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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN DER
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Menschenwesen
Menschenschicksal und
Welt-Entwickelung
Sieben Vortrage,
gehalten in Kristiania (Oslo)
vom 16. bis 21. Mai 1923
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Edwin Frobose
1. Auflage Dornach 1926
2. Auflage Freiburg i. Br. 1954
3. Auflage, um den Vortrag Kristiania, 17. Mai 1923
erweitert und erneut mit den Nachschriften verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1966
4., durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Einzelausgaben des Vortr^gs Kristiania, 17. Mai 1923;
«Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthroposophie.
Vitaesophia. Betrachtungen aus der Lebensweisheit»
Dornach 1930
«Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthroposophie»
Dornach 1956, 1979
Bibliographie-Nr. 226
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-2260-2
"Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Kristiania (Oslo), 16. Mai 1923
t)ber die Wesensglieder des Menschen, insbesondere uber den
Astralleib und das Ich in der Zeit zwischen Einschlafen und Auf-
wachen und im Durchgange durch die geistige Welt zwischen Tod
und neuer Geburt. Das Kosmoswerden des Menschen und das
Menschwerden des Kosmos
Zweiter Vortrag, 17. Mai 1923
Das Leben nach dem Tode im Mondenbereich und im Sonnen-
bereich. Der Geistleib der Seele. Der Leib des Menschen, ein
«Tempel der Gotter». Die Bildung eines neuen Erdendaseins.
Gehen, Sprechen und Denken : Abbilder gottlich-geistigen Lebens
Dritter Vortrag, 18. Mai 1923
Die verschiedenartigen Zeit- und Raumesverhaltnisse fur den phy-
sischen und den Atherleib und fur den asttalischen Leib und das
Ich. Die Christus-Hilfe als Vermittlerin der moralischen Welten-
ordnung im Schlafe des Menschen. Die Wirksamkeit der dritten
Hierarchie im Gehenlernen, Sprechenlernen und Denkenlernen des
Kindes
Vierter Vortrag, 19. Mai 1923
Die dreigliedrige menschliche Seele. Wollen und Denken in ihrem
Verhaltnisse zum Vergangenheits- und Zukunftsschicksal des Men-
schen. Der Unterschied zwischen gewohnlicher Wissenschaft und
Geisteswissenschaft
Funfter Vortrag, 20. Mai 1923
Veranderungen des Menschenwesens in der Menschheitsentwicke-
lung von dem urindischen bis zum gegenwartigen Kulturzeitalter.
Die Christus-Tat und das Todesratsel in der Menschheitsentwicke-
lung. Das Himmelfahrtsfest und das Pfingstmysterium
Sechster Vortrag, 21. Mai 1923
Jahreslauf, Jahresfeste und ihre Beziehung zum Menschen. Die
Notwendigkeit eines Michael-Festes als Korrelat zum Auferste-
hungs-Osterfeste
Vortrag, 17. Mai 1923, nachmittags . 122
anlaBlich der Begnindung der Norwegischen Landesgesellschaft.
Das Mysterium von Golgatha tritt an die Stelle des alten Mysterien-
Sonnenmythus. Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthropo-
sophie. Das Christus-Mysterium
Hinweise 135
Namenregister 139
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 141
liber sicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1 43
ERSTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 16. Mai 1923
Die herzlichen Worte von Herrn Inger '6 mochte ich damit erwidern,
daB ich Ihnen die Versicherung gebe, daB es mir die tiefste Befriedi-
gung gewahrt, auch wieder in solchen internen Vortragen zu Ihnen
ausfuhrlicher von anthroposophischen Angelegenheiten sprechen zu
konnen. Es ist ja so, daB es mir gerade gegonnt war, hier in Norwegen
in Zyklen einschneidende anthroposophische Wahrheiten wiederholt
entwickeln zu diirfen. Hier durfte ich auch jenen Zyklus sprechen,
der immer wiederum vor meiner Seele steht, iiber die europaischen
Volksseelen, und hier durfte manches andere iiber anthroposophische
Dinge gesprochen werden. Hervorgerufen ist das durch die beson-
deren Verhaltnisse, die dadurch gegeben sind, daB gerade Norwegen
gewissermaBen, wie ich das bei fruheren Gelegenheiten immer wieder
charakterisieren durfte, an einem bemerkenswerten Punkte der euro-
paischen Zivilisationsentwickelung liegt, und daB die Zukunft von
Europa gerade von Norwegen wird sehr viel zu erwarten haben.
Nun darf ich aber wohl in diese Worte tiefster Befriedigung auch
hier ein anderes Wort hineinstellen. Das ist das, daB, wenn ich jetzt,
meine lieben Freunde, zu den alten anthroposophischen Freunden
iiber Anthroposophie spreche, wirklich immer im Hintergrunde steht
das traurige Ereignis der Siivesternacht von 1922 auf 1923. Es haben
auch viele unserer norwegischen Freunde das Goetheanum gesehen,
ja, es haben norwegische Freunde hingebungsvoll wahrend der zehn
Jahre - wahrend wir gearbeitet haben - an diesem Goetheanum
mitgearbeitet. Und endlich darf ich mit innigster Befriedigung des
Umstandes gedenken, daB es gerade norwegische Freunde waren,
welche in ausgiebigster Weise ihre materielle Hilfe uns haben ange-
deihen lassen gerade in der Zeit, wo wir sie zum Auf bau des uns nun
leider genommenen Goetheanum am notwendigsten brauchten. Die
opferwillige Betatigung norwegischer Freunde in dieser Beziehung
wird tief eingegraben sein in die Geschichte des Goetheanum, denn
geistig bleibt doch dasjenige mit der Geschichte der anthroposophi-
schen Entwickelung verbunden, was in dieses Goetheanum hinein-
gebaut war. Und diejenigen, die so groBe Opfer gebracht haben, wie
einzelne unserer norwegischen Freunde, werden damit auch in
geistiger Weise sich etwas - wir diirfen sagen - Bedeutsames ein-
getragen haben in die Annalen der spirituellen Entwickelungsge-
schichte, welche mit dem Goetheanum verkniipft ist.
Im Hintergrunde, mochte ich sagen, steht die furchtbare Flamme,
welche wir in der Silvesternacht haben unser Goetheanum verzehren
sehen, in einer Nacht dasjenige, was in langer Arbeit errungen worden
ist. Und es kann nur hinwegtrosten iiber dieses furchtbare, schmerz-
liche Ereignis die Tatsache, daB in Anthroposophie selber etwas ge-
geben ist, was aus unzerstorbarem Quell heraus ist, so daB es sich in
der Entwickelung der Menschheit durchringen muB, auch wenn zu-
nachst dieses auBere Denkmal und Symbolum vom Erdboden ver-
schwunden ist und wohl auch unter gunstigsten Verhaltnissen nur in
notdiirftiger Weise wird wiederaufgebaut werden konnen. Es ist also
in gewissem Sinne ein Ton der Wehmut, der jetzt unsere Betrach-
tungen durchdringen muB, indem wir unsere Empfindungen nach
diesem schmerzlichen Ereignisse hinsenden mussen.
Nun mochte ich im Verlaufe dieses kurzen Zyklus einiges von dem
vorbringen, was im intensivsten Sinne mit dem Wesen des Menschen
zusammenhangt, mit der Schicksalsbildung des Menschen und mit
dem, was man nennen kann: Verhaltnis des ganzen Menschen zur
Weltentwickelung. Und ich will gleich, ich mochte sagen, in die Mitte
der Sache hinein mich begeben und darauf aufmerksam machen, daB
mit der ganzen wesenhaften Entwickelung des Menschen auch aus
dem Bereiche des Erdenlebens nicht nur dasjenige zusammenhangt,
was wir beobachten, indem wir an diesem Erdenleben mit unserem
gewohnlichen wachen BewuBtsein teilnehmen, sondern daB mit dem
Wesen des Menschen ganz intensiv und innig dasjenige zusammen-
hangt, was sich fur diesen Menschen wahrend des Schlafzustandes
vom Einschlafen bis zum Aufwachen abspielt.
Fur die auBere Erdenkultur und Erdenzivilisation ist gewiB in
erster Linie wichtig und bedeutungsvoll dasjenige, was der Mensch
aus seinem wachen Wesen heraus zu denken, zu fuhlen, zu vollbringen
in der Lage ist. Aber der Mensch wurde gar nichts in auBerer Be-
ziehung vermogen, wenn er nicht fortwahrend 2wischen dem Ein-
schlafen und Aufwachen aus der geistigen Welt heraus seine mensch-
lichen Krafte erneuert bekame. Unser geistig-seelisches Wesen oder,
wie wir gewohnt worden sind auf anthroposophischem Boden zu
sagen, unser astralischer Leib und unser Ich, gehen immer beim Ein-
schlafen aus dem physischen Leibe und dem atherischen Leibe heraus,
sie gehen in die geistige Welt hinein und dringen erst wiederum in
den physischen und in den Atherleib beim Aufwachen ein, so daB wir
bei normalen Lebensverhaltnissen ein Drittel unseres Erdendaseins
in diesem Schlafzustande verbringen.
Wenn wir zuriickschauen im Erdendasein, kniipfen wir immer Tag
an Tag, lassen in einer solchen bewuBten Riickschau dasjenige aus,
was wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen durchmachen.
Wir iiberschlagen gewissermaBen dasjenige, was uns, wenn ich mich
so ausdriicken darf, in unser Erdenleben herein die Himmel, die gott-
lichen Welten geben. Und wir nehmen bei einer solchen Riickschau
des gewohnlichen BewuBtseins nur Riicksicht auf dasjenige, was uns
die physischen Erdenerlebnisse geben. Aber wenn man sich wirkliche,
richtige Vorstellungen verschaffen will iiber dasjenige, was wir zwi-
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchleben, dann muB
man sich schon herbeilassen, solche Ideen sich zu bilden, die etwas
von den Ideen des gewohnlichen Lebens abweichen. Denn es ware
naiv, wenn man glauben wollte, daB es in den gottlich-geistigen
Welten ebenso zugehe wie in den physisch-sinnlichen Welten, in denen
wir zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen sind. Wir gehen
mit dem Einschlafen in die geistigen Welten zuriick, und in den
geistigen Welten ist es anders als in der physisch-sinnlichen Welt.
Darauf muB man wirklich mit aller Intensitat Riicksicht nehmen, wenn
man sich Vorstellungen iiber die iibersinnlichen Schicksale des Men-
schen bilden will.
In den religiosen Urkunden der Menschheit finden sich gar manche
merkwiirdige Andeutungen, die man erst versteht, wenn man eigent-
lich dieselben Dinge, die in den religiosen Urkunden gemeint sind,
wiederum geisteswissenschaftlich durchdringt So findet sich eine
merkwiirdige Stelle in der Bibel, die Sie ja alle kennen, die aber ge-
wohnlich nicht geniigend beriicksichtigt wird, die Stelle : «So ihr nicht
werdet wie die Kindlein, konnet ihr nicht in die Reiche der Himmel
eintreten.» Man legt solche Stellen oftmals recht trivial aus, sie sind
aber eigentlich immer auBerordentlich tief gemeint. Dann mochte ich
Sie noch auf etwas aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht schon auf-
gefallen ist im Laufe Ihrer, sagen wir anthroposophischen Lauf bahn.
Diejenige Wissenschaft, aus der heraus geschopft wird die Er-
kenntnis iiber das Geistig-Obersinnliche, habe ich ofter auch wie
andere Initiationswissenschaft genannt. Von Initiationswissenschaft
redet man, wenn man den Blick zuriickwendet in dasjenige, was in den
alten Mysterien der Menschheit getrieben worden ist. Von Initiations-
wissenschaft, von moderner Initiationswissenschaft redet man aber
auch wiederum, wenn man von Anthroposophie in einem tieferen
Sinn reden will. Initiationswissenschaft deutet gewissermaBen hin auf
die Erkenntnis von Anfangszustanden, von Ursprungszustanden.
Man will eine Erkenntnis gewinnen iiber dasjenige, was im Anfange
ist, was die Ausgangspunkte gebildet hat. Auch das deutet auf etwas
Tieferes hin, was uns heute einmal vor die Seele treten soli.
Wir denken uns, wenn wir, sagen wir, am 16. Mai 1923 abends
einschlafen, wir hatten im Schlafzustande bis zum 17. Mai 1923 die
Zeit durchgemacht, die jemand auch durchmacht, der, sagen wir,
wach bleibt und auf dem Pflaster der Stadt die ganze Nacht spazieren-
geht. Wir stellen uns ungefahr so vor, daB unser Geistig-Seelisches,
unser Ich und unser astralischer Leib, die Nacht durchmacht, nur in
einem etwas andern Zustande, wie ein Nachtschwarmer, der in den
StraBen von Kristiania herumgeht, diese Nacht durchmacht.
Das ist aber nicht so, sondern wenn wir abends einschlafen, oder
auch bei Tag einschlafen - das macht keinen Unterschied, aber ich
will nur vom nachtlichen Schlaf zunachst sprechen, den der anstan-
dige Mensch durchmacht -, so gehen wir jedesmal in der Zeit bis in
denjenigen Abschnitt unseres Lebens zuriick, der ganz im Anfange
unseres Erdendaseins liegt, ja wir gehen sogar noch jenseits unseres
Erdendaseins zuriick bis in das vorirdische Leben. In dieselbe Welt
gehen wir zuriick, aus der wir heruntergestiegen sind, als wir durch
die Konzeption, durch die Empfangnis einen Erdenleib bekommen
haben. Wir bleiben gar nicht in demselben Zeitpunkte, in dem wir
wachend sind, sondern wir machen den ganzen Gang durch die Zeit
zuriick. Wir sind im Momente des Einschlafens in demselben Zeit-
punkte, in dem wir waren, als wir, wenn ich mich so ausdriicken darf,
von den Himmeln auf die Erde heruntergestiegen sind. Also wir sind
gar nicht, nachdem wir eingeschlafen sind, am 16. Mai 1923, sondern
wir sind in dem Zeitpunkte, in dem wir waren, bevor wir herunter-
gestiegen sind, und noch in der Zeit, an die wir uns nicht mehr er-
innern, weil wir uns nur bis zu einem gewissen Punkte unserer Kind-
heit zuriickerinnern. Wir werden jede Nacht geistig-seelisch wiederum
Kinder, wenn wir in den richtigen Schlaf hineinkommen. Und so, wie
man hier in der physischen Welt einen Weg im Raume macht, der zwei,
drei Meilen lang ist, so machen Sie, wenn Sie zwanzig Jahre alt ge-
worden sind, einen Weg durch die Zeit, der zwanzig Jahre dauert,
und gehen zuriick in Ihren Zustand eigentlich noch, bevor Sie Kind
waren, also, sagen wir, wie Sie angefangen haben, Mensch zu sein.
Sie gehen zum Ausgangspunkte Ihres Erdenlebens in der Zeit zuriick.
Also wahrend der physische Leib im Bette liegt und der Atherleib,
sind gar nicht das Ich und der astralische Leib in demselben Zeitpunkte,
sondern sind zuriickgegangen in der Zeit, sind in einem friiheren Zeit-
punkte. Nun entsteht die Frage: Wenn wir so jede Nacht zuriick-
gehen bis zu diesem friiheren Zeitpunkte, wie ist es denn dann, wah-
rend wir wachen mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib?
Diese Frage entsteht erst, wenn wir wissen, daB wir in der Nacht
zuriickgehen. Aber dieses Zuriickgehen ist eigentlich auch nur etwas
Scheinbares, denn in Wirklichkeit sind wir mit dem Ich und dem
astralischen Leibe auch wahrend des Tagwachens nicht herausge-
kommen aus dem Zustande, in dem wir im vorirdischen Dasein waren.
Sie sehen, wir miissen uns Ideen aneignen, wenn wir die Wahrheit
iiber diese Dinge erkennen wollen, die nicht gewohnliche Ideen sind.
Wir miissen uns die Idee aneignen, daB Ich und astralischer Leib
iiberhaupt unsere Erdenentwickelung zunachst gar nicht mitmachen.
Sie bleiben im Grunde zuriick, bleiben stehen, wo wir sind, wenn wir
uns anschicken, einen physischen und einen Atherleib zu bekommen.
Also auch im Wachen ist unser Ich und unser astralischef Leib im
Momente des Anfanges unseres Erdenlebens. Wir durchleben das
Erdenleben eigentiich nur mit dem physischen Leib und auf eine
eigentiimliche Weise mit dem Atherleib. Richtig durchleben wir das
Erdenleben im Raume und in der gewohnlichen Zeit nur mit unserem
physischen Leibe. Alt wird nur unser physischer Leib, und der Ather-
leib verbindet den Anfang mit demjenigen Punkte, in dem wir gerade
in irgendeiner Lebensperiode stehen.
Nehmen wir also an, irgend jemand ist geboren worden 1900. Er
ist heute dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Ich und sein astralischer Leib
sind im Grunde genommen in dem Zeitpunkte von 1900 stehenge-
blieben. Der physische Leib ist dreiundzwanzig Jahre alt geworden,
und der Atherleib verbindet den Zeitpunkt des Eintrittes ins Erden-
leben mit dem Zeitpunkte, in dem der BetrerTende gegenwartig ist, so
daB wir, wenn wir den Atherleib nicht hatten, jeden Morgen wiederum
aufwachen wiirden als ganz kleines Kind, das eben zur Welt kommt.
Nur dadurch, daB wir in den Atherleib hineingehen, bevor wir in den
physischen Leib hineingehen, passen wir uns an das Alter des physi-
schen Leibes an. Wir miissen uns jeden Morgen erst an das Alter des
physischen Leibes anpassen. Der Atherleib ist der Vermittler zwischen
dem Geistig-Seelischen und dem physischen Leibe, und zwar so, daB
er das Band iiber die Jahre hin bildet. Wenn einer schon sechzig Jahre
alt geworden ist oder noch alter, so bildet der atherische Leib das
Band zwischen seinem allerersten Auftreten auf der Erde, bei dem er
stehengeblieben ist als Ich und als astralischer Leib, und zwischen dem
Alter seines physischen Leibes.
Nun werden Sie sagen: Aber wir haben doch unser Ich. Unser Ich
ist mit uns alt geworden. Unser astralischer Leib, unser Denken,
Fiihlen und Wollen sind auch mit uns alt geworden. Wenn einer
sechzig Jahre alt geworden ist, so ist doch sein Ich auch sechzig Jahre
alt geworden. - Wenn wir in dem Ich, von dem wir taglich reden, unser
wahres, unser wirkliches Ich vor uns hatten, dann ware der Einwand
berechtigt. Aber wir haben in dem Ich, von dem wir taglich reden, gar
nicht unser wirkliches Ich vor uns, sondern unser wirkliches Ich steht
am Ausgangspunkte unseres Erdenlebens. Unser physischer Leib wird,
sagen wir sechzig Jahre alt. Er spiegelt zunick, indem durch den
Atherleib die Spiegelung vermittelt wird, immer von dem betreffen-
den Zeitpunkt, in dem der physische Leib lebt, das Spiegelbild des
wahren Ichs. Dieses Spiegelbild des wahren Ichs, das wir in jedem
Augenblicke von unserem physischen Leibe zuriickbekommen, das
in Wahrheit von etwas herriihrt, das gar nicht ins Erdendasein mitge-
gangen ist, sehen wir. Und dieses Spiegelbild nennen wir unser Ich.
Dieses Spiegelbild wird naturlich alter, denn es wird dadurch alter,
daB der Spiegelapparat, der physische Leib, allmahlich nicht mehr so
frisch ist, wie er im fruhen Kindesalter war, dann zuletzt klapperig
wird und so weiter. Aber daB das Ich, das eigentlich nur das Spiegel-
bild des wahren Ichs ist, sich auch als alt zeigt, kommt nur davon, daB
der Spiegelungsapparat nicht mehr so gut ist, wenn wir mit dem
physischen Leibe alt geworden sind. Und der Atherleib ist das, was
sich nun von der Gegenwart immer so hindehnt, wie perspektivisch,
nach unserem wahien Ich und nach unserem astralischen Leib, die
gar nicht in die physische Welt heruntergehen.
Deshalb sehen wir, wie ich das in den offendichen Vortragen jetzt
schilderte, dieses ganze Tableau des Atherleibes oder Zeitleibes. Das
ist dasjenige, was sich da atherisch ausbreitet zwischen unserem gegen-
wartigen Augenblick, den nur der physische Leib mitmacht, und
unserem Ich, das eigentlich niemals der physischen Erdenwelt voll-
standig angehort, sondern immer zuriickbleibt, wenn wir uns so aus-
driicken diirfen, in den Himmelswelten. Es verflieBt im Grunde ge-
nommen unser Erdenleben so, daB wir mit unserem wahren Ich und
mit unserem astralischen Leib bei unserem Erdenanfange stehenblei-
ben, daB wir eigentlich durch diese beiden Glieder unseres Menschen-
wesens das Erdenleben initiieren, den Anfang dadurch machen, und
daB wir dann durch den Atherleib immer die Kraftereihe sehen bis
zum physischen Leibe, der in der richtigen Weise alter wird. Das ist
die richtige, die wahre Vorstellung, welche man haben muB, wenn
man in diese Dinge eindringen will.
Nun konnen Sie sich denken, daB, indem wahrend des Lebens diese
Tatsachen vorliegen, die Verhaltnisse im Momente des menschlichen
Sterbens ganz besondere sein mussen. Den physischen Leib legen wir
zunachst mit dem Tode ab. Der physische Leib ist aber derjenige, der
uns eigentlich unser Erdenalter gegeben hat. Indem wir diesen physi-
schen Leib ablegen, was bleibt uns denn zunachst? Es bleibt uns zu-
nachst dasjenige, was wir nicht in das Erdenleben hereingetragen
haben. Aber erfiillt mit alien Erfahrungen des Erdenlebens haben sich
das Ich und der astralische Leib, sie sind gewissermaBen am Ausgangs-
punkte stehengeblieben. Aber sie haben immer hingesehen auf das-
jenige, was ihnen der physische Leib mit Hilfe des Atherleibes zuriick-
gespiegelt hat. Und so stehen wir, wenn wir durch die Pforte des Todes
gehen, am Ausgangspunkte unseres Lebens, aber erfiillt nicht mit
demjenigen, was wir in uns getragen haben, als wir hinuntergestiegen
sind aus der geistigen Welt, sondern erfiillt mit demjenigen, was uns
immer als Spiegel des Erdenlebens wahrend des Erdenlebens zuriick-
gekommen ist. Mit dem sind wir ganz erfiillt. Das gibt einen beson-
deren BewuBtseinszustand am Ende des Erdenlebens.
Diesen besonderen BewuBtseinszustand am Ende des Erdenlebens,
den versteht man dann, wenn man nun das Augenmerk richtet auf
dasjenige, was man als Mensch jede Nacht im Schlafzustande durch-
macht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Kiirzer wird es auch
durchgemacht, sagen wir bei kleinen Nachmittagsschlafchen und der-
gleichen, doch die will ich jetzt nicht berucksichtigen.
Wenn man mit imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis
ausgeriistet auf dasjenige hinschauen kann, was sonst unbewuBt bleibt,
was sich mit dem Menschen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen
vollzieht, dann sieht man, wie jede Nacht der Mensch sein tagwachen-
des Leben zuriicklebt. Ja, es ist so, der Mensch lebt jede Nacht sein
tagwachendes Leben zuriick, der eine schneller, der andere langsamer,
man kann es in fiinf Minuten, man kann es in einer Minute zuriick-
leben. Bei diesen Dingen spielen ganz andere Zeitverhaltnisse eine
Rolle als im gewohnlichen auBeren Leben des Erdendaseins. Aber
nehmen wir die gewohnliche Nacht, so kann man auf dasjenige mit
imaginativer Erkenntnis, mit inspirierter Erkenntnis blicken, was da
Ich und astralischer Leib durchleben. Da durchleben sie in der Tat
riickwartslaufend dasjenige, was seit dem letzten Aufwachen in der
physischen Welt durchgemacht worden ist. Jede Nacht durchleben
wir den Tag, aber in riickwartiger Ordnung. Jede Nacht durchleben
wir dasjenige, was wir zuletzt am Abend gemacht und erfahren haben,
dann das etwas Friihere, dann das noch etwas Friihere, dann das weiter
etwas fruher Zuriickliegende. In riickwartiger Folge machen wir in
der Nacht die Tageserlebnisse durch, und in der Regel wachen wir
dann auf, wenn wir beim Morgen angekommen sind.
Sie konnen einwenden: Ja, mancher wird doch aufgeweckt durch
dieses oder jenes Gerausch. - Da sind eben die Zeitverhaltnisse
anders. Denken Sie sich, man legt sich als anstandiger Mensch, sagen
wir um elf Uhr ins Bett, schlaft jet2t ruhig bis um drei Uhr, hat da
dasjenige durchlebt, was man wahrend des Tagwachens bis um zehn
Uhr morgens erlebte, in riickwartiger Folge zuruckerlebt, dann wird
man durch irgendeinen Tumult aufgeweckt. Den Rest lebt man noch
schnell durch, das kann in wenigen Augenblicken sein wahrend des
Aufwachens. Der Rest wird immer schnell ausgelebt in solchen Fallen,
sonst dehnt er sich iiber Stunden aus. Aber die Zeitverhaltnisse sind
wahrend des Schlafens anders. Die Zeit kann ganz zusammengescho-
ben werden, so daB man doch sagen kann : Wahrend jeder Schlafens-
periode durchlebt der Mensch riickwartslaufend dasjenige, was er
wahrend der letzten Wachensperiode durchgemacht hat. Er erlebt es
in einer Art von nicht bloBer Anschauung, sondern er erlebt es so,
daB sich nun in dieses Erleben eine vollstandig moralische Beurteilung
desjenigen hineinmischt, was man da durchlebt hat. Man wird sozu-
sagen sein eigener moralischer Richter bei diesem ruckwartigen Durch-
leben. Und wenn man fertig ist beim Aufwachen mit diesem Durch-
leben, dann hat man gewissermaBen iiber sich als Mensch ein Wert-
urteil gefallt. Man taxiert sich als einen so und so wertigen Menschen
jeden Morgen beim Aufwachen, nachdem man dasjenige durchlebt
hat, riickwartslaufend, was man bei Tag vollbrachthat. Damit schildere
ich Ihnen zugleich dasjenige, was unbewuBt das Geistig-Seelische des
Menschen jede Nacht - das heiBt aber in einem Drittel des Erden-
lebens, wenn es normal verlauft - durchmacht, nur unbewuBt eben.
Die Seele durchlebt das Leben in umgekehrter Folge noch einmal, nur
etwas schneller, weil wir etwa ein Drittel unseres gesamten Erden-
lebens nur verschlafen.
Wenn nun der Moment kommt, wo der Mensch durch die Pforte
des Todes tritt, trennt sich nach und nach - es dauert ja einige Tage -,
nachdem der physische Leib abgelegt ist, das, was ich Atherleib oder
Bildekrafteleib in meinen Schriften genannt habe, von dem Ich und
von dem astralischen Leibe. Diese Trennung ist so, daB der Mensch
fiihlt, indem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wie seine
Gedanken, die er bisher nur als etwas angesehen hat, was in ihm selber
ist, Realitaten sind, Wirklichkeiten, die sich immer mehr ausbreiten.
Der Mensch hat das Gefiihl zwei, drei, vier Tage nach dem Tode : Du
bestehst eigentlich aus Gedanken, aber diese Gedanken gehen aus-
einander. - Der Mensch wird als Gedankenwesen immer groBer und
groBer, und endlich lost sich das ganze Gedankenwesen des Menschen
in den Kosmos auf. Aber in demselben MaBe, in dem sich das Ge-
dankenwesen, das heiBt der Atherleib, in den Kosmos auflost, kon-
zentriert sich jetzt dasjenige, was auf andere Weise erlebt worden ist
als durch das gewohnliche BewuBtsein.
