Die Tempellegende und die Goldene Legende

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE 
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE 

1904 BIS 1914 



Die Tempellegende und die Goldene Legende 

als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs- 
geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule 

Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 und dem 
2. Januar 1906 Bibliographie-Nr. 93 

Grundelemente der Esoterik 

Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen, gehalten 
in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 Bibliographie-Nr. 93a 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der 
Esoterischen Schule 1904 bis 1914 

Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 264 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Ab- 
teilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914 

Briefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 265 



Anweisungen fiir eine esoterische Schulung 

Aus den Inhalten der Esoterischen Schule Bibliographie-Nr. 266 



RUDOLF STEINER 



Die Tempellegende 
und die Goldene Legende 

als symbolischer Ausdruck 
vergangener und zukunftiger Entwickelungs- 
geheimnisse des Menschen 

Aus den Inhalten 
der Esoterischen Schule 

Zwanzig Vortrage 
gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 
und dem 2. Januar 1906 



1991 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Bibliographie-Nr. 93 

Einbandgestaltung von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1979 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-0930-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daB seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno- 
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die 
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt benicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorbemerkungen des Herausgebers 15 



I 

Pfingsten, das Fest der Befreiung des Menschengeistes 

Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904 21 

Der Zusammenhang des Pfingstfestes mit dem Gang der Mensch- 
heitsentwickelung gemaB einem Manuskript der Vatikanischen Bi- 
bliothek und des Grafen von Saint- Germain. Die zwei groBen Welt- 
anschauungsstromungen in der fiinften Wurzelrasse: die agyptisch- 
indisch-siideuropaische, beruhend auf der Intuition der Devas; die 
persisch-germanische, beruhend auf der Intuition der Asuras. Ge- 
gensatz dieser beiden Stromungen. Der Beginn der Reinkarnation 
des Menschen in der lemurischen Zeit und damit zusammenhan- 
gende Ereignisse. Der Siindenfall als Bedingung zum Erringen der 
Freiheit. Prometheus als Reprasentant des nach Freiheit strebenden 
Menschen. Die Hindeutung auf das Pfingstmysterium im Johannes- 
Evangelium. Das Pfingstfest als Symbolum fur das menschliche 
Ringen nach Freiheit. 

Der Gegensatz von Kain und Abel 

Berlin, 10. Juni 1904 33 

Der okkulte Kern in der mosaischen Erzahlung von Adam und Eva 
und deren Nachkommen: ungeschlechtliche und geschlechtliche 
Fortpflanzung. Geschlechtliche Fortpflanzung erst seit der Seth- 
Zeit. Der Ubergang von Adam zu Seth: Kain und Abel. Gegensatz 
zwischen Kain (mannlichem Geist) und Abel (weiblichem Geist): 
intellektuelles und inspiratives Prinzip. Die Geburt des Egoismus 
durch den Verstand. Der Kampf gegen die okkulten Feinde der 
Menschheit: das Geschlecht der Rakshasas. Die Erfiillung einer 
Prophezeiung des Nostradamus durch die Grundung der Theo- 
sophischen Gesellschaft und das Wiedererrichten der ursprung- 
lichen Mysterien. Die Lehre von Reinkarnation und Karma. 

Die Mysterien der Druiden und Drotten 

Berlin, 30. September 1904 (Notizen). 42 

Drotten oder Druiden uralte germanische Eingeweihte. Die drei 
Einweihungs stufen. Die Edda als Erzahlung dessen, was sich in 



den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Die Druiden- 
priester als Menschheitsbauer; ein schwaches Abbild davon in den 
Anschauungen der Freimaurer. 

Die Prometheussage 

Berlin, 7. Oktober 1904 47 

Die exoterische, allegorische und okkulte Deutungsmoglichkeit 
der Sagen. Die Prometheussage. Ihre Deutung als Mysteriendar- 
stellung der nachatlantischen Menschheitsgeschichte. Die lemu- 
rische, atlantische und nachatlantische Zeit. Die Erfindung des 
Feuers und Prometheus als Reprasentant der nachatlantischen Zeit. 
Der Gegensatz der kama-manasischen Denkart des Epimetheus 
und der manasischen des Prometheus, des in Weisheit und Tat ein- 
geweihten Fiihrers der nachatlantischen Menschheit. 

Das Mysterium der Rosenkreuzer 

Berlin, 4. November 1904 58 

Der von Christian Rosenkreutz im 15. Jahrhundert der Bruder- 
schaft der Rosenkreuzer gegebene Mythos von Kain und Abel, 
von Hiram und Salomo (Tempellegende). Die Legende als sym- 
bolischer Ausdruck des Schicksals der dritten, vierten und fiinften 
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse im Zusammenhang mit der 
Entwicklung des Christentums. Der christliche Grundsatz von der 
Gleichheit aller Menschen vor Gott und seine Anwendung im welt- 
lichen Sinn in der Franzosischen Revolution. Der Graf von Saint- 
Germain und die Franzosische Revolution. Das Christentum des 
Gekreuzigten und das zukunftige Christentum des Rosenkreuzes. 
Das Geheimnis des Ehernen Meeres und des Goldenen Dreiecks. 

Der Manichaismus 

Berlin, 11. November 1904 68 

Die Geistesstromung des Manichaismus. Das Leben ihres Begriin- 
ders Mani. Der groBe Bekampfer des Manichaismus: Augustinus. 
Die Legende des Mani und die manichaische Auffassung vom Bo- 
sen. Das Bose als unzeitgemaBes Gutes und das manichaische Prin- 
zip vom eigenen inneren Geisteslicht (Faust) im Gegensatz zum 
Prinzip der auBeren Autoritat (Augustinus und Luther). Das Zu- 
sammenwirken des Guten und Bosen im Zusammenhang mit den 
Prinzipien von Leben und Form. Leben und Form in der Ent- 
wickelung des Christentums. Die Uberwindung des Bosen durch 
Milde als Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Der Kampf 
Augustins gegen Faustus und der Kampf des Jesuitismus gegen 
das Freimaurertum. 



Wesen und Aufgabe der Freimaurerei vom Gesichtspunkt der 
Geisteswissenschaft 

Erster Vortrag, Berlin, 2. Dezember 1904 80 

Die Tempellegende als Grundlage des Freimaurertums. Der Auf- 
nahmeritus in der Johannesmaurerei. Der Meistergrad und die 
Tempellegende. Die symbolischen Vorgange als Abbilder von ok- 
kulten Vorgangen auf dem Astralplan. Die Freimaurer waren in 
alten Zeiten wirkliche Maurer. Die Baukunst im Verhaltnis zur 
Erkenntnis des Weltalls. Die Freimaurerei ist ihrer eigentlichen 
Aufgabe entwachsen; ihre berechtigte Bedeutung in der vierten 
Unterrasse. 

Zweiter Vortrag, Berlin, 9. Dezember 1904 91 

Die Freimaurerei, eine Hiille, zu der der richtige Inhalt fehlt. 
Goethe und die Maurerei. Der Royal Arch-Grad. Die Werkmaure- 
rei und Baukunst. Die Hochgrade. Das Manifest des GroBorients 
der Memphis- und Misraim-Maurerei in Deutschland. Der Sinn 
der Tempellegende, der Werkmaurerei: intuitive Erkenntnis, die 
verlorengehen muBte. Unsere Zeit (fiinfte Unterrasse) als eigent- 
liche Verstandesrasse. Die Durchorganisierung der mineralischen 
Welt mit menschlicher Geistigkeit als der Sinn des Ehernen Mee- 
res. Die Rede des englischen Premiers Balfour iiber elektrische 
Theorie: eine Hindeutung auf einen Wendepunkt in der Entwicke- 
lung des menschlichen Denkens. Das Uralte der freimaurerischen 
Einrichtungen. 

Drifter Vortrag, Berlin, 16. Dezember 1904 103 

Die Hochgradmaurerei. Der vereinigte Ritus von Memphis und 
Misraim. Die Hochgradmaurerei und Cagliostro. Der Stein der 
Weisen (Unsterblichkeit) und das mystische Pentagramm in der 
Lehre Cagliostros. Die Franzosische Revolution und der Graf von 
Saint-Germain. Der Unterschied zwischen dem stufenweisen Er- 
kennen in den Hochgraden und dem demokratischen Handhaben 
von Erkenntnisdingen in der Johannesmaurerei. Die vier Lehr- 
arten des Memphis- und Misraim-Ritus. Das wesendiche der ok- 
kulten Einrichtungen: daB Formen da sind. Die neue Erkennt- 
nis iiber das Atom. Die zukunftige Erkenntnis vom Zusammen- 
hang von Atom, Elektrizitat und menschlichem Gedanken. 



Der den Geheimgesellschaften zugrunde liegende Gedanke von 

Evolution und Involution 

Berlin, 23. Dezember 1904 116 

Die Bedeutung des Geheimwissens: ein bewuBtes Fortleben, Un- 
sterblichkeit, zu vermitteln. Das groBe Gesetz fiir die Entwickelung 
des BewuBtseins. Die Aufgabe unserer Epoche, die mineralische 
Welt mit menschlichem Geist zu durchsetzen. Die vergeistigten 
Naturreiche als zukiinftiger Inhalt der Seele, beruhend auf dem 
Gesetz von Evolution und Involution. Das zukunftige Hinein- 
wirken bis ins Atom. Zusammenhang von Atom, Gedanke und 
Elektrizitat. Der Untergang der fiinften Wurzelrasse durch den 
Kampf aller gegen alle. Formen und ihre Bedeutung im Zusam- 
menhang mit zukunftigen Stufen der Entwickelung. Ihre Ent- 
sprechung in den Hochgraden der Freimaurer. Die fiinfte Unter- 
rasse als reine Verstandesrasse, als Rasse des Egoismus und dessen 
notwendige Uberwindung. 



II 

liber den verlorenen und wiederzuerrichtenden Tempel im Zu- 
sammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Erster Vortrag, Berlin, 15. Mai 1905. 129 

Theosophie und Praxis (Beispiel: Tunnelbau). Die notwendige 
Kenntnis der Gesetze des menschlichen Zusammenwirkens fiir den 
Bau der menschlichen Gesellschaft. Die Ablosung der alten Kultur 
der Priesterstaaten durch die Weltklugheitskultur in der vierten 
Unterrasse. Der Trojanische Krieg. Die Grundung Roms. Die er- 
sten sieben Konige Roms als Reprasentanten der sieben Etappen 
der vierten Kulturepoche. Ihr Zusammenhang mit den sieben 
Prinzipien des Menschen. Die Tempellegende und ihr Zusammen- 
hang mit dem verlorenen und wiederaufzurichtenden Tempel. 

Zweiter Vortrag, Berlin, 22. Mai 1905. 143 

Der Salomonische Tempel als Symbol fiir den Menschen als ein 
Haus Gottes. Die Arche Noah, der Salomonische Tempel und die 
MaBe des menschlichen Korpers. Das Innere des Salomonischen 
Tempels. Die Idee des Salomonischen Tempels und die Tempel- 
ritter. Ihre Lehren. Die Zwei Stromungen am Eingang des Men- 



schengeschlechts: Die Weltkinder (Kainssohne) und die Gottes- 
kinder (Abel-Seth-Sohne). Die Rosenkreuzer als Fortsetzer des 
Templerordens wollten nichts anderes, als was auch die Theo- 
sophie will: arbeiten am groBen Tempel der Menschheit. 

Dritter Vortrag, Berlin, 29. Mai 1905. 154 

Die Kreuzesholzlegende und die weltgeschichtliche Bedeutung des 
Salomonischen Tempels. Der Gegensatz der zwei Stromungen in 
der Menschheit: die Gottessohne (Abel-Seth-Nachkommen) und 
die Menschensohne (Kain-Nachkommen). Die Vereinigung beider 
Stromungen in Christus Jesus. Der Bau des dreistufigen Welten- 
tempels (entsprechend dem physischen Leib, Atherleib, Astralleib) 
den ganzen alten Bund hindurch durch die Kainssohne, die Diener 
der Welt. Die Arbeit an der gottlichen Weltordnung durch die 
Gottessohne, die Diener der Bundeslade. Der Salomonische Tempel 
als auBerer Ausdruck dessen, was die Bundeslade sein soil. Die ir- 
dische Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit dem 
Kreuzsymbol. Der paulinische Unterschied zwischen Gesetz und 
Gnade. Der Zusammenhang von Gesetz und Siinde im alten Bund, 
von Gesetz und Liebe im neuen Bund. 

Vierter Vortrag, Berlin, Pfingstmontag, S.Juni 1905. . . 172 

Die Allegorie vom verlorenen und wiederzugewinnenden Wort im 
Zusammenhang mit dem Pfingstfest. Pfingsten, das Fest der Frei- 
heit der Menschenseele. Die Wahlfreiheit zwischen Gut und Bose. 
Der Siindenfall. Die Erdenentwickelung durch Runden, Globen 
und Rassen. Die sieben Konige der Dynastie Salomos wahrend 
der sieben Perioden des astralischen Globus. Der Aufbau des 
Makrokosmos durch Geist, Sohn und Vater; die innere Arbeit des 
Menschen vom Geist aus durch den Sohn zum Vater. Die nach- 
atlantischen Kulturen bis zum Christus-Ereignis in ihrem Zusam- 
menhang mit dem Wirken der drei Prinzipien Vater, Sohn und 
Geist. Die Auferweckung des inneren Wortes, die Auferstehung 
des Atherleibes als Geheimnis des Pfingstfestes. 



Der Logos und die Atome im Lichte des Okkultismus 

Berlin, 21. Oktober 1905 (Notizen). 186 

Die Zukunftsaufgabe der theosophischen Weltstromung. Der Plan 
der Fuhrung der Menschheit durch die Meister der weiBen Loge. 
Logos, Erdenentwickelung und Atome. 



Ill 



Das Verhaltnis des Okkultismus zur theosophischen Bewegung 

Berlin, 22. Oktober 1905 199 

Wesen der okkulten Gesellschaften: hierarchische Gliederung; 
Wesen der Theosophischen Gesellschaft: demokratische Grund- 
lage. Der Zusammenhang beider liegt darin, daB die Theosophi- 
sche Gesellschaft eine Statte sein soil, in der der Okkultismus zur 
Sprache kommt. Aufgabe des eigentlichen Okkultismus: innere 
Schulung; innerhalb der theosophischen Bewegung: die Popu- 
larisierung der okkulten Erkenntnisse. Aufgabe der Theosophi- 
schen Gesellschaft: okkulte Lehren und okkultes Leben verstand- 
nisvoll zu pflegen. Strenger Gegensatz zwischen okkulter Stromung 
und der theosophischen Gesellschaftsorganisation. 

Freimaurerei und Menschheitsentwickelung (Doppelvortrag) 

Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Mdnnern) 215 

Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Frauen) 228 

Physische Trennung der Doppelgeschlechtlichkeit in die Zwei- 
geschlechtlichkeit in der lemurischen Zeit. Auf geistiger Ebene 
eine Art Wiederholung in der nachatlantischen Zeit: Teilung der 
Weisheit in eine mannlich und eine weiblich gefarbte Weisheit. 
Kain und Abel als Reprasentanten dieser alten Mysterienlehre und 
die freimaurerische Tempellegende als ihr symbolischer Ausdruck. 
Die freimaurerische Auffassung der Hervorbringungskraft der Zu- 
kunft durch das Wort. Einseitiges Streben in der Freimaurerei und 
im Jesuitismus. Die Uberwindung der alten Weisheit durch die 
neue der Theosophie, die aus dem iibergeordneten Ungeschlecht- 
lichen kommt. 

Die Beziehung der okkulten Erkenntnisse zum alltaglichen Leben 

Berlin, 23. Oktober 1905 (abends) 243 

Das Hereinspielen der okkulten Erkenntnisse in das unmittelbare 
Leben. Der Astralkorper des Menschen. Die Bedeutung der Er- 
ziehung. Die «intermediare» Astralsubstanz. Die Bearbeitung der 
Astralsubstanz durch Gefiihle, Begriffe, Willensentschliisse. Astrale 
Gedankenformen. Individuelle Astralkorper und Astralsubstanz 
des Volkes. Ausdruck der Volksaufgaben auf dem Astralplan. 
Volkstemperament und Volkscharakter. Slawische und amerika- 
nische Volkerschaften am Anfang ihres Volksgedankens. Spirituel- 
ler Volksgedanke im Osten (Slawentum) und psychischer Volks- 
gedanke im Westen (Amerikanertum). Deren Verbindung im 
Osten mit dem Mongolen-, im Westen mit dem Negerelement. 



Die konigliche Kunst in einer neuen Form 

Berlin, 2. Januar 1906 (vor Mannern und Frauen gemeinsam) . . 258 

MiBverstandnisse und Irrtiimer iiber Freimaurerei. Der Taxil- 
Schwindel. Woher die Bezeichnung Freimaurer? Die drei Gebiete 
oder Saulen der Kultur: Weisheit, Schonheit, Starke. Betrachtung 
des 12. Jahrhunderts und der Sage vom Heiligen Gral in freimaure- 
rischem Sinne. Gegensatz zwischen dem mannlich-maurerischen 
und •weiblich-priesterlichen Prinzip: Bemeisterung der Krafte des 
Unlebendigen und Hinnehmen der gottgegebenen lebendigen 
Krafte. Das Symbol des Kreuzes. Der Heilige Gral als Symbol fiir 
die zukiinftige Bemeisterung der Krafte des Lebendigen: die neue 
Form der koniglichen Kunst. 



Notizbucheintragungen zum Vortrag Berlin, 2. Januar 1906 
(Faksimile) 292 

Uber Goethe und sein Verhaltnis zum Rosenkreuzertum 
(vermutlich 1906) 294 



Hinweise 297 

Sonderhinweis zu den AuBerungen iiber das Atom im Zusam- 
menhang mit der Freimaurerei 354 

Erganzungen 358 

Namenregister. 371 



Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften. . 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe. 



.373 
.375 



VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS 
ZUR 3. AUFLAGE 



Die in dem vorliegenden Band zusammengefaBten Vortrage sind 
ihrem Inhalte nach eigentlich dem Lehrgut von Rudolf Steiners Eso- 
terischer Schule zuzurechnen.* Denn es sollte mit ihnen auf eine 
darin von 1906 an gepflegte Form esoterischen Arbeitens vorbereitet 
werden. 

Durch die Erlauterungen des esoterischen Gehaltes der Bilderspra- 
che von Mythen, Sagen und Legenden, insbesondere mit der Tem- 
pellegende und der Kreuzesholzlegende, von Rudolf Steiner zumeist 
Goldene Legende genannt, sollte eine Grundlage geschaffen werden 
fur die Pflege einer gewissen Kultsymbolik. Alles Kultusartige, «aber 
nicht nur das auBerlich Kultusartige, sondern das Verstehen der Welt 
in Bildern», das Meditieren in Bildern kann erst zu realer Selbst- und 
Welterkenntnis fuhren. (Vortrag Dornach, 27. 4. 1924 in «Esoteri- 
sche Betrachtungen karmischer Zusammenhange», Band II, Bibl.- 
Nr. 236.) Denn aus Bildern, wie sie sich dem imaginativen Denken 
ergeben, ist alles geschaffen. «Bilder sind die wahren Ursachen der 
Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt. .. diese Bilder 
haben alle gemeint, die von geistigen Urgrunden gesprochen haben» 
(Vortrag Berlin, 6. Juli 1915 in «Menschenschicksale und Volker- 
schicksale», Bibl.-Nr. 157). Diese Bilder wurden von den Wissenden 
friiherer Zeiten in Mythen und Legenden gekleidet. Fur das moderne 
BewuBtsein hangt die rechte Wirkung davon ab, inwieweit die Bild- 
sprache mit dem ideellen Verstandnis durchdrungen werden kann. 

Da die Bilder der Tempellegende und der Goldenen Legende einen 
integrierenden Bestandteil der symbolisch-kultischen Abteilung bil- 

* Die Esoterische Schule bestand von 1904 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im 
Sommer 1914 in drei Klassen, siehe GA 264, 265 und 266 (friiher 245). Nach zehnjahrigem 
Unterbruch wurde sie im Jahre 1924 neu begriindet als «Freie Hochschule fiir Geistes- 
wissenschaft», siehe «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 
und der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goethea- 
num», GA 260a. Allerdings konnte Rudolf Steiner infolge seiner bald darauf eingetretenen 
schweren Erkrankung nur noch die erste Klasse einrichten, deren Inhalte in GA 270 
erscheinen werden. 



deten, sind die hier vorliegenden Vortrage vornehmlich ihrer Inter- 
pretation gewidmet. Rudolf Steiner betrachtete es als eine dem Gegen- 
wartsbewuBtsein notwendige Voraussetzung fiir das Arbeiten mit Bil- 
dern respektive mit Symbolik, zuerst den esoterischen Gehalt dem 
ideellen Verstandnis begreiflich zu machen. Das erfordert der von 
ihm gelehrte rosenkreuzerische Schulungsweg, dessen erste Stufe das 
Studium und dessen zweite erst das imaginative Denken ist. 

Zu den AuBerungen iiber die Freimaurerei ist insbesondere eines 
zu beriicksichtigen: Rudolf Steiner stand damals im Begriff, die zweite, 
die symbolisch-kultische Abteilung seiner Esoterischen Schule einzu- 
richten. Da in derselben die sich ihm aus seiner eigenen Geistesfor- 
schung ergebende neue Form der «Koniglichen Kunst» gepflegt wer- 
den sollte, handelte es sich in den vorbereitenden Vortragen darum, 
deren Geschichte und Wesen klarzulegen und daraufhinzuweisen, daB 
die Menschheit vor einer neuen Entwickelungsepoche dieser konig- 
lichen Kunst steht und was deren zukiinftigen Inhalt bilden wird. 

Wenn er sich dagegen in spateren Jahren in Vortragen, die seit 
langem gedruckt vorliegen*, scharf gegen gewisse freimaurerische 
Zusammenhange wendete, so aus dem Grunde, weil er die Verquik- 
kung von Okkultismus und Machtstreben, wo immer sie auch auf- 
trat, streng verurteilte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte 
ihm erwiesen, daB «die Grundlagen gewisser Erkenntnisse» durch 
bestimmte westliche Geheimgesellschaften «zu Antrieben einer die 
Weltkatastrophe vorbereitenden politischen Gesinnung und Beein- 
flussung der Weltereignisse» miBbraucht wurden. So sah er sich ver- 
pflichtet, darauf hinzuweisen, daB eine urspriinglich gute und im 
Kern notwendige Sache, die «der ganzen Menschheit ohne Rassen- 
und Interessenunterschiede» dienen sollte, zu einer schlechten Sache 

* Vgl. z.B. die siebenbandige Reihe «Kosmische und menschliche Geschichte» (1914 
bis 1917), Bibl.-Nr. 170 bis 174a und b; «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und 
ihre Beziehung zur Weltkultur» (1915), Bibl.-Nr. 254; «Gegenwartiges und Vergange- 
nes im Menschengeiste» (1916), Bibl.-Nr. 167; «Die soziale Grundforderung unserer 
Zeit-In geanderter Zeitlage», (1918), Bibl.-Nr. 186; «Wie kann die Menschheit denChri- 
stus wiederfinden? Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht» 
(1918), Bibl.-Nr. 187; «Gegensatze in der Menschheitsentwickelung» (1920), Bibl.-Nr. 
197; «Heilfaktoren fiir den sozialen Organismus» (1920), Bibl.-Nr. 198. 



werden muB, wenn sie «zur Machtgrundlage einzelner Menschen- 
gruppen» gemacht wird.* 

Uber eine von Gegnern Rudolf Steiners oft miBdeutete Verbin- 
dung in einer ganz bestimmten auBerlichen Form, die er fur die 
symbolisch-kultische Abteilung mit der durch John Yarker vertrete- 
nen Memphis-Misraim-Maurerei eingegangen ist, vergleiche man den 
Dokumentationsband «Zur Geschichte und aus den Inhalten der 
erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», 
GA 265. 

Da Rudolf Steiner zur Zeit der hier vorliegenden Vortrage noch 
im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft lehrte, gebrauchte er die 
damals ubliche Terminologie. Von einer Ersetzung des Ausdrucks 
«Theosophie» durch «Anthroposophie», wie dies nach der Verselb- 
standigung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft 
zur «Anthroposophischen Gesellschaft» auf ausdruckliche Angabe 
Rudolf Steiners zumeist vorgenommen wurde, ist hier aus historischen 
Griinden abgesehen worden. Der Leser muB sich jedoch bewuBt sein, 
daB die von Rudolf Steiner gelehrte «Theosophie» - gemaB seinem 
grundlegenden 1904 erstmals erschienenen Werk «Theosophie - Ein- 
fiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung» 
(Bibl.-Nr. 9) - von Anfang an identisch war mit dem, was er spater 
nur noch Anthroposophie oder anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft genannt hat. 

In bezug auf die Texte muB ausdriicklich darauf hingewiesen wer- 
den, daB sie wie die meisten Nachschriften aus den friihen Jahren, in 
denen noch nicht von Berufsstenographen nachgeschrieben wurde, 
spiirbar luckenhaft, manchmal nur notizenhaft sind. Stilistische und 
logische Unebenheiten diirfen daher nicht Rudolf Steiner zur Last 
gelegt werden. Aber auch wenn es sich nicht immer um wortwort- 
liche Nachschriften handelt, so bilden die uberlieferten Inhalte doch 
einen einzigartigen und unentbehrlichen Bestandteil im Gesamtwerk 
Rudolf Steiners. Um so weit als moglich einen fehlerfreien Text zu 
gewahrleisten, wurden jeweils samtliche Unterlagen gepriift und so- 

* Aus dem (nicht gezeichneten) Vorwort zu Karl Heise «Entente-Freimaurerei und 
Weltkrieg», Basel 1918. 



weit Originalstenogramme vorliegen, auch diese in die Priifung ein- 
bezogen. In den Hinweisen ist fiir jeden Vortrag gesondert ange- 
geben, welche Unterlagen fiir die Bearbeitung zur Verfiigung ge- 
standen haben. Einfiigungen in eckigen Klammern [ ] sind Hinzu- 
fiigungen des Herausgebers, wogegen Einfiigungen in gewohnlichen 
Klammern ( ) so in den Nachschriften enthalten sind. Die ausfiihr- 
lichen Hinweise mochten dazu dienen, die Mangel der Nachschriften 
soweit als moglich auszugleichen. Als literarisches Quellenmaterial 
wurden vor allem einschlagige Werke aus der Bibliothek Rudolf 
Steiners herangezogen. 

H.W. 



I 



PFINGSTEN, DAS FEST DER BEFREIUNG 
DES MENSCHENGEISTES 

Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904 

Es war vorauszusehen, daB heute nur eine kleine Gemeinde sich ver- 
sammeln wiirde. Ich habe dennoch beschlossen, diesen Abend abzu- 
halten, um denen, welche sich heute einfinden, einiges zu sagen in 
Ankniipfung an das Pfingstfest. 

Bevor ich darauf eingehe, mochte ich Ihnen eines der Ergebnisse 
meiner letzten Londoner Reise mitteilen, das darin besteht, daB uns 
hochstwahrscheinlich im Herbst Frau Besant hier besuchen wird. Wir 
werden also Gelegenheit haben, die zu den bedeutendsten spirituellen 
Kraften der Gegenwart gehorende Personlichkeit wieder zu horen. 
Die zwei nachsten offentlichen Vortrage werden wir im Architekten- 
haus haben: heute iiber acht Tagen iiber Spiritismus und den fol- 
genden iiber Somnambulismus und Hypnotismus. Dann werden die 
Montagsveranstaltungen wieder regelmaBig hier stattfinden. An den 
Donnerstagen der nachsten Zeit werde ich sprechen iiber Theoso- 
phische Kosmologie, iiber Vorstellungen, die die Theosophie zu geben 
hat iiber die Bildung des Weltgebaudes. Diejenigen, welche sich fur 
diese Fragen interessieren, werden mannigfaltiges zu horen bekom- 
men, was sie vielleicht noch nicht aus der gebrauchlichen theosophi- 
schen Literatur kennen. Die Vortrage iiber die Elemente der Theo- 
sophie mochte ich in einem spateren Zeitpunkte halten. 

Was ich nun heute sagen werde, entstammt einer alten okkulten 
Tradition. Der Stoff kann natiirlich heute nicht erschopft werden. 
Manches wird sogar unglaubhaft erscheinen. Ich bitte daher, die heu- 
tige Stunde als eine Episode zu betrachten, in der nichts bewiesen, 
sondern einfach Dinge erzahlt werden sollen. 

