Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung der Physik, I

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  tfBER  NATURWISSENSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Geisteswissenschaftliche  Impulse 
zur  Entwickelung  der  Physik 


Erster  naturwissenschaftlicher  Kurs 
Licht,  Farbe,  Ton  -  Masse,  Elektrizitat,  Magnetismus 


Zehn  Vortrage,  gehalten  in  Stuttgart 
vom  23.  Dezember  1919  bis  3.  Januar  1920, 
mit  einem  Diskussionsvotum  vom  8.  August  1921 
und  elf  Faksimiles 


2000 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften, 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  G.  A.  Balaster  und  H.  O.  Proskauer 


Private  Vervielfaltigung,  Stuttgart  1922 
1.  buchformige  Auflage,  Dornach  1925 
2.,  erweiterte  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1964 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1987 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  2000 


Bibliographie-Nr.  320 

Zeichnungen  im  Text  von  Max  Schenk  nach  Skizzen  in  den  Nachschriften 
Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  /  Schweiz 
©  1964  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  /  Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-3200-4 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  gliedert 
sich  in  die  drei  groikn  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  -  Kiinst- 
lerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  Schlufi  des  Bandes). 

Urspriinglich  wollte  Rudolf  Steiner  nicht,  dafi  seine  frei  gehal- 
tenen  Vortrage  -  sowohl  die  offentlichen  als  auch  die  fur  die  Mit- 
glieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft  -  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  von  ihm  als  «miind- 
liche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren. 
Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Hdrer- 
nachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veran- 
lafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er 
Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
fierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  nur 
in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigiert  hat, 
mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt 
beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden 
miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich 
Fehlerhaftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Her  aus  gab  e  einer  Rudolf  Steiner  Ge- 
samtausgabe begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Be- 
standteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich 
nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Diskussionsvotum,  Dornach,  8.  August  1921  

Erster  Vortrag,  Stuttgart,  23.  December  1919  

Drei  Forschungsrichtungen  der  gewohnlichen  Naturwissenschaft. 
Im  Gegensatz  dazu  Goethes  Methode.  Stellung  der  Mathematik: 
Phoronomie  und  Mechanik.  Zentralkrafte  mit  Potential  -  peri- 
pherische  Universalkrafte  ohne  Potential. 

Zweiter  Vortrag,  24.Dezember  1919  

Oberbriickung  der  Kluft  zwischen  Phoronomie  und  Mechanik. 
Auftrieb  des  Gehirns.  Gegensatz  von  Masse  und  Licht  im  Ver- 
haltnis zum  BewuBtsein.  Entstehung  der  Farben  durch  das 
Prisma.  Gegensatz  von  Muskel  und  Auge  im  Verhaltnis  zum 
Astralleib. 

Dritter  Vortrag,  25.  Dezember  1919  

Goethes  erster  Versuch  mit  dem  Prisma.  Farben  als  Rand- 
erscheinungen.  Doppelprisma,  Sammellinse,  Zerstreuungslinse. 
Verengung  oder  Weitung  des  Lichtkegels  anstatt  gebrochener 
Lichtstrahlen.  Hebung,  Visierkraft  des  Auges.  Organisation  des 
Auges. 

Vierter  Vortrag,  26.  Dezember  1919   . 

Urphanomen  der  Farbenlehre.  Subjektives  Spektrum.  Newtons 
Vorstellung  der  Lichtkorpuskeln.  Fresnelscher  Versuch.  Undula- 
tionstheorie.  Lichtausloschung  durch  die  Natriumflamme.  «Zer- 
legung  »  der  Dunkelheit. 

Funfter  Vortrag,  27.  Dezember  1919  

Kirchhoff-Bunsenscher  Versuch.  Phosphoreszenz,  Fluoreszenz, 
Korperfarben.  Gegensatzliches  Verhaltnis  des  Menschen  zu 
Raum  und  Zeit  einerseits,  zur  Geschwindigkeit  andererseits ;  zu 
Licht  und  Farbe. 

Sechster  Vortrag,  29.  Dezember  1919  

Realitat  des  Dunklen  neben  dem  Hellen.  Einsaugen  des  Lichtes 
durch  die  Seele,  Aussaugen  des  BewuBtseins  durch  die  Dunkel- 
heit. Dunkelheit  und  Materie.  Warmeerleben  und  Lichterleben. 
Erscheinungen  rein  aussprechen,  hinzudenken  unbekannter 
Ursachen.  Schwerkraft.  Ganzes  und  Teil.  Das  Unorganische. 
Schall  als  ehrliche  Luftschwingung,  Licht  als  hypothetische 
Atherschwingung.  Entdeckung  der  Wechselwirkung  des  Lichts 
mit  elektromagnetischen  Kraften. 


Siebenter  Vortrag,  30.  Dezember  1919  119 

Farbige  Schatten,  ihre  Objektivitat.  Giiltigkeitsbereich  der  Be- 
griffe  «subjektiv»  und  «objektiv».  Drei  Stufen  der  Beziehung  des 
Menschen  zur  Aufienwelt  in  Licht,  Warme  und  Luft.  Atmungs- 
prozeB  und  Tonwahrnehmung.  Verschiedenartigkeit  der  Sinne. 
Warme-  Aquivalent. 

Achter  Vortrag,  31.  Dezember  1919   132 

Ton  und  Schwingung.  Die  Geschwindigkeit  als  das  Reale.  1st 
der  Ton  subjektiv?  Die  Sympathie  der  Erscheinungen.  Die 
Organisation  des  Gehorsinnes:  Leier  des  Apoll.  Erst  mit  dem 
Kehlkopf  zusammen  wird  das  Ohr  ein  Ganzes,  dem  Auge  ver- 
gleichbar.  Beziehung  des  Tones  zur  Luftschwingung. 

Neunter  Vortrag,  2.Januar  1920   .  146 

Erscheinungen  der  Elektrizitat.  Streben  des  19.  Jahrhunderts  nach 
einem  abstrakten  Gleichen  in  den  verschiedenen  Naturkraften. 
Hertzsche  Wellen  als  Kronung  davon.  Das  revolutionierende 
Phanomen  der  Kathodenstrahlen.  Ihre  Modification :  Rontgen- 
strahlen,  a-,  y-Strahlen.  Wachen  und  Schlafen,  Denken  und 
Wille,  Licht  und  Elektrizitat.  In  Elektrizitat  und  Magnetismus 
studiert  man  die  Materie  konkret. 

Zehnter  Vortrag,  3.Januar  1920    163 

Versuche  zu  Kathoden-  und  Rontgenstrahlen.  Zusammenfassende 
Gesichtspunkte:  Der  Gang  der  physikalischen  Wissenschaft  hebt 
den  Materialismus  aus  den  Angeln.  Die  Notwendigkeit,  mit  dem 
Vorstellen  in  die  Erscheinungen  selber  einzudringen.  Die  Er- 
schiitterung  der  alten  Geometrie  im  19.Jahrhundert:  Loba- 
tschewskij.  Die  phoronomischen  Vorstellungen  stammen  nicht 
aus  den  Sinneserscheinungen,  sondern  aus  dem  Willen.  Der 
Natur-Traum  der  modernen  Menschheit.  Die  statistische  Methode 
verliert  den  Gedanken,  kommt  dadurch  in  die  Wirklichkeit  hinein. 
Elektrizitatserscheinungen  und  Ton. 

Anhang 

Notizbucheintragungen  (Faksimile,  Archiv-Nr.  NB  44)     .    .  182 

Beantwortung  von  sechs  Fragen  iiber  das  Wesen  einiger  natur- 
wissenschaftlicher  Grundbegriffe  (Faksimile)  192 

Hinweise:  Zu  dieser  Ausgabe  /  Hinweise  zum  Text      .    .    .  197 

Personenregister  206 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe    .    .    .    .  207 


Anstelle  eines  Vorwortes 


DISKUSSIONSVOTUM 
von  Rudolf  Steiner  am  8.  August  1921 

Fraulein  Dr.  Rabel  hat  am  SchluB  ihrer  ja  sehr  bemerkenswerten  Aus- 
fiihrungen  gesagt,  daB  ich  einmal  bemerkt  habe,  daB  eigentlich  diese 
neueren  Versuche  zur  Bestatigung  der  Goetfieschen  Farbenlehre  dienen 
konnen.  Fraulein  Dr.  Rabel  war  damals  so  giitig,  mir  eine  ihrer  Ab- 
handlungen  zu  geben,  die  gerade  in  dieser  Linie  liegen,  und  ich  sagte, 
daB  die  Tatsachen,  die  auf  diese  Art  durch  die  moderne  Physik  heraus- 
kommen,  in  der  Tat  in  der  Linie  liegen,  die  allmahlich  zu  einer 
Bestatigung  der  Goetheschen  Farbenlehre  fuhren  miissen. 

Nun  ist  heute  wirklich  keine  Moglichkeit  vorhanden,  in  das  ganze 
Pro  und  Kontra  der  Goetheschen  Farbenlehre  und,  sagen  wir,  der 
Anti-Goetheschen  Farbenlehre  einzutreten.  Die  Sache  liegt  ja  so,  daB 
zunachst  noch  die  physikalischen  Vorstellungen,  die  heute  gang  und 
gabe  sind,  aus  solchen  theoretischen  Voraussetzungen  heraus  gemacht 
werden,  daB  in  der  Tat  das  richtig  ist,  was  ich  einmal  von  einem 
Physiker  horte,  mit  dem  ich  ein  Gesprach  iiber  die  Goethesche 
Farbenlehre  hatte.  Er  sagte  einfach,  wie  ich  ausdrucklich  verifizieren 
muB,  er  sagte  ganz  ehrlich:  Ein  Physiker  von  heute  -  und  er  be- 
zeichnete  sich  als  einen  solchen  mit  Recht  -  kann  sich  tiberhaupt  bei 
der  Goetheschen  Farbenlehre  nichts  vorstellen!  -  Und  das  ist  etwas, 
was  eigentlich  durchaus  richtig  ist. 

Wir  miissen  eben  nicht  vergessen,  daB  gewisse  Dinge  da  vorliegen, 
die  erst  noch  iiberwunden  werden  miissen,  wenn  von  Seiten  der 
Physik  die  Goethesche  Farbenlehre  ernst  und  nur  ernst  genommen 
werden  soil.  Nicht  wahr,  der  Physiker  ist  zunachst  heute  dazu  ge- 
leitet,  dasjenige,  was  er  Licht  nennt,  moglichst  so  zu  untersuchen,  daB 
innerhalb  des  Untersuchungsfeldes  das  von  ihm  als  subjektiv  Be- 
zeichnete  keine  Rolle  mehr  spielt,  daB  gewissermaBen  das  Erlebnis, 
das  bei  den  Lichterscheinungen  da  ist,  ganz  und  gar  hochstens  dazu 


dient,  einen  aufmerksamer  zu  machen  in  der  Beobachtung,  daB  da 
oder  dort  etwas  vorgeht.  Aber  was  der  Physiker  einbeziehen  will  in 
seine  Interpretationen  der  Lichterscheinungen,  die  er  dann  auch  auf 
Farbenerscheinungen  ausdehnt,  das  soli  eine  Entitat  sein  vollstandig 
unabhangig  von  dem  subjektiven  Erlebnis. 

Goethe  geht  ja  von  ganz  anderen  Voraussetzungen  in  bezug  auf 
sein  Denken  iiberhaupt  aus.  Daher  halte  ich  es  auch  heute  noch  in 
einem  gewissen  Sinne  fur  richtig,  was  ich  1893  in  einem  Vortrag  iiber 
Goethes  Naturanschauung  in  Frankfurt  am  Main  sagte:  Uber  die 
AuBerungen  Goethes  auf  dem  Gebiete  der  Morphologie,  da  laBt  sich 
reden,  und  dariiber  habe  ich  auch  dazumal  einen  Vortrag  gehalten, 
weil  in  einer  gewissen  Beziehung  schon  heute  sich  begegnen  die  Vor- 
stellungen,  die  Goethe  iiber  die  Metamorphose  hatte  und  im  Zu- 
sammenhang  mit  der  Metamorphose  iiber  die  Urspriinge  der  Arten, 
mit  denjenigen,  die,  allerdings  in  ganz  anderer  Weise,  von  der  Darwin- 
i^^/-Anschauung  herkommen.  Da  ist  also,  in  gewissem  Sinne 
wenigstens,  schon  ein  Feld  vorhanden,  wo  die  Anschauungen  in- 
einandergreifen.  Aber  mit  Bezug  auf  die  Goethesche  Farbenlehre, 
die  keine  Optik  iibrigens  sein  will,  ist  das  durchaus  noch  nicht  der 
Fall.  Daher  ist  zwar  gewiB  moglich,  sagen  wir,  auf  anthroposophi- 
schem  Boden  iiber  die  Goethesche  Farbenlehre  zu  reden,  da  ist  durch- 
aus ein  Reden  moglich,  aber  eine  Diskussion  mit  dem,  was  heute  ein 
Physiker  iiber  die  Farben  zu  sagen  hat,  was  er  aus  seinen  physika- 
lischen  Untergriinden  heraus  ableitet,  wird  heute  durchaus  noch  etwas 
Unfruchtbares  bilden.  Dazu  ist  notwendig,  daB  eben  gewisse  Grund- 
vorstellungen,  die  Goethe  implizite  gehabt  hat  und  von  denen  er  aus- 
gegangen  ist  in  seiner  Farbenlehre,  noch  expliziert  werden,  daB  man 
die  wirklich  zugrunde  legen  kann. 

Daher  halte  ich  auch  alles  dasjenige,  was  ich  in  meinen  Biichern 
iiber  die  Goethesche  Farbenlehre  gesagt  habe,  fur  etwas,  was  vor- 
laufig  einmal  in  die  Welt  hineingeworfen  ist  und  was  eigentlich 
durchaus  nicht  den  Anspruch  darauf  erhebt,  in  eine  fruchtbare  -  ich 
meine  fruchtbare  -  Diskussion  mit  den  ja  nicht  entgegengesetzten, 
sondern  von  ganz  anderen  Seiten  herkommenden  Vorstellungen  der 
Physik  zu  treten.  Nun,  in  der  Tat  aber,  dessen  konnen  Sie  ganz  sicher 


sein,  und  dazu  wurde  ja  von  dem  Vorredner  schon  sehr  viel  bei- 
gebracht,  wiirde  Goethe  in  all  denjenigen  Erscheinungen,  die  Fraulein 
Dr.  Rabel  heute  in  dankenswerter  Weise  vorgebracht  hat,  eine  Be- 
statigung  seiner  Grundanschauungen  erkennen.  Und  das  ist  das- 
jenige,  was  ich  eben  durchaus  vertreten  mochte. 

Es  trifft  schon  von  der  einen  Seite  aus  den  Tatbestand,  aber  es  trifft 
ihn  nicht  vollstandig,  wenn  man  bei  Goethe  davon  spricht,  daB  die 
eine  Seite  des  Spektrums,  also  dasjenige,  was  hier  langwellige  Strahlen 
genannt  worden  sind  als  im  Gegensatz  zu  den  kurzwelligen  Strahlen, 
daB  das  in  dem  Verhaltnis  einer  Polaritat  steht.  Polaritat  ist  ein  sehr 
abstraktes  Verhaltnis,  das  man  eben  auf  verschiedene  Gegensatze  an- 
wenden  kann,  so  auch  auf  diesen.  Nur  hier  ist  das  durchaus  nicht 
dasjenige,  auf  was  es  eigentlich  bei  Goethe  ankommt...  (Nachschrift 
liickenhaft).  Wenn  man  aber  noch  so  sehr  glaubt,  durch  irgendeine 
Versuchsanordnung  einen  FehlerausschluB  zu  erreichen  dadurch,  daB 
man  das  Strahlenbiindel  immer  schmaler  und  schmaler  nimmt,  so 
daB  man  zuletzt  die  ganze  Dicke  des  Strahlenbiindels  -  was  iibrigens 
gar  nicht  mein  Ausdruck  ist,  den  ich  aber  rechtmaBig  gebrauchen 
darf  -  aufhebt  und  dann  von  einem  «Strahl»  spricht,  so  ist  schlieBHch 
kein  Unterschied  in  Wirklichkeit,  ob  man  ein  breites  Bundel  nimmt 
oder  ein  schmales,  es  macht  das  prinzipiell  keinen  Unterschied.  Aber 
Goethe  hat  einen  prinzipiellen  Unterschied  angegeben  -  und  darauf 
kommt  es  an  -,  als  er  durch  den  kleinen  Spalt  nun  selbst  Versuche 
angestellt  hat. 

Im  Prisma  kann  man  nicht  dasjenige  ausschlieBen,  was  die  moderne 
Physik  ausschlieBen  mochte,  denn  man  kann  natiirlich  nicht  einen 
sogenannten  «Strahl  von  Null-Dicke»  irgendwie  ins  Experimentier- 
feld  schieben.  Aber  man  kann  das  machen,  daB  man  die  scharfe  Grenze 
ins  Auge  faBt  zwischen  dem  dunklen  Gebiet  und  dem  hellen.  Da  hat 
man  in  der  Tat  die  scharfe  Grenze!  Wenn  man  von  dieser  scharfen 
Grenze  redet,  dann  hat  man  in  einer  gewissen  Weise  gerade  aus  dem 
Goetheschen  Versuch  heraus  das,  was  die  neuere  Physik  mochte. 
Goethe  hat  mit  der  Grenze  gearbeitet  und  nicht  mit  dem  Strahlen- 
biindel, das  ist  es,  worauf  es  ankommt.  Diese  Forderung,  die  man 
idealiter  mit  Recht  erhebt,  die  wird  prinzipiell  eigentlich  gerade  da- 


durch  erfullt,  daB  Goethe  mit  der  Grenze  arbeitet,  nicht  also  mit 
einem  Strahl  oder  Strahlenbiindel.  Und  von  dem,  was  sich  als  Phano- 
men  dann  an  der  Grenze  efgibt,  geht  Goethe  aus  und  versucht,  von 
da  seine  Versuchsanordnungen  zu  machen,  die  ja  allerdings  heute, 
wenn  sie  im  Goetheschen  Sinne  ausgefiihrt  werden  sollten,  ganz 
anders,  als  Goethe  sie  ausgefiihrt  hat,  werden  miiOten. 

Ich  hoffe,  daB  wir  gerade  in  dieser  Beziehung  prinzipielle  Versuche 
in  unserem  physikalischen  Forschungsinstitut  in  Stuttgart  anstellen 
werden  und  daB  dadurch  auch  dasjenige,  was  Dr.  Schmiedel  «Ver- 
schleierung»  genannt  hat,  in  gewissem  Sinne  ausgeschaltet  wird,  und 
daB  man  lernte,  in  exakter  Weise  wirklich  mit  den  Grenzen  zu  arbeiten 
und  dann  in  der  Lage  ist,  das  Spektrum  erst  als  eine  Erscheinung  auf- 
zufassen,  in  der  die  Grenzerscheinungen  als  die  Urphanomene  ver- 
arbeitet  werden.  Das  wiirde  der  Gang  sein,  um  den  es  sich  handelt. 

Nun  aber  bekommt  man,  wenn  man  so  mit  der  Grenze  arbeitet, 
eben  dasjenige,  was  Dr.  Schmiedel  das  polare  Verhaltnis  nannte 
zwischen  dem  einen  unddemandernTeile  des  sogenanntenSpektrums. 

Also:  «Polaritat»  ist  im  Goetheschen  Sinne  hier  ein  viel  zu  abstrakt 
angewendeter  Ausdruck!  Man  kann  inn  ja  von  alien  moglichen  Natur- 
erscheinungen  als  Ausdruck  gebrauchen.  Goethe  kommt  nun  -  und 
da  kann  ich  natiirlich  heute  abend  wegen  der  Kiirze  der  Zeit  nicht  auf 
die  Einzelheiten  eingehen  -,  indem  er  immer  Versuche  veranstaltete, 
zu  dem  grundsatzlichen  Gegensatz,  den  er  annimmt  zwischen  der 
roten  Natur  und  der  blauen  Natur,  wobei  durchaus  auch  zu  beachten 
ist,  daB  Goethe  nicht  spricht  von  rotem  und  blauem  Lichte,  da  kann 
man  widersprechen  im  Goetheschen  Sinne,  sondern  von  der  roten  und 
blauen  Natur.  Das  Licht  ist  schlechterdings  undifferenzierbar,  und 
das,  was  als  Differenzierungen  auftritt,  sind  Erscheinungen  am  Licht. 
Mit  Recht  ist  als  ein  Ergebnis  der  neueren  Physik  hervorzuheben, 
daB  Goethe  dem,  was  er  die  Entitat  des  Lichtes  nennt,  entgegensetzt 
die  Entitat  der  Finsternis  nicht  als  das  Nichts,  sondern  als  eine  wirk- 
liche  Entitat.  Und  nun  kann  ich  dasjenige,  was  bei  Goethe  eine  ziem- 
lich  komplizierte  Vorstellung  ist,  eigentlich  in  kurzen  Worten  nur 
etwa  so  andeuten,  daB  ich  folgendes  sage :  Sowohl  im  roten  Teil  der 
Farbabschattungen  wie  im  blauen  Teil  hat  man  es  nun  nicht  mit 


einer  Mischung,  sondern  mit  einem  dynamischen  Ineinanderwirken 
von  Licht  und  Finsternis  zu  tun,  aber  so,  daB  im  roten  Teil  dieses 
Zusammenwirken  so  ist,  daB  gewissermaBen  das  Rot  sich  ergibt  als 
die  Aktivitat  des  Lichtes  in  der  Finsternis.  Man  hat  es  also  mit  dem 
Zusammenwirken  von  Licht  und  Finsternis  zu  tun.  Hat  man  es  mit 
dem  Roten  zu  tun,  also  sagen  wir  mit  einem  roten  Felde,  dann  hat 
man  es  mit  dem  aktiven  Licht  in  der  Finsternis  zu  tun,  hat  man  es 
mit  der  blauen  Seite  zu  tun,  dann  hat  man  es  mit  der  Aktivitat  der 
Finsternis  in  der  Helligkeit  zu  tun.  Also  das  ist  der  genaue  Ausdruck 
fur  die  Polaritat. 

Das  ist  natiirlich  eine  Vorstellung,  von  der  ich  gern  zugebe,  daB 
der  moderne  Physiker  nicht  viel  damit  verbinden  kann.  Aber  fur 
Goethe  ist  das  Rot  die  Aktivitat  des  Lichtes  in  der  Finsternis,  das 
Blau  die  Aktivitat  der  Finsternis  im  Hellen,  also  im  Lichte.  Das  kann 
man  eine  Polaritat  nennen,  das  ist  eine  Polaritat.  Und  das  fuhrt  Goethe 
nun  durch  fur  die  physikalische  oder  physische  Farbe,  also  eigentlich 
die  spektrale  Farbe,  und  auch  fur  die  chemische  Farbe,  und  er  ist  sich 
wohl  bewuBt,  wie  er  iiberall  auf  Unsicherheiten  tappt,  weil  er  natiir- 
lich nicht  dieses  allgemeine  Prinzip  im  einzelnen  durchfiihren  kann. 
Aber  nehmen  wir  nun  dieses,  was  ich  nur  eben  ganz  fluchtig  an- 
gedeutet  habe,  so  haben  wir  iiberall,  wo  Farben  auftreten,  wo  also 
Farben  erscheinen,  iiberall  da  haben  wir  ein  Qualitatives.  Und  da 
stehen  wir  an  dem  Punkte,  wo  einmal  die  Entscheidung  fallen  wird  in 
dieser  Beziehung. 

Sehen  Sie,  es  ist  ja  heute  noch  so,  daB  man,  mochte  man  sagen, 
erlebt  eine  Fiille  von  Erscheinungen.  Auch  heute  sind  Ihnen  eine 
ganze  Fiille  von  Erscheinungen  vorgefiihrt  worden  in  dankenswerter 
Weise,  die  eigentlich  erforderten,  daB  man  ganze  Serien  von  Vortragen 
dariiber  halten  wiirde,  um  nun  zu  zeigen,  wie  sie  eigentlich  sich 
hineinstellen  in  die  Goethesche  Farbenlehre  und  in  das  Gesamtgebiet 
der  Naturwissenschaft.  Aber  wir  erleben  heute  Erscheinungen,  die  - 
in  ganz  anderer  Weise  als  etwa  die  theoretischen  Erwagungen  der 
Relativitatstheorie  und  so  weiter  iiber  die  Geschwindigkeitsvorstel- 
lungen  beim  Lichte  es  geben  -  Rektifizierungen  hervorbringen  miis- 
sen.  Wir  erleben  eben,  was  gerade  von  Fraulein  Dr.  Rabel  selber 


hervorgehoben  worden  ist,  daB  sich  der  Physiker  gedrangt  fiihlt, 
allerdings  in  einer  sehr  modifizierten  Gestalt,  wiederum  zu  der 
Emissionstheorie  des  Newton  zuriickzukommen.  Ein  sehr  groBer 
Unterschied  ist  allerdings  zwischen  der  Newtonschen  Theorie,  die 
aus  verhaltnismaBig  einfachen  Phanomenen  herausgezogen  worden 
ist,  und  der  heutigen  Zeit.  Denn  ich  glaube,  die  heutige  Auffassung 
beruht  hauptsachlich  darauf,  daB  man  sich  nach  den  gewohnlichen 
wellentheoretischen  Vorstellungen  kein  Bild  davon  machen  kann,  wie 
zum  Beispiel  folgendes  moglich  ist:  Wenn  man  ultraviolettes  Licht 
auf  ein  Metall  fallen  laBt,  so  bekommt  man  Elektronen  zuriick- 
geworfen,  und  diese  Elektronen  kann  man  untersuchen.  Sie  zeigen 
dann  eine  bestimmte  Starke.  Diese  Starke  ist  nicht  abhangig  von  der 
Entfernung  der  Quelle  des  ultravioletten  Iichtes  von  dem  Metall. 
Sie  konnen  die  Quelle  weit  weg  legen  und  bekommen  dennoch  die- 
selbe  Voltstarke.  Nun  miiBte  natiirlich,  wenn,  wie  es  vorausgesetzt 
wird,  die  Lichtstarke  verbleibt,  die  Intensitat  abnehmen  mit  dem 
progressiven  Grade  der  Entfernung.  Das  ist  aber  nicht  der  Fall  fur 
die  Elektronen,  die  Ihnen  vom  Metall  zuruckgeworfen  werden.  Man 
sieht,  daB  ihre  Starke  gar  nicht  abnimmt  mit  dem  Grade  der  Ent- 
fernung, sondern  lediglich  von  der  Farbe  abhangt.  Wenn  Sie  die 
Farbe  in  der  Nahe  haben,  so  ist  es  dasselbe  wie  in  der  groBeren  Ent- 
fernung. Da  wird  man  also  zunachst  darauf  gefuhrt,  daB  man  iiber- 
haupt  iiber  dasjenige,  was  da  Licht  genannt  wird,  anders  denken 
muB.  Man  hilft  sich  heute  damit,  daB  man  die  Quantentheorie  zu- 
grunde  legt,  die  sagt,  daB  sich  nicht  irgend  etwas  Kontinuierliches 
ausbreite,  wie  etwa  die  Schwere  ausgebreitet  gedacht  wird,  sondern 
es  breite  sich  das  Licht  atomistisch  aus.  Wenn  es  sich  atomistisch  aus- 
breitet,  so  hat  man  das  betreffende  Quantum  an  irgendeiner  Stelle  und 
es  wirkt  dann.  Es  handelt  sich  da  nicht  darum . . .  das  Quantum  kann 
eben  nur  an  einer  Stelle  sein.  Wenn  es  iiberhaupt  da  ist,  dann  wirkt  es 
auslosend  auf  die  Elektronen wirkungen. 

Also,  diese  Dinge  haben  wiederum  zu  der  Emissionstheorie  zuriick- 
gefuhrt.  Wahrend  Newton  sich  vorstellt,  daB  irgendwie  Substanzen, 
Entitaten  in  ponderabler  Weise  sich  ausdehnen,  die  aber  so  sind,  daB 
man  sagen  miiBte,  daB  die  Intensitat  abnimmt  mit  dem  Quadrat  der 


Entfernung,  so  ist  es  jetzt  so,  daB  man  diese  ersetzt  durch  die  Aus- 
breitung  von  elektromagnetischen  Feldern,  die  dann  aber  wirklich 
durch  den  Raum  gehen,  und  zwar  im  Sinne  der  Quantentheorie.  Man 
hat  es  also  eigentlich  zu  tun  mit  der  Emission  von  elektromagne- 
tischen Feldern,  wahrend  man  es  bei  der  Undulationstheorie,  die 
durchaus  gang  und  gabe  war  in  der  Zeit,  als  zum  Beispiel  ich  selber 
jung  war,  es  eben  zu  tun  hatte  mit  einem  bloBen  Fortschreiten  der 
Bewegung,  so  daB  also  eigentlich  nichts  im  Raume  ausstrahlt,  sondern 
nur  die  Bewegung  weitergefuhrt  wird.  Die.se  Vorstellungen  iiber  das 
objektiv  Vorhandene  sind  eigentlich  gerade  -  wenigstens  ich  sehe  es 
so  an  -  heute  in  bestandigem  Flusse,  und  die  Experimente,  die  da  vor- 
liegen,  die  weisen  iiberall  auf  dasjenige  hin,  was  Fraulein  Dr.  Rabel 
mit  Recht  hervorgehoben  hat,  daB  man  ja  mit  der  bloBen  Annahme 
von  Wellenlangen  nicht  auskommt,  daB  das  so  eine  Art  von  Wider- 
spruch  in  sich  enthalt.  Das  ist  aber  gerade  das,  um  was  es  sich  handelt. 
Im  Grunde  genommen  Uegt  eigentlich  doch  nur  das  vor,  daB  man 
sich  durch  lange  Zeiten  durchaus  gewohnt  hat,  mit  den  Wellenlangen 
und  so  weiter  als  einzigem  zu  rechnen.  Die  Vorstellung  war  ja  auBer- 
ordentlich  einfach.  Man  rechnete  iiberhaupt  nur  objektiv  mit  Wellen 
von  gewissen  Wellenlangen  und  Schwingungen  von  gewissen  Ge- 
schwindigkeiten,  bezeichnete  dasjenige,  was  im  Spektrum  vom  Violett 
bis  zum  Rot  liegt,  so,  daB  man  sagte,  es  macht  das  eben  einen  Ein- 
druck  auf  die  Netzhaut  des  Auges.  Jenseits  des  Roten  hat  man  die 
anderen  Schwingungen,  die  keinen  Eindruck  machen,  aber  sie  unter- 
scheiden  sich  nicht  qualitativ  davon,  ebenso  jenseits  des  Violetten. 
Einzelne  haben  sich  aufgelehnt,  einzelne  haben  es  in  interessanter 
Weise  zuriickgewiesen,  so  in  den  achtziger,  in  den  siebziger  Jahren 
des  vorigen  Jahrhunderts  Eugen  Dreher,  der  sehr  viele  Experimente 
gemacht  hat,  um  zu  beweisen,  daB  Licht,  Warme  und  chemische 
Entitat  drei  durchaus  radikal  voneinander  verschiedene  Entitaten 
sind.  Auch  lieB  sich  das  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durchaus  be- 
legen.  Und  gerade  der  heutige  Stand  der  Sache  beweist  eben,  daB  der 
ganze  Komplex  der  Fragen  im  Grunde  genommen  im  FluB  ist.  Sobald 
man  eben  auf  dasjenige  kommen  wird,  was,  abgesehen  vom  Sub- 
jektiven,  unter  dem  Komplex  «Lichterscheinungen»  zusammen- 


gefaBt  eigentlich  vorliegt  ...  (Liicke)  ...  Das  Wesentliche  ist  bei 
Goethe,  daft  er  dasjenige  hineingebracht  hat,  was  sich  heute  der 
Physik  aufdrangt.  GewiB,  er  hat  es  hineingebracht  nach  dem  mangel- 
haften  Stande  der  Physik  am  Ende  des  18.Jahrhunderts.  Aber  er  hat 
es  hineingebracht. 

