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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
DIE STUFEN DER
HOHEREN ERKENNTNIS
Mit Vor- und Nachwort von Marie Steiner
1993
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Zuerst erschienen in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis»
in den Nummern 29, 30, 32, 34 und 35
(Oktober 1905 - Mai 1908)
2. Auflage in Sonderdruckheften aus «Lucifer-Gnosis»
Nummer 29-35, 1908
3. Auflage, Einzelheft (Sonderdruck-Sammelheft)
aus «Lucifer-Gnosis», Nummer 34, 1908
4. Auflage (erste Buchausgabe), Dornach 1931
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1993
Bibliographie-Nr. 12
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0120-6
INHALT
Vorwort von Marie Steiner (1931) 7
Aus der Vorrede zur funften Auflage des Buches
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» (1914) 13
Die Stufen der hoheren Erkenntnis 15
Die Imagination 36
Die Inspiration 52
Inspiration und Intuition 69
Aus dem Nachwort von Marie Steiner (1931) . . 85
Hinweise des Herausgebers
Zu dieser Ausgabe 87
Verzeichnis der Textkorrekturen 88
Hinweise zum Text 90
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 93
VORWORT VON MARIE STEINER
(1931)
Die von Rudolf Steiner im Dienste der Geisteswissen-schaft
herausgegebene Zeitschrift «Luzifer» erfuhr im Jahre 1904
eine Erweiterung durch ihre Vereinigung mit der in
Osterreich erscheinenden Zeitschrift «Gnosis». Unter dem
Doppelnamen «Lucifer-Gnosis» brachte sie dann jene
Aufsatze Rudolf Steiners, die spater, gesam-melt, das Buch
wurden, das neben der «Theosophie» und
«Geheimwissenschaft» zu den grundlegenden Werken
gehort fur die Einfuhrung in die anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft. Eine Fortsetzung jener Auf-satze
erschien unter dem Titel «Die Stufen der hoheren
Erkenntnis». Es war gedacht, sie spaterhin zu einem
zweiten Bande zu gestalten, als Weiterfuhrung der in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
begonnenen Betrachtungen. Die Uberfiille der Arbeit
jedoch, die auBerordentliche Inanspruchnahme Rudolf
Steiners durch Vortragstatigkeit, machte es allmahlich
unmoglich, sich der Zeitschrift in genugendem MaBe zu
widmen, obgleich sie an Verbreitung stetig gewann. Aus
Mangel an Zeit muBte sie eingestellt werden. So wurde
denn auch das weitere Erscheinen jener Aufsatze iiber «Die
Stufen der hoheren Erkenntnis» unterbrochen. Es ist ofters
die Bitte an uns herangetreten, durch eine Neu-ausgabe sie
wieder zuganglich zu machen. Diesem Wunsche wird
hiermit nachgekommen. Da der Text plotzlich abbricht,
kann das Buch nicht den Wert der Vollstandigkeit
beanspruchen. So war es berechtigt, sich die Frage zu
stellen, ob die Herausgabe nicht besser un-
terbleiben solle. Die hier in Aussicht gestellten nicht zum
AbschluB gekommenen Darlegungen sind ja viel-fach in
anderer Form, unter anderen Titeln schon ver-offentlicht
worden. Doch bleibt es fur den Geistessucher eine
Tatsache, daB die Eroberung der geistigen Wirk-lichkeit
nur dann moglich ist und keine Illusion, wenn immer
wieder zuriickgegriffen wird zu den einmal durch-
gearbeiteten, nie genug verarbeiteten geistigen Inhalten,
wenn immer wieder der Weg neu erlebt wird, der einmal
die Richtung zum Geistgebiet gewiesen hat. Das Seelen-
leben des meditativ Arbeitenden muB so beweglich
gehalten werden, daB die Ausblicke, die ihm der eine Weg
gegeben hat, ihn um so empfanglicher machen fur die
Fernblicke von anderen Gesichtspunkten aus.
Die hier veroffentlichten Aufsatze haben zugleich einen
historischen Wert. Sie zeigen den Ausgangspunkt, den die
esoterischen Unterweisungen Rudolf Steiners haben
nehmen miissen; sie zeigen uns, wie er der bahn-brechende
Fiihrer geworden ist auch auf diesem Gebiet, auf welchem
zum erstenmal durch ihn der Mensch der Freiheit
ubergeben werden durfte. Dazu muBte mit welt-
umspannendem Blick und groBtem Verantwortlichkeits-
geftihl eine Grundlage vorgebaut, eine Geisthaltung
geschaffen werden, die es dem Menschen moglich macht,
in sich selbst den festen moralischen Halt fin-dend, in
dieser Freiheit nicht den Versuchungen, der Verirrung
anheimzuf alien. Um eine solche Tat am ent-scheidenden
Wendepunkte historischer Umwalzungen, inmitten
feindlicher Gegenkrafte, nur auf sich selbst ge-stellt, zu
vollbringen, war das ungeheure Ethos notwen-dig,
welches das ganze Lebenswerk Rudolf Steiners
durchpulst und nichts anderes mehr fur ihn in Betracht
kommen lieB als das Wohl der Menschheit, die Rettung des
Abendlandes vor dem drohenden Untergange. Dazu muBte
von den Fundamenten aus gebaut werden in einer Art, die
den Forderungen der Zeit entsprach. Die Syn-these alles
Wissens war dazu notwendig. .
Greift man zu diesen Aufsatzen, die am Anfang jenes
erstaunlichen Lebenswerkes geschrieben worden sind, das
am 30. Marz 1925 seinen AbschluB fand und, bald nach
der Jahrhundertwende, einen schicksalsgewollten
Einschlag erhalten hatte durch die Verbindung mit den aus
orientalischen Quellen gespeisten theosophischen Kreisen,
so wird man zur Frage gedrangt: Wie ist es zu verstehen,
daB Rudolf Steiner, der uns auch auf dem Gebiete der
Esoterik zur Freiheit fiihrte, auch hier uns auf uns selber
stellte und nur unsermeigenen hohern Ich uns geloben lieB,
was sonst der Schuler dem Lehrer als Gelobnis zu leisten
hatte, daB Rudolf Steiner hier in diesen Aufsatzen noch
von der Notwendigkeit des stren-gen Anschlusses an den
Fiihrer spricht, den Schuler gleichsam in die Abhangigkeit
des Lehrers stellt?
In Wahrheit handelt es sich bei Rudolf Steiner nur um
die Beschreibung eines Vertrauensverhaltnisses. Das
Autoritative hat er von Anfang an vermieden und von sich
gewiesen. In alten Zeiten ubernahmen die initiieren-den
Priester die voile Verantwortung fur den in die Mysterien
des geistigen Seins Einzuweihenden und wirkten mit ihrem
Willen in ihn hinein. So war er zu-gleich geschutzt und
gefiihrt und konnte den Gefahren entrinnen, die ihn sonst
uberwaltigt hatten. Sein Ich schwebte ja noch iiber seinen
physischen Hiillen, sein
SelbstbewuBtsein war nicht erwacht. Dieses immer mehr
zur Erweckung zu bringen, war der Weg der fortschrei-
tenden Mysterienschulung. Und in der christlichen Ein-
weihung sehen wir durch den Hinweis auf den Welten-
lehrer die Abhangigkeit vom personlichen Lehrer schon
gemildert, wenn auch noch vorhanden. Sie verliert immer
mehr ihren personlichen Charakter in der rosenkreuzeri-
schen Schulung und gestaltet sich um zum Vertrauens-
verhaltnis. Der Lehrer steht dem Schuler bei, zeigt ihm den
Weg, den jener sucht und allein nicht finden kann, stiitzt
ihn moralisch, weist ihn auf die Gefahren hin, die seinem
Charakter drohen - aus Eitelkeit, aus der Vor-gaukelung
trugerischer Bilder, die er unterscheiden lernen muB von
wahrer geistiger Wirklichkeit. So ist der Lehrer ein Heifer,
der sich in dem Augenblicke sogleich zuruckziehen wiirde,
wo das Vertrauen abhanden kame. An dem
Schicksalswendepunkte, in dem wir stehen, muBte der fur
die Jetztzeit wirkende Lehrer hinweisen auf die
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mensch-lichen
Geistesstrebens und, indem er mit der Erziehung des
Einzelnen begann, sein Werk so ausbauen, daB es als
Menschheitstat dastehen konnte: ein fur die Nachwelt
neuerrungenes Lebenselement. So schuf Rudolf Steiner
eine Initiationswissenschaft, in der von nun an jeder ern-
ste, sittlich strebende Mensch den Boden wird finden
konnen, der ihn tragt, die Elemente wird greifen kon-nen,
die ihm das Unterscheidungsvermogen scharfen, wahrend
sich ihm neue Welten eroffnen. Er braucht nicht unsicher
zu sein, er hat genug, um sich durchzuta-sten, bis er in
geistigen Landen den Fiihrer findet. Ein solches war nicht
vorhanden, bevor Rudolf Steiner
sein Geisteswerk begann. Seine Tat ist - die «Wissen-
schaft» von der Initiation. Durch sie wird entsiegelt, was
verborgen lag in den Mysterien der alten Tempel: neben
dem Wissen des Werdens der Welten das Wissen vom
kommenden Niederstieg des Christus; und was versiegelt
ward in der Kirche: die erlosende Tat der Menschheits-
befreiung durch den Christus, die im Laufe der Zeit durch
Ihn sich vollziehende Ich-Durchdringung des Einzelnen.
Statt der personlichen Fiihrung wird es nun Aufgabe, durch
die Krafte des Zeitgeistes den Menschen den Weg finden
zu lassen zum Menschheits-Ich, zum Christus. Das
BewuBtsein des einzelnen Menschen wird reif ge-macht
zum Entgegennehmen der hoheren Ichkraft, das
SelbstbewuBtsein wird emporgehoben zum Geistselbst.
Es ist die Arbeit der Zukunft. Aber nur auf dem Boden
der Vergangenheit stehend, kann man, Kunftiges
vorbereitend, die Gegenwart befruchten. Sonst schafft man
ins Leere. Metamorphose auch hier. Die Zukunft wird
gestaltet, indem die auf dem Boden der Vergangen-heit
stehende Gegenwart umgeformt wird. Neues tritt hinzu,
wie der neue Fruhling dem Winter folgt. Sonnen-kraft
durchfeuert die Erde; Ersterbendes, in Wesen-haftes sich
Umwandelndes wird zu neuem Leben ent-facht, indem sich
von oben die Gnade hinuntersenkt.
Auch auf dem Gebiet der Esoterik entwickelt sich
kontinuierliches historisches Geschehen durch das Ge-setz
der steigenden Entwickelung und der auf- und ab-flutenden
Welle des vergehenden und aufbliihenden Lebens bis zu
dem scheinbar plotzlichen Augenblick, wo die Gnade
uberstrahlend hereinbricht, gleich dem Wun-der der
aufleuchtenden Bliite in der griinen Pflanzen-
weit. Doch ohne diese durch weise Machte von Form zu
Form durchgefiihrte Wandlung und stete Steigerung auf
alien Gebieten der LebensauBerung wiirden die neuen
Werte, die Gaben des Geistes, die feurigen Zungen des
Wortes, sich nicht zu uns herniedersenken. Ohne Kennt-nis
solchen Geschehens waren die Empfangenden nicht in der
Lage, zu ermessen, was unter ihnen sich vollziehen will.
Das neue GroBe konnte sich nicht auswirken, die Zukunft
nicht gerettet werden.
Die nach geistigen Erkenntnissen ringenden Seelen, die
an Rudolf Steiner herantraten, waren das Schicksal-
gewollte, von der Zeit ihm zugefiihrte Menschenmate-rial,
mit dem Rudolf Steiner zu arbeiten hatte, aus deren
Bedurfnissen und Voraussetzungen heraus er das zu ge-
stagen hatte, was auf Grund eines erkenntnismaBig fun-
damentierten Aufbaus zur Wissenschaft der Initiation
werden konnte. Aus der Tragheit der Zeit dem Geiste
gegentiber gait es, Menschen herauszureiBen, die Briicke
wiirden sein konnen fur die Forderungen der Zukunft.
Am schwersten war es, den Sinn zu wecken fiir die
innere Freiheit und das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein in
eigener Verantwortung. In peinlichster Berucksichtigung
dieses Zieles hat Rudolf Steiner nichts anderes den Men-
schen sein wollen als Unterweiser und - wo man ihn darum
bat, Berater, Erwecker von menschheitlichen
Geistimpulsen. Er konnte Darsteller werden von gei-stigen
Tatsachen, weil sein Denken und Schauen leben-
durchtrankt war und sich von Glied zu Glied entfaltete mit
der Kraft eines naturhaften Organismus. Sein Gei-steswerk
steht vor uns: die wiederhergestellte Einheit von
Wissenschaft, Kunst und Religion.
AUS DER VORREDE ZUR FUNFTEN AUFLAGE
DES BUCHES «WIE ERLANGT MAN
ERKENNTNISSE DER HOHEREN WELTEN?»
Als ich die Aufsatze schrieb, aus welchen das Buch zu-
sammengesetzt ist, muBte iiber manches auch aus dem
Grunde anders gesprochen werden als gegenwartig, weil
ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn
Jahren iiber Tatsachen der Erkenntnis geistiger Welten
veroffentlicht habe, damals anders hinzudeuten hatte, als es
jetzt, nach der Veroffentlichung, zu geschehen hat. In
meiner «GeheimWissenschaft», in der «Fuhrung des
Menschen und der Menschheit», in «Ein Weg zur Selbst-
erkenntnis» und besonders in «Die Schwelle der geistigen
Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geistige
Vorgange geschildert, auf deren Vorhandensein dieses
Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten
muBte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegen-
wartig richtig scheint. Ich muBte damals von vielem, das m
dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen, es konne
durch «mundliche Mitteilung» erfahren werden.
Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was mit
solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese
Hinweise, die irrtumliche Meinungen bei den Lesern
vielleicht nicht vollig ausschlossen. Man konnte etwa in
dem persdnlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem Lehrer
bei dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel
Wesentlicheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe,
daB es mir gelungen ist, in dieser neuen Auflage durch die
Art der Darstellung mancher Einzelheiten scharfer zu
betonen, wie es bei dem, der Geistesschulung
sucht im Sinne der gegenwartigen geistigen Bedingun-gen,
viel mehr auf ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur
objektiven Geisteswelt als auf ein Verhaltnis zur Person-
lichkeit eines Lehrers ankommt. Dieser wird auch in der
Geistesschulung immer mehr die Stellung nur eines solchen
Heifers annehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren
Anschauungen, in irgendeinem anderen Wis-senszweige
innehat. Ich glaube geniigend darauf hin-gewiesen zu
haben, daB des Lehrers Autoritat und der Glaube an ihn in
der Geistesschulung keine andere Rolle spielen sollten, als
dies der Fall ist auf irgendeinem an-deren Gebiete des
Wissens und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen,
daB immer richtiger beurteilt werde gerade dieses
Verhaltnis des Geistesforschers zu Menschen, die Interesse
entwickeln fur die Ergebnisse seines Forschens. So glaube
ich das Buch verbessert zu haben, wo ich das
Verbesserungsbedurftige nach zehn Jahren zu finden in der
Lage war.
An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschlieBen.
Dieser soil weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfas-
sung bringen, welche den Menschen zum Erleben der
hoheren Welten fiihrt.
Berlin, 7. September 1914
DIE STUFEN DER HOHEREN ERKENNTNIS
Bis zu der Begegnung mit den beiden «Hutern der
Schwelle» ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?» der Weg zur hoheren Er-
kenntnis verfolgt worden. Nun sollen auch noch die
Verhaltnisse geschildert werden, in denen die Seele zu den
verschiedenen Welten steht, wenn sie durch die auf-
einanderfolgenden Erkenntnisstufen hindurchschreitet.
Damit wird das gegeben, was man die «Erkenntnislehre der
Geheim Wissenschaft» nennen kann.
Bevor der Mensch den Pfad hoherer Erkenntnis be-tritt,
kennt er nur die erste von vier Erkenntnisstufen. Es ist
diejenige, welche ihm im gewohnlichen Leben inner-halb
der Sinneswelt eigen ist. Auch in dem, was zunachst
«Wissenschaft» genannt wird, hat man es nur mit dieser
ersten Erkenntnisstufe zu tun. Denn diese Wissenschaft
arbeitet ja nur das gewohnliche Erkennen feiner aus, macht
es disziplinierter. Sie bewaffnet die Sinne durch
Instrumente - Mikroskop, Fernrohr usw. -, um genauer zu
sehen, was die unbewaffneten Sinne nicht sehen. Aber die
Erkenntnisstufe bleibt doch dieselbe, ob man normal groBe
Dinge mit dem gewohnlichen Auge sieht, oder ob man sehr
kleine Gegenstande und Vorgange mit dem
VergroBerungsglase verfolgt. Auch in der Anwendung des
Denkens auf die Dinge und Tatsachen bleibt diese
Wissenschaft bei dem stehen, was schon im alltaglichen
Leben getrieben wird. Man ordnet die Gegenstande,
beschreibt und vergleicht sie, man sucht sich ein Bild von
ihren Veranderungen zu machen usw. Der strengste
Naturforscher tut im Grunde in dieser Beziehung nichts
anderes, als daB er das Beobachtungsverfahren des all-
taglichen Lebens in einer kunstgemaBen Art ausbildet.
Seine Erkenntnis wird umfangreicher, komplizierter,
logischer; aber er schreitet nicht zu einer anderen Er-
kenntnis art vor.
Man nennt diese erste Erkenntnisstufe in der Ge-
heimwissenschaft die «materielle Erkenntnisart». Dazu
kommen dann zunachst drei hohere. An sie schlieBen sich
dann noch weitere an. Sie sollen hier beschrieben werden,
bevor in der Schilderung des «Erkenntnispfades»
weitergegangen wird. Nimmt man das gewohnliche -und
sinnlich-wissenschaftliche - Erkennen als die erste Stufe
an, so hat man zunachst folgende vier Stufen zu
unterscheiden:
1. die materielle Erkenntnis,
2. die imaginative Erkenntnis,
3. die inspirierte Erkenntnis, die man auch die «wil-
lensartige» nennen Kann.
4. die intuitive Erkenntnis.
Diese Stufen sollen im weiteren zur Sprache kommen.
Man muB sich zunachst klarmachen, womit man es bei
diesen verschiedenen Erkenntnis arten zu tun hat. - Beim
gewohnlichen sinnlichen Erkennen kommen vier Ele-
mente in Betracht: 1. der Gegenstand, welcher auf die
Sinne einen Eindruck macht; 2. das Bild, das sich der
Mensch von diesem Gegenstande macht; 3. der Be griff,
durch den der Mensch zu einer geistigen Erf as sung einer
Sache oder eines Vorganges kommt; 4. das «Ich», welches
sich auf Grund des Eindruckes vom Gegenstande Bild und
Begriff bildet. Bevor sich der Mensch ein Bild - eine
«Vorstellung» macht, ist ein Gegenstand da, welcher ihn
dazu veranlaBt. Diesen bildet er nicht selbst, er nimmt ihn
wahr. Und auf Grund dieses Gegenstandes entsteht das
Bild. Solange man ein Ding anblickt, hat man es mit diesem
selbst zu tun. In dem Augenblicke, wo man von dem Dinge
hinwegtritt, besitzt man nur noch das Bild. Den Gegenstand
verlaBt man, das Bild bleibt in der Erin-nerung «haften».
