Menschenwesen, Menschenschicksal und Welt-Entwickelung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN DER 
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Menschenwesen 
Menschenschicksal und 
Welt-Entwickelung 

Sieben Vortrage, 
gehalten in Kristiania (Oslo) 
vom 16. bis 21. Mai 1923 



1988 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Edwin Frobose 



1. Auflage Dornach 1926 

2. Auflage Freiburg i. Br. 1954 

3. Auflage, um den Vortrag Kristiania, 17. Mai 1923 
erweitert und erneut mit den Nachschriften verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

4., durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 

Einzelausgaben des Vortr^gs Kristiania, 17. Mai 1923; 
«Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthroposophie. 
Vitaesophia. Betrachtungen aus der Lebensweisheit» 
Dornach 1930 
«Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthroposophie» 
Dornach 1956, 1979 



Bibliographie-Nr. 226 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt 

ISBN 3-7274-2260-2 



"Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Kristiania (Oslo), 16. Mai 1923 

t)ber die Wesensglieder des Menschen, insbesondere uber den 
Astralleib und das Ich in der Zeit zwischen Einschlafen und Auf- 
wachen und im Durchgange durch die geistige Welt zwischen Tod 
und neuer Geburt. Das Kosmoswerden des Menschen und das 
Menschwerden des Kosmos 

Zweiter Vortrag, 17. Mai 1923 

Das Leben nach dem Tode im Mondenbereich und im Sonnen- 
bereich. Der Geistleib der Seele. Der Leib des Menschen, ein 
«Tempel der Gotter». Die Bildung eines neuen Erdendaseins. 
Gehen, Sprechen und Denken : Abbilder gottlich-geistigen Lebens 

Dritter Vortrag, 18. Mai 1923 

Die verschiedenartigen Zeit- und Raumesverhaltnisse fur den phy- 
sischen und den Atherleib und fur den asttalischen Leib und das 
Ich. Die Christus-Hilfe als Vermittlerin der moralischen Welten- 
ordnung im Schlafe des Menschen. Die Wirksamkeit der dritten 
Hierarchie im Gehenlernen, Sprechenlernen und Denkenlernen des 
Kindes 

Vierter Vortrag, 19. Mai 1923 

Die dreigliedrige menschliche Seele. Wollen und Denken in ihrem 
Verhaltnisse zum Vergangenheits- und Zukunftsschicksal des Men- 
schen. Der Unterschied zwischen gewohnlicher Wissenschaft und 
Geisteswissenschaft 

Funfter Vortrag, 20. Mai 1923 

Veranderungen des Menschenwesens in der Menschheitsentwicke- 
lung von dem urindischen bis zum gegenwartigen Kulturzeitalter. 
Die Christus-Tat und das Todesratsel in der Menschheitsentwicke- 
lung. Das Himmelfahrtsfest und das Pfingstmysterium 

Sechster Vortrag, 21. Mai 1923 

Jahreslauf, Jahresfeste und ihre Beziehung zum Menschen. Die 
Notwendigkeit eines Michael-Festes als Korrelat zum Auferste- 
hungs-Osterfeste 



Vortrag, 17. Mai 1923, nachmittags . 122 

anlaBlich der Begnindung der Norwegischen Landesgesellschaft. 

Das Mysterium von Golgatha tritt an die Stelle des alten Mysterien- 
Sonnenmythus. Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthropo- 
sophie. Das Christus-Mysterium 

Hinweise 135 

Namenregister 139 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 141 

liber sicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1 43 



ERSTER VORTRAG 



Kristiania (Oslo), 16. Mai 1923 



Die herzlichen Worte von Herrn Inger '6 mochte ich damit erwidern, 
daB ich Ihnen die Versicherung gebe, daB es mir die tiefste Befriedi- 
gung gewahrt, auch wieder in solchen internen Vortragen zu Ihnen 
ausfuhrlicher von anthroposophischen Angelegenheiten sprechen zu 
konnen. Es ist ja so, daB es mir gerade gegonnt war, hier in Norwegen 
in Zyklen einschneidende anthroposophische Wahrheiten wiederholt 
entwickeln zu diirfen. Hier durfte ich auch jenen Zyklus sprechen, 
der immer wiederum vor meiner Seele steht, iiber die europaischen 
Volksseelen, und hier durfte manches andere iiber anthroposophische 
Dinge gesprochen werden. Hervorgerufen ist das durch die beson- 
deren Verhaltnisse, die dadurch gegeben sind, daB gerade Norwegen 
gewissermaBen, wie ich das bei fruheren Gelegenheiten immer wieder 
charakterisieren durfte, an einem bemerkenswerten Punkte der euro- 
paischen Zivilisationsentwickelung liegt, und daB die Zukunft von 
Europa gerade von Norwegen wird sehr viel zu erwarten haben. 

Nun darf ich aber wohl in diese Worte tiefster Befriedigung auch 
hier ein anderes Wort hineinstellen. Das ist das, daB, wenn ich jetzt, 
meine lieben Freunde, zu den alten anthroposophischen Freunden 
iiber Anthroposophie spreche, wirklich immer im Hintergrunde steht 
das traurige Ereignis der Siivesternacht von 1922 auf 1923. Es haben 
auch viele unserer norwegischen Freunde das Goetheanum gesehen, 
ja, es haben norwegische Freunde hingebungsvoll wahrend der zehn 
Jahre - wahrend wir gearbeitet haben - an diesem Goetheanum 
mitgearbeitet. Und endlich darf ich mit innigster Befriedigung des 
Umstandes gedenken, daB es gerade norwegische Freunde waren, 
welche in ausgiebigster Weise ihre materielle Hilfe uns haben ange- 
deihen lassen gerade in der Zeit, wo wir sie zum Auf bau des uns nun 
leider genommenen Goetheanum am notwendigsten brauchten. Die 
opferwillige Betatigung norwegischer Freunde in dieser Beziehung 
wird tief eingegraben sein in die Geschichte des Goetheanum, denn 
geistig bleibt doch dasjenige mit der Geschichte der anthroposophi- 



schen Entwickelung verbunden, was in dieses Goetheanum hinein- 
gebaut war. Und diejenigen, die so groBe Opfer gebracht haben, wie 
einzelne unserer norwegischen Freunde, werden damit auch in 
geistiger Weise sich etwas - wir diirfen sagen - Bedeutsames ein- 
getragen haben in die Annalen der spirituellen Entwickelungsge- 
schichte, welche mit dem Goetheanum verkniipft ist. 

Im Hintergrunde, mochte ich sagen, steht die furchtbare Flamme, 
welche wir in der Silvesternacht haben unser Goetheanum verzehren 
sehen, in einer Nacht dasjenige, was in langer Arbeit errungen worden 
ist. Und es kann nur hinwegtrosten iiber dieses furchtbare, schmerz- 
liche Ereignis die Tatsache, daB in Anthroposophie selber etwas ge- 
geben ist, was aus unzerstorbarem Quell heraus ist, so daB es sich in 
der Entwickelung der Menschheit durchringen muB, auch wenn zu- 
nachst dieses auBere Denkmal und Symbolum vom Erdboden ver- 
schwunden ist und wohl auch unter gunstigsten Verhaltnissen nur in 
notdiirftiger Weise wird wiederaufgebaut werden konnen. Es ist also 
in gewissem Sinne ein Ton der Wehmut, der jetzt unsere Betrach- 
tungen durchdringen muB, indem wir unsere Empfindungen nach 
diesem schmerzlichen Ereignisse hinsenden mussen. 

Nun mochte ich im Verlaufe dieses kurzen Zyklus einiges von dem 
vorbringen, was im intensivsten Sinne mit dem Wesen des Menschen 
zusammenhangt, mit der Schicksalsbildung des Menschen und mit 
dem, was man nennen kann: Verhaltnis des ganzen Menschen zur 
Weltentwickelung. Und ich will gleich, ich mochte sagen, in die Mitte 
der Sache hinein mich begeben und darauf aufmerksam machen, daB 
mit der ganzen wesenhaften Entwickelung des Menschen auch aus 
dem Bereiche des Erdenlebens nicht nur dasjenige zusammenhangt, 
was wir beobachten, indem wir an diesem Erdenleben mit unserem 
gewohnlichen wachen BewuBtsein teilnehmen, sondern daB mit dem 
Wesen des Menschen ganz intensiv und innig dasjenige zusammen- 
hangt, was sich fur diesen Menschen wahrend des Schlafzustandes 
vom Einschlafen bis zum Aufwachen abspielt. 

Fur die auBere Erdenkultur und Erdenzivilisation ist gewiB in 
erster Linie wichtig und bedeutungsvoll dasjenige, was der Mensch 
aus seinem wachen Wesen heraus zu denken, zu fuhlen, zu vollbringen 



in der Lage ist. Aber der Mensch wurde gar nichts in auBerer Be- 
ziehung vermogen, wenn er nicht fortwahrend 2wischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen aus der geistigen Welt heraus seine mensch- 
lichen Krafte erneuert bekame. Unser geistig-seelisches Wesen oder, 
wie wir gewohnt worden sind auf anthroposophischem Boden zu 
sagen, unser astralischer Leib und unser Ich, gehen immer beim Ein- 
schlafen aus dem physischen Leibe und dem atherischen Leibe heraus, 
sie gehen in die geistige Welt hinein und dringen erst wiederum in 
den physischen und in den Atherleib beim Aufwachen ein, so daB wir 
bei normalen Lebensverhaltnissen ein Drittel unseres Erdendaseins 
in diesem Schlafzustande verbringen. 

Wenn wir zuriickschauen im Erdendasein, kniipfen wir immer Tag 
an Tag, lassen in einer solchen bewuBten Riickschau dasjenige aus, 
was wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen durchmachen. 
Wir iiberschlagen gewissermaBen dasjenige, was uns, wenn ich mich 
so ausdriicken darf, in unser Erdenleben herein die Himmel, die gott- 
lichen Welten geben. Und wir nehmen bei einer solchen Riickschau 
des gewohnlichen BewuBtseins nur Riicksicht auf dasjenige, was uns 
die physischen Erdenerlebnisse geben. Aber wenn man sich wirkliche, 
richtige Vorstellungen verschaffen will iiber dasjenige, was wir zwi- 
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchleben, dann muB 
man sich schon herbeilassen, solche Ideen sich zu bilden, die etwas 
von den Ideen des gewohnlichen Lebens abweichen. Denn es ware 
naiv, wenn man glauben wollte, daB es in den gottlich-geistigen 
Welten ebenso zugehe wie in den physisch-sinnlichen Welten, in denen 
wir zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen sind. Wir gehen 
mit dem Einschlafen in die geistigen Welten zuriick, und in den 
geistigen Welten ist es anders als in der physisch-sinnlichen Welt. 
Darauf muB man wirklich mit aller Intensitat Riicksicht nehmen, wenn 
man sich Vorstellungen iiber die iibersinnlichen Schicksale des Men- 
schen bilden will. 

In den religiosen Urkunden der Menschheit finden sich gar manche 
merkwiirdige Andeutungen, die man erst versteht, wenn man eigent- 
lich dieselben Dinge, die in den religiosen Urkunden gemeint sind, 
wiederum geisteswissenschaftlich durchdringt So findet sich eine 



merkwiirdige Stelle in der Bibel, die Sie ja alle kennen, die aber ge- 
wohnlich nicht geniigend beriicksichtigt wird, die Stelle : «So ihr nicht 
werdet wie die Kindlein, konnet ihr nicht in die Reiche der Himmel 
eintreten.» Man legt solche Stellen oftmals recht trivial aus, sie sind 
aber eigentlich immer auBerordentlich tief gemeint. Dann mochte ich 
Sie noch auf etwas aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht schon auf- 
gefallen ist im Laufe Ihrer, sagen wir anthroposophischen Lauf bahn. 

Diejenige Wissenschaft, aus der heraus geschopft wird die Er- 
kenntnis iiber das Geistig-Obersinnliche, habe ich ofter auch wie 
andere Initiationswissenschaft genannt. Von Initiationswissenschaft 
redet man, wenn man den Blick zuriickwendet in dasjenige, was in den 
alten Mysterien der Menschheit getrieben worden ist. Von Initiations- 
wissenschaft, von moderner Initiationswissenschaft redet man aber 
auch wiederum, wenn man von Anthroposophie in einem tieferen 
Sinn reden will. Initiationswissenschaft deutet gewissermaBen hin auf 
die Erkenntnis von Anfangszustanden, von Ursprungszustanden. 
Man will eine Erkenntnis gewinnen iiber dasjenige, was im Anfange 
ist, was die Ausgangspunkte gebildet hat. Auch das deutet auf etwas 
Tieferes hin, was uns heute einmal vor die Seele treten soli. 

Wir denken uns, wenn wir, sagen wir, am 16. Mai 1923 abends 
einschlafen, wir hatten im Schlafzustande bis zum 17. Mai 1923 die 
Zeit durchgemacht, die jemand auch durchmacht, der, sagen wir, 
wach bleibt und auf dem Pflaster der Stadt die ganze Nacht spazieren- 
geht. Wir stellen uns ungefahr so vor, daB unser Geistig-Seelisches, 
unser Ich und unser astralischer Leib, die Nacht durchmacht, nur in 
einem etwas andern Zustande, wie ein Nachtschwarmer, der in den 
StraBen von Kristiania herumgeht, diese Nacht durchmacht. 

Das ist aber nicht so, sondern wenn wir abends einschlafen, oder 
auch bei Tag einschlafen - das macht keinen Unterschied, aber ich 
will nur vom nachtlichen Schlaf zunachst sprechen, den der anstan- 
dige Mensch durchmacht -, so gehen wir jedesmal in der Zeit bis in 
denjenigen Abschnitt unseres Lebens zuriick, der ganz im Anfange 
unseres Erdendaseins liegt, ja wir gehen sogar noch jenseits unseres 
Erdendaseins zuriick bis in das vorirdische Leben. In dieselbe Welt 
gehen wir zuriick, aus der wir heruntergestiegen sind, als wir durch 



die Konzeption, durch die Empfangnis einen Erdenleib bekommen 
haben. Wir bleiben gar nicht in demselben Zeitpunkte, in dem wir 
wachend sind, sondern wir machen den ganzen Gang durch die Zeit 
zuriick. Wir sind im Momente des Einschlafens in demselben Zeit- 
punkte, in dem wir waren, als wir, wenn ich mich so ausdriicken darf, 
von den Himmeln auf die Erde heruntergestiegen sind. Also wir sind 
gar nicht, nachdem wir eingeschlafen sind, am 16. Mai 1923, sondern 
wir sind in dem Zeitpunkte, in dem wir waren, bevor wir herunter- 
gestiegen sind, und noch in der Zeit, an die wir uns nicht mehr er- 
innern, weil wir uns nur bis zu einem gewissen Punkte unserer Kind- 
heit zuriickerinnern. Wir werden jede Nacht geistig-seelisch wiederum 
Kinder, wenn wir in den richtigen Schlaf hineinkommen. Und so, wie 
man hier in der physischen Welt einen Weg im Raume macht, der zwei, 
drei Meilen lang ist, so machen Sie, wenn Sie zwanzig Jahre alt ge- 
worden sind, einen Weg durch die Zeit, der zwanzig Jahre dauert, 
und gehen zuriick in Ihren Zustand eigentlich noch, bevor Sie Kind 
waren, also, sagen wir, wie Sie angefangen haben, Mensch zu sein. 
Sie gehen zum Ausgangspunkte Ihres Erdenlebens in der Zeit zuriick. 
Also wahrend der physische Leib im Bette liegt und der Atherleib, 
sind gar nicht das Ich und der astralische Leib in demselben Zeitpunkte, 
sondern sind zuriickgegangen in der Zeit, sind in einem friiheren Zeit- 
punkte. Nun entsteht die Frage: Wenn wir so jede Nacht zuriick- 
gehen bis zu diesem friiheren Zeitpunkte, wie ist es denn dann, wah- 
rend wir wachen mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib? 

Diese Frage entsteht erst, wenn wir wissen, daB wir in der Nacht 
zuriickgehen. Aber dieses Zuriickgehen ist eigentlich auch nur etwas 
Scheinbares, denn in Wirklichkeit sind wir mit dem Ich und dem 
astralischen Leibe auch wahrend des Tagwachens nicht herausge- 
kommen aus dem Zustande, in dem wir im vorirdischen Dasein waren. 

Sie sehen, wir miissen uns Ideen aneignen, wenn wir die Wahrheit 
iiber diese Dinge erkennen wollen, die nicht gewohnliche Ideen sind. 
Wir miissen uns die Idee aneignen, daB Ich und astralischer Leib 
iiberhaupt unsere Erdenentwickelung zunachst gar nicht mitmachen. 
Sie bleiben im Grunde zuriick, bleiben stehen, wo wir sind, wenn wir 
uns anschicken, einen physischen und einen Atherleib zu bekommen. 



Also auch im Wachen ist unser Ich und unser astralischef Leib im 
Momente des Anfanges unseres Erdenlebens. Wir durchleben das 
Erdenleben eigentiich nur mit dem physischen Leib und auf eine 
eigentiimliche Weise mit dem Atherleib. Richtig durchleben wir das 
Erdenleben im Raume und in der gewohnlichen Zeit nur mit unserem 
physischen Leibe. Alt wird nur unser physischer Leib, und der Ather- 
leib verbindet den Anfang mit demjenigen Punkte, in dem wir gerade 
in irgendeiner Lebensperiode stehen. 

Nehmen wir also an, irgend jemand ist geboren worden 1900. Er 
ist heute dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Ich und sein astralischer Leib 
sind im Grunde genommen in dem Zeitpunkte von 1900 stehenge- 
blieben. Der physische Leib ist dreiundzwanzig Jahre alt geworden, 
und der Atherleib verbindet den Zeitpunkt des Eintrittes ins Erden- 
leben mit dem Zeitpunkte, in dem der BetrerTende gegenwartig ist, so 
daB wir, wenn wir den Atherleib nicht hatten, jeden Morgen wiederum 
aufwachen wiirden als ganz kleines Kind, das eben zur Welt kommt. 
Nur dadurch, daB wir in den Atherleib hineingehen, bevor wir in den 
physischen Leib hineingehen, passen wir uns an das Alter des physi- 
schen Leibes an. Wir miissen uns jeden Morgen erst an das Alter des 
physischen Leibes anpassen. Der Atherleib ist der Vermittler zwischen 
dem Geistig-Seelischen und dem physischen Leibe, und zwar so, daB 
er das Band iiber die Jahre hin bildet. Wenn einer schon sechzig Jahre 
alt geworden ist oder noch alter, so bildet der atherische Leib das 
Band zwischen seinem allerersten Auftreten auf der Erde, bei dem er 
stehengeblieben ist als Ich und als astralischer Leib, und zwischen dem 
Alter seines physischen Leibes. 

Nun werden Sie sagen: Aber wir haben doch unser Ich. Unser Ich 
ist mit uns alt geworden. Unser astralischer Leib, unser Denken, 
Fiihlen und Wollen sind auch mit uns alt geworden. Wenn einer 
sechzig Jahre alt geworden ist, so ist doch sein Ich auch sechzig Jahre 
alt geworden. - Wenn wir in dem Ich, von dem wir taglich reden, unser 
wahres, unser wirkliches Ich vor uns hatten, dann ware der Einwand 
berechtigt. Aber wir haben in dem Ich, von dem wir taglich reden, gar 
nicht unser wirkliches Ich vor uns, sondern unser wirkliches Ich steht 
am Ausgangspunkte unseres Erdenlebens. Unser physischer Leib wird, 



sagen wir sechzig Jahre alt. Er spiegelt zunick, indem durch den 
Atherleib die Spiegelung vermittelt wird, immer von dem betreffen- 
den Zeitpunkt, in dem der physische Leib lebt, das Spiegelbild des 
wahren Ichs. Dieses Spiegelbild des wahren Ichs, das wir in jedem 
Augenblicke von unserem physischen Leibe zuriickbekommen, das 
in Wahrheit von etwas herriihrt, das gar nicht ins Erdendasein mitge- 
gangen ist, sehen wir. Und dieses Spiegelbild nennen wir unser Ich. 
Dieses Spiegelbild wird naturlich alter, denn es wird dadurch alter, 
daB der Spiegelapparat, der physische Leib, allmahlich nicht mehr so 
frisch ist, wie er im fruhen Kindesalter war, dann zuletzt klapperig 
wird und so weiter. Aber daB das Ich, das eigentlich nur das Spiegel- 
bild des wahren Ichs ist, sich auch als alt zeigt, kommt nur davon, daB 
der Spiegelungsapparat nicht mehr so gut ist, wenn wir mit dem 
physischen Leibe alt geworden sind. Und der Atherleib ist das, was 
sich nun von der Gegenwart immer so hindehnt, wie perspektivisch, 
nach unserem wahien Ich und nach unserem astralischen Leib, die 
gar nicht in die physische Welt heruntergehen. 

Deshalb sehen wir, wie ich das in den offendichen Vortragen jetzt 
schilderte, dieses ganze Tableau des Atherleibes oder Zeitleibes. Das 
ist dasjenige, was sich da atherisch ausbreitet zwischen unserem gegen- 
wartigen Augenblick, den nur der physische Leib mitmacht, und 
unserem Ich, das eigentlich niemals der physischen Erdenwelt voll- 
standig angehort, sondern immer zuriickbleibt, wenn wir uns so aus- 
driicken diirfen, in den Himmelswelten. Es verflieBt im Grunde ge- 
nommen unser Erdenleben so, daB wir mit unserem wahren Ich und 
mit unserem astralischen Leib bei unserem Erdenanfange stehenblei- 
ben, daB wir eigentlich durch diese beiden Glieder unseres Menschen- 
wesens das Erdenleben initiieren, den Anfang dadurch machen, und 
daB wir dann durch den Atherleib immer die Kraftereihe sehen bis 
zum physischen Leibe, der in der richtigen Weise alter wird. Das ist 
die richtige, die wahre Vorstellung, welche man haben muB, wenn 
man in diese Dinge eindringen will. 

Nun konnen Sie sich denken, daB, indem wahrend des Lebens diese 
Tatsachen vorliegen, die Verhaltnisse im Momente des menschlichen 
Sterbens ganz besondere sein mussen. Den physischen Leib legen wir 



zunachst mit dem Tode ab. Der physische Leib ist aber derjenige, der 
uns eigentlich unser Erdenalter gegeben hat. Indem wir diesen physi- 
schen Leib ablegen, was bleibt uns denn zunachst? Es bleibt uns zu- 
nachst dasjenige, was wir nicht in das Erdenleben hereingetragen 
haben. Aber erfiillt mit alien Erfahrungen des Erdenlebens haben sich 
das Ich und der astralische Leib, sie sind gewissermaBen am Ausgangs- 
punkte stehengeblieben. Aber sie haben immer hingesehen auf das- 
jenige, was ihnen der physische Leib mit Hilfe des Atherleibes zuriick- 
gespiegelt hat. Und so stehen wir, wenn wir durch die Pforte des Todes 
gehen, am Ausgangspunkte unseres Lebens, aber erfiillt nicht mit 
demjenigen, was wir in uns getragen haben, als wir hinuntergestiegen 
sind aus der geistigen Welt, sondern erfiillt mit demjenigen, was uns 
immer als Spiegel des Erdenlebens wahrend des Erdenlebens zuriick- 
gekommen ist. Mit dem sind wir ganz erfiillt. Das gibt einen beson- 
deren BewuBtseinszustand am Ende des Erdenlebens. 

Diesen besonderen BewuBtseinszustand am Ende des Erdenlebens, 
den versteht man dann, wenn man nun das Augenmerk richtet auf 
dasjenige, was man als Mensch jede Nacht im Schlafzustande durch- 
macht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Kiirzer wird es auch 
durchgemacht, sagen wir bei kleinen Nachmittagsschlafchen und der- 
gleichen, doch die will ich jetzt nicht berucksichtigen. 

Wenn man mit imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis 
ausgeriistet auf dasjenige hinschauen kann, was sonst unbewuBt bleibt, 
was sich mit dem Menschen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
vollzieht, dann sieht man, wie jede Nacht der Mensch sein tagwachen- 
des Leben zuriicklebt. Ja, es ist so, der Mensch lebt jede Nacht sein 
tagwachendes Leben zuriick, der eine schneller, der andere langsamer, 
man kann es in fiinf Minuten, man kann es in einer Minute zuriick- 
leben. Bei diesen Dingen spielen ganz andere Zeitverhaltnisse eine 
Rolle als im gewohnlichen auBeren Leben des Erdendaseins. Aber 
nehmen wir die gewohnliche Nacht, so kann man auf dasjenige mit 
imaginativer Erkenntnis, mit inspirierter Erkenntnis blicken, was da 
Ich und astralischer Leib durchleben. Da durchleben sie in der Tat 
riickwartslaufend dasjenige, was seit dem letzten Aufwachen in der 
physischen Welt durchgemacht worden ist. Jede Nacht durchleben 



wir den Tag, aber in riickwartiger Ordnung. Jede Nacht durchleben 
wir dasjenige, was wir zuletzt am Abend gemacht und erfahren haben, 
dann das etwas Friihere, dann das noch etwas Friihere, dann das weiter 
etwas fruher Zuriickliegende. In riickwartiger Folge machen wir in 
der Nacht die Tageserlebnisse durch, und in der Regel wachen wir 
dann auf, wenn wir beim Morgen angekommen sind. 

Sie konnen einwenden: Ja, mancher wird doch aufgeweckt durch 
dieses oder jenes Gerausch. - Da sind eben die Zeitverhaltnisse 
anders. Denken Sie sich, man legt sich als anstandiger Mensch, sagen 
wir um elf Uhr ins Bett, schlaft jet2t ruhig bis um drei Uhr, hat da 
dasjenige durchlebt, was man wahrend des Tagwachens bis um zehn 
Uhr morgens erlebte, in riickwartiger Folge zuruckerlebt, dann wird 
man durch irgendeinen Tumult aufgeweckt. Den Rest lebt man noch 
schnell durch, das kann in wenigen Augenblicken sein wahrend des 
Aufwachens. Der Rest wird immer schnell ausgelebt in solchen Fallen, 
sonst dehnt er sich iiber Stunden aus. Aber die Zeitverhaltnisse sind 
wahrend des Schlafens anders. Die Zeit kann ganz zusammengescho- 
ben werden, so daB man doch sagen kann : Wahrend jeder Schlafens- 
periode durchlebt der Mensch riickwartslaufend dasjenige, was er 
wahrend der letzten Wachensperiode durchgemacht hat. Er erlebt es 
in einer Art von nicht bloBer Anschauung, sondern er erlebt es so, 
daB sich nun in dieses Erleben eine vollstandig moralische Beurteilung 
desjenigen hineinmischt, was man da durchlebt hat. Man wird sozu- 
sagen sein eigener moralischer Richter bei diesem ruckwartigen Durch- 
leben. Und wenn man fertig ist beim Aufwachen mit diesem Durch- 
leben, dann hat man gewissermaBen iiber sich als Mensch ein Wert- 
urteil gefallt. Man taxiert sich als einen so und so wertigen Menschen 
jeden Morgen beim Aufwachen, nachdem man dasjenige durchlebt 
hat, riickwartslaufend, was man bei Tag vollbrachthat. Damit schildere 
ich Ihnen zugleich dasjenige, was unbewuBt das Geistig-Seelische des 
Menschen jede Nacht - das heiBt aber in einem Drittel des Erden- 
lebens, wenn es normal verlauft - durchmacht, nur unbewuBt eben. 
Die Seele durchlebt das Leben in umgekehrter Folge noch einmal, nur 
etwas schneller, weil wir etwa ein Drittel unseres gesamten Erden- 
lebens nur verschlafen. 



Wenn nun der Moment kommt, wo der Mensch durch die Pforte 
des Todes tritt, trennt sich nach und nach - es dauert ja einige Tage -, 
nachdem der physische Leib abgelegt ist, das, was ich Atherleib oder 
Bildekrafteleib in meinen Schriften genannt habe, von dem Ich und 
von dem astralischen Leibe. Diese Trennung ist so, daB der Mensch 
fiihlt, indem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wie seine 
Gedanken, die er bisher nur als etwas angesehen hat, was in ihm selber 
ist, Realitaten sind, Wirklichkeiten, die sich immer mehr ausbreiten. 
Der Mensch hat das Gefiihl zwei, drei, vier Tage nach dem Tode : Du 
bestehst eigentlich aus Gedanken, aber diese Gedanken gehen aus- 
einander. - Der Mensch wird als Gedankenwesen immer groBer und 
groBer, und endlich lost sich das ganze Gedankenwesen des Menschen 
in den Kosmos auf. Aber in demselben MaBe, in dem sich das Ge- 
dankenwesen, das heiBt der Atherleib, in den Kosmos auflost, kon- 
zentriert sich jetzt dasjenige, was auf andere Weise erlebt worden ist 
als durch das gewohnliche BewuBtsein. 

