weifi man
nach dem Tode nichts von sich, wenn man nicht vor Augen hat diesen
Moment des Sterbens. Man hat ihn als einen der herrlichsten, als einen
der erhabensten Augenblicke vor sich.
Sie sehen^ schon in diesem Falle miissen wir uns damit bekanntma-
chen, eine eigentlich geistige Welt ganz anders zu denken als hier die
sinnlich-physische Welt. Wenn man in bequemer Weise nur bei den
Begriffen bleiben will, die man hier fur die physisch-sinnliche Welt
hat, so kann man gar nicht das Geistige irgendwie genauer erfassen.
Denn das Wichtigste nach dem Tode ist, dafi der Moment des Sterbens
von der anderen Seite angesehen wird. Dadurch eben entziindet sich
unser Ich-Bewufitsein auf der anderen Seite. Wir haben gewisserma-
fien hier in der physischen Welt die eine Seite des Ich-Bewulkseins;
nach dem Tode haben wir die andere Seite des Ich-Bewufitseins. Ich
habe vorhin auseinandergesetzt, wo eigentlich das Ubersinnliche un-
seres physischen Leibes ist nach dem Tode, wo wir es zu suchen ha-
ben. In der ganzen Welt, so weit wir sie nur ahnen konnen, haben wir
dieses Physische als Krafteverhaltnis, als Krafteorganismus, als Kraf-
tekosmos zu suchen. Dieses Physische bereitet uns den Ort, durch den
wir durchzugehen haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Es ist also dasjenige, was wir hier in unserem physischen Korper, in
diesem verhaltnismafiig zur Gesamtwelt kleinen Korper eingeschlos-
sen haben in unserer Haut, wirklich ein Mikrokosmos, wirklich eine
ganze Welt. Sie ist wirklich nur zusammengerollt - mochte ich sagen,
wenn ich trivial sprechen darf -, sie rollt sich dann auf und erfullt die
Welt mit Ausnahme eines kleinen Raumes, der immer leer bleibt. Wenn
wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, sind wir eigent-
lich mit dem, was hier unserem physischen Leib als ubersinnliche Kraf-
te zugrunde liegt, iiberall in der Welt, nur an einem einzigen Ort nicht,
der bleibt leer. Das ist der Raum, den wir hier in der physischen Welt
einnehmen innerhalb unserer Haut. Und immer blicken wir auf diese
Leere. Wir schauen uns dann von aufien an und schauen in eine Hohl-
heit hinein. Das, in was wir hineinschauen, bleibt leer, aber es bleibt so
leer, dafi wir davon eine Grundempfindung haben. Dieses Hinschauen
ist nicht ein abstraktes Hinschauen, wie man hier auf dem physischen
Plan hinstiert auf irgendwelche Dinge, sondern dieses Hinschauen ist
verbunden mit einer machtigen inneren Lebenserfahrung, mit einem
machtigen Erlebnis. Es ist verbunden damit, dafi in uns durch die An-
schauung dieser Leere aufsteigt eine Empfindung, die uns nun begleitet
durch unser ganzes Leben zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt, die viel von dem ausmacht, was wir uberhaupt dieses jenseitige
Leben nennen. Es ist die Empfindung: Da ist etwas in der Welt, das
mufi immer wieder und wiederum von dir ausgefiillt werden. - Und
man erlangt dann die Empfindung: Man ist in der Welt zu etwas da,
wozu man nur selber da sein kann. Man empfindet seinen Platz in der
Welt. Man empfindet, dafi man ein Baustein ist in der Welt, ohne den
die Welt nicht sein konnte. Das ist die Anschauung dieser Leere. Das
Darinnenstehen als etwas, was zu der Welt gehort, das uberkommt
einen dadurch, daft man auf eine Leere hinschaut.
Das alles hangt nun zusammen mit dem, was aus unserem physi-
schen Leib dann wird. Nun werden wir aus den elementareren Dar-
stellungen gewissermaften nur immer schematisch darlegen konnen
dasjenige, was wirklich in der geistigen Welt die Bilder braucht fur das
Wirkliche. Aber wir mussen diese Bilder erst haben, um nach und nach
uns zu Vorstellungen aufzuschwingen, die mehr in das Wirkliche der
geistigen Welt eindringen.
Wir wissen, daft wir dann durch Tage eine Art Ruckerinnerung
haben. Aber diese Ruckerinnerung wird doch nur im uneigentlichen
Sinne - obwohl mit Recht, aber im uneigentlichen Sinne - Ruckerin-
nerung genannt, denn durch einige Tage haben wir etwas wie ein Ta-
bleau, wie ein Panorama, das gewoben ist aus alldem, was wir im eben
verflossenen Leben erlebt haben. Aber wir haben es nicht so wie eine
gewohnliche Erinnerung innerhalb des physischen Leibes. Eine Erin-
nerung des physischen Leibes ist so, daft wir sie zeitlich heraufholen
aus dem Gedachtnisse. Ein solches Gedachtnis ist eine Kraft, die an
den physischen Leib gebunden ist, ein Gedachtes, wo man so zeitlich
heraufholt die Erinnerungen. Diese Ruckerinnerung nach dem Tode,
die ist so, daft, wie in einem Panorama, gleichzeitig alles, was sich im
Leben abgespielt hat, in Imaginationen um uns herum ist. Wir leben
durch Tage innerhalb unseres, man kann nur sagen: Erlebens. In mach-
tigen Bildern ist gleichzeitig das Ereignis da, welches wir eben noch
erlebt haben in den letzten Zeiten vor unserem Tode, und gleichzeitig
ist dasjenige da, was wir erlebt haben in der Kindheit. Ein Lebenspan-
orama, ein Lebensbild, welches dasjenige, was sonst in der Zeit nach-
einander gefolgt ist, in einem Gewebe uns darstellt, das aus Ather
geflochten ist. Das alles, was wir da sehen, lebt im Ather.
Vor alien Dingen empfinden wir dasjenige, was da um uns herum ist,
als lebendig. Es lebt und webt alles darinnen. Dann empfinden wir es
als geistig tdnend, als geistig leuchtend und auch als geistig warmend.
Dieses Lebenstableau schwindet, wie wir wissen, schon nach Tagen.
Aber wodurch endet es denn eigentlich, und was ist dieses Lebenstableau?
Ja, wenn man dieses Lebenstableau untersucht auf das hin, was es
eigentlich ist, so mull man sagen: Es ist hineinverwoben alles das, was
wir im Leben erlebt haben. Aber wie erlebt? - Indem wir dabei ge-
dacht haben! Also alles das, was wir denkend, vorstellend erlebten, das
steckt dadrinnen. Sagen wir, um auf etwas Konkretes einzugehen, wir
haben im Leben mit einem anderen Menschen zusammengelebt, wir
haben mit dem anderen Menschen gesprochen. Indem wir mit ihm
gesprochen haben, haben sich seine Gedanken unseren Gedanken
mitgeteilt. Wir haben Liebe von ihm empfangen, wir haben seine ganze
Seele auf uns wirken lassen, all das innerlich durchlebt. Wir leben ja
mit, wenn wir mit einem anderen Menschen leben. Er lebt und wir
leben, und wir erleben etwas an ihm. Das, was wir an ihm erleben, das
erscheint uns jetzt in dieses atherische Lebenstableau hineinverwoben.
