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RUDOLF STEINER GES AMT AUSGABE
VORTRAGE
Offentliche vortrAge
RUDOLF STEINER
Westliche und ostliche
Weltgegensatzlichkeit
Wege zu ihrer Verstandigung
durch Anthroposophie
Zehn Vortrage
gehalten auf dem Zweiten internationalen Kongrefi
der anthroposophischen Bewegung
in Wien, vom 1. bis 12. Juni 1922
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach einer vom Vottragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe dieser Auflage besorgte Caroline Wispier
1. Auflage Dornach 1927
2. Auflage Dornach 1950
Taschenbuchausgabe Stuttgart 1961
3 . , neu durchgesehene und erganzte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1981
Bibliographie-Nr.83
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-0830-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswis-
senschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschrie-
benen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den
Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl
ofifentlich wie auch fur die Mitglieder der Theosophischen,
spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur-
spriinglich, dafi seine durchwegs fcei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht
zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe
betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz weni-
gen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen wer-
den miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorla-
gen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde ge-
mafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, linden
sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginne der
Hinweise.
INHALT
ANTHROPOSOPHIE UND WISSENSCHAFTEN
ERSTER VORTRAG, Wien, 1. Juni 1922
Anthroposophie und Naturwissenschaft
Naturwissenschaft als Erzieher der modernen Menschheit.
Der Bildcharakter ihres Denkens. Moglichkeit des Zweifels,
Herausforderung zu seelischef Starke. Naturwissenschaft und
Freiheit: theoretische Leugnung aber praktische Erziehung
zur Freiheit durch Naturwissenschaft. Erweiterung des natur-
wissenschaftlichen Gebietes in Absetzung gegen alte Wege.
Der Joga-Erkenntnisweg; Atem- und Gedankenrhythmus;
die Bhagavad Gita. Der Weg der Askese. Die heutige Unan-
gemessenheit beider Wege. Heute: Energisieren des Gedan-
kenlebens in sich, seine Befreiung von leiblichen Vorgangen;
seine Verbindung mit dem Weltenrhythmus. - Das notwen-
dige Verburgen der_ geistigen Wirklichkeit im Gedanken
durch iibende Willenserkraftung. Erkenntnisleben und ver-
innerlichte Schmerzerfahrung. Die Umgestaltung des ganzen
Seelenwesens zum Wahrnehmungsorgan des Geistes. Natur-
wissenschaft, Mathematik und exaktes Hellsehen.
2WEITER VORTRAG, 2. Juni 1922
Anthroposophie und Psychologie
Das Ratsel der Seele. Erlebnis der Seelenohnmacht vor der
Schwelle von Schlaf und Tod; der Seelenfinsternis vor dem
Eintauchen der Seele in den Leib. Moderne Psychologie;
Richard Wahle; Franz Brentano. Der Gedanke der Entwicke-
lungsfahigkeit der Seele als Bedingung der Erkenntnis ihrer
selbst. Die Notwendigkek exakter und besonnener Schu-
lung. Drei Stufen der Schulung des Gedankenlebens; die
Realitatserfahrung der Seele von ihrer Ewigkeit als Ungebo-
renheit. Die Schulung des Willens; Erkenntnis der Seele von
ihrer Ewigkeit als Unsterblichkeit. - Die Moglichkeit der Psy-
chologie in diesem Sinne, Grundlage fur ein neues Verstand-
nis des Schicksals und fur ein sich erneuerndes soziales und
religioses Leben zu sein.
Dritter Vortrag, 3Juni 1922 79
Anthroposophie und Weltorientierung
(Ost-West in der Geschichte)
Das verhaltnismafiig noch junge Geschichtsbewufltsein der
Menschheit; nur symptomatologische Erfaftbarkeit der Ge-
schichte. Das orientalische Hellsehen als Fortsetzung des al-
ten traumhaften Denkens, leibgebunden, erinnerbar; das
moderne Hellsehen qualitativ anders als das naturwissen-
schaftliche Denken: leibfrei, ohne Dauer und Erinnerbar-
keit, nur in Geistesgegenwart sich vollziehend. Das sich von
der Sprache loslosende Denken als Vorberekung fur das neue
Schauen. Noch im Griechentum kunstlerische Einheit von
Wort und Gedanke. Die Notwendigkeit, Wissenschaft und
Kunst wieder zu verbinden, um das Lebendige zu erfassen.
Goethe. - Die Verbindung von Religion mit Kunst und Wis-
senschaft im alten Orient. Das Verbundensein des Gedan-
kens mit dem Atem. Der Nachklang davon im heutigen
Osten. Solovjeff. Die Religiositat des Ostens und die Wissen-
schaftlichkeit des Westens miifiten ihren Ausgleich in einer
kiinstlerischen Kultur der Mitte flnden. Goethe. K.J. Schrder.
Die Aufgabe der Geisteswissenschaft.
Vierter Vortrag, 4. Juni 1922 108
Anthroposophie und Weltentwickelung
(Vom geographischen Standpunkt)
Das traumhaft bewegliche Geistesleben des alten Orient;
Hingabe an die Welt; innere Verwandtschaft mit der orienta-
lischen Vegetation. Das westliche Geistesleben, das durch
seine analytischen Methoden die unmittelbare Weltbegeg-
nung verloren hat. Die Mitte. - Stimmung im Osten: reales
Erleben des geistig Inneren und der aufieren Welt als dessen
Abbild (Maja); des geistigen Menschen als Urbild und des
physisch-sinnlichen als dessen Abbild; daraus entspringende
Weltabkehr erst im Buddhismus. Die Moglichkeit heute,
durch besonnene Schulung die unmittelbare Erfahrung des
Geistigen im Sinnlichen wieder zu erzeugen; Vermeidung
der Gefahr der Weltflucht. - Orientalisches Kulturleben als
ein Ende; heutige westliche Kultur als ein Anfang; die ma-
terielle Tatsachenwelt als Witklichkeit - das Geistesleben
als «Ideologie» (Maja); Befreiung des Menschen aus der
instinktiven Abhangigkeit von der geistigen Welt; Mog-
lichkeit zu freier geistiger Erkraftung. Buddhismus und
Christentum.
FUNFTER VORTRAG, 5Juni 1922 135
Anthroposophie und Kosmologie
Der Erkenntnisweg zur Kosmologie; Einhaltung der natur-
wissenschaftlichen Besonnenheit; Anerkennung der Erkennt-
nisgrenzen des gewohnlichen Bewufttseins. Die Erkenntnis-
grenze an der Aufienwelt und die Liebefahigkeit des Men-
schen; die Grenze im Innern und die individuelle Erinne-
rungsfahigkeit. Die mogliche Verwandlung des abstrakten
Erkenntnisverhaitnisses zur Welt in ein reales Seinsverhaltnis
durch Liebe. Ich-Gefuhl und Selbsterkenntnis aus der realen
geistigen Verbindung mit den Weiten der Welt. - Die Schu-
lung der Willenskrafte; Verwandlung der Seele zum Geist-
organ. Erkenntnis der leiblichen Organisation als Abbild des
Kosmos. Der Organismus als kosmisches Weltengedacht-
nis. - Die Briicke zwischen dem festen anatomischen Menschen
und der Seeleninnerlichkeit: durch «Entfestigen» des Physi-
schen und «Verdichten» des Seelischen. Denkfehler materia-
listischer Weltauffassung. Wissen und Glauben. Der Pendel-
schlag der sich gegenseitig tragenden Erkenntnis von Welt
und Selbst.
ANTHROPOSOPHIE UND SOZIOLOGIE
SECHSTER VORTRAG, 7juni 1922 167
Die Zeit und ihre sozialen Forderungen
Nicht programmatische Sozialutopien, sondern Verstandnis
und Impulsierung des Sozialen aus wirklichkeitsgemafier Ein-
stellung auf das Gesamtleben. Die Entstehung sozialer For-
derungen und Theorien mit der Entfaltung des Intellekts;
Ende des instinktiven Verbundenseins mit dem andern Men-
schen. Der auf das Tote gerichtete Intellekt; seine Unfahig-
keit, das Lebendige und Beseelte des Sozialen zu erfassen.
Intellekt und Freiheitserlebnis. Notwendige Belebung des
Denkens. - Die Kliifte zwischen den Menschen. Entwicke-
lung des Kindes in bezug auf das Begriffsleben in den drei
ersten Lebensstufen. Soziale Kliifte: weil der intellektuelle
Mensch nicht mehr seinen Piatz in der Welt und die Brucke
zum andern findet. Rosa Luxemburg. Die Umwandlung des
ehemais Instinktiven in Erkenntniskrafte. Die reale Ich-
Wahrnehmung des andern Menschen. Die Notwendigkeit
wirklichkeitsgemafter sozialer Perspektiven aus dem Freiheits-
impuls. Waldorferziehung. - Mit der Freiheit durch den In-
tellekt ist die Naturwelt erobert und aus ihr die Inspirierung
zur Technik; aus eigener geistiger Initiative mufi fur das Mo-
ralische die Intuition aus der Geistwelt errungen werden.
Geisteswissenschaft und die soziale Not der Gegenwart.
SlEBENTER VORTRAG, 8.Juni 1922 196
Die Zeit und ihre soziale Gestaltung
(Atlantische und Pazifische Kultur)
Notwendiges Verstandnis fur die weltweite Perspektive des
Sozialen heute. Die Differenzierung der sozialen Gestaltung
in Europa von Westen nach Osten. Karl Marx. Das maskierte
Zusammenwirken alter Formen des Ostens mit sich neu bil-
denden des Westens. - Die orientalischen Theokratien: Her-
einwirken geistiger Impulse durch fiihrende Priestergelehr-
te. Theokratischer «Sozialismus» im China des 11. Jahrhun-
derts. - Der Einzug des juristischen Prinzips in der griechisch-
romischen Kulturzeit. Einbeziehen des Verhaltnisses von
Mensch zu Mensch. Orientalische «Sophia> und westlicher
«Logos». - Emanzipation des Wirtschaftslebens aus dem Reli-
giosen und Juristischen. Anlafi zu Konflikten: Nachwirken
des Zusammenhangs von Theokratie und Agrarwirtschaft in
Konfrontation mit sozialen Neubildungen durch die techni-
sierte Wirtschaft des Industrialismus. Das Hereinwirken des
Juristischen ins Wirtschaftliche. - Das Nebeneinanderste-
hen von zeitlich nacheinander entstandenen Sozialstruk-
turen. Die Notwendigkeit, fur das emanzipierte Wirt-
schaftsleben die sozial gestaltenden Ideenimpulse noch zu
finden.
ACHTER VORTRAG, 9juni 1922 223
Die Zeit und ihre sozialen Mangel
(Asien - Europa)
Aus dem Verstandnis der Wurzeln der sozialen Mangel in
der Geschichte den Weg zur Erneuemng finden. Platons
Staatsideal, Nachklang orientalischer Kultur: Herrschen der
Gemeinschaftsidee iiber die Menschheit mit noch gedampf-
tem Ich-Gefiihl. «Erkenne dich selbst»: orientalisches Ideal
fur die wenigen Fuhrer des Volkes. Der ursprungliche Zu-
sammenhang von hoherem Geistesleben und Hetiung. Die
Lauterung durch die Mysterienkulte als Voraussetzung fur
soziales Wirken. Nachklang in Aristoteles' Begriff der Ca-
tharsis*. - Aufgabe der Germanenvolker: die ehemals traum-
hafte Kultur mit dem erwachten Ich-Bewufitsein zu verbin-
den. Die Rolle der menschlichen Arbeit in der Geschichte.
Soziales Ziel des Orients: das Ich aus der Gemeinschaft zu
ldsen. Aufgabe Europas: die starkgewordene Ichheit in die
soziale Ordnung einzugliedern. Die Unfahigkeit dazu als
Wurzel fast aller sozialen Note. - Ankniipfen an den Zusam-
menhang von Erkenntnis, Heilkunst und Volkskultur (Bei-
spiel: Waldorfpadagogik). Die Notwendigkeit sinnvoller
Einglicdcrung der menschlichen Arbeit. Der Ich- Weg in die
Gemeinschaft.
NEUNTER VORTRAG, lO.Juni 1922 251
Die Zeit und ihre sozialen Hoffnungen
(Europa - Amerika)
Berechtigte soziale Hoffnungen nur aus der Naherung von
Mensch zu Mensch. Die Notwendigkeit, den Proletarier nicht
nur zu verstehen, sondern von ihm verstanden zu werden.
Nur eine zum Herzen dringende Aufklarung iiber den Ge-
samtsinn des Menschseins kann den Proletarier zum Mit-
arbeiter an der sozialen Ordnung gewinnen. Rudolf Steiners
Erfahrungen an der Arbeiter-Bildungsschule in Berlin. - Die
Entwickelung des orientalischen Hellsehens zum modernen
Intellekt; daneben sich ausbildende willensartige Unter-
grundstromung, besonders in den Volksmassen. Ver dunk-
lung der Willenstiefen durch die materialisierende Wis-
senschaft: moderner Gespensteraberglaube. Der geistig-
seelische, in der Lcibesgrundlage kosmische Charaktcr des
menschlichen Innern. Die im Proletarier lebende prophe-
tische Empfindung dafiir; diese zum Verstehen zu crheben,
ist Voraussetzung fiir eine sinnvolle Anderung der aufieren
Sozialformen. Aufgabe der Geisteswissenschaft. Padagogik
des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa: durch die Denkkraft
den Willen erreichen; anders in Amerika: der Wille das ur-
spriinglich Reale, der Intellekt nur sein Diener. Erst aus einer
befruchteten Verbindung von Europa und Amerika ist eine
sinnvolle Begegnung mit der Geistigkeit des Orients wieder
moglich.
ZEHNTERVORTRAG, ll.Juni 1922 278
Die Kernpunkte der sozialen Frage
Entstehung des Buches «Die Kernpunkte der sozialen Fra-
ge*. - Der sich entwickelnde demokratische Sinn. Soziale
Hemmnisse. Der Glaube an den Staat als Allheilmittel. - Ein
Organismus unterliegt auf- und abbauenden Kraften. Das
Hervorgehen des Geisteslebens: aus der Produktivitat des
Individuums; des staatlich-rechtlichen Lebens: aus der Verstan-
digung der Menschen untereinander (iiber Vernunft- bzw.
Naturrecht und historisches Recht); des sinnvollen Wirt-
schaftslebens: aus dem «Kollektivurteil». - Auf- und Nieder-
gangskrafte in der Entfaltung des Geisteslebens im Orient, in
dem die Wurzel fiir die Kliifte zwischen den Klassen liegt;
im juristisch-staatlichen Element, in dem die Wurzel zur Ab-
straktion in alien sozialen Bereichen liegt (Beispiele: pro-
grammatische Erziehung; Loslosung des Kapitalismus von
den konkreten Lebensverhaltnissen; Krisenbildung), Neuge-
staltung des Wirtschaftslebens in Assoziationen. - Nicht
Drei-Teilung, sondern Drei-Gliederung eines ganzheitiichen
sozialen Organismus. - Freiheit, Gleichheit, Biirderlichkeit
im Zusammenhang mit Geistes-, Rechts- und Wirtschafts-
leben.
ANHANG
Notizen von Rudolf Steiner zu den Vortragen am
West-Ost-Kongrefl 314
Einladung zum Kongrefl mit Programm (Faksimile) . . 339
Faksimiles des Entwurfs Rudolf Steiners und der ge-
druckten Teilnehmerkarte 354
Aus dem Bericht Rudolf Steiners in Dornach am 18Juni
1922 iiber den Wiener Kongrefi der anthroposophi-
schen Bewegung . . .356
West-Ost-Aphorismen von Rudolf Steiner . . . .361
25 Jahre spater - Einige Gedanken zur Herausgabe der
2. Auflage, von Marie Steiner (1947) 371
Hinweise 373
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 387
ANTHROPOSOPHIE UND WISSENSCH AFTEN
ERSTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND NATURWISSENSCHAFT
Wien, 1. Juni 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieser Kongrefl ist
Ihnen als ein Weltanschauungskongrefi angekiindigt
worden, und Sie werden ihn wohl auch nach der Ankiin-
digungsweise als einen solchen hinnehmen. Wer aber
heute iiber Weltanschauungsfragen sprechen will, daff
nicht vorbeigehen an der Naturwissenschaft, vor alien
Dingen nicht an den Weltanschauungskonsequenzen,
welche diese Naturwissenschaft gebracht hat. Diese Na-
turwissenschaft ist ja in einem gewissen Sinne seit Jahr-
hunderten, man darf sagen, seit dem 15., 16. Jahrhun-
dert, immer mehr und mehr die Beherrscherin des mensch-
Hchen Denkens innerhalb der Kulturwelt geworden.
Nun wiirde man ja sehr viel zu sagen haben, wenn
man hinweisen wollte auf die grofien Erkenntnis-
triumphe dieser Naturwissenschaft und auf die Umge-
staltung unseres ganzen Lebens durch die Errungenschaf-
ten naturwissenschaftlicher Forschung. Das hiefie aber,
fur alle Anwesenden Bekanntes wiederholen. Vom Welt-
anschauungsstandpunkt aus mufi an der Naturwissen-
schaft noch etwas ganz anderes interessieren. Das ist die
Rolle als Erzieher der ganzen zivilisierten Menschheit,
welche die Naturwissenschaft seit langer Zeit eingenom-
men hat. Und gerade wenn man von dieser erziehe-
rischen Rolle im Entwickelungsgang der modernen
Menschheit spricht, dann kommt man eigentlich auf, ich
mochte sagen, zwei Paradoxien. Gestatten Sie mir, von
diesen Paradoxien heute auszugehen.
Das erste, was sich vollzogen hat mehr in bezug auf
das menschliche Innere, von der naturwissenschaftlichen
Forschungsweise aus, das ist eine Umgestaltung des
menschlichen Gedankenlebens als solchem. Wer unbe-
fangen friihere Weltanschauungsstromungen ins Auge
zu fassen weifl, der wird sich sagen mussen, dafi inner-
halb dieser Weltanschauungsstromungen, aus den Be-
dingungen der Menschheitsentwickelung in alteren Epo-
chen, das Denken wie selbstverstandlich etwas aus dem
eigentlichen Menschlichen hinzugetan hat zu demjeni-
gen, was Experiment und Beobachtung der Natur er-
gaben. Man braucht sich nur zu erinnern an die gegen-
wartig iiberwundenen Erkenntniszweige, an die Astro-
logie, die Alchimie, und man wird darauf kommen, wie
in solchen fur ehemalige Kulturepochen angemessenen
Erkenntnisarten an die Natur so herangegangen wurde,
daft wie selbstverstandlich das menschliche Denken aus
sich heraus zu demjenigen etwas hinzugab, was es aus-
sagen wollte, oder auch, was es sich offenbaren liefi durch
die Dinge der Welt.
Das hat vor der naturwissenschaftlichen Gesinnung
der neueren Zeit aufgehort. Wir sind, wenn ich mich so
ausdriicken darf, heute gewissermafien verpflichtet, die
Wahrnehmungen, die uns Beobachtung und Experiment
geben, rein hinzunehmen, sie zu verarbeiten zu den so-
genannten Naturgesetzen. Wir bedienen uns in der Be-
arbeitung von Experiment und Beobachtung allerdings
des Denkens; aber wir bedienen uns des Denkens nur als
eines Mittels, um die Erscheinungen zusammenzustel-
len, so dafl sie uns durch ihr eigenes Dasein ihren inneren
Zusammenhang, ihre Gesetzmafiigkeit offenbaren. Und
machen es uns zur Aufgabe, vom Denken aus nichts hin-
zuzutun zu dem, was wir in der Aufienwelt beobachten
konnen. Wir sehen dies geradezu als ein Ideal naturwis-
senschaftlicher Gesinnung, und das mit Recht, an.
Was ist unter solchen Einflussen das menschliche
Denken geworden? Es ist eigentlich der Diener, das blofie
Mittel fur die Forschung geworden. Der Gedanke als sol-
cher hat gewissermafien nichts mehr zu sagen, wenn es
sich darum handelt, die Gesetzmafiigkeit der Erschei-
nungen in der Welt zu untersuchen.
Damit aber ist das eine Paradoxon gegeben, auf das
ich hinweisen mochte. Dadurch ist der Gedanke gewis-
sermafien als ein menschliches Erlebnis ausgeschaltet aus
dem Verhaltnis, das der Mensch mit der Welt in bezug
auf Realitaten eingeht. Der Gedanke ist ein formales
Hilfsmittel geworden, um die Realitaten zu begreifen. Er
ist innerhalb der Naturwissenschaft nicht mehr ein
Selbstoffenbarendes .
Das bedeutet fur das Innere des Menschenlebens
aufierordentlich viel. Es bedeutet, dafi wir hinschauen
miissen auf das Denken als auf dasjenige, was sich weise
und bescheiden zuriickzuhalten hat, wenn es auf die Be-
trachtung der Aufienwelt ankommt, was gewissermafien
innerhalb des Seeleniebens eine eigene Stromung ist.
Und fragt man sich dann: Wie kann Naturwissen-
schaft selber an dieses Denken heranriicken? - dann
kommt man eben auf das Paradoxon, dann kommt man
dazu, sich zu sagen: Wenn sich das Denken zuriick-
ziehen mufi in die Verarbeitung der Naturprozesse,
wenn es nur formell, aufklarend, zusammenstellend,
ordnend eingreifen darf , dann liegt es auch nicht inner-
halb der Naturprozesse selber, dann wird es paradox,
wenn wir die, allerdings jetzt vom naturwissenschaft-
lichen Standpunkt aus, berechtigte Frage aufwerfen: Wie
konnen wir aus naturwissenschaftlicher Gesetzmafiigkeit
das Denken als eine Offenbarung des menschlichen Or-
ganismus begreifen? - Und da konnen wir heute denn
doch nichts anderes sagen, wenn wir unbefangen und
ernst im naturwissenschaftlichen Leben drinnenstehen,
als: in demselben Mafie, in dem sich das Denken zuriick-
ziehen mulke von den Naturprozessen, kann zwar die
Betrachtung der Naturprozesse immer wieder und wie-
derum anstreben, bis zum Denken hinzugelangen, aber
sie kann dieses Streben nicht zu irgendwelcher Befriedi-
gung bringen. Das Denken ist gewissermafien, wie es
methodisch ausgeschaltet ist, so auch in der Realitat aus
den Naturprozessen ausgeschaltet, ist verurteilt, blofies
Bild und keine Realitat zu sein.
Ich glaube nicht, daft heute schon viele Menschen im
vollen Bewufitsein sich die Tragweite dieses Paradoxons
klarmachen. Aber in den unterbewufiten Untergriinden
des Seelenlebens lebt in einer ungezahlten Menge von
Menschen der Gegenwart schon die Empfindung davon,
dafi wir mit demjenigen, was uns zum Menschen eigent-
lich macht - denn nur als denkende Wesen konnen wir
uns als Menschen betrachten, im Denken sehen wir unse-
re menschliche Wiirde -, als mit etwas durch die Welt
gehen, dessen Realitat wir vorlaufig nicht zugeben kon-
nen, das wir als Bilddasein durch die Welt tragen. Wir
fuhlen uns gewissermafien in einer Nichtrealitat, indem
wir auf unser Edelstes in der Menschennatur hinweisen.
Das ist etwas, was dem auf der Seele liegt, der in
ernster Weise sich in die naturwissenschaftlichen For-
schungsmethoden sowohl der unorganischen Naturwis-
senschaft wie der Biologie eingelassen hat und fur sich im
Sinne einer Weltanschauung mehr die Konsequenzen
dieser Forschungsmethoden als der einzelnen Ergebnisse
Ziehen mochte.
Man mochte sagen: Hier liegt etwas, was zu herben
Zweifeln der Menschenseele hinfuhren kann. Zweifel
entstehen allerdings zunachst im Verstand, aber sie stro-
men hinunter in das menschliche Gemiit. Und gerade
derjenige, welcher in einem tieferen, unbefangenen Sinn
die menschliche Natur - in dem Sinn, wie ich es in den
nachsten Vortragen fur Einzelheiten werde auszufuhren
haben - zu betrachten versteht, der weift, wie die Ge-
mutsverfassung, namentlich wenn gewisse Strdmungen
dieser Gemutsverfassung in die Dauer iibergehen, hin-
unterwirkt selbst in die Leibesverfassung des Menschen
und wie aus dieser Leibesverfassung oder Leibesdispo-
sition zu diesem und jenem wiederum heraufquillt die
Lebensstimmung. Ob wir den Zweifel hinunterschicken
mussen dutch unser Gemiit oder nicht, davon hangt es
ab, ob wir mutvoll dutch das Leben schreiten, so daft wir
fur uns selbst aufrecht zu stehen wissen, daft wir auch in
heilsamer Weise wirken konnen unter unseren Mitmen-
schen, oder ob wir verstimmt, niedergeschlagen, untiich-
tig fur uns selbst, untiichtig fur unsere Mitmenschen
dutch das Leben wandeln. Ich sage nicht - und meine
nachsten Vortrage werden zeigen, daft ich das nicht zu
sagen brauche -, daft das, was ich jetzt ausgesprochen
habe, dauernd zum Zweifel fuhren mufi; aber es fiihrt
lekht, wenn keine Fortsetzung der Naturwissenschaft
nach jenen Richtungen hin stattflndet, die ich zu schil-
dern haben werde, auf den Weg des Zweifels.
Die groftartigen Errungenschaften der Naturwissen-
schaft nach der Aufienwelt hin stellen an den Menschen
in bezug auf seine Seele aufterordentliche Anforderun-
gen, wenn er, wie es der hier vertretene Weltanschau-
ungsstandpunkt durchaus mull, in positiver Art zur Na-
turwissenschaft steht - Anforderungen: Starkeres, Krafti-
geres dem Zweifel entgegensetzen zu konnen, als man
entgegenzusetzen braucht, wenn diese Anforderungen
nicht von den geskherten Ergebnissen der Naturwissen-
schaft kommen.
Fiihrt nach dieser Seite hin also, allerdings nur schein-
bar, die Naturwissenschaft zu etwas Negativem fur das
Seelenleben, so hat sie uns - und damit habe ich mein
zweites Paradoxon auszusprechen - nach der anderen
Seite etwas aufterordentlich Positives gebracht; und ich
spreche mit diesem Positiven wiederum ein Paradoxon
aus, das mir besonders stark vor die Seele getreten ist, als
ich vor jetzt mehr als zwanzig Jahren meine «Philosophie
der Freiheit» ausgearbeitet habe, als ich versuchte, unter
Aufrechterhaltung einer wirklichen naturwissenschaftli-
chen Weltanschauung hinter das Wesen der mensch-
lichen Freiheit zu kommen.
Ja, Naturwissenschaft mit ihrer Gesetzmafiigkeit
kommt eigentlich theoretisch leicht zu einer Ableug-
nung der menschlichen Freiheit. Hier aber ist es, wo Na-
turwissenschaft fur ihre Anschauungen theoretisch ei-
gentlich das Gegenteil von dem herausbekommt, was sie
in der Praxis ausbildet. Wenn wir immer ernster und ern-
ster uns vertiefen in die Bildnatur des Denkens, wenn wir
gerade aus dem Verfolg naturwissenschaftlicher An-
schauungsart, nicht naturwissenschaftlicher Theorien,
dazu kommen, diese Bildnatur des Denkens, von der ich
gesprochen habe, innerlich seelisch rich tig zu erleben,
dann sagen wir uns: Wenn das Denken in uns nur Bild
ist, wenn es nicht eine Realitat ist, dann hat es nicht wie
eine Naturkraft eine zwingende Wirkungsweise. Ich darf
dann dieses Denken vergleichen, und der Vergleich ist
mehr als ein soldier, etwa eincr Summe von Spiegel-
bildern, Bilder, vor denen ich stehe, konnen mich nicht
zwingen. Vorhandene Krafte konnen mich zwingen, ob
sie aufier mir oder in mir vorhanden gedacht werden; Bil-
der konnen mich nicht zwingen. Bin ich also in der Lage,
innerhalb jenes reinen Denkens, das gerade die Natur-
wissenschaft durch ihre Methoden in uns heranerzieht,
meine moralischen Impulse zu fassen, kann ich morali-
sche Impulse so in mir ausgestalten, dafi ich zu ihrer Aus-
gestaltung lebe in dem selben Denken, zu dem mich die
Naturwissenschaft erzieht, dann habe ich in diesen im
reinen Denken erfafken moralischen Impulsen keine
zwingenden Krafte, sondern Krafte und Bilder, nach de-
nen kh mich nur selbst bestimmen kann. Das heilk,
wenn Naturwissenschaft auch noch so sehr, man mochte
sagen, sogar mit einem gewissen Rechte, aus ihren Unter-
griinden heraus die Freiheit leugnen muft, so erzieht sie,
indem sie zu dem Bilddenken erzieht, den Menschen un-
serer Kulturwelt zur Freiheit.
