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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE tfBER NATURWISSENSCHAFT
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaftliche Impulse
zur Entwickelung der Physik
Erster naturwissenschaftlicher Kurs
Licht, Farbe, Ton - Masse, Elektrizitat, Magnetismus
Zehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
vom 23. Dezember 1919 bis 3. Januar 1920,
mit einem Diskussionsvotum vom 8. August 1921
und elf Faksimiles
2000
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften,
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten G. A. Balaster und H. O. Proskauer
Private Vervielfaltigung, Stuttgart 1922
1. buchformige Auflage, Dornach 1925
2., erweiterte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2000
Bibliographie-Nr. 320
Zeichnungen im Text von Max Schenk nach Skizzen in den Nachschriften
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3200-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groikn Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Hdrer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat,
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Her aus gab e einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Diskussionsvotum, Dornach, 8. August 1921
Erster Vortrag, Stuttgart, 23. December 1919
Drei Forschungsrichtungen der gewohnlichen Naturwissenschaft.
Im Gegensatz dazu Goethes Methode. Stellung der Mathematik:
Phoronomie und Mechanik. Zentralkrafte mit Potential - peri-
pherische Universalkrafte ohne Potential.
Zweiter Vortrag, 24.Dezember 1919
Oberbriickung der Kluft zwischen Phoronomie und Mechanik.
Auftrieb des Gehirns. Gegensatz von Masse und Licht im Ver-
haltnis zum BewuBtsein. Entstehung der Farben durch das
Prisma. Gegensatz von Muskel und Auge im Verhaltnis zum
Astralleib.
Dritter Vortrag, 25. Dezember 1919
Goethes erster Versuch mit dem Prisma. Farben als Rand-
erscheinungen. Doppelprisma, Sammellinse, Zerstreuungslinse.
Verengung oder Weitung des Lichtkegels anstatt gebrochener
Lichtstrahlen. Hebung, Visierkraft des Auges. Organisation des
Auges.
Vierter Vortrag, 26. Dezember 1919 .
Urphanomen der Farbenlehre. Subjektives Spektrum. Newtons
Vorstellung der Lichtkorpuskeln. Fresnelscher Versuch. Undula-
tionstheorie. Lichtausloschung durch die Natriumflamme. «Zer-
legung » der Dunkelheit.
Funfter Vortrag, 27. Dezember 1919
Kirchhoff-Bunsenscher Versuch. Phosphoreszenz, Fluoreszenz,
Korperfarben. Gegensatzliches Verhaltnis des Menschen zu
Raum und Zeit einerseits, zur Geschwindigkeit andererseits ; zu
Licht und Farbe.
Sechster Vortrag, 29. Dezember 1919
Realitat des Dunklen neben dem Hellen. Einsaugen des Lichtes
durch die Seele, Aussaugen des BewuBtseins durch die Dunkel-
heit. Dunkelheit und Materie. Warmeerleben und Lichterleben.
Erscheinungen rein aussprechen, hinzudenken unbekannter
Ursachen. Schwerkraft. Ganzes und Teil. Das Unorganische.
Schall als ehrliche Luftschwingung, Licht als hypothetische
Atherschwingung. Entdeckung der Wechselwirkung des Lichts
mit elektromagnetischen Kraften.
Siebenter Vortrag, 30. Dezember 1919 119
Farbige Schatten, ihre Objektivitat. Giiltigkeitsbereich der Be-
griffe «subjektiv» und «objektiv». Drei Stufen der Beziehung des
Menschen zur Aufienwelt in Licht, Warme und Luft. Atmungs-
prozeB und Tonwahrnehmung. Verschiedenartigkeit der Sinne.
Warme- Aquivalent.
Achter Vortrag, 31. Dezember 1919 132
Ton und Schwingung. Die Geschwindigkeit als das Reale. 1st
der Ton subjektiv? Die Sympathie der Erscheinungen. Die
Organisation des Gehorsinnes: Leier des Apoll. Erst mit dem
Kehlkopf zusammen wird das Ohr ein Ganzes, dem Auge ver-
gleichbar. Beziehung des Tones zur Luftschwingung.
Neunter Vortrag, 2.Januar 1920 . 146
Erscheinungen der Elektrizitat. Streben des 19. Jahrhunderts nach
einem abstrakten Gleichen in den verschiedenen Naturkraften.
Hertzsche Wellen als Kronung davon. Das revolutionierende
Phanomen der Kathodenstrahlen. Ihre Modification : Rontgen-
strahlen, a-, y-Strahlen. Wachen und Schlafen, Denken und
Wille, Licht und Elektrizitat. In Elektrizitat und Magnetismus
studiert man die Materie konkret.
Zehnter Vortrag, 3.Januar 1920 163
Versuche zu Kathoden- und Rontgenstrahlen. Zusammenfassende
Gesichtspunkte: Der Gang der physikalischen Wissenschaft hebt
den Materialismus aus den Angeln. Die Notwendigkeit, mit dem
Vorstellen in die Erscheinungen selber einzudringen. Die Er-
schiitterung der alten Geometrie im 19.Jahrhundert: Loba-
tschewskij. Die phoronomischen Vorstellungen stammen nicht
aus den Sinneserscheinungen, sondern aus dem Willen. Der
Natur-Traum der modernen Menschheit. Die statistische Methode
verliert den Gedanken, kommt dadurch in die Wirklichkeit hinein.
Elektrizitatserscheinungen und Ton.
Anhang
Notizbucheintragungen (Faksimile, Archiv-Nr. NB 44) . . 182
Beantwortung von sechs Fragen iiber das Wesen einiger natur-
wissenschaftlicher Grundbegriffe (Faksimile) 192
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text . . . 197
Personenregister 206
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 207
Anstelle eines Vorwortes
DISKUSSIONSVOTUM
von Rudolf Steiner am 8. August 1921
Fraulein Dr. Rabel hat am SchluB ihrer ja sehr bemerkenswerten Aus-
fiihrungen gesagt, daB ich einmal bemerkt habe, daB eigentlich diese
neueren Versuche zur Bestatigung der Goetfieschen Farbenlehre dienen
konnen. Fraulein Dr. Rabel war damals so giitig, mir eine ihrer Ab-
handlungen zu geben, die gerade in dieser Linie liegen, und ich sagte,
daB die Tatsachen, die auf diese Art durch die moderne Physik heraus-
kommen, in der Tat in der Linie liegen, die allmahlich zu einer
Bestatigung der Goetheschen Farbenlehre fuhren miissen.
Nun ist heute wirklich keine Moglichkeit vorhanden, in das ganze
Pro und Kontra der Goetheschen Farbenlehre und, sagen wir, der
Anti-Goetheschen Farbenlehre einzutreten. Die Sache liegt ja so, daB
zunachst noch die physikalischen Vorstellungen, die heute gang und
gabe sind, aus solchen theoretischen Voraussetzungen heraus gemacht
werden, daB in der Tat das richtig ist, was ich einmal von einem
Physiker horte, mit dem ich ein Gesprach iiber die Goethesche
Farbenlehre hatte. Er sagte einfach, wie ich ausdrucklich verifizieren
muB, er sagte ganz ehrlich: Ein Physiker von heute - und er be-
zeichnete sich als einen solchen mit Recht - kann sich tiberhaupt bei
der Goetheschen Farbenlehre nichts vorstellen! - Und das ist etwas,
was eigentlich durchaus richtig ist.
Wir miissen eben nicht vergessen, daB gewisse Dinge da vorliegen,
die erst noch iiberwunden werden miissen, wenn von Seiten der
Physik die Goethesche Farbenlehre ernst und nur ernst genommen
werden soil. Nicht wahr, der Physiker ist zunachst heute dazu ge-
leitet, dasjenige, was er Licht nennt, moglichst so zu untersuchen, daB
innerhalb des Untersuchungsfeldes das von ihm als subjektiv Be-
zeichnete keine Rolle mehr spielt, daB gewissermaBen das Erlebnis,
das bei den Lichterscheinungen da ist, ganz und gar hochstens dazu
dient, einen aufmerksamer zu machen in der Beobachtung, daB da
oder dort etwas vorgeht. Aber was der Physiker einbeziehen will in
seine Interpretationen der Lichterscheinungen, die er dann auch auf
Farbenerscheinungen ausdehnt, das soli eine Entitat sein vollstandig
unabhangig von dem subjektiven Erlebnis.
Goethe geht ja von ganz anderen Voraussetzungen in bezug auf
sein Denken iiberhaupt aus. Daher halte ich es auch heute noch in
einem gewissen Sinne fur richtig, was ich 1893 in einem Vortrag iiber
Goethes Naturanschauung in Frankfurt am Main sagte: Uber die
AuBerungen Goethes auf dem Gebiete der Morphologie, da laBt sich
reden, und dariiber habe ich auch dazumal einen Vortrag gehalten,
weil in einer gewissen Beziehung schon heute sich begegnen die Vor-
stellungen, die Goethe iiber die Metamorphose hatte und im Zu-
sammenhang mit der Metamorphose iiber die Urspriinge der Arten,
mit denjenigen, die, allerdings in ganz anderer Weise, von der Darwin-
i^^/-Anschauung herkommen. Da ist also, in gewissem Sinne
wenigstens, schon ein Feld vorhanden, wo die Anschauungen in-
einandergreifen. Aber mit Bezug auf die Goethesche Farbenlehre,
die keine Optik iibrigens sein will, ist das durchaus noch nicht der
Fall. Daher ist zwar gewiB moglich, sagen wir, auf anthroposophi-
schem Boden iiber die Goethesche Farbenlehre zu reden, da ist durch-
aus ein Reden moglich, aber eine Diskussion mit dem, was heute ein
Physiker iiber die Farben zu sagen hat, was er aus seinen physika-
lischen Untergriinden heraus ableitet, wird heute durchaus noch etwas
Unfruchtbares bilden. Dazu ist notwendig, daB eben gewisse Grund-
vorstellungen, die Goethe implizite gehabt hat und von denen er aus-
gegangen ist in seiner Farbenlehre, noch expliziert werden, daB man
die wirklich zugrunde legen kann.
Daher halte ich auch alles dasjenige, was ich in meinen Biichern
iiber die Goethesche Farbenlehre gesagt habe, fur etwas, was vor-
laufig einmal in die Welt hineingeworfen ist und was eigentlich
durchaus nicht den Anspruch darauf erhebt, in eine fruchtbare - ich
meine fruchtbare - Diskussion mit den ja nicht entgegengesetzten,
sondern von ganz anderen Seiten herkommenden Vorstellungen der
Physik zu treten. Nun, in der Tat aber, dessen konnen Sie ganz sicher
sein, und dazu wurde ja von dem Vorredner schon sehr viel bei-
gebracht, wiirde Goethe in all denjenigen Erscheinungen, die Fraulein
Dr. Rabel heute in dankenswerter Weise vorgebracht hat, eine Be-
statigung seiner Grundanschauungen erkennen. Und das ist das-
jenige, was ich eben durchaus vertreten mochte.
Es trifft schon von der einen Seite aus den Tatbestand, aber es trifft
ihn nicht vollstandig, wenn man bei Goethe davon spricht, daB die
eine Seite des Spektrums, also dasjenige, was hier langwellige Strahlen
genannt worden sind als im Gegensatz zu den kurzwelligen Strahlen,
daB das in dem Verhaltnis einer Polaritat steht. Polaritat ist ein sehr
abstraktes Verhaltnis, das man eben auf verschiedene Gegensatze an-
wenden kann, so auch auf diesen. Nur hier ist das durchaus nicht
dasjenige, auf was es eigentlich bei Goethe ankommt... (Nachschrift
liickenhaft). Wenn man aber noch so sehr glaubt, durch irgendeine
Versuchsanordnung einen FehlerausschluB zu erreichen dadurch, daB
man das Strahlenbiindel immer schmaler und schmaler nimmt, so
daB man zuletzt die ganze Dicke des Strahlenbiindels - was iibrigens
gar nicht mein Ausdruck ist, den ich aber rechtmaBig gebrauchen
darf - aufhebt und dann von einem «Strahl» spricht, so ist schlieBHch
kein Unterschied in Wirklichkeit, ob man ein breites Bundel nimmt
oder ein schmales, es macht das prinzipiell keinen Unterschied. Aber
Goethe hat einen prinzipiellen Unterschied angegeben - und darauf
kommt es an -, als er durch den kleinen Spalt nun selbst Versuche
angestellt hat.
Im Prisma kann man nicht dasjenige ausschlieBen, was die moderne
Physik ausschlieBen mochte, denn man kann natiirlich nicht einen
sogenannten «Strahl von Null-Dicke» irgendwie ins Experimentier-
feld schieben. Aber man kann das machen, daB man die scharfe Grenze
ins Auge faBt zwischen dem dunklen Gebiet und dem hellen. Da hat
man in der Tat die scharfe Grenze! Wenn man von dieser scharfen
Grenze redet, dann hat man in einer gewissen Weise gerade aus dem
Goetheschen Versuch heraus das, was die neuere Physik mochte.
Goethe hat mit der Grenze gearbeitet und nicht mit dem Strahlen-
biindel, das ist es, worauf es ankommt. Diese Forderung, die man
idealiter mit Recht erhebt, die wird prinzipiell eigentlich gerade da-
durch erfullt, daB Goethe mit der Grenze arbeitet, nicht also mit
einem Strahl oder Strahlenbiindel. Und von dem, was sich als Phano-
men dann an der Grenze efgibt, geht Goethe aus und versucht, von
da seine Versuchsanordnungen zu machen, die ja allerdings heute,
wenn sie im Goetheschen Sinne ausgefiihrt werden sollten, ganz
anders, als Goethe sie ausgefiihrt hat, werden miiOten.
Ich hoffe, daB wir gerade in dieser Beziehung prinzipielle Versuche
in unserem physikalischen Forschungsinstitut in Stuttgart anstellen
werden und daB dadurch auch dasjenige, was Dr. Schmiedel «Ver-
schleierung» genannt hat, in gewissem Sinne ausgeschaltet wird, und
daB man lernte, in exakter Weise wirklich mit den Grenzen zu arbeiten
und dann in der Lage ist, das Spektrum erst als eine Erscheinung auf-
zufassen, in der die Grenzerscheinungen als die Urphanomene ver-
arbeitet werden. Das wiirde der Gang sein, um den es sich handelt.
Nun aber bekommt man, wenn man so mit der Grenze arbeitet,
eben dasjenige, was Dr. Schmiedel das polare Verhaltnis nannte
zwischen dem einen unddemandernTeile des sogenanntenSpektrums.
Also: «Polaritat» ist im Goetheschen Sinne hier ein viel zu abstrakt
angewendeter Ausdruck! Man kann inn ja von alien moglichen Natur-
erscheinungen als Ausdruck gebrauchen. Goethe kommt nun - und
da kann ich natiirlich heute abend wegen der Kiirze der Zeit nicht auf
die Einzelheiten eingehen -, indem er immer Versuche veranstaltete,
zu dem grundsatzlichen Gegensatz, den er annimmt zwischen der
roten Natur und der blauen Natur, wobei durchaus auch zu beachten
ist, daB Goethe nicht spricht von rotem und blauem Lichte, da kann
man widersprechen im Goetheschen Sinne, sondern von der roten und
blauen Natur. Das Licht ist schlechterdings undifferenzierbar, und
das, was als Differenzierungen auftritt, sind Erscheinungen am Licht.
Mit Recht ist als ein Ergebnis der neueren Physik hervorzuheben,
daB Goethe dem, was er die Entitat des Lichtes nennt, entgegensetzt
die Entitat der Finsternis nicht als das Nichts, sondern als eine wirk-
liche Entitat. Und nun kann ich dasjenige, was bei Goethe eine ziem-
lich komplizierte Vorstellung ist, eigentlich in kurzen Worten nur
etwa so andeuten, daB ich folgendes sage : Sowohl im roten Teil der
Farbabschattungen wie im blauen Teil hat man es nun nicht mit
einer Mischung, sondern mit einem dynamischen Ineinanderwirken
von Licht und Finsternis zu tun, aber so, daB im roten Teil dieses
Zusammenwirken so ist, daB gewissermaBen das Rot sich ergibt als
die Aktivitat des Lichtes in der Finsternis. Man hat es also mit dem
Zusammenwirken von Licht und Finsternis zu tun. Hat man es mit
dem Roten zu tun, also sagen wir mit einem roten Felde, dann hat
man es mit dem aktiven Licht in der Finsternis zu tun, hat man es
mit der blauen Seite zu tun, dann hat man es mit der Aktivitat der
Finsternis in der Helligkeit zu tun. Also das ist der genaue Ausdruck
fur die Polaritat.
Das ist natiirlich eine Vorstellung, von der ich gern zugebe, daB
der moderne Physiker nicht viel damit verbinden kann. Aber fur
Goethe ist das Rot die Aktivitat des Lichtes in der Finsternis, das
Blau die Aktivitat der Finsternis im Hellen, also im Lichte. Das kann
man eine Polaritat nennen, das ist eine Polaritat. Und das fuhrt Goethe
nun durch fur die physikalische oder physische Farbe, also eigentlich
die spektrale Farbe, und auch fur die chemische Farbe, und er ist sich
wohl bewuBt, wie er iiberall auf Unsicherheiten tappt, weil er natiir-
lich nicht dieses allgemeine Prinzip im einzelnen durchfiihren kann.
Aber nehmen wir nun dieses, was ich nur eben ganz fluchtig an-
gedeutet habe, so haben wir iiberall, wo Farben auftreten, wo also
Farben erscheinen, iiberall da haben wir ein Qualitatives. Und da
stehen wir an dem Punkte, wo einmal die Entscheidung fallen wird in
dieser Beziehung.
Sehen Sie, es ist ja heute noch so, daB man, mochte man sagen,
erlebt eine Fiille von Erscheinungen. Auch heute sind Ihnen eine
ganze Fiille von Erscheinungen vorgefiihrt worden in dankenswerter
Weise, die eigentlich erforderten, daB man ganze Serien von Vortragen
dariiber halten wiirde, um nun zu zeigen, wie sie eigentlich sich
hineinstellen in die Goethesche Farbenlehre und in das Gesamtgebiet
der Naturwissenschaft. Aber wir erleben heute Erscheinungen, die -
in ganz anderer Weise als etwa die theoretischen Erwagungen der
Relativitatstheorie und so weiter iiber die Geschwindigkeitsvorstel-
lungen beim Lichte es geben - Rektifizierungen hervorbringen miis-
sen. Wir erleben eben, was gerade von Fraulein Dr. Rabel selber
hervorgehoben worden ist, daB sich der Physiker gedrangt fiihlt,
allerdings in einer sehr modifizierten Gestalt, wiederum zu der
Emissionstheorie des Newton zuriickzukommen. Ein sehr groBer
Unterschied ist allerdings zwischen der Newtonschen Theorie, die
aus verhaltnismaBig einfachen Phanomenen herausgezogen worden
ist, und der heutigen Zeit. Denn ich glaube, die heutige Auffassung
beruht hauptsachlich darauf, daB man sich nach den gewohnlichen
wellentheoretischen Vorstellungen kein Bild davon machen kann, wie
zum Beispiel folgendes moglich ist: Wenn man ultraviolettes Licht
auf ein Metall fallen laBt, so bekommt man Elektronen zuriick-
geworfen, und diese Elektronen kann man untersuchen. Sie zeigen
dann eine bestimmte Starke. Diese Starke ist nicht abhangig von der
Entfernung der Quelle des ultravioletten Iichtes von dem Metall.
Sie konnen die Quelle weit weg legen und bekommen dennoch die-
selbe Voltstarke. Nun miiBte natiirlich, wenn, wie es vorausgesetzt
wird, die Lichtstarke verbleibt, die Intensitat abnehmen mit dem
progressiven Grade der Entfernung. Das ist aber nicht der Fall fur
die Elektronen, die Ihnen vom Metall zuruckgeworfen werden. Man
sieht, daB ihre Starke gar nicht abnimmt mit dem Grade der Ent-
fernung, sondern lediglich von der Farbe abhangt. Wenn Sie die
Farbe in der Nahe haben, so ist es dasselbe wie in der groBeren Ent-
fernung. Da wird man also zunachst darauf gefuhrt, daB man iiber-
haupt iiber dasjenige, was da Licht genannt wird, anders denken
muB. Man hilft sich heute damit, daB man die Quantentheorie zu-
grunde legt, die sagt, daB sich nicht irgend etwas Kontinuierliches
ausbreite, wie etwa die Schwere ausgebreitet gedacht wird, sondern
es breite sich das Licht atomistisch aus. Wenn es sich atomistisch aus-
breitet, so hat man das betreffende Quantum an irgendeiner Stelle und
es wirkt dann. Es handelt sich da nicht darum . . . das Quantum kann
eben nur an einer Stelle sein. Wenn es iiberhaupt da ist, dann wirkt es
auslosend auf die Elektronen wirkungen.
Also, diese Dinge haben wiederum zu der Emissionstheorie zuriick-
gefuhrt. Wahrend Newton sich vorstellt, daB irgendwie Substanzen,
Entitaten in ponderabler Weise sich ausdehnen, die aber so sind, daB
man sagen miiBte, daB die Intensitat abnimmt mit dem Quadrat der
Entfernung, so ist es jetzt so, daB man diese ersetzt durch die Aus-
breitung von elektromagnetischen Feldern, die dann aber wirklich
durch den Raum gehen, und zwar im Sinne der Quantentheorie. Man
hat es also eigentlich zu tun mit der Emission von elektromagne-
tischen Feldern, wahrend man es bei der Undulationstheorie, die
durchaus gang und gabe war in der Zeit, als zum Beispiel ich selber
jung war, es eben zu tun hatte mit einem bloBen Fortschreiten der
Bewegung, so daB also eigentlich nichts im Raume ausstrahlt, sondern
nur die Bewegung weitergefuhrt wird. Die.se Vorstellungen iiber das
objektiv Vorhandene sind eigentlich gerade - wenigstens ich sehe es
so an - heute in bestandigem Flusse, und die Experimente, die da vor-
liegen, die weisen iiberall auf dasjenige hin, was Fraulein Dr. Rabel
mit Recht hervorgehoben hat, daB man ja mit der bloBen Annahme
von Wellenlangen nicht auskommt, daB das so eine Art von Wider-
spruch in sich enthalt. Das ist aber gerade das, um was es sich handelt.
Im Grunde genommen Uegt eigentlich doch nur das vor, daB man
sich durch lange Zeiten durchaus gewohnt hat, mit den Wellenlangen
und so weiter als einzigem zu rechnen. Die Vorstellung war ja auBer-
ordentlich einfach. Man rechnete iiberhaupt nur objektiv mit Wellen
von gewissen Wellenlangen und Schwingungen von gewissen Ge-
schwindigkeiten, bezeichnete dasjenige, was im Spektrum vom Violett
bis zum Rot liegt, so, daB man sagte, es macht das eben einen Ein-
druck auf die Netzhaut des Auges. Jenseits des Roten hat man die
anderen Schwingungen, die keinen Eindruck machen, aber sie unter-
scheiden sich nicht qualitativ davon, ebenso jenseits des Violetten.
Einzelne haben sich aufgelehnt, einzelne haben es in interessanter
Weise zuriickgewiesen, so in den achtziger, in den siebziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts Eugen Dreher, der sehr viele Experimente
gemacht hat, um zu beweisen, daB Licht, Warme und chemische
Entitat drei durchaus radikal voneinander verschiedene Entitaten
sind. Auch lieB sich das bis zu einem gewissen Grade durchaus be-
legen. Und gerade der heutige Stand der Sache beweist eben, daB der
ganze Komplex der Fragen im Grunde genommen im FluB ist. Sobald
man eben auf dasjenige kommen wird, was, abgesehen vom Sub-
jektiven, unter dem Komplex «Lichterscheinungen» zusammen-
gefaBt eigentlich vorliegt ... (Liicke) ... Das Wesentliche ist bei
Goethe, daft er dasjenige hineingebracht hat, was sich heute der
Physik aufdrangt. GewiB, er hat es hineingebracht nach dem mangel-
haften Stande der Physik am Ende des 18.Jahrhunderts. Aber er hat
es hineingebracht.
