Heilfaktoren für den sozialen Organismus

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Heilfaktoren 
fur den sozialen Organismus 

Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach und Bern 
zwischen dem 20. Marz und dem 18. Juli 1920 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die 1. Auflage war von Ernst Weidmann besorgt worden 
Die Durchsicht der 2. Auflage besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1969 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984 



Einzelausgaben 

Dornach, 2. und 3. April 1920: «Ostern, das Fest der Mahnung» 
Dornach 1935, 1965, 1981 



Zeitschriftenveroffentlichungen siehe Seite 299 



Bibliographie-Nr. 198 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Original Rudolf Steiners 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Hedwig Frey 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
©1969 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1980-6 



2« den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft bilden 
die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und veroffentlichten 
Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 - 1924 zahlreiche Vortrage und 
Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, 
spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi 
seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, 
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwal- 
tung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die 
Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsver- 
offentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als in- 
terne Manuskriptdrucke zug^nglich waren, zu seinen offentlichen Schriften 
aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» 
(35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wie- 
dergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu ein- 
zelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe begon- 
nen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. 
Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am 
Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ErsterVortrag, Dornach, 20. Marz 1920 11 

Die Entwicklung der Medizin, der Krankheitsbegriff in alter und neuer 
Zeit. Der Erkenntnisprozefi als Heilungsprozefi. Mysterienweisheit als 
soziale Medizin. Die Blaublindheit der Griechen. Notwendige Meta- 
morphose unseres Seh-, Gehor- und Warmesinnes. Imagination durch das 
Auge, Inspiration durch das Ohr, Intuition durch den Warmesinn. 1879 
Sieg Michaels als Wiederholung ahnlicher Ereignisse in friiheren Zeiten. 
Notwendigkeit einer Dreigliederung des sozialen Organismus. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 21. Marz 1920 23 

300 v. Chr. Geburt der menschlichen Phantasie. Die Entwicklung der 
menschlicher Intelligenz seit dem 15. Jahrhundert. In den alten My- 
sterienschulen Unterscheidung zwischen physischem, geistigem und 
intellektuellem Wissen. Das Kjrankmachende des einseitigen Intellekt- 
lebens. Anthroposophische Geisteswissenschaft als Trager eines neuen 
Heilungsprozesses. 

Dritter Vortrag, Dornach, 28. Marz 1920 40 

Das Hereinspielen des Vorgeburtlichen in das menschliche Erdenleben. 
Gewohnliches Vorstellungsleben - ein aus der ubersinnlichen Welt mit- 
genommener Leichnam. Die Belebung des toten Denkens durch den 
im Erdenleben neugeborenen Willen. Kopforganisatiori - Metamorphose 
des ubrigen Organismus aus der vorhergehenden Inkarnation. Der 
Lebenszwiespalt zwischen Naturnotwendigkeit und Sittlichkeit. Das 
Problem der menschlichen Freiheit. In der Jupiterperiode der Erde. 
Zusammenschlufi der sittlichen Ideale und der Welt der Naturgesetze. 
Der Kampf gegen die Geisteswissenschaft, Angriffe von katholischer 
Seite. 

Vierter Vortrag, Dornach, 2. April 1920, Karfreitag ... 55 

Das Leben des Paulus. Der durch das Mysterium von Golgatha 
bewirkte Umschwung in der Entwicklung der Menschheit. Das Problem 
der Freiheit. Die innere Unwahrhaftigkeit unserer Zeit. Der Verlust des 
Zusammenhangs zwischen dem Irdischen und Aufierirdischen. Die rein 
sinnliche Erkenntnis als Grab, aus dem als eine Auferstehung das Streben 
nach ubersinnlicher Erkenntnis kommen mufi. 



Funfter Vortrag, Dornach, 3. April 1920, Karsamstag . . 71 

Paulus in der Zeit des Ubergangs alter ubersinnlicher Anschauungen zu 
einer Epoche der Gottverlassenheit der Menschen. Die Umwandlung des 
Blutes und die Wiedergeburt in Christo. Die ahrimanische Gestalt des 
Anti-Christentums. Ostern, das Fest der Mahnung. 

Sechster Vortrag, Dornach, 30. Mai 1920 85 

Roms Kampf gegen die Freiheit des Gewissens und der Kulte. Papst- 
liche Enzykliken und der Syllabus von 1864. Riimelin iiber den Begriff 
des Wunders. Religioser und Wunderglaube als Gegengewicht zum 
Kausalitatsglauben der Wissenschaft. Die geisteswissenschaftliche Idee 
des Entstehens und Vergehens. Die Antimodernistenbewegung in der 
katholischen Kirche. Ruckblick auf die Zeit des Albertus Magnus. 
Friedrich II. von Preufien und Katharina von Rufiland als Protektoren 
des vom Papst verbotenen Jesuitenordens. Katholische Angriffe auf die 
Anthroposophie. 

Siebenter Vortrag, Dornach, 3. Juni 1920 102 

Der Antimodernisteneid. Wachheit der katholischen Kirche gegemiber 
dem heraufziehenden Materialisraus. Conceptio immaculata, Enzykliken 
und Syllabus 1864, Unfehlbarkeitserklarung, Enzyklika «Aeterni Patris». 
Ein Leitartikel des Basier «Vorwarts». Die Struktur der katholischen Kir- 
che im Verhaltnis zum ethischen Individualismus der «Philosophie der 
Freiheit». Aus der Geschichte des Jesuitenordens. 

A chter Vortrag, Dornach, 6. Juni 1920 116 

Initiationserkenntnis und materialistische Wissenschaft. Die Seelenlehre 
des Aristoteles als kirchliches Dogma. Unsterblichkeit, Praexistenz und 
wiederholte Erdenleben. Die Absicht der katholischen Kirche, zwischen 
ihrer Herrschaft und dem radikalen Sozialismus eine Verbindungsbriicke 
zu schaffen. Der Antimodernisteneid. Gemeinschaftsbewufitsein und 
Idealbewufitsein. 

Neunter Vortrag, Dornach, 2. Juli 1920 134 

Oswald Spenglers «Untergang des Abendlandes». Heilung aus den 
Niedergangskraften nur durch die Weisheit der Initiation. Demokra- 
tie und Dreigliederung. Gefahren des Spenglerschen Buches. Aktives 
Seelenleben als Voraussetzung fur das Begreifen geisteswissenschaftlicher 
Werke. 



Zehnter Vortrag, Dornach, 3. Juli 1920 150 

Das Fortwirken antiquierter spiritueller Kulturstromungen in der Gegen- 
wart. Die eigentliche Gestalt der alten Urweisheit. Sonnenkult der alten 
Mysterien. Christus, der Sonnengeist. Das katholische Mefiritual. Die 
Naturgesetze: Destillat mittelalterlicher Worthiilsen. Jesuitismus und 
Freimaurertum. Hochgrade gewisser Orden. Verwirrung des offentlichen 
Lebens durch okkulte Stromungen. Notwendigkeit des Ubergangs von 
der Ideenverbreitung zum praktischen Tun. Broschure von Kully. 
Aufsatz von Pfarrer Ernst. 

Elfter Vortrag, Dornach, 4. Juli 1920 170 

Wirkungen des Materialismus in der Gegenwart. Alte Denkgewohn- 
heiten. Notwendigkeit einer Umformung der Seelenverfassung und des 
Denkens, auch auf wirtschaftlichem Gebiet. Ein Satz von Nietzsches 
Freund Overbeck. Die Anschauungen von Rodbertus und Marx. Das Ver- 
haltnis von geistiger und korperlicher Arbeit. Notwendig: Einsicht in die 
geistigen Zusammenhange der Welt und ein vom Materiellen des Leibes 
unabhangiger Wille. 

Zwolfter Vortrag, Bern, 9. Juli 1920 188 

Das Denken als Erbschaft des vorgeburtlichen Daseins. Ablehnung 
der Praexistenz in den traditionellen Bekenntnissen. Entbehrlichkeit 
des Denkens fur das Leben in der Sinneswelt. Mitteilungs- und Erkennt- 
nisbediirfnis im Lebrberuf. Die Waldorfpadagogik. Goldwahrung, Frei- 
handel, Zollschranken. Die Welt der Geistigkeit und die Welt des wirt- 
schaftlichen Lebens. Das assoziative Urteil. Die Staatsphilosophie des 
Bolschewismus als Kind der Ideen von R. Avenarius^Harnack und Oswald 
Spenglers Einflufi. Das Ernstnehmen der Erkenntnis von wiederholten 
Erdenleben. 

Dreizehnter Vortrag, Dornach, 10. Juli 1920 214 

Der Mensch zwischen der Ideenwelt und der Welt der Erinnerungen und 
Phantasievorstellungen. Die Dissertation von W.J. Stein. «Ungeburt- 
lichkeit» und Unsterblichkeit. Voraussetzungen der Waldorfschule. Ein 
scholastisches Lehrbuch der Philosophic (Lehmen). 

Vierzehnter Vortrag, Dornach, 11. Juli 1920 231 

Das alte Mysterienwesen und das Mysterium von Golgatha. 
Christus als das hohere Selbst der Erde. Das Verhaltnis der anthroposo- 
phischen Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft. Hinzufiigung der 



Erkenntnis des Ubersinnlichen zum Sinnlichen. Beschaftigung mit dem 
Aufsteigenden im Menschen und der Menschheitsentwicklung. Die Ge- 
fahr des Verfallens der Menschhek in die Barbarei. Anthroposophie als 
Christologie. Beispiele von Gegnerschaft. 

Funfzehnter Vortrag, Dornach, 16. Juli 1920 250 

Das Urwissen der Mysterien und sein Mifibrauch in spateren Zeiten. Das 
Wirken der Mysterien in der nachchristlichen Zeit und ihr allmahliches 
Verschwinden. Grenzen der Sekretierung ubersinnlicher Erkenntnisse. 
Schaden durch Mifibrauch ubersinnlichen Wissens, wenn nicht nur das 
dreigliedrige Seelenleben, sondern das viergliedrige Instinkt- und Trieb- 
leben ergriffen wird. Oswald Spenglers Biicher «Der Untergang des 
Abendlandes» und «Preufientum und Sozialismus». 



Sechzehnter Vortrag, Dornach, 17. Juli 1920 266 

Weitere Lebensparadoxien unseres Zeitalters. Oswald Spengler. Aus- 
wirkungen des Materialismus. Ungeborenheit und Unsterblichkeit. Reale 
Logik und blofie Gedankenlosigkeit. Die Verantwortung des Menschen 
fur die Erdenentwicklung. Unfahigkeit des Materialismus, Materie zu er- 
kennen. Das Altarsakrament des Katholizismus. Erkenntnis als geistige 
Kommunion. 

Siebzehnter Vortrag, Dornach, 18. Juli 1920 283 

Die Entgotterung der Natur. Der menschliche Leib als Trager des schopfe- 
rischen Gottlich-Geistigen. Gefahr des Verlorengehens der Erdenmission. 
Die notwendige Entscheidung zwischen dem ahrimanischen Intellektua- 
lismus und der Erarbeitung des neuen Geisteswissens als Richtschnur des 
geistigen und sozialen Handelns. 

Hinweise 299 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 317 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . .319 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 20. Marz 1920 



Was heute den Menschen als eine fast unumstrittene Autoritat gilt, das 
ist Wissenschaft, Wissenschaft eben in demjenigen Sinne, in dem diese 
Wissenschaft heute auf unseren staatlich abgestempelten Lehranstalten 
getrieben wird. Wir haben ofters uber die Geltungsmoglichkeiten die- 
ser Wissenschaft gesprochen, haben auch hingewiesen darauf, wie ge- 
rade von dieser Autoritat die Menschheit der Gegenwart loskommen 
miisse. Heute will ich darauf hinweisen, daft es ja eine charakteristische 
Erscheinung geworden ist - auch erst seit den letzten drei bis vier Jahr- 
hunderten -, als eine von diesen Wissenschaften, die Geltung haben, 
die Autoritat haben, die Medizin zu betrachten. Alles, was mit der Me- 
dizin zusammenhangt, ist eben eine Wissenschaft unter den anderen, 
eine Wissenschaft, welche in ihrem weiteren Verfolge fiihren soil zum 
Heilen, zum Heilen des kranken Menschen. Man denkt kaum heute 
daran, daft dieses Verhaltnis von Medizin zu anderen Wissenschaften 
und zu der Gesamtheit der Wissenschaften sich auch erst in den letzten 
drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat. Denn je weiter wir in 
der Menschheitsentwickelung zuruckgehen, desto mehr sehen wir, wie 
alles, was der Mensch an Wissenschaft, an Erkenntnis ausbilden konnte, 
mehr oder weniger als medizinisch angesehen wurde, als etwas ange- 
sehen wurde, was mit Heilen etwas zu tun hat. Und wenn wir zuriick- 
gehen insbesondere in die Entwickelung der okkulten Wissenschaften 
in alteren Zeiten, so ist mit dem Begriff der okkulten Wissenschaften, 
der Geheimwissenschaften, der Begriff des Heilens immer verbunden 
gewesen. Immer hatten mit irgendeiner Art des Heilens die geistigen 
Wissenschaften etwas zu tun. So daft man damals in alteren Zeiten 
nicht sagen konnte: Medizin ist eine Wissenschaft unter vielen -, son- 
dern dafi man sagte in diesen alteren Zeiten, in denen hochstens das 
rein Intellektuelle nicht zu dem Okkulten gerechnet worden ist: In 
aller Wissenschaft, in aller Erkenntnis mufi etwas gesucht werden, das 
zuletzt abzweckt auf ein Heilen des ganzen Menschen. - Man sprach 
also in dem Sinne, dafi man sich diesen Gedanken vor die Seele riickte. 



Nun mulS man aber fragen: Was sollte denn da geheilt werden, was 
war denn da zu heilen? - Heute, in der Zeit des Materialismus, spricht 
man von Krankheit, wenn am Menschen durch aufiere materielle Vor- 
gange oder durch sein Verhalten in der sinnlichen Welt irgend etwas 
Abnormes zu bemerken 1st. Auch dieser, man mochte sagen materia- 
listische Begriff von Krankheit, auch er ist im Grunde genommen erst 
ein Produkt der neueren Entwickelung der Menschheit, ein Produkt 
der nachgriechischen Zeit. Denn in jenem Griechenland, in dem eine 
aufgewecktere, fur die Welt empfanglichere Menschheit wohnte, als 
die spatere Menschheit es ist, war im Grunde genommen noch jener 
Begriff von Krankheit, und namentlich Krankheitsmoglichkeit, vor- 
handen, der alien Zeiten eigen war, die weiter zuriickliegen als etwa 
zwei, drei vorchristliche Jahrhunderte. Man mufi solche Dinge, damit 
sie verstanden werden, damit man nicht ihre eigentliche Bedeutung 
doch uberhore, man mufi solche Dinge etwas radikal sagen. Die Grund- 
anschauung in alteren Zeiten war, dafi eigentlich die ganze Menschheit 
fortwahrend die Anlage zum standigen Kranksein mit sich herumtragt. 
Alle Menschen sind im Grunde genommen fortwahrend mit Krank- 
heitsanlagen in der Welt herumgehend - das ist im Grunde die An- 
schauung gewesen. Alle Menschen sind wenigstens der vorbeugenden 
Heilung bediirftig; man mufi fortwahrend heilen an der Menschheit, 
das war die Meinung. Vielleicht wird man am besten verstandlich in 
diesen Sachen, wenn man diese Meinung vergleicht mit einer, die uns 
insbesondere heute aus unseren sozialen Verhaltnissen und sozialen 
Forderungen haufig entgegentritt. Wir sehen heute auftreten viele 
Menschen, welche sich berufen fuhlen, agitatorisch zu sprechen von 
dem, was der Menschheit, sagen wir, in sozialer Beziehung oder in an- 
derer Beziehung notwendig ist, damit sie einer besseren Zukunft ent- 
gegengehe. Diese Menschen schildern ungefahr dasjenige, was erreicht 
werden wurde, wenn ihre Ideen zur Geltung kommen, als eine Art 
Paradies auf Erden. Man sagt wohl auch, das Tausendjahrige Reich 
miisse nun endlich anbrechen, wenn die Ideen gewisser Menschen sich 
Geltung verschaf fen konnten. Gewifi, es ist eine Meinung, die vielleicht 
das Gute will, aber aus schlechtem Verstande und aus noch schlech- 
terer Vernunft kommt, aber es ist eine Meinung, die agitatorisch wir- 



ken kann. Und was sollte agitatorischer wirken, als wenn man den 
Menschen, namentlich einer materialistischen Zeit, das Paradies auf 
Erden verspricht! Wenn man es ihnen noch gar verspricht fur die Zeit, 
bevor sie selber sterben, so hat man sie mit einer grofien Wahrschein- 
lichkeit zu Anhangern. 

Demgegenuber wird ja schwer aufkommen, wenn so etwas auf- 
tritt wie die Idee von der «Dreigliederung des sozialen Organismus», 
die nicht von dem Paradies auf Erden spricht, sondern von dem, was 
lebensfahig als sozialer Organismus ist, was leben kann. Gegeniiber 
dieser Anschauung, die es ja involviert, dafi ein solches Paradies auf 
Erden moglich sei, dafi eine allgemeine, ideal wirkende Gesundung der 
Menschen durch blofte Einrichtungen auf dem physischen Plane sich 
herstellen lassen konne, gegeniiber dieser Meinung steht mit einer ganz 
anderen Empfindungsfarbung da jene Meinung in alten Zeiten, die ich 
versuchte, Ihnen zu charakterisieren, indem ich sagte, diese Meinung 
ging dahin: Alle Menschen, insofern sie hier auf dem physischen Plane 
leben und wirken, sind bis zu einem gewissen Grade mit Krankheits- 
anlagen behaftet und bediirfen fortwahrend der Heilung. - Denn 
diese Anschauung fufite auf dem Folgenden. Sie sagte: Hier in der 
physischen Welt kann der Mensch dasjenige tun, was zu Einrichtun- 
gen auf diesem physischen Plane fiihrt. Der Mensch kann dasjenige 
tun, was seine Wirtschaft besorgt, was sein Recht besorgt und so wei- 
ter. - Aber wenn alles das, was so besorgt wird, nur durch seine eigene 
Kraft fortlauft, wenn nichts hineinwirkt als dasjenige, was sich auf 
die aufieren Institutionen des physischen Planes bezieht, dann wird 
der soziale Organismus der Menschheit immer kranker und kranker. 
Man kann namlich gar nicht durch aufiere Mafinahmen einen gesunden 
sozialen Organismus hervorrufen, sondern nur einen solchen, der im- 
mer kranker und kranker wird. Damit er das nicht werde, hat man 
notig, parallel gehen zu lassen den MalSnahmen, die fur die physische 
Welt getrof fen werden, geistiges Leben. Und dieses geistige Leben wirkt 
so, dafi es gewissermafien die Krankheitskeime, die sich fortwahrend 
in dem Menschen erzeugen, paralysiert. Jede Erkenntnis, so dachte 
man, die nicht darauf hinauslauft, das sich fortwahrend bildende Gift 
der sozialen Ordnung zu resorbieren, jede solche Erkenntnis ist ein 



Unding in der Menschheit. Erkenntnisprozefi ist Heilungsprozefi. Und 
wiirde, so dachte man in alten Zeiten, die Erkenntnis fur irgendeine 
Epoche ganz aussetzen, dann wiirde der soziale Organismus in Krank- 
heit verfallen. Daher bezeichnete man erkennende Kraft von vorn- 
herein als heilende Kraft; und erst im Laufe der Zeit haben sich abge- 
sondert von dem Mysterienerkenner - der zu gleicher Zeit Fiihrer der 
sozialen Ordnung, Arzt und Priester war - der Arzt, der Lehrer, der 
Priester und so weiter. Das hat sich alles erst aus dem herausdifferen- 
ziert, was gemeinsam in dem Menschen lebte, der jene Erkenntnis in 
sich besafi, die zu gleicher Zeit durch ihre Eigenart die Medizin der 
Menschheit war. Man hat sich auch in alteren Zeiten der Menschheits- 
entwickelung viel, viel weniger mit einzelnen Krankheiten befafit als 
heute. Man hatte iiber diese einzelnen Erkrankungen seine besonderen 
Ansichten, die man dem heutigen Menschen gar nicht einmal sagen darf , 
denn sie verletzen sein Gefiihl, sie kommen ihm grausam vor. Aber da- 
fur war dasjenige, was man trieb, was man versuchte zu schopfen aus 
tiefen Erkenntnisquellen, gedacht als soziale Medizin. 

Solch eine Anschauung konnte allerdings nur vorhanden sein mit 
ihrer ganzen Kraft in einer Zeit, in der der Mensch anders zu sich selbst 
stand als heute. Wir haben es ja ofters besprochen, dafi der Intellek- 
tualismus, der heute insbesondere auch im Erkennen herrscht, im 
Grunde genommen auch nur, so wie er heute herrscht, in dieser Form 
zwei, drei, vier Jahrhunderte alt ist. Dieser Intellektualismus, der sein 
Ideal in durch abstrakte Gedanken wahrzunehmenden Naturgesetzen 
sieht, der greift nicht ein in die menschliche Personlichkeit. Ich habe 
es Ihnen ofters charakterisiert, wie dieses Nichteingreifen sich dar- 
stellt. Stellen Sie sich einmal den heutigen Studenten irgendeiner Wis- 
senschaft vor, irgendeines Wissenschaftsgebietes an einer unserer ge- 
brauchlichen Lehranstalten iiber die ganze zivilisierte Welt hin. Es 
ist so, dafi man sagen mufi: Dieser Student sitzt da, er hort nur mit 
seinem Kopf, mit seinem Verstande, mit seinem Intellekt dasjenige an, 
was ihm vorgebracht wird, sieht dasjenige an, was ihm vorexperimen- 
tiert wird; aber in einem sehr geringen Grade ist sein Germit, sein Herz, 
sein ganzer Mensch beteiligt bei dem, was da vorgebracht wird. Das 
war bei der alten Mysterienweisheit nicht so. Da konnte man nicht in 



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dieser Weise gleichgiiltig bleiben. Da war alles, was auf den Kopf 
wirkte, was auf den Intellekt wirkte, zu gleicher Zeit den ganzen Men- 
schen ergreifend, das war Gemiit und Willen erfassend, das war so, 
dafi man eben als ganzer Mensch dabei sein konnte. Durch das ab- 
strakte Denken, durch das abstrakte Naturforschen ist auch unser 
Leben abstrakt geworden, so abstrakt geworden, dafi der Mensch heute 
kaum ein Organ hat, dasjenige noch im rechten Lichte zu sehen, was 
verbunden war mit dem ganzen sozialen Leben einer alten Menschheit. 
Wir haben ofters auch hier schon gesprochen von dem, was man 
im hebraischen Altertum den unaussprechlichen Namen des Gottes 
genannt hat, der dann in der Folge aussprechbar wurde, in der Laut- 
folge J-A-H-V-E. Warum war dieser Name unaussprechlich? Weil, 
wer ihn in jenen alten Zeiten aussprach, durch die Gewalt der Laute 
die alltagliche Gesinnung, das alltagliche Bewufitsein abgedampft er- 
hielt. Eine andere Welt stand vor ihm auf, und gefahrlich war es, den 
Namen auszusprechen, weil die gewohnliche Besinnung schwinden 
mulke. Es war tatsachlich so, dafi der Mensch fiihlte: Wenn dieser 
Name vibriert durch seine Leiblichkeit, dann ist er als Mensch in eine 
andere Welt entriickt, in eine Welt, in der andere Dinge vorgehen als 
in dieser physischen Welt. - Das ist eine Seelenverfassung des Men- 
schen, von der der heutige Mensch keine Ahnung mehr hat, von der er 
nichts wissen kann. Denn eine Lautzusammenstellung hat heute nicht 
jene erschutternde Wirkung, die sie einstmals hatte. 

Mit alldem hangt es zusammen, dafi auch aufsteigen konnte aus 
jener anderen Seelen- und Leibesverfassung des alten Menschen mehr, 
als heute aus der Seelen- und Leibesverfassung des Menschen aufstei- 
gen kann. Heute steigt aus dieser Seelen- und Leibesverfassung zunachst 
das Organische auf. Hunger, Durst, andere Emotionen steigen auf, 
diese oder jene Begehrungen, diese oder jene Gemutsbewegungen, diese 
oder jene Sympathien und Antipathien steigen auf. All das, was so auf- 
steigt aus der Organisation des Menschen, es bezieht sich im Grunde 
genommen auf den einzelnen Menschen, auf das einzelne menschliche 
Ego. Aber bei den alten Menschen kam herauf mit Hunger und Durst, 
mit den Begehrungen, die sich auf s gewohnliche Leben beziehen, Of fen- 
barung eines Gottlichen. Der alte Mensch fiihlte in dem, was er gewis- 



sermafien aus seiner eigenen Leiblichkeit und aus seiner eigenen Seelisch- 
keit heraus verwendete, den Gott mit, der wie in der Natur so auch in 
ihm wirkte. Das, was aufstieg, das lie$ in diesen alten Menschen die 
Fahigkeit erstehen, in der ganzen umgebenden Natur nicht nur das zu 
sehen, was wir heme sehen, sondern zu sehen Geistiges. Davon macht 
sich der heutige Mensch iiberhaupt nicht gern eine Vorsteilung, dafi 
selbst das Auffassungsvermogen beim friiheren Menschen anders war 
als beim heutigen Menschen. 

Dieses Vorurteil ist ja allerdings ein recht begreifliches, das darin 
besteht, dafi man annimmt, so, wie wir heute die Welt sehen, habe 
man sie immer gesehen. Aber selbst aufierliche Tatsachen beweisen fiir 
den, der nur solche Beweise haben will, mit aller nur notigen Klarheit, 
dafi selbst schon die Griechen - wir brauchen also nicht weit zuriick- 
zugehen in der Entwickelung der Menschheit - die den Menschen um- 
gebende Natur anders gesehen haben als wir. Geisteswissenschaft 
kommt durch das geistige Schauen mit voller Klarheit darauf; aber 
auf das, was in dieser Beziehung Geistesschau mit voller Klarheit an 
die Oberf lache bringt, kann man auch schon durch die aufkre Erkennt- 
nis der physischen Tatsachen kommen, wenn man in der griechischen 
Literatur Umschau halt und die eigentumliche Tatsache bemerkt, dafi 
die Griechen ein Wort hatten fiir Griin: chloros. Aber kurioserweise 
bezeichneten sie mit demselben Worte, das sie fiir das, was wir Griin 
nennen, anwendeten, den gelben Honig und die gelben Blatter im 
Herbst; die gelben Harze bezeichneten sie so. Die Griechen hatten ein 
Wort, welches sie gebrauchten, wenn sie dunkle Haare benennen woll- 
ten; mit demselben Wort bezeichneten sie den Stein Lapislazuli, den 
blauen Stein. Niemand wird annehmen konnen, dafi die Griechen blaue 
Haare hatten. Solche Dinge kann man wirklich bis zu einem hohen 
Grade von Beweiskraft bringen, und man sieht daraus, dafi die Grie- 
chen einfach als Volk Gelb von Griin nicht unterschieden haben, Blau 
als Farbe nicht so bemerkt haben wie wir, dafi sie alles lebendig nach 
dem Rotlichen, nach dem Gelblichen hin gesehen haben. Das alles 
wird noch bekraftigt dadurch, dafi uns die romischen Schriftsteller er- 
zahlen, die griechischen Maler hatten mit nur vier Farben gemalt, mit 
Schwarz und Weifi, mit Rot und Gelb. 



Wenn wir nach unseren heutigen Erfahrungen der Farbenlehre ur- 
teilen, so miissen wir sagen: Eine wesentliche Eigenschaft der Griechen 
war, dafi sie blaublind waren, daft sie auch die blaue Nuance in dem 
Grim nicht gesehen haben, sondern nur die gelbe Nuance. Die ganze 
Umgebung war fur die Griechen viel feuriger, weil sie alles nach dem 
Rotlichen hin gesehen haben. Bis in diese Art, zu sehen, geht dasjenige, 
was Entwickelungsmetamorphosen in der Menschheit sind. Wie gesagt, 
man kann das aufierlich zeigen. Die Geistesschau zeigt es mit aller 
Deutlichkeit, dafi der Grieche sein ganzes Farbenspektrum nach der 
Rotseite hin verschoben hatte und nicht empfand nach der blauen und 
violetten Seite hin. Das Violett sah er viel roter, als wir es sehen, 
als es der heutige Mensch sieht. Wiirden wir nach unserer heutigen 
Augenvorstellung die Landschaft malen, die der Grieche gesehen hat, 
so mufiten wir sie eben mit ganz anderen Farben malen, als wir heute 
gewohnt sind. Und das, was wir als Natur sehen, kannte der Grieche 
nicht, und dasjenige, was der Grieche als Natur sah, kennen wir nicht. 
Die Entwickelung der Menschheit schreitet eben metamorphosisch vor- 
warts, und das Wesentliche ist, dafi die Zeit, in der der Intellektualis- 
mus heraufgestiegen ist, in der der Mensch nachdenklich wurde - der 
Grieche war nicht nachdenklich, der Grieche lebte gegenstandlich in 
der natiirlichen Welt -, die gleiche Zeit ist, in der sich umsetzte die 
Empfindung fur die dunkle Farbe, fur das Blaue, fur das Blau-Violette. 
Nicht verandert sich blofi das Innere der Seelen, sondern es verandert 
sich auch dasjenige, was von der Seele in die Sinne hineinlebt. 

