Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

Abteilung B: Vortrage 
II. Vortrage vor Mitgliedern 
der Anthroposophischen Gesellschaft 

Herausgegeben von der 
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung 



Band GA 185a 



RUDOLF STEINER 

Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen 
zur Bildung eines sozialen Urteils 

Acht Vortrage, 
Dornach 9. bis 24. November 1918 



2004 

RUDOLF STEINER VERLAG 



Unveranderter Nachdruck der von 
Johann Waeger besorgten 2. Auflage 



Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 

Seite 237 

Einband-Entwurf von Assja Turgenieff 



Band GA 185a 
3., unveranderte Auflage 2004 

© 2004 Rudolf Steiner Verlag, Dornach 
© 1963 Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto- 
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten. 
Druck und Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik, Kempten 
Printed in Germany by WB -Druck, Rieden 

ISBN 3-7274-1855-9 



Xu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten. 
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal 
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest, 
ohne dafi er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen 
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fur Uber- 
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage 
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorberei- 
ten konnte. 

Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage ba- 
sieren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die 
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra- 
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangs- 
jahre seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche 
Ausarbeitungen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung 
werden die Ubertragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den 
Bearbeitern (Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, ins- 
besondere hinsichtlich Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von 
Zitaten, Eigennamen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, 
wie zum Beispiel nicht entschliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder 
Liicken im Text, werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur 
Abklarung hinzugezogen. 

Weitere Angaben befinden sich am Schlufi des Bandes. 



Die Herausgeber 



INHALT 

Erster Vortrag, Dornach, 9. November 1918 9 

Episodische Betrachtungen iiber die geschichtlichen Ursachen der 
katastrophalen Ereignisse der Gegenwart 

Zweiter Vortrag, 10. November 1918 36 

Unterlagen zur Beurteilung der gegenwartigen Zeitverhaltnisse - 
Uber Unternehmergewinn, Rente, Lohn 

Dritter Vortrag, 15. November 1918 67 

Die Bedeutung der drei Klassen: des Adels, des Biirgertums und des 
Proletariats 

Vierter Vortrag, 16. November 1918 88 

Die «Schuld» am Kriege - Karl Marx, Personlichkeit und Werk - 
Die Aufgabe des Goetheanismus in der Welt 

Funfter Vortrag, 17. November 1918 107 

Die Dreigliederung des Mensdien und des sozialen Organismus - 
Die drei Glieder der Lehre von Karl Marx: Mehrwertstheorie, mate- 
rialistische Geschichtsauffassung und Klassenkampf - Die dreiSeelen- 
glieder des Menschen und ihre Ausbildung in den Volkern Europas 

Sechster Vortrag, 22. November 1918 147 

Die Ausbildung der marxistischen Lehre zur proletarischen Welt- 
anschauung - Der wirtschaftliche Kampf des Westens gegen die Welle 
des Blutes von Osten 

Siebenter Vortrag, 23 . November 1918 172 

Die Notwendigkeit einer Urteilsbildung auf Grund der Tatsachen 

Achter Vortrag, 24. November 1918 197 

Vom notwendigen Gebrauch des gesunden Menschenverstandes - 
Die aus den Geheimnissen der Schwelle folgende Dreigliederung des 
sozialen Organismus als geschichtliche Notwendigkeit 

Anhang 

Hinweise zum Text 226 

Weitere Ausfuhrungen zum Tbema im Werk Rudolf Steiners . . 236 

Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 237 

Zum Werk Rudolf Steiners 238 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 9. November 1918 



Es ist ganz plausibel, Ihnen wahrscheinlich audi, dafi in diesem 
Augenblicke manclierlei bedeutungsvoll in die europaische Entwicke- 
lung Eingreifendes sich vorbereitet, dafi gewissermafien entscheidende 
Wendungen bevorstehen. Das mag rechtfertigen, wenn wir heute epi- 
sodisdi und zugleich - das mul5 ich betonen, es ist gegeniiber der Ent- 
wickelung in der Zeit audi durchaus nicht anders moglich - aphoristisch 
einiges riickblickend besprechen von demjenigen, was zusammenhangt 
mit der Herbeifuhrung der gegenwartigen katastrophalen Ereignisse. 
Wir werden ja gewifi versuchen, weil sich das so geziemt innerhalb 
unserer anthroposophischen Bewegung, das, was ich gewissermafien 
wie eine Summe von aphoristisch vorgebrachten geschichtlichen Bemer- 
kungen werde zu sagen haben, zu benutzen, um daran dann vielleicht 
schon morgen weitergehende geisteswissenschaftliche, geisteswissen- 
schaftlich-geschichtliche Betrachtungen anzukniipfen. Allein es wird 
nicht vorauszusetzen sein, dafi jedem von Ihnen die Unterlagen fur 
weitere Ausblicke, soferne sie aus geisteswissenschaftlichen Untergrun- 
den heraus zu gewinnen sind, die tatsachlichen, au£erlich-sinnenf alligen 
Unterlagen, zur Verfugung stehen, und daher mochte ich heute ganz 
anspruchslos einiges von diesen tatsachlichen Unterlagen vor Ihnen 
hier besprechen. Es ist ja audi notwendig, dafi sich ein Gefuhl dafur 
entwickelt, dafi die Menschheit allmahlich kein innerliches Recht haben 
werde, schlafrig hinwegzugehen iiber die Zeitgeschichte und geschehen 
zu lassen, was eben geschieht, sondern die andere Empfindung mufi sich 
in unserem Zeitalter der Entwickelung der Bewufitseinsseele geltend 
machen, dafi ein jeder das Auge offen haben soil und mit wachem Be- 
wufitsein die Ereignisse, die da geschehen, vorurteilslos wenigstens ver- 
folgen soil. Es ist ja naturlich, dafi nicht jeder an einen Platz gestellt 
ist, von dem aus er ein dahingehendes Wissen irgendwie verwerten 
kann. Aber keiner von uns kann wissen, wann er vielleicht im klei- 
neren oder im grofieren Mafistabe aufgerufen wird, dies oder jenes 



mitzuberaten, mitzubeeinflussen, zu dem ereben dann ein offenes, vor- 
urteilsloses Wissen iiber die Ereignisse braucht. 

Nun wird ja allerdings vieles von dem, was gerade jiingste Ereig- 
nisse sind, in ihrem Zusammenhange mit der iibrigen geschichtlichen 
Entwickelung, rasch veraltet sein; es wird manches von dem, was jiing- 
ste, bedeutungsvolle Ereignisse sind, fur den weiteren Fortgang selbst 
der aufierlichen Menschheitsgeschichte der zivilisierten Welt in ge- 
ringem Mafie in Betracht kommen. Allein es wird in der Zukunft not- 
wendig sein, dafi man mit ofTenem Auge und wachem Bewufitsein sich 
dem gegeniiberstellt, was geschieht. Daher wird es schon gut sein, um 
ein Gefiihl, eine Empfindung zu bekommen, wie man sich so den Er- 
eignissen gegenuberstellen soli, manches von den abgelaufenen Ereig- 
nissen zu verfolgen. 

Einleitend nur mochte ich sagen: Ich habe im Laufe der Zeit, wah- 
rend welcher diese katastrophalen Ereignisse aufierlich sichtbar, deut- 
lich sichtbar selbst fur die Schlafrigen schon da sind in Form des so- 
genannten Krieges der letzten viereinhalb Jahre, ich habe manches 
Wort zu Ihnen gesprochen, da- oder dorthin gehend, dies oder jenes zu 
beleuchten. Und deswegen mochte ich eben einleitend bemerken, dafi 
ich jetzt, wo entscheidende, wenn audi nicht etwa einen Abschlufi her- 
beifiihrende - das wiirde ich durchaus nicht hervorruf en wollen, diesen 
Glauben, dafi man etwa vor einem Abschlufi stiinde -, aber wo in 
gewissem Sinne fiir die Beurteilung der ganzen Sachlage entscheidende 
Tatsachen sich abspielen, jetzt in diesem Augenblicke mochte ich es 
ausdriicklich betonen, dafi ich genau auf demselben Standpunkte stehe 
in bezug auf die Beleuchtung der Ereignisse, auf dem ich gestanden 
habe im Anfange des Hereinbrechens der sogenannten kriegerischen 
Katastrophe. Denn eine der bedeutsamsten Tatsachen, die die Mensch- 
heit im Laufe dieser letzten Jahre sich vor Augen fiihren konnte, ist 
diese, wie unendlich stark, wie unermeJRlich stark es moglich war, das 
menschliche Urteil allseitig zu korrumpieren, dieses menschliche Urteil 
in falsche Bahnen zu fiihren, namentlich dadurch audi in falsche Bah- 
nen zu fiihren, dafi man stets von verschiedenen Seiten her bemiiht 
war, die Beurteilungsmaximen, die Beurteilungsrichtungen aus falschen 
Ecken herauszuholen. Nicht wahr, es sind im Laufe dieser Jahre Urteile 



aus den versdiiedensten Interessengebieten heraus gefallt worden. Jede 
sogenannte Nation hatte schliefilich ihr Interessengebiet und urteilte 
mit mehr oder weniger, meistens mit wenigerWissen iiber die geschehe- 
nen Tatsachen. Und von mafigebenden Stellen, wenigstens von frag- 
wiirdig mafigebenden Stellen - aber man konnte sagen: wo waren denn 
andere in den letzten viereinhalb Jahren? - wurde diese falsche Rich- 
tung, in welcher diese Urteile sich bewegten, vielfach genahrt und viel- 
fach beniitzt, um das oder jenes zu erreidien. 

Vor alien Dingen hat ja immer von dem Ausbruche dieses sogenann- 
ten Krieges bis zum heutigen Tage von den versdiiedensten Stand- 
punkten aus, man konnte sagen, von den versdiiedensten Interessen 
aus, die sogenannte Schuldfrage in diesen Ereignissen eine grofie Rolle 
gespielt. In dem, was die Menschen da oder dort geurteilt haben, hat 
diese sogenannte Schuldfrage eine bedeutende Rolle gespielt. Aber man 
kann nicht sagen, dafi diese sogenannte Schuldfrage eine irgendwie 
giinstige Rolle gespielt hat. Gerade diese Schuldfrage und die Art und 
Weise, wie diese Schuldfrage das offentliche Urteil gelenkt hat, hat so 
ungeheuer korrumpierend auf das intellektuelle und moralische Ur- 
teilsvermogen der Menschen gewirkt. Und unendlich viel wird gutzu- 
machen sein, und wird nur gutzumachen sein auf geisteswissenschaft- 
lichem Wege, wenn die Korruption, die in bezug auf intellektuelle und 
moralische Urteilsverrenkung iiber die ganze zivilisierte Welt einge- 
treten ist, wiederum audi nur einigermafien zurechtgeriickt werden 
soil. Dabei kann man eines nicht unterlassen zu betonen. Unter den 
mancherlei Urteilen, die gefallt worden sind, sind ja solche, die in dem 
sogenannten guten Glauben, wenn audi nicht immer mit einem wirk- 
lichen Gewissen, mit einem wirklichen, der Verantwortung gegeniiber 
dem Worte sich bewufiten Gewissen, gefallt worden sind. Es sind 
solche, die in dem sogenannten guten Glauben gefallt worden sind audi 
auf Grundlage desjenigen, was man gerade gewufit hat, so dafi audi 
keine Anklage erhoben werden soil gegeniiber der einen oder der an- 
deren Urteilsrichtung. Aber vor alien Dingen wird der Gang der Ereig- 
nisse selbst zunachst nicht entkorrumpierend auf das Urteil wirken. 
Der Gang der Ereignisse wird vielleicht eher die Urteile im ungiin- 
stigen Sinne beeinflussen konnen, und gerade einer anthroposophisch 



orientierten Geistesbewegung wiirde es angemessen sein, da mandies 
einfach dadurcli bei sich selber und bei anderen zu berichtigen, dafi 
man das ganze Niveau des Urteiles, das ganze Niveau der Beurteilung 
wirklidi herausriickt aus denjenigen Spharen, in denen die Urteile iiber 
die ganze Welt bisher gefallt worden sind und sie in ganz andere Be- 
leuditung riickt. 

Da handelt es sich vor alien Dingen darum, dafi ja ganz gewifi, durdi 
den Gang der Ereignisse begunstigt, eine grofie Anzahl von Menschen 
jetzt denen redit geben wird, welche sagen konnen: Wir haben es ja 
immer gesagt, von seiten der europaischen Mittelmachte ist, ohne dafi 
sie irgendwie provoziert waren, ein Krieg in Szene gesetzt worden. 
Den Mittelmachten mufi man die Schuld beimessen. — Nun, das Urteil 
in diese Riditung lenken, hat gegeniiber den wirklichen Tatsachen auch 
nicht den allergeringsten Sinn. Und wenn man von der unmittelbaren - 
ich rede jetzt von einer unmittelbaren - Schuldfrage ausgehen wollte, 
so wiirde man bei gerechter Beurteilung ganz gewifi nicht dazu kom- 
men konnen, iiberhaupt die Frage von dem eben beriihrten Gesichts- 
punkte aus zu behandeln. Die Frage: Haben die Mittelmachte eine 
Schuld gehabt am Ausbruche dieses Krieges? - diese Frage hat eigent- 
lich in Wirklichkeit gar keinen ernsthaften Sinn. Und wenn man sich 
dagegen wendet, so wendet man sich hauptsachlich deshalb dagegen, 
weil das Bringen des Urteils in diese Richtung doch keinen eigentlichen 
greifbaren Inhalt und Sinn hat. 

Am wenigsten hat es einen Sinn gegeniiber den Tatsachen, die eben 
durchaus einmal an die OfTentlichkeit kommen miissen, etwa davon 
zu sprechen, dafi man von seiten der Mittelmachte aus einen Praventiv- 
krieg fiihren wollte, dafi ein sogenannter Praventivkrieg gefuhrt wer- 
den sollte. Diese Anschauung, die also etwa darinnen bestiinde, dafi 
man auf seiten der Mittelmachte gesagt hatte: Der Krieg mufi ja doch 
einmal kommen, dann wiirde er unter ungiinstigeren Verhaltnissen fur 
uns kommen, also beginnen wir ihn lieber friiher, denn wir sind dann 
in einem gewissen Vorteil -, diese Anschauung hat gegeniiber den Tat- 
sachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Davon kann iiberhaupt gar 
keine Rede sein, dafi man zu einem Urteil iiber die Sachlage kommt, 
wenn man das Urteil in diese Richtung lenkt. Es handelt sich wirklich 



bei einer solchen Sadie darum, daft man den Tatsachen ganz vorurteils- 
frei ins Auge sdiaut. Und da mufi man - und idi tue es heute apho- 
ristisch - eben naturlich auf Einzelheiten hinweisen, auf solche Einzel- 
heiten, die symptomatisch gravierend sind. Natiirlicli kann ich nicht 
bis zu Adam und Eva zuriickgehen. Dazu ist man ja immer, wenn man 
eine geschichtlicheDarstellung gibt, durch die manetwas zum Ausdruck 
bringen will, gewissermaften verftihrt. Allein ich kann nicht bis zu 
Adam und Eva zuriickgehen. Ich will zunachst nur weniges sagen und 
meine Betrachtungen iiber eine kurze Zeitspanne ausdehnen. 

Da fiihrt in eine Art Disposition unserer aphoristischen Betrach- 
tungen das hinein, daft ja aufterlich der Ausgangspunkt, ich mochte 
sagen, der Grundstoft zu diesem sogenannten Kriege ausgegangen ist 
von dem in Osterreich fabrizierten, nach Serbien geschickten Ulti- 
matum. Man wird also vielleicht gut tun, an diesen Ausgangspunkt 
der sogenannten kriegerischen Ereignisse, die betrachtet werden, die 
geschichtlichen Symptome anzukniipfen. Nun, gerade dieser Ausgangs- 
punkt fiihrt zuriick bis in die siebziger Jahre des neunzehnten Jahr- 
hunderts. Man kann dasjenige, was da zwischen dem gewesenen 
Osterreich und Serbien sich abgespielt hat, nicht betrachten, ohne zu- 
ruckzugehen bis zu der sogenannten Okkupation von Bosnien und der 
Herzegowina durch Osterreich-Ungarn im Jahre 1878. Diese Okku- 
pation von Bosnien und der Herzegowina durch Osterreich-Ungarn 
im Jahre 1 878, die bedeutet die Einleitung einer gewissen osterreichi- 
schen Politik, welche eigentlich in ihrem weiteren Verlaufe dann zu 
dem, was man das osterreichisch-serbische Ultimatum nennen kann, 
fiihrt. Aus den Wirren, die in Europa entstanden waren durch den 
russisch-tiirkischen Krieg in den siebziger Jahren, war ja der sogenannte 
Berliner Kongrefi hervorgegangen. Und dieser Berliner Kongreft hat 
neben anderen Taten, vorzugsweise auch unter dem Einflusse der da- 
maligen englischen Politik, Osterreich das Mandat ubertragen, Bosnien 
und die Herzegowina vorlaufig zu okkupieren. 

Im Grunde genommen hangt vieles, was sich auf dem Balkan ab- 
gespielt hat, zusammen mit dieser Okkupation von Bosnien und der 
Herzegowina durch Osterreich-Ungarn. Man muft daher die Frage 
aufwerfen: Wie ist es denn eigentlich gekommen, daft Osterreich ver- 



anlafit werden konnte, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren? - 
Es hat das sogar sdion etwas mit den Ursachen zum Ausbruch des rus- 
sisch-turkischen Krieges zu tun. Nach Sudosten hin grenzen balkan- 
slawische Volker an Usterreich-Ungarn an. Aber Osterreich-Ungarn 
selbst hat gegen Sudosten hin slawische Bevolkerung. Es hat die Siid- 
slawen, es hat die Kroaten, es hat die Slawonier, die sich, namentlich 
die letzteren, die Kroaten und Slawonier, sehr verwandt fiihlen mit 
den Serben. In Bosnien und in der Herzegowina, die ja bis in die sieb- 
ziger Jahre in einem etwas zweifelhaften, aber doch in einem Unter- 
tanigkeitsverhaltnis zur Turkei standen, da ist slawische und tiirkische 
Bevolkerung durcheinander gewesen. Da entstanden Unruhen, die zu- 
nachst so sich ausnahmen vor der europaischen Welt, dafi sie Unruhen 
sein sollten, welche sich gegen die Herrschaft der Tiirken richteten. 
Natiirlich, ich miifite jetzt viel ausfuhrlicher sein, wenn ich mehr tun 
wollte als skizzieren, aber ich will Ihnen nur einiges skizzieren. Nun 
ist schon interessant, sich dariiber zu unterrichten, wie denn dazumal 
eigentlich diese Unruhen, deren letzteNiederwerfungebenin derOkku- 
pation von Bosnien und der Herzegowina durch Osterreich bestehen 
sollte, zustande gekommen sind. Denn gerade die Art, wie diese Un- 
ruhen zustande gekommen sind, ist zeitgeschichtlich von aufierordent- 
lich grofier Bedeutung. 

Hatte man dazumal die Herzegowsken und die Bewohner von Bos- 
nien, die Bosniaken, fur sich selbst ihrem Schicksal iiberlassen, es waren 
wahrscheinlich nicht gerade Unruhen ausgebrochen, die Europa beson- 
ders beunruhigt haben wiirden. Allein solche Dinge wurden ja unter 
dem alten Regime, das aber nicht etwa blofi das alte Regime an der 
Stelle ist, sondern das im Grunde das alte Regime uber die ganze zivili- 
sierte Welt war bis jetzt, solche Unruhen wurden unter dem alten 
Regime offcmals, man kann schon sagen, fabriziert. Gewifi, unter den 
Bosniaken und den Herzegowsken waren Beunruhigungen ausgebro- 
chen; sie waren nicht zufrieden mit der tiirkischen Herrschaft. Aber 
das hatte, wenn man sie sich selbst iiberlassen hatte, eigentlich aufierlich 
Europa nicht in Aufruhr zu versetzen, in Unruhe zu fuhren gebraucht. 
Dasjenige, was aber geschehen ist, das geschah ganz gewifi auf Betrei- 
ben zahlreicher Versammlungen, die von Generalen und Untergene- 



ralen der verschiedensten, namentlich audi slawischer Nationen, in 
Wien abgehalten worden waren. Denn diejenigen, die hauptsachlich an 
jenem Aufstande, der dem turkisch-russischen Kriege voranging in je- 
nen fragwiirdigen Provinzen, teilnahmen, das waren zumeist Leute 
aus dem benachbarten Dsterreidi und Dalmatien, also Dalmatiner und 
dalmatinisch-osterreichische Montenegriner, die nach Bosnien und der 
Herzegowina hingeschickt worden sind. Man hat die Dinge von Wien 
aus so gedreht, dafi dalmatinische Bevolkerung, Beunruhigung hervor- 
rufend, hinubergeschickt worden ist in das benadibarte Bosnien und 
die Herzegowina. Die notige Munition und das Kriegsmaterial wur- 
den audi durch die zahlreidien Passe befordert. Die Regierung hat sich 
dazumal so benommen, dafi sie, um vor Europa gerechtfertigt dazu- 
stehen, bei einem Pafi Gendarmen aufgestellt hat, um irgendeinen 
Menschen, der mit ein bifichen Munition durch den Pafi nach Bosnien 
hiniiberkutschierte, abzufangen, zu der gleichen Zeit, zu der man Leute 
hiniibergesdiickt hat von Dalmatien und audi von Triest und durch 
andere Passe mit Munition und Kriegsmaterial ruhig hat passieren 
lassen. 

Dann sind die Unruhen inszeniert worden, und von Triest aus sind 
immer die entsprechenden Borsentelegramme nach Europa abgesendet 
worden iiber den Verlauf dieser furchtbaren Unruhen. Und als einmal 
die Journalisten der «NeuenFreienPresse» - Siewissen ja, Journalisten 
wollen nicht nur grofie Personlichkeiten, sondern audi Ereignisse inter- 
viewen - hiniiberkamen, wurden ihnen die Ereignisse vorgefuhrt. Da 
wurden sie hingestellt an einen Platz, wo es moglich war, grofie auf- 
standische Massen, so viel, als man doch nicht hingeschickt hatte, vor- 
zufiihren. Aber das hat man so eingerichtet, sehen Sie - ich zeichne 
im Grundrifi (es wird gezeichnet) -: Da stehen die braven Journalisten, 
und da zogen die Insurgenten vorbei. Aber es waren die Einrichtungen 
so getroffen - wissen Sie, wie beim Theater: da gehen sie heraus und 
da wieder herein -, dafi sie da dreimal vorbeigefiihrt wurden. So wurde 
ein soldier weltbewegender Aufstand inszeniert! Selbstverstandlich - 
die Journalisten konnten ja audi die ungeheure Zahl angeben, die sie 
da gesehen haben -, was sollte das europaische Publikum, das ja nicht 
autoritats-, aber zeitungsglaubig ist, was sollte das anderes tun als 



wissen, dafi da ungeheure Insurgentenmengen sind und dafi da irgend 
etwas gesdiehen miisse. 

Nun, die Dinge fiihrten dann zu der kriegerischen Verwickelung, 
fiihrten zum Berliner Kongrefi. Da erhielt dann Osterreich-Ungarn 
eben das Mandat, in diesen Provinzen, in denen alles so unruhig ist, in 
denen man immer befiirchten mufi, dafi Unruhen ausbrechen, da Ord- 
nung zu machen. Und es wurde ihm nicht die Annexion - es war schon 
die Zeit, in der man sich zu radikalen Entschliissen nidit aufraffen 
konnte es wurde ihm die Okkupation iibertragen. Das ist so eine 
halbe oder viertel Sadie. Es war damit etwas eingeleitet, was sich in 
gewisser Beziehung in Mitteleuropa mit einer gewissen Notwendig- 
keit ergab aus den vorangehenden DifFerenzen, die zwischen der 
mitteleuropaischen Bevolkerung, der norddeutschen Bevolkerung und 
Osterreich, den siiddeutschen Staaten 1866 ausgebrochen waren, was 
dahin gefiihrt hatte, dafi bei der Berliner Politik ein gewisser Zug ent- 
stand, Osterreich als Habsburgerreich mehr nach dem Osten, nach der 
Slawenseite abzuschieben. Und Sie diirfen glauben, dafi ein Mann wie 
ich, der mitten drinnengestanden hat, gerade als die entscheidenden 
Empfindungen bei den Deutschen Dsterreichs sich iiber diese Ereignisse 
entwickelten, dafi der schon iiber diese Sache in unbefangener Weise zu 
reden weifi, jetzt nach so viel Jahren, ich kann fast sagen Jahrzehnten. 
Es handelte sich darum, dafi als Begleiterscheinungen dieses Hinuber- 
schiebens des Habsburgerreiches nach dem slawischen Osten genommen 
werden mufite das An-die-Wand-Driicken der Deutschen Dsterreichs. 
Das lag naturlich im Sinne und Stile der Berliner Politik wiederum 
aus dem Grunde, weil es ja nicht zwei Reiche in Mitteleuropa mit ent- 
schieden deutscher Farbung geben kann; daher sollte Osterreich eine 
mehr slawische Farbung bekommen. 

