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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Eine okkulte Physiologie
Ein Zyklus von acht Vortragen
gehalten in Prag vom 20. bis 28. Marz 1911,
und ein Sondervortrag vom 28. Marz 1911
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 5. Auflage besorgte Ulla Trapp (Archiv)
in Zusammenarbeit mit Dr. med. Werner Belart, Dr. med.
Christoph Schulthess und Dr. med. Hartwig von Volkmann
1. Auflage Dornach 1927
2. Auflage Dornach 1957
3. Auflage Dornach 1971
4. Auflage Dornach 1978
5. Auflage, mit vollig neu erarbeitetem Text
(Naheres auf Seite 203 ff.)
und erweitert um einen Vortrag vom 28. Marz 191 1
Gesamtausgabe Dornach 1991
Nahere Angaben zu den bisherigen Auflagen auf Seite 205
Bibliographie-Nr. 128
Zeichnungen nach den Notizen der Stenographen
ausgefuhrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1991 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg
Bindearbeit: Spinner GmbH, Otters weier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1281-X
2,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichen Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo-
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurde, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
uber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf-
tes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Prag, 20. Marz 191 1
Zur Erkenntnis des menschlichen Wesens ist Ehrfurcht vor der
menschlichen Natur als einer Offenbarung des Weltengeistes notig.
Die Darlegungen sind von seiten des Geistesforschers gemacht. Die
Zweiheit des Menschen seiner Form und Gestalt nach. Gehirn und
Ruckenmark im Verhaltnis zum Knochensystem. Wirbeltheorie des
Schadels von Oken und Goethe. Umwandlungen im Gebiete von
Gehirn und Ruckenmark; Hirn ist umgewandeltes Ruckenmark, alter
als dieses. Gehirn; waches, uberlegendes Denken. Ruckenmark:
traumahnlich, iiberlegungslos funktionierend. Das im Gehirn ver-
borgene Ruckenmark. Die Aura von Gehirn und Ruckenmark.
Zweiter Vortrag, 21. Marz 1911 . .
Das andere Glied der menschlichen Zweiheit, der Ernahrungs-
apparat: System der Stoffverarbeitung. Lymphsystem, Blutgefafi-
system, Herz, oberer, Gehirn und Sinnesorgane umschliefiender,
unterer, Milz, Leber und Galle umfassender Kreislauf. Veranderung
des Blutes durch die Sinneseindriicke und durch die Tatigkeit von
Milz, Leber, Galle als zu Organen verdichteten Weltprozessen:
Saturn, Jupiter und Mars. Nervensystem: Werkzeug des Astralleibes,
Blut: Werkzeug des Ich. Nervensystem differenziert, Blut einheitlich.
Verhaltnis der aufieren Eindriicke und der Seelenereignisse auf Blut
und Ich. Unmittelbare Wirkung der Nerven auf das Ich. Abtrennung
der Nervenwirkung vom Blut durch innere Konzentrationsiibungen;
Ausschalten des Blutes durch Zuriickwerfen der Nerventatigkeit ins
Innere.
Dritter Vortrag, 22. Marz 1911
Folgen der seelischen Konzentrationsiibungen. Wirkung der Sinnes-
welt und der inneren Organwelt auf das Blut. Das sympathische
Nervensystem als Vermittler der Wirkungen der inneren Welt, das
Gehirn- und Ruckenmark-Nervensystem derjenige der aufieren Welt.
Mystische Versenkung in das eigene Innere schafft starkere Verbin-
dung zwischen Blut und sympathischem Nervensystem. Wesen der
mystischen Versenkung. Rhythmisierende Funktion der Milz fiihrt
zum inneren Eigenrhythmus. Saturnwirkung im Kosmos. Notwendig-
keit des wieder in Einklangbringens der Eigenrhythmen mit den Wel-
tenrhythmen; die Kronossage. Physiologische Bedeutung von
Mythenbildern.
Vierter Vortrag, 23. Marz 1911
Milz. Organe als Ausdruck von geistigen Wirkungen. Umrhythmi-
sierung der Nahrung und ihre Anpassung an die menschliche Organi-
sation durch Milz, Leber, Galle. Beziehung zur Aufienwelt durch
Atmung und Blut. Begegnung dieser zwei Weltenkraftssysteme im
Herzen. Harmonisierung der Systeme durch das Nierensystem. Herz
und Blutsystem als Mitte des Organismus. Das innere Weltsystem und
das Blut als Werkzeug des Ich. Beziehungen des Ich zu Atmung und
Wahrnehmung. Verhaltnis der immateriellen zu den materiellen Pro-
zessen. Uberleitung der Seelenerlebnisse auf den Atherleib. Bildung
der Gedachtnisvorstellungen. Bedeutung von Epiphyse und Hypo-
physe.
Funfter Vortrag, 24. Marz 1911
Uber Wesen und Begriff des Organs; der iibersinnliche Organismus.
Betrachtung des Atherleibes und der Wirkungen des Astralleibes und
des Ich. Unterschiede in den Zusammenwirkungen der Kraftsysteme.
Der physische Leib als Kraftsystem. Der Begriff des Gesamtorgans.
Das Wider standfinden als Anlafi zur Selbstwahrnehmung; das Abson-
dern als ein inneres Widerstandfinden. Das Erleben des Ich durch
Veranderung des Blutes. Die Gestalt des Menschen und die menschli-
chen Fahigkeiten. Die hautbildenden, von innen nach aufien dringen-
den, formbildenden Krafte. Widerstand gegen die durch Nahrung
aufgenommenen Stoffe durch Umanderung von deren Regsamkeit:
Bewegungskrafte. Gegensatz von Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem
und sympathischem Nervensystem: Funktion von Epiphyse und
Hypophyse.
Sechster Vortrag, 26. Marz 1911
Die Haut als Ausdruck des Ich und das menschliche Bewufksein. Das
Blutsystem als das Ich in die ganze Organisation tragend. Unterschied
zwischen LebensprozefS und dem Stoffumlagerungsvorgang. Das Sich-
Gewahrwerden des Organismus durch die Absonderung der Stoffe in
das Innere des Organismus. Organisationskrafte des menschlichen
Leibes als Gesetze zur Gestaltung des Blutkreislaufes; Einfugung der
Organe in denselben. Das Blutsystem als das durch Ich-Erlebnisse
bestimmbarste System unter den Organen. Das Knochensystem, die
alteste Art des Ernahrungsprozesses in der Entwicklung. Die Unbe-
stimmbarkeit des Knochensystems; Blutsystem im Gegensatz dazu.
Knochensystem: im Sinne des Ich wirkend, aber von ihm unbestimm-
bar. Blutsystem: Ich-Prozesse regsam aufnehmend. Zur Phrenologie.
Siebenter Vortrag, 27. Marz 1911
Blut als Werkzeug des Ich. Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem:
bewufttes Leben. Sympathisches Nervensystem: zuriickhalten des
Bewulkseins vom Leben des inneren Weltsystems. Knochensystem,
menschliche Form fiir das Ich-Leben; Unabhangigkeit des Inneren
von Aufienwelt, Konstanz und Unabhangigkeit der Blutwarme. Mate-
rielle Vorgange durch alle Prozesse des Seelenlebens : Denkvorgang,
Fiihlen, Willensprozefi. Bewulke und unbewufite Ich-Organisation:
Knochensystem und Ich. Das innere Weltsystem und der Astralleib.
Die zwei grundlegenden Vorgange des Denkens. Knochensystem und
Salzablagerung. Gefuhlsprozesse und Quellungsvorgange. Willensvor-
gange und Erwarmungsprozesse. Das Blut als das unabhangigste
Organsystem und als Schutzer der anderen Organsysteme. Die roten
Blutkorperchen. Eigentumlichkeit des Blutes. Therapeutische Aus-
blicke.
Achter Vortrag, 28. Marz 1911
Das iibersinnliche Kraftsystem: die menschliche Form. Eingliederung
der Nahrungsstoffe in den Lebensprozefi; Umwandlung derselben
durch das innere Weltsystem. Das allem Organbilden zugrundelie-
gende Gewebe: Pflanzenprozefi. Vom Leben zum Erleben: Absonde-
rung ins Lymphsystem ergibt dumpfes Bewulksein. Ich-Bewufitsein
durch Aufschliefien nach aufien. Ich, Blut, Gallenbildungsprozefi dem
Ernahrungs strom begegnend. Herz sich aufschliefiend nach aufien
durch Lunge. Absonderung von Kohlensaure und von den harnfahi-
gen Substanzen. Herz als Mittelpunktsorgan. Planetensystem und
inneres Weltsystem; Metalle und Organe. Salze und leicht oxydierbare
Stoffe als regulierende Mittel. Wirksamkeit pflanzlicher Stoffe.
Umwandlung fruherer in spatere Organformen; auf- und absteigende
Entwicklung. Bedeutung des weiblichen und des mannlichen Anteils,
an der Entstehung des Menschenbildes. Verwandlung der Organtatig-
keit durch das Blut bis zum Erwarmungsprozefi, unter dessen Einflufi
bis zum Mitgefuhl. Verwandlung der Warme in Mitgefuhl als Erden-
mission.
Sondervortrag, 28. Marz 1911
Aphorismen uber die Beziehung von Theosophie und Philosophic
Eine Betracbtung zu den Vortrdgen uber «Okkulte Pbysiologie»
Die Notwendigkeit praziser philosophischer Formulierungen. Wah-
rend sich die heutige Philosophic im Abstrakten bewegt, schlagt die
Theosophie eine Briicke vom Geistigen zum Tatsachlichen. Begriffe,
die an der aufieren Wahrnehmung gebildet werden, mussen sich mit
den Begriffen die aus der geistig-iibersinnlichen Wahrnehmung
gewonnen werden, auf dem Begriffsfelde treffen. Der Bezug des
Bewufitseinsinhaltes zur Realitat. Das Ich ist umfassender als die
Sphare der Subjektivitat. Der Satz, es konne nichts von dem Transsub-
jektiven in das Subjektive hineinkommen, hat nur eine begrenzte Gel-
tung. Maskierter Materialismus in der konventionellen Erkenntnis-
theorie. Die Pflicht zum Erkennen.
Einladung zum Vortrags-Zyklus 200
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 201
Hinweise zum Text 206
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 215
ERSTER VORTRAG
Prag, 20. Marzl911
In diesem Vortragszyklus, der auf Veranlassung unserer Prager
Freunde gehalten wird, soli ein Thema behandelt werden, welches
dem Menschen ungeheuer naheliegt, weil es ja das genauere Wesen
des Menschen unmittelbar beriihrt und von dem handelt, was sich auf
sein physisches Leben selber bezieht. Wenn dieses Thema auch auf
der einen Seite dem Menschen so naheliegt, weil es ihn ja selbst
betrifft, so darf man doch sagen, dafi es auf der anderen Seite ein sehr
schwer zugangliches Thema ist. Denn schon der Blick auf die durch
alle Zeiten, man mochte sagen, aus mystisch-okkulten Hohen an den
Menschen dringende Forderung «Erkenne dich selbst» zeigt uns die
Tatsache, daft Selbsterkenntnis, wirkliche, wahre Selbsterkenntnis,
im Grunde genommen dem Menschen recht schwierig ist, und das
bezieht sich nicht nur auf die individuelle, personliche Selbsterkennt-
nis, sondern vor alien Dingen auch auf die Erkenntnis der mensch-
lichen Wesenheit iiberhaupt. Und weil der Mensch - wie man sehen
kann aus dieser ewigen Forderung «Erkenne dich selbst» - sich selbst
seiner Wesenheit nach so sehr fernsteht, einen so weiten Weg hat, um
sich selbst zu verstehen, deshalb wird in einer gewissen Beziehung
das, was Gegenstand der folgenden Betrachtungen dieser Tage wer-
den wird, als etwas Fernliegendes erscheinen, zu dessen Verstandnis
sehr Verschiedenes notwendig ist. Nicht ohne Grund ging ich selbst
erst nach langerer Zeit und reiflicher Uberlegung daran, auch einmal
iiber dieses Thema zu sprechen. Denn es ist ein Thema, demgegen-
iiber - soil man zu einer wahren, wahrhaften Betrachtung kommen —
etwas unbedingt notwendig ist, was bei einer gewohnlichen wissen-
schaftlichen Betrachtung so oft aufier acht gelassen wird: Notwendig
ist, dafi man vor der Wesenheit des Menschen - wohlgemerkt, nicht
vor der Wesenheit des einzelnen Menschen, insbesondere dann nicht,
wenn dieser einzelne Mensch wir selber sind — , dafi man vor dem
Wesen des Menschen im allgemeinen Ehrfurcht habe. Und es mufi
als eine Grundbedingung fur unsere folgenden Betrachtungen angese-
hen werden, dafi man Ehrfurcht habe vor dem, was die menschliche
Wesenheit in Wahrheit bedeutet.
Wie kann man denn davor wahrhafte Ehrfurcht haben? Auf keine
andere Art, als daft man zunachst absieht von dem, wie der Mensch -
ganz gleichgiiltig, ob wir selbst oder ein anderer - uns im alltaglichen
Leben erscheint, und indem man sich aufschwingt zu der Anschau-
ung: Dieser Mensch mit seiner gesamten Entwickelung ist nicht um
seiner selbst willen da, er ist da zur Offenbarung des Geistes, der
ganzen Welt des Gottlich-Geistigen, er ist eine Offenbarung der
Weltengottheit, des Weltengeistes. Und fiir diejenigen, die erkennen,
daft alles, was uns umgibt, Ausdruck ist fiir gottlich-geistige Krafte,
fiir die ist es auch moglich, diese Ehrfurcht zu empfinden, nicht nur
fiir das Gottlich-Geistige selbst, sondern auch fiir die Offenbarungen
dieses Gottlich-Geistigen. Und wenn wir davon sprechen, dafi der
Mensch nach immer vollkommenerer Selbsterkenntnis trachte, so
sollen wir uns dariiber klar sein, dafi nicht blofi Neugierde, meinet-
willen auch Wifibegierde, uns veranlassen soli, nach Selbsterkenntnis
zu streben, sondern daft wir es als Pflicht empfinden miissen, die
Erkenntnis der Offenbarungen des Weltengeistes durch den Men-
schen immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. In die-
sem Sinne sind die Worte zu verstehen: Unwissend zu bleiben, wo
Erkenntnis moglich ist, bedeutet eine Versundigung gegen die gottli-
che Bestimmung des Menschen. Denn der Weltengeist hat in uns die
Kraft gelegt, wissend zu werden; und wenn wir nicht erkennend
werden wollen, so lehnen wir es ab - was wir eigentlich nicht diirf-
ten -, eine Offenbarung des Weltengeistes zu sein, und stellen immer
mehr und mehr nicht eine Offenbarung des Weltengeistes dar, son-
dern eine Karikatur, ein Zerrbild von ihm. Es ist unsere Pflicht, nach
Erkenntnis zu streben, um immer mehr und mehr ein Bild des
Weltengeistes zu werden. Erst wenn wir mit diesen Worten einen
Sinn verbinden konnen, «ein Bild des Weltengeistes zu werden», erst
wenn es uns bedeutungsvoll wird, in diesem Sinne zu sagen: Wir
miissen erkennen, es ist unsere Pflicht zu erkennen -, erst dann
konnen wir das vorhin geforderte Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber
der Wesenheit des Menschen so recht empfinden. Und fiir den, der
im okkulten Sinne das Leben des Menschen, das Wesen des Men-
schen betrachten will, fiir den ist diese Durchdringung mit Ehrfurcht
vor der menschlichen Natur schon deshalb eine unbedingte Notwen-
digkeit, weil diese Durchdringung mit Ehrfurcht einzig und allein
geeignet ist, unsere geistigen Augen und unsere geistigen Ohren,
unser ganzes geistiges Schauvermogen wachzurufen, das heifit dieje-
nigen Krafte, die uns eindringen lassen in die geistigen Untergriinde
der menschlichen Natur. Wer als Seher, als Geistesforscher nicht im
hochsten Grade Ehrfurcht haben konnte vor der menschlichen
Natur, wer sich nicht durchdringen kann bis in die innersten Fibern
seiner Seele mit dem Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber der Menschen-
natur, dem Abbild des Geistes, dem bliebe das Auge, wenn es noch
so geoffnet ist fiir diese oder jene geistigen Geheimnisse der Welt,
verschlossen fiir alles das, was sich auf die eigentlich tiefere Wesen-
heit des Menschen selber bezieht. Und es mag viele Hellseher geben,
welche dieses oder jenes schauen konnen in dem geistigen Umkreis
unseres Daseins: Wenn ihnen diese Ehrfurcht fehlt, dann fehlt ihnen
das Vermogen, in die Tiefen der menschlichen Natur hineinzu-
schauen, und sie werden nichts Richtiges iiber das zu sagen wissen,
was des Menschen Wesenheit ist.
Man nennt ja die Lehre von den Lebensvorgangen des Menschen
«Physiologie». Diese Lehre soli hier nicht in der Weise betrachtet
werden, wie es in der aufieren Wissenschaft geschieht, sondern so,
wie sie dem geistigen Auge sich darbietet, so dafi wir von den aufieren
Gestaltungen des Menschen, von der Form und den Lebensvorgan-
gen seiner Organe immer hinblicken auf die geistige, ubersinnliche
Grundlage der Organe, der Lebensformen, der Lebensprozesse. Und
da nicht die Absicht besteht, diese «okkulte Physiologie», wie man
auch sagen konnte, in irgendeiner unsachlichen Weise hier zu treiben,
so wird es notwendig sein, daft in einer gewissen unbefangenen Weise
an manchen Stellen Hindeutungen gemacht werden auf Dinge, wel-
che dem mehr oder weniger Aufienstehenden am Anfang recht
unwahrscheinlich klingen werden. Es mufi ausdriicklich betont wer-
den, dafi dieser Vortragszyklus, noch mehr als mancher andere, den
ich gehalten habe, ein Ganzes bildet und dafi aus einzelnen Vortra-
gen, insbesondere aus den Anfangsvortragen, nichts aus dem Zusam-
menhang herausgerissen beurteilt werden kann, weil manches unbe-
fangen wird gesagt werden miissen. Und erst, wenn man die Schlufi-
vortrage gehort haben wird, wird man sich ein Urteil bilden konnen
iiber das, was eigentlich gesagt werden soil. Denn das Thema wird
hier in einer etwas anderen Weise behandelt werden als in der aufie-
ren Physiologic Die Anfangsgriinde werden sich auch bestatigen
durch das, was uns zuletzt entgegentreten wird. Wir werden sozu-
sagen nicht eine gerade Linie vom Anfang bis zum Ende zu be-
schreiben haben, sondern wir werden in einer Kreislinie vorgehen,
so dafi wir am Ende dort wieder ankommen, von wo wir ausgegan-
gen sind.
Eine Betrachtung des Menschen soli es sein, was hier dargeboten
wird. Zunachst tritt uns dieser Mensch fur die aufieren Sinne seiner
aufieren Form nach entgegen. Wir wissen ja, dafi zu dem, was
zunachst die reine aufiere laienhafte Betrachtung iiber den Menschen
wissen kann, heute schon sehr vieles kommt, was die Wissenschaft
hinzuerforscht hat. Daher miissen wir das, was wir in aufierer Weise,
aus der aufieren Erfahrung und Beobachtung iiber den Menschen
heute wissen konnen, notwendigerweise zusammenstellen aus dem,
was schon der Laie an sich und an anderen Menschen zu beobachten
in der Lage ist, und dem, was der Wissenschaft gelungen ist zu
erforschen, welche durch bewunderungswiirdige Methoden, durch
bewunderungswiirdige Instrumente zu ihren Resultaten iiber die
Leiblichkeit des Menschen kommt.
Wenn man alles zusammenhalt, was man als Laie rein aufierlich am
Menschen sehen kann, was man vielleicht auch schon aus irgendwel-
chen popularen Beschreibungen kennengelernt hat, dann wird es
vielleicht nicht unverstandlich sein, wenn darauf aufmerksam
gemacht wird, dafi schon die aufiere Gestalt des Menschen, wie sie
uns in der Aufienwelt entgegentritt, aus einer Zweiheit besteht. Fiir
den, der in die Tiefen der Menschennatur eindringen will, ist es
durchaus notwendig, sich bewulk zu werden, daft schon der aufiere
Mensch seiner Form und Gestaltung nach im Grunde genommen
eine Zweiheit darstellt.
Das eine, das wir am Menschen deutlich unterscheiden konnen, ist
alles das, was sich als eingeschlossen erweist in Organe, die den
groikmoglichen Schutz gegen die Au£enwelt gewahren. Es ist alles
das, was wir zahlen konnen zum Bereich des Gehirns und des Ruk-
kenmarkes. Alles, was in dieser Beziehung zur menschlichen Natur
gehort, zu Gehirn und Riickenmark, ist fest umschlossen von siche-
ren, Schutz gewahrenden Knochengebilden. Wenn wir schematisch
darstellen wollen, was zu diesen beiden Bereichen gehort, so konnen
wir uns das in folgender Weise veranschaulichen : Wenn a (siehe
Zeichnung) schematisch darstellt die Summe der ubereinandergela-
gerten Wirbelknochen, die langs des Ruckenmarkes verlaufen, b die
Schadeldecke und die Schadelknochen, so ist eingeschlossen inner-
halb des Kanales, der gebildet wird durch die iibereinandergelagerten
Wirbelknochen sowie durch die Knochen des Schadels, alles, was in
den Bereich des Gehirns und des Ruckenmarkes gehort. Man kann
den Menschen nicht betrachten, ohne sich bewufit zu werden, dafi
alles, was in diesen Bereich gehort, im Grunde genommen eine in sich
geschlossene Ganzheit bildet und dafi alles iibrige vom Menschen,
das wir in verschiedenster Weise physiologisch angliedern konnen —
Hals, Rumpf, Gliedmafiengebilde -, mit Gehirn und Riickenmark in
Verbindung steht durch, bildlich gesprochen, mehr oder weniger
fadenformige oder bandformige Gebilde. Diese miissen erst die
Schutzhulle durchbrechen, damit eine Verbindung hergestellt werden
kann mit dem innerhalb dieser Knochengebilde eingeschlossenen
Teil. So konnen wir sagen: Es erweist sich schon einer oberflachli-
chen Betrachtung gegeniiber alles, was am Menschen ist, als eine
Zweiheit; das eine liegt innerhalb der charakterisierten Knochen-
gebilde in festen und sicheren Schutzhullen, das andere aufierhalb
derselben.
Nun miissen wir zunachst einen ganz oberflachlichen Blick auf das
werfen, was innerhalb dieser Knochengebilde liegt. Da konnen wir
wieder leicht unterscheiden zwischen jener grofien Masse, die in die
Schadelknochen eingebettet ist als Gehirn, und dem anderen Teil, der
wie ein Stiel oder Strang daranhangt, der in organischer Verbindung
mit dem Gehirn steht und sich wie eine Art fadenformiger Auswuchs
desselben in den Ruckgratkanal hineinstreckt, das Ruckenmark.
Wenn wir diese zwei Gebilde voneinander unterscheiden, dann miis-
sen wir schon auf etwas aufmerksam machen, worauf die aufiere
Wissenschaft nicht aufmerksam zu machen braucht, worauf aber die
okkulte Wissenschaft, die in die Tiefe des Wesens der Dinge einzu-
dringen hat, wohl aufmerksam machen mull. Es mufi darauf auf-
merksam gemacht werden, dalS alles, was wir auf dem Boden einer
Betrachtung uber den Menschen sagen, sich zunachst nur auf den
Menschen bezieht. Denn in dem Augenblick, wo man in die tieferen
Griinde der einzelnen Organe eindringt, wird man gewahr - wir
werden im Laufe der Vortrage schon sehen, dafi es so ist -, dafi ein
Organ eine ganz andere Aufgabe haben kann in seiner tieferen
Bedeutung beim Menschen als ein ahnliches oder gleichartiges Organ
in der tierischen Welt. Wer in der gewohnlichen aufieren Wissen-
schaft die Dinge betrachtet, wird sagen: Was du uns hier gesagt hast,
kann man ja auch sagen in bezug auf die Saugetiere. — Aber, was iiber
die Bedeutung der Organe in bezug auf den Menschen gesagt wird,
das kann nicht, wenn man tiefer in die Sache dringt, in gleicher Weise
fur die Tiere gesagt werden, sondern die okkulte Wissenschaft hat die
Aufgabe, die Tiere fur sich zu betrachten und nachzusehen, ob
dasselbe, was fur den Menschen in bezug auf Ruckenmark und
Gehirn zu sagen ist, auch fur die Tiere gilt. Denn dafi die Tiere, die
dem Menschen nahestehen, auch Ruckenmark und Gehirn haben,
das beweist noch nicht, daft diese Organe fur Mensch und Tier
dieselben Aufgaben haben, so wie man, um einen Vergleich zu
gebrauchen, ein Messer in der Hand haben kann, um damit meinet-
willen ein Kalb zu tranchieren oder auch um damit zu radieren. Beide
Male hat man es mit einem Messer zu tun, und wer nur Riicksicht
nimmt auf die Form des Messers, der wird glauben, daft es sich in
beiden Fallen um dasselbe handelt. In derselben Lage ware derjenige,
welcher glaubt, weil sich bei Mensch und Tier dieselben Organe -
Gehirn und Ruckenmark - finden, so wiirden diese zu denselben
Verrichtungen dienen. Das ist aber nicht wahr. Das ist etwas, was in
der aufteren Wissenschaft gang und gabe geworden ist und zu gewis-
sen Ungenauigkeiten gefiihrt hat und was nur wird korrigiert werden
konnen, wenn sich die auftere Wissenschaft dazu bequemen wird,
allmahlich auf das einzugehen, was aus den Tiefen der iibersinnlichen
Forschung iiber die Charaktere der Wesenheiten gesagt werden kann.
Wenn wir nun betrachten das Ruckenmark auf der einen Seite, das
Gehirn auf der anderen Seite, so werden wir leicht sehen, daft das eine
gewisse Wahrheit hat, worauf denkende Naturbetrachter schon seit
mehr als hundert Jahren aufmerksam gemacht haben. Es hat eine
gewisse Richtigkeit zu sagen: Wenn man das Gehirn betrachtet, so
sieht es gleichsam aus wie ein umgebildetes Ruckenmark. - Das wird
ja noch leichter begreiflich, wenn man sich daran erinnert, daft Goe-
the, Oken und andere Naturbetrachter vor alien Dingen den Blick
darauf gerichtet haben, daft die Schadelknochen gewisse Formahn-
lichkeiten haben mit den Wirbelknochen des Riickgrates. Es war
Goethe, der die Formahnlichkeiten der Organe aufmerksam betrach-
tet hat, sehr friih in seinen Betrachtungen aufgefallen, daft, wenn man
einzelne Wirbelknochen sich umgestaltet denkt, verflacht und aufge-
trieben, daft man dann durch eine solche Umgestaltung der Wirbel-
knochen zum Kopfknochen, zum Schadelknochen kommt. Gleich-
sam dadurch, daft man einen Wirbelknochen nach alien Seiten auf-
blast, so daft er flach wird in seinen Ausdehnungen, wird man nach
und nach aus einem Wirbelknochen die Form des Schadelknochens
ableiten konnen. So kann man in einer gewissen Beziehung die Scha-
delknochen umgestaltete Wirbelknochen nennen. Geradeso nun, wie
man die Schadelknochen, die das Gehirn umschliefien, als umgebil-
dete Wirbelknochen ansehen kann, so kann man sich die Masse des
Riickenmarkes gleichsam aufgetrieben denken, differenzierter, kom-
plizierter gemacht, und man bekommt aus dem Riickmark, gewisser-
mafien durch Umwandlung, das Gehirn. So etwa, wie eine Pflanze,
die zunachst nur griine Blatter hat, diese umbildet, differenziert, um
buntfarbige Bliitenblatter hervorzubringen, wie also die Bliiten diffe-
renzierte Blatter sind, so konnen wir uns denken, dafi durch Umge-
staltung, durch Differenzierung der Form, durch Heraufheben des
Riickenmarkes auf eine hohere Stufe, das Gehirn gebildet werden
konnte. Man kann sich also vorstellen, dafi wir in unserem Gehirn ein
differenziertes Riickenmark sehen konnen.