Eigentlich ist alles das, was wir im Wachzustande gedacht haben,
was wir im wachen Zustande vorgestellt haben, drei Tage nach dem
Tode verflogen. Das ist schon so. Vor dieser Tatsache muB man die
Augen nicht zudriicken. Dasjenige, was der Inhalt des bewuBten
Erdenlebens ist, ist drei Tage nach dem Tode verflogen. Aber gerade,
indem sich dasjenige, was uns so wichtig ist, so wesentlich wahrend
des Erdenlebens ist, in drei Tagen verfluchtigt, steigt aus dem Inneren
eine Erinnerung an etwas auf, was vorher gar nicht da war, namlich
die Erinnerung an all dasjenige, was wir immer in den Nachten schla-
fend zwischen Einschlafen und Aufwachen rucklaufig durchgemacht
haben. Das tagwache Leben verfliegt, und in demselben MaBe steigt
aus unserem Inneren heraus die Summe der Erlebnisse, die wir wah-
rend der Nacht durchgemacht haben. Es sind ja auch die Tageserleb-
nisse, aber in umgekehrter Folge und mit dem moralischen Gefiihl in
jedem einzelnen Detail verwoben.
Nun erinnern Sie sich, wir stehen noch immer mit dem wirkiichen
Ich, mit dem wirkiichen astralischen Leibe im Anfange des Lebens,
aber dasjenige, was wir als Spiegelbilder mit dem physischen Leibe
bekommen haben, wenn wir noch so alt geworden sind, das fliegt mit
dem Atherleib fort. Dasjenige, was wir wahrend des Erdenlebens gar
nicht angeschaut haben, die nachtlichen Erfahrungen, treten jetzt als
ein neuer Inhalt auf. Dahef fiihlen wir uns nach den drei Tagen, nach-
dem der Atherleib fortgegangen ist, erst recht wie am Ende unseres
Erdenlebens. Wenn wir also sterben, sagen wir am 16. Mai 1923, so
fiihlen wir dadurch, daB jetzt wie aus nachtlichem Dunkel all die nacht-
lichen Erlebnisse auf leben, uns an das Ende unseres Erdenlebens hin-
getragen, aber zugleich mit der Tendenz zuriickzugehen. Und nun
durchleben wir die Zeit, die wir immer durchschlafen haben, Nacht
fur Nacht zuriick. Das macht ungefahr ein Drittel des Erdenlebens aus.
Die verschiedenen Religionen schildern es als Fegefeuer oder Kama-
loka und so weiter. Wir durchleben unser Erdenleben so, wie wir es
unbewuBt immer in den Nachtzustanden durchlebt haben, bis wir
richtig mit unserem Erleben im Ausgangspunkte des Erdenlebens
angekommen sind. Wir miissen wiederum zuruckkommen zum An-
fange unseres Erdenlebens. Das Rad des Lebens muB sich drehen und
muB wiederum zu seinem Ausgangspunkte zuruckkommen. So sind
die Vorgange. Drei Tage nach dem Tode haben wir verfliegend die
Tageserlebnisse. Ein Drittel unserer irdischen Lebenszeit haben wir
riickwarts durchlaufend, eine Zeit, wo wir uns nun eigentlich iiber
unseren Wert als Mensch ganz bewuBt klarwerden. Denn dasjenige,
was wir unbewuBt jede Nacht durchgemacht haben, tritt jetzt bei
vollem BewuBtsein auf, nachdem wir den Atherleib abgelegt haben.
Im gewohnlichen Leben kann man sich nur vorstellen, daB man
Wege macht, die im Raume liegen. Aber der Raum hat keine Bedeu-
tung fur das Geistig-Seelische, der Raum hat nur eine Bedeutung fur
das Physisch-Sinnliche. Und wir miissen uns vorstellen, daB wir, wenn
wir im geistig-seelischen Zustande sind, auch in der Zeit Wege ma-
chen, daB wir also dasjenige, was wir, ich mochte sagen, als Davon-
laufer aus den Himmeln mit dem physischen Leibe abgegangen sind,
nach dem Tode wiederum zuriickgehen miissen. Allerdings, wir gehen
es dreimal so schnell zuriick, weil es sich durch die Erlebnisse aus-
gleicht, die wir wahrend der nachtlichen Schlafzustande gehabt haben.
So sind wir - Jahrzehnte vielleicht nach unserem Tode - wiederum
zum Ausgangspunkte zuruckgekommen, aber bereichert jetzt in
unserer Seele mit alledem, was wir als Erdenmenschen durchgemacht
haben, nicht nur bereichert mit dem, was uns da als eine Erinnerung
bleibt. Trotzdem es mit dem Atherleib fortgegangen ist, bleibt es uns
als eine Erinnerung, nicht nur mit dem bereichert, was wir im Erden-
bewuBtsein durchgemacht haben, sondern auch mit dem bereichert,
was wir aus der vollmenschlichen Wesenheit heraus unbewuBt wah-
rend der Schlafzustande iiber unseren Menschenwert selber urteilen.
So Ziehen wir, je nachdem wir gelebt haben, nach langerer oder kiir-
zerer Zeit, nach Jahrzehnten etwa in die Geistwelt ein, aus der wir
herausgeschritten sind, aber nur mit dem BewuBtsein herausgeschrit-
ten sind. Eigentlich sind wir am Ausgangspunkte stehengeblieben
und haben gewartet, bis sich uns die Erdenlaufbahn des physischen
Leibes als erfullt erweist und wir wiederum zuriickkehren konnen zu
demjenigen, was wir vor der Geburt beziehungsweise vor der Emp-
fangnis waren.
Man muB, wenn man diese Dinge schildert, zuerst, namentlich vor
der OrTentlichkeit, sie so schildern, daB man nicht gleich die Leute
mit diesen ganz anders gearteten Begriffen schockiert. Man kann, ich
mochte sagen, bildlich die Sache so schildern, als wenn es eigentlich
fortginge nach dem Tode. Aber in Wahrheit ist es ein Zuriickgehen,
ein Zuriickleben nach dem Tode. Es dreht sich in der Tat die Zeit,
kommt wiederum zu ihrem Ausgangspunkte zuruck. Man konnte
sagen: Die gottliche Welt bleibt eigentlich an dem Orte stehen, an
dem sie vom Anfange an stand. - Der Mensch macht nur seine Aus-
laufe, seine Ausgange aus der Gotterwelt. Dann kehrt er wiederum in
sie zuruck und bringt sich dasjenige, was er sich auBerhalb dieser
Gotterwelt erobert hat, in diese Gotterwelt wiederum zuruck.
Nun kommt das Leben, das sich dann anschlieBt. Wenn wir sozu-
sagen wiederum, aber bereichert jetzt um das Erdenleben - nicht
nur um das bewuBte, sondern auch um das unbewuBte Erdenleben -
zuruckgekommen sind, Kindlein geworden sind, um nun als Kindlein
wiederum drinnenzustehen in den Reichen der Himmel, schlieBt sich
dann dasjenige Leben an, das man etwa so schildern konnte, daB man
sagt: Der Mensch nimmt jetzt wahr, wie er ist. Geradeso wie er hier
zwischen Pflanzen, Steinen, Tieren auf der Erde mit seinem gewohn-
lichen ErdenbewuBtsein ist, so nimmt der Mensch dann in der Zeit, bei
der wif jetzt angekommen sind, wahr. - Ich schildere das nachtod-
liche Leben. Dann nimmt der Mensch wahr, wie er erstens unter den
Menschenseelen ist, die nun nicht auf Erden erleben, sondern in den
Himmeln erleben, die also gestorben oder noch nicht geboren sind,
aber er nimmt auch wahr zwischen den hoheren Hierarchien Angeloi,
Archangeloi, Archai, Exusiai und so weiter. Sie kennen die Namen und
die Bedeutung der Namen aus meiner «Geheimwissenschaft im Um-
riB ». Der Mensch bekommt Erfahrungen in dieser rein geistigen Welt.
Wenn ich diese Erfahrungen charakterisieren soil, so muB ich das so
tun: Es ist, als ob der Mensch sein eigenes Wesen in den Kosmos nun
hineintriige. Das, was er wahrend des Tagwachens, wahrend des
nachtlichen unbewuBten Erdenlebens durchgemacht hat, tragt er in
den Kosmos hinein, das braucht der Kosmos.
Wir stehen hier als Menschen im Erdenleben, beurteilend dasjenige,
was uns als Kosmos umgibt, Sonne und Mond und Sterne, nur vom
irdischen Gesichtspunkte aus. Wir rechnen da als Astronomen aus,
wie sich die Sterne bewegen, wie sich die Planeten bewegen, wie sie
an den Fixsternen voriibergehen und dergleichen. Aber, sehen Sie,
mit diesem ganzen astronomisch-wissenschaftlichen Verhalten ist es
eigentlich so, wie wenn hier ein Mensch stiinde und ein ganz kleines,
winziges Wesen diesen Menschen beobachten wiirde, diesen physi-
schen Menschen meine ich. Ein kleines, winziges Wesen, sagen wir,
ein Marienkaferchen wiirde eine Wissenschaft griinden und wiirde
einen gegeniiber dem Marienkaferchen riesigen Menschen beobach-
ten, wiirde beobachten, wie der zum Leben kommt. Ich nehme an,
daB das Marienkaferchen auch eine gewisse Lebenszeit hat. Es wiirde
also beobachten, was da mit diesem Menschen geschieht, wiirde dann
seine Untersuchungen machen nach vorne und nach hinten, aber es
wiirde nicht beachten, daB der Mensch iBt und trinkt, also immer
wieder und wieder sein Wesen, sein physisches Wesen erneuern muB,
wiirde glauben, daB dieser Mensch geboren werden kann, von selbst
wachst und wiederum von selbst stirbt. Es wiirde gar nicht beachten,
wie da von Tag zu Tag immer die Erneuerung des Stoffwechsels vor
sich gehen muB.
So ungefahr benimmt sich der Mensch als Astronom gegeniiber der
Welt. Er achtet gar nicht darauf, daB diese Welt ein gewaltiger Geist-
organismus ist, der Nahrung braucht, sonst waren die Sterne langst
im Weltenraum nach alien Richtungen zerstreut worden. Die Planeten
waren ihre Bahn gegangen. Dieser Riesenorganismus braucht Nah-
rung, dasjenige, was er immer wiederum und wiederum aufnehmen
muB, damit er richtig fortbestehen kann. Und woher kommt diese
Nahrung?
Hier ergeben sich die groBen Fragen des Zusammenhanges zwischen
dem Menschen und zwischen dem Weltenall. Die irdische Wissen-
schaft ist so furchtbar richtig, so daB sie alles beweisen kann. Nur
sagen eigentlich die Beweise nicht viel. Es glauben die Menschen,
wenn sie Anthroposophie hdren und diese der gewohnlichen Wissen-
schaft in vielen Dingen widerspricht, daB diese gewohnliche Wissen-
schaft alles beweisen kann. Das kann sie auch. Das leugnet auch die
Anthroposophie nicht. Sie kann alles beweisen. Die Dinge sind nam-
lich so, daB Beweise fur die Wirklichkeit in gewissen Fallen gar nichts
besagen konnen.
Denken Sie sich einmal, ich berechne, wie sich das Herz des Men-
schen von einem Jahre zum andern in seiner physischen Struktur
andert. Nehmen wir an, das konnte beobachtet werden und wir sagen :
Ein Mensch, der im dreiunddreiBigsten Lebensjahre angekommen ist,
bei dem ist die physische Struktur des Herzens so, im vierunddreiBig-
sten Jahre so, im fiinfunddreiBigsten Jahre so und so weiter. Ich
beobachte durch funf Jahre und rechne jetzt aus, wie diese physische
Struktur des Herzens, sagen wir, dreiBig Jahre friiher war. Das kann
ich ausrechnen. Da ergibt sich mir eine physische Struktur des Her-
zens. Ich kann auch ausrechnen, wie sie dreihundert Jahre spater oder
dreihundert Jahre friiher ist. Es liegt nur die Kleinigkeit vor, daB vor
dreihundert Jahren das Herz noch nicht da war, daB also der ausge-
rechnete Zustand nicht existiert hat. Richtig errechnet ist er. Beweisen
kann man, daB vor dreihundert Jahren das Herz so und so beschaffen
war, nur war es noch nicht da. Beweisen kann man, daB nach drei-
hundert Jahren das Herz so und so beschaffen sein wird, nur wird es
nicht mehr da sein. Die Beweise sind unumganglich richtig.
So kann man es aber heute mit der Geologie machen. Man kann
berechnen, wie durch eine gewisse Schichte der Erde sich das und das
ergeben hat. Dann kann man ausrechnen, wie das vor zwanzig Mil-
lionen Jahren war oder nach zwanzig Millionen Jahren sein wird. Der
Beweis klappt furchtbar gut, nur war die Erde noch nicht da vor
zwanzig Millionen Jahren. Die Veranderung konnte sich ebenso nicht
vollziehen wie mit dem Herzen. Und ebenso wird die Erde nicht mehr
da sein nach zwanzig Millionen Jahren. Die Beweise sind absolut
tadellos, aber die Wirklichkeit hat gar nichts mit diesen Beweisen zu
tun. Sie sehen, wie die Dinge liegen. Die Dinge liegen so, daB die
Tauschungsmoglichkeit aus dem physischen Leben die denkbar groBte
ist. Man muB schon etwas in das geistige Leben eindringen konnen,
wenn man einen Standpunkt gewinnen will, um die physische Welt
beurteilen zu konnen.
Nun gehen wir zu demjenigen zuruck, was ich nur durch diese
Ausfiihrung von den Beweisen erlautern wollte, welche die Wirklich-
keit gar nicht trerTen, zu dem zuruck, wie der Mensch sich nun, nach-
detn er in dem Zeitpunkte nach dem Tode angekommen ist, den ich
charakterisiert habe, in die Welt der geistigen Tatsachen, geistigen
Wesenheiten hineinlebt. Er bringt dasjenige in diese geistige Welt
hinein, was er hier auf Erden im Wach- und im Schlafzustande durch-
gemacht hat.
Das ist die Nahrung des Kosmos, das ist dasjenige, was der Kosmos
fortwahrend braucht, damit er fortbestehen kann. Was wir Menschen
auf Erden in leichten und in harten Schicksalen erleben, das tragen
wir einige Zeit nach dem Tode in den Kosmos hinein, und wir fiihlen
daher als die Ernahrung unser menschlich.es Wesen in den Kosmos
aufgehen. Das sind Erfahrungen, die der Mensch zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt von gewaltiger GroBe, von ungeheurer Er-
habenheit macht . . .
Dann tritt derjenige Zeitpunkt ein, wo der Mensch sich nicht mehr
als eine Einheit erscheint, sondern wo gewissermaBen der Mensch
sich als eine Vielheit erscheint, wo der Mensch sich so erscheint, daB
die eine Tugend, die eine Eigenschaft gewissermaBen nach dem einen
Stern hin sich bewegt, die andere nach dem andern Stern, wo der
Mensch sein Wesen in die ganze Welt verteilt wahrnimmt, und wo er
zugleich wahrnimmt, wie die Teile seines Wesens miteinander streiten,
miteinander harmonisieren oder disharmonisieren. Der Mensch fiihlt,
wie dasjenige, was er auf der Erde erlebt hat taglich oder nachtlich,
sich in den ganzen Kosmos verteilt. Und geradeso wie wahrend der
drei Tage nach dem Tode, wo die Gedanken fortgeflogen sind, also
alles dasjenige, was unser Tagesleben war, fortgeflogen ist, und wir
uns auf dasjenige konzentrieren, was die nachtlichen Erlebnisse waren,
und da bis zum Ausgangspunkte unseres Erdenlebens zuriickleben,
wie wir uns da festhalten mit den nachtlichen Erlebnissen, so halten
wir uns, wenn nun die gesamte Menschheitserfahrung in den Kosmos
hinausfliegt, fest in demselben, was wir iiberhaupt als Menschen einer
ubersinnlichen Weltenordnung sind.
Jetzt taucht unser wahres Ich aus unserem zerspaltenen, ich mochte
sagen aus unserem dionysisch-zerspaltenen Menschen auf. Da taucht
nach und nach das BewuBtsein auf: Du bist ja Geist. Du hast nur in
einem physischen Leib gewohnt, hast nur dasjenige durchgemacht,
was der physische Leib iiber dich gebracht hat, auch in den nachtlichen
Erlebnissen. Du bist ja Geist unter Geistern.
Man tritt jetzt ein in ein geistiges Dasein unter geistigen Wesen-
heiten, wahrend man dasjenige, was man als Erdenmensch war, zer-
spalten und zerteilt sieht in den ganzen Kosmos. Was wir auf Erden
hier durchmachen, wird in den Kosmos hinaus zerteilt, daB es dem
Kosmos Nahrung werden kann, daft der Kosmos weiterbestehen
kann, daB der Kosmos neue Antriebe zu seinen Sternenbewegungen
und Sternenbestanden erhalten kann. Wie wir unserem Leben die
Erdennahrung zufiihren rmissen, damit wir als physische Menschen
zwischen der Geburt und dem Tode leben konnen, so muB der Kos-
mos von Menschenerfahrungen leben, diese in sich aufnehmen. Und
wir gelangen auf diese Weise dazu, uns immer mehr und mehr als
kosmischer Mensch zu fuhlen, gewissermaBen unser ganzes Menschen-
wesen in den Kosmos iibergehend zu finden, aber in den geistigen
Kosmos iibergehend zu finden. Und der Zeitpunkt ist angelangt, wo
wir den Obergang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt suchen
mussen, von dem Kosmoswerden des Menschen zum Menschwerden
des Kosmos. Wir sind aufgestiegen, indem wir uns immer kosmischer
und kosmischer fiihlen. Ein Zeitpunkt kommt - ich habe ihn in
meinen Mysterien genannt die groBe Mitternachtsstunde des Da-
seins wo wir fiihlen: Wir rmissen wieder Mensch werden. Das-
jenige, was wir in den Kosmos hinaustragen, muB uns in anderer Ge-
stalt der Kosmos wieder zuriickgeben, damit wir wiederum zur Erde
zuruckkehren konnen. Von dieser Ruckkehr darf ich Ihnen dann
morgen sagen.
Ich wollte Ihnen heute zunachst nur das Menschenwesen schil-
dern, wie es hinausgetragen wird aus dem Erdenleben in die kosmi-
schen Weiten. Wir stehen also jetzt sozusagen zunachst mit einer
skizzenhaften Schilderung - sie soil in den nachsten Tagen ausfuhr-
licher gegeben werden - mitten drinnen in dem Leben zwischen dem
Tode und einer neuen Menschengeburt.
ZWEITER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 17. Mai 1923
Gestern habe ich versucht, ein Bild von den Zustanden zu geben, die
der Mensch durchlebt, indem er durch die Pforte des Todes durchgeht
und in der geistigen Welt ankommt. Wir wollen uns noch einmal kurz
die wesentlichsten Etappen vor die Seele rufen. Zunachst erlebt der
Mensch, nachdem er unmittelbar durch die Pforte des Todes hindurch-
gegangen ist, das Fortgehen seiner Vorstellungswelt. Die Vorstel-
lungen, die Denkkrafte, werden gegenstandlich, werden wie wirksame
Krafte, die in die Welt hinaus sich verbreiten, so dafi der Mensch von
sich fortgehen fiihlt zunachst alles dasjenige, was er an Erlebnissen
bewuBt durchgemacht hat im Erdenleben zwischen Geburt und Tod.
Aber wahrend - und das ist etwas, was in wenigen Tagen verlauft -
das gedankenmaBig erlebte Erdenleben sich vom Menschen in den
weiten Kosmos hinaus entfernt, erhebt sich aus dem Inneren heraus
ein BewuBtsein von alledem, was der Mensch in den Schlafzustanden
wahrend des Erdenlebens unbewuBt durchgemacht hat. Und das ge-
staltet sich so, daB der Mensch nunmehr zuriickgehend in einem
Drittel der Zeit sein Erdenleben erlebt.
Wahrend dieser Zeit ist der Mensch eigentlich sehr stark mit sich
selbst beschaftigt. Man konnte sagen: Der Mensch hangt wahrend
dieser Zeit durchaus noch intensiv mit seinen eigenen Angelegenhei-
ten des Erdenlebens zusammen. Er ist ganz verwoben mit demjenigen,
was er, sagen wir wahrend der verschiedenen Nachte, also in seinen
Schlafzustanden durchgemacht hat.
Sie konnen ermessen, wie da der Mensch, da er eigentlich immer
seine nachtlichen Erlebnisse durchmacht, auf sich selbst zuriickge-
wiesen ist. Beachten Sie nur das einzige, was wahrend des Erden-
lebens aus den Schlafzustanden heraufspielt, die Traume. Diese Traume
sind das allerwenigste von dem, was der Mensch im Schlafe erlebt.
Aber das andere bleibt eben unbewuBt. Die Traume nur spielen be-
wuBt herauf. Aber diese Traume, so interessant, so mannigfaltig, von
so buntem Farbenreichtum sie auch sind, man muB doch sagen, sie
stellen etwas dar, womit der Mensch ganz allein auf sich angewiesen
ist. Denken Sie nur einmal, wenn eine Anzahl von Menschen in dem-
selben Raume schlaft, so kann doch jeder seine eigenen Traume haben.
Und wenn die Menschen dann sich ihre Traume erzahlen, Menschen,
die in demselben Raume geschlafen haben, so werden sie sich etwas
erzahlen, wie wenn sie in ganz verschiedenen Welten gewesen waren.
Der Mensch ist wahrend des Schlafes ganz mit sich allein; er hat seine
eigene Welt im Schlafe. Und erst dadurch, daB wir unseren Willen in
unseren Organismus einschalten, haben wir dieselbe Welt in dem-
selben Raum mit den andern Menschen zusammen. Wiirden wir
immer schlafen, so hatten wir jeder unsere eigene Welt.
Aber diese eigene Welt, die wir jede Nacht zwischen dem Ein-
schlafen und Aufwachen durchleben, ist die Welt, die wir in einer Zeit,
die ein Drittel unseres Lebenslaufes umfaBt, riickwarts in den Jahren
nach dem Tode durchleben. Allerdings, wenn wir nichts weiter hatten
als diese Welt, so waren wir durch zwei oder drei Jahrzehnte, wenn
wir alte Leute geworden sind, nach dem Tode ganz allein mit uns
selbst beschaftigt. Das ist aber nicht der Fall. Wir hangen durch das-
jenige, was wir da als unsere eigenen Angelegenheiten durchmachen,
doch mit der ganzen Welt zusammen, weil in diese Welt, die wir jeder
fur sich durchmachen, die Verhaltnisse zu ja zahlreichen andern Men-
schen hereinspielen, zu all denjenigen Menschen, mit denen wir im
Leben irgendwie zusammengekommen sind.
Und so kommt es, weil wir von diesem Zustande in der Seelenwelt
nach dem Tode herunterschauen auch auf alles dasjenige, was Men-
schen hier auf Erden durchleben, mit denen wir irgendwie in Bezie-
hung gestanden haben, daB wir mit ihnen durchleben dasjenige, was
sich auf der Erdenwelt abspielt. Man kann daher, wenn man versucht,
mit den Mitteln, welche die Geisteswissenschaft nach dieser Richtung
zur Verfiigung stellt, an Verstorbene heranzukommen - das kann
man -, schon durchaus wahrnehmen, wie diese Verstorbenen gleich
vom Anfange ihres Todeserlebnisses an intensiv durch die andern
Menschen, mit denen sie hier auf Erden gelebt haben und die noch
auf Erden da sind, alle Erdenereignisse doch miterleben konnen. Und
so kann man flnden, daB Menschen, je nachdem sie diese oder jene
Interessen gehabt haben, die sie mit Menschen gemeinsam besprochen
haben, die sie mit Menschen gemeinsam in einem Schicksal durchlebt
haben, mit all diesen Erdeninteressen verbunden bleiben, sich interes-
sieren fur diese Erdeninteressen, ja sogar, weil der physische Leib kein
Hindernis mehr bildet, iiber diese Erdenerlebnisse ein viel lichtvolleres
Urteil haben als die Erdenmenschen. Und man kann schon dadurch,
daB man ein Verhaltnis gewinnt, ein bewuBtes Verhaltnis zu den
Toten, aus dem Urteile der Toten auch iiber Erdenverhaltnisse auBer-
ordentlich viel Licht voiles gewinnen.
Aber noch etwas anderes kommt dabei in Betracht. Man kann
sehen, wie innerhalb der Erdenverhaltnisse doch wieder gewisse
Dinge da sind, die sich in die geistige Welt hinein erhalten, wie also
in unsere irdischen Erlebnisse gewissermaBen ein Ewiges hineinge-
mischt ist. Es klingt fast, ich mochte sagen absonderlich, wenn man
Schilderungen von dieser Welt gibt. Allein, ich denke, hier spreche
ich zumeist zu langjahrigen Anthroposophen, und ich darf daher iiber
diese Dinge unbefangen sprechen. Heute noch diese Dinge etwa in der
Offentlichkeit zu besprechen, ware natiirlich ganz deplaciert. Man
kann, wenn man die Wege aufsucht, um sich mit Toten zu verstandi-
gen, sogar die Moglichkeit finden, in Erdenworten sich mit den Toten
zu verstandigen, Fragen an sie zu stellen, Antworten zu bekommen.
Da zeigt sich das Eigentiimliche, daB die Toten zuerst die Fahigkeit
verlieren, Substantive in ihrer Sprache zu gebrauchen, wahrend die
Verben noch lange im Gebrauche der Toten sind. Und insbesondere
sprechen sich die Toten gern durch Empfindungsworte aus, durch all
dasjenige, was mit dem Gefuhl und dem Gemiite zusammenhangt.
Ein Ach!, ein Oh! als Ausdruck der Verwunderung, als Ausdruck des
Oberraschtseins und dergleichen, ist dasjenige, was vielfach von den
Toten in ihrer Sprache geiibt wird. Man muB gewissermaBen auch die
Sprache der Toten erst erlernen.
Wie sich die Spiritisten das vorstellen, ist das nicht, denn die stellen
sich vor, daB sie durch das Medium in der ganz gewohnlichen irdi-
schen Sprache von den Toten Mitteilungen bekommen konnen. Man
kann es schon der Art ansehen, wie diese Mitteilungen sind, daB es
sich da um unterbewufite Zustande der Lebenden handelt, nicht um
wirkliche direkte Mitteilungen der Toten bei den Medien. Denn aus
der gewohnlichen Menschensprache wachsen die Toten immer mehr
und mehr heraus, und nach Jahren kann man sich mit den Toten
iiberhaupt nurmehr verstandigen, wenn man gewissermaBen ihre
Sprache sich angeeignet hat, die zumeist darinnen liegt, daB man in
einfachen symbolischen Zeichnungen dasjenige andeutet, was man
ausdrucken will, und dann auch wiederum in solchen symbolischen
Formen, die man natiirlich schattenhaft erhalt, die Antwort bekommt.
Ich schildere Ihnen dies aus dem Grunde, weil ich Ihnen dadurch
andeuten will, daB der Tote, trotzdem er eigentlich in dem Elemente
lebt, welches dasjenige des Schlafes ist, trotzdem weite Interessen hat
und die Welt schon iiberschaut. Aber wir konnen ihm dabei auBer-
ordentlich zu Hilfe kommen. Und es ist zum Beispiel ein wesentliches
Zuhilfekommen den Toten gegeniiber, wenn wir in aller Lebendig-
keit an sie denken, wenn wir namentlich solche Gedanken den Toten
schicken, welche in einer recht anschaulichen Form dasjenige dar-
stellen, was wir mit den Toten erlebt haben. Abstrakte Vorstellungen
verstehen die Toten nicht. Wenn ich aber den Gedanken fasse: Da
war die StraBe zwischen Kristiania und einem Nachbarort; da gingen
wir. Der andere Mensch, der jetzt gestorben ist, der ging neben mir.
