Eine okkulte Physiologie

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Eine okkulte Physiologie 



Ein Zyklus von acht Vortragen 
gehalten in Prag vom 20. bis 28. Marz 1911, 
und ein Sondervortrag vom 28. Marz 1911 



1991 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 5. Auflage besorgte Ulla Trapp (Archiv) 
in Zusammenarbeit mit Dr. med. Werner Belart, Dr. med. 
Christoph Schulthess und Dr. med. Hartwig von Volkmann 



1. Auflage Dornach 1927 

2. Auflage Dornach 1957 

3. Auflage Dornach 1971 

4. Auflage Dornach 1978 

5. Auflage, mit vollig neu erarbeitetem Text 
(Naheres auf Seite 203 ff.) 
und erweitert um einen Vortrag vom 28. Marz 191 1 
Gesamtausgabe Dornach 1991 

Nahere Angaben zu den bisherigen Auflagen auf Seite 205 



Bibliographie-Nr. 128 

Zeichnungen nach den Notizen der Stenographen 
ausgefuhrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1991 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg 
Bindearbeit: Spinner GmbH, Otters weier 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1281-X 



2,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichen Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurde, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
uber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Prag, 20. Marz 191 1 

Zur Erkenntnis des menschlichen Wesens ist Ehrfurcht vor der 
menschlichen Natur als einer Offenbarung des Weltengeistes notig. 
Die Darlegungen sind von seiten des Geistesforschers gemacht. Die 
Zweiheit des Menschen seiner Form und Gestalt nach. Gehirn und 
Ruckenmark im Verhaltnis zum Knochensystem. Wirbeltheorie des 
Schadels von Oken und Goethe. Umwandlungen im Gebiete von 
Gehirn und Ruckenmark; Hirn ist umgewandeltes Ruckenmark, alter 
als dieses. Gehirn; waches, uberlegendes Denken. Ruckenmark: 
traumahnlich, iiberlegungslos funktionierend. Das im Gehirn ver- 
borgene Ruckenmark. Die Aura von Gehirn und Ruckenmark. 

Zweiter Vortrag, 21. Marz 1911 . . 

Das andere Glied der menschlichen Zweiheit, der Ernahrungs- 
apparat: System der Stoffverarbeitung. Lymphsystem, Blutgefafi- 
system, Herz, oberer, Gehirn und Sinnesorgane umschliefiender, 
unterer, Milz, Leber und Galle umfassender Kreislauf. Veranderung 
des Blutes durch die Sinneseindriicke und durch die Tatigkeit von 
Milz, Leber, Galle als zu Organen verdichteten Weltprozessen: 
Saturn, Jupiter und Mars. Nervensystem: Werkzeug des Astralleibes, 
Blut: Werkzeug des Ich. Nervensystem differenziert, Blut einheitlich. 
Verhaltnis der aufieren Eindriicke und der Seelenereignisse auf Blut 
und Ich. Unmittelbare Wirkung der Nerven auf das Ich. Abtrennung 
der Nervenwirkung vom Blut durch innere Konzentrationsiibungen; 
Ausschalten des Blutes durch Zuriickwerfen der Nerventatigkeit ins 
Innere. 

Dritter Vortrag, 22. Marz 1911 

Folgen der seelischen Konzentrationsiibungen. Wirkung der Sinnes- 
welt und der inneren Organwelt auf das Blut. Das sympathische 
Nervensystem als Vermittler der Wirkungen der inneren Welt, das 
Gehirn- und Ruckenmark-Nervensystem derjenige der aufieren Welt. 
Mystische Versenkung in das eigene Innere schafft starkere Verbin- 
dung zwischen Blut und sympathischem Nervensystem. Wesen der 
mystischen Versenkung. Rhythmisierende Funktion der Milz fiihrt 
zum inneren Eigenrhythmus. Saturnwirkung im Kosmos. Notwendig- 
keit des wieder in Einklangbringens der Eigenrhythmen mit den Wel- 
tenrhythmen; die Kronossage. Physiologische Bedeutung von 
Mythenbildern. 



Vierter Vortrag, 23. Marz 1911 

Milz. Organe als Ausdruck von geistigen Wirkungen. Umrhythmi- 
sierung der Nahrung und ihre Anpassung an die menschliche Organi- 
sation durch Milz, Leber, Galle. Beziehung zur Aufienwelt durch 
Atmung und Blut. Begegnung dieser zwei Weltenkraftssysteme im 
Herzen. Harmonisierung der Systeme durch das Nierensystem. Herz 
und Blutsystem als Mitte des Organismus. Das innere Weltsystem und 
das Blut als Werkzeug des Ich. Beziehungen des Ich zu Atmung und 
Wahrnehmung. Verhaltnis der immateriellen zu den materiellen Pro- 
zessen. Uberleitung der Seelenerlebnisse auf den Atherleib. Bildung 
der Gedachtnisvorstellungen. Bedeutung von Epiphyse und Hypo- 
physe. 



Funfter Vortrag, 24. Marz 1911 

Uber Wesen und Begriff des Organs; der iibersinnliche Organismus. 
Betrachtung des Atherleibes und der Wirkungen des Astralleibes und 
des Ich. Unterschiede in den Zusammenwirkungen der Kraftsysteme. 
Der physische Leib als Kraftsystem. Der Begriff des Gesamtorgans. 
Das Wider standfinden als Anlafi zur Selbstwahrnehmung; das Abson- 
dern als ein inneres Widerstandfinden. Das Erleben des Ich durch 
Veranderung des Blutes. Die Gestalt des Menschen und die menschli- 
chen Fahigkeiten. Die hautbildenden, von innen nach aufien dringen- 
den, formbildenden Krafte. Widerstand gegen die durch Nahrung 
aufgenommenen Stoffe durch Umanderung von deren Regsamkeit: 
Bewegungskrafte. Gegensatz von Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem 
und sympathischem Nervensystem: Funktion von Epiphyse und 
Hypophyse. 



Sechster Vortrag, 26. Marz 1911 

Die Haut als Ausdruck des Ich und das menschliche Bewufksein. Das 
Blutsystem als das Ich in die ganze Organisation tragend. Unterschied 
zwischen LebensprozefS und dem Stoffumlagerungsvorgang. Das Sich- 
Gewahrwerden des Organismus durch die Absonderung der Stoffe in 
das Innere des Organismus. Organisationskrafte des menschlichen 
Leibes als Gesetze zur Gestaltung des Blutkreislaufes; Einfugung der 
Organe in denselben. Das Blutsystem als das durch Ich-Erlebnisse 
bestimmbarste System unter den Organen. Das Knochensystem, die 
alteste Art des Ernahrungsprozesses in der Entwicklung. Die Unbe- 
stimmbarkeit des Knochensystems; Blutsystem im Gegensatz dazu. 
Knochensystem: im Sinne des Ich wirkend, aber von ihm unbestimm- 
bar. Blutsystem: Ich-Prozesse regsam aufnehmend. Zur Phrenologie. 



Siebenter Vortrag, 27. Marz 1911 

Blut als Werkzeug des Ich. Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem: 
bewufttes Leben. Sympathisches Nervensystem: zuriickhalten des 
Bewulkseins vom Leben des inneren Weltsystems. Knochensystem, 
menschliche Form fiir das Ich-Leben; Unabhangigkeit des Inneren 
von Aufienwelt, Konstanz und Unabhangigkeit der Blutwarme. Mate- 
rielle Vorgange durch alle Prozesse des Seelenlebens : Denkvorgang, 
Fiihlen, Willensprozefi. Bewulke und unbewufite Ich-Organisation: 
Knochensystem und Ich. Das innere Weltsystem und der Astralleib. 
Die zwei grundlegenden Vorgange des Denkens. Knochensystem und 
Salzablagerung. Gefuhlsprozesse und Quellungsvorgange. Willensvor- 
gange und Erwarmungsprozesse. Das Blut als das unabhangigste 
Organsystem und als Schutzer der anderen Organsysteme. Die roten 
Blutkorperchen. Eigentumlichkeit des Blutes. Therapeutische Aus- 
blicke. 

Achter Vortrag, 28. Marz 1911 

Das iibersinnliche Kraftsystem: die menschliche Form. Eingliederung 
der Nahrungsstoffe in den Lebensprozefi; Umwandlung derselben 
durch das innere Weltsystem. Das allem Organbilden zugrundelie- 
gende Gewebe: Pflanzenprozefi. Vom Leben zum Erleben: Absonde- 
rung ins Lymphsystem ergibt dumpfes Bewulksein. Ich-Bewufitsein 
durch Aufschliefien nach aufien. Ich, Blut, Gallenbildungsprozefi dem 
Ernahrungs strom begegnend. Herz sich aufschliefiend nach aufien 
durch Lunge. Absonderung von Kohlensaure und von den harnfahi- 
gen Substanzen. Herz als Mittelpunktsorgan. Planetensystem und 
inneres Weltsystem; Metalle und Organe. Salze und leicht oxydierbare 
Stoffe als regulierende Mittel. Wirksamkeit pflanzlicher Stoffe. 
Umwandlung fruherer in spatere Organformen; auf- und absteigende 
Entwicklung. Bedeutung des weiblichen und des mannlichen Anteils, 
an der Entstehung des Menschenbildes. Verwandlung der Organtatig- 
keit durch das Blut bis zum Erwarmungsprozefi, unter dessen Einflufi 
bis zum Mitgefuhl. Verwandlung der Warme in Mitgefuhl als Erden- 
mission. 

Sondervortrag, 28. Marz 1911 

Aphorismen uber die Beziehung von Theosophie und Philosophic 

Eine Betracbtung zu den Vortrdgen uber «Okkulte Pbysiologie» 

Die Notwendigkeit praziser philosophischer Formulierungen. Wah- 
rend sich die heutige Philosophic im Abstrakten bewegt, schlagt die 
Theosophie eine Briicke vom Geistigen zum Tatsachlichen. Begriffe, 
die an der aufieren Wahrnehmung gebildet werden, mussen sich mit 



den Begriffen die aus der geistig-iibersinnlichen Wahrnehmung 
gewonnen werden, auf dem Begriffsfelde treffen. Der Bezug des 
Bewufitseinsinhaltes zur Realitat. Das Ich ist umfassender als die 
Sphare der Subjektivitat. Der Satz, es konne nichts von dem Transsub- 
jektiven in das Subjektive hineinkommen, hat nur eine begrenzte Gel- 
tung. Maskierter Materialismus in der konventionellen Erkenntnis- 
theorie. Die Pflicht zum Erkennen. 

Einladung zum Vortrags-Zyklus 200 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 201 

Hinweise zum Text 206 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 215 



ERSTER VORTRAG 



Prag, 20. Marzl911 



In diesem Vortragszyklus, der auf Veranlassung unserer Prager 
Freunde gehalten wird, soli ein Thema behandelt werden, welches 
dem Menschen ungeheuer naheliegt, weil es ja das genauere Wesen 
des Menschen unmittelbar beriihrt und von dem handelt, was sich auf 
sein physisches Leben selber bezieht. Wenn dieses Thema auch auf 
der einen Seite dem Menschen so naheliegt, weil es ihn ja selbst 
betrifft, so darf man doch sagen, dafi es auf der anderen Seite ein sehr 
schwer zugangliches Thema ist. Denn schon der Blick auf die durch 
alle Zeiten, man mochte sagen, aus mystisch-okkulten Hohen an den 
Menschen dringende Forderung «Erkenne dich selbst» zeigt uns die 
Tatsache, daft Selbsterkenntnis, wirkliche, wahre Selbsterkenntnis, 
im Grunde genommen dem Menschen recht schwierig ist, und das 
bezieht sich nicht nur auf die individuelle, personliche Selbsterkennt- 
nis, sondern vor alien Dingen auch auf die Erkenntnis der mensch- 
lichen Wesenheit iiberhaupt. Und weil der Mensch - wie man sehen 
kann aus dieser ewigen Forderung «Erkenne dich selbst» - sich selbst 
seiner Wesenheit nach so sehr fernsteht, einen so weiten Weg hat, um 
sich selbst zu verstehen, deshalb wird in einer gewissen Beziehung 
das, was Gegenstand der folgenden Betrachtungen dieser Tage wer- 
den wird, als etwas Fernliegendes erscheinen, zu dessen Verstandnis 
sehr Verschiedenes notwendig ist. Nicht ohne Grund ging ich selbst 
erst nach langerer Zeit und reiflicher Uberlegung daran, auch einmal 
iiber dieses Thema zu sprechen. Denn es ist ein Thema, demgegen- 
iiber - soil man zu einer wahren, wahrhaften Betrachtung kommen — 
etwas unbedingt notwendig ist, was bei einer gewohnlichen wissen- 
schaftlichen Betrachtung so oft aufier acht gelassen wird: Notwendig 
ist, dafi man vor der Wesenheit des Menschen - wohlgemerkt, nicht 
vor der Wesenheit des einzelnen Menschen, insbesondere dann nicht, 
wenn dieser einzelne Mensch wir selber sind — , dafi man vor dem 
Wesen des Menschen im allgemeinen Ehrfurcht habe. Und es mufi 
als eine Grundbedingung fur unsere folgenden Betrachtungen angese- 



hen werden, dafi man Ehrfurcht habe vor dem, was die menschliche 
Wesenheit in Wahrheit bedeutet. 

Wie kann man denn davor wahrhafte Ehrfurcht haben? Auf keine 
andere Art, als daft man zunachst absieht von dem, wie der Mensch - 
ganz gleichgiiltig, ob wir selbst oder ein anderer - uns im alltaglichen 
Leben erscheint, und indem man sich aufschwingt zu der Anschau- 
ung: Dieser Mensch mit seiner gesamten Entwickelung ist nicht um 
seiner selbst willen da, er ist da zur Offenbarung des Geistes, der 
ganzen Welt des Gottlich-Geistigen, er ist eine Offenbarung der 
Weltengottheit, des Weltengeistes. Und fiir diejenigen, die erkennen, 
daft alles, was uns umgibt, Ausdruck ist fiir gottlich-geistige Krafte, 
fiir die ist es auch moglich, diese Ehrfurcht zu empfinden, nicht nur 
fiir das Gottlich-Geistige selbst, sondern auch fiir die Offenbarungen 
dieses Gottlich-Geistigen. Und wenn wir davon sprechen, dafi der 
Mensch nach immer vollkommenerer Selbsterkenntnis trachte, so 
sollen wir uns dariiber klar sein, dafi nicht blofi Neugierde, meinet- 
willen auch Wifibegierde, uns veranlassen soli, nach Selbsterkenntnis 
zu streben, sondern daft wir es als Pflicht empfinden miissen, die 
Erkenntnis der Offenbarungen des Weltengeistes durch den Men- 
schen immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. In die- 
sem Sinne sind die Worte zu verstehen: Unwissend zu bleiben, wo 
Erkenntnis moglich ist, bedeutet eine Versundigung gegen die gottli- 
che Bestimmung des Menschen. Denn der Weltengeist hat in uns die 
Kraft gelegt, wissend zu werden; und wenn wir nicht erkennend 
werden wollen, so lehnen wir es ab - was wir eigentlich nicht diirf- 
ten -, eine Offenbarung des Weltengeistes zu sein, und stellen immer 
mehr und mehr nicht eine Offenbarung des Weltengeistes dar, son- 
dern eine Karikatur, ein Zerrbild von ihm. Es ist unsere Pflicht, nach 
Erkenntnis zu streben, um immer mehr und mehr ein Bild des 
Weltengeistes zu werden. Erst wenn wir mit diesen Worten einen 
Sinn verbinden konnen, «ein Bild des Weltengeistes zu werden», erst 
wenn es uns bedeutungsvoll wird, in diesem Sinne zu sagen: Wir 
miissen erkennen, es ist unsere Pflicht zu erkennen -, erst dann 
konnen wir das vorhin geforderte Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber 
der Wesenheit des Menschen so recht empfinden. Und fiir den, der 



im okkulten Sinne das Leben des Menschen, das Wesen des Men- 
schen betrachten will, fiir den ist diese Durchdringung mit Ehrfurcht 
vor der menschlichen Natur schon deshalb eine unbedingte Notwen- 
digkeit, weil diese Durchdringung mit Ehrfurcht einzig und allein 
geeignet ist, unsere geistigen Augen und unsere geistigen Ohren, 
unser ganzes geistiges Schauvermogen wachzurufen, das heifit dieje- 
nigen Krafte, die uns eindringen lassen in die geistigen Untergriinde 
der menschlichen Natur. Wer als Seher, als Geistesforscher nicht im 
hochsten Grade Ehrfurcht haben konnte vor der menschlichen 
Natur, wer sich nicht durchdringen kann bis in die innersten Fibern 
seiner Seele mit dem Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber der Menschen- 
natur, dem Abbild des Geistes, dem bliebe das Auge, wenn es noch 
so geoffnet ist fiir diese oder jene geistigen Geheimnisse der Welt, 
verschlossen fiir alles das, was sich auf die eigentlich tiefere Wesen- 
heit des Menschen selber bezieht. Und es mag viele Hellseher geben, 
welche dieses oder jenes schauen konnen in dem geistigen Umkreis 
unseres Daseins: Wenn ihnen diese Ehrfurcht fehlt, dann fehlt ihnen 
das Vermogen, in die Tiefen der menschlichen Natur hineinzu- 
schauen, und sie werden nichts Richtiges iiber das zu sagen wissen, 
was des Menschen Wesenheit ist. 

Man nennt ja die Lehre von den Lebensvorgangen des Menschen 
«Physiologie». Diese Lehre soli hier nicht in der Weise betrachtet 
werden, wie es in der aufieren Wissenschaft geschieht, sondern so, 
wie sie dem geistigen Auge sich darbietet, so dafi wir von den aufieren 
Gestaltungen des Menschen, von der Form und den Lebensvorgan- 
gen seiner Organe immer hinblicken auf die geistige, ubersinnliche 
Grundlage der Organe, der Lebensformen, der Lebensprozesse. Und 
da nicht die Absicht besteht, diese «okkulte Physiologie», wie man 
auch sagen konnte, in irgendeiner unsachlichen Weise hier zu treiben, 
so wird es notwendig sein, daft in einer gewissen unbefangenen Weise 
an manchen Stellen Hindeutungen gemacht werden auf Dinge, wel- 
che dem mehr oder weniger Aufienstehenden am Anfang recht 
unwahrscheinlich klingen werden. Es mufi ausdriicklich betont wer- 
den, dafi dieser Vortragszyklus, noch mehr als mancher andere, den 
ich gehalten habe, ein Ganzes bildet und dafi aus einzelnen Vortra- 



gen, insbesondere aus den Anfangsvortragen, nichts aus dem Zusam- 
menhang herausgerissen beurteilt werden kann, weil manches unbe- 
fangen wird gesagt werden miissen. Und erst, wenn man die Schlufi- 
vortrage gehort haben wird, wird man sich ein Urteil bilden konnen 
iiber das, was eigentlich gesagt werden soil. Denn das Thema wird 
hier in einer etwas anderen Weise behandelt werden als in der aufie- 
ren Physiologic Die Anfangsgriinde werden sich auch bestatigen 
durch das, was uns zuletzt entgegentreten wird. Wir werden sozu- 
sagen nicht eine gerade Linie vom Anfang bis zum Ende zu be- 
schreiben haben, sondern wir werden in einer Kreislinie vorgehen, 
so dafi wir am Ende dort wieder ankommen, von wo wir ausgegan- 
gen sind. 

Eine Betrachtung des Menschen soli es sein, was hier dargeboten 
wird. Zunachst tritt uns dieser Mensch fur die aufieren Sinne seiner 
aufieren Form nach entgegen. Wir wissen ja, dafi zu dem, was 
zunachst die reine aufiere laienhafte Betrachtung iiber den Menschen 
wissen kann, heute schon sehr vieles kommt, was die Wissenschaft 
hinzuerforscht hat. Daher miissen wir das, was wir in aufierer Weise, 
aus der aufieren Erfahrung und Beobachtung iiber den Menschen 
heute wissen konnen, notwendigerweise zusammenstellen aus dem, 
was schon der Laie an sich und an anderen Menschen zu beobachten 
in der Lage ist, und dem, was der Wissenschaft gelungen ist zu 
erforschen, welche durch bewunderungswiirdige Methoden, durch 
bewunderungswiirdige Instrumente zu ihren Resultaten iiber die 
Leiblichkeit des Menschen kommt. 

Wenn man alles zusammenhalt, was man als Laie rein aufierlich am 
Menschen sehen kann, was man vielleicht auch schon aus irgendwel- 
chen popularen Beschreibungen kennengelernt hat, dann wird es 
vielleicht nicht unverstandlich sein, wenn darauf aufmerksam 
gemacht wird, dafi schon die aufiere Gestalt des Menschen, wie sie 
uns in der Aufienwelt entgegentritt, aus einer Zweiheit besteht. Fiir 
den, der in die Tiefen der Menschennatur eindringen will, ist es 
durchaus notwendig, sich bewulk zu werden, daft schon der aufiere 
Mensch seiner Form und Gestaltung nach im Grunde genommen 
eine Zweiheit darstellt. 



Das eine, das wir am Menschen deutlich unterscheiden konnen, ist 
alles das, was sich als eingeschlossen erweist in Organe, die den 
groikmoglichen Schutz gegen die Au£enwelt gewahren. Es ist alles 
das, was wir zahlen konnen zum Bereich des Gehirns und des Ruk- 
kenmarkes. Alles, was in dieser Beziehung zur menschlichen Natur 
gehort, zu Gehirn und Riickenmark, ist fest umschlossen von siche- 
ren, Schutz gewahrenden Knochengebilden. Wenn wir schematisch 
darstellen wollen, was zu diesen beiden Bereichen gehort, so konnen 
wir uns das in folgender Weise veranschaulichen : Wenn a (siehe 
Zeichnung) schematisch darstellt die Summe der ubereinandergela- 




gerten Wirbelknochen, die langs des Ruckenmarkes verlaufen, b die 
Schadeldecke und die Schadelknochen, so ist eingeschlossen inner- 
halb des Kanales, der gebildet wird durch die iibereinandergelagerten 
Wirbelknochen sowie durch die Knochen des Schadels, alles, was in 
den Bereich des Gehirns und des Ruckenmarkes gehort. Man kann 
den Menschen nicht betrachten, ohne sich bewufit zu werden, dafi 
alles, was in diesen Bereich gehort, im Grunde genommen eine in sich 
geschlossene Ganzheit bildet und dafi alles iibrige vom Menschen, 
das wir in verschiedenster Weise physiologisch angliedern konnen — 
Hals, Rumpf, Gliedmafiengebilde -, mit Gehirn und Riickenmark in 
Verbindung steht durch, bildlich gesprochen, mehr oder weniger 
fadenformige oder bandformige Gebilde. Diese miissen erst die 



Schutzhulle durchbrechen, damit eine Verbindung hergestellt werden 
kann mit dem innerhalb dieser Knochengebilde eingeschlossenen 
Teil. So konnen wir sagen: Es erweist sich schon einer oberflachli- 
chen Betrachtung gegeniiber alles, was am Menschen ist, als eine 
Zweiheit; das eine liegt innerhalb der charakterisierten Knochen- 
gebilde in festen und sicheren Schutzhullen, das andere aufierhalb 
derselben. 

Nun miissen wir zunachst einen ganz oberflachlichen Blick auf das 
werfen, was innerhalb dieser Knochengebilde liegt. Da konnen wir 
wieder leicht unterscheiden zwischen jener grofien Masse, die in die 
Schadelknochen eingebettet ist als Gehirn, und dem anderen Teil, der 
wie ein Stiel oder Strang daranhangt, der in organischer Verbindung 
mit dem Gehirn steht und sich wie eine Art fadenformiger Auswuchs 
desselben in den Ruckgratkanal hineinstreckt, das Ruckenmark. 
Wenn wir diese zwei Gebilde voneinander unterscheiden, dann miis- 
sen wir schon auf etwas aufmerksam machen, worauf die aufiere 
Wissenschaft nicht aufmerksam zu machen braucht, worauf aber die 
okkulte Wissenschaft, die in die Tiefe des Wesens der Dinge einzu- 
dringen hat, wohl aufmerksam machen mull. Es mufi darauf auf- 
merksam gemacht werden, dalS alles, was wir auf dem Boden einer 
Betrachtung uber den Menschen sagen, sich zunachst nur auf den 
Menschen bezieht. Denn in dem Augenblick, wo man in die tieferen 
Griinde der einzelnen Organe eindringt, wird man gewahr - wir 
werden im Laufe der Vortrage schon sehen, dafi es so ist -, dafi ein 
Organ eine ganz andere Aufgabe haben kann in seiner tieferen 
Bedeutung beim Menschen als ein ahnliches oder gleichartiges Organ 
in der tierischen Welt. Wer in der gewohnlichen aufieren Wissen- 
schaft die Dinge betrachtet, wird sagen: Was du uns hier gesagt hast, 
kann man ja auch sagen in bezug auf die Saugetiere. — Aber, was iiber 
die Bedeutung der Organe in bezug auf den Menschen gesagt wird, 
das kann nicht, wenn man tiefer in die Sache dringt, in gleicher Weise 
fur die Tiere gesagt werden, sondern die okkulte Wissenschaft hat die 
Aufgabe, die Tiere fur sich zu betrachten und nachzusehen, ob 
dasselbe, was fur den Menschen in bezug auf Ruckenmark und 
Gehirn zu sagen ist, auch fur die Tiere gilt. Denn dafi die Tiere, die 



dem Menschen nahestehen, auch Ruckenmark und Gehirn haben, 
das beweist noch nicht, daft diese Organe fur Mensch und Tier 
dieselben Aufgaben haben, so wie man, um einen Vergleich zu 
gebrauchen, ein Messer in der Hand haben kann, um damit meinet- 
willen ein Kalb zu tranchieren oder auch um damit zu radieren. Beide 
Male hat man es mit einem Messer zu tun, und wer nur Riicksicht 
nimmt auf die Form des Messers, der wird glauben, daft es sich in 
beiden Fallen um dasselbe handelt. In derselben Lage ware derjenige, 
welcher glaubt, weil sich bei Mensch und Tier dieselben Organe - 
Gehirn und Ruckenmark - finden, so wiirden diese zu denselben 
Verrichtungen dienen. Das ist aber nicht wahr. Das ist etwas, was in 
der aufteren Wissenschaft gang und gabe geworden ist und zu gewis- 
sen Ungenauigkeiten gefiihrt hat und was nur wird korrigiert werden 
konnen, wenn sich die auftere Wissenschaft dazu bequemen wird, 
allmahlich auf das einzugehen, was aus den Tiefen der iibersinnlichen 
Forschung iiber die Charaktere der Wesenheiten gesagt werden kann. 

Wenn wir nun betrachten das Ruckenmark auf der einen Seite, das 
Gehirn auf der anderen Seite, so werden wir leicht sehen, daft das eine 
gewisse Wahrheit hat, worauf denkende Naturbetrachter schon seit 
mehr als hundert Jahren aufmerksam gemacht haben. Es hat eine 
gewisse Richtigkeit zu sagen: Wenn man das Gehirn betrachtet, so 
sieht es gleichsam aus wie ein umgebildetes Ruckenmark. - Das wird 
ja noch leichter begreiflich, wenn man sich daran erinnert, daft Goe- 
the, Oken und andere Naturbetrachter vor alien Dingen den Blick 
darauf gerichtet haben, daft die Schadelknochen gewisse Formahn- 
lichkeiten haben mit den Wirbelknochen des Riickgrates. Es war 
Goethe, der die Formahnlichkeiten der Organe aufmerksam betrach- 
tet hat, sehr friih in seinen Betrachtungen aufgefallen, daft, wenn man 
einzelne Wirbelknochen sich umgestaltet denkt, verflacht und aufge- 
trieben, daft man dann durch eine solche Umgestaltung der Wirbel- 
knochen zum Kopfknochen, zum Schadelknochen kommt. Gleich- 
sam dadurch, daft man einen Wirbelknochen nach alien Seiten auf- 
blast, so daft er flach wird in seinen Ausdehnungen, wird man nach 
und nach aus einem Wirbelknochen die Form des Schadelknochens 
ableiten konnen. So kann man in einer gewissen Beziehung die Scha- 



delknochen umgestaltete Wirbelknochen nennen. Geradeso nun, wie 
man die Schadelknochen, die das Gehirn umschliefien, als umgebil- 
dete Wirbelknochen ansehen kann, so kann man sich die Masse des 
Riickenmarkes gleichsam aufgetrieben denken, differenzierter, kom- 
plizierter gemacht, und man bekommt aus dem Riickmark, gewisser- 
mafien durch Umwandlung, das Gehirn. So etwa, wie eine Pflanze, 
die zunachst nur griine Blatter hat, diese umbildet, differenziert, um 
buntfarbige Bliitenblatter hervorzubringen, wie also die Bliiten diffe- 
renzierte Blatter sind, so konnen wir uns denken, dafi durch Umge- 
staltung, durch Differenzierung der Form, durch Heraufheben des 
Riickenmarkes auf eine hohere Stufe, das Gehirn gebildet werden 
konnte. Man kann sich also vorstellen, dafi wir in unserem Gehirn ein 
differenziertes Riickenmark sehen konnen. 