Aber man kann nicht dabei stehenbleiben, sich bloB
«Bilder» zu machen. Man muB zu «Be-griffen» kommen.
Die Unterscheidung von «Bild» und «Begriff» ist
unbedingt notwendig, wenn man sich hier ganz klarwerden
will. Man stelle sich einmal vor, man sehe einen
Gegenstand, welcher kreisformig ist. Dann drehe man sich
um, und man behalte das Bild des Krei-ses im
Gedachtnisse. Da hat man noch nicht den «Be-griff» des
Kreises. Dieser ergibt sich erst, wenn man sich sagt: «Ein
Kreis ist eine Figur, bei der alle Punkte von ei-nem
Mittelpunkte gleich weit entfernt sind.» Erst wenn man sich
von einer Sache einen «Begriff» gemacht hat, ist man zum
Verstandnisse derselben gekommen. Es gibt viele Kreise:
kleine, groBe, rote, blaue usw.; aber es gibt nur einen
Begriff «Kreis». - Auf alles dieses soil im wei-teren noch
naher eingegangen werden; vorlaufig soli nur skizziert
werden, was zur Charakteristik der vier ersten
Erkenntnisstufen notwendig ist. - Das vierte Element, das
bei der materiellen Erkenntnis in Betracht kommt, ist das
«Ich». In demselben kommt eine Einheit der Bilder und
Begriffe zustande. Dieses «Ich» bewahrt in seinem
Gedachtnisse die Bilder. Ware das nicht der Fall, so ent-
stande kein fortlaufendes inneres Leben. Die Bilder der
Dinge blieben nur so lange vorhanden, als diese Dinge
selbst auf die Seele wirken. Das innere Leben aber hangt
da von ab, daB Wahrnehmung an Wahrnehmung gereiht
wird. Das «Ich» orientiert sich «heute» in der Welt, weil
ihm bei gewissen Gegenstanden die Bilder der gleichen
Gegenstande von «gestern» auftauchen. Man vergegen-
wartige sich nur, wie unmoglich das Seelenleben ware,
wenn man nur so lange ein Bild eines Dinges hatte, als
dieses selbst vor einem steht. - Auch beziiglich der Be-
griffe bildet das «Ich» die Einheit. Es verbindet seine
Begriffe und verschafft sich auf diese Art einen Uber-blick,
das heiBt ein Verstandnis der Welt. Diese Verbin-dung der
Begriffe geschieht im «Urteilen». Ein Wesen, das nur lose
Begriffe hatte, konnte sich in der Welt nicht zurechtfinden.
Alle Tatigkeit des Menschen beruht auf seiner Fahigkeit,
Begriffe zu verbinden, das heiBt auf seinem «Urteilen».
Das «materielle Erkennen» beruht darauf, daB der
Mensch durch seine Sinne einen Eindruck von Dingen und
Vorgangen der AuBenwelt erhalt. Er hat die Fahig-keit des
Empfindens oder die Sensibilitat. Der «von auBen»
empfangene Eindruck wird auch Sensation ge-nannt. Daher
kommen bei der «materiellen Erkenntnis» die vier
Elemente in Betracht: Sensation, Bild, Begriff, Ich. - Bei
der nachsthoheren Stufe des Erkennens fallt nun der
Eindruck auf die auBeren Sinne, die «Sensation», weg. Ein
auBerer Sinnesgegenstand ist nicht mehr vor-handen. Es
bleiben also von den Elementen, an welche der Mensch
von der gewohnlichen Erkenntnis her ge-wohnt ist, nur die
drei: Bild, Begriff und Ich.
Das gewohnliche Erkennen bildet bei einem gesun-den
Menschen kein Bild und keinen Begriff, wenn ein auBerer
Sinnesgegenstand nicht vorhanden ist. Das «Ich»
bleibt dann untatig. Wer sich Bilder formt, denen Sin-
nesgegenstande entsprechen sollen, wo in Wahrheit keine
sind, lebt in Phantastik. - Nun aber erwirbt sich der
Geheimschuler eben die Fahigkeit, Bilder zu formen, auch
wo keine Sinnesgegenstande vorhanden sind. Es muB dann
bei ihm an die Stelle des «auBeren Gegenstandes» ein
anderer treten. Er muB Bilder haben konnen, auch wenn
kein Gegenstand seine Sinne beriihrt. An die Stelle der
«Sensation» muB etwas anderes treten. Dies ist die
Imagination. Bei dem Geheimschuler auf dieser Stufe
treten Bilder auf genau so, wie wenn ein Sinnesgegenstand
auf ihn einen Eindruck machen wiirde; sie sind so lebhaft
und wahr wie die Sinnesbilder, nur kommen sie nicht vom
«Materiellen», sondern vom «Seelischen» und «Geistigen».
Die Sinne bleiben dabei vollstandig untatig. - Es ist
einleuchtend, daB sich der Mensch diese Fahigkeit,
inhaltvolle Bilder zu. haben ohne Sinneseindrucke, erst
erwerben muB. Es geschieht dies durch die Meditation,
durch die Ubungen, welche in den Darstellungen des
Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» beschrieben worden sind. Der auf die Sinnenwelt
beschrankte Mensch lebt nur in dem Umkreis einer
Bilderwelt, welche erst durch die Sinne in ihn EinlaB
gefunden haben. Der imaginative Mensch hat eine solche
Bilderwelt, die von einer hoheren Welt ihren ZufluB erhalt.
Es gehort eine sehr sorgfaltige Schulung dazu, innerhalb
dieser hoheren Bilderwelt Tauschung von Wirklichkeit zu
unterscheiden. Nur zu leicht sagt sich der Mensch, wenn
solche Bilder zunachst vor seine Seele hin treten: «Ach, das
sind ja nur Einbildungen, bloBe Ausflusse meines
Vorstellungslebens.» Das ist nur
zu begreiflich. Denn der Mensch ist zunachst ja daran
gewohnt, nur dasjenige «wirklich» zu nennen, was, ohne
sein Zutun, ihm durch die feste Grundlage seiner Sinnes-
wahrnehmung gegeben ist. Und er muB sich erst hinein-
finden, Dinge fur «wirkliche» zu nehmen, die von ganz
anderer Seite veranlaBt werden. Und er kann auch darin-
nen nicht vorsichtig genug sein, wenn er nicht zum
Phantasten werden will. Die Entscheidung darliber, was auf
hoherem Gebiete «wirklich» ist, was nur «Illusion», die
kann nur von der Erfahrung kommen. Und man muB sich
diese Erfahrung in einem stillen, geduldigen Innen-leben
aneignen. Zunachst muB man durchaus darauf gefaBt sein,
daB einem die «Illusion» bose Streiche spielt. Uberall
lauern die Moglichkeiten, daB Bilder auftauchen, die nur
auf Tauschungen der auBeren Sinne, des ab-normen Lebens
beruhen. Alle solche Moglichkeiten miissen zuerst
hinweggeraumt werden. Man muB zuerst die Quellen der
Phantastik ganz verstopfen, dann kann man erst zu der
Imagination kommen. Ist man so weit, dann wird man
allerdings sich klar dariiber, daB die Welt, in die man in
solcher Art eintritt, nicht nur so wirklich ist wie die
sinnliche, sondern daB sie eine viel wirklichere ist.
Bei der dritten Stufe der Erkenntnis bleiben nun auch
die Bilder weg. Der Mensch hat es nur noch mit «Begriff»
und «Ich» zu tun. Hat er auf der zweiten Stufe noch eine
Bilderwelt um sich, die erinnert an die Augenblicke, wo
das lebhafte Gedachtnis sich die Eindrucke der AuBenwelt
vor die Seele zaubert, ohne selbst solche Eindrucke zu
haben: auf der dritten Stufe sind auch solche Bilder nicht
mehr vorhanden. Der Mensch lebt ganz in einer rein
geistigen Welt. Wer nur gewohnt ist, sich an die Sinne zu
halten, wird versucht sein, zu glauben, daB diese Welt eine
blasse, gespenstige sei. Das ist sie aber ganz und gar nicht.
Auch die Bilderwelt der zweiten Stufe hat nichts B lasses,
Schattenhaftes. So sind ja allerdings die Bilder zumeist, die
im Gedachtnisse haften bleiben, wenn die auBeren Dinge
weg sind. Aber die Bilder der Imagination sind von einer
Lebhaftigkeit und Inhalts-fiille, mit der sich nicht nur die
schattenhaften Erinne-rungsbilder der Sinnenwelt nicht
vergleichen lassen, sondern sogar nicht einmal die ganze
bunte, wechsel-reiche Sinnenwelt selbst. Auch diese ist
gegen das Reich der Imagination nur ein Schatten. - Und
nun gar die Welt der dritten Erkenntnisstufe! Von ihrem
Reichtum und ihrer Fiille gibt nichts in der Sinnenwelt eine
Vor-stellung. Was fur die erste Stufe die Sensation, fur die
zweite die Imagination, das ist fur sie die «Inspiration».
Die Inspiration gibt die Eindrucke, und das «Ich» formt die
Begriffe. Will man durchaus mit dieser Welt etwas
Sinnliches vergleichen, so kann nur die Tonwelt des H6-
rens zu einem solchen Vergleiche herangezogen werden.
Aber nicht mit Tonen wie in der sinnlichen Musik hat man
es zu tun, sondern mit einem rein «geistigen T6-nen». Man
beginnt zu «horen», was im Innern der Dinge vorgeht. Der
Stein, die Pflanze usw. werden zu «gei-stigen Worten». Die
Welt beginnt der Seele gegeniiber ihr Wesen wirklich
selbst auszusprechen. Es klingt gro-tesk, aber es ist
wortlich wahr: auf dieser Stufe des Er-kennens «hort man
geistig das Gras wachsen». Man ver-nimmt die Form des
Kristalles als Klang; die sich off-nende Bliite «spricht» da
zum Menschen. Der Inspirierte
vermag das innere Wesen der Dinge zu kiinden; alle Dinge
werden in neuer Art vor seiner Seele auferstehen. Er
spricht eine Sprache, die aus einer anderen Welt stammt
und welche doch erst die alltagliche Welt begreiflich
macht.
Auf der vierten Erkenntnisstufe endlich hort auch die
Inspiration auf. Von den Elementen, die man vom all-
taglichen Erkennen her gewohnt ist zu betrachten, ist nur
noch das «Ich» dasjenige, welches in Betracht kommt. Der
Geheimschuler merkt an einer ganz bestimmten inneren
Erfahrung, daB er bis zu dieser Stufe aufgestiegen ist. Diese
Erfahrung driickt sich darin aus, daB er das Gefiihl hat: er
stehe jetzt nicht mehr aufier den Dingen und Vorgangen,
welche er erkennt, sondern innerhalb derselben. Bilder sind
nicht der Gegenstand; sie driicken ihn bloB aus. Auch was
die Inspiration gibt, ist nicht der Gegenstand. Sie spricht
ihn nur aus. Das aber, was jetzt in der Seele lebt, ist
wirklich der Gegenstand selbst. Das Ich hat sich ergossen
liber alle Wesen; es ist mit ihnen zusammengeflossen. Das
Leben der Dinge in der Seele ist nun die Intuition. Es ist
eben ganz wortlich zu nehmen, wenn man von der Intuition
sagt: man kriecht durch sie in alle Dinge hinein. - Im ge-
wohnlichen Leben hat der Mensch nur eine Intuition, das
ist diejenige des «Ich» selber. Denn das «Ich» kann auf
keine Weise von auBen wahrgenommen werden, es kann
nur im Innern erlebt werden. Eine einfache Erwagung kann
das klarmachen. Es ist dies eine Erwagung, die allerdings
von den Psychologen nicht mit der wiinschenswerten
Scharfe gemacht wird. So unscheinbar sie aber ist: fur den,
der sie ganz versteht, ist sie von der allerweit-
tragendsten Bedeutung. Sie ist die folgende: Ein jedes Ding
der AuBenwelt kann von alien Menschen mit demselben
Namen genannt werden. Der Tisch kann von alien mit
«Tisch», die Tulpe von alien mit «Tulpe», der Herr Miiller
von alien mit «Herr Mliller» angesprochen werden. Aber es
gibt ein Wort, das jeder nur zu sich selbst sprechen kann.
Dies ist das Wort «Ich». Kein anderer kann zu mir «Ich»
sagen, fur jeden anderen bin ich ein «Du». Ebenso ist jeder
andere fur mich ein «Du». Nur er selbst kann zu sich «Ich»
sagen. Das riihrt davon her, daB man nicht aufier, sondern
in dem «Ich» lebt. Und so lebt man durch die intuitive
Erkenntnis in alien Dingen. Die Wahrnehmung des eigenen
«Ich» ist das Vorbild fur alle intuitive Erkenntnis. Um so in
die Dinge hineinzukommen, muB man allerdings erst aus
sich selbst heraustreten. Man muB «selbstlos» werden, um
mit dem «Selbst», dem «Ich», einer anderen Wesenheit zu
verschmelzen.
Meditation und Konzentration sind die sicheren Mittel,
um zu dieser Stufe, ebenso wie zu den fruheren,
hinanzusteigen. Allerdings miissen s'i€'m stiller, geduldiger
Art geiibt werden. Wer da glaubt, daB er tumultua-risch,
mit Gewaltmitteln zu den hoheren Welten steigen kann, der
irrt sich. Und einem solchen Glauben wiirde sich derjenige
hingeben, welcher erwartete, daB ihm die Wirklichkeit auf
hoheren Gebieten in ebensolcher Art entgegentritt wie in
der Sinnen weit. So lebhaft und reich auch die Welten sind,
zu denen man hinansteigt, sie sind fein und subtil, wahrend
die Sinnenwelt grob und derb ist. Das Wichtigste, was man
lernen muB, ist gerade die Gewohnung daran, etwas ganz
anderes «wirklich» zu
nennen, als was man im Bereich der Sinne so bezeichnet.
Und dies ist nicht ganz leicht. Deshalb wird so mancher,
der den Geheimpfad so gerne gehen mochte, schon bei den
ersten Schritten zuriickgeschreckt. Er hat erwartet, daB ihm
Dinge entgegentreten, welche sind wie Tische und Stiihle,
und er findet «Geister». Weil aber «Geister» nicht dicht
sind wie Stiihle und Tische, so kommen sie ihm als
«Einbildungen» vor. Daran ist nichts anderes schuld als die
Ungewohntheit. Man muB sich erst die rechte Empfindung
fur die geistige Welt erwerben, dann wird man das Geistige
nicht bloB schauen, sondern auch anerkennen. Und ein
groBer Teil der Geheimschulung bezieht sich auf diese
richtige Anerkennung und Einschatzung des Geistigen.
Man muB zunachst den Schlafzustand betrachten, wenn
man AufschluB erlangen will iiber die imaginative
Erkenntnis. Solange der Mensch keine hohere Erkennt-
nisstufe erlangt hat als die materielle, lebt die Seele zwar
wahrend des Schlafes, aber sie kann in der Welt, in
welcher sie schlafend lebt, nichts wahrnehmen. Sie ist in
dieser Welt wie ein Blinder in der materiellen. Ein solcher
lebt in der Welt des Lichtes und der Farben; aber er nimmt
sie nicht wahr. - Von den auBeren Sinnesorganen, dem
Auge, dem Ohr, der gewohnlichen Gehirntatigkeit usw. hat
sich die Seele im Schlafe zuriickgezogen. Sie erhalt durch
die Sinne keine Eindriicke. Was tut sie nun wahrend des
Schlafes? Klar muB man sich dariiber sein, daB die Seele
wahrend des Wachens in einer fortwahrenden Tatigkeit ist.
Sie empfangt die auBeren Sinneseindrucke und verarbeitet
sie: das ist ihre Tatigkeit. Diese stellt sie wahrend des
Schlafes ein. Aber
sie ist keineswegs untatig. Sie arbeitet schlafend an dem
eigenen Leibe. Dieser wird ja wahrend der wachen Tages-
arbeit abgeniitzt. Das driickt sich in der Ermlidung aus.
Und wahrend des Schlafes beschaftigt sich die Seele mit
dem eigenen Leib, um ihn fiir weitere wache Tagesarbeit
wieder geeignet zu machen. Man sieht daraus, wie
wesentlich der richtige Schlaf dem Gedeihen des Leibes
ist. Ein Mensch, der nicht entsprechend schlaft, laBt
seine Seele an dem Leibe nicht die notwendige Verbesse-
rungsatbeit tun. - Und die Folge davon muB sein, daB
der Leib herunterkommt. - Die Krafte, mit denen die
Seele wahrend des Schlafes am Leibe arbeitet, sind die-
selben, durch welche sie auch im Wachzustande tatig ist.
Nur werden sie in dem letzteren dazu verwendet, die
Eindrucke der auBeren Sinne aufzunehmen und sie zu
verarbeiten.
Tritt nun die imaginative Erkenntnis beim Menschen
ein, so muB ein Teil der im Schlafe auf den Leib gewen-
deten Krafte in einer anderen Art verbraucht werden.
Durch diese Krafte werden nunmehr die geistigen Sin-
nesorgane gebildet, die es ermoglichen, daB die Seele in
einer hoheren Welt nicht bloB lebt, sondern auch wahr-
nimmt. So arbeitet die Seele schlafend an sich, nicht
mehr bloB an ihrem Leibe. Bewirkt wird diese Arbeit
durch die Meditation und Konzentration sowie durch
andere Ubungen. Es ist schon ofters in diesen Aufsatzen
iiber hohere Erkenntnis gesagt worden, daB die beson-
deren Anweisungen iiber solche Ubungen nur von
Mensch zu Mensch gegeben werden. Niemand sollte auf
eigene Hand diese Ubungen unternehmen. Denn nur wer
Erfahrung auf diesem Gebiete hat, kann ermessen,
welche Wirkung bei dem einen oder dem anderen Men-
schen sich einstellen muB, wenn er es unternimmt, seine
Seelenarbeit von dem Leibe abzuziehen und in einer
hoheren Art anzuwenden.
Meditation, Konzentration und andere Ubungen be-
wirken, daB die Seele sich fur eine Weile zuriickzieht von
ihrer Verbindung mit den Sinnesorganen. Sie ist dann in
sich selbst versenkt. Ihre Tatigkeit ist nach innen gewendet.
Im Anfange dieser Versenkung unterscheidet sich zwar
diese ihre innere Tatigkeit nicht erheblich von der
alltaglichen. Sie muB dieselben Vorstellungen, Gefiihle und
Empfindungen verwenden wahrend der Innenarbeit, welche
sie auch im gewohnlichen Leben hat. Je mehr sie sich aber
daran gewohnt, gewissermaBen «blind und taub»
gegenliber der sinnlichen Umgebung zu sein, je mehr sie in
sich lebt, desto fahiger macht sie sich zu innerer Leistung.
Und was sie bei der Versenkung in das Innere geleistet hat,
das tragt seine Friichte zunachst im Zustande des Schlafes.