Nun schauen wir von diesem Gesichtspunkt aus uns die beiden
Organe an. Welches dieser Organe miissen wir auf natiirliche Weise
als das jiingere betrachten? Das ist die Frage, die wir uns vorlegen
miissen. Doch zweifellos nicht dasjenige, welches die abgeleitete
Form zeigt, sondern das, welches die ursprungliche Form hat. Das
herik, wir miissen uns denken, das Riickenmark steht auf einer ersten
Stufe der Entwickelung, es ist jiinger, und das Gehirn steht auf einer
zweiten Stufe. Es hat zuerst die Stufe des Riickenmarkes durchge-
macht, es ist ein verwandeltes Riickenmark und ist also als das altere
Organ zu betrachten. Mit anderen Worten, wenn wir diese neue
Zweiheit, die uns am Menschen als Gehirn und Riickenmark entge-
gentritt, ins Auge fassen, so konnen wir sagen: Es miissen alle Krafte,
die zur Gehirnbildung fiihrten, altere Krafte sein, denn sie miissen
auf einer friiheren Stufe erst die Anlage zum Riickenmark gebildet
haben und dann weitergewirkt haben zur Umbildung des Riicken-
markes zum Gehirn. Es mufi also gleichsam ein zweiter Ansatz
gemacht worden sein in unserem Riickenmark, das als solches noch
nicht so weit fortgeschritten ist, sondern eben stehengeblieben ist auf
einer friiheren Stufe der Entwickelung. Wir haben also, wenn wir uns
jetzt pedantisch genau ausdriicken wollen, in dem Riickenmark-
Nervensystem ein Riickenmark erster Ordnung zu sehen und in
unserem Gehirn ein Riickenmark zweiter Ordnung, ein umgebildetes
alteres Riickenmark, ein Riickenmark, das einmal ein solches war,
aber zum Gehirn umgebildet worden ist.
Damit haben wir zunachst in ganz genauer Weise auf das hinge-
wiesen, was notwendig in Betracht zu ziehen ist, wenn wir die
Organmassen, welche innerhalb dieser Knochenschutzhullen einge-
schlossen sind, sachgemafi ins Auge fassen wollen. Nun aber kommt
etwas anderes in Betracht, was uns erst auf dem Felde des Okkultis-
mus entgegentreten kann. Man kann eine Frage aufwerfen, namlich:
Wenn eine solche Umbildung stattfindet von einer Organanlage
erster Stufe zu einer Organanlage zweiter Stufe, ist dann der Entwik-
kelungsprozefi ein forts chreitender oder ein rucklaufiger? Das heifit,
kann es ein solcher Prozefi sein, der zu hoheren Vollkommenheits-
stufen eines Organes fuhrt, oder aber ein solcher Prozefi, der das
Organ zum Degenerieren, zum allmahlichen Absterben bringt? -
Betrachten wir ein Organ wie zum Beispiel unser Riickenmark. So
wie es jetzt ist, so erscheint es uns als ein verhaltnismafiig wenig
fortgeschrittenes Organ, man konnte es als jung bezeichnen, denn es
hat es noch nicht dahin gebracht, ein Gehirn zu werden. Wir konnen
aber in zweifacher Weise iiber dieses Riickenmark denken. Einmal
konnen wir uns denken, es habe in sich die Krafte, auch einmal ein
Gehirn zu werden, dann ist es in fortschreitender Entwickelung.
Oder es habe gar nicht die Anlage dazu, diese zweite Stufe je zu
erreichen, dann ware es in absteigender Entwickelung, es wiirde in
die Dekadenz gehen und bestimmt sein, die erste Stufe anzudeuten,
jedoch nicht zur zweiten Stufe zu kommen. Wenn wir uns nun
denken, daft unserem jetzigen Gehirn einmal ein Riickenmark
zugrunde gelegen hat, so hat das damalige Riickenmark zweifellos
fortschreitende Krafte gehabt, denn es ist ja zum Gehirn geworden.
Fragen wir uns aber jetzt nach unserem jetzigen Riickenmark, dann
sagt uns die okkulte Betrachtungsweise: So wie unser Riickenmark
heute ist, hat es in der Tat nicht in sich die Anlage zu einer fortschrei-
tenden Entwickelung, sondern es bereitet sich vor, seine Entwicke-
lung auf der gegenwartigen Stufe abzuschlieften. - Wenn ich mich
grotesk ausdriicken darf: Der Mensch hat nicht zu glauben, dafi er
einmal sein Riickenmark, wie es heute ist in Form eines diinnen
Stranges, so aufgeplustert haben wird wie das heutige Gehirn. Wir
werden noch sehen, was der okkulten Betrachtung zugrunde liegt,
um so etwas sagen zu konnen. Schon aus einem reinen Vergleiche der
Form dieses Organes, des Riickenmarkes, wie es beim Menschen
auftritt und wie beim Tiere, sehen Sie eine aufiere Hindeutung auf
das, was jetzt gesagt worden ist. Da sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel
eine Schlange nehmen, wie in unzahligen Ringen hinter dem Kopf
das Ruckgrat ansetzt, ausgefullt ist vom Ruckenmark und wie das
Riickgrat in einer Art gebildet ist, die fast endlos so weiter verlaufen
konnte. Beim Menschen sehen wir, wie das Ruckenmark von der
Stelle, wo es sich an das Gehirn ansetzt, nach unten zu verlaufend, in
der Tat immer mehr und mehr sich zusammenschlielk und nach
unten hin immer undeutlicher und undeutlicher jene Bildung zeigt,
die es in den oberen Partien aufweist. So kann auch durch die aufiere
Betrachtung schon auffallen, wie das, was sich bei der Schlange nach
riickwarts fortsetzt, beim Menschen einem Abschluft, einer Art
Degeneration zueilt. Das ist zunachst eine aufiere vergleichende
Betrachtungsweise. Wir werden sehen, wie sich die okkulte Betrach-
tung ausnimmt.
Wenn wir dies jetzt zusammenhalten, so diirfen wir sagen: Wir
haben eingeschlossen in jenes Knochengebilde des Schadels ein Riik-
kenmark, das in fortschreitender Bildung zum Gehirn geworden ist,
das auf einer zweiten Stufe seiner Entwickelung steht. Und wir haben
gleichsam noch einmal einen Versuch, ein solches Gehirn zu bilden in
unserem Ruckenmark, aber einen Versuch, der schon jetzt zeigt, daft
er nicht gelingen wird.
Sehen wir jetzt von dieser Betrachtung ab und gehen zu dem iiber,
was wir auch wieder schon aus einer aufieren laienhaften Betrachtung
kennen: zu den Aufgaben, die Gehirn und Ruckenmark zu erfiillen
haben. Es ist ja jedem mehr oder weniger bekannt, dafi das Werkzeug
fur die sogenannten hoheren Seelentatigkeiten das Gehirn ist, dafi
diese hoheren Seelentatigkeiten von dem Organ des Gehirns dirigiert
werden. Es ist weiterhin jedem bekannt, dafi die mehr unbewulken
Seelentatigkeiten vom Ruckenmark und den sich anschliefienden
Nerven dirigiert werden, diejenigen Seelentatigkeiten namlich, bei
welchen zwischen dem aufieren Eindruck und der Handlung, die
auf den aufieren Eindruck folgt, wenig Uberlegung sich einschiebt.
Wenn Sie zum Beispiel von einem Insekt in die Hand gestochen
werden, ziehen Sie die Hand zuriick, Sie zucken zuriick; da schiebt
sich zwischen Stich und Zuriickziehen der Hand keine grofie Uberle-
gung ein. Diese Seelentatigkeiten werden mit Recht schon von der
aufkren Wissenschaft so angesehen, dafi ihnen als ihr Werkzeug das
Riickenmark zugeteilt ist. Wir haben andere Seelentatigkeiten, bei
denen sich zwischen den aufteren Eindruck und das, was zuletzt zur
Handlung fuhrt, eine reichere Uberlegung einschiebt; diese haben ihr
Organ im Gehirn. Denken Sie, um gleich ein markantes Beispiel zu
nehmen, an einen Kiinstler, der die aufiere Natur betrachtet, der seine
Sinne anstrengt und unzahlige Eindriicke sammelt; dann geht eine
lange Zeit voriiber, in der er diese Eindriicke in seiner Seele verarbei-
tet. Endlich, oft erst nach Jahren, geht er dazu iiber, das, was aus den
aufieren Eindriicken in langer Seelentatigkeit geworden ist, durch
aufiere Handlungen zu fixieren. Da schiebt sich zwischen au£eren
Eindruck und das, was durch den Menschen aus dem aufieren Ein-
druck gemacht wird, eine reichere Seelentatigkeit ein. Dasselbe ist
auch beim wissenschaftlichen Forscher der Fall, aber auch bei jedem
Menschen, der sich die Dinge, die er tun will, iiberlegt und nicht wild
darauflossturzt wie ein Stier, wenn er rote Farbe sieht. Uberall, wo
der Mensch nicht aus einer Reflexbewegung handelt, sondern sich
seine Handlungen iiberlegt, sprechen wir vom Gehirn als einem
Werkzeug der Seelentatigkeit.
Wenn wir noch tiefer auf diese Sache eingehen, werden wir uns
fragen: Ja, wie zeigt sich denn diese unsere Seelentatigkeit, fur welche
wir das Gehirn als Werkzeug in Anspruch nehmen? Sie zeigt sich in
zweifacher Art. Zunachst werden wir sie gewahr in unserem wachen
Tagesleben. Was tun wir da? Wir sammeln durch die Sinne die
aufieren Eindriicke und verarbeiten diese durch das Gehirn durch
verniinftige Uberlegung. Wir miissen uns vorstellen, da$ die aufieren
Eindriicke durch die Tore der Sinne in uns hineinwandern und
gewisse Prozesse in unserem Gehirn anregen. Wenn wir hineinblik-
ken konnten in das Gehirn und in das, was da geschieht, so wiirden
wir sehen, wie unser Gehirn in Tatigkeit versetzt wird durch den sich
hineinergieftenden Strom der aufieren Eindriicke, und wir wiirden
sehen, was aus diesen Eindriicken wird durch das, was die menschli-
che Uberlegung bewirkt. Wir wiirden dann sehen, wie sich hinzuge-
sellen auch die weniger von Uberlegung beeinflulken Folgen dieser
Eindriicke, das heifit Taten und Handlungen, die wir mehr seinem
Werkzeug, dem Riickenmark, zuzuschreiben haben.
Jetzt miissen wir unsere Aufmerksamkeit richten auf die zwei
Zustande, in welchen der heutige Mensch das ganze Leben hindurch
abwechselnd lebt, das wache Tagesleben und das bewufitlose Schlaf-
leben. Aus fruheren Vortragen ist es uns gelaufig, dalS am Tage die
vier Wesensglieder des Menschen zusammen sind, wahrend beim
Schlafen Astralleib und Ich sich herausheben. Nun kennen wir alle
jenen eigentiimlichen Zustand, der sich mischt zwischen das wache
Tagesleben und das bewulklose Schlafleben: das Traumleben. Es soil
zunachst in keiner anderen Weise iiber das Traumleben gesprochen
werden als so, wie es der Laie beobachten kann. Wir sehen, dafi das
Traumleben eine merkwiirdige Ahnlichkeit hat mit jener untergeord-
neten Seelentatigkeit, die wir an das Riickenmark kniipfen. Denn
wenn die Traumbilder auftreten in unserer Seele, treten sie nicht auf
als Vorstellungen, die der Uberlegung entspringen, sondern sie treten
mit Notwendigkeit auf, ahnlich wie etwa die unwillkuriiche Handbe-
wegung auftritt, wenn wir eine Fliege verjagen, die sich auf unsere
Hand setzt; als unmittelbare, notwendige Abwehrbewegung tritt da
eine Handlung auf. Beim Traumleben ist es etwas anders; es kommt
nicht zu einer Handlung, aber mit einer ebenso unmittelbaren Not-
wendigkeit treten Bilder in unseren Seelenhorizont hinein. Aber so
wenig, wie wir im wachen Tagesleben einen Uberlegungseinflufi
haben auf die Handbewegung, die wir machen, wenn sich eine Fliege
auf unsere Hand setzt, ebensowenig haben wir einen Einflufi auf die
chaotisch in uns auf- und abwogenden Traumbilder. Daher konnen
wir sagen: Wenn wir einen Menschen im wachen Tagesleben erblik-
ken und absehen von alle dem, was in ihm vorgeht, wenn wir nur
seine Reflexbewegungen betrachten, alle Gesten und physiognomi-
schen Ausdriicke, die er nur auf aufiere Eindriicke hin, also ohne
Uberlegung vollbringt, so haben wir da eine Summe von solchen
Handlungen vor uns, die aus Notwendigkeit beim Menschen eintre-
ten. Erblicken wir dagegen einen traumenden Menschen, so sehen
wir eine Summe von Bildern in das Wesen des Menschen hineinwir-
ken, die jetzt nicht zu Handlungen fiihren, sondern nur Bildcharak-
ter haben. Wie im wachen Tagesleben die ohne Uberlegungen vor
sich gehenden Handlungen des Menschen sich vollziehen, so
erscheint im Menschen die Bilderwelt der chaotisch ineinander-
wogenden Traumvorstellungen.
Wenn wir nun hinblicken auf unser Gehirn und es auch ansehen
wollen als ein Werkzeug des Traumbewufitseins, was miissen wir da
tun? Wir miissen uns denken, dafi in diesem Gehirn etwas drinnen
ist, was sich in gewisser Weise ahnlich benimmt wie unser Riicken-
mark, das zu den unbewulken Handlungen fiihrt. Wir haben ja das
Gehirn zunachst anzusehen als Werkzeug des wachen Seelenlebens,
wo wir unsere iiberlegten Vorstellungen schaffen. Wir mufiten nun
finden, wie den Traumvorstellungen gleichsam ein geheimnisvolles
Riickenmark zugrundeliegt, das wie eingeprefit im Gehirn sitzt, das
es aber nicht zu Handlungen bringt, sondern nur zu Bildern. Wah-
rend unser Riickenmark es zu Handlungen bringt, wenn sie auch
nicht durch Uberlegung zustande kommen, bringt es das Gehirn in
diesem Falle blofi zu Bildern. Es bleibt gewissermafien auf halbem
Wege stehen; es ist etwas im Gehirn wie eine geheimnisvolle Unter-
lage fur eine unbewufke Seelentatigkeit, das wie eine Art Einschiebsel
mit dem Charakter des Riickenmarks sich vorstellen lafk. Konnten
wir also nicht sagen: Die Traumwelt fiihrt uns in merkwurdiger
Weise dazu, geheimnisvoll hindeuten zu konnen auf jenes alte Riik-
kenmark, das einst dem Gehirn zugrundelag? - Wenn wir unser
Gehirn betrachten, wie es heute ausgebildet ist als Werkzeug des
wachen Tageslebens, so ist es uns so bekannt, wie es erscheint, wenn
wir es aus der Schadelhohle herausnehmen. Aber es mufi etwas
darinnen eingeschlossen sein, das auftritt, wenn das wache Tagesle-
ben ausgeloscht ist. Und das zeigt die okkulte Betrachtung, dafi in
dem Gehirn ein geheimnisvolles Riickenmark darinnen ist als das
Werkzeug des Traumlebens (siehe Zeichnung S. 24, schraffiert).
Wenn wir es uns schematisch zeichnen wollen, konnten wir es so
darstellen, dafi in dem Gehirn der Vorstellungswelt des wachen
Tageslebens ein fur die aufiere Wahrnehmung unsichtbares geheim-
nisvolles altes Riickenmark liegt, das irgendwie da hineingeheimnifk
ist. Ich will es zunachst ganz hypothetisch aussprechen, daft dieses
Riickenmark dann in Tatigkeit kommt, wenn der Mensch schlaft und
traumt, und dann so tatig ist, wie es sich fur ein Riickenmark schickt,
namlich so, dafi es mit Notwendigkeit seine Wirkungen hervor-
bringt. Aber weil es eingeprefit ist in das Gehirn, fiihrt es nicht zu
Handlungen, sondern zu bloften Bildern, zu Bildhandlungen; denn
wir handeln ja im Traume nur in Bildern. So hatten wir auch aus
diesem eigentiimlichen, sonderbaren chaotischen Leben heraus, das
wir im Traume fiihren, Hinweise darauf, dafi unserem Werkzeug des
wachen Tageslebens, als welches wir mit Recht unser Gehirn
betrachten, ein geheimnisvolles Organ zugrundeliegt, das vielleicht
eine altere Bildung ist, aus der es sich herausentwickelt hat. Wenn die
Neubildung, das heutige Gehirn, schweigt, dann zeigt sich das, was
das Gehirn einmal war; da zaubert dieses alte Riickenmark das her-
aus, was es kann. Aber weil es eingeschlossen ist, bringt es dieses alte
Riickenmark nicht zu Handlungen, sondern blofi zu Bildern.
So also trennt uns die Betrachtung des Lebens selbst das Gehirn in
zwei Stufen. Die Tatsache, dafi wir traumen konnen, weist darauf
hin, daft das Gehirn eine Entwicklung durchgemacht hat, in der es
noch auf der Stufe des heutigen Riickenmarks stand, bevor es sich
entwickelt hat zum Werkzeug des wachen Tageslebens. Wenn aber
das wache Tagesleben schweigt, dann macht sich das alte Organ noch
geltend.
So haben wir durch das bisher Gesagte schon etwas Typisches
gewonnen, das sich durch eine auftere Betrachtung der Formen schon
nachweisen lafit: Das wache Tagesleben verhalt sich zum Traumleben
wie das ausgebildete Gehirn zum Riickenmark. Wenn wir nun fort-
schreiten zu einer seherischen Betrachtung, konnen wir zu dem, was
uns die Formbetrachtung geben kann, etwas hinzufiigen. In welcher
Weise das okkulte Schauen, das seherische Auge als Unterlage dienen
kann fur die ganz wesenhafte Betrachtung der menschlichen Natur
und auf welche okkulte Forschung sich die Anschauungen iiber die
im Schadel und in der Wirbelsaule eingeschlossenen Organe stiitzen,
werden wir spater noch sehen.
Nun wissen wir ja aus friiheren Betrachtungen, daft des Menschen
sichtbarer Leib nur ein Teil der gesamten Wesenheit des Menschen
ist. In dem Augenblick, wo sich das hellseherische Auge offnet,
macht man die Erfahrung, daft dieser physische Leib sich einge-
schlossen, eingebettet zeigt in einen ubersinnlichen Organismus, in
das, was man, grob gesprochen, die menschliche Aura nennt. Es wird
dies hier zunachst wie eine Tatsache angefuhrt, und wir werden
spater darauf zuriickkommen, inwiefern sie sich rechtfertigen lafit.
Diese menschliche Aura, in welcher der physische Mensch nur wie
ein Kern drinnen ist, zeigt sich fur das seherische Auge als ein
Farbengebilde, in dem verschiedene Farben auf- und abfluten. Man
darf sich aber nicht vorstellen, daft man diese Aura malen konnte.
Man kann sie nicht mit gewohnlichen Farben wiedergeben, denn die
Farben der Aura sind in fortwahrender Bewegung, in fortwahrendem
Entstehen und Vergehen begriffen. Jedes Bild, das man von ihr malen
wollte, konnte nur annahernd richtig sein, so wie auch niemand einen
Blitz richtig malen kann, es wiirde nur ein starres Gebilde werden.
Wie man den Blitz nicht richtig malen kann, so kann man das noch
weniger bei der Aura, denn die aurischen Farben sind ungemein labil
und beweglich, sie entstehen und vergehen fortwahrend.
Nun ziehen sich die aurischen Farben in merkwiirdigster Weise
verschieden iiber den ganzen menschlichen Organismus hin; und es
ist interessant, auf das aurische Bild hinzuweisen, das sich fiir das
hellseherische Auge ergibt, wenn wir Schadeldecke und Riickgrat
von riickwarts betrachten. Wenn wir uns den Teil der Aura vorstellen
- von riickwarts betrachtet -, in den Schadel und Riickgrat, also
Gehirn und Ruckenmark, eingebettet sind, so zeigt sich, da$ wir fiir
den Teil der Aura, der zu den unteren Partien des Riickenmarks
gehort, eine besonders deutliche Grundfarbe angeben konnen: er
zeigt sich grunlich. Und wir konnen wiederum eine deutliche Farbe
angeben, die in ihrer Art in keinem anderen Teile des Korpers zutage
tritt, fiir die oberen Partien des Kopfes, wo das Gehirn ist: es ist eine
Art Violettblau. Diese Farbe legt sich gleich einer Kappe oder einem
Helm von riickwarts nach vorne iiber den Schadel.
Unterhalb der violettblauen Partien sieht man in der Regel eine
Nuance, von der Sie sich am ehesten eine Vorstellung machen kon-
nen, wenn Sie sie mit der Farbe einer jungen Pfirsichbliite verglei-
chen. Zwischen dieser Farbe und der griinlichen Farbe der unteren
Teile des Riickgrats haben wir im mittleren Teil des Riickens andere,
unbestimmte Farbnuancen, die aufierordentlich schwer zu beschrei-
ben sind, weil sie unter den gewohnlichen, uns aus unserer sinnlichen
Umwelt bekannten Farben nicht vorkommen. So schlielk sich an das
Griin eine Farbe an, die nicht griin, nicht blau und nicht gelb ist,
sondern wie ein Gemisch von alien dreien; es zeigen sich Farben
zwischen Gehirn und Riickgratende, die es im Grunde genommen
innerhalb der physisch-sinnlichen Welt iiberhaupt nicht gibt. Wenn
das nun auch schwierig zu beschreiben ist, so ist doch eines mit
Bestimmtheit zu sagen, dafi wir oben bei jenem sozusagen aufgebla-
senen Riickenmark ein Violettblau haben und, hinuntergehend zum
Ende des Riickgrates, zu einem deutlich griinlichen Farbton kommen.
Wir haben also heute an eine rein aufiere Betrachtung der mensch-
lichen Gestalt einige Tatsachen angekniipft, die nur die hellseherische
Forschung lehrt. Morgen soil nun versucht werden, auch die anderen
Teile des physischen Menschenleibes, die sich an die bereits bespro-
chenen angliedern, in ihrer Zweiheit zu betrachten, damit wir dann
weiter vorgehen konnen und sehen, wie die ganze menschliche
Wesenheit sich uns darstellt.
ZWEITER VORTRAG
Prag,21.Marzl911
Wir werden zwar innerhalb dieser Betrachtungen immer wieder in
die Schwierigkeit versetzt werden, den aufieren menschlichen Orga-
nismus genauer ins Auge zu fassen, um sozusagen das Vergangliche,
das Zerbrechliche zu erkennen. Aber wir werden auch sehen, dafi
gerade dieser Weg uns fiihren wird zu einer Erkenntnis des Bleiben-
den, des Unverganglichen, des Ewigen in der menschlichen Natur.
Allerdings ist es notwendig, wenn unsere Betrachtungen dieses Ziel
haben sollen, dafi wir das streng einhalten, was gestern schon in der
Einleitung bemerkt worden ist: den Gesichtspunkt, den aufieren
physischen Organismus in aller Ehrfurcht als eine Offenbarung aus
geistigen Welten zu betrachten.
Wenn wir uns schon einigermalSen mit geisteswissenschaftlichen
Begriffen und Empfindungen durchdrungen haben, konnen wir uns
ja sehr leicht in den Gedanken hineinfinden, dafi der menschliche
Organismus in seiner ungeheuren Kompliziertheit der bedeutsamste
Ausdruck, die grofke und bedeutendste Offenbarung der Krafte sein
muE, die als geistige Krafte die Welt durchweben und durchleben.
Wir werden allerdings sozusagen vom Aufieren immer mehr und
mehr in das Innere aufzusteigen haben.
Wir haben gestern schon gesehen, wie uns die aufierliche Betrach-
tung sowohl des Laien als auch der Wissenschaft dazu fiihren muE,
den Menschen gewissermaften als eine Zweiheit anzusehen. Wir
haben diese Zweiheit der menschlichen Wesenheit gestern schon
fliichtig charakterisiert - wir werden darauf noch genauer einzugehen
haben und wir haben dasjenige an der menschlichen Wesenheit
genauer betrachtet, was eingeschlossen ist in die schiitzende Kno-
chenhulle des Schadels und der Riickenwirbel. Dabei haben wir
gesehen, wie wir, wenn wir ausgehen von der aufieren Gestaltung
und Form dieses Teils des Menschen, schon einen vorlaufigen Aus-
blick gewinnen konnen in den Zusammenhang desjenigen Lebens,
das wir unser waches Tagesleben nennen, mit jenem anderen,
zunachst fur uns natiirlich sehr von Zweifeln durchwobenen Leben,
das wir das Traumleben nennen. Wir haben gesehen, daf$ schon die
aufteren Formen des charakterisierten Teiles der Menschennatur eine
Art Abbild geben, eine Art Offenbarung bedeuten: auf der einen
Seite des Traumlebens, dieses chaotischen Bilderlebens, und auf der
anderen Seite des mit scharf umrissener Beobachtung ausgestatteten
wachen Tageslebens. Heute werden wir zunachst einen fliichtigen
Blick zu werfen haben auf das andere Glied der menschlichen Zwei-
heit, das sich gewissermafien aufierhalb des Bereiches befindet, den
wir gestern ins Auge gefafit haben. Schon der alleroberflachlichste
Blick auf diesen zweiten Teil der menschlichen Wesenheit kann uns
dariiber belehren, dafi dieser in gewisser Beziehung das entgegenge-
setzte Bild dessen zeigt, was wir bei Gehirn und Riickenmark ins
Auge gefafit haben. Gehirn und Riickenmark sind von Knochenbil-
dungen als schiitzender Hulle umschlossen. Betrachten wir den ande-
ren Teil der menschlichen Natur, so miissen wir entschieden sagen,
dafi wir hier die Knochenbildung mehr in den Organismus hineinge-
gliedert finden. Doch das ware nur eine ganz oberflachliche Betrach-
tung. Tiefer hinein in das Gefuge dieses anderen Teiles der Men-
schennatur werden wir schon gefuhrt, wenn wir die bedeutendsten
Organsysteme auseinanderhalten und sie zunachst aufierlich verglei-
chen mit dem, was wir gestern kennengelernt haben.
Diejenigen Organsysteme, Werkzeugsysteme des menschlichen
Organismus, welche dabei zuerst in Betracht kommen werden, sollen
sein der Ernahrungsapparat und alles das, was zwischen dem Ernah-
rungsapparat und jenem wunderbaren Gebilde liegt, das wir
unschwer wie eine Art Mittelpunkt der ganzen menschlichen Orga-
nisation empfinden konnen, dem Herzen. Da zeigt uns gleich der
oberflachliche Blick, dafi der Ernahrungsapparat - wie man ihn im
popularen Sinne nennen kann - dazu bestimmt ist, die Stoffe unserer
aufieren irdischen Umwelt aufzunehmen und fur die weitere Verar-
beitung im physischen Organismus des Menschen vorzubereiten.
Wir wissen, dafi dieser Verdauungsapparat zunachst von unserem
Munde aus rohrenformig zu dem Organ sich erstreckt, das jeder als
den Magen kennt. Und schon eine oberflachliche Betrachtung lehrt
uns, daft von jenen Nahrungsmitteln, die durch diesen Kanal in den
Magen eingefuhrt werden, gewissermaften unverwendete Teile ein-
fach abgesondert werden, wahrend andere Teile von den weiteren
Verdauungsorganen in den menschlichen Leibesorganismus iiberge-
fiihrt werden. Es ist ja auch wohl bekannt, daft an den eigentlichen
Verdauungsapparat im engeren Sinne sich das anschlieftt, was wir das
Lymphsystem nennen - ich will jetzt zunachst nur schematisch spre-
chen -, urn die vom Verdauungsapparat hineingelieferten Nahrungs-
stoffe in verwandeltem Zustande aufzunehmen. So daft wir sagen
konnen, daft an den Verdauungsapparat, soweit er sich an den Magen
angliedert, ein Organsystem sich anschlieftt, das Lymphsystem, als
eine Summe von Kanalen, die durch den ganzen Korper gehen, ein
System, welches das ubernimmt, was durch den Verdauungsapparat
verarbeitet ist, und die umgewandelten Stoffe abliefert an das Blut.