Das sind, ich mochte sagen, die beiden Pole, der eine
in bezug auf das Gedankenleben, der andere in bezug
auf das Willensleben, vor die die menschliche Seele
durch die naturwissenschaftlichen Anschauungen der
Gegenwart hingestellt wird. Aber damit weisen wir zu-
gleich darauf hin, wie die naturwissenschaftliche Weltan-
schauung uber sich selbst hinauszeigt. Sie mufi ja irgend-
eine Stellung einnehmen zu dem menschlichen Den-
ken. Aber sie schahet dieses menschliche Denken aus.
Sie weist damit auf eine Forschungsmethode hin, die sich
vor ihr, vor dieser Naturwissenschaft, voll rechtfertigen
und die dennoch zu einem begreiflichen Erleben des
Denkens hinfuhren kann. Sie weist auf der anderen Seite
darauf hin, daf] die naturwissenschaftliche Anschauungs-
weise, weil sie selbst im Grunde genommen theoretisch
bis zur Freiheit nicht herankommen kann, fortgesetzt
werden mufi in ein anderes Gebiet, um eben die Sphare
der Freiheit zu erreichen.
Was ich hier wie eine Notwendigkeit, die sich aus der
Naturwissenschaft selbst ergibt, hinstelle, das Fortsetzen
dieser Naturwissenschaft in ein Gebiet hinein, zu dem
wenigstens die heute anerkannte Naturwissenschaft nicht
kommen kann, versucht die Weltanschauung, die hier
vertreten werden soil. Sie kann das heute, da sie im An-
fang ihres Werdens steht, selbstverstandlich nur in einer
gewissen unvollkommenen Art. Aber der Versuch mufi
gemacht werden; denn gerade die Seelenerlebnisse in be-
zug auf das Denken und die Freiheit, die ich geschildert
habe, breiten sich aus uber immer mehr Seelen der ge-
genwartigen Kulturmenschheit. Wir diirfen ja heute
nicht mehr glauben, dafi sich etwa nur diejenigen, die
sich irgendwie mit der Wissenschaft zu tun gemacht ha-
ben, solche Forderungen und Fragen und Ratsel vor-
legen miissen, wie ich sie charakterisiert habe. Auch in
die Kreise, man mochte sagen, bis in die fernsten Dorfer
hinaus, in die keine naturwissenschaftlichen Ergebnisse
erheblicher Art dringen, dringt die Erziehung zu einem
solchen Denken, wie die Naturwissenschaft es fordert,
und bringt dann, wenn auch heute noch sehr, sehr unbe-
wuik, die Ungewifiheit in bezug auf die menschliche
Freiheit. Daher handelt es sich bei diesen Dingen nicht
blofi um wissenschaftliche Fragen, sondern es handelt
sich durchaus um allgemeine Menschheitsfragen.
Es handelt sich also darum: Kann man, wenn man
sich auf den Boden naturwissenschaftlkher Erziehung
stellt, innerhalb des Erkenntnisweges weiter dringen, als
die Naturwissenschaft der Gegenwart dringen kann?
Meine sehr verehrten Anwesenden! Das kann versucht
werden; kann so versucht werden, daft man die Wege vor
dem strengsten Naturwissenschafter rechtfertigen kann;
kann auf Wegen gesucht werden, die von naturwissen-
schaftlicher Gesinnung und von naturwissenschaftlicher
Gewissenhaftigkeit angelegt sind. Von solchen Wegen
mochte ich nun zunachst heute, meine Vortrage einlei-
tend, sprechen. Aber dieser Erkenntnisweg ist, obzwar er
von vielen Seelen heute bereks unbewuftt ersehnt wird,
noch nicht einmal in Begriffen leicht auszusprechen. Da-
her mochte ich, damit wir uns am heutigen Abend ver-
standigen konnen, nur zur Verstandigung, die Schiide-
rung von alteren Erkenntniswegen heranziehen, welche
die Menschheit gegangen ist, urn zu Erkenntnissen zu
kommen, die iiber dieses Gebiet, das heute die Natur-
wissenschaft behandelt, hinaus liegen.
Man kann sagen: Vieles von dem, wovon heute die
Meinung besteht, daft es gar nicht Objekt der Erkenntnis
sein konne, sondern nur Objekt eines Glaubens, was tra-
ditionell heraufgekommen ist in der Menschheitsent-
wickelung, was als ehrwurdige Tradition heute lebt und
als solche als Glaubensinhalt hingenommen wird, das ist,
vor einer wirklich unbefangenen Geschichtsbetrachtung,
doch herstammend aus alteren, unserer heutigen Kultur
nicht mehr angemessenen Erkenntnismethoden. Alles,
wovon man heute glaubt, daft es eben Glaubensvorstel-
lung bleiben solle, was als altehrwurdige Tradition hin-
genommen wird, das fuhrt den psychologischen Ge-
schichtsbetrachter zuriick in uralte Menschheitsepochen.
Und dort zeigt sich, daft solche heutigen Glaubensinhalte
als der damaligen Zeit angemessene Erkenntnisinhalte
von irgendwelchen Menschen durch Ausbildung ihrer ei-
genen Seele, durch Entwickeiung verborgener Seelen-
krafte gesucht worden sind, also wirkliche Erkenntnis-
inhalte bildeten. Man ist sich heute nicht bewuflt, wie
manches einmal gefunden worden ist, was geschichtlich
heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung;
aber es ist auf alteren Erkenntniswegen gefunden worden.
Wenn ich solche Erkenntniswege schildere, so ge-
schieht es allerdings schon mit Hilfe der Methoden, die
ich spater schildern werde, also so, dafi vielfach die-
jenigen, die nur aus aufieren historischen, nicht aus gei-
stigen Dokumenten die alteren Epochen der Menschheit
schildern, Anstofi nehmen konnen an meiner Schilde-
rung. Derjenige aber, der unbefangen auch die aufteren
historischen Dokumente priift und sie dann vergleicht
mit dem, was ich heute aus einem gewissen Schauen her-
aus zu sagen haben werde, der wird dennoch einen wirk-
lichen Widerspruch nicht finden. Und als zweites moch-
te ich betonen, dafi ich diese alteren Erkenntniswege
nicht etwa aus dem Grund schildere, weil ich sie heute
irgend jemandem anempfehlen mochte, um hohere Er-
kenntnisse zu erringen. Sie sind alteren Epochen ange-
messen und konnen heute dem Menschen, wenn er sie
aus einem Irrtum heraus auf sich anwendet, sogar schad-
lich werden. Also nur damit wir uns verstandigen konnen
uber heutige Erkenntnismethoden, greife ich zwei altere
Wege heraus, schildere sie und veranschauliche daran die
Wege, die der Mensch heute zu gehen hat, wenn er iiber
die blofk Sphare des naturwissenschaftlichen Erkennens,
wie es heute gilt, hinaus will.
Da haben wir zunachst einen Weg - wie gesagt, ich
konnte aus der Fiille der alteren Erkenntniswege auch an-
dere herausgreifen, ich greife aber die zwei folgenden
heraus da haben wir zunachst einen Weg, der in
seiner reinen Gestalt in uralten Zeiten im Orient von
einzelnen Menschen begangen worden ist: den Jogaweg.
Der Jogaweg hat mannigfaltige Phasen durchge-
macht, und gerade das, worauf ich heute den grofiten
Wert legen werde, ist in spatere Epochen hineingekom-
men in einem durchaus dekadenten, schadhaften Zu-
stand, so daft der Historiker, wenn er spatere Epochen
betrachtet, vom Menschen ausgehend das, was ich zu
schildern haben werde, als etwas fur ihn sogar Schad-
liches wird schildern miissen. Allein die Menschennatur
hat in den aufeinanderfolgenden Epochen die mannig-
faltigsten Entwickelungen durchgemacht. Fur alte Epo-
chen war etwas ganz anderes der Menschennatur ange-
messen als in spateren. Was in friiheren Zeiten eine echte
Erkenntnismethode sein konnte, wurde vielleicht spater
nur verwendet, um dem Machtkitzel der Menschen, dem
Machtkitzel des einzelnen Menschen gegeniiber seinen
Mitmenschen zu fronen. Das war in den altesten Zeken,
fiir die ich die Jogaiibung charakterisieren mochte, nicht
der Fall.
Worin bestand der Jogaweg, der in sehr alten orienta-
lischen Zeiten von einzelnen, die, wenn wir den heuti-
gen Ausdruck gebrauchen wollen, Gelehrte in hoheren
Weltengebieten bildeten, gegangen worden ist? Nun, er
bestand neben anderem in einer besonderen Art von At-
mungsiibungen. Ich greife die Atmungsiibungen aus ei-
ner Fulle von Ubungen, die der Jogaschiiler oder -Ge-
lehrte, der Jogi, auf sich nehmen mulke, heraus. Wenn
wir heute auf unser Atmen achten, so miissen wir sagen:
Es ist ein Prozefi, der sich im gesunden menschlichen Or-
ganismus zum grofken Teil unbewulk vollzieht. Man
mufi schon in irgendeiner Weise etwas Krankhaftes in
sich tragen, wenn man das Atmen spurt. Je selbstver-
standlicher, so mochte man sagen, sich der Atmungsvor-
gang in unserem Leben abspielt, desto rich tiger ist es fur
das gewohnliche Bewulksein und fiir das gewohnliche
Leben. Der Jogi aber gestaltete fiir die Zeit seines Obens,
in der er sich Erkenntniskrafte anentwickeln wollte, die
im gewohnlichen Bewufitsein nur schlummern, den At-
mungsprozeB urn. Warum tat er das? Er gestaltete ihn
so um, dafi er eine andere Zeitlange zum Einatmen, zum
Atemhalten, zum Ausatmen verwendete, als man das im
gewohnlichen selbstverstandlichen Atmen tut. Er tat das,
um sich den Atmungsprozefl zum Bewufitsein zu brin-
gen. Der gewohnliche Atmungsrhythmus wird nicht be-
wufit. Der umgestaltete Atmungsrhythmus, der aus der
menschlichen Willkiir heraus in seinen Zeitlangen fest-
gesetzt wird, der verlauft vollstandig bewufit. Was aber
geschieht dadurch? Nun, man braucht sich nur physiolo :
gisch auszudriicken, wenn man einsehen will, was der
Jogi erreichte durch dieses Sich-zum-Bewufitsein-Bringen
seines Atmungsprozesses: Wenn wir einatmen, geht der
Atemstofi in unseren Organismus hinein, er geht aber
auch durch den Ruckenmarkskanal in das merischliche
Gehirn hinein. Da vereinigt sich der Rhythmus der At-
mungsstromung mit den Vorgangen, welche die mate-
riellen Trager des Gedankenlebens sind, mit den Nerven-
Sinnesvorgangen. Wir haben eigentlich niemals, wenn
wir im gewohnlichen Denken leben, blofie Nerven-
Sinnesvorgange, sondern immer Nerven-Sinnesvorgan-
ge, die durchstromt sind von unserem Atmungsrhyth-
mus. Eine Verbindung, ein Ineinanderwirken, ein Skh-
Harmonisieren der Nerven-Sinnesvorgange und der
Atmungsrhythmus-Vorgange, die finden immer statt,
wenn wir unser Gedankenleben ablaufen lassen. Indem
nun der Jogi in vollbewulker Weise seinen veranderten
Atmungsrhythmus in den Nerven-Sinnesprozefi hinein-
schkkte, verband er auch fur sein Bewufitsein den At-
mungsrhythmus mit dem Denkfhythmus, mit dem logi-
schen Rhythmus, besser gesagt, mit der logischen Zu-
sammensetzung und Analyse der Gedanken. Dadurch
veranderte er sein ganzes Gedankenleben. Nach welcher
Richtung veranderte er es? - Nun, gerade dadurch, daft
ihm sein Atmungsleben voll bewufit wurde, durchstrom-
ten gewissermafien die Gedanken nun ebenso seinen Or-
ganismus wie die Atmungsstromung selbst. Man mochte
sagen: der Jogi liefi auf den Atmungsstromungen die Ge-
danken laufen, und er erlebte sich im inneren Rhythmus
seines menschlichen Wesens erfullt mit auf den Stro-
mungen des Atmens lebenden Gedanken. Dadurch hob
sich der Jogagelehrte heraus von der iibrigen Masse seiner
Mitmenschen, und er konnte dieser Masse Erkenntnisse
verkiinden, die sic selber nicht haben konnte.
Um einzusehen, was da eigentlich geschah, muB man
ein wenig hinschauen auf die besondere Art, wie die
alteren Erkenntnisse im gewohnlichen popularen Be-
wufitsein der Menschenmassen wirkten.
Wir legen heute den grofken Wert darauf, dafi, wenn
wir in die Aufienwelt hinausschauen, wir reine Farben
schauen, dafi, wenn wir Tone horen, wir reine Tone ho-
ren, und daft wir ebenso die iibrigen Wahrnehmungen
in einer gewissen Reinheit, das heifit in der Reinheit, wie
sie uns der blofie Sinnesprozefi geben kann, hinnehmen.
Das war fur die Bewufkseine alterer Kulturmenschen
nicht so. Nicht dafi, wie vielfach irrtiimlicherweise eine
gewisse Gelehrsamkeit glaubt, die Menschen alterer Zei-
ten in die Natur allerlei hineinphantasiert hatten! Die
Phantasie war nicht so auferordentlich wirksam. Aber es
war dieser alteren Kulturmenschheit durch die ganze
Konstitution des Menschen der damaligen Zeit ganz na-
turlich, nkht blofi reine Farbenerscheinungen, reine Ton-
erscheinungen, reine andere Sinnesqualitaten zu sehen,
sondern in allem zugleich ein Seelisch-Geistiges wahr-
zunehmen. So sah man in Sonne und Mond, in den Ster-
nen, in Wind und Wetter, in Quelle und Flufi, in den
Wesen der einzelnen Naturreiche Geistig-Seelisches, wie
wir heute reine Farben sehen, reine Tone horen, die wir
dann erst mit Hilfe des rein gewordenen Denkens in ih-
rem Zusammenhang zu erkennen suchen. Damit war
aber fur die altere Menschheit ein anderes noch gegeben:
namlich dafi damals nicht ein so starkes, innerlich gefe-
stigtes Selbstbewufitsein vorhanden war, wie wir es heute
haben. Indem der Mensch Geistig-Seelisches in alien
Dingen der Umwelt wahrnahm, nahm er sich selber als
ein Glied dieser ganzen Umwelt wahr. Er sonderte sich
nicht als ein selbstandiges Ich von dieser Umwelt ab.
Wenn ich vergleichsweise sprechen wollte, so konnte ich
sagen: Wenn meine Hand Bewufitsein hatte, wie wurde
sie dann denken iiber sich selbst? Sie wiirde sich sagen,
sie sei kein selbstandiges Wesen, habe nur Sinn an mei-
nem Organismus. So etwa hat der altere Mensch sich
nicht als ein selbstandiges Wesen ansehen konnen, son-
dern als ein Glied der gesamten Natur, die er aber durch -
geistigt, durchseelt anschauen mufite.
Aus dieser Anschauung, die die Unselbstandigkeit
des menschlichen Ichs bedingte, hob sich der Jogi her-
aus. Er kam dadurch, dafi er sein Denken gewissermaften
zusammenkoppelte mit dem Atmungsprozefl, der die
ganze innere Wesenheit des Menschen erfullt, zu einer
Erfassung des menschlichen Selbstes, des menschlichen
Ichs. Dasjenige, mochte ich sagen, was fiir uns heute
durch unsere vererbten Eigenschaften, durch unsere Er-
ziehung, wenn wir ein erwachsener Mensch sind, selbst-
verstandlich ist, dafl wir uns als Selbst, als Ich fiihlen, das
mufite in jenen alten Zeiten auf dem Umwege durch
Ubungen errungen werden. Dadurch aber hatte man von
dem Erleben dieses Selbstes, dieses Ichs, etwas ganz
anderes, als wir heute haben. Es ist durchaus zweierlei:
ob man etwas wie selbstverstandliches Erleben hinzu-
nehmen hat - und uns ist das Ich-Gefuhl, das Selbstge-
fiihl ein selbstverstandliches Erleben -, oder ob man es
auf solchen Wegen, auf Erkenntniswegen, sich erst er-
ringt, wie es fur eine altere orientalische Kultur der Fall
war. Da lebte man mit, was im Universum kraftet und
wellt und webt, wahrend man heute, wenn man schon
auf einem gewissen Niveau dasselbe erlebt, nichts mehr
vom Universum miterlebt. Daher offenbarte sich durch
seine IJbungen die menschliche Selbstheit, die mensch-
liche Ichheit, das menschliche Seelenwesen fur den Jogi,
Und wir konnen sagen: Indem dann dasjenige, was auf
diesem Erkenntniswege gefunden werden konnte, als
Offenbarungen in das allgemeine Kulturbewulksein
iiberging, wurde es der Inhalt wichtigster geistiger Er-
zeugnisse alterer Zeiten.
Wiederum will ich aus vielem eines herausheben. Da
haben wir wunderbar heriiberleuchtend aus dem alten
Orient das herrliche Lied Bhagavad Gita. Wir haben in
dieser Gita in einer wunderbaren Weise, aus tiefster
menschlicher Lyrik heraus, die Erlebnisse an dem mensch-
lichen Selbst geschildert: wie dieses Selbst den Men-
schen, wenn er es erlebend erkennt, erkennend erlebt,
zu einem Mitfuhlen mit dem All fiihrt, wie es ihm seine
eigentliche Menschlichkeit und seinen Zusammenhang
mit einer Uberwelt, mit einer geistigen, mit einer uber-
sinnlichen Welt offenbart. In immer neuen wunderbaren
Tonen schildert die Gita dieses Erleben des eigenen
Selbstes in seiner Hingabe an das All. Fur denjenigen,
der sich, wie gesagt, mit unbefangener Geschichtsbe-
trachtung in diese alteren Zeiten zu vertiefen versteht, ist
es klar, dafi die herrlichen Klange der Gita hervorgegan-
gen sind aus dem, was durch solche Erkenntnisubungen,
wie ich sie geschildert habe, erlebt werden konnte.
Ein solcher Erkenntnisweg war fur eine altere orienta-
lische Kulturepoche der angemessene. Es war dazumal
allgemeines Menschheitsurteil, dafi man sich in eine ge-
wisse Einsamkeit und Einsiedelei zuriickziehen miisse,
wenn man Verbindung mit ubersinnlichen Welten ha-
ben wollte. Und zur Einsamkeit, zur Einsiedelei ver-
urteilte sich in einer gewissen Beziehung derjenige, der
solche Ubungen machte. Denn diese Ubungen bringen
den Menschen in eine gewisse Sensibilitat. Sie machen
ihn iiberempfindlich gegenuber der robusten Aufien-
welt. Er mufi sich vom Leben zuriickziehen. In alteren
Zeiten fanden gerade solche einsame Menschen Ver-
trauen bei ihren Mitmenschen. Man nahm, was sie zu
sagen hatten, als Erkenntnisvorstellungen hin. Heute ist
das unserer Kultur nicht mehr angemessen. Mit Recht
fordert die heutige Menschheit, dafi derjenige, zu dem
sie als einem Erkennenden Vertrauen haben soil, mitten
im Leben drinnenstehe, dafi er es aufnehmen konne mit
dem robusten Leben, mit menschlicher Arbeit und
menschlichem Wirken, wie es die Zeitforderung gestal-
tet. Mit dem, der sich zuriickziehen mufi vom Leben,
fuhlen skh die heutigen Menschen eben nicht in dersel-
ben Weise verbunden wie die Menschen alterer Kultur-
epochen.
Wer das griindlich iiberdenkt, mufi sich sagen: Heu-
tige Erkenntniswege miissen anders sein - und wir wer-
den von solchen anderen Wegen gleich nachher zu spre-
chen haben. Vorher mochte ich aber , wiederum nur zur
Verstandigung, nicht, weil ich ihn etwa anempfehlen
mochte fur einen Menschen der Gegenwart, noch einen
Weg, der ebenfalls fur altere Zeiten ein angemesse-
ner war, den Weg der Askese, seinem Prinzip nach
schildern.
Dieser Weg der Askese wurde dadurch gegangen, daft
man Leibesvorgange, Leibesanforderungen herablahmte,
herabstimmte, so daft der menschliche Leib nicht in der-
selben robusten Weise wirkte, wie er im normalen Leben
wirkt. Man lahmte die Leibesfunktionen auch dadurch
herab, daft man den menschlichen aufteren physischen
Organismus in schmerzhafte Zustande hineinbrachte.
Alles das brachte diejenigen, die diesen asketischen Weg
g'mgen, zu gewissen menschlichen Erlebnissen, die
durchaus Erkenntniserlebnisse waren. Ich will gewift
nicht sagen, daft es fur den gesunden menschlichen Or-
ganismus, durch den wir hereingeboren sind in das Er-
denleben zwischen Geburt und Tod, rich tig sei, ihn her-
abzustimmen, wenn es sich darum handelt, diesen Orga-
nismus in das gewohnliche Leben wirksam hineinzustel-
len. Dieser gesunde Organismus ist fur die aufiere sinn-
liche Natur, die zwischen Geburt und Tod des Menschen
doch das menschliche Leben tragt, durchaus das Ange-
messene. Dabei bleibt es dennoch richtig, daft die alten
Asketen, die diese Organisation herabgestimmt hatten,
dazu kamen, nun ihr Seelisches rein zu erleben und sich
mit ihrem Seelischen drinnenstehend zu wissen in einer
geistigen Welt.
Gerade dadurch ist namlich unser physisch-sinnlicher
Organismus fur das Leben zwischen Geburt und Tod das
Angemessene, daft er uns, wie eben die Erlebnisse der
Asketen zeigen konnten, verbirgt, was geistige Welt ist.
Und es war einfach ein Erlebnis der alten Asketen, dafi
man durch Herabstimmen der Leibesfunktionen in die
geistigen Welten bewulk eintreten konnte. Das ist wie-
derum kein Weg fur die Gegenwart. Derjenige, der in
dieser Art seinen Organismus herabstimmt, der macht
sich untauglich fiir das Wirken unter seinen Mitmen-
schen, der macht sich audi untauglich gegeniiber sich
selbst. Das heutige Leben fordert Menschen, die sich aus
ihm nicht zuriickziehen, die sich ihre Gesundheit erhal-
ten oder, wenn sie geschwacht ist, sie sogar verstarken,
nicht aber Menschen, die sich vom Leben zuriickziehen.
Die konnten kein Vertrauen gewinnen, einfach nach der
Gesinnung unserer Gegenwart. Daher kann dieser Weg
der Askese, der aber durchaus in alteren Zeiten zu Er-
kenntnissen gefuhrt hat, nicht ein heutiger Weg sein.
Aber sowohl dasjenige, was der Jogaweg, wie das-
jenige, was der asketische Weg an Erkenntnissen iiber die
iibersinnliche Welt geliefert hat, ist in uralten, ich moch-
te sagen, heiligen Traditionen erhalten, wird heute von
der Menschheit hingenommen als etwas, was gewisse
seelische Bediirfnisse befriedigt. Und man fragt nicht da-
nach, wie das, was man so als Glaubensvorstellungen
aufnimmt, dennoch auf einem wirklichen, wenn auch
fiir unsere heutige Zeit nicht mehr angemessenen Er-
kenntnisweg gesucht worden ist.
Der heutige Erkenntnisweg mufi ein durchaus ande-
rer sein. Wir haben ja gesehen: der eine Weg, der Joga-
weg, versuchte gewissermafien auf dem Umweg durch
das Atmen zu dem Denken zu kommen, um dieses Den-
ken in einer anderen Weise zu erleben, als es im gewohn-
lichen Leben wahrgenommen wird. Wir konnen aus dem
schon angefiihrten Grunde diesen Umweg durch das At-
men nicht machen. Daher miissen wir versuchen, auf
eine andere Weise zu einer Umgestaltung des Denkens
zu kommen, um durch das umgestaltete Denken dann
zu Erkenntnissen zu gelangen, die eine Art Fortsetzung
der Naturerkenntnisse sind. Deshalb gehen wir heme,
wenn wir uns rich tig verstehen, davon aus, das Denken
nicht durch den Umweg des Atmens zu bearbeiten, son-
dern es direkt zu bearbeiten, indem wir gewisse Ubun-
gen machen, durch die wir das Denken innerlich kraft-
voller, energischer gestalten, als es im gewohnlichen Be-
wulksein ist.
Im gewohnlichen Bewulksein geben wir uns einem
mehr passiven Denken hin, das sich an den Verlauf der
aufieren Vorgange halt. Wenn wir einen neueren uber-
sinnlichen Erkenntnisweg gehen wollen, dann setzen wir
gewisse leicht uberschauliche Vorstellungen in den Mit-
telpunkt unseres Bewuikseins. Wir bleiben innerhalb des
blofien Gedankens. Ich weift, dafi manche Menschen das-
jenige, was ich jetzt schildern werde, schon im spateren
Jogaweg, zum Beispiel in dem des Patanjali, finden wol-
len. Aber so, wie das heute gemacht wird, ist es durchaus
innerhalb orientalischer Geistesschulung noch nicht ent-
halten; deshalb nicht en thai ten, weil selbst, wenn heute
ein Mensch die Jogaiibungen ausfuhrte, sie anders wirk-
ten - wegen der Veranderung, die der menschlkhe Orga-
nismus durchgemacht hat -, als sie bei den Menschen
friiherer Epochen gewirkt haben.
Wir wenden uns also heute direkt an das Denken und
zwar dadurch, dafi wir Meditation pflegen, dafi wir uns
konzentrieren auf gewisse Gedankeninhalte durch lan-
gere Zeiten. Wir machen seelisch etwas durch, was sich
vergleichen lafit mit der Erkraftung eines Muskels. Wenn
wir einen Muskel in fortdauernder Arbeit immer wieder
und wiederum gebrauchen, ganz gleichgiiltig, welches
Zweck und Ziel dieser Arbeit sind, mufi er erkraften.
Dasselbe konnen wir mit dem Denken ausfiihren. Statt
daft wir uns mit diesem Denken immer nur hingeben
dem Verlauf der aufieren Vorgange, bringen wir mit star-
ker Willensanstrengung von uns selbst gebildete oder
von einem auf diesem Gebiet Kundigen uns gegebene,
iiberschaubare Vorstellungen, in denen keine Erinne-
rungsreminiszenzen leben konnen, deren wir uns nicht
bewulk sind, in den Mittelpunkt unseres Bewufitseins,
schalten alles andere Bewufitsein aus, konzentrieren uns
nur auf einen solchen Bewufttseinsinhalt. Ich mochte mit
einem Goetheschen Faus-Wort sagen: Zwar ist es leicht -
es sieht namlich so aus doch ist das Leichte schwer!
Denn das murl von dem einen wochenlang, von dem an-
dern monatelang vollzogen werden. Wenn dann das Be-
wufksein lernt, auf demselben Gedankeninhalt so zu
ruhen und immer wieder zu ruhen, daft er einem vollig
gleichgiiltig ist, und man alle innere Aufmerksamkeit
und alles innere Erie ben auf die Erkraftung, auf die seeli-
sche Energisierung des Gedankenlebens wendet, dann
gelangen wir zuletzt zu dem entgegengesetzten Vorgang
gegeniiber dem, den der Jogi durchmachte. Wir reifien
namlich unser Denken von dem Atmungsprozefl los.