Wenn man sich heute die Sache ansieht, so sagt man sich: Ganz
gewiB, das ist alles ungeheuer interessant. Und ich muB gestehen,
interessanter war die ganze Behandlung der Undulationstheorie, als
ich jung war, denn die Undulationstheorie war bis zum ExzeB aus-
gebildet, und da war wirklich alles bis ins einzelnste hinein recht
genau berechnet. Aber heute werden die jungen Leute gar nicht mehr
mit dieser ausgefallenen Undulationstheorie geplagt. Denn es nimmt
sich doch etwas anders aus, ob man aus der theoretischen Mechanik
heraus mit irgendeiner Atherhypothese die Undulation berechnet,
oder ob man von der Wirkungsweise elektromagnetischer Felder aus-
geht. Da nimmt sich schon alles etwas unbestimmter aus. Man hat
heute nicht so das Bediirfnis, alles dieses Exaktlinige zu berechnen
innerhalb der Lichterscheinungen, wie das noch vor vierzig, funfund-
dreiBig Jahren geschehen ist. Es ist auBerordentlich interessant natiir-
lich, auf all die Finessen zu kommen, aber sie sind ein Rechnungs-
resultat, und der ganze maBgebende Beweis eigentlich fur dieses
Rechnungsresultat wird ja im Interferenzversuch gesehen. Heute
steht der Interferenzversuch so da, daB er einer neuen Erklarung be-
darf. Das gibt die Physik von heute zu. Und da hat wirklich die
Quantentheorie nicht viel erlangt. Die Sache liegt eben so: Es ist
heute noch nicht sehr weit gediehen, aber man sieht immer mehr und
mehr, wie man gewisse gut brauchbare Zahlen, Hilfszahlen, in den
Schwingungszahlen oder Wellenlangen hat, das sind alles gute Rech-
nungsmiinzen, aber niemand wird heute eigentlich sagen konnen, daB
dem irgend etwas Reales zugrunde liegt. Ich mochte sagen, wenn man
die Schwingungszahl fur die sogenannten roten Strahlen und die
blauen angibt, so hat man ein gewisses Verhaltnis, das zwischen Rot
und Blau besteht, so ausgedriickt, wie sich die eine Zahl zu der
anderen verhalt. Man kann schon heute sagen : Viel wichtiger sind die
Verhaltnisse der einzelnen Zahlen zueinander als der absolute Wert
der einzelnen Schwingungszahlen. Und das fiihrt von dem Quantita-
tiven ins Qualitative hiniiber. Man ist heute doch auf dem Wege, sich
zu sagen: Mit den Wellenlangen allein geht es nicht, man braucht
etwas anderes.
Aber dieses andere wird immer ahnlicher und ahnlicher dem, was
Goethe auf seinen Wegen suchte. Das ist heute noch nicht so strikte
zu bemerken, aber fur den, der die Dinge genau kennt, eben durchaus
zu bemerken, wie die Physik nach und nach dahin fiihrt, und, wie
gesagt, die Erscheinungen, die heute angefiihrt worden sind, die
wiirde Goethe durchaus so auffassen, daB er sie als eine Bestatigung
seiner Anschauung finden wiirde.
Auf einzelnes einzugehen ist natiirlich schwierig, weil dazu heute
nicht die Grundlagen geschafTen worden sind. Ich will nur prinzipiell
zum Beispiel auf die Pflanzenfrage eingehen. Auf solche Dinge mochte
ich mich nicht gerne einlassen, wie, ob man einen Ausdruck wie «ab-
sorbiert » gebrauchen darf oder nicht. Wenn man ihn nimmt als eine
bloBe Bezeichnung dessen, was vorliegt, so habe ich nichts dagegen,
aber wenn man sich die Sache dann so einfach macht, nicht wahr,
daB, wenn irgendwo Helles auffallt und irgendeine Glasscheibe in den
Weg gestellt wird und man hinter der Glasscheibe ein rotes Feld hat,
man dann sagt: da sind alle anderen Farben verschluckt von dem Glas,
nur das Rote ist durchgelassen worden, ~ so setzt man eben an die
Stelle eines konstatierten Phanomenes eine Erklarung, die aber ganz
und gar im Blauen liegt, fur die eigentlich nichts Reales vorliegt. Man
kann durchaus beim Phanomen bleiben. Das ist gut. Aber nehmen Sie
dasjenige, was vielleicht sogar noch so unvollkommen bei Goethe
ausgesprochen ist: Aktivitat des Lichtes, der Helligkeit im Finsteren
liegt dem Roten zugrunde; Aktivitat der Finsternis im Hellen, im
Lichte, das liegt dem Blau zugrunde. Was den Nuancen zugrunde liegt,
als Abschattung, dem Griin oder Orange, darauf kommt es jetzt nicht
an, darauf kann man sich nicht einlassen. Ich kann nur das Grund-
phanomen angeben. Und da haben Sie dann allerdings das, was ich
jetzt nur, ich mochte sagen, approximativ andeutete, dann hat man es
zu tun mit dem Finsteren als einem Realen, dann muB man doch sich
klar sein daniber - es gibt ja natiirlich sehr vieles zum Beleg dessen,
was ich sagen werde, aber auch aus einer ganz oberflachlichen Be-
trachtung der Sache kann man sich klar dariiber werden -, daB diese
Finsternis in einer gewissen Weise sich entgegensetzt dem Hellen.
Das gibt naturlkh die subjektive Empfindung, aber auch objektive
Tatsachen. - Da muB man natiirlich eine Polaritat annehmen, wenn
man nur nicht im Abstrakten bleiben will, sondern auf das Konkrete
dabei eingeht. Wenn Sie an dieses Polarische des Hellen und Dunklen
nun denken, dann kommen Sie allmahlich zu der Vorstellung, die
Ihnen eine gewisse Unmoglichkeit vor Augen fiihrt, in derselben
Weise von Ausbreitung einer Entitat zu sprechen beim Dunklen wie
beim Hellen. Dariiber entscheiden die Experimente, die bis heute
gemacht worden sind, gar nichts! Denn sehen Sie, wenn Sie sich
denken - natiirlich ist es mehr, aber das beruht dann auf iibersinn-
lichen Beobachtungen oder halb iibersinnlichen Beobachtungen, aber
nehmen Sie es zunachst nur als eine Moglichkeit, als eine Hypothese
einmal hin -, die Helligkeit wiirde schematisch dadurch bezeichnet,
daB eine Ausbreitung stattfindet. Sie konnen dann die Dunkelheit
nicht dadurch bezeichnen, daB ein Ausbreiten stattfindet, sondern
miissen die Dunkelheit so bezeichnen, daB gewissermaBen von dem
Unendlichen her so etwas wie ein S augen stattfindet. Sie wiirden also
von einem Raum, den Sie mit schwarzen Wanden ausgekleidet haben,
nicht sagen diirfen: Es findet da ein Ausbreiten statt, eine Emission
oder dergleichen, sondern es findet ein Saugen statt, Saugwirkungen,
die natiirlich einen Erreger des Saugens haben miissen, denn man
braucht natiirlich ein Zentrum. Aber die Moglichkeit von Saug-
wirkungen ist zunachst das, was, um diese Trivialitat zu sagen, im
schwarzen Raum vorhanden ist, im Gegensatz zu dem durchhellten,
wo man es mit Ausbreitungswirksamkeiten zu tun hat.
Wenn Sie das festhalten, dann wird die Farb vorstellung immer
konkreter werden, und Sie werden in dem Blau etwas haben vom
Saugenden - es ist eigentlich nur approximativ gesprochen - und
werden bei dem Roten etwas haben vom Sich-Ausbreitenden, im
Griinen gewissermaBen die Neutralisierung. Und nun denken Sie -
da miissen wir ja in eine tiefere Schichte des Vorstellens -, wenn Sie
dasjenige, was da als Saugwirkung vorhanden ist, in seinem Ver-
haltnis zum Pflanzenwesen betrachten, so haben Sie die hinter dem
Farbigen liegende Saugwirkung, die im Gegensatz zu gewissen inne-
ren Kraften der Pflanze ist. Die haben Sie in der ganzen Konflguration,
in der ganzen Organisation der Pflanze mitwirkend drinnen.
Wir miissen also gewissermaBen hinter die Farbenerscheinungen
gehen. Wir finden in den Farbenerscheinungen nur den symptoma-
tischen Ausdruck fur dasjenige, was ja defer hinter denFarbwirkungen
liegt. Wir kommen also auf eine Polaritat, wenn wir diese nicht bloB
als eine abstrakte Polaritat ansehen, sondern eingehen auf diese ganz
besondere Art der Polaritat, so daB wir, wenn wir es subjektiv machen
und zum Beispiel das Blau sehen, wir das Auge im Grunde genommen
einer Saugwirkung exponieren, im Rot einer Druckwirkung in einem
gewissen Sinne, was aber nun nicht mechanisch, sondern intensiv zu
denken ist.
Wenn wir das dann haben, dann bekommen wir auch Vorstellungen,
die naturlich viel kompliziertere sind als diese, daB ich sage: Ich
stelle eine Glasscheibe in den Weg eines erhellten Biindels und be-
komme hinten ein rotes Feld. Alles andere ist verschluckt worden
auBer dem Rot. Wir werden dann gefuhrt zu einer ganz anderen Art,
einer ganz anderen Formulierung des Problems. Die Forderung
entsteht, aus dem Phanomen, das mir vorliegt, nun die Natur des in
den Weg gestellten Materiellen zu untersuchen. Wenn wir da an-
fangen, werden wir zu einer ganz anderen Methode, sagen wir, der
Polarisationserscheinungen gefuhrt. Man kommt da auf einem ge-
wissen Umweg zu einer sehr strikten Auffassung, was auch Fraulein
Dr. Rabel gesagt hat. (Zu Fraulein Dr. Rabel gewandt): Sie haben
einen englischen Physiker genannt. Es ist aber von einer ganzen Reihe
von Physikern auch auf die Sache schon aufmerksam gemacht worden,
daB man es eigentlich zu tun hat bei diesen Erscheinungen nicht mit
etwas, was einen hinweist auf die Entitat des Lichtes, sondern eigent-
lich der Materie, die da dem Licht entgegengestellt wird, naturlich
auch ganz besonders der organischen Materie, also, sagen wir, der
Pflanzen.
Das ist dasjenige, worauf man immer mehr und mehr wird gefuhrt
werden, daB man abkommen wird davon, sagen wir, Polarisations-
figuren geradezu ins Licht hineinzukonstruieren. Das ist doch etwas,
was ganz wunderbar gegangen ist bei der alten, rein mechanischen
Wellentheorie, was aber bei der heutigen Lage nicht mehr in der-
selben Weise Geltung haben wird. Der Physiker wird dahin gefiihrt,
nun nicht bloB den Verlauf der Polarisationsfiguren zu sehen, so daB
er sie ins Licht hineinkonstruiert, sondern er schaut eine Wechsel-
wirkung des Lichtes mit der Materie, so daB also gewissermaBen die
Konstitution der Materie verraten wird durch das, was da auftritt,
auch an anderen Erscheinungen, die insbesondere so auftreten, daB
man sie als Emission elektromagnetischer Wellen ansieht. Viel inter-
essanter ist heute, die Sachen so zu betrachten, daB man nachsieht, wie
man allmahlich herauskomme aus einer Anschauungsweise, die eigent-
lich wirklich nur darauf beruht, daB man sich so sehr gewohnt hat an
diese mechanische Anschauungsweise mit dem Ather, der ja von
einigen als fester Ather konstruiert wird, von anderen als Fliissigkeit.
. , . (Liicke) . . . Man hat sich gewohnt an bestimmte Vorstellungen,
und kommt nicht los davon, wahrhaftig . . . Bleibt man bei der Wellen-
theorie stehen, so muB man annehmen, daB man noch etwas unter-
legen muB . . . Und da muB aufmerksam gemacht werden : Goethe war
auf dem Wege, diese Unterlagen zu untersuchen. Ihn hat die ganze
Undulationstheorie, die er ja noch Zeit seines Lebens gekannt hat,
nicht eigentlich interessiert, sondern ihn hat interessiert, was ich in
ganz ungeniigender Weise angedeutet habe, indem ich die Polaritat
auf das Konkrete zuriickgefuhrt habe.
Man kommt tiefer hinein in dasjenige, was Goethe wollte, gerade
indem man seine «Farbenlehre» ganz von Kapitel zu Kapitel nimmt,
auch bis in die sinnBch-sittlichen Wirkungen der Farben herauf, wo
gewissermaBen die Farben im Blickfelde verschwinden, und, man
mochte sagen, geistig-seelische, moralische Eigenschaften auftreten.
Man erlebt sie an der Stelle des Roten, des Blauen, wo man iiber-
gefiihrt wird ins Seelische. Und Goethe wvirde da sagen: Eigentlich
da erst erfahrt man etwas in bezug auf das Wesen des Farbigen, wenn
das Farbige verschwindet und etwas ganz anderes auftritt.
Da tritt dasjenige auf, was der Anfang ist zu den Wegen der hoheren
Erkenntnis, die durch anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft beschrieben werden, die dazu fuhren, daB man tatsachlich nicht
mehr diese Trennung vornimmt zwischen Subjekt und Objekt, die
ja nicht mehr spricht auf einer gewissen Erkenntnisstufe, sondern
die zu einem Hinuberleben des Subjektes ins Objekt fuhren. Das
muB beobachtet werden. Es kann keine Erkenntnistheorie geben,
die jemals befriedigen kann, wenn ein absoluter Abgrund steht zwi-
schen Subjekt und Objekt, sondern nur, wenn eben diese Gliederung -
Subjekt und Objekt - im Grunde genommen doch nur eine vor-
laufige Annahme ist, wie erkenntnistheoretisch dargestellt worden ist.
Die moderne Physik, wie sie, sagen wir, Blanc definiert, geht doch
durchaus darauf aus, das Subjektive ganz auszuschlieBen und die
Erscheinungen so darzustellen, wie sie, ohne daB man auf den Men-
schen irgendwie Riicksicht nimmt, im objektiven Felde verlaufen.
Louis Blanc sagt: Die Physik hatte eigentlich nur dasjenige auf-
zusuchen, was auch ein Marsbewohner - und wenn er ganz anders
organisiert ware - von der objektiven Welt behaupten konnte. Und
das ist in der Tat durchaus richtig. Aber die Frage ist diese : ob man
nicht auch im Menschen selbst so etwas findet, was den Ergebnissen
der Physik entspricht, die rein nach MaB, Zahl und Gewicht gesucht
werden, ob nicht auch dem, bei einer entsprechenden hoheren Er-
kenntnis, etwas im Menschen entspricht. Und da muB man sagen:
Ja, das ist es ! Wir gehen ganz genau durch die Region durch, die dann
erlebt wird und die der moderne Physiker eigentlich nur durch eine
Konstruktion, eine gewisse Konstruktion aus dem Phanomen heraus,
gewinnt. Nur nimmt sich diese Region so aus, daB das Substantielle,
das 2ugrunde liegt, nicht mehr ein Materielles, sondern ein Geistiges
ist. Man erwirbt sich da sogar das Recht, die Formeln der Physik in
einer gewissen Form anzuwenden, setzt nur ein anderes Substantielles
hinein. Newton meinte, es wird eine Art ponderabler Materie hinein-
gegossen in die Gleichungen, die Formeln; die Huygensscfat Undula-
tionstheorie : es wird nur die Zahl der Wellen hineingegossen; die
neuere Theorie : es werden elektromagnetische Felder hineingegossen.
Also dasjenige, was da eigentlich auf den Formeln schwimmt, das
ist etwas, woriiber eine gewisse Liberalitat heute schon auch im Ver-
laufe der Theorien herrscht. Und darum sollte man sich nicht gar zu
sehr stemmen, wenn Geisteswissenschaft genotigt ist, in diese durch
den Weltenraum fliegenden, tanzenden Gleichungen nun auch Geist
hineinzutun. Weder dasjenige, was Newton wollte, noch das, was der
ganz moderne Physiker will, sondern da eben Geist hineintun! Nur
muB man eben zuerst wissen, was Geist ist. Das beruht dann nicht auf
irgendeiner Theorie, sondern auf einer hoheren Erfahrung.
Ich glaube also, daB tatsachlich immer mehr und mehr zum rich-
tigen Verstandnis von Goethes Farbenlehre beigetragen wird durch
dasjenige, was von Fraulein Dr. Rabel heute in so dankenswerter
Weise vorgebracht worden ist. Ich glaube aber nicht, daB es moglich
ist, heute auch noch auf solche Fragen einzugehen, wie sie zum Bei-
spiel Dr. Stein noch gestellt hat. Denn man muBte nun auf das ganze
Wesen der Elektrizitat eingehen. Und das beriihrt Fragen, die eigent-
lich erst auf anthroposophischem Felde, ich will nicht sagen gelost,
sondern besprochen werden konnen. Denn da kommen wir ja natiir-
lich in BegrifFe hinein, die, mochte man sagen, alles auf den Kopf zu
stellen haben, was man gewohnt ist heute, im Physikalischen theore-
tisch anzuerkennen.
Wenn man auch jetzt etwas davon abgekommen ist, so ist es noch
nicht lange her, da rechnete man ja mit elektrischen Stromungen und
dergleichen. Nun hat man es aber in der Wirklichkeit zu tun - das ist
eben nur Ergebnis der hoheren Erkenntnis, was ich Ihnen jetzt sagen
werde - bei elektrischen Stromen nicht mit etwas, was da hinein-
stromt, sondern man hat es in Wirklichkeit zu tun, wenn ich schema-
tisch das andeuten darf, damit, daB wir, wenn man hier einen Draht
hat, durch den eine sogenannte elektrische Stromung geht, eine Aus-
sparung haben in der Realitat.
Wenn ich die Realitat - ich rede jetzt von einem Grad der Realitat,
das werden ja viete nicht gelten las sen -, wenn ich die Realitat zum
Beispiel hier mit -f- a bezeichnen will, so miiBte ich die Realitat
innerhalb des Drahtes mit - a bezeichnen. Und dann haben wir da
ein Hereinsaugen desjenigen, was eigentlich immer wie ein Herein-
flieBen angesehen wird. Und man hat es im wesentlichen damit zu
tun, daB, wenn ein elektrischer Leiter da ist, so stellt er eigentlich
nicht ein Ausfiillendes, sondern einen Hohlraum im Geistigen dar.
Und das fuhrt uns dann hiniiber zu der Willensnatur, die hier Dr. Stein
nur vorempfunden hat, die ja auch eigentlich darauf beruht, daB man
es nicht zu tun hat, sagen wir, mit Nerven, die ausfiillen, sondern
mit Hohlrinnen, Hohlrohren, durch die das Geistige angesaugt wird
und durch die das Geistige durchgeht.
Das aber, wie gesagt, wiirde heute viel zu weit fuhren, und ich habe
mir eigentlich nur die Aufgabe setzen konnen zu zeigen, inwieferne
oder vielmehr me das damals gemeint war, als ich gesagt habe : Diese
neueren Erscheinungen liegen eigentlich in der Linie der Weiter-
entwickelung der Goetheschen Farbenlehre.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 23. Dezember 1919
Nach den eben verlesenen Worten, von denen einige ja schon iiber
dreiBig Jahre alt sind, mochte ich bemerken, daB es natiirlich nur zu-
nachst Streif lichter sein konnen, die ich in dieser kurzen Zeit, die uns
zur Verfiigung stehen wird, Ihnen werde fur die Anschauung des
natiirlichen Daseins bringen konnen. Denn erstens werden wir, zumal
ja nicht sehr viel Zeit sein wird, das diesmal Begonnene in nicht sehr
ferner Zukunft weiter hier fortsetzen konnen, zweitens aber ist mir ja
von der Absicht eines solchen Kurses erst, als ich hier schon an-
gekommen war, Mitteilung gemacht worden. Und daher wird es sich
um etwas recht, recht sehr Episodisches in diesen Tagen nur handeln
konnen.
Ich mochte Ihnen auf der einen Seite etwas geben, was fur den Pad-
agogen brauchbar sein kann, weniger vielleicht nach der Richtung
hin, daB er es unmittelbar so, wie ich es hier geben werde, inhaltlich
im Unterricht verwerten wird konnen, als vielmehr nach der Richtung
hin, daB es das Lehren durchdringen konne als eine gewisse wissen-
schaftliche Grundrichtung. Auf der anderen Seite wird es ja immer fur
den Padagogen von ganz besonderer Bedeutung sein, neben den man-
cherlei Abirrungen, welche gerade das Naturwissen in der neueren
Zeit erfahren hat, wenigstens im Hintergrunde das Richtige zu haben,
und auch von diesem Gesichtspunkte aus mochte ich Ihnen einzelne
Anhaltspunkte geben.
Ich mochte zu den Worten, an die freundschaftlicherweise von
Dr. Stein eben erinnert worden ist, etwas hinzufugen, das ich im Be-
ginne der neunziger Jahre aussprechen muBte, als ich vom Frankfurter
Freien Hochstift aufgefordert wurde, einen Vortrag iiber Goethes
Naturwissenschaft zu halten. Ich sagte dazumal in der Einleitung, daB
ich mich darauf beschranken miisse, mehr iiber die Beziehungen
Goethes zur organischen Naturwissenschaft zu sprechen. Denn das-
jenige, was Goethesche Weltanschauung ist, heute schon hineinzu-
tragen etwa in die physikalische und chemische Anschauung, das ist
schier eine Unmoglichkeit, weil einfach die Physiker und Chemiker
heute dazu verurteilt sind durch alles das, was in Physik und Chemie
lebt, das von Goethe Ausgehende geradezu als eine Art Unsinn an-
zusehen, als etwas, wobei sie sich nichts vorstellen konnen. Und ich
meinte damals, man miisse abwarten, bis Physik und Chemie durch
ihre eigene Forschung gewissermaBen dahin gefiihrt werden einzu-
sehen, wie der Grundbau ihres wis sens chaftlichen Strebens sich selber
ad absurdum fiihrt. Dann werde die Zeit gekommen sein, wo auch
auf dem Gebiete der Physik und Chemie Goethesche Ansichten Platz
greifen konnen.
Nun werde ich mich bemuhen, einen Einklang zu schaffen zwischen
dem, was man etwa experimentelle Naturwissenschaft nennen kann,
und dem, was die Anschauung betrifft, die man iiber die Ergebnisse
des Experiments gewinnen kann. Heute mochte ich einleitungsweise
und, wie man oft sagt, theoretisch einiges zur Verstandigung vor-
bringen. Ich mochte heute geradezu darauf abzielen, hinzuarbeiten auf
ein wirkliches Verstehen des Gegensatzes zwischen landlaufiger, ge-
brauchlicher Naturwissenschaft und demjenigen, was man als natur-
wissenschaftliche Anschauung aus Goethes allgemeiner Weltanschau-
ung gewinnen kann. Wir werden dazu allerdings ein wenig auf die
Voraussetzungen des naturwissenschaftlichen Denkens theoretisch
eingehen miissen. Wer heute im landlaufigen Sinne iiber die Natur
denkt, der macht sich gewohnlich nicht eine klare Vorstellung dar-
iiber, was eigentlich sein Forschungsfeld ist. Natur ist, ich mochte
sagen, zu einem ziemlich unbestimmten Begriff geworden. Wir wollen
daher nicht ausgehen etwa von der Anschauung, die man heute hat
iiber das Wesen dessen, was Natur ist, sondern vielmehr davon, wie
in der Naturwissenschaft gewohnlich gearbeitet wird. Diese Arbeits-
weise, wie ich sie charakterisieren werde, ist ja in der Tat etwas in
Umwandlung begrifTen, und es gibt manches, was man deuten kann
wie die Morgenrote einer neuen Weltanschauung. Aber im ganzen
herrscht doch dasjenige, was ich Ihnen heute ganz einleitungsweise
charakterisieren mochte.
Der Forscher sucht heute von drei Ausgangspunkten aus der Natur
beizukommen. Das erste ist, daG er versucht, die Natur so zu beob-
achten, daB er von den Naturwesen und Naturerscheinungen aus zu
Art- und Gattungsbegriffen kommt. Er versucht, die Naturerschei-
nungen und Wesenheiten zu gliedern. Sie brauchen sich nur daran zu
erinnern, wie dem Menschen in der auBeren, sinnlichen Erfahrung ge-
geben sind, ich will sagen, einzelne Wolfe, einzelne Hyanen, einzelne
Warmeerscheinungen, einzelne Elektrizitatserscheinungen und wie er
dann versucht, solche einzelne Erscheinungen zusammenzufassen und
in Arten und Gattungen zu vereinigen; wie er spricht von der Art
Wolf, der Art Hyane usw., wie er auch bei den Naturerscheinungen
spricht von gewissen Arten, wie er also das zusammenfaBt, was im
einzelnen gegeben ist. Man mochte sagen : Diese wichtige erste Tatig-
keit, die ausgeiibt wird im Naturforschen, sie wird schon etwas unter
der Hand ausgeiibt. Man wird sich nicht bewuBt, daB man eigentlich
nachforschen miiBte, wie sich dieses Allgemeine, zu dem man kommt,
wenn man einteilt und gliedert, wie sich das zu der Einzelheit verhalt.
Das zweite, was heute getan wird, wenn man sich auf dem Felde
der Naturforschung betatigt, ist, daB man versucht, entweder durch
das vorbereitende Experiment oder durch dasjenige, was sich daran
anschlieBt durch die begriffliche Verarbeitung der Ergebnisse des-
selben, zu dem zu kommen, was man die Ursachen der Erscheinungen
nennt. Wenn man von denselben spricht, so hat man ja oftmals
im Sinne Krafte, Stoffe - man spricht von der Kraft der Elektri-
zitat, der Kraft des Magnetismus, der Kraft der Warme usw. man
hat auch oftmals Umfassenderes im Sinne. Man spricht davon, daB
hinter den Lichterscheinungen oder auch hinter den Elektrizitats-
erscheinungen so etwas ist wie der unbekannte Ather. Man versucht,
aus den Ergebnissen der Experimente auf die Eigenschaften dieses
Athers zu kommen. Sie wissen, alles dasjenige, was iiber diesen Ather
ausgesagt wird, ist auBerordentlich strittig. Aber auf eines darf wohl
dabei gleich aufmerksam gemacht werden : Man sucht, indem man so,
wie man sagt, zu den Ursachen der Erscheinungen aufsteigen will,
vom Bekannten in eine Art Unbekanntes hinein den Weg, und man
fragt nicht viel dariiber nach, welche Berechtigung eigentlich vorliegt,
von dem Bekannten in das Unbekannte hineinzukommen. Man gibt
sich nur wenig zum Beispiel Rechenschaft dariiber, welches Recht
eigentlich vorliegt, davon zu sprechen, daB, wenn wir irgendeine
Licht- oder Farbenerscheinung wahrnehmen, so sei das, was wir sub-
jektiv als Farbenqualitat bezeichnen, die Wirkung auf uns, auf unser
Seelisches, auf unseren Nervenapparat, sei die Wirkung eines objek-
tiven Vorgangs, der sich im Weltenather als Wellenbewegung ab-
spielt. So daB wir eigentlich unterscheiden rmiBten ein Zweifaches:
den subjektiven Vorgang und den objektiven, der in einer Wellen-
bewegung des Athers oder in der Wechselwirkung desselben mit den
Vorgangen in der ponderablen Materie besteht.