Ich hore noch heute, wie er dazumal sprach. Den Klang seiner Stimme
hore ich. Ich versuche mir zu vergegenwartigen, was er fur Bewegun-
gen mit den Armen machte, was er fur Bewegungen mit dem Kopfe
machte. - Wenn man sich das so ganz gegenstandlich lebhaft vor-
stellt, was man mit dem Toten zusammen erlebt hat, und dann diese
Gedanken zu dem Toten hinschickt, den man sich in einem gelaufigen
Bilde vor die Seele ruckt, dann schwebt oder stromt gewissermaBen
ein solcher Gedanke zu dem Toten hin. Und der Tote empfindet das
wie ein Fenster, durch das er in die Welt hereinblickt. Dem Toten
geht nicht nur das, was wir an ihn als Gedanken richten, dabei auf,
sondern eine ganze Welt geht ihm dabei auf. Es ist wie ein Fenster,
durch das er in unsere Welt hereinblickt.
Dagegen dasjenige, was in seiner geistigen Umgebung nunmehr
liegt, das kann der Tote nur in dem MaBe erleben, als er sich schon
hier die dem Menschen auf Erden moglichen Gedanken iiber die gei-
stige Welt gemacht hat. Es gibt so viele Menschen heute, die sagen:
Ach, was brauchen wir uns um das Leben nach dem Tode zu kiim-
mern. Wir konnen es ja abwarten. Wenn wir gestorben sind, werden
wir schon sehen, was es da gibt nach dem Tode. - Aber das ist ein
ganz unmoglicher Gedanke. Man sieht einfach nichts nach dem Tode,
wenn man sich gar keine Gedanken iiber die geistige Welt im Leben
gemacht hat, wenn man bloB materialistisch dahingelebt hat.
Damit habe ich Ihnen angedeutet, wie der Tote in der Zeit lebt, in
der er riickwarts sein Leben nach MaBnahme dessen durchlebt, was
er immer in den Schlafzustanden durchgemacht hat. In dieser Zeit
fuhlt sich der Mensch, der also jetzt seinen physischen, seinen Ather-
leib verlassen hat, im Bereiche der geistigen Mondenkrafte. Wir miis-
sen uns klar sein, daB alles dasjenige, was Weltenkorper sind, Mond,
Sonne, andere Sterne, insofern sie den physischen Augen erscheinen,
wirklich nur die physische Ausgestaltung von Geistigem sind.
Wie der einzelne Mensch, der jetzt hier auf dem Stuhle sitzt, nicht
bloB das Fleisch und das Blut ist, das wir als Stoff ansehen konnen,
sondern Seele und Geist ist, so lebt im ganzen Weltenall, im ganzen
Kosmos uberall Seele und Geist, und zwar nicht etwa bloB ein einheit-
liches seelisch-geistiges Wesen, sondern viele, unendlich viele geistige
Wesenheiten. Und so sind mit dem Monde verknupft, den wir nur
auBerlich mit dem physischen Auge als die silberne Scheibe sehen,
zahlreiche geistige Wesenheiten. In deren Bereich sind wir, solange
wir in der geschilderten Weise unser Erdenleben zuriickleben, bis wir
wiederum an seinen Ausgangspunkt zuriickgekommen sind. Man
kann daher sagen, so lange sind wir im Mondenbereiche.
Wahrend wir also in diesem Ruckwartsleben sind, mischt sich aller-
dings in unser ganzes Leben etwas, was dann einen ge wis sen Ab-
schluB erlangt, wenn wir aus dem Mondenbereich nach dem Tode
hinauskommen. Sogleich, nachdem wir den Atherleib wenige Tage
nach dem Tode in der geschilderten Weise abgestreift haben, macht sich
aus diesen nachtlichen Erlebnissen heraus die moralische Beurteilung
unseres Menschenwertes geltend. Wir konnen dann gar nicht anders,
als dasjenige, was wir da wiederum zuriickleben, moralisch zu beurtei-
len. Und das ist sehr eigentiimlich, wie sich die Dinge nun gestalten.
Hier auf Erden tragen wir einen Leib aus Knochen, aus Muskeln,
aus BlutgefaBen und so weiter. Dann, nach dem Tode, bildet sich ein
geistiger Leib, der aus unseren moralischen Werten gebildet ist. Ein
guter Mensch bekommt einen schonleuchtenden moralischen Leib,
ein schlechter einen iibelleuchtenden moralischen Leib. Das bildet
sich wahrend dieses Riickganges. Und das ist eigentlich nur ein Teil
desjenigen, was sich uns angliedert, was jetzt unser - wenn ich mich
so ausdriicken darf - Geistleib wird, denn ein Teil dessen, was wir
jetzt in der geistigen Welt als einen Geistleib erhalten, bildet sich
aus unseren moralischen Werten, ein anderer wird uns einfach
aus den Substanzen der geistigen Welt, wenn ich so sagen darf,
angekleidet.
Nun miissen wir, wenn wir den Riicklauf vollendet haben, wenn
wir also wiederum an dem Ausgangspunkte angekommen sind, jenen
Obergang finden, den ich in meiner «Theosophie» mit dem Ubergange
von der Seelenwelt in das Geisterland angedeutet habe. Aber das ist
damit verkniipft, daB wir den Mondenbereich verlassen und innerhalb
des Kosmos in den Sonnenbereich einziehen. Wir werden nach und
nach mit der allumfassenden Wesenheit alles desjenigen bekannt, was
geistig-seelisch im Sonnenbereiche lebt. Da miissen wir aufgenommen
werden. Ja, da konnen wir jetzt nicht hinein mit unserem moralischen
Leib. Ich werde in den nachsten Tagen davon zu sprechen haben, in-
wiefern gerade bei diesem Ubergange aus dem Mondenbereich in den
Sonnenbereich die Christus-Wesenheit fur den Menschen eine fuhrende
Rolle spielt, die verschieden ist vor dem Mysterium von Golgatha
und nach dem Mysterium von Golgatha. Heute wollen wir einmal den
Durchgang durch diese Welt mehr objektiv schildern. Wir miissen
namlich dasjenige, was wir uns da angegliedert haben gewissermaBen
aus unseren moralischen Werten, im Mondenbereich noch ablegen.
Das stellt etwas dar, was wir gewissermaBen als ein Packchen zuriick-
lassen, damit wir als rein geistige Wesen in den Sonnenbereich nun-
mehr eintreten konnen, wo wir die Sonne wirklich sehen, jetzt nicht
von der Seite, die sie der Erde zuwendet, sondern von der riickwarti-
gen Seite, wo wir sie ganz und gar von geistigen Wesenheiten erfullt
sehen, wo wir sie ganz und gar als ein geistiges Reich sehen.
Da ist es nun, wo wir alles dasjenige, was jet2t nicht zu unseren
moralischen Werten gehort, sondern zu demjenigen, was die Gotter
uns auf Erden haben erfahren lassen und was brauchbar ist fur das
Weltenall, wo wir das dem Weltenall wie eine Nahrung iibergeben,
so daft der Weltenlauf weitergehen kann. Ja, es ist wirklich so, wenn
wir den Weltenlauf - Sie wissen, ich gebrauche das nur als einen Ver-
gleich, ich definiere den Weltenlauf wirklich nicht als Maschine -
vergleichsweise wie eine Maschine ansehen wurden, so ware dasjenige,
was wir da mitbringen, nachdem wir unser Packchen im Monden-
bereiche abgelegt haben, das wiirde im Sonnenbereiche wie ein Heiz-
material sein, das wir dem Laufe des Kosmos reichen, wie das Heiz-
material einer Maschine gereicht wird.
Und so treten wir ein in den Bereich der geistigen Welt. Denn es ist
einerlei, ob wir sagen: Wir treten ein in den Sonnenbereich, geistig,
oder ob wir sagen: Wir treten ein in die geistige Welt. - Da leben
wir nun als Geist unter Geistern, so wie wir hier auf Erden als physi-
scher Mensch unter physischen Wesenheiten der verschiedenen Natur-
reiche leben. Da leben wir unter denjenigen Wesenheiten, welche ich
beschrieben und benannt habe in meiner «Geheimwissenschaft im
UmriB». Da leben wir auch unter denjenigen Seelen, die vor uns ge-
storben sind oder die in der Erwartung sind ihres kommenden Erden-
lebens. Wir leben da als Geist unter geistigen Wesenheiten. Diese
geistigen Wesenheiten konnen Wesenheiten der hoheren Hierarchien
sein, sie konnen auch entkorperte, in der geistigen Welt lebende
Menschen sein. Und die Frage taucht auf: Was tun wir nun? - Wir
wachsen jetzt immer mehr und mehr in eine Weltanschauung hinein,
die sehr verschieden von der irdischen Weltanschauung ist. Wenn man
diese Welt schildert, in die wir hineinwachsen, so klingt es wieder
paradox. Allein, was kann man denn anderes erwarten, als daB diese
Dinge, die in einer ganz andern Welt leben, paradox fur das irdische
Anschauen klingen.
Indem wir da wirklich drinnenleben, Geist unter Geistern, haben
wir, so wie wir hier auf Erden vor uns und um uns alles Naturliche
haben, so haben wir, wenn wir als Geist unter Geistern zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt leben, gerade nach und nach alles
Menschliche vor uns. Hier stehen wir auf Erden an einem bestimmten
Punkte des irdischen Weltenalls. Wir richten den Blick nach alien
Seiten hinaus und erblicken das, was auBer dem Menschen ist, Das-
jenige, was im Menschen ist, erblicken wir gar nicht.
Nun werden Sie sagen: Das ist toricht, was du uns sagst. Nicht
gerade jeder Mensch, aber die gelehrten Anatomen, die in den anato-
mischen Kliniken den Menschen, wenn er gestorben ist, zerschneiden,
die Anatomie treiben, kennen ganz gut das Innere des Menschen. -
Nichts kennen sie davon! Denn dasjenige, was man auf diese Weise
vom Menschen kennenlernt, ist auch nur ein AuBeres. Ob sie schlieB-
lich den Menschen von dem AuBeren der Haut aus auBerlich an-
schauen, oder ob sie ihn von innen auBerlich anschauen, das ist
alles dasselbe. Im Inneren der Haut des Menschen ist nicht das-
jenige, was die Anatomen auf auBerliche Weise herausbekommen,
sondern da sind ganze Welten drinnen. In der menschlichen Lun-
ge, in jedem menschlichen Organ sind ganze Welten im Kleinen
zusammengerollt.
Es ist ja wunderbar dasjenige, was wir sehen, wenn wir, sagen wir,
eine schone Landschaft bewundern konnen. Es ist wunderbar das-
jenige, was wir sehen, wenn wir nachtlich den Sternenhimmel in all
seiner Pracht bewundern. Aber dasjenige, was im Menschen drinnen
ist, wenn wir den Menschen nicht mit dem physischen Auge des Ana-
tomen anschauen, sondern mit geistigem Auge anschauen, wenn wir
eine menschliche Lunge, eine menschliche Leber - verzeihen Sie,
daB ich alle diese Organe nenne -, wenn wir diese Organe mit
geistigem Auge anschauen, so sind das ja Welten, zusammengerollt.
Gegeniiber aller Pracht und Herrlichkeit der auBeren Fliisse und
Berge, der Erdenwelt, gegeniiber all dieser auBeren Pracht ist eine
viel groBere, eine erhabenere Pracht alles dasjenige, was innerhalb der
Haut des Menschen auch nur als physische Organisation liegt. DaB
das kleiner ist als die scheinbar so groBe Raumeswelt, das macht es
nicht aus. Wenn Sie dasjenige iiberschauen, was in einem einzigen
Lungenblaschen liegt, so ist das groBartiger als dasjenige, was in den
machtigen Alpenmassiven liegt. Dasjenige, was innerhalb des Men-
schen ist, ist namlich zusammenverdichtet der ganze geistige Kosmos.
In der menschlichen Innenorganisation haben wir ein Bild des ganzen
Kosmos.
Wir konnen uns das auch noch etwas anders vorstellen. Stellen Sie
sich einmal vor, Sie seien meinetwillen dreiBig Jahre alt geworden,
blicken in sich hinein, rein seelisch. In der Erinnerung erinnern Sie
sich an irgend etwas, was Sie zwischen dem zehnten und zwanzigsten
Jahre erlebt haben. Da ist das auBere Erlebnis zum inneren Bilde der
Seele geworden. Sie uberblicken vielleicht in einem Momente weit
ausgebreitete Erlebnisse, die Sie durch Jahre durchgemacht haben.
Eine Welt ist in dem Bilde einer Vorstellung zusammengewoben.
Denken Sie nur, was Sie manchmal haben, wenn Sie die kleinen
Erinnerungsvorstellungen an weit ausgebreitete Ereignisse, die Sie
durchgemacht haben, in Ihrem Seelenleben haben. Das ist das Seeli-
sche, das Sie da erleben, von dem, was Sie irdisch durchgemacht haben.
Wenn Sie ebenso, wie Sie Ihre Erinnerungsvorstellung anschauen,
Ihr Gehirn, das Innere Ihres Auges anschauen - das Innere des
Auges allein ist ja eine ganze Welt -, wenn Sie ebenso anschauen
Ihre Lunge, Ihre andern Organe, so sind diese nicht jetzt Bilder von
Erlebnissen, die Sie durchgemacht haben, sondern sie sind Bilder des
ganzen geistigen Kosmos, sie erscheinen nur auf materielle Art.
Wenn der Mensch entratseln kann, ebenso wie er seine Erinnerungen
im Seelenleben entratseln kann, weil er sie durchlebt hat im irdischen
Leben, wenn er ebenso entratseln kann: Was ist in meinem Gehirn,
in meinem Augeninneren, in meinem Lungeninneren enthalten? -
dann geht ihm der ganze geistige Kosmos auf, geradeso wie bei den
einzelnen Erinnerungsvorstellungen einem irgendeine Erlebnisreihe
aufgeht, die man durchgemacht hat. Man ist das verkorperte Weltge-
dachtnis als Mensch. Das muB man nur ordentlich in Erwagung
Ziehen, dann wird man verstehen, was es heiBt, der Mensch tritt ein,
nachdem er nach dem Tode die Zustande durchgemacht hat, die ich
bisher geschildert habe, in das Schauen des Menschen selber. Der
Mensch ist Geist unter Geistern. Aber dasjenige, was er als seine
Welt jetzt erblickt, ist das Wunder der menschlichen Organisation
selber als Kosmos, als ganze Welt. Wie hier Berge, Flusse, Sterne,
Wolken unsere Umgebung sind, so ist dann, wenn wir als Geist unter
Geistern leben, der Mensch in seiner wunderbaren Organisation unsere
Umgebung, unsere Welt. Wir blicken hinaus, wir blicken - wenn ich
mich bildhaft ausdrucken darf - in der geistigen Welt links und
blicken rechts : wie hier uberall Felsen, Fliisse, Berge sind, so 1st dort
uberall Mensch. Der Mensch ist die Welt. Und an dieser Welt, die
eigentlich der Mensch ist, sind wir beschaftigt. So wie wir Maschinen
bauen, Buchhaltungen anlegen, Rocke machen, Schuhe machen, wie
wir hier irgend etwas schreiben auf der Erde, wie wir also dasjenige
zusammenweben, was man den Inhalt der Zivilisation, der Kultur
nennt, so weben wir dort, aber zusammen mit den Geistern der hohe-
ren Hierarchien und mit den entkorperten Menschen, an der Mensch-
heit. Wir weben die Menschheit aus dem Kosmos heraus. Hier auf
Erden sind wir fertiger Mensch. Dort legen wir den Geistkeim des
Erdenmenschen.
Das ist das groBe Geheimnis, daB die Himmelsbeschaftigung des
Menschen darinnen besteht, den groBen Geistkeim fur den spateren
Erdenmenschen selber zu weben mit den Geistern der hdheren Hier-
archien zusammen. Und jeder weben wir - aber in riesiger Geist-
groBe in dem Geistkosmos darinnen - das Gewebe unseres eigenen
Erdenmenschen, der wir dann sind, wenn wir wiederum zum Erden-
leben heruntersteigen. Unsere Arbeit ist eine mit den Gottern gemein-
sam geleistete Arbeit an dem Erdenmenschen.
Wenn wir hier auf Erden von Keim sprechen, so stellen wir uns
etwas Kleines vor, das dann groB wird. Wenn wir aber davon spre-
chen, wie in der geistigen Welt der Keim des physischen Erden-
menschen vorhanden ist, denn der physische Keim, der im Leibe der
Mutter gedeiht, ist nur das Abbild dieses Geistkeimes, wenn wir von
dem Geistkeim sprechen, so ist der riesig groB, ist der ein Weltenall,
und alle andern Menschen sind in dieses Weltenall verflochten. Man
konnte sagen: Alle sind an demselben Orte und doch der Zahl nach
voneinander verschieden. - Und dann verkleinert er sich immer
mehr. Und wir machen das durch in der Zeit, die wir zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchmachen, daB wir zuerst als Welten-
all groB den Geistkeim des Menschen bilden, der wir werden. Dann
wird dieser Geistkeim immer kleiner und kleiner, er involviert seine
Wesenheit immer mehr und mehr, und er ist es, der dann im Leibe der
Mutter sein Abbild schafft.
Es ist ganz falsch, was in dieser Beziehung die materialistische
Physiologie glaubt. Die materialistische Physiologie glaubt, der
Mensch mit seiner wunderbaren Gestalt, die ich Ihnen eben versuchte
skizzenhaft zu schildern, entstiinde aus dem bloBen physischen
Menschenkeim. Das ist der reine Unsinn. Denn man glaubt gewohn-
lich in dieser materialistischen Physiologie, daB der Eikeim die aller-
komplizierteste Materie sei. Und die Chemiker, die physiologischen
Chemiker denken dariiber nach, wie das Molekiil oder das Atom
immer komplizierter und komplizierter wird, und der Keim endlich
ganz etwas Kompliziertes ist. Das ist ja gar nicht wahr. Der Eikeim
ist namlich chaotische Materie. Wenn Materie Keim wird, so lost sie
sich gerade als Materie auf, ist vollstandig pulverisiert. Darinnen be-
steht das Wesen des Keimes - und des Menschenkeimes am aller-
meisten, des physischen Menschenkeimes -, daB er vollstandig pul-
verisierte Materie ist, die gar nichts mehr fur sich will Dadurch, daB
er vollstandig pulverisierte Materie ist, die gar nichts mehr fur sich
will, kann der Geistkeim, der lange vorbereitet ist, in diese Materie
seinen Einzug halten. Dazu, zu dieser Pulverisierung, wird gerade die
physische Keimmaterie durch die Konzeption fahig gemacht. Die
physische Materie wird ganz zerstort, damit der geistige Keim
sich in sie senken kann, und die physische Materie das Abbild
des geistigen Keimes, der aus dem Kosmos heraus gewoben wird,
werden kann.
Man kann gewiB groBe Loblieder singen auf all dasjenige, was
Menschen auf Erden fur die Zivilisation, fur die Kultur tun konnen.
Ich werde gewiB nicht gegen diese Loblieder sprechen, sondern er-
klare mich von vorneherein, insofern diese Loblieder verniinftig sind,
mit allem einverstanden. Aber dasjenige, was geleistet wird, ich
mochte sagen an Himmelszivilisation zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt, indem der Menschenleib im Geiste vorbereitet wird,
zuerst im Geist gewoben wird, das ist eine viel umfassendere, eine
viel erhabenere, eine viel groBartigere Arbeit als alle Kulturarbeit auf
Erden. Denn es gibt nichts Erhabeneres in der Weltenordnung, als
eben gerade aus alien Ingredienzien der Welt den Menschen zu weben.
Mit Gottern zusammen wird der Mensch gewoben in der wichtigsten
Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Und wenn ich gestern sagen muBte : In einem gewissen Sinne ist das-
jenige, was wir hier auf Erden an Erfahrungen, an Erlebnissen uns
aneignen, eine Nahrung fur den Kosmos -, so miissen wir nun
sagen: Nachdem wir das, was wir hier in einem Erdenleben als fur den
Kosmos brauchbar - als Nahrung oder als Heizmaterial - bewahrt
haben, an den Kosmos hingegeben haben, da bekommen wir aus der
Fulle des Kosmos heraus all diejenigen Substanzen, aus denen wir den
neuen Menschen, den wir sparer beziehen werden, wiederum weben.
Da lebt der Mensch, indem er wirklich ganz hingegeben ist an eine
geistige Welt, als Geist. Sein ganzes Weben und Wesen ist ein geistiges
Arbeiten und ein geistiges Sein. Das dauert eine lange Zeit. Denn
wirklich -man muB es immer wieder betonen -, das jenige zu weben,
was der Mensch ist, ist etwas ganz Gewaltiges und GroBartiges. Und
in alten Mysterien hat man nicht mit Unrecht den menschlichen
physischen Leib einen «Tempel der G6tter» genannt. Dieses Wort hat
schon eine tiefe Bedeutung. Man lernt die ganze tiefe Bedeutung
dieses Wortes immer mehr und mehr fiihlen, je mehr man Einblick in
die ganze Initiations wissenschaft gewinnt, in das jenige, was als das
Leben des Menschen selber zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt vor sich geht. Da lebt man aber auch so, daB man, ich mochte
sagen, unmittelbar ansichtig wird der Geistwesen als Geistwesen. Das
dauert langere Zeit. Dann tritt ein anderer Zustand ein.
Das jenige, was vorher war, war so, daB man die einzelnen Geist-
wesen als Individualitaten wirklich geschaut hat. Man lernte sozu-
sagen von Angesicht zu Angesicht, indem man mit ihnen arbeitete,
die Geistwesen kennen. Dann tritt einmal ein Zustand ein, wo - ich
mochte sagen, es ist nur bildlich gesprochen, aber man kann fur diese
Dinge ja nur Bilder anwenden - diese Geistwesen immer undeut-
licher und undeutlicher werden und mehr ein allgemeines Geistge-
bilde auftritt. Man kann das so aussprechen, daB man sagt: Eine ge-
wisse Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt man so,
daB man unmittelbar mit den Geistwesen lebt. Dann kommt eine Zeit,
wo man nur in der Offenbarung der Geistwesen lebt, wo sie sich einem
ofFenbaren. - Ich will ein recht triviales Gleichnis gebrauchen. Wenn
Sie in der Feme so eine kleine graue Wolke sehen, so konnen Sie
sie fur eine kleine graue Wolke halten, gehen Sie naher hinzu, so
entpuppt sie sich Ihnen als ein Miickenschwarm. Sie sehen jetzt jede
einzelne Mucke. Hier ist es umgekehrt. Sie nehmen wahr - zuerst als
einzelne Individualitaten - die gottlich-geistigen Wesenheiten, mit
denen Sie arbeiten. Dann leben Sie sich hinein, so daB Sie die allge-
meine Geistigkeit wahrnehmen wie den Miickenschwarm als Wolke,
wo die einzelnen Individualitaten mehr verschwinden, und Sie leben
dann, ich mochte sagen mehr auf pantheistische Weise in einer allge-
meinen geistigen Welt.
Indem Sie jetzt in einer allgemeinen geistigen Welt leben, taucht aber
aus Ihrem Inneren ein starkeres Selbstgefuhl auf, als Sie vorher hatten.
Vorher waren Sie in Ihrem Selbst so, daB Sie gewissermaBen eins
waren mit der geistigen Welt, die Sie in ihren Individualitaten erleb-
ten. Jetzt fiihlen Sie die geistige Welt gewissermaBen nur wie eine
allgemeine Geistigkeit. Aber Sie fiihlen sich starker. Es erwacht die
Intensitat des eigenen Selbstgefuhles. Und damit tritt langsam und
allmahlich im Menschen wiederum das Bedurfnis auf nach einem
neuen Erdendasein. Mit diesem Erwachen des Selbstgefuhles tritt das
Bedurfnis auf nach einem neuen Erdendasein. Dieses Bedurfnis muB
ich Ihnen so schildern. Durch die ganze Zeit, die ich Ihnen jetzt ge-
schildert habe und die durch Jahrhunderte geht, hat der Mensch
eigentlich, nachdem er die erste Zeit durchgemacht hat, wo er noch
immer mit der Erde zusammenhangt, von da ab, wo er an seinen Aus-
gangspunkt wieder zuruckgekommen ist, im Grunde genommen
hauptsachlich nur die Interessen fur die geistige Welt. Er webt in der
Weise, wie ich es Ihnen geschildert habe, an dem Menschen im Gro-
Ben. Er hat Interesse hauptsachlich fur die geistige Welt.
In dem Momente, wo die geistige Welt gewissermaBen in ihren
Individualitaten ineinander verschwimmt und der Mensch die geistige
Welt im allgemeinen wahrnimmt, erwacht in ihm das Interesse fur die
Erdenwelt wiederum. Dieses Interesse fur die Erdenwelt tritt in einer
ganz besonderen Weise ein. Es tritt namlich in bestimmter Weise, in
konkreter Weise auf. Man fangt an, ein Interesse zu bekommen an
ganz bestimmten Menschen, die da unten auf der Erde sind, und
wiederum an deren Kindern und an deren Kindern wiederum. Wah-
rend man friiher nur ein Himmelsinteresse hat, bekommt man jetzt
ein merkwiirdiges Interesse, wenn die geistige Welt zur Offenbarung
wird, an gewissen Generationenfolgen. Das sind die Generationen-
folgen, an deren Ende dann die eigenen Eltern stehen, die einen ge-
baren werden, wenn man wiederum herabsteigt zur Erde. Aber man
bekommt schon lange vorher fur die Voreltern Interesse. Man ver-
folgt die Generationenreihe bis zu den Eltern hinunter, und zwar
verfolgt man sie nicht bloB im Zeitenverlaufe, sondern wenn dieser
Zustand der Offenbarung zuerst eintritt, da sieht man schon wie
prophetisch die ganze Generationenreihe vor sich. Da sieht man durch
die Generationen, durch die Menschenfolge UrururgroBvater, Urur-
groBvater, UrgroBvater, GroBvater und so weiter, man sieht den
Weg, den man auf die Erde hinunter machen wird, in Menschen-
generationen vor sich. Nachdem man zuerst in den Kosmos hinein-
gewachsen ist, wachst man spater in die reale, in die konkrete Men-
schengeschichte hinein. Und dann kommt der Zeitpunkt, wo man
wiederum aus dem Sonnenbereiche allmahlich herauskommt. Man
bleibt natiirlich immer im Sonnenbereiche drinnen, aber das deutliche,
klare, bewuBte Verhaltnis verdunkelt sich, und man zieht wieder in
den Mondenbereich ein. Und jetzt findet man im Mondenbereich das
Packchen, das man abgelegt hat - ich kann es nicht anders als mit
diesem Bilde bezeichnen -, dasjenige, was die moralische Wertigkeit
darstellt. Die muB man jetzt aufnehmen.
Wir werden in den nachsten Tagen sehen, wie da wiederum der
Christus-Impuls eine sehr bedeutsame Rolle spielt. Man muB das
Schicksalspackchen sich einverleiben. Aber indem man sich dieses
Schicksalspackchen einverleibt, indem man den Mondenbereich be-
tritt, geht einem, wahrend das Selbstgefuhl immer starker und starker
geworden ist, wahrend man immer mehr und mehr innerlich Seele
geworden ist, das Gewebe, das man zu seinem physischen Leibe ge-
woben hat, allmahlich verloren. Der Geistkeim, den man selbst ge-
woben hat, geht einem verloren, geht einem in dem Momente ver-
loren, wo auf der Erde die Konzeption fur den korperlichen Keim
eintritt, den man auf Erden anzunehmen hat.
Nun ist man aber noch selber in der geistigen Welt. Der Geistkeim
des physischen Leibes ist schon hinuntergegangen, man ist selber in
der geistigen Welt. Da tritt eine starke Entbehrung ein, ein starkes
Entbehrungsgefuhl. Man hat seinen Geistkeim des physischen Leibes
verloren. Der ist schon unten. Der ist am Ende der Generationenreihe
angekommen, die man gesehen hat. Man ist noch oben. Gewaltig
macht sich da die Entbehrung geltend. Und diese Entbehrung, die
zieht jetzt aus aller Welt die geeigneten Ingredienzien des Welten-
athers zusammen. Nachdem man schon den Geistkeim des physischen
Leibes auf die Erde hinuntergeschickt hat und als Seele, als Ich und
als astralischer Leib, zuruckgeblieben ist, zieht man aus dem Welten-
ather Athersubstanz zusammen und bildet den eigenen Atherleib.