Die Menschen feiern heutzutage ihre Feste, ohne so recht eine 
Ahnung davon zu haben, was solche Feste bedeuten. In den Zeitun- 
gen, die fur einen groBen Teil unserer gegenwartigen Zeitgenossen 
die eigentliche Quelle der Bildung und Aufklarung bedeuten, kann 
man die mannigfaltigsten Artikel iiber solche Feste lesen, ohne daB 



bei den Schreibern irgendein BewuBtsein vorhanden ist, was solch ein 
Fest zu bedeuten hat. Aber fur Theosophen ist es notwendig, wieder 
auf die innere Bedeutung hinzuweisen. Und so mochte ich heute 
hinweisen auf die Anfangskeime eines solchen uralten Festes, auf den 
Ursprung des Pfingstfestes. 

Das Pfingstfest ist eines der bedeutendsten und am schwersten ver- 
standlichen Feste. Im christlichen BewuBtsein erinnert es an die Aus- 
gieBung des Heiligen Geistes. Dieses Ereignis wird uns beschrieben 
als eine Wundergeschichte: iiber die Jiinger und die Apostel Christi 
habe sich der Heilige Geist ergossen, so daB sie anfingen, in alien 
moglichen Zungen zu sprechen. Das heiBt, daB sie zu jedem Herzen 
den Zugang fanden und je nach dem Verstandnis der Menschen spre- 
chen konnten. Das ist eine Bedeutung des Pfingstfestes. Wenn wir es 
aber griindlicher verstehen wollen, miissen wir viel tiefer gehen. Das 
Pfingstfest - als symbolisches Fest - hangt mit den tiefsten Mysterien, 
mit den heiligsten geistigen Giitern der Menschheit zusammen. Des- 
halb ist es so schwer, dariiber zu sprechen. Wenigstens auf einiges 
mochte ich indessen heute doch hindeuten. 

Wofiir eigentlich das Pfingstfest Symbol ist, was dem Pfingstfest 
zugrunde ligt, was es im tieferen Sinne bedeutet, das ist nur aufge- 
schrieben in einem Manuskript, das sich im Vatikan, in der Vatikani- 
schen Bibliothek befindet und in der sorgfaltigsten Weise behiitet 
wird. In diesem Manuskript ist allerdings nicht von dem Pfingstfest, 
wohl aber von dem gesprochen, wofiir das Pfingstfest nur das auBere 
Symbol ist. Dieses Manuskript hat wohl kaum jemand gesehen, der 
nicht in die tiefsten Geheimnisse der katholischen Kirche eingeweiht 
war oder es im Astrallichte zu lesen vermochte. Eine Kopie davon be- 
sitzt eine Personlichkeit, welche von der Welt sehr verkannt worden 
ist, die aber heute fiir den Geschichtsbetrachter anfangt interessant 
zu werden. Ich konnte auch ebenso sagen «hat besessen» statt «be- 
sitzt», aber es entstande eine Unklarheit dadurch. Deshalb sage ich: 
eine Kopie besitzt der Graf von Samt-Germain, von dem wohl die ein- 
zigen Mitteilungen stammen, die es in der Welt davon gibt. 

Ich mochte im Sinne der Theosophie nur andeutungsweise einiges 
dariiber sagen. Wir werden da zu etwas gefiihrt, was tief zusammen- 



hangt mit der Evolution, mit der Entwickelung der Menschheit in der 
fiinften Wurzelrasse. Der Mensch hat ja diejenige Form, die er heute 
an sich tragt, in der dritten Wurzelrasse, der alten lemurischen Zeit 
bekommen, sie weitergebildet durch die vierte Wurzelrasse, die Zeit 
der alten Atlantis, und ist dann mit dem Resultat in die fiinfte Wur- 
zelrasse eingetreten. Wer meine Atlantis-Vortrage gehort hat, wird 
sich erinnern, daB bei den Griechen noch eine lebhafte Erinnerung an 
jene Zeit vorhanden war. 

Zur Orientierung miissen wir einen kurzen Einblick gewinnen in 
zwei Stromungen innerhalb unserer fiinften Wurzelrasse, die als ver- 
borgene Krafte in den Gemiitern lebendig sind und vielfach mitein- 
ander streiten: die eine Stromung findet sich am reinsten und klar- 
sten ausgepragt in dem, was wir die agyptische, indische und siid- 
europaische Weltanschauung nennen. Alles spatere Judentum und 
auch das Christentum enthalt etwas davon. Das hat sich aber anderer- 
seits in unserem Europa wiederum vermischt mit der anderen Stro- 
mung, die in derjenigen Weltanschauung lebt, die wir im alten Per- 
sien finden und die wir - wenn wir nicht auf das horen, was uns die 
Anthropologen und Etymologen sagen, sondern wenn wir auf die 
Sache tiefer eingehen - wiederfinden konnen von Persien westwarts 
sich hinziehend bis zu den Regionen der Germanen. 

Von diesen zwei Stromungen mochte ich behaupten, daB sie auf 
zwei wichtige, zwei groBe spirituelle Intuitionen hindeuten, die ihnen 
zugrunde liegen. Die eine ist am reinsten aufgegangen den uralten 
Rishis. Ihnen ging auf die Intuition hohergearteter Wesen: der so- 
genannten Devas, Wer eine okkulte Schulung durchgemacht hat, wer 
forschen kann auf diesem Gebiete, der weiB, was Devas sind. Diese 
rein spirituellen Wesenheiten, die im Astral- und Mentalraum leben, 
haben eine zweifache Natur, wahrend die Menschen eine dreifache 
Natur haben. Denn der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. 
Die Devanatur aber besteht - soweit wir sie verfolgen konnen - nur 
aus Seele und Geist. Sie mag noch andere Glieder haben, aber wir 
konnen sie selbst mit okkulter Schulung nicht verfolgen. Ein Deva 
hat in seinem Inneren unmittelbar den Geist. Der Deva ist ein seelen- 
begabter Geist. Was Sie beim Menschen nicht sehen konnen, namlich 



die Begierden, Triebe, Leidenschaften und Wiinsche, die in ihmleben, 
die aber fur den, der seine spirituellen Sinne erschlossen hat, wahr- 
nehmbar sind als Lichterscheinungen, diese Seelenkrafte, dieser See- 
lenleib des Menschen, der fiir den Menschen sein Inneres ist und ge- 
tragen wird von unserem physischen Leib, das ist der unterste Leib 
der Devas. Wir konnen ihn als ihren Korper ansehen. Die indische 
Intuition ging vorzugsweise auf die Verehrung dieser Devas. Der 
Inder sieht diese Devas iiberall. Er sieht sie als die schaffenden Krafte, 
wenn er hinter die Kulissen unserer Welterscheinungen blickt. Diese 
Intuition liegt dem siidlichen Weltanschauungsgiirtel zugrunde. In 
der Weltanschauung Agyptens kommt sie groB und gewaltig zum 
Ausdruck. 

Die andere Intuition liegt der alten persischen Mystik zugrunde 
und fiihrte zur Verehrung von Wesenheiten, die auch nur zweifacher 
Natur sind: den Asuras. Diese haben auch das, was wir Seele nennen; 
aber in groBartiger, titanenhafter Weise haben sie ausgebildet den 
physischen Leib, der ein Seelenorgan einschlieBt. Die indische Welt- 
anschauung, die an der Devaverehrung festhalt, sieht diese Asuras als 
etwas Untergeordnetes an, wahrend diejenigen, die sich zum nord- 
lichen Weltanschauungsgiirtel bekannten, mehr an den Asuras hingen, 
an der physischen Natur. Daher hatte sich auch hier besonders der 
Drang ausgebildet, die Welt der Sinneserscheinungen in materieller 
Weise zu beherrschen, die Welt der Wirklichkeit durch die bis ins 
Hochste gehende Vervollkommnung der Technik, durch physische 
Kiinste und dergleichen zu beherrschen. Heute gibt es keine Men- 
schen mehr, die an der Asuraverehrung festhalten; aber viele unter 
uns gibt es noch, die etwas von dieser Natur in sich haben. Von daher 
riihrt der Zug nach der materiellen Seite des Lebens und das ist der 
Grundzug des nordlichen Weltanschauungsgiirtels. Wer sich zu rein 
materialistischen Grundsatzen bekennt, kann sicher sein, daB er in sei- 
ner Natur etwas hat, was von diesen Asuras herriihrt. 

Innerhalb der Bekenner der Asuras entwickelte sich dann ein eigen- 
tiimliches Grundgefiihl. Es sproBte zuerst im persischen Geistesleben 
auf. Die Perser bekamen eine Art Furcht vor der Devanatur. Furcht, 
Scheu und Grauen bekamen sie vor dem, was rein geistig-seelisch ist. 



Das bewirkte, daB wir heute den groBen Gegensatz erblicken zwischen 
der persischen und der indischen Anschauung. In der persischen 
Weltanschauung wurde oft gerade das angebetet, was die indische 
Richtung als schlecht, als etwas Untergeordnetes betrachtete, und 
geradezu gemieden, was der Inder als verehrungswurdig betrachtet. 
Innerhalb des persischen Weltgefuhles entstand also diese eigentum- 
liche Grundempfindung gegeniiber einer Wesenheit, die eigentlich 
Devanatur hat, die aber innerhalb dieser Weltanschauung gemieden, 
gefurchtet wird. Kurz, es ist das Bild des Satans, das in dieser Welt- 
anschauung auftritt. Luzifer, der Geistig-Seelische, wird ein mit 
Schauder erfullendes Wesen. Darin haben wir den Ursprung zu suchen 
von dem, was als Teufelsglaube existiert. Diese Grundempfindung ist 
auch in die moderne Weltanschauung ubergegangen; namentlich im 
Mittelalter wurde der Teufel eine gefurchtete und gemiedene Figur. 
Luzifer wurde also formlich gemieden. 

Wir erhalten dariiber AufschluB in dem angegebenen Manuskript. 
Wenn wir im Sinne desselben den Gang der Weltentwickelung ver- 
folgen, dann finden wir, daB in der Mitte der dritten, der lemurischen 
Rasse, die Menschen sich mit physischem Stoff bekleidet haben. Es ist 
eine falsche Vorstellung, wenn die Theosophen glauben, daB die Rein- 
karnation keinen Anfang und kein Ende habe. Die Reinkarnation hat 
in der lemurischen Zeit angefangen und wird im Beginne der sechsten 
Rasse auch wiederum aufhoren. Es ist nur eine gewisse Zeitspanne in 
der irdischen Entwickelung, innerhalb welcher der Mensch sich wie- 
derverkorpert. Vorausgegangen war ein uberaus geistiger Zustand, der 
keine Wiederverkorperung notig machte, und folgen wird wiederum 
ein geistiger Zustand, der auch keine Wiederverkorperung bedingt. 

Die urspriingliche Verkorperung in der dritten Rasse bestand darin, 
daB gleichsam der jungfrauliche Menschengeist, Atma-Buddhi-Manas, 
seine erste physische Verkorperung suchte. Es konnte damals die 
physische Entwickelung unserer Erde mit den tierartigen Wesenhei- 
ten noch nicht so weit vorgeschritten sein, die ganze tierisch-mensch- 
liche Wesenheit konnte damals noch nicht so weit sein, daB sie den 
Menschengeist hatte aufnehmen konnen. Aber ein Teil, eine gewisse 
Gruppe tierartiger Wesenheiten war schon so weit entwickelt, daB 



sich der Same des Menschengeistes in diese tierischen Leiber senken 
konnte, damit sie dem Menschenleibe die Form geben konnten. 

Ein Teil der Individualitaten, welche dazumal sich inkarnierten, 
bildeten den kleinen Stamm derjenigen, die sich spater als sogenannte 
Adepten iiber die ganze Welt verbreiteten. Das waren die urspriing- 
lichen Adepten, nicht diejenigen, die wir heute Initiierte nennen. Die, 
welche wir heute Initiierte nennen, machten damals noch keine In- 
karnation durch. Es verkorperten sich damals aber nicht alle, die 
menschlich-tierische Korper hatten finden konnen, sondern nur ein 
Teil. Ein anderer Teil widersetzte sich dem Gang der Inkarnation aus 
bestimmten Griinden. Sie warteten damit bis in die vierte Rasse hin- 
ein. Die Bibel deutet jenen Zeitpunkt in verborgener und tiefsinniger 
Weise an: Die Sonne der Gotter fanden, daB die Tochter der Men- 
schen schon waren und sie verbanden sich mit ihnen. 

Das heiBt, es begann in jenem spateren Zeitpunkte eine Inkarnation 
von denjenigen, welche gewartet hatten. Wir nennen diese Gruppe 
« Sonne der Weisheit», und es scheintfast, als liege eine gewisse Ver- 
messenheit und ein Stolz in ihnen. Von der kleinen Ausnahme der 
Adepten wollen wir jetzt absehen. Hatte sich dieser andere Teil damals 
auch inkarniert, so ware der Mensch niemals zu dem klaren BewuBt- 
sein gekommen, in dem er heute lebt. Der Mensch ware in dumpfem 
TrancebewuBtsein steckengeblieben. Er wiirde das BewuBtsein ange- 
nommen haben, das Sie heute bei Hypnotisierten, Somnambulen und 
so weiter finden konnen. Kurz, die Menschen hatten in einer Art 
TraumbewuBtsein bleiben miissen. Aber eines hatte ihnen dann ge- 
fehlt, was auBerordentlich wichtig, wenn nicht das Wichtigste war: 
das Freiheitsgefiihl, die selbsteigene Entscheidung des Menschen iiber 
Gut und Bose aus seinem eigenen BewuBtsein, aus seinem Ich heraus. 

Die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnation - in derjenigen 
Gestalt, die sie eben schon erhalten hat unter den Einfliissen, die von 
jener Empfindung herkommen, die ich charakterisiert habe dadurch, 
daB ich gesagt habe, daB vor dem Deva eine gewisse Scheu besteht -, 
die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnierung als den «Fall» des 
Menschen, den Siindenfall. Der Deva wartete und sank erst herunter, 
als die physische Menschheit schon eine Stufe weiter entwickelt war, 



um dann erst Besitz zu ergreifen von dem physischen Leib, damit er 
dann ein reiferes BewuBtsein entwickeln konne, als das friiher der 
Fall gewesen ware. 

So sehen Sie, daB der Mensch sich seine Freiheit dadurch erkauft 
hat, daB sich seine Natur verschlechterte, weil er mit der Inkarnierung 
wartete, bis seine Natur heruntergestiegen ist in die dichteren phy- 
siologischen Zustande. In der griechischen Mythologie hat sich ein 
tiefes BewuBtsein von diesem Tatbestand erhalten. Ware der Mensch 
schon friiher zur Inkarnation gekommen - das sagt der Mythos der 
Griechen -, dann ware das eingetreten, was Zeus wollte, als sich die 
Menschen noch im «Paradiese» befanden: Er wollte sie gliicklich 
machen, aber als unbewuBte Wesen. Das klare BewuBtsein hatte dann 
einzig bei den Gottern gelegen und der Mensch ware ohne das Gefiihl 
der Freiheit geblieben. Die Auflehnung des Luzifergeistes, des Deva- 
geistes in der Menschheit, der heruntersteigen wollte, um sich aus der 
Freiheit heraus selbst emporzuentwickeln, ist symbolisiert in der Sage 
von Prometheus. Er aber muB fur sein Bestreben biiBen dadurch, daB 
fortwahrend ein Adler - als Symbol der Begierde - an seiner Leber 
nagt und ihm dadurch die furchtbarsten Schmerzen verursacht. 

Der Mensch ist also tiefer heruntergestiegen und muB nun das, was 
er durch magische Kiinste und Krafte erreicht haben wiirde, mit dem 
erreichen, was ihm selbsttatig aus dem klaren BewuBtsein der Freiheit 
erflieBt. Aber weil er tiefer heruntergestiegen ist, muB er auch Schmer- 
zen und Qualen erdulden. Auch dies deutet die Bibel an mit den 
Worten: In Schmerzen sollst du Kinder gebaren, im SchweiBe deines 
Angesichtes sollst du dein Brot essen -, und so weiter. Das heiBt 
nichts anderes als: der Mensch muB sich selbst mit Hilfe der Kultur 
wieder hochbringen. 

Den Reprasentanten der in Freiheit durch Kampfe zur Kultur stre- 
benden Menschheit hat die griechische Mythologie in Prometheus 
symbolisiert. In ihm hat sie dargestellt den leidenden Menschen und 
zugleich den Befreier. Derjenige, der des Prometheus Befreiung her- 
beifiihrt, ist Herakles, von dem uns erzahlt wird, daB er sich in die 
eleusinischen Mysterien einweihen lieB. Wer hinabstieg in die Unter- 
welt, war ein Initiierter, denn das Hinabsteigen in die Unterwelt ist 



der technische Ausdruck fiir die Initiation. Diese Fahrt nach der 
Unterwelt wird uns von Herakles, Odysseus und von alien denjenigen 
gesagt, bei denen wir es mit Eingeweihten zu tun haben, die nun die 
Menschen innerhalb der gegenwartigen Entwickelung zu dem Quell 
urspriinglicher Weisheit, zum spirituellen Leben fiihren wollen. 

Ware die Menschheit auf dem Standpunkte der dritten Rasse stehen- 
geblieben, dann waren wir heute Traummenschen. Durch seine Deva- 
natur hat der Mensch seine niedere Natur befruchtet. Aus seinem 
SelbstbewuBtsein, seinem FreiheitsbewuBtsein heraus muB er nun 
jenen BewuBtseinsfunken, den er sich damals in berechtigtem Uber- 
mut herunterholte, wieder entwickeln, also jene spirituelle Erkenntnis, 
die er in dem friiheren unfreien Zustande nicht angestrebt hat. In der 
menschlichen Natur selbst liegt jene satanische Auflehnung, die als 
luziferisches Streben aber die Gewahr fiir unsere Freiheit iiberhaupt 
ist. Und aus dieser Freiheit entwickeln wir wieder spirituelles Leben. 
Dieses spirituelle Leben soil innerhalb der Menschheit der fiinften 
Rasse wieder angefacht werden. Wieder soil von Initiierten dieses 
BewuBtsein ausgehen. Nicht ein traumhaftes, sondern ein klares Be- 
wuBtsein soil es sein. Die Herkulesse des Geistes, die Initiierten sind 
es, die die Menschheit vorwartsbringen und ihr die verborgene Deva- 
natur, die Erkenntnis des Geistigen enthiillen. Das ist auch das Stre- 
ben aller groBen Religionsstifter gewesen, der Menschheit wieder die 
Erkenntnis des Geistigen zu bringen, das sie im physiologischen 
Leben verloren hat. Die Atlantier hatten eine hohe physische Kultur, 
und unsere fiinfte Rasse hat noch immer viel von dem materiellen 
Leben in sich. Diese materialistische Kultur unserer Zeit zeigt uns, 
wie sehr der Mensch sich verstrickt hat in die rein physisch-physio- 
logische Natur, wie Prometheus in seine Ketten. Aber ebenso sicher 
ist es, daB der Geier, das Symbol der Begierde, der an unserer Leber 
nagt, beseitigt werden wird durch den spirituellen Menschen. Dahin 
wollen die Initiierten die selbstbewuBte Menschheit fiihren durch 
solche Bewegungen, von denen die theosophische Bewegung eine 
ist, damit der Mensch in voller Freiheit wieder emporsteigen kann. 

Den Zeitpunkt, den wir als den Augenblick des Einstromens spiri- 
tuellen Lebens in die selbstbewuBte Menschheit zu erfassen haben, 



finden wir im Evangelium, im Neuen Testament, genau angedeutet. 
Im tiefsten Evangelium, das von der heutigen Theologie verkannt 
wird, im Johannes-Evangelium, da wo erzahlt wird, daB Jesus das 
Laubhiittenfest besucht, wird dieser Zeitpunkt angedeutet. Der Stif- 
ter des Christentums spricht da davon, spirituelles Leben iiber die 
Menschheit auszugieBen. Es ist das eine merkwiirdige Stelle. Das 
Laubhiittenfest bestand ja darin, daB man zu einer Quelle ging, aus 
der Wasser floB. Dort entwickelte sich dann ein Fest, das darauf hin- 
deutete, daB der Mensch sich wieder einmal besinnen solle auf das 
Spirituelle, auf die Devanatur und das geistige Streben. Das Wasser, 
das da geschopft wurde, war eine Erinnerung an das Seelisch-Geistige. 
Nach wiederholten Absagen geht Jesus doch zu dem Fest. Und am 
letzten Tage des Festes geschieht folgendes (Joh.7,37): Am letzten 
Tage des Festes, der am herrlichsten war - so heiBt es -, trat Jesus 
auf und sprach: «Wen da diirstet, der komme zu mir und trinke!» - 
Diejenigen, welche tranken, feierten ein Erinnerungsfest an das spiri- 
tuelle Leben. Jesus aber verbindet noch etwas anderes damit und das 
deutet Johannes mit den Worten an: «Wer an mich glaubet, wie die 
Schrift saget, von des Leibe werden Strome des lebendigen Wassers 
flieBen. Das sagte er aber von dem Geiste, welchen empfangen soil- 
ten die, die an ihn glaubten, denn der Heilige Geist war noch nicht 
da; denn Jesus war noch nicht verklaret.» 

Hier ist nun hingedeutet auf das Pflngstmysterium, hingedeutet 
darauf, daB die Menschheit zu warten hat auf diesen Heiligen Geist 
des spirituellen Lebens. Wenn der Zeitpunkt erreicht sein wird, daB 
der Mensch in sich selbst den Funken des spirituellen Lebens ent- 
ziinden kann, wenn die physiologische Natur des Menschen aus sich 
selbst den Aufstieg versuchen kann, dann wird der Heilige Geist iiber 
die Menschen kommen, die Zeit des spirituellen Erwachens. 

Der Mensch ist heruntergestiegen, bis in den physischen Leib hin- 
ein, so daB erim Gegensatz zur Devanatur aus drei Prinzipien besteht: 
aus Geist, Seele und Leib. Der Deva steht hoher als der Mensch, aber 
er hat nicht die physische Natur zu iiberwinden wie der Mensch. 
Diese physische Natur muB wieder verklart werden, so daB sie das 
spirituelle Leben aufnehmen kann. Des Menschen physiologisches Be- 



wuBtsein, der physische Leib, wie er heute lebt, soil selbst den Fun- 
ken des spirituellen Lebens in Freiheit in sich entziinden. 

Das Christus-Opfer ist ein Beispiel dafiir, daB der Mensch aus dem 
physischen Leben heraus das hohere BewuBtsein entfalten kann. Im 
physischen Leibe lebt sein niederes Ich; aber angefacht soil es wer- 
den, damit das hohere Ich sich entwickle. Dann erst konnen die 
Strome lebendigen Wassers auch aus diesem physischen Leibe flieBen. 
Dann kann der Geist erscheinen, dann kann der Geist sich ausgieBen. 
Wie abgestorben muB so der Mensch als Ich fur dieses physiologische 
Leben werden. 

Hierin liegt das eigentliche Christliche und auch das tiefere Myste- 
rium des Pfingstfestes. Der Mensch lebt zunachst in seinem niederen 
Organismus, in dem von den Wiinschen durchdrungenen BewuBtsein. 
Er soil darin leben, denn nur dieses BewuBtsein konnte ihm die ziel- 
sichere Freiheit geben. Aber er darf nicht darinnenbleiben, sondern 
soil sein Ich heraufheben zu der Devanatur. Er soil in sich selbst den 
Deva zeitigen, den Deva gebaren, der dann ein Heils-Geist sein wird, 
ein Heiliger Geist. Dazu muB er jedoch den irdischen Leib bewuBt 
hinopfern, dazu muB er empfinden das «Stirb und Werde», damit er 
nicht bleibe «ein triiber Gast» auf dieser «dunklen Erde». 

So stellt uns das Ostermysterium im Zusammenhang mit dem 
Pfingstmysterium erst eine Ganzheit dar: wie das menschliche Ich in 
dem groBen Reprasentanten sich entauBert des niederen lebendigen 
Ichs, wie es dahinstirbt, um die physische Natur vollig zu verklaren 
und sie wieder zuriickzugeben den gottlichen Machten. Die Himmel- 
fahrt ist das Symbol dafiir. Wenn der Mensch diesen physischen Leib 
verklart hat, zum Geistigen zuriickgebracht hat, dann ist er reif, daB 
sich das spirituelle Leben in ihn ergieBt, daB er erleben wird das, was 
nach der Erklarung des groBten Reprasentanten der Menschheit die 
«AusgieBung des Heiligen Geistes» genannt wird. Daher heiBt es 
auch: «Drei sind, die da zeugen auf der Erde: das Blut, das Wasser 
und der Geist.» - Das Pfingstfest ist die AusgieBung des Geistes in 
die Menschheit. 

Das groBte Ziel der Entwickelung ist symbolisch im Pfingstfeste 
ausgedriickt, namlich daB der Mensch aus dem intellektuellen Leben 



wieder zu einem spirituellen Leben vordringen soil. Wie Prometheus 
durch den Herakles von seinen Leiden befreit wurde, so wird es der 
Mensch werden durch die Kraft des Geistes. Dadurch, daB der Mensch 
heruntergestiegen ist in die Materie, ist er zum SelbstbewuBtsein ge- 
kommen. Dadurch, daB er wieder hinaufsteigt, wird er zum selbst- 
bewuBten Deva werden. Von denen, die die Asuras verehrten und die 
Devas als etwas Satanisches erkannten, die nicht im tiefsten Inneren 
vordringen wollen, ist dieser Herunterstieg als etwas Teuflisches dar- 
gestellt worden. 

Auch das ist in der griechischen Mythologie angedeutet. Der Re- 
prasentant der unfreien BewuBtseinszustande ist Epimetheus - der 
Nachdenkliche -, der nicht aus voller Freiheit zur Erlosung kommen 
will, also der Gegner des Prometheus. Er bekommt von Zeus die 
Pandorabiichse, deren Inhalt - Leiden und Plagen - auf die Mensch- 
heit beim Offnen herabfallt. Nur als letzte Gabe bleibt darin die Hoff- 
nung, daB er in einem kiinftigen Zustande auch zu diesem hoheren, 
klaren BewuBtsein vordringen werde. Es bleibt ihm die Hoffnung auf 
Befreiung. Prometheus rat ab, das zweifelhafte Geschenk des Gottes 
Zeus anzunehmen. Epimetheus gehorcht seinem Bruder nicht, son- 
dern er nimmt das Geschenk an. Das Epimetheus-Geschenk ist weni- 
ger wichtig als das seines Bruders Prometheus. 

So sehen wir, daB die Menschen in zwei Stromungen dahinleben. 
Die einen sind diejenigen, die an dem Freiheitsgefiihl festhalten und - 
trotzdem es gefahrlich ist, das Spirituelle zu entwickeln - es doch in 
Freiheit suchen. Die anderen sind diejenigen, die durch dumpfes Da- 
hinleben und blinden Glauben ihre Befriedigung finden und in dem 
luziferischen Streben der Menschheit etwas Gefahrliches wittern. Die- 
jenigen, welche die auBeren Formen der Kirche begriindet haben, 
haben das tiefste luziferische Streben entstellt. Die uralten Lehren 
dariiber sind in geheimen Manuskripten enthalten, die in verborgenen 
Raumen kaum jemand gesehen hat. Einigen wenigen, die sie im Astral- 
lichte zu sehen vermogen, und sonst noch einigen Eingeweihten sind 
sie zuganglich. Es ist allerdings ein gefahrlicher Weg, aber es ist der 
einzige, der zu dem erhabenen Ziele der Freiheit fiihrt. 

Der Geist des Menschen soil ein befreiter sein und kein dumpfer. 



Das will auch das Christentum. Heil, heilen hangt zusammen mit hei- 
lig. Ein Geist, der heilig ist, der heilt, der befreit von Leiden und 
Plagen. Gesund und frei ist der Mensch, wenn er entrissen ist der 
Knechtung durch das Physiologische, wenn er befreit ist von dem 
Physiologischen. Denn der befreite Geist ist allein der gesunde, an 
dessen Korper kein Adler mehr nagt. 

So ist das Pfingstfest aufzufassen als ein Symbol der Befreiung des 
Menschengeistes, als das groBe Symbol des menschlichen Ringens 
nach Freiheit, nach einem BewuBtsein in Freiheit. 

Wenn das Osterfest ein Auferstehungsfest in der Natur ist, so ist 
das Pfingstfest ein Symbol fiir das BewuBtwerden des Menschengei- 
stes, das Fest derjenigen, die wissen und erkennen, und - davon 
durchdrungen - die Freiheit suchen. 

Diejenigen spirituellen Bewegungen in der modernen Zeit, welche 
zur Wahrnehmung der geistigen Welt bei klarem TagesbewuBtsein - 
nicht in Trance, nicht im Hypnotismus - hinfiihren, die sind es, 
welche zur Erkenntnis eines solchen bedeutsamen Symbols fiihren. 
Das klare BewuBtsein, daB nur der Geist befreit, das ist es, was uns 
vereint in der Theosophischen Gesellschaft. Nicht das Wort allein, 
sondern der Geist gibt ihr ihre Bedeutung. Der Geist, der ausgeht 
von den groBen Meistern, der durchflieBt durch einige wenige, die 
sagen konnen: Ich weiB, daB sie da sind, die groBen Adepten, welche 
die Begriinder der spirituellen Bewegung sind, nicht der Gesellschaft, 
ergieBt sich in unsere Gegenwartskultur und gibt ihr die Impulse fiir 
die Zukunft. 