Eigentlich ist alles das, was wir im Wachzustande gedacht haben, 
was wir im wachen Zustande vorgestellt haben, drei Tage nach dem 
Tode verflogen. Das ist schon so. Vor dieser Tatsache muB man die 
Augen nicht zudriicken. Dasjenige, was der Inhalt des bewuBten 
Erdenlebens ist, ist drei Tage nach dem Tode verflogen. Aber gerade, 
indem sich dasjenige, was uns so wichtig ist, so wesentlich wahrend 
des Erdenlebens ist, in drei Tagen verfluchtigt, steigt aus dem Inneren 
eine Erinnerung an etwas auf, was vorher gar nicht da war, namlich 
die Erinnerung an all dasjenige, was wir immer in den Nachten schla- 
fend zwischen Einschlafen und Aufwachen rucklaufig durchgemacht 
haben. Das tagwache Leben verfliegt, und in demselben MaBe steigt 
aus unserem Inneren heraus die Summe der Erlebnisse, die wir wah- 
rend der Nacht durchgemacht haben. Es sind ja auch die Tageserleb- 
nisse, aber in umgekehrter Folge und mit dem moralischen Gefiihl in 
jedem einzelnen Detail verwoben. 

Nun erinnern Sie sich, wir stehen noch immer mit dem wirkiichen 
Ich, mit dem wirkiichen astralischen Leibe im Anfange des Lebens, 
aber dasjenige, was wir als Spiegelbilder mit dem physischen Leibe 
bekommen haben, wenn wir noch so alt geworden sind, das fliegt mit 



dem Atherleib fort. Dasjenige, was wir wahrend des Erdenlebens gar 
nicht angeschaut haben, die nachtlichen Erfahrungen, treten jetzt als 
ein neuer Inhalt auf. Dahef fiihlen wir uns nach den drei Tagen, nach- 
dem der Atherleib fortgegangen ist, erst recht wie am Ende unseres 
Erdenlebens. Wenn wir also sterben, sagen wir am 16. Mai 1923, so 
fiihlen wir dadurch, daB jetzt wie aus nachtlichem Dunkel all die nacht- 
lichen Erlebnisse auf leben, uns an das Ende unseres Erdenlebens hin- 
getragen, aber zugleich mit der Tendenz zuriickzugehen. Und nun 
durchleben wir die Zeit, die wir immer durchschlafen haben, Nacht 
fur Nacht zuriick. Das macht ungefahr ein Drittel des Erdenlebens aus. 

Die verschiedenen Religionen schildern es als Fegefeuer oder Kama- 
loka und so weiter. Wir durchleben unser Erdenleben so, wie wir es 
unbewuBt immer in den Nachtzustanden durchlebt haben, bis wir 
richtig mit unserem Erleben im Ausgangspunkte des Erdenlebens 
angekommen sind. Wir miissen wiederum zuruckkommen zum An- 
fange unseres Erdenlebens. Das Rad des Lebens muB sich drehen und 
muB wiederum zu seinem Ausgangspunkte zuruckkommen. So sind 
die Vorgange. Drei Tage nach dem Tode haben wir verfliegend die 
Tageserlebnisse. Ein Drittel unserer irdischen Lebenszeit haben wir 
riickwarts durchlaufend, eine Zeit, wo wir uns nun eigentlich iiber 
unseren Wert als Mensch ganz bewuBt klarwerden. Denn dasjenige, 
was wir unbewuBt jede Nacht durchgemacht haben, tritt jetzt bei 
vollem BewuBtsein auf, nachdem wir den Atherleib abgelegt haben. 

Im gewohnlichen Leben kann man sich nur vorstellen, daB man 
Wege macht, die im Raume liegen. Aber der Raum hat keine Bedeu- 
tung fur das Geistig-Seelische, der Raum hat nur eine Bedeutung fur 
das Physisch-Sinnliche. Und wir miissen uns vorstellen, daB wir, wenn 
wir im geistig-seelischen Zustande sind, auch in der Zeit Wege ma- 
chen, daB wir also dasjenige, was wir, ich mochte sagen, als Davon- 
laufer aus den Himmeln mit dem physischen Leibe abgegangen sind, 
nach dem Tode wiederum zuriickgehen miissen. Allerdings, wir gehen 
es dreimal so schnell zuriick, weil es sich durch die Erlebnisse aus- 
gleicht, die wir wahrend der nachtlichen Schlafzustande gehabt haben. 
So sind wir - Jahrzehnte vielleicht nach unserem Tode - wiederum 
zum Ausgangspunkte zuruckgekommen, aber bereichert jetzt in 



unserer Seele mit alledem, was wir als Erdenmenschen durchgemacht 
haben, nicht nur bereichert mit dem, was uns da als eine Erinnerung 
bleibt. Trotzdem es mit dem Atherleib fortgegangen ist, bleibt es uns 
als eine Erinnerung, nicht nur mit dem bereichert, was wir im Erden- 
bewuBtsein durchgemacht haben, sondern auch mit dem bereichert, 
was wir aus der vollmenschlichen Wesenheit heraus unbewuBt wah- 
rend der Schlafzustande iiber unseren Menschenwert selber urteilen. 
So Ziehen wir, je nachdem wir gelebt haben, nach langerer oder kiir- 
zerer Zeit, nach Jahrzehnten etwa in die Geistwelt ein, aus der wir 
herausgeschritten sind, aber nur mit dem BewuBtsein herausgeschrit- 
ten sind. Eigentlich sind wir am Ausgangspunkte stehengeblieben 
und haben gewartet, bis sich uns die Erdenlaufbahn des physischen 
Leibes als erfullt erweist und wir wiederum zuriickkehren konnen zu 
demjenigen, was wir vor der Geburt beziehungsweise vor der Emp- 
fangnis waren. 

Man muB, wenn man diese Dinge schildert, zuerst, namentlich vor 
der OrTentlichkeit, sie so schildern, daB man nicht gleich die Leute 
mit diesen ganz anders gearteten Begriffen schockiert. Man kann, ich 
mochte sagen, bildlich die Sache so schildern, als wenn es eigentlich 
fortginge nach dem Tode. Aber in Wahrheit ist es ein Zuriickgehen, 
ein Zuriickleben nach dem Tode. Es dreht sich in der Tat die Zeit, 
kommt wiederum zu ihrem Ausgangspunkte zuruck. Man konnte 
sagen: Die gottliche Welt bleibt eigentlich an dem Orte stehen, an 
dem sie vom Anfange an stand. - Der Mensch macht nur seine Aus- 
laufe, seine Ausgange aus der Gotterwelt. Dann kehrt er wiederum in 
sie zuruck und bringt sich dasjenige, was er sich auBerhalb dieser 
Gotterwelt erobert hat, in diese Gotterwelt wiederum zuruck. 

Nun kommt das Leben, das sich dann anschlieBt. Wenn wir sozu- 
sagen wiederum, aber bereichert jetzt um das Erdenleben - nicht 
nur um das bewuBte, sondern auch um das unbewuBte Erdenleben - 
zuruckgekommen sind, Kindlein geworden sind, um nun als Kindlein 
wiederum drinnenzustehen in den Reichen der Himmel, schlieBt sich 
dann dasjenige Leben an, das man etwa so schildern konnte, daB man 
sagt: Der Mensch nimmt jetzt wahr, wie er ist. Geradeso wie er hier 
zwischen Pflanzen, Steinen, Tieren auf der Erde mit seinem gewohn- 



lichen ErdenbewuBtsein ist, so nimmt der Mensch dann in der Zeit, bei 
der wif jetzt angekommen sind, wahr. - Ich schildere das nachtod- 
liche Leben. Dann nimmt der Mensch wahr, wie er erstens unter den 
Menschenseelen ist, die nun nicht auf Erden erleben, sondern in den 
Himmeln erleben, die also gestorben oder noch nicht geboren sind, 
aber er nimmt auch wahr zwischen den hoheren Hierarchien Angeloi, 
Archangeloi, Archai, Exusiai und so weiter. Sie kennen die Namen und 
die Bedeutung der Namen aus meiner «Geheimwissenschaft im Um- 
riB ». Der Mensch bekommt Erfahrungen in dieser rein geistigen Welt. 
Wenn ich diese Erfahrungen charakterisieren soil, so muB ich das so 
tun: Es ist, als ob der Mensch sein eigenes Wesen in den Kosmos nun 
hineintriige. Das, was er wahrend des Tagwachens, wahrend des 
nachtlichen unbewuBten Erdenlebens durchgemacht hat, tragt er in 
den Kosmos hinein, das braucht der Kosmos. 

Wir stehen hier als Menschen im Erdenleben, beurteilend dasjenige, 
was uns als Kosmos umgibt, Sonne und Mond und Sterne, nur vom 
irdischen Gesichtspunkte aus. Wir rechnen da als Astronomen aus, 
wie sich die Sterne bewegen, wie sich die Planeten bewegen, wie sie 
an den Fixsternen voriibergehen und dergleichen. Aber, sehen Sie, 
mit diesem ganzen astronomisch-wissenschaftlichen Verhalten ist es 
eigentlich so, wie wenn hier ein Mensch stiinde und ein ganz kleines, 
winziges Wesen diesen Menschen beobachten wiirde, diesen physi- 
schen Menschen meine ich. Ein kleines, winziges Wesen, sagen wir, 
ein Marienkaferchen wiirde eine Wissenschaft griinden und wiirde 
einen gegeniiber dem Marienkaferchen riesigen Menschen beobach- 
ten, wiirde beobachten, wie der zum Leben kommt. Ich nehme an, 
daB das Marienkaferchen auch eine gewisse Lebenszeit hat. Es wiirde 
also beobachten, was da mit diesem Menschen geschieht, wiirde dann 
seine Untersuchungen machen nach vorne und nach hinten, aber es 
wiirde nicht beachten, daB der Mensch iBt und trinkt, also immer 
wieder und wieder sein Wesen, sein physisches Wesen erneuern muB, 
wiirde glauben, daB dieser Mensch geboren werden kann, von selbst 
wachst und wiederum von selbst stirbt. Es wiirde gar nicht beachten, 
wie da von Tag zu Tag immer die Erneuerung des Stoffwechsels vor 
sich gehen muB. 



So ungefahr benimmt sich der Mensch als Astronom gegeniiber der 
Welt. Er achtet gar nicht darauf, daB diese Welt ein gewaltiger Geist- 
organismus ist, der Nahrung braucht, sonst waren die Sterne langst 
im Weltenraum nach alien Richtungen zerstreut worden. Die Planeten 
waren ihre Bahn gegangen. Dieser Riesenorganismus braucht Nah- 
rung, dasjenige, was er immer wiederum und wiederum aufnehmen 
muB, damit er richtig fortbestehen kann. Und woher kommt diese 
Nahrung? 

Hier ergeben sich die groBen Fragen des Zusammenhanges zwischen 
dem Menschen und zwischen dem Weltenall. Die irdische Wissen- 
schaft ist so furchtbar richtig, so daB sie alles beweisen kann. Nur 
sagen eigentlich die Beweise nicht viel. Es glauben die Menschen, 
wenn sie Anthroposophie hdren und diese der gewohnlichen Wissen- 
schaft in vielen Dingen widerspricht, daB diese gewohnliche Wissen- 
schaft alles beweisen kann. Das kann sie auch. Das leugnet auch die 
Anthroposophie nicht. Sie kann alles beweisen. Die Dinge sind nam- 
lich so, daB Beweise fur die Wirklichkeit in gewissen Fallen gar nichts 
besagen konnen. 

Denken Sie sich einmal, ich berechne, wie sich das Herz des Men- 
schen von einem Jahre zum andern in seiner physischen Struktur 
andert. Nehmen wir an, das konnte beobachtet werden und wir sagen : 
Ein Mensch, der im dreiunddreiBigsten Lebensjahre angekommen ist, 
bei dem ist die physische Struktur des Herzens so, im vierunddreiBig- 
sten Jahre so, im fiinfunddreiBigsten Jahre so und so weiter. Ich 
beobachte durch funf Jahre und rechne jetzt aus, wie diese physische 
Struktur des Herzens, sagen wir, dreiBig Jahre friiher war. Das kann 
ich ausrechnen. Da ergibt sich mir eine physische Struktur des Her- 
zens. Ich kann auch ausrechnen, wie sie dreihundert Jahre spater oder 
dreihundert Jahre friiher ist. Es liegt nur die Kleinigkeit vor, daB vor 
dreihundert Jahren das Herz noch nicht da war, daB also der ausge- 
rechnete Zustand nicht existiert hat. Richtig errechnet ist er. Beweisen 
kann man, daB vor dreihundert Jahren das Herz so und so beschaffen 
war, nur war es noch nicht da. Beweisen kann man, daB nach drei- 
hundert Jahren das Herz so und so beschaffen sein wird, nur wird es 
nicht mehr da sein. Die Beweise sind unumganglich richtig. 



So kann man es aber heute mit der Geologie machen. Man kann 
berechnen, wie durch eine gewisse Schichte der Erde sich das und das 
ergeben hat. Dann kann man ausrechnen, wie das vor zwanzig Mil- 
lionen Jahren war oder nach zwanzig Millionen Jahren sein wird. Der 
Beweis klappt furchtbar gut, nur war die Erde noch nicht da vor 
zwanzig Millionen Jahren. Die Veranderung konnte sich ebenso nicht 
vollziehen wie mit dem Herzen. Und ebenso wird die Erde nicht mehr 
da sein nach zwanzig Millionen Jahren. Die Beweise sind absolut 
tadellos, aber die Wirklichkeit hat gar nichts mit diesen Beweisen zu 
tun. Sie sehen, wie die Dinge liegen. Die Dinge liegen so, daB die 
Tauschungsmoglichkeit aus dem physischen Leben die denkbar groBte 
ist. Man muB schon etwas in das geistige Leben eindringen konnen, 
wenn man einen Standpunkt gewinnen will, um die physische Welt 
beurteilen zu konnen. 

Nun gehen wir zu demjenigen zuruck, was ich nur durch diese 
Ausfiihrung von den Beweisen erlautern wollte, welche die Wirklich- 
keit gar nicht trerTen, zu dem zuruck, wie der Mensch sich nun, nach- 
detn er in dem Zeitpunkte nach dem Tode angekommen ist, den ich 
charakterisiert habe, in die Welt der geistigen Tatsachen, geistigen 
Wesenheiten hineinlebt. Er bringt dasjenige in diese geistige Welt 
hinein, was er hier auf Erden im Wach- und im Schlafzustande durch- 
gemacht hat. 

Das ist die Nahrung des Kosmos, das ist dasjenige, was der Kosmos 
fortwahrend braucht, damit er fortbestehen kann. Was wir Menschen 
auf Erden in leichten und in harten Schicksalen erleben, das tragen 
wir einige Zeit nach dem Tode in den Kosmos hinein, und wir fiihlen 
daher als die Ernahrung unser menschlich.es Wesen in den Kosmos 
aufgehen. Das sind Erfahrungen, die der Mensch zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt von gewaltiger GroBe, von ungeheurer Er- 
habenheit macht . . . 

Dann tritt derjenige Zeitpunkt ein, wo der Mensch sich nicht mehr 
als eine Einheit erscheint, sondern wo gewissermaBen der Mensch 
sich als eine Vielheit erscheint, wo der Mensch sich so erscheint, daB 
die eine Tugend, die eine Eigenschaft gewissermaBen nach dem einen 
Stern hin sich bewegt, die andere nach dem andern Stern, wo der 



Mensch sein Wesen in die ganze Welt verteilt wahrnimmt, und wo er 
zugleich wahrnimmt, wie die Teile seines Wesens miteinander streiten, 
miteinander harmonisieren oder disharmonisieren. Der Mensch fiihlt, 
wie dasjenige, was er auf der Erde erlebt hat taglich oder nachtlich, 
sich in den ganzen Kosmos verteilt. Und geradeso wie wahrend der 
drei Tage nach dem Tode, wo die Gedanken fortgeflogen sind, also 
alles dasjenige, was unser Tagesleben war, fortgeflogen ist, und wir 
uns auf dasjenige konzentrieren, was die nachtlichen Erlebnisse waren, 
und da bis zum Ausgangspunkte unseres Erdenlebens zuriickleben, 
wie wir uns da festhalten mit den nachtlichen Erlebnissen, so halten 
wir uns, wenn nun die gesamte Menschheitserfahrung in den Kosmos 
hinausfliegt, fest in demselben, was wir iiberhaupt als Menschen einer 
ubersinnlichen Weltenordnung sind. 

Jetzt taucht unser wahres Ich aus unserem zerspaltenen, ich mochte 
sagen aus unserem dionysisch-zerspaltenen Menschen auf. Da taucht 
nach und nach das BewuBtsein auf: Du bist ja Geist. Du hast nur in 
einem physischen Leib gewohnt, hast nur dasjenige durchgemacht, 
was der physische Leib iiber dich gebracht hat, auch in den nachtlichen 
Erlebnissen. Du bist ja Geist unter Geistern. 

Man tritt jetzt ein in ein geistiges Dasein unter geistigen Wesen- 
heiten, wahrend man dasjenige, was man als Erdenmensch war, zer- 
spalten und zerteilt sieht in den ganzen Kosmos. Was wir auf Erden 
hier durchmachen, wird in den Kosmos hinaus zerteilt, daB es dem 
Kosmos Nahrung werden kann, daft der Kosmos weiterbestehen 
kann, daB der Kosmos neue Antriebe zu seinen Sternenbewegungen 
und Sternenbestanden erhalten kann. Wie wir unserem Leben die 
Erdennahrung zufiihren rmissen, damit wir als physische Menschen 
zwischen der Geburt und dem Tode leben konnen, so muB der Kos- 
mos von Menschenerfahrungen leben, diese in sich aufnehmen. Und 
wir gelangen auf diese Weise dazu, uns immer mehr und mehr als 
kosmischer Mensch zu fuhlen, gewissermaBen unser ganzes Menschen- 
wesen in den Kosmos iibergehend zu finden, aber in den geistigen 
Kosmos iibergehend zu finden. Und der Zeitpunkt ist angelangt, wo 
wir den Obergang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt suchen 
mussen, von dem Kosmoswerden des Menschen zum Menschwerden 



des Kosmos. Wir sind aufgestiegen, indem wir uns immer kosmischer 
und kosmischer fiihlen. Ein Zeitpunkt kommt - ich habe ihn in 
meinen Mysterien genannt die groBe Mitternachtsstunde des Da- 
seins wo wir fiihlen: Wir rmissen wieder Mensch werden. Das- 
jenige, was wir in den Kosmos hinaustragen, muB uns in anderer Ge- 
stalt der Kosmos wieder zuriickgeben, damit wir wiederum zur Erde 
zuruckkehren konnen. Von dieser Ruckkehr darf ich Ihnen dann 
morgen sagen. 

Ich wollte Ihnen heute zunachst nur das Menschenwesen schil- 
dern, wie es hinausgetragen wird aus dem Erdenleben in die kosmi- 
schen Weiten. Wir stehen also jetzt sozusagen zunachst mit einer 
skizzenhaften Schilderung - sie soil in den nachsten Tagen ausfuhr- 
licher gegeben werden - mitten drinnen in dem Leben zwischen dem 
Tode und einer neuen Menschengeburt. 



ZWEITER VORTRAG 



Kristiania (Oslo), 17. Mai 1923 



Gestern habe ich versucht, ein Bild von den Zustanden zu geben, die 
der Mensch durchlebt, indem er durch die Pforte des Todes durchgeht 
und in der geistigen Welt ankommt. Wir wollen uns noch einmal kurz 
die wesentlichsten Etappen vor die Seele rufen. Zunachst erlebt der 
Mensch, nachdem er unmittelbar durch die Pforte des Todes hindurch- 
gegangen ist, das Fortgehen seiner Vorstellungswelt. Die Vorstel- 
lungen, die Denkkrafte, werden gegenstandlich, werden wie wirksame 
Krafte, die in die Welt hinaus sich verbreiten, so dafi der Mensch von 
sich fortgehen fiihlt zunachst alles dasjenige, was er an Erlebnissen 
bewuBt durchgemacht hat im Erdenleben zwischen Geburt und Tod. 
Aber wahrend - und das ist etwas, was in wenigen Tagen verlauft - 
das gedankenmaBig erlebte Erdenleben sich vom Menschen in den 
weiten Kosmos hinaus entfernt, erhebt sich aus dem Inneren heraus 
ein BewuBtsein von alledem, was der Mensch in den Schlafzustanden 
wahrend des Erdenlebens unbewuBt durchgemacht hat. Und das ge- 
staltet sich so, daB der Mensch nunmehr zuriickgehend in einem 
Drittel der Zeit sein Erdenleben erlebt. 

Wahrend dieser Zeit ist der Mensch eigentlich sehr stark mit sich 
selbst beschaftigt. Man konnte sagen: Der Mensch hangt wahrend 
dieser Zeit durchaus noch intensiv mit seinen eigenen Angelegenhei- 
ten des Erdenlebens zusammen. Er ist ganz verwoben mit demjenigen, 
was er, sagen wir wahrend der verschiedenen Nachte, also in seinen 
Schlafzustanden durchgemacht hat. 

Sie konnen ermessen, wie da der Mensch, da er eigentlich immer 
seine nachtlichen Erlebnisse durchmacht, auf sich selbst zuriickge- 
wiesen ist. Beachten Sie nur das einzige, was wahrend des Erden- 
lebens aus den Schlafzustanden heraufspielt, die Traume. Diese Traume 
sind das allerwenigste von dem, was der Mensch im Schlafe erlebt. 
Aber das andere bleibt eben unbewuBt. Die Traume nur spielen be- 
wuBt herauf. Aber diese Traume, so interessant, so mannigfaltig, von 
so buntem Farbenreichtum sie auch sind, man muB doch sagen, sie 



stellen etwas dar, womit der Mensch ganz allein auf sich angewiesen 
ist. Denken Sie nur einmal, wenn eine Anzahl von Menschen in dem- 
selben Raume schlaft, so kann doch jeder seine eigenen Traume haben. 
Und wenn die Menschen dann sich ihre Traume erzahlen, Menschen, 
die in demselben Raume geschlafen haben, so werden sie sich etwas 
erzahlen, wie wenn sie in ganz verschiedenen Welten gewesen waren. 
Der Mensch ist wahrend des Schlafes ganz mit sich allein; er hat seine 
eigene Welt im Schlafe. Und erst dadurch, daB wir unseren Willen in 
unseren Organismus einschalten, haben wir dieselbe Welt in dem- 
selben Raum mit den andern Menschen zusammen. Wiirden wir 
immer schlafen, so hatten wir jeder unsere eigene Welt. 

Aber diese eigene Welt, die wir jede Nacht zwischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen durchleben, ist die Welt, die wir in einer Zeit, 
die ein Drittel unseres Lebenslaufes umfaBt, riickwarts in den Jahren 
nach dem Tode durchleben. Allerdings, wenn wir nichts weiter hatten 
als diese Welt, so waren wir durch zwei oder drei Jahrzehnte, wenn 
wir alte Leute geworden sind, nach dem Tode ganz allein mit uns 
selbst beschaftigt. Das ist aber nicht der Fall. Wir hangen durch das- 
jenige, was wir da als unsere eigenen Angelegenheiten durchmachen, 
doch mit der ganzen Welt zusammen, weil in diese Welt, die wir jeder 
fur sich durchmachen, die Verhaltnisse zu ja zahlreichen andern Men- 
schen hereinspielen, zu all denjenigen Menschen, mit denen wir im 
Leben irgendwie zusammengekommen sind. 

Und so kommt es, weil wir von diesem Zustande in der Seelenwelt 
nach dem Tode herunterschauen auch auf alles dasjenige, was Men- 
schen hier auf Erden durchleben, mit denen wir irgendwie in Bezie- 
hung gestanden haben, daB wir mit ihnen durchleben dasjenige, was 
sich auf der Erdenwelt abspielt. Man kann daher, wenn man versucht, 
mit den Mitteln, welche die Geisteswissenschaft nach dieser Richtung 
zur Verfiigung stellt, an Verstorbene heranzukommen - das kann 
man -, schon durchaus wahrnehmen, wie diese Verstorbenen gleich 
vom Anfange ihres Todeserlebnisses an intensiv durch die andern 
Menschen, mit denen sie hier auf Erden gelebt haben und die noch 
auf Erden da sind, alle Erdenereignisse doch miterleben konnen. Und 
so kann man flnden, daB Menschen, je nachdem sie diese oder jene 



Interessen gehabt haben, die sie mit Menschen gemeinsam besprochen 
haben, die sie mit Menschen gemeinsam in einem Schicksal durchlebt 
haben, mit all diesen Erdeninteressen verbunden bleiben, sich interes- 
sieren fur diese Erdeninteressen, ja sogar, weil der physische Leib kein 
Hindernis mehr bildet, iiber diese Erdenerlebnisse ein viel lichtvolleres 
Urteil haben als die Erdenmenschen. Und man kann schon dadurch, 
daB man ein Verhaltnis gewinnt, ein bewuBtes Verhaltnis zu den 
Toten, aus dem Urteile der Toten auch iiber Erdenverhaltnisse auBer- 
ordentlich viel Licht voiles gewinnen. 

Aber noch etwas anderes kommt dabei in Betracht. Man kann 
sehen, wie innerhalb der Erdenverhaltnisse doch wieder gewisse 
Dinge da sind, die sich in die geistige Welt hinein erhalten, wie also 
in unsere irdischen Erlebnisse gewissermaBen ein Ewiges hineinge- 
mischt ist. Es klingt fast, ich mochte sagen absonderlich, wenn man 
Schilderungen von dieser Welt gibt. Allein, ich denke, hier spreche 
ich zumeist zu langjahrigen Anthroposophen, und ich darf daher iiber 
diese Dinge unbefangen sprechen. Heute noch diese Dinge etwa in der 
Offentlichkeit zu besprechen, ware natiirlich ganz deplaciert. Man 
kann, wenn man die Wege aufsucht, um sich mit Toten zu verstandi- 
gen, sogar die Moglichkeit finden, in Erdenworten sich mit den Toten 
zu verstandigen, Fragen an sie zu stellen, Antworten zu bekommen. 
Da zeigt sich das Eigentiimliche, daB die Toten zuerst die Fahigkeit 
verlieren, Substantive in ihrer Sprache zu gebrauchen, wahrend die 
Verben noch lange im Gebrauche der Toten sind. Und insbesondere 
sprechen sich die Toten gern durch Empfindungsworte aus, durch all 
dasjenige, was mit dem Gefuhl und dem Gemiite zusammenhangt. 
Ein Ach!, ein Oh! als Ausdruck der Verwunderung, als Ausdruck des 
Oberraschtseins und dergleichen, ist dasjenige, was vielfach von den 
Toten in ihrer Sprache geiibt wird. Man muB gewissermaBen auch die 
Sprache der Toten erst erlernen. 

Wie sich die Spiritisten das vorstellen, ist das nicht, denn die stellen 
sich vor, daB sie durch das Medium in der ganz gewohnlichen irdi- 
schen Sprache von den Toten Mitteilungen bekommen konnen. Man 
kann es schon der Art ansehen, wie diese Mitteilungen sind, daB es 
sich da um unterbewufite Zustande der Lebenden handelt, nicht um 



wirkliche direkte Mitteilungen der Toten bei den Medien. Denn aus 
der gewohnlichen Menschensprache wachsen die Toten immer mehr 
und mehr heraus, und nach Jahren kann man sich mit den Toten 
iiberhaupt nurmehr verstandigen, wenn man gewissermaBen ihre 
Sprache sich angeeignet hat, die zumeist darinnen liegt, daB man in 
einfachen symbolischen Zeichnungen dasjenige andeutet, was man 
ausdrucken will, und dann auch wiederum in solchen symbolischen 
Formen, die man natiirlich schattenhaft erhalt, die Antwort bekommt. 

Ich schildere Ihnen dies aus dem Grunde, weil ich Ihnen dadurch 
andeuten will, daB der Tote, trotzdem er eigentlich in dem Elemente 
lebt, welches dasjenige des Schlafes ist, trotzdem weite Interessen hat 
und die Welt schon iiberschaut. Aber wir konnen ihm dabei auBer- 
ordentlich zu Hilfe kommen. Und es ist zum Beispiel ein wesentliches 
Zuhilfekommen den Toten gegeniiber, wenn wir in aller Lebendig- 
keit an sie denken, wenn wir namentlich solche Gedanken den Toten 
schicken, welche in einer recht anschaulichen Form dasjenige dar- 
stellen, was wir mit den Toten erlebt haben. Abstrakte Vorstellungen 
verstehen die Toten nicht. Wenn ich aber den Gedanken fasse: Da 
war die StraBe zwischen Kristiania und einem Nachbarort; da gingen 
wir. Der andere Mensch, der jetzt gestorben ist, der ging neben mir. 
Ich hore noch heute, wie er dazumal sprach. Den Klang seiner Stimme 
hore ich. Ich versuche mir zu vergegenwartigen, was er fur Bewegun- 
gen mit den Armen machte, was er fur Bewegungen mit dem Kopfe 
machte. - Wenn man sich das so ganz gegenstandlich lebhaft vor- 
stellt, was man mit dem Toten zusammen erlebt hat, und dann diese 
Gedanken zu dem Toten hinschickt, den man sich in einem gelaufigen 
Bilde vor die Seele ruckt, dann schwebt oder stromt gewissermaBen 
ein solcher Gedanke zu dem Toten hin. Und der Tote empfindet das 
wie ein Fenster, durch das er in die Welt hereinblickt. Dem Toten 
geht nicht nur das, was wir an ihn als Gedanken richten, dabei auf, 
sondern eine ganze Welt geht ihm dabei auf. Es ist wie ein Fenster, 
durch das er in unsere Welt hereinblickt. 