Und mit diesem eigenen Atherleib, den man gebildet hat, vereinigt
man sich dann etwa in der dritten Woche, nachdem die Befruchtung
auf Erden eingetreten ist, und vereinigt sich mit dem leiblichen Keim,
der sich nach dem Geistkeim in der geschilderten Weise gebildet hat.
Aber ehe man sich mit seinem eigenen Leibeskeim vereinigt, bildet
man sich noch seinen Atherleib in der Weise, wie ich es geschildert
habe. Und in diesen Atherleib hinein ist verwoben das Packchen, von
dem ich gesprochen habe, das die moralische Wertigkeit enthalt. Das
verwebt man jetzt in sein Ich, in seinen astralischen Leib, aber auch
noch in den atherischen Leib hinein. Das bringt man dann mit dem
physischen Leibe zusammen. Und so ist es, daB man sein Karma mit
auf die Erde tragt. Das hat man zuerst im Mondenbereich zuriickge-
lassen, denn man wiirde einen schlechten, einen verdorbenen physi-
schen Leib ausgebildet haben, wenn man das in den Sonnenbereich
mitgenommen hatte. Der physische Leib des Menschen wird indivi-
duell erst dadurch, daB der Atherleib ihn durchzieht. Der physische
Leib eines jeden Menschen wurde gleich dem physischen Leib eines
andern Menschen sein, denn in der geistigen Welt weben sich die
Menschen schlechthin gleiche Geistkeime fur ihren physischen Leib.
Individuell werden wir eben nach unserem Karma, nach dem, wie
wir unser Packchen in den Atherleib hineinverweben mussen, der
dann schon, wahrend wir noch im embryonalen Zustande sind, indi-
viduell unseren physischen Leib gestaltet, konstituiert, durchdringt.
Ich werde in den nachsten Tagen natiirlich noch manches hinzu-
fugen miissen zu dem, was ich Ihnen skizzenhaft iiber den Durchgang
des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt geschil-
dert habe. Aber Sie haben gesehen, daB der Mensch da reiche Erleb-
nisse durchmacht, daB da die groBe Erfahmng eintritt, wie wir zuerst
aufgehen in den Kosmos, wie wir aus dem Kosmos heraus wiederum
die Menschlichkeit bilden, urn zu einem neuen Erdenleben zu kommen.
Es sind im wesentlichen drei Dinge, die wir da durchmachen. Er-
stens leben wir als Geistseele unter Geistseelen. Es ist ein wirkliches
Miterleben der geistigen Welt. Zweitens leben wir in der Offenbarung
der geistigen Welt. Die Individualitaten der einzelnen geistigen
Wesenheiten sind gewissermaBen verschwommen, die geistige Welt
offenbart sich uns als ein Ganzes. Wir nahern uns wiederum dem
Mondenbereich, da aber erwacht unser Selbstgefuhl, das schon die
Vorbereitung fur das irdische Selbstgefuhl ist. Wahrend wir in der
geistigen Welt als ein geistiges Selbst bewuBt werden, nicht nach der
Erde begehren, fangen wir jetzt wahrend der OfFenbarungszeit an,
nach der Erde zu begehren, ein starkes, schon nach der Erde geneigtes
Selbstgefuhl zu entwickeln. Und das dritte ist dann, wenn wir in den
Mondenbereich eingetreten sind, wenn wir unseren Geistkeim abge-
geben haben an die physische Welt, daB wir die Athermaterie aus alien
Himmeln zusammenziehen zum eigenen Atherleib. Drei aufeinander-
folgende Stadien: wirkliches Leben mit der geistigen Welt; Leben,
indem man sich selber schon als ein egoistisches Ich fiihlt, in den
Offenbarungen der geistigen Welt; Leben im Zusammenziehen des
Weltenathers.
Davon kommen dann, wenn der Mensch in seinen physischen Leib
eingezogen ist, die Abbilder zustande. Diese Abbilder stellen sich als
etwas hochst t)berraschendes heraus. Wir sehen das Kind. Wir sehen
es in seinem physischen Leibe vor uns. Es entwickelt sich. Es ist ja
das Wunderbarste, was wir sehen konnen in der physischen Welt, diese
Entwickelung des Kindes. Wir sehen, wie es zuerst kriecht, wie es
sich in die Gleichgewichtslage gegeniiber der Welt versetzt. Wir
nehmen das Gehenlernen wahr. Es ist ungeheuer viel mit diesem
Gehenlernen verkniipft. Es ist ein ganzes Sich-Hineinbegeben in die
Gleichgewichtslage der Welt. Es ist ein wirkliches Sich-Hineinver-
setzen des ganzen Kosmos in die drei Raumesrichtungen der Welt.
Wie da das Kind eben erst die richtige menschliche Gleichgewichts-
lage innerhalb der Welt findet, das ist das erste Wunderbare.
Das ist ein irdisches anspruchsloses Abbild desjenigen, was der
Mensch in langen Jahrhunderten durchgemacht hat, indem er als Geist
unter Geistern lebte. Da bekommt man eine groBe Ehrfurcht vor der
Welt, wenn man die Welt so betrachtet, da6 man das Kind sieht, wie
es zuerst ungeschickt mit den Gliedern in aller Welt herumfuchtelt,
wie das nach und nach verstandig wird. Ja, das ist die Nachwirkung
der Bewegungen, die wir als Geistwesen unter Geistwesen durch
Jahrhunderte ausgefuhrt haben. Es ist wirklich etwas Wunderbares,
in den einzelnen Bewegungen des Kindes, in dem Aufsuchen der
Gleichgewichtslage die irdischen Nachwirkungen der himmlischen
Bewegungen, die rein geistig ausgefuhrt werden als Geist unter
Geistern, wieder zu sehen. So geschieht es ja regelmaBig beim Kinde.
Wenn es anders geschieht, ist es etwas abnorm. Es kann auch ein-
treten, aber eigentlich sollte das Kind zuerst gehen lernen, zuerst sich
ins Gleichgewicht bringen lernen und dann sprechen.
Und nun lebt sich das Kind mit der Sprache nachahmend ein in die
Umgebung. Aber mit jedem Laute, mit jeder Wortbildung, die sich
in dem Kinde ausbildet, haben wir einen anspruchslosen irdischen
Anklang jenes Erlebnisses, das wir haben, wenn das Erleben des
Geistigen OrTenbarung wird, gewissermaBen sich zu einem einheit-
lichen Nebel zusammenbildet. Da wird aus den einzelnen Wesen der
Welt, die wir vorher individuell erlebt haben, der Weltenlogos. Dieser
Nebel ist ja der Weltenlogos. Und wenn aus dem Kinde heraus Wort
fur Wort kommt, so ist das das ausgesprochene kdische Nachbild jenes
wunderbaren Weltentableaus, das der Mensch in der Offenbarungs-
zeit durchmacht, bevor er wiederum in den Mondenbereich eintritt.
Und dann, wenn das Kind, nachdem es gehen und sprechen gelernt
hat, die Gedanken allmahlich entwickelt - denn das dritte sollte erst
das Denkenlernen bei der regelmaBigen menschlichen Entwickelung
sein da ist das ein Nachbild jener Verrichtungen, die der Mensch
vollzogen hat, indem er den Weltenather aus alien Weltengebieten
zum eigenen Atherleib zusammengeformt hat.
So schauen wir das Kind an, wie es in die Welt hereingetreten ist.
Und in dieser Stufenfolge der drei anspruchslosen Verrichtungen, die
es sich aneignet, in ein dynamisch-statisches Verhaltnis zur Welt zu
kommen, Gleichgewicht zu erhalten, was wir Gehenlernen nennen,
Sprechenlernen, Denkenlernen, sehen wir die ganz zusammengefalte-
ten, irdisch anspruchslosen Nachbilder desjenigen, was ins gewaltige
Kosmische auseinandergerollt die Zustande darstellt, die zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt durchgemacht werden.
Erst dadurch, daB wir dieses geistige Leben zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt kennenlernen, lernen wir auch kennen jenes
Geheimnisvolle, das sich herausarbeitet aus dem tiefsten Inneren des
Menschen, wenn das Kind zuerst ganz undifferenziert zur Welt kommt
und immer differenzierter und differenzierter wird. So lernen wir die
Welt begreifen als eine Offenbarung des Gottlichen, wenn wir in
jedem einzelnen hindeuten konnen, wie es eine Offenbarung des
Gottlichen ist.
Von diesen Dingen und dann im Zusammenhange mit der Erden-
entwickelung und mit der Bedeutung des Christus-Impulses in der
Erdenentwickelung wollen wir in den nachsten Vortragen sprechen.
DRITTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 18. Mai 1923
Wir haben gestern den Weg zu besprechen gehabt, den der Mensch
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, und aus
dem ganzen Zusammenhange, den ich bereits dargestellt habe, werden
Sie entnehmen konnen, daft wir eigentlich jede Nacht, wenn wir in den
Schlaf kommen, den Weg zuriickfinden miissen zu dem Ausgangs-
punkte unseres Erdenlebens. Das ist in der Tat eine wichtige Ein-
sicht, die wir gewinnen konnen, daB wir, auch wenn wir in den Schlaf
versinken, eben - wie ich es schon im Laufe dieser Vortrage aus-
gefuhrt habe - nicht stehenbleiben, ich mochte sagen, bei dem Da-
tum, bei dem wir angekommen sind in unserem irdischen Lebens-
laufe, sondern daB wir einschlafend richtig zuriickversetzt werden an
den Ausgangspunkt unseres Erdenlebens. Wir sind jedesmal, wenn
wir eingeschlafen sind, wiederum in unsere Kindheit zuriickversetzt,
ja sogar in den Zustand, bevor wir zur Kindheit gekommen sind,
bevor wir angekommen sind im Erdenleben, so daB wir schlafend
immer versetzt sind mit unserem Ich und mit unserem astralischen
Leib in die ubersinnliche Welt, aus der heraus wir stammen, die wir
verlassen haben, indem wir Erdenmenschen geworden sind.
Das macht notwendig, daB wir in diesem Augenblicke unserer Be-
trachtungen noch einmal genauer dasjenige vor unserer Seele vor-
iiberziehen las sen, was der Mensch schlafend unbewuBt, aber deshalb
nicht minder lebensvoll durchmacht. Dabei kommt die Lange des
Schlafes eigentlich nicht so sehr in Betracht. Zwar ist es schwierig fur
das gewohnliche BewuBtsein, sich richtig vorzustellen, daB die Zeit-
und Raumverhaltnisse ganz andere werden, wenn wir in der geistigen
Welt sind, aber diese Vorstellungen muB man sich bilden, denn diese
Verhaltnisse werden ganz anders.
Ich habe schon gesagt : Wenn wir meinetwillen im Schlaf versunken
sind, also in die BewuBtlosigkeit hiniibergetreten sind, dann plotzlich
aufwachen, so machen wir im Augenblicke des Aufwachens das alles
durch, was wir durchgemacht hatten, wenn wir noch einen langen
Schlaf vollzogen hatten. Die Lange des Schlafes an physischem Zeit-
maB gemessen, hat nur fur unseren physischen Leib und auch noch
fur den Atherleib eine Bedeutung. Fur dasjenige, was wir als Ich und
astralischer Leib durchmachen, bestehen ganz andere Zeitverhaltnisse,
so daB also dasjenige, was ich Ihnen jetzt werde darzulegen haben,
fiir einen kurzen und fiir einen langen Schlaf durchaus gilt.
Wenn sich der Mensch mit seiner Seele in den Schlaf hinein begibt,
ist der erste Zustand, den er durchmacht - das alles verlauft im Un-
bewuBten, aber es ist durchaus lebensvoll da der, daB er sich wie
in einem allgemeinen Weltenather lebend fuhlt. Ich sage, fuhlt, es ist
ein unbewuBtes Fiihlen, aber man kann die Dinge nicht anders aus-
drucken als dadurch, daB man Ausdriicke aus dem gewohnlichen
BewuBtsein gebraucht. Er fuhlt sich gewissermaBen ausgedehnt in
den ganzen Kosmos. Und die bestimmte Anschauung, die man gehabt
hat, die ein Verbundensein mit den Dingen bedeutet, die in der Erden-
umgebung um uns herum sind, diese bestimmten Wahrnehmungen
horen auf. Ein allgemeines Miterleben mit dem Weben und Treiben
des Kosmos tritt da zunachst ein. Das ist damit verbunden, daB man
sich gewissermaBen als Seele im Bodenlosen erlebt. Bei diesem Erle-
ben im Bodenlosen tritt ein starker Trieb der Seele ein, gottlich ge-
stiitzt zu sein, so daB wir eigentlich jeden Tag beim Einschlafen das
religiose Bediirfnis gerade wahrend des Schlafzustandes erleben, die
ganze Welt durchsetzt und durchwellt zu haben mit einem Gottlich-
Geistigen, das iiberall ausgebreitet ist. Das erleben wir eigentlich im
Einschlafen. Und wir bringen uns durch unsere ganze Menschheits-
konstitution in den Wachzustand dieses Bediirfnis nach dem Gott-
lichen mit. Wir verdanken dem Schlaferlebnisse jeden Tag aufs neue
die Auffrischung unseres religiosen Bediirfnisses.
So fiihrt uns die Betrachtung des ganzen Wesens des Menschen
eigentlich erst in die Erkenntnis der Lebenszustande, die wir durch-
machen. Wir leben im Grunde genommen recht gedankenlos, indem
wir nur das Leben durchfuhren, das vom Morgen bis zum Abend
bewuBt verlauft, denn vieles spielt aus dem nachtlichen Erleben
herein. Der Mensch ist sich nicht immer klar, woraus sein lebendiges
religioses Bediirfnis kommt. Es kommt von diesem allgemeinen
Erleben, das wir im ersten Zustand des Schlafes allnachtlich haben,
auch haben, wenn auch vielleicht mit geringerer Intensitat, wenn wir
ein Nachmittagsschlafchen machen.
Dann aber tritt etwas ein wahrend jedes Schlafes - wie gesagt, es
bleibt unbewuBt zunachst, aber es wird deshalb nicht minder lebendig
durchgemacht -, wie wenn der Mensch nun nicht mehr in seiner
Seele so allgemein ausgebreitet ware im Kosmos, sondern wie wenn
er sich mit den einzelnen Teilen seines Wesens verteilte, Wie zer-
splittert fiihlt. man sich, das heiBt, man wiirde sich wie zersplittert
fiihlen, wenn man das, was man erlebt, fiihlen wiirde, wenn es bewuBt
wiirde. Und auf dem Grunde der Seele macht sich eine unbewuBte
Angstlichkeit geltend. Diese Angstlichkeit, aufgeteilt zu werden in
das ganze Weltenall, machen wir jede Nacht im Schlafe durch.
Sie werden sagen: Was kiimmert uns das, da wir das doch nicht
wissen? - Aber es kiimmert uns trotzdem sehr viel. Ich mochte durch
einen Vergleich deutlich machen, was es uns kiimmert. Nehmen Sie
an, wir werden im gewohnlichen Tagesleben angstlich. Da werden
wir blaB. DaB wir angstlich werden, ist ein bewuBter Vorgang der
Seele ; daB wir blaB werden, ist eine bestimmte Anderung in unserem
Organismus. Das Blut zieht sich zuriick in das Innere des Leibes. Das
ist ein objektiver Vorgang. Wir konnen die Angstlichkeit auch beim
objektiven Vorgang beschreiben, der im physischen Leib wahrend des
Tagwachens geschieht. Das, was wir seelisch erleben, ist gewisser-
maBen die Seelenspiegelung dieses Zuriicktretens des Blutes von der
Oberflache des Leibes in die inneren Partien. Also es gibt einen objek-
tiven Vorgang, der wahrend des Wachens der Angst entspricht. So
gibt es auch einen objektiven Vorgang im Astralleibe, den wir durch-
machen, wenn der Mensch schlaft, der ganz unabhangig ist vom
BewuBtsein.
Derjenige, der imaginativ und inspiriert vorstellen kann, erlebt
dann diesen objektiven Vorgang im astralischen Leibe als Angstzu-
stand, aber dieses, was von der Angst objektiv ist, macht der Mensch
jede Nacht wirklich durch, weil er in seiner Seele aufgeteilt wird. Und
wie wird er aufgeteilt? Er wird tatsachlich jede Nacht aufgeteilt an
die Sternenwelt. Ein Teil unseres Wesens strebt hin nach dem Merkur,
ein anderer Teil des Wesens nach dem Jupiter und so weiter. Nur muB
ich, utn den Vorgang, der sich hier abspielt, ganz richtig zu charak-
terisieren, sagen, das ist beim gewohnlichen Schlaf nicht so wie auf
dem Wege zwischen Tod und neuer Geburt, wo wir tatsachlich zu
den Sternenwelten hinaufdringen, sondern wahrend der Nacht machen
wir dieses Aufgeteiltsein durch, indem wir nicht wirklich an die
Sterne aufgeteilt werden, sondern an die Nachbilder der Sterne, die
wir wahrend unseres Lebens fortwahrend in uns tragen. An Nach-
bilder des Merkur, der Venus, des Mondes, der Sonne und so weiter
werden wir wahrend des nachtlichen Schlafes aufgeteilt. Also da
handelt es sich um Nachbilder, nicht um die urspriinglichen Sterne
selbst.
Und diese Angstlichkeit, die wir da durchmachen, die verhaltnis-
maBig bald nach dem Einschlafen auftritt, kann bei dem Menschen
nur behoben werden, wenn seine Zugehorigkeit zum Christus wirk-
lich vorhanden ist. Da lernt man an dieser Stelle die notwendige Zu-
gehorigkeit des Menschen zum Christus kennen. Nur muB man, wenn
man von dieser Zugehorigkeit spricht, die Entwickelung des Men-
schengeschlechtes auf Erden ins Auge fassen. Diese Entwickelung des
Menschengeschlechtes auf Erden kann man nur verstehen, wenn man
den bedeutsamen Einschnitt in diese Entwickelung, der durch das
Mysterium von Golgatha geschehen ist, richtig zu durchschauen ver-
mag. Die Menschen waren seelisch-geistig etwas durchaus anderes,
bevor auf der Erde das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat.
Und man muB, wenn man richtig seelisch den Menschen betrachtet,
immer das beriicksichtigen, daB die Menschen vor dem Mysterium
von Golgatha anders waren als nachher.
Wenn die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha - wir
waren alle in dieser Lage in friiheren Erdenleben, diese Menschen
sind wir ja selber, von denen wir da reden, denn wir waren da in
friiheren Erdenleben -, wenn die Menschen in friiheren Erdenleben
in Schlaf versunken sind und die Angstlichkeit erlebt haben, die ich
beschrieben habe, so war immer der Christus in einem Nachbilde aus
der Sternenwelt ebenso vorhanden, wie die Nachbilder der andern
Sterne vorhanden waren. Und der Christus trat so helfend, angstver-
scheuchend, die Angst also hinwegtreibend, in jedem Schlafzustand
an den Menschen heran. In alteren Zeiten hatten die Menschen auch
noch im instinktiven Hellsehen durchaus beim Aufwachen eine Art
Erinnerung dabei, wie eine traumhafte Erinnerung, daB der Christus
wahrend des Schlafes bei ihnen war. Nur nannten sie ihn nicht den
Christus. Sie nannten ihn den Sonnengeist. Aber es war das tiefe Be-
kenntnis dieser Menschen, die da gelebt haben vor dem Mysterium
von Golgatha, daft der groBe Sonnengeist auch der groBe fuhrende
Heifer der Menschheit ist und daB er jede Nacht im Schlafe an den
Menschen herantritt, um ihm die Angst zu nehmen, in die Welt zer-
splittert zu werden. Der Christus erschien als der den Menschen festi-
gende, innerlich konsolidierende Geist.
Wer halt die Krafte des Menschen im Leben zusammen? - So
fragten sich die Angehorigen der alten Religionen. Der groBe Sonnen-
geist ist es, der die e'mzelnen Elemente des Menschen zu der Persdn-
lichkeit festigend zusammenhalt. Und dieses Bekenntnis hatten die
Angehorigen der alten Religionen aus ihrem erinnernden BewuBtsein
heraus, daB jede Nacht der Christus an die Menschen herantrat. Wir
brauchen uns nicht weiter zu wundern, daB das so war, denn in jenen
alten Zeiten, in denen noch vielfach ein instinktives Hellsehen dem
Menschen eigen war, sahen die Menschen in besonderen Augenblicken
ihres Lebens immer hinauf in die Zeit, die sie zugebracht haben, bevor
sie als geistig-seelisches Wesen zur Erde heruntergestiegen waren und
sich mit einem physischen Leib umkleidet hatten. Es war damals den
Menschen ganz natiirlich, hinaufzuschauen in das vorirdische Dasein.
Aber ist es denn nicht so, wie wir gerade auseinandergesetzt haben,
daB uns jeder Schlaf in das vorirdische Dasein zumckfuhrt, in das
Dasein, bevor wir so recht bewuBtes Kind geworden sind? Ja, so ist
es. Und so wie die Menschen wuBten, daB sie im vorirdischen Dasein
mit dem hohen Sonnengeiste beisammen waren, der ihnen die Kraft
gegeben hat, wiederum durch den Tod als unsterbliches Wesen zu
gehen, so hatten die Menschen auch ein erinnerndes BewuBtsein nach
jedem Schlafe, daB dieser hohe Sonnengeist helfend an ihrer Seite
gestanden ist, um sie so recht als Menschen in sich zusammenhaltende
Personlichkeiten sein zu lassen.
Diesen Zustand durchlebt des Menschen Seele wahrend des Schla-
fens, wahrend sie mit der Planetenwelt Bekanntschaft macht. Es ist
wie ein Aufgeteiltsein und durch Christus Zusammengehaltenwerden
innerhalb der Nachbilder der Planeten.
Dieses ganze Erlebnis der Seele wahrend des Schlafes ist anders
geworden fur die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha. Das
Mysterium von Golgatha hat fur die Erdenmenschen die Entfaltung
des starken Ich-BewuBtseins eingeleitet. Die Menschen hatten in alten
Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha ein starkes Zusammenge-
horigkeitsgefuhl mit dem vorirdischen Dasein, aber sie hatten kein
starkes Ich-BewuBtsein. Dieses Ich-BewuBtsein kam erst nach und
nach seit dem Mysterium von Golgatha, insbesondere aber eigentlich
erst iiber die Kulturmenschheit seit dem ersten Drittel des 15. Jahr-
hunderts. Und dieses starke Ich-BewuBtsein macht, daB der Mensch
als ein freies, voll selbstbewuBtes Wesen sich in die Sinneswelt hinein-
stellt, daB auf der andern Seite wie durch einen Ausgleich sein Zu-
ruckschauen in das vorirdische Dasein verdunkelt wird, auch sein
BewuBtsein, sein erinnerndes BewuBtsein davon, daB wahrend des
Schlafes der Christus helfend an seine Seite tritt.
Das ist ja das Merkwiirdige, was sich mit dem Verlauf des Myste-
riums von Golgatha fur die Entwickelung der Menschheit abgespielt
hat, daB die Menschen im Ich-BewuBtsein wahrend des Tagwachens
stark geworden sind, daB aber vollstandige Finsternis sich nach und
nach iiber dasjenige ausgebreitet hat, was fruher aus dem Schlafbe-
wuBtsein herausgeleuchtet hat. Daher miissen die Menschen seit dem
Mysterium von Golgatha bewuBt wahrend des Tagwachens ihr Ver-
haltnis zu dem Christus Jesus herstellen, indem sie sich bewuBt ein
Verstandnis erwerben, was durch das Mysterium von Golgatha eigent-
lich geschehen ist, wie durch das Mysterium von Golgatha auf die Erde
der hohe Sonnengeist Christus heruntergestiegen ist, Mensch gewor-
den ist in dem Leibe des Jesus von Nazareth, durch das Erdenleben
und durch den Tod gegangen ist und den Jiingern, die ihn im athe-
rischen Leibe nach dem Tode schauen konnten, ein Lehrer noch war
nach dem Tode,
Indem die Menschen in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha
sich im Tagwachen ein BewuBtsein von ihrer Zusammengehorigkeit
mit Christus erwerben, indem sie sich iebendige Vorstellungen er-
werben von dem, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen
ist, tritt fur die Menschen wiederum die Moglichkeit ein, daB der
Christus-Impuls ihnen nun in seiner Nachwirkung aus dem Tag-
wachen wahrend der Nacht hilft. Das ist der groBe Unterschied des
Schlafzustandes der Menschen vor dem Mysterium von Golgatha und
nach dem Mysterium von Golgatha. Vor dem Mysterium von Gol-
gatha war es sozusagen immer wahrend des Schlafens von selbst ge-
kommen, daB die Christus-Hilfe da war, und der Mensch konnte sich
sogar noch im Wachzustande erinnern, daB der Christus wahrend des
Nachtschlafes bei ihm war. Ganz Christus- verlas sen wiirde der Mensch
nach dem Mysterium von Golgatha sein, wenn er nicht wahrend des
Tagwachens sein bewuBtes Verhaltnis zum Christus herstellte und
dadurch den Nachklang, die Nachwirkung in den Schlaf hiniibertruge,
so daB er wahrend des Schlafes nun wiederum durch die Christus-
Hilfe zusammengehalten werden kann zur Personlichkeit.
Das ist als eine innere seelische Verpflichtung fiir den Menschen
aufgetaucht nach dem Mysterium von Golgatha, daB dasjenige, was
die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha aus den Himmels-
weiten herein unbewuBt gehabt haben, die Hilfe des Christus, daB sie
sich diese Hilfe des Christus nach und nach erwerben mussen durch
Herstellung eines bewuBten Verhaltnisses zu dem Mysterium von
Golgatha. Und schon konnen wir das Wesen des menschlichen Schlafes
nicht richtig studieren, wenn wir nicht diesen groBen, gewaltigen
Unterschied des menschlichen Schlafes vor dem Mysterium von Gol-
gatha und nach dem Mysterium von Golgatha ins Auge fassen.
Aber es ist, wenn wir in den Schlafzustand hinubergehen, auch
unsere ganze Welt eine andere, als sie wahrend des Wachzustandes ist.
Wie leben wir als Menschen wahrend des Wachzustandes auf der
Erde? Wir sind eingespannt durch unseren physischen Leib in die
Naturgesetze. Die Gesetze, die drauBen wirken in der Natur, wirken
ja auch in uns. Dasjenige, was wir als moralische Verpflichtungen, als
moralische Impulse, als die ganze moralische Weltenordnung aner-
kennen, das steht gewissermaBen wie eine abstrakte Welt in den
Natur gesetzen. Und weil die heutige Naturforschung nur die Welt des
Wachens beriicksichtigt, so entfallt dieser Naturforschung die mora-
lische Welt vollstandig.
Da erzahlt uns die Naturforschung davon, allerdings hypothetisch,
aber es ist ganz im Sinne dieser Naturforschung, daB einmal der Kant-
Laplacesche Urnebel - heute ist er modifiziert, aber er gilt im wesent-
lichen noch immer fur die naturwissenschaftlichen Vorstellungen -
am Anfangspunkte unserer Weltenentwickelung war, daB am Ende
dieser Weltenentwickelung der Warmetod eintreten wird, wo alles
wie in einem groBen Friedhof von Lebendigem auf Erden begraben
sein wird. Von physischem Zustand zu physischem Zustand schildert
uns die Naturwissenschaft die Entwickelung des Kosmos. Darin
ist ein Fremdling die moralische Weltenordnung. Der Mensch wiirde
seine Wiirde nicht empfinden, der Mensch wurde sich uberhaupt nicht
als Mensch erleben konnen, wenn er sich nicht als moralisches Wesen
erlebte. Aber waren denn die moralischen Impulse schon im Kant-
Laplaceschen Urnebel? Nein, da waren nur mechanische Gesetze,
physikalische Gesetze. Werden sie sein, wenn die Erde am Warmetod
angekommen ist? Nein, da werden wiederum nur physikalische Ge-
setze herrschen, so sagt die Naturwissenschaft, und aus dem natur-
gesetzlichen Geschehen sprieBt auf alles Lebendige, aus dem Leben-
digen das Menschlich-Seelische. Der Mensch macht sich Vorstellungen :
Das sollst du tun, das sollst du nicht tun. - Er erlebt eine moralische
Weltenordnung. Sie hat aber keine Pflanzstatte in der Naturgesetz-
lichkeit selber. Wie eine bloBe abstrakte Welt iiber der festen, massiven
naturgesetzlichen Welt erscheint dem wachenden Menschen die mo-
ralische Weltenordnung.