Ist die Seele des Nachts vom Leibe befreit, so wirkt das in
ihr fort, was durch die Ubungen am Tage angeregt worden
ist. Es bilden sich in ihr Organe, durch welche sie mit einer
hoheren Umgebung gerade so in Verbindung kommt wie
vorher durch die auBeren Sinnesorgane mit der
korperlichen Umwelt. Aus dem Dunkel der nachtlichen
Umgebung treten die Lichterscheinungen der hoheren Welt
heraus. Zart und intim ist dieser Verkehr zunachst. Und der
Mensch muB durchaus damit rechnen, daB fur eine lange
Zeit beim Aufwachen das Licht des Tages sofort wieder
einen dichten Vorhang zieht vor die Erlebnisse der Nacht.
Die Erinnerung, daB man in der Nacht wahrgenommen hat,
tritt nur ganz langsam und allmahlich ein. Denn der Schuler
lernt nicht leicht auf die zarten Gebilde seiner Seele achten,
die sich im Laufe seiner Entwickelung hineinmischen in
die groben Erlebnisse des alltaglichen Sinneslebens.
Anfangs erscheinen ihm solche Gebilde wie das, was man
zufallige Eindriicke der Seele nennt. Alles kommt darauf
an, daB er unterscheiden lernt, was er der gewohnlichen
Welt verdankt von dem, was durch seine eigene Wesenheit
als Kundgebung hoherer Welten sich darstellt. In einem
stillen, in sich gekehrten Gemutsleben muB er sich diese
Unterscheidung aneignen. Es ist notwendig, daB er sich erst
ein Gefiihl davon erwerbe, welches der Wert und die
Bedeutung der intimen Seelengebilde ist, die wie «zufallige
Einfalle» sich in das Tagesleben einmischen und welche
doch Erinnerungen an den nachtlichen Verkehr in einer
hoheren Welt sind. Sobald man diese Dinge irgendwie grob
anfaBt und sie mit dem MaBstab des Sinneslebens miBt,
zerstieben sie.
Es ist aus obigem ersichtlich, daB durch die Arbeit in
einer hoheren Welt die Seele dem Leibe etwas von ihrer
sonst fiirsorglichen Tatigkeit entziehen muB. Sie uberlaBt
denselben in einer ge wis sen Beziehung sich selbst. Er
braucht einen Ersatz fur das, was sie ihm vorher geleistet
hat. Erhalt er einen solchen Ersatz nicht, so kommt er in die
Gefahr, verderblichen Kraften zu verf alien. Man muB sich
namlich dariiber klar sein, daB der Mensch fortwahrend den
Einfliissen seiner Umgebung ausgesetzt ist. Er lebt ja nur
durch die Einwirkungen dieser Umgebung. Zunachst
kommen innerhalb der Umgebung die Reiche der
sichtbaren Natur in Betracht. Der Mensch gehort dieser
sichtbaren Natur an. Gabe es um ihn herum nicht
das Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und dasjenige der
anderen Menschen: er konnte nicht leben. Man denke sich
den Menschen von der Erde hinweggehoben in den
Weltenraum hinaus, er muBte als physischer Mensch so-
gleich zugrunde gehen, wie die Hand verdorrt, wenn man
sie vom Leibe trennt. So stark die Illusion ware, deren sich
die menschliche Hand schuldig machte, wenn sie glaubte,
sie konne ohne den Leib leben, so stark ware auch die
Tauschung, in welche der Mensch verfiele, wenn er
behauptete, er konne ohne das Mineral-, Tier-,
Pflanzenreich und ohne die anderen Menschen als phy-
sisches Wesen existieren. - Nun gibt es aber auBer den
genannten Reichen noch drei andere, die sich fur ge-
wohnlich der menschlichen Aufmerksamkeit entziehen. Es
sind die drei Elementarreiche. Sie stehen in einer gewissen
Beziehung unter dem Miner alreiche. Es gibt Wesen, die es
nicht bis zur mineralischen Verdichtung bringen, die aber
deshalb nicht weniger da sind und ihre Wirkung auf den
Menschen haben. (Man vergleiche iiber diese
Elementarreiche, was iiber sie in den Aufsatzen «Aus der
Akasha-Chronik» gesagt ist, so wie die Bemerkungen
dariiber in meiner «Theosophie».) Der Mensch ist somit
Einflussen aus Naturreichen ausgesetzt, die in einer
gewissen Richtung unsichtbare genannt werden miissen.
Wenn nun die Seele am Leibe arbeitet, so besteht ein
wesentlicher Teil ihrer Tatigkeit darin, die Einfllisse der
Elementarreiche so zu regeln, daB sie fur den Menschen
gedeihliche sind. - In dem Augenblicke nun, in dem die
Seele ihre Tatigkeit zum Teil dem Leibe entzieht, konnen
sich seiner verderbliche Krafte aus den Elementarreichen
bemachtigen. Darin besteht eine
Gefahr der hoheren Entwickelung. Es muB daher dafiir
gesorgt werden, daB, sobald sich die Seele vom Korper
zuriickzieht, er durch sich selbst nur guten Einfliissen von
Seiten der elementaren Welt zuganglich ist. - Wird darauf
nicht geachtet, so verkommt der gewohnliche Mensch in
einer gewissen Beziehung physisch und auch moralisch,
trotzdem er den Zugang zu hoheren Welten gewinnt.
Wahrend die Seele in hoheren Gebieten lebt, nisten sich im
dichten physischen Leib und im Atherleib schadliche
Krafte ein. Dies ist der Grund, warum gewisse schlechte
Eigenschaften, die vor der hoheren Entwickelung durch die
ausgleichende Wirkung der Seele niedergehalten worden
sind, bei Mangel an Vorsicht zum Ausdruck kommen
konnen. Menschen, welche vorher gute, moralische
Naturen waren, konnen unter solchen Umstanden dann,
wenn sie an hohere Welten herantreten, allerlei niedrige
Neigungen, erhohte Selbstsucht, Un-wahrhaftigkeit,
Rachsucht, Zorn usw. usw. hervorkehren.-Niemand darf
von dieser Tatsache sich zuruckschrecken lassen, in die
hoheren Welten aufzusteigen; aber vorgesorgt muB werden,
daB solche Dinge nicht eintreten. Die niedere Natur des
Menschen muB gefestet und unzuganglich gemacht werden
gefahrlichen elementarischen Einfliissen. Das eben
geschieht durch die bewuBte Ausbildung gewisser
Tugenden. Diese Tugenden werden in den theosophischen
Handbuchern, welche von geistiger Entwickelung handeln,
angegeben. Hier aber hat man den Grund, warum auf sie
Sorgfalt gelegt werden muB. Es sind die folgenden.
Zuerst muB der Mensch in ganz bewuBter Weise bei
alien Dingen fortwahrend darauf bedacht sein, das Blei-
bende, Unvergangliche von dem Verganglichen abzu-
sondern, und auf das erstere seine Aufmerksamkeit richten.
In jedem Dinge und Wesen kann der Mensch ein Etwas
vermuten oder erkennen, das bleibt, wenn die vergangliche
Erscheinung entschwindet. Sehe ich eine Pflanze, dann
kann ich sie zunachst betrachten, wie sie sich den Sinnen
darbietet. Das soil man gewiB nicht versaumen. Und
niemand wird das Ewige in den Dingen entdecken, der sich
nicht zuerst mit dem Verganglichen grundlich bekannt
gemacht hat. Diejenigen, welche sich immer besorgt
zeigen, daB dem Menschen, der den Blick auf das Geistig-
Unvergangliche richtet, die «Frische und Naturlichkeit des
Lebens» verlorengehe: sie wis sen eben noch nicht, um was
es sich dabei eigentlich handelt. Aber, wenn ich so die
Pflanze anschaue, kann mir klarwerden, daB in ihr ein
bleibender Lebenstrieb ist, der in einer neuen zum
Vorschein kommen werde, wenn die gegenwartige Pflanze
langst zerstoben sein wird. Solche Art, sich zu den Dingen
zu stellen, muB man in die ganze Verfassung seines
Gemutes aufnehmen. - Dann muB man sein Herz auf das
Wertvolle, Gediegene heften und dieses hoher schatzen
lernen als das Vorubergehende, Bedeutungslose. Man soli
sich bei alien seinen Empfindungen und Handlungen den
Wert vor Augen halten, den etwas im Zusammenhange
eines Ganzen hat. - Zum dritten soil man sechs
Eigenschaften in sich ausbilden: Kontrolle der
Gedankenwelt, Kontrolle der Handlungen, Ertragsamkeit,
Unbefangenheit, Vertrauen in die Umwelt und inneres
Gleichgewicht. Kontrolle der Gedankenwelt erreicht man,
wenn man sich bemiiht, dem Irrlichtelieren der Gedanken
und Emp-
findungen, die beim gewohnlichen Menschen immer
auf- und abwogen, entgegenzuarbeiten. Im alltaglichen
Leben ist der Mensch nicht der Fuhrer seiner Gedanken;
sondern er wird von ihnen getrieben. Das kann natlirlich
auch gar nicht anders sein. Denn das Leben treibt den
Menschen. Und er muB als ein Wirkender sich diesem
Treiben des Lebens uberlassen. Wahrend des gewohn-
lichen Lebens wird das gar nicht anders sein kbnnen.
Will man aber in eine hohere Welt aufsteigen, so muB
man sich wenigstens ganz kurze Zeiten aussondern, in
denen man sich zum Herrn seiner Gedanken- und Emp-
findungswelt macht. Man stellt da einen Gedanken aus
volliger innerer Freiheit in den Mittelpunkt seiner Seele,
wahrend sich sonst die Vorstellungen von auBen auf-
drangen. Dann versucht man alle aufsteigenden Gedan-
ken und Geftihle fernzuhalten und nur das mit dem
ersten Gedanken zu verbinden, von dem man selbst will,
daB es dazu gehbre. Eine solche Ubung wirkt wohltatig
auf die Seele und dadurch auch auf den Leib. Sie bringt
den letzteren in eine solche harmonische Verfassung, daB
er sich schadlichen Einflussen entzieht, wenn die Seele
auch nicht unmittelbar auf ihn wirkt. - Kontrolle der
Handlungen besteht in einer ahnlichen Regelung der-
selben durch innere Freiheit. Man beginnt gut damit,
daB man sich anschickt, irgend etwas regelmaBig zu tun,
wozu man durch das gewohnliche Leben nicht gekom-
men ware. In dem letzteren wird ja der Mensch von
auBen zu seinen Handlungen getrieben. Die kleinste Tat
aber, die man aus der ureigensten Initiative heraus unter-
nimmt, wirkt in der angegebenen Richtung mehr als
alles, wozu man vom auBeren Leben gedrangt wird. - Er-
tragsamkeit ist das Entfernthalten von jener Stimmung, die
man bezeichnen kann mit dem Wechsel zwischen
«Himmelhoch jauchzend, zu Tode betriibt». Der Mensch
wird hin- und hergetrieben zwischen alien moglichen
Stimmungen. Die Lust macht ihn froh, der Schmerz driickt
ihn herab. Das hat seine Berechtigung. Wer aber den Weg
sucht zu hoherer Erkenntnis, der muB sich in der Lust und
auch im Schmerze maBigen konnen. Er muB «ertragsam»
werden. MaBvoll muB er sich den lusterregenden
Eindrucken hingeben konnen und auch den schmerzlichen
Erlebnissen: immer durch beides mit Wiirde
hindurchschreiten. Von nichts sich ubermannen, auBer
Fassung bringen lassen. Das begrundet nicht
Gefiihllosigkeit, sondern macht den Menschen zum festen
Mittelpunkt innerhalb der Lebenswellen, die rings um ihn
auf- und niedersteigen. Er hat sich stets in der Hand.
Eine ganz besonders wichtige Eigenschaft ist der «Sinn
fur die Bejahung». Es kann ihn derjenige bei sich
entwickeln, welcher das Augenmerk in alien Dingen auf
die guten, schonen und zweckvollen Eigenheiten richtet
und nicht in erster Linie auf das Tadelnswerte, HaBliche
und Wider spruchs voile. Es gibt eine schone, in der per-
sischen Dichtung vorhandene Legende von Christus, die
zur Anschauung bringt, was mit dieser Eigenschaft gemeint
ist: Ein toter Hund liegt an einem Wege. Unter den an ihm
Vorubergehenden ist auch Christus. Alle anderen wenden
sich ab von dem haBlichen Anblick, den das Tier bietet; nur
Christus spricht bewundernd von den schonen Zahnen des
Tieres. So kann man den Dingen gegeniiber empfinden;
in allem, auch dem
Widrigsten, mag sich fur den, welcher ernstlich sucht, et-
was Anerkennenswertes finden. Und das Fruchtbare an den
Dingen ist ja nicht, was ihnen fehlt, sondern dasjenige, was
sie haben. - Weiter ist bedeutsam, die Eigenschaft der
«Unbefangenheit» zu entwickeln. Ein jeder Mensch hat ja
seine Erfahrungen gemacht und sich dadurch eine
bestimmte Menge von Meinungen gebildet, die ihm dann
im Leben zur Richtschnur werden. So selbstverstandlich es
auf der einen Seite ist, sich nach seinen Erfahrungen zu
richten, so wichtig ist es fur den, welcher eine geistige
Entwickelung zur hoheren Erkenntnis hin durchmachen
will, daB er sich stets den Blick frei erhalt fur alles Neue,
ihm noch Unbekannte, das ihm entgegentritt. Er wird so
vorsichtig wie irgend moglich sein mit dem Urteil: «das ist
unmoglich», «das kann ja gar nicht sein». Mag ihm seine
Meinung nach den bisherigen Erfahrungen was immer
sagen: er ist in jedem Augenblick bereit, sich von etwas
Neuem, das ihm entgegenkommt, zu einer anderen
Meinung bringen zu lassen. Jede Eigenliebe der Meinung
gegeniiber muB schwinden. - Wenn die bisher genannten
fiinf Eigenschaften von der Seele erworben sind, dann stellt
sich eine sechste ganz von selbst ein: das innere Gleich-
gewicht, die Harmonie der geistigen Krafte. Der Mensch
muB etwas in sich finden wie einen geistigen Schwerpunkt,
der ihm Festigkeit und Sicherheit gibt gegeniiber allem,
was im Leben da- oder dorthin zieht. Man muB nicht etwa
vermeiden, mit allem mitzuleben, alles auf sich wirken zu
lassen. Nicht die Flucht vor den hin- und widerziehenden
Tatsachen des Lebens ist das Richtige, sondern im
Gegenteil: das voile Hingeben an das Leben
und trotzdem die sichere, feste Bewahrung von innerem
Gleichgewicht und Harmonie.
Endlich kommt fur den Suchenden der «Wille zur
Freiheit» in Betracht. Es hat ihn jemand, der zu allem, was
er vollbringt, die Stutze und Grundlage in sich selbst findet.
Er ist deshalb so schwer zu erringen, weil taktvoll der
Ausgleich notwendig ist zwischen dem Offnen des Sinnes
gegentiber allem GroBen und Guten und der gleichzeitigen
Ablehnung eines jeglichen Zwanges. Man sagt so leicht:
Einwirkung von auBen und Freiheit vertragen sich nicht.
DaB sie sich in der Seele vertragen: darauf kommt es aber
gerade an. Wenn mir jemand etwas mitteilt, und ich nehme
es unter dem Zwange seiner Autoritat an: dann bin ich
unfrei. Aber ich bin nicht minder unfrei, wenn ich mich
verschlieBe vor dem Guten, das ich auf diese Art
empfangen kann. Denn dann ubt in der eigenen Seele das
Schlechtere, das ich habe, auf mich einen Zwang aus. Und
bei der Freiheit kommt es nicht allein darauf an, daB ich
nicht unter dem Zwange einer auBeren Autoritat stehe,
sondern vor alien Dingen auch nicht unter derjenigen
eigener Vorurteile, Meinungen, Empfindungen und
Gefiihle. Nicht blinde Unterwerfung unter das Empfangene
ist das Richtige, sondern sich von ihm anregen lassen, es
ganz unbefangen aufnehmen, um sich «frei» dazu zu
bekennen. Eine fremde Autoritat soil nicht anders als so
wirken, daB man sich sagt: Ich mache mich gerade dadurch
frei, daB ich ihrem Guten folge, d.h. es zu dem meinigen
mache. Und eine auf der Geheimwissenschaft fuBende
Autoritat will auch gar nicht anders als in dieser Art
wirken. Sie gibt, was sie zu geben hat, nicht um selbst
Macht liber den Beschenkten zu gewinnen, sondern allein
darum, daB der Beschenkte durch die Gabe reicher und
freier werde.
Es ist auf die Bedeutung der angefiihrten Eigenschaften
schon friiher bei Besprechung der «Lotusblumen»
hinge wiesen worden. Dort wurde gezeigt, welche Bezie-
hung sie zu der Entwickelung der zwolf blatterigen Lotus -
blume in der Herzgegend und der daran sich schlieBenden
Stromungen des Atherkorpers haben. Aus dem jetzt
Gesagten ist ersichtlich, daB sie im wesentlichen die
Aufgabe haben, dem physischen Korper des Suchenden
jene Krafte entbehrlich zu machen, die ihm sonst wahrend
des Schlafzustandes zugute kommen und die ihm wegen
der Ausbildung entzogen werden mils sen. Unter solchen
Einwirkungen entwickelt sich die imaginative Erkenntnis.
DIE IMAGINATION
Es ist ganz unmoglich, wirkliche Fortschritte in bezug auf
das Vordringen in hohere Welten zu machen, ohne durch
die Stufen der imaginativen Erkenntnis hindurchzugehen.
Damit soil allerdings nicht gesagt sein, daB bei der
Geheimschulung der Mensch eine gewisse Zeit hindurch
auf dieser Stufe der Imagination unbedingt stehenbleiben
miisse, so daB diese so etwas wie eine Schulklasse bilden
miisse, die man abzusitzen hat. Es kann dies in gewissen
Fallen notwendig sein, muB es aber durchaus nicht. Das
hangt ganz davon ab, was der Geheimschuler erlebt hat,
bevor er in die Geheimschulung eintritt. Es wird sich im
weiteren Verlaufe dieser Auseinandersetzungen zeigen, daB
in bezug darauf die geistige Umgebung des
Geheimschulers von Bedeutung ist und daB sich auf das
Verhaltnis zur geistigen Umgebung sogar ganz
verschiedene Methoden des «Erkenntnispfades»
begrunden.
Es kann von auBerordentlicher Wichtigkeit sein, das
Folgende zu wissen, wenn man sich auf den Weg der
Geheimschulung begibt. Nicht nur als eine interessante
Theorie kommt es in Betracht, sondern als etwas, dem man
die mannigfaltigsten praktischen Gesichtspunkte wird
entnehmen konnen, wenn man auf dem «Wege zur hoheren
Erkenntnis» wirklich bestehen will.