Und dann haben wir das dritte Glied der Menschennatur, das Blutge-
faftsystem selber mit seinen weiteren oder engeren Rohren, wie es
sich durch den ganzen menschlichen Organismus zieht und das zum
Mittelpunkte seines ganzen Wirkens das Herz hat. Wir wissen ja, daft
vom Herzen diejenigen bluterfiillten Gefafte ausgehen, die wir die
Arterien nennen, und daft diese nach alien Teilen unseres Organis-
mus das sogenannte rote Blut hinfuhren. Das Blut macht einen
gewissen Prozeft in den einzelnen Gliedern des menschlichen Orga-
nismus durch, wird dann wiederum zuriickgefuhrt durch andere
Gefafte, die Venen, die es aber jetzt in verandertem, verwandeltem
Zustande als sogenanntes blaues Blut zu dem Herzen zuriickbringen.
Wir wissen auch, daft dieses verwandelte, unbrauchbar gewordene
Blut von dem Herzen in die Lunge geleitet wird, daft es dort in
Beruhrung kommt mit dem von aufien aufgenommenen Sauerstoff
der Luft, daft es dadurch erneuert und dann wiederum in Venen zum
Herzen zuriickgeleitet wird, um von neuem den Umlauf durch den
ganzen menschlichen Organismus zu beginnen.
Um diese komplizierten Systeme zu betrachten, wollen wir uns,
damit wir in der aufteren Betrachtungsweise gleich eine Grundlage
haben fur die okkulte Betrachtungsweise, zunachst an dasjenige
System halten, das von vornherein jedem als das eigentliche Mittel-
punktsystem des ganzen menschlichen Organismus erscheinen mufi:
das Blut-Herzsystem. Wir wollen dabei zunachst ins Auge fassen,
wie das Blut, nachdem es als verbrauchtes Blut in der Lunge aufge-
frischt ist, also aus dem sogenannten blauen Blut wieder in rotes Blut
verwandelt worden ist, wieder zum Herzen zuruckkehrt und dann
vora Herzen als rotes Blut wiederum ausstromt in den Organismus,
um hier verwendet zu werden. (Es wird an die Tafel gezeichnet.)
Beachten Sie, dafi alles, was ich hier zeichne, nur ganz schematisch
ist. Rufen wir uns kurz ins Gedachtnis, dafi das menschliche Herz ein
Organ ist, das eigentlich aus vier Gliedern zunachst besteht, aus vier
Kammern, die durch Innenwande so abgegrenzt sind, dalS man unter-
scheiden kann zwei grofiere Raume nach unten gelegen und zwei
kleinere nach oben gelegen, die beiden unteren die beiden Herzkam-
mern, wie man sie gewohnlich nennt, wahrend die oberen die Vor-
kammern genannt werden. Ich will heute noch nicht von den Herz-
klappen sprechen, sondern den Gang der wichtigsten Organtatigkei-
ten ganz schematisch ins Auge fassen. Da zeigt sich zunachst, dafi das
Blut, nachdem es aus der linken Vorkammer in die linke Herzkam-
mer gestromt ist, durch eine grofte Schlagader abfliefk und von da aus
in den ganzen Organismus geleitet wird. Nun wollen wir ins Auge
fassen, dafi dieses Blut zunachst in alle einzelnen Organe des Orga-
nismus sich verteilt, dafS es dann im Organismus verbraucht wird,
wodurch es in das sogenannte blaue Blut verwandelt wird und als
solches wieder zum Herzen in die rechte Vorkammer zuruckkehrt,
von dort in die rechte Herzkammer fliefk, um von hier aus wieder in
die Lunge zu gehen, wieder erneuert zu werden und den Gang durch
den Organismus von neuem zu machen.
Wenn wir uns dies vorstellen, so ist es zur Grundlage einer okkul-
ten Betrachtungsweise wichtig zu bedenken, dafi sehr friih von der
Hauptschlagader eine Nebenstromung abgeht, welche ins Gehirn
fuhrt, die oberen Organe des Menschen versorgt und von dort als
verbrauchtes Blut wieder zuriickflielk in die rechte Vorkammer, und
dafi es als das Gehirn passiert habendes Blut ebenso verwandelt wird
wie das Blut, das aus den ubrigen Gliedern des Organismus kommt.
Wir haben also einen kleineren Nebenkreislauf des Blutes, in welchen
das Gehirn eingeschaltet ist, abgetrennt von dem anderen, groften
Kreislauf, der den ganzen iibrigen Organismus versorgt. Nun ist es
aufterordentlich wichtig, daft wir gerade diese Tatsache ins Auge
fassen. Denn wir bekommen eine richtige Vorstellung, die uns eine
Grundlage geben kann fur alles, was uns moglich machen wird, in die
okkulten Hohen hinaufzusteigen, nur dann, wenn wir uns die Frage
stellen: Ist denn - in ahnlicher Weise, wie in den kleinen Blutkreislauf
die oberen Organe eingeschaltet sind, namentlich das Gehirn - in den
groften Blutkreislauf, der den iibrigen Organismus versorgt, etwas
ahnliches eingeschaltet? - Da kommen wir in der Tat zu dem Ergeb-
nis, das schon die aufiere oberflachliche Betrachtungsweise liefern
kann, dafi in den grofien Blutkreislauf zunachst das Organ einge-
schaltet ist, welches wir die Milz nennen, dafi weiter darin einge-
schaltet ist die Leber und jenes Organ, welches die von der Leber
zubereitete Galle enthalt. Diese Organe sind alle in den groften
Blutkreislauf eingeschaltet.
Wenn wir jetzt nach der Aufgabe dieser Organe fragen, so gibt uns
die auftere Wissenschaft darauf die Antwort, dafi die Leber die Galle
bereitet, dafi die Galle iiber die Gallenwege abfliefit in den Verdau-
ungskanal und an der Verarbeitung der Nahrungsmittel so mitwirkt,
dafi diese dann aufgenommen werden konnen vom Lymphsystem
und iibergeleitet werden konnen in das Blut. Weniger Genaues sagt
die aufiere Wissenschaft iiber die Milz. Wenn wir diese Organe
betrachten, haben wir nun zunachst den Blick darauf zu richten, daft
dieselben sich sozusagen zu beschaftigen haben mit der Umwandlung
der Nahrung fur den menschlichen Organismus, dafi aber auf der
anderen Seite alle drei Organe eingeschaltet sind in den grofien Blut-
kreislauf. In diesen sind sie nun nicht umsonst eingeschaltet. Denn
insofern die Nahrungsstoffe aufgenommen werden in das Blut, um
durch das Blut dem menschlichen Organismus zugefiihrt zu werden
und demselben die Baustoffe fortwahrend zu ersetzen, da beteiligen
sich diese drei Organe an der notwendigen Verarbeitung der Nah-
rungsstoffe. Es ist nun die Frage: Konnen wir aus einer aufieren
Beobachtung schon entnehmen, wie sich diese drei Organe an der
Gesamttatigkeit des menschlichen Organismus beteiligen? - Richten
wir dazu den Blick zunachst auf eine Aufierlichkek, darauf, dafi diese
Organe so eingeschaltet sind in den unteren Blutkreislauf, wie das
Gehirn in den oberen Kreislauf eingeschaltet ist; und fragen wir
einmal - wenn wir uns zunachst wirklich an diese aufierliche Betrach-
tungsweise halten, die spater vertieft werden soil -, ob diese Organe
moglicherweise eine ahnliche, eine verwandte Aufgabe haben konn-
ten wie das Gehirn oder uberhaupt wie die hohergelegenen Teile des
menschlichen Organismus. Worin konnte diese Aufgabe bestehen?
Betrachten wir einmal diese hoheren Teile des menschlichen Orga-
nismus; es sind ja die Organe, welche die aufieren Sinneseindriicke
aufnehmen und das Material unserer Sinneswahrnehmung verarbei-
ten. Daher konnen wir sagen: Was im menschlichen Haupt, in den
oberen Partien des menschlichen Organismus geschieht, das ist Ver-
arbeitung der Aufienwelt, Verarbeitung jener Eindriicke, die von
aufien durch die Sinnesorgane einfliefien. Die wesentlichen Ursachen
fur das, was in den oberen Partien des Menschen geschieht, haben wir
zu sehen in den aufieren Impressionen, in den aufieren Eindriicken.
Indem diese aufieren Eindriicke ihre Wirkungen hineinsenden in die
oberen Organe des menschlichen Organismus, verandern sie das Blut
oder tragen jedenfalls dazu bei und senden dieses Blut ebenso veran-
dert zum Herzen zuriick, wie aus dem iibrigen Organismus das Blut
verandert zum Herzen zuriickgesandt wird. Liegt es nun nicht nahe,
daran zu denken, dafi das, was durch das Tor der Sinnesorgane von
der Aufienwelt in den oberen Teil des menschlichen Organismus
hereinwirkt, in gewisser Weise demjenigen entspricht, was aus den
im Innern gelegenen Organen - Milz, Leber, Galle - heraus wirkt?
Der obere Teil des menschlichen Organismus schliefit sich nach
aufien auf, um die Wirkungen der Aufienwelt zu empfangen, und
wahrend das Blut nach oben stromt, um diese Eindriicke der Aufien-
welt aufzunehmen, stromt es nach unten, um dasjenige aufzuneh-
men, was von den unteren Organen kommt. Wie wir gesagt haben,
werden von der Umwelt durch die Sinne Wirkungen auf unsere obere
Organisation ausgeiibt. Denken wir uns dies einmal zusammengezo-
gen, zusammengeprelk in einem Zentrum, so konnen wir darin etwas
Analoges sehen zu dem, was durch Leber, Galle und Milz bewirkt
wird: Umwandlung von Stoffen, die der Aufienwelt entnommen
sind. Wenn wir naher darauf eingehen, werden Sie sehen, dafi das
keine so ganz absonderliche Betrachtungsweise ist.
Denken Sie sich die verschiedenen hereinfliefienden Sinnesein-
driicke der Aufienwelt wie zusammengezogen, gleichsam zu Orga-
nen verdichtet, ins Innere des Menschen verlegt und eingeschaltet in
das Blut, so bietet sich der obere Teil des menschlichen Organismus
dem Blute ebenso dar, wie sich von innen die Organe Leber, Galle,
Milz dem Blute darbieten. Also wir haben die Aufienwelt, die oben
unsere Sinne umgibt, gleichsam in Organe zusammengedrangt und
ins Innere des Menschen verlegt, so dafi wir sagen konnen: Einmal
beriihrt uns die Welt von aufien, sie stromt durch die Sinnesorgane in
unseren oberen Organismus ein und wirkt auf unser Blut, und einmal
wirkt auf geheimnisvolle Weise die Welt von innen in Organen, in die
sich erst zusammengezogen hat, was draufien im Makrokosmos vor-
geht, und wirkt da entgegen unserem Blut, das sich ihm ebenso
darbietet. Wenn wir das schematisch zeichnen wollten, konnten wir
also sagen: Denken wir uns auf der einen Seite die Welt, von alien
Seiten wirkend auf die Sinne, und das Blut, wie eine Tafel den
Eindriicken der AufSenwelt sich darbietend, so haben wir unsere
obere Organisation. Denken wir uns jetzt, wir konnten diese ganze
Welt zusammenziehen, in einzelne Organe zusammenziehen, einen
Extrakt dieser Welt bilden, und konnten ihn in das Innere herein
verlegen, so da£> gewissermaften die ganze Welt auf die andere Seite
des Blutes wirkt, dann hatten wir ein schematisches Bild des Aufien
und des Innen des menschlichen Organismus in einer ganz sonder-
baren Weise geformt. So konnten wir in einer gewissen Weise schon
sagen: Es entspricht das Gehirn eigentlich unserer Innenorganisa-
tion; insoweit sie Brust- und Bauchhohle ausfullt, ist gleichsam die
Aufienwelt in unser Inneres verlegt.
Schon in dieser Organisation, die wir ja als eine untergeordnete
erkennen, die hauptsachlich der Fortfiihrung des Ernahrungsprozes-
ses dient, haben wir etwas so Geheimnisvolles wie eine Zusammenfu-
gung der ganzen Aufienwelt in eine Summe von inneren Organen,
von inneren Werkzeugen. Und wenn wir nun diese Organe Leber,
Galle, Milz einmal naher betrachten, konnen wir sagen: Zunachst ist
es die Milz, die sich der Blutstromung darbietet. Die Milz ist ein
sonderbares Organ, in der in blutreiche Gewebe eingebettet ist eine
ganze Summe von kleinen Kdrnchen, die sich gegeniiber der ubrigen
Gewebemasse weift ausnehmen. Wenn wir das Blut im Verhaltnis zur
Milz betrachten, erscheint uns die Milz wie ein Sieb, durch welches
das Blut hindurchgeht, urn sich einem solchen Organ darzubieten,
das in gewisser Weise ein zusammengeschrumpfter Teil des Makro-
kosmos ist. Als nachste Stufe sehen wir dann, wie sich das Blut der
Leber darbietet und wie die Leber ihrerseits die Galle absondert, die
in einem besonderen Organ aufbewahrt wird, dann in die Nahrungs-
stoffe iibergeht und von dort aus mit den verwandelten Nahrungs-
stoffen in das Blut gelangt.
Dieses innere Sichdarbieten des Blutes an die drei Organe konnen
wir uns nicht anders als in folgender Weise vorstellen: Das erste
Organ, das sich dem Blut entgegenstellt, ist die Milz, das zweite die
Leber, und das dritte, das eigentlich ein sehr kompliziertes Verhaltnis
schon zum gesamten Blutsystem hat, ist die Galle. Weil die Galle den
Nahrungsstoffen dargeboten wird und an der Verarbeitung derselben
beteiligt ist, wird sie als besonderes Organ gezahlt. Aus bestimmten
Griinden haben die Okkultisten aller Zeiten diesen Organen gewisse
Namen gegeben. Ich bitte Sie nun recht sehr, vorlaufig bei diesen Na~
men, die diesen Organen gegeben sind, an nichts Besonderes zu den-
ken und davon abzusehen, dafi diese Namen noch etwas anderes in
der grofien Welt bedeuten. Wir werden spater noch sehen, warum ge-
rade diese Namen genommen wurden. Weil die Milz sich dem Blut zu-
erst darbietet - so konnen wir rein aufierlich vergleichsweise sagen — ,
erschien sie den alten Okkultisten am besten mit jenem Namen
bezeichnet, der dem Stern zukommt, der sich im Weltenraum zuerst
im Sonnensystem darbietet; deshalb nannten sie die Milz Saturnus
oder einen inneren Saturn im Menschen. In ahnlicher Weise nannten
sie die Leber einen inneren Jupiter und die Galle einen inneren Mars.
Wollen wir zunachst bei diesen Namen uns gar nichts anderes den-
ken, als daft wir sie aus dem Grunde wahlen, weil wir die Anschau-
ung gewonnen haben, zunachst hypothetisch, dafi die aufteren Wei-
ten, die sonst unseren Sinnen zuganglich sind, zusammengezogen
sind in diesen Organen und uns gleichsam als innere Welten entge-
gentreten, wie uns aufierliche Welten in den Planeten entgegentreten.
Wir wiirden aber jetzt schon sagen konnen: Wie die aufteren Welten
unseren Sinnen erscheinen, indem sie von aufien eindringen und auf
das Blut wirken, so erscheinen uns die Innenwelten wirksam auf das
Blut, indem sie dasselbe ebenfalls beeinflussen.
Wir werden nun allerdings einen bedeutungsvollen Unterschied
finden zwischen dem, was wir gestern besprochen haben als Eigen-
tiimlichkeiten des menschlichen Gehirns, und dem, was wie eine Art
inneres Weltensystem auf unser Blut wirkt. Dieser Unterschied liegt
einfach darin, dafi der Mensch zunachst nichts von dem weifi, was
sich innerhalb seines unteren Organismus abspielt; das heifit, er weifi
nichts von den Eindriicken, welche die innere Welt - gleichsam die
inneren Planeten — auf ihn machen, wogegen es ja gerade charakteri-
stisch ist, daft die aufteren Welten auf sein Bewufitsein ihre Eindriicke
machen. In einer gewissen Beziehung diirfen wir also diese innere
Welt als die Welt des Unbewufken bezeichnen gegeniiber der bewuft-
ten Welt, welche wir im Gehirnleben kennengelernt haben.
Nun wird sich uns gerade das, was in diesem Bewufiten und
Unbewulken liegt, dadurch naher aufklaren, dafi wir etwas anderes
zu Hilfe nehmen. Sie wissen alle, dafi die aufiere Wissenschaft davon
spricht, daft das Nervensystem das Organ des Bewufkseins ist mit
allem, was dazugehort. Nun miissen wir als Grundlage fur unsere
okkulten Betrachtungen eine gewisse Beziehung ins Auge fassen, die
das Nervensystem zum Blutsystem hat, das heifk zu dem, was wir ja
heute schematisch ins Auge gefalk haben. Da sehen wir, dafi unser
Nervensystem iiberall in gewisse Beziehungen tritt zu unserem Blut-
system, daft das Blut iiberall an unser Nervensystem herandringt.
Dabei miissen wir nun zunachst auf das Riicksicht nehmen, was die
aufiere Wissenschaft diesbeziiglich fur etwas Ausgemachtes halt. Sie
halt das fiir ausgemacht, dafi im Nervensystem der gesamte Regulator
liege aller Bewulkseinstatigkeit, alles dessen, was wir als bewulkes
Seelenleben bezeichnen. Wir konnen nicht umhin - zunachst auch
nur andeutungsweise, um es spater zu belegen -, uns zum Bewulk-
sein zu bringen, dafi das Nervensystem fur den Okkultisten nur wie
eine Art von Grundlage des Bewufitseins dasteht. Denn gerade so,
wie sich in unseren Organismus eingliedert das Nervensystem und
beriihrt wird oder wenigstens in einem gewissen Verhaltnis steht zum
Blutsystem, so gliedert sich in die Gesamtwesenheit des Menschen
dasjenige ein, was wir nennen des Menschen astralischen Leib und
des Menschen Ich. Und schon eine aufterliche Betrachtung kann uns
zeigen - und ich habe ja 6fter in meinen Vortragen dariiber gespro-
chen dafi das Nervensystem in einer gewissen Weise eine Offenba-
rung des Astralleibes ist und das Blut eine Offenbarung des Ich.
Wenn wir in die unbelebte Natur gehen, so sehen wir ja, wie wir den
Gesteinen, Mineralien und so weiter nur einen physischen Leib
zuzuschreiben haben in den Teilen, die sie uns darbieten. Wenn wir
dann von den unbelebten, unorganischen Naturkorpern zu den
belebten Naturkorpern aufsteigen zu den Organismen, so mussen
wir uns denken, dafi diese Organismen durchsetzt sind von dem
sogenannten Atherleib oder Lebensleib, der in sich die Ursachen der
Lebenserscheinungen enthalt. Wir werden spater schon sehen, dafi
die Geisteswissenschaft von diesem Ather- oder Lebensleib nicht
so spricht, wie die aufiere Wissenschaft von einer spekulativen
Lebenskraft gesprochen hat. Wenn die Geisteswissenschaft vom
Atherleibe spricht, spricht sie von etwas, was das geistige Auge
wirklich sieht, also von einem Realen, das dem aufSeren, physischen
Leibe zugrundeliegt. Wenn wir die Pflanzen betrachten, mussen wir
ihnen einen Atherleib zuschreiben. Steigen wir hinauf von den Pflan-
zen zu den empfindenden Wesen, den Tieren, so ist es das Element
des Empfindens, des inneren Erlebens, welches das Tier von der
Pflanze unterscheidet. Wenn wir uns nun fragen, was mufi sich
eingliedern dem tierischen Organismus, damit er hinauf gehoben wer-
den kann von den blofien Lebensvorgangen zu Empfindungen, die
die Pflanzen noch nicht haben, so ist die Antwort: Soli die blofte
Lebenstatigkeit, die sich noch nicht verinnerlichen kann, noch nicht
zur Empfindung entziinden kann, sich zur Empfindung, zum inner-
lichen Erleben entziinden konnen, so muft sich in den tierischen
Organismus eingliedern der Astralleib. Und in dem Nervensystem,
das die Pflanzen noch nicht haben, miissen wir den aufieren Aus-
druck, das Werkzeug des Astralleibes sehen. Der Astralleib ist das
geistige Urbild des Nervensystems. Wie das Urbild zu seiner Offen-
barung, zu seinem Abbild, so verhalt sich der Astralleib zu dem
Nervensystem.
Wenn wir nun mit unserer Betrachtung beim Menschen einset-
zen - und ich habe schon gestern gesagt, dafi wir es im Okkultismus
nicht so gut haben wie die aufiere wissenschaftliche Betrachtungs-
weise, daft wir nicht sozusagen alles durcheinanderwerfen konnen -,
dann miissen wir, wenn wir die menschlichen Organe betrachten, uns
immer bewufit sein, daft diese Organe oder Organsysteme zu etwas
gebraucht werden konnen, wozu die analogen Organsysteme im
tierischen Organismus, wenn sie auch ahnlich ausschauen, nicht
gebraucht werden konnen. Beim Menschen miissen wir das Blut als
aufleres Werkzeug fiir das Ich ansehen, fur alles, was wir als unser
innerstes Seelenzentrum, das Ich, bezeichnen. So haben wir im Ner-
vensystem ein aufieres Werkzeug des Astralleibes und in unserem
Blut ein aufieres Werkzeug des Ich. Geradeso wie das Nervensystem
im Organismus in gewisse Beziehungen tritt zum Blut, so treten
diejenigen inneren Seelengebilde, die wir als unsere Vorstellungen,
Wahrnehmungen, Empfindungen und so weiter erleben, in eine
Beziehung zu unserem Ich. Das Nervensystem ist in der mannigfal-
tigsten Weise im menschlichen Organismus differenziert. Es zeigt
sich uns als die inneren Nervenstrange, da, wo es sich aufschliefit
zum Beispiel zu Gehornerven, Gesichtsnerven und so weiter. Das
Nervensystem ist also etwas, was sich durch den Organismus so
hinerstreckt, dafi es in der mannigfaltigsten Weise differenziert ist,
innere Mannigfaltigkeiten enthalt. Wenn wir das Blut, durch den
Organismus durchstromend, betrachten, so zeigt es sich uns - wenn
wir absehen wollen von der Veranderung von rotem in blaues Blut —
im ganzen Organismus doch als einheitliches Blut. Als ein solches
Einheitliches tritt es dem differenzierten Nervensystem entgegen,
wie das Ich dem Seelenleben entgegentritt, das sich gliedert in Vor-
stellungen, Empfindungen, Willensimpulse, Gefiihle und derglei-
chen. Je weiter Sie diesen Vergleich verfolgen werden — und das soil ja
zunachst auch nur vergleichsweise gesagt sein desto mehr wird sich
Ihnen zeigen, daft eine weitgehende Ahnlichkeit besteht in der Bezie-
hung der beiden Urbilder Ich und Astralleib zu ihren Abbildern,
ihren Werkzeugen: Blutsystem und Nervensystem. Nun konnen wir
allerdings sagen: Blut ist iiberall Blut, aber indem es durch den
Organismus stromt, verandert es sich. Wir konnen diese Verande-
rungen des B lutes in Parallele bringen mit den Veranderungen, die
das Ich durch die verschiedenen Seelenerlebnisse erfahrt. Auch unser
Ich ist ein Einheitliches. So weit wir zuriickdenken konnen im Leben
zwischen Geburt und Tod, konnen wir von uns sagen: Ich war da! In
unserem funften Jahr wie in unserem sechsten Jahr, gestern wie heute
ist es dasselbe Ich. — Aber wenn wir jetzt auf den Inhalt eingehen, auf
das, was dieses Ich enthalt, so werden wir finden, dafi dieses Ich, wie
es in mir lebt, angefullt ist mit einer grofieren oder kleineren Summe
von Vorstellungen, Empfindungen, Gefiihlen und so weiter, die dem
Astralleibe zuzuschreiben sind und mit dem Ich in Beruhrung kom-
men. Vor einem Jahre war unser Ich mit einem anderen Inhalt erfullt,
gestern hatte es einen anderen Inhalt und heute wieder einen anderen.
Das Ich kommt also mit dem gesamten Seeleninhalt in Beruhrung,
durchstromt diesen gesamten Seeleninhalt. Geradeso wie das Blut
den ganzen Organismus durchstromt und iiberall mit dem differen-
zierten Nervensystem in Beruhrung kommt, so kommt das Ich
zusammen mit dem differenzierten Leben der Seele, mit Vorstellun-
gen, Gefiihlen, Willensimpulsen und dergleichen. So also zeigt uns
schon diese nur vergleichsweise Betrachtung, dafi eine gewisse
Berechtigung existiert, in dem Blutsystem ein Abbild des Ich zu
sehen und in dem Nervensystem ein Abbild des Astralleibes, die-
ser beiden hoheren, iibersinnlichen Glieder der menschlichen
Natur, wahrend der Atherleib sich mehr an den physischen Leib
anschliefit.
Nun ist es notwendig, uns zu erinnern, daft das Blut, welches in
der angedeuteten Weise durch den Organismus stromt, auf der einen
Seite sich darbietet der Aufienwelt, vergleichsweise wie eine Tafel den
Eindriicken der Auftenwelt entgegentritt, auf der anderen Seite sich
dem entgegenhalt, was wir die innere Welt genannt haben. Ja, so ist es
auch mit unserem Ich. Wir richten unser Ich zunachst auf die Aufien-
welt, nehmen die aufieren Eindriicke auf. Da ergibt sich ein mannig-
faltiger Inhalt in unserem Ich; es wird erfiillt von den Impressionen,
die von aufien kommen. Dann gibt es auch diejenigen Augenblicke,
wo das Ich sozusagen in sich selber bleibt, wo es hingegeben ist
seinem Schmerz, seinem Leid, an Lust und Freude, an die inneren
Gefuhle und so weiter, wo es sogar aus dem Gedachtnis aufsteigen
lafit, was es jetzt nicht unmittelbar durch die Beriihrung mit der
Aufienwelt empfangt, sondern das, was es in sich tragt. Also auch in
dieser Beziehung ist das Ich zu parallelisieren mit dem Blut, dafi es
sich wie eine Tafel darbietet einmal der aufteren Welt und einmal der
inneren Welt; und wir konnten dieses Ich genauso schematisch dar-
stellen, wie wir das Blut schematisch dargestellt haben (siehe Zeich-
nung Seite 42). Wir konnen die aufieren Eindriicke, die das Ich
bekommt, indem es sie als Vorstellungen, als Seelengebilde fafit, in
dieselbe Beziehung bringen zum Ich, wie wir die realen, durch die
Sinne zu uns kommenden aufieren Vorgange zum Blut in Beziehung
gebracht haben; wir konnen also die Seelenereignisse, genauso wie
beim korperlichen Leben, auf der einen Seite zum Blut, auf der
anderen Seite zum Ich in Beziehung bringen.
Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus das Zusammenwir-
ken und das Einander-Entgegenwirken von Blut und Nerven. Wenn
wir zum Beispiel unser Auge auf die Aufienwelt hinwenden, so
wirken die aufieren Impressionen — Farben, Lichteindriicke und so
weiter - auf die Sehnerven. Solange wir die Augen auf die Aufienwelt
richten, so lange konnen wir auch davon sprechen, dafi die Eindriicke
der Aufienwelt auf unsere Sehnerven, also das Werkzeug des Astral-
leibes, eine Wirkung haben. In dem Augenblick, wo ein Verhaltnis
eintritt zwischen Nerven und Blut, konnen wir davon sprechen, dafi
der parallele Seelenvorgang der ist, dafi die mannigfaltigen Vorstel-
lungen des Seelenlebens zu dem Ich in Beziehung treten. Wir miissen
also, wenn wir das schematisch zeichnen wollen, uns das Verhaltnis
von Nerven und Blut so denken, wie wenn das, was durch die
Nerven von aufien einstromt, in Beziehung tritt zu den Blutlaufen,
die in die Nahe der Sehnerven kommen.