Wenn das imaginative, inspirierte und intuitive BewuBtsein das-
jenige durchmacht, was der Mensch vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen im Ich und im astralischen Leibe erlebt, so ist das ganz anders.
Da ist fest und real die moralische Weltenordnung, und die Natur-
ordnung drunten erscheint wie etwas Ertraumtes, wie etwas nur Ab-
straktes. Es ist schwer vorzustellen, aber es ist so. Es ist die ganze
Welt umgekehrt. Als das Reale, als das Sichere erschiene dem Schla-
fenden, wenn er hellseherisch wiirde im Schlafe, die moralische Wei-
tenordnung, und als dasjenige, was eben darunter, jetzt nicht dariiber
schwebt, die physische naturgesetzliche Weltenordnung. Und wenn
der Schlafende bewufit ware, wiirde er nicht am Ausgangspunkte der
Weltenordnung die Kant-Laplacesche Theorie und an das Ende den
Warmetod setzen, sondern er wiirde an den Ausgangspunkt setzen
die Welt der geistigen Hierarchien, lauter geistig-seelische Wesen, die
den Menschen ins Dasein fiihren, und an das Ende der Weltenordnung
nicht den Warmetod, sondern wiederum geistig-seelische Wesen, die
den durch eine Entwickelungsreihe hindurchgegangenen Menschen in
ihre Gemeinschaft aufnehmen. Und darunter wiirde wie eine Illusion
wellig schweben und stromen die abstrakte physische Weltenordnung.
Wenn Sie zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, gerade
mitten so darinnen, hellseherisch begabt wiirden, wiirden Sie alles das,
was Sie bei Tag als die Naturgesetze gelernt haben, wie von der Erde
getraumte Traume sehen. Und dasjenige, was Ihnen einen sicheren
Boden gibt, wiirde die moralische Weltenordnung sein. Diese mora-
lische Weltenordnung erlebt man, indem man sich durcharbeitet,
nachdem einem Christus die geschilderte Hilfe gewahrt hat, in die
Ruhe des Fixsternhimmels, allerdings jetzt wiederum wahrend des
Nachtschlafes in den Abbildern. Man schaut von den Fixsternen aus,
von den Abbildern das Irdische, das Naturgesetzliche an.
Das ist die ganz andersartige Form von den Erlebnissen, die der
Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen hat und die
jede Nacht seine Seele in das Bild des Kosmos hineinbringt. So wie der
Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wie ich gestern
ausfiihrte, in einem gewissen Zeitpunkte durch die Mondenkrafte
zum Erdendasein heruntergefiihrt wird, indem er eine Art Bediirfnis
nach dem Erdendasein bekommt, so bekommt er, nachdem er in der
geschilderten Weise, sagen wir schlafend das Himmelsdasein durch-
lebt hat, das Bediirfnis, wiederum in seinen physischen Leib und in
seinen Atherleib unterzutauchen.
Nun sind wir, indem wir als Menschen von unserer Geburt an uns
einleben in das Erdendasein, auch in einer Art Schlaf- und Traumes-
zustand. So Sie des Morgens, wenn wir von den Traumen absehen,
sagen wir, wenn Sie eine Stunde schon wach sind, zum Aufwachen
zuriicksehen, da reiBt das BewuBtsein ab, da geht es in die Finsternis
des Schlafes hinein, so ahnlich ist es, wenn Sie in die Zeit Ihrer Kind-
heit zuriickschauen. Bei manchem friiher, bei manchem spater, bei
manchem im fiinften, bei manchem im vierten Jahre reiBt das Be-
wuBtsein ab. Da liegt etwas jenseits dieses Erinnerungspunktes, bis
zu dem man sich zuriickerinnert, jenseits liegt etwas, das ebenso in die
Finsternis des Schlafes- und Traumeslebens der ersten Kindheit ge-
taucht ist, wie allnachtlich das Leben der menschlichen Seele in die
Finsternis des Schlaflebens getaucht ist. Aber es ist nicht ein volliges
Schlafen, es ist schon eine Art wachen Traumens, das das Kind voll-
bringt. Aber wahrend dieses wachen Traumens geschehen jetzt drei
wichtige Etappen des menschlichen Lebens, von denen ich schon
gestern andeutend gesprochen habe in der Reihenfolge, wie ich es
charakterisiert habe, und in denen wir Nachklange und Nachwir-
kungen des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
sehen konnen. Zuerst lernt das Kind dasjenige aus seinem Traumes-
schlafesleben heraus, was wir so einfach als Gehenlernen bezeichnen.
Ja, es fallt uns das Gehenlernen am meisten auf. Aber dasjenige, was
da mit dem Kinde geschieht, ist etwas Umfassendes, was fur den, der
eigentlich iiberall hineinschauen kann, wie die feinsten Partien des
Menschenwesens da verandert werden, etwas ungeheuer GroBartiges,
Gewaltiges darstellt. Das Kind lernt sich in die ganzen Schwerever-
haltnisse durch Gleichgewichtslage hineinstellen in die Welt. Das
Kind hort auf, umzufallen. Es fiigt sich, indem es innere Krafte ent-
faltet, in die Raumesrichtungen hinein.
Wenn wir das bewuBt tun muBten, unseren Organismus aus dem
volligen fall- und gleichgewichtslosen Zustand hineinfiigen in einen
festen Gleichgewichtszustand zu den drei Raumesrichtungen, wobei
wir sogar als Kind lernen, diesen Gleichgewichtszustand festzuhalten,
indem wir gehenlernend diese Art Pendelbewegungen ausfuhren mit
unseren Beinen, ist das eine so gewaltige mechanische Aufgabe, die
da unbewuBt das Kind vollfiihrt, weil es sie als Nachklang vollfiihrt
dessen, was es durchlebt hat unter Geistem zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt, ist das etwas so Umfassendes, so GroBartiges,
daB keine menschliche Wissenschaft des allergroBten Ingenieurs im-
stande ware, es auszurechnen. Wie da die Menschenkrafte sich hinein-
fugen in den Raumzusammenhang der Welt, was da der Mensch un-
bewuBt vollbringt als Kind, das ist das denkbar GroBartigste an der
Entwickelung mathematisch-mechanisch-physikalischer Krafte. Wir
bezeichnen das mit dem einfachen Ausdruck des Gehenlernens. Allein
in diesem Gehenlernen liegt eben etwas ganz GroBartiges.
Und mit dem Gehenlernen entwickelt sich auch der richtige Ge-
brauch der Arme, der Hande. Dieses ganze Sich-Hineinstellen als
physisches Wesen in die drei Raumesrichtungen ist wiederum die
Grundlage fur alles dasjenige, was Sprechenlernen ist. Die Physiologie
weiB kaum mehr von diesem Zusammenhang der Geh- und Steh-
dynamik des Menschen mit dem Sprechenlernen, als daB sie weiB, daB
die Sprachwindung bei rechtshandigen Menschen links im Gehirn ist,
weil die Gebarden der rechten Hand, die kraftig ausgefiihrt werden
von dem Willen des Menschen, innerlich geheimnisvoll sich fortsetzen
in das Gehirn und im Gehirn diejenige Verrichtung vollbringen, die
den Menschen dann zum Sprechen bringt. Aber es ist nicht nur dieser
Zusammenhang der rechten Hand mit der linken dritten Stirnwin-
dung, der sogenannten Brocaschen Windung im Gehirn, es ist die
ganze Bewegungsfahigkeit der Beine und der Arme und der Finger,
die ganze Beweglichkeit und Gleichgewichtslage des Menschen, die
heraufschieBt in das Gehirn, Gehirnbildung wird, von der Gehirn-
bildung in den Kehlkopf hineinschieBt. Und die Sprache entwickelt
sich aus dem Boden des Gehens, des Greifens, der Gebarde der Be-
wegungsorgane heraus.,
Wer sich fur diese Dinge ein richtiges Anschauungsvermogen ent-
wickelt hat, der weiB, daB ein Kind, das die Tendenz hat, mehr mit
den Zehen aufzutreten, auch anders spricht, anders seine Laute nuan-
ciert als ein Kind, das die Tendenz hat, mit den Fersen aufzutreten.
Aus dem Geh- und Bewegungsorganismus entwickelt sich der Sprach-
organismus, entwickelt sich das Sprechen. Und dieses Sprechen ist
wiederum die Nachbildung desjenigen, was ich Ihnen gestern als das
Durchgehen durch die Offenbarung zwischen dem Tod und der
neuen Geburt gezeigt habe. Indem das Kind sprechen lernt - es
versteht noch gar nicht in Gedanken etwa die Worte, es versteht sie
nur gefuhlsmafiig -, lebt das Kind in der Sprache als in Gefuhlen
und lernt erst nach dem Sprechen, wenn es sich ganz normal ent-
wickelt, das Vorstellen, das Denken. Die Gedanken entwickeln sich
bei dem Kinde aus den Worten in Wirklichkeit. Geradeso wie das
Gehen und Greifen, die Geste der Beine und der Hande herauf-
schieflen in den Sprachorganismus, so schiefit wiederum dasjenige,
was im Sprachorganismus lebt und was gewonnen wird in Anpassung
an die Sprache der Umgebung, in die Denkorgane herauf, und das
Kind entwickelt auf der dritten Etappe das Denken.
In diesem Traumesschlafeszustand macht das Kind diese drei Ent-
wickelungsstufen durch : Gehen, Sprechen, Denken. Das sind die drei
irdischen Abbilder desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt erleben im lebendigen Durchgang durch die Geistwelt,
durch die OfTenbarung der Geistwelt und durch das Heranholen des
Weltenathers, um unseren Atherleib auszubilden. Richtig beurteilen
kann man dasjenige, was da das Kind ausbildet in diesen drei Etappen,
nur, wenn man den erwachsenen Menschen dann beobachtet in seinem
Schlafzustande. Da kann man beobachten, wie der Mensch, indem er
einschlafend aufhort zu denken - die Gedanken verstummen ja im
Einschlafen -, wie der Mensch dann dadurch, daB er aufhort zu
denken, die Kraft seiner Gedanken weiter pflegen laBt zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen von denjenigen Wesen, die wir als Engel-
wesen, Angeloiwesen kennen. Die treten an den schlafenden Menschen
heran und pflegen seine Gedankenkrafte, wahrend er sie selbst nicht
pflegt.
Und der Mensch hort ja auch auf zu sprechen. Nur bei abnormen
Zustanden, die schon auch verstanden werden konnen, spricht der
Mensch aus dem Schlafe. Aber dariiber brauchen wir uns jetzt nicht
zu unterhalten. Beim normalen Menschen hort das Sprechen auf,
wenn er einschlaft. Es ware auch schrecklich, wenn manche Menschen
auch noch wahrend des Schlafes fortwahrend uns erzahlen wiirden.
Also es hort das Sprechen auf wahrend des Schlafes. Da sind es die
Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi, welche nun das-
jenige am Menschen wahrend des Schlafes pflegen, was in ihm zum
Sprechen fiihrt. Und auBer den Nachtwandlern, die wiederum in
einem abnormen Zustande sind, sind die Menschen auch im Schlafe
ruhig, sie gehen nicht, greifen nicht, die Bewegungen horen auf. Das-
jenige, was da in dem Menschen als Krafte im Tagwachen vorhanden
ist und was die Bewegungen aus dem Willen herausholt, das pflegen
vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Wesenheiten, die wir zur
Hierarchie der Archai rechnen.
Lernen wir diesen Zusammenhang verstehen, sehen wir wiederum,
wie zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen an das Ich und
den astralischen Leib, uberhaupt an den ganzen Menschen herantreten
die Wesen der nachsten Hierarchie, die uber dem Menschen steht,
Angeloi, Archangeloi, Archai, dann verstehen wir auch, wie es im
kleinen Kinde ist, wenn das kleine Kind die drei Betatigungen des
Gehens, des Sprechens, des Denkens sich aneignet. Wir lernen schauen,
wie, indem das kleine Kind in die Lebensdynamik, in das Gehen und
Greifen hineinkommt, es die Archai sind, die dasjenige, was der
Mensch zwischen Tod und neuer Geburt im Umgange mit geist-
seelischen Wesen erlebt hat, herubertragen und zum Abbild in dem
Gehen des Kindes machen. Die Archai, die Urkrafte vermitteln das
ganz geistige Sich-Bewegen unter geist-seelischen Wesen zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Abbild hier in der physi-
schen Welt, wenn das Kind gehen lernt.
Und die Archangeloi bringen dasjenige heriiber, was der Mensch
zwischen Tod und neuer Geburt in der Offenbarung erlebt, und sie
wirken, indem das Kind sich das Sprechen aneignet. Und die Angeloi,
die Engelwesen, tragen dasjenige heriiber, was der Mensch an Kraften
entwickelt hat, indem er sich seinen Atherleib zusammengesammelt
hat aus der gesamten Weltathersubstanz. Sie tragen diese Krafte her-
iiber, bilden sie aus im Abbilde in den Denkorganen, die plastisch
geformt werden, so daft das Kind aus der Sprache heraus das Denken
lernt.
Durch Anthroposophie lernen wir nicht bloB hinzuschauen auf die
physische Welt und immer nur zu sagen : Da liegt Geistiges zugrunde. -
Das ist ja billig. Dadurch eignen wir uns keine rechte Vorstellung
uber die geistige Welt an. Derjenige, der nur philosophisch immer
sagen wollte : Nun ja, allem Physischen liegt ein Geistiges zugrunde -,
der gliche doch dem, der iiber eine Wiese gehen will, und ein anderer
sagt ihm: Sieh einmal, da sind Lowenzahn, da sind Ganseblumchen
und so weiter -, aber er sagt : Das will ich alles nicht wissen. Da ist
Blume, Blume, Abstraktion Blume! - So steht derjenige da, der nur
als Philosoph uberall das Pantheistische, Geistige anerkennen will,
nicht eingehen will auf die konkreten, besonderen Ausgestaltungen
des Geistigen.
Das, was uns Anthroposophie gibt, zeigt uns, wie in den einzelnen
Gestaltungen des Lebens uberall das Gdttlich-Geistige lebt. Wir sehen
hin auf die Art und Weise, wie das Kind aus dem kriechenden, aus
dem ungeschickten Zustande zum gehenden Zustande ubergeht. Wir
geben uns in Bewunderung und Verehrung hin diesen groBartigen
Weltenphanomenen und sehen darinnen ein Werk der Archai, die da
tatig sind, indem das, was zwischen Tod und neuer Geburt erlebt wird,
heriibergetragen wird in seine irdische Gestalt. Und wir verfolgen, wie
das Kind die Sprache aus sich herausbringt, verfolgen die Tatigkeit
der Archangeloi und wiederum beim Denken des Kindes die Tatigkeit
der Angeloi. Das hat aber auch seine tiefe Bedeutung und seine prak-
tische Seite. Das kann man insbesondere in unserem stark materia-
listisch gearteten Zeitalter schauen. In unserem stark materialistisch
gearteten Zeitalter bedeuten fur viele Menschen die Worte nicht mehr
etwas stark Geistiges. Die Menschen haben nach und nach die Worte
eigentlich nurmehr, um physische Dinge der AuBenwelt zu bezeichnen.
Man merkt ja das. Denken Sie, wie viele Menschen sind da vorhanden
in der Welt, die uberhaupt sich nichts mehr vorstellen konnen, wenn
man ihnen von etwas Geistigem spricht, weil die Worte fur sie nicht
mehr geistige Bedeutung haben, weil die Worte nur anwendbar sind
auf physische Dinge. Die Sprache hat selbst schon fur viele Menschen
einen materialistischen Charakter bekommen. Sie ist nur anwendbar
auf physische Dinge. Und wir sind nun schon einmal in einer Zivilisa-
tion darinnen, wo die Sprache selbst immer materialistischer und
materialistischer wird. Und wozu fuhrt das ?
Das zeigt sich dann, wenn man in der richtigen Weise den Zu-
sammenhang des Wachzustandes mit dem Schlafzustande in bezug
auf die Sprache schaut. Bei Tag, im wachen Zustande sprechen wir zu
den andern Menschen. Wir bringen die Luft in Schwingungen. Die
Art und Weise, wie die Luft schwingt, vermittelt dasjenige, was wir
seelisch mitteilen wollen. Aber im Inneren des Menschen leben die
Antriebe, die seelischen Antriebe zu diesen Worten. Jedem Worte
entspricht ein seelischer Antrieb, und der seelische Antrieb ist um so
starker, je idealistischer ein Mensch spricht, je mehr er sich bewuBt
ist, daB in den Worten auch geistige Bedeutungen enthalten sind. Da
kann man dann, wenn man das weiB, genau sehen, was da vorliegt.
Nehmen Sie einen Menschen, der eigentlich nur noch Materialistisches
in seinen Worten versteht. Bei Tag nimmt er sich ungefahr so wie ein
anderer Mensch aus, der auch Idealistisches in seinen Worten hat,
Spirituelles in seinen Worten hat, der sich bewuBt ist uberhaupt, daB
die Worte beflugelt sind vom Geiste. Aber in der Nacht, da nimmt
der Mensch mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe die
geistig-seelische Seite der Sprache hinaus mit in die geistige Welt. Er
geht wieder zuriick zum geistigen Ursprung. Derjenige, der nur eine
materialistische Sprache hat, findet seinen Archangelos nicht. Er findet
nicht den AnschluB an die Welt der Archangeloi. Derjenige, der noch
idealistische Sprache hat, findet den AnschluB an die Welt der Archan-
geloi.
Das ist das Tragische, welches eine schon in der Sprache sich aus-
druckende materialistische Zivilisation hat, daB die Menschen durch
das Materialistischwerden der Sprache in der Nacht den AnschluB an
die Welt der Archangeloi verlieren konnen. Das ist in der Tat etwas,
was fur den wirklichen Geistesforscher innerhalb der Zivilisation der
Gegenwart etwas HerzzerreiBendes hat, wie die Menschen, indem sie
immer mehr und mehr vergessen, ihren Worten einen geistigen Inhalt
zu geben, den AnschluB an die geistige Welt - namlich an der rich-
tigen Stelle bei den Erzengeln - verlieren. Das ist das Furchtbare
unserer materialistisch werdenden Zivilisation. Und dieses Furchtbare
lernt man erst erkennen, wenn man die wahre Wesenheit des Schlaf-
zustandes ins Auge faBt.
Richtig Anthroposoph kann man nicht werden, wenn man ein
bloBer Theoretiker bleiben will. t)ber Maikafer und Regenwiirmer
und uber Zellen konnen Sie gleichgultige Theorien aufstellen, Theo-
rien, bei denen einem das Herz nicht zu zerbrechen braucht. Denn
schlieBlich, wie Maikafer und Regenwiirmer aus einer Zelle aufgebaut
sind, das kann zu nichts Herzzerbrechendem fiihren. Wenn Sie aber
die anthroposophischen Erkenntnisse sich aneignen in ihrer Fulle, dann
sehen Sie hinein in Tiefen des Menschenwesens, der Menschenent-
wickelung, der Menschenschicksale, und Ihr Herz ist immer beteiligt
an den Erkenntnissen. Da ladt sich die Summe der Erkenntnisse im
Gefuhls-, im Empfindungsleben ab. Da wird man mit der ganzen
Welt mitfuhlend und dann wohl auch mitwollend. Das ist das Wesen-
hafte der Anthroposophie, daB sie nicht bloB den menschlichen Kopf
ergreift, sondern daB sie den ganzen Menschen ergreift und daB sie
dadurch auch hineinleuchtend wird, aber gemiits- und gefuhlskraftig
hineinleuchtend wird in die Kultur- und Zivilisationsschicksale wie
in die Schicksale des einzelnen Menschen.
Man lernt erst in der richtigen Weise das Menschenleben auf Erden
miterleben, wenn man auch diese andere Seite, die geistige Seite so
anschaut, wie sie einem sich doch erst enthullen kann, wenn man auch
die Schlafzustande, durch die der Mensch immer wieder zur geistigen
Welt zuruckkehrt, in diese Erkenntnis herein begreift. Dann aber wird
Geisteswissenschaft wirkliches seelisches, geistiges und zuletzt auch
soziales, religioses, ethisches Menschenleben. Das soil ja wirkliche
Wissenschaft, die zur Weisheit wird, werden. Solche lebenskraftige
Wissenschaft braucht die Menschheit gar sehr, damit sie nicht tiefer
hinuntersinkt in den Untergang, sondern wiederum zu einem Auf-
gange kommen kann.
Wollen wir daher in den nachsten Vortragen, die ich noch halten
kann, tiefer noch hineindringen in den Zusammenhang des Menschen
mit der Welt und dadurch auch in das Begreifen des Schicksals des
einzelnen Menschen, wie es sich gestaltet durch die wiederholten
Erdenleben hindurch. Davon also morgen weiter.
VIERTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 19. Mai 1923
Wenn wir die Seele des Menschen betrachten, finden wir innerhalb des
Seelischen Denken, Vorstellen, Fiihlen und Wollen. Nun habe ich
gewiB schon auch hier ofters iiber diese drei Seelentatigkeiten ge-
sprochen. Allein ich mochte heute wiederum in einem besonderen
Zusammenhange, det sich in unseren Zyklus einfiigt, gerade iiber diese
dreigliedrige menschliche Seele einige Worte vorbringen.
Im wachen Zustande leben wir eigentlich nur in unseren Vorstel-
lungen. Dasjenige, was wir denken, ist uns im wachen Zustande voll
bewuBt. Wenn Sie sich fragen : Sind die Gefuhle, die wir durchmachen
im Wachzustande, ebenso bewuBt wie die Vorstellungen? - so
miissen Sie sich dieses mit Nein beantworten. Die Gefuhle bleiben fur
das wache BewuBtsein in einem gewissen Sinne dunkel und unbe-
stimmt. Und wenn Sie dasjenige vergleichen, was Sie in Ihrer Gefuhls-
welt erleben, mit demjenigen, was Sie erleben, wenn Sie sich gegen-
iibergestellt finden der mannigfaltigen Bilderwelt Ihrer Traume, so
werden Sie in der Gefuhlswelt und in der Traumeswelt denselben
Grad von BewuBtsein finden. Es wird in der Gefuhlswelt nur auf eine
andere Weise getraumt, aber es wird auch in der Gefuhlswelt nur ge-
traumt. Man tauscht sich iiber diesen Charakter der Gefuhlswelt da-
durch leicht, daB man dasjenige, was gefuhlt wird, in Vorstellungen
iibersetzt. Man stellt sich seine Gefuhle vor. Dadurch hebt man die
Gefuhle in das WachbewuBtsein herauf. Aber die Gefuhle als solche
sind nicht mehr bewuBt als der Traum.
Und insbesondere unbewuBt bleiben, vollstandig unbewuBt konnen
wir sagen, die Willensimpulse des Menschen. Stellen Sie sich nur ein-
mal vor, wieviel Sie von etwas wissen, was Sie ein Wollen nennen.
Nehmen Sie nur an, Sie strecken die Hand aus, um irgend etwas zu
ergreifen. Sie haben zuerst die Vorstellung davon, daB Sie die Hand
ausstrecken werden. Darinnen liegt Ihre Absicht. Wie aber diese Ab-
sicht nun hinunterstromt in Ihren ganzen Organismus, wie diese Ab-
sicht sich den Muskeln, den Knochen mitteilt, damit die Hand den
Gegenstand ergreifen kann, davon wissen Sie ebensowenig, wie Sie
von dem wissen im gewohnlichen BewuBtsein, was wahrend des
Schlafes mit Ihrem Ich vorgeht. Erst wenn Sie den Gegenstand er-
grirTen haben, dann nehmen Sie wiederum wahr die Bewegung des
Ergreifens, also wiederum eine Vorstellung. Was zwischen dieser
Vorstellung, welche die Absicht bildet, und der Vorstellung liegt, die
Sie dann haben, wenn Sie die Absicht in der auBeren Ausfiihrung
sehen, was dazwischen liegt, was da in Ihrem Organismus vor sich
geht, das verschlafen Sie auch bei wachendem BewuBtsein. Das Wollen
ist ein Schlafen, das Fuhlen ist ein Traumen, und nur das Vorstellen,
das Denken ist ein wirkliches Wachen.
Da haben wir auch wahrend des Wachzustandes die dreigliedrige
menschliche Seele : die wache Seele, die vorstellt, die traumende Seele,
die fuhlt, und die wollende Seele, die schlaft, so daB der Mensch im
gewohnlichen BewuBtsein niemals sagen kann, was eigentlich da un-
ten in den Zustanden vor sich geht, in denen der Wille webt und lebt.
Wenn man dann aber mit den Methoden der anthroposophischen
Forschung in diejenige Region hinunterleuchtet, wo der Wille pul-
siert, da findet man zunachst das Folgende. Wenn wir die Absicht
haben, irgendeinen WillensentschluB auszufuhren, dann ist das zu-
nachst ein Gedanke, eine Vorstellung. In dem Momente, wo diese
Absicht in den Organismus hineinstromt, entsteht im Organismus
dasjenige, was man einen inneren VerbrennungsprozeB nennen kann.
Jedesmal wird im Organismus ein VerbrennungsprozeB entstehen
langs des ganzen Weges, den der WillensentschluB macht. Durch das
Verbrennen von Stoffwechselprodukten, die Sie in sich haben, wird
alles das bewirkt, was den Arm bewegt, um einen WillensentschluB
auszufuhren, so daB eigentlich ein wollender Mensch im physischen
Sinne in einem verbrennungsartigen Verzehren seiner StorTwechsel-
produkte sich befindet. Eigentlich miissen wir immer deshalb die
StorTwechselprodukte erneuern, weil durch den Willen diese Stoff-
wechselprodukte fortwahrend verzehrt, verbrannt werden.
Das ist anders beim Vorstellen. Beim Vorstellen findet ein fort-
wahrendes Ablagern von salzartigen Bestandteilen statt. Erdige, salz-
artige, aschenartige Bestandteile sondern sich aus dem Organismus
ab, so daB, physisch gesprochen, das Denken, das Vorstellen ein
Salzablagern ist. Das Wollen ist ein Verbr ennen. Und dem Anschauen,
dem geistigen Anschauen stellt sich das menschliche Leben als ein
fortwahrendes Salzablagern von oben und als ein Verbrennen von
unten herauf dar. Dieses Verbrennen, das macht, daB wir, wenn ich
mich so ausdriicken darf, im Feuer des eigenen Leibes mit dem ge-
wohnlichen BewuBtsein nicht wahrnehmen konnen, was der Wille
eigentlich ist. Dieses Verbrennen bewirkt, daB wir den Willen, alles
Wollen fortwahrend verschlafen.
Aber was wird uns denn da unsichtbar fur das gewohnliche Be-
wuBtsein, wenn wir den Willen verschlafen? Wenn man nun in dieses
organische Feuer, das fortwahrend durch den Willen entsteht, mit den
Mitteln der Geistesanschauung hineinleuchtet, dann nimmt man wahr,
daB in diesem Feuer die Wirkungen unseres moralischen Verhaltens
in dem vorhergehenden Erdenleben leben. Da drinnen lebt dasjenige,
was man menschliches Schicksal, menschliches Karma nennen kann.
Es ist wirklich so, daB, wenn man richtig anschaut, wenn ein Mensch
sum Beispiel in einem bestimmten Jahre seines Lebens die Bekannt-
schaft eines andern Menschen macht, daB sich dann ganz anders diese
Tatsache ausnimmt, wenn man sie geistig richtig anschaut, als wenn
man sie nur auBerlich mit dem sinnlich-intellektualistischen BewuBt-
sein anschaut.