Diese Anschauungsweise, die jetzt ja ein wenig ins Wanken gekom-
men ist, sie war diejenige, die das neunzehnte Jahrhundert beherrscht
hat und die eigentlich in der Art und Weise, wie man iiber die Er-
scheinungen spricht, heute noch iiberall zu finden ist, die noch unsere
wissenschaftliche Literatur durchdringt, die durchdringt die Art und
Weise, wie iiber die Dinge gesprochen wird.
Dann aber ist noch ein Drittes, wodurch sich der sogenannte Natur-
forscher zu nahern sucht der Konfiguration der Natur. Das ist, daB er
die Erscheinungen ins Auge faBt. Nehmen wir eine einfache Erschei-
nung, diejenige, daB jeder Stein, wenn wir ihn loslassen, zur Erde
fallt oder, wenn wir ihn an eine Schnur anbinden und hangen lassen,
er in senkrechter Richtung zur Erde zieht. Solche Erscheinungen faBt
man zusammen und kommt von diesen Erscheinungen zu demjenigen,
was man Naturgesetz nennt. So betrachtet man es als ein einfaches
Naturgesetz, wenn man sagt: Jeder Weltenkorper zieht die auf ihm
befindlichen Korper an. Man nennt die Kraft, die da wirkt, die Gravi-
tation oder Schwerkraft, und man spricht solch eine Kraft in bestimm-
ten Gesetzen aus. Ein Musterbeispiel fur solche Gesetze sind zum Bei-
spiel die drei Keplerschen Gesetze.
Auf diese drei Arten versucht sich die sogenannte Naturforschung
der Natur zu nahern. Nun mochte ich gleich dem entgegenstellen, wie
Goethesche Naturanschauung eigentlich von alien dreien das Gegen-
teil anstrebt. Erstens war fur Goethe, als er anfing, sich mit den Natur-
erscheinungen zu befassen, die Gliederung in Arten und Gattungen
sowohl der Naturwesen wie der Naturtatsachen sogleich etwas hochst
Problematisches. Er wollte nicht gelten lassen die Hinauffuhrung der
einzelnen konkreten Wesen und konkreten Tatsachen auf gewisse
starre Art- und Gattungsbegriffe, wollte vielmehr verfolgen den all-
mahlichen Ubergang der einen Erscheinung in die andere, wollte ver-
folgen den Ubergang der einen Gestaltung eines Wesens in die andere.
Das, worum es ihm zu tun war, war nicht artliche und gattungsmaBige
Gliederung, sondern es war Metamorphose, sowohl der Naturerschei-
nungen wie auch der einzelnen Wesenheiten in der Natur. Aber auch
in dem Sinn, wie das noch die ganze Nach-Goethesche Naturforschung
getan hat, auf sogenannte Naturursachen zu gehen, auch das war nicht
eigentlich nach Goethes Vorstellungsart, und gerade in diesem Punkt
ist es von groBer Wichtigkeit, sich bekanntzumachen mit dem prin-
zipiellen Unterschied, der besteht zwischen der Art der gegenwartigen
Naturforschung und der Art, wie Goethe an die Natur herantritt.
Die gegenwartige Naturforschung macht Experimente, Sie verfolgt
also die Erscheinungen, versucht dann, diese begriff lich zu verarbeiten
und sucht sich Vorstellungen zu bilden iiber dasjenige, was hinter den
Erscheinungen als die sogenannten Ursachen steht, zum Beispiel hin-
ter der subjektiven Licht- und Farbenerscheinung die objektive Wel-
lenbewegung im Ather.
Goethe verwendet das ganze naturwissenschaftliche Denken nicht
in diesem Stile. Er geht gar nicht in seiner Naturforschung von dem
sogenannten Bekannten in das sogenannte Unbekannte hinein, son-
dern er will immer in dem Bekannten stehenbleiben, ohne daB er sich
zunachst darum bekiimmert, ob das Bekannte bloB subjektiv, also eine
Wirkung auf unsere Sinne oder auf unsere Nerven oder auf unsere
Seele ist, oder ob es objektiv ist. Solche Begriffe, wie die der subjek-
tiven Farbenerscheinungen und der objektiven Wellenbewegungen
drauBen im Raume, solche bildet sich Goethe gar nicht, sondern ihm
ist dasjenige, was er ausgebreitet im Raum, was er vorgehend in der
Zeit sieht, ein durchaus EinheitHches, bei dem er nicht nach Subjek-
tivitat und Objektivitat fragt. Er verwendet gar nicht jenes Denken
und jene Methoden, die in der Naturwissenschaft angewendet werden,
dazu, um von dem Bekannten auf das Unbekannte zu schlieBen, son-
dern er verwendet alles Denken, alle Methoden dazu, die Phanomene,
die Erscheinungen selbst so zusammenzustellen, daB man durch diese
Zusammenstellung der Phanomene, der Erscheinungen zuletzt solche
Erscheinungen bekommt, die er Urphanomene nennt, die nun wieder-
um, ohne daB man Riicksicht nimmt auf subjektiv und objektiv, das
aussprechen, was er zur Grundlage seiner Welt- und Naturbetrachtung
machen will. Also, Goethe bleibt stehen innerhalb der Reihe der Er-
scheinungen, vereinfacht sie nur und betrachtet dann dasjenige, was
sich als einfache Erscheinungen uberschauen laBt, als das Urphanomen.
Goethe betrachtet also das Ganze, was man nennen kann natur-
wissenschaftliche Methode, nur als Werkzeug, um innerhalb der Er-
scheinungssphare selbst so die Erscheinungen zu gruppieren, daB sie
selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Nirgends versucht Goethe von
einem sogenannten Bekannten auf irgendein Unbekanntes zu rekur-
rieren. Daher gibt es fur Goethe auch nicht das, was man Naturgesetz
nennen kann.
Ein Naturgesetz haben Sie, wenn ich sage: Bei den Umlaufen um
die Sonne machen die Planeten gewisse Bewegungen, bei denen diese
und diese Bahnen beschrieben werden. - Fur Goethe handelte es sich
nicht darum, zu solchen Gesetzen zu kommen, sondern dasjenige, was
er ausspricht als die Grundlage seines Forschens, sind Tatsachen, zum
Beispiel die Tatsache, wie zusammenwirken Licht und in den Weg des
Lichts gestellte Materie. Wie die zusammenwirken, das spricht er in
Worten aus, das ist kein Gesetz, sondern eine Tatsache. Und solche
Tatsachen sucht er seiner Naturbetrachtung zugrunde zu legen. Er
will nicht von dem Bekannten zu dem Unbekannten aufsteigen, er will
auch nicht Gesetze haben, er will im Grunde genommen eine Art ratio-
neller Naturbeschreibung haben. Nur daB ein Unterschied fur ihn be-
steht zwischen der Beschreibung des Phanomens, das unmittelbar ist,
das kompliziert ist, und dem anderen, das man herausgeschalt hat, das
nur noch die einfachsten Elemente aufweist, das dann ebenso von
Goethe der Naturbetrachtung zugrunde gelegt wird wie sonst das Un-
bekannte oder auch der rein begrifFlich festgesetzte, gesetzmaBige Zu-
sammenhang.
Nun liegt noch etwas vor, was geradezu Licht verbreiten kann iiber
dasjenige, was herein will in unsere Naturbetrachtung im Goetheanis-
mus, und iiber dasjenige, was da ist. Es liegt die merkwiirdige Tat-
sache vor, daB kaum irgend jemand so klare Anschauungen hatte iiber
die Be2iehungen der Naturerscheinungen zu der mathematischen Be-
trachtung wie Goethe. Das wird ja immer gewohnlich bestritten. Ein-
fach, weil Goethe selbst kein ausgepichter Mathematiker war, wird
bestritten, daB er eine klare Anschauung hatte von den Beziehungen
der Naturerscheinungen zu den mathematischen Formulierungen, die
immer beliebter und beliebter geworden sind und die im Grunde ge-
nommen das einfach Sichere in der Naturbetrachtung heute sind. Nun
handelt es sich darum, daB in neuerer Zeit immer mehr und mehr diese
mathematische Betrachtungsweise der Naturerscheinungen - also, es
ware falsch zu sagen: die mathematische Naturbetrachtung -, diese
Betrachtung der Naturerscheinungen durch mathematische Formulie-
rungen, daB diese gerade auch maBgebend geworden ist fur die Art,
wie man sich die Natur selbst vorstellt.
Nun muB man iiber diese Dinge zur Klarheit kommen. Sehen Sie,
da haben wir auf dem gebrauchlichen Wege zur Natur hin eigentlich
zunachst dreierlei. Dieses Dreierlei, das ist vom Menschen angewendet,
bevor er eigentlich zur Natur kommt. Das erste ist die gewohnliche
Arithmetik. Wir rechnen auBerordentlich viel in der Naturbetrachtung
heute, wir rechnen und zahlen. Nun muB man sich klar dariiber sein,
daB die Arithmetik etwas ist, was der Mensch durchaus durch sich
selbst begreift. Es ist ganz gleichgiiltig, was wir zahlen, wenn wir
zahlen. Indem wir Arithmetik in uns aufnehmen, nehmen wir etwas
in uns auf, das zunachst gar keinen Bezug zur AuBenwelt hat. Daher
konnen wir ebensogut Erbsen wie Elektronen zahlen. Die Art und
Weise, wie wir einsehen, daB unsere Zahl- und Rechnungsmethoden
richtig sind, die ist etwas ganz anderes als das, was sich uns ergibt in
dem Vorgang, auf den wir die Arithmetik anwenden.
Das zweite ist noch immer etwas, was wir ausuben, bevor wir
eigentlich an die Natur herankommen. Es ist das, was Gegenstand der
Geometrie ist. Was ein Wtirfel, was ein Oktaeder ist, wie ihre Winkel
sind, das machen wir aus, ohne daB wir unsere Beobachtung iiber die
Natur ausdehnen, das ist etwas, was wir aus uns herausspinnen. DaB
wir die Dinge zeichnen, ist nur etwas, was unserer Tragheit dient. Wir
konnten ebensogut alles dasjenige, was wir durch Zeichnung veran-
schaulichen, uns bloB vorstellen, und es ist sogar niitzlich, wenn wir
uns manches bloB vorstellen und weniger die Leiter der Veranschau-
lichung beniit2en. Daraus ergibt sich, daB dasjenige, was wir auszu-
sagen haben iiber die geometrische Form, aus einem Gebiet genom-
men ist, das zunachst fern der auBeren Natur steht. Was wir auszusagen
haben iiber einen Wiirfel, das wissen wir, ohne daB wir es ablesen vom
Steinsalzwiirfel. Aber es muB sich an diesem auch finden. Wir machen
also etwas fern der Natur und wenden es dann auf die Natur an.
Ein Drittes, mit dem wir noch immer nicht an die Natur heran-
dringen, ist das, was wir treiben in der sogenannten Phoronomie, in
der Bewegungslehre. Nun ist es doch von einer gewissen Wichtigkeit,
daB Sie sich klar machen, wie auch diese Phoronomie etwas ist, was im
Grunde genommen noch feme steht der sogenannten wirklichen Na-
turerscheinung. Sehen Sie, ich stelle mir vor - ich sehe nicht auf einen
bewegten Gegenstand hin, sondern ich stelle mir vor -, daB ein Gegen-
stand sich bewegt von, sagen wir, Punkt a nach Punkt b. Ich sage
sogar, es bewege sich der Punkt a nach Punkt b hin. Das stelle ich
mir vor. Nun kann ich mir jederzeit vorstellen, daB diese Bewegung
von a nach by die ich durch den Pfeil angedeutet habe, aus zwei
Bewegungen zusammengesetzt ist. Denken Sie sich einmal, der
Punkt a wiirde nach b kommen sollen, aber er wiirde nicht gleich die
Richtung nach b einschlagen, sondern er wiirde^ sich zunachst in der
Richtung bewegen bis c. Wenn er sich dann hinterher von c nach b
bewegt, so kommt er auch bei b an. Ich kann also die Bewegung von
a nach b mir auch so vorstellen, daB sie nicht auf der Linie a-b verlauft,
sondern auf der Linie oder auf den zwei Linien a-c-b. Das heiBt, ich
kann mir vorstellen, daB die Bewegung a-b zusammengesetzt ist aus
der Bewegung a-c und c-b, also aus zwei anderen Bewegungen. Sie
brauchen gar nicht einen Naturvorgang zu verfolgen, sondern Sie
konnen sich vorstellen, daB die Bewegung a-b aus den beiden anderen
Bewegungen zusammengesetzt ist, das heiBt, daB statt der einen Be-
wegung die beiden anderen Bewegungen mit demselben Effekt aus-
gefuhrt werden konnten. Wenn ich mir das vorstelle, so ist dieses Vor-
gestellte rein aus mir herausgesponnen. Denn statt daB ich das ge-
zeichnet habe, hatte ich Ihnen Anleitung geben konnen zum Vor-
stellen der Sache, und das miiBte eine fur Sie giiltige Vorstellung sein.
Aber wenn in der Natur wirklich so etwas wie ein Punkt a da ist, ein
kleines Schrotkorn etwa, und sich einmal von a nach b bewegt und
ein anderes Mai von a nach c und von c nach b bewegt, so geschieht
das wirklich, was ich mir vorgestellt habe. Das heiBt, in der Be-
wegungslehre ist es so, daB ich mir die Bewegungen vorstelle, aber daB
dieses Vorgestellte anwendbar ist auf die Naturerscheinungen, sich
bewahren muB an- den Naturerscheinungen.
So also konnen wir sagen: In Arithmetik, in Geometrie, in Phoro-
nomie haben wir die drei Vorstufen der Naturbetrachtung. Die Be-
griffe, die wir dabei gewinnen, spinnen wir ganz aus uns selbst heraus,
aber sie sind maBgebend fur dasjenige, was in der Natur geschieht.
Nun bitte ich Sie, einen kleinen Erinnerungsspaziergang zu machen
in Ihr mehr oder weniger lang zuriickliegendes Physikstudium und
sich zu erinnern, daB einmal darin Ihnen so etwas entgegengetreten
ist wie das sogenannte Krafte-Parallelogramm : Wenn auf einen Punkt
a eine Kraft wirkt, so kann diese Kraft den Punkt a nach dem Punkt b
Ziehen. Also unter dem Punkt a verstehe ich irgend etwas Materielles,
sagen wir wiederum ein kleines Kornchen. Das ziehe ich durch eine
Kraft von a nach b. Bitte den Unterschied zu beachten zwischen
dem, wie ich jetzt spreche und wie ich vorhin gesprochen habe.
Ich habe vorhin von der Bewegung gesprochen, jetzt spreche ich
davon, daB eine Kraft das a nach b zieht. Wenn Sie das MaB der
Kraft, die von a nach b zieht, sagen wir mit funf Gramm, ausdriicken
durch Strecken (es wird gezeichnet) : ein Gramm, zwei Gramm, drei
\
\
\
of
Gramm, vier Gramm, fiinf Gramm, so konnen Sie sagen: Ich ziehe
mit der Kraft von fiinf Gramm das a nach b. Ich konnte den ganzen
Vorgang auch anders gestalten, konnte mit einer gewissen Kraft das a
zuerst nach c ziehen. Wenn ich es aber von a nach c ziehe, dann kann
ich noch einen zweiten Zug ausfuhren. Ich kann ziehen in derselben
Richtung, die hier durch die Verbindungslinie von c nach b angegeben
ist, und ich muB dann ziehen mit einer Kraft, welche entspricht dieser
Lange. Wenn ich also hier mit einer Kraft von fiinf Gramm ziehe, so
miilke ich aus dieser Figur ausrechnen, wie groB der Zug a-c sein muB
und wie groB der Zug c-b sein muB. Und wenn ich zu gleicher Zeit
ziehe von a nach c und a nach dy so ziehe ich das a so fort, daB es zu-
letzt nach b kommt, und ich kann berechnen, wie stark ich nach c und
wie stark ich nach d ziehen muB. Aber das kann ich nicht so aus-
rechnen, wie ich die Bewegung ausrechnen kann im obigen Beispiel.
Was ich hier oben fur die Bewegung finde, das kann ich in der Vor-
stellung ausrechnen. Sobald ein wirklicher Zug, das heiBt eine wirk-
liche Kraft ausgeiibt wird, muB ich diese Kraft irgendwie messen. Da
muB ich an die Natur selbst herangehen, da muB ich schreiten von der
Vorstellung in die Tatsachenwelt hinein. Und je klarer Sie sich machen
diesen Unterschied zwischen dem Bewegungs-Parallelogramm - ein
Parallelogramm wird es ja auch, wenn Sie sich dieses (erste Figur, d)
erganzen - und dem Krafte-Parallelogramm, um so klarer und scharfer
haben Sie ausgedriickt den Unterschied zwischen all dem, was sich
innerhalb der Vorstellung festsetzen laBt, und dem, was da liegt, wo
die Vorstellungen auf horen. Sie konnen zu Bewegungen in der Vor-
stellung kommen, aber nicht zu Kraften. Die miissen Sie in der AuBen-
welt messen. Und Sie konnen iiberhaupt nur, wenn Sie es auBerlich
experimentell feststellen, konstatieren, daB, wenn zwei Ziige ausgeiibt
werden, von a nach c und von a nach dt daB dann a nach b gezogen
wird nach den Gesetzen des Krafte-Parallelogramms. Es gibt gar
keinen Vorstellungsbeweis wie oben. Das muB auBerlich gemessen
werden. Daher kann man sagen: Das Bewegungs-Parallelogramm wird
gewonnen aus der bloBen Vernunft heraus, das Krafte-Parallelo-
gramm muB gewonnen werden auf empirische Weise durch auBere
Erfahrungen. Und indem Sie unterscheiden Bewegungs-Parallelo-
gramm von Krafte-Parallelogramm, haben Sie haarscharf vor sich den
Unterschied zwischen Phoronomie und Mechanik. Die Mechanik,
die es schon zu tun hat mit Kraften, nicht mehr bloB mit Bewegungen,
ist bereits eine Naturwissenschaft. Eine eigentliche Naturwissenschaft
ist Arithmetik, ist Geometrie, ist Phoronomie noch nicht. Nur die
Mechanik hat es mit der Wirkung von Kraften im Raum und in
der Zeit zu tun. Aber man muB iiber das Vorstellungsleben hinaus-
gehen, wenn man zu dieser ersten Naturwissenschaft, zu der Mechanik,
vorschreiten will.
Schon hier in diesem Punkt denken eigentlich unsere Zeitgenossen
nicht klar genug. Ich will Ihnen an einem Beispiel anschaulich
machen, wie gewaltig eigentlich der Sprung ist von der Phoronomie
in die Mechanik hinein. Die phoronomischen Erscheinungen konnen
ganz innerhalb des Vorstellungsraumes verlaufen, die mechanischen
Erscheinungen aber werden von uns zunachst nur gepriift werden
konnen an der AuBenwelt. Man macht sich das so wenig klar, daB
man eigentlich immer etwas konfundiert dasjenige, was man noch
mathematisch einsehen kann, mit demjenigen, worinnen schon die
Entitaten der AuBenwelt spielen. Denn, was muB da sein, wenn wir
vom Krafte-Parallelogramm reden? Solange wir vom Bewegungs-
Parallelogramm reden, braucht nichts da zu sein als ein gedachter
Korper. Aber dort beim Krafte-Parallelogramm muB schon da sein
eine Masse, eine Masse, die zum Beispiel Gewicht hat. Dariiber muB
man sich klar sein: In a muB eine Masse sein. Jetzt fuhlt man sich wohl
auch gedrungen zu fragen: Was ist das eigentlich, eine Masse?
Ja, da wird man gewissermaBen sagen mussen: Hier stocke ich
schon. Denn es stellt sich heraus, daB, wo man dasjenige verlaBt, was
in der Vorstellungswelt so festgesetzt werden kann, daB es fur die
Natur gilt, daB wenn man da hineinkommt, man auf ziemlich un-
sicherem Gebiete steht. Sie wissen ja, daB man, um gewissermaBen
mit Arithmetik, mit Geometrie und Phoronomie und mit dem, was
man ein biBchen hereinholt von der Mechanik, auszukommen, sich
mit dem ausriistet und dann versucht, durch die Mechanik der Mole-
kiile, der Atome, in die man sich zerteilt denkt das, was man Materie
nennt, sich vorzustellen die Naturerscheinungen, die man zunachst
als subjektive Erfahrungen betrachtet. Wir greifen irgendeinen war-
men Korper an. Der Naturforscher erzahlt uns : Das, was du da Warme
nennst, ist Wirkung auf deine Warmenerven. Objektiv vorhanden ist
die Bewegung der Molekule, der Atome. Die kannst du studieren nach
den Gesetzen der Mechanik. - Und so studiert man die Gesetze der
Mechanik, Atome und Molekule, und man hat ja lange Zeit geglaubt,
durch das Studium der Mechanik der Atome und so weiter iiberhaupt
alle Naturerscheinungen erklaren zu konnen. Heute ist das ja schon im
Wanken. Aber auch dann muB man, selbst wenn man bis zum Atom
gedanklich vorgeht, durch allerlei Experimente dazu kommen, sich zu
fragen: Ja, wie tritt denn da die Kraft auf? Wie wirkt die Masse? Wenn
man bis zum Atom vordringt, so muB man fragen nach der Masse des
Atoms und muB weiter fragen: Wie erkennt man sie? Man kann ge-
wissermaBen die Masse auch nur an ihrer Wirkung erkennen.
Nun, man hat sich gewohnt, das Kleinste, was man anspricht als
Trager mechanischer Kraft, so an der Wirkung zu erkennen, daB man
sich die Frage beantwortet hat : Wenn ein solcher kleinster Teil einen
anderen kleinen Teil, sagen wir einen kleinen Tell einer Materie von
dem Gewicht eines Gramms, in Bewegung versetzt, so muB da eine
Kraft ausgehen von dieser Materie, die die andere in Bewegung ver-
setzt. Wenn diese Masse die andere Masse, welche ein Gramm schwer
ist, so in Bewegung versetzt, daB diese andere Masse in einer Sekunde
einen Zentimeter weit fliegt, so hat die erste Masse eine Kraft an-
gewendet, die man sich gewohnt hat als eine Art von «Welteinheit»
zu betrachten. Und wenn man sagen kann: Irgendeine Kraft ist soviel-
mal groBer als diese Kraft, welche man anwenden muB, um ein Gramm
in einer Sekunde einen Zentimeter weit zu bringen, so weiB man, wie
sich diese Kraftanwendung zu einer gewissen Welteinheit verhalt.
Diese Welteinheit ist, wenn man sie ausdrucken wiirde durch ein Ge-
wicht, 0,001019 Gramm. Also wiirde man sagen konnen: Solch ein
atomistischer Korper, iiber dessen Kraftanwendung wir nicht weiter
zuriickgehen in der Natur, der ist imstande, irgendeinem Korper von
einem Gramm GroBe einen solchen Schubs zu geben, daB dieser in
einer Sekunde einen Zentimeter weit fliegt.
Aber ausdrucken, was in dieser Kraft steckt, wie kann man es nur?
Man kann es, wenn man auf die Waage geht: Diese Kraft kommt
gleich dem Druck, der sich ausdriickt durch 0,001019 Gramm beim
Wagen. Also, durch etwas sehr AuBerliches, Reales muB ich mich aus-
drucken, wo ich an das heran will, was in der Welt Masse genannt
wird. Ich kann dasjenige, was ich da ersinne als Masse, dadurch aus-
drucken, daB ich etwas, was ich auf auBerlichen Wegen kennenlerne,
ein Gewicht, ins Feld fiihre. Ich driicke die Masse nur aus durch ein
Gewicht. Selbst wenn ich in das Atomisieren der Masse gehe, driicke
ich mich durch ein Gewicht aus.
Damit mochte ich Ihnen eben scharf den Punkt bezeichnen, wo wir
gewissermaBen aus dem a priori Festzustellenden in das NaturgemaBe
hineinkommen. Und ich mochte Sie darauf aufmerksam machen, wie
notwendig es ist, sich klar zu machen, inwieweit anwendbar ist das-
jenige, was wir auBer aller Natur feststellen in Arithmetik, Geometrie,
Phoronomie, inwieweit das maBgebend sein kann fur das, was uns
eigentlich von ganz anderer Seite entgegentritt, was uns zum ersten
Mai entgegentritt in der Mechanik und was eigentlich erst der Inhalt
dessen sein kann, was wir als Naturerscheinung bezeichnen.
