Die Stufen der höheren Erkenntnis

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 



DIE STUFEN DER 
HOHEREN ERKENNTNIS 

Mit Vor- und Nachwort von Marie Steiner 



1993 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 



Zuerst erschienen in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» 
in den Nummern 29, 30, 32, 34 und 35 
(Oktober 1905 - Mai 1908) 

2. Auflage in Sonderdruckheften aus «Lucifer-Gnosis» 
Nummer 29-35, 1908 

3. Auflage, Einzelheft (Sonderdruck-Sammelheft) 
aus «Lucifer-Gnosis», Nummer 34, 1908 

4. Auflage (erste Buchausgabe), Dornach 1931 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1993 



Bibliographie-Nr. 12 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1979 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0120-6 



INHALT 



Vorwort von Marie Steiner (1931) 7 

Aus der Vorrede zur funften Auflage des Buches 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 

Welten?» (1914) 13 

Die Stufen der hoheren Erkenntnis 15 

Die Imagination 36 

Die Inspiration 52 

Inspiration und Intuition 69 

Aus dem Nachwort von Marie Steiner (1931) . . 85 

Hinweise des Herausgebers 

Zu dieser Ausgabe 87 

Verzeichnis der Textkorrekturen 88 

Hinweise zum Text 90 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 93 



VORWORT VON MARIE STEINER 
(1931) 



Die von Rudolf Steiner im Dienste der Geisteswissen-schaft 
herausgegebene Zeitschrift «Luzifer» erfuhr im Jahre 1904 
eine Erweiterung durch ihre Vereinigung mit der in 
Osterreich erscheinenden Zeitschrift «Gnosis». Unter dem 
Doppelnamen «Lucifer-Gnosis» brachte sie dann jene 
Aufsatze Rudolf Steiners, die spater, gesam-melt, das Buch 
wurden, das neben der «Theosophie» und 
«Geheimwissenschaft» zu den grundlegenden Werken 
gehort fur die Einfuhrung in die anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft. Eine Fortsetzung jener Auf-satze 
erschien unter dem Titel «Die Stufen der hoheren 
Erkenntnis». Es war gedacht, sie spaterhin zu einem 
zweiten Bande zu gestalten, als Weiterfuhrung der in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
begonnenen Betrachtungen. Die Uberfiille der Arbeit 
jedoch, die auBerordentliche Inanspruchnahme Rudolf 
Steiners durch Vortragstatigkeit, machte es allmahlich 
unmoglich, sich der Zeitschrift in genugendem MaBe zu 
widmen, obgleich sie an Verbreitung stetig gewann. Aus 
Mangel an Zeit muBte sie eingestellt werden. So wurde 
denn auch das weitere Erscheinen jener Aufsatze iiber «Die 
Stufen der hoheren Erkenntnis» unterbrochen. Es ist ofters 
die Bitte an uns herangetreten, durch eine Neu-ausgabe sie 
wieder zuganglich zu machen. Diesem Wunsche wird 
hiermit nachgekommen. Da der Text plotzlich abbricht, 
kann das Buch nicht den Wert der Vollstandigkeit 
beanspruchen. So war es berechtigt, sich die Frage zu 
stellen, ob die Herausgabe nicht besser un- 



terbleiben solle. Die hier in Aussicht gestellten nicht zum 
AbschluB gekommenen Darlegungen sind ja viel-fach in 
anderer Form, unter anderen Titeln schon ver-offentlicht 
worden. Doch bleibt es fur den Geistessucher eine 
Tatsache, daB die Eroberung der geistigen Wirk-lichkeit 
nur dann moglich ist und keine Illusion, wenn immer 
wieder zuriickgegriffen wird zu den einmal durch- 
gearbeiteten, nie genug verarbeiteten geistigen Inhalten, 
wenn immer wieder der Weg neu erlebt wird, der einmal 
die Richtung zum Geistgebiet gewiesen hat. Das Seelen- 
leben des meditativ Arbeitenden muB so beweglich 
gehalten werden, daB die Ausblicke, die ihm der eine Weg 
gegeben hat, ihn um so empfanglicher machen fur die 
Fernblicke von anderen Gesichtspunkten aus. 

Die hier veroffentlichten Aufsatze haben zugleich einen 
historischen Wert. Sie zeigen den Ausgangspunkt, den die 
esoterischen Unterweisungen Rudolf Steiners haben 
nehmen miissen; sie zeigen uns, wie er der bahn-brechende 
Fiihrer geworden ist auch auf diesem Gebiet, auf welchem 
zum erstenmal durch ihn der Mensch der Freiheit 
ubergeben werden durfte. Dazu muBte mit welt- 
umspannendem Blick und groBtem Verantwortlichkeits- 
geftihl eine Grundlage vorgebaut, eine Geisthaltung 
geschaffen werden, die es dem Menschen moglich macht, 
in sich selbst den festen moralischen Halt fin-dend, in 
dieser Freiheit nicht den Versuchungen, der Verirrung 
anheimzuf alien. Um eine solche Tat am ent-scheidenden 
Wendepunkte historischer Umwalzungen, inmitten 
feindlicher Gegenkrafte, nur auf sich selbst ge-stellt, zu 
vollbringen, war das ungeheure Ethos notwen-dig, 
welches das ganze Lebenswerk Rudolf Steiners 



durchpulst und nichts anderes mehr fur ihn in Betracht 
kommen lieB als das Wohl der Menschheit, die Rettung des 
Abendlandes vor dem drohenden Untergange. Dazu muBte 
von den Fundamenten aus gebaut werden in einer Art, die 
den Forderungen der Zeit entsprach. Die Syn-these alles 
Wissens war dazu notwendig. . 

Greift man zu diesen Aufsatzen, die am Anfang jenes 
erstaunlichen Lebenswerkes geschrieben worden sind, das 
am 30. Marz 1925 seinen AbschluB fand und, bald nach 
der Jahrhundertwende, einen schicksalsgewollten 
Einschlag erhalten hatte durch die Verbindung mit den aus 
orientalischen Quellen gespeisten theosophischen Kreisen, 
so wird man zur Frage gedrangt: Wie ist es zu verstehen, 
daB Rudolf Steiner, der uns auch auf dem Gebiete der 
Esoterik zur Freiheit fiihrte, auch hier uns auf uns selber 
stellte und nur unsermeigenen hohern Ich uns geloben lieB, 
was sonst der Schuler dem Lehrer als Gelobnis zu leisten 
hatte, daB Rudolf Steiner hier in diesen Aufsatzen noch 
von der Notwendigkeit des stren-gen Anschlusses an den 
Fiihrer spricht, den Schuler gleichsam in die Abhangigkeit 
des Lehrers stellt? 

In Wahrheit handelt es sich bei Rudolf Steiner nur um 
die Beschreibung eines Vertrauensverhaltnisses. Das 
Autoritative hat er von Anfang an vermieden und von sich 
gewiesen. In alten Zeiten ubernahmen die initiieren-den 
Priester die voile Verantwortung fur den in die Mysterien 
des geistigen Seins Einzuweihenden und wirkten mit ihrem 
Willen in ihn hinein. So war er zu-gleich geschutzt und 
gefiihrt und konnte den Gefahren entrinnen, die ihn sonst 
uberwaltigt hatten. Sein Ich schwebte ja noch iiber seinen 
physischen Hiillen, sein 



SelbstbewuBtsein war nicht erwacht. Dieses immer mehr 
zur Erweckung zu bringen, war der Weg der fortschrei- 
tenden Mysterienschulung. Und in der christlichen Ein- 
weihung sehen wir durch den Hinweis auf den Welten- 
lehrer die Abhangigkeit vom personlichen Lehrer schon 
gemildert, wenn auch noch vorhanden. Sie verliert immer 
mehr ihren personlichen Charakter in der rosenkreuzeri- 
schen Schulung und gestaltet sich um zum Vertrauens- 
verhaltnis. Der Lehrer steht dem Schuler bei, zeigt ihm den 
Weg, den jener sucht und allein nicht finden kann, stiitzt 
ihn moralisch, weist ihn auf die Gefahren hin, die seinem 
Charakter drohen - aus Eitelkeit, aus der Vor-gaukelung 
trugerischer Bilder, die er unterscheiden lernen muB von 
wahrer geistiger Wirklichkeit. So ist der Lehrer ein Heifer, 
der sich in dem Augenblicke sogleich zuruckziehen wiirde, 
wo das Vertrauen abhanden kame. An dem 
Schicksalswendepunkte, in dem wir stehen, muBte der fur 
die Jetztzeit wirkende Lehrer hinweisen auf die 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mensch-lichen 
Geistesstrebens und, indem er mit der Erziehung des 
Einzelnen begann, sein Werk so ausbauen, daB es als 
Menschheitstat dastehen konnte: ein fur die Nachwelt 
neuerrungenes Lebenselement. So schuf Rudolf Steiner 
eine Initiationswissenschaft, in der von nun an jeder ern- 
ste, sittlich strebende Mensch den Boden wird finden 
konnen, der ihn tragt, die Elemente wird greifen kon-nen, 
die ihm das Unterscheidungsvermogen scharfen, wahrend 
sich ihm neue Welten eroffnen. Er braucht nicht unsicher 
zu sein, er hat genug, um sich durchzuta-sten, bis er in 
geistigen Landen den Fiihrer findet. Ein solches war nicht 
vorhanden, bevor Rudolf Steiner 



sein Geisteswerk begann. Seine Tat ist - die «Wissen- 
schaft» von der Initiation. Durch sie wird entsiegelt, was 
verborgen lag in den Mysterien der alten Tempel: neben 
dem Wissen des Werdens der Welten das Wissen vom 
kommenden Niederstieg des Christus; und was versiegelt 
ward in der Kirche: die erlosende Tat der Menschheits- 
befreiung durch den Christus, die im Laufe der Zeit durch 
Ihn sich vollziehende Ich-Durchdringung des Einzelnen. 
Statt der personlichen Fiihrung wird es nun Aufgabe, durch 
die Krafte des Zeitgeistes den Menschen den Weg finden 
zu lassen zum Menschheits-Ich, zum Christus. Das 
BewuBtsein des einzelnen Menschen wird reif ge-macht 
zum Entgegennehmen der hoheren Ichkraft, das 
SelbstbewuBtsein wird emporgehoben zum Geistselbst. 

Es ist die Arbeit der Zukunft. Aber nur auf dem Boden 
der Vergangenheit stehend, kann man, Kunftiges 
vorbereitend, die Gegenwart befruchten. Sonst schafft man 
ins Leere. Metamorphose auch hier. Die Zukunft wird 
gestaltet, indem die auf dem Boden der Vergangen-heit 
stehende Gegenwart umgeformt wird. Neues tritt hinzu, 
wie der neue Fruhling dem Winter folgt. Sonnen-kraft 
durchfeuert die Erde; Ersterbendes, in Wesen-haftes sich 
Umwandelndes wird zu neuem Leben ent-facht, indem sich 
von oben die Gnade hinuntersenkt. 

Auch auf dem Gebiet der Esoterik entwickelt sich 
kontinuierliches historisches Geschehen durch das Ge-setz 
der steigenden Entwickelung und der auf- und ab-flutenden 
Welle des vergehenden und aufbliihenden Lebens bis zu 
dem scheinbar plotzlichen Augenblick, wo die Gnade 
uberstrahlend hereinbricht, gleich dem Wun-der der 
aufleuchtenden Bliite in der griinen Pflanzen- 



weit. Doch ohne diese durch weise Machte von Form zu 
Form durchgefiihrte Wandlung und stete Steigerung auf 
alien Gebieten der LebensauBerung wiirden die neuen 
Werte, die Gaben des Geistes, die feurigen Zungen des 
Wortes, sich nicht zu uns herniedersenken. Ohne Kennt-nis 
solchen Geschehens waren die Empfangenden nicht in der 
Lage, zu ermessen, was unter ihnen sich vollziehen will. 
Das neue GroBe konnte sich nicht auswirken, die Zukunft 
nicht gerettet werden. 

Die nach geistigen Erkenntnissen ringenden Seelen, die 
an Rudolf Steiner herantraten, waren das Schicksal- 
gewollte, von der Zeit ihm zugefiihrte Menschenmate-rial, 
mit dem Rudolf Steiner zu arbeiten hatte, aus deren 
Bedurfnissen und Voraussetzungen heraus er das zu ge- 
stagen hatte, was auf Grund eines erkenntnismaBig fun- 
damentierten Aufbaus zur Wissenschaft der Initiation 
werden konnte. Aus der Tragheit der Zeit dem Geiste 
gegentiber gait es, Menschen herauszureiBen, die Briicke 
wiirden sein konnen fur die Forderungen der Zukunft. 

Am schwersten war es, den Sinn zu wecken fiir die 
innere Freiheit und das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein in 
eigener Verantwortung. In peinlichster Berucksichtigung 
dieses Zieles hat Rudolf Steiner nichts anderes den Men- 
schen sein wollen als Unterweiser und - wo man ihn darum 
bat, Berater, Erwecker von menschheitlichen 
Geistimpulsen. Er konnte Darsteller werden von gei-stigen 
Tatsachen, weil sein Denken und Schauen leben- 
durchtrankt war und sich von Glied zu Glied entfaltete mit 
der Kraft eines naturhaften Organismus. Sein Gei-steswerk 
steht vor uns: die wiederhergestellte Einheit von 
Wissenschaft, Kunst und Religion. 



AUS DER VORREDE ZUR FUNFTEN AUFLAGE 

DES BUCHES «WIE ERLANGT MAN 
ERKENNTNISSE DER HOHEREN WELTEN?» 

Als ich die Aufsatze schrieb, aus welchen das Buch zu- 
sammengesetzt ist, muBte iiber manches auch aus dem 
Grunde anders gesprochen werden als gegenwartig, weil 
ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn 
Jahren iiber Tatsachen der Erkenntnis geistiger Welten 
veroffentlicht habe, damals anders hinzudeuten hatte, als es 
jetzt, nach der Veroffentlichung, zu geschehen hat. In 
meiner «GeheimWissenschaft», in der «Fuhrung des 
Menschen und der Menschheit», in «Ein Weg zur Selbst- 
erkenntnis» und besonders in «Die Schwelle der geistigen 
Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geistige 
Vorgange geschildert, auf deren Vorhandensein dieses 
Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten 
muBte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegen- 
wartig richtig scheint. Ich muBte damals von vielem, das m 
dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen, es konne 
durch «mundliche Mitteilung» erfahren werden. 
Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was mit 
solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese 
Hinweise, die irrtumliche Meinungen bei den Lesern 
vielleicht nicht vollig ausschlossen. Man konnte etwa in 
dem persdnlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem Lehrer 
bei dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel 
Wesentlicheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe, 
daB es mir gelungen ist, in dieser neuen Auflage durch die 
Art der Darstellung mancher Einzelheiten scharfer zu 
betonen, wie es bei dem, der Geistesschulung 



sucht im Sinne der gegenwartigen geistigen Bedingun-gen, 
viel mehr auf ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur 
objektiven Geisteswelt als auf ein Verhaltnis zur Person- 
lichkeit eines Lehrers ankommt. Dieser wird auch in der 
Geistesschulung immer mehr die Stellung nur eines solchen 
Heifers annehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren 
Anschauungen, in irgendeinem anderen Wis-senszweige 
innehat. Ich glaube geniigend darauf hin-gewiesen zu 
haben, daB des Lehrers Autoritat und der Glaube an ihn in 
der Geistesschulung keine andere Rolle spielen sollten, als 
dies der Fall ist auf irgendeinem an-deren Gebiete des 
Wissens und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen, 
daB immer richtiger beurteilt werde gerade dieses 
Verhaltnis des Geistesforschers zu Menschen, die Interesse 
entwickeln fur die Ergebnisse seines Forschens. So glaube 
ich das Buch verbessert zu haben, wo ich das 
Verbesserungsbedurftige nach zehn Jahren zu finden in der 
Lage war. 

An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschlieBen. 
Dieser soil weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfas- 
sung bringen, welche den Menschen zum Erleben der 
hoheren Welten fiihrt. 

Berlin, 7. September 1914 



DIE STUFEN DER HOHEREN ERKENNTNIS 

Bis zu der Begegnung mit den beiden «Hutern der 
Schwelle» ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» der Weg zur hoheren Er- 
kenntnis verfolgt worden. Nun sollen auch noch die 
Verhaltnisse geschildert werden, in denen die Seele zu den 
verschiedenen Welten steht, wenn sie durch die auf- 
einanderfolgenden Erkenntnisstufen hindurchschreitet. 
Damit wird das gegeben, was man die «Erkenntnislehre der 
Geheim Wissenschaft» nennen kann. 

Bevor der Mensch den Pfad hoherer Erkenntnis be-tritt, 
kennt er nur die erste von vier Erkenntnisstufen. Es ist 
diejenige, welche ihm im gewohnlichen Leben inner-halb 
der Sinneswelt eigen ist. Auch in dem, was zunachst 
«Wissenschaft» genannt wird, hat man es nur mit dieser 
ersten Erkenntnisstufe zu tun. Denn diese Wissenschaft 
arbeitet ja nur das gewohnliche Erkennen feiner aus, macht 
es disziplinierter. Sie bewaffnet die Sinne durch 
Instrumente - Mikroskop, Fernrohr usw. -, um genauer zu 
sehen, was die unbewaffneten Sinne nicht sehen. Aber die 
Erkenntnisstufe bleibt doch dieselbe, ob man normal groBe 
Dinge mit dem gewohnlichen Auge sieht, oder ob man sehr 
kleine Gegenstande und Vorgange mit dem 
VergroBerungsglase verfolgt. Auch in der Anwendung des 
Denkens auf die Dinge und Tatsachen bleibt diese 
Wissenschaft bei dem stehen, was schon im alltaglichen 
Leben getrieben wird. Man ordnet die Gegenstande, 
beschreibt und vergleicht sie, man sucht sich ein Bild von 
ihren Veranderungen zu machen usw. Der strengste 
Naturforscher tut im Grunde in dieser Beziehung nichts 



anderes, als daB er das Beobachtungsverfahren des all- 
taglichen Lebens in einer kunstgemaBen Art ausbildet. 
Seine Erkenntnis wird umfangreicher, komplizierter, 
logischer; aber er schreitet nicht zu einer anderen Er- 
kenntnis art vor. 

Man nennt diese erste Erkenntnisstufe in der Ge- 
heimwissenschaft die «materielle Erkenntnisart». Dazu 
kommen dann zunachst drei hohere. An sie schlieBen sich 
dann noch weitere an. Sie sollen hier beschrieben werden, 
bevor in der Schilderung des «Erkenntnispfades» 
weitergegangen wird. Nimmt man das gewohnliche -und 
sinnlich-wissenschaftliche - Erkennen als die erste Stufe 
an, so hat man zunachst folgende vier Stufen zu 
unterscheiden: 

1. die materielle Erkenntnis, 

2. die imaginative Erkenntnis, 

3. die inspirierte Erkenntnis, die man auch die «wil- 
lensartige» nennen Kann. 

4. die intuitive Erkenntnis. 