Es erscheint das heute noch dem Menschen als etwas
Absurdes, als etwas Phantastisches. Allein, geradeso wie
der Jogi gewissermaften sein Denken nach dem Innern
des Leibes getrieben hat, um es mit dem Rhythmus sei-
nes Leibesatems zu verbinden und so sein Selbst, seine
innere Geistigkeit zu erleben, geradeso losen wir das
Denken los auch von dem Rest des Atmungsprozesses,
der unbewufit in all unserem gewohnlichen Denken
lebt. - Die genaueren Ubungen, in alien Einzelheiten,
die ein streng exaktes System darstellen, finden Sie ge-
schildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hdheren Welten?» oder in dem anderen, «Ge-
heimwissenschaft», oder auch in «Von Seelenratseln» und
in anderen meiner Schriften. - Man gelangt allmahlich
auf diese Weise dazu, den Gedankengang nicht nur aus
dem Atmungsprozefl herauszuziehen, sondern vollig frei
von der Leiblichkeit zu machen. Jetzt sieht man erst ein,
welch grofien Dienst auch die sogenannte materialisti-
sche, besser gesagt mechanistische Weltanschauung der
Menschheit geleistet hat. Sie hat uns aufmerksam ge-
macht, daft das gewohnliche Denken auf dem Unter-
grunde leiblicher Vorgange steht. Dadurch kann gerade
die Anregung kommen, ein Denken zu suchen, das nicht
mehr auf leiblichen Vorgangen ruht. Das kann aber nur
gefunden werden, indem das gewohnliche Denken er-
kraftet wird in der geschilderten Weise. Dadurch gelan-
gen wir zu einem leibfreien Denken, zu einem Denken,
das in bloft seelischen Vorgangen besteht. Ja, wir lernen
auf diese Weise das, was in uns Bildnatur war, zwar zu-
nachst nur als Bilder kennen, aber als Bilder, die
selbstandiges, von unserer Leiblichkeit unabhangiges Le-
ben uns zeigen.
Das ist der erste Schritt zu einem Erkenntnisweg, wie
er dem modernen Menschen heute angemessen ist. Da-
durch aber gelangen wir zu einem Erlebnis, das dem ge-
wohnlichen Bewufksein verborgen ist. Wie der indische
Jogi sich in seinem Denken verbunden hat mit dem, was
innerer Atmungsrhythmus war, und dadurch auch mit
seinem geistigen Selbst, das in dem Atmungsrhythmus
lebt, ebenso wie er also nach innen stieg, so gehen wir
nach aufien. Indem wir das logische Denken losreiften
von dem Organismus, an den es eigentlich gebunden ist
als logisches Denken, dringen wir mit diesem Denken in
den aufteren Rhythmus der Welt ein, ja wir erfahren jetzt
erst, daft es einen solchen aufteren Rhythmus gibt. Wie
sich der Jogi den inneren Rhythmus seines Leibes zum
Bewufitsein brachte, so kommt uns auf geistige Art ein
aufterer Weltrhythmus zum Bewulksein. Wenn ich mich
bildlich ausdriicken darf: wir stehen im gewohnlichen
Bewufitsein so da, dafi wir unsere Gedanken logisch zu-
sammensetzen und uns damit des Denkens als eines Mit-
tels zur Erkenntnis der aufteren sinnlichen Welt bedie-
nen. Jetzt lassen wir das Denken einlaufen in eine Art
musikalischen Elementes, das aber durchaus ein Erkennt-
niselement ist, wir gewahren einen Rhythmus, der auf
dem Grund aller Dinge als ein geistiger Rhythmus vor-
handen ist, wir dringen ein in die Welt, indem wir sie im
Geiste beginnen wahrzunehmen. Unser Denken wird
aus dem abstrakten toten Denken, aus dem blofien Bild-
denken ein in sich selbst belebtes Denken. Das ist der
bedeutsame Ubergang, der durchgemacht werden kann
von dem abstrakten, blofi logischen Denken zu einem
lebendigen Denken, von dem wir durchaus das Gefiihl
haben, daft es fahig ist, eine Realitat zu bilden, wie
unser Wachstumsprozeft als lebendige Realitat von uns
erkannt wird.
Mit diesem lebendigen Denken aber kann man nun
tiefer in die Natur hineindringen, als man es durch das
gewohnliche Denken kann. Wie das? Ich mochte es an
einem Beispiel veranschaulichen, das dem heutigen Le-
ben entnommen ist, wenn auch an einem viel angefoch-
tenen Beispiel. Wir richten unser abstraktes Gedanken-
leben heute zum Beispiel beobachtend und experimen-
tierend auf ein hoheres Tier. Wir machen uns durch die-
ses Denken innerlich bildhaft gegenwartig, wie die Ge-
staltung der Organe dieses Tieres ist, das Knochensy-
stem, Muskelsystem und so weiter, wie die Lebenspro-
zesse ineinander izberstrdmen. Wir machen uns ein Ge-
dankenbild dieses Tieres. Dann gehen wir mit demselben
Denken uber zu dem Menschen, machen uns wiederum
innerlich ein Gedankenbild von diesem Menschen, wir
vergegenwartigen uns wiederum die Gestaltung seines
Knochensystems, seines Muskelsystems, des Ineinander-
stromens seiner Lebensvorgange und so weiter. Dann
konnen wir aufierlich das, was wir an Gedankenbildern
gewonnen haben in dem einen und andern Fall, mitein-
ander vergleichen. Sind wir mehr darwinistisch geneigt,
so lassen wir den Menschen in einem realsinnlichen Pro-
zefi sich herausentwickeln aus tierischen Vorfahren; sind
wir mehr spirituell-idealistisch geneigt, so stellen wir uns
die Verwandtschaft in einer anderen Weise vor. Darauf
wollen wir jetzt nicht eingehen. Wichtig aber ist, dafi wir
nicht imstande sind, mit unserem abstrakten, toten Den-
ken, wenn wir uns das Bild gestaltet haben von dem Tier,
aus dem inneren Gedankenleben zu dem menschlichen
Bild heruberzukommen: wir miissen mit dem Gedan-
kenleben an die auftere sinnliche Wirklichkek des Men-
schen herandringen, miissen unsere Ideen, unsere Ge-
dankenbilder an den Sinnesrealitaten gewinnen und
konnen sie dann miteinander vergleichen. Wenn wir
aber vorgedrungen sind zum lebendigen Denken, dann
konnen wir auch ein Gedankenbild, aber ein lebendiges
Gedankenbild, formen von dem Knochensystem, von
dem Muskelsystem, von dem Ineinanderfliefien der Le-
bensvorgange im Tiere, und wir konnen, weil jetzt unser
Gedanke ein lebendiger geworden ist, diesen Gedanken
dann innerlich als ein lebendiges Gebilde verfolgen und
kommen im Gedanken selbst heriiber zum Bild des Men-
schen. Ich mochte sagen: Es wachst sich der Gedanke
des Tieres zum Gedanken des Menschen aus. Wie man
da vorgeht, kann ich nur an einem Beispiel an-
deuten.
Wenn wir eine Magnetnadel vor uns haben, so wissen
wir, sie bleibt, wenn sie magnetisiert ist, nur in einer La-
ge in Ruhe, und zwar dann, wenn ihre Richtung zusam-
menfallt mit der Nord-Siidrichtung des Magnetismus
unserer Erde. Diese Richtung ist eine besonders ausge-
zeichnete; fiir alle anderen Richtungen verhalt sich die
Magnetnadel neutral. Alles das, was wir da an diesem
Beispiel vor uns haben, wird fur das lebendige Denken
Erlebnis gegenuber dem Gesamtraum. Der Raum ist fur
das lebendige Denken nicht mehr das gleichgultige Ne-
beneinander, wie er es ist fiir das abstrakte, tote Denken.
Der Raum wird innerlich differenziert, und wir lernen er-
kennen, was es heifit, dafi beim Tiere die Ruckgratlinie
im wesentlichen horizontal geht. Wo das nicht der Fall
ist, konnen wir gerade aus tieferer Gesetzmafiigkeit die
Abnormitat als besonders bedeutsam nachweisen; aber
im wesentlichen liegt die Ruckgratlinie des Tieres in der
Horizontalen, man mochte sagen: parallel zur Erdober-
flache. Es ist nun nicht gleichgultig, ob die Riicken-
markslinie in dieser Raumrichtung drinnenliegt oder in
der Vertikalrichtung, zu der sich der Mensch im Verlaufe
seines Lebens aufrichtet. So lernen wir im lebendigen
Denken erkennen, dafl wir, wenn wir die Hauptlinie des
Tieres aufrecht richten wollten, also in eine andere Welt-
raumrichtung bringen wollten, alle iibrigen Organe urn-
formen miifiten. Der Gedanke wird lebendig einfach
durch die Drehung, die um 90 Grad von der Horizontal-
zur Verdkalorientierung durchgemacht wird. Wir gelan-
gen so, innerlich angeregt, heriiber aus der Tiergestalt in
die menschliche Gestalt.
Auf diese Weise dringen wir aber, indem wir zuerst
untertauchen in den Rhythmus des Naturgeschehens
und dadurch auf das der Natur zugrunde liegende Gei-
stige kommen, weiter in das Innere des Naturgeschehens
hinein. Wir gelangen dazu, in unseren lebendigen Ge-
danken etwas zu haben, womit wir untertauchen in
Wachstum und Werden der Aufienwelt. Wir gelangen
wieder hinein in die Geheimnisse des Daseins, aus denen
wir uns herausgezogen haben im Verlauf der Mensch-
heitsentwickelung durch die Entfaltung des Ich-Bewufit-
seins, des Selbstgefuhls,
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, kann jeder
von Ihnen einen sehr gewichtigen Einwand machen. Man
kann zum Beispiel sagen: Ja, ein solches Denken, das ja
scheinbar lebendig war, haben gewisse Personlichkeiten
gehabt, aber die Gegenwart mit ihrer ernsten Forscher-
gesinnung hat sich mit Recht abgewendet von solchem
«lebendigen Denken», wie es zum Beispiel der Philo-
soph Schelling entfaltet hat oder der Naturphilosoph
Oken. Auch ich gebe denjenigen vollig recht, die zu-
nachst einen solchen Einwand machen, denn die Art und
Weise, wie Oken und Schelling an aufieren Vorgangen
und Wesenheiten gewonnene Bildideen innerlich leben-
dig machen und sie dann auf andere Naturtatsachen und
Wesen anwenden, um so «im Sinne der Natur» sozu-
sagen zu schauen, diese Art hat etwas sehr Phantasti-
sches, etwas von dem, was sich entfernt von der Realkat,
was nicht Wirklichkeit in sich atmet. Solange man nicht
auf dem Erkenntnisweg zu einem anderen Element iiber-
geht mit diesem lebendigen Denken, als dieses selbst ist,
so lange kommt man auch nicht durch das lebendige
Denken zu einem Verbiirgen der Wirklichkeit. Erst
dann, wenn man zu den Gedankeniibungen Willens-
ubungen hinzumacht, kommt man dazu, in den leben-
digen Gedanken ein Verbiirgtsein geistiger Wirklichkeit
zu haben.
Willensiibungen konnen in der folgenden Weise cha-
rakterisiert werden. Seien wir einmal ganz ehrlich mit
uns selbst. Im gewohnlichen Leben miissen wir uns sa-
gen, wenn wir zehn Jahre, zwanzig Jahre zurikkdenken:
Im eigentlichen Inhalt unseres Seelenlebens sind wir viel-
fach andere Menschen geworden; aber wir sind es gewor-
den, indem wir uns als Kinder den vererbten Eigenschaf-
ten, der Umgebung, der Erziehung, im spateren Leben
diesem Leben selbst mehr oder weniger passiv hinge -
geben haben. Derjenige, der zu einem Erkennen der gei-
stigen Wirklichkeit gelangen will, mufi das, was aller-
dings nicht etwa im vollen Sinne des Wortes, sondern
mehr oder weniger passiv erlebt wird, in innerer Willens-
erziehung, Willenszucht, wenn ich mich des groben
Ausdrucks bedienen darf, selber in die Hand nehmen.
Sie finden die entsprechenden Obungen, die intime See-
leniibungen sind, wiederum in den genannten Bikhern
geschildert. Ich mochte nur prinzipiell andeuten, worauf
es ankommt.
Wie wir heute gewisse Gewohnheiten haben, die wir
vor zehn Jahren vielleicht noch nicht hatten, weil sie erst
das Leben uns aufgedrungen hat, so konnen wir auch mit
festem innerem Sinn uns vornehmen: Du pragst dir diese
oder jene Charaktereigenschaften ein. Am besten ge-
schieht das Einpragen solcher Charaktereigenschaften,
fur deren Gestaltung man jahrelang an skh arbeiten
mull, so, daft man oft und oft die Aufmerksamkeit hin-
lenken mufi auf jene Willenserkraftung, Willenserstar-
kung, die verbunden ist mit einer solchen Selbstzucht.
Wenn man in dieser Weise seine Willensentwickelung in
die eigene Hand nimmt, so dafi man in der Tat das-
jenige, was sonst die Welt aus einem als Mensch macht,
zum Teil selbst aus sich macht, dann nehmen die leben-
digen Gedanken, in die man sich dutch die Meditation
und Konzentration hineingefunden hat, fur unset Er-
leben etwas ganz Besonderes an. Sie werden namlich im-
mer mehr und mehr zu schmerzhaften Erlebnissen, zu
inneren Leidetlebnissen des Seelischen. Und niemand
kann im Grunde genommen zu hoheren Efkenntnissen
kommen, der nicht diese Leid- und Schmetzerlebnisse
durchgemacht hat. Diese Leid- und Schmetzerlebnisse
miissen durchgemacht und dann iiberwunden werden,
so dafi man sie sich gewissermafien einverleibt und iiber
sie hinauskommt, zu ihnen wiederum eine neutrale
Stimmung gewinnt.
Was da im Menschen vorgeht, kann man sich so ver-
gegenwartigen: Nehmen Sie das menschliche Auge - was
ich sage, konnte in alien Einzelheiten sehr wissenschaft-
lich ausgefiihrt werden; ich kann es aber nur allgemein
andeuten nehmen Sie dieses Auge. Indem das Licht,
indem Farben auf dasselbe wirken, gehen Veranderun-
gen im physischen Innern dieses Auges vor sich. Wir
wiirden, wenn wir nicht so robust waren - eine altere
Menschheit hat gewift diese Veranderungen als Leid, als
leisen Schmerz empfunden auch diese Veranderungen
im Auge, im Ohr, wenn wir uns also nicht sozusagen
neutral gegen sie verhielten dutch unsere Organisation,
als leisen Schmetz erleben miissen. Alle Sinneswahrneh-
mung baut sich im Grunde genommen auf Schmerz und
Leid auf.
Indem wir auf diese Weise unser ganzcs Seelenleben
mk den lebendigen Gedanken schmerzhaft, leidvoll
durchdringen, durchdringen wir den Leib - nicht in der
selben Weise wie der Asket - mit Schmerz und Leid; wir
lassen ihn gesund, lassen ihn den Anforderungen des ge-
wohnlichen Lebens gemaft entwickelt, aber wir erleben
innerlich-intim Schmerz und Leid in der Seele. Der-
jenige - das mag vergleichsweise herangezogen werden -,
der es ein wenig zu hoherer Erkenntnis gebracht hat, der
wird Ihnen immer sagen: Das, was mir das Lebensschick-
sal an Lust und Freude gebracht hat, ich nehme es dank-
bar von meinem Schicksal hin; meine Erkenntnisse aber
verdanke ich dem, was ich gelitten habe, meinen
Schmerzen, meinem Leid.
So bereitet das Leben den Erkenntnissuchenden
schon in einer gewissen Weise darauf vor, daft er einen
Teil seines wahren hoheren Erkenntnisweges durch Uber-
windung von Leiden und Schmerzen durchmachen mufi.
Denn iiberwinden wir dieses Leid, diesen Schmerz, dann
machen wir unser ganzes Seelenwesen zu einem, wenn
ich mich des Ausdrucks vergleichsweise bedienen darf ,
«Sinnesorgan», eigentlich miissen wir sagen Geistorgan,
Seelenorgan. Und jetzt lernen wir so hineinschauen in die
geistige Wek, wie wir durch unsere gewohnlichen Sinne
hineinschauen, hineinhoren in die physische Welt. Von
erkenntnistheoretischen Erwagungen brauche ich heute
nicht zu sprechen. Ich kenne naturlich den Einwand, daft
auch die auftere Erkenntnisweise erst untersucht werden
muft; allein das geht uns heute nich ts an. Ich will nur sa-
gen, daft wir in demselben Sinn, in dem wir im gewohn-
lichen Leben die auftere physische Welt durch unsere
Sinneswahrnehmungen verbiirgt finden, nach dem iiber-
wundenen Seelenleid durch unser Seelen-, durch unser
Geistorgan, das wir als ganzer seelischer Mensch gewor-
den sind, die geistige Welt verbiirgt finden,
Mit diesem Schauen, das ich auch - im Gegensatz zu
alien alten nebulosen hellseherischen Kiinsten, die der
Vergangenheit angehoren - das moderne exakte Hell-
sehen nennen mochte, konnen wir auch eindringen in
das, was die menschliche ewige Wesenheit ist. Wir kon-
nen in einer exakten Weise eindringen in die Bedeutung
der menschlichen Unsterblichkeit. Doch das mufi dem
morgigen Vortrag vorbehalten bleiben, wo ich iiber die
besondere Beziehung dieser Weltanschauung zu den
Seelenfragen des Menschen werde zu sprechen haben.
Heute wollte ich zeigen, wie der Mensch, im Gegensatz
zu alteren Erkenntniswegen, zu einem modernen uber-
sinnlichen Erkenntnisweg gelangen kann. Der Jogi such-
te zum Selbst in die menschliche Wesenheit hineinzu-
dringen; wir suchen zum Rhythmus der Welt hinauszu-
dringen. Der alte Asket stimmte den Leib herab, damit
gewissermafien das seelisch-geistige Erleben herausge-
prelk wurde und fur sich da sein konnte; der moderne
Erkenntnisweg ist nicht der Askese geneigt, sieht ab von
alien Kasteiungskiinsten, wendet sich intim an das See-
lenleben selber. Beide modernen Wege also lassen den
Menschen voll im Leben drinnenstehen. Der alte asketi-
sche und der alte Jogaweg zogen aber den Menschen aus
dem Leben heraus.
So versuchte ich, Ihnen heute einen Weg zu schil-
dern, der gemacht werden kann dadurch, dafi man in der
Seele schlummernde Erkenntniskrafte auf mehr geistig-
seelische Erkenntnisart entwickelt, als sie einstmals ent-
wickelt worden sind.
Dadurch aber gelangt man auch - das will ich zum
Schlufi noch andeuten - tiefer in das Wesen der Natur
hinein. Die Weltanschauung, von der ich hier spreche,
steht in keinerlei Opposition zu der Naturwissenschaft
der Gegenwart. Im Gegenteil, sie nimmt gerade das, was
echte Forschergesinnung ist innerhalb dieser naturwissen-
schaftlichen Forschung, heraus und bildet es durch ihre
Ubungen als eigene menschliche Fahigkeit aus, Die heu-
tige Naturwissenschaft sucht Exaktheit und fuhlt sich be-
sonders befriedigt, wenn sie diese suchen kann durch die
Anwendung der Mathematik auf die Naturvorgange.
Watum ist das der Fall? Das ist aus dem Grunde der Fall,
weil die Wahrnehmungen, die uns die aufiere Natur
durch die Sinne fur die Beobachtung und das Experi-
ment gibt, schlechter dings aufier uns sind. Wir durch -
dringen sie mit etwas, was wir ganz allein in unserem
innersten Menschenwesen ausbilden, wir durchdringen
sie mit den mathematischen Erkenntnissen. Und das
Kantsche Wort wird oftmals ausgesprochen, aber noch
viel ofter, ich mochte sagen, ausgeiibt von naturwissen-
schaftlich Denkenden: In einer jeden wirklichen Er-
kenntnis ist nur so viel Wissenschaft, als Mathematik
drinnen ist. Einseitig ist das, wenn man die gewohnhche
Mathematik nimmt. Aber indem man diese auf die Na-
turerscheinungen anwendet, auf die leblosen Naturer-
scheinungen, sogar heute schon ein gewisses Ideal darin-
nen sieht, zum Beispiel die Chromosomen in den Keim-
anlagen zahlen zu konnen, zeigt man, wie man sich
befriedigt fuhlt, wenn man das, was sonst als Aufieres
neben oder vor uns steht, mit Mathematik durchsetzen
kann. Warum? Weil Mathematik im Innern in unmittel-
barer Gewifiheit erlebt wird, was wir uns zwar durch
Zeichnungen oft versinnbildlichen mussen; allein die
Zekhnungen sind nicht wesentlich fur die Gewifiheit,
fur die Wahrheit. Das Mathematische wird innerlich an-
geschaut und gefunden, und das, was wir intim innerlich
finden, verbinden wir mit dem aufierlich Angeschauten.
Dadurch fiihlen wir uns befriedigt.
Wer in seiner Ganzheit diesen Erkenntnisvorgang
durchschaut, raufi sich sagen: Alles das kann den Men-
schen allein erkenntnismaftig befriedigen, kann im Men-
schen allein zu einer Wissenschaft fiihren, was auf etwas
beruht, was er wirklich durch die Krafte seines Inneren
erleben, erschauen kann. Mit der Mathematik dringt
man ein in die Tatsachen und in die Wesensstrukturen
der leblosen Welt, hochstens, ich mochte sagen, primitiv
etwas herauf in die belebte Welt. Man braucht aber eine
innerliche Anschauung, so exakt, wie die mathematische
Anschauung ist, wenn man in die hoheren Wirkungs-
weisen der Auitenwelt eindringen will. Die Haeckelsche
Schule selber hat in einem ihrer hervorragendsten Vertre-
ter ausdriicklich zugestanden, daft man zu einer ganz
anderen Forschungs- und Betrachtungsweise vordringen
miisse, wenn man aus dem Anorganischen in das Orga-
nische der Natur heraufwill. Fur das Anorganische hat
man die Mathematik, die Geometrie; fur das Organi-
sche, fur das Lebendige hat man zunachst noch nichts,
was innerlich so gestaltet wird wie etwa ein Dreieck, wie
ein Kreis, wie eine Ellipse. Durch lebendiges Denken ge-
langt man dazu: nicht mit gewohnlicher Zahlen- und
Figurenmathematik, sondern mit einer hoheren Mathe-
sis, mit einer Anschauung, die qualitativ ist, die gestal-
tend wirkt, die - wenn ich auch dadurch fur viele etwas
Horribles aussprechen mufi, so mufi ich es doch sagen -
ins Kiinstlerische herauf greift.
Indem wir mit einer solchen Mathematik eindringen
in die Wei ten, in die wir sonst nicht eindringen kdnnen,
erweitern wir naturwissenschaftliche Gesinnung ins bio-
logische Gebiet herauf. Und man kann sich iiberzeugt
halten, dafi einstmals die Epoche kommen wird, wo man
sagen wird: altere Zeiten haben mit Recht betont, aus
der unorganischen Natur ist soviel Wissenschaft zu ge-
winnen, als man ihr mit der Mathematik im weitesten
Sinne beikommen kann, insofern die Mathematik eine
quantitative ist; aus den Lebensvorgangen kann soviel
Wissenschaft gewonnen werden, als man fahig ist, in sie
einzudringen mit einer innerlich lebendigen Gedanken-
gestaltung, mit einem exakten Hellsehen.
Man glaubt gar nicht, wie nahe in Wirklichkeit diese
moderne Art des Hellsehens gerade dem mathemati-
schen Anschauen steht. Und man wird einstmals, wenn
man einsehen wird, wie aus dem Geiste moderner Natur-
erkenntnis hier Geist-Erkenntnis gewonnen werden soil,
gerade aus diesem Gebiet moderner Naturerkenntnis
heraus die hier gemeinte Geisteswissenschaft gerecht-
fertigt finden. Denn sie will nicht in irgendeine Opposi-
tion treten zu den bedeutsamen, grofiartigen Ergebnis-
sen der Naturwissenschaft. Sie mochte etwas anderes ver-
suchen: Geradeso wie wir, wenn wir einen Menschen vor
uns stehen haben, mit den aufieren Sinnen seine Sinnes-
gestalt anschauen konnen, seine Gebarden, sein Mienen-
spiel, den eigentiimlichen Blick seiner Augen, wie wir
aber nur ein Aufieres des Menschen erkennen, wenn wir
nicht durch all das hindurchschauen auf ein Seelisches in
ihm, wodurch wir erst den ganzen Menschen vor uns ste-
hen haben, geradeso schauen wir, ohne Geisteswege zu
wandeln, mit einer Naturwissenschaft nur die auflere
Physiognomie der Welt, nur, ich mochte sagen, die Ge-
barden der Welt, die Mimik der Welt. Erst dann erken-
nen wir etwas von dem, womit wir selber verwandt sind
als dem Ewigen dieser Welt, wenn wir iiber die auftere
Physiognomie, die uns die Naturerscheinungen geben,
iiber diese Mimik und Gebarden, hineindringen in das
Seelische der Welt.
Das mochte jene geisteswissenschaftliche Anschau-
ung, deren Methoden ich Ihnen zunachst einleitend
heute schildern wollte. Sie mochte nicht sein eine Geg-
nerin der triumphalen modernen Naturwissenschaft, sie
mochte diese in ihrer Bedeutung und Wesenheit voll
hinnehmen, wie man den aufleren Menschen voll hin-
nimmt. Sie mochte aber so, wie man, durch den aufleren
Menschen durchdringend, auf das Seelische schaut,
durch die Naturgesetze, nicht mit Dilettantismus und
Laientum, sondern mit ernsthafter Gesinnung, durch die
Physiognomie der Naturgesetze hindurchdringen zu
dem, was als Geistiges, als Seelisches der Welt zugrunde
liegt. Und so mochte diese geisteswissenschaftliche An-
schauung nicht der Naturwissenschaft irgendwelche Geg-
nerschaft schaffen, sondern sie mochte sein die Seele,
der Geist dieser Naturwissenschaft.
ZWEITER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND PSYCHOLOGIE
Wien, 2. Juni 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn die Daseins-
ratsel des Lebens die menschlkhe Seele selbst betreffen,
so werden sie nicht nur zu grofien Lebensfragen, sondern
sie werden in einem intimen Sinn zum Leben selbst. Sie
werden Gliick oder Leid des Daseins des Menschen. Und
zwar nicht blofi voriibergehendes Gliick oder Leid, son-
dern Gliick oder Leid, das der Mensch durch eine gewisse
Dauer durch das Leben tragen mufi, so dafi er durch die-
ses Gliicks- oder Leideserlebnis tiichtig oder untiichtig
fur das Leben wird.
Nun steht der Mensch seiner eigenen Seele so gegen-
iiber, dafi ihm die wichtigsten Daseinsfragen in bezug
auf diese Seele und ihre geistige Wesenheit eigentlich
nicht aus dem Grunde aufgehen, weil er irgendwie zwei-
feln konnte an dem Geistig-Seelischen seines eigenen
Wesens. Gerade weil er in einer gewissen Beziehung die-
ser seiner eigenen geistigen und seelischen Wesenheit ge-
wifi ist, weil er in dieser geistigen und seelischen Wesen-
heit seine eigentliche Bedeutung als Mensch und seine
Wiirde als Mensch sehen mufi, wird ihm die Frage nach
dem Weltenschicksal seiner Seele zum grofien, gewalti-
gen Daseinsratsel. Das Geistige in dem Menschen selbst
zu leugnen, fallt ja selbstverstandlich auch dem stramm-
sten Materialisten nicht ein. Er wird das Geistige als sol-
ches anerkennen, es gewissermafien nur ansehen als Er-
gebnis der physischen, materiellen Vorgange. Derjenige
aber, der ohne solche Theorie, einfach aus den tief-
sten Empfindungsbedurfnissen seiner Seele, nach dem
Schicksal dieses seelischen Selbstes fragt, der wird sich im
Leben gegeniibergestellt finden einer Unsumme von Er-
scheinungen, von Erfahrungen, die ihm gerade deshalb
zu Ratselfragen werden, weil er sich des seelisch-geistigen
Lebens voll bewuftt ist, und weil er gerade deshalb fragen
mufc Ist dieses geistig-seelische Leben ein voriibergehen-
der Hauch, aufsteigend aus dem physischen Dasein und
mit ihm wiederum in die allgemeine Naturtatsachen-
welt zuruckkehrend, oder hangt dieses Geistig-Seelische
mit einer geistig-seelischen Welt selbst zusammen, in-
nerhalb welcher es eine ewige Bedeutung hat?
Ich mochte von den vielen Erlebnissen des Seelischen,
die an den Menschen herantreten und die ihm die Ratsel-
fragen der Seele vor das geistige Auge fuhren, nur zwei
herausgreifen.
Man kann sagen: Wenigen Menschen werden sich
vielleicht diese Erlebnisse so aufdrangen, daft sie sie zu
bewuftten oder gar zu theoretischen Seelenfragen ma-
chen. Das ist aber auch gar nicht das Wichtige. Das
Wichtige ist, daft solche Erlebnisse gerade die unterbe-
wuftten oder unbewuftten Seelenregionen ergreifen, in
diesen sich festlegen und in das Bewufttsein nur herauf-
stromen als allgemeine Seelenstimmung oder auch See-
lenverstimmung, als dasjenige, was uns mutig und kraft-
voll im Leben macht, oder als dasjenige, was uns nieder-
geschlagen macht, so daft wir an keiner Stelle in der Lage
sind, uns selbst richtig in das Leben hineinzufinden oder
auch dieses Leben in der fur uns geeigneten Weise zu er-
fassen. Wie gesagt, nur zwei von diesen Erlebnissen
mochte ich herausheben.
