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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE
1904 BIS 1914
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs-
geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 und dem
2. Januar 1906 Bibliographie-Nr. 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen, gehalten
in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 Bibliographie-Nr. 93a
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Ab-
teilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 265
Anweisungen fiir eine esoterische Schulung
Aus den Inhalten der Esoterischen Schule Bibliographie-Nr. 266
RUDOLF STEINER
Die Tempellegende
und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck
vergangener und zukunftiger Entwickelungs-
geheimnisse des Menschen
Aus den Inhalten
der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage
gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904
und dem 2. Januar 1906
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Bibliographie-Nr. 93
Einbandgestaltung von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-0930-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daB seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno-
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt benicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorbemerkungen des Herausgebers 15
I
Pfingsten, das Fest der Befreiung des Menschengeistes
Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904 21
Der Zusammenhang des Pfingstfestes mit dem Gang der Mensch-
heitsentwickelung gemaB einem Manuskript der Vatikanischen Bi-
bliothek und des Grafen von Saint- Germain. Die zwei groBen Welt-
anschauungsstromungen in der fiinften Wurzelrasse: die agyptisch-
indisch-siideuropaische, beruhend auf der Intuition der Devas; die
persisch-germanische, beruhend auf der Intuition der Asuras. Ge-
gensatz dieser beiden Stromungen. Der Beginn der Reinkarnation
des Menschen in der lemurischen Zeit und damit zusammenhan-
gende Ereignisse. Der Siindenfall als Bedingung zum Erringen der
Freiheit. Prometheus als Reprasentant des nach Freiheit strebenden
Menschen. Die Hindeutung auf das Pfingstmysterium im Johannes-
Evangelium. Das Pfingstfest als Symbolum fur das menschliche
Ringen nach Freiheit.
Der Gegensatz von Kain und Abel
Berlin, 10. Juni 1904 33
Der okkulte Kern in der mosaischen Erzahlung von Adam und Eva
und deren Nachkommen: ungeschlechtliche und geschlechtliche
Fortpflanzung. Geschlechtliche Fortpflanzung erst seit der Seth-
Zeit. Der Ubergang von Adam zu Seth: Kain und Abel. Gegensatz
zwischen Kain (mannlichem Geist) und Abel (weiblichem Geist):
intellektuelles und inspiratives Prinzip. Die Geburt des Egoismus
durch den Verstand. Der Kampf gegen die okkulten Feinde der
Menschheit: das Geschlecht der Rakshasas. Die Erfiillung einer
Prophezeiung des Nostradamus durch die Grundung der Theo-
sophischen Gesellschaft und das Wiedererrichten der ursprung-
lichen Mysterien. Die Lehre von Reinkarnation und Karma.
Die Mysterien der Druiden und Drotten
Berlin, 30. September 1904 (Notizen). 42
Drotten oder Druiden uralte germanische Eingeweihte. Die drei
Einweihungs stufen. Die Edda als Erzahlung dessen, was sich in
den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Die Druiden-
priester als Menschheitsbauer; ein schwaches Abbild davon in den
Anschauungen der Freimaurer.
Die Prometheussage
Berlin, 7. Oktober 1904 47
Die exoterische, allegorische und okkulte Deutungsmoglichkeit
der Sagen. Die Prometheussage. Ihre Deutung als Mysteriendar-
stellung der nachatlantischen Menschheitsgeschichte. Die lemu-
rische, atlantische und nachatlantische Zeit. Die Erfindung des
Feuers und Prometheus als Reprasentant der nachatlantischen Zeit.
Der Gegensatz der kama-manasischen Denkart des Epimetheus
und der manasischen des Prometheus, des in Weisheit und Tat ein-
geweihten Fiihrers der nachatlantischen Menschheit.
Das Mysterium der Rosenkreuzer
Berlin, 4. November 1904 58
Der von Christian Rosenkreutz im 15. Jahrhundert der Bruder-
schaft der Rosenkreuzer gegebene Mythos von Kain und Abel,
von Hiram und Salomo (Tempellegende). Die Legende als sym-
bolischer Ausdruck des Schicksals der dritten, vierten und fiinften
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse im Zusammenhang mit der
Entwicklung des Christentums. Der christliche Grundsatz von der
Gleichheit aller Menschen vor Gott und seine Anwendung im welt-
lichen Sinn in der Franzosischen Revolution. Der Graf von Saint-
Germain und die Franzosische Revolution. Das Christentum des
Gekreuzigten und das zukunftige Christentum des Rosenkreuzes.
Das Geheimnis des Ehernen Meeres und des Goldenen Dreiecks.
Der Manichaismus
Berlin, 11. November 1904 68
Die Geistesstromung des Manichaismus. Das Leben ihres Begriin-
ders Mani. Der groBe Bekampfer des Manichaismus: Augustinus.
Die Legende des Mani und die manichaische Auffassung vom Bo-
sen. Das Bose als unzeitgemaBes Gutes und das manichaische Prin-
zip vom eigenen inneren Geisteslicht (Faust) im Gegensatz zum
Prinzip der auBeren Autoritat (Augustinus und Luther). Das Zu-
sammenwirken des Guten und Bosen im Zusammenhang mit den
Prinzipien von Leben und Form. Leben und Form in der Ent-
wickelung des Christentums. Die Uberwindung des Bosen durch
Milde als Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Der Kampf
Augustins gegen Faustus und der Kampf des Jesuitismus gegen
das Freimaurertum.
Wesen und Aufgabe der Freimaurerei vom Gesichtspunkt der
Geisteswissenschaft
Erster Vortrag, Berlin, 2. Dezember 1904 80
Die Tempellegende als Grundlage des Freimaurertums. Der Auf-
nahmeritus in der Johannesmaurerei. Der Meistergrad und die
Tempellegende. Die symbolischen Vorgange als Abbilder von ok-
kulten Vorgangen auf dem Astralplan. Die Freimaurer waren in
alten Zeiten wirkliche Maurer. Die Baukunst im Verhaltnis zur
Erkenntnis des Weltalls. Die Freimaurerei ist ihrer eigentlichen
Aufgabe entwachsen; ihre berechtigte Bedeutung in der vierten
Unterrasse.
Zweiter Vortrag, Berlin, 9. Dezember 1904 91
Die Freimaurerei, eine Hiille, zu der der richtige Inhalt fehlt.
Goethe und die Maurerei. Der Royal Arch-Grad. Die Werkmaure-
rei und Baukunst. Die Hochgrade. Das Manifest des GroBorients
der Memphis- und Misraim-Maurerei in Deutschland. Der Sinn
der Tempellegende, der Werkmaurerei: intuitive Erkenntnis, die
verlorengehen muBte. Unsere Zeit (fiinfte Unterrasse) als eigent-
liche Verstandesrasse. Die Durchorganisierung der mineralischen
Welt mit menschlicher Geistigkeit als der Sinn des Ehernen Mee-
res. Die Rede des englischen Premiers Balfour iiber elektrische
Theorie: eine Hindeutung auf einen Wendepunkt in der Entwicke-
lung des menschlichen Denkens. Das Uralte der freimaurerischen
Einrichtungen.
Drifter Vortrag, Berlin, 16. Dezember 1904 103
Die Hochgradmaurerei. Der vereinigte Ritus von Memphis und
Misraim. Die Hochgradmaurerei und Cagliostro. Der Stein der
Weisen (Unsterblichkeit) und das mystische Pentagramm in der
Lehre Cagliostros. Die Franzosische Revolution und der Graf von
Saint-Germain. Der Unterschied zwischen dem stufenweisen Er-
kennen in den Hochgraden und dem demokratischen Handhaben
von Erkenntnisdingen in der Johannesmaurerei. Die vier Lehr-
arten des Memphis- und Misraim-Ritus. Das wesendiche der ok-
kulten Einrichtungen: daB Formen da sind. Die neue Erkennt-
nis iiber das Atom. Die zukunftige Erkenntnis vom Zusammen-
hang von Atom, Elektrizitat und menschlichem Gedanken.
Der den Geheimgesellschaften zugrunde liegende Gedanke von
Evolution und Involution
Berlin, 23. Dezember 1904 116
Die Bedeutung des Geheimwissens: ein bewuBtes Fortleben, Un-
sterblichkeit, zu vermitteln. Das groBe Gesetz fiir die Entwickelung
des BewuBtseins. Die Aufgabe unserer Epoche, die mineralische
Welt mit menschlichem Geist zu durchsetzen. Die vergeistigten
Naturreiche als zukiinftiger Inhalt der Seele, beruhend auf dem
Gesetz von Evolution und Involution. Das zukunftige Hinein-
wirken bis ins Atom. Zusammenhang von Atom, Gedanke und
Elektrizitat. Der Untergang der fiinften Wurzelrasse durch den
Kampf aller gegen alle. Formen und ihre Bedeutung im Zusam-
menhang mit zukunftigen Stufen der Entwickelung. Ihre Ent-
sprechung in den Hochgraden der Freimaurer. Die fiinfte Unter-
rasse als reine Verstandesrasse, als Rasse des Egoismus und dessen
notwendige Uberwindung.
II
liber den verlorenen und wiederzuerrichtenden Tempel im Zu-
sammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende
Erster Vortrag, Berlin, 15. Mai 1905. 129
Theosophie und Praxis (Beispiel: Tunnelbau). Die notwendige
Kenntnis der Gesetze des menschlichen Zusammenwirkens fiir den
Bau der menschlichen Gesellschaft. Die Ablosung der alten Kultur
der Priesterstaaten durch die Weltklugheitskultur in der vierten
Unterrasse. Der Trojanische Krieg. Die Grundung Roms. Die er-
sten sieben Konige Roms als Reprasentanten der sieben Etappen
der vierten Kulturepoche. Ihr Zusammenhang mit den sieben
Prinzipien des Menschen. Die Tempellegende und ihr Zusammen-
hang mit dem verlorenen und wiederaufzurichtenden Tempel.
Zweiter Vortrag, Berlin, 22. Mai 1905. 143
Der Salomonische Tempel als Symbol fiir den Menschen als ein
Haus Gottes. Die Arche Noah, der Salomonische Tempel und die
MaBe des menschlichen Korpers. Das Innere des Salomonischen
Tempels. Die Idee des Salomonischen Tempels und die Tempel-
ritter. Ihre Lehren. Die Zwei Stromungen am Eingang des Men-
schengeschlechts: Die Weltkinder (Kainssohne) und die Gottes-
kinder (Abel-Seth-Sohne). Die Rosenkreuzer als Fortsetzer des
Templerordens wollten nichts anderes, als was auch die Theo-
sophie will: arbeiten am groBen Tempel der Menschheit.
Dritter Vortrag, Berlin, 29. Mai 1905. 154
Die Kreuzesholzlegende und die weltgeschichtliche Bedeutung des
Salomonischen Tempels. Der Gegensatz der zwei Stromungen in
der Menschheit: die Gottessohne (Abel-Seth-Nachkommen) und
die Menschensohne (Kain-Nachkommen). Die Vereinigung beider
Stromungen in Christus Jesus. Der Bau des dreistufigen Welten-
tempels (entsprechend dem physischen Leib, Atherleib, Astralleib)
den ganzen alten Bund hindurch durch die Kainssohne, die Diener
der Welt. Die Arbeit an der gottlichen Weltordnung durch die
Gottessohne, die Diener der Bundeslade. Der Salomonische Tempel
als auBerer Ausdruck dessen, was die Bundeslade sein soil. Die ir-
dische Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit dem
Kreuzsymbol. Der paulinische Unterschied zwischen Gesetz und
Gnade. Der Zusammenhang von Gesetz und Siinde im alten Bund,
von Gesetz und Liebe im neuen Bund.
Vierter Vortrag, Berlin, Pfingstmontag, S.Juni 1905. . . 172
Die Allegorie vom verlorenen und wiederzugewinnenden Wort im
Zusammenhang mit dem Pfingstfest. Pfingsten, das Fest der Frei-
heit der Menschenseele. Die Wahlfreiheit zwischen Gut und Bose.
Der Siindenfall. Die Erdenentwickelung durch Runden, Globen
und Rassen. Die sieben Konige der Dynastie Salomos wahrend
der sieben Perioden des astralischen Globus. Der Aufbau des
Makrokosmos durch Geist, Sohn und Vater; die innere Arbeit des
Menschen vom Geist aus durch den Sohn zum Vater. Die nach-
atlantischen Kulturen bis zum Christus-Ereignis in ihrem Zusam-
menhang mit dem Wirken der drei Prinzipien Vater, Sohn und
Geist. Die Auferweckung des inneren Wortes, die Auferstehung
des Atherleibes als Geheimnis des Pfingstfestes.
Der Logos und die Atome im Lichte des Okkultismus
Berlin, 21. Oktober 1905 (Notizen). 186
Die Zukunftsaufgabe der theosophischen Weltstromung. Der Plan
der Fuhrung der Menschheit durch die Meister der weiBen Loge.
Logos, Erdenentwickelung und Atome.
Ill
Das Verhaltnis des Okkultismus zur theosophischen Bewegung
Berlin, 22. Oktober 1905 199
Wesen der okkulten Gesellschaften: hierarchische Gliederung;
Wesen der Theosophischen Gesellschaft: demokratische Grund-
lage. Der Zusammenhang beider liegt darin, daB die Theosophi-
sche Gesellschaft eine Statte sein soil, in der der Okkultismus zur
Sprache kommt. Aufgabe des eigentlichen Okkultismus: innere
Schulung; innerhalb der theosophischen Bewegung: die Popu-
larisierung der okkulten Erkenntnisse. Aufgabe der Theosophi-
schen Gesellschaft: okkulte Lehren und okkultes Leben verstand-
nisvoll zu pflegen. Strenger Gegensatz zwischen okkulter Stromung
und der theosophischen Gesellschaftsorganisation.
Freimaurerei und Menschheitsentwickelung (Doppelvortrag)
Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Mdnnern) 215
Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Frauen) 228
Physische Trennung der Doppelgeschlechtlichkeit in die Zwei-
geschlechtlichkeit in der lemurischen Zeit. Auf geistiger Ebene
eine Art Wiederholung in der nachatlantischen Zeit: Teilung der
Weisheit in eine mannlich und eine weiblich gefarbte Weisheit.
Kain und Abel als Reprasentanten dieser alten Mysterienlehre und
die freimaurerische Tempellegende als ihr symbolischer Ausdruck.
Die freimaurerische Auffassung der Hervorbringungskraft der Zu-
kunft durch das Wort. Einseitiges Streben in der Freimaurerei und
im Jesuitismus. Die Uberwindung der alten Weisheit durch die
neue der Theosophie, die aus dem iibergeordneten Ungeschlecht-
lichen kommt.
Die Beziehung der okkulten Erkenntnisse zum alltaglichen Leben
Berlin, 23. Oktober 1905 (abends) 243
Das Hereinspielen der okkulten Erkenntnisse in das unmittelbare
Leben. Der Astralkorper des Menschen. Die Bedeutung der Er-
ziehung. Die «intermediare» Astralsubstanz. Die Bearbeitung der
Astralsubstanz durch Gefiihle, Begriffe, Willensentschliisse. Astrale
Gedankenformen. Individuelle Astralkorper und Astralsubstanz
des Volkes. Ausdruck der Volksaufgaben auf dem Astralplan.
Volkstemperament und Volkscharakter. Slawische und amerika-
nische Volkerschaften am Anfang ihres Volksgedankens. Spirituel-
ler Volksgedanke im Osten (Slawentum) und psychischer Volks-
gedanke im Westen (Amerikanertum). Deren Verbindung im
Osten mit dem Mongolen-, im Westen mit dem Negerelement.
Die konigliche Kunst in einer neuen Form
Berlin, 2. Januar 1906 (vor Mannern und Frauen gemeinsam) . . 258
MiBverstandnisse und Irrtiimer iiber Freimaurerei. Der Taxil-
Schwindel. Woher die Bezeichnung Freimaurer? Die drei Gebiete
oder Saulen der Kultur: Weisheit, Schonheit, Starke. Betrachtung
des 12. Jahrhunderts und der Sage vom Heiligen Gral in freimaure-
rischem Sinne. Gegensatz zwischen dem mannlich-maurerischen
und •weiblich-priesterlichen Prinzip: Bemeisterung der Krafte des
Unlebendigen und Hinnehmen der gottgegebenen lebendigen
Krafte. Das Symbol des Kreuzes. Der Heilige Gral als Symbol fiir
die zukiinftige Bemeisterung der Krafte des Lebendigen: die neue
Form der koniglichen Kunst.
Notizbucheintragungen zum Vortrag Berlin, 2. Januar 1906
(Faksimile) 292
Uber Goethe und sein Verhaltnis zum Rosenkreuzertum
(vermutlich 1906) 294
Hinweise 297
Sonderhinweis zu den AuBerungen iiber das Atom im Zusam-
menhang mit der Freimaurerei 354
Erganzungen 358
Namenregister. 371
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften. .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe.
.373
.375
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
ZUR 3. AUFLAGE
Die in dem vorliegenden Band zusammengefaBten Vortrage sind
ihrem Inhalte nach eigentlich dem Lehrgut von Rudolf Steiners Eso-
terischer Schule zuzurechnen.* Denn es sollte mit ihnen auf eine
darin von 1906 an gepflegte Form esoterischen Arbeitens vorbereitet
werden.
Durch die Erlauterungen des esoterischen Gehaltes der Bilderspra-
che von Mythen, Sagen und Legenden, insbesondere mit der Tem-
pellegende und der Kreuzesholzlegende, von Rudolf Steiner zumeist
Goldene Legende genannt, sollte eine Grundlage geschaffen werden
fur die Pflege einer gewissen Kultsymbolik. Alles Kultusartige, «aber
nicht nur das auBerlich Kultusartige, sondern das Verstehen der Welt
in Bildern», das Meditieren in Bildern kann erst zu realer Selbst- und
Welterkenntnis fuhren. (Vortrag Dornach, 27. 4. 1924 in «Esoteri-
sche Betrachtungen karmischer Zusammenhange», Band II, Bibl.-
Nr. 236.) Denn aus Bildern, wie sie sich dem imaginativen Denken
ergeben, ist alles geschaffen. «Bilder sind die wahren Ursachen der
Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt. .. diese Bilder
haben alle gemeint, die von geistigen Urgrunden gesprochen haben»
(Vortrag Berlin, 6. Juli 1915 in «Menschenschicksale und Volker-
schicksale», Bibl.-Nr. 157). Diese Bilder wurden von den Wissenden
friiherer Zeiten in Mythen und Legenden gekleidet. Fur das moderne
BewuBtsein hangt die rechte Wirkung davon ab, inwieweit die Bild-
sprache mit dem ideellen Verstandnis durchdrungen werden kann.
Da die Bilder der Tempellegende und der Goldenen Legende einen
integrierenden Bestandteil der symbolisch-kultischen Abteilung bil-
* Die Esoterische Schule bestand von 1904 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im
Sommer 1914 in drei Klassen, siehe GA 264, 265 und 266 (friiher 245). Nach zehnjahrigem
Unterbruch wurde sie im Jahre 1924 neu begriindet als «Freie Hochschule fiir Geistes-
wissenschaft», siehe «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
und der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goethea-
num», GA 260a. Allerdings konnte Rudolf Steiner infolge seiner bald darauf eingetretenen
schweren Erkrankung nur noch die erste Klasse einrichten, deren Inhalte in GA 270
erscheinen werden.
deten, sind die hier vorliegenden Vortrage vornehmlich ihrer Inter-
pretation gewidmet. Rudolf Steiner betrachtete es als eine dem Gegen-
wartsbewuBtsein notwendige Voraussetzung fiir das Arbeiten mit Bil-
dern respektive mit Symbolik, zuerst den esoterischen Gehalt dem
ideellen Verstandnis begreiflich zu machen. Das erfordert der von
ihm gelehrte rosenkreuzerische Schulungsweg, dessen erste Stufe das
Studium und dessen zweite erst das imaginative Denken ist.
Zu den AuBerungen iiber die Freimaurerei ist insbesondere eines
zu beriicksichtigen: Rudolf Steiner stand damals im Begriff, die zweite,
die symbolisch-kultische Abteilung seiner Esoterischen Schule einzu-
richten. Da in derselben die sich ihm aus seiner eigenen Geistesfor-
schung ergebende neue Form der «Koniglichen Kunst» gepflegt wer-
den sollte, handelte es sich in den vorbereitenden Vortragen darum,
deren Geschichte und Wesen klarzulegen und daraufhinzuweisen, daB
die Menschheit vor einer neuen Entwickelungsepoche dieser konig-
lichen Kunst steht und was deren zukiinftigen Inhalt bilden wird.
Wenn er sich dagegen in spateren Jahren in Vortragen, die seit
langem gedruckt vorliegen*, scharf gegen gewisse freimaurerische
Zusammenhange wendete, so aus dem Grunde, weil er die Verquik-
kung von Okkultismus und Machtstreben, wo immer sie auch auf-
trat, streng verurteilte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte
ihm erwiesen, daB «die Grundlagen gewisser Erkenntnisse» durch
bestimmte westliche Geheimgesellschaften «zu Antrieben einer die
Weltkatastrophe vorbereitenden politischen Gesinnung und Beein-
flussung der Weltereignisse» miBbraucht wurden. So sah er sich ver-
pflichtet, darauf hinzuweisen, daB eine urspriinglich gute und im
Kern notwendige Sache, die «der ganzen Menschheit ohne Rassen-
und Interessenunterschiede» dienen sollte, zu einer schlechten Sache
* Vgl. z.B. die siebenbandige Reihe «Kosmische und menschliche Geschichte» (1914
bis 1917), Bibl.-Nr. 170 bis 174a und b; «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und
ihre Beziehung zur Weltkultur» (1915), Bibl.-Nr. 254; «Gegenwartiges und Vergange-
nes im Menschengeiste» (1916), Bibl.-Nr. 167; «Die soziale Grundforderung unserer
Zeit-In geanderter Zeitlage», (1918), Bibl.-Nr. 186; «Wie kann die Menschheit denChri-
stus wiederfinden? Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht»
(1918), Bibl.-Nr. 187; «Gegensatze in der Menschheitsentwickelung» (1920), Bibl.-Nr.
197; «Heilfaktoren fiir den sozialen Organismus» (1920), Bibl.-Nr. 198.
werden muB, wenn sie «zur Machtgrundlage einzelner Menschen-
gruppen» gemacht wird.*
Uber eine von Gegnern Rudolf Steiners oft miBdeutete Verbin-
dung in einer ganz bestimmten auBerlichen Form, die er fur die
symbolisch-kultische Abteilung mit der durch John Yarker vertrete-
nen Memphis-Misraim-Maurerei eingegangen ist, vergleiche man den
Dokumentationsband «Zur Geschichte und aus den Inhalten der
erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914»,
GA 265.
Da Rudolf Steiner zur Zeit der hier vorliegenden Vortrage noch
im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft lehrte, gebrauchte er die
damals ubliche Terminologie. Von einer Ersetzung des Ausdrucks
«Theosophie» durch «Anthroposophie», wie dies nach der Verselb-
standigung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
zur «Anthroposophischen Gesellschaft» auf ausdruckliche Angabe
Rudolf Steiners zumeist vorgenommen wurde, ist hier aus historischen
Griinden abgesehen worden. Der Leser muB sich jedoch bewuBt sein,
daB die von Rudolf Steiner gelehrte «Theosophie» - gemaB seinem
grundlegenden 1904 erstmals erschienenen Werk «Theosophie - Ein-
fiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung»
(Bibl.-Nr. 9) - von Anfang an identisch war mit dem, was er spater
nur noch Anthroposophie oder anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft genannt hat.
In bezug auf die Texte muB ausdriicklich darauf hingewiesen wer-
den, daB sie wie die meisten Nachschriften aus den friihen Jahren, in
denen noch nicht von Berufsstenographen nachgeschrieben wurde,
spiirbar luckenhaft, manchmal nur notizenhaft sind. Stilistische und
logische Unebenheiten diirfen daher nicht Rudolf Steiner zur Last
gelegt werden. Aber auch wenn es sich nicht immer um wortwort-
liche Nachschriften handelt, so bilden die uberlieferten Inhalte doch
einen einzigartigen und unentbehrlichen Bestandteil im Gesamtwerk
Rudolf Steiners. Um so weit als moglich einen fehlerfreien Text zu
gewahrleisten, wurden jeweils samtliche Unterlagen gepriift und so-
* Aus dem (nicht gezeichneten) Vorwort zu Karl Heise «Entente-Freimaurerei und
Weltkrieg», Basel 1918.
weit Originalstenogramme vorliegen, auch diese in die Priifung ein-
bezogen. In den Hinweisen ist fiir jeden Vortrag gesondert ange-
geben, welche Unterlagen fiir die Bearbeitung zur Verfiigung ge-
standen haben. Einfiigungen in eckigen Klammern [ ] sind Hinzu-
fiigungen des Herausgebers, wogegen Einfiigungen in gewohnlichen
Klammern ( ) so in den Nachschriften enthalten sind. Die ausfiihr-
lichen Hinweise mochten dazu dienen, die Mangel der Nachschriften
soweit als moglich auszugleichen. Als literarisches Quellenmaterial
wurden vor allem einschlagige Werke aus der Bibliothek Rudolf
Steiners herangezogen.
H.W.
I
PFINGSTEN, DAS FEST DER BEFREIUNG
DES MENSCHENGEISTES
Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904
Es war vorauszusehen, daB heute nur eine kleine Gemeinde sich ver-
sammeln wiirde. Ich habe dennoch beschlossen, diesen Abend abzu-
halten, um denen, welche sich heute einfinden, einiges zu sagen in
Ankniipfung an das Pfingstfest.
Bevor ich darauf eingehe, mochte ich Ihnen eines der Ergebnisse
meiner letzten Londoner Reise mitteilen, das darin besteht, daB uns
hochstwahrscheinlich im Herbst Frau Besant hier besuchen wird. Wir
werden also Gelegenheit haben, die zu den bedeutendsten spirituellen
Kraften der Gegenwart gehorende Personlichkeit wieder zu horen.
Die zwei nachsten offentlichen Vortrage werden wir im Architekten-
haus haben: heute iiber acht Tagen iiber Spiritismus und den fol-
genden iiber Somnambulismus und Hypnotismus. Dann werden die
Montagsveranstaltungen wieder regelmaBig hier stattfinden. An den
Donnerstagen der nachsten Zeit werde ich sprechen iiber Theoso-
phische Kosmologie, iiber Vorstellungen, die die Theosophie zu geben
hat iiber die Bildung des Weltgebaudes. Diejenigen, welche sich fur
diese Fragen interessieren, werden mannigfaltiges zu horen bekom-
men, was sie vielleicht noch nicht aus der gebrauchlichen theosophi-
schen Literatur kennen. Die Vortrage iiber die Elemente der Theo-
sophie mochte ich in einem spateren Zeitpunkte halten.
Was ich nun heute sagen werde, entstammt einer alten okkulten
Tradition. Der Stoff kann natiirlich heute nicht erschopft werden.
Manches wird sogar unglaubhaft erscheinen. Ich bitte daher, die heu-
tige Stunde als eine Episode zu betrachten, in der nichts bewiesen,
sondern einfach Dinge erzahlt werden sollen.
Die Menschen feiern heutzutage ihre Feste, ohne so recht eine
Ahnung davon zu haben, was solche Feste bedeuten. In den Zeitun-
gen, die fur einen groBen Teil unserer gegenwartigen Zeitgenossen
die eigentliche Quelle der Bildung und Aufklarung bedeuten, kann
man die mannigfaltigsten Artikel iiber solche Feste lesen, ohne daB
bei den Schreibern irgendein BewuBtsein vorhanden ist, was solch ein
Fest zu bedeuten hat. Aber fur Theosophen ist es notwendig, wieder
auf die innere Bedeutung hinzuweisen. Und so mochte ich heute
hinweisen auf die Anfangskeime eines solchen uralten Festes, auf den
Ursprung des Pfingstfestes.