Lassen Sie einen Funken des Verstandnisses fiir diesen Heiligen 
Geist wieder einflieBen in das unverstandene Pfingstfest, dann wird 
es belebt werden und wieder Sinn bekommen. In einer sinnvollen 
Welt sollen wir leben. Wer gedankenlos Feste feiert, feiert sie als An- 
hanger des Epimetheus. Der Mensch muB sehen, was uns verbindet 
mit dem, was um uns ist, und auch mit dem, was unsichtbar in der 
Natur ist. Wir sollen wissen, wo wir stehen. Denn wir Menschen sind 
nicht zu einem traumhaften, halben, dumpfen Dahinleben, sondern 
wir sind zur freien, vollbewuBten Entfaltung unserer ganzen Wesen- 
heit bestimmt. 



DER GEGENS ATZ VON KAIN UND ABEL 



Berlin, 10. Juni 1904 

Schon das letzte Mai habe ich darauf hingedeutet, daB sich in der Ge- 
schichte von Kain und Abel eine ganze Summe von okkulten Ge- 
heimnissen verbirgt. Auf einiges mochte ich heute hinweisen, aber 
gleich von vornherein betonen, daB das Verhaltnis von Kain und 
Abel - allerdings in seiner Tiefe erfaBt - eine Allegorie fur auBer- 
ordentlich tiefe Geheimnisse ist, und wir nur imstande sein werden, 
aus den Voraussetzungen, die wir haben, einiges zu erkennen. 

Wenn wir die fiinf Biicher Moses verfolgen, so werden wir darin 
so manches finden, das geradezu hinweist auf die Entwickelung der 
Menschheit seit der lemurischen Zeit. Die Erzahlung zum Beispiel 
von Adam und Eva und ihren Nachkommen ist nicht etwa einfach 
und naiv hinzunehmen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB wir 
es namentlich in den fiinf Biichern Moses, im Enoch, in den Psalmen 
und einigen anderen wichtigen Kapiteln des Evangeliums, in dem 
Hebraerbriefe, in einigen Paulusbriefen und in der Apokalypse, 
durchaus mit Schriften von Eingeweihten zu tun haben, so daB wir 
in diesen Schriften einen okkulten Kern zu suchen haben. In den 
okkulten Schulen wurde iiberall iiber diesen Kern gesprochen. Wer 
nicht gedankenlos - im hoheren Sinn gedankenlos - die Bibel liest, 
dem wird manches auffallen. Und ich mochte Sie auf etwas aufmerk- 
sam machen, was sehr leicht iibersehen werden kann, aber einfach 
wortlich gelesen werden muB, um zu sehen, daB hier nichts umsonst 
steht, und daB leicht in der Bibel iiber etwas hinweggelesen werden 
kann. 

Nehmen Sie den ersten Satz im fiinften Kapitel des ersten Buch 
Moses: «Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Da Gott 
den Menschen schuf, machte er ihn in Ahnlichkeit Gottes: Mannlich- 
weiblich schuf er sie, segnete sie und nannte ihren Namen < Mensch >, 
in diesen Tagen, da er sie geschaffen hatte. Als Adam hundertdreiBig 
Jahre gelebt hatte, zeugte er in seiner Ahnlichkeit, nach seinem Eben- 
bilde und nannte die Frucht auf den Namen <Seth>.» 



Man mu6 wortlich lesen. Adam selbst wird genannt ein Mensch 
schlechthin. Mannlich-weiblich schuf Gott sie; noch nicht geschlecht- 
lich, ungeschlechtlich. Und wie schuf er sie? In Gottes Ahnlichkeit. 

Und auBerdem im zweiten Satz: «Nach so und so viel Jahren» 
- es sind da lange Zeitraume vorzustellen - «zeugte Adam einen Sohn, 
Seth, nach seinem Ebenbild.» Im Anfang der adamitischen Zeit haben 
wir den Menschen nach Gottes Ebenbild, am Ende der adamitischen 
Zeit nach Adams Ebenbild, nach menschlichem Ebenbild. Friiher war 
der Mensch dem Ebenbilde Gottes gemaB geschaffen. Spater war er 
Adams Ebenbild. 

Wir haben also im Anfange Menschen, die alle untereinander gleich 
sind, und alle sind sie nach dem Ebenbilde der Gottheit geschaffen. 
Sie pflanzten sich auf ungeschlechtlichem Wege fort. Wir miissen uns 
klar sein dariiber, da6 sie alle noch immer dieselbe Form haben, wie 
sie sie vom Ursprung her haben, so da6 der Sohn dem Vater und 
der Enkel wieder dem Sohn ahnlich sehen. Was erst macht es, daB 
die Menschen sich andern, sich differenzieren? Wodurch werden sie 
verschieden? Dadurch, da6 an der Fortpflanzung zwei beteiligt sind. 
Der Sohn oder die Tochter, sie sehen auf der einen Seite dem Vater, 
auf der anderen Seite der Mutter ahnlich. 

Denken Sie sich nun, Sie hatten eine urspriingliche gotterahnliche 
Rasse, und die pflanzte sich fort nicht dadurch, da6 sie geschlechtlich, 
sondern ungeschlechtlich war: Der Nachkomme sieht immer der vor- 
hergehenden Generation ahnlich. Es tritt keine Vermischung ein. Die 
Verschiedenheit trat erst auf, als die Seth-Zeit kam. Zwischen die Zeit 
von Adam und Seth aber fallt etwas anderes. Namlich bevor der Uber- 
gang stattfindet von Adam zu Seth, werden zwei geboren, die wie- 
derum wichtige Reprasentanten sind: Kain und Abel. Die stehen da- 
zwischen, sind Ubergangsprodukte. Sie sind noch nicht in der Zeit 
geboren, wo ausgesprochen der Charakter der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung vorhanden war. Das konnen wir entnehmen aus dem, was 
«Abel» und «Kain» heiBt. «Abel» heifit auf Griechisch «Pneuma» 
und auf Deutsch «Geist», und wenn wir die sexuelle Bedeutung neh- 
men, so hat das einen entschieden weiblichen Charakter. «Kain» da- 
gegen heiBt fast wortlich «das Mannliche», so da6 in Kain und Abel 



einander gegeniiberstehen das Mannliche und das Weibliche. Noch 
nicht im rein Organischen: auf einer hoheren, geistigen Stufe neigen 
sie zur Differenzierung. 

Nun bitte ich Sie, das genau festzuhalten. Urspriinglich war die 
Menschheit mannlich-weiblich. Spater wurde sie geschieden in das 
mannliche und das weibliche Geschlecht. Das Mannliche, Materielle 
haben wir in Kain, das Weibliche, Geistige in Abel-Seth. Die Diffe- 
renzierung hat stattgefunden. Das ist symbolisiert in den Worten: 
Kain war ein Bebauer des Bodens und Abel war ein Hirte (1. Mo- 
ses 4,2). 

«Boden» heiBt in den uraltesten Sprachen so viel wie physischer 
Plan, und die drei Aggregatzustande des physischen Planes sind: die 
feste Erde, das Wasser und die Luft. «Kain wurde ein Ackerbauer», 
heiBt in seiner uraltesten Bedeutung: er lernte leben auf dem phy- 
sischen Plan, er wurde Mensch auf dem physischen Plane. Das war 
der Charakter des Mannlichen. Er bestand darin, daB er stark und 
kraftig war, um die Scholle des physischen Planes zu bearbeiten, und 
dann zuriickzukehren von dem physischen zu den hoheren Planen. 

«Abel war ein Hirte. » Als Hirte nimmt man das Leben, wie es 
einem der Schopfer darbietet. Man arbeitet die Herden nicht aus, 
sondern hutet sie bloB. Dadurch ist er der Reprasentant jenes Ge- 
schlechtes, das den Geist nicht durch den selbstandig arbeitenden 
Verstand erlangt, sondern den Geist als Offenbarung von der Gott- 
heit selber empfangt, ihn bloB hiitet. Der Huter der Herde, der Hiiter 
dessen, was auf die Erde verpflanzt wird, das ist Abel. Derjenige, der 
selber etwas erarbeitet, das ist Kain. Kain legt die Grundlagen fur das 
Zitherspiel und sonstige Kunste (1. Moses 4,21,22). 

Nun kommt der Gegensatz, wie sie sich zur Gottheit verhalten. 
Abel empfangt das Geistige und bringt als Opfer das Beste, die hoch- 
ste Frucht des Geistes dar. Gott wendet selbstverstandlich - weil es 
ja das ist, was er selbst auf die Erde gepflanzt hat - mit Wohlgef alien 
seinen Blick auf das Opfer. Kain macht auf etwas anderes Anspruch. 
Er will sich mit den Produkten seines Verstandes an die Gottheit 
wenden. Das ist etwas, was der Gottheit ganz fremd ist, etwas, was 
der Mensch in seiner Freiheit sich errungen hat. 



Kain ist der zu den Kiinsten und Wissenschaften strebende Mensch. 
Zunachst hat das keine Verwandtschaft mit der Gottheit. Eine tiefe 
Wahrheit ist damit ausgedriickt. Wer im Okkulten Erfahrung hat, der 
weiB, daB die Kiinste und Wissenschaften, trotzdem sie die Menschen 
frei gemacht haben, nicht das waren, was die Menschen zu dem Gei- 
stigen gefiihrt hat; sie waren es gerade, was die Menschen weggefiihrt 
hat von dem eigentlich Spirituellen. Die Kiinste sind etwas, was auf 
dem eigenen Grund und Boden des Menschen, auf dem physischen 
Plan erwachsen ist. Das kann der Gottheit zunachst nicht wohlge- 
fallig sein. Daraus entspringt der Gegensatz, daB der «Rauch», der 
Geist, den Gott selbst in die Erde gepflanzt hat, von Abel zur Gott- 
heit emporstrebt, und daB der andere, der «Rauch» von Kain, auf 
der Erde bleibt. Das Selbstandige bleibt auf der Erde, wie der Rauch 
des Kain. 

Das ist auch der Gegensatz zwischen dem Weiblichen und dem 
Mannlichen. Weiblich ist das, was inspiriert ist von dem, was von 
der Gottheit unmittelbar empfangen wird. Pneuma wird durch die 
Empfangnis errungen. Das, was Kain zu geben hat, ist menschliche 
Arbeit auf dem physischen Plan selbst. Das ist der Gegensatz zwischen 
dem weiblichen und dem mannlichen Geist. Diese beiden stehen sich 
hier urspriinglich gegeniiber. 

Jeder Mensch ist nicht nur physisch, sondern auch geistig Mann 
und Weib zugleich; er ist empfangender, sich inspirierenlassender 
Geist und das das Inspirierte verarbeitende, kombinierende Intellek- 
tuelle zugleich. Jetzt trennte sich das - wir brauchen in dem Weib- 
lichen und Mannlichen weiterhin nur ein Symbol zu sehen -, jetzt 
ging das Inspirationsprinzip auf diejenigen iiber, welche auf dem 
Standpunkte des Abel waren, auf die, welche Hirten und Priester blie- 
ben. Auf die anderen ging das Inspirationsprinzip nicht iiber; sie 
wurden dem Weltlichen zugewandte Wissenschafter und Kiinstler und 
beschrankten sich rein auf den physischen Plan. 

Das hatte nicht stattfinden konnen, ohne daB auch im Menschen 
eine Veranderung stattgefunden hat. Als der Mensch noch Mann- 
Weib war, da ware es ihm nicht moglich gewesen, eine Trennung zu 
bewirken in spirituelle Weisheit und in intellektuelle Wissenschaft. 



Erst dadurch, daB der Mensch endgiiltig getrennt wurde in zwei Ge- 
schlechter, erst dadurch, daB die Menschheit geteilt wurde durch das 
Geschlechtliche, wurde das Gehirn auf den Standpunkt gebracht, daB 
es wirken konnte. Das Gehirn wurde mannlich, die tiefere Wesenheit 
wurde das Weibliche. Der Mensch kann nur produzieren innerhalb 
seiner physischen Natur. Da bringt er etwas hervor, namlich Nach- 
kommen. Aber ein Geist, insofern er im Gehirn ist, ist mannlich und 
produktiv auf den physischen Plan beschrankt. * Dafiir haben wir in 
Kain und Abel die representative Darstellung. 

Dadurch nun, daB diese Spaltung eingetreten ist, ist es gekommen, 
daB in der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes die Nachkom- 
men nicht mehr bloB dem Vorfahren als solchem ahnlich sehen, son- 
dern daB sie sich differenzierten. Ich bitte Sie, sich das Folgende vor- 
zuhalten. Je groBere Bedeutung das Sexuelle hat, desto mehr tritt 
Differenzierung auf. Wenn wir reine ungeschlechtliche Fortpflanzung 
vor uns hatten, so wiirden die nachsten Generationen den vorher- 
gehenden ahnlich sehen. Eine Verschiedenheit in der Zeitfolge wiirde 
nicht stattfinden. Die Verschiedenheit entsteht nur dadurch, daB Ver- 
mischung stattfindet. Und wodurch wurde diese Vermischung mog- 
lich gemacht? Dadurch, daB das Mannliche sich dem physischen 
Plane verschrieb. Kain wurde derjenige, welcher den Boden beackerte 
und veranderte. Diese auBere Verschiedenheit der Generationen ware 
nicht in die Menschheit hineingekommen, wenn nicht ein Teil der 
Menschen heruntergestiegen ware bis zum physischen Plan. Da war 
es nicht mehr wie friiher, wo die Produktion von den hoheren Planen 
heruntergestiegen ist. Jetzt wurde etwas verwoben in den Menschen 
dadurch, daB er sich etwas vom Physischen herausholte. Jetzt wird 
er ein Ebenbild dessen, was er auf dem physischen Plan erworben 
hat, und der Mensch tragt es hinauf zu den hoheren Planen. Das 
Physische ist das Kainszeichen. Der physische Plan, in seiner Wirkung 
auf den Menschen, ist ihm als Kainszeichen aufgedriickt. 

Jetzt ist der Mensch mit der Erde vollig verbunden, so daB ein 
Gegensatz zwischen Kain und Abel, ein Gegensatz zwischen Gotter- 
sohn und Sohn des physischen Planes ist, wobei die Sonne von Abel- 

* Siehe unter Hinweise. 



Seth die Gottersohne, die Sonne Kains die Sonne des physischen Pla- 
nes darstellen. 

Sie werden nun begreifen, daB das Ereignis von Kain und Abel 
zwischen Adam und Seth hineinfallt. Es ist da ein neues Prinzip in 
den Menschen eingetreten, das Prinzip der Erblichkeit, der Erbsiinde, 
des der vorhergehenden Generation Unahnlichseins. 

Gottersohne sind aber noch geblieben. Nicht alle Abels sind aus 
der Welt geschafft. Und nun sehen wir, was auf die Erde gekommen 
ist dadurch, daB Kain auf die Frage: «Wo ist dein Bruder Abel?» 
antwortet: «Bin ich denn der Hiiter meines Bruders?» - Das hatte 
friiher niemals ein Mensch gesagt. Das sagt nur ein Verstand, der 
gleichsam wie akustisch [?] auf das Spirituelle reagiert. Jetzt mischt 
sich das Prinzip des Kampfes, das Prinzip des Gegensatzes in das 
Prinzip der Liebe; jetzt ist der Egoismus geboren: «Bin ich denn der 
Hiiter meines Bruders?» 

Die Abels, die geblieben sind, die waren die Gottersohne; sie blie- 
ben dem Gottlichen verwandt. Aber sie muBten sich jetzt hiiten, ein- 
zugehen in das Irdische. Und damit begann das Prinzip, das fur den- 
jenigen, der sich dem Gottlichen geweiht hat, zum Prinzip der Askese 
wird. Eine Siinde wird es, wenn er sich verbindet mit denjenigen, 
welche sich der Erde geweiht haben. Eine Siinde ist es, wenn «die 
Gottersohne Gefallen finden an den Tochtern der Menschen aus dem 
Geschlechte des Kain». 

Daraus ging ein Geschlecht hervor, das gewohnlich in den offent- 
lichen Biichern des Alten Testamentes nicht einmal erwahnt, sondern 
nur angedeutet wird: ein Geschlecht, das fur physische Augen nicht 
wahrnehmbar ist. Es wird in der okkulten Sprache «Rakshasas» ge- 
nannt und ist ahnlich den «Asuras» der Inder. Es sind das teuflische 
Wesen, die wirklich vorhanden waren und verfiihrend auf die Men- 
schen wirkten, so daB das menschliche Geschlecht selbst herabkam. 
Diese «Poussade» der Gottersohne mit den Tochtern der Menschen 
gab ein Geschlecht, welches besonders verfiihrend wurde fur die vierte 
Unterrasse der Atlantier, die Turanier, und zum Untergange des 
Menschengeschlechtes fiihrte. Einiges wird hiniibergerettet in die 
neue Welt. Die Sintflut ist die Flut, welche Atlantis vernichtet hat. 



Die Menschen, die verfiihrt waren von den Rakshasas, waren nach 
und nach verschwunden. 

Jetzt muB ich etwas sagen, was Ihnen jedenfalls sehr eigenartig 
erscheinen wird, was aber unendlich wichtig ist zu wissen, was von 
einer ganz besonderen Bedeutung ist und ein okkultes Geheimnis 
durch viele Jahrhunderte hindurch war fiir die AuBenwelt, und was 
fur den Verstand der meisten unglaublich erscheinen wird, aber trotz- 
dem wahr ist. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daB jeder 
Okkultist sich oft iiberzeugt in dem, was wir die Akasha-Chronik 
nennen, ob das so ist. Aber es ist so. 

Diese Rakshasas sind vorhanden, sie sind wirklich vorhanden ge- 
wesen - tatig, aktiv - als Verfiihrer der Menschen. Sie haben ge- 
wirkt auf die menschlichen Leidenschaften bis zu dem Zeitpunkte, 
wo sich in Jesus von Nazareth der Christus inkarnierte und in einer 
menschlichen Leiblichkeit das Buddhiprinzip selbst gegenwartig ge- 
worden ist auf derErde. Nun mogen Sie das glauben oder nicht: das 
hat eine kosmische Bedeutung, das hat eine Bedeutung, die hinaus- 
reicht iiber den irdischen Plan. Die Bibel driickt das nicht umsonst so 
aus: Christus ist in die Vorholle hinabgestiegen. - Da waren nicht 
mehr menschliche Wesen, er hatte es mit geistigen Wesen zu tun. 
Die Wesen der Rakshasas kamen dadurch in einen Zustand der Lah- 
mung und Lethargie. Sie wurden gleichsam im Zaume gehalten, so 
daB sie unbeweglich wurden. Dies konnten sie nur dadurch werden, 
daB ihnen von zwei Seiten her entgegengewirkt wurde. Das ware 
nicht moglich gewesen, wenn in Jesus von Nazareth nicht zwei 
Naturen vereinigt gewesen waren: auf der einen Seite der alte Chela, 
der ganz verbunden war mit dem physischen Plan, der auch auf dem 
physischen Plane wirken konnte und durch seine Krafte ihn im Gleich- 
gewicht halten konnte und auf der anderen Seite der Christus selbst, 
ein reines Geistwesen. Das ist das kosmische Problem, das dem Chri- 
stentum zugrunde liegt. Es ist damals auf okkultem Felde etwas ge- 
schehen; es ist dies die Bannung der Feinde des Menschentums, nach- 
klingend in der Sage des Antichrist, der gefesselt wurde, aber wieder 
erscheinen wird, wenn ihm nicht das christliche Prinzip in seiner Ur- 
spriinglichkeit wieder entgegentritt. 



Der ganze Okkultismus des Mittelalters strebte darnach, die Wir- 
kung der Rakshasas nicht heraufkommen zu lassen. Diejenigen, wel- 
che auf hoheren Planen sehen konnen, haben schon langst vorher- 
gesehen, daB der Zeitpunkt, wo es geschehen kann, am Ende des 
19. Jahrhunderts, an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, eintre- 
ten kann. Nostradamus, der in einem Turm arbeitete, der oben offen 
war, der auch Hilfe in der Pest brachte, war imstande, die Zukunft 
vorherzusagen. Er schrieb eine Anzahl prophetischer Verse, in denen 
Sie den Krieg von 1870 und manches iiber Marie-Antoinette als be- 
reits erfiillte Prophezeiungen nachlesen konnen. In diesen Centurien 
des Nostradamus steht auch folgendes (Centurie 10,75): Wenn das 
19. Jahrhundert zu Ende sein wird, wird einer der Hermesbriider von 
Asien erscheinen und wird die Menschheit wieder vereinen. - Die 
Theosophische Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erfiillung dieser 
Prophezeiung des Nostradamus. Die Entgegenwirkung gegen die 
Rakshasas und die urspriinglichen Mysterien wieder aufzurichten, ist 
ein Bestreben der Theosophischen Gesellschaft. 

Sie wissen, daB Jesus Christus nach dem Tode noch zehn Jahre auf 
der Erde geblieben ist. Die «Pistis-Sophia» enthalt die tiefsten theo- 
sophischen Lehren, sie ist viel tiefer als Sinnetts «Esoterischer Bud- 
dhismus». Jesus warimmer und immer wieder inkarniert. Ihm fallt die 
Aufgabe zu, das Mysterienprinzip wieder zu beleben. Dahinter steckt 
nicht eine kulturgeschichtliche oder physische Tatsache, sondern die 
Tatsache, die ich Ihnen, als dem Okkultisten wohlbekannt, ausein- 
andergesetzt habe: der Kampf gegen die Rakshasas. Sie sehen, hier 
liegt ein groBes und wichtiges okkultes Geheimnis verborgen. 

Sie konnen mich nun fragen: Warum wird das in allegorischer Form 
gesagt und nicht in offener Sprache? - Ich muB hier darauf aufmerk- 
sam machen, daB diejenigen, welche groBe Lehrer der Menschheit 
waren, wie Moses, die indischen Rishis, Hermes, Christus, die ersten 
christlichen Lehrer, auf dem Standpunkte des Prinzips der Reinkarna- 
tion gestanden haben. Und diese allegorische Art der Mitteilung hat 
einen guten Sinn. Wenn zum Beispiel die Druidenpriester von «Ne- 
belheim», von dem «Riesen Ymir» und so weiter erzahlten, so war 
das natiirlich keine Volksdichtung. Der Druidenpriester wuBte viel- 



mehr: der Menschengeist, dem ich heute die Marchen einprage, wird, 
wenn er sich wieder inkarnieren wird, dazu vorbereitet sein, die Wahr- 
heit in einer vollkommeneren Form zu erfassen. Alle diese Marchen 
sind unter der Voraussetzung gemacht, daB der Geist sich wieder in- 
karniert, um dann eben spater die Wahrheit um so leichter zu erfassen. 
Diesen Marchen liegt nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis, die 
Erfahrung der Reinkarnation zugrunde. Sogar die Verleugnung der 
Reinkarnation - vom dritten Jahrhundert des Christentums an - ist 
unter der Voraussetzung der Reinkarnation geschehen, weil man die 
Menschen so recht herunterziehen wollte in Kama-Manas, ungefahr 
so viel, bis alles Geistige durch die Inkarnation durchgegangen ist. 
Daher hatte das Christentum 1500 Jahre kein Wissen von der Re- 
inkarnation. Wollten wir die Reinkarnationslehre weiter vorenthalten, 
so wiirden wir den Menschen ein zweites Mai diese Kenntnis vorent- 
halten. Das ware aber eine groBe Sunde, eine Versundigung an der 
Menschheit. Die einmalige Vorenthaltung war aber schon notwendig, 
denn das eine Leben zwischen Geburt und Tod muBte den Menschen 
auch wertvoll gemacht werden. 



DIE MYSTERIEN DER DRUIDEN UND DROTTEN 



Berlin, 30. September 1904 (Notizen) 

Unsere mittelalterlichen Erzahlungen - Parzival, Tafelrunde, Hart- 
mann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewohnlich nur dem aufie- 
ren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer Wahr- 
heiten. Wo ist der Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung des 
Christentums miissen wir den Ursprung suchen. In das Christentum 
hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland ... [Liicke] 
gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten Mittelpunkt gefiihrt, 
von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist. Das geistige Leben 
[Europas] ging aus von einer Zentralloge in Skandinavien. Drotten- 
loge, Druiden = Eiche. Deshalb spricht man auBerlich, da6 die alten 
Deutschen unter Eichen ihre Weisungen empfingen. 

Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. In 
England bestanden sie bis zu Zeiten der Konigin Elisabeth. Alles 
was wir in der Edda lesen konnen und in der uralten germanischen 
Sagenwelt finden konnen, geht zuriick bis in die Tempel der Drotten 
oder Druiden. Der Dichter ist immer ein Druidenpriester. Die Sagen 
stellen nicht irgendein Symbol oder eine Allegorie dar, - dies auch, 
aber noch anderes. 

Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wissen, daB Baldur die 
Hoffnung der Gotter ist, da6 er vom Gotte Loki getotet wird mit 
dem Mistelzweig. Der Gott des Lichtes getotet! Diese ganze Erzah- 
lung hat tiefen Mysteriensinn, den jeder, der eingeweiht wurde, nicht 
nur lernte, sondern zu erleben hatte. 

Mysterien. Einweihung: Der erste Akt war benannt das Aufsuchen 
des Leichnams Baldurs. Es wurde gedacht, da6 Baldur immer lebendig 
ist. Das Aufsuchen bestand in einer volligen Aufklarung iiber die 
Natur des Menschen. Denn Baldur war der Mensch, wie er verloren- 
gegangen ist. Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern 
ein anderer, der nicht differenziert war, nicht hinuntergedriickt bis 
zum Erleben der Leidenschaften, in einer feineren fluchtigen Materie. 
Baldur, der leuchtende Mensch. - Bei wirklichem Verstandnis sind 



die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in hoherem Sinne zu neh- 
men. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht ist in das, was wir heute 
Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in einem jeden von uns. Der 
Druidenpriester muBte in sich selbst diesen hoheren Menschen suchen. 
Ihm wurde klargemacht, worin diese Differenzierung besteht, von den 
hohen zu den niederen ... [Lucke]. 

Das Geheimnis aller Einweihung ist, den hoheren Menschen in sich 
zu gebaren. Was der Priester schneller durchmacht, werden die Men- 
schen in langer Entwickelungsreihe durchmachen. Damit diese Drui- 
den Fuhrer der ubrigen Menschen sein konnten, dazu muBten sie diese 
Einweihung empfangen. 

Der tiefer gestiegene Mensch muB nun die Materie iiberwinden und 
jenen hoheren Zustand wieder erreichen. Diese Geburt des hoheren 
Menschen verlauft in alien Mysterien in einer bestimmten gleichen 
Weise. Den in der Materie untergegangenen Menschen hatte man 
wieder zu beleben, durch eine Reihe von Erfahrungen muBte man 
gehen, wirkliche Erfahrung, die wie kein sinnliches Erlebnis auf die- 
sem Plan sein kann. 

Die Etappen. Die erste war, daB man vor den sogenannten Thron 
der Notwendigkeit gefuhrt wurde. Man stand vor dem Abgrund; er- 
fuhr wirklich an dem eigenen Leibe, wie es sich in den niederen Na- 
turreichen lebt. Der Mensch ist Mineral und Pflanze, aber erfahren 
kann der gegenwartige Mensch heute nicht, kann nicht erleben, was 
die elementaren Stoffe erleben, und doch riihrt das Eherne, Zwin- 
gende in der Welt davon her, daB wir auch Mineralien, Pflanzen 
sind. 

Die nachste Stufe fuhrte den Menschen vor alles das, was im Tier- 
reich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, muBte man 
durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch muBte das an- 
schauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die Kulissen 
des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weiB nicht, daB durch 
seine physische Hulle nur verdeckt wird, was durch den astralen Raum 
wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche Hulle und wer ein- 
geweiht wird, muB dahintersehen - die Hullen fallen, klar [schauen] 
wird der Mensch. Das ist ein besonderer Moment: der Priester wurde 



gewahr, daB sie [die Hiillen] eingedammt hatten Triebe, die, wenn sie 
losgelassen wiirden, furchtbar waren. 

Die dritte Stufe fiihrte zur Anschauung der groBen Natur. Das ist 
eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer be- 
greiflich findet. DaB da okkulte gewaltige Machte ruhen und in die- 
sen Naturkraften sich die Weltenleidenschaften ausdriicken, das ist 
etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daB es Krafte gibt, die 
er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid. 