So konnen Sie sich sagen: Schon mit Bezug auf die Fahigkeiten un- 
serer Sinne sind wir heute, in der fiinften nachatlantischen Zeit, andere 
Menschen als sogar noch die Menschen, die charakteristische Menschen 
der vierten nachatlantischen Periode, der griechisch-lateinischen waren. 
Das alles hangt mit dem vorigen zusammen. In der Zeit, in der noch 
aus den Emotionen, aus den Sympathien und Antipathien, selbst aus 
dem Korperlichen, wie Hunger und Durst und Sattigung, aufstiegen 
spirituelle Krafte, da ergossen sich diese spirituellen Krafte bis in die 
Sinnesorgane hinein, Und die gewissermafien aus dem Unterleiblichen 
heraufstromenden, sich in die Sinnesorgane hineinergiefienden Krafte, 
sie sind fur den Sinn des Auges diejenigen, die vorzugsweise die gel- 



ben und die roten Farbennuancen beleben, die Fahigkeit beleben, diese 
Farbennuance wahrzunehmen. Wir sind heute in das Zeitalter einge- 
treten, wo das Umgekehrte zu einer wichtigen Auf gabe der Menschheit 
wird. Die Griechen waren noch so organisiert, daft ihre schone Welt- 
anschauung dadurch durch ihre Sinne vermittelt wurde, daft in diese 
Sinne sich hineinergoft ihr durchgeistigtes organisches Leben. Wir ha- 
ben unterdriickt als Menschheit durch Jahrhunderte dieses durchgei- 
stigte organische Leben. Wir miissen es von der Seele aus, vom Geiste 
aus wieder beleben. Wir miissen uns die Fahigkeit aneignen, ins Seelisch- 
Geistige einzudringen, wie das Geisteswissenschaft vermitteln will. 
Und indem wir uns die Fahigkeit aneignen, ins Geistig-Seelische hin- 
einzudringen, wie das Geisteswissenschaft vermitteln will, werden wir 
den umgekehrten Weg machen. Bei den Griechen war es so, daft von 
dem Leiblichen aus gewissermafien die StrSmungen gingen und sich 
ergossen bis ins Auge hinein (siehe Zeichnung, rot); bei uns mufi das 



btao 




Umgekehrte stattfinden. Wir miissen da's Geistig-Seelische ausbilden 
(siehe Zeichnung, blau), die Stromung mufi sich von diesem Geistig- 
Seelischen nach der Organisation des Menschen erstrecken, und wir 



mussen vom Geistig-Seelischen die Stromungen in das Auge und in 
die anderen Sinne hineinbekommen. Der umgekehrte Weg mufi der- 
jenige der Zukunftsmenschheit werden gegeniiber dem, der bis in die 
Mitte der vierten nachatlantischen Kultur der Weg der Menschheit 
war. Dann wird aus dem nachdenklichen Menschen wiederum der geist- 
erkennende, der in einer anderen Form geist-erkennende Mensch, der 
von oben angelegt wird. Wir sind hineingewachsen in die Empfang- 
lichkeit fiir den blauen Teil des Spektrums. 

Wenn ich das schematisch aufzeichnen wollte, so miifite ich so zeich- 
nen: Der Grieche war vorzugsweise empfanglich in dem Rot, er lebte 



rot 9€ibVUou violetf 



in dem Rot. Der Grieche lebte sich in diesen Teil des Spektrums hinein 
(siehe Zeichnung, links); wir mussen uns in diesen Teil (siehe Zeich- 
nung, rechts) des Spektrums immer mehr und mehr hineinleben. Aber 
indem wir uns in diesen Teil des Spektrums hineinleben, indem wir 
in einer gewissen Weise immer mehr und mehr lieb gewinnen die 
blaue und blau-vioiette Farbe, mussen sich ja unsere Sinnesorgane vol- 
lig ummetamorphosieren, umwandeln. 

Die Sinnesorgane mussen in ihrer feineren Struktur etwas ganz an- 
deres werden, als sie waren. Was sich da hineinergiefk in die Sinnes- 
organe, das ist dasjenige, was allmahlich auf naturgemafiemWege durch 
das Auge zum Beispiel die Imagination ausbildet, durch das Ohr die 
Inspiration, durch den Warmesinn die Intuition. Es mussen also aus- 
gebildet werden: durch das Auge: Imagination, durch das Ohr: In- 
spiration, durch den Warmesinn: die Intuition. 



Die feinere Struktur im Gange der menschlichen Entwickelung, die 
feinere Struktur des menschlichen Organismus im Gange der mensch- 
lichen Entwickelung macht eine Metamorphose durch, wird eine 
andere. 

Auf solche Dinge mufi der Mensch der Gegenwart hinsehen, denn 
er steht drmnen in einem wichtigen Obergangszeitpunkt; er steht drin- 
nen in der Zeit, in der sich entscheiden mufi, ob er wohl kann den Ober- 
gang finden, gewissermafien die Eindriicke von oben zu empfangen. 
Wir diirfen nicht beim blofien Intellektualismus bleiben, wir miissen 
den Intellektualismus vergeistigen und verseelischen. Dann wird aber 
dasjenige, was als Geistiges und Seelisches sich in uns ausbildet, bis in 
die menschliche Organisation hinein wirken. Und wenn wir es nicht 
ausbilden? Wenn irgendein Organ zu etwas bestimmt ist und man ge- 
braucht es nicht dazu, stirbt es ab, ertotet sich. Da haben Sie in der 
menschlichen Organisation selber, was eine alte Zeit aus anderen Er- 
kenntnisvoraussetzungen heraus fur die Entwickelung der ganzen 
Menschheit angenommen hat. Sehen Sie auf Ihre Augen hin: in diese 
Augen hinein mufi sich ergiefien dasjenige, was von oben herunter als 
spirituelles Leben in die Zukunftsmenschheit einstromen soli. Stromt 
es nicht ein, dann sind diese Augen dazu verurteilt, krank zu werden. 
Durch ihre eigene Natur miissen die Augen der Menschen krank wer- 
den, ebenso die Ohren, ebenso der Warmesinn. 

Was miissen wir denn suchen fur eine Erkenntnis? Eine diese Krank- 
heitsanlagen unseres eigenen Organismus heilende Erkenntnis. Wir miis- 
sen wiederum den Weg zuriick finden zu der Auffassung, dafi alle Er- 
kenntnis, insofern sie an den Menschen heran will, einen medizini- 
schen Charakter habe. Wir miissen wiederum den Begriff bekommen 
konnen, dafi wir Erkenntnis um des Heilens willen zu suchen haben, 
dafi Medizin nicht nur ist auch eine Erkenntnis unter anderen Erkennt- 
nissen, und dafi alle Erkenntnis im Entwickelungsprozefi der Mensch- 
heit ein Heilfaktor sein mufi, weil die Menschheit es notig hat, das- 
jenige, was in ihr auf dem physischen Plane entsteht, fortwahrend ge- 
heilt zu bekommen. Nicht derjenige redet der Menschheit das Richtige 
vor, der ihr ein irdisches Paradies verspricht, sondern derjenige allein 
redet die Wahrheit, der den Menschen klarmacht: Auch wenn wir alles 



tun, urn brauchbare irdische Zustande herzustellen, so mufi der Mensch 
seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt suchen! - Denn selbst 
die besten irdischen Zustande miissen fortwahrend geheilt werden, ge- 
heilt werden bis in den menschlichen Organismus hinein. Auch dieser 
ist fortwahrend mit Krankheitsanlagen durchsetzt. Das heifk, es mufi 
ein Geistesleben in der Menschheit da sein, welches die Kraft hat, hei- 
lende Machte aus sich heraus zu bilden. 

Unter den mancherlei Griinden, die dazu gefiihrt haben, aus anthro- 
posophisch orientierter Weltanschauung die Idee der «Dreigliederung» 
zu gebaren, sind auch diejenigen, die Sie entnehmen konnen aus meinen 
heutigen Auseinandersetzungen, denn diese Idee der Dreigliederung ist 
eine solche, dafi man hinschauen kann in diese Ecke, in jene Ecke, in 
eine dritte und vierte Ecke der Menschheitsentwickelung - wenn man 
nur richtig beobachten kann, so ergibt sich fur die heutigen, wirklich 
das Wahre wollenden menschlichen Fahigkeiten die Notwendigkeit 
dieser Dreigliederung. Diejenigen, die da glauben, mit ihrem bifichen 
Logik, wenn sie einmal von dieser Dreigliederung horen, irgend etwas 
nicht gleich verstehen zu konnen oder es mit irgend etwas in Wider- 
spruch zu finden, die sollten warten, bis sie sich genauer mit der Sache 
bekanntmachen. Dann werden sie sehen, dafi es nicht e'men Beweis oder 
eine Beweisstromung fiir die Notwendigkeit der Dreigliederung gibt, 
sondern unzahlige. Denn wohin man schaut, uberall gibt es Beobach- 
tungen, die unabhangig von den anderen dasjenige beweisen, was ich 
nennen konnte: notwendiges Auftreten der Idee von der «Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus» in unserer heutigen Gegenwart. Und 
eine der allerwichtigsten Ecken ist doch die Erkenntnis, die Erfassung 
der Menschenwesenheit selber. Aber wo ist denn die heutige Wissen- 
schaft, die so stolz auf ihre Abstraktion ist, geneigt, auf das wirklich 
Konkrete einzugehen? Noch der Grieche hatte ein deutliches Bewufit- 
sein da von: Wenn er aufsteigen lafk seine Emotionen, so offenbart sich 
ihm ein Gottliches. - Wir miissen erlangen die Fahigkeit, herabzuho- 
len aus geistigen Hohen die geistigen Seelenkrafte, und sie miissen uns 
eine Natur offenbaren, sie miissen uns zeigen, wie die Natur ist. Das 
heifit, wir miissen uns klarwerden konnen, dafi wir durch aufieres An- 
schauen die Natur nicht erkennen konnen, sondern nur mit denjenigen 



Sinnesorganen, die gescharft sind durch dasjenige, was sich von oben 
ergibt, mit einem Auge, das gescharft ist durch die Imagination, mit 
einem Ohr, das gescharft ist durch die Inspiration, mit einem Warme- 
sinn, der gescharft ist durch die Intuition, durch das selbstlose Erleben 
der Dinge und Vorgange, die in unserer Umgebung sind. 

Aus dem Willen zum Heilen ist Wissenschaft geworden. In den 
Willen zum Heilen mufi Wissenschaft wiederum einmiinden. Was wir 
heute als Wissenschaft ansehen und so hoch als Autoritat verehren, das 
ist nur ein Zwischenzustand, der aber eigentlich gerade auf sozialem 
Gebiet zu den fiirchterlichsten Disharmonien fiihrt. Von alledem wol- 
len wir dann morgen weiter sprechen. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach,21.Marzl920 



Es wird mir heute obliegen, einiges von den Erkenntnissen, die frii- 
heren Betrachtungen zugrunde lagen, die einer grofieren Anzahl unserer 
Freunde bereits bekannt sind, von da und dort her zusammenzuschlie- 
fien mit dem, was ich gestern gesagt habe. Ich will nur noch einmal 
darauf aufmerksam machen, dafi der wesentliche Inhalt des gestern 
Gesagten der war, dafi ein solches gewissermafien neutrales Erkennen, 
wie wir es gegenwartig pflegen, im Grunde ein Geschopf ist der neueren 
Zeit, dafi sich ein solches gleichgiiltiges Erkennen, welches die Medizin 
als eine Wissenschaft neben die anderen hinstellt, eben erst im Lauf 
der letzten drei bis vier Jahrhunderte herausgebildet hat, wahrend 
alles Erkennen in alten Zeiten abgezielt hat auf das Heilen; und Er- 
kennen und Auffinden von Mitteln zur Heilung der Menschheit war 
ein und dasselbe in dem Sinne, wie ich das gestern angedeutet habe. 

Nun wissen Sie aus verschiedenen Andeutungen, die da oder dort 
in Vortragen gemacht worden sind, dafi in das letzte Drittel des 19. 
Jahrhunderts ein wichtiges geistiges Ereignis hineinfallt, dafi in den 
siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gewissermafien hinter den Ku- 
lissen der Weltgeschichte, der aufieren physischen Weltgeschichte Be- 
deutendes geschehen ist. Um fur dieses Ereignis einen Namen zu ha- 
ben - man konnte ja ebensogut einen anderen Namen dafiir haben -, 
haben wir es genannt den Sieg jenes Erzengelwesens, das wir bezeich- 
nen als den Erzengel Michael, iiber entgegengesetzte geistige Krafte. 
Dieses Ergebnis, wir wollen es zunachst einmal als einen Vorgang der 
geistigen Welt betrachten, mit der unsere Menschengeschichte zusam- 
menhangt. Solche Ereignisse spielen sich so ab, dafi sie sich zunachst 
in der geistigen Welt vorbereiten. Von dem Ereignis, das ich jetzt meine, 
konnte man etwa sagen, es habe sich vorbereitet seit dem Jahre 1842. 
Es ist dann in der geistigen Welt zu einer gewissen Entscheidung ge- 
kommen etwa 1879, und es liegt die Notwendigkeit vor, dafi die Men- 
schen auf der Erde im Einklange mit diesem geistigen Ereignis sich ver- 
halten seit dem Jahre 1914. Dasjenige, was seit dem Jahre 1914 gesche- 



hen ist, das ist im wesentlichen ein Anstiirmen der menschlichen Bor- 
niertheit gegen dasjenige, was eigentlich geschehen sollte nach der Mei- 
nung derjenigen geistigen Machte, welchen die Fiihrung der Menschheit 
obliegt. So dafi wir also sagen konnen: In der zweiten Halfte des 19. 
Jahrhunderts, in der ersten Zeit des 20. Jahrhunderts ging hinter den 
Kulissen unserer Menschheitsentwickeiung sehr Bedeutsames vor, was 
ja ist eine Aufforderung an die Menschheit, sich so zu verhalten, wie 
es diese geistigen Wesen wollen: einen Umschwung herbeizufuhren, et- 
was zu tun, was eine neue Art von Zivilisation in die Menschheit bringt, 
eine neue Art der Auffassung des sozialen Lebens, des kiinstlerischen 
Lebens, des geistigen Lebens auf der Erde iiberhaupt. Solche Ereignisse 
waren in der Menschheitsentwickeiung wiederholt da. Die aufiere Ge- 
schichte verzeichnet solche Ereignisse wenig, weil die aufiere Geschichte 
eben doch eine Fable convenue ist, aber diese Ereignisse waren eben 
wiederholt da. Dasjenige Ereignis, welches sich vergleichen lafit mit 
dem erwahnten, liegt etwa dreihundert Jahre vor Christi Geburt, ein 
weiteres zuriickliegendes liegt etwa in der Mitte des 3. Jahrtausends vor 
Christi Geburt: 

1842 1879 1914 

300 vor Christus 
Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus 

Nun besteht aber in bezug auf die Menschheit ein ganz wesentlicher 
Unterschied zwischen dem Erleben dieser zwei Ereignisse und dem Er- 
leben desjenigen Ereignisses, das sich abgespielt hat im 19. und 20. 
Jahrhundert; denn die meisten von Ihnen haben ja wenigstens teilweise 
noch miterlebt die Ereignisse von der zweiten Halfte des 19. Jahrhun- 
derts, von dem Beginne des 20. Jahrhunderts, und die meisten von Ihnen 
werden auch wissen, wie wenig die Menschheit als solche Notiz genom- 
men hat davon, dafi ein Umschwung im geistigen Leben wirklich statt- 
finden sollte. 

Die Menschheit wird durch die Not dazu gezwungen werden, von 
dieser Notwendigkeit Notiz zu nehmen. Und nicht eher wird die Not 
aufhoren, bis eine geniigend grofie Anzahl von Menschen auch mit 



Bezug auf die Gestaltung der offentlichen Angelegenheiten Notiz ge- 
nommen haben wird von dieser Notwendigkeit. Wir konnen die Frage 
aufwerfen: Warum haben die Menschen keine Notiz genommen? Und 
war das auch gegeniiber den beiden anderen Erlebnissen, demjenigen 
des 3. Jahrtausends, demjenigen etwa im 3. Jahrhundert ebenso? - Nein, 
bei diesen Ereignissen war es eben durchaus nicht so. Wurde man rich- 
tig lesen konnen dasjenige, was die Seelengeschichte des griechischen, 
sogar des ja ein wenig grobkornig veranlagten romischen Volkes ist, 
man wiirde vernehmen, dafi in der Tat innerhalb des griechischen Vol- 
kes, innerhalb des romischen Volkes durchaus ein Bewufitsein vorhan- 
den war: In der geistigen Welt geschieht etwas, auf das man Riicksicht 
nehmen mufi. - Ja, gerade bei dem Ereignis, das um das Jahr 300 vor 
Christi Geburt liegt, konnen wir sehr gut sehen, wie es sich langsam 
vorbereitet, wie es auf einen gewissen Hohepunkt kommt und wie es 
sich dann auslebt. Die Menschen dieses 3., 4. Jahrhunderts vor Christi 
Geburt hatten ein deutliches Bewufttsein davon: Es geschieht etwas in 
der Geisteswelt, das spielt herein in die Welt der Menschen. - Und das- 
jenige, was sie da sahen, wir konnen es heute bezeichnen: das war die 
eigentliche Geburt der menschlichen Phantasie. 

Sie wissen ja, die Menschen von heute sind schon einmal so, sie den- 
ken: So wie man heute denkt, wie man heute fiihlt, so hat man immer 
gedacht, so hat man immer gefiihlt. - Aber es ist nicht so, sondern so- 
gar die Sinneswahrnehmungen haben sich im Laufe der Zeit geandert, 
wie ich Ihnen gestern gezeigt habe. Es war natiirlich auch schon kiinst- 
lerisches Schaffen vor dem 3. oder 4. Jahrhundert vor Christi Geburt da; 
aber dieses kunstlerische Schaffen ging nicht aus dem hervor, was wir 
heute Phantasie nennen. Dieses kunstlerische Schaffen ging aus einer 
wirklichen hellseherischen Imagination hervor. Diejenigen, die Kunst- 
ler waren, konnten schauen, wie sich ihnen das Geistige enthiillte, und 
sie kopierten einfach das Geistige, das sich ihnen enthiillte. Das alte 
atavistische Hellsehen, die alte Imagination war dasjenige, was der 
Kiinstler zugrunde liegend hatte. Jene Phantasie, die damals erst auf- 
kam und die dann sich weiter ausbildete bis zu den Schopfungen eines 
Leonardo oder Raffael oder Michelangelo, um dann wieder talab zu 
gehen, diese Phantasie nimmt dazumal ihren Ursprung, diese Phanta- 



sie, die nicht so schafft, als ob ein Geistiges erscheint, imaginiert wird, 
sondern als ob man nur aus sich selbst heraus etwas anordnete, als ob man 
nur aus sich selbst heraus etwas gestaltete. Und dafi sie mit der Phan- 
tasie begabt wurden, das schrieben die Menschen dieser Zeit zu einem 
Kampfe von gottlichen Wesen, die tiber ihnen walteten, in deren Auf- 
trag sie auf der Erde handelten. 

Noch viel, viel bedeutsamer vernahmen die Menschen in der Mitte 
des 3. Jahrtausends, etwa im Jahre 2500 vor Christi Geburt, wie ihr 
ganzes Sein eingespannt war in Ereignisse, die aus der geistigen Welt 
hereinragten in die physischen Ereignisse. Um diese Zeit, noch in der 
Mitte des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, hatte kein Mensch 
es sinnvoll gefunden, zu sagen: Hier wandeln die Menschen auf der 
Erde herum - und nicht zu sagen: Geistige Wesen sind da. - Das wiirde 
jedem Menschen ein Unsinn geschienen haben, denn man dachte sich die 
Erde bevolkert von dem, was physisch und geistig zugleich war. 

Gegeniiber der Art des Seelenlebens in jenen alten Zeiten ist diejenige 
allerdings etwas anderes, die im Laufe des 19. Jahrhunderts Platz ge- 
griffen hat, denn die Menschen nahmen wahr, wie auf der Erde die 
profanen, die gewohnlichen Ereignisse sich abspielten. Dafi aber da 
ein bedeutender Geisteskampf dahintersteht, das nahmen die Menschen 
nicht wahr. Woher kommt das, dafi sie das nicht wahrnahmen? Das 
kommt gerade von der Eigentumlichkeit dieses unseres Zeitalters, das, 
wie Sie wissen, um die Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat, und 
in dem wir noch drinnenstehen, das wir als den fiinften nachatlan- 
tischen Zeitraum bezeichnen. In diesem Zeitalter, also in dem, in dem 
wir drinnenstehen, da ist die hervorragendste, die bedeutsamste Kraft, 
deren sich der Mensch bedienen kann, der Intellekt. Die Menschen sind 
seit dem 15. Jahrhundert besonders grofS geworden als intelligente We- 
sen. Sie sind heute noch stolz darauf, die Menschen, dafi sie so intelli- 
gente Wesen sind. Man soil nur ja nicht glauben, dafi nicht auch eine 
andere Form von Intelligenz in friiheren Zeiten vorhanden war, nur 
wurde diese Intelligenz zugleich mit einem gewissen Schauen geboren. 
Es wurde diese Intelligenz mit einem gewissen geistigen Inhalte zu- 
gleich in dem Menschen geschaffen. Wir haben eine Intelligenz, die 
eigentlich keinen wirklichen geistigen Inhalt hat, die eigentlich blofi 



formell ist, denn unsere Begriffe und Ideen haben eigentlich in sich 
selbst nichts, sie sind nur Spiegelbilder von etwas. Unser ganzer Ver- 
stand ist eine Summe von bloften Spiegelbildern von etwas. Das ist ja 
das Wesen jener Intelligenz, die sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts 
ganz besonders entwickelt hat, dafi der Verstand nur ein Spiegelungs- 
apparat ist. Aber solches, wie es sich da spiegelt, das hat im Grunde ge- 
nommen imMenschen keine Kraft. Das ist im Grunde genommen passiv. 
Das ist ja das eigentumliche desjenigen Verstandes, auf den die gegen- 
wartige Menschheit so stolz ist, dafi dieser Verstand passiv ist. Wir 
lassen ihn auf uns wirken, wir geben uns ihm hin. Wir entwickeln wenig 
Willenskraft in diesem Verstande. Das ist heute das hervorragendste 
Kennzeichen der Menschen, dafi sie eigentlich den tatigen Verstand 
hassen. Wenn sie irgendwo sein sollen, wo ihnen zugemutet wird, mit 
dem, was vorgebracht wird, mitzudenken, so ist das langweilig, sehr 
langweilig. Da beginnt das allgemeine Einschlaf en sehr bald, wenigstens 
das seelische Einschlaf en: sobald gedacht werden soil. Dagegen wenn 
es ein Kinematograph ist, wenn man nicht zu denken braucht, sondern 
wenn das Denken eher eingeschlafert wird, wenn man blofi zu sehen 
braucht und nur sich passiv hinzugeben dem, was sich abspielt, und 
wenn die Gedanken so wie selbstandige Rader ablaufen, da fiihlt sich 
der Mensch heute befriedigt. Es ist der passive Verstand, an den sich 
die Menschen gewohnt haben. Dieser passive Verstand hat keine Kraft, 
denn dieser passive Verstand, was ist er denn eigentlich? Man lernt sein 
Wesen kennen, wenn man sich erinnert, wie die Arten des menschlichen 
Wissens noch eingeteilt waren in alten Mysterienschulen. Da hat man 
drei Arten des Wissens unterschieden: Erstens jenes Wissen, das da 
kommt aus dem physischen Leben des Menschen, das gewissermafien 
aufsteigt aus dem physischen Miterleben der Welt, man konnte sagen: 
das physische Wissen; zweitens das intellektuelle Wissen, jenes Wissen, 
das man selber bildet, hauptsachlich in der Mathematik, jenes Wissen, 
in dem man drinnenlebt, das intellektuelle Wissen; drittens das geistige 
Wissen, dasjenige Wissen, das nicht aus dem Physischen, sondern aus 
dem Geistigen kommt. Von diesen drei Arten des Wissens ist in unse- 
rem Zeitalter besonders gepflegt und besonders beliebt das intellek- 
tuelle Wissen. Es ist formlich ein Ideal geworden, dem geistigen Leben 



so gegenuberzustehen, wie man gewohnt worden ist, der Mathematik 
gegenuberzustehen, dem geistigen Leben mit einer gewissen Neutrali- 
st, mit einer gewissen Gleichgiiltigkeit gegenuberzustehen. Es ist ei- 
gentlich unerhort, aber wahr, daft in unserer Zeit auch die Trager des 
Wissens, zum Beispiel Hochschulprofessoren, wenn sie die Tiiren hin- 
ter sich zugemacht haben und drauften sind, daft sie dann so schnell wie 
moglich etwas anderes treiben wollen, was nicht mit ihrem Wissen zu- 
sammenhangt. Es ist ein abstraktes Hingeben an das Wissen, und das, 
das geht eigentlich recht tief . 

Als ich vor ein paar Tagen in Zurich offentlich vortrug, da griff 
in die Diskussion ein Proletarier ein. Da ich etwas erwahnt hatte von 
der Waldorfschule und von dem Ersatz des den Geist wirklich totenden 
Stundenplanes, da meinte er: Ein solcher Stundenplan wiirde aber zu 
lang bei einem Gegenstande stehenbleiben, man miifite schon Abwechs- 
lung haben; wenn den Kindern ein Gegenstand von acht bis neun zu 
langweilig geworden ist, dann mufi von neun bis zehn ein anderer Ge- 
genstand kommen, sonst wird es den Kindern zu langweilig! - Ich 
konnte natiirlich nur erwidern: Das ist nicht die Aufgabe der Waldorf- 
schule, auf die Langweiligkeit zu rechnen, sondern dafiir zu sorgen, 
daft es den Kindern nicht langweilig wird, daft die Kinder wirklich 
dabei sind bei der Sache; das ist gerade die Aufgabe jener Padagogik 
und Didaktik, die in der Waldorfschule gepflegt werden soil. - Es ist 
also so sehr den Leuten in Fleisch und Blut iibergegangen, daft eigent- 
lich das geistige Leben langweilig ist, und daft man vom geistigen Le- 
ben loskommen mufi, ja nicht im Fach aufgehen mufi. Das kommt aber 
lediglich davon her, daft unser ganzes intellektuelles Leben eigentlich 
nur aus Bildern besteht, aus Spiegelbildern, daft wir nicht Substanz in 
diesem geistigen Leben haben. 

Ein solches, nicht von Substanz erfiilltes Geistesleben, das ist eigent- 
lich abgeschlossen, sowohl abgeschlossen von der physischen Welt, wie 
abgeschlossen von der geistigen Welt. Eigentlich weift unsere Zeit weder 
von der physischen Welt noch von der geistigen viel. Sie weift eigent- 
lich nur von dem, was sie sich selber ausdenkt. Wegen dieses Charak- 
ters unserer Intellektualitat als einer Summe von Spiegelbildern war 
der Mensch des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen davon, etwas zu wis- 



sen von dem, was geistig hinter den Kulissen der Weltgeschichte vor- 
ging. Er erlebte jenen grofien, bedeutsamen Umschwung nicht mit, der 
sich im Geistigen hinter der aufieren Weltgeschichte vollzog in der 
zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, und er mufi erst durch eigene An- 
strengungen lernen, dafi die physische Welt folgen miisse der geistigen 
Welt. Er wird es lernen miissen, denn wenn er es nicht lernt, wird die 
Not immer grofier und grofier werden und die Zivilisation wird iiber 
die ganze gegenwartige zivilisierte Welt hin in Barbarei iibergehen. 
Um das zu vermeiden, ist eben notwendig, dafi der Mensch gewahr 
werde innerlich, dafi er ebenso etwas erleben miisse, wie erlebt worden 
ist um das Jahr 300 vor Christi Geburt die Geburt der Phantasie. So 
mufi in unserer Zeit erlebt werden die Geburt des tatigen Verstandes: 
damals die tatige Einbildungskraft, jetzt die Geburt des tatigen Ver- 
standes. Dazumal entstand die Moglichkeit, durch Nachschaf fung von 
aufieren Formen phantasievoll zu gestalten. Jetzt mufi die Menschen 
ergreifen ein inneres kraftvolles Schaffen von Ideen, durch die sich je- 
der selber ein Bild seines eigenen Wesens macht und sich dieses vor- 
setzt als dasjenige, dem er nachstrebt. Selbsterkenntnis im weitesten 
Umfange des Wortes mufi die Menschen ergreifen; aber nicht eine 
Selbsterkenntnis, in der man nur briitet iiber dasjenige, was man gestern 
gegessen hat, sondern eine Selbsterkenntnis, die es bringt bis zu einem 
Betatigen des eigenen Wesens. Und diese Selbsterkenntnis wird von der 
Entwickelung des Menschen, der eben zur Geburt des tatigen Verstan- 
des aufsteigen mufi, klar gefordert. 