Das Pfingstfest ist eines der bedeutendsten und am schwersten ver-
standlichen Feste. Im christlichen BewuBtsein erinnert es an die Aus-
gieBung des Heiligen Geistes. Dieses Ereignis wird uns beschrieben
als eine Wundergeschichte: iiber die Jiinger und die Apostel Christi
habe sich der Heilige Geist ergossen, so daB sie anfingen, in alien
moglichen Zungen zu sprechen. Das heiBt, daB sie zu jedem Herzen
den Zugang fanden und je nach dem Verstandnis der Menschen spre-
chen konnten. Das ist eine Bedeutung des Pfingstfestes. Wenn wir es
aber griindlicher verstehen wollen, miissen wir viel tiefer gehen. Das
Pfingstfest - als symbolisches Fest - hangt mit den tiefsten Mysterien,
mit den heiligsten geistigen Giitern der Menschheit zusammen. Des-
halb ist es so schwer, dariiber zu sprechen. Wenigstens auf einiges
mochte ich indessen heute doch hindeuten.
Wofiir eigentlich das Pfingstfest Symbol ist, was dem Pfingstfest
zugrunde ligt, was es im tieferen Sinne bedeutet, das ist nur aufge-
schrieben in einem Manuskript, das sich im Vatikan, in der Vatikani-
schen Bibliothek befindet und in der sorgfaltigsten Weise behiitet
wird. In diesem Manuskript ist allerdings nicht von dem Pfingstfest,
wohl aber von dem gesprochen, wofiir das Pfingstfest nur das auBere
Symbol ist. Dieses Manuskript hat wohl kaum jemand gesehen, der
nicht in die tiefsten Geheimnisse der katholischen Kirche eingeweiht
war oder es im Astrallichte zu lesen vermochte. Eine Kopie davon be-
sitzt eine Personlichkeit, welche von der Welt sehr verkannt worden
ist, die aber heute fiir den Geschichtsbetrachter anfangt interessant
zu werden. Ich konnte auch ebenso sagen «hat besessen» statt «be-
sitzt», aber es entstande eine Unklarheit dadurch. Deshalb sage ich:
eine Kopie besitzt der Graf von Samt-Germain, von dem wohl die ein-
zigen Mitteilungen stammen, die es in der Welt davon gibt.
Ich mochte im Sinne der Theosophie nur andeutungsweise einiges
dariiber sagen. Wir werden da zu etwas gefiihrt, was tief zusammen-
hangt mit der Evolution, mit der Entwickelung der Menschheit in der
fiinften Wurzelrasse. Der Mensch hat ja diejenige Form, die er heute
an sich tragt, in der dritten Wurzelrasse, der alten lemurischen Zeit
bekommen, sie weitergebildet durch die vierte Wurzelrasse, die Zeit
der alten Atlantis, und ist dann mit dem Resultat in die fiinfte Wur-
zelrasse eingetreten. Wer meine Atlantis-Vortrage gehort hat, wird
sich erinnern, daB bei den Griechen noch eine lebhafte Erinnerung an
jene Zeit vorhanden war.
Zur Orientierung miissen wir einen kurzen Einblick gewinnen in
zwei Stromungen innerhalb unserer fiinften Wurzelrasse, die als ver-
borgene Krafte in den Gemiitern lebendig sind und vielfach mitein-
ander streiten: die eine Stromung findet sich am reinsten und klar-
sten ausgepragt in dem, was wir die agyptische, indische und siid-
europaische Weltanschauung nennen. Alles spatere Judentum und
auch das Christentum enthalt etwas davon. Das hat sich aber anderer-
seits in unserem Europa wiederum vermischt mit der anderen Stro-
mung, die in derjenigen Weltanschauung lebt, die wir im alten Per-
sien finden und die wir - wenn wir nicht auf das horen, was uns die
Anthropologen und Etymologen sagen, sondern wenn wir auf die
Sache tiefer eingehen - wiederfinden konnen von Persien westwarts
sich hinziehend bis zu den Regionen der Germanen.
Von diesen zwei Stromungen mochte ich behaupten, daB sie auf
zwei wichtige, zwei groBe spirituelle Intuitionen hindeuten, die ihnen
zugrunde liegen. Die eine ist am reinsten aufgegangen den uralten
Rishis. Ihnen ging auf die Intuition hohergearteter Wesen: der so-
genannten Devas, Wer eine okkulte Schulung durchgemacht hat, wer
forschen kann auf diesem Gebiete, der weiB, was Devas sind. Diese
rein spirituellen Wesenheiten, die im Astral- und Mentalraum leben,
haben eine zweifache Natur, wahrend die Menschen eine dreifache
Natur haben. Denn der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist.
Die Devanatur aber besteht - soweit wir sie verfolgen konnen - nur
aus Seele und Geist. Sie mag noch andere Glieder haben, aber wir
konnen sie selbst mit okkulter Schulung nicht verfolgen. Ein Deva
hat in seinem Inneren unmittelbar den Geist. Der Deva ist ein seelen-
begabter Geist. Was Sie beim Menschen nicht sehen konnen, namlich
die Begierden, Triebe, Leidenschaften und Wiinsche, die in ihmleben,
die aber fur den, der seine spirituellen Sinne erschlossen hat, wahr-
nehmbar sind als Lichterscheinungen, diese Seelenkrafte, dieser See-
lenleib des Menschen, der fiir den Menschen sein Inneres ist und ge-
tragen wird von unserem physischen Leib, das ist der unterste Leib
der Devas. Wir konnen ihn als ihren Korper ansehen. Die indische
Intuition ging vorzugsweise auf die Verehrung dieser Devas. Der
Inder sieht diese Devas iiberall. Er sieht sie als die schaffenden Krafte,
wenn er hinter die Kulissen unserer Welterscheinungen blickt. Diese
Intuition liegt dem siidlichen Weltanschauungsgiirtel zugrunde. In
der Weltanschauung Agyptens kommt sie groB und gewaltig zum
Ausdruck.
Die andere Intuition liegt der alten persischen Mystik zugrunde
und fiihrte zur Verehrung von Wesenheiten, die auch nur zweifacher
Natur sind: den Asuras. Diese haben auch das, was wir Seele nennen;
aber in groBartiger, titanenhafter Weise haben sie ausgebildet den
physischen Leib, der ein Seelenorgan einschlieBt. Die indische Welt-
anschauung, die an der Devaverehrung festhalt, sieht diese Asuras als
etwas Untergeordnetes an, wahrend diejenigen, die sich zum nord-
lichen Weltanschauungsgiirtel bekannten, mehr an den Asuras hingen,
an der physischen Natur. Daher hatte sich auch hier besonders der
Drang ausgebildet, die Welt der Sinneserscheinungen in materieller
Weise zu beherrschen, die Welt der Wirklichkeit durch die bis ins
Hochste gehende Vervollkommnung der Technik, durch physische
Kiinste und dergleichen zu beherrschen. Heute gibt es keine Men-
schen mehr, die an der Asuraverehrung festhalten; aber viele unter
uns gibt es noch, die etwas von dieser Natur in sich haben. Von daher
riihrt der Zug nach der materiellen Seite des Lebens und das ist der
Grundzug des nordlichen Weltanschauungsgiirtels. Wer sich zu rein
materialistischen Grundsatzen bekennt, kann sicher sein, daB er in sei-
ner Natur etwas hat, was von diesen Asuras herriihrt.
Innerhalb der Bekenner der Asuras entwickelte sich dann ein eigen-
tiimliches Grundgefiihl. Es sproBte zuerst im persischen Geistesleben
auf. Die Perser bekamen eine Art Furcht vor der Devanatur. Furcht,
Scheu und Grauen bekamen sie vor dem, was rein geistig-seelisch ist.
Das bewirkte, daB wir heute den groBen Gegensatz erblicken zwischen
der persischen und der indischen Anschauung. In der persischen
Weltanschauung wurde oft gerade das angebetet, was die indische
Richtung als schlecht, als etwas Untergeordnetes betrachtete, und
geradezu gemieden, was der Inder als verehrungswurdig betrachtet.
Innerhalb des persischen Weltgefuhles entstand also diese eigentum-
liche Grundempfindung gegeniiber einer Wesenheit, die eigentlich
Devanatur hat, die aber innerhalb dieser Weltanschauung gemieden,
gefurchtet wird. Kurz, es ist das Bild des Satans, das in dieser Welt-
anschauung auftritt. Luzifer, der Geistig-Seelische, wird ein mit
Schauder erfullendes Wesen. Darin haben wir den Ursprung zu suchen
von dem, was als Teufelsglaube existiert. Diese Grundempfindung ist
auch in die moderne Weltanschauung ubergegangen; namentlich im
Mittelalter wurde der Teufel eine gefurchtete und gemiedene Figur.
Luzifer wurde also formlich gemieden.
Wir erhalten dariiber AufschluB in dem angegebenen Manuskript.
Wenn wir im Sinne desselben den Gang der Weltentwickelung ver-
folgen, dann finden wir, daB in der Mitte der dritten, der lemurischen
Rasse, die Menschen sich mit physischem Stoff bekleidet haben. Es ist
eine falsche Vorstellung, wenn die Theosophen glauben, daB die Rein-
karnation keinen Anfang und kein Ende habe. Die Reinkarnation hat
in der lemurischen Zeit angefangen und wird im Beginne der sechsten
Rasse auch wiederum aufhoren. Es ist nur eine gewisse Zeitspanne in
der irdischen Entwickelung, innerhalb welcher der Mensch sich wie-
derverkorpert. Vorausgegangen war ein uberaus geistiger Zustand, der
keine Wiederverkorperung notig machte, und folgen wird wiederum
ein geistiger Zustand, der auch keine Wiederverkorperung bedingt.
Die urspriingliche Verkorperung in der dritten Rasse bestand darin,
daB gleichsam der jungfrauliche Menschengeist, Atma-Buddhi-Manas,
seine erste physische Verkorperung suchte. Es konnte damals die
physische Entwickelung unserer Erde mit den tierartigen Wesenhei-
ten noch nicht so weit vorgeschritten sein, die ganze tierisch-mensch-
liche Wesenheit konnte damals noch nicht so weit sein, daB sie den
Menschengeist hatte aufnehmen konnen. Aber ein Teil, eine gewisse
Gruppe tierartiger Wesenheiten war schon so weit entwickelt, daB
sich der Same des Menschengeistes in diese tierischen Leiber senken
konnte, damit sie dem Menschenleibe die Form geben konnten.
Ein Teil der Individualitaten, welche dazumal sich inkarnierten,
bildeten den kleinen Stamm derjenigen, die sich spater als sogenannte
Adepten iiber die ganze Welt verbreiteten. Das waren die urspriing-
lichen Adepten, nicht diejenigen, die wir heute Initiierte nennen. Die,
welche wir heute Initiierte nennen, machten damals noch keine In-
karnation durch. Es verkorperten sich damals aber nicht alle, die
menschlich-tierische Korper hatten finden konnen, sondern nur ein
Teil. Ein anderer Teil widersetzte sich dem Gang der Inkarnation aus
bestimmten Griinden. Sie warteten damit bis in die vierte Rasse hin-
ein. Die Bibel deutet jenen Zeitpunkt in verborgener und tiefsinniger
Weise an: Die Sonne der Gotter fanden, daB die Tochter der Men-
schen schon waren und sie verbanden sich mit ihnen.
Das heiBt, es begann in jenem spateren Zeitpunkte eine Inkarnation
von denjenigen, welche gewartet hatten. Wir nennen diese Gruppe
« Sonne der Weisheit», und es scheintfast, als liege eine gewisse Ver-
messenheit und ein Stolz in ihnen. Von der kleinen Ausnahme der
Adepten wollen wir jetzt absehen. Hatte sich dieser andere Teil damals
auch inkarniert, so ware der Mensch niemals zu dem klaren BewuBt-
sein gekommen, in dem er heute lebt. Der Mensch ware in dumpfem
TrancebewuBtsein steckengeblieben. Er wiirde das BewuBtsein ange-
nommen haben, das Sie heute bei Hypnotisierten, Somnambulen und
so weiter finden konnen. Kurz, die Menschen hatten in einer Art
TraumbewuBtsein bleiben miissen. Aber eines hatte ihnen dann ge-
fehlt, was auBerordentlich wichtig, wenn nicht das Wichtigste war:
das Freiheitsgefiihl, die selbsteigene Entscheidung des Menschen iiber
Gut und Bose aus seinem eigenen BewuBtsein, aus seinem Ich heraus.
Die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnation - in derjenigen
Gestalt, die sie eben schon erhalten hat unter den Einfliissen, die von
jener Empfindung herkommen, die ich charakterisiert habe dadurch,
daB ich gesagt habe, daB vor dem Deva eine gewisse Scheu besteht -,
die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnierung als den «Fall» des
Menschen, den Siindenfall. Der Deva wartete und sank erst herunter,
als die physische Menschheit schon eine Stufe weiter entwickelt war,
um dann erst Besitz zu ergreifen von dem physischen Leib, damit er
dann ein reiferes BewuBtsein entwickeln konne, als das friiher der
Fall gewesen ware.
So sehen Sie, daB der Mensch sich seine Freiheit dadurch erkauft
hat, daB sich seine Natur verschlechterte, weil er mit der Inkarnierung
wartete, bis seine Natur heruntergestiegen ist in die dichteren phy-
siologischen Zustande. In der griechischen Mythologie hat sich ein
tiefes BewuBtsein von diesem Tatbestand erhalten. Ware der Mensch
schon friiher zur Inkarnation gekommen - das sagt der Mythos der
Griechen -, dann ware das eingetreten, was Zeus wollte, als sich die
Menschen noch im «Paradiese» befanden: Er wollte sie gliicklich
machen, aber als unbewuBte Wesen. Das klare BewuBtsein hatte dann
einzig bei den Gottern gelegen und der Mensch ware ohne das Gefiihl
der Freiheit geblieben. Die Auflehnung des Luzifergeistes, des Deva-
geistes in der Menschheit, der heruntersteigen wollte, um sich aus der
Freiheit heraus selbst emporzuentwickeln, ist symbolisiert in der Sage
von Prometheus. Er aber muB fur sein Bestreben biiBen dadurch, daB
fortwahrend ein Adler - als Symbol der Begierde - an seiner Leber
nagt und ihm dadurch die furchtbarsten Schmerzen verursacht.
Der Mensch ist also tiefer heruntergestiegen und muB nun das, was
er durch magische Kiinste und Krafte erreicht haben wiirde, mit dem
erreichen, was ihm selbsttatig aus dem klaren BewuBtsein der Freiheit
erflieBt. Aber weil er tiefer heruntergestiegen ist, muB er auch Schmer-
zen und Qualen erdulden. Auch dies deutet die Bibel an mit den
Worten: In Schmerzen sollst du Kinder gebaren, im SchweiBe deines
Angesichtes sollst du dein Brot essen -, und so weiter. Das heiBt
nichts anderes als: der Mensch muB sich selbst mit Hilfe der Kultur
wieder hochbringen.
Den Reprasentanten der in Freiheit durch Kampfe zur Kultur stre-
benden Menschheit hat die griechische Mythologie in Prometheus
symbolisiert. In ihm hat sie dargestellt den leidenden Menschen und
zugleich den Befreier. Derjenige, der des Prometheus Befreiung her-
beifiihrt, ist Herakles, von dem uns erzahlt wird, daB er sich in die
eleusinischen Mysterien einweihen lieB. Wer hinabstieg in die Unter-
welt, war ein Initiierter, denn das Hinabsteigen in die Unterwelt ist
der technische Ausdruck fiir die Initiation. Diese Fahrt nach der
Unterwelt wird uns von Herakles, Odysseus und von alien denjenigen
gesagt, bei denen wir es mit Eingeweihten zu tun haben, die nun die
Menschen innerhalb der gegenwartigen Entwickelung zu dem Quell
urspriinglicher Weisheit, zum spirituellen Leben fiihren wollen.
Ware die Menschheit auf dem Standpunkte der dritten Rasse stehen-
geblieben, dann waren wir heute Traummenschen. Durch seine Deva-
natur hat der Mensch seine niedere Natur befruchtet. Aus seinem
SelbstbewuBtsein, seinem FreiheitsbewuBtsein heraus muB er nun
jenen BewuBtseinsfunken, den er sich damals in berechtigtem Uber-
mut herunterholte, wieder entwickeln, also jene spirituelle Erkenntnis,
die er in dem friiheren unfreien Zustande nicht angestrebt hat. In der
menschlichen Natur selbst liegt jene satanische Auflehnung, die als
luziferisches Streben aber die Gewahr fiir unsere Freiheit iiberhaupt
ist. Und aus dieser Freiheit entwickeln wir wieder spirituelles Leben.
Dieses spirituelle Leben soil innerhalb der Menschheit der fiinften
Rasse wieder angefacht werden. Wieder soil von Initiierten dieses
BewuBtsein ausgehen. Nicht ein traumhaftes, sondern ein klares Be-
wuBtsein soil es sein. Die Herkulesse des Geistes, die Initiierten sind
es, die die Menschheit vorwartsbringen und ihr die verborgene Deva-
natur, die Erkenntnis des Geistigen enthiillen. Das ist auch das Stre-
ben aller groBen Religionsstifter gewesen, der Menschheit wieder die
Erkenntnis des Geistigen zu bringen, das sie im physiologischen
Leben verloren hat. Die Atlantier hatten eine hohe physische Kultur,
und unsere fiinfte Rasse hat noch immer viel von dem materiellen
Leben in sich. Diese materialistische Kultur unserer Zeit zeigt uns,
wie sehr der Mensch sich verstrickt hat in die rein physisch-physio-
logische Natur, wie Prometheus in seine Ketten. Aber ebenso sicher
ist es, daB der Geier, das Symbol der Begierde, der an unserer Leber
nagt, beseitigt werden wird durch den spirituellen Menschen. Dahin
wollen die Initiierten die selbstbewuBte Menschheit fiihren durch
solche Bewegungen, von denen die theosophische Bewegung eine
ist, damit der Mensch in voller Freiheit wieder emporsteigen kann.
Den Zeitpunkt, den wir als den Augenblick des Einstromens spiri-
tuellen Lebens in die selbstbewuBte Menschheit zu erfassen haben,
finden wir im Evangelium, im Neuen Testament, genau angedeutet.
Im tiefsten Evangelium, das von der heutigen Theologie verkannt
wird, im Johannes-Evangelium, da wo erzahlt wird, daB Jesus das
Laubhiittenfest besucht, wird dieser Zeitpunkt angedeutet. Der Stif-
ter des Christentums spricht da davon, spirituelles Leben iiber die
Menschheit auszugieBen. Es ist das eine merkwiirdige Stelle. Das
Laubhiittenfest bestand ja darin, daB man zu einer Quelle ging, aus
der Wasser floB. Dort entwickelte sich dann ein Fest, das darauf hin-
deutete, daB der Mensch sich wieder einmal besinnen solle auf das
Spirituelle, auf die Devanatur und das geistige Streben. Das Wasser,
das da geschopft wurde, war eine Erinnerung an das Seelisch-Geistige.
Nach wiederholten Absagen geht Jesus doch zu dem Fest. Und am
letzten Tage des Festes geschieht folgendes (Joh.7,37): Am letzten
Tage des Festes, der am herrlichsten war - so heiBt es -, trat Jesus
auf und sprach: «Wen da diirstet, der komme zu mir und trinke!» -
Diejenigen, welche tranken, feierten ein Erinnerungsfest an das spiri-
tuelle Leben. Jesus aber verbindet noch etwas anderes damit und das
deutet Johannes mit den Worten an: «Wer an mich glaubet, wie die
Schrift saget, von des Leibe werden Strome des lebendigen Wassers
flieBen. Das sagte er aber von dem Geiste, welchen empfangen soil-
ten die, die an ihn glaubten, denn der Heilige Geist war noch nicht
da; denn Jesus war noch nicht verklaret.»
Hier ist nun hingedeutet auf das Pflngstmysterium, hingedeutet
darauf, daB die Menschheit zu warten hat auf diesen Heiligen Geist
des spirituellen Lebens. Wenn der Zeitpunkt erreicht sein wird, daB
der Mensch in sich selbst den Funken des spirituellen Lebens ent-
ziinden kann, wenn die physiologische Natur des Menschen aus sich
selbst den Aufstieg versuchen kann, dann wird der Heilige Geist iiber
die Menschen kommen, die Zeit des spirituellen Erwachens.
Der Mensch ist heruntergestiegen, bis in den physischen Leib hin-
ein, so daB erim Gegensatz zur Devanatur aus drei Prinzipien besteht:
aus Geist, Seele und Leib. Der Deva steht hoher als der Mensch, aber
er hat nicht die physische Natur zu iiberwinden wie der Mensch.
Diese physische Natur muB wieder verklart werden, so daB sie das
spirituelle Leben aufnehmen kann. Des Menschen physiologisches Be-
wuBtsein, der physische Leib, wie er heute lebt, soil selbst den Fun-
ken des spirituellen Lebens in Freiheit in sich entziinden.
Das Christus-Opfer ist ein Beispiel dafiir, daB der Mensch aus dem
physischen Leben heraus das hohere BewuBtsein entfalten kann. Im
physischen Leibe lebt sein niederes Ich; aber angefacht soil es wer-
den, damit das hohere Ich sich entwickle. Dann erst konnen die
Strome lebendigen Wassers auch aus diesem physischen Leibe flieBen.
Dann kann der Geist erscheinen, dann kann der Geist sich ausgieBen.
Wie abgestorben muB so der Mensch als Ich fur dieses physiologische
Leben werden.
Hierin liegt das eigentliche Christliche und auch das tiefere Myste-
rium des Pfingstfestes. Der Mensch lebt zunachst in seinem niederen
Organismus, in dem von den Wiinschen durchdrungenen BewuBtsein.
Er soil darin leben, denn nur dieses BewuBtsein konnte ihm die ziel-
sichere Freiheit geben. Aber er darf nicht darinnenbleiben, sondern
soil sein Ich heraufheben zu der Devanatur. Er soil in sich selbst den
Deva zeitigen, den Deva gebaren, der dann ein Heils-Geist sein wird,
ein Heiliger Geist. Dazu muB er jedoch den irdischen Leib bewuBt
hinopfern, dazu muB er empfinden das «Stirb und Werde», damit er
nicht bleibe «ein triiber Gast» auf dieser «dunklen Erde».
So stellt uns das Ostermysterium im Zusammenhang mit dem
Pfingstmysterium erst eine Ganzheit dar: wie das menschliche Ich in
dem groBen Reprasentanten sich entauBert des niederen lebendigen
Ichs, wie es dahinstirbt, um die physische Natur vollig zu verklaren
und sie wieder zuriickzugeben den gottlichen Machten. Die Himmel-
fahrt ist das Symbol dafiir. Wenn der Mensch diesen physischen Leib
verklart hat, zum Geistigen zuriickgebracht hat, dann ist er reif, daB
sich das spirituelle Leben in ihn ergieBt, daB er erleben wird das, was
nach der Erklarung des groBten Reprasentanten der Menschheit die
«AusgieBung des Heiligen Geistes» genannt wird. Daher heiBt es
auch: «Drei sind, die da zeugen auf der Erde: das Blut, das Wasser
und der Geist.» - Das Pfingstfest ist die AusgieBung des Geistes in
die Menschheit.
Das groBte Ziel der Entwickelung ist symbolisch im Pfingstfeste
ausgedriickt, namlich daB der Mensch aus dem intellektuellen Leben
wieder zu einem spirituellen Leben vordringen soil. Wie Prometheus
durch den Herakles von seinen Leiden befreit wurde, so wird es der
Mensch werden durch die Kraft des Geistes. Dadurch, daB der Mensch
heruntergestiegen ist in die Materie, ist er zum SelbstbewuBtsein ge-
kommen. Dadurch, daB er wieder hinaufsteigt, wird er zum selbst-
bewuBten Deva werden. Von denen, die die Asuras verehrten und die
Devas als etwas Satanisches erkannten, die nicht im tiefsten Inneren
vordringen wollen, ist dieser Herunterstieg als etwas Teuflisches dar-
gestellt worden.
Auch das ist in der griechischen Mythologie angedeutet. Der Re-
prasentant der unfreien BewuBtseinszustande ist Epimetheus - der
Nachdenkliche -, der nicht aus voller Freiheit zur Erlosung kommen
will, also der Gegner des Prometheus. Er bekommt von Zeus die
Pandorabiichse, deren Inhalt - Leiden und Plagen - auf die Mensch-
heit beim Offnen herabfallt. Nur als letzte Gabe bleibt darin die Hoff-
nung, daB er in einem kiinftigen Zustande auch zu diesem hoheren,
klaren BewuBtsein vordringen werde. Es bleibt ihm die Hoffnung auf
Befreiung. Prometheus rat ab, das zweifelhafte Geschenk des Gottes
Zeus anzunehmen. Epimetheus gehorcht seinem Bruder nicht, son-
dern er nimmt das Geschenk an. Das Epimetheus-Geschenk ist weni-
ger wichtig als das seines Bruders Prometheus.
So sehen wir, daB die Menschen in zwei Stromungen dahinleben.
Die einen sind diejenigen, die an dem Freiheitsgefiihl festhalten und -
trotzdem es gefahrlich ist, das Spirituelle zu entwickeln - es doch in
Freiheit suchen. Die anderen sind diejenigen, die durch dumpfes Da-
hinleben und blinden Glauben ihre Befriedigung finden und in dem
luziferischen Streben der Menschheit etwas Gefahrliches wittern. Die-
jenigen, welche die auBeren Formen der Kirche begriindet haben,
haben das tiefste luziferische Streben entstellt. Die uralten Lehren
dariiber sind in geheimen Manuskripten enthalten, die in verborgenen
Raumen kaum jemand gesehen hat. Einigen wenigen, die sie im Astral-
lichte zu sehen vermogen, und sonst noch einigen Eingeweihten sind
sie zuganglich. Es ist allerdings ein gefahrlicher Weg, aber es ist der
einzige, der zu dem erhabenen Ziele der Freiheit fiihrt.
Der Geist des Menschen soil ein befreiter sein und kein dumpfer.
Das will auch das Christentum. Heil, heilen hangt zusammen mit hei-
lig. Ein Geist, der heilig ist, der heilt, der befreit von Leiden und
Plagen. Gesund und frei ist der Mensch, wenn er entrissen ist der
Knechtung durch das Physiologische, wenn er befreit ist von dem
Physiologischen. Denn der befreite Geist ist allein der gesunde, an
dessen Korper kein Adler mehr nagt.
So ist das Pfingstfest aufzufassen als ein Symbol der Befreiung des
Menschengeistes, als das groBe Symbol des menschlichen Ringens
nach Freiheit, nach einem BewuBtsein in Freiheit.
Wenn das Osterfest ein Auferstehungsfest in der Natur ist, so ist
das Pfingstfest ein Symbol fiir das BewuBtwerden des Menschengei-
stes, das Fest derjenigen, die wissen und erkennen, und - davon
durchdrungen - die Freiheit suchen.
Diejenigen spirituellen Bewegungen in der modernen Zeit, welche
zur Wahrnehmung der geistigen Welt bei klarem TagesbewuBtsein -
nicht in Trance, nicht im Hypnotismus - hinfiihren, die sind es,
welche zur Erkenntnis eines solchen bedeutsamen Symbols fiihren.
Das klare BewuBtsein, daB nur der Geist befreit, das ist es, was uns
vereint in der Theosophischen Gesellschaft. Nicht das Wort allein,
sondern der Geist gibt ihr ihre Bedeutung. Der Geist, der ausgeht
von den groBen Meistern, der durchflieBt durch einige wenige, die
sagen konnen: Ich weiB, daB sie da sind, die groBen Adepten, welche
die Begriinder der spirituellen Bewegung sind, nicht der Gesellschaft,
ergieBt sich in unsere Gegenwartskultur und gibt ihr die Impulse fiir
die Zukunft.