Nun schauen wir von diesem Gesichtspunkt aus uns die beiden 
Organe an. Welches dieser Organe miissen wir auf natiirliche Weise 
als das jiingere betrachten? Das ist die Frage, die wir uns vorlegen 
miissen. Doch zweifellos nicht dasjenige, welches die abgeleitete 
Form zeigt, sondern das, welches die ursprungliche Form hat. Das 
herik, wir miissen uns denken, das Riickenmark steht auf einer ersten 
Stufe der Entwickelung, es ist jiinger, und das Gehirn steht auf einer 
zweiten Stufe. Es hat zuerst die Stufe des Riickenmarkes durchge- 
macht, es ist ein verwandeltes Riickenmark und ist also als das altere 
Organ zu betrachten. Mit anderen Worten, wenn wir diese neue 
Zweiheit, die uns am Menschen als Gehirn und Riickenmark entge- 
gentritt, ins Auge fassen, so konnen wir sagen: Es miissen alle Krafte, 
die zur Gehirnbildung fiihrten, altere Krafte sein, denn sie miissen 
auf einer friiheren Stufe erst die Anlage zum Riickenmark gebildet 
haben und dann weitergewirkt haben zur Umbildung des Riicken- 
markes zum Gehirn. Es mufi also gleichsam ein zweiter Ansatz 
gemacht worden sein in unserem Riickenmark, das als solches noch 
nicht so weit fortgeschritten ist, sondern eben stehengeblieben ist auf 
einer friiheren Stufe der Entwickelung. Wir haben also, wenn wir uns 
jetzt pedantisch genau ausdriicken wollen, in dem Riickenmark- 
Nervensystem ein Riickenmark erster Ordnung zu sehen und in 
unserem Gehirn ein Riickenmark zweiter Ordnung, ein umgebildetes 



alteres Riickenmark, ein Riickenmark, das einmal ein solches war, 
aber zum Gehirn umgebildet worden ist. 

Damit haben wir zunachst in ganz genauer Weise auf das hinge- 
wiesen, was notwendig in Betracht zu ziehen ist, wenn wir die 
Organmassen, welche innerhalb dieser Knochenschutzhullen einge- 
schlossen sind, sachgemafi ins Auge fassen wollen. Nun aber kommt 
etwas anderes in Betracht, was uns erst auf dem Felde des Okkultis- 
mus entgegentreten kann. Man kann eine Frage aufwerfen, namlich: 
Wenn eine solche Umbildung stattfindet von einer Organanlage 
erster Stufe zu einer Organanlage zweiter Stufe, ist dann der Entwik- 
kelungsprozefi ein forts chreitender oder ein rucklaufiger? Das heifit, 
kann es ein solcher Prozefi sein, der zu hoheren Vollkommenheits- 
stufen eines Organes fuhrt, oder aber ein solcher Prozefi, der das 
Organ zum Degenerieren, zum allmahlichen Absterben bringt? - 
Betrachten wir ein Organ wie zum Beispiel unser Riickenmark. So 
wie es jetzt ist, so erscheint es uns als ein verhaltnismafiig wenig 
fortgeschrittenes Organ, man konnte es als jung bezeichnen, denn es 
hat es noch nicht dahin gebracht, ein Gehirn zu werden. Wir konnen 
aber in zweifacher Weise iiber dieses Riickenmark denken. Einmal 
konnen wir uns denken, es habe in sich die Krafte, auch einmal ein 
Gehirn zu werden, dann ist es in fortschreitender Entwickelung. 
Oder es habe gar nicht die Anlage dazu, diese zweite Stufe je zu 
erreichen, dann ware es in absteigender Entwickelung, es wiirde in 
die Dekadenz gehen und bestimmt sein, die erste Stufe anzudeuten, 
jedoch nicht zur zweiten Stufe zu kommen. Wenn wir uns nun 
denken, daft unserem jetzigen Gehirn einmal ein Riickenmark 
zugrunde gelegen hat, so hat das damalige Riickenmark zweifellos 
fortschreitende Krafte gehabt, denn es ist ja zum Gehirn geworden. 
Fragen wir uns aber jetzt nach unserem jetzigen Riickenmark, dann 
sagt uns die okkulte Betrachtungsweise: So wie unser Riickenmark 
heute ist, hat es in der Tat nicht in sich die Anlage zu einer fortschrei- 
tenden Entwickelung, sondern es bereitet sich vor, seine Entwicke- 
lung auf der gegenwartigen Stufe abzuschlieften. - Wenn ich mich 
grotesk ausdriicken darf: Der Mensch hat nicht zu glauben, dafi er 
einmal sein Riickenmark, wie es heute ist in Form eines diinnen 



Stranges, so aufgeplustert haben wird wie das heutige Gehirn. Wir 
werden noch sehen, was der okkulten Betrachtung zugrunde liegt, 
um so etwas sagen zu konnen. Schon aus einem reinen Vergleiche der 
Form dieses Organes, des Riickenmarkes, wie es beim Menschen 
auftritt und wie beim Tiere, sehen Sie eine aufiere Hindeutung auf 
das, was jetzt gesagt worden ist. Da sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel 
eine Schlange nehmen, wie in unzahligen Ringen hinter dem Kopf 
das Ruckgrat ansetzt, ausgefullt ist vom Ruckenmark und wie das 
Riickgrat in einer Art gebildet ist, die fast endlos so weiter verlaufen 
konnte. Beim Menschen sehen wir, wie das Ruckenmark von der 
Stelle, wo es sich an das Gehirn ansetzt, nach unten zu verlaufend, in 
der Tat immer mehr und mehr sich zusammenschlielk und nach 
unten hin immer undeutlicher und undeutlicher jene Bildung zeigt, 
die es in den oberen Partien aufweist. So kann auch durch die aufiere 
Betrachtung schon auffallen, wie das, was sich bei der Schlange nach 
riickwarts fortsetzt, beim Menschen einem Abschluft, einer Art 
Degeneration zueilt. Das ist zunachst eine aufiere vergleichende 
Betrachtungsweise. Wir werden sehen, wie sich die okkulte Betrach- 
tung ausnimmt. 

Wenn wir dies jetzt zusammenhalten, so diirfen wir sagen: Wir 
haben eingeschlossen in jenes Knochengebilde des Schadels ein Riik- 
kenmark, das in fortschreitender Bildung zum Gehirn geworden ist, 
das auf einer zweiten Stufe seiner Entwickelung steht. Und wir haben 
gleichsam noch einmal einen Versuch, ein solches Gehirn zu bilden in 
unserem Ruckenmark, aber einen Versuch, der schon jetzt zeigt, daft 
er nicht gelingen wird. 

Sehen wir jetzt von dieser Betrachtung ab und gehen zu dem iiber, 
was wir auch wieder schon aus einer aufieren laienhaften Betrachtung 
kennen: zu den Aufgaben, die Gehirn und Ruckenmark zu erfiillen 
haben. Es ist ja jedem mehr oder weniger bekannt, dafi das Werkzeug 
fur die sogenannten hoheren Seelentatigkeiten das Gehirn ist, dafi 
diese hoheren Seelentatigkeiten von dem Organ des Gehirns dirigiert 
werden. Es ist weiterhin jedem bekannt, dafi die mehr unbewulken 
Seelentatigkeiten vom Ruckenmark und den sich anschliefienden 
Nerven dirigiert werden, diejenigen Seelentatigkeiten namlich, bei 



welchen zwischen dem aufieren Eindruck und der Handlung, die 
auf den aufieren Eindruck folgt, wenig Uberlegung sich einschiebt. 
Wenn Sie zum Beispiel von einem Insekt in die Hand gestochen 
werden, ziehen Sie die Hand zuriick, Sie zucken zuriick; da schiebt 
sich zwischen Stich und Zuriickziehen der Hand keine grofie Uberle- 
gung ein. Diese Seelentatigkeiten werden mit Recht schon von der 
aufkren Wissenschaft so angesehen, dafi ihnen als ihr Werkzeug das 
Riickenmark zugeteilt ist. Wir haben andere Seelentatigkeiten, bei 
denen sich zwischen den aufteren Eindruck und das, was zuletzt zur 
Handlung fuhrt, eine reichere Uberlegung einschiebt; diese haben ihr 
Organ im Gehirn. Denken Sie, um gleich ein markantes Beispiel zu 
nehmen, an einen Kiinstler, der die aufiere Natur betrachtet, der seine 
Sinne anstrengt und unzahlige Eindriicke sammelt; dann geht eine 
lange Zeit voriiber, in der er diese Eindriicke in seiner Seele verarbei- 
tet. Endlich, oft erst nach Jahren, geht er dazu iiber, das, was aus den 
aufieren Eindriicken in langer Seelentatigkeit geworden ist, durch 
aufiere Handlungen zu fixieren. Da schiebt sich zwischen au£eren 
Eindruck und das, was durch den Menschen aus dem aufieren Ein- 
druck gemacht wird, eine reichere Seelentatigkeit ein. Dasselbe ist 
auch beim wissenschaftlichen Forscher der Fall, aber auch bei jedem 
Menschen, der sich die Dinge, die er tun will, iiberlegt und nicht wild 
darauflossturzt wie ein Stier, wenn er rote Farbe sieht. Uberall, wo 
der Mensch nicht aus einer Reflexbewegung handelt, sondern sich 
seine Handlungen iiberlegt, sprechen wir vom Gehirn als einem 
Werkzeug der Seelentatigkeit. 

Wenn wir noch tiefer auf diese Sache eingehen, werden wir uns 
fragen: Ja, wie zeigt sich denn diese unsere Seelentatigkeit, fur welche 
wir das Gehirn als Werkzeug in Anspruch nehmen? Sie zeigt sich in 
zweifacher Art. Zunachst werden wir sie gewahr in unserem wachen 
Tagesleben. Was tun wir da? Wir sammeln durch die Sinne die 
aufieren Eindriicke und verarbeiten diese durch das Gehirn durch 
verniinftige Uberlegung. Wir miissen uns vorstellen, da$ die aufieren 
Eindriicke durch die Tore der Sinne in uns hineinwandern und 
gewisse Prozesse in unserem Gehirn anregen. Wenn wir hineinblik- 
ken konnten in das Gehirn und in das, was da geschieht, so wiirden 



wir sehen, wie unser Gehirn in Tatigkeit versetzt wird durch den sich 
hineinergieftenden Strom der aufieren Eindriicke, und wir wiirden 
sehen, was aus diesen Eindriicken wird durch das, was die menschli- 
che Uberlegung bewirkt. Wir wiirden dann sehen, wie sich hinzuge- 
sellen auch die weniger von Uberlegung beeinflulken Folgen dieser 
Eindriicke, das heifit Taten und Handlungen, die wir mehr seinem 
Werkzeug, dem Riickenmark, zuzuschreiben haben. 

Jetzt miissen wir unsere Aufmerksamkeit richten auf die zwei 
Zustande, in welchen der heutige Mensch das ganze Leben hindurch 
abwechselnd lebt, das wache Tagesleben und das bewufitlose Schlaf- 
leben. Aus fruheren Vortragen ist es uns gelaufig, dalS am Tage die 
vier Wesensglieder des Menschen zusammen sind, wahrend beim 
Schlafen Astralleib und Ich sich herausheben. Nun kennen wir alle 
jenen eigentiimlichen Zustand, der sich mischt zwischen das wache 
Tagesleben und das bewulklose Schlafleben: das Traumleben. Es soil 
zunachst in keiner anderen Weise iiber das Traumleben gesprochen 
werden als so, wie es der Laie beobachten kann. Wir sehen, dafi das 
Traumleben eine merkwiirdige Ahnlichkeit hat mit jener untergeord- 
neten Seelentatigkeit, die wir an das Riickenmark kniipfen. Denn 
wenn die Traumbilder auftreten in unserer Seele, treten sie nicht auf 
als Vorstellungen, die der Uberlegung entspringen, sondern sie treten 
mit Notwendigkeit auf, ahnlich wie etwa die unwillkuriiche Handbe- 
wegung auftritt, wenn wir eine Fliege verjagen, die sich auf unsere 
Hand setzt; als unmittelbare, notwendige Abwehrbewegung tritt da 
eine Handlung auf. Beim Traumleben ist es etwas anders; es kommt 
nicht zu einer Handlung, aber mit einer ebenso unmittelbaren Not- 
wendigkeit treten Bilder in unseren Seelenhorizont hinein. Aber so 
wenig, wie wir im wachen Tagesleben einen Uberlegungseinflufi 
haben auf die Handbewegung, die wir machen, wenn sich eine Fliege 
auf unsere Hand setzt, ebensowenig haben wir einen Einflufi auf die 
chaotisch in uns auf- und abwogenden Traumbilder. Daher konnen 
wir sagen: Wenn wir einen Menschen im wachen Tagesleben erblik- 
ken und absehen von alle dem, was in ihm vorgeht, wenn wir nur 
seine Reflexbewegungen betrachten, alle Gesten und physiognomi- 
schen Ausdriicke, die er nur auf aufiere Eindriicke hin, also ohne 



Uberlegung vollbringt, so haben wir da eine Summe von solchen 
Handlungen vor uns, die aus Notwendigkeit beim Menschen eintre- 
ten. Erblicken wir dagegen einen traumenden Menschen, so sehen 
wir eine Summe von Bildern in das Wesen des Menschen hineinwir- 
ken, die jetzt nicht zu Handlungen fiihren, sondern nur Bildcharak- 
ter haben. Wie im wachen Tagesleben die ohne Uberlegungen vor 
sich gehenden Handlungen des Menschen sich vollziehen, so 
erscheint im Menschen die Bilderwelt der chaotisch ineinander- 
wogenden Traumvorstellungen. 

Wenn wir nun hinblicken auf unser Gehirn und es auch ansehen 
wollen als ein Werkzeug des Traumbewufitseins, was miissen wir da 
tun? Wir miissen uns denken, dafi in diesem Gehirn etwas drinnen 
ist, was sich in gewisser Weise ahnlich benimmt wie unser Riicken- 
mark, das zu den unbewulken Handlungen fiihrt. Wir haben ja das 
Gehirn zunachst anzusehen als Werkzeug des wachen Seelenlebens, 
wo wir unsere iiberlegten Vorstellungen schaffen. Wir mufiten nun 
finden, wie den Traumvorstellungen gleichsam ein geheimnisvolles 
Riickenmark zugrundeliegt, das wie eingeprefit im Gehirn sitzt, das 
es aber nicht zu Handlungen bringt, sondern nur zu Bildern. Wah- 
rend unser Riickenmark es zu Handlungen bringt, wenn sie auch 
nicht durch Uberlegung zustande kommen, bringt es das Gehirn in 
diesem Falle blofi zu Bildern. Es bleibt gewissermafien auf halbem 
Wege stehen; es ist etwas im Gehirn wie eine geheimnisvolle Unter- 
lage fur eine unbewufke Seelentatigkeit, das wie eine Art Einschiebsel 
mit dem Charakter des Riickenmarks sich vorstellen lafk. Konnten 
wir also nicht sagen: Die Traumwelt fiihrt uns in merkwurdiger 
Weise dazu, geheimnisvoll hindeuten zu konnen auf jenes alte Riik- 
kenmark, das einst dem Gehirn zugrundelag? - Wenn wir unser 
Gehirn betrachten, wie es heute ausgebildet ist als Werkzeug des 
wachen Tageslebens, so ist es uns so bekannt, wie es erscheint, wenn 
wir es aus der Schadelhohle herausnehmen. Aber es mufi etwas 
darinnen eingeschlossen sein, das auftritt, wenn das wache Tagesle- 
ben ausgeloscht ist. Und das zeigt die okkulte Betrachtung, dafi in 
dem Gehirn ein geheimnisvolles Riickenmark darinnen ist als das 
Werkzeug des Traumlebens (siehe Zeichnung S. 24, schraffiert). 



Wenn wir es uns schematisch zeichnen wollen, konnten wir es so 
darstellen, dafi in dem Gehirn der Vorstellungswelt des wachen 
Tageslebens ein fur die aufiere Wahrnehmung unsichtbares geheim- 
nisvolles altes Riickenmark liegt, das irgendwie da hineingeheimnifk 




ist. Ich will es zunachst ganz hypothetisch aussprechen, daft dieses 
Riickenmark dann in Tatigkeit kommt, wenn der Mensch schlaft und 
traumt, und dann so tatig ist, wie es sich fur ein Riickenmark schickt, 
namlich so, dafi es mit Notwendigkeit seine Wirkungen hervor- 
bringt. Aber weil es eingeprefit ist in das Gehirn, fiihrt es nicht zu 
Handlungen, sondern zu bloften Bildern, zu Bildhandlungen; denn 
wir handeln ja im Traume nur in Bildern. So hatten wir auch aus 
diesem eigentiimlichen, sonderbaren chaotischen Leben heraus, das 
wir im Traume fiihren, Hinweise darauf, dafi unserem Werkzeug des 
wachen Tageslebens, als welches wir mit Recht unser Gehirn 
betrachten, ein geheimnisvolles Organ zugrundeliegt, das vielleicht 
eine altere Bildung ist, aus der es sich herausentwickelt hat. Wenn die 
Neubildung, das heutige Gehirn, schweigt, dann zeigt sich das, was 
das Gehirn einmal war; da zaubert dieses alte Riickenmark das her- 
aus, was es kann. Aber weil es eingeschlossen ist, bringt es dieses alte 
Riickenmark nicht zu Handlungen, sondern blofi zu Bildern. 

So also trennt uns die Betrachtung des Lebens selbst das Gehirn in 
zwei Stufen. Die Tatsache, dafi wir traumen konnen, weist darauf 
hin, daft das Gehirn eine Entwicklung durchgemacht hat, in der es 
noch auf der Stufe des heutigen Riickenmarks stand, bevor es sich 
entwickelt hat zum Werkzeug des wachen Tageslebens. Wenn aber 



das wache Tagesleben schweigt, dann macht sich das alte Organ noch 
geltend. 

So haben wir durch das bisher Gesagte schon etwas Typisches 
gewonnen, das sich durch eine auftere Betrachtung der Formen schon 
nachweisen lafit: Das wache Tagesleben verhalt sich zum Traumleben 
wie das ausgebildete Gehirn zum Riickenmark. Wenn wir nun fort- 
schreiten zu einer seherischen Betrachtung, konnen wir zu dem, was 
uns die Formbetrachtung geben kann, etwas hinzufiigen. In welcher 
Weise das okkulte Schauen, das seherische Auge als Unterlage dienen 
kann fur die ganz wesenhafte Betrachtung der menschlichen Natur 
und auf welche okkulte Forschung sich die Anschauungen iiber die 
im Schadel und in der Wirbelsaule eingeschlossenen Organe stiitzen, 
werden wir spater noch sehen. 

Nun wissen wir ja aus friiheren Betrachtungen, daft des Menschen 
sichtbarer Leib nur ein Teil der gesamten Wesenheit des Menschen 
ist. In dem Augenblick, wo sich das hellseherische Auge offnet, 
macht man die Erfahrung, daft dieser physische Leib sich einge- 
schlossen, eingebettet zeigt in einen ubersinnlichen Organismus, in 
das, was man, grob gesprochen, die menschliche Aura nennt. Es wird 
dies hier zunachst wie eine Tatsache angefuhrt, und wir werden 
spater darauf zuriickkommen, inwiefern sie sich rechtfertigen lafit. 
Diese menschliche Aura, in welcher der physische Mensch nur wie 
ein Kern drinnen ist, zeigt sich fur das seherische Auge als ein 
Farbengebilde, in dem verschiedene Farben auf- und abfluten. Man 
darf sich aber nicht vorstellen, daft man diese Aura malen konnte. 
Man kann sie nicht mit gewohnlichen Farben wiedergeben, denn die 
Farben der Aura sind in fortwahrender Bewegung, in fortwahrendem 
Entstehen und Vergehen begriffen. Jedes Bild, das man von ihr malen 
wollte, konnte nur annahernd richtig sein, so wie auch niemand einen 
Blitz richtig malen kann, es wiirde nur ein starres Gebilde werden. 
Wie man den Blitz nicht richtig malen kann, so kann man das noch 
weniger bei der Aura, denn die aurischen Farben sind ungemein labil 
und beweglich, sie entstehen und vergehen fortwahrend. 

Nun ziehen sich die aurischen Farben in merkwiirdigster Weise 
verschieden iiber den ganzen menschlichen Organismus hin; und es 



ist interessant, auf das aurische Bild hinzuweisen, das sich fiir das 
hellseherische Auge ergibt, wenn wir Schadeldecke und Riickgrat 
von riickwarts betrachten. Wenn wir uns den Teil der Aura vorstellen 
- von riickwarts betrachtet -, in den Schadel und Riickgrat, also 
Gehirn und Ruckenmark, eingebettet sind, so zeigt sich, da$ wir fiir 
den Teil der Aura, der zu den unteren Partien des Riickenmarks 
gehort, eine besonders deutliche Grundfarbe angeben konnen: er 
zeigt sich grunlich. Und wir konnen wiederum eine deutliche Farbe 
angeben, die in ihrer Art in keinem anderen Teile des Korpers zutage 
tritt, fiir die oberen Partien des Kopfes, wo das Gehirn ist: es ist eine 
Art Violettblau. Diese Farbe legt sich gleich einer Kappe oder einem 
Helm von riickwarts nach vorne iiber den Schadel. 



Unterhalb der violettblauen Partien sieht man in der Regel eine 
Nuance, von der Sie sich am ehesten eine Vorstellung machen kon- 
nen, wenn Sie sie mit der Farbe einer jungen Pfirsichbliite verglei- 
chen. Zwischen dieser Farbe und der griinlichen Farbe der unteren 
Teile des Riickgrats haben wir im mittleren Teil des Riickens andere, 
unbestimmte Farbnuancen, die aufierordentlich schwer zu beschrei- 
ben sind, weil sie unter den gewohnlichen, uns aus unserer sinnlichen 
Umwelt bekannten Farben nicht vorkommen. So schlielk sich an das 




Griin eine Farbe an, die nicht griin, nicht blau und nicht gelb ist, 
sondern wie ein Gemisch von alien dreien; es zeigen sich Farben 
zwischen Gehirn und Riickgratende, die es im Grunde genommen 
innerhalb der physisch-sinnlichen Welt iiberhaupt nicht gibt. Wenn 
das nun auch schwierig zu beschreiben ist, so ist doch eines mit 
Bestimmtheit zu sagen, dafi wir oben bei jenem sozusagen aufgebla- 
senen Riickenmark ein Violettblau haben und, hinuntergehend zum 
Ende des Riickgrates, zu einem deutlich griinlichen Farbton kommen. 

Wir haben also heute an eine rein aufiere Betrachtung der mensch- 
lichen Gestalt einige Tatsachen angekniipft, die nur die hellseherische 
Forschung lehrt. Morgen soil nun versucht werden, auch die anderen 
Teile des physischen Menschenleibes, die sich an die bereits bespro- 
chenen angliedern, in ihrer Zweiheit zu betrachten, damit wir dann 
weiter vorgehen konnen und sehen, wie die ganze menschliche 
Wesenheit sich uns darstellt. 



ZWEITER VORTRAG 



Prag,21.Marzl911 

Wir werden zwar innerhalb dieser Betrachtungen immer wieder in 
die Schwierigkeit versetzt werden, den aufieren menschlichen Orga- 
nismus genauer ins Auge zu fassen, um sozusagen das Vergangliche, 
das Zerbrechliche zu erkennen. Aber wir werden auch sehen, dafi 
gerade dieser Weg uns fiihren wird zu einer Erkenntnis des Bleiben- 
den, des Unverganglichen, des Ewigen in der menschlichen Natur. 
Allerdings ist es notwendig, wenn unsere Betrachtungen dieses Ziel 
haben sollen, dafi wir das streng einhalten, was gestern schon in der 
Einleitung bemerkt worden ist: den Gesichtspunkt, den aufieren 
physischen Organismus in aller Ehrfurcht als eine Offenbarung aus 
geistigen Welten zu betrachten. 

Wenn wir uns schon einigermalSen mit geisteswissenschaftlichen 
Begriffen und Empfindungen durchdrungen haben, konnen wir uns 
ja sehr leicht in den Gedanken hineinfinden, dafi der menschliche 
Organismus in seiner ungeheuren Kompliziertheit der bedeutsamste 
Ausdruck, die grofke und bedeutendste Offenbarung der Krafte sein 
muE, die als geistige Krafte die Welt durchweben und durchleben. 
Wir werden allerdings sozusagen vom Aufieren immer mehr und 
mehr in das Innere aufzusteigen haben. 

Wir haben gestern schon gesehen, wie uns die aufierliche Betrach- 
tung sowohl des Laien als auch der Wissenschaft dazu fiihren muE, 
den Menschen gewissermaften als eine Zweiheit anzusehen. Wir 
haben diese Zweiheit der menschlichen Wesenheit gestern schon 
fliichtig charakterisiert - wir werden darauf noch genauer einzugehen 
haben und wir haben dasjenige an der menschlichen Wesenheit 
genauer betrachtet, was eingeschlossen ist in die schiitzende Kno- 
chenhulle des Schadels und der Riickenwirbel. Dabei haben wir 
gesehen, wie wir, wenn wir ausgehen von der aufieren Gestaltung 
und Form dieses Teils des Menschen, schon einen vorlaufigen Aus- 
blick gewinnen konnen in den Zusammenhang desjenigen Lebens, 
das wir unser waches Tagesleben nennen, mit jenem anderen, 



zunachst fur uns natiirlich sehr von Zweifeln durchwobenen Leben, 
das wir das Traumleben nennen. Wir haben gesehen, daf$ schon die 
aufteren Formen des charakterisierten Teiles der Menschennatur eine 
Art Abbild geben, eine Art Offenbarung bedeuten: auf der einen 
Seite des Traumlebens, dieses chaotischen Bilderlebens, und auf der 
anderen Seite des mit scharf umrissener Beobachtung ausgestatteten 
wachen Tageslebens. Heute werden wir zunachst einen fliichtigen 
Blick zu werfen haben auf das andere Glied der menschlichen Zwei- 
heit, das sich gewissermafien aufierhalb des Bereiches befindet, den 
wir gestern ins Auge gefafit haben. Schon der alleroberflachlichste 
Blick auf diesen zweiten Teil der menschlichen Wesenheit kann uns 
dariiber belehren, dafi dieser in gewisser Beziehung das entgegenge- 
setzte Bild dessen zeigt, was wir bei Gehirn und Riickenmark ins 
Auge gefafit haben. Gehirn und Riickenmark sind von Knochenbil- 
dungen als schiitzender Hulle umschlossen. Betrachten wir den ande- 
ren Teil der menschlichen Natur, so miissen wir entschieden sagen, 
dafi wir hier die Knochenbildung mehr in den Organismus hineinge- 
gliedert finden. Doch das ware nur eine ganz oberflachliche Betrach- 
tung. Tiefer hinein in das Gefuge dieses anderen Teiles der Men- 
schennatur werden wir schon gefuhrt, wenn wir die bedeutendsten 
Organsysteme auseinanderhalten und sie zunachst aufierlich verglei- 
chen mit dem, was wir gestern kennengelernt haben. 

Diejenigen Organsysteme, Werkzeugsysteme des menschlichen 
Organismus, welche dabei zuerst in Betracht kommen werden, sollen 
sein der Ernahrungsapparat und alles das, was zwischen dem Ernah- 
rungsapparat und jenem wunderbaren Gebilde liegt, das wir 
unschwer wie eine Art Mittelpunkt der ganzen menschlichen Orga- 
nisation empfinden konnen, dem Herzen. Da zeigt uns gleich der 
oberflachliche Blick, dafi der Ernahrungsapparat - wie man ihn im 
popularen Sinne nennen kann - dazu bestimmt ist, die Stoffe unserer 
aufieren irdischen Umwelt aufzunehmen und fur die weitere Verar- 
beitung im physischen Organismus des Menschen vorzubereiten. 
Wir wissen, dafi dieser Verdauungsapparat zunachst von unserem 
Munde aus rohrenformig zu dem Organ sich erstreckt, das jeder als 
den Magen kennt. Und schon eine oberflachliche Betrachtung lehrt 



uns, daft von jenen Nahrungsmitteln, die durch diesen Kanal in den 
Magen eingefuhrt werden, gewissermaften unverwendete Teile ein- 
fach abgesondert werden, wahrend andere Teile von den weiteren 
Verdauungsorganen in den menschlichen Leibesorganismus iiberge- 
fiihrt werden. Es ist ja auch wohl bekannt, daft an den eigentlichen 
Verdauungsapparat im engeren Sinne sich das anschlieftt, was wir das 
Lymphsystem nennen - ich will jetzt zunachst nur schematisch spre- 
chen -, urn die vom Verdauungsapparat hineingelieferten Nahrungs- 
stoffe in verwandeltem Zustande aufzunehmen. So daft wir sagen 
konnen, daft an den Verdauungsapparat, soweit er sich an den Magen 
angliedert, ein Organsystem sich anschlieftt, das Lymphsystem, als 
eine Summe von Kanalen, die durch den ganzen Korper gehen, ein 
System, welches das ubernimmt, was durch den Verdauungsapparat 
verarbeitet ist, und die umgewandelten Stoffe abliefert an das Blut. 
Und dann haben wir das dritte Glied der Menschennatur, das Blutge- 
faftsystem selber mit seinen weiteren oder engeren Rohren, wie es 
sich durch den ganzen menschlichen Organismus zieht und das zum 
Mittelpunkte seines ganzen Wirkens das Herz hat. Wir wissen ja, daft 
vom Herzen diejenigen bluterfiillten Gefafte ausgehen, die wir die 
Arterien nennen, und daft diese nach alien Teilen unseres Organis- 
mus das sogenannte rote Blut hinfuhren. Das Blut macht einen 
gewissen Prozeft in den einzelnen Gliedern des menschlichen Orga- 
nismus durch, wird dann wiederum zuriickgefuhrt durch andere 
Gefafte, die Venen, die es aber jetzt in verandertem, verwandeltem 
Zustande als sogenanntes blaues Blut zu dem Herzen zuriickbringen. 
Wir wissen auch, daft dieses verwandelte, unbrauchbar gewordene 
Blut von dem Herzen in die Lunge geleitet wird, daft es dort in 
Beruhrung kommt mit dem von aufien aufgenommenen Sauerstoff 
der Luft, daft es dadurch erneuert und dann wiederum in Venen zum 
Herzen zuriickgeleitet wird, um von neuem den Umlauf durch den 
ganzen menschlichen Organismus zu beginnen. 