Dadurch aber waren gewisse Vorbedingungen gegeben, die eigent- 
lich, wenn sie in gesunde Bahnen gelenkt worden waren, doch geeignet 
gewesen waren, aufierordentlich geeignet gewesen waren, aus dieser 
sogenannten Donaumonarchie ein europaisches Gebilde mit einer grofi- 
artigen Mission zu machen. Man konnte sich nichts Schoneres denken, 
als wenn in diese Tendenz, die Habsburgermonarchie nach Osten hin- 
iiber so langsam abzuschieben, die osterreichischen Deutschen ja an die 



Wand zu driicken - aber die wiirden sich ihre Aufgabe selber haben 
stellen konnen — , wenn da durdi diesen Rahmen, der dadurch entstan- 
den ist, zur rediten weltgeschichtlichen Stunde eine richtige Mission 
hineingegossen worden ware. Das ware, man kann wirklich schon 
sagen, nidit blofi fiir Europa, sondern fiir die ganze zivilisierte Welt 
von ungeheuerster Bedeutung gewesen. Denn es hatte gutes Material in 
diesem Gebiete von Europa. Man darf namlich folgendes nicht aufier 
acht lassen. Die Deutschen Osterreichs selber, sie sind so veranlagt - 
ich habe schon neulich auf einige Charakterziige hingewiesen dafi 
ihnen jeder imperialistische Impuls so fern wie moglich liegt. Es ist 
eigentlich vielleicht nicht einmal zu viel gesagt, wenn man die Meinung 
hat, dafi man abstimmen konnte, nicht blofi iiber das Wort, sondern 
iiber dasjenige, was Imperialismus als Impuls ist: man wiirde wahr- 
haftig sehr wenige Leute unter der wirklichen deutsch-osterreichischen 
Bevolkerung finden, die eine Ahnung davon haben, dafi man sich einer 
solchen Sache zuwenden konnte. Daher kam es audi, dafi sich diese 
deutsch-osterreichische Bevolkerung mit Handen und Fufien gestraubt 
hat gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina, die ja, 
wenn auch eine Art Talmi, aber doch eine Art Anfall fiir eine oster- 
reichisch-imperialistische Politik war, die eigentlich eine historische 
Unmoglichkeit war, weil Osterreich nicht so geartet ist, dafi es eine 
imperialistische Politik jemals aus seiner eigenen Wesenheit heraus 
hatte entfalten konnen. Diese deutsch-osterreichische Bevolkerung 
lebte, wie schon neulich gesagt, korrumpiert durch den Klerikalismus, 
in vieler Beziehung eine Art Pflanzendasein. Aber aus diesem Pflanzen- 
dasein heraus besteht die Moglichkeit, dafi sich gerade starke Indi- 
vidualitaten entwickeln. Und an Geistigkeit hat sich wahrhaftig in 
Individualitaten nicht wenig gerade aus diesen deutschen Gebieten 
Osterreichs entwickelt, auch in der Zeit, in der von Deutschland aus 
Deutsch-Dsterreich, weil man eben das Habsburgerreich mitslawisieren 
wollte, an die Wand gedriickt worden ist. 

Nun mufi man nicht vergessen, dafi allerdings innerhalb dieses Terri- 
toriums ein aufterordentlich stark chauvinistisches Element ist, das den 
spezifischen Charakter des Chauvinistischen an sich tragt: das ist das 
magyarische Element, das seinen Chauvinismus in riicksichtslosester 



Weise immer zur Durchfiihrung zu bringen gesuclit und audi gewufit 
hat durchzufiihren. Das ist von jeher eine sehr iible Beigabe gewesen, 
und ware es audi gewesen, wenn der osterreichische Rahmen mit einer 
Mission irgendwie angefullt worden ware. Aber dann kommen fur 
Osterreich in Betracht die verschiedenartigsten Slawen, die verschie- 
denartigste slawische Bevolkerung, und diese slawisdie Bevolkerung 
Osterreichs, sie hat nidit im geringsten in der Zeit, welche in Betracht 
kommt fur die Vorbereitung der gegenwartigen katastrophalen Ereig- 
nisse, an denen sie gewifi einen sehr grofien Anteil hat, irgendeine im- 
perialistisch geartete Politik in ihren Anlagen gehabt. Ganz entfernt 
von jeder imperialistisch gearteten Politik war die slawische Bevolke- 
rung, audi der poinische Teil der osterreichisch-slawischen Bevolke- 
rung. Und unvergefilich wird mir immer bleiben jene Rede, welche 
1879 Otto Hausner, der damalige poinische liberale Abgeordnete, 
gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gehalten 
hat gerade vom Standpunkte der Verdammung einer imperialistischen 
Politik aus. 

Dasjenige, was die Slawen in Osterreich trieben, war eigentiich im 
wesentlichen immer allerdings nationale - das ist das Schlimme daran - 
aber nationale Kulturpolitik. Sie wollten durch die Pflege der Natio- 
nalist, nicht in chauvinistischer Weise - das unterscheidet sie oder 
unterschied sie wenigstens immer von den Magyaren als Volker vor- 
wartskommen, als Volker dasjenige entwickeln, was in ihren Anlagen 
liegt. Hatte man alles das, was da in den Anlagen der verschiedenen 
Volker Osterreichs ist und was durch den Rahmen Osterreich eben ein- 
geschlossen war, gewufit in eine Mission zu vereinigen, so hatte eben 
wirklich Grofies und Bedeutsames daraus entstehen konnen. Denn die 
slawische Bevolkerung Osterreichs war niemals, audi noch nicht im 
Beginn dieser kriegerischen Weltkatastrophe, geneigt, sich darauf ein- 
zulassen, mit der slawischen Bevolkerung Rufilands irgendeine Kon- 
foderation einzugehen. Die slawische Bevolkerung Osterreichs, viel- 
leicht mit Ausnahme der polnischen, die ihr eigenes geschlossenes Reich 
haben mochten, aber die andere slawische Bevolkerung Osterreichs, 
war vor alien Dingen noch lange in diese Kriegszeit herein - diese 
Kriegszeit hat eben verschiedene Phasen, die man jetzt noch nicht be- 



riicksiditigt und unterscheidet - durchaus nodi nicht irgendwie rufi- 
landfreundlidi gesinnt. Was die slawische Bevolkerung Usterreichs, 
indem das zum Ausdrucke kam durch ihre Fuhrer, wollte, das war 
gerade eine slawische Kulturpolitik der osterreichisch-slawischen Vol- 
ker, vielleicht mit einiger Ausdehnung iiber die Balkanslawen, aber in 
ausgesprochener Weise gerichtet gegen den 2arismus. Gewifi, einzelne 
Erscheinungen weichen davon ab, aber auf die kommt es im grofien 
Ganzen nicht an; aber daher ist im Grunde genommen jene rasche und 
grofie Wendung der osterreichischen Slawen zu Rutland hin erst ge- 
schehen mit dem Sturze des Zarismus. Der Sturz des Zarismus hat fur 
Osterreich ungeheuer entscheidend gewirkt, dennmiteinemzaristischen 
Rufiland waren die Slawen Osterreichs niemals zu vereinigen gewesen, 
in ihren Sympathien meine ich, und darauf kam es ja an; denn die 
Tschechoslowaken-Frage wurde im ganzen Hergang der Ereignisse 
eine der allerwichtigsten. 

Nun hat man in Osterreich nicht verstanden, das alles zu sehen und 
in eine Mission zu vereinigen, und das war das tragische Geschick 
Usterreichs. Man hat das eben durchaus nicht verstanden. Nun war 
selbstverstandlich unter der slawischen Bevolkerung Osterreichs eine 
grofie Garung, die darauf hinzielte, dasjenige zu verwirklichen, was 
ich eben angedeutet habe: Befreiung der Slawen als Nation so, dafi sie 
ihre Anlagen frei entwickeln konnen im Rahmen Osterreichs. Das alles 
wurde statt in eine grofie Kulturmission, in Osterreich unter dem Ein- 
flusse der habsburgischen Hausmachtpolitik und unter dem Kleri- 
kalismus leider gezwangt in eine Politik, welche Moriz Benedikt nicht 
mit Unrecht eine «ararische Polkik» genannt hat. Man kann sie audi 
nicht gut anders bezeichnen. Es ist eine Politik, welche so durchein- 
andergemischt ist aus schlampiger Soldatenorganisation, noch schlam- 
pigerem Biirokratismus, aus einem nicht ganz vollendeten, aber audi 
wiederum zu Schlampigkeit neigenden Pedantismus und so weiter. 

Das ist eben hauptsachlich dasjenige Element, von dem ich neulich 
einmal sagen konnte: es gehorte zu dem, was einen eigentlich nichts 
anging. Nun aber, wir diirfen nicht vergessen: Solche Garungen, die 
dann keine territorialen Grenzen kennen, sind Material fur kommende 
Ereignisse. Nicht wahr, wenn es irgendwo, sagen wir, bei den Tschechen, 



gart, wenn man da etwas will, so konnen irgendwelche Grofimachte 
gewissermafien wettlaufen um die Sympathien einer solchen Volks- 
gemeinschaft - audi um die realen Sympathien, die dann zu etwas 
fiihren. Grofimachte, die gar nidits dort zu tun haben, die bemach- 
tigen sich eines soldien Gebietes. Dadurch entstehen unnatiirliclie 
Verhaltnisse in der Welt. Es sympathisieren dann also in dem Beispiel, 
das ich gewahlt habe, die Tschechen mit einer Grofimacht, von der sie 
sich eine Forderung in ihren Aspirationen versprechen, mit einer Grofi- 
macht, mit der sie sonst gar nicht weiter irgendwie Sympathien ent- 
wickeln konnten. Dadurch, mit diesen Vorbedingungen, die da gegeben 
werden, sind fur diejenigen, die schlau sein konnten, fur diejenigen, 
die die Politik im alten Sinne verstehen, zahlreiche Moglichkeiten ge- 
geben zu Wiihlereien, wenn man das oder jenes will. Es bildet sich 
ZiindstofF fur Konflikte, den man dann beniitzen kann. Nun, der lang- 
jahrige osterreichische Ministerprasident Graf Taaffe, dem iibertragen 
war, eine sogenannte Versohnungspolitik der verschiedenen Volker 
Usterreichs zu bewirken, hat den Grundcharakter seiner eigenen Poli- 
tik selber bezeichnet: «fortwursteln». Ja, es ist vielleicht schwer zu 
iibersetzen, «fortwursteln»; das heifk vielleicht also: so schlampig fort- 
machen, ohne dafi man eine Idee sich bildet, wie es nun weiter gehen 
soil. Man macht, macht, macht so, bis der Karren nicht mehr weiter- 
geht. - «Fortwursteln» nannte der Graf TaafTe dasjenige, was der 
Kern seiner eigenen Politik war. Dann kamen andere, die den Grafen 
Taaffe ablosten, aber sie wurstelten auch fort. Sie betrachteten die Ver- 
sohnung immer so, dafi sie einmal der einen Nationalist eine Universi- 
tat bewilligten, ein andermal der anderen Nationalist irgendeinen 
Landesausschufi oder so etwas bewilligten, eine Bank griindeten oder 
dergleichen. Dadurch brachten sie die Nationalitaten erst recht durch- 
einander und entfremdeten sie einer wirklichen Mission, die sich hatte 
finden lassen, die auch verstanden worden ware, wenn man sie nur 
wirklich gebracht hatte. 

Und so eigentlich ging es, bis das unselige Jahr 1914 herankam. Man 
kann nicht einmal sagen, daft diese Ermordung des Erzherzogs Franz 
Ferdinand viel mehr war als ein aufierer Anlafi zu dem, was dann als 
sogenanntes Ultimatum von O'sterreich-Ungarn an Serbien gestellt 



worden ist. Denn man war schon langst nicht mehr in dem Stadium, 
in dem sich solche Ereignisse wie diejenigen, die nun hereingebrochen 
sind, direkt etwa dadurch entschieden, dafi diese oder jene Gegensatze 
da waren. Diese oder jene Gegensatze wurden nur bemitzt, um weit- 
aus andere Dinge zu erreichen. Nun, will man die Frage beantworten: 
Wollte innerhalb Dsterreichs irgend jemand den Krieg, der dann ge- 
kommen ist? - so wiirde man die Frage in ganz falsche Richtung len- 
ken, wenn man das eine oder das andere Volk Dsterreichs anklagen 
wollte, oder audi, wenn man gar die osterreichische Regierung an- 
klagen wollte. Denn die osterreichische Regierung 1914: ein weit iiber 
achtzig Jahre alter, nicht mehr denkfahiger Kaiser, dem es wirklich 
nicht darauf ankam, einen Krieg zu fiihren; ein bis zum Pathologischen 
unfahiger AujSenminister, der Graf Bercbtold, der wohl geeignet war, 
da oder dort hingeschoben zu werden, aber dem man ja nicht zumuten 
darf, dafi er irgendwie den initiativen Gedanken hatte fassen konnen, 
irgendeinen Krieg zu entfesseln. Und diejenigen, die ihn als Kreaturen 
umgaben, gerade im engeren Amte, die waren sction sicher auch wenig 
dazu geeignet, den Krieg zu entfachen. Also wer innerhalb der oster- 
reichischen Regierung oder innerhalb der Hofburg von Wien die Schuld 
zu diesem Kriege sucht, der lenkt eigentlich die Frage in eine ganz 
falsche Richtung, denn solche Unfahigkeit beschliefit keine Kriege. Ich 
sage das nicht aus einer Emotion heraus, ich sage es auch nicht, um 
etwas zu beurteilen, sondern als eine Zusammenf assung vonTatsachen. 

Aber man darf das andere nicht vergessen. Man kann ja noch nach 
anderen Richtungen die Blicke lenken. Man mufi sich klar dariiber sein, 
daft ja imHintergrunde von allem,was in den letzten Jahren geschehen 
ist, eine Kriegsmoglichkeit lag, eine Kriegsmoglichkeit, welche nach 
den verschiedensten Richtungen sich ausleben konnte.Und diese Kriegs- 
moglichkeit liegt, ich mochte sagen, in einer historischen Entwickelung 
selbst. Ich habe hier oft davon gesprochen. Sie liegt einfach darinnen, 
daft von der englischsprechenden Bevolkerung der Welt aus gewissen 
Voraussetzungen heraus die Weltherrschaffc angestrebt wird. Dies ist 
eine Tatsache, die man als Tatsache hinnehmen mufi. Aber nicht wahr, 
einer solchen Tatsache gegeniiber verhalten sich nicht alle Menschen, 
die nicht dazu gehoren zur Anstrebung dieser Weltherrschaft, ganz 



passiv, sondern sie haben allerlei Aspirationen, und dadurch kann so 
mandierlei geschehen. So dafi einfach durch das Vorhandensein des 
englischen Imperialismus, der sich ja insbesondere im zwanzigsten Jahr- 
hundert immer sichtbarer und sichtbarer herausgebildet hat, natiirlich 
lauter Kriegsmoglichkeiten entstanden sind. Diese Kriegsmoglichkeiten 
waren fiir diejenigen Menschen, die Kriege brauchten, selbstverstand- 
licb immer etwas, was beniitzt werden konnte. Nun lagen die Dinge 
fiir Osterreich so, dafi allerdings in Wien und Dsterreich Finanzkreise 
waren, die eigentlich schon durch mehrere Jahre es gern gesehen hatten, 
wenn sie ihrer Wirtschaft durch einen Krieg hatten aufhelfen konnen, 
die interessiert waren an der Herbeifuhrung eines Krieges. Und man 
kann sagen: Es ist den Entente-Regierungen selbstverstandlich un- 
geheuer leicht, zu beweisen, dafi sie den Krieg nicht verursacht haben. 
Nichts leichter als das, aber es will nicht viel besagen, denn darum 
handelt es sich nicht. Die eigentlichen Kriegsveranlasser gerade in die- 
ser Zeit waren eben auf keinem Boden die Regierenden, sondern solche 
Machte, die dahinterstanden. Ich habe von bedeutsamen Machten, die 
nun ganz dahinterstanden, vor einem Jahr hier hinlanglich gesprochen. 
Aber es waren dann wiederum da die vorgeschobenen Posten, und das 
waren im wesentlkhen Finanzkreise und Unternehmer, Grofiunter- 
nehmerkreise. 

Nun konnten diese Grofiunternehmerkreise alle moglichen Diflfe- 
renzen und Disharmonien, die bestanden, beniitzen, um gewissermafien 
die Weltgeschichte in ihrer Richtung zu lenken. Solche Konsortien gab 
es selbstverstandlich auch in Wien. Die waren dort die eigentlich trei- 
benden Machte. Ich wiirde gar nicht einmal untersuchen mogen, wel- 
chen Ursprungs solche Konsortien sind. Solche Konsortien brauchen 
durchaus nicht einmal aus dem eigenen Land zu sein, sie konnen wo- 
anders her sein. Aber territorial waren jedenfalls solche Konsortien 
da. Das waren in einer gewissen Beziehung schon die schiebenden 
Machte. Und da immer dasjenige, was in der slawischen Bevolkerung 
sowohl "Osterreichs wie des weiteren Ostens garte, beniitzt werden 
konnte, und beniitzt werden konnte die ganze nicht vorhandene Mis- 
sion Osterreichs, so war es natiirlich moglich, solche vorhandene Ten- 
denzen auszuniitzen, wenn man etwas beitragen wollte zur Herbei- 



fuhrung irgendeines Krieges. Es waren ganz gewifi unter denjenigen 
treibenden Machten, welche es moglich gemacht haben, dafi diese 
Kriegskatastrophe den Ausdruck gefunden hat, den sie gefunden hat, 
die Differenzierungen und Aspirationen der slawischen Volker Oster- 
reichs und des Ostens sehr, sehr stark daran beteiligt, aber im Grunde 
genommen audi nur als gebraudite Objekte, als dasjenige, was man 
bemitzte. 

Wenn man die nachsten Stofienden ins Auge fassen will, so sind es 
eigentlich im Grunde genommen Finanzmadite, Kapitalmachte, weniger 
im gewohnlichen Sinne, als Grofikapitalmachte, Griinderkapitalmachte 
und dergleichen. Das war es, was dahinterstand. Das war natiirlich seit 
Jahrzehnten iiberhaupt das Herrschende in der gegenwartigen Mensch- 
heit. Mehr als irgend jemand, der schlaft, glauben kann, stent hinter den 
Ereignissen der letzten Jahrzehnte die internationale Finanzwelt, die 
Griinderwelt im grofien. Nicht wahr, die Machte, von denen ich hier 
gesprochen habe, die beniitzten wiederum die Finanzwelt, aber die 
Finanzwelt gab die nachsten Stofie. Und von dieser Finanzwelt ging 
audi das in Dsterreidi aus, was sdion jahrelang als Ziindstoff vorhan- 
den war. Da schob man. Es war iiberhaupt eine giinstige Zeit herauf- 
gekommen fur die Moglidikeit, dafi sich iiber ihre Gewinndiancen sehr 
klare, aber sonst sehr, sehr im Truben fischende Finanzmadite irgend 
etwas arrangieren konnten. Es war eine giinstige Zeit heraufgekom- 
men. Und gerade in der Art und Weise, wie diese Katastrophe herein- 
gebrochen ist, zeigt sich, dafi fiir diese Machte eine auJSerordentlich 
giinstige Zeit hereingebrochen ist. Sie wufiten audi diese giinstige Zeit 
in der richtigen Weise auszuniitzen. Man mufi eben nur daran denken, 
was es bedeutet, wenn man die Maschinerie ganzer Reiche in Bewegung 
setzen kann, um irgend etwas rein Geschaftliches zu erreichen. Solche 
Dinge sind lange vorbereitet worden in der neueren Zeit, und der Zeit- 
punkt war gerade eben beim Ausbruch unserer kriegerischen Kata- 
strophe ganz besonders gunstig. Es ist vieles mit heraufgewiihlt wor- 
den, was in Untergrunden der Volker safi, aber man kann sich eigent- 
lich nichts denken, was teuflisch-geistvoller war als diese Ausniitzung 
der Weltkonjunktur in den letzten Jahrzehnten durch internationale 
Finanzmadite. 



Sehen Sie, die Macht der mitteleuropaischen Reiche und eigentlich 
audi des russisdien Reiches - fiir England nicht die Macht des Reiches, 
wohl aber die Macht der Finanz - ist eigentlich nach und nach ohn- 
machtig geworden. Die Reiche bedeuteten eigentlich im Grunde ge- 
nommen nichts Besonderes, nichts, was Entscheidungen im weltgeschicht- 
lichen Fortgange herbeifiihrte. Entscheidungen im weltgeschichtlichen 
Fortgange fuhrten herbei die Transaktionen der Grofikapitalmachte, 
der internationalen Grofikapitalmachte, die sich der Reiche als Instru- 
mente bedienten. Und dazu war die Weltkonjunktur gerade, als das 
Jahr 1914 herannahte, eben aufierordentlich giinstig. "Osterreich kam 
allmahlich dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. 
Aber audi Deutschland, das sogenannte Deutschland kam dahin, nur 
zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Das war dadurch her- 
beigefuhrt worden, dafi in Osterreich auf dem sogenannten Throne safi 
ein alter Herr, der eigentlich kaum noch fahig war, in seine Sinne auf- 
zunehmen, was urn ihn herum vorging, der nicht mehr wulke, was um 
ihn herum vorging, der bewogen werden konnte zu allem, was man 
ihm eben aufierlich plausibel machte; dafi durch diese Verhaltnisse, wie 
ich es Ihnen geschildert habe, durch dieses Fortwursteln, nach und nach 
iiberhaupt nur noch moglich geworden war, die absoluteste Unf ahigkeit 
in die Ministerien hineinzubringen. Denn wenn man eine Menagerie 
von lauter Unfahigen haben wollte, so brauchte man sie nur zusam- 
menzusetzen aus den verschiedenen osterreichischen Ministerien der 
letzten Zeit. Das war ein gutes Feld, welches als Instrument beniitzt 
werden konnte. Denn man brauchte nur die Dinge so zu lenken, dafi 
ein immerhin doch respektablerHeeresorganismus so verwendet wurde, 
dafi sich ein Finanzkonsortium versprechen konnte, durch diese Ver- 
wendung eine entsprechende Welttransaktion zu machen. Hinter dem, 
was im Juli/ August 1914 in 'Osterreich geschehen ist, stehen eben durch- 
aus Finanzmachte, die vielleicht gar nicht einmal ihren Ursprung in 
Osterreich selber haben, denen aber dieses Osterreich ein Instrument 
war, um gewisse Dinge zu erreichen. Den Grafen Berchtold konnte 
man wirklich schieben, wenn man ein richtiger Finanz-Schachmann 
war, wohin man wollte, wie eine Schachfigur. Das war das eine. 

Das andere war doch, dafi durch die ungliickseligen Verhaltnisse der 



letzten Jahrzehnte auch das Deutsche Reich allmahlich iibergegangen 
war in ein Instrument fur finanzielle Operationen und auch indu- 
strielle Operationen. Das Fehlerhafteste, was man beim Aufwerfen 
von Schuld- oder anderen Fragen bei dieser Gelegenheit begehen kann, 
das ist, wenn man sich dem Glauben hingibt, dafi eine deutsche Regie- 
rung eine machtige Regierung war, irgend etwas von sich aus wollte. 
Siewolltewirklich nichts Besonderes. Denn die meisten in Deutschland, 
im sogenannten Deutschland Regierenden, die konnte man zu den 
anderen, die ich eben genannt habe, dazusperren, und sie wiirden sich 
nicht so sehr unterscheiden von ihnen namentlich in bezug auf ihre 
politischen Quahtaten. Dazu kam ein anderer Umstand. Dazu kam 
der Umstand, dafi gerade innerhalb des Deutschen Reiches eine grofie 
Bedeutung fur die Einschlaferung des allgemeinen Bewufitseins die 
Tatsache hatte, dafi ein sehr unbedeutender, eigentlich seiner ganzen 
intellektuellen Qualitat nach hochst unbedeutender Herrscher insze- 
niert wurde in einer Art - man darf das Wort, das ja heute vielfach 
gebraucht worden ist, wieder gebrauchen — Theaterpolitik. Und in 
nicht geringerem Mafie als der alte Kaiser von Osterreich ist der von 
vielen ganz zu Unrecht fur bedeutend angesehene Kaiser, der Deutsche 
Kaiser, das geeignete Instrument gewesen innerhalb der von mir an- 
gedeuteten und charakterisierten Weltkonjunktur. Der grofite Irrtum, 
dem sich die zivilisierte Menschheit hingegeben hat, ist der, dafi auf 
dem Deutschen Kaiserthron - man kann staatsrechtlich nicht von 
einem Deutschen Kaiserthron sprechen, nun, aber Sie wissen, was ich 
meine - irgendein bedeutender, in Frage kommender Mensch gesessen 
hatte. Das ist ja eben durchaus nicht der Fall gewesen. So dafi auch 
da die hier allerdings mehr dahinterstehende industrielle Welt, aber 
in Verbindung mit der Finanzwelt, die eigentlichen Schieber lieferte. 