Das eine tritt dem Menschen jeden Abend, wenn er
einschlaft, vor das Seelenauge, wenn das, was wahrend
des wachen Tageslebens auf und ab walk und webt im
seelischen Erleben, wie ausgeloscht hinuntersinkt in die
Unbewulkheit. Dann, wenn der Mensch hinschaut auf
dieses Erlebnis oder, wie es bei den meisten Menschen
der Fall ist, wenn er die unbewulken Empflndungen die-
ses Erlebnisses in seiner Seele wirksam hat, dann iiber-
kommt ihn etwas wie die Ohnmacht dieses Seelenlebens
gegeniiber dem aufteren Weltengang. Und gerade weil
der Mensch im Seelenleben sein Wertvollstes, sein Wiir-
digstes sieht, weil er nicht ableugnen kann, daft er im
wahren Sinn des Wortes eben ein geistig-seelisches We-
sen ist, so bestiirmt ihn von innen heraus dasjenige, was
er also als Ohnmacht des seelischen Lebens empfindet,
und er mull sich fragen: Ubernimmt, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes schreitet, das allgemeine
Naturgeschehen ebenso die seelischen Erlebnisse, wie
dieses allgemeine Naturgeschehen sie jedesmal beim Ein-
schlafen ubernimmt? - Ich mochte sagen, das eine Er-
lebnis ist die Ohnmacht des Seelenlebens.
Das andere Erlebnis ist dem ersten in einer gewissen
Weise polarisch entgegengesetzt. Wir erfiihlen es mehr
oder weniger bestimmt oder unbestimmt, bewulk oder
unbewuflt, wenn wir im Aufwachen, vielleicht nach dem
Ubergang durch eine phantastisch chaotische, mit der
Wirklichkeit nicht iibereinstimmende Traumwelt, mit
dem, was wir als unser Geistig-Seelisches erfiihlen und
erleben, untertauchen in unsere Leiblichkeit. Wir emp-
finden dann, wie dieses Geistig-Seehsche unsere Sinne
ergreift, wie wir durch die Wechselbeziehungen zwi-
schen der Auftenwelt und unseren Sinn en, die ja phy-
sisch-physiologischer Natur sind, unser seelisches Er-
lebcn durchsetzt haben. Wir empfinden, wie dieses Gei-
stig-Seelische weiter hinuntersteigt in unsere Leiblkh-
keit, wie wir unsere Willensorgane mit diesem Geistig-
Seelischen ergreifen und dann zum wachen, besonnenen
Menschen werden, der sich seines Leibes, seines Organis-
mus bedienen kann. Aber wenn wir uns nun besinnen,
so miissen wir uns sagen: Trotz aller Anatomic und Phy-
siologic, die ja von aufen in groftartiger Weise die Leibes-
funktionen zu durchschauen, zu analysieren bestrebt
sind: von innen angeschaut, wissen wir Menschen durch
das gewohnliche Bewufksein zunachst nichts von dem,
was da als ein Wechselverhaltnis besteht zwischen unse-
rem Geistig-Seelischen und unseren leiblichen Verrich-
tungen. Wenn wir die einfachste Leibesverrichtung, die
aus dem Willen hervorgeht, ins Auge fassen, das Erhe-
ben des Armes, das Bewegen der Hand, miissen wir uns
sagen: Zunachst sitzt in uns die Vorstellung, der Gedan-
ke dieses Armhebens, dieser Handbewegung. Wie aber
dieser Gedanke, diese Vorstellung hinunterstromt in
unseren Organismus, wie er eingreift in unser Muskel-
system, wie zuletzt das zustande kommt, was wir doch
wiederum nur durch Anschauung selber kennen: was da
im Innern eigentlich vorgeht, es bleibt dem gewohnli-
chen Bewulksein verborgen ebenso wie verborgen bleibt
in jenem wunderbaren Mechanismus, den uns die Physik
und Physiologie zeigen, im menschlichen Auge oder in
einem anderen Sinnesorgan das Geistig-Seelische, das in
diesen wunderbaren Mechanismus eingreift.
So, miissen wir sagen, ist es die Ohnmacht des Seelen-
lebens auf der einen Seite, die uns Ratsel aufdrangt, so
ist es die Finsternis, in die wir untertauchen mit unserem
Geistig-Seelischen, wenn wir in den eigenen Leib dieses
Geistig-Seelische einstromen fuhlen, was uns die Ratsel-
fragen weiter aufwirft. Wir miissen uns sagen - gewift,
die meisten Menschen tun das wieder nicht bewufk, aber
sie empfinden es als die Stimmung ihrer Seele -: Dieses
Geistig-Seelische in seinem Wechselverhaltnis mit dem
Organismus ist uns als Schopferisches unbekannt, es ist
uns da unbekannt, wo es gerade im physischen Erden-
leben seine eigentliche Bestimmung nach aufien im Da-
sein offenbart.
Was auf diese Art jeder naive Mensch erlebt, erstreckt
sich in einer etwas veranderten Form hinein in die See-
lenwissenschaft. Es miiBte allerdings lange gesprochen
werden, wenn die Art und Weise, wie sich diese Ratsel-
fragen in die Wissenschaft hineinschleichen, wissen-
schaftsgemarl erortert werden sollten; aber es kann we-
nigstens, mit einer gewissen Aufierlichkeit vielleicht, in
der folgenden Weise gesagt werden.
Auf der einen Seite sieht die Wissenschaft nach dem
SeeHschen hin und fragt sich: Wie steht dieses Seelische
mit dem Korperlichen, mit dem Aufterlich-Leiblichen im
Wechselverhaltnis? Indem sie nach der anderen Seite,
nach dem Korperlichen hinschauen und nach all dem,
was die aufiere Naturwissenschaft iiber dieses Korper-
liche zu sagen hat, sind dann die einen - und die Seelen-
kunde hat in dieser Beziehung eine lange Geschichte -
der Meinung, man musse das Seelische vorstellen als die
eigentlich wirksame Ursache des Leiblichen; die andern
sind der Meinung, man musse das Leibliche ansehen als
das, was das eigentlich Kraftende dabei ist, und das
Seelische nur als eine Art Wirkung des Leiblichen. Das
Unbefriedigende dieser beiden Anschauungen haben
neuere Seelenforscher oder -denker durchschaut, und sie
haben daher die sonderbare Anschauung von dem psy-
chophysischen Parallelismus aufgestellt, nach welcher man
nicht sagen kann, das Leibliche wirke auf das Seelische
oder das Seelische auf das Leibliche, sondern nur: leib-
liche Vorgange seien dem seelischen Geschehen parallel
und seelische Vorgange dem leiblichen; man konne im-
mer nur sagen, welche seelischen Vorgange die leiblichen
begleiten oder welche leiblichen die seelischen.
Aber diese Seelenkunde empfindet ja selbst auf der
einen Seite etwas wie die Ohnmacht des Seelenlebens.
Wenn man mit dem gewohnlichen Bewufitsein dieses
Seelenleben, auch wie es dem Seelenforscher, dem Psy-
chologen, vorliegt, zu durchschauen unternimmt, so hat
es etwas innerlich Passives, es hat etwas, dem man nicht
anschauen kann, daft es kraftend eingreift in das Leibes-
leben. Wer die seelischen Wesenhaftigkeiten von Den-
ken und Fiihlen - beim Wollen ist es so, daft es nicht
durchschaut werden kann; daher gilt in einer gewissen
Beziehung fur die Seelenforschung gegenuber dem Wol-
len dasselbe wie gegenuber dem Denken und Fiihlen -,
wer dieses Denken und Fiihlen mit den Mitteln der See-
lenkunde anschaut, dem kommt es kraftlos vor, so dafi er
nirgends etwas finden kann, was wirksam wirklich ein-
greifen konnte in das Leibliche. Da empfindet dann der
Seelenforscher, was man nennen konnte die Ohnmacht
des Seelenlebens fur das gewohnliche Bewufitsein. Aller-
dings ist ja in der verschiedensten Weise versucht wor-
den, dieses Gefuhl der Ohnmacht des Seelenlebens zu
uberwinden. Aber der Streit der Philosophen, die Wand-
lungen der einzelnen philosophischen Weltanschau-
ungen, die im Laufe der Zeit aufgetaucht sind, liefern
dem unbefangenen Menschenbetrachter einen Tatsa-
chenbeweis, wie unmoglich es dem gewohnlichen Be-
wulksein ist, diesem seelischen Erleben beizukommen,
weil sich iiberall das Gefuhl von der Ohnmacht jenes
Seelischen aufdrangt, das eben dieses gewohnliche Be-
wufitsein beobachten kann.
Gerade in bezug auf eine solche Beobachtung des
Seelenlebens vor dem gewohnlkhen Bewufitsein ist hier
in Wien eine Reihe klassischer Literaturwerke aufge-
treten, die wie Marksteine dastehen innerhalb der philo-
sophischen Entwickelung. Ich meine, trotzdem ich nicht
im entferntesten mich selber irgendwie zu dem Inhalt
dieser Biicher bekennen kann, dafi diese Biicher gerade
vom Standpunkt des gewohnlichen Bewufitseins aus au-
fierordentlich bedeutsam sind. Ich meine Richard Wahles
«Das Ganze der Philosophic und ihr Ende», in dem dar-
gestellt werden soil, wie dieses gewohnliche Bewufitsein
eigentlich zu keinen erheblichen Resultaten gegeniiber
dem Seelenleben kommen konne, wie dann abgegeben
werden miisse, was philosophische Forschung in dieser
Richtung zu erstreben versucht, an Theologie, Physio-
logie, Asthetik, Sozialpadagogik. Und in einer noch
scharferen Weise hat dann Richard Wahle die Gedanken
dieses Buches in seinem «Mechanismus des geistigen Le-
bens» ausgefuhrt. Wir konnen sagen: da wird wirklich
einmal gezeigt, dafi das gewohnliche Bewufitsein im
Grunde genommen ohnmachtig ist, irgendwie etwas aus-
zusagen gegeniiber den Fragen des seelischen Lebens.
Das Ich, die seelische Einheit, alles das, was eine altere
Psychologie an die Oberflache gebracht hat, sie zerfallen
vor der Kritik, die dieses gewohnliche Bewufitsein gegen-
iiber sich selbst ausiibt.
Auf der anderen Seite ist in der neueren Zeit in be-
greiflicher, ja man mufi sagen, in notwendiger Weise ver-
sucht worden, mit der Seelenkunde nicht direkt auf das
Seelische loszugehen, demgegeniiber das gewohnliche
Bewufitsein eben ohnmachtig ist, sondern auf dem Um-
wege durch die Leibeserscheinungen, die aus dem soge-
nannten Seelischen hervorquellen, irgend etwas zu er-
kunden iiber dasjenige, was man gewohnlich seelische
Erscheinungen nennt. So ist experimentelle Psychologie
entstanden. Diese ist durchaus ein notwendiges Produkt
unserer gegenwartigen Weltanschauung und unserer ge-
genwartigen Forschungsmethoden. Und wer auf dem Bo-
den steht, von dem aus ich hier heute zu Ihnen spreche,
der wird die voile Berechtigung dieser experimentellen
Seelenkunde niemals leugnen. Er wird vielleicht im ein-
zelnen sowohl mit den Forschungswegen wie auch mit
den Forschungsergebnissen nicht ganz einverstanden
sein; aber die Berechtigung dieser experimentellen Psy-
chologie oder Seelenkunde darf nicht geleugnet werden.
Da erhebt sich dann gerade das andere Seelenratsel.
Wenn wir noch soviel erfahren iiber das, was durch expe-
rimentelle Seelenkunde mit dem menschlichen Leibe er-
lebt werden kann, so miissen wir doch sagen: Alles was in
dieser Weise auf dem Umwege durch den Leib erkundet
wird, oder auch was erkundet wird scheinbar iiber reine
Seelenfunktionen, ist doch nur, wenn man sich nicht
tauschen will, auf dem Umweg durch den Leib erkannt.
Alles das gehort doch einer Sphare an, die mit dem Tod
des Menschen iibergeben wird dem allgemeinen Natur-
geschehen, so daft dadurch nichts erfahren werden kann
iiber das Geistig- Seelische, dessen Weltschicksal dem
Menschen eine so grofie, gewaltige Angelegenheit ist.
Und so konnen wir sagen, in einer gewissen Weise ist
auch fur diese Seelenkunde das grofie Seelenratsel neu
aufgetaucht.
Wieder ist es ein neuerer Seelenforscher, der lange
hier in Wien gelebt und gewirkt hat, der alien denen un-
vergefilich sein wird, die jemals vor ihm auf den Schul-
banken hier in Wien gesessen haben, wie ich selber, der
ich zu Ihnen spreche. Es ist ein moderner Seelenforscher,
der in dem ersten Bande seines unvollendet gebhebenen
Werkes iiber Psychologie es ausgesprochen hat: Was
konnte uns alle Seeienkunde bringen, wenn sie uns auf-
klarte - sei es nun, das fuge ich ein, auf experimentellem
oder nichtexperimentellem Wege - iiber die Art und
Weise, wie sich die Vorstellungen verbinden oder losen,
wie die Aufmerksamkeit wirkt, wie das Gedachtnis etwa
zustande kommt im Leben zwischen Geburt und Tod
und so weiter, wenn wir gerade wegen der Wissenschaft-
lichkeit dieser Seeienkunde, die der Naturwissenschaft
nacheifern will, verzichten miifiten, zu erkennen, wel-
ches das Schicksal der menschlichen Seele ist, wenn der
menschliche Leib in seine Elemente zerfallt? Das, meine
sehr verehrten Anwesenden, hat nicht irgendein Phan-
tast ausgesprochen, sondern der strenge Denker Franz
Brentano, der die Seeienkunde im wesentlichen zur Auf-
gabe seines Lebens gemacht hat und der in der Seeien-
kunde so arbeiten wollte, wie es der strengen naturwis-
senschaftlichen Methode der neueren Zeit gemafi ist.
Dennoch hat gerade er das Seelenratsel in der Weise, wie
ich es eben angedeutet habe, als ein wissenschaftlich
Notwendiges vor seine Mitwelt hingestellt.
Aus alledem mufi doch der unbefangene Mensch heu-
te eine Konsequenz Ziehen. Es ist diese, daft wir mit den
naturwissenschaftlichen Methoden bis zu dem Punkt,
bis zu dem sie heute ausgebildet sind, in der Erfor-
schung des Menschen kommen konnen, daft wir aber,
wenn wir mit dem gewohnlichen Bewufksein, das fur die
Naturwissenschaft vollberechtigt ist, wie es auch vollbe-
rechtigt ist fur das gewohnliche Leben, an das Seelische
herangehen, gegeniiber dem Seelischen nicht zurecht
kommen. Und aus diesem Grunde, weil diese Einsicht
gerade aus wissenschaftlichen Untergriinden sich heute
dem unbefangenen Menschen ergeben mufi, spreche ich
zu Ihnen vom Gesichtspunkt einer Weltanschauung, die
sich nun sagt: Es kann eben nicht mit den Seelenkraften,
die sich fur das gewohnliche Bewufitsein offenbaren, die
da im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen
Wissenschaft arbeiten, das seelische Leben erforscht wer-
den. Da mtissen in dieser Seele andete Seelenkrafte ent-
wickelt werden, die fur das gewohnliche Bewufttsein in
der Seele nur mehr oder weniger schlummern oder, wenn
ich mich eines wissenschaftlichen Ausdrucks bedienen
will, latent sind.
Wenn man die richtige Stellung zu einer solchen
Lebensauffassung gewinnen will, dann braucht es aller-
dings etwas, was heute im Menschen nur in einem gerin-
gen Mafie - lassen Sie mich das schon aussprechen -
eigentlich vorhanden ist. Es braucht das, was ich nennen
mdchte intellektuelle Bescheidenheit. Es mull ein Mo-
ment im Leben kommen, wo man sich sagt: Ich war ein
kleines Kind, ich habe dazumal seelisches Leben ent-
wickelt, das so hindammernd traumhaft war, dafi es auch
so vergessen ist wie ein Traum. Erst allmahlich tauchte
aus diesem traumhaften kindlichen Seelenleben nach
und nach dasjenige auf, was mich dazu bringt, daft ich
mich im Leben orientieren kann, dafi ich meine Gedan-
ken, meine Gefuhlsimpulse, meine Willensentschlusse
einfiigen kann dem Gang der Welt, daft ich ein arbeits-
fahiger Mensch geworden bin. Aus dem Unbestimmten
und Undifferenzierten des mit dem Leibe verwobenen
kindlichen Seelenlebens ist aufgetaucht dasjenige Er-
leben, das wir durch unsere vererbten Eigenschaften ha-
ben, die sich dann mit dem Heranwachsen des Leibes
ausbilden, das wir auch durch unsere gebrauchliche Er-
ziehung haben.
Wer so zuriickschaut, in intellektueller Bescheiden-
heit, wie er in diesem Erdenleben geworden ist, wird es
auch nicht verschmahen, sich in einem gewissen Zeit-
punkt seines Lebens zu sagen: Warum sollte denn das
nicht weitergehen? Diejenigen seelischen Krafte, die mir
heute die wichtigsten sind, durch die ich mich im Leben
orientiere, durch die ich ein arbeitsfahiger Mensch wer-
de, sind schlummernde gewesen wahrend meines kind-
lichen Daseins. Warum sollten in meiner Seele nicht
auch Krafte schlummern, die ich weiter aus ihr hervor-
entwickeln kann?
Man mufi zu diesem aus der intellektuellen Beschei-
denheit hervorgehenden Entschlufi kommen. Intellek-
tuelle Bescheidenheit nenne ich das aus dem Grunde,
weil der Mensch geneigt ist zu sagen: Die Form des Be-
wulkseins, die ich einmal als erwachsener Mensch habe,
ist die des normalen Menschen; was anders sein will im
inneren Seelenleben als dieses sogenannte normale Be-
wufitsein, das ist entweder Phantasterei oder Halluzina-
tion oder Vision oder dergleichen. Die Weltanschauung,
von der ich hier spreche, geht durchaus vom gesunden
Seelenleben aus und versucht vom gesunden Seelenleben
aus, in der Seele schlummernde Krafte, auch Erkenntnis-
krafte, zu entwickeln, die dann Seherkrafte werden in
dem Sinn, wie ich gestern von exakten Seherkraften ge-
sprochen habe. Das, was die Seele da mit sich vorzuneh-
men hat, habe ich gestern in einem gewissen Sinne ange-
deutet. Ich habe auch auf mein Buch «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» hingewiesen, auf
meine «Geheimwissenschaft», auf «Von Seelenratseln»
und so weiter. Dort findet man die Einzelheiten jener
Seeleniibungen, die, ausgehend vom gesunden Seelen-
leben, hinauffuhren zu einer Entwickelung der Seele, so
daft diese tatsachlich zu einer Art geistigen Schauens
kommt, durch das sie hineinblicken kann in eine geistig-
seelische Welt, wie sie durch die gewdhnlichen Sinnes-
organe wahrnehmen kann die physisch-sinnliche Welt.
Sie werden in den genannten Bikhern iiberall einen
ersten Teil finden; dieser erste Teil, der wird selbst von
manchen Gegnern der Weltanschauung, die ich hier ver-
trete, als etwas anerkannt, was dem Menschen durchaus
niitze sein konnte. Er handelt davon, daft sich der
Mensch durch gewisse Ubungen intellektueller, gefiihls-
maftiger, moralischer Art in eine Seelenverfassung und in
eine Leibesverfassung bringt, die durchaus als gesund
gelten konnen, die durchaus dahin streben, daft der
Mensch auch in die Lage komme, wachsam innerlich sein
zu konnen gegenuber all dem, was, aus krankhaftem
Seelenleben herauskommend, zum Mediumismus, zu
Halluzinationen und Visionen fiihrt. Denn alles das, was
auf diesem Wege zustande kommt, mufi abgewiesen
werden fur eine wirkliche Seelenkunde. Gerade zu Vi-
sionen kommt der Mensch nicht aus dem Seelischen her-
aus, sondern dadurch, daft krankhafte Bildungen inner-
halb seines Organismus sich finden; ebenso zum Mediu-
mismus. Das alles hat mit einer gesunden Seelenkunde
und Seelenentwickelung nichts zu tun, mull selbst seiner
Bedeutung nach vom Gesichtspunkt dieser gesunden
Seelenkunde beurteilt werden. Gegner finden heute
aber die Ubungen, die dann als Fortsetzung dieser vor-
bereitenden auftreten, die nun aus der Seele hervorholen
sollen diejenigen Krafte des Denkens, Fiihlens und Wol-
lens, die, wenn sie ausgebildet sind, den Menschen in
eine geistige Welt so einfuhren, daft er sich in ihr orien-
tieren lernt, daft er auch mit seinem Willen in sie ein-
zutreten in die Lage kommt, phantastisch und schadlich.
Andeutungsweise habe ich gestern schon davon ge-
sprochen, wie wir zunachst als moderne Menschen durch
gewisse Denkiibungen dazu kommen, das Denken aus
dem gewohnlkhen Zustand herauszubringen, in dem es
sich passiv hingibt an die Erscheinungen der Aufienwelt
und an das, was innerlich als Erinnerungen auftaucht,
was sich ja auch an die Aufienwelt ankniipft. Wir kom-
men dadurch tiber dieses Denken hinaus, daft wir Medi-
tationsubungen in ernster, geduldiger und energischer
Weise machen, daft wir sie immer wieder und wiederum
machen. Je nach den Anlagen dauert es bei dem einen
jahrelang, bei dem andern weniger lang; aber jeder kann
merken, wenn er an dem entscheidenden Punkt ange-
langr isr, wie sein Denken dann aus dem, was ich gestern
das abstrakte, tote Denken nannte, ein innerlich leben-
diges Denken wird, ein innerlich lebendiges Denken, das
den Weltrhythmus mitzuerleben in der Lage ist. Da
strebt eine besonnene Welt- und Lebensauffassung nicht
danach, Visionen oder Halluzinationen aus der Seele
herauszuzaubern, sondern danach, das, was Vorstel-
lungsleben, was Gedankenleben ist, in einer solchen In-
tensitat zu erleben, wie man sonst nur erlebt, was den
aufieren Sinnen gegeben wird.
Sie brauchen ja nur ehrlich zu vergleichen die Leben-
digkeit, mit der wir leben in den Farben, wenn wir durch
das Auge diese Farben wahrnehmen, in den Tonen,
wenn wir durch das Ohr die Tone horen, mit der Blafi-
heit des Gedankenerlebens im gewohnlkhen Bewuflt-
sein. Durch jenes Energisieren des Gedankenlebens,
von dem ich gestern gesprochen habe, machen wir all-
mahlich das blofie Vorstellungsleben, das blofie Gedan-
kenleben innerlich so intensiv, wie sonst nut das Sinnen-
leben ist. Nicht also sucht der moderne Mensch, der Gei-
stiges erkennen will, wenn er ein besonnener Mensch ist,
die auftauchenden Halluzinationen und Visionen; er
strebt gerade nach dem Ideal, mochte ich sagen, des
Sinneslebens in bezug auf dessen Intensitat und dessen
Bildhaftigkeit, in voll besonnener Weise im Gedanken-
leben, im Vorstellungsleben selbst. Und wenn Sie sich
solchen Medkationen als Geistesforscher hingeben, wie
ich sie charakterisiert habe, so diirfen Sie nicht irgendwie
abhangig sein vom Unbewulken oder Unterbewulken,
sondern das, was da vollzogen wird - Sie konnen die
Ubungen nachlesen, alle sind sie auf das gestimmt, was
ich jetzt charakterisieren will -, alles, was da im intimen
Seelenleben an Ubungen vollfuhrt wird, verlauft so be-
wu&, so besonnen, man darf sagen, so exakt, wie sonst
nur die mathematischen oder geometrischen Verrichtun-
gen verlaufen.
Daher darf gesagt werden: Man hat es hier nicht mit
dem alten nebulosen Hellsehen, sondern mit einem
Hellsehen zu tun, das durch vollbewufite, besonnene
Seelenerlebnisse und Seeleniibungen herbeigefiihrt ist.
Die Besonnenheit ist dabei auf jedem Schritt so, dafi
man das, was der Mensch erlebt und aus sich selber
macht, eben mit dem vergleichen kann, was man sonst
an einem geometrischen Problem erlebt. Sonst ist dieses
Uben nicht tauglich.
Dann aber, wenn der moderne Mensch zu einem sol-
chen Vorstellungsleben kommt, das nun energisiert ist,
das nun auch unabhangig wird vom Atmungsleben, das
aber auch leibfrei wird, das eine blofie geistig-seelische
Funktion ist, demgegeniiber man durch die unmittelbare
Wahrnehmung weifi: man vollzieht nicht mit dem Kor-
per dieses Denken, sondern im rein Geistig-Seelischen -,
dann fuhlt er erst dieses Denken gegeniiber dem abstrak-
ten Denken wie ein Lebendiges gegeniiber dem Toten.
Geradeso wie wenn wir einen toten Organismus plotzlich
zum Leben erwacht fanden, so erleben wir, wenn wir den
(Jbergang gewahr werden von dem gewohnlichen ab-
strakten Denken zu dem lebendigen Denken. Und die-
ses lebendige Denken ist, trotzdem es geistig-seelischer
Vorgang ist, nicht so linienhaft, nicht so flachenhaft nur
wie das gewohnliche abstrakte Denken. Es ist innerlich
gesattigt und bildhaft. Und auf diese Bildhaftigkeit
kommt es an.
Dann aber kommt des weiteren auiterordentlich viel
darauf an, dafi wir jene Besonnenheit, die wir wahrend
des Ubens haben miissen, ausdehnen auf den Augen-
blick, wo dieses belebte Denken, dieses bildsame Den-
ken in uns auftritt. Wenn wir in diesem Augenblicke uns
hingeben den Bildern, zu denen wir uns selber hinge -
rungen haben, und glauben, in ihnen schon Realkaten
geistiger Art zu finden, dann sind wir nicht Geistes-
forscher, dann sind wir eben Phantasten. Das diirfen wir
gewif5 nicht werden; denn das konnte uns nicht eine auf
festem Grunde erbaute Weltanschauung fur den moder-
nen Menschen geben. Erst dann, wenn wir uns sagen:
Wir haben einen Inhalt des seelischen Lebens erlangt,
aber dieser Inhalt ist ein Bildinhalt, dieser Inhalt sagt uns
nur etwas iiber Krafte, die in uns selber waken, iiber das,
was wir selber durch unsere eigene menschliche Wesen-
heit im Innern vermogen; erst wenn wir uns im vollen
Sinn des Wortes sagen: Uber keinerlei Auflenwelt, auch
nicht iiber das, was wir sind in der Aufienwelt, vermag
uns diese, ich nenne sie gewohnlich imaginative Erkennt-
nis, eine Auskunft zu geben; sondern allein, wenn wir
uns in diesem Bildwerden, in diesem Bildweben erfuhlen,
wenn wir uns drinnen lebend wissen als eine Kraftheit:
erst dann stehen wir auf dem rechten Standpunkt diesem
Erlebnis gegeniiber, dann fiihlen wir uns in unserem
Selbst, dann fiihlen wir uns als geistig-seelisches Wesen
aufierhalb des Leibes - fiihlen uns aber eben nur in unse-
rem Selbst, mit einem innerlichen Bildcharakter unseres
Wesens.