Die nachste Priifung nennt man die Ubergabe der Schlange durch 
den Hierophanten. Man kann dies nur durch die Wirkungen erklaren, 
die von hier ausgehen. Die Tantalussage erklart sie uns. Die Gunst, 
im Rate der Gotter zu sitzen, kann miBbraucht werden. Es bedeutet 
eine Wirklichkeit, die den Menschen gewiB iiber sich selbst hinaus- 
hebt, aber an Gefahren bindet, die nicht ubertrieben sind im Tantali- 
denfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen die 
Naturgesetze. Diese sind Gedanken. Mit dem Gedanken, der nur ein 
schattenhafter Gehirngedanke ist, kann man nichts machen; mit dem 
schaffenden Gedanken, der die Weltendinge baut und konstruiert, 
dem produktiven, fruchtbaren, haben wir anstelle des passiven den- 
jenigen, der durchsetzt ist mit spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe 
ausgeblasen, ist Hiille der Raupe; vom [produktiven] Gedanken 
durchsetzt, ist sie die lebendige Raupe. In den Hiillengedanken wird 
wirkende, schaffende Kraft gegossen, so daB der Priester imstande 
ist, nicht nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wir- 
ken. Die Gefahr ist, MiBbrauch zu treiben. Er kann ... [Liicke]. 

Auf dieser Stufe erhalt der Okkultist eine gewisse Macht, durch die 
er selbst hohere Wesenheiten zu tauschen in der Lage ist. Er muB 
Wahrheiten nicht nur nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, 
ob etwas wahr oder falsch ist. Das heiBt: die Ubergabe der Schlange 
durch den Hierophanten. [Sie bedeutet auf geistigem Gebiet dasselbe, 
was im Physischen der Ansatz eines Riickenmarks bedeutet. In der 
Tierheit kommen wir durch die Fische, Amphibien und so weiter 
hinauf bis zum Gehirn der Wirbeltiere und des Menschen. Vgl. unter 
Hinweise.] Im Geistigen gibt es ebenso ein Riickgrat, wo es sich ent- 
scheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. Diesen ProzeB macht 



der Mensch durch auf dieser Stufe der Entwickelung. Er wird hinaus- 
gehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Riickgrat, um 
in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werden. Die Windun- 
gen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, was die 
Windungen des Gehirns sind. Der Mensch erhalt EinlaB in das Laby- 
rinth, in die Windungen innerhalb der hoheren Plane. 

Dann muBte er Verschwiegenheit schworen, ein blankes Schwertlag 
vor ihm und den starksten Eid muBte er schworen. Das hieB, daB der 
Mensch nunmehr schweigen wiirde iiber seine Erlebnisse gegeniiber 
dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen Geheim- 
nisse konnen unmoglich ohne weiteres mitgeteilt werden. Er [der 
Eingeweihte] hatte aber die Moglichkeit, die Sagen so zu gestalten, 
daB sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in dieser Weise 
sich aussprechen, hatte man natiirlich iiber seine Mitmenschen eine 
groBe Gewalt. Wer eine solche Sage formt, pragt etwas in den mensch- 
lichen Geist ein. Was man so spricht, wird wieder vergessen und nur 
das allerwenigste iiberdauert den Tod. Ewige Wahrheiten iiberdauern 
am langsten den Tod. Vom niederen Wissenschaftlichen iiberdauert 
sehr wenig den Tod. Das Ewige ja, und erscheint wieder in einer 
neuen Inkarnation. 

Der Druidenpriester sprach aus einem hoheren Plan heraus. Waren 
seine Erzahlungen der Ausdruck hoherer Wahrheiten, wenn auch 
einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache 
Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hinein 
und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarnationen 
geboren wird. Damals haben die Menschen Marchenwahrheiten er- 
lebt; so haben wir heute einen praparierten Geistkorper und wenn 
wir heute hohere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil wir prapariert 
sind. 

So hat diese Zeit, die im Jahre 60 aufhorte, das Geistesleben Euro- 
pas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Christentum 
hat aufbauen konnen. Ihre Lehren haben sich erhalten, und wer sucht, 
findet noch den Zugang zu dem, was in diesen Logen gelehrt wurde. 

Nachdem er [der Druidenpriester] seinen Schwur auf das Schwert 
abgelegt hatte, muBte er ein bestimmtes Getrank trinken, und zwar aus 



einem Menschenschadel. Dies hatte die Bedeutung, daB der Mensch 
hinausgewachsen war iiber das Menschliche. Dieses Gefiihl muBte der 
Druidenpriester gegeniiber dem niederen Leibe haben. Was in dem 
Leibe lebte, muBte er so objektiv, so kalt empfinden, daB er inn nur 
als ein GefaB betrachtete. Dann wurde er eingeweiht in die hoheren 
Geheimnisse und wie er wieder hinaufstieg in die hoheren Welten. 
Baldur ... [Liicke]. Er wurde in einen Riesenpalast gefiihrt, der iiber- 
deckt war mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, 
der sieben Blumen hinauswarf. Himmelsraum, Cherubim, Demiurg. - 
So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester. 

Viele lesen die Edda und wissen nicht, daB sie eine Erzahlung ist 
von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet 
hat. Eine ungeheure Macht lag in den Handen der alten Drotten- 
priester, iiber Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daB alles im 
Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Es war einst das Hochste, Hei- 
ligste. In den Zeiten, wo das Christentum sich ausbreitete, war vieles 
ausgeartet und es gab viele schwarze Magier, so daB das Christentum 
wie eine Erlosung war. 

Das alleinige Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast 
den ganzen Okkultismus. 

Kein Stein wurde in dem Druidentempel auf den anderen gelegt 
wie heute, sondern genau nach astronomischen MaBen. Tiiren waren 
nach HimmelsmaB gebaut. Menschheitsbauer waren die Druidenprie- 
ster. Ein schwaches Abbild davon hat sich in den Anschauungen der 
Freimaurer erhalten. 



Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man 
die Sonne um Mitternacht: 1. Einweihung. 

Ubergabe der Schlange: 2. Einweihung. 

Der Gang in dem Labyrinth: 3. Einweihung. 



DIE PROMETHEUSSAGE 



Berlin, 7. Oktober 1904 

Ich habe das letzte Mai versucht, Ihnen zu zeigen, wie die Einwei- 
hung in den alten Druidenlogen geschah. Heute mochte ich etwas 
ausfiihren, was damit zwar verwandt ist, was vielleicht aber doch 
scheinbar etwas weiter abliegt. Aber wir werden sehen, wie wir das 
Verstandnis unserer Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr 
in seiner Tiefe kennenlernen werden. 

Sie haben wohl aus meinen verschiedenen Freitagsvortragen erse- 
hen, daB die Sagenwelt der verschiedenen Volker einen tiefen Gehalt 
hat, und da6 die Mythen der Ausdruck von tiefen esoterischen Wahr- 
heiten sind. Nun mochte ich heute sprechen von einer der interes- 
santesten Sagen, von einer Sage, die im Zusammenhange steht mit 
der ganzen Entwickelung unserer fiinften Wurzelrasse. Dabei werden 
Sie zu gleicher Zeit sehen, wie der Esoteriker immer drei Stufen des 
Verstandnisses der Sagenwelt durchmachen kann. 

Zunachst leben die Sagen in irgendeinem Volke, und sie werden 
exoterisch, auBerlich-wortlich genommen. Dann beginnt der Un- 
glaube an diese wortliche Auffassung der Sagen, und es versuchen 
die Gebildeten eine symbolische, eine sinnbildliche Deutung der Sa- 
gen. Hinter diesen zwei Deutungen stecken aber noch fiinf andere 
Deutungen; denn jede Sage hat sieben Deutungen. Die dritte ist die- 
jenige, wo Sie in der Lage sind, die Sagen wiederum in einer ge- 
wissen Weise wortlich zu nehmen. Allerdings miissen Sie erst die 
Sprache verstehen lernen, in der die Sagen verfaBt sind. Heute mochte 
ich iiber eine Sage sprechen, deren Verstandnis nicht so leicht zu er- 
langen ist, iiber die Prometheussage. 

In einem Kapitel im zweiten Bande der «Geheimlehre» von 
H. P. Blavatsky werden Sie etwas dariiber finden, und daraus auch 
ersehen, welch tiefer Gehalt in dieser Sage steckt. Dennoch ist es nicht 
immer moglich, in gedruckten Schriften die letzten Dinge zu sagen. 
Heute konnen wir noch ein wenig iiber die Ausfiihrungen in der 
«Geheimlehre» von H. P. Blavatsky hinausgehen. 



Prometheus gehort der griechischen Sagenwelt an. Er und sein Bru- 
der Epimetheus sind die Sohne eines Titanen, Japetos. Und die Tita- 
nen selbst sind die Sohne der altesten griechischen Gottheit, von Ura- 
nos und seiner Gemahlin, der Gaia. Uranos wiirde, ins Deutsche iiber- 
setzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde». Ich bemerke noch 
ausdriicklich, daB Uranos im Griechischen dasselbe ist wie Varuna 
im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme der Sohne des Uranos 
und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder Epimetheus. 
Der jiingste der Titanen, Kronos, die Zeit, hat seinen Vater Uranos 
entthront und sich selbst der Herrschaft bemachtigt. Dafiir wurde er 
wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und mit alien Titanen 
in den Tartaros, den Abgrund oder die Unterwelt verstoBen. Nur 
der Titan Prometheus und sein Bruder Epimetheus hielten zu Zeus. 
Sie standen damals auf der Seite des Zeus und kampften gegen die 
anderen Titanen. 

Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das iibermutig 
geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum Anwalt 
des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem Menschenge- 
schlecht etwas geben konne, womit es sich selbst retten konne und 
nicht mehr bloB angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus. So wird uns 
erzahlt, daB Prometheus den Menschen den Gebrauch der Schrift 
und der Kiinste gelehrt habe, namentlich aber den Gebrauch des 
Feuers. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich geladen. Er 
wurde wegen dieses Zornes des Zeus an den Kaukasus angeschmiedet 
und muBte dort lange Zeit groBe Qual erdulden. 

Es wird uns ferner noch erzahlt, daB nunmehr die Gotter, Zeus an 
der Spitze, den Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst, veranlaBt 
haben, eine weibliche Bildsaule zu verfertigen. Diese weibliche Bild- 
saule war mit alien Eigenschaften ausgestattet, welche die auBere De- 
koration des Menschengeschlechts der fiinften Wurzelrasse sind. Diese 
weibliche Bildsaule war die Pandora. Pandora wurde veranlaBt, Gaben 
an die Menschheit heranzubringen, zunachst an den Bruder des Pro- 
metheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bruder, 
diese Gaben anzunehmen; dieser HeB sich aber dennoch bereden und 
nahm die Gaben der Gotter an. Es wurde alles auf die Menschheit 



ausgeschiittet, nur eines wurde zuriickbehalten: die Hoffnung. Diese 
Gaben sind zum groBten Teile Plagen und Leiden fur die Mensch- 
heit; nur die Hoffnung wurde in der Biichse der Pandora zuriick- 
behalten. 

Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an seiner 
Leber nagt fortwahrend ein Geier. Hier duldet er. Er weiB aber etwas, 
was eine Biirgschaft fiir seine Rettung ist. Er weiB ein Geheimnis, 
das selbst Zeus nicht weiB, das dieser aber wissen will. Er verrat 
es indessen nicht, trotzdem Zeus den Gotterboten Hermes zu ihm 
schickt. 

Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwiirdige Befreiung er- 
zahlt. Es wird erzahlt, daB Prometheus nur befreit werden kann durch 
das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein solcher 
Initiierter war der Grieche Herakles; Herakles, der die zwolf Arbeiten 
verrichtet hat. Die Verrichtung dieser zwolf Arbeiten ist die Leistung 
eines Initiierten. Es sind die zwolf Initiationspriifungen, symbolisch 
ausgedriickt. AuBerdem wird von Herakles gesagt, daB er sich in die 
Eleusinischen Mysterien habe einweihen lassen. Er vermag Prome- 
theus zu retten. Es muBte sich aber noch jemand opfern, und es op- 
ferte sich fiir Prometheus der Kentaur Chiron. Der litt da schon an 
einer unheilbaren Krankheit. Er war halb Tier, halb Mensch. Er er- 
leidet den Tod und Prometheus wurde dadurch gerettet. Das ist die 
auBere Struktur der Prometheussage. 

In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fiinften Wurzelrasse, 
und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen. Diese 
Sage wurde in Griechenland wirklich als Sage erzahlt. Aber auch in 
den Mysterien wurde sie wirklich dargestellt, so daB der Mysterien- 
schiiler das Schicksal des Prometheus vor sich sah. Und in diesem 
sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fiinften Wurzel- 
rasse sehen. Das Verstandnis hierfiir konnen Sie nur erlangen, wenn 
Sie eines beriicksichtigen. 

In der Mitte der lemurischen Rasse war erst das [erreicht], was man 
als die Menschwerdung bezeichnet; Menschwerdung in dem Sinne, 
wie wir heute Menschen haben. Diese Menschheit wurde gefiihrt von 
groBen Lehrern und Fiihrern, die wir als die «Sohne des Feuernebels» 



bezeichnen. Heute wird die Menschheit der fiinften Wurzelrasse auch 
gefiihrt von groBen Eingeweihten, aber unsere Eingeweihten sind 
anderer Art als die damaligen Fiihrer der Menschheit. 

Diesen Unterschied miissen Sie sich jetzt klarmachen. Es ist ein 
groBer Unterschied zwischen den Fiihrern der zwei vorhergehenden 
Rassen und den Fiihrern unserer fiinften Wurzelrasse. Auch die Fiih- 
rer jener Rassen waren vereinigt in einer weiBen Bruderloge. Diese 
hatten aber ihre vorherige Entwickelung nicht auf unserem Erdpla- 
neten durchgemacht, sondern auf anderen Schauplatzen. Sie waren 
auf die Erde herabgestiegen schon als reife hohere Menschen, um die 
Menschen, die noch in ihrer Kindheit waren, bei ihrer ersten Entste- 
hung zu unterrichten, sie die ersten Kiinste zu lehren, die sie brauch- 
ten. Diese Lehrzeit dauerte durch die dritte, vierte, ja bis in die fiinfte 
Wurzelrasse herein. 

Diese fiinfte Wurzelrasse hat ihren Ursprung genommen von einem 
kleinen Hauflein Menschen, die ausgesondert worden waren aus der 
vorhergehenden Wurzelrasse. Sie wurden herangezogen in der Wiiste 
Gobi und verbreiteten sich dann strahlenformig iiber die Erde. Der 
erste Fiihrer, der den Impuls gegeben hat zu dieser Menschheitsent- 
wickelung, das war einer der sogenannten Manus, der Manu der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Dieser Manu gehort noch zu jenen Fiihrern des Men- 
schengeschlechts, die zur Zeit der dritten Wurzelrasse herabgestiegen 
sind. Das war noch einer der Fiihrer, die ihre Entwickelung nicht nur 
auf der Erde durchgemacht haben, sondern die ihre Reife hereinge- 
bracht haben auf unsere Erde. 

Erst in der fiinften Wurzelrasse beginnt die Entwickelung von sol- 
chen Manus, die Menschen wie wir selbst sind, die wie wir ihre 
Entwickelung nur auf der Erde durchgemacht haben, die sozusagen 
von der Pike auf sich auf der Erde entwickeln. Wir haben also Men- 
schen, die hohere Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten schon sind, 
und solche, die sich bemiihen, Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten 
zu werden; so daB wir innerhalb der fiinften Wurzelrasse Chelas und 
Meister haben, die zur friiheren Rasse gehoren, und Chelas und Mei- 
ster, die alles durchgemacht haben, was Menschen von der Mitte der 
lemurischen Zeit an durchgemacht haben. Einer der Meister, die die 



Fuhrung der fiinften Wurzelrasse haben, ist dazu ausersehen, die Fiih- 
rung der sechsten Wurzelrasse zu iibernehmen. Die sechste Wurzel- 
rasse wird die erste sein, die von einem Erdenbruder als Manu geleitet 
sein wird. Die friiheren Meister, die Manus der anderen Welten, geben 
dem Erdenbruder die Fuhrung der Menschheit ab. 

Mit dem Aufdammern unserer fiinften Wurzelrasse fallt zusammen 
alles das, was wir die Entwickelung der Kiinste nennen. Die Atlan- 
tier hatten noch ein ganz anderes Leben. Erfindungen und Entdek- 
kungen hatten sie nicht. Sie arbeiteten in ganz anderer Weise. Ihre 
Technik und ihre Kunst waren ganz anders. Erst mit unserer fiinften 
Wurzelrasse entwickelte sich das, was wir in unserem Sinne Technik 
und Kiinste nennen. Die wichtigste Erfindung ist die Erfindung des 
Feuers. Machen Sie sich das einmal klar. Machen Sie sich klar, was 
heute in unserer ausgebreiteten Technik, Industrie und Kunst von dem 
Feuer abhangt. Ich glaube, der Techniker wird mir Recht geben, wenn 
ich sage, daB ohne das Feuer gar nichts von der ganzen Technik mog- 
lich ware, so daB wir sagen diirfen, mit der Erfindung des Feuers war 
die grundlegende Erfindung, der Impuls fur alle anderen Erfindungen 
gegeben. 

Dazu miissen Sie noch nehmen, daB man unter dem Feuer in der 
Zeit, als die Prometheussage entstand, alles dasjenige verstand, was 
irgendwie mit Warme zusammenhing. Man verstand darunter auch die 
Ursache des Blitzes. Die Ursachen aller Warmeerscheinungen wurden 
zusammengefaBt unter dem Ausdruck des Feuers. Das BewuBtsein 
davon, daB die Menschheit der fiinften Rasse unter dem Zeichen des 
Feuers steht, das driickt sich zunachst in der Prometheussage aus. 
Und Prometheus ist nichts anderes als der Reprasentant der ganzen 
fiinften Wurzelrasse. 

Sein Bruder ist Epimetheus. Zunachst iibersetzen wir uns einmal 
die zwei Worte: Prometheus heiBt auf deutsch der Vordenkende, 
Epimetheus heiBt der Nachdenkende. Da haben Sie die zwei Tatig- 
keiten des menschlichen Denkens klar auseinandergelegt in den nach- 
denkenden Menschen und in den vordenkenden Menschen. Der nach- 
denkende Mensch ist derjenige, welcher die Dinge dieser Welt auf 
sich wirken laBt und dann hinterher denkt. Ein solches Denken ist 



das kama-manasische Denken. Von einem gewissen Gesichtspunkt aus 
gesehen heiBt Kama-Manas-Denken: zuerst die Welt auf sich wirken 
lassen und dann hinterher denken. Der Mensch der fiinften Wurzel- 
rasse denkt heute noch hauptsachlich wie Epimetheus. 

Insofern aber der Mensch nicht das, was schon da ist, auf sich wir- 
ken la6t, sondern Zukunft schafft, Erfinder und Entdecker ist, inso- 
fern ist er ein Prometheus, ein Vordenker. Niemals wiirden Erfin- 
dungen gemacht werden konnen, wenn der Mensch nur Epimetheus 
ware. Eine Erfindung wird dadurch gemacht, da6 der Mensch etwas 
schafft, was noch nicht da ist. Zuerst ist es im Gedanken da, und dann 
wird der Gedanke umgesetzt in die Wirklichkeit. Dieses ist das Pro- 
metheusdenken. Dieses Prometheusdenken ist innerhalb der fiinften 
Wurzelrasse das manasische Denken. Kama-manasisches und mana- 
sisches Denken gehen wie zwei Strome nebeneinander her in der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Allmahlich wird das manasische Denken immer wei- 
ter und weiter ausgebreitet. 

Dieses manasische Denken der fiinften Wurzelrasse hat noch eine be- 
sondere Eigentiimlichkeit. Das verstehen wir, wenn wir zuriickblicken 
auf die atlantische Wurzelrasse. Diese hatte mehr ein instinktives 
Denken, welches noch in Verbindung war mit der Lebenskraft. Die 
atlantische Wurzelrasse war noch imstande, aus der Samenkraft sich 
eine Bewegungskraft zu bilden. Wie heute der Mensch in den Kohlen- 
lagern eine Art Reservoir hat an Kraft, die er in Dampf verwandelt 
zur Fortbewegung der Lokomotiven und Lasten, so hatte der Atlan- 
tier groBe Lager von Pflanzensamen, welche Krafte enthielten, die er 
umwandeln konnte in Fortbewegungskraft, von der getrieben wurden 
jene Fahrzeuge, die in Scott-Elliots Broschiire iiber die Atlantis be- 
schrieben werden. Diese Kunst ist verlorengegangen. Der Geist des 
atlantischen Menschen bezwang noch die lebendige Natur, die Samen- 
kraft. Der Geist der fiinften Rasse kann nur die leblose Natur, die im 
Stein, in den Mineralien liegenden Werdekrafte besiegen. So ist das 
Manas der fiinften Wurzelrasse gefesselt an die mineralischen Krafte, 
wie die atlantische Rasse gebunden war an die Lebenskrafte. Alle 
Prometheus kraft ist gefesselt an den Felsen, an die Erde. Daher ist 
auch Petrus der Fels, auf den Christus baute. Es ist dasselbe wie der 



Fels des Kaukasus. Der Mensch der fiinften Rasse hat auf dem rein 
physischen Plan seine Entwicklung zu suchen. Er ist gefesselt an un- 
organische, an mineralische Krafte. 

Versuchen Sie einmal, sich einen Uberblick dariiber zu verschaffen, 
was es heiBt, wenn man von dieser Technik der fiinften Rasse spricht. 
Wozu ist sie da ? Wenn Sie sich einen Uberblick verschaffen, so wer- 
den Sie sehen, daB - so groBartig und gewaltig auch die Resultate 
sind -, wenn die Verstandeskraft, das Manasische angewendet wird 
auf das Unorganische, das Mineralische, daB trotzdem im groBen und 
ganzen es der menschliche Egoismus ist, das menschliche personliche 
Interesse, wozu alle diese ganzen Krafte der Erfindungen und Ent- 
deckungen der fiinften Wurzelrasse zuletzt angewendet werden. 

Gehen Sie von der ersten Entdeckung und Erfindung aus und gehen 
Sie herauf bis zum Telephon, bis zu unseren neuesten Erfindungen 
und Entdeckungen, so werden Sie sehen, wie zwar groBe und gewal- 
tige Krafte durch diese Erfindungen und Entdeckungen uns dienstbar 
gemacht worden sind, aber wozu dienen sie? Was holen wir mit Eisen- 
bahn und Dampfschiffen aus fernen Landern? Wir holen uns Nah- 
rungsmittel, wir verlangen durch das Telephon Nahrungsmittel. Im 
Grunde ist es das menschliche Kama, das nach diesen Erfindungen 
und Entdeckungen in der fiinften Wurzelrasse verlangt. Das ist das, 
was man sich in objektiver Betrachtung einmal klarlegen muB. Dann 
wird man auch wissen, wie jener hohere Mensch, welcher hineinver- 
setzt wird in die Materie, in der Tat wahrend der fiinften Wurzelrasse 
an die Materie gefesselt ist dadurch, daB sein Kama die Befriedigung 
innerhalb der Materie verlangt. 

Wenn Sie im Esoterischen sich umsehen, so werden Sie finden, daB 
die Prinzipien des Menschen in Beziehung stehen zu ganz bestimmten 
Organen des Korpers. Ich werde Ihnen dieses Thema noch genauer 
ausfiihren; heute will ich nur anfiihren, mit welchen Organen unsere 
sieben Prinzipien in einer bestimmten Beziehung stehen. 

Zunachst haben wir das sogenannte Physische. Das steht in einer 
okkulten Beziehung zu dem oberen Teil des menschlichen Gesichts, 
zur Nasenwurzel. Der physische Bau des Menschen, der einmal ange- 
fangen hat — friiher war der Mensch ja bloB astral und baute sich 



hinein in das Physische -, nahm seinen Ursprung von dieser Partie 
aus. Die Physis ging aus und baute zuerst an der Nasenwurzel, so 
daB der Esoteriker die Nasenwurzel dem eigentlichen Physisch-Mine- 
ralischen zugeteilt erkennt. 

Das zweite ist Prana, der Atherdoppelkorper. Ihm ist esoterisch 
zugeteilt die Leber. Dieses Organ steht zu ihm in einer gewissen 
okkulten Beziehung. Dann kommt Kama, der Astralkorper. Der hat 
wieder seine Tatigkeit entwickelt beim Aufbau der Ernahrungs- 
organe, die ihr Sinnbild im Magen haben. Wiirde der Astralkorper 
nicht diese ganz bestimmte Auspragung haben, die er im Menschen 
hat, dann wiirde auch nicht dieser menschliche Ernahrungsapparat 
mit dem Magen diese bestimmte Form haben, die er heute hat. 

Wenn Sie den Menschen betrachten, erstens in seiner physischen 
Grundlage, zweitens in seinem Atherdoppelkorper und drittens in 
seinem Astralkorper, so haben Sie die Grundlage, die, wie Sie sehen, 
gefesselt ist an das, was die mineralische Fessel der fiinften Wurzel- 
rasse ausmacht. 

Durch die hoheren Korper hebt sich der Mensch schon wieder her- 
aus aus dieser Fessel und steigt zu Hoherem hinauf. Kama-Manas 
arbeitet sich schon wieder herauf. Da befreit sich der Mensch schon 
wieder von der reinen Naturgrundlage. Deshalb gibt es eine okkulte 
Beziehung von Kama-Manas zu dem, wodurch der Mensch aus der 
Naturgrundlage herausgehoben, abgeschniirt wird. Dieser okkulte 
Zusammenhang ist der zwischen dem niederen Manas und der so- 
genannten Nabelschnur. Gabe es kein Kama-Manas in der mensch- 
lichen Gestalt, dann wiirde der Embryo nicht in dieser Weise von der 
Mutter abgeschniirt werden. 

Gehen wir zum hoheren Manas, so hat es eine ebensolche okkulte 
Beziehung zum menschlichen Herzen und zum Blut. Buddhi hat eine 
okkulte Beziehung zu dem menschlichen Kehlkopf, zu dem Schlund 
und zu dem Kehlkopf. Und Atma hat eine okkulte Beziehung zu et- 
was, was den ganzen Menschen ausfiillt, namlich zu dem im Menschen 
enthaltenen Akasha. 

Das sind die sieben okkulten Beziehungen. Wenn Sie sich diese vor- 
halten, so haben wir als die wichtigsten fur unsere fiinfte Rasse her- 



vorzuheben diejenigen zu dem Atherdoppelkorper und zu Kama. Und 
wenn Sie das dazunehmen, was ich vorhin gesagt habe von der Be- 
herrschung des Prana durch die Atlantier - die Lebenskraft ist das, 
was den Atherdoppelkorper durchzieht -, so werden Sie sich sagen 
konnen, da6 der Atlantier in einer gewissen Beziehung noch um eine 
Stufe tiefer stand. Sein Atherdoppelkorper hatte noch die urspriing- 
liche Verwandtschaft mit allem Atherischen der AuBenwelt, und er 
beherrschte dadurch das Prana der AuBenwelt. Dadurch, dafi der 
Mensch eine Stufe hoher gestiegen ist, ist die Arbeit eine Stufe tiefer 
geworden. Das ist ein Gesetz: da6 wenn auf der einen Seite Aufstieg 
erfolgt, auf der anderen Seite ein Abstieg erfolgen mu6. Warend der 
Mensch friiher an Kama gearbeitet hat von Prana aus, mu6 er jetzt 
mit Kama auf dem physischen Plane arbeiten. 

Nun werden Sie verstehen, wie tief die Prometheussage diesen ok- 
kulten Zusammenhang symbolisiert. Ein Geier nagt dem Prometheus 
an der Leber. Kama ist symbolisiert in dem Geier, das eigentlich wirk- 
lich die Krafte der fiinften Rasse verzehrt. Der Geier nagt dem Men- 
schen an der Leber, an der Grundlage, und so nagt diese Kraft der 
fiinften Rasse an der eigentlichen Lebenskraft des Menschen, weil der 
Mensch gefesselt ist an die mineralische Natur, an den Petrus, den 
Fels, den Kaukasus. Damit muBte der Mensch seine Prometheus- 
Ahnlichkeit bezahlen. Deshalb mu6 der Mensch seine eigene Natur 
bezwingen, damit er nicht mehr angeschmiedet ist an das Minera- 
lische, an den Kaukasus. 

Nur diejenigen, welche wahrend der fiinften Wurzelrasse als 
menschliche Eingeweihte entstehen, konnen dem gefesselten Men- 
schen die Befreiung bringen. Herakles, ein menschlicher Eingeweih- 
ter, mu6 selbst zum Kaukasus dringen, um den Prometheus zu be- 
freien. Aber so werden die Initiierten den Menschen herausheben aus 
der Fesselung und opfern mu6 sich, was dem Untergang geweiht ist. 