Als drittes kommt naturlich in Betracht, dafi nicht minder unbedeu- 
tend der Herrscher Rufilands war, der in ebensolcher Weise ein Instru- 
ment war und nun fur alle moglichen nicht nur Finanz- und indu- 
striellen Machte, sondern fiir manche anderen dunklen Machte auch 
noch gebraucht werden konnte. Zu all dem kommt eben hinzu, dafi 
hinter all diesem, was sich in der Weltkonjunktur ausspricht, die Ex- 
pansion des Imperialismus der englischsprechenden Reiche stand. Das 



darf nicht iibersehen werden. Denn in alle diese Gegensatze, die ich 
jetzt aufgezahlt habe, spielen hinein die anderen Gegensatze, wie zura 
Beispiel jene europaische Sackgasse, die man als Elsafi-Lothringische 
Frage bezeichnen kann, und dergleichen. Das spielt so hinein in einer 
gewissen Weise. Aber dasjenige, was von alien Ecken heraus zu Kriegs- 
ursachen hat fiihren konnen, wenn man sie eben wollte, das ist die 
Umwandlung der so liberal, in derMitte des neunzehnten Jahrhunderts 
so liberal gewordenen englischen Politik in den englischen Imperialis- 
mus des zwanzigsten Jahrhunderts. 

Nun erzeugte natiirlich das alles alle moglichen, ich mochte sagen, 
Pulverfasser, in die man nur den Zundfunken hineinzutun brauchte. 
Es erzeugte auch jene eigentumlichen Ideen, mit denen die finanziellen 
Schachfigurenschieber so hauptsachlich rechnen. Sehen Sie, man darf 
eben nicht aufter acht lassen: Als gewissen Finanzleuten in Usterreich 
die Idee immer mehr und mehr kam, ein Krieg ware fur uns gut 
da dachten sie vor alien Dingen daran: Wir konnen erreichen, was 
wir erreichen wollen an geschaftlichen Transaktionen und ihren Folgen, 
und dem, was dann weiter daraus folgen wird, wenn wir einen Balkan- 
krieg fiihren. - Es gab, indem der Balkankrieg in Aussicht genommen 
worden ist, natiirlich zwei bedeutsame Eventualitaten. Die eine Even- 
tualitat war diese: Wie konnte ein soldier Finanzmann in Wien, dem 
der Krieg zum Beispiel ganz angenehm war, wie mochte der speku- 
lieren? - Er sagte sich: Ist es wahrscheinlich, dafi wir, wenn wir Oster- 
reich beniitzen als unser Instrument, von Rufiland angegrifFen werden? 
Ist das wahrscheinlich? Es ist ebenso wahrscheinlich, wie es unwahr- 
scheinlich ist. Es mufi nicht sein. Man riskiert etwas, aber es ist nicht 
unsinnig, dieses Risiko einzugehen, denn es ist nicht unter alien Ura- 
standen unmoglich, dafi wir von Rutland sogar in Ruhe gelassen wer- 
den, wenn wir zum Beispiel in Serbien einfallen. - Das war die eine 
Sadie, die man sich iiberlegen mufite. Da sagte sich der Betreffende: 
Ganz sicher ist es nicht, dafi das zaristische Rufiland uns angreif en 
wird, denn die Sache liegt so, dafi eine gewisse Solidaritat dynastischer 
Interessen besteht, und, wenn nicht irgendwelche Machte in Rufiland 
eingreifen, die man vielleicht schon weniger in Rechnung Ziehen kann, 
so ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dafS der Zar aus dynastischer 



Solidaritat mit dem Kaiser von Osterreich, mit der osterreichischen 
Dynastie, zwar mobilisiert, riesig auftritt, aber nur, damit er sagen 
kann, er sei der Schiitzer der Slawen. Lossdilagen wird er dodi nicht. 
Er wird es vielleicht allerdings darauf ankommen lassen, dafi er durdi 
seine Mobilisation verhindert, dafi die Osterreicher gar zu weit gehen. - 
Aber Sie wissen ja auch, es ist 1914 viel die Rede gewesen von einem 
Privatbrief, den der osterreichische Kaiser gesdirieben, oder der durch 
den osterreichischen Kaiser - wie sagt man?, zu dem der osterreichische 
Kaiser gesdirieben wurde, kann man auch nicht sagen, aber Sie werden 
vielleicht aus dem verstehen, was ich meine — nicht wahr, es ist viel 
die Rede gewesen von einem solchen Privatbriefe, der da gesdirieben 
wurde an den russischen Zaren. Der liegt in der Linie von solchen Be- 
trachtungen. Nun, das war freilich die Erwagung eines solchen Finanz- 
mannes. 

Dann sagte sich ein solcher Finanzmann: Ja, also mufi man alles ver- 
suchen, um das, was sein kann, zu ermoglichen, das Regierungs-, das 
Reichsinstrument zu beniitzen. — Aber nun, nicht wahr, grofie Fahig- 
keiten hat ja der Graf Berchtold sicher nicht gehabt, aber sicher eine 
heillose Angst. Indem er so geschoben worden ist, hat er sicher eine heil- 
lose Angst gehabt. Und nun entstand dasjenige, was rein aufierlich 
angesehen — man mufi natiirlich immer die tieferliegenden Motive bei 
so etwas audi in Erwagung Ziehen, die historischen Motive, aber man 
mufi sich schon einmal aufierlich iiber diese Dinge Klarheit verschaf- 
fen - verhangnisvoll wurde; das geschah. Nicht wahr, da mufi ich 
auf die andere uble Sache hinweisen, die sich auch soldi ein Finanzmann 
iiberlegen mufite. Der mufite sagen: Ja, was wird aber nun mit diesem 
Deutschen Reich, mit dem wir verbiindet sind? Riskieren, dafi dieses 
Deutsche Reich den Biindnisfall verwirklicht, wird ja eigentlich fur 
Osterreich verhangnisvoll. Denn wenn das Deutsche Reich den Biind- 
nisfall zu verwirklichen strebt, so ist ja ein Weltkrieg da. Dann wird 
man erdriickt, dann riskiert man zu viel. - Es lag ganz gewifi den 
Finanzkreisen viel naher, die Sache nicht in irgendeine Konfundierung 
mit dem Deutschen Reich zu bringen. Aber eben, von der Intention 
der Finanzleute bis zu dem, was der Graf Berchtold tun sollte, der es 
mit der Angst zu tun kriegte, da liegt ein gewisser Weg. Und die an- 



deren Leute, die mit dem Graf en Berchtold zu tun hatten, die hatten 
ja natiirlidi nicht minder solche Angst, nidit wahr. Nun, da liegt ein 
gewisser Weg, und im Verfolg dieses Weges kam das zustande, dafi in 
Berlin angefragt wurde, ob man eventuell, wenn Rutland angreifen 
wiirde, den Biindnisfall als gegeben ansehen wiirde. Man frug wohl 
gerade bei derjenigen Personlichkeit an, die immer in den Handen 
des deutschen und internationalen Industrialismus und der internatio- 
nalen und deutschen Finanzkreise war, man frug bei dem Kaiser an. 
Nun ist eine Eigentumlichkeit dieses Kaisers gewesen, zu reden ohne 
zu denken, so hinzuschmettern, renommistisch hinzuschmettern. Und 
audi da lag natiirlich die Intention von Industriellen und von Finanz- 
leuten hinter der Sache. 

Durch diese ganze Konstellation kam das zustande, dafi, selbstver- 
standlich in unverbindlicher Weise, denn es war kein Regierungsakt, 
der Kaiser grofitat, er werde sich diesmal nicht kleinmachen lassen, 
und er werde, wenn irgendwie Rufiland mobilisieren sollte, ganz gewifi 
mobilisieren und so weiter. Nun mufi man nicht vergessen, dafi gerade 
diese Personlichkeit sehr leicht zum Instrument von anderen Kreisen 
gemacht werden konnte, denn es gab ganze Kreise in der Umgebung 
gerade dieser Personlichkeit, die sich standig damit befafiten, diese Per- 
sonlichkeit bei guter Laune zu erhalten, sie abzulenken von dem, was 
sie tun sollte. 

Nicht wahr, wer verstandig war innerhalb des deutschen Volkes, gab 
nie etwas auf die Worte dieser Personlichkeit. Das Ausland hat dem 
deutschen Volke gerade mit demUrteil iiber dieses Reichshaupt, gleich- 
giiltig ob manche entziickt waren vom deutschen Kaiser, oder ob manche 
ihn spater, namentlich wahrend der Kriegszeit, fur einen Teufel hiel- 
ten — zu beidem war er viel zu unbedeutend, ist er viel zu unbedeu- 
tend -, das Ausland hat dem deutschen Volke mit alien diesen Urteilen 
das allergrofke Unrecht getan, wird vermutlich auch weiter das aller- 
grofite Unrecht tun. Denn selbst die treu ergebene Umgebung, jene 
Umgebung, die insbesondere gewohnt ist an den nicht ganz graden 
Riicken, diese treue Umgebung bezeugte in ihrem Verhalten am aller- 
besten, wie die Dinge da eigentlich liegen. Da braucht man sich nur 
zu erinnern an die Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908. Diese 



Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908, die ja aufierordentlich viel 
mit diesem Weltkonflikte zu tun hat, wenn man die aufieren histori- 
sclien Ereignisse ins Auge fafit, die driickt eigentlich, ich mochte sagen, 
alles aus, was an dieser Stelle der Betrachtung gerade ins Auge zu fallen 
hat. Es ist das, was ich meine, die beriihmte Daily-Telegraf-Angelegen- 
heit. Da nahm sich ein englischer Journalist des Daily Telegraf vor, 
den Kaiser Wilhelm zu interviewen. Vielleicht war das dem Kaiser 
Wilhelm etwas langweilig, und da hat er denn dem Journalisten ge- 
sagt: ach, er habe ja schon so viel iiber sein Verhaltnis zu England 
geredet. - Er hat ihm dann einiges gesagt und riet ihm dann, das 
andere audi zusammenzustellen, was er sonst schon iiber England ge- 
sagt habe. Und da stellte denn der Journalist ein ausfiihrliches Inter- 
view zusammen. 

Dieses Interview, das ist ein Prachtstuck einer Politik. In diesem 
Interview - ich kann es nur dem Sinne nach, es wiirde sonst zu aus- 
fuhrlich werden, ein bifichen charakterisieren - wurde gesagt: Ihr Eng- 
lander seid eigentlich alle verriickte Hiihner, denn ihr beurteilt mich 
und meine Politik ganz f alsch. Wenn ihr die Wahrheit erhalten wolltet, 
so miifket ihr doch einsehen, dafi es in ganz Deutschland nur einen 
einzigen wirklichen Freund der Englander gibt, und das bin ich; sonst 
seid ihr im iibrigen Deutschland eigentlich die verhafitesten Menschen. 
Und ihr sollt nur ja nicht glauben, dafi ich irgend etwas jemals gegen 
die englische Politik getan habe. Denn man bedenke nur das eine: Als 
der Burenkrieg losging, da schaute ich mir die Situation etwas an bei 
den Buren, dann nahm ich einen Stift und skizzierte rasch den Feldzug, 
den die Englander machen mufiten gegen die Buren, um ihn moglichst 
glucklich fertig zu bringen. Dann iibergab ich die Karte, die ich ent- 
worfen hatte, meinem Generalstab. Er arbeitete sie weiter aus; ihr 
konnt sie wirklich noch in euren Archiven driiben finden. Ich habe 
audi wirklich bemerken konnen, wie der Krieg der Englander gegen 
die Buren nach dieser von mir ausgefuhrten Karte gefuhrt worden ist 
und verlaufen ist. Im iibrigen sollt ihr durchaus nicht glauben, dafi 
ich irgendwie jemals etwas gegen die englische Politik gemacht habe, 
denn mir sind angeboten worden Biindnisse von Frankreich und von 
Rutland; die haben mir den Auftrag gegeben, ja nicht dariiber zu 



reden, aber ich habe es gleich meiner Grofimutter gesagt, und daraus 
sieht man, wie ich die Englander eigentlich liebe, und wie ich wirklich 
der einzige Freund Englands bin. Nur mir habt ihr es zu verdanken, 
dafi dieses Bundnis zwischen Frankreich und Deutschland und Rutland 
nicht zustandegekommen ist. Und wenn ihr glaubt, dafi ich gegen euch 
eine Flotte baue, irrt ihr euch; meine Flotte soil dazu dienen, den Inter- 
essen Japans im Stillen Ozean entgegenzutreten. - Nun, also dieses 
ganze Interview wurde von dem englischen Journalisten zusammen- 
geschrieben und Wilhelm II. gezeigt, der es sehr gut fand. Er schickte 
es dem Fiirsten Biilow, der dazumal sein sogenannter Reichskanzler 
war. Fiirst Biilow war gerade zur Sommerfrische in Norderney und 
sagte: Ach ja, das ist ein dickes Interview von S. M.; der kann doch 
nicht verlangen, dafi ich mir meine Sommerfrische mit dem Lesen 
seiner uberflussigen Ausfuhrungen verderbe. Was S. M. sagt, damit 
brauche ich mich nicht erst zu beschaftigen. — Er gab es einem Unter- 
beamten, ohne besondere Weisung. Und die Sache kam eben bald zu- 
tage, da der englische Journalist das wirklich im Daily Telegraf ver- 
offentlichte. Und nun war die Geschichte fertig, nicht wahr, ein Pracht- 
stiick einer deutschen Politik. Es kam dann dazu, dafi sich selbst die 
Konservativen gegen S. M. auflehnten, und daft es dazumal sehr nahe 
an der Abdankung war. Aber er hat sich dann bereit erklart, nicht 
mehr zu reden, was so ausgedriickt wurde, dafi er ferner fur die Konti- 
nuitat der Politik sorgen wurde. Es ist nur eine andere Ausdrucksweise 
dafiir gewesen. Nun ja, das dauerte drei Monate, dann fing er wieder 
an zu reden; es war die alte Geschichte. Das nur zur Charakteristik. 

Aber nun darf man nicht vergessen: Durch alle diese Dinge war eine 
Situation herbeigefiihrt worden, die man im wesentlichen so charakte- 
risieren kann, da!5 durch mitteleuropaische Finanzkonsortien, die die 
Geschichte sehr gut kennenlernten, Machinationen gemacht worden 
waren, zu denen als Instrumente Dsterreich und Deutschland beniitzt 
werden sollten. Diese Machinationen - es waren ganz gewohnliche 
geschaftliche Machinationen - die konkurrierten mit englischen ge- 
schaftlichen Kombinationen. Da war der Gegensatz gegeben. Dieser 
Gegensatz war da. Es ist ganz selbstverstandlich: In England konnte 
niemand begreifen, daft mitteleuropaische Finanzkonsortien Trans- 



aktionen machen wollen, Unternehmungen madien wollen, die dodi 
nur England gebiihren. Nicht wahr, das ist ganz selbstverstandlich, 
das kann dort niemand begreifen! Das versteht man audi selbst, dafi 
es niemand begreifen kann. 

Durch alle diese Dinge war es aber zu der russisdhten Mobilisation 
gekommen, von der man nicht recht wissen konnte, was da gewollt 
wurde. Wie hatte man audi wissen sollen, was da gewollt wurde! Der 
Zar hat es ganz gewifi nicht gewufit, was gewollt wird; andere wollten 
das, andere wollten jenes. Die Dinge gingen durcheinander. 

Nun darf man nicht vergessen: In Berlin eine Regierung, die eigent- 
lich uberhaupt nicht vorhanden war, die ganz und gar bar jeder Ein- 
sicht war in den Gang der Verhaltnisse, die so schlechte Politik seit 
Jahren getrieben hat, als es nur irgendwie moglich ist, und die gerade 
in dem Jahre 1914 an dem Punkt angekommen war, dafi sie uber- 
haupt nicht regierte, dafi sie geschehen liefi, was da kam. - Eine furcht- 
bare Situation war da; eine ganz furchtbare Situation war da. Eigent- 
lich war nun die ganze Last der Ereignisse abgeladen auf die deutsche 
Heeresleitung. Das darf man nicht vergessen: Die ganze Last der Er- 
eignisse und ganze Verantwortung der Ereignisse war abgeladen auf 
die deutsche Heeresleitung. - Denn was auch immer geredet wird von 
irgendwelchen Konferenzvorschlagen und dergleichen, die von seiten 
der Ententemachte gemacht worden sind, das alles ist ja Unsinn, das 
hatte niemals zu irgend etwas fiihren konnen, weil dasjenige, zu dem 
es hatte fiihren konnen, naturlich niemals von seiten der Mittelmachte 
in ihrer damaligen Verfassung hatte angenommen werden konnen. 
Man kann selbstverstandlich sehr leicht aus dem Verlauf dieser Kon- 
ferenzvorschlage und so weiter beweisen, dafi die Ententeregierungen 
unschuldig sind an dem Kriegsausbruch. Aber mit diesem Beweis ist 
nicht das Allergeringste getan. Das ist eine Trivialitat, mit der man 
hausieren gehen kann, alles Mogliche behaupten kann, aber man bringt 
damit all die Fragen, um die es sich handelt, in absolut falsche Rich- 
tungen. 

Man mufi ganz genau, von Stunde zu Stunde, kennen, was in den 
letzten Tagen des Juli 1914 und vielleicht noch in den ersten Tagen des 
August in Berlin geschah. Und es wird schon einmal Gelegenheit kom- 



men, vor der Welt zu sprechen iiber dasjenige, was von Stunde zu 
Stunde in Berlin geschah, und man wird sehen, dajR dasjenige, was da 
geschehen ist, unter gar keinem anderen Impuls geschehen ist als unter 
dem: Was soil getan werden in dieser furchtbaren Situation, die her- 
aufgekommen ist? — Ware eine Regierung dagewesen, die die Dinge 
uberschaut hatte, so waren selbstverstandlich die Verhaltnisse ganz 
anders gekommen. Ware ein Monarch dagewesen, der das geringste 
getan hatte, der audi nur im allergeringsten teilgenommen hatte an 
dem Entschlusse, der sich nicht ganz ferngehalten hatte von jeglicher 
Initiative, obwohl er dabei war, so waren natiirlich alle Dinge anders 
gekommen. Aber alles schaltete sich von selber aus, was nicht Heeres- 
leitung war, die natiirlich die einzige Verpflichtung haben konnte, eben 
ihre Pflicht zu tun. So dafi dasjenige, was gemacht worden ist, wenn 
normale Verhaltnisse dagewesen waren, niemals hatte so aussehen kon- 
nen wie irgendeine Kriegserklarung. 

Es ist in der letzten Zeit vielfach die Sache so ausgesprochen wor- 
den - aber es gibt sehr wenige Menschen, eigentHch wirklich furchtbar 
wenige Menschen, die die Verhaltnisse genau kennen -, dafi man in 
Berlin in den Krieg mehr hmemgerutscht ist, als dafi man ihn gewollt 
hat. Man ist audi wirklich mehr hineingerutscht. Man darf audi nicht 
vergessen, dal$ es in einer gewissen Beziehung ganz selbstverstandlich 
war, dafi die Heeresleitung in dem Augenblicke, wo die ganze Verant- 
wortung auf ihr lastete, sich sagte: Jede Stunde verloren bedeutet 
Ungeheures verloren. - Man mufi in Betracht ziehen, dafi das deutsche 
Heer in dieser Zeit, in der man den Mittelmachten zumutete, einen 
Praventivkrieg haben fuhren zu wollen, was doch wirklich ein blofier 
Unsinn ist, noch keineswegs in einer Verfassung war, dafi ein Sach- 
verstandiger grofies Zutrauen haben konnte, dafi es durchkommen 
werde bei dem, was doch hereinbrechen mufite. Denn man wufite: In 
dem Augenblicke, wo der Biindnisfall geltend gemacht wird, geht alles 
iibrige automatisch. - Es ist ja auch gegangen und es war ganz selbst- 
verstandlich, dafi es automatisch ging. Aber man darf nicht vergessen, 
dafi gerade derjenige, der die Verhaltnisse genau kannte, keine Stunde 
zu verlieren gedachte, zu verlieren denken durfte, aus dem einfachen 
Grunde, weil man ganz und gar nicht glauben konnte, dafi dieses Heer 



nach dem, was in den verschiedenen vorangegangenen Jahren gesche- 
hen war, irgendwie gewadisen sein konnte der furchtbarsten Weltkoa- 
lition, die man heraufbeschwor, selbstverstandlich, wenn man sich zum 
Kriege entschlofi. Man darf nicht vergessen: Bereits Ende September 
hatte dieses Heer keine Munition mehr! - Zwei Tage vor der Kriegs- 
erklarung an Ruflland war nodi beim Kriegsministerium vom Auswar- 
tigen Amt eine dringende Anforderung eingelaufen, die Munitions- 
bestellungen geringer zu machen. Das sind ja alles schliefilich nicbt 
Dinge, die man tut, wenn man sich einen Praventivkrieg vornimmt, 
nicht wahr. Und solche Dinge konnte man zu Hunderten und Tausen- 
den aufzahlen, wenn man nicht ohnedies wiifite, dafi niemand dachte 
an einen Praventivkrieg. 

Aber es kommt in Betracht, indem man es so fur selbstverstandlich 
fand in dieser furchtbaren Situation des mobilisiertenRussischenReiches 
mit dem verbundeten Frankreich, dafl dieses deutsche Heer ja ein zwei- 
felhaftes Instrument war. Denn man darf nicht vergessen: Durch viele 
Jahre ist unter der Agide des Generals von Schlieffen die Schulung dieses 
Heeres m der unglaublichsten Weise getrieben worden. DieSache wurde 
erst als Unfug verbessert, als Moltke Generalstabschef geworden ist. 
Denn dieses Heer wurde so gedrillt, dafi der Kaiser stets auf den 
grofien Manovern unter dem General Schlieffen Abteilungen fiihrte, 
ohne einen Schimmer von irgend etwas in der Kriegfuhrung oder der- 
gleichen zu haben. Die ganzen Anordnungen wurden so getroffen, dafi 
selbstverstandlich Majestat siegte. Also man soil sich nur vorstellen, 
wie man ein Heer schulen konnte, wenn man jeneTheatercoups machen 
mufite, dafi jeder, der auf der Abteilung war, auf der nicht Majestat 
war, notwendigerweise die Sache so anordnen mufite, dafi er eine Nie- 
derlage kriegte, damit Majestat siegen konnte. Solche Dinge lassen sich 
in kurzer Zeit nicht verbessern, sondern das bedarf dann erst wiederum 
langer Arbeit. Das aber erzeugt selbstverstandlich die Stimmung, daj& 
man zugreifen mull, wenn man darauf angewiesen ist, ja etwas zu tun, 
wo die berufenen Instanzen gar nichts tun. So dafi dasjenige, was in 
Berlin im Juli 1914 geschah, auch in den ersten Augusttagen des Jahres 
1914 geschah, nicht im entferntesten dasjenige ist, was man etwa, wie 
Harden meint, als Schulfall eines Praventivkrieges ansehen kann, son- 



dern es ist im eminentesten Sinne das, was man nennen mufi: Es ge- 
schieht etwas durch Mensdbien, die unter ungeheuer schwierigen Ver- 
haltnissen in unmogliche Situationen hineingedrangt worden sind. - 
Man mag verurteilen, wie man will: da in der Kriegfiihrung der Erfolg 
entscheidet, wenn man siegt, so entscheidet selbstverstandlich audi der 
Mifi erfolg wenn man geschlagen wird, wenn man mit irgendeiner mili- 
tarischen Sache nicht dasjenige erreicht, was man sicli verspricht. Es ist 
ganz selbstverstandlich, dafi von dem Augenblicke an - ich sage das 
ganz unbefangen, indem ich vielleicht audi mich der Gefahr aussetze, 
dafi soldi ein Urteil merkwiirdig befunden wird -, wo durch den Ein- 
fall in Belgien nichts erreicht werden konnte, wo er durch die Tage der 
Marne-Schlacht kaputt gemacht worden ist, dieser Einfall ein Unrecht 
war. Das mag jemand von irgendeinem philistrosen Standpunkte aus 
so oder so finden, aber das ist niemals anders beurteilt worden. Und 
wenn jetzt von seiten Amerikas und der Entente - nun Friede wird es 
ja nicht sein, aber so etwas, man miiJSte einen neuen Namen finden 
fur die Dinge — geschlossen wird, so wird man sehen, dafi es sich audi 
nicht um andere Gesichtspunkte handelt, als um die Gesichtspunkte, 
um die es sich im Verlaufe der Menschheitsentwickelung immer ge- 
handelt hat, wenn solche Dinge in Betracht kamen, wo Machtfragen 
und dergleichen entschieden. Das andere korrumpiert gerade das Urteil 
in fiirchterlichster Weise. Aber man mufi eben nicht vergessen, dafi histo- 
risch nachzuweisen ist, was ich hier ofter betont habe, und das wird 
einmal historisch nachgewiesen werden miissen, und es kann historisch 
nachgewiesen werden, und ich darf mich vielleicht nicht davor scheuen, 
zu sagen, dafi unter den vielen Dingen, um die ich mich bemiiht habe 
in den letzten Jahren, dieses mit darunter war, dafi vor der Welt eine 
schlichte Darstellung desjenigen, was am 28., 29., 30., 31. Juli und 
1 . August in Berlin geschehen ist, ohne Urteil, eine schlichte Darstel- 
lung der wirklichen Ereignisse, gegeben werde. Ich habe es nicht er- 
reicht. Aber es ware viel erreicht worden, wenn diese schlichte Dar- 
stellung wirklich gegeben worden ware. 