Es ist dasselbe, an das wir uns erinnern. Denken Sie sich einmal den
Moment, wo Sie vor zehn, zwanzig Jahren mit irgend jemand anderem
etwas erlebt haben. Denken Sie sich, Sie erinnern sich daran, und Sie
erinnern sich nicht so, wie man sich gewohnlich im Leben erinnert,
dafi alles grau in grau verschwimmt, sondern Sie erinnerten sich so
daran, dafi die Erinnerung in Ihnen so lebendig ware, wie das Erlebnis
selber war, dafi der Freund so vor Ihnen steht, wie er damals gestanden
hat wahrend des Erlebnisses. Im Leben hier sind wir oftmals recht
traumhaft. Dasjenige, was wir herzhaft erleben auf dem physischen
Plan, stumpft sich ab, das lahmt sich herab. Wenn wir durch die Pforte
des Todes gegangen sind und es im Lebenstableau haben, da ist es nicht
so herabgelahmt, da ist es mit all der Frische und Herzhaftigkeit vor-
handen, in denen es vorhanden war wahrend des Lebens. So webt es
sich hinein in dieses Lebenstableau, so erleben wir es selber dann
durch Tage.
Wie wir den Eindruck haben in bezug auf die physische Welt, dafi
unser physischer Leib von uns abfallt, so haben wir dann nach Tagen
den Eindruck, dafi zwar von uns auch abgefallen ist unser atherischer
Leib, aber dieser unser atherischer Leib ist eigentlich nicht so abgefal-
len wie unser physischer Leib, sondern er ist einverwoben dem ganzen
Universum, der ganzen Welt. Er ist dadrinnen, er hat dadrinnen seine
Eindriicke gemacht wahrend der Tage, wahrend wir das Lebens-
tableau erleben. Und dasjenige, was wir so als Lebenstableau haben,
das ist iibergegangen in die aufiere Welt, das lebt um uns herum, ist
von der Welt aufgenommen.
Wir machen dabei wahrend dieser Tage wiederum eine wichtige,
eine eindringliche Erfahrung. Denn dasjenige, was wir nach dem Tode
erleben, sind nicht nur Erlebnisse, die so wie Erinnerungen an das
Erdenleben sind, sondern es sind durchaus Stiicke fur neue Erlebnisse.
Das ist ja selbst ein neues Erlebnis, wie wir zu unserem Ich kommen,
indem wir zuriickschauen zu dem Tode, denn so etwas konnen wir mit
den Erdensinnen hier nicht erleben. Das erschliefit sich nur dem initi-
ierten Erkennen. Aber auch, was wir wahrend der Tage erleben, indem
wir dieses Lebenstableau, dieses von uns sich ablosende und dem
Universum sich einwebende Atherweben um uns herum haben, auch
das, was wir da erleben, ist etwas erschiitternd Erhabenes, etwas ganz
Gewaltiges fur die Menschenseele.
Hier im physischen Leben, ja, da stehen wir der Welt gegemiber,
diesem mineralischen, diesem pflanzlichen, diesem tierischen, diesem
menschlichen Reich. Wir erleben an diesen das, was unsere Sinne erle-
ben konnen, was unser an das Gehirn gebundener Verstand an den Sin-
neserlebnissen haben kann, was unser an unser Gefaftsystem gebunde-
nes Gemiit erleben kann, das alles erleben wir hier. Und wir Menschen
sind eigentlich hier zwischen Geburt und Tod, von einem hoheren
Gesichtspunkt aufgefalk, aufierordentlich grofie - verzeihen Sie den
Ausdruck aufierordentlich grofie «Tr6pfe», Riesentropfe, Fiirchter-
lich dumm sind wir vor der Weisheit der grofien Welt, wenn wir glau-
ben, damit sei es abgetan, daft wir hier etwas erleben in der beschriebe-
nen Weise und dann dieses, was wir hier erleben, in unseren Erinnerun-
gen tragen und als Mensch es uns angeeignet haben. Das glauben wir so.
Aber wahrend wir erleben, wahrend wir uns unsere Vorstellungen,
unsere Gemutsempfindungen bilden in dem Erleben, arbeitet in diesem
unserem ErlebeprozefS, in diesem Vorgang die ganze Welt der Hierar-
chien. Die lebt und webt darinnen. Wenn Sie einem Menschen gegen-
iibertreten und ihm in die Augen schauen, in Ihrem Blick und in dem,
was sein Blick Ihnen entgegensendet, leben die Geister der Hierarchien
darinnen, leben die Hierarchien, lebt die Arbeit der Hierarchien. Auch
das, was wir erleben, bietet uns nur die Aufienseite, denn in diesem
Erleben arbeiten die Gotter darinnen. Und wahrend wir glauben, wir
leben nur fiir uns, arbeiten sich die Gotter durch unser Erleben etwas
aus, wodurch sie etwas haben, was sie jetzt der Welt einweben konnen.
Wir haben Gedanken gefafit, wir haben Gemutserlebnisse gehabt - die
Gotter nehmen sie und teilen sie ihrer Welt mit. Und nachdem wir ge-
storben sind, wissen wir, dafi wir gelebt haben deshalb, damit die Got-
ter dieses Gewebe spinnen konnen, das jetzt in unserem Atherleib von
uns kommt und dem ganzen Universum mitgeteilt wird. Die Gotter
haben uns leben lassen, damit sie fiir sich etwas spinnen konnen, wo-
durch sie ihre Welt um ein Stuck bereichern konnen. Es ist ein erschiit-
ternder Gedanke! Wenn wir nur einen Schritt durch die Welt machen,
so ist dieser Schritt der aufiere Ausdruck fiir ein Gottergeschehen und
ein Stuck von dem Gewebe, das die Gotter in ihrem Weltenplan ver-
wenden, das sie uns nur lassen, bis wir durch die Pforte des Todes
gehen, um es dann von uns wegzuziehen und dem Universum einzu-
verleiben. Diese unsere Menschengeschicke sind zugleich Gotterhand-
lungen, und was sie fiir uns Menschen sind, ist nur eine Aufienseite.
Das ist das Bedeutsame, das Wichtige, das Wesentliche.