Wenn  man  sich  heute  die  Sache  ansieht,  so  sagt  man  sich:  Ganz 
gewiB,  das  ist  alles  ungeheuer  interessant.  Und  ich  muB  gestehen, 
interessanter  war  die  ganze  Behandlung  der  Undulationstheorie,  als 
ich  jung  war,  denn  die  Undulationstheorie  war  bis  zum  ExzeB  aus- 
gebildet,  und  da  war  wirklich  alles  bis  ins  einzelnste  hinein  recht 
genau  berechnet.  Aber  heute  werden  die  jungen  Leute  gar  nicht  mehr 
mit  dieser  ausgefallenen  Undulationstheorie  geplagt.  Denn  es  nimmt 
sich  doch  etwas  anders  aus,  ob  man  aus  der  theoretischen  Mechanik 
heraus  mit  irgendeiner  Atherhypothese  die  Undulation  berechnet, 
oder  ob  man  von  der  Wirkungsweise  elektromagnetischer  Felder  aus- 
geht.  Da  nimmt  sich  schon  alles  etwas  unbestimmter  aus.  Man  hat 
heute  nicht  so  das  Bediirfnis,  alles  dieses  Exaktlinige  zu  berechnen 
innerhalb  der  Lichterscheinungen,  wie  das  noch  vor  vierzig,  funfund- 
dreiBig  Jahren  geschehen  ist.  Es  ist  auBerordentlich  interessant  natiir- 
lich,  auf  all  die  Finessen  zu  kommen,  aber  sie  sind  ein  Rechnungs- 
resultat,  und  der  ganze  maBgebende  Beweis  eigentlich  fur  dieses 
Rechnungsresultat  wird  ja  im  Interferenzversuch  gesehen.  Heute 
steht  der  Interferenzversuch  so  da,  daB  er  einer  neuen  Erklarung  be- 
darf.  Das  gibt  die  Physik  von  heute  zu.  Und  da  hat  wirklich  die 
Quantentheorie  nicht  viel  erlangt.  Die  Sache  liegt  eben  so:  Es  ist 
heute  noch  nicht  sehr  weit  gediehen,  aber  man  sieht  immer  mehr  und 
mehr,  wie  man  gewisse  gut  brauchbare  Zahlen,  Hilfszahlen,  in  den 
Schwingungszahlen  oder  Wellenlangen  hat,  das  sind  alles  gute  Rech- 
nungsmiinzen,  aber  niemand  wird  heute  eigentlich  sagen  konnen,  daB 
dem  irgend  etwas  Reales  zugrunde  liegt.  Ich  mochte  sagen,  wenn  man 
die  Schwingungszahl  fur  die  sogenannten  roten  Strahlen  und  die 
blauen  angibt,  so  hat  man  ein  gewisses  Verhaltnis,  das  zwischen  Rot 
und  Blau  besteht,  so  ausgedriickt,  wie  sich  die  eine  Zahl  zu  der 
anderen  verhalt.  Man  kann  schon  heute  sagen :  Viel  wichtiger  sind  die 
Verhaltnisse  der  einzelnen  Zahlen  zueinander  als  der  absolute  Wert 


der  einzelnen  Schwingungszahlen.  Und  das  fiihrt  von  dem  Quantita- 
tiven  ins  Qualitative  hiniiber.  Man  ist  heute  doch  auf  dem  Wege,  sich 
zu  sagen:  Mit  den  Wellenlangen  allein  geht  es  nicht,  man  braucht 
etwas  anderes. 

Aber  dieses  andere  wird  immer  ahnlicher  und  ahnlicher  dem,  was 
Goethe  auf  seinen  Wegen  suchte.  Das  ist  heute  noch  nicht  so  strikte 
zu  bemerken,  aber  fur  den,  der  die  Dinge  genau  kennt,  eben  durchaus 
zu  bemerken,  wie  die  Physik  nach  und  nach  dahin  fiihrt,  und,  wie 
gesagt,  die  Erscheinungen,  die  heute  angefiihrt  worden  sind,  die 
wiirde  Goethe  durchaus  so  auffassen,  daB  er  sie  als  eine  Bestatigung 
seiner  Anschauung  finden  wiirde. 

Auf  einzelnes  einzugehen  ist  natiirlich  schwierig,  weil  dazu  heute 
nicht  die  Grundlagen  geschafTen  worden  sind.  Ich  will  nur  prinzipiell 
zum  Beispiel  auf  die  Pflanzenfrage  eingehen.  Auf  solche  Dinge  mochte 
ich  mich  nicht  gerne  einlassen,  wie,  ob  man  einen  Ausdruck  wie  «ab- 
sorbiert »  gebrauchen  darf  oder  nicht.  Wenn  man  ihn  nimmt  als  eine 
bloBe  Bezeichnung  dessen,  was  vorliegt,  so  habe  ich  nichts  dagegen, 
aber  wenn  man  sich  die  Sache  dann  so  einfach  macht,  nicht  wahr, 
daB,  wenn  irgendwo  Helles  auffallt  und  irgendeine  Glasscheibe  in  den 
Weg  gestellt  wird  und  man  hinter  der  Glasscheibe  ein  rotes  Feld  hat, 
man  dann  sagt:  da  sind  alle  anderen  Farben  verschluckt  von  dem  Glas, 
nur  das  Rote  ist  durchgelassen  worden,  ~  so  setzt  man  eben  an  die 
Stelle  eines  konstatierten  Phanomenes  eine  Erklarung,  die  aber  ganz 
und  gar  im  Blauen  liegt,  fur  die  eigentlich  nichts  Reales  vorliegt.  Man 
kann  durchaus  beim  Phanomen  bleiben.  Das  ist  gut.  Aber  nehmen  Sie 
dasjenige,  was  vielleicht  sogar  noch  so  unvollkommen  bei  Goethe 
ausgesprochen  ist:  Aktivitat  des  Lichtes,  der  Helligkeit  im  Finsteren 
liegt  dem  Roten  zugrunde;  Aktivitat  der  Finsternis  im  Hellen,  im 
Lichte,  das  liegt  dem  Blau  zugrunde.  Was  den  Nuancen  zugrunde  liegt, 
als  Abschattung,  dem  Griin  oder  Orange,  darauf  kommt  es  jetzt  nicht 
an,  darauf  kann  man  sich  nicht  einlassen.  Ich  kann  nur  das  Grund- 
phanomen  angeben.  Und  da  haben  Sie  dann  allerdings  das,  was  ich 
jetzt  nur,  ich  mochte  sagen,  approximativ  andeutete,  dann  hat  man  es 
zu  tun  mit  dem  Finsteren  als  einem  Realen,  dann  muB  man  doch  sich 
klar  sein  daniber  -  es  gibt  ja  natiirlich  sehr  vieles  zum  Beleg  dessen, 


was  ich  sagen  werde,  aber  auch  aus  einer  ganz  oberflachlichen  Be- 
trachtung  der  Sache  kann  man  sich  klar  dariiber  werden  -,  daB  diese 
Finsternis  in  einer  gewissen  Weise  sich  entgegensetzt  dem  Hellen. 
Das  gibt  naturlkh  die  subjektive  Empfindung,  aber  auch  objektive 
Tatsachen.  -  Da  muB  man  natiirlich  eine  Polaritat  annehmen,  wenn 
man  nur  nicht  im  Abstrakten  bleiben  will,  sondern  auf  das  Konkrete 
dabei  eingeht.  Wenn  Sie  an  dieses  Polarische  des  Hellen  und  Dunklen 
nun  denken,  dann  kommen  Sie  allmahlich  zu  der  Vorstellung,  die 
Ihnen  eine  gewisse  Unmoglichkeit  vor  Augen  fiihrt,  in  derselben 
Weise  von  Ausbreitung  einer  Entitat  zu  sprechen  beim  Dunklen  wie 
beim  Hellen.  Dariiber  entscheiden  die  Experimente,  die  bis  heute 
gemacht  worden  sind,  gar  nichts!  Denn  sehen  Sie,  wenn  Sie  sich 
denken  -  natiirlich  ist  es  mehr,  aber  das  beruht  dann  auf  iibersinn- 
lichen  Beobachtungen  oder  halb  iibersinnlichen  Beobachtungen,  aber 
nehmen  Sie  es  zunachst  nur  als  eine  Moglichkeit,  als  eine  Hypothese 
einmal  hin  -,  die  Helligkeit  wiirde  schematisch  dadurch  bezeichnet, 
daB  eine  Ausbreitung  stattfindet.  Sie  konnen  dann  die  Dunkelheit 
nicht  dadurch  bezeichnen,  daB  ein  Ausbreiten  stattfindet,  sondern 
miissen  die  Dunkelheit  so  bezeichnen,  daB  gewissermaBen  von  dem 
Unendlichen  her  so  etwas  wie  ein  S augen  stattfindet.  Sie  wiirden  also 
von  einem  Raum,  den  Sie  mit  schwarzen  Wanden  ausgekleidet  haben, 
nicht  sagen  diirfen:  Es  findet  da  ein  Ausbreiten  statt,  eine  Emission 
oder  dergleichen,  sondern  es  findet  ein  Saugen  statt,  Saugwirkungen, 
die  natiirlich  einen  Erreger  des  Saugens  haben  miissen,  denn  man 
braucht  natiirlich  ein  Zentrum.  Aber  die  Moglichkeit  von  Saug- 
wirkungen ist  zunachst  das,  was,  um  diese  Trivialitat  zu  sagen,  im 
schwarzen  Raum  vorhanden  ist,  im  Gegensatz  zu  dem  durchhellten, 
wo  man  es  mit  Ausbreitungswirksamkeiten  zu  tun  hat. 

Wenn  Sie  das  festhalten,  dann  wird  die  Farb vorstellung  immer 
konkreter  werden,  und  Sie  werden  in  dem  Blau  etwas  haben  vom 
Saugenden  -  es  ist  eigentlich  nur  approximativ  gesprochen  -  und 
werden  bei  dem  Roten  etwas  haben  vom  Sich-Ausbreitenden,  im 
Griinen  gewissermaBen  die  Neutralisierung.  Und  nun  denken  Sie  - 
da  miissen  wir  ja  in  eine  tiefere  Schichte  des  Vorstellens  -,  wenn  Sie 
dasjenige,  was  da  als  Saugwirkung  vorhanden  ist,  in  seinem  Ver- 


haltnis  zum  Pflanzenwesen  betrachten,  so  haben  Sie  die  hinter  dem 
Farbigen  liegende  Saugwirkung,  die  im  Gegensatz  zu  gewissen  inne- 
ren  Kraften  der  Pflanze  ist.  Die  haben  Sie  in  der  ganzen  Konflguration, 
in  der  ganzen  Organisation  der  Pflanze  mitwirkend  drinnen. 

Wir  miissen  also  gewissermaBen  hinter  die  Farbenerscheinungen 
gehen.  Wir  finden  in  den  Farbenerscheinungen  nur  den  symptoma- 
tischen  Ausdruck  fur  dasjenige,  was  ja  defer  hinter  denFarbwirkungen 
liegt.  Wir  kommen  also  auf  eine  Polaritat,  wenn  wir  diese  nicht  bloB 
als  eine  abstrakte  Polaritat  ansehen,  sondern  eingehen  auf  diese  ganz 
besondere  Art  der  Polaritat,  so  daB  wir,  wenn  wir  es  subjektiv  machen 
und  zum  Beispiel  das  Blau  sehen,  wir  das  Auge  im  Grunde  genommen 
einer  Saugwirkung  exponieren,  im  Rot  einer  Druckwirkung  in  einem 
gewissen  Sinne,  was  aber  nun  nicht  mechanisch,  sondern  intensiv  zu 
denken  ist. 

Wenn  wir  das  dann  haben,  dann  bekommen  wir  auch  Vorstellungen, 
die  naturlich  viel  kompliziertere  sind  als  diese,  daB  ich  sage:  Ich 
stelle  eine  Glasscheibe  in  den  Weg  eines  erhellten  Biindels  und  be- 
komme  hinten  ein  rotes  Feld.  Alles  andere  ist  verschluckt  worden 
auBer  dem  Rot.  Wir  werden  dann  gefuhrt  zu  einer  ganz  anderen  Art, 
einer  ganz  anderen  Formulierung  des  Problems.  Die  Forderung 
entsteht,  aus  dem  Phanomen,  das  mir  vorliegt,  nun  die  Natur  des  in 
den  Weg  gestellten  Materiellen  zu  untersuchen.  Wenn  wir  da  an- 
fangen,  werden  wir  zu  einer  ganz  anderen  Methode,  sagen  wir,  der 
Polarisationserscheinungen  gefuhrt.  Man  kommt  da  auf  einem  ge- 
wissen Umweg  zu  einer  sehr  strikten  Auffassung,  was  auch  Fraulein 
Dr.  Rabel  gesagt  hat.  (Zu  Fraulein  Dr.  Rabel  gewandt):  Sie  haben 
einen  englischen  Physiker  genannt.  Es  ist  aber  von  einer  ganzen  Reihe 
von  Physikern  auch  auf  die  Sache  schon  aufmerksam  gemacht  worden, 
daB  man  es  eigentlich  zu  tun  hat  bei  diesen  Erscheinungen  nicht  mit 
etwas,  was  einen  hinweist  auf  die  Entitat  des  Lichtes,  sondern  eigent- 
lich der  Materie,  die  da  dem  Licht  entgegengestellt  wird,  naturlich 
auch  ganz  besonders  der  organischen  Materie,  also,  sagen  wir,  der 
Pflanzen. 

Das  ist  dasjenige,  worauf  man  immer  mehr  und  mehr  wird  gefuhrt 
werden,  daB  man  abkommen  wird  davon,  sagen  wir,  Polarisations- 


figuren  geradezu  ins  Licht  hineinzukonstruieren.  Das  ist  doch  etwas, 
was  ganz  wunderbar  gegangen  ist  bei  der  alten,  rein  mechanischen 
Wellentheorie,  was  aber  bei  der  heutigen  Lage  nicht  mehr  in  der- 
selben  Weise  Geltung  haben  wird.  Der  Physiker  wird  dahin  gefiihrt, 
nun  nicht  bloB  den  Verlauf  der  Polarisationsfiguren  zu  sehen,  so  daB 
er  sie  ins  Licht  hineinkonstruiert,  sondern  er  schaut  eine  Wechsel- 
wirkung  des  Lichtes  mit  der  Materie,  so  daB  also  gewissermaBen  die 
Konstitution  der  Materie  verraten  wird  durch  das,  was  da  auftritt, 
auch  an  anderen  Erscheinungen,  die  insbesondere  so  auftreten,  daB 
man  sie  als  Emission  elektromagnetischer  Wellen  ansieht.  Viel  inter- 
essanter  ist  heute,  die  Sachen  so  zu  betrachten,  daB  man  nachsieht,  wie 
man  allmahlich  herauskomme  aus  einer  Anschauungsweise,  die  eigent- 
lich  wirklich  nur  darauf  beruht,  daB  man  sich  so  sehr  gewohnt  hat  an 
diese  mechanische  Anschauungsweise  mit  dem  Ather,  der  ja  von 
einigen  als  fester  Ather  konstruiert  wird,  von  anderen  als  Fliissigkeit. 
. , .  (Liicke)  . . .  Man  hat  sich  gewohnt  an  bestimmte  Vorstellungen, 
und  kommt  nicht  los  davon,  wahrhaftig . . .  Bleibt  man  bei  der  Wellen- 
theorie  stehen,  so  muB  man  annehmen,  daB  man  noch  etwas  unter- 
legen  muB . . .  Und  da  muB  aufmerksam  gemacht  werden :  Goethe  war 
auf  dem  Wege,  diese  Unterlagen  zu  untersuchen.  Ihn  hat  die  ganze 
Undulationstheorie,  die  er  ja  noch  Zeit  seines  Lebens  gekannt  hat, 
nicht  eigentlich  interessiert,  sondern  ihn  hat  interessiert,  was  ich  in 
ganz  ungeniigender  Weise  angedeutet  habe,  indem  ich  die  Polaritat 
auf  das  Konkrete  zuriickgefuhrt  habe. 

Man  kommt  tiefer  hinein  in  dasjenige,  was  Goethe  wollte,  gerade 
indem  man  seine  «Farbenlehre»  ganz  von  Kapitel  zu  Kapitel  nimmt, 
auch  bis  in  die  sinnBch-sittlichen  Wirkungen  der  Farben  herauf,  wo 
gewissermaBen  die  Farben  im  Blickfelde  verschwinden,  und,  man 
mochte  sagen,  geistig-seelische,  moralische  Eigenschaften  auftreten. 
Man  erlebt  sie  an  der  Stelle  des  Roten,  des  Blauen,  wo  man  iiber- 
gefiihrt  wird  ins  Seelische.  Und  Goethe  wvirde  da  sagen:  Eigentlich 
da  erst  erfahrt  man  etwas  in  bezug  auf  das  Wesen  des  Farbigen,  wenn 
das  Farbige  verschwindet  und  etwas  ganz  anderes  auftritt. 

Da  tritt  dasjenige  auf,  was  der  Anfang  ist  zu  den  Wegen  der  hoheren 
Erkenntnis,  die  durch  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissen- 


schaft  beschrieben  werden,  die  dazu  fuhren,  daB  man  tatsachlich  nicht 
mehr  diese  Trennung  vornimmt  zwischen  Subjekt  und  Objekt,  die 
ja  nicht  mehr  spricht  auf  einer  gewissen  Erkenntnisstufe,  sondern 
die  zu  einem  Hinuberleben  des  Subjektes  ins  Objekt  fuhren.  Das 
muB  beobachtet  werden.  Es  kann  keine  Erkenntnistheorie  geben, 
die  jemals  befriedigen  kann,  wenn  ein  absoluter  Abgrund  steht  zwi- 
schen Subjekt  und  Objekt,  sondern  nur,  wenn  eben  diese  Gliederung  - 
Subjekt  und  Objekt  -  im  Grunde  genommen  doch  nur  eine  vor- 
laufige  Annahme  ist,  wie  erkenntnistheoretisch  dargestellt  worden  ist. 
Die  moderne  Physik,  wie  sie,  sagen  wir,  Blanc  definiert,  geht  doch 
durchaus  darauf  aus,  das  Subjektive  ganz  auszuschlieBen  und  die 
Erscheinungen  so  darzustellen,  wie  sie,  ohne  daB  man  auf  den  Men- 
schen  irgendwie  Riicksicht  nimmt,  im  objektiven  Felde  verlaufen. 
Louis  Blanc  sagt:  Die  Physik  hatte  eigentlich  nur  dasjenige  auf- 
zusuchen,  was  auch  ein  Marsbewohner  -  und  wenn  er  ganz  anders 
organisiert  ware  -  von  der  objektiven  Welt  behaupten  konnte.  Und 
das  ist  in  der  Tat  durchaus  richtig.  Aber  die  Frage  ist  diese :  ob  man 
nicht  auch  im  Menschen  selbst  so  etwas  findet,  was  den  Ergebnissen 
der  Physik  entspricht,  die  rein  nach  MaB,  Zahl  und  Gewicht  gesucht 
werden,  ob  nicht  auch  dem,  bei  einer  entsprechenden  hoheren  Er- 
kenntnis,  etwas  im  Menschen  entspricht.  Und  da  muB  man  sagen: 
Ja,  das  ist  es !  Wir  gehen  ganz  genau  durch  die  Region  durch,  die  dann 
erlebt  wird  und  die  der  moderne  Physiker  eigentlich  nur  durch  eine 
Konstruktion,  eine  gewisse  Konstruktion  aus  dem  Phanomen  heraus, 
gewinnt.  Nur  nimmt  sich  diese  Region  so  aus,  daB  das  Substantielle, 
das  2ugrunde  liegt,  nicht  mehr  ein  Materielles,  sondern  ein  Geistiges 
ist.  Man  erwirbt  sich  da  sogar  das  Recht,  die  Formeln  der  Physik  in 
einer  gewissen  Form  anzuwenden,  setzt  nur  ein  anderes  Substantielles 
hinein.  Newton  meinte,  es  wird  eine  Art  ponderabler  Materie  hinein- 
gegossen  in  die  Gleichungen,  die  Formeln;  die  Huygensscfat  Undula- 
tionstheorie :  es  wird  nur  die  Zahl  der  Wellen  hineingegossen;  die 
neuere  Theorie :  es  werden  elektromagnetische  Felder  hineingegossen. 

Also  dasjenige,  was  da  eigentlich  auf  den  Formeln  schwimmt,  das 
ist  etwas,  woriiber  eine  gewisse  Liberalitat  heute  schon  auch  im  Ver- 
laufe  der  Theorien  herrscht.  Und  darum  sollte  man  sich  nicht  gar  zu 


sehr  stemmen,  wenn  Geisteswissenschaft  genotigt  ist,  in  diese  durch 
den  Weltenraum  fliegenden,  tanzenden  Gleichungen  nun  auch  Geist 
hineinzutun.  Weder  dasjenige,  was  Newton  wollte,  noch  das,  was  der 
ganz  moderne  Physiker  will,  sondern  da  eben  Geist  hineintun!  Nur 
muB  man  eben  zuerst  wissen,  was  Geist  ist.  Das  beruht  dann  nicht  auf 
irgendeiner  Theorie,  sondern  auf  einer  hoheren  Erfahrung. 

Ich  glaube  also,  daB  tatsachlich  immer  mehr  und  mehr  zum  rich- 
tigen  Verstandnis  von  Goethes  Farbenlehre  beigetragen  wird  durch 
dasjenige,  was  von  Fraulein  Dr.  Rabel  heute  in  so  dankenswerter 
Weise  vorgebracht  worden  ist.  Ich  glaube  aber  nicht,  daB  es  moglich 
ist,  heute  auch  noch  auf  solche  Fragen  einzugehen,  wie  sie  zum  Bei- 
spiel  Dr.  Stein  noch  gestellt  hat.  Denn  man  muBte  nun  auf  das  ganze 
Wesen  der  Elektrizitat  eingehen.  Und  das  beriihrt  Fragen,  die  eigent- 
lich  erst  auf  anthroposophischem  Felde,  ich  will  nicht  sagen  gelost, 
sondern  besprochen  werden  konnen.  Denn  da  kommen  wir  ja  natiir- 
lich  in  BegrifFe  hinein,  die,  mochte  man  sagen,  alles  auf  den  Kopf  zu 
stellen  haben,  was  man  gewohnt  ist  heute,  im  Physikalischen  theore- 
tisch  anzuerkennen. 

Wenn  man  auch  jetzt  etwas  davon  abgekommen  ist,  so  ist  es  noch 
nicht  lange  her,  da  rechnete  man  ja  mit  elektrischen  Stromungen  und 
dergleichen.  Nun  hat  man  es  aber  in  der  Wirklichkeit  zu  tun  -  das  ist 
eben  nur  Ergebnis  der  hoheren  Erkenntnis,  was  ich  Ihnen  jetzt  sagen 
werde  -  bei  elektrischen  Stromen  nicht  mit  etwas,  was  da  hinein- 
stromt,  sondern  man  hat  es  in  Wirklichkeit  zu  tun,  wenn  ich  schema- 
tisch  das  andeuten  darf,  damit,  daB  wir,  wenn  man  hier  einen  Draht 
hat,  durch  den  eine  sogenannte  elektrische  Stromung  geht,  eine  Aus- 
sparung  haben  in  der  Realitat. 

Wenn  ich  die  Realitat  -  ich  rede  jetzt  von  einem  Grad  der  Realitat, 
das  werden  ja  viete  nicht  gelten  las  sen  -,  wenn  ich  die  Realitat  zum 
Beispiel  hier  mit  -f-  a  bezeichnen  will,  so  miiBte  ich  die  Realitat 
innerhalb  des  Drahtes  mit  -  a  bezeichnen.  Und  dann  haben  wir  da 
ein  Hereinsaugen  desjenigen,  was  eigentlich  immer  wie  ein  Herein- 
flieBen  angesehen  wird.  Und  man  hat  es  im  wesentlichen  damit  zu 
tun,  daB,  wenn  ein  elektrischer  Leiter  da  ist,  so  stellt  er  eigentlich 
nicht  ein  Ausfiillendes,  sondern  einen  Hohlraum  im  Geistigen  dar. 


Und  das  fuhrt  uns  dann  hiniiber  zu  der  Willensnatur,  die  hier  Dr.  Stein 
nur  vorempfunden  hat,  die  ja  auch  eigentlich  darauf  beruht,  daB  man 
es  nicht  zu  tun  hat,  sagen  wir,  mit  Nerven,  die  ausfiillen,  sondern 
mit  Hohlrinnen,  Hohlrohren,  durch  die  das  Geistige  angesaugt  wird 
und  durch  die  das  Geistige  durchgeht. 

Das  aber,  wie  gesagt,  wiirde  heute  viel  zu  weit  fuhren,  und  ich  habe 
mir  eigentlich  nur  die  Aufgabe  setzen  konnen  zu  zeigen,  inwieferne 
oder  vielmehr  me  das  damals  gemeint  war,  als  ich  gesagt  habe :  Diese 
neueren  Erscheinungen  liegen  eigentlich  in  der  Linie  der  Weiter- 
entwickelung  der  Goetheschen  Farbenlehre. 


ERSTER  VORTRAG 


Stuttgart,  23.  Dezember  1919 


Nach  den  eben  verlesenen  Worten,  von  denen  einige  ja  schon  iiber 
dreiBig  Jahre  alt  sind,  mochte  ich  bemerken,  daB  es  natiirlich  nur  zu- 
nachst  Streif  lichter  sein  konnen,  die  ich  in  dieser  kurzen  Zeit,  die  uns 
zur  Verfiigung  stehen  wird,  Ihnen  werde  fur  die  Anschauung  des 
natiirlichen  Daseins  bringen  konnen.  Denn  erstens  werden  wir,  zumal 
ja  nicht  sehr  viel  Zeit  sein  wird,  das  diesmal  Begonnene  in  nicht  sehr 
ferner  Zukunft  weiter  hier  fortsetzen  konnen,  zweitens  aber  ist  mir  ja 
von  der  Absicht  eines  solchen  Kurses  erst,  als  ich  hier  schon  an- 
gekommen  war,  Mitteilung  gemacht  worden.  Und  daher  wird  es  sich 
um  etwas  recht,  recht  sehr  Episodisches  in  diesen  Tagen  nur  handeln 
konnen. 

Ich  mochte  Ihnen  auf  der  einen  Seite  etwas  geben,  was  fur  den  Pad- 
agogen  brauchbar  sein  kann,  weniger  vielleicht  nach  der  Richtung 
hin,  daB  er  es  unmittelbar  so,  wie  ich  es  hier  geben  werde,  inhaltlich 
im  Unterricht  verwerten  wird  konnen,  als  vielmehr  nach  der  Richtung 
hin,  daB  es  das  Lehren  durchdringen  konne  als  eine  gewisse  wissen- 
schaftliche  Grundrichtung.  Auf  der  anderen  Seite  wird  es  ja  immer  fur 
den  Padagogen  von  ganz  besonderer  Bedeutung  sein,  neben  den  man- 
cherlei  Abirrungen,  welche  gerade  das  Naturwissen  in  der  neueren 
Zeit  erfahren  hat,  wenigstens  im  Hintergrunde  das  Richtige  zu  haben, 
und  auch  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  mochte  ich  Ihnen  einzelne 
Anhaltspunkte  geben. 

Ich  mochte  zu  den  Worten,  an  die  freundschaftlicherweise  von 
Dr.  Stein  eben  erinnert  worden  ist,  etwas  hinzufugen,  das  ich  im  Be- 
ginne  der  neunziger  Jahre  aussprechen  muBte,  als  ich  vom  Frankfurter 
Freien  Hochstift  aufgefordert  wurde,  einen  Vortrag  iiber  Goethes 
Naturwissenschaft  zu  halten.  Ich  sagte  dazumal  in  der  Einleitung,  daB 
ich  mich  darauf  beschranken  miisse,  mehr  iiber  die  Beziehungen 
Goethes  zur  organischen  Naturwissenschaft  zu  sprechen.  Denn  das- 
jenige,  was  Goethesche  Weltanschauung  ist,  heute  schon  hineinzu- 
tragen  etwa  in  die  physikalische  und  chemische  Anschauung,  das  ist 


schier  eine  Unmoglichkeit,  weil  einfach  die  Physiker  und  Chemiker 
heute  dazu  verurteilt  sind  durch  alles  das,  was  in  Physik  und  Chemie 
lebt,  das  von  Goethe  Ausgehende  geradezu  als  eine  Art  Unsinn  an- 
zusehen,  als  etwas,  wobei  sie  sich  nichts  vorstellen  konnen.  Und  ich 
meinte  damals,  man  miisse  abwarten,  bis  Physik  und  Chemie  durch 
ihre  eigene  Forschung  gewissermaBen  dahin  gefiihrt  werden  einzu- 
sehen,  wie  der  Grundbau  ihres  wis  sens  chaftlichen  Strebens  sich  selber 
ad  absurdum  fiihrt.  Dann  werde  die  Zeit  gekommen  sein,  wo  auch 
auf  dem  Gebiete  der  Physik  und  Chemie  Goethesche  Ansichten  Platz 
greifen  konnen. 

Nun  werde  ich  mich  bemuhen,  einen  Einklang  zu  schaffen  zwischen 
dem,  was  man  etwa  experimentelle  Naturwissenschaft  nennen  kann, 
und  dem,  was  die  Anschauung  betrifft,  die  man  iiber  die  Ergebnisse 
des  Experiments  gewinnen  kann.  Heute  mochte  ich  einleitungsweise 
und,  wie  man  oft  sagt,  theoretisch  einiges  zur  Verstandigung  vor- 
bringen.  Ich  mochte  heute  geradezu  darauf  abzielen,  hinzuarbeiten  auf 
ein  wirkliches  Verstehen  des  Gegensatzes  zwischen  landlaufiger,  ge- 
brauchlicher  Naturwissenschaft  und  demjenigen,  was  man  als  natur- 
wissenschaftliche  Anschauung  aus  Goethes  allgemeiner  Weltanschau- 
ung gewinnen  kann.  Wir  werden  dazu  allerdings  ein  wenig  auf  die 
Voraussetzungen  des  naturwissenschaftlichen  Denkens  theoretisch 
eingehen  miissen.  Wer  heute  im  landlaufigen  Sinne  iiber  die  Natur 
denkt,  der  macht  sich  gewohnlich  nicht  eine  klare  Vorstellung  dar- 
iiber,  was  eigentlich  sein  Forschungsfeld  ist.  Natur  ist,  ich  mochte 
sagen,  zu  einem  ziemlich  unbestimmten  Begriff  geworden.  Wir  wollen 
daher  nicht  ausgehen  etwa  von  der  Anschauung,  die  man  heute  hat 
iiber  das  Wesen  dessen,  was  Natur  ist,  sondern  vielmehr  davon,  wie 
in  der  Naturwissenschaft  gewohnlich  gearbeitet  wird.  Diese  Arbeits- 
weise,  wie  ich  sie  charakterisieren  werde,  ist  ja  in  der  Tat  etwas  in 
Umwandlung  begrifTen,  und  es  gibt  manches,  was  man  deuten  kann 
wie  die  Morgenrote  einer  neuen  Weltanschauung.  Aber  im  ganzen 
herrscht  doch  dasjenige,  was  ich  Ihnen  heute  ganz  einleitungsweise 
charakterisieren  mochte. 

Der  Forscher  sucht  heute  von  drei  Ausgangspunkten  aus  der  Natur 
beizukommen.  Das  erste  ist,  daG  er  versucht,  die  Natur  so  zu  beob- 


achten,  daB  er  von  den  Naturwesen  und  Naturerscheinungen  aus  zu 
Art-  und  Gattungsbegriffen  kommt.  Er  versucht,  die  Naturerschei- 
nungen und  Wesenheiten  zu  gliedern.  Sie  brauchen  sich  nur  daran  zu 
erinnern,  wie  dem  Menschen  in  der  auBeren,  sinnlichen  Erfahrung  ge- 
geben  sind,  ich  will  sagen,  einzelne  Wolfe,  einzelne  Hyanen,  einzelne 
Warmeerscheinungen,  einzelne  Elektrizitatserscheinungen  und  wie  er 
dann  versucht,  solche  einzelne  Erscheinungen  zusammenzufassen  und 
in  Arten  und  Gattungen  zu  vereinigen;  wie  er  spricht  von  der  Art 
Wolf,  der  Art  Hyane  usw.,  wie  er  auch  bei  den  Naturerscheinungen 
spricht  von  gewissen  Arten,  wie  er  also  das  zusammenfaBt,  was  im 
einzelnen  gegeben  ist.  Man  mochte  sagen :  Diese  wichtige  erste  Tatig- 
keit,  die  ausgeiibt  wird  im  Naturforschen,  sie  wird  schon  etwas  unter 
der  Hand  ausgeiibt.  Man  wird  sich  nicht  bewuBt,  daB  man  eigentlich 
nachforschen  miiBte,  wie  sich  dieses  Allgemeine,  zu  dem  man  kommt, 
wenn  man  einteilt  und  gliedert,  wie  sich  das  zu  der  Einzelheit  verhalt. 

Das  zweite,  was  heute  getan  wird,  wenn  man  sich  auf  dem  Felde 
der  Naturforschung  betatigt,  ist,  daB  man  versucht,  entweder  durch 
das  vorbereitende  Experiment  oder  durch  dasjenige,  was  sich  daran 
anschlieBt  durch  die  begriffliche  Verarbeitung  der  Ergebnisse  des- 
selben,  zu  dem  zu  kommen,  was  man  die  Ursachen  der  Erscheinungen 
nennt.  Wenn  man  von  denselben  spricht,  so  hat  man  ja  oftmals 
im  Sinne  Krafte,  Stoffe  -  man  spricht  von  der  Kraft  der  Elektri- 
zitat,  der  Kraft  des  Magnetismus,  der  Kraft  der  Warme  usw.  man 
hat  auch  oftmals  Umfassenderes  im  Sinne.  Man  spricht  davon,  daB 
hinter  den  Lichterscheinungen  oder  auch  hinter  den  Elektrizitats- 
erscheinungen so  etwas  ist  wie  der  unbekannte  Ather.  Man  versucht, 
aus  den  Ergebnissen  der  Experimente  auf  die  Eigenschaften  dieses 
Athers  zu  kommen.  Sie  wissen,  alles  dasjenige,  was  iiber  diesen  Ather 
ausgesagt  wird,  ist  auBerordentlich  strittig.  Aber  auf  eines  darf  wohl 
dabei  gleich  aufmerksam  gemacht  werden :  Man  sucht,  indem  man  so, 
wie  man  sagt,  zu  den  Ursachen  der  Erscheinungen  aufsteigen  will, 
vom  Bekannten  in  eine  Art  Unbekanntes  hinein  den  Weg,  und  man 
fragt  nicht  viel  dariiber  nach,  welche  Berechtigung  eigentlich  vorliegt, 
von  dem  Bekannten  in  das  Unbekannte  hineinzukommen.  Man  gibt 
sich  nur  wenig  zum  Beispiel  Rechenschaft  dariiber,  welches  Recht 


eigentlich  vorliegt,  davon  zu  sprechen,  daB,  wenn  wir  irgendeine 
Licht-  oder  Farbenerscheinung  wahrnehmen,  so  sei  das,  was  wir  sub- 
jektiv  als  Farbenqualitat  bezeichnen,  die  Wirkung  auf  uns,  auf  unser 
Seelisches,  auf  unseren  Nervenapparat,  sei  die  Wirkung  eines  objek- 
tiven  Vorgangs,  der  sich  im  Weltenather  als  Wellenbewegung  ab- 
spielt.  So  daB  wir  eigentlich  unterscheiden  rmiBten  ein  Zweifaches: 
den  subjektiven  Vorgang  und  den  objektiven,  der  in  einer  Wellen- 
bewegung des  Athers  oder  in  der  Wechselwirkung  desselben  mit  den 
Vorgangen  in  der  ponderablen  Materie  besteht. 