Nehmen wir an, ein Mensch hat eben in irgendeinem Jahre seines
Lebens einen andern Menschen kennengelernt. Man spricht da sehr
haufig von Zufall. Und es nimmt sich das ja auch so aus, als wenn der
andere Mensch durch die verschiedenen Zufallswege des Lebens
einem zugefuhrt worden ware, und man hatte dann im Augenblicke
mit ihm Bekanntschaft geschlossen. Aber so ist es ja nicht. Wenn man
hineinschaut mit den Mitteln der Geisteswissenschaft in den ganzen
Zusammenhang des menschlichen Lebens, in all das, was unsichtbar
durch den angedeuteten VerbrennungsprozeB wird, dann sieht man,
daB eine Bekanntschaft, die man zum Beispiel im fiinfunddreiBigsten
Lebens jahre gemacht hat, ganz planmaBig das ganze Leben hindurch
ersehnt und erstrebt worden ist. Wenn Sie den Menschen von seinem
fiinfunddreiBigsten Lebensjahre bis zu seiner ersten Kindheit ver-
folgen und Sie legen bloB, Sie machen die Wege offenbar, die er
durchgemacht hat, urn zuletzt da anzukommen, wo ihm der andere
Mensch begegnet ist, so ist das ein ganz planmaBiges Erstreben im
UnterbewuBtsein. Und manchmal ist es, wenn man in dieser Weise das
Schicksal des Menschen betrachtet, ganz wunderbar, welche Winkel-
ziige ein Mensch macht, um an einer bestimmten Stelle in einem be-
stimmten Jahre anzukommen und da den andern Menschen zu treffen.
Wer wirklich in das menschliche Leben hineinsieht, der kann gar
nicht anders sagen als: Derjenige, der etwas erlebt, hat dieses Erlebnis
sein ganzes Erdenleben hindurch so gesucht, wie man nur irgend
etwas suchen kann. - Und warum suchen wir ein bestimmtes Erleb-
nis? Weil uns dieses Suchen aus fruheren Erdenleben in die Seele
hinein ergossen ist. Aber diese fruheren Erdenleben erscheinen in
ihren Wirkungen nicht im GedankenbewuBtsein, in dem wir wachen,
sondern sie erscheinen in ihren Wirkungen in dem BewuBtsein, wo
ein VerbrennungsprozeB uns fortwahrend in einen Schlaf einlullt. Wir
streben unbewuBt, aber wir streben nach den Erlebnissen unseres
Erdendaseins hin.
Nun konnen sich verschiedene Einwande erheben, Gedanken er-
heben, wenn so etwas ausgesprochen wird. Zuerst kann der Mensch
sagen: Ja, dann ist unser ganzes Leben schicksalsbestimmt und wir
haben keine Freiheit - Aber verlieren wir dadurch an Freiheit, daB wir
blonde Haare haben und nicht schwarze? Das ist ja auch vorbestimmt.
Wir sind dennoch frei, trotzdem wir blonde Haare haben und nicht
schwarze, wenn wir uns vielleicht auch schwarze wunschen; wir sind
dennoch frei, wenn wir auch nicht, was wir vielleicht als Kind wollen,
den Mond herunterlangen konnen. Wir sind dennoch frei, wenn auch
von dem Beginn unseres Erdenlebens an von uns gewisse Erlebnis se
gesucht werden, denn nicht das ganze menschliche Leben setzt sich
aus solchen schicksalsmafiigen Erlebnissen zusammen, sondern es
fugen sich immer den schicksalsmaBigen Erlebnissen die freien Erleb-
nisse ein. Und diese freien Erlebnisse, die sich einfiigen, findet die
Geisteswissenschaft wiederum an einer andern Stelle.
Ich spreche ja oftmals von den drei Stufen der Geisteserkenntnis :
von der Imagination, wo wir zuerst eine Bilderwelt schauen, von der
Inspiration, wo in diese Bilderwelt die geistige Wirklichkeit und
Wesenhaftigkeit hereinkommt, und dann von der Intuition, wo wir
in der geistigen Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit darinnenstehen.
Wenn nun der Mensch als Geistesforscher zur Imagination kommt
und dadurch, wie ich schon im offentlichen Vortrage angedeutet habe,
sein Lebenstableau vor sich hat, dann wird 2u gleicher Zeit auch
immer etwas anderes anschaubar. Man kann nicht das eine ohne das
andere haben. Man kann nicht die Imagination haben, die wirkliche
Geist-Erkenntnis des bisherigen Erdenlebens, ohne daB in einer merk-
wurdigen Weise wie eine Erinnerung diejenigen Erlebnisse auf-
tauchen, die wir wahrend des Schlafes immer gehabt haben vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen. Ich habe Ihnen erzahlt, wie diese
Erlebnisse sind. Wenn man auf der einen Seite die Imagination erhalt,
erhalt man auf der andern Seite insbesondere stark, wenn dann auch
das innere Schweigen der Seele eintritt, eine Anschauung desjenigen,
was der Mensch im Schlafzustande erlebt.
Nun habe ich Ihnen schon manches von dem geschildert, was der
Mensch im Schlafzustande erlebt. Aber dasjenige, was einem vor
alien Dingen vor das Seelenauge an Erlebnissen wahrend des Schlafes
tritt, das ist das neu sich bildende Schicksal. Wenn wir in das Schlafen
hinunterleuchten, das im Wollen liegt wahrend des Wachens, dann
kommen wir auf das Karma, welches aus friiheren Erdenleben herein-
wirkt. Wenn wir anfangen, die Erlebnisse zwischen dem Einschlafen
und Aufwachen zu durchschauen, dann schauen wir hin, wie sich aus
unseren freien Handlungen, die wir gegenwartig verrichten, zusam-
menwebt das Karma, das sich erst wiederum im nachsten Erdenleben
verwirklicht.
Glauben Sie nicht, daB nun, wenn man in dieses Schlafesleben
hineinschaut, dasjenige das besonders Beunruhigende ist, daB man
sich jetzt sagen muB: Du hast dir durch dein moralisches Verhalten
im jetzigen Erdenleben dieses Karma zubereitet. - Das beunruhigt
nicht mehr, als wenn man weiB, heute ist die Sonne aufgegangen, bis
zur Mittagshohe gestiegen, ist wieder hinuntergegangen und wird am
nachsten Tag denselben Weg durchmachen. Diese GesetzmaBigkeit,
die einem da aus der Tiefe des Schlafes herausdringt, die beunruhigt
einen nicht, weil auf die mannigfaltigste Weise wiederum durch Frei-
heit in dem nachsten Erdenleben dasjenige zur Wifkung kommen
kann, was man veranlagt findet in den Schlafeszustanden des gegen-
wartigen Erdenlebens. Aber man uberschaut durchaus das Karma, das
sich in den unterbewuBten Zustanden des Wollens auswirkt, und man
uberschaut das sich wieder anspinnende Karma, wenn man in das-
jenige hineinschaut, was sich fur das gewohnliche BewuBtsein auch
unbewuBt im Schlafe beginnt zu weben als ein anfangliches Karma.
Und das sieht man auch, wie die Vergangenheit sich immer wieder
zusammenwebt im Menschen mit der Zukunft, wie dasjenige, was der
Mensch bei Tag verschlaft als die inneren Geheimnisse seines Willens,
sich zusammenspinnt mit demjenigen, was er bei Nacht verschlaft als
die inneren Geheimnisse seines Ichs und seines astralischen Leibes,
wenn sie sich von dem physischen Leibe und Atherleibe getrennt
haben und an dem Zukunfts karma weiter weben.
Wenn wir im gewohnlichen Wachsein denken, dann denken wir
zumeist iiber auBere Dinge. Diese auBeren Dinge, die wir da denken,
die bleiben dann in unserer Erinnerung durch den gewohnlichen
Inhalt unseres Seelenlebens. Aber das ist nur die Oberflache des
Seelenlebens. Hinter diesem Niveau des Denkens liegt ein viel tieferes
Seelenleben. Dieses, was wir beim Tagwachen als unser Denken er-
leben, das erleben wir im atherischen Leibe, im Bildekrafteleibe. Das-
jenige, was dahinter vorgeht im astralischen Leibe und im Ich, das
kann man nur erleben, wenn man bewuBt in die Geschehnisse ein-
dringt, die das Ich und der astralische Leib durchmachen, wenn sie
vom physischen Leibe und vom Atherleibe getrennt sind im Schlafe.
Da spinnt sich das Zukunftskarma an. Das wird durch die auBeren
Gedanken, die im Atherleib sind, bei Tag fur uns verhullt. Aber in
den Tiefen der Seele, da webt es auch bei Tag sich zusammen mit
demjenigen, was im unbewuBten schlafenden Willen ist als das Karma,
das aus der Vergangenheit heriiberkommt. Und so kann man sehr
genau in dieses Karma des Menschen hineinweisen.
Aber da liegt nun folgendes Eigentumliche vor. Ganz besonders
interessant ist fur die Karmabeobachtung die Zeit der allerersten Kind-
heit des Menschen. Die Entschlusse des Kindes erscheinen uns ganz
willkurlich, dennoch sind sie nicht willkiirlich. Oh, es ist schon so,
daB diese Willensentschliisse des Kindes dasjenige nachahmen, was in
der Umgebung des Kindes vor sich geht. Und ich habe im offentlichen
Vortrag das angedeutet, wie das Kind ganz Sinnesorgan ist, wie es
innerlich jede Geste erlebt, jede Bewegung der Menschen seiner Um-
gebung. Aber es erlebt jede Geste, jede Bewegung mit der moralischen
Bedeutung, so daB das Kind an einem jahzornigen Vater das Unmora-
lische erlebt, das mit dem Jahzorn verkniipft sein kann. Und das Kind
erlebt in den feinsten Bewegungen, die der Mensch in seiner Umge-
bung macht, die Gedanken, die der Mensch hat. Wir sollten uns daher
nie gestatten, unreine, unmoralische Gedanken etwa in der Umgebung
eines Kindes zu haben und zu sagen: In Gedanken konnen wir uns das
gestatten, das Kind weiB doch nichts davon. - Das ist nicht wahr.
Wenn wir denken, bewegen sich immer in irgendeiner Weise wenig-
stens unsere inneren Nervenstrange. Diese nimmt auch das Kind wahr,
besonders in den allerersten Jahren. Das Kind ist ein feiner Beobachter
und Nachahmer seiner Umgebung. Aber was das Merkwiirdige, das,
ich mochte sagen, im erhabenen Sinne Interessante ist, ist, daB das
Kind nicht alles nachahmt, sondern daB es eine Wahl trifft. Und diese
Wahl geschieht eigentlich auf eine sehr komplizierte Weise.
Denken Sie sich also einmal, in der Umgebung des Kindes wirkt
meinetwillen ein uniiberlegter jahzorniger Vater, der allerlei Dinge
macht, welche eigentlich nicht richtig sind. Weil das Kind ganz Sinnes-
organ ist, muB es alle diese Dinge aufnehmen, wie das Auge sich nicht
wehren kann, es muB das sehen, was in seiner Umgebung ist. Aber
das Kind nimmt dasjenige, was es da aufnimmt, eben nur im Wach-
zustande auf. Nun beginnt das Kind zu schlafen. Kinder schlafen viel.
Und wahrend des Schlafes trifft nun das Kind die Wahl. Dasjenige,
was es aufnehmen will, sendet es aus seiner Seele in seinen Leib, in
seinen Korper hinunter. Dasjenige, was es nicht aufnehmen will, stoBt
es wahrend des Schlafes in die atherische Welt hinaus, so daB das Kind
nur dasjenige in seine Korperlichkeit aufnimmt, wozu es schicksals-
maBig vorbestimmt ist durch sein Karma, durch sein Schicksal. Das
Walten des Schicksals sieht man insbesondere lebendig in den aller-
ersten Kindesjahren.
Wenn man ein intellektualistischer Mensch ist, dann hat man oft-
mals das BewuBtsein, man ist furchtbar gescheit und das Kind ist
furchtbar dumm. Wenn man allmahlich in die Welt hineinsehen lernt,
dann hat man dieses Urteil nicht, dann hat man das andere Urteil, wie
dumm man eigentlich seit der Kindheit geworden ist. Nur ist die
Gescheitheit, die man sich angeeignet hat, gegeniiber der Kindheit
eine bewuBte Gescheitheit. Die Weisheit aber, mit der das Kind auf
die beschriebene Art die Wahl trifft zwischen dem, was es sich einver-
leiben will, nach seinem Schicksal von den vorhergehenden Erden-
leben sich einverleiben muB, und demjenigen, was es in die allgemeine
Atherwelt abstoBt, ist eine viel, viel groBere als die Weisheit, die wir
im spateren Leben haben. Und dasjenige, was der Mensch aus seinem
friiheren Erdenleben in das gegenwartige Erdenleben hereintragt,
tragt er gerade in den ersten Kindheitsjahren am allerersten herein, wo
die Frage der Freiheit iiberhaupt noch gar nicht in Betracht kommt.
In derjenigen Lebenszeit, in der das FreiheitsbewuBtsein auftaucht,
haben wir eigentlich das allermeiste, das weitaus meiste von dem, was
wir aus friiheren Erdenleben in dieses Erdenleben hereintragen sollen,
schon hereingetragen. Und wenn einer im funfunddreiBigsten Lebens-
jahre ein ganz bestimmtes Erlebnis hat, so hat er sich die Wege zu
diesem Erlebnis durchaus schon in den allerersten Kindesjahren ge-
ebnet. Die ersten Schritte des Lebens sind fur das schicksalsmaBig
Bestimmte die allerwichtigsten und wesentlichsten.
Ich habe einmal versucht, das anzudeuten, wie das Kind weise ist,
und wie man eigentlich im Verlaufe des Lebens immer weniger weise
wird. Man wird bewuBter, und man schatzt dann die bewuBte Rationa-
list, und man schatzt nicht die unbewuBte Weisheit des Kindes. Die
schatzt man eigentlich erst durch die Initiationswissenschaft. Ich habe
einmal darauf aufmerksam gemacht. Das ist aber von offiziell philo-
sophischer Seite furchtbar getadelt worden. Ich habe darauf in meinem
Buchelchen aufmerksam gemacht «Die geistige Fuhrung des Menschen
und der Menschheit», gleich im ersten Kapitel. Es ist also schon wich-
tig, daB wir auf diese allererste Kindheit in dieser Weise hinzuschauen
vermogen. Wenn die Menschen das einmal durchschauen, dann wer-
den sie auch wiederum ein gesiinderes Urteil bekommen uber etwas,
was heute immer und immer wiederum erwahnt wifd, aber gar nicht
durchschaut wird, die vererbten Eigenschaften. In Dichtung und
Wissenschaft mochte man heute alles auf die vererbten Eigenschaften,
auf die von den Eltern ererbten Eigenschaften zuruckfuhren. Wird
man einmal einsehen, wie das Kind karmisch aus den friiheren Erden-
leben sich dasjenige hereintragt, was es sogar in sehr weiser Art aus-
wahlt, dann wird man das rechte Verhaltnis zwischen dem finden, was
in der Schicksalsbestimmung liegt, und dem, was die auBere Verer-
bung und Kleidung ist. Denn diese Vererbung ist nur eine Umklei-
dung. Und daB sie da ist, wundert den nicht, der in der richtigen
Weise dasjenige versteht, was ich hier in diesen Vortragen auch ge-
sagt habe, daB wir uns an einem gewissen Zeitpunkte zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt der Generationenfolge zuwenden. Wir
wenden ja den Blick vom Jenseits herunter in das Diesseits, urn lange
vorauszusehen, was wir fur Eltern haben werden. Wir bestimmen mit
vom Jenseits die Eigenschaften, welche die Eltern haben werden;
kein Wunder, daB wir sie dann erben. Aber in dem Vererbten treffen
wir dann wiederum auf die geschilderte Weise die Auswahl.
Oberhaupt ist die Beobachtung des Menschen in den ersten kind-
lichen Lebensjahren etwas ganz besonders erhaben Interessantes. Ich
muB diesen Ausdruck immer wieder gebrauchen. Ich habe Sie auf
dasjenige aufmerksam gemacht, was in den ersten Lebensjahren von
dem Kinde gelernt wird : gehen, worunter wir so vieles erfassen, wie
wir gestern angefiihrt haben, sprechen, denken. Das eignet sich das
Kind an. Derjenige, der nun richtig beobachten kann, wie das Kind
die ersten Schritte macht, wie es fest das Beinchen aufsetzt, oder leise
das Beinchen aufsetzt, wie es wacker vorschreitet, oder angstlich vor-
schreitet, wie es starker oder weniger stark das Knie beugt, wie es den
Zeigefinger mehr braucht als den kleinen Finger, wer all das, was mit
dem Gehen, uberhaupt mit der Lebensbalance, in die der Mensch in
den drei Raumesrichtungen sich hineinfindet, wer in all das, was damit
zusammenhangt, richtig hineinschaut, der sieht gerade darmnen, wie
in diesem Gehenlernen das Karma bildhaft zum Ausdrucke kommt.
Man sieht, wie ein Kind von vornherein, wenn es gehen lemt, die
FuBchen stark aufsetzt. Man schaut zuriick, wie das mit einem vor-
hergehenden Erdenleben zusammenhangt. Man findet, daB das Kind
in irgendwelchen Lebenslagen sich in vorhergehenden Erdenleben
wacker und tapfer verhalten hat. Das Wackere und Tapfere der vor-
hergehenden Erdenleben driickt sich bildhaft sinnlich im Abbilde in
der Art und Weise aus, wie es die FiiBchen stellt. Und man kann ge-
rade im Gehenlernen ein wunderbares Abbild des Menschenkarmas
am Kinde beobachten. Das individuelle Karma, dieses personliche
Karma, das man als einzelner Mensch hat, driickt sich insbesondere
in diesem Gehenlernen aus.
Als zweites lernen wir die Sprache. Da ahmen wir dasjenige nach,
was in unserer Umgebung gesprochen wird. Jedes Kind tut das auf
seine besondere Art, aber es ahmen alle Menschen, die innerhalb eines
Sprachgebietes ihre Muttersprache lernen, eine Sprache nach. In der
Art und Weise, wie das Kind sich in das Nachahmen der Laute
hineinfindet, sieht man, wie sich im Menschen das Volksschicksal
auslebt. Im Gehenlernen eines Menschen: einzelnes individuelles
Schicksal; im Sprechenlernen: Volksschicksal; und im Denkenlernen:
das Schicksal der ganzen Menschheit in einem gewissen Zeitpunkte
iiber das Erdenrund hin. Dreierlei Schicksale verweben sich eigentlich
im Menschen.
Unsere Gedanken kleiden wir zwar in verschiedene Sprachen, aber
wenn man durch die Sprache zu den Gedanken vordringt, machen wir
den Anspruch darauf, daB die Gedanken in aller Welt von jedem
Menschen begriffen werden konnen. Es gibt eine chinesische und eine
norwegische Sprache, aber es gibt keinen Unterschied zwischen chine-
sischen Gedanken und norwegischen Gedanken als den, der indivi-
dual ist. Aber die Gedanken als solche, ihre Wahrheit oder Unwahr-
heit, sind nicht anders. DaB das Denken eine andere Farbung annimmt,
ruhrt von dem her, daB der Mensch in der Sprache im Individuellen
lebt, aber was den Gehalt der Gedanken betrifft, nicht die Form der
Gedanken, so ist er fur alle Menschen gleich.
Indem das Kind sich hineinfugt in der dritten Stufe in das Gedan-
kenleben, fiigt es sich ein in einen bestimmten Zeitpunkt fur die ge-
samte Menschheit; durch die Sprache in das Volksschicksal, durch das
Hineinstellen in drei Raumesvorstellungen, durch das Gehenlernen,
Greifenlernen und so weiter in das personliche, individuelle Schicksal.
Solche Dinge miissen, wenn man den Menschen in seinem ganzen
Wesen richtig verstehen will, allseitig durchschaut werden. Wie das
nun mit dem ganzen Menschenleben ist, mochte ich Ihnen noch an
einer andern Tatsache klarlegen. Gehen wir noch einmal zu dem
Schlafzustande zuriick, zu den Erlebnissen, die der Mensch vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen durchmacht. Da geht der Mensch mit
seinem Ich und seinem astralischen Leibe in die geistige Welt hinein,
eigentlich zum Ausgangspunkte des Lebens zuriick. Aber das Ich und
der astralische Leib weben das Zukunftsschicksal. Wenn nun das Ich
und der astralische Leib wiederum zunickkehren in den physischen
Leib, dann ist jede Nacht ein neues Stuck Schicksal gewoben. Aber
der Mensch versteht noch nichts von diesem Schicksal im gewohn-
lichen BewuBtsein. Er dringt wiederum zuriick in seinen Atherleib
und in seinen physischen Leib. Im Atherleib sind die Gedanken zu-
riickgeblieben. Die Gedanken sind nicht in dem nachtschlafenden
Zustande mitgegangen. Der Mensch glaubt nur, daB, wenn er im
Bette ist, er nicht denkt. Er denkt fortwahrend, nur weiB er nichts
davon, weil er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe auBer
dem Denken ist. Denn das Denken besteht in einer Tatigkeit des
Atherleibes. Sie konnen bei demjenigen, was starkeren Eindruck auf
Sie macht, das eigentlich sehr leicht im gewohnlichen Leben auch
beobachten. Denken Sie nur einmal, Sie waren etwa zum ersten
Male bei einer Sie besonders anregenden Symphonic Sie werden in
der Nacht, wenn Sie dazu die besondere Veranlagung haben, oftmals
aufwachen konnen und Sie wachen immer in die Tone dieser Sym-
phonic hinein auf, weil Ihr Atherleib die ganze Nacht in dieser Sym-
phonic fortvibriert. Die hort nicht auf in Ihnen. Es ist gar nicht not-
wendig, daB Sie dabei sind, damit die Symphonie in Ihnen sich ab-
spielt. Wenn Sie dabei sind, dann nehmen Sie nur in den Vibrationen
in Ihrem Atherleibe wahr. Und so ist es mit alien Gedanken auch.
Sie denken die ganze Nacht im Bette, nur sind Sie mit Ihrem Ich nicht
dabei, daher wissen Sie nicht, wie Sie da denken.
Ich kann Ihnen verraten: durch das Ich verderben wir sogar sehr
haufig unsere Gedanken. Wir denken namlich meistens viel gescheiter,
wenn wir nicht dabei sind in der Nacht. Sie mogen mir das glauben
oder nicht, aber es ist so. Die meisten Menschen haben ein viel ge-
siinderes Urteil iiber die Dinge des Lebens in der Nacht als bei Tag.
Wenn der Atherleib, der mit den Gesetzen des Kosmos in Harmonie
steht, allein denken kann, wenn der Mensch nicht die Gedanken ver-
dirbt, dann denkt der Mensch meist gesiinder, als wenn er mit seinem
Ich die Gedanken durcheinanderpuddelt. Das tut er bei Tag namlich
sehr haufig.
Wenn wir nun mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe drauBen
sind aus dem physischen Leibe und dem Atherleibe, da weben wir
aber unser Zukunftskarma. Das, was da als Ich und als astralischer
Leib drauBen webt und lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen,
muB durch die Pforte des Todes gehen, in die iibersinnliche Welt ein-
gehen. Wenn auch das Astralische sich spater dann in das Ich einfugt
und das Ich dann mit anderer Substanz das allein durchmacht, aber
dennoch: dasjenige, was da drauBen auBer dem physischen und dem
Atherleibe im Schlafzustande webt, das muB durch die Pforte des
Todes gehen und den Weg durchmachen zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt durch alle die Zustande, die ich Ihnen in diesen
Tagen beschrieben habe. Und Sie wissen aus dieser Beschreibung,
daB da das Ich durchgeht durch die Arbeit, die es mit den andern
Wesen der hoheren Hierarchien macht, um in der Zukunft wiederum
einen physischen Menschenleib, jetzt im Geistkeim, vorzubereiten.
Das erfordert das Sich-Einleben in eine tiefe Weisheit zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, einer Weisheit, in der man nur leben
kann, wenn man in einer geistigen Tatigkeit zusammenlebt mit den
Wesen der hoheren Hierarchien.
Da muB noch vieles hinein in dasjenige, was man da webt an Karma
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, damit das sich in der
richtigen Weise verbindet in der Zukunft mit einem physischen Leibe.
Denn denken Sie, was da fur ein Weg durchgemacht werden muB.
Das ist ja im Ich und im astralischen Leibe, was sich da webt als
Karma, das muB hinunter in diejenige Region, die wir dann im
nachsten Erdenleben als unbewuBte Willensregion haben. Das muB
hinunter. Das muB sich griindlich mit aller Leiblichkeit des Menschen
vereinigen. Davon haben das Ich und der astralische Leib, wenn sie im
gewohnlichen Schlafzustande sind, noch wenig, was sie sich da aneig-
nen mussen im Durchgang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Und da miissen dann das Ich und der astralische Leib wiederum
zuriick in den physischen Leib, und sie verstehen nicht recht beim
Aufwachen, wie es ist mit diesem physischen Leibe. Den haben sie
aber aus dem vorhergehenden Leben. Ich und astralischer Leib wis sen
sich nicht richtig zu benehmen bei diesem Untertauchen. Daher kommt
es, daB, weil erst im nachsten Erdenleben von Kindheit auf dieser
astralische Leib und das Ich formen konnen den physischen Leib und
den Atherleib durch die ersten sieben Jahre, durch die zweiten sieben
Jahre, weil da erst alles das darinnen ist im Ich und astralischen Leib,
was in der richtigen Weise wiederum arbeiten kann an einem physi-
schen Leib, daher kommt es, daB jetzt im Einschlafen, wo das Ich erst
das moralische Verhalten des Menschen aufgenommen hat, erst an-
fangt das Karma zu weben, daB es beim Aufwachen eigentlich nicht
richtig versteht : was ist da alles in diesem physischen Leibe.
Nun, in den physischen Leib kann es uberhaupt nur ganz unbewuBt
untertauchen. Da muB es schon wiederum ins UnbewuBte hinein-
kommen. Aber wenn es bewuBt wird, wenn es durch die Vorstellungs-
region durchgeht, dann tauchen die verworrenen Bilder des Traumes
auf. Was bedeuten diese? Warum sind diese so wenig mit dem Leben
oftmals zusammenstimmend? Weil das Ich und der astralische Leib
erst probieren, in den physischen und Atherleib unterzutauchen, sie
konnen es nicht recht. Dieses Nichtzusammenstimmen dessen, was
das Ich noch nicht kann und was es konnen sollte nach den weisen
Einrichtungen des physischen Leibes und des Atherleibes, driickt sich
in der Verworrenheit der Aufwachetraume aus. In dem Aufwach-
traum haben wir ein Bild, wie das Ich probiert, das, was es noch nicht
ist, in einen gewissen Einklang mit dem physischen Leibe und dem
Atherleibe zu bringen. Und erst wenn es unterdriickt fur das Wollen
das BewuBtsein und untertaucht in die unterbewuBte Region, wenn
es also sich verlaBt nicht auf seine eigene Weisheit, dann geht es
wiederum hinein in den physischen Leib, ohne daB verworrene Vor-
stellungen zustande kommen.
Wurde das Ich beim Aufwachen voll untertauchen in den physischen
Leib bewuBt, oder halbbewuBt wie im Traume, dann wiirden aus dem
ganzen physischen Leibe des Menschen die furchtbarsten Traume
aufsteigen. Nur der Umstand, daB wir im rechten Augenblicke ins
unbewuBte Wollen untertauchen, dampft die leise hinhuschenden
bildhaften Traume ab, und laBt uns wiederum als ordentliche Iche
und ordentliche astralische Leiber in die Region des unbewuBten
Wollens untertauchen. Das ist so klar fur den, der unbefangen diese
Dinge anschaut, daB jeder Traum dem Menschen zeigen kann, welche
Disharmonie besteht im gegenwartigen Leben zwischen dem Ich und
dem astralischen Leibe in bezug auf dasjenige, was sich diese im gegen-
wartigen Leben angeeignet haben und dem vollentwickelten physi-
schen und atherischen Leibe. Da muB sich erst dasjenige, was mora-
lisch sich gewoben hat, vereinigen bei dem Durchgang zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt mit dem Geistkeim des physischen
Leibes. Dann wird dasjenige, was wir im jetzigen Leben zwischen dem
Einschlafen und dem Aufwachen weben, so machtig, daB es im
nachsten Kindheitsleben, in diesem traumerischen, halb schlafenden
Kindheitsleben wirklich durch die Jahre der Kindheit untertauchen
kann in den physischen und in den atherischen Leib und den dann als
Werkzeug fur das Erdenleben benutzen kann.