Lassen Sie einen Funken des Verstandnisses fiir diesen Heiligen
Geist wieder einflieBen in das unverstandene Pfingstfest, dann wird
es belebt werden und wieder Sinn bekommen. In einer sinnvollen
Welt sollen wir leben. Wer gedankenlos Feste feiert, feiert sie als An-
hanger des Epimetheus. Der Mensch muB sehen, was uns verbindet
mit dem, was um uns ist, und auch mit dem, was unsichtbar in der
Natur ist. Wir sollen wissen, wo wir stehen. Denn wir Menschen sind
nicht zu einem traumhaften, halben, dumpfen Dahinleben, sondern
wir sind zur freien, vollbewuBten Entfaltung unserer ganzen Wesen-
heit bestimmt.
DER GEGENS ATZ VON KAIN UND ABEL
Berlin, 10. Juni 1904
Schon das letzte Mai habe ich darauf hingedeutet, daB sich in der Ge-
schichte von Kain und Abel eine ganze Summe von okkulten Ge-
heimnissen verbirgt. Auf einiges mochte ich heute hinweisen, aber
gleich von vornherein betonen, daB das Verhaltnis von Kain und
Abel - allerdings in seiner Tiefe erfaBt - eine Allegorie fur auBer-
ordentlich tiefe Geheimnisse ist, und wir nur imstande sein werden,
aus den Voraussetzungen, die wir haben, einiges zu erkennen.
Wenn wir die fiinf Biicher Moses verfolgen, so werden wir darin
so manches finden, das geradezu hinweist auf die Entwickelung der
Menschheit seit der lemurischen Zeit. Die Erzahlung zum Beispiel
von Adam und Eva und ihren Nachkommen ist nicht etwa einfach
und naiv hinzunehmen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB wir
es namentlich in den fiinf Biichern Moses, im Enoch, in den Psalmen
und einigen anderen wichtigen Kapiteln des Evangeliums, in dem
Hebraerbriefe, in einigen Paulusbriefen und in der Apokalypse,
durchaus mit Schriften von Eingeweihten zu tun haben, so daB wir
in diesen Schriften einen okkulten Kern zu suchen haben. In den
okkulten Schulen wurde iiberall iiber diesen Kern gesprochen. Wer
nicht gedankenlos - im hoheren Sinn gedankenlos - die Bibel liest,
dem wird manches auffallen. Und ich mochte Sie auf etwas aufmerk-
sam machen, was sehr leicht iibersehen werden kann, aber einfach
wortlich gelesen werden muB, um zu sehen, daB hier nichts umsonst
steht, und daB leicht in der Bibel iiber etwas hinweggelesen werden
kann.
Nehmen Sie den ersten Satz im fiinften Kapitel des ersten Buch
Moses: «Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Da Gott
den Menschen schuf, machte er ihn in Ahnlichkeit Gottes: Mannlich-
weiblich schuf er sie, segnete sie und nannte ihren Namen < Mensch >,
in diesen Tagen, da er sie geschaffen hatte. Als Adam hundertdreiBig
Jahre gelebt hatte, zeugte er in seiner Ahnlichkeit, nach seinem Eben-
bilde und nannte die Frucht auf den Namen <Seth>.»
Man mu6 wortlich lesen. Adam selbst wird genannt ein Mensch
schlechthin. Mannlich-weiblich schuf Gott sie; noch nicht geschlecht-
lich, ungeschlechtlich. Und wie schuf er sie? In Gottes Ahnlichkeit.
Und auBerdem im zweiten Satz: «Nach so und so viel Jahren»
- es sind da lange Zeitraume vorzustellen - «zeugte Adam einen Sohn,
Seth, nach seinem Ebenbild.» Im Anfang der adamitischen Zeit haben
wir den Menschen nach Gottes Ebenbild, am Ende der adamitischen
Zeit nach Adams Ebenbild, nach menschlichem Ebenbild. Friiher war
der Mensch dem Ebenbilde Gottes gemaB geschaffen. Spater war er
Adams Ebenbild.
Wir haben also im Anfange Menschen, die alle untereinander gleich
sind, und alle sind sie nach dem Ebenbilde der Gottheit geschaffen.
Sie pflanzten sich auf ungeschlechtlichem Wege fort. Wir miissen uns
klar sein dariiber, da6 sie alle noch immer dieselbe Form haben, wie
sie sie vom Ursprung her haben, so da6 der Sohn dem Vater und
der Enkel wieder dem Sohn ahnlich sehen. Was erst macht es, daB
die Menschen sich andern, sich differenzieren? Wodurch werden sie
verschieden? Dadurch, da6 an der Fortpflanzung zwei beteiligt sind.
Der Sohn oder die Tochter, sie sehen auf der einen Seite dem Vater,
auf der anderen Seite der Mutter ahnlich.
Denken Sie sich nun, Sie hatten eine urspriingliche gotterahnliche
Rasse, und die pflanzte sich fort nicht dadurch, da6 sie geschlechtlich,
sondern ungeschlechtlich war: Der Nachkomme sieht immer der vor-
hergehenden Generation ahnlich. Es tritt keine Vermischung ein. Die
Verschiedenheit trat erst auf, als die Seth-Zeit kam. Zwischen die Zeit
von Adam und Seth aber fallt etwas anderes. Namlich bevor der Uber-
gang stattfindet von Adam zu Seth, werden zwei geboren, die wie-
derum wichtige Reprasentanten sind: Kain und Abel. Die stehen da-
zwischen, sind Ubergangsprodukte. Sie sind noch nicht in der Zeit
geboren, wo ausgesprochen der Charakter der geschlechtlichen Fort-
pflanzung vorhanden war. Das konnen wir entnehmen aus dem, was
«Abel» und «Kain» heiBt. «Abel» heifit auf Griechisch «Pneuma»
und auf Deutsch «Geist», und wenn wir die sexuelle Bedeutung neh-
men, so hat das einen entschieden weiblichen Charakter. «Kain» da-
gegen heiBt fast wortlich «das Mannliche», so da6 in Kain und Abel
einander gegeniiberstehen das Mannliche und das Weibliche. Noch
nicht im rein Organischen: auf einer hoheren, geistigen Stufe neigen
sie zur Differenzierung.
Nun bitte ich Sie, das genau festzuhalten. Urspriinglich war die
Menschheit mannlich-weiblich. Spater wurde sie geschieden in das
mannliche und das weibliche Geschlecht. Das Mannliche, Materielle
haben wir in Kain, das Weibliche, Geistige in Abel-Seth. Die Diffe-
renzierung hat stattgefunden. Das ist symbolisiert in den Worten:
Kain war ein Bebauer des Bodens und Abel war ein Hirte (1. Mo-
ses 4,2).
«Boden» heiBt in den uraltesten Sprachen so viel wie physischer
Plan, und die drei Aggregatzustande des physischen Planes sind: die
feste Erde, das Wasser und die Luft. «Kain wurde ein Ackerbauer»,
heiBt in seiner uraltesten Bedeutung: er lernte leben auf dem phy-
sischen Plan, er wurde Mensch auf dem physischen Plane. Das war
der Charakter des Mannlichen. Er bestand darin, daB er stark und
kraftig war, um die Scholle des physischen Planes zu bearbeiten, und
dann zuriickzukehren von dem physischen zu den hoheren Planen.
«Abel war ein Hirte. » Als Hirte nimmt man das Leben, wie es
einem der Schopfer darbietet. Man arbeitet die Herden nicht aus,
sondern hutet sie bloB. Dadurch ist er der Reprasentant jenes Ge-
schlechtes, das den Geist nicht durch den selbstandig arbeitenden
Verstand erlangt, sondern den Geist als Offenbarung von der Gott-
heit selber empfangt, ihn bloB hiitet. Der Huter der Herde, der Hiiter
dessen, was auf die Erde verpflanzt wird, das ist Abel. Derjenige, der
selber etwas erarbeitet, das ist Kain. Kain legt die Grundlagen fur das
Zitherspiel und sonstige Kunste (1. Moses 4,21,22).
Nun kommt der Gegensatz, wie sie sich zur Gottheit verhalten.
Abel empfangt das Geistige und bringt als Opfer das Beste, die hoch-
ste Frucht des Geistes dar. Gott wendet selbstverstandlich - weil es
ja das ist, was er selbst auf die Erde gepflanzt hat - mit Wohlgef alien
seinen Blick auf das Opfer. Kain macht auf etwas anderes Anspruch.
Er will sich mit den Produkten seines Verstandes an die Gottheit
wenden. Das ist etwas, was der Gottheit ganz fremd ist, etwas, was
der Mensch in seiner Freiheit sich errungen hat.
Kain ist der zu den Kiinsten und Wissenschaften strebende Mensch.
Zunachst hat das keine Verwandtschaft mit der Gottheit. Eine tiefe
Wahrheit ist damit ausgedriickt. Wer im Okkulten Erfahrung hat, der
weiB, daB die Kiinste und Wissenschaften, trotzdem sie die Menschen
frei gemacht haben, nicht das waren, was die Menschen zu dem Gei-
stigen gefiihrt hat; sie waren es gerade, was die Menschen weggefiihrt
hat von dem eigentlich Spirituellen. Die Kiinste sind etwas, was auf
dem eigenen Grund und Boden des Menschen, auf dem physischen
Plan erwachsen ist. Das kann der Gottheit zunachst nicht wohlge-
fallig sein. Daraus entspringt der Gegensatz, daB der «Rauch», der
Geist, den Gott selbst in die Erde gepflanzt hat, von Abel zur Gott-
heit emporstrebt, und daB der andere, der «Rauch» von Kain, auf
der Erde bleibt. Das Selbstandige bleibt auf der Erde, wie der Rauch
des Kain.
Das ist auch der Gegensatz zwischen dem Weiblichen und dem
Mannlichen. Weiblich ist das, was inspiriert ist von dem, was von
der Gottheit unmittelbar empfangen wird. Pneuma wird durch die
Empfangnis errungen. Das, was Kain zu geben hat, ist menschliche
Arbeit auf dem physischen Plan selbst. Das ist der Gegensatz zwischen
dem weiblichen und dem mannlichen Geist. Diese beiden stehen sich
hier urspriinglich gegeniiber.
Jeder Mensch ist nicht nur physisch, sondern auch geistig Mann
und Weib zugleich; er ist empfangender, sich inspirierenlassender
Geist und das das Inspirierte verarbeitende, kombinierende Intellek-
tuelle zugleich. Jetzt trennte sich das - wir brauchen in dem Weib-
lichen und Mannlichen weiterhin nur ein Symbol zu sehen -, jetzt
ging das Inspirationsprinzip auf diejenigen iiber, welche auf dem
Standpunkte des Abel waren, auf die, welche Hirten und Priester blie-
ben. Auf die anderen ging das Inspirationsprinzip nicht iiber; sie
wurden dem Weltlichen zugewandte Wissenschafter und Kiinstler und
beschrankten sich rein auf den physischen Plan.
Das hatte nicht stattfinden konnen, ohne daB auch im Menschen
eine Veranderung stattgefunden hat. Als der Mensch noch Mann-
Weib war, da ware es ihm nicht moglich gewesen, eine Trennung zu
bewirken in spirituelle Weisheit und in intellektuelle Wissenschaft.
Erst dadurch, daB der Mensch endgiiltig getrennt wurde in zwei Ge-
schlechter, erst dadurch, daB die Menschheit geteilt wurde durch das
Geschlechtliche, wurde das Gehirn auf den Standpunkt gebracht, daB
es wirken konnte. Das Gehirn wurde mannlich, die tiefere Wesenheit
wurde das Weibliche. Der Mensch kann nur produzieren innerhalb
seiner physischen Natur. Da bringt er etwas hervor, namlich Nach-
kommen. Aber ein Geist, insofern er im Gehirn ist, ist mannlich und
produktiv auf den physischen Plan beschrankt. * Dafiir haben wir in
Kain und Abel die representative Darstellung.
Dadurch nun, daB diese Spaltung eingetreten ist, ist es gekommen,
daB in der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes die Nachkom-
men nicht mehr bloB dem Vorfahren als solchem ahnlich sehen, son-
dern daB sie sich differenzierten. Ich bitte Sie, sich das Folgende vor-
zuhalten. Je groBere Bedeutung das Sexuelle hat, desto mehr tritt
Differenzierung auf. Wenn wir reine ungeschlechtliche Fortpflanzung
vor uns hatten, so wiirden die nachsten Generationen den vorher-
gehenden ahnlich sehen. Eine Verschiedenheit in der Zeitfolge wiirde
nicht stattfinden. Die Verschiedenheit entsteht nur dadurch, daB Ver-
mischung stattfindet. Und wodurch wurde diese Vermischung mog-
lich gemacht? Dadurch, daB das Mannliche sich dem physischen
Plane verschrieb. Kain wurde derjenige, welcher den Boden beackerte
und veranderte. Diese auBere Verschiedenheit der Generationen ware
nicht in die Menschheit hineingekommen, wenn nicht ein Teil der
Menschen heruntergestiegen ware bis zum physischen Plan. Da war
es nicht mehr wie friiher, wo die Produktion von den hoheren Planen
heruntergestiegen ist. Jetzt wurde etwas verwoben in den Menschen
dadurch, daB er sich etwas vom Physischen herausholte. Jetzt wird
er ein Ebenbild dessen, was er auf dem physischen Plan erworben
hat, und der Mensch tragt es hinauf zu den hoheren Planen. Das
Physische ist das Kainszeichen. Der physische Plan, in seiner Wirkung
auf den Menschen, ist ihm als Kainszeichen aufgedriickt.
Jetzt ist der Mensch mit der Erde vollig verbunden, so daB ein
Gegensatz zwischen Kain und Abel, ein Gegensatz zwischen Gotter-
sohn und Sohn des physischen Planes ist, wobei die Sonne von Abel-
* Siehe unter Hinweise.
Seth die Gottersohne, die Sonne Kains die Sonne des physischen Pla-
nes darstellen.
Sie werden nun begreifen, daB das Ereignis von Kain und Abel
zwischen Adam und Seth hineinfallt. Es ist da ein neues Prinzip in
den Menschen eingetreten, das Prinzip der Erblichkeit, der Erbsiinde,
des der vorhergehenden Generation Unahnlichseins.
Gottersohne sind aber noch geblieben. Nicht alle Abels sind aus
der Welt geschafft. Und nun sehen wir, was auf die Erde gekommen
ist dadurch, daB Kain auf die Frage: «Wo ist dein Bruder Abel?»
antwortet: «Bin ich denn der Hiiter meines Bruders?» - Das hatte
friiher niemals ein Mensch gesagt. Das sagt nur ein Verstand, der
gleichsam wie akustisch [?] auf das Spirituelle reagiert. Jetzt mischt
sich das Prinzip des Kampfes, das Prinzip des Gegensatzes in das
Prinzip der Liebe; jetzt ist der Egoismus geboren: «Bin ich denn der
Hiiter meines Bruders?»
Die Abels, die geblieben sind, die waren die Gottersohne; sie blie-
ben dem Gottlichen verwandt. Aber sie muBten sich jetzt hiiten, ein-
zugehen in das Irdische. Und damit begann das Prinzip, das fur den-
jenigen, der sich dem Gottlichen geweiht hat, zum Prinzip der Askese
wird. Eine Siinde wird es, wenn er sich verbindet mit denjenigen,
welche sich der Erde geweiht haben. Eine Siinde ist es, wenn «die
Gottersohne Gefallen finden an den Tochtern der Menschen aus dem
Geschlechte des Kain».
Daraus ging ein Geschlecht hervor, das gewohnlich in den offent-
lichen Biichern des Alten Testamentes nicht einmal erwahnt, sondern
nur angedeutet wird: ein Geschlecht, das fur physische Augen nicht
wahrnehmbar ist. Es wird in der okkulten Sprache «Rakshasas» ge-
nannt und ist ahnlich den «Asuras» der Inder. Es sind das teuflische
Wesen, die wirklich vorhanden waren und verfiihrend auf die Men-
schen wirkten, so daB das menschliche Geschlecht selbst herabkam.
Diese «Poussade» der Gottersohne mit den Tochtern der Menschen
gab ein Geschlecht, welches besonders verfiihrend wurde fur die vierte
Unterrasse der Atlantier, die Turanier, und zum Untergange des
Menschengeschlechtes fiihrte. Einiges wird hiniibergerettet in die
neue Welt. Die Sintflut ist die Flut, welche Atlantis vernichtet hat.
Die Menschen, die verfiihrt waren von den Rakshasas, waren nach
und nach verschwunden.
Jetzt muB ich etwas sagen, was Ihnen jedenfalls sehr eigenartig
erscheinen wird, was aber unendlich wichtig ist zu wissen, was von
einer ganz besonderen Bedeutung ist und ein okkultes Geheimnis
durch viele Jahrhunderte hindurch war fiir die AuBenwelt, und was
fur den Verstand der meisten unglaublich erscheinen wird, aber trotz-
dem wahr ist. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daB jeder
Okkultist sich oft iiberzeugt in dem, was wir die Akasha-Chronik
nennen, ob das so ist. Aber es ist so.
Diese Rakshasas sind vorhanden, sie sind wirklich vorhanden ge-
wesen - tatig, aktiv - als Verfiihrer der Menschen. Sie haben ge-
wirkt auf die menschlichen Leidenschaften bis zu dem Zeitpunkte,
wo sich in Jesus von Nazareth der Christus inkarnierte und in einer
menschlichen Leiblichkeit das Buddhiprinzip selbst gegenwartig ge-
worden ist auf derErde. Nun mogen Sie das glauben oder nicht: das
hat eine kosmische Bedeutung, das hat eine Bedeutung, die hinaus-
reicht iiber den irdischen Plan. Die Bibel driickt das nicht umsonst so
aus: Christus ist in die Vorholle hinabgestiegen. - Da waren nicht
mehr menschliche Wesen, er hatte es mit geistigen Wesen zu tun.
Die Wesen der Rakshasas kamen dadurch in einen Zustand der Lah-
mung und Lethargie. Sie wurden gleichsam im Zaume gehalten, so
daB sie unbeweglich wurden. Dies konnten sie nur dadurch werden,
daB ihnen von zwei Seiten her entgegengewirkt wurde. Das ware
nicht moglich gewesen, wenn in Jesus von Nazareth nicht zwei
Naturen vereinigt gewesen waren: auf der einen Seite der alte Chela,
der ganz verbunden war mit dem physischen Plan, der auch auf dem
physischen Plane wirken konnte und durch seine Krafte ihn im Gleich-
gewicht halten konnte und auf der anderen Seite der Christus selbst,
ein reines Geistwesen. Das ist das kosmische Problem, das dem Chri-
stentum zugrunde liegt. Es ist damals auf okkultem Felde etwas ge-
schehen; es ist dies die Bannung der Feinde des Menschentums, nach-
klingend in der Sage des Antichrist, der gefesselt wurde, aber wieder
erscheinen wird, wenn ihm nicht das christliche Prinzip in seiner Ur-
spriinglichkeit wieder entgegentritt.
Der ganze Okkultismus des Mittelalters strebte darnach, die Wir-
kung der Rakshasas nicht heraufkommen zu lassen. Diejenigen, wel-
che auf hoheren Planen sehen konnen, haben schon langst vorher-
gesehen, daB der Zeitpunkt, wo es geschehen kann, am Ende des
19. Jahrhunderts, an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, eintre-
ten kann. Nostradamus, der in einem Turm arbeitete, der oben offen
war, der auch Hilfe in der Pest brachte, war imstande, die Zukunft
vorherzusagen. Er schrieb eine Anzahl prophetischer Verse, in denen
Sie den Krieg von 1870 und manches iiber Marie-Antoinette als be-
reits erfiillte Prophezeiungen nachlesen konnen. In diesen Centurien
des Nostradamus steht auch folgendes (Centurie 10,75): Wenn das
19. Jahrhundert zu Ende sein wird, wird einer der Hermesbriider von
Asien erscheinen und wird die Menschheit wieder vereinen. - Die
Theosophische Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erfiillung dieser
Prophezeiung des Nostradamus. Die Entgegenwirkung gegen die
Rakshasas und die urspriinglichen Mysterien wieder aufzurichten, ist
ein Bestreben der Theosophischen Gesellschaft.
Sie wissen, daB Jesus Christus nach dem Tode noch zehn Jahre auf
der Erde geblieben ist. Die «Pistis-Sophia» enthalt die tiefsten theo-
sophischen Lehren, sie ist viel tiefer als Sinnetts «Esoterischer Bud-
dhismus». Jesus warimmer und immer wieder inkarniert. Ihm fallt die
Aufgabe zu, das Mysterienprinzip wieder zu beleben. Dahinter steckt
nicht eine kulturgeschichtliche oder physische Tatsache, sondern die
Tatsache, die ich Ihnen, als dem Okkultisten wohlbekannt, ausein-
andergesetzt habe: der Kampf gegen die Rakshasas. Sie sehen, hier
liegt ein groBes und wichtiges okkultes Geheimnis verborgen.
Sie konnen mich nun fragen: Warum wird das in allegorischer Form
gesagt und nicht in offener Sprache? - Ich muB hier darauf aufmerk-
sam machen, daB diejenigen, welche groBe Lehrer der Menschheit
waren, wie Moses, die indischen Rishis, Hermes, Christus, die ersten
christlichen Lehrer, auf dem Standpunkte des Prinzips der Reinkarna-
tion gestanden haben. Und diese allegorische Art der Mitteilung hat
einen guten Sinn. Wenn zum Beispiel die Druidenpriester von «Ne-
belheim», von dem «Riesen Ymir» und so weiter erzahlten, so war
das natiirlich keine Volksdichtung. Der Druidenpriester wuBte viel-
mehr: der Menschengeist, dem ich heute die Marchen einprage, wird,
wenn er sich wieder inkarnieren wird, dazu vorbereitet sein, die Wahr-
heit in einer vollkommeneren Form zu erfassen. Alle diese Marchen
sind unter der Voraussetzung gemacht, daB der Geist sich wieder in-
karniert, um dann eben spater die Wahrheit um so leichter zu erfassen.
Diesen Marchen liegt nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis, die
Erfahrung der Reinkarnation zugrunde. Sogar die Verleugnung der
Reinkarnation - vom dritten Jahrhundert des Christentums an - ist
unter der Voraussetzung der Reinkarnation geschehen, weil man die
Menschen so recht herunterziehen wollte in Kama-Manas, ungefahr
so viel, bis alles Geistige durch die Inkarnation durchgegangen ist.
Daher hatte das Christentum 1500 Jahre kein Wissen von der Re-
inkarnation. Wollten wir die Reinkarnationslehre weiter vorenthalten,
so wiirden wir den Menschen ein zweites Mai diese Kenntnis vorent-
halten. Das ware aber eine groBe Sunde, eine Versundigung an der
Menschheit. Die einmalige Vorenthaltung war aber schon notwendig,
denn das eine Leben zwischen Geburt und Tod muBte den Menschen
auch wertvoll gemacht werden.
DIE MYSTERIEN DER DRUIDEN UND DROTTEN
Berlin, 30. September 1904 (Notizen)
Unsere mittelalterlichen Erzahlungen - Parzival, Tafelrunde, Hart-
mann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewohnlich nur dem aufie-
ren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer Wahr-
heiten. Wo ist der Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung des
Christentums miissen wir den Ursprung suchen. In das Christentum
hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland ... [Liicke]
gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten Mittelpunkt gefiihrt,
von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist. Das geistige Leben
[Europas] ging aus von einer Zentralloge in Skandinavien. Drotten-
loge, Druiden = Eiche. Deshalb spricht man auBerlich, da6 die alten
Deutschen unter Eichen ihre Weisungen empfingen.
Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. In
England bestanden sie bis zu Zeiten der Konigin Elisabeth. Alles
was wir in der Edda lesen konnen und in der uralten germanischen
Sagenwelt finden konnen, geht zuriick bis in die Tempel der Drotten
oder Druiden. Der Dichter ist immer ein Druidenpriester. Die Sagen
stellen nicht irgendein Symbol oder eine Allegorie dar, - dies auch,
aber noch anderes.
Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wissen, daB Baldur die
Hoffnung der Gotter ist, da6 er vom Gotte Loki getotet wird mit
dem Mistelzweig. Der Gott des Lichtes getotet! Diese ganze Erzah-
lung hat tiefen Mysteriensinn, den jeder, der eingeweiht wurde, nicht
nur lernte, sondern zu erleben hatte.
Mysterien. Einweihung: Der erste Akt war benannt das Aufsuchen
des Leichnams Baldurs. Es wurde gedacht, da6 Baldur immer lebendig
ist. Das Aufsuchen bestand in einer volligen Aufklarung iiber die
Natur des Menschen. Denn Baldur war der Mensch, wie er verloren-
gegangen ist. Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern
ein anderer, der nicht differenziert war, nicht hinuntergedriickt bis
zum Erleben der Leidenschaften, in einer feineren fluchtigen Materie.
Baldur, der leuchtende Mensch. - Bei wirklichem Verstandnis sind
die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in hoherem Sinne zu neh-
men. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht ist in das, was wir heute
Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in einem jeden von uns. Der
Druidenpriester muBte in sich selbst diesen hoheren Menschen suchen.
Ihm wurde klargemacht, worin diese Differenzierung besteht, von den
hohen zu den niederen ... [Lucke].
Das Geheimnis aller Einweihung ist, den hoheren Menschen in sich
zu gebaren. Was der Priester schneller durchmacht, werden die Men-
schen in langer Entwickelungsreihe durchmachen. Damit diese Drui-
den Fuhrer der ubrigen Menschen sein konnten, dazu muBten sie diese
Einweihung empfangen.
Der tiefer gestiegene Mensch muB nun die Materie iiberwinden und
jenen hoheren Zustand wieder erreichen. Diese Geburt des hoheren
Menschen verlauft in alien Mysterien in einer bestimmten gleichen
Weise. Den in der Materie untergegangenen Menschen hatte man
wieder zu beleben, durch eine Reihe von Erfahrungen muBte man
gehen, wirkliche Erfahrung, die wie kein sinnliches Erlebnis auf die-
sem Plan sein kann.
Die Etappen. Die erste war, daB man vor den sogenannten Thron
der Notwendigkeit gefuhrt wurde. Man stand vor dem Abgrund; er-
fuhr wirklich an dem eigenen Leibe, wie es sich in den niederen Na-
turreichen lebt. Der Mensch ist Mineral und Pflanze, aber erfahren
kann der gegenwartige Mensch heute nicht, kann nicht erleben, was
die elementaren Stoffe erleben, und doch riihrt das Eherne, Zwin-
gende in der Welt davon her, daB wir auch Mineralien, Pflanzen
sind.
Die nachste Stufe fuhrte den Menschen vor alles das, was im Tier-
reich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, muBte man
durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch muBte das an-
schauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die Kulissen
des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weiB nicht, daB durch
seine physische Hulle nur verdeckt wird, was durch den astralen Raum
wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche Hulle und wer ein-
geweiht wird, muB dahintersehen - die Hullen fallen, klar [schauen]
wird der Mensch. Das ist ein besonderer Moment: der Priester wurde
gewahr, daB sie [die Hiillen] eingedammt hatten Triebe, die, wenn sie
losgelassen wiirden, furchtbar waren.
Die dritte Stufe fiihrte zur Anschauung der groBen Natur. Das ist
eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer be-
greiflich findet. DaB da okkulte gewaltige Machte ruhen und in die-
sen Naturkraften sich die Weltenleidenschaften ausdriicken, das ist
etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daB es Krafte gibt, die
er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid.