Dagegen dasjenige, was in seiner geistigen Umgebung nunmehr 
liegt, das kann der Tote nur in dem MaBe erleben, als er sich schon 
hier die dem Menschen auf Erden moglichen Gedanken iiber die gei- 



stige Welt gemacht hat. Es gibt so viele Menschen heute, die sagen: 
Ach, was brauchen wir uns um das Leben nach dem Tode zu kiim- 
mern. Wir konnen es ja abwarten. Wenn wir gestorben sind, werden 
wir schon sehen, was es da gibt nach dem Tode. - Aber das ist ein 
ganz unmoglicher Gedanke. Man sieht einfach nichts nach dem Tode, 
wenn man sich gar keine Gedanken iiber die geistige Welt im Leben 
gemacht hat, wenn man bloB materialistisch dahingelebt hat. 

Damit habe ich Ihnen angedeutet, wie der Tote in der Zeit lebt, in 
der er riickwarts sein Leben nach MaBnahme dessen durchlebt, was 
er immer in den Schlafzustanden durchgemacht hat. In dieser Zeit 
fuhlt sich der Mensch, der also jetzt seinen physischen, seinen Ather- 
leib verlassen hat, im Bereiche der geistigen Mondenkrafte. Wir miis- 
sen uns klar sein, daB alles dasjenige, was Weltenkorper sind, Mond, 
Sonne, andere Sterne, insofern sie den physischen Augen erscheinen, 
wirklich nur die physische Ausgestaltung von Geistigem sind. 

Wie der einzelne Mensch, der jetzt hier auf dem Stuhle sitzt, nicht 
bloB das Fleisch und das Blut ist, das wir als Stoff ansehen konnen, 
sondern Seele und Geist ist, so lebt im ganzen Weltenall, im ganzen 
Kosmos uberall Seele und Geist, und zwar nicht etwa bloB ein einheit- 
liches seelisch-geistiges Wesen, sondern viele, unendlich viele geistige 
Wesenheiten. Und so sind mit dem Monde verknupft, den wir nur 
auBerlich mit dem physischen Auge als die silberne Scheibe sehen, 
zahlreiche geistige Wesenheiten. In deren Bereich sind wir, solange 
wir in der geschilderten Weise unser Erdenleben zuriickleben, bis wir 
wiederum an seinen Ausgangspunkt zuriickgekommen sind. Man 
kann daher sagen, so lange sind wir im Mondenbereiche. 

Wahrend wir also in diesem Ruckwartsleben sind, mischt sich aller- 
dings in unser ganzes Leben etwas, was dann einen ge wis sen Ab- 
schluB erlangt, wenn wir aus dem Mondenbereich nach dem Tode 
hinauskommen. Sogleich, nachdem wir den Atherleib wenige Tage 
nach dem Tode in der geschilderten Weise abgestreift haben, macht sich 
aus diesen nachtlichen Erlebnissen heraus die moralische Beurteilung 
unseres Menschenwertes geltend. Wir konnen dann gar nicht anders, 
als dasjenige, was wir da wiederum zuriickleben, moralisch zu beurtei- 
len. Und das ist sehr eigentiimlich, wie sich die Dinge nun gestalten. 



Hier auf Erden tragen wir einen Leib aus Knochen, aus Muskeln, 
aus BlutgefaBen und so weiter. Dann, nach dem Tode, bildet sich ein 
geistiger Leib, der aus unseren moralischen Werten gebildet ist. Ein 
guter Mensch bekommt einen schonleuchtenden moralischen Leib, 
ein schlechter einen iibelleuchtenden moralischen Leib. Das bildet 
sich wahrend dieses Riickganges. Und das ist eigentlich nur ein Teil 
desjenigen, was sich uns angliedert, was jetzt unser - wenn ich mich 
so ausdriicken darf - Geistleib wird, denn ein Teil dessen, was wir 
jetzt in der geistigen Welt als einen Geistleib erhalten, bildet sich 
aus unseren moralischen Werten, ein anderer wird uns einfach 
aus den Substanzen der geistigen Welt, wenn ich so sagen darf, 
angekleidet. 

Nun miissen wir, wenn wir den Riicklauf vollendet haben, wenn 
wir also wiederum an dem Ausgangspunkte angekommen sind, jenen 
Obergang finden, den ich in meiner «Theosophie» mit dem Ubergange 
von der Seelenwelt in das Geisterland angedeutet habe. Aber das ist 
damit verkniipft, daB wir den Mondenbereich verlassen und innerhalb 
des Kosmos in den Sonnenbereich einziehen. Wir werden nach und 
nach mit der allumfassenden Wesenheit alles desjenigen bekannt, was 
geistig-seelisch im Sonnenbereiche lebt. Da miissen wir aufgenommen 
werden. Ja, da konnen wir jetzt nicht hinein mit unserem moralischen 
Leib. Ich werde in den nachsten Tagen davon zu sprechen haben, in- 
wiefern gerade bei diesem Ubergange aus dem Mondenbereich in den 
Sonnenbereich die Christus-Wesenheit fur den Menschen eine fuhrende 
Rolle spielt, die verschieden ist vor dem Mysterium von Golgatha 
und nach dem Mysterium von Golgatha. Heute wollen wir einmal den 
Durchgang durch diese Welt mehr objektiv schildern. Wir miissen 
namlich dasjenige, was wir uns da angegliedert haben gewissermaBen 
aus unseren moralischen Werten, im Mondenbereich noch ablegen. 
Das stellt etwas dar, was wir gewissermaBen als ein Packchen zuriick- 
lassen, damit wir als rein geistige Wesen in den Sonnenbereich nun- 
mehr eintreten konnen, wo wir die Sonne wirklich sehen, jetzt nicht 
von der Seite, die sie der Erde zuwendet, sondern von der riickwarti- 
gen Seite, wo wir sie ganz und gar von geistigen Wesenheiten erfullt 
sehen, wo wir sie ganz und gar als ein geistiges Reich sehen. 



Da ist es nun, wo wir alles dasjenige, was jet2t nicht zu unseren 
moralischen Werten gehort, sondern zu demjenigen, was die Gotter 
uns auf Erden haben erfahren lassen und was brauchbar ist fur das 
Weltenall, wo wir das dem Weltenall wie eine Nahrung iibergeben, 
so daft der Weltenlauf weitergehen kann. Ja, es ist wirklich so, wenn 
wir den Weltenlauf - Sie wissen, ich gebrauche das nur als einen Ver- 
gleich, ich definiere den Weltenlauf wirklich nicht als Maschine - 
vergleichsweise wie eine Maschine ansehen wurden, so ware dasjenige, 
was wir da mitbringen, nachdem wir unser Packchen im Monden- 
bereiche abgelegt haben, das wiirde im Sonnenbereiche wie ein Heiz- 
material sein, das wir dem Laufe des Kosmos reichen, wie das Heiz- 
material einer Maschine gereicht wird. 

Und so treten wir ein in den Bereich der geistigen Welt. Denn es ist 
einerlei, ob wir sagen: Wir treten ein in den Sonnenbereich, geistig, 
oder ob wir sagen: Wir treten ein in die geistige Welt. - Da leben 
wir nun als Geist unter Geistern, so wie wir hier auf Erden als physi- 
scher Mensch unter physischen Wesenheiten der verschiedenen Natur- 
reiche leben. Da leben wir unter denjenigen Wesenheiten, welche ich 
beschrieben und benannt habe in meiner «Geheimwissenschaft im 
UmriB». Da leben wir auch unter denjenigen Seelen, die vor uns ge- 
storben sind oder die in der Erwartung sind ihres kommenden Erden- 
lebens. Wir leben da als Geist unter geistigen Wesenheiten. Diese 
geistigen Wesenheiten konnen Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
sein, sie konnen auch entkorperte, in der geistigen Welt lebende 
Menschen sein. Und die Frage taucht auf: Was tun wir nun? - Wir 
wachsen jetzt immer mehr und mehr in eine Weltanschauung hinein, 
die sehr verschieden von der irdischen Weltanschauung ist. Wenn man 
diese Welt schildert, in die wir hineinwachsen, so klingt es wieder 
paradox. Allein, was kann man denn anderes erwarten, als daB diese 
Dinge, die in einer ganz andern Welt leben, paradox fur das irdische 
Anschauen klingen. 

Indem wir da wirklich drinnenleben, Geist unter Geistern, haben 
wir, so wie wir hier auf Erden vor uns und um uns alles Naturliche 
haben, so haben wir, wenn wir als Geist unter Geistern zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt leben, gerade nach und nach alles 



Menschliche vor uns. Hier stehen wir auf Erden an einem bestimmten 
Punkte des irdischen Weltenalls. Wir richten den Blick nach alien 
Seiten hinaus und erblicken das, was auBer dem Menschen ist, Das- 
jenige, was im Menschen ist, erblicken wir gar nicht. 

Nun werden Sie sagen: Das ist toricht, was du uns sagst. Nicht 
gerade jeder Mensch, aber die gelehrten Anatomen, die in den anato- 
mischen Kliniken den Menschen, wenn er gestorben ist, zerschneiden, 
die Anatomie treiben, kennen ganz gut das Innere des Menschen. - 
Nichts kennen sie davon! Denn dasjenige, was man auf diese Weise 
vom Menschen kennenlernt, ist auch nur ein AuBeres. Ob sie schlieB- 
lich den Menschen von dem AuBeren der Haut aus auBerlich an- 
schauen, oder ob sie ihn von innen auBerlich anschauen, das ist 
alles dasselbe. Im Inneren der Haut des Menschen ist nicht das- 
jenige, was die Anatomen auf auBerliche Weise herausbekommen, 
sondern da sind ganze Welten drinnen. In der menschlichen Lun- 
ge, in jedem menschlichen Organ sind ganze Welten im Kleinen 
zusammengerollt. 

Es ist ja wunderbar dasjenige, was wir sehen, wenn wir, sagen wir, 
eine schone Landschaft bewundern konnen. Es ist wunderbar das- 
jenige, was wir sehen, wenn wir nachtlich den Sternenhimmel in all 
seiner Pracht bewundern. Aber dasjenige, was im Menschen drinnen 
ist, wenn wir den Menschen nicht mit dem physischen Auge des Ana- 
tomen anschauen, sondern mit geistigem Auge anschauen, wenn wir 
eine menschliche Lunge, eine menschliche Leber - verzeihen Sie, 
daB ich alle diese Organe nenne -, wenn wir diese Organe mit 
geistigem Auge anschauen, so sind das ja Welten, zusammengerollt. 
Gegeniiber aller Pracht und Herrlichkeit der auBeren Fliisse und 
Berge, der Erdenwelt, gegeniiber all dieser auBeren Pracht ist eine 
viel groBere, eine erhabenere Pracht alles dasjenige, was innerhalb der 
Haut des Menschen auch nur als physische Organisation liegt. DaB 
das kleiner ist als die scheinbar so groBe Raumeswelt, das macht es 
nicht aus. Wenn Sie dasjenige iiberschauen, was in einem einzigen 
Lungenblaschen liegt, so ist das groBartiger als dasjenige, was in den 
machtigen Alpenmassiven liegt. Dasjenige, was innerhalb des Men- 
schen ist, ist namlich zusammenverdichtet der ganze geistige Kosmos. 



In der menschlichen Innenorganisation haben wir ein Bild des ganzen 
Kosmos. 

Wir konnen uns das auch noch etwas anders vorstellen. Stellen Sie 
sich einmal vor, Sie seien meinetwillen dreiBig Jahre alt geworden, 
blicken in sich hinein, rein seelisch. In der Erinnerung erinnern Sie 
sich an irgend etwas, was Sie zwischen dem zehnten und zwanzigsten 
Jahre erlebt haben. Da ist das auBere Erlebnis zum inneren Bilde der 
Seele geworden. Sie uberblicken vielleicht in einem Momente weit 
ausgebreitete Erlebnisse, die Sie durch Jahre durchgemacht haben. 
Eine Welt ist in dem Bilde einer Vorstellung zusammengewoben. 
Denken Sie nur, was Sie manchmal haben, wenn Sie die kleinen 
Erinnerungsvorstellungen an weit ausgebreitete Ereignisse, die Sie 
durchgemacht haben, in Ihrem Seelenleben haben. Das ist das Seeli- 
sche, das Sie da erleben, von dem, was Sie irdisch durchgemacht haben. 
Wenn Sie ebenso, wie Sie Ihre Erinnerungsvorstellung anschauen, 
Ihr Gehirn, das Innere Ihres Auges anschauen - das Innere des 
Auges allein ist ja eine ganze Welt -, wenn Sie ebenso anschauen 
Ihre Lunge, Ihre andern Organe, so sind diese nicht jetzt Bilder von 
Erlebnissen, die Sie durchgemacht haben, sondern sie sind Bilder des 
ganzen geistigen Kosmos, sie erscheinen nur auf materielle Art. 

Wenn der Mensch entratseln kann, ebenso wie er seine Erinnerungen 
im Seelenleben entratseln kann, weil er sie durchlebt hat im irdischen 
Leben, wenn er ebenso entratseln kann: Was ist in meinem Gehirn, 
in meinem Augeninneren, in meinem Lungeninneren enthalten? - 
dann geht ihm der ganze geistige Kosmos auf, geradeso wie bei den 
einzelnen Erinnerungsvorstellungen einem irgendeine Erlebnisreihe 
aufgeht, die man durchgemacht hat. Man ist das verkorperte Weltge- 
dachtnis als Mensch. Das muB man nur ordentlich in Erwagung 
Ziehen, dann wird man verstehen, was es heiBt, der Mensch tritt ein, 
nachdem er nach dem Tode die Zustande durchgemacht hat, die ich 
bisher geschildert habe, in das Schauen des Menschen selber. Der 
Mensch ist Geist unter Geistern. Aber dasjenige, was er als seine 
Welt jetzt erblickt, ist das Wunder der menschlichen Organisation 
selber als Kosmos, als ganze Welt. Wie hier Berge, Flusse, Sterne, 
Wolken unsere Umgebung sind, so ist dann, wenn wir als Geist unter 



Geistern leben, der Mensch in seiner wunderbaren Organisation unsere 
Umgebung, unsere Welt. Wir blicken hinaus, wir blicken - wenn ich 
mich bildhaft ausdrucken darf - in der geistigen Welt links und 
blicken rechts : wie hier uberall Felsen, Fliisse, Berge sind, so 1st dort 
uberall Mensch. Der Mensch ist die Welt. Und an dieser Welt, die 
eigentlich der Mensch ist, sind wir beschaftigt. So wie wir Maschinen 
bauen, Buchhaltungen anlegen, Rocke machen, Schuhe machen, wie 
wir hier irgend etwas schreiben auf der Erde, wie wir also dasjenige 
zusammenweben, was man den Inhalt der Zivilisation, der Kultur 
nennt, so weben wir dort, aber zusammen mit den Geistern der hohe- 
ren Hierarchien und mit den entkorperten Menschen, an der Mensch- 
heit. Wir weben die Menschheit aus dem Kosmos heraus. Hier auf 
Erden sind wir fertiger Mensch. Dort legen wir den Geistkeim des 
Erdenmenschen. 

Das ist das groBe Geheimnis, daB die Himmelsbeschaftigung des 
Menschen darinnen besteht, den groBen Geistkeim fur den spateren 
Erdenmenschen selber zu weben mit den Geistern der hdheren Hier- 
archien zusammen. Und jeder weben wir - aber in riesiger Geist- 
groBe in dem Geistkosmos darinnen - das Gewebe unseres eigenen 
Erdenmenschen, der wir dann sind, wenn wir wiederum zum Erden- 
leben heruntersteigen. Unsere Arbeit ist eine mit den Gottern gemein- 
sam geleistete Arbeit an dem Erdenmenschen. 

Wenn wir hier auf Erden von Keim sprechen, so stellen wir uns 
etwas Kleines vor, das dann groB wird. Wenn wir aber davon spre- 
chen, wie in der geistigen Welt der Keim des physischen Erden- 
menschen vorhanden ist, denn der physische Keim, der im Leibe der 
Mutter gedeiht, ist nur das Abbild dieses Geistkeimes, wenn wir von 
dem Geistkeim sprechen, so ist der riesig groB, ist der ein Weltenall, 
und alle andern Menschen sind in dieses Weltenall verflochten. Man 
konnte sagen: Alle sind an demselben Orte und doch der Zahl nach 
voneinander verschieden. - Und dann verkleinert er sich immer 
mehr. Und wir machen das durch in der Zeit, die wir zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt durchmachen, daB wir zuerst als Welten- 
all groB den Geistkeim des Menschen bilden, der wir werden. Dann 
wird dieser Geistkeim immer kleiner und kleiner, er involviert seine 



Wesenheit immer mehr und mehr, und er ist es, der dann im Leibe der 
Mutter sein Abbild schafft. 

Es ist ganz falsch, was in dieser Beziehung die materialistische 
Physiologie glaubt. Die materialistische Physiologie glaubt, der 
Mensch mit seiner wunderbaren Gestalt, die ich Ihnen eben versuchte 
skizzenhaft zu schildern, entstiinde aus dem bloBen physischen 
Menschenkeim. Das ist der reine Unsinn. Denn man glaubt gewohn- 
lich in dieser materialistischen Physiologie, daB der Eikeim die aller- 
komplizierteste Materie sei. Und die Chemiker, die physiologischen 
Chemiker denken dariiber nach, wie das Molekiil oder das Atom 
immer komplizierter und komplizierter wird, und der Keim endlich 
ganz etwas Kompliziertes ist. Das ist ja gar nicht wahr. Der Eikeim 
ist namlich chaotische Materie. Wenn Materie Keim wird, so lost sie 
sich gerade als Materie auf, ist vollstandig pulverisiert. Darinnen be- 
steht das Wesen des Keimes - und des Menschenkeimes am aller- 
meisten, des physischen Menschenkeimes -, daB er vollstandig pul- 
verisierte Materie ist, die gar nichts mehr fur sich will Dadurch, daB 
er vollstandig pulverisierte Materie ist, die gar nichts mehr fur sich 
will, kann der Geistkeim, der lange vorbereitet ist, in diese Materie 
seinen Einzug halten. Dazu, zu dieser Pulverisierung, wird gerade die 
physische Keimmaterie durch die Konzeption fahig gemacht. Die 
physische Materie wird ganz zerstort, damit der geistige Keim 
sich in sie senken kann, und die physische Materie das Abbild 
des geistigen Keimes, der aus dem Kosmos heraus gewoben wird, 
werden kann. 

Man kann gewiB groBe Loblieder singen auf all dasjenige, was 
Menschen auf Erden fur die Zivilisation, fur die Kultur tun konnen. 
Ich werde gewiB nicht gegen diese Loblieder sprechen, sondern er- 
klare mich von vorneherein, insofern diese Loblieder verniinftig sind, 
mit allem einverstanden. Aber dasjenige, was geleistet wird, ich 
mochte sagen an Himmelszivilisation zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, indem der Menschenleib im Geiste vorbereitet wird, 
zuerst im Geist gewoben wird, das ist eine viel umfassendere, eine 
viel erhabenere, eine viel groBartigere Arbeit als alle Kulturarbeit auf 
Erden. Denn es gibt nichts Erhabeneres in der Weltenordnung, als 



eben gerade aus alien Ingredienzien der Welt den Menschen zu weben. 
Mit Gottern zusammen wird der Mensch gewoben in der wichtigsten 
Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. 

Und wenn ich gestern sagen muBte : In einem gewissen Sinne ist das- 
jenige, was wir hier auf Erden an Erfahrungen, an Erlebnissen uns 
aneignen, eine Nahrung fur den Kosmos -, so miissen wir nun 
sagen: Nachdem wir das, was wir hier in einem Erdenleben als fur den 
Kosmos brauchbar - als Nahrung oder als Heizmaterial - bewahrt 
haben, an den Kosmos hingegeben haben, da bekommen wir aus der 
Fulle des Kosmos heraus all diejenigen Substanzen, aus denen wir den 
neuen Menschen, den wir sparer beziehen werden, wiederum weben. 
Da lebt der Mensch, indem er wirklich ganz hingegeben ist an eine 
geistige Welt, als Geist. Sein ganzes Weben und Wesen ist ein geistiges 
Arbeiten und ein geistiges Sein. Das dauert eine lange Zeit. Denn 
wirklich -man muB es immer wieder betonen -, das jenige zu weben, 
was der Mensch ist, ist etwas ganz Gewaltiges und GroBartiges. Und 
in alten Mysterien hat man nicht mit Unrecht den menschlichen 
physischen Leib einen «Tempel der G6tter» genannt. Dieses Wort hat 
schon eine tiefe Bedeutung. Man lernt die ganze tiefe Bedeutung 
dieses Wortes immer mehr und mehr fiihlen, je mehr man Einblick in 
die ganze Initiations wissenschaft gewinnt, in das jenige, was als das 
Leben des Menschen selber zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt vor sich geht. Da lebt man aber auch so, daB man, ich mochte 
sagen, unmittelbar ansichtig wird der Geistwesen als Geistwesen. Das 
dauert langere Zeit. Dann tritt ein anderer Zustand ein. 

Das jenige, was vorher war, war so, daB man die einzelnen Geist- 
wesen als Individualitaten wirklich geschaut hat. Man lernte sozu- 
sagen von Angesicht zu Angesicht, indem man mit ihnen arbeitete, 
die Geistwesen kennen. Dann tritt einmal ein Zustand ein, wo - ich 
mochte sagen, es ist nur bildlich gesprochen, aber man kann fur diese 
Dinge ja nur Bilder anwenden - diese Geistwesen immer undeut- 
licher und undeutlicher werden und mehr ein allgemeines Geistge- 
bilde auftritt. Man kann das so aussprechen, daB man sagt: Eine ge- 
wisse Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt man so, 
daB man unmittelbar mit den Geistwesen lebt. Dann kommt eine Zeit, 



wo man nur in der Offenbarung der Geistwesen lebt, wo sie sich einem 
ofFenbaren. - Ich will ein recht triviales Gleichnis gebrauchen. Wenn 
Sie in der Feme so eine kleine graue Wolke sehen, so konnen Sie 
sie fur eine kleine graue Wolke halten, gehen Sie naher hinzu, so 
entpuppt sie sich Ihnen als ein Miickenschwarm. Sie sehen jetzt jede 
einzelne Mucke. Hier ist es umgekehrt. Sie nehmen wahr - zuerst als 
einzelne Individualitaten - die gottlich-geistigen Wesenheiten, mit 
denen Sie arbeiten. Dann leben Sie sich hinein, so daB Sie die allge- 
meine Geistigkeit wahrnehmen wie den Miickenschwarm als Wolke, 
wo die einzelnen Individualitaten mehr verschwinden, und Sie leben 
dann, ich mochte sagen mehr auf pantheistische Weise in einer allge- 
meinen geistigen Welt. 

Indem Sie jetzt in einer allgemeinen geistigen Welt leben, taucht aber 
aus Ihrem Inneren ein starkeres Selbstgefuhl auf, als Sie vorher hatten. 
Vorher waren Sie in Ihrem Selbst so, daB Sie gewissermaBen eins 
waren mit der geistigen Welt, die Sie in ihren Individualitaten erleb- 
ten. Jetzt fiihlen Sie die geistige Welt gewissermaBen nur wie eine 
allgemeine Geistigkeit. Aber Sie fiihlen sich starker. Es erwacht die 
Intensitat des eigenen Selbstgefuhles. Und damit tritt langsam und 
allmahlich im Menschen wiederum das Bedurfnis auf nach einem 
neuen Erdendasein. Mit diesem Erwachen des Selbstgefuhles tritt das 
Bedurfnis auf nach einem neuen Erdendasein. Dieses Bedurfnis muB 
ich Ihnen so schildern. Durch die ganze Zeit, die ich Ihnen jetzt ge- 
schildert habe und die durch Jahrhunderte geht, hat der Mensch 
eigentlich, nachdem er die erste Zeit durchgemacht hat, wo er noch 
immer mit der Erde zusammenhangt, von da ab, wo er an seinen Aus- 
gangspunkt wieder zuruckgekommen ist, im Grunde genommen 
hauptsachlich nur die Interessen fur die geistige Welt. Er webt in der 
Weise, wie ich es Ihnen geschildert habe, an dem Menschen im Gro- 
Ben. Er hat Interesse hauptsachlich fur die geistige Welt. 

In dem Momente, wo die geistige Welt gewissermaBen in ihren 
Individualitaten ineinander verschwimmt und der Mensch die geistige 
Welt im allgemeinen wahrnimmt, erwacht in ihm das Interesse fur die 
Erdenwelt wiederum. Dieses Interesse fur die Erdenwelt tritt in einer 
ganz besonderen Weise ein. Es tritt namlich in bestimmter Weise, in 



konkreter Weise auf. Man fangt an, ein Interesse zu bekommen an 
ganz bestimmten Menschen, die da unten auf der Erde sind, und 
wiederum an deren Kindern und an deren Kindern wiederum. Wah- 
rend man friiher nur ein Himmelsinteresse hat, bekommt man jetzt 
ein merkwiirdiges Interesse, wenn die geistige Welt zur Offenbarung 
wird, an gewissen Generationenfolgen. Das sind die Generationen- 
folgen, an deren Ende dann die eigenen Eltern stehen, die einen ge- 
baren werden, wenn man wiederum herabsteigt zur Erde. Aber man 
bekommt schon lange vorher fur die Voreltern Interesse. Man ver- 
folgt die Generationenreihe bis zu den Eltern hinunter, und zwar 
verfolgt man sie nicht bloB im Zeitenverlaufe, sondern wenn dieser 
Zustand der Offenbarung zuerst eintritt, da sieht man schon wie 
prophetisch die ganze Generationenreihe vor sich. Da sieht man durch 
die Generationen, durch die Menschenfolge UrururgroBvater, Urur- 
groBvater, UrgroBvater, GroBvater und so weiter, man sieht den 
Weg, den man auf die Erde hinunter machen wird, in Menschen- 
generationen vor sich. Nachdem man zuerst in den Kosmos hinein- 
gewachsen ist, wachst man spater in die reale, in die konkrete Men- 
schengeschichte hinein. Und dann kommt der Zeitpunkt, wo man 
wiederum aus dem Sonnenbereiche allmahlich herauskommt. Man 
bleibt natiirlich immer im Sonnenbereiche drinnen, aber das deutliche, 
klare, bewuBte Verhaltnis verdunkelt sich, und man zieht wieder in 
den Mondenbereich ein. Und jetzt findet man im Mondenbereich das 
Packchen, das man abgelegt hat - ich kann es nicht anders als mit 
diesem Bilde bezeichnen -, dasjenige, was die moralische Wertigkeit 
darstellt. Die muB man jetzt aufnehmen. 

Wir werden in den nachsten Tagen sehen, wie da wiederum der 
Christus-Impuls eine sehr bedeutsame Rolle spielt. Man muB das 
Schicksalspackchen sich einverleiben. Aber indem man sich dieses 
Schicksalspackchen einverleibt, indem man den Mondenbereich be- 
tritt, geht einem, wahrend das Selbstgefuhl immer starker und starker 
geworden ist, wahrend man immer mehr und mehr innerlich Seele 
geworden ist, das Gewebe, das man zu seinem physischen Leibe ge- 
woben hat, allmahlich verloren. Der Geistkeim, den man selbst ge- 
woben hat, geht einem verloren, geht einem in dem Momente ver- 



loren, wo auf der Erde die Konzeption fur den korperlichen Keim 
eintritt, den man auf Erden anzunehmen hat. 

Nun ist man aber noch selber in der geistigen Welt. Der Geistkeim 
des physischen Leibes ist schon hinuntergegangen, man ist selber in 
der geistigen Welt. Da tritt eine starke Entbehrung ein, ein starkes 
Entbehrungsgefuhl. Man hat seinen Geistkeim des physischen Leibes 
verloren. Der ist schon unten. Der ist am Ende der Generationenreihe 
angekommen, die man gesehen hat. Man ist noch oben. Gewaltig 
macht sich da die Entbehrung geltend. Und diese Entbehrung, die 
zieht jetzt aus aller Welt die geeigneten Ingredienzien des Welten- 
athers zusammen. Nachdem man schon den Geistkeim des physischen 
Leibes auf die Erde hinuntergeschickt hat und als Seele, als Ich und 
als astralischer Leib, zuruckgeblieben ist, zieht man aus dem Welten- 
ather Athersubstanz zusammen und bildet den eigenen Atherleib. 
Und mit diesem eigenen Atherleib, den man gebildet hat, vereinigt 
man sich dann etwa in der dritten Woche, nachdem die Befruchtung 
auf Erden eingetreten ist, und vereinigt sich mit dem leiblichen Keim, 
der sich nach dem Geistkeim in der geschilderten Weise gebildet hat. 