Man kann mit solchen Beweismitteln, wie ich sie hier schon gezeigt 
habe, bis zur fast unanfechtbaren Gewifiheit, aber mit dieser schlichten 
Darstellung wiirde man bis zur vollen Gewifiheit zeigen konnen, bis 



zu absolutester Gewifiheit, dafi, wenn die englische Regierung ernst- 
haftig gewollt hatte, der Einfall in Belgien vermieden worden ware. 
Bitte, nicht in irgendeiner anderen Form, als wie ich das sage! Ich habe 
mich immer gehtitet, dies in anderer Weise auszusprechen. Ich sage nicht, 
dafi die englische Regierung in bezug auf diese Frage etwas anderes 
getan hat, und ich sage vor alien Dingen nicht damit irgend etwas iiber 
das Verhaltnis von Deutschland zum Einfall in Belgien. Aber das ist 
es, was strikte vor der Welt bewiesen werden kann, dafi, wenn die eng- 
lische Regierung gewollt hatte, wenn vor alien Dingen der ja nicht ge- 
rade dem Grafen Berchtold gleiche, aber auch schon recht sehr torichte 
Sir Grey, Lord Grey, gewollt hatte, der Einfall in Belgien unterblieben 
ware. Das ist etwas, was schlankweg durch eine schlichte Darstellung 
der Ereignisse bewiesen werden kann. 

Es stumpft dies naturlich nicht ab, was man sich als Ansicht iiber 
diesen Einfall in Belgien bilden kann, aber es richtet vielleicht doch die 
Frage nach der anderen Richtung hin: Warum wurde es nicht verhin- 
dert, da es hatte verhindert werden konnen? -Denn gerade nachdiesem 
Augenblicke, da es in Berlin klar wurde, dafi von England aus der Ein- 
fall in Belgien nicht verhindert wird, von da ab beginnen alle Ereig- 
nisse eigentlich einen irrationalen Charakter anzunehmen. Von da ab 
kann man gar nicht mehr mit irgendeiner Ratio die Erscheinungen ver- 
folgen. 

Das sind einige Aphorismen. Die Zeit ist spat geworden; wir werden 
morgen weiterreden. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 1 . November 1918 



Ich werde audi heute vor Ihnen ahnliche Betraditungen anstellen, wie 
die gestrigen waren. Es sind ja diese Betraditungen gewifi von man- 
cliem Gesiditspunkte aus nidit dasjenige, was rein anthroposophisch 
genannt wird, aber ich denke, wir leben in einer Zeit und in Verhalt- 
nissen, wo wohl gerade der Boden der anthroposophisch-geisteswissen- 
schaftlichenBewegung, auf dem wir stehen, derjenige ist, auf dem solche 
Betraditungen angestellt werden miissen - nidit nur angestellt werden 
sollen und konnen, sondern geradezu in der Gegenwart angestellt wer- 
den miissen. Ich mochte womoglich audi bei dieser Gelegenheit mich 
des eigenen Urteils enthalten - ich sage: womoglich - und nur Unter- 
Iagen liefern zur Beurteilung, insofern mir eine solche Beurteilung not- 
wendig erscheint, fur denjenigen, der eben sich gedrangt fuhlt, die 
gegenwartigen Zeitverhaltnisse zu beurteilen. Ich bin gestern davon 
ausgegangen, dafi gegeniiber den jetzigen katastrophalen Ereignissen 
die Stellung der Schuldfrage, so wie man den BegrifF der Schuldfrage 
gewohnlich auffafit, das ganze Urteil in falsche, in unrichtige Bahnen 
lenkt. Denn in dem Augenblicke wird das Urteil in falsche Bahnen 
gelenkt, in dem in einer so weltbewegenden Sadie, wie diese Kata- 
strophe ist, irgendwie geartete Emotionen, Sympathien und Antipa- 
thien, einfliefSen. Das mufi man sagen, trotzdem es so natiirlich ist, dal$ 
solche Sympathien und Antipathien einfliefSen, ja, ich mochte sagen, so 
selbstverstandlich es ist, da& sie einfliefien. Aber man kann sich doch 
bemiihen, aus den Tatsachen heraus wenigstens Richtungen zu finden, 
um zu urteilen, Richtungen zu finden zu dem Urteile, das sich ja doch 
allmahlich entwickeln muft, zu dem Urteile, welches seine Grundlage 
in der Tragik und in dem Verhangnis der gegenwartigen Ereignisse 
sucht, und nicht immer wieder und wiederum nur dadurch sucht, dafi 
man fragt: Ja, hat man da oder dort in diesem oder jenem Zeitpunkt 
schon an den Krieg, der da kommen soil, gedacht, oder hat man sich 
vorgenommen, den Krieg zu fiihren? - oder dergleichen. 

Man mufi sich solchen Dingen gegeniiber doch wirklich klar werden, 



dafi zumeist soldi em Urteil gar keinen Inhalt hat. Denn was will es 
denn besagen, wenn irgendwo irgend jemand gehort hat — man hat ja 
selbstverstandlich viele solche Dinge gehort -, dafi aus diesen oder 
jenen Voraussetzungen heraus ein Krieg kommen miisse? Es handelt 
sich bei solchen Dingen immer darum, ob an irgendeiner Stelle, wo 
man zum Beispiel den Krieg will, man auch in der Lage ist, dieses 
Wollen durchzusetzen, den Krieg auch herbeizufiihren, oder auch nur 
irgend etwas Erhebliches zu tun, um ihn herbeizufuhren. Es konnen 
da oder dort unzahlige Menschen den Krieg gewunscht haben: wenn 
sie nicht in der Lage waren, irgend etwas zu tun, um ihn herbeizu- 
fuhren, so ist ja dasjenige, was sie gesprochen haben, blofie Rederei. 
Gerade bei der Beurteilung der gegenwartigen Ereignisse ist es not- 
wendig, wirklich zu verstehen, was es eigentlich heifit, die Geschichte 
symptomatisch ins Auge zu fassen. Niemand kann, wenn er nicht im- 
stande ist, die Motive zu wagen, die Tatsachen zu wagen, eine gesunde 
Richtung fur sein Urteil bekommen, wenn er sich nicht wenigstens 
eben nach dieser Richtung bemiiht, denn in der Gegenwart sind alle 
Ereignisse ungeheuer kompliziert. Und wenn Sie da oder dort eine 
Tatsache oder gar eine Rederei auffangen, so handelt es sich immer 
darum, welches Gewicht eine solche Tatsache oder eine solche Rederei 
innerhalb des Zusammenhanges der Ereignisse haben kann. Schon bei 
der Aufzahlung der Tatsachen mufi man gerade auf das, was ich da im 
Auge habe, in ganz besonderem Mafie Riicksicht nehmen. 

Sehen Sie, fur denjenigen, der erkennen will - und eigentlich mufke 
jeder in der Gegenwart bestrebt sein, auf diesem Gebiete das Richtige 
zu erkennen -, handelte es sich auch darum, dafi er sich um die richtigen 
Dinge bekiimmert hat, dafi er gewissermaiSen an die Ereignisse die 
richtige Frage gestellt hat, woran manchen naturlich das Mafi von 
Leidenschaftlichkeit, das er in sich hatte, eben gehindert hat. 

Ich habe mancherlei Gelegenheit gehabt, nach dieser Richtung hin 
zu fragen, nach dieser Richtung hin die Dinge kennenzulernen. So zum 
Beispiel habe ich wahrhaftig da, wo es moglich war, auf eine mafi- 
gebliche Antwort zu warten, nicht wenige Male die Frage gestellt 
innerhalb der Grenzen Deutschlands, auch an osterreichische Menschen 
die Frage gestellt: Was ist eigentlich das wirkliche, von verantwort- 



lichen Stellen ausgehende Ziel dieses sogenannten Krieges? - Ich habe 
nur ein einziges Mai von irgendeiner verantwortlichen Stelle eine sehr 
vage Antwort bekommen, und habe gesehen, dafi eigentlich iiberall da, 
wo gefragt werden konnte innerhalb der deutschen Grenzen und auch 
der osterreichischen Grenzen iiber ein sogenanntes Kriegsziel, man von 
einem Kriegsziel nichts wufite. Das einzigste, was mir eben als vage 
Antwort einmal gegeben worden ist, das war, dafi man wiinschte die 
Freiheit der Meere. Das ist das einzige, was mir einmal geantwortet 
worden ist. 

Nun weifi ich selbstverstandlich, dafi da geantwortet werden kann: 
Ja, aber die Alldeutschen, was haben die alles fur ausgedehnteste 
Kriegsziele aufgestellt - und so weiter. Ja, man darf dabei nicht ver- 
gessen, dafi eben naturlich in solchen Zeiten viele Leute vieles reden, 
dafi Agitationen getrieben werden. Aber es gab nie eine Moglichkeit, 
dafi dasjenige, was zum Beispiel von alldeutscher Seite gesagt worden 
ist, zu einem anderen Zwecke, als um aufzureizen und urn Torheiten 
zu verbreiten, ernst genommen werden konnte. Das ist auj&erordentlich 
wichtig, dafi man die Dinge wiegt, dafi man zum Beispiel weifi, dafi 
in Mitteleuropa, namentlich im Beginne des Krieges, ein wirkliches 
Kriegsziel nicht vorhanden war bei denjenigen, die in der Lage waren 
etwas beizutragen, in der Richtung des Krieges etwas zu unternehmen 
oder in der Richtung des Krieges etwas zu unterlassen. Das gibt schon 
dem Urteil eine Richtung, wenn man weifi: Die Leute haben gerade 
in den ersten Zeiten des Krieges absolut nicht gewufk, wofur sie eigent- 
lich kampfen. - Wer ware in der Lage, sich vorzustellen, dafi man sich 
vornehme, aus heiterem Himmel heraus einen Krieg zu entfesseln, 
wenn man iiberhaupt nicht weifi, was man mit diesem Kriege eigentlich 
anfangen soli! Denn selbst die vage Antwort, die ich bekommen habe, 
von der Freiheit der Meere, die ist eigentlich nur eine Notantwort ge- 
wesen, weil der Betreffende nichts anderes gewufit hat und dies etwas 
ist, was man wenigstens schandenhalber sagen konnte. Das ist das eine, 
was ich doch eben, ich mochte sagen, wie einen Tatsachenzusammen- 
hang vor Ihre Seele hinstellen mochte. 

Ein anderes scheint mir wichtig und wird immer wichtiger und wich- 
tiger werden bei der Beurteilung der Sachlage, je mehr man objektiv 



iiber die Dinge urteilen will. Ich habe gestern ausgefiihrt, dafi die 
eigentliche Entscheidung iiber das, was Ende Juli und Anfang August 
in Deutschland zu tun oder zu unterlassen sei, durch die ja schon 
gestern charakterisierten Verhaltnisse leider ganz allein bei der Heeres- 
leitung lag, die nur nach strategischen Gesichtspunkten die Entschei- 
dung, namentlich nach Mafigabe der Verhaltnisse und der Sachlage, 
treffen konnte. So dafi man nicht einmal nach einem Einzelwollen bei 
der deutschen Politik zum Beispiel Ende Juli und Anfang August und 
audi die vorhergehende Zeit sprechen kann. Weder von einem gesam- 
ten Wollen, noch von irgendeinem Einzelwollen, das irgendwie zu- 
sammenhinge mit dieser Katastrophe, kann man da sprechen. Man 
kann geradezu sagen: Ein politisches Ziel, ein politischer Gedanke, eine 
politische Idee war iiberhaupt in Mitteleuropa nicht vorhanden. Das 
ist ja gewifi eine merkwiirdige Tatsache. Aber es ist eben die Tatsache, 
die als solche beriicksichtigt werden mufi. Es gab militarische Ideen, 
wie man den Krieg fiihren miisse, wenn er kommt. Nicht wahr, mili- 
tarische Ideen beruhen in gesunden Verhaltnissen immer auf sogenann- 
ten Konditionalsatzen: «wenn er kommt», denn der Militar sollte nie 
zu entscheiden haben, ob irgend etwas bei Kriegsausgange zu unter- 
nehmen ist oder nicht. Gesundes Denken iiber das Verhaltnis von Po- 
litik und Kriegfuhrung, das ist iiberhaupt etwas, was in den vier letzten 
Jahren wahrhaftig nicht geziichtet worden ist. Ich habe zum Beispiel 
zu meinem Jammer immer wieder horen miissen, dafi auf dem Gebiete 
der mitteleuropaischen Staaten der Satz des Clausewitz wiederholt 
worden ist: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. - 
Nun, es gibt keinen torichteren Satz als diesen, denn er ist aufgebaut 
nach dem logischen Muster des Satzes: Die Scheidung ist die Fortset- 
zung der Ehe mit andern Mitteln. - Aber es wurde dieser Satz als ge- 
scheiter Satz iiberall zitiert - ich meine den ersteren - und als gescheiter 
Satz iiberall aufgef afit. 

Es scheint mir gerade angesichts dieses Verhaltnisses von Politik und 
Kriegfuhrung in Mitteleuropa wichtig, dafi der Welt gegeniiber betont 
werde, was nun eigentlich die deutsche Heeresleitung wollte, wenn 
es zu einem Kriege komme. Nicht wahr, die deutsche Heeresleitung 
hatte ihre Voraussetzungen, die Voraussetzungen zu einer strategischen 



Unternehmung, wenn es zu einem Kriege kommen sollte, von folgen- 
den Unterlagen zu nehmen. Die Unterlage fiir die Heeresleitung war 
diese: Wenn es durch irgendeine europaische Verwickelung zum Kriege 
kommt, so ist es durch die Biindnisverhaltnisse so, dafi zwei Bundnis- 
gebiete einander gegeniiberstehen werden, die sich automatisch zusam- 
menschliefien werden; dafi gegeniiberstehen werden die Mittelmachte - 
zu denen man immer im Glauben, im torichten, aber ehrlichen Glauben 
Italien gereclinet hat - auf der einen Seke, und auf der anderen Seite 
Rufiland-Frankreich-England. - Man hat nicht anders denken konnen 
nach den verschiedenen Biindnisverhaltnissen, soweit sie bekannt wa- 
ren. Danach mufke gewissermafSen der strategische Plan formuliert 
werden. Und wohin ging dieser strategische Plan? Das ist wichtig, dafi 
man darinnen die Tatsache ins Auge fafit: Was wollte die Heereslei- 
tung? - Die Heeresleitung wollte das Folgende: sie wollte durch 
Belgien in Frankreich so weit eindringen, als notwendig war, um das 
russisch-franzosische Bundnis unwirksam zu machen. - Die Heeres- 
leitung wollte nicht mehr tun, als Frankreich veranlassen, vom Bundnis 
mit Rutland in bezug auf die Kriegsfiihrung abzusehen. An irgend 
etwas anderes als an einen rein strategisch gedachten Durchzug durch 
Belgien, der dazu fiihren miisse, dafi selbstverstandlich Belgien voll 
entschadigt wird fiir diesen Durchmarsch, und an etwas anderes als 
einen ebenf alls, insoweit es Zerstorungen herbeifiihrt, zu entschadigen- 
den Einbruch in Frankreich, etwa an irgend etwas wie Annexionen 
franzosischen Gebietes und dergleichen, konnte nach der ganzen Ver- 
fassung des deutschen Heereswesens, die ich schon gestern zum Teil 
charakterisierte, nicht gedacht werden. Es handelte sich lediglich ge- 
wissermafien darum, Frankreich davon abzuhalten, an einem even- 
tellen Zweifrontenkrieg sich dauernd zu beteiligen. Mehr sollte strate- 
gisch nach dem Westen hin nicht erreicht werden. 

Das war selbstverstandlich nur so lange durchzufiihren, als es keine 
wirksame Verbindung gab zwischen Frankreich und England. In dieser 
Beziehung gaben sich die verantwortlichen deutschen Menschen dem 
allerdings unverantwortlichen Gedanken hin, da!5 es ihnen gelingen 
werde, England abzuhalten von irgendeiner Verbindung mit Frank- 
reich. In dem Augenblicke, in dem diese Verbindung da war, war natiir- 



lich der ganze Feldzugsplan nach Westen hin eigentlidi iiber den Hau- 
fen geworfen. Dies das eine, was durchaus berucksichtigt werden mufi. 
Und man mufi dabei berucksichtigen, dafi dieses bei jemandem, der 
iiberhaupt sich irgendeiner Verantwortlichkeit unterzog, das einzig 
Mafigebende war. Nach dem Osten hinuber, nach der anderen Seite, 
handelte es sich audi nicht um Annexionen, sondern um die Aufrecht- 
erhaltung desjenigen, was man so philistros den Status quo ante nannte. 
So dafi - es kann das nun angefochten werden oder nicht - in der ersten 
Zeit nach dem Ausbruch dieser katastrophalen kriegerischen Verwicke- 
lung tatsachlich in der Mitte Europas niemand anders dachte, als dafi 
man es zu tun habe mit einem Verteidigungskriege. Dann sind ver- 
schiedene Ereignisse geschehen, welche, ich mochte sagen, das Urteil 
vollig getriibt haben. 

Sehen Sie, da sind verschiedene Dinge zu beriihren, die natiirlich 
nur richtig ins Auge gefafit werden konnen, wenn man den Willen hat, 
auf diese Dinge auch sachgemafi einzugehen. Zunachst mochte ich, dafi 
Sie nicht aus dem Auge verlieren, dafi also, ganz abgesehen von andern 
Machinationen, die von den Kraften ausgingen, auf die ich gestern 
hingedeutet habe, von Finanz- und Industriegruppen und dergleichen - 
aber da diirfen Sie glauben, dafi in alien Gebieten der Erde der eine 
nicht unschuldiger und schuldiger ist als der andere -, ganz abgesehen 
von diesen Dingen, als durch die verschiedenen Antezedentien, ich 
mochte sagen, der Kriegsausbruch vor Europa hingestellt war, und als 
es sich darum handelte: Mufi das deutsche Heer, rein militarisch auf- 
gefalk, eingreifen? - da darf man doch zum Beispiel eine Szene, die 
ja auch oflfentlich bekannt geworden ist, obwohl ich nicht weifi, ob sie 
viel beriicksichtigt worden ist, nicht aus dem Auge lassen. Der General- 
stabschef des deutschen Feldheeres kam von einem langeren Bade- 
aufenthalt in Karlsbad am 26.Juli nach Berlin zuriick. Das mufi ins 
Auge gefafit werden, weil es ja auch Grundlagen fur die Beurteilung 
abgibt, wenn sich diejenige Personlichkeit, die dann durch die Lage 
der Sache einzig und allein die Verantwortung zu tragen hatte fur den 
Kriegsausbruch - denn so steht die Sache fur die Beteiligung Deutsch- 
lands am Kriege -, bis vier Tage vor der Entscheidung einfach im Bade 
befindet; und dafi diese Personlichkeit gerade von den Ereignissen aufs 



allerhochste iiberrascht worden ist, das gehort zu denjenigen Dingen, 
die einmal historisch werden nachgewiesen werden konnen. Man 
mochte, dafl die Zeit zum historischen Nachweis dieser Tatsache recht 
bald komme. Fur mich ist es im hochsten Mafie eine Grundlage fiir 
ein Urteil, wenn ich weifi, dafi diejenige Personlichkeit, die dann 
durch die Verhaltnisse einzig und allein entschied: Mussen wir jetzt 
angreifen oder nicht? — vier Tage vorher iiberhaupt in einer Lage ist, 
sich um die ganze Lage Europas nicht kummern zu konnen, sondern 
sorglos unbekummert um die Verhaltnisse aufierhalb des Staates im 
Bade sich aufhalt. Er war audi aufierhalb des Staates zu jenem Zeit- 
punkt, dem 5. Juli 1914, der als ein besonders entscheidender angese- 
hen wird, wo eine Konferenz in Potsdam stattgefunden haben soil und 
worinnen die deutsche Heeresleitung gewissermafien ein Ultimatum 
bezuglich des Krieges gestellt haben soli. Ja, er war audi abwesend 
schon zu diesem Zeitpunkte, war nicht in Berlin. Ich habe mich gerade 
mit Bezug auf diesen 5. Juli viel bemiiht, herauszubekommen, um was 
es sich da eigentlich handelt. Ich habe immer nur die Erfahrung machen 
konnen, dafi Leute genannt worden sind, die bei dieser Konferenz zu- 
gegen gewesen sein sollen. Dafi dazumal am 5. Juli etwas stattgefunden 
hat, das leugne ich nicht; dafi aber dazumal etwas stattgefunden hat, 
was eine Inaugurierung der Kriegsrichtung war, die Aussicht hatte auf 
Erfolg, wenn nicht eben eine solche Konstellation eingetreten ware, 
wie ich sie gestern charakterisiert habe, das ist strikte zu verneinen. 
Denn es laufen viele Faden nebeneinander. Derjenige Faden, der zu 
der Beteiligung Mitteleuropas, also Deutschlands, sagen wir, am Krieg 
gefiihrt hat, der kniipft nicht an einen friiheren Tag an als hochstens 
an den 28. Juli. Andere Faden gehen weiter zuriick. In deren Fort- 
setzung liegt aber nicht dasjenige, was geschehen ist, trotzdem man 
sehr leicht versucht und verfiihrt wird, in deren Fortsetzung das zu 
suchen, was geschehen sein soil. 

Ich will dann einen solchen Faden zum Beispiel zeigen, aber ich will 
vorher sagen: Es sind Personen genannt worden, die an dieser Kon- 
ferenz am 5. Juli teilgenommen haben sollen. — Man konnte iiberall 
nur das Alibi nachweisen dieser Personen! Der eine war irgendwo im 
Schwarzwalde an diesem 5. Juli, der andere war an der Nordsee und 



so weiter; wobei ich durchaus nicht in Abrede stelle, daft andere, deren 
Alibi man eben nicht suchte, teilgenommen haben. Aber ich mochte 
damit nur hinweisen, auf welchem falschen Wege sich sehr haufig das 
Urteil bewegt. Sehen Sie, ich will Ihnen ein Beispiel dafiir angeben, 
wie verfanglich es ist, wenn man nicht objektiv sein will, bei solchen 
Dingen auf eine falsche Fahrte zu kommen. Es ist das Folgende: In 
Berlin gab es, wie ja in aller Welt, selbstverstandlich eine kriegstreibe- 
rische Partei. Diese kriegstreiberische Partei hat durch ihre Organe 
gewirkt. Durch diese kriegstreiberische Partei erschien an einem Tage, 
der nahe dem Kriegsausbruch ist, in Berlin ein Extrablatt, das unge- 
fahr den Inhalt hatte, in einem Kronrate hatte man den Krieg be- 
schlossen. Das war ein Extrablatt, das ausgegeben worden ist. Dieses 
Extrablatt wurde dazumal schleunigst, in dem Momente, wo es aus- 
gegeben worden war, nach Petersburg telegraphiert, so dafi in Peters- 
burg durch das Bekanntwerden des Inhaltes dieses Blattes eine gewisse 
Stimmung gemacht worden ist. Es ist nun eigentumlich, daft sogleich, 
nachdem in Regierungskreisen, in diesen absolut untatigen Regierungs- 
kreisen, in diesen unfahigen Regierungskreisen bekannt geworden ist: 
Dieses Blatt ist ausgegeben worden -, es sogleich uberall konfisziert 
worden ist. Es ist sogleich richtiggestellt worden, daft eine solche Be- 
schluftfassung nicht stattgefunden hat, daft von einem solchen Kronrate 
nicht die Rede sein konne, daft uberhaupt vorlaufig noch nicht einmal 
die Mobilisation beschlossen worden ist. Dieses Telegramm, welches die 
Dementierung des stimmungsmachenden Telegramms enthielt, das 
wurde auf dem Berliner Hauptpostamte sechs Stunden aufgehalten, 
nach sechs Stunden erst nach Petersburg telegraphiert. 