Um diese komplizierten Systeme zu betrachten, wollen wir uns, 
damit wir in der aufteren Betrachtungsweise gleich eine Grundlage 
haben fur die okkulte Betrachtungsweise, zunachst an dasjenige 
System halten, das von vornherein jedem als das eigentliche Mittel- 



punktsystem des ganzen menschlichen Organismus erscheinen mufi: 
das Blut-Herzsystem. Wir wollen dabei zunachst ins Auge fassen, 
wie das Blut, nachdem es als verbrauchtes Blut in der Lunge aufge- 
frischt ist, also aus dem sogenannten blauen Blut wieder in rotes Blut 
verwandelt worden ist, wieder zum Herzen zuruckkehrt und dann 
vora Herzen als rotes Blut wiederum ausstromt in den Organismus, 
um hier verwendet zu werden. (Es wird an die Tafel gezeichnet.) 
Beachten Sie, dafi alles, was ich hier zeichne, nur ganz schematisch 
ist. Rufen wir uns kurz ins Gedachtnis, dafi das menschliche Herz ein 
Organ ist, das eigentlich aus vier Gliedern zunachst besteht, aus vier 
Kammern, die durch Innenwande so abgegrenzt sind, dalS man unter- 
scheiden kann zwei grofiere Raume nach unten gelegen und zwei 
kleinere nach oben gelegen, die beiden unteren die beiden Herzkam- 
mern, wie man sie gewohnlich nennt, wahrend die oberen die Vor- 
kammern genannt werden. Ich will heute noch nicht von den Herz- 
klappen sprechen, sondern den Gang der wichtigsten Organtatigkei- 
ten ganz schematisch ins Auge fassen. Da zeigt sich zunachst, dafi das 
Blut, nachdem es aus der linken Vorkammer in die linke Herzkam- 
mer gestromt ist, durch eine grofte Schlagader abfliefk und von da aus 
in den ganzen Organismus geleitet wird. Nun wollen wir ins Auge 
fassen, dafi dieses Blut zunachst in alle einzelnen Organe des Orga- 
nismus sich verteilt, dafS es dann im Organismus verbraucht wird, 
wodurch es in das sogenannte blaue Blut verwandelt wird und als 
solches wieder zum Herzen in die rechte Vorkammer zuruckkehrt, 
von dort in die rechte Herzkammer fliefk, um von hier aus wieder in 
die Lunge zu gehen, wieder erneuert zu werden und den Gang durch 
den Organismus von neuem zu machen. 

Wenn wir uns dies vorstellen, so ist es zur Grundlage einer okkul- 
ten Betrachtungsweise wichtig zu bedenken, dafi sehr friih von der 
Hauptschlagader eine Nebenstromung abgeht, welche ins Gehirn 
fuhrt, die oberen Organe des Menschen versorgt und von dort als 
verbrauchtes Blut wieder zuriickflielk in die rechte Vorkammer, und 
dafi es als das Gehirn passiert habendes Blut ebenso verwandelt wird 
wie das Blut, das aus den ubrigen Gliedern des Organismus kommt. 
Wir haben also einen kleineren Nebenkreislauf des Blutes, in welchen 




das Gehirn eingeschaltet ist, abgetrennt von dem anderen, groften 
Kreislauf, der den ganzen iibrigen Organismus versorgt. Nun ist es 
aufterordentlich wichtig, daft wir gerade diese Tatsache ins Auge 
fassen. Denn wir bekommen eine richtige Vorstellung, die uns eine 
Grundlage geben kann fur alles, was uns moglich machen wird, in die 
okkulten Hohen hinaufzusteigen, nur dann, wenn wir uns die Frage 
stellen: Ist denn - in ahnlicher Weise, wie in den kleinen Blutkreislauf 
die oberen Organe eingeschaltet sind, namentlich das Gehirn - in den 
groften Blutkreislauf, der den iibrigen Organismus versorgt, etwas 
ahnliches eingeschaltet? - Da kommen wir in der Tat zu dem Ergeb- 
nis, das schon die aufiere oberflachliche Betrachtungsweise liefern 
kann, dafi in den grofien Blutkreislauf zunachst das Organ einge- 



schaltet ist, welches wir die Milz nennen, dafi weiter darin einge- 
schaltet ist die Leber und jenes Organ, welches die von der Leber 
zubereitete Galle enthalt. Diese Organe sind alle in den groften 
Blutkreislauf eingeschaltet. 

Wenn wir jetzt nach der Aufgabe dieser Organe fragen, so gibt uns 
die auftere Wissenschaft darauf die Antwort, dafi die Leber die Galle 
bereitet, dafi die Galle iiber die Gallenwege abfliefit in den Verdau- 
ungskanal und an der Verarbeitung der Nahrungsmittel so mitwirkt, 
dafi diese dann aufgenommen werden konnen vom Lymphsystem 
und iibergeleitet werden konnen in das Blut. Weniger Genaues sagt 
die aufiere Wissenschaft iiber die Milz. Wenn wir diese Organe 
betrachten, haben wir nun zunachst den Blick darauf zu richten, daft 
dieselben sich sozusagen zu beschaftigen haben mit der Umwandlung 
der Nahrung fur den menschlichen Organismus, dafi aber auf der 
anderen Seite alle drei Organe eingeschaltet sind in den grofien Blut- 
kreislauf. In diesen sind sie nun nicht umsonst eingeschaltet. Denn 
insofern die Nahrungsstoffe aufgenommen werden in das Blut, um 
durch das Blut dem menschlichen Organismus zugefiihrt zu werden 
und demselben die Baustoffe fortwahrend zu ersetzen, da beteiligen 
sich diese drei Organe an der notwendigen Verarbeitung der Nah- 
rungsstoffe. Es ist nun die Frage: Konnen wir aus einer aufieren 
Beobachtung schon entnehmen, wie sich diese drei Organe an der 
Gesamttatigkeit des menschlichen Organismus beteiligen? - Richten 
wir dazu den Blick zunachst auf eine Aufierlichkek, darauf, dafi diese 
Organe so eingeschaltet sind in den unteren Blutkreislauf, wie das 
Gehirn in den oberen Kreislauf eingeschaltet ist; und fragen wir 
einmal - wenn wir uns zunachst wirklich an diese aufierliche Betrach- 
tungsweise halten, die spater vertieft werden soil -, ob diese Organe 
moglicherweise eine ahnliche, eine verwandte Aufgabe haben konn- 
ten wie das Gehirn oder uberhaupt wie die hohergelegenen Teile des 
menschlichen Organismus. Worin konnte diese Aufgabe bestehen? 

Betrachten wir einmal diese hoheren Teile des menschlichen Orga- 
nismus; es sind ja die Organe, welche die aufieren Sinneseindriicke 
aufnehmen und das Material unserer Sinneswahrnehmung verarbei- 
ten. Daher konnen wir sagen: Was im menschlichen Haupt, in den 



oberen Partien des menschlichen Organismus geschieht, das ist Ver- 
arbeitung der Aufienwelt, Verarbeitung jener Eindriicke, die von 
aufien durch die Sinnesorgane einfliefien. Die wesentlichen Ursachen 
fur das, was in den oberen Partien des Menschen geschieht, haben wir 
zu sehen in den aufieren Impressionen, in den aufieren Eindriicken. 
Indem diese aufieren Eindriicke ihre Wirkungen hineinsenden in die 
oberen Organe des menschlichen Organismus, verandern sie das Blut 
oder tragen jedenfalls dazu bei und senden dieses Blut ebenso veran- 
dert zum Herzen zuriick, wie aus dem iibrigen Organismus das Blut 
verandert zum Herzen zuriickgesandt wird. Liegt es nun nicht nahe, 
daran zu denken, dafi das, was durch das Tor der Sinnesorgane von 
der Aufienwelt in den oberen Teil des menschlichen Organismus 
hereinwirkt, in gewisser Weise demjenigen entspricht, was aus den 
im Innern gelegenen Organen - Milz, Leber, Galle - heraus wirkt? 
Der obere Teil des menschlichen Organismus schliefit sich nach 
aufien auf, um die Wirkungen der Aufienwelt zu empfangen, und 
wahrend das Blut nach oben stromt, um diese Eindriicke der Aufien- 
welt aufzunehmen, stromt es nach unten, um dasjenige aufzuneh- 
men, was von den unteren Organen kommt. Wie wir gesagt haben, 
werden von der Umwelt durch die Sinne Wirkungen auf unsere obere 
Organisation ausgeiibt. Denken wir uns dies einmal zusammengezo- 
gen, zusammengeprelk in einem Zentrum, so konnen wir darin etwas 
Analoges sehen zu dem, was durch Leber, Galle und Milz bewirkt 
wird: Umwandlung von Stoffen, die der Aufienwelt entnommen 
sind. Wenn wir naher darauf eingehen, werden Sie sehen, dafi das 
keine so ganz absonderliche Betrachtungsweise ist. 

Denken Sie sich die verschiedenen hereinfliefienden Sinnesein- 
driicke der Aufienwelt wie zusammengezogen, gleichsam zu Orga- 
nen verdichtet, ins Innere des Menschen verlegt und eingeschaltet in 
das Blut, so bietet sich der obere Teil des menschlichen Organismus 
dem Blute ebenso dar, wie sich von innen die Organe Leber, Galle, 
Milz dem Blute darbieten. Also wir haben die Aufienwelt, die oben 
unsere Sinne umgibt, gleichsam in Organe zusammengedrangt und 
ins Innere des Menschen verlegt, so dafi wir sagen konnen: Einmal 
beriihrt uns die Welt von aufien, sie stromt durch die Sinnesorgane in 



unseren oberen Organismus ein und wirkt auf unser Blut, und einmal 
wirkt auf geheimnisvolle Weise die Welt von innen in Organen, in die 
sich erst zusammengezogen hat, was draufien im Makrokosmos vor- 
geht, und wirkt da entgegen unserem Blut, das sich ihm ebenso 
darbietet. Wenn wir das schematisch zeichnen wollten, konnten wir 
also sagen: Denken wir uns auf der einen Seite die Welt, von alien 
Seiten wirkend auf die Sinne, und das Blut, wie eine Tafel den 
Eindriicken der AufSenwelt sich darbietend, so haben wir unsere 



obere Organisation. Denken wir uns jetzt, wir konnten diese ganze 
Welt zusammenziehen, in einzelne Organe zusammenziehen, einen 
Extrakt dieser Welt bilden, und konnten ihn in das Innere herein 
verlegen, so da£> gewissermaften die ganze Welt auf die andere Seite 
des Blutes wirkt, dann hatten wir ein schematisches Bild des Aufien 
und des Innen des menschlichen Organismus in einer ganz sonder- 
baren Weise geformt. So konnten wir in einer gewissen Weise schon 
sagen: Es entspricht das Gehirn eigentlich unserer Innenorganisa- 
tion; insoweit sie Brust- und Bauchhohle ausfullt, ist gleichsam die 
Aufienwelt in unser Inneres verlegt. 

Schon in dieser Organisation, die wir ja als eine untergeordnete 
erkennen, die hauptsachlich der Fortfiihrung des Ernahrungsprozes- 
ses dient, haben wir etwas so Geheimnisvolles wie eine Zusammenfu- 
gung der ganzen Aufienwelt in eine Summe von inneren Organen, 
von inneren Werkzeugen. Und wenn wir nun diese Organe Leber, 




Galle, Milz einmal naher betrachten, konnen wir sagen: Zunachst ist 
es die Milz, die sich der Blutstromung darbietet. Die Milz ist ein 
sonderbares Organ, in der in blutreiche Gewebe eingebettet ist eine 
ganze Summe von kleinen Kdrnchen, die sich gegeniiber der ubrigen 
Gewebemasse weift ausnehmen. Wenn wir das Blut im Verhaltnis zur 
Milz betrachten, erscheint uns die Milz wie ein Sieb, durch welches 
das Blut hindurchgeht, urn sich einem solchen Organ darzubieten, 
das in gewisser Weise ein zusammengeschrumpfter Teil des Makro- 
kosmos ist. Als nachste Stufe sehen wir dann, wie sich das Blut der 
Leber darbietet und wie die Leber ihrerseits die Galle absondert, die 
in einem besonderen Organ aufbewahrt wird, dann in die Nahrungs- 
stoffe iibergeht und von dort aus mit den verwandelten Nahrungs- 
stoffen in das Blut gelangt. 

Dieses innere Sichdarbieten des Blutes an die drei Organe konnen 
wir uns nicht anders als in folgender Weise vorstellen: Das erste 
Organ, das sich dem Blut entgegenstellt, ist die Milz, das zweite die 
Leber, und das dritte, das eigentlich ein sehr kompliziertes Verhaltnis 
schon zum gesamten Blutsystem hat, ist die Galle. Weil die Galle den 
Nahrungsstoffen dargeboten wird und an der Verarbeitung derselben 
beteiligt ist, wird sie als besonderes Organ gezahlt. Aus bestimmten 
Griinden haben die Okkultisten aller Zeiten diesen Organen gewisse 
Namen gegeben. Ich bitte Sie nun recht sehr, vorlaufig bei diesen Na~ 
men, die diesen Organen gegeben sind, an nichts Besonderes zu den- 
ken und davon abzusehen, dafi diese Namen noch etwas anderes in 
der grofien Welt bedeuten. Wir werden spater noch sehen, warum ge- 
rade diese Namen genommen wurden. Weil die Milz sich dem Blut zu- 
erst darbietet - so konnen wir rein aufierlich vergleichsweise sagen — , 
erschien sie den alten Okkultisten am besten mit jenem Namen 
bezeichnet, der dem Stern zukommt, der sich im Weltenraum zuerst 
im Sonnensystem darbietet; deshalb nannten sie die Milz Saturnus 
oder einen inneren Saturn im Menschen. In ahnlicher Weise nannten 
sie die Leber einen inneren Jupiter und die Galle einen inneren Mars. 
Wollen wir zunachst bei diesen Namen uns gar nichts anderes den- 
ken, als daft wir sie aus dem Grunde wahlen, weil wir die Anschau- 
ung gewonnen haben, zunachst hypothetisch, dafi die aufteren Wei- 



ten, die sonst unseren Sinnen zuganglich sind, zusammengezogen 
sind in diesen Organen und uns gleichsam als innere Welten entge- 
gentreten, wie uns aufierliche Welten in den Planeten entgegentreten. 
Wir wiirden aber jetzt schon sagen konnen: Wie die aufteren Welten 
unseren Sinnen erscheinen, indem sie von aufien eindringen und auf 
das Blut wirken, so erscheinen uns die Innenwelten wirksam auf das 
Blut, indem sie dasselbe ebenfalls beeinflussen. 

Wir werden nun allerdings einen bedeutungsvollen Unterschied 
finden zwischen dem, was wir gestern besprochen haben als Eigen- 
tiimlichkeiten des menschlichen Gehirns, und dem, was wie eine Art 
inneres Weltensystem auf unser Blut wirkt. Dieser Unterschied liegt 
einfach darin, dafi der Mensch zunachst nichts von dem weifi, was 
sich innerhalb seines unteren Organismus abspielt; das heifit, er weifi 
nichts von den Eindriicken, welche die innere Welt - gleichsam die 
inneren Planeten — auf ihn machen, wogegen es ja gerade charakteri- 
stisch ist, daft die aufteren Welten auf sein Bewufitsein ihre Eindriicke 
machen. In einer gewissen Beziehung diirfen wir also diese innere 
Welt als die Welt des Unbewufken bezeichnen gegeniiber der bewuft- 
ten Welt, welche wir im Gehirnleben kennengelernt haben. 

Nun wird sich uns gerade das, was in diesem Bewufiten und 
Unbewulken liegt, dadurch naher aufklaren, dafi wir etwas anderes 
zu Hilfe nehmen. Sie wissen alle, dafi die aufiere Wissenschaft davon 
spricht, daft das Nervensystem das Organ des Bewufkseins ist mit 
allem, was dazugehort. Nun miissen wir als Grundlage fur unsere 
okkulten Betrachtungen eine gewisse Beziehung ins Auge fassen, die 
das Nervensystem zum Blutsystem hat, das heifk zu dem, was wir ja 
heute schematisch ins Auge gefalk haben. Da sehen wir, dafi unser 
Nervensystem iiberall in gewisse Beziehungen tritt zu unserem Blut- 
system, daft das Blut iiberall an unser Nervensystem herandringt. 
Dabei miissen wir nun zunachst auf das Riicksicht nehmen, was die 
aufiere Wissenschaft diesbeziiglich fur etwas Ausgemachtes halt. Sie 
halt das fiir ausgemacht, dafi im Nervensystem der gesamte Regulator 
liege aller Bewulkseinstatigkeit, alles dessen, was wir als bewulkes 
Seelenleben bezeichnen. Wir konnen nicht umhin - zunachst auch 
nur andeutungsweise, um es spater zu belegen -, uns zum Bewulk- 



sein zu bringen, dafi das Nervensystem fur den Okkultisten nur wie 
eine Art von Grundlage des Bewufitseins dasteht. Denn gerade so, 
wie sich in unseren Organismus eingliedert das Nervensystem und 
beriihrt wird oder wenigstens in einem gewissen Verhaltnis steht zum 
Blutsystem, so gliedert sich in die Gesamtwesenheit des Menschen 
dasjenige ein, was wir nennen des Menschen astralischen Leib und 
des Menschen Ich. Und schon eine aufterliche Betrachtung kann uns 
zeigen - und ich habe ja 6fter in meinen Vortragen dariiber gespro- 
chen dafi das Nervensystem in einer gewissen Weise eine Offenba- 
rung des Astralleibes ist und das Blut eine Offenbarung des Ich. 
Wenn wir in die unbelebte Natur gehen, so sehen wir ja, wie wir den 
Gesteinen, Mineralien und so weiter nur einen physischen Leib 
zuzuschreiben haben in den Teilen, die sie uns darbieten. Wenn wir 
dann von den unbelebten, unorganischen Naturkorpern zu den 
belebten Naturkorpern aufsteigen zu den Organismen, so mussen 
wir uns denken, dafi diese Organismen durchsetzt sind von dem 
sogenannten Atherleib oder Lebensleib, der in sich die Ursachen der 
Lebenserscheinungen enthalt. Wir werden spater schon sehen, dafi 
die Geisteswissenschaft von diesem Ather- oder Lebensleib nicht 
so spricht, wie die aufiere Wissenschaft von einer spekulativen 
Lebenskraft gesprochen hat. Wenn die Geisteswissenschaft vom 
Atherleibe spricht, spricht sie von etwas, was das geistige Auge 
wirklich sieht, also von einem Realen, das dem aufSeren, physischen 
Leibe zugrundeliegt. Wenn wir die Pflanzen betrachten, mussen wir 
ihnen einen Atherleib zuschreiben. Steigen wir hinauf von den Pflan- 
zen zu den empfindenden Wesen, den Tieren, so ist es das Element 
des Empfindens, des inneren Erlebens, welches das Tier von der 
Pflanze unterscheidet. Wenn wir uns nun fragen, was mufi sich 
eingliedern dem tierischen Organismus, damit er hinauf gehoben wer- 
den kann von den blofien Lebensvorgangen zu Empfindungen, die 
die Pflanzen noch nicht haben, so ist die Antwort: Soli die blofte 
Lebenstatigkeit, die sich noch nicht verinnerlichen kann, noch nicht 
zur Empfindung entziinden kann, sich zur Empfindung, zum inner- 
lichen Erleben entziinden konnen, so muft sich in den tierischen 
Organismus eingliedern der Astralleib. Und in dem Nervensystem, 



das die Pflanzen noch nicht haben, miissen wir den aufieren Aus- 
druck, das Werkzeug des Astralleibes sehen. Der Astralleib ist das 
geistige Urbild des Nervensystems. Wie das Urbild zu seiner Offen- 
barung, zu seinem Abbild, so verhalt sich der Astralleib zu dem 
Nervensystem. 

Wenn wir nun mit unserer Betrachtung beim Menschen einset- 
zen - und ich habe schon gestern gesagt, dafi wir es im Okkultismus 
nicht so gut haben wie die aufiere wissenschaftliche Betrachtungs- 
weise, daft wir nicht sozusagen alles durcheinanderwerfen konnen -, 
dann miissen wir, wenn wir die menschlichen Organe betrachten, uns 
immer bewufit sein, daft diese Organe oder Organsysteme zu etwas 
gebraucht werden konnen, wozu die analogen Organsysteme im 
tierischen Organismus, wenn sie auch ahnlich ausschauen, nicht 
gebraucht werden konnen. Beim Menschen miissen wir das Blut als 
aufleres Werkzeug fiir das Ich ansehen, fur alles, was wir als unser 
innerstes Seelenzentrum, das Ich, bezeichnen. So haben wir im Ner- 
vensystem ein aufieres Werkzeug des Astralleibes und in unserem 
Blut ein aufieres Werkzeug des Ich. Geradeso wie das Nervensystem 
im Organismus in gewisse Beziehungen tritt zum Blut, so treten 
diejenigen inneren Seelengebilde, die wir als unsere Vorstellungen, 
Wahrnehmungen, Empfindungen und so weiter erleben, in eine 
Beziehung zu unserem Ich. Das Nervensystem ist in der mannigfal- 
tigsten Weise im menschlichen Organismus differenziert. Es zeigt 
sich uns als die inneren Nervenstrange, da, wo es sich aufschliefit 
zum Beispiel zu Gehornerven, Gesichtsnerven und so weiter. Das 
Nervensystem ist also etwas, was sich durch den Organismus so 
hinerstreckt, dafi es in der mannigfaltigsten Weise differenziert ist, 
innere Mannigfaltigkeiten enthalt. Wenn wir das Blut, durch den 
Organismus durchstromend, betrachten, so zeigt es sich uns - wenn 
wir absehen wollen von der Veranderung von rotem in blaues Blut — 
im ganzen Organismus doch als einheitliches Blut. Als ein solches 
Einheitliches tritt es dem differenzierten Nervensystem entgegen, 
wie das Ich dem Seelenleben entgegentritt, das sich gliedert in Vor- 
stellungen, Empfindungen, Willensimpulse, Gefiihle und derglei- 
chen. Je weiter Sie diesen Vergleich verfolgen werden — und das soil ja 



zunachst auch nur vergleichsweise gesagt sein desto mehr wird sich 
Ihnen zeigen, daft eine weitgehende Ahnlichkeit besteht in der Bezie- 
hung der beiden Urbilder Ich und Astralleib zu ihren Abbildern, 
ihren Werkzeugen: Blutsystem und Nervensystem. Nun konnen wir 
allerdings sagen: Blut ist iiberall Blut, aber indem es durch den 
Organismus stromt, verandert es sich. Wir konnen diese Verande- 
rungen des B lutes in Parallele bringen mit den Veranderungen, die 
das Ich durch die verschiedenen Seelenerlebnisse erfahrt. Auch unser 
Ich ist ein Einheitliches. So weit wir zuriickdenken konnen im Leben 
zwischen Geburt und Tod, konnen wir von uns sagen: Ich war da! In 
unserem funften Jahr wie in unserem sechsten Jahr, gestern wie heute 
ist es dasselbe Ich. — Aber wenn wir jetzt auf den Inhalt eingehen, auf 
das, was dieses Ich enthalt, so werden wir finden, dafi dieses Ich, wie 
es in mir lebt, angefullt ist mit einer grofieren oder kleineren Summe 
von Vorstellungen, Empfindungen, Gefiihlen und so weiter, die dem 
Astralleibe zuzuschreiben sind und mit dem Ich in Beruhrung kom- 
men. Vor einem Jahre war unser Ich mit einem anderen Inhalt erfullt, 
gestern hatte es einen anderen Inhalt und heute wieder einen anderen. 
Das Ich kommt also mit dem gesamten Seeleninhalt in Beruhrung, 
durchstromt diesen gesamten Seeleninhalt. Geradeso wie das Blut 
den ganzen Organismus durchstromt und iiberall mit dem differen- 
zierten Nervensystem in Beruhrung kommt, so kommt das Ich 
zusammen mit dem differenzierten Leben der Seele, mit Vorstellun- 
gen, Gefiihlen, Willensimpulsen und dergleichen. So also zeigt uns 
schon diese nur vergleichsweise Betrachtung, dafi eine gewisse 
Berechtigung existiert, in dem Blutsystem ein Abbild des Ich zu 
sehen und in dem Nervensystem ein Abbild des Astralleibes, die- 
ser beiden hoheren, iibersinnlichen Glieder der menschlichen 
Natur, wahrend der Atherleib sich mehr an den physischen Leib 
anschliefit. 

Nun ist es notwendig, uns zu erinnern, daft das Blut, welches in 
der angedeuteten Weise durch den Organismus stromt, auf der einen 
Seite sich darbietet der Aufienwelt, vergleichsweise wie eine Tafel den 
Eindriicken der Auftenwelt entgegentritt, auf der anderen Seite sich 
dem entgegenhalt, was wir die innere Welt genannt haben. Ja, so ist es 



auch mit unserem Ich. Wir richten unser Ich zunachst auf die Aufien- 
welt, nehmen die aufieren Eindriicke auf. Da ergibt sich ein mannig- 
faltiger Inhalt in unserem Ich; es wird erfiillt von den Impressionen, 
die von aufien kommen. Dann gibt es auch diejenigen Augenblicke, 
wo das Ich sozusagen in sich selber bleibt, wo es hingegeben ist 
seinem Schmerz, seinem Leid, an Lust und Freude, an die inneren 
Gefuhle und so weiter, wo es sogar aus dem Gedachtnis aufsteigen 
lafit, was es jetzt nicht unmittelbar durch die Beriihrung mit der 
Aufienwelt empfangt, sondern das, was es in sich tragt. Also auch in 
dieser Beziehung ist das Ich zu parallelisieren mit dem Blut, dafi es 
sich wie eine Tafel darbietet einmal der aufteren Welt und einmal der 
inneren Welt; und wir konnten dieses Ich genauso schematisch dar- 
stellen, wie wir das Blut schematisch dargestellt haben (siehe Zeich- 
nung Seite 42). Wir konnen die aufieren Eindriicke, die das Ich 
bekommt, indem es sie als Vorstellungen, als Seelengebilde fafit, in 
dieselbe Beziehung bringen zum Ich, wie wir die realen, durch die 
Sinne zu uns kommenden aufieren Vorgange zum Blut in Beziehung 
gebracht haben; wir konnen also die Seelenereignisse, genauso wie 
beim korperlichen Leben, auf der einen Seite zum Blut, auf der 
anderen Seite zum Ich in Beziehung bringen. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus das Zusammenwir- 
ken und das Einander-Entgegenwirken von Blut und Nerven. Wenn 
wir zum Beispiel unser Auge auf die Aufienwelt hinwenden, so 
wirken die aufieren Impressionen — Farben, Lichteindriicke und so 
weiter - auf die Sehnerven. Solange wir die Augen auf die Aufienwelt 
richten, so lange konnen wir auch davon sprechen, dafi die Eindriicke 
der Aufienwelt auf unsere Sehnerven, also das Werkzeug des Astral- 
leibes, eine Wirkung haben. In dem Augenblick, wo ein Verhaltnis 
eintritt zwischen Nerven und Blut, konnen wir davon sprechen, dafi 
der parallele Seelenvorgang der ist, dafi die mannigfaltigen Vorstel- 
lungen des Seelenlebens zu dem Ich in Beziehung treten. Wir miissen 
also, wenn wir das schematisch zeichnen wollen, uns das Verhaltnis 
von Nerven und Blut so denken, wie wenn das, was durch die 
Nerven von aufien einstromt, in Beziehung tritt zu den Blutlaufen, 
die in die Nahe der Sehnerven kommen. 