Aber ehe man sich mit seinem eigenen Leibeskeim vereinigt, bildet 
man sich noch seinen Atherleib in der Weise, wie ich es geschildert 
habe. Und in diesen Atherleib hinein ist verwoben das Packchen, von 
dem ich gesprochen habe, das die moralische Wertigkeit enthalt. Das 
verwebt man jetzt in sein Ich, in seinen astralischen Leib, aber auch 
noch in den atherischen Leib hinein. Das bringt man dann mit dem 
physischen Leibe zusammen. Und so ist es, daB man sein Karma mit 
auf die Erde tragt. Das hat man zuerst im Mondenbereich zuriickge- 
lassen, denn man wiirde einen schlechten, einen verdorbenen physi- 
schen Leib ausgebildet haben, wenn man das in den Sonnenbereich 
mitgenommen hatte. Der physische Leib des Menschen wird indivi- 
duell erst dadurch, daB der Atherleib ihn durchzieht. Der physische 
Leib eines jeden Menschen wurde gleich dem physischen Leib eines 
andern Menschen sein, denn in der geistigen Welt weben sich die 
Menschen schlechthin gleiche Geistkeime fur ihren physischen Leib. 
Individuell werden wir eben nach unserem Karma, nach dem, wie 
wir unser Packchen in den Atherleib hineinverweben mussen, der 



dann schon, wahrend wir noch im embryonalen Zustande sind, indi- 
viduell unseren physischen Leib gestaltet, konstituiert, durchdringt. 

Ich werde in den nachsten Tagen natiirlich noch manches hinzu- 
fugen miissen zu dem, was ich Ihnen skizzenhaft iiber den Durchgang 
des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt geschil- 
dert habe. Aber Sie haben gesehen, daB der Mensch da reiche Erleb- 
nisse durchmacht, daB da die groBe Erfahmng eintritt, wie wir zuerst 
aufgehen in den Kosmos, wie wir aus dem Kosmos heraus wiederum 
die Menschlichkeit bilden, urn zu einem neuen Erdenleben zu kommen. 

Es sind im wesentlichen drei Dinge, die wir da durchmachen. Er- 
stens leben wir als Geistseele unter Geistseelen. Es ist ein wirkliches 
Miterleben der geistigen Welt. Zweitens leben wir in der Offenbarung 
der geistigen Welt. Die Individualitaten der einzelnen geistigen 
Wesenheiten sind gewissermaBen verschwommen, die geistige Welt 
offenbart sich uns als ein Ganzes. Wir nahern uns wiederum dem 
Mondenbereich, da aber erwacht unser Selbstgefuhl, das schon die 
Vorbereitung fur das irdische Selbstgefuhl ist. Wahrend wir in der 
geistigen Welt als ein geistiges Selbst bewuBt werden, nicht nach der 
Erde begehren, fangen wir jetzt wahrend der OfFenbarungszeit an, 
nach der Erde zu begehren, ein starkes, schon nach der Erde geneigtes 
Selbstgefuhl zu entwickeln. Und das dritte ist dann, wenn wir in den 
Mondenbereich eingetreten sind, wenn wir unseren Geistkeim abge- 
geben haben an die physische Welt, daB wir die Athermaterie aus alien 
Himmeln zusammenziehen zum eigenen Atherleib. Drei aufeinander- 
folgende Stadien: wirkliches Leben mit der geistigen Welt; Leben, 
indem man sich selber schon als ein egoistisches Ich fiihlt, in den 
Offenbarungen der geistigen Welt; Leben im Zusammenziehen des 
Weltenathers. 

Davon kommen dann, wenn der Mensch in seinen physischen Leib 
eingezogen ist, die Abbilder zustande. Diese Abbilder stellen sich als 
etwas hochst t)berraschendes heraus. Wir sehen das Kind. Wir sehen 
es in seinem physischen Leibe vor uns. Es entwickelt sich. Es ist ja 
das Wunderbarste, was wir sehen konnen in der physischen Welt, diese 
Entwickelung des Kindes. Wir sehen, wie es zuerst kriecht, wie es 
sich in die Gleichgewichtslage gegeniiber der Welt versetzt. Wir 



nehmen das Gehenlernen wahr. Es ist ungeheuer viel mit diesem 
Gehenlernen verkniipft. Es ist ein ganzes Sich-Hineinbegeben in die 
Gleichgewichtslage der Welt. Es ist ein wirkliches Sich-Hineinver- 
setzen des ganzen Kosmos in die drei Raumesrichtungen der Welt. 
Wie da das Kind eben erst die richtige menschliche Gleichgewichts- 
lage innerhalb der Welt findet, das ist das erste Wunderbare. 

Das ist ein irdisches anspruchsloses Abbild desjenigen, was der 
Mensch in langen Jahrhunderten durchgemacht hat, indem er als Geist 
unter Geistern lebte. Da bekommt man eine groBe Ehrfurcht vor der 
Welt, wenn man die Welt so betrachtet, da6 man das Kind sieht, wie 
es zuerst ungeschickt mit den Gliedern in aller Welt herumfuchtelt, 
wie das nach und nach verstandig wird. Ja, das ist die Nachwirkung 
der Bewegungen, die wir als Geistwesen unter Geistwesen durch 
Jahrhunderte ausgefuhrt haben. Es ist wirklich etwas Wunderbares, 
in den einzelnen Bewegungen des Kindes, in dem Aufsuchen der 
Gleichgewichtslage die irdischen Nachwirkungen der himmlischen 
Bewegungen, die rein geistig ausgefuhrt werden als Geist unter 
Geistern, wieder zu sehen. So geschieht es ja regelmaBig beim Kinde. 
Wenn es anders geschieht, ist es etwas abnorm. Es kann auch ein- 
treten, aber eigentlich sollte das Kind zuerst gehen lernen, zuerst sich 
ins Gleichgewicht bringen lernen und dann sprechen. 

Und nun lebt sich das Kind mit der Sprache nachahmend ein in die 
Umgebung. Aber mit jedem Laute, mit jeder Wortbildung, die sich 
in dem Kinde ausbildet, haben wir einen anspruchslosen irdischen 
Anklang jenes Erlebnisses, das wir haben, wenn das Erleben des 
Geistigen OrTenbarung wird, gewissermaBen sich zu einem einheit- 
lichen Nebel zusammenbildet. Da wird aus den einzelnen Wesen der 
Welt, die wir vorher individuell erlebt haben, der Weltenlogos. Dieser 
Nebel ist ja der Weltenlogos. Und wenn aus dem Kinde heraus Wort 
fur Wort kommt, so ist das das ausgesprochene kdische Nachbild jenes 
wunderbaren Weltentableaus, das der Mensch in der Offenbarungs- 
zeit durchmacht, bevor er wiederum in den Mondenbereich eintritt. 

Und dann, wenn das Kind, nachdem es gehen und sprechen gelernt 
hat, die Gedanken allmahlich entwickelt - denn das dritte sollte erst 
das Denkenlernen bei der regelmaBigen menschlichen Entwickelung 



sein da ist das ein Nachbild jener Verrichtungen, die der Mensch 
vollzogen hat, indem er den Weltenather aus alien Weltengebieten 
zum eigenen Atherleib zusammengeformt hat. 

So schauen wir das Kind an, wie es in die Welt hereingetreten ist. 
Und in dieser Stufenfolge der drei anspruchslosen Verrichtungen, die 
es sich aneignet, in ein dynamisch-statisches Verhaltnis zur Welt zu 
kommen, Gleichgewicht zu erhalten, was wir Gehenlernen nennen, 
Sprechenlernen, Denkenlernen, sehen wir die ganz zusammengefalte- 
ten, irdisch anspruchslosen Nachbilder desjenigen, was ins gewaltige 
Kosmische auseinandergerollt die Zustande darstellt, die zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt durchgemacht werden. 

Erst dadurch, daB wir dieses geistige Leben zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt kennenlernen, lernen wir auch kennen jenes 
Geheimnisvolle, das sich herausarbeitet aus dem tiefsten Inneren des 
Menschen, wenn das Kind zuerst ganz undifferenziert zur Welt kommt 
und immer differenzierter und differenzierter wird. So lernen wir die 
Welt begreifen als eine Offenbarung des Gottlichen, wenn wir in 
jedem einzelnen hindeuten konnen, wie es eine Offenbarung des 
Gottlichen ist. 

Von diesen Dingen und dann im Zusammenhange mit der Erden- 
entwickelung und mit der Bedeutung des Christus-Impulses in der 
Erdenentwickelung wollen wir in den nachsten Vortragen sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Kristiania (Oslo), 18. Mai 1923 



Wir haben gestern den Weg zu besprechen gehabt, den der Mensch 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, und aus 
dem ganzen Zusammenhange, den ich bereits dargestellt habe, werden 
Sie entnehmen konnen, daft wir eigentlich jede Nacht, wenn wir in den 
Schlaf kommen, den Weg zuriickfinden miissen zu dem Ausgangs- 
punkte unseres Erdenlebens. Das ist in der Tat eine wichtige Ein- 
sicht, die wir gewinnen konnen, daB wir, auch wenn wir in den Schlaf 
versinken, eben - wie ich es schon im Laufe dieser Vortrage aus- 
gefuhrt habe - nicht stehenbleiben, ich mochte sagen, bei dem Da- 
tum, bei dem wir angekommen sind in unserem irdischen Lebens- 
laufe, sondern daB wir einschlafend richtig zuriickversetzt werden an 
den Ausgangspunkt unseres Erdenlebens. Wir sind jedesmal, wenn 
wir eingeschlafen sind, wiederum in unsere Kindheit zuriickversetzt, 
ja sogar in den Zustand, bevor wir zur Kindheit gekommen sind, 
bevor wir angekommen sind im Erdenleben, so daB wir schlafend 
immer versetzt sind mit unserem Ich und mit unserem astralischen 
Leib in die ubersinnliche Welt, aus der heraus wir stammen, die wir 
verlassen haben, indem wir Erdenmenschen geworden sind. 

Das macht notwendig, daB wir in diesem Augenblicke unserer Be- 
trachtungen noch einmal genauer dasjenige vor unserer Seele vor- 
iiberziehen las sen, was der Mensch schlafend unbewuBt, aber deshalb 
nicht minder lebensvoll durchmacht. Dabei kommt die Lange des 
Schlafes eigentlich nicht so sehr in Betracht. Zwar ist es schwierig fur 
das gewohnliche BewuBtsein, sich richtig vorzustellen, daB die Zeit- 
und Raumverhaltnisse ganz andere werden, wenn wir in der geistigen 
Welt sind, aber diese Vorstellungen muB man sich bilden, denn diese 
Verhaltnisse werden ganz anders. 

Ich habe schon gesagt : Wenn wir meinetwillen im Schlaf versunken 
sind, also in die BewuBtlosigkeit hiniibergetreten sind, dann plotzlich 
aufwachen, so machen wir im Augenblicke des Aufwachens das alles 
durch, was wir durchgemacht hatten, wenn wir noch einen langen 



Schlaf vollzogen hatten. Die Lange des Schlafes an physischem Zeit- 
maB gemessen, hat nur fur unseren physischen Leib und auch noch 
fur den Atherleib eine Bedeutung. Fur dasjenige, was wir als Ich und 
astralischer Leib durchmachen, bestehen ganz andere Zeitverhaltnisse, 
so daB also dasjenige, was ich Ihnen jetzt werde darzulegen haben, 
fiir einen kurzen und fiir einen langen Schlaf durchaus gilt. 

Wenn sich der Mensch mit seiner Seele in den Schlaf hinein begibt, 
ist der erste Zustand, den er durchmacht - das alles verlauft im Un- 
bewuBten, aber es ist durchaus lebensvoll da der, daB er sich wie 
in einem allgemeinen Weltenather lebend fuhlt. Ich sage, fuhlt, es ist 
ein unbewuBtes Fiihlen, aber man kann die Dinge nicht anders aus- 
drucken als dadurch, daB man Ausdriicke aus dem gewohnlichen 
BewuBtsein gebraucht. Er fuhlt sich gewissermaBen ausgedehnt in 
den ganzen Kosmos. Und die bestimmte Anschauung, die man gehabt 
hat, die ein Verbundensein mit den Dingen bedeutet, die in der Erden- 
umgebung um uns herum sind, diese bestimmten Wahrnehmungen 
horen auf. Ein allgemeines Miterleben mit dem Weben und Treiben 
des Kosmos tritt da zunachst ein. Das ist damit verbunden, daB man 
sich gewissermaBen als Seele im Bodenlosen erlebt. Bei diesem Erle- 
ben im Bodenlosen tritt ein starker Trieb der Seele ein, gottlich ge- 
stiitzt zu sein, so daB wir eigentlich jeden Tag beim Einschlafen das 
religiose Bediirfnis gerade wahrend des Schlafzustandes erleben, die 
ganze Welt durchsetzt und durchwellt zu haben mit einem Gottlich- 
Geistigen, das iiberall ausgebreitet ist. Das erleben wir eigentlich im 
Einschlafen. Und wir bringen uns durch unsere ganze Menschheits- 
konstitution in den Wachzustand dieses Bediirfnis nach dem Gott- 
lichen mit. Wir verdanken dem Schlaferlebnisse jeden Tag aufs neue 
die Auffrischung unseres religiosen Bediirfnisses. 

So fiihrt uns die Betrachtung des ganzen Wesens des Menschen 
eigentlich erst in die Erkenntnis der Lebenszustande, die wir durch- 
machen. Wir leben im Grunde genommen recht gedankenlos, indem 
wir nur das Leben durchfuhren, das vom Morgen bis zum Abend 
bewuBt verlauft, denn vieles spielt aus dem nachtlichen Erleben 
herein. Der Mensch ist sich nicht immer klar, woraus sein lebendiges 
religioses Bediirfnis kommt. Es kommt von diesem allgemeinen 



Erleben, das wir im ersten Zustand des Schlafes allnachtlich haben, 
auch haben, wenn auch vielleicht mit geringerer Intensitat, wenn wir 
ein Nachmittagsschlafchen machen. 

Dann aber tritt etwas ein wahrend jedes Schlafes - wie gesagt, es 
bleibt unbewuBt zunachst, aber es wird deshalb nicht minder lebendig 
durchgemacht -, wie wenn der Mensch nun nicht mehr in seiner 
Seele so allgemein ausgebreitet ware im Kosmos, sondern wie wenn 
er sich mit den einzelnen Teilen seines Wesens verteilte, Wie zer- 
splittert fiihlt. man sich, das heiBt, man wiirde sich wie zersplittert 
fiihlen, wenn man das, was man erlebt, fiihlen wiirde, wenn es bewuBt 
wiirde. Und auf dem Grunde der Seele macht sich eine unbewuBte 
Angstlichkeit geltend. Diese Angstlichkeit, aufgeteilt zu werden in 
das ganze Weltenall, machen wir jede Nacht im Schlafe durch. 

Sie werden sagen: Was kiimmert uns das, da wir das doch nicht 
wissen? - Aber es kiimmert uns trotzdem sehr viel. Ich mochte durch 
einen Vergleich deutlich machen, was es uns kiimmert. Nehmen Sie 
an, wir werden im gewohnlichen Tagesleben angstlich. Da werden 
wir blaB. DaB wir angstlich werden, ist ein bewuBter Vorgang der 
Seele ; daB wir blaB werden, ist eine bestimmte Anderung in unserem 
Organismus. Das Blut zieht sich zuriick in das Innere des Leibes. Das 
ist ein objektiver Vorgang. Wir konnen die Angstlichkeit auch beim 
objektiven Vorgang beschreiben, der im physischen Leib wahrend des 
Tagwachens geschieht. Das, was wir seelisch erleben, ist gewisser- 
maBen die Seelenspiegelung dieses Zuriicktretens des Blutes von der 
Oberflache des Leibes in die inneren Partien. Also es gibt einen objek- 
tiven Vorgang, der wahrend des Wachens der Angst entspricht. So 
gibt es auch einen objektiven Vorgang im Astralleibe, den wir durch- 
machen, wenn der Mensch schlaft, der ganz unabhangig ist vom 
BewuBtsein. 

Derjenige, der imaginativ und inspiriert vorstellen kann, erlebt 
dann diesen objektiven Vorgang im astralischen Leibe als Angstzu- 
stand, aber dieses, was von der Angst objektiv ist, macht der Mensch 
jede Nacht wirklich durch, weil er in seiner Seele aufgeteilt wird. Und 
wie wird er aufgeteilt? Er wird tatsachlich jede Nacht aufgeteilt an 
die Sternenwelt. Ein Teil unseres Wesens strebt hin nach dem Merkur, 



ein anderer Teil des Wesens nach dem Jupiter und so weiter. Nur muB 
ich, utn den Vorgang, der sich hier abspielt, ganz richtig zu charak- 
terisieren, sagen, das ist beim gewohnlichen Schlaf nicht so wie auf 
dem Wege zwischen Tod und neuer Geburt, wo wir tatsachlich zu 
den Sternenwelten hinaufdringen, sondern wahrend der Nacht machen 
wir dieses Aufgeteiltsein durch, indem wir nicht wirklich an die 
Sterne aufgeteilt werden, sondern an die Nachbilder der Sterne, die 
wir wahrend unseres Lebens fortwahrend in uns tragen. An Nach- 
bilder des Merkur, der Venus, des Mondes, der Sonne und so weiter 
werden wir wahrend des nachtlichen Schlafes aufgeteilt. Also da 
handelt es sich um Nachbilder, nicht um die urspriinglichen Sterne 
selbst. 

Und diese Angstlichkeit, die wir da durchmachen, die verhaltnis- 
maBig bald nach dem Einschlafen auftritt, kann bei dem Menschen 
nur behoben werden, wenn seine Zugehorigkeit zum Christus wirk- 
lich vorhanden ist. Da lernt man an dieser Stelle die notwendige Zu- 
gehorigkeit des Menschen zum Christus kennen. Nur muB man, wenn 
man von dieser Zugehorigkeit spricht, die Entwickelung des Men- 
schengeschlechtes auf Erden ins Auge fassen. Diese Entwickelung des 
Menschengeschlechtes auf Erden kann man nur verstehen, wenn man 
den bedeutsamen Einschnitt in diese Entwickelung, der durch das 
Mysterium von Golgatha geschehen ist, richtig zu durchschauen ver- 
mag. Die Menschen waren seelisch-geistig etwas durchaus anderes, 
bevor auf der Erde das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat. 
Und man muB, wenn man richtig seelisch den Menschen betrachtet, 
immer das beriicksichtigen, daB die Menschen vor dem Mysterium 
von Golgatha anders waren als nachher. 

Wenn die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha - wir 
waren alle in dieser Lage in friiheren Erdenleben, diese Menschen 
sind wir ja selber, von denen wir da reden, denn wir waren da in 
friiheren Erdenleben -, wenn die Menschen in friiheren Erdenleben 
in Schlaf versunken sind und die Angstlichkeit erlebt haben, die ich 
beschrieben habe, so war immer der Christus in einem Nachbilde aus 
der Sternenwelt ebenso vorhanden, wie die Nachbilder der andern 
Sterne vorhanden waren. Und der Christus trat so helfend, angstver- 



scheuchend, die Angst also hinwegtreibend, in jedem Schlafzustand 
an den Menschen heran. In alteren Zeiten hatten die Menschen auch 
noch im instinktiven Hellsehen durchaus beim Aufwachen eine Art 
Erinnerung dabei, wie eine traumhafte Erinnerung, daB der Christus 
wahrend des Schlafes bei ihnen war. Nur nannten sie ihn nicht den 
Christus. Sie nannten ihn den Sonnengeist. Aber es war das tiefe Be- 
kenntnis dieser Menschen, die da gelebt haben vor dem Mysterium 
von Golgatha, daft der groBe Sonnengeist auch der groBe fuhrende 
Heifer der Menschheit ist und daB er jede Nacht im Schlafe an den 
Menschen herantritt, um ihm die Angst zu nehmen, in die Welt zer- 
splittert zu werden. Der Christus erschien als der den Menschen festi- 
gende, innerlich konsolidierende Geist. 

Wer halt die Krafte des Menschen im Leben zusammen? - So 
fragten sich die Angehorigen der alten Religionen. Der groBe Sonnen- 
geist ist es, der die e'mzelnen Elemente des Menschen zu der Persdn- 
lichkeit festigend zusammenhalt. Und dieses Bekenntnis hatten die 
Angehorigen der alten Religionen aus ihrem erinnernden BewuBtsein 
heraus, daB jede Nacht der Christus an die Menschen herantrat. Wir 
brauchen uns nicht weiter zu wundern, daB das so war, denn in jenen 
alten Zeiten, in denen noch vielfach ein instinktives Hellsehen dem 
Menschen eigen war, sahen die Menschen in besonderen Augenblicken 
ihres Lebens immer hinauf in die Zeit, die sie zugebracht haben, bevor 
sie als geistig-seelisches Wesen zur Erde heruntergestiegen waren und 
sich mit einem physischen Leib umkleidet hatten. Es war damals den 
Menschen ganz natiirlich, hinaufzuschauen in das vorirdische Dasein. 

Aber ist es denn nicht so, wie wir gerade auseinandergesetzt haben, 
daB uns jeder Schlaf in das vorirdische Dasein zumckfuhrt, in das 
Dasein, bevor wir so recht bewuBtes Kind geworden sind? Ja, so ist 
es. Und so wie die Menschen wuBten, daB sie im vorirdischen Dasein 
mit dem hohen Sonnengeiste beisammen waren, der ihnen die Kraft 
gegeben hat, wiederum durch den Tod als unsterbliches Wesen zu 
gehen, so hatten die Menschen auch ein erinnerndes BewuBtsein nach 
jedem Schlafe, daB dieser hohe Sonnengeist helfend an ihrer Seite 
gestanden ist, um sie so recht als Menschen in sich zusammenhaltende 
Personlichkeiten sein zu lassen. 



Diesen Zustand durchlebt des Menschen Seele wahrend des Schla- 
fens, wahrend sie mit der Planetenwelt Bekanntschaft macht. Es ist 
wie ein Aufgeteiltsein und durch Christus Zusammengehaltenwerden 
innerhalb der Nachbilder der Planeten. 

Dieses ganze Erlebnis der Seele wahrend des Schlafes ist anders 
geworden fur die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha. Das 
Mysterium von Golgatha hat fur die Erdenmenschen die Entfaltung 
des starken Ich-BewuBtseins eingeleitet. Die Menschen hatten in alten 
Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha ein starkes Zusammenge- 
horigkeitsgefuhl mit dem vorirdischen Dasein, aber sie hatten kein 
starkes Ich-BewuBtsein. Dieses Ich-BewuBtsein kam erst nach und 
nach seit dem Mysterium von Golgatha, insbesondere aber eigentlich 
erst iiber die Kulturmenschheit seit dem ersten Drittel des 15. Jahr- 
hunderts. Und dieses starke Ich-BewuBtsein macht, daB der Mensch 
als ein freies, voll selbstbewuBtes Wesen sich in die Sinneswelt hinein- 
stellt, daB auf der andern Seite wie durch einen Ausgleich sein Zu- 
ruckschauen in das vorirdische Dasein verdunkelt wird, auch sein 
BewuBtsein, sein erinnerndes BewuBtsein davon, daB wahrend des 
Schlafes der Christus helfend an seine Seite tritt. 

Das ist ja das Merkwiirdige, was sich mit dem Verlauf des Myste- 
riums von Golgatha fur die Entwickelung der Menschheit abgespielt 
hat, daB die Menschen im Ich-BewuBtsein wahrend des Tagwachens 
stark geworden sind, daB aber vollstandige Finsternis sich nach und 
nach iiber dasjenige ausgebreitet hat, was fruher aus dem Schlafbe- 
wuBtsein herausgeleuchtet hat. Daher miissen die Menschen seit dem 
Mysterium von Golgatha bewuBt wahrend des Tagwachens ihr Ver- 
haltnis zu dem Christus Jesus herstellen, indem sie sich bewuBt ein 
Verstandnis erwerben, was durch das Mysterium von Golgatha eigent- 
lich geschehen ist, wie durch das Mysterium von Golgatha auf die Erde 
der hohe Sonnengeist Christus heruntergestiegen ist, Mensch gewor- 
den ist in dem Leibe des Jesus von Nazareth, durch das Erdenleben 
und durch den Tod gegangen ist und den Jiingern, die ihn im athe- 
rischen Leibe nach dem Tode schauen konnten, ein Lehrer noch war 
nach dem Tode, 

Indem die Menschen in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha 



sich im Tagwachen ein BewuBtsein von ihrer Zusammengehorigkeit 
mit Christus erwerben, indem sie sich iebendige Vorstellungen er- 
werben von dem, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen 
ist, tritt fur die Menschen wiederum die Moglichkeit ein, daB der 
Christus-Impuls ihnen nun in seiner Nachwirkung aus dem Tag- 
wachen wahrend der Nacht hilft. Das ist der groBe Unterschied des 
Schlafzustandes der Menschen vor dem Mysterium von Golgatha und 
nach dem Mysterium von Golgatha. Vor dem Mysterium von Gol- 
gatha war es sozusagen immer wahrend des Schlafens von selbst ge- 
kommen, daB die Christus-Hilfe da war, und der Mensch konnte sich 
sogar noch im Wachzustande erinnern, daB der Christus wahrend des 
Nachtschlafes bei ihm war. Ganz Christus- verlas sen wiirde der Mensch 
nach dem Mysterium von Golgatha sein, wenn er nicht wahrend des 
Tagwachens sein bewuBtes Verhaltnis zum Christus herstellte und 
dadurch den Nachklang, die Nachwirkung in den Schlaf hiniibertruge, 
so daB er wahrend des Schlafes nun wiederum durch die Christus- 
Hilfe zusammengehalten werden kann zur Personlichkeit. 

Das ist als eine innere seelische Verpflichtung fiir den Menschen 
aufgetaucht nach dem Mysterium von Golgatha, daB dasjenige, was 
die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha aus den Himmels- 
weiten herein unbewuBt gehabt haben, die Hilfe des Christus, daB sie 
sich diese Hilfe des Christus nach und nach erwerben mussen durch 
Herstellung eines bewuBten Verhaltnisses zu dem Mysterium von 
Golgatha. Und schon konnen wir das Wesen des menschlichen Schlafes 
nicht richtig studieren, wenn wir nicht diesen groBen, gewaltigen 
Unterschied des menschlichen Schlafes vor dem Mysterium von Gol- 
gatha und nach dem Mysterium von Golgatha ins Auge fassen. 

Aber es ist, wenn wir in den Schlafzustand hinubergehen, auch 
unsere ganze Welt eine andere, als sie wahrend des Wachzustandes ist. 
Wie leben wir als Menschen wahrend des Wachzustandes auf der 
Erde? Wir sind eingespannt durch unseren physischen Leib in die 
Naturgesetze. Die Gesetze, die drauBen wirken in der Natur, wirken 
ja auch in uns. Dasjenige, was wir als moralische Verpflichtungen, als 
moralische Impulse, als die ganze moralische Weltenordnung aner- 
kennen, das steht gewissermaBen wie eine abstrakte Welt in den 



Natur gesetzen. Und weil die heutige Naturforschung nur die Welt des 
Wachens beriicksichtigt, so entfallt dieser Naturforschung die mora- 
lische Welt vollstandig. 

Da erzahlt uns die Naturforschung davon, allerdings hypothetisch, 
aber es ist ganz im Sinne dieser Naturforschung, daB einmal der Kant- 
Laplacesche Urnebel - heute ist er modifiziert, aber er gilt im wesent- 
lichen noch immer fur die naturwissenschaftlichen Vorstellungen - 
am Anfangspunkte unserer Weltenentwickelung war, daB am Ende 
dieser Weltenentwickelung der Warmetod eintreten wird, wo alles 
wie in einem groBen Friedhof von Lebendigem auf Erden begraben 
sein wird. Von physischem Zustand zu physischem Zustand schildert 
uns die Naturwissenschaft die Entwickelung des Kosmos. Darin 
ist ein Fremdling die moralische Weltenordnung. Der Mensch wiirde 
seine Wiirde nicht empfinden, der Mensch wurde sich uberhaupt nicht 
als Mensch erleben konnen, wenn er sich nicht als moralisches Wesen 
erlebte. Aber waren denn die moralischen Impulse schon im Kant- 
Laplaceschen Urnebel? Nein, da waren nur mechanische Gesetze, 
physikalische Gesetze. Werden sie sein, wenn die Erde am Warmetod 
angekommen ist? Nein, da werden wiederum nur physikalische Ge- 
setze herrschen, so sagt die Naturwissenschaft, und aus dem natur- 
gesetzlichen Geschehen sprieBt auf alles Lebendige, aus dem Leben- 
digen das Menschlich-Seelische. Der Mensch macht sich Vorstellungen : 
Das sollst du tun, das sollst du nicht tun. - Er erlebt eine moralische 
Weltenordnung. Sie hat aber keine Pflanzstatte in der Naturgesetz- 
lichkeit selber. Wie eine bloBe abstrakte Welt iiber der festen, massiven 
naturgesetzlichen Welt erscheint dem wachenden Menschen die mo- 
ralische Weltenordnung. 