Diese  Anschauungsweise,  die  jetzt  ja  ein  wenig  ins  Wanken  gekom- 
men  ist,  sie  war  diejenige,  die  das  neunzehnte  Jahrhundert  beherrscht 
hat  und  die  eigentlich  in  der  Art  und  Weise,  wie  man  iiber  die  Er- 
scheinungen  spricht,  heute  noch  iiberall  zu  finden  ist,  die  noch  unsere 
wissenschaftliche  Literatur  durchdringt,  die  durchdringt  die  Art  und 
Weise,  wie  iiber  die  Dinge  gesprochen  wird. 

Dann  aber  ist  noch  ein  Drittes,  wodurch  sich  der  sogenannte  Natur- 
forscher  zu  nahern  sucht  der  Konfiguration  der  Natur.  Das  ist,  daB  er 
die  Erscheinungen  ins  Auge  faBt.  Nehmen  wir  eine  einfache  Erschei- 
nung,  diejenige,  daB  jeder  Stein,  wenn  wir  ihn  loslassen,  zur  Erde 
fallt  oder,  wenn  wir  ihn  an  eine  Schnur  anbinden  und  hangen  lassen, 
er  in  senkrechter  Richtung  zur  Erde  zieht.  Solche  Erscheinungen  faBt 
man  zusammen  und  kommt  von  diesen  Erscheinungen  zu  demjenigen, 
was  man  Naturgesetz  nennt.  So  betrachtet  man  es  als  ein  einfaches 
Naturgesetz,  wenn  man  sagt:  Jeder  Weltenkorper  zieht  die  auf  ihm 
befindlichen  Korper  an.  Man  nennt  die  Kraft,  die  da  wirkt,  die  Gravi- 
tation oder  Schwerkraft,  und  man  spricht  solch  eine  Kraft  in  bestimm- 
ten  Gesetzen  aus.  Ein  Musterbeispiel  fur  solche  Gesetze  sind  zum  Bei- 
spiel  die  drei  Keplerschen  Gesetze. 

Auf  diese  drei  Arten  versucht  sich  die  sogenannte  Naturforschung 
der  Natur  zu  nahern.  Nun  mochte  ich  gleich  dem  entgegenstellen,  wie 
Goethesche  Naturanschauung  eigentlich  von  alien  dreien  das  Gegen- 
teil  anstrebt.  Erstens  war  fur  Goethe,  als  er  anfing,  sich  mit  den  Natur- 
erscheinungen  zu  befassen,  die  Gliederung  in  Arten  und  Gattungen 
sowohl  der  Naturwesen  wie  der  Naturtatsachen  sogleich  etwas  hochst 
Problematisches.  Er  wollte  nicht  gelten  lassen  die  Hinauffuhrung  der 


einzelnen  konkreten  Wesen  und  konkreten  Tatsachen  auf  gewisse 
starre  Art-  und  Gattungsbegriffe,  wollte  vielmehr  verfolgen  den  all- 
mahlichen  Ubergang  der  einen  Erscheinung  in  die  andere,  wollte  ver- 
folgen den  Ubergang  der  einen  Gestaltung  eines  Wesens  in  die  andere. 
Das,  worum  es  ihm  zu  tun  war,  war  nicht  artliche  und  gattungsmaBige 
Gliederung,  sondern  es  war  Metamorphose,  sowohl  der  Naturerschei- 
nungen  wie  auch  der  einzelnen  Wesenheiten  in  der  Natur.  Aber  auch 
in  dem  Sinn,  wie  das  noch  die  ganze  Nach-Goethesche  Naturforschung 
getan  hat,  auf  sogenannte  Naturursachen  zu  gehen,  auch  das  war  nicht 
eigentlich  nach  Goethes  Vorstellungsart,  und  gerade  in  diesem  Punkt 
ist  es  von  groBer  Wichtigkeit,  sich  bekanntzumachen  mit  dem  prin- 
zipiellen  Unterschied,  der  besteht  zwischen  der  Art  der  gegenwartigen 
Naturforschung  und  der  Art,  wie  Goethe  an  die  Natur  herantritt. 

Die  gegenwartige  Naturforschung  macht  Experimente,  Sie  verfolgt 
also  die  Erscheinungen,  versucht  dann,  diese  begriff  lich  zu  verarbeiten 
und  sucht  sich  Vorstellungen  zu  bilden  iiber  dasjenige,  was  hinter  den 
Erscheinungen  als  die  sogenannten  Ursachen  steht,  zum  Beispiel  hin- 
ter der  subjektiven  Licht-  und  Farbenerscheinung  die  objektive  Wel- 
lenbewegung  im  Ather. 

Goethe  verwendet  das  ganze  naturwissenschaftliche  Denken  nicht 
in  diesem  Stile.  Er  geht  gar  nicht  in  seiner  Naturforschung  von  dem 
sogenannten  Bekannten  in  das  sogenannte  Unbekannte  hinein,  son- 
dern er  will  immer  in  dem  Bekannten  stehenbleiben,  ohne  daB  er  sich 
zunachst  darum  bekiimmert,  ob  das  Bekannte  bloB  subjektiv,  also  eine 
Wirkung  auf  unsere  Sinne  oder  auf  unsere  Nerven  oder  auf  unsere 
Seele  ist,  oder  ob  es  objektiv  ist.  Solche  Begriffe,  wie  die  der  subjek- 
tiven Farbenerscheinungen  und  der  objektiven  Wellenbewegungen 
drauBen  im  Raume,  solche  bildet  sich  Goethe  gar  nicht,  sondern  ihm 
ist  dasjenige,  was  er  ausgebreitet  im  Raum,  was  er  vorgehend  in  der 
Zeit  sieht,  ein  durchaus  EinheitHches,  bei  dem  er  nicht  nach  Subjek- 
tivitat  und  Objektivitat  fragt.  Er  verwendet  gar  nicht  jenes  Denken 
und  jene  Methoden,  die  in  der  Naturwissenschaft  angewendet  werden, 
dazu,  um  von  dem  Bekannten  auf  das  Unbekannte  zu  schlieBen,  son- 
dern er  verwendet  alles  Denken,  alle  Methoden  dazu,  die  Phanomene, 
die  Erscheinungen  selbst  so  zusammenzustellen,  daB  man  durch  diese 


Zusammenstellung  der  Phanomene,  der  Erscheinungen  zuletzt  solche 
Erscheinungen  bekommt,  die  er  Urphanomene  nennt,  die  nun  wieder- 
um,  ohne  daB  man  Riicksicht  nimmt  auf  subjektiv  und  objektiv,  das 
aussprechen,  was  er  zur  Grundlage  seiner  Welt-  und  Naturbetrachtung 
machen  will.  Also,  Goethe  bleibt  stehen  innerhalb  der  Reihe  der  Er- 
scheinungen, vereinfacht  sie  nur  und  betrachtet  dann  dasjenige,  was 
sich  als  einfache  Erscheinungen  uberschauen  laBt,  als  das  Urphanomen. 

Goethe  betrachtet  also  das  Ganze,  was  man  nennen  kann  natur- 
wissenschaftliche  Methode,  nur  als  Werkzeug,  um  innerhalb  der  Er- 
scheinungssphare  selbst  so  die  Erscheinungen  zu  gruppieren,  daB  sie 
selbst  ihre  Geheimnisse  aussprechen.  Nirgends  versucht  Goethe  von 
einem  sogenannten  Bekannten  auf  irgendein  Unbekanntes  zu  rekur- 
rieren.  Daher  gibt  es  fur  Goethe  auch  nicht  das,  was  man  Naturgesetz 
nennen  kann. 

Ein  Naturgesetz  haben  Sie,  wenn  ich  sage:  Bei  den  Umlaufen  um 
die  Sonne  machen  die  Planeten  gewisse  Bewegungen,  bei  denen  diese 
und  diese  Bahnen  beschrieben  werden.  -  Fur  Goethe  handelte  es  sich 
nicht  darum,  zu  solchen  Gesetzen  zu  kommen,  sondern  dasjenige,  was 
er  ausspricht  als  die  Grundlage  seines  Forschens,  sind  Tatsachen,  zum 
Beispiel  die  Tatsache,  wie  zusammenwirken  Licht  und  in  den  Weg  des 
Lichts  gestellte  Materie.  Wie  die  zusammenwirken,  das  spricht  er  in 
Worten  aus,  das  ist  kein  Gesetz,  sondern  eine  Tatsache.  Und  solche 
Tatsachen  sucht  er  seiner  Naturbetrachtung  zugrunde  zu  legen.  Er 
will  nicht  von  dem  Bekannten  zu  dem  Unbekannten  aufsteigen,  er  will 
auch  nicht  Gesetze  haben,  er  will  im  Grunde  genommen  eine  Art  ratio- 
neller  Naturbeschreibung  haben.  Nur  daB  ein  Unterschied  fur  ihn  be- 
steht  zwischen  der  Beschreibung  des  Phanomens,  das  unmittelbar  ist, 
das  kompliziert  ist,  und  dem  anderen,  das  man  herausgeschalt  hat,  das 
nur  noch  die  einfachsten  Elemente  aufweist,  das  dann  ebenso  von 
Goethe  der  Naturbetrachtung  zugrunde  gelegt  wird  wie  sonst  das  Un- 
bekannte  oder  auch  der  rein  begrifFlich  festgesetzte,  gesetzmaBige  Zu- 
sammenhang. 

Nun  liegt  noch  etwas  vor,  was  geradezu  Licht  verbreiten  kann  iiber 
dasjenige,  was  herein  will  in  unsere  Naturbetrachtung  im  Goetheanis- 
mus,  und  iiber  dasjenige,  was  da  ist.  Es  liegt  die  merkwiirdige  Tat- 


sache  vor,  daB  kaum  irgend  jemand  so  klare  Anschauungen  hatte  iiber 
die  Be2iehungen  der  Naturerscheinungen  zu  der  mathematischen  Be- 
trachtung  wie  Goethe.  Das  wird  ja  immer  gewohnlich  bestritten.  Ein- 
fach,  weil  Goethe  selbst  kein  ausgepichter  Mathematiker  war,  wird 
bestritten,  daB  er  eine  klare  Anschauung  hatte  von  den  Beziehungen 
der  Naturerscheinungen  zu  den  mathematischen  Formulierungen,  die 
immer  beliebter  und  beliebter  geworden  sind  und  die  im  Grunde  ge- 
nommen  das  einfach  Sichere  in  der  Naturbetrachtung  heute  sind.  Nun 
handelt  es  sich  darum,  daB  in  neuerer  Zeit  immer  mehr  und  mehr  diese 
mathematische  Betrachtungsweise  der  Naturerscheinungen  -  also,  es 
ware  falsch  zu  sagen:  die  mathematische  Naturbetrachtung  -,  diese 
Betrachtung  der  Naturerscheinungen  durch  mathematische  Formulie- 
rungen, daB  diese  gerade  auch  maBgebend  geworden  ist  fur  die  Art, 
wie  man  sich  die  Natur  selbst  vorstellt. 

Nun  muB  man  iiber  diese  Dinge  zur  Klarheit  kommen.  Sehen  Sie, 
da  haben  wir  auf  dem  gebrauchlichen  Wege  zur  Natur  hin  eigentlich 
zunachst  dreierlei.  Dieses  Dreierlei,  das  ist  vom  Menschen  angewendet, 
bevor  er  eigentlich  zur  Natur  kommt.  Das  erste  ist  die  gewohnliche 
Arithmetik.  Wir  rechnen  auBerordentlich  viel  in  der  Naturbetrachtung 
heute,  wir  rechnen  und  zahlen.  Nun  muB  man  sich  klar  dariiber  sein, 
daB  die  Arithmetik  etwas  ist,  was  der  Mensch  durchaus  durch  sich 
selbst  begreift.  Es  ist  ganz  gleichgiiltig,  was  wir  zahlen,  wenn  wir 
zahlen.  Indem  wir  Arithmetik  in  uns  aufnehmen,  nehmen  wir  etwas 
in  uns  auf,  das  zunachst  gar  keinen  Bezug  zur  AuBenwelt  hat.  Daher 
konnen  wir  ebensogut  Erbsen  wie  Elektronen  zahlen.  Die  Art  und 
Weise,  wie  wir  einsehen,  daB  unsere  Zahl-  und  Rechnungsmethoden 
richtig  sind,  die  ist  etwas  ganz  anderes  als  das,  was  sich  uns  ergibt  in 
dem  Vorgang,  auf  den  wir  die  Arithmetik  anwenden. 

Das  zweite  ist  noch  immer  etwas,  was  wir  ausuben,  bevor  wir 
eigentlich  an  die  Natur  herankommen.  Es  ist  das,  was  Gegenstand  der 
Geometrie  ist.  Was  ein  Wtirfel,  was  ein  Oktaeder  ist,  wie  ihre  Winkel 
sind,  das  machen  wir  aus,  ohne  daB  wir  unsere  Beobachtung  iiber  die 
Natur  ausdehnen,  das  ist  etwas,  was  wir  aus  uns  herausspinnen.  DaB 
wir  die  Dinge  zeichnen,  ist  nur  etwas,  was  unserer  Tragheit  dient.  Wir 
konnten  ebensogut  alles  dasjenige,  was  wir  durch  Zeichnung  veran- 


schaulichen,  uns  bloB  vorstellen,  und  es  ist  sogar  niitzlich,  wenn  wir 
uns  manches  bloB  vorstellen  und  weniger  die  Leiter  der  Veranschau- 
lichung  beniit2en.  Daraus  ergibt  sich,  daB  dasjenige,  was  wir  auszu- 
sagen  haben  iiber  die  geometrische  Form,  aus  einem  Gebiet  genom- 
men  ist,  das  zunachst  fern  der  auBeren  Natur  steht.  Was  wir  auszusagen 
haben  iiber  einen  Wiirfel,  das  wissen  wir,  ohne  daB  wir  es  ablesen  vom 
Steinsalzwiirfel.  Aber  es  muB  sich  an  diesem  auch  finden.  Wir  machen 
also  etwas  fern  der  Natur  und  wenden  es  dann  auf  die  Natur  an. 

Ein  Drittes,  mit  dem  wir  noch  immer  nicht  an  die  Natur  heran- 
dringen,  ist  das,  was  wir  treiben  in  der  sogenannten  Phoronomie,  in 
der  Bewegungslehre.  Nun  ist  es  doch  von  einer  gewissen  Wichtigkeit, 
daB  Sie  sich  klar  machen,  wie  auch  diese  Phoronomie  etwas  ist,  was  im 
Grunde  genommen  noch  feme  steht  der  sogenannten  wirklichen  Na- 
turerscheinung.  Sehen  Sie,  ich  stelle  mir  vor  -  ich  sehe  nicht  auf  einen 
bewegten  Gegenstand  hin,  sondern  ich  stelle  mir  vor  -,  daB  ein  Gegen- 
stand  sich  bewegt  von,  sagen  wir,  Punkt  a  nach  Punkt  b.  Ich  sage 


sogar,  es  bewege  sich  der  Punkt  a  nach  Punkt  b  hin.  Das  stelle  ich 
mir  vor.  Nun  kann  ich  mir  jederzeit  vorstellen,  daB  diese  Bewegung 
von  a  nach  by  die  ich  durch  den  Pfeil  angedeutet  habe,  aus  zwei 
Bewegungen  zusammengesetzt  ist.  Denken  Sie  sich  einmal,  der 
Punkt  a  wiirde  nach  b  kommen  sollen,  aber  er  wiirde  nicht  gleich  die 
Richtung  nach  b  einschlagen,  sondern  er  wiirde^  sich  zunachst  in  der 
Richtung  bewegen  bis  c.  Wenn  er  sich  dann  hinterher  von  c  nach  b 
bewegt,  so  kommt  er  auch  bei  b  an.  Ich  kann  also  die  Bewegung  von 
a  nach  b  mir  auch  so  vorstellen,  daB  sie  nicht  auf  der  Linie  a-b  verlauft, 


sondern  auf  der  Linie  oder  auf  den  zwei  Linien  a-c-b.  Das  heiBt,  ich 
kann  mir  vorstellen,  daB  die  Bewegung  a-b  zusammengesetzt  ist  aus 
der  Bewegung  a-c  und  c-b,  also  aus  zwei  anderen  Bewegungen.  Sie 
brauchen  gar  nicht  einen  Naturvorgang  zu  verfolgen,  sondern  Sie 
konnen  sich  vorstellen,  daB  die  Bewegung  a-b  aus  den  beiden  anderen 
Bewegungen  zusammengesetzt  ist,  das  heiBt,  daB  statt  der  einen  Be- 
wegung die  beiden  anderen  Bewegungen  mit  demselben  Effekt  aus- 
gefuhrt  werden  konnten.  Wenn  ich  mir  das  vorstelle,  so  ist  dieses  Vor- 
gestellte  rein  aus  mir  herausgesponnen.  Denn  statt  daB  ich  das  ge- 
zeichnet  habe,  hatte  ich  Ihnen  Anleitung  geben  konnen  zum  Vor- 
stellen der  Sache,  und  das  miiBte  eine  fur  Sie  giiltige  Vorstellung  sein. 

Aber  wenn  in  der  Natur  wirklich  so  etwas  wie  ein  Punkt  a  da  ist,  ein 
kleines  Schrotkorn  etwa,  und  sich  einmal  von  a  nach  b  bewegt  und 
ein  anderes  Mai  von  a  nach  c  und  von  c  nach  b  bewegt,  so  geschieht 
das  wirklich,  was  ich  mir  vorgestellt  habe.  Das  heiBt,  in  der  Be- 
wegungslehre  ist  es  so,  daB  ich  mir  die  Bewegungen  vorstelle,  aber  daB 
dieses  Vorgestellte  anwendbar  ist  auf  die  Naturerscheinungen,  sich 
bewahren  muB  an- den  Naturerscheinungen. 

So  also  konnen  wir  sagen:  In  Arithmetik,  in  Geometrie,  in  Phoro- 
nomie  haben  wir  die  drei  Vorstufen  der  Naturbetrachtung.  Die  Be- 
griffe,  die  wir  dabei  gewinnen,  spinnen  wir  ganz  aus  uns  selbst  heraus, 
aber  sie  sind  maBgebend  fur  dasjenige,  was  in  der  Natur  geschieht. 

Nun  bitte  ich  Sie,  einen  kleinen  Erinnerungsspaziergang  zu  machen 
in  Ihr  mehr  oder  weniger  lang  zuriickliegendes  Physikstudium  und 
sich  zu  erinnern,  daB  einmal  darin  Ihnen  so  etwas  entgegengetreten 
ist  wie  das  sogenannte  Krafte-Parallelogramm :  Wenn  auf  einen  Punkt 
a  eine  Kraft  wirkt,  so  kann  diese  Kraft  den  Punkt  a  nach  dem  Punkt  b 
Ziehen.  Also  unter  dem  Punkt  a  verstehe  ich  irgend  etwas  Materielles, 
sagen  wir  wiederum  ein  kleines  Kornchen.  Das  ziehe  ich  durch  eine 
Kraft  von  a  nach  b.  Bitte  den  Unterschied  zu  beachten  zwischen 
dem,  wie  ich  jetzt  spreche  und  wie  ich  vorhin  gesprochen  habe. 
Ich  habe  vorhin  von  der  Bewegung  gesprochen,  jetzt  spreche  ich 
davon,  daB  eine  Kraft  das  a  nach  b  zieht.  Wenn  Sie  das  MaB  der 
Kraft,  die  von  a  nach  b  zieht,  sagen  wir  mit  funf  Gramm,  ausdriicken 
durch  Strecken  (es  wird  gezeichnet) :  ein  Gramm,  zwei  Gramm,  drei 


\ 


\ 


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of 


Gramm,  vier  Gramm,  fiinf  Gramm,  so  konnen  Sie  sagen:  Ich  ziehe 
mit  der  Kraft  von  fiinf  Gramm  das  a  nach  b.  Ich  konnte  den  ganzen 
Vorgang  auch  anders  gestalten,  konnte  mit  einer  gewissen  Kraft  das  a 
zuerst  nach  c  ziehen.  Wenn  ich  es  aber  von  a  nach  c  ziehe,  dann  kann 
ich  noch  einen  zweiten  Zug  ausfuhren.  Ich  kann  ziehen  in  derselben 
Richtung,  die  hier  durch  die  Verbindungslinie  von  c  nach  b  angegeben 
ist,  und  ich  muB  dann  ziehen  mit  einer  Kraft,  welche  entspricht  dieser 
Lange.  Wenn  ich  also  hier  mit  einer  Kraft  von  fiinf  Gramm  ziehe,  so 
miilke  ich  aus  dieser  Figur  ausrechnen,  wie  groB  der  Zug  a-c  sein  muB 
und  wie  groB  der  Zug  c-b  sein  muB.  Und  wenn  ich  zu  gleicher  Zeit 
ziehe  von  a  nach  c  und  a  nach  dy  so  ziehe  ich  das  a  so  fort,  daB  es  zu- 
letzt  nach  b  kommt,  und  ich  kann  berechnen,  wie  stark  ich  nach  c  und 
wie  stark  ich  nach  d  ziehen  muB.  Aber  das  kann  ich  nicht  so  aus- 
rechnen, wie  ich  die  Bewegung  ausrechnen  kann  im  obigen  Beispiel. 
Was  ich  hier  oben  fur  die  Bewegung  finde,  das  kann  ich  in  der  Vor- 
stellung  ausrechnen.  Sobald  ein  wirklicher  Zug,  das  heiBt  eine  wirk- 
liche  Kraft  ausgeiibt  wird,  muB  ich  diese  Kraft  irgendwie  messen.  Da 
muB  ich  an  die  Natur  selbst  herangehen,  da  muB  ich  schreiten  von  der 
Vorstellung  in  die  Tatsachenwelt  hinein.  Und  je  klarer  Sie  sich  machen 
diesen  Unterschied  zwischen  dem  Bewegungs-Parallelogramm  -  ein 
Parallelogramm  wird  es  ja  auch,  wenn  Sie  sich  dieses  (erste  Figur,  d) 
erganzen  -  und  dem  Krafte-Parallelogramm,  um  so  klarer  und  scharfer 
haben  Sie  ausgedriickt  den  Unterschied  zwischen  all  dem,  was  sich 
innerhalb  der  Vorstellung  festsetzen  laBt,  und  dem,  was  da  liegt,  wo 
die  Vorstellungen  auf  horen.  Sie  konnen  zu  Bewegungen  in  der  Vor- 
stellung kommen,  aber  nicht  zu  Kraften.  Die  miissen  Sie  in  der  AuBen- 


welt  messen.  Und  Sie  konnen  iiberhaupt  nur,  wenn  Sie  es  auBerlich 
experimentell  feststellen,  konstatieren,  daB,  wenn  zwei  Ziige  ausgeiibt 
werden,  von  a  nach  c  und  von  a  nach  dt  daB  dann  a  nach  b  gezogen 
wird  nach  den  Gesetzen  des  Krafte-Parallelogramms.  Es  gibt  gar 
keinen  Vorstellungsbeweis  wie  oben.  Das  muB  auBerlich  gemessen 
werden.  Daher  kann  man  sagen:  Das  Bewegungs-Parallelogramm  wird 
gewonnen  aus  der  bloBen  Vernunft  heraus,  das  Krafte-Parallelo- 
gramm  muB  gewonnen  werden  auf  empirische  Weise  durch  auBere 
Erfahrungen.  Und  indem  Sie  unterscheiden  Bewegungs-Parallelo- 
gramm von  Krafte-Parallelogramm,  haben  Sie  haarscharf  vor  sich  den 
Unterschied  zwischen  Phoronomie  und  Mechanik.  Die  Mechanik, 
die  es  schon  zu  tun  hat  mit  Kraften,  nicht  mehr  bloB  mit  Bewegungen, 
ist  bereits  eine  Naturwissenschaft.  Eine  eigentliche  Naturwissenschaft 
ist  Arithmetik,  ist  Geometrie,  ist  Phoronomie  noch  nicht.  Nur  die 
Mechanik  hat  es  mit  der  Wirkung  von  Kraften  im  Raum  und  in 
der  Zeit  zu  tun.  Aber  man  muB  iiber  das  Vorstellungsleben  hinaus- 
gehen,  wenn  man  zu  dieser  ersten  Naturwissenschaft,  zu  der  Mechanik, 
vorschreiten  will. 

Schon  hier  in  diesem  Punkt  denken  eigentlich  unsere  Zeitgenossen 
nicht  klar  genug.  Ich  will  Ihnen  an  einem  Beispiel  anschaulich 
machen,  wie  gewaltig  eigentlich  der  Sprung  ist  von  der  Phoronomie 
in  die  Mechanik  hinein.  Die  phoronomischen  Erscheinungen  konnen 
ganz  innerhalb  des  Vorstellungsraumes  verlaufen,  die  mechanischen 
Erscheinungen  aber  werden  von  uns  zunachst  nur  gepriift  werden 
konnen  an  der  AuBenwelt.  Man  macht  sich  das  so  wenig  klar,  daB 
man  eigentlich  immer  etwas  konfundiert  dasjenige,  was  man  noch 
mathematisch  einsehen  kann,  mit  demjenigen,  worinnen  schon  die 
Entitaten  der  AuBenwelt  spielen.  Denn,  was  muB  da  sein,  wenn  wir 
vom  Krafte-Parallelogramm  reden?  Solange  wir  vom  Bewegungs- 
Parallelogramm  reden,  braucht  nichts  da  zu  sein  als  ein  gedachter 
Korper.  Aber  dort  beim  Krafte-Parallelogramm  muB  schon  da  sein 
eine  Masse,  eine  Masse,  die  zum  Beispiel  Gewicht  hat.  Dariiber  muB 
man  sich  klar  sein:  In  a  muB  eine  Masse  sein.  Jetzt  fuhlt  man  sich  wohl 
auch  gedrungen  zu  fragen:  Was  ist  das  eigentlich,  eine  Masse? 

Ja,  da  wird  man  gewissermaBen  sagen  mussen:  Hier  stocke  ich 


schon.  Denn  es  stellt  sich  heraus,  daB,  wo  man  dasjenige  verlaBt,  was 
in  der  Vorstellungswelt  so  festgesetzt  werden  kann,  daB  es  fur  die 
Natur  gilt,  daB  wenn  man  da  hineinkommt,  man  auf  ziemlich  un- 
sicherem  Gebiete  steht.  Sie  wissen  ja,  daB  man,  um  gewissermaBen 
mit  Arithmetik,  mit  Geometrie  und  Phoronomie  und  mit  dem,  was 
man  ein  biBchen  hereinholt  von  der  Mechanik,  auszukommen,  sich 
mit  dem  ausriistet  und  dann  versucht,  durch  die  Mechanik  der  Mole- 
kiile,  der  Atome,  in  die  man  sich  zerteilt  denkt  das,  was  man  Materie 
nennt,  sich  vorzustellen  die  Naturerscheinungen,  die  man  zunachst 
als  subjektive  Erfahrungen  betrachtet.  Wir  greifen  irgendeinen  war- 
men  Korper  an.  Der  Naturforscher  erzahlt  uns :  Das,  was  du  da  Warme 
nennst,  ist  Wirkung  auf  deine  Warmenerven.  Objektiv  vorhanden  ist 
die  Bewegung  der  Molekule,  der  Atome.  Die  kannst  du  studieren  nach 
den  Gesetzen  der  Mechanik.  -  Und  so  studiert  man  die  Gesetze  der 
Mechanik,  Atome  und  Molekule,  und  man  hat  ja  lange  Zeit  geglaubt, 
durch  das  Studium  der  Mechanik  der  Atome  und  so  weiter  iiberhaupt 
alle  Naturerscheinungen  erklaren  zu  konnen.  Heute  ist  das  ja  schon  im 
Wanken.  Aber  auch  dann  muB  man,  selbst  wenn  man  bis  zum  Atom 
gedanklich  vorgeht,  durch  allerlei  Experimente  dazu  kommen,  sich  zu 
fragen:  Ja,  wie  tritt  denn  da  die  Kraft  auf?  Wie  wirkt  die  Masse?  Wenn 
man  bis  zum  Atom  vordringt,  so  muB  man  fragen  nach  der  Masse  des 
Atoms  und  muB  weiter  fragen:  Wie  erkennt  man  sie?  Man  kann  ge- 
wissermaBen die  Masse  auch  nur  an  ihrer  Wirkung  erkennen. 

Nun,  man  hat  sich  gewohnt,  das  Kleinste,  was  man  anspricht  als 
Trager  mechanischer  Kraft,  so  an  der  Wirkung  zu  erkennen,  daB  man 
sich  die  Frage  beantwortet  hat :  Wenn  ein  solcher  kleinster  Teil  einen 
anderen  kleinen  Teil,  sagen  wir  einen  kleinen  Tell  einer  Materie  von 
dem  Gewicht  eines  Gramms,  in  Bewegung  versetzt,  so  muB  da  eine 
Kraft  ausgehen  von  dieser  Materie,  die  die  andere  in  Bewegung  ver- 
setzt. Wenn  diese  Masse  die  andere  Masse,  welche  ein  Gramm  schwer 
ist,  so  in  Bewegung  versetzt,  daB  diese  andere  Masse  in  einer  Sekunde 
einen  Zentimeter  weit  fliegt,  so  hat  die  erste  Masse  eine  Kraft  an- 
gewendet,  die  man  sich  gewohnt  hat  als  eine  Art  von  «Welteinheit» 
zu  betrachten.  Und  wenn  man  sagen  kann:  Irgendeine  Kraft  ist  soviel- 
mal  groBer  als  diese  Kraft,  welche  man  anwenden  muB,  um  ein  Gramm 


in  einer  Sekunde  einen  Zentimeter  weit  zu  bringen,  so  weiB  man,  wie 
sich  diese  Kraftanwendung  zu  einer  gewissen  Welteinheit  verhalt. 
Diese  Welteinheit  ist,  wenn  man  sie  ausdrucken  wiirde  durch  ein  Ge- 
wicht,  0,001019  Gramm.  Also  wiirde  man  sagen  konnen:  Solch  ein 
atomistischer  Korper,  iiber  dessen  Kraftanwendung  wir  nicht  weiter 
zuriickgehen  in  der  Natur,  der  ist  imstande,  irgendeinem  Korper  von 
einem  Gramm  GroBe  einen  solchen  Schubs  zu  geben,  daB  dieser  in 
einer  Sekunde  einen  Zentimeter  weit  fliegt. 

Aber  ausdrucken,  was  in  dieser  Kraft  steckt,  wie  kann  man  es  nur? 
Man  kann  es,  wenn  man  auf  die  Waage  geht:  Diese  Kraft  kommt 
gleich  dem  Druck,  der  sich  ausdriickt  durch  0,001019  Gramm  beim 
Wagen.  Also,  durch  etwas  sehr  AuBerliches,  Reales  muB  ich  mich  aus- 
drucken, wo  ich  an  das  heran  will,  was  in  der  Welt  Masse  genannt 
wird.  Ich  kann  dasjenige,  was  ich  da  ersinne  als  Masse,  dadurch  aus- 
drucken, daB  ich  etwas,  was  ich  auf  auBerlichen  Wegen  kennenlerne, 
ein  Gewicht,  ins  Feld  fiihre.  Ich  driicke  die  Masse  nur  aus  durch  ein 
Gewicht.  Selbst  wenn  ich  in  das  Atomisieren  der  Masse  gehe,  driicke 
ich  mich  durch  ein  Gewicht  aus. 

Damit  mochte  ich  Ihnen  eben  scharf  den  Punkt  bezeichnen,  wo  wir 
gewissermaBen  aus  dem  a  priori  Festzustellenden  in  das  NaturgemaBe 
hineinkommen.  Und  ich  mochte  Sie  darauf  aufmerksam  machen,  wie 
notwendig  es  ist,  sich  klar  zu  machen,  inwieweit  anwendbar  ist  das- 
jenige, was  wir  auBer  aller  Natur  feststellen  in  Arithmetik,  Geometrie, 
Phoronomie,  inwieweit  das  maBgebend  sein  kann  fur  das,  was  uns 
eigentlich  von  ganz  anderer  Seite  entgegentritt,  was  uns  zum  ersten 
Mai  entgegentritt  in  der  Mechanik  und  was  eigentlich  erst  der  Inhalt 
dessen  sein  kann,  was  wir  als  Naturerscheinung  bezeichnen. 