So wird man eigentlich immer mehr gewahr, wenn man den ganzen
Menschen betrachtet, wie in diesem Menschen darinnensteckt das-
jenige, was man in nachtlicher Ruhe und nachtlicher Finsternis in den
vorigen Erdenleben gewoben hat, und wie zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt das wunderbare Gewebe des physischen Leibes
hinzugefiigt worden ist und dann, man mochte sagen, im letzten
Augenblicke des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
des atherischen Leibes. Aber wir tragen in uns das Ergebnis der vor-
hergehenden Erdenleben. Nur wird dasjenige, was wir da als die
Krafte des vorigen Erdenlebens unten im Organismus, im Willens-
organismus in uns tragen, fortwahrend, weil die physischen StofTe
und Produkte verbrannt werden und dieses innere Feuer in uns ist,
das wird immerfort von diesem Feuer zugedeckt, verbrannt. Und in-
dem es verbrannt wird, wirkt es doch. Wir gehen durch unser Karma
unseren Weg durch die Welt. Es ist ein bestimmter Weg fur die ein-
zelnen Erlebnisse. Wahrend wir also von der Kindheit auf uns das-
jenige auswahlen, was wir aus der Umgebung nachahmen, dadurch
die ersten Schritte schon zu einem Ereignis machen, das wir erst im
funfzigsten Lebensjahre vielleicht erreichen, wahrend wir die Willens-
anstrengungen machen, direkt auf dem Wege nach diesem Erlebnisse
hin, wird immerfort verbrannt in uns dasjenige, was korperliche
StofFe sind.
Weil das Feuer uns unbewuBt in bezug auf diesen Lebensweg macht,
dadurch wird immer fiir unsere Innenwahrnehmung dasjenige, was
ein fortlaufender Schicksalsweg ist, umgesetzt, so daB es uns vor-
kommt als die augenblicklichen Begierden, Instinkte, Triebe, Tempe-
ramente und so weiter. Da unten geht der schicksalsgemaBe Lebens-
weg. Immer sprieBen die Feuer auf. Wir sehen nur die Oberflache der
Feuer. Und auf den Oberflachen des Feuers, auf den lodernden
Flammen gewissermaBen, da lebt sich dasjenige aus, was wir in unseren
Seelen tragen als unsere Leidenschaften, Triebe, Instinkte. Das ist nur
der auBere Schein, die auBere OrTenbarung fiir dasjenige, was in den
Tiefen als das menschliche Schicksal sitzt. Die Menschen beobachten
die einzelnen Leidenschaften, die einzelnen InstinktauBerungen, die
einzelnen Triebe, dasjenige, was einer im Augenblicke mag, nicht mag,
was einer im Augenblicke aus Sympathie oder Antipathie ausfiihrt
oder unterlaBt. Aber das ist gerade so, wie wenn wir vor uns haben
etwas, und ich sage: d-e-r-g-o-t-t-l-e-n-k-t-d-i-e-w-e-l-t.-
Ich kann nur buchstabieren. Ein anderer kommt und sagt : Was du da
gesagt hast, das sind Buchstaben, das heiBt : Der Gott lenkt die Welt. -
So ist es mit dem Unterschiede der gewohnlichen Seelenwissenschaft
und der Geisteswissenschaft. Die gewohnliche Seelenwissenschaft
kann buchstabieren. Sie schaut das Leben des Menschen an, findet in
der Kindheit diese und jene kindlichen Instinkte, Triebe, registriert
diese, wie der, der nur buchstabieren kann, die Buchstaben buchsta-
biert, und so geht es durch das ganze Leben hindurch. Derjenige, der
Geisteswissenschaft versteht, der liest, er sieht durch die Oberflache
der Flammen durch auf das, was unten ist, und schaut die schicksals-
gemaBen Lebenswege des Menschen,
Zwischen der gewohnlichen Psychologie, die heute noch offiziell
gang und gabe ist, und zwischen der wirklichen Erkenntnis des
menschlichen Seelenlebens ist ein solcher Unterschied wie zwischen
Buchstabieren und Lesen. Aber deshalb wird man so schwer verstan-
den, weil man zu dem andern nicht sagen kann, das, was er sagt, sei
falsch. Demjenigen, der bloB buchstabiert : d-e-r-g-o-t-t - dem
kann man doch nicht sagen: Was du da liest, ist falsch. - Es ist ja
ganz richtig. Nur weil er das noch nicht weiB, daB man das auch lesen
kann, sagt er: Du bist ein verriickter Kerl, ich sehe ja nur d-e-r und
so weiter. Das Zusammenfassen ist eine Narrheit. - Er kann das nicht
verstehen, daB man da auch noch liest.
So muB man immer demjenigen, der die heute anerkannte Psycho-
logie geltend macht, sagen: Du hast ja ganz recht. - Man sagt als
Anthroposoph zum Naturforscher, zum Psychologen: Ihr habt ja
ganz recht. - Man widerlegt sie nicht, man gibt ihnen recht. Er aber
sagt : Wenn du von den Instinkten, von den Trieben, Leidenschaften
so redest wie von Buchstaben, die du lesen kannst, dann bist du eben
ein verriickter Kerl. - Das ist die Schwierigkeit. Der Anthroposoph
kann sich mit den andern ganz gut verstehen, er braucht sie auch nicht
zu widerlegen. Er polemisiert auch gar nicht gegen die auBere Wissen-
schaft. Nur dann, wenn diese Wissenschaft anfangt, ihn einen ver-
riickten Kerl zu nennen, dann muB er naturlich das geltend machen,
daB das nicht stimmt, und namentlich, daB er auch das gelten laBt,
was die andern gelten lassen wollen. Nur kann er nicht den Grundsatz
gelten lassen, daB es alles dasjenige nicht gibt, was irgendeiner nicht
sieht. Denn das ist gar kein Kriterium der Wahrheit, daB es das nicht
gibt, was einer nicht sieht. Da muB er sich erst uberzeugen davon, daB
der andefe das sieht.
Es ist schon so, daB derjenige, der auf anthroposophischem Boden
steht, auch dieses schwierige Verhaltnis der Anthroposophie zu den
andern Weltanschauungen durchschauen muB. Hochstens kann man
manchmal das Urteil fallen, so wie man zu demjenigen, der nur gelten
lassen will: d-e-r-g-o-t-t - wie man zu dem sagt: Du bist ein
halber Analphabet -, so kann man unter Umstanden zu dem, der
sich gar nicht losreiBen kann von dem bloBen Buchstabieren in In-
stinkten, Trieben und Leidenschaften, Temperamenten und so weiter,
sagen: Du bist ein halber Banause, du bist ein halber Philister, du
kannst dich eben nicht aufschwingen. - Aber man wird nicht sagen,
er habe Unrecht.
Also es liegt die Sache zwischen Anthtoposophie und der auBeren
Weltanschauung so, daB die Verstandigung erst dann moglich ist,
wenn von seiten des Buchstabierenden der gute Wille entgegenge-
bracht wird, lesen zu lernen. Sonst ist eine Verstandigung zunachst
gar nicht moglich. Daher verlaufen die gewohnlichen Debatten so
ergebnislos, und die Gegner konnen auch nichts einsehen. Das ver-
spiiren die wenigsten, die Gegner der Anthroposophie sind. Und ich
muB schon, weil ich das fur richtig halte, von dieser Tatsache auch
hier zu Ihnen sprechen.
Die Gegner der Anthroposophie werden jetzt, ich mochte sagen,
mit jedem Monat mehr. Aber weil sie eigentlich nirgends einsetzen
konnen, weil die Anthroposophie ihnen immer recht gibt, aber sie
nicht der Anthroposophie recht geben wollen, so konnen sie eigent-
lich auch nicht das angreifen, was der Anthroposoph sagt. Daher
greifen sie die Personlichkeit an, verleumden, liigen iiber die Person-
lichkeit. Das ist ja die Gestalt, welche die Polemik immer mehr und
mehr annimmt, leider. Das ist etwas, was man durchschauen muB,
wenn man auf anthroposophischem Boden steht. Das ist so auBer-
ordenlich wichtig, daB man das durchschaut.
Es gibt heute schon ganz merkwiirdige gegnerische Bucher. Viele
von Ihnen werden die anthroposophische Literatur gelesen haben,
werden finden, daB ich immer an den entsprechenden Stellen selber
in meinen Buchern das sage, was man gegen irgend etwas einwenden
kann. Ich polemisiere immer selber, um dann zu zeigen, wie man das,
was ich geltend mache, aus der Welt schaffen kann, so daB man die
Gegengriinde gegen Anthroposophie bei mir in meinen eigenen Bu-
chern schon finden kann. Nun gibt es heute Gegner, die beschaftigen
sich damit, die Griinde, die ich selber in meinen Buchern gegen
Anthroposophie angefiihrt habe, abzuschreiben, und das als gegne-
rische Schrift gegen die Anthroposophie zu verbreiten. Sie konnen
also heute gegnerische Schriften finden, die Plagiate sind aus meinen
Biichern, wo einfach dasjenige abgeschrieben wird, was ich sage. Es
ist dem Gegner gerade durch diesen Umstand, daB der Anthroposoph
selber dasjenige geltend machen muB, was man gegen ihn einwenden
kann, heute die Arbeit eigentlich furchtbar leicht gemacht.
Nun, ich sagte das alles aber nicht, um \etzt den Gegnern etwas am
Zeuge zu flicken, sondern nur, um zu charakterisieren, wie man auf-
steigen muB, um vom Buchstabieren des Lebens, in bezug auf die
Willensimpulse, zum Lesen des Lebens zu kommen. Das Buchstabie-
ren gibt dasjenige, was als Trieb, als, man mochte sagen animalisches
Leben in Wunschen, Begierden, Leidenschaften heraufquillt und fur
den Augenblick gilt. WeiB man das alles wie Buchstaben zu behandeln
und zusammenzulesen, dann dringt man bis zu dem menschlichen
Schicksal vor, bis zu dem einzelnen menschlichen Schicksal. Dieses
menschliche Schicksal waltet auf dem Grunde des Lebens, und mit
diesem Schicksal fiigt sich der Mensch in den fortlaufenden Gang der
ganzen Menschheitsentwickelung ein. Und nur wenn man in dieser
Weise das ganze Leben des einzelnen begreifen kann, kann man auch
die menschliche Geschichte begreifen, die wir nun in den nachsten
Tagen noch betrachten wollen, als das Leben der Erdenmenschheit in
ihrem Schicksale vor und nach dem Mysterium von Golgatha und das
Eingreifen des Mysteriums von Golgatha in die Menschheitsent-
wickelung der Erde. Ich muBte aber einen Unterbau gewinnen und
Ihnen zeigen, was im Menschen waltet, damk in der richtigen Weise
gezeigt werden kann, wie die Gotter und wie das Mysterium von
Golgatha in dem Menschen, in dem Gesamtmenschenschicksal walten.
Davon sprechen wir dann morgen weiter.
FUNFTER vortrag
Kristiania (Oslo), 20. Mai 1923
Man kann das Menschenwesen in der Gegenwart nicht voll beurteilen,
wenn man nicht einen groBeren Abschnitt ins Auge faBt, durch den
hindurch sich die Menschen entwickelt haben. Denn wir miissen
doch bedenken - das geht aus den iibrigen Darstellungen der An-
throposophie hervor, geht auch aus den Darstellungen hervor, die ich
in diesen Tagen hier schon gegeben habe -, unsere Seelen machen
wiederholte Erdenleben durch, zwischen denen immer das Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt liegt, so daB wir durch
die verschiedensten Entwickelungsepochen der Menschheit mit unse-
rer Seele da durchgegangen sind. Bedenkt man dieses, so muB man
sich klar dariiber sein, daB man das Menschenwesen ganz nur erfassen
kann, wenn man einen groBeren Zeitabschnitt beriicksichtigt, in dem
unsere Seelen wiederholt durch das Erdenleben durchgegangen sind.
Ich habe auch schon hier in Vortragen in Kristiania uber die aufein-
anderfolgenden Entwickelungsperioden, wie sie dem Mysterium von
Golgatha vorangegangen sind, wie sie auf dieses Mysterium von Gol-
gatha folgen, gesprochen. Ich muB das heute wiederum von einem
gewissen Gesichtspunkte her tun. Die Menschheit hat im Laufe ihrer
Entwickelung groBe Veranderungen durchgemacht. Das beriicksich-
tigt man gewohnlich viel zu wenig. Man denkt so leicht: Nun, der
Mensch ist eben so und so, und wenn man in die Vergangenheit zu-
riickschaut, so ist der Mensch im wesentlichen immer so gewesen. -
Man weiB, es hat eine Griechenzeit gegeben, eine agyptische Zeit, es
hat vorher andere Zeiten gegeben. Fur die Zeiten, von denen man in
dieser Weise spricht, denkt man, das Menschenwesen ware eben immer
ungefahr so gewesen wie heute. Man sieht hin auf Kulturentwicke-
lungsimpulse, aber was die Hauptsache des Seelenlebens betrifft, so
denkt man sich, wenigstens fur die historischen Zeiten, die Menschen
seien immer so gewesen wie heute. Allerdings, dann macht man eine
groBe lange Pause in der riickwartigen Betrachtung und kommt ge-
wohnlich zu dem Stadium, das man heute mit einer gewissen Vor-
Hebe beschreibt, zu dem Stadium, wo der Mensch affenartig gewesen
sein soli.
So wie man sich da die Menschenentwickelung vorstellt, war sie
durchaus nicht. Urn zu begreifen, wie sie sich verandert hat, wollen
wir uns einmal vergegenwartigen, daB in unserem Zeitalter fiir die
ersten Lebensalter des Menschen eine verhaltnismaBig groBe Ab-
hangigkeit zwischen dem Seelisch-Geistigen, das sich in uns ent-
wickelt, und dem Physisch-Leiblichen besteht.
Bedenken Sie nur einmal das erste Kindesalter bis zum Zahnwechsel
hin und die grofie Veranderung, die jedem unbefangenen Beobach-
tenden auf fallen muB, die ich auch hier ofters charakterisiert habe, die
mit dem Menschen vorgeht, wenn er den Zahnwechsel durchmacht.
Der Leib macht den Zahnwechsel durch, die ganze Seelenverfassung
des Kindes wird eine andere. Dann wiederum ist eine Lebensepoche
bis zur Geschlechtsreife. Wir wissen alle, daB mit der korperlichen
Entwickelung in diesem Zeitalter auch die geistig-seelische in Ab-
hangigkeit einhergeht. Und wir bemerken auch fur das spatere Le-
bensalter bis in die Zwanzigerjahre hinein, wenn wir nur unbefangen
genug dazu sind, die Abhangigkeit des seelisch-geistigen Wesens von
dem Korperlichen, wenn auch heute in der Zeit der Jugendbewe-
gung - wir sagen es ohne einen abtraglichen Ton - gerade bei der
Jugend von dieser Abhangigkeit nicht mehr stark und gern gespro-
chen wird. Man denkt natiirlich, man ist, wenn man so das sechzehnte,
siebzehnte Lebensjahr erreicht hat, eben eine junge Dame, ein junger
Mann, vollentwickelt, und wenn man dann besondere geistige Fahig-
keiten sich zuschreibt, schreibt man mit einundzwanzig Jahren Feuille-
tons. Aber jedenfalls, man mochte gern verwischen, daB fiir diese
Lebensalter doch noch eine sehr starke Abhangigkeit des Seelisch-
Geistigen vom Korperlichen vorhanden ist. Auf jeden Fall aber hort
fiir den heutigen Menschen in einem gewissen Lebensalter diese Ab-
hangigkeit doch mehr oder weniger auf. Der Mensch wird in den
Zwanzigerjahren eben ein Erwachsener. Und dann fiihlt er sich nicht
mehr in der Weise von dem Korperlichen abhangig, wie sich abhangig
fiihlen miiBte, wenn es diese Zustande mit vollem BewuBtsein durch-
machte, das Kind vom Zahnwechsel, vom Heranreifen des Zahn-
wechsels, wiederum vom Heranreifen zur Geschlechtsreife und so
weker. Es war noch ein Gefiihl in verhaltnismaBig nicht weit zuriick-
liegenden Zeitaltern von diesem Heranreifen des Menschen vorhanden,
indem man deutlich unterschieden hat, daft der Mensch anders be-
handelt werden miisse, wenn er die sogenannte Lehrzeit durchmacht,
die Gesellenzeit, und die Meisterzeit kam ja verhaltnismaBig erst
ziemlich spat.
Aber fur den heutigen Menschen, wie gesagt, stimmt das durchaus,
daB er von einem gewissen Lebensalter ab in seinem Seelisch-Geistigen
sich nicht mehr stark abhangig fiihlt von dem Korperlichen. GewiB,
man merkt, wenn man ein gewisses stattliches Alter schon erreicht hat,
daB man dann wiederum abhangig wird von dem Korperlichen. Man
merkt ja, wenn die Beine nicht mehr recht wollen, wenn Runzeln auf-
treten im Gesicht, wenn die Haare sich bleichen, daB da auch eine
gewisse Abhangigkeit vom Korperlichen eintritt. Aber diesem schreibt
man nicht einen wirklichen Parallelismus des Korperlichen und des
Seelischen zu. Man fiihlt halt, daB der Korper in seinen Kraften nach-
laBt, aber man fiihlt, daB man im Geistig-Seelischen eigentlich doch
mehr oder weniger unabhangig bleibt und bleiben miisse auch in
unserem Zeitalter von diesem Korperlich-Physischen. Das war aber
nicht immer so, sondern wenn wir in friihere Zeitepochen der Mensch-
heitsentwickelung zuriickgehen, dann finden wir, daB die Menschen
bis in hohe Lebensalter hinauf so lebendig abhangig blieben von ihrem
Korperlichen, wie heute das Kind vom Zahnwechsel, von der Ge-
schlechtsreife abhangig ist in seinem Seelischen vom Korperlichen.
Und wenn wir zuriickgehen bis in die erste Epoche, die wir nicht
auBerlich historisch, aber geisteswissenschaftlich verfolgen konnen als
die Epoche der Menschheitsentwickelung nach der groBen, gewaltigen
atlantischen Katastrophe, durch die sich die Kontinente auf der Erde
umgelagert haben, wenn wir in diese erste Epoche zuriickgehen, die
ich in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» die urindische genannt
habe, da fiihlte sich der Mensch, so wie das Kind vom Zahnwechsel,
der Jiingling und die Jungfrau von der Geschlechtsreife abhangig vom
Physisch-Leiblichen bis hinauf in das Lebensalter der Fiinfzigerjahre.
Das heiBt, wie man die aufsteigende Wachstumsentwkkelung heute
in der Kindheit miterlebt, so erlebte man die absteigende Entwicke-
lung im Seelisch-Geistigen mit. Und geradeso in den Fiinfzigerjahren,
da war es so, daB die Menschen, wenn sie in diesem Lebensalter an-
kamen, innerlich zu etwas heranreiften dadurch, daB sie einfach alter
geworden sind, wie man zu etwas heranreift heute, wenn man die
Geschlechtsreife erlangt hat. Und es war dies das Zeitalter, sieben-,
achttausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha, wo der Mensch
erwartungsvoll sein ganzes Leben hindurch auf dieses Alterwerden
hinbhckte, weil er sich sagte : Da offenbart sich mir einfach aus meiner
korperlichen BeschafFenheit heraus etwas, was ich im fruheren Lebens-
alter, bevor ich neunundvierzig, fiinfzig Jahre alt werde, einfach nicht
erfahren kann. - Es ist das, was in jener Zivilisation vorhanden war,
etwas, was fur den heutigen Menschen natiirlich furchtbar schockant
ist. Man stelle sich nur heute einmal einen Menschen vor, der da doch
ganz sicher glaubt, wenn er die Zwanziger jahre erreicht hat, ist er
einfach ein gemachter Mensch. Man stelle sich vor, der soli nun war-
ten, daB sich ihm einfach durch das Alter spater etwas enthullt, was
man vorher nicht wissen kann, was man vorher nicht fiihlen und emp-
finden kann!
Durch die korperliche BeschafTenheit kam man namlich dahin, in
den Fiinfzigerjahren schon etwas von dem zu fuhlen, was man eine
Loslosung des physischen Leibes von dem Seelisch-Geistigen nennen
konnte. Man fuhlte gewissermaBen immer mehr und mehr, wie sich
das Leibliche naherte dem LeichnammaBigen. Man fuhlte in diesem
Fremdwerden des physischen Leibes, in diesem Entgegengehen des
physischen Leibes den Erdenelementen gegeniiber, man fuhlte das
Freiwerden des Seelisch-Geistigen. Und gerade indem man den Leib
dann wie ein Kleid fuhlte, empfand man das Verwandte des Leibes mit
dem Erdigen, mit demjenigen, was einmal im Tode der Erde ange-
horen wird. Man war gewissermaBen weniger erstaunt als heute, daB
man den Leib einmal ablegen und den Erdenmachten iibergeben muB,
weil man diesen ProzeB des Ablegens des Leibes langsam und all-
mahlich durchmachte. Das klingt paradox, weil man sich vorstellt,
daB es schrecklich ist, seinen physischen Leib wie einen werdenden
Leichnam an sich zu tragen. Aber so war das eben nicht, daB man ihn
nur fuhlte wie etwas, was unbequem ist, was gewissermaBen in eine
Art von Faulnis iibergeht. Nein, man fuhlte ihn als eine selbstandige
Hiille und Schale, die man aber durchaus trotz ihres Erdigwerdens
lebenskraftig fuhlte, aber schalenhaft, hiillenhaft wurde fur diese
Fiinfziger jahre der menschliche physische Leib. Dadurch aber erfuhr
man etwas, einfach wegen dieser Beschaffenheit des Leibes, durch
dieses Ahnlichwerden des Leibes mit dem Irdischen, was man heute
nur durch abstrakte Wissenschaft erfahren kann. Man erfuhr zum
Beispiel etwas iiber die innere Beschaffenheit der Metalle. Ein Mensch,
der funfzig Jahre alt war, hatte einen Instinkt fur die Unterscheidung
von Kupfer, Silber, Gold. Da fuhlte er dann das Ahnliche dieser Me-
talle gegeniiber seinem erdigwerdenden Organismus. Er fuhlte anders
gegeniiber einem Bergkristall als gegeniiber der Ackererde. Ein
Mensch wurde weise in bezug auf die irdischen Verhaltnisse dadurch,
daB er alt wurde. Das beeinfluBte die ganze Zivilisation. War man ein
Kind, so sah man zu dem altgewordenen Menschen auf und sagte
sich: Wenn ich so alt sein werde wie der, so werde ich weise sein; der
ist weise. - Das begriindete eine tiefe Verehrung und eine ungeheure
Achtung vor dem Alter.
Jene Altersverehrung und Altersachtung war in diesen alten Zeiten
der Menschheitsentwickelung bei einem gewissen Teile der Erde vor-
handen, allerdings nicht auf dem Teil der Erde, wo dazumal die
Menschen mit der zuriicklaufenden Stirne gelebt haben, die heute von
den Anthropologen ausgegraben werden, wo aber die Menschen ge-
lebt haben, die schon eine hohe Zivilisation gehabt haben. In diesen
Gegenden der Erde war die ganze Zivilisation mit einer wunderbaren
Altersverehrung und Altersachtung verbunden. Und wir mussen uns
fragen : Woher kam denn das, daB der Mensch so etwas an sich durch-
machte? - Ja, das kam davon, daB der Mensch gerade weniger in
seinem physischen Leibe dazumal lebte, als er heute lebt. Heute kriecht
der Mensch, wenn er zwanzig Jahre alt ist, in seinen physischen Leib
hinein, oder ist schon ganz in seinen physischen Leib hineingekrochen,
macht alle Erlebnisse dieses physischen Leibes mit. Daher fuhlt er sich
identisch, eins mit seinem physischen Leibe. Womit man sich aber eins
fuhlt, dessen Schicksal erlebt man mit. Weil in jenen alten Zeiten die
Menschen sich viel selbstandiger in ihrem physischen Leibe fuhlten, ihr
Denken viel bildhafter war, ihr Fiihlen wie ein innerliches Weben und
Leben in Realitat war, deshalb war ihnen von vornherein der physische
Leib etwas, in dem sie wie in einer Hulle steckten. Und diese Hiille
verhartete sich gegen das Ende des Lebens zu in den Fiinfzigerjahren,
und der Mensch fiihlte, indem dieser Leib mehr der AuBenwelt ge-
maft sich entwickelte, wie dieser Leib nun ein Vermittler von Weis-
heitsinhalten iiber die AuBenwelt wurde.
Das war anders geworden, als die Menschheit dann, die zivilisierte
Menschheit der damaligen Zeit, ubertrat in das nachste Kulturzeit-
alter, das ich in meiner «Geheimwissenschaft» das urpersische ge-
nannt habe. Da konnten die Menschen diese Abhangigkeit ihres physi-
schen Leibes von dem Irdischen in den Fiinfzigerjahren nicht mehr
empfinden. Aber dafiir empfanden sie noch in den Vierzigerjahren,
vom etwa zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neun-
undvierzigsten, funfzigsten Lebensjahre eine andere Beeinflussung
durch das Alterwerden ihres physischen Leibes. Sie machten namlich
in dieser Zeit in einer intensiven Weise den Jahreslauf mit. Sie fuhlten
an ihrem Leibe Friihling, Sommer, Herbst und Winter. Ihr Leib be-
kam ein sprieftendes, sprossendes Wesen im Friihling, Sommer, be-
kam wiederum ein Wesen des Niederganges im Herbst und im Winter.
Der Mensch lebte den Jahreslauf mit, die Luftanderungen. Und mit
diesem Wahrnehmen der Luftanderungen, des Jahreslaufes war etwas
anderes verbunden. Der Mensch fiihlte dadurch, wie sein Sprechen
etwas wurde, was eigentlich nicht mehr ihm gehorte. So wie man in
den Fiinfzigerjahren friiher gefuhlt hat, daB einem eigentlich der
ganze physische Leib nicht mehr gehort, dafl er mehr oder weniger
der Erde gehort, so fiihlte man in der urpersischen Zivilisations-
epoche, wie der Leib eigentlich auch mit dem, dafi er die Sprache her-
vorbringt, dem umliegenden Volke angehort, der Umgebung ange-
hort. Der Angehorige der urindischen Kultur, wenn er fiinfzig Jahre
alt geworden war, sagte gar nicht mehr: Ich gehe -, wenn er seine
eigene Empfindung aussprach, sondern er sagte: Mein Leib geht. -
Er sagte nicht : Ich gehe zur Tiire herein -, sondern er sagte : Mein
Leib tragt mich zur Tiire herein. - Denn er empfand seinen Leib als
etwas der AuBenwelt Verwandtes, der Erde Verwandtes. Und der
Angehorige dieser persischen spateren Zivilisation im funften, sechs-
ten Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, fuhlte, daB die
Sprache sich selber spricht, daB sie etwas ist, was er mit seiner ganzen
Umgebung gemein hat. Man lebte dazumal nicht so international,
sondern viel mehr im Volksgefuge darinnen, iiber die ganze Erde
himiber. Man fuhlte, wie einem die Sprache fremd wurde, wie ge-
wissermaBen: Es spricht in einem - gesagt werden konnte, wenn
man seine wirklichen Empfindungen ausdriickte.
Und wirklich war es so, wenn die Leute die Vierziget jahre erreicht
hatten, dann driickten sie in einem gewissen Sinne aus, ich mochte
sagen, sehr respektvoll: Gottlich-geistige Machte sprechen durch
mich. - Der Mensch fuhlt auch so, als ob ihm sein Atem selber nicht
mehr angehort, als ob er ganz der Umgebung hingegeben ware.