Opfern mu6 sich der Mensch, der noch im Zusammenhang ist mit 
dem Tierischen: der Kentaur Chiron. Der Mensch der Vorzeit muB 
geopfert werden. Das Opfer des Kentauren ist fiir die Entwickelung 
der fiinften Rasse ebenso wichtig wie die Befreiung durch die Einge- 
weihten, durch die Initiierten der fiinften Rasse. 



Man sagt, daB in den griechischen Mysterien den Leuten die Zu- 
kunft prophezeit wurde. Darunter verstand man aber nicht ein vages, ab- 
straktes Erzahlen dessen, was in der Zukunft geschehen sollte, sondern 
die Angabe derjenigen Wege, die den Menschen in die Zukunft hinein- 
fiihren, was der Mensch zu tun hat, um sich in die Zukunft hinein zu 
entwickeln. Und was sich als Menschenkraft entwickeln sollte, das 
wurde vorgestellt in dem groBen Mysteriendrama Prometheus'. 

Man hat sich nun vorzustellen unter den drei Gottergeschlechtern 
Uranos, Kronos und Zeus drei aufeinanderfolgende fiihrende Wesen- 
heiten der Menschen. Uranos heiBt der Himmel, Gaia die Erde. Wenn 
wir zuriickgehen hinter die Mitte der dritten Rasse, der Lemurier, 
dann haben wir noch nicht den Menschen, den wir jetzt kennen, son- 
dern einen Menschen, den die Geheimlehre «Adam Kadmon» nennt, 
den Menschen, der noch ungeschlechtlich ist, den Menschen, der vor- 
her noch nicht der Erde angehorte, der noch nicht die Organe ent- 
wickelt hat zum irdischen Schauen, der noch dem Uranischen, dem 
Himmel angehorte. Durch die Vermahlung des Uranos mit der Gaia 
entstand der Mensch, der in die Materie herabstieg und damit zu 
gleicher Zeit in die Zeit einriickt. Kronos (= Chronos, die Zeit) wird 
der Herrscher des zweiten Gottergeschlechts von der Mitte der lemu- 
rischen Zeit an bis herein in den Anfang der atlantischen Zeit. Die 
fiihrenden Wesenheiten symbolisierten die Griechen zuerst unter dem 
Uranos, spater unter dem Kronos, und dann gingen sie iiber auf Zeus. 
Zeus aber ist noch einer derjenigen Fiihrer, welche ihre Schule nicht 
auf der Erde durchgemacht haben. Er ist noch einer, der zu den Un- 
sterblichen gehort, wie eben die ganzen griechischen Gotter noch zu 
den Unsterblichen gehorten. 

Die sterbliche Menschheit soil sich wahrend der fiinften Rasse auf 
eigene FiiBe stellen. Diese Menschheit wird reprasentiert durch den 
Prometheus. Sie erst brachte die menschlichen Kiinste und die Ur- 
kunst des Feuers. Auf sie ist Zeus eifersiichtig, da die Menschen her- 
anwachsen zu ihren eigenen Eingeweihten, die in der sechsten Wurzel- 
rasse die Fiihrung in die Hand nehmen werden. Das muB sich aber 
die Menschheit erst erkaufen. Daher muB ihr Ureingeweihter die gan- 
zen Leiden zunachst auf sich nehmen. 



Prometheus ist der Ureingeweihte der fiinften Wurzelrasse, der- 
jenige, der nicht nur in die Weisheit, sondern auch in die Tat einge- 
weiht ist. Er macht die ganzen Leiden durch, und er wird befreit 
durch denjenigen, der heranreift, um die Menschheit allmahlich frei 
zu machen und sie hinauszuheben iiber das Mineralische. 

So stellen uns die Sagen die groBen kosmischen Wahrheiten dar. 
Deshalb sagte ich Ihnen auch im Eingang: derjenige, der zur dritten 
Deutung aufsteigt, vermag sie wieder wortlich zu nehmen... [Es fol- 
gen einige unklare Satze, vgl. unter Hinweise.] Bei der Prometheus- 
sage haben Sie das Fressen des Geiers an der Leber. Das ist ganz 
wortlich zu nehmen. Der Geier friBt wirklich an der Leber der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Es ist der Kampf des Magens mit der Leber. In 
jedem einzelnen Menschen wiederholt sich wahrend der fiinften Wur- 
zelrasse dieser prometheische Leidenskampf. Vollstandig wortlich ist 
das zu nehmen, was hier in der Prometheussage ausgedriickt ist. Ware 
dieser Kampf nicht da, dann ware das Schicksal der fiinften Rasse ein 
ganz anderes. 

Es gibt also drei Ausdeutungen der Sagen: erstens die exoterisch- 
wortliche, zweitens die allegorische - der Kampf der menschlichen 
Natur -, drittens die okkulte Bedeutung, wo wieder eine wortliche 
Interpretation der Mythen eintritt. Daraus konnen Sie ersehen, daB 
diese Sagen alle - wenigstens alle diejenigen, welche eine solche Be- 
deutung haben - aus den Mysterienschulen herriihren und nichts an- 
deres sind als die Wiedergabe dessen, was in den Mysterienschulen 
als das groBe Drama des Menschheitsschicksals dargestellt worden ist. 
Wie ich Ihnen bei den Druidenmysterien zeigen konnte, daB [die Sage 
von] Baldur nichts anderes darstellt als das, was im Inneren der Drui- 
denmysterien sich vollzogen hat, so haben Sie im Prometheus das, 
was der griechische Mysterienschiiler im Inneren der Mysterien er- 
lebt hat, um Kraft und Energie zum Leben in der Zukunft zu ge- 
winnen. 



DAS MYSTERIUM DER ROSENKREUZER 



Berlin, 4. November 1904 

Wir haben schon verschiedene Mythen besprochen, deren Bilder eso- 
terische Wahrheiten enthalten. Solche Mythen wurden friiher den 
Menschen gegeben, um ihnen gewisse Wahrheiten - solange sie noch 
nicht reif waren fiir die esoterischen Wahrheiten selbst - zuerst in 
bildlicher Form zu iiberliefern. Diese Bilder bemachtigten sich des 
Kausalkorpers und bereiteten so die Menschen vor, in spateren In- 
karnationen die esoterischen Wahrheiten selbst zu verstehen. 

Nun mochte ich Ihnen heute eine solche esoterische Darstellung 
zeigen, welche erst vor wenigen Jahrhunderten gegeben wurde und 
jetzt noch mannigfaltig fortlebt. Das ist die folgende. 

Im Beginne des 15. Jahrhunderts erschien in Europa eine Person- 
lichkeit, welche im Morgenlande in gewisse Geheimnisse eingeweiht 
worden war. Es war dies Christian Rosenkreutz Ehe die damalige In- 
karnation des Christian Rosenkreutz zu Ende gegangen war, hatte er 
eine Anzahl von Personlichkeiten - die kaum die Zahl zehn iiberstieg - 
in den Gegenstand, in den er eingeweiht worden war, auch einge- 
weiht, soweit dies mit europaischen Menschen damals moglich war. 
Diese kleine Bruderschaft, die sich die Bruderschaft der Rosenkreu- 
zer - Fraternitas rosae crucis - nannte, trug durch eine groBere, 
mehr auBerliche Bruderschaft einen gewissen Mythus in die Welt 
hinaus. 

Christian Rosenkreutz selbst hatte damals im tiefsten Inneren der 
Rosenkreuzermysterien gewisse Geheimnisse dargestellt, wie sie nur 
wahrgenommen werden konnten von Menschen, die die notwendige 
Vorbereitung erfahren hatten. Aber, wie gesagt, in der kleinen Bru- 
derschaft waren es nicht mehr wie zehn; das waren die eigentlich 
eingeweihten Rosenkreuzer. Was von Christian Rosenkreutz gelehrt 
worden ist, konnte nicht vielen Menschen mitgeteilt werden; aber es 
wurde dann eingekleidet in eine Art von Mythus. Seit seiner ersten 
Begriindung im Anfang des 15. Jahrhunderts ist dieser Mythus viel- 
fach in Bruderschaften erzahlt und interpretiert worden. Erzahlt 



wurde er in groBerem Rahmen, interpretiert aber nur im engeren 
Kreis, denjenigen, die reif dafiir waren. 

Dieser My thus hatte ungefahr folgenden Inhalt: 

Es gab eine Zeit, da schuf einer der Elohim den Menschen; einen 
Menschen, den er Eva nannte. Mit Eva verband sich der Elohim 
selbst und es wurde von Eva Kain geboren. Darauf schuf der Elohim 
Jahve oder Jehova den Adam. Adam verband sich ebenfalls mit Eva 
und aus dieser Ehe ging Abel hervor. 

Wir haben es also bei Kain mit einem unmittelbaren Gottersohn 
zu tun und bei Abel mit einem SproBling des als Mensch geschaf- 
fenen Adam und der Eva. Nun geht der My thus weiter. 

Die Opfergaben, welche Abel dem Gotte Jahve darbrachte, waren 
dem Gotte angenehm. Aber die Opfergaben des Kain nicht, denn 
Kain war nicht auf direktes GeheiB von Jahve entstanden. Die Folge 
davon war, daB Kain den Brudermord beging. Er erschlug Abel. 
Deshalb wurde er von der Gemeinschaft mit Jahve ausgeschlossen. 
Er ging in entfernte Gegenden und wurde dort der Stammvater eines 
eigenen Geschlechts. 

Adam verband sich weiterhin mit Eva und zum Ersatz von Abel 
wurde Seth geboren, der auch in der Bibel vorkommt. So entstanden 
zwei Menschengeschlechter: das erste von Eva und dem Elohim ab- 
stammend, das Geschlecht Kains; und das zweite von den bloBen 
Menschen abstammend, die auf GeheiB des Jahve sich verbunden 
haben. 

Von dem Geschlecht des Kain stammen alle ab, die auf der Erde 
Kunste und Wissenschaften ins Leben gerufen haben, zum Beispiel 
Methusael, der die Schrift, die Tau-Schrift erfunden hat und Tubal- 
Kain, der die Bearbeitung der Erze und des Eisens lehrte. So entstand 
in dieser Linie, direkt von dem Elohim abstammend, die Menschheit, 
die sich in Kunsten und Wissenschaften ausbildet. 

Aus diesem Geschlecht der Kains ging auch hervor Hiram. Der 
war der Erbe alles dessen, was innerhalb der verschiedenen Genera- 
tionen der Kainssohne an Wissen, Kunst und Technik aufgespeichert 
worden war. Hiram war der bedeutendste Baukunstler, den man sich 
denken kann. 



Aus der anderen Linie, aus dem Geschlechte Seths stammte Salomo, 
der sich auszeichnete in alledem, was von Jahve oder Jehova her- 
riihrte. Er war ausgestattet mit der Weisheit der Welt, mit alledem, 
was die ruhige, klare, abgeklarte Weisheit bei den Jehovasohnen lie- 
fern kann. Dies war eine Weisheit, die man wohl mit Worten ausspre- 
chen kann, die dem Menschen tief ins Herz gehen, ihn erheben kann, 
aber nicht eine solche, welche das unmittelbare Objekt angreifen und 
etwas Wirkliches an Technik, Kunst und Wissenschaft hervorbringen 
kann. Es war eine Weisheit, die eine unmittelbare inspirierte Gabe 
des Gottes ist, nicht eine von unten herausgearbeitete, aus der mensch- 
lichen Leidenschaft, aus dem Menschenwollen hervorquillende Weis- 
heit. Die fand sich bei den Kainssohnen, bei denen, die unmittelbar 
von dem anderen Elohim abstammten. Das waren die strengen Ar- 
beiter, die alles selbst erarbeiten wollten. 

Nun beschloB Salomo einen Tempel zu bauen. Er bestellte dazu als 
Baumeister den SproBling der Kainssohne: Hiram. Es war zu der 
Zeit, da die Konigin von Saba, Balkis, nach Jerusalem kam, weil sie 
von dem weisen Salomo gehort hatte. Und sie war in der Tat, als sie 
ankam, entziickt von der erhabenen, klaren Weisheit und Schonheit 
des Salomo. Er warb um sie und erlangte auch ihr Jawort. Da horte 
diese Konigin von Saba auch von dem Tempelbau. Nun wollte sie 
auch den Baumeister Hiram kennenlernen. Als sie ihn sah, machte sein 
bloBer Blick auf sie einen ungeheuren Eindruck und nahm sie ganz 
gefangen. 

Nun entspann sich etwas wie Eifersuchtsstimmung zwischen Hiram 
und dem weisen Salomo. Die Folge davon war, daB Salomo gern 
etwas gegen Hiram getan hatte; aber er muBte ihn behalten, damit 
der Tempel fertig gebaut werden konnte. 

Es kam nun folgendes. Der Tempel war bis zu einer ganz bestimm- 
ten Stufe fertig. Nur eines fehlte noch, was das Meisterstiick des 
Hiram sein sollte: namlich das Eherne Meer. Dieses Meisterstiick 
Hirams sollte darstellen den Ozean, in Erz gegossen, und den Tem- 
pel schmiicken. Alle Erzmischungen waren in wunderbarer Weise von 
Hiram veranlagt worden und alles war zu dem GuB vorbereitet. Nun 
machten sich aber drei Gesellen ans Werk, die Hiram beim Tempel- 



bau fur unfahig befunden hatte, zu Meistern ernannt zu werden. Sie 
hatten ihm deshalb Rache geschworen und wollten die Ausfiihrung 
des Ehernen Meeres verhindern. Ein Freund Hirams, der davon er- 
fuhr, teilte Salomo diesen Plan der Gesellen mit, damit er ihn ver- 
eiteln wiirde. Aber Salomo lieB aus Eifersucht gegen Hiram der Sache 
ihren Lauf, weil er Hiram verderben wollte. Die Folge war, daB Hiram 
zusehen muBte, wie der ganze GuB zerstob, weil die drei Gesellen 
einen ungehorigen Stoff der Masse zugefiigt hatten. Er versuchte noch 
durch ZugieBen von Wasser das aufschaumende Feuer zu loschen, aber 
es wurde dadurch nur schlimmer. Wahrend er schon nahe daran war, 
an dem Zustandekommen des Werkes zu verzweifeln, erschien ihm 
Tubal-Kain selbst, einer seiner Ahnherren. Dieser sagte ihm, er solle 
sich ruhig in das Feuer hineinstiirzen, er sei durch das Feuer nicht 
verwundbar. Hiram tat es und gelangte bis zum Mittelpunkt der 
Erde. Tubal-Kain fiihrte ihn zu Kain, der dort im Zustande der ur- 
spriinglichen Gottlichkeit war. Hiram wurde nun in das Geheimnis 
der Feuerschopfung eingeweiht, in das Geheimnis des Erzgusses und 
so weiter. Er erhielt von Tubal-Kain noch einen Hammer und ein 
Goldenes Dreieck, das er am Halse zu tragen habe. Dann kehrte er 
zuriick und war nun imstande, das Eherne Meer wirklich herzustellen, 
den GuB wieder in Ordnung zu bringen. 

Hierauf gewinnt Hiram die Hand der Konigin von Saba. Er aber 
wird von den drei Gesellen iiberfallen und getotet. Doch ehe er starb, 
gelang es ihm noch, das Goldene Dreieck in einen Brunnen zu wer- 
fen. Als man nun nicht weiB, wo Hiram ist, wird er gesucht. Salomo 
selbst ist angstlich und will hinter die Sache kommen. Man furchtete, 
die drei Gesellen konnten das alte Meisterwort verraten und es wurde 
daher ein neues verabredet. Die ersten Worte, die fallen, wenn man 
Hiram wieder findet, sollten das neue Meisterwort sein. Als Hiram 
nun aufgefunden wurde, konnte er noch einige Worte sprechen. Er 
sagte: Tubal-Kain hat mir verheiBen, daB ich einen Sohn haben werde, 
der viele Sonne haben wird, die die Erde bevolkern und mein Werk 
- den Tempelbau - zu Ende fiihren werden. Dann bezeichnete er noch 
den Ort, wo das Goldene Dreieck zu finden sei. Es wurde zu dem 
Ehernen Meer gebracht und beide an einem besonderen Ort des Tern- 



pels, im Allerheiligsten, aufbewahrt. Sie konnen nur von denen ge- 
funden werden, die Verstandnis dafiir haben, was diese ganze Tempel- 
legende von dem Tempel des Salomo und seinem Baumeister Hiram 
zu bedeuten hat. 

Nun wollen wir einmal von der Legende selbst iibergehen zu einer 
Interpretation. 

Diese Legende stellt dar das Schicksal der dritten, vierten und 
fiinften Unterrasse unserer fiinften Wurzelrasse. Der Tempel ist der 
Tempel der Geheimbruderschaften, respektive dasjenige, was die 
ganze Menschheit der vierten und fiinften Unterrasse baut, und 
das Allerheiligste ist der Aufenthaltsort der Geheimbruderschaften. 
Diese wissen, was das Eherne Meer und das Goldene Dreieck bedeu- 
ten. 

Wir haben es also zu tun mit zweierlei Menschengeschlechtern: 
mit demjenigen, welches - durch Salomo reprasentiert - im Besitz 
gottlicher Weisheit ist, und mit dem Kains geschlecht, den Abkomm- 
lingen Kains, die sich auf das Feuer verstehen und es zu behan- 
deln wissen. Dieses Feuer ist nicht das physische Feuer, sondern 
das im Astralraum brennende Feuer der Leidenschaften, Triebe, Be- 
gierden. 

Wer sind nun die Kainssohne? Die Kainssohne sind - also im Sinne 
dieser Legende - die Sonne derjenigen Elohim, welche unter der 
Klasse der Elohim wahrend der Mondepoche ein wenig zuriickgeblie- 
ben sind. In der Mondepoche haben wir es mit Kama zu tun. Dieses 
Kama oder Feuer wurde damals durchdrungen mit Weisheit. Nun gab 
es zwei Arten von Elohim. Die einen Elohim blieben nicht stehen 
bei der Ehe zwischen Weisheit und Feuer; sie gingen dariiber hinaus. 
Und als sie den Menschen formten, waren sie nicht mehr durchdrun- 
gen von Leidenschaften, so daB sie ihn mit ruhiger, abgeklarter Weis- 
heit ausstatteten. Das ist die eigentliche Jahve- oder Jehovareligion, 
die Weisheit, die ganz leidenschaftslos war. Die anderen Elohim, bei 
welchen noch die Weisheit mit dem Feuer der Mondperiode ver- 
bunden war, sind diejenigen, welche die Kainssohne schufen. 

Daher haben wir in den Sohnen Seths die religiosen Menschen mit 
der abgeklarten Weisheit und in den Kains sohnen die, welche das 



impulsive Element haben, die sich entflammen und Enthusiasmus 
entwickeln konnen fur Weisheit. Diese zwei Geschlechter schaffen 
durch alle Rassen hindurch, durch alle Zeiten. Aus der Leidenschaft 
der Kainssohne sind alle Kiinste und Wissenschaften entstanden, aus 
der Abel-Seth-Stromung alle abgeklarte Frommigkeit und Weisheit, 
ohne Enthusiasmus. 

Diese zwei Typen waren immer vorhanden und das hat sich so fort- 
gefiihrt bis zur vierten Unterrasse unserer Wurzelrasse. 

Dann kam die Begriindung des Christentums. Dadurch wurde die 
friihere Frommigkeit, die nur eine Frommigkeit von oben war, eine 
Frommigkeit, die vollstandig kamafrei war. Sie wurde getaucht in das 
Element, das eben durch Christus auf die Erde kam. Christus ist nicht 
bloB die Weisheit, er ist die inkarnierte Liebe: ein hohes gottliches 
Kama, das zu gleicher Zeit Buddhi ist; ein rein flutendes Kama, das 
nichts fur sich will, sondern alle Leidenschaften in unendlicher Hin- 
gabe nach auBen richtet, ein umgekehrtes Kama ist. Buddhi ist um- 
gekehrtes Kama. 

Dadurch bereitet sich innerhalb des Typus der Menschen, die 
fromm sind, innerhalb der Sonne der Weisheit eine hohere From- 
migkeit vor, die nun allerdings enthusiastisch sein kann. Das ist 
christliche Frommigkeit. Sie wird zunachst veranlagt in der vierten 
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse. Diese ganze Stromung ist aber 
noch nicht in der Lage, sich mit den Kainssohnen zu verbinden. Sie 
sind zunachst noch Gegner. Wiirde namlich das Christentum unbe- 
dingt schnell alle Menschen ergreifen, so wiirde es sie zwar mit Liebe 
erfiillen konnen, aber das einzelne menschliche Herz, das individuelle 
menschliche Herz ware nicht dabei. Es ware keine freie Frommig- 
keit, es ware nicht das Gebaren des Christus in sich selbst als Bruder, 
sondern bloB als Herrn. Dazu miissen noch durch die ganze fiinfte 
Unterrasse hindurch die Kainssohne wirken. Sie wirken in ihren In- 
itiierten und bauen den Tempel der Menschheit, aufgebaut aus welt- 
licher Kunst und weltlicher Wissenschaft. 

So sehen wir wahrend der vierten und fiinften Unterrasse das welt- 
liche Element immer mehr und mehr sich entwickeln, die ganze welt- 
geschichtliche Entwickelung auf den physischen Plan heraustreten. 



Mit dem weltlichen Element des Materialismus entwickelt sich das 
personliche, der Egoismus, der zum Kampf aller gegen alle fiihrt. 
Wenn auch das Christentum da war, so war es in gewisser Weise 
doch Geheimnis von wenigen. Aber es bewirkte, daB den Menschen 
wahrend der vierten und fiinften Unterrasse aufging: ein jeglicher ist 
gleich vor Gott. Das ist christlicher Grundsatz. Aber die Menschen 
konnen dies nicht ganz verstehen, solange sie im Materialismus und 
Egoismus befangen sind. 

Die Franzosische Revolution hat dann die Konsequenz der christ- 
lichen Lehre im weltlichen Sinne vollzogen. Die spirituelle Lehre des 
Christentums: alle Menschen sind gleich vor Gott, wurde durch die 
Franzosische Revolution in eine rein weltliche Lehre ubertragen: alle 
sind hier gleich. Die neue Zeit hat das noch mehr ins Physische iiber- 
setzt. 

Vor der Franzosischen Revolution erschien bei einer Hofdame der 
Konigin Marie-Antoinette, der Madame d'Adhemar, eine Personlich- 
keit, die alle wichtigen Szenen der Revolution voraussagte, um davor 
zu warnen. Es war der Graf von Saint-Germain, dieselbe Person- 
lichkeit, die in friiherer Inkarnation den Orden der Rosenkreuzer ge- 
stiftet hat. Er vertrat damals den Standpunkt: die Menschen miiBten 
in ruhiger Weise von der weltlichen Kultur zu der wahren Kultur des 
Christentums gefiihrt werden. Die weltlichen Machte wollten sich 
aber die Freiheit im Sturm, in materieller Weise erobern. Zwar sah 
er die Revolution als notwendige Konsequenz an, aber er warnte doch 
davor. Er, Christian Rosenkreutz, in der Inkarnation vom 18.Jahr- 
hundert, als Hiiter des innersten Geheimnisses vom Ehernen Meer 
und vom heiligen Goldenen Dreieck, trat warnend auf: die Mensch- 
heit sollte sich langsam entwickeln. Doch schaute er, was vor sich 
gehen wurde. 

Das ist der Gang, den die Menschheitsentwickelung, von innen 
her betrachtet, wahrend der vierten und fiinften Unterrasse unserer 
Wurzelrasse durchmacht. Der menschliche Kulturbau, der groBe Tem- 
pel Salomos wurde gebaut. Aber dasjenige, was ihn eigentlich kronen 
soil, muB noch ein Geheimnis bleiben. Das kann nur ein Initiierter 
bauen. Dieser Initiierte wurde miBverstanden, verraten, getotet. Die- 



ses Geheimnis kann noch nicht herauskommen. Es bleibt das Geheim- 
nis von wenigen [Initiierten] des Christentums. In dem GuB des Eher- 
nen Meeres und dem heiligen Dreieck liegt es verschlossen. Es ist 
kein anderes als das Geheimnis des Christian Rosenkreutz, der vor 
Christi Geburt in einer sehr hohen Inkarnation verkorpert war und 
damals einen merkwiirdigen Ausspruch getan hat. 

Lassen Sie mich nun noch mit einigen Worten die Szene ausmalen, 
wie jener Christian Rosenkreutz vor der Franzosischen Revolution 
diese AuBerung wieder getan hat. Er sagte: Wer Wind sat, wird 
Sturm ernten. - Dies hatte er schon damals gesagt, bevor es dann 
von Hosea gesagt und aufgeschrieben wurde. Aber es ist von Chri- 
stian Rosenkreutz herriihrend. 

Dieser Ausspruch: Wer Wind sat, wird Sturm ernten -, ist der 
Leitspruch der vierten und fiinften Unterrasse unserer Wurzelrasse 
und sollte bedeuten: Ihr werdet den Menschen frei machen, es wird 
sich das inkarnierte Buddhi selbst mit dieser eurer Freiheit verbinden 
und die Menschen gleichmachen vor Gott. Aber der Geist (Wind be- 
deutet Geist = Ruach), er wird zunachst zum Sturm werden (Kampf 
aller gegen alle). 

Zunachst war das Christentum das des Kreuzes geworden, das sich 
hindurchentwickeln muBte durch die rein weltliche Sphare, den phy- 
sischen Plan. Nicht gleich von Anfang an war Christus am Kreuz das 
Symbol des Christentums. Aber als das Christentum immer mehr poli- 
tisch wurde, da wurde das Symbol der gekreuzigte Gottessohn, lei- 
dend auf dem Kreuze des Weltenleibes. Das bleibt es auBerlich durch 
den ganzen Rest der vierten und weiter durch die fiinfte Unterrasse 
hindurch. 

Zunachst ist das Christentum gebunden an die rein materielle Kul- 
tur der vierten und fiinften Unterrasse und nur dazwischen [?] be- 
steht das eigentliche Christentum der Zukunft, das im Besitze der 
Geheimnisse von dem Ehernen Meer und dem Goldenen Dreieck ist. 
Dieses Christentum hat ein anderes Symbol; nicht mehr den gekreu- 
zigten Gottessohn, sondern das Kreuz, von Rosen umwunden. Das 
wird das Symbol des neuen Christentums der sechsten Unterrasse sein. 
Aus dem Mysterium der Rosenkreuzerbruderschaft wird sich dieses 



Christentum der sechsten Unterrasse entwickeln, das das Eherne Meer 
und das Goldene Dreieck kennen wird. 

Hiram ist der Reprasentant der Initiierten der Kainssohne der vier- 
ten und fiinften Unterrasse. Die Konigin von Saba - jede weibliche 
Figur bedeutet in der esoterischen Sprache die Seele - ist die Seele 
der Menschheit, die zu entscheiden hat zwischen der abgeklarten, aber 
nicht die Erde erobernden Frommigkeit und der die Erde erobernden 
Weisheit, das heiBt, der durch Uberwindung der Leidenschaften der 
Erde verbundenen Weisheit. Sie ist die Reprasentantin der wahren 
Menschenseele, die zwischen Hiram und Salomo mittendrin steht, 
und sich mit Hiram in der vierten und fiinften Unterrasse verbindet, 
weil er noch den Tempel baut. 

Das Eherne Meer ist jener GuB, der entsteht, wenn in der entspre- 
chenden Weise Wasser mit Erz vermischt ist. Die drei Gesellen machen 
es falsch, der GuB wird zerstort. Aber indem Tubal-Kain dem Hiram 
die Mysterien des Feuers enthiillt, ist Hiram imstande, Wasser und 
Feuer in der richtigen Weise zu verbinden. Dadurch entsteht das 
Eherne Meer. Es ist das, was das Geheimnis der Rosenkreuzer ist. Es 
entsteht, wenn das Wasser der ruhigen Weisheit sich verbindet mit 
dem Feuer des astralen Raumes, dem Feuer der Leidenschaft. Da- 
durch muB eine Verbindung Zustandekommen, die «ehern» ist, die 
getragen werden kann in die folgenden Zeitalter, wenn hinzukommt 
das Geheimnis von dem heiligen Goldenen Dreieck, das Geheimnis 
von Atma-Buddhi-Manas. Dieses Dreieck, mit all dem, was es im Ge- 
folge hat, wird der Inhalt des erneuerten Christentums der sechsten 
Unterrasse sein. Das wird vorbereitet durch die Rosenkreuzer und 
dann wird das, was im Ehernen Meer symbolisiert wird, verbunden 
sein mit der Erkenntnis von Reinkarnation und Karma. Dies ist die 
neue okkulte Lehre, die dem Christentum wieder eingefiigt wird. 
Atma-Buddhi-Manas, das hohere Selbst, ist das Geheimnis, das offen- 
bar werden wird, wenn die sechste Unterrasse dazu reif sein wird. 
Dann wird Christian Rosenkreutz nicht mehr als Warner dazustehen 
brauchen, sondern es wird alles, was Kampf bedeutet hat auf dem 
auBeren Plan, den Frieden finden durch das Eherne Meer, durch das 
heilige Goldene Dreieck. 