Wem gehort eigentlich jetzt, nachdem wir gestorben sind, dasjenige
an, was wir im Leben innerlich dadurch gewonnen haben, dafi wir
denken konnen, dafi wir Gemutsempfindungen haben, wem gehort es
an? - Nach unserem Tode gehort es der Welt an! So aber, wie wir auf
unseren Tod zunickblicken, so blicken wir mit dem, was uns bleibt,
mit unserem astralischen Leib und mit unserem Ich, zuriick auf dasje-
nige, was sich da einverwoben hat dem Universum, der Welt. Wahrend
unseres Lebens tragen wir das, was sich da dem Universum eingewo-
ben hat, als Atherleib in uns. Jetzt ist es auf gesponnen und einverwo-
ben der Welt. Wir blicken darauf hin, schauen es an. Wie wir es hier
innerlich erleben, so schauen wir es nach dem Tode an, so ist es in der
Welt draufien. Wie wir hier Sterne anschauen und Berge und Fliisse, so
schauen wir nach dem Tode auch neben dem, was geworden ist mit
Blitzesschnelle, sagte ich, aus unserem physischen Leib, das an, was
sich der Welt einverwoben hat aus unseren eigenen Erlebnissen. Und
dasjenige, was sich da aus unseren eigenen Erlebnissen dem ganzen
Weltenbau einverleibt, das spiegelt sich jetzt in dem, was wir noch
haben, im astralischen Leib und Ich, geradeso wie sich spiegelt die
aufiere Welt in unseren physischen Organen durch unseren physi-
schen Menschen hier. Und indem sich das spiegelt in uns, bekommen
wir etwas, was wir hier wahrend dieser Erdenzeit nicht haben konnen,
was wir in einem aufieren, raehr physischen Abdruck spater wahrend
der Jupiterzeit haben werden, was wir aber in einer geistigen Art da-
durch bekommen, dafi jetzt unser atherisches Sein aufSerhalb ist und
auf uns einen Eindruck macht. Statt dafi es vorher von uns erlebt
wurde als unser Inneres, macht es jetzt auf uns einen Eindruck. Der
Eindruck, der auf uns gemacht wird, ist allerdings zunachst ein Geisti-
ges, er ist bildhaft, aber er ist als Bildhaftes schon ein Vorbild fur das,
was wir erst auf dem Jupiter haben werden: das Geistselbst. Dadurch
also, dafi sich einwebt unser Atherisches dem Universum, wird fur uns
geboren - aber geistig, nicht so, wie wir es spater auf dem Jupiter
haben werden - ein Geistselbst, so dafi wir jetzt haben, nachdem wir
unseren atherischen Leib abgelegt haben: astralischen Leib, Ich, Geist-
selbst. Dasjenige, was uns von unserem Erdendasein bleibt, das ist also
unser Astralleib und unser Ich.
Unser astralischer Leib, der bleibt uns auch so, wie er zunachst uns
als irdischer astralischer Leib unterworfen ist, wie Sie wissen, noch
lange Zeit hindurch nach dem Tode. Er bleibt uns deshalb, weil dieser
Astralleib durchzogen wird von alledem, was nur irdisch-menschlich
ist und was er nicht gleich aus sich herausbringen kann. Wir machen
da eine Zeit durch, in der wir nach und nach erst ablegen konnen
dasjenige, was das Erdenleben aus unserem Astralleib gemacht hat.
Wir erleben von unseren Erlebnissen eigentlich im Grunde hier auf der
Erde, auch insofern sie unseren astralischen Leib beriihren, immer nur
hochstens die Halfte. Von dem, was irgendwie durch uns geschieht,
erleben wir eigentlich wirklich nur die Halfte. Nehmen wir ein Bei-
spiel: Denken Sie einmal, Sie sagen jemandem - es ist bei guten Gedan-
ken und guten Handlungen ebenso wie bei bosen Handlungen und
bosen Gedanken, aber nehmen wir dieses Beispiel einer bosen Hand-
lung -, Sie sagen jemandem ein boses Wort, durch das er sich gekrankt
fuhlt. Wir haben von dem bosen Wort nur dasjenige, was uns betrifft,
wir haben in uns das Gefiihl, warum wir dieses bose Wort gebraucht
haben; das ist der Eindruck auf unsere Seele, wenn wir das bose Wort
gebrauchen. Aber der andere, dem wir das bose Wort zuftigen, der hat
einen ganz anderen Eindruck, der hat gleichsam die andere Halfte des
Eindrucks, der hat das Gefiihl des Gekranktseins. In ihm lebt wirklich
diese andere Halfte des Eindrucks. Das, was wir fur uns durchiebt
haben hier wahrend des physischen Lebens, das ist das eine; das, was
der andere durchiebt hat, das ist das andere. Nun denken Sie sich, alles
dasjenige, was erlebt worden ist durch uns, aber aufier uns, das muss en
wir nach dem Tode, indem wir unser Leben nun ruckwarts durchlau-
fen, wieder durchleben. Die Wirkungen unserer Gedanken, unserer
Taten durchleben wir im Rucklauf. Also, wir durchleben unser Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt riickwartslaufend. Im
Ablegen des Atherleibes ist ein Lebenstableau, bei dem wir das ganze
Leben gleichzeitig haben. Das Zuriickleben, das ist ein wirkliches
Durchleben desjenigen, was wir angerichtet haben, im Riickwartsge-
hen. Und wenn wir also riickwartsgegangen sind bis zu unserer Ge-
burt, dann sind wir reif geworden, auch von unserem astralischen Leib
dasjenige abzulegen, was von ihm vom Irdischen durchtrankt ist.
Dann geht das von uns weg, und mit diesem Ablegen des astralischen
Leibes tritt fur uns ein neuer Zustand ein. Der Astralleib hielt uns
immer, mochte ich sagen, in unseren Erlebnissen mit der Erde zusam-
men. Dadurch, dafi wir so durch unseren astralischen Leib durchgehen
miissen, nicht traumend, aber indem wir irdische Erlebnisse zurucker-
leben, sind wir im Erdenleben noch drinnen; wir stehen noch drinnen.
Jetzt erst, wenn wir den Astralleib - uneigentlich, aber man kann nicht
anders sagen, da die Sprache kein Wort dafur hat - abgelegt haben,
sind wir von dem Irdischen ganz frei geworden, jetzt leben wir drin-
nen in der eigentlich geistigen Welt.
Und dann tritt ein neues Erlebnis ein. Dieses Ablegen des astrali-
schen Leibes, das ist eigentlich nur die eine Seite des Erlebens wieder-
um; die andere Seite ist etwas ganz anderes. Wenn wir diesen Astralleib
nach diesem Durchgehen durch die Erdenerlebnisse abgelegt haben,
dann fiihlen wir uns wie mit, jetzt kann man nicht sagen: Stoff, son-
dern wie mit Geist innerlich durchtrankt, durchschossen, dann fuhlt
man sich erst so recht in der geistigen Welt darinnen, dann geht einem
innerlich die geistige Welt auf. Vorher ging sie einem aufierlich auf,
indem man sah das Universum und den eigenen Atherleib in das
Universum einverwoben. Jetzt geht sie einem innerlich auf, jetzt erlebt
man sie innerlich. Und als ein Vor-Bild fur das, was der Mensch in
einem physischen Ausdruck erst auf der Venus haben wird, in einem
Vor-Bild des Lebensgei»tes geht uns innerlich unser Ich auf, so dafi wir
jetzt bestehen aus Geistselbst, Lebensgeist und Ich. Ebenso wie wir
uns hier etwa traumhaft fiihlen von der Geburt bis zu dem Moment,
wo wir als Kind so recht zum Bewulksein kommen, bis zu dem wir
uns spater zuriickerinnern, so leben wir ein Dasein, das zwar vollstan-
dig selbstbewulk ist, aber bewufiter und hoher als das Erdenleben.