Man hort ja von solchen, welche eine hohere Ent-
wickelung anstreben, oft sagen: Ich mochte mich geistig
vervollkommnen, ich mochte «den hoheren Menschen» in
mir ausbilden, aber nach den Erscheinungen der «astralen
Welt» trage ich kein Verlangen. Dies ist begreif-
lieh, wenn man in Betracht zieht, welche Schilderung von
dieser «astralen Welt» sich in Buchern findet, die von
diesen Dingen handeln. Da wird ja von Erscheinungen und
Wesenheiten gesprochen, welche dem Menschen alle
moglichen Gefahren bringen. Da wird gesagt, daB unter
dem Einfliisse solcher Wesenheiten der Mensch nur gar zu
leicht an seiner moralischen Gesinnung und intellektuellen
Gesundheit Schaden nehmen konne. Es wird dem Leser
nahegebracht, daB auf diesem Gebiete die Scheidewand
zwischen «dem guten und dem bosen Pfade» einem
«Spinnewebchen» an Dicke gleichkomme und der Fall in
unermeBliche Abgriinde, der Absturz in vollige
Verworfenheit nur allzu naheliege. - Es ist ganz gewiB
unmoglich, solchen Behauptungen einfach zu
widersprechen. Und doch ist der Standpunkt, den man in
vielen Fallen dem Betreten des Geheimpfades gegeniiber
einnimmt, keineswegs ein richtiger. Der einzig mogliche
Gesichtspunkt ist vielmehr lediglich derjenige, welcher
sagt: wegen der Gefahren darf niemand abgehalten werden,
den Weg zur hoheren Erkenntnis zu gehen, aber es muB in
jedem Falle streng dafiir gesorgt werden, daB diese
Gefahren bestanden werden konnen. Das wird in manchen
Fallen allerdings dazu fiihren, daB einem Menschen, der
von einem Geheimlehrer Anweisungen zur Schulung
erbittet, zunachst der Rat gegeben wird, mit dieser
eigentlichen Schulung noch zu warten und erst gewisse
Erfahrungen des gewohnlichen Lebens durchzumachen
oder Dinge zu lernen, welche in der physischen Welt
gelernt werden konnen. Es wird dann die Aufgabe des
Geheimlehrers sein, dem suchenden Menschen die rechte
Anleitung zu geben, um solche Er-
fahrungen zu sammeln und solche Dinge zu lernen. In
weitaus den meisten Fallen wird man es erleben, daB der
Geheimlehrer zunachst so verfahrt. Wenn dann der S chiller
nur genligend aufmerksam ist auf das, was ihm nun
zustoBt, nachdem er mit dem Geheimlehrer in Verbindung
getreten ist, dann wird er das Mannigfaltigste bemerken
konnen. Er wird finden, daB er nunmehr wie durch
«Zufall» Erlebnisse hat und Dinge beobachten kann, denen
er ganz gewiB ohne die Verbindung mit dem Geheimlehrer
nicht ausgesetzt gewesen ware. Wenn die Schuler das oft
nicht bemerken und ungeduldig werden, dann liegt das nur
darin, daB sie eben nicht die notige Aufmerksamkeit ihren
Erlebnissen zuwenden. Man muB auch durchaus nicht
glauben, daB sich die Wirkung des Geheimlehrers auf den
Schuler in deutlich wahrnehmbaren
«Zauberkunststuckchen» abspielt. Diese Wirkung ist
vielmehr eine ganz intime Sache, und wer nach ihrer Natur
und Wesenheit forschen will, ohne selbst schon eine
gewisse Stufe der Geheimschulung erreicht zu haben, der
wird ganz gewiB in die Irre gehen. Der Schuler fiigt sich
selbst in jedem Falle ein Unrecht zu, wenn er ungeduldig
darliber wird, daB er auf «Wartezeit» gesetzt ist. Er wird
dadurch in bezug auf die Schnelligkeit seines Weges
durchaus nicht aufgehalten. Im Gegenteil, sein
Vorwartskommen wiirde gerade dadurch verlangsamt,
wenn er zu friih mit der oft von ihm ungeduldig erwarteten
Schulung beginnen wiirde.
LaBt der Schuler die «Wartezeit» oder die sonstigen
Ratschlage und Winke des Geheimlehrers in der richtigen
Art auf sich wirken, so bereitet er sich tatsachlich dazu vor,
gewissen Priifungen und Gefahren standzu-
halten, die an ihn herankommen, wenn er der fur ihn
unvermeindlichen Stufe der Imagination entgegentritt. -
Unvermeidlich ist diese Stufe aus dem Grunde, weil jeder,
der eine Verbindung mit der hoheren Welt ohne ihr
Durchschreiten sucht, dies nur unbewuBt tun kann und
dazu verurteilt ist, im Dunkeln zu tappen. Man kann sich
ein dunkles Gefiihl von dieser hoheren Welt ohne die
Imagination erwerben, man kann ohne sie gewiB zur
Empfindung kommen, daB man mit «seinem Gotte» oder
mit «seinem hoheren Selbst» vereinigt sei, aber zu einer
wirklichen Erkenntnis mit vollem BewuBtsein in heller,
lichter Klarheit kann man so nicht kommen. Deshalb ist
auch alles Reden davon, daB man die
Auseinandersetzungen mit den «niederen Welten» (der
astralen und der devachanischen) nicht brauche, daB es sich
nur darum handeln konne, daB der Mensch «den Gott in
sich erwecke», nichts weiter als eine Illusion. -Wer damit
zufrieden ist, dem soil in sein Streben nicht hineingeredet
werden, und der Okkultist wird einem solchen auch nicht
hineinreden. Aber der wahre Okkultismus hat mit solchem
Streben gar nichts zu tun. Dieser fordert ja niemanden zur
Schulerschaft unmittelbar auf. Wer aber seine Schulung
sucht, dem will er nicht bloB eine dunkle Empfindung von
seiner «Gottahnlichkeit» erwecken, sondern er sucht ihm
die geistigen Augen zu of men fur das, was in hoheren
Welten wirklich vorhanden ist.
GewiB ist ja in jedem Menschen das «gottliche Selbst»
enthalten. Aber das ist ja doch in jedem Wesen der Fall. Im
Stein, in der Pflanze, im Tier ist auch das «gottliche
Selbst» enthalten und wirksam. Aber nicht darauf kann
es ankommen, dies so ganz im allgemeinen zu fiihlen und
zu wissen, sondern darauf, wirklich in Verbindung zu
treten mit den Offenbarungen dieses «gottlichen Selbstes».
So wie derjenige nichts von der physischen Welt weiB, der
sich nur immer wieder sagen kann: diese Welt enthalt in
sich verhullt das «gottliche Selbst», so weiB auch derjenige
nichts von hoheren Welten, welcher das «gottliche
Geisterreich» nur in verschwommener, unbestimmter
Allgemeinheit sucht. Man soil seine Augen offnen und die
Offenbarung der Gottheit in den Dingen der physischen
Welt, im Stein, in der Pflanze anschauen, nicht davon
traumen, daB dies jedoch alles nur «Erscheinungen» seien
und daB Gottes wahre Gestalt dahinter «verborgen» sei.
Nein, Gott offenbart sich in seinen Schopfungen, und wer
Gott erkennen will, muB das Wesen dieser Schopfungen
erkennen lernen. Deshalb muB man auch das wirklich
anschauen lernen, was in hoheren Welten vorgeht und lebt,
wenn man das «G6ttliche» erkennen will. Das BewuBtsein,
daB der «Gottmensch» in einem lebt, kann hochstens den
Anfang bilden. Aber dieser Anfang wird, wenn er in
rechter Weise erlebt wird, zum Antrieb, wirklich
aufzusteigen in die hoheren Welten. Das kann man aber
nur, wenn man die geistigen «Sinne» dazu in sich
ausbildet. Alles andere stellt sich ja doch nur auf den
Standpunkt: Ich will bleiben, wie ich bin, und nur
erreichen, was mir so zu erreichen moglich ist. Der
Standpunkt des Okkultismus ist aber, ein anderer Mensch
zu werden, damit man anderes als das Gewohnliche
schauen und erleben kann.
Und dazu ist eben der Durchgang durch die imaginative
Erkenntnis notwendig. Es ist gesagt worden, daB
diese Stufe der Imagination nicht aufgefaBt zu werden
braucht wie eine Schulklasse, die man durchaus «absitzen»
miisse. Das ist so zu verstehen, daB es namentlich in
unsrem gegenwartigen Leben Personen gibt, welche solche
Vorbedingungen mitbringen, daB der Geheimlehrer bei
ihnen gleichzeitig oder wenigstens/as£ gleichzeitig mit der
imaginativen Erkenntnis die inspirierte und die intuitive
hervorrufen kann. Aber es darf durchaus nicht so
verstanden werden, als ob es irgend jemand geben konnte,
dem der Durchgang durch die Imagination zu ersparen
ware.
Auf den Grund der Gefahr innerhalb der imaginativen
Erkenntnis ist ja in meiner Schrift «Wie erlangt man
Erkenntnis se der hoheren Welten?» bereits hingedeutet
worden. Dieser Grund liegt darin, daB der Mensch beim
Eintritte in diese Welt gewissermaBen den Boden unter den
FuBen verliert. Wodurch er in der physischen Welt
Festigkeit hat, das geht ihm zunachst scheinbar ganz
verloren. Nimmt man in dieser physischen Welt etwas
wahr, so fragt man sich: Woher kommt diese
Wahrnehmung? Man tut das ja zumeist unbewuBt. Aber
man ist sich eben «unbewuBt» dariiber klar, daB die
Ursachen der Wahrnehmungen die Gegenstande «drauBen
im Raume» sind. Die Farben, die Tone, die Geruche gehen
von diesen Gegenstanden aus. Man sieht nicht
freischwebende Farben, man hort nicht Tone, ohne daB
man sich bewuBt werden konnte, an welchen Gegenstanden
diese Farben als Eigenschaften «haften», von welchen
Gegenstanden die Tone herruhren. Dieses BewuBtsein, daB
die Gegenstande und Wesenheiten sie verursachen, gibt
den physischen Wahrnehmungen und
damit dem Menschen selbst Festigkeit und einen sicheren
Halt. Hat jemand Wahrnehmungen ohne auBere Ursache,
so spricht man von abnormen, krankhaften Zustanden.
Man nennt solche ursachlose Wahrnehmungen Illusionen,
Halluzinationen, Visionen.
Nun zunachst ganz auBerlich betrachtet besteht die
ganze imaginative Welt aus solchen Halluzinationen, Vi-
sionen und Illusionen. Es ist gezeigt worden in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», wie durch
die Geheimschulung kunstlich solche Visionen usw.
erzeugt werden. Durch das Hinlenken des BewuBtseins auf
ein Samenkorn oder auf eine absterbende Pflanze werden
gewisse Gestalten vor die Seele gezaubert, die nichts
weiter zunachst sind als Halluzinationen. Die
«Flammenbildung», von der dort gesagt wurde, daB sie in
der Seele auftreten kann durch die Betrachtung einer
Pflanze oder dergleichen und die sich nach einer Zeit ganz
loslost von der Pflanze, ist, auBerlich betrachtet, einer
Halluzination gleich zu achten. Und so geht es noch weiter
in der Geheimschulung, wenn man in die imaginative Welt
eintritt. Das, wovon man gewohnt war, daB es von den
Dingen «drauBen im Raum» ausgeht oder ihnen als
Eigenschaft «anhaftet», die Farben, Tone, Geruche usw.,
erfiillen nun freischwebend den Raum. Die
Wahrnehmungen losen sich los von alien auBeren Dingen
und schweben frei im Raume oder fliegen darin herum.
Und man weiB dabei doch ganz genau, daB die Dinge, die
man da vor sich hat, diese Wahrnehmungen nicht
hervorgebracht haben, daB man sie vielmehr «selbst»
verursacht hat. So kommt es, daB man meinen muB, man
habe «den Boden unter den FuBen verloren».
Im gewohnlichen Leben in der physischen Welt muB man
sich ja gerade davor hiiten, Vorstellungen zu haben, die
nicht von den Dingen herriihren, die sozusagen ohne
«Grund und Boden» sind. Zur Hervorrufung der imagi-
nativen Erkenntnis aber kommt es gerade darauf an,
zunachst Farben, Tone, Geriiche usw. zu haben, die ganz
losgelost von alien Dingen «frei im Raume schweben».
Nun muB die nachste Stufe der imaginativen Erkenntnis
darin bestehen, einen neuen «Grund und Boden» fur die
herrenlos gewordenen Vorstellungen zu finden. Das muB
eben in der anderen Welt geschehen, die sich jetzt
offenbaren soil. Es bemachtigen sich neue Dinge und
Wesenheiten dieser Vorstellungen. In der physischen Welt
«haftet» z.B. die blaue Farbe an einer Kornblume. In der
imaginativen Welt darf sie nun auch nicht «freischwebend»
bleiben. Sie stromt gleichsam zu einer Wesenheit hin, und
wahrend sie noch vorher herrenlos war, wird sie jetzt der
Ausdruck einer Wesenheit. Es spricht etwas durch sie zu
dem Beobachter, was dieser eben nur innerhalb der
imaginativen Welt wahrnehmen kann. Und so sammeln
sich die «freischwebenden» Vorstellungen um bestimmte
Mittelpunkte. Und man wird gewahr, daB Wesen durch sie
zu uns sprechen. Und wie es in der physischen Welt
korperliche Dinge und Wesenheiten sind, an denen Farben,
Geriiche und Tone usw. «haften» oder von denen sie her-
stammen, so sprechen sich jetzt «geistige Wesenheiten»
durch sie aus. Diese «geistigen Wesenheiten» sind ja tat-
sachlich immer da; sie umschwirren den Menschen
bestandig. Aber sie konnen sich diesem nicht offenba-
ren, wenn er nicht die Gelegenheit dazu gibt. Und diese
Gelegenheit gibt er nur dadurch, daB er in sich die
Fahigkeit hervorruft, Tone, Farben usw. auch dann vor
seiner Seele entstehen zu lassen, wenn diese durch keinen
physischen Gegenstand veranlaBt werden.
Ganz anders sind die «geistigen Tatsachen und We-
senheiten» als die Dinge und Wesen der physischen Welt.
Es ist nicht ganz leicht, in der gewohnlichen Sprache einen
Ausdruck zu finden, welcher die Verschiedenheit auch nur
annahernd charakterisiert. Vielleicht kommt man der Sache
am nachsten, wenn man sagt: in der imaginativen Welt
spricht alles so zum Menschen, wie wenn es unmittelbar
intelligent ware, wahrend in der physischen Welt auch die
Intelligenz nur auf dem Umwege durch die physische
Korperlichkeit sich offenbaren kann. Das macht eben die
Beweglichkeit und Freiheit der imaginativen Welt aus, daB
das Zwischenglied der auBeren Dinge fehlt, daB das
Geistige ganz unmittelbar in den freischwebenden Tonen,
Farben usw. sich auslebt.
Nun liegt der Grund zu einer Gefahr, welche dem
Menschen von dieser Welt droht, darin, daB er die AuBe-
rungen der «geistigen Wesen» wahrnimmt, aber nicht diese
Wesen selbst. Es ist das namlich so lange der Fall, als er
nur in der imaginativen Welt bleibt und zu keiner hoheren
aufsteigt. Erst die Inspiration und die Intuition fiihren ihn
allmahlich zu diesen Wesen selbst hin. -Wollte aber der
Geheimlehrer diese letzteren vorschnell erwecken, ohne
den Schiiler grundlich in das imaginative Gebiet
einzufuhren, dann wiirde die hohere Welt nur
ein schatten- und schemenhaftes Dasein erhalten. Die
ganze herrliche Fiille der Bilder ginge verloren, in denen
sie sich offenbaren muB, wenn man wirklich in sie ein-
treten soil. - In dieser Tatsache liegt der Grund, warum der
Geheimschuler einen «Fuhrer» oder einen «Guru» braucht,
wie man in der Geheimwissenschaft eben diesen Fiihrer
nennt.
Fur den S chiller ist namlich die imaginative Welt an-
fangs wirklich eine bloBe «Bilderwelt», von der er vielfach
nicht weiB, was sie ausdriickt. Der Geheimlehrer aber weiB,
auf welche Dinge und Wesenheiten sich diese Bilder in
einer noch hoheren Welt beziehen. Hat der Schuler zu ihm
Vertrauen, so kann er wis sen, daB sich ihm spater
Zusammenhange offenbaren werden, welche er vorlaufig
noch nicht durchschaut. In der physischen Welt waren die
Gegenstande im Raume selbst die Fiihrer. Er war imstande,
die Richtigkeit seiner Vorstellungen zu priifen. Die
korperliche Wirklichkeit ist der «Fels», an dem alle
Halluzinationen und Illusionen zerschellen miissen. Dieser
Fels verschwindet in einen Abgrund, wenn man in die
imaginative Welt eintritt. Und deshalb muB als ein anderer
solcher «Fels» der «Fuhrer» eintreten. An dem, was er dem
Schuler zu bieten vermag, muB dieser die Wirklichkeit der
neuen Welt empfinden. Man kann daraus ermessen, wie
groB das Vertrauen in den Fiihrer sein muB in jeder
Geheimschulung, welche dieses Namens wirklich wert ist.
Sobald man an den Fiihrer nicht mehr glauben kann, ist es
ja in dieser hoheren Welt so, wie wenn einem in der
physischen plotzlich alles genommen wiirde, worauf man
den Glauben an die Wirklichkeit seiner Wahrnehmungen
gebaut hat.
AuBer dieser einen Tatsache gibt es nun noch eine
andere, durch welche der Mensch in Verwirrung gesetzt
werden konnte, wenn er sich ohne Fiihrung in die imagi-
native Welt begeben wollte. Es lernt namlich der Ge-
heimschuler von alien geistigen Wesenheiten in erster
Linie sich selbst kennen. In dem physischen Leben hat der
Mensch Gefiihle, Begierden, Wiinsche, Leidenschaften,
Vorstellungen usw. Zwar werden diese alle von den
Dingen und Wesenheiten der auBeren Welt veranlaBt, aber
der Mensch weiB ganz genau, daB sie seine innere Welt
bilden, und er unterscheidet sie als das, was in seiner Seele
vorgeht, von den Gegenstanden der AuBenwelt. Sobald
aber der imaginative Sinn erweckt ist, hort diese
Leichtigkeit des Unterscheidens ganz auf. Seine eigenen
Gefiihle, Vorstellungen, Leidenschaften usw. treten
buchstablich aus ihm heraus, nehmen Gestalt, Farbe und
Ton an. Er steht ihnen jetzt so gegeniiber wie in der
physischen Welt ganz fremden Gegenstanden und
Wesenheiten. Und daB die Verwirrung eine vollstandige
werden kann, wird man begreifen, wenn man sich an das
erinnert, was in dem Kapitel «Uber einige Wirkungen der
Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» gesagt worden ist. Dort ist ja nichts
anderes geschildert als die Art, wie die imaginative Welt
fur den Beobachter auftritt. Es erscheint namlich in ihr
alles umgekehrt, wie im Spiegelbilde. Was vom Menschen
ausstromt, erscheint so, als wenn es von auBen an ihn
herankommen wollte. Ein Wunsch, den er hegt, verwandelt
sich in eine Gestalt, beispielsweise in die Form eines
phantastisch aussehenden Tieres, oder auch wohl eines
menschen-
ahnlichen Wesens. Dieses scheint ihn zu besturmen, einen
Angriff auf ihn auszufiihren oder ihn auch zu veranlassen,
dieses oder jenes zu tun. So kann es kommen, daB der
Mensch sich vorkommt als umgeben und umflattert von
einer ganz phantastischen, oft reizvollen und
verfiihrerischen, oft auch grausigen Welt. In Wahrheit stellt
diese nichts anderes vor als seine eigenen Gedanken,
Wiinsche und Leidenschaften, welche in Bilder verwandelt
sind. - Man wiirde sich einem groBen Irrtum hingeben,
wenn man glauben wollte, daB die Unterscheidung dieses
in Bilder verwandelten Selbstes von der wirklichen
geistigen Welt leicht sei. Zunachst ist es fur den Schuler
geradezu unmoglich, diese Unterscheidung wirklich zu
vollziehen. Denn es kann genau dasselbe Bild ebensogut
von einem geistigen Wesen herruhren, welches zu dem
Menschen spricht, wie von irgend etwas im Innern der
Seele. Und ubereilt der Mensch gerade dabei etwas, so
setzt er sich der Gefahr aus, daB er die beiden Dinge nie
ordentlich voneinander zu trennen lernt. Die groBte
Vorsicht ist dabei geboten. - Nur noch groBer wird die
Verwirrung dadurch, daB die eigenen Wiinsche und
Begierden der Seele sich in Bilder kleiden, die genau den
entgegengesetzten Charakter von dem tragen, was sie
wirklich sind. Man nehme z.B. an, die Eitelkeit kleide sich
auf diese Art in ein Bild. Sie kann auftreten als eine
liebreizende Gestalt, welche die wunderbarsten Dinge
verspricht, wenn man ausfuhrt, was sie angibt. Diese ihre
Angaben scheinen etwas durchaus Gutes, Erstrebenswertes
in Aussicht zu stellen; folgt man ihnen, so stiirzt man sich
in sein moralisches oder sonstiges Verderben. Umgekehrt
kann sich eine gute
Eigenschaft der Seele in ein unsympathisches Kleid hiillen.