Diese Beziehung ist nun etwas aufterordentlich Wichtiges, wenn
man den menschlichen Organismus so betrachten will, dafi die Be-
trachtung eine Grundlage fur die okkulte Anschauung der mensch-
lichen Natur ergeben kann. Dann miissen wir uns sagen: Beim ge-
wohnlichen Leben, wie es im allgemeinen verflieftt, geschieht der
Vorgang so, dafi eine Wirkung, die durch den Nerv sich fortpflanzt,
in das Blut sich einschreibt wie in eine Tafel und dadurch in das
Werkzeug des Ich sich eingeschrieben hat. Nehmen wir aber einmal
an, wir wiirden die Beziehung zwischen Blutlauf und Nerv kiinstlich
unterbrechen, das heifk, wir wiirden also kiinstlich den Menschen
in eine solche Lage bringen, dafi gleichsam der Nerv in seiner Wirk-
samkeit von dem Blutlauf entfernt wird, so daft sie nicht mehr
aufeinander wirken konnen. Das kann man schematisch in der Wei-
se zeichnen, dafi man die beiden Glieder weiter auseinander zeichnet,
so dafi eine Wechselwirkung zwischen Nerv und Blut nicht mehr
stattfinden kann. Da kann die Sache so liegen, dafi zunachst auf den
Nerven kein Eindruck gemacht wird. So etwas kann man ja
erreichen, indem man zum Beispiel den Nerv durchschneidet. Wenn
es auf irgendeine Weise zustande kommt, dafi ein Nerv durchschnit-
ten ist, dafi also auf den Nerv kein Eindruck gemacht wird, dann ist
es ja nicht weiter wunderbar, dafi der Mensch auch nichts Besonderes
durch diesen Nerv erleben kann. Nehmen wir aber an, es werde -
trotzdem die Beziehung zwischen Nerv und Blut unterbrochen ist ~
ein gewisser Eindruck gemacht. Im aufieren Experiment kann das ja
dadurch herbeigefiihrt werden, daft man zum Beispiel durch einen
elektrischen Strom den Nerv reizt. Diese aufiere Beeinflussung des
Nervs geht uns hier aber nichts an. Es gibt aber noch eine andere
Beeinflussung des Nervs, die zu einem Zustande fiihrt, wo er auf die
Blutbahn nicht wirken kann. Dieser Zustand kann fiir den menschli-
chen Organismus herbeigefiihrt werden - und er wird auch herbeige-
fiihrt - durch gewisse Vorstellungen, gewisse Ideen, Empfindungen
und Gefiihle, die der Mensch erlebt und sich angeeignet hat und die,
damit ein solches Experiment gelinge, hohere moralische oder intel-
lektuelle Vorstellungen sein sollten. Wenn der Mensch sich solche
Vorstellungen macht, zum Beispiel von Sinnbildern, und sich in
scharfer innerer Konzentration der Seele iibt, dann bewirkt das, dafi
er gleichsam den Nerv voll in Anspruch nimmt und ihn dadurch
zuriickzieht vom Blutlaufe. Wenn der Mensch im wachen Bewulk-
sein sich den normalen aufieren Eindriicken uberlafit, wie sie gerade
kommen, dann ist die naturliche Verbindung zwischen Nerv und
Blutlauf da. Wenn der Mensch aber sich durch scharfe innere Kon-
zentration von der Wirkung der aufieren Eindriicke abzieht, dann hat
er ja das in der Seele, was erst im Bewufitsein entsteht; was Inhalt des
Bewufitseins ist, nimmt den Nerv vorzugsweise in Anspruch und
trennt dadurch die Nerventatigkeit ab von der Bluttatigkeit. Die
Folge einer solchen inneren Konzentration, die - wenn sie stark
genug ist - wirklich die Leitung zwischen Nerv und Blut unterbricht,
ist, dafi der Nerv in einer gewissen Weise befreit wird von dem
Zusammenhang mit dem Blutsystem, ja auch befreit wird von dem,
wofiir das Blutsystem das aufiere Werkzeug ist, das heifit also befreit
wird von den gewohnlichen Erlebnissen des Ich. Und es ist in der Tat
so - und das kann vollstandig experimentell belegt werden -, dafi
durch die Erlebnisse der geistigen Schulung, die in die hoheren
Welten hinauffiihren soil, durch die anhaltende scharfe Konzentra-
tion das gesamte Nervensystem zeitweise dem gewohnlichen Zusam-
menhang mit dem Blutsystem und dessen Aufgaben fiir das Ich
entriickt wird. Da tritt nun eine gewisse Folge ein, namlich die, dafi
das Nervensystem, das friiher seine Wirkung auf die Tafel des Blutes
geschrieben hat, nunmehr das, was es als Wirkung in sich enthalt, in
sich selbst zuriicklaufen lafk, in sich zurucknimmt und diese Wir-
kung nicht bis zum Blut hinkommen lafk. Es ist also moglich, rein
durch Vorgange innerer Konzentration, sein Blutsystem von dem
Nervensystem gleichsam abzutrennen und dadurch dasjenige, was
sonst in das Ich - bildlich gesprochen — hineingeflossen ware, zum
Zuriicklaufen in das Nervensystem zu bringen.
Nun ist das Eigentumliche, dafS der Mensch, wenn er durch innere
Seelentatigkeit wirklich so etwas bewirkt, dann eine ganz andere Art
des inneren Erlebens hat und damit vor einem vollstandig verander-
ten Bewufkseinshorizont steht. Wir konnen sagen: Wenn Nerven
und Blut in der gewohnlichen Weise miteinander in Wechselwirkung
stehen, wie es im normalen Leben der Fall ist, dann bezieht der
Mensch die Eindriicke, die von aufien kommen, auf sein Ich. Wenn er
aber durch innere Konzentration, durch innere Seelentatigkeit sein
Nervensystem heraushebt aus der Wirkung auf sein Blutsystem,
dann lebt er auch nicht in seinem bisherigen gewohnlichen Ich; er
kann dann nicht in demselben Sinne zu dem, was er jetzt als sein
Selbst hat, «Ich» sagen. Der Mensch erscheint sich dann so, wie wenn
er einen Teil seiner Wesenheit ganz bewufk aus sich herausgehoben
hatte, abgesondert von seinem Blutsystem; es ist so, wie wenn etwas,
was man sonst nicht sieht, ein Ubersinnliches, in unsere Nerven
hereinwirkt, das sich nicht auf unsere Bluttafel abdruckt und auf
unser gewohnliches Ich keinen Eindruck macht. Der Mensch fuhlt
sich hinweggehoben von dem ganzen Blutsystem, gleichsam heraus-
gehoben aus dem Organismus. Es ist ein bewufkes Herausheben des
Ich aus dem Wirkungsbereich des Astralleibes. Wahrend nun friiher
die Nerventatigkeit im Blutsystem abgebildet wurde, wird sie jetzt in
sich selbst zuruckreflektiert; jetzt lebt der Mensch in etwas anderem,
da empfindet er sich in einem anderen Ich, in einem [makrokosmi-
schen] Ich, das friiher nur geahnt werden konnte: Er fiihlt das Her-
einragen einer ubersinnlichen Welt.
Wenn wir noch einmal die Beziehung zwischen dem Nerv oder
dem gesamten Nervensystem, wie es die Eindriicke einer aufieren
Welt in sich hereinnimmt, zum Blut genauer schematisch zeichnen
wollen, so kann es in folgender Weise geschehen:
Emdruckc
Bluttafel
Wiirden aufiere Eindriicke, aufiere Erlebnisse einfliefien, dann
wiirden sie sich abdrucken im Blutsystem. Haben wir aber das Ner-
vensystem herausgehoben aus dem Blutsystem, dann fliefit alles
innerhalb des Nervensystems zuriick, dann ergiefit sich eine Welt,
von der wir friiher keine Ahnung hatten, gleichsam bis an die Enden
unseres Nervensystems, und das fiihlen wir als Riickstofi. Wahrend
es beim gewohnlichen Bewufksein so ist, dafi man eine Welt auf-
nimmt, die hineingeht bis zum Blutsystem, dem Blutsystem wie auf
einer Tafel eingeschrieben wird, geht man nunmehr mit den Eindriik-
ken nur bis dahin, wo die Nerven endigen und in sich selbst einen
Widerstand finden. An diesen Nervenendungen prallt man gleichsam
zuriick und lebt sich hinaus in die ubersinnliche Welt. Wenn wir
einen Farbeneindruck haben, den wir durch das Auge empfangen, so
geht er in unseren Sehnerv hinein, driickt sich ab auf der Tafel des
Blutes, und wir fiihlen das, was wir mit den Worten ausdriicken: Ich
sehe rot. - Nehmen wir aber an, wir gehen mit unseren Eindriicken
nicht bis zum Blut hin, sondern nur bis zur Endung des Nervs,
prallen da zuriick, so leben wir im Grunde genommen bis zu unse-
rem Sehnerv hin. Wir prallen vor dem korperlichen Ausdruck unse-
res Blutes zuriick, leben aufierhalb unserer selbst; wir sind eigentlich
in den Strahlen des Lichtes, die sonst den Eindruck «rot» in uns
hervorriefen, darinnen. Wir sind also wirklich aus uns herausgekom-
men, und zwar dadurch, dafi wir nicht so tief in unser Inneres
hereindringen, wie wir es sonst tun, sondern daft wir nur bis zu den
Nervenenden gehen. Das bewirkt aber ein solches Seelenleben, das
den physischen Menschen wie etwas Aufierliches empfindet und sich
nicht langer mit ihm identifiziert. Das normale Bewufitsein geht bis
zum Blute hin. Wenn wir aber die Seele so entwickelt haben, dafi wir
gleichsam an den Nervenenden kehrtmachen, dann haben wir das
Blut ausgeschaltet von dem, was wir den hoheren Menschen nennen,
zu dem wir kommen konnen, wenn wir von uns selber loskommen.
Durch diese Betrachtungen haben wir zunachst eine Anschauung
von den Vorgangen gewonnen, die eintreten, wenn wir das Blutsy-
stem, welches wir betrachtet haben wie eine Art Tafel, die sich auf
der einen Seite den aufieren, auf der anderen Seite den inneren Ein-
driicken darbietet, ausgeschaltet haben von dem, was wir nennen
konnen den hoheren Menschen, zu dem wir uns entwickeln konnen,
wenn wir von uns selber loskommen und frei werden von den
Einwirkungen des gewohnlichen Ich. Wir werden nun am besten die
ganze innere Natur dieses Blutsystems studieren konnen, wenn wir
uns nicht in allgemeinen Phrasen bewegen, sondern das am Men-
schen betrachten, was real ist, den ubersinnlichen, unsichtbaren Men-
schen, zu dem wir uns selber aufschwingen konnen. Wenn wir diesen
ubersinnlichen Menschen so betrachten, wie er sich hineinbegibt bis
zum Blute hin, dann werden wir zu dem Gedanken vorriicken kon-
nen, daft der Mensch in der Auftenwelt leben kann, dafi er sich
ergieften kann iiber die ganze Auftenwelt, aufgehen kann in dieser
Aufienwelt und dafi er gleichsam den umgekehrten Standpunkt ein-
nehmen kann zu seinem inneren Wesen. Kurz, wir werden die Funk-
tionen des Blutes und der Organe, die in den Blutkreislauf einge-
schaltet sind, dadurch kennenlernen, daft wir die Frage bean two rten:
Wie mufi nun diese hohere Welt, zu der sich der Mensch aufschwin-
gen kann, die er genau kennenlernen kann, sich auf die Tafel des
Blutes abmalen? — Da wird sich uns das ganze differenzierte Blutle-
ben als der Mittelpunkt des Menschen ergeben, wenn wir unmittelbar
die Beziehungen dieses wunderbaren Systems zu einer hoheren Welt
betrachten. Denn das wird ja unsere Aufgabe sein, dafi wir den
Menschen ansehen konnen als eine Offenbarung des Ubersinnlichen,
dafi wir den aufieren Menschen ansehen konnen als ein Abbild desje-
nigen Menschen, der in der geistigen Welt wurzelt. Dadurch werden
wir den menschlichen Organismus erkennen konnen als ein getreues
Abbild des Geistes.
DRITTER VORTRAG
Prag, 22.Marzl911
Diese drei ersten Vortrage, einschliefilich des heutigen, sind dazu
bestimmt, uns im allgemeinen iiber das zu orientieren, was fur das
Leben, fur die Wesenheit des Menschen in Betracht kommt. Daher
werden in diesen ersten Vortragen zunachst einige wichtige Begriffe
gegeben werden, die ja sonst, weil die genaueren Ausfiihrungen
natiirlich erst folgen sollen, ein bifichen in der Luft hangen wiirden.
Es ist besser, wenn wir uns erst einen Uberblick iiber die ganze Art
aneignen, wie man den Menschen im okkulten Sinne zu betrachten
hat, um dann in diese Betrachtung, die wir vorlaufig als eine hypo-
thetische hinnehmen, das hineinzubauen, was uns als die tieferen
Griinde erscheinen kann.
Nun habe ich am Ende des gestrigen Vortrages bereits eines ausge-
fuhrt. Ich versuchte zu zeigen, dafi der Mensch durch gewisse Seelen-
iibungen, durch starke Gedanken- und Empfindungskonzentration
eine andere Art seines Lebenszustandes hervorrufen kann, als es die
gewohnliche ist. Der gewohnliche Lebenszustand driickt sich ja da-
durch aus, da£ wir im wachen Tagesleben eine enge Verbindung haben
zwischen Nerven und Blut. Wenn wir uns schematisch ausdriicken
wollen, konnen wir sb sagen: Was durch die Nerven geschieht,
schreibt sich ein in die Tafel des Blutes. Durch Seeleniibungen bringt
man es nun dahin, die Nerven so stark anzuspannen, dafi deren
Tatigkeit sich nicht mehr hineinerstreckt bis ins Blut, sondern dafi
diese Tatigkeit wie in den Nerv selber zuriickgeworfen wird. Weil nun
das Blut das Werkzeug unseres Ich ist, fuhlt sich dann ein Mensch,
welcher durch starke Empfindungs- und Gedankenkonzentration
gleichsam sein Nervensystem freigemacht hat vom Blute, wie entfrem-
det seiner eigenen gewohnlichen Wesenheit, wie herausgehoben aus
ihr, er fuhlt sich gleichsam ihr gegenuberstehend, so dafi er zu dieser
seiner gewohnlichen Wesenheit nicht mehr sagen kann : das bin ich -,
sondern sagen kann: das bist du. Er tritt also sich selbst so gegeniiber
wie einer fremden, in der physischen Welt lebenden Personlichkeit.
Wenn wir einmal ein wenig auf den Lebenszustand eines solchen, in
einer gewissen Art hellsichtig gewordenen Menschen eingehen, so
mussen wir sagen: Ein solcher fiihlt sich so, wie wenn eine hohere
Wesenheit in sein Seelenleben hineinragen wiirde. - Es ist dies ein ganz
anderes Gefiihl, als man es hat, wenn man im normalen Lebenszustand
der Aufienwelt gegeniibersteht. Im gewohnlichen Leben fiihlt man
sich den Dingen und Wesenheiten der aufieren Welt, Tieren, Pflanzen
und so weiter, gegeniiber fremd, man fiihlt sich als ein Wesen neben
ihnen oder aufierhalb ihrer stehend. Man weifi ganz genau, wenn man
eine Blume vor sich hat: Die Blume ist dort, und ich bin hier. - Anders
ist das, wenn man auf die gekennzeichnete Art sich aus seinem sub-
jektiven Ich heraushebt, wenn man durch Losreifien seines Nerven-
systems vom Blutsystem in die geistige Welt hinaufsteigt. Dann fiihlt
man nicht mehr: da ist das fremde Wesen, das uns gegeniibertritt, und
hier sind wir — , sondern dann ist es so, wie wenn das andere Wesen in
uns eindringen wiirde und wir uns mit ihm eins fiihlten. So darf man
sagen: Der hellsichtig werdende Mensch beginnt bei fortgeschrittener
Beobachtung die geistige Welt kennenzulernen, jene geistige Welt, mit
der der Mensch in steter Verbindung steht und die ja auch im gewohn-
lichen Leben durch unser Nervensystem auf dem Umwege durch die
Sinneseindriicke zu uns kommt.
Diese geistige Welt also, von welcher der Mensch im normalen
Bewufkseinszustand zunachst nichts weifi, ist es, die sich dann ein-
schreibt in unsere Bluttafel und dadurch in unser individuelles Ich.
Wir diirfen namlich sagen: Alle dem, was uns aufierlich in der Sinnes-
welt umgibt, liegt eine geistige Welt zugrunde, die wir nur wie durch
einen Schleier sehen, der durch die Sinneseindriicke gewoben wird.
Im normalen Bewufitsein sehen wir diese geistige Welt nicht, iiber die
der Horizont des individuellen Ich einen Schleier ausspannt. In dem
Augenblick aber, wo wir von dem Ich frei werden, erloschen auch die
gewohnlichen Sinneseindriicke, die haben wir dann nicht. Wir leben
uns hinauf in eine geistige Welt, und das ist dieselbe geistige Welt, die
eigentlich hinter den Sinneseindriicken ist, mit der wir eins werden,
wenn wir unser Nervensystem herausheben aus unserem gewohn-
lichen Blutorganismus.
Nun haben wir mit diesen Betrachtungen gewissermafien das
menschliche Leben verfolgt, wie es von aufien angeregt wird und
durch die Nerven auf das Blut wirkt. Wir haben aber schon gestern
darauf aufmerksam gemacht, dafi wir in dem rein organischen phy-
sischen Innenleben des Menschen eine Art zusammengedriickte
Aufienwelt sehen konnen, und wir haben namentlich darauf hinge-
wiesen, wie eine Art in Organe zusammengedrangte Aufienwelt vor-
handen ist in unserer Leber, Galle und Milz. Wir konnen sagen: Wie
das Blut nach der einen, der oberen Seite unseres Organismus das
Gehirn durchlauft, um dort mit der Aufienwelt in Beruhrung zu
kommen - und das geschieht, indem auf das Gehirn die aufieren
Sinneseindriicke wirken — , so kommt das Blut, wenn es sich durch
den Korper bewegt, in Beziehung zu den inneren Organen, von
denen wir zunachst Leber, Galle und Milz betrachtet haben. Und dafi
in ihnen das Blut nicht mit irgendeiner Aufienwelt in Beruhrung
kommt, dafur sorgt die Tatsache, daft diese Organe sich nicht wie
Sinnesorgane nach aufien aufschliefien, sondern in den Organismus
eingeschlossen und von alien Seiten zugedeckt sind, so dafi sie nur ein
inneres Leben entfalten. Diese Organe konnen alle auch auf das Blut
nur so wirken, wie sie selbst ihrer Eigenart nach sind. Leber, Galle
und Milz bekommen nicht wie das Auge oder das Ohr aufiere Ein-
driicke, konnen also auch nicht an das Blut Wirkungen weitergeben,
welche von aufien angeregt sind, sondern sie konnen in der Wirkung,
welche sie auf das Blut haben, nur ihre eigene Natur zum Ausdruck
bringen. Wenn wir also die innere Welt betrachten, in die die Aufien-
welt gleichsam wie zusammengedrangt ist, so konnen wir sagen: Hier
wirkt eine verinnerlichte Aufienwelt auf das menschliche Blut. Wenn
wir uns das wieder schematisch zeichnen wollen, so konnen wir
durch den schragen Strich A-B (siehe Zeichnung Seite 50) die Tafel
des Blutes angeben, durch die oberen Pfeile konnen wir alles das
veranschaulichen, was von aufien kommend an die Bluttafel heran-
dringt, und durch die unteren Pfeile alles, was von innen kommend
sich der Bluttafel einschreibt. Oder, wenn wir die Sache etwas weni-
ger schematisch ansehen wollen, so konnen wir sagen: Wenn wir das
menschliche Haupt und das hindurchgehende Blut betrachten, wie es
beschrieben wird von aufien durch die Sinnesorgane, so wirkt das
Gehirn in seiner Arbeit in derselben Weise umwandelnd auf das Blut,
wie die inneren Organe auf das Blut umwandelnd wirken. Denn diese
drei Organe, Leber, Galle, Milz, wirken von der anderen Seite her auf
das Blut, welches wir hier so zeichnen wollen, als ob es die Organe
umflosse. So also wiirde das Blut gleichsam Strahlungen, Wirkungen
empfangen konnen von den inneren Organen und wiirde damit so-
zusagen als Werkzeug des Ich in diesem Ich das innere Leben dieser
Organe zum Ausdruck bringen, so wie in unserem Gehirnleben das
zum Ausdruck kommt, was uns in der Welt umgibt.
Da miissen wir uns allerdings klar sein, daft noch etwas ganz
Bestimmtes eintreten mufi, damit diese Wirkungen der Organe auf
das Blut moglich sind. Erinnern wir uns daran, dafi wir sagten, dafi in
der Wechselwirkung von Nerv und Blutlauf iiberhaupt erst die Mog-
lichkeit liegt, dafi auf das Blut eine Wirkung ausgeubt, dafi in das Blut
sozusagen etwas eingeschrieben werden kann. Wenn von der Seite
der inneren Organe her Wirkungen auf das Blut ausgeiibt werden
sollen, wenn gleichsam das innere Weltsystem des Menschen auf das
Blut wirken soil, so mufi zwischen diesen Organen und dem Blut
etwas eingeschaltet sein wie ein Nervensystem. Es mufi die innere
Welt zuerst auf ein Nervensystem wirken konnen, um dann ihre
Wirkungen auf das Blut iibertragen zu konnen.
So sehen wir, einfach aus einem Vergleich des unteren Teiles des
Menschen mit dem oberen, dafi die Voraussetzung gemacht werden
mufi, dafi zwischen unseren inneren Organen - als deren Reprasen-
tanten wir diese drei Organe: Leber, Galle, Milz haben - und dem
Blutkreislauf etwas eingeschaltet sein mull wie ein Nervensystem.
Fragen wir die aufiere Beobachtung, so zeigt sie uns in der Tat, dafi in
alle diese Organe das eingeschaltet ist, was wir das sympathische
Nervensystem nennen, welches die Korperhohle des Menschen aus-
fiillt und welches in einem analogen Verhaltnisse zu der mensch-
lichen Innenwelt und dem Blutkreislauf steht, wie andererseits das
Riickenmark-Nervensystem zwischen der aufieren grofien Welt und
dem Blutumlauf des Menschen steht. Von diesem sympathischen
Nervensystem, das ja zunachst langs des Riickgrates verlauft, dann,
von dort ausgehend die verschiedensten Teile des Organismus durch-
zieht und sich ausbreitet, auch netzformige Ausbreitungen zeigt,
namentlich in der Bauchhohle, wo man einen Teil dieses Systems
popular auch das Sonnengeflecht nennt, von diesem sympathischen
Nervensystem werden wir zu erwarten haben, dafi es in einer gewis-
sen Weise von dem anderen Nervensystem abweicht. Und es ist
immerhin interessant - wenn es auch nicht zu einem Beweise dienen
soil -, sich zu fragen: Wie konnte denn dieses Nervensystem gestaltet
sein im Verhaltnis zum Ruckenmark-Nervensystem, wenn diese
Bedingungen erfullt wiirden, die wir jetzt hypothetisch gestellt
haben? - Sie konnten einsehen: Wie sich das Ruckenmark-Nerven-
system offnen muft dem Umkreis des Raumes, so mu£ dieses sympa-
thische Nervensystem demjenigen zugeneigt sein, was zusammen-
gedrangt ist in die innere Organisation. So verhalt sich, wenn unseren
Voraussetzungen entsprochen werden soil, das sympathische Ner-
vensystem zu dem Ruckenmark-Nervensystem etwa so, wie sich
verhalten die Radien eines Kreises, die vom Mittelpunkt zur Periphe-
rie gerichtet sind (siehe Zeichnung a), zu den sich von der Peripherie
aus nach aufien fortsetzenden Radien (b). Also in einer gewissen
Weise miifite ein Gegensatz vorhanden sein zwischen dem sympathi-
schen Nervensystem und zwischen dem Nervensystem des Gehirnes
und Ruckenmarkes. Dieser Gegensatz ist auch in der Wirklichkeit
vorhanden. Und da sehen wir, wie schon darin vieles fur uns liegen
kann, dafi wir imstande sind nachzuweisen: Wenn unsere Vorausset-
zungen richtig sind, dann mufi die aufiere Beobachtung sie in einer
gewissen Weise bestatigen, und es zeigt sich, daft die aufiere Beobach-
tung tatsachlich bestatigt, was wir als Voraussetzung gemacht haben.
Wahrend beim sympathischen Nervensystem im wesentlichen eine
Art starke Nervenknoten vorhanden sind und die Ausstrahlungen
dieser Nervenknoten, die verbindenden Faden, verhaltnismafiig dttnn
sind und wenig in Betracht kommen gegeniiber den Nervenknoten,
ist bei dem Gehirn-Riickenmark-Nervensystem gerade das Umge-
kehrte der Fall, da sind die verbindenden Faden das Wesentliche,
wahrend die Nervenknoten nur eine untergeordnete Bedeutung
haben. So bestatigt uns die Beobachtung in der Tat das, was wir als
Voraussetzung annahmen. Wenn das sympathische Nervensystem
die Aufgabe hat, die es nach dem, was wir gesagt haben, haben mufi,
dann mufi sich das innere Leben unseres Organismus, das in der
Durchnahrung und Durchwarmung des Organismus zum Ausdruck
kommt, gleichsam in dieses sympathische Nervensystem hineinergie-
fien, und dieses Nervensystem miifite es auf die Bluttafel geradeso
iibertragen, wie die aufieren Eindriicke durch das Gehirn-Riicken-
mark-Nervensystem auf das Blut iibertragen werden. So bekommen
wir in das individuelle Ich hinein, durch das Instrument des Ich, das
Blut — auf dem Umwege durch das sympathische Nervensystem -,
die Eindriicke unseres eigenen korperlichen Inneren. Da aber unser
korperliches Innere wie alles Physische aus dem Geiste heraus aufer-
baut ist, so bekommen wir das, was sich als geistige Welt zusammen-
gedrangt hat in den entsprechenden Organen des inneren Menschen,
herauf in unser [waches] Ich auf dem Umwege durch das sympathi-
sche Nervensystem.
So sehen wir auch hier, wie sich diese Zweiheit im Menschen noch
genauer ausdriickt, von der wir in unseren Betrachtungen ausgegan-
gen sind. Wir sehen die Welt einmal draufien, wir sehen sie einmal
drinnen wirken; beide Male sehen wir diese Welt so wirken, dafi zu
dieser Wirkung einmal das eine, einmal das andere Nervensystem als
Werkzeug dient. Wir sehen, wie in die Mitte zwischen Aufienwelt
und Innenwelt hineingestellt ist unser Blutsystem, das sich wie eine
Tafel von zwei Seiten beschreiben lafit, einmal von aufien, einmal von
innen.
Nun haben wir gestern gesagt, und es heute der Deutlichkeit
wegen wiederholt, dafi der Mensch imstande ist, seine Nerven, inso-
fern sie in die Sinneswelt hinausfiihren, sozusagen frei zu machen von
den Wirkungen der Aufienwelt auf das Blutsystem. Die Frage miis-
sen wir uns nun vorlegen, ob auch nach der entgegengesetzten Rich-
tung hin etwas Ahnliches moglich ist? Und wir werden spater sehen,
dafi in der Tat auch solche Ubungen der Seele moglich sind, welche
dieselbe Wirkung, von der wir heute und gestern gesprochen haben,
nach der anderen Richtung moglich machen. Jedoch besteht hier ein
gewisser Unterschied. Wahrend wir durch Gedankenkonzentration,
durch Gefiihlskonzentration, durch okkulte Ubungen die Nerven
unseres Gehirns und Riickenmarkes vom Blute losbekommen kon-
nen, konnen wir durch solche Konzentrationen, welche gleichsam in
unser Innenleben, in unsere Innenwelt hineingehen - und es sind dies
namentlich diejenigen Konzentrationen, die man zusammenfassen
kann unter dem Namen «mystisches Leben» — , so tief in uns eindrin-
gen, dafi wir allerdings unser Ich dabei, also auch sein Werkzeug, das
Blut, keineswegs unberiicksichtigt lassen. Die mystische Versenkung,
von der wir ja wissen - was spater noch genauer ausgefuhrt werden
soli -, dafi der Mensch durch sie gleichsam untertaucht in seine eigene
gottliche Wesenheit, in seine eigene Geistigkeit, insofern sie in ihm
liegt, diese mystische Versenkung ist nicht zunachst ein Herausheben
aus dem Ich. Sie ist im Gegenteil ein Sichhineinversenken in das Ich,
eine Verstarkung, ein Energischermachen, eine Steigerung der Ich-
Empfindung. Davon konnen wir uns iiberzeugen, wenn wir - abge-
sehen von dem, was die Mystiker der Gegenwart sagen - uns ein
wenig einlassen auf altere Mystiker. Diese alteren Mystiker, gleich-
giiltig, ob sie auf einem mehr oder weniger religiosen Boden stehen,
sind vor alien Dingen bemuht, in ihr eigenes Ich hineinzudringen und
abzusehen von alle dem, was die Aufienwelt uns geben kann, um frei
zu werden von alien aufieren Eindriicken und ganz in sich selber
unterzutauchen. Diese innere Einkehr, dieses Untertauchen in das
eigene Ich ist zunachst wie ein Zusammenziehen der ganzen Gewalt
und Energie des Ich in den eigenen Organismus hinein. Das wirkt
nun auf die ganze Organisation des Menschen weiter, und wir kon-
nen sagen: Diese innere Versenkung, dieser im eigentlichen Sinne so
zu nennende «mystische Weg» ist - im Gegensatz zu dem anderen
Weg, den wir beschrieben haben - so, dafi wir das Werkzeug des Ich,
das Blut, nicht abziehen von dem Nerv, sondern es gerade mehr
hinstofien zum Nerv, zum sympathischen Nervensystem. Wahrend
wir also die Verbindung von Nerv und Blut losen bei dem Vorgang,
den wir gestern besprochen haben, machen wir im Gegensatz dazu
durch die mystische Versenkung die Verbindung zwischen dem Blut
und dem sympathischen Nervensystem starker. Das ist das physio-
logische Gegenbild: Bei der mystischen Versenkung wird das Blut
tiefer hineingedrangt zu dem sympathischen Nervensystem, wahrend
bei der anderen Art seelischer Ubungen das Blut vom Nerv abge-
drangt wird. Es ist also wie ein Eindriicken des Blutes in das sympa-
thische Nervensystem, was in der mystischen Versenkung vor sich
geht.