Es wird so kommen, dafi die Menschen in der gewohnlichen Erinne- 
rung, in dem gewohnlichen Gedachtnis etwas sehr Eigentiimliches fin- 
den werden. Heute geht es gerade noch an, weil man etwas grobkornig 
geworden ist und die Dinge nicht bemerkt, die eigentlich schon in der 
Seele des Menschen vorhanden sind. Heute geht es gerade noch an, dafi, 
wenn man zuriickdenkt in seinem eigenen Leben, dafi dann aus diesem 
eigenen Leben, in das man zuriickblickt, nur die Erinnerungen an die ge- 
wohnlichen Erlebnisse kommen. Aber das ist nicht mehr rein so, das ist 
eigentlich nicht mehr ganz so, sondern es kommen immer wiederum und 
wiederum Menschen unter uns vor, die schon etwas anderes erleben, die, 
wenn sie zuriickdenken, was sie vor zehn, zwanzig Jahren erlebt haben, 



so kommt ihnen nicht nur dasjenige herauf , was sie erlebt haben, sondern 
es kommt ihnen herauf etwas, was sie nicht erlebt haben, was aber aus 
dem Erlebten wie eine selbstandige Wesenheit aufsteigt. Und die psy- 
choanalytische Torheit, die priift in den Seelen das Zuriickliegende 
ohne eine Erkenntnis des Wesens der Gegenwart. Dasjenige, was die 
torichte Psychoanalyse nicht f inden kann, das mufi Geisteswissenschaft 
vor die Menschen hinstellen, daft in der Tat, wenn wir von irgend- 
einem Lebensalter - sagen wir von unserem 45. Jahre - zuriickschauen 
und alle die Wogen der Erlebnisse wie so eine Stromung erblicken 




(siehe Zeichnung), so sind darinnen nicht nur diese Erlebnisse, die wir 
durchlebt haben; das war gewissermafien einmal so, und eine grofie 
Anzahl etwas «dickschleimiger» Menschen, die erleben auch heute noch 
nichts anderes. Derjenige, der sensitiv ist fur solche Sachen, der erlebt, 

* 

dafi bei einer Ruckschau auf das Leben nicht nur diese gewohnlichen 
Erlebnisse vorhanden sind, sondern er erlebt etwas, was da herausragt 
(rot), was er nicht erlebt hat, sondern das wie damonisch aus den ver- 
gangenen Seelenerlebnissen herauskommt. Und das wird immer star- 
ker und starker werden. Wenn die Menschen nicht lernen, auf so etwas 
aufmerksam zu sein, dann werden sie dariiber den Verstand verlieren. 
Das ist die Gefahr der menschlichen Entwickelung in die Zukunft hin- 
ein. Und iiber so etwas darf man sich nicht Illusionen machen, denn 
das ist so. In den Erlebnissen, die der Mensch durchmacht, wird sich 
ein Neues zeigen, das nur mit diesem tatigen Verstande zu ergreifen 
ist. Das ist etwas aufierordentlich Bedeutsames! Wie in dem Lebens- 
alter des einzelnen Menschen Neues auftritt nach dem Zahnwechsel, 



nach der Geschlechtsreife und so weiter, so tritt in der ganzen Mensch- 
heit nach einem bestimmten Zeitalter eine solche Metamorphose ein, 
und die Metamorphose unseres Zeitalters kann man in dieser Weise 
charakterisieren, dafi, wenn man sich zurikkerinnert auf sein Leben 
manchmal - man kann es schon bei der Rikkerinnerung, die man iiber 
einen Tag macht, bemerken man nicht nur sich erinnert an dasjenige, 
was man im grobklotzigen Sinne erlebt hat, sondern dafi herausquel- 
len aus diesen Erlebnissen damonische Gestaltungen. So ist es ungefahr, 
wie wenn man sich sagen miifite: Ja, wir haben das und das erlebt; aber 
nachtraglich traume ich jetzt aus diesen Erlebnissen her aus Tagtraume, 
die nachher aus diesen Erlebnissen herauskommen. 

Das wird zum Normalen gehoren, man mufi auf das aufmerksam 
sein. Das aber wird von den Menschen fordern, daft der Mensch inner- 
lich viel aktiver werde, dafi er jenes Passive iiberwinde, das die gegen- 
wartige Menschheit hat und das den Menschen zur Verzweif lung treibt 
gegenuber den grofien Anforderungen der Zeit. Dieses Passive mufi von 
der Menschheit iiberwunden werden. Was heute an Schlafrigkeit in der 
Menschheit waltet, dieses Sich-nicht-aufraffen-Konnen, die Dinge 
ernst und wiirdig zu nehmen, das ist ja allerdings etwas Furchtbares. 
In unserer Zeit haben viele Menschen gar nicht die Fahigkeit, iiber 
irgend etwas entriistet zu sein. Wer aber nicht entriistet sein kann iiber 
das Schlechte, kann nicht iiber das Gute begeistert sein. Wenn aber 
dieser tatige Verstand Besitz ergreift von den Menschen, dann wird 
damit etwas anderes verbunden sein. Und man kann sagen: Heute 
furchtet sich noch die Menschheit vor jener Erfahrung, die sie da ma- 
chen wird. - Denn, sehen Sie, man wird den Verstand dadurch ken- 
nenlernen, dafi er tatig sein wird, man wird die gepriesene Intellek- 
tualitat kennenlernen, und es wird sich herausstellen, was sie eigent- 
lich ist, diese Intellektualitat, was es ist, dieses Entstehen von Bildern. 
Man begreift es nur, wenn man etwas ins Auge fafit, was ich hier auch 
schon ofters auseinandergesetzt habe: Wir konnen fiihlen, wir konnen 
wollen, indem wir leben, aber wir konnten nicht, wenn wir nur lebten, 
auch denken. Das konnten wir nicht. Wir konnen denken nur aus dem 
Grunde, weil wir fortwahrend das Todesprinzip in uns tragen. Das ist 
dieses grofie Geheimnis der Menschen, dafi gewissermaften von den 



Sinnen aus - weim ich das Auge nehme als den Reprasentanten der 
Sinne (siehe Zeichnung) - fortwahrend stromt durch dasjenige, was 
man als Nerv auffafit, Zerstorendes in den Menschen hinein. Es ist, 
wie wenn der Mensch von den Sinnen aus durch die Nervenstrange 
mit einem sich zerbrockelnden Materiellen ausgefiillt wiirde. Wenn 



Sie sehen, wenn Sie horen, oder auch, wenn Sie nur Warmes fiihlen, es 
ist wie ein von den Sinnen nach innen sich zerbrockelndes Materielles. 
Dieses sich zerbrockelnde Materielle, das mufi erfaik werden von dem- 
jenigen, was aus dem Inneren des Menschen ausstromt. Es mufi gewis- 
sermafien verbrannt werden. Wir miissen fortwahrend, indem wir den- 
ken, gegen den in uns waltenden Tod kampfen. Der Mensch weift heute 
eben nicht, weil er sich nur bewufit ist seines Denkens als Spiegelbilder, 
dafi er im Grunde genommen nur lebt mit dem, was nicht Kopf ist, dafi 
der Kopf eigentlich nur ein fortwahrend absterbendes Organ ist. Wir 
waren fortwahrend der Gefahr des Sterbens ausgesetzt, wenn nur das 
geschehen wiirde, was in unserem Kopfe ist. Dieses fortwahrende Ster- 
ben wird nur verhindert dadurch, dafi der Kopf mit dem anderen Or- 
ganismus verbunden ist und die Vitalitat des anderen Organismus das 
Sterben verhindert. Wenn der Mensch sich aneignen wird diesen tatigen 
Verstand - so wie sich angeeignet hat die Menschheit in der Griechen-, 
in der Romerzeit die tatige Phantasie, wahrend die Imagination des 




alten atavistischen Hellsehens eine passive Phantasie war -, dann wird 
er in sich selber wahrnehmen das fortwahrende Absterben eines Teiles 
seines Wesens. Das wird wichtig sein. Denn so, wie wir hineinwachsen 
miissen in einen Bewufttseinszustand, durch den wir das fortwahrende 
Absterben eines Teiles unseres Wesens wahrnehmen, so hat eine alte 
Menschheit, die aber noch bis in die Griechenzeit hineinragte, wahr- 
genommen dasjenige, was im Vitalitatsprinzip des Menschen lebt, was 
im Willen lebt und in dem mit dem Willen zusammenhangenden Stof f- 
wechsel lebt. Da lebt dasjenige, was das Absterbeprinzip bekampft, 
was fortwahrend des Menschen Absterbeprinzip lahmt. 

Man konnte sagen: In dieser Beziehung waren die Alten besser 
daran, als diejenigen sein werden, die da nachkommen in unserem 
Zeitalter. Die Alten haben wahrgenommen, indem sie ein instinktives 
Hellsehen gehabt haben, die Vitalitat, das Leben. Mit dieser Vitalitat, 
mit diesem Leben ist eben im Zusammenhange das Heilungsprinzip. 
Wir sterben zwar nicht dadurch, daft unser Kopf sterben will, aber 
wir tragen fortwahrend Krankheitskeime in uns durch unseren Kopf 
dadurch, daft er das Organ unseres Denkens ist, und haben fortwah- 
rend notig, den Tribut abzutragen an unser Denken, der darin besteht, 
daft wir dem krankmachenden Kopf entgegensetzen die Heilungskraf te 
des ubrigen Organismus. Heute wird es noch wenig bemerkt, allein es 
werden auftreten Krankheitsformen - Sie wissen ja, daft sie sich an- 
dern -, bei denen man den Ausgang aus dem menschlichen Haupte bes- 
ser bemerken wird, als man das fur viele Krankheiten der Gegenwart 
bemerkt. Dann wird man einsehen, daft im Grunde genommen der 
ganze gesunde Prozeft des Menschen, der in ihm verlauft, ein Heilungs- 
vorgang ist gegen die Schadigung unseres Intellektlebens. Wahrend die 
Alten also von ihrer Wissenschaft, von ihrer Erkenntnis sagen konnten, 
daft in ihr etwas Heilendes ist, wird man in der Zukunft sagen miissen: 
Das, was wir aus unserem Verstande machen, das, was aus dem wird, 
worauf wir heute so stolz sind, das wird uns in der Zukunft zeigen, 
daft, wenn es allein waltet, die Menschen nach und nach in die Deka- 
denz, in die vollige Dekadenz verfallen wiirden, daft dagegen geltend 
gemacht werden muft ein Wissen, das wiederum entgegenstellen kann 
heilende Krafte. 



Ich habe das gestern von einem anderen Gesichtspunkte aus ange- 
deutet, heute mehr aus der Konstitution des Menschen heraus. Wir 
miissen einsehen, dafi wir Geisteswissenschaft brauchen als den Trager 
eines neuen Heilungsprozesses. Denn wenn jener in blofien Bildern 
lebende Intellekt, auf den heute die Menschheit so stolz ist, sich in 
dieser Richtung nur weiter ausbildet, dann wiirde durch das Walten 
dieses Intellektes die ganze Menschheit einen Krankheitsprozefi durch- 
machen. Diesem Krankheitsprozefi mufi entgegengearbeitet werden. 
Ich konnte mir zwar denken, dafi es auch Menschen geben konnte, die 
nunmehr sagen: Also verhindern wir einmal das Gescheitwerden durch 
den Verstand, schaffen wir den Intellekt ab - es gibt ja auch solche 
Menschen, die dafur so r gen mochten, dafi der Intellekt sich nicht ent- 
wickelt dann braucht man seine Schaden nicht zu heilen. - Aber mit 
diesem jesuitischen Prinzip kann der wahre Fortschritt der Menschen 
nichts gemein haben, sondern es handelt sich darum, dafi schon einmal 
die Entwickelung der Menschen so sein miifite, dafi dasjenige, was aus 
des Menschen Seelenkraften sich entwickelte, das Heilsame, dafi das 
herauf sich entwickelte bis zum Intellekt; sonst wird es sich abwarts 
entwickeln und den Menschen in den Niedergang hineinbringen. Da- 
gegen mufi sich geltend machen dasjenige, was aus geisteswissenschaft- 
licher Erkenntnis kommt und was fortwahrend entgegenwirken kann 
den Niedergangskraften, die gerade aus dem einseitigen Intellekte 
kommen. 



"X 



X 



X 



Hier ist es, wo ich Sie auf etwas auf merksam machen mufi, auf etwas 
ganz Bestimmtes. Sie werden ja wissen, da& in demselben 19. Jahrhun- 
dert, in dem all das sich abgespielt hat, wovon ich Ihnen heute erzahle, 
worauf ich Sie ofters aufmerksam gemacht habe, dafi da der Verstan- 
desmaterialismus groJR geworden ist. Menschen sind aufgetreten - ich 
brauche nur zu erinnern an Moleschott, Vogt, Clifford und so weiter -, 
die etwa den Satz vertreten haben: Alles Denken besteht nur in einem 
Stoffwechsel des Gehirns. - Von einem Phosphoreszieren des Gehirns 
hat man gesprochen, indem man sagte: Ohne Phosphor im Gehirn, kein 
Denken. - Also das Denken ist nur etwas, was ein Nebenprozefi ist 
einer gewissen Gehirnverdauung. Man kann nicht sagen, dafi die 
Menschen, die das aufgebracht haben, zu den dummsten ihres Zeit- 
alters gehort haben. Denn - man mag iiber diesen Satz der theoreti- 
schen Materialisten denken, wie man will - man kann ja auch etwas 
anderes tun, man kann den Mafistab der Kapazitat anlegen an die Men- 
schen dieses Zeitalters und kann fragen: Waren nun solche Leute, wie 
Moleschott oder Clifford oder ahnliche, gescheiter, oder diejenigen, die 
aus irgendwelchen alten Bekenntnisvorurteilen es damals bekampft ha- 
ben, es bekampft haben ohne Geisteswissenschaft? War Haeckel geschei- 
ter, oder waren seine Gegner gescheiter? - Diese Frage kann heute noch 
immer aufgeworfen werden. Und wenn man nicht sein Urteil einrichtet 
nach seiner Meinung, sondern nach derBeobachtung der geistigen Kapa- 
zitat, so kann man natiirlich nicht sagen, dafi die Gegner von Haeckel 
gescheiter waren als Haeckel, oder die Gegner von Moleschott und Clif- 
ford gescheiter waren als Moleschott und Clifford. Die Materialisten 
waren sehr gescheite Menschen, und dasjenige, was sie ausgesagt haben, 
war ganz gewifi nicht ohne Bedeutung. Woher kommt es denn? Was 
steckt eigentlich dahinter? Darauf mufi man kommen, sich die Frage 
zu beantworten, was da eigentlich dahintersteckt. Gewifi, es traten 
dann auch ganz wohlmeinende Gegner der Materialisten auf, so zum 
Beispiel Moriz Carriere, von dem ich Ihnen auch schon gesprochen 
habe. Er sagte: Wenn das alles, was der Mensch denkt und in der Seele 
erlebt, nur vom Gehirn ausgekocht wird, so ist ja alles dasjenige, was 
von der einen Seite vorgebracht wird, ebenso ausgekocht wie dasjenige, 
was von der anderen Seite vorgebracht wird. Also ist eigentlich kein 



Wahrheitsunterschied zwischen dem, was Moleschott und Clifford be- 
haupten, und dem, was der Papst behauptet. - Es ist kein Unterschied, 
denn beides wird ausgekocht von dem menschlichen Gehirn. Man kann 
nicht unterscheiden zwischen wahr und falsch. Dennoch kampfen die 
Materialisten fur die Wahrheit, die sie allerdings in ihrem Sinne aus- 
legen. Aber sie haben kein Recht, fiir die Wahrheit zu kampfen; doch 
sie sind scharfsinnig, sie haben eine gewisse geistige Kapazitat. Was 
Hegt denn da eigentlich vor? 

Da liegt das vor, dafi diese Materialisten auftreten mufiten in einem 
Zeitalter, in dem das Denken nur in Bildern abgefafit, in Bildern lebt, 
und Bilder sind nicht da, ohne da!5 ein Spiegelapparat ablauft, und der 
Spiegelapparat ist das Gehirn. Fiir das gewohnliche Denken, fiir das 
Denken, das im 19. Jahrhundert grofi geworden ist, haben namlich die 
Materialisten recht. Das ist die Tatsache. Nicht recht hatte der Materia- 
lismus nur dann, wenn er behaupten wiirde, alles Denken, das iiber den 
Intellekt hinausgeht, das sei auch bloftBild, es sei abhangig von derLeib- 
lichkeit; denn das ist nicht der Fall. Dieses, was iiber den Intellekt 
hinausgeht, kann nur durch eine menschliche Entwickelung erreicht 
werden, nur dadurch, dafi man sich unabhangig macht von der Leib- 
lichkeit. Aber dasjenige Denken, das sich gerade im 19. Jahrhundert 
geltend gemacht hat, das mufi materialistisch gedeutet werden. Das ist 
ganz abhangig, wenn es auch eben Bilder sind, von dem Werkzeug des 
menschlichen Gehirnes, und das Merkwiirdige ist, dafi man mit dem 
Materialismus gerade am meisten Recht hat gegeniiber dem Geistes- 
leben dieses 19. Jahrhunderts. Dieses Geistesleben des 19. Jahrhunderts 
ist tatsachlich an die leibliche Materie gebunden. Aber gerade iiber 
dieses Geistesleben mufi hinausgekommen werden. Uber dieses Geistes- 
leben mufi der Mensch sich erheben. Er mufi wiederum hineingiefien 
lernen in die Bilder geistige Substanz. Das kann man nicht nur dadurch, 
dafi man hellseherisch wird, denn das brauchen - das mufi ich immer 
wieder sagen - nicht alle zu werden; sondern geistige Substanz lafit man 
schon in sein Denken einfliefien, wenn man nur dasjenige, was geistig 
erforscht ist, nachdenkt; nicht urteilslos! Man kann es beurteilen, wenn 
es einmal da ist; der gesunde Menschenverstand reicht vollig aus, um 
zu begreifen, was von der Geisteswissenschaft erforscht ist. Wenn man 



das leugnet, so nimmt man nur keine Rucksicht auf den gesunden 
Menschenverstand; wenn man das leugnet, so denkt man: Der gesunde 
Menschenverstand, der ist dasjenige, was nun seit langer Zeit schon 
in der zivilisierten Menschheit grofigezogen wird. - Ja, diese zivilisierte 
Menschheit, die entwickelt ja «sehr sichere» Urteile! Und wenn dann 
diese Urteile durch die Tatsachen widerlegt werden, dann merkt sie 
das gar nicht, will es nicht merken. Solche Dinge, die symptomatisch 
weithin sprechen, die werden im rechten Augenblicke vergessen. 

Ich will Ihnen nur ein kleines niedliches Beispielchen sagen: Es war 
1866, da sagte man, dasjenige, was dazumal geschehen war - der Sieg 
Preufiens iiber Osterreich -, der sei ein Beweis fur die Vorzuglichkeit 
der preufiischen Schulen, und das Sprichwort kam auf: 1866 hat der 
preufiische Schulmeister gesiegt. - Das hat man immer wieder und 
wiederum wiederholt. Und es wiirde interessant sein, zusammenzuzie- 
hen, wie oft von 1870 ab bis 1914 von alien moglichen berufenen, aber 
namentlich unberufenen Leuten der Satz wiederholt worden ist: Die 
preufiischen Siege hat der preufiische Schulmeister errungen. - Ich 
glaube, man wird jetzt nicht irgendwie ein ahnlich geartetes Sprich- 
wort an die Stelle setzen, und die Wahrheit des anderen will sich jetzt 
nicht mehr so recht behaupten lassen gegeniiber den Ereignissen, die 
nunmehr eingetreten sind. Aber im Zeitalter des Intellektes, wo man 
ganz gescheit ist, da merkt man nicht gerne die Widerspriiche, die sich 
im Leben zeigen. Die Tatsachen spielen ja in ein intellektuelles Leben 
wenig herein; aber diese Tatsachen, sie werden miissen hereinspielen, 
wenn das rein Intellektuelle wiederum durchtrankt wird mit geistigem 
Inhalt. Dann aber wird sich eben zeigen, wie in die Menschheit herein- 
kommt gerade ein Ablahmungs-, ein Dekadenzprozefi und wie der 
durch eine neue geistige Erkenntnis iiberwunden werden mufi. Man 
kann sagen: Die Alten haben gespiirt, empfunden in ihrer Erkenntnis, 
die aus dem physischen Leibe aufkochte, das Heilende. In Zukunft 
wird die Menschheit sich gewohnen miissen, in der Ausbildung des In- 
tellektes das Krankende, das Krankmachende zu erkennen, um die 
Notwendigkeit zu empfinden, aus dem Geiste herauszuholen das Hei- 
lende. Wieder mufi werden die Wissenschaft ein Quell des Heilens. 
Aber aus einer entgegengesetzten Ecke wird die Notigung kommen, 



aus der Ecke, die zeigt, dafi das aufiere Leben, gerade wenn es in der 
Erkenntnis vorschreitet, ein die Menschheit krankmachendes ist, dem 
eben das Heilprinzip entgegengestellt werden mufi. 

Mit solchen Dingen greifen wir ein in den Entwickelungsgang der 
Menschheit, insoweit er eine Wirklichkeit ist. Die heutige Geschichte 
schildert ja nicht die Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung, son- 
dern wertlose Abstraktionen. Das ist dasjenige, was dem heutigen 
Menschen so mangelt, der Wirklichkeitssinn. Ihn hat der heutige 
Mensch wenig. In Mitteleuropa ist man grofi geworden im Laufe des 
19. Jahrhunderts in der Darstellung desjenigen, was als Geistiges schon 
da war. Eine der wunderbarsten Darstellungen dessen, was schon da 
war, finden wir bei Herman Grimm. Herman Grimm hat gerade seine 
Hohe erreicht, wenn er uber Goethes «Tasso», iiber Goethes «Iphi- 
genie» geschrieben hat. Er konnte aber nicht Goethe selbst schildern. 
Es gibt ja auch eine Goethe-Biographie von ihm, aber da steht Goethe 
da wie ein Schatten. Die geistige Kraft war nicht da im 19. Jahrhundert. 
Man lebte in Bildern, und Bilder konnen die Wirklichkeit nicht be- 
zwingen. In der Zukunft mulS diese Wirklichkeit bezwungen werden. 
Wir miissen nicht nur begreifen menschliche Schopfungen, wir miissen 
begreifen den Menschen selbst vor alien Dingen und durch den Men- 
schen dann wiederum in einem umfassenderen Sinne die Natur mehr, 
als wir sie begreifen bisher. Solche Dinge, glaube ich, konnten mit dem 
notigen Ernst anschlagen an das menschliche Gemiit. Es wird wahr- 
scheinlich noch manche Zeit verfliefien, bevor eine genugende Anzahl 
von Menschen sich findet, die sich durchdringen lassen von dem Feuer, 
das schon ausgehen kann von einer solchen Erkenntnis, die ja zeigt: Die 
Menschheit mufi krank werden, wenn sie nicht will sich durchgeisti- 
gen! - Aber wenigstens diejenigen, die etwas nahergetreten sind dem 
anthroposophischen Erkennen, die sollten sich durchdringen lassen von 
dieser Erkenntnis. 

Eines wird Platz greifen miissen; vielfach sind diejenigen, die An- 
throposophen geworden sind, gekommen an diese anthroposophische 
Bewegung aus, ich mochte sagen, feineren egoistischen Tendenzen her- 
aus: sie wollten etwas haben fur ihr seelisches Wohlbefinden, sie woll- 
ten befriedigt sein, etwas erfahren uber die geistige Welt nach irgend- 



einer Richtung hin. Damitwird es nicht getan sein.Dasjenige, um was es 
sich handelt, ist nicht, dafi wir uns personlich auf ein Ruhekissen legen 
konnen, weil wir befriedigt sind iiber unseren Anteil an der geistigen 
Welt. Dasjenige, was die Menschheit braucht, ist ein tatiges Eingreifen 
vom Geiste aus in die materielle Welt, ein Bezwingen der materiellen 
Welt vom Geiste aus. Und ehe man das nicht durchschaut und sich 
dann weiter von diesem Durchschauen in seinem Wollen fiihren lafit, 
eher kann aus der Not, die jetzt iiber die Menschheit gekommen ist, 
nicht hinausgelangt werden. 

Man mochte so gerne, dafi wenigstens in den Kreisen der Anthropo- 
sophen eine solche Einsicht und auch ein solcher Wille Platz greift. Ge- 
wifi, man kann sagen: Was konnen wir paar Leute tun gegen die Ver- 
blendung der ganzen Welt! - Das ist nicht richtig. Ein solcher Aus- 
spruch ist ganz und gar nicht richtig. Denn indem man dieses sagt, 
denkt man gar nicht daran, da£ es sich eben darum handelt, diesen 
Willen erst fahig zu machen und dann abzuwarten, was kommt. Tue 
ein jeder an seiner Stelle dasjenige, was er kann, und er mag abwarten, 
was die anderen tun; aber tue er es auch wirklich, tue er es vor alien Din- 
gen so, dafi eine moglichst grofie Anzahl von Menschen in der Welt zu- 
sammenleben, die zunachst durchdrungen sind von der Notwendigkeit 
einer geistigen Erneuerung, dann wird etwas anderes schon nachkom- 
men. Heute sind viele Krafte am Werke, diese geistige Erneuerung zu 
verhindern. Nur wenn wir wachsam sind, wenn wir feststehen auf dem 
Boden, auf den Geisteswissenschaft uns stellt, konnen wir vorwarts- 
kommen und dasjenige wollen, was schon einmal heute notwendig ist 
fiir das Vorwartskommen der Menschheit. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 28. Marz 1920 



Wir miissen, wenn wir den Menschen in seiner Stellung zur Welt ver- 
stehen wollen, immer darauf Rucksicht nehmen, dafi in der ganzen 
Wirklichkeit des Menschen enthalten ist auf der einen Seite alles das- 
jenige, was gewissermafien hereinscheint aus dem vorgeburtlichen Le- 
ben, das heifSt demjenigen Leben, welches der Mensch gefuhrt hat 
zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt in ubersinnlichen Wel- 
ten. Dieses Leben ist selbstverstandlich ganz anderer Art als das Leben, 
das hier durch die Sinne und durch jenen Willen gefuhrt wird, der an 
die physischen Organe des Menschen gebunden ist. Aber es spielt eben 
herein dieses vorgeburtliche Leben in unser Erdenleben. Man muft sich 
gegeniiber diesem vorgeburtlichen Leben doch die Frage vorlegen: In- 
wiefern spielt es in dieses Erdenleben herein? Man mufi doch denken 
an irgendeinen Abschlufi dieses vorgeburtlichen Lebens. Man mul5 dar- 
an denken, vielleicht durch irgendeinen Vergleich mit dem irdischen 
Leben ein Bild zu gewinnen desjenigen, was sich der geistigen Anschau- 
ung fur dieses vorgeburtliche Leben ergibt. Dieses Bild, man kann es 
vielleicht am besten gewinnen dadurch, dafi man zunachst an das Ende 
des sinnlichen Erdenlebens denkt. 

Was ich jetzt sage, sage ich nur, um Ihnen ein Bild zu geben, denn 
die eigentlichen Tatsachen, die diesem Bild zugrunde liegen, entstam- 
men der geistigen Forschung, der geistigen Anschauung als solcher. Wenn 
der Mensch durch den physischen Tod geht, also herauszieht seine ho- 
here Organisation aus der niedrigeren Organisation, dann bleibt ja der 
Leichnam zuriick und dieser Leichnam wird dann eingefafit von den 
gewohnlichen irdischen Gesetzen, er, sagen wir, lebt weiter innerhalb 
der ganzen Erdenorganisation. 