Wenn das imaginative, inspirierte und intuitive BewuBtsein das- 
jenige durchmacht, was der Mensch vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen im Ich und im astralischen Leibe erlebt, so ist das ganz anders. 
Da ist fest und real die moralische Weltenordnung, und die Natur- 
ordnung drunten erscheint wie etwas Ertraumtes, wie etwas nur Ab- 
straktes. Es ist schwer vorzustellen, aber es ist so. Es ist die ganze 
Welt umgekehrt. Als das Reale, als das Sichere erschiene dem Schla- 
fenden, wenn er hellseherisch wiirde im Schlafe, die moralische Wei- 



tenordnung, und als dasjenige, was eben darunter, jetzt nicht dariiber 
schwebt, die physische naturgesetzliche Weltenordnung. Und wenn 
der Schlafende bewufit ware, wiirde er nicht am Ausgangspunkte der 
Weltenordnung die Kant-Laplacesche Theorie und an das Ende den 
Warmetod setzen, sondern er wiirde an den Ausgangspunkt setzen 
die Welt der geistigen Hierarchien, lauter geistig-seelische Wesen, die 
den Menschen ins Dasein fiihren, und an das Ende der Weltenordnung 
nicht den Warmetod, sondern wiederum geistig-seelische Wesen, die 
den durch eine Entwickelungsreihe hindurchgegangenen Menschen in 
ihre Gemeinschaft aufnehmen. Und darunter wiirde wie eine Illusion 
wellig schweben und stromen die abstrakte physische Weltenordnung. 

Wenn Sie zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, gerade 
mitten so darinnen, hellseherisch begabt wiirden, wiirden Sie alles das, 
was Sie bei Tag als die Naturgesetze gelernt haben, wie von der Erde 
getraumte Traume sehen. Und dasjenige, was Ihnen einen sicheren 
Boden gibt, wiirde die moralische Weltenordnung sein. Diese mora- 
lische Weltenordnung erlebt man, indem man sich durcharbeitet, 
nachdem einem Christus die geschilderte Hilfe gewahrt hat, in die 
Ruhe des Fixsternhimmels, allerdings jetzt wiederum wahrend des 
Nachtschlafes in den Abbildern. Man schaut von den Fixsternen aus, 
von den Abbildern das Irdische, das Naturgesetzliche an. 

Das ist die ganz andersartige Form von den Erlebnissen, die der 
Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen hat und die 
jede Nacht seine Seele in das Bild des Kosmos hineinbringt. So wie der 
Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wie ich gestern 
ausfiihrte, in einem gewissen Zeitpunkte durch die Mondenkrafte 
zum Erdendasein heruntergefiihrt wird, indem er eine Art Bediirfnis 
nach dem Erdendasein bekommt, so bekommt er, nachdem er in der 
geschilderten Weise, sagen wir schlafend das Himmelsdasein durch- 
lebt hat, das Bediirfnis, wiederum in seinen physischen Leib und in 
seinen Atherleib unterzutauchen. 

Nun sind wir, indem wir als Menschen von unserer Geburt an uns 
einleben in das Erdendasein, auch in einer Art Schlaf- und Traumes- 
zustand. So Sie des Morgens, wenn wir von den Traumen absehen, 
sagen wir, wenn Sie eine Stunde schon wach sind, zum Aufwachen 



zuriicksehen, da reiBt das BewuBtsein ab, da geht es in die Finsternis 
des Schlafes hinein, so ahnlich ist es, wenn Sie in die Zeit Ihrer Kind- 
heit zuriickschauen. Bei manchem friiher, bei manchem spater, bei 
manchem im fiinften, bei manchem im vierten Jahre reiBt das Be- 
wuBtsein ab. Da liegt etwas jenseits dieses Erinnerungspunktes, bis 
zu dem man sich zuriickerinnert, jenseits liegt etwas, das ebenso in die 
Finsternis des Schlafes- und Traumeslebens der ersten Kindheit ge- 
taucht ist, wie allnachtlich das Leben der menschlichen Seele in die 
Finsternis des Schlaflebens getaucht ist. Aber es ist nicht ein volliges 
Schlafen, es ist schon eine Art wachen Traumens, das das Kind voll- 
bringt. Aber wahrend dieses wachen Traumens geschehen jetzt drei 
wichtige Etappen des menschlichen Lebens, von denen ich schon 
gestern andeutend gesprochen habe in der Reihenfolge, wie ich es 
charakterisiert habe, und in denen wir Nachklange und Nachwir- 
kungen des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt 
sehen konnen. Zuerst lernt das Kind dasjenige aus seinem Traumes- 
schlafesleben heraus, was wir so einfach als Gehenlernen bezeichnen. 
Ja, es fallt uns das Gehenlernen am meisten auf. Aber dasjenige, was 
da mit dem Kinde geschieht, ist etwas Umfassendes, was fur den, der 
eigentlich iiberall hineinschauen kann, wie die feinsten Partien des 
Menschenwesens da verandert werden, etwas ungeheuer GroBartiges, 
Gewaltiges darstellt. Das Kind lernt sich in die ganzen Schwerever- 
haltnisse durch Gleichgewichtslage hineinstellen in die Welt. Das 
Kind hort auf, umzufallen. Es fiigt sich, indem es innere Krafte ent- 
faltet, in die Raumesrichtungen hinein. 

Wenn wir das bewuBt tun muBten, unseren Organismus aus dem 
volligen fall- und gleichgewichtslosen Zustand hineinfiigen in einen 
festen Gleichgewichtszustand zu den drei Raumesrichtungen, wobei 
wir sogar als Kind lernen, diesen Gleichgewichtszustand festzuhalten, 
indem wir gehenlernend diese Art Pendelbewegungen ausfuhren mit 
unseren Beinen, ist das eine so gewaltige mechanische Aufgabe, die 
da unbewuBt das Kind vollfiihrt, weil es sie als Nachklang vollfiihrt 
dessen, was es durchlebt hat unter Geistem zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt, ist das etwas so Umfassendes, so GroBartiges, 
daB keine menschliche Wissenschaft des allergroBten Ingenieurs im- 



stande ware, es auszurechnen. Wie da die Menschenkrafte sich hinein- 
fugen in den Raumzusammenhang der Welt, was da der Mensch un- 
bewuBt vollbringt als Kind, das ist das denkbar GroBartigste an der 
Entwickelung mathematisch-mechanisch-physikalischer Krafte. Wir 
bezeichnen das mit dem einfachen Ausdruck des Gehenlernens. Allein 
in diesem Gehenlernen liegt eben etwas ganz GroBartiges. 

Und mit dem Gehenlernen entwickelt sich auch der richtige Ge- 
brauch der Arme, der Hande. Dieses ganze Sich-Hineinstellen als 
physisches Wesen in die drei Raumesrichtungen ist wiederum die 
Grundlage fur alles dasjenige, was Sprechenlernen ist. Die Physiologie 
weiB kaum mehr von diesem Zusammenhang der Geh- und Steh- 
dynamik des Menschen mit dem Sprechenlernen, als daB sie weiB, daB 
die Sprachwindung bei rechtshandigen Menschen links im Gehirn ist, 
weil die Gebarden der rechten Hand, die kraftig ausgefiihrt werden 
von dem Willen des Menschen, innerlich geheimnisvoll sich fortsetzen 
in das Gehirn und im Gehirn diejenige Verrichtung vollbringen, die 
den Menschen dann zum Sprechen bringt. Aber es ist nicht nur dieser 
Zusammenhang der rechten Hand mit der linken dritten Stirnwin- 
dung, der sogenannten Brocaschen Windung im Gehirn, es ist die 
ganze Bewegungsfahigkeit der Beine und der Arme und der Finger, 
die ganze Beweglichkeit und Gleichgewichtslage des Menschen, die 
heraufschieBt in das Gehirn, Gehirnbildung wird, von der Gehirn- 
bildung in den Kehlkopf hineinschieBt. Und die Sprache entwickelt 
sich aus dem Boden des Gehens, des Greifens, der Gebarde der Be- 
wegungsorgane heraus., 

Wer sich fur diese Dinge ein richtiges Anschauungsvermogen ent- 
wickelt hat, der weiB, daB ein Kind, das die Tendenz hat, mehr mit 
den Zehen aufzutreten, auch anders spricht, anders seine Laute nuan- 
ciert als ein Kind, das die Tendenz hat, mit den Fersen aufzutreten. 
Aus dem Geh- und Bewegungsorganismus entwickelt sich der Sprach- 
organismus, entwickelt sich das Sprechen. Und dieses Sprechen ist 
wiederum die Nachbildung desjenigen, was ich Ihnen gestern als das 
Durchgehen durch die Offenbarung zwischen dem Tod und der 
neuen Geburt gezeigt habe. Indem das Kind sprechen lernt - es 
versteht noch gar nicht in Gedanken etwa die Worte, es versteht sie 



nur gefuhlsmafiig -, lebt das Kind in der Sprache als in Gefuhlen 
und lernt erst nach dem Sprechen, wenn es sich ganz normal ent- 
wickelt, das Vorstellen, das Denken. Die Gedanken entwickeln sich 
bei dem Kinde aus den Worten in Wirklichkeit. Geradeso wie das 
Gehen und Greifen, die Geste der Beine und der Hande herauf- 
schieflen in den Sprachorganismus, so schiefit wiederum dasjenige, 
was im Sprachorganismus lebt und was gewonnen wird in Anpassung 
an die Sprache der Umgebung, in die Denkorgane herauf, und das 
Kind entwickelt auf der dritten Etappe das Denken. 

In diesem Traumesschlafeszustand macht das Kind diese drei Ent- 
wickelungsstufen durch : Gehen, Sprechen, Denken. Das sind die drei 
irdischen Abbilder desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt erleben im lebendigen Durchgang durch die Geistwelt, 
durch die OfTenbarung der Geistwelt und durch das Heranholen des 
Weltenathers, um unseren Atherleib auszubilden. Richtig beurteilen 
kann man dasjenige, was da das Kind ausbildet in diesen drei Etappen, 
nur, wenn man den erwachsenen Menschen dann beobachtet in seinem 
Schlafzustande. Da kann man beobachten, wie der Mensch, indem er 
einschlafend aufhort zu denken - die Gedanken verstummen ja im 
Einschlafen -, wie der Mensch dann dadurch, daB er aufhort zu 
denken, die Kraft seiner Gedanken weiter pflegen laBt zwischen dem 
Einschlafen und Aufwachen von denjenigen Wesen, die wir als Engel- 
wesen, Angeloiwesen kennen. Die treten an den schlafenden Menschen 
heran und pflegen seine Gedankenkrafte, wahrend er sie selbst nicht 
pflegt. 

Und der Mensch hort ja auch auf zu sprechen. Nur bei abnormen 
Zustanden, die schon auch verstanden werden konnen, spricht der 
Mensch aus dem Schlafe. Aber dariiber brauchen wir uns jetzt nicht 
zu unterhalten. Beim normalen Menschen hort das Sprechen auf, 
wenn er einschlaft. Es ware auch schrecklich, wenn manche Menschen 
auch noch wahrend des Schlafes fortwahrend uns erzahlen wiirden. 
Also es hort das Sprechen auf wahrend des Schlafes. Da sind es die 
Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi, welche nun das- 
jenige am Menschen wahrend des Schlafes pflegen, was in ihm zum 
Sprechen fiihrt. Und auBer den Nachtwandlern, die wiederum in 



einem abnormen Zustande sind, sind die Menschen auch im Schlafe 
ruhig, sie gehen nicht, greifen nicht, die Bewegungen horen auf. Das- 
jenige, was da in dem Menschen als Krafte im Tagwachen vorhanden 
ist und was die Bewegungen aus dem Willen herausholt, das pflegen 
vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Wesenheiten, die wir zur 
Hierarchie der Archai rechnen. 

Lernen wir diesen Zusammenhang verstehen, sehen wir wiederum, 
wie zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen an das Ich und 
den astralischen Leib, uberhaupt an den ganzen Menschen herantreten 
die Wesen der nachsten Hierarchie, die uber dem Menschen steht, 
Angeloi, Archangeloi, Archai, dann verstehen wir auch, wie es im 
kleinen Kinde ist, wenn das kleine Kind die drei Betatigungen des 
Gehens, des Sprechens, des Denkens sich aneignet. Wir lernen schauen, 
wie, indem das kleine Kind in die Lebensdynamik, in das Gehen und 
Greifen hineinkommt, es die Archai sind, die dasjenige, was der 
Mensch zwischen Tod und neuer Geburt im Umgange mit geist- 
seelischen Wesen erlebt hat, herubertragen und zum Abbild in dem 
Gehen des Kindes machen. Die Archai, die Urkrafte vermitteln das 
ganz geistige Sich-Bewegen unter geist-seelischen Wesen zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Abbild hier in der physi- 
schen Welt, wenn das Kind gehen lernt. 

Und die Archangeloi bringen dasjenige heriiber, was der Mensch 
zwischen Tod und neuer Geburt in der Offenbarung erlebt, und sie 
wirken, indem das Kind sich das Sprechen aneignet. Und die Angeloi, 
die Engelwesen, tragen dasjenige heriiber, was der Mensch an Kraften 
entwickelt hat, indem er sich seinen Atherleib zusammengesammelt 
hat aus der gesamten Weltathersubstanz. Sie tragen diese Krafte her- 
iiber, bilden sie aus im Abbilde in den Denkorganen, die plastisch 
geformt werden, so daft das Kind aus der Sprache heraus das Denken 
lernt. 

Durch Anthroposophie lernen wir nicht bloB hinzuschauen auf die 
physische Welt und immer nur zu sagen : Da liegt Geistiges zugrunde. - 
Das ist ja billig. Dadurch eignen wir uns keine rechte Vorstellung 
uber die geistige Welt an. Derjenige, der nur philosophisch immer 
sagen wollte : Nun ja, allem Physischen liegt ein Geistiges zugrunde -, 



der gliche doch dem, der iiber eine Wiese gehen will, und ein anderer 
sagt ihm: Sieh einmal, da sind Lowenzahn, da sind Ganseblumchen 
und so weiter -, aber er sagt : Das will ich alles nicht wissen. Da ist 
Blume, Blume, Abstraktion Blume! - So steht derjenige da, der nur 
als Philosoph uberall das Pantheistische, Geistige anerkennen will, 
nicht eingehen will auf die konkreten, besonderen Ausgestaltungen 
des Geistigen. 

Das, was uns Anthroposophie gibt, zeigt uns, wie in den einzelnen 
Gestaltungen des Lebens uberall das Gdttlich-Geistige lebt. Wir sehen 
hin auf die Art und Weise, wie das Kind aus dem kriechenden, aus 
dem ungeschickten Zustande zum gehenden Zustande ubergeht. Wir 
geben uns in Bewunderung und Verehrung hin diesen groBartigen 
Weltenphanomenen und sehen darinnen ein Werk der Archai, die da 
tatig sind, indem das, was zwischen Tod und neuer Geburt erlebt wird, 
heriibergetragen wird in seine irdische Gestalt. Und wir verfolgen, wie 
das Kind die Sprache aus sich herausbringt, verfolgen die Tatigkeit 
der Archangeloi und wiederum beim Denken des Kindes die Tatigkeit 
der Angeloi. Das hat aber auch seine tiefe Bedeutung und seine prak- 
tische Seite. Das kann man insbesondere in unserem stark materia- 
listisch gearteten Zeitalter schauen. In unserem stark materialistisch 
gearteten Zeitalter bedeuten fur viele Menschen die Worte nicht mehr 
etwas stark Geistiges. Die Menschen haben nach und nach die Worte 
eigentlich nurmehr, um physische Dinge der AuBenwelt zu bezeichnen. 
Man merkt ja das. Denken Sie, wie viele Menschen sind da vorhanden 
in der Welt, die uberhaupt sich nichts mehr vorstellen konnen, wenn 
man ihnen von etwas Geistigem spricht, weil die Worte fur sie nicht 
mehr geistige Bedeutung haben, weil die Worte nur anwendbar sind 
auf physische Dinge. Die Sprache hat selbst schon fur viele Menschen 
einen materialistischen Charakter bekommen. Sie ist nur anwendbar 
auf physische Dinge. Und wir sind nun schon einmal in einer Zivilisa- 
tion darinnen, wo die Sprache selbst immer materialistischer und 
materialistischer wird. Und wozu fuhrt das ? 

Das zeigt sich dann, wenn man in der richtigen Weise den Zu- 
sammenhang des Wachzustandes mit dem Schlafzustande in bezug 
auf die Sprache schaut. Bei Tag, im wachen Zustande sprechen wir zu 



den andern Menschen. Wir bringen die Luft in Schwingungen. Die 
Art und Weise, wie die Luft schwingt, vermittelt dasjenige, was wir 
seelisch mitteilen wollen. Aber im Inneren des Menschen leben die 
Antriebe, die seelischen Antriebe zu diesen Worten. Jedem Worte 
entspricht ein seelischer Antrieb, und der seelische Antrieb ist um so 
starker, je idealistischer ein Mensch spricht, je mehr er sich bewuBt 
ist, daB in den Worten auch geistige Bedeutungen enthalten sind. Da 
kann man dann, wenn man das weiB, genau sehen, was da vorliegt. 
Nehmen Sie einen Menschen, der eigentlich nur noch Materialistisches 
in seinen Worten versteht. Bei Tag nimmt er sich ungefahr so wie ein 
anderer Mensch aus, der auch Idealistisches in seinen Worten hat, 
Spirituelles in seinen Worten hat, der sich bewuBt ist uberhaupt, daB 
die Worte beflugelt sind vom Geiste. Aber in der Nacht, da nimmt 
der Mensch mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe die 
geistig-seelische Seite der Sprache hinaus mit in die geistige Welt. Er 
geht wieder zuriick zum geistigen Ursprung. Derjenige, der nur eine 
materialistische Sprache hat, findet seinen Archangelos nicht. Er findet 
nicht den AnschluB an die Welt der Archangeloi. Derjenige, der noch 
idealistische Sprache hat, findet den AnschluB an die Welt der Archan- 
geloi. 

Das ist das Tragische, welches eine schon in der Sprache sich aus- 
druckende materialistische Zivilisation hat, daB die Menschen durch 
das Materialistischwerden der Sprache in der Nacht den AnschluB an 
die Welt der Archangeloi verlieren konnen. Das ist in der Tat etwas, 
was fur den wirklichen Geistesforscher innerhalb der Zivilisation der 
Gegenwart etwas HerzzerreiBendes hat, wie die Menschen, indem sie 
immer mehr und mehr vergessen, ihren Worten einen geistigen Inhalt 
zu geben, den AnschluB an die geistige Welt - namlich an der rich- 
tigen Stelle bei den Erzengeln - verlieren. Das ist das Furchtbare 
unserer materialistisch werdenden Zivilisation. Und dieses Furchtbare 
lernt man erst erkennen, wenn man die wahre Wesenheit des Schlaf- 
zustandes ins Auge faBt. 

Richtig Anthroposoph kann man nicht werden, wenn man ein 
bloBer Theoretiker bleiben will. t)ber Maikafer und Regenwiirmer 
und uber Zellen konnen Sie gleichgultige Theorien aufstellen, Theo- 



rien, bei denen einem das Herz nicht zu zerbrechen braucht. Denn 
schlieBlich, wie Maikafer und Regenwiirmer aus einer Zelle aufgebaut 
sind, das kann zu nichts Herzzerbrechendem fiihren. Wenn Sie aber 
die anthroposophischen Erkenntnisse sich aneignen in ihrer Fulle, dann 
sehen Sie hinein in Tiefen des Menschenwesens, der Menschenent- 
wickelung, der Menschenschicksale, und Ihr Herz ist immer beteiligt 
an den Erkenntnissen. Da ladt sich die Summe der Erkenntnisse im 
Gefuhls-, im Empfindungsleben ab. Da wird man mit der ganzen 
Welt mitfuhlend und dann wohl auch mitwollend. Das ist das Wesen- 
hafte der Anthroposophie, daB sie nicht bloB den menschlichen Kopf 
ergreift, sondern daB sie den ganzen Menschen ergreift und daB sie 
dadurch auch hineinleuchtend wird, aber gemiits- und gefuhlskraftig 
hineinleuchtend wird in die Kultur- und Zivilisationsschicksale wie 
in die Schicksale des einzelnen Menschen. 

Man lernt erst in der richtigen Weise das Menschenleben auf Erden 
miterleben, wenn man auch diese andere Seite, die geistige Seite so 
anschaut, wie sie einem sich doch erst enthullen kann, wenn man auch 
die Schlafzustande, durch die der Mensch immer wieder zur geistigen 
Welt zuruckkehrt, in diese Erkenntnis herein begreift. Dann aber wird 
Geisteswissenschaft wirkliches seelisches, geistiges und zuletzt auch 
soziales, religioses, ethisches Menschenleben. Das soil ja wirkliche 
Wissenschaft, die zur Weisheit wird, werden. Solche lebenskraftige 
Wissenschaft braucht die Menschheit gar sehr, damit sie nicht tiefer 
hinuntersinkt in den Untergang, sondern wiederum zu einem Auf- 
gange kommen kann. 

Wollen wir daher in den nachsten Vortragen, die ich noch halten 
kann, tiefer noch hineindringen in den Zusammenhang des Menschen 
mit der Welt und dadurch auch in das Begreifen des Schicksals des 
einzelnen Menschen, wie es sich gestaltet durch die wiederholten 
Erdenleben hindurch. Davon also morgen weiter. 



VIERTER VORTRAG 



Kristiania (Oslo), 19. Mai 1923 

Wenn wir die Seele des Menschen betrachten, finden wir innerhalb des 
Seelischen Denken, Vorstellen, Fiihlen und Wollen. Nun habe ich 
gewiB schon auch hier ofters iiber diese drei Seelentatigkeiten ge- 
sprochen. Allein ich mochte heute wiederum in einem besonderen 
Zusammenhange, det sich in unseren Zyklus einfiigt, gerade iiber diese 
dreigliedrige menschliche Seele einige Worte vorbringen. 

Im wachen Zustande leben wir eigentlich nur in unseren Vorstel- 
lungen. Dasjenige, was wir denken, ist uns im wachen Zustande voll 
bewuBt. Wenn Sie sich fragen : Sind die Gefuhle, die wir durchmachen 
im Wachzustande, ebenso bewuBt wie die Vorstellungen? - so 
miissen Sie sich dieses mit Nein beantworten. Die Gefuhle bleiben fur 
das wache BewuBtsein in einem gewissen Sinne dunkel und unbe- 
stimmt. Und wenn Sie dasjenige vergleichen, was Sie in Ihrer Gefuhls- 
welt erleben, mit demjenigen, was Sie erleben, wenn Sie sich gegen- 
iibergestellt finden der mannigfaltigen Bilderwelt Ihrer Traume, so 
werden Sie in der Gefuhlswelt und in der Traumeswelt denselben 
Grad von BewuBtsein finden. Es wird in der Gefuhlswelt nur auf eine 
andere Weise getraumt, aber es wird auch in der Gefuhlswelt nur ge- 
traumt. Man tauscht sich iiber diesen Charakter der Gefuhlswelt da- 
durch leicht, daB man dasjenige, was gefuhlt wird, in Vorstellungen 
iibersetzt. Man stellt sich seine Gefuhle vor. Dadurch hebt man die 
Gefuhle in das WachbewuBtsein herauf. Aber die Gefuhle als solche 
sind nicht mehr bewuBt als der Traum. 

Und insbesondere unbewuBt bleiben, vollstandig unbewuBt konnen 
wir sagen, die Willensimpulse des Menschen. Stellen Sie sich nur ein- 
mal vor, wieviel Sie von etwas wissen, was Sie ein Wollen nennen. 
Nehmen Sie nur an, Sie strecken die Hand aus, um irgend etwas zu 
ergreifen. Sie haben zuerst die Vorstellung davon, daB Sie die Hand 
ausstrecken werden. Darinnen liegt Ihre Absicht. Wie aber diese Ab- 
sicht nun hinunterstromt in Ihren ganzen Organismus, wie diese Ab- 
sicht sich den Muskeln, den Knochen mitteilt, damit die Hand den 



Gegenstand ergreifen kann, davon wissen Sie ebensowenig, wie Sie 
von dem wissen im gewohnlichen BewuBtsein, was wahrend des 
Schlafes mit Ihrem Ich vorgeht. Erst wenn Sie den Gegenstand er- 
grirTen haben, dann nehmen Sie wiederum wahr die Bewegung des 
Ergreifens, also wiederum eine Vorstellung. Was zwischen dieser 
Vorstellung, welche die Absicht bildet, und der Vorstellung liegt, die 
Sie dann haben, wenn Sie die Absicht in der auBeren Ausfiihrung 
sehen, was dazwischen liegt, was da in Ihrem Organismus vor sich 
geht, das verschlafen Sie auch bei wachendem BewuBtsein. Das Wollen 
ist ein Schlafen, das Fuhlen ist ein Traumen, und nur das Vorstellen, 
das Denken ist ein wirkliches Wachen. 

Da haben wir auch wahrend des Wachzustandes die dreigliedrige 
menschliche Seele : die wache Seele, die vorstellt, die traumende Seele, 
die fuhlt, und die wollende Seele, die schlaft, so daB der Mensch im 
gewohnlichen BewuBtsein niemals sagen kann, was eigentlich da un- 
ten in den Zustanden vor sich geht, in denen der Wille webt und lebt. 

Wenn man dann aber mit den Methoden der anthroposophischen 
Forschung in diejenige Region hinunterleuchtet, wo der Wille pul- 
siert, da findet man zunachst das Folgende. Wenn wir die Absicht 
haben, irgendeinen WillensentschluB auszufuhren, dann ist das zu- 
nachst ein Gedanke, eine Vorstellung. In dem Momente, wo diese 
Absicht in den Organismus hineinstromt, entsteht im Organismus 
dasjenige, was man einen inneren VerbrennungsprozeB nennen kann. 
Jedesmal wird im Organismus ein VerbrennungsprozeB entstehen 
langs des ganzen Weges, den der WillensentschluB macht. Durch das 
Verbrennen von Stoffwechselprodukten, die Sie in sich haben, wird 
alles das bewirkt, was den Arm bewegt, um einen WillensentschluB 
auszufuhren, so daB eigentlich ein wollender Mensch im physischen 
Sinne in einem verbrennungsartigen Verzehren seiner StorTwechsel- 
produkte sich befindet. Eigentlich miissen wir immer deshalb die 
StorTwechselprodukte erneuern, weil durch den Willen diese Stoff- 
wechselprodukte fortwahrend verzehrt, verbrannt werden. 

Das ist anders beim Vorstellen. Beim Vorstellen findet ein fort- 
wahrendes Ablagern von salzartigen Bestandteilen statt. Erdige, salz- 
artige, aschenartige Bestandteile sondern sich aus dem Organismus 



ab, so daB, physisch gesprochen, das Denken, das Vorstellen ein 
Salzablagern ist. Das Wollen ist ein Verbr ennen. Und dem Anschauen, 
dem geistigen Anschauen stellt sich das menschliche Leben als ein 
fortwahrendes Salzablagern von oben und als ein Verbrennen von 
unten herauf dar. Dieses Verbrennen, das macht, daB wir, wenn ich 
mich so ausdriicken darf, im Feuer des eigenen Leibes mit dem ge- 
wohnlichen BewuBtsein nicht wahrnehmen konnen, was der Wille 
eigentlich ist. Dieses Verbrennen bewirkt, daB wir den Willen, alles 
Wollen fortwahrend verschlafen. 

Aber was wird uns denn da unsichtbar fur das gewohnliche Be- 
wuBtsein, wenn wir den Willen verschlafen? Wenn man nun in dieses 
organische Feuer, das fortwahrend durch den Willen entsteht, mit den 
Mitteln der Geistesanschauung hineinleuchtet, dann nimmt man wahr, 
daB in diesem Feuer die Wirkungen unseres moralischen Verhaltens 
in dem vorhergehenden Erdenleben leben. Da drinnen lebt dasjenige, 
was man menschliches Schicksal, menschliches Karma nennen kann. 
Es ist wirklich so, daB, wenn man richtig anschaut, wenn ein Mensch 
sum Beispiel in einem bestimmten Jahre seines Lebens die Bekannt- 
schaft eines andern Menschen macht, daB sich dann ganz anders diese 
Tatsache ausnimmt, wenn man sie geistig richtig anschaut, als wenn 
man sie nur auBerlich mit dem sinnlich-intellektualistischen BewuBt- 
sein anschaut. 