Sehen Sie, Goethe war sich dariiber klar, daB man von Natur-
erscheinungen iiberhaupt erst sprechen kann in dem Augenblick, wo
wir von der Phoronomie in die Mechanik eintreten. Und weil er dieses
wuBte, daher war es ihm so klar, welche Beziehung einzig und allein
die fur die Naturwissenschaft auch so vergotterte Mathematik fur diese
Naturwissenschaft haben kann.
An einem Beispiele mochte ich Ihnen dies noch klar machen: So
wie wir sagen konnen, das einfachste Element in der Naturkraft-
wirkung, das ware irgendein atomistischer Korper, der imstande ist,
ein Gramm in einer Sekunde einen Zentimeter weit zu schleudern,
so kdnnen wir schlieBlich bei alien Kraftwirkungen davon sprechen,
daB von irgendeiner Seite her die Kraft ausgeht und nach irgendeiner
Seite hin wirkt. Daher konnen wir uns gewohnen - und diese Ge-
wohnung ist ja auch in der Naturwissenschaft gang und gabe -, fur
die Naturwirkungen gewissermaBen iiberall die Punkte aufzusuchen,
von denen die Krafte ausgehen. Wir werden an zahlreichen Fallen
sehen, daB wir gewissermaBen Erscheinungsfelder haben werden,
und von dies en gehen wir zuriick auf die Punkte, von denen die
Krafte ausgehen, die die Erscheinungen beherrschen. Daher spricht
man fur solche Krafte, fur die man die Punkte sucht, von denen sie
ausgehen, damit sie die Erscheinungsfelder beherrschen, von Zentral-
kraften, weil sie immer von Zentren ausgehen. Wir konnten auch
sagen : Von Zentralkraften sind wir berechtigt zu reden, wenn wir an
einen Punkt gehen, von dem aus ganz bestimmte Krafte gehen, die
ein Erscheinungsfeld beherrschen. Dann aber mu6 nicht immer dieses
Kraftespiel wirklich stattfinden, sondern es kann so sein, daB in dem
Zentralpunkt gewissermaBen nur die Moglichkeit vorhanden ist, daB
dieses Kraftespiel stattfindet und daB erst dadurch, daB gewisse Be-
dingungen eintreten in der umliegenden Sphare, diese Krafte zur
Tatigkeit kommen.
Wir werden sehen im Laufe dieser Tage, wie gewissermaBen in den
Punkten Krafte konzentriert sind, die noch nicht spielen. Erst wenn
wir gewisse Bedingungen erfiillen, dann rufen sie in ihrer Umgebung
Erscheinungen hervor. Aber wir miissen doch einsehen, daB in diesem
Punkt oder in diesem Raum Krafte konzentriert sind, die auf ihre Um-
gebung wirken konnen. Das ist es eigentlich, was wir immer auf-
suchen, wenn wir von der Welt physikalisch reden. Alles physikalische
Forschen besteht darin, daB wir die Zentralkrafte nach ihren Zentren
hin verfolgen, daB wir versuchen, zu den Punkten vorzudringen, von
welchen Wirkungen ausgehen konnen. Daher miissen wir annehmen,
daB es fur solche Naturwirkungen Zentren gibt, die gewissermaBen
nach gewissen Richtungen hin mit Wirkungsmoglichkeiten geladen
sind. Diese Wirkungsmoglichkeiten konnen wir allerdings durch aller-
lei Vorgange messen und wir konnen auch in MaBen ausdriicken, wie
stark solch ein Punkt wirken kann. Wir nennen da im allgemeinen,
wenn in einem solchen Punkt Krafte konzentriert sind, die wirken
konnen, wenn wir gewisse Bedingungen erfiillen, wir nennen das MaB
solcher Krafte, die da konzentriert sind, das Potential, das Krafte-
Potential. Daher konnen wir auch sagen: Wir gehen darauf aus, wenn
wir Naturwirkungen studieren, Zentralkrafte nach ihren Potentialen
hin zu verfolgen. Wir gehen nach gewissen Mittelpunkten hin, um diese
Mittelpunkte als Ausgangspunkte von Potentialkraften zu studieren.
Sehen Sie, das ist im Grunde genommen der Gang, den diejenige
naturwissenschaftliche Richtung macht, die alles in Mechanik ver-
wandeln mochte. Sie sucht die Zentralkrafte, beziehungsweise die Po-
tentiale der Zentralkrafte. Hier handelt es sich darum, nun, wie durch
einen wichtigen Schritt in der Natur selbst sich klar zum BewuBtsein
zu bringen : Sie konnen unmoglich eine Erscheinung, in die das Leben
hineinspielt, verstehen, wenn Sie nur nach dieser Methode vorgehen,
wenn Sie nur suchen die Potentiale fur Zentralkrafte. Wenn Sie nach
dieser Methode studieren wollten das Kraftespiel in einem tierischen
Keim oder in einem pflanzlichen Keim, Sie wiirden nie zurecht-
kommen. Es ist ja ein Ideal der heutigen Naturwissenschaft, auch
die organischen Erscheinungen durch Potentiale zu studieren, durch
irgendwie geartete Zentralkrafte. Das wird die Morgenrote einer neuen
Weltanschauung auf diesem Gebiete sein, daB man darauf kommen
wird: Durch das Verfolgen solcher Zentralkrafte geht es nicht, kann
man Erscheinungen, durch die das Leben spielt, nicht studieren. Denn
warum nicht? Ja, stellen wir uns einmal schematisch vor, wir gingen
darauf aus, physikalisch-versuchlich Naturvorgange zu studieren.
Wir gehen zu Zentren, studieren die WirkungsmogHchkeiten, die von
solchen Zentren ausgehen konnen. Da finden wir die Wirkung. Also,
wenn ich die drei Punkte a, b, c in ihren Potentialen ausrechne, so finde
ich, daB a auf a, /?, y wirken kann, ebenso c wirken kann auf a1, /51, y1
usw. Ich bekame dann eine Anschauung dariiber, wie die Wirkung
einer gewissen Sphare sich abspielt unter dem EinnuB von Potentialen
von gewissen Zentralkraften. Niemals werde ich auf diesem Wege die
Moglichkeit finden, etwas zu erklaren, in das Lebendiges hineinspielt.
Warum denn? Weil die Krafte, die nun fur das Lebendige in Betracht
kommen, kein Potential haben und keine Zentralkrafte sind, so daB,
wenn Sie hier versuchen wiirden, in d physikalische Wirkungen zu
suchen unter dem Einflusse von a, b, c, so wiirden Sie auf Zentral-
krafte zuriickgehen konnen; wenn Sie Lebenswirkungen studieren
wollen, konnen Sie niemals so sagen, weil es keine Zentren a, b, c
gibt fur die Lebenswirkungen, sondern Sie kommen nur mit der Vor-
stellung zurecht, wenn Sie sagen: Nun, ich habe in d Lebendiges. Nun
suche ich die Krafte, die auf das Leben wirken. In ay b, c kann ich sie
nicht finden, wenn ich noch weiter gehe, auch nicht, sondern gewisser-
maBen nur, wenn ich an der Welten Ende gehe, und zwar an deren
ganzen Umkreis. Das heiBt, ich muBte hier von d ausgehend bis ans
Weltenende gehen und mir vorstellen, daB von der Kugelsphare herein
iiberall Krafte wirkten, die so zusammenspielten, daB sie in d zusam-
menkamen. Es ist also das voile Gegenteil von Zentralkraften, die ein
Potential haben. Wie sollte ich ein Potential ausrechnen fur dasjenige,
was da von der Unendlichkeit des Raumes von alien Seiten herein-
spielt ! Da wiirde es so zu rechnen sein : Ich wiirde die Krafte zu zer-
teilen haben, eine Gesamtkraft wiirde ich in immer kleinere Partien
zerteilen miissen und ich kame immer mehr an den Rand der Welt.
Dann wiirde die Kraft zersplittern. Jede Rechnung wiirde auch zer-
splittern, weil hier nicht Zentralkrafte, sondern Universalkrafte ohne
Potential wirken. Hier hort das Rechnen auf. Das ist der Sprung
wiederum von dem unlebendigen Natiirlichen in das lebendige Natiir-
liche hinein.
Nun kommt man mit einer wirklichen Naturbetrachtung nur zu-
recht, wenn man auf der einen Seite weiB, wie der Sprung von der
Phoronomie in die Mechanik ist und wie wiederum der Sprung ist von
der auBeren Natur in dasjenige, was nicht mehr durch Rechnung er-
reicht werden kann, weil jede Rechnung zersplittert, weil jedes Poten-
tial sich auflost. Man kommt durch diesen zweiten Sprung von der
auBeren unorganischen Natur in die lebendige Natur hinein. Aber
man muB sich klar sein dariiber, wie alles Rechnen auf hort, um das zu
begreifen, was das Lebendige ist.
Nun habe ich Ihnen hier hiibsch auseinandergeschalt alles, was auf
Potential- und Zentralkrafte zuriickfiihrt und was auf Universalkrafte
hinfiihrt. Aber drauBen in der Natur ist das nicht so auseinander-
geschalt. Sie konnen die Frage aufwerfen: Wo ist etwas vorhanden,
wo nur Zentralkrafte wirken nach Potentialen, und wo ist das andere
vorhanden, wo Universalkrafte wirken, die nicht nach Potentialen sich
berechnen las sen? Man kann eine Antwort darauf geben, aber diese
beweist sogleich, auf welche wichtigen Gesichtspunkte man dabei
rekurrieren muB. Man kann sagen: Alles das, was der Menschan Ma-
schinen herstellt, was aus den Elementen der Natur heraus kombiniert
ist, dabei findet man rein abstrakt Zentralkrafte nach ihrem Potential.
Was aber, auch Unlebendiges, in der Natur drauBen ist, laBt sich trotz-
dem nicht restlos nach Zentralkraften beobachten. Das gibt es nicht,
das geht nicht auf. Sondern es handelt sich darum, daB iiberall, wo
man es zu tun hat mit nicht kiinstlich vom Menschen Hergestelltem,
ein ZusammenfluB stattfindet zwischen Zentralkraftwirkungen und
Universalkraftwirkungen. Man findet im ganzen Reich der so-
genannten Natur nichts, was im wahren Sinn des Wortes unlebendig
ist, auBer dem, was der Mensch kiinstlich herstellt, sein Maschinelles,
sein Mechanisches.
Und das war, ich mochte sagen, in einem tiefen Naturinstinkt fur
Goethe etwas, was ihm durchaus klar-unklar war, weil es bei ihm
Naturinstinkt war, worauf er aber seine ganze Naturanschauung baute.
Und der Gegensatz zwischen Goethe und dem Naturforscher, wie er
reprasentiert wird durch Newton, besteht eigentlich darinnen, daB die
Naturforscher nur dieses betrachtet habenin derneueren Zeit : die auBere
Natur durchaus im Sinn der Zuruckftihrung auf Zentralkrafte zu beob-
achten, aus ihr gewissermaBen alles das hinauszuwalzen, was sich nicht
durch Zentralkrafte und Potentiale feststellen laBt. Goethe wollte solch
eine Betrachtung nicht gelten lassen, weil fur ihn dasjenige, was man
unter dem EinfluB dieser Betrachtung Natur nennt, nur eine wesenlose
Abstraktion ist. Fur ihn ist ein wirklich Reales nur das, in das hinein-
spielen sowohl Zentralkrafte wie peripherische Krafte als Universal-
krafte. Und auf diesen Gegensatz ist im Grunde genommen auch seine
ganze Farbenlehre aufgebaut. Nun, davon wird ja in den nachsten
Tagen im einzelnen zu sprechen sein.
Sehen Sie, ich muBte insbesondere durch Beriicksichtigung dessen,
was ich mir vorgesehen habe fur heute, diese Einleitung zu Ihnen spre-
chen als eine Verstandigung dariiber, wie eigentlich das Verhaltnis des
Menschen zu der Naturbetrachtung ist. Man muB in unserer Zeit
um so mehr einmal sich einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute
gepflogen haben, zuwenden, aus dem Grande, weil eigentlich heute
wirklich die Zeit herangekommen ist, wo unterbewuBt schimmert,
mochte ich sagen, das Unmogliche der heutigen Naturanschauung und
mancherlei von der Einsicht, daB es anders werden muB. Man lacht
heute noch vielfach dariiber, wenn Leute darauf kommen, daB es mit
der alten Anschauung nicht geht. Aber es wird eine Zeit kommen, die
gar nicht feme liegt, wo dieses Lachen den Menschen vergehen wird,
die Zeit, wo man auch physikalisch im Sinne Goethes wird sprechen
konnen. Man wird vielleicht liber die Farben im Sinne Goethes spre-
chen, wenn eine andere Burg erstiirmt sein wird, die als noch viel
fester gilt und die eigentlich heute auch schon ins Wanken gekommen
ist. Das ist die Burg der Gravitationslehre. Gerade auf diesem Gebiete
tauchen heute fast jedes Jahr Anschauungen auf, die an den Newton-
schen Vorstellungen von der Gravitation rutteln, die davon sprechen,
wie unmoglich es eigentlich ist, mit diesen Newtonschen Vorstellun-
gen von der Gravitation zurecht zu kommen, die ja rein darauf be-
ruhen, daB der bloBe Mechanismus der Zentralkrafte einzig und allein
figurieren soli.
Ich glaube, daB gerade heute der Lehrer der Jugend sowohl wie der-
jenige, der iiberhaupt in die Kulturentwickelung eingreifen will, sich
schon ein klares Bild davon machen muB, wie der Mensch zur Natur
stehen muB.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 24. Dezember 1919
Ich habe Ihnen gestern davon gesprochen, wie auf der einen Seite der
Naturbetrachtung steht das bloB Phoronomische, das wir gewinnen
konnen, indem wir einfach die Vorstellungen, die wir uns bilden
wollen iiber alles dasjenige, was an physikalischen Vorgangen durch
Zahlbares, durch Raumliches und durch die Bewegung verlauft, aus
unserem Vorstellungsleben heraus bilden. Dieses Phoronomische
konnen wir gewissermaBen aus unserem Vorstellungsleben heraus-
spinnen. Aber so bedeutsam es ist, daB, was wir so auch etwa an mathe-
matischen Formeln gewinnen iiber alles, was sich auf Zahlbares, auf
Raum und auf Bewegung bezieht, daB dieses auch paBt auf die Natur-
vorgange selbst, so bedeutsam ist es auf der anderen Seite, daB wir in
dem Augenblick an die auBere Erfahrung herangehen miissen, in dem
wir von dem Zahlbaren, von dem rein Raumlichen und von der Be-
wegung zum Beispiel nur schon zur Masse vordringen. Das haben wir
uns gestern klar gemacht, und wir haben vielleicht auch daraus ersehen,
daB fur die gegenwartige Physik der Sprung von der inneren Kon-
struktion des Naturgeschehens durch die Phoronomie in die auBere
physische Empirie hineingetan werden muB, ohne daB dieser Sprung
eigentlich verstanden werden kann. Sehen Sie, ohne daB man wird
Schritte dazu machen, diesen Sprung zu versteheri, wird es unmoglich
sein, jemals Vorstellungen iiber das zu gewinnen, was in der Physik
der Ather genannt werden soil. Ich habe Ihnen ja schon gestern an-
gedeutet, daB zum Beispiel fur die Licht- und Farbenerscheinungen
die gegenwartige Physik, obwohl sie schon in diesen Vorstellungen
ins Wanken geraten ist, vielfach noch sagt: Auf uns wird eine Licht-
und Farbenwirkung ausgeiibt, auf uns als Sinnenwesen, als Nerven-
wesen oder auch als Seelenwesen. Aber diese Wirkung sei subjektiv.
Was drauBen im Raum und in der Zeit vor sich geht, das sei objektiv
Bewegung im Ather. Wenn Sie aber in der heutigen physikalischen
Literatur oder sonst im physikalischen Leben nachsehen iiber die Vor-
stellungen, die man sich iiber diesen Ather gebildet hat, der bewirken
soli die Lichterscheinungen, so werden Sie linden, daB diese Vor-
stellungen einander widersprechend und verworren sind, und man
kann auch mit demjenigen, was der heutigen Physik zur Verfftgung
steht, wirklich sachgemaBe Vorstellungen iiber das, was Ather ge-
nannt werden soil, nicht gewinnen.
Wir wollen einmal versuchen, den Weg anzutreten, der wirklich zur
Uberb ruckung jener Kluft fuhren kann zwischen Phoronomie und
auch nur der Mechanik, denn diese hat es naturlich mit Kraften und
mit Massen zu tun. Ich will - obwohl das, was durch diese Formel aus-
gedriickt wird, uns spater noch beschaftigen kann, so daB auch die-
jenigen von Ihnen, die sich vielleicht an diese Formel nicht mehr er-
innern aus ihrer Schulzeit her, das werden nachholen konnen, was
zum Verstandnis gehort -, ich will sie heute nur als Lehrsatz vor-
fiihren. Ich werde die Elemente zusammenstellen, damit Sie sich diese
Formel ein wenig vor die Seele riicken konnen.
Sehen Sie, wenn wir im Sinne jetzt der Phoronomie annehmen, daB
ein Punkt - wir miissen da eigentlich immer sagen ein Punkt -, daB
ein Punkt sich bewegt, bewegt in dieser Richtung, so bewegt sich solch
ein Punkt - wir sehen jetzt nur auf die Bewegung, nicht auf ihre Ur-
sachen - entweder schneller oder langsamer. Wir konnen daher sagen :
Der Punkt bewegt sich mit groBerer oder geringerer Geschwindig-
keit. Und ich will die Geschwindigkeit v nennen. Diese Geschwindig-
keit ist also eine groBere oder eine geringere. Solange wir nichts an-
deres beachten, als daB sich ein solcher Punkt mit einer gewissen Ge-
schwindigkeit bewegt, so lange bleiben wir innerhalb der Phoronomie
stehen. Aber damit wiirden wir an die Natur nicht herankommen
konnen, nicht einmal an die bloB mechanische Natur. Wir miissen,
wenn wir an die Natur herankommen wollen, darauf Riicksicht neh-
men, wodurch der Punkt sich bewegt und daB ein bloB gedachter
Punkt sich nicht bewegen kann, daB also der Punkt etwas im auBeren
Raum sein muB, wenn er sich bewegen soil. Kurz, wir miissen an-
nehmen, daB eine Kraft wirkt auf diesen Punkt. Das v will ich die
Geschwindigkeit nennen, p will ich die Kraft nennen, die auf diesen
Punkt wirkt. Diese Kraft, wir wollen annehmen, daB sie nun nicht
bloB einmal auf diesen Punkt gewissermaBen driickt und ihn in Be-
wegung bringt, wodurch er ja schlieBlich fortfliegen wiirde mit einer
Geschwindigkeit, wenn er kein Hindernis fande, sondern wir wollen
ausgehen von der Annahme, daB diese Kraft fortwahrend wirkt, daB
also wahrend dieses ganzen Weges die Kraft auf diesen Punkt wirkt.
Und die Wegstrecke, wahrend welcher diese Kraft auf den Punkt
wirkt, will ich s nennen. Dann miissen wir auBerdem Rucksicht
nehmen darauf, daB der Punkt etwas sein muB im Raum, und dieses
Etwas, das kann groBer oder geringer sein. Je nachdem dieses Etwas
groBer oder geringer ist, konnen wir sagen : Der Punkt hat mehr oder
weniger Masse. Die Masse driicken wir ja zunachst aus durch das
Gewicht. Wir konnen das, was durch die Kraft bewegt wird, abwiegen
und konnen es durch das Gewicht ausdriicken; m nenne ich also die
Masse. Wenn aber nun auf die Masse m die Kraft p wirkt, so muB
natiirlich eine gewisse Wirkung entstehen. Diese auBert sich dadurch,
daB die Masse nun nicht mit gleichformiger Geschwindigkeit, sondern
schneller und schneller sich weiterbewegt, daB die Geschwindigkeit
immer groBer und groBer wird. Das heiBt, wir miissen darauf Riick-
sicht nehmen, daB wir es mit einer zunehmenden Geschwindigkeit
zu tun haben. Es wird ein gewisses MaB vorhanden sein, nach wel-
chem die Geschwindigkeit zunimmt. Wenn auf dieselbe Masse eine
kleinere Kraft wirkt, so wird diese die Bewegung weniger schneller
und schneller machen konnen, und wenn auf dieselbe Masse eine
groBere Kraft wirkt, so wird sie die Bewegung mehr schneller und
schneller machen konnen. Dieses MaB, in dem die Geschwindigkeit
zunimmt, will ich die Beschleunigung nennen und mit y bezeichnen.
Was uns aber jetzt vor alien Dingen interessiert, ist das Folgende. Und
da will ich Sie eben erinnern an eine Formel, die Sie wahrscheinlich
kennen, an die Sie sich nur erinnern sollen. Wenn man das Produkt
bildet aus der Kraft, welche auf die Masse wirkt, in die Wegstrecke,
so ist dieses Produkt gleich, das heiBt es kann auch ausgedriickt wer-
den dadurch, daB man die Masse multipliziert mit dem Quadrate der
Geschwindigkeit und durch 2 dividiert, das heiBt, es ist p s = Wenn
Sie die von mir aus rechte Seite der Formel in Betracht Ziehen, so sehen
Sie darinnen eben die Masse. Sie konnen aus der Gleichung ersehen,
daB, je groBer die Masse wird, desto groBer muB die Kraft sein. Aber,
was uns jetzt interessiert, ist das, daB wir auf der rechten Seite der Glei-
chung die Masse haben, also dasjenige, was wir phoronomisch keines-
wegs erreichen konnen. Nun handelt es sich darum : Soil man sich nun
einfach gestehen, daB alles dasjenige, was auBerhalb des Phoronomi-
schen liegt, immer unerreichbar bleiben miisse, daB wir das gewisser-
maBen nur vom Anglotzen, vom Anschauen kennenlernen sollen, oder
gibt es doch jene Briicke, die die heutige Physik nicht finden kann,
zwischen dem Phoronomischen und dem Mechanischen? Sehen Sie,
die heutige Physik kann den Obergang heute nicht finden - und die
Folgen davon sind ungeheuerlich - aus dem Grunde, weil sie keine
wirkliche Menschenkunde, keine wirkliche Physiologie hat, weil man
eigentlich den Menschen nicht wirklich kennt. Sehen Sie, schreibe ich
v2 hin, dann habe ich etwas, was rein im Zahlbaren und in der Be-
wegung aufgeht. Insoweit ist die Formel gewissermaBen eine phoro-
nomische. Schreibe ich das m hin, so muB ich mich fragen: Gibt es
irgend etwas in mir selber, was dem entspricht, ahnlich dem entspricht,
wie meine Vorstellung des Zahlbaren, des Raumlichen entspricht dem-
jenigen, was ich zum Beispiel mit v hinschreibe? Was entspricht also
dem Was tue ich denn eigentlich? Der Physiker ist sich gewohnlich
nicht bewuBt, indem er das m hinschreibt, was er da tut. Nun sehen
Sie, diese Frage fiihrt darauf zuriick : Kann ich uberhaupt in ahnlicher
Art iiberschauen, was. in dem m liegt, wie ich phoronomisch iiber-
schauen kann, was im v liegt? Man kann es, wenn man das Folgende
sich zum BewuBtsein bringt: Wenn Sie mit dem Finger auf irgend
etwas drucken, so machen Sie sich gewissermaBen bekannt mit der ein-
fachsten Form eines Druckes. Die Masse verrat sich ja - ich habe Ihnen
gesagt : Man kann sie sich vergegenwartigen dadurch, daB man sie ab-
wiegt - durch nichts anderes zunachst als dadurch, daB sie einen Druck
auszuiiben vermag. Mit einem solchen Druck kann man sich bekannt-
machen, indem man mit dem Finger auf etwas druckt. Aber nun muB
man sich fragen : Geht in uns etwas Ahnliches vor, wenn wir mit dem
Finger auf etwas drucken, also einen Druck erleben, wie wenn wir zum
Beispiel einen bewegten Korper iiberschauen? Ja, es geht schon etwas
vor. Das, was vorgeht, das konnen Sie sich dadurch klar machen, daB
Sie den Druck immer starker und starker machen. Versuchen Sie es
einrnal - oder versuchen Sie es lieber nicht -, einen Druck auf eine
Korperstelle auszuiiben und immer mehr und mehr zu verstarken,
starker und starker zu machen ! Was wird geschehen? Nun, wenn Sie
ihn geniigend stark machen, verlieren Sie die Besinnung, das heiBt, Ihr
BewuBtsein geht Ihnen verloren. Daraus aber konnen Sie schlieBen,
daB diese Erscheinung des BewuBtsein-verloren-Gehens gewisser-
maBen im Kleinen auch stattfindet, wenn Sie den noch ertraglichen
Druck ausiiben. Nur geht eben so wenig von der Kraft des BewuBt-
seins verloren, daB Sie es noch aushalten konnen. Aber das, was ich
Ihnen charakterisiert habe als den BewuBtseinsverlust bei einem so
starken Druck, daB man ihn nicht mehr aushalten kann, das ist teil-
weise im Kleinen auch dann vorhanden, wenn wir irgendwie in Be-
riihrung kommen mit einer Druckwirkung, mit einer Wirkung, die
von einer Masse ausgeht. Und jetzt brauchen Sie den Gedanken nur
weiter zu verfolgen, dann werden Sie nicht mehr feme davon sein, das-
jenige, was mit dem m hingeschrieben wird, zu verstehen. Wahrend
alles Phoronomische gewissermaBen neutral mit unserem BewuBtsein
vereint wird, sind wir bei dem, was wir mit dem m bezeichnen, nicht
in dieser Lage, sondern da dampft sich unser BewuBtsein sogleich her-
ab. Kleine Partien der Herabdampfung des BewuBtseins konnen wir
noch aushalten, groBe nicht mehr. Aber dasjenige, was zugrunde liegt,
ist dasselbe. Indem wir m hinschreiben, schreiben wir das in der Natur
hin, was, wenn es sich mit unserem BewuBtsein vereinigt, dieses Be-
wuBtsein auf hebt, das heiBt uns partiell einschlafert. So treten wir mit
der Natur in eine Beziehung, aber in eine solche Beziehung, die unser
BewuBtsein partiell einschlafert. Sie sehen, warum das nicht phorono-
misch verfolgt werden kann. Alles Phoronomische liegt neutral in un-
serem BewuBtsein. Wenn wir daruber hinausgehen, treten wir in die
Partien ein, die unserem BewuBtsein entgegengesetzt liegen und die es
auf heben. Also, indem wir die Formel ps = ~- hinschreiben, miissen
wir uns sagen: Unsere Menschenerfahrung enthalt ebenso das m wie
sie das v enthalt, aber unser gewohnliches BewuBtsein reicht nur nicht
aus, um dieses ?n zu umfassen. Dieses m saugt uns sogleich die Kraft
unseres BewuBtseins aus. Jetzt haben Sie eine reale Beziehung zum
Menschen. Eine ganz reale Beziehung zum Menschen. Sie sehen, es
miissen BewuBtseinszustande zu Hilfe genommen werden, wenn wir
das NaturgemaBe verstehen wollen. Ohne diese Zuhilfenahme gelingt
es nicht, vom Phoronomischen auch nur zum Mechanischen vor-
2uschreiten.