Das ist der Gang der Weltgeschichte in die kiinftige Zeit hinein. 
Was Christian Rosenkreutz mit seiner Tempellegende durch die Bru- 
derschaften in die Welt tragen lieB, ist das, was sich die Rosenkreuzer 
zur Aufgabe gestellt haben: nicht bloB religiose Frommigkeit zu leh- 
ren, sondern auch Wissenschaft nach auBen; aber nicht nur die auBere 
Welt kennenzulernen, sondern auch die spirituellen Machte und von 
beiden Seiten hineinzugehen in die sechste Runde. 



DER MANICHAISMUS 



Berlin, 11. November 1904 

Wir haben ja wunschgemaB etwas iiber Freimaurerei zu sprechen. 
Diese kann man aber nicht verstehen, bevor nicht die urspriinglichen 
Geistesstromungen betrachtet werden, die mit der Freimaurerei in der 
Weise in Zusammenhang stehen, daB die Freimaurerei sozusagen aus 
ihnen hervorgegangen ist. Eine noch wichtigere Geistesstromung als 
die der Rosenkreuzer war die des Manichaismus. Wir miissen also 
eigentlich zuerst iiber diese viel wichtigere Bewegung sprechen und 
konnen dann spater einmal auch auf die Freimaurerei ein Licht werfen. 

Was ich dazu zu sagen habe, hangt zusammen mit verschiedenen 
Dingen, die in das gegenwartige und zukiinftige Geistesleben hinein- 
spielen. Und um Ihnen zu zeigen, daB man, wenn man in diesen Ge- 
bieten tatig ist, immerfort auf etwas Bezug nehmen muB, wenn auch 
versteckt, so mochte ich nur einleitend darauf hinweisen, daB ich bei 
wiederholter Gelegenheit das Faust-Problem als ein besonders wichti- 
ges fur das neue Geistesleben bezeichnet habe. Und darum ist auch 
im ersten Heft des «Luzifer» die moderne Geistesbewegung mit dem 
Faust-Problem in Zusammenhang gebracht. So wie ich es in meinem 
«Luzifer»-Aufsatz gebracht habe, ist nicht ohne eine gewisse Begriin- 
dung auf das Faust-Problem angespielt. 

Um die Dinge, um die es sich dabei handelt, in Zusammenhang zu 
bringen, miissen wir also zunachst ausgehen von einer Geistesrich- 
tung, die uns geschichtlich zuerst entgegentritt etwa im 3.Jahrhun- 
dert. Es ist dies jene Geistesrichtung, die ihren groBen Bekampfer 
im heiligen Augustinus gefunden hat, trotzdem er, bevor er zur katho- 
lischen Kirche iibergetreten ist, Anhanger dieser Richtung war. Wir 
miissen sprechen iiber den Manichaismus, der durch eine Personlich- 
keit begriindet wurde, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa 
im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt lebte. Ausgegangen ist die Be- 
wegung von einer Gegend, die damals beherrscht wurde von den 
Konigen Vorderasiens; sie ist also von den Gegenden des westlichen 
Kleinasien ausgegangen. Dieser Mani begriindete eine Geistesstro- 



mung, die ja zuerst eine kleine Sekte umfaBte, die aber zu einer mach- 
tigen Geistesstromung wurde. Die mittelalterlichen Albigenser, Wal- 
denser und Katharer sind die Fortsetzung dieser Geistesstromung, 
zu der auch der ja noch fiir sich zu besprechende Templerorden und 
ebenso - durch eine merkwiirdige Verkettung der Verhaltnisse - das 
Freimaurertum gehoren. Hier hinein gehort das Freimaurertum 
eigentlich, obgleich es sich mit anderen Stromungen, zum Beispiel 
dem Rosenkreuzertum verbunden hat. 

Die auBere Geschichte, die uns von Mani erzahlt wird, ist hochst 
einfach.* 

Es wird gesagt, daB in den Gegenden Vorderasiens ein Kaufmann 
lebte, der auBerordentlich gelehrt war. Er verfaBte vier bedeutsame 
Schriften: erstens die Mysteria, zweitens die Capitola, drittens das 
Evangelium, viertens den Thesaurus. Ferner wird erzahlt, daB er bei 
seinem Tod diese Schriften hinterlassen habe seiner Witwe, die eine 
Perserin war. Diese Witwe wiederum hinterlieB sie einem Sklaven, 
den sie losgekauft und freigelassen habe. Der sei der besagte Mani 
gewesen, der dann aus diesen Schriften seine Weisheit gezogen habe, 
aber auBerdem in die Mysterien des Mithrasdienstes eingeweiht ge- 
wesen war. Er hat dann diese Bewegung des Manichaismus ins Leben 
gerufen. Man nennt den Mani auch den «Sohn der Witwe» und seine 
Anhanger die «Sohne der Witwe». Er selbst aber, Mani, bezeichnete 
sich als «Paraklet», als den von Christus der Menschheit versproche- 
nen Heiligen Geist. Nun ist das so aufzufassen, daB er sich bezeich- 
nete als eine Inkarnation jenes Heiligen Geistes; nicht etwa meinte er, 
daB er der alleinige Heilige Geist sei. Er stellte sich vor, daB dieser 
Heilige Geist in Wiederverkorperungen erscheint und bezeichnete 
sich als eine solche Wiederverkorperung des Geistes. 

Die Lehre, die er verkiindigte, wurde von Augustinus, als dieser 
zur katholischen Kirche ubergetreten war, in der lebhaftesten Weise 
bekampft. Augustinus stellte seine katholische Anschauung der mani- 
chaischen Lehre gegeniiber, die er durch eine Personlichkeit vertreten 
laBt, die er Faustus nennt. Faustus ist im Sinne des Augustinus der 
Kampfer gegen das Christentum. Hier liegt der Ursprung des goethe- 

* Siehe unter Hinweise. 



sehen Faust mit seiner Anschauung des Bosen. Der Name «Faust» 
geht zuriick bis auf diese alte augustinische Lehre. 

Man erfahrt von der manichaischen Lehre gewohnlich, daB sie sich 
vom abendlandischen Christentum unterscheide durch ihre andere 
Auffassung des Bosen. Wahrend das katholische Christentum der An- 
sicht sei, daB das Bose beruhe auf einem Abfall vom gottlichen Ur- 
sprung, auf einem Abfall urspriinglich guter Geister von Gott, so 
lehre der Manichaismus, daB das Bose ebenso ewig sei wie das Gute; 
daB es keine Auferstehung des Leibes gebe und daB das Bose als 
solches kein Ende nahme. Es habe also keinen Anfang, sondern sei 
gleichen Ursprungs mit dem Guten, und habe auch kein Ende. 

Wenn Sie in dieser Weise den Manichaismus kennenlernen, so er- 
scheint er allerdings wie etwas radikal Unchristliches und wie etwas 
ganz Unverstandliches. 

Nun wollen wir der Sache auf den Grund gehen nach den Tradi- 
tionen, die von dem Mani selbst herriihren sollen und priifen, um was 
es sich da eigentlich handelt. Einen auBeren Anhaltspunkt zu dieser 
Priifung gibt uns die Legende des Manichaismus, eine ebensolche 
Legende, wie ich Ihnen neulich als Tempellegende erzahlt habe. Alle 
solche Geistesstromungen, die mit Einweihungen zusammenhangen, 
driicken sich exoterisch aus in Legenden. Nur ist die Legende des 
Manichaismus eine groBe kosmische Legende, eine Legende von iiber- 
sinnlicher Art. 

Da wird erzahlt, daB einstmals die Geister der Finsternis anstiirmen 
wollten gegen das Lichtreich. Sie kamen in der Tat bis an die Grenze 
des Lichtreiches und wollten das Lichtreich erobern. Sie vermochten 
aber nichts gegen das Lichtreich. Nun sollten sie - und hier liegt ein 
besonders tiefer Zug, den ich zu beachten bitte -, nun sollten sie be- 
straft werden von dem Lichtreich. Aber in dem Lichtreich gab es 
nichts irgendwie Boses, sondern nur Gutes. Also hatten die Damonen 
der Finsternis nur mit etwas Gutem bestraft werden konnen. Was 
geschah also? Es geschah folgendes. Die Geister des Lichtreiches 
nahmen einen Teil ihres eigenen Reiches und mischten diesen in das 
materielle Reich der Finsternis hinein. Dadurch, daB nun ein Teil 
des Lichtreiches vermischt wurde mit dem Reich der Finsternis, da- 



durch sei in diesem Reich der Finsternis gleichsam ein Sauerteig, ein 
Garungsstoff entstanden, der das Reich der Finsternis in einen chaoti- 
schen Wirbeltanz versetzte, wodurch es ein neues Element bekom- 
men hat, namlich den Tod. So daB es sich fortwahrend selbst aufzehrt 
und so den Keim zu seiner eigenen Vernichtung in sich tragt. Weiter 
wird erzahlt, daB dadurch, daB dies geschehen ist, gerade das Men- 
schengeschlecht entstanden sei. Der Urmensch sei eben gerade das, 
was vom Lichtreich her gesendet worden sei, um sich mit dem Reich 
der Finsternis zu vermischen und das, was im Reich der Finsternis 
nicht sein soil, zu iiberwinden durch den Tod; es in sich selbst zu iiber- 
winden. 

Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, daB von Seiten des Licht- 
reiches das Reich der Finsternis iiberwunden werden soil nicht durch 
Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Widerstreben dem Bosen, 
sondern durch Vermischung mit dem Bosen, um das Bose als solches 
zu erlosen. Dadurch, daB ein Teil des Lichtes hineingeht in das Bose, 
wird das Bose selbst iiberwunden. 

Dem liegt die Auffassung vom Bosen zugrunde, die ich oftmals als 
die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Bose? Es ist 
nichts anderes als ein unzeitgemaBes Gutes. Um ein Beispiel anzu- 
fiihren, das von mir schon ofters angefiihrt wurde: Nehmen wir an, 
daB wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem aus- 
gezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen 
sind in ihrer Art. Zuerst muB der Techniker das Instrument bauen 
und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler 
ist, wird er es in entsprechender Weise beniitzen und so sind beide 
gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spie- 
lers in den Konzertsaal gehen und da herumhammern wollte, dann 
ware er am unrechten Ort. Das Gute wiirde so zum Bosen. So sehen 
wir, daB das Bose nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort. 

Wenn das, was in irgendeiner Zeit auBerordentlich gut ist, sich 
weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrit- 
tene beeintrachtigen wiirde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifel- 
los ein Boses, weil es dem Guten widerstreben wiirde. Nehmen wir 
an, die leitenden Krafte der Mondenepoche, der lunarischen Epoche, 



wenn sie dort vollkommen waren in ihrer Art und ihre Tatigkeit 
hatten abschliefien miissen, wiirden sich noch langer in die Entwicke- 
lung mischen. Dann miiBten sie in der irdischen Entwickelung das 
Bose darstellen. So ist das Bose nichts anderes als das Gottliche, denn 
in der anderen Zeit war das, was zur Unzeit das Bose ist, der Aus- 
druck des Vollkommenen, des Gottlichen. 

In diesem tiefen Sinne haben wir die manichaische Anschauung 
aufzufassen, daB das Gute und Bose im Grunde genommen von der- 
selben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich 
in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden 
Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte. Auf der ande- 
ren Seite miissen wir aber zunachst erklaren, warum sich Mani selbst 
den «Sohn der Witwe » nannte und warum sich seine Anhanger « Sonne 
der Witwe» nannten. 

Wenn wir zuriickgehen in die altesten Zeiten, die vor unserer jet- 
zigen Wurzelrasse liegen, da war die Art und Weise, wie Menschen 
erkannten, Wissen erwarben, eine andere. Sie werden aus meiner Schil- 
derung der atlantischen Zeit, und jetzt, wo das nachste «Luzifer»- 
Heft erscheint, auch aus der Schilderung der lemurischen Zeit ersehen, 
daB damals alles Wissen - zum Teil bis in unsere Zeit hinein - beein- 
fluBt ist von demjenigen, was iiber der Menschheit steht. Ich habe 
ofters schon erwahnt, daB erst der Manu, der erscheinen wird in der 
nachsten Wurzelrasse, ein wirklicher Menschenbruder sein wird, wah- 
rend die friiheren Manus iibermenschlich, eine Art gottliche Wesen 
waren. Erst jetzt reift die Menschheit heran, um einen eigenen Men- 
schenbruder als Manu zu haben, der von der Mitte der lemurischen 
Zeit an alle Stadien mit durchgemacht hat. Was geschieht also eigent- 
lich wahrend der Entwickelung der fiinften Wurzelrasse? Es geschieht 
das, daB diese Offenbarung, die Offenbarung von oben, die Leitung 
der Seele von oben sich allmahlich zuriickzieht und die Menschheit 
den eigenen Wegen uberlaBt, so daB sie ihr eigener Leiter wird. 

Die Seele wurde nun in aller Esoterik (Mystik) die «Mutter» ge- 
nannt; der Unterweiser der «Vater». Vater und Mutter, Osiris und 
Isis, das sind die zwei in der Seele vorhandenen Machte: der Unter- 
weiser, derjenige, der das unmittelbar einflieBende Gottliche darstellt, 



Osiris, ist der Vater; die Seele selbst, Isis, konzipiert, empfangt das 
Gottlich-Geistige, sie ist die Mutter. Wahrend der fiinften Wurzel- 
rasse zieht sich nun der Vater zuriick. Die Seele ist verwitwet, soil 
verwitwet sein. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen. Sie 
muB in der eigenen Seele das Licht der Wahrheit suchen, um sich 
selbst zu lenken. Alles Seelische wurde von jeher mit weiblichen 
Sinnbildern zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird dieses Seelische - 
welches heute im Keim vorhanden ist und spater vollstandig entwik- 
kelt sein wird -, dieses sich selbst lenkende Seelische, das den gott- 
lichen Befruchter nicht mehr vor sich hat, das wird von dem Mani 
als «Witwe» bezeichnet. Und deshalb bezeichnete er sich selbst als den 
«Sohn der Witwe». 

Mani ist es, der diejenige Stufe der menschlichen Seelenentwicke- 
lung vorbereitet, die das eigene seelische Geisteslicht sucht. Alles, 
was von ihm herriihrt, war ein Berufen auf das eigene Geisteslicht 
der Seele und das war zugleich ein entschiedenes Aufbaumen gegen 
alles, was nicht aus der Seele, aus der eigenen Beobachtung der Seele 
kommen wollte. Schone Worte riihren von dem Mani her und sind 
das Leitmotiv seiner Anhanger zu alien Zeiten gewesen. Wir horen: 
Ihr miiBt abstreifen alles dasjenige, was auBere Offenbarung ist, die 
ihr auf sinnlichem Wege erhaltet! Ihr miiBt abstreifen alles, was auBere 
Autoritat euch iiberliefert; dann miiBt ihr reif werden, die eigene Seele 
anzuschauen! 

Augustinus dagegen vertritt das Prinzip - in einem Gesprach, in 
dem er sich zum Gegner jenes Manichaers Faustus macht — : Ich wurde 
die Lehre Christi nicht annehmen, wenn sie nicht auf die Autoritat 
der Kirche begriindet ware. - Der Manichaer Faustus sagt aber: Ihr 
sollt auf Autoritat hin keine Lehre annehmen; wir wollen eine Lehre 
nur annehmen in Freiheit. - Das ist das Aufbaumen des auf sich selbst 
bauenden Geisteslichtes, das dann auch in der Faust-Sage in so scho- 
ner Weise zum Ausdruck gebracht wurde. 

Wir haben diesen Gegensatz auch in spateren Sagen im Mittelalter 
einander gegeniibergestellt. Auf der einen Seite die Faust-, auf der 
anderen Seite die Luther-Sage. Luther ist der Fortsetzer des autorita- 
tiven Prinzips, Faust dagegen ist der, der sich aufbaamt, der sich auf 



das innere Geisteslicht stiit2t. Wir haben die Luther-Sage: er wirft 
dem Teufel das TintenfaB an den Kopf. Was sich ihm als Boses vor- 
stellt, wird beiseitegestellt. Und auf der anderen Seite haben wir das 
Biindnis des Faust mit dem Bosen. Es wird von dem Lichtreich der 
Funke nach dem Reich der Finsternis gesandt, um eindringend in die 
Finsternis, die Finsternis durch sich selbst zu erlosen, durch Milde das 
Bose zu iiberwinden. Wenn Sie es in der Weise fassen, so werden Sie 
auch sehen, daB dieser Manichaismus sehr wohl zurechtkommt mit 
der Auffassung, die wir ausgesprochen haben, von dem Bosen. 

Wie miissen wir uns das Zusammenwirken des Guten und des 
Bosen vorstellen? Wir miissen es uns aus dem Zusammenklingen von 
Leben und Form erklaren. Wodurch wird das Leben zur Form? Da- 
durch, daB es einen Widerstand findet; daB es sich nicht auf einmal - 
in einer Gestalt - zum Ausdruck bringt. Beachten Sie einmal, wie das 
Leben in einer Pflanze, sagen wir der Lilie, von Form zu Form eilt. 
Das Leben der Lilie hat eine Lilienform aufgebaut, ausgestaltet. 

Wenn diese Form ausgestaltet ist, iiberwindet das Leben die Form, 
geht in den Keim iiber, um spater als dasselbe Leben in einer neuen 
Form wiedergeboren zu werden. Und so schreitet das Leben von Form 
zu Form. Das Leben selbst ist gestaltlos und wiirde sich nicht in sich 
selbst wahrnehmbar ausleben konnen. Das Leben der Lilie zum Bei- 
spiel ist in der ersten Lilie, schreitet weiter zur zweiten, dritten, vier- 
ten, fimften. Uberall ist dasselbe Leben, das in einer begrenzten Form 
erscheint, webend ausgebreitet. DaB es in begrenzter Form erscheint, 
das ist eine Hemmung dieses allgemein flutenden Lebens. Es wiirde 
keine Form geben, wenn das Leben nicht gehemmt, wenn es nicht 
aufgehalten wiirde in seiner nach alien Seiten hin stromenden Kraft. 
Gerade von dem, was zuriickgeblieben ist, was ihm auf hoherer Stufe 
stehend wie eine Fessel erscheint, gerade aus dem erwachst im groBen 
Kosmos die Form. 

Immer wird das, was das Leben ist, umfaBt als Form von dem, was 
als Leben in einer friiheren Zeit vorhanden war. Beispiel: die katho- 
lische Kirche. Das Leben, das in der katholischen Kirche lebt von 
Augustinus bis ins 15. Jahrhundert, ist christliches Leben. Das Leben 
darinnen ist Christentum. Immer wieder kommt dieses pulsierende 



Leben heraus (Mystiker). Die Form, woher ist die Form? Die ist 
nichts anderes als das Leben des alten romischen Reiches. Das, was 
in diesem alten romischen Reich noch Leben war, ist erstarrt zur Form. 
Was da zuerst Republik, dann Kaiserreich war, was da gelebt hat in 
seinen auBeren Erscheinungen als romischer Staat, das hat sein zur 
Form erstarrtes Leben abgegeben an das spatere Christentum bis hin 
zur Hauptstadt, so wie eben friiher Rom die Hauptstadt des romi- 
schen Weltreiches war. Sogar die romischen Provinzialbeamten sind 
durch die Presbyter und Bischofe fortgesetzt worden. Was friiher 
Leben war, wird spater Form fur eine hohere Stufe des Lebens. 

Ist es nicht mit dem Menschen geradeso? Was ist das Menschen- 
leben? Die manasische Befruchtung ist heute des Menschen inneres 
Leben, das in der Mitte der lemurischen Zeit gepflanzt wurde. Die 
Form ist das, was samenartig heriibergekommen ist aus der lunari- 
schen Epoche. Damals, in der Mondenzeit, war kamische Entwicke- 
lung das Leben des Menschen; jetzt ist sie die Hiille, die Form. Immer 
ist das Leben einer vorhergehenden Epoche die Form einer spateren 
Epoche. In dem Zusammenklingen von Form und Leben ist zugleich 
das andere Problem gegeben: das des Guten und Bosen; dadurch, 
daB das Gute einer friiheren Zeit vereint ist mit dem Guten einer neuen 
Zeit. Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als eben das 
Zusammenklingen des Fortschreitens mit seiner eigenen Hemmung. 
Das ist zugleich die Moglichkeit des materiellen Erscheinens, die 
Moglichkeit, zum offenbaren Dasein zu kommen. Das ist unser Men- 
schendasein innerhalb der mineralisch-festen Erde: Innenleben und 
das zuriickgebliebene Leben der friiheren Zeit zur hemmenden 
Form verhartet. Das ist auch die Lehre des Manichaismus iiber das 
Bose. 

Wenn wir uns von diesem Gesichtspunkt aus weiter fragen: Was 
will nun der Mani und was bedeutet sein Ausspruch, der Paraklet, 
der Geist zu sein, der Sohn der Witwe? Nichts anderes bedeutet das, 
als daB er vorbereiten will diejenige Zeit, in welcher in der sechsten 
Wurzelrasse die Menschheit durch sich selbst, durch das eigene Seelen- 
licht gefiihrt werden wird und iiberwinden wird die auBeren Formen, 
sie umwandeln wird zu Geist. 



Eine iiber das Rosenkreuzertum hiniibergreifende Stromung des 
Geistes will Mani schaffen, eine Stromung, die weitergeht als die 
Stromung der Rosenkreuzer. Diese Stromung des Mani strebt hin- 
iiber bis zur sechsten Wurzelrasse, die seit der Begriindung des Chri- 
stentums vorbereitet wird. Gerade in der sechsten Wurzelrasse wird 
das Christentum erst in seiner vollen Gestalt zum Ausdruck kommen. 
Dann erst wird es wirklich da sein. Das innere christliche Leben als 
solches iiberwindet jegliche Form, es pflanzt sich durch das auBere 
Christentum fort und lebt in alien Formen der verschiedenen Be- 
kenntnisse. Wer christliches Leben sucht, wird es immer finden. Es 
schafft Formen und zerbricht Formen in den verschiedenen Religions- 
systemen. Nicht darauf kommt es an, die Gleichheit iiberall zu suchen 
in den auBeren Ausdrucksformen, sondern den inneren Lebensstrom 
zu empfinden, der iiberall unter der Oberflache da ist. Was aber noch 
geschaffen werden muB, das ist eine Form fur das Leben der sechsten 
Wurzelrasse. Die muB friiher geschaffen werden, denn sie muB da sein, 
damit sich das christliche Leben hineingieBen kann. Diese Form muB 
vorbereitet werden durch Menschen, die eine solche Organisation, 
eine solche Form schaffen werden, damit das wahre christliche Leben 
der sechsten Wurzelrasse darin Platz greifen kann. Und diese auBere 
Gesellschaftsform muB entspringen aus der Mani-Intention, aus dem 
Hauflein, das der Mani vorbereitet. Das muB die auBere Organisa- 
tionsform sein, die Gemeinde, in der zuerst der christliche Funke wird 
so recht Platz greifen konnen. 

Daraus werden Sie entnehmen konnen, daB dieser Manichaismus 
zunachst bestrebt sein wird, vor alien Dingen das auBere Leben rein 
zu gestalten; denn es soil Menschen herbeifiihren, die ein geeignetes 
GefaB in der Zukunft abgeben werden. Daher wurde auf unbedingte 
reine Gesinnung und auf Reinheit ein so groBes Gewicht gelegt. Die 
Katharer waren eine Sekte, die wie meteorartig auftrat im 12.Jahr- 
hundert. Sie nannten sich so, weil Katharer die «Reinen» heiBt. Es 
waren Menschen, die hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres morali- 
schen Verhaltens rein sein sollten. Sie muBten die Katharsis innerlich 
und auBerlich suchen, um eine reine Gemeinde zu bilden, die ein rei- 
nes GefaB sein soil. Das ist es, was der Manichaismus anstrebt. Weni- 



ger handelt es sich um die Pflege des innerlichen Lebens - das Leben 
wird auch in anderer Weise fortfliefien -, sondern mehr um die Pflege 
der auBeren Lebensform. 

Nun werfen wir einen Blick auf das, was sein wird in der sechsten 
Wurzelrasse. Da werden das Gute und das Bose einen weitaus anderen 
Gegensatz noch bilden als heute. Was in der fiinften Runde fur die 
ganze Menschheit eintreten wird, daB die auBere Physiognomie, die 
sich jeder schafft, ein unmittelbarer Ausdruck dessen sein wird, was 
Karma bis dahin aus dem Menschen geschaffen hat, das wird, wie ein 
Vorklang zu diesem Zustand, in der sechsten Wurzelrasse innerhalb 
des Geistigen eintreten. Bei denjenigen, bei denen das Karma einen 
UberschuB an Bosem ergibt, wird innerhalb des Geistigen das Bose 
ganz besonders hervortreten. Auf der einen Seite werden dann Men- 
schen da sein von einer gewaltigen inneren Gute, von Genialitat an 
Liebe und Gute; aber auf der anderen Seite wird auch das Gegenteil 
da sein. Das Bose wird als Gesinnung ohne Deckmantel bei einer gro- 
Ben Anzahl von Menschen vorhanden sein, nicht mehr bemantelt, 
nicht mehr verborgen. Die Bosen werden sich des Bosen riihmen als 
etwas besonders Wertvollem. Es dammert schon bei manchen genialen 
Menschen etwas auf von einer gewissen Wollust an diesem Bosen, die- 
sem Damonischen der sechsten Wurzelrasse. Nietzsches «blonde Be- 
stie» ist zum Beispiel so ein Vorspuk davon. 

Dieses rein Bose muB herausgeworfen werden aus dem Strom der 
Weltentwickelung wie eine Schlacke. Es wird herausgestoBen werden 
in die achte Sphare. Wir stehen heute unmittelbar vor einer Zeit, wo 
eine bewuBte Auseinandersetzung mit dem Bosen durch die Guten 
stattfinden wird. 

Die sechste Wurzelrasse wird die Aufgabe haben, das Bose durch 
Milde so weit als mogHch wieder einzubeziehen in den fortlaufenden 
Strom der Entwickelung. Es wird dann eine Geistesstromung ent- 
standen sein, welche dem Bosen nicht widerstrebt, trotzdem es in sei- 
ner damonischsten Gestalt in der Welt auftreten wird. Verfestigt wird 
sich haben in denen, die die Nachfolger der Sonne der Witwe sein 
werden, das BewuBtsein, daB das Bose wieder einbezogen werden muB 
in die Entwickelung, daB es aber nicht durch Kampf, sondern nur 



durch Milde zu iiberwinden ist. Dieses kraftig vorzubereiten, das ist 
die Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Sie wird nicht ab- 
sterben, diese Geistesstromung, sie wird in mannigfaltigen Formen 
auftreten. Sie tritt in Gestalten auf, die sich manche denken konnen, 
die aber heute nicht ausgesprochen zu werden brauchen. Wiirde sie 
sich lediglich auf die Pflege der inneren Gesinnung beziehen, so wiirde 
diese Stromung nicht das erreichen, was sie soil. Sie mufi sich aus- 
driicken in der Begriindung von Gemeinden, die vor alien Dingen 
den Frieden, die Liebe, das Nichtwiderstreben dem Bosen [durch 
Kampf] als das MaBgebende ansehen und zu verbreiten suchen. Denn 
sie miissen ein GefaB, eine Form schaffen fur das Leben, das sich auch 
ohne sie fortpflanzt. 

Nun werden Sie begreifen, warum Augustinus, der bedeutendste 
Geist der katholischen Kirche, der in. seinem «Gottesstaat» geradezu 
die Form der Kirche ausbildete, die Form fiir die Gegenwart geschaf- 
fen hat, warum er notwendigerweise der heftigste Gegner der Form 
sein muBte, die die Zukunft vorbereitet. Da stehen sich zwei Pole 
gegeniiber: Faustus und Augustinus. Augustinus, der auf die Kirche 
baut, auf die gegenwartige Form; Faustus, der aus dem Menschen 
heraus den Sinn fiir die Form der Zukunft vorbereiten will. 