Aber ein rein geistiges Leben erleben wir erst, nachdem wir uns von
unserem Astralischen getrennt haben und von dem Astralischen nur
das behalten haben, was uns innerlich erfiillt, so daft wir dann von
dieser Zeit an Geist unter Geistern sind.
Aber noch eine andere, eine wichtige, eine wesentliche Erfahrung
tritt jetzt auf. Wenn wir hier in der physischen Welt leben, arbeiten
wir, verrichten dies oder jenes, haben dabei Erlebnisse - davon haben
wir ja eben gesprochen, Aber wir haben nicht blo$ in der physischen
Welt Erlebnisse, sondern an den Erlebnissen, gleichzeitig mit den
Erlebnissen, haben wir noch etwas anderes. Und ich will, wenn natiir-
lich auch damit nur ein allgemeines Wort fur diese gleichzeitigen Er-
lebnisse gebraucht ist, dieses Wort doch gebrauchen: Wir werden,
kann man sagen, wahrend wir erleben, ermiidet, abgeniitzt. Das ist ja
immer so der Fall, wir werden ermiidet. Und wenn sich auch durch
den Schlaf fur das nachste Bewulksein die Ermiidung wieder aus-
gleicht - vielmehr weniger durch den Schlaf als durch die Ruhe wah-
rend des Schlafes, ganz richtig gesprochen -, so ist das doch nur eben
ein geteilter Ausgleich; denn wir wissen natiirlich, dafi wir uns im
Leben abniitzen, dafi wir alter werden, dafi unsere Krafte nach und
nach schwinden. Wir werden auch in einem umfassenden Sinne miide.
Und wenn man einmal alter geworden ist, weifi man das, da£ man
nicht alles ausgleichen kann durch den Schlaf. Wir werden also abge-
niitzt hier, miide. Ja, wir konnen die Frage jetzt schon anders stellen.
Nachdem wir das ausgesprochen haben, was wir gesagt haben, konnen
wir jetzt die Frage aufwerfen: Warum lassen uns denn die Gotter miide
werden, warum werden wir denn miide? - Dafi wir hier miide werden,
dafi wir abgeniitzt werden, gibt uns eben etwas, bedeutet fiir unser
Gesamtleben eigentlich viel, recht, recht viel. Nur miissen wir den
Begriff des Miidewerdens im umfassenderen Sinne, als man eben ge-
wohnlich glaubt, fassen. Wir miissen ihn recht sehr vor unsere Seele
stellen, diesen Begriff des Miidewerdens.
Sie werden am besten einen Begriff bekommen von diesem Miide-
werden, wenn Sie sich die Sache so vorstellen. Wenn ich jetzt einen von
Ihnen fragen wiirde: Weifk du etwas von dem Inneren deines Kopfes?
- so wird mir wahrscheinlich nur derjenige antworten, der von Kopf-
schmerz geplagt ist, dafi er jetzt in diesem Augenblicke etwas weifi von
dem Inneren seines Kopfes. Nur der fiihlt das Innere seines Kopfes; der
andere lebt, ohne dafi er es fiihlt. Wir fiihlen unsere Organe nur dann,
wenn sie nicht ganz in Ordnung sind; dann wissen wir im Fiihlen etwas
von unseren Organen. Wir sind im Leben so eingerichtet, dafi wir von
unserem physischen Leib eigentlich nur insofern wissen, als er nicht
ganz in Ordnung ist. Wir haben eigentlich nur ein allgemeines Gefiihl
unseres physischen Leibes. Das wird starker, wenn etwas nicht in
Ordnung ist. Aber wir wissen doch recht wenig innerlich, wenn wir ein
blofies Gefiihl haben. Wer im Leben jemals starke Kopfschmerzen
gehabt hat, der weifi von dem Inneren seines Kopfes - innerlich; nicht
so wie der Anatom, der nur die Gefafie kennt. Aber wahrend wir im
Leben immer rmider und miider werden, tritt immer mehr und mehr
doch dieses Gefiihl unseres Inneren, Raumlich-Inneren, im Leibe auf.
Bedenken Sie nur: Je mehr wir uns im Leben ermiiden, desto mehr
treten fiir uns auf die Gebresten des Lebens, Gebresten des Alters zum
Beispiel. Unser Leben besteht darin, dafi wir allmahlich dieses unser
Physisches erspiiren, empfinden lernen. Indem es uns, ich mochte sa-
gen verhartet, sich in uns so hineinschiebt, lernen wir es spiiren. Fiir
uns ist das, ich mochte sagen ein - weil es so allmahlich kommt - gerin-
ges Empfinden. Der Mensch wiirde ja erst sehen konnen, wie stark das
ist, wenn er - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, aber er wird Ihnen
das geben, was ich meine wenn er zum Beispiel sich in einem Mo-
ment fiihlen konnte pumperlgesund, wie ein strotzend gesundes Kind,
und dann gleich danach, damit er vergleichen kann, so, wie man sich
fiihlt, wenn die Glieder briichig geworden sind, mit achtzig, fiinfund-
achtzig Jahren. Dann wiirde er es schon mehr fiihlen. Nur weil es so
langsam kommt, merkt man nicht, wie man sich da fiihlend hinein-
spinnt in das Erleben des Physischen, in das Miidewerden. Dieses
Miidewerden ist ein wirklicher Vorgang, der zuerst zwar gar nicht da
ist, denn das Kind strotzt von Leben, dann aber wird die Lebenskraft
immerzu iibertont vom Miidewerden, dann ringt sich dieses Miidewer-
den heraus. Wir konnen miide werden; wahrend wir so miide werden
- wenn das auch, sagen wir hier nur ein leises Gefiihl ist von unserem
Inneren -, entsteht wirklich etwas innerlich in uns. Unser Leben hier in
der physischen Welt bietet uns ja nur die Aufienseite von tiefen, von
bedeutsamen, von erhabenen Geheimnissen. Da$ wir so leise im Leben
uns begleitet fiihlen vom Miidewerden und damit das Innere unseres
Leibes erspiiren, das ist die Aufienseite von etwas, was gewoben wird in
uns, wunderbar gewoben wird aus reiner Weisheit, ein ganzes Gewebe
von reiner Weisheit. Indem wir so miide werden im dahingehenden
Leben, uns erspiiren lernen innerlich, wird uns einverwoben ein feines
Wissen von dem Wunderbau unserer Organe, unserer inneren Organe.