Nun aber, wenn wir auch mit unserem BewuBtsein in all dem, was
zum Beispiel mit m bezeichnet werden kann, nicht drinnen leben
konnen, mit unserem ganzen Menschen leben wir doch darinnen. Na-
mentlich leben wir mit unserem Willen darinnen, und wir leben sehr
stark mit unserem Willen darinnen. Wie wir in der Natur mit unserem
Willen darinnenleben, will ich an einem Beispiel veranschaulichen.
Da muB ich aber ausgehen von etwas, das Sie wieder erinnern
miissen aus der Schulzeit. Ich will Ihnen etwas zuriickrufen, was
Sie wahrend Ihrer Schulzeit gut kennengelernt haben. Sie wissen, daB,
wenn wir hier eine Waage haben, so konnen wir, wenn wir hier das
Waaggewicht daraufgeben, einen gleichschweren Gegenstand, den ich
eben jetzt nur anhangen will, um die Waagebalken ins Gleichgewicht
zu bringen, konnen wir diesen Gegenstand abwiegen; wir flnden sein
Gewicht. In dem Augenblick, wo wir ein GefaB mit Wasser hierher
stellen - es ist bis hierher gefullt (Zeichnung) -, in welches Wasser
wir den Gegenstand hineinversenken, in dem Augenblick schnellt der
Waagebalken hinauf. Dadurch, daB der Gegenstand ins Wasser ge-
taucht ist, wird er leichter, verliert er von seinem Gewicht. Und wenn
wir priifen, wieviel er leichter geworden ist, wenn wir notieren, wie-
viel wir abziehen miissen, wenn wir die Waage wieder ins Gleich-
gewicht bringen, dann finden wir, daB der Gegenstand jetzt um soviel
leichter ist, als das Gewicht des Wassers betragt, das er verdrangt hat.
Also, wenn wir diesen Rauminhalt Wasser abwiegen, so gibt uns das
den Gewichtsverlust. Sie wissen, man nennt das das Gesetz des Auf-
triebes und sagt: Jeder Korper wird in einer Fliissigkeit urn soviel
leichter, als das Gewicht der Fliissigkeit betragt, die er verdrangt. Sie
sehen also, wenn ein Korper in einer Fliissigkeit ist, so strebt er nach
oben, so entzieht er sich in gewisser Weise dem Druck nach unten,
dem Gewichte. Dasjenige, was man so objektiv physikalisch beob-
achten kann, das hat in der Konstitution des Menschen eine sehr
wichtige Bedeutung.
Sehen Sie, unser Gehirn wiegt durchschnittlich 1250 Gramm. Wenn
dieses Gehirn, indem wir es in uns tragen, wirklich 1250 Gramm wie-
gen wiirde, dann wiirde es so stark driicken auf die unter ihm be-
findlichen Blutadern, daB das Gehirn nicht in richtiger Weise mit Blut
versorgt werden konnte. Es wiirde ein starker Druck ausgeiibt wer-
den, der das BewuBtsein sogleich umnebeln wiirde. In Wahrheit driickt
das Gehirn gar nicht mit den vollen 1250 Gramm auf die Unterflache
der Schadelhohle, sondern nur mit etwa 20 Gramm. Das kommt davon
her, daB das Gehirn in der Gehirnfliissigkeit schwimmt. So wie der
Korper hier im Wasser schwimmt, so schwimmt das Gehirn in der
Gehirnfliissigkeit. Und das Gewicht der Gehirnfliissigkeit, die ver-
drangt wird durch das Gehirn, betragt eben ungefahr 1230 Gramm.
Um diese wird das Gehirn leichter und hat nur noch 20 Gramm. Das
heiBt, wenn man nun auch - und das tut man ja mit einem gewissen
Recht - das Gehirn als das Werkzeug unserer Intelligenz und unseres
Seelenlebens, wenigstens eines Teiles unseres Seelenlebens, betrachtet,
so muB man nicht bloB rechnen mit dem wagbaren Gehirn - denn die-
ses ist nicht allein da -, sondern dadurch, daB ein Auftrieb da ist, strebt
das Gehirn eigentlich nach aufwarts, strebt seiner eigenen Schwere
entgegen. Das heiBt, wir leben mit unserer Intelligenz nicht in ab-
wartsziehenden, sondern in aufwartsziehenden Kraften. Wir leben mit
unserer Intelligenz in einem Auftrieb drinnen.
Nun ist das, was ich Ihnen auseinandergesetzt habe, allerdings nur
fur unser Gehirn so. Die anderen Teile unseres Organismus, also von
dem Bo den der Schadeldecke nach unten, die sind nur zum kleinsten
Teil - nur das Riickenmark - in derselben Lage. Aber im ganzen stre-
ben die anderen Teile des Organismus nach unten. Da leben wir also
in dem Zug nach unten. Wir leben im Gehirn im Auftriebe, nach auf-
warts, und sonst im Zuge nach unten. Unser Wille lebt durchaus im
Zug nach unten. Er muB sich vereinigen mit dem Druck nach unten.
Dadurch aber wird ihm das BewuBtsein genommen. Dadurch schlaft
erfortwahrend. Gerade das ist das Wesentliche der Willenserscheinung,
daB sie als bewuBte ausgeloscht wird, deshalb, weil sich der Wille mit
der nach unten gerichteten Schwerkraft vereinigt. Und unsere Intelli-
genz wird lichtvoll dadurch, daB wir uns vereinigen konnen mit dem
Auftrieb, daB unser Gehirn entgegenarbeitet der Schwerkraft.
Sie sehen, durch die verschiedenartige Vereinigung des mensch-
lichen Lebens mit dem zugrunde liegenden Materiellen wird auf der
einen Seite das Untergehen des Willens in der Materie bewirkt und auf
der anderen Seite wird die Auf hellung des Willens zur Intelligenz be-
wirkt. Niemals konnte die Intelligenz entstehen, wenn unser Seelen-
wesen gebunden ware an eine bloB nach abwarts strebende Materie.
Nun bedenken Sie, daB wir also eigentlich erleben, richtig erleben,
wenn wir nicht in der heutigen Abstraktion den Menschen betrachten,
sondern so betrachten, wie er wirklich ist, so daB das Geistige mit dem
Physischen zusammenkommt - da muB nur das Geistige so stark ge-
dacht werden, daB es auch die physische Kenntnis umfassen kann -,
daB bei ihm auf der einen Seite durch eine besondere Vereinigung mit
dem materiellen Leben, namlich mit dem Auftrieb im materiellen Le-
ben, die Auf hellung in die Intelligenz ist und auf der anderen Seite die
Einschlaferung, wenn wir den Willen gewissermaBen aufsaugen lassen
miissen von dem nach unten gerichteten Druck, so daB der Wille im
Sinne dieses nach unten gerichteten Druckes wirkt. Er wirkt so. Nur
ein kleiner Teil von ihm filtriert sich durch bis zu dem 20-Gramm-
Druck, geht in die Intelligenz hinein. Daher ist die Intelligenz etwas
vom Willen durchdrungen. Aber im wesentlichen haben wir es in der
Intelligenz zu tun mit dem, was entgegengesetzt ist der ponderablen
Materie. Wir wollen immer iiber den Kopf hinaus, indem wir denken.
Hier sehen Sie, wie in der Tat sich zusammenschlieBen muB das
physische Erkennen mit demjenigen, was im Menschen lebt. Bleiben
wir innerhalb des Phoronomischen stehen, dann haben wir es zu tun
mit den heute so beliebten Abstraktionen, und wir konnen keine
Briicke bauen zwischen diesen beliebten Abstraktionen und demjeni-
gen, was die auBere Naturwirklichkeit ist. Wir brauchen eine Erkennt-
nis mit so stark geistigem Inhalt, daB dieser geistige Inhalt wirklich
untertauchen kann in die Naturerscheinungen und daB er zum Beispiel
so etwas begreifen kann, wie das physikalische Gewicht und der Auf-
trieb im Menschen selber wirken.
Nun habe ich Ihnen gezeigt, wie der Mensch sich innerlich aus-
einandersetzt mit dem Druck nach unten und dem Auftrieb, wie er
sich also hineinlebt in den Zusammenhang zwischen Phoronomischem
und Materiellem. Aber Sie sehen, man braucht dazu eine neue wissen-
schaftlkhe Vertiefung. Mit der alten wissenschaftlichen Gesinnung ist
das nicht zu machen. Diese erfindet Wellenbewegungen oder Emis-
sionen, die aber auch nur rein abstrakt sind. Sie sucht den Weg hiniiber
in die Materie geradezu durch Spekulation, kann ihn naturlich da-
durch nicht finden. Eine wirklich geistige Wissenschaft, die sucht den
Weg hiniiber in die Materie, indem sie versucht, wirklich unterzutau-
chen in die Materie, indem also das Seelenleben nach Wille und In-
telligenz verfolgt wird bis in die Druck- und Auftriebserscheinungen
hinein. Da haben Sie wirklichen Monismus. Der kann nur entstehen
von der geistigen Wissenschaft aus. Nicht jener Wortmonismus, der
vom Nichtwissen heute so stark getrieben wird. Aber es ist eben not-
wendig, daB gerade die Physik, wenn ich mich des Ausdrucks be-
dienen darf, ein wenig Griitze in den Kopf bekommt, indem sie solche
Erscheinungen, die da sind, auf der anderen Seite mit der physio-
logischen Erscheinung des Schwimmens des Gehirns in Zusammen-
hang bringt. Sobald man den Zusammenhang hat, weiB man: So muB
es sein, denn es kann das archimedische Prinzip nicht aufhoren
Geltung zu haben fur das im Gehirnwasser schwimmende Gehirn.
Nun aber, was geschieht denn dadurch, daB wir mit Ausnahme der
20 Gramm, in die der unbewuBte Wille hineinspielt, durch unser
Gehirn eigentlich leben in der Sphare des Intelligenten? Dadurch
sind wir, ins of erne wir uns des Gehirns als Werkzeug bedienen, fur
unsere Intelligenz entlastet von dem nach unten ziehenden Materiellen.
Das scheidet in so hohem Grade aus, daB ein Gewicht von 1230
Gramm verlorengeht. In so hohem Grade schaltet sich die Materie
aus. Dadurch, daB sie sich in so hohem Grade ausschaltet, sind wir
in der Lage, wirksam sein zu lassen in besonderem MaBe fur unser
Gehirn unseren Atherleib. Der kann tun, was er will, weil er nicht
beirrt wird durch die Schwere der Materie. Im ubrigen Organismus
wird der Ather iiberwaltigt von der Schwere der Materie. Da haben
Sie eine Gliederung des Menschen so, daB Sie fur alles, was der Intelli-
genz dient, gewissermaBen den Ather frei bekommen, fur alles andere
haben Sie den Ather an die physische Materie gebunden. So daB fur
unser Gehirn der Atherorganismus libertont den physischen Organis-
mus, und fur den ubrigen Leib die Einrichtung und die Krafte unseres
physischen Organismus iibertonen die des Atherorganismus.
Nun, ich habe Sie vorher aufmerksam gemacht auf jene Beziehung,
in die Sie zur AuBenwelt treten, wenn Sie sich einem Druck aussetzen.
Da ist eine Einschlaferung vorhanden. Es gibt aber auch noch andere
Beziehungen, und eine will ich heute vorwegnehmen, das ist die Be-
ziehung zur AuBenwelt, die eintritt, wenn wir die Augen aufmachen
und in einem lichterfiillten Raum sind. Da flndet offenbar eine ganz
andere Beziehung zur AuBenwelt statt, als wenn wir auf die Materie
aufstoBen und mit dem Druck Bekanntschaft machen. Wenn wir uns
dem Licht exponieren, ja, da geht nicht nur nichts vom BewuBtsein
verloren, sondern, sofern das Licht nur als Licht wirkt, kann jeder, der
da will, empfinden, daB sein BewuBtsein Anteil nimmt gegemiber der
AuBenwelt dadurch, daB er sich dem Licht exponiert, daB es geradezu
mehr aufwacht. Die Krafte des BewuBtseins vereinigen sich in einer
gewissen Weise - wir werden das noch genauer besprechen ver-
einigen sich gewissermaBen mit demjenigen, was uns im Licht ent-
gegentritt. Aber im Licht und am Licht treten uns ja auch Farben ent-
gegen. Das Licht ist eigentlich etwas, von dem wir gar nicht sagen
konnen, daB wir es sehen konnen. Mit Hilfe des Lichtes sehen wir die
Farben, aber wir konnen nicht eigentlich sagen, daB wir das Licht
sehen. Warum wir das sogenannte weiBe Licht sehen, davon werden
wir noch sprechen.
Nun handelt es sich darum, daB alles dasjenige, was uns als Farbe
entgegentritt, uns eigentlich ebenso polarisch entgegentritt, wie uns
entgegentritt polarisch, sagen wir, der Magnetismus : positiver Magne-
tismus, negativer Magnetismus. So tritt uns auch dasjenige, was uns
als Farbe entgegentritt, polarisch entgegen. Auf der einen Seite des
Poles ist alles das, was wir etwa als Gelb und, mit dem Gelb verwandt,
als Orange und Rotlich bezeichnen konnen. Auf der anderen Seite des
Poles istBlau und alles das, was wir verwandt mit dem Blau bezeichnen
konnen : Indigo, Violett und selbst noch mindere Schichten von Griin.
Warum sage ich, daB uns das Farbige polarisch entgegentritt? Sehen
Sie, die Polaritat des Farbigen, die muB wie, ich mochte sagen, eine
der signifikantesten Erscheinungen in der ganzen Natur nur richtig
studiert werden. Wenn Sie gleich schreiten wollen zu demjenigen, was
in dem Sinn, wie ich Ihnen das gestern auseinandergesetzt habe,
Goethe das Urphanomen nennt, so kann man zu diesem Urphanomen
des Farbigen zunachst dadurch kommen, daB man das Farbige am
Licht iiberhaupt aufsucht.
Nun wollen wir heute als ein erstes Experiment das Farbige am
Licht, so gut es geht, aufsuchen. Ich werde zunachst das Experiment
Ihnen erklaren. Das konnen wir in der folgenden Weise: Man kann
durch einen schmalen Spalt, der - zunachst nehmen wir ihn kreis-
formig an - in eine sonst undurchsichtige Wand eingeschnitten ist,
I \
I
I !. f- I
Licht einlassen. Dieses Licht lassen wir also durch diesen Spalt herein-
fluten. Wenn wir dieses Licht hereinfluten lassen und gegeniiber der
Wand, durch die das Licht hereinflutet, einen Schirm stellen, so er-
scheint eine beleuchtete Kreisnache durch das hereinflutende Licht.
Am besten macht man das Experiment, indem man in den Fenster-
laden ein Loch schneidet und das Licht hereinfluten laBt. Man kann
da einen Schirm aufstellen und das Bild, das so entsteht, auffangen.
Wir konnen das hier nicht machen, aber dafur mit Hilfe dieses Pro-
jektions-Apparates, indem wir den VerschluB wegnehmen. Da be-
kommen wir, wie Sie sehen, eine leuchtende Kreisflache. Diese
leuchtende Kreisflache ist also zunachst nichts anderes als das Bild,
das entsteht dadurch, daB hier ein Lichtzylinder, der sich hieher
fortpflanzt, von der gegeniiberliegenden Wand aufgefangen wird.
Nun kann man in den Weg dieses Lichtzylinders, der da hereinfallt,
ein sogenanntes Prisma schieben, Dann ist das Licht gezwungen,
nicht einfach nach der gegeniiberliegenden Wand hinzudringen und
dort den Kreis zu bewirken, sondern dann ist das Licht gezwungen,
von seinem Weg abzukommen. Wir bewirken das dadurch, daB wir
!
ein Hohlprisma haben, welches dadurch gestaltet ist, daB wir hier
ebene Glasscheiben habeh, die keilformig angeordnet sind. Dieses
Hohlprisma ist ausgefullt mit Wasser. Wir lassen den Lichtzylinder,
der hier entstanden ist, durch dieses Wasserprisma hindurch. So sehen
Sie, wenn Sie jetzt hinschauen auf die Wand, daB nicht an der Stelle
da unten, wo sie friiher war, diese Scheibe ist, sondern Sie sehen,
daB sie gehoben ist, daB sie an einer anderen Stelle erscheint. Sie
sehen aber auBerdem noch etwas Merkwiirdiges. Sie sehen oben den
Rand in einem blaulich-griinlichen Licht, mit einem blaulich-griin-
lichen Rand, blaulichen Rand. Sie sehen unten den Rand rotlich-gelb.
Da haben wir dasjenige, was wir ein Phanomen nennen, eine Erschei-
nung. Halten wir an dieser Erscheinung zunachst fest. Zeichnen wir
den Tatbestand auf, so miissen wir ihn so zeichnen: Es kommt das
Licht von seinem Weg irgendwie ab, indem es durch das Prisma geht.
Es bildet da oben einen Kreis. Wurden wir ihn abmessen, so wurden
wir finden, daB es kein genauer Kreis ist, sondern daB er nach oben
und unten ein wenig in die Lange gezogen und oben blaulich und
unten gelblich gerandet ist. Sie sehen also, wenn wir einen solchen
Lichtzylinder durch das prismatisch geformte Wasser gehen lassen -
wir konnen absehen von den Veranderungen, die die Glasplatten her-
vorrufen so treten an den Randern Farbenerscheinungen auf. Ich
will nun das Experiment noch einmal machen mit einem Lichtzylinder, •
der viel schmaler ist. Sie sehen nun eine viel kleinere Scheibe da unten.
Nun, lenken wir diese kleine Scheibe durch das Prisma ab, so sehen
Sie hier oben, also wiederum nach oben verschoben, den Lichtfleck,
den Lichtkreis ; aber Sie sehen jetzt diesen Lichtkreis ziemlich ganz von
Farben durchzogen. Sie sehen, wenn ich das, was Sie hier jetzt haben,
zeichnen will, daB da oben jetzt das Verschobene so ist, daB es violett,
blau, griin, gelb, rot erscheint. J a, wenn wir genau das alles verfolgen
konnten, es wiirde in den vollkommenen Regenbogenfarben ange-
ordnet sein. Bitte, wir nehmen rein das Faktum, und ich bitte jetzt alle
diejenigen von Ihnen, welche in der Schule gelernt haben all die
schonen Zeichnungen von Lichtstrahlen, von Einfallsloten und so
weiter, diese zu vergessen und sich an die reine Erscheinung, an das
reine Faktum zu halten. Wir sehen am Lichte Farben entstehen und
wir konnen uns fragen: Woran liegt es denn, daB am Licht solche
Farben entstehen? - Nun, wenn ich noch einmal den groBen Kreis ein-
schalte, so haben wir also den durch den Raum gehenden Licht-
zylinder, der dort auftrifft auf den Schirm und dort ein Lichtbild
formiert. Wenn wir einschalten in den Weg dieses Lichtzylinders
wiederum das Prisma, dann bekommen wir die Verschiebung dieses
Lichtbildes und auBerdem an den Randern die farbigen Erschei-
nungen.
Nun aber bitte ich Sie, das Folgende zu beobachten. Wir bleiben
rein innerhalb der Fakten stehen. Ich bitte Sie, zu beobachten : Wenn
Sie so ein biBchen herumschauen wiirden, so wiirden Sie, indem das
Licht durchgeht durch das Glasprisma, genau da drinnen den leuch-
tenden Wasserzylinder sehen. Der Lichtzylinder geht - das ist rein
faktisch - durch das Wasserprisma durch und es findet also statt
eine Ineinanderfiigung des Lichtes mit dem Wasser. Bitte darauf
jetzt wohl zu achten. Indem der Lichtzylinder durch das Wasser-
prisma hindurchgeht, findet statt eine Ineinanderfiigung des Lichtes
mit dem Wasser. Dieses, was sich da ineinanderfugt von Licht und
Wasser, das ist nun keineswegs unwirksam fur die Umgebung, son-
dern wir miissen sagen: Da geht der Lichtzylinder, der hat - wie
gesagt, wir bleiben innerhalb der Fakten stehen - irgendwie die
Kraft, auf die andere Seite des Prismas durch das Prisma durchzu-
dringen. Aber er wird durch das Prisma abgelenkt. Er wiirde gerade-
aus gehen, aber er wird hinaufgehoben, wird abgelenkt, dieser Licht-
zylinder, so daB wir konstatieren miissen: Hier ist etwas vorhanden,
was uns den Lichtzylinder ablenkt. Wenn ich das andeuten will durch
einen Pfeil, was uns den Lichtzylinder ablenkt, so miiBte ich es durch
diesen Pfeil tun. Nun konnen wir sagen - wie gesagt, rein innerhalb
der Fakten stehenbleiben, nicht spekulieren -: Durch ein solches
Prisma wird der Lichtzylinder abgelenkt nach oben und wir konnen
die Ablenkungsrichtung angeben.
Nun bitte ich Sie, zu alledem das Folgende hinzuzudenken, was
wiederum nur Fakten entspricht. Wenn Sie durch ein triibes Milchglas
oder nur durch eine irgendwie getriibte Fliissigkeit, also durch eine
getriibte Materie, Licht dringen lassen, so wird dieses Licht abge-
schwacht selbstverstandlich. Sie sehen, indem Sie durch ungetnibtes
Wasser das Licht sehen, es in seiner Helligkeit. Bei getriibtem Wasser
sehen Sie es abgeschwacht. Das konnen Sie in unzahligen Fallen be-
obachten, daB durch getriibte Medien, durch getriibte Mittel, das
Licht abgeschwacht wird. Das ist etwas, was man zunachst als Faktum
auszusprechen hat. In irgendeiner Beziehung, wenn auch noch so
wenig, ist aber jedes materielle Mittel, also auch das, was hier als
Prisma steht, ein getriibtes Mittel. Es triibt immer das Licht ab, das
heiBt, mit Bezug auf das Licht, das da innerhalb des Prismas ist, haben
wir es zu tun mit einem abgetriibten Licht. Da (links) haben wir es zu
tun mit scheinendem Licht. Da (rechts) haben wir es zu tun mit dem
Licht, das sich den Durchgang verschafft hat durch das Mittel. Hier
aber, innerhalb des Prismas, haben wir es zu tun mit einem Zu-
sammenwirken von Materie mit dem Licht, mit dem Entstehen einer
Trubung. DaB aber eine Trubung wirkt, das konnen Sie einfach dar-
aus entnehmen, daB, wenn Sie eben durch ein getriibtes Mittel Licht
ansehen, Sie noch etwas sehen. Also eine Trubung wirkt - es ist das
wahrnehmbar. Was entsteht durch die Trubung? Wir haben es also
nicht bloB zu tun mit dem fortschreitenden und abbiegenden Licht-
kegel, sondern auBerdem noch mit dem, was sich da hineinstellt als
eine Trubung des Lichtes, bewirkt durch die Materie. Wir konnen uns
also vorstellen: Hier in diesem Raum nach dem Prisma, da scheint
nicht nur herein das Licht, sondern da scheint herein, da strahlt in das
Licht hinein, was da als Trubung im Prisma lebt. Das strahlt da hinein.