Diese Stufen sollen im weiteren zur Sprache kommen. 
Man muB sich zunachst klarmachen, womit man es bei 
diesen verschiedenen Erkenntnis arten zu tun hat. - Beim 
gewohnlichen sinnlichen Erkennen kommen vier Ele- 
mente in Betracht: 1. der Gegenstand, welcher auf die 
Sinne einen Eindruck macht; 2. das Bild, das sich der 
Mensch von diesem Gegenstande macht; 3. der Be griff, 
durch den der Mensch zu einer geistigen Erf as sung einer 
Sache oder eines Vorganges kommt; 4. das «Ich», welches 
sich auf Grund des Eindruckes vom Gegenstande Bild und 
Begriff bildet. Bevor sich der Mensch ein Bild - eine 
«Vorstellung» macht, ist ein Gegenstand da, welcher ihn 



dazu veranlaBt. Diesen bildet er nicht selbst, er nimmt ihn 
wahr. Und auf Grund dieses Gegenstandes entsteht das 
Bild. Solange man ein Ding anblickt, hat man es mit diesem 
selbst zu tun. In dem Augenblicke, wo man von dem Dinge 
hinwegtritt, besitzt man nur noch das Bild. Den Gegenstand 
verlaBt man, das Bild bleibt in der Erin-nerung «haften». 
Aber man kann nicht dabei stehenbleiben, sich bloB 
«Bilder» zu machen. Man muB zu «Be-griffen» kommen. 
Die Unterscheidung von «Bild» und «Begriff» ist 
unbedingt notwendig, wenn man sich hier ganz klarwerden 
will. Man stelle sich einmal vor, man sehe einen 
Gegenstand, welcher kreisformig ist. Dann drehe man sich 
um, und man behalte das Bild des Krei-ses im 
Gedachtnisse. Da hat man noch nicht den «Be-griff» des 
Kreises. Dieser ergibt sich erst, wenn man sich sagt: «Ein 
Kreis ist eine Figur, bei der alle Punkte von ei-nem 
Mittelpunkte gleich weit entfernt sind.» Erst wenn man sich 
von einer Sache einen «Begriff» gemacht hat, ist man zum 
Verstandnisse derselben gekommen. Es gibt viele Kreise: 
kleine, groBe, rote, blaue usw.; aber es gibt nur einen 
Begriff «Kreis». - Auf alles dieses soil im wei-teren noch 
naher eingegangen werden; vorlaufig soli nur skizziert 
werden, was zur Charakteristik der vier ersten 
Erkenntnisstufen notwendig ist. - Das vierte Element, das 
bei der materiellen Erkenntnis in Betracht kommt, ist das 
«Ich». In demselben kommt eine Einheit der Bilder und 
Begriffe zustande. Dieses «Ich» bewahrt in seinem 
Gedachtnisse die Bilder. Ware das nicht der Fall, so ent- 
stande kein fortlaufendes inneres Leben. Die Bilder der 
Dinge blieben nur so lange vorhanden, als diese Dinge 
selbst auf die Seele wirken. Das innere Leben aber hangt 



da von ab, daB Wahrnehmung an Wahrnehmung gereiht 
wird. Das «Ich» orientiert sich «heute» in der Welt, weil 
ihm bei gewissen Gegenstanden die Bilder der gleichen 
Gegenstande von «gestern» auftauchen. Man vergegen- 
wartige sich nur, wie unmoglich das Seelenleben ware, 
wenn man nur so lange ein Bild eines Dinges hatte, als 
dieses selbst vor einem steht. - Auch beziiglich der Be- 
griffe bildet das «Ich» die Einheit. Es verbindet seine 
Begriffe und verschafft sich auf diese Art einen Uber-blick, 
das heiBt ein Verstandnis der Welt. Diese Verbin-dung der 
Begriffe geschieht im «Urteilen». Ein Wesen, das nur lose 
Begriffe hatte, konnte sich in der Welt nicht zurechtfinden. 
Alle Tatigkeit des Menschen beruht auf seiner Fahigkeit, 
Begriffe zu verbinden, das heiBt auf seinem «Urteilen». 

Das «materielle Erkennen» beruht darauf, daB der 
Mensch durch seine Sinne einen Eindruck von Dingen und 
Vorgangen der AuBenwelt erhalt. Er hat die Fahig-keit des 
Empfindens oder die Sensibilitat. Der «von auBen» 
empfangene Eindruck wird auch Sensation ge-nannt. Daher 
kommen bei der «materiellen Erkenntnis» die vier 
Elemente in Betracht: Sensation, Bild, Begriff, Ich. - Bei 
der nachsthoheren Stufe des Erkennens fallt nun der 
Eindruck auf die auBeren Sinne, die «Sensation», weg. Ein 
auBerer Sinnesgegenstand ist nicht mehr vor-handen. Es 
bleiben also von den Elementen, an welche der Mensch 
von der gewohnlichen Erkenntnis her ge-wohnt ist, nur die 
drei: Bild, Begriff und Ich. 

Das gewohnliche Erkennen bildet bei einem gesun-den 
Menschen kein Bild und keinen Begriff, wenn ein auBerer 
Sinnesgegenstand nicht vorhanden ist. Das «Ich» 



bleibt dann untatig. Wer sich Bilder formt, denen Sin- 
nesgegenstande entsprechen sollen, wo in Wahrheit keine 
sind, lebt in Phantastik. - Nun aber erwirbt sich der 
Geheimschuler eben die Fahigkeit, Bilder zu formen, auch 
wo keine Sinnesgegenstande vorhanden sind. Es muB dann 
bei ihm an die Stelle des «auBeren Gegenstandes» ein 
anderer treten. Er muB Bilder haben konnen, auch wenn 
kein Gegenstand seine Sinne beriihrt. An die Stelle der 
«Sensation» muB etwas anderes treten. Dies ist die 
Imagination. Bei dem Geheimschuler auf dieser Stufe 
treten Bilder auf genau so, wie wenn ein Sinnesgegenstand 
auf ihn einen Eindruck machen wiirde; sie sind so lebhaft 
und wahr wie die Sinnesbilder, nur kommen sie nicht vom 
«Materiellen», sondern vom «Seelischen» und «Geistigen». 
Die Sinne bleiben dabei vollstandig untatig. - Es ist 
einleuchtend, daB sich der Mensch diese Fahigkeit, 
inhaltvolle Bilder zu. haben ohne Sinneseindrucke, erst 
erwerben muB. Es geschieht dies durch die Meditation, 
durch die Ubungen, welche in den Darstellungen des 
Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» beschrieben worden sind. Der auf die Sinnenwelt 
beschrankte Mensch lebt nur in dem Umkreis einer 
Bilderwelt, welche erst durch die Sinne in ihn EinlaB 
gefunden haben. Der imaginative Mensch hat eine solche 
Bilderwelt, die von einer hoheren Welt ihren ZufluB erhalt. 
Es gehort eine sehr sorgfaltige Schulung dazu, innerhalb 
dieser hoheren Bilderwelt Tauschung von Wirklichkeit zu 
unterscheiden. Nur zu leicht sagt sich der Mensch, wenn 
solche Bilder zunachst vor seine Seele hin treten: «Ach, das 
sind ja nur Einbildungen, bloBe Ausflusse meines 
Vorstellungslebens.» Das ist nur 



zu begreiflich. Denn der Mensch ist zunachst ja daran 
gewohnt, nur dasjenige «wirklich» zu nennen, was, ohne 
sein Zutun, ihm durch die feste Grundlage seiner Sinnes- 
wahrnehmung gegeben ist. Und er muB sich erst hinein- 
finden, Dinge fur «wirkliche» zu nehmen, die von ganz 
anderer Seite veranlaBt werden. Und er kann auch darin- 
nen nicht vorsichtig genug sein, wenn er nicht zum 
Phantasten werden will. Die Entscheidung darliber, was auf 
hoherem Gebiete «wirklich» ist, was nur «Illusion», die 
kann nur von der Erfahrung kommen. Und man muB sich 
diese Erfahrung in einem stillen, geduldigen Innen-leben 
aneignen. Zunachst muB man durchaus darauf gefaBt sein, 
daB einem die «Illusion» bose Streiche spielt. Uberall 
lauern die Moglichkeiten, daB Bilder auftauchen, die nur 
auf Tauschungen der auBeren Sinne, des ab-normen Lebens 
beruhen. Alle solche Moglichkeiten miissen zuerst 
hinweggeraumt werden. Man muB zuerst die Quellen der 
Phantastik ganz verstopfen, dann kann man erst zu der 
Imagination kommen. Ist man so weit, dann wird man 
allerdings sich klar dariiber, daB die Welt, in die man in 
solcher Art eintritt, nicht nur so wirklich ist wie die 
sinnliche, sondern daB sie eine viel wirklichere ist. 

Bei der dritten Stufe der Erkenntnis bleiben nun auch 
die Bilder weg. Der Mensch hat es nur noch mit «Begriff» 
und «Ich» zu tun. Hat er auf der zweiten Stufe noch eine 
Bilderwelt um sich, die erinnert an die Augenblicke, wo 
das lebhafte Gedachtnis sich die Eindrucke der AuBenwelt 
vor die Seele zaubert, ohne selbst solche Eindrucke zu 
haben: auf der dritten Stufe sind auch solche Bilder nicht 
mehr vorhanden. Der Mensch lebt ganz in einer rein 



geistigen Welt. Wer nur gewohnt ist, sich an die Sinne zu 
halten, wird versucht sein, zu glauben, daB diese Welt eine 
blasse, gespenstige sei. Das ist sie aber ganz und gar nicht. 
Auch die Bilderwelt der zweiten Stufe hat nichts B lasses, 
Schattenhaftes. So sind ja allerdings die Bilder zumeist, die 
im Gedachtnisse haften bleiben, wenn die auBeren Dinge 
weg sind. Aber die Bilder der Imagination sind von einer 
Lebhaftigkeit und Inhalts-fiille, mit der sich nicht nur die 
schattenhaften Erinne-rungsbilder der Sinnenwelt nicht 
vergleichen lassen, sondern sogar nicht einmal die ganze 
bunte, wechsel-reiche Sinnenwelt selbst. Auch diese ist 
gegen das Reich der Imagination nur ein Schatten. - Und 
nun gar die Welt der dritten Erkenntnisstufe! Von ihrem 
Reichtum und ihrer Fiille gibt nichts in der Sinnenwelt eine 
Vor-stellung. Was fur die erste Stufe die Sensation, fur die 
zweite die Imagination, das ist fur sie die «Inspiration». 
Die Inspiration gibt die Eindrucke, und das «Ich» formt die 
Begriffe. Will man durchaus mit dieser Welt etwas 
Sinnliches vergleichen, so kann nur die Tonwelt des H6- 
rens zu einem solchen Vergleiche herangezogen werden. 
Aber nicht mit Tonen wie in der sinnlichen Musik hat man 
es zu tun, sondern mit einem rein «geistigen T6-nen». Man 
beginnt zu «horen», was im Innern der Dinge vorgeht. Der 
Stein, die Pflanze usw. werden zu «gei-stigen Worten». Die 
Welt beginnt der Seele gegeniiber ihr Wesen wirklich 
selbst auszusprechen. Es klingt gro-tesk, aber es ist 
wortlich wahr: auf dieser Stufe des Er-kennens «hort man 
geistig das Gras wachsen». Man ver-nimmt die Form des 
Kristalles als Klang; die sich off-nende Bliite «spricht» da 
zum Menschen. Der Inspirierte 



vermag das innere Wesen der Dinge zu kiinden; alle Dinge 
werden in neuer Art vor seiner Seele auferstehen. Er 
spricht eine Sprache, die aus einer anderen Welt stammt 
und welche doch erst die alltagliche Welt begreiflich 
macht. 

Auf der vierten Erkenntnisstufe endlich hort auch die 
Inspiration auf. Von den Elementen, die man vom all- 
taglichen Erkennen her gewohnt ist zu betrachten, ist nur 
noch das «Ich» dasjenige, welches in Betracht kommt. Der 
Geheimschuler merkt an einer ganz bestimmten inneren 
Erfahrung, daB er bis zu dieser Stufe aufgestiegen ist. Diese 
Erfahrung driickt sich darin aus, daB er das Gefiihl hat: er 
stehe jetzt nicht mehr aufier den Dingen und Vorgangen, 
welche er erkennt, sondern innerhalb derselben. Bilder sind 
nicht der Gegenstand; sie driicken ihn bloB aus. Auch was 
die Inspiration gibt, ist nicht der Gegenstand. Sie spricht 
ihn nur aus. Das aber, was jetzt in der Seele lebt, ist 
wirklich der Gegenstand selbst. Das Ich hat sich ergossen 
liber alle Wesen; es ist mit ihnen zusammengeflossen. Das 
Leben der Dinge in der Seele ist nun die Intuition. Es ist 
eben ganz wortlich zu nehmen, wenn man von der Intuition 
sagt: man kriecht durch sie in alle Dinge hinein. - Im ge- 
wohnlichen Leben hat der Mensch nur eine Intuition, das 
ist diejenige des «Ich» selber. Denn das «Ich» kann auf 
keine Weise von auBen wahrgenommen werden, es kann 
nur im Innern erlebt werden. Eine einfache Erwagung kann 
das klarmachen. Es ist dies eine Erwagung, die allerdings 
von den Psychologen nicht mit der wiinschenswerten 
Scharfe gemacht wird. So unscheinbar sie aber ist: fur den, 
der sie ganz versteht, ist sie von der allerweit- 



tragendsten Bedeutung. Sie ist die folgende: Ein jedes Ding 
der AuBenwelt kann von alien Menschen mit demselben 
Namen genannt werden. Der Tisch kann von alien mit 
«Tisch», die Tulpe von alien mit «Tulpe», der Herr Miiller 
von alien mit «Herr Mliller» angesprochen werden. Aber es 
gibt ein Wort, das jeder nur zu sich selbst sprechen kann. 
Dies ist das Wort «Ich». Kein anderer kann zu mir «Ich» 
sagen, fur jeden anderen bin ich ein «Du». Ebenso ist jeder 
andere fur mich ein «Du». Nur er selbst kann zu sich «Ich» 
sagen. Das riihrt davon her, daB man nicht aufier, sondern 
in dem «Ich» lebt. Und so lebt man durch die intuitive 
Erkenntnis in alien Dingen. Die Wahrnehmung des eigenen 
«Ich» ist das Vorbild fur alle intuitive Erkenntnis. Um so in 
die Dinge hineinzukommen, muB man allerdings erst aus 
sich selbst heraustreten. Man muB «selbstlos» werden, um 
mit dem «Selbst», dem «Ich», einer anderen Wesenheit zu 
verschmelzen. 

Meditation und Konzentration sind die sicheren Mittel, 
um zu dieser Stufe, ebenso wie zu den fruheren, 
hinanzusteigen. Allerdings miissen s'i€'m stiller, geduldiger 
Art geiibt werden. Wer da glaubt, daB er tumultua-risch, 
mit Gewaltmitteln zu den hoheren Welten steigen kann, der 
irrt sich. Und einem solchen Glauben wiirde sich derjenige 
hingeben, welcher erwartete, daB ihm die Wirklichkeit auf 
hoheren Gebieten in ebensolcher Art entgegentritt wie in 
der Sinnen weit. So lebhaft und reich auch die Welten sind, 
zu denen man hinansteigt, sie sind fein und subtil, wahrend 
die Sinnenwelt grob und derb ist. Das Wichtigste, was man 
lernen muB, ist gerade die Gewohnung daran, etwas ganz 
anderes «wirklich» zu 



nennen, als was man im Bereich der Sinne so bezeichnet. 
Und dies ist nicht ganz leicht. Deshalb wird so mancher, 
der den Geheimpfad so gerne gehen mochte, schon bei den 
ersten Schritten zuriickgeschreckt. Er hat erwartet, daB ihm 
Dinge entgegentreten, welche sind wie Tische und Stiihle, 
und er findet «Geister». Weil aber «Geister» nicht dicht 
sind wie Stiihle und Tische, so kommen sie ihm als 
«Einbildungen» vor. Daran ist nichts anderes schuld als die 
Ungewohntheit. Man muB sich erst die rechte Empfindung 
fur die geistige Welt erwerben, dann wird man das Geistige 
nicht bloB schauen, sondern auch anerkennen. Und ein 
groBer Teil der Geheimschulung bezieht sich auf diese 
richtige Anerkennung und Einschatzung des Geistigen. 

Man muB zunachst den Schlafzustand betrachten, wenn 
man AufschluB erlangen will iiber die imaginative 
Erkenntnis. Solange der Mensch keine hohere Erkennt- 
nisstufe erlangt hat als die materielle, lebt die Seele zwar 
wahrend des Schlafes, aber sie kann in der Welt, in 
welcher sie schlafend lebt, nichts wahrnehmen. Sie ist in 
dieser Welt wie ein Blinder in der materiellen. Ein solcher 
lebt in der Welt des Lichtes und der Farben; aber er nimmt 
sie nicht wahr. - Von den auBeren Sinnesorganen, dem 
Auge, dem Ohr, der gewohnlichen Gehirntatigkeit usw. hat 
sich die Seele im Schlafe zuriickgezogen. Sie erhalt durch 
die Sinne keine Eindriicke. Was tut sie nun wahrend des 
Schlafes? Klar muB man sich dariiber sein, daB die Seele 
wahrend des Wachens in einer fortwahrenden Tatigkeit ist. 
Sie empfangt die auBeren Sinneseindrucke und verarbeitet 
sie: das ist ihre Tatigkeit. Diese stellt sie wahrend des 
Schlafes ein. Aber 



sie ist keineswegs untatig. Sie arbeitet schlafend an dem 
eigenen Leibe. Dieser wird ja wahrend der wachen Tages- 
arbeit abgeniitzt. Das driickt sich in der Ermlidung aus. 
Und wahrend des Schlafes beschaftigt sich die Seele mit 
dem eigenen Leib, um ihn fiir weitere wache Tagesarbeit 
wieder geeignet zu machen. Man sieht daraus, wie 
wesentlich der richtige Schlaf dem Gedeihen des Leibes 
ist. Ein Mensch, der nicht entsprechend schlaft, laBt 
seine Seele an dem Leibe nicht die notwendige Verbesse- 
rungsatbeit tun. - Und die Folge davon muB sein, daB 
der Leib herunterkommt. - Die Krafte, mit denen die 
Seele wahrend des Schlafes am Leibe arbeitet, sind die- 
selben, durch welche sie auch im Wachzustande tatig ist. 
Nur werden sie in dem letzteren dazu verwendet, die 
Eindrucke der auBeren Sinne aufzunehmen und sie zu 
verarbeiten. 

Tritt nun die imaginative Erkenntnis beim Menschen 
ein, so muB ein Teil der im Schlafe auf den Leib gewen- 
deten Krafte in einer anderen Art verbraucht werden. 
Durch diese Krafte werden nunmehr die geistigen Sin- 
nesorgane gebildet, die es ermoglichen, daB die Seele in 
einer hoheren Welt nicht bloB lebt, sondern auch wahr- 
nimmt. So arbeitet die Seele schlafend an sich, nicht 
mehr bloB an ihrem Leibe. Bewirkt wird diese Arbeit 
durch die Meditation und Konzentration sowie durch 
andere Ubungen. Es ist schon ofters in diesen Aufsatzen 
iiber hohere Erkenntnis gesagt worden, daB die beson- 
deren Anweisungen iiber solche Ubungen nur von 
Mensch zu Mensch gegeben werden. Niemand sollte auf 
eigene Hand diese Ubungen unternehmen. Denn nur wer 
Erfahrung auf diesem Gebiete hat, kann ermessen, 



welche Wirkung bei dem einen oder dem anderen Men- 
schen sich einstellen muB, wenn er es unternimmt, seine 
Seelenarbeit von dem Leibe abzuziehen und in einer 
hoheren Art anzuwenden. 