Die nachste Priifung nennt man die Ubergabe der Schlange durch
den Hierophanten. Man kann dies nur durch die Wirkungen erklaren,
die von hier ausgehen. Die Tantalussage erklart sie uns. Die Gunst,
im Rate der Gotter zu sitzen, kann miBbraucht werden. Es bedeutet
eine Wirklichkeit, die den Menschen gewiB iiber sich selbst hinaus-
hebt, aber an Gefahren bindet, die nicht ubertrieben sind im Tantali-
denfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen die
Naturgesetze. Diese sind Gedanken. Mit dem Gedanken, der nur ein
schattenhafter Gehirngedanke ist, kann man nichts machen; mit dem
schaffenden Gedanken, der die Weltendinge baut und konstruiert,
dem produktiven, fruchtbaren, haben wir anstelle des passiven den-
jenigen, der durchsetzt ist mit spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe
ausgeblasen, ist Hiille der Raupe; vom [produktiven] Gedanken
durchsetzt, ist sie die lebendige Raupe. In den Hiillengedanken wird
wirkende, schaffende Kraft gegossen, so daB der Priester imstande
ist, nicht nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wir-
ken. Die Gefahr ist, MiBbrauch zu treiben. Er kann ... [Liicke].
Auf dieser Stufe erhalt der Okkultist eine gewisse Macht, durch die
er selbst hohere Wesenheiten zu tauschen in der Lage ist. Er muB
Wahrheiten nicht nur nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden,
ob etwas wahr oder falsch ist. Das heiBt: die Ubergabe der Schlange
durch den Hierophanten. [Sie bedeutet auf geistigem Gebiet dasselbe,
was im Physischen der Ansatz eines Riickenmarks bedeutet. In der
Tierheit kommen wir durch die Fische, Amphibien und so weiter
hinauf bis zum Gehirn der Wirbeltiere und des Menschen. Vgl. unter
Hinweise.] Im Geistigen gibt es ebenso ein Riickgrat, wo es sich ent-
scheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. Diesen ProzeB macht
der Mensch durch auf dieser Stufe der Entwickelung. Er wird hinaus-
gehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Riickgrat, um
in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werden. Die Windun-
gen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, was die
Windungen des Gehirns sind. Der Mensch erhalt EinlaB in das Laby-
rinth, in die Windungen innerhalb der hoheren Plane.
Dann muBte er Verschwiegenheit schworen, ein blankes Schwertlag
vor ihm und den starksten Eid muBte er schworen. Das hieB, daB der
Mensch nunmehr schweigen wiirde iiber seine Erlebnisse gegeniiber
dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen Geheim-
nisse konnen unmoglich ohne weiteres mitgeteilt werden. Er [der
Eingeweihte] hatte aber die Moglichkeit, die Sagen so zu gestalten,
daB sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in dieser Weise
sich aussprechen, hatte man natiirlich iiber seine Mitmenschen eine
groBe Gewalt. Wer eine solche Sage formt, pragt etwas in den mensch-
lichen Geist ein. Was man so spricht, wird wieder vergessen und nur
das allerwenigste iiberdauert den Tod. Ewige Wahrheiten iiberdauern
am langsten den Tod. Vom niederen Wissenschaftlichen iiberdauert
sehr wenig den Tod. Das Ewige ja, und erscheint wieder in einer
neuen Inkarnation.
Der Druidenpriester sprach aus einem hoheren Plan heraus. Waren
seine Erzahlungen der Ausdruck hoherer Wahrheiten, wenn auch
einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache
Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hinein
und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarnationen
geboren wird. Damals haben die Menschen Marchenwahrheiten er-
lebt; so haben wir heute einen praparierten Geistkorper und wenn
wir heute hohere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil wir prapariert
sind.
So hat diese Zeit, die im Jahre 60 aufhorte, das Geistesleben Euro-
pas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Christentum
hat aufbauen konnen. Ihre Lehren haben sich erhalten, und wer sucht,
findet noch den Zugang zu dem, was in diesen Logen gelehrt wurde.
Nachdem er [der Druidenpriester] seinen Schwur auf das Schwert
abgelegt hatte, muBte er ein bestimmtes Getrank trinken, und zwar aus
einem Menschenschadel. Dies hatte die Bedeutung, daB der Mensch
hinausgewachsen war iiber das Menschliche. Dieses Gefiihl muBte der
Druidenpriester gegeniiber dem niederen Leibe haben. Was in dem
Leibe lebte, muBte er so objektiv, so kalt empfinden, daB er inn nur
als ein GefaB betrachtete. Dann wurde er eingeweiht in die hoheren
Geheimnisse und wie er wieder hinaufstieg in die hoheren Welten.
Baldur ... [Liicke]. Er wurde in einen Riesenpalast gefiihrt, der iiber-
deckt war mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen,
der sieben Blumen hinauswarf. Himmelsraum, Cherubim, Demiurg. -
So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester.
Viele lesen die Edda und wissen nicht, daB sie eine Erzahlung ist
von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet
hat. Eine ungeheure Macht lag in den Handen der alten Drotten-
priester, iiber Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daB alles im
Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Es war einst das Hochste, Hei-
ligste. In den Zeiten, wo das Christentum sich ausbreitete, war vieles
ausgeartet und es gab viele schwarze Magier, so daB das Christentum
wie eine Erlosung war.
Das alleinige Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast
den ganzen Okkultismus.
Kein Stein wurde in dem Druidentempel auf den anderen gelegt
wie heute, sondern genau nach astronomischen MaBen. Tiiren waren
nach HimmelsmaB gebaut. Menschheitsbauer waren die Druidenprie-
ster. Ein schwaches Abbild davon hat sich in den Anschauungen der
Freimaurer erhalten.
Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man
die Sonne um Mitternacht: 1. Einweihung.
Ubergabe der Schlange: 2. Einweihung.
Der Gang in dem Labyrinth: 3. Einweihung.
DIE PROMETHEUSSAGE
Berlin, 7. Oktober 1904
Ich habe das letzte Mai versucht, Ihnen zu zeigen, wie die Einwei-
hung in den alten Druidenlogen geschah. Heute mochte ich etwas
ausfiihren, was damit zwar verwandt ist, was vielleicht aber doch
scheinbar etwas weiter abliegt. Aber wir werden sehen, wie wir das
Verstandnis unserer Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr
in seiner Tiefe kennenlernen werden.
Sie haben wohl aus meinen verschiedenen Freitagsvortragen erse-
hen, daB die Sagenwelt der verschiedenen Volker einen tiefen Gehalt
hat, und da6 die Mythen der Ausdruck von tiefen esoterischen Wahr-
heiten sind. Nun mochte ich heute sprechen von einer der interes-
santesten Sagen, von einer Sage, die im Zusammenhange steht mit
der ganzen Entwickelung unserer fiinften Wurzelrasse. Dabei werden
Sie zu gleicher Zeit sehen, wie der Esoteriker immer drei Stufen des
Verstandnisses der Sagenwelt durchmachen kann.
Zunachst leben die Sagen in irgendeinem Volke, und sie werden
exoterisch, auBerlich-wortlich genommen. Dann beginnt der Un-
glaube an diese wortliche Auffassung der Sagen, und es versuchen
die Gebildeten eine symbolische, eine sinnbildliche Deutung der Sa-
gen. Hinter diesen zwei Deutungen stecken aber noch fiinf andere
Deutungen; denn jede Sage hat sieben Deutungen. Die dritte ist die-
jenige, wo Sie in der Lage sind, die Sagen wiederum in einer ge-
wissen Weise wortlich zu nehmen. Allerdings miissen Sie erst die
Sprache verstehen lernen, in der die Sagen verfaBt sind. Heute mochte
ich iiber eine Sage sprechen, deren Verstandnis nicht so leicht zu er-
langen ist, iiber die Prometheussage.
In einem Kapitel im zweiten Bande der «Geheimlehre» von
H. P. Blavatsky werden Sie etwas dariiber finden, und daraus auch
ersehen, welch tiefer Gehalt in dieser Sage steckt. Dennoch ist es nicht
immer moglich, in gedruckten Schriften die letzten Dinge zu sagen.
Heute konnen wir noch ein wenig iiber die Ausfiihrungen in der
«Geheimlehre» von H. P. Blavatsky hinausgehen.
Prometheus gehort der griechischen Sagenwelt an. Er und sein Bru-
der Epimetheus sind die Sohne eines Titanen, Japetos. Und die Tita-
nen selbst sind die Sohne der altesten griechischen Gottheit, von Ura-
nos und seiner Gemahlin, der Gaia. Uranos wiirde, ins Deutsche iiber-
setzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde». Ich bemerke noch
ausdriicklich, daB Uranos im Griechischen dasselbe ist wie Varuna
im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme der Sohne des Uranos
und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder Epimetheus.
Der jiingste der Titanen, Kronos, die Zeit, hat seinen Vater Uranos
entthront und sich selbst der Herrschaft bemachtigt. Dafiir wurde er
wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und mit alien Titanen
in den Tartaros, den Abgrund oder die Unterwelt verstoBen. Nur
der Titan Prometheus und sein Bruder Epimetheus hielten zu Zeus.
Sie standen damals auf der Seite des Zeus und kampften gegen die
anderen Titanen.
Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das iibermutig
geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum Anwalt
des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem Menschenge-
schlecht etwas geben konne, womit es sich selbst retten konne und
nicht mehr bloB angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus. So wird uns
erzahlt, daB Prometheus den Menschen den Gebrauch der Schrift
und der Kiinste gelehrt habe, namentlich aber den Gebrauch des
Feuers. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich geladen. Er
wurde wegen dieses Zornes des Zeus an den Kaukasus angeschmiedet
und muBte dort lange Zeit groBe Qual erdulden.
Es wird uns ferner noch erzahlt, daB nunmehr die Gotter, Zeus an
der Spitze, den Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst, veranlaBt
haben, eine weibliche Bildsaule zu verfertigen. Diese weibliche Bild-
saule war mit alien Eigenschaften ausgestattet, welche die auBere De-
koration des Menschengeschlechts der fiinften Wurzelrasse sind. Diese
weibliche Bildsaule war die Pandora. Pandora wurde veranlaBt, Gaben
an die Menschheit heranzubringen, zunachst an den Bruder des Pro-
metheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bruder,
diese Gaben anzunehmen; dieser HeB sich aber dennoch bereden und
nahm die Gaben der Gotter an. Es wurde alles auf die Menschheit
ausgeschiittet, nur eines wurde zuriickbehalten: die Hoffnung. Diese
Gaben sind zum groBten Teile Plagen und Leiden fur die Mensch-
heit; nur die Hoffnung wurde in der Biichse der Pandora zuriick-
behalten.
Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an seiner
Leber nagt fortwahrend ein Geier. Hier duldet er. Er weiB aber etwas,
was eine Biirgschaft fiir seine Rettung ist. Er weiB ein Geheimnis,
das selbst Zeus nicht weiB, das dieser aber wissen will. Er verrat
es indessen nicht, trotzdem Zeus den Gotterboten Hermes zu ihm
schickt.
Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwiirdige Befreiung er-
zahlt. Es wird erzahlt, daB Prometheus nur befreit werden kann durch
das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein solcher
Initiierter war der Grieche Herakles; Herakles, der die zwolf Arbeiten
verrichtet hat. Die Verrichtung dieser zwolf Arbeiten ist die Leistung
eines Initiierten. Es sind die zwolf Initiationspriifungen, symbolisch
ausgedriickt. AuBerdem wird von Herakles gesagt, daB er sich in die
Eleusinischen Mysterien habe einweihen lassen. Er vermag Prome-
theus zu retten. Es muBte sich aber noch jemand opfern, und es op-
ferte sich fiir Prometheus der Kentaur Chiron. Der litt da schon an
einer unheilbaren Krankheit. Er war halb Tier, halb Mensch. Er er-
leidet den Tod und Prometheus wurde dadurch gerettet. Das ist die
auBere Struktur der Prometheussage.
In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fiinften Wurzelrasse,
und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen. Diese
Sage wurde in Griechenland wirklich als Sage erzahlt. Aber auch in
den Mysterien wurde sie wirklich dargestellt, so daB der Mysterien-
schiiler das Schicksal des Prometheus vor sich sah. Und in diesem
sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fiinften Wurzel-
rasse sehen. Das Verstandnis hierfiir konnen Sie nur erlangen, wenn
Sie eines beriicksichtigen.
In der Mitte der lemurischen Rasse war erst das [erreicht], was man
als die Menschwerdung bezeichnet; Menschwerdung in dem Sinne,
wie wir heute Menschen haben. Diese Menschheit wurde gefiihrt von
groBen Lehrern und Fiihrern, die wir als die «Sohne des Feuernebels»
bezeichnen. Heute wird die Menschheit der fiinften Wurzelrasse auch
gefiihrt von groBen Eingeweihten, aber unsere Eingeweihten sind
anderer Art als die damaligen Fiihrer der Menschheit.
Diesen Unterschied miissen Sie sich jetzt klarmachen. Es ist ein
groBer Unterschied zwischen den Fiihrern der zwei vorhergehenden
Rassen und den Fiihrern unserer fiinften Wurzelrasse. Auch die Fiih-
rer jener Rassen waren vereinigt in einer weiBen Bruderloge. Diese
hatten aber ihre vorherige Entwickelung nicht auf unserem Erdpla-
neten durchgemacht, sondern auf anderen Schauplatzen. Sie waren
auf die Erde herabgestiegen schon als reife hohere Menschen, um die
Menschen, die noch in ihrer Kindheit waren, bei ihrer ersten Entste-
hung zu unterrichten, sie die ersten Kiinste zu lehren, die sie brauch-
ten. Diese Lehrzeit dauerte durch die dritte, vierte, ja bis in die fiinfte
Wurzelrasse herein.
Diese fiinfte Wurzelrasse hat ihren Ursprung genommen von einem
kleinen Hauflein Menschen, die ausgesondert worden waren aus der
vorhergehenden Wurzelrasse. Sie wurden herangezogen in der Wiiste
Gobi und verbreiteten sich dann strahlenformig iiber die Erde. Der
erste Fiihrer, der den Impuls gegeben hat zu dieser Menschheitsent-
wickelung, das war einer der sogenannten Manus, der Manu der fiinf-
ten Wurzelrasse. Dieser Manu gehort noch zu jenen Fiihrern des Men-
schengeschlechts, die zur Zeit der dritten Wurzelrasse herabgestiegen
sind. Das war noch einer der Fiihrer, die ihre Entwickelung nicht nur
auf der Erde durchgemacht haben, sondern die ihre Reife hereinge-
bracht haben auf unsere Erde.
Erst in der fiinften Wurzelrasse beginnt die Entwickelung von sol-
chen Manus, die Menschen wie wir selbst sind, die wie wir ihre
Entwickelung nur auf der Erde durchgemacht haben, die sozusagen
von der Pike auf sich auf der Erde entwickeln. Wir haben also Men-
schen, die hohere Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten schon sind,
und solche, die sich bemiihen, Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten
zu werden; so daB wir innerhalb der fiinften Wurzelrasse Chelas und
Meister haben, die zur friiheren Rasse gehoren, und Chelas und Mei-
ster, die alles durchgemacht haben, was Menschen von der Mitte der
lemurischen Zeit an durchgemacht haben. Einer der Meister, die die
Fuhrung der fiinften Wurzelrasse haben, ist dazu ausersehen, die Fiih-
rung der sechsten Wurzelrasse zu iibernehmen. Die sechste Wurzel-
rasse wird die erste sein, die von einem Erdenbruder als Manu geleitet
sein wird. Die friiheren Meister, die Manus der anderen Welten, geben
dem Erdenbruder die Fuhrung der Menschheit ab.
Mit dem Aufdammern unserer fiinften Wurzelrasse fallt zusammen
alles das, was wir die Entwickelung der Kiinste nennen. Die Atlan-
tier hatten noch ein ganz anderes Leben. Erfindungen und Entdek-
kungen hatten sie nicht. Sie arbeiteten in ganz anderer Weise. Ihre
Technik und ihre Kunst waren ganz anders. Erst mit unserer fiinften
Wurzelrasse entwickelte sich das, was wir in unserem Sinne Technik
und Kiinste nennen. Die wichtigste Erfindung ist die Erfindung des
Feuers. Machen Sie sich das einmal klar. Machen Sie sich klar, was
heute in unserer ausgebreiteten Technik, Industrie und Kunst von dem
Feuer abhangt. Ich glaube, der Techniker wird mir Recht geben, wenn
ich sage, daB ohne das Feuer gar nichts von der ganzen Technik mog-
lich ware, so daB wir sagen diirfen, mit der Erfindung des Feuers war
die grundlegende Erfindung, der Impuls fur alle anderen Erfindungen
gegeben.
Dazu miissen Sie noch nehmen, daB man unter dem Feuer in der
Zeit, als die Prometheussage entstand, alles dasjenige verstand, was
irgendwie mit Warme zusammenhing. Man verstand darunter auch die
Ursache des Blitzes. Die Ursachen aller Warmeerscheinungen wurden
zusammengefaBt unter dem Ausdruck des Feuers. Das BewuBtsein
davon, daB die Menschheit der fiinften Rasse unter dem Zeichen des
Feuers steht, das driickt sich zunachst in der Prometheussage aus.
Und Prometheus ist nichts anderes als der Reprasentant der ganzen
fiinften Wurzelrasse.
Sein Bruder ist Epimetheus. Zunachst iibersetzen wir uns einmal
die zwei Worte: Prometheus heiBt auf deutsch der Vordenkende,
Epimetheus heiBt der Nachdenkende. Da haben Sie die zwei Tatig-
keiten des menschlichen Denkens klar auseinandergelegt in den nach-
denkenden Menschen und in den vordenkenden Menschen. Der nach-
denkende Mensch ist derjenige, welcher die Dinge dieser Welt auf
sich wirken laBt und dann hinterher denkt. Ein solches Denken ist
das kama-manasische Denken. Von einem gewissen Gesichtspunkt aus
gesehen heiBt Kama-Manas-Denken: zuerst die Welt auf sich wirken
lassen und dann hinterher denken. Der Mensch der fiinften Wurzel-
rasse denkt heute noch hauptsachlich wie Epimetheus.
Insofern aber der Mensch nicht das, was schon da ist, auf sich wir-
ken la6t, sondern Zukunft schafft, Erfinder und Entdecker ist, inso-
fern ist er ein Prometheus, ein Vordenker. Niemals wiirden Erfin-
dungen gemacht werden konnen, wenn der Mensch nur Epimetheus
ware. Eine Erfindung wird dadurch gemacht, da6 der Mensch etwas
schafft, was noch nicht da ist. Zuerst ist es im Gedanken da, und dann
wird der Gedanke umgesetzt in die Wirklichkeit. Dieses ist das Pro-
metheusdenken. Dieses Prometheusdenken ist innerhalb der fiinften
Wurzelrasse das manasische Denken. Kama-manasisches und mana-
sisches Denken gehen wie zwei Strome nebeneinander her in der fiinf-
ten Wurzelrasse. Allmahlich wird das manasische Denken immer wei-
ter und weiter ausgebreitet.
Dieses manasische Denken der fiinften Wurzelrasse hat noch eine be-
sondere Eigentiimlichkeit. Das verstehen wir, wenn wir zuriickblicken
auf die atlantische Wurzelrasse. Diese hatte mehr ein instinktives
Denken, welches noch in Verbindung war mit der Lebenskraft. Die
atlantische Wurzelrasse war noch imstande, aus der Samenkraft sich
eine Bewegungskraft zu bilden. Wie heute der Mensch in den Kohlen-
lagern eine Art Reservoir hat an Kraft, die er in Dampf verwandelt
zur Fortbewegung der Lokomotiven und Lasten, so hatte der Atlan-
tier groBe Lager von Pflanzensamen, welche Krafte enthielten, die er
umwandeln konnte in Fortbewegungskraft, von der getrieben wurden
jene Fahrzeuge, die in Scott-Elliots Broschiire iiber die Atlantis be-
schrieben werden. Diese Kunst ist verlorengegangen. Der Geist des
atlantischen Menschen bezwang noch die lebendige Natur, die Samen-
kraft. Der Geist der fiinften Rasse kann nur die leblose Natur, die im
Stein, in den Mineralien liegenden Werdekrafte besiegen. So ist das
Manas der fiinften Wurzelrasse gefesselt an die mineralischen Krafte,
wie die atlantische Rasse gebunden war an die Lebenskrafte. Alle
Prometheus kraft ist gefesselt an den Felsen, an die Erde. Daher ist
auch Petrus der Fels, auf den Christus baute. Es ist dasselbe wie der
Fels des Kaukasus. Der Mensch der fiinften Rasse hat auf dem rein
physischen Plan seine Entwicklung zu suchen. Er ist gefesselt an un-
organische, an mineralische Krafte.
Versuchen Sie einmal, sich einen Uberblick dariiber zu verschaffen,
was es heiBt, wenn man von dieser Technik der fiinften Rasse spricht.
Wozu ist sie da ? Wenn Sie sich einen Uberblick verschaffen, so wer-
den Sie sehen, daB - so groBartig und gewaltig auch die Resultate
sind -, wenn die Verstandeskraft, das Manasische angewendet wird
auf das Unorganische, das Mineralische, daB trotzdem im groBen und
ganzen es der menschliche Egoismus ist, das menschliche personliche
Interesse, wozu alle diese ganzen Krafte der Erfindungen und Ent-
deckungen der fiinften Wurzelrasse zuletzt angewendet werden.
Gehen Sie von der ersten Entdeckung und Erfindung aus und gehen
Sie herauf bis zum Telephon, bis zu unseren neuesten Erfindungen
und Entdeckungen, so werden Sie sehen, wie zwar groBe und gewal-
tige Krafte durch diese Erfindungen und Entdeckungen uns dienstbar
gemacht worden sind, aber wozu dienen sie? Was holen wir mit Eisen-
bahn und Dampfschiffen aus fernen Landern? Wir holen uns Nah-
rungsmittel, wir verlangen durch das Telephon Nahrungsmittel. Im
Grunde ist es das menschliche Kama, das nach diesen Erfindungen
und Entdeckungen in der fiinften Wurzelrasse verlangt. Das ist das,
was man sich in objektiver Betrachtung einmal klarlegen muB. Dann
wird man auch wissen, wie jener hohere Mensch, welcher hineinver-
setzt wird in die Materie, in der Tat wahrend der fiinften Wurzelrasse
an die Materie gefesselt ist dadurch, daB sein Kama die Befriedigung
innerhalb der Materie verlangt.
Wenn Sie im Esoterischen sich umsehen, so werden Sie finden, daB
die Prinzipien des Menschen in Beziehung stehen zu ganz bestimmten
Organen des Korpers. Ich werde Ihnen dieses Thema noch genauer
ausfiihren; heute will ich nur anfiihren, mit welchen Organen unsere
sieben Prinzipien in einer bestimmten Beziehung stehen.
Zunachst haben wir das sogenannte Physische. Das steht in einer
okkulten Beziehung zu dem oberen Teil des menschlichen Gesichts,
zur Nasenwurzel. Der physische Bau des Menschen, der einmal ange-
fangen hat — friiher war der Mensch ja bloB astral und baute sich
hinein in das Physische -, nahm seinen Ursprung von dieser Partie
aus. Die Physis ging aus und baute zuerst an der Nasenwurzel, so
daB der Esoteriker die Nasenwurzel dem eigentlichen Physisch-Mine-
ralischen zugeteilt erkennt.
Das zweite ist Prana, der Atherdoppelkorper. Ihm ist esoterisch
zugeteilt die Leber. Dieses Organ steht zu ihm in einer gewissen
okkulten Beziehung. Dann kommt Kama, der Astralkorper. Der hat
wieder seine Tatigkeit entwickelt beim Aufbau der Ernahrungs-
organe, die ihr Sinnbild im Magen haben. Wiirde der Astralkorper
nicht diese ganz bestimmte Auspragung haben, die er im Menschen
hat, dann wiirde auch nicht dieser menschliche Ernahrungsapparat
mit dem Magen diese bestimmte Form haben, die er heute hat.
Wenn Sie den Menschen betrachten, erstens in seiner physischen
Grundlage, zweitens in seinem Atherdoppelkorper und drittens in
seinem Astralkorper, so haben Sie die Grundlage, die, wie Sie sehen,
gefesselt ist an das, was die mineralische Fessel der fiinften Wurzel-
rasse ausmacht.
Durch die hoheren Korper hebt sich der Mensch schon wieder her-
aus aus dieser Fessel und steigt zu Hoherem hinauf. Kama-Manas
arbeitet sich schon wieder herauf. Da befreit sich der Mensch schon
wieder von der reinen Naturgrundlage. Deshalb gibt es eine okkulte
Beziehung von Kama-Manas zu dem, wodurch der Mensch aus der
Naturgrundlage herausgehoben, abgeschniirt wird. Dieser okkulte
Zusammenhang ist der zwischen dem niederen Manas und der so-
genannten Nabelschnur. Gabe es kein Kama-Manas in der mensch-
lichen Gestalt, dann wiirde der Embryo nicht in dieser Weise von der
Mutter abgeschniirt werden.
Gehen wir zum hoheren Manas, so hat es eine ebensolche okkulte
Beziehung zum menschlichen Herzen und zum Blut. Buddhi hat eine
okkulte Beziehung zu dem menschlichen Kehlkopf, zu dem Schlund
und zu dem Kehlkopf. Und Atma hat eine okkulte Beziehung zu et-
was, was den ganzen Menschen ausfiillt, namlich zu dem im Menschen
enthaltenen Akasha.
Das sind die sieben okkulten Beziehungen. Wenn Sie sich diese vor-
halten, so haben wir als die wichtigsten fur unsere fiinfte Rasse her-
vorzuheben diejenigen zu dem Atherdoppelkorper und zu Kama. Und
wenn Sie das dazunehmen, was ich vorhin gesagt habe von der Be-
herrschung des Prana durch die Atlantier - die Lebenskraft ist das,
was den Atherdoppelkorper durchzieht -, so werden Sie sich sagen
konnen, da6 der Atlantier in einer gewissen Beziehung noch um eine
Stufe tiefer stand. Sein Atherdoppelkorper hatte noch die urspriing-
liche Verwandtschaft mit allem Atherischen der AuBenwelt, und er
beherrschte dadurch das Prana der AuBenwelt. Dadurch, dafi der
Mensch eine Stufe hoher gestiegen ist, ist die Arbeit eine Stufe tiefer
geworden. Das ist ein Gesetz: da6 wenn auf der einen Seite Aufstieg
erfolgt, auf der anderen Seite ein Abstieg erfolgen mu6. Warend der
Mensch friiher an Kama gearbeitet hat von Prana aus, mu6 er jetzt
mit Kama auf dem physischen Plane arbeiten.
Nun werden Sie verstehen, wie tief die Prometheussage diesen ok-
kulten Zusammenhang symbolisiert. Ein Geier nagt dem Prometheus
an der Leber. Kama ist symbolisiert in dem Geier, das eigentlich wirk-
lich die Krafte der fiinften Rasse verzehrt. Der Geier nagt dem Men-
schen an der Leber, an der Grundlage, und so nagt diese Kraft der
fiinften Rasse an der eigentlichen Lebenskraft des Menschen, weil der
Mensch gefesselt ist an die mineralische Natur, an den Petrus, den
Fels, den Kaukasus. Damit muBte der Mensch seine Prometheus-
Ahnlichkeit bezahlen. Deshalb mu6 der Mensch seine eigene Natur
bezwingen, damit er nicht mehr angeschmiedet ist an das Minera-
lische, an den Kaukasus.
Nur diejenigen, welche wahrend der fiinften Wurzelrasse als
menschliche Eingeweihte entstehen, konnen dem gefesselten Men-
schen die Befreiung bringen. Herakles, ein menschlicher Eingeweih-
ter, mu6 selbst zum Kaukasus dringen, um den Prometheus zu be-
freien. Aber so werden die Initiierten den Menschen herausheben aus
der Fesselung und opfern mu6 sich, was dem Untergang geweiht ist.