Und wie strahlt das da hinein? Es breitet sich natiirlich da aus, nach-
dem das Licht durch das Prisma gegangen ist. Das Getriibte strahlt in
das Helle hinein. Und Sie brauchen sich die Sache nur richtig zu iiber-
legen, so konnen Sie sich sagen: Da scheint das Triibe hinauf, und
wenn das Helle abgelenkt wird, wird auch das Triibe nach oben ab-
gelenkt. Das heiBt, die Trubung, die wird hier nach oben abgelenkt in
derselben Richtung, in der die Helligkeit abgelenkt wird. Es wird ge-
wissermaBen der Helligkeit, die nach oben abgelenkt wird, noch eine
Trubung nachgeschickt. Die Helligkeit kann also da nach oben nicht
ohne weiteres sich ausbreiten. In sie hinein wird die Trubung nach-
geschickt. Und wir haben es zu tun mit zwei Zusammenwirkenden,
mit der abgelenkten Helligkeit und mit dem Hineinschicken der Trii-
bung in diese Helligkeit, nur daB die Ablenkung der Trubung in der-
selben Richtung geschieht wie die der Helligkeit. Den Erfolg sehen
Sie: Dadurch, daB nach oben hin in die Helligkeit der Schein der
Trubung hineinstrahlt, entstehen die dunklen Farben, die blaulichen
Farben. Und nach unten, wie ist es denn da? Nach unten scheint na-
tiirlich auch die Triibung. Aber Sie sehen ja, wahrend hier (oben) eine
Partie ist des ausstrahlenden Lichts, wo die Triibung nach derselben
Richtung geht wie das mit Wucht durchgehende Licht, haben wir
hier eine Ausbreitung desjenigen, was als Triibung entsteht, so daB
es hinscheint und es einen Raum gibt, fur den im allgemeinen der
Lichtzylinder nach oben abgelenkt wird. Aber in diesen nach oben ab-
gelenkten Lichtkorper strahlt ein die Triibung. Und hier haben wir
eine Partie, wo durch die oberen Partien des Prismas die Triibung nach
unten geht. Dadurch haben wir hier (unten) eine Partie, wo die Trii-
bung im entgegengesetzten Sinn abgelenkt wird, als die Ablenkung
der Helligkeit ist. Wir konnen sagen: Wir haben hier die Triibung, die
hineinwill in die Helligkeit; aber im unteren Teil ist die Helligkeit so,
daB sie entgegengesetzt wirkt in ihrer Ablenkung der Ablenkung der
Triibung. Die Folge davon ist, daB, wahrend oben die Ablenkung der
Triibung im selben Sinn erfolgt wie die der Helligkeit und sie also
gewissermaBen zusammenwirken, die Triibung sich also sozusagen
wie ein Parasit hineinmischt, hier unten die Triibung zuriickstrahlt
in die Helligkeit hinein, aber von der Helligkeit iiberwaltigt, gewisser-
maBen unterdriickt wird, so daB hier die Helligkeit vorherrscht, auch
vorherrscht in dem Kampf zwischen der Helligkeit und der Triibung,
und die Folgen dieses Kampfes zwischen Helligkeit und Triibung, die
Folgen dieses Gegeneinander-sich-Stellens und des Durchschienen-
werdens der Triibung von der Helligkeit, das sind nach unten die roten
oder gelben Farben. So daB man sagen kann : Nach oben lauft Triibung
in Helligkeit ein, und es entstehen blaue Nuancen; nach unten iiber-
tont eine Helligkeit die hineinlaufende Triibe oder Dunkelheit, und es
entstehen die gelben Nuancen.
Sie sehen also hier, daB wir es einfach dadurch, daB das Prisma ab-
lenkt, auf der einen Seite ablenkt den vollen hellen Lichtkegel, auf der
anderen Seite ablenkt die Triibung, zu tun haben nach zwei Seiten hin
mit einem verschiedenen Hineinspielen der Dunkelheit, der Triibung
in das Helle. Wir haben ein Zusammenspiel von Dunkelheit und
Helligkeit, die nicht zu einem Grau sich miteinander vermischen, son-
dern selbstandig wirksam bleiben. Nur bleiben sie nach dem einen Pol
hin so wirksam, daB die Dunkelheit gewissermaBen nach der Hellig-
keit, also so wirken kann, daB sie innerhalb der Helligkeit zur Geltung
kommt, aber eben als Dunkelheit. Auf der anderen Seite stemmt sich
die Triibung entgegen der Helligkeit, bleibt als selbstandig vorhanden,
aber wird iibertont von der Helligkeit. Da entstehen die hellen Farben,
das Gelbliche. So haben Sie, indem Sie rein innerhalb der Fakten
bleiben, dadurch, daB Sie das nehmen, was da ist, rein aus der An-
schauung heraus die Moglichkeit zu verstehen, warum auf der einen
Seite die gelblichen Farben, auf der anderen die blaulichen erscheinen,
und Sie sehen zu gleicher Zeit daraus, daB das materielle Prisma
einen ganz wesentlichen Anteil hat an dieser Entstehung der Farben.
Es geschieht ja durch das Prisma, daB nach der einen Seite hin in
demselben Sinn die Triibung abgelenkt wird wie der Lichtkegel, aber
auch, nach der anderen Seite hin, daB das Fortstrahlende und das Ab-
gelenkte sich kreuzen, weil eben das Prisma auch nach der anderen
Seite hin ausstrahlen laBt seine Dunkelheit, auch dahin, wo schon ab-
gelenkt ist. Dadurch entsteht die Ablenkung nach unten, und es wirken
nach unten anders zusammen die Dunkelheit und die Helligkeit als
nach oben. Farben entstehen also da, wo zusammenwirken Dunkel-
heit und Helligkeit.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute besonders klarmachen wollte.
Sie miissen, wenn Sie sich nun uberlegen wollen, ich mochte sagen,
aus welcher Ecke heraus das am besten zu begreifen ist, da miissen
Sie nur zum Beispiel daran denken, daB Ihr Atherleib anders einge-
schaltet ist im Muskel als im Auge : Im Muskel so, daB er sich mit den
Funktionen des Muskels verbindet, im Auge so, daB gewissermaBen,
weil das Auge sehr isoliert ist, der Atherleib nicht eingeschaltet ist in
den physischen Apparat, sondern verhaltnismaBig selbstandig ist. Da-
durch kann mit dem Atherleibteil im Auge der Astralleib eine innige
Verbindung eingehen. Unser astralischer Leib ist innerhalb des Auges
ganz anders selbstandig als innerhalb unserer anderen physischen Or-
ganisation. Nehmen Sie an, das da ware ein Teil der physischen Orga-
nisation, in einem Muskel, das hier ware physische Organisation des
Auges (es wird gezeichnet). Wenn wir beschreiben, so miissen wir
sagen: Unser Astralleib ist eingeschaltet sowohl hier wie da; aber es
ist ein betrachtlicher Unterschied. Da ist er so eingeschaltet, daB er
durch denselben Raum geht wie der physische Korper, aber nicht
selbstandig. Hier ist er auch eingeschaltet, im Auge; aber da wirkt er
selbstandig. Den Raum fallen beide in gleicher Weise aus; aber das
eine Mai wirken die Ingredienzien selbstandig, das andere Mai wirken
sie nicht selbstandig. Daher ist das nur halb gesagt, wenn man sagt :
Unser Astralleib ist im physischen Leibe drinnen. Wir miissen fragen,
wie er drinnen ist. Denn er ist anders drinnen im Auge und anders im
Muskel. Im Auge ist er relativ selbstandig, trotzdem er drinnen ist wie
im Muskel. Daraus sehen Sie, daB Ingredienzien einander durch-
dringen konnen und dennoch selbstandig sein konnen. So konnen Sie
Helligkeit und Dunkelheit zum Grau vereinigen, dann sind sie einan-
der so durchdringend wie Astralleib und Muskel. Oder aber sie konnen
sich so durchdringen, dafi sie selbstandig bleiben, dann durchdringen
sie sich so wie unser Astralleib und die physische Organisation im
Auge. Das eine Mai entsteht Grau, das andere Mai entsteht Farbe.
Wenn sie sich so durchdringen wie Astralleib und Muskeln, so ent-
steht Grau, und wenn sie sich so durchdringen wie unser Astralleib
und unser Auge, so entsteht Farbe, weil sie relativ selbstandig bleiben,
trotzdem sie im selben Raume sind.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 25. Dezember 1919
Es ist mir gesagt worden, daB dasjenige, worinnen wir die gestrige
Betrachtung gipfeln lassen muBten, die Erscheinung, die durch das
Prisma auftritt, doch Schwierigkeiten dem Verstandnisse fur viele ge-
boten habe, und ich bitte Sie, dariiber sich zu beruhigen. Es wird
dieses Verstandnis nach und nach kommen. Wir werden uns gerade
mit den Licht- und Farbenerscheinungen ein wenig eingehender be-
fassen, damit diese eigentliche piece de resistance - eine solche ist es
auch fur die iibrige Physik - uns eine gute Grundlage abgeben konne.
Sie sehen ein, daB es sich uns zunachst darum handeln muB, daB ich
Ihnen gerade einiges von demjenigen sage, was Sie nicht in Biichern
finden konnen und was nicht Gegenstand der gewohnlichen natur-
wissenschaftlichen Betrachtungen ist, was wir gewissermaBen nur hier
behandeln konnen. Wir werden dann in den letzten Vortragen darauf
eingehen, wie dasjenige, was wir hier betrachten, auch im Unterricht
zu verwerten ist.
Dasjenige, was ich versuchte gestern auseinanderzusetzen, ist ja im
wesentlichen eine besondere Art des Ineinanderwirkens von Hellig-
keit und Triibe. Und ich wollte zeigen, daB durch dieses verschieden-
artige Zusammenwirken von Helligkeit und Triibe, das besonders
auftritt beim Durchgang eines Lichtzylinders durch ein Prisma,
die polarisch zueinander sich verhaltenden Farbenerscheinungen ent-
stehen. Zunachst bitte ich Sie, die bittere Pille schon in Empfang zu
nehmen, daB die Schwierigkeit des Verstandnis ses dieser Sache dar-
innen liegt, daB Sie eigentlich - es geht diejenigen an, die Schwierig-
keit des Verstandnisses finden - die Licht- und Farbenlehre phorono-
misch gestaltet haben mochten. Die Menschen haben sich nun schon
einmal gewohnt durch unsere sonderbare Erziehung, nur sich solchen
Vorstellungen hinzugeben, die mit Bezug auf die auBere Natur mehr
oder weniger phoronomisch sind, das heiBt sich nur befassen mit dem
Zahlbaren, mit dem Raumlich-Formalen und mit dem BewegUchen.
Nun sollen Sie sich bemiihen, in Qualitaten zu denken, und Sie konnen
wirklich in einem gewissen Sinne sagen : Hier stocke ich schon. - Aber
schreiben Sie das durchaus zu dem unnaturlichen Gang, den die wissen-
schaftliche Entwickelung in der neueren Zeit genommen und durch-
gemacht hat, den Sie sogar in gewisser Weise mit Ihren Schiilern durch-
machen werden - ich meine jetzt die Lehrer der Waldorfschule und
andere Lehrer. Denn es wird naturlich nicht moglich sein, sogleich ge-
sunde Vorstellungen in die heutige Schule hineinzutragen, sondern
wir werden Ubergange schafFen miissen.
Nun gehen wir einmal fur die Licht- und Farbenerscheinungen von
dem anderen Ende der Sache aus. Eine viel angefochtene Bemerkung
Goethes mochte ich heute vorausschicken. Sie konnen es bei Goethe
lesen, wie er bekannt geworden ist in den achtziger Jahren des acht-
zehnten Jahrhunderts mit allerlei Behauptungen iiber das Auftreten
von Farben am Lichte, also iiber diejenigen Erscheinungen, von denen
wir gestern begonnen haben zu sprechen, Es ist ihm gesagt worden, es
sei die allgemeine Anschauung der Physiker, daB, wenn man farbloses
Licht durch ein Prisma gehen lasse, dieses farblose Licht gespalten,
zerlegt wiirde. Also etwa so wurden die Erscheinungen interpretiert,
daB gesagt wurde: Fangen wir einen farblosen Lichtzylinder auf, so
zeigt er uns zunachst ein farbloses Bild. Stellen wir diesem Lichtzylin-
der in den Weg das Prisma, so bekommen wir die Aufeinanderfolge
der Farben Rot, Orange, Gelb, Griin, Blau - Hellblau, Dunkelblau -,
Violett. Nun, das ist etwas, was an Goethe herantrat, und zwar so, daB
er erfuhr: Man erklart sich diese Sache so, daB das farblose Licht
eigentlich schon in sich enthalt - wie, das ist ja naturlich schwer zu
denken, aber das wurde gesagt - diese sieben Farben. Wenn man
das Licht durch das Prisma gehen laBt, so tut das Prisma eigentlich
nichts anderes, als das, was im Licht schon drinnen ist, facherartig
auseinanderlegen, das Licht in die sieben Farben zerlegen. Nun,
Goethe wollte der Sache auf den Grund gehen und lieh sich allerlei
Instrumente aus, wie wir es versucht haben in diesen Tagen sie auch
zusammenzutragen, um selber zu konstatieren, wie die Dinge sind.
Er lieB sich diese Instrumente von dem Hofrat Biittner in Jena nach
Weimar hiniiberkommen, stapelte sie auf und wollte zu gelegener
Zeit versuchen, wie sich die Sache verhalt. Der Hofrat Biittner wurde
ungeduldig und forderte die Instrumente zuriick, als Goethe noch
nichts gemacht hatte. Er muBte die Instrumente zusammenpacken
- bei manchen Dingen passiert uns ja so etwas, daft wir nicht gleich
dazu kommen. Er nahm schnell noch das Prisma und sagte : Also, durch
das Prisma wird das Licht zerlegt. Ich gucke es mir an an der Wand. -
Und nun hat er erwartet, daB das Licht schon siebenfarbig erscheint.
Es erschien aber nur da irgend etwas Farbiges, wo irgendein Rand war,
wo ein Schmutzfleck war, so daB das Schmutzige, das Trtibe, mit dem
Hellen zusammenstieB. Da sah man Farben, wenn man durchguckte.
Aber wo gleichmaBiges WeiB war, sah man nichts. Da wurde Goethe
stutzig, er wurde irre an dieser ganzen Theorie. Und nun hatte er kei-
nen Sinn mehr fur das Zuruckschicken der Instrumente. Er behielt sie
und verfolgte die Sache weiter. Und da stellte sich heraus, daB die
Sache eigentlich gar nicht so ist, wie sie gewohnlich dargestellt wurde :
Wenn wir Licht durchlassen durch den Raum des Zimmers, so be-
kommen wir auf einem Schirm einen weiBen Kreis. Nun, wenn man
diesem Lichtkorper, der da durchgeht, in den Weg stellt das Prisma,
so wird der Lichtzylinder abgelenkt (vgl. die Figuren S. 53 und
S. 54). Aber es erscheinen zunachst durchaus nicht die sieben auf-
einanderfolgenden Farben, sondern nur am untern Rand tritt das
Rotliche auf, das ins Gelbliche iibergeht, und am oberen Rand das
Blauliche, das ins Grunliche iibergeht. In der Mitte bleibt es weiB.
Was sagte sich nun Goethe? Er sagte sich: Da kommt es also iiber-
haupt nicht darauf an, daB irgend etwas aus dem Licht heraus sich
spaltet, sondern ich bilde ja eigentlich ab ein Bild. Dieses Bild ist nur
das Abbild des Ausschnittes hier. Der Ausschnitt hat Rander und die
Farben treten nicht deshalb auf, weil sie aus dem Licht herausgeholt
werden, gewissermaBen weil das Licht in sie zerspalten wiirde, son-
dern weil ich das Bild entwerfe und das Bild als solches Rander hat,
so daB ich es auch hier mit nichts anderem zu tun habe, als daB dort,
wo Helligkeit und Dunkelheit zusammentreten - denn auBerhalb die-
ses Lichtkreises hier ist Dunkelheit in der Umgebung und innen ist es
hell -, da an den Randern, die Farben auftreten. Es treten zunachst
iiberhaupt nur die Farben als Randerscheinungen auf, und wir haben,
indem wir die Farben als Randerscheinungen zeigen, im Grunde das
urspriingliche Phanomen vor uns. Wir haben gar nicht vor uns das
urspriingliche Phanomen, wenn wir nun den Kreis verkleinern und ein
kontinuierliches Farbenbild bekommen. Das kontinuierliche Farben-
bild entsteht nur dadurch, daB, wahrend beim groBen Kreis die Rand-
farben eben Randfarben bleiben, sich beim kleinen Kreis vom Rand
herein die Farben bis zur Mitte fortsetzen. Sie iibergreifen sich in der
Mitte und biiden, was man ein kontinuierliches Spektrum nennt. Also,
die urspriingliche Erscheinung ist diejenige, daB an den Randern, wo
Helligkeit und Dunkelheit zusammenstromen, Farben auftreten.
Sie sehen, es handelt sich darum, daB wir nicht mit Theorien in die
Tatsachen hineinpfuschen, sondern reinlich bei einem Studium der
bloBen Tatsachen bleiben, der bloBen Fakta. Nun handelt es sich dar-
um, daB hier ja nicht nur dasjenige auftritt, was wir in den Farben
sehen, sondern Sie haben gesehen : Es tritt hier auch auf eine Verschie-
bung des ganzen Lichtkegels, eine seitliche Ablenkung des ganzen
Lichtkegels. Wenn Sie schematisch diese seitliche Ablenkung verfolgen
wollen, so konnten Sie es etwa auf die folgende Weise noch verfolgen.
Nehmen Sie an, Sie fugen zwei Prismen zusammen, so daB dann das
untere Prisma, das aber ein Ganzes bildet mit dem oberen, so steht wie
das, was ich Ihnen gestern aufgezeichnet habe. Das obere Prisma steht
entgegengesetzt dem unteren. Wiirde ich durch dieses Doppel-Prisma
einen Lichtzylinder durchgehen lassen, so wiirde ich natiirlich etwas
Ahnliches bekommen miissen wie gestern. Ich wiirde eine Ablenkung
bekommen, das eine Mai nach unten, das andere Mai nach oben. Ich
wiirde, wenn ich hier ein solches Doppel-Prisma hatte, eine noch
mehr in die Lange gezogene Lichtflgur bekommen, aber zu gleicher
Zeit wiirde sich herausstellen, daB diese noch mehr in die Lange
gezogene Lichtfigur sehr undeutlich, duster ist. Das wiirde mir da-
durch erklarlich werden, daB ich dann, wenn ich hier die Figur mit
einem Schirm auffange, von diesem Lichtkreis hier ineinandergescho-
ben eine Abbildung bekommen wiirde. Aber ich konnte den Schirm
auch hereinriicken. Ich wiirde wiederum eine Abbildung bekommen.
Das heiBt, es gabe hier eine Strecke - das liegt alles innerhalb der Tat-
sachen auf der ich immer die Moglichkeit, eine Abbildung zu be-
kommen, antreffen wiirde. Sie sehen daraus, daB durch das Doppel-
Prisma mit dem Lichte hantiert wird. Immer finde ich auBen einen
roten Rand, und zwar jet2t oben und unten, und in der Mitte Violett.
Wahrend ich sonst bloB bekomme das Bild vom Rot bis zum Violett,
bekomme ich jetzt die auBeren Rander rot und in der Mitte Violett
und dazwischen die anderen Farben. Ich konnte also durch ein solches
Doppel-Prisma die Moglichkeit schaffen, daB eine solche Figur ent-
stiinde, aber ich wiirde diese auch bekommen, wenn ich den Schirm
verschieben wiirde. Ich habe also eine gewisse Strecke, auf der die
Moglichkeit der Entstehung eines Bildes vorhanden ist, das an den
Randern farbig ist, aber auch in der Mitte farbig ist und allerlei t)ber-
gangsfarben hat.
Nun kann man verhindern, daB hier, wenn ich mit dem Schirm auf
und ab gehe, ein ganz weiter Raum ist, auf dem die Moglichkeit be-
steht, solche Bilder zu schaffen. Aber Sie ahnen wohl, diese Moglich-
keit konnte nur geschaffen werden, wenn ich das Prisma immer andern
wiirde, weil bei einem Prisma, dessen Winkel hier groBer ist, das Bild
an einer anderen Stelle entworfen wird, als wenn ich den Winkel klei-
ner machen wiirde, und ich wiirde diese Strecke kleiner bekommen.
Ich kann die ganze Sache dadurch zu einer anderen machen, daB ich
nun hier nicht ebene Flachen fur ein Prisma habe, sondern daB ich von
vornherein gekriimmte Flachen nehme. Dadurch wird dasjenige, was
beim Prisma noch auBerordentlich schwer zu studieren ist, wesentlich
vereinfacht. Und wir bekommen dann folgende Moglichkeit: Wir
lassen zunachst durchgehen durch den Raum den Lichtzylinder, und
jetzt stellen wir die Linse, die also eigentlich nichts anderes ist als ein
Doppel-Prisma, aber mit gekriimmten Flachen, die stellen wir in den
Weg (Figur S. 65, unten). Jetzt bekomme ich das Bild zunachst wesent-
lich verkleinert. Also, was ist denn da eigentlich geschehen? Der ganze
Lichtzylinder ist zusammengezogen, verengt. Da haben wir eine neue
Wechselwirkung zwischen dem Materiellen, dem Materiellen in der
Linse, im Glaskorper, und dem durch den Raum gehenden Licht. Diese
Linse wirkt so auf das Licht, daB sie den Lichtzylinder zusammen-
zieht.
Wir wollen uns die ganze Sache einmal schematisch aufzeichnen. Ich
habe hier einen Lichtzylinder, von der Seite gezeichnet, und lasse sein
Licht durch die Linse gehen. Wenn ich eine gewohnliche Glasplatte
oder eine Wasserplatte entgegensetzen wiirde, so wiirde der Licht-
zylinder einfach durchgehen und es wiirde sich auf dem S chirm eben
ein Abbild des Lichtzylinders ergeben. Das ist nicht der Fall, wenn ich
nicht eine Glasplatte oder eine Wasserplatte habe, sondern eine Linse.
Wenn ich einfach mit den Strichen nachfahre demjenigen, was ge-
schehen ist, so muB ich sagen : Es ist eine Verkleinerung des Bildes,
die sich ergeben hat. Also ist der Lichtzylinder zusammengezogen.
Es gibt noch eine andere Moglichkeit. Das ist diese, daB man die
Anordnung nachbildet nicht einem solchen Doppel-Prisma, wie ich
es dort gezeichnet habe, sondern einem Doppel-Prisma, das so im
Querschnitt gestaltet ist, daB mit dieser Kante hier die Prismen an-
einanderstoBen. Dann wiirde ich allerdings dieselbe Beschreibung,
die ich gemacht habe, mit einem wesentlich vergroBerten Kreis be-
kommen. Wiederum wiirde ich, indem ich mit dem Schirm auf und
ab gehe, wahrend einer gewissen Strecke die Moglichkeit haben,
das Bild - mehr oder weniger undeutlich - zu bekommen. Ich wiirde
hier in diesem Fall oben Violett, Blaulich haben, unten auch Violett,
Blau und in der Mitte wiirde ich Rot haben. Dort war es umgekehrt.
Und dazwischen die Zwischenfarben.
Ich kann mir wiederum an die Stelle dieses Doppel-Prismas setzen
eine Linse mit folgendem Querschnitt: )_(. Wahrend diese Linse ihrem
Querschnitt nach sich in der Mitte dick zeigt und an den Randern
diinn, zeigt sich diese in der Mitte diinn und an den Randern dick
(Figuren S. 65 und 67, unten). In diesem Fall bekomme ich auch durch
die Linse hier ein Bild, das wesentlich groBer ist, als der gewohnliche
Querschnitt ware, der von dem Lichtzylinder entstehen wiirde. Ich
bekomme ein vergroBertes Bild, aber auch mit dieser Farbenabstufung
an den Randern und gegen die Mitte 2u. Will ich also hier die Er-
scheinungen verfolgen, so muB ich sagen : Der Lichtzylinder ist aus-
einandergeweitet worden, er ist im wesentlichen auseinandergetrieben
worden. Das ist das einfache Faktum.
Nun, was sehen wir aus diesen Erscheinungen? Wir sehen, daB eine
Beziehung herrscht zwischen dem Materiellen, das uns zunachst als
durchsichtiges Materielles entgegentritt in den Linsen oder Prismen,
zwischen diesem Materiellen und demjenigen, was durch das Licht zur
Erscheinung kommt. Und wir sehen auch in gewissem Sinn eine ge-
wisse Art dieser Wechselwirkung. Denn gehen wir von demjenigen
aus, was wir hier durch eine solche Linse gewinnen wiirden, die an
den Randern dick und in der Mitte diinn ist, was mussen wir uns denn
da sagen, wenn wir eine solche Linse vor uns haben? Da mussen wir
sagen: Es ist auseinandergetrieben worden der ganze Lichtzylinder,
er ist geweitet worden. Und wir sehen auch, wie diese Weitung mog-
lich ist. Diese Weitung kommt ja dadurch 2ustande, daB das Materielle,
durch das das Licht durchgegangen ist, hier diinn ist, hier dicker ist.