Und erst wenn wir dann den Mut haben, die Obun-
gen bis zur nachsten Stufe fortzusetzen, kommen wir zu
einer wirklichen geistigen Anschauung. Dieser nachste
Schritt mufi nicht nur darin bestehen, dafi wir jetzt die
Fahigkeit entwickeln, gewisse Vorstellungen, die wir
leicht iiberschauen - so etwa, wie wir geometrische Vor-
stellungen uberschauen, denen gegeniiber wir wissen: es
ist nicht etwas Unbewufites in ihnen wirksam in den
Mittelpunkt unseres Bewufkseins zu riicken, um an ih-
nen unsere seelische Kraft zu verstarken, sondern darin,
dafi wir in die Lage kommen, diese Vorstellungen mit
Besonnenheit und Willkiir aus unserem Bewufksein fort-
zuschaffen. Das ist unter Umstanden eine schwierige
Aufgabe. Im gewohnlichen Leben ist das Vergessen nicht
etwas so Schwieriges, wie ja das gewohnliche Bewufksein
weifi. Aber wenn man sich erst angestrengt hat - auch
ohne dafi man sich in irgendeine Selbstsuggestion hin-
eintreibt; das kann ja bei Besonnenheit nicht stattfin-
den -, gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt seines
Bewufkseins zu riicken, dann hat man eine starkere
Kraft, als sie sonst im Seelenleben angewendet zu wer-
den braucht, notig, um diese Vorstellungen wiederum
aus dem Bewufitsein fortzuschaffen. Man mufi aber diese
starke Kraft allmahlich entwickeln, so dafi man ebenso,
wie man zuerst alle Aufmerksamkeit, alle innere Seelen-
kraft, Seelenspannkraft zusammengenommen hat, um
zu ruhen auf einer solchen Vorstellung im Meditations-
zustand, nun dazu kommen mufi, diese Vorstellungen,
und iiberhaupt alle Vorstellungen, mit besonnener Will-
kiir aus dem Bewuiksein fortzuschaffen. Und es muft ein-
treten konnen aus unserem Willcn heraus, was man nen-
nen konnte «leeres Bewulksein». Was «leeres Bewulk-
sein» heilk, auch nur fur einige Augenblicke, das wird
der ermessen, der unbefangen dariiber nachdenkt, wie es
dem Menschen mit dem gewdhnlichen Bewuiksein er-
geht, wenn dieses Bewuiksein entbehren mufi der Sinnes-
eindrikke, entbehren mull auch der Erinnerungsvorstel-
lungen, wenn durch irgendwelche Vorkommnisse dem
Menschen die aufieren Eindriicke, auch die Erinnerungen
genommen werden: er kommt zum Einschlafen, das
heifit, das Bewuiksein wird herabgedampft und herab-
gedammert. Das Gegenteil davon mufi eintreten; voll-
standig besonnenes, bewufites Wachsein, trotzdem alles
durch inneren Willen aus dem Bewuiksein herausge-
schafft worden ist.
Wenn man so erst die Seele erkraftet und sie dann
leer gemacht und bei Bewuiksein erhalten hat, dann tritt
ebenso, wie vor das Auge die Farbe tritt, wie vor das Ohr
die Tone treten, vor dieser Seele, die sich also dazu vor-
bereitet hat, eine geistige Umwelt auf. Wir schauen in
die geistige Welt hinein. Und so konnen wir sagen: Ge-
rade der hier gemeinten Geistesforschung ist es vollkom-
men begreiflich, daft fur das gewohnliche Bewuiksein
Geist und Seele nicht erreicht werden konnen, ja daft sich
als ein Richtiges - wie zum Beispiel fur Richard Wahle -
herausstellen mufi: das gewohnliche Bewuiksein sollte
gar nicht von einem Ich reden. Denn alles, was da, ich
mochte sagen, wie Dunkelhek gegeniiber der Helligkeit
hereintaucht und im gewohnlichen Leben eigentlich nur
mit Worten bezeichnet wird, das taucht eben erst auf,
wenn solche Krafte entwickelt werden, die gewohnlich
noch nicht da sind. Gerade die niichterne Erkenntnis,
was das gewohnliche, an den Leib gebundene Bewuftt-
sein vermag, spornt uns an, solche Krafte in uns zu ent-
wickeln, die nun die Seele und den Geist erst wirklich
entdecken konnen.
Dabei ist aber noch eins zu berucksichtigen, wenn
man auf diesem Wege zu einer gesunden und nicht zu
einer krankhaften Seelenkunde kommen will. Nehmen
Sie als krankhaft das Mediumistische, Visionare, Halluzi-
natorische, so ist es so, daft der, der in ein solches krank-
haftes Seelenleben verfallt, mit seiner ganzen Wesenheit
in ihm aufgeht. Er wird eins - wenigstens fur den Verlauf
seiner seelischen Erkrankung - mit dem, was als krank-
haftes Seelenleben auftritt. Nicht so ist es, wenn solche
Ubungen vorgenommen werden, wie sie hier angegeben
wurden. Derjenige, der auf diese Art ein Seelenforscher
wird, der lafit zwar seinen physischen Leib zuruck mit
den Fahigkeiten, die da sein miissen fur das gewohnli-
che Denken, fur gewohnliche Orientierung im Leben; er
tritt heraus aus diesem Leibe, lernt leibfrei imaginativ
schauen; ein schauendes Denken entwickelt er: aber
keinen Moment geht er vollstandig auf in diesem - wenn
ich es so nennen darf , es ist nicht im Hochmut so ge-
nannt -, in diesem hoheren Menschen, sondern er ist
immer in der Lage, ebenso besonnen wiederum inner-
halb seines Leibes zu wirken wie sonst, so daft der ge-
wohnliche Mensch mit seinem gesunden Menschenver-
stand immer neben diesem hoher entwickelten Menschen
steht - der gewohnliche Mensch mit seinem gesunden
Menschenverstand, der ein nikhterner Kritiker alles
dessen ist, wozu im Schauen dieser hohere Mensch
kommt.
Gegeniiber der eigenen seelischen Wesenheit ge-
langen wir zunachst dadurch, daft wir das bildhafte le-
bendige Denken ausbilden und dann das leere Bewuik-
sein herstellen, zu einer Anschauung, die als eine Bild-
einheit alles umfafit, was wir durchgemacht haben in
dem Erdenleben seit unserer Geburt, seit wir eingetreten
sind in dieses Erdenleben. Nicht so wie es sonst in der
Erinnerung ist, in der einzelne Reminiszenzen auf-
tauchen - selbstandig oder durch Anstrengung -, nicht
so stent dieses vergangene Erdenleben jetzt vor der Seele,
sondern es wird auf einmal iiberschaut wie ein machtiges
Tableau, das aber nicht im Raum, sondern in der Zek vor
uns steht. Wir iiberblicken auf einmal, mit einem Seelen-
blick, dieses Leben; aber so, wie es auch eingreift in un-
sere Wachstumsverhaltnisse, in die Kraftwirksamkeiten
unseres physischen Leibes. Wir schauen uns, wie wir auf
dieser Erde hier als denkende, fiihlende, wollende We-
sen waren, aber so, daft Denken, Fiihlen und Wollen sich
jetzt verdichten und sich zu gleicher Zeit hineinorgani-
sieren in die menschliche Wesenheit. Wir durchschauen
unser geistig-seelisches Leben, wie es in unmhtelbarer
Verbindung steht mit dem Korperlichen. Wir geben es
auf, durch philosophische Spekulation zu ergriinden,
wie die Seele auf den Leib wirkt. Wenn wir die Seele
schauen, dann schauen wir auch, wie in jedem Augen-
blick das, was uns so in dem Tableau erscheint, in unser
physisches Erdenleben eingegriffen hat. Die Einzelheiten
werden in den nachsten Tagen zu schildern sein.
Der nachste Schritt mufi nun darin bestehen, dafi wir,
indem wir die Kraftvorstellungen, die wir selbst in uns
versetzt haben, wegschaffen aus unserem Bewufitsein,
diese Kraftvorstellungen immer mehr und mehr verstar-
ken. Wir verstarken sie, indem wir diese Ubungen immer
mehr und mehr fortsetzen, wie wir die Muskeln verstar-
ken, wenn wir sie immer und immet uben. Und indem
wir diese Kraftvorstellungen fortsetzen, gelangen wir da-
hin, dieses ganze Tableau des Seelenlebens, zu dem wir
uns selbst erst durchgerungen haben, dieses ganze Ta-
bleau des Seelenlebens zwischen unserer Geburt und dem
Moment, wo wir stehen, nun auch aus dem Bewufitsein
wegzuschaffen. Das erfordert allerdings eine grofiere An-
strengung, als blofi Bildvorstellungen wegzuschaffen;
aber man gelangt zuletzt dazu. Und wenn es uns gelingt,
dieses eigene Leben, das wir im Erdendasein unser Innen-
leben nennen, aus dem Bewulksein so fortzuschaffen,
daft jetzt nicht nur unser Bewulksein gegeniiber gegen-
wartigen Eindrikken leer wird, sondern daft es leer wird
von alledem, was wir innerlich als in einem zweiten
Leibe, in einem feineren Leibe, der aber in unsere
Wachstums- und Erinnerungsverhaltnisse selbst ein-
greift, erleben, was wir so wie in einem feineren Men-
schen, gleichsam in einem atherischen Menschen, einem
ersten ubersinnlichen Menschen erleben - dann wird un-
ser Bewufitsein, das nun bei vollstandigem Wachsein
zwar leer ist, aber eine starkere innere Kraft sich errun-
gen hat, weiter schauen konnen in der geistigen Welt.
Und es kann jetzt auf das schauen, was das eigene
Seelenwesen war, bevor es aus geistig-seelischen Welten
heruntergestiegen ist zu einem physischen Erdendasein.
Jetzt wird das, was wir die Ewigkeit der Menschenseele
nennen, Anschauung, wird herausgehoben aus der
Sphare der bloft philosophischen Spekulation. Jetzt ler-
nen wir hinschauen auf ein rein Geistig-Seelisches, das
wir waren in einer geistig-seelischen Welt, bevor wir her-
untergestiegen sind, um durch Konzeption, Keimleben
und Geburt uns mit einem physischen Erdenleib zu um-
kleiden.
So phantastisch das schon fur manchen Menschen der
Gegenwart ist - wenn es auch auf einem so exakten Weg
erworben ist wie nur die mathematischen Vorstellun-
gen -, noch paradoxer mag erscheinen, was nun noch ge-
sagt werden muli: nicht nur iiber die Seele, als sie noch
ein geistig-seelisches Dasein hatte, sondern iiber das
Konkrete dieses Erlebnisses. Nur andeutungsweise kann
dariiber gesprochen werden in diesem Vortrage; weiteres
wird in den nachsten Vortragen gesagt werden. Was so
angedeutet werden soli, kann vielleicht auf die folgende
Art verstandlich gemacht werden.
Fragen wir uns zunachst: Was schauen wir denn ei-
gentlich, wenn wir im gewohnlichen Erdenleben als er-
kennender, als verstehender, als wahrnehmender Mensch
in das Wechselverhaltnis treten mit unserer naturlkhen
Umgebung? Wir schauen eigentlich nur die Auflenwelt.
Schon aus dem, was ich heute eingangs erwahnt habe,
geht das hervor. Wir schauen eigentlich nur die Aufien-
welt, den Kosmos. Aber das, was sich in unserem Innern
abspielt, schauen wir auch nur dadurch, daft wir es zu ei-
nem Aufierlichen machen in Physiologie, Anatomic
Wenn es auch groikrtig ist, wir schauen das Innere doch
nur, indem wir es zuerst zu einem Aufierlichen machen
und die Untersuchungen dann so machen, wie wir sie an
aufieren Vorgangen zu machen gewohnt sind. Aber es ist
Finsternis da unten in dem Gebiet, in das wir eintau-
chen, in das wir unser Geistig-Seelisches hinunterstro-
men fiihlen in die Organe. Wir schauen im gewohnlichen
Leben, zwischen Geburt und Tod, im Grunde genom-
men nur das, was aufier uns ist; durch unmittelbares An-
schauen konnen wir nicht ins Innere des Menschen hin-
einblicken und sehen, wie das Geistig-Seelische eingreift
in die Leibesorgane. Der aber, der ein wenig in unbefan-
gener Weise von dem Standpunkt einer geistigen An-
schauung, wie ich ihn entwickelt habe, auf das Leben
forschend hinzuschauen vermag, wird zu dem Folgenden
kommen. Er wird sagen: Grofiartig und gewaltig ist
schon der auftere Anblkk, sind die Gesetzmafiigkeiten,
die wir erkunden in der aufieren Welt der Sterne, in der
aufieren Welt der Sonne, die uns zusendet Licht und
Warme; groflartig und gewaltig ist das, was wir erleben,
wenn wir entweder nur anschauen und ganze Menschen
sind bei diesem Anschauen, oder wenn wir wissenschaft-
lich erkunden, was da an Gesetzmafligkeiten vorliegt,
wenn die Sonne uns Licht und Warme zusendet und her-
vorzaubert das Griin der Pflanzen; grofkrtig und gewal-
tig ist das, Aber konnten wir hineinschauen in den Bau
des menschlichen Herzens, so ware die innere Gesetz-
mafiigkeit dieses Herzens eine grofiartigere und gewal-
tigere als das, was wir aufierlich erblicken!
Das kann der Mensch mit dem gewohnlichen Bewufk-
sein ahnen. Aber die Wissenschaft, die auf exaktem
Hellsehen beruht, kann es auch zu einem wirklichen For-
schungsresultat erheben. Sie kann sagen: Grofi und ge-
waltig erscheinen uns die Veranderungen im Luftkreis;
und es liegt ein Ideal vor der Wissenschaft, die auch hier
in grofiere und gewaltigere Gesetzmafiigkeiten hinein-
schauen wird; aber noch grofier ist das, was im Bau und
in den Funktionen der menschlichen Lunge vorhanden
ist und vor sich geht! Nicht auf die Grofie kommt es an.
Der Mensch ist eine kleine Welt gegenuber der grofien.
Allein schon Schiller sagt: Im Raum wohnt, Freund, das
Erhabene nicht. - Er meint das hochste Erhabene. Die-
ses hochste Erhabene kann erst erlebt werden, wenn
man es in der menschlichen Organisation selber erlebt.
Zwischen Geburt und Tod wird es vom Menschen mit
seinem gewohnlichen Bewufksein nicht erkundet. Aber in
dem Dasein, in dem wir sind, bevor wir uns mit dem Lei-
besdasein vereinigen, in dem geistig-seelischen Dasein,
in einer geistig-seelischen Umgebung, da liegt gerade das
Umgekehrte vor. Wie uns hier finster ist die innere Men-
schenwelt und hell und tonvoll die auflere Welt des Kos-
mos, so ist uns in dem rein geistig-seelischen Leben vor
unserer Erdenverkorperung dunkel die aufiere kosmische
Welt; dagegen ist unsere Welt dann das menschliche
Innere. Wir schauen das menschliche Innere! Und wahr-
haftig, es erscheint uns da nicht kleiner und ungewal ti-
ger, als uns der Kosmos erscheint, wenn wir ihn durch
unsere physischen Augen wahrend unseres Erdendaseins
erschauen. Wir finden uns hinein als in unsere «Aur!en-
welt» in dasjenige, was die Gesetzmaf&gkeit unseres
menschlichen Innern, unseres geistig-seelischen mensch-
lichen Innern ist, und wir bereken uns vor, nun im
Geistig-Seelischen innere Bearbeiter unserer Leibesfunk-
tionen zu werden, Bearbeiter dessen zu werden, was wir
sind zwischen Geburt und Tod. Was wir zwischen Ge-
burt und Tod sein werden, das Hegt offen als eine Welt
vor uns ausgebreitet, bevor wir heruntersteigen in dieses
physische Erdendasein.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Das ist keine Spe-
kulation. Das ist unmittelbare Anschauung, die sich dem
exakten Hellsehen ergibt. Das ist etwas, was vom Ge-
sichtspunkt dieses exakten Hellsehens aus uns ein Stuck
hineinfuhrt in das, was wir den Zusammenhang des
menschlichen Ewigen mit dem Leben zwischen Geburt
und Tod nennen konnen - des menschlichen Ewigen,
das uns verborgen bleibt zwischen Geburt und Tod, das
uns erst aufleuchtet, wenn wir es anzuschauen vermogen
in dem noch unverkorperten Zustand. Es ist ein Teil der
menschlichen Ewigkeit selbst damit erkundet. Fur diesen
Teil der menschlichen Ewigkeit haben wir in den neue-
ren Sprachen nicht einmal ein Wort. Wir reden von Un-
sterblichkeit mit Recht; aber wir sollten auch reden von
Ungeborenheit. Denn diese tritt uns als unmittelbare Er-
kenntnis zunachst auf .
Das ist die eine Seite des exakten Hellsehens, die eine
Seite der menschlichen Ewigkeit, der grofien Ratselfrage
des menschlichen Seelenlebens, damit der hochsten Fra-
ge der Psychologie iiberhaupt. Die andere Seite ergibt
sich, wenn wir jene anderen Ubungen machen, die ich
gestern als Willensubungen bezeichnet habe, durch die
wir unseren Willen so in die Hand nehmen, dafi wir uns
dieses Willens leibfrei, unabhangig vom Leib bedienen
lernen. Ich habe ausgefuhrt, dafi diese Ubungen dazu
fuhren, Schmerz und Leid innerhalb der Seele iiberwin-
den zu miissen, um diese Seele, uneigentlich gespro-
chen, ganz zum «Sinnesorgan», eigentlich gesprochen,
zum geistigen Anschauungsorgan zu machen, so dafi wir
das Geistige nicht nur anschauen, sondern in seiner Ver-
biirgtheit anschauen. Dann aber, wenn wir lernen, in
dieser Art aufierhalb unseres Leibes nicht nur mit unse-
ren Gedanken, sondern mit unserem Willen selbst, also
mit unserer ganzen menschlichen Wesenheit, leibfrei zu
erleben, dann tritt vor die Anschauung der Seele das Bild
des Todes in der Art, dafi wir jetzt wissen, wie das Er-
leben ist ohne den Leib: sowohl im Denken, wie im Wil-
len und in dem, was dazwischenliegt, im Fuhlen. Wir
lernen in bildhafter Weise ohne den Leib leben. Das gibt
uns ein Bild davon, wie wir hinausgehen durch die Pforte
des Todes, wie wir den Leib auch in der Realitat ent-
behren konnen und wie wir, durch die Pforte des Todes
hindurchgehend, wiederum in jene geistig-seehsche
Sphare kommen, aus der wir heruntergestiegen sind in
diese Leiblichkeit. Nicht nur zu einer philosophischen
Gewiftheit, sondern zu unmittelbarer Anschauung wird
das, was in uns als Ewiges, Unsterbliches lebt. Durch die
Willensbildung wird die andere Seite der Ewigkeit, die
Unsterblichkeit, ebenso enthiillt fur die seelische An-
schauung, wie die Ungeborenheit fur die Gedanken-
bildung enthiillt wird.
Dann aber, wenn die Seele in dieser Art ein Geist-
organ wird, dann ist es in der Tat so, als ob, in einer
niedrigeren Region, ein Blindgeborener operiert wurde.
Der Blindgeborene war bisher gewohnt, das, was fur den
Sehenden Farbenwelt ist, nur durch das Tasten wahrzu-
nehmen. Er schaut ganz Neues, wenn er nun operiert
worden ist. Dieselbe Welt, in der er fniher lebte, wird
jetzt fur ihn eine andere. So wird fur den, dessen seeli-
sches Auge in der geschilderten Weise geoffnet wird, die-
se Umwelt eine andere. Und ich will nur in bezug auf
einen Punkt heute noch hervorheben, inwiefern sie eine
andere wird.
Wir sehen sonst im Leben mit dem ungeoffneten
Seelenauge, wie zum Beispiel ein Mensch da lebt, indem
er zuerst seine kindlichen Lebensschritte unternimmt,
dann heranwachst, zu einem Schicksalsereignis seines Le-
bens kommt: Er trifft einen anderen Menschen; die See-
len verbinden sich so, dafi die beiden Menschen durch
diese Verbindung der Seelen ihr Schicksal aneinander-
binden, ihren Lebensweg nun weiter zusammen verfol-
gen - nur ein einzelnes Ereignis will ich, wie gesagt, her-
ausgreifen. Wir sind angewiesen im gewohnlichen Be-
wufksein, das, was eintritt im Leben, wie eine Summe von
Zufalligkeiten anzusehen und mehr oder weniger auch
als einen Zufall, daft wir zuletzt zu diesem Schicksals-
ereignis, zu dem Treffen mit dem andern Menschen ge-
fiihrt worden sind. Nur einzelne Menschen, wie Goethes
Freund Knebel, erwerben sich, gewissermaften rein durch
ihr Alter, eine innere Lebensweisheit. Er sprach es einmal
aus seinem Freund Goethe gegemiber: Wenn man zu-
rikkschaut in vorgeruckterem Alter auf seine Lebens-
schritte, da findet man etwas in ihnen, was wie planvoll
geordnet erscheint, so daft von vornherein alles so keim-
haft veranlagt erscheint und sich das Wekere so ent-
wickelt, daft man wie durch innere Notwendigkeit hinge -
fiihrt wird zu dem, was dann als Schicksalsereignis er-
scheint. Mit dem geoffneten Seelenauge erblicken wir
allerdings ein Leben der Menschen, das sich zu dem Le-
ben, welches man mit dem ungeoffneten Auge schaut,
verhalt wie die farbige Welt zu der blofi getasteten des
Blinden.
Man schaut hin, wie aus dem kindlichen Seelenleben,
aus dem Wechselspiel von Sympathie und Antipathie,
sich die ersten Schritte des Kindes entwickeln, wie dann,
aus dem innersten Menschenwesen hervorquellend, der
Mensch selbst, wie aus innersten Sehnsiichten, seine
Schritte lenkt, wie er sich selbst hinfuhrt zu dem Schick-
salsereignis. Das ist nuchterne Lebensbeobachtung.
Wenn man aber das Leben so ansieht, dann steht es vor
einem wie etwa das Leben eines Greises: wir werden
nicht sagen, das Leben des Greises sei «an und fur sich
da»; durch die Logik wissen wir das Greisenleben auf ein
Kindesleben zuruckzufiihren; durch seine eigenen Ei-
gentumlichkeiten miissen wir es auf ein Kindesleben zu-
ruckfiihren. Was fur das Greisenleben die bio fie Logik
tut, das tut fur das Menschenleben iiberhaupt, dutch das
exakte Hellsehen, das Anschauen: Wenn wir das Le-
ben, wie es sich aus den innersten Seelensehnsikhten
entwickelt, wirklich schauen, dann miissen wir es schau-
end zuriickverfolgen. Und dann kommen wir zu friihe-
ren Erdenleben, in denen sich dasjenige vorbereitet hat,
was in der Gegenwart als Seelensehnsiichte sich heraus-
entwickelt, was dann zu unseren Betatigungen fuhrt und
so weker.
Ich konnte heute nur andeuten, dafi nicht irgendeine
Phantasterei, sondern ein ganz exakter Weg zu einer sol-
chen umfassenden Lebensbetrachtung fuhrt, die in der
Tat durch eine entwickelte Seelenkunde hineindringt zu
dem Ewigen in der Menschennatur. Dann aber erhebt
sich auf einem solchen Unterboden, der manchem noch
abstrakt erscheinen mag, etwas, was nun Gewifiheit
wird, etwas, was aus der gegenwartig uns als modernen
Menschen angemessenen Erkenntnis herausquillt und ei-
ne Erkenntnisgrundlage fur eine wahre innere Frommig-
keit, fur ein wahres inneres religioses Leben bietet.
Wer einmal eingesehen hat, und zwar meine ich jezt
das Wort «eingesehen» im wortlichen Sinn, wer geschaut
hat, wie sich die einzelne Seele aus dem Leibe losringt,
um in ein geistig-seelisches Reich einzugehen, der
schaut auch unser soziales Leben anders an. Er schaut,
ausgeriistet in seiner Gesinnung, hin, wie unter den
Menschen sich Freundschaften, Liebesverhaltnisse, ande-
re soziale Zusammenhange bilden; er schaut hin, wie
Seele zu Seele sich findet aus der Familie, aus anderen
Gemeinschaften heraus; er findet, wie das korperliche
Beisammensein die seelische Gemeinschaft, das seelische
Ineinanderfuhlen und Ineinanderleben vermittelt; er
weifi nun, daft ebenso wie von der einzelnen Seele der
Leib abfallt, so die irdischen Leiblichkeiten und Ge-
schehnisse abfallen von den Freundschaften, von den
Liebeszusammenhangen, und er schaut, wie sich das,
was seelisch geworden 1st von Mensch zu Mensch, fort-
setzt in eine geistig-seelische Welt, wo es auch geistig-
seelisch erlebt werden kann.
Und dann kann gesagt werden, jetzt auf einer Er-
kenntnis-, nicht auf einer Glaubensgrundlage: Die Men-
schen finden sich, indem sie durch die Pforte des Todes
schreiten, wiederum zusammen. Und gerade wie in der
geistigen Welt der Leib als Hindernis fur das Schauen des
Geistigen wegfallt, so fallt jedes Hindernis fur Freund-
schaft und Liebe nun hinweg in der geistigen Welt. Die
Menschen sind da naher zusammen als in der Leiblich-
keit. Eine Erkenntnis, die noch abstrakt ausschauen mag
in bezug auf wahre Psychologie, gipfelt in diesem reli-
giosen Empfinden, in diesem religiosen Schauen, ohne
dafi diejenige Weltanschauung, von deren Boden aus ich
hier spreche, irgendein Religionsbekenntnis antasten
will. Sie kann tolerant sein, sie kann jedes einzelne Reli-
gionsbekenntnis in seinem Wert voll anerkennen, es
auch praktisch ausiiben; aber sie fuhrt zu gleicher Zeit als
eine Helferin des religiosen Lebens eine Erkenntnis-
grundlage auch dieses religiosen Lebens herbei.
Nun, damit wollte ich heute nur einiges Grundle-
gende iiber das Verhaltnis einer modernen geistmafiigen
Weltanschauung zur Seelenkunde ausfiihren. Ich weir]
viellekht besser als mancher Gegner, was heute noch alles
eingewendet werden kann, wenn so die Anfange einer
solchen Weltanschauung dargestellt werden. Aber ich
glaube auch zu wissen, dafi die Sehnsiichte nach einer sol-
chen Seelenkunde, wenn auch ganz im Unbewurken, bei
unzahligen Seelen heute vorhanden sind, so dafl es immer
und immer wiederum gesagt werden muft: Wie man kein
Maler zu sein braucht, um die Schonheit eines Bildes zu
empfinden, so braucht man selbst nicht Geistesforscher
zu sein - obwohl man es bis zu einem gewissen Grade
werden kann -, um priifen zu konnen, ob das wahr ist,
was ich hier sage. Wie man die Schonheit eines Bildes
empfinden kann, ohne selbst Maler zu sein, so kann man
mit dem gewohnlichen, gesunden Menschenverstand
heute einsehen, was der Geistesforscher der Seele sagt.
Dafi man es einsehen kann, das glaube ich um so mehr
erhartet zu haben, als ich zu erkennen glaube, wie die
Seelen nach einer Vertiefung der Seelenkunde, der gro-
ften Daseinsratsel des Lebens in bezug auf die Seele diir-
sten, wie tatsachlich das, was mit einer solchen modernen
Weltanschauung, wie sie hier skizziert wurde, versucht
wird, heute den Drang zahlloser Menschen bildet, die es
auch gar nicht wissen in ihrem gewohnlichen Bewufit-
sein, wie es den Schmerz, das Leid, die Entbehrung, den
Wunsch unzahliger Menschen bildet, all derer, die es
ernst meinen mit dem, was wir finden miissen als aufstei-
gende Krafte gegeniiber so vielen in unserer Gegenwart
vorhandenen Niedergangskraften.
Und dessen mufi sich heute jeder, der von einer zeit-
gemafien Weltanschauung spricht, bewufit sein: dafi er
im Einklang sprechen, denken und wollen mufl mit
dem, was unsere so ernste Zeit in den Seelen, wenn auch
vielfach unbewufit, erstrebt. Und ich glaube - lassen Sie
mich damit schliefien -, daiS gerade in solchen Welt an -
schauungsansatzen, wie ich sie heute entwkkelt habe,
etwas von dem liegt, was zahlreiche Seelen heute er-
streben, weil sie es brauchen als geistigen Inhalt, als
lebendiges Geistesleben fur die Gegenwart und fur die
nachste Zukunft.
DRITTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND WELTORIENTIERUNG
Ost-West in der Geschichte
Wien, 3. Juni 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Goethe, der so vieles
grofies Menschenbewegende in einfache Ausdrikke ge-
pragt hat, schrieb auch den Satz nieder: «Frage sich doch
jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine Zeit ein-
wirken kann und wird!»