Opfern mu6 sich der Mensch, der noch im Zusammenhang ist mit
dem Tierischen: der Kentaur Chiron. Der Mensch der Vorzeit muB
geopfert werden. Das Opfer des Kentauren ist fiir die Entwickelung
der fiinften Rasse ebenso wichtig wie die Befreiung durch die Einge-
weihten, durch die Initiierten der fiinften Rasse.
Man sagt, daB in den griechischen Mysterien den Leuten die Zu-
kunft prophezeit wurde. Darunter verstand man aber nicht ein vages, ab-
straktes Erzahlen dessen, was in der Zukunft geschehen sollte, sondern
die Angabe derjenigen Wege, die den Menschen in die Zukunft hinein-
fiihren, was der Mensch zu tun hat, um sich in die Zukunft hinein zu
entwickeln. Und was sich als Menschenkraft entwickeln sollte, das
wurde vorgestellt in dem groBen Mysteriendrama Prometheus'.
Man hat sich nun vorzustellen unter den drei Gottergeschlechtern
Uranos, Kronos und Zeus drei aufeinanderfolgende fiihrende Wesen-
heiten der Menschen. Uranos heiBt der Himmel, Gaia die Erde. Wenn
wir zuriickgehen hinter die Mitte der dritten Rasse, der Lemurier,
dann haben wir noch nicht den Menschen, den wir jetzt kennen, son-
dern einen Menschen, den die Geheimlehre «Adam Kadmon» nennt,
den Menschen, der noch ungeschlechtlich ist, den Menschen, der vor-
her noch nicht der Erde angehorte, der noch nicht die Organe ent-
wickelt hat zum irdischen Schauen, der noch dem Uranischen, dem
Himmel angehorte. Durch die Vermahlung des Uranos mit der Gaia
entstand der Mensch, der in die Materie herabstieg und damit zu
gleicher Zeit in die Zeit einriickt. Kronos (= Chronos, die Zeit) wird
der Herrscher des zweiten Gottergeschlechts von der Mitte der lemu-
rischen Zeit an bis herein in den Anfang der atlantischen Zeit. Die
fiihrenden Wesenheiten symbolisierten die Griechen zuerst unter dem
Uranos, spater unter dem Kronos, und dann gingen sie iiber auf Zeus.
Zeus aber ist noch einer derjenigen Fiihrer, welche ihre Schule nicht
auf der Erde durchgemacht haben. Er ist noch einer, der zu den Un-
sterblichen gehort, wie eben die ganzen griechischen Gotter noch zu
den Unsterblichen gehorten.
Die sterbliche Menschheit soil sich wahrend der fiinften Rasse auf
eigene FiiBe stellen. Diese Menschheit wird reprasentiert durch den
Prometheus. Sie erst brachte die menschlichen Kiinste und die Ur-
kunst des Feuers. Auf sie ist Zeus eifersiichtig, da die Menschen her-
anwachsen zu ihren eigenen Eingeweihten, die in der sechsten Wurzel-
rasse die Fiihrung in die Hand nehmen werden. Das muB sich aber
die Menschheit erst erkaufen. Daher muB ihr Ureingeweihter die gan-
zen Leiden zunachst auf sich nehmen.
Prometheus ist der Ureingeweihte der fiinften Wurzelrasse, der-
jenige, der nicht nur in die Weisheit, sondern auch in die Tat einge-
weiht ist. Er macht die ganzen Leiden durch, und er wird befreit
durch denjenigen, der heranreift, um die Menschheit allmahlich frei
zu machen und sie hinauszuheben iiber das Mineralische.
So stellen uns die Sagen die groBen kosmischen Wahrheiten dar.
Deshalb sagte ich Ihnen auch im Eingang: derjenige, der zur dritten
Deutung aufsteigt, vermag sie wieder wortlich zu nehmen... [Es fol-
gen einige unklare Satze, vgl. unter Hinweise.] Bei der Prometheus-
sage haben Sie das Fressen des Geiers an der Leber. Das ist ganz
wortlich zu nehmen. Der Geier friBt wirklich an der Leber der fiinf-
ten Wurzelrasse. Es ist der Kampf des Magens mit der Leber. In
jedem einzelnen Menschen wiederholt sich wahrend der fiinften Wur-
zelrasse dieser prometheische Leidenskampf. Vollstandig wortlich ist
das zu nehmen, was hier in der Prometheussage ausgedriickt ist. Ware
dieser Kampf nicht da, dann ware das Schicksal der fiinften Rasse ein
ganz anderes.
Es gibt also drei Ausdeutungen der Sagen: erstens die exoterisch-
wortliche, zweitens die allegorische - der Kampf der menschlichen
Natur -, drittens die okkulte Bedeutung, wo wieder eine wortliche
Interpretation der Mythen eintritt. Daraus konnen Sie ersehen, daB
diese Sagen alle - wenigstens alle diejenigen, welche eine solche Be-
deutung haben - aus den Mysterienschulen herriihren und nichts an-
deres sind als die Wiedergabe dessen, was in den Mysterienschulen
als das groBe Drama des Menschheitsschicksals dargestellt worden ist.
Wie ich Ihnen bei den Druidenmysterien zeigen konnte, daB [die Sage
von] Baldur nichts anderes darstellt als das, was im Inneren der Drui-
denmysterien sich vollzogen hat, so haben Sie im Prometheus das,
was der griechische Mysterienschiiler im Inneren der Mysterien er-
lebt hat, um Kraft und Energie zum Leben in der Zukunft zu ge-
winnen.
DAS MYSTERIUM DER ROSENKREUZER
Berlin, 4. November 1904
Wir haben schon verschiedene Mythen besprochen, deren Bilder eso-
terische Wahrheiten enthalten. Solche Mythen wurden friiher den
Menschen gegeben, um ihnen gewisse Wahrheiten - solange sie noch
nicht reif waren fiir die esoterischen Wahrheiten selbst - zuerst in
bildlicher Form zu iiberliefern. Diese Bilder bemachtigten sich des
Kausalkorpers und bereiteten so die Menschen vor, in spateren In-
karnationen die esoterischen Wahrheiten selbst zu verstehen.
Nun mochte ich Ihnen heute eine solche esoterische Darstellung
zeigen, welche erst vor wenigen Jahrhunderten gegeben wurde und
jetzt noch mannigfaltig fortlebt. Das ist die folgende.
Im Beginne des 15. Jahrhunderts erschien in Europa eine Person-
lichkeit, welche im Morgenlande in gewisse Geheimnisse eingeweiht
worden war. Es war dies Christian Rosenkreutz Ehe die damalige In-
karnation des Christian Rosenkreutz zu Ende gegangen war, hatte er
eine Anzahl von Personlichkeiten - die kaum die Zahl zehn iiberstieg -
in den Gegenstand, in den er eingeweiht worden war, auch einge-
weiht, soweit dies mit europaischen Menschen damals moglich war.
Diese kleine Bruderschaft, die sich die Bruderschaft der Rosenkreu-
zer - Fraternitas rosae crucis - nannte, trug durch eine groBere,
mehr auBerliche Bruderschaft einen gewissen Mythus in die Welt
hinaus.
Christian Rosenkreutz selbst hatte damals im tiefsten Inneren der
Rosenkreuzermysterien gewisse Geheimnisse dargestellt, wie sie nur
wahrgenommen werden konnten von Menschen, die die notwendige
Vorbereitung erfahren hatten. Aber, wie gesagt, in der kleinen Bru-
derschaft waren es nicht mehr wie zehn; das waren die eigentlich
eingeweihten Rosenkreuzer. Was von Christian Rosenkreutz gelehrt
worden ist, konnte nicht vielen Menschen mitgeteilt werden; aber es
wurde dann eingekleidet in eine Art von Mythus. Seit seiner ersten
Begriindung im Anfang des 15. Jahrhunderts ist dieser Mythus viel-
fach in Bruderschaften erzahlt und interpretiert worden. Erzahlt
wurde er in groBerem Rahmen, interpretiert aber nur im engeren
Kreis, denjenigen, die reif dafiir waren.
Dieser My thus hatte ungefahr folgenden Inhalt:
Es gab eine Zeit, da schuf einer der Elohim den Menschen; einen
Menschen, den er Eva nannte. Mit Eva verband sich der Elohim
selbst und es wurde von Eva Kain geboren. Darauf schuf der Elohim
Jahve oder Jehova den Adam. Adam verband sich ebenfalls mit Eva
und aus dieser Ehe ging Abel hervor.
Wir haben es also bei Kain mit einem unmittelbaren Gottersohn
zu tun und bei Abel mit einem SproBling des als Mensch geschaf-
fenen Adam und der Eva. Nun geht der My thus weiter.
Die Opfergaben, welche Abel dem Gotte Jahve darbrachte, waren
dem Gotte angenehm. Aber die Opfergaben des Kain nicht, denn
Kain war nicht auf direktes GeheiB von Jahve entstanden. Die Folge
davon war, daB Kain den Brudermord beging. Er erschlug Abel.
Deshalb wurde er von der Gemeinschaft mit Jahve ausgeschlossen.
Er ging in entfernte Gegenden und wurde dort der Stammvater eines
eigenen Geschlechts.
Adam verband sich weiterhin mit Eva und zum Ersatz von Abel
wurde Seth geboren, der auch in der Bibel vorkommt. So entstanden
zwei Menschengeschlechter: das erste von Eva und dem Elohim ab-
stammend, das Geschlecht Kains; und das zweite von den bloBen
Menschen abstammend, die auf GeheiB des Jahve sich verbunden
haben.
Von dem Geschlecht des Kain stammen alle ab, die auf der Erde
Kunste und Wissenschaften ins Leben gerufen haben, zum Beispiel
Methusael, der die Schrift, die Tau-Schrift erfunden hat und Tubal-
Kain, der die Bearbeitung der Erze und des Eisens lehrte. So entstand
in dieser Linie, direkt von dem Elohim abstammend, die Menschheit,
die sich in Kunsten und Wissenschaften ausbildet.
Aus diesem Geschlecht der Kains ging auch hervor Hiram. Der
war der Erbe alles dessen, was innerhalb der verschiedenen Genera-
tionen der Kainssohne an Wissen, Kunst und Technik aufgespeichert
worden war. Hiram war der bedeutendste Baukunstler, den man sich
denken kann.
Aus der anderen Linie, aus dem Geschlechte Seths stammte Salomo,
der sich auszeichnete in alledem, was von Jahve oder Jehova her-
riihrte. Er war ausgestattet mit der Weisheit der Welt, mit alledem,
was die ruhige, klare, abgeklarte Weisheit bei den Jehovasohnen lie-
fern kann. Dies war eine Weisheit, die man wohl mit Worten ausspre-
chen kann, die dem Menschen tief ins Herz gehen, ihn erheben kann,
aber nicht eine solche, welche das unmittelbare Objekt angreifen und
etwas Wirkliches an Technik, Kunst und Wissenschaft hervorbringen
kann. Es war eine Weisheit, die eine unmittelbare inspirierte Gabe
des Gottes ist, nicht eine von unten herausgearbeitete, aus der mensch-
lichen Leidenschaft, aus dem Menschenwollen hervorquillende Weis-
heit. Die fand sich bei den Kainssohnen, bei denen, die unmittelbar
von dem anderen Elohim abstammten. Das waren die strengen Ar-
beiter, die alles selbst erarbeiten wollten.
Nun beschloB Salomo einen Tempel zu bauen. Er bestellte dazu als
Baumeister den SproBling der Kainssohne: Hiram. Es war zu der
Zeit, da die Konigin von Saba, Balkis, nach Jerusalem kam, weil sie
von dem weisen Salomo gehort hatte. Und sie war in der Tat, als sie
ankam, entziickt von der erhabenen, klaren Weisheit und Schonheit
des Salomo. Er warb um sie und erlangte auch ihr Jawort. Da horte
diese Konigin von Saba auch von dem Tempelbau. Nun wollte sie
auch den Baumeister Hiram kennenlernen. Als sie ihn sah, machte sein
bloBer Blick auf sie einen ungeheuren Eindruck und nahm sie ganz
gefangen.
Nun entspann sich etwas wie Eifersuchtsstimmung zwischen Hiram
und dem weisen Salomo. Die Folge davon war, daB Salomo gern
etwas gegen Hiram getan hatte; aber er muBte ihn behalten, damit
der Tempel fertig gebaut werden konnte.
Es kam nun folgendes. Der Tempel war bis zu einer ganz bestimm-
ten Stufe fertig. Nur eines fehlte noch, was das Meisterstiick des
Hiram sein sollte: namlich das Eherne Meer. Dieses Meisterstiick
Hirams sollte darstellen den Ozean, in Erz gegossen, und den Tem-
pel schmiicken. Alle Erzmischungen waren in wunderbarer Weise von
Hiram veranlagt worden und alles war zu dem GuB vorbereitet. Nun
machten sich aber drei Gesellen ans Werk, die Hiram beim Tempel-
bau fur unfahig befunden hatte, zu Meistern ernannt zu werden. Sie
hatten ihm deshalb Rache geschworen und wollten die Ausfiihrung
des Ehernen Meeres verhindern. Ein Freund Hirams, der davon er-
fuhr, teilte Salomo diesen Plan der Gesellen mit, damit er ihn ver-
eiteln wiirde. Aber Salomo lieB aus Eifersucht gegen Hiram der Sache
ihren Lauf, weil er Hiram verderben wollte. Die Folge war, daB Hiram
zusehen muBte, wie der ganze GuB zerstob, weil die drei Gesellen
einen ungehorigen Stoff der Masse zugefiigt hatten. Er versuchte noch
durch ZugieBen von Wasser das aufschaumende Feuer zu loschen, aber
es wurde dadurch nur schlimmer. Wahrend er schon nahe daran war,
an dem Zustandekommen des Werkes zu verzweifeln, erschien ihm
Tubal-Kain selbst, einer seiner Ahnherren. Dieser sagte ihm, er solle
sich ruhig in das Feuer hineinstiirzen, er sei durch das Feuer nicht
verwundbar. Hiram tat es und gelangte bis zum Mittelpunkt der
Erde. Tubal-Kain fiihrte ihn zu Kain, der dort im Zustande der ur-
spriinglichen Gottlichkeit war. Hiram wurde nun in das Geheimnis
der Feuerschopfung eingeweiht, in das Geheimnis des Erzgusses und
so weiter. Er erhielt von Tubal-Kain noch einen Hammer und ein
Goldenes Dreieck, das er am Halse zu tragen habe. Dann kehrte er
zuriick und war nun imstande, das Eherne Meer wirklich herzustellen,
den GuB wieder in Ordnung zu bringen.
Hierauf gewinnt Hiram die Hand der Konigin von Saba. Er aber
wird von den drei Gesellen iiberfallen und getotet. Doch ehe er starb,
gelang es ihm noch, das Goldene Dreieck in einen Brunnen zu wer-
fen. Als man nun nicht weiB, wo Hiram ist, wird er gesucht. Salomo
selbst ist angstlich und will hinter die Sache kommen. Man furchtete,
die drei Gesellen konnten das alte Meisterwort verraten und es wurde
daher ein neues verabredet. Die ersten Worte, die fallen, wenn man
Hiram wieder findet, sollten das neue Meisterwort sein. Als Hiram
nun aufgefunden wurde, konnte er noch einige Worte sprechen. Er
sagte: Tubal-Kain hat mir verheiBen, daB ich einen Sohn haben werde,
der viele Sonne haben wird, die die Erde bevolkern und mein Werk
- den Tempelbau - zu Ende fiihren werden. Dann bezeichnete er noch
den Ort, wo das Goldene Dreieck zu finden sei. Es wurde zu dem
Ehernen Meer gebracht und beide an einem besonderen Ort des Tern-
pels, im Allerheiligsten, aufbewahrt. Sie konnen nur von denen ge-
funden werden, die Verstandnis dafiir haben, was diese ganze Tempel-
legende von dem Tempel des Salomo und seinem Baumeister Hiram
zu bedeuten hat.
Nun wollen wir einmal von der Legende selbst iibergehen zu einer
Interpretation.
Diese Legende stellt dar das Schicksal der dritten, vierten und
fiinften Unterrasse unserer fiinften Wurzelrasse. Der Tempel ist der
Tempel der Geheimbruderschaften, respektive dasjenige, was die
ganze Menschheit der vierten und fiinften Unterrasse baut, und
das Allerheiligste ist der Aufenthaltsort der Geheimbruderschaften.
Diese wissen, was das Eherne Meer und das Goldene Dreieck bedeu-
ten.
Wir haben es also zu tun mit zweierlei Menschengeschlechtern:
mit demjenigen, welches - durch Salomo reprasentiert - im Besitz
gottlicher Weisheit ist, und mit dem Kains geschlecht, den Abkomm-
lingen Kains, die sich auf das Feuer verstehen und es zu behan-
deln wissen. Dieses Feuer ist nicht das physische Feuer, sondern
das im Astralraum brennende Feuer der Leidenschaften, Triebe, Be-
gierden.
Wer sind nun die Kainssohne? Die Kainssohne sind - also im Sinne
dieser Legende - die Sonne derjenigen Elohim, welche unter der
Klasse der Elohim wahrend der Mondepoche ein wenig zuriickgeblie-
ben sind. In der Mondepoche haben wir es mit Kama zu tun. Dieses
Kama oder Feuer wurde damals durchdrungen mit Weisheit. Nun gab
es zwei Arten von Elohim. Die einen Elohim blieben nicht stehen
bei der Ehe zwischen Weisheit und Feuer; sie gingen dariiber hinaus.
Und als sie den Menschen formten, waren sie nicht mehr durchdrun-
gen von Leidenschaften, so daB sie ihn mit ruhiger, abgeklarter Weis-
heit ausstatteten. Das ist die eigentliche Jahve- oder Jehovareligion,
die Weisheit, die ganz leidenschaftslos war. Die anderen Elohim, bei
welchen noch die Weisheit mit dem Feuer der Mondperiode ver-
bunden war, sind diejenigen, welche die Kainssohne schufen.
Daher haben wir in den Sohnen Seths die religiosen Menschen mit
der abgeklarten Weisheit und in den Kains sohnen die, welche das
impulsive Element haben, die sich entflammen und Enthusiasmus
entwickeln konnen fur Weisheit. Diese zwei Geschlechter schaffen
durch alle Rassen hindurch, durch alle Zeiten. Aus der Leidenschaft
der Kainssohne sind alle Kiinste und Wissenschaften entstanden, aus
der Abel-Seth-Stromung alle abgeklarte Frommigkeit und Weisheit,
ohne Enthusiasmus.
Diese zwei Typen waren immer vorhanden und das hat sich so fort-
gefiihrt bis zur vierten Unterrasse unserer Wurzelrasse.
Dann kam die Begriindung des Christentums. Dadurch wurde die
friihere Frommigkeit, die nur eine Frommigkeit von oben war, eine
Frommigkeit, die vollstandig kamafrei war. Sie wurde getaucht in das
Element, das eben durch Christus auf die Erde kam. Christus ist nicht
bloB die Weisheit, er ist die inkarnierte Liebe: ein hohes gottliches
Kama, das zu gleicher Zeit Buddhi ist; ein rein flutendes Kama, das
nichts fur sich will, sondern alle Leidenschaften in unendlicher Hin-
gabe nach auBen richtet, ein umgekehrtes Kama ist. Buddhi ist um-
gekehrtes Kama.
Dadurch bereitet sich innerhalb des Typus der Menschen, die
fromm sind, innerhalb der Sonne der Weisheit eine hohere From-
migkeit vor, die nun allerdings enthusiastisch sein kann. Das ist
christliche Frommigkeit. Sie wird zunachst veranlagt in der vierten
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse. Diese ganze Stromung ist aber
noch nicht in der Lage, sich mit den Kainssohnen zu verbinden. Sie
sind zunachst noch Gegner. Wiirde namlich das Christentum unbe-
dingt schnell alle Menschen ergreifen, so wiirde es sie zwar mit Liebe
erfiillen konnen, aber das einzelne menschliche Herz, das individuelle
menschliche Herz ware nicht dabei. Es ware keine freie Frommig-
keit, es ware nicht das Gebaren des Christus in sich selbst als Bruder,
sondern bloB als Herrn. Dazu miissen noch durch die ganze fiinfte
Unterrasse hindurch die Kainssohne wirken. Sie wirken in ihren In-
itiierten und bauen den Tempel der Menschheit, aufgebaut aus welt-
licher Kunst und weltlicher Wissenschaft.
So sehen wir wahrend der vierten und fiinften Unterrasse das welt-
liche Element immer mehr und mehr sich entwickeln, die ganze welt-
geschichtliche Entwickelung auf den physischen Plan heraustreten.
Mit dem weltlichen Element des Materialismus entwickelt sich das
personliche, der Egoismus, der zum Kampf aller gegen alle fiihrt.
Wenn auch das Christentum da war, so war es in gewisser Weise
doch Geheimnis von wenigen. Aber es bewirkte, daB den Menschen
wahrend der vierten und fiinften Unterrasse aufging: ein jeglicher ist
gleich vor Gott. Das ist christlicher Grundsatz. Aber die Menschen
konnen dies nicht ganz verstehen, solange sie im Materialismus und
Egoismus befangen sind.
Die Franzosische Revolution hat dann die Konsequenz der christ-
lichen Lehre im weltlichen Sinne vollzogen. Die spirituelle Lehre des
Christentums: alle Menschen sind gleich vor Gott, wurde durch die
Franzosische Revolution in eine rein weltliche Lehre ubertragen: alle
sind hier gleich. Die neue Zeit hat das noch mehr ins Physische iiber-
setzt.
Vor der Franzosischen Revolution erschien bei einer Hofdame der
Konigin Marie-Antoinette, der Madame d'Adhemar, eine Personlich-
keit, die alle wichtigen Szenen der Revolution voraussagte, um davor
zu warnen. Es war der Graf von Saint-Germain, dieselbe Person-
lichkeit, die in friiherer Inkarnation den Orden der Rosenkreuzer ge-
stiftet hat. Er vertrat damals den Standpunkt: die Menschen miiBten
in ruhiger Weise von der weltlichen Kultur zu der wahren Kultur des
Christentums gefiihrt werden. Die weltlichen Machte wollten sich
aber die Freiheit im Sturm, in materieller Weise erobern. Zwar sah
er die Revolution als notwendige Konsequenz an, aber er warnte doch
davor. Er, Christian Rosenkreutz, in der Inkarnation vom 18.Jahr-
hundert, als Hiiter des innersten Geheimnisses vom Ehernen Meer
und vom heiligen Goldenen Dreieck, trat warnend auf: die Mensch-
heit sollte sich langsam entwickeln. Doch schaute er, was vor sich
gehen wurde.
Das ist der Gang, den die Menschheitsentwickelung, von innen
her betrachtet, wahrend der vierten und fiinften Unterrasse unserer
Wurzelrasse durchmacht. Der menschliche Kulturbau, der groBe Tem-
pel Salomos wurde gebaut. Aber dasjenige, was ihn eigentlich kronen
soil, muB noch ein Geheimnis bleiben. Das kann nur ein Initiierter
bauen. Dieser Initiierte wurde miBverstanden, verraten, getotet. Die-
ses Geheimnis kann noch nicht herauskommen. Es bleibt das Geheim-
nis von wenigen [Initiierten] des Christentums. In dem GuB des Eher-
nen Meeres und dem heiligen Dreieck liegt es verschlossen. Es ist
kein anderes als das Geheimnis des Christian Rosenkreutz, der vor
Christi Geburt in einer sehr hohen Inkarnation verkorpert war und
damals einen merkwiirdigen Ausspruch getan hat.
Lassen Sie mich nun noch mit einigen Worten die Szene ausmalen,
wie jener Christian Rosenkreutz vor der Franzosischen Revolution
diese AuBerung wieder getan hat. Er sagte: Wer Wind sat, wird
Sturm ernten. - Dies hatte er schon damals gesagt, bevor es dann
von Hosea gesagt und aufgeschrieben wurde. Aber es ist von Chri-
stian Rosenkreutz herriihrend.
Dieser Ausspruch: Wer Wind sat, wird Sturm ernten -, ist der
Leitspruch der vierten und fiinften Unterrasse unserer Wurzelrasse
und sollte bedeuten: Ihr werdet den Menschen frei machen, es wird
sich das inkarnierte Buddhi selbst mit dieser eurer Freiheit verbinden
und die Menschen gleichmachen vor Gott. Aber der Geist (Wind be-
deutet Geist = Ruach), er wird zunachst zum Sturm werden (Kampf
aller gegen alle).
Zunachst war das Christentum das des Kreuzes geworden, das sich
hindurchentwickeln muBte durch die rein weltliche Sphare, den phy-
sischen Plan. Nicht gleich von Anfang an war Christus am Kreuz das
Symbol des Christentums. Aber als das Christentum immer mehr poli-
tisch wurde, da wurde das Symbol der gekreuzigte Gottessohn, lei-
dend auf dem Kreuze des Weltenleibes. Das bleibt es auBerlich durch
den ganzen Rest der vierten und weiter durch die fiinfte Unterrasse
hindurch.
Zunachst ist das Christentum gebunden an die rein materielle Kul-
tur der vierten und fiinften Unterrasse und nur dazwischen [?] be-
steht das eigentliche Christentum der Zukunft, das im Besitze der
Geheimnisse von dem Ehernen Meer und dem Goldenen Dreieck ist.
Dieses Christentum hat ein anderes Symbol; nicht mehr den gekreu-
zigten Gottessohn, sondern das Kreuz, von Rosen umwunden. Das
wird das Symbol des neuen Christentums der sechsten Unterrasse sein.
Aus dem Mysterium der Rosenkreuzerbruderschaft wird sich dieses
Christentum der sechsten Unterrasse entwickeln, das das Eherne Meer
und das Goldene Dreieck kennen wird.
Hiram ist der Reprasentant der Initiierten der Kainssohne der vier-
ten und fiinften Unterrasse. Die Konigin von Saba - jede weibliche
Figur bedeutet in der esoterischen Sprache die Seele - ist die Seele
der Menschheit, die zu entscheiden hat zwischen der abgeklarten, aber
nicht die Erde erobernden Frommigkeit und der die Erde erobernden
Weisheit, das heiBt, der durch Uberwindung der Leidenschaften der
Erde verbundenen Weisheit. Sie ist die Reprasentantin der wahren
Menschenseele, die zwischen Hiram und Salomo mittendrin steht,
und sich mit Hiram in der vierten und fiinften Unterrasse verbindet,
weil er noch den Tempel baut.
Das Eherne Meer ist jener GuB, der entsteht, wenn in der entspre-
chenden Weise Wasser mit Erz vermischt ist. Die drei Gesellen machen
es falsch, der GuB wird zerstort. Aber indem Tubal-Kain dem Hiram
die Mysterien des Feuers enthiillt, ist Hiram imstande, Wasser und
Feuer in der richtigen Weise zu verbinden. Dadurch entsteht das
Eherne Meer. Es ist das, was das Geheimnis der Rosenkreuzer ist. Es
entsteht, wenn das Wasser der ruhigen Weisheit sich verbindet mit
dem Feuer des astralen Raumes, dem Feuer der Leidenschaft. Da-
durch muB eine Verbindung Zustandekommen, die «ehern» ist, die
getragen werden kann in die folgenden Zeitalter, wenn hinzukommt
das Geheimnis von dem heiligen Goldenen Dreieck, das Geheimnis
von Atma-Buddhi-Manas. Dieses Dreieck, mit all dem, was es im Ge-
folge hat, wird der Inhalt des erneuerten Christentums der sechsten
Unterrasse sein. Das wird vorbereitet durch die Rosenkreuzer und
dann wird das, was im Ehernen Meer symbolisiert wird, verbunden
sein mit der Erkenntnis von Reinkarnation und Karma. Dies ist die
neue okkulte Lehre, die dem Christentum wieder eingefiigt wird.
Atma-Buddhi-Manas, das hohere Selbst, ist das Geheimnis, das offen-
bar werden wird, wenn die sechste Unterrasse dazu reif sein wird.