Meditation, Konzentration und andere Ubungen be- 
wirken, daB die Seele sich fur eine Weile zuriickzieht von 
ihrer Verbindung mit den Sinnesorganen. Sie ist dann in 
sich selbst versenkt. Ihre Tatigkeit ist nach innen gewendet. 
Im Anfange dieser Versenkung unterscheidet sich zwar 
diese ihre innere Tatigkeit nicht erheblich von der 
alltaglichen. Sie muB dieselben Vorstellungen, Gefiihle und 
Empfindungen verwenden wahrend der Innenarbeit, welche 
sie auch im gewohnlichen Leben hat. Je mehr sie sich aber 
daran gewohnt, gewissermaBen «blind und taub» 
gegenliber der sinnlichen Umgebung zu sein, je mehr sie in 
sich lebt, desto fahiger macht sie sich zu innerer Leistung. 
Und was sie bei der Versenkung in das Innere geleistet hat, 
das tragt seine Friichte zunachst im Zustande des Schlafes. 
Ist die Seele des Nachts vom Leibe befreit, so wirkt das in 
ihr fort, was durch die Ubungen am Tage angeregt worden 
ist. Es bilden sich in ihr Organe, durch welche sie mit einer 
hoheren Umgebung gerade so in Verbindung kommt wie 
vorher durch die auBeren Sinnesorgane mit der 
korperlichen Umwelt. Aus dem Dunkel der nachtlichen 
Umgebung treten die Lichterscheinungen der hoheren Welt 
heraus. Zart und intim ist dieser Verkehr zunachst. Und der 
Mensch muB durchaus damit rechnen, daB fur eine lange 
Zeit beim Aufwachen das Licht des Tages sofort wieder 
einen dichten Vorhang zieht vor die Erlebnisse der Nacht. 
Die Erinnerung, daB man in der Nacht wahrgenommen hat, 



tritt nur ganz langsam und allmahlich ein. Denn der Schuler 
lernt nicht leicht auf die zarten Gebilde seiner Seele achten, 
die sich im Laufe seiner Entwickelung hineinmischen in 
die groben Erlebnisse des alltaglichen Sinneslebens. 
Anfangs erscheinen ihm solche Gebilde wie das, was man 
zufallige Eindriicke der Seele nennt. Alles kommt darauf 
an, daB er unterscheiden lernt, was er der gewohnlichen 
Welt verdankt von dem, was durch seine eigene Wesenheit 
als Kundgebung hoherer Welten sich darstellt. In einem 
stillen, in sich gekehrten Gemutsleben muB er sich diese 
Unterscheidung aneignen. Es ist notwendig, daB er sich erst 
ein Gefiihl davon erwerbe, welches der Wert und die 
Bedeutung der intimen Seelengebilde ist, die wie «zufallige 
Einfalle» sich in das Tagesleben einmischen und welche 
doch Erinnerungen an den nachtlichen Verkehr in einer 
hoheren Welt sind. Sobald man diese Dinge irgendwie grob 
anfaBt und sie mit dem MaBstab des Sinneslebens miBt, 
zerstieben sie. 

Es ist aus obigem ersichtlich, daB durch die Arbeit in 
einer hoheren Welt die Seele dem Leibe etwas von ihrer 
sonst fiirsorglichen Tatigkeit entziehen muB. Sie uberlaBt 
denselben in einer ge wis sen Beziehung sich selbst. Er 
braucht einen Ersatz fur das, was sie ihm vorher geleistet 
hat. Erhalt er einen solchen Ersatz nicht, so kommt er in die 
Gefahr, verderblichen Kraften zu verf alien. Man muB sich 
namlich dariiber klar sein, daB der Mensch fortwahrend den 
Einfliissen seiner Umgebung ausgesetzt ist. Er lebt ja nur 
durch die Einwirkungen dieser Umgebung. Zunachst 
kommen innerhalb der Umgebung die Reiche der 
sichtbaren Natur in Betracht. Der Mensch gehort dieser 
sichtbaren Natur an. Gabe es um ihn herum nicht 



das Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und dasjenige der 
anderen Menschen: er konnte nicht leben. Man denke sich 
den Menschen von der Erde hinweggehoben in den 
Weltenraum hinaus, er muBte als physischer Mensch so- 
gleich zugrunde gehen, wie die Hand verdorrt, wenn man 
sie vom Leibe trennt. So stark die Illusion ware, deren sich 
die menschliche Hand schuldig machte, wenn sie glaubte, 
sie konne ohne den Leib leben, so stark ware auch die 
Tauschung, in welche der Mensch verfiele, wenn er 
behauptete, er konne ohne das Mineral-, Tier-, 
Pflanzenreich und ohne die anderen Menschen als phy- 
sisches Wesen existieren. - Nun gibt es aber auBer den 
genannten Reichen noch drei andere, die sich fur ge- 
wohnlich der menschlichen Aufmerksamkeit entziehen. Es 
sind die drei Elementarreiche. Sie stehen in einer gewissen 
Beziehung unter dem Miner alreiche. Es gibt Wesen, die es 
nicht bis zur mineralischen Verdichtung bringen, die aber 
deshalb nicht weniger da sind und ihre Wirkung auf den 
Menschen haben. (Man vergleiche iiber diese 
Elementarreiche, was iiber sie in den Aufsatzen «Aus der 
Akasha-Chronik» gesagt ist, so wie die Bemerkungen 
dariiber in meiner «Theosophie».) Der Mensch ist somit 
Einflussen aus Naturreichen ausgesetzt, die in einer 
gewissen Richtung unsichtbare genannt werden miissen. 
Wenn nun die Seele am Leibe arbeitet, so besteht ein 
wesentlicher Teil ihrer Tatigkeit darin, die Einfllisse der 
Elementarreiche so zu regeln, daB sie fur den Menschen 
gedeihliche sind. - In dem Augenblicke nun, in dem die 
Seele ihre Tatigkeit zum Teil dem Leibe entzieht, konnen 
sich seiner verderbliche Krafte aus den Elementarreichen 
bemachtigen. Darin besteht eine 



Gefahr der hoheren Entwickelung. Es muB daher dafiir 
gesorgt werden, daB, sobald sich die Seele vom Korper 
zuriickzieht, er durch sich selbst nur guten Einfliissen von 
Seiten der elementaren Welt zuganglich ist. - Wird darauf 
nicht geachtet, so verkommt der gewohnliche Mensch in 
einer gewissen Beziehung physisch und auch moralisch, 
trotzdem er den Zugang zu hoheren Welten gewinnt. 
Wahrend die Seele in hoheren Gebieten lebt, nisten sich im 
dichten physischen Leib und im Atherleib schadliche 
Krafte ein. Dies ist der Grund, warum gewisse schlechte 
Eigenschaften, die vor der hoheren Entwickelung durch die 
ausgleichende Wirkung der Seele niedergehalten worden 
sind, bei Mangel an Vorsicht zum Ausdruck kommen 
konnen. Menschen, welche vorher gute, moralische 
Naturen waren, konnen unter solchen Umstanden dann, 
wenn sie an hohere Welten herantreten, allerlei niedrige 
Neigungen, erhohte Selbstsucht, Un-wahrhaftigkeit, 
Rachsucht, Zorn usw. usw. hervorkehren.-Niemand darf 
von dieser Tatsache sich zuruckschrecken lassen, in die 
hoheren Welten aufzusteigen; aber vorgesorgt muB werden, 
daB solche Dinge nicht eintreten. Die niedere Natur des 
Menschen muB gefestet und unzuganglich gemacht werden 
gefahrlichen elementarischen Einfliissen. Das eben 
geschieht durch die bewuBte Ausbildung gewisser 
Tugenden. Diese Tugenden werden in den theosophischen 
Handbuchern, welche von geistiger Entwickelung handeln, 
angegeben. Hier aber hat man den Grund, warum auf sie 
Sorgfalt gelegt werden muB. Es sind die folgenden. 

Zuerst muB der Mensch in ganz bewuBter Weise bei 
alien Dingen fortwahrend darauf bedacht sein, das Blei- 



bende, Unvergangliche von dem Verganglichen abzu- 
sondern, und auf das erstere seine Aufmerksamkeit richten. 
In jedem Dinge und Wesen kann der Mensch ein Etwas 
vermuten oder erkennen, das bleibt, wenn die vergangliche 
Erscheinung entschwindet. Sehe ich eine Pflanze, dann 
kann ich sie zunachst betrachten, wie sie sich den Sinnen 
darbietet. Das soil man gewiB nicht versaumen. Und 
niemand wird das Ewige in den Dingen entdecken, der sich 
nicht zuerst mit dem Verganglichen grundlich bekannt 
gemacht hat. Diejenigen, welche sich immer besorgt 
zeigen, daB dem Menschen, der den Blick auf das Geistig- 
Unvergangliche richtet, die «Frische und Naturlichkeit des 
Lebens» verlorengehe: sie wis sen eben noch nicht, um was 
es sich dabei eigentlich handelt. Aber, wenn ich so die 
Pflanze anschaue, kann mir klarwerden, daB in ihr ein 
bleibender Lebenstrieb ist, der in einer neuen zum 
Vorschein kommen werde, wenn die gegenwartige Pflanze 
langst zerstoben sein wird. Solche Art, sich zu den Dingen 
zu stellen, muB man in die ganze Verfassung seines 
Gemutes aufnehmen. - Dann muB man sein Herz auf das 
Wertvolle, Gediegene heften und dieses hoher schatzen 
lernen als das Vorubergehende, Bedeutungslose. Man soli 
sich bei alien seinen Empfindungen und Handlungen den 
Wert vor Augen halten, den etwas im Zusammenhange 
eines Ganzen hat. - Zum dritten soil man sechs 
Eigenschaften in sich ausbilden: Kontrolle der 
Gedankenwelt, Kontrolle der Handlungen, Ertragsamkeit, 
Unbefangenheit, Vertrauen in die Umwelt und inneres 
Gleichgewicht. Kontrolle der Gedankenwelt erreicht man, 
wenn man sich bemiiht, dem Irrlichtelieren der Gedanken 
und Emp- 



findungen, die beim gewohnlichen Menschen immer 
auf- und abwogen, entgegenzuarbeiten. Im alltaglichen 
Leben ist der Mensch nicht der Fuhrer seiner Gedanken; 
sondern er wird von ihnen getrieben. Das kann natlirlich 
auch gar nicht anders sein. Denn das Leben treibt den 
Menschen. Und er muB als ein Wirkender sich diesem 
Treiben des Lebens uberlassen. Wahrend des gewohn- 
lichen Lebens wird das gar nicht anders sein kbnnen. 
Will man aber in eine hohere Welt aufsteigen, so muB 
man sich wenigstens ganz kurze Zeiten aussondern, in 
denen man sich zum Herrn seiner Gedanken- und Emp- 
findungswelt macht. Man stellt da einen Gedanken aus 
volliger innerer Freiheit in den Mittelpunkt seiner Seele, 
wahrend sich sonst die Vorstellungen von auBen auf- 
drangen. Dann versucht man alle aufsteigenden Gedan- 
ken und Geftihle fernzuhalten und nur das mit dem 
ersten Gedanken zu verbinden, von dem man selbst will, 
daB es dazu gehbre. Eine solche Ubung wirkt wohltatig 
auf die Seele und dadurch auch auf den Leib. Sie bringt 
den letzteren in eine solche harmonische Verfassung, daB 
er sich schadlichen Einflussen entzieht, wenn die Seele 
auch nicht unmittelbar auf ihn wirkt. - Kontrolle der 
Handlungen besteht in einer ahnlichen Regelung der- 
selben durch innere Freiheit. Man beginnt gut damit, 
daB man sich anschickt, irgend etwas regelmaBig zu tun, 
wozu man durch das gewohnliche Leben nicht gekom- 
men ware. In dem letzteren wird ja der Mensch von 
auBen zu seinen Handlungen getrieben. Die kleinste Tat 
aber, die man aus der ureigensten Initiative heraus unter- 
nimmt, wirkt in der angegebenen Richtung mehr als 
alles, wozu man vom auBeren Leben gedrangt wird. - Er- 



tragsamkeit ist das Entfernthalten von jener Stimmung, die 
man bezeichnen kann mit dem Wechsel zwischen 
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betriibt». Der Mensch 
wird hin- und hergetrieben zwischen alien moglichen 
Stimmungen. Die Lust macht ihn froh, der Schmerz driickt 
ihn herab. Das hat seine Berechtigung. Wer aber den Weg 
sucht zu hoherer Erkenntnis, der muB sich in der Lust und 
auch im Schmerze maBigen konnen. Er muB «ertragsam» 
werden. MaBvoll muB er sich den lusterregenden 
Eindrucken hingeben konnen und auch den schmerzlichen 
Erlebnissen: immer durch beides mit Wiirde 
hindurchschreiten. Von nichts sich ubermannen, auBer 
Fassung bringen lassen. Das begrundet nicht 
Gefiihllosigkeit, sondern macht den Menschen zum festen 
Mittelpunkt innerhalb der Lebenswellen, die rings um ihn 
auf- und niedersteigen. Er hat sich stets in der Hand. 

Eine ganz besonders wichtige Eigenschaft ist der «Sinn 
fur die Bejahung». Es kann ihn derjenige bei sich 
entwickeln, welcher das Augenmerk in alien Dingen auf 
die guten, schonen und zweckvollen Eigenheiten richtet 
und nicht in erster Linie auf das Tadelnswerte, HaBliche 
und Wider spruchs voile. Es gibt eine schone, in der per- 
sischen Dichtung vorhandene Legende von Christus, die 
zur Anschauung bringt, was mit dieser Eigenschaft gemeint 
ist: Ein toter Hund liegt an einem Wege. Unter den an ihm 
Vorubergehenden ist auch Christus. Alle anderen wenden 
sich ab von dem haBlichen Anblick, den das Tier bietet; nur 
Christus spricht bewundernd von den schonen Zahnen des 
Tieres. So kann man den Dingen gegeniiber empfinden; 
in allem, auch dem 



Widrigsten, mag sich fur den, welcher ernstlich sucht, et- 
was Anerkennenswertes finden. Und das Fruchtbare an den 
Dingen ist ja nicht, was ihnen fehlt, sondern dasjenige, was 
sie haben. - Weiter ist bedeutsam, die Eigenschaft der 
«Unbefangenheit» zu entwickeln. Ein jeder Mensch hat ja 
seine Erfahrungen gemacht und sich dadurch eine 
bestimmte Menge von Meinungen gebildet, die ihm dann 
im Leben zur Richtschnur werden. So selbstverstandlich es 
auf der einen Seite ist, sich nach seinen Erfahrungen zu 
richten, so wichtig ist es fur den, welcher eine geistige 
Entwickelung zur hoheren Erkenntnis hin durchmachen 
will, daB er sich stets den Blick frei erhalt fur alles Neue, 
ihm noch Unbekannte, das ihm entgegentritt. Er wird so 
vorsichtig wie irgend moglich sein mit dem Urteil: «das ist 
unmoglich», «das kann ja gar nicht sein». Mag ihm seine 
Meinung nach den bisherigen Erfahrungen was immer 
sagen: er ist in jedem Augenblick bereit, sich von etwas 
Neuem, das ihm entgegenkommt, zu einer anderen 
Meinung bringen zu lassen. Jede Eigenliebe der Meinung 
gegeniiber muB schwinden. - Wenn die bisher genannten 
fiinf Eigenschaften von der Seele erworben sind, dann stellt 
sich eine sechste ganz von selbst ein: das innere Gleich- 
gewicht, die Harmonie der geistigen Krafte. Der Mensch 
muB etwas in sich finden wie einen geistigen Schwerpunkt, 
der ihm Festigkeit und Sicherheit gibt gegeniiber allem, 
was im Leben da- oder dorthin zieht. Man muB nicht etwa 
vermeiden, mit allem mitzuleben, alles auf sich wirken zu 
lassen. Nicht die Flucht vor den hin- und widerziehenden 
Tatsachen des Lebens ist das Richtige, sondern im 
Gegenteil: das voile Hingeben an das Leben 



und trotzdem die sichere, feste Bewahrung von innerem 
Gleichgewicht und Harmonie. 

Endlich kommt fur den Suchenden der «Wille zur 
Freiheit» in Betracht. Es hat ihn jemand, der zu allem, was 
er vollbringt, die Stutze und Grundlage in sich selbst findet. 
Er ist deshalb so schwer zu erringen, weil taktvoll der 
Ausgleich notwendig ist zwischen dem Offnen des Sinnes 
gegentiber allem GroBen und Guten und der gleichzeitigen 
Ablehnung eines jeglichen Zwanges. Man sagt so leicht: 
Einwirkung von auBen und Freiheit vertragen sich nicht. 
DaB sie sich in der Seele vertragen: darauf kommt es aber 
gerade an. Wenn mir jemand etwas mitteilt, und ich nehme 
es unter dem Zwange seiner Autoritat an: dann bin ich 
unfrei. Aber ich bin nicht minder unfrei, wenn ich mich 
verschlieBe vor dem Guten, das ich auf diese Art 
empfangen kann. Denn dann ubt in der eigenen Seele das 
Schlechtere, das ich habe, auf mich einen Zwang aus. Und 
bei der Freiheit kommt es nicht allein darauf an, daB ich 
nicht unter dem Zwange einer auBeren Autoritat stehe, 
sondern vor alien Dingen auch nicht unter derjenigen 
eigener Vorurteile, Meinungen, Empfindungen und 
Gefiihle. Nicht blinde Unterwerfung unter das Empfangene 
ist das Richtige, sondern sich von ihm anregen lassen, es 
ganz unbefangen aufnehmen, um sich «frei» dazu zu 
bekennen. Eine fremde Autoritat soil nicht anders als so 
wirken, daB man sich sagt: Ich mache mich gerade dadurch 
frei, daB ich ihrem Guten folge, d.h. es zu dem meinigen 
mache. Und eine auf der Geheimwissenschaft fuBende 
Autoritat will auch gar nicht anders als in dieser Art 
wirken. Sie gibt, was sie zu geben hat, nicht um selbst 



Macht liber den Beschenkten zu gewinnen, sondern allein 
darum, daB der Beschenkte durch die Gabe reicher und 
freier werde. 

Es ist auf die Bedeutung der angefiihrten Eigenschaften 
schon friiher bei Besprechung der «Lotusblumen» 
hinge wiesen worden. Dort wurde gezeigt, welche Bezie- 
hung sie zu der Entwickelung der zwolf blatterigen Lotus - 
blume in der Herzgegend und der daran sich schlieBenden 
Stromungen des Atherkorpers haben. Aus dem jetzt 
Gesagten ist ersichtlich, daB sie im wesentlichen die 
Aufgabe haben, dem physischen Korper des Suchenden 
jene Krafte entbehrlich zu machen, die ihm sonst wahrend 
des Schlafzustandes zugute kommen und die ihm wegen 
der Ausbildung entzogen werden mils sen. Unter solchen 
Einwirkungen entwickelt sich die imaginative Erkenntnis. 



DIE IMAGINATION 



Es ist ganz unmoglich, wirkliche Fortschritte in bezug auf 
das Vordringen in hohere Welten zu machen, ohne durch 
die Stufen der imaginativen Erkenntnis hindurchzugehen. 
Damit soil allerdings nicht gesagt sein, daB bei der 
Geheimschulung der Mensch eine gewisse Zeit hindurch 
auf dieser Stufe der Imagination unbedingt stehenbleiben 
miisse, so daB diese so etwas wie eine Schulklasse bilden 
miisse, die man abzusitzen hat. Es kann dies in gewissen 
Fallen notwendig sein, muB es aber durchaus nicht. Das 
hangt ganz davon ab, was der Geheimschuler erlebt hat, 
bevor er in die Geheimschulung eintritt. Es wird sich im 
weiteren Verlaufe dieser Auseinandersetzungen zeigen, daB 
in bezug darauf die geistige Umgebung des 
Geheimschulers von Bedeutung ist und daB sich auf das 
Verhaltnis zur geistigen Umgebung sogar ganz 
verschiedene Methoden des «Erkenntnispfades» 
begrunden. 

Es kann von auBerordentlicher Wichtigkeit sein, das 
Folgende zu wissen, wenn man sich auf den Weg der 
Geheimschulung begibt. Nicht nur als eine interessante 
Theorie kommt es in Betracht, sondern als etwas, dem man 
die mannigfaltigsten praktischen Gesichtspunkte wird 
entnehmen konnen, wenn man auf dem «Wege zur hoheren 
Erkenntnis» wirklich bestehen will. 