Und in den letzten DreiBigerjahren fuhlte man in einer solchen ahn-
lichen Weise in der agyptisch-chaldaischen Kultur, die vom 3., 4. Jahr-
tausend bis in das 8., 9. vorchristliche Jahrhundert reichte -, so ge-
geniiber seinen Gedanken, gegemiber seinen Vorstellungen. Nur
fuhlte man diese Vorstellungen, wenn das funfunddreiBigste Jahr
herankam, wie wenn sie mit den Himmelsmachten, mit den Sternen-
gangen verbunden waren.
Wie der Urinder seinen Leib am Ende seines Lebens verbunden
fuhlte mit der Erde, der Urperser seine Sprache, seinen Atem verbun-
den fuhlte mit dem Jahreslauf, mit der Umgebung, so fuhlte der
Angehorige der alteren agyptischen, der Angehorige der alten chal-
daischen Kultur, wie sein Denken von dem Sternenlauf dirigiert
wurde. Und in die Gedanken herein fuhlte er gottliche Sternen-
machte spielen.
Nun war es aber so, daB in der agyptisch-chaldaischen Kultur der
Mensch bis so zu seinem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten
Jahre diese Abhangigkeit seiner Gedanken von den Himmelsmachten
fuhlte. Dann trat fur ihn nicht mehr etwas ein, was ihm neu war im
menschlichen Lebenslauf. Das aber hatte auch schon der Urperser,
daB er sein Denken wie von den Sternen ihm eingegeben fuhlte ; dazu
bekam er in den Vierzigerjahren dann dieses Verhaltnis zur Sprache,
das ich geschildert habe. Und ebenso hatte der Urinder vom fiinfund-
dreiBigsten Jahre an das Verhaltnis zu den Sternenmachten. Daher
war ihm die Astrologie etwas Seibstverstandliches. Er bekam nur
dazu in den Vierzigerjahren die Abhangigkeit der Sprache von der
Umgebung. Und er bekam dazu in den Funfzigerjahren das ganze
Objektivwerden des physischen Leibes, das Schattenhaftwerden des
physischen Leibes. Er gewohnte sich gewissermaBen an das Sterben,
weil das Sterben schon in den Funfzigerjahren an ihn herantrat. Die
Seele war nicht so verkmipft mit dem Leibe. Daher traten durch die
auBeren Verhaltnisse diese Veranderungen mit dem Leibe ein. Und
das wurde wieder die Seele gewahr, das nahm die Seele wahr, erlebte
die Seele mit. Dadurch lebte sich der Mensch, indem er alter und
alter wurde, immer mehr und mehr in die Welt hinein.
Nun kam die griechisch-lateinische Zeit heran, die ja dauerte vom
8. vorchristlichen Jahrhundert bis in das 15. nachchristliche Jahr-
hundert hinein, denn da waren noch immer - in den Jahrhunderten
vor dem 15. nachchristlichen Jahrhundert - die Nachklange der
griechisch-lateinischen Kultur in den zivilisierten Gegenden. Da war
das Zeitalter herangeruckt, wo der Mensch sich noch fuhlte - wir
machen uns heute nach der landlaufigen Historie, die wir als eine voll-
standig unzulangliche Historie in der Schule aufnehmen, von diesen
Veranderungen in der Menschheitsentwickelung gar keinen Begriff -
bis in die DreiBigerjahre hinauf abhangig von seinem physischen
Leibe. Aber er fuhlte sich jetzt, wenn wir zum Beispiel zum alten
Griechen zuriickschauen, nicht mehr abhangig von den Sternen, von
dem Jahreslauf, nicht mehr abhangig von der Erde, aber er fuhlte sich
ganz in seinem physischen Leibe noch darinnenstecken. Der Grieche
fuhlte einen Einklang, eine Harmonie zwischen dem Seelisch-Geisti-
gen und dem Physisch-Leiblichen, nur sonderte sich das Physisch-
Leibliche nicht mehr von ihm ab. Da kam die Zeit heran, wo der
Mensch so mit seinem physischen Leibe verbunden wurde, daB er
nicht mehr dem physischen Leibe es iiberlieB, den Weltenlauf in seiner
geistigen GesetzmaBigkeit mitzumachen, wo der Mensch ganz und
gar mit seinem physischen Leibe verbunden war. Diese Zeit trat fur die
Menschheit erst mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert ein.
Das aber bewir kte einen groBen Umschwung in der ganzen Mensch-
heitsentwickelung, insofern die zivilisierte Menschheit in Betracht
kommt. Der Mensch fuhlte sich, wenn so die DreiBigerjahre heran-
kamen, zwar eins mit seinem physischen Leibe, aber der physische
Leib sonderte sich nicht mehr ab. Er fuhlte sich verbunden mit ihm.
Der physische Leib verriet ihm keine Weltengeheimnisse mehr. Das
hatte zur Folge, daB das Menschengeschlecht gerade in diesem Zeit-
alter ein ganz neues Verhaltnis zum Tode gewann. In der Zeit, wo
der Mensch gewissermaBen durch die Absonderung seines physischen
Leibes sich auf das Sterben vorbereitete, war dieses Sterben fur ihn
bloB eine Verwandlung im Leben, denn er lernte in den Fiinfziger-
jahren das allmahliche Sterben kennen. Er empfand es als etwas, was
gerade weisheitsvoll in das Weltenall sich hineinlebte. Er empfand den
Tod als etwas, was ihn in die Welt hineinfuhrte, in die er sich schon
hineingelebt hatte wahrend des Erdenlebens. Der Tod war etwas
ganz anderes, als er es spater geworden ist. Man mochte sagen:
Immer mehr und mehr trat an den Menschen das heran, daB das
Seelisch-Geistige das Sterben mitmachte.
Vergleichen Sie nur einmal die Griechenzeit mit der urindischen
Zeit. Mit der urindischen Zeit machte sich der Leib selbstandig. Der
Mensch wuBte : Ich bin noch etwas auBer meinem selbstandig schalen-
haft gewordenen Leibe. - Er konnte gar nicht auf den Gedanken
kommen, daB der Tod irgend etwas wie ein Ende sei im Leben.
Diesen Gedanken gab es wahrend der urindischen Zeit gar nicht im
Menschenleben der Erde. Nach und nach erst, und am starksten im
8. vorchristlichen Jahrhundert, sagte sich der Mensch, er sagte es
sich unbewuBt in der Empfindung, rationalistisch denken konnte er
allerdings uber diese Dinge nicht, aber im Empfindungsleben, da war
es vorhanden, daB er sich sagte: Mein Korper stirbt, aber ich bin ja
mit meinem Seelisch-Geistigen eins mit meinem Leibe. - Er merkte
keinen Unterschied mehr des Leiblichen vom Seelisch-Geistigen.
Es kam iiber die Menschen der Gedanke, der in der ersten Zeit, als
er auftrat, ich mochte sagen, aus dunklen Geistestiefen in der Mensch-
heit im 9., im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha etwas
Furchtbares hatte. Es kam der Gedanke an die Menschen heran:
Konnte denn nicht meine Seele denselben Weg machen, namlich
sterben, wie mein Leib stirbt?
Dieser fur die urindische Epoche ganz unmogliche Gedanke, der
kam immer mehr und mehr herauf, je mehr sich das letzte Jahr-
tausend der Menschheitsentwickelung dem Mysterium von Golgatha
naherte. Und aus dieser Stimmung ist so etwas hervorgegangen wie
das beruhmte griechische Wort, das Wort der griechischen Helden:
Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der
Schatten. - Denn der Grieche fiihlte wenigstens, daB das Leben er-
starkt, auch das seelische Leben erstarkt mit dem korperlichen Leben.
Das war die Zeit, in der jene Menschheitsstimmung heranreifte, die
in der richtigen Weise dem Mysterium von Golgatha entgegenwuchs.
Denn woher riihrte denn jene Kraft in der Frischhaltung des Seelen-
wesens, die den alten Menschen den Gedanken unmoglich machte,
daB die Seele denselben Todesweg gehen konnte, den der Leib geht?
Es machte diese Seelenfrische, diese Seelenunabhangigkeit in der
Empfindung fur den Menschen das aus, daB der Mensch in jenen
alten Zeiten wuBte, ich habe ein Leben gehabt, denn er schaute in
dieses Leben hinein, das ein vorirdisches Leben war, das ich seelisch-
geistig durchgemacht habe, bevor ich heruntergestiegen bin in die
physische Erdenwelt. In dieser Welt, in der ich da oben war, war ich
verbunden mit dem hohen Sonnenwesen.
Und die alten Mysterien bildeten ihre Lehre dahingehend aus, daB
der Mensch im vorirdischen Dasein mit dem Geiste der Sonne ver-
bunden ist, wie im irdischen Leben der Leib des Menschen mit dem
physischen Lichte der Sonne verbunden ist. Und die Mysterienlehrer
sagten ihren Schulern, und diese sagten es wieder der iibrigen Mensch-
heit - sie nannten das hohe Sonnenwesen noch nicht den Christus,
aber es war der Christus, wir konnen daher heute dieses Wort ge-
brauchen: Der Christus ist ein Wesen, das niemals zur Erde herunter-
steigt. Aber ihr wart, bevor ihr auf die Erde heruntergestiegen seid,
in der Gemeinschaft des Christus oben in den geistigen Welten im
vorirdischen Dasein. Und die Kraft dieses Christus hat euch die
Fahigkeit gegeben, unabhangig zu halten eure Seele von dem Leib-
lichen.
Diese instinktive Erinnerung an ein vorirdisches Dasein ging ver-
loren, indem der Mensch sich immer mehr und mehr identisch mit
seinem Leibe fiihlte. Und im Griechenzeitalter war fur den Erden-
menschen eigentlich nur noch der Anblick des irdischen Lebens fur
seine instinktiven BewuBtseinsmachte da. Der Grieche lebte gerade
dadurch dieses harmonische Erdendasein, daB ihm der Ausblick in
die Himmelswelten des Geistes entschwunden war. Der Grieche er-
langte so viel in der Bezwingung des Sinnlich-Physischen, daB ihm
das Geistige mehr oder weniger aus dem Lebenshorizonte verschwun-
den war. Nicht mehr war da das BewuBtsein fur die Menschen der
zivilisierten Gegenden: Wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind,
in Gegenwart des hohen Sonnenwesens, das man spater den Christus
nannte. - Dunkel war es, wenn man auf den vorgeburtlichen, auf den
vorirdischen Zustand hinschaute. Und das Ratsel des Todes trat auf.
Dasjenige, was nun geschah, miissen wir nicht bloB als eine Mensch-
heitsangelegenheit betrachten, sondern wir miissen es als eine Gotter-
angelegenheit betrachten. Die gottlich-geistigen Machte, die den
Menschen auf die Erde herabgesendet haben, haben ihm die Impulse
dieser Entwickelung gegeben, die ich eben geschildert habe. Denn da-
durch, daB der Mensch immer mehr und mehr in bezug auf sein
Geistig-Seelisches mit dem physischen Leibe zusammenwuchs, sozu-
sagen sein Geistig-Seelisches identifizierte mit dem physischen Leibe,
so daB das Ratsel des Todes auch fur das Geistig-Seelische herantrat,
dadurch drohte fur die gottlich-geistigen Machte, die den Menschen
auf die Erde heruntergeschickt haben, daB diesen Gottern der Mensch
verlorengehen konne, daB er nach und nach auch seelisch mit seinem
Leibe sterben konne.
Aber der Mensch ware niemals ein freies Wesen geworden, ein un-
abhangiges Wesen, wenn er nicht in seinen Korper hineingewachsen
ware in diesen Zeiten. Frei konnte der Mensch in der Entwickelung
nur dadurch werden, daB sich ihm der Blick nach dem Vorirdischen
verdunkelte, daB er gewissermaBen ganz verlassen in dem Hause
seines physischen Leibes einmal auf der Erde stehen konnte. Dadurch
glanzte und leuchtete sein selbstandiges Ich auf. Denn das Auf leuchten
dieses selbstandigen Ichs kann gerade dadurch kommen, daB man
ganz und gar in seinen physischen Leib hineinwachst. Wenn man in
geistig-seelische Welten hinaufwachst, dann tritt das Ich zuriick, dann
geht man in das objektiv Geistig-Seelische auf. Ein freies Ich-Wesen
konnte der Mensch nur werden, wenn ihm die Impulse der Gotter
gegeben waren, zusammenzuwachsen immer mehr und mehr mit
seinem physischen Leibe. Dann aber muBte das Ratsel des Todes ein-
mal auftreten, weil der physische Leib dem Tode verfallen muBte.
Wenn die Menschen nicht auf eine andere Weise den Ausblick er-
halten hatten, dann ware iiber die Menschen auf der Erde die Uber-
zeugung immer mehr und mehr gekommen: Wir sterben hin mit
unserem physischen Leibe auch als Seeien. - Und wir waren heute
allerdings schon angekommen, wenn nun nichts anderes eingetreten
ware, wenn der geradlinige Fortlauf der Geschichte sich nur voll-
zogen hatte, bei der allmenschlichen Oberzeugung, daB mit dem Leibe
sich auch die Seele ins Grab legt.
Da beschlossen die gottlich-geistigen Machte, das hohe Sonnen-
wesen, den Christus, auf die Erde herunterzuschicken, damit die
Menschen, die nicht mehr ein Wissen von ihrer Gemeinschaft mit
dem Christus im vorirdischen Dasein hatten, ein BewuBtsein von ihrer
Gemeinschaft mit dem Christus haben konnen, der nun auf die Erde
zu ihnen heruntergestiegen ist und ihr Menschenschicksal in dem
Leibe des Jesus von Nazareth auf Golgatha und in Palastina iiber-
haupt mitgemacht hat. Der Gott stieg herunter auf die Erdenwelt in
dem Augenblicke der weltgeschichtlichen Entwickelung der Mensch-
heit, wo die Menschen ihr Zusammengehorigkeitsgefuhl fur das
Sonnenwesen jenseits der Erdenwelt verloren hatten.
Warum kam der Christus auf die Erde herunter? Weil die Menschen
ihn jetzt auf Erden brauchten, wo sie ihr BewuBtsein zum volligen
Ich-BewuBtsein durchgerungen hatten, wo sie auf der Erde erfahren
muBten, daB es den Sieger iiber den Tod gibt, daB es den Sieger gibt,
der sterben kann und wieder auferstehen. Dieses Mysterium muBte in
der Geschichte vor die Menschen in dem Zeitalter hingestellt werden,
in dem die Menschen nicht mehr in das vorirdische Dasein hinauf-
schauen konnten, um da zu erschauen ihre Gemeinschaft mit dem
Unsterblichkeitsgeber fur die Menschen, mit dem Christus.
Es ist eine Gotterangelegenheit, daB der Christus von den jenseiti-
gen Welten auf die Etde heruntergeschickt worden ist, nicht eine
bloBe Menschheitsangelegenhek. Denn den Gottern ware das Men-
schengeschlecht entsunken, wenn die Gotter nicht einen ihrer Hoch-
sten auf die Erde heruntergeschickt hatten, um mit den Menschen,
mit dem Menschenschicksal und -sein in die ganze Menschen- Welten-
entwickelung ein gottliches Ereignis mitten unter die irdisch-mensch-
lichen Ereignisse einzuweben. Man begreift das Ereignis von Golga-
tha nicht, wenn man es bloB als ein menschliches Ereignis anschaut.
Man begreift das Ereignis von Golgatha erst, wenn man es als eine
Gotterangelegenheit mitbetrachten kann, wenn man sieht, wie da
etwas, was vorher nur in den gottlichen Welten geschaut worden ist,
nun in der irdischen Welt geschaut werden konnte.
Sie werden vielleicht jetzt den Einwand erheben: Ja, aber es sind
doch nicht alle Menschen Bekenner Christi geworden, und viele glau-
ben nicht an den Christus. Sind die nun in der Lage, zu meinen, ihre
Seele lege sich mit dem Leibe sterbend ins Grab? - So diirfen wir das
Ereignis von Golgatha nicht auffassen. Fur alle die Jahrhunderte, die
dem unsrigen vorangegangen sind, gilt es, daB der Christus in unendli-
cher gnadenvoller Barmherzigkeit nicht nur fur diejenigen gestorben
ist, die sich zu ihm bekennen, sondern fur alle Menschen der Erde. Die
Erlosung von dem Ratsel des Todes ist durch Christus fiir alle Erden-
menschen vollzogen worden. Das ist eine Angelegenheit, die zunachst
mit dem menschlichen BewuBtsein nichts zu tun hatte. Es war nur
natiirlich, daB sich Menschen fanden, die allmahlich die GroBe und
Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auch in ihr BewuBtsein
aufnahmen. Aber der Christus ist fiir die Chinesen, Japaner, Hindus
ebenso gestorben und auferstanden wie fiir die Christen.
Erst weil die Menschheitsentwickelung seit dem 15. Jahrhundert
und jetzt immer mehr und mehr den Intellektualismus als ihre hochste
Seelenkraft betrachten muB, weil der intellektualistische Impuls immer
machtiger und machtiger gegen die Zukunft hin werden wird, sind
wir jetzt in dem Zeitalter, in der Zeitepoche angekommen, wo es sich
darum handeln wird, daB die Menschheit, weil es immer mehr und
mehr auf ihr BewuBtsein ankommt, daB die Menschen uber die ganze
Erde hin immer mehr und mehr begreifen lernen dasjenige, was mit
dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Dazu allerdings wird es
notwendig sein, daB eine Art und Weise der Erkenntnis des Myste-
riums von Golgatha auftrete, die nun wirklich fur alle Menschen auch
begreif lich sein kann.
Die Art und Weise, wie das Christentum durch die bisherigen Jahr-
hunderte sich entwickelt hat, hatte noch viel von der Eigentiimlichkeit
der alten Volkerreligionen, der alten ethnischen Religionen. Sie hatte
noch nicht das Universalistische, diese christliche Entwickelung. Und
die Missionare, wenn sie ausgezogen sind zu andern Bekennern,
wurden wenig verstanden oder gar nicht verstanden, weil sie von dem
Christus sprachen wie von einem singularen Gotte, der Eigenschaften
in ihrer Darstellung, in ihrer Charakteristik hatte, wie die alten Volks-
gotter sie hatten. So hatte sich schlieBlich das Christentum auch aus-
gebreitet. Sehen Sie hin, warum Konstantin, warum Chlodwig das
Christentum angenommen haben? Weil sie glaubten, daB ihnen der
Christengott mehr helfen kann, als ihnen ihre bisherigen Gotter ge-
holfen haben. Sie tauschten gewissermaBen ihre bisherigen Gotter
gegen den Christengott aus. Dadurch bekam der Christus viele Eigen-
schaften der alten Volksgotter. Diese Eigenschaften haften dem Chri-
stus durch die Jahrhunderte hindurch an.
Aber auf diese Weise konnte das Christentum auch noch nicht die
universalistische Religion werden, sondern es muBte das Christentum
gerade immer mehr und mehr da2u kommen, ich mochte sagen, vor
dem Intellektualismus zuriickzutreten. Und wir sehen manche theolo-
gische Entwickelung gerade im 19. Jahrhundert, die gar nichts mehr
von der ubersinnlichen Art des Christus-Ereignisses verstehen konnte,
wo man nur noch sprechen wollte von dem Menschen Jesus, dem
man allerdings zuschrieb, daB er als Mensch uber die iibrigen Men-
schen hinausrage. Aber man wollte nunmehr von dem Menschen
Jesus sprechen, nicht von dem Gotte Christus. Von dem Gotte
Christus muB wiederum gesprochen werden konnen, weil dieser
Christus in seinem Schicksale durch das Mysterium von Golgatha auf
Erden fiir die Menschen dasjenige dargelebt hat, was er fruher fiir sie
in Himmelshohen war, bevor sie auf die Erde herabgestiegen waren.
Und so miissen wir sagen: Die alten Volksreligionen waren zu-
nachst ortliche Religionen. - Sagen wir, es wurde gebetet zu dem
Gott von Theben, es wurde gebetet zu dem Gott, der auf dem Olymp
war. Es waren lokale Gotter da, man muBte in der Nahe des betreffen-
den Ortes wohnen. Damit waren die alten Bekenntnisse von vorn-
herein auf einen beschrankten Erdenkreis gebannt. Spater wurden an
die Stelle der lokalen Gotter, die ihren Wohnsitz an einem bestimmten
Orte hatten, diejenigen Gotter gesetzt, die mehr an die Personlichkeit
der einzelnen Menschen, der fiihrenden Heroen der Volker gebunden
waren. Aber immerhin war noch der Gott eines Volkes entweder der
noch lebende Heros des Volkes oder die nachgebliebene Seele, die
Ahnenseele des Volkes. Das religiose Bekenntnis hatte etwas Einge-
schranktes.
Mit dem Christentum war eine Erdenreligion entwickelt, welche als
geistiges Element so fur die Erde ist, wie die Sonne als physisches
Element fur die Erde ist. Das Klima von der Gegend in der Nahe von
Olympia ist verschieden von dem Klima in der Nahe von Theben, das
Klima in der Nahe von Theben ist verschieden von dem Klima in der
Nahe von Bombay. Wenn sich das religiose Bekenntnis an die Lokali-
tat anschmiegt, dann reicht es auch nicht uber die Lokalitat hinaus.
Aber die Sonne verbreitet ihr Licht liber alle Lokalitaten der Erde,
scheint alien Menschen als die gleiche Sonne.
So war, als derjenige Gott Menschengestalt angenommen hatte, der
seinen physischen Abglanz in der Sonne hat, dem Menschengeschlechte
doch ein Gott gegeben, der fur alle Menschen der ganzen Erde als
Gott gelten kann. Man muB nur die Moglichkeit finden, in das
Wesen dieses Christus-Gottes einzudringen, dann wird man ihn dar-
stellen konnen als den Gott, der fur die ganze Erdenmenschheit gilt.
Wir sind in der anthroposophischen Lehre erst im Anfange. Wir
stammeln gewissermaBen heute erst Anthroposophie. Aber Anthro-
posophie wird sich immer weiter und weiter entwickeln, und ein Teil
ihrer Entwickelung wird darinnen bestehen, daB sie Worte iiber die
Darstellung des Mysteriums von Golgatha finden wird, mit denen sie zu
den Hindus, zu den Chinesen, in alle Gebiete der Erde gehen kann, und
das Mysterium von Golgatha so verstandlich machen konnen wird, daB
der Hindu, der Chinese, der Japaner nicht mehr dasjenige zuriickweisen
werden, was ihnen iiber das Mysterium von Golgatha gesagt wird.
Dazu ist aber aller dings notwendig, daB dasjenige, was christliche
Tradition ist, in vollem Sinne ernst genommen werde. Durch die Jahr-
hunderte hindurch band man sich mehr oder weniger an das Evan-
geliumwort. Man studierte die alten Biicher und man studierte auch
so, wie man sie verstand. Hier soli gewiB nichts gegen die Gultigkeit
der Evangelien gesagt werden. Wir haben in unseren Zyklen iiber
jedes der Evangelien eine besondere anthroposophische Interpreta-
tion, wo versucht wird, in den Sinn, in den tieferen Sinn der Evange-
lien einzudringen. Aber dennoch muB gesagt werden: Warum wird
denn gewohnlich das Wort am Ende des einen Evangeliums so wenig
ernst genommen, das da heiBt: «Ich hatte euch noch viel zu sagen,
allein ihr konnet es jetzt noch nicht verstehen»? Und warum wird
denn das andere Wort des Evangeliums so wenig ernst genommen:
«Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten» ? Denn der
Christus hat wahr gesprochen. Er hatte den Menschen nicht nur das-
jenige zu sagen, was in den Evangelien aufgezeichnet ist. In den Evan-
gelien ist vom Christus- Wort dasjenige aufgezeichnet, wofiir die Men-
schen der damaligen Zeit, einzelne Menschen wenigstens reif waren.
Aber reifer und immer reifer muBte die Menschheit in der Erdenent-
wickelung werden. Der Christus blieb vom Mysterium von Golgatha
an als der lebendige Christus, nicht als der tote Christus unter den
Menschen. Und er ist da. Lernen wir seine Sprache kennen, dann
werden wir auch wissen konnen, daB er da ist, daB sein Wort wahr ist:
«Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und seine
Sprache, seine Geistsprache mochte sprechen gerade anthroposophi-
sche Weltanschauung. Anthroposophische Weltanschauung mochte
iiber die Natur, mochte iiber ein jegliches Wesen der Erde, mochte
iiber den Sternenhimmel und die Sonne so sprechen, daB in dieser
Sprache auch das Mysterium von Golgatha verstandlich und der
Christus als der immerwahrend Daseiende empfunden werden kann.
Wir diirfen auch dasjenige, was wir aus der geistigen Welt mit Hilfe
derjenigen Macht, die durch das Mysterium von Golgatha vom Him-
mel auf die Erde herabgestiegen ist, gewinnen, nach dem Mysterium
von Golgatha als das Wort Christi ansehen. Wir diirfen das Wort des
Paulus wahrmachen : «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Ja, der
Christus in mir als Mensch, wenn wir als Menschen sprechen von den
geistigen Welten. Denn heute sind wir bereits in ein Zeitalter einge-
treten, wo wir nicht einmal mehr wie die Griechen uns noch mit
unserem physischen Leibe eins fuhlen, aber diesen physischen Leib
deutlich als einen harmonisch selbstandigen fuhlen. Heute dringen
wir noch fruher als im Griechenzeitalter in die Untergriinde unseres
physischen Leibes hinein, trennen uns dadurch von dem Spirituellen
unserer Umgebung, konnen uns nur vertiefen, wenn wir die Verbin-
dung mit dem Gotte suchen, der aus den Himmeln zu den Menschen
herabgestiegen ist, konnen uns nur mit dem Gotte, der den Erdenort
betreten hat, verbunden fuhlen, weil die Menschen nicht mehr in
ihrem physischen Dasein mit ihrem gewohnlichen BewuBtsein den
Himmelsort unmittelbar betreten konnen. Wenn wir den Christus
finden, das heiBt, wenn wir uns eroffnen die geistige Welt, dann
finden wir auch wiederum den Zugang zu der ubersinnlichen Welt,
aber jetzt nicht durch den physischen Leib, wie das in alten Zeiten der
Fall war, sondern durch die erhohte Kraft der Seele. Und diese be-
kommen wir jetzt, wo der Parallelismus zwischen der leiblichen und
seelischen Entwickelung in die Zwanzigerjahre nur hinaufgeht -
spater wird er noch weniger weit hinaufgehen -, dadurch, daB wir
uns mit der Erkenntnis eines ubersinnlichen Ereignisses durchdringen,
namlich des Mysteriums von Golgatha mitten unter sinnlichen Ereig-
nissen der Erdenentwickelung. Alles ging auf Erden sinnlich zu. Nur
im Mysterium von Golgatha mischte sich unter die Erdenereignisse
ein Obersinnliches. Das kann nur durch eine ubersinnliche Erkenntnis
auch begriffen werden. So bekommen wir als Menschen in der Seele
durch unsere Verbindung mit dem Christus die starke Kraft, ein Ver-
haltnis zu der ubersinnlichen Welt zu gewinnen, was die Menschen
fruher dadurch gewannen, daB sie noch mit ihrem physischen Leibe
so verbunden waren, daB der Leib ihnen schaienartig werden konnte,
daB sie noch vor dem physischen Tode das Herannahen dieses Todes
verspiirten und dadurch zusammenwuchsen mit dem Geiste, der in
der Umgebung enthalten ist.
Wir miissen seelisch das erreichen, was auf eine mehr durch den
Leib vermittelte Art in den alteren Zeiten erreicht worden ist. Wenn
wir auch noch so sehr bewundern dasjenige, was iibrigens nicht aus
der urindischen Zeit auf uns gekommen ist, sondern was spater ge-
blieben ist aus dieser urindischen Zeit in der Herrlichkeit der Veden,
der GroBartigkeit der Vedantaphilosophie, in dem Glanzvollen der
Bhagavad Gita, so miissen wir wissen, das konnte in jenen alten Zei-
ten nur dadurch errungen werden, daB der Mensch in dieser Weise,
indem er ins Alter hineinwuchs, von seinem Leibe etwa
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