Dann wird Christian Rosenkreutz nicht mehr als Warner dazustehen
brauchen, sondern es wird alles, was Kampf bedeutet hat auf dem
auBeren Plan, den Frieden finden durch das Eherne Meer, durch das
heilige Goldene Dreieck.
Das ist der Gang der Weltgeschichte in die kiinftige Zeit hinein.
Was Christian Rosenkreutz mit seiner Tempellegende durch die Bru-
derschaften in die Welt tragen lieB, ist das, was sich die Rosenkreuzer
zur Aufgabe gestellt haben: nicht bloB religiose Frommigkeit zu leh-
ren, sondern auch Wissenschaft nach auBen; aber nicht nur die auBere
Welt kennenzulernen, sondern auch die spirituellen Machte und von
beiden Seiten hineinzugehen in die sechste Runde.
DER MANICHAISMUS
Berlin, 11. November 1904
Wir haben ja wunschgemaB etwas iiber Freimaurerei zu sprechen.
Diese kann man aber nicht verstehen, bevor nicht die urspriinglichen
Geistesstromungen betrachtet werden, die mit der Freimaurerei in der
Weise in Zusammenhang stehen, daB die Freimaurerei sozusagen aus
ihnen hervorgegangen ist. Eine noch wichtigere Geistesstromung als
die der Rosenkreuzer war die des Manichaismus. Wir miissen also
eigentlich zuerst iiber diese viel wichtigere Bewegung sprechen und
konnen dann spater einmal auch auf die Freimaurerei ein Licht werfen.
Was ich dazu zu sagen habe, hangt zusammen mit verschiedenen
Dingen, die in das gegenwartige und zukiinftige Geistesleben hinein-
spielen. Und um Ihnen zu zeigen, daB man, wenn man in diesen Ge-
bieten tatig ist, immerfort auf etwas Bezug nehmen muB, wenn auch
versteckt, so mochte ich nur einleitend darauf hinweisen, daB ich bei
wiederholter Gelegenheit das Faust-Problem als ein besonders wichti-
ges fur das neue Geistesleben bezeichnet habe. Und darum ist auch
im ersten Heft des «Luzifer» die moderne Geistesbewegung mit dem
Faust-Problem in Zusammenhang gebracht. So wie ich es in meinem
«Luzifer»-Aufsatz gebracht habe, ist nicht ohne eine gewisse Begriin-
dung auf das Faust-Problem angespielt.
Um die Dinge, um die es sich dabei handelt, in Zusammenhang zu
bringen, miissen wir also zunachst ausgehen von einer Geistesrich-
tung, die uns geschichtlich zuerst entgegentritt etwa im 3.Jahrhun-
dert. Es ist dies jene Geistesrichtung, die ihren groBen Bekampfer
im heiligen Augustinus gefunden hat, trotzdem er, bevor er zur katho-
lischen Kirche iibergetreten ist, Anhanger dieser Richtung war. Wir
miissen sprechen iiber den Manichaismus, der durch eine Personlich-
keit begriindet wurde, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa
im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt lebte. Ausgegangen ist die Be-
wegung von einer Gegend, die damals beherrscht wurde von den
Konigen Vorderasiens; sie ist also von den Gegenden des westlichen
Kleinasien ausgegangen. Dieser Mani begriindete eine Geistesstro-
mung, die ja zuerst eine kleine Sekte umfaBte, die aber zu einer mach-
tigen Geistesstromung wurde. Die mittelalterlichen Albigenser, Wal-
denser und Katharer sind die Fortsetzung dieser Geistesstromung,
zu der auch der ja noch fiir sich zu besprechende Templerorden und
ebenso - durch eine merkwiirdige Verkettung der Verhaltnisse - das
Freimaurertum gehoren. Hier hinein gehort das Freimaurertum
eigentlich, obgleich es sich mit anderen Stromungen, zum Beispiel
dem Rosenkreuzertum verbunden hat.
Die auBere Geschichte, die uns von Mani erzahlt wird, ist hochst
einfach.*
Es wird gesagt, daB in den Gegenden Vorderasiens ein Kaufmann
lebte, der auBerordentlich gelehrt war. Er verfaBte vier bedeutsame
Schriften: erstens die Mysteria, zweitens die Capitola, drittens das
Evangelium, viertens den Thesaurus. Ferner wird erzahlt, daB er bei
seinem Tod diese Schriften hinterlassen habe seiner Witwe, die eine
Perserin war. Diese Witwe wiederum hinterlieB sie einem Sklaven,
den sie losgekauft und freigelassen habe. Der sei der besagte Mani
gewesen, der dann aus diesen Schriften seine Weisheit gezogen habe,
aber auBerdem in die Mysterien des Mithrasdienstes eingeweiht ge-
wesen war. Er hat dann diese Bewegung des Manichaismus ins Leben
gerufen. Man nennt den Mani auch den «Sohn der Witwe» und seine
Anhanger die «Sohne der Witwe». Er selbst aber, Mani, bezeichnete
sich als «Paraklet», als den von Christus der Menschheit versproche-
nen Heiligen Geist. Nun ist das so aufzufassen, daB er sich bezeich-
nete als eine Inkarnation jenes Heiligen Geistes; nicht etwa meinte er,
daB er der alleinige Heilige Geist sei. Er stellte sich vor, daB dieser
Heilige Geist in Wiederverkorperungen erscheint und bezeichnete
sich als eine solche Wiederverkorperung des Geistes.
Die Lehre, die er verkiindigte, wurde von Augustinus, als dieser
zur katholischen Kirche ubergetreten war, in der lebhaftesten Weise
bekampft. Augustinus stellte seine katholische Anschauung der mani-
chaischen Lehre gegeniiber, die er durch eine Personlichkeit vertreten
laBt, die er Faustus nennt. Faustus ist im Sinne des Augustinus der
Kampfer gegen das Christentum. Hier liegt der Ursprung des goethe-
* Siehe unter Hinweise.
sehen Faust mit seiner Anschauung des Bosen. Der Name «Faust»
geht zuriick bis auf diese alte augustinische Lehre.
Man erfahrt von der manichaischen Lehre gewohnlich, daB sie sich
vom abendlandischen Christentum unterscheide durch ihre andere
Auffassung des Bosen. Wahrend das katholische Christentum der An-
sicht sei, daB das Bose beruhe auf einem Abfall vom gottlichen Ur-
sprung, auf einem Abfall urspriinglich guter Geister von Gott, so
lehre der Manichaismus, daB das Bose ebenso ewig sei wie das Gute;
daB es keine Auferstehung des Leibes gebe und daB das Bose als
solches kein Ende nahme. Es habe also keinen Anfang, sondern sei
gleichen Ursprungs mit dem Guten, und habe auch kein Ende.
Wenn Sie in dieser Weise den Manichaismus kennenlernen, so er-
scheint er allerdings wie etwas radikal Unchristliches und wie etwas
ganz Unverstandliches.
Nun wollen wir der Sache auf den Grund gehen nach den Tradi-
tionen, die von dem Mani selbst herriihren sollen und priifen, um was
es sich da eigentlich handelt. Einen auBeren Anhaltspunkt zu dieser
Priifung gibt uns die Legende des Manichaismus, eine ebensolche
Legende, wie ich Ihnen neulich als Tempellegende erzahlt habe. Alle
solche Geistesstromungen, die mit Einweihungen zusammenhangen,
driicken sich exoterisch aus in Legenden. Nur ist die Legende des
Manichaismus eine groBe kosmische Legende, eine Legende von iiber-
sinnlicher Art.
Da wird erzahlt, daB einstmals die Geister der Finsternis anstiirmen
wollten gegen das Lichtreich. Sie kamen in der Tat bis an die Grenze
des Lichtreiches und wollten das Lichtreich erobern. Sie vermochten
aber nichts gegen das Lichtreich. Nun sollten sie - und hier liegt ein
besonders tiefer Zug, den ich zu beachten bitte -, nun sollten sie be-
straft werden von dem Lichtreich. Aber in dem Lichtreich gab es
nichts irgendwie Boses, sondern nur Gutes. Also hatten die Damonen
der Finsternis nur mit etwas Gutem bestraft werden konnen. Was
geschah also? Es geschah folgendes. Die Geister des Lichtreiches
nahmen einen Teil ihres eigenen Reiches und mischten diesen in das
materielle Reich der Finsternis hinein. Dadurch, daB nun ein Teil
des Lichtreiches vermischt wurde mit dem Reich der Finsternis, da-
durch sei in diesem Reich der Finsternis gleichsam ein Sauerteig, ein
Garungsstoff entstanden, der das Reich der Finsternis in einen chaoti-
schen Wirbeltanz versetzte, wodurch es ein neues Element bekom-
men hat, namlich den Tod. So daB es sich fortwahrend selbst aufzehrt
und so den Keim zu seiner eigenen Vernichtung in sich tragt. Weiter
wird erzahlt, daB dadurch, daB dies geschehen ist, gerade das Men-
schengeschlecht entstanden sei. Der Urmensch sei eben gerade das,
was vom Lichtreich her gesendet worden sei, um sich mit dem Reich
der Finsternis zu vermischen und das, was im Reich der Finsternis
nicht sein soil, zu iiberwinden durch den Tod; es in sich selbst zu iiber-
winden.
Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, daB von Seiten des Licht-
reiches das Reich der Finsternis iiberwunden werden soil nicht durch
Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Widerstreben dem Bosen,
sondern durch Vermischung mit dem Bosen, um das Bose als solches
zu erlosen. Dadurch, daB ein Teil des Lichtes hineingeht in das Bose,
wird das Bose selbst iiberwunden.
Dem liegt die Auffassung vom Bosen zugrunde, die ich oftmals als
die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Bose? Es ist
nichts anderes als ein unzeitgemaBes Gutes. Um ein Beispiel anzu-
fiihren, das von mir schon ofters angefiihrt wurde: Nehmen wir an,
daB wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem aus-
gezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen
sind in ihrer Art. Zuerst muB der Techniker das Instrument bauen
und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler
ist, wird er es in entsprechender Weise beniitzen und so sind beide
gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spie-
lers in den Konzertsaal gehen und da herumhammern wollte, dann
ware er am unrechten Ort. Das Gute wiirde so zum Bosen. So sehen
wir, daB das Bose nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort.
Wenn das, was in irgendeiner Zeit auBerordentlich gut ist, sich
weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrit-
tene beeintrachtigen wiirde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifel-
los ein Boses, weil es dem Guten widerstreben wiirde. Nehmen wir
an, die leitenden Krafte der Mondenepoche, der lunarischen Epoche,
wenn sie dort vollkommen waren in ihrer Art und ihre Tatigkeit
hatten abschliefien miissen, wiirden sich noch langer in die Entwicke-
lung mischen. Dann miiBten sie in der irdischen Entwickelung das
Bose darstellen. So ist das Bose nichts anderes als das Gottliche, denn
in der anderen Zeit war das, was zur Unzeit das Bose ist, der Aus-
druck des Vollkommenen, des Gottlichen.
In diesem tiefen Sinne haben wir die manichaische Anschauung
aufzufassen, daB das Gute und Bose im Grunde genommen von der-
selben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich
in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden
Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte. Auf der ande-
ren Seite miissen wir aber zunachst erklaren, warum sich Mani selbst
den «Sohn der Witwe » nannte und warum sich seine Anhanger « Sonne
der Witwe» nannten.
Wenn wir zuriickgehen in die altesten Zeiten, die vor unserer jet-
zigen Wurzelrasse liegen, da war die Art und Weise, wie Menschen
erkannten, Wissen erwarben, eine andere. Sie werden aus meiner Schil-
derung der atlantischen Zeit, und jetzt, wo das nachste «Luzifer»-
Heft erscheint, auch aus der Schilderung der lemurischen Zeit ersehen,
daB damals alles Wissen - zum Teil bis in unsere Zeit hinein - beein-
fluBt ist von demjenigen, was iiber der Menschheit steht. Ich habe
ofters schon erwahnt, daB erst der Manu, der erscheinen wird in der
nachsten Wurzelrasse, ein wirklicher Menschenbruder sein wird, wah-
rend die friiheren Manus iibermenschlich, eine Art gottliche Wesen
waren. Erst jetzt reift die Menschheit heran, um einen eigenen Men-
schenbruder als Manu zu haben, der von der Mitte der lemurischen
Zeit an alle Stadien mit durchgemacht hat. Was geschieht also eigent-
lich wahrend der Entwickelung der fiinften Wurzelrasse? Es geschieht
das, daB diese Offenbarung, die Offenbarung von oben, die Leitung
der Seele von oben sich allmahlich zuriickzieht und die Menschheit
den eigenen Wegen uberlaBt, so daB sie ihr eigener Leiter wird.
Die Seele wurde nun in aller Esoterik (Mystik) die «Mutter» ge-
nannt; der Unterweiser der «Vater». Vater und Mutter, Osiris und
Isis, das sind die zwei in der Seele vorhandenen Machte: der Unter-
weiser, derjenige, der das unmittelbar einflieBende Gottliche darstellt,
Osiris, ist der Vater; die Seele selbst, Isis, konzipiert, empfangt das
Gottlich-Geistige, sie ist die Mutter. Wahrend der fiinften Wurzel-
rasse zieht sich nun der Vater zuriick. Die Seele ist verwitwet, soil
verwitwet sein. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen. Sie
muB in der eigenen Seele das Licht der Wahrheit suchen, um sich
selbst zu lenken. Alles Seelische wurde von jeher mit weiblichen
Sinnbildern zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird dieses Seelische -
welches heute im Keim vorhanden ist und spater vollstandig entwik-
kelt sein wird -, dieses sich selbst lenkende Seelische, das den gott-
lichen Befruchter nicht mehr vor sich hat, das wird von dem Mani
als «Witwe» bezeichnet. Und deshalb bezeichnete er sich selbst als den
«Sohn der Witwe».
Mani ist es, der diejenige Stufe der menschlichen Seelenentwicke-
lung vorbereitet, die das eigene seelische Geisteslicht sucht. Alles,
was von ihm herriihrt, war ein Berufen auf das eigene Geisteslicht
der Seele und das war zugleich ein entschiedenes Aufbaumen gegen
alles, was nicht aus der Seele, aus der eigenen Beobachtung der Seele
kommen wollte. Schone Worte riihren von dem Mani her und sind
das Leitmotiv seiner Anhanger zu alien Zeiten gewesen. Wir horen:
Ihr miiBt abstreifen alles dasjenige, was auBere Offenbarung ist, die
ihr auf sinnlichem Wege erhaltet! Ihr miiBt abstreifen alles, was auBere
Autoritat euch iiberliefert; dann miiBt ihr reif werden, die eigene Seele
anzuschauen!
Augustinus dagegen vertritt das Prinzip - in einem Gesprach, in
dem er sich zum Gegner jenes Manichaers Faustus macht — : Ich wurde
die Lehre Christi nicht annehmen, wenn sie nicht auf die Autoritat
der Kirche begriindet ware. - Der Manichaer Faustus sagt aber: Ihr
sollt auf Autoritat hin keine Lehre annehmen; wir wollen eine Lehre
nur annehmen in Freiheit. - Das ist das Aufbaumen des auf sich selbst
bauenden Geisteslichtes, das dann auch in der Faust-Sage in so scho-
ner Weise zum Ausdruck gebracht wurde.
Wir haben diesen Gegensatz auch in spateren Sagen im Mittelalter
einander gegeniibergestellt. Auf der einen Seite die Faust-, auf der
anderen Seite die Luther-Sage. Luther ist der Fortsetzer des autorita-
tiven Prinzips, Faust dagegen ist der, der sich aufbaamt, der sich auf
das innere Geisteslicht stiit2t. Wir haben die Luther-Sage: er wirft
dem Teufel das TintenfaB an den Kopf. Was sich ihm als Boses vor-
stellt, wird beiseitegestellt. Und auf der anderen Seite haben wir das
Biindnis des Faust mit dem Bosen. Es wird von dem Lichtreich der
Funke nach dem Reich der Finsternis gesandt, um eindringend in die
Finsternis, die Finsternis durch sich selbst zu erlosen, durch Milde das
Bose zu iiberwinden. Wenn Sie es in der Weise fassen, so werden Sie
auch sehen, daB dieser Manichaismus sehr wohl zurechtkommt mit
der Auffassung, die wir ausgesprochen haben, von dem Bosen.
Wie miissen wir uns das Zusammenwirken des Guten und des
Bosen vorstellen? Wir miissen es uns aus dem Zusammenklingen von
Leben und Form erklaren. Wodurch wird das Leben zur Form? Da-
durch, daB es einen Widerstand findet; daB es sich nicht auf einmal -
in einer Gestalt - zum Ausdruck bringt. Beachten Sie einmal, wie das
Leben in einer Pflanze, sagen wir der Lilie, von Form zu Form eilt.
Das Leben der Lilie hat eine Lilienform aufgebaut, ausgestaltet.
Wenn diese Form ausgestaltet ist, iiberwindet das Leben die Form,
geht in den Keim iiber, um spater als dasselbe Leben in einer neuen
Form wiedergeboren zu werden. Und so schreitet das Leben von Form
zu Form. Das Leben selbst ist gestaltlos und wiirde sich nicht in sich
selbst wahrnehmbar ausleben konnen. Das Leben der Lilie zum Bei-
spiel ist in der ersten Lilie, schreitet weiter zur zweiten, dritten, vier-
ten, fimften. Uberall ist dasselbe Leben, das in einer begrenzten Form
erscheint, webend ausgebreitet. DaB es in begrenzter Form erscheint,
das ist eine Hemmung dieses allgemein flutenden Lebens. Es wiirde
keine Form geben, wenn das Leben nicht gehemmt, wenn es nicht
aufgehalten wiirde in seiner nach alien Seiten hin stromenden Kraft.
Gerade von dem, was zuriickgeblieben ist, was ihm auf hoherer Stufe
stehend wie eine Fessel erscheint, gerade aus dem erwachst im groBen
Kosmos die Form.
Immer wird das, was das Leben ist, umfaBt als Form von dem, was
als Leben in einer friiheren Zeit vorhanden war. Beispiel: die katho-
lische Kirche. Das Leben, das in der katholischen Kirche lebt von
Augustinus bis ins 15. Jahrhundert, ist christliches Leben. Das Leben
darinnen ist Christentum. Immer wieder kommt dieses pulsierende
Leben heraus (Mystiker). Die Form, woher ist die Form? Die ist
nichts anderes als das Leben des alten romischen Reiches. Das, was
in diesem alten romischen Reich noch Leben war, ist erstarrt zur Form.
Was da zuerst Republik, dann Kaiserreich war, was da gelebt hat in
seinen auBeren Erscheinungen als romischer Staat, das hat sein zur
Form erstarrtes Leben abgegeben an das spatere Christentum bis hin
zur Hauptstadt, so wie eben friiher Rom die Hauptstadt des romi-
schen Weltreiches war. Sogar die romischen Provinzialbeamten sind
durch die Presbyter und Bischofe fortgesetzt worden. Was friiher
Leben war, wird spater Form fur eine hohere Stufe des Lebens.
Ist es nicht mit dem Menschen geradeso? Was ist das Menschen-
leben? Die manasische Befruchtung ist heute des Menschen inneres
Leben, das in der Mitte der lemurischen Zeit gepflanzt wurde. Die
Form ist das, was samenartig heriibergekommen ist aus der lunari-
schen Epoche. Damals, in der Mondenzeit, war kamische Entwicke-
lung das Leben des Menschen; jetzt ist sie die Hiille, die Form. Immer
ist das Leben einer vorhergehenden Epoche die Form einer spateren
Epoche. In dem Zusammenklingen von Form und Leben ist zugleich
das andere Problem gegeben: das des Guten und Bosen; dadurch,
daB das Gute einer friiheren Zeit vereint ist mit dem Guten einer neuen
Zeit. Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als eben das
Zusammenklingen des Fortschreitens mit seiner eigenen Hemmung.
Das ist zugleich die Moglichkeit des materiellen Erscheinens, die
Moglichkeit, zum offenbaren Dasein zu kommen. Das ist unser Men-
schendasein innerhalb der mineralisch-festen Erde: Innenleben und
das zuriickgebliebene Leben der friiheren Zeit zur hemmenden
Form verhartet. Das ist auch die Lehre des Manichaismus iiber das
Bose.
Wenn wir uns von diesem Gesichtspunkt aus weiter fragen: Was
will nun der Mani und was bedeutet sein Ausspruch, der Paraklet,
der Geist zu sein, der Sohn der Witwe? Nichts anderes bedeutet das,
als daB er vorbereiten will diejenige Zeit, in welcher in der sechsten
Wurzelrasse die Menschheit durch sich selbst, durch das eigene Seelen-
licht gefiihrt werden wird und iiberwinden wird die auBeren Formen,
sie umwandeln wird zu Geist.
Eine iiber das Rosenkreuzertum hiniibergreifende Stromung des
Geistes will Mani schaffen, eine Stromung, die weitergeht als die
Stromung der Rosenkreuzer. Diese Stromung des Mani strebt hin-
iiber bis zur sechsten Wurzelrasse, die seit der Begriindung des Chri-
stentums vorbereitet wird. Gerade in der sechsten Wurzelrasse wird
das Christentum erst in seiner vollen Gestalt zum Ausdruck kommen.
Dann erst wird es wirklich da sein. Das innere christliche Leben als
solches iiberwindet jegliche Form, es pflanzt sich durch das auBere
Christentum fort und lebt in alien Formen der verschiedenen Be-
kenntnisse. Wer christliches Leben sucht, wird es immer finden. Es
schafft Formen und zerbricht Formen in den verschiedenen Religions-
systemen. Nicht darauf kommt es an, die Gleichheit iiberall zu suchen
in den auBeren Ausdrucksformen, sondern den inneren Lebensstrom
zu empfinden, der iiberall unter der Oberflache da ist. Was aber noch
geschaffen werden muB, das ist eine Form fur das Leben der sechsten
Wurzelrasse. Die muB friiher geschaffen werden, denn sie muB da sein,
damit sich das christliche Leben hineingieBen kann. Diese Form muB
vorbereitet werden durch Menschen, die eine solche Organisation,
eine solche Form schaffen werden, damit das wahre christliche Leben
der sechsten Wurzelrasse darin Platz greifen kann. Und diese auBere
Gesellschaftsform muB entspringen aus der Mani-Intention, aus dem
Hauflein, das der Mani vorbereitet. Das muB die auBere Organisa-
tionsform sein, die Gemeinde, in der zuerst der christliche Funke wird
so recht Platz greifen konnen.
Daraus werden Sie entnehmen konnen, daB dieser Manichaismus
zunachst bestrebt sein wird, vor alien Dingen das auBere Leben rein
zu gestalten; denn es soil Menschen herbeifiihren, die ein geeignetes
GefaB in der Zukunft abgeben werden. Daher wurde auf unbedingte
reine Gesinnung und auf Reinheit ein so groBes Gewicht gelegt. Die
Katharer waren eine Sekte, die wie meteorartig auftrat im 12.Jahr-
hundert. Sie nannten sich so, weil Katharer die «Reinen» heiBt. Es
waren Menschen, die hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres morali-
schen Verhaltens rein sein sollten. Sie muBten die Katharsis innerlich
und auBerlich suchen, um eine reine Gemeinde zu bilden, die ein rei-
nes GefaB sein soil. Das ist es, was der Manichaismus anstrebt. Weni-
ger handelt es sich um die Pflege des innerlichen Lebens - das Leben
wird auch in anderer Weise fortfliefien -, sondern mehr um die Pflege
der auBeren Lebensform.
Nun werfen wir einen Blick auf das, was sein wird in der sechsten
Wurzelrasse. Da werden das Gute und das Bose einen weitaus anderen
Gegensatz noch bilden als heute. Was in der fiinften Runde fur die
ganze Menschheit eintreten wird, daB die auBere Physiognomie, die
sich jeder schafft, ein unmittelbarer Ausdruck dessen sein wird, was
Karma bis dahin aus dem Menschen geschaffen hat, das wird, wie ein
Vorklang zu diesem Zustand, in der sechsten Wurzelrasse innerhalb
des Geistigen eintreten. Bei denjenigen, bei denen das Karma einen
UberschuB an Bosem ergibt, wird innerhalb des Geistigen das Bose
ganz besonders hervortreten. Auf der einen Seite werden dann Men-
schen da sein von einer gewaltigen inneren Gute, von Genialitat an
Liebe und Gute; aber auf der anderen Seite wird auch das Gegenteil
da sein. Das Bose wird als Gesinnung ohne Deckmantel bei einer gro-
Ben Anzahl von Menschen vorhanden sein, nicht mehr bemantelt,
nicht mehr verborgen. Die Bosen werden sich des Bosen riihmen als
etwas besonders Wertvollem. Es dammert schon bei manchen genialen
Menschen etwas auf von einer gewissen Wollust an diesem Bosen, die-
sem Damonischen der sechsten Wurzelrasse. Nietzsches «blonde Be-
stie» ist zum Beispiel so ein Vorspuk davon.
Dieses rein Bose muB herausgeworfen werden aus dem Strom der
Weltentwickelung wie eine Schlacke. Es wird herausgestoBen werden
in die achte Sphare. Wir stehen heute unmittelbar vor einer Zeit, wo
eine bewuBte Auseinandersetzung mit dem Bosen durch die Guten
stattfinden wird.
Die sechste Wurzelrasse wird die Aufgabe haben, das Bose durch
Milde so weit als mogHch wieder einzubeziehen in den fortlaufenden
Strom der Entwickelung. Es wird dann eine Geistesstromung ent-
standen sein, welche dem Bosen nicht widerstrebt, trotzdem es in sei-
ner damonischsten Gestalt in der Welt auftreten wird. Verfestigt wird
sich haben in denen, die die Nachfolger der Sonne der Witwe sein
werden, das BewuBtsein, daB das Bose wieder einbezogen werden muB
in die Entwickelung, daB es aber nicht durch Kampf, sondern nur
durch Milde zu iiberwinden ist. Dieses kraftig vorzubereiten, das ist
die Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Sie wird nicht ab-
sterben, diese Geistesstromung, sie wird in mannigfaltigen Formen
auftreten. Sie tritt in Gestalten auf, die sich manche denken konnen,
die aber heute nicht ausgesprochen zu werden brauchen. Wiirde sie
sich lediglich auf die Pflege der inneren Gesinnung beziehen, so wiirde
diese Stromung nicht das erreichen, was sie soil. Sie mufi sich aus-
driicken in der Begriindung von Gemeinden, die vor alien Dingen
den Frieden, die Liebe, das Nichtwiderstreben dem Bosen [durch
Kampf] als das MaBgebende ansehen und zu verbreiten suchen. Denn
sie miissen ein GefaB, eine Form schaffen fur das Leben, das sich auch
ohne sie fortpflanzt.
Nun werden Sie begreifen, warum Augustinus, der bedeutendste
Geist der katholischen Kirche, der in. seinem «Gottesstaat» geradezu
die Form der Kirche ausbildete, die Form fiir die Gegenwart geschaf-
fen hat, warum er notwendigerweise der heftigste Gegner der Form
sein muBte, die die Zukunft vorbereitet. Da stehen sich zwei Pole
gegeniiber: Faustus und Augustinus. Augustinus, der auf die Kirche
baut, auf die gegenwartige Form; Faustus, der aus dem Menschen
heraus den Sinn fiir die Form der Zukunft vorbereiten will.
Das ist der Gegensatz, der sich entwickelt im 3. und 4. Jahrhun-
dert nach Christus. Er bleibt vorhanden und findet seinen Ausdruck
in dem Kampf der katholischen Kirche gegen die Tempelritter, Rosen-
kreuzer, Albigenser, Katharer und so weiter. Sie alle werden aus-
gerottet vom auBeren phyischen Plan, aber ihr Innenleben wirkt wei-
ter. Spater kommt der Gegensatz in abgeschwachter, aber immer noch
heftiger Form wieder zum Ausdruck in zwei Stromungen, herausge-
boren aus einer abendlandischen Kultur selbst, als Jesuitismus (Augu-
stinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Die auf der einen Seite
den Kampf fiihren, sind sich dessen alle bewuBt, die Katholiken und
Jesuiten der hoheren Grade; die aber auf der anderen Seite, die im
Geiste des Mani den Kampf fiihren, bei denen sind sich die wenigsten
dessen bewuBt, nur die Spitze der Bewegung ist sich dessen bewuBt.