Nur dem wirklichen Kenner ist es moglich, da zu
unterscheiden, und nur eine Personlichkeit, die gar nicht
wankend gemacht werden kann in bezug auf ein richtiges
Ziel, ist sicher gegeniiber den Verfuhrungskiinsten der
eigenen Seelenbilder. - Man wird in Anbetracht von alle-
dem zugeben, wie notwendig die Fiihrung eines Lehrers
ist, der mit sicherem Sinn den Schuler aufmerksam macht,
was auf diesem Gebiet Trugbild und was Wahrheit ist.
Nicht zu glauben aber braucht man, daB dieser Lehrer
immer hinter dem Schuler stehen muB. Das raumliche
Beisammensein mit dem Lehrer ist es durchaus nicht,
worauf es beim Geheimschuler immer ankommt. GewiB
gibt es Augenblicke, wo ein solches raumliches
Beisammensein wiinschenswert, und auch solche, wo es
durchaus notwendig ist. Aber anderseits findet der Ge-
heimlehrer auch die Mittel, um mit dem Schuler in Ver-
bindung zu bleiben, auch bei raumlicher Entfernung. Und
zudem kommt in Betracht, daB manches, was zwischen
Lehrer und Schuler auf diesem Gebiete bei einem
Beisammensein vorgeht, oftmals monate-, vielleicht
jahrelang nachwirken kann. Eines aber gibt es, was sicher
den notwendigen Zusammenhang zwischen Lehrer und
Schuler zerreiBen muB. Das tritt dann ein, wenn der letztere
das Vertrauen zu dem ersteren verliert. - Und besonders
schlimm ist es, wenn dieses Vertrauensband sich lost, ehe
der Schuler unterscheiden gelernt hat die Vorspiegelungen
der eigenen Seele von der wahren Wirklichkeit.
Nun konnte man vielleicht sagen: ja, wenn auf diese Art
ein solches Gebundensein an den Lehrer eintritt, so
verliert ja der Geheimschuler alle Freiheit und Selbstan-
digkeit. Er gibt sich sozusagen dem Lehrer ganz in die
Hand. Doch gerade dies ist in Wahrheit gar nicht der Fall.
Allerdings gibt es Unterschiede in bezug auf die
Abhangigkeit vom Lehrer in den verschiedenen Methoden
der okkulten Schulung. Diese Abhangigkeit kann eine
groBere oder geringere sein miissen. Sie ist die
verhaltnismaBig groBte bei derjenigen Methode, welche
von den Okkultisten des Orients befolgt wurde und von
diesen auch heute noch als die ihrige gelehrt wird. In viel
geringerem MaBe ist diese Abhangigkeit von einem Men-
schen schon bei der sogenannten christlichen Einweihung
vorhanden. Und eigentlich vollig in Wegfall kommt sie bei
demjenigen Erkenntnispfade, der seit dem vierzehnten
Jahrhundert von den sogenannten Geheimschulen der
Rosenkreuzer angegeben wird. Bei diesem kann zwar nicht
der Lehrer wegfallen, denn das ist unmoglich. Aber es hort
wahrhaft jede Abhangigkeit von ihm auf. Wie das moglich
ist, wird aus der Fortsetzung dieser Darstellung zu ersehen
sein. Darinnen wird namlich genau geschildert werden,
wodurch sich diese drei «Erkenntnispfade» unterscheiden:
der orientalische, der christliche und der rosenkreuzerische.
Bei dem letzteren kommt namlich gar nichts in Betracht,
was einen modernen Menschen irgendwie in seinem
Freiheitsgefiihl storen konnte. Auch wird in dieser
Fortsetzung geschildert werden, wie die eine oder die
andere Person als Geheimschuler dazu kommen kann, auch
gegenwartig, im modernen Europa, nicht den
rosenkreuzerischen Weg zu gehen, sondern den
orientalischen oder den alteren christlichen, obgleich der
rosenkreuzerische gegenwartig der natiirlichste ist. Dieser
ist, wie man im weiteren Verlauf sehen wird, nicht etwa
unchristlich. Es kann ihn ein Mensch gehen, ohne sein
Christentum zu gefahrden, und es kann ihn auch ein
Mensch gehen, der auf der vollen Hohe moderner wissen-
schaftlicher Weltanschauung zu stehen vermeint.
Ein anderes konnte aber vielleicht noch der Erklarung
bedtirfen. Man konnte sich versucht fiihlen zu fragen, ob
denn nicht dem Geheimschuler erspart bleiben konnte,
durch die Vorspiegelungen seiner eigenen Seele hin-
durchzugehen. Geschahe das, so wiirde er eben nie zu der
fur ihn so wiinschenswerten selbstandigen Unterscheidung
kommen. Denn durch nichts kann die ganz eigenartige
Natur der imaginativen Welt anschaulicher werden als
durch die Betrachtung der eigenen Seele. Der Mensch
kennt ja das Innenleben seiner Seele zunachst von der
einen Seite. Er steckt eben darinnen. Und das muB ja der
Geheimschuler gerade lernen: die Dinge nicht nur von
auBen anzuschauen, sondern sie so zu beobachten, als ob er
in ihnen alien darinnensteckte. Tritt ihm nun seine eigene
Gedankenwelt so wie etwas Fremdes entgegen, dann lernt
er eben dadurch ein Ding, das er schon von einer Seite her
kennt, auch noch von der anderen Seite kennen. Er muB
gewissermaBen sich selbst das erste Beispiel einer solchen
Erkenntnis werden. Von der physischen Welt her ist er ja
an etwas ganz anderes gewohnt. Da erblickt er alle anderen
Dinge immer nur von auBen, sich selbst aber erlebt er nur
vom Innern. Er kann, solange er in der physischen Welt
verbleibt, nie hinter die Oberflache der Dinge hineinsehen.
Und er kann niemals aus sich herausgehen, gleichsam «aus
seiner eigenen Haut fahren», um sich von auBen zu
beobach-
ten. Das letztere obliegt ihm buchstablich bei der Ge-
heimschulung zuerst, und mit Hilfe dessen lernt er dann,
auch auBeren Tatsachen und Wesenheiten hinter die
Oberflache zu schauen.
DIE INSPIRATION
Aus der Schilderung der Imagination ist ersichtlich ge-
worden, wie durch sie der Geheimschuler den Boden der
auBeren sinnlichen Erlebnisse verlaBt. In einem noch viel
hoheren Grade ist dieses der Fall in der Inspiration. Bei ihr
liegt dem Vorstellen noch viel weniger von dem zugrunde,
was man als eine aufiere Anregung bezeichnen kann. Der
Mensch muB da in sich selbst die Kraft finden, welche es
ihm moglich macht, iiber etwas sich Vorstellungen zu
bilden. Er muB in einem viel hoheren Grade innerlich tatig
sein, als dies bei der auBeren Erkenntnis der Fall ist. Bei
dieser gibt er sich eben den auBeren Eindrticken hin, und
sie verursachen in ihm die Vorstellungen. Diese Hingabe
fallt bei der Inspiration weg. Es liefern nunmehr keine
Augen Farben, keine Ohren Tone usw. Aller Inhalt des
Vorstellens muB gewissermaBen durch eigene Tatigkeit,
also durch rein geistig-seelische Vorgange geschaffen
werden. Und in dasjenige, was so der Mensch durch die
Tatigkeit seines Innern schafft, muB sich die Offenbarung
der hoheren wirklichen Welt hineinpragen. Ein eigenartiger
Widerspruch scheint in einer solchen Beschreibung der
hoheren Erkenntniswelt aufzutreten. Der Mensch soil in
einer ge wis sen Art der Schopfer seiner Vorstellungen sein;
und doch diirfen diese Vorstellungen selbstverstandlich
nicht seine Geschopfe sein; sondern durch sie mils sen sich
die Vorgange der hoheren Welt ebenso zum Ausdruck
bringen, wie sich in den Wahrnehmungen der Augen,
Ohren usw. die Vorgange der niederen Welt zum Ausdruck
bringen. Es ist das aber ein Widerspruch, der sich
in der Schilderung dieser Erkenntnisart finden muB. Denn
das ist es gerade, was sich der Geheimschuler auf dem
Wege zur Inspiration aneignen muB, daB er auf dem Wege
seiner inneren Tatigkeit etwas zustande bringt, wozu er in
dem gewohnlichen Leben von auBen gezwungen wird. -
Warum verlaufen im gewohnlichen Leben die
Vorstellungen nicht willkurlich? Weil der Mensch sich bei
seinem Vorstellen nach den auBeren Gegenstanden richten
muB. Alle Willkur des «Ich» fallt weg, weil die
Gegenstande sagen: so oder so sind wir. Da sprechen die
Gegenstande, wie sie vorgestellt werden sollen, das «Ich»
hat nichts dariiber zu bestimmen. Wer sich den
Gegenstanden nicht fiigen will, der stellt sich eben
Unrichtiges vor; und er wiirde bald gewahr werden, wie
wenig er damit in der Welt zurechtkame. Man kann dieses
notwendige Verhalten des Menschen zu den Dingen der
AuBenwelt in der Erkenntnis mit dem Ausdruck «selbstlos»
bezeichnen. Der Mensch muB sich selbstlos zu den Dingen
verhalten. Und die AuBenwelt ist sein Lehrmeister in dieser
Selbstlosigkeit. Sie benimmt ihm alle Illusionen, alle
Phantastereien, alle unlogischen Urteile, alles Unsachliche,
indem sie ihm einfach ihr richtiges Bild vor die Sinne stellt.
Will der Mensch sich fur die Inspiration vorbereiten, so
muB er sein Inneres so weit bringen, daB ihm diese
Selbstlosigkeit eigen ist, auch wenn nichts von auBen dazu
zwingt. Er muB innerlich schaffen lernen, jedoch so, daB
sein «Ich» bei diesem Schaffen nicht im geringsten eine
eigenmachtige Rolle spielt. Die Schwierigkeiten, welche in
Betracht kommen, um eine solche
Selbstlosigkeit zu erringen, werden um so deutlicher
sichtbar, je besser man beriicksichtigt, welche Seelenkrafte
fur die Inspiration besonders in Betracht kommen. - Man
unterscheidet die drei Grundkrafte des seelischen Lebens:
Vorstellen, Fiihlen und Wollen. Bei dem gewohnlichen
Sinneserkennen sind die Vorstellungen durch die auBeren
Gegenstande angeregt. Und durch diese von auBen
angeregten Vorstellungen bekommen auch das Fiihlen und
das Wollen ihre bestimmten Richtungen. Der Mensch sieht
z.B. einen Gegenstand; dieser bereitet ihm Lust,
infolgedessen begehrt er die betreffende Sache. Die Lust
sitzt im Gefuhle; durch dieses wird der Wille erregt, wie es
selbst sein Geprage von dem Vorstellen erhalten hat. Der
letzte Grund aber von Vorstellen, Fiihlen und Wollen ist
der auBere Gegenstand. - Ein anderer Fall ware dieser. Ein
Mensch erlebt ein Ereignis. Dieses bereitet ihm Angst. Er
lauft von dem Schauplatze des Ereignisses hinweg. Auch
hier sind die auBeren Vorgange der erste Grund; sie
kommen durch die Sinne zur Wahrnehmung, werden
Vorstellungen, das Gefiihl der Angst stellt sich ein; und der
Wille - der sich im Davonlaufen verwirklicht - ist die
Folge. Bei der Inspiration fallt ein auBerer Gegenstand in
dieser Form weg. Die Sinne kommen fur eine
Wahrnehmung nicht in Betracht. Sie also konnen auch
nicht die Anreger von Vorstellungen sein. Von dieser Seite
aus wird auf Fiihlen und Wollen kein EinfluB ausgeiibt. -
Nun sind es aber gerade diese beiden, aus denen, wie aus
einem Mutterboden, bei der Inspiration innerlich die
Vorstellungen aufsteigen, gleichsam herauswachsen. Und
es werden wahre Vorstellungen erwachsen, wenn der
Mutterboden
ein gesunder ist, Irrtiimer und Wahngebilde, wenn er ein
ungesunder ist.
So gewiB als die Inspirationen, welche aus einem ge-
sunden Fiihlen und Wollen entspringen, Offenbarungen
einer hoheren Welt sein konnen, so gewiB entspringen aus
einem wiisten Fiihlen und Wollen die Irrtiimer,
Tauschungen und Phantastereien iiber eine hohere Welt.
Die Geheimschulung stellt sich deshalb die Aufgabe,
dem Menschen die Mittel zu zeigen, welche ihn befahigen,
seine Gefiihle und seine Willensimpulse zu gesund-
fruchtbaren fur die Inspiration zu machen. Wie in alien
Dingen der Geheimschulung hat man es auch hier mit einer
intimen Regelung und Gestaltung des Seelenlebens zu tun.
Man muB sich zunachst gewisse Gefiihle aneignen, die man
im gewohnlichen Leben nur in einem geringen Grade
kennt. Es sollen hier einige von diesen Gefiihlen
angedeutet werden. Zu den wichtigsten gehort eine hohere
Empfindlichkeit gegenuber von «wahr» und «unwahr» ,
von «richtig» und «unrichtig». GewiB hat ja auch der
gewohnliche Mensch ahnliche Gefiihle. Sie miissen aber
eben bei dem Geheimschuler in einem viel hoheren MaBe
ausgebildet werden. Man nehme an, jemand begehe einen
logischen Fehler: ein anderer sieht diesen Fehler ein, und er
stellt die Sache richtig. Man mache sich klar, wie groB der
Anteil des Urteiles, des Verstandes bei einem solchen
Richtigstellen ist und wie gering das Gefiihl der Lust beim
Richtigen, der Unlust beim Unrichtigen Wohlgemerkt, es
soli durchaus nicht behauptet werden, daB die Lust und ent-
sprechend die Unlust gar nicht vorhanden seien. Aber
der Grad, in dem sie im gewohnlichen Leben vorhanden
sind, muB sich in der Geheimschulung ins Unbegrenzte
steigern. Ganz systematisch muB der Geheimschuler die
Aufmerksamkeit auf sein Seelenleben lenken: und er muB
es dahin bringen, daB ihm das logisch Unrichtige eine
Quelle des Schmerzes wird, der durchaus nicht hinter
einem physischen Schmerze zuruckbleibt; und in um-
gekehrter Art muB ihm das «Richtige» wirkliche Freude
oder Lust bereiten. Wo also ein anderer nur seinen Ver-
stand, seine Urteilskraft in Bewegung bringt, muB der
Geheimschuler lernen, die ganze Stufenfolge von Ge-
fiihlen, vom Schmerz bis zum Enthusiasmus, von der
wehevollen Spannung bis zur entziickenden Losung im
Besitz der Wahrheit zu durchleben. Ja, er muB etwas wie
HaB empfinden lernen gegen dasjenige, was beim «nor-
malen» Menschen nur als ein nuchtern-kaltes «Unrich-
tiges» erlebt wird; er muB eine Liebe zur Wahrheit in sich
entwickeln, welche einen ganz personlichen Charakter
tragt; so personlich, so warm wie der Liebende der Ge-
liebten gegeniiber empfindet. - Man wird j a gewiB auch in
den Kreisen unserer «Gebildeten» vielfach von der «Liebe
zur Wahrheit» reden; doch ist das, was man da meint, eben
gar nicht zu vergleichen mit dem, was der Geheimschuler
in stiller, innerer Seelenarbeit nach dieser Richtung
durchmachen muB. Er muB sich geduldig immer wieder
probe weise dieses oder jenes «Wahre», dieses oder jenes
«Falsche» vorlegen; und sich der Sache hingeben, um nicht
bloB seine Urteilskraft zu schulen, die nuchtern
unterscheidet zwischen «wahr» und «falsch», sondern er
muB zu dem alien ein ganz personliches Verhaltnis
gewinnen. - Es ist durchaus richtig, daB der
Mensch im Anfange einer solchen Schulung in das ver-
fallen kann, was man «Uberempfindlichkeit» nennen mag.
Ein unrichtiges Urteil, das er in seiner Umgebung hort, eine
Inkonsequenz usw. konnen ihm einen schier unertraglichen
Schmerz bereiten. - Es muB deshalb bei der Schulung auf
diese Sache Rucksicht genommen werden. Denn geschahe
das nicht: dann konnten sich allerdings groBe Gefahren fur
das Seelengleichgewicht des Schiilers ergeben. Wird
daraufgesehen, daB der Charakter fest bleibt, dann konnen
Sturme im Seelenleben sich abspielen, und der Mensch hat
doch die Kraft, in harmonischer Miene und Gebarde mit
der AuBenwelt zu leben. Ein Fehler ist in jedem Falle
gemacht, wo der Geheimschuler zu einem Gegensatze
gegenliber der AuBenwelt gebracht wird, so daB er diese
unertraglich findet oder gar aus ihr fliehen will. Die hohere
Gefiihlswelt darf sich nicht auf Kosten des gleichmaBigen
Wirkens und Ar-beitens in der AuBenwelt entwickeln;
deshalb muB der inneren Erhohung des Gefiihlslebens eine
Starkung der Widerstandskraft gegenliber den auBeren
Eindriicken entsprechen. Die praktische Geheimschulung
weist daher den Menschen an, niemals die obengenannten
Ubungen zur Schulung seiner Gefiihlswelt zu unternehmen,
ohne sich zugleich auch nach der Richtung zu entwickeln,
daB er ein Verstandnis dafiir gewinnen konne, was das
Leben an Toleranzempfindung von dem Menschen fordert.