Ahnlich ist vorzustellen dasjenige, was der Mensch durchmacht, 
wenn er aus dem ubersinnlichen Leben in das sinnliche Leben eintritt. 
Das iibersinnliche Leben steht von dem Momente der Konzeption be- 
ziehungsweise der Geburt an hinter dem sinnlichen Leben. Dieses iiber- 
sinnliche Leben ist ja zunachst nicht so, dafi der Mensch in ihm ein 



voiles Bewulksein entwickeln kann. Es ist erfiillt von demjenigen Be- 
wufkseinszustand, der ein dumpfer, dunkler ist, den der Mensch hier 
auf der Erde nur durchmacht zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen. Man kann schon sagen: Immer beim Einschlafen kehrt zu- 
riick die iibersinnliche Natur des Menschen in diejenige Region, in der 
der Mensch ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber es ist 
dann immer, wenn der Mensch verharrt in dieser Zeit zwischen dem 
Einschlafen und Aufwachen, sein Bewufitsein dumpf . Er lebt gewisser- 
mafien nicht voll bewufk in diesem Zustande. Aber in diesen Zustand 
des nicht voll bewufken Lebens in seinem Ich, in diesen Zustand ist 
der Mensch eben gekommen beim Heruntersteigen in einen physischen 
Organismus. Und dieses Dumpfwerden des Bewufkseins, dieses inner- 
lich Finsterwerden des Bewufitseins, das entspricht fur das Leben zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt dem Sich-Annahern dem Tode 
im physischen Leben. Der Mensch stirbt gewissermafien fiir das iiber- 
sinnliche Leben, wenn er gegen die Geburt hin sich bewegt, und er iiber- 
gibt dann dem menschlichen Leben auch eine Art Leichnam. Wie der 
physische Mensch, wenn er stirbt, der Erde eine Art Leichnam iibergibt, 
so iibergibt der Mensch auch eine Art Leichnam diesem menschlichen 
Leben hier auf der Erde, wenn er geboren wird. Und dieses Geschopf, 
das wir dann in uns tragen, das gewissermafien fiir das iiberirdische 
Leben tot ist, das ist eigentlich unser gewohnlich.es Vorstellungsleben, 
das Vorstellungsleben, das sich nicht befruchten lafk von der uber- 
sinnlichen Welt, von Imagination, von Inspiration, von Intuition. 

So konnen wir sagen: In unserem Denken tragen wir eigentlich mit 
uns herum den Leichnam, den wir mitgenommen haben aus der iiber- 
sinnlichen Welt. Deshalb ist dieses Denken so sehr blofi geeignet, die 
tote Welt zu begreifen, weil es eigentlich der Leichnam unserer iiber- 
sinnlichen Wesenheit ist. Daran miissen wir festhalten, dafi wir aller- 
dings in diesem Denken haben das einzige bewufite Oberbleibsel der 
tibersinnlichen Welt, dafi es aber ein totes Geschopf ist, so wie es in 
uns als Denken lebt. Wir tragen in der Tat die tote iibersinnliche Welt 
mit dem Denken in uns herum. 

Nun wiirde in jedem physischen Menschenleben hier auf der Erde 
dieses tote Denken nicht nur zum physischen Tod fiihren, sondern 



auch zum Seelentod, wenn nicht wahrend des Lebens dieses tote Ge- 
schopf wiederum belebt wiirde. Ja, es wird wieder belebt! Und es 
wird dadurch belebt, dafi in unserem seelischen Leben sich neben dem 
Denken, gewissermafSen dem Denken entgegengesetzt, der Wille regt. 
Der Wille ist dasjenige, was auftaucht aus unserer ganzen Organisa- 
tion, aus unserer Erdenorganisation, um zu beleben unser totes Denken. 
Und unser Erdenleben ist im Grunde genommen die durch unseren 
Lebenslauf dauernde Verbindung zwischen dem toten Denken und dem 
in jedem Erdenleben wahrend der Inkarnation in uns neu geborenen 
Willen. Dieser Wille wird immer neu geboren. Er lafit dann seine Reste 
zuriick, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Und wenn er er- 
schopft ist von der iibersinnlichen Welt, dann wird wiederum das 
Denken tot, dann mufi es wiederum heruntergehen in die physisch- 
sinnliche Welt. Sie sehen, wie wir Menschen in der Tat ein zweiteili- 
ges Geschopf in dieser Beziehung sind, wie wir in uns tragen die Uber- 
reste des vorgeburtlichen Lebens und wie wir, durch unsere Organi- 
sation bedingt, das junge Willensleben haben, das sich verbinden mufi 
mit dem altgewordenen Denkleben, und das wir dann hindurchtragen 
durch die Pforte des Todes. 

Ganz angemessen dieser seelischen Einrichtung der Menschenwelt 
ist dann der physische Ausdruck der menschlichen Organisation, auf 
der einen Seite die Kopforganisation, die deutlich zeigt fur jeden, der 
sie unbefangen studieren will, wie sie eine Art Endorganisation ist, wie 
sie das vollkommenste, aber auch zu Ende gehende Produkt des Mensch- 
heitswerdens ist. In der Kopforganisation haben wir die fortwahrend 
mit dem Tode ringende menschliche Organisation, die ganz angepafit 
ist dem toten Denken. Dagegen in der Organisation unseres iibrigen 
menschlichen Organismus haben wir dasjenige, was der Organisation 
des immer jung geborenen Willens angepafit ist. Daher weist uns alles 
dasjenige, was mit unserer Kopforganisation verbunden ist, auf die 
Vergangenheit zuriick; alles dasjenige, was mit unserer iibrigen Orga- 
nisation verbunden ist, weist uns auf die Zukunft, weist uns auf die 
Zukunft in physischer Beziehung, weist uns auch auf die Zukunft in 
physisch-spiritueller Beziehung. Unser Kopf ist die Metamorphose un- 
seres iibrigen Organismus aus der vorhergehenden Inkarnation, natiir- 



lich den Kraften nach, nicht den physischen Substanzen nach. Und 
unser ubriger Organismus bildet sich um in Metamorphose zu dem 
Kopf der nachsten Inkarnation. Das ist etwas, was wir ja auch hier 
schon des ofteren ausgefiihrt haben. 

Dadurch stehen wir als Mensch eigentlich immer gegeniiber auf der 
einen Seite dem, was mehr vom Vorstellungsleben durchdrungen ist 
und was mehr auf den Tod hin organisiert ist. Aus dem entspringt dann 
alles das, was uns drangt, Erkenntnisse zu entwickeln. Gerade je voll- 
kommener der Mensch in der Erdenentwickelung wird, desto toter wird 
gewissermafien sein Denken, desto toter wird seine Kopforganisation. 
Er wird immer mehr und mehr mit dieser Organisation hinschauen auf 
die Welt, die sich um ihn herum ausbreitet, wird versuchen, diese Welt 
zu verstehen, aber er wird immerhin auch, wenn er nicht verlieren will 
das Bewufttsein seiner menschlichen Wiirde, auf das Innere schauen 
miissen, auf dasjenige, was als jung geborener Wille aufsteigt und was 
ihm vorhalt die sittlichen Ideale, was ihm vorhalt iiberhaupt die Ideale 
seines Handelns, seines Tuns. Aber dadurch, dafi der Mensch in der 
angedeuteten Richtung zweigeteilt ist, dadurch erscheint ihm der Zwie- 
spalt zwischen der Welt der Naturnotwendigkeit, die er mit seiner Er- 
kenntnis zu umspannen versucht, und der Welt der Sittlichkeit, die sich 
dann zum Religiosen erhebt und welche keine Anhaltspunkte findet, 
sich mit der Welt, mit dem Weltbilde zu vereinigen, das aus der Na- 
turerkenntnis stammt. Dieser Zwiespalt ist ja in unserem Zeitalter aufs 
hochste getrieben. Denken Sie nur, wie die Menschen nach der Natur- 
erkenntnis heute dariiber nachdenken, wie die Erde sich gebildet hat 
aus dem Urnebel heraus, rein durch Naturkausalitat, wie im Ver- 
laufe dieser Erdenentwickelung auch der Mensch entstanden ist, und 
wie dies dann Millionen Jahre noch dauern werde. Da ist der Mensch 
eingesponnen seiner physischen Organisation nach in diese Natur- 
kausalitat. Es entspringen aus ihm seine sittlichen Ideale. Er mochte 
aus diesen sittlichen Idealen heraus eine Welt begriinden. Allein, was 
bleibt ihm denn iibrig, zu denken iiber diese sittliche Welt, wenn er 
hinschauen mufi auf das Ende der Erdenentwickelung, die wie eine 
Schlacke in die Sonne zuriickfallen wird mit alledem, was auf ihr ist? 
Er mufi sich fragen: Wie steht es denn eigentlich mit alledem, was man 



als sittliche Ideale sich vorsetzt, wenn diese sittliche Welt keinen Halt 
hat in der Naturnotwendigkeit, wenn sie gewissermafien nur der Rauch 
ist, der aufsteigt aus den Prozessen, die sich aus der Naturnotwendig- 
keit heraus ergeben? 

Auf denjenigen Menschen, welche sieh uberhaupt unbefangene und 
verinnerlichte Vorstellungen uber die Welt machen, lastet dieser Zwie- 
spalt heute sehr schwer. Nur ein gewisser Lebensleichtsinn lafit die 
Menschen hinwegschauen iiber diesen Lebenszwiespalt. Uber diesen 
Lebenszwiespalt fiihrt aber nichts anderes hinweg als wirkliche Gei- 
steswissenschaft. Es zeigt ja gerade die Naturwissenschaft, welcher die 
Menschen sich heute als einer Autoritat ganz besonders hingeben, wenn 
von Erkenntnis die Rede sein soil, dafi ausgerechnet werden kann das- 
jenige, was Erdenanfang, Erdenende ist: Ein wesenloser Weltennebel 
der Anfang, trostlos das Erdenende, und eine Episode dazwischen: die 
in moralischen, ethischen, sittlichen Illusionen lebenden Menschen. - 
Das mufi aber wahrend unserer Erdeninkarnation so sein. Die sittlichen 
Gesetze sind zunachst, wie wir sie darleben in unserer Erdenmenschheit, 
keine solchen Gesetze wie die Naturgesetze. Waren sie solche Gesetze, 
so wiirden wir in uns nicht einorganisieren konnen die Freiheit. Wenn 
die Freiheit getrieben wiirde, wie irgendein Naturvorgang getrieben 
wird, so wiirden Sie keine Freiheit in sich entwickeln konnen. Gerade 
der Umstand, dafi die Erdenorganisation dazu berufen ist, in dem 
Menschen die Freiheit einzuorganisieren, der machte es notwendig, dafi 
innerhalb der Erdenentwickelung eine Zeitlang es so ist, dafi der 
Mensch, durch seine eigene innere Wesenheit veranlafit, hinschauen 
mufi auf die ihn umgebende Welt der Naturnotwendigkeit und in sich 
nur aufgehen lassen kann die sittlichen Ideale, die dann keine solche 
Gesetze sind, dafi die Natur auch sie ausfuhren wiirde. Was wir in un- 
serem Naturweltbilde haben, das iibernimmt keine Garantie, dafi das- 
jenige auch ausgefuhrt werde, was wir in unseren sittlichen Idealen 
als Menschheit und Welt uberhaupt begrunden wollen. 

Aber so, wie die Sachen jetzt stehen, so werden sie nicht immer 
stehen. Sie werden nicht immer stehen so, dafi schroff einander gegen- 
iiberstehen die Welt der sittlichen Ideale und die Welt der Naturnot- 
wendigkeit. Die Erde geht ja einem Ende zu, und vom geisteswissen- 



schaftlichen Standpunkte nimmt sich, wie ich auch schqn hier ofters 
ausgefiihrt habe, dieses Ende anders aus als das Ende, welches die Na- 
turerkenntnis errechnet. Dieses Erdenende tritt ja ein, wenn die Zeit- 
raume sich abgespielt haben, die wir uns richtig vorstellen konnen 
dadurch, dafi wir zum Beispiel hinschauen auf denjenigen Zeitraum, 
der unserem Zeitraum vorangegangen ist, der begonnen hat etwa 747 
vor Christi Geburt, geendet hat etwa 1413 nach Christi Geburt. Jetzt 
leben wir also im Jahr 1920. Es wird ein Zeitraum eintreten, der wie- 
derum so lange dauern wird, wie dieser Zeitraum; das ist der unsrige. 
Dann folgen auf diesen noch zwei, und wenn wir geisteswissenschaft- 
lich diese Zeitraume iiberschauen bis zum nachsten Ende unserer Kul- 
turperioden und dann uns vorstellen, dafi sich noch etwas anknupft, 
das wiederum mit grolkren Perioden von der Lange der atlantischen 
Zeit zusammenhangt, so bekommen wir allerdings ein Erdenende her- 
aus, das klein ist gegeniiber den Millionen oder gar Milliarden von 
Jahr en, welche errechnet werden durch richtige, aber unwirklichkeits- 
gemafie Rechnungen der Naturwissenschaft. 

Aber wenn die Erde ihrem Ende entgegengehen wird, dann wird 
das Verhaltnis anders sein zwischen der Welt der sittlichen Ideale und 
zwischen der Welt, die ins heutige menschliche Erkenntnisbild ein- 
geht. Es werden zusammenriicken die Moralgesetze und die physischen 
Gesetze. Jetzt leben wir in einem Zeitalter, wo die beiden getrennt 
sind. Der geisteswissenschaftliche Forscher kann heute schon wahr- 
nehmen, wie sie zusammenriicken, wie dasjenige, was zum Beispiel er- 
fahren wird in geistigen Welten, schon durchaus Wirkungen erzielt, 
die ebenso dauern, wie dauern die Naturwirkungen andererseits. Ein 
Zusammenschliefien der geistigen Gesetze der Moral und der physi- 
schen Gesetze der Naturwirkungen, das nimmt der Geistesforscher 
wahr und er kann schauen, wie am Erdenende die ganze Entwicke- 
lung desjenigen, was durch dieses Erdenende durchgeht und zu einer 
nachsten planetarischen Verkorperung gehen wird, wie das einen Zu- 
sammenschlufi erleben wird zwischen der Welt der sittlichen Ideale und 
der Welt der Naturgesetze. Die sittlichen Ideale werden so, wie die 
Naturgesetze heute sind, und die Naturgesetze werden so - indem sie 
sich nahern, die beiden -, wie die sittlichen Gesetze heute sind. Sittliche 



Welt und Naturgesetzlichkeit wird am Erdenende nicht eine Zweiheit 
sein, sondern wir gehen durch eine Periode durch, wo das eine Einheit 
sein wird. In dieser Einheit wird sich manches binden und manches 
losen, was man heute fur nichtgebunden oder nicht bindbar und nicht 
losbar halt. 

Da stellen sich dem Geistesforscher ganz besondere Dinge vor Au- 
gen, und ich mochte heute nicht davor zuriickschrecken, solche Dinge 
genauer gerade an diesem Orte schon in ihrer Bedeutung ein wenig zu 
entwickeln, wenn selbstverstandlich auch der Widerspruch der Welt 
draufien, die nichts versteht und nichts verstehen will von dem, was 
hier getrieben wird, noch grofier wird. Aber es niitzt ja auch nichts, 
wenn man irgendwie abstumpft dasjenige, was auf dem anthroposo- 
phischen Boden gepflegt werden soil. Es mufi schon dasjenige eben aus- 
gekampft werden, was sich dadurch herausbildet, dafi gegen ein echtes 
Wahrheitsstreben so vieles in der gegenwartigen Welt ankampft. Dem 
Geistesforscher stellt sich auch vom Gesichtspunkte dieser Frage ent- 
gegen all dasjenige, was zum Beispiel geschehen ist an schrecklichen 
Dingen in den letzten funf bis sechs Jahren. Wir haben wirklich Dinge 
erlebt, die in der ganzen Menschheitsentwickelung so noch nicht erlebt 
worden sind, vor alien Dingen so nicht erlebt worden sind, dafi Natur- 
erkenntnis beniitzt wurde, um so viel zu zerstoren. Gewifi, es ist ja viel 
zerstort worden auch friiher; aber das war alles eine Kleinigkeit, denn 
es waren nicht die Naturerkenntnisse da, um solche Zerstorungen her- 
vorzurufen. Man denke nur, wie ungeheure Flachen der Erde durch 
Einbetonieren der Erde oder dergleichen einfach wegrasiert worden 
sind fiir lange, lange Zeiten. Man bedenke nur, was menschliche 
«Kunst» in diesen funf bis sechs Jahren vermocht hat, um dasjenige, 
was die Natur hervorgebracht hat, ins Wesenlose hinein zu zerstoren. 
Man braucht nur anzuschlagen diese Note und man weist auf Unge- 
heures hin, was aber auch dem Geistesforscher in einer bedeutungs- 
vollen Weise, in einer tragisch-bedeutungsvollen Weise sich entgegen- 
stellt. Was geht denn eigentlich in dem heutigen Materialisten vor, 
wenn er auf diese Dinge hinschaut? Er sieht das Erdenende dann, wenn 
die Entropie erfiillt ist, wenn alles umgewandelt ist durch den Warme- 
tod auf der Erde, wenn die Erde ihrem physischen Ende nahegekom- 

4A 



men ist. Dann werden langst andere Menschen gelebt haben, die wie- 
derum von anderen sittlichen Idealen getraumt haben. Aber wesenlos 
ist dasjenige, was einbetoniert worden ist zur Naturzerstorung, zur 
Zerstorung von menschlichem Schaffen und so weiter. 

Diese Erkenntnis des Materialisten kann der Geistesforscher nicht 
mitmachen, denn ihm stellt sich etwas anderes dar. Ihm stellt sich vor 
Augen der Zeitpunkt des Erdenendes, wo Naturgesetze und Moralge- 
setze eine Einheit bilden, wo dasjenige, was der Mensch sittlich voll- 
bracht hat, oder, sagen wir in diesem Falle besser, unsittlich voll- 
bracht hat, wo das als Naturgesetzlichkeit weiterwirken wird, so dafi 
einmal am Erdenende ein Zeitpunkt kommt, wo das Erdenende da ist, 
wo die Erde durchgeht durch andere Bildungsstufen, wo aber Natur- 
gesetze und sittliche Gesetze eins sind. Und dann geht es hinuber zur 
nachsten planetarischen Verkorperung, die ich in meiner «Geheimwis- 
senschaft im Umrifi» die Jupiterverkorperung genannt habe. 

Da wird es wiederum Perioden geben der Entwickelung; aber da 
wird ja nicht mehr das Mineralreich sein, da wird an der Stelle des Mi- 
neralreiches etwas anderes sein. Wir Menschen werden in uns nicht 
tragen die Einschlusse des Mineralreiches, sondern als Unterstes die 
Einschhisse des pflanzlichen Reiches, und es wird hiniiberwirken das- 
jenige, was an Moralischem oder Unmoralischem geschehen ist, was 
aufgenommen worden ist von dem Naturwirken. Und so, wie in un- 
serem funften irdischen Zeitraum, im funften Erdenzeitraume das ge- 
schehen ist, was wir als Schrecknisse iiber die Erde hin haben wehen 
sehen, so wird, nachdem diese Schrecknisse, das heifit die Impulse dazu, 
aufgenommen sein werden von jenem Prozesse, der auf dem Jupiter 
sein wird ein Natur-Moralprozeft, ein Moral-NaturprozefS, so wird 
dasjenige, was sich da entwickelt hat in diesem funften Zeitraume, im 
dritten Zeitraume wiederkehren auf dem Jupiter auf einer anderen 
Stufe. 

Entgegentreten wird der Menschheit dieser Zukunft aus der Natur- 
konfiguration der nachsten, der Jupiterperiode der Erde, dasjenige, 
was dann Naturprozesse sein werden. Sie werden aber Naturprozesse 
sein. Entgegentreten wird ihr aus dem Pflanzenreiche, das dann das 
niederste ist, dasjenige, was wir nennen konnen Giftgewachse pflanz- 



licher Natur. Das ist gesat worden durch diese letzten fiinf bis sechs 
Jahre, was ein Giftsumpfstof f ist, der aufsteigen wird, der hineinwach- 
sen wird in die Periode des Jupiter, der aus diesem Erdendasein ent- 
stehen wird. Es ist nicht so, dafi das Moralische oder das Unmoralische 
vergehen; es bildet sich eine Einheitswirksamkeit zwischen dem Mora- 
lischen und zwischen dem Naturgesetzlichen, und es wird hiniiberge- 
tragen dasjenige, was an moralischen oder unmoralischen Impulsen 
auch in der Gesamtmenschheit gewirkt hat. Ich mochte sagen, die 
Menschheit hat jetzt die Wahl, gedankenlos zu bleiben iiber die grofien 
Zusammenhange, in die sie als Menschheit doch eigentlich eingespannt 
ist, hinzuleben im irdischen Menschendasein wie das blode Vieh und zu 
denken: Da sind die Naturgesetze, nach denen wir ausrechnen, dafi 
ein Kant-Laplacesches Weltbild dem Erdenanf ange und ein durch eine 
Entropie hervorgerufener Warmetod-ahnlicher Zustand dem Erden- 
ende entspricht, dafi wir im Grunde tun konnen, was wir mogen, ja dafi 
wir Millionen hinmorden konnen: wenn der Warmetod eingetreten ist, 
dann sind sie eben mit hingemordet, und die Impulse, aus denen heraus 
sie hingemordet worden sind, die haben ja keine Bedeutung hinweg iiber 
diesen Warmetod. - 

Der Mensch mufi, aus dem Materialismus der Gegenwart heraus, sol- 
ches glauben; aber er lebt dann dahin wie das blode Vieh. Er lebt dann 
so dahin, dafi er keine Gedanken sich macht iiber seinen Zusammen- 
hang mit dem ganzen kosmischen Dasein. Das ist heute die Gefahr, dafi 
der Mensch die Moglichkeit verliert, sich Gedanken zu machen iiber 
seinen Zusammenhang mit dem kosmischen Dasein. Dann kommen 
wahnsinnige Vorstellungen heraus wie die Kant-Laplacesche Theorie 
oder diejenige vom Warmetod der Erde; wahrend in der Tat die Erde 
eine Organisation ist, die ihren Anfang genommen hat in einem Zeit- 
alter, wo Moralisches und Naturgesetzliches eine Einheit waren, eine 
Organisation, die ihr Ende finden wird in einem Zeitraum, wo wie- 
derum Moralisches und Naturgesetzliches eine Einheit sein werden. 
Erweitert man nicht den Blick iiber dasjenige, was die unmittelbare 
Gegenwart ist, zu dem, was nur Geisteswissenschaft lehren kann, so 
lebt man eben dahin wie das blode Vieh. Einzig und allein dadurch, 
daft man sich den Blick scharfen lalk bis zu demjenigen Zustande un- 



seres Erdendaseins, wo Geist Materie und Materie Geist wird, so daft 
sie eine Einheit bilden, einzig dadurch kommt man zum Bewufitsein 
der Menschenwttrde, das heifit, zum Bewufitsein des Zusammenhanges 
des Menschen mit den ganzen kosmischen Kraften, die weder einseitig 
Moral noch einseitig naturgesetzlich sind, sondern so sind, daft die 
Moral selber eine Naturordnung bildet, und die Naturordnung selber 
mit Moral sich durchdringt. 

Das sind auch die moralischen Griinde, warum es notwendig ist, 
daft in der Gegenwart der Mensch den Horizont seines Erkennens er- 
weitere. Erweitert er ihn nicht, so engt er sich ein auf ein Weltverstand- 
nis, das sich nur erschopfen will in demjenigen, was liber den Dualis- 
mus zwischen moralischem Weltbild und naturgesetzlichem Weltbild 
nicht hinauskommen kann. Damit aber verengt sich der Mensch sein 
Weltbild so, daft er unmoglich dahinkommen kann, sich selber in seiner 
ganzen Wesenheit wirklich zu durchschauen. 

Sie sehen daraus, daft wirklich nicht eine Erkenntnisneugierde vor- 
liegt, die befriedigt werden soli durch dasjenige, was in der Geistes- 
wissenschaft getrieben wird, sondern daft vorliegt eine moralische Not- 
wendigkeit fiir die Verbreitung der Geisteswissenschaft. Denn, was 
bisher die Menschen geleitet hat bis zu ihrem gegenwartigen Zustande, 
das hat ja gerade hervorgebracht, daft der Mensch heute nicht begrei- 
fen kann, wie moralische Weltordnung und physische Weltordnung in- 
einanderhangen; sie konnen sich heute nicht durchdringen, weil der 
Mensch ein freies Wesen werden soli. Aber der Mensch mulS auf die 
Knotenpunkte der Welt so hinblicken, daft in ihnen Naturordnung und 
moralische Ordnung eins sind. Es ist im Grunde genommen etwas 
Furchtbares, wenn heute ausgerechnet wird, wie von rein physischen 
Zustanden unsere Erde ihren Anfang genommen hatte, wie sie in rein 
physische Zustande wiederum ausmiinden wiirde. Man soli ja nicht 
glauben, daft die iiberlieferten Bekenntnisse in der Form, wie sie sind, 
den Menschen retten vor diesem Verfall,wie er gerade in denWorten,die 
ich heute gebraucht habe, angedeutet ist. Diese iiberlieferten Bekennt- 
nisse sind es, welche gerade das Geistige immer abstrakter und abstrak- 
ter gemacht haben und welche den Dualismus hervorgerufen haben, 
welche es dahin gebracht haben, daft der Mensch kaum das Bediirfnis 



empfindet, das Band zu suchen zwischen Naturordnung und mora- 
lischer Ordnung. Sucht er es heute, sucht er es aus ehrlichstem Herzen 
heraus, dann kann er es nur finden bei der Geisteswissenschaft, die ihn 
auf Erdenende und Erdenanfang hinweist als auf solche Knoten der 
Weltentwickelung, wo das Moralische natiirlich und das Naturliche 
moralisch wird. 

Dann aber, dann durchsetzt sich in der Tat wiederum all dasjenige, 
was uns umgibt und in das wir eingespannt sind, fur uns mit mora- 
lischer Verantwortlichkeit. Wir Menschen machen ja gewissermafien 
durch, indem wir im Erdendasein aufeinanderfolgende Verkorperun- 
gen des Lebens haben, das Bild der ganzen Erdenorganisation. Wir le- 
ben die aufeinanderfolgenden Erdenleben, indem wir immer fur das- 
jenige, worinnen wir in Einseitigkeit verfallen zwischen der Geburt und 
dem Tode, den Ausgleich suchen zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. Wir pendeln hin und her zwischen sinnlichem und Uber- 
sinnlichem Leben und suchen nach dem Gleichgewichte und werden 
am Ende des Erdendaseins durch eine Welt hindurchgehen, welche 
auf der einen Seite sehr ahnlich ist der ubersinnlichen Welt, aber 
wo dieses Obersinnliche alles zu gleicher Zeit diejenige iibersinnliche 
Form annehmen wird, zu der wir uns eben dann hinentwickelt haben 
werden. 

Unser Denken ist in der Weltordnung alter als unser gegenwartiges 
sinnliches Anschauen. Das widerspricht nicht dem Umstande, dafi un- 
sere Sinnesorgane in der ersten fur uns verfolgbaren Erdenverkorpe- 
rung veranlagt worden sind. Aber dieses sinnliche Anschauen, wie wir 
es jetzt haben, das hat sich erst wahrend der Erdenzeit entwickelt, 
wahrend das Denken, das sehr zuriickgeschoben ist in unsere Organi- 
sation, schon wahrend der alten Mondenzeit, wenn auch in Bildern, 
aber eben doch da war. Die sinnlich-physische Organisation ist bis zu 
den Organen, die so das Sinnliche wahrnehmen, namentlich wie unsere 
heutigen ausgebildeten Sinne das wahrnehmen, erst wahrend unseres 
Erdendaseins gekommen. Und dasjenige, was wir heute sinnlich wahr- 
nehmen, ist das so verganglich wie es scheint? - Ja, sehen Sie, der Mensch 
denkt so. Er sieht heute die grime Pflanze an, er sieht heute die rote 
Rose an. Dasjenige, was sich da abspielt zwischen seinen Sinnesorganen 



und der aufieren Welt, das denkt er voriibergehend. Es ist nicht vor- 
iibergehend! Es hinterlafit eine Wirkung in der ganzen menschlichen 
Organisation. Es ist nicht gleichgtiltig, worauf Sie Ihre Sinne gerichtet 
haben. Das steckt alles in Ihrer menschlichen Organisation drinnen, 
und der ganze Umf ang Ihrer Sinnesanschauung wird in den Abdriicken 
des Atherleibes geschaut beim Durchgang durch den Erdentod und im 
astralen Abdruck hinubergenommen in die ubersinnliche Welt. Und 
dasjenige, was so immer hier auf der Erde von uns durch den Tod ge- 
tragen wird, das sammelt sich an und das tragen wir durch diesen Zu- 
stand des Erdenendes dann weiter hinuber. Gewifi, von unserem Fleisch 
tragen wir nichts hinuber in die Jupiterperiode; aber von dem, was die 
Wirkungen dieser Wahrnehmungen sind, tragen wir sehr viel hinuber. 
Es bereitet sich das schon vor in jenem farbigen Bilderdasein, das wir 
haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das aber eine we- 
sentliche Verdichtung erfahren wird, wenn wir durchleben den Zu- 
stand zwischen der Erde und dem Jupiter, der ein moralisch-physischer 
und ein physisch-moralischer Zustand sein wird; durch den werden 
wir hindurchtragen konnen dasjenige, was sich uns einorganisieren wird 
dadurch, dafi wir mit unseren hoheren Sinnen wahrnehmen. Das, 
was da in uns einorganisiert wird, das ist fahig, durch eine solche 
Welt durchzugehen, die moralisch-physisch und physisch-moralisch 
ist, wo Naturgesetze Idealgesetze und Idealgesetze Naturgesetze sein 
werden. 