Nehmen wir nun an, wir konnten fur eine Weile von dem absehen,
dafi der Mensch, wenn er in mystischer Versenkung in sein Inneres
hineingeht, nicht loskommt von seinem Ich, sondern es im Gegenteil
tiefer hineindrangt in sein Inneres und dabei alle schlechten, alle
minder guten Eigenschaften, die er hat, mitnimmt. Wenn man sich in
sein Inneres hineinversenkt, ist man sich zunachst nicht klar, dafi
man auch alle minder guten Eigenschaften hineindriickt in dieses
Innere, mit anderen Worten, dafi alles, was im leidenschaftlichen
Blute ist, mit hineingepragt wird in das sympathische Nervensystem.
Aber nehmen wir an, wir konnten eine Weile davon absehen und uns
sagen, der Mystiker habe Sorge getragen, bevor er zu einer solchen
mystischen Versenkung gekommen ist, dafi die minder guten Eigen-
schaften immer mehr und mehr verschwunden sind und daft anstelle
der egoistischen Eigenschaften selbstlose, altruistische Gefiihle getre-
ten sind, er habe sich dadurch vorbereitet, daft er versuchte, das
Gefiihl des Mitleides mit alien Wesen in sich rege zu machen, um die
Eigenschaften, die nur auf das Ich hinspekulieren, zu paralysieren
durch selbstloses Mitgefuhl fur alle Wesen. Nehmen wir also an, der
Mensch habe sich geniigend sorgfaltig vorbereitet, um sich in sein
Inneres hinein zu versenken. Tragt der Mensch dann das Ich durch
das Werkzeug seines Blutes in seine innere Welt hinein, dann kommt
es dazu, daft dieses innere Nervensystem, das sympathische Nerven-
system, von dem der Mensch im normalen Bewufttsein naturlich
nichts weift, hereinriickt in das Ich-Bewufttsein, daft er anfangt zu
wissen: Du hast da in dir etwas, das dir ein Ahnliches von deiner
inneren Welt vermitteln kann, wie dein Gehirn-Riickenmark-Ner-
vensystem dir die aufiere Welt vermittelt. - Man wird gewahr seines
sympathischen Nervensystems, und wie man durch das Gehirn-
Riickenmark-Nervensystem die auftere Welt erkennen kann, so
kommt einem jetzt entgegen die innere Welt. Aber wie wir bei den
aufieren Eindriicken auch nicht die Nerven selbst sehen, sondern
durch die Sehnerven die aufiere Welt in unser Bewufksein herein-
dringt, so dringen bei der mystischen Versenkung auch nicht die
inneren Nerven ins Bewufksein herein; der Mensch wird nur gewahr,
da$ er in ihnen ein Instrument hat, durch das er in das Innere schauen
kann. Es tritt etwas ganz anderes ein, es tritt vor dem nach innen zu
hellsichtig gewordenen menschlichen Erkenntnisvermogen die innere
Welt auf. Wie uns der Blick nach aufien die Aufienwelt erschliefk,
und uns dabei nicht unsere Nerven zum Bewufksein kommen, so
kommt uns auch nicht unser sympathisches Nervensystem zum
Bewufksein, wohl aber das, was sich uns als Innenwelt entgegenstellt,
Nur rnussen wir sehen, dafS diese Innenwelt, die uns da zum Bewufk-
sein kommt, eigentlich wir selbst als physischer Mensch sind.
Vielleicht liegt es nicht besonders nahe, aber ich mochte doch
sagen: Einem ein klein wenig materialistischen Denker konnte eine
Art von Horror aufsteigen, wenn er sich sagen sollte, dafi er seinen
eigenen Organismus von innen sehen kann, und er konnte vielleicht
meinen: Da sehe ich aber auch etwas Rechtes, wenn ich durch mein
sympathisches Nervensystem hellsichtig werde und meine Leber,
Galle und Milz zu sehen bekomme! - Ich meine, es mufi ja nicht
besonders naheliegen, aber man konnte es sich doch sagen. So ist die
Sache aber nicht. Denn bei einem solchen Einwand wiirde man nicht
beriicksichtigen, dafi der Mensch im gewohnlichen Leben seine
Leber, Galle und Milz und so weiter von aufien anschaut wie die
anderen aufieren Gegenstande auch. So wie Sie in der Anatomie, in
der gewohnlichen Physiologie Leber, Galle, Milz und so weiter
kennenlernen, wenn Sie einen Menschen aufschneiden, sind diese
Organe naturlich durch die aufieren Sinne, durch das Gehirn-Ruk-
kenmark-Nervensystem angeschaut, geradeso wie irgend etwas an-
deres. Aber in einer ganz anderen Lage ist der Mensch, wenn er
versucht, sein sympathisches Nervensystem zu gebrauchen, urn nach
innen hellsichtig zu werden. Da sieht er keineswegs dasselbe, was er
von aufien sehen kann, sondern da sieht er das, um dessentwillen die
Hellseher aller Zeiten so sonderbare Namen fur diese Organe
gewahlt haben, wie ich sie Ihnen im zweiten Vortrage angefiihrt
habe.
Da wird er namlich gewahr, dafi in der Tat dem aufieren
Anschauen durch das Gehirn-Riickenmark-Nervensystem diese
Organe als Maja, in aufierer Illusion erscheinen in dem Anblick, den
sie nach aufien bieten, nicht in ihrer inneren wesenhaften Bedeutung.
Man sieht in der Tat etwas ganz anderes, wenn man mit dem nach
innen gewendeten Auge diese seine innere Welt hellseherisch belau-
schen kann. Da wird man nach und nach gewahr, warum die Hellse-
her aller Zeiten einen Zusammenhang der Organe mit den Wirkun-
gen der Planeten gesehen haben. Wie wir gestern gesagt haben, wurde
die Milzwirkung mit dem Namen des Saturn, die Leberwirkung mit
dem Jupiter und die Gallewirkung mit dem Mars in Zusammenhang
gebracht. Denn was man im eigenen Inneren sieht, das ist in der Tat
grundverschieden von dem, was sich dem aufieren Anblick darbietet.
Da wird man gewahr, dafi man wirklich in den inneren Organen
umgrenzte, zusammengeschlossene Partien der Aufienwelt vor sich
hat. Vor allem wird eines klar, was uns zunachst als ein Beispiel
dienen soli: Durch diese Art zu einer Erkenntnis zu kommen, die
liber das gewohnliche Anschauen hinausfuhrt, konnen wir uns davon
iiberzeugen, dafi die menschliche Milz ein sehr bedeutungsvolles
Organ ist. Dieses Organ erscheint ja der inneren Betrachtung wirk-
lich so, als wenn es nicht aus aufierer Substanz, aus fleischlicher
Materie bestehen wurde, sondern — wenn der Ausdruck gestattet ist,
obwohl er nur annahernd das wiedergeben kann, was gesehen wird -
die Milz erscheint tatsachlich wie ein leuchtender Weltenkorper im
kleinen mit allem moglichen inneren Leben, das sehr kompliziert ist.
Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, dafi die Milz,
aufierlich betrachtet, beschrieben werden kann als ein blutreiches
Gewebe, eingebettet darin die erwahnten weifien Korperchen. So dafi
man von einer aufieren physiologischen Betrachtung ausgehend sa-
gen kann, dafi das Blut, welches sich durch die Milz ergiefit, durch
sie wie durch ein Sieb durchgesiebt wird. Der inneren Betrachtung
aber stellt sich die Milz dar als ein Organ, das durch mannigfache
innere Krafte in eine bestandige rhythmische Bewegung gebracht
wird. Wir iiberzeugen uns schon bei einem solchen Organ davon,
dafi im Grunde genommen in der Welt ungeheuer viel auf Rhythmus
ankommt. Eine Ahnung von der Bedeutung des Rhythmus im
Gesamtleben der Welt konnen wir ja bekommen, wenn wir den
aufieren Rhythmus des Kosmos wiedererkennen im Blut-Pulsschlag.
Auch aufierlich konnen wir den Rhythmus in den Organen, auch in
dem Organ der Milz, ziemlich genau verfolgen. Fur den, der mit nach
innen gewendetem hellseherischen Blick die Organe anschaut, dem
offenbaren sich die Differenzierungen der Milz wie in einem Licht-
korper, sie sind dazu da, um der Milz einen gewissen Rhythmus im
Leben zu geben. Dieser Rhythmus unterscheidet sich von anderen
Rhythmen, die wir sonst gewahr werden, ganz betrachtlich. Und
gerade bei der Milz ist es interessant zu studieren, wie sich dieser
Rhythmus der Milz ganz betrachtlich unterscheidet von jedem ande-
ren Rhythmus; er ist namlich weit weniger regelmafiig als andere
Rhythmen. Warum? Dies ist aus dem Grunde der Fall, weil die Milz
in einer gewissen Weise naheliegt dem menschlichen Ernahrungsap-
parat und mit demselben etwas zu tun hat. Das werden Sie gleich
verstehen, wenn wir ein wenig darauf Riicksicht nehmen, wie unge-
heuer regelmafiig beim Menschen der Rhythmus des Blutes sein mufi,
damit das Leben in einer richtigen Weise aufrechterhalten werden
kann. Das mufi ein sehr regelmafiiger Rhythmus sein. Aber es gibt
einen anderen Rhythmus, und der ist nur in geringem Mafie regelma-
fiig, obwohl von ihm zu wiinschen ware, dafi er durch die Selbster-
ziehung der Menschen immer regelmaftiger und regelmafiiger wiirde,
namentlich in dem kindlichen Lebensalter: das ist der Rhythmus, in
dem wir uns ernahren, der Rhythmus von Essen und Trinken. Einen
gewissen Rhythmus halt darin ja wohl ein einigermafien ordentlicher
Mensch ein; er nimmt zu bestimmten Zeiten seine Tagesmahlzeiten,
das Fruhstiick, das Mittagessen und das Nachtmahl ein, so daft er
dadurch doch einen gewissen Rhythmus hat. Aber wie ist es mit
diesem Rhythmus eigentlich bestellt? In vieler Hinsicht - das ist ja
traurig bekannt - wird diese Regelmafiigkeit durchbrochen durch das
Entgegenkommen vieler Eltern gegeniiber der Genaschigkeit ihrer
Kinder, denen man einfach dann etwas gibt, wenn sie gerade danach
Verlangen haben, wobei abgesehen wird von allem Rhythmus. Und
auch die Erwachsenen sind nicht gerade so ungeheuer darauf aus,
immer einen genauen Rhythmus in bezug auf Essen und Trinken
einzuhalten. Das soil gar nicht in pedantischer oder moralisierender
Weise gemeint sein, denn das moderne Leben macht das nicht immer
moglich. Wie unregelmafiig die Nahrung in den Menschen hineinge-
stopft wird, wie unregelmafiig namentlich getrunken wird, das ist ja
hinlanglich bekannt und soli nicht getadelt, sondern nur erwahnt
werden. Es mufi aber das, was wir in einer mangelhaften rhythmi-
schen Art unserem Organismus zufuhren, allmahlich so umrhythmi-
siert werden, dafi es sich in den regelmafiigeren Rhythmus des Orga-
nismus einfugt; es muE so umgeschaltet werden, dafi wenigstens die
grobsten Unregelmafiigkeiten in der Nahrungsaufnahme beseitigt
werden. Nehmen wir an, ein Mensch sei durch seinen Beruf gezwun-
gen, um acht Uhr morgens zu friihstiicken und um ein oder zwei Uhr
zu Mittag zu essen, und diese regelmafiige Tageseinteilung sei ihm
eine Gewohnheit. Nun nehmen wir weiter an, er wiirde zu einem
guten Freunde gehen, und da gebiete es ihm die sonst ja nicht genug
zu lobende Hoflichkeit, zwischen diesen beiden Mahlzeiten eine
Erfrischung zu sich zu nehmen. Damit hat er den gewohnten Rhyth-
mus seiner Nahrungsaufnahme in einer ganz erheblichen Weise
durchbrochen, und dadurch wird auf den Rhythmus seines Organis-
mus eine ganz bestimmte Wirkung ausgeiibt. Es mufi nun etwas da
sein im Organismus, das in entsprechender Weise dasjenige starker
macht, was regelmafiig im Rhythmus ist und was die Wirkung dessen
abschwachen mufi, was unregelmafiig ist. Es miissen die grobsten
Unregelmaftigkeiten ausgeglichen werden, so dafi beim Ubergehen
der Nahrungsmittel auf das Blutsystem ein Organ eingeschaltet sein
mufi, das die Unregelmafiigkeit des Ernahrungsrhythmus ausgleicht
gegeniiber der notwendigen Regelmafiigkeit des Blutrhythmus. Und
dieses Organ ist die Milz. So konnen wir an ganz bestimmten rhyth-
mischen Vorgangen, wie es jetzt charakterisiert worden ist, einen
Begriff dafur erhalten, daft die Milz ein Umschalter ist, urn Unregel-
mafiigkeiten im Verdauungskanal so auszugleichen, dafi sie zu Regel-
ma&gkeiten werden in der Blutzirkulation. Denn es ware in der Tat
eine ganz fatale Sache, wenn gewisse Unregelmafligkeiten in dem
Aufnehmen von Nahrungsstoffen - namentlich in der Studentenzeit
oder auch zu anderen Zeiten - ihre ganze Wirkung fortsetzen miifiten
in das Blut hinein. Da ist viel auszugleichen, und es ist nur so viel auf
das Blut iiberzuleiten, als diesem zutraglich ist. Diese Aufgabe hat
das in die Blutbahn eingeschaltete Milzorgan, das seine rhythmisie-
rende Wirkung so ausstrahlt iiber den ganzen menschlichen Organis-
mus, dafi das zustande kommt, was jetzt beschrieben worden ist.
Was wir jetzt hervorgeholt haben aus dem Einblick des hellsehend
gewordenen Auges, zeigt sich auch der aufieren Beobachtung, nam-
lich dafi die Milz einen gewissen Rhythmus einhalt. Es ist aufieror-
dentlich schwierig, durch die aufieren physiologischen Untersuchun-
gen allein diese Aufgabe der Milz herauszufinden, man kann aber
durch aufterliche Beobachtung feststellen, dafi die Milz gewisse Stun-
den hindurch nach einer reichlich genossenen Mahlzeit angeschwol-
len ist und dafi sie, wenn nicht wieder nachgeschoben wird, sich
wieder zusammenzieht, wenn eine angemessene Zeit vergangen ist.
Durch eine gewisse Ausdehnung und Zusammenziehung dieses
Organs wird die Unregelmafiigkeit in der Nahrungsaufnahme auf
den Rhythmus des Blutes umgeschaltet. Und wenn Sie sich dessen
bewufk sind, dafi der menschliche Organismus nicht blofi das ist, als
was man ihn oft beschreibt, namlich eine Summe seiner Organe,
sondern dafi alle Organe ihre geheimen Wirkungen nach alien Teilen
des Organismus hinschicken, so werden Sie sich auch vorstellen
konnen, dafi die rhythmische Tatigkeit der Milz von der Aufienwelt,
namlich von der Zufiihrung der Nahrungsmittel abhangt, und dafi
diese rhythmischen Bewegungen der Milz ausstrahlen in den ganzen
Organismus und iiber den ganzen Organismus hin ausgleichend
wirken konnen. Das ist zwar nur eine Art, wie die Milz wirkt; denn
es ist unmoglich, alle Arten gleich anzufiihren.
Es ware nun in der Tat au£erordentlich interessant zu sehen, ob die
aufiere Physiologie solche Dinge, wie sie eben ausgesprochen wur-
den, bestatigen wiirde, wenn sie dieselben - da ja nicht alle Menschen
gleich hellsehend werden konnen - hinnehmen wiirde, ich mochte
sagen, wie eine «hingeworfene Idee», wenn also zunachst gesagt
wiirde: Ich will mir einmal vorstellen, daft es doch nicht so ganz
verdrehtes Zeug ist, was die Okkultisten sagen, ich will es einmal
weder glauben noch nicht glauben, sondern es als Idee dahingestellt
sein lassen und prufen, ob sich davon irgend etwas durch die aufiere
Physiologie beweisen lafit. - Dann konnten Untersuchungen der
aufieren Physiologie angestellt werden, die den Beweis erbringen
konnten fur das, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewon-
nen wurde.
Eine solche Bestatigung haben wir ja schon genannt, das Ausdeh-
nen und Zusammenziehen der Milz. Es zeigt sich, weil die Ausdeh-
nung der Milz auf die Einnahme einer Mahlzeit folgt, dafi sie von der
Nahrungsaufnahme abhangig ist. So haben wir in der Milz ein Organ
gefunden, das nach der einen Seite hin von menschlicher Willkur
abhangig ist, auf der anderen Seite, nach der Blutseite hin, die Unre-
gelmafiigkeiten der menschlichen Willkur beseitigt, sie ablahmt, das
heifit sie umschaltet auf den Rhythmus des Blutes, und dadurch das
Physische des Menschen sozusagen erst seiner Wesenheit gemafi
gestaltet werden kann. Denn soli der Mensch seiner Wesenheit
gemafi gestaltet sein, dann mull ja namentlich das Mittelpunktswerk-
zeug seiner Wesenheit, das Blut, in der richtigen Weise seine Wir-
kung ausiiben konnen, in dem eigenen Blutrhythmus. Es mufi der
Mensch, insofern er Trager seines Blutkreislaufes ist, in sich abgeson-
dert, isoliert sein von dem, was draufien in der Aufienwelt unregel-
maftig vorgeht, und von dem, was auf den Menschen dadurch ein-
wirkt, dafi er vollig unrhythmisch sich seine Nahrung einverleibt.
Es ist also ein Isolieren, ein Unabhangigmachen der menschlichen
Wesenheit von der Aufienwelt. Jedes solches Individualisieren, Selb-
standigmachen einer Wesenheit nennt man im Okkultismus «Satur-
nisch», etwas, das durch Saturnwirkung herbeigefuhrt wird. Das ist
die urspriingliche Idee, das Wesentliche des Saturnischen: daft aus
einem umfassenden Gesamtorganismus ein Wesen herausgestellt, iso-
liert, individualisiert wird, so dafi es in sich selber eine gesonderte
Regelmafiigkeit entfalten kann. Ich will jetzt davon absehen, dafi ja
von unserer heutigen Astronomie aufierhalb der Saturnbahn noch
Uranus und Neptun zu unserem Sonnensystem gerechnet werden.
Fiir den Okkultisten ist alles das, was an Kraften vorhanden ist, um
unser Sonnensystem aus der iibrigen Welt herauszuheben, abzuson-
dern, zu isolieren und zu individualisieren, ihm eine Eigengesetzlich-
keit zu geben, in den Saturnkraften gegeben.
Alle diese Krafte sind in dem gegeben, was in unserem Sonnen-
system der aufierste Planet ist. Wenn man sich die Welt vorstellt,
konnte man sagen, dafi innerhalb der Kreisbahn des Saturns das
Sonnensystem so darinnen ist, dafi es innerhalb dieser Bahn seinen
eigenen Gesetzen folgen kann und sich unabhangig machen kann,
indem es sich herausreifk aus der Umwelt und den gestaltenden
Kraften der Umwelt. Aus diesem Grunde sahen die Okkultisten aller
Zeiten in den saturnhaften Kraften das, was unser Sonnensystem in
sich selber abschliefk, was es dem Sonnensystem moglich macht,
einen eigenen Rhythmus zu entfalten, der nicht derselbe ist wie der
Rhythmus draufkn, der aufierhalb der Welt unseres Sormensystems
herrscht.
Etwas Ahnlichem begegnen wir in unserem Organismus bei der
Milz. In unserem Organismus haben wir es zwar nicht zu tun mit
einem Absondern gegen die ganze aufSere Welt, sondern nur von
einer Umwelt, insofern sie die Nahrungsmittel fur unseren Organis-
mus enthalt. In der Milz haben wir dasjenige Organ im Korper zu
sehen, das alles, was von draufien kommt, so behandelt, wie das
innerhalb der Saturnbahn des Sonnensystems Liegende von den
Saturnkraften behandelt wird: dafi es zuerst umrhythmisiert wird in
den Rhythmus und die Gesetzmafkgkeit des Menschen. Was durch
die Milz geschieht, das isoliert unseren Blutkreislauf von alien aufie-
ren Wirkungen, das macht ihn zu einem in sich selber regelmafkgen
System, das seinen eigenen Rhythmus haben kann.
Damit kommen wir schon den Griinden etwas naher, die im
Okkultismus fur die Wahl von Planetennamen fur die Organe mafi-
gebend waren. In den okkulten Schulen wurden diese Namen
urspriinglich nicht blofi auf die einzelnen physisch sichtbaren Plane-
ten angewendet. Der Name «Saturn» zum Beispiel wurde ja, wie
schon gesagt, auf alles angewendet, was bewirkt, dafi sich etwas aus
einer grofieren Gesamtheit aussondert und sich abschliefk zu einem
System, das in sich selber rhythmisch gestaltet ist. Dafi ein System
sich abschliefk und sich in sich selbstandig rhythmisch gestaltet, hat
einen gewissen Nachteil fur die gesamte Weltentwickelung, und das
hat immer die Okkultisten ein wenig bekiimmert. Es ist ja leicht
verstandlich, dafi in der kleinen und in der groften Welt alle Wirkun-
gen zueinander in Beziehungen stehen, dafi alle sich aufeinander
beziehen. Wenn nun irgend etwas, sei es ein Sonnensystem, sei es
das Blutsystem des Menschen, sich herausgliedert aus der ganzen
Umwelt und einer Eigengesetzmafkgkeit folgt, so bedeutet das, dafS
ein solches System die aufieren umfassenden Gesetze durchbricht,
verletzt, dafi es sich verselbstandigt gegemiber den aufieren Gesetzen
und sich eigene innere Gesetze und einen eigenen Rhythmus schafft,
welche denen der Umwelt zunachst widersprechen. Wir werden
sehen, wie das auch auf den physischen Menschen bezogen werden
kann, obwohl es uns nach den ganzen Auseinandersetzungen des
heutigen Vortrages klar sein mufi, daft es zunachst fur den Menschen
segensreich ist, daft er diesen durch das Saturnische der Milz geschaf-
fenen inneren Rhythmus erhalten hat. Aber wir werden doch sehen,
daft ein Wesen, sei es ein Planet, sei es ein Mensch, durch das Sich-
abschlieften in sich selber sich in einen Widerspruch bringt zur
umliegenden Welt. Es ist ein Widerspruch geschaffen zwischen dem,
was um uns ist, und dem, was in uns ist. Dieser Widerspruch, der nun
einmal vorhanden ist, kann nicht friiher ausgeglichen werden, als bis
sich der im Inneren hergestellte Rhythmus dem aufteren Rhythmus
wieder vollig angepafit hat. Wir werden noch sehen, wie dies auch auf
den physischen Menschen bezogen wird; denn so, wie es jetzt gesagt
worden ist, sieht es aus, als ob der Mensch sich anpassen miiftte an die
Unregelmafiigkeit. Wir werden aber sehen, daft es anders ist. Der
innere Rhythmus mufi, nachdem er sich hergestellt hat, danach stre-
ben, sich wiederum mit der ganzen aufteren Welt gleich zu gestalten,
das heiftt, sich selber aufzuheben. Das heiftt also: Die Wesenheit, die
im Inneren entsteht und selbstandig arbeitet, mufi das Bestreben
haben, sich wiederum an die Aufienwelt anzupassen und dieser
Aufienwelt gegeniiber so zu werden, wie diese selber ist. Mit anderen
Worten: Alles, was durch eine saturnische Wirkung verselbstandigt
wird, das wird zugleich durch diese saturnische Wirkung dazu ver-
urteilt, sich selber wieder zu zerstoren. Der Mythos driickt das im
Bilde aus: Saturn - oder Kronos - verzehrt seine eigenen Kinder.
So sehen Sie einen tiefen Einklang herrschen zwischen einer okkul-
ten Idee und einem Mythos, der dasselbe ausdriickt im Bilde, im
Symbol: Kronos verzehrt seinen eigenen Kinder. - Wenn man solche
Dinge in immer grofierer und grofterer Zahl auf sich wirken laftt, so
bildet sich fur die Beziehungen der angedeuteten Art ein feines
Gefiihl heraus, und dann wird es nach einiger Zeit nicht mehr so
leicht moglich sein, wie es die aufterliche Aufklarung tun mochte, zu
sagen: Nun ja, da traumen einige Phantasten davon, daft in den alten
Mythen und Sagen bildliche Auspragungen tiefer Weisheiten enthal-
ten seien. - Wenn man zwei, drei oder auch zehn solcher Entspre-
chungen hort, noch dazu so, wie sie oft in der Literatur dargeboten
werden, namlich in recht aufierlicher Weise, dann kann man sich
ganz gewifi dagegen auflehnen, daft in Mythen und Sagen tiefere
Weisheiten enthalten seien als in der aufieren Wissenschaft. Aber wer
defer auf die Sache eingeht, der findet bewahrheitet, dafi Mythen und
Sagen tiefer hineinfuhren in das wirkliche Wesen der Welt und der
Organbildung, als es der aufleren wissenschaftlichen Betrachtungs-
weise moglich ist. Wer immer wieder solche Bilder auf sich wirken
lafit, wie sie in den wunderbaren Mythen und Sagen iiber den ganzen
Erdkreis hin verstreut sind, der kann bei liebevollem Eingehen auf
diese Bilder in dem ganzen Fiihlen und Denken der Volker, in den
bildhaften Vorstellungen der Menschen, die Umgestaltung tiefster
Weisheiten finden. Dann begreift man, warum einige Okkultisten
sagen konnen, derjenige habe erst Mythen und Sagen wirklich begrif-
fen, der durch sie in die okkulte Physiologie der menschlichen Natur
eingedrungen sei. — Mehr als die aufiere Wissenschaft erfafit, enthal-
ten Mythen und Sagen wirkliche Weisheiten iiber das menschliche
Wesen, wirkliche Physiologie. Wenn die Menschen einmal ergriinden
werden, wieviel Physiologie zum Beispiel in solchen Namen wie
Kain und Abel und ihrer Nachfolgeschaft liegt - diese alten Namen
riihren ja aus Zeiten her, in denen man in die Namen noch einen
inneren Sinn hineinpragte — , dann werden die Menschen einen unge-
heuren Respekt, eine ungeheure Ehrfurcht bekommen vor alle dem,
was im Laufe des geschichtlichen Werdens von weisheitsvollen Men-
schen ersonnen worden ist, um da, wo in die geistigen Welten noch
nicht hineingeschaut werden kann, die Seelen durch Bilder ihren
Zusammenhang mit diesen geistigen Welten erleben zu lassen. Da
wird einem grundlich vertrieben der Hochmut, der in dem Worte
steckt, das in unserer Zeit eine viel zu grofie Rolle spielt: Wie haben
wir es heute so herrlich weit gebracht! — , womit man meint: Wie
haben wir abgestreift die alten bildhaften Ausdriicke der Urmensch-
heitsweistiimer.