So stehen sich in den spateren Jahrhunderten gegeniiber Jesuitis-
mus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Das sind die
Kinder der alten Geistesstromungen. Daher haben Sie sowohl im
Jesuitismus wie im Freimaurertum eine Fortsetzung derselben Zere-
monien bei den Einweihungen wie in den alten Stromungen. Die
Einweihung der Kirche im Jesuitismus hat die vier Grade: coadju-
tores temporales, scholares, coadjutores spirituales,professi. Die Grade
der Einweihung in der eigentlichen okkulten Freimaurerei sind ahn-
lich. Sie laufen einander parallel, verfolgen aber ganz verschiedene
Richtungen.*
Siehe unter Hinweise.
WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WISSENSCHAFT
Erster Vortrag
Berlin, 2. Dezember 1904
Heute mochte ich einen kurzen Einblick geben in verschiedene Riten
und Orden in der Freimaurerei, wie schon besprochen. Natiirlich kann
ich Ihnen nur das Allerwesentlichste der Freimaurerei mitteilen, weil
das Gebiet ein so umfassendes ist und so unendlich viel Unwesentliches
an der Sache daranhangt.
Die Grundlage fiir das ganze Freimaurertum haben wir ebenfalls in
der Tempellegende von Hiram-Abiff oder Adonhiram zu sehen,
von der ich Ihnen bereits bei Gelegenheit der Besprechung des Rosen-
kreuzerordens gesprochen habe. Das Ganze, was man Geheimnis und
Tendenz der Freimaurerei nennt, spricht sich in dieser Tempellegende
aus. Wir werden zu einer Art von Genesis, von Abstammungslehre
des Menschen gefiihrt. Lassen wir also die wesentlichen Ziige dieser
Tempellegende nochmals vor unserer Seele voriiberziehen.
Einer der Elohim verband sich mit Eva, und aus dieser Ehe eines
der gottlichen Schopfer mit Eva ging Kain hervor. Dann schuf ein
anderer Elohim - namlich Jehova oder Adonai - den Adam, welcher
vorzustellen ist als der urspriingliche Mensch unserer dritten Wurzel-
rasse. Dieser Adam verband sich nun mit Eva, und aus dieser Ehe
ging Abel hervor. So haben wir am Ursprung des Menschengeschlech-
tes zwei Ausgangspunkte: Kain, den direkten Sprossen eines der Elo-
him und Eva, und Abel, welcher sozusagen mit Hilfe eines gottlich
geschaffenen Menschen, des Adam, der eigentliche Jehova-Mensch ist.
Die ganze Auffassung, die der Schopfungsgeschichte der Tempel-
legende zugrunde liegt, geht davon aus, daB Jehova eine Art von
Feindschaft hat gegen alles, was von den anderen Elohim und ihren
Sprossen, den Feuersohnen, kommt - so nennt man in der Tempel-
legende die Nachkommen des Kain -, und daB er Unfrieden stiftete
zwischen Kain und seinem Geschlecht und Abel und seinem Ge-
schlecht. Die Folge davon war, daB Kain den Abel totete. Das ist die
Urfeindschaft, die besteht zwischen denen, die ihr Dasein als eine Art
von Gottergabe haben und denen, die alles selbst erarbeiten. DaB
Abel dem Gotte Jehova Tiere opfert, Kain aber Friichte der Erde,
das zeigt auch in der Bibel den Gegensatz zwischen dem Kainsge-
schlecht und dem Abelgeschlecht. Kain muB durch schwere Arbeit
der Erde die Friichte, dasjenige, was notwendig ist fiir den Menschen,
abringen, Abel nimmt das, was schon lebt, was schon vorbereitet ist
zum Leben. Kains Geschlecht schafft sozusagen aus dem Unlebendi-
gen das Lebendige. Abel nimmt das schon Lebendige, dem das Leben
schon eingehaucht ist. Das Abelopfer ist dem Gotte angenehm, Kains
Opfer aber nicht.
So sehen wir, daB in Kain und Abel zwei Menschheitsarten cha-
rakterisiert werden. Die eine Art ist die, welche das von Gott Zube-
reitete nimmt, die andere Art - die freie Menschheit - ist die, welche
den Erdengrund beackert und sich miiht, Lebendiges dem Unleben-
digen abzugewinnen. Als solche Kainssohne sehen sich diejenigen an,
die diese Tempellegende verstehen und im Sinne dieser Legende leben
wollen. Vom Geschlechte Kains stammen alle ab, welche die eigent-
lichen menschlichen Kiinste und Wissenschaften geschaffen haben:
Tubal-Kain, der eigentliche urspriingliche Baumeister und Gott der
Schmiede und Werkzeuge; und auch jener Hiram-AbifF oder Adon-
hiram, der Held der Tempellegende. Dieser Hiram wird berufen durch
Konig Salomo, der durch seine Weisheit beriihmt ist, also zum Ge-
schlecht der Abelkinder gehort, die ihre Weisheit als Gabe von Gott
eingefloBt bekommen haben. So haben wir am Hofe von Salomo den
Gegensatz wieder erneuert: Salomo der Weise und Hiram der freie
Arbeiter, der seine Weisheit sich menschlich erarbeitet hat.
Salomo beruft an seinen Hof Balkis, die Konigin von Saba, und als
sie am Hofe erscheint, erblickt sie in ihm etwas wie eine Statue, aus
Gold und Edelsteinen geschaffen. Wie von den Gottern der Mensch-
heit geschenkt, so erscheint er monumentartig der Konigin Balkis.
Als sie das groBe Werk, den salomonischen Tempel, bewundert, will
sie auch den Baumeister kennenlernen und lernt ihn auch kennen.
Durch einen bloBen Blick, den der Baumeister ihr zuwirft, lernt sie
den ganzen Wert von Hiram kennen. Salomo faBt sogleich eine Art
von Eifersucht auf Hiram. Diese steigert sich besonders, als Balkis,
die Konigin, verlangt, daB man ihr alle Arbeiter vorfiihre, welche
sich am Tempelbau beteiligt haben. Salomo erklart es fiir unmoglich;
Hiram dagegen gewahrt es. Er steigt auf einen Hiigel, macht das
mystische Tau-Zeichen und daraufhin stromen alle Arbeiter herbei.
Der Wille der Konigin ist erfiillt.
Salomo ist deshalb auch abgeneigt, den Verfolgern des Hiram zu
widerstreben, ihnen entgegenzutreten. Ein syrischer Maurer, ein pho-
nizischer Zimmermann und ein hebraischer Grubenarbeiter waren
Hiram feindlich gesonnen. Denn diese drei Gesellen konnten von
Hiram-Abiff durchaus nicht das Meisterwort erfahren. Das Meister-
wort ist dasjenige, was die Gesellen fahig gemacht hatte, wirklich
selbstandig zu bauen. Dieses Meisterwort ist ein Geheimnis, das nur
den Fahigen zuteil wurde. Sie faBten daher den EntschluB, ihm etwas
anzutun.
Die Gelegenheit dazu fand sich, als Hiram-Abiff sein Meisterstiick,
das Eherne Meer, gieBen wollte. Die Bewegung des Wassers sollte
in der Form festgehalten werden. Das bewegte Meer sollte lebendig,
kunstvoll festgehalten werden in der starren Form. Das ist das Wich-
tige. Die drei Gesellen hatten sich verabredet, am GuB etwas zu
machen, so daB er, statt in die Form zu rinnen, in der Umgebung
herum sich verbreitete. Hiram wollte daraufhin durch ZugieBen von
Wasser den FeuerguB aufhalten, wodurch aber das Metall in die Luft
spriihte und als Feuerregen unter furchtbarer Gewalt wieder herunter-
fiel. Hiram konnte da auch nichts machen. Aber plotzlich erscholl
eine Stimme: Hiram! Hiram! Hiram! - Diese Stimme forderte ihn auf,
sich in das Feuermeer zu stiirzen. Er tat es und sank immer tiefer,
bis zum Mittelpunkt der Erde, wo der Ursprung des Feuers ist. Da
traf er zwei Gestalten an: den Stammvater Tubal-Kain und Kain
selbst. Kain war bestrahlt von den Strahlen Luzifers, des Licht-
engels. Nun iibergab Tubal-Kain dem Hiram seinen Hammer, der die
Zauberkraft hatte, alles wieder herzustellen, und sagte zu ihm: Du
wirst einen Sohn haben, der wird ein Volk von Wissenden um sich
haben, und du wirst Stammvater sein derer, die aus dem Feuer kom-
men, das weisheitsvoll und gedankenvoll macht. - Das Eherne Meer
wurde nun durch den Hammer wieder hergestellt.
Hiram hatte dann die Konigin Balkis wieder vor der Stadt getrof-
fen. Sie wurde seine Gemahlin, aber er konnte die Eifersucht Salo-
mos und die Rache der drei Gesellen nicht bannen. Die drei Gesellen
erschlugen inn. Nur das Dreieck, auf dem das Meisterwort eingegra-
ben war, konnte er noch retten, indem er es in einen tiefen Brunnen
versenkte. Dann wurde er begraben und auf seinem Grabe ein Aka-
zienzweig gepflanzt. Der Akazienzweig verriet das Grab dem Salomo.
Man fand auch das Dreieck. Es wurde verschlossen und vergraben.
Nur wenige (27) wissen den Ort. [Es wurde verabredet:] Das erste
Wort, das nach der Auffindung des Leichnams falle, sollte das neue
Meisterwort sein. Das neue Meisterwort ist dasjenige, welches das der
Freimaurer geworden ist. Sie fiihren ihren Ursprung mit einem gewis-
sen Recht auf diese Tempellegende zuriick, auf jene alten Tage, in de-
nen der Konig Salomo den Tempel auferbauthat als bleibendes Denk-
mal dessen, was das Geheimnis der fiinften Wurzelrasse darstellt.
Nun miissen wir verstehen, was in der Freimaurerei fur die Mensch-
heit erworben, gelernt werden kann. Das ist nicht so leicht. Mancher,
der etwas von den komplizierten Einweihungsriten der Freimaurerei
erfahrt, mag sich fragen: Ist das nicht etwas ungemein Triviales und
Lappalienhaftes, was da als Einweihungszeremonie vorgeht?
Ich will Ihnen jetzt das am Aufnahmeritus bei der Johannesmaure-
rei vorfiihren. Denken Sie sich, es hatte sich jemand entschlossen,
Johannesmaurer zu werden. Es gibt da drei Grade: Lehrling, Geselle
und Meister. Nach diesen drei Graden beginnen die hoheren Grade,
welche in die okkulten Erkenntnisse hineinfiihren. Ich will Ihnen nun
schildern, wie jemand in den Lehrlingsgrad aufgenommen wird. Wenn
er zum ersten Mai in den Freimaurertempel gefiihrt wird, dann wird
er von dem Bruder Aufseher zunachst in ein dunkles, finsteres Ge-
mach gefiihrt. Da wird er einige Minuten allein gelassen, wo er sich
seinen Gedanken zu iiberlassen hat. Dann werden ihm alle metallenen
Gegenstande, was er an Gold, Silber und anderen Metallen bei sich
hat, abgenommen, am Knie das Kleid aufgerissen, dann am linken
FuB der Absatz abgetreten. In diesem Zustande wird er in ein ande-
res Gemach, zu den versammelten Briidern gefiihrt. Dann wird ihm
eine Schnur um den Hals gehangt und, nachdem ihm seine Brust ent-
bloBt worden ist, wird ihm ein gezucktes Schwert vor die Brust ge-
halten. In diesem Zustande tritt er vor den Meister. Der Meister fragt
inn, ob er noch dabei beharren will, aufgenommen zu werden. Dann
wird er noch in ernster Weise ermahnt, und in der weiteren Vorbe-
reitung wird ihm die Bedeutung des Absatzabtretens erklart und so
weiter. Drei Dinge soil er abstreifen. Hat er diese drei Dinge an sich,
so kann er niemals Freimaurer werden. Es wird ihm gesagt: Hast du
irgendeinen Grad von Neugierde auf etwas, so verlasse sofort das
Haus. Als zweites wird ihm gesagt: Scheust du dich, alle deine Fehler
und Mangel zu erkennen, so verlasse sofort das Haus. Und als drittes
wird ihm gesagt: Kannst du dich nicht aufschwingen dazu, iiber alle
Ungleichheit der Menschen hinwegzuschauen, so verlasse sofort das
Haus. Diese drei Dinge werden von jedem auf das strengste gefordert.
Dann wird ihm eine Art von Rahmen vorgehalten, durch den er
durchgeworfen wird, gleichzeitig wird ein unangenehmes Gerausch
erzeugt, so daB er mit recht schlimmen Gefiihlen durch den Rahmen
durchsegelt. Dabei wird ihm zugerufen, daB er in die Holle fallt. In
dem Augenblicke, wo er niederfallt, wird eine Falltiir zugeworfen, so
daB er die Suggestion hat, als wenn er in einer ganz merkwiirdigen
Umgebung ware. Es wird ihm dann eine kleine Einritzung in die
Haut gemacht, so daB Blut herausflieBt, gleichzeitig werden gurgelnde
Laute von den Umstehenden produziert, so daB er die Meinung be-
kommt, als ob er viel Blut verliere. Dann kommen drei Hammer-
schlage des Meisters. Was er nun innerhalb der Loge nach diesem
Zeitpunkte hort, muB er in strengster Weise als Geheimnis betrachten.
Wiirde er etwas davon verraten, wiirde sich seine Zugehorigkeit zur
Freimaurerei so verwandeln wie der Trunk, der ihm gereicht wird:
suB von einer Seite, bitter von der anderen. Der Trunk ist in einem
kunstvollen GefaB, so daB er einerseits suB und durch Drehung des
GefaBes bitter werden kann. Das soil symbolisieren, wie die Wirkung
des Verrates fur ihn werden kann.
Nachdem dies geschehen ist, wird er in einen Raum, der nur spar-
lich erhellt wird, vor eine Treppe gefiihrt. Diese Treppe ist so einge-
richtet, daB sie sich bewegt, so daB man glaubt, recht tief hinunterge-
stiegen zu sein, wahrend man in Wirklichkeit nur wenig hinunterge-
stiegen ist. Ebenso ist es, wenn er fallt. Er fallt nur wenig, glaubt
aber, in einen tiefen Brunnen gefallen zu sein. Wenn er da ist, wird
ihm angezeigt, daB das eine wichtige Etappe fur ihn ist. AuBerdem
wurden ihm vor der Treppe seine Augen verbunden. Dann werden
zu dem Bruder Aufseher die Worte gesprochen: Bruder Aufseher,
findest du den Bewerber wurdig, in die Freimaurerei einzutreten? -
Wenn er bejaht, so wird er gefragt: Was erwartest du von dem Ein-
tritt fur ihn? Er hat zu antworten: Licht! - Dann wird dem Kandi-
daten die Binde abgenommen und er befindet sich in einem erhellten
Raum. Nun kommt die Grundfrage: Kennst du deinen Meister? Er
antwortet: Ja, er hat eine gelbe Jacke und eine blaue Hose. - Mit der
blauen Hose ist die Stellung gemeint. Dann erhalt er die drei Signatu-
ren der Lehrlingschaft: Zeichen, Griff und Wort. Das Zeichen ist ein
Symbol, in ahnlicher Weise wie die okkulten Zeichen... [Lucke]. Der
Griff besteht darin, daB ihm der besondere Handgriff gezeigt wird,
mit dem er die Menschen zu begriiBen hat. Die Griffe sind anders
beim Gesellen und anders beim Meister. Das Wort ist auch je nach
dem Grad verschieden. Es kommt mir nicht zu, die «Worte» zu sagen.
Dann ist der Betreffende zur Lehrlingschaft zugelassen. Beim Ein-
tritt wird er noch gefragt: Wie alt bist du? Er antwortet: Noch nicht
sieben Jahre. - Er muB noch sieben Jahre der Lehrlingschaft durch-
machen, und dann geht es weiter zum Gesellengrad.
Wenn jemand so weit ist, daB er zur Meisterschaft aufriicken kann,
dann ist die Einweihung etwas schwieriger. Das Wesentliche besteht
aber darin, daB das, was in der Tempellegende enthalten ist, an dem
Betreffenden wirklich vollzogen wird. Wer ein Meister werden will,
wird in eines der Gemacher der Loge gefuhrt, wo er sich in einen
Sarg legen und das Schicksal des Baumeisters Hiram durchzumachen
hat. Dann werden ihm Zeichen, Griff und Wort mitgeteilt. Als Wort
dasjenige Wort, das bei der Auffindung des Leichnams des Hiram als
Meisterwort gesprochen worden ist. Die Erkennungszeichen bei dem
Meister sind ungeheuer kompliziert. Das Erkennen geschieht durch
viele Formen und Bewegungen.
Die Freimaurermeister nennen sich «Kinder der Witwe». So leitet
sich diese Gemeinschaft der Meister unmittelbar von den Manichaern
ab. Ich werde noch zu sprechen haben iiber den Zusammenhang des
Manichaertums mit den Freimaurern.
Die Aufgabe der Freimaurerei hangt mit der Aufgabe unserer gan-
zen fiinften Wurzelrasse zusammen. Nun konnen Sie natiirlich von
dem Standpunkte eines heutigen rationalistischen Menschen alles, was
ich iiber die Einweihung eines Lehrlings gesagt habe, die verschiede-
nen Handlungen und Zeremonien wie Firlefanz, Maskerade und Ko-
modie auffassen. Aber das ist es nicht. Alle Dinge, die ich gesagt habe,
sind Vorgange, auBerlich-symbolisch, aber in einer gewissen Bezie-
hung Abbilder von alten okkulten Vorgangen, die sich in den Myste-
rien vollzogen haben, und zwar direkt auf dem astralen Plan. Solche
Vorgange also, wie sie sich symbolisch bei den Freimaurern voll-
ziehen, vollziehen sich in den Mysterientempeln auf dem astrali-
schen Plan. Auch die Meistereinweihung, das Hineinlegen in den
Sarg und so weiter, ist tatsachlich etwas, was sich auf dem hoheren
Plane abspielt. Das vollzieht sich aber in der Freimaurerei bloB
symbolisch.
Man kann nun fragen: Wozu denn das? - Der Freimaurer soil sich
bewuBt sein, daB auf dem physischen Plane so gearbeitet werden soil,
daB man den Zusammenhang mit den hoheren Welten aufrecht erhalt.
Es ist ein Unterschied, ob Sie in einer Gemeinschaft sind, die etwas
gibt auf Symbole, die zu einer hoheren Gemeinschaft fiihren, oder ...
[Liicke]. Der Maurer hat vielleicht keine anderen Gedanken als der
gewohnliche Mensch, aber der Maurer hat andere Gefiihle. Das Ge-
fiihl ist mit den symbolischen Vorgangen verbunden, und es ist nicht
gleichgultig, ob eine solche Empfindung, ein solches Gefiihl hervor-
gerufen wird oder nicht, weil sie einem gewissen Rhythmus auf dem
astralen Plan entspricht.
Der Sinn der ersten Handlung - Abnehmen der metallenen Ge-
genstande - ist: Der Mensch soil nichts an sich haben, was er nicht
selbst erarbeitet hat. Eine Empfindung davon zu haben, ist wichtig
und wesentlich fiir denjenigen, der schon auf das Bedeutungsvolle
der Symbolik aufmerksam gemacht wurde. Er soil auch eine bleibende
Erinnerung an das ZerreiBen der Beinkleider am Knie haben. Er soil
daran denken, daB er sich so ins Leben hineinstellen soil, als wenn er
ganz nackend vor die Menschheit hintreten sollte. Ebenso soil das Ab-
treten des Absatzes, der Ferse, ihn bleibend daran erinnern, daB - ob-
gleich er stark sein wird in der Maurerei - er doch noch eine Achilles-
ferse hat. Alle folgenden Handlungen haben im Grunde genommen
eine solche Bedeutung, vor alien Dingen im Zusammenhang mit jenem
unheimlichen Gefiihl, das hervorgerufen wird, wenn auf die Brust ein
scharf geschliffenes kaltes Schwert gehalten wird. Das ist ein Gefiihl,
welches durch langere Zeit hindurch sich zu einer Suggestion ver-
dichtet, so daB er sich in wichtigen Momenten erinnert, daB er eine
Art von Kaltbliitigkeit haben soil. Kaltbliitigkeit soil dadurch sugge-
riert werden. Die voile Verantwortung iibernehmen fur das, was man
tut, soil dadurch symbolisiert werden, daB man ihm eine Schnur um
den Hals legt, die immer zusammengezogen werden kann. Die Gei-
stesgegenwart soil suggeriert werden dadurch, daB diese Prozeduren
mit Falltiiren, mit Treppen und so weiter hervorgerufen werden. Das
sind gewisse Vorgange, die in den Mysterien aber vollig anders voll-
zogen werden, weil sie sich im Astralraum vollziehen.
Der Lehrling muB dann einen Eid leisten. Alles ist dabei schauer-
lich, finster, der Raum nur mit einigen Flammchen beleuchtet. Diesen
Eid bitte ich, in seiner ganzen Tragweite sich vorzuhalten: «Ich
schwore, daB ich nichts dem Worte, dem Zeichen, dem Griffe nach
jemals verraten werde von dem, was mir von diesem Zeitpunkt ab
innerhalb dieser Loge mitgeteilt wird. Sollte ich etwas verraten, so
gestatte ich jedem der Briider, der etwas davon erfahrt, mir die Kehle
durchzuschneiden und die Zunge herauszureiBen.» Das ist der Schwur,
den die Lehrlinge leisten. Noch furchtbarer ist der Gesellenschwur,
der gestattet, die Brust aufzuschneiden, das Herz herauszureiBen und
den Vogeln vorzuwerfen. - Der Schwur des Meisters ist so schauer-
lich, daB er nicht wiederholt werden kann.
Diese Dinge sind dazu da, um einen gewissen Rhythmus von Emp-
findungen im Astralkorper hervorzurufen. Das hat dann zur Folge,
daB der Geist des Menschen in einer bestimmten intuitiven Weise be-
einfluBt wird. Diese Beeinflussung des Geistes in intuitiver Weise war
in alten Zeiten - die Freimaurerei ist wirklich uralt - der eigentliche
Zweck der freimaurerischen Einweihung.
Die Freimaurer waren in alten Zeiten wirklich Maurer. Sie verrich-
teten alles das, was zur Maurerei gehort. Sie waren die Tempelbauer,
die Erbauer der offentlichen Gebaude in Griechenland. In Griechen-
land nannte man sie Dionysiacs. Das waren diejenigen, die im Dienste
des Dionysos Tempel und offentliche Gebaude bauten. In Agypten
waren es die Pyramidenerbauer, im alten romischen Reich die Erbauer
von Stadten. Im Mittelalter waren es die Erbauer von Domen und
Kathedralen. Sie bauten vom 13. Jahrhundert ab auch unabhangig von
der Geistlichkeit. Seit jener Zeit kam dann erst der Ausdruck Frei-
maurer auf. Vorher waren sie im Dienste der religiosen Gemein-
schaften. Sie waren eigentlich die Baumeister.
Gehen wir von dem Gedanken aus, daB sie die Erbauer der Pyra-
miden, der Mysterientempel, die Erbauer der Kirchen waren. Nun
werden Sie sich leicht iiberzeugen konnen - namentlich wenn Sie
Vitruv lesen -, daB die Art und Weise, wie man ehedem die Bau-
kunst studierte, ganz verschieden war von der unsrigen. Man studierte
nicht wie heute, so daB man die Dinge berechnete, sondern was man
iibermittelt erhielt, waren bestimmte Intuitionen, die durch Symbole
ausgedriickt waren. Wenn Sie im «Luzifer» nachlesen, wie die Lemu-
rier bauten, wie sie es im Griff hatten, dann bekommen Sie eine
Ahnung davon, wie damals gebaut wurde. Wie in alten Zeiten gebaut
worden ist, das kann man heute nicht mehr nachmachen. Staunend
und bewundernd stehen wir vor chinesischen Bauten, vor Bauten
der Babylonier und Assyrer, und wissen doch, daB sie die Mathematik
unserer Zeit nicht gekannt haben. Wir haben das wunderbare Werk
der Ingenieurkunst in dem Morissee in Agypten; ein See, der gebaut
worden ist, um das Wasser aufzufangen und wenn man es brauchte,
durch kiinstliche Kanale iiber das Land hinzuleiten. Er ist nicht mit
unserer heutigen Ingenieurkunst gebaut worden. Auch die wunder-
bare Akustik, die in die alten Bauten hineingebaut worden ist, konnte
man ausfiihren in einer Weise, wie die heutige Baukunst es noch
nicht wieder kann. Man konnte also auf intuitive, nicht nur rationell-
verstandesmaBige Art bauen.
Diese ganze Art der Baukunst stand in einem Verhaltnis zu der
Erkenntnis des ganzen Weltalls. Wenn Sie die agyptischen Pyramiden
in ihren Abmessungen nehmen, so stehen sie in Zusammenhang mit
gewissen Abmessungen des Himmelsraums, Sternenentfernungen im
Himmelsraum. Die ganze Konfiguration des Himmelsraumes wurde
nachgebildet in solchen Gebauden. Es war ein Zusammenhang des
einzelnen Baues mit dem Himmelsdom. Jenen geheimnisvollen Rhyth-
mus, der sich im Sternenanblick darbietet, wenn wir nicht bloB mit
sinnlichen Augen sehen, sondern mit dem intuitiven Blick, der sich
den hoheren Verhaltnissen, den rhythmischen Verhaltnissen eroffnet,
den bauten die urspriinglichen Baumeister in ihre Bauten hinein, weil
sie aus dem Weltenall heraus bauten.
Diese Art und Weise der Baukunst wurde damals vermittelt, so
ahnlich wie in gewissen wilden Volkern man heute noch einen ganz
anderen Unterricht erhalt in arztlicher Kunst, als der unsrige ist.
Unser Unterricht ist Verstandesunterricht. Bei den wilden Volker-
schaften wird der Arzt nicht so ausgebildet wie bei uns, sondern da-
durch, daB bestimmte okkulte Krafte bei ihm ausgebildet werden.
Er muB sich einer korperlichen Zucht unterwerfen, die fur nervose
und wehleidige Menschen unserer Kultur sich wie etwas Schauderhaf-
tes ausnimmt. Sie erzieht in ihm Unempfindlichkeit fur Lust und
Schmerz, und wer unempfindlich ist gegeniiber diesen, der hat zu-
gleich okkulte Krafte in sich entwickelt. Die urspriingliche GroBe in
der Ausbildung des Astralkorpers war imstande, zu jener groBen
Kraft hinzufiihren, die man als die eigentliche konigliche Kunst be-
zeichnet hat, die schon den groBen Symbolen der Himmelsabmessung
entnommen ist.