Da sehen Sie, dafi allerdings allerlei Leute tatig waren, die auch 
gute Verbindungen hatten, die auch bewirken konnten, dafi dasjenige, 
was sie als Stimmung in Petersburg erzeugen wollten, was aber gar 
keine Unterlage hatte an mafigebender Stelle, daft das Zeit hatte, um 
Stimmung zu machen. Und dennoch, die ganze Clique, um die es sich 
dabei handelte, war nicht in der Lage, einen Faden anzuspinnen, der 
in seiner Fortsetzung zum Krieg hatte fiihren konnen. Denn schliefilich 
hat im Grunde genommen nichts anderes in Deutschland bewogen, mit 
der Mobilisation vorzugehen, als die Nachrichten - man mufi ja nur 



die ganz nackten Tatsachen zusammenstellen, ohne sie irgendwie zu 
verbramen mit demjenigen, womit man gern die Tatsachen verbramt 
dafi Rufiland das gesamte Heer mobilisiert. Es ist bekannt geworden 
durch die Verbindung mit den Telephonamtern der Grenzen. Ich sage: 
Es ist so bekannt geworden, es ist veranlaftt worden, dafi man drei 
solche Nachrichten bekam. Erst nachdem drei Nachrichten da waren, 
welche gleichermafien besagten: In Rufiland wird mobilisiert — , da voll- 
zog sich das Folgende, das man als eine ganz trockene, nuchterne Tat- 
sache eben hinstellen mul5, wenn man wirklich die Absicht hat, die 
Tatsachen kennenzulernen. Da vollzog sich die Tatsache, dafi eine Art 
Adjutant des Generalstabschef s gerufen wurde, um einPromemoria fur 
den Kaiser aufzusetzen, in dem die Notwendigkeit der Mobilisation 
gegeniiber der russischen Mobilisation auseinandergesetzt werden 
sollte. In jenem Zimmer, in dem das geschah, steht ein Schreibtisch, so 
in die Ecke einer Nische hineingestellt, so dafi man hinter dem Schreib- 
tisch stehen kann, und in der Nische stand mit ringenden Handen der 
Generalstabschef und sagte: Wenn wir jetzt doch gezwungen sind, los- 
zuschlagen, dann mufi man sich nur klar dariiber sein, dafi Jahre hin- 
durch die Volker Europas sich zerfleischen werden. 

Das ist eine einfache Szene. Sie konnen sie natiirlich zuriickfiihren 
auf Denkweisen innerhalb militarischer Kreise oder dergleichen. Aber 
darauf kommt es wirklich nicht an, wenn man die Tatsachen wagen 
will, sondern darauf kommt es an, dafi man sich in den Stand setzt, 
audi ruhig und objektiv die Tatsachen ins Auge zu fassen. Wenn ich 
einmal in der Lage sein werde, Schritt fiir Schritt - man kann es 
Stunde fiir Stunde tun - die Tatsachen der Welt vorzufiihren, schlicht 
blofi vorzufiihren, ohne irgendein Urteil, dann erst wird es moglich 
sein, ein Urteil iiber diese tragische Angelegenheit der Menschheit 
iiberhaupt ins Auge zu fassen. Dazu ist allerdings notwendig, dafi 
man die Tatsachen von Stunde zu Stunde, namentlich an dem verhang- 
nisvollen Sonnabend vor dem Kriegsausbruche in der Zeit zwischen 
halb vier Uhr nachmittags und halb elf Uhr nachts in Berlin, schlicht 
und einfach erzahlt. Da kann man jeden Schritt verfolgen, da kann 
man alle Einzelheiten verfolgen. Und die schlichte Erzahlung, die ist 
dasjenige, was einzig und allein geeignet ist, der Welt ein Urteil mog- 



lich zu madien. Ich darf vielleicht heute schon sagen, dafi unter den 
verschiedenen Bemiihungen, die ich selbst angestellt habe und die idi 
paragraphiert habe, dies der erste Punkt war, dafi man sich entschliefle, 
in Mitteleuropa diese Tatsachen schlicht vor die Welt hinzustellen, 
ohne irgend etwas sonst zu sagen, als: Das und das ist geschehen. - 
Neben all dem, was dazu gehorte, ist das verschiedenen Menschen vor- 
gelegt worden - das werde ich einmal dokumentarisch zu beweisen 
haben -, mit alien Einzelheiten verschiedenen Menschen vorgelegt wor- 
den. Urteilsfahige Menschen haben mir namentlich mit Bezug auf 
diesen ersten Punkt etwas gesagt, was selbstverstandlich von mir an- 
ders beurteilt werden mufite als von jenen «urteilsfahigen Menschen», 
die dies gesagt haben. Aber heute ist audi durchaus kein Grund mehr 
da, solche Urteile, die gef allt worden sind, zu verschweigen, die Urteile, 
die gef allt worden sind dariiber, wenn ich immer wieder und wiederum 
gesagt habe: Man denke nur, wie die ganze Situation eine andere wer- 
den miifite fur die Welt, wenn das geschahe, was alles verhiitet wiirde, 
auch fur Mitteleuropa, wenn das geschahe. - Da antworteten mir 
urteilsfahige Leute, dafi ja das alles vielleicht sein konnte, dafi un- 
geheueres Unheil verhiitet werde, aber wenn man das tue, was ich da 
eigentlich wolle, dann miisse etwas anderes eintreten. Und dasjenige, 
was sie bezeichneten als das, das eintreten miisse, das ist nun nach 
langer Zeit - namlich erst gestern - eingetreten! 

Es enthalten eben bei demjenigen, dem es sich um die Wirklichkeit 
handelt, die Dinge, wenn sie am richtigen Ende angefafit werden, 
dasjenige, was sich dann durch die Logik der Tatsachen von selber 
vollzieht. Die Dinge sind schon auf diesem Gebiete komplizierter, als 
die leichtfertigen Urteiler, die oftmals iiber diese Dinge gesprochen 
haben oder noch sprechen, irgendwie sich bewufit sind. Und derjenige, 
der da auf diese Dinge in dem Sinne eingehen mochte, wie es einem 
sachgemafien, wirklichkeitsgemafien Urteil entspricht, der mufi eben 
unerschrocken auf das eingehen, was war und was ist, und nicht auf 
das, was die eine oder andere Sympathie oder die eine oder andere 
Emotion gibt. 

Dasjenige, worauf ich Sie dann ferner aufmerksam machen mochte, 
das ist, dafi eigentlich die gesamte Entscheidung, die dann herbeigefiihrt 



worden ist, bereits gegeben war nach der Marneschlacht am 9. Sep- 
tember 1914. Ich sclirecke audi nicht davor zuriick, ruhig zu be- 
kennen, dafi ich nicht gieich durchschaut habe, daft das so ist, dafi ich 
nicht gieich nach der Marneschlacht durchschaut hatte, dafi wirklich 
damit dasjenige herbeigefiihrt werden mufite, was nun herbeigefiihrt 
worden ist. Ich habe es erst durchschaut in einem spateren Zeitpunkte, 
in demjenigen Zeitpunkte, in dem ich dann versuchte, das oder jenes 
zu tun, um den Ereignissen diese oder jene Richtung zu geben. Ich mufi 
sagen, ich schrecke nicht zuriick, dieses zu bekennen, dafi es mir erst 
spater klar geworden ist. Denn es war uberhaupt nicht leicht, historisch 
und wahrheitsgemafi und zu gleicher Zeit so, daft das Betreffende rich- 
tig im betreffenden Zeitpunkte getan wurde innerhalb dieser kata- 
strophalen Zeit, sich zu verhalten. Als ich meine «Gedanken wahrend 
der Zeit des Krieges» veroffentlicht habe, da habe ich dasjenige zu- 
sammengestellt, wobei man keine Riicksicht zu nehmen hatte auf zu- 
grundeliegende okkulte Erkenntnisse, dasjenige, was sich aus einer 
einfachen neuzeitlichen Geschichtsbetrachtung heraus ergeben hatte. 
Man wird wohl bemerken, daft ich aufgehort hatte zu schreiben - aller- 
dings damals noch geglaubt habe, weiterschreiben zu konnen in einem 
spateren Zeitpunkte -, als ich in der Darstellung zu Italien gekommen 
war. Ich will aber damit andeuten, daft es fur denjenigen, der die 
Dinge wirklichkeitsgemaft und ernst nimmt, nicht so leicht ist, zu 
einem Urteile zu kommen, wie fur manche andere Menschen. Ich habe 
nur dasjenige umrissen, was eben der Beurteilung moglich war. Und ich 
mochte sagen: Es gelang eben einfach nicht, mit dem Urteil einzudrin- 
gen in das, was die Stellung Italiens ergab. Ich habe dazumal dieses 
Biichelchen «Gedanken wahrend der Zeit desKrieges» vor alien Dingen 
geschrieben fur die Menschen Mitteleuropas, nicht um irgend etwas zu 
erreichen der Welt gegeniiber, sondern fur die Menschen Mitteleuropas, 
und es stellte sich mir, bald nachdem ich dieses Biichelchen geschrieben 
hatte, heraus, wie die Situation war infolge der Marne-Niederlage. 
Und ich habe mich mit Handen und Fiiften gestraubt, jemals eine wei- 
tere Auflage dieses Biichelchens erscheinen zu lassen, trotzdem es mir 
selbstverstandlich nicht nur nahegelegt wurde, sondern ja auch der An- 
reiz gut vorhanden war. Aber derjenige, der in diesen Dingen ernst- 



haft denkt, der weifi, dafi es sich darum handelt, in einer solchen 
Weltenlage, wie die ist, in der wir drinnen waren und jetzt noch sind, 
nicht nur, dafi das, was das Richtige ist, ausgesprochen wird, sondern 
dafi auch zur rechten Zeit dies oder jenes geschieht oder zur rechten 
Zeit unterlassen wird. Es handelte sich nicht bloft darum, dafi man den 
Trieb hat, seine Meinung zu sagen, sondern es handelte sich darum, 
dafi man nicht nur sagt, was man meint, sondern dafi man auch acht 
gibt, ob das gesagt werden soli oder nicht gesagt werden soli, was man 
meint. 

Damit will ich Sie auch nun eben darauf hinweisen, wie es notig ist, 
sich zu begrenzen, zu beschranken, wenn es sich darum handelt, das 
Urteil iiber diese furchtbare Menschheitskatastrophe aus der richtigen 
Ecke heraus zu gewinnen oder in die richtige Richtung zu bringen. Man 
darf nicht vergessen, daE dieser Krieg - ich habe schon gestern in einem 
Satze darauf hingewiesen - verschiedene Phasen hat, dafi eigentlich 
seit dem Jahre 1916 dieser Krieg nicht mehr dasselbe ist, was er war 
in seinem Anfange, in seinem Ausgangspunkte. Er ist etwas ganz an- 
deres geworden. Und ich habe vielfach darunter gelitten, dafi wahrend 
dieser vier Jahre Menschen zuletzt dieselben Urteile gehabt haben, die 
sie im Anfange gehabt haben, nachdem doch die Wei tereignisse in mehr- 
facher Beziehung ganz, ganz andere geworden sind. Er ist allmahlich 
in ganz andere Bahnen gelenkt worden, dieser sogenannte Krieg. Man 
darf nicht vergessen: Wenn man die Bahnen verfolgen will, in die 
dieser Krieg gelenkt worden ist, dann mufi man eine andere Eventuali- 
tat, die namentlich die Wiener Kriegspartei ins Auge gefafit hat, nicht 
vergessen. Nicht wahr, ich sagte Ihnen gestern: Diejenigen Menschen, 
die hinter der vollstandig unfahigen Regierung und hinter dem alters- 
schwachen Kaiser standen, diejenigen Menschen, die fur das eigentlich 
verantwortlich sind, was in Osterreich geschehen ist, diese Menschen - 
was reine Finanzkreise sind — , die rechneten damit, dafi die dynasti- 
schen Verhaltnisse in Rufiland doch zu nichts weiter fiihren wiirden 
als zu einer Mobilisierung in Rufiland. Man dachte, man konne nach 
dem Balkan hin seine Geschaftchen machen, und Rutland werde doch 
nicht ernsthaft mobilisieren. Und wenn es mobilisiere, so werde es doch 
nur - nun Sie wissen, es gibt einen Ausdruck, der ganz schrecklich ist, 



den man in der Politik immer wieder und wiederum gebraucht - nichts 
weiter bezwecken als zu «blufTen». Man sagt dann «bluffen». Es ist das 
Frivolste, was man sich denken kann, aber der Ausdruck «bluffen» ist 
zum Beispiel in der Diplomatic etwas, was ganz gang und gabe ist. 
Nur da, auf diesem Gebiete, war ein gewisser Unterschied zwischen 
Osterreidi und Deutschland. Sie wissen ja, der Krieg von Osterreich 
an Rufiland ist ja auch erst am 7. August erklart worden, also fast eine 
Woche nach der deutschen Kriegserklarung an Rutland. Das alles weist 
auf Machinationen zuriick, die ich der Kiirze der Zeit halber nicht 
beriiliren kann, die alle einmal an den Tag kommen werden. Es weist 
aber darauf hin, dafi man in Osterreich mit einer ganz anderen Art 
von Verhalten gerechnet hat als in Deutschland. In Deutschland hat 
man mit nichts anderem gerechnet, als: Wenn Rufiland mobilisiert, 
miissen wir auch mobilisieren. - Aber so wie die deutsche Heeresver- 
waltung ist, so bedeutet heute Mobilisation morgen den Krieg anfan- 
gen. Das lieiR sich gar nicht anders denken. Wer die Verhaltnisse kennt, 
weifi, dafi man in Deutschland entweder gar nicht hatte mobilisieren 
diirfen als eine Art Antwort auf die russische Mobilisation, oder man 
hat am Tag darauf mit der Kriegserklarung vorgehen miissen. 

Das ist vom militarischen Standpunkte, der eben leider nur allein 
in Betracht gekommen ist, eben einfach eine Selbstverstandlichkeit ge- 
wesen. Aber so lagen die Dinge nur im Anfange. Im Laufe der Zeit 
stellte sich gerade fur die Kriegstreibenden Osterreichs eine andere 
Eventualitat ein. Sie rechneten darauf, dafi sie sich mit der Entente 
rangieren und die Sache im rechten Augenblicke anhalten konnten. 
Und die unterschiedlichen Verhandlungen, die namentlich zwischen 
Osterreich und der Entente gepflogen worden sind, die konnen, recht 
ausgefuhrt, Bucher fiillen. Diese Verhandlungen gingen verhaltnis- 
mafiig sehr friih an. Diese Verhandlungen haben, wie Sie vielleicht aus 
den Zeitungen ersehen haben, jetzt noch nicht ihr Ende erreicht, denn 
die Dynastie Habsburg hofft gerade mit Hilfe der Entente in irgend- 
einer Form wiederum eingesetzt zu werden. Die Frage wird nur diese 
sein - denn alle Fragen, die sich entscheiden werden, werden sich als 
Machtfragen entscheiden -, ob es die Entente in ihrem Interesse findet, 
in irgendeiner Weise die Habsburgische Dynastie - ja, man weifi nun 



nicht fur etwas, was nichts ist, einen Ausdruck zu flnden die Habs- 
burgisclie Dynastie fur irgend etwas, was da aus diesem Volkerzusam- 
menhang gemacht werden soil, der friilier unter Osterreich zusammen- 
gefafit war, in diesem Irgendetwas auf irgendeine Weise unter irgend- 
einer Form wiederum einzusetzen. Wenn das im Interesse der Entente 
liegen sollte, so wird es selbstverstandlich audi in irgendeiner Form 
geschehen. Das mufi man nur durchaus nicht vergessen. Aber das hat 
sehr friih angefangen, und das bedeutet eine wesentlich andere Phase 
des Krieges, wenn so etwas geschieht. Wer in Erwagung zieht, wie 
dieser Krieg fur Osterreich zu Ende gegangen ist, der wird es nicht 
auffallend finden, wenn man sagt: Nun, das war jedenfalls im Jahre 
1916 schon zu sehen, dafi man in Osterreich unter alien Umstanden 
den Frieden braucht. Dariiber konnte gar kein Zweifel sein, unter alien 
Umstanden und unter alien Bedingungen, dafi es einf ach ein Unsinn ist, 
irgendwie, selbst wenn es die hartesten Bedingungen smd, den Krieg 
fortzusetzen. Das zeigt ja der Hergang, ich meine nicht so sehr das, 
was geschehen ist, sondern ich meine einf ach die Verfassung, in der das 
osterreichische Heer zuriickgekommen ist. Alle diese Tatsachen im Zu- 
sammenhang, die gaben natiirlich auch den gutmeinenden Menschen in 
Osterreich es ein, dafi sie sich viel davon versprachen, wenn eine Ran- 
gierung mit der Entente zustandekommen konnte, um Osterreich vor 
einem grofien Unheil zu bewahren. Der eine sieht dann das, was die 
gutmeinenden Menschen loslassen, der andere sieht das, was die schlecht- 
meinenden Menschen loslassen und bildet sich, je nachdem er gerade 
seine Emotionen gerichtet hat, sein Urteil. 

Allein dafiir kommt eine andere Tatsache in Betracht. Dafiir kommt 
dann in Betracht, dafi durch solche Dinge im wesentlichen die ganze 
Richtung, die ganze Bewegung der kriegerischen Katastrophe beein- 
flufit worden ist, dafi selbstverstandlich auch innerhalb Osterreichs Par- 
teien entstanden. Die einen wollten so, die anderen sich anders zu 
Deutschland verhalten, Rankiinen gegenseitig, vieles, das aufzuzahlen 
natiirlich die Zeit heute nicht ausreicht. Das bewirkte, dafi man von 
dem eben charakterisierten Zeitpunkte an zu tun hat mit einer ganz 
anderen Phase der kriegerischen Katastrophe als fruher. Man konnte 
nicht so einf ach das bequeme Urteil fortfiihren: Nun, die Mittelmachte 



sind eben verbiindet, und an den Umstanden, unter denen sie 1914 
als Verbiindete in den Krieg verwickelt worden sind, miisse man fest- 
halten audi nach der Fortsetzung des Krieges. - Das war einfach nicht 
wahr. Nicht wahr, die Tragik fur Mitteleuropa, die Hegt ja in vielem. 
Sie liegt zum Beispiel in dem ungliickseligen Biindnis, das dann heraus- 
gekommen ist mit der Turkei. Die Losung dieses Biindnisses sowohl 
mit der Turkei wie mit Bulgarien, sie hat sich ja langsam und allmah- 
lich vollzogen. Derjenige, der von den Ereignissen etwas wulke, der 
weifi, daft sich die Tiirken ebensogut hatten langst friiher loslosen 
konnen, ebenso die Bulgaren. Es kam eben dann der Zeitpunkt, wo 
die Tiirken sich zuriickzogen, selbst nachdem ihnen 40 Millionen in 
Gold noch gegeben worden waren, denn 40 Millionen in Gold sind den 
Tiirken von Deutschland aus gegeben worden, bevor sie sich zuriick- 
gezogen haben. An Bulgarien sind 250 000 Anziige abgeliefert worden, 
bevor es sich zuriickgezogen hat. Alle diese Dinge hat man eben ge- 
macht. Sie zeigen, wie wenig man eigentlich die Sachlage uberschaut 
hat, denn es scheint mir nicht sehr wahrscheinlich, daft man den Tiirken 
40 Millionen in Gold gegeben hatte, wenn man gewufit hatte, was man 
wahrhafKg mit einem nicht sehr tiefgehenden Urteil wissen konnte: 
bald werden sie sich zuriickziehen. 

Damit will ich Ihnen nur andeuten - denn ich mufite das, was ich 
sage, ins Hundertfache vermehren — , dafi allmahlich diese ganze krie- 
gerische Katastrophe in ein Fahrwasser hineingekommen ist, das sich 
ganz wesentlich unterscheidet von dem Ausgangspunkt; was notwen- 
dig machte, dal$ man das Urteil vollstandig umkehrte, umwandelte, 
wenn man sich nach den Tatsachen richten wollte. Und bald hat es 
sich gezeigt, daft im Verlaufe dieser kriegerischen Katastrophe alle, alle 
die Schlafrigkeiten und Untaten der durch Jahrzehnte verschlafenen 
Bourgeoisie zutage getreten sind. Und das ist eine wichtige Sache. Der 
Trotzki, der hat viel Unsinn geredet und noch mehr Unsinn getan 
und Unheil angerkhtet in der Welt, aber einen Satz hat er ausgespro- 
chen mit Bezug auf diese kriegerische Katastrophe, der anfing, verhalt- 
nismafiig bald Wahrheit zu werden. Das ist der Satz: Die fuhrenden 
Kreise - womit er diejenigen meinte, die auf der ganzen Welt selbst- 
verstandlich, nicht blofi in Mitteleuropa, an diesem Kriegsausbruch 



beteiligt waren - haben nur die Wahl zwischen Dauerkrieg oder Revo- 
lution; em Drittes gibt es nicht. - Es ist eben rich tig, dafi die Ereignisse 
der Welt so geschoben und geleitet worden sind - und da beginnt die 
Verantwortlichkeit der breiten Masse der zivilisierten Welt -, dafi man 
endlich in die Sackgasse hineingetrieben worden ist, wo es nur noch 
gab: entweder zah festhalten oder die Revolution ist da. Nun, das 
haben Sie ja gesehen, wie man zah festgehalten hat an dem Krieg, 
denn solange er dauert, ist die Revolution nicht da. In dem Augenblick, 
wo er aus ist, wird sich die Revolution schon da oder dort zeigen. 

Sie erinnern sich vielleicht, dafi ich Ihnen hier oftmals im Verlauf 
der letzten Jahre nach dieser Richtung Gehendes gesagt habe. Ich habe 
Ihnen wohl gesagt zum Beispiel vor recht, recht langer Zeit, in der 
Zeit eben, in der das am Platze war: Gegeniiber all dem, was die Leute 
jetzt urteilen, ist es viel wichtiger, hervorzuheben, was zum Beispiel 
in Rufiland geschehen war, innerhalb Rufilands. - Viel wichtiger war 
das, was innerhalb Rufilands geschah unmittelbar nach dem Sturz des 
Zarentums, als dasjenige, was auf dem sogenannten Schauplatz des 
Weltkrieges geschah. Und so wurde es wiederum wichtiger, was ich 
an einer anderen Stelle, wo es am Platze war, betonte: hinzuschauen 
auf das, was sich aus den Tschechoslowaken, die in Rufiland sich gel- 
tend machten, heraushob, als auf all die anderen Dinge, auf die man 
in bequemer Weise hingeschaut hat, wenn auch natiirlich diese bequeme 
Weise selbstverstandlich durch manche Tragik oder auf andere Weise 
herausgef ordert war. 

Und damit komme ich auf eine Frage, die mir in der letzten Zeit 
immer wieder und wiederum von den verschiedensten Seiten her ge- 
stellt worden ist iiber das mogliche Verhalten, das man jetzt einschlagen 
konne, nachdem die Dinge nun bis zu diesem Zeitpunkt gekommen 
sind. Ich glaube nicht, dafi das, was ich sage, heute auf fruchtbareren 
Boden fallt als dasjenige, was ich im Laufe der Jahre gesagt habe; aber 
dennoch, jeder hat seine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, die Dinge 
zu sagen, und ich werde Ihnen gegeniiber und auch der Welt gegeniiber, 
wenn es am Platze ist, die Gelegenheit nicht versaumen, dasjenige, 
was ich nicht nur fur richtig halte, sondern fur angemessen hake, dafi 
es gesagt werde, auch wirklich zu sagen. 