Man hort ja von solchen, welche eine hohere Ent- 
wickelung anstreben, oft sagen: Ich mochte mich geistig 
vervollkommnen, ich mochte «den hoheren Menschen» in 
mir ausbilden, aber nach den Erscheinungen der «astralen 
Welt» trage ich kein Verlangen. Dies ist begreif- 



lieh, wenn man in Betracht zieht, welche Schilderung von 
dieser «astralen Welt» sich in Buchern findet, die von 
diesen Dingen handeln. Da wird ja von Erscheinungen und 
Wesenheiten gesprochen, welche dem Menschen alle 
moglichen Gefahren bringen. Da wird gesagt, daB unter 
dem Einfliisse solcher Wesenheiten der Mensch nur gar zu 
leicht an seiner moralischen Gesinnung und intellektuellen 
Gesundheit Schaden nehmen konne. Es wird dem Leser 
nahegebracht, daB auf diesem Gebiete die Scheidewand 
zwischen «dem guten und dem bosen Pfade» einem 
«Spinnewebchen» an Dicke gleichkomme und der Fall in 
unermeBliche Abgriinde, der Absturz in vollige 
Verworfenheit nur allzu naheliege. - Es ist ganz gewiB 
unmoglich, solchen Behauptungen einfach zu 
widersprechen. Und doch ist der Standpunkt, den man in 
vielen Fallen dem Betreten des Geheimpfades gegeniiber 
einnimmt, keineswegs ein richtiger. Der einzig mogliche 
Gesichtspunkt ist vielmehr lediglich derjenige, welcher 
sagt: wegen der Gefahren darf niemand abgehalten werden, 
den Weg zur hoheren Erkenntnis zu gehen, aber es muB in 
jedem Falle streng dafiir gesorgt werden, daB diese 
Gefahren bestanden werden konnen. Das wird in manchen 
Fallen allerdings dazu fiihren, daB einem Menschen, der 
von einem Geheimlehrer Anweisungen zur Schulung 
erbittet, zunachst der Rat gegeben wird, mit dieser 
eigentlichen Schulung noch zu warten und erst gewisse 
Erfahrungen des gewohnlichen Lebens durchzumachen 
oder Dinge zu lernen, welche in der physischen Welt 
gelernt werden konnen. Es wird dann die Aufgabe des 
Geheimlehrers sein, dem suchenden Menschen die rechte 
Anleitung zu geben, um solche Er- 



fahrungen zu sammeln und solche Dinge zu lernen. In 
weitaus den meisten Fallen wird man es erleben, daB der 
Geheimlehrer zunachst so verfahrt. Wenn dann der S chiller 
nur genligend aufmerksam ist auf das, was ihm nun 
zustoBt, nachdem er mit dem Geheimlehrer in Verbindung 
getreten ist, dann wird er das Mannigfaltigste bemerken 
konnen. Er wird finden, daB er nunmehr wie durch 
«Zufall» Erlebnisse hat und Dinge beobachten kann, denen 
er ganz gewiB ohne die Verbindung mit dem Geheimlehrer 
nicht ausgesetzt gewesen ware. Wenn die Schuler das oft 
nicht bemerken und ungeduldig werden, dann liegt das nur 
darin, daB sie eben nicht die notige Aufmerksamkeit ihren 
Erlebnissen zuwenden. Man muB auch durchaus nicht 
glauben, daB sich die Wirkung des Geheimlehrers auf den 
Schuler in deutlich wahrnehmbaren 

«Zauberkunststuckchen» abspielt. Diese Wirkung ist 
vielmehr eine ganz intime Sache, und wer nach ihrer Natur 
und Wesenheit forschen will, ohne selbst schon eine 
gewisse Stufe der Geheimschulung erreicht zu haben, der 
wird ganz gewiB in die Irre gehen. Der Schuler fiigt sich 
selbst in jedem Falle ein Unrecht zu, wenn er ungeduldig 
darliber wird, daB er auf «Wartezeit» gesetzt ist. Er wird 
dadurch in bezug auf die Schnelligkeit seines Weges 
durchaus nicht aufgehalten. Im Gegenteil, sein 
Vorwartskommen wiirde gerade dadurch verlangsamt, 
wenn er zu friih mit der oft von ihm ungeduldig erwarteten 
Schulung beginnen wiirde. 

LaBt der Schuler die «Wartezeit» oder die sonstigen 
Ratschlage und Winke des Geheimlehrers in der richtigen 
Art auf sich wirken, so bereitet er sich tatsachlich dazu vor, 
gewissen Priifungen und Gefahren standzu- 



halten, die an ihn herankommen, wenn er der fur ihn 
unvermeindlichen Stufe der Imagination entgegentritt. - 
Unvermeidlich ist diese Stufe aus dem Grunde, weil jeder, 
der eine Verbindung mit der hoheren Welt ohne ihr 
Durchschreiten sucht, dies nur unbewuBt tun kann und 
dazu verurteilt ist, im Dunkeln zu tappen. Man kann sich 
ein dunkles Gefiihl von dieser hoheren Welt ohne die 
Imagination erwerben, man kann ohne sie gewiB zur 
Empfindung kommen, daB man mit «seinem Gotte» oder 
mit «seinem hoheren Selbst» vereinigt sei, aber zu einer 
wirklichen Erkenntnis mit vollem BewuBtsein in heller, 
lichter Klarheit kann man so nicht kommen. Deshalb ist 
auch alles Reden davon, daB man die 
Auseinandersetzungen mit den «niederen Welten» (der 
astralen und der devachanischen) nicht brauche, daB es sich 
nur darum handeln konne, daB der Mensch «den Gott in 
sich erwecke», nichts weiter als eine Illusion. -Wer damit 
zufrieden ist, dem soil in sein Streben nicht hineingeredet 
werden, und der Okkultist wird einem solchen auch nicht 
hineinreden. Aber der wahre Okkultismus hat mit solchem 
Streben gar nichts zu tun. Dieser fordert ja niemanden zur 
Schulerschaft unmittelbar auf. Wer aber seine Schulung 
sucht, dem will er nicht bloB eine dunkle Empfindung von 
seiner «Gottahnlichkeit» erwecken, sondern er sucht ihm 
die geistigen Augen zu of men fur das, was in hoheren 
Welten wirklich vorhanden ist. 

GewiB ist ja in jedem Menschen das «gottliche Selbst» 
enthalten. Aber das ist ja doch in jedem Wesen der Fall. Im 
Stein, in der Pflanze, im Tier ist auch das «gottliche 
Selbst» enthalten und wirksam. Aber nicht darauf kann 



es ankommen, dies so ganz im allgemeinen zu fiihlen und 
zu wissen, sondern darauf, wirklich in Verbindung zu 
treten mit den Offenbarungen dieses «gottlichen Selbstes». 
So wie derjenige nichts von der physischen Welt weiB, der 
sich nur immer wieder sagen kann: diese Welt enthalt in 
sich verhullt das «gottliche Selbst», so weiB auch derjenige 
nichts von hoheren Welten, welcher das «gottliche 
Geisterreich» nur in verschwommener, unbestimmter 
Allgemeinheit sucht. Man soil seine Augen offnen und die 
Offenbarung der Gottheit in den Dingen der physischen 
Welt, im Stein, in der Pflanze anschauen, nicht davon 
traumen, daB dies jedoch alles nur «Erscheinungen» seien 
und daB Gottes wahre Gestalt dahinter «verborgen» sei. 
Nein, Gott offenbart sich in seinen Schopfungen, und wer 
Gott erkennen will, muB das Wesen dieser Schopfungen 
erkennen lernen. Deshalb muB man auch das wirklich 
anschauen lernen, was in hoheren Welten vorgeht und lebt, 
wenn man das «G6ttliche» erkennen will. Das BewuBtsein, 
daB der «Gottmensch» in einem lebt, kann hochstens den 
Anfang bilden. Aber dieser Anfang wird, wenn er in 
rechter Weise erlebt wird, zum Antrieb, wirklich 
aufzusteigen in die hoheren Welten. Das kann man aber 
nur, wenn man die geistigen «Sinne» dazu in sich 
ausbildet. Alles andere stellt sich ja doch nur auf den 
Standpunkt: Ich will bleiben, wie ich bin, und nur 
erreichen, was mir so zu erreichen moglich ist. Der 
Standpunkt des Okkultismus ist aber, ein anderer Mensch 
zu werden, damit man anderes als das Gewohnliche 
schauen und erleben kann. 

Und dazu ist eben der Durchgang durch die imaginative 
Erkenntnis notwendig. Es ist gesagt worden, daB 



diese Stufe der Imagination nicht aufgefaBt zu werden 
braucht wie eine Schulklasse, die man durchaus «absitzen» 
miisse. Das ist so zu verstehen, daB es namentlich in 
unsrem gegenwartigen Leben Personen gibt, welche solche 
Vorbedingungen mitbringen, daB der Geheimlehrer bei 
ihnen gleichzeitig oder wenigstens/as£ gleichzeitig mit der 
imaginativen Erkenntnis die inspirierte und die intuitive 
hervorrufen kann. Aber es darf durchaus nicht so 
verstanden werden, als ob es irgend jemand geben konnte, 
dem der Durchgang durch die Imagination zu ersparen 
ware. 

Auf den Grund der Gefahr innerhalb der imaginativen 
Erkenntnis ist ja in meiner Schrift «Wie erlangt man 
Erkenntnis se der hoheren Welten?» bereits hingedeutet 
worden. Dieser Grund liegt darin, daB der Mensch beim 
Eintritte in diese Welt gewissermaBen den Boden unter den 
FuBen verliert. Wodurch er in der physischen Welt 
Festigkeit hat, das geht ihm zunachst scheinbar ganz 
verloren. Nimmt man in dieser physischen Welt etwas 
wahr, so fragt man sich: Woher kommt diese 
Wahrnehmung? Man tut das ja zumeist unbewuBt. Aber 
man ist sich eben «unbewuBt» dariiber klar, daB die 
Ursachen der Wahrnehmungen die Gegenstande «drauBen 
im Raume» sind. Die Farben, die Tone, die Geruche gehen 
von diesen Gegenstanden aus. Man sieht nicht 
freischwebende Farben, man hort nicht Tone, ohne daB 
man sich bewuBt werden konnte, an welchen Gegenstanden 
diese Farben als Eigenschaften «haften», von welchen 
Gegenstanden die Tone herruhren. Dieses BewuBtsein, daB 
die Gegenstande und Wesenheiten sie verursachen, gibt 
den physischen Wahrnehmungen und 



damit dem Menschen selbst Festigkeit und einen sicheren 
Halt. Hat jemand Wahrnehmungen ohne auBere Ursache, 
so spricht man von abnormen, krankhaften Zustanden. 
Man nennt solche ursachlose Wahrnehmungen Illusionen, 
Halluzinationen, Visionen. 

Nun zunachst ganz auBerlich betrachtet besteht die 
ganze imaginative Welt aus solchen Halluzinationen, Vi- 
sionen und Illusionen. Es ist gezeigt worden in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», wie durch 
die Geheimschulung kunstlich solche Visionen usw. 
erzeugt werden. Durch das Hinlenken des BewuBtseins auf 
ein Samenkorn oder auf eine absterbende Pflanze werden 
gewisse Gestalten vor die Seele gezaubert, die nichts 
weiter zunachst sind als Halluzinationen. Die 
«Flammenbildung», von der dort gesagt wurde, daB sie in 
der Seele auftreten kann durch die Betrachtung einer 
Pflanze oder dergleichen und die sich nach einer Zeit ganz 
loslost von der Pflanze, ist, auBerlich betrachtet, einer 
Halluzination gleich zu achten. Und so geht es noch weiter 
in der Geheimschulung, wenn man in die imaginative Welt 
eintritt. Das, wovon man gewohnt war, daB es von den 
Dingen «drauBen im Raum» ausgeht oder ihnen als 
Eigenschaft «anhaftet», die Farben, Tone, Geruche usw., 
erfiillen nun freischwebend den Raum. Die 
Wahrnehmungen losen sich los von alien auBeren Dingen 
und schweben frei im Raume oder fliegen darin herum. 
Und man weiB dabei doch ganz genau, daB die Dinge, die 
man da vor sich hat, diese Wahrnehmungen nicht 
hervorgebracht haben, daB man sie vielmehr «selbst» 
verursacht hat. So kommt es, daB man meinen muB, man 
habe «den Boden unter den FuBen verloren». 



Im gewohnlichen Leben in der physischen Welt muB man 
sich ja gerade davor hiiten, Vorstellungen zu haben, die 
nicht von den Dingen herriihren, die sozusagen ohne 
«Grund und Boden» sind. Zur Hervorrufung der imagi- 
nativen Erkenntnis aber kommt es gerade darauf an, 
zunachst Farben, Tone, Geriiche usw. zu haben, die ganz 
losgelost von alien Dingen «frei im Raume schweben». 

Nun muB die nachste Stufe der imaginativen Erkenntnis 
darin bestehen, einen neuen «Grund und Boden» fur die 
herrenlos gewordenen Vorstellungen zu finden. Das muB 
eben in der anderen Welt geschehen, die sich jetzt 
offenbaren soil. Es bemachtigen sich neue Dinge und 
Wesenheiten dieser Vorstellungen. In der physischen Welt 
«haftet» z.B. die blaue Farbe an einer Kornblume. In der 
imaginativen Welt darf sie nun auch nicht «freischwebend» 
bleiben. Sie stromt gleichsam zu einer Wesenheit hin, und 
wahrend sie noch vorher herrenlos war, wird sie jetzt der 
Ausdruck einer Wesenheit. Es spricht etwas durch sie zu 
dem Beobachter, was dieser eben nur innerhalb der 
imaginativen Welt wahrnehmen kann. Und so sammeln 
sich die «freischwebenden» Vorstellungen um bestimmte 
Mittelpunkte. Und man wird gewahr, daB Wesen durch sie 
zu uns sprechen. Und wie es in der physischen Welt 
korperliche Dinge und Wesenheiten sind, an denen Farben, 
Geriiche und Tone usw. «haften» oder von denen sie her- 
stammen, so sprechen sich jetzt «geistige Wesenheiten» 
durch sie aus. Diese «geistigen Wesenheiten» sind ja tat- 
sachlich immer da; sie umschwirren den Menschen 
bestandig. Aber sie konnen sich diesem nicht offenba- 



ren, wenn er nicht die Gelegenheit dazu gibt. Und diese 
Gelegenheit gibt er nur dadurch, daB er in sich die 
Fahigkeit hervorruft, Tone, Farben usw. auch dann vor 
seiner Seele entstehen zu lassen, wenn diese durch keinen 
physischen Gegenstand veranlaBt werden. 

Ganz anders sind die «geistigen Tatsachen und We- 
senheiten» als die Dinge und Wesen der physischen Welt. 
Es ist nicht ganz leicht, in der gewohnlichen Sprache einen 
Ausdruck zu finden, welcher die Verschiedenheit auch nur 
annahernd charakterisiert. Vielleicht kommt man der Sache 
am nachsten, wenn man sagt: in der imaginativen Welt 
spricht alles so zum Menschen, wie wenn es unmittelbar 
intelligent ware, wahrend in der physischen Welt auch die 
Intelligenz nur auf dem Umwege durch die physische 
Korperlichkeit sich offenbaren kann. Das macht eben die 
Beweglichkeit und Freiheit der imaginativen Welt aus, daB 
das Zwischenglied der auBeren Dinge fehlt, daB das 
Geistige ganz unmittelbar in den freischwebenden Tonen, 
Farben usw. sich auslebt. 

Nun liegt der Grund zu einer Gefahr, welche dem 
Menschen von dieser Welt droht, darin, daB er die AuBe- 
rungen der «geistigen Wesen» wahrnimmt, aber nicht diese 
Wesen selbst. Es ist das namlich so lange der Fall, als er 
nur in der imaginativen Welt bleibt und zu keiner hoheren 
aufsteigt. Erst die Inspiration und die Intuition fiihren ihn 
allmahlich zu diesen Wesen selbst hin. -Wollte aber der 
Geheimlehrer diese letzteren vorschnell erwecken, ohne 
den Schiiler grundlich in das imaginative Gebiet 
einzufuhren, dann wiirde die hohere Welt nur 



ein schatten- und schemenhaftes Dasein erhalten. Die 
ganze herrliche Fiille der Bilder ginge verloren, in denen 
sie sich offenbaren muB, wenn man wirklich in sie ein- 
treten soil. - In dieser Tatsache liegt der Grund, warum der 
Geheimschuler einen «Fuhrer» oder einen «Guru» braucht, 
wie man in der Geheimwissenschaft eben diesen Fiihrer 
nennt. 

Fur den S chiller ist namlich die imaginative Welt an- 
fangs wirklich eine bloBe «Bilderwelt», von der er vielfach 
nicht weiB, was sie ausdriickt. Der Geheimlehrer aber weiB, 
auf welche Dinge und Wesenheiten sich diese Bilder in 
einer noch hoheren Welt beziehen. Hat der Schuler zu ihm 
Vertrauen, so kann er wis sen, daB sich ihm spater 
Zusammenhange offenbaren werden, welche er vorlaufig 
noch nicht durchschaut. In der physischen Welt waren die 
Gegenstande im Raume selbst die Fiihrer. Er war imstande, 
die Richtigkeit seiner Vorstellungen zu priifen. Die 
korperliche Wirklichkeit ist der «Fels», an dem alle 
Halluzinationen und Illusionen zerschellen miissen. Dieser 
Fels verschwindet in einen Abgrund, wenn man in die 
imaginative Welt eintritt. Und deshalb muB als ein anderer 
solcher «Fels» der «Fuhrer» eintreten. An dem, was er dem 
Schuler zu bieten vermag, muB dieser die Wirklichkeit der 
neuen Welt empfinden. Man kann daraus ermessen, wie 
groB das Vertrauen in den Fiihrer sein muB in jeder 
Geheimschulung, welche dieses Namens wirklich wert ist. 
Sobald man an den Fiihrer nicht mehr glauben kann, ist es 
ja in dieser hoheren Welt so, wie wenn einem in der 
physischen plotzlich alles genommen wiirde, worauf man 
den Glauben an die Wirklichkeit seiner Wahrnehmungen 
gebaut hat. 