Das ist der Gegensatz, der sich entwickelt im 3. und 4. Jahrhun- 
dert nach Christus. Er bleibt vorhanden und findet seinen Ausdruck 
in dem Kampf der katholischen Kirche gegen die Tempelritter, Rosen- 
kreuzer, Albigenser, Katharer und so weiter. Sie alle werden aus- 
gerottet vom auBeren phyischen Plan, aber ihr Innenleben wirkt wei- 
ter. Spater kommt der Gegensatz in abgeschwachter, aber immer noch 
heftiger Form wieder zum Ausdruck in zwei Stromungen, herausge- 
boren aus einer abendlandischen Kultur selbst, als Jesuitismus (Augu- 
stinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Die auf der einen Seite 
den Kampf fiihren, sind sich dessen alle bewuBt, die Katholiken und 
Jesuiten der hoheren Grade; die aber auf der anderen Seite, die im 
Geiste des Mani den Kampf fiihren, bei denen sind sich die wenigsten 
dessen bewuBt, nur die Spitze der Bewegung ist sich dessen bewuBt. 

So stehen sich in den spateren Jahrhunderten gegeniiber Jesuitis- 
mus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Das sind die 



Kinder der alten Geistesstromungen. Daher haben Sie sowohl im 
Jesuitismus wie im Freimaurertum eine Fortsetzung derselben Zere- 
monien bei den Einweihungen wie in den alten Stromungen. Die 
Einweihung der Kirche im Jesuitismus hat die vier Grade: coadju- 
tores temporales, scholares, coadjutores spirituales,professi. Die Grade 
der Einweihung in der eigentlichen okkulten Freimaurerei sind ahn- 
lich. Sie laufen einander parallel, verfolgen aber ganz verschiedene 
Richtungen.* 



Siehe unter Hinweise. 



WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI 
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WISSENSCHAFT 

Erster Vortrag 
Berlin, 2. Dezember 1904 

Heute mochte ich einen kurzen Einblick geben in verschiedene Riten 
und Orden in der Freimaurerei, wie schon besprochen. Natiirlich kann 
ich Ihnen nur das Allerwesentlichste der Freimaurerei mitteilen, weil 
das Gebiet ein so umfassendes ist und so unendlich viel Unwesentliches 
an der Sache daranhangt. 

Die Grundlage fiir das ganze Freimaurertum haben wir ebenfalls in 
der Tempellegende von Hiram-Abiff oder Adonhiram zu sehen, 
von der ich Ihnen bereits bei Gelegenheit der Besprechung des Rosen- 
kreuzerordens gesprochen habe. Das Ganze, was man Geheimnis und 
Tendenz der Freimaurerei nennt, spricht sich in dieser Tempellegende 
aus. Wir werden zu einer Art von Genesis, von Abstammungslehre 
des Menschen gefiihrt. Lassen wir also die wesentlichen Ziige dieser 
Tempellegende nochmals vor unserer Seele voriiberziehen. 

Einer der Elohim verband sich mit Eva, und aus dieser Ehe eines 
der gottlichen Schopfer mit Eva ging Kain hervor. Dann schuf ein 
anderer Elohim - namlich Jehova oder Adonai - den Adam, welcher 
vorzustellen ist als der urspriingliche Mensch unserer dritten Wurzel- 
rasse. Dieser Adam verband sich nun mit Eva, und aus dieser Ehe 
ging Abel hervor. So haben wir am Ursprung des Menschengeschlech- 
tes zwei Ausgangspunkte: Kain, den direkten Sprossen eines der Elo- 
him und Eva, und Abel, welcher sozusagen mit Hilfe eines gottlich 
geschaffenen Menschen, des Adam, der eigentliche Jehova-Mensch ist. 

Die ganze Auffassung, die der Schopfungsgeschichte der Tempel- 
legende zugrunde liegt, geht davon aus, daB Jehova eine Art von 
Feindschaft hat gegen alles, was von den anderen Elohim und ihren 
Sprossen, den Feuersohnen, kommt - so nennt man in der Tempel- 
legende die Nachkommen des Kain -, und daB er Unfrieden stiftete 
zwischen Kain und seinem Geschlecht und Abel und seinem Ge- 
schlecht. Die Folge davon war, daB Kain den Abel totete. Das ist die 
Urfeindschaft, die besteht zwischen denen, die ihr Dasein als eine Art 



von Gottergabe haben und denen, die alles selbst erarbeiten. DaB 
Abel dem Gotte Jehova Tiere opfert, Kain aber Friichte der Erde, 
das zeigt auch in der Bibel den Gegensatz zwischen dem Kainsge- 
schlecht und dem Abelgeschlecht. Kain muB durch schwere Arbeit 
der Erde die Friichte, dasjenige, was notwendig ist fiir den Menschen, 
abringen, Abel nimmt das, was schon lebt, was schon vorbereitet ist 
zum Leben. Kains Geschlecht schafft sozusagen aus dem Unlebendi- 
gen das Lebendige. Abel nimmt das schon Lebendige, dem das Leben 
schon eingehaucht ist. Das Abelopfer ist dem Gotte angenehm, Kains 
Opfer aber nicht. 

So sehen wir, daB in Kain und Abel zwei Menschheitsarten cha- 
rakterisiert werden. Die eine Art ist die, welche das von Gott Zube- 
reitete nimmt, die andere Art - die freie Menschheit - ist die, welche 
den Erdengrund beackert und sich miiht, Lebendiges dem Unleben- 
digen abzugewinnen. Als solche Kainssohne sehen sich diejenigen an, 
die diese Tempellegende verstehen und im Sinne dieser Legende leben 
wollen. Vom Geschlechte Kains stammen alle ab, welche die eigent- 
lichen menschlichen Kiinste und Wissenschaften geschaffen haben: 
Tubal-Kain, der eigentliche urspriingliche Baumeister und Gott der 
Schmiede und Werkzeuge; und auch jener Hiram-AbifF oder Adon- 
hiram, der Held der Tempellegende. Dieser Hiram wird berufen durch 
Konig Salomo, der durch seine Weisheit beriihmt ist, also zum Ge- 
schlecht der Abelkinder gehort, die ihre Weisheit als Gabe von Gott 
eingefloBt bekommen haben. So haben wir am Hofe von Salomo den 
Gegensatz wieder erneuert: Salomo der Weise und Hiram der freie 
Arbeiter, der seine Weisheit sich menschlich erarbeitet hat. 

Salomo beruft an seinen Hof Balkis, die Konigin von Saba, und als 
sie am Hofe erscheint, erblickt sie in ihm etwas wie eine Statue, aus 
Gold und Edelsteinen geschaffen. Wie von den Gottern der Mensch- 
heit geschenkt, so erscheint er monumentartig der Konigin Balkis. 
Als sie das groBe Werk, den salomonischen Tempel, bewundert, will 
sie auch den Baumeister kennenlernen und lernt ihn auch kennen. 
Durch einen bloBen Blick, den der Baumeister ihr zuwirft, lernt sie 
den ganzen Wert von Hiram kennen. Salomo faBt sogleich eine Art 
von Eifersucht auf Hiram. Diese steigert sich besonders, als Balkis, 



die Konigin, verlangt, daB man ihr alle Arbeiter vorfiihre, welche 
sich am Tempelbau beteiligt haben. Salomo erklart es fiir unmoglich; 
Hiram dagegen gewahrt es. Er steigt auf einen Hiigel, macht das 
mystische Tau-Zeichen und daraufhin stromen alle Arbeiter herbei. 
Der Wille der Konigin ist erfiillt. 

Salomo ist deshalb auch abgeneigt, den Verfolgern des Hiram zu 
widerstreben, ihnen entgegenzutreten. Ein syrischer Maurer, ein pho- 
nizischer Zimmermann und ein hebraischer Grubenarbeiter waren 
Hiram feindlich gesonnen. Denn diese drei Gesellen konnten von 
Hiram-Abiff durchaus nicht das Meisterwort erfahren. Das Meister- 
wort ist dasjenige, was die Gesellen fahig gemacht hatte, wirklich 
selbstandig zu bauen. Dieses Meisterwort ist ein Geheimnis, das nur 
den Fahigen zuteil wurde. Sie faBten daher den EntschluB, ihm etwas 
anzutun. 

Die Gelegenheit dazu fand sich, als Hiram-Abiff sein Meisterstiick, 
das Eherne Meer, gieBen wollte. Die Bewegung des Wassers sollte 
in der Form festgehalten werden. Das bewegte Meer sollte lebendig, 
kunstvoll festgehalten werden in der starren Form. Das ist das Wich- 
tige. Die drei Gesellen hatten sich verabredet, am GuB etwas zu 
machen, so daB er, statt in die Form zu rinnen, in der Umgebung 
herum sich verbreitete. Hiram wollte daraufhin durch ZugieBen von 
Wasser den FeuerguB aufhalten, wodurch aber das Metall in die Luft 
spriihte und als Feuerregen unter furchtbarer Gewalt wieder herunter- 
fiel. Hiram konnte da auch nichts machen. Aber plotzlich erscholl 
eine Stimme: Hiram! Hiram! Hiram! - Diese Stimme forderte ihn auf, 
sich in das Feuermeer zu stiirzen. Er tat es und sank immer tiefer, 
bis zum Mittelpunkt der Erde, wo der Ursprung des Feuers ist. Da 
traf er zwei Gestalten an: den Stammvater Tubal-Kain und Kain 
selbst. Kain war bestrahlt von den Strahlen Luzifers, des Licht- 
engels. Nun iibergab Tubal-Kain dem Hiram seinen Hammer, der die 
Zauberkraft hatte, alles wieder herzustellen, und sagte zu ihm: Du 
wirst einen Sohn haben, der wird ein Volk von Wissenden um sich 
haben, und du wirst Stammvater sein derer, die aus dem Feuer kom- 
men, das weisheitsvoll und gedankenvoll macht. - Das Eherne Meer 
wurde nun durch den Hammer wieder hergestellt. 



Hiram hatte dann die Konigin Balkis wieder vor der Stadt getrof- 
fen. Sie wurde seine Gemahlin, aber er konnte die Eifersucht Salo- 
mos und die Rache der drei Gesellen nicht bannen. Die drei Gesellen 
erschlugen inn. Nur das Dreieck, auf dem das Meisterwort eingegra- 
ben war, konnte er noch retten, indem er es in einen tiefen Brunnen 
versenkte. Dann wurde er begraben und auf seinem Grabe ein Aka- 
zienzweig gepflanzt. Der Akazienzweig verriet das Grab dem Salomo. 
Man fand auch das Dreieck. Es wurde verschlossen und vergraben. 
Nur wenige (27) wissen den Ort. [Es wurde verabredet:] Das erste 
Wort, das nach der Auffindung des Leichnams falle, sollte das neue 
Meisterwort sein. Das neue Meisterwort ist dasjenige, welches das der 
Freimaurer geworden ist. Sie fiihren ihren Ursprung mit einem gewis- 
sen Recht auf diese Tempellegende zuriick, auf jene alten Tage, in de- 
nen der Konig Salomo den Tempel auferbauthat als bleibendes Denk- 
mal dessen, was das Geheimnis der fiinften Wurzelrasse darstellt. 

Nun miissen wir verstehen, was in der Freimaurerei fur die Mensch- 
heit erworben, gelernt werden kann. Das ist nicht so leicht. Mancher, 
der etwas von den komplizierten Einweihungsriten der Freimaurerei 
erfahrt, mag sich fragen: Ist das nicht etwas ungemein Triviales und 
Lappalienhaftes, was da als Einweihungszeremonie vorgeht? 

Ich will Ihnen jetzt das am Aufnahmeritus bei der Johannesmaure- 
rei vorfiihren. Denken Sie sich, es hatte sich jemand entschlossen, 
Johannesmaurer zu werden. Es gibt da drei Grade: Lehrling, Geselle 
und Meister. Nach diesen drei Graden beginnen die hoheren Grade, 
welche in die okkulten Erkenntnisse hineinfiihren. Ich will Ihnen nun 
schildern, wie jemand in den Lehrlingsgrad aufgenommen wird. Wenn 
er zum ersten Mai in den Freimaurertempel gefiihrt wird, dann wird 
er von dem Bruder Aufseher zunachst in ein dunkles, finsteres Ge- 
mach gefiihrt. Da wird er einige Minuten allein gelassen, wo er sich 
seinen Gedanken zu iiberlassen hat. Dann werden ihm alle metallenen 
Gegenstande, was er an Gold, Silber und anderen Metallen bei sich 
hat, abgenommen, am Knie das Kleid aufgerissen, dann am linken 
FuB der Absatz abgetreten. In diesem Zustande wird er in ein ande- 
res Gemach, zu den versammelten Briidern gefiihrt. Dann wird ihm 
eine Schnur um den Hals gehangt und, nachdem ihm seine Brust ent- 



bloBt worden ist, wird ihm ein gezucktes Schwert vor die Brust ge- 
halten. In diesem Zustande tritt er vor den Meister. Der Meister fragt 
inn, ob er noch dabei beharren will, aufgenommen zu werden. Dann 
wird er noch in ernster Weise ermahnt, und in der weiteren Vorbe- 
reitung wird ihm die Bedeutung des Absatzabtretens erklart und so 
weiter. Drei Dinge soil er abstreifen. Hat er diese drei Dinge an sich, 
so kann er niemals Freimaurer werden. Es wird ihm gesagt: Hast du 
irgendeinen Grad von Neugierde auf etwas, so verlasse sofort das 
Haus. Als zweites wird ihm gesagt: Scheust du dich, alle deine Fehler 
und Mangel zu erkennen, so verlasse sofort das Haus. Und als drittes 
wird ihm gesagt: Kannst du dich nicht aufschwingen dazu, iiber alle 
Ungleichheit der Menschen hinwegzuschauen, so verlasse sofort das 
Haus. Diese drei Dinge werden von jedem auf das strengste gefordert. 

Dann wird ihm eine Art von Rahmen vorgehalten, durch den er 
durchgeworfen wird, gleichzeitig wird ein unangenehmes Gerausch 
erzeugt, so daB er mit recht schlimmen Gefiihlen durch den Rahmen 
durchsegelt. Dabei wird ihm zugerufen, daB er in die Holle fallt. In 
dem Augenblicke, wo er niederfallt, wird eine Falltiir zugeworfen, so 
daB er die Suggestion hat, als wenn er in einer ganz merkwiirdigen 
Umgebung ware. Es wird ihm dann eine kleine Einritzung in die 
Haut gemacht, so daB Blut herausflieBt, gleichzeitig werden gurgelnde 
Laute von den Umstehenden produziert, so daB er die Meinung be- 
kommt, als ob er viel Blut verliere. Dann kommen drei Hammer- 
schlage des Meisters. Was er nun innerhalb der Loge nach diesem 
Zeitpunkte hort, muB er in strengster Weise als Geheimnis betrachten. 
Wiirde er etwas davon verraten, wiirde sich seine Zugehorigkeit zur 
Freimaurerei so verwandeln wie der Trunk, der ihm gereicht wird: 
suB von einer Seite, bitter von der anderen. Der Trunk ist in einem 
kunstvollen GefaB, so daB er einerseits suB und durch Drehung des 
GefaBes bitter werden kann. Das soil symbolisieren, wie die Wirkung 
des Verrates fur ihn werden kann. 

Nachdem dies geschehen ist, wird er in einen Raum, der nur spar- 
lich erhellt wird, vor eine Treppe gefiihrt. Diese Treppe ist so einge- 
richtet, daB sie sich bewegt, so daB man glaubt, recht tief hinunterge- 
stiegen zu sein, wahrend man in Wirklichkeit nur wenig hinunterge- 



stiegen ist. Ebenso ist es, wenn er fallt. Er fallt nur wenig, glaubt 
aber, in einen tiefen Brunnen gefallen zu sein. Wenn er da ist, wird 
ihm angezeigt, daB das eine wichtige Etappe fur ihn ist. AuBerdem 
wurden ihm vor der Treppe seine Augen verbunden. Dann werden 
zu dem Bruder Aufseher die Worte gesprochen: Bruder Aufseher, 
findest du den Bewerber wurdig, in die Freimaurerei einzutreten? - 
Wenn er bejaht, so wird er gefragt: Was erwartest du von dem Ein- 
tritt fur ihn? Er hat zu antworten: Licht! - Dann wird dem Kandi- 
daten die Binde abgenommen und er befindet sich in einem erhellten 
Raum. Nun kommt die Grundfrage: Kennst du deinen Meister? Er 
antwortet: Ja, er hat eine gelbe Jacke und eine blaue Hose. - Mit der 
blauen Hose ist die Stellung gemeint. Dann erhalt er die drei Signatu- 
ren der Lehrlingschaft: Zeichen, Griff und Wort. Das Zeichen ist ein 
Symbol, in ahnlicher Weise wie die okkulten Zeichen... [Lucke]. Der 
Griff besteht darin, daB ihm der besondere Handgriff gezeigt wird, 
mit dem er die Menschen zu begriiBen hat. Die Griffe sind anders 
beim Gesellen und anders beim Meister. Das Wort ist auch je nach 
dem Grad verschieden. Es kommt mir nicht zu, die «Worte» zu sagen. 

Dann ist der Betreffende zur Lehrlingschaft zugelassen. Beim Ein- 
tritt wird er noch gefragt: Wie alt bist du? Er antwortet: Noch nicht 
sieben Jahre. - Er muB noch sieben Jahre der Lehrlingschaft durch- 
machen, und dann geht es weiter zum Gesellengrad. 

Wenn jemand so weit ist, daB er zur Meisterschaft aufriicken kann, 
dann ist die Einweihung etwas schwieriger. Das Wesentliche besteht 
aber darin, daB das, was in der Tempellegende enthalten ist, an dem 
Betreffenden wirklich vollzogen wird. Wer ein Meister werden will, 
wird in eines der Gemacher der Loge gefuhrt, wo er sich in einen 
Sarg legen und das Schicksal des Baumeisters Hiram durchzumachen 
hat. Dann werden ihm Zeichen, Griff und Wort mitgeteilt. Als Wort 
dasjenige Wort, das bei der Auffindung des Leichnams des Hiram als 
Meisterwort gesprochen worden ist. Die Erkennungszeichen bei dem 
Meister sind ungeheuer kompliziert. Das Erkennen geschieht durch 
viele Formen und Bewegungen. 

Die Freimaurermeister nennen sich «Kinder der Witwe». So leitet 
sich diese Gemeinschaft der Meister unmittelbar von den Manichaern 



ab. Ich werde noch zu sprechen haben iiber den Zusammenhang des 
Manichaertums mit den Freimaurern. 

Die Aufgabe der Freimaurerei hangt mit der Aufgabe unserer gan- 
zen fiinften Wurzelrasse zusammen. Nun konnen Sie natiirlich von 
dem Standpunkte eines heutigen rationalistischen Menschen alles, was 
ich iiber die Einweihung eines Lehrlings gesagt habe, die verschiede- 
nen Handlungen und Zeremonien wie Firlefanz, Maskerade und Ko- 
modie auffassen. Aber das ist es nicht. Alle Dinge, die ich gesagt habe, 
sind Vorgange, auBerlich-symbolisch, aber in einer gewissen Bezie- 
hung Abbilder von alten okkulten Vorgangen, die sich in den Myste- 
rien vollzogen haben, und zwar direkt auf dem astralen Plan. Solche 
Vorgange also, wie sie sich symbolisch bei den Freimaurern voll- 
ziehen, vollziehen sich in den Mysterientempeln auf dem astrali- 
schen Plan. Auch die Meistereinweihung, das Hineinlegen in den 
Sarg und so weiter, ist tatsachlich etwas, was sich auf dem hoheren 
Plane abspielt. Das vollzieht sich aber in der Freimaurerei bloB 
symbolisch. 

Man kann nun fragen: Wozu denn das? - Der Freimaurer soil sich 
bewuBt sein, daB auf dem physischen Plane so gearbeitet werden soil, 
daB man den Zusammenhang mit den hoheren Welten aufrecht erhalt. 
Es ist ein Unterschied, ob Sie in einer Gemeinschaft sind, die etwas 
gibt auf Symbole, die zu einer hoheren Gemeinschaft fiihren, oder ... 
[Liicke]. Der Maurer hat vielleicht keine anderen Gedanken als der 
gewohnliche Mensch, aber der Maurer hat andere Gefiihle. Das Ge- 
fiihl ist mit den symbolischen Vorgangen verbunden, und es ist nicht 
gleichgultig, ob eine solche Empfindung, ein solches Gefiihl hervor- 
gerufen wird oder nicht, weil sie einem gewissen Rhythmus auf dem 
astralen Plan entspricht. 

Der Sinn der ersten Handlung - Abnehmen der metallenen Ge- 
genstande - ist: Der Mensch soil nichts an sich haben, was er nicht 
selbst erarbeitet hat. Eine Empfindung davon zu haben, ist wichtig 
und wesentlich fiir denjenigen, der schon auf das Bedeutungsvolle 
der Symbolik aufmerksam gemacht wurde. Er soil auch eine bleibende 
Erinnerung an das ZerreiBen der Beinkleider am Knie haben. Er soil 
daran denken, daB er sich so ins Leben hineinstellen soil, als wenn er 



ganz nackend vor die Menschheit hintreten sollte. Ebenso soil das Ab- 
treten des Absatzes, der Ferse, ihn bleibend daran erinnern, daB - ob- 
gleich er stark sein wird in der Maurerei - er doch noch eine Achilles- 
ferse hat. Alle folgenden Handlungen haben im Grunde genommen 
eine solche Bedeutung, vor alien Dingen im Zusammenhang mit jenem 
unheimlichen Gefiihl, das hervorgerufen wird, wenn auf die Brust ein 
scharf geschliffenes kaltes Schwert gehalten wird. Das ist ein Gefiihl, 
welches durch langere Zeit hindurch sich zu einer Suggestion ver- 
dichtet, so daB er sich in wichtigen Momenten erinnert, daB er eine 
Art von Kaltbliitigkeit haben soil. Kaltbliitigkeit soil dadurch sugge- 
riert werden. Die voile Verantwortung iibernehmen fur das, was man 
tut, soil dadurch symbolisiert werden, daB man ihm eine Schnur um 
den Hals legt, die immer zusammengezogen werden kann. Die Gei- 
stesgegenwart soil suggeriert werden dadurch, daB diese Prozeduren 
mit Falltiiren, mit Treppen und so weiter hervorgerufen werden. Das 
sind gewisse Vorgange, die in den Mysterien aber vollig anders voll- 
zogen werden, weil sie sich im Astralraum vollziehen. 

Der Lehrling muB dann einen Eid leisten. Alles ist dabei schauer- 
lich, finster, der Raum nur mit einigen Flammchen beleuchtet. Diesen 
Eid bitte ich, in seiner ganzen Tragweite sich vorzuhalten: «Ich 
schwore, daB ich nichts dem Worte, dem Zeichen, dem Griffe nach 
jemals verraten werde von dem, was mir von diesem Zeitpunkt ab 
innerhalb dieser Loge mitgeteilt wird. Sollte ich etwas verraten, so 
gestatte ich jedem der Briider, der etwas davon erfahrt, mir die Kehle 
durchzuschneiden und die Zunge herauszureiBen.» Das ist der Schwur, 
den die Lehrlinge leisten. Noch furchtbarer ist der Gesellenschwur, 
der gestattet, die Brust aufzuschneiden, das Herz herauszureiBen und 
den Vogeln vorzuwerfen. - Der Schwur des Meisters ist so schauer- 
lich, daB er nicht wiederholt werden kann. 

Diese Dinge sind dazu da, um einen gewissen Rhythmus von Emp- 
findungen im Astralkorper hervorzurufen. Das hat dann zur Folge, 
daB der Geist des Menschen in einer bestimmten intuitiven Weise be- 
einfluBt wird. Diese Beeinflussung des Geistes in intuitiver Weise war 
in alten Zeiten - die Freimaurerei ist wirklich uralt - der eigentliche 
Zweck der freimaurerischen Einweihung. 



Die Freimaurer waren in alten Zeiten wirklich Maurer. Sie verrich- 
teten alles das, was zur Maurerei gehort. Sie waren die Tempelbauer, 
die Erbauer der offentlichen Gebaude in Griechenland. In Griechen- 
land nannte man sie Dionysiacs. Das waren diejenigen, die im Dienste 
des Dionysos Tempel und offentliche Gebaude bauten. In Agypten 
waren es die Pyramidenerbauer, im alten romischen Reich die Erbauer 
von Stadten. Im Mittelalter waren es die Erbauer von Domen und 
Kathedralen. Sie bauten vom 13. Jahrhundert ab auch unabhangig von 
der Geistlichkeit. Seit jener Zeit kam dann erst der Ausdruck Frei- 
maurer auf. Vorher waren sie im Dienste der religiosen Gemein- 
schaften. Sie waren eigentlich die Baumeister. 

Gehen wir von dem Gedanken aus, daB sie die Erbauer der Pyra- 
miden, der Mysterientempel, die Erbauer der Kirchen waren. Nun 
werden Sie sich leicht iiberzeugen konnen - namentlich wenn Sie 
Vitruv lesen -, daB die Art und Weise, wie man ehedem die Bau- 
kunst studierte, ganz verschieden war von der unsrigen. Man studierte 
nicht wie heute, so daB man die Dinge berechnete, sondern was man 
iibermittelt erhielt, waren bestimmte Intuitionen, die durch Symbole 
ausgedriickt waren. Wenn Sie im «Luzifer» nachlesen, wie die Lemu- 
rier bauten, wie sie es im Griff hatten, dann bekommen Sie eine 
Ahnung davon, wie damals gebaut wurde. Wie in alten Zeiten gebaut 
worden ist, das kann man heute nicht mehr nachmachen. Staunend 
und bewundernd stehen wir vor chinesischen Bauten, vor Bauten 
der Babylonier und Assyrer, und wissen doch, daB sie die Mathematik 
unserer Zeit nicht gekannt haben. Wir haben das wunderbare Werk 
der Ingenieurkunst in dem Morissee in Agypten; ein See, der gebaut 
worden ist, um das Wasser aufzufangen und wenn man es brauchte, 
durch kiinstliche Kanale iiber das Land hinzuleiten. Er ist nicht mit 
unserer heutigen Ingenieurkunst gebaut worden. Auch die wunder- 
bare Akustik, die in die alten Bauten hineingebaut worden ist, konnte 
man ausfiihren in einer Weise, wie die heutige Baukunst es noch 
nicht wieder kann. Man konnte also auf intuitive, nicht nur rationell- 
verstandesmaBige Art bauen. 

Diese ganze Art der Baukunst stand in einem Verhaltnis zu der 
Erkenntnis des ganzen Weltalls. Wenn Sie die agyptischen Pyramiden 



in ihren Abmessungen nehmen, so stehen sie in Zusammenhang mit 
gewissen Abmessungen des Himmelsraums, Sternenentfernungen im 
Himmelsraum. Die ganze Konfiguration des Himmelsraumes wurde 
nachgebildet in solchen Gebauden. Es war ein Zusammenhang des 
einzelnen Baues mit dem Himmelsdom. Jenen geheimnisvollen Rhyth- 
mus, der sich im Sternenanblick darbietet, wenn wir nicht bloB mit 
sinnlichen Augen sehen, sondern mit dem intuitiven Blick, der sich 
den hoheren Verhaltnissen, den rhythmischen Verhaltnissen eroffnet, 
den bauten die urspriinglichen Baumeister in ihre Bauten hinein, weil 
sie aus dem Weltenall heraus bauten. 

Diese Art und Weise der Baukunst wurde damals vermittelt, so 
ahnlich wie in gewissen wilden Volkern man heute noch einen ganz 
anderen Unterricht erhalt in arztlicher Kunst, als der unsrige ist. 
Unser Unterricht ist Verstandesunterricht. Bei den wilden Volker- 
schaften wird der Arzt nicht so ausgebildet wie bei uns, sondern da- 
durch, daB bestimmte okkulte Krafte bei ihm ausgebildet werden. 
Er muB sich einer korperlichen Zucht unterwerfen, die fur nervose 
und wehleidige Menschen unserer Kultur sich wie etwas Schauderhaf- 
tes ausnimmt. Sie erzieht in ihm Unempfindlichkeit fur Lust und 
Schmerz, und wer unempfindlich ist gegeniiber diesen, der hat zu- 
gleich okkulte Krafte in sich entwickelt. Die urspriingliche GroBe in 
der Ausbildung des Astralkorpers war imstande, zu jener groBen 
Kraft hinzufiihren, die man als die eigentliche konigliche Kunst be- 
zeichnet hat, die schon den groBen Symbolen der Himmelsabmessung 
entnommen ist. 