Sehen Sie, dasjenige, was heranriickt - wir konnen ja hier, wo wir 
unter uns sind gewissermafien, sehr unbefangen iiber diese Sadie spre- 
chen — was herannaht, ist ja zweifellos eine Auseinandersetzung des 
audi auf die Weise wie idi es selbst im offentlichen Vortrage in Basel 
neulich erwahnt habe, in den letzten Jahrhunderten aus dem modernen 
Industrialismus herausgewachsenen Proletariats mit den alten Klassen 
der Menschheit. Nun, ich habe mich schon einigermaften ausgesprochen, 
als idi in Ankniipfung an meine «Philosophie der Freiheit» sagte, was 
ich fiir das Allernotwendigste gehalten hatte in den letzten Jahren und 
audi heute noch halte, aber ich mochte noch das Folgende sagen: Das- 
jenige, urn das es sich handelt, ist, dafi man erkenne, dafi eine Stromung 
heranzieht wie mit einer gewissen elementaren Notwendigkeit. Ich 
meine mit dieser Stromung die soziale Bewegung, oder die Summe der 
sozialen Forderungen, die aus dem Proletariat erhoben werden. Da 
handelt es sich nicht darum, daft man iiber diese Stromung das eine 
oder andere Urteil abgibt, sondern da handelt es sich darum, dafi man 
sich wirklich vertiefen kann in dasjenige, was da heranzieht, was ein- 
fach als Tatsache heranzieht. Darum handelt es sich. Dariiber Kritik 
zu iiben, das ist etwas, was man ja kann, wenn man es will, was aber 
nicht viel mehr Wert hat als eine vielleicht sehr berechtigte, aber doch 
nur private Meinung. Worauf es ankommt, das ist doch wirklich, dafi 
eine Moglichkeit gefunden werde, daft die Massen der nichtproletari- 
schen Bevolkerung der ganzen zivilisierten Welt eine Stellung gewin- 
nen zu dem, was heraufzieht. Gerade nach dieser Richtung gingen 
manche Fragen, die an mich gestellt worden sind. Und das ist es ja, 
was jetzt vor den Seelen der Menschen liegen mufi: Stellung zu ge- 
winnen. Nun, da kann ich nur sagen: Wir sind mit Bezug auf die 
soziale Bewegung, wie sie sich aus dieser kriegerischen Katastrophe 
heraus entwickelt hat, nur aus dieser heraus entwickelt hat in ihrer 
heutigen Gestalt, in ein Stadium eingetreten, wo es sich wahrhaftig 
nicht mehr darum handeln kann, abstrakte Programme zu machen, 
so und soviele Punkte zusammenzustellen, man solle dies oder jenes 
tun. - Das ware vielleicht noch vor drei Jahren, vor zwei, vielleicht 
vor einem Jahre eine Moglichkeit gewesen. Heute ist das keine Mog- 
lichkeit mehr. Heute kann ich jemandem, der mich nach dieser Richtung 



fragt, nur die Antwort geben, dafi es sich heute nur darum handeln 
kann, dafi man an jedem einzelnen Platze, an den man gestellt ist, 
gerade wenn man Geisteswissenschafler ist, finden kann durch ein wirk- 
lichkeitsgemafies Betrachten der Situation, was zu tun ist, und dafi 
man audi die Mittel und Wege findet, um dasjenige, was getan werden 
mufi, zu tun. 

Da ist es naturlich wiederum gut, wenn man objektiv und sorgfaltig 
erwagt, was insbesondere von den burgerlichen Kreisen unterlassen 
worden ist. Nicht wahr, der abstrakte Satz kann leidit eingesehen wer- 
den: Die burgerlichen Kreise miissen die Moglichkeit finden, wenn es 
nicht zu furcbtbaren Katastrophen kommen soil, sich zu rangieren mit 
dem Proletariat. - Aber so ist der Satz doch ein ganz abstrakter, so 
besagt er gar nichts Besonderes. Um was es sich handelt, ist doch etwas 
ganz anderes. Dieses Rangieren, das notwendig ist, das geschehen mufi, 
wird nicht leicht sein. Denn gerade die biirgerlichen Klassen haben im 
Laufe der Jahre Ungeheueres unterlassen, was dazu gefiihrt hat, dafi 
ihnen jetzt vieles fehlt, um sich unmittelbar zu rangieren mit dem 
Proletariat. Die burgerlichen Klassen in ihrer Mehrheit haben keine 
Ahnung von der Seelenverfassung des Proletariats. Dasjenige, was 
heranzieht, sind Masseninstinkte. Aber diese Masseninstinkte, sie mufi 
man wirklich verstehen konnen, sie mufi man wirklich so, wie sie ihrer 
Natur nach sind, ins Auge fassen. Und gerade dieser Situation gegen- 
iiber darf man gar nicht den Glauben haben, dafi das Verstandnis 
fur diese Masseninstinkte, die heute heranziehen, von selbst kommt. 
Mit patriarchalischer Denkweise, mit dem, was die burgerlichen Kreise 
heute Verstandnis solcher Dinge nennen, ist nicht im entferntesten 
irgend etwas getan. Die burgerlichen Kreise verstehen von sozialen 
Fragen, wenn sie sich auch nach der oder jener Richtung damit beschaf- 
tigt haben, doch nicht viel mehr, als dafi die Leute Hunger haben und 
nach Brot schreien, weil sie das namlich auch tun, wenn sie Hunger 
haben. Das ist es, was sie heute gemeinschaftlich haben mit den prole- 
tarischen Kreisen. Sie haben gar nichts getan in den letzten Jahrzehn- 
ten, um wirklich eine geistige Gemeinschafl mit dem Proletariat anzu- 
streben, um eine geistige Gemeinschaft einzuleiten. Ich darf mich schon 
fur einen Beurteiler dieser Sache aus dem Grunde halten, weil ich das, 



was ich sage, nicht blofi aus dem Studium heraus sage; denn wer, wie 
ich selber, aus dem Proletariat hervorgegangen ist, weifi, wie das Pro- 
letariat lebt und denkt, ich mochte sagen, auf alien moglichen Gebieten; 
und wer sich dann beschafligt hat, soviel sich nur ein Mensch beschafti- 
gen kann, mit den Gedanken, die durch Jahrzehnte hindurch das Prole- 
tariat gebildet hat, und mit den Empfindungen, die von diesem Prole- 
tariat ausgehen, der darf eben iiber diese Sache reden. 

Da ist ins Auge zu fassen und wohl zu beriicksichtigen, dafi im Ver- 
lauf der letzten Jahrzehnte die proletarischen Kreise jede freie Zeit 
von ihrer Arbeit, die sie hatten, dazu beniitzt haben, urn sich Vorstellun- 
gen, BegrifTe, und danach audi Empfindungen und Impulse anzueignen 
iiber Kapital und Kapitalwirtschaft, iiber Lohn und Mehrwert, iiber 
materialistische Geschichtsentwickelung, iiber Unternehmertum und 
Arbeitertum. Und man darf nicht vergessen, wenn man selber seine 
Empfindungen in die richtigen Bahnen lenken will, dafi in den letzten 
Jahrzehnten in der Zeit, in welcher die Arbeiter Abend fur Abend, 
insoweit sie in Betracht kommen, gesessen haben, sich volkswirtschaft- 
liche Begriffe anzueignen fiir etwas, was sie Revolution nennen, was 
aber auch eine Reform hatte werden konnen - in der Zeit, was haben 
denn die burgerlichen Kreise getan? In der Zeit haben die biirgerlichen 
Kreise Karten gespielt oder sogenannte unterhaltende Theaterstucke 
angehort oder Zeitungen gelesen, nun, oder ahnliche niitzliche Beschaf- 
tigungen mehr gehabt. Dadurch ist mit Bezug auf menschliches Ver- 
standnis auf seiten der burgerlichen Bevolkerung endlich der Zustand 
eingetreten, der heute da ist: der Zustand der volligen Unfahigkeit, 
das, was proletarisch ist, zu verstehen. 

Dieser Zustand war solange aufrechtzuerhalten, als nicht elementare 
Masseninstinkte entfesselt wurden. Er ist nicht aufrechtzuerhalten, 
wenn elementare Masseninstinkte entfesselt werden. Denn der ganze 
Gang der Bewegung ist so, daift man nicht ohne drinnen zu stehen in 
der Seele des Proletariers an eine Rangierung denken kann. Derjenige, 
der wirklich die Entwickelung des Proletariats verfolgen konnte, der 
weifi, dafi alle die verschiedenen patriarchalischen Machinationen, die 
von wirtschaftlich Fiihrenden ausgegangen sind, von der Seele der Pro- 
letarier gerade am intensivsten abgelehnt worden sind. Was man in 



biirgerlichen Kreisen geglaubt hat, zugunsten der Arbeiter zu machen, 
das ist ja im Innersten der Proletarierseele strikte abgelehnt worden, 
ist sogar als eine Art Beleidigung aufgefafit worden, insofern es einen 
patriarchalischen Charakter hat. Aber auf dem Gebiete der volkswirt- 
schaftlichen Zusammenhange hat sich der Proletarier Kenntnisse er- 
worben, die er heute hat, hat sich ein Urteil erworben, mit dem er als 
einem Inhalt seiner Seele herumgeht, und von dem der Zugehorige 
der biirgerlichen Klasse gar nicht die allergeringste Ahnung, keinen 
Schimmer hat. Denn so ist die Tatsache gekommen, dafi heute der 
proletarische Arbeiter iiber die Funktionen des Kapitals, iiber Unter- 
nehmertum und Lohnverhaltnisse, iiber materialistische Geschichts- 
entwickelung mehr weifi als ein nationalokonomischer Universitats- 
prof essor, dessen Beruf es ist, iiber diese Dinge etwas zu wissen. 

Das ist die Lage, die man vor alien Dingen richtig ins Auge fassen 
mufi. Denn nur wenn man sie richtig ins Auge faftt, dann wird man 
verstehen, was gemeint ist, wenn ich sage: Derjenige, der sich jetzt 
rangieren will mit dem, was herauftaucht, der hat notig, eine ganz 
neue Sprache zu sprechen. All das, was bisher gedacht worden ist in 
biirgerlichen Kreisen, das mufi sich in eine ganz andere Sprache verwan- 
deln; denn das, was hergestellt werden mufi, mufi Vertrauen sein. Sie 
miissen aus der Seele der Leute heraus sprechen konnen, und an jedem 
einzelnen Ort aus der Seele der Leute heraus sprechen und vor alien 
Dingen handeln konnen. Das konnen Sie nicht mit abstrakten Pro- 
grammpunkten, sondern nur, wenn Sie sich hineinstellen in das, was 
heute geschieht, oder hineingestellt werden, wenn das das Richtige ist. 
Vorlaufig wird aber noch alles zuriickgewiesen, was das Richtige ist, 
werden auf keinem Punkte irgendwelche Anstalten gemacht, urn irgend 
etwas nach dieser Richtung zu unternehmen. Denn nicht um die Ab- 
forderung von abstrakten Programmen kann es sich heute noch han- 
deln, sondern heute kann es sich nur darum handeln, das personlichste 
Wirken zu entf alten aus dem Verstandnis der Sachlage heraus im kon- 
kreten einzelnen Fall. Nur darum kann es sich handeln. 

Was im allgemeinen gesagt werden kann, ist ja das Folgende. Sehen 
Sie, dadurch, dafi alles das in proletarischen Kreisen getrieben worden 
ist, was die biirgerlichen Kreise verschlafen haben, was weder Inhalt 



der Schulbildung, nodi Inhalt der Salonunterhaltimgen oder derglei- 
chen war, dadurch wissen die meisten Menschen heute nicht viel iiber 
dieDinge,iiber die man eben fahig sein mufi, sich Gedanken zu machen. 
Nun ist heute nur ein Zweif aches moglich: entweder Sie machen sich 
Gedanken iiber gewisse soziale Werte vom Gesichtspunkte des heutigen 
Proletariats aus, oder Sie machen sich solche Gedanken vom Gesichts- 
punkte der Geisteswissenschaft aus. Sind Sie durch Jahre in der geistes- 
wissenschaftlichen Bewegung drinnengewesen und haben Sie Ihre Zeit 
darinnen richtig angewendet, so denken Sie einfach richtig iiber das, 
was Ihnen heute im konkreten Fall entgegentreten kann, und nur dann 
sind Sie in der Lage, ein Vertrauensverhaltnis herzustellen, auf das 
es vor alien Dingen ankommt. Denn mit dem, was heute der Biirger- 
liche sagen kann, mufi er uberall zuriickgewiesen werden, weil eben 
der Proletarier eine viel vorgeschrittenere Sprache fiihrt. Der Burger- 
liche mufi lernen, eine noch vorgeschrittenere Sprache zu fiihren. Das 
mufi er aber erst wollen. 

Sehen Sie, was notwendig ist, das ist, das Augenmerk zu richten auf 
die dreiTypen von volkswirtschaftlichen Werten, die die hauptsachlich- 
sten drei Typen sind und um die die eigentlichen Fragen gehen. Was 
heute behandelt werden mufi durch Denken und durch die Tat, das 
sind diese drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten. Sie konnen 
sich aber nur verstandigen, audi durch die Tat nur verstandigen mit 
dem, was als elementare Stromung heraufzieht, wenn Sie den Willen 
haben, auf die Sprache, die das Proletariat spricht, einzugehen und Ihr 
wirklich sachgemafieres und wirklichkeitsgemafieres Urteil ins Auge 
fassen und geltend machen konnen. Die drei Typen sind der soge- 
nannte Unternehmergewinn, Kapitalgewinn, die Rente und der Lohn. 
Andere Typen von nationalokonomischen Werten gibt es nicht. Alles, 
was es gibt an nationalokonomischen Werten, fallt sachgemafi unter 
die drei Typen, entweder Unternehmergewinn, oder Rente, oder Lohn. 
Diesen drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten steht das Prole- 
tariertum in einer gewissen Weise gegeniiber. Es will die schadlichen 
Seiten - nach seiner Ansicht schadlichen Seiten -, welche diese drei 
Typen von volkswirtschaftlichen Werten haben, dadurch beseitigen, 
dafi herbeigefiihrt werde die Vergesellschaftung der Produktionsmittel 



und des Grundes und Bodens, und dafi die Herrschaft iibergehe an 
das eigentliche Proletariat, die Herrschaft in den verschiedenen gesell- 
schafllichen Gebieten, weil das Proletariat eben das Vertrauen zu den 
anderen Klassen verloren hat. Ja, dariiber kann man heute nicht blofi 
theoretisch sprechen, dariiber kann man nur wirklichkeitsgemafi spre- 
chen. Man kann nur so sprechen, dafi man ins Auge fafk: Wie weit sind 
die Verhaltnisse gediehen? - Und mit den Verhaltnissen meine ich 
namentlich: Wie weit sind die Gedanken und Empfindungen der Prole- 
tariermasse gediehen? - Man kann, wenn man diese oder jene national- 
okonomische Theorie durdigeochst hat, das eine oder das andere fur 
das Richtige halten, aber das besagt gar merits fur die Wirklichkeit, fur 
dasjenige, was zu tun ist. Fiir dasjenige, was zu tun ist, besagt heute 
etwas einzig und allein das Faktum, was in den Kopfen der proletari- 
schen Massen drinnen ist. Und das ist sehr uniform, das hat sich durch 
Jahrzehnte sehr uniform ausgebildet, und mit dem mufi vor alien 
Dingen gerechnet werden. 

Man mulS sich vor alien Dingen klar dariiber sein, dafi gewisse 
Dinge, die angestrebt werden miissen, verstandnisvoll verfolgt wer- 
den mussen, wenn sich das Biirgertum iiberhaupt rangieren will mit 
dem Proletariat. Unternehmergewinn - die Tendenz der Arbeiterschaft 
geht darauf hin, den Unternehmergewinn so zu gestalten, dafi aus dem 
Unternehmergewinn nichts einfliefie in den privaten Erwerb. Dieses 
ist aber eine Sadie, iiber die eine Verstandigung mit dem Proletariat 
durchaus moglich ware. Wenn man verfolgen wiirde all die Kanale, 
all die Rinnsale, in die sich im volkswirtschaftlichen Korper ergiefit 
dasjenige, was Kapital ist, und dann, wenn das Kapital die Form des 
Unternehmergewinns annimmt, wenn man das alles verfolgt, und 
wenn man sich zu gleicher Zeit sagt: Das hat das argste Mifkrauen des 
Proletariats hervorgeruf en gegen das Biirgertum, namentlich gegen die 
Grofibourgeoisie, dafi in ausgiebigstem Mafie der Unternehmergewinn 
in den Privaterwerb einbezogen worden ist - dariiber wird sich in der 
Zukunft iiberhaupt nicht streiten lassen dann ist man auf dem rech- 
ten Wege. Dann wird man aber audi, wenn man Verstandnis zeigt fiir 
dasjenige, was in diesem Punkte das Proletariat will, die Mittel und 
Wege finden, umjene tiefe soziale Schadigung hintanzuhalten, die dann 



eintreten mufi, wenn im Sinne des radikalen Proletariats heute der 
Unternehmergewinn bekriegt wird. Es liegen leider die Dinge so, dafi 
nach den Kenntnissen, die die Burgerlichen von diesen Dingen haben, 
meistens gar nicht diskutiert werden kann mit dem Proletariat, weil 
diese Kenntnisse eben nicht da sind, weil der Biirgerliche heute nichts 
weifi von den Kanalen und von den Funktionen, in denen so etwas 
wie Unternehmergewinn — von einer Fabrik der Gewinn des Unter- 
nehmers, oder von irgend etwas anderem der Gewinn des Unterneh- 
mers - sich ergiefk. Da dem Proletarier notwendig die Ausblicke feh- 
len, in die die eine oder die andere soziale Gestaltung fiihrt, so bekampft 
er nur die Schaden, die allmahlich durch das Verhalten des Biirgertums 
in bezug auf den Unternehmergewinn hervorgerufen worden sind, 
aber er ruft dadurch ganz sicher nur Zerstorung, nur Untergang hervor. 
Sache des Biirgertums ware es nun, iiber diesen Punkt sich im einzelnen 
zu verstandigen. Gerade wenn man sich in diesen Einzelheiten ver- 
standigen wiirde, so wiirden diejenigen, die fahig sind dadurch, dafi sie 
bisher in den Wirtschaftskorpern drinnengestanden haben, fiihrende 
Stellungen hatten in den Wirtschaftskorpern, die darum einzig und 
allein nur die Kenntnisse hatten, um die Kontinuitat des Wirtschafts- 
lebens fortzufiihren, ganz von selbst nach demWillen des Proletariats an 
erste Stellen gestellt werden; ob nun durch Arbeiter- und Soldatenrate 
oder andere Rate, sie wiirden schon ganz von selbst dort hineinkom- 
men. Aber es mufi die Moglichkeit vorhanden sein, wirklich iiber etwas 
zu verhandeln mit den Leuten. Wenn die Moglichkeit vorhanden ist, 
iiber etwas zu verhandeln, so dafi die Leute wissen: Aha, der weifi 
selber, was wir eigentlich wollen, aber er weifi noch etwas mehr 
dann kommt, was kommen mufi: Vertrauen, das heute nicht vorhanden 
sein kann. Denn der Zustand kann nie eintreten, dafi, wenn die Prole- 
tarier einfach den Glauben haben miissen: Nun ja, jetzt haben sie das 
Heft in der Hand, und die Burgerlichen, die bisher sich so und so be- 
nommen haben, die wollen sich jetzt auch hinsetzen an den Tisch -, dafi 
sie da gleich aus Gutmiitigkeit sie mit hinsetzen lassen werden; das 
wird nicht eintreten, sondern es mufi das durch Vertrauen gestiitzt sein. 
Und die Schwierigkeit besteht darinnen, dafi eigentlich in weitesten 
Kreisen keine Moglichkeit besteht, eine gemeinsame Sprache zu spre- 



chen. Man kann ja dann die verschiedensten Ansiditen haben, aber 
man mufi eine gemeinsame Sprache sprechen konnen. 

Dann mufi man sidi aber dariiber klar sein, dafi nicht nur der Unter- 
nehmergewinn, sondern audi die Rente wesentlich angefochten werden 
wird. Nun hat ja gerade die Rente zu den argsten Auswiichsen gefiihrt, 
und aus den Masseninstinkten heraus wird nicht nur der Unterneh- 
mergewinn bekriegt, sondern selbstverstandlich auch die Rente bekriegt 
werden. Nun ist es ganz klar, dafi wieder nur derjenige in diese Dmge 
hineinsehen kann, der die Funktionen der Rente uberschaut. Und da 
handelt es sich darum, dafi es heute leicht ist, wenn man die Sprache 
des Proletariats handhabt, es wenigstens bis zur Diskussion zu brin- 
gen — Verstandnis wird sich nur langsam und allmahlich entwickeln, 
gegenseitiges Verstandnis — und es bis zu einer gewissen Art von Ver- 
trauen zu bringen. 

Nicht wahr, beim Unternehmergewinn handelt es sich ja darum, dafi 
man einsehe, dafi man wirklich nicht den Unternehmergewinn betrachte 
als eine Grundlage fur privaten Erwerb, sondern dafi alles, was Unter- 
nehmergewinn ist, zu einem nur in dem Verhaltnis steht, dafi man die 
Sache zu verwalten hat, dafi man mit der Sache zu wirtschaften hat, 
und dafi der Unternehmergewinn in der Zukunft nicht hineingehen 
darf in den privaten Erwerb, in all dasjenige, was privater Erwerb ist. 
Bei der Rente handelt es sich darum, dafi die Welt ohne Rente gar 
nicht leben kann, denn von der Rente im weitesten Sinne mufi das 
ganze geistige Leben, Erziehung, Unterricht und alles erhalten werden, 
und aufierdem miissen die nicht arbeitsfahigen und kranken Menschen, 
die alten Menschen und dergleichen eigentlich aus der Rente erhalten 
werden. In dem Augenblick, wo man sachgemafi iiber diese Dinge 
redet, wiirde es sich selbstverstandlich darum handeln, dafi man wenig- 
stens in eine fruchtbare Diskussion kommt, aber man mufi sich auch 
klar dariiber sein, dafi es unmoglich ist, in eine fruchtbare Diskussion 
zu kommen, wenn man nicht weifi, dafi das wirklich Berechtigte der 
Rente nur darmnen bestehen kann, dafi sie in diese Richtungen geleitet 
wird, von denen ich eben gesprochen habe. 

Das dritte ist der Lohn, den ja das Proletariat so regeln will, dafi 
kein Mehrwert sich ergibt, der in etwas anderes fliefit als in den nicht 



zum privaten Erwerb umzusetzenden Unternehmergewinn und in die 
berechtigte Rente, Naturlich ist es ein Horror fiir die auf diesem Ge- 
biete ganz kenntnislose biirgerliche Bevolkerung, darinnen Einsicht zu 
gewinnen, dafi nun wirklich niemand audi nur im geringsten etwas zu 
fiirchten hat, wenn im Prinzip das wirklich besteht: dafi jedem zufallt 
das Ertragnis seiner Arbeit, dafi tatsachlich die volkswirtschaftliche 
Struktur so ist, dafi sich fiir jeden Arbeitenden umwandelt die Arbeit 
in Ertragnis seiner Arbeit. Ein Ideal ist es nicht, das konnen Sie aus 
meinem Aufsatz «Geisteswissenschaft und soziale Frage» sehen, aber 
es handelt sich heute nicht um ein Ideal, sondern um dasjenige, was 
allein erreicht werden kann in der unmittelbaren Zukunft. Und da 
handelt es sich darum, dafi man in der Tat ein Verstandnis dafiir er- 
weckt, welches das Minimum des Mehrwertes ist, und nur das Mini- 
mum des Mehrwertes zuriickhalt von dem Lohn, der dann nicht mehr 
Lohn seinwird, sondern der einf ach Entschadigung sein wird fiir Arbeit. 

In der allergerechtesten Weise, man kann sogar sagen, in der aller- 
bequemsten Weise wiirde sich die soziale Struktur gestalten, naturlich 
nach und nach, wenn man zunachst gar nichts anderes wollte, als mit 
wirklichem Verstandnisse nach diesen drei Richtungen hin sich zu 
rangieren. Denn man wiirde dann zunachst dasjenige hervorrufen, 
was das Allernotwendigste ist: man wiirde hervorrufen die Moglichkeit 
einer Kontinuitat des Wirtschaftslebens. Und das ist vor alien Dingen 
notwendig. Das ist dasjenige, was nicht moglich war auf dem Gebiete 
des Bolschewismus in Rufiland und was niemals moglich sein wird, 
wenn nicht eine Rangierung in dem angedeuteten Sinne stattfindet. 
Anders als in dem angedeuteten Sinne ist es nicht moglich. 

Nach diesen drei Richtungen hin handelt es sich darum, dafi man 
vor alien Dingen so Verstandnis erweckt, dafi aus diesem Verstandnis 
eine Bewegung nach der Regel nach diesen drei Richtungen geschieht. 
Dadurch allein ist es moglich, dafi die tauglichen Fiihrer des wirtschaft- 
lichen Lebens - was namlich dringend notwendig ist, wenn nicht un- 
ermefiiiches Unheil kommen soil; die Tauglichen, nicht die Untaug- 
lichen, die miissen selbstverstandlich heraus - diesem wirtschafllichen 
Leben wirklich erhalten bleiben. Es ist unter keinen anderen Verhalt- 
nissen moglich, das Proletariat fiir die Kontinuitat des Wirtschafts- 



lebens zu gewinnen, als wenn man in dieser Weise eine ihm verstand- 
liche Sprache zu fiihren vermag. Die Kontinuitat des Wirtschaftslebens, 
die muE erhalten werden. Und dann mufi Verstandnis dafiir hervor- 
gerufen werden, welches die inneren Zusammenhange sind. 