Am Herzen lernen wir miide werden; aber dieses Miidewerden bedeu-
tet, dafi uns einverwoben wird ein Wissen, wie ein Herz auf gebaut wird
aus dem Weltenall heraus. An dem Magen werden wir miide, den er-
muden wir meistens dadurch, dafi wir ihn verderben mit Essen; aber
trotzdem wird uns einverwoben wahrend der Ermudung des Magens
alle Weisheit, ein Weisheitsbild aus dem Kosmos heraus, wie der Ma-
gen aufgebaut wird. Wie unser innerer Organismus erhaben, wunder-
sam aufgebaut ist, dieses gewaltige Kunstwerk, das entsteht im Bilde.
Und das wird erst jetzt lebendig, wenn wir das Aufiere, an die Erde
Gebundene des astralischen Leibes abgelegt haben. Und das ist es, was
uns als Lebensgeist erfiillt, was jetzt in uns lebt. Die Weisheit von uns
selbst, von unserem Wunderbau des Inneren lebt jetzt in uns.
Und jetzt beginnt die Zeit, wo wir gewissermafien vergleichen das-
jenige, was da aus Weisheit in unserem Inneren uns jetzt als Lebens-
geist anfiillt, mit dem, was sich als Athergespinst vorher einverwoben
hat in das Universum. Jetzt arbeiten wir an diesem Vergleich, wie das
eine zum anderen passen kann, und bauen uns im Bilde unseren Men-
schen auf, so wie er in der nachsten Inkarnation werden soli. So begin-
nen wir, indem wir allmahlich entgegenleben der Weltenmitternacht,
wie Sie es in dem einen der Mysterien, in «Der Seelen Erwachen»,
angedeutet finden. So vollziehen wir namentlich nach der Weltenmit-
ternacht eine Arbeit, die da verlauft, indem wir an dem Schaffen der
Welt teilnehmen, an dem Hereinbringen desjenigen, was wir hier ge-
nie£en. Wahrend des Lebens zwischen dem Tode und der Geburt, da
arbeiten wir, da weben wir mit, weben wir an den Gotterbildern. Wir
diirfen mittatig sein an dem, was Gotterziel ist, indem die Gotter den
Menschen hereinstellen in die Welt. Vorbereiten diirfen wir uns eine
nachste Inkarnation. Dabei spielen sich natiirlich ab nicht nur Vorgan-
ge, die egoistisch auf uns einen Bezug haben, sondern alle moglichen
Vorgange sonst. Und das kann uns namentlich aus dem Folgenden
hervorgehen.
Dieser wunderbare Prozefi ist ein viel hoherer als das, was sich hier
auf der Erde abspielt, wenn Winter und Sommer wechseln, die Sonne
aufgeht, die Sonne untergeht, alles das sich vollzieht, was sich als
Erdenarbeit vollzieht: Dort vollzieht sich dasjenige, was allerdings
zuletzt zu unserer irdischen Inkarnation fiihrt, was zum Menschenda-
sein fiihrt; aber es ist eine gewaltige himmlische Arbeit, die nicht nur
eine aufierliche Bedeutung hat, sondern eine Bedeutung fur die ganze
Welt. Wenn es einem allmahlich gelingt, im geistigen Anschauen die-
sen wunderbaren Prozefi zu erleben, dann tritt einem doch eines ent-
gegen. Es wird Ihnen allerdings sonderbar erscheinen, wenn ich dieses
sage, aber die hoheren Geheimnisse miissen fur das physisch-sinnliche
Anschauen des Menschen zunachst immer sonderbar erscheinen, und
dasjenige, was uns da vor die Seele tritt, mufi uns erschiittern, je mehr,
desto besser. Denn diese Dinge, so wie sie sind, sollen gar nicht so an
unsere Seele kommen, dafi wir sie niichtern, trocken erkenntnismafiig
aufnehmen und dabei gleichgiiltig bleiben. Wir sollen gerade durch
diese Dinge einen Gemiitseindruck bekommen von der Erhabenheit
und Grofie der gottlich-geistigen Welt. Man konnte sagen: Wenn je-
mand nur darauf sich einlafit, Geisteswissenschaft so trocken vorzu-
bringen, dafi sie nicht zugleich den ganzen Menschen ergreift, und er
mit dem Eindruck davon nicht zugleich einen Eindruck hat von der
Grofie und Erhabenheit desjenigen, was als Gottlich-Geistiges die
Welt durchpulst und durchwest, dann wiirden wir namlich alle, nach
dem, was ich eben beschrieben habe, trotz allem, was wir konnen, nach
den jetzigen Verhaltnissen der Welt kopflos geboren werden. Denn
den Bau des Kopfes, den konnten wir nicht bewirken. Das menschli-
che Haupt ist in seinem Bau ein so erhabenes Abbild des Universums,
da£ der Mensch selbst mit dem, was ihm einverwoben wird als Weis-
heit eines Lebens, es nicht bauen konnte, daft er es nicht vorbereiten
konnte fur die nachste Inkarnation; da miissen eben mitwirken alle
Gotterhierarchien. Das, was in Ihrem Haupte, in dieser nur von dem
Hinterhaupt lose durchbrochenen Kugel, etwas umgeformten Kugel,
vorhanden ist, das ist fur sich noch ein wirklicher Mikrokosmos, ein
wirklicher Abdruck der groften Weltenkugel. Darinnen lebt alles, was
drauften im Universum lebt, zusammen, da wirkt alles zusammen, was
in den verschiedenen Hierarchien tatig sein kann. Indem wir anfangen
zu bauen aus unserer in der Ermiidung angesammelten Weisheit an
unserer nachsten Inkarnation, greifen in diese Tatigkeit ein alle Hier-
archien, um dasjenige, was dann unser Haupt wird, als Abdruck aller
Gotterweisheiten uns einzuverleiben.
Wahrend das alles geschieht, bereitet sich auf der Erde durch Ge-
nerationen hindurch dasjenige vor, was unsere physische Vererbungs-
linie ist. Geradeso wie wir nur dasjenige, was von der Erde kommt, der
Erde iibergeben nach unserem Tode, so bekommen wir von Eltern,
Voreltern nur dasjenige, was irdisch ist an uns. Und dasjenige, was
irdisch ist an uns, das ist eben nur das Aufiere, ist eben nur der aufiere
Ausdruck in diesem Irdischen. Da ist alles dasjenige einverwoben, was
wir erstens selber auf die geschilderte Weise weben konnen, und das-
jenige, was ganze Gotterhierarchien weben, bevor wir durch die Emp-
fangnis eine Beziehung bekommen zu dem, in das wir uns einhiillen,
einkleiden, wenn wir den physischen Plan betreten.
Ich sagte, je mehr wir in unser Gefiihl aufnehmen konnen von die-
sen erhabenen Erkenntnissen, desto besser fur uns. Denn bedenken Sie
doch nur einmal: Wir beniitzen unseren Kopf, wir haben aber keine
Spur von Wissen in der Regel, insofern wir im Materiellen lebende
Menschen sind, dafi ganze Gotterhierarchien ihre Arbeit darauf ver-
wenden, unseren Kopf zu formen, das zu formen, was geistig unserem
Kopf e zugrunde liegt, damit wir liberhaupt sein konnen. Wenn wir das
im Sinne der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis fassen, so durch-
dringt es uns von selber mit Dankesempfindungen und Dankesgefiih-
len gegeniiber dem ganzen Universum.