Sehen  Sie,  Goethe  war  sich  dariiber  klar,  daB  man  von  Natur- 
erscheinungen  iiberhaupt  erst  sprechen  kann  in  dem  Augenblick,  wo 
wir  von  der  Phoronomie  in  die  Mechanik  eintreten.  Und  weil  er  dieses 
wuBte,  daher  war  es  ihm  so  klar,  welche  Beziehung  einzig  und  allein 
die  fur  die  Naturwissenschaft  auch  so  vergotterte  Mathematik  fur  diese 
Naturwissenschaft  haben  kann. 

An  einem  Beispiele  mochte  ich  Ihnen  dies  noch  klar  machen:  So 
wie  wir  sagen  konnen,  das  einfachste  Element  in  der  Naturkraft- 


wirkung,  das  ware  irgendein  atomistischer  Korper,  der  imstande  ist, 
ein  Gramm  in  einer  Sekunde  einen  Zentimeter  weit  zu  schleudern, 
so  kdnnen  wir  schlieBlich  bei  alien  Kraftwirkungen  davon  sprechen, 
daB  von  irgendeiner  Seite  her  die  Kraft  ausgeht  und  nach  irgendeiner 
Seite  hin  wirkt.  Daher  konnen  wir  uns  gewohnen  -  und  diese  Ge- 
wohnung  ist  ja  auch  in  der  Naturwissenschaft  gang  und  gabe  -,  fur 
die  Naturwirkungen  gewissermaBen  iiberall  die  Punkte  aufzusuchen, 
von  denen  die  Krafte  ausgehen.  Wir  werden  an  zahlreichen  Fallen 
sehen,  daB  wir  gewissermaBen  Erscheinungsfelder  haben  werden, 
und  von  dies  en  gehen  wir  zuriick  auf  die  Punkte,  von  denen  die 
Krafte  ausgehen,  die  die  Erscheinungen  beherrschen.  Daher  spricht 
man  fur  solche  Krafte,  fur  die  man  die  Punkte  sucht,  von  denen  sie 
ausgehen,  damit  sie  die  Erscheinungsfelder  beherrschen,  von  Zentral- 
kraften,  weil  sie  immer  von  Zentren  ausgehen.  Wir  konnten  auch 
sagen :  Von  Zentralkraften  sind  wir  berechtigt  zu  reden,  wenn  wir  an 
einen  Punkt  gehen,  von  dem  aus  ganz  bestimmte  Krafte  gehen,  die 
ein  Erscheinungsfeld  beherrschen.  Dann  aber  mu6  nicht  immer  dieses 
Kraftespiel  wirklich  stattfinden,  sondern  es  kann  so  sein,  daB  in  dem 
Zentralpunkt  gewissermaBen  nur  die  Moglichkeit  vorhanden  ist,  daB 
dieses  Kraftespiel  stattfindet  und  daB  erst  dadurch,  daB  gewisse  Be- 
dingungen  eintreten  in  der  umliegenden  Sphare,  diese  Krafte  zur 
Tatigkeit  kommen. 

Wir  werden  sehen  im  Laufe  dieser  Tage,  wie  gewissermaBen  in  den 
Punkten  Krafte  konzentriert  sind,  die  noch  nicht  spielen.  Erst  wenn 
wir  gewisse  Bedingungen  erfiillen,  dann  rufen  sie  in  ihrer  Umgebung 
Erscheinungen  hervor.  Aber  wir  miissen  doch  einsehen,  daB  in  diesem 
Punkt  oder  in  diesem  Raum  Krafte  konzentriert  sind,  die  auf  ihre  Um- 
gebung wirken  konnen.  Das  ist  es  eigentlich,  was  wir  immer  auf- 
suchen,  wenn  wir  von  der  Welt  physikalisch  reden.  Alles  physikalische 
Forschen  besteht  darin,  daB  wir  die  Zentralkrafte  nach  ihren  Zentren 
hin  verfolgen,  daB  wir  versuchen,  zu  den  Punkten  vorzudringen,  von 
welchen  Wirkungen  ausgehen  konnen.  Daher  miissen  wir  annehmen, 
daB  es  fur  solche  Naturwirkungen  Zentren  gibt,  die  gewissermaBen 
nach  gewissen  Richtungen  hin  mit  Wirkungsmoglichkeiten  geladen 
sind.  Diese  Wirkungsmoglichkeiten  konnen  wir  allerdings  durch  aller- 


lei  Vorgange  messen  und  wir  konnen  auch  in  MaBen  ausdriicken,  wie 
stark  solch  ein  Punkt  wirken  kann.  Wir  nennen  da  im  allgemeinen, 
wenn  in  einem  solchen  Punkt  Krafte  konzentriert  sind,  die  wirken 
konnen,  wenn  wir  gewisse  Bedingungen  erfiillen,  wir  nennen  das  MaB 
solcher  Krafte,  die  da  konzentriert  sind,  das  Potential,  das  Krafte- 
Potential.  Daher  konnen  wir  auch  sagen:  Wir  gehen  darauf  aus,  wenn 
wir  Naturwirkungen  studieren,  Zentralkrafte  nach  ihren  Potentialen 
hin  zu  verfolgen.  Wir  gehen  nach  gewissen  Mittelpunkten  hin,  um  diese 
Mittelpunkte  als  Ausgangspunkte  von  Potentialkraften  zu  studieren. 

Sehen  Sie,  das  ist  im  Grunde  genommen  der  Gang,  den  diejenige 
naturwissenschaftliche  Richtung  macht,  die  alles  in  Mechanik  ver- 
wandeln  mochte.  Sie  sucht  die  Zentralkrafte,  beziehungsweise  die  Po- 
tentiale  der  Zentralkrafte.  Hier  handelt  es  sich  darum,  nun,  wie  durch 
einen  wichtigen  Schritt  in  der  Natur  selbst  sich  klar  zum  BewuBtsein 
zu  bringen :  Sie  konnen  unmoglich  eine  Erscheinung,  in  die  das  Leben 
hineinspielt,  verstehen,  wenn  Sie  nur  nach  dieser  Methode  vorgehen, 
wenn  Sie  nur  suchen  die  Potentiale  fur  Zentralkrafte.  Wenn  Sie  nach 
dieser  Methode  studieren  wollten  das  Kraftespiel  in  einem  tierischen 
Keim  oder  in  einem  pflanzlichen  Keim,  Sie  wiirden  nie  zurecht- 
kommen.  Es  ist  ja  ein  Ideal  der  heutigen  Naturwissenschaft,  auch 
die  organischen  Erscheinungen  durch  Potentiale  zu  studieren,  durch 
irgendwie  geartete  Zentralkrafte.  Das  wird  die  Morgenrote  einer  neuen 
Weltanschauung  auf  diesem  Gebiete  sein,  daB  man  darauf  kommen 
wird:  Durch  das  Verfolgen  solcher  Zentralkrafte  geht  es  nicht,  kann 
man  Erscheinungen,  durch  die  das  Leben  spielt,  nicht  studieren.  Denn 
warum  nicht?  Ja,  stellen  wir  uns  einmal  schematisch  vor,  wir  gingen 
darauf  aus,  physikalisch-versuchlich  Naturvorgange  zu  studieren. 
Wir  gehen  zu  Zentren,  studieren  die  WirkungsmogHchkeiten,  die  von 
solchen  Zentren  ausgehen  konnen.  Da  finden  wir  die  Wirkung.  Also, 
wenn  ich  die  drei  Punkte  a,  b,  c  in  ihren  Potentialen  ausrechne,  so  finde 
ich,  daB  a  auf  a,  /?,  y  wirken  kann,  ebenso  c  wirken  kann  auf  a1,  /51,  y1 
usw.  Ich  bekame  dann  eine  Anschauung  dariiber,  wie  die  Wirkung 
einer  gewissen  Sphare  sich  abspielt  unter  dem  EinnuB  von  Potentialen 
von  gewissen  Zentralkraften.  Niemals  werde  ich  auf  diesem  Wege  die 
Moglichkeit  finden,  etwas  zu  erklaren,  in  das  Lebendiges  hineinspielt. 


Warum  denn?  Weil  die  Krafte,  die  nun  fur  das  Lebendige  in  Betracht 
kommen,  kein  Potential  haben  und  keine  Zentralkrafte  sind,  so  daB, 
wenn  Sie  hier  versuchen  wiirden,  in  d  physikalische  Wirkungen  zu 
suchen  unter  dem  Einflusse  von  a,  b,  c,  so  wiirden  Sie  auf  Zentral- 
krafte zuriickgehen  konnen;  wenn  Sie  Lebenswirkungen  studieren 
wollen,  konnen  Sie  niemals  so  sagen,  weil  es  keine  Zentren  a,  b,  c 
gibt  fur  die  Lebenswirkungen,  sondern  Sie  kommen  nur  mit  der  Vor- 
stellung  zurecht,  wenn  Sie  sagen:  Nun,  ich  habe  in  d  Lebendiges.  Nun 
suche  ich  die  Krafte,  die  auf  das  Leben  wirken.  In  ay  b,  c  kann  ich  sie 
nicht  finden,  wenn  ich  noch  weiter  gehe,  auch  nicht,  sondern  gewisser- 
maBen  nur,  wenn  ich  an  der  Welten  Ende  gehe,  und  zwar  an  deren 
ganzen  Umkreis.  Das  heiBt,  ich  muBte  hier  von  d  ausgehend  bis  ans 
Weltenende  gehen  und  mir  vorstellen,  daB  von  der  Kugelsphare  herein 
iiberall  Krafte  wirkten,  die  so  zusammenspielten,  daB  sie  in  d  zusam- 
menkamen.  Es  ist  also  das  voile  Gegenteil  von  Zentralkraften,  die  ein 
Potential  haben.  Wie  sollte  ich  ein  Potential  ausrechnen  fur  dasjenige, 
was  da  von  der  Unendlichkeit  des  Raumes  von  alien  Seiten  herein- 
spielt !  Da  wiirde  es  so  zu  rechnen  sein :  Ich  wiirde  die  Krafte  zu  zer- 
teilen  haben,  eine  Gesamtkraft  wiirde  ich  in  immer  kleinere  Partien 
zerteilen  miissen  und  ich  kame  immer  mehr  an  den  Rand  der  Welt. 
Dann  wiirde  die  Kraft  zersplittern.  Jede  Rechnung  wiirde  auch  zer- 
splittern,  weil  hier  nicht  Zentralkrafte,  sondern  Universalkrafte  ohne 
Potential  wirken.  Hier  hort  das  Rechnen  auf.  Das  ist  der  Sprung 
wiederum  von  dem  unlebendigen  Natiirlichen  in  das  lebendige  Natiir- 
liche  hinein. 

Nun  kommt  man  mit  einer  wirklichen  Naturbetrachtung  nur  zu- 
recht, wenn  man  auf  der  einen  Seite  weiB,  wie  der  Sprung  von  der 
Phoronomie  in  die  Mechanik  ist  und  wie  wiederum  der  Sprung  ist  von 
der  auBeren  Natur  in  dasjenige,  was  nicht  mehr  durch  Rechnung  er- 
reicht  werden  kann,  weil  jede  Rechnung  zersplittert,  weil  jedes  Poten- 
tial sich  auflost.  Man  kommt  durch  diesen  zweiten  Sprung  von  der 
auBeren  unorganischen  Natur  in  die  lebendige  Natur  hinein.  Aber 
man  muB  sich  klar  sein  dariiber,  wie  alles  Rechnen  auf  hort,  um  das  zu 
begreifen,  was  das  Lebendige  ist. 

Nun  habe  ich  Ihnen  hier  hiibsch  auseinandergeschalt  alles,  was  auf 


Potential-  und  Zentralkrafte  zuriickfiihrt  und  was  auf  Universalkrafte 
hinfiihrt.  Aber  drauBen  in  der  Natur  ist  das  nicht  so  auseinander- 
geschalt.  Sie  konnen  die  Frage  aufwerfen:  Wo  ist  etwas  vorhanden, 
wo  nur  Zentralkrafte  wirken  nach  Potentialen,  und  wo  ist  das  andere 
vorhanden,  wo  Universalkrafte  wirken,  die  nicht  nach  Potentialen  sich 
berechnen  las  sen?  Man  kann  eine  Antwort  darauf  geben,  aber  diese 
beweist  sogleich,  auf  welche  wichtigen  Gesichtspunkte  man  dabei 
rekurrieren  muB.  Man  kann  sagen:  Alles  das,  was  der  Menschan  Ma- 
schinen  herstellt,  was  aus  den  Elementen  der  Natur  heraus  kombiniert 
ist,  dabei  findet  man  rein  abstrakt  Zentralkrafte  nach  ihrem  Potential. 
Was  aber,  auch  Unlebendiges,  in  der  Natur  drauBen  ist,  laBt  sich  trotz- 
dem  nicht  restlos  nach  Zentralkraften  beobachten.  Das  gibt  es  nicht, 
das  geht  nicht  auf.  Sondern  es  handelt  sich  darum,  daB  iiberall,  wo 
man  es  zu  tun  hat  mit  nicht  kiinstlich  vom  Menschen  Hergestelltem, 
ein  ZusammenfluB  stattfindet  zwischen  Zentralkraftwirkungen  und 
Universalkraftwirkungen.  Man  findet  im  ganzen  Reich  der  so- 
genannten  Natur  nichts,  was  im  wahren  Sinn  des  Wortes  unlebendig 
ist,  auBer  dem,  was  der  Mensch  kiinstlich  herstellt,  sein  Maschinelles, 
sein  Mechanisches. 

Und  das  war,  ich  mochte  sagen,  in  einem  tiefen  Naturinstinkt  fur 
Goethe  etwas,  was  ihm  durchaus  klar-unklar  war,  weil  es  bei  ihm 
Naturinstinkt  war,  worauf  er  aber  seine  ganze  Naturanschauung  baute. 
Und  der  Gegensatz  zwischen  Goethe  und  dem  Naturforscher,  wie  er 
reprasentiert  wird  durch  Newton,  besteht  eigentlich  darinnen,  daB  die 
Naturforscher  nur  dieses  betrachtet  habenin  derneueren  Zeit :  die  auBere 
Natur  durchaus  im  Sinn  der  Zuruckftihrung  auf  Zentralkrafte  zu  beob- 
achten, aus  ihr  gewissermaBen  alles  das  hinauszuwalzen,  was  sich  nicht 
durch  Zentralkrafte  und  Potentiale  feststellen  laBt.  Goethe  wollte  solch 
eine  Betrachtung  nicht  gelten  lassen,  weil  fur  ihn  dasjenige,  was  man 
unter  dem  EinfluB  dieser  Betrachtung  Natur  nennt,  nur  eine  wesenlose 
Abstraktion  ist.  Fur  ihn  ist  ein  wirklich  Reales  nur  das,  in  das  hinein- 
spielen  sowohl  Zentralkrafte  wie  peripherische  Krafte  als  Universal- 
krafte. Und  auf  diesen  Gegensatz  ist  im  Grunde  genommen  auch  seine 
ganze  Farbenlehre  aufgebaut.  Nun,  davon  wird  ja  in  den  nachsten 
Tagen  im  einzelnen  zu  sprechen  sein. 


Sehen  Sie,  ich  muBte  insbesondere  durch  Beriicksichtigung  dessen, 
was  ich  mir  vorgesehen  habe  fur  heute,  diese  Einleitung  zu  Ihnen  spre- 
chen  als  eine  Verstandigung  dariiber,  wie  eigentlich  das  Verhaltnis  des 
Menschen  zu  der  Naturbetrachtung  ist.  Man  muB  in  unserer  Zeit 
um  so  mehr  einmal  sich  einer  solchen  Betrachtung,  wie  wir  sie  heute 
gepflogen  haben,  zuwenden,  aus  dem  Grande,  weil  eigentlich  heute 
wirklich  die  Zeit  herangekommen  ist,  wo  unterbewuBt  schimmert, 
mochte  ich  sagen,  das  Unmogliche  der  heutigen  Naturanschauung  und 
mancherlei  von  der  Einsicht,  daB  es  anders  werden  muB.  Man  lacht 
heute  noch  vielfach  dariiber,  wenn  Leute  darauf  kommen,  daB  es  mit 
der  alten  Anschauung  nicht  geht.  Aber  es  wird  eine  Zeit  kommen,  die 
gar  nicht  feme  liegt,  wo  dieses  Lachen  den  Menschen  vergehen  wird, 
die  Zeit,  wo  man  auch  physikalisch  im  Sinne  Goethes  wird  sprechen 
konnen.  Man  wird  vielleicht  liber  die  Farben  im  Sinne  Goethes  spre- 
chen, wenn  eine  andere  Burg  erstiirmt  sein  wird,  die  als  noch  viel 
fester  gilt  und  die  eigentlich  heute  auch  schon  ins  Wanken  gekommen 
ist.  Das  ist  die  Burg  der  Gravitationslehre.  Gerade  auf  diesem  Gebiete 
tauchen  heute  fast  jedes  Jahr  Anschauungen  auf,  die  an  den  Newton- 
schen  Vorstellungen  von  der  Gravitation  rutteln,  die  davon  sprechen, 
wie  unmoglich  es  eigentlich  ist,  mit  diesen  Newtonschen  Vorstellun- 
gen von  der  Gravitation  zurecht  zu  kommen,  die  ja  rein  darauf  be- 
ruhen,  daB  der  bloBe  Mechanismus  der  Zentralkrafte  einzig  und  allein 
figurieren  soli. 

Ich  glaube,  daB  gerade  heute  der  Lehrer  der  Jugend  sowohl  wie  der- 
jenige,  der  iiberhaupt  in  die  Kulturentwickelung  eingreifen  will,  sich 
schon  ein  klares  Bild  davon  machen  muB,  wie  der  Mensch  zur  Natur 
stehen  muB. 


ZWEITER  VORTRAG 
Stuttgart,  24.  Dezember  1919 


Ich  habe  Ihnen  gestern  davon  gesprochen,  wie  auf  der  einen  Seite  der 
Naturbetrachtung  steht  das  bloB  Phoronomische,  das  wir  gewinnen 
konnen,  indem  wir  einfach  die  Vorstellungen,  die  wir  uns  bilden 
wollen  iiber  alles  dasjenige,  was  an  physikalischen  Vorgangen  durch 
Zahlbares,  durch  Raumliches  und  durch  die  Bewegung  verlauft,  aus 
unserem  Vorstellungsleben  heraus  bilden.  Dieses  Phoronomische 
konnen  wir  gewissermaBen  aus  unserem  Vorstellungsleben  heraus- 
spinnen.  Aber  so  bedeutsam  es  ist,  daB,  was  wir  so  auch  etwa  an  mathe- 
matischen  Formeln  gewinnen  iiber  alles,  was  sich  auf  Zahlbares,  auf 
Raum  und  auf  Bewegung  bezieht,  daB  dieses  auch  paBt  auf  die  Natur- 
vorgange  selbst,  so  bedeutsam  ist  es  auf  der  anderen  Seite,  daB  wir  in 
dem  Augenblick  an  die  auBere  Erfahrung  herangehen  miissen,  in  dem 
wir  von  dem  Zahlbaren,  von  dem  rein  Raumlichen  und  von  der  Be- 
wegung zum  Beispiel  nur  schon  zur  Masse  vordringen.  Das  haben  wir 
uns  gestern  klar  gemacht,  und  wir  haben  vielleicht  auch  daraus  ersehen, 
daB  fur  die  gegenwartige  Physik  der  Sprung  von  der  inneren  Kon- 
struktion  des  Naturgeschehens  durch  die  Phoronomie  in  die  auBere 
physische  Empirie  hineingetan  werden  muB,  ohne  daB  dieser  Sprung 
eigentlich  verstanden  werden  kann.  Sehen  Sie,  ohne  daB  man  wird 
Schritte  dazu  machen,  diesen  Sprung  zu  versteheri,  wird  es  unmoglich 
sein,  jemals  Vorstellungen  iiber  das  zu  gewinnen,  was  in  der  Physik 
der  Ather  genannt  werden  soil.  Ich  habe  Ihnen  ja  schon  gestern  an- 
gedeutet,  daB  zum  Beispiel  fur  die  Licht-  und  Farbenerscheinungen 
die  gegenwartige  Physik,  obwohl  sie  schon  in  diesen  Vorstellungen 
ins  Wanken  geraten  ist,  vielfach  noch  sagt:  Auf  uns  wird  eine  Licht- 
und  Farbenwirkung  ausgeiibt,  auf  uns  als  Sinnenwesen,  als  Nerven- 
wesen  oder  auch  als  Seelenwesen.  Aber  diese  Wirkung  sei  subjektiv. 
Was  drauBen  im  Raum  und  in  der  Zeit  vor  sich  geht,  das  sei  objektiv 
Bewegung  im  Ather.  Wenn  Sie  aber  in  der  heutigen  physikalischen 
Literatur  oder  sonst  im  physikalischen  Leben  nachsehen  iiber  die  Vor- 
stellungen, die  man  sich  iiber  diesen  Ather  gebildet  hat,  der  bewirken 


soli  die  Lichterscheinungen,  so  werden  Sie  linden,  daB  diese  Vor- 
stellungen  einander  widersprechend  und  verworren  sind,  und  man 
kann  auch  mit  demjenigen,  was  der  heutigen  Physik  zur  Verfftgung 
steht,  wirklich  sachgemaBe  Vorstellungen  iiber  das,  was  Ather  ge- 
nannt  werden  soil,  nicht  gewinnen. 

Wir  wollen  einmal  versuchen,  den  Weg  anzutreten,  der  wirklich  zur 
Uberb ruckung  jener  Kluft  fuhren  kann  zwischen  Phoronomie  und 
auch  nur  der  Mechanik,  denn  diese  hat  es  naturlich  mit  Kraften  und 
mit  Massen  zu  tun.  Ich  will  -  obwohl  das,  was  durch  diese  Formel  aus- 
gedriickt  wird,  uns  spater  noch  beschaftigen  kann,  so  daB  auch  die- 
jenigen  von  Ihnen,  die  sich  vielleicht  an  diese  Formel  nicht  mehr  er- 
innern  aus  ihrer  Schulzeit  her,  das  werden  nachholen  konnen,  was 
zum  Verstandnis  gehort  -,  ich  will  sie  heute  nur  als  Lehrsatz  vor- 
fiihren.  Ich  werde  die  Elemente  zusammenstellen,  damit  Sie  sich  diese 
Formel  ein  wenig  vor  die  Seele  riicken  konnen. 

Sehen  Sie,  wenn  wir  im  Sinne  jetzt  der  Phoronomie  annehmen,  daB 
ein  Punkt  -  wir  miissen  da  eigentlich  immer  sagen  ein  Punkt  -,  daB 
ein  Punkt  sich  bewegt,  bewegt  in  dieser  Richtung,  so  bewegt  sich  solch 
ein  Punkt  -  wir  sehen  jetzt  nur  auf  die  Bewegung,  nicht  auf  ihre  Ur- 
sachen  -  entweder  schneller  oder  langsamer.  Wir  konnen  daher  sagen : 
Der  Punkt  bewegt  sich  mit  groBerer  oder  geringerer  Geschwindig- 
keit.  Und  ich  will  die  Geschwindigkeit  v  nennen.  Diese  Geschwindig- 
keit  ist  also  eine  groBere  oder  eine  geringere.  Solange  wir  nichts  an- 
deres  beachten,  als  daB  sich  ein  solcher  Punkt  mit  einer  gewissen  Ge- 
schwindigkeit bewegt,  so  lange  bleiben  wir  innerhalb  der  Phoronomie 
stehen.  Aber  damit  wiirden  wir  an  die  Natur  nicht  herankommen 
konnen,  nicht  einmal  an  die  bloB  mechanische  Natur.  Wir  miissen, 
wenn  wir  an  die  Natur  herankommen  wollen,  darauf  Riicksicht  neh- 
men,  wodurch  der  Punkt  sich  bewegt  und  daB  ein  bloB  gedachter 
Punkt  sich  nicht  bewegen  kann,  daB  also  der  Punkt  etwas  im  auBeren 
Raum  sein  muB,  wenn  er  sich  bewegen  soil.  Kurz,  wir  miissen  an- 
nehmen, daB  eine  Kraft  wirkt  auf  diesen  Punkt.  Das  v  will  ich  die 
Geschwindigkeit  nennen,  p  will  ich  die  Kraft  nennen,  die  auf  diesen 
Punkt  wirkt.  Diese  Kraft,  wir  wollen  annehmen,  daB  sie  nun  nicht 
bloB  einmal  auf  diesen  Punkt  gewissermaBen  driickt  und  ihn  in  Be- 


wegung  bringt,  wodurch  er  ja  schlieBlich  fortfliegen  wiirde  mit  einer 
Geschwindigkeit,  wenn  er  kein  Hindernis  fande,  sondern  wir  wollen 
ausgehen  von  der  Annahme,  daB  diese  Kraft  fortwahrend  wirkt,  daB 
also  wahrend  dieses  ganzen  Weges  die  Kraft  auf  diesen  Punkt  wirkt. 
Und  die  Wegstrecke,  wahrend  welcher  diese  Kraft  auf  den  Punkt 
wirkt,  will  ich  s  nennen.  Dann  miissen  wir  auBerdem  Rucksicht 
nehmen  darauf,  daB  der  Punkt  etwas  sein  muB  im  Raum,  und  dieses 
Etwas,  das  kann  groBer  oder  geringer  sein.  Je  nachdem  dieses  Etwas 
groBer  oder  geringer  ist,  konnen  wir  sagen :  Der  Punkt  hat  mehr  oder 
weniger  Masse.  Die  Masse  driicken  wir  ja  zunachst  aus  durch  das 
Gewicht.  Wir  konnen  das,  was  durch  die  Kraft  bewegt  wird,  abwiegen 
und  konnen  es  durch  das  Gewicht  ausdriicken;  m  nenne  ich  also  die 
Masse.  Wenn  aber  nun  auf  die  Masse  m  die  Kraft  p  wirkt,  so  muB 
natiirlich  eine  gewisse  Wirkung  entstehen.  Diese  auBert  sich  dadurch, 
daB  die  Masse  nun  nicht  mit  gleichformiger  Geschwindigkeit,  sondern 
schneller  und  schneller  sich  weiterbewegt,  daB  die  Geschwindigkeit 
immer  groBer  und  groBer  wird.  Das  heiBt,  wir  miissen  darauf  Riick- 
sicht  nehmen,  daB  wir  es  mit  einer  zunehmenden  Geschwindigkeit 
zu  tun  haben.  Es  wird  ein  gewisses  MaB  vorhanden  sein,  nach  wel- 
chem  die  Geschwindigkeit  zunimmt.  Wenn  auf  dieselbe  Masse  eine 
kleinere  Kraft  wirkt,  so  wird  diese  die  Bewegung  weniger  schneller 
und  schneller  machen  konnen,  und  wenn  auf  dieselbe  Masse  eine 
groBere  Kraft  wirkt,  so  wird  sie  die  Bewegung  mehr  schneller  und 
schneller  machen  konnen.  Dieses  MaB,  in  dem  die  Geschwindigkeit 
zunimmt,  will  ich  die  Beschleunigung  nennen  und  mit  y  bezeichnen. 
Was  uns  aber  jetzt  vor  alien  Dingen  interessiert,  ist  das  Folgende.  Und 
da  will  ich  Sie  eben  erinnern  an  eine  Formel,  die  Sie  wahrscheinlich 
kennen,  an  die  Sie  sich  nur  erinnern  sollen.  Wenn  man  das  Produkt 
bildet  aus  der  Kraft,  welche  auf  die  Masse  wirkt,  in  die  Wegstrecke, 
so  ist  dieses  Produkt  gleich,  das  heiBt  es  kann  auch  ausgedriickt  wer- 
den  dadurch,  daB  man  die  Masse  multipliziert  mit  dem  Quadrate  der 
Geschwindigkeit  und  durch  2  dividiert,  das  heiBt,  es  ist  p  s = Wenn 
Sie  die  von  mir  aus  rechte  Seite  der  Formel  in  Betracht  Ziehen,  so  sehen 
Sie  darinnen  eben  die  Masse.  Sie  konnen  aus  der  Gleichung  ersehen, 
daB,  je  groBer  die  Masse  wird,  desto  groBer  muB  die  Kraft  sein.  Aber, 


was  uns  jetzt  interessiert,  ist  das,  daB  wir  auf  der  rechten  Seite  der  Glei- 
chung  die  Masse  haben,  also  dasjenige,  was  wir  phoronomisch  keines- 
wegs  erreichen  konnen.  Nun  handelt  es  sich  darum :  Soil  man  sich  nun 
einfach  gestehen,  daB  alles  dasjenige,  was  auBerhalb  des  Phoronomi- 
schen  liegt,  immer  unerreichbar  bleiben  miisse,  daB  wir  das  gewisser- 
maBen  nur  vom  Anglotzen,  vom  Anschauen  kennenlernen  sollen,  oder 
gibt  es  doch  jene  Briicke,  die  die  heutige  Physik  nicht  finden  kann, 
zwischen  dem  Phoronomischen  und  dem  Mechanischen?  Sehen  Sie, 
die  heutige  Physik  kann  den  Obergang  heute  nicht  finden  -  und  die 
Folgen  davon  sind  ungeheuerlich  -  aus  dem  Grunde,  weil  sie  keine 
wirkliche  Menschenkunde,  keine  wirkliche  Physiologie  hat,  weil  man 
eigentlich  den  Menschen  nicht  wirklich  kennt.  Sehen  Sie,  schreibe  ich 
v2  hin,  dann  habe  ich  etwas,  was  rein  im  Zahlbaren  und  in  der  Be- 
wegung  aufgeht.  Insoweit  ist  die  Formel  gewissermaBen  eine  phoro- 
nomische.  Schreibe  ich  das  m  hin,  so  muB  ich  mich  fragen:  Gibt  es 
irgend  etwas  in  mir  selber,  was  dem  entspricht,  ahnlich  dem  entspricht, 
wie  meine  Vorstellung  des  Zahlbaren,  des  Raumlichen  entspricht  dem- 
jenigen,  was  ich  zum  Beispiel  mit  v  hinschreibe?  Was  entspricht  also 
dem  Was  tue  ich  denn  eigentlich?  Der  Physiker  ist  sich  gewohnlich 
nicht  bewuBt,  indem  er  das  m  hinschreibt,  was  er  da  tut.  Nun  sehen 
Sie,  diese  Frage  fiihrt  darauf  zuriick :  Kann  ich  uberhaupt  in  ahnlicher 
Art  iiberschauen,  was.  in  dem  m  liegt,  wie  ich  phoronomisch  iiber- 
schauen  kann,  was  im  v  liegt?  Man  kann  es,  wenn  man  das  Folgende 
sich  zum  BewuBtsein  bringt:  Wenn  Sie  mit  dem  Finger  auf  irgend 
etwas  drucken,  so  machen  Sie  sich  gewissermaBen  bekannt  mit  der  ein- 
fachsten  Form  eines  Druckes.  Die  Masse  verrat  sich  ja  -  ich  habe  Ihnen 
gesagt :  Man  kann  sie  sich  vergegenwartigen  dadurch,  daB  man  sie  ab- 
wiegt  -  durch  nichts  anderes  zunachst  als  dadurch,  daB  sie  einen  Druck 
auszuiiben  vermag.  Mit  einem  solchen  Druck  kann  man  sich  bekannt- 
machen,  indem  man  mit  dem  Finger  auf  etwas  druckt.  Aber  nun  muB 
man  sich  fragen :  Geht  in  uns  etwas  Ahnliches  vor,  wenn  wir  mit  dem 
Finger  auf  etwas  drucken,  also  einen  Druck  erleben,  wie  wenn  wir  zum 
Beispiel  einen  bewegten  Korper  iiberschauen?  Ja,  es  geht  schon  etwas 
vor.  Das,  was  vorgeht,  das  konnen  Sie  sich  dadurch  klar  machen,  daB 
Sie  den  Druck  immer  starker  und  starker  machen.  Versuchen  Sie  es 


einrnal  -  oder  versuchen  Sie  es  lieber  nicht  -,  einen  Druck  auf  eine 
Korperstelle  auszuiiben  und  immer  mehr  und  mehr  zu  verstarken, 
starker  und  starker  zu  machen !  Was  wird  geschehen?  Nun,  wenn  Sie 
ihn  geniigend  stark  machen,  verlieren  Sie  die  Besinnung,  das  heiBt,  Ihr 
BewuBtsein  geht  Ihnen  verloren.  Daraus  aber  konnen  Sie  schlieBen, 
daB  diese  Erscheinung  des  BewuBtsein-verloren-Gehens  gewisser- 
maBen  im  Kleinen  auch  stattfindet,  wenn  Sie  den  noch  ertraglichen 
Druck  ausiiben.  Nur  geht  eben  so  wenig  von  der  Kraft  des  BewuBt- 
seins  verloren,  daB  Sie  es  noch  aushalten  konnen.  Aber  das,  was  ich 
Ihnen  charakterisiert  habe  als  den  BewuBtseinsverlust  bei  einem  so 
starken  Druck,  daB  man  ihn  nicht  mehr  aushalten  kann,  das  ist  teil- 
weise  im  Kleinen  auch  dann  vorhanden,  wenn  wir  irgendwie  in  Be- 
riihrung  kommen  mit  einer  Druckwirkung,  mit  einer  Wirkung,  die 
von  einer  Masse  ausgeht.  Und  jetzt  brauchen  Sie  den  Gedanken  nur 
weiter  zu  verfolgen,  dann  werden  Sie  nicht  mehr  feme  davon  sein,  das- 
jenige,  was  mit  dem  m  hingeschrieben  wird,  zu  verstehen.  Wahrend 
alles  Phoronomische  gewissermaBen  neutral  mit  unserem  BewuBtsein 
vereint  wird,  sind  wir  bei  dem,  was  wir  mit  dem  m  bezeichnen,  nicht 
in  dieser  Lage,  sondern  da  dampft  sich  unser  BewuBtsein  sogleich  her- 
ab.  Kleine  Partien  der  Herabdampfung  des  BewuBtseins  konnen  wir 
noch  aushalten,  groBe  nicht  mehr.  Aber  dasjenige,  was  zugrunde  liegt, 
ist  dasselbe.  Indem  wir  m  hinschreiben,  schreiben  wir  das  in  der  Natur 
hin,  was,  wenn  es  sich  mit  unserem  BewuBtsein  vereinigt,  dieses  Be- 
wuBtsein auf  hebt,  das  heiBt  uns  partiell  einschlafert.  So  treten  wir  mit 
der  Natur  in  eine  Beziehung,  aber  in  eine  solche  Beziehung,  die  unser 
BewuBtsein  partiell  einschlafert.  Sie  sehen,  warum  das  nicht  phorono- 
misch  verfolgt  werden  kann.  Alles  Phoronomische  liegt  neutral  in  un- 
serem BewuBtsein.  Wenn  wir  daruber  hinausgehen,  treten  wir  in  die 
Partien  ein,  die  unserem  BewuBtsein  entgegengesetzt  liegen  und  die  es 
auf  heben.  Also,  indem  wir  die  Formel  ps  =  ~-  hinschreiben,  miissen 
wir  uns  sagen:  Unsere  Menschenerfahrung  enthalt  ebenso  das  m  wie 
sie  das  v  enthalt,  aber  unser  gewohnliches  BewuBtsein  reicht  nur  nicht 
aus,  um  dieses  ?n  zu  umfassen.  Dieses  m  saugt  uns  sogleich  die  Kraft 
unseres  BewuBtseins  aus.  Jetzt  haben  Sie  eine  reale  Beziehung  zum 
Menschen.  Eine  ganz  reale  Beziehung  zum  Menschen.  Sie  sehen,  es 


miissen  BewuBtseinszustande  zu  Hilfe  genommen  werden,  wenn  wir 
das  NaturgemaBe  verstehen  wollen.  Ohne  diese  Zuhilfenahme  gelingt 
es  nicht,  vom  Phoronomischen  auch  nur  zum  Mechanischen  vor- 
2uschreiten. 