Laflt man einen solchen Ausspruch - mit all dem, wo-
von man wissen kann, dafi es dutch Goethes Seele ge-
zogen sein konnte, indem er einen solchen Ausspruch
tat - auf sich wirken, so wird man hineinversetzt in das
ganze Verhaltnis des Menschen zum geschichtlichen Le-
ben. Gewifi verlauft das heute noch bei den meisten
Menschen mehr oder weniger unbewuik, dafi sie suchen,
ihren besonderen Standpunkt zu gewinnen, durch den
sie die Moglichkeit finden, in der rechten Art ihre Krafte
so einzusetzen im Entwickelungsgang der Menschheit,
dafi dieses Einsetzen aus dem Geist der Epoche heraus
geschieht, in der sie leben. Aber man darf wohl sagen:
eine schon oberflachliche Betrachtung des menschlichen
Lebens in seiner Entwickelung zeigt, dafi die Menschen
schliefilich darauf angewiesen sind, immer bewufiter und
bewufiter ihr Leben zu gestalten. Das instinktive Leben
war das Kennzeichen alter Kulturepochen. Der Uber-
gang zu einer immer grofieren Bewufitheit ist auch ein
geschichtlichef Faktor. Und in der Gegenwart kann man
schon fuhlen, wie das immer komplizierter und kompli-
zierter gewordene Leben von dem Menschen fordert, daft
er mit einem gewissen Grad von Bewufttsein sich hinein-
stelle, wenn er auch auf einem viellekht noch so wenig
bemerkenswerten Platz stent, in die Entwickelung der
Menschheit. Allein gerade bei dem Streben nach einem
solchen Standpunkt haben wir im Grunde heute noch
wenig Anhaltspunkte an der Betrachtung der geschicht-
lichen Entwickelung der Menschheit.
Diese Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung
der Menschheit im neueren Sinn einer Wissenschaft ist
eigentlich noch nicht besonders alt. Und man mochte
sagen, man verspiirt die Jugend der geschichtlichen Be-
trachtung in dem, was eben in der Geschichtsschreibung
zutage getreten ist.
Diese Geschichtsschreibung hat Groftartiges hervor-
gebracht. Allein indem sie sich aus der ja sogar im 18.
Jahrhundert noch herrschenden unwissenschaftlichen
Chronikenschreibung herausentwickelte, versuchte sie,
well sie in das naturwissenschaftliche Zeitalter hineinfiel,
immer mehr und mehr auch naturwissenschaftliche For-
men anzunehmen. Und so sehen wir, daft sich die ge-
schichtHche Betrachtungsweise mehr und mehr der An-
schauung genahert hat, daft immer das Folgende aus
dem Vorhergehenden ursachlich begriffen werden miis-
se. Aber wer unbefangen genug ist, kann sehen, daft
zwar eine solche ursachliche Betrachtung des geschicht-
lichen Lebens der Menschheit weit fuhrt, daft aber immer
noch zahllose Tatsachen dieses geschichtlichen Lebens
bleiben, die sich nicht widerspruchslos einreihen lassen
in eine einfache Ursachenbetrachtung. Und dann er-
scheint einem wohl ein Bild, das versinnlichen kann das
geschichtliche Leben: das Bild eines fortfliefienden Stro-
mes, bei dem wir aber dasjenige, was an einem bestimm-
ten Punkte seines Laufes ist, nicht immer blofi herleiten
konnten aus dem, was ein wenig weiter stromaufwarts
ist, sondern bei dem wir Riicksicht darauf nehmen mufi-
ten, dafi in seinen Tiefen allerlei von Kraften waltet, die
sich an jeder Stelle an die Oberflache drangen konnen,
Wellen aufwerfen konnen, die nicht durch die vorher-
gehenden bedingt sind.
So scheint wohl auch das geschichtliche Leben der
Menschheit hineinzuweisen in unsagliche Tiefen, er-
scheint uns wie eine Oberflache, an die heraufstofien un-
ermefilich viele Krafte. Und die menschliche Betrach-
tung kann sich wohl kaum vermessen, in all das etwa
restlos hineinzuschauen, was irgendeiner Epoche beson-
ders eigentumlich ist. Daher wird sich wohl die ge-
schichtliche Betrachtung immer mehr und mehr dem na-
hern mussen, was ich nennen mochte eine symptomato-
logische Betrachtung. Wir mussen ja auch am mensch-
lichen Organismus, der eine so reichlkh in sich differen-
zierte Totalitat ist, vieles von seinem gesunden und kran-
ken Zustand dadurch konstatieren, dafi wir auf die
Symptome sehen, in denen sich dieser Organismus au-
ltert. Ebenso mussen wir uns wohl nach und nach gewoh-
nen, eine geschichtliche Symptomatologie zu treiben:
was sich an der Oberflache ankiindigt, so aufzufassen,
dafi es uns auf einzelnes hindeutet und wir durch immer
mehr und mehr Symptome, die wir in unsere Anschau-
ung herein begreif en, dazu kommen, das innerlich Le-
bendige des geschichtlichen Werdens so auf uns wirken
zu lassen, dafi wir durch das innerlich seelische Ergreifen
der geschichtlichen Krafte der Menschheit, die ja auf
allerlei Umwegen auch in unsere Seele wirken, befahigt
werden, unseren Platz in der Menschheitsentwkkelung
zu finden.
Gerade eine solche Betrachtung der Welt und des Le-
bens, wie ich sie vor Ihnen entwickeln duffte, kann ei-
nem so recht die Empfindung davon beibfingen, wie sich
auch in dem, was man in seinem intimsten Innern erlebt,
geschichtlich Symptomatisches ausspricht. Gerade das
was ich Ihnen geschildert habe, das Erwachen und Er-
wecken von Erkenntnisfahigkeiten, die im gewohnlichen
Bewufitsein nicht vorhanden sind, sondern die im ge-
wohnlichen Leben tief unten in der Seele schlummern,
gerade dieses Erwachen und Erwecken von Erkenntnis-
kraften, wie es dem modernen Menschen angemessen ist,
fiihrt uns dazu, einzusehen, dafi wir diese Erkenntnis-
krafte in der Gegenwart nicht nur anders entwickeln
miissen, als sie in der Vorwelt entwickelt worden sind.
Sondern wenn wir dann soiche Krafte entwickeln, wenn
wir dieses intime innere Leben bis zu einem geistigen
Schauen fiihren, dann stellt sich fur den heutigen Men-
schen der Grundcharakter dieses geistigen Schauens doch
in einer ganz anderen Weise dar, als er sich dargestellt
hat fur Menschen zum Beispiel des orientalischen Ur-
altertums, an das wir geriihrt haben, als vorgestern die
Jogaiibung geschildert worden ist.
Wenn wir hinblicken nach diesen alten orientalischen
Anschauungen, wie sie entwickelt worden sind von den-
jenigen, die aus ihrem Inneren Erkenntniskrafte, die in
das tibersinnliche hineingreifen, heraustreiben wollten,
so miissen wir sagen: Alles was wir dariiber wissen, weist
uns darauf hin, dafi solche Erkenntnisse, indem sie in die
Seele sich einlebten, durchaus einen bleibenden, einen
dauernden Charakter in der Seele annahmen. Was der
Mensch im gewohnlichen Leben denkt, was er in sich
aufnimmt als die Wirkung auf seine Seele aus den Erleb-
nissen des irdischen Daseins, was sich dann in Erinnerun-
gen festsetzt, ist das, was in der Seele eine Dauer hat;
und wir sind einfach geistig nicht gesund, wenn wir
Lucken erheblicher Art haben in bezug auf die Erinne-
rungsfahigkeit an das, was wir von einem bestimmten
Zeitpunkt unserer Kindheksentwickelung an in der Welt
erlebt haben. In diese gedankliche Dauer gliederte sich
alles das ein, was in alter orientalischer Seelenkultur an
Einsichten in die geistige Welt errungen wurde. Es bil-
dete sozusagen so Erinnerungsvorstellungen, wie die ge-
wohnlichen Erlebnisse des Tages Erinnerungsvorstellun-
gen bilden. Das war gerade das Eigentumliche des alte-
ren orientalischen Sehers, dafi er sich immer mehr und
mehr in ein dauerndes Gemeinschaftsleben mit der gei-
stigen Welt hineinfand, indem er seinen Weg in diese
Welt hinein absolvierte. Er wufite sich sozusagen gebor-
gen, wenn er einmal drinnen war in der gottlich-geisti-
gen Welt. Er wufite, daft diese etwas Dauerndes auch fur
seine Seele darstellt.
Nun darf man aber in einem gewissen Sinne schon sa-
gen, das Gegenteil ist fur den der Fall, der sich heute aus
den Kraften der Menschennatur heraus, zu denen sich
die Menschheit eben seit jenen alten Tagen bis in die
Gegenwart herauf entwkkelt hat, zu einem gewissen gei-
stigen Schauen erhebt: Er entwickelt seine Anschau-
ungen liber das Geistige so, dafl er sie erlebt; aber er
kann sie unmdglich in derselben Weise zu Erinnerungs-
vorstellungen machen, wie die Gedanken, die wir im
Alltag an der Aufienwelt erleben, Erinnerungsvorstellun-
gen werden.
Das ist gerade fur viele, die nach den heutigen Me-
thoden sich zu einem gewissen geistigen Schauen hin-
ringen, eine grofie Enttauschung, dafi sie zwar Einblicke
gewinnen in diese geistige Welt, dafi aber diese Einblicke
voriibergehend sind wie das Anschauen einer Realitat,
vor der wir in der Auflenwelt stehen, die auch nicht mehr
in unserer Wahrnehmung vorhanden ist, wenn wir von
ihr hinweggehen. Keine Einverleibung dem Gedacht-
nisse im gewohnlichen Sinne ist es, was sich im Seelen-
leben abspielt, sondern ein augenblickliches Verbunden-
sein mit der geistigen Welt. Will man dann in einem
spateren Zeitpunkt dieses Verbundensein wieder haben,
so kann man das Erlebnis nicht einfach aus der Erinne-
rung heraufholen, sondern man kann nur das Folgende
machen: Man kann sich natiirlich an das erinnern, was
den gewohnlichen Erlebnissen der physischen Welt an-
gehort, wie man sich etwa durch Krafteentwickelungen
dahin gebracht hat, ein solches Erlebnis aus der geistigen
Welt zu haben. Dann kann man den Weg wiederum
machen, und man kann es wiederum haben, geradeso
wie wenn man zu einer sinnlichen Wahrnehmung wie-
derum zurikkkehrt. Das ist gerade eines der wichtigsten
Momente, die verburgen die Realitat des modernen
Schauens: dafi sich das, in das wir hineinblicken, nicht
mit unserer Leiblichkeit vereinigt; denn es heifit immer,
mit der Leiblichkeit vereinigt, durch den Organismus be-
festigt werden, wenn Gedanken als Erinnerungsvorstel-
lungen eine gewisse Dauer gewinnen.
Wenn ich hier eine personliche Bemerkung einfiigen
darf - vielleicht zu einer Verstandigung -, so ist es diese:
Jemand, der ein wenig Verbindung hat mit der geistigen
Welt und Mitteilung uber das machen will, was er erfah-
ren hat, ist nicht in der Lage, im gewohnlichen Sinn aus
der Erinnerung heraus diese Mitteilung zu machen. Er
mufi immer gewisse Anstrengungen machen, urn sich
wiederum selber zum unmittelbaren geistigen Beobach-
ten hinzufiihren. Daher kann auch jemand, der unmit-
telbar aus der geistigen Welt heraus spricht, ich mochte
sagen, dreifiigmal ein und denselben Vortrag halten: er
wird fur ihn nicht eine Wiederholung des vorangehen-
den sein, sondern er mufi immer in unmittelbarer Weise
aus dem Erlebnis herausgeholt werden.
Darin liegt zu gleicher Zeit etwas, von dem ich sagen
mochte, dafl es gewisse Sorgen, die auftauchen konnten
in angstlichen Seelen gegeniiber dieser modernen Gei-
stesschau, beheben kann. Viele Menschen sehen ja heute
noch, und zwar mit einem gewissen Recht, die Grofie der
bedeutungsvollen Ratselfragen des Daseins gerade darin,
dafi diese Fragen niemals restlos gelost werden konnen.
Sie furchten sich vor der Philistrositat der geistigen An-
schauung, wenn sie etwa der Behauptung gegeniiber -
stehen miifiten, die Ratsel des Daseins konnten endgiiltig
durch irgendeine Weltanschauung «gelost» werden.
Nun, von einer solchen «L6sung» kann auch die Lebens-
auffassung nicht sptechen, von der hier die Rede ist,
und zwar gerade aus dem eben angegebenen Grund her-
aus: Was gewissermafien immer wieder vergessen wird,
das mufi immer neu erworben werden.
Darin aber zeigt sich gerade die Lebendigkeit. Wir
nahen uns gewissermafien wieder dem, was sich auch au-
fierlich in der Natur als der Charakter des Lebendigen
zeigt, gegeniiber dem, was wir sonst innerlich erleben,
indem wir unsere Gedanken zu Erinnerungsvorstellun-
gen werden sehen. Vielleicht klingt es fur manchen tri-
vial, was ich jetzt sagen mochte; es ist aber nicht trivial
gemeint. So wenig wie jemand sagen kann: Ich habe ge-
stern gegessen, also bin ich satt, brauche heute und mor-
gen und ferner nicht zu essen - ebensowenig kann gegen-
iiber der modernen Geistesschau jemand sagen, sie sei
einmal abgeschlossen, teile sich dann der Erinnerung
mit, und man wisse nun fur alle Zeit das, was man hat.
Ja, nicht nur dies ist der Fall, dafi man immer von
neuem ringen mufi, um gegenwartig zu bekommen, was
sich dem Menschen offenbaren will, sondern sogar das ist
der Fall, dafi, wenn man langere Zeit iiber denselben
Vorstellungen aus der geistigen Welt immer wieder und
wiederum briket, sie immer wieder und wiederum auf-
sucht, dafi dann sogar Zweifel auftauchen, Ungewift-
heiten auftauchen, und dalS man die Ungewifiheiten und
Zweifel im lebendigen inneren Seelenleben gerade bei
der richtigen Geistesschau immer von neuem besiegen
mul Man ist also niemals, ich mochte sagen, zu der
Ruhe des Fertigseins verdammt, wenn man im modernen
Sinn zur Geistesschau hinstrebt.
Und ein anderes noch mufi gesagt werden. Diese mo-
derne Geistesschau erfordert vor alien Dingen auch, was
man Geistesgegenwart nennen kann. Der Geistesschauer
alter orientalischer Vorzeiten konnte sich gewissermaften
Zeit lassen. Was er sich errang, blieb dauernd vorhan-
den. Derjenige, der aus der modernen Menschennatur
heraus in die geistige Welt hineinschauen will, der muft
schlagfertig, mochte ich sagen, sein mit seinem Geist-
organ; er mufi gewahr werden, wie das, was sich aus der
geistigen Welt heraus offenbart, zuweilen nur einen Au-
genblick da ist und nachher wieder verschwindet, wie es
also im Moment des Entstehens in Geistesgegenwart auf-
gefafit werden mufi. Und viele Menschen, die sich sorg-
sam vorbereiten zu einer solchen Geistesschau, kommen
nicht zu ihr, weil sie nicht zu gleicher Zeit diese Geistes-
gegenwart in vorbereitenden Ubungen suchen. Denn
nur dadurch ist man imstande, zu vermeiden, dafi man
seine Aufmerksamkeit eigentlich erst entwickelt hat,
wenn die Sache schon wiederum vorbei ist.
Damit habe ich Ihnen mancherlei Eigentiimlichkeiten
dessen, was dem modernen Sucher nach der geistigen
Welt begegnet, geschildert. Im Verlaufe der Vortrage
werden noch andere solche Eigentiimlichkeiten auf-
treten. Heute mochte ich, weil es direkt hinuberfuhren
wird zu einer gewissen geschichtlichen Betrachtung der
Menschhek, nur noch auf das eine aufmerksam machen.
Wenn wir in diesem nun wiederum von einer gewis-
sen Seite charakterisierten Sinn als moderner Mensch den
Weg in die geistige Welt hinein in skherer Weise, so
dafi wir nicht Phantasten werden, finden wollen, so ist
es am besten, wenn wir von den Vorstellungen, von den
Denkoperationen ausgehen, die wir uns an einer griind-
lichen Naturbeobachtung und durch Vertiefen in eine
grundliche Naturwissenschaft angeeignet haben. Keine
Vorstellungen eignen sich gerade zu meditativem Leben
so gut, wie ich es geschildert habe, als diejenigen, die
man aus der modernen Naturwissenschaft heraus ge-
winnt, nicht um sie allein inhaltlich aufzunehmen, son-
dern um sie inhaltlich meditativ zu verarbeiten. Wir ha-
ben eben als moderne Menschen im strengsten Sinne des
Wortes an der Naturwissenschaft das Denken gelernt.
Dessen sollen wir eingedenk sein, daft wir an der Natur-
wissenschaft das Denken, das unserer heutigen Zeit-
epoche angemessen ist, gerade gelernt haben. Nun kann
aber dieses alles, was wir also an Denkoperationen aus
der modernen Naturwissenschaft gewinnen konnen, nur
Vorbereitung sein fur die eigentliche Geistesschau.
Niemals konnen wir durch irgendwelche logische
Konsequenz, durch irgendwelche philosophische Speku-
lation das gewohnliche Denken, das wir an den Dingen
der Aufienwelt, an Experiment und Beobachtung schu-
len, zu etwas anderem verwenden, als um uns vorzu-
bereiten. Wir miissen dann warten, bis die geistige Welt
in der Art an uns herantreten will, wie ich das gestern
und vorgestern geschildert habe. Wir miissen zu jedem
einzelnen Schritt in der Beobachtung der geistigen Welt
erst reif werden. Wir konnen nicht aus innerer Willkiir
etwas anderes herbeifiihren, als uns gewissermafien zu ei-
nem Organ zu machen, dem sich die geistige Welt offen-
baren will. Die objektive Offenbarung - wir miissen sie
erwarten. Und wer in solchen Dingen Erfahrung hat, der
weif], wie er auf manche Erkenntnisse jahre-, jahrzehnte-
lang warten mufi, bevor sie sich ihm erschlieften. Es ver-
biirgt wiederum gerade dieser Umstand die Objektivitat
dessen, was Wirklichkeit in der geistigen Welt ist, fur die
Erkenntnis.
So war es wiederum nicht bei dem, der in alten orien-
talischen Zeiten, in der Welt des Ostens, durch seine
Ubungen den Weg in die iibersinnliche Welt hinein
suchte. Bei ihm war das Denken von vornherein so ge-
artet, dafi er es gewissermalten nur fortzusetzen brauch-
te, um jenen Weg in die geistige Welt hinein zu finden,
den ich vorgestern charakterisiert habe. Er stand also
schon im gewohnlichen Leben in einem Denken drin-
nen, das nur fortgesetzt zu werden brauchte, um in sei-
ner eigenen Fortsetzung zu einem gewissen Hellsehen zu
fiihren, das aber dafur auch, weil es aus dem gewohn-
lichen Leben der damaligen Zeit heraus entwkkelt war,
ein mehr traumhaftes Schauen war, wahrend das Schau-
en, zu dem wir als moderne Menschen streben, ein sol-
ches ist, das bei voller Besonnenheit, ahnlich der bei L6-
sung mathematischer Probleme vorhandenen, verlauft.
Wir sehen darin gerade, indem wir uns an das wenden,
was der Geistesforscher intim erleben raufi, einen Aus-
druck fur gewaltige Verwandlungen in der ganzen Men-
schennatur im Verlauf von historischen Zeiten. Histo-
risch sind diese Zeiten insofern, als nicht nur der, der
in der Art, wie ich das noch schildern werde, durch
gGisdgc Anschauung selbst bis in fernste Urzeiten das ge-
schichtliche Leben sowohl der Menschen wie des Kosmos
priifen kann, daft nicht nur der darauf kommen kann,
sondern auch der, welcher in unbefangener Weise die
aufieren Dokumente pruft. Wir konnen auch in diesen
aufteren Dokumenten auf alte Zeiten geistigen Lebens
der Menschheit hinschauen und ersehen, wie sie skh
unterscheiden von dem, was wir selber, was unsere Zeit
erstreben muJJ in bezug auf das Drinnenstehen in dieser
geistigen Welt.
Dadurch, daft unser Denken nicht ohne weiteres fort-
gesetzt werden kann, um in seiner eigenen Fortstromung
uns zur Geistesschau zu bringen, sondern dadurch, daft
es bloft die Vorbereitung machen, uns selbst gewisser-
maften praparieren kann, damit wir reif werden, wenn
die geistige Welt uns entgegentritt, diese zu schauen, da-
durch gerade ist unser Denken geeignet, innerhalb des
Feldes der Experimente, der Beobachtungen zu wirken
und zu weben, innerhalb des Feldes, das die Naturwis-
senschaft zu dem ihrigen gemacht hat. Aber gerade in-
dem wir einsehen, welche innere Strenge, welche innere
Kraft unser Denken erreicht hat, werden wir es um so
sicherer auf unsere Schulung anwenden, damit wir dann
auf die Offenbarung der geistigen Welt im richtigen
Sinne des Wortes warten konnen. Schon daraus geht her-
vor, daft unser Denken heute etwas anderes ist als in
alten Zeiten.
Ich werde wiederholt Gelegenheit haben zu ge-
schichtlichen Exkursen. Da wird sich manches, was auf
die auflere Welt beziiglich ist, fortsetzen lassen von dem
aus, was ich heute zu sagen habe. Heute werde ich mehr
auf das zu sprechen kommen, was die inneren Krafte der
Menschheitsentwickelung sind. Da werden wir ja doch
zuletzt auf das Denken gefiihrt und auf die Verwand-
lung dieses Denkens im Laufe der Epochen der Mensch-
heitsentwickelung .
Da von diesem Denken aber schliefilich doch alles
auflere geschichtliche Leben abhangig ist, da der Mensch
das, was er geschichtlich vollbringt, aus seinen Gedan-
ken, neben seinen Gefuhls- und Willensimpulsen, her-
vorbringt, so miissen wir uns, wenn wir uns an die tief-
sten geschichtlichen Impulse wenden wollen, an das
menschliche Denken wenden.
Nun aber unterscheidet sich dieses menschliche Den-
ken, wie wir es heute fur die Naturwissenschaft auf der
einen Seite und zur Auswirkung der menschlichen Frei-
heit auf der anderen Seite brauchen konnen, doch in
ganz erheblichem Mafte von dem Denken, das wir in fru-
heren Epochen der Menschheit finden. Gewifi, es werden
sich manche Menschen finden, die sagen: Denken ist
Denken, ob es nun auftritt bei John Stuart Mill oder bei
Solovjeff, ob es auftritt meinetwegen bei Plato, Aristo-
teles, Heraklit, oder ob es auftritt bei den Denkern des
alten Orients. Derjenige aber, der blofi mit einem ge-
wissen inneren Spiirsinn zunachst einzugehen vermag
auf die Art und Weise, wie Gedanken innerhalb der
Menschheit gewirkt haben, der wird sich sagen: Unser
heutiges Denken ist im Grunde genommen doch etwas
ganz anderes, als das Denken alterer Epochen war. Da-
mit wird ein wichtiges Problem der Menschheitsent-
wickelung beruhrt.
Schauen wir auf unser heutiges Denken hin. Ich wer-
de noch Gelegenheit haben, das, was ich jetzt mehr
geschichtlich entwickle, auch aus der Naturwissenschaft
heraus zu begrunden. Was wir Denken nennen, hat sich
eigentlich herausentwickelt aus der Handhabung der
Sprache. Wer einen Sinn hat fiir das, was in der Sprache
eines Volkes wirksam ist, fiir das, was an Logik in der
Sprache wirkt, an Logik, in die wir uns wahrend unserer
Kindheit hineinleben, und wer dann psychologischen
Sinn genug dazu hat, um das im Leben zu beobachten,
der wird finden, dafi unser heutiges Denken eigentlich
aus dem hervorgeht, was die Sprache aus unserer Seelen-
konstitution macht. Ich mochte sagen, aus der Sprache
losen wir allmahlich die Gedanken und Gedankengesetz-
ma&gkeiten heraus; unser heutiges Denken ist eine Ga-
be des Sprechens.
Aber gerade das Denken, das eine Gabe des Spre-
chens ist, das ist dasjenige Denken, das in der zivilisier-
ten Menschheit gw& geworden ist seit den Tagen des
Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno, das grofi
geworden ist in den Zeiten, in denen die Menschheit vor-
zugsweise ihre Aufmerksamkeit der Naturbetrachtung
im modernen Sinn zugewendet hat. Das Denken, das
auf Beobachtung und Experiment angewendet wird, das
mufi, ich mochte sagen, so vertraut mit uns leben, dafi
wir das, was wir mit der Sprache uns aneignen als ein all-
gemeines Volksgut, ideell so verfeinern, dafi es in uns
zum ideellen Gedanken wird, durch den wir dann die
Aufienwelt ergreifen.
Aber wir brauchen nur eine im Verhaltnis zur gesam-
ten Menschheitsentwickelung kurze Zeitspanne zuruck-
zugehen, und wir finden etwas ganz anderes. Wir gehen
zum Beispiel zuriick bis zum Griechentum. Wer sich
hineinzuversetzen weifi in das, was in der griechischen
Kunst, in der griechischen Dkhtung, in der griechischen
Philosophie wirkte, was iiberhaupt zu uns heriibertont
aus dem Griechentum, der findet - auf ganz empirische
Weise ist das moglkh -, daft der Grieche noch das, was
Gedanke war, innig mit dem Worte verwoben erlebte.
Gedanke und Wort waren eines. Man sprach, indem
man den Logosbegriff entwickelte, von etwas anderem,
als wovon wir sprechen, wenn wir von dem Gedanken
oder der Gedankenverbindung sprechen. Man sprach
von dem Gedanken so, daft dieser Gedanke das sprach-
lkhe Element zu seiner selbstverstandlichen Korperlich-
keit hatte. Ebensowenig wie wir in der physischen Welt
uns unsere Seele raumlich abgetrennt denken konnen
vom physischen Organismus, ebensowenig sonderte sich
fur das griechische Bewufttsein der Gedanke vom Wort.
Man fuhlte die beiden durchaus als ein Einheit, und auf
den Wogen der Worte stromte der Gedanke dahin.
Das aber bedingt auch eine ganz andere Stellung des
Menschen in seinem Bewufttsein zur Auftenwelt, als die
unsrige ist mit dem Gedanken, der sich bereits vom
Worte losgelost hat. Und so miissen wir, wenn wir in das
Griechentum zuriickgehen, im Grunde genommen uns
eine ganze andere Seelenstimmung aneignen, wenn wir
eindringen wollen in die wirklichen Erlebnisse der grie-
chischen Seele. Deshalb aber auch nimmt sich alles das,
was im Griechentum zum Beispiel als Wissenschaft her-
vorgebracht worden ist, fur die heutigen Anforderungen
nicht mehr als Wissenschaft aus. Der heutige Natur-
forscher wird sagen: Die Griechen haben ja keine Natur-
wissenschaft gehabt; sie hatten eine Naturphilosophie.
Und damit hat er recht. Aber das Problem ist damit
eigentiich nur, ich mochte sagen, im Viertel seines We-
sens ergriffen. Hier liegt etwas viel Tieferes zugrunde.
Und das, was da zugrunde liegt, konnen wir erst wieder
erforschen mit einer geistigen Anschauung.
Wenn wir uns des Denkens, das nun einmal heute fur
die Naturforschung besonders geeignet ist, in das wir uns
heute hineinschulen durch die Vererbung und Erzie-
hung, wenn wir uns dieses Denkens bedienen und das
ausbilden, was wir wissenschaftliche Vorstellungen nen-
nen, dann trennen wir diese wissenschaft lichen Vorstel-
lungen nach dem Wesen unseres Bewufitseins streng ab
von dem, was wir kunstlerisches Erleben nennen, und von
dem, was wir religioses Erleben nennen. Das ist gerade ein
Grundcharakteristikon unserer Zeit, dafi der moderne
Mensch in einem gewissen Sinne eine Wissenschaft for-
dert, die nichts aufnimmt von irgendeiner kiinstlerischen
Gestaltung, irgendeiner kiinstlerischen Anschauung,
und auch nichts aufnimmt von dem, was Gegenstand des
religiosen Bewufkseins, der religiosen Hingabe an Welt-
lichkeit und Gottlichkeit sein will. Wir miissen sagen,
das ist ein Charakteristikon unserer gegenwartigen Zivi-
lisation. Und wir finden immer mehr und mehr dieses
Charakteristikon ausgepragt, je weiter wir nach Westen
gehen und dort den Grundcharakter der menschlichen
Zivilisation priifen. Das ist das Charakteristikon, daft der
moderne Mensch als nebeneinanderstehend in seiner
Seele hat Wissenschaft, Kunst und religioses Leben. Und
er bemuht sich ja, einen besonderen Wissensbegriff zu
bilden, die Kunst durchaus nicht iibergreifen zu lassen in
die Wissenschaft, die Phantasie auszuschalten aus allem,
was «wissenschaftlich» ist mit Ausnahme dessen, was auf
Erfindungen abzielt; und dann eine andere Art von
Glaubensgewifiheit geltend zu machen, die insbesondere
im religiosen Leben ihre Rolle spielen soli.