AuBer dieser einen Tatsache gibt es nun noch eine 
andere, durch welche der Mensch in Verwirrung gesetzt 
werden konnte, wenn er sich ohne Fiihrung in die imagi- 
native Welt begeben wollte. Es lernt namlich der Ge- 
heimschuler von alien geistigen Wesenheiten in erster 
Linie sich selbst kennen. In dem physischen Leben hat der 
Mensch Gefiihle, Begierden, Wiinsche, Leidenschaften, 
Vorstellungen usw. Zwar werden diese alle von den 
Dingen und Wesenheiten der auBeren Welt veranlaBt, aber 
der Mensch weiB ganz genau, daB sie seine innere Welt 
bilden, und er unterscheidet sie als das, was in seiner Seele 
vorgeht, von den Gegenstanden der AuBenwelt. Sobald 
aber der imaginative Sinn erweckt ist, hort diese 
Leichtigkeit des Unterscheidens ganz auf. Seine eigenen 
Gefiihle, Vorstellungen, Leidenschaften usw. treten 
buchstablich aus ihm heraus, nehmen Gestalt, Farbe und 
Ton an. Er steht ihnen jetzt so gegeniiber wie in der 
physischen Welt ganz fremden Gegenstanden und 
Wesenheiten. Und daB die Verwirrung eine vollstandige 
werden kann, wird man begreifen, wenn man sich an das 
erinnert, was in dem Kapitel «Uber einige Wirkungen der 
Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» gesagt worden ist. Dort ist ja nichts 
anderes geschildert als die Art, wie die imaginative Welt 
fur den Beobachter auftritt. Es erscheint namlich in ihr 
alles umgekehrt, wie im Spiegelbilde. Was vom Menschen 
ausstromt, erscheint so, als wenn es von auBen an ihn 
herankommen wollte. Ein Wunsch, den er hegt, verwandelt 
sich in eine Gestalt, beispielsweise in die Form eines 
phantastisch aussehenden Tieres, oder auch wohl eines 
menschen- 



ahnlichen Wesens. Dieses scheint ihn zu besturmen, einen 
Angriff auf ihn auszufiihren oder ihn auch zu veranlassen, 
dieses oder jenes zu tun. So kann es kommen, daB der 
Mensch sich vorkommt als umgeben und umflattert von 
einer ganz phantastischen, oft reizvollen und 
verfiihrerischen, oft auch grausigen Welt. In Wahrheit stellt 
diese nichts anderes vor als seine eigenen Gedanken, 
Wiinsche und Leidenschaften, welche in Bilder verwandelt 
sind. - Man wiirde sich einem groBen Irrtum hingeben, 
wenn man glauben wollte, daB die Unterscheidung dieses 
in Bilder verwandelten Selbstes von der wirklichen 
geistigen Welt leicht sei. Zunachst ist es fur den Schuler 
geradezu unmoglich, diese Unterscheidung wirklich zu 
vollziehen. Denn es kann genau dasselbe Bild ebensogut 
von einem geistigen Wesen herruhren, welches zu dem 
Menschen spricht, wie von irgend etwas im Innern der 
Seele. Und ubereilt der Mensch gerade dabei etwas, so 
setzt er sich der Gefahr aus, daB er die beiden Dinge nie 
ordentlich voneinander zu trennen lernt. Die groBte 
Vorsicht ist dabei geboten. - Nur noch groBer wird die 
Verwirrung dadurch, daB die eigenen Wiinsche und 
Begierden der Seele sich in Bilder kleiden, die genau den 
entgegengesetzten Charakter von dem tragen, was sie 
wirklich sind. Man nehme z.B. an, die Eitelkeit kleide sich 
auf diese Art in ein Bild. Sie kann auftreten als eine 
liebreizende Gestalt, welche die wunderbarsten Dinge 
verspricht, wenn man ausfuhrt, was sie angibt. Diese ihre 
Angaben scheinen etwas durchaus Gutes, Erstrebenswertes 
in Aussicht zu stellen; folgt man ihnen, so stiirzt man sich 
in sein moralisches oder sonstiges Verderben. Umgekehrt 
kann sich eine gute 



Eigenschaft der Seele in ein unsympathisches Kleid hiillen. 
Nur dem wirklichen Kenner ist es moglich, da zu 
unterscheiden, und nur eine Personlichkeit, die gar nicht 
wankend gemacht werden kann in bezug auf ein richtiges 
Ziel, ist sicher gegeniiber den Verfuhrungskiinsten der 
eigenen Seelenbilder. - Man wird in Anbetracht von alle- 
dem zugeben, wie notwendig die Fiihrung eines Lehrers 
ist, der mit sicherem Sinn den Schuler aufmerksam macht, 
was auf diesem Gebiet Trugbild und was Wahrheit ist. 
Nicht zu glauben aber braucht man, daB dieser Lehrer 
immer hinter dem Schuler stehen muB. Das raumliche 
Beisammensein mit dem Lehrer ist es durchaus nicht, 
worauf es beim Geheimschuler immer ankommt. GewiB 
gibt es Augenblicke, wo ein solches raumliches 
Beisammensein wiinschenswert, und auch solche, wo es 
durchaus notwendig ist. Aber anderseits findet der Ge- 
heimlehrer auch die Mittel, um mit dem Schuler in Ver- 
bindung zu bleiben, auch bei raumlicher Entfernung. Und 
zudem kommt in Betracht, daB manches, was zwischen 
Lehrer und Schuler auf diesem Gebiete bei einem 
Beisammensein vorgeht, oftmals monate-, vielleicht 
jahrelang nachwirken kann. Eines aber gibt es, was sicher 
den notwendigen Zusammenhang zwischen Lehrer und 
Schuler zerreiBen muB. Das tritt dann ein, wenn der letztere 
das Vertrauen zu dem ersteren verliert. - Und besonders 
schlimm ist es, wenn dieses Vertrauensband sich lost, ehe 
der Schuler unterscheiden gelernt hat die Vorspiegelungen 
der eigenen Seele von der wahren Wirklichkeit. 

Nun konnte man vielleicht sagen: ja, wenn auf diese Art 
ein solches Gebundensein an den Lehrer eintritt, so 



verliert ja der Geheimschuler alle Freiheit und Selbstan- 
digkeit. Er gibt sich sozusagen dem Lehrer ganz in die 
Hand. Doch gerade dies ist in Wahrheit gar nicht der Fall. 
Allerdings gibt es Unterschiede in bezug auf die 
Abhangigkeit vom Lehrer in den verschiedenen Methoden 
der okkulten Schulung. Diese Abhangigkeit kann eine 
groBere oder geringere sein miissen. Sie ist die 
verhaltnismaBig groBte bei derjenigen Methode, welche 
von den Okkultisten des Orients befolgt wurde und von 
diesen auch heute noch als die ihrige gelehrt wird. In viel 
geringerem MaBe ist diese Abhangigkeit von einem Men- 
schen schon bei der sogenannten christlichen Einweihung 
vorhanden. Und eigentlich vollig in Wegfall kommt sie bei 
demjenigen Erkenntnispfade, der seit dem vierzehnten 
Jahrhundert von den sogenannten Geheimschulen der 
Rosenkreuzer angegeben wird. Bei diesem kann zwar nicht 
der Lehrer wegfallen, denn das ist unmoglich. Aber es hort 
wahrhaft jede Abhangigkeit von ihm auf. Wie das moglich 
ist, wird aus der Fortsetzung dieser Darstellung zu ersehen 
sein. Darinnen wird namlich genau geschildert werden, 
wodurch sich diese drei «Erkenntnispfade» unterscheiden: 
der orientalische, der christliche und der rosenkreuzerische. 
Bei dem letzteren kommt namlich gar nichts in Betracht, 
was einen modernen Menschen irgendwie in seinem 
Freiheitsgefiihl storen konnte. Auch wird in dieser 
Fortsetzung geschildert werden, wie die eine oder die 
andere Person als Geheimschuler dazu kommen kann, auch 
gegenwartig, im modernen Europa, nicht den 
rosenkreuzerischen Weg zu gehen, sondern den 
orientalischen oder den alteren christlichen, obgleich der 
rosenkreuzerische gegenwartig der natiirlichste ist. Dieser 



ist, wie man im weiteren Verlauf sehen wird, nicht etwa 
unchristlich. Es kann ihn ein Mensch gehen, ohne sein 
Christentum zu gefahrden, und es kann ihn auch ein 
Mensch gehen, der auf der vollen Hohe moderner wissen- 
schaftlicher Weltanschauung zu stehen vermeint. 

Ein anderes konnte aber vielleicht noch der Erklarung 
bedtirfen. Man konnte sich versucht fiihlen zu fragen, ob 
denn nicht dem Geheimschuler erspart bleiben konnte, 
durch die Vorspiegelungen seiner eigenen Seele hin- 
durchzugehen. Geschahe das, so wiirde er eben nie zu der 
fur ihn so wiinschenswerten selbstandigen Unterscheidung 
kommen. Denn durch nichts kann die ganz eigenartige 
Natur der imaginativen Welt anschaulicher werden als 
durch die Betrachtung der eigenen Seele. Der Mensch 
kennt ja das Innenleben seiner Seele zunachst von der 
einen Seite. Er steckt eben darinnen. Und das muB ja der 
Geheimschuler gerade lernen: die Dinge nicht nur von 
auBen anzuschauen, sondern sie so zu beobachten, als ob er 
in ihnen alien darinnensteckte. Tritt ihm nun seine eigene 
Gedankenwelt so wie etwas Fremdes entgegen, dann lernt 
er eben dadurch ein Ding, das er schon von einer Seite her 
kennt, auch noch von der anderen Seite kennen. Er muB 
gewissermaBen sich selbst das erste Beispiel einer solchen 
Erkenntnis werden. Von der physischen Welt her ist er ja 
an etwas ganz anderes gewohnt. Da erblickt er alle anderen 
Dinge immer nur von auBen, sich selbst aber erlebt er nur 
vom Innern. Er kann, solange er in der physischen Welt 
verbleibt, nie hinter die Oberflache der Dinge hineinsehen. 
Und er kann niemals aus sich herausgehen, gleichsam «aus 
seiner eigenen Haut fahren», um sich von auBen zu 
beobach- 



ten. Das letztere obliegt ihm buchstablich bei der Ge- 
heimschulung zuerst, und mit Hilfe dessen lernt er dann, 
auch auBeren Tatsachen und Wesenheiten hinter die 
Oberflache zu schauen. 



DIE INSPIRATION 



Aus der Schilderung der Imagination ist ersichtlich ge- 
worden, wie durch sie der Geheimschuler den Boden der 
auBeren sinnlichen Erlebnisse verlaBt. In einem noch viel 
hoheren Grade ist dieses der Fall in der Inspiration. Bei ihr 
liegt dem Vorstellen noch viel weniger von dem zugrunde, 
was man als eine aufiere Anregung bezeichnen kann. Der 
Mensch muB da in sich selbst die Kraft finden, welche es 
ihm moglich macht, iiber etwas sich Vorstellungen zu 
bilden. Er muB in einem viel hoheren Grade innerlich tatig 
sein, als dies bei der auBeren Erkenntnis der Fall ist. Bei 
dieser gibt er sich eben den auBeren Eindrticken hin, und 
sie verursachen in ihm die Vorstellungen. Diese Hingabe 
fallt bei der Inspiration weg. Es liefern nunmehr keine 
Augen Farben, keine Ohren Tone usw. Aller Inhalt des 
Vorstellens muB gewissermaBen durch eigene Tatigkeit, 
also durch rein geistig-seelische Vorgange geschaffen 
werden. Und in dasjenige, was so der Mensch durch die 
Tatigkeit seines Innern schafft, muB sich die Offenbarung 
der hoheren wirklichen Welt hineinpragen. Ein eigenartiger 
Widerspruch scheint in einer solchen Beschreibung der 
hoheren Erkenntniswelt aufzutreten. Der Mensch soil in 
einer ge wis sen Art der Schopfer seiner Vorstellungen sein; 
und doch diirfen diese Vorstellungen selbstverstandlich 
nicht seine Geschopfe sein; sondern durch sie mils sen sich 
die Vorgange der hoheren Welt ebenso zum Ausdruck 
bringen, wie sich in den Wahrnehmungen der Augen, 
Ohren usw. die Vorgange der niederen Welt zum Ausdruck 
bringen. Es ist das aber ein Widerspruch, der sich 



in der Schilderung dieser Erkenntnisart finden muB. Denn 
das ist es gerade, was sich der Geheimschuler auf dem 
Wege zur Inspiration aneignen muB, daB er auf dem Wege 
seiner inneren Tatigkeit etwas zustande bringt, wozu er in 
dem gewohnlichen Leben von auBen gezwungen wird. - 
Warum verlaufen im gewohnlichen Leben die 
Vorstellungen nicht willkurlich? Weil der Mensch sich bei 
seinem Vorstellen nach den auBeren Gegenstanden richten 
muB. Alle Willkur des «Ich» fallt weg, weil die 
Gegenstande sagen: so oder so sind wir. Da sprechen die 
Gegenstande, wie sie vorgestellt werden sollen, das «Ich» 
hat nichts dariiber zu bestimmen. Wer sich den 
Gegenstanden nicht fiigen will, der stellt sich eben 
Unrichtiges vor; und er wiirde bald gewahr werden, wie 
wenig er damit in der Welt zurechtkame. Man kann dieses 
notwendige Verhalten des Menschen zu den Dingen der 
AuBenwelt in der Erkenntnis mit dem Ausdruck «selbstlos» 
bezeichnen. Der Mensch muB sich selbstlos zu den Dingen 
verhalten. Und die AuBenwelt ist sein Lehrmeister in dieser 
Selbstlosigkeit. Sie benimmt ihm alle Illusionen, alle 
Phantastereien, alle unlogischen Urteile, alles Unsachliche, 
indem sie ihm einfach ihr richtiges Bild vor die Sinne stellt. 

Will der Mensch sich fur die Inspiration vorbereiten, so 
muB er sein Inneres so weit bringen, daB ihm diese 
Selbstlosigkeit eigen ist, auch wenn nichts von auBen dazu 
zwingt. Er muB innerlich schaffen lernen, jedoch so, daB 
sein «Ich» bei diesem Schaffen nicht im geringsten eine 
eigenmachtige Rolle spielt. Die Schwierigkeiten, welche in 
Betracht kommen, um eine solche 



Selbstlosigkeit zu erringen, werden um so deutlicher 
sichtbar, je besser man beriicksichtigt, welche Seelenkrafte 
fur die Inspiration besonders in Betracht kommen. - Man 
unterscheidet die drei Grundkrafte des seelischen Lebens: 
Vorstellen, Fiihlen und Wollen. Bei dem gewohnlichen 
Sinneserkennen sind die Vorstellungen durch die auBeren 
Gegenstande angeregt. Und durch diese von auBen 
angeregten Vorstellungen bekommen auch das Fiihlen und 
das Wollen ihre bestimmten Richtungen. Der Mensch sieht 
z.B. einen Gegenstand; dieser bereitet ihm Lust, 
infolgedessen begehrt er die betreffende Sache. Die Lust 
sitzt im Gefuhle; durch dieses wird der Wille erregt, wie es 
selbst sein Geprage von dem Vorstellen erhalten hat. Der 
letzte Grund aber von Vorstellen, Fiihlen und Wollen ist 
der auBere Gegenstand. - Ein anderer Fall ware dieser. Ein 
Mensch erlebt ein Ereignis. Dieses bereitet ihm Angst. Er 
lauft von dem Schauplatze des Ereignisses hinweg. Auch 
hier sind die auBeren Vorgange der erste Grund; sie 
kommen durch die Sinne zur Wahrnehmung, werden 
Vorstellungen, das Gefiihl der Angst stellt sich ein; und der 
Wille - der sich im Davonlaufen verwirklicht - ist die 
Folge. Bei der Inspiration fallt ein auBerer Gegenstand in 
dieser Form weg. Die Sinne kommen fur eine 
Wahrnehmung nicht in Betracht. Sie also konnen auch 
nicht die Anreger von Vorstellungen sein. Von dieser Seite 
aus wird auf Fiihlen und Wollen kein EinfluB ausgeiibt. - 
Nun sind es aber gerade diese beiden, aus denen, wie aus 
einem Mutterboden, bei der Inspiration innerlich die 
Vorstellungen aufsteigen, gleichsam herauswachsen. Und 
es werden wahre Vorstellungen erwachsen, wenn der 
Mutterboden 



ein gesunder ist, Irrtiimer und Wahngebilde, wenn er ein 
ungesunder ist. 

So gewiB als die Inspirationen, welche aus einem ge- 
sunden Fiihlen und Wollen entspringen, Offenbarungen 
einer hoheren Welt sein konnen, so gewiB entspringen aus 
einem wiisten Fiihlen und Wollen die Irrtiimer, 
Tauschungen und Phantastereien iiber eine hohere Welt. 

Die Geheimschulung stellt sich deshalb die Aufgabe, 
dem Menschen die Mittel zu zeigen, welche ihn befahigen, 
seine Gefiihle und seine Willensimpulse zu gesund- 
fruchtbaren fur die Inspiration zu machen. Wie in alien 
Dingen der Geheimschulung hat man es auch hier mit einer 
intimen Regelung und Gestaltung des Seelenlebens zu tun. 
Man muB sich zunachst gewisse Gefiihle aneignen, die man 
im gewohnlichen Leben nur in einem geringen Grade 
kennt. Es sollen hier einige von diesen Gefiihlen 
angedeutet werden. Zu den wichtigsten gehort eine hohere 
Empfindlichkeit gegenuber von «wahr» und «unwahr» , 
von «richtig» und «unrichtig». GewiB hat ja auch der 
gewohnliche Mensch ahnliche Gefiihle. Sie miissen aber 
eben bei dem Geheimschuler in einem viel hoheren MaBe 
ausgebildet werden. Man nehme an, jemand begehe einen 
logischen Fehler: ein anderer sieht diesen Fehler ein, und er 
stellt die Sache richtig. Man mache sich klar, wie groB der 
Anteil des Urteiles, des Verstandes bei einem solchen 
Richtigstellen ist und wie gering das Gefiihl der Lust beim 
Richtigen, der Unlust beim Unrichtigen Wohlgemerkt, es 
soli durchaus nicht behauptet werden, daB die Lust und ent- 
sprechend die Unlust gar nicht vorhanden seien. Aber 



der Grad, in dem sie im gewohnlichen Leben vorhanden 
sind, muB sich in der Geheimschulung ins Unbegrenzte 
steigern. Ganz systematisch muB der Geheimschuler die 
Aufmerksamkeit auf sein Seelenleben lenken: und er muB 
es dahin bringen, daB ihm das logisch Unrichtige eine 
Quelle des Schmerzes wird, der durchaus nicht hinter 
einem physischen Schmerze zuruckbleibt; und in um- 
gekehrter Art muB ihm das «Richtige» wirkliche Freude 
oder Lust bereiten. Wo also ein anderer nur seinen Ver- 
stand, seine Urteilskraft in Bewegung bringt, muB der 
Geheimschuler lernen, die ganze Stufenfolge von Ge- 
fiihlen, vom Schmerz bis zum Enthusiasmus, von der 
wehevollen Spannung bis zur entziickenden Losung im 
Besitz der Wahrheit zu durchleben. Ja, er muB etwas wie 
HaB empfinden lernen gegen dasjenige, was beim «nor- 
malen» Menschen nur als ein nuchtern-kaltes «Unrich- 
tiges» erlebt wird; er muB eine Liebe zur Wahrheit in sich 
entwickeln, welche einen ganz personlichen Charakter 
tragt; so personlich, so warm wie der Liebende der Ge- 
liebten gegeniiber empfindet. - Man wird j a gewiB auch in 
den Kreisen unserer «Gebildeten» vielfach von der «Liebe 
zur Wahrheit» reden; doch ist das, was man da meint, eben 
gar nicht zu vergleichen mit dem, was der Geheimschuler 
in stiller, innerer Seelenarbeit nach dieser Richtung 
durchmachen muB. Er muB sich geduldig immer wieder 
probe weise dieses oder jenes «Wahre», dieses oder jenes 
«Falsche» vorlegen; und sich der Sache hingeben, um nicht 
bloB seine Urteilskraft zu schulen, die nuchtern 
unterscheidet zwischen «wahr» und «falsch», sondern er 
muB zu dem alien ein ganz personliches Verhaltnis 
gewinnen. - Es ist durchaus richtig, daB der 



Mensch im Anfange einer solchen Schulung in das ver- 
fallen kann, was man «Uberempfindlichkeit» nennen mag. 
Ein unrichtiges Urteil, das er in seiner Umgebung hort, eine 
Inkonsequenz usw. konnen ihm einen schier unertraglichen 
Schmerz bereiten. - Es muB deshalb bei der Schulung auf 
diese Sache Rucksicht genommen werden. Denn geschahe 
das nicht: dann konnten sich allerdings groBe Gefahren fur 
das Seelengleichgewicht des Schiilers ergeben. Wird 
daraufgesehen, daB der Charakter fest bleibt, dann konnen 
Sturme im Seelenleben sich abspielen, und der Mensch hat 
doch die Kraft, in harmonischer Miene und Gebarde mit 
der AuBenwelt zu leben. Ein Fehler ist in jedem Falle 
gemacht, wo der Geheimschuler zu einem Gegensatze 
gegenliber der AuBenwelt gebracht wird, so daB er diese 
unertraglich findet oder gar aus ihr fliehen will. Die hohere 
Gefiihlswelt darf sich nicht auf Kosten des gleichmaBigen 
Wirkens und Ar-beitens in der AuBenwelt entwickeln; 
deshalb muB der inneren Erhohung des Gefiihlslebens eine 
Starkung der Widerstandskraft gegenliber den auBeren 
Eindriicken entsprechen. Die praktische Geheimschulung 
weist daher den Menschen an, niemals die obengenannten 
Ubungen zur Schulung seiner Gefiihlswelt zu unternehmen, 
ohne sich zugleich auch nach der Richtung zu entwickeln, 
daB er ein Verstandnis dafiir gewinnen konne, was das 
Leben an Toleranzempfindung von dem Menschen fordert. 
Er muB zugleich in sich den lebendigsten Schmerz 
empfinden konnen, wenn z.B. ein Mensch ein unrichtiges 
Urteil abgibt, und vollkommen tolerant sein konnen gegen 
diesen Menschen, weil der Gedanke in der Seele ebenso 
lebhaft da ist: dieser 



Mensch mufi so urteilen, und es ist mit seinem Urteile wie 
mit einer Tatsache zu rechnen. - Richtig ist allerdings, daB 
das Innere des Geheimwissenschaftlers sich immer mehr 
und mehr zu einem Doppelleben umgestalten wird. Immer 
reichere Vorgange werden sich in seiner Seele abspielen 
bei seiner Pilgerschaft durch das Leben, immer 
selbstandiger gegeniiber dem, was die auBere Welt gibt, 
wird eine zweite Welt. Aber dieses Doppelleben wird 
gerade das Fruchtbare sein fur die echte Lebenspraxis. Was 
sich dadurch einstellt, ist Schlagfertigkeit des Urteiles, 
Treffsicherheit in bezug auf die Entschliisse. Wo derjenige, 
der einer solchen Schulung fernesteht, lange 
Gedankenketten durchmachen muB, zwischen EntschluB 
und Ratlosigkeit hin-und hergetrieben wird, da wird der 
Geheimwissenschafter rasch die Lagen des Lebens 
iiberschauen, dem gewohnlichen Blicke verborgene 
Zusammenhange schnell aufdecken usw. Es gehort fur ihn 
dann oft sogar viel Geduld dazu, sich in die langsame Art 
hineinzubegeben, wie ein anderer etwas begreifen kann, 
wahrend bei ihm doch dieses Begreifen pfeilschnell vor 
sich geht. 