Er muB zugleich in sich den lebendigsten Schmerz
empfinden konnen, wenn z.B. ein Mensch ein unrichtiges
Urteil abgibt, und vollkommen tolerant sein konnen gegen
diesen Menschen, weil der Gedanke in der Seele ebenso
lebhaft da ist: dieser
Mensch mufi so urteilen, und es ist mit seinem Urteile wie
mit einer Tatsache zu rechnen. - Richtig ist allerdings, daB
das Innere des Geheimwissenschaftlers sich immer mehr
und mehr zu einem Doppelleben umgestalten wird. Immer
reichere Vorgange werden sich in seiner Seele abspielen
bei seiner Pilgerschaft durch das Leben, immer
selbstandiger gegeniiber dem, was die auBere Welt gibt,
wird eine zweite Welt. Aber dieses Doppelleben wird
gerade das Fruchtbare sein fur die echte Lebenspraxis. Was
sich dadurch einstellt, ist Schlagfertigkeit des Urteiles,
Treffsicherheit in bezug auf die Entschliisse. Wo derjenige,
der einer solchen Schulung fernesteht, lange
Gedankenketten durchmachen muB, zwischen EntschluB
und Ratlosigkeit hin-und hergetrieben wird, da wird der
Geheimwissenschafter rasch die Lagen des Lebens
iiberschauen, dem gewohnlichen Blicke verborgene
Zusammenhange schnell aufdecken usw. Es gehort fur ihn
dann oft sogar viel Geduld dazu, sich in die langsame Art
hineinzubegeben, wie ein anderer etwas begreifen kann,
wahrend bei ihm doch dieses Begreifen pfeilschnell vor
sich geht.
Nun ist bisher nur gesprochen von den Eigenschaften,
welche das Gefiihlsleben erhalten muB, damit die Inspi-
ration in der richtigen Art eintreten konne. Die andere
Frage ist die: Wie werden die Gefiihle fruchtbar, so daB sie
aus sich wirkliche, der Inspirationswelt angehorige
Vorstellungen gebaren? Will man das einsehen, was die
Geheimwissenschaft als Antwort auf diese Frage zu geben
hat, so muB man sich mit der Tatsache bekannt machen,
daB des Menschen Seelenleben immer einen
gewissen Schatz von Geftihlen hat, welche iiber das MaB
dessen hinausgehen, was durch die sinnlichen Wahr-
nehmungen angeregt wird. Der Mensch ftihlt gleichsam
mehr, als das ist, wozu ihn die Dinge zwingen. Nur wird
in dem gewbhnlichen Leben dieses UbermaB in einer
solchen Richtung angewendet, welche durch die
Geheimschulung in eine andere verwandelt werden
muB. Man nehme z.B. ein Angst- oder Furchtgefuhl.
Man wird sich leicht klarmachen kbnnen, daB in vielen
Fallen die Furcht oder die Angst gtd&et ist, als sie sein
wiirde, wenn sie einem entsprechenden auBeren Vor-
gange ganz angemessen ware. Man stelle sich nun vor:
der Geheimschuler arbeite energisch an sich, um in
keinem ihm vorkommenden Falle groBere Furcht oder
Angst zu haben, als gegenuber den entsprechenden
auBeren Vorgangen wirklich gerechtfertigt ist. Nun wird
ein gewisses MaB von Furcht oder Angst immer aus der
Aufwendung von Seelenkraft erzeugt. Diese Seelenkraft
geht tatsachlich dadurch verloren, daB eben Furcht oder
Angst erzeugt werden. Der Geheimschuler erspart diese
Seelenkraft wirklich, wenn er sich die Furcht oder die
Angst - und anderes - versagt. Und sie bleibt ihm fiir et-
was anderes verftigbar. Wiederholt er solche Vorgange
oft, so wird aus den fortlaufend ersparten Seelenkraften
ein innerer Schatz gebildet, und der Geheimschuler wird
bald erleben, daB ihm aus solchen Gefiihlsersparnissen
die Keime zu Vorstellungen erwachsen, welche Offen-
barungen des hoheren Lebens zum Ausdrucke bringen.
Dergleichen kann man im gewbhnlichen Sinne nicht
«beweisen»; man kann nur dem Geheimschuler die An-
weisung geben: tue dies oder jenes - und er wird, wenn
er die Sache ausfiihrt, schon sehen, daB sich die untriig-
lichen Fruchte einstellen.
Einer ungenauen Betrachtung des soeben Geschilderten
konnte es leicht als ein Widerspruch erscheinen, daB auf
der einen Seite eine Bereicherung der Gefuhlswelt
gefordert wird, indem durch das, was sonst nur das
Verstandesurteil wachruft, Gefiihle der Lust, des Schmer-
zes usw. erregt werden sollen - und auf der anderen Seite
gerade von Ersparnissen an Gefiihlen gesprochen wird.
Dieser Widerspruch verschwindet sofort, wenn man
bedenkt, daB die Ersparnisse bei denjenigen Gefiihlen
gemacht werden sollen, welche durch die auBeren Sinne
angeregt werden. Eben das, was da erspart wird, erscheint
als Bereicherung gegenliber den geistigen Erlebnissen.
Und es ist durchaus richtig, daB auf diese Art an der
sinnlichen Wahrnehmungswelt ersparte Gefiihle nicht nur
auf dem anderen Gebiete freiwerden, sondern daB sie sich
auf diesem Gebiete als schopferisch erweisen. -Sie
schaffen das Material zu den Vorstellungen, in denen sich
die geistige Welt offenbart.
Es wiirde allerdings nicht besonders weit gehen, wenn
man nur bei solchen Ersparnissen stehenbleiben wollte,
wie sie oben angedeutet worden sind. Zu groBeren
Erfolgen ist noch mehr notig. Man muB der Seele einen
noch weit groBeren Schatz von Gefiihl erzeugender Kraft
zufuhren, als auf diesem Wege moglich ist. Man muB z.B.
sich gewissen auBeren Eindrucken probeweise aussetzen
und sich dann die Gefiihle ganz versagen, die im
sogenannten «normalen» Zustande eintreten. Man muB
sich z.B. einem Ereignisse gegenliberstellen, welches
«normalerweise» die Seele er-
regt, und sich diese Erregung ganz und gar verbieten. Man
kann das so machen, daB man sich tatsachlich einem
solchen Ereignisse gegeniiberstellt oder sich bloB mit der
Vorstellung behilft. Das letztere ist sogar fur die fruchtbare
Geheimschulung das bessere. Da der Schuler ja in die
Imagination eingeweiht wird, entweder vor seiner
Vorbereitung zur Inspiration oder mit der letzteren
gleichzeitig, so muB er eigentlich imstande sein, sich
imaginativ ein Ereignis mit derselben Kraft vor die Seele
zu stellen, wie wenn es wirklich da ware. - Wenn nun in
langer innerer Arbeit der Schuler sich immer wieder und
wieder Dingen und Vorgangen aussetzt und es sich ver-
bietet, entsprechende «normale» Gefiihle zu haben, so wird
in seiner Seele der Mutterboden fur die Inspiration
geschaffen. - Nur als Zwischenbemerkung sei hier an-
gefiihrt, daB derjenige, welcher eine solche Schulung zur
Inspiration beschreibt, es voll wiirdigen kann, wenn vom
Standpunkte unserer gegenwartigen Zeitbildung aus
manches gegen eine solche Beschreibung eingewendet
wird. Und man kann da nicht nur das oder jenes einwenden,
sogar kann man uberlegen lacheln und sagen: inspiration
kann doch nicht pedantisch anerzogen werden; sie ist eine
Naturgabe des Genies.-» Ja gewiB, vom Standpunkte dieser
Zeitbildung mag es recht komisch anmuten, wenn viel iiber
die Heranbildung dessen geredet wird, bei dem diese
Bildung von einer Erklarung nichts wissen will; aber diese
Zeitbildung ist sich nicht bewuBt, wie wenig sie ihre
eigenen Gedankengange zu Ende zu denken vermag. Wer
es einem Be-kenner dieser Zeitbildung zumuten wollte, daB
er daran glauben solle, irgendein hoher entwickeltes Tier
habe
sich nicht langsam entwickelt, sondern sei «plotzlich» da
gewesen: der wiirde bald horen, daB der im modernen
Sinne Gebildete an ein solches «Wunder» nicht glaube. So
etwas sei «Aberglauben». Nun, auf dem Gebiete des
Seelenlebens ist aber ein solcher modern Gebildeter, ganz
im Stile seiner eigenen Ansichten, ein von krassem
Aberglauben Befallener. Er will namlich nicht daran
denken, daB sich eine vollkommenere Seele auch ent-
wickelt haben muB, das sie nicht plotzlich als eine Natur-
gabe da sein konne. AuBerlich erscheint allerdings manches
Genie wie «aus dem Nichts» geboren, auf unerklarliche
Weise da; doch erscheint es eben so nur fur den
materialistischen Aberglauben; der Geisteswissenschafter
weiB, daB eine genialische Veranlagung, die in einem
Leben bei einem Menschen wie aus dem Nichts heraus
geboren ist, einfach die Folge von dessen Erziehung zur
Inspiration in einem fruheren Erdenleben ist. - Auf
theoretischem Gebiete ist der materialistische Aberglaube
schlimm; bei weitem schlimmer aber ist er noch auf einem
solchen praktischen Gebiete wie hier. Da er annimmt, daB
die Genies in alle Zukunft «vom Himmel fallen» miissen,
kummert er sich nicht um derlei «okkultistischen Unfug»
oder solch «phantastische Mystik», die von Vorbereitung
zur Inspiration sprechen. Dadurch halt aber der Aberglaube
der Materialisten den wahren Fortschritt der Menschheit
auf. Er sorgt nicht dafiir, daB die in den Menschen
schlummernden Fahigkeiten entwickelt werden. In
Wirklichkeit sind namlich oft diejenigen, welche sich
Fortschrittler und Freidenker nennen, solche, welche die
Feinde der wahren Fortentwickelung sind. Doch dies soil -
wie gesagt - nur eine Zwischenbemerkung sein, die
notwendig ist mit Rucksicht auf das Verhaltnis der Ge-
heimwissenschaft zur gegenwartigen Zeitbildung.
Nun wiirden die Seelenkrafte, welche durch das
gekennzeichnete Sich-Versagen der «normalen» Gefiihle
als Schatz im Innern des Schulers sich aufspeichern, gewiB,
auch ohne daB etwas anderes zu Hilfe kame, sich in
Inspirationen umsetzen. Und der Geheimschuler wiirde
erleben, wie in seiner Seele wahre Vorstellungen
aufsteigen, welche Erlebnisse in hoheren Welten darstellen.
Mit den einfachsten Erfahrungen ubersinnlicher Vorgange
wiirde die Sache beginnen, und langsam kame
Komplizierteres und Hoheres zum Vorschein, wenn der
Schiiler in der angedeuteten Richtung innerlich weiterlebte.
- In Wirklichkeit ware aber eine solche Geheimschulung
heute ganz unpraktisch, und sie wird daher wohl nirgends
durchgefuhrt, wo man ernsthaft zu Werke geht. Wollte
namlich der Schiiler auf diese Art alles «aus sich selbst
heraus» entwickeln, was die Inspiration geben kann: er
wiirde ganz sicher dazu kommen, alles so aus sich
«herauszuspinnen», was je z.B. auch hier iiber das Wesen
des Menschen, iiber des Menschen Leben nach dem Tode,
iiber die Entwickelung des Menschengeschlechts und der
Planeten usw. gesagt worden ist. Aber ein solcher Schiiler
wiirde eben unermeBlich lange Zeitraume dazu brauchen.
Es ware so, wie wenn z.B. jemand die ganze Geometrie aus
sich selbst herausspinnen wollte, ohne Rucksicht darauf,
was Menschen vor ihm auf diesem Gebiete schon
gearbeitet haben. GewiB, «in der Theorie» ist so etwas
durchaus moglich. In der Praxis es auszufiihren, ware
Torheit. Auch in der Geheimwissenschaft verfahrt man
nicht so,
sondern man laBt sich durch einen Lehrer diejenigen Dinge
uberliefern, welche durch inspirierte Vorganger fur die
Menschheit errungen worden sind. Diese Uberlieferung
muB gegenwartig die Grundlage abgeben fur die eigene
Inspiration. Dasjenige, was in der einschlagigen Literatur
und in Vortragen usw. heute aus dem Gebiet der
Geheimwissenschaft geboten wird, das kann durchaus eine
solche Inspirationsgrundlage abgeben. Es sind z.B. die
Lehren iiber die verschiedenen Grundteile des Menschen
(physischer Leib, Atherleib, Astralleib usw.), die
Erkenntnisse iiber das Leben nach dem Tode bis zu einer
neuen Verkorperung, dann z.B. alles, was unter dem Titel
«Aus der Akasha-Chronik» gedruckt wurde. Man muB
namlich gegenliber der Inspiration durchaus festhalten, daB
man sie braucht zum Auffinden und Selbsterleben der
hoheren Wahrheiten, nicht aber zum Verstehen derselben.
Man kann ohne Inspiration das nicht zuerst auffinden, was
unter dem Titel «Aus der Akasha-Chronik» mitgeteilt ist.
Empfangt man es aber durch Mitteilung, dann kann man es
einsehen durch das ganz gewohnliche logische Urteil.
Niemand sollte behaupten: es wiirden da Dinge behauptet,
die man ohne Inspiration nicht logisch begreifen konne.
Man findet sie nicht deshalb unbegreiflich, weil man nicht
inspiriert ist, sondern nur, weil man nicht geniigend
nachdenken will. - Erhalt man also solche Wahrheiten
mitgeteilt, dann erregen sie in der Seele durch ihre eigene
Kraft die Inspiration. Man muB nur versuchen, wenn man
solcher Inspiration teilhaftig werden will, diese
Erkenntnisse nicht nuchtern und verstandesmaBig zu
empfangen, sondern sich von dem
Hochschwung der Ideen in alle nur moglichen Gefiihls-
erlebnisse versetzen lassen. Und wie sollte man dies nicht
konnen! Kann das Gefiihl stumpf bleiben, wenn man die
uberwaltigenden Vorgange im Geiste vor sich
voriiberziehen laBt, wie die Erde sich aus Mond, Sonne und
Saturn entwickelt hat, oder wenn man die unendlichen
Tiefen der Menschennatur durch eine Erkenntnis seines
Ather-, Astralleibes usw. durchschaut? Man mochte fast
sagen: schlimm genug fur einen solchen, welcher in
Nuchternheit solche Gedankengebaude erleben kann. Denn
erlebte er sie nicht in Nuchternheit, sondern durchlebte er
alle durch sie moglichen Gefiihlsspannungen und
Gefuhlslosungen, alle Steigerungen und Krisen, alle
Fortschritte und Ruckschritte, alle Katastrophen und
Verkundigungen: dann eben wiirde in ihm der Mutterboden
zur Inspiration selbst zubereitet. Allerdings wird man das
notwendige Leben in Gefiihlen gegenliber solchen
Mitteilungen aus einer hoheren Welt nur wirklich entfalten
konnen, wenn man Ubungen solcher Art, wie sie oben
angedeutet sind, macht. Wer alle seine Gefiihlskrafte an die
auBere sinnliche Wahrnehmungswelt wendet, dem werden
die Erzahlungen aus einer hoheren Welt als «trockene
Begriffe», als «graue Theorie» erscheinen. Er wird niemals
begreifen konnen, warum es dem andern warm urns Herz
wird, wenn er die Mitteilungen der Geheimwissenschaft
vernimmt, wahrend er doch «kuhl bis ans Herz hinan»
bleibt. Er wird sogar sagen: «Das ist doch alles nur fur den
Verstand, das ist intellektuell; ich mochte etwas fur das
Gemiit.» Er sagt sich aber nicht, daB es an ihm liegt, daB
sein Herz kalt bleibt.
Viele unterschatzen noch immer die Gewalt dessen, was
in diesen Mitteilungen aus einer hoheren Welt allein schon
verborgen liegt. Und im Zusammenhange damit
uberschatzen sie allerlei andere Ubungen und Prozeduren.
Ja, was niitzt es mir, sagen sie, wenn mir andere erzahlen,
wie es in hoheren Welten aussieht: ich mochte doch selbst
da hineinschauen. Solchen fehlt nur zumeist die Geduld,
sich immer wieder und wieder in solche Erzahlungen aus
hoheren Welten zu vertiefen. Taten sie es, dann wiirden sie
sehen, welche Zundekraft diese «bloBen Erzahlungen»
haben und wie wirklich die eigene Inspiration angeregt
wird, wenn man die Inspirationen anderer mitgeteilt erhalt.
- GewiB, es miissen zum «Lernen» andere Ubungen
hinzukommen, wenn der Schuler rasche Fortschritte in dem
Erleben der hoheren Welten machen will; es sollte aber
niemand die unbegrenzt groBe Bedeutung gerade des
«Lernens» unterschatzen. Und jedenfalls kann niemandem
Hoffnung gegeben werden, daB er durch irgendwelche
Ubungen rasche Eroberungen in den hoheren Welten
machen werde, der es nicht zugleich iiber sich bringt: unab-
lassig sich in die Mitteilungen zu vertiefen, die, rein er-
zahlend, von den Vorgangen und Wesen der hoheren
Welten von berufener Seite gemacht werden. - Dadurch,
daB gegenwartig solche Mitteilungen in der Literatur und in
Vortragen usw. gemacht werden und daB auch die ersten
Andeutungen gegeben werden iiber die Ubungen, welche
zur Erkenntnis hoherer Welten fiihren (z.B. sind eben die
Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» solche erste Andeutungen), kann man
jetzt einiges von dem er-
fahren, was ehedem nur in streng geschlossenen Geheim-
schulen mitgeteilt worden ist. Wie schon ofters erwahnt
worden ist, rlihrt eine solche Veroffentlichung von den
Verhaltnissen in unserer Zeit her und muB geschehen. Es
muB aber immer wieder auch das andere betont werden,
daB dadurch zwar Erleichterungen in bezug auf das An-
eignen des Geheimwissens geschaffen sind, daB aber die
sichere Fuhrung durch den erfahrenen Geheimlehrer
doch noch nicht vbllig zu ersetzen ist.
Die Erkenntnis durch Inspiration fiihrt den Men-
schen zum Erleben der Vorgdnge in den unsichtbaren
Welten, also z.B. der Entwickelung des Menschen, der-
jenigen der Erde und ihrer planetarischen Verkorperun-
gen; kommen aber innerhalb dieser hoheren Welten
nicht bloB Vorgdnge, sondern We sen in Betracht, dann
muB die Intuition als Erkenntnisart eintreten. Was durch
solche Wesen geschieht, das erkennt man im Bilde durch
die Imagination, den Gesetzen und Verhaltnissen nach
durch die Inspiration; will man den Wesen selbst gegen-
ubertreten, dann braucht man die Intuition. - Wie sich
die Inspiration hineingliedert in die Welt der Imagina-
tionen, wie sie die letzteren durchdringt als eine «geistige
Musik» und dadurch das Ausdrucksmittel der durch die
Intuition zu erkennenden Wesen wird, davon soil noch
gesprochen werden. Dann wird auch die Intuition selbst
behandelt werden. Hier soil nur noch darauf hinge wie-
sen werden, daB dasjenige, was man in der Geheim-
wissenschaft als «Intuition» bezeichnet, nichts zu tun
hat mit dem, wofiir man gegenwartig oft im popularen
Sprachgebrauch das Wort «Intuition» anwendet. Man
bezeichnet so einen mehr oder weniger unsicheren «Ein-
fall» im Gegensatz zu einer klaren, folgerichtig gewon-
nenen Verstandes- oder Vernunfterkenntnis. In der
Geheimwissenschaft ist die «Intuition» nichts Unklares und
Unsicheres, sondern eine hohe Erkenntnisart, voll der
lichtesten Klarheit und der unbezweifelbarsten Sicherheit.