Die streift man grundlich ab, wenn man sich nicht mit inniger
Liebe in den Gang der Menschheitsentwickelung durch die verschie-
denen Epochen hindurch versenkt. Was der Hellseher mit dem geoff-
neten inneren Auge als die innere Natur der menschlichen Organe
physiologisch ergriindet, das driickt sich in Bildern aus und lafit ihn
sehen, dafi die Mythen und Sagen gleichsam die menschliche Her-
kunft enthalten. Der Hellseher sieht in den Mythen und Sagen ausge-
driickt diesen Wunderprozefi, dafi Welten zusammengedrangt wor-
den sind in menschliche Organe. Er sieht, wie sich im Laufe unend-
lich langer Zeiten die Organe zusammenkristallisiert haben, um zu
dem werden zu konnen, was als Milz, als Leber, als Galle in uns
wirkt. Wir werden morgen noch weiter dariiber sprechen. Um das
alles in Bildern ausdriicken zu konnen, dazu gehort wahrhaftig eine
tiefe Weisheit, ein tiefes Wissen von dem, was wir durch die okkulte
Wissenschaft erst erahnen. Was in unserem inneren menschlichen
Organismus wirkt, das ist aus Welten herausgeboren wie ein Mikro-
kosmos aus dem Makrokosmos, und wir sehen alle diese ungeheuren
Weistumer ausgedriickt in Mythen und Sagen. Deshalb haben jene
Okkultisten Recht, die in den Namen der Mythen und Sagen erst
einen Sinn finden, wenn sie darin die Physiologie erkennen.
Darauf sollte heute nur hingedeutet werden, weil es dazu dienen
kann, uns jene Ehrfurcht anzueignen, von der in der ersten Stunde
gesprochen worden ist. Wenn wir eine solche Betrachtungsweise
iiben, konnen wir wirklich hinweisen auf das, was sich einer tieferen
Erforschung des geistigen Inhaltes der menschlichen Organe darbie-
tet. Auch wenn wir das nur fur ganz weniges darstellen konnen, so
wird sich uns doch schon zeigen, welcher Wunderbau dieser mensch-
liche Organismus ist. Und ein wenig werden wir gerade in diesem
Vortragszyklus hineinzuleuchten versuchen in diese innere Wesen-
heit des Menschen.
VIERTER VORTRAG
Prag, 23.Marzl911
Die gestrige Auseinandersetzung iiber die Bedeutung zunachst eines
derjenigen Organe, welche gleichsam ein inneres Weltsystem des
Menschen darstellen, soli heute fortgesetzt werden. Dann soli der
Ubergang gefunden werden zur Beschreibung der Aufgaben anderer
Organe und Organsysteme des Menschen.
Es ist mir gestern in Ankniipfung an das, was hier iiber das Organ
der Milz vorgetragen wurde, gesagt worden, dafi sich doch ein
scheinbarer Widerspruch ergeben konnte gegeniiber jener wichtigen
Aufgabe, die dem Organ der Milz im Gesamtwesen des Menschen
gestern zugeschrieben worden ist. Dieser Widerspruch konnte sich
ergeben, wenn man bedenkt, dafi es ja moglich ist, die Milz aus dem
Korper herauszunehmen, sie also aus dem Korper zu entfernen, ohne
durch diese Entfernung der Milz den Menschen lebensunfahig zu
machen.
Ein solcher Einwand ist natiirlich einer derjenigen, die von unse-
rem gegenwartigen zeitgenossischen Standpunkte aus voll berechtigt
sind und die gerade denjenigen gewisse Schwierigkeiten bieten, wel-
che in ganz ehrlich suchender Art an die geisteswissenschaftliche
Weltanschauung herankommen. Nur im allgemeinen konnte ja in
dem ersten offentlichen Vortrage darauf hingewiesen werden, wie
unsere heutigen Zeitgenossen - namentlich dann, wenn sie ein durch
die wissenschaftlichen Methoden geschultes Gewissen haben -
Schwierigkeiten zu iiberwinden haben, wenn sie sich auf den Weg
begeben, dasjenige zu verstehen, was aus den okkulten Untergrunden
des Weltwesens dargestellt wird. Nun werden wir ja im Laufe der
Vortrage im Prinzip von selber sehen, wie sich ein solcher Einwand
beheben lafit. Ich will aber doch heute schon vorbemerkend darauf
aufmerksam machen, dafi die Entfernung der Milz aus dem mensch-
lichen Organismus durchaus vereinbar ist mit dem, was gestern aus-
einandergesetzt worden ist. Wenn Sie wirklich aufsteigen wollen zu
den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, miissen Sie sich ja allmah-
lich dareinfinden, daft dasjenige, was wir den menschlichen Organis-
mus nennen, was wir durch unsere aufteren Sinne wahrnehmen, was
wir substantiell, materiell an diesem menschlichen Organismus
sehen, daft dies nicht der ganze Mensch ist, sondern daft dem physi-
schen Organismus - das werden wir noch weiter auszufiihren haben
- zugrundeliegen hohere, iibersinnliche Organisationen: der Ather-
leib oder Lebensleib, der astralische Leib und das Ich, und daft wir im
physischen Organismus nur den aufteren, den physischen Ausdruck
haben fur die entsprechende Gestaltung, fur die entsprechenden Vor-
gange des Atherleibes, des Astralleibes und des Ich. Wenn wir auf ein
solches Organ hinweisen wie die Milz, so meinen wir es im geistes-
wissenschaftlichen Sinne so, daft im Grunde genommen nicht nur in
der aufteren physischen Milz etwas vor sich geht, sondern daft das,
was in der physischen Milz vorgeht, nur der physische Ausdruck ist
fur entsprechende Vorgange im Atherleibe oder im Astralleibe. Und
man konnte sagen: Je mehr ein Organ der unmittelbare physische
Ausdruck eines Geistigen ist, desto weniger ist die physische Form
des Organs, also das, was wir physisch- substantiell vor uns haben,
das eigentlich Maftgebende. Wenn wir ein Pendel ansehen, so ist die
Pendelbewegung nur der physische Ausdruck fur die Schwerkraft.
Ebenso ist ein physisches Organ nur der physische Ausdruck fur
iibersinnliche Kraft- und Formwirkungen. Nun ist allerdings ein
Unterschied zwischen den Folgen der Schwerkraft, welche sich in der
Pendelbewegung zeigen, und den Folgen, welche entstehen durch die
Wirkungen des Ather- und Astralleibes auf die Milz. Nimmt man das
Pendel weg, so ist kein Objekt mehr vorhanden, an welchem sich der
durch die Schwerkraft bewirkte Rhythmus zeigen kann. So ist es bei
der unbelebten, anorganischen Natur, beim belebten Organismus ist
es anders. Wenn nicht Grunde vorliegen, von denen wir noch spre-
chen werden, so horen mit der Wegnahme des physischen Organs
nicht notwendigerweise auch die geistigen Wirkungen der hoheren
Organisationen auf.
Wenn wir also den Menschen in bezug auf seine Milz ansehen, so
haben wir es zunachst zu tun mit der physischen Milz, und dann mit
einem System von Kraftwirkungen, die in der Milz nur ihren physi-
schen Ausdruck haben. Wenn man die Milz wegnimmt, dann sind
diese Kraftwirkungen, die einmal dem menschlichen Organismus
eingegliedert wurden, noch da, sie horen nicht auf. Es kann unter
Umstanden sogar sein, dafi durch die Anwesenheit eines erkrankten
physischen Organs ein viel grofteres Hindernis eintritt fiir die Fort-
dauer der geistigen Wirkungen als durch die Herausnahme des
betreffenden Organs. Das kann zum Beispiel bei einer schweren
Erkrankung der Milz der Fall sein. Wenn es bei einer schweren
Erkrankung eines Organs moglich ist, das Organ zu entfernen, so ist
unter Umstanden das Fehlen dieses Organs ein geringeres Hindernis
fiir die Entfaltung der geistigen Wirkungen als die Anwesenheit des
erkrankten Organs, das ein fortwahrender Storenfried ist fiir die
Entwickelung der geistigen Kraftwirkungen. Daher gehort ein sol-
dier Einwand, wie der angefiihrte, zu denjenigen, welche man gewifi
macht, wenn man noch nicht tiefer in das eigentliche Wesen des
geisteswissenschaftlichen Erkennens eingedrungen ist. Ein ganz
begreiflicher Einwand ist es, aber zu gleicher Zeit einer derjenigen,
die ganz von selbst verschwinden, wenn man sich Zeit lalk und
Geduld hat, um tiefer in die Sache einzudringen. Diese Erfahrung
werden Sie iiberhaupt machen: Wenn man mit einem gewissen Wis-
sen, das aus den Anschauungen der heutigen materialistischen Wis-
senschaft geschopft ist, an das Studium der Geisteswissenschaft her-
antritt, da kann sich Widerspruch auf Widerspruch ergeben, so daft
man gar nicht zurechtkommen kann. Und wenn man da schnell fertig
ist mit dem Urteilen, so wird man ja allerdings zu keinem anderen
Ergebnis kommen konnen als zu dem, dafi Geisteswissenschaft etwas
Hirnverbranntes sei, das nicht im geringsten iibereinstimme mit den
Ergebnissen der aufieren Wissenschaft. - Wenn man aber sich mit
Geduld und Zeit auf die Sache einlafit, dann wird man sehen, dafi es
keinen Widerspruch, auch nicht geringfiigigster Art, gibt zwischen
dem, was aus der Geisteswissenschaft kommt, und dem, was sich aus
der aufieren wissenschaftlichen Forschung ergibt. Die Schwierigkeit,
die da vorliegt, ist die, dafi das Gesamtgebiet des anthroposophischen
oder geisteswissenschaftlichen Erkennens ein so weites ist, dafi man
immer nur Teile geben kann. Und wenn die Leute an diese Teile
herantreten, konnen sie leicht solche Widerspriiche fiihlen wie diesen
charakterisierten .
Aber das darf uns nicht zuriickschrecken, man wiirde ja sonst gar
nicht anfangen konnen mit dem notwendigen Hereinbringen anthro-
posophischer Weltanschauung in die Gesamtbildung und in das
Gesamtwissen unserer Zeit.
Gestern versuchte ich Ihnen darzulegen jene Umrhythmisierung,
welche durch die Milz bewirkt wird gegeniiber dem aufteren rhyth-
muslosen Ernahren des Menschen. Ich bin davon ausgegangen, weil
es von alien Funktionen, welche die Milz hat, die am leichtesten
verstandliche ist. Aber obzwar es die am leichtesten verstandliche ist,
ist sie nicht die allerwichtigste und auch nicht die, welche die Haupt-
sache bildet. Denn man konnte ja sagen: Nun ja, wenn der Mensch
sich bemiihen wiirde, den richtigen Rhythmus fiir seine Ernahrung
zu erkennen, so wurde in dieser Hinsicht die Tatigkeit der Milz nach
und nach eine unnotige werden mussen. — Schon daraus ersieht man,
dafi diese Funktion, von der wir gestern gesprochen haben, die
geringfugigste ist. Weit wichtiger ist die Tatsache, dafi wir bei unserer
Ernahrung den Nahrungsmitteln als aufieren Stoffen, in der Art und
Weise ihrer Zusammensetzung, wie sie sich in unserer Umgebung
vorfinden, gegenuberstehen. Solange man freilich die Anschauung
hat, daft diese Nahrungsmittel tote Stoffe seien oder hochstens von
dem Leben erfullt, das man in den Pflanzen voraussetzt, solange man
dies annimmt, konnte es allerdings scheinen, als ob der aufiere Stoff,
der da als Nahrung aufgenommen wird in den Organismus, durch
das verarbeitet wird, was man im weitesten Sinne die Verdauung
nennt. Gewift stellen sich ja auch viele Menschen die Sache so vor,
dafi man es mit einem bestimmungslosen Stoff zu tun hat, den wir als
unsere Nahrung aufnehmen, mit einem Stoff, der ganz gleichgiiltig ist
gegen uns selbst und der nur darauf wartet, wenn wir ihn aufgenom-
men haben, daft wir ihn auch verarbeiten konnen. So ist es aber nicht.
Die Nahrungsstoffe sind doch nicht wie Ziegelsteine, die es sich
gefallen lassen mussen, in jeder Art als Bausteine an einem Bau zu
dienen, der eben aufgefuhrt werden soli. Die Ziegelsteine lassen es
sich gefallen, in beliebiger Weise nach dem Plan des Architekten
einem Bau eingefiigt zu werden, weil sie eine in sich ungefiigte,
leblose Masse darstellen, wenigstens in bezug auf den Bau. So ist es
aber nicht bei den Nahrungsmitteln in bezug auf den Menschen.
Denn ein jedes Substantielle, das wir in unserer Umgebung haben,
hat gewisse innere Krafte, hat eine innere Gesetzmafiigkeit. Und das
ist das Wesentliche eines Stoffes, dafi er innere Gesetzmafiigkeiten,
innere Regsamkeiten hat. Wenn wir also die aufieren Nahrungsstoffe
in unseren Organismus hineinbringen, sie sozusagen unserer eigenen
inneren Regsamkeit einfugen wollen, so lassen sie sich das nicht ohne
weiteres gefallen, sondern legen es zunachst darauf an, ihre eigenen
Gesetze, ihre eigenen Rhythmen und ihre eigenen inneren Bewe-
gungsformen zu behalten. Und will der menschliche Organismus sie
fiir seine Zwecke gebrauchen, so mufi er zunachst die eigene Regsam-
keit dieser Stoffe vernichten, er mufi sie aufheben. Er mufi nicht blofi
ein gleichgiiltiges Material verarbeiten, sondern er mufi der eigenen
Gesetzmafiigkeit der Stoffe entgegenarbeiten. Dafi diese Stoffe eine
Eigengesetzmafiigkeit haben, das kann der Mensch zum Beispiel bald
spiiren, wenn er ein starkes Gift zu sich nimmt. Da wird er bald
sehen, dafi die Eigengesetzmafiigkeit des Giftes sich geltend macht
und Herr uber ihn wird. So wie aber ein Gift eine innere Gesetzma-
fiigkeit hat, durch die es eine Attacke auf den Organismus ausfuhrt,
so ist es mit jedem Nahrungsstoff, den wir zu uns nehmen. Er ist
nicht etwas Gleichgiiltiges, sondern er macht sich in seiner eigenen
Natur, in seiner eigenen Wesenheit geltend; er hat seinen eigenen
Rhythmus. Und diesem Rhythmus mufi vom Menschen entgegenge-
arbeitet werden, so dafi nicht nur gleichgultige Baumaterialien zu
verarbeiten sind in der inneren Organisation des Menschen, sondern
es mufi zuerst die eigene Natur dieser Baumaterialien iiberwunden
werden.
So konnen wir sagen, dafi wir in den Organen, denen unsere
Nahrungsstoffe im Inneren des Menschen zuerst entgegentreten, die
Werkzeuge haben, um demjenigen entgegenzuarbeiten, was Eigen-
leben der Nahrungsstoffe ist — jetzt «Leben» im weitesten Sinne auf-
gefafit. Nicht nur das, was wir durch unregelmafiigen Rhythmus in der
Ernahrung selber bewirken, sondern auch das, was die Nahrungs-
stoffe an eigenem Rhythmus in sich haben, welcher dem menschli-
chen Rhythmus widerspricht, das muft umrhythmisiert werden. Von
den Organen, die dies bewirken, ist die Milz das aufterste Organ.
Aber an diesem Umrhythmisieren, an diesem Umgestalten und
Abwehren arbeiten die anderen genannten Organe wesentlich mit, so
daft wir in Milz, Leber und Galle ein zusammenwirkendes Organ-
system haben, welches im wesentlichen dazu bestimmt ist, bei der
Aufnahme der Nahrungsmittel in den Organismus dasjenige zuriick-
zuschieben, was Eigennatur dieser Nahrungsmittel ist. Alle Tatigkeit,
welche im Magen entfaltet wird, oder auch schon, bevor die Speise in
den Magen gelangt, ferner das, was dann bewirkt wird durch die
Absonderung der Galle, was dann weiter durch die Tatigkeit von
Leber und Milz geschieht, das alles gibt eben diese Abwehr der
Eigennatur der aufteren Nahrungsstoffe. Daher sind also unsere
Nahrungsmittel erst dann dem inneren Rhythmus des menschlichen
Organismus angepaftt, wenn ihnen die Wirksamkeiten dieser Organe
entgegengetreten sind. Und erst dann, wenn wir die in uns aufge-
nommenen Nahrungsmittel den Wirksamkeiten dieser Organe aus-
gesetzt und sie umgewandelt haben, haben wir dasjenige in uns, was
fahig ist, in jenes Organsystem aufgenommen zu werden, das der
Trager, das Werkzeug unseres Ich ist, in das Blut. Bevor irgendein
aufterer Nahrungsstoff in unser Blut aufgenommen werden kann, so
daft dieses unser Blut die Fahigkeit erhalt, Werkzeug zu sein fur
unser Ich, mussen all die Eigengesetzlichkeiten der Auftenwelt abge-
streift sein, und das Blut muft die Nahrungsstoffe in einer solchen
Gestalt empfangen, die der eigenen Natur des menschlichen Organis-
mus entspricht. Daher konnen wir sagen: In Milz, Leber und Galle
und in ihrem Zuriickwirken auf den Magen haben wir diejenigen
Organe, welche die Gesetze der aufteren Welt, aus der wir unsere
Nahrung entnehmen, anpassen der inneren Organisation, dem inne-
ren Rhythmus des Menschen.
Nun steht aber diese menschliche Natur, wie sie als Ganzes wirkt,
mit alien ihren Gliedern nicht bloft der inneren Welt gegeniiber,
sondern diese innere menschliche Natur muft in einer fortwahrenden
Korrespondenz, in einem fortwahrenden lebendigen Wechselwirken
mit der Aufienwelt sein. Dieses lebendige Wechselwirken mit der
Aufienwelt wird ja gerade dadurch abgeschnitten, dafi den Gesetzen
der Aufienwelt, insofern wir mit ihr in Beziehung treten durch die
Nahrungsstoffe, entgegengestellt werden die drei Organsysteme
Leber, Galle, Milz. Durch diese wird die aufiere Gesetzmafiigkeit
weggenommen von innen her. Und es wiirde der menschliche Orga-
nismus, wenn er nur diesen Organsystemen ausgesetzt ware, sich von
der Aufienwelt vollstandig abschliefien, er wiirde ein vollkommen in
sich isoliertes Wesen sein. Daher ist ein anderes ebenso notwendig.
Wie der Mensch auf der einen Seite solche Organsysteme braucht,
durch welche die Aufienwelt so umgestaltet wird, dafi sie seiner
Innenwelt gemafi wird, so mu£ er auf der anderen Seite auch in der
Lage sein, unmittelbar mit dem Werkzeug seines Ich der Aufienwelt
entgegenzutreten, unmittelbar also seinen Organismus, der sonst eine
in sich isolierte Wesenheit ware, mit der Aufienwelt in Beziehung zu
setzen. Wahrend das Blut auf der einen Seite mit der Aufienwelt nur
so in Beziehung tritt, dafi es von dieser Aufienwelt nur das erhalt,
dem alle Eigengesetzmafiigkeit abgestreift ist, tritt es auf der anderen
Seite mit der Aufienwelt so in Beziehung, dafi es unmittelbar an sie
herantreten kann. Das geschieht, wenn das Blut durch die Lungen
fliefit und mit der aufieren Luft in Beriihrung kommt. Da wird es
durch den Sauerstoff der aufieren Luft aufgefrischt und in einer
solchen Weise gestaltet, dafi jetzt dieser Gestaltung nichts abschwa-
chend gegeniibertritt, so dafi in der Tat der Sauerstoff der Luft so
herantritt an das Werkzeug des menschlichen Ich, wie es dessen
eigenster Natur und Wesenheit entspricht. So sehen wir jene ganz
merkwiirdige Tatsache vor unser Auge treten, dafi das edelste Werk-
zeug, das der Mensch hat, das Blut, das Werkzeug seines Ich, wie ein
Wesen dasteht, welches alle Nahrung sorgfaltig filtriert erhalt durch
die friiher charakterisierten Organsysteme. Dadurch ist das Blut in
die Fahigkeit versetzt, ganz und gar ein Ausdruck der inneren Orga-
nisation des Menschen zu werden, des inneren Rhythmus des Men-
schen. Dadurch aber, dafi das Blut unmittelbar in Beriihrung tritt mit
denjenigen Stoffen der Aufienwelt, die in seine innere Gesetzmafiig-
keit und Regsamkeit aufgenommen werden diirfen, ohne dafi sie
unmittelbar bekampft zu werden brauchen, dadurch ist diese
menschliche Organisation nichts in sich Abgeschlossenes, sondern
mit der Aufienwelt voll in Beruhrung.
So haben wir im menschlichen Blutorganismus auch von diesem
Gesichtspunkte aus etwas ganz Wunderbares vor uns. Wir haben in
ihm ein wirkliches, echtes Ausdrucksmittel des menschlichen Ich, das
ja in der Tat auf der einen Seite der Aufienwelt zugekehrt ist, auf der
anderen Seite dem eigenen Innenleben zugekehrt ist. So wie wir
gesehen haben, daft der Mensch durch sein Nervensystem den
Impressionen der Aufienwelt zugewendet ist, also die Auftenwelt
sozusagen auf dem Umwege durch die Nerven in sich aufnimmt, so
kommt er in eine unmittelbare Beruhrung mit der Aufienwelt durch
sein Blut, indem das Blut den Sauerstoff der Luft durch die Lungen
aufnimmt. Daher konnen wir also sagen: In dem, was uns gegeben ist
auf der einen Seite in dem Milz-Leber-Gallesystem und auf der
anderen Seite in dem Lungensystem, haben wir zwei einander entge-
genwirkende Systeme, die sich gleichsam beriihren in dem Blut.
Aufienwelt und Innenwelt beriihren sich durch das Blut ganz unmit-
telbar im menschlichen Organismus, indem das Blut von der einen
Seite her mit der aufieren Luft in Beruhrung kommt und von der
anderen Seite her mit den Nahrungsmitteln, denen ihre eigene Natur
genommen ist. Es stofien also, mochte man sagen, wie positive und
negative Elektrizitat, hier zwei Weltenwirkungen im Menschen
zusammen. Und wir konnen uns sehr leicht vorstellen, wo das
Organsystem liegt, welches bestimmt und geeignet ist, das Aufeinan-
derprallen dieser beiden Weltenkraftsysteme auf sich wirken zu las-
sen. Bis zum Herzen herauf, insofern das Blut durch das Herz
stromt, wirken die umgewandelten Nahrungssafte. Bis zum Herzen
herein, insofern es vom Blute durchflossen wird, wirkt der Sauerstoff
der Luft, der unmittelbar aus der Aufienwelt in unser Blut tritt, so
dafi wir im Herzen dasjenige Organ haben, in dem sich diese zwei
Systeme begegnen, in die der Mensch hineinverwoben ist, an denen
er nach zwei Seiten hangt. Es ist mit diesem menschlichen Herzen so,
dafi wir sagen konnten: An ihm hangt auf der einen Seite der ganze
menschliche innere Organismus, und auf der anderen Seite ist der
Mensch durch das Herz unmittelbar angekniipft an den Rhythmus,
an die Regsamkeit der aufteren Welt.
Wenn nun zwei solche Systeme zusammenstoften, so konnte es ja
sein, daft ihr Zusammenwirken eine unmittelbare Harmonie ergabe.
Wir konnten uns vorstellen, daft diese zwei Systeme - das System der
groften Welt, das durch den aufgenommenen Sauerstoff oder die Luft
iiberhaupt in uns hineinwirkt, und das System der kleinen Welt,
unseres eigenen inneren Organismus, das uns die Nahrungsmittel
umwandelt -, daft sich diese Systeme im Blute, indem es das Herz
durchstromt, einen harmonischen Ausgleich schaffen. Wenn es so
ware, dann ware der Mensch eingespannt in zwei Welten, die sozusa-
gen sein inneres Gleichgewicht schiifen. Nun werden wir im Laufe
dieser Vortrage noch sehen, daft es sich mit der Beziehung der Welt
zur menschlichen Wesenheit nicht so verhalt. Es ist vielmehr so, daft
die Welt sich sozusagen ganz passiv verhalt, daft sie nur ihre Krafte
aussendet und es dem Menschen iiberlafit, durch eigene innere Tatig-
keit den Ausgleich zu schaffen zwischen den zweierlei Systemen, in
deren Wirkungen wir eingespannt sind. Wir werden es immer mehr
und mehr als das Wesentliche erkennen lernen, daft dem Menschen
zuletzt immer ein Rest bleibt fur seine innere Tatigkeit, daft es ihm -
bis in seine Organe hinein - iiberlassen ist, den Ausgleich, das innere
Gleichgewicht selber zu schaffen. So miissen wir auch im menschli-
chen Organismus selber den Ausgleich, die Harmonisierung dieser
beiden Weltsysteme suchen. Wir miissen uns von vornherein sagen:
Durch die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt, die direkt in den Men-
schen hineintreten, und durch die eigenen inneren Gesetzmaftigkei-
ten des Menschen, in die er die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt
umwandelt, welche er aufnimmt durch die Nahrung, ist noch nicht
ohne weiteres die Harmonisierung der beiden Systeme gegeben. Die
Harmonisierung muft sich erst durch ein besonderes eigenes Organ-
system vollziehen. Der Mensch muft in sich selber die Harmonisie-
rung herbeifuhren. Das geschieht nicht in bewuftten Vorgangen,
sondern durch Vorgange, die sich ganz unbewuftt innerhalb des
menschlichen Organismus abspielen. Dieser Ausgleich zwischen die-
sen beiden Systemen wird dadurch herbeigefiihrt, daft zwischen dem
Milz-Leber-Gallesystem auf der einen Seite und dem Lungensystem
auf der anderen Seite, die sich in dem das Herz durchstromenden
Blute gegeniiberstehen, eingeschaltet ist dasjenige, was wir das Nie-
rensystem nennen, das auch in inniger Verbindung stent mit dem
Blutkreislauf.
Im Nierensystem haben wir dasjenige, was sozusagen harmonisiert
jene aufieren Wirkungen, die von dem unmittelbaren Beriihren des
Blutes mit der Luft herriihren, mit den Wirkungen, die von denjeni-
gen inneren Organen des Menschen ausgehen, durch die die Nah-
rungsstoffe erst zubereitet werden mussen, damit ihre Eigennatur
abgestreift wird. In dem Nierensystem haben wir also ein solches
ausgleichendes System, durch das der Organismus in die Lage
kommt, den UberschufS abzugeben, der sich ergeben wiirde durch
ein unharmonisches Zusammenwirken der beiden anderen Systeme.
Damit haben wir der ganzen inneren Organisation - den Organen
des Verdauungsapparates einschliefilich derjenigen Organe, die wir
dazurechnen mussen, wie Leber, Galle und Milz - dasjenige gegen-
ubergestellt, wofiir diese Organe zunachst ihre vorbereitende Tatig-
keit entwickelt haben, das Blutsystem. Und wir haben auf der ande-
ren Seite diesem Blutsystem diejenigen Organe gegeniibergestellt,
durch welche der einseitigen Isolierung entgegengearbeitet und damit
der Ausgleich geschaffen wird zwischen dem genannten inneren
System und dem, was von aufien her kommt. Wenn wir also - und
wir werden noch sehen, wie sehr das berechtigt ist - das Blutsystem
mit seinem Mittelpunkt, dem Herzen, uns in die Mitte des Organis-
mus hineingestellt denken, so haben wir, sich angliedernd an dieses
Blut-Herzsystem, auf der einen Seite das Leber-Galle-Milzsystem,
auf der anderen Seite - und auf andere Weise mit dem Herzen in
Verbindung stehend - das Lungensystem. Dazwischen ist das Nie-
rensystem angeordnet, Wir werden spater noch sehen, wie ungemein
interessant der Zusammenhang ist zwischen dem Lungensystem und
dem Nierensystem. Jetzt wollen wir darauf zunachst nicht naher
eingehen, sondern das Ganze im Zusammenhang betrachten. Wenn
wir die Systeme einfach ganz schematisch nebeneinander zeichnen
(Zeichnung Seite 78 links), dann erkennen wir schon aus dieser
schematischen Darstellung, wie die menschliche innere Organisation
in einem gewissen Zusammenhange stent, und wir haben diesen
Zusammenhang so dargestellt, daft wir in dem Herzen mit dem
dazugehorigen Blutsystem das Allerwichtigste zu sehen haben.