Da muB das Licht durch mehr Materielles dringen als hier in der Mitte,
wo es durch weniger Materielles dringt. Was geschieht nun mit dem
Lichte? Nun, wir haben ja gesagt, es wird geweitet, es wird auseinan-
dergetrieben. In der Richtung dieser zwei Pfeile wird es auseinander-
getrieben. Wodurch kann es nur auseinandergetrieben werden? Nun,
lediglich durch den Umstand, daB es in der Mitte weniger Materie zu
passieren hat und an den Randern mehr. Nun iiberlegen Sie sich die
Sache: In der Mitte hat das Licht weniger Materielles zu passieren,
geht also leichter durch, hat also, wenn es durchgegangen ist, noch
mehr Kraft. Also, es hat hier mehr Kraft, wo es durch weniger Mate-
rielles hindurchgeht, als hier, wo es durch mehr Materielles geht. Diese
starkere Kraft in der Mitte, die hervorgerufen wird dadurch, daB das
Licht durch weniger Materielles hindurchgeht, die driickt den Licht-
zylinder auseinander. Das ist etwas, was Sie sozusagen an den Fakten
unmittelbar ablesen konnen. Ich bitte, sich nur ganz klar dariiber zu
sein, daB es sich hier handelt um eine richtige Behandlung der Me-
thode, um eine richtige Fiihrung des Denkens. Man muB sich klar
sein, wenn man das, was durch das Licht erscheint, mit Linien verfolgt,
daB man da eigentlich nur etwas hinzuzeichnet, was mit dem Lichte
nichts zu tun hat. Wenn ich hier die Linien zeichne, dann zekhne ich
bloB die Grenzen des Lichtzylinders. Dieser Lichtzy Under wird durch
diese Offnung bewirkt. Ich zeichne also gar nichts, was mit dem Licht
zu tun hat, sondern nur etwas, was hervorgerufen wird dadurch, daB
das Licht durch den Spalt durchgeht. Und wenn ich hier sage : In die-
ser Richtung bewegt sich das Licht, so hat das wiederum mit dem
Lichte nichts zu tun ; denn wiirde ich die Lichtquelle hinaufschieben,
so wiirde sich eben das Licht, wenn es durch den Spalt fallen wiirde,
so bewegen, und ich miiBte diese Pfeilrichtung so zeichnen. Das alles
hatte mit dem Lichte als solchem nichts zu tun. Dieses Zeichnen von
Linien in das Licht hinein ist man gewohnt worden, und dadurch ist
man allmahlich darauf gekommen, von den Lichtstrahlen zu reden.
Man hat es nirgends mit Lichtstrahlen zu tun; man hat es zu tun mit
einem Lichtkegel, der hervorgerufen ist durch einen Spalt, durch den
man das Licht dringen laBt, man hat es zu tun mit einer Verbreiterung
des Lichtkegels, und man muB sagen: Irgendwie muB die Verbreite-
rung des Lichtkegels zusammenhangen mit dem geringeren Weg hier
in der Mitte, den das Licht macht, als hier am Rande. Durch den ge-
ringeren Weg hier in der Mitte behalt es mehr Kraft, durch den lange-
ren Weg am Rande wird ihm mehr Kraft genommen. Das schwachere
Licht am Rande wird gedriickt durch das starkere Licht in der Mitte,
und es wird der Lichtkegel verbreitert. Das ist, was Sie ablesen kdnnen.
Nun sehen Sie : Wahrend man es eigentlich nur zu tun hat mit Bil-
dern, redet man in der Physik von allem moglichen, von den Licht-
strahlen und dergleichen. Diese Lichtstrahlen, die sind nun eigentlich
zum Untergrund gerade fur das materialistische Denken auf diesem
Gebiet geworden. Wir wollen, um das noch etwas anschaulicher zu
machen, was ich eben auseinandergesetzt habe, etwas anderes noch
betrachten. Nehmen wir an, wir haben hier eine Wanne, ein kleines
GefaB. Wir haben hier in diesem kleinen GefaB eine Fliissigkeit, zum
Beispiel Wasser, und da unten irgendeinen Gegenstand liegen, meinet-
wegen einen Taler oder dergleichen. Wenn ich hier ein Auge habe, so
kann ich folgendes Experiment machen: Ich kann zunachst das Wasser
&
weglassen und kann auf diesen Gegenstand sehen mit dem Auge.
Ich werde in dieser Richtung den Gegenstand sehen. Was ist der
Tatbestand? Ich habe auf dem Boden eines GefaBes liegen einen
Gegenstand. Ich gucke hin und sehe in einer gewissen Richtung diesen
Gegenstand. Das ist der einfache Tatbestand. Wenn ich anfange nun
zu zeichnen : Von diesem Gegenstand geht ein Lichtstrahl aus, der wird
in das Auge geschickt und affiziert das Auge, dann phantasiere ich
schon alles mogliche dazu. Nun fulle ich bis hierher das GefaB mit
Wasser oder irgendeiner Fliissigkeit an. Nun stellt sich etwas ganz
Besonderes heraus. Ich ziehe dieselbe Richtung, in der ich friiher
den Gegenstand habe, vom Auge zum Gegenstand hin, gucke
nach der Richtung, in der ich friiher geguckt habe. Ich konnte er-
warten, dasselbe zu sehen, tue es aber nicht, sondern etwas hochst
Merkwiirdiges tritt ein : Ich sehe den Gegenstand etwas gehoben. Ich
sehe ihn so, daB er mit dem ganzen Boden in die Hohe gehoben wird.
Wie man das feststellen, ich meine messen kann, dariiber konnen wir
ja noch sprechen. Ich will jetzt nur das Prinzipielle sagen. Worauf kann
denn das nur beruhen, wenn ich mir die Frage beantworte nach dem
reinen Tatbestand? Nun, ich erwarte, wenn ich friiher so gesehen habe,
den Gegenstand wiederum in der Richtung zu finden. Ich richte das
Auge darauf hin, aber ich sehe ihn nicht in der Richtung, ich sehe ihn
in der anderen Richtung. Ja, friiher, als noch kein Wasser in dem Trog
war, da konnte ich bis zu dem Boden direkt hinunterschauen, und zwi-
schen meinem Auge und dem Boden war nur die Luft. Jetzt stoBt
meine Visierlinie hier auf das Wasser. Das laBt meine Sehkraft nicht
so einfach durch wie die Luft, sondern stellt ihr starkeren Widerstand
entgegen, und ich muB vor dem starkeren Widerstand zuriickweichen.
Von hier ab muB ich vor dem starkeren Widerstand zuriickweichen.
Dieses Zuriickweichen driickt sich dadurch aus, daB ich nicht bis unten
sehe, sondern daB das Ganze gehoben erscheint. Ich sehe gewisser-
maBen schwerer durch das Wasser als durch die Luft, iiberwinde den
Widerstand des Wassers schwerer als den Widerstand der Luft. Daher
mu6 ich die Kraft verkiirzen, ziehe also selbst den Gegenstand herauf.
Ich verkiirze die Kraft dadurch, daB ich den starkeren Widerstand
finde. Wiirde ich in der Lage sein, hier ein Gas hineinzufullen, das
diinner ware als die Luft, dann wiirde der Gegenstand sich hier senken,
weil ich jetzt weniger Widerstand fande. Ich wiirde daher den Gegen-
stand hinunterschieben. Der Physiker konstatiert nicht diesen Tat-
bestand, sondern er sagt: Nun ja, da wird ein Lichtstrahl geworfen
bis zu der Oberflache des Wassers. Dieser Lichtstrahl wird hier
gebrochen, und weil ein Ubergang stattfindet zwischen einem
dichteren Medium und einem diinneren, wird der Lichtstrahl vom
Einfallslot gebrochen, kommt hier in das Auge. Und jetzt sagt er
etwas hochst Kurioses: Das Auge, nachdem es die Nachricht be-
kommen hat durch den Lichtstrahl, verlangert jetzt den Weg nach
auBen und projiziert den Gegenstand an diese Stelle hin. - Das heiBt:
Man findet alle moglichen BegrifFe, aber man rechnet nicht mit dem,
was da ist, mit dem Widerstand, den die Visierkraft des Auges selber
findet in dem Dichteren, in das sie eindringen muB. Man mochte ge-
wissermaBen alles weglassen und dem Licht alles selbst zuschieben, so
wie man hier beim Prisma sagt: Oh, das Prisma macht gar nichts, son-
dern die sieben Farben sind schon im Lichte drinnen. Das Prisma gibt
nur die Veranlassung, daB sie sich hiibsch nebeneinander hinstellen
wie Soldaten, die sieben Farben; aber da drinnen sind schon diese
sieben unartigen Buben zusammen, die gezwungen werden, auseinan-
derzutreten. Das Prisma macht gar nichts davon. Wir haben gesehen :
Gerade dasjenige, was im Prisma entsteht, dieser getriibte Keil ist es,
der die Farben verursacht. Die Farben selber haben gar nichts mit dem
Lichte selber zu tun. Und Sie sehen hier wiederum, wahrend wir hier
uns klar sein miissen, daB wir eine aktive Tatigkeit ausiiben, mit dem
Auge hinvisieren und einen starkeren Widerstand im Wasser finden,
dadurch gezwungen sind, die Visierlinie abzukiirzen durch den star-
keren Widerstand, sagt der Physiker: Da werden Lichtstrahlen ge-
worfen, die werden gebrochen und so weker. Und dann das Aller-
schonste, gerade an dieser Stelle! Sehen Sie, der heutige Physiker sagt:
Da wird also zunachst das Licht ins Auge auf gebrochenem Wege
gelangen, dann projiziert das Auge das Bild nach auBen. - Was heiBt
das? Zum Schlusse sagt er doch: Das Auge projiziert. Er setzt nur
eine phoronomische Vorstellung, eine von alien Realitaten verlassene
Vorstellung, eine reine Phantasietatigkeit an Stelle dessen, was sich
unmittelbar darbietet : der Widerstand des dichteren Wassers gegen die
Visierkraft des Auges. Gerade an solchen Punkten merken Sie am aller-
deutlichsten, wie alles gerade in unserer Physik verabstrahiert ist, wie
alles zur Phoronomie gemacht werden soil, wie man nicht in die Qua-
litaten hineingehen will. Auf der einen Seite also entkleidet man das
Auge jedweder Aktivitat, auf der anderen Seite aber wieder projiziert
das Auge dasjenige, was es als Reiz bekommt, nach auBen. Dasjenige
aber, was notig ist, ist, daB man von vornherein von der Aktivitat des
Auges ausgeht, daB man sich klar ist : Das Auge ist ein tatiger Organis-
mus.
Nun sehen Sie, hier haben wir ein Modell des Auges, und wir werden
heute beginnen, uns zunachst auch ein wenig zu befassen mit dem
Wesen des menschlichen Auges. Das Auge, das menschliche Auge, ist
ja eine Art Kugel, nur von vorne nach hinten etwas zusammen-
gedriickt, eine Kugel, die hier in der Knochenhohle drinnensitzt so,
daB eine Reihe von Hauten zunachst das Innere dieses Auges umgibt.
Wenn ich den Durchschnitt zeichnen will, so mtiBte ich da so
zeichnen: Das, was ich jetzt zeichne, ware das rechte Auge. Das
AuBerste, was man zunachst findet, wenn man das Auge etwa aus dem
Schadel herauspraparieren wiirde, das ware Bindegewebe, Fett. Dann
aber kommt man zu der eigentlichen ersten Umhullung des Auges, der
sogenannten Sklerotika, Hornhaut. Sehnig, knochig, knorpelig ist die
auBerste Umhullung. Ich habe sie hier gezeichnet. Sie wird nach vorne
durchsichtig, so daB das Licht von hier aus in das Auge eindringen
kann. Eine zweite Schichte, die den Innenraum hier auskleidet, ist die
sogenannte Aderhaut. Sie enthalt die BlutgefaBe. Wir wiirden sie etwa
hier haben. Und als Drittes wiirden wir bekommen die innerste
Schichte, die sogenannte Netzhaut, die sich dann nach dem Schadel zu
in dem Sehnerv fortsetzt. Hier also wiirde der Sehnerv nach innen
gehen, wiirde bilden die Netzhaut. Und damit haben wir die drei Um-
hiillungen des Auges aufgezahlt. Nun aber, hinter dieser Hornhaut,
eingebettet hier in den Ziliarmuskel, ist eine Art Linse. Sie wird hier
durch einen Muskel, den man den Ziliarmuskel nennt, getragen. Nach
vorne ist hier die durchsichtige Hornhaut, und zwischen der Linse und
ihr ist dasjenige, was man die wasserige Flussigkeit nennt, so daB, wenn
das Licht in das Auge eindringt, es erst die durchsichtige Hornhaut
passiert, die wasserige Flussigkeit passiert, dann durch diese Linse geht,
die in sich beweglich ist durch Muskeln. Dann aber gelangt das Licht
weiter von dieser Linse aus in dasjenige, was nun ausfullt den ganzen
Augenraum und was man gewohnlich den Glaskorper nennt. So daB
das Licht also geht durch die durchsichtige Hornhaut, die Flussigkeit,
die Linse selbst, den Glaskorper und von da dann an die Netzhaut, die
eine Verzweigung ist des Sehnervs, der dann ins Gehirn geht. Das
sind zunachst schematisch - wir wollen zunachst das Prinzipielle
tins vor Augen stellen - diejenigen Dinge, die uns veranschaulichen
konnen, was dieses Auge, das da in eine Hohle der Schadelknochen
eingebettet ist, fur Teile hat. Aber dieses Auge zeigt auBerordentlich
groBe Merkwurdigkeiten. Zunachst, wenn wir studieren die Fliissig-
keit, die da ist zwischen dieser Linse und der Hornhaut, durch die
das Licht durchgehen muB, so ist diese Fliissigkeit ihrem Gehalte
nach fast eine richtige Fliissigkeit, fast eine auBere Fliissigkeit.
An der Stelle, wo der Mensch seine Augenfliissigkeit hat, zwischen
der Linse und der auBeren Hornhaut, ist der Mensch seiner Leiblich-
keit nach ganz so, gewissermaBen, wie ein Stuck AuBenwelt. Es ist fast
so, daB diese Fliissigkeit, die da ist in der auBersten Peripherie des
Auges, kaum sich unterscheidet von einer Fliissigkeit, die ich mir
hier auf die Hand schiitten wiirde. Und das, was hier die Linse ist,
das ist auch noch etwas sehr, sehr Objektives, sehr, sehr Unleben-
diges. Gehe ich dagegen auf den Glaskorper iiber, der das Innere
des Auges ausfiillt und an die Nervenhaut grenzt, so kann ich diesen
Glaskorper keineswegs so betrachten, daB ich sage : Das ist auch etwas,
was fast wie eine auBere Fliissigkeit oder ein auBerer Korper ist. Da
drinnen ist schon Vitalitat, da drinnen ist Leben, so daB, je weiter wir
zuruckgehen im Auge, desto mehr dringen wir heran an das Leben.
Hier haben wir eine Fliissigkeit, die fast ganz objektiv auBerlich ist,
die Linse ist auch noch auBerlich; aber beim Glaskorper stehen wir
schon innerhalb eines Gebildes, das in sich Vitalitat hat. Dieser Unter-
schied zwischen all dem, was da drauBen ist, und dem, was da drinnen
ist, der zeigt sich auch noch in etwas anderem. Auch das konnte man
schon heute naturwissenschaftlich studieren. Wenn man namlich die
Bildung des Auges komparativ von der niederen Tierreihe aus ver-
folgt, so findet man,. daB dasjenige, was auBerer Fliissigkeitskorper
ist und Linse, daB das nicht von innen heraus wachst, sondern
daB sich das ansetzt, indem sich die umliegenden Zellen ansetzen.
Also, ich muBte mir die Bildung der Linse so vorstellen, daB das Lin-
sengewebe und daB auch die vordere Augenfliissigkeit entsteht aus den
benachbarten Organen und nicht von innen heraus, wahrend beim
Inneren das so ist, daB der Glaskorper entgegenwachst. Sehen Sie, da
haben wir das Merkwiirdige : Hier wirkt die Natur des auBeren Lichtes
und bewirkt jene Umwandlung, die Fliissigkeit und Linse hervor-
bringt. Auf das reagiert das Wesen von innen und schiebt ihm ein
Lebendigeres, ein Vitaleres entgegen, den Glaskorper. Geradeim Auge
trefFen sich die Bildungen, die von auBen angeregt werden, und die-
jenigen, die von innen aus angeregt werden, in einer ganz merk-
wiirdigen Weise. Das ist die nachste Eigentiimlichkeit des Auges.
Es gibt noch eine andere. Es gibt die Eigentiimlichkeit des Auges,
die darinnen besteht, daB diese sich ausbreitende Netzhaut eigentlich
der sich ausbreitende Sehnerv ist. Nun besteht just die Eigen-
tiimlichkeit - ich werde morgen versuchen ein Experiment zu
zeigen, das diese bekraftigt -, daB hier, wo der Sehnerv eintritt, das
Auge unempfindlich ist. Da ist es blind. Es breitet sich dann der
Sehnerv aus, und an einer Stelle, die also hier fur das rechte Auge
etwas rechts liegt von der Eintritts stelle, ist die Netzhaut am emp-
findlichsten. Man kann nun sagen: Der Nerv ist dasjenige, was das
Licht empfindet. Aber er empfindet das Licht just nicht da, wo er
eintritt. Man sollte glauben, wenn der Nerv wirklich das ware, was das
Licht empfindet, dann miiBte er am starksten es empfinden da, wo er
eintritt. Das tut er aber nicht. Das bitte ich im Auge zunachst zu be-
halten.
Nun, daB diese Einrichtung des Auges eine auBerordentlich von
Weisheit der Natur erfullte ist, das konnen Sie etwa aus dem Fol-
genden entnehmen : Wenn Sie so des Tags iiber die Gegenstande um
sich herum beschauen, ja, dann finden Sie, daB die Gegenstande Ihnen,
soweit Ihre Augen gesund sind, mehr oder weniger scharf erscheinen,
aber so, daB die Scharfe, die Deutlichkeit fur Ihre Orientierung ge-
niigt. Wenn Sie aber des Morgens aufwachen, da sehen Sie manchmal
sehr undeutlich die Rander der Gegenstande, da sehen Sie diese so wie
mit einem kleinen Nebel umgeben. Wenn das ein Kreis ist, sehen Sie
da herum wie etwas Undeutliches, wenn Sie des Morgens gerade
aufgewacht sind. Worauf beruht denn das? Das beruht darauf, daB
wir dreierlei in unserem Auge haben, zunachst den Glaskorper - wir
wollen sogar nur auf zweierlei Riicksicht nehmen -, den Glaskorper
und die Linse. Sie haben, wie wir gesehen haben, ganz verschiedenen
Ursprung. Die Linse ist mehr von auBen gebildet, der Glaskorper
mehr von innen, die Linse ist mehr unlebendig, der Glaskorper
von Vitalitat durchzogen. In dem Augenblick, wo wir aufwachen, sind
beide einander noch nicht angepaBt. Der Glaskorper will uns noch die
Gegenstande so abbilden, wie er es kann, und die Linse so, wie sie es
kann. Und wir miissen erst warten, bis sie sich gegenseitig eingestellt
haben. Daraus ersehen Sie, wie innerlich beweglich das Organische ist
und wie die Wirkung des Organischen darauf beruht, daB zunachst
die Tatigkeit differenziert wird in Linse und Glaskorper und dann
wiederum aus dem Differenzierten zusammengesetzt wird. Da muB
sich dann das eine an das andere anpassen.
Wir wollen aus alien diesen Dingen versuchen, nach und nach darauf
zu kommen, wie sich aus dem Wechselverhaltnis des Auges und der
AuBenwelt die farbenbunte Welt ergibt. Zu diesem Zweck, um dann
morgen daran anknupfen zu konnen Betrachtungen iiber diese Be-
ziehung des Auges zur AuBenwelt, wollen wir uns noch folgendes Ex-
periment vor Augen fiihren :
Sehen Sie, ich habe hier eine Scheibe bestrichen mit den Farben,
die uns vorhin als Regenbogenfarben Violett, Indigo, Blau, Griin,
Gelb, Orange, Rot vor Augen getreten sind. Wenn Sie dieses Rad
hier anschauen, so sehen Sie diese sieben Farben - ich habe es so
gut gemacht, als es eben geht mit diesen Farben. Nun werden wir
zuerst die Scheibe drehen. Sie sehen noch immer, nur eben in Be-
wegung, die sieben Farben. Ich kann ziemlich stark drehen und Sie
sehen in Bewegung die sieben Farben. Nun werde ich aber recht
schnell die Scheibe zur Rotierung bringen. Sie sehen, wenn die
Sache stark genug rotiert, nicht mehr die Farben, sondern Sie sehen,
ich glaube, ein einfarbiges Grau. Nicht wahr? Oder haben Sie etwas
anderes gesehen? («Lila», «R6tlich».) Ja, das ist nur aus dem Grunde,
weil das Rot etwas zu stark ist gegenuber den anderen Farben. Ich
habe zwar versucht, die Starke durch den Raum auszugleichen, aber
Sie wiirden, wenn die Anordnung ganz richtig ware, eigentiich ein ein-
farbiges Grau sehen. Wir miissen uns dann fragen: Warum erscheinen
uns diese sieben Farben in einfarbigem Grau? Diese Frage wollen wir
morgen beantworten. Heute wollen wir nur noch hinstellen, was
die Physik sagt. Sie sagt und hat auch schon zu Goethes Zeiten gesagt :
Da habe ich die Regenbogenfarben Rot, Orange, Gelb, Griin, Blau,
Indigo, Violett. Jetzt bringe ich die Scheibe in Rotierung. Dadurch
kommt der Lichteindruck nicht zur Geltung im Auge, sondern
wenn ich hier das Rot eben gesehen habe, dann ist durch die rasche
Rotierung schon das Orange da, und wenn ich das Orange gesehen
habe, schon das Gelb und so weiter. Und dann, wahrend ich noch die
ubrigen Farben habe, ist schon wieder das Rot da. Dadurch habe ich
alle Farben zu gleicher Zeit. Es ist der Eindruck vom Rot noch nicht
voriiber, wenn das Violett kommt. Dadurch setzt man fur das Auge
die sieben Farben zusammen und das muB wiederum WeiB geben. -
Dieses war auch die Lehre zu Zeiten Goethes. Goethe hat das als
Lehre empfangen: Wenn man den Farbenkreisel macht, ihn rasch
rotieren laBt, dann werden die sieben Farben, die so artig gewesen
sind, auseinanderzutreten aus dem Lichtzylinder, die werden sich wie-
der vereinigen im Auge selbst. Aber Goethe hat niemals ein WeiB ge-
sehen, sondern er hat gesagt: Es kommt niemals etwas anderes zu-
stande als ein Grau. Allerdings, die neueren Physikbiicher finden auch,
daB nur ein Grau zustande kommt. Aber damit die Geschichte doch
weiB wird, so raten sie, man soil in der Mitte einen schwarzen Kon-
trastkreis machen, dann wird das Grau im Kontrast weiB erscheinen.
Also, Sie sehen, in einer netten Weise wird das gemacht. Manche Leute
machen es mit « fortune », die Physiker machen es mit « nature ». So
wird die Natur korrigiert. Das findet uberhaupt bei einer Anzahl der
fundamentalsten Tatsachen statt, daB die Natur korrigiert wird.
Sie sehen, ich suche so vorzugehen, daB die Basis geschaffen wird.
Wir werden gerade, wenn wir eine richtige Basis schaffen, fur alle an-
deren Gebiete die Moglichkeit bekommen, vorwartszukommen.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 26. Dezember 1919
Wir sind leider mit dem Zusammenstellen des Experimentier- Materials
noch nicht weit genug gediehen. Daher werden wir manche Dinge,
die wir heute machen wollten, erst morgen machen, und ich werde den
Vortrag heute mehr so einrichten mussen, daB ich einiges, was uns
niitzlich sein wird in den nachsten Tagen, Ihnen noch zur Darstellung
bringe, gewissermaBen mit einer kleinen Anderung meiner Absichten.
Ich mochte zunachst einfach vor Sie hinstellen dasjenige, was man
nennen konnte das Urphanomen der Farbenlehre. Es wird sich darum
handeln, daB Sie nach und nach dieses Urphanomen der Farbenlehre
bewahrheitet, bekraftigt finden an den Erscheinungen, die Sie im gan-
zen Umfang der sogenannten Optik oder Farbenlehre beobachten
konnen. Natiirlich kompMzieren sich die Erscheinungen, und das ein-
fache Phanomen tritt nicht iiberall gleich so bequem in die auBere
OfTenbarung. Aber wenn man sich die Miihe gibt, findet man es iiber-
all. Dieses einfache Phanomen, zunachst in Goethescher Art ausge-
sprochen, ist das : Sieht man ein Helleres durch Dunkelheit, dann wird
das Helle durch die Dunkelheit in dem Sinn der hellen Farben er-
scheinen, in dem Sinn des Gelblichen oder Rotlichen, mit anderen
Worten: Sehe ich zum Beispiel irgendein leuchtendes, sogenanntes
weiBlich scheinendes Licht durch eine geniigend dicke Platte, die
irgendwie abgetriibt ist, so erscheint mir dasjenige, was ich sonst, in-
fielt lurch cLmkel — ~gell-i~SilH
dem ich es direkt anschaue, weiBHch sehe, das erscheint mir gelblich,
gelb-rotlich. Hell durch Dunkelheit erscheint gelb oder gelblich-
rotlich. Das ist der eine Pol. Umgekehrt, wenn Sie hier einfach eine
schwarze Flache haben und Sie schauen sie direkt an, dann sehen Sie
eben die schwarze Flache. Nehmen Sie aber an, ich habe hier einen
Wassertrog, durch diesen Wassertrog jage ich Helligkeit durch, so daB
er aufgehellt ist, dann habe ich hier eine erhellte Fliissigkeit, und ich
sehe das Dunkel dunkel durch Hell, sehe es durch Erhelltes. Da
erscheint Blau oder Violett, Blaurot, das heiBt der andere Pol der
Farbe. Das ist das Urphanomen - Hell durch Dunkel: Gelb; Dunkel
durch Hell : Blau.