Nun  aber,  wenn  wir  auch  mit  unserem  BewuBtsein  in  all  dem,  was 
zum  Beispiel  mit  m  bezeichnet  werden  kann,  nicht  drinnen  leben 
konnen,  mit  unserem  ganzen  Menschen  leben  wir  doch  darinnen.  Na- 
mentlich  leben  wir  mit  unserem  Willen  darinnen,  und  wir  leben  sehr 
stark  mit  unserem  Willen  darinnen.  Wie  wir  in  der  Natur  mit  unserem 
Willen  darinnenleben,  will  ich  an  einem  Beispiel  veranschaulichen. 

Da  muB  ich  aber  ausgehen  von  etwas,  das  Sie  wieder  erinnern 
miissen  aus  der  Schulzeit.  Ich  will  Ihnen  etwas  zuriickrufen,  was 
Sie  wahrend  Ihrer  Schulzeit  gut  kennengelernt  haben.  Sie  wissen,  daB, 
wenn  wir  hier  eine  Waage  haben,  so  konnen  wir,  wenn  wir  hier  das 
Waaggewicht  daraufgeben,  einen  gleichschweren  Gegenstand,  den  ich 
eben  jetzt  nur  anhangen  will,  um  die  Waagebalken  ins  Gleichgewicht 
zu  bringen,  konnen  wir  diesen  Gegenstand  abwiegen;  wir  flnden  sein 
Gewicht.  In  dem  Augenblick,  wo  wir  ein  GefaB  mit  Wasser  hierher 


stellen  -  es  ist  bis  hierher  gefullt  (Zeichnung)  -,  in  welches  Wasser 
wir  den  Gegenstand  hineinversenken,  in  dem  Augenblick  schnellt  der 
Waagebalken  hinauf.  Dadurch,  daB  der  Gegenstand  ins  Wasser  ge- 
taucht  ist,  wird  er  leichter,  verliert  er  von  seinem  Gewicht.  Und  wenn 
wir  priifen,  wieviel  er  leichter  geworden  ist,  wenn  wir  notieren,  wie- 
viel  wir  abziehen  miissen,  wenn  wir  die  Waage  wieder  ins  Gleich- 
gewicht bringen,  dann  finden  wir,  daB  der  Gegenstand  jetzt  um  soviel 


leichter  ist,  als  das  Gewicht  des  Wassers  betragt,  das  er  verdrangt  hat. 
Also,  wenn  wir  diesen  Rauminhalt  Wasser  abwiegen,  so  gibt  uns  das 
den  Gewichtsverlust.  Sie  wissen,  man  nennt  das  das  Gesetz  des  Auf- 
triebes  und  sagt:  Jeder  Korper  wird  in  einer  Fliissigkeit  urn  soviel 
leichter,  als  das  Gewicht  der  Fliissigkeit  betragt,  die  er  verdrangt.  Sie 
sehen  also,  wenn  ein  Korper  in  einer  Fliissigkeit  ist,  so  strebt  er  nach 
oben,  so  entzieht  er  sich  in  gewisser  Weise  dem  Druck  nach  unten, 
dem  Gewichte.  Dasjenige,  was  man  so  objektiv  physikalisch  beob- 
achten  kann,  das  hat  in  der  Konstitution  des  Menschen  eine  sehr 
wichtige  Bedeutung. 

Sehen  Sie,  unser  Gehirn  wiegt  durchschnittlich  1250  Gramm.  Wenn 
dieses  Gehirn,  indem  wir  es  in  uns  tragen,  wirklich  1250  Gramm  wie- 
gen  wiirde,  dann  wiirde  es  so  stark  driicken  auf  die  unter  ihm  be- 
findlichen  Blutadern,  daB  das  Gehirn  nicht  in  richtiger  Weise  mit  Blut 
versorgt  werden  konnte.  Es  wiirde  ein  starker  Druck  ausgeiibt  wer- 
den,  der  das  BewuBtsein  sogleich  umnebeln  wiirde.  In  Wahrheit  driickt 
das  Gehirn  gar  nicht  mit  den  vollen  1250  Gramm  auf  die  Unterflache 
der  Schadelhohle,  sondern  nur  mit  etwa  20  Gramm.  Das  kommt  davon 
her,  daB  das  Gehirn  in  der  Gehirnfliissigkeit  schwimmt.  So  wie  der 
Korper  hier  im  Wasser  schwimmt,  so  schwimmt  das  Gehirn  in  der 
Gehirnfliissigkeit.  Und  das  Gewicht  der  Gehirnfliissigkeit,  die  ver- 
drangt wird  durch  das  Gehirn,  betragt  eben  ungefahr  1230  Gramm. 
Um  diese  wird  das  Gehirn  leichter  und  hat  nur  noch  20  Gramm.  Das 
heiBt,  wenn  man  nun  auch  -  und  das  tut  man  ja  mit  einem  gewissen 
Recht  -  das  Gehirn  als  das  Werkzeug  unserer  Intelligenz  und  unseres 
Seelenlebens,  wenigstens  eines  Teiles  unseres  Seelenlebens,  betrachtet, 
so  muB  man  nicht  bloB  rechnen  mit  dem  wagbaren  Gehirn  -  denn  die- 
ses ist  nicht  allein  da  -,  sondern  dadurch,  daB  ein  Auftrieb  da  ist,  strebt 
das  Gehirn  eigentlich  nach  aufwarts,  strebt  seiner  eigenen  Schwere 
entgegen.  Das  heiBt,  wir  leben  mit  unserer  Intelligenz  nicht  in  ab- 
wartsziehenden,  sondern  in  aufwartsziehenden  Kraften.  Wir  leben  mit 
unserer  Intelligenz  in  einem  Auftrieb  drinnen. 

Nun  ist  das,  was  ich  Ihnen  auseinandergesetzt  habe,  allerdings  nur 
fur  unser  Gehirn  so.  Die  anderen  Teile  unseres  Organismus,  also  von 
dem  Bo  den  der  Schadeldecke  nach  unten,  die  sind  nur  zum  kleinsten 


Teil  -  nur  das  Riickenmark  -  in  derselben  Lage.  Aber  im  ganzen  stre- 
ben  die  anderen  Teile  des  Organismus  nach  unten.  Da  leben  wir  also 
in  dem  Zug  nach  unten.  Wir  leben  im  Gehirn  im  Auftriebe,  nach  auf- 
warts,  und  sonst  im  Zuge  nach  unten.  Unser  Wille  lebt  durchaus  im 
Zug  nach  unten.  Er  muB  sich  vereinigen  mit  dem  Druck  nach  unten. 
Dadurch  aber  wird  ihm  das  BewuBtsein  genommen.  Dadurch  schlaft 
erfortwahrend.  Gerade  das  ist  das  Wesentliche  der  Willenserscheinung, 
daB  sie  als  bewuBte  ausgeloscht  wird,  deshalb,  weil  sich  der  Wille  mit 
der  nach  unten  gerichteten  Schwerkraft  vereinigt.  Und  unsere  Intelli- 
genz  wird  lichtvoll  dadurch,  daB  wir  uns  vereinigen  konnen  mit  dem 
Auftrieb,  daB  unser  Gehirn  entgegenarbeitet  der  Schwerkraft. 

Sie  sehen,  durch  die  verschiedenartige  Vereinigung  des  mensch- 
lichen  Lebens  mit  dem  zugrunde  liegenden  Materiellen  wird  auf  der 
einen  Seite  das  Untergehen  des  Willens  in  der  Materie  bewirkt  und  auf 
der  anderen  Seite  wird  die  Auf  hellung  des  Willens  zur  Intelligenz  be- 
wirkt. Niemals  konnte  die  Intelligenz  entstehen,  wenn  unser  Seelen- 
wesen  gebunden  ware  an  eine  bloB  nach  abwarts  strebende  Materie. 

Nun  bedenken  Sie,  daB  wir  also  eigentlich  erleben,  richtig  erleben, 
wenn  wir  nicht  in  der  heutigen  Abstraktion  den  Menschen  betrachten, 
sondern  so  betrachten,  wie  er  wirklich  ist,  so  daB  das  Geistige  mit  dem 
Physischen  zusammenkommt  -  da  muB  nur  das  Geistige  so  stark  ge- 
dacht  werden,  daB  es  auch  die  physische  Kenntnis  umfassen  kann  -, 
daB  bei  ihm  auf  der  einen  Seite  durch  eine  besondere  Vereinigung  mit 
dem  materiellen  Leben,  namlich  mit  dem  Auftrieb  im  materiellen  Le- 
ben, die  Auf  hellung  in  die  Intelligenz  ist  und  auf  der  anderen  Seite  die 
Einschlaferung,  wenn  wir  den  Willen  gewissermaBen  aufsaugen  lassen 
miissen  von  dem  nach  unten  gerichteten  Druck,  so  daB  der  Wille  im 
Sinne  dieses  nach  unten  gerichteten  Druckes  wirkt.  Er  wirkt  so.  Nur 
ein  kleiner  Teil  von  ihm  filtriert  sich  durch  bis  zu  dem  20-Gramm- 
Druck,  geht  in  die  Intelligenz  hinein.  Daher  ist  die  Intelligenz  etwas 
vom  Willen  durchdrungen.  Aber  im  wesentlichen  haben  wir  es  in  der 
Intelligenz  zu  tun  mit  dem,  was  entgegengesetzt  ist  der  ponderablen 
Materie.  Wir  wollen  immer  iiber  den  Kopf  hinaus,  indem  wir  denken. 

Hier  sehen  Sie,  wie  in  der  Tat  sich  zusammenschlieBen  muB  das 
physische  Erkennen  mit  demjenigen,  was  im  Menschen  lebt.  Bleiben 


wir  innerhalb  des  Phoronomischen  stehen,  dann  haben  wir  es  zu  tun 
mit  den  heute  so  beliebten  Abstraktionen,  und  wir  konnen  keine 
Briicke  bauen  zwischen  diesen  beliebten  Abstraktionen  und  demjeni- 
gen,  was  die  auBere  Naturwirklichkeit  ist.  Wir  brauchen  eine  Erkennt- 
nis  mit  so  stark  geistigem  Inhalt,  daB  dieser  geistige  Inhalt  wirklich 
untertauchen  kann  in  die  Naturerscheinungen  und  daB  er  zum  Beispiel 
so  etwas  begreifen  kann,  wie  das  physikalische  Gewicht  und  der  Auf- 
trieb  im  Menschen  selber  wirken. 

Nun  habe  ich  Ihnen  gezeigt,  wie  der  Mensch  sich  innerlich  aus- 
einandersetzt  mit  dem  Druck  nach  unten  und  dem  Auftrieb,  wie  er 
sich  also  hineinlebt  in  den  Zusammenhang  zwischen  Phoronomischem 
und  Materiellem.  Aber  Sie  sehen,  man  braucht  dazu  eine  neue  wissen- 
schaftlkhe  Vertiefung.  Mit  der  alten  wissenschaftlichen  Gesinnung  ist 
das  nicht  zu  machen.  Diese  erfindet  Wellenbewegungen  oder  Emis- 
sionen,  die  aber  auch  nur  rein  abstrakt  sind.  Sie  sucht  den  Weg  hiniiber 
in  die  Materie  geradezu  durch  Spekulation,  kann  ihn  naturlich  da- 
durch  nicht  finden.  Eine  wirklich  geistige  Wissenschaft,  die  sucht  den 
Weg  hiniiber  in  die  Materie,  indem  sie  versucht,  wirklich  unterzutau- 
chen  in  die  Materie,  indem  also  das  Seelenleben  nach  Wille  und  In- 
telligenz  verfolgt  wird  bis  in  die  Druck-  und  Auftriebserscheinungen 
hinein.  Da  haben  Sie  wirklichen  Monismus.  Der  kann  nur  entstehen 
von  der  geistigen  Wissenschaft  aus.  Nicht  jener  Wortmonismus,  der 
vom  Nichtwissen  heute  so  stark  getrieben  wird.  Aber  es  ist  eben  not- 
wendig,  daB  gerade  die  Physik,  wenn  ich  mich  des  Ausdrucks  be- 
dienen  darf,  ein  wenig  Griitze  in  den  Kopf  bekommt,  indem  sie  solche 
Erscheinungen,  die  da  sind,  auf  der  anderen  Seite  mit  der  physio- 
logischen  Erscheinung  des  Schwimmens  des  Gehirns  in  Zusammen- 
hang bringt.  Sobald  man  den  Zusammenhang  hat,  weiB  man:  So  muB 
es  sein,  denn  es  kann  das  archimedische  Prinzip  nicht  aufhoren 
Geltung  zu  haben  fur  das  im  Gehirnwasser  schwimmende  Gehirn. 
Nun  aber,  was  geschieht  denn  dadurch,  daB  wir  mit  Ausnahme  der 
20  Gramm,  in  die  der  unbewuBte  Wille  hineinspielt,  durch  unser 
Gehirn  eigentlich  leben  in  der  Sphare  des  Intelligenten?  Dadurch 
sind  wir,  ins  of  erne  wir  uns  des  Gehirns  als  Werkzeug  bedienen,  fur 
unsere  Intelligenz  entlastet  von  dem  nach  unten  ziehenden  Materiellen. 


Das  scheidet  in  so  hohem  Grade  aus,  daB  ein  Gewicht  von  1230 
Gramm  verlorengeht.  In  so  hohem  Grade  schaltet  sich  die  Materie 
aus.  Dadurch,  daB  sie  sich  in  so  hohem  Grade  ausschaltet,  sind  wir 
in  der  Lage,  wirksam  sein  zu  lassen  in  besonderem  MaBe  fur  unser 
Gehirn  unseren  Atherleib.  Der  kann  tun,  was  er  will,  weil  er  nicht 
beirrt  wird  durch  die  Schwere  der  Materie.  Im  ubrigen  Organismus 
wird  der  Ather  iiberwaltigt  von  der  Schwere  der  Materie.  Da  haben 
Sie  eine  Gliederung  des  Menschen  so,  daB  Sie  fur  alles,  was  der  Intelli- 
genz  dient,  gewissermaBen  den  Ather  frei  bekommen,  fur  alles  andere 
haben  Sie  den  Ather  an  die  physische  Materie  gebunden.  So  daB  fur 
unser  Gehirn  der  Atherorganismus  libertont  den  physischen  Organis- 
mus, und  fur  den  ubrigen  Leib  die  Einrichtung  und  die  Krafte  unseres 
physischen  Organismus  iibertonen  die  des  Atherorganismus. 

Nun,  ich  habe  Sie  vorher  aufmerksam  gemacht  auf  jene  Beziehung, 
in  die  Sie  zur  AuBenwelt  treten,  wenn  Sie  sich  einem  Druck  aussetzen. 
Da  ist  eine  Einschlaferung  vorhanden.  Es  gibt  aber  auch  noch  andere 
Beziehungen,  und  eine  will  ich  heute  vorwegnehmen,  das  ist  die  Be- 
ziehung  zur  AuBenwelt,  die  eintritt,  wenn  wir  die  Augen  aufmachen 
und  in  einem  lichterfiillten  Raum  sind.  Da  flndet  offenbar  eine  ganz 
andere  Beziehung  zur  AuBenwelt  statt,  als  wenn  wir  auf  die  Materie 
aufstoBen  und  mit  dem  Druck  Bekanntschaft  machen.  Wenn  wir  uns 
dem  Licht  exponieren,  ja,  da  geht  nicht  nur  nichts  vom  BewuBtsein 
verloren,  sondern,  sofern  das  Licht  nur  als  Licht  wirkt,  kann  jeder,  der 
da  will,  empfinden,  daB  sein  BewuBtsein  Anteil  nimmt  gegemiber  der 
AuBenwelt  dadurch,  daB  er  sich  dem  Licht  exponiert,  daB  es  geradezu 
mehr  aufwacht.  Die  Krafte  des  BewuBtseins  vereinigen  sich  in  einer 
gewissen  Weise  -  wir  werden  das  noch  genauer  besprechen  ver- 
einigen sich  gewissermaBen  mit  demjenigen,  was  uns  im  Licht  ent- 
gegentritt.  Aber  im  Licht  und  am  Licht  treten  uns  ja  auch  Farben  ent- 
gegen.  Das  Licht  ist  eigentlich  etwas,  von  dem  wir  gar  nicht  sagen 
konnen,  daB  wir  es  sehen  konnen.  Mit  Hilfe  des  Lichtes  sehen  wir  die 
Farben,  aber  wir  konnen  nicht  eigentlich  sagen,  daB  wir  das  Licht 
sehen.  Warum  wir  das  sogenannte  weiBe  Licht  sehen,  davon  werden 
wir  noch  sprechen. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  daB  alles  dasjenige,  was  uns  als  Farbe 


entgegentritt,  uns  eigentlich  ebenso  polarisch  entgegentritt,  wie  uns 
entgegentritt  polarisch,  sagen  wir,  der  Magnetismus :  positiver  Magne- 
tismus,  negativer  Magnetismus.  So  tritt  uns  auch  dasjenige,  was  uns 
als  Farbe  entgegentritt,  polarisch  entgegen.  Auf  der  einen  Seite  des 
Poles  ist  alles  das,  was  wir  etwa  als  Gelb  und,  mit  dem  Gelb  verwandt, 
als  Orange  und  Rotlich  bezeichnen  konnen.  Auf  der  anderen  Seite  des 
Poles  istBlau  und  alles  das,  was  wir  verwandt  mit  dem  Blau  bezeichnen 
konnen :  Indigo,  Violett  und  selbst  noch  mindere  Schichten  von  Griin. 
Warum  sage  ich,  daB  uns  das  Farbige  polarisch  entgegentritt?  Sehen 
Sie,  die  Polaritat  des  Farbigen,  die  muB  wie,  ich  mochte  sagen,  eine 
der  signifikantesten  Erscheinungen  in  der  ganzen  Natur  nur  richtig 
studiert  werden.  Wenn  Sie  gleich  schreiten  wollen  zu  demjenigen,  was 
in  dem  Sinn,  wie  ich  Ihnen  das  gestern  auseinandergesetzt  habe, 
Goethe  das  Urphanomen  nennt,  so  kann  man  zu  diesem  Urphanomen 
des  Farbigen  zunachst  dadurch  kommen,  daB  man  das  Farbige  am 
Licht  iiberhaupt  aufsucht. 

Nun  wollen  wir  heute  als  ein  erstes  Experiment  das  Farbige  am 
Licht,  so  gut  es  geht,  aufsuchen.  Ich  werde  zunachst  das  Experiment 
Ihnen  erklaren.  Das  konnen  wir  in  der  folgenden  Weise:  Man  kann 
durch  einen  schmalen  Spalt,  der  -  zunachst  nehmen  wir  ihn  kreis- 
formig  an  -  in  eine  sonst  undurchsichtige  Wand  eingeschnitten  ist, 


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I 


I  !.  f-  I 


Licht  einlassen.  Dieses  Licht  lassen  wir  also  durch  diesen  Spalt  herein- 
fluten.  Wenn  wir  dieses  Licht  hereinfluten  lassen  und  gegeniiber  der 
Wand,  durch  die  das  Licht  hereinflutet,  einen  Schirm  stellen,  so  er- 
scheint  eine  beleuchtete  Kreisnache  durch  das  hereinflutende  Licht. 


Am  besten  macht  man  das  Experiment,  indem  man  in  den  Fenster- 
laden  ein  Loch  schneidet  und  das  Licht  hereinfluten  laBt.  Man  kann 
da  einen  Schirm  aufstellen  und  das  Bild,  das  so  entsteht,  auffangen. 
Wir  konnen  das  hier  nicht  machen,  aber  dafur  mit  Hilfe  dieses  Pro- 
jektions-Apparates,  indem  wir  den  VerschluB  wegnehmen.  Da  be- 
kommen  wir,  wie  Sie  sehen,  eine  leuchtende  Kreisflache.  Diese 
leuchtende  Kreisflache  ist  also  zunachst  nichts  anderes  als  das  Bild, 
das  entsteht  dadurch,  daB  hier  ein  Lichtzylinder,  der  sich  hieher 
fortpflanzt,  von  der  gegeniiberliegenden  Wand  aufgefangen  wird. 
Nun  kann  man  in  den  Weg  dieses  Lichtzylinders,  der  da  hereinfallt, 
ein  sogenanntes  Prisma  schieben,  Dann  ist  das  Licht  gezwungen, 
nicht  einfach  nach  der  gegeniiberliegenden  Wand  hinzudringen  und 
dort  den  Kreis  zu  bewirken,  sondern  dann  ist  das  Licht  gezwungen, 
von  seinem  Weg  abzukommen.  Wir  bewirken  das  dadurch,  daB  wir 


! 

ein  Hohlprisma  haben,  welches  dadurch  gestaltet  ist,  daB  wir  hier 
ebene  Glasscheiben  habeh,  die  keilformig  angeordnet  sind.  Dieses 
Hohlprisma  ist  ausgefullt  mit  Wasser.  Wir  lassen  den  Lichtzylinder, 
der  hier  entstanden  ist,  durch  dieses  Wasserprisma  hindurch.  So  sehen 
Sie,  wenn  Sie  jetzt  hinschauen  auf  die  Wand,  daB  nicht  an  der  Stelle 
da  unten,  wo  sie  friiher  war,  diese  Scheibe  ist,  sondern  Sie  sehen, 


daB  sie  gehoben  ist,  daB  sie  an  einer  anderen  Stelle  erscheint.  Sie 
sehen  aber  auBerdem  noch  etwas  Merkwiirdiges.  Sie  sehen  oben  den 
Rand  in  einem  blaulich-griinlichen  Licht,  mit  einem  blaulich-griin- 
lichen  Rand,  blaulichen  Rand.  Sie  sehen  unten  den  Rand  rotlich-gelb. 
Da  haben  wir  dasjenige,  was  wir  ein  Phanomen  nennen,  eine  Erschei- 
nung.  Halten  wir  an  dieser  Erscheinung  zunachst  fest.  Zeichnen  wir 
den  Tatbestand  auf,  so  miissen  wir  ihn  so  zeichnen:  Es  kommt  das 
Licht  von  seinem  Weg  irgendwie  ab,  indem  es  durch  das  Prisma  geht. 
Es  bildet  da  oben  einen  Kreis.  Wurden  wir  ihn  abmessen,  so  wurden 
wir  finden,  daB  es  kein  genauer  Kreis  ist,  sondern  daB  er  nach  oben 
und  unten  ein  wenig  in  die  Lange  gezogen  und  oben  blaulich  und 
unten  gelblich  gerandet  ist.  Sie  sehen  also,  wenn  wir  einen  solchen 
Lichtzylinder  durch  das  prismatisch  geformte  Wasser  gehen  lassen  - 
wir  konnen  absehen  von  den  Veranderungen,  die  die  Glasplatten  her- 
vorrufen  so  treten  an  den  Randern  Farbenerscheinungen  auf.  Ich 
will  nun  das  Experiment  noch  einmal  machen  mit  einem  Lichtzylinder,  • 
der  viel  schmaler  ist.  Sie  sehen  nun  eine  viel  kleinere  Scheibe  da  unten. 
Nun,  lenken  wir  diese  kleine  Scheibe  durch  das  Prisma  ab,  so  sehen 
Sie  hier  oben,  also  wiederum  nach  oben  verschoben,  den  Lichtfleck, 
den  Lichtkreis ;  aber  Sie  sehen  jetzt  diesen  Lichtkreis  ziemlich  ganz  von 
Farben  durchzogen.  Sie  sehen,  wenn  ich  das,  was  Sie  hier  jetzt  haben, 
zeichnen  will,  daB  da  oben  jetzt  das  Verschobene  so  ist,  daB  es  violett, 
blau,  griin,  gelb,  rot  erscheint.  J  a,  wenn  wir  genau  das  alles  verfolgen 
konnten,  es  wiirde  in  den  vollkommenen  Regenbogenfarben  ange- 
ordnet  sein.  Bitte,  wir  nehmen  rein  das  Faktum,  und  ich  bitte  jetzt  alle 
diejenigen  von  Ihnen,  welche  in  der  Schule  gelernt  haben  all  die 
schonen  Zeichnungen  von  Lichtstrahlen,  von  Einfallsloten  und  so 
weiter,  diese  zu  vergessen  und  sich  an  die  reine  Erscheinung,  an  das 
reine  Faktum  zu  halten.  Wir  sehen  am  Lichte  Farben  entstehen  und 
wir  konnen  uns  fragen:  Woran  liegt  es  denn,  daB  am  Licht  solche 
Farben  entstehen?  -  Nun,  wenn  ich  noch  einmal  den  groBen  Kreis  ein- 
schalte,  so  haben  wir  also  den  durch  den  Raum  gehenden  Licht- 
zylinder, der  dort  auftrifft  auf  den  Schirm  und  dort  ein  Lichtbild 
formiert.  Wenn  wir  einschalten  in  den  Weg  dieses  Lichtzylinders 
wiederum  das  Prisma,  dann  bekommen  wir  die  Verschiebung  dieses 


Lichtbildes  und  auBerdem  an  den  Randern  die  farbigen  Erschei- 
nungen. 

Nun  aber  bitte  ich  Sie,  das  Folgende  zu  beobachten.  Wir  bleiben 
rein  innerhalb  der  Fakten  stehen.  Ich  bitte  Sie,  zu  beobachten :  Wenn 
Sie  so  ein  biBchen  herumschauen  wiirden,  so  wiirden  Sie,  indem  das 
Licht  durchgeht  durch  das  Glasprisma,  genau  da  drinnen  den  leuch- 
tenden  Wasserzylinder  sehen.  Der  Lichtzylinder  geht  -  das  ist  rein 
faktisch  -  durch  das  Wasserprisma  durch  und  es  findet  also  statt 
eine  Ineinanderfiigung  des  Lichtes  mit  dem  Wasser.  Bitte  darauf 
jetzt  wohl  zu  achten.  Indem  der  Lichtzylinder  durch  das  Wasser- 
prisma hindurchgeht,  findet  statt  eine  Ineinanderfiigung  des  Lichtes 
mit  dem  Wasser.  Dieses,  was  sich  da  ineinanderfugt  von  Licht  und 
Wasser,  das  ist  nun  keineswegs  unwirksam  fur  die  Umgebung,  son- 
dern  wir  miissen  sagen:  Da  geht  der  Lichtzylinder,  der  hat  -  wie 
gesagt,  wir  bleiben  innerhalb  der  Fakten  stehen  -  irgendwie  die 
Kraft,  auf  die  andere  Seite  des  Prismas  durch  das  Prisma  durchzu- 
dringen.  Aber  er  wird  durch  das  Prisma  abgelenkt.  Er  wiirde  gerade- 
aus  gehen,  aber  er  wird  hinaufgehoben,  wird  abgelenkt,  dieser  Licht- 
zylinder, so  daB  wir  konstatieren  miissen:  Hier  ist  etwas  vorhanden, 
was  uns  den  Lichtzylinder  ablenkt.  Wenn  ich  das  andeuten  will  durch 
einen  Pfeil,  was  uns  den  Lichtzylinder  ablenkt,  so  miiBte  ich  es  durch 
diesen  Pfeil  tun.  Nun  konnen  wir  sagen  -  wie  gesagt,  rein  innerhalb 
der  Fakten  stehenbleiben,  nicht  spekulieren  -:  Durch  ein  solches 
Prisma  wird  der  Lichtzylinder  abgelenkt  nach  oben  und  wir  konnen 
die  Ablenkungsrichtung  angeben. 