Sehen Sie, ein Zusammenhang, der vor alien Dingen eine grofie Rolle 
in der nachsten Zeit wird spielen miissen, wenn nicht unermefiliches 
Ungliick, das verhiitet werden kann und verhiitet werden darf, trotz 
des Weltenganges heraufkommen soil, das ist der: Alles, was heute 
Proletariat ist, ist ja in seinem Denken doch genahrt von den perversen 
wissenschaftlichen und sonstigen Auseinandersetzungen der letzten 
Jahrhunderte - und namentlich des letzten Jahrhunderts - des Biirger- 
tums. Das Proletariat hat ja alles das geerbt, was das Biirgertum her- 
vorgebracht hat in bezug auf Denken und Vorstellen. Das Proletariat 
steht nur in einer anderen Weise in der Welt drinnen und zieht andere 
Konsequenzen daraus. Der Ursprung von dem, was die Bolschewisten 
tun, liegt in der Universitatsbildung von heute, in der Gestaltung, 
welche das Erziehungswesen gerade der biirgerlichen Klassen gefunden 
hat. Denn die Proletarier haben ja nichts anderes gelernt als dasjenige, 
was die biirgerlichen Klassen produziert haben. Sie ziehen eben nur in 
ihrer Art die Konsequenzen daraus. Deshalb ist es notwendig, vor 
alien Dingen dafiir Verstandnis hervorzurufen im Proletariat selber, 
wie sie eigentlich von den abgefallenen Brocken des unbrauchbaren 
biirgerlichen Denkens zehren und nun eine Bewegung hervorrufen 
wollen, die doch nur ohnmachtig sein kann, weil sie eben aus dem 
unfruchtbaren Bourgeois-Denken hervorgeht. Dieses Verstandnis mufi 
erweckt werden, kann aber naturlich nicht anders erweckt werden, als 
dafi man sich klar wird dariiber, da£ nun in der Bourgeoisie selber eine 
vollige Umkehrung stattfinden raufi gerade in bezug auf diesen Punkt, 
in bezug auf das geistige Leben, in bezug auf das Bildungswesen. Die 
ganze Art der Einrichtungen des Bildungswesens ist eben wirklich fiir 
die neue Zeit nicht zu gebrauchen, und es mufi einfach dafiir gesorgt 
werden, dafi die Kontinuitat des Wirtschaftslebens so lange aufrecht 
erhalten wird, bis iiberwunden wird alles dasjenige, was in ungesunder 
Weise in unsere Volkswirtschaft eingreift von dem ungesunden Bour- 
geois-Getriebe des Lebens. 



Da miissen Sie schon Riicksicht darauf nehmen, dafi man in verstand- 
licher Weise sich die Sache zurechtlegen mu£. Denken Sie doch, dafi Sie 
sich klarmadien miissen, dafi Geld als solches tiberhaupt nichts ist. 
Wahre Werte sind ja nur Arbeit. Geld ist ja niemals etwas anderes als 
Anweisung auf Arbeit. Aber die letzten Konsequenzen aus diesen 
Dingen werden ja nicht gezogen. Ich will ein Beispiel von der Bildung 
der heutigen Zeit selber nehmen. Sehen Sie, da sind die jungen Fiichse, 
die Studenten meine ich, die miissen - nun, ich will ein Beispiel heraus- 
heben — Dissertationen machen. Es ist ja wirklich so, dafi Dissertationen 
gemacht werden miissen, meinetwillen iiber den i-Punkt in den Ur- 
kunden von Innozenz IV. Ich kenne einen Mann, der sein ganzes Leben 
hindurch einen gewissen Ruf hatte, iiber die Schimpf worter bei Properz 
eine Dissertation gemacht zu haben, oder iiber die Parenthesen der 
griechischen Dramatiker und so weiter. Ich konnte Ihhen Unzahliges 
anfiihren. Aber das sind ja nur Beispiele, die vermillionfacht werden 
konnten jetzt, nicht nur hundert- oder tausendfach auf den verschie- 
densten Gebieten vermehrt werden konnten. Ja, diese Dinge, die diir- 
fen nicht weiter belletristisch behandelt werden, sondern diese Dinge 
miissen nach den Anforderungen unserer Zeit in eine volkswirtschaft- 
liche Perspektive geriickt werden. Der junge Fuchs sitzt ein ganzes Jahr 
iiber seiner Dissertation, die iiber die Parenthese meinetwillen bei 
Homer handelt. Nicht wahr, er sitzt ein ganzes Jahr dariiber. Es kann 
eine sogenannte fleifiige, saubere Arbeit werden. Aber was bedeutet 
das? Das bedeutet, dafi sich der Student ein Jahr damit beschaftigt und 
ifit und trinkt und sich kleidet. Dasjenige, was er ifit und trinkt und 
womit er sich kleidet, das muJft gearbeitet werden von so und soviel 
Leuten. Da mufi die soziale Struktur dazu da sein, daft wirkliche Arbeit, 
reelle Arbeit sich so umwandelt, dafi dieser junge ochsende Student ein 
Jahr essen und trinken und sich bekleiden kann, um iiber die Schimpf- 
worter bei Properz oder iiber die Parenthese bei Homer zu schreiben. 
Wenn Ihnen jemand nur annahernd einen BegrifT geben wiirde, wie in 
dieser Weise richtige menschliche Arbeit umgewandelt wird in absolut 
kulturnichtsnutziges Zeug, was wertlos nach jeder Richtung ist, dann 
wiirde er eine ungeheuer wohltatigeTat begehen. Aber das sind die Dinge, 
die zum Verstandnis gebracht werden miissen, dafi das, woran man 



gar nicht denkt, als hochstens es mit einem Lacheln zu behandeln, dafi 
das in volkswirtschaftliche Perspektive geriickt werden muJS. Denn wir 
sind bei der Zeit angekommen, wo alle Dinge in volkswirtschaftliche 
Perspektiven geriickt werden miissen. Derjenige Biirgerliche, der nicht 
versteht, was es heifit, Arbeitskraft von Menschen zu mifibrauchen, 
urn einem jungen Menschen moglich zu machen, ein ganzes Jahr zu 
essen und zu trinken und sich zu bekleiden iiber der Tat, die Schimpf- 
worter des Properz in ein System zu bringen, der Mensch, der das nicht 
begreift, findet auch nicht die Moglichkeit, die Rangierung zu bewirken, 
von der ich gesprochen habe. 

Das bezeugt Ihnen aber auch das andere, was notwendig ist: auf 
der einen Seite sich zu rangieren, dafi wirklich Kontinuitat des Wirt- 
schaftslebens moglich ist, auf der anderen Seite Verstandnis hervor- 
zurufen gerade im Proletariat, dafi man gemeinsam mit dem Prole- 
tariat ein solches Geistesleben pflegen will, das nicht in ungesunder 
Weise sich wirtschaftlich auslebt, sondern in gesunder Weise sich wirt- 
schaftlich auslebt. Wenn man erst diese Grundlage geschaff en hat, wenn 
zum Beispiel der Proletarier weifi: Du bist mit mir einverstanden, ich 
kann dich brauchen, denn du weifit dies oder das zu tun, weil du gelernt 
hast, was ich noch nicht gelernt habe - auf etwas anderes hin, als dafi 
einen die Leute brauchen, werden sie einen nicht sich zu ihnen setzen 
lassen -, wenn erst der Proletarier einsieht, dafi der Biirgerliche Ver- 
standnis hat fur solche Dinge, dann wird er die Moglichkeit herbei- 
fiihren, die Kontinuitat des Wirtschaftslebens zu begriinden, einfach 
aus solchen Griinden. Auf andere Weise, auf anderem Wege ist es nicht 
zu machen. Dann aber wird er zuganglich sein, wenn man sich mit ihm 
verstandigt dariiber, dafi ferner nicht auf ungesunde Weise Unter- 
nehmergewinn privater Erwerb sein darf , denn nur dadurch, dafi Unter- 
nehmergewinn privater Erwerb sein kann, ist es moglich, dafi in den 
Dissertationen der jungen Fiichse an den Universitaten, indem der 
Unternehmergewinn wiederum in ihr Essen und Trinken umgewandelt 
wird - der Unternehmergewinn, welcher aber Mehrwert der Arbeit 
ist die Schimpfworter bei Properz oder die Parenthese bei Homer in 
ein System gebracht werden konnen. Das ist aber nur vergleichsweise 
gesagt, denn es konnte vertausendfacht und vermillionfacht werden. 



Dadurch allein aber wird man Verstandnis hervorrufen, Verstandnis 
dann auf einem Umwege, fiir das, was auf geistigem Wege besonders 
notwendig ist und was droht, ganz zugrunde zu gehen, wenn man sich 
nicht rangiert - denn aus dem Proletariat heraus wird das Gegenteil 
von dem folgen, was notwendig ist auf dem geistigen Wege -, und 
das ist: die Freiheit der Individuality. Sie wird aus dem Proletariat 
heraus totgeschlagen. Die Freiheit der Individualitat, die ermoglicht, 
dafi Anlagen gebraucht werden konnen, dafi Talente sich verwirk- 
lichen, dafi der Mensch iiberhaupt mit Bezug auf alles dasjenige, was er 
geistig produziert oder woran er geistig teilnehmen soil, ein freier 
Mensch ist, das alles lafit sich aus den Voraussetzungen der heutigen 
Proletarier-Anschauungen nicht realisieren. Aber zum Verstandnisse 
zu bringen ware es, wenn man sich entschliefien wiirde, wirkHch die 
neue Sprache zu fiihren, die notwendig ist. Das ist es, iiber was man 
heute als, ich mochte sagen, etwas Tagesnotwendiges unbedingt sich 
aufklaren sollte, in was man heute Einsicht gewinnen sollte. Und ge- 
winnt man Einsicht, dann wird man schon sehen, was alles versaumt 
worden ist, indem man eine tiefe Kluft aufgerissen hat zwischen dem 
Proletarier, der seine Zeit so verwendet hat, wie ich es Ihnen angedeu- 
tet habe, und zwischen dem Biirgertum, das iiber die Dinge doch im 
Grunde genommen ganz unwissend geblieben ist. 

Dieses will Ihnen aber zeigen, dafi man mit abstrakten Program- 
men und mit sogenannten Idealen, wenn sie noch so schon klingen, 
heute gar nichts anfangen kann, dafi man heute einfach kennenlernen 
mufi, was die Leute wollen. Aber das lernt man nicht kennen, wenn 
man mit ihnen verhandelt, denn sie sind natiirlich weit entfernt davon, 
irgend etwas von sich zu enthiillen, wenn man mit ihnen verhandelt. 
Man mufi nicht blofi verhandeln, nicht blofi mit ihnen leben, man mufi 
mit ihnen denken lernen, man mufi mit ihnen empfinden lernen. Und 
man mufi dann eine Verpflichtung, ein Pflichtgefiihl dafiir haben, dafi 
dasjenige, was einem durch das Karma zugefallen ist, nun tatsachlich 
in einer entsprechenden Richtung verwendet werden mufi. Das Mafi 
desjenigen, was gut werden kann an den furchtbaren Stiirmen, die 
heute vor der Tiir stehen, das wird sich ganz danach richten, ob man 
anfangen wird, fiir solche Dinge, wie ich sie zum Beispiel inauguriert 



habe nut meiner «Philosophie der Freiheit» oder dergleichen, Ver- 
standnis zu gewinnen oder nicht. Nicht wahr, jeder tut dasjenige, was 
er tun kann, was in seinem Karma, in seiner Richtung liegt. Von den 
Dingen, die ich selber getan habe, mochte ich eben gerade hervorheben 
die Produktion von Gedanken, die dem sozialen Leben eine Struktur 
geben konnen, und von denen ich im Anf ange der neunziger Jahre, vor 
einem Vierteljahrhundert eben hoffte, dafi sie schon dazumal einen 
Resonanzboden finden konnten, von denen ich heute wiederum hoffe, 
dafi sie einen Resonanzboden finden konnten, nachdem nach einem 
Vierteljahrhundert nun die zweite Auflage erschienen ist, vielleicht 
einen Resonanzboden finden werden, nicht nur trotz, sondern wegen 
der schwierigen Zeiten, die jetzt beginnen. 

Das andere, das ich audi nicht unerwahnt lassen will, ist das, daj& 
ich ja nur dadurch zu Einsichten kommen konnte auf dem Gebiete, 
von dem ich Ihnen auch heute gesprochen habe, wie iiberhaupt auf 
geisteswissenschaftlichem Gebiete, dafi ich niemals in meinem Leben 
irgendeine Stellung angestrebt habe, die zusammenhing mit dem unter- 
gehenden Staatsbetriebe. Ich bin nie in einen Zusammenhang mit 
irgendeiner aufieren Anstellung in einem Staate gekommen, auch nie- 
mals mit irgendeiner sozialen Stellung, welche auf der Monopolisierung 
der Bildung beruht. Denn die Monopole auf die Bildung mussen alle 
im Grunde genommen angesehen werden als dasjenige, was die heutige 
Katastrophe mit herbeigefiihrt hat, das Arzt-Monopol und so weiter, 
und was sonst auf diese Weise konfundiert ist. Denn Freiheit in bezug 
auf das Geistige ist nur dann nicht von Schaden, wenn das Geistige im 
Geistigen stehenbleibt. Sobald irgendwie, was heute und seit langer 
Zeit immer geschieht, das Geistige, das heifit die Aneignung von Fahig- 
keiten, konfundiert wird mit derMoglichkeit, ausUnternehmergewinn 
privaten Erwerb zu machen, so dafi der private Erwerb, der aus dem 
Unternehmertum gezogen ist, irgendwie eine Rolle spielen kann bei 
der Verwertung des Geistigen - alles das, was auf diesem Wege ge- 
schieht, ist etwas, was nur die tiefsten Schaden herbeifiihren kann 
gegeniiber dem, was in der Zukunfl: notwendig ist. Alle diese Dinge, 
die ich da beriihre, sie hangen wiederum zusammen mit grundlegenden 
Dingen, die in alles Leben hineinspielen. Der innigste Zusammenhang 



ist ja zwischen den geistigen Fahigkeiten und dem Unternehmergewinn 
auf dem Gebiete des - mit Respekt zu vermelden - Journalismus ein- 
getreten, der heute alle Welt beherrscht und von dem eben vieles andere 
abhangig ist. 

Ich miiiftte lange Zeit so fortreden, wenn ich Ihnen eben weiteres 
sagen wollte. Allein ich habe heute ja Ihre Zeit schon recht lange in 
Anspruch genommenund wir werden hoffentlich in den nachsten Tagen 
dariiber weitersprechen konnen, obwohl man ja jetzt nicht wissen kann, 
ob nicht von heute auf morgen einmal eine Notwendigkeit eintritt, von 
hier wegzugehen, oder, nicht wahr, so etwas dergleichen. Man kann 
heute, wo Tage Jahrzehnte bedeuten, nichts anderes sagen als: Es mu£ 
der Moment ergrifFen werden und im Momente das Notwendige getan 
werden. - Also damit mufi auch innerhalb unseres engsten Kreises ge- 
rechnet werden. Aber ich hoffe, dafi wir Freitag spatestens wiederum 
weitersprechen konnen. Wenn irgend etwas geschehen sollte, so werde 
ich dafiir sorgen, dafi wir wenigstens einiges andere, was wir gerade 
auf diesem Gebiete sagen mochten, hier noch besprechen konnten. Aber 
sonst werden wir Freitag, Sonnabend und Sonntag unsere Betrach- 
tungen fortsetzen und dann das erreichen - ich habe es heute nicht mehr 
erreichen konnen -, was ich eben anstrebe: nun wiederum gerade so- 
wohl, was die heutigen Volkerschicksale betrifft, wie auch, was die 
soziale Frage betrifft, das Ganze nach noch tieferen, geisteswissenschaft- 
lich-anthroposophischen Grundlagen aufzusuchen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 15. November 1918 



Sie haben vor kurzem den «Chor der Urtraume» Ferchers von Steinwand 
eurythmisiert gesehen. Es wird nun jene Dichtung Ferchers von Stein- 
wand fur eine eurythmische Darstellung vorbereitet, die sidi an den 
«Chor der Urtraume» anreiht: der «Chor der Urtriebe». Es ist nun 
vielleicht bei dieser Dichtung ganz wiinschenswert, wenn Sie sich mit 
den Gedanken der Dichtung zuerst bekannt machen, weil wahrend der 
eurythmischen Darstellung durch das gleichzeitige Aufnehmen des 
Eurythmischen und der Dichtung die Aufmerksamkeit doch sehr stark 
in Anspruch genommen wird. Damit es nun vor der eurythmischen 
Auffuhrung moglich ist, dafi Sie sich schon mit der Dichtung bekannt 
machen, wird heute Frau Dr. Steiner vor dem Vortrag den ersten und 
den zweiten Absatz des Chors der Urtriebe rezitieren und morgen 
dann damit fortsetzen. 

Es ist von mir in diesen Betrachtungen versucht worden, gerade an 
die bedeutsamen Entwickelungsereignisse der Gegenwart einiges epi- 
sodisch anzuknupfen, das dann die Moglichkeit bieten soil, weitere 
Ausblicke zu geben gerade von unserem geisteswissenschaftlichen Stand- 
punkte aus. Ich mochte auch heute das eine oder das andere noch epi- 
sodisch mit Bezug auf unsere Zeitereignisse vor Ihnen vorbringen, 
damit wir dann innerhalb dieser drei Vortrage heute, morgen und 
ubermorgen vielleicht zu einigen Ausblicken, die jedem wichtig sein 
miissen in der Gegenwart, kommen konnen. Ich mochte heute ausgehen 
von einer allgemeinen Bemerkung. Unter dem Mancherlei, was diese 
furchtbaren katastrophalen Ereignisse der letzten Jahre in die Mensch- 
heit hereingetragen haben, sollten zwei Dinge namentlich sein. Das 
eine ist: Es sollte aus der Beobachtung des Erlebten hervorgehen eine 
Art Verstarkung der Menschheit in bezug auf das Gefiihl fur tat- 
sachliche Wahrheit. Und das zweite sollte sein: Es sollte erspriefien 
aus dem Tragischen, das sich zugetragen hat und weiterhin zutragen 



wird, eine gewisse Fahigkeit, von den Weltereignissen, iiberhaupt von 
der Welt als soldier zu lernen. 

Diese zwei Dinge sollten hineingetragen werden in das menschliche 
Leben aus der Beobachtung der vergangenen viereinhalb Jahre. Ein 
Gefiihl, sagte ich, sollte der Menschheit erspriefien fiir tatsachliche 
Wahrheit, fiir die Wahrheit innerhalb der Tatsachenwelt. Wir haben 
gesehen, wenn wir sehen wollten, wenn es uns darum zu tun war, zu 
sehen, da£ durch Jahre hindurch - womit ich nicht sagen will, dafi es 
vorher nicht in einem gewissen Grade auch so war, nur war es nicht so 
auf fallig ~, dafi durch reichlich mehr als vier Jahre die Menschheit iiber 
die ganze zivilisierte Welt hin sich allmahlich abgestumpft hat fiir die 
Beobachtung der tatsachlichen Wirklichkeit, der in den Ereignissen 
lebenden Wahrheit. Wie oft ist es eigentlich notig, innerhalb des Krei- 
ses derer, die sich in unserer Bewegung zusammengeschlossen haben, 
von der Bedeutung, von der tatsachlichen Bedeutung der Wahrheit zu 
sprechen. Wie schwierig ist es auf der anderen Seite, fiir das echte Bild 
der Wahrheit, insofern die Wahrheit nicht blofi eine Abstraktion ist, 
sondern insofern die Wahrheit eine Realitat ist, fiir das echte Bild der 
Wahrheit einiges Verstandnis zu erwecken. Und wie groE sind die 
Versuchungen, sich zu entziehen dem Anblicke der wirklichen Wahr- 
heit. Ober die vier letzten Jahre und iiber dasjenige, was vorangegan- 
gen ist, wird ja wohl die Menschheit auch einmal unterrichtet sein 
wollen, weil jedenfalls aus dem Chaos heraus sich auch so etwas wie 
der Drang, die Ereignisse kennenzulernen, entwickeln wird. Heute - 
darauf habe ich ja namentlich in den letzten Betrachtungen, die ich hier 
angestellt habe, hinweisen wollen -, heute haben noch wenige Leute 
wirklich ein Bediirfnis, die Wahrheit iiber die letzten Jahre zu erfahren. 
Aber das meine ich weniger, sondern ich meine, indem ich von der 
Wahrheit hier spreche, die Hingabe an die Wirklichkeit. Die Menschen 
lieben es, in Illusionen zu leben. Zwischen Illusionen und Unwahr- 
heiten ist aber nur eine ganz schmale Kluft, iiber die man sehr leicht 
eine Briicke hiniiberfindet von den Illusionen aus ins Reich der wirk- 
lichen Luge. Ob diese Luge nun bewufit oder unbewulk ist, darauf 
kommt es ja weniger an, wenn es sich um Wirklichkeiten handelt. Die 
Versuchungen sind eben sehr grofi, einzufiihren in seine Anschauungs- 



welt an der Stelle, wo man iiben sollte die Hingabe an die Wahrheit, 
einzuschalten die Illusion und dann sehr bald eben die Unwahrheit. 

Dem Geisteswissenschafter sollte es nun klar sein, dafi bildend, ent- 
wickelnd, aufbauend, wachstumfordernd nur das Leben der Menschen 
in der Wahrheit sein kann, dafi dagegen alles dasjenige, was Leben in 
der Unwahrheit ist, zerstort, isoliert. Es ist audi immer das Leben in 
der Unwahrheit mit dem Egoismus verbunden. Dasjenige, was so hin- 
der lich ist dem Eindringen in die in den Tatsadien waltende Wahrheit, 
das ist das Sich-Einspinnen in die subjektive Bequemlichkeit nament- 
lich des Vorstellungs-, aber audi des Empfindungslebens. Man mochte 
nicht gern sich iiber die Illusionen hinausheben, dafi ja doch alles, alles 
so ist, dafi man des Denkens, des natiirlichen Denkens enthoben ist. 

In diese Stimmung, die sehr leicht allgemeine Stimmung wird, ist 
dann der einzelne hineingestellt und wird, wenn er sich in einer der 
Wahrheit nicht sehr giinstigen Zeit bedienen raufi einer gewissen Form, 
dann aufierordentlich schwer verstanden. Derjenige, der genotigt war 
in den letzten vier Jahren, das eine oder das andere durchleuchten zu 
lassen von den tatsachlichen Verhaltnissen, und der genotigt war, den 
brutalen Wirklichkeiten Rechnung zu tragen, der wurde selbstverstand- 
lich schwer verstanden. Aber wie schwierig es ist, dieses Hinneigen zur 
Wahrheit in den Tatsachen zu entwickeln, das kann ja daraus ent- 
nommen werden, dafi es fiir zahlreiche Menschen wahrhaftig recht un- 
bequem gewesen ware, ihr Denken auf so etwas emzustellen, wie es 
zum Beispiel, sagen wir, von mir in jenem Wiener Zyklus von Vor- 
tragen vorgebracht worden ist, auf das ich neulich hier wiederum hin- 
gewiesen habe; der von dem, was innerhalb der Menschheit waltete 
seit Jahrzehnten, sprach als von einer Karzinomkrankheit, von einer 
Krebskrankheit, die im sozialen Leben der Menschen spielt. Und ich 
sagte dazumal: Wahrhaftig nur die Verpflichtung, so etwas zu sagen, 
kann einen veranlassen, es auszusprechen. - Ich sagte aber zu gleicher 
Zeit: Man mochte das, was darinnen liegt, hinausschreien in alle Welt. - 
Aber es ist unbequem, das zu horen, und unbequem war es fiir die 
Menschen, zu horen, bevor diese Katastrophe hereingebrochen ist, dafi 
sie hereinbrechen wird. Unbequem war es selbstverstandlich fiir eine 
grofie Anzahl von Menschen, sagen wir, vor zwei Jahren, darauf auf- 



merksam gemacht zu werden, dafi ja die Ereignisse keinen anderen 
Gang nehmen konnen als denjenigen, den sie jetzt genommen haben. 
Dafi dieser Gang der Ereignisse fur die sogenannten Zentralmachte 
ein sehr bedeutungsvoll unbequemer ist, das liegt ja heute schon auf 
der Hand. Dafi er fiir die Entente ein recht unangenehmer werden 
wird, das wird man im Laufe einiger Jahre schon sehen, aber es liegt 
heute noch nicht so auf der Hand; daher ist es heute noch immer eine 
unbequeme Wahrheit. Selbstverstandlich wiirde heute so ziemlich auf 
der ganzen Welt demjenigen, der noch deutlicher sagen wiirde, als das 
hier schon geschehen ist, um was es sich handelt, recht Unangenehmes 
passieren konnen, geradeso wie in anderem Gebiete jemandem hochst 
Unangenehmes passiert sein wiirde, wenn er die Hindenburg- und 
Ludendorff-V erehrung vor zwei Jahren in das richtige Licht gesetzt 
hatte. 