Nun ist bisher nur gesprochen von den Eigenschaften, 
welche das Gefiihlsleben erhalten muB, damit die Inspi- 
ration in der richtigen Art eintreten konne. Die andere 
Frage ist die: Wie werden die Gefiihle fruchtbar, so daB sie 
aus sich wirkliche, der Inspirationswelt angehorige 
Vorstellungen gebaren? Will man das einsehen, was die 
Geheimwissenschaft als Antwort auf diese Frage zu geben 
hat, so muB man sich mit der Tatsache bekannt machen, 
daB des Menschen Seelenleben immer einen 



gewissen Schatz von Geftihlen hat, welche iiber das MaB 
dessen hinausgehen, was durch die sinnlichen Wahr- 
nehmungen angeregt wird. Der Mensch ftihlt gleichsam 
mehr, als das ist, wozu ihn die Dinge zwingen. Nur wird 
in dem gewbhnlichen Leben dieses UbermaB in einer 
solchen Richtung angewendet, welche durch die 
Geheimschulung in eine andere verwandelt werden 
muB. Man nehme z.B. ein Angst- oder Furchtgefuhl. 
Man wird sich leicht klarmachen kbnnen, daB in vielen 
Fallen die Furcht oder die Angst gtd&et ist, als sie sein 
wiirde, wenn sie einem entsprechenden auBeren Vor- 
gange ganz angemessen ware. Man stelle sich nun vor: 
der Geheimschuler arbeite energisch an sich, um in 
keinem ihm vorkommenden Falle groBere Furcht oder 
Angst zu haben, als gegenuber den entsprechenden 
auBeren Vorgangen wirklich gerechtfertigt ist. Nun wird 
ein gewisses MaB von Furcht oder Angst immer aus der 
Aufwendung von Seelenkraft erzeugt. Diese Seelenkraft 
geht tatsachlich dadurch verloren, daB eben Furcht oder 
Angst erzeugt werden. Der Geheimschuler erspart diese 
Seelenkraft wirklich, wenn er sich die Furcht oder die 
Angst - und anderes - versagt. Und sie bleibt ihm fiir et- 
was anderes verftigbar. Wiederholt er solche Vorgange 
oft, so wird aus den fortlaufend ersparten Seelenkraften 
ein innerer Schatz gebildet, und der Geheimschuler wird 
bald erleben, daB ihm aus solchen Gefiihlsersparnissen 
die Keime zu Vorstellungen erwachsen, welche Offen- 
barungen des hoheren Lebens zum Ausdrucke bringen. 
Dergleichen kann man im gewbhnlichen Sinne nicht 
«beweisen»; man kann nur dem Geheimschuler die An- 
weisung geben: tue dies oder jenes - und er wird, wenn 



er die Sache ausfiihrt, schon sehen, daB sich die untriig- 
lichen Fruchte einstellen. 

Einer ungenauen Betrachtung des soeben Geschilderten 
konnte es leicht als ein Widerspruch erscheinen, daB auf 
der einen Seite eine Bereicherung der Gefuhlswelt 
gefordert wird, indem durch das, was sonst nur das 
Verstandesurteil wachruft, Gefiihle der Lust, des Schmer- 
zes usw. erregt werden sollen - und auf der anderen Seite 
gerade von Ersparnissen an Gefiihlen gesprochen wird. 
Dieser Widerspruch verschwindet sofort, wenn man 
bedenkt, daB die Ersparnisse bei denjenigen Gefiihlen 
gemacht werden sollen, welche durch die auBeren Sinne 
angeregt werden. Eben das, was da erspart wird, erscheint 
als Bereicherung gegenliber den geistigen Erlebnissen. 
Und es ist durchaus richtig, daB auf diese Art an der 
sinnlichen Wahrnehmungswelt ersparte Gefiihle nicht nur 
auf dem anderen Gebiete freiwerden, sondern daB sie sich 
auf diesem Gebiete als schopferisch erweisen. -Sie 
schaffen das Material zu den Vorstellungen, in denen sich 
die geistige Welt offenbart. 

Es wiirde allerdings nicht besonders weit gehen, wenn 
man nur bei solchen Ersparnissen stehenbleiben wollte, 
wie sie oben angedeutet worden sind. Zu groBeren 
Erfolgen ist noch mehr notig. Man muB der Seele einen 
noch weit groBeren Schatz von Gefiihl erzeugender Kraft 
zufuhren, als auf diesem Wege moglich ist. Man muB z.B. 
sich gewissen auBeren Eindrucken probeweise aussetzen 
und sich dann die Gefiihle ganz versagen, die im 
sogenannten «normalen» Zustande eintreten. Man muB 
sich z.B. einem Ereignisse gegenliberstellen, welches 
«normalerweise» die Seele er- 



regt, und sich diese Erregung ganz und gar verbieten. Man 
kann das so machen, daB man sich tatsachlich einem 
solchen Ereignisse gegeniiberstellt oder sich bloB mit der 
Vorstellung behilft. Das letztere ist sogar fur die fruchtbare 
Geheimschulung das bessere. Da der Schuler ja in die 
Imagination eingeweiht wird, entweder vor seiner 
Vorbereitung zur Inspiration oder mit der letzteren 
gleichzeitig, so muB er eigentlich imstande sein, sich 
imaginativ ein Ereignis mit derselben Kraft vor die Seele 
zu stellen, wie wenn es wirklich da ware. - Wenn nun in 
langer innerer Arbeit der Schuler sich immer wieder und 
wieder Dingen und Vorgangen aussetzt und es sich ver- 
bietet, entsprechende «normale» Gefiihle zu haben, so wird 
in seiner Seele der Mutterboden fur die Inspiration 
geschaffen. - Nur als Zwischenbemerkung sei hier an- 
gefiihrt, daB derjenige, welcher eine solche Schulung zur 
Inspiration beschreibt, es voll wiirdigen kann, wenn vom 
Standpunkte unserer gegenwartigen Zeitbildung aus 
manches gegen eine solche Beschreibung eingewendet 
wird. Und man kann da nicht nur das oder jenes einwenden, 
sogar kann man uberlegen lacheln und sagen: inspiration 
kann doch nicht pedantisch anerzogen werden; sie ist eine 
Naturgabe des Genies.-» Ja gewiB, vom Standpunkte dieser 
Zeitbildung mag es recht komisch anmuten, wenn viel iiber 
die Heranbildung dessen geredet wird, bei dem diese 
Bildung von einer Erklarung nichts wissen will; aber diese 
Zeitbildung ist sich nicht bewuBt, wie wenig sie ihre 
eigenen Gedankengange zu Ende zu denken vermag. Wer 
es einem Be-kenner dieser Zeitbildung zumuten wollte, daB 
er daran glauben solle, irgendein hoher entwickeltes Tier 
habe 



sich nicht langsam entwickelt, sondern sei «plotzlich» da 
gewesen: der wiirde bald horen, daB der im modernen 
Sinne Gebildete an ein solches «Wunder» nicht glaube. So 
etwas sei «Aberglauben». Nun, auf dem Gebiete des 
Seelenlebens ist aber ein solcher modern Gebildeter, ganz 
im Stile seiner eigenen Ansichten, ein von krassem 
Aberglauben Befallener. Er will namlich nicht daran 
denken, daB sich eine vollkommenere Seele auch ent- 
wickelt haben muB, das sie nicht plotzlich als eine Natur- 
gabe da sein konne. AuBerlich erscheint allerdings manches 
Genie wie «aus dem Nichts» geboren, auf unerklarliche 
Weise da; doch erscheint es eben so nur fur den 
materialistischen Aberglauben; der Geisteswissenschafter 
weiB, daB eine genialische Veranlagung, die in einem 
Leben bei einem Menschen wie aus dem Nichts heraus 
geboren ist, einfach die Folge von dessen Erziehung zur 
Inspiration in einem fruheren Erdenleben ist. - Auf 
theoretischem Gebiete ist der materialistische Aberglaube 
schlimm; bei weitem schlimmer aber ist er noch auf einem 
solchen praktischen Gebiete wie hier. Da er annimmt, daB 
die Genies in alle Zukunft «vom Himmel fallen» miissen, 
kummert er sich nicht um derlei «okkultistischen Unfug» 
oder solch «phantastische Mystik», die von Vorbereitung 
zur Inspiration sprechen. Dadurch halt aber der Aberglaube 
der Materialisten den wahren Fortschritt der Menschheit 
auf. Er sorgt nicht dafiir, daB die in den Menschen 
schlummernden Fahigkeiten entwickelt werden. In 
Wirklichkeit sind namlich oft diejenigen, welche sich 
Fortschrittler und Freidenker nennen, solche, welche die 
Feinde der wahren Fortentwickelung sind. Doch dies soil - 
wie gesagt - nur eine Zwischenbemerkung sein, die 



notwendig ist mit Rucksicht auf das Verhaltnis der Ge- 
heimwissenschaft zur gegenwartigen Zeitbildung. 

Nun wiirden die Seelenkrafte, welche durch das 
gekennzeichnete Sich-Versagen der «normalen» Gefiihle 
als Schatz im Innern des Schulers sich aufspeichern, gewiB, 
auch ohne daB etwas anderes zu Hilfe kame, sich in 
Inspirationen umsetzen. Und der Geheimschuler wiirde 
erleben, wie in seiner Seele wahre Vorstellungen 
aufsteigen, welche Erlebnisse in hoheren Welten darstellen. 
Mit den einfachsten Erfahrungen ubersinnlicher Vorgange 
wiirde die Sache beginnen, und langsam kame 
Komplizierteres und Hoheres zum Vorschein, wenn der 
Schiiler in der angedeuteten Richtung innerlich weiterlebte. 
- In Wirklichkeit ware aber eine solche Geheimschulung 
heute ganz unpraktisch, und sie wird daher wohl nirgends 
durchgefuhrt, wo man ernsthaft zu Werke geht. Wollte 
namlich der Schiiler auf diese Art alles «aus sich selbst 
heraus» entwickeln, was die Inspiration geben kann: er 
wiirde ganz sicher dazu kommen, alles so aus sich 
«herauszuspinnen», was je z.B. auch hier iiber das Wesen 
des Menschen, iiber des Menschen Leben nach dem Tode, 
iiber die Entwickelung des Menschengeschlechts und der 
Planeten usw. gesagt worden ist. Aber ein solcher Schiiler 
wiirde eben unermeBlich lange Zeitraume dazu brauchen. 
Es ware so, wie wenn z.B. jemand die ganze Geometrie aus 
sich selbst herausspinnen wollte, ohne Rucksicht darauf, 
was Menschen vor ihm auf diesem Gebiete schon 
gearbeitet haben. GewiB, «in der Theorie» ist so etwas 
durchaus moglich. In der Praxis es auszufiihren, ware 
Torheit. Auch in der Geheimwissenschaft verfahrt man 
nicht so, 



sondern man laBt sich durch einen Lehrer diejenigen Dinge 
uberliefern, welche durch inspirierte Vorganger fur die 
Menschheit errungen worden sind. Diese Uberlieferung 
muB gegenwartig die Grundlage abgeben fur die eigene 
Inspiration. Dasjenige, was in der einschlagigen Literatur 
und in Vortragen usw. heute aus dem Gebiet der 
Geheimwissenschaft geboten wird, das kann durchaus eine 
solche Inspirationsgrundlage abgeben. Es sind z.B. die 
Lehren iiber die verschiedenen Grundteile des Menschen 
(physischer Leib, Atherleib, Astralleib usw.), die 
Erkenntnisse iiber das Leben nach dem Tode bis zu einer 
neuen Verkorperung, dann z.B. alles, was unter dem Titel 
«Aus der Akasha-Chronik» gedruckt wurde. Man muB 
namlich gegenliber der Inspiration durchaus festhalten, daB 
man sie braucht zum Auffinden und Selbsterleben der 
hoheren Wahrheiten, nicht aber zum Verstehen derselben. 
Man kann ohne Inspiration das nicht zuerst auffinden, was 
unter dem Titel «Aus der Akasha-Chronik» mitgeteilt ist. 
Empfangt man es aber durch Mitteilung, dann kann man es 
einsehen durch das ganz gewohnliche logische Urteil. 
Niemand sollte behaupten: es wiirden da Dinge behauptet, 
die man ohne Inspiration nicht logisch begreifen konne. 
Man findet sie nicht deshalb unbegreiflich, weil man nicht 
inspiriert ist, sondern nur, weil man nicht geniigend 
nachdenken will. - Erhalt man also solche Wahrheiten 
mitgeteilt, dann erregen sie in der Seele durch ihre eigene 
Kraft die Inspiration. Man muB nur versuchen, wenn man 
solcher Inspiration teilhaftig werden will, diese 
Erkenntnisse nicht nuchtern und verstandesmaBig zu 
empfangen, sondern sich von dem 



Hochschwung der Ideen in alle nur moglichen Gefiihls- 
erlebnisse versetzen lassen. Und wie sollte man dies nicht 
konnen! Kann das Gefiihl stumpf bleiben, wenn man die 
uberwaltigenden Vorgange im Geiste vor sich 
voriiberziehen laBt, wie die Erde sich aus Mond, Sonne und 
Saturn entwickelt hat, oder wenn man die unendlichen 
Tiefen der Menschennatur durch eine Erkenntnis seines 
Ather-, Astralleibes usw. durchschaut? Man mochte fast 
sagen: schlimm genug fur einen solchen, welcher in 
Nuchternheit solche Gedankengebaude erleben kann. Denn 
erlebte er sie nicht in Nuchternheit, sondern durchlebte er 
alle durch sie moglichen Gefiihlsspannungen und 
Gefuhlslosungen, alle Steigerungen und Krisen, alle 
Fortschritte und Ruckschritte, alle Katastrophen und 
Verkundigungen: dann eben wiirde in ihm der Mutterboden 
zur Inspiration selbst zubereitet. Allerdings wird man das 
notwendige Leben in Gefiihlen gegenliber solchen 
Mitteilungen aus einer hoheren Welt nur wirklich entfalten 
konnen, wenn man Ubungen solcher Art, wie sie oben 
angedeutet sind, macht. Wer alle seine Gefiihlskrafte an die 
auBere sinnliche Wahrnehmungswelt wendet, dem werden 
die Erzahlungen aus einer hoheren Welt als «trockene 
Begriffe», als «graue Theorie» erscheinen. Er wird niemals 
begreifen konnen, warum es dem andern warm urns Herz 
wird, wenn er die Mitteilungen der Geheimwissenschaft 
vernimmt, wahrend er doch «kuhl bis ans Herz hinan» 
bleibt. Er wird sogar sagen: «Das ist doch alles nur fur den 
Verstand, das ist intellektuell; ich mochte etwas fur das 
Gemiit.» Er sagt sich aber nicht, daB es an ihm liegt, daB 
sein Herz kalt bleibt. 



Viele unterschatzen noch immer die Gewalt dessen, was 
in diesen Mitteilungen aus einer hoheren Welt allein schon 
verborgen liegt. Und im Zusammenhange damit 
uberschatzen sie allerlei andere Ubungen und Prozeduren. 
Ja, was niitzt es mir, sagen sie, wenn mir andere erzahlen, 
wie es in hoheren Welten aussieht: ich mochte doch selbst 
da hineinschauen. Solchen fehlt nur zumeist die Geduld, 
sich immer wieder und wieder in solche Erzahlungen aus 
hoheren Welten zu vertiefen. Taten sie es, dann wiirden sie 
sehen, welche Zundekraft diese «bloBen Erzahlungen» 
haben und wie wirklich die eigene Inspiration angeregt 
wird, wenn man die Inspirationen anderer mitgeteilt erhalt. 
- GewiB, es miissen zum «Lernen» andere Ubungen 
hinzukommen, wenn der Schuler rasche Fortschritte in dem 
Erleben der hoheren Welten machen will; es sollte aber 
niemand die unbegrenzt groBe Bedeutung gerade des 
«Lernens» unterschatzen. Und jedenfalls kann niemandem 
Hoffnung gegeben werden, daB er durch irgendwelche 
Ubungen rasche Eroberungen in den hoheren Welten 
machen werde, der es nicht zugleich iiber sich bringt: unab- 
lassig sich in die Mitteilungen zu vertiefen, die, rein er- 
zahlend, von den Vorgangen und Wesen der hoheren 
Welten von berufener Seite gemacht werden. - Dadurch, 
daB gegenwartig solche Mitteilungen in der Literatur und in 
Vortragen usw. gemacht werden und daB auch die ersten 
Andeutungen gegeben werden iiber die Ubungen, welche 
zur Erkenntnis hoherer Welten fiihren (z.B. sind eben die 
Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» solche erste Andeutungen), kann man 
jetzt einiges von dem er- 



fahren, was ehedem nur in streng geschlossenen Geheim- 
schulen mitgeteilt worden ist. Wie schon ofters erwahnt 
worden ist, rlihrt eine solche Veroffentlichung von den 
Verhaltnissen in unserer Zeit her und muB geschehen. Es 
muB aber immer wieder auch das andere betont werden, 
daB dadurch zwar Erleichterungen in bezug auf das An- 
eignen des Geheimwissens geschaffen sind, daB aber die 
sichere Fuhrung durch den erfahrenen Geheimlehrer 
doch noch nicht vbllig zu ersetzen ist. 

Die Erkenntnis durch Inspiration fiihrt den Men- 
schen zum Erleben der Vorgdnge in den unsichtbaren 
Welten, also z.B. der Entwickelung des Menschen, der- 
jenigen der Erde und ihrer planetarischen Verkorperun- 
gen; kommen aber innerhalb dieser hoheren Welten 
nicht bloB Vorgdnge, sondern We sen in Betracht, dann 
muB die Intuition als Erkenntnisart eintreten. Was durch 
solche Wesen geschieht, das erkennt man im Bilde durch 
die Imagination, den Gesetzen und Verhaltnissen nach 
durch die Inspiration; will man den Wesen selbst gegen- 
ubertreten, dann braucht man die Intuition. - Wie sich 
die Inspiration hineingliedert in die Welt der Imagina- 
tionen, wie sie die letzteren durchdringt als eine «geistige 
Musik» und dadurch das Ausdrucksmittel der durch die 
Intuition zu erkennenden Wesen wird, davon soil noch 
gesprochen werden. Dann wird auch die Intuition selbst 
behandelt werden. Hier soil nur noch darauf hinge wie- 
sen werden, daB dasjenige, was man in der Geheim- 
wissenschaft als «Intuition» bezeichnet, nichts zu tun 
hat mit dem, wofiir man gegenwartig oft im popularen 
Sprachgebrauch das Wort «Intuition» anwendet. Man 
bezeichnet so einen mehr oder weniger unsicheren «Ein- 



fall» im Gegensatz zu einer klaren, folgerichtig gewon- 
nenen Verstandes- oder Vernunfterkenntnis. In der 
Geheimwissenschaft ist die «Intuition» nichts Unklares und 
Unsicheres, sondern eine hohe Erkenntnisart, voll der 
lichtesten Klarheit und der unbezweifelbarsten Sicherheit. 