Diese Beziehung ist nun etwas aufterordentlich Wichtiges, wenn 
man den menschlichen Organismus so betrachten will, dafi die Be- 
trachtung eine Grundlage fur die okkulte Anschauung der mensch- 
lichen Natur ergeben kann. Dann miissen wir uns sagen: Beim ge- 
wohnlichen Leben, wie es im allgemeinen verflieftt, geschieht der 
Vorgang so, dafi eine Wirkung, die durch den Nerv sich fortpflanzt, 
in das Blut sich einschreibt wie in eine Tafel und dadurch in das 




Werkzeug des Ich sich eingeschrieben hat. Nehmen wir aber einmal 
an, wir wiirden die Beziehung zwischen Blutlauf und Nerv kiinstlich 
unterbrechen, das heifk, wir wiirden also kiinstlich den Menschen 
in eine solche Lage bringen, dafi gleichsam der Nerv in seiner Wirk- 
samkeit von dem Blutlauf entfernt wird, so daft sie nicht mehr 
aufeinander wirken konnen. Das kann man schematisch in der Wei- 
se zeichnen, dafi man die beiden Glieder weiter auseinander zeichnet, 
so dafi eine Wechselwirkung zwischen Nerv und Blut nicht mehr 
stattfinden kann. Da kann die Sache so liegen, dafi zunachst auf den 
Nerven kein Eindruck gemacht wird. So etwas kann man ja 




erreichen, indem man zum Beispiel den Nerv durchschneidet. Wenn 
es auf irgendeine Weise zustande kommt, dafi ein Nerv durchschnit- 
ten ist, dafi also auf den Nerv kein Eindruck gemacht wird, dann ist 
es ja nicht weiter wunderbar, dafi der Mensch auch nichts Besonderes 
durch diesen Nerv erleben kann. Nehmen wir aber an, es werde - 
trotzdem die Beziehung zwischen Nerv und Blut unterbrochen ist ~ 
ein gewisser Eindruck gemacht. Im aufieren Experiment kann das ja 
dadurch herbeigefiihrt werden, daft man zum Beispiel durch einen 
elektrischen Strom den Nerv reizt. Diese aufiere Beeinflussung des 
Nervs geht uns hier aber nichts an. Es gibt aber noch eine andere 
Beeinflussung des Nervs, die zu einem Zustande fiihrt, wo er auf die 
Blutbahn nicht wirken kann. Dieser Zustand kann fiir den menschli- 
chen Organismus herbeigefiihrt werden - und er wird auch herbeige- 
fiihrt - durch gewisse Vorstellungen, gewisse Ideen, Empfindungen 
und Gefiihle, die der Mensch erlebt und sich angeeignet hat und die, 
damit ein solches Experiment gelinge, hohere moralische oder intel- 
lektuelle Vorstellungen sein sollten. Wenn der Mensch sich solche 
Vorstellungen macht, zum Beispiel von Sinnbildern, und sich in 
scharfer innerer Konzentration der Seele iibt, dann bewirkt das, dafi 
er gleichsam den Nerv voll in Anspruch nimmt und ihn dadurch 
zuriickzieht vom Blutlaufe. Wenn der Mensch im wachen Bewulk- 
sein sich den normalen aufieren Eindriicken uberlafit, wie sie gerade 
kommen, dann ist die naturliche Verbindung zwischen Nerv und 
Blutlauf da. Wenn der Mensch aber sich durch scharfe innere Kon- 
zentration von der Wirkung der aufieren Eindriicke abzieht, dann hat 
er ja das in der Seele, was erst im Bewufitsein entsteht; was Inhalt des 
Bewufitseins ist, nimmt den Nerv vorzugsweise in Anspruch und 
trennt dadurch die Nerventatigkeit ab von der Bluttatigkeit. Die 
Folge einer solchen inneren Konzentration, die - wenn sie stark 
genug ist - wirklich die Leitung zwischen Nerv und Blut unterbricht, 
ist, dafi der Nerv in einer gewissen Weise befreit wird von dem 
Zusammenhang mit dem Blutsystem, ja auch befreit wird von dem, 
wofiir das Blutsystem das aufiere Werkzeug ist, das heifit also befreit 
wird von den gewohnlichen Erlebnissen des Ich. Und es ist in der Tat 
so - und das kann vollstandig experimentell belegt werden -, dafi 



durch die Erlebnisse der geistigen Schulung, die in die hoheren 
Welten hinauffiihren soil, durch die anhaltende scharfe Konzentra- 
tion das gesamte Nervensystem zeitweise dem gewohnlichen Zusam- 
menhang mit dem Blutsystem und dessen Aufgaben fiir das Ich 
entriickt wird. Da tritt nun eine gewisse Folge ein, namlich die, dafi 
das Nervensystem, das friiher seine Wirkung auf die Tafel des Blutes 
geschrieben hat, nunmehr das, was es als Wirkung in sich enthalt, in 
sich selbst zuriicklaufen lafk, in sich zurucknimmt und diese Wir- 
kung nicht bis zum Blut hinkommen lafk. Es ist also moglich, rein 
durch Vorgange innerer Konzentration, sein Blutsystem von dem 
Nervensystem gleichsam abzutrennen und dadurch dasjenige, was 
sonst in das Ich - bildlich gesprochen — hineingeflossen ware, zum 
Zuriicklaufen in das Nervensystem zu bringen. 

Nun ist das Eigentumliche, dafS der Mensch, wenn er durch innere 
Seelentatigkeit wirklich so etwas bewirkt, dann eine ganz andere Art 
des inneren Erlebens hat und damit vor einem vollstandig verander- 
ten Bewufkseinshorizont steht. Wir konnen sagen: Wenn Nerven 
und Blut in der gewohnlichen Weise miteinander in Wechselwirkung 
stehen, wie es im normalen Leben der Fall ist, dann bezieht der 
Mensch die Eindriicke, die von aufien kommen, auf sein Ich. Wenn er 
aber durch innere Konzentration, durch innere Seelentatigkeit sein 
Nervensystem heraushebt aus der Wirkung auf sein Blutsystem, 
dann lebt er auch nicht in seinem bisherigen gewohnlichen Ich; er 
kann dann nicht in demselben Sinne zu dem, was er jetzt als sein 
Selbst hat, «Ich» sagen. Der Mensch erscheint sich dann so, wie wenn 
er einen Teil seiner Wesenheit ganz bewufk aus sich herausgehoben 
hatte, abgesondert von seinem Blutsystem; es ist so, wie wenn etwas, 
was man sonst nicht sieht, ein Ubersinnliches, in unsere Nerven 
hereinwirkt, das sich nicht auf unsere Bluttafel abdruckt und auf 
unser gewohnliches Ich keinen Eindruck macht. Der Mensch fuhlt 
sich hinweggehoben von dem ganzen Blutsystem, gleichsam heraus- 
gehoben aus dem Organismus. Es ist ein bewufkes Herausheben des 
Ich aus dem Wirkungsbereich des Astralleibes. Wahrend nun friiher 
die Nerventatigkeit im Blutsystem abgebildet wurde, wird sie jetzt in 
sich selbst zuruckreflektiert; jetzt lebt der Mensch in etwas anderem, 



da empfindet er sich in einem anderen Ich, in einem [makrokosmi- 
schen] Ich, das friiher nur geahnt werden konnte: Er fiihlt das Her- 
einragen einer ubersinnlichen Welt. 

Wenn wir noch einmal die Beziehung zwischen dem Nerv oder 
dem gesamten Nervensystem, wie es die Eindriicke einer aufieren 
Welt in sich hereinnimmt, zum Blut genauer schematisch zeichnen 
wollen, so kann es in folgender Weise geschehen: 



Emdruckc 




Bluttafel 



Wiirden aufiere Eindriicke, aufiere Erlebnisse einfliefien, dann 
wiirden sie sich abdrucken im Blutsystem. Haben wir aber das Ner- 
vensystem herausgehoben aus dem Blutsystem, dann fliefit alles 
innerhalb des Nervensystems zuriick, dann ergiefit sich eine Welt, 
von der wir friiher keine Ahnung hatten, gleichsam bis an die Enden 
unseres Nervensystems, und das fiihlen wir als Riickstofi. Wahrend 
es beim gewohnlichen Bewufksein so ist, dafi man eine Welt auf- 
nimmt, die hineingeht bis zum Blutsystem, dem Blutsystem wie auf 
einer Tafel eingeschrieben wird, geht man nunmehr mit den Eindriik- 
ken nur bis dahin, wo die Nerven endigen und in sich selbst einen 
Widerstand finden. An diesen Nervenendungen prallt man gleichsam 
zuriick und lebt sich hinaus in die ubersinnliche Welt. Wenn wir 
einen Farbeneindruck haben, den wir durch das Auge empfangen, so 
geht er in unseren Sehnerv hinein, driickt sich ab auf der Tafel des 
Blutes, und wir fiihlen das, was wir mit den Worten ausdriicken: Ich 



sehe rot. - Nehmen wir aber an, wir gehen mit unseren Eindriicken 
nicht bis zum Blut hin, sondern nur bis zur Endung des Nervs, 
prallen da zuriick, so leben wir im Grunde genommen bis zu unse- 
rem Sehnerv hin. Wir prallen vor dem korperlichen Ausdruck unse- 
res Blutes zuriick, leben aufierhalb unserer selbst; wir sind eigentlich 
in den Strahlen des Lichtes, die sonst den Eindruck «rot» in uns 
hervorriefen, darinnen. Wir sind also wirklich aus uns herausgekom- 
men, und zwar dadurch, dafi wir nicht so tief in unser Inneres 
hereindringen, wie wir es sonst tun, sondern daft wir nur bis zu den 
Nervenenden gehen. Das bewirkt aber ein solches Seelenleben, das 
den physischen Menschen wie etwas Aufierliches empfindet und sich 
nicht langer mit ihm identifiziert. Das normale Bewufitsein geht bis 
zum Blute hin. Wenn wir aber die Seele so entwickelt haben, dafi wir 
gleichsam an den Nervenenden kehrtmachen, dann haben wir das 
Blut ausgeschaltet von dem, was wir den hoheren Menschen nennen, 
zu dem wir kommen konnen, wenn wir von uns selber loskommen. 

Durch diese Betrachtungen haben wir zunachst eine Anschauung 
von den Vorgangen gewonnen, die eintreten, wenn wir das Blutsy- 
stem, welches wir betrachtet haben wie eine Art Tafel, die sich auf 
der einen Seite den aufieren, auf der anderen Seite den inneren Ein- 
driicken darbietet, ausgeschaltet haben von dem, was wir nennen 
konnen den hoheren Menschen, zu dem wir uns entwickeln konnen, 
wenn wir von uns selber loskommen und frei werden von den 
Einwirkungen des gewohnlichen Ich. Wir werden nun am besten die 
ganze innere Natur dieses Blutsystems studieren konnen, wenn wir 



uns nicht in allgemeinen Phrasen bewegen, sondern das am Men- 
schen betrachten, was real ist, den ubersinnlichen, unsichtbaren Men- 
schen, zu dem wir uns selber aufschwingen konnen. Wenn wir diesen 
ubersinnlichen Menschen so betrachten, wie er sich hineinbegibt bis 
zum Blute hin, dann werden wir zu dem Gedanken vorriicken kon- 
nen, daft der Mensch in der Auftenwelt leben kann, dafi er sich 
ergieften kann iiber die ganze Auftenwelt, aufgehen kann in dieser 
Aufienwelt und dafi er gleichsam den umgekehrten Standpunkt ein- 
nehmen kann zu seinem inneren Wesen. Kurz, wir werden die Funk- 
tionen des Blutes und der Organe, die in den Blutkreislauf einge- 
schaltet sind, dadurch kennenlernen, daft wir die Frage bean two rten: 
Wie mufi nun diese hohere Welt, zu der sich der Mensch aufschwin- 
gen kann, die er genau kennenlernen kann, sich auf die Tafel des 
Blutes abmalen? — Da wird sich uns das ganze differenzierte Blutle- 
ben als der Mittelpunkt des Menschen ergeben, wenn wir unmittelbar 
die Beziehungen dieses wunderbaren Systems zu einer hoheren Welt 
betrachten. Denn das wird ja unsere Aufgabe sein, dafi wir den 
Menschen ansehen konnen als eine Offenbarung des Ubersinnlichen, 
dafi wir den aufieren Menschen ansehen konnen als ein Abbild desje- 
nigen Menschen, der in der geistigen Welt wurzelt. Dadurch werden 
wir den menschlichen Organismus erkennen konnen als ein getreues 
Abbild des Geistes. 



DRITTER VORTRAG 



Prag, 22.Marzl911 



Diese drei ersten Vortrage, einschliefilich des heutigen, sind dazu 
bestimmt, uns im allgemeinen iiber das zu orientieren, was fur das 
Leben, fur die Wesenheit des Menschen in Betracht kommt. Daher 
werden in diesen ersten Vortragen zunachst einige wichtige Begriffe 
gegeben werden, die ja sonst, weil die genaueren Ausfiihrungen 
natiirlich erst folgen sollen, ein bifichen in der Luft hangen wiirden. 
Es ist besser, wenn wir uns erst einen Uberblick iiber die ganze Art 
aneignen, wie man den Menschen im okkulten Sinne zu betrachten 
hat, um dann in diese Betrachtung, die wir vorlaufig als eine hypo- 
thetische hinnehmen, das hineinzubauen, was uns als die tieferen 
Griinde erscheinen kann. 

Nun habe ich am Ende des gestrigen Vortrages bereits eines ausge- 
fuhrt. Ich versuchte zu zeigen, dafi der Mensch durch gewisse Seelen- 
iibungen, durch starke Gedanken- und Empfindungskonzentration 
eine andere Art seines Lebenszustandes hervorrufen kann, als es die 
gewohnliche ist. Der gewohnliche Lebenszustand driickt sich ja da- 
durch aus, da£ wir im wachen Tagesleben eine enge Verbindung haben 
zwischen Nerven und Blut. Wenn wir uns schematisch ausdriicken 
wollen, konnen wir sb sagen: Was durch die Nerven geschieht, 
schreibt sich ein in die Tafel des Blutes. Durch Seeleniibungen bringt 
man es nun dahin, die Nerven so stark anzuspannen, dafi deren 
Tatigkeit sich nicht mehr hineinerstreckt bis ins Blut, sondern dafi 
diese Tatigkeit wie in den Nerv selber zuriickgeworfen wird. Weil nun 
das Blut das Werkzeug unseres Ich ist, fuhlt sich dann ein Mensch, 
welcher durch starke Empfindungs- und Gedankenkonzentration 
gleichsam sein Nervensystem freigemacht hat vom Blute, wie entfrem- 
det seiner eigenen gewohnlichen Wesenheit, wie herausgehoben aus 
ihr, er fuhlt sich gleichsam ihr gegenuberstehend, so dafi er zu dieser 
seiner gewohnlichen Wesenheit nicht mehr sagen kann : das bin ich -, 
sondern sagen kann: das bist du. Er tritt also sich selbst so gegeniiber 
wie einer fremden, in der physischen Welt lebenden Personlichkeit. 



Wenn wir einmal ein wenig auf den Lebenszustand eines solchen, in 
einer gewissen Art hellsichtig gewordenen Menschen eingehen, so 
mussen wir sagen: Ein solcher fiihlt sich so, wie wenn eine hohere 
Wesenheit in sein Seelenleben hineinragen wiirde. - Es ist dies ein ganz 
anderes Gefiihl, als man es hat, wenn man im normalen Lebenszustand 
der Aufienwelt gegeniibersteht. Im gewohnlichen Leben fiihlt man 
sich den Dingen und Wesenheiten der aufieren Welt, Tieren, Pflanzen 
und so weiter, gegeniiber fremd, man fiihlt sich als ein Wesen neben 
ihnen oder aufierhalb ihrer stehend. Man weifi ganz genau, wenn man 
eine Blume vor sich hat: Die Blume ist dort, und ich bin hier. - Anders 
ist das, wenn man auf die gekennzeichnete Art sich aus seinem sub- 
jektiven Ich heraushebt, wenn man durch Losreifien seines Nerven- 
systems vom Blutsystem in die geistige Welt hinaufsteigt. Dann fiihlt 
man nicht mehr: da ist das fremde Wesen, das uns gegeniibertritt, und 
hier sind wir — , sondern dann ist es so, wie wenn das andere Wesen in 
uns eindringen wiirde und wir uns mit ihm eins fiihlten. So darf man 
sagen: Der hellsichtig werdende Mensch beginnt bei fortgeschrittener 
Beobachtung die geistige Welt kennenzulernen, jene geistige Welt, mit 
der der Mensch in steter Verbindung steht und die ja auch im gewohn- 
lichen Leben durch unser Nervensystem auf dem Umwege durch die 
Sinneseindriicke zu uns kommt. 

Diese geistige Welt also, von welcher der Mensch im normalen 
Bewufkseinszustand zunachst nichts weifi, ist es, die sich dann ein- 
schreibt in unsere Bluttafel und dadurch in unser individuelles Ich. 
Wir diirfen namlich sagen: Alle dem, was uns aufierlich in der Sinnes- 
welt umgibt, liegt eine geistige Welt zugrunde, die wir nur wie durch 
einen Schleier sehen, der durch die Sinneseindriicke gewoben wird. 
Im normalen Bewufitsein sehen wir diese geistige Welt nicht, iiber die 
der Horizont des individuellen Ich einen Schleier ausspannt. In dem 
Augenblick aber, wo wir von dem Ich frei werden, erloschen auch die 
gewohnlichen Sinneseindriicke, die haben wir dann nicht. Wir leben 
uns hinauf in eine geistige Welt, und das ist dieselbe geistige Welt, die 
eigentlich hinter den Sinneseindriicken ist, mit der wir eins werden, 
wenn wir unser Nervensystem herausheben aus unserem gewohn- 
lichen Blutorganismus. 



Nun haben wir mit diesen Betrachtungen gewissermafien das 
menschliche Leben verfolgt, wie es von aufien angeregt wird und 
durch die Nerven auf das Blut wirkt. Wir haben aber schon gestern 
darauf aufmerksam gemacht, dafi wir in dem rein organischen phy- 
sischen Innenleben des Menschen eine Art zusammengedriickte 
Aufienwelt sehen konnen, und wir haben namentlich darauf hinge- 
wiesen, wie eine Art in Organe zusammengedrangte Aufienwelt vor- 
handen ist in unserer Leber, Galle und Milz. Wir konnen sagen: Wie 
das Blut nach der einen, der oberen Seite unseres Organismus das 
Gehirn durchlauft, um dort mit der Aufienwelt in Beruhrung zu 
kommen - und das geschieht, indem auf das Gehirn die aufieren 
Sinneseindriicke wirken — , so kommt das Blut, wenn es sich durch 
den Korper bewegt, in Beziehung zu den inneren Organen, von 
denen wir zunachst Leber, Galle und Milz betrachtet haben. Und dafi 
in ihnen das Blut nicht mit irgendeiner Aufienwelt in Beruhrung 
kommt, dafur sorgt die Tatsache, daft diese Organe sich nicht wie 
Sinnesorgane nach aufien aufschliefien, sondern in den Organismus 
eingeschlossen und von alien Seiten zugedeckt sind, so dafi sie nur ein 
inneres Leben entfalten. Diese Organe konnen alle auch auf das Blut 
nur so wirken, wie sie selbst ihrer Eigenart nach sind. Leber, Galle 
und Milz bekommen nicht wie das Auge oder das Ohr aufiere Ein- 
driicke, konnen also auch nicht an das Blut Wirkungen weitergeben, 
welche von aufien angeregt sind, sondern sie konnen in der Wirkung, 




welche sie auf das Blut haben, nur ihre eigene Natur zum Ausdruck 
bringen. Wenn wir also die innere Welt betrachten, in die die Aufien- 



welt gleichsam wie zusammengedrangt ist, so konnen wir sagen: Hier 
wirkt eine verinnerlichte Aufienwelt auf das menschliche Blut. Wenn 
wir uns das wieder schematisch zeichnen wollen, so konnen wir 
durch den schragen Strich A-B (siehe Zeichnung Seite 50) die Tafel 
des Blutes angeben, durch die oberen Pfeile konnen wir alles das 
veranschaulichen, was von aufien kommend an die Bluttafel heran- 
dringt, und durch die unteren Pfeile alles, was von innen kommend 
sich der Bluttafel einschreibt. Oder, wenn wir die Sache etwas weni- 
ger schematisch ansehen wollen, so konnen wir sagen: Wenn wir das 
menschliche Haupt und das hindurchgehende Blut betrachten, wie es 




beschrieben wird von aufien durch die Sinnesorgane, so wirkt das 
Gehirn in seiner Arbeit in derselben Weise umwandelnd auf das Blut, 
wie die inneren Organe auf das Blut umwandelnd wirken. Denn diese 
drei Organe, Leber, Galle, Milz, wirken von der anderen Seite her auf 



das Blut, welches wir hier so zeichnen wollen, als ob es die Organe 
umflosse. So also wiirde das Blut gleichsam Strahlungen, Wirkungen 
empfangen konnen von den inneren Organen und wiirde damit so- 
zusagen als Werkzeug des Ich in diesem Ich das innere Leben dieser 
Organe zum Ausdruck bringen, so wie in unserem Gehirnleben das 
zum Ausdruck kommt, was uns in der Welt umgibt. 

Da miissen wir uns allerdings klar sein, daft noch etwas ganz 
Bestimmtes eintreten mufi, damit diese Wirkungen der Organe auf 
das Blut moglich sind. Erinnern wir uns daran, dafi wir sagten, dafi in 
der Wechselwirkung von Nerv und Blutlauf iiberhaupt erst die Mog- 
lichkeit liegt, dafi auf das Blut eine Wirkung ausgeubt, dafi in das Blut 
sozusagen etwas eingeschrieben werden kann. Wenn von der Seite 
der inneren Organe her Wirkungen auf das Blut ausgeiibt werden 
sollen, wenn gleichsam das innere Weltsystem des Menschen auf das 
Blut wirken soil, so mufi zwischen diesen Organen und dem Blut 
etwas eingeschaltet sein wie ein Nervensystem. Es mufi die innere 
Welt zuerst auf ein Nervensystem wirken konnen, um dann ihre 
Wirkungen auf das Blut iibertragen zu konnen. 

So sehen wir, einfach aus einem Vergleich des unteren Teiles des 
Menschen mit dem oberen, dafi die Voraussetzung gemacht werden 
mufi, dafi zwischen unseren inneren Organen - als deren Reprasen- 
tanten wir diese drei Organe: Leber, Galle, Milz haben - und dem 
Blutkreislauf etwas eingeschaltet sein mull wie ein Nervensystem. 
Fragen wir die aufiere Beobachtung, so zeigt sie uns in der Tat, dafi in 
alle diese Organe das eingeschaltet ist, was wir das sympathische 
Nervensystem nennen, welches die Korperhohle des Menschen aus- 
fiillt und welches in einem analogen Verhaltnisse zu der mensch- 
lichen Innenwelt und dem Blutkreislauf steht, wie andererseits das 
Riickenmark-Nervensystem zwischen der aufieren grofien Welt und 
dem Blutumlauf des Menschen steht. Von diesem sympathischen 
Nervensystem, das ja zunachst langs des Riickgrates verlauft, dann, 
von dort ausgehend die verschiedensten Teile des Organismus durch- 
zieht und sich ausbreitet, auch netzformige Ausbreitungen zeigt, 
namentlich in der Bauchhohle, wo man einen Teil dieses Systems 
popular auch das Sonnengeflecht nennt, von diesem sympathischen 



Nervensystem werden wir zu erwarten haben, dafi es in einer gewis- 
sen Weise von dem anderen Nervensystem abweicht. Und es ist 
immerhin interessant - wenn es auch nicht zu einem Beweise dienen 
soil -, sich zu fragen: Wie konnte denn dieses Nervensystem gestaltet 
sein im Verhaltnis zum Ruckenmark-Nervensystem, wenn diese 
Bedingungen erfullt wiirden, die wir jetzt hypothetisch gestellt 
haben? - Sie konnten einsehen: Wie sich das Ruckenmark-Nerven- 
system offnen muft dem Umkreis des Raumes, so mu£ dieses sympa- 
thische Nervensystem demjenigen zugeneigt sein, was zusammen- 
gedrangt ist in die innere Organisation. So verhalt sich, wenn unseren 
Voraussetzungen entsprochen werden soil, das sympathische Ner- 
vensystem zu dem Ruckenmark-Nervensystem etwa so, wie sich 
verhalten die Radien eines Kreises, die vom Mittelpunkt zur Periphe- 
rie gerichtet sind (siehe Zeichnung a), zu den sich von der Peripherie 




aus nach aufien fortsetzenden Radien (b). Also in einer gewissen 
Weise miifite ein Gegensatz vorhanden sein zwischen dem sympathi- 
schen Nervensystem und zwischen dem Nervensystem des Gehirnes 
und Ruckenmarkes. Dieser Gegensatz ist auch in der Wirklichkeit 
vorhanden. Und da sehen wir, wie schon darin vieles fur uns liegen 
kann, dafi wir imstande sind nachzuweisen: Wenn unsere Vorausset- 
zungen richtig sind, dann mufi die aufiere Beobachtung sie in einer 
gewissen Weise bestatigen, und es zeigt sich, daft die aufiere Beobach- 
tung tatsachlich bestatigt, was wir als Voraussetzung gemacht haben. 
Wahrend beim sympathischen Nervensystem im wesentlichen eine 
Art starke Nervenknoten vorhanden sind und die Ausstrahlungen 



dieser Nervenknoten, die verbindenden Faden, verhaltnismafiig dttnn 
sind und wenig in Betracht kommen gegeniiber den Nervenknoten, 
ist bei dem Gehirn-Riickenmark-Nervensystem gerade das Umge- 
kehrte der Fall, da sind die verbindenden Faden das Wesentliche, 
wahrend die Nervenknoten nur eine untergeordnete Bedeutung 
haben. So bestatigt uns die Beobachtung in der Tat das, was wir als 
Voraussetzung annahmen. Wenn das sympathische Nervensystem 
die Aufgabe hat, die es nach dem, was wir gesagt haben, haben mufi, 
dann mufi sich das innere Leben unseres Organismus, das in der 
Durchnahrung und Durchwarmung des Organismus zum Ausdruck 
kommt, gleichsam in dieses sympathische Nervensystem hineinergie- 
fien, und dieses Nervensystem miifite es auf die Bluttafel geradeso 
iibertragen, wie die aufieren Eindriicke durch das Gehirn-Riicken- 
mark-Nervensystem auf das Blut iibertragen werden. So bekommen 
wir in das individuelle Ich hinein, durch das Instrument des Ich, das 
Blut — auf dem Umwege durch das sympathische Nervensystem -, 
die Eindriicke unseres eigenen korperlichen Inneren. Da aber unser 
korperliches Innere wie alles Physische aus dem Geiste heraus aufer- 
baut ist, so bekommen wir das, was sich als geistige Welt zusammen- 
gedrangt hat in den entsprechenden Organen des inneren Menschen, 
herauf in unser [waches] Ich auf dem Umwege durch das sympathi- 
sche Nervensystem. 

So sehen wir auch hier, wie sich diese Zweiheit im Menschen noch 
genauer ausdriickt, von der wir in unseren Betrachtungen ausgegan- 
gen sind. Wir sehen die Welt einmal draufien, wir sehen sie einmal 
drinnen wirken; beide Male sehen wir diese Welt so wirken, dafi zu 
dieser Wirkung einmal das eine, einmal das andere Nervensystem als 
Werkzeug dient. Wir sehen, wie in die Mitte zwischen Aufienwelt 
und Innenwelt hineingestellt ist unser Blutsystem, das sich wie eine 
Tafel von zwei Seiten beschreiben lafit, einmal von aufien, einmal von 
innen. 

Nun haben wir gestern gesagt, und es heute der Deutlichkeit 
wegen wiederholt, dafi der Mensch imstande ist, seine Nerven, inso- 
fern sie in die Sinneswelt hinausfiihren, sozusagen frei zu machen von 
den Wirkungen der Aufienwelt auf das Blutsystem. Die Frage miis- 



sen wir uns nun vorlegen, ob auch nach der entgegengesetzten Rich- 
tung hin etwas Ahnliches moglich ist? Und wir werden spater sehen, 
dafi in der Tat auch solche Ubungen der Seele moglich sind, welche 
dieselbe Wirkung, von der wir heute und gestern gesprochen haben, 
nach der anderen Richtung moglich machen. Jedoch besteht hier ein 
gewisser Unterschied. Wahrend wir durch Gedankenkonzentration, 
durch Gefiihlskonzentration, durch okkulte Ubungen die Nerven 
unseres Gehirns und Riickenmarkes vom Blute losbekommen kon- 
nen, konnen wir durch solche Konzentrationen, welche gleichsam in 
unser Innenleben, in unsere Innenwelt hineingehen - und es sind dies 
namentlich diejenigen Konzentrationen, die man zusammenfassen 
kann unter dem Namen «mystisches Leben» — , so tief in uns eindrin- 
gen, dafi wir allerdings unser Ich dabei, also auch sein Werkzeug, das 
Blut, keineswegs unberiicksichtigt lassen. Die mystische Versenkung, 
von der wir ja wissen - was spater noch genauer ausgefuhrt werden 
soli -, dafi der Mensch durch sie gleichsam untertaucht in seine eigene 
gottliche Wesenheit, in seine eigene Geistigkeit, insofern sie in ihm 
liegt, diese mystische Versenkung ist nicht zunachst ein Herausheben 
aus dem Ich. Sie ist im Gegenteil ein Sichhineinversenken in das Ich, 
eine Verstarkung, ein Energischermachen, eine Steigerung der Ich- 
Empfindung. Davon konnen wir uns iiberzeugen, wenn wir - abge- 
sehen von dem, was die Mystiker der Gegenwart sagen - uns ein 
wenig einlassen auf altere Mystiker. Diese alteren Mystiker, gleich- 
giiltig, ob sie auf einem mehr oder weniger religiosen Boden stehen, 
sind vor alien Dingen bemuht, in ihr eigenes Ich hineinzudringen und 
abzusehen von alle dem, was die Aufienwelt uns geben kann, um frei 
zu werden von alien aufieren Eindriicken und ganz in sich selber 
unterzutauchen. Diese innere Einkehr, dieses Untertauchen in das 
eigene Ich ist zunachst wie ein Zusammenziehen der ganzen Gewalt 
und Energie des Ich in den eigenen Organismus hinein. Das wirkt 
nun auf die ganze Organisation des Menschen weiter, und wir kon- 
nen sagen: Diese innere Versenkung, dieser im eigentlichen Sinne so 
zu nennende «mystische Weg» ist - im Gegensatz zu dem anderen 
Weg, den wir beschrieben haben - so, dafi wir das Werkzeug des Ich, 
das Blut, nicht abziehen von dem Nerv, sondern es gerade mehr 



hinstofien zum Nerv, zum sympathischen Nervensystem. Wahrend 
wir also die Verbindung von Nerv und Blut losen bei dem Vorgang, 
den wir gestern besprochen haben, machen wir im Gegensatz dazu 
durch die mystische Versenkung die Verbindung zwischen dem Blut 
und dem sympathischen Nervensystem starker. Das ist das physio- 
logische Gegenbild: Bei der mystischen Versenkung wird das Blut 
tiefer hineingedrangt zu dem sympathischen Nervensystem, wahrend 
bei der anderen Art seelischer Ubungen das Blut vom Nerv abge- 
drangt wird. Es ist also wie ein Eindriicken des Blutes in das sympa- 
thische Nervensystem, was in der mystischen Versenkung vor sich 
geht. 