Nehmen wir an, ein Mensch hat eben in irgendeinem Jahre seines 
Lebens einen andern Menschen kennengelernt. Man spricht da sehr 
haufig von Zufall. Und es nimmt sich das ja auch so aus, als wenn der 
andere Mensch durch die verschiedenen Zufallswege des Lebens 
einem zugefuhrt worden ware, und man hatte dann im Augenblicke 
mit ihm Bekanntschaft geschlossen. Aber so ist es ja nicht. Wenn man 
hineinschaut mit den Mitteln der Geisteswissenschaft in den ganzen 
Zusammenhang des menschlichen Lebens, in all das, was unsichtbar 
durch den angedeuteten VerbrennungsprozeB wird, dann sieht man, 
daB eine Bekanntschaft, die man zum Beispiel im fiinfunddreiBigsten 
Lebens jahre gemacht hat, ganz planmaBig das ganze Leben hindurch 
ersehnt und erstrebt worden ist. Wenn Sie den Menschen von seinem 
fiinfunddreiBigsten Lebensjahre bis zu seiner ersten Kindheit ver- 



folgen und Sie legen bloB, Sie machen die Wege offenbar, die er 
durchgemacht hat, urn zuletzt da anzukommen, wo ihm der andere 
Mensch begegnet ist, so ist das ein ganz planmaBiges Erstreben im 
UnterbewuBtsein. Und manchmal ist es, wenn man in dieser Weise das 
Schicksal des Menschen betrachtet, ganz wunderbar, welche Winkel- 
ziige ein Mensch macht, um an einer bestimmten Stelle in einem be- 
stimmten Jahre anzukommen und da den andern Menschen zu treffen. 
Wer wirklich in das menschliche Leben hineinsieht, der kann gar 
nicht anders sagen als: Derjenige, der etwas erlebt, hat dieses Erlebnis 
sein ganzes Erdenleben hindurch so gesucht, wie man nur irgend 
etwas suchen kann. - Und warum suchen wir ein bestimmtes Erleb- 
nis? Weil uns dieses Suchen aus fruheren Erdenleben in die Seele 
hinein ergossen ist. Aber diese fruheren Erdenleben erscheinen in 
ihren Wirkungen nicht im GedankenbewuBtsein, in dem wir wachen, 
sondern sie erscheinen in ihren Wirkungen in dem BewuBtsein, wo 
ein VerbrennungsprozeB uns fortwahrend in einen Schlaf einlullt. Wir 
streben unbewuBt, aber wir streben nach den Erlebnissen unseres 
Erdendaseins hin. 

Nun konnen sich verschiedene Einwande erheben, Gedanken er- 
heben, wenn so etwas ausgesprochen wird. Zuerst kann der Mensch 
sagen: Ja, dann ist unser ganzes Leben schicksalsbestimmt und wir 
haben keine Freiheit - Aber verlieren wir dadurch an Freiheit, daB wir 
blonde Haare haben und nicht schwarze? Das ist ja auch vorbestimmt. 
Wir sind dennoch frei, trotzdem wir blonde Haare haben und nicht 
schwarze, wenn wir uns vielleicht auch schwarze wunschen; wir sind 
dennoch frei, wenn wir auch nicht, was wir vielleicht als Kind wollen, 
den Mond herunterlangen konnen. Wir sind dennoch frei, wenn auch 
von dem Beginn unseres Erdenlebens an von uns gewisse Erlebnis se 
gesucht werden, denn nicht das ganze menschliche Leben setzt sich 
aus solchen schicksalsmafiigen Erlebnissen zusammen, sondern es 
fugen sich immer den schicksalsmaBigen Erlebnissen die freien Erleb- 
nisse ein. Und diese freien Erlebnisse, die sich einfiigen, findet die 
Geisteswissenschaft wiederum an einer andern Stelle. 

Ich spreche ja oftmals von den drei Stufen der Geisteserkenntnis : 
von der Imagination, wo wir zuerst eine Bilderwelt schauen, von der 



Inspiration, wo in diese Bilderwelt die geistige Wirklichkeit und 
Wesenhaftigkeit hereinkommt, und dann von der Intuition, wo wir 
in der geistigen Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit darinnenstehen. 

Wenn nun der Mensch als Geistesforscher zur Imagination kommt 
und dadurch, wie ich schon im offentlichen Vortrage angedeutet habe, 
sein Lebenstableau vor sich hat, dann wird 2u gleicher Zeit auch 
immer etwas anderes anschaubar. Man kann nicht das eine ohne das 
andere haben. Man kann nicht die Imagination haben, die wirkliche 
Geist-Erkenntnis des bisherigen Erdenlebens, ohne daB in einer merk- 
wurdigen Weise wie eine Erinnerung diejenigen Erlebnisse auf- 
tauchen, die wir wahrend des Schlafes immer gehabt haben vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen. Ich habe Ihnen erzahlt, wie diese 
Erlebnisse sind. Wenn man auf der einen Seite die Imagination erhalt, 
erhalt man auf der andern Seite insbesondere stark, wenn dann auch 
das innere Schweigen der Seele eintritt, eine Anschauung desjenigen, 
was der Mensch im Schlafzustande erlebt. 

Nun habe ich Ihnen schon manches von dem geschildert, was der 
Mensch im Schlafzustande erlebt. Aber dasjenige, was einem vor 
alien Dingen vor das Seelenauge an Erlebnissen wahrend des Schlafes 
tritt, das ist das neu sich bildende Schicksal. Wenn wir in das Schlafen 
hinunterleuchten, das im Wollen liegt wahrend des Wachens, dann 
kommen wir auf das Karma, welches aus friiheren Erdenleben herein- 
wirkt. Wenn wir anfangen, die Erlebnisse zwischen dem Einschlafen 
und Aufwachen zu durchschauen, dann schauen wir hin, wie sich aus 
unseren freien Handlungen, die wir gegenwartig verrichten, zusam- 
menwebt das Karma, das sich erst wiederum im nachsten Erdenleben 
verwirklicht. 

Glauben Sie nicht, daB nun, wenn man in dieses Schlafesleben 
hineinschaut, dasjenige das besonders Beunruhigende ist, daB man 
sich jetzt sagen muB: Du hast dir durch dein moralisches Verhalten 
im jetzigen Erdenleben dieses Karma zubereitet. - Das beunruhigt 
nicht mehr, als wenn man weiB, heute ist die Sonne aufgegangen, bis 
zur Mittagshohe gestiegen, ist wieder hinuntergegangen und wird am 
nachsten Tag denselben Weg durchmachen. Diese GesetzmaBigkeit, 
die einem da aus der Tiefe des Schlafes herausdringt, die beunruhigt 



einen nicht, weil auf die mannigfaltigste Weise wiederum durch Frei- 
heit in dem nachsten Erdenleben dasjenige zur Wifkung kommen 
kann, was man veranlagt findet in den Schlafeszustanden des gegen- 
wartigen Erdenlebens. Aber man uberschaut durchaus das Karma, das 
sich in den unterbewuBten Zustanden des Wollens auswirkt, und man 
uberschaut das sich wieder anspinnende Karma, wenn man in das- 
jenige hineinschaut, was sich fur das gewohnliche BewuBtsein auch 
unbewuBt im Schlafe beginnt zu weben als ein anfangliches Karma. 
Und das sieht man auch, wie die Vergangenheit sich immer wieder 
zusammenwebt im Menschen mit der Zukunft, wie dasjenige, was der 
Mensch bei Tag verschlaft als die inneren Geheimnisse seines Willens, 
sich zusammenspinnt mit demjenigen, was er bei Nacht verschlaft als 
die inneren Geheimnisse seines Ichs und seines astralischen Leibes, 
wenn sie sich von dem physischen Leibe und Atherleibe getrennt 
haben und an dem Zukunfts karma weiter weben. 

Wenn wir im gewohnlichen Wachsein denken, dann denken wir 
zumeist iiber auBere Dinge. Diese auBeren Dinge, die wir da denken, 
die bleiben dann in unserer Erinnerung durch den gewohnlichen 
Inhalt unseres Seelenlebens. Aber das ist nur die Oberflache des 
Seelenlebens. Hinter diesem Niveau des Denkens liegt ein viel tieferes 
Seelenleben. Dieses, was wir beim Tagwachen als unser Denken er- 
leben, das erleben wir im atherischen Leibe, im Bildekrafteleibe. Das- 
jenige, was dahinter vorgeht im astralischen Leibe und im Ich, das 
kann man nur erleben, wenn man bewuBt in die Geschehnisse ein- 
dringt, die das Ich und der astralische Leib durchmachen, wenn sie 
vom physischen Leibe und vom Atherleibe getrennt sind im Schlafe. 
Da spinnt sich das Zukunftskarma an. Das wird durch die auBeren 
Gedanken, die im Atherleib sind, bei Tag fur uns verhullt. Aber in 
den Tiefen der Seele, da webt es auch bei Tag sich zusammen mit 
demjenigen, was im unbewuBten schlafenden Willen ist als das Karma, 
das aus der Vergangenheit heriiberkommt. Und so kann man sehr 
genau in dieses Karma des Menschen hineinweisen. 

Aber da liegt nun folgendes Eigentumliche vor. Ganz besonders 
interessant ist fur die Karmabeobachtung die Zeit der allerersten Kind- 
heit des Menschen. Die Entschlusse des Kindes erscheinen uns ganz 



willkurlich, dennoch sind sie nicht willkiirlich. Oh, es ist schon so, 
daB diese Willensentschliisse des Kindes dasjenige nachahmen, was in 
der Umgebung des Kindes vor sich geht. Und ich habe im offentlichen 
Vortrag das angedeutet, wie das Kind ganz Sinnesorgan ist, wie es 
innerlich jede Geste erlebt, jede Bewegung der Menschen seiner Um- 
gebung. Aber es erlebt jede Geste, jede Bewegung mit der moralischen 
Bedeutung, so daB das Kind an einem jahzornigen Vater das Unmora- 
lische erlebt, das mit dem Jahzorn verkniipft sein kann. Und das Kind 
erlebt in den feinsten Bewegungen, die der Mensch in seiner Umge- 
bung macht, die Gedanken, die der Mensch hat. Wir sollten uns daher 
nie gestatten, unreine, unmoralische Gedanken etwa in der Umgebung 
eines Kindes zu haben und zu sagen: In Gedanken konnen wir uns das 
gestatten, das Kind weiB doch nichts davon. - Das ist nicht wahr. 
Wenn wir denken, bewegen sich immer in irgendeiner Weise wenig- 
stens unsere inneren Nervenstrange. Diese nimmt auch das Kind wahr, 
besonders in den allerersten Jahren. Das Kind ist ein feiner Beobachter 
und Nachahmer seiner Umgebung. Aber was das Merkwiirdige, das, 
ich mochte sagen, im erhabenen Sinne Interessante ist, ist, daB das 
Kind nicht alles nachahmt, sondern daB es eine Wahl trifft. Und diese 
Wahl geschieht eigentlich auf eine sehr komplizierte Weise. 

Denken Sie sich also einmal, in der Umgebung des Kindes wirkt 
meinetwillen ein uniiberlegter jahzorniger Vater, der allerlei Dinge 
macht, welche eigentlich nicht richtig sind. Weil das Kind ganz Sinnes- 
organ ist, muB es alle diese Dinge aufnehmen, wie das Auge sich nicht 
wehren kann, es muB das sehen, was in seiner Umgebung ist. Aber 
das Kind nimmt dasjenige, was es da aufnimmt, eben nur im Wach- 
zustande auf. Nun beginnt das Kind zu schlafen. Kinder schlafen viel. 
Und wahrend des Schlafes trifft nun das Kind die Wahl. Dasjenige, 
was es aufnehmen will, sendet es aus seiner Seele in seinen Leib, in 
seinen Korper hinunter. Dasjenige, was es nicht aufnehmen will, stoBt 
es wahrend des Schlafes in die atherische Welt hinaus, so daB das Kind 
nur dasjenige in seine Korperlichkeit aufnimmt, wozu es schicksals- 
maBig vorbestimmt ist durch sein Karma, durch sein Schicksal. Das 
Walten des Schicksals sieht man insbesondere lebendig in den aller- 
ersten Kindesjahren. 



Wenn man ein intellektualistischer Mensch ist, dann hat man oft- 
mals das BewuBtsein, man ist furchtbar gescheit und das Kind ist 
furchtbar dumm. Wenn man allmahlich in die Welt hineinsehen lernt, 
dann hat man dieses Urteil nicht, dann hat man das andere Urteil, wie 
dumm man eigentlich seit der Kindheit geworden ist. Nur ist die 
Gescheitheit, die man sich angeeignet hat, gegeniiber der Kindheit 
eine bewuBte Gescheitheit. Die Weisheit aber, mit der das Kind auf 
die beschriebene Art die Wahl trifft zwischen dem, was es sich einver- 
leiben will, nach seinem Schicksal von den vorhergehenden Erden- 
leben sich einverleiben muB, und demjenigen, was es in die allgemeine 
Atherwelt abstoBt, ist eine viel, viel groBere als die Weisheit, die wir 
im spateren Leben haben. Und dasjenige, was der Mensch aus seinem 
friiheren Erdenleben in das gegenwartige Erdenleben hereintragt, 
tragt er gerade in den ersten Kindheitsjahren am allerersten herein, wo 
die Frage der Freiheit iiberhaupt noch gar nicht in Betracht kommt. 
In derjenigen Lebenszeit, in der das FreiheitsbewuBtsein auftaucht, 
haben wir eigentlich das allermeiste, das weitaus meiste von dem, was 
wir aus friiheren Erdenleben in dieses Erdenleben hereintragen sollen, 
schon hereingetragen. Und wenn einer im funfunddreiBigsten Lebens- 
jahre ein ganz bestimmtes Erlebnis hat, so hat er sich die Wege zu 
diesem Erlebnis durchaus schon in den allerersten Kindesjahren ge- 
ebnet. Die ersten Schritte des Lebens sind fur das schicksalsmaBig 
Bestimmte die allerwichtigsten und wesentlichsten. 

Ich habe einmal versucht, das anzudeuten, wie das Kind weise ist, 
und wie man eigentlich im Verlaufe des Lebens immer weniger weise 
wird. Man wird bewuBter, und man schatzt dann die bewuBte Rationa- 
list, und man schatzt nicht die unbewuBte Weisheit des Kindes. Die 
schatzt man eigentlich erst durch die Initiationswissenschaft. Ich habe 
einmal darauf aufmerksam gemacht. Das ist aber von offiziell philo- 
sophischer Seite furchtbar getadelt worden. Ich habe darauf in meinem 
Buchelchen aufmerksam gemacht «Die geistige Fuhrung des Menschen 
und der Menschheit», gleich im ersten Kapitel. Es ist also schon wich- 
tig, daB wir auf diese allererste Kindheit in dieser Weise hinzuschauen 
vermogen. Wenn die Menschen das einmal durchschauen, dann wer- 
den sie auch wiederum ein gesiinderes Urteil bekommen uber etwas, 



was heute immer und immer wiederum erwahnt wifd, aber gar nicht 
durchschaut wird, die vererbten Eigenschaften. In Dichtung und 
Wissenschaft mochte man heute alles auf die vererbten Eigenschaften, 
auf die von den Eltern ererbten Eigenschaften zuruckfuhren. Wird 
man einmal einsehen, wie das Kind karmisch aus den friiheren Erden- 
leben sich dasjenige hereintragt, was es sogar in sehr weiser Art aus- 
wahlt, dann wird man das rechte Verhaltnis zwischen dem finden, was 
in der Schicksalsbestimmung liegt, und dem, was die auBere Verer- 
bung und Kleidung ist. Denn diese Vererbung ist nur eine Umklei- 
dung. Und daB sie da ist, wundert den nicht, der in der richtigen 
Weise dasjenige versteht, was ich hier in diesen Vortragen auch ge- 
sagt habe, daB wir uns an einem gewissen Zeitpunkte zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt der Generationenfolge zuwenden. Wir 
wenden ja den Blick vom Jenseits herunter in das Diesseits, urn lange 
vorauszusehen, was wir fur Eltern haben werden. Wir bestimmen mit 
vom Jenseits die Eigenschaften, welche die Eltern haben werden; 
kein Wunder, daB wir sie dann erben. Aber in dem Vererbten treffen 
wir dann wiederum auf die geschilderte Weise die Auswahl. 

Oberhaupt ist die Beobachtung des Menschen in den ersten kind- 
lichen Lebensjahren etwas ganz besonders erhaben Interessantes. Ich 
muB diesen Ausdruck immer wieder gebrauchen. Ich habe Sie auf 
dasjenige aufmerksam gemacht, was in den ersten Lebensjahren von 
dem Kinde gelernt wird : gehen, worunter wir so vieles erfassen, wie 
wir gestern angefiihrt haben, sprechen, denken. Das eignet sich das 
Kind an. Derjenige, der nun richtig beobachten kann, wie das Kind 
die ersten Schritte macht, wie es fest das Beinchen aufsetzt, oder leise 
das Beinchen aufsetzt, wie es wacker vorschreitet, oder angstlich vor- 
schreitet, wie es starker oder weniger stark das Knie beugt, wie es den 
Zeigefinger mehr braucht als den kleinen Finger, wer all das, was mit 
dem Gehen, uberhaupt mit der Lebensbalance, in die der Mensch in 
den drei Raumesrichtungen sich hineinfindet, wer in all das, was damit 
zusammenhangt, richtig hineinschaut, der sieht gerade darmnen, wie 
in diesem Gehenlernen das Karma bildhaft zum Ausdrucke kommt. 
Man sieht, wie ein Kind von vornherein, wenn es gehen lemt, die 
FuBchen stark aufsetzt. Man schaut zuriick, wie das mit einem vor- 



hergehenden Erdenleben zusammenhangt. Man findet, daB das Kind 
in irgendwelchen Lebenslagen sich in vorhergehenden Erdenleben 
wacker und tapfer verhalten hat. Das Wackere und Tapfere der vor- 
hergehenden Erdenleben driickt sich bildhaft sinnlich im Abbilde in 
der Art und Weise aus, wie es die FiiBchen stellt. Und man kann ge- 
rade im Gehenlernen ein wunderbares Abbild des Menschenkarmas 
am Kinde beobachten. Das individuelle Karma, dieses personliche 
Karma, das man als einzelner Mensch hat, driickt sich insbesondere 
in diesem Gehenlernen aus. 

Als zweites lernen wir die Sprache. Da ahmen wir dasjenige nach, 
was in unserer Umgebung gesprochen wird. Jedes Kind tut das auf 
seine besondere Art, aber es ahmen alle Menschen, die innerhalb eines 
Sprachgebietes ihre Muttersprache lernen, eine Sprache nach. In der 
Art und Weise, wie das Kind sich in das Nachahmen der Laute 
hineinfindet, sieht man, wie sich im Menschen das Volksschicksal 
auslebt. Im Gehenlernen eines Menschen: einzelnes individuelles 
Schicksal; im Sprechenlernen: Volksschicksal; und im Denkenlernen: 
das Schicksal der ganzen Menschheit in einem gewissen Zeitpunkte 
iiber das Erdenrund hin. Dreierlei Schicksale verweben sich eigentlich 
im Menschen. 

Unsere Gedanken kleiden wir zwar in verschiedene Sprachen, aber 
wenn man durch die Sprache zu den Gedanken vordringt, machen wir 
den Anspruch darauf, daB die Gedanken in aller Welt von jedem 
Menschen begriffen werden konnen. Es gibt eine chinesische und eine 
norwegische Sprache, aber es gibt keinen Unterschied zwischen chine- 
sischen Gedanken und norwegischen Gedanken als den, der indivi- 
dual ist. Aber die Gedanken als solche, ihre Wahrheit oder Unwahr- 
heit, sind nicht anders. DaB das Denken eine andere Farbung annimmt, 
ruhrt von dem her, daB der Mensch in der Sprache im Individuellen 
lebt, aber was den Gehalt der Gedanken betrifft, nicht die Form der 
Gedanken, so ist er fur alle Menschen gleich. 

Indem das Kind sich hineinfugt in der dritten Stufe in das Gedan- 
kenleben, fiigt es sich ein in einen bestimmten Zeitpunkt fur die ge- 
samte Menschheit; durch die Sprache in das Volksschicksal, durch das 
Hineinstellen in drei Raumesvorstellungen, durch das Gehenlernen, 



Greifenlernen und so weiter in das personliche, individuelle Schicksal. 

Solche Dinge miissen, wenn man den Menschen in seinem ganzen 
Wesen richtig verstehen will, allseitig durchschaut werden. Wie das 
nun mit dem ganzen Menschenleben ist, mochte ich Ihnen noch an 
einer andern Tatsache klarlegen. Gehen wir noch einmal zu dem 
Schlafzustande zuriick, zu den Erlebnissen, die der Mensch vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen durchmacht. Da geht der Mensch mit 
seinem Ich und seinem astralischen Leibe in die geistige Welt hinein, 
eigentlich zum Ausgangspunkte des Lebens zuriick. Aber das Ich und 
der astralische Leib weben das Zukunftsschicksal. Wenn nun das Ich 
und der astralische Leib wiederum zunickkehren in den physischen 
Leib, dann ist jede Nacht ein neues Stuck Schicksal gewoben. Aber 
der Mensch versteht noch nichts von diesem Schicksal im gewohn- 
lichen BewuBtsein. Er dringt wiederum zuriick in seinen Atherleib 
und in seinen physischen Leib. Im Atherleib sind die Gedanken zu- 
riickgeblieben. Die Gedanken sind nicht in dem nachtschlafenden 
Zustande mitgegangen. Der Mensch glaubt nur, daB, wenn er im 
Bette ist, er nicht denkt. Er denkt fortwahrend, nur weiB er nichts 
davon, weil er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe auBer 
dem Denken ist. Denn das Denken besteht in einer Tatigkeit des 
Atherleibes. Sie konnen bei demjenigen, was starkeren Eindruck auf 
Sie macht, das eigentlich sehr leicht im gewohnlichen Leben auch 
beobachten. Denken Sie nur einmal, Sie waren etwa zum ersten 
Male bei einer Sie besonders anregenden Symphonic Sie werden in 
der Nacht, wenn Sie dazu die besondere Veranlagung haben, oftmals 
aufwachen konnen und Sie wachen immer in die Tone dieser Sym- 
phonic hinein auf, weil Ihr Atherleib die ganze Nacht in dieser Sym- 
phonic fortvibriert. Die hort nicht auf in Ihnen. Es ist gar nicht not- 
wendig, daB Sie dabei sind, damit die Symphonie in Ihnen sich ab- 
spielt. Wenn Sie dabei sind, dann nehmen Sie nur in den Vibrationen 
in Ihrem Atherleibe wahr. Und so ist es mit alien Gedanken auch. 
Sie denken die ganze Nacht im Bette, nur sind Sie mit Ihrem Ich nicht 
dabei, daher wissen Sie nicht, wie Sie da denken. 

Ich kann Ihnen verraten: durch das Ich verderben wir sogar sehr 
haufig unsere Gedanken. Wir denken namlich meistens viel gescheiter, 



wenn wir nicht dabei sind in der Nacht. Sie mogen mir das glauben 
oder nicht, aber es ist so. Die meisten Menschen haben ein viel ge- 
siinderes Urteil iiber die Dinge des Lebens in der Nacht als bei Tag. 
Wenn der Atherleib, der mit den Gesetzen des Kosmos in Harmonie 
steht, allein denken kann, wenn der Mensch nicht die Gedanken ver- 
dirbt, dann denkt der Mensch meist gesiinder, als wenn er mit seinem 
Ich die Gedanken durcheinanderpuddelt. Das tut er bei Tag namlich 
sehr haufig. 

Wenn wir nun mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe drauBen 
sind aus dem physischen Leibe und dem Atherleibe, da weben wir 
aber unser Zukunftskarma. Das, was da als Ich und als astralischer 
Leib drauBen webt und lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, 
muB durch die Pforte des Todes gehen, in die iibersinnliche Welt ein- 
gehen. Wenn auch das Astralische sich spater dann in das Ich einfugt 
und das Ich dann mit anderer Substanz das allein durchmacht, aber 
dennoch: dasjenige, was da drauBen auBer dem physischen und dem 
Atherleibe im Schlafzustande webt, das muB durch die Pforte des 
Todes gehen und den Weg durchmachen zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt durch alle die Zustande, die ich Ihnen in diesen 
Tagen beschrieben habe. Und Sie wissen aus dieser Beschreibung, 
daB da das Ich durchgeht durch die Arbeit, die es mit den andern 
Wesen der hoheren Hierarchien macht, um in der Zukunft wiederum 
einen physischen Menschenleib, jetzt im Geistkeim, vorzubereiten. 
Das erfordert das Sich-Einleben in eine tiefe Weisheit zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt, einer Weisheit, in der man nur leben 
kann, wenn man in einer geistigen Tatigkeit zusammenlebt mit den 
Wesen der hoheren Hierarchien. 

Da muB noch vieles hinein in dasjenige, was man da webt an Karma 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, damit das sich in der 
richtigen Weise verbindet in der Zukunft mit einem physischen Leibe. 
Denn denken Sie, was da fur ein Weg durchgemacht werden muB. 
Das ist ja im Ich und im astralischen Leibe, was sich da webt als 
Karma, das muB hinunter in diejenige Region, die wir dann im 
nachsten Erdenleben als unbewuBte Willensregion haben. Das muB 
hinunter. Das muB sich griindlich mit aller Leiblichkeit des Menschen 



vereinigen. Davon haben das Ich und der astralische Leib, wenn sie im 
gewohnlichen Schlafzustande sind, noch wenig, was sie sich da aneig- 
nen mussen im Durchgang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Und da miissen dann das Ich und der astralische Leib wiederum 
zuriick in den physischen Leib, und sie verstehen nicht recht beim 
Aufwachen, wie es ist mit diesem physischen Leibe. Den haben sie 
aber aus dem vorhergehenden Leben. Ich und astralischer Leib wis sen 
sich nicht richtig zu benehmen bei diesem Untertauchen. Daher kommt 
es, daB, weil erst im nachsten Erdenleben von Kindheit auf dieser 
astralische Leib und das Ich formen konnen den physischen Leib und 
den Atherleib durch die ersten sieben Jahre, durch die zweiten sieben 
Jahre, weil da erst alles das darinnen ist im Ich und astralischen Leib, 
was in der richtigen Weise wiederum arbeiten kann an einem physi- 
schen Leib, daher kommt es, daB jetzt im Einschlafen, wo das Ich erst 
das moralische Verhalten des Menschen aufgenommen hat, erst an- 
fangt das Karma zu weben, daB es beim Aufwachen eigentlich nicht 
richtig versteht : was ist da alles in diesem physischen Leibe. 

Nun, in den physischen Leib kann es uberhaupt nur ganz unbewuBt 
untertauchen. Da muB es schon wiederum ins UnbewuBte hinein- 
kommen. Aber wenn es bewuBt wird, wenn es durch die Vorstellungs- 
region durchgeht, dann tauchen die verworrenen Bilder des Traumes 
auf. Was bedeuten diese? Warum sind diese so wenig mit dem Leben 
oftmals zusammenstimmend? Weil das Ich und der astralische Leib 
erst probieren, in den physischen und Atherleib unterzutauchen, sie 
konnen es nicht recht. Dieses Nichtzusammenstimmen dessen, was 
das Ich noch nicht kann und was es konnen sollte nach den weisen 
Einrichtungen des physischen Leibes und des Atherleibes, driickt sich 
in der Verworrenheit der Aufwachetraume aus. In dem Aufwach- 
traum haben wir ein Bild, wie das Ich probiert, das, was es noch nicht 
ist, in einen gewissen Einklang mit dem physischen Leibe und dem 
Atherleibe zu bringen. Und erst wenn es unterdriickt fur das Wollen 
das BewuBtsein und untertaucht in die unterbewuBte Region, wenn 
es also sich verlaBt nicht auf seine eigene Weisheit, dann geht es 
wiederum hinein in den physischen Leib, ohne daB verworrene Vor- 
stellungen zustande kommen. 



Wurde das Ich beim Aufwachen voll untertauchen in den physischen 
Leib bewuBt, oder halbbewuBt wie im Traume, dann wiirden aus dem 
ganzen physischen Leibe des Menschen die furchtbarsten Traume 
aufsteigen. Nur der Umstand, daB wir im rechten Augenblicke ins 
unbewuBte Wollen untertauchen, dampft die leise hinhuschenden 
bildhaften Traume ab, und laBt uns wiederum als ordentliche Iche 
und ordentliche astralische Leiber in die Region des unbewuBten 
Wollens untertauchen. Das ist so klar fur den, der unbefangen diese 
Dinge anschaut, daB jeder Traum dem Menschen zeigen kann, welche 
Disharmonie besteht im gegenwartigen Leben zwischen dem Ich und 
dem astralischen Leibe in bezug auf dasjenige, was sich diese im gegen- 
wartigen Leben angeeignet haben und dem vollentwickelten physi- 
schen und atherischen Leibe. Da muB sich erst dasjenige, was mora- 
lisch sich gewoben hat, vereinigen bei dem Durchgang zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt mit dem Geistkeim des physischen 
Leibes. Dann wird dasjenige, was wir im jetzigen Leben zwischen dem 
Einschlafen und dem Aufwachen weben, so machtig, daB es im 
nachsten Kindheitsleben, in diesem traumerischen, halb schlafenden 
Kindheitsleben wirklich durch die Jahre der Kindheit untertauchen 
kann in den physischen und in den atherischen Leib und den dann als 
Werkzeug fur das Erdenleben benutzen kann. 