INSPIRATION UND INTUITION 



Wie man die Imagination ein geistiges Schauen nennen 
kann, so die Inspiration ein geistiges Horen. Man muB 
allerdings bei diesem Ausdrucke «H6ren» sich dariiber klar 
sein, daB damit ein Wahrnehmen gemeint ist, welches dem 
sinnlichen Horen in der physischen Welt noch viel ferner 
steht als das «Schauen» in der imaginativen (astralen) Welt 
dem Sehen mit den physischen Augen. Von den Licht- und 
Farbenerscheinungen der letzteren Welt kann man sagen: 
sie seien so, wie wenn die leuchtenden Oberflachen und die 
Farben der sinnlichen Gegenstande sich von diesen 
abhoben und von ihnen losgelost frei im Raume schwebten. 
Dies gibt aber doch nur eine annahernde Vorstellung. Denn 
der Raum der imaginativen Welt ist keineswegs so wie 
derjenige der physischen. Wer sich also einbildete, daB er 
imaginative Farbenbilder vor sich habe, wenn er freischwe- 
bende Farbenflocken mit gewohnlicher Raumausdehnung 
sieht, der ist im Irrtum. Dennoch ist aber die Bildung von 
solchen Farbenvorstellungen der Weg zum imaginativen 
Leben. Wer versucht, sich eine Blume vorzustellen, und 
dann in seiner Vorstellung alles beiseite laBt, was nicht 
Farbenvorstellung ist, so daB vor seiner Seele ein Bild 
schwebt wie die von der Blume abgezogene farbige 
Oberflache, der kann durch solche Ubungen allmahlich zu 
einer Imagination gelangen. Dies Bild selbst ist noch keine 
solche Imagination, sondern ein mehr oder weniger 
vorbereitendes Phantasiegemalde. Imagination - das ist 
wirkliches astrales Erlebnis - wird es erst, wenn nicht nur 
die Farbe ganz abgehoben ist von 



dem Sinneseindrucke, sondern wenn auch die drei- 
dimensionale Raumausdehnung sich vollig verloren hat. 
DaB dies let2tere der Fall ist, kann nur durch ein gewisses 
Gefiihl wahrgenommen werden. Zu beschreiben ist dieses 
Gefiihl nur dadurch, daB man sagt, man fiihlt sich nicht 
mehr auBerhalb, sondern innerhalb des Farbenbildes, und 
man hat das BewuBtsein, daB man an seiner Entstehung 
teilnimmt. Wenn dies Gefiihl nicht da ist, wenn man sich 
also der Sache gegenuberstehend glaubt wie einem 
sinnlichen Farbenbild gegeniiber, dann hat man es noch 
nicht mit einer wirklichen Imagination, sondern mit etwas 
Phantastischem zu tun. Damit soil jedoch nicht gesagt sein, 
daB solche Phantasiegemalde ganz wertlos seien. Sie 
konnen namlich atherische Abbilder - gleichsam Schatten - 
wirklicher astraler Tatsachen sein. Und als solchen kommt 
ihnen fur die geheimwissenschaftliche Schulung immerhin 
einiger Wert zu. Sie konnen eine Briicke bilden zu den 
wahren astralen (imaginativen) Erlebnissen. - Eine gewisse 
Gefahr schlieBt ihre Beobachtung nur in sich, wenn der 
Beobachter an diesem Grenzgebiet zwischen Sinnlichem 
und Ubersinnlichem seinen gesunden Menschenverstand 
nicht voll zur Anwendung bringt. Man soil nur nicht er- 
warten, daB irgend jemandem ein allgemeines Kennzeichen 
gegeben werden kann, wie er in diesem Grenzgebiete 
Illusion, Halluzination, Phantastik von Wirklichkeit 
unterscheiden konne. Bequem ware ja eine solche all- 
gemeine Regel. Aber Bequemlichkeit ist ein Wort, das der 
Geheimschulerin seinem Sprachschatze streichen sollte.- 
Man kann nur sagen, daB derjenige, welcher sich fur dieses 
Gebiet Klarheit der Unterscheidung aneignen 



will, schon in dem gewohnlichen Leben der physischen 
Welt darauf bedacht sein muB. Wer in diesem gewohn- 
lichen Leben keine Sorgfalt darauf verwendet, scharf und 
klar zu denken, der wird beim Aufsteigen in hohere Welten 
alien moglichen Illusionen zum Opfer fallen. Man bedenke 
nur, wie viele Fallen dieses gewohnliche Leben dem 
gesunden Urteile bietet. Wie oft kommt es doch vor, daB 
die Menschen nicht das ungetrubt sehen, was ist, sondern 
was sie zu sehen begehren. In wie vielen Fallen glauben die 
Menschen etwas, nicht weil sie erkannt haben, sondern weil 
es ihnen angenehm ist, zu glauben. Oder welche Irrtumer 
ergeben sich, weil man einer Sache nicht auf den Grund 
geht, sondern sich vorschnell ein Urteil bildet. Alle diese 
Griinde von Tauschungen im gewohnlichen Leben konnten 
durch andere schier ins Unendliche vermehrt werden. Was 
fur Streiche spielen Parteinahme, Leidenschaft usw. usw. 
einem gesunden Urteile. Wenn derlei Urteilstauschungen 
im gewohnlichen Leben storend und oft verhangnisvoll 
sind: fur die Gesundheit des ubersinnlichen Erlebens sind 
sie die denkbar groBte Gefahr. Nicht eine allgemeine Regel 
kann der Geheimschuler als Leitfaden mit in hohere Welten 
erhalten, sondern lediglich die Anweisung, fur seine 
gesunde Unterscheidungskraft, fur sein freies, 
unabhangiges Urteil alles Mogliche zu tun. 

Wenn der Beobachter hoherer Welten einmal weiB, was 
wirklich Imagination ist, dann erhalt er auch sehr bald die 
Empfindung, daB die Bilder der astralen Welt nicht bio fie 
Bilder, sondern die Kundgebungen geistiger Wesenheiten 
sind. Er lernt erkennen, daB er die imaginativen Bilder 
ebenso auf geistige oder seelische Wesen- 



heiten zu beziehen hat wie die sinnlichen Farben auf 
sinnliche Dinge oder Wesenheiten. Im einzelnen wird er 
allerdings da noch viel zu lernen haben. Er wird unter- 
scheiden miissen zwischen Farbengebilden, die wie un- 
durchsichtig sind, und solchen, die ganz durchsichtig und 
wie in ihrem Innern ganz durchleuchtet sind. Ja, auch 
solche Gebilde wird er wahrnehmen, die ihr Farbenlicht 
gleichsam in ihrem Innern immer neu erzeugen, die also 
nicht nur ganz durchleuchtet und durchsichtig (transparent) 
sind, sondern die immerfort in sich selbst aufstrahlen. Und 
er wird die mehr undurchsichtigen Gebilde auf niedrige, 
die durchleuchteten auf mittlere Wesenheiten beziehen; die 
in sich aufstrahlenden Bilder werden ihm Kundgebungen 
hoherer geistiger Wesenheiten sein. 

Will man die Wahrheit der imaginativen Welt treffen, 
so darf man den Begriff des geistigen Schauens nicht zu 
eng fassen. Denn es finden sich in dieser Welt nicht etwa 
bloB Licht- und Farbenwahrnehmungen, die sich also den 
Gesichtserlebnissen der physischen Welt vergleichen 
lassen, sondern auch Eindrucke von Warme und Kalte, von 
Geschmack und Geruch, ja noch andere Erlebnisse der 
imaginativen «Sinne», fur die es etwas Ahnliches in der 
physischen Welt nicht gibt. Die Eindrucke des Warmen 
und Kalten sind in der imaginativen (astralen) Welt die 
Offenbarungen des Willens und der Absichten seelischer 
und geistiger Wesen. Ob ein solches Wesen etwas Gutes 
oder Boses bezweckt, das kommt in einer bestimmten 
Warme- oder Kaltewirkung zum Vorschein. Auch 
«schmecken» und «riechen» kann man die astralen 
Wesenheiten. - Nur dasjenige, was in eigentli- 



chem Sinne das Physische des Tones und Schalles aus- 
macht, fehlt fast ganz in der wirklich imaginativen Welt. In 
dieser Beziehung herrscht da lautlose Stille. Dafiir aber 
bietet sich etwas ganz anderes dem in der geistigen 
Beobachtung Fortschreitenden dar, was sich mit dem 
Tonen und Klingen, mit Musik und Sprache der sinnlichen 
Welt vergleichen laBt. Und gerade dann tritt dieses Hohere 
auf, wenn alles Tonen und Klingen der auBeren physischen 
Welt vollig verstummt, ja wenn auch der geringste innere 
seelische Nachhall an dieses Gebiet der auBeren Welt zum 
Schweigen gekommen ist. Dann tritt fur den Beobachter 
das ein, was man ein Verstehen der Bedeutung der 
imaginativen Erlebnisse nennen kann. Wollte man 
dasjenige, was hier erfahren wird, mit etwas in der 
physischen Welt vergleichen, so konnte man nur zur 
Verdeutlichung etwas heranziehen, was es in dieser Welt 
gar nicht gibt. Man versuche sich einmal vorzustellen, daB 
man wahrnehmen konnte die Gedanken und Gefiihle eines 
Menschen, ohne seine Worte mit dem physischen Ohre zu 
horen, so ware ein solches Wahrnehmen zu vergleichen mit 
jenem unmittelbaren Verstehen des Imaginativen, das man 
als «H6ren» in geistigem Sinne bezeichnet. Das 
«Sprechende» sind die Farben- und Lichteindrucke. In dem 
Aufglanzen und Verloschen, in der Farbenwandlung der 
Bilder offenbaren sich Harmonien und Disharmonien, 
welche die Gefiihle, Vorstellungen und Gedanken 
seelischer und geistiger Wesenheiten enthullen. Und wie 
sich der Ton beim physischen Menschen zum Worte 
steigert, wenn sich ihm der Gedanke einpragt, so steigern 
sich die Harmonien und Disharmonien der geistigen Welt 
zu Offen- 



barungen, welche wesenhafte Gedanken selbst sind. Dazu 
muB es allerdings «dunkel werden» in dieser Welt, wenn 
der Gedanke in seiner Unmittelbarkeit sich offenbaren solL 
Das hier auftretende Erlebnis stellt sich so dar: Man sieht 
die hellen Farbentone, das Rot, Gelb und Orange ersterben 
und nimmt wahr, wie sich die hohere Welt durch Grim 
hindurch abdunkelt zum Blauen und Violetten; dabei erlebt 
man in sich selbst eine Steigerung der inneren 
Willensenergie. Man erlebt eine vollige Freiheit in bezug 
auf Ort und Zeit; man fiihlt sich in Bewegung. Es sind 
gewisse Linienformen, Gestalten, die man erlebt. Doch 
nicht etwa so erlebt man sie, daB man sie vor sich in 
irgendeinem Raume gezeichnet sahe, sondern so, als ob 
man in fortwahrender Bewegung mit seinem Ich jedem 
Linienschwung, jeder Gestaltung selbst folgte. Ja, man 
fiihlt das Ich als den Zeichner und zugleich als das 
Material, mit dem gezeichnet wird. Und jede Linien- 
fuhrung, jede Ortsanderung sind zugleich Erlebnisse dieses 
Ich. Man lernt erkennen, daB man mit seinem bewegten Ich 
hineingeflochten ist in die schaffenden Weltenkrafte. Die 
Weltgesetze sind nun dem Ich nicht mehr etwas auBerlich 
Wahrgenommenes, sondern ein wirkliches Wundergewebe, 
an dem man spinnt. - Die Geheimwissenschaft entwirft 
allerlei sinnbildliche Zeichnungen und Bilder. Wenn diese 
den Tatsachen wirklich entsprechen und nicht bloBe 
ausgedachte Figuren sind, so liegen ihnen Erlebnisse des 
Beobachters in hoheren Welten zugrunde, die in der oben 
beschriebenen Art anzusehen sind. 

So stellt sich die inspirierte Welt in die imaginierte 
hinein. Wenn die Imaginationen beginnen, dem Beob- 



achter in «stummer Sprache» ihre Bedeutungen zu ent- 
hiillen, dann geht innerhalb des Imaginativen die Welt der 
Inspiration auf. 

Von derjenigen Welt, in welche der geistige Beobachter 
auf diese Art eindringt, ist die physische eine Offenbarung. 
Was von dieser physischen Welt den Sinnen und dem auf 
sie beschrankten Verstand zuganglich ist, das ist nur die 
AuBenseite. Um nur ein Beispiel anzufiihren: die Pflanze, 
wie sie mit den physischen Sinnen und dem physischen 
Verstande beobachtet wird, ist nicht das vollstandige 
Pflanzenwesen. Wer nur diese physische Pflanze kennt, der 
hat etwas Ahnliches vorliegen, wie ein Wesen haben 
wiirde, das den Fingernagel eines Menschen wahrnehmen 
konnte, dem aber die Wahrnehmung des Menschen selbst 
unzuganglich ware. Bau und Wesenheit des Fingernagels 
konnen aber nur verstanden werden, wenn man sie aus der 
ganzen menschlichen Wesenheit erklart. So ist in Wahrheit 
die Pflanze nur verstandlich, wenn man das kennt, was zu 
ihr gehort wie die ganze menschliche Wesenheit zum 
Fingernagel des Menschen. Dieses zur Pflanze Gehorige 
kann man aber nicht in der physischen Welt finden. Der 
Pflanze liegt zunachst etwas zugrunde, was sich nur durch 
die Imagination in der astralen Welt enthullt, und ferner 
etwas, was nur durch die Inspiration in der geistigen Welt 
offenbar wird. - So ist also die Pflanze als physisches 
Wesen die Offenbarung einer Wesenheit, die durch 
Imagination und Inspiration zu begreifen ist. 

Es eroffnet sich fur den Beobachter der hoheren 
Welten, wie aus Vorstehendem ersichtlich ist, ein Weg, der 
in der physischen Welt beginnt. Er kann namlich 



zunachst von dieser physischen Welt ausgehen und von 
deren Offenbarungen aufsteigen zu den ihnen zugrunde 
liegenden hoheren Wesenheiten. Wenn er vom Tierreiche 
ausgeht, so kann er aufsteigen zur imaginativen Welt; 
wenn er von der Pflanzenwelt seinen Ausgang nimmt, so 
fiihrt ihn die geistige Beobachtung durch die Imagination 
zur Welt der Inspiration. Wenn man diesen Weg geht, dann 
findet man namlich bald innerhalb der imaginativen und 
Inspirationswelt auch Wesenheiten und Tatsachen, welche 
sich gar nicht in der physischen Welt offenbaren. Man darf 
also nicht glauben, daB man auf diese Art nur diejenigen 
Wesenheiten der hoheren Welten kennenlernt, welche ihre 
Offenbarungen in der physischen Welt haben. Wer einmal 
die imaginative Welt betreten hat, der lernt eine Fiille von 
Wesen und Ereignissen kennen, von denen sich der bloBe 
physische Beobachter nichts traumen laBt. 

Es gibt nun allerdings auch einen andern Weg. Einen 
solchen, der nicht von der physischen Welt seinen Aus- 
gang nimmt. Der den Menschen unmittelbar hellsichtig 
macht in den hoheren Gebieten des Daseins. Fur viele 
Menschen mochte dieser Weg mehr Anziehungskraft 
haben als der vorhin angedeutete. Doch sollte fur unsere 
Lebensverhaltnisse nur der Aufstieg aus der physischen 
Welt gewahlt werden. Er legt dem Beobachter die Ent- 
sagung auf, welche notig ist, wenn er sich zunachst in der 
physischen Welt umschauen und da einige Erkenntnisse 
und namentlich Erfahrungen sammeln soli. Doch ist er auf 
alle Falle fur unsere Kulturverhaltnisse der Gegenwart der 
angemessene. Der andere setzt die vorhergangige 
Aneignung von Seeleneigenschaften voraus, 



welche innerhalb der gegenwartigen Lebensverhaltnisse 
auBerst schwer zu erreichen sind. Wenn auch in ein- 
schlagigen Schriften mit aller Scharfe und Deutlichkeit 
solche Seeleneigenschaften immer wieder und wieder 
betont werden: von dem Grade, in dem man sich 
dergleichen (z.B. Selbstlosigkeit, hingebungsvolle Liebe 
usw.) aneignen muB, wenn man zur Erreichung der 
hoheren Welten nicht von dem festen Boden der 
physischen ausgehen wollte, machen sich doch die 
meisten Menschen gar keine auch nur einigermaBen hin- 
reichende Vorstellung. Und wenn dann jemand in den 
hoheren Welten erweckt wird ohne den erforderlichen 
Grad der entsprechenden Seeleneigenschaften, so mtiBte 
unsagliches Elend die Folge sein. Nun darf man nicht 
etwa glauben, daB man beim Ausgehen von der physi- 
schen Welt und ihren Erfahrungen der gekennzeichneten 
Seeleneigenschaften entraten kbnnte. Solches zu 
glauben, ware auch ein folgenschwerer Irrtum. Aber 
solcher Ausgang gestattet, daB man sich diese Seelen- 
eigenschaften in dem MaBe und vor allem in der Form 
aneigne, in denen es in unseren gegenwartigen Lebens- 
verhaltnissen moglich ist. 

Und noch etwas kommt dabei in Betracht. Geht man 
in der angedeuteten Art von der physischen Welt aus, so 
bleibt man auch trotz seines Aufsteigens in die hoheren 
Welten in einem lebendigen Zusammenhange mit dieser 
physischen Welt. Man wahrt sich das voile Verstandnis 
ftir alles, was in ihr vorgeht, und die voile Tatkraft, in ihr 
zu wirken. Ja, dieses Verstandnis und diese Tatkraft 
wachsen in der fbrderlichsten Art gerade durch die Er- 
kenntnis der hoheren Welten. In jedem Gebiete des 



Lebens, und wenn es auch noch so prosaisch-praktisch 
erscheint, wird der Kenner der hoheren Welten forder- 
licher, besser wirken als der Nichtkenner, wenn sich der 
erstere nur den lebensvollen Zusammenhang mit der 
physischen Welt bewahrt hat. 

Wer aber, ohne von der physischen Welt auszugehen, in 
den hoheren Gebieten des Daseins erweckt wird, der wird 
allerdings nur zu leicht dem Leben entfremdet; er wird zum 
Einsiedler, der seiner Mitwelt ohne Verstandnis und Anteil 
gegenubersteht. Ja, es tritt bei unvollstandig in dieser Art 
Ausgebildeten - allerdings nicht bei vollkommen 
Entwickelten - sogar oft ein, daB sie mit einer gewissen 
Geringschatzung auf die Erlebnisse der physischen Welt 
herabsehen, daB sie sich zu vornehm fur diese fiihlen usw. 
Statt daB sich ihr Anteil an der Welt erhohte, werden solche 
in sich verhartete, im geistigen Sinne selbstsiichtige 
Naturen. Die Verfiihrung zu alledem ist namlich wahrlich 
nicht gering. Und diejenigen, welche den Aufstieg in die 
hoheren Welten erstreben, sollten wohl gerade darauf 
achten. 