Wenn man in dem Sinn, wie ich es charakterisiert
habe, versucht, zu einer geistigen Anschauung aufzu-
steigen, dann kommt man, indem man durchaus von
dem geschulten naturwissenschaftlichen Denken der Ge-
genwart ausgeht, zu dem, was ich charakterisierte als ein
lebendiges Denken, als ein bildhaftes Denken. Mit die-
sem bildhaften Denken fuhlt man sich nun auch gerii-
stet, dasjenige, ich mochte sagen, wie mathematisch,
aber jetzt qualitativ, zu begreifen, was mit der gewohnli-
chen Mathematik und Geometrie nicht zu begreifen ist:
das Lebendige. Mit dem lebendigen Gedanken fuhlt
man sich geeignet, das Lebendige zu ergreifen.
Indem dasjenige, was, sagen wir, in blofien chemi-
schen Verbindungen der unorganischen Welt wirkt, von
uns iiberschaut wird, ist - wenn ich mich jetzt popular
aussprechen darf - das, was da wirkt an Stoffen und
Kraften, in einem mehr oder weniger labilen Gleichge-
wicht. Immer labiler und labiler wird das Gleichgewicht,
immer komplizierter und komplizierter wird das Inein-
anderwirken, je mehr wir heraufsteigen zum Lebendi-
gen. Und in demselben Maite, wie das Gleichgewicht
labiler wird, entreifit sich das lebendige Gebilde der
quantitativen Erfahrung; und erst dem lebendigen Ge-
danken wird es so zuganglich, dafl er sich mit dem leben-
digen Gebilde so verbinden kann wie der mathematische
Gedanke mit dem leblosen. Dadurch aber gelangen wir -
ich habe schon in einem der friiheren Vortrage darauf
hingewiesen, dafi ich damit eigentlich fur viele heutige
Denker etwas Horribles sage -, dadurch gelangen wir
herauf zu einem Erkenntnisstandpunkt, der kontinuier-
lich uberfiihrt das gewohnliche, logische, abstrakte Den-
ken in eine Art kiinstlerischen Denkens, in eine Art
kiinstlerischer Anschauung, die aber durchaus innerlich
so exakt ist, wie nur jemals die Mathematik oder Mecha-
nik exakt sein konnen.
Ich weifi, wie sehr man davor zuriickschreckt von sei-
ten des modernen Wissenschaftsgeistes aus, dasjenige,
was exakt sein will, uberzufiihren in das Kunstlerische, in
das, was sich, indem die Qualitat mitwirkt, im Menschen
zu einer Art qualitativen Mathesis gestaltet. Abet was
niitzt denn alie Erkenntnistheorie, die da deklamiert,
daft wir zu einer Erkenntnis der Objektivitat doch nur
kommen konnten, wenn wir von Schluflfolgerung zu
Schlufifolgerung fortschreiten und uns ja hiiten miilken,
irgend etwas von einem solchen kiinstlerischen Wesen in
die Erkenntnis einzubeziehen, wenn die Natur, die
Wirklichkeit auf einer gewissen Stufe eben kunstlerisch
wirkte, so daft sie sich nur einem kiinstlerischen Erkennen
ergeben wiirde.
Insbesondere gelangen wir nicht zu dem, was den
menschlichen Organismus so von innen heraus gestaltet,
wie ich das vorgestern beschrieben habe - was als eine Art
erster iibersinnlicher Mensch in uns wirkt -, wenn wir
nicht dasjenige, was zusammenfugendes Denken ist, in
eine Art kunstlerische Gestaltung einlaufen lassen, wenn
wir nicht aus einer qualitativen Mathematik heraus die
menschliche schaffende Gestalt nachschaffen konnen.
Wir brauchen nur beizubehalten den Geist der Wissen-
schaftlichkeit und aufzunehmen den Geist des Kiinst-
lerischen.
Kurz, wir miissen aus dem, was wir heute Wissen-
schaft nennen, indem wir den ganzen Wissenschaftsgeist
aufrecht erhalten, ein kiinstlerisches Anschauen gebaren.
Dann aber, wenn wir das tun, nahern wir uns der Ver-
sohnung von Wissenschaft und Kunst, wie sie Goethe
geahnt hat, indem er einen Ausspruch tat wie diesen:
«Das Schone ist eine Manifestation geheimer Naturgeset-
ze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig waren verbor-
gen geblieben.» Goethe wulke gar wohl: Wenn man da-
bei bleibt, mit den Gedankenformen die Natur oder die
Welt iiberhaupt begreifen zu wollen, welche sich als die
gesunden und richtigen fur die unorganische Welt her-
ausstellen, so ergibt sich einfach nicht die Gesamtheit
der Welt. Und nicht eher wird man den Ubergang fin-
den von der Wissenschaft des Unorganischen zu der des
Organischen, ehe man nicht die abstrakte Erkenntnis in
die innerlich belebte Erkenntnis, die zu gleicher Zeit ein
inneres Schalten und Walten ist, iiberfuhren wird.
Indem wir uns so innerhalb des modernen Geistes-
strebens hinwenden zu einer Erfassung des Lebendigen,
nahern wir uns aber dem, was nun nicht in solcher Be-
sonnenheit und Bewufitheit, nach denen wir streben,
aber eben instinktiv vorhanden war im griechischen Be-
wufttsein. Und niemand begreift in Wirklichkeit, was
sich noch bei Plato, aber insbesondere bei den vorsokrati-
schen Philosophen aufierte, wenn er nicht gewahr wird,
daft da noch ein Zusammenwirken des kunstlerischen
Elements im Menschen mit dem philosophisch-wissen-
schaftlichen vorhanden war. Erst am Ausgang des Grie-
chentums, philosophisch gesprochen etwa bei Aristo-
teles, wird der Gedanke abgetrennt, der aus der Sprache
heraus geboren ist und der dann spater, indem er sich
uber die Scholastik entwickelt, zum naturwissenschaftli-
chen Gedanken wird. Erst im spateren Griechentum
wird der Gedanke herausgeschalt. Das altere Griechen-
tum hat den Gedanken als kunstlerisches Element. Und
griechische Philosophie ist im wesentlichen auch nur
zu verstehen, wenn sie zu gleicher Zeit mit kiinstleri-
schem Sinn ergriffen wird.
Das aber fiihrt uns iaberhaupt dazu, in dem Grie-
chentum zu sehen diejenige Zivilisation, die Wissen-
schaft und Kunst noch ungetrennt hat. Das drikkt sich
aus sowohl in der Kunst wie in der Wissenschaft selber.
Ich kann natiirlich jetzt nicht auf alle Einzelheiten ein-
gehen. Aber studieren Sie mit gesundem Menschensinn
und mit einem gesunden, geistdurchdrungenen Auge,
was die griechische Plastik ist, so werden Sie flnden, daft
der Grieche nicht in dem Sinn, wie das heute geschieht,
nach dem Modell arbeitete, daft der Grieche, indem er
plastisch arbeitete, aus einem inneren Erleben heraus ar-
beitete. Indem er den Muskel, den gebeugten Arm form-
te, die Hand formte, formte er nach, was er in seinem In-
nern erfuhlte. Seinen inneren, lebendigen zweiten Men-
schen, ich mochte sagen, diesen atherischen Menschen,
den fuhlte er; seelisch durchlebte er sich und fuhlte so
die Begrenzung nach auften. Das, was er innerlich erlebte,
ging in die Plastik iiber. Die Kunst war eine Offenbarung
dessen, was so geschaut wurde. Und dieses Schauen, das
hiniibergetragen wurde in diesen in der Sprache leben-
den Gedanken, wurde zur Wissenschaft, die noch einen
kiinstlerischen Charakter hatte dadurch, daft sie eins war
mit dem, was griechischer Sprachgeist dem Griechen
offenbarte.
Und so treten wir ein mit dem Griechentum in eine
Welt, die sich uns erst wiederum erschliefit, wenn wir sel-
ber aufsteigen aus unserer von der Kunst getrennten
Wissenschaft zu einer Erkenntnis, die wiederum iiber-
flieftt ins kunstlerische Element. Ich mochte sagen, was
wir spater entwickeln in voller Besonnenheit, das war frii-
her einmal da in einem instinktiven Erleben. Und wir
konnen ja geradezu sehen, wie sich innerhalb des ge-
schichtlichen Lebens dieses Zusammenleben von Kunst
und Wissenschaft dann hinuberwandelt in das, was in
unserer Zeit vorhanden ist: die vollige Trennung von
Kunst und Wissenschaft.
Als die Menschheit sich durch das Romertum hin-
durch in das Mittelalter hinein entwickelte, ging die Er-
ziehung, die Bildung zu einer hoheren Stufe derMensch-
heitskultur von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus,
als das spater der Fall war. Spater , im naturwissenschaft-
lichen Zeitalter, kam es hauptsachlich darauf an, die Er-
gebnisse dessen, was aus der Beobachtung und dem Ex-
periment gewonnen wird, dem Menschen mitzuteilen.
Wir leben ja fast davon in unserer Bildung, dafi wir uns
Ergebnisse, die aus der Beobachtung, aus dem Experi-
mentieren genommen sind, aneignen. Schauen wir hin
auf die Zeit, in der sich noch eine gewisse Fortwirkung
des Griechentums zeigte, so sehen wir, wie da auch in
der wissenschaftlkhen Ausbildung noch etwas vorhan-
den war, was naher an den Menschen heranruckte, was
mehr auf die Ausbildung eines Konnens im Menschen
hinwirkte. Wir sehen, wie im Mittelalter der Auszu-
bildende durchgehen mufite durch die sogenannten sie-
ben freien Kiinste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik,
Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Es kam
auf ein Konnen an. Was man werden sollte als Wissen-
schafter, das erwarb man sich durch die sieben freien
Kiinste, die aber durchaus schon auf dem Wege waren,
Erkenntnis und Wissenschaft zu werden, wie das spater
dann geschehen ist.
Und man kann ja sehen, wenn man die heute so viel
verponte scholastische Philosophic des Mittelalters stu-
diert, wie gerade diese Scholastik, die auf dem Ubergang
von alten Zeiten zu den unsrigen steht, eine wunderbare
Ausbildung der Begriffskunst ist. Man mochte den mo-
dernen Menschen nur wunschen, daft sie etwas von der
Scholastik in skh aufnahmen, die in den besten Zeiten
des Mittelalters iiblich war, die eine Denktechnik und
Denkkunst in den Menschen heranzog. Man braucht das
gerade, wenn man zu festumrissenen Begriffen, zu de-
nen wk kommen miissen, kommen will. Indem man nun
aber von dem heutigen Standpunkt ausgeht, der Wissen-
schaft, Kunst und Religion streng voneinander trennt,
und durch das Mittelalter nach aufwarts steigt in der
Menschheitsentwickelung, nahert man sich dem Grie-
chentum, wo, je weiter und weker man zuriickgeht, man
sich desto mehr und mehr davon iiberzeugt, dafi Wissen-
schaft und Kunst in eins verschmolzen sind.
Aber noch immer steht im Griechentum da eine von
Wissenschaft und Kunst getrennte Erscheinung: das reli-
giose Leben. Es kommt an den Menschen auf eine ganz
andere Weise heran als das wissenschaftliche oder kunst -
lerische Erleben. Was in Kunst und Wissenschaft lebt,
lebt im Raum und in der Zeit als Objekt; der Inhalt des
religiosen Bewufitseins ist jenseits von Raum und Zeit.
Das gehort der Ewigkeit an, das gebiert zwar Raum und
Zeit aus sich, aber wir kommen ihm nicht nahe, wenn
wir innerhalb von Raum und Zeit stehenbleiben.
Was Geisteswissenschaft, allerdings in einem viel ge-
naueren Sinn, heute iiber diese Dinge entwickeln mufi,
kann man auch aus den aufteren Dokumenten ersehen.
Und ich mochte immer wieder hinweisen auf ein gerade
in Osterreich erschienenes, in dieser Beziehung aufier-
ordentlich brauchbares Werk, auf die «Geschichte des
Idealismus» von Otto Willmann, ein Buch, das beson-
ders hervorragend ist iiber viele Bucher, die ahnliche Pro-
bleme in der Gegenwart behandeln. Man kann unbefan-
gen urteilen iiber solche Dinge, wenn sie auch aus ent-
gegengesetzten Anschauungen hervorgehen, wenn sie
nur hinfiihren zu etwas, was das Geistesleben fordert.
Im Griechentum steht da jene Einheit von Kunst und
Wissenschaft und auf der anderen Seite jenes religiose
Leben, an das sich der Grieche hingibt, das er allerdings
in der Volksreligion in Bildern ausgestaltet, in der Myste-
rienreligion aber durch die Einweihung in vertieftem
Sinn erhalt. Aber iiberall konnen wir sehen, daft in die
Seelenkrafte, die sich in Wissenschaft und Kunst ent-
wickeln, das Religiose nicht hereinspielt, sondern dafi das
Seelenleben, um ins religiose Leben zu kommen, erst in
jene fromme Stimmung, in jene All-Liebe kommen
murl, in der erfaik werden kann, was sich aus dem Gott-
lich-Geistigen iiberhaupt offenbart und mit dem sich der
Mensch in religioser Hingabe vereinigen kann.
Gehen wir aber hiniiber zu dem Orient. In je altere
Zeiten wir zuruckgehen, desto mehr finden wir, dafi es
mit dem geistigen Leben wiederum etwas ganz anderes
ist. Und auch da kann uns das fiihren, was wir selbst
innerhalb der modernen Geistesschulung uns erringen:
Wenn wir von dem Erleben des lebendigen Begriffs zu
jenen innerlichen Schmerzen und Leiden aufsteigen, die
wir uberwinden miissen, damit wir ganz Sinnes- bezie-
hungsweise Geistesorgan werden als ganzer Mensch und
aufhdren, im blofien physischen Leib die Welt zu erf ah -
ren, indem wir unabhangig vom physischen Leib in der
Welt drinnenstehen, dann stehen wir so in der Welt, dar]
wir lernen, aufierhalb von Raum und Zeit eine Wirklich-
keit zu erleben. Da erleben wir dann auch die Wirklich-
keit des Geistig-Seelischen, wie es hereinwirkt in das
Zeitliche, in der Art, wie ich es geschildert habe. Aber
wenn wir die Geistesschau erringen, die errungen wird
durch die Uberwindung von Schmerz und Leid im In-
nern, haben wir damit schon etwas von dem Element in
die Erkenntnis hereingebracht, das in ganz kontinuier-
licher Weise die Erkenntnis hineinfuhrt, indem sie als
wirkliche Erkenntnis, als wirkliches Wissen dem Geiste
nach aufrecht bleibt, in das religiose Erleben. Und in-
dem wir das, was aus alten Zeiten in ehrwiirdigen tradi-
tionellen Vorstellungen als Religionsinhalt geblieben ist,
erleben, erleben wir auch Neueres von einem ahnlichen
geistigen Inhalt wiederum, wenn wir uns hinaufringen
zu einem solchen Erkennen, das nun leben kann in der
Sphare der religiosen Frommigkeit.
Dann aber verstehen wir erst, aus welchen mensch-
lichen Tiefen heraus das entsprungen ist, was in der Welt
des alten Ostens gelebt hat als eine Einheit nun von Reli-
gion, Kunst und Wissenschaft. Die waren einmal eine
Einheit. Was der Mensch erkannte, was er aufnahm in
seine Ideenwelt, das war eine andere Seite dessen, was
er vor sich hinst elite, damit es in kunstlerischer Schon -
heit auf ihn herabstrahle; und was er also erkennend
erfafite und in Schonheit erstrahlen liefi, war auch ein
Geistiges, dem er seine Kultushandlungen darbrachte,
demgegeniiber er sich auch mit seinem Tun bewegte
als hingegeben an eine hohere Ordnung. Religion,
Kunst, Wissenschaft sehen wir hier als eine Einheit ver-
wirklicht.
Das fuhrt uns aber zuriick in eine Zeit, in der der
menschliche Gedanke selber nicht nur auf den Wogen
des Wortes dahinlebte, sondern wo Erlebnis fur den
Menschen war, dafi der Gedanke in noch tieferen Regio-
nen lebte als das Wort selber, dafl der Gedanke verbun-
den war mit der innigsten Faserung dessen, was mensch-
liche Natur ist. Daher holte der indische Jogi die Gedan-
ken aus dem Atmen heraus, aus dem was tiefer begriin-
det ist als das Wort. Der Gedanke hat sich erst nach und
nach zum Wort erhoben und dann iiber das Wort hinaus
in der modernen Kultur. Der Gedanke war aber ur-
spriinglich mit intimerem, .tieferem menschlichen Er-
leben verbunden, und das war in der Zeit, wo sich die
Einheit des religiosen, kiinstlerischen und wissenschaft -
lichen Lebens in einer durchgreifenden Harmonie ent-
falten konnte.
Von dem, was ich Ihnen so schildern konnte als har-
monische Einheit von Religion, Kunst und Philosophic,
wie sie uns etwa in den Veden als Richtung entgegentritt,
von dem ist heute ein Nachklang im Orient driiben vor-
handen. Aber ein Nachklang, den wir verstehen miissen,
den wir nicht leicht verstehen, wenn wir uns blofi zu dem
erheben, was in der westlichen Kultur lebt als Trennung
von Religion, Kunst und Wissenschaft, den wir aber im
vollen Sinn des Wortes verstehen, wenn wir uns durch
eine neuere Geisteswissenschaft aufschwingen zu einer
Anschauung, die wiederum eine Harmonie von Religion,
Kunst und Wissenschaft hervorbringt. Aber wir haben
im Orient noch die Oberreste von jener alten Einheit vor
uns. Schauen wir hiniiber: selbst da, wo er nach Europa
heriiberwirkt, haben wir das in einem Nachklang noch
vor uns. Was eine fruhere geschichtliche Epoche war, das
ist in einer gewissen Weise auf einem gewissen Fleck der
Erde noch Gegenwart geblieben. Und wir konnen diese
Gegenwart an einem grofien Philosophen des euro-
paischen Ostens, an Solovjeff, wahrnehmen.
Dieser Philosoph der zweiten Halfte des 19. Jahr-
hunderts wirkt auf uns in einer ganz besonderen Art.
Wenden wir uns den Philosophen des Westens zu, John
Stuart Mill oder Herbert Spencer oder anderen, so finden
wir, daft ihr Standpunkt herausgewachsen ist aus dem
naturwissenschaftlichen Denken, das ich heute beschrie-
ben habe. In Solovjeff lebt aber noch etwas, was Reli-
gion, Kunst und Wissenschaft wie als eine Einheit dar-
stellt. Man sieht alierdings, wenn man sich an die Lek-
tiire von Solovjeff heranmacht, dafi er wie eine philo-
sophische Sprache dasjenige beniitzt, was sich bei Kant,
bei Comte findet; er beherrscht die Ausdrucksformen
dieser westlichen und mitteleuropaischen Philosophen
vollstandig, Lebt man sich aber in seinen Sinn ein, in das
was er durch diese Ausdrucksformen ausspricht, dann er-
lebt man ihn anders. Man hat bei ihm ein historisches
Gefuhl: er kommt einem vor wie ein Mensch, der wieder
auferstanden ist aus den Diskussionen heraus, die vor
dem Konzil von Nicaa gepflogen worden sind. Man fiihlt
formlich den Ton, der in den Diskussionen der ersten
christlichen Vater herrschte, und es lebte in diesen ersten
christlichen Jahrhunderten durchaus noch ein Nachklang
von der Einheit von Religion und Wissenschaft - diese
Einheit, wo auch der Wille noch mit dem Denken zu~
sammenfliefit. Das alles stromt und wellt durch Solov-
jeff s osteuropaische Weltanschauung.
Und wenn wir heute auf das hinschauen, was uns als
Kultur und Zivilisation umgibt, so finden wir, dafi wir in
den mehr westlichen Gegenden eben jene Trennung von
Religion, Kunst und Wissenschaft haben, dafi aber das,
was so recht unserem historischen Augenblick angehort,
was so recht das ist, aus dem heraus wir wirken und die
Gebilde der Welt pragen miissen, jene Wissenschaft ist,
die auf dem zuerst geschilderten naturwissenschaftlichen
Denken streng aufgebaut ist, wahrend wir in den Kunst-
stilen und Religionsinhalten altes Traditionelles iiber-
nehmen. Wir sehen heute, wie wenig produktiv die
Kunst in neuen Stilformen ist, wie uberall alte Stilfor-
men aufleben. Dasjenige, was in unserer Zeit lebendig
ist, ist das, was im wissenschaftlichen Gedanken lebt.
Wir miissen erst eine Zeit abwarten, die in der Weise,
wie ich es geschildert habe, das belebte, imaginative
Denken hat, das wiederum zum Lebendigen fuhrt, das
wiederum auch in neuen Stilformen kiinstlerisch un-
mittelbar schopferisch werden kann, ohne daft es stro-
hern, allegorisch, unkiinstlerisch wird.
Wir sehen also den wissenschaftlichen Gedanken als
den treibenden Impuls der unmittelbaren Gegenwart,
und um so mehr, je mehr wir nach Westen kommen.
Und wir sehen im Osten einen Nachklang dessen, was
Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft war.
Dieses religiose Grundelement, diese Nuance haben
die Osteuropaer im Gemiit. Sie schauen mit dieser
Grundnuance in die Welt hinein. Den Westen konnen
sie nur auf dem Umweg iiber eine solche geistige Entwik-
kelung verstehen, wie sie hier bei unserer geisteswissen-
schaftlichen Bewegung vorliegt; ein unmittelbares Ver-
standnis fur den Westen haben sie nicht, well man gerade
im Westen reinlich das Religiose und das Kunstlerische
vom wissenschaftlichen Gedanken abgren2en will.
Und in der Mitte - wir konnen uns dem nicht ver-
schlieften -, da mufi der Mensch die auftere Sinneswelt
sich aufdrangen lassen und den Gedanken erleben, der
sich fur die aufiere Sinnenwelt eignet; er kann aber nicht
anders als zuriickblicken auf sich selber und sein Inneres
erleben, und fur das Innere braucht er das religiose Er-
leben. Ich mochte aber sagen, tiefer verborgen in der
menschlichen Natur als das religiose Erleben, das man im
Innern braucht, und das wissenschaftliche Erleben, das
man fur die Beobachtung der Aufienwelt braucht, ist das
Bindeglied zwischen beiden, das kunstlerische Erleben.
Dieses kiinstlerische Erleben ist daher auch etwas, was
heute im Leben so dasteht, dafl es nicht in erster Linie als
Anforderung an das Leben geltend gemacht wkd. Wir
sehen, wie skh die westliche Kultur mit Wissenschafts-
gedanken tragt und die osthche Kultur mit religiosen
Gedanken. Wir sehen, wie wir in einer kunstlerischen
Kultur drinnenstehen, wie wir uns aber nicht voll in sie
einleben konnen, wie die kiinstlerische Kultur vielfach
Renaissance ist. Dennoch aber mufi man sagen, die
Sehnsucht nach einem solchen Ausgleich ist in der Mitte
zwischen Ost und West durchaus vorhanden. Und wir se-
hen sie, wenn wir etwa hinblicken gerade auf Goethe.
Was war denn Goethes grofte Sehnsucht, als er, ich
mochte sagen, aus unmittelbar kunstlerischen Anlagen
heraus vor die Ratsel der Natur gestellt wurde? Sein
Kiinstlersinn formte sich wie selbstverstandlich um zu
seiner wissenschaftlichen Anschauung. Und man mochte
sagen, bei Goethe, dem reprasentativen Mitteleuropaer,
finden wir Kunst und Wissenschaft doch in eins gepragt,
und wir finden es weiter in eins gepragt, wenn wir das
Goethesche Leben in seiner Entwickelung verfolgen und
wenn wir verstehen, Goethe so recht in die Entwickelung
der neueren Zeit hineinzustellen. Goethe lebt sich hin-
ein in dieses Zusammenwirken von Kunst und Wissen-
schaft. So entstand eine nur historisch aufzufassende
Sehnsucht in ihm: der Drang nach Italien, nach siidlicher
Kultur. Und von der Beobachtung der Kunstwerke, die
sich ihm im Stiden darboten, schrieb er seinen Weima-
rischen Freunden etwas, was sich anlehnte an das, was er
dort in Weimar als Philosophic und Wissenschaft ken-
nengelernt hatte. In Spinoza hatte er das gottliche Wal-
ten dargestellt gefunden in philosophischer Weise. Ihm
geniigte das nicht. Er wollte ein erweitertes, ein vergei-
stigteres Hineinleben in die Welt und in die Geistigkeit.
Und im Anblick der sudlichen Kunstwerke schrieb er sei-
nen Freunden: «Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!»
Und: «Ich habe die Vermutung, dafi die Griechen nach
eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur
selbst verfahrt und denen ich auf der Spur bin.» Hier will
Goethe in eins verschmelzen Wissenschaft und Kunst.
Wenn ich zum Schlufi etwas Personliches anfiihre, so
soli es nur aus dem Grund geschehen, um Ihnen anzu-
deuten, wie man an einem einzelnen Symptom die Art
und Weise finden kann, wie die mktlere Welt sich zwi-
schen Ost und West hineinstellen kann. Dieses Symptom
habe ich vor etwa vierzig Jahren hier in Wien erlebt. In
meiner Jugend lernte ich kennen Karl Julius Schroer; er
las dazumal iiber die Geschichte der deutschen Dichtung
sek Goethes erstem Auftreten. In der Einleitungsvorle-
sung sagte er verschiedenes Bedeutungsvolles; aber er
sprach dann ein Wort aus, das so recht charakteristisch ist
fur das mitteleuropaische Sehnen der besten Geister, aus
dem heraus sie, mehr instinktiv, sprachen, Auch Schroer
sprach mehr instinktiv. In der Tat aber dmckte er die
Sehnsucht nach einer Verbindung von Kunst und Wis-
senschaft aus, nach einer Verbindung des westlichen
Wissenschaftsgedankens und des ostlichen Religions-
gedankens in dem kiinstlerischen Schauen, indem er zu-
sammenfalke, was er sagen wollte, in dem fur mkh be-
deutungsvollen Worte: Der Deutsche hat asthetisches
Gewissen.
Damit ist ganz gewi$ nicht eine unmittelbare allge-
meine Realitat ausgesprochen. Aber eine Sehnsucht ist
ausgesprochen, die Sehnsucht danach, zusammenzu-
schauen Kunst und Wissenschaft. Und dann, wenn man
das zusammenschauen kann, dann hat ja ein anderer
Mitteleuropaer, den ich eben charakterisiert habe, die
Empfindung gehabt, die er ausgesprochen hat in scho-
nen Worten: daft man dann, wenn man zusammen-
schauen kann Wissenschaft und Kunst, sich auch zum
religiosen Erleben erheben kann, wenn nur in diesem
Goetheschen Sinn in Wissenschaft und Kunst wirkliche
Geistigkeit gefunden wird. In diesem Sinn hat er das
Wort gesprochen:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.
Wer asthetisches Gewissen hat, kommt auch zur wis-
senschaftlichen und religiosen Gewissenhaftigkeit. Und
das kann uns zeigen, wo wir heute stehen.
Heute, ich spreche nicht gern das oft angefiihrte
Wort von der Ubergangszeit aus, jede Zeit ist eine Uber-
gangszeit, aber heute, in einer Ubergangszeit, kommt es
eben darauf an, worin der Ubergang in der Zeit besteht.
In unserer Zeit erlebten wir, bis zum hochsten Triumph
entwickelt, die Trennung von Religion, Kunst und Wis-
senschaft. Das aber, was gesucht werden muli und was
erst eine Verstandigung flnden lassen kann zwischen Ost
und West, das ist die Harmonisierung, die innere Einheit
von Religion, Kunst und Wissenschaft. Und zu dieser
inneren Einheit mochte die Weltauffassung und Lebens-
anschauung, von der hier gesprochen worden ist und
weiter gesprochen werden wird, fiihren.
VIERTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND WELTENTWICKELUNG
Vom geographischen Standpunkt
Wien, 4. Juni 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wie man die Ver-
haltnisse der Erde schildern kann nach dem Prinzip einer
physischen Geographie, so lasscn sich wohl auch die in
diesen Vortr agen schon mehr oder weniger charakterisier-
ten geistigen Impulse, die iiber die Erde hin wirken, in
einer Art geistiger Geographie schildern - insbesondere
das Zusammenwirken der ostlichen und westlichen Im-
pulse des geistigen Lebens der Menschheit mit all ihren
verschiedenen Differenzierungen. Was in dieser Absicht
heute gesagt werden soli, kann allerdings nur ganz
skizzenhaft geschehen; aber es handelt sich auch mehr
darum, einen besonderen Gesichtspunkt fur mancherlei
zu finden, was hier schon charakterisiert worden ist, als
um eine ganz eingehende Schilderung.
Wenn nach dem Osten geschaut wird - von dessen
Verhaltnis zum Westen so haufig das symbolische Wort
gebraucht wird, das Licht komme aus dem Osten -, dann
erhalt der westliche Mensch, der Mensch der neueren
Zivilisation uberhaupt, doch den Eindruck eines traum-
haften Geisteslebens. Gegeniiber der Gewohnung des
modernen Geisteslebens an scharfumrissene, scharfkon-
turierte Begriffe, an Begriffe, die sich eng anlehnen an
das, was aufierliche Beobachtung werden kann, nehmen
sich die vielfach beweglichen, fluktuierenden, nicht so
unmittelbar an Aufierliches in scharfen Konturen sich
anlehnenden Vorstellungen des Ostens traumhaft aus.
Wobei man allerdings sagen mufi, dafi aus diesem traum-
haften Geistesleben, das sich ja in den herrlkhsten Dich-
tungen, in den Veden, ausgelebt hat, wiederum die
scharfen Begriffe einer umfassenden Philosophic, etwa
der Vedantaphilosophie, sich entwickelt haben; Begriffe,
die nicht gewonnen sind durch Vergleich aufterer Tat-
sachen, durch Analyse; Begriffe, die, ich mochte sagen,
herausgeboren sind aus dem innerlich erlebten, innerlich
ergriffenen Geistesleben.
Wenn dieses traumhafte Geistesleben aber auf uns
wirkt, wenn wir uns mit einer gewissen inneren Liebe
diesem Geistesleben hingeben und zunachst nicht dar-
auf achten, wie sehr es von dem unsrigen verschieden ist,
dann bekommen wir doch einen eigentumlichen Ein-
druck. Man kann namlich bei diesem Geistesleben, wenn
man es, ich mochte sagen, in seinen verschiedenen Kon-
figurationen in der Breite auf seine Seele wirken lafit,
nicht stehenbleiben. Man kann nicht Vorstellungen,
Ideen, die man da empfangt, einfach aufnehmen. In-
dem man solche Vorstellungen, solche Ideen empfangt,
sei es aus der Dichtung, sei es aus der Philosophie des
Ostens, auch aus den Gestaltungen dieser Dichtung, die-
ser Philosophie, die sich als altgewordene im Orient bis
heute erhalten haben, dann bekommt man ein inneres
geistiges Bediirfnis, iiber diese Bilder, iiber diese Ideen,
uber diese Vorstellungen hinauszugehen; und es taucht
vor dem Seelenblick dann etwas auf. Wir konnen oftmals
gar nicht anders, wenn solch eine orientalische Idee auf-
taucht von dem Verhaltnis, wie sich der Mensch nahert
dem Geheimnis und dem geheimnisvollen Schaffen der
Natur und der Welt, wir konnen nicht anders, wenn wir
dieses Bild auf uns wirken lassen, als vor uns im Geiste
das erwachsen zu lassen, was auch dem Orient Symbo-
lum ist fur einen solchen Begriff: die Lotusblume, wie sie
ihre Blatter herumschlingt um das, was geheimnisvoll
verborgen sein soil. Und wenn wir uns mit einiger Liebe
hineinversenken in die vielfach beweglichen Begriffe, in
die Begriffe, welche mehr geeignet sind, die aufleren
Dinge zart zu beriihren und wie mit einem Nebelhauch
zu umgeben, als sie in scharfen Konturen zu fassen, kon-
nen wir nicht anders, wenn wir uns in die Verzweigun-
gen dieser Begriffe, in dieses sich Verschlingende hinein-
versetzen, als vor unserer Seele auftauchen zu sehen die
ganze sich verschlingende, verastelnde Vegetation des
Orients und auch alles das, was dann die menschliche
Hand, der menschliche Geist und die Kultur aus Steinen
und anderen Arbeitsprodukten hervorgebracht hat im
Sinne dieser verflieftenden, sich verzweigenden Begriffe.
Man darf sagen: die Seele kann gar nicht anders, wenn
sie sich in diese Vorstellungen, in diese Begriffe vertieft,
als vor sich eine Natur aufgehen zu sehen, die in ihrem
Leben, in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit, in ihrem phan-
tasievollen Wirken dem ahnlich ist, was von der Seele in
den Begriff en, in den Vorstellungen dieses orientalischen
Geistesschaffens erlebt wird.
Mir scheint kein aufterer Anlafi vorhanden zu sein,
von diesem Geistesschaffen zu einer «getreulichen Natur-
beobachtung» uberzugehen, sondern es scheint mir, dafi
in den orientalischen Vorstellungen und Begriffen selber
die Impulse liegen dafiir, sie nicht einfach hinzuneh-
men, sondern sie anzuwenden auf die aufiere Welt. Und
wenn vielleicht die Europaer das Gefuhl haben: das lalk
sich nicht alles auf die aufiere Welt anwenden - eben
wegen seiner Verschwommenheit, wegen seines ihnen oft-
mals phantastisch erscheinenden Charakters -, dann darf
man fragen: Ja, wie soil man denn mit scharfkonturierten
Begriffen den fluktuierenden, in den mannigfaltigsten
Formen schnell wechselnd erscheinenden Wolkenge-
bilden folgen? Solchen Gebilden aber mufi man auch
folgen in bezug auf das Schaffen der Natur, wenn man
dieses Schaffen im unmittelbaren Offenbaren, wie es sich
hinstellt vor die menschlichen Sinne und die mensch-
liche Seele, beobachten will.
Warum ist dies so? Mir scheint, es kann keinen ande-
ren Grund dafur geben als den, dafi einfach in dem, was
da von diesem ostlichen Geistesschaffen zu uns heriiber-
tont, ein Element lebt, aus dem es einstmals unmittelbar
geschaffen wurde.
In der Zeit, als der Orientale gerade das Grofiartigste
seiner Weltanschauung ausbildete, das sich dann auf die
Nachkommen vielfach in dekadentem Zustand iibertra-
gen hat, schuf der Osten alles mit hingebender Liebe. In
jeder seiner Ideen, in jedem seiner Begriffe und seiner
Bilder lebt die Liebe, und die Liebe verspuren wir in die-
sen Ideen, in diesen Begriffen und Bildern. Die Liebe
will.ausfliefien in die Objekte. Und sie fliefk naturge-
mafierweise aus und zaubert das vor unser Seelenauge
hin, was der Orientale auch an Symbolen hinstellte - mit
innigem Verstandnis von manchem, was ubersinnlich
wirkt -, wenn er hinstellen wollte, was er als Geistiges in
den Dingen empfand. Selbstverstandlich soli damit nicht
behauptet werden, daft eine solche Geisteskonfiguration,
etwa uber die ganze Erde ausgebreitet, der Weltent-
wickelung zum vollen Segen gereichen konne. Aber da
sie einmal an einem Fleck der Erde aufgetaucht ist und
vielfach ihre Wirkung ausgegossen hat uber andere
Gebiete des Erdenlebens, so mufi sie eben gerade in ei-
nem Zeitalter, wo Verstandigung unter den Menschen her-
beigefiihrt werden soli, unbefangen ins Auge gefaflt
werden.
Stellen wir dagegen dasjenige, was ganz gewifi nicht
mit minderer Berechtigung, aber in ganz anderer Ge-
stalt, mehr nach dem Westen hin - und wir leben auch
in dieser Beziehung durchaus vielfach in diesem Westen
drinnen - als eine besondere Anschauung sich entwickelt
hat. Da sehen wir, wie als ein Ideal betrachtet wird und
betrachtet werden mull, da$ man sich gerade zuriickzieht
vor dem, was unmittelbar die Sinne beobachten, was
ausgebreitet da draufien im Raum und in der Zeit liegt,
und dafi man das, was die Natur darbietet, was zum
Weltgeheimnis fiihren soil, nach raumlicher Lage, nach
Bewegung, nach Mafi und Gewicht priift, dafi man das,
was sich unmittelbar dem Auge darstellt, zerschneidet,
unter das Mikroskop nimmt und dann sich Vorstellungen
bildet, die sich eben nur unter dem Mikroskop ergeben
konnen.
Verse tz en wir uns nur einmal recht in unsere Labor a-
torien: wie wir dann ausgerustet sind mit diesen Begrif-
fen, die im Grunde genommen ganz abseits von der un-
mittelbaren Beobachtung gewonnen werden. Wie be-
trachten wir heute das durch die Welt flutende Licht!
Wie betrachten wir es mit abgezogenen Begriffen! Sie
mtissen ja sein, sonst wiirden wir nicht zum Verstandnis
kommen. Aber wie weit ist das entfernt, was wir in unse-
rem geistigen Schaffen von dem Licht und den Farben
vielfach verzeichnet finden, von dem, was uns entgegen-
tritt in Wald und Wiese, in Wolkengebilden, bei der
Sonne. Wir konnen sagen, das, was wir ausbilden in un-
seren scharfkonturierten Begriffen mit der Waage, mit
dem Mafistab, mit den verschiedensten Arten von Zahl-
apparaten und so weiter, was uns in gewisse Untiefen des
Naturdaseins hineinfuhrt und manches Ratsel lost, das
bringt uns zunachst nicht an die unmittelbare Natur-
beobachtung heran. Man kann gut sagen, der Mensch
wende seine Aufmerksamkeit der Sinnesbeobachtung zu
und versuche dann, aus der Sinnesbeobachtung seine
Weltanschauung zu gewinnen. Das ist ja im Grunde ge-
nommen gat nicht der Fall. Wek entfernt ist das, was wir
als wissenschaftliche Weltanschauung begriinden, von
dem, was die Sinne beobachten.
Wir miissen eigentlich sagen: Wenn wir, mit dem
Rustzeug unserer Wissenschaft - mit dem wir vielleicht
gerade die schonsten Fruchte unserer gegenwartigen Na-
turwissenschaft gewonnen haben - ausgestattet, unsere
Erkenntnis begriinden, dann miissen wir, wenn wir
wiederum an die Natur herankommen wollen, erst etwas
in unserer Seele umschalten. Sind wir Botaniker, haben
wir viel mikroskopiert, haben wir das Leben der Zellen
kennengelernt, haben wir uns Vorstellungen gemacht
aus der atomisierenden Art von heute, dann miissen wir
in der Seele etwas umschalten, um wiederum Liebe zu
haben zu der unmittelbaren bliihenden und griinenden
Pflanzenwelt. Wir miissen, wenn wir uns eine natur-
wissenschaftliche Vorstellung gemacht haben vom Bau
des Tieres und des Menschen, etwas in uns wiederum
umschalten, wenn wir vordringen wollen zur unmittelba-
ren Beobachtung der tierischen Gestalt und Tatigkeit,
wenn wir uns freuen sollen, wie sich das Tier auf der
Wiese tummelt, oder wenn es uns seinen melancholi-
schen oder stieren Blick zuwendet oder uns zutraulich
anschaut. Ebenso miissen wir etwas in unserer Seele um-
schalten, wenn wir uns hineinversetzen wollen in das,
was das Auge schauen kann, indem es den Blick richtet
auf die menschliche Gestalt, die Flachengestaltung ver-
folgt mit kunstlerischem Blick und so weiter. Der Orien-
tate braucht nicht umzuschalten. Das was er seine Wis-
senschaft nannte, fiihrte ihn, indem er es von Liebe
durchseelt erlebte, hinaus zu der unmittelbaren An-
schauung. Die war ganz unmittelbar das Echo dessen,
was er in der Seek erlebte.
Das sind Stimmungsunterschiede in der Welt- und
Lebensauffassung in Ost und West. Und diese Stim-
mungsunterschiede wirken in dem Menschen der Mitte
in der mannigfaltigsten Weise zusammen. Denn in dem,
was wir in unserer Seele wissenschaftlich, kiinstlerisch,
religios erleben, da flutet vieles von jener Stimmung, die
ich eben ein wenig zu charakterisieren versuchte als die
aus dem Orient heniberwehende. In anderer Beziehung
waltet aber in uns wiederum etwas von dem Welt-
erleben, das entziindet ist von jener Wissenschaftlich-
keit, die der Westen ausgebildet hat, die, ich mochte
sagen, eine junge Wissenschaftlichkeit und Erkenntnis
ist gegeniiber der altgewordenen des Ostens. Und in je-
der Seele der mittleren Zivilisation fluten diese beiden
Stromungen zusammen. Im Grunde genommen ist das
Leben, das uns gerade in Europa umgibt, ein Zusam-
menfluten, ein solches Zusammenfluten, dafi wir heute
gar sehr notig haben, mit vollem Verstandnis hinein-
zuschauen in das, was da zusammenflutet.
Man kann noch in anderer Weise charakterisieren, wie
die Stimmungen des Ostens und des Westens einander
in unserem gegenwartigen Geistesleben beriihren.
Aus dem eben fur den Osten Geschilderten geht fur
den Orientalen eines hervor. Indem er sich in sein Gei-
stesleben einlebt, erlebt er dieses Geistesleben als un-
mitteibare Realitat, er tragt es unmittelbar in seiner Seele
als die ihm selbstverstandliche Wirklichkeit. Dann er-
scheint ihm die auftere Natur, uberhaupt die ganze au-
fiere Welt bis zu den Sternengebilden hinauf, wie ein
Echo, das abet im Grunde genommen dasselbe ist wie
das, was er in seinem Innern tragt. Allein was ihm da wie
ein Echo entgegentont, was ihm wie ein Widerschein
vorkommt, das kann er nicht in demselben Sinn als
Wirklichkeit ansprechen, wie er das, was er unmittelbar
in seinem Seelischen erlebt, als Wirklichkeit ansprechen
kann. Was er im Seelischen erlebt, mit dem ist er ver-
bunden, zu dem sagt er: es ist, weil er dessen Sein wie
sein eigenes Sein empfindet, weil er daher weifi, welche
Art des Seins ihm zukommt. Schaut er hinaus, wo ihm
der Widerschein dieses Seienden entgegenleuchtet, dann
weifi er in seiner Art: Das hat nicht in demselben Sinn
Realitat, das ist nicht in demselben Sinn Wirklichkeit.
Wurde ich es nicht durchleuchten mit dem Licht, das aus
meinem eigenen Innern stromt, so ware es stumm und
dunkel. Und indem er dies immer mehr und mehr emp-
findet, kommt er zu der Seelenstimmung, die da sagt:
Wahrheit, Wirklichkeit, sie lebt in dem, was die Seele
unmittelbar erfahrt. Was ihr da draulSen als Widerschein
entgegenleuchtet, das ist eben der Schein, das ist die Ma-
ja, das ist keine voile Wirklichkeit, das wird erst Wirklich-
keit, wenn es von dem beriihrt wird, was sich durch das
eigene menschliche Seeleninnere erst offenbaren mut
So sehen wir denn, wie da im Osten die Anschauung
sich heranbildet, daft die geistige Welt die Wirklichkeit
ist, daft die aufiere Welt, die aultere sinnliche Welt, die
scheinende Welt ist, die grofie Tauschung, die Maja.
Man darf deshalb aber nicht glauben, daft der Orientale
etwa seinen Blick - so in der vorbuddhistischen Zek -
durchaus abwendet von dieser aufieren Welt. Er nimmt
sie hin, wenn er auch in einem hdheren Sinn sich eben
in seiner Art gestehen mull, er habe es in dem, was aus-
gebreitet in Raum und Zek liegt, nkht mit der vollen
Wirklichkeit, sondern mit einem Schein zu tun, mit dem
grofien Nichtsein, mit der Maja. Das aber giefit wieder-
um eine besondere Stimmung aus iiber das Seelenleben
des Orients, die Sdmmung, durch die sich die Seele ver-
bunden fuhlt mit einer geistigen Welt und durch die sie
dazu kommt, in all dem, was da lebt in der aufieren
Sinneswelt, gewissermafien ein Abbild zu sehen der wah-
ren Urgestalt der Welt, die im Geiste vorhanden ist. Das
aber dehnt sich zuletzt zu der Anschauung aus, dafi auch
die eigene menschliche Sinneswesenheit ein Abbild ist
eines Menschenwesens, das in der geistigen Welt urstan-
det. Und da mochte man sagen: In einer durchaus ein-
heitlichen Weise schaut der Orientale die auftere Welt an
als Welt von Abbildern einer geistigen Welt, ebenso wie
er sich selbst als Abbild dessen ansieht, was er war, bevor
er heruntergestiegen ist in die physisch-sinnliche Welt.
Beide, Menschenanschauung und Naturanschauung, ste-
hen von seinem Geskhtspunkt aus durchaus im Ein-
klang.
Wie aber dieser Einklang moglich ist, wie er zwar
nicht mehr unseren Anschauungen angemessen ist, wie
er aber doch, wenn auch in einer gewissen einseitigen
Weise, eine Wahrheit zum Ausdruck bringt, das kann
sich uns wiederum zeigen, wenn wir mit den Methoden
geisteswissenschaftlicher Forschung, die ich in diesen Ta-
gen hier geschildert habe, selber an die Betrachtung die-
ser orientalischen Erkenntnisstimmung herantreten.
Ich habe ja auseinandergesetzt, wie man durch das
Erwecken in der Seele schlummernder Krafte zu einer
Anschauung der geistigen Welt auch in einem Sinne
kommen kann, der dem heutigen, dem modernen Men-
schen angemessen ist, wie man da wiederum hinein-
schauen kann in eine geistige Welt, wie sich eine geistige
Welt fur den Menschen, fur sein Geistesauge ebenso aus-
zubreiten beginnt, wie sich fur das Smnesauge die phy-
sich-sinnliche Welt ausbreitet. Bildet man aber diese An-
schauung weiter aus, dann bleibt die geistige Welt nicht
etwa blofi das pantheistische, nebulose Gebilde eines
allgemein Geistigen, sondern dann wird die geistige
Welt in den einzelnen Gebilden so konkret, wie die sinn-
liche Welt in den einzelnen Gebilden der Naturreiche
konkret ist. Dann aber ergibt sich eine Anschauung iiber
den Menschen, die ich heute zunachst vergleichsweise
charakterisieren will.
Nehmen wir einmal die Tatsache, die sich fur uns in
jedem Augenblick unseres Lebens ergibt: dafi wir eine
aufiere Erfahrung, ein aufteres Erlebnis haben. Wir ste-
hen zunachst in dieser aufieren Erfahrung, diesem aufte-
ren Erlebnis drinnen, wir stehen mit unserer Sinneswahr-
nehmung drinnen, wir erleben es vielleicht auch, indem
wir unseren Willen in Bewegung bringen, indem wir uns
betatigen. Wir leben uns mit den Tatsachen der Aufien-
welt zusammen. Das ist fur uns ein unmittelbar gegen-
wartiges Erlebnis. Aus solchen Erlebnissen setzt sich im
Grunde genommen das menschliche Erdendasein zusam-
men. Wir behalten von solchen Erlebnissen die Gedan-
kenbilder, die dann unsere Erinnerungen sind. Wir
blkken auf unsere Erlebnisse zuruck, indem wir die ab-
geblafken, die schattenhaften, eben die gedankenhaften
Bilder der Erlebnisse in uns tragen.
Man sei in dieser Beziehung nur ganz ehrlich mit sich
selber und frage einmal das gegenwartige Bewuiksein,
ob inhaltlich in ihm in irgendeinem Lebensaugenblicke
viel mehr darinnen ist als die Erinnerungen an aufiere
tatsachliche Sinneserlebnisse. Gewifi, mancher nebulose
Mystiker vermeint, dafi er aus den Tiefen seiner Seele al-
lerlei Ewiges heraufhole. Wenn er genauer zusehen wiir-
de, wenn er in der Lage ware, diese Seelengebilde, die
er da heraufholt, wirklich zu priifen, wiirde er finden,
dafi sie in der Regel nichts weiter sind als umgebildete
auftere Wahrnehmungen. Im Innern des Menschen wer-
den die Erinnerungen nicht nur treulich bewahrt, sie
werden vielfach umgestaltet, und dann erkennt sie der
Mensch nicht wieder, er glaubt als Mystiker irgend etwas
aus den Tiefen seiner Seele hervorzuholen, wahrend er
nur ein umgestaltetes aufieres Erlebnis aus der Erinne-
rung heraufgeholt hat.
Gewifi, wir brauchen uns nur an die mathematischen
Wahrheiten zu ennnern, so werden wir wissen, da$ sich
allerlei innere Strukturen hineinleben in das, was Seelen-
leben ist. Allein diese inneren Strukturen sucht in der
Regel der Mystiker nicht. Derjenige aber, der das alltag-
liche Seelenleben unbefangen hinnehmen will, wie es
sich im gewohnlichen Bewufitsein darstellt, mulS sagen:
Dieses Seelenleben ist die Summe von Bildern, die die
Reste sind unserer Erlebnisse, die zustande gekommen
sind durch Wahrnehmungen, und anderer Erlebnisse
innerhalb der aufieren sinnlichen Tatsachenwelt; so dafi
wir, wenn wir auf unser Seelisches hinblicken und auch
auf das dieses Seelische durchdringende Geistige, wie wir
es zunachst im physischen Erdenleben haben, dann sa-
gen konnen: Da draufien ist die physische Welt im Rau-
me ausgebreitet, die Welt, die in der Zeit ihre Ursachen
und Wirkungen entfaltet, die Welt der Tatsachen also.
Hier drinnen ist die Welt der Seelenschatten, die wir
zwar im ganzen als ein Seeiisch-Lebendiges erleben, ih-
rem Inhalte nach aber eben durchaus nur als Abbild
einer Tatsachenwelt, einer Sinneswelt. Nun, so paradox
es fur heutige Anschauung noch vielfach klingt: fur die
Anschauung, die ich in diesen Tagen hier entwickelt ha-
be, stellt sich auch das Umgekehrte ein. Wenn Geistiges
in der Welt wirklich erlebt wird, Geistiges innerhalb der
Naturerscheinungen, wie es sich dem leeren Bewufttsein
aus der Meditation heraus ergibt, wenn Geistiges beob-
achtet wird als das Geistig-Seelische des Menschen selber,
wie er ist, bevor er heruntergestiegen ist in sein leib-
liches Dasein aus einer geistigen Welt, wenn so das kon-
krete Geistige wirklich durch das erschlossene Geistes-
organ beobachtet wird, wenn die Welt um uns herum
ebenso zu einer geistigen wird, wie sie fur unsere Sinne
eine sinnliche, eine physische ist, dann beginnen wir
auch, wie in einer Erinnerung an die Zeiten, wo wir als
geistig-seelische Wesen in den rein geistig-seelischen
Welten gelebt haben, unsere physische Organisation zu
erschauen: wie sie in ihren Einzelheiten ein Abbild des-
sen ist, was als geistige Welt um uns herum ist. Wir kon-
nen ja mit Physiologie und Anatomie unsere Lunge, un-
ser Herz, unsere iibrigen Organe nur als Auftendinge be-
trachten; dann aber, wenn wir in der Lage sind, die gei-
stige Umwelt um uns herum zu schauen, dann wird uns
das, was nun tatsachlich in unserem Innern ist als Lunge,
als Herz, zum im Physischen bestehenden Abbild des-
jenigen, was geistig vorgebildet ist. So wie in unserem
gewohnlichen Bewufttsein die Welt drauften physisch ist
und unser Seelisches sich die Abbilder schafft und sie als
Erlebnisse hat, so erfahren wir, daft da drauften eine
geistige Welt ist und daft die Abbilder dieser geistigen
Welt in unseren eigenen Organen vorhanden sind. Wir
lernen jetzt den Menschen erst in seiner Gliederung ken-
nen, wenn wir die geistige Welt kennenlernen. Und
dann hort auch das, was man gewohnlich Stoff nennt,
auf, dieselbe Bedeutung zu haben, die es angenommen
hat in der neueren Zivilisation, ebenso wie der Geist auf-
hort, die Bedeutung des Abstrakten zu haben, desjeni-
gen, was er eben innerhalb der neueren Zivilisation ge-
worden ist. Dann sehen wir, wie in der Tat in dem, was
in uns organisch arbeitet, ein Abbild dessen vorhanden
ist, was wir waren, bevor wir zum Erdendasein herunter-
gestiegen sind.
Und jetzt tritt das ein, dafi uns sogar der Materialis-
mus, insofern er berechtigt ist - und auch er hat ja sein
Gutes gebracht, hat uns unzahlige Erkenntnisse ge-
bracht nicht mehr erschreckt. Wir schauen hin auf das
menschliche Gehirn, auf das menschliche Nervensystem
in seiner physischen Arbeit. Wir gestehen uns zwar, daft
das gewohnliche, alltagliche Denken eine Funktion die-
ser physischen Organe ist. Wir sind durchaus im Ein-
klang mit dem, was eine strenge Wissenschaft heute in
bezug auf diese Dinge behaupten mufi. Aber wir wissen
auf der anderen Seite, dafi das, was da in materiellen For-
men in uns arbeitet, eben das umgewandelte Nachbild
von Geistigem ist. Es darf materiell sein, weil das Mate-
rielle eine Umwandlung des Geistigen ist, weil das Gei-
stige sich, indem es sich in den Erdenmenschen verwan-
delt hat, die materielle Fahigkeit des Gehirns, der Ner-
ven gesucht hat, um im materiellen Abbild das zu voll-
ziehen, was geistig vorgebildet ist.
Das tritt vor das geistige Auge des modernen Men-
schen durch die Entwickelung jener Erkenntniskrafte,
von denen ich in diesen Tagen gesprochen habe. Aber
ich mochte sagen, eben ein traumhaftes Vorbild davon
ist vorhanden in jener orientalischen Weltanschauung,
die ich in ein paar Strichen skizzieren konnte, die heute
alt und greisenhaft geworden ist, die aber noch immer
mit gewissen Eigentumlichkeken in unsere Herzens- und
Seelenbildung hereinwifkt. Geahnt hat dieser alte Orient
in seiner instinktiven Hellsichtigkeit, dafi die geistige
Welt eine Realitat ist, mit der er sich verbunden fuhlte,
und dafi die Natur mit dem, was am Menschen selber
Natur ist, ein Abbild des Geistigen ist, daft durch sie als
aufierer Schein das zur Offenbarung kommt, was inner-
lich geistig ist.
Man sage nur nicht, dafi der Orientale nicht die Natur
beobachtet habe. Er hat feine Organe fur die Naturbeob-
achtung gehabt. Aber ihm leuchtete aus all dem, was er
als Abbild treulich beobachtete, in Iiebe verehrte, eben
ein Geistiges entgegen. Natur enthiillte fur ihn Geist,
strahlte ihm uberall Geist entgegen. Und diesen Geist
nannte er seine Wirklichkeit. Das aber, was sich aulter-
lich ausbreitete, das war ihm Maja.
Man sieht aber schon am Buddhismus, der ja einen
viel grolteren Einfluss auf das orientalische Leben gewon-
nen hat, als man gewohnlich glaubt, denn er hat die
mannigfaltigsten Formen im spateren Leben angenom-
men, wie das unmittelbare Drinnenstehen in der geisti-
gen Welt im Verlaufe der weiteren Menschheits- und
Erdenentwickelung abgedampft worden ist, wie gewisser-
mafien der Blick immer weiter und weiter auf die Maja
gerichtet worden ist und wie die Empfindung von der
grofien Tauschung, von dem gr often Nichtsein, von der
Maja nach und nach die Hauptsache wurde, wie daraus
die Stimmung des Erlosungsbediirfnisses von dem, was
innerhalb dieser Maja erlebt werden kann, entstand, er-
lebt insbesondere im Sinne des Buddha, der ja die un-
mittelbaren Erlebnisse dieser Maja ansah wie eine Sum-
me von Leiden, die auf den Menschen einstromen.
Diese Abdampfung aber des Drinnenstehens in der
geistigen Welt rechtfertigt fur uns, wenn wir wiederum
zur modernen Geist-Erkenntnis kommen, die altorienta-
lische Weltanschauung als etwas Instinktives, auch Ein-
seitiges zu betrachten, zu dem wir aber mit voller Beson-
nenheit, mit hellem Bewufksein wieder kommen miis-
sen. Denn es darf nicht ei
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