Wenn wir heute hinausschauen - ich weifi, dafi ich selbstverstand- 
lich nur vergleichsweise spreche und dafi meinetwillen jeder scheinbar 
geschulte Physiker korrigieren kann die Ausdrucksweise, die ich an- 
wende, aber darauf kommt es hier nicht an — , wenn wir heute den 
Regenbogen ansehen, indem er ein grofies Spektrum vor uns ausbreitet, 
so entsteht da gleichsam die im Raum schwebende Farbe abgesondert 
vor uns. So etwas Ahnliches bildet sich auch, wenn wir keinen Regen- 
bogen sehen, sondern wenn wir nur sonst auf irgend etwas, das in uns 
die Empfindung der Farbe hervorruft, hinsehen; aber etwas Ahnliches, 
wie sich da draufien objektiv bildet, wenn der Regenbogen uns er- 
scheint, etwas Ahnliches geht in uns vor mit unserem Atherleib und be- 
reitet vor jenen zunachst jetzt farbigen, aber dann verdichteten Leib, 



der durch die moralische Physis, durch das Physisch-Moralische gehen 
wird bei dem Obergang zwischen der Erde und dem Jupiter. Sehen 
Sie, da ist es also, an diesem Punkte der Geisteswissenschaft, wo sich 
der Mensch heute erringen kann ein inneres Bewufitsein von der Ein- 
heit der moralischen Welt und physischen Welt, wahrend sonst mora- 
lische Welt und physische Welt fiir das heutige materialistische Bewufit- 
sein auseinanderf alien. Moralisch notwendig ist die Verbreitung der Gei- 
steswissenschaft. Denn dasjenige, was menschliche Moral ist, verdun- 
stet und verduftet ja geradezu, wenn das physische Weltbild allein sie- 
gen sollte. Wenn man das durchschaut, dann ist es allerdings bittere 
Gefuhle erweckend, gegen deren Ursache aber mit aller Scharfe ange- 
kampft werden mufi, wenn man sieht, wie heute von Leuten, die vor- 
geblich das Geistesleben der Menschheit pflegen wollen, angekampft 
wird gegen diese notwendige, auch moralisch notwendige Pflege des 
Geisteslebens. 

Immer neue Proben dieses «sauberen» Kampfes treten auf. Eine 
besonders niedliche ist ja wiederum letzthin aufgetreten. Sie kniipft 
an - ich weifi nicht, von welcher Seite die Dinge immer vertratscht 
werden -, sie kniipft an an dasjenige, was hier von Dr. Boos vorge- 
bracht worden war iiber ein Vertrauenszettel-Sammeln. Uber diese 
Sache zu sprechen, ist ja nicht meine Angelegenheit; aber ein angeblich 
gut christliches Blatt der hiesigen Umgebung findet es notig, besonders 
zu betonen, dafi diese ganze Geschichte wiederum eine furchtbare Ge- 
fahr fiir das schweizerische Volkstum ist. Ich mochte doch wissen, ob 
derjenige wirklich das schweizerische Volkstum fiir besonders stark 
halt, der da glaubt, dafi es erschiittert wird, wenn Anthroposophie ge- 
trieben wird? Aber sehen Sie, das schweizerische Volkstum soli in Ge- 
fahr sein, und das wird mit so schonen Worten geschrieben: «Wie 
man sieht, steht die Anthroposophen-Sache auf wackligen FUfien. Ein 
Geheimzirkular, dem wir allerdings die Maske abgerissen haben, soil 
dem Werke Dr. Steiners die Bahn freimachen, soil ihm die Behorden 
des ganzen Schweizerlandes giinstig stimmen, ja, soli bewirken, dafi die 
Einwanderung fremder Elemente nicht gehindert werde. Was kiim- 
mert die Gesellschaft unsere entsetzliche Wohnungsnot, was der un- 
heilvolle Einflufi dieser fremdlandischen Rasse auf unser edles Schwei- 



zertum. Man wendet sicb an das Schweizervolk urn Mithilfe, das 
Schweizertum zu vernicbten.» 

Nun, da wird darauf hingewiesen, daft es schlimm ist, daft aufter- 
schweizerische Impulse hier spielen soilen. Aber jetzt f olgt ein Satz, der 
niedlich sich zu dem ganzen hinzustellt, der die Frage auf die Lippen 
drangt: Woher wird denn das Recht genommen zu dieser Anklage von 
angeblich fremden Impulsen? Es steht da: «Fiir uns Katholiken ist der 
Standpunkt klar. Wir haben Meldung von Rom, da$ kein Katbolik 
sei's direkt oder indirekt, dieser neuen Sekte Mithilfe leisten darf. Wir 
hielten es darum als unsere heilige Pflicht, weite Kreise auf die neue 
Bauernfangerei aufmerksam zu machen.» 

Diese Leute, die also das Schweizervolk retten wollen von fremden 
Einflussen, bekommen ihre Einflusse, auf die sie mit der ganzen festen 
Faust hindeuten, also nicht von Bern oder von Zurich vom Schweizer- 
volk, sondern von Rom! Sonderbare Logik? Sehen Sie, das ist die Logik 
von heute. So wird gedacht - aber ohne daft man es merkt. Und man 
merkt das nicht, weil unsere Bildung, die von unseren Bildungsstatten 
ausgeht, solches Denken gestattet. Diejenigen Leute, die das nieder- 
schreiben, die wissen, was sie damit wollen, und die konnen daher sol- 
ches Zeug hinschreiben. Aber zahlreiche andere, schlafende Seelen, die 
miissen erst mit harten Worten darauf aufmerksam gemacht werden, 
daft solche Torheiten einfach heute als Logik hingenommen werden 
und sie werden als Torheiten nicht bemerkt. Es sind die Wahrzeichen 
fur das Schlafrige der Seelen heute. Deshalb ist es so notwendig, daft 
man immer wiederum mit harten Worten darauf hindeutet, daft die 
Seelen wach werden sollen, daft sie hinschauen sollen auf dasjenige, was 
in unserem versumpften Denken lebt, welche Dinge man heute sagen 
darf, ohne daft die schlafrigen Seelen merken, daft es auch vor der Lo- 
gik ein gewohnlicher Nonsens ist. 

Das zeigt uns auch von anderer Seite die moralische Notwendigkeit, 
die uns anspornen sollte, der Geisteswissenschaft eine wirkliche Stiitze 
zu sein, nicht weiterhin zu schlafen, sondern aufzuwachen und der 
Geisteswissenschaft eine wirkliche Stiitze zu sein. Sie finden die Logik, 
auf deren Nichtbemerken man hier rechnet, heute iiberall in wissen- 
schaftlichen Buchern geiibt. Gehen Sie die Hypothesen durch, gehen 



Sie all das Zeug durch, was heute fur die glaubigen Anhanger die Kant- 
Laplacesche Wahnsinnstheorie bildet, dann finden Sie in alledem die 
Ursache, dafi man der Menschheit noch heute solche Dinge vormachen 
darf . Suchen Sie in den angeblich exakten naturwissenschaftlichen Hy- 
pothesen und Theorien, die hier in den letzten Tagen charakterisiert 
worden sind, suchen Sie darinnen die Ursache, warum man heute der 
Menschheit so viel vormachen darf. Man zwingt die Menschen, die 
Jugend hinzuschicken in diese Hochschulen, in denen ihnen Experi- 
mentiererkenntnisse zwar beigebracht werden, aber lhr Denken, ihr 
ganzes Seelenleben in Grand und Boden hinein «verunlogiziert» wird. 
Und man will nicht hinschauen auf die Notwendigkeit, dafi ja aller- 
dings das Geistesleben sich auf sich selbst stellen mufi im dreigliedrigen 
sozialen Organismus. Man will nicht hinschauen auf die Beweise, die 
man iiberall mit Handen greifen kann. Man mufi sagen: Lange Zeit 
wird nicht sein, denn die Machte, die alle Mittel anwenden, um auf die 
Unlogik der Menschen zu rechnen, sie haben heute einen guten Boden. 
Und wenn diejenigen, die ein wenig einsehen, was sein mufi, weiter 
schlafen, dann wird es schon dahin kommen, dafi vorlaufig wenigstens 
fur die europaische Kultur das Grab gegraben wird, und dann von ganz 
anderen Seiten her eine Erlosung kommen mufi. 

Ich habe hier ofters von der Verantwortung gesprochen, die fur die 
verschiedenen Teile der europaischen Menschheit besteht. Dieser Ver- 
antwortung sollte man sich bewufit werden. Diese Verantwortung ist 
eine grofie. Und es ist eben damit nicht getan, dafi man allerlei kleine 
Mittelchen aussinnt und mit denen auch glaubt, seinen Weg zu machen. 
Man mufi heute Herz und Sinn dafiir haben, dafi unser ganzes Geistes- 
leben einer Neuerung bedarf und dafi gerade dieses Geistesleben so nicht 
f ortbestehen kann, wie es sich bis in unsere Zeiten hinein entwickelt hat. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 2. April 1920, Karfreitag 



Es ist eine seit alten Zeiten des Christentums eingefuhrte Sitte, zu un- 
terscheiden zwischen dem Weihnachtsfeste und dem Osterfeste da- 
durch, daft das Weihnachtsfest als ein unbewegliches gestaltet ist, ge- 
setzt ist an den Zeitpunkt ungefahr, der ein paar Tage nach dem 
21. Dezember, also der Wintersonnenwende liegt, und daft das Oster- 
fest gesetzt ist an einen Tag, der bestimmt ist durch eine gewisse Stern- 
konstellation, aber eine Sternkonstellation, die zu gleicher Zeit ver- 
bindet gewissermaften das Aufterirdische mit dem menschlichen Irdi- 
schen. Wir werden ja morgen im Zeichen des ersten Friihlingsvollmondes 
stehen, und es wird auf diesen Friihlingsvollmond fallen die Friihjahrs- 
sonne, die nach dem 21. Marz eben in das Zeichen des Friihlings ein- 
getreten ist. Wenn also die Menschheit der Erde den ersten Sonntag 
wiederum feiert, jenen Tag, der sie an ihren Zusammenhang mit den 
Sonnenkraften erinnern soil, den Sonntag, der der erste ist nach dem 
Friihlingsvollmonde, dann soli fiir die christliche Lebensanschauung 
das Osterfest gefeiert werden. Dieses Osterfest ist dadurch ein beweg- 
liches Fest. Es ist gewissermaften notwendig, in jedem Jahre sich die 
Konstellation am Himmel anzuschauen, um iiber den Zeitpunkt dieses 
Osterfestes sich Auskunft zu verschaffen. 

Solche Dinge sind festgelegt worden zu einer Zeit, wo noch aus 
alten atavistischen hellseherischen Fahigkeiten heraus Weisheitstradi- 
tionen vorhanden waren, Traditionen, welche den Menschen noch 
ein Wissen gaben, das weit hinaus lag iiber das, was die gegenwartige 
Wissenschaft geben kann. In diesen alten Zeiten, als solch ein Wissen 
noch vorhanden war, da suchte der Mensch seinen Zusammenhang mit 
dem Aufterirdischen durch solche Dinge zum Ausdruck zu bringen. 
Und in solchen Festlegungen liegt immer der Hinweis auf Allerbedeut- 
samstes fiir die Menschheitsentwickelung. 

Der starre Zeitpunkt, in den das Weihnachtsfest verlegt wird, deu- 
tet an, wie eng dieses Weihnachtsfest verbunden gefiihlt werden soil 
mit dem Irdischen, weil es erinnern soli an die Geburt desjenigen Men- 



schen, in den dann die Christus-Wesenheit einzog. Aber an ein Ereig- 
nis, das nicht innerhalb des Ganges der Erdenentwickelung, sondern 
innerhalb des ganzen Weltenzusammenhanges, in den der Mensch hin- 
eingestellt ist, eine Bedeutung hat, daran soli das Osterfest erinnern. 
Deshalb soil audi der Zeitpunkt dieses Osterfestes nicht blofi ein sol- 
dier sein, der sich nach den gebrauchlichen irdischen Verhaltnissen 
richtet, sondern er soil ein solcher sein, der nur festgelegt werden kann, 
wenn der Mensch seine Gedanken hinauswendet auf das Aufierirdische. 
Und etwas noch Tieferes liegt in dieser Festlegung des beweglichen 
Zeitpunktes des Osterfestes. Es liegt darinnen die Art, wie der Mensch 
durch den Christus-Impuls von der Erdenentwickelung, von den Kraf- 
ten dieser blofien Erdenentwickelung frei werden sollte; dafi er frei 
werden sollte durch eine Erkenntnis des Aufierirdischen, das liegt dar- 
innen. Gewissermafien eine Aufforderung, sich zu erheben zu dem 
Aufierirdischen, das liegt darinnen, und man mochte sagen, ein ge- 
wisses Versprechen der Weltgeschichte an den Menschen, dafi er frei 
werden konne von irdischen Verhaltnissen durch den Christus-Impuls, 
das liegt auch darinnen. 

Wenn wir das ganz durchschauen wollen, was sich ausdriickt in 
dieser eben charakterisierten Feststellung des Zeitdatums des Oster- 
festes, konnen wir es noch mehr erkennen, wenn wir hinblicken auf 
erste Geheimnisse der Entstehung des Christentums, erste Geheimnisse, 
die ja mehr oder weniger sich nach und nach fur eine gewisse Erden- 
zeit verhiillt haben der materialistischen Auffassung der Welt, die in 
die Menschheitsentwickelung eingezogen ist seit dem Beginn der fiinf- 
ten nachatlantischen Periode, und die zu uberwinden es jetzt an der 
Zeit ist. Um auf diese Verhaltnisse entsprechend hinzuschauen, ist es 
notwendig, zu sehen, wie eingreift in die Entwickelung des Christus- 
Impulses im weltgeschichtlichen Menschheitswerden die Gestalt des 
Paulus. 

Das miissen wir uns ja immer wieder und wieder vor die Seele 
nicken, wie gerade diese Gestalt des Paulus eingreift in die Entwicke- 
lung des Christentums. Wir konnen sagen: Paulus hatte reichlich Ge- 
legenheit, sich durch den Augenschein, durch die aufiere physische 
Wahrnehmung zu unterrichten von den Ereignissen in Palastina, die 



sich an die Personlichkeit des Jesus ankniipfen. Durch alles das, was 
so in der physischen Welt auf ihn gewirkt hat, hat sich Paulus nicht 
iiberzeugen lassen, denn er gehorte noch zu den Bekampfern des Chri- 
stentums, nachdem bereits diese Ereignisse von Palastina ihr physi- 
sches Ende erreicht hatten. Paulus wurde erst der Christen- Apostel, als 
er das Ereignis von Damaskus erlebte, ais er erlebte die Wesenheit des 
Christus-Impulses durch Aufierirdisches, durch Obersinnhches. Paulus 
ist gerade derjenige, der sich nicht durch physisch-sinnliche Eindriicke 
iiberzeugen liefi von der Bedeutung des Christus-Impulses, sondern 
der fiir seine Uberzeugung die iibersinnliche Erfahrung brauchte. Und 
diese iibersinnliche Erfahrung, sie war eine griindlich in das Leben des 
Paulus einschneidende. Sie war so einschneidend, dafi Paulus ein voll- 
standig anderer Mensch wurde. Man kann schon sagen, sie war so 
einschneidend, daft Paulus dasjenige geworden ist, was man einen In- 
itiierten, einen Eingeweihten nennen kann. 

Paulus war gut vorbereitet, so etwas zu erleben. Er war ein mit den 
judischen Religionsgeheimnissen, mit dem jiidischen Erkennen und der 
judischen Weltanschauung gut bekannter Mann, und er war durch 
diese seine Kenntnisse wohl vorbereitet, zu beurteilen das Ereignis, das 
sich ihm als Erlebnis von Damaskus darstellte. Er war gut vorbereitet, 
sich iiber dieses Ereignis sagen zu konnen, was von diesem Ereignis eine 
richtige Anschauung, eine richtige Idee geben kann. Nur, mochte ich 
sagen, ein Abglanz von dem, was Paulus eigentlich in seinem Inneren 
erlebt hat, tritt uns entgegen aus dem, was als die Schriften des Pau- 
lus bekannt ist. Da horen wir allerdings, dafi er ja von dem Ereignis 
von Damaskus spricht wie einer, der durch dieses Ereignis Kenntnis 
erlangt hat von dem, was hinter dem Schleier der Sinneswelt an Welt- 
geschehen liegt. Da horen wir ihn so sprechen, dafi wir erkennen, dafi 
er die ganz anders geartete Welt des Ubersinnlichen gegeniiber dieser 
sinnlichen hier wohl zu beurteilen vermag. 

Wenn wir schon aufierlich das Leben des Paulus vergleichen mit 
dem aufierlichen irdischen Christus Jesus-Erleben, dann finden wir 
etwas hochst Merkwiirdiges, das sich nur dann aufhellt, wenn man 
nach geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten die Menschheitsent- 
wickelung sachgemafi ins Auge fafk. In bezug darauf habe ich ja ofter 



Sie darauf aufmerksam gemacht, wie ganz anders geartet der Mensch 
in bezug auf seine organisch-seelische Entwickelung in anderen Zeiten 
war, und wie anders er im Laufe seiner Entwickelung seit der indischen, 
persischen, agyptisch-chaldaischen, griechisch-lateinischen Zeitkultur 
bis in unsere Tage herein geworden ist. Wenn man namlich zuriick- 
schaut in alte Zeiten der Menschheitsentwickelung — das haben wir ja 
ofter besprochen — , dann finden wir, wie der Mensch organisch ent- 
wickelungsfahig blieb bis in ein hohes Alter hinauf, wie der Mensch 
ahnliche Etappen eines Parallelismus zwischen seiner seelischen und 
seiner physischen Entwickelung durchmachte bis in ein hoheres Alter 
hinauf, wie er sie jetzt nur durchmacht mit dem Zahnwechsel, mit der 
Geschlechtsreife, mit dem Beginn der Zwanzigerjahre. Das hat die 
Menschheit in ihrer Allgemeinerscheinung verloren, solche Entwicke- 
lungsiibergange in einem hoheren Alter zu erleben. Bis in die Fiinfziger- 
jahre hinauf in ganz alten indischen Zeiten, bis in die Vierzigerjahre 
hinein spater in persischen, agyptischen Zeiten, bis zum fiinfunddrei- 
fiigsten Jahre hin in der griechisch-lateinischen Zeit haben einen Pa- 
rallelismus zwischen der seelischen Entwickelung und der physischen 
Entwickelung die Menschen dieser alten Zeit erlebt. 

Wir erleben einen solchen Parallelismus des Allgemeinmenschlichen 
fur das gewdhnliche Bewufitsein ja nur - wie ich ofter ausgefiihrt 
habe - bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr, und auch da ist schon 
das, was in die letzten Jahre hineinf allt, wenig bemerkbar. In der Zeit, 
in welcher der Christus-Impuls einzog in die Menschheitsentwickelung, 
da war es gerade so, dafi die Menschen, auch die Menschen der grie- 
chisch-lateinischen Volkheit, eben bis in das dreiunddreifiigste Lebens- 
jahr hinein noch diesen Parallelismus erlebten. Und der Christus Jesus 
lebte seine physischen Erdentage gerade so lange, daft er wahrend 
dieser physischen Erdentage mitmachte jenes Leben, das in der Paralle- 
litat verlauft zwischen der physischen Organisation und der geistig- 
seelischen Organisation. Dann ging er fiir das irdische Leben durch die 
Todespforte. 

Was dieses Durchgehen durch die Todespforte bedeutet, das ist nur 
zu erkennen von einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, 
wenn man hineinzuschauen vermag in iibersinnliche Welten. Denn das 



ist kein Ereignis, das sich durch dasjenige begreifen lafk, was in der 
sinnlichen Welt sich vollzieht. 

Paulus war ungefahr so alt wie der Christus Jesus selbst als physi- 
scher Mensch. Er hat gerade diejenige Zeit im Antichristlichen zuge- 
bracht, die der Christus Jesus zugebracht hat in seinem Erdenwirken. 
Und er erlebte fur die zweite Lebenshalfte dasjenige, was ihm wurde 
durch ubersinnliche Erf ahrungen. Er erlebte fur die zweite Lebenshalfte 
durch ubersinnliche Erfahrung dasjenige, was der Mensch eben seit 
jenen Tagen nicht mehr in der zweiten Lebenshalfte durch sinnliche 
Erfahrung erleben konnte, weil der Mensch nicht bis in jene hoheren 
Erdentage hinein, bis liber das funfunddrei&gste Jahr hinaus, noch 
einen Parallelismus erlebte zwischen der seelisch-geistigen Entwicke- 
lung und der physischen Entwickelung. Und das Ereignis von Golgatha 
stellte sich fiir den Paulus so dar, dafi ihm durch die unmittelbare Er- 
leuchtung ein Verstandnis wurde, das einstmals die Menschen durch 
die Urweisheit in atavistischer Art noch hatten, das sie in der neueren 
Zeit nur erringen konnen durch eine neue Geisteswissenschaft. Es wurde 
ihm darum zuteil, damit er der Anreger zu einem richtigen Verstand- 
nis dessen werden konnte, was durch den Christus-Impuls fiir die 
Menschheit geschehen ist. 

Ungefahr so lange, als der Christus auf der Erde gewandelt hat, 
wandelte dann Paulus weiter auf Erden, etwa bis zum siebenundsech- 
zigsten oder achtundsechzigsten Jahre, um selber ebensolange die Lehre 
von dem Christentum in die Erdenentwickelung einzufuhren. Es ist ein 
merkwurdiger Parallelismus zwischen dem Leben des Christus Jesus 
und dem Leben des Paulus. Nur dafi das Leben des Christus Jesus eben 
ausgefiillt war von dem inneren Dasein des Christus, dafi bei Paulus 
vorlag ein so starkes initiiertes Nacherleben dieses Ereignisses, dafi er 
in der Lage war, als der Erste der Menschheit die entsprechenden Vor- 
stellungen iiber das Christentum zu bringen - in einer Zeitlange, die 
ungefahr dem Christus Jesus-Leben auf der Erde entspricht. Den Zu- 
sammenhang zu betrachten zwischen dem, was fiir die Erdenentwicke- 
lung der Menschheit durch das Christus Jesus-Leben dargelebt worden 
ist und dem, was durch Paulus iiber die Christus-Wesenheit gelehrt 
worden ist, diesen Zusammenhang in der richtigen Weise anzuschauen, 



bedeutet eigentlich fur den Menschen sehr viel. Nur mufi man diesen 
Zusammenhang so erleben, daft er sich wirklich als Ergebnis des iiber- 
sinnlichen Einf lusses darstellt, der auf Paulus ausgeiibt worden ist. Und 
wenn die neuere Theologie sogar so weit gegangen ist, das Ereignis 
von Damaskus wie eine Art Halluzination, wie eine Art Illusion zu 
erklaren, so bezeugt das eben nur, daft auch die neuere Theologie in 
den Materialismus eingemiindet ist, daft auch die neuere Theologie 
nicht mehr kennt das Wesen der ubersinnlichen Welt und die Bedeu- 
tung eines Verstandnisses der ubersinnlichen Welt fur eine richtige Er- 
fassung des Wesens des Christentums. 

Man sollte sich eigentlich heute doch gestehen, ganz ernst und ehr- 
lich gestehen, daft es schwierig ist, in die ganz andersartigen Vorstel- 
lungen sich hineinzuleben - anders gegenuber den heutigen -, die sich 
in den Evangelien und in den Paulusbriefen befinden. Aber man ist 
gewohnt worden, mit solchen Vorstellungen gar nicht mehr zu rech- 
nen. Im Grunde genommen liegt es dem Menschen, der ganz durch- 
drungen ist mit den Vorstellungsgewohnheiten der Gegenwart, sehr, 
sehr feme, sich bei Paulusworten das Richtige zu denken. Bemiiht sich 
doch selbst eine grofte Anzahl der heutigen Theologen, das Ereignis von 
Damaskus so materialistisch als moglich aufzufassen; ja, es bemiiht sich 
eine Anzahl von Theologen, indem sie noch vorgeben, wirkliche Chri- 
sten zu sein, sogar darum, die wirkliche Auf erstehung des Christus Jesus 
abzuleugnen! Damit bezeugen diese Personlichkeiten nur, daft sie eben 
nicht geneigt sind, irgendeine Erkenntnis des Ubersinnlichen auf das We- 
sen des Christentums, auf die Erscheinung des Christus Jesus innerhalb 
der Erdenentwickelung anzuwenden. Es ist wie eine Aufforderung an 
den Menschen, zur ubersinnlichen Erkenntnis seine Zuf lucht zu nehmen, 
daft die Gestalt des Paulus gewissermafien an der Spitze der christ- 
lichen Tradition steht, daft also die Gestalt eines durch ubersinnliche 
Erlebnisse zum Verstandnisse des Christentums Gekommenen dasteht. 
Es ist gewissermafien das die Aussage dariiber, daft das Christentum 
zu verstehen unmoglich ist, wenn man nicht zu Erkenntnissen seine 
Zuflucht nimmt, die aus den Quellen des Ubersinnlichen geschopft 
sind. Notwendig ist es, die Gestalt des Paulus als die eines in die uber- 
sinnlichen Weltenzusammenhange Eingeweihten aufzufassen. Notwen- 



dig ist es, das, was er sich bemiiht hat der Menschheit beizubringen, in 
diesem Lichte zu sehen. 

Versuchen wir, in unserer heutigen Sprache uns einiges von dem 
vor die Seele zu fiihren, was, wie es scheint, gerade dem Initiaten Pau- 
lus von ganz besonderer Wichtigkeit war. Paulus war von ganz beson- 
derer Wichtigkeit der Hinweis auf eine ganz neue Art in bezug auf 
die Stellung des Menschen zur Weltentwickelung, die durch den Im- 
puls des Christus Jesus gekommen ist. Ihm war wichtig, zu sagen: Die 
Weltentwickelung, in die einbefafit waren die alten heidnischen Er- 
lebnisse, ist fur den Menschen abgelaufen. Neue Erlebnisse des Seelen- 
lebens des Menschen sind da; sie miissen nur angeschaut werden von 
den Menschen. - Damit hat Paulus schon hingedeutet auf jenen tief sten 
Einschnitt in der menschlichen Erdenentwickelung, auf den man ei- 
gentlich, wenn man die wahre Geschichte verstehen will, immer wie- 
der und wieder hindeuten sollte. Wenn wir in die vorchristliche Ent- 
wickelung, und zwar in diejenigen Zeiten zuriickschauen, welche noch 
in einer besonderen Weise charakteristisch waren, weil sie die hervor- 
ragendsten Eigenschaften des Vorchristlichen noch radikal gehabt ha- 
ben, so konnen wir sagen: da war das ganze menschliche Anschauen 
anders. Gewifi, nicht in einem Momente trat ein volliger Umschwung 
ein; aber dennoch ist das Ereignis von Golgatha dasjenige, welches be- 
zeugt, wie in der Entwickelung der Menschheit eine Phase sich trennt 
von der anderen Phase. Das Ereignis von Golgatha ist hingestellt 
an das Ende jener Entwickelung, in der die Menschen, indem sie die 
Sinneswelt anschauten, auch eine Anschauung des Geistigen hatten. 
So wenig das dem heutigen Menschen liegt, so wenig das dem heutigen 
Menschen plausibel erscheint, es ist so, daiS in der vorchristlichen Zeit 
die Menschen in der Regel mit dem Sinnlichen zugleich ein Geistiges 
sahen. Sie sahen nicht blofi Baume, nicht blofi Pflanzen, sie sahen mit 
den Baumen ein Geistiges, mit den Pflanzen ein Geistiges. Aber die 
Kultur fur diese Anschauung war abgelaufen, als das Ereignis von 
Golgatha herannahte. Ein neues Element sollte in die Menschheitsent- 
wickelung eingreifen. Wenn der Mensch in seiner Umgebung das Gei- 
stige in den physisch-sinnlichen Dingen schaut, so kann sein Bewufit- 
sein nicht ein solches werden, dafi in ihm der Freiheitsimpuls entsteht. 



Mit der Entstehung dieses Freiheitsimpulses mufi verbunden sein ge- 
wissermafien ein Verlassensein des Menschen vom Gottlich-Geistigen, 
wenn er blofi in die aufiere Welt hinaussieht. Es mufi verbunden sein 
mit diesem Freiheitsimpuls die Notwendigkeit, aus der tiefsten Kraft 
der Seele heraufzuholen die Anschauung des Geistigen. 