INSPIRATION UND INTUITION
Wie man die Imagination ein geistiges Schauen nennen
kann, so die Inspiration ein geistiges Horen. Man muB
allerdings bei diesem Ausdrucke «H6ren» sich dariiber klar
sein, daB damit ein Wahrnehmen gemeint ist, welches dem
sinnlichen Horen in der physischen Welt noch viel ferner
steht als das «Schauen» in der imaginativen (astralen) Welt
dem Sehen mit den physischen Augen. Von den Licht- und
Farbenerscheinungen der letzteren Welt kann man sagen:
sie seien so, wie wenn die leuchtenden Oberflachen und die
Farben der sinnlichen Gegenstande sich von diesen
abhoben und von ihnen losgelost frei im Raume schwebten.
Dies gibt aber doch nur eine annahernde Vorstellung. Denn
der Raum der imaginativen Welt ist keineswegs so wie
derjenige der physischen. Wer sich also einbildete, daB er
imaginative Farbenbilder vor sich habe, wenn er freischwe-
bende Farbenflocken mit gewohnlicher Raumausdehnung
sieht, der ist im Irrtum. Dennoch ist aber die Bildung von
solchen Farbenvorstellungen der Weg zum imaginativen
Leben. Wer versucht, sich eine Blume vorzustellen, und
dann in seiner Vorstellung alles beiseite laBt, was nicht
Farbenvorstellung ist, so daB vor seiner Seele ein Bild
schwebt wie die von der Blume abgezogene farbige
Oberflache, der kann durch solche Ubungen allmahlich zu
einer Imagination gelangen. Dies Bild selbst ist noch keine
solche Imagination, sondern ein mehr oder weniger
vorbereitendes Phantasiegemalde. Imagination - das ist
wirkliches astrales Erlebnis - wird es erst, wenn nicht nur
die Farbe ganz abgehoben ist von
dem Sinneseindrucke, sondern wenn auch die drei-
dimensionale Raumausdehnung sich vollig verloren hat.
DaB dies let2tere der Fall ist, kann nur durch ein gewisses
Gefiihl wahrgenommen werden. Zu beschreiben ist dieses
Gefiihl nur dadurch, daB man sagt, man fiihlt sich nicht
mehr auBerhalb, sondern innerhalb des Farbenbildes, und
man hat das BewuBtsein, daB man an seiner Entstehung
teilnimmt. Wenn dies Gefiihl nicht da ist, wenn man sich
also der Sache gegenuberstehend glaubt wie einem
sinnlichen Farbenbild gegeniiber, dann hat man es noch
nicht mit einer wirklichen Imagination, sondern mit etwas
Phantastischem zu tun. Damit soil jedoch nicht gesagt sein,
daB solche Phantasiegemalde ganz wertlos seien. Sie
konnen namlich atherische Abbilder - gleichsam Schatten -
wirklicher astraler Tatsachen sein. Und als solchen kommt
ihnen fur die geheimwissenschaftliche Schulung immerhin
einiger Wert zu. Sie konnen eine Briicke bilden zu den
wahren astralen (imaginativen) Erlebnissen. - Eine gewisse
Gefahr schlieBt ihre Beobachtung nur in sich, wenn der
Beobachter an diesem Grenzgebiet zwischen Sinnlichem
und Ubersinnlichem seinen gesunden Menschenverstand
nicht voll zur Anwendung bringt. Man soil nur nicht er-
warten, daB irgend jemandem ein allgemeines Kennzeichen
gegeben werden kann, wie er in diesem Grenzgebiete
Illusion, Halluzination, Phantastik von Wirklichkeit
unterscheiden konne. Bequem ware ja eine solche all-
gemeine Regel. Aber Bequemlichkeit ist ein Wort, das der
Geheimschulerin seinem Sprachschatze streichen sollte.-
Man kann nur sagen, daB derjenige, welcher sich fur dieses
Gebiet Klarheit der Unterscheidung aneignen
will, schon in dem gewohnlichen Leben der physischen
Welt darauf bedacht sein muB. Wer in diesem gewohn-
lichen Leben keine Sorgfalt darauf verwendet, scharf und
klar zu denken, der wird beim Aufsteigen in hohere Welten
alien moglichen Illusionen zum Opfer fallen. Man bedenke
nur, wie viele Fallen dieses gewohnliche Leben dem
gesunden Urteile bietet. Wie oft kommt es doch vor, daB
die Menschen nicht das ungetrubt sehen, was ist, sondern
was sie zu sehen begehren. In wie vielen Fallen glauben die
Menschen etwas, nicht weil sie erkannt haben, sondern weil
es ihnen angenehm ist, zu glauben. Oder welche Irrtumer
ergeben sich, weil man einer Sache nicht auf den Grund
geht, sondern sich vorschnell ein Urteil bildet. Alle diese
Griinde von Tauschungen im gewohnlichen Leben konnten
durch andere schier ins Unendliche vermehrt werden. Was
fur Streiche spielen Parteinahme, Leidenschaft usw. usw.
einem gesunden Urteile. Wenn derlei Urteilstauschungen
im gewohnlichen Leben storend und oft verhangnisvoll
sind: fur die Gesundheit des ubersinnlichen Erlebens sind
sie die denkbar groBte Gefahr. Nicht eine allgemeine Regel
kann der Geheimschuler als Leitfaden mit in hohere Welten
erhalten, sondern lediglich die Anweisung, fur seine
gesunde Unterscheidungskraft, fur sein freies,
unabhangiges Urteil alles Mogliche zu tun.
Wenn der Beobachter hoherer Welten einmal weiB, was
wirklich Imagination ist, dann erhalt er auch sehr bald die
Empfindung, daB die Bilder der astralen Welt nicht bio fie
Bilder, sondern die Kundgebungen geistiger Wesenheiten
sind. Er lernt erkennen, daB er die imaginativen Bilder
ebenso auf geistige oder seelische Wesen-
heiten zu beziehen hat wie die sinnlichen Farben auf
sinnliche Dinge oder Wesenheiten. Im einzelnen wird er
allerdings da noch viel zu lernen haben. Er wird unter-
scheiden miissen zwischen Farbengebilden, die wie un-
durchsichtig sind, und solchen, die ganz durchsichtig und
wie in ihrem Innern ganz durchleuchtet sind. Ja, auch
solche Gebilde wird er wahrnehmen, die ihr Farbenlicht
gleichsam in ihrem Innern immer neu erzeugen, die also
nicht nur ganz durchleuchtet und durchsichtig (transparent)
sind, sondern die immerfort in sich selbst aufstrahlen. Und
er wird die mehr undurchsichtigen Gebilde auf niedrige,
die durchleuchteten auf mittlere Wesenheiten beziehen; die
in sich aufstrahlenden Bilder werden ihm Kundgebungen
hoherer geistiger Wesenheiten sein.
Will man die Wahrheit der imaginativen Welt treffen,
so darf man den Begriff des geistigen Schauens nicht zu
eng fassen. Denn es finden sich in dieser Welt nicht etwa
bloB Licht- und Farbenwahrnehmungen, die sich also den
Gesichtserlebnissen der physischen Welt vergleichen
lassen, sondern auch Eindrucke von Warme und Kalte, von
Geschmack und Geruch, ja noch andere Erlebnisse der
imaginativen «Sinne», fur die es etwas Ahnliches in der
physischen Welt nicht gibt. Die Eindrucke des Warmen
und Kalten sind in der imaginativen (astralen) Welt die
Offenbarungen des Willens und der Absichten seelischer
und geistiger Wesen. Ob ein solches Wesen etwas Gutes
oder Boses bezweckt, das kommt in einer bestimmten
Warme- oder Kaltewirkung zum Vorschein. Auch
«schmecken» und «riechen» kann man die astralen
Wesenheiten. - Nur dasjenige, was in eigentli-
chem Sinne das Physische des Tones und Schalles aus-
macht, fehlt fast ganz in der wirklich imaginativen Welt. In
dieser Beziehung herrscht da lautlose Stille. Dafiir aber
bietet sich etwas ganz anderes dem in der geistigen
Beobachtung Fortschreitenden dar, was sich mit dem
Tonen und Klingen, mit Musik und Sprache der sinnlichen
Welt vergleichen laBt. Und gerade dann tritt dieses Hohere
auf, wenn alles Tonen und Klingen der auBeren physischen
Welt vollig verstummt, ja wenn auch der geringste innere
seelische Nachhall an dieses Gebiet der auBeren Welt zum
Schweigen gekommen ist. Dann tritt fur den Beobachter
das ein, was man ein Verstehen der Bedeutung der
imaginativen Erlebnisse nennen kann. Wollte man
dasjenige, was hier erfahren wird, mit etwas in der
physischen Welt vergleichen, so konnte man nur zur
Verdeutlichung etwas heranziehen, was es in dieser Welt
gar nicht gibt. Man versuche sich einmal vorzustellen, daB
man wahrnehmen konnte die Gedanken und Gefiihle eines
Menschen, ohne seine Worte mit dem physischen Ohre zu
horen, so ware ein solches Wahrnehmen zu vergleichen mit
jenem unmittelbaren Verstehen des Imaginativen, das man
als «H6ren» in geistigem Sinne bezeichnet. Das
«Sprechende» sind die Farben- und Lichteindrucke. In dem
Aufglanzen und Verloschen, in der Farbenwandlung der
Bilder offenbaren sich Harmonien und Disharmonien,
welche die Gefiihle, Vorstellungen und Gedanken
seelischer und geistiger Wesenheiten enthullen. Und wie
sich der Ton beim physischen Menschen zum Worte
steigert, wenn sich ihm der Gedanke einpragt, so steigern
sich die Harmonien und Disharmonien der geistigen Welt
zu Offen-
barungen, welche wesenhafte Gedanken selbst sind. Dazu
muB es allerdings «dunkel werden» in dieser Welt, wenn
der Gedanke in seiner Unmittelbarkeit sich offenbaren solL
Das hier auftretende Erlebnis stellt sich so dar: Man sieht
die hellen Farbentone, das Rot, Gelb und Orange ersterben
und nimmt wahr, wie sich die hohere Welt durch Grim
hindurch abdunkelt zum Blauen und Violetten; dabei erlebt
man in sich selbst eine Steigerung der inneren
Willensenergie. Man erlebt eine vollige Freiheit in bezug
auf Ort und Zeit; man fiihlt sich in Bewegung. Es sind
gewisse Linienformen, Gestalten, die man erlebt. Doch
nicht etwa so erlebt man sie, daB man sie vor sich in
irgendeinem Raume gezeichnet sahe, sondern so, als ob
man in fortwahrender Bewegung mit seinem Ich jedem
Linienschwung, jeder Gestaltung selbst folgte. Ja, man
fiihlt das Ich als den Zeichner und zugleich als das
Material, mit dem gezeichnet wird. Und jede Linien-
fuhrung, jede Ortsanderung sind zugleich Erlebnisse dieses
Ich. Man lernt erkennen, daB man mit seinem bewegten Ich
hineingeflochten ist in die schaffenden Weltenkrafte. Die
Weltgesetze sind nun dem Ich nicht mehr etwas auBerlich
Wahrgenommenes, sondern ein wirkliches Wundergewebe,
an dem man spinnt. - Die Geheimwissenschaft entwirft
allerlei sinnbildliche Zeichnungen und Bilder. Wenn diese
den Tatsachen wirklich entsprechen und nicht bloBe
ausgedachte Figuren sind, so liegen ihnen Erlebnisse des
Beobachters in hoheren Welten zugrunde, die in der oben
beschriebenen Art anzusehen sind.
So stellt sich die inspirierte Welt in die imaginierte
hinein. Wenn die Imaginationen beginnen, dem Beob-
achter in «stummer Sprache» ihre Bedeutungen zu ent-
hiillen, dann geht innerhalb des Imaginativen die Welt der
Inspiration auf.
Von derjenigen Welt, in welche der geistige Beobachter
auf diese Art eindringt, ist die physische eine Offenbarung.
Was von dieser physischen Welt den Sinnen und dem auf
sie beschrankten Verstand zuganglich ist, das ist nur die
AuBenseite. Um nur ein Beispiel anzufiihren: die Pflanze,
wie sie mit den physischen Sinnen und dem physischen
Verstande beobachtet wird, ist nicht das vollstandige
Pflanzenwesen. Wer nur diese physische Pflanze kennt, der
hat etwas Ahnliches vorliegen, wie ein Wesen haben
wiirde, das den Fingernagel eines Menschen wahrnehmen
konnte, dem aber die Wahrnehmung des Menschen selbst
unzuganglich ware. Bau und Wesenheit des Fingernagels
konnen aber nur verstanden werden, wenn man sie aus der
ganzen menschlichen Wesenheit erklart. So ist in Wahrheit
die Pflanze nur verstandlich, wenn man das kennt, was zu
ihr gehort wie die ganze menschliche Wesenheit zum
Fingernagel des Menschen. Dieses zur Pflanze Gehorige
kann man aber nicht in der physischen Welt finden. Der
Pflanze liegt zunachst etwas zugrunde, was sich nur durch
die Imagination in der astralen Welt enthullt, und ferner
etwas, was nur durch die Inspiration in der geistigen Welt
offenbar wird. - So ist also die Pflanze als physisches
Wesen die Offenbarung einer Wesenheit, die durch
Imagination und Inspiration zu begreifen ist.
Es eroffnet sich fur den Beobachter der hoheren
Welten, wie aus Vorstehendem ersichtlich ist, ein Weg, der
in der physischen Welt beginnt. Er kann namlich
zunachst von dieser physischen Welt ausgehen und von
deren Offenbarungen aufsteigen zu den ihnen zugrunde
liegenden hoheren Wesenheiten. Wenn er vom Tierreiche
ausgeht, so kann er aufsteigen zur imaginativen Welt;
wenn er von der Pflanzenwelt seinen Ausgang nimmt, so
fiihrt ihn die geistige Beobachtung durch die Imagination
zur Welt der Inspiration. Wenn man diesen Weg geht, dann
findet man namlich bald innerhalb der imaginativen und
Inspirationswelt auch Wesenheiten und Tatsachen, welche
sich gar nicht in der physischen Welt offenbaren. Man darf
also nicht glauben, daB man auf diese Art nur diejenigen
Wesenheiten der hoheren Welten kennenlernt, welche ihre
Offenbarungen in der physischen Welt haben. Wer einmal
die imaginative Welt betreten hat, der lernt eine Fiille von
Wesen und Ereignissen kennen, von denen sich der bloBe
physische Beobachter nichts traumen laBt.
Es gibt nun allerdings auch einen andern Weg. Einen
solchen, der nicht von der physischen Welt seinen Aus-
gang nimmt. Der den Menschen unmittelbar hellsichtig
macht in den hoheren Gebieten des Daseins. Fur viele
Menschen mochte dieser Weg mehr Anziehungskraft
haben als der vorhin angedeutete. Doch sollte fur unsere
Lebensverhaltnisse nur der Aufstieg aus der physischen
Welt gewahlt werden. Er legt dem Beobachter die Ent-
sagung auf, welche notig ist, wenn er sich zunachst in der
physischen Welt umschauen und da einige Erkenntnisse
und namentlich Erfahrungen sammeln soli. Doch ist er auf
alle Falle fur unsere Kulturverhaltnisse der Gegenwart der
angemessene. Der andere setzt die vorhergangige
Aneignung von Seeleneigenschaften voraus,
welche innerhalb der gegenwartigen Lebensverhaltnisse
auBerst schwer zu erreichen sind. Wenn auch in ein-
schlagigen Schriften mit aller Scharfe und Deutlichkeit
solche Seeleneigenschaften immer wieder und wieder
betont werden: von dem Grade, in dem man sich
dergleichen (z.B. Selbstlosigkeit, hingebungsvolle Liebe
usw.) aneignen muB, wenn man zur Erreichung der
hoheren Welten nicht von dem festen Boden der
physischen ausgehen wollte, machen sich doch die
meisten Menschen gar keine auch nur einigermaBen hin-
reichende Vorstellung. Und wenn dann jemand in den
hoheren Welten erweckt wird ohne den erforderlichen
Grad der entsprechenden Seeleneigenschaften, so mtiBte
unsagliches Elend die Folge sein. Nun darf man nicht
etwa glauben, daB man beim Ausgehen von der physi-
schen Welt und ihren Erfahrungen der gekennzeichneten
Seeleneigenschaften entraten kbnnte. Solches zu
glauben, ware auch ein folgenschwerer Irrtum. Aber
solcher Ausgang gestattet, daB man sich diese Seelen-
eigenschaften in dem MaBe und vor allem in der Form
aneigne, in denen es in unseren gegenwartigen Lebens-
verhaltnissen moglich ist.
Und noch etwas kommt dabei in Betracht. Geht man
in der angedeuteten Art von der physischen Welt aus, so
bleibt man auch trotz seines Aufsteigens in die hoheren
Welten in einem lebendigen Zusammenhange mit dieser
physischen Welt. Man wahrt sich das voile Verstandnis
ftir alles, was in ihr vorgeht, und die voile Tatkraft, in ihr
zu wirken. Ja, dieses Verstandnis und diese Tatkraft
wachsen in der fbrderlichsten Art gerade durch die Er-
kenntnis der hoheren Welten. In jedem Gebiete des
Lebens, und wenn es auch noch so prosaisch-praktisch
erscheint, wird der Kenner der hoheren Welten forder-
licher, besser wirken als der Nichtkenner, wenn sich der
erstere nur den lebensvollen Zusammenhang mit der
physischen Welt bewahrt hat.
Wer aber, ohne von der physischen Welt auszugehen, in
den hoheren Gebieten des Daseins erweckt wird, der wird
allerdings nur zu leicht dem Leben entfremdet; er wird zum
Einsiedler, der seiner Mitwelt ohne Verstandnis und Anteil
gegenubersteht. Ja, es tritt bei unvollstandig in dieser Art
Ausgebildeten - allerdings nicht bei vollkommen
Entwickelten - sogar oft ein, daB sie mit einer gewissen
Geringschatzung auf die Erlebnisse der physischen Welt
herabsehen, daB sie sich zu vornehm fur diese fiihlen usw.
Statt daB sich ihr Anteil an der Welt erhohte, werden solche
in sich verhartete, im geistigen Sinne selbstsiichtige
Naturen. Die Verfiihrung zu alledem ist namlich wahrlich
nicht gering. Und diejenigen, welche den Aufstieg in die
hoheren Welten erstreben, sollten wohl gerade darauf
achten.
Von der Inspiration kann der geistige Beobachter zur
Intuition aufsteigen. In der Ausdrucksart der Geheim-
wissenschaft bedeutet dieses Wort in vieler Beziehung das
genaue Gegenteil von dem, wofiir man es im gewohnlichen
Leben oft anwendet. In letzterem spricht man von
Intuition, wenn man einen dunkel als wahr gefiihlten
Einfall im Auge hat, dem an sich die klare, begriffliche
Feststellung noch fehlt. Man sieht darinnen mehr eine
Vorstufe der Erkenntnis denn eine solche selbst. Solch ein
entsprechender «Einfall» mag - nach dieser
Begriffsbestimmung - eine groBe Wahrheit wie in
einem Blitzlicht erleuchten; als Erkenntnis kann er erst
gelten, wenn er durch begriffliche Urteile begriindet wird.