Nun  bitte  ich  Sie,  zu  alledem  das  Folgende  hinzuzudenken,  was 
wiederum  nur  Fakten  entspricht.  Wenn  Sie  durch  ein  triibes  Milchglas 
oder  nur  durch  eine  irgendwie  getriibte  Fliissigkeit,  also  durch  eine 
getriibte  Materie,  Licht  dringen  lassen,  so  wird  dieses  Licht  abge- 
schwacht selbstverstandlich.  Sie  sehen,  indem  Sie  durch  ungetnibtes 
Wasser  das  Licht  sehen,  es  in  seiner  Helligkeit.  Bei  getriibtem  Wasser 
sehen  Sie  es  abgeschwacht.  Das  konnen  Sie  in  unzahligen  Fallen  be- 
obachten, daB  durch  getriibte  Medien,  durch  getriibte  Mittel,  das 
Licht  abgeschwacht  wird.  Das  ist  etwas,  was  man  zunachst  als  Faktum 
auszusprechen  hat.  In  irgendeiner  Beziehung,  wenn  auch  noch  so 


wenig,  ist  aber  jedes  materielle  Mittel,  also  auch  das,  was  hier  als 
Prisma  steht,  ein  getriibtes  Mittel.  Es  triibt  immer  das  Licht  ab,  das 
heiBt,  mit  Bezug  auf  das  Licht,  das  da  innerhalb  des  Prismas  ist,  haben 
wir  es  zu  tun  mit  einem  abgetriibten  Licht.  Da  (links)  haben  wir  es  zu 
tun  mit  scheinendem  Licht.  Da  (rechts)  haben  wir  es  zu  tun  mit  dem 
Licht,  das  sich  den  Durchgang  verschafft  hat  durch  das  Mittel.  Hier 
aber,  innerhalb  des  Prismas,  haben  wir  es  zu  tun  mit  einem  Zu- 
sammenwirken  von  Materie  mit  dem  Licht,  mit  dem  Entstehen  einer 
Trubung.  DaB  aber  eine  Trubung  wirkt,  das  konnen  Sie  einfach  dar- 
aus  entnehmen,  daB,  wenn  Sie  eben  durch  ein  getriibtes  Mittel  Licht 
ansehen,  Sie  noch  etwas  sehen.  Also  eine  Trubung  wirkt  -  es  ist  das 
wahrnehmbar.  Was  entsteht  durch  die  Trubung?  Wir  haben  es  also 
nicht  bloB  zu  tun  mit  dem  fortschreitenden  und  abbiegenden  Licht- 
kegel,  sondern  auBerdem  noch  mit  dem,  was  sich  da  hineinstellt  als 
eine  Trubung  des  Lichtes,  bewirkt  durch  die  Materie.  Wir  konnen  uns 
also  vorstellen:  Hier  in  diesem  Raum  nach  dem  Prisma,  da  scheint 
nicht  nur  herein  das  Licht,  sondern  da  scheint  herein,  da  strahlt  in  das 
Licht  hinein,  was  da  als  Trubung  im  Prisma  lebt.  Das  strahlt  da  hinein. 
Und  wie  strahlt  das  da  hinein?  Es  breitet  sich  natiirlich  da  aus,  nach- 
dem  das  Licht  durch  das  Prisma  gegangen  ist.  Das  Getriibte  strahlt  in 
das  Helle  hinein.  Und  Sie  brauchen  sich  die  Sache  nur  richtig  zu  iiber- 
legen,  so  konnen  Sie  sich  sagen:  Da  scheint  das  Triibe  hinauf,  und 
wenn  das  Helle  abgelenkt  wird,  wird  auch  das  Triibe  nach  oben  ab- 
gelenkt.  Das  heiBt,  die  Trubung,  die  wird  hier  nach  oben  abgelenkt  in 
derselben  Richtung,  in  der  die  Helligkeit  abgelenkt  wird.  Es  wird  ge- 
wissermaBen  der  Helligkeit,  die  nach  oben  abgelenkt  wird,  noch  eine 
Trubung  nachgeschickt.  Die  Helligkeit  kann  also  da  nach  oben  nicht 
ohne  weiteres  sich  ausbreiten.  In  sie  hinein  wird  die  Trubung  nach- 
geschickt. Und  wir  haben  es  zu  tun  mit  zwei  Zusammenwirkenden, 
mit  der  abgelenkten  Helligkeit  und  mit  dem  Hineinschicken  der  Trii- 
bung in  diese  Helligkeit,  nur  daB  die  Ablenkung  der  Trubung  in  der- 
selben Richtung  geschieht  wie  die  der  Helligkeit.  Den  Erfolg  sehen 
Sie:  Dadurch,  daB  nach  oben  hin  in  die  Helligkeit  der  Schein  der 
Trubung  hineinstrahlt,  entstehen  die  dunklen  Farben,  die  blaulichen 
Farben.  Und  nach  unten,  wie  ist  es  denn  da?  Nach  unten  scheint  na- 


tiirlich  auch  die  Triibung.  Aber  Sie  sehen  ja,  wahrend  hier  (oben)  eine 
Partie  ist  des  ausstrahlenden  Lichts,  wo  die  Triibung  nach  derselben 
Richtung  geht  wie  das  mit  Wucht  durchgehende  Licht,  haben  wir 
hier  eine  Ausbreitung  desjenigen,  was  als  Triibung  entsteht,  so  daB 
es  hinscheint  und  es  einen  Raum  gibt,  fur  den  im  allgemeinen  der 
Lichtzylinder  nach  oben  abgelenkt  wird.  Aber  in  diesen  nach  oben  ab- 
gelenkten  Lichtkorper  strahlt  ein  die  Triibung.  Und  hier  haben  wir 
eine  Partie,  wo  durch  die  oberen  Partien  des  Prismas  die  Triibung  nach 
unten  geht.  Dadurch  haben  wir  hier  (unten)  eine  Partie,  wo  die  Trii- 
bung im  entgegengesetzten  Sinn  abgelenkt  wird,  als  die  Ablenkung 
der  Helligkeit  ist.  Wir  konnen  sagen:  Wir  haben  hier  die  Triibung,  die 
hineinwill  in  die  Helligkeit;  aber  im  unteren  Teil  ist  die  Helligkeit  so, 
daB  sie  entgegengesetzt  wirkt  in  ihrer  Ablenkung  der  Ablenkung  der 
Triibung.  Die  Folge  davon  ist,  daB,  wahrend  oben  die  Ablenkung  der 
Triibung  im  selben  Sinn  erfolgt  wie  die  der  Helligkeit  und  sie  also 
gewissermaBen  zusammenwirken,  die  Triibung  sich  also  sozusagen 
wie  ein  Parasit  hineinmischt,  hier  unten  die  Triibung  zuriickstrahlt 
in  die  Helligkeit  hinein,  aber  von  der  Helligkeit  iiberwaltigt,  gewisser- 
maBen unterdriickt  wird,  so  daB  hier  die  Helligkeit  vorherrscht,  auch 
vorherrscht  in  dem  Kampf  zwischen  der  Helligkeit  und  der  Triibung, 
und  die  Folgen  dieses  Kampfes  zwischen  Helligkeit  und  Triibung,  die 
Folgen  dieses  Gegeneinander-sich-Stellens  und  des  Durchschienen- 
werdens  der  Triibung  von  der  Helligkeit,  das  sind  nach  unten  die  roten 
oder  gelben  Farben.  So  daB  man  sagen  kann :  Nach  oben  lauft  Triibung 
in  Helligkeit  ein,  und  es  entstehen  blaue  Nuancen;  nach  unten  iiber- 
tont  eine  Helligkeit  die  hineinlaufende  Triibe  oder  Dunkelheit,  und  es 
entstehen  die  gelben  Nuancen. 

Sie  sehen  also  hier,  daB  wir  es  einfach  dadurch,  daB  das  Prisma  ab- 
lenkt,  auf  der  einen  Seite  ablenkt  den  vollen  hellen  Lichtkegel,  auf  der 
anderen  Seite  ablenkt  die  Triibung,  zu  tun  haben  nach  zwei  Seiten  hin 
mit  einem  verschiedenen  Hineinspielen  der  Dunkelheit,  der  Triibung 
in  das  Helle.  Wir  haben  ein  Zusammenspiel  von  Dunkelheit  und 
Helligkeit,  die  nicht  zu  einem  Grau  sich  miteinander  vermischen,  son- 
dern  selbstandig  wirksam  bleiben.  Nur  bleiben  sie  nach  dem  einen  Pol 
hin  so  wirksam,  daB  die  Dunkelheit  gewissermaBen  nach  der  Hellig- 


keit,  also  so  wirken  kann,  daB  sie  innerhalb  der  Helligkeit  zur  Geltung 
kommt,  aber  eben  als  Dunkelheit.  Auf  der  anderen  Seite  stemmt  sich 
die  Triibung  entgegen  der  Helligkeit,  bleibt  als  selbstandig  vorhanden, 
aber  wird  iibertont  von  der  Helligkeit.  Da  entstehen  die  hellen  Farben, 
das  Gelbliche.  So  haben  Sie,  indem  Sie  rein  innerhalb  der  Fakten 
bleiben,  dadurch,  daB  Sie  das  nehmen,  was  da  ist,  rein  aus  der  An- 
schauung  heraus  die  Moglichkeit  zu  verstehen,  warum  auf  der  einen 
Seite  die  gelblichen  Farben,  auf  der  anderen  die  blaulichen  erscheinen, 
und  Sie  sehen  zu  gleicher  Zeit  daraus,  daB  das  materielle  Prisma 
einen  ganz  wesentlichen  Anteil  hat  an  dieser  Entstehung  der  Farben. 
Es  geschieht  ja  durch  das  Prisma,  daB  nach  der  einen  Seite  hin  in 
demselben  Sinn  die  Triibung  abgelenkt  wird  wie  der  Lichtkegel,  aber 
auch,  nach  der  anderen  Seite  hin,  daB  das  Fortstrahlende  und  das  Ab- 
gelenkte  sich  kreuzen,  weil  eben  das  Prisma  auch  nach  der  anderen 
Seite  hin  ausstrahlen  laBt  seine  Dunkelheit,  auch  dahin,  wo  schon  ab- 
gelenkt ist.  Dadurch  entsteht  die  Ablenkung  nach  unten,  und  es  wirken 
nach  unten  anders  zusammen  die  Dunkelheit  und  die  Helligkeit  als 
nach  oben.  Farben  entstehen  also  da,  wo  zusammenwirken  Dunkel- 
heit und  Helligkeit. 

Das  ist  dasjenige,  was  ich  Ihnen  heute  besonders  klarmachen  wollte. 
Sie  miissen,  wenn  Sie  sich  nun  uberlegen  wollen,  ich  mochte  sagen, 
aus  welcher  Ecke  heraus  das  am  besten  zu  begreifen  ist,  da  miissen 
Sie  nur  zum  Beispiel  daran  denken,  daB  Ihr  Atherleib  anders  einge- 
schaltet  ist  im  Muskel  als  im  Auge :  Im  Muskel  so,  daB  er  sich  mit  den 
Funktionen  des  Muskels  verbindet,  im  Auge  so,  daB  gewissermaBen, 
weil  das  Auge  sehr  isoliert  ist,  der  Atherleib  nicht  eingeschaltet  ist  in 
den  physischen  Apparat,  sondern  verhaltnismaBig  selbstandig  ist.  Da- 
durch kann  mit  dem  Atherleibteil  im  Auge  der  Astralleib  eine  innige 
Verbindung  eingehen.  Unser  astralischer  Leib  ist  innerhalb  des  Auges 
ganz  anders  selbstandig  als  innerhalb  unserer  anderen  physischen  Or- 
ganisation. Nehmen  Sie  an,  das  da  ware  ein  Teil  der  physischen  Orga- 
nisation, in  einem  Muskel,  das  hier  ware  physische  Organisation  des 
Auges  (es  wird  gezeichnet).  Wenn  wir  beschreiben,  so  miissen  wir 
sagen:  Unser  Astralleib  ist  eingeschaltet  sowohl  hier  wie  da;  aber  es 
ist  ein  betrachtlicher  Unterschied.  Da  ist  er  so  eingeschaltet,  daB  er 


durch  denselben  Raum  geht  wie  der  physische  Korper,  aber  nicht 
selbstandig.  Hier  ist  er  auch  eingeschaltet,  im  Auge;  aber  da  wirkt  er 
selbstandig.  Den  Raum  fallen  beide  in  gleicher  Weise  aus;  aber  das 
eine  Mai  wirken  die  Ingredienzien  selbstandig,  das  andere  Mai  wirken 
sie  nicht  selbstandig.  Daher  ist  das  nur  halb  gesagt,  wenn  man  sagt : 
Unser  Astralleib  ist  im  physischen  Leibe  drinnen.  Wir  miissen  fragen, 
wie  er  drinnen  ist.  Denn  er  ist  anders  drinnen  im  Auge  und  anders  im 
Muskel.  Im  Auge  ist  er  relativ  selbstandig,  trotzdem  er  drinnen  ist  wie 
im  Muskel.  Daraus  sehen  Sie,  daB  Ingredienzien  einander  durch- 
dringen  konnen  und  dennoch  selbstandig  sein  konnen.  So  konnen  Sie 
Helligkeit  und  Dunkelheit  zum  Grau  vereinigen,  dann  sind  sie  einan- 
der so  durchdringend  wie  Astralleib  und  Muskel.  Oder  aber  sie  konnen 
sich  so  durchdringen,  dafi  sie  selbstandig  bleiben,  dann  durchdringen 
sie  sich  so  wie  unser  Astralleib  und  die  physische  Organisation  im 
Auge.  Das  eine  Mai  entsteht  Grau,  das  andere  Mai  entsteht  Farbe. 
Wenn  sie  sich  so  durchdringen  wie  Astralleib  und  Muskeln,  so  ent- 
steht Grau,  und  wenn  sie  sich  so  durchdringen  wie  unser  Astralleib 
und  unser  Auge,  so  entsteht  Farbe,  weil  sie  relativ  selbstandig  bleiben, 
trotzdem  sie  im  selben  Raume  sind. 


DRITTER  VORTRAG 


Stuttgart,  25.  Dezember  1919 


Es  ist  mir  gesagt  worden,  daB  dasjenige,  worinnen  wir  die  gestrige 
Betrachtung  gipfeln  lassen  muBten,  die  Erscheinung,  die  durch  das 
Prisma  auftritt,  doch  Schwierigkeiten  dem  Verstandnisse  fur  viele  ge- 
boten  habe,  und  ich  bitte  Sie,  dariiber  sich  zu  beruhigen.  Es  wird 
dieses  Verstandnis  nach  und  nach  kommen.  Wir  werden  uns  gerade 
mit  den  Licht-  und  Farbenerscheinungen  ein  wenig  eingehender  be- 
fassen,  damit  diese  eigentliche  piece  de  resistance  -  eine  solche  ist  es 
auch  fur  die  iibrige  Physik  -  uns  eine  gute  Grundlage  abgeben  konne. 
Sie  sehen  ein,  daB  es  sich  uns  zunachst  darum  handeln  muB,  daB  ich 
Ihnen  gerade  einiges  von  demjenigen  sage,  was  Sie  nicht  in  Biichern 
finden  konnen  und  was  nicht  Gegenstand  der  gewohnlichen  natur- 
wissenschaftlichen  Betrachtungen  ist,  was  wir  gewissermaBen  nur  hier 
behandeln  konnen.  Wir  werden  dann  in  den  letzten  Vortragen  darauf 
eingehen,  wie  dasjenige,  was  wir  hier  betrachten,  auch  im  Unterricht 
zu  verwerten  ist. 

Dasjenige,  was  ich  versuchte  gestern  auseinanderzusetzen,  ist  ja  im 
wesentlichen  eine  besondere  Art  des  Ineinanderwirkens  von  Hellig- 
keit  und  Triibe.  Und  ich  wollte  zeigen,  daB  durch  dieses  verschieden- 
artige  Zusammenwirken  von  Helligkeit  und  Triibe,  das  besonders 
auftritt  beim  Durchgang  eines  Lichtzylinders  durch  ein  Prisma, 
die  polarisch  zueinander  sich  verhaltenden  Farbenerscheinungen  ent- 
stehen.  Zunachst  bitte  ich  Sie,  die  bittere  Pille  schon  in  Empfang  zu 
nehmen,  daB  die  Schwierigkeit  des  Verstandnis  ses  dieser  Sache  dar- 
innen  liegt,  daB  Sie  eigentlich  -  es  geht  diejenigen  an,  die  Schwierig- 
keit des  Verstandnisses  finden  -  die  Licht-  und  Farbenlehre  phorono- 
misch  gestaltet  haben  mochten.  Die  Menschen  haben  sich  nun  schon 
einmal  gewohnt  durch  unsere  sonderbare  Erziehung,  nur  sich  solchen 
Vorstellungen  hinzugeben,  die  mit  Bezug  auf  die  auBere  Natur  mehr 
oder  weniger  phoronomisch  sind,  das  heiBt  sich  nur  befassen  mit  dem 
Zahlbaren,  mit  dem  Raumlich-Formalen  und  mit  dem  BewegUchen. 
Nun  sollen  Sie  sich  bemiihen,  in  Qualitaten  zu  denken,  und  Sie  konnen 


wirklich  in  einem  gewissen  Sinne  sagen :  Hier  stocke  ich  schon.  -  Aber 
schreiben  Sie  das  durchaus  zu  dem  unnaturlichen  Gang,  den  die  wissen- 
schaftliche  Entwickelung  in  der  neueren  Zeit  genommen  und  durch- 
gemacht  hat,  den  Sie  sogar  in  gewisser  Weise  mit  Ihren  Schiilern  durch- 
machen  werden  -  ich  meine  jetzt  die  Lehrer  der  Waldorfschule  und 
andere  Lehrer.  Denn  es  wird  naturlich  nicht  moglich  sein,  sogleich  ge- 
sunde  Vorstellungen  in  die  heutige  Schule  hineinzutragen,  sondern 
wir  werden  Ubergange  schafFen  miissen. 

Nun  gehen  wir  einmal  fur  die  Licht-  und  Farbenerscheinungen  von 
dem  anderen  Ende  der  Sache  aus.  Eine  viel  angefochtene  Bemerkung 
Goethes  mochte  ich  heute  vorausschicken.  Sie  konnen  es  bei  Goethe 
lesen,  wie  er  bekannt  geworden  ist  in  den  achtziger  Jahren  des  acht- 
zehnten  Jahrhunderts  mit  allerlei  Behauptungen  iiber  das  Auftreten 
von  Farben  am  Lichte,  also  iiber  diejenigen  Erscheinungen,  von  denen 
wir  gestern  begonnen  haben  zu  sprechen,  Es  ist  ihm  gesagt  worden,  es 
sei  die  allgemeine  Anschauung  der  Physiker,  daB,  wenn  man  farbloses 
Licht  durch  ein  Prisma  gehen  lasse,  dieses  farblose  Licht  gespalten, 
zerlegt  wiirde.  Also  etwa  so  wurden  die  Erscheinungen  interpretiert, 
daB  gesagt  wurde:  Fangen  wir  einen  farblosen  Lichtzylinder  auf,  so 
zeigt  er  uns  zunachst  ein  farbloses  Bild.  Stellen  wir  diesem  Lichtzylin- 
der in  den  Weg  das  Prisma,  so  bekommen  wir  die  Aufeinanderfolge 
der  Farben  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin,  Blau  -  Hellblau,  Dunkelblau  -, 
Violett.  Nun,  das  ist  etwas,  was  an  Goethe  herantrat,  und  zwar  so,  daB 
er  erfuhr:  Man  erklart  sich  diese  Sache  so,  daB  das  farblose  Licht 
eigentlich  schon  in  sich  enthalt  -  wie,  das  ist  ja  naturlich  schwer  zu 
denken,  aber  das  wurde  gesagt  -  diese  sieben  Farben.  Wenn  man 
das  Licht  durch  das  Prisma  gehen  laBt,  so  tut  das  Prisma  eigentlich 
nichts  anderes,  als  das,  was  im  Licht  schon  drinnen  ist,  facherartig 
auseinanderlegen,  das  Licht  in  die  sieben  Farben  zerlegen.  Nun, 
Goethe  wollte  der  Sache  auf  den  Grund  gehen  und  lieh  sich  allerlei 
Instrumente  aus,  wie  wir  es  versucht  haben  in  diesen  Tagen  sie  auch 
zusammenzutragen,  um  selber  zu  konstatieren,  wie  die  Dinge  sind. 
Er  lieB  sich  diese  Instrumente  von  dem  Hofrat  Biittner  in  Jena  nach 
Weimar  hiniiberkommen,  stapelte  sie  auf  und  wollte  zu  gelegener 
Zeit  versuchen,  wie  sich  die  Sache  verhalt.  Der  Hofrat  Biittner  wurde 


ungeduldig  und  forderte  die  Instrumente  zuriick,  als  Goethe  noch 
nichts  gemacht  hatte.  Er  muBte  die  Instrumente  zusammenpacken 
-  bei  manchen  Dingen  passiert  uns  ja  so  etwas,  daft  wir  nicht  gleich 
dazu  kommen.  Er  nahm  schnell  noch  das  Prisma  und  sagte :  Also,  durch 
das  Prisma  wird  das  Licht  zerlegt.  Ich  gucke  es  mir  an  an  der  Wand.  - 
Und  nun  hat  er  erwartet,  daB  das  Licht  schon  siebenfarbig  erscheint. 
Es  erschien  aber  nur  da  irgend  etwas  Farbiges,  wo  irgendein  Rand  war, 
wo  ein  Schmutzfleck  war,  so  daB  das  Schmutzige,  das  Trtibe,  mit  dem 
Hellen  zusammenstieB.  Da  sah  man  Farben,  wenn  man  durchguckte. 
Aber  wo  gleichmaBiges  WeiB  war,  sah  man  nichts.  Da  wurde  Goethe 
stutzig,  er  wurde  irre  an  dieser  ganzen  Theorie.  Und  nun  hatte  er  kei- 
nen  Sinn  mehr  fur  das  Zuruckschicken  der  Instrumente.  Er  behielt  sie 
und  verfolgte  die  Sache  weiter.  Und  da  stellte  sich  heraus,  daB  die 
Sache  eigentlich  gar  nicht  so  ist,  wie  sie  gewohnlich  dargestellt  wurde : 
Wenn  wir  Licht  durchlassen  durch  den  Raum  des  Zimmers,  so  be- 
kommen  wir  auf  einem  Schirm  einen  weiBen  Kreis.  Nun,  wenn  man 
diesem  Lichtkorper,  der  da  durchgeht,  in  den  Weg  stellt  das  Prisma, 
so  wird  der  Lichtzylinder  abgelenkt  (vgl.  die  Figuren  S.  53  und 
S.  54).  Aber  es  erscheinen  zunachst  durchaus  nicht  die  sieben  auf- 
einanderfolgenden  Farben,  sondern  nur  am  untern  Rand  tritt  das 
Rotliche  auf,  das  ins  Gelbliche  iibergeht,  und  am  oberen  Rand  das 
Blauliche,  das  ins  Grunliche  iibergeht.  In  der  Mitte  bleibt  es  weiB. 

Was  sagte  sich  nun  Goethe?  Er  sagte  sich:  Da  kommt  es  also  iiber- 
haupt  nicht  darauf  an,  daB  irgend  etwas  aus  dem  Licht  heraus  sich 
spaltet,  sondern  ich  bilde  ja  eigentlich  ab  ein  Bild.  Dieses  Bild  ist  nur 
das  Abbild  des  Ausschnittes  hier.  Der  Ausschnitt  hat  Rander  und  die 
Farben  treten  nicht  deshalb  auf,  weil  sie  aus  dem  Licht  herausgeholt 
werden,  gewissermaBen  weil  das  Licht  in  sie  zerspalten  wiirde,  son- 
dern weil  ich  das  Bild  entwerfe  und  das  Bild  als  solches  Rander  hat, 
so  daB  ich  es  auch  hier  mit  nichts  anderem  zu  tun  habe,  als  daB  dort, 
wo  Helligkeit  und  Dunkelheit  zusammentreten  -  denn  auBerhalb  die- 
ses Lichtkreises  hier  ist  Dunkelheit  in  der  Umgebung  und  innen  ist  es 
hell  -,  da  an  den  Randern,  die  Farben  auftreten.  Es  treten  zunachst 
iiberhaupt  nur  die  Farben  als  Randerscheinungen  auf,  und  wir  haben, 
indem  wir  die  Farben  als  Randerscheinungen  zeigen,  im  Grunde  das 


urspriingliche  Phanomen  vor  uns.  Wir  haben  gar  nicht  vor  uns  das 
urspriingliche  Phanomen,  wenn  wir  nun  den  Kreis  verkleinern  und  ein 
kontinuierliches  Farbenbild  bekommen.  Das  kontinuierliche  Farben- 
bild  entsteht  nur  dadurch,  daB,  wahrend  beim  groBen  Kreis  die  Rand- 
farben  eben  Randfarben  bleiben,  sich  beim  kleinen  Kreis  vom  Rand 
herein  die  Farben  bis  zur  Mitte  fortsetzen.  Sie  iibergreifen  sich  in  der 
Mitte  und  biiden,  was  man  ein  kontinuierliches  Spektrum  nennt.  Also, 
die  urspriingliche  Erscheinung  ist  diejenige,  daB  an  den  Randern,  wo 
Helligkeit  und  Dunkelheit  zusammenstromen,  Farben  auftreten. 

Sie  sehen,  es  handelt  sich  darum,  daB  wir  nicht  mit  Theorien  in  die 
Tatsachen  hineinpfuschen,  sondern  reinlich  bei  einem  Studium  der 
bloBen  Tatsachen  bleiben,  der  bloBen  Fakta.  Nun  handelt  es  sich  dar- 
um, daB  hier  ja  nicht  nur  dasjenige  auftritt,  was  wir  in  den  Farben 
sehen,  sondern  Sie  haben  gesehen :  Es  tritt  hier  auch  auf  eine  Verschie- 
bung  des  ganzen  Lichtkegels,  eine  seitliche  Ablenkung  des  ganzen 
Lichtkegels.  Wenn  Sie  schematisch  diese  seitliche  Ablenkung  verfolgen 
wollen,  so  konnten  Sie  es  etwa  auf  die  folgende  Weise  noch  verfolgen. 

Nehmen  Sie  an,  Sie  fugen  zwei  Prismen  zusammen,  so  daB  dann  das 
untere  Prisma,  das  aber  ein  Ganzes  bildet  mit  dem  oberen,  so  steht  wie 
das,  was  ich  Ihnen  gestern  aufgezeichnet  habe.  Das  obere  Prisma  steht 
entgegengesetzt  dem  unteren.  Wiirde  ich  durch  dieses  Doppel-Prisma 
einen  Lichtzylinder  durchgehen  lassen,  so  wiirde  ich  natiirlich  etwas 
Ahnliches  bekommen  miissen  wie  gestern.  Ich  wiirde  eine  Ablenkung 
bekommen,  das  eine  Mai  nach  unten,  das  andere  Mai  nach  oben.  Ich 
wiirde,  wenn  ich  hier  ein  solches  Doppel-Prisma  hatte,  eine  noch 
mehr  in  die  Lange  gezogene  Lichtflgur  bekommen,  aber  zu  gleicher 
Zeit  wiirde  sich  herausstellen,  daB  diese  noch  mehr  in  die  Lange 
gezogene  Lichtfigur  sehr  undeutlich,  duster  ist.  Das  wiirde  mir  da- 
durch erklarlich  werden,  daB  ich  dann,  wenn  ich  hier  die  Figur  mit 
einem  Schirm  auffange,  von  diesem  Lichtkreis  hier  ineinandergescho- 
ben  eine  Abbildung  bekommen  wiirde.  Aber  ich  konnte  den  Schirm 
auch  hereinriicken.  Ich  wiirde  wiederum  eine  Abbildung  bekommen. 
Das  heiBt,  es  gabe  hier  eine  Strecke  -  das  liegt  alles  innerhalb  der  Tat- 
sachen auf  der  ich  immer  die  Moglichkeit,  eine  Abbildung  zu  be- 
kommen, antreffen  wiirde.  Sie  sehen  daraus,  daB  durch  das  Doppel- 


Prisma  mit  dem  Lichte  hantiert  wird.  Immer  finde  ich  auBen  einen 
roten  Rand,  und  zwar  jet2t  oben  und  unten,  und  in  der  Mitte  Violett. 
Wahrend  ich  sonst  bloB  bekomme  das  Bild  vom  Rot  bis  zum  Violett, 
bekomme  ich  jetzt  die  auBeren  Rander  rot  und  in  der  Mitte  Violett 
und  dazwischen  die  anderen  Farben.  Ich  konnte  also  durch  ein  solches 
Doppel-Prisma  die  Moglichkeit  schaffen,  daB  eine  solche  Figur  ent- 
stiinde,  aber  ich  wiirde  diese  auch  bekommen,  wenn  ich  den  Schirm 
verschieben  wiirde.  Ich  habe  also  eine  gewisse  Strecke,  auf  der  die 
Moglichkeit  der  Entstehung  eines  Bildes  vorhanden  ist,  das  an  den 
Randern  farbig  ist,  aber  auch  in  der  Mitte  farbig  ist  und  allerlei  t)ber- 
gangsfarben  hat. 

Nun  kann  man  verhindern,  daB  hier,  wenn  ich  mit  dem  Schirm  auf 
und  ab  gehe,  ein  ganz  weiter  Raum  ist,  auf  dem  die  Moglichkeit  be- 
steht,  solche  Bilder  zu  schaffen.  Aber  Sie  ahnen  wohl,  diese  Moglich- 
keit konnte  nur  geschaffen  werden,  wenn  ich  das  Prisma  immer  andern 
wiirde,  weil  bei  einem  Prisma,  dessen  Winkel  hier  groBer  ist,  das  Bild 
an  einer  anderen  Stelle  entworfen  wird,  als  wenn  ich  den  Winkel  klei- 
ner  machen  wiirde,  und  ich  wiirde  diese  Strecke  kleiner  bekommen. 
Ich  kann  die  ganze  Sache  dadurch  zu  einer  anderen  machen,  daB  ich 
nun  hier  nicht  ebene  Flachen  fur  ein  Prisma  habe,  sondern  daB  ich  von 


vornherein  gekriimmte  Flachen  nehme.  Dadurch  wird  dasjenige,  was 
beim  Prisma  noch  auBerordentlich  schwer  zu  studieren  ist,  wesentlich 
vereinfacht.  Und  wir  bekommen  dann  folgende  Moglichkeit:  Wir 
lassen  zunachst  durchgehen  durch  den  Raum  den  Lichtzylinder,  und 
jetzt  stellen  wir  die  Linse,  die  also  eigentlich  nichts  anderes  ist  als  ein 
Doppel-Prisma,  aber  mit  gekriimmten  Flachen,  die  stellen  wir  in  den 
Weg  (Figur  S.  65,  unten).  Jetzt  bekomme  ich  das  Bild  zunachst  wesent- 
lich verkleinert.  Also,  was  ist  denn  da  eigentlich  geschehen?  Der  ganze 
Lichtzylinder  ist  zusammengezogen,  verengt.  Da  haben  wir  eine  neue 
Wechselwirkung  zwischen  dem  Materiellen,  dem  Materiellen  in  der 
Linse,  im  Glaskorper,  und  dem  durch  den  Raum  gehenden  Licht.  Diese 
Linse  wirkt  so  auf  das  Licht,  daB  sie  den  Lichtzylinder  zusammen- 
zieht. 

Wir  wollen  uns  die  ganze  Sache  einmal  schematisch  aufzeichnen.  Ich 
habe  hier  einen  Lichtzylinder,  von  der  Seite  gezeichnet,  und  lasse  sein 
Licht  durch  die  Linse  gehen.  Wenn  ich  eine  gewohnliche  Glasplatte 
oder  eine  Wasserplatte  entgegensetzen  wiirde,  so  wiirde  der  Licht- 
zylinder einfach  durchgehen  und  es  wiirde  sich  auf  dem  S  chirm  eben 
ein  Abbild  des  Lichtzylinders  ergeben.  Das  ist  nicht  der  Fall,  wenn  ich 
nicht  eine  Glasplatte  oder  eine  Wasserplatte  habe,  sondern  eine  Linse. 
Wenn  ich  einfach  mit  den  Strichen  nachfahre  demjenigen,  was  ge- 
schehen ist,  so  muB  ich  sagen :  Es  ist  eine  Verkleinerung  des  Bildes, 
die  sich  ergeben  hat.  Also  ist  der  Lichtzylinder  zusammengezogen. 

Es  gibt  noch  eine  andere  Moglichkeit.  Das  ist  diese,  daB  man  die 
Anordnung  nachbildet  nicht  einem  solchen  Doppel-Prisma,  wie  ich 
es  dort  gezeichnet  habe,  sondern  einem  Doppel-Prisma,  das  so  im 
Querschnitt  gestaltet  ist,  daB  mit  dieser  Kante  hier  die  Prismen  an- 
einanderstoBen.  Dann  wiirde  ich  allerdings  dieselbe  Beschreibung, 
die  ich  gemacht  habe,  mit  einem  wesentlich  vergroBerten  Kreis  be- 
kommen. Wiederum  wiirde  ich,  indem  ich  mit  dem  Schirm  auf  und 
ab  gehe,  wahrend  einer  gewissen  Strecke  die  Moglichkeit  haben, 
das  Bild  -  mehr  oder  weniger  undeutlich  -  zu  bekommen.  Ich  wiirde 
hier  in  diesem  Fall  oben  Violett,  Blaulich  haben,  unten  auch  Violett, 
Blau  und  in  der  Mitte  wiirde  ich  Rot  haben.  Dort  war  es  umgekehrt. 
Und  dazwischen  die  Zwischenfarben. 


Ich  kann  mir  wiederum  an  die  Stelle  dieses  Doppel-Prismas  setzen 
eine  Linse  mit  folgendem  Querschnitt:  )_(.  Wahrend  diese  Linse  ihrem 
Querschnitt  nach  sich  in  der  Mitte  dick  zeigt  und  an  den  Randern 
diinn,  zeigt  sich  diese  in  der  Mitte  diinn  und  an  den  Randern  dick 
(Figuren  S.  65  und  67,  unten).  In  diesem  Fall  bekomme  ich  auch  durch 
die  Linse  hier  ein  Bild,  das  wesentlich  groBer  ist,  als  der  gewohnliche 
Querschnitt  ware,  der  von  dem  Lichtzylinder  entstehen  wiirde.  Ich 
bekomme  ein  vergroBertes  Bild,  aber  auch  mit  dieser  Farbenabstufung 
an  den  Randern  und  gegen  die  Mitte  2u.  Will  ich  also  hier  die  Er- 
scheinungen  verfolgen,  so  muB  ich  sagen :  Der  Lichtzylinder  ist  aus- 
einandergeweitet  worden,  er  ist  im  wesentlichen  auseinandergetrieben 
worden.  Das  ist  das  einfache  Faktum. 