Von der Inspiration kann der geistige Beobachter zur 
Intuition aufsteigen. In der Ausdrucksart der Geheim- 
wissenschaft bedeutet dieses Wort in vieler Beziehung das 
genaue Gegenteil von dem, wofiir man es im gewohnlichen 
Leben oft anwendet. In letzterem spricht man von 
Intuition, wenn man einen dunkel als wahr gefiihlten 
Einfall im Auge hat, dem an sich die klare, begriffliche 
Feststellung noch fehlt. Man sieht darinnen mehr eine 
Vorstufe der Erkenntnis denn eine solche selbst. Solch ein 
entsprechender «Einfall» mag - nach dieser 
Begriffsbestimmung - eine groBe Wahrheit wie in 



einem Blitzlicht erleuchten; als Erkenntnis kann er erst 
gelten, wenn er durch begriffliche Urteile begriindet wird. 
Bisweilen bezeichnet man auch als Intuition etwas, was 
man als Wahrheit «fiihlt», wovon man ganz iiberzeugt ist, 
was man aber durch Verstandesurteile nicht belasten will. 
Menschen, an welche die geheimwissenschaftlichen 
Erkenntnisse herankommen, sagen gar oft: Das war mir 
«intuitiv» schon immer klar. Von all dem muB ganz 
abgesehen werden, wenn man den Ausdruck «Intuition» in 
seiner hier gemeinten wahren Bedeutung ins Auge fassen 
will. Intuition ist, in dieser Anwendung, nicht eine 
Erkenntnis, die an Klarheit hinter der Verstandeserkenntnis 
zuruckbleibt, sondern welche diese weit uberragt. 

In der Inspiration sprechen die Erlebnisse der hoheren 
Welten ihre Bedeutung aus. Der Beobachter lebt in den 
Eigenschaften und Taten der Wesen dieser hoheren 
Welten. Wenn er, wie oben charakterisiert worden ist, mit 
seinem Ich einer Linienfuhrung oder einer Gestaltform 
folgt, so weiB er doch, daB er nicht innerhalb des Wesens 
selbst ist, sondern innerhalb dessen Eigenschaften und 
Verrichtungen. Schon in der imaginativen Erkenntnis erlebt 
er es ja, daB er sich z.B. nicht auBerhalb, sondern innerhalb 
der Farbenbilder fiihlt; aber er weiB auch ebenso genau, 
daB diese Farbenbilder nicht in sich selbstandige Wesen, 
sondern Eigenschaften solcher Wesen sind. In der 
Inspiration wird er sich bewuBt, daB er eins wird mit den 
Taten solcher Wesen, mit den Offenbarungen ihres 
Willens; erst in der Intuition verschmilzt er mit Wesen, die 
in sich geschlossen sind, selbst. Im richtigen Sinne kann 
das nur geschehen, wenn 



diese Verschmelzung nicht unter Ausloschung, sondern 
unter volliger Aufrechterhaltung seiner eigenen Wesenheit 
der Fall ist. Alles «Sich-Verlieren» an ein fremdes Wesen 
ist vom Ubel. Daher kann nur ein Ich, das in sich bis zu 
einem hohen Grade gefestigt ist, in ein anderes Wesen 
ohne Schaden untertauchen. - Man hat erst dann etwas 
intuitiv erfaBt, wenn man diesem «Etwas» gegeniiber zu 
der Empfindung gekommen ist: es auBert sich in ihm ein 
Wesen, das von derselben Art und inneren Geschlossenheit 
wie das eigene Ich ist. Wer einen Stein mit den Sinnen 
betrachtet und ihn nach seinen Eigenheiten mit dem 
Verstande - und den gewohnlichen wissenschaftlichen 
Hilfsmitteln - zu begreifen sucht, der lernt nur die 
AuBenseite des Steines kennen. Als geistiger Beobachter 
schreitet er zu der imaginativen und inspirierten Erkenntnis 
vor. Lebt er innerhalb der letzteren, so kann er zu einer 
weiteren Empfindung kommen. Diese Empfindung mochte 
man durch einen Vergleich in der folgenden Art 
charakterisieren. Man stelle sich vor, man sehe einen 
Menschen auf der StraBe. Er macht zunachst auf den 
Beobachter einen fluchtigen Eindruck. Spater lernt man ihn 
naher kennen; und es kommt der Augenblick, in dem man 
mit ihm so befreundet wird, daB sich Seele der Seele 
aufschlieBt. Mit dem Erlebnis, das man durchmacht, wenn 
so die Hiillen der Seelen fallen und Ich dem Ich 
gegeniibersteht, ist dasjenige zu vergleichen, wenn dem 
geistigen Beobachter der Stein nur wie eine auBere 
Offenbarung erscheint und er vor schreitet zu etwas, zu dem 
der Stein gehort, wie der Fingernagel zum menschlichen 
Leibe gehort, und das sich auslebt als ein «Ich», wie das 
eigene Ich eines ist. 



Erst in der Intuition ist diejenige Erkenntnisart durch 
den Menschen erreicht, die ihn ins «Innere» der Wesen 
fiihrt. Bei Besprechung der Inspiration ist einiges ange- 
geben worden iiber die Umwandlung, welche die innere 
Seelenverfassung des geistigen Beobachters erfahren muB, 
wenn er zu dieser Erkenntnisform gelangen will. Es ist da 
gesagt worden, daB z.B. ein unrichtiges Urteil nicht bloB 
zum Verstande sprechen darf, sondern zu der Empfindung, 
daB es Leid, Schmerz bereiten muB. Und der Beobachter 
muB solches inneres Erleben systematisch ausbilden. 
Solange allerdings dieser Schmerz entspringt aus den 
Sympathien und Antipathien des Ich, aus dessen 
Parteinahme, so lange kann nicht von einer dadurch zu 
erlangenden Vorbereitung fur die Inspiration gesprochen 
werden. Solches Beruhrtwerden des Gemutes ist noch weit, 
sehr weit von dem inneren Anteil entfernt, den das Ich an 
der bloBen Wahrheit - als Wahrheit -nehmen muB, wenn es 
die genannten Ziele erreichen will. Es kann gar nicht scharf 
genug betont werden, daB eigentlich alle Formen des 
Interesses, die sich im gewohnlichen Leben als Lust und 
Leid gegeniiber von Wahrheit und Irrtum ausleben, erst 
schweigen mils sen und dann eine ganz andere 
Interessenart, die ohne alle Selbstsucht ist, eintreten muB, 
wenn etwas fur die Erkenntnis durch Inspiration geschehen 
soli. Diese eine Eigenschaft des inneren Seelenlebens ist 
aber eben nur eines unter den Mitteln zur Vorbereitung fur 
die Inspiration. Es gibt eine unbegrenzte Anzahl anderer, 
die hinzukommen mils sen zu der einen. Und je weiter sich 
der geistige Beobachter in bezug auf das verfeinert, was 
ihm schon fur die Inspiration gedient hat, desto mehr 



vermag er sich der Intuition zu nahern. Von der gesetz- 
maBigen Anweisung, welche die Geheimwissenschaft fur 
die Intuition gibt, wird in weiteren Aufsatzen noch die 
Rede sein. 



Aus dem Nachwort von 
Marie Steiner (1931) 



Hinweise des Herausgebers 
Verzeichnis der Textkorrekturen 



Ubersicht liber die 
Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



AUS DEM NACHWORT VON MARIE S T E I N E R 

(1931) 



Rudolf Steiner hat die hier nicht zum AbschluB gebrachten 
Gedankengange in anderen Werken weitergefiihrt. Als eine 
Art Fortsetzung des hier Gegebenen bezeichnet er selbst die 
Schriften «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» 
und «Die Schwelle der geistigen Welt». -«Kosmologie, 
Religion und Philosophie» ist eine weitere Steigerung in 
der Kraft der lichtvollen Schilderung meditativer 
Erkenntnisvorgange, ebenso das Buchlein «Vom 
Seelenleben». Den Hohepunkt in der Formulierung 
ubersinnlicher Erkenntnisse erreichte Rudolf Steiner in 
seinem letzten Lebensjahr, als er uns wie ein Vermachtnis 
hinterlieB seine «Leitsatze fiir die Anthropo-sophische 
Gesellschaft» und seine «Briefe an die Mitglieder», die nun 
erschienen sind unter dem Titel «Das Michael-Mysterium». 
Sie sind der AbschluB und die Kronung des hier 
begonnenen Werkes fiir die esoterische 
BewuBtseinserziehung der Menschheit. Wem es noch zu 
schwer wird, sich hier allein durchzuarbeiten, der lese und 
erlebe die tiefgreifenden Ausfiihrungen Carl Ungers in 
seinem Werk «Aus der Sprache der BewuBtseinsseele». Er 
wird einen nie genug einzuschatzenden Gewinn davon 
haben. Diese Briefe, die Unger fiir einen Kreis von 
Mitgliedern, dann fiir die Zeitschrift «Anthroposophie» 
geschrieben hat und die nach seinem Tode als Buch 
gesammelt erschienen sind, sind die lebendigste 
Erarbeitung des gewaltigen Stoffes, bilden Erkenntnis- 
vorgange um zu Lebensvorgangen. Hier hat sich in einer 
Seele das vollzogen, was Rudolf Steiner in seinen Schii- 



lern wachrufen wollte: das Denken ist wieder Leben 
geworden. Die Sprache der BewuBtseinsseele findet den 
Weg zum verlorenen Wort, das Rudolf Steiner dem 
Sterben entrissen und der Menschheit wiedergegeben hat. 



HINWEISE DES HERAUSGEBERS 



Zu dieser Ausgabe 

Die Aufsatze «Die Stufen der hoheren Erkenntnis» erschienen ur- 
spriinglich als immittelbare Fortsetzung der vorangegangenen Auf- 
satzreihe «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» in der 
von Rudolf Steiner herausgegebenen Zeitschrift «Lucifer-Gnosis». Die 
erste Folge in der Nummer 29 vom Oktober 1905 trug den Untertitel 
«Als Zwischenbetrachtung zu dem Artikel <Wie erlangt man Erkennt- 
nisse hoherer Welten?>». Am SchluB der letzten erschienenen Folge 
(Heft 35, Mai 1908) stand wie gewohnlich die Notiz: «Wird fort- 
gesetzt». Es handelt sich also bei dem vorliegenden Text um eine Frag- 
ment gebliebene Aufsatzreihe. Rudolf Steiner hat zwar eine Buch- 
ausgabe vorbereitet, doch kam diese nicht zur Ausfiihrung. 1910 lagen 
schon die umbrochenen Druckbogen fur eine selbstandige Ausgabe 
vor, und 1914 wurde der Text zusammen mit «Wie erlangt man...»(5. 
Aufl.) vollstandig neu gesetzt. Doch weder die Einzelausgabe (1910) 
noch die gemeinsame Ausgabe mit «Wie erlangt man...» (1914) kam 
zustande. Erst Marie Steiner verwirklichte 1931 die erste Buchausgabe. 
In ihrem Vorwort hat sie auf den unmittelbaren Zusammenhang der 
«Stufen der hoheren Erkenntnis» mit «Wie erlangt man...» 
hingewiesen. Fur die Gesamtausgabe wurden Marie Steiners Vorwort 
und Nachwort sowie ein Auszug aus Rudolf Steiners Vorwort zur 5. 
Auflage von «Wie erlangt man...» dem Text hinzugefiigt. 

Textgrundlage: Der einzige von Rudolf Steiner autorisierte Druck in 
den Heften von «Lucifer-Gnosis» bildet die Grundlage fur den Text in 
der Gesamtausgabe, wobei Rudolf Steiners Anderungen und hand- 
schriftliche Korrekturen fur die geplanten Ausgaben von 1910 und 
1914 sowie Marie Steiners Anderungen fur die erste Buchausgabe 
1931 beriicksichtigt wurden. Letztere betreffen hauptsachlich Anpas- 
sungen verschiedener zeitschriftentypischer Wendungen wie «in den 
vorangegangenen Heften», «in Heft Nr. X dieser Zeitschrift» an die 
Buchausgabe. 

Fur die 7. Auflage (1993) wurde der Text von David Hoffmann mit 
dem Erstdruck in «Lucifer-Gnosis» und den erwahnten iibrigen Unter- 
lagen verglichen. (Die handschriftliche Fassung der Aufsatze ist nicht 
vollstandig vorhanden.) Alle von Herausgebern vorgenommenen 



Textkorrekturen gegeniiber der Erstausgabe in «Lucifer-Gnosis» wur- 
den gepriift und entweder riickgangig gemacht oder, wo notwendig, 
beibehalten. Die beibehaltenen inhaltlichen Textkorrekturen werden im 
nachfolgenden Verzeichnis nachgewiesen; nicht besonders erwahnt 
sind Druckfehlerkorrekturen sowie die behutsamen Vereinheitlichun- 
gen in Orthographie und Interpunktion. Weiter wurden die Hinweise 
erganzt und der Text «Zu dieser Ausgabe» hinzugefiigt. 



Verzeichnis der inhaltlichen Textkorrekturen 
gegeniiber der Erstausgabe in «Lucifer-Gnosis» 



Zeile 



15 14 SinnesweltsidXi Sinnenwelt Korrektur nach Korrektur- 

fahnen 1914 (entsprechende Korrektur durch den Her- 
ausgeber auch S. 27, Z. 5 und 18) 

16 18 nennen kann statt nennt Korrektur nach Korrektur- 

fahnen 1914 

16 20 Diese statt Diefolgenden Korrektur nach Korrektur- 
fahnen 1914 

18 18 Vorgangen statt Vorstellungen SinngemaBe Korrektur 
des Herausgebers 

18 30 wenn statt wo Korrektur nach Korrekturfahnen 1914 

20 22f. sondern dafi sie eine viel wirklichere ist statt sondern 

eine viel wirklichere Korrektur nach Korrekturfahnen 
1914 

21 3 gespenstige statt niichterne Korrektur nach Korrektur- 

fahnen 1914 

24 7 nicht dicht szW statt nicht sind Die urspriingliche Ver- 

sion nicht sind erschien 1914 in den Korrekturfahnen 
(vmtl. irrtiimlich) als dicht sind, was von Rudolf Steiner 
durch die Einfiigung von nicht korrigiert wurde. 

24 14 Nach diesem Absatz folgte im Aufsatz in Lucifer-Gnosis 
noch folgender auf das nachste Heft vorausblickender 
Satz, der schon von Rudolf Steiner in den Korrekturfah- 
nen 1910 und 1914 weggelassen wurde: Nach dieser kur- 
zen Skizzierung der vier Erkenntnisstufen soil - in den 
nachsten Heften - zu genaueren Angaben fortgeschritten 
werden. 



24 26 Sinne statt Seele SinngemaBe Korrektur Marie Steiners 
fur die erste Buchausgabe 1931 

35 14-16 Unter solchen Einwirkungen entwickelt sich die imagi- 

native Erkenntnis, statt Wie nun unter solchen Einwir- 
kungen die imaginative Erkenntnis sich entwickelt, und 
was sie fiir eine Beziehung zur geistigen Welt hat, davon 
soil in dem weiteren Verfolg dieses Aufsatzes gesprochen 
werden. Korrektur nach den Korrekturfahnen 1910 und 
1914 

36 1 In der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» trug dieses Kapitel 

noch den Reihentitel: Die Stufen der hoheren Erkenntnis 
und den Untertitel: Der Schiiler und der «Guru». In den 
Korrekturfahnen 1910 und 1914 setzte Rudolf Steiner als 
Titel bloB: Die Imagination (kein Untertitel). 

36 14 in bezug Erganzung Marie Steiners fiir die Buchaus- 
gabe 1931 

40 31 Es ist gesagt worden statt Oben ist gesagt Korrektur 

nach Korrekturfahnen 1910 und 1914 

41 1 diese Stufe der Imagination statt diese Imagination Er- 

ganzung Marie Steiners fiir die Buchausgabe 1931 

41 22 sich SinngemaBe Erganzung des Herausgebers 

42 20 noch statt doch Korrektur durch Marie Steiner fiir die 

Buchausgabe 1931 

45 5 «Guru» Fiir die erste Buchausgabe hat Marie Steiner 

bei den weiteren entsprechenden Stellen in diesem Ka- 
pitel den Titel «Guru» durch die Bezeichnung Geheim- 
lehrer, Lehrer oder Filhrer ersetzt, um eine Verwechs- 
lung zwischen Rudolf Steiners Auffassung des Geheim- 
lehrers und dem indisch-theosophischen Verstandnis des 
Guru zu vermeiden (vgl. dazu die Ausfiihrungen iiber das 
Verhaltnis zwischen Geistesschiiler und -lehrer S. 13f. in 
vorliegendem Band). 

49 16 zwar statt gar SinngemaBe Korrektur des Herausgebers. 

64 14-19 Man mufi... mitgeteilt ist. Erganzung nach den Kor- 
rekturfahnen 1910 und 1914 

79 6 belasten statt belassen SinngemaBe Korrektur Marie 

Steiners fiir die Buchausgabe 1931 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den 
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht 
am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

7 Zeitschrift «Lucifer-Gnosis»: Die Beitrage Rudolf Steiners in «Lucifer-Gnosis» 
sind gesammelt erschienen in der Gesamtausgabe unter dem Titel: «Lucifer - 
Gnosis 1903-1908. Gesammelte Aufsdtze zur Anthroposophie und Berichte 
aus den Zeitschriften <Luzifer> und (Lucifer -Gnosis>», GA 31. 

«Theosophie. Einfiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Men- 
schenbestimmung» (1904), GA 9- 

«Die Geheimwissenschaftim Umrifi» (1910), GA 13. 

«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» (1904-1905), GA 10. 

13 «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissen- 
schaftliche Ergebnisse iiber die Menschheits-Entwickelung» (1911), GA 15. 

«Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen. In acht Meditationen» (1912), 
GA 16. 

«Die Schwelle der geistigen Welt. Aphoristische Ausfiihrungen» (1913), GA 
17. 

28 «Aus der Akasha-Chronik» (1904-08), GA 1 1. 

29 die bewufite Ausbildung gewisser Tugenden: Siehe hierzu das Kapitel «Uber 
einige Wirkungen der Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?», GA 10, S. 115ff. 

32 «Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrubt»: Klarchens Lied in J. W. Goethes 
«Egmont», 3. Aufzug. 

Es gibt eine schone, in der persischen Dichtung vorhandene Legende von 
Christus: Die Legende ist iiberliefert durch Nisami (Nezamii) (gest. 1209) 
und wurde iibersetzt von Joseph von Hammer in seiner «Geschichte der 
schonen Redekunste Persiens, mit einer Bliitenlese aus 200 persischen 
Dichtern» Wien 1818, S. 108. Goethe verwendete diese Ubersetzung fur 
seine «Noten und Abhandlungen zu besserem Verstandnis des Westostlichen 
Divans», wo er sie im Abschnitt «Allgemeines» vollstandig zitiert. 



35 Es ist auf die Bedeutung der angefiihrten Eigenschaften schon friiher bei 
Besprechung der «Lotusblumen» hingewiesen worden: Im Kapitel «Uber 
einige Wirkimgen der Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten?», GA 10, S. 1 17ff. 

49 in den verschiedenen Methoden der okkulten Schulung: Siehe z. B. die 
Ausfiihrungen Rudolf Steiners in den beiden Vortragen Stuttgart 3. und 
4. September 1906 in «Vor dem Tore der Theosophie», GA 95. 

83 «Kosmologie, Religion und Philosophie». Auto-Referate zu den zehn Vor- 
tragen des «Franzosischen Kurses» vom 6. bis 15. September 1922, GA 25. 

Das Buchlein «Vom Seelenleben»: Vier Aufsatze, urspriinglich erschienen 
in «Das Goetheanum», Okt./Nov. 1923, erste Einzelausgabe unter dem- 
selben Titel Dornach 1930, jetzt enthalten in «Der Goetheanumgedanke 
inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte Aufsatze 1921- 
1925 aus der Wochenschrift <Das Goetheanum»>, GA 36, S. 349-364. 
Auch als Einzelausgabe unter dem Titel: «Vom Seelenleben. Sprache und 
Sprachgeist», Dornach 1975. 

«Anthroposophische Leitsatze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie. 
Das Michael-Mysterium» (1924/25), GA 26. 

Carl linger, «Aus der Sprache der BewuBtseinsseele. Unter Zugrunde- 
legung der <Leitsatze> Rudolf Steiners», Dornach 1930, 4. Aufl., Schrif- 
ten Bd. Ill, Stuttgart 1981.