Dieses einfache Phanomen kann uberall gesehen werden, wenn man
sich nur gewohnt, real zu denken, nicht abstrakt zu denken, wie eben
die heutige Wissenschaft denkt. Nun erinnern Sie sich von diesem Ge-
sichtspunkt aus an den Versuch, den wir schon gemacht haben, wo
wir einen Lichtzylinder haben durchgehen las sen durch ein Prisma
und, indem der Lichtzylinder durch das Prisma durchging, eine wirk-
liche Farbenskala bekommen haben, die wir aufgefangen haben, vom
Violett bis zum Rot. Dieses Phanomen, ich habe es Ihnen ja schon auf-
gezeichnet. Wir konnten sagen: Wenn wir hier das Prisma haben, hier
den Lichtzylinder, dann geht das Licht in irgendeiner Weise durch das
Prisma hindurch, wird nach oben abgelenkt. Und wir haben gesagt:
Hier findet nicht nur eine' Ablenkung statt. Eine Ablenkung wiirde
stattfinden, wenn ein Gegeristand, ein durchsichtiger Gegenstand dem
Lichte in den Weg gestellt wiirde, der parallele Flachen hat. Aber es
dunkel durch £-helltes — LUu- viokft
wird das Prisma, das zusammengehende Flachen hat, dem Lichte in
den Weg gestellt. Dadurch bekommen wir im Durchgang durch das
Prisma eine Verdunkelung des Lichtes. Wir haben es also in dem
Augenblicke, wo wir das Licht durch das Prisma hindurchjagen, zu
tun mit zweierlei, erstens mit dem einfachen, fortstromenden hellen
Licht, dann aber mit dem dem Licht in den Weg gestellten Triiben.
Aber dieses Triibe, haben wir gesagt, stellt sich so dem Lichte in den
Weg, daB, wahrend das Licht in der Hauptsache nach oben abgelenkt
wird, dasjenige, was als Triibung entsteht, indem es nach oben strahlt,
mit seinen Strahlen in der Richtung der Ablenkung sein wird. Das
heiBt, es strahlt Dunkelheit in das abgelenkte Licht hinein, Dunkelheit
lebt gewissermaBen im abgelenkten Licht. Dadurch entsteht hier das
Blauliche, Violette. Aber die Dunkelheit strahlt auch nach unten. Da
strahlt sie, wahrend der Lichtzylinder so (nach oben) abgelenkt wird,
nach unten, und sie wirkt entgegengesetzt dem abgelenkten Licht,
kommt gegen dieses nicht auf, und wir konnen sagen: Da iibertont
das abgelenkte helle Licht die Dunkelheit, und wir bekommen die
gelblichen oder gelblich-rotlichen Farben. Nehmen wir einen ge-
niigend diinnen Lichtzylinder, so konnen wir, wenn wir in der Rich-
tung dieses Lichtzylinders schauen - mit unseren Augen konnen wir
ja durch das Prisma hindurch statt daB wir von auBen auf einem
S chirm anschauen das Bild, das entworfen wird, konnen wir unser
Auge an die Stelle dieses Bildes stellen. Dann sehen wir, wenn wir
durch das Prisma hindurchsehen, dasjenige, was hier ein Ausschnitt
ist, durch den uns der Lichtzylinder entsteht, verschoben. Wir haben
also hier wiederum, wenn wir innerhalb der Fakten stehen bleiben,
das Phanomen vor uns: Wenn ich hier hinschaue, so sehe ich das-
jenige, was mir sonst direkt zukommen wiirde, durch das Prisma
nach unten verschoben. Aber ich sehe es auBerdem farbig. Sie sehen
es uberall farbig. Was sehen Sie eigentlich? Wenn Sie sich ver-
gegenwartigen, was Sie hier sehen, und rein aussprechen, was Sie sehen
im Zusammenhang mit demjenigen, was wir eben festgestellt haben,
dann ergibt sich Ihnen dasjenige, was Sie wirklich sehen, auch fur die
Einzelheit, unmittelbar. Sie miissen sich nur an das Gesehene halten.
Nicht wahr, wenn Sie so hinschauen auf den Lichtzylinder - weil er
Ihnen entgegenkommt, der helle Lichtzylinder -, so sehen Sie ein
Helles, aber Sie sehen das Helle durch das Abgedunkelte, durch die
blaue Farbe, ein Helles durch ein Dunkles. Also mussen Sie hier
Gelb oder Gelbrotlich sehen, Gelb und Rot. - Nicht wahr, ein deut-
licher Beweis, daB Sie hier oben ein Abgedunkeltes haben, ist,
daB die blaue Farbe entsteht. - Und unten ist Ihnen die rote Farbe
ebenso ein Beweis, daB Sie ein Aufgehelltes haben. Ich habe Ihnen
ja gesagt, das Hell iibertont die Dunkelheit. Also sehen Sie, indem
Sie hinschauen, den Lichtzylinder, wie hell er auch sein mag, noch
durch ein Aufgehelltes. Er ist dunkel gegeniiber dem Aufgehellten.
Sie sehen also ein Dunkles durch ein Erhelltes, und Sie mussen es
unten blau sehen oder blaurot. Sie brauchen bloB das Phanomen aus-
zusprechen, dann haben Sie auch dasjenige, was Sie sehen konnen.
Das, was sich dem Auge darbietet, ist, was Sie sonst sehen : das Blau,
durch das Sie hindurchschauen. Also erscheint das Hell rotlich. Am
unteren Rand haben Sie die Erhelltheit. Wie hell auch der Licht-
zylinder sein mag, Sie sehen ihn durch ein Erhelltes. Also sehen Sie
ein Dunkleres durch ein Erhelltes und Sie sehen es blau. Darauf kommt
es an, auf das Polarische. Das erstere, das am Schirm, kann man, wenn
man gelehrt sein will, die objektiven Farben nennen. Das andere, was
man sieht, wenn man durch das Prisma schaut, kann man nennen das
subjektive Spektrum. Das subjektive Spektrum erscheint in Um-
kehrung des objektiven Spektrums. Wenn wir so sprechen, dann
haben wir ganz gelehrt gesprochen.
Nun, iiber diese Erscheinungen ist ja sehr viel, namentlich im Laufe
der neueren Zeit, gegriibelt worden. Nicht nur, daB man so, wie wir
es jetzt versucht haben, die Erscheinungen angesehen und sie reinlich
ausgesprochen hat, sondern man hat iiber die Dinge gegriibelt, und das
auBerste Grubeln ist ja schon angegangen, als der beriihmte Newton
iiber das Licht deshalb nachgedacht hat, weil ihm zuerst dieses Farben-
spektrum sich dargeboten hat. Newton hat sich allerdings die soge-
nannte Erklarung - eine solche ist es immer nur - verhaltnismaBig
leicht gemacht. Er hat gesagt : Nun, wenn wir eben das Prisma haben,
so lassen wir weiBes Licht hinein. Da drinnen sind schon die Farben
enthalten, das Prisma lockt sie hervor, und dann marschieren sie der
Reihe nach auf. Ich habe einfach das weiBe Licht zerlegt. Nun hat sich
Newton vorgestellt: Jeder Farbenart entspricht ein bestimmter Stoff,
so daB also in dem Gesamten stofFlich sieben Farben enthalten sind.
GewissermaBen ist fur ihn dieses Durchlassen des Lichtes durch das
Prisma eine Art chemischer Zerlegung des Lichtes in sieben einzelne
StofFe. Er hat sich sogar Vorstellungen gemacht, welche StofFe groBere
Korpuskeln, Kiigelchen aussenden und welche StofFe kleinere. Nun
also liegt in diesem Sinne die Sache so, daB die Sonne uns Licht sendet;
wir lassen das Licht ein durch den kreisformigen Spalt, da (Prisma)
fallt es auf als ein Lichtzylinder. Aber dieses Licht besteht in lauter
kleinen Korpuskeln, kleinen Korperchen, die hier aufstoBen, dann
von ihrer Richtung abgelenkt werden, und dann bombardieren sie
den Schirm. Da (Prisma) fallen diese kleinen Kanonenkiigelchen auf.
Die kleinen fliegen nach oben, die groBen nach unten, die kleinen sind
die violetten, die groBen sind die roten, nicht wahr? Und so sondern
sich die groBen von den kleinen. Diese Anschauung, daB da ein StofF
oder verschiedene StofFe durch die Welt fliegen, die wurde sehr bald
erschiittert von anderen Physikern, Huygens und Young und anderen,
und es ist endlich dazu gekommen, daB man sich gesagt hat: So geht
es doch nicht, daB da diese kleinen Kiigelchen von irgendwo ausgehen
und einfach durch das Medium getrieben werden oder auch nicht
durch ein Medium getrieben werden und entweder auf einem Schirm
ankommen, ein Bild erzeugen, oder in das Auge gelangen, um bei uns
die Erscheinung des Rot und so weiter hervorzurufen. Damit geht es
doch nicht. Und ich mochte sagen: Zuletzt wurden die Menschen dazu
getrieben, sich zu beweisen, daB es so nicht gehe, durch einen Versuch,
der ja allerdings auch schon vorbereitet war, sogar bei dem Jesuiten
Grimaldi und auch durch andere. Es wurde diese ganze Anschauung
wesentlich erschiittert durch dasjenige, was durch Fresnel als Versuch
angestellt worden ist.
Diese Fresnelschen Versuche sind auBerordentlich interessant. Man
muB sich einmal klar werden, was da eigentlich geschieht in der An-
ordnung, die Fresnel seinen Versuchen gegeben hat. Aber ich bitte
Sie, jetzt wirklich auf die Tatsachen recht sehr achtzugeben, denn es
handelt sich darum, daB wir ganz genau ein Phanomen studieren. -
Nehmen Sie an, ich hatte zwei Spiegel und hier eine Lichtquelle, das
heiBt mit einer Flamme leuchte ich von da aus, so daB ich, wenn ich
hier einen Schirm aufstelle, Bilder bekomme durch diesen Spiegel
und Bilder bekomme von dem anderen Spiegel. Nehmen Sie also
an - ich werde das im Durchschnitt zeichnen - zwei sehr wenig
gegeneinander geneigte Spiegel. Habe ich hier eine Lichtquelle - ich
will sie L nennen - und einen Schirm, so spiegelt sich mir das Licht,
indem es hier (Spiegel) auffallt, so daB ich in der Lage sein kann, hier
durch das reflektierte Licht den Schirm zu beleuchten. Wenn ich das
Licht hier auffallen lasse, so kann ich durch den Spiegel den Schirm
hier beleuchten, so daB er hier in der Mitte heller ist als in der Um-
gebung. Nun habe ich aber hier einen zweiten Spiegel, durch den das
Licht etwas anders reflektiert wird, und es wird gewissermaBen noch
ein Teil desjenigen, was von hier unten von meinem Lichtkegel nach
dem Schirm hindirigiert wird, noch hinein in das Obere fallen, so daB
durch die Neigung gewissermaBen sowohl das, was der obere Spiegel
spiegelt, als Helligkeit auf den Schirm geworfen wird, als auch, was
vom unteren Spiegel gespiegelt wird. Man kann sagen, daB es fur die-
sen Schirm so ist, wie wenn er von zwei Orten aus erhellt wiirde.
Nehmen Sie nun an, es habe einen Physiker gegeben, der das sieht.
Dieser Physiker, der das sieht, dachte newtonisch. Dann wird er sich
sagen : Da ist die Lichtquelle, die bombardiert zuerst den ersten Spie-
gel, der schmeiBt ihre Kiigelchen hieher. Diese prallen ab, kommen auf
den Schirm und erhellen ihn. Aber auch von dem unteren Spiegel pral-
len die Kiigelchen ab. Da kommen viele Kiigelchen an. Es muB viel
heller sein, wenn die zwei Spiegel da sind, als wenn nur der eine Spiegel
da ist. Richte ich die Sache so ein, daB ich den zweiten Spiegel weg-
mache, so miiBte der Schirm durch das hergeworfene Licht weniger
erhellt sein, als wenn ich die zwei Spiegel habe. Allerdings, ein Gedanke
konnte diesem Physiker kommen, der richtig fatal ware. Denn diese
Korpuskeln, diese Korperchen, die miissen diesen Weg machen, da
kommen die anderen herunter. Warum just nun diejenigen, die da
herunterkommen, gar nicht auf diese stoBen und sie wegschleudern,
das ist auBerordentlich schwer einzusehen. - Oberhaupt, Sie kon-
nen in unseren Physikbiichern sehr schone Erzahlungen iiber die
Wellentheorie finden. Aber wahrend die Dlnge sehr schon berechnet
werden, muB man immer den Gedanken haben, daB man niemals be-
rechnet, wie so eine Welle durch die andere durch saust. Das geht
immer so ganz unbemerkt ab. Wollen wir einmal in Wirklichkeit auf-
fassen, was hier eben eigentlich geschieht.
GewiB, das Licht fallt hier herunter, wird hieher heriibergeworfen,
fallt auch auf den zweiten Spiegel, wird hieher geworfen. Das Licht
ist also auf dem Weg zum Spiegel, wird hier heriibergeworfen - das
ist immer der Weg des Lichts. Was geschieht aber eigentlich? Nun,
nehmen wir an, wir hatten hier so einen Lichtgang. Jet2t wird er
hier heriibergeworfen. Jetzt kommt aber hier der andere Lichtgang,
der trifft auf. Das ist ein Phanomen, das nicht zu leugnen ist: Die
beiden storen sich gegenseitig. Der will da durch sausen, der andere
stellt sich in den Weg. Die Folge davon ist: Wenn er da durch sausen
will, loscht er das von da kommende Licht zunachst aus. Dadurch
aber bekommen wir iiberhaupt hier (Schirm) nicht eine Heliigkeit,
Ucht9itter9i>mimW Uchtgitters
sondern es spiegelt sich hier in Wahrheit die Dunkelheit heriiber,
so daB wir also hier eine Dunkelheit kriegen. Nun ist aber die ganze
Geschichte nicht in Ruhe, sondern in fortwahrender Bewegung. Was
hier gestort worden ist, das geht weiter. Da ist also gleichsam ein
Loch im Licht entstanden. Es ist ja das Licht durchgesaust, es ist
ein Loch entstanden. Dieses erscheint dunkel. Aber dadurch wird
der nachste Lichtkorper um so leichter durchgehen und Sie werden
neben der Dunkelheit einen um so helleren Fleck haben. Das nachste
wiederum, was geschieht, ist das, daB, indem das hier weiterschreitet,
wiedemm ein solcher kleiner Lichtzylinder von oben aufstoBt auf
eine Helligkeit, sie wiederum ausloscht, wiederum eine Dunkelheit
hervorruft. Dadurch, daB diese weiter schreitet, kann das Licht
wiederum leichter durch. Wir haben es zu tun mit einem solchen
fortschreitenden Gitter, wo das Licht, das von oben kommt, immer
durch kann und, indem es ausloscht, wiederum Dunkelheit bringt, die
aber fortschreitet. Wir miissen also hier abwechselnd Helligkeit und
Dunkelheit bekommen dadurch, daB das obere Licht durch das untere
durchgeht und so ein Gitter macht. Das ist, was ich Sie gebeten habe,
genau zu denken. Denn Sie miissen verfolgen, wie ein Gitter entsteht.
Sie haben Helligkeiten und Dunkelheiten dadurch abwechselnd, daB
Licht ins Licht hineinsaust. Wenn Licht in Licht hineinsaust, so wird
das Licht eben aufgehoben, wird das Licht in Dunkelheit verwandelt.
Die Entstehung eines solchen Lichtgitters miissen wir also dadurch
erklaren, daB wir die Anordnung getrofTen haben durch diese Spie-
gel. Die Geschwindigkeit des Lichtes, iiberhaupt dasjenige, was an
Verschiedenheiten der Lichtgeschwindigkeit hier auftritt, hat keine
groBe Bedeutung. Was ich zeigen mochte, ist hier dasjenige, was inner-
halb des Lichtes selbst auftritt mit Hilfe des Apparates, ist hier
(Schirm), daB sich das Gitter abspiegelt: hell, dunkel, hell, dunkel.
Aber jener Physiker - es war Fresnel selber -, der sagte sich: Wenn das
Licht die Ausstromung von Korperchen ist, so ist es selbstverstand-
lich, daB, wenn mehr Korperchen hingeschleudert werden, es dann
heller werden muB, sonst miiBte ein Korperchen das andere aufzehren.
Also nach der bloBen Ausstrahlungstheorie kann nicht erklart werden,
daB Helligkeit und Dunkelheit miteinander abwechseln.Wie es zu er-
klaren ist, wir haben es eben gesehen. Aber nun sehen Sie, das Pha-
nomen so zu nehmen, wie es eigentlich sein muB, das fiel nun gerade
wiederum den Physikern nicht ein, sondern im Zusammenhang mit
gewissen anderen Erscheinungen versuchten sie eine Erklarung im
Sinne des Materialismus. Mit den hinbombardierenden Stoffkugelchen
ging es nicht mehr. Deshalb sagte man: Nehmen wir an, das Licht ist
nicht ein Hinstromen von feinen Stoffen, sondern nur eine Bewegung
in einem feinen Stoffe, in dem Ather, Bewegung im Ather. Und zu-
erst stellte man sich vor - zum Beispiel tat das Euler -, das Licht pflanze
sich in diesem Ather etwa so fort wie der Schall in der Luft. Wenn ich
einen Schall errege, so pflanzt sich der ja durch die Luft fort, aber so,
daB zunachst, wenn hier der Schall erregt wird, die Luft in der Um-
gebung zusammengedriickt wird. Dadurch entsteht verdichtete Luft.
Die verdichtete Luft, die hier entsteht, die driickt wiederum auf die
Umgebung. Sie dehnt sich aus. Dadurch aber ruft sie sporadisch ge-
rade in der Nahe eine verdiinnte Luftschicht hervor. Durch solche
Verdickungen und Verdiinnungen, die man Wellen nennt, stellt man
sich vor, daB der Schall sich ausbreitet. Und so nahm man an, daB
solche Wellen auch im Ather erregt werden. Aber mit gewissen Er-
scheinungen stimmte die Sache nicht, und so sagte man sich: Eine
Wellenbewegung ist das Licht wohl, aber es schwingt nicht so, wie es
beim Schall ist. Beim Schall ist es so, daB hier eine Verdichtung ist,
dann eine Verdunnung kommt, und das schreitet so fort. Das sind
Langswellen. Also, es folgt die Verdunnung auf die Verdichtung, und
ein Korper, der bewegt sich darinnen in der Richtung der Fortpflan-
zung so hin und zuriick. Das konnte man sich beim Lichte nicht so
vorstellen. Da ist es so, daB, wenn sich das Licht fortpflanzt, dann
die Atherteilchen sich senkrecht zur Richtung der Fortpflanzung
bewegen, so daB also, wenn dasjenige, was man einen Lichtstrahl
nennt, da durch die Luft saust - es saust ja so ein Lichtstrahl mit
300 000 Kilometer Geschwindigkeit -, dann die kleinen Teilchen
immer senkrecht auf die Richtung schwingen, in der das Licht dahin-
saust. Wenn dann dieses Schwingen in unser Auge kommt, nehmen
wir das wahr. Wenn man das auf den Fresnelschen Versuch an-
wendet, so ist eigentlich die Bewegung des Lichtes ein senkrechtes
Schwingen auf die Richtung, in der sich das Licht fortpflanzt. Dieser
Strahl hier, der auf den unteren Spiegel geht, wurde also so schwingen,
setzt sich so fort, stoBt hier auf. Nun, wie gesagt, dieses Durcheinan-
dergehen der Wellenzuge, iiber das sieht man da hinweg. Die storen
sich da nicht im Sinne dieser so denkenden Physiker. Aber hier
(Schirm) storen sie sich sogleich, oder aber sie unterstiitzen sich.
Denn was soil nun hier geschehen? Nicht wahr, hier kann es nun so
sein, daB, wenn dieser Wellenzug hier ankommt, das eine kleinste
Teilchen, das senkrecht schwingt, just hinunterschwingt, wenn das
andere hinaufschwingt. Dann heben sie sich auf, dann miiBte Dunkel-
heit entstehen. Wenn aber das eine Teilchen hier gerade hinunter-
schwingt, wenn das andere hinunterschwingt, oder hinaufschwingt,
wenn das andere hinaufschwingt, dann miiBte die Helligkeit ent-
stehen, so daB man also hier aus den Schwingungen der kleinsten
Teilchen dasselbe erklart, was wir aus dem Lichte selber erklart
haben. Ich habe gesagt, daB man hier abwechselnd helle und dunkle
Stellen hat, aber die sogenannte Undulations-Theorie erklart sie da-
durch, daB das Licht eine Schwingung des Athers ist: Wenn die
kleinsten Teilchen so schwingen, daB sie einander unterstiitzen, dann
entsteht ein hellerer Fleck, wenn sie im entgegengesetzten Sinne
schwingen, dann entsteht ein dunklerer Fleck. Sie miissen jetzt nur
ins Auge fassen, welcher Unterschied besteht zwischen der reinen
Auffassung des Phanomens, dem Stehenbleiben innerhalb der Pha-
nomene, dem Verfolgen und Hinstellen der Phanomene und dem
Hinzuerflnden zu den Phanomenen von etwas, was man eben nur
hinzuerfunden hat. Denn diese ganze Bewegung des Athers ist ja
nur hinzuerfunden. Man kann natiirlich so etwas, was man er-
funden hat, berechnen. Aber das, daB man dariiber rechnen kann, ist ja
kein Beweis dafiir, daB die Sache auch da ist. Denn das bloB Phorono-
mische ist eben ein bloB Gedachtes, und das Rechnerische ist auch bloB
ein Gedachtes. Sie sehen daraus, daB wir darauf angewiesen sind, nach
unserer Grunddenkweise die Phanomene so zu erklaren, daB sie sich
uns selber als Erklarung ergeben, daB sie die Erklarung in sich selber
enthalten - darauf bitte ich den groBten Wert zu legen -, daB hinaus-
geworfen werden muB, was bloBe Spintisiererei ist. Alles kann man
erklaren, wenn man hinzufiigt etwas, wovon kein Mensch etwas
weiB. Diese Wellen zum Beispiel konnten natiirlich da sein, und es
konnte sein, wenn eine herunter- und die andere hinaufschwingt, daB
sie sich dann aufheben, aber man hat sie erfunden. Was aber un-
bedingt da ist, ist dieses Gitter hier, und dieses Gitter sehen wir sich
hier treulich spiegeln. Man muB schon auf das Licht schauen, wenn
man zu dem kommen will, was unverfalschte Erklarung ist.
Nun habe ich Ihnen gesagt : Wenn das eine Licht durch das andere
durchgeht, mit ihm iiberhaupt in irgendeine Beziehung tritt, dann
wirkt unter Umstanden das eine Licht triibend auf das andere Licht,
ausloschend auf das andere Licht, wie das Prisma selber triibend wirkt.
Das stellt sich ganz besonders dadurch heraus, daB man - wir werden
den Versuch wirklich machen -, daB man den folgenden Versuch
macht. Sehen Sie, ich will das, um was es sich dabei handelt, aufzeich-
nen: Nehmen wir an, wir haben dasjenige, was ich Ihnen gestern
zeigte, wir haben wirklich ein solches Spektrum, und zwar direkt
durch die Sonne erzeugt; wir haben ein solches Spektrum bekommen
vom Violett bis zum Rot. Wir konnten ein solches Spektrum auch er-
zeugen, indem wir nicht die Sonne durch einen solchen Spalt durch-
scheinen lieOen, sondern dadurch, daB wir an diese Stelle hier einen
festen Korper herbrachten, den wir gliihend machten. Dann wiirden
wir auch allmahlich, wenn er bis zur WeiBglut kommt, die Moglich-
keit haben, ein solches Spektrum zu haben. Es ist gleichgiiltig, ob
wir ein Sonnenspektrum haben oder ob das Spektrum von einem
weiBgliihenden Korper kommt.
Nun konnen wir aber auch noch auf eine etwas modifizierte Art ein
Spektrum erzeugen. Nehmen wir an, wir haben hier ein Prisma und
wir haben hier eine Natriumflamme, das heiBt ein sich verfliichti-
gendes Metall: Natrium. Zu Gas wird da Natrium. Das Gas brennt,
verfliichtigt sich, und wir erzeugen ein Spektrum
…[truncated]