So bekommen Sie einen Begriff von dem, was Freimaurerei war,
und Sie werden einsehen, daB sie entwachsen muBte ihrer eigentlichen
Aufgabe. Sie hat ihre Bedeutung verlieren miissen in dem MaBe, als
die Welt rationalistisch wurde. Ihre Bedeutung hat sie gehabt in der
Zeit, als die vierte Unterrasse noch entwickelt wurde. Die fiinfte
Unterrasse brachte es mit sich, daB die Maurerei ihre Bedeutung ver-
lor. Jetzt sind die Freimaurer nicht mehr Maurer. Alle konnen jetzt
aufgenommen werden. Fur die Okkultisten haben die Symbole eine
reale Bedeutung. Ein Symbol, das bloB Symbol, bloB Abbild ist, hat
keine Bedeutung; nur ein solches, das Wirklichkeit werden kann, in
Kraft iibergehen kann. Wenn ein Symbol auf den Geistesmenschen
so wirkt, da6 dadurch intuitive Krafte freiwerden, so ist es ein wirk-
liches Symbol. Heute sagen die Maurer, wir haben Symbole, die be-
deuten das und das. Ein okkultes Symbol ist aber ein solches, das den
Willen des Menschen ergreift und in den Astralkorper iibergeht. In
dem MaBe, wie unsere Kultur eine Verstandeskultur geworden ist,
verlor die Freimaurerei ihre Bedeutung.
Von Beziehungen 2um Manichaismus ... [Liicke]. Dann gibt es
noch die Hochgrade, die bis zu neunzig, bis zu sechsundneunzig Gra-
den gehen, die erst beim vierten Grad beginnen. Von den drei unteren
hat sich die Bedeutung allmahlich zuriickgezogen in die hoheren
Grade. Etwas wie eine Art von Bodensatz ist geblieben in dem, was
man den «Royal Arch» nennt, den es auch heute noch in der Frei-
maurerei gibt. Uber diese Lichtseiten und einige Schattenseiten wollen
wir dann noch sprechen.
WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WIS SENS CH AFT
Zweiter Vortrag
Berlin, 9. Dezember 1904
Letztes Mai habe ich iiber Freimaurerei gesprochen und mochte auch
heute etwas dariiber sagen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB
ich in einem etwas anderen Falle bin als gegeniiber den anderen Ma-
terien, die wir abgehandelt haben und die ich noch abhandeln werde,
weil ich eigentlich nur iiber dasjenige zu sprechen pflege, woriiber
ich ein irgendwie geartetes Wissen eigener Natur habe; wahrend ich
hier von vornherein betonen muB, daB ich als Nichtfreimaurer iiber
die Freimaurerei allein vom theosophischen Standpunkte sprechen
kann, und daB in Wahrheit iiber dasjenige, was Freimaurerei wirklich
ist, ein Freimaurer sprechen miiBte. Er wiirde es ja nicht tun; aber das
ist aus anderen Griinden nicht gut moglich zu erortern. Gleichzeitig
bitte ich, die Dinge, die ich ausspreche, mit Reserve aufzunehmen.
Wenn ich sagte, daB iiber die Freimaurerei in ihrem innersten Wesen
nur ein Freimaurer sprechen konnte, so bitte ich zu beriicksichtigen,
daB es wahrscheinlich trotz alledem einen solchen Freimaurer auf dem
europaischen Kontinent gar nicht gibt. Das mag Ihnen etwas sonder-
bar erscheinen, aber es ist so. Die Freimaurerei ist schon seit dem
18. Jahrhundert in einem ganz eigentiimlichen Stadium, und alles, was
ich das letzte Mai erzahlt habe, bitte ich so aufzufassen, daB wahr-
scheinlich die Dinge sich so verhalten wiirden, wenn die Freimaurerei
noch so ware wie im 16., 17. Jahrhundert. Da dies aber nicht der Fall
ist, so ist die Freimaurerei sozusagen nur eine Art Hiilse, zu der der
richtige Inhalt fehlt. Sie ist zu vergleichen mit einer versteinerten
Pflanze, die eigentlich nicht mehr dasjenige ist, was die Pflanze bildet,
sondern nur eine Art Schale oder Kruste, die von etwas anderem ge-
bildet wird.
Die gewohnliche, sogenannte Johannesmaurerei kommt fiir das,
was wir zu besprechen haben, gar nicht in Betracht, denn diese
Johannesmaurerei mit ihren drei Graden - Lehrling, Geselle und
Meister - hat ihren Anfang genommen durch die Charta in Koln im
Jahre 1535. Sie ist eigentlich im Grunde genommen heute nichts ande-
res als eine Vereinigung zur gegenseitigen Anregung in bezug auf
etwas hohere Bildung und Schulung, eine Vereinigung dafiir, daB sich
die Mitglieder gegenseitig stutzen und anregen. Allerdings sind diese
drei ersten Grade sozusagen nur noch iibriggebliebene Reste der ur-
spriinglichen drei Freimaurergrade. Und wenn es heute noch ge-
schehen wiirde wie friiher - es geschieht nicht -, so wiirden Lehrling,
Geselle und Meister so eingeweiht werden, wie ich es das letzte Mai
beschrieben habe. Vorschrift ist es durchaus, daB sie so eingeweiht
werden. Aber nur ein kleiner Teil weiB, daB diese Vorschriften be-
stehen, und ein noch kleinerer Teil weiB die Bedeutung dieser Vor-
schriften. Alles das, was ich gesagt habe iiber die Wirkung der Zere-
monien auf der Astralebene ist etwas, was der Johannesmaurerei
absolut unklar ist.
Nun haben sowohl die groBbritannischen wie auch die deutschen
Johanneslogen diese drei Grade, die ich genannt habe. Und sie sind
eigentlich alle in dem Zustande, den ich eben beschrieben habe. Aber
es ist doch eine Moglichkeit vorhanden, schon innerhalb dieser drei
Grade, einfach dadurch, daB die Symbole da sind, sozusagen auf den
Grund der tieferen Weisheit zu sehen. Ein Beweis dafiir mag Ihnen
sein, daB ein Maurer, den Sie dem Namen nach sehr gut kennen, in
einer Weise auch zu seinen Logenbriidern gesprochen hat, die im
Grunde genommen den Keim von seinem theosophischen BewuBt-
sein zeigt; daB er in gewissem Sinn theosophische Worte gesprochen
hat, die er aber doch anwenden konnte in der damaligen Zeit in einer
Freimaurerloge. Dieser Maurer ist Goethe.
Sie werden als Theosophen sogleich etwas ungeheuer Verwandtes
finden, wenn ich Ihnen zwei Strophen aus dem Freimaurergedicht
lese, das bestimmt war fiir seine Logenbriider:
Doch rufen von driiben
Die Stimmen der Geister
Die Stimmen der Meister :
Versaumt nicht zu iiben
Die Krafte des Guten.
Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fiille,
Die Tatigen lohnen!
Wir heiBen euch hoffen.
Da spricht Goethe von den Meistern und er spricht das innerhalb
der Loge, weil er - trotzdem er weiB, daB die, die um ihn sitzen in
der Loge, keine Ahnung haben von der Tiefe der Worte -, weil er
doch auch weiB, daB durch das Milieu, das eine Freimaurerloge hat,
durch die Umgebung von Symbolen, Schwingungen erzeugt werden,
die auf den Astralkorper wirken, und daB sie dadurch doch eine ge-
wisse Wirkung haben. Das ist etwas, auf das auch heute noch diejeni-
gen bauen, welche wissen, daB im BewuBtsein der Maurer sehr wenig
davon vorhanden ist.
Etwas mehr BewuBtsein haben diejenigen, die iiber die ersten drei
Grade hinaus zu den hoheren Graden gefiihrt werden. Der erste dieser
Grade ist der Grad der koniglichen Kunst, der Royal Arch-Grad.
Dieser Grad ist dadurch charakterisiert, daB das betreffende «Kapitel»
oder die «Vereinigung» schon eine ganz bestimmte Organisation hat,
schon mit einer tieferen Bedeutung erfiillt ist. In diesem Grad konnen
namlich in den Versammlungen, namentlich in denjenigen, wo ein
Neuer in die Geheimnisse eingeweiht werden soil, niemals mehr als
zwolf sogenannte Genossen anwesend sein; so daB sie wirklich - in der
Art, wie das bei okkulten Bruderschaften der Fall ist - etwas repra-
sentieren, was nicht sie selbst sind, sondern etwas, was geheimnisvoll
unter ihnen lebt. Sie sollen nicht Personen sein, sondern Eigenschaften
reprasentieren.
Den Ersten, der dasjenige reprasentiert, was das Wichtigste im
Kreise der Zwolf sein soil, nennt man Zerubabel. Er ist ein Fiihrer
gleich der Sonne. Von ihm strahlt das Licht aus, das auf die anderen
iibergehen soil. Er muB der Kliigste sein und sollte auch einigermaBen
in das Wesen und die Bedeutung der geheimen Wissenschaften einge-
fiihrt sein. Bei den heutigen Kreierungen in den Royal Arch-Grad ist
das selten der Fall. Ich erzahle also eigentlich den Idealfall, der in
hochst seltenen Fallen - wenn geeignete Leute da sind - eintreten
kann.
Dann schlieBen sich die zwei nachsten Genossen an: der Hohe-
priester Jeschua und der Prophet Haggai, die zusammen mit Zeruba-
bel den GroBrat bilden. Dann kommen der erste und der zweite
Hauptgast, dann die beiden Schreiber Esra und Nehemia. Der nachste
ist dann der Ziegeidecker oder LogenschlieBer, und dann kommen
die sogenannten minderen Gaste. Nicht mehr als zwolf konnen es
iiberhaupt sein. Diese Zwolf stellen die zwolf Zeichen des Tierkreises
dar. Das Ganze soil darstellen ein Abbild des Ganges der Sonne durch
die zwolf Zeichen des Tierkreises. Das erinnert schon an das, was ich
Ihnen geschildert habe, daB die Maurer ausgegangen sind von der
Nachbildung astronomischer Weltgesetze in einzelnen Bauten, im
Dom, in Kathedralen und so weiter.
Der Zusammenkunftsort - wobei es wiederum nicht immer so sein
muB - ist ein viereckiger Raum, iiberwolbt von einem Gewolbe,
welches blau ist und mit Sternen bedeckt, eine Art Sternenraum wirk-
lich darstellt. Die Aufstellung der Teilnehmer bei der Zeremonie muB
eine ganz bestimmte sein. Die zuletzt Eingetretenen, die Neophyten,
stehen im Norden, weil sie die Warme noch nicht vertragen konnen.
Im Osten steht Zerubabel. Im Westen stehen der Hohepriester Jeschua
und der Prophet Haggai. Und im Siiden stehen sie so, daB sie ein Seil
um sich geschlungen haben; jeder hat dreimal das Seil um sich ge-
schlungen. Es sind drei bis vier Dezimeter Abstand, dann wird das
Seil um den nachsten geschlungen und so weiter.
Derjenige, der eingefiihrt wird in diesen vierten Grad der Maurerei,
der der erste der hoheren Grade ist und in manchen Gegenden
heute noch einen Begriff gibt von dem, was die Tempellegende wirk-
lich bedeutet, der muB drei Vorhange passieren. Bei jedem der drei
Vorhange wird ihm eines der Geheimnisse mitgeteilt. Es wird dabei
auch immer der geheime Sinn bestimmter Verse aus den Biichern
Mosis mitgeteilt. Dann, wenn er die drei Vorhange passiert hat, wird
ihm mitgeteilt das Geheimnis des Tau-Zeichens, und dann wird ihm
das sogenannte heilige Wort, das Meisterwort, gesagt, an dem sich die
betreffenden Mitglieder des vierten Grades erkennen. Es wird ihm
dann vor alien Dingen im ersten Unterricht klargemacht, wie alt die
Freimaurerei ist. Das erfahren die Johannesmaurer gewohnlich nicht,
oder wenn sie es horen, haben sie nicht das geringste Verstandnis
fur so etwas. Es wird namlich die Geschichte der Maurerei in der
folgenden Weise erzahlt: Der erste wirkliche Maurer war Adam, der
erste Mensch, der, als er aus dem Paradies gestoBen wurde, eine auBer-
ordentliche Kenntnis der Geometrie besaB und der erste Maurer des-
halb war, weil er als erster Mensch unmittelbar von dem Licht ab-
stammt. Der eigentliche, tiefere Ursprung liegt aber iiberhaupt vor der
Entstehung der Menschen. Der Ursprung liegt im Lichte, und das
Licht geht der Menschheit voran.
Das ist auBerordentlich tief und weist fiir den, der es verstehen
kann, auf dasjenige, was die theosophische Weisheit wieder eroffnet
hat, indem sie die Entstehung des Irdischen durch die zwei ersten
Wurzelrassen bis zur dritten schildert. Wer nun in der Maurerei dieses
aufnimmt, nimmt etwas ungeheuer Bedeutungsvolles in sich auf. Aber
bei den wenigsten ist das der Fall, weil die Maurerei heute sozusagen
entartet ist. Das kommt davon her, daB man schon vom 16. Jahrhun-
dert an wenig verstand von der eigentlichen Bedeutung der Maurerei,
namlich davon, daB ein Tempel so gebaut sein soil, daB seine Abmes-
sungen eine Nachbildung groBer himmlischer Verhaltnisse sind, daB
ein Dom so gebaut sein soil, daB er in seiner Akustik etwas wiedergibt
von der Spharenharmonie, wodurch die Akustik gerade kommt.
Von dieser urspriinglichen Schau hat man allmahlich das BewuBt-
sein verloren. So kam es, daB in der ersten Halfte des 18.Jahrhun-
derts, als in England Desaguliers die Maurerei wieder vereinigte, man
kein rechtes BewuBtsein davon hatte, daB das Wort wortlich zu neh-
men ist, daB es sich wirklich um Werkmaurerei handelt, daB ein Mau-
rer wirklich derjenige war, der nach den Himmelsgesetzen bauen
konnte Kirchen und Tempel und hohere Gebaude, denen er nicht
irdische, sondern himmlische Verhaltnisse einfiigte.
Diese intuitive Schau und Wiedergabe in der Maurerei ging ver-
loren; das BewuBtsein davon, daB es etwas anderes ist, in einem Hause
zu sprechen, das die Sprache in einer ganz bestimmten Weise akustisch
zuriickwirft und dadurch anders wirkt, ging verloren. Diejenigen,
welche die groBen Dome im Mittelalter gebaut haben, das waren die
groBen Freimaurer. Sie waren sich dessen bewuBt, daB es davon ab-
hangt, daB das Wort, das der Priester spricht, in der richtigen Weise
von den einzelnen Wanden zuriickgeworfen wird, daB dadurch die
ganze Gemeinde in einem Lautmeer lebte, das in sinn- und bedeu-
tungsvollen Schwingungen wogte, die eine noch groBere Bedeutung
hatten fur den Astralkorper als fur das physische Ohr. Das ist alles
verlorengegangen und mufite in der neuen Zeit verlorengehen. Das ist
der Sinn dessen, wenn ich sagte, daB heute nur noch eine Hiilse vor-
handen ist von dem, was die Freimaurerei friiher bedeutete.
AuBer diesen Johannesgraden existieren auch noch die Hochgrade.
Und zwar haben namentlich die groBeren Gemeinschaften von GroB-
britannien, Amerika, Italien, Agypten und im Orient - namentlich
diejenigen, welche man die orientalische Maurerei, die Memphis-
Maurerei nennt -, diese Hochgrade mit ziemlicher Vollstandigkeit.
Auch in Deutschland, wo man in der Memphis-Misraim-Maurerei
eine Abteilung hat, die in Zusammenhang mit der Maurerei in der
ganzen Welt ist, werden die Hochgrade bearbeitet. Nur ist in Deutsch-
land innerhalb der Johannesmaurerei so wenig BewuBtsein vorhan-
den von der eigentlichen Bedeutung der Hochgrade, daB die Johannes-
maurer in Deutschland iiberhaupt die Hochgrade fur einen Unsinn
ansehen. Der deutsche GroBorient ist daher gezwungen, iiberhaupt
nur die Johannesmaurerei als Maurerei eigentlich gelten zu lassen.
Es sind in bezug darauf groBe Unterschiede zwischen der deutschen
und der englischen oder groBbritannischen Maurerei. In der groB-
britannischen Maurerei ist es so, daB durch den Toleranzvertrag vom
Jahre 1813 eine Art von Ausgleich zustandegekommen ist zwischen
der Johannesmaurerei mit ihren drei Graden und den Hochgraden,
so daB man als Lehrling in die Johannesmaurerei eintreten und dann
aufsteigen kann in den vierten, fiinften, sechsten Grad, also in die
Hochgrade. Die Johannesgrade werden einem in England angerech-
net; das ist in Deutschland nicht der Fall. Der deutsche GroBorient
des Memphis- und Misraim-Ordens bearbeitet daher die drei untersten
Grade selbst. Der Orient-Freimaurer muB also von vornherein die
ersten drei Grade erworben haben, er muB sich auch verpflichten,
bis zum 18, Grade mindestens aufzusteigen. Nicht friiher darf er
ruhen. Ein deutscher Johannesmaurer wird also nicht zu den Hoch-
graden der Orientmaurer zugelassen werden konnen. Diese Orient-
maurerei ist eine stufenweise Schulung im Okkultismus. Wie ich das
letzte Mai gesagt habe, ist sie ein Abbild fiir die Schulung der hohe-
ren Grade - an den Royal Arch-Grad gliedern sich diese an -, in der
man eine Art astraler Schulung durchmacht, die bis zum 18., 20.
Grade geht. Dann kommt dasjenige, wo man eine Art mentaler Schu-
lung durchmacht, eine Schulung, die zu einer Art von Leben auf dem
Mentalplan fiihrt. Das sind dann die Grade bis in die sechziger, sieb-
ziger Grade hinein, und dann kommt die hochste Schulung oder die
tiefste okkulte Schulung, die noch vorgenommen werden kann durch
den GroBorient bis zum 96, Grad.
Es gibt in Deutschland nur wenige, die zum 96. Grad aufgestiegen
sind. Aber trotz allem liegt hier etwas vor, was Ihnen gleich beweisen
wird, wie wenig die Maurerei heute noch hat von dem, was sie einst
war. Das Interessanteste dabei ist, daB diejenigen, welche bis zum
96. Grad graduiert sind, durchwegs nicht durch die maurerische Schu-
lung durchgegangen sind, daB iiberhaupt kaum irgend jemand sich
findet, der die ganze Schulung irgendwie durchgemacht hat. Es gibt
also einige, die haben hohere Grade. Es wird ihnen erteilt der 3., der
33., der 96. Grad. Aber die, welche sie haben, haben sie nicht durch
die Schulung in der Maurerei erlangt, sondern in anderen okkulten
Schulen, und sie haben sich herbeigelassen, in der Maurerei ihre Schu-
lung zum Heile der Maurerei zur Geltung zu bringen. Wenn jemand
den 96. Grad hat, so hat er ihn nicht in der Maurerei durchgemacht.
Man rechnet geradezu darauf, daB der Maurerei die okkulte Schulung
anderer Schulen zugute kommt.
In diesem Sinne ist auch aufzufassen als eine Art ideales Dokument
das Manifest, welches der GroBorient des Memphis- und Misraim-
Ritus herausgegeben hat. Ich will es Ihnen vorlesen und einige Er-
klarungen daran kniipfen. Das, was da gesagt wird, ist auch nicht so
aufzufassen, als ob es heute durchgefiihrt werden konnte. Heute wird
von vornherein darauf aufmerksam gemacht, daB kein Maurer - auch
nicht einer des 96. Grades - die Verantwortung iibernehmen mochte,
die Vorschriften an irgendeinem Maurer durchzufiihren, weil er sie
selbst nicht durchgemacht hat.
«Von den Geheimnissen der okkulten Hochgrade unseres Or dens. Ein
Manifeste des Grofiorientes.,» «Eines der Geheimnisse, die unser Orden
in seinem hochsten Grade besitzt, besteht darin, daB er dem gehorig
vorbereiteten Bruder die praktischen Mittel liefert, den wahren
Tempel Salomos im Menschen aufzurichten, das < verlorene Wort>
wiederzufinden, das heiBt, da6 unser Orden dem eingeweihten und
auserwahlten Bruder die praktischen Mittel liefert, die ihn in den
Stand versetzen, sich schon in diesem irdischen Leben Beweise reiner
Unsterblichkeit zu verschaffen.»
Das ist einer derjenigen Punkte, der als wichtigster Punkt existiert.
Der nachste Punkt ist auch ein solcher, wie er in alien okkulten Schu-
len existiert: keine Geisterbeschworungen und spiritistischen Prak-
tiken. Spiritistische Praktiken sind strengstens ausgeschlossen.
«Dieses Geheimnis ist eines der wahren maurerischen Geheimnisse
und eben ausschlieBlich im Besitze der okkulten Hochgrade unseres
Ordens. Es ist aufunseren Orden durch miindliche Uberlieferung von
den Vatern aller wahren Freimaurerei, den < weisen Mannern des
Ostens), iiberkommen und wird auch von uns nur wieder miindlich
weitergegeben.»
Das ist die Praxis der okkulten Gesellschaften.
« Selbstverstandlich hangt aber der Erfolg dieses praktischen Unter-
richts zur Erlangung dieses Geheimnisses wiederum ganz vom Kan-
didaten selbst ab.»
«Denn was niitzt es, einem Schiiler, der schwimmen lernen will,
die besten, erprobtesten und ausfiihrlichsten Anleitungen zum
Schwimmen zu geben, wenn er, einmal ins Wasser gelegt, nicht selbst
Hande und FiiBe bewegt. Oder was niitzt es, einem Malschiiler die
umfangreichste Anleitung zum Malen zu geben und ihm die feurigsten
Farbentone vorzumalen; wenn er nicht selbst den Pinsel in die Hand
nimmt und selbst die Mischung der Farben zu erzielen sucht, wird er
nie ein Kiinstler werden.»
«Diejenigen Briider, welche nun dieses Geheimnis gefunden hatten,
bewahrten es als ein kostliches, selbsterrungenes Eigentum, und um
von den Alltagsmenschen nicht verkannt oder gar verspottet zu werden,
verbargen sie es unter Symbolen, so wie wir das heute noch tun.»
Diese Symbole sind fiir die Maurer heute nicht mehr lesbar. Diese
Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten auBeren Symbole. Es
sind nicht Dinge, durch die jemand die Sache so darstellt wie ein Pro-
fessor, der sagt: Ich will Ihnen etwas graphisch darstellen. - Diese
Symbole sind den Dingen selbst entnommen, die die Natur selbst
schreibt. Der, welcher sie erkennt, welcher wirklich sie zu lesen im-
stande ist, kommt mit dem Inneren der Dinge in Verbindung, es fiihrt
ihn in die Sache selbst hinein. Es gibt die Sache selbst und nicht bloB
symbolisiert. In der Maurerei ist niemand, der die Anleitung geben
kann, zu den Dingen selbst zu kommen.
«Diese Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten Bilder, und
beruhen nicht auf irgendeinem Zufall, sondern sie sind begriindet in
den Eigenschaften Gottes und des Menschen, und wir miissen sie als
Urbilder betrachten. Wir werden aber nie die Form, das GefaB, das
Ritual, die Symbole fiir den Inhalt nehmen, sondern in der Form den
geistigen Inhalt suchen,» - diese Worte zeigen ... [Liicke], weil das
Symbol selbst die Sache darstellt - «und nachdem wir denselben» -
den geistigen Inhalt - «gefunden und in uns aufgenommen haben,
aus dem geistigen Inhalt die absolute Notwendigkeit der Form, des
Rituals, der Symbolik erkennen.»
«Unsere Hochgrade geben daher dem Bruder die Moglichkeit, einen
sicheren Beweis fiir die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen.»
- Das wiirden sie auch tun, wenn sie bearbeitet wiirden. - «Das ist und
war die groBe Sehnsucht, seitdem denkende Menschen existieren. Der
Mensch bedarf dieser Uberzeugung von seinem Fortleben nach dem
Tode, um in diesem Leben wahrhaft gliicklich sein zu konnen. Es
haben daher auch die Mysterien aller Religionen und Weisheitsschu-
len sich mit dieser Frage als ihrer hochsten und vornehmsten Auf-
gabe beschaftigt. Das Kirchentum beschaftigt sich naturgemaB auch
mit der Losung dieser Frage <vom verlorenen Wort>, dem < verlore-
nen ewigen Leben >, sie verweist den Suchenden aber immer auf den
Weg der Gnade und stellt es stets als ein Geschenk und nicht als
etwas Selbstzuerwerbendes oder Erworbenes hin. Unser Orden
stellt es jedoch in die Moglichkeit eines jeden einzelnen Suchen-
den, mittels praktischer Mittel sich mit dem WeltbewuBtsein, der
Urschopferkraft, bewuBt und selbst gewollt schon in diesem Leben
zu vereinen.»
Das heiBt also, den Einblick in diejenige Welt und die Vereinigung
mit ihr zu ermoglichen, die sonst nur durch die Pforte des Todes er-
offnet werden kann.
Sie sehen aus alledem, daB das, was zum Tiefsten der Welt gehort,
in der Freimaurerei urspriinglich vorhanden war, aber in der leeren
Hiilse, die sie heute ist, nicht mehr da ist. Sie miissen sich fragen:
Warum? Nun: Der Sinn, der sich in der Tempellegende ausspricht,
der Sinn der Werkmaurerei, muBte, wie alle intuitive Erkenntnis,
verlorengehen, weil die fiinfte Unterrasse die eigentliche Verstandes-
rasse geworden ist. Die Intuition muBte zunachst eine Weile ruhen in
der Welt, und die Art und Weise, wie die Freimaurerei wirkt, ist
intuitiv. Ich verweise Sie auf Vitruv und auf die wahre symbolische
Anweisung zum Bauen. Diese kann aber nur derjenige befolgen, der
die Intuition dafiir hat. Heute sind diese symbolischen Anweisungen
durch verstandesmaBige, rationelle ersetzt. Der Verstand muBte eine
Weile die eigentliche Entwickelungsetappe der Menschheit bilden
deshalb, weil alles, was mittlerweile an uns herangekommen ist an
groBen Errungenschaften der Natur, eingefiigt werden muBte in den
ganzen Organismus des menschlichen Schaffens.
Verstehen Sie nur einmal, was es heiBt: das ganze Mineralreich
wird wahrend unserer jetzigen Runde einbezogen in den Fortschritt
unserer Entwickelung. Es wird einbezogen so, daB der Mensch all-
mahlich mit seiner eigenen Geistigkeit die ganze Natur noch einmal
durchorganisiert. Das ist der Sinn des Ehernen Meeres, daB alles in
der mineralischen Natur wirklich durchorganisiert ist.
In der Industrie arbeitet die Menschheit, um die Organisation [ev.:
eigene Geistigkeit?] in die mineralische Natur hineinzuarbeiten. Wenn
Sie eine Maschine betrachten ... [Liicke].
So schafft also der Mensch wirklich durch seinen eigenen Geist das
ganze Mineralreich um und um. Diese Umarbeitung der Natur, diese
Umarbeitung des Mineralischen wird vollendet sein, wenn unsere
Runde zu Ende gegangen sein wird. Dann wird die ganze mineralische
Natur umgewandelt sein. Der Mensch wird ihr sein Geprage gegeben
haben, so wie er einer Menge von Metall ein Geprage gibt, wenn er
zum Beispiel eine Uhr arbeitet. Wenn dann wieder ein neuer Kreis-
lauf eintritt, kann das Mineralreich eingesaugt, absorbiert werden.
Um auf diesem Gebiete die Entwickelung vollstandig fertig zu
machen, muB diese ganze Denkweise, die jetzt - seit dem 16. Jahrhun-
dert - die Menschheit ergriffen hat, bis ins Atom hinein sich fort-
pflanzen. Erst dann, wenn das verstandesmaBige Denken das Atom
ergriffen hat, kann die Maurerei wieder aufleben. Auf der ersten Stufe
wird die auBere Form ergriffen. Die nachste Stufe wird die sein, wenn
der Mensch bis ins mineralische Atom gelernt hat zu denken, daB er
imstande ist, das was im Atom lebt, zu verwenden und in den Dienst
des Ganzen zu stellen. Allerdings, heute erst und vielleicht erst seit
fiinf Jahren hat das menschliche Denken diejenige Richtung ange-
nommen, welche die Naturkraft bis hinein ins Atom verfolgt, und
zwar muB derjenige
…[truncated]