So wird man eigentlich immer mehr gewahr, wenn man den ganzen 
Menschen betrachtet, wie in diesem Menschen darinnensteckt das- 
jenige, was man in nachtlicher Ruhe und nachtlicher Finsternis in den 
vorigen Erdenleben gewoben hat, und wie zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt das wunderbare Gewebe des physischen Leibes 
hinzugefiigt worden ist und dann, man mochte sagen, im letzten 
Augenblicke des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
des atherischen Leibes. Aber wir tragen in uns das Ergebnis der vor- 
hergehenden Erdenleben. Nur wird dasjenige, was wir da als die 
Krafte des vorigen Erdenlebens unten im Organismus, im Willens- 
organismus in uns tragen, fortwahrend, weil die physischen StofTe 
und Produkte verbrannt werden und dieses innere Feuer in uns ist, 
das wird immerfort von diesem Feuer zugedeckt, verbrannt. Und in- 
dem es verbrannt wird, wirkt es doch. Wir gehen durch unser Karma 



unseren Weg durch die Welt. Es ist ein bestimmter Weg fur die ein- 
zelnen Erlebnisse. Wahrend wir also von der Kindheit auf uns das- 
jenige auswahlen, was wir aus der Umgebung nachahmen, dadurch 
die ersten Schritte schon zu einem Ereignis machen, das wir erst im 
funfzigsten Lebensjahre vielleicht erreichen, wahrend wir die Willens- 
anstrengungen machen, direkt auf dem Wege nach diesem Erlebnisse 
hin, wird immerfort verbrannt in uns dasjenige, was korperliche 
StofFe sind. 

Weil das Feuer uns unbewuBt in bezug auf diesen Lebensweg macht, 
dadurch wird immer fiir unsere Innenwahrnehmung dasjenige, was 
ein fortlaufender Schicksalsweg ist, umgesetzt, so daB es uns vor- 
kommt als die augenblicklichen Begierden, Instinkte, Triebe, Tempe- 
ramente und so weiter. Da unten geht der schicksalsgemaBe Lebens- 
weg. Immer sprieBen die Feuer auf. Wir sehen nur die Oberflache der 
Feuer. Und auf den Oberflachen des Feuers, auf den lodernden 
Flammen gewissermaBen, da lebt sich dasjenige aus, was wir in unseren 
Seelen tragen als unsere Leidenschaften, Triebe, Instinkte. Das ist nur 
der auBere Schein, die auBere OrTenbarung fiir dasjenige, was in den 
Tiefen als das menschliche Schicksal sitzt. Die Menschen beobachten 
die einzelnen Leidenschaften, die einzelnen InstinktauBerungen, die 
einzelnen Triebe, dasjenige, was einer im Augenblicke mag, nicht mag, 
was einer im Augenblicke aus Sympathie oder Antipathie ausfiihrt 
oder unterlaBt. Aber das ist gerade so, wie wenn wir vor uns haben 
etwas, und ich sage: d-e-r-g-o-t-t-l-e-n-k-t-d-i-e-w-e-l-t.- 
Ich kann nur buchstabieren. Ein anderer kommt und sagt : Was du da 
gesagt hast, das sind Buchstaben, das heiBt : Der Gott lenkt die Welt. - 
So ist es mit dem Unterschiede der gewohnlichen Seelenwissenschaft 
und der Geisteswissenschaft. Die gewohnliche Seelenwissenschaft 
kann buchstabieren. Sie schaut das Leben des Menschen an, findet in 
der Kindheit diese und jene kindlichen Instinkte, Triebe, registriert 
diese, wie der, der nur buchstabieren kann, die Buchstaben buchsta- 
biert, und so geht es durch das ganze Leben hindurch. Derjenige, der 
Geisteswissenschaft versteht, der liest, er sieht durch die Oberflache 
der Flammen durch auf das, was unten ist, und schaut die schicksals- 
gemaBen Lebenswege des Menschen, 



Zwischen der gewohnlichen Psychologie, die heute noch offiziell 
gang und gabe ist, und zwischen der wirklichen Erkenntnis des 
menschlichen Seelenlebens ist ein solcher Unterschied wie zwischen 
Buchstabieren und Lesen. Aber deshalb wird man so schwer verstan- 
den, weil man zu dem andern nicht sagen kann, das, was er sagt, sei 
falsch. Demjenigen, der bloB buchstabiert : d-e-r-g-o-t-t - dem 
kann man doch nicht sagen: Was du da liest, ist falsch. - Es ist ja 
ganz richtig. Nur weil er das noch nicht weiB, daB man das auch lesen 
kann, sagt er: Du bist ein verriickter Kerl, ich sehe ja nur d-e-r und 
so weiter. Das Zusammenfassen ist eine Narrheit. - Er kann das nicht 
verstehen, daB man da auch noch liest. 

So muB man immer demjenigen, der die heute anerkannte Psycho- 
logie geltend macht, sagen: Du hast ja ganz recht. - Man sagt als 
Anthroposoph zum Naturforscher, zum Psychologen: Ihr habt ja 
ganz recht. - Man widerlegt sie nicht, man gibt ihnen recht. Er aber 
sagt : Wenn du von den Instinkten, von den Trieben, Leidenschaften 
so redest wie von Buchstaben, die du lesen kannst, dann bist du eben 
ein verriickter Kerl. - Das ist die Schwierigkeit. Der Anthroposoph 
kann sich mit den andern ganz gut verstehen, er braucht sie auch nicht 
zu widerlegen. Er polemisiert auch gar nicht gegen die auBere Wissen- 
schaft. Nur dann, wenn diese Wissenschaft anfangt, ihn einen ver- 
riickten Kerl zu nennen, dann muB er naturlich das geltend machen, 
daB das nicht stimmt, und namentlich, daB er auch das gelten laBt, 
was die andern gelten lassen wollen. Nur kann er nicht den Grundsatz 
gelten lassen, daB es alles dasjenige nicht gibt, was irgendeiner nicht 
sieht. Denn das ist gar kein Kriterium der Wahrheit, daB es das nicht 
gibt, was einer nicht sieht. Da muB er sich erst uberzeugen davon, daB 
der andefe das sieht. 

Es ist schon so, daB derjenige, der auf anthroposophischem Boden 
steht, auch dieses schwierige Verhaltnis der Anthroposophie zu den 
andern Weltanschauungen durchschauen muB. Hochstens kann man 
manchmal das Urteil fallen, so wie man zu demjenigen, der nur gelten 
lassen will: d-e-r-g-o-t-t - wie man zu dem sagt: Du bist ein 
halber Analphabet -, so kann man unter Umstanden zu dem, der 
sich gar nicht losreiBen kann von dem bloBen Buchstabieren in In- 



stinkten, Trieben und Leidenschaften, Temperamenten und so weiter, 
sagen: Du bist ein halber Banause, du bist ein halber Philister, du 
kannst dich eben nicht aufschwingen. - Aber man wird nicht sagen, 
er habe Unrecht. 

Also es liegt die Sache zwischen Anthtoposophie und der auBeren 
Weltanschauung so, daB die Verstandigung erst dann moglich ist, 
wenn von seiten des Buchstabierenden der gute Wille entgegenge- 
bracht wird, lesen zu lernen. Sonst ist eine Verstandigung zunachst 
gar nicht moglich. Daher verlaufen die gewohnlichen Debatten so 
ergebnislos, und die Gegner konnen auch nichts einsehen. Das ver- 
spiiren die wenigsten, die Gegner der Anthroposophie sind. Und ich 
muB schon, weil ich das fur richtig halte, von dieser Tatsache auch 
hier zu Ihnen sprechen. 

Die Gegner der Anthroposophie werden jetzt, ich mochte sagen, 
mit jedem Monat mehr. Aber weil sie eigentlich nirgends einsetzen 
konnen, weil die Anthroposophie ihnen immer recht gibt, aber sie 
nicht der Anthroposophie recht geben wollen, so konnen sie eigent- 
lich auch nicht das angreifen, was der Anthroposoph sagt. Daher 
greifen sie die Personlichkeit an, verleumden, liigen iiber die Person- 
lichkeit. Das ist ja die Gestalt, welche die Polemik immer mehr und 
mehr annimmt, leider. Das ist etwas, was man durchschauen muB, 
wenn man auf anthroposophischem Boden steht. Das ist so auBer- 
ordenlich wichtig, daB man das durchschaut. 

Es gibt heute schon ganz merkwiirdige gegnerische Bucher. Viele 
von Ihnen werden die anthroposophische Literatur gelesen haben, 
werden finden, daB ich immer an den entsprechenden Stellen selber 
in meinen Buchern das sage, was man gegen irgend etwas einwenden 
kann. Ich polemisiere immer selber, um dann zu zeigen, wie man das, 
was ich geltend mache, aus der Welt schaffen kann, so daB man die 
Gegengriinde gegen Anthroposophie bei mir in meinen eigenen Bu- 
chern schon finden kann. Nun gibt es heute Gegner, die beschaftigen 
sich damit, die Griinde, die ich selber in meinen Buchern gegen 
Anthroposophie angefiihrt habe, abzuschreiben, und das als gegne- 
rische Schrift gegen die Anthroposophie zu verbreiten. Sie konnen 
also heute gegnerische Schriften finden, die Plagiate sind aus meinen 



Biichern, wo einfach dasjenige abgeschrieben wird, was ich sage. Es 
ist dem Gegner gerade durch diesen Umstand, daB der Anthroposoph 
selber dasjenige geltend machen muB, was man gegen ihn einwenden 
kann, heute die Arbeit eigentlich furchtbar leicht gemacht. 

Nun, ich sagte das alles aber nicht, um \etzt den Gegnern etwas am 
Zeuge zu flicken, sondern nur, um zu charakterisieren, wie man auf- 
steigen muB, um vom Buchstabieren des Lebens, in bezug auf die 
Willensimpulse, zum Lesen des Lebens zu kommen. Das Buchstabie- 
ren gibt dasjenige, was als Trieb, als, man mochte sagen animalisches 
Leben in Wunschen, Begierden, Leidenschaften heraufquillt und fur 
den Augenblick gilt. WeiB man das alles wie Buchstaben zu behandeln 
und zusammenzulesen, dann dringt man bis zu dem menschlichen 
Schicksal vor, bis zu dem einzelnen menschlichen Schicksal. Dieses 
menschliche Schicksal waltet auf dem Grunde des Lebens, und mit 
diesem Schicksal fiigt sich der Mensch in den fortlaufenden Gang der 
ganzen Menschheitsentwickelung ein. Und nur wenn man in dieser 
Weise das ganze Leben des einzelnen begreifen kann, kann man auch 
die menschliche Geschichte begreifen, die wir nun in den nachsten 
Tagen noch betrachten wollen, als das Leben der Erdenmenschheit in 
ihrem Schicksale vor und nach dem Mysterium von Golgatha und das 
Eingreifen des Mysteriums von Golgatha in die Menschheitsent- 
wickelung der Erde. Ich muBte aber einen Unterbau gewinnen und 
Ihnen zeigen, was im Menschen waltet, damk in der richtigen Weise 
gezeigt werden kann, wie die Gotter und wie das Mysterium von 
Golgatha in dem Menschen, in dem Gesamtmenschenschicksal walten. 

Davon sprechen wir dann morgen weiter. 



FUNFTER vortrag 



Kristiania (Oslo), 20. Mai 1923 



Man kann das Menschenwesen in der Gegenwart nicht voll beurteilen, 
wenn man nicht einen groBeren Abschnitt ins Auge faBt, durch den 
hindurch sich die Menschen entwickelt haben. Denn wir miissen 
doch bedenken - das geht aus den iibrigen Darstellungen der An- 
throposophie hervor, geht auch aus den Darstellungen hervor, die ich 
in diesen Tagen hier schon gegeben habe -, unsere Seelen machen 
wiederholte Erdenleben durch, zwischen denen immer das Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt liegt, so daB wir durch 
die verschiedensten Entwickelungsepochen der Menschheit mit unse- 
rer Seele da durchgegangen sind. Bedenkt man dieses, so muB man 
sich klar dariiber sein, daB man das Menschenwesen ganz nur erfassen 
kann, wenn man einen groBeren Zeitabschnitt beriicksichtigt, in dem 
unsere Seelen wiederholt durch das Erdenleben durchgegangen sind. 

Ich habe auch schon hier in Vortragen in Kristiania uber die aufein- 
anderfolgenden Entwickelungsperioden, wie sie dem Mysterium von 
Golgatha vorangegangen sind, wie sie auf dieses Mysterium von Gol- 
gatha folgen, gesprochen. Ich muB das heute wiederum von einem 
gewissen Gesichtspunkte her tun. Die Menschheit hat im Laufe ihrer 
Entwickelung groBe Veranderungen durchgemacht. Das beriicksich- 
tigt man gewohnlich viel zu wenig. Man denkt so leicht: Nun, der 
Mensch ist eben so und so, und wenn man in die Vergangenheit zu- 
riickschaut, so ist der Mensch im wesentlichen immer so gewesen. - 
Man weiB, es hat eine Griechenzeit gegeben, eine agyptische Zeit, es 
hat vorher andere Zeiten gegeben. Fur die Zeiten, von denen man in 
dieser Weise spricht, denkt man, das Menschenwesen ware eben immer 
ungefahr so gewesen wie heute. Man sieht hin auf Kulturentwicke- 
lungsimpulse, aber was die Hauptsache des Seelenlebens betrifft, so 
denkt man sich, wenigstens fur die historischen Zeiten, die Menschen 
seien immer so gewesen wie heute. Allerdings, dann macht man eine 
groBe lange Pause in der riickwartigen Betrachtung und kommt ge- 
wohnlich zu dem Stadium, das man heute mit einer gewissen Vor- 



Hebe beschreibt, zu dem Stadium, wo der Mensch affenartig gewesen 
sein soli. 

So wie man sich da die Menschenentwickelung vorstellt, war sie 
durchaus nicht. Urn zu begreifen, wie sie sich verandert hat, wollen 
wir uns einmal vergegenwartigen, daB in unserem Zeitalter fiir die 
ersten Lebensalter des Menschen eine verhaltnismaBig groBe Ab- 
hangigkeit zwischen dem Seelisch-Geistigen, das sich in uns ent- 
wickelt, und dem Physisch-Leiblichen besteht. 

Bedenken Sie nur einmal das erste Kindesalter bis zum Zahnwechsel 
hin und die grofie Veranderung, die jedem unbefangenen Beobach- 
tenden auf fallen muB, die ich auch hier ofters charakterisiert habe, die 
mit dem Menschen vorgeht, wenn er den Zahnwechsel durchmacht. 
Der Leib macht den Zahnwechsel durch, die ganze Seelenverfassung 
des Kindes wird eine andere. Dann wiederum ist eine Lebensepoche 
bis zur Geschlechtsreife. Wir wissen alle, daB mit der korperlichen 
Entwickelung in diesem Zeitalter auch die geistig-seelische in Ab- 
hangigkeit einhergeht. Und wir bemerken auch fur das spatere Le- 
bensalter bis in die Zwanzigerjahre hinein, wenn wir nur unbefangen 
genug dazu sind, die Abhangigkeit des seelisch-geistigen Wesens von 
dem Korperlichen, wenn auch heute in der Zeit der Jugendbewe- 
gung - wir sagen es ohne einen abtraglichen Ton - gerade bei der 
Jugend von dieser Abhangigkeit nicht mehr stark und gern gespro- 
chen wird. Man denkt natiirlich, man ist, wenn man so das sechzehnte, 
siebzehnte Lebensjahr erreicht hat, eben eine junge Dame, ein junger 
Mann, vollentwickelt, und wenn man dann besondere geistige Fahig- 
keiten sich zuschreibt, schreibt man mit einundzwanzig Jahren Feuille- 
tons. Aber jedenfalls, man mochte gern verwischen, daB fiir diese 
Lebensalter doch noch eine sehr starke Abhangigkeit des Seelisch- 
Geistigen vom Korperlichen vorhanden ist. Auf jeden Fall aber hort 
fiir den heutigen Menschen in einem gewissen Lebensalter diese Ab- 
hangigkeit doch mehr oder weniger auf. Der Mensch wird in den 
Zwanzigerjahren eben ein Erwachsener. Und dann fiihlt er sich nicht 
mehr in der Weise von dem Korperlichen abhangig, wie sich abhangig 
fiihlen miiBte, wenn es diese Zustande mit vollem BewuBtsein durch- 
machte, das Kind vom Zahnwechsel, vom Heranreifen des Zahn- 



wechsels, wiederum vom Heranreifen zur Geschlechtsreife und so 
weker. Es war noch ein Gefiihl in verhaltnismaBig nicht weit zuriick- 
liegenden Zeitaltern von diesem Heranreifen des Menschen vorhanden, 
indem man deutlich unterschieden hat, daft der Mensch anders be- 
handelt werden miisse, wenn er die sogenannte Lehrzeit durchmacht, 
die Gesellenzeit, und die Meisterzeit kam ja verhaltnismaBig erst 
ziemlich spat. 

Aber fur den heutigen Menschen, wie gesagt, stimmt das durchaus, 
daB er von einem gewissen Lebensalter ab in seinem Seelisch-Geistigen 
sich nicht mehr stark abhangig fiihlt von dem Korperlichen. GewiB, 
man merkt, wenn man ein gewisses stattliches Alter schon erreicht hat, 
daB man dann wiederum abhangig wird von dem Korperlichen. Man 
merkt ja, wenn die Beine nicht mehr recht wollen, wenn Runzeln auf- 
treten im Gesicht, wenn die Haare sich bleichen, daB da auch eine 
gewisse Abhangigkeit vom Korperlichen eintritt. Aber diesem schreibt 
man nicht einen wirklichen Parallelismus des Korperlichen und des 
Seelischen zu. Man fiihlt halt, daB der Korper in seinen Kraften nach- 
laBt, aber man fiihlt, daB man im Geistig-Seelischen eigentlich doch 
mehr oder weniger unabhangig bleibt und bleiben miisse auch in 
unserem Zeitalter von diesem Korperlich-Physischen. Das war aber 
nicht immer so, sondern wenn wir in friihere Zeitepochen der Mensch- 
heitsentwickelung zuriickgehen, dann finden wir, daB die Menschen 
bis in hohe Lebensalter hinauf so lebendig abhangig blieben von ihrem 
Korperlichen, wie heute das Kind vom Zahnwechsel, von der Ge- 
schlechtsreife abhangig ist in seinem Seelischen vom Korperlichen. 
Und wenn wir zuriickgehen bis in die erste Epoche, die wir nicht 
auBerlich historisch, aber geisteswissenschaftlich verfolgen konnen als 
die Epoche der Menschheitsentwickelung nach der groBen, gewaltigen 
atlantischen Katastrophe, durch die sich die Kontinente auf der Erde 
umgelagert haben, wenn wir in diese erste Epoche zuriickgehen, die 
ich in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» die urindische genannt 
habe, da fiihlte sich der Mensch, so wie das Kind vom Zahnwechsel, 
der Jiingling und die Jungfrau von der Geschlechtsreife abhangig vom 
Physisch-Leiblichen bis hinauf in das Lebensalter der Fiinfzigerjahre. 
Das heiBt, wie man die aufsteigende Wachstumsentwkkelung heute 



in der Kindheit miterlebt, so erlebte man die absteigende Entwicke- 
lung im Seelisch-Geistigen mit. Und geradeso in den Fiinfzigerjahren, 
da war es so, daB die Menschen, wenn sie in diesem Lebensalter an- 
kamen, innerlich zu etwas heranreiften dadurch, daB sie einfach alter 
geworden sind, wie man zu etwas heranreift heute, wenn man die 
Geschlechtsreife erlangt hat. Und es war dies das Zeitalter, sieben-, 
achttausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha, wo der Mensch 
erwartungsvoll sein ganzes Leben hindurch auf dieses Alterwerden 
hinbhckte, weil er sich sagte : Da offenbart sich mir einfach aus meiner 
korperlichen BeschafFenheit heraus etwas, was ich im fruheren Lebens- 
alter, bevor ich neunundvierzig, fiinfzig Jahre alt werde, einfach nicht 
erfahren kann. - Es ist das, was in jener Zivilisation vorhanden war, 
etwas, was fur den heutigen Menschen natiirlich furchtbar schockant 
ist. Man stelle sich nur heute einmal einen Menschen vor, der da doch 
ganz sicher glaubt, wenn er die Zwanziger jahre erreicht hat, ist er 
einfach ein gemachter Mensch. Man stelle sich vor, der soli nun war- 
ten, daB sich ihm einfach durch das Alter spater etwas enthullt, was 
man vorher nicht wissen kann, was man vorher nicht fiihlen und emp- 
finden kann! 

Durch die korperliche BeschafTenheit kam man namlich dahin, in 
den Fiinfzigerjahren schon etwas von dem zu fuhlen, was man eine 
Loslosung des physischen Leibes von dem Seelisch-Geistigen nennen 
konnte. Man fuhlte gewissermaBen immer mehr und mehr, wie sich 
das Leibliche naherte dem LeichnammaBigen. Man fuhlte in diesem 
Fremdwerden des physischen Leibes, in diesem Entgegengehen des 
physischen Leibes den Erdenelementen gegeniiber, man fuhlte das 
Freiwerden des Seelisch-Geistigen. Und gerade indem man den Leib 
dann wie ein Kleid fuhlte, empfand man das Verwandte des Leibes mit 
dem Erdigen, mit demjenigen, was einmal im Tode der Erde ange- 
horen wird. Man war gewissermaBen weniger erstaunt als heute, daB 
man den Leib einmal ablegen und den Erdenmachten iibergeben muB, 
weil man diesen ProzeB des Ablegens des Leibes langsam und all- 
mahlich durchmachte. Das klingt paradox, weil man sich vorstellt, 
daB es schrecklich ist, seinen physischen Leib wie einen werdenden 
Leichnam an sich zu tragen. Aber so war das eben nicht, daB man ihn 



nur fuhlte wie etwas, was unbequem ist, was gewissermaBen in eine 
Art von Faulnis iibergeht. Nein, man fuhlte ihn als eine selbstandige 
Hiille und Schale, die man aber durchaus trotz ihres Erdigwerdens 
lebenskraftig fuhlte, aber schalenhaft, hiillenhaft wurde fur diese 
Fiinfziger jahre der menschliche physische Leib. Dadurch aber erfuhr 
man etwas, einfach wegen dieser Beschaffenheit des Leibes, durch 
dieses Ahnlichwerden des Leibes mit dem Irdischen, was man heute 
nur durch abstrakte Wissenschaft erfahren kann. Man erfuhr zum 
Beispiel etwas iiber die innere Beschaffenheit der Metalle. Ein Mensch, 
der funfzig Jahre alt war, hatte einen Instinkt fur die Unterscheidung 
von Kupfer, Silber, Gold. Da fuhlte er dann das Ahnliche dieser Me- 
talle gegeniiber seinem erdigwerdenden Organismus. Er fuhlte anders 
gegeniiber einem Bergkristall als gegeniiber der Ackererde. Ein 
Mensch wurde weise in bezug auf die irdischen Verhaltnisse dadurch, 
daB er alt wurde. Das beeinfluBte die ganze Zivilisation. War man ein 
Kind, so sah man zu dem altgewordenen Menschen auf und sagte 
sich: Wenn ich so alt sein werde wie der, so werde ich weise sein; der 
ist weise. - Das begriindete eine tiefe Verehrung und eine ungeheure 
Achtung vor dem Alter. 

Jene Altersverehrung und Altersachtung war in diesen alten Zeiten 
der Menschheitsentwickelung bei einem gewissen Teile der Erde vor- 
handen, allerdings nicht auf dem Teil der Erde, wo dazumal die 
Menschen mit der zuriicklaufenden Stirne gelebt haben, die heute von 
den Anthropologen ausgegraben werden, wo aber die Menschen ge- 
lebt haben, die schon eine hohe Zivilisation gehabt haben. In diesen 
Gegenden der Erde war die ganze Zivilisation mit einer wunderbaren 
Altersverehrung und Altersachtung verbunden. Und wir mussen uns 
fragen : Woher kam denn das, daB der Mensch so etwas an sich durch- 
machte? - Ja, das kam davon, daB der Mensch gerade weniger in 
seinem physischen Leibe dazumal lebte, als er heute lebt. Heute kriecht 
der Mensch, wenn er zwanzig Jahre alt ist, in seinen physischen Leib 
hinein, oder ist schon ganz in seinen physischen Leib hineingekrochen, 
macht alle Erlebnisse dieses physischen Leibes mit. Daher fuhlt er sich 
identisch, eins mit seinem physischen Leibe. Womit man sich aber eins 
fuhlt, dessen Schicksal erlebt man mit. Weil in jenen alten Zeiten die 



Menschen sich viel selbstandiger in ihrem physischen Leibe fuhlten, ihr 
Denken viel bildhafter war, ihr Fiihlen wie ein innerliches Weben und 
Leben in Realitat war, deshalb war ihnen von vornherein der physische 
Leib etwas, in dem sie wie in einer Hulle steckten. Und diese Hiille 
verhartete sich gegen das Ende des Lebens zu in den Fiinfzigerjahren, 
und der Mensch fiihlte, indem dieser Leib mehr der AuBenwelt ge- 
maft sich entwickelte, wie dieser Leib nun ein Vermittler von Weis- 
heitsinhalten iiber die AuBenwelt wurde. 

Das war anders geworden, als die Menschheit dann, die zivilisierte 
Menschheit der damaligen Zeit, ubertrat in das nachste Kulturzeit- 
alter, das ich in meiner «Geheimwissenschaft» das urpersische ge- 
nannt habe. Da konnten die Menschen diese Abhangigkeit ihres physi- 
schen Leibes von dem Irdischen in den Fiinfzigerjahren nicht mehr 
empfinden. Aber dafiir empfanden sie noch in den Vierzigerjahren, 
vom etwa zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neun- 
undvierzigsten, funfzigsten Lebensjahre eine andere Beeinflussung 
durch das Alterwerden ihres physischen Leibes. Sie machten namlich 
in dieser Zeit in einer intensiven Weise den Jahreslauf mit. Sie fuhlten 
an ihrem Leibe Friihling, Sommer, Herbst und Winter. Ihr Leib be- 
kam ein sprieftendes, sprossendes Wesen im Friihling, Sommer, be- 
kam wiederum ein Wesen des Niederganges im Herbst und im Winter. 
Der Mensch lebte den Jahreslauf mit, die Luftanderungen. Und mit 
diesem Wahrnehmen der Luftanderungen, des Jahreslaufes war etwas 
anderes verbunden. Der Mensch fiihlte dadurch, wie sein Sprechen 
etwas wurde, was eigentlich nicht mehr ihm gehorte. So wie man in 
den Fiinfzigerjahren friiher gefuhlt hat, daB einem eigentlich der 
ganze physische Leib nicht mehr gehort, dafl er mehr oder weniger 
der Erde gehort, so fiihlte man in der urpersischen Zivilisations- 
epoche, wie der Leib eigentlich auch mit dem, dafi er die Sprache her- 
vorbringt, dem umliegenden Volke angehort, der Umgebung ange- 
hort. Der Angehorige der urindischen Kultur, wenn er fiinfzig Jahre 
alt geworden war, sagte gar nicht mehr: Ich gehe -, wenn er seine 
eigene Empfindung aussprach, sondern er sagte: Mein Leib geht. - 
Er sagte nicht : Ich gehe zur Tiire herein -, sondern er sagte : Mein 
Leib tragt mich zur Tiire herein. - Denn er empfand seinen Leib als 



etwas der AuBenwelt Verwandtes, der Erde Verwandtes. Und der 
Angehorige dieser persischen spateren Zivilisation im funften, sechs- 
ten Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, fuhlte, daB die 
Sprache sich selber spricht, daB sie etwas ist, was er mit seiner ganzen 
Umgebung gemein hat. Man lebte dazumal nicht so international, 
sondern viel mehr im Volksgefuge darinnen, iiber die ganze Erde 
himiber. Man fuhlte, wie einem die Sprache fremd wurde, wie ge- 
wissermaBen: Es spricht in einem - gesagt werden konnte, wenn 
man seine wirklichen Empfindungen ausdriickte. 