Nun,  was  sehen  wir  aus  diesen  Erscheinungen?  Wir  sehen,  daB  eine 
Beziehung  herrscht  zwischen  dem  Materiellen,  das  uns  zunachst  als 
durchsichtiges  Materielles  entgegentritt  in  den  Linsen  oder  Prismen, 
zwischen  diesem  Materiellen  und  demjenigen,  was  durch  das  Licht  zur 
Erscheinung  kommt.  Und  wir  sehen  auch  in  gewissem  Sinn  eine  ge- 
wisse  Art  dieser  Wechselwirkung.  Denn  gehen  wir  von  demjenigen 
aus,  was  wir  hier  durch  eine  solche  Linse  gewinnen  wiirden,  die  an 
den  Randern  dick  und  in  der  Mitte  diinn  ist,  was  mussen  wir  uns  denn 
da  sagen,  wenn  wir  eine  solche  Linse  vor  uns  haben?  Da  mussen  wir 


sagen:  Es  ist  auseinandergetrieben  worden  der  ganze  Lichtzylinder, 
er  ist  geweitet  worden.  Und  wir  sehen  auch,  wie  diese  Weitung  mog- 
lich  ist.  Diese  Weitung  kommt  ja  dadurch  2ustande,  daB  das  Materielle, 
durch  das  das  Licht  durchgegangen  ist,  hier  diinn  ist,  hier  dicker  ist. 
Da  muB  das  Licht  durch  mehr  Materielles  dringen  als  hier  in  der  Mitte, 
wo  es  durch  weniger  Materielles  dringt.  Was  geschieht  nun  mit  dem 
Lichte?  Nun,  wir  haben  ja  gesagt,  es  wird  geweitet,  es  wird  auseinan- 
dergetrieben. In  der  Richtung  dieser  zwei  Pfeile  wird  es  auseinander- 
getrieben. Wodurch  kann  es  nur  auseinandergetrieben  werden?  Nun, 
lediglich  durch  den  Umstand,  daB  es  in  der  Mitte  weniger  Materie  zu 
passieren  hat  und  an  den  Randern  mehr.  Nun  iiberlegen  Sie  sich  die 
Sache:  In  der  Mitte  hat  das  Licht  weniger  Materielles  zu  passieren, 
geht  also  leichter  durch,  hat  also,  wenn  es  durchgegangen  ist,  noch 
mehr  Kraft.  Also,  es  hat  hier  mehr  Kraft,  wo  es  durch  weniger  Mate- 
rielles hindurchgeht,  als  hier,  wo  es  durch  mehr  Materielles  geht.  Diese 
starkere  Kraft  in  der  Mitte,  die  hervorgerufen  wird  dadurch,  daB  das 
Licht  durch  weniger  Materielles  hindurchgeht,  die  driickt  den  Licht- 
zylinder  auseinander.  Das  ist  etwas,  was  Sie  sozusagen  an  den  Fakten 
unmittelbar  ablesen  konnen.  Ich  bitte,  sich  nur  ganz  klar  dariiber  zu 
sein,  daB  es  sich  hier  handelt  um  eine  richtige  Behandlung  der  Me- 
thode,  um  eine  richtige  Fiihrung  des  Denkens.  Man  muB  sich  klar 
sein,  wenn  man  das,  was  durch  das  Licht  erscheint,  mit  Linien  verfolgt, 
daB  man  da  eigentlich  nur  etwas  hinzuzeichnet,  was  mit  dem  Lichte 
nichts  zu  tun  hat.  Wenn  ich  hier  die  Linien  zeichne,  dann  zekhne  ich 
bloB  die  Grenzen  des  Lichtzylinders.  Dieser  Lichtzy Under  wird  durch 
diese  Offnung  bewirkt.  Ich  zeichne  also  gar  nichts,  was  mit  dem  Licht 
zu  tun  hat,  sondern  nur  etwas,  was  hervorgerufen  wird  dadurch,  daB 
das  Licht  durch  den  Spalt  durchgeht.  Und  wenn  ich  hier  sage :  In  die- 
ser Richtung  bewegt  sich  das  Licht,  so  hat  das  wiederum  mit  dem 
Lichte  nichts  zu  tun ;  denn  wiirde  ich  die  Lichtquelle  hinaufschieben, 
so  wiirde  sich  eben  das  Licht,  wenn  es  durch  den  Spalt  fallen  wiirde, 
so  bewegen,  und  ich  miiBte  diese  Pfeilrichtung  so  zeichnen.  Das  alles 
hatte  mit  dem  Lichte  als  solchem  nichts  zu  tun.  Dieses  Zeichnen  von 
Linien  in  das  Licht  hinein  ist  man  gewohnt  worden,  und  dadurch  ist 
man  allmahlich  darauf  gekommen,  von  den  Lichtstrahlen  zu  reden. 


Man  hat  es  nirgends  mit  Lichtstrahlen  zu  tun;  man  hat  es  zu  tun  mit 
einem  Lichtkegel,  der  hervorgerufen  ist  durch  einen  Spalt,  durch  den 
man  das  Licht  dringen  laBt,  man  hat  es  zu  tun  mit  einer  Verbreiterung 
des  Lichtkegels,  und  man  muB  sagen:  Irgendwie  muB  die  Verbreite- 
rung des  Lichtkegels  zusammenhangen  mit  dem  geringeren  Weg  hier 
in  der  Mitte,  den  das  Licht  macht,  als  hier  am  Rande.  Durch  den  ge- 
ringeren Weg  hier  in  der  Mitte  behalt  es  mehr  Kraft,  durch  den  lange- 
ren  Weg  am  Rande  wird  ihm  mehr  Kraft  genommen.  Das  schwachere 
Licht  am  Rande  wird  gedriickt  durch  das  starkere  Licht  in  der  Mitte, 
und  es  wird  der  Lichtkegel  verbreitert.  Das  ist,  was  Sie  ablesen  kdnnen. 

Nun  sehen  Sie :  Wahrend  man  es  eigentlich  nur  zu  tun  hat  mit  Bil- 
dern,  redet  man  in  der  Physik  von  allem  moglichen,  von  den  Licht- 
strahlen und  dergleichen.  Diese  Lichtstrahlen,  die  sind  nun  eigentlich 
zum  Untergrund  gerade  fur  das  materialistische  Denken  auf  diesem 
Gebiet  geworden.  Wir  wollen,  um  das  noch  etwas  anschaulicher  zu 
machen,  was  ich  eben  auseinandergesetzt  habe,  etwas  anderes  noch 
betrachten.  Nehmen  wir  an,  wir  haben  hier  eine  Wanne,  ein  kleines 
GefaB.  Wir  haben  hier  in  diesem  kleinen  GefaB  eine  Fliissigkeit,  zum 
Beispiel  Wasser,  und  da  unten  irgendeinen  Gegenstand  liegen,  meinet- 
wegen  einen  Taler  oder  dergleichen.  Wenn  ich  hier  ein  Auge  habe,  so 
kann  ich  folgendes  Experiment  machen:  Ich  kann  zunachst  das  Wasser 

& 


weglassen  und  kann  auf  diesen  Gegenstand  sehen  mit  dem  Auge. 
Ich  werde  in  dieser  Richtung  den  Gegenstand  sehen.  Was  ist  der 
Tatbestand?  Ich  habe  auf  dem  Boden  eines  GefaBes  liegen  einen 
Gegenstand.  Ich  gucke  hin  und  sehe  in  einer  gewissen  Richtung  diesen 
Gegenstand.  Das  ist  der  einfache  Tatbestand.  Wenn  ich  anfange  nun 


zu  zeichnen :  Von  diesem  Gegenstand  geht  ein  Lichtstrahl  aus,  der  wird 
in  das  Auge  geschickt  und  affiziert  das  Auge,  dann  phantasiere  ich 
schon  alles  mogliche  dazu.  Nun  fulle  ich  bis  hierher  das  GefaB  mit 
Wasser  oder  irgendeiner  Fliissigkeit  an.  Nun  stellt  sich  etwas  ganz 
Besonderes  heraus.  Ich  ziehe  dieselbe  Richtung,  in  der  ich  friiher 
den  Gegenstand  habe,  vom  Auge  zum  Gegenstand  hin,  gucke 
nach  der  Richtung,  in  der  ich  friiher  geguckt  habe.  Ich  konnte  er- 
warten,  dasselbe  zu  sehen,  tue  es  aber  nicht,  sondern  etwas  hochst 
Merkwiirdiges  tritt  ein :  Ich  sehe  den  Gegenstand  etwas  gehoben.  Ich 


sehe  ihn  so,  daB  er  mit  dem  ganzen  Boden  in  die  Hohe  gehoben  wird. 
Wie  man  das  feststellen,  ich  meine  messen  kann,  dariiber  konnen  wir 
ja  noch  sprechen.  Ich  will  jetzt  nur  das  Prinzipielle  sagen.  Worauf  kann 
denn  das  nur  beruhen,  wenn  ich  mir  die  Frage  beantworte  nach  dem 
reinen  Tatbestand?  Nun,  ich  erwarte,  wenn  ich  friiher  so  gesehen  habe, 
den  Gegenstand  wiederum  in  der  Richtung  zu  finden.  Ich  richte  das 
Auge  darauf  hin,  aber  ich  sehe  ihn  nicht  in  der  Richtung,  ich  sehe  ihn 
in  der  anderen  Richtung.  Ja,  friiher,  als  noch  kein  Wasser  in  dem  Trog 
war,  da  konnte  ich  bis  zu  dem  Boden  direkt  hinunterschauen,  und  zwi- 
schen  meinem  Auge  und  dem  Boden  war  nur  die  Luft.  Jetzt  stoBt 
meine  Visierlinie  hier  auf  das  Wasser.  Das  laBt  meine  Sehkraft  nicht 
so  einfach  durch  wie  die  Luft,  sondern  stellt  ihr  starkeren  Widerstand 
entgegen,  und  ich  muB  vor  dem  starkeren  Widerstand  zuriickweichen. 
Von  hier  ab  muB  ich  vor  dem  starkeren  Widerstand  zuriickweichen. 
Dieses  Zuriickweichen  driickt  sich  dadurch  aus,  daB  ich  nicht  bis  unten 
sehe,  sondern  daB  das  Ganze  gehoben  erscheint.  Ich  sehe  gewisser- 
maBen  schwerer  durch  das  Wasser  als  durch  die  Luft,  iiberwinde  den 
Widerstand  des  Wassers  schwerer  als  den  Widerstand  der  Luft.  Daher 


mu6  ich  die  Kraft  verkiirzen,  ziehe  also  selbst  den  Gegenstand  herauf. 
Ich  verkiirze  die  Kraft  dadurch,  daB  ich  den  starkeren  Widerstand 
finde.  Wiirde  ich  in  der  Lage  sein,  hier  ein  Gas  hineinzufullen,  das 
diinner  ware  als  die  Luft,  dann  wiirde  der  Gegenstand  sich  hier  senken, 
weil  ich  jetzt  weniger  Widerstand  fande.  Ich  wiirde  daher  den  Gegen- 


stand hinunterschieben.  Der  Physiker  konstatiert  nicht  diesen  Tat- 
bestand,  sondern  er  sagt:  Nun  ja,  da  wird  ein  Lichtstrahl  geworfen 
bis  zu  der  Oberflache  des  Wassers.  Dieser  Lichtstrahl  wird  hier 
gebrochen,  und  weil  ein  Ubergang  stattfindet  zwischen  einem 
dichteren  Medium  und  einem  diinneren,  wird  der  Lichtstrahl  vom 
Einfallslot  gebrochen,  kommt  hier  in  das  Auge.  Und  jetzt  sagt  er 
etwas  hochst  Kurioses:  Das  Auge,  nachdem  es  die  Nachricht  be- 
kommen  hat  durch  den  Lichtstrahl,  verlangert  jetzt  den  Weg  nach 
auBen  und  projiziert  den  Gegenstand  an  diese  Stelle  hin.  -  Das  heiBt: 
Man  findet  alle  moglichen  BegrifFe,  aber  man  rechnet  nicht  mit  dem, 
was  da  ist,  mit  dem  Widerstand,  den  die  Visierkraft  des  Auges  selber 
findet  in  dem  Dichteren,  in  das  sie  eindringen  muB.  Man  mochte  ge- 
wissermaBen  alles  weglassen  und  dem  Licht  alles  selbst  zuschieben,  so 
wie  man  hier  beim  Prisma  sagt:  Oh,  das  Prisma  macht  gar  nichts,  son- 
dern die  sieben  Farben  sind  schon  im  Lichte  drinnen.  Das  Prisma  gibt 
nur  die  Veranlassung,  daB  sie  sich  hiibsch  nebeneinander  hinstellen 
wie  Soldaten,  die  sieben  Farben;  aber  da  drinnen  sind  schon  diese 
sieben  unartigen  Buben  zusammen,  die  gezwungen  werden,  auseinan- 
derzutreten.  Das  Prisma  macht  gar  nichts  davon.  Wir  haben  gesehen : 
Gerade  dasjenige,  was  im  Prisma  entsteht,  dieser  getriibte  Keil  ist  es, 


der  die  Farben  verursacht.  Die  Farben  selber  haben  gar  nichts  mit  dem 
Lichte  selber  zu  tun.  Und  Sie  sehen  hier  wiederum,  wahrend  wir  hier 
uns  klar  sein  miissen,  daB  wir  eine  aktive  Tatigkeit  ausiiben,  mit  dem 
Auge  hinvisieren  und  einen  starkeren  Widerstand  im  Wasser  finden, 
dadurch  gezwungen  sind,  die  Visierlinie  abzukiirzen  durch  den  star- 
keren Widerstand,  sagt  der  Physiker:  Da  werden  Lichtstrahlen  ge- 
worfen,  die  werden  gebrochen  und  so  weker.  Und  dann  das  Aller- 
schonste,  gerade  an  dieser  Stelle!  Sehen  Sie,  der  heutige  Physiker  sagt: 
Da  wird  also  zunachst  das  Licht  ins  Auge  auf  gebrochenem  Wege 
gelangen,  dann  projiziert  das  Auge  das  Bild  nach  auBen.  -  Was  heiBt 
das?  Zum  Schlusse  sagt  er  doch:  Das  Auge  projiziert.  Er  setzt  nur 
eine  phoronomische  Vorstellung,  eine  von  alien  Realitaten  verlassene 
Vorstellung,  eine  reine  Phantasietatigkeit  an  Stelle  dessen,  was  sich 
unmittelbar  darbietet :  der  Widerstand  des  dichteren  Wassers  gegen  die 
Visierkraft  des  Auges.  Gerade  an  solchen  Punkten  merken  Sie  am  aller- 
deutlichsten,  wie  alles  gerade  in  unserer  Physik  verabstrahiert  ist,  wie 
alles  zur  Phoronomie  gemacht  werden  soil,  wie  man  nicht  in  die  Qua- 
litaten  hineingehen  will.  Auf  der  einen  Seite  also  entkleidet  man  das 
Auge  jedweder  Aktivitat,  auf  der  anderen  Seite  aber  wieder  projiziert 
das  Auge  dasjenige,  was  es  als  Reiz  bekommt,  nach  auBen.  Dasjenige 
aber,  was  notig  ist,  ist,  daB  man  von  vornherein  von  der  Aktivitat  des 
Auges  ausgeht,  daB  man  sich  klar  ist :  Das  Auge  ist  ein  tatiger  Organis- 
mus. 

Nun  sehen  Sie,  hier  haben  wir  ein  Modell  des  Auges,  und  wir  werden 
heute  beginnen,  uns  zunachst  auch  ein  wenig  zu  befassen  mit  dem 
Wesen  des  menschlichen  Auges.  Das  Auge,  das  menschliche  Auge,  ist 
ja  eine  Art  Kugel,  nur  von  vorne  nach  hinten  etwas  zusammen- 
gedriickt,  eine  Kugel,  die  hier  in  der  Knochenhohle  drinnensitzt  so, 
daB  eine  Reihe  von  Hauten  zunachst  das  Innere  dieses  Auges  umgibt. 
Wenn  ich  den  Durchschnitt  zeichnen  will,  so  mtiBte  ich  da  so 
zeichnen:  Das,  was  ich  jetzt  zeichne,  ware  das  rechte  Auge.  Das 
AuBerste,  was  man  zunachst  findet,  wenn  man  das  Auge  etwa  aus  dem 
Schadel  herauspraparieren  wiirde,  das  ware  Bindegewebe,  Fett.  Dann 
aber  kommt  man  zu  der  eigentlichen  ersten  Umhullung  des  Auges,  der 
sogenannten  Sklerotika,  Hornhaut.  Sehnig,  knochig,  knorpelig  ist  die 


auBerste  Umhullung.  Ich  habe  sie  hier  gezeichnet.  Sie  wird  nach  vorne 
durchsichtig,  so  daB  das  Licht  von  hier  aus  in  das  Auge  eindringen 
kann.  Eine  zweite  Schichte,  die  den  Innenraum  hier  auskleidet,  ist  die 
sogenannte  Aderhaut.  Sie  enthalt  die  BlutgefaBe.  Wir  wiirden  sie  etwa 
hier  haben.  Und  als  Drittes  wiirden  wir  bekommen  die  innerste 


Schichte,  die  sogenannte  Netzhaut,  die  sich  dann  nach  dem  Schadel  zu 
in  dem  Sehnerv  fortsetzt.  Hier  also  wiirde  der  Sehnerv  nach  innen 
gehen,  wiirde  bilden  die  Netzhaut.  Und  damit  haben  wir  die  drei  Um- 
hiillungen  des  Auges  aufgezahlt.  Nun  aber,  hinter  dieser  Hornhaut, 
eingebettet  hier  in  den  Ziliarmuskel,  ist  eine  Art  Linse.  Sie  wird  hier 
durch  einen  Muskel,  den  man  den  Ziliarmuskel  nennt,  getragen.  Nach 
vorne  ist  hier  die  durchsichtige  Hornhaut,  und  zwischen  der  Linse  und 
ihr  ist  dasjenige,  was  man  die  wasserige  Flussigkeit  nennt,  so  daB,  wenn 
das  Licht  in  das  Auge  eindringt,  es  erst  die  durchsichtige  Hornhaut 
passiert,  die  wasserige  Flussigkeit  passiert,  dann  durch  diese  Linse  geht, 
die  in  sich  beweglich  ist  durch  Muskeln.  Dann  aber  gelangt  das  Licht 
weiter  von  dieser  Linse  aus  in  dasjenige,  was  nun  ausfullt  den  ganzen 
Augenraum  und  was  man  gewohnlich  den  Glaskorper  nennt.  So  daB 
das  Licht  also  geht  durch  die  durchsichtige  Hornhaut,  die  Flussigkeit, 
die  Linse  selbst,  den  Glaskorper  und  von  da  dann  an  die  Netzhaut,  die 
eine  Verzweigung  ist  des  Sehnervs,  der  dann  ins  Gehirn  geht.  Das 
sind  zunachst  schematisch  -  wir  wollen  zunachst  das  Prinzipielle 
tins  vor  Augen  stellen  -  diejenigen  Dinge,  die  uns  veranschaulichen 
konnen,  was  dieses  Auge,  das  da  in  eine  Hohle  der  Schadelknochen 
eingebettet  ist,  fur  Teile  hat.  Aber  dieses  Auge  zeigt  auBerordentlich 


groBe  Merkwurdigkeiten.  Zunachst,  wenn  wir  studieren  die  Fliissig- 
keit, die  da  ist  zwischen  dieser  Linse  und  der  Hornhaut,  durch  die 
das  Licht  durchgehen  muB,  so  ist  diese  Fliissigkeit  ihrem  Gehalte 
nach  fast  eine  richtige  Fliissigkeit,  fast  eine  auBere  Fliissigkeit. 
An  der  Stelle,  wo  der  Mensch  seine  Augenfliissigkeit  hat,  zwischen 
der  Linse  und  der  auBeren  Hornhaut,  ist  der  Mensch  seiner  Leiblich- 
keit  nach  ganz  so,  gewissermaBen,  wie  ein  Stuck  AuBenwelt.  Es  ist  fast 
so,  daB  diese  Fliissigkeit,  die  da  ist  in  der  auBersten  Peripherie  des 
Auges,  kaum  sich  unterscheidet  von  einer  Fliissigkeit,  die  ich  mir 
hier  auf  die  Hand  schiitten  wiirde.  Und  das,  was  hier  die  Linse  ist, 
das  ist  auch  noch  etwas  sehr,  sehr  Objektives,  sehr,  sehr  Unleben- 
diges.  Gehe  ich  dagegen  auf  den  Glaskorper  iiber,  der  das  Innere 
des  Auges  ausfiillt  und  an  die  Nervenhaut  grenzt,  so  kann  ich  diesen 
Glaskorper  keineswegs  so  betrachten,  daB  ich  sage :  Das  ist  auch  etwas, 
was  fast  wie  eine  auBere  Fliissigkeit  oder  ein  auBerer  Korper  ist.  Da 
drinnen  ist  schon  Vitalitat,  da  drinnen  ist  Leben,  so  daB,  je  weiter  wir 
zuruckgehen  im  Auge,  desto  mehr  dringen  wir  heran  an  das  Leben. 
Hier  haben  wir  eine  Fliissigkeit,  die  fast  ganz  objektiv  auBerlich  ist, 
die  Linse  ist  auch  noch  auBerlich;  aber  beim  Glaskorper  stehen  wir 
schon  innerhalb  eines  Gebildes,  das  in  sich  Vitalitat  hat.  Dieser  Unter- 
schied  zwischen  all  dem,  was  da  drauBen  ist,  und  dem,  was  da  drinnen 
ist,  der  zeigt  sich  auch  noch  in  etwas  anderem.  Auch  das  konnte  man 
schon  heute  naturwissenschaftlich  studieren.  Wenn  man  namlich  die 
Bildung  des  Auges  komparativ  von  der  niederen  Tierreihe  aus  ver- 
folgt,  so  findet  man,. daB  dasjenige,  was  auBerer  Fliissigkeitskorper 
ist  und  Linse,  daB  das  nicht  von  innen  heraus  wachst,  sondern 
daB  sich  das  ansetzt,  indem  sich  die  umliegenden  Zellen  ansetzen. 
Also,  ich  muBte  mir  die  Bildung  der  Linse  so  vorstellen,  daB  das  Lin- 
sengewebe  und  daB  auch  die  vordere  Augenfliissigkeit  entsteht  aus  den 
benachbarten  Organen  und  nicht  von  innen  heraus,  wahrend  beim 
Inneren  das  so  ist,  daB  der  Glaskorper  entgegenwachst.  Sehen  Sie,  da 
haben  wir  das  Merkwiirdige :  Hier  wirkt  die  Natur  des  auBeren  Lichtes 
und  bewirkt  jene  Umwandlung,  die  Fliissigkeit  und  Linse  hervor- 
bringt.  Auf  das  reagiert  das  Wesen  von  innen  und  schiebt  ihm  ein 
Lebendigeres,  ein  Vitaleres  entgegen,  den  Glaskorper.  Geradeim  Auge 


trefFen  sich  die  Bildungen,  die  von  auBen  angeregt  werden,  und  die- 
jenigen,  die  von  innen  aus  angeregt  werden,  in  einer  ganz  merk- 
wiirdigen  Weise.  Das  ist  die  nachste  Eigentiimlichkeit  des  Auges. 

Es  gibt  noch  eine  andere.  Es  gibt  die  Eigentiimlichkeit  des  Auges, 
die  darinnen  besteht,  daB  diese  sich  ausbreitende  Netzhaut  eigentlich 
der  sich  ausbreitende  Sehnerv  ist.  Nun  besteht  just  die  Eigen- 
tiimlichkeit -  ich  werde  morgen  versuchen  ein  Experiment  zu 
zeigen,  das  diese  bekraftigt  -,  daB  hier,  wo  der  Sehnerv  eintritt,  das 
Auge  unempfindlich  ist.  Da  ist  es  blind.  Es  breitet  sich  dann  der 
Sehnerv  aus,  und  an  einer  Stelle,  die  also  hier  fur  das  rechte  Auge 
etwas  rechts  liegt  von  der  Eintritts  stelle,  ist  die  Netzhaut  am  emp- 
findlichsten.  Man  kann  nun  sagen:  Der  Nerv  ist  dasjenige,  was  das 
Licht  empfindet.  Aber  er  empfindet  das  Licht  just  nicht  da,  wo  er 
eintritt.  Man  sollte  glauben,  wenn  der  Nerv  wirklich  das  ware,  was  das 
Licht  empfindet,  dann  miiBte  er  am  starksten  es  empfinden  da,  wo  er 
eintritt.  Das  tut  er  aber  nicht.  Das  bitte  ich  im  Auge  zunachst  zu  be- 
halten. 

Nun,  daB  diese  Einrichtung  des  Auges  eine  auBerordentlich  von 
Weisheit  der  Natur  erfullte  ist,  das  konnen  Sie  etwa  aus  dem  Fol- 
genden  entnehmen :  Wenn  Sie  so  des  Tags  iiber  die  Gegenstande  um 
sich  herum  beschauen,  ja,  dann  finden  Sie,  daB  die  Gegenstande  Ihnen, 
soweit  Ihre  Augen  gesund  sind,  mehr  oder  weniger  scharf  erscheinen, 
aber  so,  daB  die  Scharfe,  die  Deutlichkeit  fur  Ihre  Orientierung  ge- 
niigt.  Wenn  Sie  aber  des  Morgens  aufwachen,  da  sehen  Sie  manchmal 
sehr  undeutlich  die  Rander  der  Gegenstande,  da  sehen  Sie  diese  so  wie 
mit  einem  kleinen  Nebel  umgeben.  Wenn  das  ein  Kreis  ist,  sehen  Sie 
da  herum  wie  etwas  Undeutliches,  wenn  Sie  des  Morgens  gerade 
aufgewacht  sind.  Worauf  beruht  denn  das?  Das  beruht  darauf,  daB 
wir  dreierlei  in  unserem  Auge  haben,  zunachst  den  Glaskorper  -  wir 
wollen  sogar  nur  auf  zweierlei  Riicksicht  nehmen  -,  den  Glaskorper 
und  die  Linse.  Sie  haben,  wie  wir  gesehen  haben,  ganz  verschiedenen 
Ursprung.  Die  Linse  ist  mehr  von  auBen  gebildet,  der  Glaskorper 
mehr  von  innen,  die  Linse  ist  mehr  unlebendig,  der  Glaskorper 
von  Vitalitat  durchzogen.  In  dem  Augenblick,  wo  wir  aufwachen,  sind 
beide  einander  noch  nicht  angepaBt.  Der  Glaskorper  will  uns  noch  die 


Gegenstande  so  abbilden,  wie  er  es  kann,  und  die  Linse  so,  wie  sie  es 
kann.  Und  wir  miissen  erst  warten,  bis  sie  sich  gegenseitig  eingestellt 
haben.  Daraus  ersehen  Sie,  wie  innerlich  beweglich  das  Organische  ist 
und  wie  die  Wirkung  des  Organischen  darauf  beruht,  daB  zunachst 
die  Tatigkeit  differenziert  wird  in  Linse  und  Glaskorper  und  dann 
wiederum  aus  dem  Differenzierten  zusammengesetzt  wird.  Da  muB 
sich  dann  das  eine  an  das  andere  anpassen. 

Wir  wollen  aus  alien  diesen  Dingen  versuchen,  nach  und  nach  darauf 
zu  kommen,  wie  sich  aus  dem  Wechselverhaltnis  des  Auges  und  der 
AuBenwelt  die  farbenbunte  Welt  ergibt.  Zu  diesem  Zweck,  um  dann 
morgen  daran  anknupfen  zu  konnen  Betrachtungen  iiber  diese  Be- 
ziehung  des  Auges  zur  AuBenwelt,  wollen  wir  uns  noch  folgendes  Ex- 
periment vor  Augen  fiihren : 

Sehen  Sie,  ich  habe  hier  eine  Scheibe  bestrichen  mit  den  Farben, 
die  uns  vorhin  als  Regenbogenfarben  Violett,  Indigo,  Blau,  Griin, 
Gelb,  Orange,  Rot  vor  Augen  getreten  sind.  Wenn  Sie  dieses  Rad 
hier  anschauen,  so  sehen  Sie  diese  sieben  Farben  -  ich  habe  es  so 
gut  gemacht,  als  es  eben  geht  mit  diesen  Farben.  Nun  werden  wir 
zuerst  die  Scheibe  drehen.  Sie  sehen  noch  immer,  nur  eben  in  Be- 
wegung,  die  sieben  Farben.  Ich  kann  ziemlich  stark  drehen  und  Sie 
sehen  in  Bewegung  die  sieben  Farben.  Nun  werde  ich  aber  recht 
schnell  die  Scheibe  zur  Rotierung  bringen.  Sie  sehen,  wenn  die 
Sache  stark  genug  rotiert,  nicht  mehr  die  Farben,  sondern  Sie  sehen, 
ich  glaube,  ein  einfarbiges  Grau.  Nicht  wahr?  Oder  haben  Sie  etwas 
anderes  gesehen?  («Lila»,  «R6tlich».)  Ja,  das  ist  nur  aus  dem  Grunde, 
weil  das  Rot  etwas  zu  stark  ist  gegenuber  den  anderen  Farben.  Ich 
habe  zwar  versucht,  die  Starke  durch  den  Raum  auszugleichen,  aber 
Sie  wiirden,  wenn  die  Anordnung  ganz  richtig  ware,  eigentiich  ein  ein- 
farbiges Grau  sehen.  Wir  miissen  uns  dann  fragen:  Warum  erscheinen 
uns  diese  sieben  Farben  in  einfarbigem  Grau?  Diese  Frage  wollen  wir 
morgen  beantworten.  Heute  wollen  wir  nur  noch  hinstellen,  was 
die  Physik  sagt.  Sie  sagt  und  hat  auch  schon  zu  Goethes  Zeiten  gesagt : 
Da  habe  ich  die  Regenbogenfarben  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin,  Blau, 
Indigo,  Violett.  Jetzt  bringe  ich  die  Scheibe  in  Rotierung.  Dadurch 
kommt  der  Lichteindruck  nicht  zur  Geltung  im  Auge,  sondern 


wenn  ich  hier  das  Rot  eben  gesehen  habe,  dann  ist  durch  die  rasche 
Rotierung  schon  das  Orange  da,  und  wenn  ich  das  Orange  gesehen 
habe,  schon  das  Gelb  und  so  weiter.  Und  dann,  wahrend  ich  noch  die 
ubrigen  Farben  habe,  ist  schon  wieder  das  Rot  da.  Dadurch  habe  ich 
alle  Farben  zu  gleicher  Zeit.  Es  ist  der  Eindruck  vom  Rot  noch  nicht 
voriiber,  wenn  das  Violett  kommt.  Dadurch  setzt  man  fur  das  Auge 
die  sieben  Farben  zusammen  und  das  muB  wiederum  WeiB  geben.  - 
Dieses  war  auch  die  Lehre  zu  Zeiten  Goethes.  Goethe  hat  das  als 
Lehre  empfangen:  Wenn  man  den  Farbenkreisel  macht,  ihn  rasch 
rotieren  laBt,  dann  werden  die  sieben  Farben,  die  so  artig  gewesen 
sind,  auseinanderzutreten  aus  dem  Lichtzylinder,  die  werden  sich  wie- 
der vereinigen  im  Auge  selbst.  Aber  Goethe  hat  niemals  ein  WeiB  ge- 
sehen, sondern  er  hat  gesagt:  Es  kommt  niemals  etwas  anderes  zu- 
stande  als  ein  Grau.  Allerdings,  die  neueren  Physikbiicher  finden  auch, 
daB  nur  ein  Grau  zustande  kommt.  Aber  damit  die  Geschichte  doch 
weiB  wird,  so  raten  sie,  man  soil  in  der  Mitte  einen  schwarzen  Kon- 
trastkreis  machen,  dann  wird  das  Grau  im  Kontrast  weiB  erscheinen. 
Also,  Sie  sehen,  in  einer  netten  Weise  wird  das  gemacht.  Manche  Leute 
machen  es  mit  « fortune »,  die  Physiker  machen  es  mit  « nature ».  So 
wird  die  Natur  korrigiert.  Das  findet  uberhaupt  bei  einer  Anzahl  der 
fundamentalsten  Tatsachen  statt,  daB  die  Natur  korrigiert  wird. 

Sie  sehen,  ich  suche  so  vorzugehen,  daB  die  Basis  geschaffen  wird. 
Wir  werden  gerade,  wenn  wir  eine  richtige  Basis  schaffen,  fur  alle  an- 
deren  Gebiete  die  Moglichkeit  bekommen,  vorwartszukommen. 


VIERTER  VORTRAG 


Stuttgart,  26.  Dezember  1919 


Wir  sind  leider  mit  dem  Zusammenstellen  des  Experimentier- Materials 
noch  nicht  weit  genug  gediehen.  Daher  werden  wir  manche  Dinge, 
die  wir  heute  machen  wollten,  erst  morgen  machen,  und  ich  werde  den 
Vortrag  heute  mehr  so  einrichten  mussen,  daB  ich  einiges,  was  uns 
niitzlich  sein  wird  in  den  nachsten  Tagen,  Ihnen  noch  zur  Darstellung 
bringe,  gewissermaBen  mit  einer  kleinen  Anderung  meiner  Absichten. 

Ich  mochte  zunachst  einfach  vor  Sie  hinstellen  dasjenige,  was  man 
nennen  konnte  das  Urphanomen  der  Farbenlehre.  Es  wird  sich  darum 
handeln,  daB  Sie  nach  und  nach  dieses  Urphanomen  der  Farbenlehre 
bewahrheitet,  bekraftigt  finden  an  den  Erscheinungen,  die  Sie  im  gan- 
zen  Umfang  der  sogenannten  Optik  oder  Farbenlehre  beobachten 
konnen.  Natiirlich  kompMzieren  sich  die  Erscheinungen,  und  das  ein- 
fache  Phanomen  tritt  nicht  iiberall  gleich  so  bequem  in  die  auBere 
OfTenbarung.  Aber  wenn  man  sich  die  Miihe  gibt,  findet  man  es  iiber- 
all. Dieses  einfache  Phanomen,  zunachst  in  Goethescher  Art  ausge- 
sprochen,  ist  das :  Sieht  man  ein  Helleres  durch  Dunkelheit,  dann  wird 


das  Helle  durch  die  Dunkelheit  in  dem  Sinn  der  hellen  Farben  er- 
scheinen,  in  dem  Sinn  des  Gelblichen  oder  Rotlichen,  mit  anderen 
Worten:  Sehe  ich  zum  Beispiel  irgendein  leuchtendes,  sogenanntes 
weiBlich  scheinendes  Licht  durch  eine  geniigend  dicke  Platte,  die 
irgendwie  abgetriibt  ist,  so  erscheint  mir  dasjenige,  was  ich  sonst,  in- 


fielt  lurch  cLmkel  —  ~gell-i~SilH 


dem  ich  es  direkt  anschaue,  weiBHch  sehe,  das  erscheint  mir  gelblich, 
gelb-rotlich.  Hell  durch  Dunkelheit  erscheint  gelb  oder  gelblich- 
rotlich.  Das  ist  der  eine  Pol.  Umgekehrt,  wenn  Sie  hier  einfach  eine 
schwarze  Flache  haben  und  Sie  schauen  sie  direkt  an,  dann  sehen  Sie 
eben  die  schwarze  Flache.  Nehmen  Sie  aber  an,  ich  habe  hier  einen 
Wassertrog,  durch  diesen  Wassertrog  jage  ich  Helligkeit  durch,  so  daB 
er  aufgehellt  ist,  dann  habe  ich  hier  eine  erhellte  Fliissigkeit,  und  ich 
sehe  das  Dunkel  dunkel  durch  Hell,  sehe  es  durch  Erhelltes.  Da 
erscheint  Blau  oder  Violett,  Blaurot,  das  heiBt  der  andere  Pol  der 
Farbe.  Das  ist  das  Urphanomen  -  Hell  durch  Dunkel:  Gelb;  Dunkel 
durch  Hell :  Blau. 