Das ist etwas von dem, was gerade Paulus der Menschheit offen- 
baren wollte, dafi in den Zeiten, in denen die Menschen nur waren 
das Geschlecht Adams, dafi in diesen alten Zeiten die Menschen nicht 
notig hatten, aus ihrem Inneren ein aktives Erlebnis hervorzuholen, 
um das Gottlich-Geistige zu sehen, weil ihnen mit alledem, was in der 
Luft und auf der Erde lebte, dieses Gottlich-Geistige als Damonisches 
entgegentrat. Aber uberwunden sollte fiir die Menschheit sein - oder 
wenigstens nach und nach es werden - dieses Zusammenleben durch 
den Sinnenschein mit dem Gottlich-Geistigen. Und es sollte die Zeit 
heranriicken, wo der Mensch notig hat, durch aktives, innerliches Sich- 
Erkraften erst zu dem Gottlich-Geistigen sich zu erheben. Verstehen 
lernen sollte die Menschheit das Wort: «Mein Reich ist nicht von die- 
ser Welt.» Nicht haftenbleiben sollte die Menschheit an einem Gott- 
lich-Geistigen, das aus dem Sinnenschein hervorgehen will. Finden 
sollte die Menschheit den Weg zu einem gottlich-geistigen Reiche, das 
innerlich erkampft, durch Entwickelung des Inneren erreicht werden 
soil. 

Man versteht ja heute Paulus so trivial, weil man immer wieder und 
wiederum den Hang entwickelt, das, was er gesagt hat, sich in seine 
eigene Sprache, in die Sprache der materialistischen Gegenwart zu 
iibersetzen. Man versteht ihn so trivial, dal$ man den einen Schwarmer 
nennen wird, der das Folgende, das aber durchaus wahr ist, iiber den 
Inhalt der Sprache des Paulus zu sagen hat. Paulus empfand es als 
eine grofie Weltenkrisis, dafi gewissermafien in der Dammerung ver- 
schwand das alte, sinnlich-geistige Anschauen, und dafi aufkommen 
sollte, wie in einem neuen Lichtreiche, das durch innere Initiative zu 
erringende Anschauen des Geistigen, das nicht zu gleicher Zeit da ist 
mit dem sinnlichen Anschauen. Paulus wufite aus seinem iibersinnlichen 
Initiatenerlebnis, dafi der Christus Jesus mit der Erdenentwickelung 
der Menschheit fortan seit der Auferstehung verbunden ist. Aber er 



wufite auch, dafi, obzwar der Christus Jesus auf der Erde wandelt, 
er nur zu finden ist durch das Aufraffen der inneren Sehekraft, nicht 
durch das blofie sinnliche Anschauen. Derjenige, der ihn erreichen 
will durch das blofie sinnliche Anschauen, der mufi sich iiber ihn tau- 
schen, der mufi irgendeinen Damon fiir den Christus halten. 

Das war dasjenige, was Paulus ganz gewifi den dazu Fahigen aus 
seiner Gemeinde immer wieder beibrachte, dafi man nicht mit dem 
alten Damonenschauen sich nahern solle dem Christus, dafi man da 
ganz bestimmt ein falsches Wesen fiir den Christus halten werde. Da- 
her war Paulus bemiiht, die Menschen abzubringen von dem Hin- 
blicken auf die Damonen der Luft und der Erde, die ihnen ganz ge- 
laufig sein mufiten in alteren Zeiten, weil fiir deren Anschauen noch 
atavistische, nunmehr unberechtigte Fahigkeiten zuriickgeblieben wa- 
ren. Dagegen ward Paulus nicht miide, immer wieder und wieder die 
Menschen zu ermahnen, diejenige Kraft des Inneren zu entwickeln, 
durch deren Entfaltung ein Verstandnis dafur gewonnen werden 
konnte, dafi in die Erdenentwickelung ein ganz neuer Impuls, eine ganz 
neue Wesenheit hereingezogen sei: Der Christus wird euch wiederkom- 
men, wenn ihr nur den Weg heraus findet aus der blofien sinnlich- 
physischen Anschauung der Erde. Der Christus wird euch wiederkom- 
men, denn er ist da. Nur fiir euch mufi er wiederkommen. Da ist er 
durch das Ereignis von Golgatha; ihr miifit ihn nur finden. 

Das ist, was Paulus in seiner Sprache kiindete, in einer Sprache, die 
dazumal ganz anders geistig klang als das, was im Nachklange die Men- 
schen heute ubersetzen in dasjenige, was bei ihnen heute beliebt ist, 
was ganz anders damals klang, als es heute klingt aus den Schriften 
des Paulus. Das ist, was Paulus immer wieder und wiederum als Uber- 
zeugung in den Menschen erwecken wollte. Erwecken wollte er die 
Uberzeugung: Man braucht eine andere Art des Anschauens als die- 
jenige, die geniigend ist fiir die sinnliche Welt, wenn man den Chri- 
stus verstehen will. 

Demgegeniiber ist die heutige Menschheit so weit gekommen, zwar 
noch zu reden von dem Gegensatz einer aufieren sinnenfalligen Wis- 
senschaft und dem Glauben. Der aufieren sinnenfalligen Wissenschaft 
gestattet die neuere Theologie, kompliziert zu sein, sachlich zu sein, 



angewiesen darauf zu sein, etwas zu lernen; dem Glauben gestattet 
sie das nicht. Der soli - wie immer wieder und wieder betont wird - 
an das Kindlichste im Menschen appellieren, an das, wozu man gar 
nichts zu lernen braucht. 

Damit hat eben jene Anschauung ihren Charakter bekommen, die 
selbst das Ereignis von Damaskus noch ableugnet als ein solches, das 
einer Wirklichkeit entspricht, und die das Ereignis von Damaskus nur 
nehmen will wie etwas, was eine Art Halluzination des Paulus war. 
Wenn aber das Ereignis von Damaskus eine blofte Halluzination war - 
oder ich kann auch sagen, wenn das Ereignis von Damaskus das war, 
was bei einer groflen Anzahl der modernen Theologen das Ereignis 
von Damaskus sein soil -, dann miifite man auch den Mut haben, zu 
sagen: So schnell wie moglich weg mit dem Christentum -, denn dann 
ist der grofite Unsinn mit dem Christentum in die Menschheit herein- 
gezogen. 

Das ist, was eigentlich gegeniiber den neueren theologischen Leh- 
ren notig ware, wenn die Menschen diese neueren theologischen Lehren 
noch erstens ernst und zweitens mutig genug nehmen wiirden; aber 
sie nehmen sie weder ernst noch mutig. Sie weichen zuriick vor der 
blofien aufieren sinnlichen Wissenschaft, leugnen den inneren realen 
Impuls des Ereignisses von Damaskus, halten aber dennoch an dem 
Christentum fest. Gerade in solchen Dingen driicken sich die inneren, 
die seelisch-geistigen Schaden unserer Zeit am allerdeutlichsten aus, denn 
in solchen Dingen zeigt sich die tiefe innere Unwahrheit unserer Zeit. 
Die Wahrheit mufite sich gestehen: Entweder war das Ereignis von 
Damaskus eine Realitat, etwas, was sich auf eine Realitat bezieht, dann 
hat das Christentum Sinn — oder das Ereignis von Damaskus war das- 
jenige, was die moderne Theologie sagt, die sich der neueren Wissen- 
schaft fiigen will, dann hat das Christentum keinen Sinn. Das ist so 
wichtig, dafi sich die Menschen solche Dinge vor die Seele riickten in 
dieser unserer Zeit, die eigentlich eine Zeit schwerer Pnifung ist. Denn 
indem die Menschen innerlich vor sich selber unwahrhaftig geworden 
sind in bezug auf ihre heiligsten Angelegenheiten, indem sie unwahr- 
haftig geworden sind in dem Sinne, dafi sie das nicht mehr Christen- 
tum nennen durften, was sie so nennen, hat die Neigung, die oftmals 



unbewulke, aber darum nicht minder verderbliche Neigung zur Un- 
wahrheit die Menschheit eben ergriffen. Und deshalb ist diese Nei- 
gung zur Unwahrheit da. Deshalb ist diese Neigung zur Unwahrheit 
so innerlich verkniipft mit den Ereignissen, die nunmehr zur volligen 
Dekadenz des europaischen Kulturlebens fiihren miissen, wenn nicht 
fiir dieses europaische Kulturleben noch zur rechten Zeit die Besinnung 
auftritt, zu einer geistigen Erkenntnis sich hinzuwenden. 

Sich hinzuwenden zu einer geistigen Erkenntnis, dazu geniigt nun 
wahrhaftig nicht, in dieser Zeit der schweren Priifungen im Kleinen 
stehenzubleiben, sondern dazu geniigt nur, wirklich die Dinge in ihren 
Tiefen zu nehmen und an die Notwendigkeit grofier Umwandelungen 
gerade in unserer Zeit zu denken. Immer wieder und wiederum mufi 
betont werden: Was ist denn im Grunde genommen heute ein solches 
Fest wie das Osterfest £iir einen grofien Teil der Menschheit? Wenn 
dieses Osterfest fiir einen grofien Teil der Menschheit heranriickt, 
dann besteht fiir die Gedanken, die man sich bei diesem Osterfeste 
im Kreise derjenigen macht, mit denen man es noch zusammen feiern 
will, dieses, daft man alte Denkgewohnheiten festhalt, dafi man auch 
ziemlich in den alten Worten redet, mehr oder weniger automatisch 
fortredet, dafi man dieselben Formeln hersagt, die man herzusagen 
gewohnt war durch lange Zeiten. Aber haben wir heute ein Recht, 
diese alten Formeln herzusagen, da wir in unserem Umkreis iiberall 
den Unwillen bemerken, teilzunehmen an der groflen, notwendigen 
Umgestaltung der Zeit? Konnen wir uns denn mit Recht auf das Pau- 
linische Wort berufen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», wenn 
wir so wenig geneigt sind, hinzuschauen auf das, was die Menschheit 
in grofies Ungliick gebracht hat im Laufe der neuesten Zeit? Mufi es 
nicht zusammenhangen gerade mit dem Osterfeste, sich klarzuwerden 
iiber das, was die Menschheit getroffen hat, und iiber das, was einzig 
und allein aus der Katastrophe herausfuhren kann: die ubersinnliche 
Erkenntnis? Wenn das Osterfest, das ja in seiner Bedeutung ruht auf 
der iibersinnlichen Erkenntnis — denn nimmermehr kann dasjenige, 
was das Osterfest bedeutet, die Auferstehung des Christus Jesus, blofi 
eine sinnliche Erkenntnis bedeuten -, miifite nicht, wenn dieses Oster- 
fest ernst genommen wurde, die Menschheit darauf bedacht sein, dafi 



Obersinnliches wiederum in die Erkenntnisse des Menschen einziehen 
mufi? Sollte nicht heute der Gedanke auftauchen: Die Verlogenheit 
der neueren Kultur, sie ist davon gekommen, dafi wir selbst iiber solche 
Dinge nicht mehr ernst sein konnten, wie dasjenige, was wir als un- 
sere heiligen Feste anerkennen? 

Wir feiern das Osterfest, das Auferstehungsfest, und haben langst 
aufgehort, aus der materialistischen Gesinnung heraus, im Ernste die 
Auferstehung begreifen zu wollen. Wir machen voile Feindschaft mit 
der Wahrheit, und wir suchen uns alle moglichen Auswege, urn statt 
der Wahrheit den Weltenspafi hereinzubekommen, den Weltenspafi, 
denn ein solcher ware es zu nennen, oder ist es zu nennen - wenn die 
Menschen das Fest der Auferstehung feiern und der neueren Wissen- 
schaft glauben, die selbstverstandlich an eine solche Auferstehung nie- 
mals appellieren kann. Materialismus und Osterfest-Feiern, das sind 
zwei Dinge, die unmoglich zueinander gehoren, die unmoglich neben- 
einander bestehen sollten. Auch der Materialismus der neueren Theo- 
logen vertragt sich nicht mit dem Osterfest heute. Wir leben in der 
Zeit, in der von einem der angesehensten Theologen Mitteleuropas ein 
«Wesen des Christentums» geschrieben worden ist, und in der es mog- 
lich geworden ist, dieses «Wesen des Christentums» als etwas beson- 
ders Hervorragendes zu preisen. Und in diesem «Wesen des Christen- 
tums» finden wir durchaus das Bestreben, die wirkliche Auferstehung 
des Christus Jesus nicht ernst zu nehmen; das gehort zu den Signaturen 
unserer Zeit. Das aber ist etwas, von dem eine tiefe Empfindung ein- 
ziehen sollte in die Herzen, in die Gemiiter der gegenwartigen Mensch- 
heit. Aber wir kommen aus der Misere nicht heraus, wenn nicht iiber 
die Feindschaft, welche die neuere Menschheit gegeniiber der Wahrheit 
einhalt, ein richtiges Gefiihl entsteht, wenn nicht die Dinge, die schon 
einmal im Leben eine so grofie Bedeutung haben, auch wirklich durch- 
schaut werden. 

Es ist notwendig, dafi diejenige Tendenz, welche in der fiinften 
nachatlantischen Zeit heraufgekommen ist, die Tendenz nach einer 
begreifbaren, dem menschlichen Urteilsvermogen angemessenen wis- 
senschaftlichen Erkenntnis, auch einziehe in die Erkenntnis der iiber- 
sinnlichen Welt. Denn zu den Ereignissen, die durchaus in der iiber- 



sinnlichen Welt liegen, gehort das Ereignis von Golgatha. Zu den Er- 
eignissen, die nur verstanden werden konnen durch iibersinnliche Vor- 
stellungen, gehort das Ereignis von Damaskus, wie es Paulus erlebt 
hat. Von dem Verstandnis dieser Ereignisse hangt es ab, ob man in 
Wahrheit von dem Christus-Impuls etwas fiihlen kann, oder ob man 
von dem Christus-Impuls nichts fiihlen kann. Geradezu eine Probe 
sollte sich der Mensch der Gegenwart auferlegen, indem er sich fragt: 
Wie stehe ich in derjenigen Zeit, die man auf das «Osterfest» getauft 
hat, wie stehe ich zu dem, was iibersinnliche Erkenntnisse sind? — Denn 
das Osterfest soil schon seiner Zeitfestsetzung nach erinnern an das 
Aufblicken des Menschen vom Irdischen zu dem Aufierirdischen. In 
bezug auf den Ausblick in das Aufierirdische hat ja der Mensch der 
Gegenwart nichts anderes sich reserviert als hochstens die Mathematik, 
die Mechanik, oder in der neueren Zeit noch die Spektralanalyse. Das 
sind die Grundlagen, durch die er sich Erkenntnisse iiber das AufSer- 
irdische verschaffen will. Er hat keine Empfindung mehr dafiir, daft 
er verbunden ist mit diesem Aufierirdischen, und dafi aus diesem Aufier- 
irdischen der Christus hergekommen ist und eingezogen ist in die Per- 
sonlichkeit des Jesus. 

Nehmen Sie die hier einschlagigen Gedanken nur geradezu ernst. 
Ich habe Sie ofter aufmerksam gemacht, wie feingeistige Naturen, wie 
Herman Grimm, die zwar heute variierte, aber doch im wesentlichen 
noch immer herrschend gebliebene Kant-Laplacesche Theorie nennen. 
Aus einem Urnebel hervorgegangen dieses Sonnensystem; im Laufe der 
Umwandelungen des Urnebels und seiner Verdichtungen Pflanzen, 
Tiere und auch der Mensch entstanden! Und weitergehend: die Erde 
einmal, nachdem alles auf ihr das Grab gefunden hat und nichts mehr 
tont in das Weltenall heraus von dem, was die Leute sich phantasiert 
haben an Idealen, an Kulturgebilden, die Erde hineinfallend wie eine 
Schlacke in die Sonne, dann auch in einer noch spateren Zeit die Sonne 
verspriihend im All, nicht nur begrabend, sondern vernichtend all das, 
was von den Menschen getan wird - es ist eine Anschauung von der 
Weltenordnung, wie sie nicht anders hat entstehen konnen in einer 
Zeit, in der man blofi mit den mathematischen, mechanischen Erkennt- 
nissen das Aufierirdische begreifen will. Aus einer Welt, in die man 



nur hinein rechnet, oder in der man die Eigenschaften der Sonne mit 
dem Spektroskop untersucht, in einer solchen Welt ist allerdings der 
Ort nicht zu suchen, aus dem der Christus heruntergekommen sein 
sollte, um sich mit dem Erdenleben zu verbinden! Ein gewisser Teil 
der Menschheit zieht es ja heute vor, weil er nicht zurechtkommt mit 
seinen Gedanken, lieber sich gar nicht damit zu beschaftigen, sondern 
fortzureden mit denjenigen Worten, die man gelernt hat aus den Evan- 
gelien, aus den Paulusbriefen, nachzuplappern, was man da gelernt 
hat, nicht nachzudenken, ob sich das vertragt mit dem, was man sonst 
als Anschauung gewinnt iiber die Entwickelung der Erde und der 
Menschheit. Aber eben darin besteht die tiefe innere Unwahrheit un- 
serer Zeit, dafi man sich herumdriickt um das wirklich nebeneinander zu 
Denkende, notwendig nebeneinander zu Denkende. Einen Nebel will 
man sich vormachen, damit man das Zusammengehorige nicht zusam- 
men zu denken braucht. Einen Nebel macht man sich deshalb schon 
auch vor, wenn man Feste feiert, wenn man vom Osterfeste spricht, 
vom Feste der Auferstehung, und eigentlich weit davon entfernt ist, 
sich einen Begriff von dieser Auferstehung zu machen, der ja heute 
nur mit geistig-iibersinnlicher Erkenntnis gemacht werden kann. 

Es ist schon einzig und allein moglich fiir den Menschen der Gegen- 
wart, noch eine Empfindung mit dem Osterfest zu verbinden, wenn 
er daran denkt, wie auch in unserer Zeit in der Tat eine Weltenkata- 
strophe gekommen ist, womit ich nicht nur die Weltenkatastrophe 
meine, die sich ereignet hat in den letzten Kriegsjahren, sondern wor- 
unter ich verstehe jene Weltenkatastrophe, die darin besteht, dafi die 
Menschen verloren haben Vorstellungen iiber den Zusammenhang des 
Irdischen mit dem Aufierirdischen. Es ist schon notwendig, dafi die 
Menschen der Gegenwart sich eine Klarheit dariiber, ein Bewufitsein 
davon verschaffen, daft auferstehen raufi aus diesem Grabe des mate- 
rialistischen Anschauens die ubersinnliche Erkenntnis. Denn mit der 
iibersinnlichen Erkenntnis wird die Erkenntnis des Christus Jesus aus 
diesem Grabe auferstehen. Im Grunde genommen hat man heute kein 
anderes Symbolum, das treffend ist fiir das Osterfest, als dieses: Des 
Menschen ganzes Seelenschicksal ist gekreuzigt in der materialistischen 
Weltanschauung. Aber der Mensch selber, die Menschheit mufi etwas 



tun, damit aus dem Grabe des Materialismus auferstehe dasjenige, was 
aus der iibersinnlichen Erkenntnis kommen kann. 

Dieses Streben nach der iibersinnlichen Erkenntnis ist selbst etwas 
Osterliches; es ist etwas, was, wenn es empfunden wird, den Menschen 
wiederum ein Recht gibt, so etwas zu feiern, wie es das Osterfest ist. 
Wenn Sie hinschauen auf den Vollmond und ahnen, wie dieser Voll- 
mond in seinen Erscheinungen mit dem Menschen zusammenhangt wie 
der Widerglanz des Sonnenhaften mit dem Mondhaften selber, so den- 
ken Sie daran, dafi gesucht werden soli von dieser neueren Mensch- 
heit eine Menschheitserkenntnis, eine Menschheitsselbsterkenntnis, 
durch die der Mensch als ein wirklicher Abglanz des Dbersinnlichen 
erscheint. Erkennt sich der Mensch als ein Abglanz des Ubersinnlichen, 
erkennt sich der Mensch in dem, was er ist, als konstituiert aus dem 
Obersinnlichen heraus, dann findet er auch den Weg zu dem Uber- 
sinnlichen. Es ist im Grunde genommen menschlicher Hochmut, der 
in der materialistischen Weltanschauung zum Ausdrucke kommt, der 
sich nur in einer ganz merkwurdigen Weise aufiert; menschlicher Hoch- 
mut, durch den der Mensch nicht sein will ein Abglanz des Gottlich- 
Geistigen, sondern durch den er sein will blofl das hochste der tie- 
rischen Wesen. Da ist er das Hochste. Es handelt sich nur darum, unter 
was er das Hochste ist! Dieser Hochmut, der fuhrt den Menschen da- 
zu, nun iiberhaupt nichts mehr anzuerkennen als sich selbst. Es ware 
schon, wenn wenigstens die naturwissenschaftliche Weltanschauung 
bei der Wahrheit bleiben wiirde, ihre Aufgabe, dem Menschen immer 
wieder und wiederum einzupragen: Du bist das hochste derjenigen 
Wesen, von denen du dir eine Vorstellung machen kannst. - Die Kon- 
sequenzen derjenigen Anschauung, die heute richtig «wissenschaftlich» 
sein will, die sind eigentlich so, dafi sie den Menschen erblassen machen 
miifiten; dafi sie ihm zeigen wiirden, aus welchen moralischen Unter- 
lagen sie eigentlich hervorgehen, wenn auch diese moralischen Unter- 
lagen zum grofien Teile unbewufit bleiben. Aber wahrhaftig, es ist in 
unserer Zeit schon die Epoche da, in der in einer besonderen Art der 
Christus Jesus gekreuzigt, zu Tode gebracht worden ist gerade auf 
dem Felde der Erkenntnis. Und ehe nicht die Menschen dazu kommen, 
die gegenwartige, rein am Sinnlichen klebende Art von Erkenntnis als 



das Erkenntnisgrab anzusehen, aus dem eine Auferstehung kommen 
mufi, eher wird die Menschheit nicht dazu kommen, sich zu solchen 
Gefiihlen und Empfindungen zu erheben, die osterliche sein werden. 

Daher sollten wir heute vor alien Dingen uns vor die Seele fiihren 
den Gedanken: Uberlieferungen von einem Qsterfeste, das am ersten 
Sonntag nach dem Friihjahrsvollmond stattfinden soil, sind da. Ein 
Recht, ein solches Osterf est zu feiern, haben wir heute, wenn wir Men- 
schen der Gegenwartskultur sind, nicht. Wie gewinnen wir wiederum 
ein Recht? Man verbinde den Gedanken an den im Grabe liegenden 
Christus Jesus, an den Christus Jesus, der zur osterlichen Zeit iiber- 
windet den Grabstein, der auf sein Grab gewalzt ist, man verbinde 
diesen Gedanken mit dem anderen, dafi die menschliche Seele fuhlen 
soli den Grabstein der blofien aufieren mechanistischen Erkenntnis auf 
sich, und daft sie streben mufi, zu iiberwinden den Druck dieser Er- 
kenntnis, auf dafi ihr werde die Moglichkeit, nicht bloft als ein wahres 
Glaubensbekenntnis dieses zu haben: Nicht ich, sondern das vollent- 
wickelte Tier in mir -, auf dafi sie wieder ein Recht habe, zu sagen: 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir.» 

Es wird erzahlt, dafi - in England soil es wohl gewesen sein - ein 
naturwissenschaftlich gebildeter Gelehrter gesagt hat, ihm sei es lieber, 
vorzustellen, daft er sich als Mensch nach und nach vom Affenhaften 
heraufgearbeitet habe durch eigene Kraft zu seiner jetzigen Hohe, als 
dafi er als Mensch sollte so heruntergekommen sein von einer einst- 
mals «gottlichen» Hohe, wie eben heruntergekommen schien sein Geg- 
ner, der eben nicht an die blofi naturwissenschaftlichen Vorstellungen 
glauben konnte. Nun, gerade solche Dinge weisen eben darauf hin, 
wie sehr es notwendig ist, den Weg zu finden von dem Bekenntnis: 
Nicht ich, sondern das vollentwickelte Tier in mir -, zu dem anderen: 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dieses Pauluswort zu ver- 
stehen, das sollte gesucht werden. Dann erst wird es wiederum moglich 
sein, dafi eine wahrhaftige Osterbotschaft aus den Tiefen unserer See- 
len herauf in unser Bewufksein einzieht. 



FONFTER VORTRAG 



Dornach, 3. April 1920, Karsamstag 



Gestern versuchte ich einiges zu sagen iiber die besondere Art der ersten 
christlichen Anfange, wie diese ihre Gestalt durch die Personlichkeit 
des Paulus bekommen haben. Es ist gewift in diesen Tagen die Veran- 
lassung der osterlichen 2eit, die zu solchen Betrachtungen hinweist. 
Allein, gerade indem wir gesehen haben, wie unberechtigt heute die 
Feier des Osterfestes bei zahlreichen Menschen ist, die vom Materia- 
lismus angekrankelt sind, wird es sich uns vor die Seele geriickt haben, 
dafi eine solche osterliche Betrachtung schon auch eine Zeitbetrach- 
tung sein konne, wenn wir uns bewufit werden, wie eine Art Oster- 
zeit heraufgefiihrt werden mufi in diesem gegenwartig mit so raschen 
Schritten in die Dekadenz hineingehenden Europa, iiberhaupt dieser 
gegenwartigen zivilisierten Welt. Sich zu erinnern an die Art und 
Weise, wie das Christentum in die Welt hereingetreten ist, ist heute 
berechtigte Osterbetrachtung; denn gerade heute hat man notig, zu ver- 
stehen, wie die Menschen sich selber einer wesenhaften Auffassung des 
Christentums immer ferner und ferner geriickt haben, und wie dieses 
Entfernen von einer wesenhaften Auffassung des Christentums doch 
alles andere bedingt, wo von wir ja oft gesprochen haben und was sehr 
stark zusammenhangt mit den Niedergangserscheinungen unserer Zeit. 
Diese Niedergangserscheinungen treten uns besonders dann entgegen, 
wenn wir einzelne Menschen, die es zuweilen gut meinen, heute anhoren. 

Sie konnten gestern einen merkwiirdigen Artikel in den «Basler 
Nachrichten» lesen, der einen aufierordentlich traurig stimmen kann. 
Er bringt die Wiedergabe eines Briefes aus dem Nordwesten Deutsch- 
lands. Der Briefschreiber, dem in einer gewissen Weise, wie es scheint, 
in diesem Artikel zugestimmt wird, macht darauf aufmerksam, wie 
iiberall sich heute Impulse geltend machen, die einfach die Zerstorung 
des Alten vorbereiten, ohne irgend etwas Neues an die Stelle zu setzen, 
wie sich alle Menschen von links und rechts Ulusionen hingeben und 
eigentlich gern immer Ulusionen hingeben. Und der Artikelschreiber 
selber sagt: Nun wird es schon so sein, daft eben iiber Europa der Bol- 



schewismus hereinbrechen miisse, dafi man ihn ruhig erwarten mufi; 
dann wird das schon die richtige Entwickelung sein, dann wird sich, 
wenn die Leute den Bolschewismus kennengelernt haben, daraus ja 
etwas Richtiges entwickeln konnen. - Aber der Artikelschreiber fiigt 
auch einige Zeilen hinzu, die beachtet werden sollten, und iiber die 
der gewohnliche Leser wie bei so vielem hinwegliest. Er fiigt hinzu: 
Man miisse auf etwas anderes heute sehen als auf das, was sich als 
Illusion die Leute links und rechts machen. Aber man solle auch nicht 
horen auf das, was einzelne Traumer sagen, sondern was die allge- 
meinen Impulse sind. 

Diese einzelnen gutmeinenden Menschen sind die eigentlich schwie- 
rigen Menschen in der Gegenwart, die im Grunde genommen einsehen, 
wie es immer mehr und mehr talab geht, und die immer eigentlich er- 
mahnen, wenn auch mit starkem Pessimismus ermahnen, man solle 
nicht horen auf diejenigen, die einen Versuch machen, aus der Misere 
herauszukommen. Denn diese einzelnen sind ja eigentlich nur die Re- 
prasentanten einer sehr, sehr breiten Masse der Menschen, die doch 
immer wieder, wenn nach irgendeinem akut auftretenden Chaos ein 
bifichen Ruhe eingetreten ist, gleich zufrieden sind, weil sie gar nicht 
sehen, wie in diesem Ruhe-Eintreten nichts wirklich Bedeutsames liegt, 
sondern wie der Weg so lange talab gehen mufi, bis einmal von einer 
geniigend grofien Anzahl von Menschen gehorig erfafit wird, dafi iiber 
dieses ungliickliche Europa eine Welle geistiger Erneuerung gehen 
miisse. Sonst kann es nicht besser werden. Es ist nicht moglich, mit 
irgendeiner Fortsetzung des Alten irgendwie weiterzukommen, und es 
ist am wenigsten moglich, mit Kompromissen weiterzukommen; denn 
die Kompromisse verderben, indem es mit ihnen kompromittiert ist, 
auch dasjenige, was als Neues sich geltend machen will. 