Daher soil ja auch dasjenige, was wir uns durch die Geisteswissen-
schaft aneignen, ein immer sich steigerndes Erhohen unseres Gefuhls-
lebens bewirken. Immer mehr sollen wir mit unserem Fiihlen nach-
kommen unserem Erkennen auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft.
Und es ist nicht gut, wenn wir mit unserem Fiihlen zuriickbleiben.
Indem wir immer wieder und wiederum ein neues, hoheres Snick der
Geisteswissenschaft kennenlernen, sollen wir, ich mochte sagen an-
dachtigere Gefiihle entwickeln konnen fur die Geheimnisse der Welt,
die zu den Geheimnissen des Menschen zuletzt immer wieder und
wiederum fiihren. In dieser lauternden geistigen Warme unserer Emp-
findungen und unseres Gefiihles liegt eigentlich das rechte Fortschrei-
ten in der Geisteswissenschaft.
Eines mufi ich noch erwahnen, weil es sich ausnimmt wie eine Er-
ganzung der ganzen Betrachtung, die wir angestellt haben. Hier in die
physische Welt leben wir uns herein, indem wir zuerst ein dumpies
Bewufitsein als Kind noch haben, nur die Mutter erkennen und erst
nach und nach die Menschen kennenlernen. Wir glauben, indem wir
uns in die physische Welt hereinleben, daft wir immer wieder neue und
neue Menschen kennenlernen. So ist es auch fur unser physisches
Bewufttsein. Wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, so
haben wir eine wirkliche, eine reale Beziehung zu alien denjenigen
Seelen, denen wir im Leben nahegetreten sind. Die treten wiederum
auf vor unserem geistigen Blicke. Diejenigen Seelen, die uns nahegetre-
ten sind im Leben und die vor uns durch die Pforte des Todes gegan-
gen sind, wir konnen sagen, die «finden» wir. Das Wort ist fur physi-
sche Verhaltnisse gepragt, aber jenes erlebende Nahetreten von Seelen
zu Seelen kann man bezeichnen mit einem Finden. Nur mulS man sich
dieses Finden der Seelen, die vor uns durch die Pforte des Todes ge-
gangen sind, so vorstellen, daft man gewissermaften in umgekehrter
Weise an die Seelen herankommt, wie man hier an Menschen heran-
kommt auf dem physischen Plan. Hier kommt man an Menschen her-
an, indem man ihnen zunachst aufterlich-physisch entgegentritt. Dann
lernt man allmahlich ihr Inneres kennen, ihr Inneres entwickelt sich
ja erst aus unserem Einleben mit ihnen. Also das, was man innerlich an
einem Menschen erlebt, entwickelt sich erst aus unserem eigenen
Inneren heraus. Nachdem man selbst durch die Pforte des Todes ge-
gangen ist und den Seelen, die vor uns durch die Pforte des Todes
gegangen sind, entgegentritt, weift man zunachst als erstes: Da ist die
betreffende Seele. Man erfuhlt sie, man weift, sie ist da. — Aber man
mufi jetzt sein ganzes Inneres hingeben an das, was als erster Eindruck,
als abstraktester Eindruck da ist. Hier mufi man den Menschen auf
sich wirken lassen; dort mufi man sein Inneres hingeben, und man muft
sich nun das Bild selber aufbauen, die Imagination. Das Imaginative,
dasjenige, was man schauen kann, das mu£ man sich nach und nach
aufbauen. Sie bekommen etwa eine Vorstellung von dem, wie die Er-
fahrung der Seele nach dem Tode ist, wenn Sie sich denken: Sie sehen
das nicht, sondern Sie greifen es nur, und Sie bilden sich, indem Sie es
nach und nach greif end umfassen, ein Bild. Sie bauen sich das Bild auf.
So miissen Sie tatig, innerlich tatig sich das Bild der Seele, der Sie
begegnen, aufbauen. Gewissermaften wissen Sie: Jetzt begegne ich
einer Seele. - Da hat sie noch nicht Geistgestalt! Welche Seele ist das?
Das ist die Seele, zu der ich - das taucht jetzt auf in Ihrer eigenen Seele
- die Empfindung des Sohnes zur Mutter gehabt habe. Jetzt fangen Sie
an zu fuhlen: Mit dieser Seele kann ich mich erleben. - Jetzt bauen Sie
sich die Geistgestalt auf. Da miissen Sie tatig sein darinnen, und dann
wird das zum Bilde. Und dadurch, daft Sie so die Geistgestalt zusam-
men aufbauen miissen, sind Sie mit dem Toten schon, bevor Sie die
Geistgestalt aufgebaut haben, zusammen. So sind Sie zusammen mit
alien, mit denen Sie im Leben zusammen waren, das heiftt, Sie erleben
sie in einer Welt, in der Sie sie finden miissen, indem Sie sich zum
Schauen erwecken, so daft Sie sie anschauen. Da muE man tatig sein.
Die Seelen, die hier noch im physischen Leibe sind, die also leben
bleiben, wenn wir sterben, die traten uns schon als Bild hier auf der
Erde entgegen. Auf die schauen wir hirmnter und brauchen uns das
Bild nicht erst aufzubauen, sie schauen uns als Bild entgegen. In dieses
Bild konnen diese Seelen allerdings dasjenige hineinverweben, was
dann wie warmende Geistesnahrung ist fur den Toten, durch ihre
Gedanken an ihn, durch ihre fortdauernde Liebe fur ihn, die Erinne-
rung an ihn oder - wie wir jetzt als Geisteswissenschafter wissen -
durch Vorlesen.
Das alles erweitert uns den Blick des Menschen erst in die wirkliche
Welt hinein, richtig in die wirkliche Welt hinein. Wenn man sich das
so vor die Seele treten lafit, dann bekommt man eine Vorstellung da-
von, wie wenig der Mensch eigentlich von der geistigen Welt weifi. Es
war wirklich nicht immer so. Nur die ganz materialistischen Menschen
der Gegenwart reden davon, wie man es heme «so herrlich weit ge-
bracht» hat. Wir wissen ja, dafi die Menschen fruher ein Hellsehen
gehabt haben und dafi sie nur um der Erringung gewisser Eigenschaf-
ten willen, die verbunden sind mit dem ganzen Drinnenleben in der
materiellen Welt, dieses ursprungliche atavistische Hellsehen verloren
haben. Wenn ein so richtig materialistischer Mensch, ein ganz materia-
listischer Gelehrter an uns herankommt, wird der selbstverstandlich
sagen: Das ist eine Traumerei, zu reden von einem urspriinglichen
Hellsehen, davon, dafi die Menschen fruher irgend etwas Besonderes
gewufit haben. - Wenn die Menschen nur ein wenig mit physisch se-
henden Augen ordentlich durch die Welt gehen wtirden, so wiirden sie
das schon widerlegt finden. Da$ die Menschen mehr gewufit haben als
in der Gegenwart, das ist gar nicht einmal so lange her.