Leber
nil*
o
Nun habe ich schon darauf hingewiesen - und wir werden noch im
genaueren sehen, inwiefern eine solche Namengebung gerechtfertigt
ist -, daft im Okkultismus die Milzwirkung als eine saturnische
Wirkung bezeichnet wird, die Leberwirkung als eine Jupiter- und die
der Galle als eine Marswirkung. Aus demselben Grunde sieht nun die
okkulte Erkenntnis in dem Herzen und dem dazugehorigen Blutsy-
stem dasjenige, was den Namen «Sonne» im menschlichen Organis-
mus ebenso verdient wie die Sonne drauften innerhalb des Planeten-
systems. Das Lungensystem bezeichnet der Okkultist nach demsel-
ben Prinzip als «Merkur» und das Nierensystem mit dem Namen
«Venus». So haben wir schon in der Benennung dieser Systeme des
menschlichen Organismus - wenn wir jetzt auch gar nicht eingehen
auf eine Rechtfertigung dieser Namen — etwas angedeutet wie ein
inneres Weltsystem, was wir noch dadurch erganzt haben, daft wir
uns in die Lage versetzten, auch den Zusammenhang der beiden
Organsysteme zu betrachten, die zum Blutsystem in Beziehung ste-
hen. Erst wenn wir die Zusammenhange in diesem Sinne betrachten,
tritt uns das in einer Vollstandigkeit entgegen, was wir die eigentliche
menschliche innere Welt nennen konnen. Ich werde Ihnen nun in den
foigenden Vortragen auch noch zu zeigen haben, dafi tatsachlich der
Okkultist Griinde hat, das Verhaltnis der Sonne zu Merkur und
Venus in einer ahnlichen Weise sich vorzustellen, wie im menschli-
chen Organismus das Verhaltnis zwischen Herz, Lungen und Nieren
gedacht werden mufi.
Wir sehen daraus, daft in dem Werkzeug unseres Ich, in unserem
Blutsystem, das seinen Rhythmus im Herzen zum Ausdruck bringt,
etwas gegeben ist, was gewissermafien in seiner ganzen Gestaltung, in
seiner inneren Natur und Wesenheit durch das innere Weltsystem
des Menschen bestimmt wird, und dafi es in ein solches [makrokos-
misches] Gesamtsystem eingebettet sein mufi, damit es so leben kann,
wie es eben lebt. In diesem menschlichen Blutsystem - das habe ich
schon ofter erwahnt — haben wir zu sehen das physische Werkzeug
unseres Ich. Wir wissen ja, daft unser Ich, so wie wir es haben, nur
dadurch moglich ist, dafi dieses Ich aufgebaut ist auf Grundlage eines
physischen Leibes, eines Atherleibes und eines Astralleibes. Ein frei
in der Welt herumfliegendes menschliches Ich ist innerhalb der Welt,
die unsere Welt ist, nicht denkbar. Ein menschliches Ich setzt voraus
als Grundlage einen Astralleib, einen Atherleib und einen physischen
Leib. Wie nun dieses Ich in geistiger Beziehung die drei genannten
Wesensglieder des Menschen voraussetzt, so setzt sein physisches
Organ, das Blutsystem, auch physisch solche Abbilder des astrali-
schen und des atherischen Leibes voraus. Das Blutsystem kann sich
also nur auf der Grundlage von etwas anderem entwickeln. Wahrend
die Pflanze sich einfach entwickelt auf der Grundlage der sie umge-
benden unorganischen Natur, indem sie gleichsam aus derselben
herauswachst, miissen wir sagen, dafi fur den menschlichen Blutorga-
nismus als Grundlage nicht ohne weiteres blofi die aufiere Natur als
Unterlage notig ist, sondern es mufi diese aufiere Natur erst noch eine
Umgestaltung erfahren. Wie der physische Leib des Menschen erst
einen Atherleib und einen Astralleib haben mufi, so mufi das, was an
Nahrungsstoffen einstromt, erst umgestaltet werden, damit es dem
menschlichen Ich als Werkzeug dienen kann.
Wenn wir nun auch sagen konnen, dafi dieses physische Werkzeug
des menschlichen Ich, das Blut, durch die Lunge von aufien bestimmt
wird, so ist die Lunge selber doch ein Organ der physischen Leibes-
organisation, das heifit, es ist nicht dieses Organ, sondern die durch
dasselbe eingeatmete Luft, welche es mdglich macht, mit einem aufie-
ren Rhythmus auf das Blut einzuwirken. Wir muss en unterscheiden
zwischen dem, was von aufien an den Menschen herankommt in
Form der Luft, die eingeatmet wird und die es dem Menschen mog-
lich macht, mit einem aufieren Rhythmus unmittelbar sein Blutsy-
stem zu durchdringen, und dem, was nicht unmittelbar an das leben-
dige Werkzeug des Ich im Organismus, an das Blut, herantritt,
sondern was herantritt - in der Art, wie es schon charakterisiert
worden ist - auf dem Umwege durch die Seele, was der Mensch also
dadurch aufnimmt, dafi er die Eindriicke der Aufienwelt durch die
Sinne empfangt und diese Sinne dann ihre Eindriicke auch vermitteln
bis zur Bluttafel hin. Deshalb werden wir sagen konnen: Der Mensch
tritt nicht blofi mit der Aufienwelt unmittelbar stofflich in Beruhrung
durch die Atmungsluft, indem diese Beruhrung hereinwirkt bis auf
sein Blut, sondern er tritt durch die Sinnesorgane mit der Aufienwelt
auch so in Beruhrung, dafi diese Beruhrung eine nichtstoffliche ist,
wie sie in dem Prozefi der Wahrnehmung stattfindet, den die Seele
entfaltet, wenn sie zur Umwelt in Beziehung tritt. Da haben wir
etwas, was sich als ein hoherer Prozefi hinzufiigt zum Atmungspro-
zefi, wir haben etwas wie einen vergeistigten Atmungsprozefi. Wah-
rend wir durch den Atmungsprozefi die Aufienwelt stofflich aufneh-
men, nehmen wir im Wahrnehmungsprozefi - und ich meine jetzt
mit «Wahrnehmung» alles, was der Mensch an aufieren Impressionen
verarbeitet - etwas durch einen vergeistigten Atmungsprozefi in
unseren Organismus auf. Und es entsteht jetzt die Frage: Wie wirken
diese beiden Prozesse zusammen? Denn im menschlichen Organis-
mus mufi alles aufeinander ein wirken.
Legen wir uns einmal diese Frage genauer vor - denn es wird
Wesentliches davon abhangen, dafi wir sie uns genau vorlegen um
uns die heute zunachst hypothetisch zu gebende Antwort vor unsere
Seele fiihren zu konnen. Wir miissen uns dariiber klar werden, wie
ein Zusammenwirken, ein Wechselwirken stattfinden kann zwischen
alle dem, was durch das Blut wirkt und was es geworden ist dadurch,
dafi alle diese inneren Organprozesse stattgefunden haben, und dem,
was das Blut wird, indem wir aufiere Wahrnehmungsprozesse voll-
ziehen. Wir mussen sehen, dafi da eine Wechselwirkung stattfinden
kann. Das Blut ist, trotzdem es so eingehend und so vielseitig filtriert
ist, trotzdem so vieles dafur gesorgt hat, dafi es ein so wunderbar
organisierter Stoff ist, der Werkzeug unseres Ich sein kann, das Blut
ist trotzdem eine physische Substanz und gehort als solche zum
physischen Leibe. Daher konnen wir sagen: Zunachst erscheint uns
ein weiter, weiter Abstand zwischen dem, was im menschlichen Blute
an physischen Prozessen wirkt, und dem, was wir als unsere Wahr-
nehmungsprozesse kennen, die die Seele vollzieht. Das ist eine nicht
abzuleugnende Realitat; denn der Mensch miifite ja auf sonderbare
Weise nicht zu denken verstehen, der ableugnen wollte, daft Wahr-
nehmungen, Begriffe, Ideen, Gefuhle, Willensimpulse ebenso etwas
Reales sind wie Blutsubstanz, Nervensubstanz, Lebersubstanz, Gal-
lensubstanz und so weiter. Wie diese Dinge zusammenhangen, dar-
uber konnen sich die Weltanschauungen streiten; sie konnen sich
dariiber streiten, ob die Gedanken blofi irgendwelche Wirkungen,
sagen wir, der Nervensubstanz oder dergleichen seien. Da kann
vielleicht ein Streiten der Weltanschauungen beginnen. Aber keinen
Streit kann es dariiber geben, weil es eine selbstverstandliche Sache
ist, daft unser Seeleninnenleben, unser Gedankenleben, unser
Gefiihlsleben, alles was sich aufbaut auf Grund der aufteren Wahr-
nehmungen und Eindriicke, eine Realitat fur sich darstellt. Wohlge-
merkt, ich sage nicht: eine abgesonderte Realitat -, sondern: eine
Realitat fur sich, denn nichts ist in der Welt abgesondert. Mit « Reali-
tat fur sich» soil nur angedeutet werden, was real beobachtet werden
kann, und dazu gehoren Gedanken, Gefuhle und so weiter ebenso
wie Magen, Leber, Galle und Milz.
Aber ein anderes kann uns auffallen, wenn wir diese zwei Realita-
ten nebeneinanderstellen: Auf der einen Seite alles, was ein selbst
noch so stark filtriertes Materielles, Physisches ist wie das Blut, und
auf der anderen Seite das, was ja mit einem Physischen gar nichts zu
tun zu haben scheint zunachst, namlich die Inhalte der Seele, die
Gefuhle, Gedanken und so weiter. In der Tat bietet der Anblick
dieser zweierlei Arten von Realitaten fiir den Menschen solche
Schwierigkeiten, dafi sich an diesen Anblick angegliedert haben die
allermannigfaltigsten Antworten aus den verschiedensten Weltan-
schauungen heraus. Da gibt es Weltanschauungen, welche eine
unmittelbare Einwirkung des Seelischen, des Gedanklichen, des
Gefuhlsmafiigen auf die physische Substanz annehmen, wie wenn der
Gedanke unmittelbar auf die physische Substanz wirken konnte.
Denen stehen andere gegeniiber, die materialistischen, die annehmen,
dafi Gedanken, Gefuhle und so weiter einfach produziert werden aus
den Vorgangen des Physisch-Substantiellen heraus. Der Streit dieser
beiden Weltanschauungen hat ja in der aufieren Welt - nicht fiir den
Okkultisten, fiir den dieser Streit ein Streit mit leeren Worten ist -
durch lange Zeiten hindurch eine grofie Rolle gespielt, Und als man
endlich gar nicht mehr zurechtgekommen ist, da ist in der neueren
Zeit noch etwas anderes aufgetreten, was den sonderbaren Namen
«psychophysischer Parallelismus» fiihrt. Weil man sich gar nicht
mehr zu helfen wulke, welcher nun von den beiden Gedanken der
richtige ist - entweder wirkt der Geist auf die leiblichen Prozesse,
oder es wirken die leiblichen Prozesse auf den Geist -, so sagte man
eben einfach, das seien zwei Vorgange, die parallel ablaufen. Man
sagte sich: Wahrend der Mensch denkt, fiihlt und so weiter, laufen
parallel in seinen physischen Organsystemen ganz bestimmte
Vorgange ab. - Die Wahrnehmung «Ich sehe Rot» wiirde also entspre-
chen irgendeinem materiellen Vorgang innerhalb des Nervensy stems.
Was wir empf inden bei einem roten Eindruck, was wir fiihlen an Freude
oder Schmerz bei ihm, entspricht einem materiellen Vorgang. Aber
weiter geht man nicht, als zu sagen, dafi er eben «entspricht». Diese
Theorie hebt in der Tat die ganzen Schwierigkeiten auf, indem sie
diese einfach wegexpliziert. Nun, alle Streitereien, die sich auf diesem
Boden entsponnen haben und auch die Hilflosigkeit des psychophy-
sischen Parallelismus ergeben sich daraus, dafi man diese Fragen
entscheiden will auf einem Boden, auf dem sie gar nicht ausgetragen
werden konnen. Wir haben es mit nichtmateriellen Vorgangen zu
tun, wenn wir die Tatigkeiten unseres inneren Seelenlebens ins Auge
fassen, und wir haben es mit materiellen Vorgangen zu tun, wenn
wir, selbst iiber etwas so fein organisiertes wie es das Blut ist, unsere
Betrachtungen anstellen. Wenn man diese zwei Dinge einfach gegen-
iiberstellt - physische Betatigung und seelische Betatigung - und jetzt
durch Nachdenken herausbekommen will, wie diese beiden aufein-
ander wirken, so ergibt dieses Nachdenken eben gar nichts. Durch
Nachdenken kann man alle willkiirlichen Losungen oder Nichtlo-
sungen finden. Erst dadurch wird iiber diese Fragen etwas entschie-
den werden konnen, dafi wir uns wirklich eine hohere Erkenntnis
aneignen, die weder stehenbleibt bei dem physischen Anschauen der
Aufienwelt noch bei dem an die blofie physische Aufienwelt gebun-
denen Denken. Wir miissen eine Form der Erkenntnis finden, die
sich erhebt zu dem, was iiber das Physische hinaus in die uberphysi-
sche Welt fiihrt. Wir miissen auf der einen Seite von dem Materiellen
hinaufsteigen zu dem Ubermateriellen, zu dem Uberphysischen, wir
miissen aber auf der anderen Seite auch von dem Seelenleben, das sich
in der physischen Welt abspielt, hinaufsteigen zu dem, was unserem
Seelenleben zugrundeliegt in der uberphysischen Welt, denn mit
unserem Seelenleben, mit alien unseren Gefiihlen und so weiter leben
wir ja auch in der physischen Welt. Wir miissen also von zwei Seiten
her aufsteigen zu einer uberphysischen Welt.
Um von der materiellen Seite her in die uberphysische Welt aufzu-
steigen, dazu sind jene Seeleniibungen notwendig, welche es dem
Menschen moglich machen, hinter das aufiere Sinnliche zu schauen,
hinter den Schleier, von dem ich gesprochen habe, in welchen unsere
Sinneseindriicke hineinverwoben sind. Solche Sinneseindriicke haben
wir ja auch dann vor uns, wenn wir den aufieren menschlichen
Organismus betrachten, auch bei dem am feinsten Organisierten des
menschlichen Organismus, dem Blute, haben wir es mit einem Phy-
sisch-Sinnlichen zu tun. Es sind Seeleniibungen notwendig, um den
Menschen in die ubersinnliche Welt hineinzufuhren. Zunachst mufi
er eine Stufe tiefersteigen als dort, wo er war, als er die Seelenein-
driicke in sich aufnehmen konnte, unter den Plan des Physischen. In
den Untergriinden der physisch-sinnlichen Welt, da tritt ihm als das
Ubersinnliche der menschlichen Organisation der Atherleib entge-
gen. Dieser Atherleib - wir werden ihn noch genauer besprechen
gerade vom okkult-physiologischen Standpunkte aus - ist eine uber-
sinnliche Organisation, die wir uns zunachst einfach denken als die
ubersinnliche Grundsubstanz, aus der sich der sinnliche Organismus
des Menschen herausgliedert und von dem er ein Abbild, ein
Abdruck ist. Von diesem Atherleibe ist selbstverstandlich auch das
Blut ein Abdruck. Wir haben also jetzt hier, indem wir um eine Stufe
hinter den physisch-sinnlichen Organismus getreten sind, ein iiber-
sinnliches Glied in dem menschlichen Atherleibe gefunden. Und es
fragt sich nun: Konnen wir an dieses Ubersinnliche, an diesen Ather-
leib, nun auch herankommen von der anderen Seite her, von der Seite
des Seelischen her, von unseren Empfindungen, Gedanken, Gefuhlen
her, die wir uns aufbauen aus Eindriicken der Aufienwelt?
Da stellt sich nun allerdings heraus : So unmittelbar, wie wir unser
Seelenleben haben, kommen wir nicht gleich an den Atherorganis-
mus heran. Aber - und damit lassen Sie mich die heutige Betrachtung
ausklingen - wenn wir in unserer Seele arbeiten, so geschieht das ja
so, dafi wir zunachst die aufieren Eindnicke bekommen, auf die Sinne
wirkt die aufiere Welt, dann verarbeiten wir in unserer Seele die
aufieren Eindnicke; aber wir tun noch mehr, wir speichern gleichsam
diese empfangenen Eindriicke in uns selber auf. Denken Sie nur
einmal nach liber die einfache Erscheinung des Gedachtnisses, der
Erinnerung. Wenn Sie sich an etwas erinnern, woran Sie vor Jahren
auf Grundlage aufierer Wahrnehmungen Eindriicke gewonnen
haben, sich Vorstellungen gebildet haben, die Sie heute aus den
Untergriinden Ihrer Seele heraufholen, und es kommt Ihnen die
Erinnerung, sagen wir an etwas ganz einfaches, einen Baum oder
einen Geruch, da mussen Sie sagen, Sie haben in Ihrer Seele etwas
aufgespeichert, was Ihnen hat bleiben konnen von dem aufieren
Eindruck. Nun zeigt uns aber eine wiederum nur durch Ubungen der
Seele zu gewinnende Betrachtung des Seelenlebens selber, dafi in dem
Augenblick, wo wir unser Seelenleben soweit haben, dafi wir aufge-
speicherte Eindriicke als Erinnerungsvorstellungen zuriickrufen kon-
nen, wir mit unseren seelischen Erlebnissen nicht nur in unserem Ich
wirken. Zunachst tun wir das ja, indem wir mit unserem Ich der
Aufienwelt gegeniibertreten, Eindriicke aus ihr aufnehmen und sie
verarbeiten im Astralleibe. Wurden wir aber nur das tun, so wurden
wir alles gleich wieder vergessen. Wenn wir Schliisse Ziehen, arbeiten
wir im Astralleib. Wenn wir aber die Eindriicke in uns so fest
machen, dafi wir sie nach einiger Zeit - ja, oder auch nur nach
Minuten - wieder heraufholen konnen, dann pragen wir die Ein-
driicke, die wir durch unser Ich gewonnen und durch unseren Astral-
leib verarbeitet haben, in unseren Atherleib ein; so dafi wir also in
den Gedachtnisvorstellungen vom Ich aus hineingeprelk haben in
den Atherleib dasjenige, was wir als seelische Betatigung in der
Beriihrung mit der Auftenwelt gewonnen haben. Wenn wir nun die
Fahigkeit haben, von unserer Seele her in den Atherleib hineinzu-
pressen unsere Erinnerungsvorstellungen, und wenn wir den Ather-
leib auf der anderen Seite anerkennen als den nachsten ubersinnlichen
Ausdruck unseres Orgamsmus, so fragt es sich nun: Wie geschieht
dieses Hineinpressen? Wie geht das vor sich, dafi der Mensch tatsach-
lich das, was vom Astralleibe verarbeitet ist, jetzt wirklich in den
Atherleib hineinbringt? Wie kann er es in den Atherleib iiberleiten?
Diese Uberleitung geschieht auf eine sehr merkwurdige Weise.
Wenn wir zunachst ganz schematisch den Verlauf des Blutes durch
den ganzen menschlichen Korper betrachten und dieses Blut als den
aufieren physischen Ausdruck des menschlichen Ich fassen, so sehen
wir - wenn wir das jetzt so betrachten, als ob wir im Atherleibe
drinnen stiinden -, wie das Ich arbeitet in Korrespondenz mit der
Aufienwelt, wie es Impressionen empfangt und diese zu Vorstellun-
gen verdichtet, und wir sehen, wie dabei in der Tat unser Blut nicht
nur tatig ist, sondern wie unser Blut im ganzen Verlauf, namentlich
nach oben zu - nach unten weniger -, iiberall den Atherleib erregt, so
dafi wir iiberall im Atherleibe Strdmungen sich entwickeln sehen, die
einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Sie erscheinen so, als ob sie
sich an das Blut anschliefien wurden, vom Herzen nach dem Kopfe
gehen und sich im Kopfe sammeln wurden. Sie sammeln sich unge-
fahr so - wenn ich jetzt einen aufieren Vergleich gebrauchen darf -,
wie etwa Strome von Elektrizitat einer Spitze zugehen, der eine
andere Spitze entgegengestellt ist, und so zum Ausgleich von positi-
ver und negativer Elektrizitat hinstreben,
Wenn wir diesen Vorgang okkult betrachten mit entsprechend
geiibter Seele, so sehen wir, wie in einem Punkte sich jene Ather-
krafte unter einer gewaltigen Spannung zusammendrangen, welche
hervorgerufen sind durch die Eindriicke, die jetzt gewisse Vorstel-
lungen werden wollen, Gedachtnisvorstellungen, die sich in den
Atherleib einpragen wollen. Man sieht es den Atherkraften an, da$
sie Gedachtniskrafte werden wollen. Ich will die letzten Auslaufer
dieser Atherstromungen nach dem Gehirn herauf und das Sich-
zusammendrangen so zeichnen, wie es sich etwa wirklich darstellen
wiirde. Wir sehen da eine machtige Spannung, die sich an einer Stelle
sammelt und gleichsam sagt: Ich will in den Atherleib hinein! - Wir
sehen nun, wie dieser Atherstromung des Kopfes andere Stromungen
entgegenkommen, die ausgehen namentlich von den Lymphgefafien
und die sich so sammeln, dafi sie sich der ersten Stromung entgegen-
stellen. So haben wir im Gehirn, wenn sich eine Gedachtnisvorstel-
lung bilden will, einander gegeniiberstehen zwei Atherstromungen,
die sich mit grofitmoglicher Kraft konzentrieren, etwa so wie positive
und negative Elektrizitat sich an ihren Polen mit grofiter Spannung
konzentrieren und nach Ausgleich streben. Ein Ausgleich zwischen
den beiden Atherstromungen geschieht in der Tat, und wenn er
vollzogen ist, dann ist eine Vorstellung Gedachtnisvorstellung
geworden und hat sich dem Atherleibe einverleibt.
Solche ubersinnlichen Realitaten, solche iibersinnlichen Stromun-
gen im menschlichen Organismus driicken sich dadurch aus, dafi sie
sich auch ein physisch-sinnliches Organ schaffen, welches wir wie
eine Versinnlichung solcher Stromungen anzusehen haben. So haben
wir ein Organ, welches sich im mittleren Gehirn befindet, das der
physisch-sinnliche Ausdruck ist fur das, was als Gedachtnisvorstel-
lung sich bilden will. Dem stellt sich gegeniiber ein anderes Organ im
Gehirn, das der Ausdruck ist fur diejenigen Stromungen im Ather-
leib, die von den unteren Organen kommen. Diese beiden Organe im
menschlichen Gehirn sind der physisch-sinnliche Ausdruck fur diese
beiden Stromungen im menschlichen Atherleibe, sie sind etwas wie
letzte Anzeichen dafur, dafi solche Stromungen im Atherleibe statt-
finden. Es verdichten sich gleichsam diese Stromungen so stark, dafi
sie die menschliche Leibessubstanz ergreifen und zu diesen Organen
verdichten, so dafi wir in der Tat den Eindruck haben, wie wenn von
dem einen Organ helle Lichtstromungen ausstrahlen, die zu dem
anderen Organ iiberfliefien. Das physische Organ, das die Gedacht-
nisvorstellung bilden will, ist die Zirbeldriise, der aufnehmende Teil
ist der Gehirnanhang, Hypophysis.
Hier haben Sie an einer ganz bestimmten Stelle des physischen
Organismus den aufieren physischen Ausdruck fur das Zusammen-
wirken des Seelischen mit dem Leiblichen!
Es soil das zunachst nur wie eine prinzipielle Darstellung sein,
womit wir unsere heutige Betrachtung ausklingen lassen wollen, die
wir morgen weiter ausfiihren wollen und an die wir Genaueres und
Beweisbares ankniipfen wollen. Es ist wichtig, daft wir den Gedan-
ken genau festhalten, daft wir im Ubersinnlichen forschen konnen,
und uns dann fragen konnen, ob der zu erwartende physische Aus-
druck fur das Ubersinnliche auch vorhanden ist. Wir sahen hier, daft
das der Fall ist. Da es sich aber hier um die Eingangspforte vom
Sinnlichen zum Ubersinnlichen handelt, so werden Sie es begreifen,
daft diese Organe fur die physische Wissenschaft hochst zweifelhafte
Organe sind, und daft Sie iiber diese Organe von der aufteren Wissen-
schaft nur aufterordentlich unzureichende und ungeniigende Aus-
kunft erhalten konnen.
FUNFTER VORTRAG
Prag, 24.Marzl911
Es wird heute meine Aufgabe sein, bevor wir in unseren Betrachtun-
gen weiterschreiten, einige Begriffe herbeizutragen, die wir in der
weiteren Folge unserer Darstellungen notwendig brauchen werden.
Da wird es insbesondere wichtig sein, dafi wir uns verstandigen iiber
die Bedeutung dessen, was wir im geisteswissenschaftlichen, anthro-
posophischen Sinne ein physisches Organ nennen oder vielmehr den
physischen Ausdruck eines Organs. Denn Sie haben ja schon gese-
hen, dafi wir zum Beispiel iiber die Milz so reden konnen, dafi die
physische Milz sogar materiell entfernt werden kann oder unbrauch-
bar werden kann, ohne dafi dasjenige, was wir im anthroposophi-
schen Sinne die «Milz» nennen, von seiner Tatigkeit ausgeschaltet
wird. Es bleibt dennoch, wenn wir ein solches physisches Organ
ausgeschaltet, entfernt haben, im Organismus die Tatigkeit, die
innere Regsamkeit, die durch das Organ ausgeiibt worden war,
immer noch iibrig. Daraus sehen wir - und ich bitte Sie recht sehr,
sich einen solchen Begriff fur das folgende anzueignen — , dafi wir
alles, was physisch anschaubar, was physisch wahrnehmbar ist bei
einem solchen Organ, uns wegdenken konnen - natiirlich kann man
das nicht von jedem Organ sagen -, und es bleibt doch die bestim-
mungsgemafie Funktion des Organs; und das, was dann bleibt, was
die Funktion weiter fortfiihrt, das miissen wir zu dem Ubersinnli-
chen des menschlichen Organismus rechnen.
Nun sprechen wir aber uberhaupt, wenn wir im Sinne unserer
Geisteswissenschaft von solchen Organen sprechen wie Milz, Leber,
Galle, Nieren, Lungen und so weiter, indem wir diese Namen aus-
sprechen, zunachst gar nicht von dem, was man physisch sehen kann,
sondern wir bezeichnen damit die in diesen Organen wirkenden
Kraftsy steme, die ubersinnlicher Natur sind. Daher werden wir, und
das ist in besonderem Grade bei der Milz der Fall, wenn wir geistes-
wissenschaftlich davon sprechen, zunachst ein aufierlich physisch
nicht sichtbares Kraftsystem uns denken miissen. Denken wir also in
dem, was ich hier zeichne, ein physisch nicht sichtbares Kraftsystem,
das nur anschaubar werden konnte fur ein iibersinnliches Schauen.
Mihoiherkrafte
SloftlUhkoil
Ein solches ware also zum Beispiel in der Gegend unserer Milz nur
als iibersinnliches Kraftsystem sichtbar. Wenn wir nun ins Auge
fassen, dafi ja im wirklichen uns vorliegenden menschlichen Organis-
mus dieses iibersinnliche Kraftsystem ausgefiillt ist mit sinnlicher
Materie, so miissen wir uns fragen: Wie haben wir uns nun das
Verhaltnis dieses iibersinnlichen Kraftsystems zu dem, was sinnliche
Materie ist, zu denken?