Nehmen wir nun an, wir konnten fur eine Weile von dem absehen, 
dafi der Mensch, wenn er in mystischer Versenkung in sein Inneres 
hineingeht, nicht loskommt von seinem Ich, sondern es im Gegenteil 
tiefer hineindrangt in sein Inneres und dabei alle schlechten, alle 
minder guten Eigenschaften, die er hat, mitnimmt. Wenn man sich in 
sein Inneres hineinversenkt, ist man sich zunachst nicht klar, dafi 
man auch alle minder guten Eigenschaften hineindriickt in dieses 
Innere, mit anderen Worten, dafi alles, was im leidenschaftlichen 
Blute ist, mit hineingepragt wird in das sympathische Nervensystem. 
Aber nehmen wir an, wir konnten eine Weile davon absehen und uns 
sagen, der Mystiker habe Sorge getragen, bevor er zu einer solchen 
mystischen Versenkung gekommen ist, dafi die minder guten Eigen- 
schaften immer mehr und mehr verschwunden sind und daft anstelle 
der egoistischen Eigenschaften selbstlose, altruistische Gefiihle getre- 
ten sind, er habe sich dadurch vorbereitet, daft er versuchte, das 
Gefiihl des Mitleides mit alien Wesen in sich rege zu machen, um die 
Eigenschaften, die nur auf das Ich hinspekulieren, zu paralysieren 
durch selbstloses Mitgefuhl fur alle Wesen. Nehmen wir also an, der 
Mensch habe sich geniigend sorgfaltig vorbereitet, um sich in sein 
Inneres hinein zu versenken. Tragt der Mensch dann das Ich durch 
das Werkzeug seines Blutes in seine innere Welt hinein, dann kommt 
es dazu, daft dieses innere Nervensystem, das sympathische Nerven- 
system, von dem der Mensch im normalen Bewufttsein naturlich 
nichts weift, hereinriickt in das Ich-Bewufttsein, daft er anfangt zu 



wissen: Du hast da in dir etwas, das dir ein Ahnliches von deiner 
inneren Welt vermitteln kann, wie dein Gehirn-Riickenmark-Ner- 
vensystem dir die aufiere Welt vermittelt. - Man wird gewahr seines 
sympathischen Nervensystems, und wie man durch das Gehirn- 
Riickenmark-Nervensystem die auftere Welt erkennen kann, so 
kommt einem jetzt entgegen die innere Welt. Aber wie wir bei den 
aufieren Eindriicken auch nicht die Nerven selbst sehen, sondern 
durch die Sehnerven die aufiere Welt in unser Bewufksein herein- 
dringt, so dringen bei der mystischen Versenkung auch nicht die 
inneren Nerven ins Bewufksein herein; der Mensch wird nur gewahr, 
da$ er in ihnen ein Instrument hat, durch das er in das Innere schauen 
kann. Es tritt etwas ganz anderes ein, es tritt vor dem nach innen zu 
hellsichtig gewordenen menschlichen Erkenntnisvermogen die innere 
Welt auf. Wie uns der Blick nach aufien die Aufienwelt erschliefk, 
und uns dabei nicht unsere Nerven zum Bewufksein kommen, so 
kommt uns auch nicht unser sympathisches Nervensystem zum 
Bewufksein, wohl aber das, was sich uns als Innenwelt entgegenstellt, 
Nur rnussen wir sehen, dafS diese Innenwelt, die uns da zum Bewufk- 
sein kommt, eigentlich wir selbst als physischer Mensch sind. 

Vielleicht liegt es nicht besonders nahe, aber ich mochte doch 
sagen: Einem ein klein wenig materialistischen Denker konnte eine 
Art von Horror aufsteigen, wenn er sich sagen sollte, dafi er seinen 
eigenen Organismus von innen sehen kann, und er konnte vielleicht 
meinen: Da sehe ich aber auch etwas Rechtes, wenn ich durch mein 
sympathisches Nervensystem hellsichtig werde und meine Leber, 
Galle und Milz zu sehen bekomme! - Ich meine, es mufi ja nicht 
besonders naheliegen, aber man konnte es sich doch sagen. So ist die 
Sache aber nicht. Denn bei einem solchen Einwand wiirde man nicht 
beriicksichtigen, dafi der Mensch im gewohnlichen Leben seine 
Leber, Galle und Milz und so weiter von aufien anschaut wie die 
anderen aufieren Gegenstande auch. So wie Sie in der Anatomie, in 
der gewohnlichen Physiologie Leber, Galle, Milz und so weiter 
kennenlernen, wenn Sie einen Menschen aufschneiden, sind diese 
Organe naturlich durch die aufieren Sinne, durch das Gehirn-Ruk- 
kenmark-Nervensystem angeschaut, geradeso wie irgend etwas an- 



deres. Aber in einer ganz anderen Lage ist der Mensch, wenn er 
versucht, sein sympathisches Nervensystem zu gebrauchen, urn nach 
innen hellsichtig zu werden. Da sieht er keineswegs dasselbe, was er 
von aufien sehen kann, sondern da sieht er das, um dessentwillen die 
Hellseher aller Zeiten so sonderbare Namen fur diese Organe 
gewahlt haben, wie ich sie Ihnen im zweiten Vortrage angefiihrt 
habe. 

Da wird er namlich gewahr, dafi in der Tat dem aufieren 
Anschauen durch das Gehirn-Riickenmark-Nervensystem diese 
Organe als Maja, in aufierer Illusion erscheinen in dem Anblick, den 
sie nach aufien bieten, nicht in ihrer inneren wesenhaften Bedeutung. 
Man sieht in der Tat etwas ganz anderes, wenn man mit dem nach 
innen gewendeten Auge diese seine innere Welt hellseherisch belau- 
schen kann. Da wird man nach und nach gewahr, warum die Hellse- 
her aller Zeiten einen Zusammenhang der Organe mit den Wirkun- 
gen der Planeten gesehen haben. Wie wir gestern gesagt haben, wurde 
die Milzwirkung mit dem Namen des Saturn, die Leberwirkung mit 
dem Jupiter und die Gallewirkung mit dem Mars in Zusammenhang 
gebracht. Denn was man im eigenen Inneren sieht, das ist in der Tat 
grundverschieden von dem, was sich dem aufieren Anblick darbietet. 
Da wird man gewahr, dafi man wirklich in den inneren Organen 
umgrenzte, zusammengeschlossene Partien der Aufienwelt vor sich 
hat. Vor allem wird eines klar, was uns zunachst als ein Beispiel 
dienen soli: Durch diese Art zu einer Erkenntnis zu kommen, die 
liber das gewohnliche Anschauen hinausfuhrt, konnen wir uns davon 
iiberzeugen, dafi die menschliche Milz ein sehr bedeutungsvolles 
Organ ist. Dieses Organ erscheint ja der inneren Betrachtung wirk- 
lich so, als wenn es nicht aus aufierer Substanz, aus fleischlicher 
Materie bestehen wurde, sondern — wenn der Ausdruck gestattet ist, 
obwohl er nur annahernd das wiedergeben kann, was gesehen wird - 
die Milz erscheint tatsachlich wie ein leuchtender Weltenkorper im 
kleinen mit allem moglichen inneren Leben, das sehr kompliziert ist. 
Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, dafi die Milz, 
aufierlich betrachtet, beschrieben werden kann als ein blutreiches 
Gewebe, eingebettet darin die erwahnten weifien Korperchen. So dafi 



man von einer aufieren physiologischen Betrachtung ausgehend sa- 
gen kann, dafi das Blut, welches sich durch die Milz ergiefit, durch 
sie wie durch ein Sieb durchgesiebt wird. Der inneren Betrachtung 
aber stellt sich die Milz dar als ein Organ, das durch mannigfache 
innere Krafte in eine bestandige rhythmische Bewegung gebracht 
wird. Wir iiberzeugen uns schon bei einem solchen Organ davon, 
dafi im Grunde genommen in der Welt ungeheuer viel auf Rhythmus 
ankommt. Eine Ahnung von der Bedeutung des Rhythmus im 
Gesamtleben der Welt konnen wir ja bekommen, wenn wir den 
aufieren Rhythmus des Kosmos wiedererkennen im Blut-Pulsschlag. 
Auch aufierlich konnen wir den Rhythmus in den Organen, auch in 
dem Organ der Milz, ziemlich genau verfolgen. Fur den, der mit nach 
innen gewendetem hellseherischen Blick die Organe anschaut, dem 
offenbaren sich die Differenzierungen der Milz wie in einem Licht- 
korper, sie sind dazu da, um der Milz einen gewissen Rhythmus im 
Leben zu geben. Dieser Rhythmus unterscheidet sich von anderen 
Rhythmen, die wir sonst gewahr werden, ganz betrachtlich. Und 
gerade bei der Milz ist es interessant zu studieren, wie sich dieser 
Rhythmus der Milz ganz betrachtlich unterscheidet von jedem ande- 
ren Rhythmus; er ist namlich weit weniger regelmafiig als andere 
Rhythmen. Warum? Dies ist aus dem Grunde der Fall, weil die Milz 
in einer gewissen Weise naheliegt dem menschlichen Ernahrungsap- 
parat und mit demselben etwas zu tun hat. Das werden Sie gleich 
verstehen, wenn wir ein wenig darauf Riicksicht nehmen, wie unge- 
heuer regelmafiig beim Menschen der Rhythmus des Blutes sein mufi, 
damit das Leben in einer richtigen Weise aufrechterhalten werden 
kann. Das mufi ein sehr regelmafiiger Rhythmus sein. Aber es gibt 
einen anderen Rhythmus, und der ist nur in geringem Mafie regelma- 
fiig, obwohl von ihm zu wiinschen ware, dafi er durch die Selbster- 
ziehung der Menschen immer regelmaftiger und regelmafiiger wiirde, 
namentlich in dem kindlichen Lebensalter: das ist der Rhythmus, in 
dem wir uns ernahren, der Rhythmus von Essen und Trinken. Einen 
gewissen Rhythmus halt darin ja wohl ein einigermafien ordentlicher 
Mensch ein; er nimmt zu bestimmten Zeiten seine Tagesmahlzeiten, 
das Fruhstiick, das Mittagessen und das Nachtmahl ein, so daft er 



dadurch doch einen gewissen Rhythmus hat. Aber wie ist es mit 
diesem Rhythmus eigentlich bestellt? In vieler Hinsicht - das ist ja 
traurig bekannt - wird diese Regelmafiigkeit durchbrochen durch das 
Entgegenkommen vieler Eltern gegeniiber der Genaschigkeit ihrer 
Kinder, denen man einfach dann etwas gibt, wenn sie gerade danach 
Verlangen haben, wobei abgesehen wird von allem Rhythmus. Und 
auch die Erwachsenen sind nicht gerade so ungeheuer darauf aus, 
immer einen genauen Rhythmus in bezug auf Essen und Trinken 
einzuhalten. Das soil gar nicht in pedantischer oder moralisierender 
Weise gemeint sein, denn das moderne Leben macht das nicht immer 
moglich. Wie unregelmafiig die Nahrung in den Menschen hineinge- 
stopft wird, wie unregelmafiig namentlich getrunken wird, das ist ja 
hinlanglich bekannt und soli nicht getadelt, sondern nur erwahnt 
werden. Es mufi aber das, was wir in einer mangelhaften rhythmi- 
schen Art unserem Organismus zufuhren, allmahlich so umrhythmi- 
siert werden, dafi es sich in den regelmafiigeren Rhythmus des Orga- 
nismus einfugt; es muE so umgeschaltet werden, dafi wenigstens die 
grobsten Unregelmafiigkeiten in der Nahrungsaufnahme beseitigt 
werden. Nehmen wir an, ein Mensch sei durch seinen Beruf gezwun- 
gen, um acht Uhr morgens zu friihstiicken und um ein oder zwei Uhr 
zu Mittag zu essen, und diese regelmafiige Tageseinteilung sei ihm 
eine Gewohnheit. Nun nehmen wir weiter an, er wiirde zu einem 
guten Freunde gehen, und da gebiete es ihm die sonst ja nicht genug 
zu lobende Hoflichkeit, zwischen diesen beiden Mahlzeiten eine 
Erfrischung zu sich zu nehmen. Damit hat er den gewohnten Rhyth- 
mus seiner Nahrungsaufnahme in einer ganz erheblichen Weise 
durchbrochen, und dadurch wird auf den Rhythmus seines Organis- 
mus eine ganz bestimmte Wirkung ausgeiibt. Es mufi nun etwas da 
sein im Organismus, das in entsprechender Weise dasjenige starker 
macht, was regelmafiig im Rhythmus ist und was die Wirkung dessen 
abschwachen mufi, was unregelmafiig ist. Es miissen die grobsten 
Unregelmaftigkeiten ausgeglichen werden, so dafi beim Ubergehen 
der Nahrungsmittel auf das Blutsystem ein Organ eingeschaltet sein 
mufi, das die Unregelmafiigkeit des Ernahrungsrhythmus ausgleicht 
gegeniiber der notwendigen Regelmafiigkeit des Blutrhythmus. Und 



dieses Organ ist die Milz. So konnen wir an ganz bestimmten rhyth- 
mischen Vorgangen, wie es jetzt charakterisiert worden ist, einen 
Begriff dafur erhalten, daft die Milz ein Umschalter ist, urn Unregel- 
mafiigkeiten im Verdauungskanal so auszugleichen, dafi sie zu Regel- 
ma&gkeiten werden in der Blutzirkulation. Denn es ware in der Tat 
eine ganz fatale Sache, wenn gewisse Unregelmafligkeiten in dem 
Aufnehmen von Nahrungsstoffen - namentlich in der Studentenzeit 
oder auch zu anderen Zeiten - ihre ganze Wirkung fortsetzen miifiten 
in das Blut hinein. Da ist viel auszugleichen, und es ist nur so viel auf 
das Blut iiberzuleiten, als diesem zutraglich ist. Diese Aufgabe hat 
das in die Blutbahn eingeschaltete Milzorgan, das seine rhythmisie- 
rende Wirkung so ausstrahlt iiber den ganzen menschlichen Organis- 
mus, dafi das zustande kommt, was jetzt beschrieben worden ist. 

Was wir jetzt hervorgeholt haben aus dem Einblick des hellsehend 
gewordenen Auges, zeigt sich auch der aufieren Beobachtung, nam- 
lich dafi die Milz einen gewissen Rhythmus einhalt. Es ist aufieror- 
dentlich schwierig, durch die aufieren physiologischen Untersuchun- 
gen allein diese Aufgabe der Milz herauszufinden, man kann aber 
durch aufterliche Beobachtung feststellen, dafi die Milz gewisse Stun- 
den hindurch nach einer reichlich genossenen Mahlzeit angeschwol- 
len ist und dafi sie, wenn nicht wieder nachgeschoben wird, sich 
wieder zusammenzieht, wenn eine angemessene Zeit vergangen ist. 
Durch eine gewisse Ausdehnung und Zusammenziehung dieses 
Organs wird die Unregelmafiigkeit in der Nahrungsaufnahme auf 
den Rhythmus des Blutes umgeschaltet. Und wenn Sie sich dessen 
bewufk sind, dafi der menschliche Organismus nicht blofi das ist, als 
was man ihn oft beschreibt, namlich eine Summe seiner Organe, 
sondern dafi alle Organe ihre geheimen Wirkungen nach alien Teilen 
des Organismus hinschicken, so werden Sie sich auch vorstellen 
konnen, dafi die rhythmische Tatigkeit der Milz von der Aufienwelt, 
namlich von der Zufiihrung der Nahrungsmittel abhangt, und dafi 
diese rhythmischen Bewegungen der Milz ausstrahlen in den ganzen 
Organismus und iiber den ganzen Organismus hin ausgleichend 
wirken konnen. Das ist zwar nur eine Art, wie die Milz wirkt; denn 
es ist unmoglich, alle Arten gleich anzufiihren. 



Es ware nun in der Tat au£erordentlich interessant zu sehen, ob die 
aufiere Physiologie solche Dinge, wie sie eben ausgesprochen wur- 
den, bestatigen wiirde, wenn sie dieselben - da ja nicht alle Menschen 
gleich hellsehend werden konnen - hinnehmen wiirde, ich mochte 
sagen, wie eine «hingeworfene Idee», wenn also zunachst gesagt 
wiirde: Ich will mir einmal vorstellen, daft es doch nicht so ganz 
verdrehtes Zeug ist, was die Okkultisten sagen, ich will es einmal 
weder glauben noch nicht glauben, sondern es als Idee dahingestellt 
sein lassen und prufen, ob sich davon irgend etwas durch die aufiere 
Physiologie beweisen lafit. - Dann konnten Untersuchungen der 
aufieren Physiologie angestellt werden, die den Beweis erbringen 
konnten fur das, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewon- 
nen wurde. 

Eine solche Bestatigung haben wir ja schon genannt, das Ausdeh- 
nen und Zusammenziehen der Milz. Es zeigt sich, weil die Ausdeh- 
nung der Milz auf die Einnahme einer Mahlzeit folgt, dafi sie von der 
Nahrungsaufnahme abhangig ist. So haben wir in der Milz ein Organ 
gefunden, das nach der einen Seite hin von menschlicher Willkur 
abhangig ist, auf der anderen Seite, nach der Blutseite hin, die Unre- 
gelmafiigkeiten der menschlichen Willkur beseitigt, sie ablahmt, das 
heifit sie umschaltet auf den Rhythmus des Blutes, und dadurch das 
Physische des Menschen sozusagen erst seiner Wesenheit gemafi 
gestaltet werden kann. Denn soli der Mensch seiner Wesenheit 
gemafi gestaltet sein, dann mull ja namentlich das Mittelpunktswerk- 
zeug seiner Wesenheit, das Blut, in der richtigen Weise seine Wir- 
kung ausiiben konnen, in dem eigenen Blutrhythmus. Es mufi der 
Mensch, insofern er Trager seines Blutkreislaufes ist, in sich abgeson- 
dert, isoliert sein von dem, was draufien in der Aufienwelt unregel- 
maftig vorgeht, und von dem, was auf den Menschen dadurch ein- 
wirkt, dafi er vollig unrhythmisch sich seine Nahrung einverleibt. 

Es ist also ein Isolieren, ein Unabhangigmachen der menschlichen 
Wesenheit von der Aufienwelt. Jedes solches Individualisieren, Selb- 
standigmachen einer Wesenheit nennt man im Okkultismus «Satur- 
nisch», etwas, das durch Saturnwirkung herbeigefuhrt wird. Das ist 
die urspriingliche Idee, das Wesentliche des Saturnischen: daft aus 



einem umfassenden Gesamtorganismus ein Wesen herausgestellt, iso- 
liert, individualisiert wird, so dafi es in sich selber eine gesonderte 
Regelmafiigkeit entfalten kann. Ich will jetzt davon absehen, dafi ja 
von unserer heutigen Astronomie aufierhalb der Saturnbahn noch 
Uranus und Neptun zu unserem Sonnensystem gerechnet werden. 
Fiir den Okkultisten ist alles das, was an Kraften vorhanden ist, um 
unser Sonnensystem aus der iibrigen Welt herauszuheben, abzuson- 
dern, zu isolieren und zu individualisieren, ihm eine Eigengesetzlich- 
keit zu geben, in den Saturnkraften gegeben. 




Alle diese Krafte sind in dem gegeben, was in unserem Sonnen- 
system der aufierste Planet ist. Wenn man sich die Welt vorstellt, 
konnte man sagen, dafi innerhalb der Kreisbahn des Saturns das 
Sonnensystem so darinnen ist, dafi es innerhalb dieser Bahn seinen 
eigenen Gesetzen folgen kann und sich unabhangig machen kann, 
indem es sich herausreifk aus der Umwelt und den gestaltenden 
Kraften der Umwelt. Aus diesem Grunde sahen die Okkultisten aller 
Zeiten in den saturnhaften Kraften das, was unser Sonnensystem in 



sich selber abschliefk, was es dem Sonnensystem moglich macht, 
einen eigenen Rhythmus zu entfalten, der nicht derselbe ist wie der 
Rhythmus draufkn, der aufierhalb der Welt unseres Sormensystems 
herrscht. 

Etwas Ahnlichem begegnen wir in unserem Organismus bei der 
Milz. In unserem Organismus haben wir es zwar nicht zu tun mit 
einem Absondern gegen die ganze aufSere Welt, sondern nur von 
einer Umwelt, insofern sie die Nahrungsmittel fur unseren Organis- 
mus enthalt. In der Milz haben wir dasjenige Organ im Korper zu 
sehen, das alles, was von draufien kommt, so behandelt, wie das 
innerhalb der Saturnbahn des Sonnensystems Liegende von den 
Saturnkraften behandelt wird: dafi es zuerst umrhythmisiert wird in 
den Rhythmus und die Gesetzmafkgkeit des Menschen. Was durch 
die Milz geschieht, das isoliert unseren Blutkreislauf von alien aufie- 
ren Wirkungen, das macht ihn zu einem in sich selber regelmafkgen 
System, das seinen eigenen Rhythmus haben kann. 

Damit kommen wir schon den Griinden etwas naher, die im 
Okkultismus fur die Wahl von Planetennamen fur die Organe mafi- 
gebend waren. In den okkulten Schulen wurden diese Namen 
urspriinglich nicht blofi auf die einzelnen physisch sichtbaren Plane- 
ten angewendet. Der Name «Saturn» zum Beispiel wurde ja, wie 
schon gesagt, auf alles angewendet, was bewirkt, dafi sich etwas aus 
einer grofieren Gesamtheit aussondert und sich abschliefk zu einem 
System, das in sich selber rhythmisch gestaltet ist. Dafi ein System 
sich abschliefk und sich in sich selbstandig rhythmisch gestaltet, hat 
einen gewissen Nachteil fur die gesamte Weltentwickelung, und das 
hat immer die Okkultisten ein wenig bekiimmert. Es ist ja leicht 
verstandlich, dafi in der kleinen und in der groften Welt alle Wirkun- 
gen zueinander in Beziehungen stehen, dafi alle sich aufeinander 
beziehen. Wenn nun irgend etwas, sei es ein Sonnensystem, sei es 
das Blutsystem des Menschen, sich herausgliedert aus der ganzen 
Umwelt und einer Eigengesetzmafkgkeit folgt, so bedeutet das, dafS 
ein solches System die aufieren umfassenden Gesetze durchbricht, 
verletzt, dafi es sich verselbstandigt gegemiber den aufieren Gesetzen 
und sich eigene innere Gesetze und einen eigenen Rhythmus schafft, 



welche denen der Umwelt zunachst widersprechen. Wir werden 
sehen, wie das auch auf den physischen Menschen bezogen werden 
kann, obwohl es uns nach den ganzen Auseinandersetzungen des 
heutigen Vortrages klar sein mufi, daft es zunachst fur den Menschen 
segensreich ist, daft er diesen durch das Saturnische der Milz geschaf- 
fenen inneren Rhythmus erhalten hat. Aber wir werden doch sehen, 
daft ein Wesen, sei es ein Planet, sei es ein Mensch, durch das Sich- 
abschlieften in sich selber sich in einen Widerspruch bringt zur 
umliegenden Welt. Es ist ein Widerspruch geschaffen zwischen dem, 
was um uns ist, und dem, was in uns ist. Dieser Widerspruch, der nun 
einmal vorhanden ist, kann nicht friiher ausgeglichen werden, als bis 
sich der im Inneren hergestellte Rhythmus dem aufteren Rhythmus 
wieder vollig angepafit hat. Wir werden noch sehen, wie dies auch auf 
den physischen Menschen bezogen wird; denn so, wie es jetzt gesagt 
worden ist, sieht es aus, als ob der Mensch sich anpassen miiftte an die 
Unregelmafiigkeit. Wir werden aber sehen, daft es anders ist. Der 
innere Rhythmus mufi, nachdem er sich hergestellt hat, danach stre- 
ben, sich wiederum mit der ganzen aufteren Welt gleich zu gestalten, 
das heiftt, sich selber aufzuheben. Das heiftt also: Die Wesenheit, die 
im Inneren entsteht und selbstandig arbeitet, mufi das Bestreben 
haben, sich wiederum an die Aufienwelt anzupassen und dieser 
Aufienwelt gegeniiber so zu werden, wie diese selber ist. Mit anderen 
Worten: Alles, was durch eine saturnische Wirkung verselbstandigt 
wird, das wird zugleich durch diese saturnische Wirkung dazu ver- 
urteilt, sich selber wieder zu zerstoren. Der Mythos driickt das im 
Bilde aus: Saturn - oder Kronos - verzehrt seine eigenen Kinder. 

So sehen Sie einen tiefen Einklang herrschen zwischen einer okkul- 
ten Idee und einem Mythos, der dasselbe ausdriickt im Bilde, im 
Symbol: Kronos verzehrt seinen eigenen Kinder. - Wenn man solche 
Dinge in immer grofierer und grofterer Zahl auf sich wirken laftt, so 
bildet sich fur die Beziehungen der angedeuteten Art ein feines 
Gefiihl heraus, und dann wird es nach einiger Zeit nicht mehr so 
leicht moglich sein, wie es die aufterliche Aufklarung tun mochte, zu 
sagen: Nun ja, da traumen einige Phantasten davon, daft in den alten 
Mythen und Sagen bildliche Auspragungen tiefer Weisheiten enthal- 



ten seien. - Wenn man zwei, drei oder auch zehn solcher Entspre- 
chungen hort, noch dazu so, wie sie oft in der Literatur dargeboten 
werden, namlich in recht aufierlicher Weise, dann kann man sich 
ganz gewifi dagegen auflehnen, daft in Mythen und Sagen tiefere 
Weisheiten enthalten seien als in der aufieren Wissenschaft. Aber wer 
defer auf die Sache eingeht, der findet bewahrheitet, dafi Mythen und 
Sagen tiefer hineinfuhren in das wirkliche Wesen der Welt und der 
Organbildung, als es der aufleren wissenschaftlichen Betrachtungs- 
weise moglich ist. Wer immer wieder solche Bilder auf sich wirken 
lafit, wie sie in den wunderbaren Mythen und Sagen iiber den ganzen 
Erdkreis hin verstreut sind, der kann bei liebevollem Eingehen auf 
diese Bilder in dem ganzen Fiihlen und Denken der Volker, in den 
bildhaften Vorstellungen der Menschen, die Umgestaltung tiefster 
Weisheiten finden. Dann begreift man, warum einige Okkultisten 
sagen konnen, derjenige habe erst Mythen und Sagen wirklich begrif- 
fen, der durch sie in die okkulte Physiologie der menschlichen Natur 
eingedrungen sei. — Mehr als die aufiere Wissenschaft erfafit, enthal- 
ten Mythen und Sagen wirkliche Weisheiten iiber das menschliche 
Wesen, wirkliche Physiologie. Wenn die Menschen einmal ergriinden 
werden, wieviel Physiologie zum Beispiel in solchen Namen wie 
Kain und Abel und ihrer Nachfolgeschaft liegt - diese alten Namen 
riihren ja aus Zeiten her, in denen man in die Namen noch einen 
inneren Sinn hineinpragte — , dann werden die Menschen einen unge- 
heuren Respekt, eine ungeheure Ehrfurcht bekommen vor alle dem, 
was im Laufe des geschichtlichen Werdens von weisheitsvollen Men- 
schen ersonnen worden ist, um da, wo in die geistigen Welten noch 
nicht hineingeschaut werden kann, die Seelen durch Bilder ihren 
Zusammenhang mit diesen geistigen Welten erleben zu lassen. Da 
wird einem grundlich vertrieben der Hochmut, der in dem Worte 
steckt, das in unserer Zeit eine viel zu grofie Rolle spielt: Wie haben 
wir es heute so herrlich weit gebracht! — , womit man meint: Wie 
haben wir abgestreift die alten bildhaften Ausdriicke der Urmensch- 
heitsweistiimer. 