Und wirklich war es so, wenn die Leute die Vierziget jahre erreicht 
hatten, dann driickten sie in einem gewissen Sinne aus, ich mochte 
sagen, sehr respektvoll: Gottlich-geistige Machte sprechen durch 
mich. - Der Mensch fuhlt auch so, als ob ihm sein Atem selber nicht 
mehr angehort, als ob er ganz der Umgebung hingegeben ware. 
Und in den letzten DreiBigerjahren fuhlte man in einer solchen ahn- 
lichen Weise in der agyptisch-chaldaischen Kultur, die vom 3., 4. Jahr- 
tausend bis in das 8., 9. vorchristliche Jahrhundert reichte -, so ge- 
geniiber seinen Gedanken, gegemiber seinen Vorstellungen. Nur 
fuhlte man diese Vorstellungen, wenn das funfunddreiBigste Jahr 
herankam, wie wenn sie mit den Himmelsmachten, mit den Sternen- 
gangen verbunden waren. 

Wie der Urinder seinen Leib am Ende seines Lebens verbunden 
fuhlte mit der Erde, der Urperser seine Sprache, seinen Atem verbun- 
den fuhlte mit dem Jahreslauf, mit der Umgebung, so fuhlte der 
Angehorige der alteren agyptischen, der Angehorige der alten chal- 
daischen Kultur, wie sein Denken von dem Sternenlauf dirigiert 
wurde. Und in die Gedanken herein fuhlte er gottliche Sternen- 
machte spielen. 

Nun war es aber so, daB in der agyptisch-chaldaischen Kultur der 
Mensch bis so zu seinem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten 
Jahre diese Abhangigkeit seiner Gedanken von den Himmelsmachten 
fuhlte. Dann trat fur ihn nicht mehr etwas ein, was ihm neu war im 
menschlichen Lebenslauf. Das aber hatte auch schon der Urperser, 
daB er sein Denken wie von den Sternen ihm eingegeben fuhlte ; dazu 
bekam er in den Vierzigerjahren dann dieses Verhaltnis zur Sprache, 



das ich geschildert habe. Und ebenso hatte der Urinder vom fiinfund- 
dreiBigsten Jahre an das Verhaltnis zu den Sternenmachten. Daher 
war ihm die Astrologie etwas Seibstverstandliches. Er bekam nur 
dazu in den Vierzigerjahren die Abhangigkeit der Sprache von der 
Umgebung. Und er bekam dazu in den Funfzigerjahren das ganze 
Objektivwerden des physischen Leibes, das Schattenhaftwerden des 
physischen Leibes. Er gewohnte sich gewissermaBen an das Sterben, 
weil das Sterben schon in den Funfzigerjahren an ihn herantrat. Die 
Seele war nicht so verkmipft mit dem Leibe. Daher traten durch die 
auBeren Verhaltnisse diese Veranderungen mit dem Leibe ein. Und 
das wurde wieder die Seele gewahr, das nahm die Seele wahr, erlebte 
die Seele mit. Dadurch lebte sich der Mensch, indem er alter und 
alter wurde, immer mehr und mehr in die Welt hinein. 

Nun kam die griechisch-lateinische Zeit heran, die ja dauerte vom 
8. vorchristlichen Jahrhundert bis in das 15. nachchristliche Jahr- 
hundert hinein, denn da waren noch immer - in den Jahrhunderten 
vor dem 15. nachchristlichen Jahrhundert - die Nachklange der 
griechisch-lateinischen Kultur in den zivilisierten Gegenden. Da war 
das Zeitalter herangeruckt, wo der Mensch sich noch fuhlte - wir 
machen uns heute nach der landlaufigen Historie, die wir als eine voll- 
standig unzulangliche Historie in der Schule aufnehmen, von diesen 
Veranderungen in der Menschheitsentwickelung gar keinen Begriff - 
bis in die DreiBigerjahre hinauf abhangig von seinem physischen 
Leibe. Aber er fuhlte sich jetzt, wenn wir zum Beispiel zum alten 
Griechen zuriickschauen, nicht mehr abhangig von den Sternen, von 
dem Jahreslauf, nicht mehr abhangig von der Erde, aber er fuhlte sich 
ganz in seinem physischen Leibe noch darinnenstecken. Der Grieche 
fuhlte einen Einklang, eine Harmonie zwischen dem Seelisch-Geisti- 
gen und dem Physisch-Leiblichen, nur sonderte sich das Physisch- 
Leibliche nicht mehr von ihm ab. Da kam die Zeit heran, wo der 
Mensch so mit seinem physischen Leibe verbunden wurde, daB er 
nicht mehr dem physischen Leibe es iiberlieB, den Weltenlauf in seiner 
geistigen GesetzmaBigkeit mitzumachen, wo der Mensch ganz und 
gar mit seinem physischen Leibe verbunden war. Diese Zeit trat fur die 
Menschheit erst mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert ein. 



Das aber bewir kte einen groBen Umschwung in der ganzen Mensch- 
heitsentwickelung, insofern die zivilisierte Menschheit in Betracht 
kommt. Der Mensch fuhlte sich, wenn so die DreiBigerjahre heran- 
kamen, zwar eins mit seinem physischen Leibe, aber der physische 
Leib sonderte sich nicht mehr ab. Er fuhlte sich verbunden mit ihm. 
Der physische Leib verriet ihm keine Weltengeheimnisse mehr. Das 
hatte zur Folge, daB das Menschengeschlecht gerade in diesem Zeit- 
alter ein ganz neues Verhaltnis zum Tode gewann. In der Zeit, wo 
der Mensch gewissermaBen durch die Absonderung seines physischen 
Leibes sich auf das Sterben vorbereitete, war dieses Sterben fur ihn 
bloB eine Verwandlung im Leben, denn er lernte in den Fiinfziger- 
jahren das allmahliche Sterben kennen. Er empfand es als etwas, was 
gerade weisheitsvoll in das Weltenall sich hineinlebte. Er empfand den 
Tod als etwas, was ihn in die Welt hineinfuhrte, in die er sich schon 
hineingelebt hatte wahrend des Erdenlebens. Der Tod war etwas 
ganz anderes, als er es spater geworden ist. Man mochte sagen: 
Immer mehr und mehr trat an den Menschen das heran, daB das 
Seelisch-Geistige das Sterben mitmachte. 

Vergleichen Sie nur einmal die Griechenzeit mit der urindischen 
Zeit. Mit der urindischen Zeit machte sich der Leib selbstandig. Der 
Mensch wuBte : Ich bin noch etwas auBer meinem selbstandig schalen- 
haft gewordenen Leibe. - Er konnte gar nicht auf den Gedanken 
kommen, daB der Tod irgend etwas wie ein Ende sei im Leben. 
Diesen Gedanken gab es wahrend der urindischen Zeit gar nicht im 
Menschenleben der Erde. Nach und nach erst, und am starksten im 
8. vorchristlichen Jahrhundert, sagte sich der Mensch, er sagte es 
sich unbewuBt in der Empfindung, rationalistisch denken konnte er 
allerdings uber diese Dinge nicht, aber im Empfindungsleben, da war 
es vorhanden, daB er sich sagte: Mein Korper stirbt, aber ich bin ja 
mit meinem Seelisch-Geistigen eins mit meinem Leibe. - Er merkte 
keinen Unterschied mehr des Leiblichen vom Seelisch-Geistigen. 

Es kam iiber die Menschen der Gedanke, der in der ersten Zeit, als 
er auftrat, ich mochte sagen, aus dunklen Geistestiefen in der Mensch- 
heit im 9., im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha etwas 
Furchtbares hatte. Es kam der Gedanke an die Menschen heran: 



Konnte denn nicht meine Seele denselben Weg machen, namlich 
sterben, wie mein Leib stirbt? 

Dieser fur die urindische Epoche ganz unmogliche Gedanke, der 
kam immer mehr und mehr herauf, je mehr sich das letzte Jahr- 
tausend der Menschheitsentwickelung dem Mysterium von Golgatha 
naherte. Und aus dieser Stimmung ist so etwas hervorgegangen wie 
das beruhmte griechische Wort, das Wort der griechischen Helden: 
Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der 
Schatten. - Denn der Grieche fiihlte wenigstens, daB das Leben er- 
starkt, auch das seelische Leben erstarkt mit dem korperlichen Leben. 
Das war die Zeit, in der jene Menschheitsstimmung heranreifte, die 
in der richtigen Weise dem Mysterium von Golgatha entgegenwuchs. 
Denn woher riihrte denn jene Kraft in der Frischhaltung des Seelen- 
wesens, die den alten Menschen den Gedanken unmoglich machte, 
daB die Seele denselben Todesweg gehen konnte, den der Leib geht? 
Es machte diese Seelenfrische, diese Seelenunabhangigkeit in der 
Empfindung fur den Menschen das aus, daB der Mensch in jenen 
alten Zeiten wuBte, ich habe ein Leben gehabt, denn er schaute in 
dieses Leben hinein, das ein vorirdisches Leben war, das ich seelisch- 
geistig durchgemacht habe, bevor ich heruntergestiegen bin in die 
physische Erdenwelt. In dieser Welt, in der ich da oben war, war ich 
verbunden mit dem hohen Sonnenwesen. 

Und die alten Mysterien bildeten ihre Lehre dahingehend aus, daB 
der Mensch im vorirdischen Dasein mit dem Geiste der Sonne ver- 
bunden ist, wie im irdischen Leben der Leib des Menschen mit dem 
physischen Lichte der Sonne verbunden ist. Und die Mysterienlehrer 
sagten ihren Schulern, und diese sagten es wieder der iibrigen Mensch- 
heit - sie nannten das hohe Sonnenwesen noch nicht den Christus, 
aber es war der Christus, wir konnen daher heute dieses Wort ge- 
brauchen: Der Christus ist ein Wesen, das niemals zur Erde herunter- 
steigt. Aber ihr wart, bevor ihr auf die Erde heruntergestiegen seid, 
in der Gemeinschaft des Christus oben in den geistigen Welten im 
vorirdischen Dasein. Und die Kraft dieses Christus hat euch die 
Fahigkeit gegeben, unabhangig zu halten eure Seele von dem Leib- 
lichen. 



Diese instinktive Erinnerung an ein vorirdisches Dasein ging ver- 
loren, indem der Mensch sich immer mehr und mehr identisch mit 
seinem Leibe fiihlte. Und im Griechenzeitalter war fur den Erden- 
menschen eigentlich nur noch der Anblick des irdischen Lebens fur 
seine instinktiven BewuBtseinsmachte da. Der Grieche lebte gerade 
dadurch dieses harmonische Erdendasein, daB ihm der Ausblick in 
die Himmelswelten des Geistes entschwunden war. Der Grieche er- 
langte so viel in der Bezwingung des Sinnlich-Physischen, daB ihm 
das Geistige mehr oder weniger aus dem Lebenshorizonte verschwun- 
den war. Nicht mehr war da das BewuBtsein fur die Menschen der 
zivilisierten Gegenden: Wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind, 
in Gegenwart des hohen Sonnenwesens, das man spater den Christus 
nannte. - Dunkel war es, wenn man auf den vorgeburtlichen, auf den 
vorirdischen Zustand hinschaute. Und das Ratsel des Todes trat auf. 

Dasjenige, was nun geschah, miissen wir nicht bloB als eine Mensch- 
heitsangelegenheit betrachten, sondern wir miissen es als eine Gotter- 
angelegenheit betrachten. Die gottlich-geistigen Machte, die den 
Menschen auf die Erde herabgesendet haben, haben ihm die Impulse 
dieser Entwickelung gegeben, die ich eben geschildert habe. Denn da- 
durch, daB der Mensch immer mehr und mehr in bezug auf sein 
Geistig-Seelisches mit dem physischen Leibe zusammenwuchs, sozu- 
sagen sein Geistig-Seelisches identifizierte mit dem physischen Leibe, 
so daB das Ratsel des Todes auch fur das Geistig-Seelische herantrat, 
dadurch drohte fur die gottlich-geistigen Machte, die den Menschen 
auf die Erde heruntergeschickt haben, daB diesen Gottern der Mensch 
verlorengehen konne, daB er nach und nach auch seelisch mit seinem 
Leibe sterben konne. 

Aber der Mensch ware niemals ein freies Wesen geworden, ein un- 
abhangiges Wesen, wenn er nicht in seinen Korper hineingewachsen 
ware in diesen Zeiten. Frei konnte der Mensch in der Entwickelung 
nur dadurch werden, daB sich ihm der Blick nach dem Vorirdischen 
verdunkelte, daB er gewissermaBen ganz verlassen in dem Hause 
seines physischen Leibes einmal auf der Erde stehen konnte. Dadurch 
glanzte und leuchtete sein selbstandiges Ich auf. Denn das Auf leuchten 
dieses selbstandigen Ichs kann gerade dadurch kommen, daB man 



ganz und gar in seinen physischen Leib hineinwachst. Wenn man in 
geistig-seelische Welten hinaufwachst, dann tritt das Ich zuriick, dann 
geht man in das objektiv Geistig-Seelische auf. Ein freies Ich-Wesen 
konnte der Mensch nur werden, wenn ihm die Impulse der Gotter 
gegeben waren, zusammenzuwachsen immer mehr und mehr mit 
seinem physischen Leibe. Dann aber muBte das Ratsel des Todes ein- 
mal auftreten, weil der physische Leib dem Tode verfallen muBte. 
Wenn die Menschen nicht auf eine andere Weise den Ausblick er- 
halten hatten, dann ware iiber die Menschen auf der Erde die Uber- 
zeugung immer mehr und mehr gekommen: Wir sterben hin mit 
unserem physischen Leibe auch als Seeien. - Und wir waren heute 
allerdings schon angekommen, wenn nun nichts anderes eingetreten 
ware, wenn der geradlinige Fortlauf der Geschichte sich nur voll- 
zogen hatte, bei der allmenschlichen Oberzeugung, daB mit dem Leibe 
sich auch die Seele ins Grab legt. 

Da beschlossen die gottlich-geistigen Machte, das hohe Sonnen- 
wesen, den Christus, auf die Erde herunterzuschicken, damit die 
Menschen, die nicht mehr ein Wissen von ihrer Gemeinschaft mit 
dem Christus im vorirdischen Dasein hatten, ein BewuBtsein von ihrer 
Gemeinschaft mit dem Christus haben konnen, der nun auf die Erde 
zu ihnen heruntergestiegen ist und ihr Menschenschicksal in dem 
Leibe des Jesus von Nazareth auf Golgatha und in Palastina iiber- 
haupt mitgemacht hat. Der Gott stieg herunter auf die Erdenwelt in 
dem Augenblicke der weltgeschichtlichen Entwickelung der Mensch- 
heit, wo die Menschen ihr Zusammengehorigkeitsgefuhl fur das 
Sonnenwesen jenseits der Erdenwelt verloren hatten. 

Warum kam der Christus auf die Erde herunter? Weil die Menschen 
ihn jetzt auf Erden brauchten, wo sie ihr BewuBtsein zum volligen 
Ich-BewuBtsein durchgerungen hatten, wo sie auf der Erde erfahren 
muBten, daB es den Sieger iiber den Tod gibt, daB es den Sieger gibt, 
der sterben kann und wieder auferstehen. Dieses Mysterium muBte in 
der Geschichte vor die Menschen in dem Zeitalter hingestellt werden, 
in dem die Menschen nicht mehr in das vorirdische Dasein hinauf- 
schauen konnten, um da zu erschauen ihre Gemeinschaft mit dem 
Unsterblichkeitsgeber fur die Menschen, mit dem Christus. 



Es ist eine Gotterangelegenheit, daB der Christus von den jenseiti- 
gen Welten auf die Etde heruntergeschickt worden ist, nicht eine 
bloBe Menschheitsangelegenhek. Denn den Gottern ware das Men- 
schengeschlecht entsunken, wenn die Gotter nicht einen ihrer Hoch- 
sten auf die Erde heruntergeschickt hatten, um mit den Menschen, 
mit dem Menschenschicksal und -sein in die ganze Menschen- Welten- 
entwickelung ein gottliches Ereignis mitten unter die irdisch-mensch- 
lichen Ereignisse einzuweben. Man begreift das Ereignis von Golga- 
tha nicht, wenn man es bloB als ein menschliches Ereignis anschaut. 
Man begreift das Ereignis von Golgatha erst, wenn man es als eine 
Gotterangelegenheit mitbetrachten kann, wenn man sieht, wie da 
etwas, was vorher nur in den gottlichen Welten geschaut worden ist, 
nun in der irdischen Welt geschaut werden konnte. 

Sie werden vielleicht jetzt den Einwand erheben: Ja, aber es sind 
doch nicht alle Menschen Bekenner Christi geworden, und viele glau- 
ben nicht an den Christus. Sind die nun in der Lage, zu meinen, ihre 
Seele lege sich mit dem Leibe sterbend ins Grab? - So diirfen wir das 
Ereignis von Golgatha nicht auffassen. Fur alle die Jahrhunderte, die 
dem unsrigen vorangegangen sind, gilt es, daB der Christus in unendli- 
cher gnadenvoller Barmherzigkeit nicht nur fur diejenigen gestorben 
ist, die sich zu ihm bekennen, sondern fur alle Menschen der Erde. Die 
Erlosung von dem Ratsel des Todes ist durch Christus fiir alle Erden- 
menschen vollzogen worden. Das ist eine Angelegenheit, die zunachst 
mit dem menschlichen BewuBtsein nichts zu tun hatte. Es war nur 
natiirlich, daB sich Menschen fanden, die allmahlich die GroBe und 
Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auch in ihr BewuBtsein 
aufnahmen. Aber der Christus ist fiir die Chinesen, Japaner, Hindus 
ebenso gestorben und auferstanden wie fiir die Christen. 

Erst weil die Menschheitsentwickelung seit dem 15. Jahrhundert 
und jetzt immer mehr und mehr den Intellektualismus als ihre hochste 
Seelenkraft betrachten muB, weil der intellektualistische Impuls immer 
machtiger und machtiger gegen die Zukunft hin werden wird, sind 
wir jetzt in dem Zeitalter, in der Zeitepoche angekommen, wo es sich 
darum handeln wird, daB die Menschheit, weil es immer mehr und 
mehr auf ihr BewuBtsein ankommt, daB die Menschen uber die ganze 



Erde hin immer mehr und mehr begreifen lernen dasjenige, was mit 
dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Dazu allerdings wird es 
notwendig sein, daB eine Art und Weise der Erkenntnis des Myste- 
riums von Golgatha auftrete, die nun wirklich fur alle Menschen auch 
begreif lich sein kann. 

Die Art und Weise, wie das Christentum durch die bisherigen Jahr- 
hunderte sich entwickelt hat, hatte noch viel von der Eigentiimlichkeit 
der alten Volkerreligionen, der alten ethnischen Religionen. Sie hatte 
noch nicht das Universalistische, diese christliche Entwickelung. Und 
die Missionare, wenn sie ausgezogen sind zu andern Bekennern, 
wurden wenig verstanden oder gar nicht verstanden, weil sie von dem 
Christus sprachen wie von einem singularen Gotte, der Eigenschaften 
in ihrer Darstellung, in ihrer Charakteristik hatte, wie die alten Volks- 
gotter sie hatten. So hatte sich schlieBlich das Christentum auch aus- 
gebreitet. Sehen Sie hin, warum Konstantin, warum Chlodwig das 
Christentum angenommen haben? Weil sie glaubten, daB ihnen der 
Christengott mehr helfen kann, als ihnen ihre bisherigen Gotter ge- 
holfen haben. Sie tauschten gewissermaBen ihre bisherigen Gotter 
gegen den Christengott aus. Dadurch bekam der Christus viele Eigen- 
schaften der alten Volksgotter. Diese Eigenschaften haften dem Chri- 
stus durch die Jahrhunderte hindurch an. 

Aber auf diese Weise konnte das Christentum auch noch nicht die 
universalistische Religion werden, sondern es muBte das Christentum 
gerade immer mehr und mehr da2u kommen, ich mochte sagen, vor 
dem Intellektualismus zuriickzutreten. Und wir sehen manche theolo- 
gische Entwickelung gerade im 19. Jahrhundert, die gar nichts mehr 
von der ubersinnlichen Art des Christus-Ereignisses verstehen konnte, 
wo man nur noch sprechen wollte von dem Menschen Jesus, dem 
man allerdings zuschrieb, daB er als Mensch uber die iibrigen Men- 
schen hinausrage. Aber man wollte nunmehr von dem Menschen 
Jesus sprechen, nicht von dem Gotte Christus. Von dem Gotte 
Christus muB wiederum gesprochen werden konnen, weil dieser 
Christus in seinem Schicksale durch das Mysterium von Golgatha auf 
Erden fiir die Menschen dasjenige dargelebt hat, was er fruher fiir sie 
in Himmelshohen war, bevor sie auf die Erde herabgestiegen waren. 



Und so miissen wir sagen: Die alten Volksreligionen waren zu- 
nachst ortliche Religionen. - Sagen wir, es wurde gebetet zu dem 
Gott von Theben, es wurde gebetet zu dem Gott, der auf dem Olymp 
war. Es waren lokale Gotter da, man muBte in der Nahe des betreffen- 
den Ortes wohnen. Damit waren die alten Bekenntnisse von vorn- 
herein auf einen beschrankten Erdenkreis gebannt. Spater wurden an 
die Stelle der lokalen Gotter, die ihren Wohnsitz an einem bestimmten 
Orte hatten, diejenigen Gotter gesetzt, die mehr an die Personlichkeit 
der einzelnen Menschen, der fiihrenden Heroen der Volker gebunden 
waren. Aber immerhin war noch der Gott eines Volkes entweder der 
noch lebende Heros des Volkes oder die nachgebliebene Seele, die 
Ahnenseele des Volkes. Das religiose Bekenntnis hatte etwas Einge- 
schranktes. 

Mit dem Christentum war eine Erdenreligion entwickelt, welche als 
geistiges Element so fur die Erde ist, wie die Sonne als physisches 
Element fur die Erde ist. Das Klima von der Gegend in der Nahe von 
Olympia ist verschieden von dem Klima in der Nahe von Theben, das 
Klima in der Nahe von Theben ist verschieden von dem Klima in der 
Nahe von Bombay. Wenn sich das religiose Bekenntnis an die Lokali- 
tat anschmiegt, dann reicht es auch nicht uber die Lokalitat hinaus. 
Aber die Sonne verbreitet ihr Licht liber alle Lokalitaten der Erde, 
scheint alien Menschen als die gleiche Sonne. 

So war, als derjenige Gott Menschengestalt angenommen hatte, der 
seinen physischen Abglanz in der Sonne hat, dem Menschengeschlechte 
doch ein Gott gegeben, der fur alle Menschen der ganzen Erde als 
Gott gelten kann. Man muB nur die Moglichkeit finden, in das 
Wesen dieses Christus-Gottes einzudringen, dann wird man ihn dar- 
stellen konnen als den Gott, der fur die ganze Erdenmenschheit gilt. 
Wir sind in der anthroposophischen Lehre erst im Anfange. Wir 
stammeln gewissermaBen heute erst Anthroposophie. Aber Anthro- 
posophie wird sich immer weiter und weiter entwickeln, und ein Teil 
ihrer Entwickelung wird darinnen bestehen, daB sie Worte iiber die 
Darstellung des Mysteriums von Golgatha finden wird, mit denen sie zu 
den Hindus, zu den Chinesen, in alle Gebiete der Erde gehen kann, und 
das Mysterium von Golgatha so verstandlich machen konnen wird, daB 



der Hindu, der Chinese, der Japaner nicht mehr dasjenige zuriickweisen 
werden, was ihnen iiber das Mysterium von Golgatha gesagt wird. 

Dazu ist aber aller dings notwendig, daB dasjenige, was christliche 
Tradition ist, in vollem Sinne ernst genommen werde. Durch die Jahr- 
hunderte hindurch band man sich mehr oder weniger an das Evan- 
geliumwort. Man studierte die alten Biicher und man studierte auch 
so, wie man sie verstand. Hier soli gewiB nichts gegen die Gultigkeit 
der Evangelien gesagt werden. Wir haben in unseren Zyklen iiber 
jedes der Evangelien eine besondere anthroposophische Interpreta- 
tion, wo versucht wird, in den Sinn, in den tieferen Sinn der Evange- 
lien einzudringen. Aber dennoch muB gesagt werden: Warum wird 
denn gewohnlich das Wort am Ende des einen Evangeliums so wenig 
ernst genommen, das da heiBt: «Ich hatte euch noch viel zu sagen, 
allein ihr konnet es jetzt noch nicht verstehen»? Und warum wird 
denn das andere Wort des Evangeliums so wenig ernst genommen: 
«Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten» ? Denn der 
Christus hat wahr gesprochen. Er hatte den Menschen nicht nur das- 
jenige zu sagen, was in den Evangelien aufgezeichnet ist. In den Evan- 
gelien ist vom Christus- Wort dasjenige aufgezeichnet, wofiir die Men- 
schen der damaligen Zeit, einzelne Menschen wenigstens reif waren. 
Aber reifer und immer reifer muBte die Menschheit in der Erdenent- 
wickelung werden. Der Christus blieb vom Mysterium von Golgatha 
an als der lebendige Christus, nicht als der tote Christus unter den 
Menschen. Und er ist da. Lernen wir seine Sprache kennen, dann 
werden wir auch wissen konnen, daB er da ist, daB sein Wort wahr ist: 
«Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und seine 
Sprache, seine Geistsprache mochte sprechen gerade anthroposophi- 
sche Weltanschauung. Anthroposophische Weltanschauung mochte 
iiber die Natur, mochte iiber ein jegliches Wesen der Erde, mochte 
iiber den Sternenhimmel und die Sonne so sprechen, daB in dieser 
Sprache auch das Mysterium von Golgatha verstandlich und der 
Christus als der immerwahrend Daseiende empfunden werden kann. 

Wir diirfen auch dasjenige, was wir aus der geistigen Welt mit Hilfe 
derjenigen Macht, die durch das Mysterium von Golgatha vom Him- 
mel auf die Erde herabgestiegen ist, gewinnen, nach dem Mysterium 



von Golgatha als das Wort Christi ansehen. Wir diirfen das Wort des 
Paulus wahrmachen : «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Ja, der 
Christus in mir als Mensch, wenn wir als Menschen sprechen von den 
geistigen Welten. Denn heute sind wir bereits in ein Zeitalter einge- 
treten, wo wir nicht einmal mehr wie die Griechen uns noch mit 
unserem physischen Leibe eins fuhlen, aber diesen physischen Leib 
deutlich als einen harmonisch selbstandigen fuhlen. Heute dringen 
wir noch fruher als im Griechenzeitalter in die Untergriinde unseres 
physischen Leibes hinein, trennen uns dadurch von dem Spirituellen 
unserer Umgebung, konnen uns nur vertiefen, wenn wir die Verbin- 
dung mit dem Gotte suchen, der aus den Himmeln zu den Menschen 
herabgestiegen ist, konnen uns nur mit dem Gotte, der den Erdenort 
betreten hat, verbunden fuhlen, weil die Menschen nicht mehr in 
ihrem physischen Dasein mit ihrem gewohnlichen BewuBtsein den 
Himmelsort unmittelbar betreten konnen. Wenn wir den Christus 
finden, das heiBt, wenn wir uns eroffnen die geistige Welt, dann 
finden wir auch wiederum den Zugang zu der ubersinnlichen Welt, 
aber jetzt nicht durch den physischen Leib, wie das in alten Zeiten der 
Fall war, sondern durch die erhohte Kraft der Seele. Und diese be- 
kommen wir jetzt, wo der Parallelismus zwischen der leiblichen und 
seelischen Entwickelung in die Zwanzigerjahre nur hinaufgeht - 
spater wird er noch weniger weit hinaufgehen -, dadurch, daB wir 
uns mit der Erkenntnis eines ubersinnlichen Ereignisses durchdringen, 
namlich des Mysteriums von Golgatha mitten unter sinnlichen Ereig- 
nissen der Erdenentwickelung. Alles ging auf Erden sinnlich zu. Nur 
im Mysterium von Golgatha mischte sich unter die Erdenereignisse 
ein Obersinnliches. Das kann nur durch eine ubersinnliche Erkenntnis 
auch begriffen werden. So bekommen wir als Menschen in der Seele 
durch unsere Verbindung mit dem Christus die starke Kraft, ein Ver- 
haltnis zu der ubersinnlichen Welt zu gewinnen, was die Menschen 
fruher dadurch gewannen, daB sie noch mit ihrem physischen Leibe 
so verbunden waren, daB der Leib ihnen schaienartig werden konnte, 
daB sie noch vor dem physischen Tode das Herannahen dieses Todes 
verspiirten und dadurch zusammenwuchsen mit dem Geiste, der in 
der Umgebung enthalten ist. 



Wir miissen seelisch das erreichen, was auf eine mehr durch den 
Leib vermittelte Art in den alteren Zeiten erreicht worden ist. Wenn 
wir auch noch so sehr bewundern dasjenige, was iibrigens nicht aus 
der urindischen Zeit auf uns gekommen ist, sondern was spater ge- 
blieben ist aus dieser urindischen Zeit in der Herrlichkeit der Veden, 
der GroBartigkeit der Vedantaphilosophie, in dem Glanzvollen der 
Bhagavad Gita, so miissen wir wissen, das konnte in jenen alten Zei- 
ten nur dadurch errungen werden, daB der Mensch in dieser Weise, 
indem er ins Alter hineinwuchs, von seinem Leibe etwa
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