Schon gefuhlsmafiig konnte man sich vorbereiten auf die Stimmung, 
die da notwendig ist, wenn man zuriickblicken wiirde auf die ener- 
gische Art, wie um die grofie Erdenwende durch Personlichkeiten wie 
Paulus etwas ganz Neues in die Erdenentwickelung hereingebracht 
worden ist, was fortglimmt, was aber vorlaufig zugedeckt ist von viel 
Asche. Dazumal war ja eben jener Zeitpunkt, der das Alte von dem 
Neuen trennte, wenn auch der Obergang deshalb nicht bemerkbar ist, 



weil er allmahlich geschah - das Alte, durch das die Menschen, wie 
ich schon gestern angedeutet habe, wenn sie hinausblickten in die Na- 
tur, iiberall ein Gottlich-Geistiges sahen. Aber dieses Sehen des Gott- 
lich-Geistigen setzte sich auch fort, hinein in die Menschheitsanschau- 
ungen, in die Anschauungen von der menschlichen sozialen Ordnung, 
die Konfiguration der Menschen, wie sie lebten als Masse, wie sich ein- 
zelne hervortaten als Regierende, als priesterlich Fiihrende. Wir wol- 
len jetzt nicht darauf sehen, wie durch die Mysterienkultur diese Kon- 
figuration geregelt wurde; aber diese Konfiguration wurde angesehen, 
und sie wurde auch danach geregelt, als etwas auch ohne des Menschen 
Zutun Gegebenes, gewissermafien als ein vom Naturgeist Gegebenes. 

Derjenige, der durch die besonderen Einrichtungen und Tatsachen, 
die an irgendeiner Stelle vorhanden waren, der Fiihrer war, den an- 
erkannte man, weil man sich sagte, mit so oder so grofier Kraft spricht 
sich durch ihn das Gottliche selber aus. Wie man das Gottlich-Geistige 
verfolgte im Stein, im Berg, im Wasser, im Baum, so auch in den ein- 
zelnen Menschen. Und ich habe ja hier schon ausgeftihrt, daft fur diese 
alten Zeiten es einfach selbstverstandlich war, den Regierenden als 
den Gott selber anzusehen, das heifit als denjenigen, in dem sich die 
Gottheit wirklich manifestierte. Wenn die Menschen der Gegenwart 
nur etwas bescheidener waren und tatsachlich nicht ihre eigenen Mei- 
nungen hineintragen wiirden in dasjenige, was ihnen aus alten Dingen 
iibermittelt wird, wiirde viel klarer gesehen in diesen Dingen. Gewifi, 
heute hat man keinen solchen realen Begrif f : ein Mensch ist ein Gott. 
Aber in jenen alten Zeiten war es so, dafi man damit einen realen Be- 
griff verband. Geradeso wie man nicht blofi den fliefienden Bach sah, 
sondern das Gottliche, das sich da bewegte, so auch in dem, was im 
sozialen Menschenleben vor sich ging, sah man das gottliche Waken 
selber in unmittelbarer Gegenwart. Dieses Schauen des Gottlich-Gei- 
stigen in unmittelbarer Gegenwart kam immer mehr und mehr zum 
Abklingen. 

Aber bedenken wir, wie der Mensch sich finden konnte als Mensch 
in dieser Anschauung. Der Mensch konnte sich finden in dieser An- 
schauung, weil er sich eingebettet wufite in die Welt des Gottlich- 
Geistigen. Er wufite, das Gottlich-Geistige lebt da, wo die Sinnendinge 



sind und wo die Menschen sind hier auf der physischen Erde. Der 
Mensch wuike das. Er wufite, daiS er herausgeboren ist aus dem Gott- 
lich-Geistigen. Das «Ich bin aus dem Gott geboren, wir sind alle aus 
dem Gotte geboren», das wurde dem Menschen etwas ganz, ganz 
Selbstverstandliches, denn er sah es. Es war fur ihn ein Ergebnis seiner 
sinnesmafiigen Anschauung. 

Zu solch einem Ergebnis konnten die Menschen unmittelbar nicht 
mehr kommen, oder wenigstens immer weniger und weniger kommen 
in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eben in einer neuen 
Art die Kunde von dem Gottlich-Geistigen bringen sollte. Der Mensch 
konnte sich ja in jenen alten Zeiten sagen: Alles, was ich sehe in der 
Welt, zeigt mir, dafi die Dinge und Wesen von den Gottern kommen, 
daft sich ihr Dasein nicht erschopft im irdischen Dasein. - Der Mensch 
hatte ein Bewufksein des Ewigkeitscharakters seiner eigenen Wesenheit, 
weil er sein Herkommen von den Gottern durchschaute. Dieses Durch- 
schauen eines vorgeburtlichen geistigen Seins, das ist es eigentlich, was 
die alten heidnischen Bekenntnisse durchtrankt. Alles, was heute durch 
die landlaufige Wissenschaft als Charakteristik des Heidentums anzu- 
schauen ist, das ist eigentlich mehr oder weniger eine Rederei. 

Das Wesentliche des noch nicht in die Dekadenz gekommenen alten 
Heidentums war, daft die Menschen wufiten, sie waren Geist-Seelen- 
wesen, bevor sie geboren wurden; also erschopfte sich ihr Dasein nicht 
im irdischen Dasein. Wir Menschen konnen sicher sein, ewig zu sein, 
denn wir kommen von Gott, und Gott wird uns zu sich wieder zu- 
rucknehmen. Das war schliefilich doch die aus der Urweisheit kom- 
mende Erkenntnis der alten Zeiten. Und man kann sagen, diese aus der 
Urweisheit kommende Erkenntnis der alten Zeiten wurde mehr oder 
weniger jedem Volke in seiner Art fiir sich gegeben, denn sie war ge- 
bunden an eine elementar-geistige Anschauung, an ein Sehen des Gott- 
lich-Geistigen in den Sinnendingen. Dieses Sehen des Gottlich-Geistigen 
in den Sinnendingen, das war in jenen alten Zeiten abhangig vom Blute. 
Und je nachdem der Mensch zugehorte dieser oder jener Blutsverwandt- 
schaft, das heifit diesem oder jenem Stamme, diesem oder jenem Volke, 
mufke ihm eine besondere Form der Urweisheit iiber die Welt gegeben 
werden. 



So sehen wir denn mannigfaltige einzelne Arten der Urweisheit iiber 
die einzelnen Volker der alten Zeiten ausgebreitet. Eine Ausnahme 
machte nur das jiidische Volk, welches zwar seine besondere Form der 
Urweisheit auch gebunden hat eben an das Blut dieses Volkes, welches 
sich aber betrachtete als das «auserwahlte Volk», als dasjenige Volk, 
das zwar ein Volksbekenntnis oder eine Volkserkenntnis hat, aber eine 
Volkserkenntnis, die die eigentliche Erkenntnis des Menschengottes ist. 
Wahrend die heidnischen Volker ringsherum im wesentlichen ihren 
Volksgott verehrten, glaubte das jiidische Volk den Gott der ganzen 
Erde zu haben. 

Nun, das war ein Ubergangsverhaltms. In der Art, wie nun Paulus 
auftrat mit seiner Interpretation des Christentums, war griindlich ge- 
brochen mit alledem, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis 
bestimmte, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis in alten 
Zeiten bestimmen mufite. Denn Paulus machte zuerst geltend, dafi 
nicht das Blut, nicht die Volksgemeinschaft, nicht all das, was iiber- 
haupt in vorchristlichen Zeiten bestimmend war fur die Erkenntnis, 
weiter bleiben konne, sondern daft der Mensch selber seine Beziehung 
zur Erkenntnis durch innere Initiative herstellen musse, daft es eine 
Gemeinschaft geben musse derjenigen, die Paulus als die Christen be- 
zeichnete, eine Gemeinschaft, zu der man sich geistig-seelisch bekennt, 
in die man nicht hineingestellt wird durch das Blut, in die man sich ge- 
wissermafien selber hineinwahlt. 

Diese besondere Art, die geistige Gemeinschaft iiber die Erde hin 
so festzulegen, war fiir Paulus notwendig, weil die Zeit herannahte, 
in der der Mensch fiir die aufiere Erdenerkenntnis dem Materialismus 
verfallen mufite. Da mufke fiir die aufiere Erdenerkenntnis der Mensch 
von etwas anderem her sein Bewufitsein iiber seine geistig-seelische We- 
senheit bekommen als von der Anschauung des sinnlichen Erdenmen- 
schen. In alten Zeiten brauchte man den sinnlichen Erdenmenschen nur 
anzuschauen durch die Augen; durch alles das, was er in sich trug, 
manifestierte sich zugleich das Geistig-Seelische des Menschen. Das 
horte jetzt auf. Man suchte iiber das Geistig-Seelische auf anderem 
Wege zur Erkenntnis gelangen zu konnen. Man mufite, mit anderen 
Worten, das Problem des Todes begreifen lernen. Man mufite begreifen 



lernen, dafi dasjenige, was man allein durch sinnliche Anschauung hier 
auf dieser Erde vom Menschen sehen kann, hinstiirzen und in zahlreiche 
Teile zerfallen mag, daft aber im Menschen eine Wesenheit ist, die nicht 
in diesem sinnlichen Menschen unmittelbar schaubar ist, und die der 
geistigen Welt angehort. 

Es durfte also fernerhin dasjenige, was die Menschen zusammenhielt 
zu dieser christlichen Gemeinschaft, nicht abhangig sein vom Blut, denn 
gegen die Abhangigkeit vom Blute hatte sich immer der Einwand er- 
geben: Ja, wenn die Menschen an dem, was durch das Blut bestimmt 
ist, ihre Unsterblichkeit erkennen sollen, dann ware diese Unsterblich- 
keit nicht gesichert. Fiir die Alten mag das Blut sich dargestellt haben 
so, dafi es durch sich scheinen liefi die geistig-seelische Wesenheit des 
Menschen, aber jetzt stellt sich ja das Blut dar als der Beleber und Tra- 
ger desjenigen, was mit dem Tode endigt. Es ist notwendig, auf das 
Geistig-Seelische in seiner Reinheit hinzuweisen, wenn man nicht auf 
das Verstandnis des Problems des Todes im nichtmaterialistischen Sinne 
iiberhaupt verzichten will. Paulus konnte den starken Impetus, zu den 
Menschen zu sprechen von einem geistig-seelischen Wesen, das nicht an 
die sinnliche Materie gebunden ist, nur dadurch gewinnen, dafi ihm 
selber die Realitat dieses ubersinnlichen Wesens durch das Ereignis von 
Damaskus aufgegangen war. 

Es war die Erkenntnis des Ubersinnlichen, des Geistig-Seelischen in 
alten Zeiten an das Blut gebunden; so daft, indem der Mensch durch- 
setzt wurde von seinem Blute, ihm dieses Blut in die sinnliche Welt her- 
einbrachte die Offenbarung des Geistig-Seelischen. Das horte auf, und 
notwendig war, dafi die Menschen sich hinwendeten zu etwas, was 
nicht durch das Blut gegeben ist. Damit war aber eine grofie Gefahr 
verbunden. Damit war die Gefahr verbunden, dafi die Menschen in 
dem Zeitalter, das herauf kam, auch noch in irgendeiner Weise beim Er- 
kennen des Geistig-Seelischen auf sich selbst zuruckreflektieren woll- 
ten. In alten Zeiten konnte man auf sich selbst zuruckreflektieren, 
denn das Blut, das man in sich trug, war der Trager der ubersinnlichen 
Erkenntnis. Man war gewohnt worden, in- sich den Trager der uber- 
sinnlichen Erkenntnis zu sehen. Dafi die Menschen das fortan nicht 
notig haben, war fiir die Gutwilligen gegeben durch das Ereignis von 



Golgatha. Aber der allgemeine Entwickelungsgang ging noch eineWeile 
so fort, dafi die Menschen diese Gewohnheit, die sie friiher in bezug auf 
das Blut berechtigt gehabt hatten, nun fortsetzten, ohne dafi sie das 
gottgeheiligte Blut in sich trugen; dafi sie auch das Gottlich-Geistige 
erkennen wollten durch dasjenige, was ebenso in sich selbst gegeben 
war wie das Blut. 

Die Gefahr, die sich da herausstellte, bestand in folgendem, und es 
ist heute wichtig, dafi diese Gefahr sich aufklare. Das Blut bekommt 
man durch seine Abstammung, das Blut bekommt man durch die Ge- 
burt, und man tragt, wenn man ftinfundzwanzig, dreifiig, funfund- 
dreifiig Jahre alt ist, dieses Blut in sich, das man angestammt hat. 
Indem man in die Welt hereingetragen wird von den Weltenkraften, 
-bekommt man das Blut. Lebt im Blute die Garantie fur das mensch- 
liche seelisch-geistige Wesen, dann kann man sich auf dieses Blut ver- 
lassen. Aber dieses Blut hatte allmahlich die Tragfahigkeit fur das 
gottlich-geistige Wesen abgelegt. Die Menschen aber wollten noch im- 
mer den Weg zu diesem gottlich-geistigen Wesen auf dieselbe Art in 
sich finden, einfach dadurch, dafi sie geboren sind. Aber die Menschen 
konnten immer weniger finden den Weg in das Gottlich-Geistige ein- 
fach dadurch, dafi sie geboren sind. Denn wenn das Blut nicht herein- 
tragt in unser sinnliches Dasein die Oberzeugung von dem Ubersinn- 
lichen, so tragt unser Organismus keine Beziehung zu dem Ubersinn- 
lichen herein. Und so kam es, dafi die Menschen sich nur f ragen wollten 
nach dem Ubersinnlichen, indem sie sich auf sich selbst zunachst ver- 
liefien, das heifit auf alles dasjenige, was sie mit der Geburt in das Erden- 
dasein hineintragen. Aber im Christentum liegt die Aufforderung, sich 
nicht auf das zu verlassen, was man mit der Geburt ins Erdendasein 
hineintragt, sondern innerhalb dieses Erdendaseins eine Umwandelung 
durchzumachen, die Seele sich entwickeln zu lassen, wiedergeboren zu 
werden in dem Christus, das, was man nicht durch die Geburt empf an- 
gen hat, durch die Erziehung zu empfangen, durch das Erdenleben 
selbst zu empfangen. Das konnte nicht so schnell verstanden werden. 
Daher kam es, dafi noch die Nachklange der alten Blutsweisheit bis in 
das 15. Jahrhundert blieben, dafi von da aus noch die Gewohnheit 
blieb, das Gottlich-Geistige zu sehen durch die Abstammung, dafi aber 



zuletzt im 19. Jahrhundert bei dieser Gewohnheit der Mensch nicht 
mehr das Gottlich-Geistige sah, sondern nurmehr das Materielle. Weil 
der Mensch das Gottlich-Geistige nur noch sehen wollte durch den nicht 
umgewandelten Organismus, so sah er zuletzt dieses Gottlich-Geistige 
uberhaupt nicht mehr, und so kam mit dem 19. Jahrhundert die grofie 
Katastrophe der Gottverlassenheit der Menschen, des Unchristlich- 
werdens der Menschen, weil jetzt im Grunde erst endgultig herauskam, 
was zuerst durch die Tradition verdeckt war. 

Bis zur Entstehung des Protestantismus gab es eine christliche Tra- 
dition. Was sich die Apostel und Apostelschuler und die Kirchenvater 
erzahlt haben, die eine lebendige Tradition fortbewahrt haben, das 
kniipfte an die Offenbarung von Golgatha an. Aber die Tragfahigkeit 
dieser Tradition wurde immer diinner und diinner. Aus sich selbst her-„ 
aus kamen aber die Menschen nicht zu einer Auffassung des Ereignisses 
von Golgatha. Nun kam das 15., 16., 17., das 18. und das 19. Jahrhun- 
dert; die Menschen verloren den Zusammenhang mit der Tradition. 
Sie gaben zuletzt nur noch etwas auf die Schrift. Es kam die Zeit des 
Protestantismus, in der nur auf die Schrift etwas gegeben wurde. Die 
Tradition war auf gegeben worden. Aber im 19. Jahrhundert verfiel 
auch das richtige Verstandnis der Schrift, und im Grunde genommen 
ist es bei der grolken Zahl derer, die heute noch vorgeben, Christen zu 
sein, eben durchaus kein Christentum mehr, zu dem sie sich bekennen. 
Daher kam erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, wo die Notwendigkeit 
auftrat, das Ereignis von Golgatha wieder neu zu finden, das letzte Auf- 
flackern des antichristlichen Elementes, das ja natiirlich schon da war 
unter der Oberf lache der Erscheinungen, das aber ubertiincht war eine 
Zeitlang durch Tradition und Schriftwerk, herauf und wurde im Be- 
ginne des 20. Jahrhunderts am starksten. Schrift und Tradition hatten 
fur die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Selbst aber hatten sie 
noch nicht entziindet dasjenige Licht, das sie hinfiihrte zu einem Wie- 
derbegreifen des Ereignisses von Golgatha. 

Nur weil das so kam, konnten noch im 19. Jahrhundert und ins 20. 
Jahrhundert herein die allerunchristlichsten Erscheinungen die Mensch- 
heit ergreifen. Zwei der unchristlichsten Erscheinungen sind gerade die- 
jenigen, die ins 19. Jahrhundert hereinspielten. Da ist die erste Erschei- 



nung, die wir allmahlich aufglimmen sehen, im 19. Jahrhundert her- 
aufkommend, immer mehr und mehr die Gemiiter ergreifend: es ist das 
Aufkommen des Nationalitatsprinzips. Der Schatten des Blutsprinzips 
kommt herauf. Es wird aus dem Prinzip der Nationalist heraus das 
christliche Allgemeinmenschliche vollstandig zuriickgedrangt, weil 
noch nicht der neue Weg da war, dieses christliche Allgemeinmensch- 
liche zu finden. Das Antichristliche tritt auf zunachst in der Form des 
Nationalitatenprinzips. In den Nationalitatsbewulkseinen lebt wieder 
auf das alte Luziferische des Blutes. Und wir sehen die Auflehnung ge- 
gen das Christentum in den Nationalismen des 19. Jahrhunderts, was 
zuletzt gipfelt in der Phrase Woodrow Wilsons von dem Selbstbestim- 
mungsrecht der Nationalitaten, wahrend die einzige Realitat in der 
Gegenwart nur sein konnte die Uberwindung der Nationalismen, die 
Ausldschung der Nationalismen und das Ergriffenwerden der Men- 
schen von dem allgemeinen Menschtum. 

Das zweite ist, dafi die Menschen nicht aus dem erweckten Seelischen 
ihre Welterkenntnis entnehmen wollen, sondern aus dem blofien Ab- 
bild, aus dem materiellen Abbild dieses Seelischen. Der Anblick des 
Seelischen selber ist erstorben, aber der Mensch ist als natiirliches We- 
sen ein Abbild dieses Gbttlich-Geistigen. Dieses Abbild kann zwar nicht 
Geist-Erkenntnisse hervorrufen, aber intellektualistische Erkenntnisse. 
Das ist ja das Geheimnis, von dem ich Ihnen hier ofter gesprochen 
habe: dafi die Menschen das Geistige zwar erkennen miissen, indem 
sie sich zum Geist erheben, dafi aber fur das, was heute intellektua- 
listisch ergriffen wird, das Gehirn das wirkliche Werkzeug ist. 

Uber den Intellektualismus sollte man materialistisch denken; denn 
alles das, was gedacht wird, so wie die heutige Wissenschaft denkt, so 
wie die heutige Theologie denkt, wie das im Umkreis liegende heutige 
christliche Bewufksein denkt, all das ist nur vom menschlichen Gehirn 
gedacht, ist Materialismus. Die eine Seite sind die Wortbekenntnisse, 
die andere Seite ist der Bolschewismus. Der Bolschewismus ist dadurch 
so zerstorend fiir die Menschheit, weil er das Bekenntnis des bloften 
Gehirns ist, des materiellen Gehirnes. Und ich habe Ihnen ofter ge- 
schildert, wie dieses materielle Gehirn eigentlich ein Dekadenzprozefi 
ist. Wir konnen unseren Materialismus eigentlich nur dadurch entfal- 



ten, dafi in unserem Gehirn fortwahrend Zerstorungs-, Todesprozesse 
sind. Wenden wir das, was auf diese Weise gedacht wird in dem Leni- 
nismus, in dem Trotzkismus, auf die soziale Ordnung an, dann muE 
ein Zerstorungsprozefi hervorgehen, denn es wird gedacht iiber die 
soziale Ordnung aus dem heraus, was selbst Boden der Zerstorung ist: 
das Ahrimanische. Das ist diese andere Seite. 

Diese zwei Dinge sind heraufgekommen fiir die gesamten christ- 
lichen Elemente des 19. und 20. Jahrhunderts: der Nationalismus, die 
luziferische Gestalt des Anti-Christentums, und dasjenige, was gipfelt 
in den Leninismen und Trotzkismen, die ahrimanische Gestalt des Anti- 
Christentums. Das sind die Schaufeln, mit denen heute das Grab des 
Christentums gegraben werden soli, die Nationalismen und die Leni- 
nismen. Und iiberall, wo Kultus getrieben wird mit Nationalismen und 
mit Trotzkismen, wenn auch in abgeschwachter Gestalt, dort wird 
heute dem Christentum das Grab gegraben, dort herrscht fiir den Ein- 
sichtigen eine Stimmung, die im rechten Sinne eine Karsamstag-Stim- 
mung ist. 

Der Trager des Christentums ruht im Grabe, und die Menschen 
legen einen Stein darauf. Zwei Steine legten die Menschen auf den 
Reprasentanten des Christentums: die Nationalismen und die aufier- 
lichen Sozialismen. Und notwendig hat die Menschheit, herbeizufiih- 
ren die Zeit des Ostersonntags, des Hinweghebens des Steines oder der 
Steine vom Grabe. Aber nicht friiher wird das Christentum aus dem 
Grab auferstehen, bevor nicht die Menschen iiberwinden die Natio- 
nalismen und die falschen Sozialismen, bevor nicht die Menschen den 
Weg finden, das von sich aus zu suchen, was zum Verstandnis des 
Mysteriums von Golgatha fiihren kann. 

"Wenn heute die Menschen sich aus der Stimmung der Gegenwart 
zu dem Glauben Christi hinbegeben, dann mufi ihnen - dies ware ganz 
gerechtfertigt - der Engel erscheinen und ihnen dasselbe sagen, was 
er geantwortet hat, als er gefragt worden ist unmittelbar in der Zeit 
des Mysteriums: «Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie.» Er war da- 
zumal nicht mehr hie, weil die Menschen erst durch die Tradition sich 
durchfinden muftten und durch dieSchrift,um zu einer Eigenerkenntnis 
des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Heute ist diese Notwendig- 



keit vorhanden, denn die Schrift sagt nicht mehr das, was gewuftt wer- 
den soil, die Tradition sagt nicht mehr, was gewuftt werden soil. Nur 
die urspriingliche menschliche Erkenntnis kann wiederum sagen, was 
gewuftt werden muft. Und die Zeit muft herbeigefiihrt werden, wo der 
Engel antwortet: Der, den ihr suchet, ist hie. - Aber er wird nicht hie 
sein, bevor verschwinden die antichristlichen Impulse unserer Zeit. 
Paulus wollte die Menschen zusammenrufen zu einer Gemeinschaft 
mit dem Bewufttsein: die Unsterblichkeit ist dem Menschen sicher durch 
den Tod hindurch, «in Christo sterben wir». Bevor nicht wieder ver- 
standen wird, daft nur Geist-Erkenntnis zu dem Verstandnis des Pau- 
lus wirklich fuhren kann, kann auch keine soziale Besserung kommen, 
sondern nur weiterer sozialer Niedergang. Das ist das, was heute auch 
in bezug auf das Christentum verstanden werden mufi: daft der Mensch 
erzogen werden mufi zu der Geist-Erkenntnis, wie er in alten Zeiten ge- 
boren worden ist zu der Geist-Erkenntnis. 

Auch wenn man die Sache so betrachtet, tritt einem der ganze Ernst 
der gegenwartigen Zeit entgegen. Vor alien Dingen tritt einem entgegen 
die Notwendigkeit, daft man wirklich arbeiten muft an der Durchgei- 
stigung unserer Kultur. Soil denn ganz abgebrochen werden die Briicke 
zu der geistigen Welt hin, in die der Mensch ja einzugehen hat, wenn 
er durch die Pforte des Todes geht, in der der Mensch sich aufzuhalten 
hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Man bedenke, daft 
diese Briicke in die geistige Welt abgebrochen wird durch die Natio- 
nalismen und durch die falschen Sozialismen. Man bedenke, daft diese 
Dinge innig zusammenhangen mit den griindlichsten Notwendigkeiten 
unserer Zeit. Und wer sich mit diesen Dingen nicht bekanntmachen 
kann, wer also fortfahren will in dem Bewufttsein, daft nur das Ergeb- 
nis des materiellen Prozesses im Menschen ist, der arbeitet mit alien 
Kraften an dem Weitergehen der Dekadenz. Denn heute ist der Zeit- 
punkt da, in dem sich die Dinge entscheiden miissen. Sie miissen sich 
entscheiden. Aber sie konnen sich nur entscheiden durch der Menschen 
freien Willen. Freier Wille aber ist nur moglich auf Grundlage wirk- 
licher Geist-Erkenntnis. 

In der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand, hat man 
in Rom eigentlich eine merkwiirdige Toleranz geiibt gegen alle Be- 



kenntnisse. Nach und nach hat man sich sogar aufgeschwungen, nach- 
dem man das lange nicht getan hatte, zu einer gewissen Toleranz ge- 
geniiber dem Judentum. In Rom war man sehr tolerant zur Zeit, als 
das Mysterium von Golgatha allmahlich in die Entwickelung der 
Menschheit, also in die Entwickelung der damaligen Zeit sich ein- 
lebte - nur just gegen die Christen wurde man immer intoleranter. Man 
wurde gegen die Christen allmahlich so intolerant in Rom, wie man 
im Nachbilde bei den heutigen einzelnen Nationalitaten immer into- 
leranter gegen die anderen Nationalitaten geworden ist. Es ist eigent- 
lich fiir das, wie sich die Nationalitaten heute verhalten, das Vorbild 
die Intoleranz der Romer gegen das Auftreten einer wirklichen Geist- 
Erkenntnis; denn gegen diese lehnt sich sozusagen alles auf. Es gibt 
heute ganz hiibsche Bundnisse, wenn sie auch an der Oberflache noch 
nicht bemerkt werden, zwischen Jesuitismus und den allerradikalsten 
Elementen da oder dort. Aber in der Ablehnung der Geist-Erkenntnis 
sind schliefilich die allerradikalsten Kommunisten mit den Jesuiten 
vollstandig einig. Auch das erinnert an die Intoleranz des Romertums 
gegen das Christentum, und damals und heute hangt es im Grunde ge- 
nommen mit demselben zusammen. Damals und heute hangt es damit 
zusammen, dafi die Menschen im Grunde genommen in ihrer unbe- 
wufiten menschlichen Natur den Geist hassen, richtig den Geist hassen. 
Das Hassen des Geistes, es tritt einem sowohl auf seiten des Nationalis- 
mus wie des falschen Sozialismus stark entgegen, dieses Hassen des 
Geistes, dieses unbewufke Hassen des Geistes. Denn man soil sich nur 
einmal vorstellen, was heute bedeutet das Hassen des Geistes, und was 
heute bedeutet Nationalismus! In alten Zeiten hatte der Nationalis- 
ms einen Sinn, denn mit dem Blute war verbunden die Geist-Erkennt- 
nis. Wenn heute die Menschen in dem Sinne, wie sie es sind, nationa- 
listisch sind, so ist es vollig sinnlos, denn es hat der Blutszusammenhang 
keine reelle Bedeutung mehr. Es ist eine bloft phantasierte Bedeutung, 
dieser Blutszusammenhang, wie er im Nationalismus auf tritt. Es ist eine 
blofie Illusion. 

Deshalb haben die Menschen heute, wenn sie solchen Dingen an- 
hangen, kein Recht, irgendwie noch von einem Osterfeste zu sprechen. 
Das Sprechen vom Osterfeste ist eine Unwahrheit, und die Wahrheit 



mufi gerade darin bestehen, dafi der Engel wiederum sagen kann, oder 
dafi der Engel sagen kann jetzt erst: Der, den ihr suchet, der ist hie. - 
Aber der wird sicher nur mit etwas einverstanden sein, was fur alle 
Menschen gilt. Es ist heute so, wie es bei den Romern war, die am in- 
tolerantesten gegen die Christen waren. Denn, was taten denn alle 
anderen, aufier den Christen? Alle anderen aufier den Christen ver- 
ehrten den Kaiser von Rom noch mit den Lippen als einen Gott, opfer- 
ten auch dem Kaiser von Rom. Die Christen konnten das nicht. Die 
Christen konnten als ihren einzigen Konig nur den allmenschlichen 
Christus Jesus anerkennen. 