Die streift man grundlich ab, wenn man sich nicht mit inniger 
Liebe in den Gang der Menschheitsentwickelung durch die verschie- 



denen Epochen hindurch versenkt. Was der Hellseher mit dem geoff- 
neten inneren Auge als die innere Natur der menschlichen Organe 
physiologisch ergriindet, das driickt sich in Bildern aus und lafit ihn 
sehen, dafi die Mythen und Sagen gleichsam die menschliche Her- 
kunft enthalten. Der Hellseher sieht in den Mythen und Sagen ausge- 
driickt diesen Wunderprozefi, dafi Welten zusammengedrangt wor- 
den sind in menschliche Organe. Er sieht, wie sich im Laufe unend- 
lich langer Zeiten die Organe zusammenkristallisiert haben, um zu 
dem werden zu konnen, was als Milz, als Leber, als Galle in uns 
wirkt. Wir werden morgen noch weiter dariiber sprechen. Um das 
alles in Bildern ausdriicken zu konnen, dazu gehort wahrhaftig eine 
tiefe Weisheit, ein tiefes Wissen von dem, was wir durch die okkulte 
Wissenschaft erst erahnen. Was in unserem inneren menschlichen 
Organismus wirkt, das ist aus Welten herausgeboren wie ein Mikro- 
kosmos aus dem Makrokosmos, und wir sehen alle diese ungeheuren 
Weistumer ausgedriickt in Mythen und Sagen. Deshalb haben jene 
Okkultisten Recht, die in den Namen der Mythen und Sagen erst 
einen Sinn finden, wenn sie darin die Physiologie erkennen. 

Darauf sollte heute nur hingedeutet werden, weil es dazu dienen 
kann, uns jene Ehrfurcht anzueignen, von der in der ersten Stunde 
gesprochen worden ist. Wenn wir eine solche Betrachtungsweise 
iiben, konnen wir wirklich hinweisen auf das, was sich einer tieferen 
Erforschung des geistigen Inhaltes der menschlichen Organe darbie- 
tet. Auch wenn wir das nur fur ganz weniges darstellen konnen, so 
wird sich uns doch schon zeigen, welcher Wunderbau dieser mensch- 
liche Organismus ist. Und ein wenig werden wir gerade in diesem 
Vortragszyklus hineinzuleuchten versuchen in diese innere Wesen- 
heit des Menschen. 



VIERTER VORTRAG 



Prag, 23.Marzl911 

Die gestrige Auseinandersetzung iiber die Bedeutung zunachst eines 
derjenigen Organe, welche gleichsam ein inneres Weltsystem des 
Menschen darstellen, soli heute fortgesetzt werden. Dann soli der 
Ubergang gefunden werden zur Beschreibung der Aufgaben anderer 
Organe und Organsysteme des Menschen. 

Es ist mir gestern in Ankniipfung an das, was hier iiber das Organ 
der Milz vorgetragen wurde, gesagt worden, dafi sich doch ein 
scheinbarer Widerspruch ergeben konnte gegeniiber jener wichtigen 
Aufgabe, die dem Organ der Milz im Gesamtwesen des Menschen 
gestern zugeschrieben worden ist. Dieser Widerspruch konnte sich 
ergeben, wenn man bedenkt, dafi es ja moglich ist, die Milz aus dem 
Korper herauszunehmen, sie also aus dem Korper zu entfernen, ohne 
durch diese Entfernung der Milz den Menschen lebensunfahig zu 
machen. 

Ein solcher Einwand ist natiirlich einer derjenigen, die von unse- 
rem gegenwartigen zeitgenossischen Standpunkte aus voll berechtigt 
sind und die gerade denjenigen gewisse Schwierigkeiten bieten, wel- 
che in ganz ehrlich suchender Art an die geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung herankommen. Nur im allgemeinen konnte ja in 
dem ersten offentlichen Vortrage darauf hingewiesen werden, wie 
unsere heutigen Zeitgenossen - namentlich dann, wenn sie ein durch 
die wissenschaftlichen Methoden geschultes Gewissen haben - 
Schwierigkeiten zu iiberwinden haben, wenn sie sich auf den Weg 
begeben, dasjenige zu verstehen, was aus den okkulten Untergrunden 
des Weltwesens dargestellt wird. Nun werden wir ja im Laufe der 
Vortrage im Prinzip von selber sehen, wie sich ein solcher Einwand 
beheben lafit. Ich will aber doch heute schon vorbemerkend darauf 
aufmerksam machen, dafi die Entfernung der Milz aus dem mensch- 
lichen Organismus durchaus vereinbar ist mit dem, was gestern aus- 
einandergesetzt worden ist. Wenn Sie wirklich aufsteigen wollen zu 
den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, miissen Sie sich ja allmah- 



lich dareinfinden, daft dasjenige, was wir den menschlichen Organis- 
mus nennen, was wir durch unsere aufteren Sinne wahrnehmen, was 
wir substantiell, materiell an diesem menschlichen Organismus 
sehen, daft dies nicht der ganze Mensch ist, sondern daft dem physi- 
schen Organismus - das werden wir noch weiter auszufiihren haben 
- zugrundeliegen hohere, iibersinnliche Organisationen: der Ather- 
leib oder Lebensleib, der astralische Leib und das Ich, und daft wir im 
physischen Organismus nur den aufteren, den physischen Ausdruck 
haben fur die entsprechende Gestaltung, fur die entsprechenden Vor- 
gange des Atherleibes, des Astralleibes und des Ich. Wenn wir auf ein 
solches Organ hinweisen wie die Milz, so meinen wir es im geistes- 
wissenschaftlichen Sinne so, daft im Grunde genommen nicht nur in 
der aufteren physischen Milz etwas vor sich geht, sondern daft das, 
was in der physischen Milz vorgeht, nur der physische Ausdruck ist 
fur entsprechende Vorgange im Atherleibe oder im Astralleibe. Und 
man konnte sagen: Je mehr ein Organ der unmittelbare physische 
Ausdruck eines Geistigen ist, desto weniger ist die physische Form 
des Organs, also das, was wir physisch- substantiell vor uns haben, 
das eigentlich Maftgebende. Wenn wir ein Pendel ansehen, so ist die 
Pendelbewegung nur der physische Ausdruck fur die Schwerkraft. 
Ebenso ist ein physisches Organ nur der physische Ausdruck fur 
iibersinnliche Kraft- und Formwirkungen. Nun ist allerdings ein 
Unterschied zwischen den Folgen der Schwerkraft, welche sich in der 
Pendelbewegung zeigen, und den Folgen, welche entstehen durch die 
Wirkungen des Ather- und Astralleibes auf die Milz. Nimmt man das 
Pendel weg, so ist kein Objekt mehr vorhanden, an welchem sich der 
durch die Schwerkraft bewirkte Rhythmus zeigen kann. So ist es bei 
der unbelebten, anorganischen Natur, beim belebten Organismus ist 
es anders. Wenn nicht Grunde vorliegen, von denen wir noch spre- 
chen werden, so horen mit der Wegnahme des physischen Organs 
nicht notwendigerweise auch die geistigen Wirkungen der hoheren 
Organisationen auf. 

Wenn wir also den Menschen in bezug auf seine Milz ansehen, so 
haben wir es zunachst zu tun mit der physischen Milz, und dann mit 
einem System von Kraftwirkungen, die in der Milz nur ihren physi- 



schen Ausdruck haben. Wenn man die Milz wegnimmt, dann sind 
diese Kraftwirkungen, die einmal dem menschlichen Organismus 
eingegliedert wurden, noch da, sie horen nicht auf. Es kann unter 
Umstanden sogar sein, dafi durch die Anwesenheit eines erkrankten 
physischen Organs ein viel grofteres Hindernis eintritt fiir die Fort- 
dauer der geistigen Wirkungen als durch die Herausnahme des 
betreffenden Organs. Das kann zum Beispiel bei einer schweren 
Erkrankung der Milz der Fall sein. Wenn es bei einer schweren 
Erkrankung eines Organs moglich ist, das Organ zu entfernen, so ist 
unter Umstanden das Fehlen dieses Organs ein geringeres Hindernis 
fiir die Entfaltung der geistigen Wirkungen als die Anwesenheit des 
erkrankten Organs, das ein fortwahrender Storenfried ist fiir die 
Entwickelung der geistigen Kraftwirkungen. Daher gehort ein sol- 
dier Einwand, wie der angefiihrte, zu denjenigen, welche man gewifi 
macht, wenn man noch nicht tiefer in das eigentliche Wesen des 
geisteswissenschaftlichen Erkennens eingedrungen ist. Ein ganz 
begreiflicher Einwand ist es, aber zu gleicher Zeit einer derjenigen, 
die ganz von selbst verschwinden, wenn man sich Zeit lalk und 
Geduld hat, um tiefer in die Sache einzudringen. Diese Erfahrung 
werden Sie iiberhaupt machen: Wenn man mit einem gewissen Wis- 
sen, das aus den Anschauungen der heutigen materialistischen Wis- 
senschaft geschopft ist, an das Studium der Geisteswissenschaft her- 
antritt, da kann sich Widerspruch auf Widerspruch ergeben, so daft 
man gar nicht zurechtkommen kann. Und wenn man da schnell fertig 
ist mit dem Urteilen, so wird man ja allerdings zu keinem anderen 
Ergebnis kommen konnen als zu dem, dafi Geisteswissenschaft etwas 
Hirnverbranntes sei, das nicht im geringsten iibereinstimme mit den 
Ergebnissen der aufieren Wissenschaft. - Wenn man aber sich mit 
Geduld und Zeit auf die Sache einlafit, dann wird man sehen, dafi es 
keinen Widerspruch, auch nicht geringfiigigster Art, gibt zwischen 
dem, was aus der Geisteswissenschaft kommt, und dem, was sich aus 
der aufieren wissenschaftlichen Forschung ergibt. Die Schwierigkeit, 
die da vorliegt, ist die, dafi das Gesamtgebiet des anthroposophischen 
oder geisteswissenschaftlichen Erkennens ein so weites ist, dafi man 
immer nur Teile geben kann. Und wenn die Leute an diese Teile 



herantreten, konnen sie leicht solche Widerspriiche fiihlen wie diesen 
charakterisierten . 

Aber das darf uns nicht zuriickschrecken, man wiirde ja sonst gar 
nicht anfangen konnen mit dem notwendigen Hereinbringen anthro- 
posophischer Weltanschauung in die Gesamtbildung und in das 
Gesamtwissen unserer Zeit. 

Gestern versuchte ich Ihnen darzulegen jene Umrhythmisierung, 
welche durch die Milz bewirkt wird gegeniiber dem aufteren rhyth- 
muslosen Ernahren des Menschen. Ich bin davon ausgegangen, weil 
es von alien Funktionen, welche die Milz hat, die am leichtesten 
verstandliche ist. Aber obzwar es die am leichtesten verstandliche ist, 
ist sie nicht die allerwichtigste und auch nicht die, welche die Haupt- 
sache bildet. Denn man konnte ja sagen: Nun ja, wenn der Mensch 
sich bemiihen wiirde, den richtigen Rhythmus fiir seine Ernahrung 
zu erkennen, so wurde in dieser Hinsicht die Tatigkeit der Milz nach 
und nach eine unnotige werden mussen. — Schon daraus ersieht man, 
dafi diese Funktion, von der wir gestern gesprochen haben, die 
geringfugigste ist. Weit wichtiger ist die Tatsache, dafi wir bei unserer 
Ernahrung den Nahrungsmitteln als aufieren Stoffen, in der Art und 
Weise ihrer Zusammensetzung, wie sie sich in unserer Umgebung 
vorfinden, gegenuberstehen. Solange man freilich die Anschauung 
hat, daft diese Nahrungsmittel tote Stoffe seien oder hochstens von 
dem Leben erfullt, das man in den Pflanzen voraussetzt, solange man 
dies annimmt, konnte es allerdings scheinen, als ob der aufiere Stoff, 
der da als Nahrung aufgenommen wird in den Organismus, durch 
das verarbeitet wird, was man im weitesten Sinne die Verdauung 
nennt. Gewift stellen sich ja auch viele Menschen die Sache so vor, 
dafi man es mit einem bestimmungslosen Stoff zu tun hat, den wir als 
unsere Nahrung aufnehmen, mit einem Stoff, der ganz gleichgiiltig ist 
gegen uns selbst und der nur darauf wartet, wenn wir ihn aufgenom- 
men haben, daft wir ihn auch verarbeiten konnen. So ist es aber nicht. 
Die Nahrungsstoffe sind doch nicht wie Ziegelsteine, die es sich 
gefallen lassen mussen, in jeder Art als Bausteine an einem Bau zu 
dienen, der eben aufgefuhrt werden soli. Die Ziegelsteine lassen es 
sich gefallen, in beliebiger Weise nach dem Plan des Architekten 



einem Bau eingefiigt zu werden, weil sie eine in sich ungefiigte, 
leblose Masse darstellen, wenigstens in bezug auf den Bau. So ist es 
aber nicht bei den Nahrungsmitteln in bezug auf den Menschen. 
Denn ein jedes Substantielle, das wir in unserer Umgebung haben, 
hat gewisse innere Krafte, hat eine innere Gesetzmafiigkeit. Und das 
ist das Wesentliche eines Stoffes, dafi er innere Gesetzmafiigkeiten, 
innere Regsamkeiten hat. Wenn wir also die aufieren Nahrungsstoffe 
in unseren Organismus hineinbringen, sie sozusagen unserer eigenen 
inneren Regsamkeit einfugen wollen, so lassen sie sich das nicht ohne 
weiteres gefallen, sondern legen es zunachst darauf an, ihre eigenen 
Gesetze, ihre eigenen Rhythmen und ihre eigenen inneren Bewe- 
gungsformen zu behalten. Und will der menschliche Organismus sie 
fiir seine Zwecke gebrauchen, so mufi er zunachst die eigene Regsam- 
keit dieser Stoffe vernichten, er mufi sie aufheben. Er mufi nicht blofi 
ein gleichgiiltiges Material verarbeiten, sondern er mufi der eigenen 
Gesetzmafiigkeit der Stoffe entgegenarbeiten. Dafi diese Stoffe eine 
Eigengesetzmafiigkeit haben, das kann der Mensch zum Beispiel bald 
spiiren, wenn er ein starkes Gift zu sich nimmt. Da wird er bald 
sehen, dafi die Eigengesetzmafiigkeit des Giftes sich geltend macht 
und Herr uber ihn wird. So wie aber ein Gift eine innere Gesetzma- 
fiigkeit hat, durch die es eine Attacke auf den Organismus ausfuhrt, 
so ist es mit jedem Nahrungsstoff, den wir zu uns nehmen. Er ist 
nicht etwas Gleichgiiltiges, sondern er macht sich in seiner eigenen 
Natur, in seiner eigenen Wesenheit geltend; er hat seinen eigenen 
Rhythmus. Und diesem Rhythmus mufi vom Menschen entgegenge- 
arbeitet werden, so dafi nicht nur gleichgultige Baumaterialien zu 
verarbeiten sind in der inneren Organisation des Menschen, sondern 
es mufi zuerst die eigene Natur dieser Baumaterialien iiberwunden 
werden. 

So konnen wir sagen, dafi wir in den Organen, denen unsere 
Nahrungsstoffe im Inneren des Menschen zuerst entgegentreten, die 
Werkzeuge haben, um demjenigen entgegenzuarbeiten, was Eigen- 
leben der Nahrungsstoffe ist — jetzt «Leben» im weitesten Sinne auf- 
gefafit. Nicht nur das, was wir durch unregelmafiigen Rhythmus in der 
Ernahrung selber bewirken, sondern auch das, was die Nahrungs- 



stoffe an eigenem Rhythmus in sich haben, welcher dem menschli- 
chen Rhythmus widerspricht, das muft umrhythmisiert werden. Von 
den Organen, die dies bewirken, ist die Milz das aufterste Organ. 
Aber an diesem Umrhythmisieren, an diesem Umgestalten und 
Abwehren arbeiten die anderen genannten Organe wesentlich mit, so 
daft wir in Milz, Leber und Galle ein zusammenwirkendes Organ- 
system haben, welches im wesentlichen dazu bestimmt ist, bei der 
Aufnahme der Nahrungsmittel in den Organismus dasjenige zuriick- 
zuschieben, was Eigennatur dieser Nahrungsmittel ist. Alle Tatigkeit, 
welche im Magen entfaltet wird, oder auch schon, bevor die Speise in 
den Magen gelangt, ferner das, was dann bewirkt wird durch die 
Absonderung der Galle, was dann weiter durch die Tatigkeit von 
Leber und Milz geschieht, das alles gibt eben diese Abwehr der 
Eigennatur der aufteren Nahrungsstoffe. Daher sind also unsere 
Nahrungsmittel erst dann dem inneren Rhythmus des menschlichen 
Organismus angepaftt, wenn ihnen die Wirksamkeiten dieser Organe 
entgegengetreten sind. Und erst dann, wenn wir die in uns aufge- 
nommenen Nahrungsmittel den Wirksamkeiten dieser Organe aus- 
gesetzt und sie umgewandelt haben, haben wir dasjenige in uns, was 
fahig ist, in jenes Organsystem aufgenommen zu werden, das der 
Trager, das Werkzeug unseres Ich ist, in das Blut. Bevor irgendein 
aufterer Nahrungsstoff in unser Blut aufgenommen werden kann, so 
daft dieses unser Blut die Fahigkeit erhalt, Werkzeug zu sein fur 
unser Ich, mussen all die Eigengesetzlichkeiten der Auftenwelt abge- 
streift sein, und das Blut muft die Nahrungsstoffe in einer solchen 
Gestalt empfangen, die der eigenen Natur des menschlichen Organis- 
mus entspricht. Daher konnen wir sagen: In Milz, Leber und Galle 
und in ihrem Zuriickwirken auf den Magen haben wir diejenigen 
Organe, welche die Gesetze der aufteren Welt, aus der wir unsere 
Nahrung entnehmen, anpassen der inneren Organisation, dem inne- 
ren Rhythmus des Menschen. 

Nun steht aber diese menschliche Natur, wie sie als Ganzes wirkt, 
mit alien ihren Gliedern nicht bloft der inneren Welt gegeniiber, 
sondern diese innere menschliche Natur muft in einer fortwahrenden 
Korrespondenz, in einem fortwahrenden lebendigen Wechselwirken 



mit der Aufienwelt sein. Dieses lebendige Wechselwirken mit der 
Aufienwelt wird ja gerade dadurch abgeschnitten, dafi den Gesetzen 
der Aufienwelt, insofern wir mit ihr in Beziehung treten durch die 
Nahrungsstoffe, entgegengestellt werden die drei Organsysteme 
Leber, Galle, Milz. Durch diese wird die aufiere Gesetzmafiigkeit 
weggenommen von innen her. Und es wiirde der menschliche Orga- 
nismus, wenn er nur diesen Organsystemen ausgesetzt ware, sich von 
der Aufienwelt vollstandig abschliefien, er wiirde ein vollkommen in 
sich isoliertes Wesen sein. Daher ist ein anderes ebenso notwendig. 
Wie der Mensch auf der einen Seite solche Organsysteme braucht, 
durch welche die Aufienwelt so umgestaltet wird, dafi sie seiner 
Innenwelt gemafi wird, so mu£ er auf der anderen Seite auch in der 
Lage sein, unmittelbar mit dem Werkzeug seines Ich der Aufienwelt 
entgegenzutreten, unmittelbar also seinen Organismus, der sonst eine 
in sich isolierte Wesenheit ware, mit der Aufienwelt in Beziehung zu 
setzen. Wahrend das Blut auf der einen Seite mit der Aufienwelt nur 
so in Beziehung tritt, dafi es von dieser Aufienwelt nur das erhalt, 
dem alle Eigengesetzmafiigkeit abgestreift ist, tritt es auf der anderen 
Seite mit der Aufienwelt so in Beziehung, dafi es unmittelbar an sie 
herantreten kann. Das geschieht, wenn das Blut durch die Lungen 
fliefit und mit der aufieren Luft in Beriihrung kommt. Da wird es 
durch den Sauerstoff der aufieren Luft aufgefrischt und in einer 
solchen Weise gestaltet, dafi jetzt dieser Gestaltung nichts abschwa- 
chend gegeniibertritt, so dafi in der Tat der Sauerstoff der Luft so 
herantritt an das Werkzeug des menschlichen Ich, wie es dessen 
eigenster Natur und Wesenheit entspricht. So sehen wir jene ganz 
merkwiirdige Tatsache vor unser Auge treten, dafi das edelste Werk- 
zeug, das der Mensch hat, das Blut, das Werkzeug seines Ich, wie ein 
Wesen dasteht, welches alle Nahrung sorgfaltig filtriert erhalt durch 
die friiher charakterisierten Organsysteme. Dadurch ist das Blut in 
die Fahigkeit versetzt, ganz und gar ein Ausdruck der inneren Orga- 
nisation des Menschen zu werden, des inneren Rhythmus des Men- 
schen. Dadurch aber, dafi das Blut unmittelbar in Beriihrung tritt mit 
denjenigen Stoffen der Aufienwelt, die in seine innere Gesetzmafiig- 
keit und Regsamkeit aufgenommen werden diirfen, ohne dafi sie 



unmittelbar bekampft zu werden brauchen, dadurch ist diese 
menschliche Organisation nichts in sich Abgeschlossenes, sondern 
mit der Aufienwelt voll in Beruhrung. 

So haben wir im menschlichen Blutorganismus auch von diesem 
Gesichtspunkte aus etwas ganz Wunderbares vor uns. Wir haben in 
ihm ein wirkliches, echtes Ausdrucksmittel des menschlichen Ich, das 
ja in der Tat auf der einen Seite der Aufienwelt zugekehrt ist, auf der 
anderen Seite dem eigenen Innenleben zugekehrt ist. So wie wir 
gesehen haben, daft der Mensch durch sein Nervensystem den 
Impressionen der Aufienwelt zugewendet ist, also die Auftenwelt 
sozusagen auf dem Umwege durch die Nerven in sich aufnimmt, so 
kommt er in eine unmittelbare Beruhrung mit der Aufienwelt durch 
sein Blut, indem das Blut den Sauerstoff der Luft durch die Lungen 
aufnimmt. Daher konnen wir also sagen: In dem, was uns gegeben ist 
auf der einen Seite in dem Milz-Leber-Gallesystem und auf der 
anderen Seite in dem Lungensystem, haben wir zwei einander entge- 
genwirkende Systeme, die sich gleichsam beriihren in dem Blut. 
Aufienwelt und Innenwelt beriihren sich durch das Blut ganz unmit- 
telbar im menschlichen Organismus, indem das Blut von der einen 
Seite her mit der aufieren Luft in Beruhrung kommt und von der 
anderen Seite her mit den Nahrungsmitteln, denen ihre eigene Natur 
genommen ist. Es stofien also, mochte man sagen, wie positive und 
negative Elektrizitat, hier zwei Weltenwirkungen im Menschen 
zusammen. Und wir konnen uns sehr leicht vorstellen, wo das 
Organsystem liegt, welches bestimmt und geeignet ist, das Aufeinan- 
derprallen dieser beiden Weltenkraftsysteme auf sich wirken zu las- 
sen. Bis zum Herzen herauf, insofern das Blut durch das Herz 
stromt, wirken die umgewandelten Nahrungssafte. Bis zum Herzen 
herein, insofern es vom Blute durchflossen wird, wirkt der Sauerstoff 
der Luft, der unmittelbar aus der Aufienwelt in unser Blut tritt, so 
dafi wir im Herzen dasjenige Organ haben, in dem sich diese zwei 
Systeme begegnen, in die der Mensch hineinverwoben ist, an denen 
er nach zwei Seiten hangt. Es ist mit diesem menschlichen Herzen so, 
dafi wir sagen konnten: An ihm hangt auf der einen Seite der ganze 
menschliche innere Organismus, und auf der anderen Seite ist der 



Mensch durch das Herz unmittelbar angekniipft an den Rhythmus, 
an die Regsamkeit der aufteren Welt. 

Wenn nun zwei solche Systeme zusammenstoften, so konnte es ja 
sein, daft ihr Zusammenwirken eine unmittelbare Harmonie ergabe. 
Wir konnten uns vorstellen, daft diese zwei Systeme - das System der 
groften Welt, das durch den aufgenommenen Sauerstoff oder die Luft 
iiberhaupt in uns hineinwirkt, und das System der kleinen Welt, 
unseres eigenen inneren Organismus, das uns die Nahrungsmittel 
umwandelt -, daft sich diese Systeme im Blute, indem es das Herz 
durchstromt, einen harmonischen Ausgleich schaffen. Wenn es so 
ware, dann ware der Mensch eingespannt in zwei Welten, die sozusa- 
gen sein inneres Gleichgewicht schiifen. Nun werden wir im Laufe 
dieser Vortrage noch sehen, daft es sich mit der Beziehung der Welt 
zur menschlichen Wesenheit nicht so verhalt. Es ist vielmehr so, daft 
die Welt sich sozusagen ganz passiv verhalt, daft sie nur ihre Krafte 
aussendet und es dem Menschen iiberlafit, durch eigene innere Tatig- 
keit den Ausgleich zu schaffen zwischen den zweierlei Systemen, in 
deren Wirkungen wir eingespannt sind. Wir werden es immer mehr 
und mehr als das Wesentliche erkennen lernen, daft dem Menschen 
zuletzt immer ein Rest bleibt fur seine innere Tatigkeit, daft es ihm - 
bis in seine Organe hinein - iiberlassen ist, den Ausgleich, das innere 
Gleichgewicht selber zu schaffen. So miissen wir auch im menschli- 
chen Organismus selber den Ausgleich, die Harmonisierung dieser 
beiden Weltsysteme suchen. Wir miissen uns von vornherein sagen: 
Durch die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt, die direkt in den Men- 
schen hineintreten, und durch die eigenen inneren Gesetzmaftigkei- 
ten des Menschen, in die er die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt 
umwandelt, welche er aufnimmt durch die Nahrung, ist noch nicht 
ohne weiteres die Harmonisierung der beiden Systeme gegeben. Die 
Harmonisierung muft sich erst durch ein besonderes eigenes Organ- 
system vollziehen. Der Mensch muft in sich selber die Harmonisie- 
rung herbeifuhren. Das geschieht nicht in bewuftten Vorgangen, 
sondern durch Vorgange, die sich ganz unbewuftt innerhalb des 
menschlichen Organismus abspielen. Dieser Ausgleich zwischen die- 
sen beiden Systemen wird dadurch herbeigefiihrt, daft zwischen dem 



Milz-Leber-Gallesystem auf der einen Seite und dem Lungensystem 
auf der anderen Seite, die sich in dem das Herz durchstromenden 
Blute gegeniiberstehen, eingeschaltet ist dasjenige, was wir das Nie- 
rensystem nennen, das auch in inniger Verbindung stent mit dem 
Blutkreislauf. 

Im Nierensystem haben wir dasjenige, was sozusagen harmonisiert 
jene aufieren Wirkungen, die von dem unmittelbaren Beriihren des 
Blutes mit der Luft herriihren, mit den Wirkungen, die von denjeni- 
gen inneren Organen des Menschen ausgehen, durch die die Nah- 
rungsstoffe erst zubereitet werden mussen, damit ihre Eigennatur 
abgestreift wird. In dem Nierensystem haben wir also ein solches 
ausgleichendes System, durch das der Organismus in die Lage 
kommt, den UberschufS abzugeben, der sich ergeben wiirde durch 
ein unharmonisches Zusammenwirken der beiden anderen Systeme. 

Damit haben wir der ganzen inneren Organisation - den Organen 
des Verdauungsapparates einschliefilich derjenigen Organe, die wir 
dazurechnen mussen, wie Leber, Galle und Milz - dasjenige gegen- 
ubergestellt, wofiir diese Organe zunachst ihre vorbereitende Tatig- 
keit entwickelt haben, das Blutsystem. Und wir haben auf der ande- 
ren Seite diesem Blutsystem diejenigen Organe gegeniibergestellt, 
durch welche der einseitigen Isolierung entgegengearbeitet und damit 
der Ausgleich geschaffen wird zwischen dem genannten inneren 
System und dem, was von aufien her kommt. Wenn wir also - und 
wir werden noch sehen, wie sehr das berechtigt ist - das Blutsystem 
mit seinem Mittelpunkt, dem Herzen, uns in die Mitte des Organis- 
mus hineingestellt denken, so haben wir, sich angliedernd an dieses 
Blut-Herzsystem, auf der einen Seite das Leber-Galle-Milzsystem, 
auf der anderen Seite - und auf andere Weise mit dem Herzen in 
Verbindung stehend - das Lungensystem. Dazwischen ist das Nie- 
rensystem angeordnet, Wir werden spater noch sehen, wie ungemein 
interessant der Zusammenhang ist zwischen dem Lungensystem und 
dem Nierensystem. Jetzt wollen wir darauf zunachst nicht naher 
eingehen, sondern das Ganze im Zusammenhang betrachten. Wenn 
wir die Systeme einfach ganz schematisch nebeneinander zeichnen 
(Zeichnung Seite 78 links), dann erkennen wir schon aus dieser 



schematischen Darstellung, wie die menschliche innere Organisation 
in einem gewissen Zusammenhange stent, und wir haben diesen 
Zusammenhang so dargestellt, daft wir in dem Herzen mit dem 
dazugehorigen Blutsystem das Allerwichtigste zu sehen haben. 