Dieses  einfache  Phanomen  kann  uberall  gesehen  werden,  wenn  man 
sich  nur  gewohnt,  real  zu  denken,  nicht  abstrakt  zu  denken,  wie  eben 
die  heutige  Wissenschaft  denkt.  Nun  erinnern  Sie  sich  von  diesem  Ge- 
sichtspunkt  aus  an  den  Versuch,  den  wir  schon  gemacht  haben,  wo 
wir  einen  Lichtzylinder  haben  durchgehen  las  sen  durch  ein  Prisma 
und,  indem  der  Lichtzylinder  durch  das  Prisma  durchging,  eine  wirk- 
liche  Farbenskala  bekommen  haben,  die  wir  aufgefangen  haben,  vom 
Violett  bis  zum  Rot.  Dieses  Phanomen,  ich  habe  es  Ihnen  ja  schon  auf- 
gezeichnet.  Wir  konnten  sagen:  Wenn  wir  hier  das  Prisma  haben,  hier 
den  Lichtzylinder,  dann  geht  das  Licht  in  irgendeiner  Weise  durch  das 
Prisma  hindurch,  wird  nach  oben  abgelenkt.  Und  wir  haben  gesagt: 
Hier  findet  nicht  nur  eine'  Ablenkung  statt.  Eine  Ablenkung  wiirde 
stattfinden,  wenn  ein  Gegeristand,  ein  durchsichtiger  Gegenstand  dem 
Lichte  in  den  Weg  gestellt  wiirde,  der  parallele  Flachen  hat.  Aber  es 


dunkel  durch  £-helltes  —  LUu-  viokft 


wird  das  Prisma,  das  zusammengehende  Flachen  hat,  dem  Lichte  in 
den  Weg  gestellt.  Dadurch  bekommen  wir  im  Durchgang  durch  das 
Prisma  eine  Verdunkelung  des  Lichtes.  Wir  haben  es  also  in  dem 
Augenblicke,  wo  wir  das  Licht  durch  das  Prisma  hindurchjagen,  zu 
tun  mit  zweierlei,  erstens  mit  dem  einfachen,  fortstromenden  hellen 
Licht,  dann  aber  mit  dem  dem  Licht  in  den  Weg  gestellten  Triiben. 
Aber  dieses  Triibe,  haben  wir  gesagt,  stellt  sich  so  dem  Lichte  in  den 
Weg,  daB,  wahrend  das  Licht  in  der  Hauptsache  nach  oben  abgelenkt 
wird,  dasjenige,  was  als  Triibung  entsteht,  indem  es  nach  oben  strahlt, 
mit  seinen  Strahlen  in  der  Richtung  der  Ablenkung  sein  wird.  Das 
heiBt,  es  strahlt  Dunkelheit  in  das  abgelenkte  Licht  hinein,  Dunkelheit 
lebt  gewissermaBen  im  abgelenkten  Licht.  Dadurch  entsteht  hier  das 
Blauliche,  Violette.  Aber  die  Dunkelheit  strahlt  auch  nach  unten.  Da 
strahlt  sie,  wahrend  der  Lichtzylinder  so  (nach  oben)  abgelenkt  wird, 
nach  unten,  und  sie  wirkt  entgegengesetzt  dem  abgelenkten  Licht, 
kommt  gegen  dieses  nicht  auf,  und  wir  konnen  sagen:  Da  iibertont 
das  abgelenkte  helle  Licht  die  Dunkelheit,  und  wir  bekommen  die 
gelblichen  oder  gelblich-rotlichen  Farben.  Nehmen  wir  einen  ge- 
niigend  diinnen  Lichtzylinder,  so  konnen  wir,  wenn  wir  in  der  Rich- 
tung dieses  Lichtzylinders  schauen  -  mit  unseren  Augen  konnen  wir 
ja  durch  das  Prisma  hindurch  statt  daB  wir  von  auBen  auf  einem 
S  chirm  anschauen  das  Bild,  das  entworfen  wird,  konnen  wir  unser 
Auge  an  die  Stelle  dieses  Bildes  stellen.  Dann  sehen  wir,  wenn  wir 
durch  das  Prisma  hindurchsehen,  dasjenige,  was  hier  ein  Ausschnitt 
ist,  durch  den  uns  der  Lichtzylinder  entsteht,  verschoben.  Wir  haben 
also  hier  wiederum,  wenn  wir  innerhalb  der  Fakten  stehen  bleiben, 
das  Phanomen  vor  uns:  Wenn  ich  hier  hinschaue,  so  sehe  ich  das- 
jenige, was  mir  sonst  direkt  zukommen  wiirde,  durch  das  Prisma 
nach  unten  verschoben.  Aber  ich  sehe  es  auBerdem  farbig.  Sie  sehen 
es  uberall  farbig.  Was  sehen  Sie  eigentlich?  Wenn  Sie  sich  ver- 
gegenwartigen,  was  Sie  hier  sehen,  und  rein  aussprechen,  was  Sie  sehen 
im  Zusammenhang  mit  demjenigen,  was  wir  eben  festgestellt  haben, 
dann  ergibt  sich  Ihnen  dasjenige,  was  Sie  wirklich  sehen,  auch  fur  die 
Einzelheit,  unmittelbar.  Sie  miissen  sich  nur  an  das  Gesehene  halten. 
Nicht  wahr,  wenn  Sie  so  hinschauen  auf  den  Lichtzylinder  -  weil  er 


Ihnen  entgegenkommt,  der  helle  Lichtzylinder  -,  so  sehen  Sie  ein 
Helles,  aber  Sie  sehen  das  Helle  durch  das  Abgedunkelte,  durch  die 
blaue  Farbe,  ein  Helles  durch  ein  Dunkles.  Also  mussen  Sie  hier 
Gelb  oder  Gelbrotlich  sehen,  Gelb  und  Rot.  -  Nicht  wahr,  ein  deut- 
licher  Beweis,  daB  Sie  hier  oben  ein  Abgedunkeltes  haben,  ist, 
daB  die  blaue  Farbe  entsteht.  -  Und  unten  ist  Ihnen  die  rote  Farbe 
ebenso  ein  Beweis,  daB  Sie  ein  Aufgehelltes  haben.  Ich  habe  Ihnen 
ja  gesagt,  das  Hell  iibertont  die  Dunkelheit.  Also  sehen  Sie,  indem 
Sie  hinschauen,  den  Lichtzylinder,  wie  hell  er  auch  sein  mag,  noch 
durch  ein  Aufgehelltes.  Er  ist  dunkel  gegeniiber  dem  Aufgehellten. 
Sie  sehen  also  ein  Dunkles  durch  ein  Erhelltes,  und  Sie  mussen  es 
unten  blau  sehen  oder  blaurot.  Sie  brauchen  bloB  das  Phanomen  aus- 
zusprechen,  dann  haben  Sie  auch  dasjenige,  was  Sie  sehen  konnen. 
Das,  was  sich  dem  Auge  darbietet,  ist,  was  Sie  sonst  sehen :  das  Blau, 
durch  das  Sie  hindurchschauen.  Also  erscheint  das  Hell  rotlich.  Am 
unteren  Rand  haben  Sie  die  Erhelltheit.  Wie  hell  auch  der  Licht- 
zylinder sein  mag,  Sie  sehen  ihn  durch  ein  Erhelltes.  Also  sehen  Sie 
ein  Dunkleres  durch  ein  Erhelltes  und  Sie  sehen  es  blau.  Darauf  kommt 
es  an,  auf  das  Polarische.  Das  erstere,  das  am  Schirm,  kann  man,  wenn 
man  gelehrt  sein  will,  die  objektiven  Farben  nennen.  Das  andere,  was 
man  sieht,  wenn  man  durch  das  Prisma  schaut,  kann  man  nennen  das 
subjektive  Spektrum.  Das  subjektive  Spektrum  erscheint  in  Um- 
kehrung  des  objektiven  Spektrums.  Wenn  wir  so  sprechen,  dann 
haben  wir  ganz  gelehrt  gesprochen. 


Nun,  iiber  diese  Erscheinungen  ist  ja  sehr  viel,  namentlich  im  Laufe 
der  neueren  Zeit,  gegriibelt  worden.  Nicht  nur,  daB  man  so,  wie  wir 
es  jetzt  versucht  haben,  die  Erscheinungen  angesehen  und  sie  reinlich 
ausgesprochen  hat,  sondern  man  hat  iiber  die  Dinge  gegriibelt,  und  das 
auBerste  Grubeln  ist  ja  schon  angegangen,  als  der  beriihmte  Newton 
iiber  das  Licht  deshalb  nachgedacht  hat,  weil  ihm  zuerst  dieses  Farben- 
spektrum  sich  dargeboten  hat.  Newton  hat  sich  allerdings  die  soge- 
nannte  Erklarung  -  eine  solche  ist  es  immer  nur  -  verhaltnismaBig 
leicht  gemacht.  Er  hat  gesagt :  Nun,  wenn  wir  eben  das  Prisma  haben, 
so  lassen  wir  weiBes  Licht  hinein.  Da  drinnen  sind  schon  die  Farben 
enthalten,  das  Prisma  lockt  sie  hervor,  und  dann  marschieren  sie  der 
Reihe  nach  auf.  Ich  habe  einfach  das  weiBe  Licht  zerlegt.  Nun  hat  sich 
Newton  vorgestellt:  Jeder  Farbenart  entspricht  ein  bestimmter  Stoff, 
so  daB  also  in  dem  Gesamten  stofFlich  sieben  Farben  enthalten  sind. 
GewissermaBen  ist  fur  ihn  dieses  Durchlassen  des  Lichtes  durch  das 
Prisma  eine  Art  chemischer  Zerlegung  des  Lichtes  in  sieben  einzelne 
StofFe.  Er  hat  sich  sogar  Vorstellungen  gemacht,  welche  StofFe  groBere 
Korpuskeln,  Kiigelchen  aussenden  und  welche  StofFe  kleinere.  Nun 
also  liegt  in  diesem  Sinne  die  Sache  so,  daB  die  Sonne  uns  Licht  sendet; 
wir  lassen  das  Licht  ein  durch  den  kreisformigen  Spalt,  da  (Prisma) 
fallt  es  auf  als  ein  Lichtzylinder.  Aber  dieses  Licht  besteht  in  lauter 
kleinen  Korpuskeln,  kleinen  Korperchen,  die  hier  aufstoBen,  dann 
von  ihrer  Richtung  abgelenkt  werden,  und  dann  bombardieren  sie 
den  Schirm.  Da  (Prisma)  fallen  diese  kleinen  Kanonenkiigelchen  auf. 
Die  kleinen  fliegen  nach  oben,  die  groBen  nach  unten,  die  kleinen  sind 
die  violetten,  die  groBen  sind  die  roten,  nicht  wahr?  Und  so  sondern 
sich  die  groBen  von  den  kleinen.  Diese  Anschauung,  daB  da  ein  StofF 
oder  verschiedene  StofFe  durch  die  Welt  fliegen,  die  wurde  sehr  bald 
erschiittert  von  anderen  Physikern,  Huygens  und  Young  und  anderen, 
und  es  ist  endlich  dazu  gekommen,  daB  man  sich  gesagt  hat:  So  geht 
es  doch  nicht,  daB  da  diese  kleinen  Kiigelchen  von  irgendwo  ausgehen 
und  einfach  durch  das  Medium  getrieben  werden  oder  auch  nicht 
durch  ein  Medium  getrieben  werden  und  entweder  auf  einem  Schirm 
ankommen,  ein  Bild  erzeugen,  oder  in  das  Auge  gelangen,  um  bei  uns 
die  Erscheinung  des  Rot  und  so  weiter  hervorzurufen.  Damit  geht  es 


doch  nicht.  Und  ich  mochte  sagen:  Zuletzt  wurden  die  Menschen  dazu 
getrieben,  sich  zu  beweisen,  daB  es  so  nicht  gehe,  durch  einen  Versuch, 
der  ja  allerdings  auch  schon  vorbereitet  war,  sogar  bei  dem  Jesuiten 
Grimaldi  und  auch  durch  andere.  Es  wurde  diese  ganze  Anschauung 
wesentlich  erschiittert  durch  dasjenige,  was  durch  Fresnel  als  Versuch 
angestellt  worden  ist. 

Diese  Fresnelschen  Versuche  sind  auBerordentlich  interessant.  Man 
muB  sich  einmal  klar  werden,  was  da  eigentlich  geschieht  in  der  An- 
ordnung,  die  Fresnel  seinen  Versuchen  gegeben  hat.  Aber  ich  bitte 
Sie,  jetzt  wirklich  auf  die  Tatsachen  recht  sehr  achtzugeben,  denn  es 
handelt  sich  darum,  daB  wir  ganz  genau  ein  Phanomen  studieren.  - 
Nehmen  Sie  an,  ich  hatte  zwei  Spiegel  und  hier  eine  Lichtquelle,  das 
heiBt  mit  einer  Flamme  leuchte  ich  von  da  aus,  so  daB  ich,  wenn  ich 
hier  einen  Schirm  aufstelle,  Bilder  bekomme  durch  diesen  Spiegel 
und  Bilder  bekomme  von  dem  anderen  Spiegel.  Nehmen  Sie  also 


an  -  ich  werde  das  im  Durchschnitt  zeichnen  -  zwei  sehr  wenig 
gegeneinander  geneigte  Spiegel.  Habe  ich  hier  eine  Lichtquelle  -  ich 
will  sie  L  nennen  -  und  einen  Schirm,  so  spiegelt  sich  mir  das  Licht, 
indem  es  hier  (Spiegel)  auffallt,  so  daB  ich  in  der  Lage  sein  kann,  hier 


durch  das  reflektierte  Licht  den  Schirm  zu  beleuchten.  Wenn  ich  das 
Licht  hier  auffallen  lasse,  so  kann  ich  durch  den  Spiegel  den  Schirm 
hier  beleuchten,  so  daB  er  hier  in  der  Mitte  heller  ist  als  in  der  Um- 
gebung.  Nun  habe  ich  aber  hier  einen  zweiten  Spiegel,  durch  den  das 
Licht  etwas  anders  reflektiert  wird,  und  es  wird  gewissermaBen  noch 
ein  Teil  desjenigen,  was  von  hier  unten  von  meinem  Lichtkegel  nach 
dem  Schirm  hindirigiert  wird,  noch  hinein  in  das  Obere  fallen,  so  daB 
durch  die  Neigung  gewissermaBen  sowohl  das,  was  der  obere  Spiegel 
spiegelt,  als  Helligkeit  auf  den  Schirm  geworfen  wird,  als  auch,  was 
vom  unteren  Spiegel  gespiegelt  wird.  Man  kann  sagen,  daB  es  fur  die- 
sen  Schirm  so  ist,  wie  wenn  er  von  zwei  Orten  aus  erhellt  wiirde. 
Nehmen  Sie  nun  an,  es  habe  einen  Physiker  gegeben,  der  das  sieht. 
Dieser  Physiker,  der  das  sieht,  dachte  newtonisch.  Dann  wird  er  sich 
sagen :  Da  ist  die  Lichtquelle,  die  bombardiert  zuerst  den  ersten  Spie- 
gel, der  schmeiBt  ihre  Kiigelchen  hieher.  Diese  prallen  ab,  kommen  auf 
den  Schirm  und  erhellen  ihn.  Aber  auch  von  dem  unteren  Spiegel  pral- 
len die  Kiigelchen  ab.  Da  kommen  viele  Kiigelchen  an.  Es  muB  viel 
heller  sein,  wenn  die  zwei  Spiegel  da  sind,  als  wenn  nur  der  eine  Spiegel 
da  ist.  Richte  ich  die  Sache  so  ein,  daB  ich  den  zweiten  Spiegel  weg- 
mache,  so  miiBte  der  Schirm  durch  das  hergeworfene  Licht  weniger 
erhellt  sein,  als  wenn  ich  die  zwei  Spiegel  habe.  Allerdings,  ein  Gedanke 
konnte  diesem  Physiker  kommen,  der  richtig  fatal  ware.  Denn  diese 
Korpuskeln,  diese  Korperchen,  die  miissen  diesen  Weg  machen,  da 
kommen  die  anderen  herunter.  Warum  just  nun  diejenigen,  die  da 
herunterkommen,  gar  nicht  auf  diese  stoBen  und  sie  wegschleudern, 
das  ist  auBerordentlich  schwer  einzusehen.  -  Oberhaupt,  Sie  kon- 
nen  in  unseren  Physikbiichern  sehr  schone  Erzahlungen  iiber  die 
Wellentheorie  finden.  Aber  wahrend  die  Dlnge  sehr  schon  berechnet 
werden,  muB  man  immer  den  Gedanken  haben,  daB  man  niemals  be- 
rechnet, wie  so  eine  Welle  durch  die  andere  durch  saust.  Das  geht 
immer  so  ganz  unbemerkt  ab.  Wollen  wir  einmal  in  Wirklichkeit  auf- 
fassen,  was  hier  eben  eigentlich  geschieht. 

GewiB,  das  Licht  fallt  hier  herunter,  wird  hieher  heriibergeworfen, 
fallt  auch  auf  den  zweiten  Spiegel,  wird  hieher  geworfen.  Das  Licht 
ist  also  auf  dem  Weg  zum  Spiegel,  wird  hier  heriibergeworfen  -  das 


ist  immer  der  Weg  des  Lichts.  Was  geschieht  aber  eigentlich?  Nun, 
nehmen  wir  an,  wir  hatten  hier  so  einen  Lichtgang.  Jet2t  wird  er 
hier  heriibergeworfen.  Jetzt  kommt  aber  hier  der  andere  Lichtgang, 
der  trifft  auf.  Das  ist  ein  Phanomen,  das  nicht  zu  leugnen  ist:  Die 
beiden  storen  sich  gegenseitig.  Der  will  da  durch  sausen,  der  andere 
stellt  sich  in  den  Weg.  Die  Folge  davon  ist:  Wenn  er  da  durch  sausen 
will,  loscht  er  das  von  da  kommende  Licht  zunachst  aus.  Dadurch 
aber  bekommen  wir  iiberhaupt  hier  (Schirm)  nicht  eine  Heliigkeit, 


Ucht9itter9i>mimW  Uchtgitters 


sondern  es  spiegelt  sich  hier  in  Wahrheit  die  Dunkelheit  heriiber, 
so  daB  wir  also  hier  eine  Dunkelheit  kriegen.  Nun  ist  aber  die  ganze 
Geschichte  nicht  in  Ruhe,  sondern  in  fortwahrender  Bewegung.  Was 
hier  gestort  worden  ist,  das  geht  weiter.  Da  ist  also  gleichsam  ein 
Loch  im  Licht  entstanden.  Es  ist  ja  das  Licht  durchgesaust,  es  ist 
ein  Loch  entstanden.  Dieses  erscheint  dunkel.  Aber  dadurch  wird 
der  nachste  Lichtkorper  um  so  leichter  durchgehen  und  Sie  werden 
neben  der  Dunkelheit  einen  um  so  helleren  Fleck  haben.  Das  nachste 


wiederum,  was  geschieht,  ist  das,  daB,  indem  das  hier  weiterschreitet, 
wiedemm  ein  solcher  kleiner  Lichtzylinder  von  oben  aufstoBt  auf 
eine  Helligkeit,  sie  wiederum  ausloscht,  wiederum  eine  Dunkelheit 
hervorruft.  Dadurch,  daB  diese  weiter  schreitet,  kann  das  Licht 
wiederum  leichter  durch.  Wir  haben  es  zu  tun  mit  einem  solchen 
fortschreitenden  Gitter,  wo  das  Licht,  das  von  oben  kommt,  immer 
durch  kann  und,  indem  es  ausloscht,  wiederum  Dunkelheit  bringt,  die 
aber  fortschreitet.  Wir  miissen  also  hier  abwechselnd  Helligkeit  und 
Dunkelheit  bekommen  dadurch,  daB  das  obere  Licht  durch  das  untere 
durchgeht  und  so  ein  Gitter  macht.  Das  ist,  was  ich  Sie  gebeten  habe, 
genau  zu  denken.  Denn  Sie  miissen  verfolgen,  wie  ein  Gitter  entsteht. 
Sie  haben  Helligkeiten  und  Dunkelheiten  dadurch  abwechselnd,  daB 
Licht  ins  Licht  hineinsaust.  Wenn  Licht  in  Licht  hineinsaust,  so  wird 
das  Licht  eben  aufgehoben,  wird  das  Licht  in  Dunkelheit  verwandelt. 
Die  Entstehung  eines  solchen  Lichtgitters  miissen  wir  also  dadurch 
erklaren,  daB  wir  die  Anordnung  getrofTen  haben  durch  diese  Spie- 
gel. Die  Geschwindigkeit  des  Lichtes,  iiberhaupt  dasjenige,  was  an 
Verschiedenheiten  der  Lichtgeschwindigkeit  hier  auftritt,  hat  keine 
groBe  Bedeutung.  Was  ich  zeigen  mochte,  ist  hier  dasjenige,  was  inner- 
halb  des  Lichtes  selbst  auftritt  mit  Hilfe  des  Apparates,  ist  hier 
(Schirm),  daB  sich  das  Gitter  abspiegelt:  hell,  dunkel,  hell,  dunkel. 
Aber  jener  Physiker  -  es  war  Fresnel  selber  -,  der  sagte  sich:  Wenn  das 
Licht  die  Ausstromung  von  Korperchen  ist,  so  ist  es  selbstverstand- 
lich,  daB,  wenn  mehr  Korperchen  hingeschleudert  werden,  es  dann 
heller  werden  muB,  sonst  miiBte  ein  Korperchen  das  andere  aufzehren. 
Also  nach  der  bloBen  Ausstrahlungstheorie  kann  nicht  erklart  werden, 
daB  Helligkeit  und  Dunkelheit  miteinander  abwechseln.Wie  es  zu  er- 
klaren ist,  wir  haben  es  eben  gesehen.  Aber  nun  sehen  Sie,  das  Pha- 
nomen  so  zu  nehmen,  wie  es  eigentlich  sein  muB,  das  fiel  nun  gerade 
wiederum  den  Physikern  nicht  ein,  sondern  im  Zusammenhang  mit 
gewissen  anderen  Erscheinungen  versuchten  sie  eine  Erklarung  im 
Sinne  des  Materialismus.  Mit  den  hinbombardierenden  Stoffkugelchen 
ging  es  nicht  mehr.  Deshalb  sagte  man:  Nehmen  wir  an,  das  Licht  ist 
nicht  ein  Hinstromen  von  feinen  Stoffen,  sondern  nur  eine  Bewegung 
in  einem  feinen  Stoffe,  in  dem  Ather,  Bewegung  im  Ather.  Und  zu- 


erst  stellte  man  sich  vor  -  zum  Beispiel  tat  das  Euler  -,  das  Licht  pflanze 
sich  in  diesem  Ather  etwa  so  fort  wie  der  Schall  in  der  Luft.  Wenn  ich 
einen  Schall  errege,  so  pflanzt  sich  der  ja  durch  die  Luft  fort,  aber  so, 
daB  zunachst,  wenn  hier  der  Schall  erregt  wird,  die  Luft  in  der  Um- 
gebung  zusammengedriickt  wird.  Dadurch  entsteht  verdichtete  Luft. 
Die  verdichtete  Luft,  die  hier  entsteht,  die  driickt  wiederum  auf  die 
Umgebung.  Sie  dehnt  sich  aus.  Dadurch  aber  ruft  sie  sporadisch  ge- 
rade  in  der  Nahe  eine  verdiinnte  Luftschicht  hervor.  Durch  solche 
Verdickungen  und  Verdiinnungen,  die  man  Wellen  nennt,  stellt  man 
sich  vor,  daB  der  Schall  sich  ausbreitet.  Und  so  nahm  man  an,  daB 
solche  Wellen  auch  im  Ather  erregt  werden.  Aber  mit  gewissen  Er- 
scheinungen  stimmte  die  Sache  nicht,  und  so  sagte  man  sich:  Eine 
Wellenbewegung  ist  das  Licht  wohl,  aber  es  schwingt  nicht  so,  wie  es 
beim  Schall  ist.  Beim  Schall  ist  es  so,  daB  hier  eine  Verdichtung  ist, 
dann  eine  Verdunnung  kommt,  und  das  schreitet  so  fort.  Das  sind 
Langswellen.  Also,  es  folgt  die  Verdunnung  auf  die  Verdichtung,  und 
ein  Korper,  der  bewegt  sich  darinnen  in  der  Richtung  der  Fortpflan- 
zung  so  hin  und  zuriick.  Das  konnte  man  sich  beim  Lichte  nicht  so 
vorstellen.  Da  ist  es  so,  daB,  wenn  sich  das  Licht  fortpflanzt,  dann 
die  Atherteilchen  sich  senkrecht  zur  Richtung  der  Fortpflanzung 
bewegen,  so  daB  also,  wenn  dasjenige,  was  man  einen  Lichtstrahl 
nennt,  da  durch  die  Luft  saust  -  es  saust  ja  so  ein  Lichtstrahl  mit 
300  000  Kilometer  Geschwindigkeit  -,  dann  die  kleinen  Teilchen 
immer  senkrecht  auf  die  Richtung  schwingen,  in  der  das  Licht  dahin- 
saust.  Wenn  dann  dieses  Schwingen  in  unser  Auge  kommt,  nehmen 
wir  das  wahr.  Wenn  man  das  auf  den  Fresnelschen  Versuch  an- 
wendet,  so  ist  eigentlich  die  Bewegung  des  Lichtes  ein  senkrechtes 
Schwingen  auf  die  Richtung,  in  der  sich  das  Licht  fortpflanzt.  Dieser 
Strahl  hier,  der  auf  den  unteren  Spiegel  geht,  wurde  also  so  schwingen, 
setzt  sich  so  fort,  stoBt  hier  auf.  Nun,  wie  gesagt,  dieses  Durcheinan- 
dergehen  der  Wellenzuge,  iiber  das  sieht  man  da  hinweg.  Die  storen 
sich  da  nicht  im  Sinne  dieser  so  denkenden  Physiker.  Aber  hier 
(Schirm)  storen  sie  sich  sogleich,  oder  aber  sie  unterstiitzen  sich. 
Denn  was  soil  nun  hier  geschehen?  Nicht  wahr,  hier  kann  es  nun  so 
sein,  daB,  wenn  dieser  Wellenzug  hier  ankommt,  das  eine  kleinste 


Teilchen,  das  senkrecht  schwingt,  just  hinunterschwingt,  wenn  das 
andere  hinaufschwingt.  Dann  heben  sie  sich  auf,  dann  miiBte  Dunkel- 
heit  entstehen.  Wenn  aber  das  eine  Teilchen  hier  gerade  hinunter- 
schwingt, wenn  das  andere  hinunterschwingt,  oder  hinaufschwingt, 
wenn  das  andere  hinaufschwingt,  dann  miiBte  die  Helligkeit  ent- 
stehen, so  daB  man  also  hier  aus  den  Schwingungen  der  kleinsten 
Teilchen  dasselbe  erklart,  was  wir  aus  dem  Lichte  selber  erklart 
haben.  Ich  habe  gesagt,  daB  man  hier  abwechselnd  helle  und  dunkle 
Stellen  hat,  aber  die  sogenannte  Undulations-Theorie  erklart  sie  da- 
durch,  daB  das  Licht  eine  Schwingung  des  Athers  ist:  Wenn  die 
kleinsten  Teilchen  so  schwingen,  daB  sie  einander  unterstiitzen,  dann 
entsteht  ein  hellerer  Fleck,  wenn  sie  im  entgegengesetzten  Sinne 
schwingen,  dann  entsteht  ein  dunklerer  Fleck.  Sie  miissen  jetzt  nur 
ins  Auge  fassen,  welcher  Unterschied  besteht  zwischen  der  reinen 
Auffassung  des  Phanomens,  dem  Stehenbleiben  innerhalb  der  Pha- 
nomene,  dem  Verfolgen  und  Hinstellen  der  Phanomene  und  dem 
Hinzuerflnden  zu  den  Phanomenen  von  etwas,  was  man  eben  nur 
hinzuerfunden  hat.  Denn  diese  ganze  Bewegung  des  Athers  ist  ja 
nur  hinzuerfunden.  Man  kann  natiirlich  so  etwas,  was  man  er- 
funden  hat,  berechnen.  Aber  das,  daB  man  dariiber  rechnen  kann,  ist  ja 
kein  Beweis  dafiir,  daB  die  Sache  auch  da  ist.  Denn  das  bloB  Phorono- 
mische  ist  eben  ein  bloB  Gedachtes,  und  das  Rechnerische  ist  auch  bloB 
ein  Gedachtes.  Sie  sehen  daraus,  daB  wir  darauf  angewiesen  sind,  nach 
unserer  Grunddenkweise  die  Phanomene  so  zu  erklaren,  daB  sie  sich 
uns  selber  als  Erklarung  ergeben,  daB  sie  die  Erklarung  in  sich  selber 
enthalten  -  darauf  bitte  ich  den  groBten  Wert  zu  legen  -,  daB  hinaus- 
geworfen  werden  muB,  was  bloBe  Spintisiererei  ist.  Alles  kann  man 
erklaren,  wenn  man  hinzufiigt  etwas,  wovon  kein  Mensch  etwas 
weiB.  Diese  Wellen  zum  Beispiel  konnten  natiirlich  da  sein,  und  es 
konnte  sein,  wenn  eine  herunter-  und  die  andere  hinaufschwingt,  daB 
sie  sich  dann  aufheben,  aber  man  hat  sie  erfunden.  Was  aber  un- 
bedingt  da  ist,  ist  dieses  Gitter  hier,  und  dieses  Gitter  sehen  wir  sich 
hier  treulich  spiegeln.  Man  muB  schon  auf  das  Licht  schauen,  wenn 
man  zu  dem  kommen  will,  was  unverfalschte  Erklarung  ist. 

Nun  habe  ich  Ihnen  gesagt :  Wenn  das  eine  Licht  durch  das  andere 


durchgeht,  mit  ihm  iiberhaupt  in  irgendeine  Beziehung  tritt,  dann 
wirkt  unter  Umstanden  das  eine  Licht  triibend  auf  das  andere  Licht, 
ausloschend  auf  das  andere  Licht,  wie  das  Prisma  selber  triibend  wirkt. 
Das  stellt  sich  ganz  besonders  dadurch  heraus,  daB  man  -  wir  werden 
den  Versuch  wirklich  machen  -,  daB  man  den  folgenden  Versuch 
macht.  Sehen  Sie,  ich  will  das,  um  was  es  sich  dabei  handelt,  aufzeich- 
nen:  Nehmen  wir  an,  wir  haben  dasjenige,  was  ich  Ihnen  gestern 
zeigte,  wir  haben  wirklich  ein  solches  Spektrum,  und  zwar  direkt 
durch  die  Sonne  erzeugt;  wir  haben  ein  solches  Spektrum  bekommen 
vom  Violett  bis  zum  Rot.  Wir  konnten  ein  solches  Spektrum  auch  er- 
zeugen,  indem  wir  nicht  die  Sonne  durch  einen  solchen  Spalt  durch- 
scheinen  lieOen,  sondern  dadurch,  daB  wir  an  diese  Stelle  hier  einen 
festen  Korper  herbrachten,  den  wir  gliihend  machten.  Dann  wiirden 


wir  auch  allmahlich,  wenn  er  bis  zur  WeiBglut  kommt,  die  Moglich- 
keit  haben,  ein  solches  Spektrum  zu  haben.  Es  ist  gleichgiiltig,  ob 
wir  ein  Sonnenspektrum  haben  oder  ob  das  Spektrum  von  einem 
weiBgliihenden  Korper  kommt. 

Nun  konnen  wir  aber  auch  noch  auf  eine  etwas  modifizierte  Art  ein 
Spektrum  erzeugen.  Nehmen  wir  an,  wir  haben  hier  ein  Prisma  und 
wir  haben  hier  eine  Natriumflamme,  das  heiBt  ein  sich  verfliichti- 
gendes  Metall:  Natrium.  Zu  Gas  wird  da  Natrium.  Das  Gas  brennt, 
verfliichtigt  sich,  und  wir  erzeugen  ein  Spektrum
…[truncated]