Sie wissen, wir haben ofters davon gesprochen - ich mochte das
zum Schlusse auch noch hier erwahnen -, daft an diesem geistigen
Dasein, in dem wir leben, Anteil nehmen Luzifer und Ahriman. Wir
wissen auch, dafi in der Bibel symbolisiert wird Luzifer als die Schlan-
ge, die Schlange auf dem Baume. Die physische Schlange, so wie man
das heute erlebt und wie sie auch ein heutiger Maler, wenn er das
Paradies malt, immer malen wird, die physische Schlange ist aber nicht
ein wirklicher Luzifer, sondern das aufiere Abbild, das physische
Abbild. Der wirkliche Luzifer ist ein Wesen, das auf der Mondenent-
wickelung zuriickgeblieben ist. Er kann nicht auf der Erde geschaut
werden unter den physischen Dingen. Wiirde der Maler also Luzifer
malen wollen, wie Luzifer ist, so miifite er ihn so malen, daft er eigent-
lich durch eine Art hellsichtig-inneren Anschauens erfaftt werden
kann als atherisches Gebilde. Und da wiirde er dann erscheinen, wie er
an uns selber arbeitet, wie er an unserem Kopf, wie er an unserem
Organismus, insofern er rein aus der Erde heraus ist, keinen Anteil hat,
aber an der Fortsetzung des Kopfes durch das Ruckenmark hinunter.
So daft Luzifer gemalt werden muftte, wenn man ihn seiner atherischen
Gestalt nach malt, mit einem Menschenkopf und mit einer schlangen-
artigen Fortsetzung, die hier bei uns Menschen durch das Ruckenmark
physisch sich auslebt. Also muftte ein Maler, der etwas weift aus der
Geisteswissenschaft, Adam und Eva malen, den Baum, und auf dem
Baum oben die Schlange, also nur als Ausdruck fur uns als Schlange,
und oben einen Menschenkopf. Wenn ein Maler so etwas malen wiir-
de, so wiirde man heute annehmen miissen, daft er das aus der Geistes-
wissenschaft heraus malen kann, selbstverstandlich.
Nun wird es vielleicht auch in Leipzig so etwas geben, aber die
Leute gehen ja nicht mit offenen Augen im Kopfe herum, sondern mit
verbundenen Augen durch die Welt. Aber in Hamburg in der Gemal-
degalerie findet sich wirklich ein Gemalde, von dem Meister Bertram,
aus der Mitte des Mittelalters, die Paradiesesszene darstellend. Da ist
die Schlange auf dem Baum, so wie ich sie jetzt schilderte, richtig
gemalt. Man kann das Bild dort sehen. Es ist von anderen Malern auch
so gemalt worden. Was folgt daraus? - Daft die Leute selbst in der
Mitte des Mittelalters dies noch gewuftt haben, bis zu dem Grade ge-
wufit haben, daft sie es gemalt haben. Das heiftt, es ist gar nicht so lange
her, daft die Menschen erst ganz auf den physischen Plan gedrangt
worden sind. Und das, was uns heute erzahlt wird als der Verlauf der
Geistesgeschichte der Menschheit von der materialistischen Welt, das
ist im Grunde genommen weiter nichts als ein aufterer Schwindel, weil
man sich vorstellt, daft der Mensch immer so gewesen ist, wie er in den
allerletzten Jahrhunderten erst geworden ist, wahrend es gar nicht so
lange her ist, daft er mit seinem alten Hellsehen in die geistige Welt
hineingeschaut hat. Er muftte nur heraus, weil er unfrei war, und um
die voile Freiheit und das Ich-Bewufttsein zu erhalten, muftte er her-
aus, und er mufi wiederum hinein sich finden in die geistige Welt.
Daher bereitet diese Geisteswissenschaft etwas Wichtiges, etwas We-
sentliches vor: dieses Wieder-sich-Hineinleben in die geistige Welt.
Und immer wieder und wiederum konnen wir uns vor die Seele fiih-
ren, wie notwendig es ist, zu empfinden, zu fiihlen, daft das Hauflein
von Menschen, das heute mitten in der materialistischen Welt lebt und
das durch sein Karma gefuhrt wird zur Erfassung der wichtigsten
Menschheitsaufgabe fiir die Zukunft, dafi dieses Hauflein von Men-
schen durch sein Seelenleben Wichtiges, Wichtigstes zu vollfuhren hat.
Ohne hochmutig zu sein, mufi man sich eben vorfiihren, in aller De-
mut und Bescheidenheit, wie grofi der Unterschied zwischen einer
Seele ist, die in die geistige Welt sich allmahlich hineinfindet, und all
den aufierlichen Menschen, die heute keine Ahnung haben, aber na-
mentlich keine Ahnung haben wollen von dem Geistigen. Es darf nicht
blofi fiir uns werden zu einer jammervoll schmerzlichen Empfindung,
sondern es mull fiir uns werden eine Empfindung, die uns anregt,
immer weiter und weiter zu arbeiten, und treu zu arbeiten in der Stro-
mung der Geisteswissenschaft, zu der wir durch unser Karma, unser
Schicksal gefuhrt worden sind.
Bei unserem letzten Zusammensein hier habe ich auch noch er-
wahnt, dafi, wenn der Mensch, bevor er sein Leben vollstandig ausge-
lebt hat, durch die Pforte des Todes geht, dasjenige, was als Atherleibs-
kraft ihm gegeben ist, noch nicht vollstandig verbraucht ist. Wenn der
Mensch in jugendlichem Alter durch die Pforte des Todes geht, hatte
sein Atherleib noch jahrzehntelang am physischen Leib arbeiten kon-
nen. Diese Kraft ist nicht verloren, sondern sie ist da. Ich habe auch
schon erwahnt, wie in der Gegenwart dadurch, daft der Tod taglich
und stiindlich in so grofier Zahl an die Menschheit herantritt, viele,
viele Atherleib er, die noch lange auf dem physischen Plan hatten am
physischen Leibe arbeiten konnen, der geistig-atherischen Welt tiber-
geben werden und schwebend bleiben. Und die Krafte, die in ihnen
noch jahrzehntelang den physischen Leib hatten versorgen konnen,
werden zu geistigen Kraften, die mitarbeiten an der geistigen Entwik-
kelung der Menschheit. Daher wird eine Zeit kommen, in der die
Krafte, die in diesen Atherleibern sind, beniitzt werden konnen zum
geistigen Fortschritt der Menschheit, aber nur dann, wenn hier auf der
Erde, nachdem die heutigen furchtbaren Ereignisse hinweggegangen
sein werden uber diese Erde und wiederum Friede eingetreten sein
wird, von Seelen, die dann in Menschenleibern iiber diese Erde hier
noch gehen werden, etwas wird verstanden werden konnen davon, dafi
alle diejenigen, die fruher hineingegangen sind in die geistige "Welt,
ihre Atherleiber da oben haben, ihre Krafte einstrahlen konnen. Von
diesen Seelen [hier auf der Erde] wird das begriffen werden miissen.