Leber 






nil* 

o 




Nun habe ich schon darauf hingewiesen - und wir werden noch im 
genaueren sehen, inwiefern eine solche Namengebung gerechtfertigt 
ist -, daft im Okkultismus die Milzwirkung als eine saturnische 
Wirkung bezeichnet wird, die Leberwirkung als eine Jupiter- und die 
der Galle als eine Marswirkung. Aus demselben Grunde sieht nun die 
okkulte Erkenntnis in dem Herzen und dem dazugehorigen Blutsy- 
stem dasjenige, was den Namen «Sonne» im menschlichen Organis- 
mus ebenso verdient wie die Sonne drauften innerhalb des Planeten- 
systems. Das Lungensystem bezeichnet der Okkultist nach demsel- 
ben Prinzip als «Merkur» und das Nierensystem mit dem Namen 
«Venus». So haben wir schon in der Benennung dieser Systeme des 
menschlichen Organismus - wenn wir jetzt auch gar nicht eingehen 
auf eine Rechtfertigung dieser Namen — etwas angedeutet wie ein 
inneres Weltsystem, was wir noch dadurch erganzt haben, daft wir 
uns in die Lage versetzten, auch den Zusammenhang der beiden 
Organsysteme zu betrachten, die zum Blutsystem in Beziehung ste- 
hen. Erst wenn wir die Zusammenhange in diesem Sinne betrachten, 



tritt uns das in einer Vollstandigkeit entgegen, was wir die eigentliche 
menschliche innere Welt nennen konnen. Ich werde Ihnen nun in den 
foigenden Vortragen auch noch zu zeigen haben, dafi tatsachlich der 
Okkultist Griinde hat, das Verhaltnis der Sonne zu Merkur und 
Venus in einer ahnlichen Weise sich vorzustellen, wie im menschli- 
chen Organismus das Verhaltnis zwischen Herz, Lungen und Nieren 
gedacht werden mufi. 

Wir sehen daraus, daft in dem Werkzeug unseres Ich, in unserem 
Blutsystem, das seinen Rhythmus im Herzen zum Ausdruck bringt, 
etwas gegeben ist, was gewissermafien in seiner ganzen Gestaltung, in 
seiner inneren Natur und Wesenheit durch das innere Weltsystem 
des Menschen bestimmt wird, und dafi es in ein solches [makrokos- 
misches] Gesamtsystem eingebettet sein mufi, damit es so leben kann, 
wie es eben lebt. In diesem menschlichen Blutsystem - das habe ich 
schon ofter erwahnt — haben wir zu sehen das physische Werkzeug 
unseres Ich. Wir wissen ja, daft unser Ich, so wie wir es haben, nur 
dadurch moglich ist, dafi dieses Ich aufgebaut ist auf Grundlage eines 
physischen Leibes, eines Atherleibes und eines Astralleibes. Ein frei 
in der Welt herumfliegendes menschliches Ich ist innerhalb der Welt, 
die unsere Welt ist, nicht denkbar. Ein menschliches Ich setzt voraus 
als Grundlage einen Astralleib, einen Atherleib und einen physischen 
Leib. Wie nun dieses Ich in geistiger Beziehung die drei genannten 
Wesensglieder des Menschen voraussetzt, so setzt sein physisches 
Organ, das Blutsystem, auch physisch solche Abbilder des astrali- 
schen und des atherischen Leibes voraus. Das Blutsystem kann sich 
also nur auf der Grundlage von etwas anderem entwickeln. Wahrend 
die Pflanze sich einfach entwickelt auf der Grundlage der sie umge- 
benden unorganischen Natur, indem sie gleichsam aus derselben 
herauswachst, miissen wir sagen, dafi fur den menschlichen Blutorga- 
nismus als Grundlage nicht ohne weiteres blofi die aufiere Natur als 
Unterlage notig ist, sondern es mufi diese aufiere Natur erst noch eine 
Umgestaltung erfahren. Wie der physische Leib des Menschen erst 
einen Atherleib und einen Astralleib haben mufi, so mufi das, was an 
Nahrungsstoffen einstromt, erst umgestaltet werden, damit es dem 
menschlichen Ich als Werkzeug dienen kann. 



Wenn wir nun auch sagen konnen, dafi dieses physische Werkzeug 
des menschlichen Ich, das Blut, durch die Lunge von aufien bestimmt 
wird, so ist die Lunge selber doch ein Organ der physischen Leibes- 
organisation, das heifit, es ist nicht dieses Organ, sondern die durch 
dasselbe eingeatmete Luft, welche es mdglich macht, mit einem aufie- 
ren Rhythmus auf das Blut einzuwirken. Wir muss en unterscheiden 
zwischen dem, was von aufien an den Menschen herankommt in 
Form der Luft, die eingeatmet wird und die es dem Menschen mog- 
lich macht, mit einem aufieren Rhythmus unmittelbar sein Blutsy- 
stem zu durchdringen, und dem, was nicht unmittelbar an das leben- 
dige Werkzeug des Ich im Organismus, an das Blut, herantritt, 
sondern was herantritt - in der Art, wie es schon charakterisiert 
worden ist - auf dem Umwege durch die Seele, was der Mensch also 
dadurch aufnimmt, dafi er die Eindriicke der Aufienwelt durch die 
Sinne empfangt und diese Sinne dann ihre Eindriicke auch vermitteln 
bis zur Bluttafel hin. Deshalb werden wir sagen konnen: Der Mensch 
tritt nicht blofi mit der Aufienwelt unmittelbar stofflich in Beruhrung 
durch die Atmungsluft, indem diese Beruhrung hereinwirkt bis auf 
sein Blut, sondern er tritt durch die Sinnesorgane mit der Aufienwelt 
auch so in Beruhrung, dafi diese Beruhrung eine nichtstoffliche ist, 
wie sie in dem Prozefi der Wahrnehmung stattfindet, den die Seele 
entfaltet, wenn sie zur Umwelt in Beziehung tritt. Da haben wir 
etwas, was sich als ein hoherer Prozefi hinzufiigt zum Atmungspro- 
zefi, wir haben etwas wie einen vergeistigten Atmungsprozefi. Wah- 
rend wir durch den Atmungsprozefi die Aufienwelt stofflich aufneh- 
men, nehmen wir im Wahrnehmungsprozefi - und ich meine jetzt 
mit «Wahrnehmung» alles, was der Mensch an aufieren Impressionen 
verarbeitet - etwas durch einen vergeistigten Atmungsprozefi in 
unseren Organismus auf. Und es entsteht jetzt die Frage: Wie wirken 
diese beiden Prozesse zusammen? Denn im menschlichen Organis- 
mus mufi alles aufeinander ein wirken. 

Legen wir uns einmal diese Frage genauer vor - denn es wird 
Wesentliches davon abhangen, dafi wir sie uns genau vorlegen um 
uns die heute zunachst hypothetisch zu gebende Antwort vor unsere 
Seele fiihren zu konnen. Wir miissen uns dariiber klar werden, wie 



ein Zusammenwirken, ein Wechselwirken stattfinden kann zwischen 
alle dem, was durch das Blut wirkt und was es geworden ist dadurch, 
dafi alle diese inneren Organprozesse stattgefunden haben, und dem, 
was das Blut wird, indem wir aufiere Wahrnehmungsprozesse voll- 
ziehen. Wir mussen sehen, dafi da eine Wechselwirkung stattfinden 
kann. Das Blut ist, trotzdem es so eingehend und so vielseitig filtriert 
ist, trotzdem so vieles dafur gesorgt hat, dafi es ein so wunderbar 
organisierter Stoff ist, der Werkzeug unseres Ich sein kann, das Blut 
ist trotzdem eine physische Substanz und gehort als solche zum 
physischen Leibe. Daher konnen wir sagen: Zunachst erscheint uns 
ein weiter, weiter Abstand zwischen dem, was im menschlichen Blute 
an physischen Prozessen wirkt, und dem, was wir als unsere Wahr- 
nehmungsprozesse kennen, die die Seele vollzieht. Das ist eine nicht 
abzuleugnende Realitat; denn der Mensch miifite ja auf sonderbare 
Weise nicht zu denken verstehen, der ableugnen wollte, daft Wahr- 
nehmungen, Begriffe, Ideen, Gefuhle, Willensimpulse ebenso etwas 
Reales sind wie Blutsubstanz, Nervensubstanz, Lebersubstanz, Gal- 
lensubstanz und so weiter. Wie diese Dinge zusammenhangen, dar- 
uber konnen sich die Weltanschauungen streiten; sie konnen sich 
dariiber streiten, ob die Gedanken blofi irgendwelche Wirkungen, 
sagen wir, der Nervensubstanz oder dergleichen seien. Da kann 
vielleicht ein Streiten der Weltanschauungen beginnen. Aber keinen 
Streit kann es dariiber geben, weil es eine selbstverstandliche Sache 
ist, daft unser Seeleninnenleben, unser Gedankenleben, unser 
Gefiihlsleben, alles was sich aufbaut auf Grund der aufteren Wahr- 
nehmungen und Eindriicke, eine Realitat fur sich darstellt. Wohlge- 
merkt, ich sage nicht: eine abgesonderte Realitat -, sondern: eine 
Realitat fur sich, denn nichts ist in der Welt abgesondert. Mit « Reali- 
tat fur sich» soil nur angedeutet werden, was real beobachtet werden 
kann, und dazu gehoren Gedanken, Gefuhle und so weiter ebenso 
wie Magen, Leber, Galle und Milz. 

Aber ein anderes kann uns auffallen, wenn wir diese zwei Realita- 
ten nebeneinanderstellen: Auf der einen Seite alles, was ein selbst 
noch so stark filtriertes Materielles, Physisches ist wie das Blut, und 
auf der anderen Seite das, was ja mit einem Physischen gar nichts zu 



tun zu haben scheint zunachst, namlich die Inhalte der Seele, die 
Gefuhle, Gedanken und so weiter. In der Tat bietet der Anblick 
dieser zweierlei Arten von Realitaten fiir den Menschen solche 
Schwierigkeiten, dafi sich an diesen Anblick angegliedert haben die 
allermannigfaltigsten Antworten aus den verschiedensten Weltan- 
schauungen heraus. Da gibt es Weltanschauungen, welche eine 
unmittelbare Einwirkung des Seelischen, des Gedanklichen, des 
Gefuhlsmafiigen auf die physische Substanz annehmen, wie wenn der 
Gedanke unmittelbar auf die physische Substanz wirken konnte. 
Denen stehen andere gegeniiber, die materialistischen, die annehmen, 
dafi Gedanken, Gefuhle und so weiter einfach produziert werden aus 
den Vorgangen des Physisch-Substantiellen heraus. Der Streit dieser 
beiden Weltanschauungen hat ja in der aufieren Welt - nicht fiir den 
Okkultisten, fiir den dieser Streit ein Streit mit leeren Worten ist - 
durch lange Zeiten hindurch eine grofie Rolle gespielt, Und als man 
endlich gar nicht mehr zurechtgekommen ist, da ist in der neueren 
Zeit noch etwas anderes aufgetreten, was den sonderbaren Namen 
«psychophysischer Parallelismus» fiihrt. Weil man sich gar nicht 
mehr zu helfen wulke, welcher nun von den beiden Gedanken der 
richtige ist - entweder wirkt der Geist auf die leiblichen Prozesse, 
oder es wirken die leiblichen Prozesse auf den Geist -, so sagte man 
eben einfach, das seien zwei Vorgange, die parallel ablaufen. Man 
sagte sich: Wahrend der Mensch denkt, fiihlt und so weiter, laufen 
parallel in seinen physischen Organsystemen ganz bestimmte 
Vorgange ab. - Die Wahrnehmung «Ich sehe Rot» wiirde also entspre- 
chen irgendeinem materiellen Vorgang innerhalb des Nervensy stems. 
Was wir empf inden bei einem roten Eindruck, was wir fiihlen an Freude 
oder Schmerz bei ihm, entspricht einem materiellen Vorgang. Aber 
weiter geht man nicht, als zu sagen, dafi er eben «entspricht». Diese 
Theorie hebt in der Tat die ganzen Schwierigkeiten auf, indem sie 
diese einfach wegexpliziert. Nun, alle Streitereien, die sich auf diesem 
Boden entsponnen haben und auch die Hilflosigkeit des psychophy- 
sischen Parallelismus ergeben sich daraus, dafi man diese Fragen 
entscheiden will auf einem Boden, auf dem sie gar nicht ausgetragen 
werden konnen. Wir haben es mit nichtmateriellen Vorgangen zu 



tun, wenn wir die Tatigkeiten unseres inneren Seelenlebens ins Auge 
fassen, und wir haben es mit materiellen Vorgangen zu tun, wenn 
wir, selbst iiber etwas so fein organisiertes wie es das Blut ist, unsere 
Betrachtungen anstellen. Wenn man diese zwei Dinge einfach gegen- 
iiberstellt - physische Betatigung und seelische Betatigung - und jetzt 
durch Nachdenken herausbekommen will, wie diese beiden aufein- 
ander wirken, so ergibt dieses Nachdenken eben gar nichts. Durch 
Nachdenken kann man alle willkiirlichen Losungen oder Nichtlo- 
sungen finden. Erst dadurch wird iiber diese Fragen etwas entschie- 
den werden konnen, dafi wir uns wirklich eine hohere Erkenntnis 
aneignen, die weder stehenbleibt bei dem physischen Anschauen der 
Aufienwelt noch bei dem an die blofie physische Aufienwelt gebun- 
denen Denken. Wir miissen eine Form der Erkenntnis finden, die 
sich erhebt zu dem, was iiber das Physische hinaus in die uberphysi- 
sche Welt fiihrt. Wir miissen auf der einen Seite von dem Materiellen 
hinaufsteigen zu dem Ubermateriellen, zu dem Uberphysischen, wir 
miissen aber auf der anderen Seite auch von dem Seelenleben, das sich 
in der physischen Welt abspielt, hinaufsteigen zu dem, was unserem 
Seelenleben zugrundeliegt in der uberphysischen Welt, denn mit 
unserem Seelenleben, mit alien unseren Gefiihlen und so weiter leben 
wir ja auch in der physischen Welt. Wir miissen also von zwei Seiten 
her aufsteigen zu einer uberphysischen Welt. 

Um von der materiellen Seite her in die uberphysische Welt aufzu- 
steigen, dazu sind jene Seeleniibungen notwendig, welche es dem 
Menschen moglich machen, hinter das aufiere Sinnliche zu schauen, 
hinter den Schleier, von dem ich gesprochen habe, in welchen unsere 
Sinneseindriicke hineinverwoben sind. Solche Sinneseindriicke haben 
wir ja auch dann vor uns, wenn wir den aufieren menschlichen 
Organismus betrachten, auch bei dem am feinsten Organisierten des 
menschlichen Organismus, dem Blute, haben wir es mit einem Phy- 
sisch-Sinnlichen zu tun. Es sind Seeleniibungen notwendig, um den 
Menschen in die ubersinnliche Welt hineinzufuhren. Zunachst mufi 
er eine Stufe tiefersteigen als dort, wo er war, als er die Seelenein- 
driicke in sich aufnehmen konnte, unter den Plan des Physischen. In 
den Untergriinden der physisch-sinnlichen Welt, da tritt ihm als das 



Ubersinnliche der menschlichen Organisation der Atherleib entge- 
gen. Dieser Atherleib - wir werden ihn noch genauer besprechen 
gerade vom okkult-physiologischen Standpunkte aus - ist eine uber- 
sinnliche Organisation, die wir uns zunachst einfach denken als die 
ubersinnliche Grundsubstanz, aus der sich der sinnliche Organismus 
des Menschen herausgliedert und von dem er ein Abbild, ein 
Abdruck ist. Von diesem Atherleibe ist selbstverstandlich auch das 
Blut ein Abdruck. Wir haben also jetzt hier, indem wir um eine Stufe 
hinter den physisch-sinnlichen Organismus getreten sind, ein iiber- 
sinnliches Glied in dem menschlichen Atherleibe gefunden. Und es 
fragt sich nun: Konnen wir an dieses Ubersinnliche, an diesen Ather- 
leib, nun auch herankommen von der anderen Seite her, von der Seite 
des Seelischen her, von unseren Empfindungen, Gedanken, Gefuhlen 
her, die wir uns aufbauen aus Eindriicken der Aufienwelt? 

Da stellt sich nun allerdings heraus : So unmittelbar, wie wir unser 
Seelenleben haben, kommen wir nicht gleich an den Atherorganis- 
mus heran. Aber - und damit lassen Sie mich die heutige Betrachtung 
ausklingen - wenn wir in unserer Seele arbeiten, so geschieht das ja 
so, dafi wir zunachst die aufieren Eindnicke bekommen, auf die Sinne 
wirkt die aufiere Welt, dann verarbeiten wir in unserer Seele die 
aufieren Eindnicke; aber wir tun noch mehr, wir speichern gleichsam 
diese empfangenen Eindriicke in uns selber auf. Denken Sie nur 
einmal nach liber die einfache Erscheinung des Gedachtnisses, der 
Erinnerung. Wenn Sie sich an etwas erinnern, woran Sie vor Jahren 
auf Grundlage aufierer Wahrnehmungen Eindriicke gewonnen 
haben, sich Vorstellungen gebildet haben, die Sie heute aus den 
Untergriinden Ihrer Seele heraufholen, und es kommt Ihnen die 
Erinnerung, sagen wir an etwas ganz einfaches, einen Baum oder 
einen Geruch, da mussen Sie sagen, Sie haben in Ihrer Seele etwas 
aufgespeichert, was Ihnen hat bleiben konnen von dem aufieren 
Eindruck. Nun zeigt uns aber eine wiederum nur durch Ubungen der 
Seele zu gewinnende Betrachtung des Seelenlebens selber, dafi in dem 
Augenblick, wo wir unser Seelenleben soweit haben, dafi wir aufge- 
speicherte Eindriicke als Erinnerungsvorstellungen zuriickrufen kon- 
nen, wir mit unseren seelischen Erlebnissen nicht nur in unserem Ich 



wirken. Zunachst tun wir das ja, indem wir mit unserem Ich der 
Aufienwelt gegeniibertreten, Eindriicke aus ihr aufnehmen und sie 
verarbeiten im Astralleibe. Wurden wir aber nur das tun, so wurden 
wir alles gleich wieder vergessen. Wenn wir Schliisse Ziehen, arbeiten 
wir im Astralleib. Wenn wir aber die Eindriicke in uns so fest 
machen, dafi wir sie nach einiger Zeit - ja, oder auch nur nach 
Minuten - wieder heraufholen konnen, dann pragen wir die Ein- 
driicke, die wir durch unser Ich gewonnen und durch unseren Astral- 
leib verarbeitet haben, in unseren Atherleib ein; so dafi wir also in 
den Gedachtnisvorstellungen vom Ich aus hineingeprelk haben in 
den Atherleib dasjenige, was wir als seelische Betatigung in der 
Beriihrung mit der Auftenwelt gewonnen haben. Wenn wir nun die 
Fahigkeit haben, von unserer Seele her in den Atherleib hineinzu- 
pressen unsere Erinnerungsvorstellungen, und wenn wir den Ather- 
leib auf der anderen Seite anerkennen als den nachsten ubersinnlichen 
Ausdruck unseres Orgamsmus, so fragt es sich nun: Wie geschieht 
dieses Hineinpressen? Wie geht das vor sich, dafi der Mensch tatsach- 
lich das, was vom Astralleibe verarbeitet ist, jetzt wirklich in den 
Atherleib hineinbringt? Wie kann er es in den Atherleib iiberleiten? 

Diese Uberleitung geschieht auf eine sehr merkwurdige Weise. 
Wenn wir zunachst ganz schematisch den Verlauf des Blutes durch 
den ganzen menschlichen Korper betrachten und dieses Blut als den 
aufieren physischen Ausdruck des menschlichen Ich fassen, so sehen 
wir - wenn wir das jetzt so betrachten, als ob wir im Atherleibe 
drinnen stiinden -, wie das Ich arbeitet in Korrespondenz mit der 
Aufienwelt, wie es Impressionen empfangt und diese zu Vorstellun- 
gen verdichtet, und wir sehen, wie dabei in der Tat unser Blut nicht 
nur tatig ist, sondern wie unser Blut im ganzen Verlauf, namentlich 
nach oben zu - nach unten weniger -, iiberall den Atherleib erregt, so 
dafi wir iiberall im Atherleibe Strdmungen sich entwickeln sehen, die 
einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Sie erscheinen so, als ob sie 
sich an das Blut anschliefien wurden, vom Herzen nach dem Kopfe 
gehen und sich im Kopfe sammeln wurden. Sie sammeln sich unge- 
fahr so - wenn ich jetzt einen aufieren Vergleich gebrauchen darf -, 
wie etwa Strome von Elektrizitat einer Spitze zugehen, der eine 



andere Spitze entgegengestellt ist, und so zum Ausgleich von positi- 
ver und negativer Elektrizitat hinstreben, 

Wenn wir diesen Vorgang okkult betrachten mit entsprechend 
geiibter Seele, so sehen wir, wie in einem Punkte sich jene Ather- 
krafte unter einer gewaltigen Spannung zusammendrangen, welche 
hervorgerufen sind durch die Eindriicke, die jetzt gewisse Vorstel- 
lungen werden wollen, Gedachtnisvorstellungen, die sich in den 
Atherleib einpragen wollen. Man sieht es den Atherkraften an, da$ 
sie Gedachtniskrafte werden wollen. Ich will die letzten Auslaufer 
dieser Atherstromungen nach dem Gehirn herauf und das Sich- 
zusammendrangen so zeichnen, wie es sich etwa wirklich darstellen 




wiirde. Wir sehen da eine machtige Spannung, die sich an einer Stelle 
sammelt und gleichsam sagt: Ich will in den Atherleib hinein! - Wir 
sehen nun, wie dieser Atherstromung des Kopfes andere Stromungen 
entgegenkommen, die ausgehen namentlich von den Lymphgefafien 
und die sich so sammeln, dafi sie sich der ersten Stromung entgegen- 
stellen. So haben wir im Gehirn, wenn sich eine Gedachtnisvorstel- 
lung bilden will, einander gegeniiberstehen zwei Atherstromungen, 
die sich mit grofitmoglicher Kraft konzentrieren, etwa so wie positive 
und negative Elektrizitat sich an ihren Polen mit grofiter Spannung 
konzentrieren und nach Ausgleich streben. Ein Ausgleich zwischen 
den beiden Atherstromungen geschieht in der Tat, und wenn er 
vollzogen ist, dann ist eine Vorstellung Gedachtnisvorstellung 
geworden und hat sich dem Atherleibe einverleibt. 



Solche ubersinnlichen Realitaten, solche iibersinnlichen Stromun- 
gen im menschlichen Organismus driicken sich dadurch aus, dafi sie 
sich auch ein physisch-sinnliches Organ schaffen, welches wir wie 
eine Versinnlichung solcher Stromungen anzusehen haben. So haben 
wir ein Organ, welches sich im mittleren Gehirn befindet, das der 
physisch-sinnliche Ausdruck ist fur das, was als Gedachtnisvorstel- 
lung sich bilden will. Dem stellt sich gegeniiber ein anderes Organ im 
Gehirn, das der Ausdruck ist fur diejenigen Stromungen im Ather- 
leib, die von den unteren Organen kommen. Diese beiden Organe im 
menschlichen Gehirn sind der physisch-sinnliche Ausdruck fur diese 
beiden Stromungen im menschlichen Atherleibe, sie sind etwas wie 
letzte Anzeichen dafur, dafi solche Stromungen im Atherleibe statt- 
finden. Es verdichten sich gleichsam diese Stromungen so stark, dafi 
sie die menschliche Leibessubstanz ergreifen und zu diesen Organen 
verdichten, so dafi wir in der Tat den Eindruck haben, wie wenn von 
dem einen Organ helle Lichtstromungen ausstrahlen, die zu dem 
anderen Organ iiberfliefien. Das physische Organ, das die Gedacht- 
nisvorstellung bilden will, ist die Zirbeldriise, der aufnehmende Teil 
ist der Gehirnanhang, Hypophysis. 



Hier haben Sie an einer ganz bestimmten Stelle des physischen 
Organismus den aufieren physischen Ausdruck fur das Zusammen- 
wirken des Seelischen mit dem Leiblichen! 

Es soil das zunachst nur wie eine prinzipielle Darstellung sein, 
womit wir unsere heutige Betrachtung ausklingen lassen wollen, die 
wir morgen weiter ausfiihren wollen und an die wir Genaueres und 
Beweisbares ankniipfen wollen. Es ist wichtig, daft wir den Gedan- 
ken genau festhalten, daft wir im Ubersinnlichen forschen konnen, 
und uns dann fragen konnen, ob der zu erwartende physische Aus- 
druck fur das Ubersinnliche auch vorhanden ist. Wir sahen hier, daft 
das der Fall ist. Da es sich aber hier um die Eingangspforte vom 
Sinnlichen zum Ubersinnlichen handelt, so werden Sie es begreifen, 
daft diese Organe fur die physische Wissenschaft hochst zweifelhafte 
Organe sind, und daft Sie iiber diese Organe von der aufteren Wissen- 
schaft nur aufterordentlich unzureichende und ungeniigende Aus- 
kunft erhalten konnen. 



FUNFTER VORTRAG 



Prag, 24.Marzl911 



Es wird heute meine Aufgabe sein, bevor wir in unseren Betrachtun- 
gen weiterschreiten, einige Begriffe herbeizutragen, die wir in der 
weiteren Folge unserer Darstellungen notwendig brauchen werden. 
Da wird es insbesondere wichtig sein, dafi wir uns verstandigen iiber 
die Bedeutung dessen, was wir im geisteswissenschaftlichen, anthro- 
posophischen Sinne ein physisches Organ nennen oder vielmehr den 
physischen Ausdruck eines Organs. Denn Sie haben ja schon gese- 
hen, dafi wir zum Beispiel iiber die Milz so reden konnen, dafi die 
physische Milz sogar materiell entfernt werden kann oder unbrauch- 
bar werden kann, ohne dafi dasjenige, was wir im anthroposophi- 
schen Sinne die «Milz» nennen, von seiner Tatigkeit ausgeschaltet 
wird. Es bleibt dennoch, wenn wir ein solches physisches Organ 
ausgeschaltet, entfernt haben, im Organismus die Tatigkeit, die 
innere Regsamkeit, die durch das Organ ausgeiibt worden war, 
immer noch iibrig. Daraus sehen wir - und ich bitte Sie recht sehr, 
sich einen solchen Begriff fur das folgende anzueignen — , dafi wir 
alles, was physisch anschaubar, was physisch wahrnehmbar ist bei 
einem solchen Organ, uns wegdenken konnen - natiirlich kann man 
das nicht von jedem Organ sagen -, und es bleibt doch die bestim- 
mungsgemafie Funktion des Organs; und das, was dann bleibt, was 
die Funktion weiter fortfiihrt, das miissen wir zu dem Ubersinnli- 
chen des menschlichen Organismus rechnen. 

Nun sprechen wir aber uberhaupt, wenn wir im Sinne unserer 
Geisteswissenschaft von solchen Organen sprechen wie Milz, Leber, 
Galle, Nieren, Lungen und so weiter, indem wir diese Namen aus- 
sprechen, zunachst gar nicht von dem, was man physisch sehen kann, 
sondern wir bezeichnen damit die in diesen Organen wirkenden 
Kraftsy steme, die ubersinnlicher Natur sind. Daher werden wir, und 
das ist in besonderem Grade bei der Milz der Fall, wenn wir geistes- 
wissenschaftlich davon sprechen, zunachst ein aufierlich physisch 
nicht sichtbares Kraftsystem uns denken miissen. Denken wir also in 



dem, was ich hier zeichne, ein physisch nicht sichtbares Kraftsystem, 
das nur anschaubar werden konnte fur ein iibersinnliches Schauen. 





Mihoiherkrafte 




SloftlUhkoil 



Ein solches ware also zum Beispiel in der Gegend unserer Milz nur 
als iibersinnliches Kraftsystem sichtbar. Wenn wir nun ins Auge 
fassen, dafi ja im wirklichen uns vorliegenden menschlichen Organis- 
mus dieses iibersinnliche Kraftsystem ausgefiillt ist mit sinnlicher 
Materie, so miissen wir uns fragen: Wie haben wir uns nun das 
Verhaltnis dieses iibersinnlichen Kraftsystems zu dem, was sinnliche 
Materie ist, zu denken? 