So bekommen Sie einen Begriff von dem, was Freimaurerei war, 
und Sie werden einsehen, daB sie entwachsen muBte ihrer eigentlichen 
Aufgabe. Sie hat ihre Bedeutung verlieren miissen in dem MaBe, als 
die Welt rationalistisch wurde. Ihre Bedeutung hat sie gehabt in der 
Zeit, als die vierte Unterrasse noch entwickelt wurde. Die fiinfte 
Unterrasse brachte es mit sich, daB die Maurerei ihre Bedeutung ver- 
lor. Jetzt sind die Freimaurer nicht mehr Maurer. Alle konnen jetzt 
aufgenommen werden. Fur die Okkultisten haben die Symbole eine 
reale Bedeutung. Ein Symbol, das bloB Symbol, bloB Abbild ist, hat 
keine Bedeutung; nur ein solches, das Wirklichkeit werden kann, in 



Kraft iibergehen kann. Wenn ein Symbol auf den Geistesmenschen 
so wirkt, da6 dadurch intuitive Krafte freiwerden, so ist es ein wirk- 
liches Symbol. Heute sagen die Maurer, wir haben Symbole, die be- 
deuten das und das. Ein okkultes Symbol ist aber ein solches, das den 
Willen des Menschen ergreift und in den Astralkorper iibergeht. In 
dem MaBe, wie unsere Kultur eine Verstandeskultur geworden ist, 
verlor die Freimaurerei ihre Bedeutung. 

Von Beziehungen 2um Manichaismus ... [Liicke]. Dann gibt es 
noch die Hochgrade, die bis zu neunzig, bis zu sechsundneunzig Gra- 
den gehen, die erst beim vierten Grad beginnen. Von den drei unteren 
hat sich die Bedeutung allmahlich zuriickgezogen in die hoheren 
Grade. Etwas wie eine Art von Bodensatz ist geblieben in dem, was 
man den «Royal Arch» nennt, den es auch heute noch in der Frei- 
maurerei gibt. Uber diese Lichtseiten und einige Schattenseiten wollen 
wir dann noch sprechen. 



WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI 
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WIS SENS CH AFT 

Zweiter Vortrag 
Berlin, 9. Dezember 1904 

Letztes Mai habe ich iiber Freimaurerei gesprochen und mochte auch 
heute etwas dariiber sagen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB 
ich in einem etwas anderen Falle bin als gegeniiber den anderen Ma- 
terien, die wir abgehandelt haben und die ich noch abhandeln werde, 
weil ich eigentlich nur iiber dasjenige zu sprechen pflege, woriiber 
ich ein irgendwie geartetes Wissen eigener Natur habe; wahrend ich 
hier von vornherein betonen muB, daB ich als Nichtfreimaurer iiber 
die Freimaurerei allein vom theosophischen Standpunkte sprechen 
kann, und daB in Wahrheit iiber dasjenige, was Freimaurerei wirklich 
ist, ein Freimaurer sprechen miiBte. Er wiirde es ja nicht tun; aber das 
ist aus anderen Griinden nicht gut moglich zu erortern. Gleichzeitig 
bitte ich, die Dinge, die ich ausspreche, mit Reserve aufzunehmen. 

Wenn ich sagte, daB iiber die Freimaurerei in ihrem innersten Wesen 
nur ein Freimaurer sprechen konnte, so bitte ich zu beriicksichtigen, 
daB es wahrscheinlich trotz alledem einen solchen Freimaurer auf dem 
europaischen Kontinent gar nicht gibt. Das mag Ihnen etwas sonder- 
bar erscheinen, aber es ist so. Die Freimaurerei ist schon seit dem 
18. Jahrhundert in einem ganz eigentiimlichen Stadium, und alles, was 
ich das letzte Mai erzahlt habe, bitte ich so aufzufassen, daB wahr- 
scheinlich die Dinge sich so verhalten wiirden, wenn die Freimaurerei 
noch so ware wie im 16., 17. Jahrhundert. Da dies aber nicht der Fall 
ist, so ist die Freimaurerei sozusagen nur eine Art Hiilse, zu der der 
richtige Inhalt fehlt. Sie ist zu vergleichen mit einer versteinerten 
Pflanze, die eigentlich nicht mehr dasjenige ist, was die Pflanze bildet, 
sondern nur eine Art Schale oder Kruste, die von etwas anderem ge- 
bildet wird. 

Die gewohnliche, sogenannte Johannesmaurerei kommt fiir das, 
was wir zu besprechen haben, gar nicht in Betracht, denn diese 
Johannesmaurerei mit ihren drei Graden - Lehrling, Geselle und 
Meister - hat ihren Anfang genommen durch die Charta in Koln im 



Jahre 1535. Sie ist eigentlich im Grunde genommen heute nichts ande- 
res als eine Vereinigung zur gegenseitigen Anregung in bezug auf 
etwas hohere Bildung und Schulung, eine Vereinigung dafiir, daB sich 
die Mitglieder gegenseitig stutzen und anregen. Allerdings sind diese 
drei ersten Grade sozusagen nur noch iibriggebliebene Reste der ur- 
spriinglichen drei Freimaurergrade. Und wenn es heute noch ge- 
schehen wiirde wie friiher - es geschieht nicht -, so wiirden Lehrling, 
Geselle und Meister so eingeweiht werden, wie ich es das letzte Mai 
beschrieben habe. Vorschrift ist es durchaus, daB sie so eingeweiht 
werden. Aber nur ein kleiner Teil weiB, daB diese Vorschriften be- 
stehen, und ein noch kleinerer Teil weiB die Bedeutung dieser Vor- 
schriften. Alles das, was ich gesagt habe iiber die Wirkung der Zere- 
monien auf der Astralebene ist etwas, was der Johannesmaurerei 
absolut unklar ist. 

Nun haben sowohl die groBbritannischen wie auch die deutschen 
Johanneslogen diese drei Grade, die ich genannt habe. Und sie sind 
eigentlich alle in dem Zustande, den ich eben beschrieben habe. Aber 
es ist doch eine Moglichkeit vorhanden, schon innerhalb dieser drei 
Grade, einfach dadurch, daB die Symbole da sind, sozusagen auf den 
Grund der tieferen Weisheit zu sehen. Ein Beweis dafiir mag Ihnen 
sein, daB ein Maurer, den Sie dem Namen nach sehr gut kennen, in 
einer Weise auch zu seinen Logenbriidern gesprochen hat, die im 
Grunde genommen den Keim von seinem theosophischen BewuBt- 
sein zeigt; daB er in gewissem Sinn theosophische Worte gesprochen 
hat, die er aber doch anwenden konnte in der damaligen Zeit in einer 
Freimaurerloge. Dieser Maurer ist Goethe. 

Sie werden als Theosophen sogleich etwas ungeheuer Verwandtes 
finden, wenn ich Ihnen zwei Strophen aus dem Freimaurergedicht 
lese, das bestimmt war fiir seine Logenbriider: 

Doch rufen von driiben 
Die Stimmen der Geister 
Die Stimmen der Meister : 
Versaumt nicht zu iiben 
Die Krafte des Guten. 



Hier winden sich Kronen 
In ewiger Stille, 
Die sollen mit Fiille, 
Die Tatigen lohnen! 
Wir heiBen euch hoffen. 

Da spricht Goethe von den Meistern und er spricht das innerhalb 
der Loge, weil er - trotzdem er weiB, daB die, die um ihn sitzen in 
der Loge, keine Ahnung haben von der Tiefe der Worte -, weil er 
doch auch weiB, daB durch das Milieu, das eine Freimaurerloge hat, 
durch die Umgebung von Symbolen, Schwingungen erzeugt werden, 
die auf den Astralkorper wirken, und daB sie dadurch doch eine ge- 
wisse Wirkung haben. Das ist etwas, auf das auch heute noch diejeni- 
gen bauen, welche wissen, daB im BewuBtsein der Maurer sehr wenig 
davon vorhanden ist. 

Etwas mehr BewuBtsein haben diejenigen, die iiber die ersten drei 
Grade hinaus zu den hoheren Graden gefiihrt werden. Der erste dieser 
Grade ist der Grad der koniglichen Kunst, der Royal Arch-Grad. 
Dieser Grad ist dadurch charakterisiert, daB das betreffende «Kapitel» 
oder die «Vereinigung» schon eine ganz bestimmte Organisation hat, 
schon mit einer tieferen Bedeutung erfiillt ist. In diesem Grad konnen 
namlich in den Versammlungen, namentlich in denjenigen, wo ein 
Neuer in die Geheimnisse eingeweiht werden soil, niemals mehr als 
zwolf sogenannte Genossen anwesend sein; so daB sie wirklich - in der 
Art, wie das bei okkulten Bruderschaften der Fall ist - etwas repra- 
sentieren, was nicht sie selbst sind, sondern etwas, was geheimnisvoll 
unter ihnen lebt. Sie sollen nicht Personen sein, sondern Eigenschaften 
reprasentieren. 

Den Ersten, der dasjenige reprasentiert, was das Wichtigste im 
Kreise der Zwolf sein soil, nennt man Zerubabel. Er ist ein Fiihrer 
gleich der Sonne. Von ihm strahlt das Licht aus, das auf die anderen 
iibergehen soil. Er muB der Kliigste sein und sollte auch einigermaBen 
in das Wesen und die Bedeutung der geheimen Wissenschaften einge- 
fiihrt sein. Bei den heutigen Kreierungen in den Royal Arch-Grad ist 
das selten der Fall. Ich erzahle also eigentlich den Idealfall, der in 



hochst seltenen Fallen - wenn geeignete Leute da sind - eintreten 
kann. 

Dann schlieBen sich die zwei nachsten Genossen an: der Hohe- 
priester Jeschua und der Prophet Haggai, die zusammen mit Zeruba- 
bel den GroBrat bilden. Dann kommen der erste und der zweite 
Hauptgast, dann die beiden Schreiber Esra und Nehemia. Der nachste 
ist dann der Ziegeidecker oder LogenschlieBer, und dann kommen 
die sogenannten minderen Gaste. Nicht mehr als zwolf konnen es 
iiberhaupt sein. Diese Zwolf stellen die zwolf Zeichen des Tierkreises 
dar. Das Ganze soil darstellen ein Abbild des Ganges der Sonne durch 
die zwolf Zeichen des Tierkreises. Das erinnert schon an das, was ich 
Ihnen geschildert habe, daB die Maurer ausgegangen sind von der 
Nachbildung astronomischer Weltgesetze in einzelnen Bauten, im 
Dom, in Kathedralen und so weiter. 

Der Zusammenkunftsort - wobei es wiederum nicht immer so sein 
muB - ist ein viereckiger Raum, iiberwolbt von einem Gewolbe, 
welches blau ist und mit Sternen bedeckt, eine Art Sternenraum wirk- 
lich darstellt. Die Aufstellung der Teilnehmer bei der Zeremonie muB 
eine ganz bestimmte sein. Die zuletzt Eingetretenen, die Neophyten, 
stehen im Norden, weil sie die Warme noch nicht vertragen konnen. 
Im Osten steht Zerubabel. Im Westen stehen der Hohepriester Jeschua 
und der Prophet Haggai. Und im Siiden stehen sie so, daB sie ein Seil 
um sich geschlungen haben; jeder hat dreimal das Seil um sich ge- 
schlungen. Es sind drei bis vier Dezimeter Abstand, dann wird das 
Seil um den nachsten geschlungen und so weiter. 

Derjenige, der eingefiihrt wird in diesen vierten Grad der Maurerei, 
der der erste der hoheren Grade ist und in manchen Gegenden 
heute noch einen Begriff gibt von dem, was die Tempellegende wirk- 
lich bedeutet, der muB drei Vorhange passieren. Bei jedem der drei 
Vorhange wird ihm eines der Geheimnisse mitgeteilt. Es wird dabei 
auch immer der geheime Sinn bestimmter Verse aus den Biichern 
Mosis mitgeteilt. Dann, wenn er die drei Vorhange passiert hat, wird 
ihm mitgeteilt das Geheimnis des Tau-Zeichens, und dann wird ihm 
das sogenannte heilige Wort, das Meisterwort, gesagt, an dem sich die 
betreffenden Mitglieder des vierten Grades erkennen. Es wird ihm 



dann vor alien Dingen im ersten Unterricht klargemacht, wie alt die 
Freimaurerei ist. Das erfahren die Johannesmaurer gewohnlich nicht, 
oder wenn sie es horen, haben sie nicht das geringste Verstandnis 
fur so etwas. Es wird namlich die Geschichte der Maurerei in der 
folgenden Weise erzahlt: Der erste wirkliche Maurer war Adam, der 
erste Mensch, der, als er aus dem Paradies gestoBen wurde, eine auBer- 
ordentliche Kenntnis der Geometrie besaB und der erste Maurer des- 
halb war, weil er als erster Mensch unmittelbar von dem Licht ab- 
stammt. Der eigentliche, tiefere Ursprung liegt aber iiberhaupt vor der 
Entstehung der Menschen. Der Ursprung liegt im Lichte, und das 
Licht geht der Menschheit voran. 

Das ist auBerordentlich tief und weist fiir den, der es verstehen 
kann, auf dasjenige, was die theosophische Weisheit wieder eroffnet 
hat, indem sie die Entstehung des Irdischen durch die zwei ersten 
Wurzelrassen bis zur dritten schildert. Wer nun in der Maurerei dieses 
aufnimmt, nimmt etwas ungeheuer Bedeutungsvolles in sich auf. Aber 
bei den wenigsten ist das der Fall, weil die Maurerei heute sozusagen 
entartet ist. Das kommt davon her, daB man schon vom 16. Jahrhun- 
dert an wenig verstand von der eigentlichen Bedeutung der Maurerei, 
namlich davon, daB ein Tempel so gebaut sein soil, daB seine Abmes- 
sungen eine Nachbildung groBer himmlischer Verhaltnisse sind, daB 
ein Dom so gebaut sein soil, daB er in seiner Akustik etwas wiedergibt 
von der Spharenharmonie, wodurch die Akustik gerade kommt. 

Von dieser urspriinglichen Schau hat man allmahlich das BewuBt- 
sein verloren. So kam es, daB in der ersten Halfte des 18.Jahrhun- 
derts, als in England Desaguliers die Maurerei wieder vereinigte, man 
kein rechtes BewuBtsein davon hatte, daB das Wort wortlich zu neh- 
men ist, daB es sich wirklich um Werkmaurerei handelt, daB ein Mau- 
rer wirklich derjenige war, der nach den Himmelsgesetzen bauen 
konnte Kirchen und Tempel und hohere Gebaude, denen er nicht 
irdische, sondern himmlische Verhaltnisse einfiigte. 

Diese intuitive Schau und Wiedergabe in der Maurerei ging ver- 
loren; das BewuBtsein davon, daB es etwas anderes ist, in einem Hause 
zu sprechen, das die Sprache in einer ganz bestimmten Weise akustisch 
zuriickwirft und dadurch anders wirkt, ging verloren. Diejenigen, 



welche die groBen Dome im Mittelalter gebaut haben, das waren die 
groBen Freimaurer. Sie waren sich dessen bewuBt, daB es davon ab- 
hangt, daB das Wort, das der Priester spricht, in der richtigen Weise 
von den einzelnen Wanden zuriickgeworfen wird, daB dadurch die 
ganze Gemeinde in einem Lautmeer lebte, das in sinn- und bedeu- 
tungsvollen Schwingungen wogte, die eine noch groBere Bedeutung 
hatten fur den Astralkorper als fur das physische Ohr. Das ist alles 
verlorengegangen und mufite in der neuen Zeit verlorengehen. Das ist 
der Sinn dessen, wenn ich sagte, daB heute nur noch eine Hiilse vor- 
handen ist von dem, was die Freimaurerei friiher bedeutete. 

AuBer diesen Johannesgraden existieren auch noch die Hochgrade. 
Und zwar haben namentlich die groBeren Gemeinschaften von GroB- 
britannien, Amerika, Italien, Agypten und im Orient - namentlich 
diejenigen, welche man die orientalische Maurerei, die Memphis- 
Maurerei nennt -, diese Hochgrade mit ziemlicher Vollstandigkeit. 
Auch in Deutschland, wo man in der Memphis-Misraim-Maurerei 
eine Abteilung hat, die in Zusammenhang mit der Maurerei in der 
ganzen Welt ist, werden die Hochgrade bearbeitet. Nur ist in Deutsch- 
land innerhalb der Johannesmaurerei so wenig BewuBtsein vorhan- 
den von der eigentlichen Bedeutung der Hochgrade, daB die Johannes- 
maurer in Deutschland iiberhaupt die Hochgrade fur einen Unsinn 
ansehen. Der deutsche GroBorient ist daher gezwungen, iiberhaupt 
nur die Johannesmaurerei als Maurerei eigentlich gelten zu lassen. 

Es sind in bezug darauf groBe Unterschiede zwischen der deutschen 
und der englischen oder groBbritannischen Maurerei. In der groB- 
britannischen Maurerei ist es so, daB durch den Toleranzvertrag vom 
Jahre 1813 eine Art von Ausgleich zustandegekommen ist zwischen 
der Johannesmaurerei mit ihren drei Graden und den Hochgraden, 
so daB man als Lehrling in die Johannesmaurerei eintreten und dann 
aufsteigen kann in den vierten, fiinften, sechsten Grad, also in die 
Hochgrade. Die Johannesgrade werden einem in England angerech- 
net; das ist in Deutschland nicht der Fall. Der deutsche GroBorient 
des Memphis- und Misraim-Ordens bearbeitet daher die drei untersten 
Grade selbst. Der Orient-Freimaurer muB also von vornherein die 
ersten drei Grade erworben haben, er muB sich auch verpflichten, 



bis zum 18, Grade mindestens aufzusteigen. Nicht friiher darf er 
ruhen. Ein deutscher Johannesmaurer wird also nicht zu den Hoch- 
graden der Orientmaurer zugelassen werden konnen. Diese Orient- 
maurerei ist eine stufenweise Schulung im Okkultismus. Wie ich das 
letzte Mai gesagt habe, ist sie ein Abbild fiir die Schulung der hohe- 
ren Grade - an den Royal Arch-Grad gliedern sich diese an -, in der 
man eine Art astraler Schulung durchmacht, die bis zum 18., 20. 
Grade geht. Dann kommt dasjenige, wo man eine Art mentaler Schu- 
lung durchmacht, eine Schulung, die zu einer Art von Leben auf dem 
Mentalplan fiihrt. Das sind dann die Grade bis in die sechziger, sieb- 
ziger Grade hinein, und dann kommt die hochste Schulung oder die 
tiefste okkulte Schulung, die noch vorgenommen werden kann durch 
den GroBorient bis zum 96, Grad. 

Es gibt in Deutschland nur wenige, die zum 96. Grad aufgestiegen 
sind. Aber trotz allem liegt hier etwas vor, was Ihnen gleich beweisen 
wird, wie wenig die Maurerei heute noch hat von dem, was sie einst 
war. Das Interessanteste dabei ist, daB diejenigen, welche bis zum 
96. Grad graduiert sind, durchwegs nicht durch die maurerische Schu- 
lung durchgegangen sind, daB iiberhaupt kaum irgend jemand sich 
findet, der die ganze Schulung irgendwie durchgemacht hat. Es gibt 
also einige, die haben hohere Grade. Es wird ihnen erteilt der 3., der 
33., der 96. Grad. Aber die, welche sie haben, haben sie nicht durch 
die Schulung in der Maurerei erlangt, sondern in anderen okkulten 
Schulen, und sie haben sich herbeigelassen, in der Maurerei ihre Schu- 
lung zum Heile der Maurerei zur Geltung zu bringen. Wenn jemand 
den 96. Grad hat, so hat er ihn nicht in der Maurerei durchgemacht. 
Man rechnet geradezu darauf, daB der Maurerei die okkulte Schulung 
anderer Schulen zugute kommt. 

In diesem Sinne ist auch aufzufassen als eine Art ideales Dokument 
das Manifest, welches der GroBorient des Memphis- und Misraim- 
Ritus herausgegeben hat. Ich will es Ihnen vorlesen und einige Er- 
klarungen daran kniipfen. Das, was da gesagt wird, ist auch nicht so 
aufzufassen, als ob es heute durchgefiihrt werden konnte. Heute wird 
von vornherein darauf aufmerksam gemacht, daB kein Maurer - auch 
nicht einer des 96. Grades - die Verantwortung iibernehmen mochte, 



die Vorschriften an irgendeinem Maurer durchzufiihren, weil er sie 
selbst nicht durchgemacht hat. 

«Von den Geheimnissen der okkulten Hochgrade unseres Or dens. Ein 
Manifeste des Grofiorientes.,» «Eines der Geheimnisse, die unser Orden 
in seinem hochsten Grade besitzt, besteht darin, daB er dem gehorig 
vorbereiteten Bruder die praktischen Mittel liefert, den wahren 
Tempel Salomos im Menschen aufzurichten, das < verlorene Wort> 
wiederzufinden, das heiBt, da6 unser Orden dem eingeweihten und 
auserwahlten Bruder die praktischen Mittel liefert, die ihn in den 
Stand versetzen, sich schon in diesem irdischen Leben Beweise reiner 
Unsterblichkeit zu verschaffen.» 

Das ist einer derjenigen Punkte, der als wichtigster Punkt existiert. 
Der nachste Punkt ist auch ein solcher, wie er in alien okkulten Schu- 
len existiert: keine Geisterbeschworungen und spiritistischen Prak- 
tiken. Spiritistische Praktiken sind strengstens ausgeschlossen. 

«Dieses Geheimnis ist eines der wahren maurerischen Geheimnisse 
und eben ausschlieBlich im Besitze der okkulten Hochgrade unseres 
Ordens. Es ist aufunseren Orden durch miindliche Uberlieferung von 
den Vatern aller wahren Freimaurerei, den < weisen Mannern des 
Ostens), iiberkommen und wird auch von uns nur wieder miindlich 
weitergegeben.» 

Das ist die Praxis der okkulten Gesellschaften. 

« Selbstverstandlich hangt aber der Erfolg dieses praktischen Unter- 
richts zur Erlangung dieses Geheimnisses wiederum ganz vom Kan- 
didaten selbst ab.» 

«Denn was niitzt es, einem Schiiler, der schwimmen lernen will, 
die besten, erprobtesten und ausfiihrlichsten Anleitungen zum 
Schwimmen zu geben, wenn er, einmal ins Wasser gelegt, nicht selbst 
Hande und FiiBe bewegt. Oder was niitzt es, einem Malschiiler die 
umfangreichste Anleitung zum Malen zu geben und ihm die feurigsten 
Farbentone vorzumalen; wenn er nicht selbst den Pinsel in die Hand 
nimmt und selbst die Mischung der Farben zu erzielen sucht, wird er 
nie ein Kiinstler werden.» 



«Diejenigen Briider, welche nun dieses Geheimnis gefunden hatten, 
bewahrten es als ein kostliches, selbsterrungenes Eigentum, und um 
von den Alltagsmenschen nicht verkannt oder gar verspottet zu werden, 
verbargen sie es unter Symbolen, so wie wir das heute noch tun.» 

Diese Symbole sind fiir die Maurer heute nicht mehr lesbar. Diese 
Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten auBeren Symbole. Es 
sind nicht Dinge, durch die jemand die Sache so darstellt wie ein Pro- 
fessor, der sagt: Ich will Ihnen etwas graphisch darstellen. - Diese 
Symbole sind den Dingen selbst entnommen, die die Natur selbst 
schreibt. Der, welcher sie erkennt, welcher wirklich sie zu lesen im- 
stande ist, kommt mit dem Inneren der Dinge in Verbindung, es fiihrt 
ihn in die Sache selbst hinein. Es gibt die Sache selbst und nicht bloB 
symbolisiert. In der Maurerei ist niemand, der die Anleitung geben 
kann, zu den Dingen selbst zu kommen. 

«Diese Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten Bilder, und 
beruhen nicht auf irgendeinem Zufall, sondern sie sind begriindet in 
den Eigenschaften Gottes und des Menschen, und wir miissen sie als 
Urbilder betrachten. Wir werden aber nie die Form, das GefaB, das 
Ritual, die Symbole fiir den Inhalt nehmen, sondern in der Form den 
geistigen Inhalt suchen,» - diese Worte zeigen ... [Liicke], weil das 
Symbol selbst die Sache darstellt - «und nachdem wir denselben» - 
den geistigen Inhalt - «gefunden und in uns aufgenommen haben, 
aus dem geistigen Inhalt die absolute Notwendigkeit der Form, des 
Rituals, der Symbolik erkennen.» 

«Unsere Hochgrade geben daher dem Bruder die Moglichkeit, einen 
sicheren Beweis fiir die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen.» 
- Das wiirden sie auch tun, wenn sie bearbeitet wiirden. - «Das ist und 
war die groBe Sehnsucht, seitdem denkende Menschen existieren. Der 
Mensch bedarf dieser Uberzeugung von seinem Fortleben nach dem 
Tode, um in diesem Leben wahrhaft gliicklich sein zu konnen. Es 
haben daher auch die Mysterien aller Religionen und Weisheitsschu- 
len sich mit dieser Frage als ihrer hochsten und vornehmsten Auf- 
gabe beschaftigt. Das Kirchentum beschaftigt sich naturgemaB auch 
mit der Losung dieser Frage <vom verlorenen Wort>, dem < verlore- 



nen ewigen Leben >, sie verweist den Suchenden aber immer auf den 
Weg der Gnade und stellt es stets als ein Geschenk und nicht als 
etwas Selbstzuerwerbendes oder Erworbenes hin. Unser Orden 
stellt es jedoch in die Moglichkeit eines jeden einzelnen Suchen- 
den, mittels praktischer Mittel sich mit dem WeltbewuBtsein, der 
Urschopferkraft, bewuBt und selbst gewollt schon in diesem Leben 
zu vereinen.» 

Das heiBt also, den Einblick in diejenige Welt und die Vereinigung 
mit ihr zu ermoglichen, die sonst nur durch die Pforte des Todes er- 
offnet werden kann. 

Sie sehen aus alledem, daB das, was zum Tiefsten der Welt gehort, 
in der Freimaurerei urspriinglich vorhanden war, aber in der leeren 
Hiilse, die sie heute ist, nicht mehr da ist. Sie miissen sich fragen: 
Warum? Nun: Der Sinn, der sich in der Tempellegende ausspricht, 
der Sinn der Werkmaurerei, muBte, wie alle intuitive Erkenntnis, 
verlorengehen, weil die fiinfte Unterrasse die eigentliche Verstandes- 
rasse geworden ist. Die Intuition muBte zunachst eine Weile ruhen in 
der Welt, und die Art und Weise, wie die Freimaurerei wirkt, ist 
intuitiv. Ich verweise Sie auf Vitruv und auf die wahre symbolische 
Anweisung zum Bauen. Diese kann aber nur derjenige befolgen, der 
die Intuition dafiir hat. Heute sind diese symbolischen Anweisungen 
durch verstandesmaBige, rationelle ersetzt. Der Verstand muBte eine 
Weile die eigentliche Entwickelungsetappe der Menschheit bilden 
deshalb, weil alles, was mittlerweile an uns herangekommen ist an 
groBen Errungenschaften der Natur, eingefiigt werden muBte in den 
ganzen Organismus des menschlichen Schaffens. 

Verstehen Sie nur einmal, was es heiBt: das ganze Mineralreich 
wird wahrend unserer jetzigen Runde einbezogen in den Fortschritt 
unserer Entwickelung. Es wird einbezogen so, daB der Mensch all- 
mahlich mit seiner eigenen Geistigkeit die ganze Natur noch einmal 
durchorganisiert. Das ist der Sinn des Ehernen Meeres, daB alles in 
der mineralischen Natur wirklich durchorganisiert ist. 

In der Industrie arbeitet die Menschheit, um die Organisation [ev.: 
eigene Geistigkeit?] in die mineralische Natur hineinzuarbeiten. Wenn 
Sie eine Maschine betrachten ... [Liicke]. 



So schafft also der Mensch wirklich durch seinen eigenen Geist das 
ganze Mineralreich um und um. Diese Umarbeitung der Natur, diese 
Umarbeitung des Mineralischen wird vollendet sein, wenn unsere 
Runde zu Ende gegangen sein wird. Dann wird die ganze mineralische 
Natur umgewandelt sein. Der Mensch wird ihr sein Geprage gegeben 
haben, so wie er einer Menge von Metall ein Geprage gibt, wenn er 
zum Beispiel eine Uhr arbeitet. Wenn dann wieder ein neuer Kreis- 
lauf eintritt, kann das Mineralreich eingesaugt, absorbiert werden. 

Um auf diesem Gebiete die Entwickelung vollstandig fertig zu 
machen, muB diese ganze Denkweise, die jetzt - seit dem 16. Jahrhun- 
dert - die Menschheit ergriffen hat, bis ins Atom hinein sich fort- 
pflanzen. Erst dann, wenn das verstandesmaBige Denken das Atom 
ergriffen hat, kann die Maurerei wieder aufleben. Auf der ersten Stufe 
wird die auBere Form ergriffen. Die nachste Stufe wird die sein, wenn 
der Mensch bis ins mineralische Atom gelernt hat zu denken, daB er 
imstande ist, das was im Atom lebt, zu verwenden und in den Dienst 
des Ganzen zu stellen. Allerdings, heute erst und vielleicht erst seit 
fiinf Jahren hat das menschliche Denken diejenige Richtung ange- 
nommen, welche die Naturkraft bis hinein ins Atom verfolgt, und 
zwar muB derjenige
…[truncated]