Hier liegt einer der Punkte, die linienhafte Fortsetzung in die Ge- 
genwart herein bekommen haben. Hier liegt der Punkt. Ja, man 
braucht es nur so auszusprechen: Was hat denn schliefilich der einzelne 
Mensch, sagen wir in England, noch gemeinschafthch mit dem, was 
sich in die Formel kleidet, in der jede ministerielle Verfugung in Eng- 
land erfliefk: «Im Namen seiner Majestat des Konigs»? Wollte man 
die Wahrheit, wie sie der Geist fordert, an die Stelle setzen, so wiirde 
das eben nicht da sein konnen. Was hat denn schliefilich das, was 
heute einen wirklichen Franzosen interessieren kann, zu tun mit dem 
Nationalismus Clemenceausf Welche innere Verlogenheit steckt in 
dem Nationalismus Clemenceaus! Es wiirde heute christlich sein, sol- 
che Dinge sich zu gestehen. Aber man ist intolerant gegen solches Ge- 
standnis. 

Sehen Sie, da kommen wir auf den Punkt, wo Unwahrheit tief in 
den Seelen der Menschen wuchert. Und diese Unwahrheit formt die 
anderen Steine des Nationalismus, des falschen Sozialismus zu einem 
Stein, der auf das Grab gewalzt wird, und mit dem zugedeckt wird 
dieses Grab. Es wird zugedeckt bleiben, bis die Menschen in der Wahr- 
heit zum Geist-Erkennen, und durch das Geist-Erkennen zum Erfassen 
des allmenschlichen Christentums wiederum kommen. Vorher gibt es 
kein Osterfest. Vorher gibt es keine Moglichkeit, dafi im Ernste ersetzt 
werde die schwarze Trauerfarbe durch die rote Osterfarbe; denn vor- 
her ist dieser Ersatz eine menschliche Luge. Es mufi nach dem Geiste 
gestrebt werden. Das allein kann noch Sinn geben dem heutigen Exi- 
stieren als Mensch. 



Gerade wer den Gang der Entwickelung der Menschheit in unsere 
Zeit herein versteht, der mufi das Wort fiir die heutige Zeit in der rich- 
tigen Weise pragen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nein, das- 
jenige, was angestrebt werden mufi, damit wieder zu einer Hoffnung 
fiir die Zukunft gekommen werden kann, das darf auch nicht von 
dieser Welt sein. Aber es spricht allerdings sehr gegen die menschliche 
Bequemlichkeit! Es ist schon bequemer, sich die alten Gewohnheiten 
als Ideale zu zimmern und sich dann innere seelische Wollust zu berei- 
ten dadurch, dafi man sich diese alten Gewohnheiten als Ideale zim- 
mert. Es ist schon bequemer dies, als sich zu sagen: Es mufi hingeschaut 
werden auf die grofie Verantwortlichkeit gegenitber der Menschenzu- 
kunft, der man allein gerecht werden kann dadurch, dafi man das Stre- 
ben nach dem geistigen Erkennen in die menschlichen Impulse auf- 
nimmt. 

So wird aus dem, was in der heutigen Zeit der Mensch erkennen 
sollte, das Osterfest bleiben mussen ein Fest der Mahnung statt eines 
Festes der Freude. Und eigentlich mussen diejenigen, die es ernst und 
ehrlich meinen mit der Menschheit, heute die Osterworte nicht sagen: 
Der Christus ist erstanden sondern sie miifiten sagen: Der Christus 
soil und mufi erstehen. 



SECHSTER VORTRAG 



Dornach, 30. Mai 1920 



Fiir die Weiterfiihrung unserer geistigen Anschauung wird immer mehr 
notig sein, daft unsere Freunde Riicksicht nehmen auf gewisse histo- 
rische Tatsachen. Es ist, man mochte sagen, in den vergangenen Jahr- 
zehnten gewifi ein schones Leben gewesen fiir unsere lieben Mitglieder, 
die sich darauf beschrankt haben, Kenntnis zu nehmen von dem, was 
an den verschiedenen Orten vorgetragen worden ist, was innerhalb 
dieser Vortrage sonst gesagt worden ist, und die in gewissem Sinne 
doch eine Art von Mauer ergaben, die nicht durchsichtig war fiir viele, 
eine Mauer, iiber die man nicht hinausschauen wollte auf dasjenige, 
was in der aufieren Welt vorgeht. Will man aber in der richtigen Weise 
hinausschauen auf das, was in der aufieren Welt vorgeht, will man 
nicht eine Sekte begriinden, sondern will man - was einzig und allein 
unsere Bewegung sein kann — eine historische Bewegung haben, dann 
ist es notig, daft man auch weifi, aus welchen historischen Vorausset- 
zungen dasjenige hervorgeht, was ringsherum in der Welt vorhanden 
ist. Und die Art und Weise, wie man uns, ohne daft wir auch nur im 
entferntesten irgend aggressiv vorgegangen sind, wie man uns insbeson- 
dere hier behandelt, die macht wohl im allereminentesten Sinne not- 
wendig, daft iiber die Mauern wirklich hinausgeschaut werde und ei- 
niges von dem verstanden werde, was in der Welt vorgeht. Deshalb 
mochte ich einiges von dem, was ich in der nachsten Zeit zu sagen habe, 
an allerlei historische Bemerkungen ankniipfen, um auf gewisse histo- 
rische Tatsachen hinzuweisen, ohne deren Kenntnis wir jetzt tatsach- 
lich wohl nicht weiterkommen konnen. 

Ich mochte zunachst heute auf eines hinweisen. Sie wissen, daft so un- 
gefahr zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts in den ver- 
schiedenen zivilisierten Staaten Europas und in Amerika so etwas Platz 
gegriffen hat, was man genannt hat eine Art realer Lebensauffassung, 
die sich im wesentlichen aufgebaut hat auf die Errungenschaften des 
19. Jahrhunderts und auch auf die Errungenschaften, welche die Zivi- 
lisation dieses 19. Jahrhunderts vorbereitet haben. Man hat iiberall an- 



ders gesprochen, aus einem anderen Unterton heraus, zu Beginn des 
letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, als dann in den spateren Jahr- 
zehnten und insbesondere in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhun- 
derts. Die Gedankenformen selbst, wie sie breiteste Kreise beherrschen, 
sind in dieser Zeit wesentlich andere geworden. Nun will ich heute nur 
eines hervorheben. Das, was dazumal im Beginne des letzten Drittels 
des 19. Jahrhunderts eine Art Gemeingut der Gebildeten war, war der 
Glaube daran, dafi der Mensch aus sich heraus, aus seinem Inneren 
heraus sich iiber die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens eine Ober- 
zeugung bilden soli, und dafi, trotzdem der Mensch aus diesem seinem 
Inneren heraus sich eine Oberzeugung iiber die wichtigsten Angelegen- 
heiten des Lebens bildet, nach dem, was ihm durch irgendwelche wis- 
senschaftlichen Ergebnisse vorgelegt wird, dafi trotzdem ein soziales 
Zusammenleben der Menschen innerhalb der zivilisierten Welt mog- 
lich sei. Es wurde gewissermafien eine Art Dogma, aber ein Dogma, 
das man freiwillig in weitesten Kreisen anerkannte, ein Dogma, dafi 
unter den Menschen, die einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben, 
Gewissensfreiheit moglich sei. Man hat zwar in den folgenden Jahr- 
zehnten niemals den Mut gehabt, gegen dieses Dogma geradezu auf- 
zutreten; allein mehr oder weniger unbewufk machte man doch Front 
gegen dieses Dogma. Und in der heutigen Zeit, nach der grofien Welt- 
katastrophe, ist dieses Dogma geradezu etwas, das in weitesten Krei- 
sen, allerdings mehr oder weniger heuchlerisch, aber doch zuriickge- 
drangt, vernichtet wird. Man mdchte sagen, in den sechziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts war in weitesten Kreisen der Glaube herrschend, 
dafi der Mensch eine gewisse Freiheit seines Gewissens haben miisse 
und auch eine gewisse Freiheit seines Kultus, alles desjenigen, was mit 
dem Kultus zusammenhangt. Dies hat man in gewissen Kreisen her- 
auf kommen sehen, und es ist von mir schon des ofteren hervorgehoben 
worden, wie gegen dasjenige, was da heraufgekommen ist, am 8. De- 
zember 1864 von Rom aus Sturm gelaufen wurde, wie von Rom aus 
diese ganze Bewegung dazumal behandelt worden ist. Es ist von mir 
hervorgehoben worden, dafi in der papstlichen Enzyklika des Jahres 
1864, die mit dem bekannten Syllabus zu gleicher Zeit erschien, aus- 
driicklich gesagt wird: Die Ansicht, dafi die Freiheit des Gewissens 



und der Kulte in eines jeden Menschen eigenes Recht gegeben sei, sei 
ein Deliramentum, ein Wahnsinn. Als Europa die gewissermaften vor- 
laufige Hochflut dieser Anschauung von der Freiheit des Gewissens 
erlebte, wurde von Rom aus offiziell erklart, diese Freiheit des Ge- 
wissens und die Freiheit des Kultus sei ein Wahnsinn. 

Dies mochte ich nur zunachst als eine historische Tatsache hinge- 
stellt haben. Ich mochte damit hinweisen, was stattgefunden hat in 
einer Zeit, in welcher fiir immerhin eine ganze Anzahl von Menschen 
die Frage aufgetaucht ist und von den Quellen des menschlichen Ge- 
wissens aus behandelt werden wollte: Wie kommen wir als Menschen 
religios weiter? - Diese Frage bildete in tiefstem Ernste und wirklich 
so, dafi sich zeigte, die Gewissen sind daran beteiligt, eine bedeutsame 
Zeitfrage. Ich mochte Ihnen nur ein Dokument als Beweis dafiir zur 
Vorlesung bringen, dafi diese Frage etwas bildete, was dazumal die 
gebildeten Menschen tief beschaftigte. 

Es gibt Reden jenes Rumelin, von dem ich Ihnen neulich im Zu- 
sammenhange mit Julius Robert Mayer und im Zusammenhang mit 
dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft gesprochen habe, Reden, die 
1875, also in diesem Zeitraume erschienen sind, von dem ich Ihnen 
jetzt spreche. Da wird auch auseinandergesetzt, welche Schwierigkei- 
ten die Menschheit gerade in bezug auf die Fortbildung der religiosen 
Fragen erlebt. Da wird auch darauf hingewiesen, wie notwendig es ist, 
mit klarer Einsicht diese Schwierigkeiten zu verfolgen. Wer nun ge- 
nauer diesen Zeitpunkt kennt, von dem ich hier spreche, der weifi, dafi 
die folgenden Worte Rumelins immerhin herausgesprochen sind aus 
dem Gewissen von Hunderten und aber Hunderten von Menschen. 
Wir haben gewifi keine Veranlassung, die besondere Form der Wis- 
senschaft, die dazumal aufgetaucht war, zu protegieren. Wir sind, so- 
weit wir Anthroposophen sind, dazu ausgeriistet, diese wissenschaft- 
lichen Richtungen weiterzubilden und in ihren relativen Irrtumern 
griindlich zu durchschauen. Wir sind auch ausgeriistet, zu erkennen, 
wie man, wenn die Wissenschaft auf diesem Standpunkte bleibt, mit 
ihr durchaus nicht weiterkommen kann. Aber es sind an vielen Punk- 
ten eben in weitesten Kreisen gerade iiber die religiose Frage Urteile 
aufgetaucht, an die man sich heute wiederum zuriickerinnern sollte. 



Und so wird dasjenige, was viele dazumal dachten, zusammengefafit 
von Riimelin 1875 in den folgenden Worten: «Es ist Ein Punkt, der 
zwar zu alien Zeiten Wissen und Glauben schied, aber niemals eine 
so uniibersteigliche Kluft zwischen beiden bildete, als jetzt - der Wun- 
derbegriff . So weit ist die Wissenschaft erstarkt, in sich sicher und iiber- 
einstimmend in alien Zweigen und Richtungen, Schulen und Parteien, 
dafi sie dem Wunder in jeder Art und Gestalt unbedingt und ohne 
weiteres die Tiire weist. Sie erkennt nur das Eine Wunder aller Wun- 
der an, dafi es iiberhaupt eine Welt gibt und gerade diese, aber inner- 
halb des Kosmos verwirft sie schlechthin jeden wie immer formulier- 
ten Anspruch, dafl die Durchbrechung seiner Ordnungen und Ge- 
setze etwas Denkbares oder gar etwas Vorziiglicheres sei als deren un- 
wandelbare Geltung. Das Wunder ist in ganz gleicher Weise fur alle 
Natur-, Geschichts- und philosophischen Wissenschaften in eben dem, 
was es sein und bedeuten will, ein begriffliches Unding, ein direktes 
Attentat auf alle Vernunft und die elementarsten Grundlagen aller 
menschlichen Wissenschaften. Wissenschaft und Wunder stehen ein- 
ander gegeniiber wie Vernunft und Unvernunft.» 

Als ich begann, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in offent- 
lichen Vortragen gewisse anthroposophische Fragen zu beruhren, da 
war noch ein letzter Nachklang von dieser Stimmung vorhanden. Und 
deshalb finden Sie - ich weifi nicht, ob jetzt viele hier versammelt sind, 
die noch diese ersten Vortrage verfolgt haben - in ziemlich vielen Vor- 
tragen hingewiesen auf das Problem der wiederholten Erdenleben und 
das Problem von dem Schicksal des Menschen, das sich durch die wie- 
derholten Erdenleben hindurchzieht. Sie finden bei diesem Problem 
stets darauf hingewiesen, immer am Schlufi des Vortrages suchte ich 
darauf hinzuweisen, wie im Grunde genommen fur jedes Leben - 
wenn man glaubt, dafi die altaristotelische Vorstellung richtig sei: jedes- 
mal, wenn ein Mensch geboren wird, werde eine neue Seele geschaffen, 
die eingepf lanzt werde dem menschlichen Embryo fur jedes einzelne 
Leben das Wunder statuiert sei, und dafi lediglich dadurch im berech- 
tigten Sinne der Wunderbegriff iiberwunden werde, dafi man die wie- 
derholten Erdenleben annehme, wodurch jedes einzelne Menschen- 
leben ohne Wunder an die vorhergehenden Erdenleben angereiht werde. 



Ich erinnere mich noch ganz lebhaft, wie ich einen der Berliner Vor- 
trage damit schlofi: Das Wichtigste werden wir in einer richtigen Weise 
iiberwinden, den Wunderbegriff . 

Seither ist es allerdings fast in der ganzen zivilisierten Welt anders 
geworden.Das ist zunachst eine historischeTatsache, aber diese schliefit 
etwas ein, was uns im eminentesten Sinne interessieren mui Das ist, 
daf$ in demselben Mafie, in dem der Mensch die Moglichkeit verliert, 
das Geistige in der Welt zu sehen, die Welt, die als Natur auch um ihn 
ist, geistig zu erklaren, in demselben Mafie mufi er neben die Natur 
und die sonstige Welt eine besondere Welt hinstellen, die dann der In- 
halt der Wunderwelt wird. Je mehr die Naturwissenschaft sich auf die 
blofie Kausalitat berufen wird, desto mehr wird das menschlicheGemiit 
aus einer ganz selbstverstandlichen Reaktion heraus den Wunderbe- 
griff aufnehmen. Je mehr die Naturwissenschaft so fortwirtschaften 
wird, wie sie f ortgewirtschaftet hat, desto zahlreicher werden die Men- 
schen werden, die in Religionen, welche zum Wunder greifen, ihre Zu- 
flucht suchen. Daher das zahlreiche Untertauchen moderner Menschen 
im Katholizismus, weil sie es gewissermafien in der naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauung nicht aushalten. 

Sie brauchen nur den Satz von Riimelin, den ich eben vorgelesen 
habe, zu vergleichen mit dem, was ich in den letzten Vortragen hier 
besprochen habe, dann sehen Sie gleich, um was es sich handelt. In 
diesen Riimelinschen Ausfuhrungen kommt vor: sie erkennen nur das 
eine Wunder aller Wunder an, dafi es iiberhaupt eine Welt gibt und 
gerade diese, aber innerhalb des Kosmos verwerf en sie schlechthin jeden 
wie immer formulierten Anspruch, dafi die Durchbrechung seiner Ge- 
setze und Ordnungen etwas Denkbares oder gar etwas Vorziiglicheres 
sei als deren unwandelbare Geltung. - Man denkt sich also das Ur- 
wunder, dafi der Kosmos iiberhaupt entstanden sei, dann aber inner- 
halb des Kosmos statuiert man das Gesetz von der Erhaltung des Stof- 
fes und von der Erhaltung der Kraft; dann rollt alles wie fatalistisch 
nach einer gewissen Notwendigkeit ab. 

Das ist eine Weltanschauung, die nicht haltbar ist, die aber erst 
iiberwunden werden kann durch jene Erkenntnisse, die ich mir erlaubte, 
vor Ihnen, in den letzten Vortragen dieser Wochen, auseinanderzuset- 



zen, wo ich Ihnen zeigte, wie das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes 
und der Kraft etwas Unrichtiges darstellt und dasjenige ist, was zu- 
nachst in unserer Zeit mit aller Energie iiberwunden werden mufi. Wir 
haben es nicht nur zu tun mit einer fortwahrenden Erhaltung des Kos- 
mos, sondern mit einem fortwahrenden Vergehen und Neuentstehen 
des Kosmos. Und legt man sich hinein in den Kosmos* die Idee dieses 
fortwahrenden Entstehens und Vergehens, dann ist man genotigt, weil 
man Mensch ist, eine besondere Welt neben dem Kosmos zu statuieren, 
welche Welt dann nichts zu tun hat mit den Naturgesetzen, die man ein- 
seitig darstellt, welche zum Wunder greifen mufi. In demselben Mafie 
wird allein der unberechtigte Wunderbegriff iiberwunden, in dem man 
verstehen lernt, dafi alles dasjenige, was in der Welt ist, in einer geisti- 
gen Ordnung steht, in der man es nicht nur zu tun hat mit einer ehernen 
Naturnotwendigkeit, sondern mit weisheitsvoller Weltenfuhrung. 

Je mehr man die geistige Welt als solche ins Auge fafit, je mehr 
man das ins Auge fafit, was man durch die Geisteswissenschaft be- 
kommt, desto mehr sieht man ein, dafi alles dasjenige, was die Natur- 
wissenschaft heute vorstellt, durchdrungen werden mufi von diesen 
geistigen Erkenntnissen. Daher mufi es immer mehr unsere Aufgabe 
werden, auf alle einzelnenWissenschaften und alle einzelnen Zweige 
des Lebens hinzuweisen so, dafi diese durchdrungen werden von dem, 
was nur Geisteswissenschaft sagen kann. Medizin und Jurisprudenz 
und Soziologie, alles das mufi durchdrungen werden von dem, was 
durch Geisteswissenschaft erkannt und erschaut werden kann. Diese 
Geisteswissenschaft braucht nicht irgendeine den alten Kirchen ahn- 
liche Organisation, denn sie appelliert an jeden einzelnen Menschen. 
Jeder einzelne Mensch kann aus seinem Gewissen heraus durch den ge- 
sunden Verstand dasjenige sich vergegenwartigen, was die Geisteswis- 
senschaft als Ergebnis liefert, und kann sich von diesem Gesichtspunkte 
aus zur Geisteswissenschaft bekennen. Damit stellt die Geisteswissen- 
schaft etwas hin, was unmittelbar sich nur richtet an das Wahrheits- 
suchen jeder einzelnen menschlichen Individuality. Sie zieht in Wirk- 
lichkeit erst die Konsequenz dessen, was man wollte in jener heute 
entschwundenen Zeit, im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhun- 
derts, als man wollte: Wirkliche Freiheit des menschlichen Anschauens, 



des menschlichen Forschens, des menschlichen Meinens auch. Das ist 
gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaft, die echten, die berechtig- 
ten Gewissensforderungen der neueren Menschheit zu beriicksichtigen. 
Da gibt es fur die Geisteswissenschaft nicht irgend etwas, was abge- 
schlossene Dogmen sind, sondern da gibt es eben nur wirkliches, durch 
nichts begrenztes Forschen, das aber weder vor der Grenze gegeniiber 
der geistigen Welt, noch vor der Grenze gegeniiber der natiirlichen Welt 
zuriickschreckt, sondern ein Forschen ist, das sich der menschlichen Er- 
kenntniskraf te, die herauszuholen sind aus den Tiefen des menschlichen 
Gemiites, ebenso bedient, wie derjenigen Krafte, die uns zukommen 
durch die gewohnliche Vererbung und durch die gewohnliche Erzie- 
hung. 

Diese Grundtendenz der Geisteswissenschaft ist selbstverstandlich 
ein Dorn im Auge denjenigen, welche genotigt sind, nach einem be- 
stimmten, dogmatisch umschriebenen Ziele hin zu lehren. Und da ste- 
hen wir, soweit es unsere Geisteswissenschaft interessieren mufi und so- 
weit es zu den erklarenden Umstanden gehort, die den jetzigen so un- 
wahren Kampf gegen uns moglich machen, da stehen wir vor jener 
Tatsache, die aber nur ein Ergebnis dessen ist, was schon 1 864 mit der 
damaligen Enzyklika und mit dem Syllabus begann, wir stehen vor der 
Tatsache, dafi der gesamte katholische Klerus, namentlich der lehrende 
Klerus, durch jenen in das moderne Leben so bedeutsam einschneiden- 
den papstlichen Erlafi vom 1. September 1910 und durch die Enzyk- 
lika «Pascendi dominici gregis» veranlafit wurde, den sogenannten An- 
timodernisteneid zu schworen. Dieser Eid besteht darin, dafi jeder, der 
kanzelmafiig oder kathedermafiig als katholischer Priester oder Theo- 
loge lehrt, anerkennen mufi, dafi keine wie immer geartete Wissenschaft 
dem, nach seiner Ansicht, widersprechen kann, was von der romischen 
Kirche als Lehrgut dogmatisch festgestellt ist. Das heifit, man hat es 
heute bei jedem Lehrenden oder kanzelmafiig redenden katholischen 
Priester zu tun mit jemandem, der den Eid geschworen hat, dafi alle 
Wahrheit, die jemals in der Menschheit Platz greifen kann, uberein- 
stimmen miisse mit dem, was als Wahrheit von Rom aus geltend ge- 
macht wird. Es war eine machtige Bewegung, die damals, als diese 
Enzyklika erschien, auch durch den katholischen Klerus ging. Denn 



es war in der ganzen zivilisierten Welt auch der Klerus in einer ge- 
wissen Weise ergriffen worden von der Stimmung, die ich Ihnen fiir 
den Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts charakterisiert 
habe. Es gab immerhin Kleriker, welche nach einer gewissen Freiheit 
des Katholizismus hinarbeiteten. 

Nun, ich sage es ganz unverhohlen, daft in den sechziger Jahren des 
19. Jahrhunderts bei einer groften Anzahl katholisierender Kleriker 
Keime vorhanden gewesen sind zu einer Fortbildung des katholischen 
Prinzips, die, wenn sie in eine freie Wissenschaft ausgelaufen ware, 
im hochsten Mafie zu einer Befreiung der modernen Menschheit hatte 
fiihren konnen. Die schonsten Keime lagen gerade in dem, was dazumal 
von katholischer Klerikerseite auf den verschiedensten Gebieten ver- 
sucht worden ist. Alles das mufi einmal hier unter uns noch ausfuhr- 
licher besprochen werden, muft mit Einzelheiten belegt werden. Ich 
mache Sie zunachst einleitend darauf aufmerksam, und gerade gegen 
diese innerkatholische Bestrebung machte sich ja das geltend, was 1864 
als die damalige Enzyklika und der Syllabus erschien. Dazumal begann 
jener Kampf , der seinen vorlaufigen Abschlufi im Antimodernisteneid 
gefunden hat. Und es war, ich mochte sagen, im Unterbewuftten man- 
cher Leute, die innerhalb des katholischen Klerus standen, auch noch 
1910 etwas von einer inneren Auflehnung. Aber in der katholischen 
Kirche gibt es keine Auflehnung. Da handelt es sich darum, daft eben 
der Grundsatz: Was als Lehrgut von Rom diktiert ist, das mufi aner- 
kannt werden -, daft dieser Grundsatz restlos durchgefiihrt werde. Und 
es handelt sich dann darum, daft diejenigen, die nun weiter lehren raufi- 
ten, daft die sich abfinden muftten mit dem, was sie abzuleugnen nicht 
den Mut hatten, die Freiheit der Wissenschaft. Freiheit der Wissen- 
schaft war eben unter dem Einflusse desjenigen, was da im Beginne des 
letzten Drittels des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist, ein Schlagwort ge- 
worden, das selbstverstandlich auch in liberalen Kreisen vielfach nur 
Schlagwort geblieben war; aber es war doch ein Schlagwort, und selbst 
katholische Gelehrte hatten nicht den Mut, zu sagen, sie brechen mit 
der Freiheit der Wissenschaft, sie wollen nichts wissen von der Frei- 
heit der Wissenschaft. Sie hatten also die Aufgabe, den Beweis zu lie- 
fern, daft man nur dasjenige lehren diirfe - man hatte es zu beeidigen, 



zu beschworen -, was von Rom als richtiges Lehrgut anerkannt wird, 
und dafi darin die Freiheit der Wissenschaft bestehen konne. 

Ich mochte Ihnen vorlaufig nur eine kleine Probe solcher Beweis- 
fiihrung mit ein paar Satzen vorlesen, die der katholische Theologe 
Weber in Freiburg im Breisgau seinem Buche «Theologie als freie Wis- 
senschaft und die wahren Feinde wissenschaftlicher Freiheit» einver- 
leibt hat. Da versuchte er ganz ausdriicklich zu beweisen, dafi man 
zwar verpflichtet sein kann durch Beschworungsformeln, nur vollin- 
haltlich dasjenige zu lehren, was einem von Rom aus zu lehren auf- 
getragen wird, dafi man aber dabei trotzdem ein freier Wissenschafter 
bleiben konne. Nachdem er lange auseinandergesetzt hat, dafi ja auch 
die Mathematik etwas Gegebenes sei und man deshalb die Freiheit der 
Wissenschaft nicht aufhebe, weil man an die Wahrheit der Mathematik 
gebunden sei, wenn man lehre, so geht er dazu iiber, zu beweisen, dafi 
man die Freiheit nicht auf gebe, wenn man dasjenige, was von Rom ge- 
geben werde, eben gezwungen sei, der Wahrheit gemafi zu lehren. Einer 
der Satze ist der folgende: «Damit, dafi der Gelehrte eidlich an den 
Glaubensinhalt gebunden ist, ist er nicht gebunden an bestimmte Er- 
klarungsweisen und Begriindungsversuche, so wenig als die eidliche 
Pflicht, zur bestimmten Zeit sich bei seinem Regiment einzufinden, 
dem Soldaten auch die Freiheit nimmt, ob er zu Fufi oder zu Wagen, mit 
Personenzug oder mit Schnellzug sein Ziel erreichen will. Also bleibt 
der Gelehrte trotz des Eides in seiner wissenschaftlichen Aufgabe frei.» 
Das heifit, man ist gezwungen, einen bestimmten Lehrinhalt zu lehren. 
Man ist gezwungen, gerade diesen Inhalt zu beweisen. Wie man das tut, 
darinnen ist man frei. Man ist so frei wie ein Soldat, der geschworen 
hat, in einem bestimmten Zeitpunkt bei seinem Regiment zu erscheinen, 
der dann zu FulS oder zu Wagen, in dem Personenzug oder mit dem 
Schnellzug fahren kann. Man soli sich nun denken, wie dieses zu Fufi 
oder zu Wagen, im Personenzug oder Schnellzug aussehen mufi. Es mufi 
unter alien Umstanden so aussehen, dafi man beim Regiment ankommt. 
Ich polemisiere nicht, ich spreche nur eine historische Tatsache aus. 

Dieser ganzen historischen Entwickelung liegt etwas ganz Bestimm- 
tes zugrunde: dafi ja im Laufe der letzten Jahrhunderte sich dasjenige 
langsam vorbereitet hat, was ich charakterisiert habe fur diesen Zeit- 



punkt vom Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, dafi das, 
was da als Stimmung weitere Kreise der gebildeten Welt ergriffen hat 
und so verheifiungsvoll war, jetzt eingeschlafen ist, dafi die Seelen 
dariiber schlafen. Es liegt das vor, dafi diejenigen Menschen, die dazu- 
mal noch diese Stimmung mitgemacht haben, jetzt zu den Altesten ge- 
horen, zu den alten abgetakelten Liberalen, dafi namentlich die Ju- 
gend in den letzten Jahrzehnten so gehalten worden ist, dafi sie die 
wichtigsten Anforderungen derMenschheit verschlafen hat.Daher mufi 
gerade heute der Appell an die Jugend gerichtet werden, dafi sie es 
anders machen mufi, wenn der Niedergang nicht weiter heraufziehen 
soil, als es diej
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