Bisweilen bezeichnet man auch als Intuition etwas, was
man als Wahrheit «fiihlt», wovon man ganz iiberzeugt ist,
was man aber durch Verstandesurteile nicht belasten will.
Menschen, an welche die geheimwissenschaftlichen
Erkenntnisse herankommen, sagen gar oft: Das war mir
«intuitiv» schon immer klar. Von all dem muB ganz
abgesehen werden, wenn man den Ausdruck «Intuition» in
seiner hier gemeinten wahren Bedeutung ins Auge fassen
will. Intuition ist, in dieser Anwendung, nicht eine
Erkenntnis, die an Klarheit hinter der Verstandeserkenntnis
zuruckbleibt, sondern welche diese weit uberragt.
In der Inspiration sprechen die Erlebnisse der hoheren
Welten ihre Bedeutung aus. Der Beobachter lebt in den
Eigenschaften und Taten der Wesen dieser hoheren
Welten. Wenn er, wie oben charakterisiert worden ist, mit
seinem Ich einer Linienfuhrung oder einer Gestaltform
folgt, so weiB er doch, daB er nicht innerhalb des Wesens
selbst ist, sondern innerhalb dessen Eigenschaften und
Verrichtungen. Schon in der imaginativen Erkenntnis erlebt
er es ja, daB er sich z.B. nicht auBerhalb, sondern innerhalb
der Farbenbilder fiihlt; aber er weiB auch ebenso genau,
daB diese Farbenbilder nicht in sich selbstandige Wesen,
sondern Eigenschaften solcher Wesen sind. In der
Inspiration wird er sich bewuBt, daB er eins wird mit den
Taten solcher Wesen, mit den Offenbarungen ihres
Willens; erst in der Intuition verschmilzt er mit Wesen, die
in sich geschlossen sind, selbst. Im richtigen Sinne kann
das nur geschehen, wenn
diese Verschmelzung nicht unter Ausloschung, sondern
unter volliger Aufrechterhaltung seiner eigenen Wesenheit
der Fall ist. Alles «Sich-Verlieren» an ein fremdes Wesen
ist vom Ubel. Daher kann nur ein Ich, das in sich bis zu
einem hohen Grade gefestigt ist, in ein anderes Wesen
ohne Schaden untertauchen. - Man hat erst dann etwas
intuitiv erfaBt, wenn man diesem «Etwas» gegeniiber zu
der Empfindung gekommen ist: es auBert sich in ihm ein
Wesen, das von derselben Art und inneren Geschlossenheit
wie das eigene Ich ist. Wer einen Stein mit den Sinnen
betrachtet und ihn nach seinen Eigenheiten mit dem
Verstande - und den gewohnlichen wissenschaftlichen
Hilfsmitteln - zu begreifen sucht, der lernt nur die
AuBenseite des Steines kennen. Als geistiger Beobachter
schreitet er zu der imaginativen und inspirierten Erkenntnis
vor. Lebt er innerhalb der letzteren, so kann er zu einer
weiteren Empfindung kommen. Diese Empfindung mochte
man durch einen Vergleich in der folgenden Art
charakterisieren. Man stelle sich vor, man sehe einen
Menschen auf der StraBe. Er macht zunachst auf den
Beobachter einen fluchtigen Eindruck. Spater lernt man ihn
naher kennen; und es kommt der Augenblick, in dem man
mit ihm so befreundet wird, daB sich Seele der Seele
aufschlieBt. Mit dem Erlebnis, das man durchmacht, wenn
so die Hiillen der Seelen fallen und Ich dem Ich
gegeniibersteht, ist dasjenige zu vergleichen, wenn dem
geistigen Beobachter der Stein nur wie eine auBere
Offenbarung erscheint und er vor schreitet zu etwas, zu dem
der Stein gehort, wie der Fingernagel zum menschlichen
Leibe gehort, und das sich auslebt als ein «Ich», wie das
eigene Ich eines ist.
Erst in der Intuition ist diejenige Erkenntnisart durch
den Menschen erreicht, die ihn ins «Innere» der Wesen
fiihrt. Bei Besprechung der Inspiration ist einiges ange-
geben worden iiber die Umwandlung, welche die innere
Seelenverfassung des geistigen Beobachters erfahren muB,
wenn er zu dieser Erkenntnisform gelangen will. Es ist da
gesagt worden, daB z.B. ein unrichtiges Urteil nicht bloB
zum Verstande sprechen darf, sondern zu der Empfindung,
daB es Leid, Schmerz bereiten muB. Und der Beobachter
muB solches inneres Erleben systematisch ausbilden.
Solange allerdings dieser Schmerz entspringt aus den
Sympathien und Antipathien des Ich, aus dessen
Parteinahme, so lange kann nicht von einer dadurch zu
erlangenden Vorbereitung fur die Inspiration gesprochen
werden. Solches Beruhrtwerden des Gemutes ist noch weit,
sehr weit von dem inneren Anteil entfernt, den das Ich an
der bloBen Wahrheit - als Wahrheit -nehmen muB, wenn es
die genannten Ziele erreichen will. Es kann gar nicht scharf
genug betont werden, daB eigentlich alle Formen des
Interesses, die sich im gewohnlichen Leben als Lust und
Leid gegeniiber von Wahrheit und Irrtum ausleben, erst
schweigen mils sen und dann eine ganz andere
Interessenart, die ohne alle Selbstsucht ist, eintreten muB,
wenn etwas fur die Erkenntnis durch Inspiration geschehen
soli. Diese eine Eigenschaft des inneren Seelenlebens ist
aber eben nur eines unter den Mitteln zur Vorbereitung fur
die Inspiration. Es gibt eine unbegrenzte Anzahl anderer,
die hinzukommen mils sen zu der einen. Und je weiter sich
der geistige Beobachter in bezug auf das verfeinert, was
ihm schon fur die Inspiration gedient hat, desto mehr
vermag er sich der Intuition zu nahern. Von der gesetz-
maBigen Anweisung, welche die Geheimwissenschaft fur
die Intuition gibt, wird in weiteren Aufsatzen noch die
Rede sein.
Aus dem Nachwort von
Marie Steiner (1931)
Hinweise des Herausgebers
Verzeichnis der Textkorrekturen
Ubersicht liber die
Rudolf Steiner Gesamtausgabe
AUS DEM NACHWORT VON MARIE S T E I N E R
(1931)
Rudolf Steiner hat die hier nicht zum AbschluB gebrachten
Gedankengange in anderen Werken weitergefiihrt. Als eine
Art Fortsetzung des hier Gegebenen bezeichnet er selbst die
Schriften «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen»
und «Die Schwelle der geistigen Welt». -«Kosmologie,
Religion und Philosophie» ist eine weitere Steigerung in
der Kraft der lichtvollen Schilderung meditativer
Erkenntnisvorgange, ebenso das Buchlein «Vom
Seelenleben». Den Hohepunkt in der Formulierung
ubersinnlicher Erkenntnisse erreichte Rudolf Steiner in
seinem letzten Lebensjahr, als er uns wie ein Vermachtnis
hinterlieB seine «Leitsatze fiir die Anthropo-sophische
Gesellschaft» und seine «Briefe an die Mitglieder», die nun
erschienen sind unter dem Titel «Das Michael-Mysterium».
Sie sind der AbschluB und die Kronung des hier
begonnenen Werkes fiir die esoterische
BewuBtseinserziehung der Menschheit. Wem es noch zu
schwer wird, sich hier allein durchzuarbeiten, der lese und
erlebe die tiefgreifenden Ausfiihrungen Carl Ungers in
seinem Werk «Aus der Sprache der BewuBtseinsseele». Er
wird einen nie genug einzuschatzenden Gewinn davon
haben. Diese Briefe, die Unger fiir einen Kreis von
Mitgliedern, dann fiir die Zeitschrift «Anthroposophie»
geschrieben hat und die nach seinem Tode als Buch
gesammelt erschienen sind, sind die lebendigste
Erarbeitung des gewaltigen Stoffes, bilden Erkenntnis-
vorgange um zu Lebensvorgangen. Hier hat sich in einer
Seele das vollzogen, was Rudolf Steiner in seinen Schii-
lern wachrufen wollte: das Denken ist wieder Leben
geworden. Die Sprache der BewuBtseinsseele findet den
Weg zum verlorenen Wort, das Rudolf Steiner dem
Sterben entrissen und der Menschheit wiedergegeben hat.
HINWEISE DES HERAUSGEBERS
Zu dieser Ausgabe
Die Aufsatze «Die Stufen der hoheren Erkenntnis» erschienen ur-
spriinglich als immittelbare Fortsetzung der vorangegangenen Auf-
satzreihe «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» in der
von Rudolf Steiner herausgegebenen Zeitschrift «Lucifer-Gnosis». Die
erste Folge in der Nummer 29 vom Oktober 1905 trug den Untertitel
«Als Zwischenbetrachtung zu dem Artikel <Wie erlangt man Erkennt-
nisse hoherer Welten?>». Am SchluB der letzten erschienenen Folge
(Heft 35, Mai 1908) stand wie gewohnlich die Notiz: «Wird fort-
gesetzt». Es handelt sich also bei dem vorliegenden Text um eine Frag-
ment gebliebene Aufsatzreihe. Rudolf Steiner hat zwar eine Buch-
ausgabe vorbereitet, doch kam diese nicht zur Ausfiihrung. 1910 lagen
schon die umbrochenen Druckbogen fur eine selbstandige Ausgabe
vor, und 1914 wurde der Text zusammen mit «Wie erlangt man...»(5.
Aufl.) vollstandig neu gesetzt. Doch weder die Einzelausgabe (1910)
noch die gemeinsame Ausgabe mit «Wie erlangt man...» (1914) kam
zustande. Erst Marie Steiner verwirklichte 1931 die erste Buchausgabe.
In ihrem Vorwort hat sie auf den unmittelbaren Zusammenhang der
«Stufen der hoheren Erkenntnis» mit «Wie erlangt man...»
hingewiesen. Fur die Gesamtausgabe wurden Marie Steiners Vorwort
und Nachwort sowie ein Auszug aus Rudolf Steiners Vorwort zur 5.
Auflage von «Wie erlangt man...» dem Text hinzugefiigt.
Textgrundlage: Der einzige von Rudolf Steiner autorisierte Druck in
den Heften von «Lucifer-Gnosis» bildet die Grundlage fur den Text in
der Gesamtausgabe, wobei Rudolf Steiners Anderungen und hand-
schriftliche Korrekturen fur die geplanten Ausgaben von 1910 und
1914 sowie Marie Steiners Anderungen fur die erste Buchausgabe
1931 beriicksichtigt wurden. Letztere betreffen hauptsachlich Anpas-
sungen verschiedener zeitschriftentypischer Wendungen wie «in den
vorangegangenen Heften», «in Heft Nr. X dieser Zeitschrift» an die
Buchausgabe.
Fur die 7. Auflage (1993) wurde der Text von David Hoffmann mit
dem Erstdruck in «Lucifer-Gnosis» und den erwahnten iibrigen Unter-
lagen verglichen. (Die handschriftliche Fassung der Aufsatze ist nicht
vollstandig vorhanden.) Alle von Herausgebern vorgenommenen
Textkorrekturen gegeniiber der Erstausgabe in «Lucifer-Gnosis» wur-
den gepriift und entweder riickgangig gemacht oder, wo notwendig,
beibehalten. Die beibehaltenen inhaltlichen Textkorrekturen werden im
nachfolgenden Verzeichnis nachgewiesen; nicht besonders erwahnt
sind Druckfehlerkorrekturen sowie die behutsamen Vereinheitlichun-
gen in Orthographie und Interpunktion. Weiter wurden die Hinweise
erganzt und der Text «Zu dieser Ausgabe» hinzugefiigt.
Verzeichnis der inhaltlichen Textkorrekturen
gegeniiber der Erstausgabe in «Lucifer-Gnosis»
Zeile
15 14 SinnesweltsidXi Sinnenwelt Korrektur nach Korrektur-
fahnen 1914 (entsprechende Korrektur durch den Her-
ausgeber auch S. 27, Z. 5 und 18)
16 18 nennen kann statt nennt Korrektur nach Korrektur-
fahnen 1914
16 20 Diese statt Diefolgenden Korrektur nach Korrektur-
fahnen 1914
18 18 Vorgangen statt Vorstellungen SinngemaBe Korrektur
des Herausgebers
18 30 wenn statt wo Korrektur nach Korrekturfahnen 1914
20 22f. sondern dafi sie eine viel wirklichere ist statt sondern
eine viel wirklichere Korrektur nach Korrekturfahnen
1914
21 3 gespenstige statt niichterne Korrektur nach Korrektur-
fahnen 1914
24 7 nicht dicht szW statt nicht sind Die urspriingliche Ver-
sion nicht sind erschien 1914 in den Korrekturfahnen
(vmtl. irrtiimlich) als dicht sind, was von Rudolf Steiner
durch die Einfiigung von nicht korrigiert wurde.
24 14 Nach diesem Absatz folgte im Aufsatz in Lucifer-Gnosis
noch folgender auf das nachste Heft vorausblickender
Satz, der schon von Rudolf Steiner in den Korrekturfah-
nen 1910 und 1914 weggelassen wurde: Nach dieser kur-
zen Skizzierung der vier Erkenntnisstufen soil - in den
nachsten Heften - zu genaueren Angaben fortgeschritten
werden.
24 26 Sinne statt Seele SinngemaBe Korrektur Marie Steiners
fur die erste Buchausgabe 1931
35 14-16 Unter solchen Einwirkungen entwickelt sich die imagi-
native Erkenntnis, statt Wie nun unter solchen Einwir-
kungen die imaginative Erkenntnis sich entwickelt, und
was sie fiir eine Beziehung zur geistigen Welt hat, davon
soil in dem weiteren Verfolg dieses Aufsatzes gesprochen
werden. Korrektur nach den Korrekturfahnen 1910 und
1914
36 1 In der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» trug dieses Kapitel
noch den Reihentitel: Die Stufen der hoheren Erkenntnis
und den Untertitel: Der Schiiler und der «Guru». In den
Korrekturfahnen 1910 und 1914 setzte Rudolf Steiner als
Titel bloB: Die Imagination (kein Untertitel).
36 14 in bezug Erganzung Marie Steiners fiir die Buchaus-
gabe 1931
40 31 Es ist gesagt worden statt Oben ist gesagt Korrektur
nach Korrekturfahnen 1910 und 1914
41 1 diese Stufe der Imagination statt diese Imagination Er-
ganzung Marie Steiners fiir die Buchausgabe 1931
41 22 sich SinngemaBe Erganzung des Herausgebers
42 20 noch statt doch Korrektur durch Marie Steiner fiir die
Buchausgabe 1931
45 5 «Guru» Fiir die erste Buchausgabe hat Marie Steiner
bei den weiteren entsprechenden Stellen in diesem Ka-
pitel den Titel «Guru» durch die Bezeichnung Geheim-
lehrer, Lehrer oder Filhrer ersetzt, um eine Verwechs-
lung zwischen Rudolf Steiners Auffassung des Geheim-
lehrers und dem indisch-theosophischen Verstandnis des
Guru zu vermeiden (vgl. dazu die Ausfiihrungen iiber das
Verhaltnis zwischen Geistesschiiler und -lehrer S. 13f. in
vorliegendem Band).
49 16 zwar statt gar SinngemaBe Korrektur des Herausgebers.
64 14-19 Man mufi... mitgeteilt ist. Erganzung nach den Kor-
rekturfahnen 1910 und 1914
79 6 belasten statt belassen SinngemaBe Korrektur Marie
Steiners fiir die Buchausgabe 1931
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht
am Schlufi des Bandes.
zu Seite
7 Zeitschrift «Lucifer-Gnosis»: Die Beitrage Rudolf Steiners in «Lucifer-Gnosis»
sind gesammelt erschienen in der Gesamtausgabe unter dem Titel: «Lucifer -
Gnosis 1903-1908. Gesammelte Aufsdtze zur Anthroposophie und Berichte
aus den Zeitschriften <Luzifer> und (Lucifer -Gnosis>», GA 31.
«Theosophie. Einfiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Men-
schenbestimmung» (1904), GA 9-
«Die Geheimwissenschaftim Umrifi» (1910), GA 13.
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» (1904-1905), GA 10.
13 «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissen-
schaftliche Ergebnisse iiber die Menschheits-Entwickelung» (1911), GA 15.
«Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen. In acht Meditationen» (1912),
GA 16.
«Die Schwelle der geistigen Welt. Aphoristische Ausfiihrungen» (1913), GA
17.
28 «Aus der Akasha-Chronik» (1904-08), GA 1 1.
29 die bewufite Ausbildung gewisser Tugenden: Siehe hierzu das Kapitel «Uber
einige Wirkungen der Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?», GA 10, S. 115ff.
32 «Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrubt»: Klarchens Lied in J. W. Goethes
«Egmont», 3. Aufzug.
Es gibt eine schone, in der persischen Dichtung vorhandene Legende von
Christus: Die Legende ist iiberliefert durch Nisami (Nezamii) (gest. 1209)
und wurde iibersetzt von Joseph von Hammer in seiner «Geschichte der
schonen Redekunste Persiens, mit einer Bliitenlese aus 200 persischen
Dichtern» Wien 1818, S. 108. Goethe verwendete diese Ubersetzung fur
seine «Noten und Abhandlungen zu besserem Verstandnis des Westostlichen
Divans», wo er sie im Abschnitt «Allgemeines» vollstandig zitiert.
35 Es ist auf die Bedeutung der angefiihrten Eigenschaften schon friiher bei
Besprechung der «Lotusblumen» hingewiesen worden: Im Kapitel «Uber
einige Wirkimgen der Einweihung» in «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten?», GA 10, S. 1 17ff.
49 in den verschiedenen Methoden der okkulten Schulung: Siehe z. B. die
Ausfiihrungen Rudolf Steiners in den beiden Vortragen Stuttgart 3. und
4. September 1906 in «Vor dem Tore der Theosophie», GA 95.
83 «Kosmologie, Religion und Philosophie». Auto-Referate zu den zehn Vor-
tragen des «Franzosischen Kurses» vom 6. bis 15. September 1922, GA 25.
Das Buchlein «Vom Seelenleben»: Vier Aufsatze, urspriinglich erschienen
in «Das Goetheanum», Okt./Nov. 1923, erste Einzelausgabe unter dem-
selben Titel Dornach 1930, jetzt enthalten in «Der Goetheanumgedanke
inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte Aufsatze 1921-
1925 aus der Wochenschrift <Das Goetheanum»>, GA 36, S. 349-364.
Auch als Einzelausgabe unter dem Titel: «Vom Seelenleben. Sprache und
Sprachgeist», Dornach 1975.
«Anthroposophische Leitsatze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie.
Das Michael-Mysterium» (1924/25), GA 26.
Carl linger, «Aus der Sprache der BewuBtseinsseele. Unter Zugrunde-
legung der <Leitsatze> Rudolf Steiners», Dornach 1930, 4. Aufl., Schrif-
ten Bd. Ill, Stuttgart 1981.