Und diese Seelen werden mitarbeiten konnen an diesem geistigen
Fortschritt, der gerade durch so viele Opfertode fur die Zukunft mog-
lich ist.
Denken Sie, was es bedeuten wiirde, wenn Geisteswissenschaft jetzt
verschwinden wiirde und niemand Verstandnis hatte fur alles dasjeni-
ge, was durch ihre Opfertode in der geistigen Welt vorbereitet wird!
Diese ganze Summe von Kraften wiirde an geistige Wesen verfallen,
die sie zu etwas anderem verwenden, als wozu sie nach dem Ratschlufi
der rechtmafiig sich fortentwickelnden Gotter verwendet werden
sollen.
Das aber ermahnt uns, auch aus den Ereignissen der Zeit heraus mit
unserem Bewulksein voll drinnenzustehen in alldem, was die geistige
Welt ist. Denn auch diese Zeitereignisse, sie haben eine geistige Seite.
Dasjenige, was sie aufierlich in Blut und Tod und in Opfern darbieten,
das ist der aufiere Ausdruck fur ein inneres geistiges Geschehen, das
aber im richtigen Sinne verstanden werden mufi.
Das ist das, an das ich immer wieder und wiederum mahnen mochte
in dem Schlufiwort unserer gegenwartigen Betrachtung:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassner,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewuiKt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
WIE KANN DIE SEELISCHE NOT DER GEGENWART
UBERWUNDEN WERDEN?
Zurich, 10. Oktober 19 16
Was wir suchen als geisteswissenschaftliche Wahrheiten, soil uns
nicht sein ein totes, sondern ein lebendiges Erkennen, ein Erkennen,
das wirklich in das Leben, an alien Stellen dieses Lebens und an den
wichtigsten Punkten dieses Lebens, seinen Einzug halten kann. Es
ist nur natiirlich und selbstverstandlich, dafi Geisteswissenschaft
heute noch vielfach recht abstrakt aufgenommen wird und dafi man
in dieser Abstraktheit, in der man die Geisteswissenschaft aufnimmt,
durch sie vielleicht sogar zu einer Art abgezogenen Wissens kommt,
das sich zunachst wenig fruchtbar fur das Leben erweist und das
insbesondere den Leuten, die noch wenig Kenntnis genommen ha-
ben von der Geisteswissenschaft, den Eindruck macht: Was soil
denn das eigentlich alles, wenn man da nun schon weifi, der Mensch
bestehe aus soundso viel Gliedern, die Menschheit habe sich durch
verschiedene Kulturepochen entwickelt und werde sich weiterent-
wickeln - und so weiter. Menschen, die da glauben, nach den Anfor-
derungen unserer heutigen Zeit so ganz im praktischen Leben drin-
nenstehen zu sollen, denen kommt dann Geisteswissenschaft oftmals
recht unfruchtbar vor. Und unfruchtbar wird sie ja vielfach auch
von solchen, die auch heute schon etwas Herz und Sinn fur sie ha-
ben, getrieben.
Dennoch, Geisteswissenschaft selbst ist, so wie sie ist, etwas unend-
lich Lebendiges, etwas, das bis in die auftersten Lebenspraktiken hin-
ein lebendig werden kann und auch im Lauf e der Zeit lebendig werden
mufi. Wir wollen das, was ich so einleitungsweise gesagt habe, heute
uns einmal an einem besonderen Beispiel klarlegen. Wir wollen etwas
herausgreifen aus unserer Geisteswissenschaft, das wir ja alle voraus-
sichtlich kennen, das uns gut bekannt ist, an dem wir aber zeigen
wollen, wie es nach und nach, indem man es lebensvoll betrachtet, erst
recht lebendig wird.
Die meisten von uns werden ofter gehort haben und sich ofter
durch die Seele haben Ziehen lassen, dafi unserer Zeit vorangegangen
ist die sogenannte vierte nachatlantische Kulturperiode, in welcher die
Griechen und die Romer die bedeutendsten Volker waren, dafi aber
auch die folgenden Jahrhunderte bis ins 14., 15. Jahrhundert herein
noch beeinflulk waren von den Impulsen dieser vierten nachatlanti-
schen Kulturperiode und daft wir seit dem 15. Jahrhundert in der fiinf-
ten nachatlantischen Kulturperiode drinnenstehen, in dieser Periode in
unsere jetzige Inkarnation hineingeboren sind und noch viele Jahrhun-
derte die Menschen in dieser Kulturperiode leben werden. Wir wissen
ferner und haben es oftmals, wenigstens die meisten von uns, durch
unsere Seele ziehen lassen, daft in der vierten nachatlantischen, der
griechisch-rdmischen Kulturperiode vorzugsweise in der Menschheit
ausgebildet worden ist durch alles das, was auftere Kultur und auftere
Arbeit war, die sogenannte Verstandes- oder Gemiitsseele und daft
jetzt die Aufgabe ist, auszubilden die Bewufttseinsseele.
Was heiftt das: die Bewufttseinsseele soil ausgebildet werden? Rich-
tig verstanden, schlieftt das, was eben jetzt in abstrakter Form vorge-
bracht worden ist, das Schicksal unserer ganzen funften nachatlanti-
schen Kulturperiode fur die Menschheit ein. Die verschiedenen Volker
dieser funften nachatlantischen Kulturperiode sollen zusammenwir-
ken, um die Bewufttseinsseele zum Ausdruck zu bringen. Dies driickt
sich aus wirklich in alien Lebensverhaltnissen und Lebensumstanden.
Wenn wir das Leben richtig betrachten, so bestatigt es uns iiberall die
Wahrheit, daft unsere Zeit die Auslebung der Bewufttseinsseele dar-
stellt. Das ganze Menschenleben war in dem vorhergehenden, in dem
griechisch-romischen Zeitraume anders. Da ist gewissermaften auf der
Stufe, auf der die Menschheit eben stand in der nachatlantischen Zeit,
dieser Menschheit geschenkt worden die Kraft des Verstandes und die
Kraft des Gemiites. Verstand ist etwas, was vieles in sich schliefk. Man
betrachtet das heme nicht mehr vollstandig genau. Die Griechen, die
Romer waren anders von ihrem Verstande in ihrer Seele abhangig als
die Menschen der heutigen funften Kulturperiode. Die Griechen und
Romer, sie bekamen gewissermaften den Verstand, soweit sie ihn
brauchten, fertig mit in ihre natiirliche Entwickelungsanlage hinein. Es
war ganz, ganz anders. Der Mensch wuchs auf, und so wie die natiir-
lichen Anlagen sich entwickelten, so wuchs in einer gewissen Weise der
natiirliche Verstand mit. Man brauchte den naturlichen Verstand nicht
in derselben Weise auszubilden, wie das heute schon notwend
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