Ich glaube, es wird Ihnen nicht schwierig werden, zu denken, dafi
Krafte durch den Raum gehen konnen, welche zunachst nicht sinn-
lich anschaubar sind. Man braucht sich nur an folgendes zu erinnern:
Wer zum Beispiel niemals etwas von der Realitat der Luft in einer
von Wasser entleerten Flasche gehdrt hat, der wird der Meinung sein,
die Flasche sei ganz leer. Ein solcher physikalisch Unkundiger wird
einigermaften erstaunt sein zu sehen, dafi, wenn wir eine leere Was-
serflasche auf den Tisch stellen, einen gut anschliefienden enghalsigen
Trichter aufsetzen und rasch Wasser in den Trichter eingiefien, wir
das Wasser im Trichter behalten und es nicht in die Flasche hinein-
fliefien kann, weil es durch den Gegendruck der Luft verhindert
wird, in die Flasche einzudringen. Ein solcher Mensch wird dann
gewahr, dafi doch ein fur ihn Unsichtbares in der Flasche darinnen
ist, welches das Wasser zunickhalt. Denken Sie sich diesen Begriff
etwas erweitert, so wird es auch nicht schwierig sein, sich vorzustel-
len, dafi der Raum von Kraftsystemen durchdrungen sein kann,
welche zunachst ubersinnlicher Natur sind, so daft wir sie nicht mit
dem Messer durchschneiden konnen und dafi sie auch nicht ange-
griffen werden konnen, wenn ein physisches Organ, das ihr materiel-
ler Ausdruck ist, zum Beispiel die Milz, erkranken sollte. Wir haben
uns zu denken, dafi ein iibersinnliches Kraftsystem zu dem, was wir
als physisch-sinnliches Organ sehen, in einem solchen Verhaltnis
steht, dafi physische Materie sich in dieses Kraftsystem einlagert,
angezogen von den Kraftpunkten und Kraftlinien, und dadurch zu
einem physischen Organ wird. Wir konnen sagen: Der Grund, warum
zum Beispiel an der Stelle der Milz ein physisch-sinnliches Organ
sichtbar ist, ist also der, dafi dort in einer ganz bestimmten Weise
Kraftsysteme den Raum ausfullen, welche die Materie so heranziehen,
dafi sie sich in einer solchen Weise einlagert, wie wir es an dem aufieren
Organ der Milz sehen, wenn wir es anatomisch betrachten.
So konnen Sie sich die verschiedensten Organe im menschlichen
Organismus denken. Sie sind zuerst ubersinnlich veranlagt und dann
ausgefullt unter dem Einflufi der verschiedensten iibersinnlichen
Kraftsysteme von physischer Materie. Daher miissen wir in diesen
Kraftsystemen zunachst einen iibersinnlichen Organismus sehen, der
in sich differenziert ist, der in den verschiedensten Weisen die physi-
sche Materie sich eingliedert und dessen Kompliziertheit das physi-
sche, ihm eingegliederte Organ nur unvollstandig zu folgen vermag.
Damit haben wir nicht nur den Begriff des Verhaltnisses der iiber-
sinnlichen Kraftsysteme zu den eingelagerten physisch-materiellen
Organen gewonnen, sondern zugleich auch einen anderen Begriff,
den der Ernahrung des Gesamtorganismus. Worm besteht denn diese
Ernahrung des Gesamtorganismus? Sie besteht in nichts anderem als
darin, daft die aufgenommenen Nahrungsstoffe so vorbereitet wer-
den, daft es moglich ist, sie hinzuleiten nach den verschiedenen
Organen, und diese sich dann die Stoffe eingliedern. Wir werden in
den folgenden Vortragen noch sehen, wie dieser allgemeine Begriff
der Ernahrung, der sich zeigt als eine Anziehungskraft der verschie-
denen Organsysteme fur die Nahrungsstoffe, sich verhalt zur Entste-
hung des einzelnen Menschen, zur Keimesgeschichte des einzelnen
Menschen, die vor der Geburt liegt. Der umfassendste Begriff der
Ernahrung ist also der, daft durch iibersinnliche Kraftsysteme, durch
einen ubersinnlichen Organismus die einzelnen Nahrungsstoffe ein-
gesogen und in der verschiedensten Weise dem physischen Organis-
mus eingegliedert werden.
Nun miissen wir uns klar sein, daft der Atherleib des Menschen,
der das nachste iibersinnliche Glied in der menschlichen Organisa-
tion ist nach dem physischen Leibe, daft dieser Atherleib, wenn er
auch das grobste der ubersinnlichen Glieder ist, wie ein ubersinnli-
ches Urbild dem gesamten Organismus zugrundeliegt, daft er in sich
gegliedert, differenziert ist und die mannigfaltigsten Kraftsysteme
enthalt, um sich die durch die Ernahrung aufgenommenen Stoffe
einzugliedern. Wir haben nun aber nach diesem atherischen Leib, den
wir als das Urbild des menschlichen Organismus betrachten konnen,
als das nachsthohere Glied der menschlichen Wesenheit den soge-
nannten Astralleib. Wie sich diese beiden zusammenschlieften, wer-
den uns die nachsten Vortrage noch zeigen. Der Astralleib ist das,
was sich erst eingliedern kann, wenn sowohl der physische Organis-
mus als auch der atherische Organismus ihrer Anlage nach schon
vorbereitet sind; er setzt die beiden anderen Organismen voraus.
Ferner haben wir das, was wir das menschliche Ich nennen, so daft
die gesamte menschliche Wesenheit sich zusammenschlieftt aus die-
sen vier Gliedern. Wir konnen uns nun vorstellen, daft schon im
Atherleib selbst gewisse Kraftsysteme sind, die die Nahrungsstoffe
an sich ziehen und sie dann im physischen Organismus in einer ganz
bestimmten Weise gestalten. Wir konnen uns aber auch vorstellen,
dal$ ein solches Kraftsystem nicht nur durch den Atherleib bestimmt
ist, sondern auch durch den Astralleib und dafi dieser seine Krafte da
hineinsendet, so da$, wenn wir uns das physische Organ wegdenken,
wir zunachst das atherische Kraftsystem haben wiirden, dann das
astralische Kraftsystem, welches das atherische Kraftsystem in einer
ganz bestimmten Weise durchdringt, und wir konnen uns vorstellen,
dafi da auch noch Strahlungen vom Ich hineindringen.
Es kann nun Organe geben, welche so in den Organismus einge-
gliedert sind, dafi ihr Wesentlichstes darauf beruht, dafi die atheri-
schen Stromungen in ihrer Eigenart noch sehr wenig bestimmend
gewirkt haben, so dafi, wenn wir den Raum okkult untersuchen, in
dem ein betreffendes Organ sich befindet, wir finden wiirden, dafi
der atherische Teil dieses Organs recht wenig durch sich selber
differenziert ist, nur wenig von diesen Kraftsystemen enthalt, dafi
aber dafiir dieser Teil des Atherleibes durch starke astralische Krafte
beeinflufit wird. Dann wird, wenn die physische Materie sich einem
solchen Organ eingliedert, der Atherleib nur eine geringe Anzie-
hungskraft auf die einzugliedernden Stoffe ausiiben, die hauptsach-
lichste Anziehungskraft wird dann vom Astralleib auf das betref-
fende Organ ausgeiibt, und zwar so, als ob die betreffenden Stoffe
direkt von dem Astralleibe hereingeholt wiirden in das betreffende
Organ. Daraus sehen Sie, dafi die Organe des Menschen von ganz
verschiedener Wertigkeit sind. Es gibt solche Organe, von denen man
sagen raufi, dafi sie hauptsachlich bestimmt sind durch Kraftsysteme
des Atherleibes, andere, die mehr bestimmt sind durch Stromungen
oder Krafte des Astralleibes, wahrend noch andere mehr bestimmt
sind durch Stromungen des Ich. Aus den Ausfuhrungen, die in den
Vortragen gemacht worden sind, konnen Sie sich schon sagen, dafi
insbesondere das Organsystem, das unser Blut fiihrt, im wesentlichen
von solchen Strahlungen abhangt, die von unserem Ich ausgehen, daft
also das menschliche Blut im wesentlichen mit Stromungen und
Strahlungen des menschlichen Ich zusammenhangt. Die anderen
Organsysteme und ihre Inhalte sind in den verschiedensten Abstu-
fungen von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Natur
bestimmt.
Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten, wenn wir nam-
lich den physischen Leib an sich nehmen, der ja - jetzt abgesehen von
seinen hoheren Gliedern - auch ein Kraftsystem darstellt. Er stellt
zunachst das dar, was man sich zusammengesetzt denken kann aus
Stoffen der aufieren Welt, die auch ihre inneren Gesetze haben, die
aber umgewandelt dem physischen Leibe eingefugt sind. Der physi-
sche Leib ist also auch ein Kraftsystem. So dafl Sie sich auch den Fall
denken konnen, dafi der physische Organismus wieder zuriickwirkt
auf das atherische oder bis auf das astralische Kraftsystem oder sogar
bis ins Ich-System hinein. Wir miissen uns denken, daft das atheri-
sche Kraftsystem nicht nur eingefangen wird von dem astralischen
oder vom Ich-System, sondern dafi es auch Organe gibt, bei denen
die atherischen Krafte von der Seite des physischen Kraftsystems
derart eingespannt werden, dafi das physische Kraftsystem iiber-
wiegt. Solche Organe, bei denen der physische Leib das Uberwie-
gende ist, die also nur in geringerem Mafie beeinflufk werden von den
hoheren Gliedern der menschlichen Organisation, das sind haupt-
sachlich diejenigen Organe, welche im weitesten Sinne als Absonde-
rungsorgane zu bezeichnen sind, alle driisigen Organe, alle Absonde-
rungsorgane iiberhaupt. Alle Absonderungsorgane, alle Organe, wel-
che direkt Stoffe absondern, werden zu diesen Stoffabsonderungen -
also zu einem Vorgang, der innerhalb der rein physischen Welt seine
wesentliche Bedeutung hat - hauptsachlich durch die Krafte des
physischen Organismus veranlafit. Wo immer im menschlichen
Organismus solche Organe sind, wenn sie vorzugsweise zum Abson-
dern des Stofflichen bestimmt sind, miissen wir uns klar sein, dafi
solche Organe, die hauptsachlich Werkzeuge der physischen Kraft-
systeme sind, durch Erkrankung, durch Unbrauchbarwerden oder
durch ihre Entfernung den Organismus unfehlbar zum Verfall brin-
gen, so daft er dann nicht mehr in entsprechender Weise sich entwik-
keln und zuletzt nicht mehr leben kann. Sie sehen an einem solchen
Organ, wie es die Milz ist, von der wir gestern gesprochen haben, dafi
deren Erkranken, deren sonstiges Unbrauchbarwerden oder opera-
tive Entfernung den physischen Korper in seinen Funktionen weit
weniger stort, als dies bei anderen Organen der Fall ist, weil sie in
besonders starker Weise beeinflufit wird von den iibersinnlichen
Teilen der menschlichen Natur, vom Atherleibe, namentlich aber
vom Astralleibe. Anders ist es bei den Organen, wo das physische
Kraftsystem Uberwiegt. Eine Erkrankung der Schilddriise zum Bei-
spiel, die sich bei bestimmten Erkrankungen manchmal vergrofiert
zur sogenannten Kropfbildung, kann auf den ganzen Organismus
sehr schadlich wirken. Sie darf aber nicht vollstandig unbrauchbar
werden oder vollstandig entfernt werden, und zwar deshalb nicht,
weil sie ihre Wirkungen so zu aufiern hat, dafi das, was als physischer
Vorgang durch sie bewirkt wird, im Gesamthaushalt des mensch-
lichen Organismus ganz wesentlich ist.
Nun kann es solche Organe geben, die in hohem Mafie abhangen
von den iibersinnlichen Kraftsystemen der menschlichen Organisa-
tion, die aber doch eingespannt sind in den physischen Organismus
und durch dessen Krafte veranlalk werden, Stoffliches abzusondern.
Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber, ebenso sind es die
Nieren. Das sind Organe, die, geradeso wie die Milz, abhangig sind
von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation,
vom Atherleibe und Astralleibe, die aber sozusagen eingefangen sind
von den Kraften des physischen Organismus, heruntergezogen sind
in ihren Wirkungen bis zu den Kraften des Physischen. Daher
kommt es bei ihnen in einem viel hoheren Grade darauf an, dafi sie als
physische Organe in gesundem Zustande sind, als zum Beispiel bei
der Milz, bei welcher die Sache so liegt, dafi das Physische sehr wenig
in Betracht kommt und weit uberwogen wird von dem, was von den
iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation herkommt.
Wir konnen von der Milz sagen, dafi sie ein sehr geistiges Organ ist,
denn der physische Teil dieses Organs macht den geringsten Teil
seiner Bedeutung aus. Aus diesem Grunde wurde die Milz zu alien
Zeiten in der okkulten Literatur, die entsprungen ist aus Kreisen, wo
man wirklich etwas iiber diese Sachen gewufit hat, immer als ein
besonders geistiges Organ angesehen und geschildert.
So also haben wir jetzt gewissermafien den Begriff des Gesamtor-
ganismus gewonnen, dessen einzelnes Organ angesehen werden kann
als ein iibersinnliches Kraftsystem, in das gleichsam die stoffliche
Materie durch den gesamten Ernahrungsprozefi hineingelagert wird.
Ein anderer Begriff, den wir uns aneignen miissen, ist der: Was
bedeutet iiberhaupt fur den Menschen die Aufnahme - sei es eines
Stoffes oder sei es die Aufnahme eines Geistigen, die durch unsere
Seelentatigkeit bewirkt wird, zum Beispiel bei der Wahrnehmung?
Und was bedeutet die Absonderung, die Abgabe eines Stoffes?
Gehen wir da zunachst aus von dem Absonderungsprozefi im
weitesten Umfange. Wir wissen ja, dafi von den aufgenommenen
Nahrungsmitteln schon ein grofier Teil des Stofflichen vom Verdau-
ungskanal abgesondert wird. Wir wissen ferner, dafi durch die Lun-
gen aus dem menschlichen Organismus die Kohlensaure ausgeschie-
den wird. Dann haben wir einen Absonderungsprozefi durch die
Nieren, ein weiterer Absonderungsprozefi geschieht durch die Haut.
In diesem letzteren, der zunachst in der Schweifibildung verlauft,
aber auch in allem, was im umfanglichen Sinne als Absonderungspro-
zefi durch die Haut zu gelten hat, haben wir jene Absonderung zu
sehen - und ich bitte, darauf zu achten -, die beim Menschen an dem
aufiersten Umfange, an der aufiersten Peripherie seines Leibes er-
folgt. Nun fragen wir uns zunachst einmal: Was bedeutet denn
iiberhaupt ein Absonderungsprozefi fur den Menschen?
Wir werden uns die Bedeutung eines Absonderungsprozesses nur
klarmachen konnen auf folgende Weise. Sie werden sehen, dafi wir
ohne die Begriffe, die wir heute entwickelt haben, iiberhaupt nicht
weiterkommen konnen in der Betrachtung des menschlichen Orga-
nismus. Ich mochte Ihnen, um unsere Gedanken allmahlich hiniiber-
zufuhren zu der wesentlichen Natur eines Absonderungsprozesses,
zunachst einen anderen Begriff vorfiihren, der allerdings nur eine
entfernte Ahnlichkeit mit dem Absonderungsprozesse hat, der uns
aber dazu hinuberfuhren kann, namlich den Begriff des Gewahrwer-
dens unseres Selbst. Bedenken Sie einmal, wie Sie im Grunde genom-
men doch sagen konnen, dafi es eine Art Gewahrwerden Ihres Selb-
stes ist, wenn Sie in einem Raume gehen und sich unvorsichtigerweise
an einem harten Gegenstande stofien. Dieses Anstofien ist im Grunde
genommen ein Gewahrwerden des eigenen Selbstes. Es ist ein
Gewahrwerden des eigenen Selbstes auf die Art, dafi Ihnen das
Ereignis, das sich durch den Stoft vollzogen hat, zu einem inneren
Ereignis geworden ist. Denn was ist fur Sie der Zusammenstoft mit
einem fremden Gegenstande? Er ist die Ursache eines Wehetuns,
eines Schmerzes. Der Schmerzvorgang spielt sich rein in Ihrem Inne-
ren ab. Also ein innerer Vorgang wird dadurch hervorgerufen, daft
Sie sich in Beriihrung bringen mit einem fremden Gegenstand, der
Ihnen als Hindernis im Weg liegt. Das Gewahrwerden dieses Hin-
dernisses ist das, was den inneren Prozeft hervorruft, der als Schmerz
beim Sichstoften auftritt. Im Grunde genommen konnen Sie sich
leicht vorstellen, daft Sie iiberhaupt nichts anderes zu wissen brau-
chen, urn das Gewahrwerden Ihres eigenen Selbstes zu erleben, als
den inneren Schmerz, der durch das Anstofien an einen aufteren
Gegenstand bewirkt wird. Denken Sie sich, daft Sie im Finstern an
einen Gegenstand stofien, von dem Sie gar nicht wissen, was er ist,
und nehmen Sie an, Sie stoften sich so stark, daft Sie auch gar nicht
darauf schliefien konnen, wie der Gegenstand beschaffen sein konnte,
sondern Sie spiiren nur die Wirkung des Stoft es als Schmerz. Sie
haben den Stoft in seiner Wirkung so empfunden, daft Sie den Vor-
gang in sich selbst erlebten. Sie erleben gar nichts anderes als einen
inneren Vorgang, und das ist das Wesentliche. Wenn Sie allerdings
auch sagen: Ich habe mich an einem aufteren Gegenstand gestoften -,
so ist das mehr oder weniger ein unbewuftter Schluft von einem
inneren Erlebnis auf ein aufteres Hindernis.
Daraus konnen Sie sehen, daft der Mensch seines Inneren gewahr
wird durch das Finden eines Widerstandes. Diesen Begriff mussen
wir haben: das Gewahrwerden des Selbstes, das Erleben des Inneren,
das Ausgefiilltsein mit realen Erlebnissen im Inneren durch das Fin-
den eines Widerstandes. Dies ist ein Begriff, den ich, ich mochte
sagen, in aller Grobheit entwickelt habe, um von ihm den Ubergang
machen zu konnen zu einem anderen Begriffe, dem der Absonderun-
gen im menschlichen Organismus. Denken wir uns einmal, der
menschliche Organismus nehme in sich selber in irgendein Organ-
system, meinetwegen in den Magen, eine gewisse Stofflichkeit auf und
das Organsystem sei so eingerichtet, daft es durch seine Tatigkeit aus
diesem Stoffe, der da aufgenommen ist, etwas aussondert, etwas
gleichsam separiert, wegnimmt von dem Gesamtstoff, so dafi durch
diese Tatigkeit des Organs der Gesamtstoff zerfallt in einen feineren,
gleichsam filtrierten Teil und in einen groberen Teil, der ausgeson-
dert wird. Es wird also eine Differenzierung des Stoffes vorgenom-
men in einen solchen, der in einen weiter brauchbaren, fur andere
Organe aufzunehmenden Stoff umgewandelt wird und in einen sol-
chen, der erst abgesondert und dann ausgeschieden wird.
Hier an dieser Stelle, wo die unbrauchbaren Teile der Stofflichkeit
abgestofien werden gegenuber den brauchbaren Stoffen, hier haben
Sie in modifizierter Form etwas wie ein Sichanstofien an einen
aufteren Gegenstand, wie ich es eben dargestellt habe. Es stolk der
aufgenommene Stoffstrom, indem er an ein Organ herankommt,
sozusagen auf einen Widerstand; er kann nicht so bleiben, wie er ist,
er mufi sich andern. Es wird ihm gleichsam durch das Organ gesagt:
So kannst du nicht bleiben, wie du bist, du mufit dich andern. - Es
wird also dem Stoff ein Widerstand entgegengestellt, er mufi als ein
anderer Stoff weiterverbraucht werden, und er mufi gewisse Teile
abstofien. In unserem Innern stellt sich das Organ dem Stofflauf so
entgegen, wie sich der aufiere Gegenstand uns entgegenstellt, an dem
wir uns stofien. Solche Widerstande finden sich innerhalb des
Gesamtorganismus in den mannigfachsten Organen. Und erst
dadurch, dafi iiberhaupt in unserem Organismus abgesondert wird,
erst dadurch, daft wir Absonderungsorgane haben, dadurch ist die
Moglichkeit gegeben, dafi unser Organismus eine in sich abgeschlos-
sene, sich selbst erlebende Wesenheit ist. Denn Erleben kann sich
eine Wesenheit nur dadurch, daft sie auf Widerstand stofit. So haben
wir in den Absonderungsprozessen wichtige Prozesse des menschli-
chen Lebens, namlich diejenigen Prozesse, wodurch sich der leben-
dige Organismus in sich selber abschlielk. Der Mensch ware kein in
sich abgeschlossenes Wesen, wenn solche Absonderungsprozesse
nicht vorhanden waren.
Denken Sie sich einmal, der aufgenommene Nahrungsstrom oder
der Sauerstoffstrom wiirden durch den menschlichen Organismus
wie durch einen Schlauch glatt hindurchgehen und es gabe keinen
Widerstand durch die Organe. Die Folge davon ware,, dafi der
menschliche Organismus sich nicht in sich selbst erleben konnte,
sondern er wiirde sich nur erleben als angehorig der gesamten grofien
Welt. Wir konnten uns ja allerdings auch vorstellen, daft innerhalb
des menschlichen Organismus die grobste Art dieses Widerstandbie-
tens eintreten wiirde, daft der Stoffstrom sich an einer festen Wan-
dung stolen und reflektieren, zuriickkehren wiirde. Das wiirde aber
das innere Erleben des menschlichen Organismus nicht beriihren,
denn ob der Nahrungsstrom oder der Sauerstoffstrom durch den
menschlichen Organismus wie durch einen Schlauch hindurchginge,
auf der einen Seite hinein, auf der anderen wieder hinaus, oder ob er
reflektiert wiirde, das wiirde fur das innere Erleben nichts ausma-
chen. Dafi das so ist, konnen Sie schon daraus entnehmen, dafi - wie
wir schon gesagt haben wenn wir es in unserem Nervensystem
dazu bringen, daft eine Vorstellung in sich selbst zuriickkehrt, wir
dann geradezu unser Nervensystem herausheben aus dem Erleben
des inneren Organismus. Es macht also keinen Unterschied, ob vol-
lige Reflexion oder blofies Hindurchgleiten der von aufien hineinge-
henden Strome durch den menschlichen Organismus vorliegt. Was
den menschlichen Organismus in sich selbst erlebbar macht, das sind
die Absonderungen.
Wenn Sie dasjenige Organ betrachten, welches wir als das Mittel-
punktsorgan fur den menschlichen Organismus ansehen miissen, das
Blutsystem, wenn Sie sehen, wie auf der einen Seite das Blut immer-
fort durch Aufnehmen von Sauerstoff sich auffrischt, und wenn Sie
auf der anderen Seite das Blutsystem als das Werkzeug des menschli-
chen Ich betrachten, so konnen wir sagen: Wenn das Blut unveran-
dert durch den menschlichen Organismus hindurchgehen wiirde, so
konnte es nicht das Organ des menschlichen Ich sein, das im eminen-
testen Sinne das Organ ist, welches den Menschen sich innerlich
erlebbar macht. Nur dadurch, daft das Blut in sich selber Verande-
rungen durchmacht und als ein anderes wieder zuriickkehrt, dafi also
Absonderungen geschehen von verandertem Blut, nur dadurch ist es
moglich, dafi der Mensch das Ich nicht nur hat, sondern es auch
erleben kann mit Hilfe seines sinnlich-physischen Werkzeuges, des
Blutes.
Daraus hat sich uns nun dieser Begriff der Absonderung ergeben.
Und jetzt werden wir uns zu fragen haben: Wie steht es nun mit jener
Absonderung, welche wir vorhin bezeichnet haben als der aufiersten
Peripherie des menschlichen Organismus angehorig? - Es wird uns ja
unschwer sein, uns vorzustellen, wie der Gesamtorganismus des
Menschen wirken mufi, damit diese Absonderung an der Peripherie
geschehen kann. Dazu ist es notwendig, dafi den gesamten Stromun-
gen des menschlichen Organismus entgegengestellt werde ein Organ,
welches in Zusammenhang steht gerade mit diesem umfanglichsten
Absonderungsprozefi. Und dieses Organ, das ja, wie Sie sich leicht
denken konnen, die Haut ist, mit allem, was zu ihr gehort im
umfanglichsten Sinne, das ist zugleich dasjenige, was schon fur den
unmittelbaren aufieren Anblick als das Wesentliche der menschlichen
Gestalt, der menschlichen Form sich darbietet. Wenn wir uns also
vorstellen, dafi der menschliche Organismus, der sich selbst erleben
kann an seinem aufieren Umfange, dies nur dadurch kann, dafi er das
Organ der Haut seinen gesamten Stromungen entgegenstellt, so miis-
sen wir in der eigenartigen Formung der Haut einen der Ausdriicke
sehen fur die innersten Krafte des menschlichen Organismus.
Wir werden uns nun zu fragen haben: Wie haben wir uns denn
dieses Hautorgan zu denken? Wie haben wir uns die Haut mit allem,
was dazugehort, zu denken ? Wir werden schon sehen, was im einzel-
nen dazugehort, wir wollen es aber heute nur im grofien und ganzen
charakterisieren. Da miissen wir uns zunachst dariiber klar sein, dafi
in dem, was zu unserem bewufiten Erleben gehort, wovon wir eine
Erkenntnis haben konnen durch irgendeine Selbstbeobachtung, jene
Gestaltung nicht einbegriffen ist, welche in der Formung unserer
Haut zum Ausdruck kommt. Selbst wenn wir in begrenztem
Umfange mittatig sind an der Gestaltung unserer aufieren Korper-
oberflache, so ist sie doch etwas, das sich der unmittelbaren Willkiir
in vollkommenster Weise entzieht. Nur in bezug auf die Beweglich-
keit unserer Haut, in bezug auf Mienenspiel, Gesten und so weiter,
haben wir ja einen Einflufi, der noch an das heranreicht, was wir
bewufke Tatigkeit nennen konnen; aber auf die Gestalt, auf die Form
unserer Korperoberflache haben wir keinen Einflufi mehr. Es mufi
freilich zugegeben werden, dafi der Mensch zwischen Geburt und
Tod einen gewissen Einflufi auf seine aufiere Leibesform in engeren
Grenzen hat. Davon kann sich jeder iiberzeugen, der einen Menschen
kennengelernt hat in einem bestimmten Lebensalter und ihn viel-
leicht nach zehn oder zwanzig Jahren wiedersieht, insbesondere
wenn dieser Mensch in diesen Jahren durchgegangen ist durch tiefere
innere Erlebnisse, namentlich durch Erkenntniserlebnisse, die nicht
Gegenstand der aufieren Wissenschaft sind, sondern durch solche,
die «Blut kosten», die zusammenhangen mit unserem ganzen
Lebensschicksal. Dann sehen wir allerdings innerhalb enger Gren-
zen, wie die Physiognomie sich andert, wie also der Mensch inner-
halb dieser Grenzen einen Einflufi hat auf die Gestaltung seines
Leibes. Aber er hat ihn nur in geringem Mafie, und das wird jeder
zugeben miissen; denn das Hauptsachlichste in der menschlichen
Gestalt ist durchaus nicht in unsere Willkiir gegeben und nicht durch
unser Bewufitsein bestimmt. Dennoch miissen wir sagen: Die ganze
menschliche Gestalt ist angepaftt der menschlichen Wesenheit; und
wer auf die Dinge eingeht, wird sich niemals vorstellen konnen, da£
dasjenige, was wir den ganzen Umfang der menschlichen Fahigkeiten
nennen, sich entwickeln konnte in einem Wesen von einer anderen
Gestalt, als es die heutige Menschengestalt ist. Alles, was an Fahigkei-
ten im Menschen ist, hangt zusammen mit dieser Menschengestalt.
Denken Sie sich nur einmal, dafi etwa das Stirnbein in einer irgendwie
anderen Lage ware zu dem Gesamtorganismus, als es ist, so wiirde
diese Gestaltanderung ganz andere Fahigkeiten und Krafte im Men-
schen voraussetzen. Daniber konnten ja Studien gemacht werden,
indem man sich klarmacht, wie andere Fahigkeiten vorhanden waren
bei Menschen mit verschiedener aufierer Gestaltung des Kopfes, des
Schadelbaus und so weiter. So miissen wir uns einen Begriff verschaf-
fen von dem Angepaiksein der menschliche
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