Ich glaube, es wird Ihnen nicht schwierig werden, zu denken, dafi 
Krafte durch den Raum gehen konnen, welche zunachst nicht sinn- 
lich anschaubar sind. Man braucht sich nur an folgendes zu erinnern: 
Wer zum Beispiel niemals etwas von der Realitat der Luft in einer 
von Wasser entleerten Flasche gehdrt hat, der wird der Meinung sein, 
die Flasche sei ganz leer. Ein solcher physikalisch Unkundiger wird 



einigermaften erstaunt sein zu sehen, dafi, wenn wir eine leere Was- 
serflasche auf den Tisch stellen, einen gut anschliefienden enghalsigen 
Trichter aufsetzen und rasch Wasser in den Trichter eingiefien, wir 
das Wasser im Trichter behalten und es nicht in die Flasche hinein- 
fliefien kann, weil es durch den Gegendruck der Luft verhindert 
wird, in die Flasche einzudringen. Ein solcher Mensch wird dann 
gewahr, dafi doch ein fur ihn Unsichtbares in der Flasche darinnen 
ist, welches das Wasser zunickhalt. Denken Sie sich diesen Begriff 
etwas erweitert, so wird es auch nicht schwierig sein, sich vorzustel- 
len, dafi der Raum von Kraftsystemen durchdrungen sein kann, 
welche zunachst ubersinnlicher Natur sind, so daft wir sie nicht mit 
dem Messer durchschneiden konnen und dafi sie auch nicht ange- 
griffen werden konnen, wenn ein physisches Organ, das ihr materiel- 
ler Ausdruck ist, zum Beispiel die Milz, erkranken sollte. Wir haben 
uns zu denken, dafi ein iibersinnliches Kraftsystem zu dem, was wir 
als physisch-sinnliches Organ sehen, in einem solchen Verhaltnis 
steht, dafi physische Materie sich in dieses Kraftsystem einlagert, 
angezogen von den Kraftpunkten und Kraftlinien, und dadurch zu 
einem physischen Organ wird. Wir konnen sagen: Der Grund, warum 
zum Beispiel an der Stelle der Milz ein physisch-sinnliches Organ 
sichtbar ist, ist also der, dafi dort in einer ganz bestimmten Weise 
Kraftsysteme den Raum ausfullen, welche die Materie so heranziehen, 
dafi sie sich in einer solchen Weise einlagert, wie wir es an dem aufieren 
Organ der Milz sehen, wenn wir es anatomisch betrachten. 

So konnen Sie sich die verschiedensten Organe im menschlichen 
Organismus denken. Sie sind zuerst ubersinnlich veranlagt und dann 
ausgefullt unter dem Einflufi der verschiedensten iibersinnlichen 
Kraftsysteme von physischer Materie. Daher miissen wir in diesen 
Kraftsystemen zunachst einen iibersinnlichen Organismus sehen, der 
in sich differenziert ist, der in den verschiedensten Weisen die physi- 
sche Materie sich eingliedert und dessen Kompliziertheit das physi- 
sche, ihm eingegliederte Organ nur unvollstandig zu folgen vermag. 
Damit haben wir nicht nur den Begriff des Verhaltnisses der iiber- 
sinnlichen Kraftsysteme zu den eingelagerten physisch-materiellen 
Organen gewonnen, sondern zugleich auch einen anderen Begriff, 



den der Ernahrung des Gesamtorganismus. Worm besteht denn diese 
Ernahrung des Gesamtorganismus? Sie besteht in nichts anderem als 
darin, daft die aufgenommenen Nahrungsstoffe so vorbereitet wer- 
den, daft es moglich ist, sie hinzuleiten nach den verschiedenen 
Organen, und diese sich dann die Stoffe eingliedern. Wir werden in 
den folgenden Vortragen noch sehen, wie dieser allgemeine Begriff 
der Ernahrung, der sich zeigt als eine Anziehungskraft der verschie- 
denen Organsysteme fur die Nahrungsstoffe, sich verhalt zur Entste- 
hung des einzelnen Menschen, zur Keimesgeschichte des einzelnen 
Menschen, die vor der Geburt liegt. Der umfassendste Begriff der 
Ernahrung ist also der, daft durch iibersinnliche Kraftsysteme, durch 
einen ubersinnlichen Organismus die einzelnen Nahrungsstoffe ein- 
gesogen und in der verschiedensten Weise dem physischen Organis- 
mus eingegliedert werden. 

Nun miissen wir uns klar sein, daft der Atherleib des Menschen, 
der das nachste iibersinnliche Glied in der menschlichen Organisa- 
tion ist nach dem physischen Leibe, daft dieser Atherleib, wenn er 
auch das grobste der ubersinnlichen Glieder ist, wie ein ubersinnli- 
ches Urbild dem gesamten Organismus zugrundeliegt, daft er in sich 
gegliedert, differenziert ist und die mannigfaltigsten Kraftsysteme 
enthalt, um sich die durch die Ernahrung aufgenommenen Stoffe 
einzugliedern. Wir haben nun aber nach diesem atherischen Leib, den 
wir als das Urbild des menschlichen Organismus betrachten konnen, 
als das nachsthohere Glied der menschlichen Wesenheit den soge- 
nannten Astralleib. Wie sich diese beiden zusammenschlieften, wer- 
den uns die nachsten Vortrage noch zeigen. Der Astralleib ist das, 
was sich erst eingliedern kann, wenn sowohl der physische Organis- 
mus als auch der atherische Organismus ihrer Anlage nach schon 
vorbereitet sind; er setzt die beiden anderen Organismen voraus. 
Ferner haben wir das, was wir das menschliche Ich nennen, so daft 
die gesamte menschliche Wesenheit sich zusammenschlieftt aus die- 
sen vier Gliedern. Wir konnen uns nun vorstellen, daft schon im 
Atherleib selbst gewisse Kraftsysteme sind, die die Nahrungsstoffe 
an sich ziehen und sie dann im physischen Organismus in einer ganz 
bestimmten Weise gestalten. Wir konnen uns aber auch vorstellen, 



dal$ ein solches Kraftsystem nicht nur durch den Atherleib bestimmt 
ist, sondern auch durch den Astralleib und dafi dieser seine Krafte da 
hineinsendet, so da$, wenn wir uns das physische Organ wegdenken, 
wir zunachst das atherische Kraftsystem haben wiirden, dann das 
astralische Kraftsystem, welches das atherische Kraftsystem in einer 
ganz bestimmten Weise durchdringt, und wir konnen uns vorstellen, 
dafi da auch noch Strahlungen vom Ich hineindringen. 

Es kann nun Organe geben, welche so in den Organismus einge- 
gliedert sind, dafi ihr Wesentlichstes darauf beruht, dafi die atheri- 
schen Stromungen in ihrer Eigenart noch sehr wenig bestimmend 
gewirkt haben, so dafi, wenn wir den Raum okkult untersuchen, in 
dem ein betreffendes Organ sich befindet, wir finden wiirden, dafi 
der atherische Teil dieses Organs recht wenig durch sich selber 
differenziert ist, nur wenig von diesen Kraftsystemen enthalt, dafi 
aber dafiir dieser Teil des Atherleibes durch starke astralische Krafte 
beeinflufit wird. Dann wird, wenn die physische Materie sich einem 
solchen Organ eingliedert, der Atherleib nur eine geringe Anzie- 
hungskraft auf die einzugliedernden Stoffe ausiiben, die hauptsach- 
lichste Anziehungskraft wird dann vom Astralleib auf das betref- 
fende Organ ausgeiibt, und zwar so, als ob die betreffenden Stoffe 
direkt von dem Astralleibe hereingeholt wiirden in das betreffende 
Organ. Daraus sehen Sie, dafi die Organe des Menschen von ganz 
verschiedener Wertigkeit sind. Es gibt solche Organe, von denen man 
sagen raufi, dafi sie hauptsachlich bestimmt sind durch Kraftsysteme 
des Atherleibes, andere, die mehr bestimmt sind durch Stromungen 
oder Krafte des Astralleibes, wahrend noch andere mehr bestimmt 
sind durch Stromungen des Ich. Aus den Ausfuhrungen, die in den 
Vortragen gemacht worden sind, konnen Sie sich schon sagen, dafi 
insbesondere das Organsystem, das unser Blut fiihrt, im wesentlichen 
von solchen Strahlungen abhangt, die von unserem Ich ausgehen, daft 
also das menschliche Blut im wesentlichen mit Stromungen und 
Strahlungen des menschlichen Ich zusammenhangt. Die anderen 
Organsysteme und ihre Inhalte sind in den verschiedensten Abstu- 
fungen von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Natur 
bestimmt. 



Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten, wenn wir nam- 
lich den physischen Leib an sich nehmen, der ja - jetzt abgesehen von 
seinen hoheren Gliedern - auch ein Kraftsystem darstellt. Er stellt 
zunachst das dar, was man sich zusammengesetzt denken kann aus 
Stoffen der aufieren Welt, die auch ihre inneren Gesetze haben, die 
aber umgewandelt dem physischen Leibe eingefugt sind. Der physi- 
sche Leib ist also auch ein Kraftsystem. So dafl Sie sich auch den Fall 
denken konnen, dafi der physische Organismus wieder zuriickwirkt 
auf das atherische oder bis auf das astralische Kraftsystem oder sogar 
bis ins Ich-System hinein. Wir miissen uns denken, daft das atheri- 
sche Kraftsystem nicht nur eingefangen wird von dem astralischen 
oder vom Ich-System, sondern dafi es auch Organe gibt, bei denen 
die atherischen Krafte von der Seite des physischen Kraftsystems 
derart eingespannt werden, dafi das physische Kraftsystem iiber- 
wiegt. Solche Organe, bei denen der physische Leib das Uberwie- 
gende ist, die also nur in geringerem Mafie beeinflufk werden von den 
hoheren Gliedern der menschlichen Organisation, das sind haupt- 
sachlich diejenigen Organe, welche im weitesten Sinne als Absonde- 
rungsorgane zu bezeichnen sind, alle driisigen Organe, alle Absonde- 
rungsorgane iiberhaupt. Alle Absonderungsorgane, alle Organe, wel- 
che direkt Stoffe absondern, werden zu diesen Stoffabsonderungen - 
also zu einem Vorgang, der innerhalb der rein physischen Welt seine 
wesentliche Bedeutung hat - hauptsachlich durch die Krafte des 
physischen Organismus veranlafit. Wo immer im menschlichen 
Organismus solche Organe sind, wenn sie vorzugsweise zum Abson- 
dern des Stofflichen bestimmt sind, miissen wir uns klar sein, dafi 
solche Organe, die hauptsachlich Werkzeuge der physischen Kraft- 
systeme sind, durch Erkrankung, durch Unbrauchbarwerden oder 
durch ihre Entfernung den Organismus unfehlbar zum Verfall brin- 
gen, so daft er dann nicht mehr in entsprechender Weise sich entwik- 
keln und zuletzt nicht mehr leben kann. Sie sehen an einem solchen 
Organ, wie es die Milz ist, von der wir gestern gesprochen haben, dafi 
deren Erkranken, deren sonstiges Unbrauchbarwerden oder opera- 
tive Entfernung den physischen Korper in seinen Funktionen weit 
weniger stort, als dies bei anderen Organen der Fall ist, weil sie in 



besonders starker Weise beeinflufit wird von den iibersinnlichen 
Teilen der menschlichen Natur, vom Atherleibe, namentlich aber 
vom Astralleibe. Anders ist es bei den Organen, wo das physische 
Kraftsystem Uberwiegt. Eine Erkrankung der Schilddriise zum Bei- 
spiel, die sich bei bestimmten Erkrankungen manchmal vergrofiert 
zur sogenannten Kropfbildung, kann auf den ganzen Organismus 
sehr schadlich wirken. Sie darf aber nicht vollstandig unbrauchbar 
werden oder vollstandig entfernt werden, und zwar deshalb nicht, 
weil sie ihre Wirkungen so zu aufiern hat, dafi das, was als physischer 
Vorgang durch sie bewirkt wird, im Gesamthaushalt des mensch- 
lichen Organismus ganz wesentlich ist. 

Nun kann es solche Organe geben, die in hohem Mafie abhangen 
von den iibersinnlichen Kraftsystemen der menschlichen Organisa- 
tion, die aber doch eingespannt sind in den physischen Organismus 
und durch dessen Krafte veranlalk werden, Stoffliches abzusondern. 
Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber, ebenso sind es die 
Nieren. Das sind Organe, die, geradeso wie die Milz, abhangig sind 
von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation, 
vom Atherleibe und Astralleibe, die aber sozusagen eingefangen sind 
von den Kraften des physischen Organismus, heruntergezogen sind 
in ihren Wirkungen bis zu den Kraften des Physischen. Daher 
kommt es bei ihnen in einem viel hoheren Grade darauf an, dafi sie als 
physische Organe in gesundem Zustande sind, als zum Beispiel bei 
der Milz, bei welcher die Sache so liegt, dafi das Physische sehr wenig 
in Betracht kommt und weit uberwogen wird von dem, was von den 
iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation herkommt. 
Wir konnen von der Milz sagen, dafi sie ein sehr geistiges Organ ist, 
denn der physische Teil dieses Organs macht den geringsten Teil 
seiner Bedeutung aus. Aus diesem Grunde wurde die Milz zu alien 
Zeiten in der okkulten Literatur, die entsprungen ist aus Kreisen, wo 
man wirklich etwas iiber diese Sachen gewufit hat, immer als ein 
besonders geistiges Organ angesehen und geschildert. 

So also haben wir jetzt gewissermafien den Begriff des Gesamtor- 
ganismus gewonnen, dessen einzelnes Organ angesehen werden kann 
als ein iibersinnliches Kraftsystem, in das gleichsam die stoffliche 



Materie durch den gesamten Ernahrungsprozefi hineingelagert wird. 
Ein anderer Begriff, den wir uns aneignen miissen, ist der: Was 
bedeutet iiberhaupt fur den Menschen die Aufnahme - sei es eines 
Stoffes oder sei es die Aufnahme eines Geistigen, die durch unsere 
Seelentatigkeit bewirkt wird, zum Beispiel bei der Wahrnehmung? 
Und was bedeutet die Absonderung, die Abgabe eines Stoffes? 

Gehen wir da zunachst aus von dem Absonderungsprozefi im 
weitesten Umfange. Wir wissen ja, dafi von den aufgenommenen 
Nahrungsmitteln schon ein grofier Teil des Stofflichen vom Verdau- 
ungskanal abgesondert wird. Wir wissen ferner, dafi durch die Lun- 
gen aus dem menschlichen Organismus die Kohlensaure ausgeschie- 
den wird. Dann haben wir einen Absonderungsprozefi durch die 
Nieren, ein weiterer Absonderungsprozefi geschieht durch die Haut. 
In diesem letzteren, der zunachst in der Schweifibildung verlauft, 
aber auch in allem, was im umfanglichen Sinne als Absonderungspro- 
zefi durch die Haut zu gelten hat, haben wir jene Absonderung zu 
sehen - und ich bitte, darauf zu achten -, die beim Menschen an dem 
aufiersten Umfange, an der aufiersten Peripherie seines Leibes er- 
folgt. Nun fragen wir uns zunachst einmal: Was bedeutet denn 
iiberhaupt ein Absonderungsprozefi fur den Menschen? 

Wir werden uns die Bedeutung eines Absonderungsprozesses nur 
klarmachen konnen auf folgende Weise. Sie werden sehen, dafi wir 
ohne die Begriffe, die wir heute entwickelt haben, iiberhaupt nicht 
weiterkommen konnen in der Betrachtung des menschlichen Orga- 
nismus. Ich mochte Ihnen, um unsere Gedanken allmahlich hiniiber- 
zufuhren zu der wesentlichen Natur eines Absonderungsprozesses, 
zunachst einen anderen Begriff vorfiihren, der allerdings nur eine 
entfernte Ahnlichkeit mit dem Absonderungsprozesse hat, der uns 
aber dazu hinuberfuhren kann, namlich den Begriff des Gewahrwer- 
dens unseres Selbst. Bedenken Sie einmal, wie Sie im Grunde genom- 
men doch sagen konnen, dafi es eine Art Gewahrwerden Ihres Selb- 
stes ist, wenn Sie in einem Raume gehen und sich unvorsichtigerweise 
an einem harten Gegenstande stofien. Dieses Anstofien ist im Grunde 
genommen ein Gewahrwerden des eigenen Selbstes. Es ist ein 
Gewahrwerden des eigenen Selbstes auf die Art, dafi Ihnen das 



Ereignis, das sich durch den Stoft vollzogen hat, zu einem inneren 
Ereignis geworden ist. Denn was ist fur Sie der Zusammenstoft mit 
einem fremden Gegenstande? Er ist die Ursache eines Wehetuns, 
eines Schmerzes. Der Schmerzvorgang spielt sich rein in Ihrem Inne- 
ren ab. Also ein innerer Vorgang wird dadurch hervorgerufen, daft 
Sie sich in Beriihrung bringen mit einem fremden Gegenstand, der 
Ihnen als Hindernis im Weg liegt. Das Gewahrwerden dieses Hin- 
dernisses ist das, was den inneren Prozeft hervorruft, der als Schmerz 
beim Sichstoften auftritt. Im Grunde genommen konnen Sie sich 
leicht vorstellen, daft Sie iiberhaupt nichts anderes zu wissen brau- 
chen, urn das Gewahrwerden Ihres eigenen Selbstes zu erleben, als 
den inneren Schmerz, der durch das Anstofien an einen aufteren 
Gegenstand bewirkt wird. Denken Sie sich, daft Sie im Finstern an 
einen Gegenstand stofien, von dem Sie gar nicht wissen, was er ist, 
und nehmen Sie an, Sie stoften sich so stark, daft Sie auch gar nicht 
darauf schliefien konnen, wie der Gegenstand beschaffen sein konnte, 
sondern Sie spiiren nur die Wirkung des Stoft es als Schmerz. Sie 
haben den Stoft in seiner Wirkung so empfunden, daft Sie den Vor- 
gang in sich selbst erlebten. Sie erleben gar nichts anderes als einen 
inneren Vorgang, und das ist das Wesentliche. Wenn Sie allerdings 
auch sagen: Ich habe mich an einem aufteren Gegenstand gestoften -, 
so ist das mehr oder weniger ein unbewuftter Schluft von einem 
inneren Erlebnis auf ein aufteres Hindernis. 

Daraus konnen Sie sehen, daft der Mensch seines Inneren gewahr 
wird durch das Finden eines Widerstandes. Diesen Begriff mussen 
wir haben: das Gewahrwerden des Selbstes, das Erleben des Inneren, 
das Ausgefiilltsein mit realen Erlebnissen im Inneren durch das Fin- 
den eines Widerstandes. Dies ist ein Begriff, den ich, ich mochte 
sagen, in aller Grobheit entwickelt habe, um von ihm den Ubergang 
machen zu konnen zu einem anderen Begriffe, dem der Absonderun- 
gen im menschlichen Organismus. Denken wir uns einmal, der 
menschliche Organismus nehme in sich selber in irgendein Organ- 
system, meinetwegen in den Magen, eine gewisse Stofflichkeit auf und 
das Organsystem sei so eingerichtet, daft es durch seine Tatigkeit aus 
diesem Stoffe, der da aufgenommen ist, etwas aussondert, etwas 



gleichsam separiert, wegnimmt von dem Gesamtstoff, so dafi durch 
diese Tatigkeit des Organs der Gesamtstoff zerfallt in einen feineren, 
gleichsam filtrierten Teil und in einen groberen Teil, der ausgeson- 
dert wird. Es wird also eine Differenzierung des Stoffes vorgenom- 
men in einen solchen, der in einen weiter brauchbaren, fur andere 
Organe aufzunehmenden Stoff umgewandelt wird und in einen sol- 
chen, der erst abgesondert und dann ausgeschieden wird. 




Hier an dieser Stelle, wo die unbrauchbaren Teile der Stofflichkeit 
abgestofien werden gegenuber den brauchbaren Stoffen, hier haben 
Sie in modifizierter Form etwas wie ein Sichanstofien an einen 
aufteren Gegenstand, wie ich es eben dargestellt habe. Es stolk der 
aufgenommene Stoffstrom, indem er an ein Organ herankommt, 
sozusagen auf einen Widerstand; er kann nicht so bleiben, wie er ist, 
er mufi sich andern. Es wird ihm gleichsam durch das Organ gesagt: 
So kannst du nicht bleiben, wie du bist, du mufit dich andern. - Es 
wird also dem Stoff ein Widerstand entgegengestellt, er mufi als ein 
anderer Stoff weiterverbraucht werden, und er mufi gewisse Teile 
abstofien. In unserem Innern stellt sich das Organ dem Stofflauf so 
entgegen, wie sich der aufiere Gegenstand uns entgegenstellt, an dem 
wir uns stofien. Solche Widerstande finden sich innerhalb des 
Gesamtorganismus in den mannigfachsten Organen. Und erst 
dadurch, dafi iiberhaupt in unserem Organismus abgesondert wird, 
erst dadurch, daft wir Absonderungsorgane haben, dadurch ist die 
Moglichkeit gegeben, dafi unser Organismus eine in sich abgeschlos- 
sene, sich selbst erlebende Wesenheit ist. Denn Erleben kann sich 
eine Wesenheit nur dadurch, daft sie auf Widerstand stofit. So haben 



wir in den Absonderungsprozessen wichtige Prozesse des menschli- 
chen Lebens, namlich diejenigen Prozesse, wodurch sich der leben- 
dige Organismus in sich selber abschlielk. Der Mensch ware kein in 
sich abgeschlossenes Wesen, wenn solche Absonderungsprozesse 
nicht vorhanden waren. 

Denken Sie sich einmal, der aufgenommene Nahrungsstrom oder 
der Sauerstoffstrom wiirden durch den menschlichen Organismus 
wie durch einen Schlauch glatt hindurchgehen und es gabe keinen 
Widerstand durch die Organe. Die Folge davon ware,, dafi der 
menschliche Organismus sich nicht in sich selbst erleben konnte, 
sondern er wiirde sich nur erleben als angehorig der gesamten grofien 
Welt. Wir konnten uns ja allerdings auch vorstellen, daft innerhalb 
des menschlichen Organismus die grobste Art dieses Widerstandbie- 
tens eintreten wiirde, daft der Stoffstrom sich an einer festen Wan- 
dung stolen und reflektieren, zuriickkehren wiirde. Das wiirde aber 
das innere Erleben des menschlichen Organismus nicht beriihren, 




denn ob der Nahrungsstrom oder der Sauerstoffstrom durch den 
menschlichen Organismus wie durch einen Schlauch hindurchginge, 
auf der einen Seite hinein, auf der anderen wieder hinaus, oder ob er 
reflektiert wiirde, das wiirde fur das innere Erleben nichts ausma- 
chen. Dafi das so ist, konnen Sie schon daraus entnehmen, dafi - wie 
wir schon gesagt haben wenn wir es in unserem Nervensystem 
dazu bringen, daft eine Vorstellung in sich selbst zuriickkehrt, wir 
dann geradezu unser Nervensystem herausheben aus dem Erleben 
des inneren Organismus. Es macht also keinen Unterschied, ob vol- 



lige Reflexion oder blofies Hindurchgleiten der von aufien hineinge- 
henden Strome durch den menschlichen Organismus vorliegt. Was 
den menschlichen Organismus in sich selbst erlebbar macht, das sind 
die Absonderungen. 

Wenn Sie dasjenige Organ betrachten, welches wir als das Mittel- 
punktsorgan fur den menschlichen Organismus ansehen miissen, das 
Blutsystem, wenn Sie sehen, wie auf der einen Seite das Blut immer- 
fort durch Aufnehmen von Sauerstoff sich auffrischt, und wenn Sie 
auf der anderen Seite das Blutsystem als das Werkzeug des menschli- 
chen Ich betrachten, so konnen wir sagen: Wenn das Blut unveran- 
dert durch den menschlichen Organismus hindurchgehen wiirde, so 
konnte es nicht das Organ des menschlichen Ich sein, das im eminen- 
testen Sinne das Organ ist, welches den Menschen sich innerlich 
erlebbar macht. Nur dadurch, daft das Blut in sich selber Verande- 
rungen durchmacht und als ein anderes wieder zuriickkehrt, dafi also 
Absonderungen geschehen von verandertem Blut, nur dadurch ist es 
moglich, dafi der Mensch das Ich nicht nur hat, sondern es auch 
erleben kann mit Hilfe seines sinnlich-physischen Werkzeuges, des 
Blutes. 

Daraus hat sich uns nun dieser Begriff der Absonderung ergeben. 
Und jetzt werden wir uns zu fragen haben: Wie steht es nun mit jener 
Absonderung, welche wir vorhin bezeichnet haben als der aufiersten 
Peripherie des menschlichen Organismus angehorig? - Es wird uns ja 
unschwer sein, uns vorzustellen, wie der Gesamtorganismus des 
Menschen wirken mufi, damit diese Absonderung an der Peripherie 
geschehen kann. Dazu ist es notwendig, dafi den gesamten Stromun- 
gen des menschlichen Organismus entgegengestellt werde ein Organ, 
welches in Zusammenhang steht gerade mit diesem umfanglichsten 
Absonderungsprozefi. Und dieses Organ, das ja, wie Sie sich leicht 
denken konnen, die Haut ist, mit allem, was zu ihr gehort im 
umfanglichsten Sinne, das ist zugleich dasjenige, was schon fur den 
unmittelbaren aufieren Anblick als das Wesentliche der menschlichen 
Gestalt, der menschlichen Form sich darbietet. Wenn wir uns also 
vorstellen, dafi der menschliche Organismus, der sich selbst erleben 
kann an seinem aufieren Umfange, dies nur dadurch kann, dafi er das 



Organ der Haut seinen gesamten Stromungen entgegenstellt, so miis- 
sen wir in der eigenartigen Formung der Haut einen der Ausdriicke 
sehen fur die innersten Krafte des menschlichen Organismus. 

Wir werden uns nun zu fragen haben: Wie haben wir uns denn 
dieses Hautorgan zu denken? Wie haben wir uns die Haut mit allem, 
was dazugehort, zu denken ? Wir werden schon sehen, was im einzel- 
nen dazugehort, wir wollen es aber heute nur im grofien und ganzen 
charakterisieren. Da miissen wir uns zunachst dariiber klar sein, dafi 
in dem, was zu unserem bewufiten Erleben gehort, wovon wir eine 
Erkenntnis haben konnen durch irgendeine Selbstbeobachtung, jene 
Gestaltung nicht einbegriffen ist, welche in der Formung unserer 
Haut zum Ausdruck kommt. Selbst wenn wir in begrenztem 
Umfange mittatig sind an der Gestaltung unserer aufieren Korper- 
oberflache, so ist sie doch etwas, das sich der unmittelbaren Willkiir 
in vollkommenster Weise entzieht. Nur in bezug auf die Beweglich- 
keit unserer Haut, in bezug auf Mienenspiel, Gesten und so weiter, 
haben wir ja einen Einflufi, der noch an das heranreicht, was wir 
bewufke Tatigkeit nennen konnen; aber auf die Gestalt, auf die Form 
unserer Korperoberflache haben wir keinen Einflufi mehr. Es mufi 
freilich zugegeben werden, dafi der Mensch zwischen Geburt und 
Tod einen gewissen Einflufi auf seine aufiere Leibesform in engeren 
Grenzen hat. Davon kann sich jeder iiberzeugen, der einen Menschen 
kennengelernt hat in einem bestimmten Lebensalter und ihn viel- 
leicht nach zehn oder zwanzig Jahren wiedersieht, insbesondere 
wenn dieser Mensch in diesen Jahren durchgegangen ist durch tiefere 
innere Erlebnisse, namentlich durch Erkenntniserlebnisse, die nicht 
Gegenstand der aufieren Wissenschaft sind, sondern durch solche, 
die «Blut kosten», die zusammenhangen mit unserem ganzen 
Lebensschicksal. Dann sehen wir allerdings innerhalb enger Gren- 
zen, wie die Physiognomie sich andert, wie also der Mensch inner- 
halb dieser Grenzen einen Einflufi hat auf die Gestaltung seines 
Leibes. Aber er hat ihn nur in geringem Mafie, und das wird jeder 
zugeben miissen; denn das Hauptsachlichste in der menschlichen 
Gestalt ist durchaus nicht in unsere Willkiir gegeben und nicht durch 
unser Bewufitsein bestimmt. Dennoch miissen wir sagen: Die ganze 



menschliche Gestalt ist angepaftt der menschlichen Wesenheit; und 
wer auf die Dinge eingeht, wird sich niemals vorstellen konnen, da£ 
dasjenige, was wir den ganzen Umfang der menschlichen Fahigkeiten 
nennen, sich entwickeln konnte in einem Wesen von einer anderen 
Gestalt, als es die heutige Menschengestalt ist. Alles, was an Fahigkei- 
ten im Menschen ist, hangt zusammen mit dieser Menschengestalt. 
Denken Sie sich nur einmal, dafi etwa das Stirnbein in einer irgendwie 
anderen Lage ware zu dem Gesamtorganismus, als es ist, so wiirde 
diese Gestaltanderung ganz andere Fahigkeiten und Krafte im Men- 
schen voraussetzen. Daniber konnten ja Studien gemacht werden, 
indem man sich klarmacht, wie andere Fahigkeiten vorhanden waren 
bei Menschen mit verschiedener aufierer Gestaltung des Kopfes, des 
Schadelbaus und so weiter. So miissen wir uns einen Begriff verschaf- 
fen von dem Angepaiksein der menschliche
…[truncated]