Das sind Dinge, die spielen nur ins Grofk hinein. Es gibt aber Dinge, 
die treten im menschlichen Leben alltaglich auf, sie zeigen sich von 
Mensch zu Mensch alliiberall. Und schliefilich ist dasjenige, was sich im 
Grofien abspielt, was die sogenannten grofien Ereignisse sind, ja nichts 
anderes als die Kumulierung dessen, was sich im Kleinen von Mensch 
zu Mensch alltaglich, eben im alltaglichen Leben abspielt. Es besteht 
einmal eine gewisse Hinneigung der Menschen, nicht auf die Wahrheit 
zu schauen, schauen zu wollen. Gewifi, die Menschen reden viel von 
Wahrheit. Ich habe aber nirgends grofiere Liebe zur Illusion gesehen 
als bei denjenigen Menschen, die das Wort Wahrheit alle Augenblicke 
im Munde fiihren, wie ich niemals starkeren Egoismus entdeckt habe 
als bei denjenigen Menschen, die fortwahrend sagen, sie wollen ja 
eigentlich nur das oder jenes Unpersonliche. 

Das ist das eine, die Notwendigkeit, Wahrheitsgefuhl, insofern die 
Wahrheit in den Tatsachen liegt, zu entwickeln. Das andere ist, von 
den Weltenereignissen zu lernen. Es kann einem das Herz bluten, wenn 
man die Notwendigkeit durchschaut, gerade an den Ereignissen der 
letzten Jahre zu lernen, und wenn man sieht, wie verhaltnismafiig 
wenig doch eben gelernt worden ist durch die Menschen. Es ist einem, 
wenn man die Dinge betrachtet, oftmals, wie wenn Jahrhunderte zwi- 
schen dem Jahre 1914 und dem heutigen Jahre liegen wiirden, und man 



kann wirklich heute noch Menschen treffen, die heute genau ebenso 
urteilen, wie sie 1914 iiber diese oder jene Dinge geurteilt haben. Ge- 
wifi, es bleibt ein gewisser Grundstock von Dingen unangetastet, aber 
wir verstehen uns ja wohl, wenn ich sage: Man mufi gelernt haben, 
iiber gewisse Dinge anders zu urteilen. - Man kann ja wohl verstehen, 
dafi eben diejenigen Dinge gemeint sind, die gerade durch solche Er- 
eignisse ans Tageslicht getreten sind, wie die vier letzten Jahre waren. 

Dasjenige, was schon gelernt werden konnte von vielen Menschen, 
das ist die Notwendigkeit der Hinneigung zu einer geistigen Welten- 
betrachtung. Aus alledem, was naraentlich auf dem Gebiete des sozja- 
len Lebens geschieht, der sozialen Verwickelungen, die sich zuletzt 
herausentwickelt haben aus dieser Weltenkatastrophe, was sich ergibt 
aus dem sozialen Chaos, das sich herausentwickeln wird aus dieser 
Weltkatastrophe, das wird vor alien Dingen sein die Notwendigkeit 
fur die Menschheit, sich zu spiritueller, zu geistiger Weltbetrachtung 
hinzulenken. Das macht sich heute zunachst dadurch geltend, dafi die- 
jenigen Menschen, die in diesem Wirbeltanz, der ja eingetreten ist, nun 
fur einige Zeit obenaufkommen, gerade am schlimmsten ablehnend 
sind gegen alles spirituelle Leben, gegen alle geistige Weltenbetrach- 
tung. Aber gerade in dieser schlimmen Ablehnung liegt der reale Keim 
fiir die Herbeirufung der Sehnsucht nach spiritueller Weltenbetrach- 
tung. Man wird gar nicht zu einer lichtvollen sozialen Gestaltung in 
der Zukunft kommen konnen, ohne dafi man den Blick wendet auf 
dasjenige, was die heutige Ordnung, das heutige Chaos ergeben hat. 
Aber durchschauen dasjenige, was geschehen ist - und das gegenwartige 
Chaos ist nur das Ergebnis desjenigen, was im Laufe der Menschheits- 
entwickelung geschehen ist - einen Einblick in das, was geschehen ist, 
wird man nur bekommen konnen, wenn man als geistige Lichtquellen 
eben Geisteswissenschaft haben wird. 

Man wird, um die grofien proletarischen Fragen, die auftauchen, 
einigermaflen beherrschen zu konnen - ich will gar nicht davon spre- 
chen, sie losen zu konnen -, sich fragen miissen: Welche Bedeutung 
haben denn eigentlich iiberhaupt die Klassen, auf welche zum Beispiel 
gerade das Proletariat, indem es sich selber als Klasse fiihlt, zuriick- 
blickt: die Klasse des alten Adels, der Bourgeoisie, und endlich die 



Klasse des Proletariats selber? - Mit Definitionen kommt man der 
Sadie nicht bei. Audi nidit dadurch kommt man der Sache bei, dafi 
man beobaditet, wie sich die Adelsklasse im Laufe der Jahrhunderte 
benommen hat, woraus sie geworden ist, wie sidi die Bourgeoisie ver- 
halten hat, wie das Proletariat entstanden ist. Audi dadurch kommt 
man nicht zu einem Verstandnis desjenigen, was in die menschliche 
Gesellschaftsordnung hereingeflossen ist, indem es sich aus anderen, 
namentlich aus diesen drei Klassen seine Zufliisse geholt hat. 

Der Adel in seinen verschiedensten Formen - ja, zuletzt versteht 
man dasjenige, was mit dem Adel als Klasse zusammenhangt, doch 
nur, wenn man in der Lage ist, so etwas geisteswissenschaftlich zu be- 
leuchten. Dadurch allein hat man die Moglichkeit, sich zu sagen: Die- 
jenigen Menschen, die in der Adelskaste sich heranentwickelt haben, 
sind ja naturlich nicht blofi diese menschlichen Individuen, die von 
gewissen Vorfahren nach der Kontinuitat des Blutes herstammen und 
sich dadurch gewisse Vorrechte in der Welt gesichert haben auf Grund- 
lage bestimmter Ereignisse, die Ihnen ja mehr oder weniger bekannt 
sind, sondern die Mitglieder dieser Adelskaste sind ja auch Seelen, 
wenigstens zum grofiten Teil Seelen, die gesucht haben, gerade in 
solchen Korpern sich zu verkorpern, welche in der Adelskaste geboren 
worden sind. Das wird man sich iiberhaupt aneignen miissen gegen die 
Zukunft hin: den Menschen nicht blofi als leiblich-korperliches Wesen 
zu betrachten, sondern ihn zu betrachten in seinem Zusammenhange 
mit der hinter ihm stehenden geistigen Welt, in der er die Quelle sei- 
nes Seelischen hat. Man wird allmahlich das Gefiihl bekommen miissen, 
dafi man den Menschen nicht kennt, wenn man nicht seinen Zusammen- 
hang mit der hinter ihm stehenden geistigen Welt ins seehsche Auge 
fafk. 

Man kann sich nun wirklich geisteswissenschaftlich Miihe geben, die 
Frage zu beantworten: Woher kommt das eigentlich, was in dieMensch- 
heit durch den Adel hineingekommen ist? - Man hat ja auch in der Ge- 
gen wart ziemlich viel Gelegenheit, solche Fragen geisteswissenschaftlich 
zu behandeln; wenigstens hatte man dazu Gelegenheit. Das wird ja jetzt 
aufhoren. Die Welt hat viel geschimpft iiber den sogenannten preu- 
fiisch-deutschen Militarismus; jetzt schimpft Preufiisch-Deutschland 



selber iiber den preufiisch-deutschen Militarismus. Das Schimpfen mag 
von diesem oder jenem Standpunkte aus berechtigt sein; die Grunde, 
welche vorgebracht worden sind von der einen oder von der anderen 
Seite, fiir und gegen, sind zumeist recht wenig schone und jedenfalls 
recht wenig wahre Grunde gewesen, sind es audi heute nodi nicht. Und 
fiir den Wahrheitsucher kommt es ja viel mehr auf die Grunde an als 
auf das abstrakte Stimmen oder Nichtstimmen. Aber viel wichtiger als 
dieses Pro und Kontra ist die Tatsache, dafi achtzig Prozent, eigentlich 
mehr als achtzigProzent derKommandeurstellen impreufiisch-deutschen 
Heere von Adeligen, von guten alten Adeligen besetzt sind, fiihrende 
Stellen, in den hochsten fuhrenden Stellungen achtzig Prozent, iiber 
achtzig Prozent; so dafi gerade, ohne dafi man dabei Sympathien und 
Antipathien walten lafit, sich zum Beispiel beantworten laj&t, woher 
das kommt, was durch den Adel in die Menschheit hineingekommen 
ist. Ob das nun fiir die Menschheit Gelegenheit gibt zum Pro oder 
Kontra, darauf will ich nicht eingehen, wie ich oben schon sagte, aber 
dasjenige, was geschehen ist, das lafit sich zu der Frage bringen: Wie 
hangt das eigentlich mit dem ganzen Werden, mit der ganzen Ent- 
wickelung der Menschheit zusammen? - Denn man kann zum Beispiel 
gerade an diesem Militarismus die Frage aufwerfen, was durch ihn 
geschehen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte und der letzten vierein- 
halb Jahre, da er in seiner Mehrzahl gerade von Aristokraten gefiihrt 
wird. Da lafit sich die Frage beantworten, die ich oben aufgeworfen 
habe: Wie hangen die Adelsimpulse mit der Gesamtentwickelung der 
Menschheit zusammen? - Und iiberall findet man, auch spirituell, audi 
wenn man versucht, den Zusammenhang der menschlichen Seele mit 
den geistigen Welten zu erforschen, iiberall findet man: Dasjenige, was 
die Menschheit irgendwo und irgendwann erlebt hat durch ihren Adel, 
das ist Auswirkung eines alten Menschheitskarmas, das ist Auswirkung 
von Impulsen, welche einmal durch das oder jenes in die Menschheits- 
entwickelung hineingetragen worden sind. Damit gewisse Dinge iiber 
die Menschen kommen konnen wegen f riiherer gemeinschaftlich mensch- 
licher Verwickelungen, dazu war im wesentlichen - jetzt spirituell be- 
trachtet - der Adel auf diesem oder jenem Gebiete da; der Auswirker 
alter Schulden, konnte man sagen. Man mufi iiberall zuriickgehen in die 



Vergangenheiten, wenn man die Impulse, die im Adel sozial wirken, 
mit Bezug auf ihre Bedeutung fur die Menschheit verstehen will. 

Hat man, ich mochte sagen, die tiefere Betrachtung der Dinge da 
einmal angefalk, wo ich es Ihnen jetzt angedeutet habe, dann wird 
man dazu getrieben, audi beim anderen Pol einmal anzufassen. Und 
der andere Pol ist das Proletariat. Hier verhalt sich die Sache um- 
gekehrt. Alles dasjenige, was durch das Proletariat verursacht wird 
an Schwierigem fur die Menschheit, was hereingetragen wird in die 
Menschheit an Verwickelungen durch das Proletariat, alles das weist 
auf die Zukunft hin, gibt Zukunftskarma, wird von der Menschheit 
in der Zukunft ausgetragen werden miissen. 

Das erstere, dafi der Adel gewissermafien die vollziehende Gewalt 
gegeniiber alter Schuld ist, diese Erkenntnis kann dazu fiihren, Ver- 
antwortlichkeit zu fiihlen gegeniiber dem, was heute durch das Prole- 
tariat geschehen mufi. Denn schliefilich ist ja doch dasjenige, was durch 
das Proletariat geschieht, in weitem Umfange auf dem Umwege durch 
das geistige Leben von der Bourgeoisie verursacht. Um das letztere 
durchdringend zu verstehen, mufi man versuchen, die Mittelstellung 
der Bourgeoisie zwischen dem Adel und dem Proletariat ins Auge 
zu fassen. 

Sehen Sie, der Adel ist gewohnlich abgeneigt einer eigentlich wissen- 
schaftlichen Behandlung der Weltereignisse. Er ist nicht abgeneigt, iiber 
die Weltereignisse etwas zu wissen, aber er mochte nicht auf dem Wege 
des wissenschaftlichen Forschens, des wissenschaftlichen Denkens zu der 
Erkenntnis der Weltereignisse kommen. Er mochte vielmehr ohne die 
Anstrengung des Denkens - ich sage das alles ohne Sympathie und 
Antipathie, nur um zu charakterisieren - per Autoritat in die Welten- 
geheimnisse hineinkommen, nicht durch Erkenntnis. Es ist ja zweif ellos, 
dafi in der bequemen Weise, wie zum Beispiel durch den Spiritismus 
die Leute versuchen, in die Weltengeheimnisse erkennend hineinzukom- 
men, dies in Adelskreisen zahlreiche Anhangerschaft findet. Nun ja, Sie 
werden sagen: selbstverstandlich sind nicht nur Adelige Spiritisten. — 
Das ist schon wirklich wahr, aber in den anderen Klassen stehen den 
Spiritisten so und soviel Leute gegeniiber, welche wenigstens ein ge- 
wisses Streben haben, durch die Mitanwendung des eigenen Denkens 



in die geistige Welt hineinzukommen, Wissenschaft zu treiben. Inner- 
halb der Adelsklasse stehen wissenschaftlich strebende Menschen den 
spiritistisch oder mystisch - nun, es gibt ja verschiedene Wege, die man 
nicrit alle zu charakterisieren brauclit - in die geistige Welt Hinein- 
kommen-Wollenden eben niclit zur Seite. Dagegen mufi immer das- 
jenige, was eine Adelsklasse irgendwie in der Welt pratendiert, gestiitzt 
werden auf militarische Weise, in irgendeiner militarischen Art. Eine 
Adelsklasse ist ohne militarische Stiitze nicht denkbar. Das waren so 
etwa — es gibt natiirlich viele andere charakteristische Eigentumlich- 
keiten der Adelsklasse -, aber das waren solche, die von radikaler Be- 
deutung sind. 

Was nun die Bourgeoisie betrifrt, die zwischen dem Adel und dem 
Proletariat mittendrinnensteht, so ist zu sagen, dafi gerade mit der 
Bourgeoisie auftritt ein gewisses Streben, die Erkenntnis wissenschaft- 
lich zu machen, in die Vorstellungen, die in die geistige Welt hinein- 
gehen wollen, wissenschaftliche Gestaltung zu bringen. Dabei beruht 
die Macht der Bourgeoisie auf dem Besitz der Produktionsmittel, der 
Werkzeuge und dergleichen. Ich wahle in denDingen, die zu sagen sind, 
um gewisse Ausblicke morgen oder iibermorgen zu begriinden, einzelne 
aus, aber Sie werden sehen, dafi das, was ich auswahle, eine gewisse 
Bedeutung hat. 

Besonders charakteristisch ist dasjenige, was immer eine Klasse von 
der nachstvorhergehenden iibernimmt. So zum Beispiel iibernimmt 
die Bourgeoisie von dem Adel den Militarismus. Aber es ist das Inter- 
essante, dafi die Bourgeoisie iiberall die Tendenz hat, den Militarismus 
zu demokratisieren. Der Adelige braucht ein Heer, das ihm zur Ver- 
fugung steht, um ihn zu halten. Wie er das zustande kriegt, das kann 
ihm gleichgiiltig sein. Der Burgerliche ist durch die Art, wie er mit 
seiner Lebens-, mit seiner Existenzgrundlage zusammenhangt, schon 
audi darauf angewiesen, sich auf ein Heer zu stiitzen, aber er mufi 
dieses Heer aus demselben Volke herausnehmen, das er an seine Pro- 
duktionsmittel hinstellt. Daher wird er zum Schwarmer der allgemei- 
nen Wehrpflicht. Und, nicht wahr, in der Zek, in der das Biirgertum 
allmahlich heraufgekommen ist und sich entwickelt hat, war man selbst- 
verstandlich einTrottel, wenn man nicht fur die allgemeine Wehrpflicht 



schwarmen konnte, denn das war einfach der grofite Fortschritt der 
Zeit, die allgemeine Wehrpflicht, die sogenannte Demokratisierung 
des Militarismus und so weiter. 

Dasjenige, was nun das Proletariat wiederum von der vorhergehen- 
den Klasse nahm, ist die Wissenschaft der Bourgeoisie, die bourgeoise 
Wissenschaft. Der Proletarier weifi heute - wenigstens insoferne er 
wissensdiaftlich geschult ist, und das sind ja sehr viele — , er weifi ein- 
zuschatzen gewisse unterbewufite oder unbewufite Dinge im Menschen. 
Er weifi gut einzuschatzen, wie aus der Klasse oder Kaste des Menschen 
heraus ein gewisses Denken und eine gewisse Formung im Denken 
kommt. Zum Beispiel weifi der Proletarier sehr gut, dafi, wenn man 
Adeliger ist, man anders denkt, weil man eben der Adelskaste an- 
gehort, als wenn man Bourgeois ist oder wenn man Proletarier ist. Die 
ganze Formung des Denkens ist anders, die Instinkte, die hineinlaufen 
in die Gedankenformen und diese Gedankenformen bilden, sind an- 
ders. Die bourgeoise Wissenschaft, die steht auf dem Standpunkte, 
Wahrheit ist Wahrheit, es kann nur eine Wahrheit geben, und glaubt 
an die Absolutheit ihrer Urteile. Das tut der Proletarier nicht, denn er 
kennt die Abhangigkeit desjenigen, was ein Mensch denkt, von seiner 
Kaste, von seiner Klasse. 

Nun gewifi, audi da gibt es einen gewissen Grundstock von Wahr- 
heiten, die von der Kaste nicht abhangig sind, meinetwillen gewisse 
elementare mathematische Begriffe und dergleichen. Gewifi, audi die 
rein mathematisch-mechanische Astronomie ist nicht von der Kaste 
abhangig. Aber alles dasjenige, was sich auf soziales, auf geschicht- 
liches Leben bezieht, und namentlich die Formung und die Verwen- 
dungsform der einzelnen wissenschaftlichen Vorstellungen, die sind 
von der Kaste abhangig. Das hat die proletarische Wissenschaft 
durchschaut. In vieles Unterbewufite der Menschen schaut die prole- 
tarische Wissenschaft hinein. Allein sie ubernimmt, diese proletari- 
sche Wissenschaft ubernimmt das bourgeoise Denken, ubernimmt so- 
zusagen mit Haut und Haar dasjenige, was die bourgeoise Bildung, 
die bourgeoise Intelligenz erobert hat, und popularisiert es. Genau 
ebenso, wie die Bourgeoisie den Militarismus des Adels demokrati- 
siert hat, so popularisiert das Proletariat in einer ganz blinden Glau- 



bigkeit die Bourgeois- Wissensdiaft, oder besser gesagt, die bourgeoise 
Wissenschaftlichkeit. 

Daraus sehen Sie schon, dafi das Proletariat mit Bezug auf sein gan- 
zes Denken der Erbe ist desjenigen, was von der Bourgeoisie gerade mit 
Bezug auf menschliche Gedanken, mit Bezug auf menschliche wissen- 
schaftliche Hervorbringungen getan worden ist. Das wird sich als eine 
ganz aufierordentlich wichtige Tatsache in die nachste Zukunft hinein 
zeigen, und es wiirde ungeheuer notwendig sein, dafi man gerade auf 
solche Dinge achten lernen kann. Sonst wird man iiber Wichtigstes, was 
sich heranschleicht, nun, eben wiederum in bequemen Illusionen, die 
von der Luge nur durch eine schmale Kluft getrennt sind, leben wollen. 

Es gibt zum Beispiel nichts, was der Wahrheit abtraglicher ist in dem 
Sinne, wie ich von dieser Wahrheit vorhin gesprochen habe, als der 
Nationalismus. Aber der Nationalismus gehort gerade zu dem Pro- 
gramm, das als ein besonders segensreiches Programm der nachsten 
Zukunft gelten wird. Er gehort zu dem Programm der nachsten Zu- 
kunft. Daher wird man es erleben miissen, wenn dieser Nationalismus 
wird bauen wollen - er kann ja in Wirklichkeit nur zerstoren -, dafi 
die Illusionen, die von der Luge durch eine schmale Kluft getrennt sind, 
sich eben fortsetzen werden. Denn so viel Nationalismus in der Welt 
entstehen wird, so viel Unwahrheit wird in der Welt sein, besonders 
gegen die Zukunft hin. Und so werden sehr viele Quellen f iir neue Un- 
wahrheiten da sein. Unwahrheit hat in vieler Beziehung die Welt 
regiert. Aber sie wird nicht regieren konnen, indem die Menschheit in 
sich aufgenommen hat jene Impulse, jene Stromungen, die heute chao- 
tisch in den proletarischen Massen zutage treten und die, wie Sie ge- 
sehen haben - ich habe Ihnen das neulich aus geisteswissenschaftlichen 
Unterlagen vorgefiihrt -, einer der drei grofien Stromungen in der 
Menschheitsentwickelung entsprechen. 

Mit diesen Dingen hangen die tatsachlichen Ereignisse ganz wesent- 
lich zusammen. Aber man war abgeneigt, namentlich in den letzten 
Jahrzehnten, so in die Welt hineinzuschauen, dafi man wirklich das 
Wirkliche gesehen hatte. Man konnte nur nicht, ohne dafi man auf den 
Geist schaute, in die Welt hineinschauen, wenn man nicht das Wirk- 
liche sich entgehen lassen wollte. Sehen Sie, all das, was sich zugetragen 



hat in den letzten Jahren, es geht ja zuriick im Grunde genommen auf 
geistig durchsdiaubare Kraftewirkungen in der zivilisierten Welt. Es 
war eigentlich nichts grafilicher im Verlaufe dieser traurigen Ereig- 
nisse als das Reden aus diesem oder jenem sogenannten nationalen 
oder anderen Standpunkte heraus. Da redete man zumeist von Dingen, 
die mit dem Gang der Ereignisse nicht das allergeringste zu tun hatten. 
Das Eigentumliche war ja, dafi die leitenden Staatsmanner audi so 
redeten, dafi ihre Reden mit dem Gang der Ereignisse nicht viel zu tun 
hatten. Mit den Dingen, die da beriihrt werden, sollte man nicht so 
unzart umgehen, mit dem, was man nennen konnte das Schicksal der 
Menschen, insoferne diese Menschen in Gruppen zusammengedrangt 
sind, in Volkergruppen zum Beispiel. Denn da beriihrt man im Grunde 
genommen recht tief, tief mit dem Geistigen zusammenhangende Ver- 
haltnisse, von denen man nicht so oberflachlich sprechen sollte, als oft- 
mals gesprochen wird. 

Vor alien Dingen kommt in Betracht, dafi man nicht ubersehen sollte, 
dafi gewisse Begriffe an verschiedenen Orten der Welt ganz Verschie- 
denes bedeuten. Denken Sie doch nur, dafi die Menschen iiberallhin, 
sagen wir, vom Staate sprechen. Aber es kommt nicht darauf an, dafi 
man einen gewissen Begriff vom Staate hat, sondern dafi man doch 
wenigstens etwas mit diesem Begriff verbindet von den verschiedenen 
Gefuhlsnuancen, die sich da oder dort an diesen Staat kniipfen, und 
dafi man vor alien Dingen loskomme von der unseligen Verquickung 
von Staat und Nation und Volk, von jener unseligen Verquickung, die 
ein Grundcharakteristikum des Wilsonianismus ist, der immer zusam- 
menwirft Staat und Nation und Volk, und sogar Staaten begriinden 
will nach Nationen, wodurch eben nur in gewissen Stromungen die 
Luge perpetuiert wiirde, wenigstens wenn es moglich ware. 

Man mufi iiberall die konkreten, die wirklichen Dinge ins Auge fas- 
sen. Ich habe Ihnen im Laufe dieser Betrachtungen dargestellt, wie eine 
gewisse Konfiguration Mitteleuropas zusammenhangend ist mit jenen 
alten, auf die Gruppeninstinkte rechnenden Suggestionen, die von dem 
romischen Katholizismus, von Rom ausgingen. Sehen Sie, mit diesem 
Gespenste des alten Romischen Reiches, wie die spirituelle Wissenschaft 
sagt, hing innig zusammen dasjenige, was die alte, 1806 verstorbene 



Kaiser-Idee Mitteleuropas war. Bis dahin gab es mehr oder weniger, 
wirklich mehr oder weniger nominell das Heilige Romische Reich Deut- 
scher Nation, das 1806 erst verschwunden ist. Es ist nicht eigentlich 
verschwunden, sondern es ist nur abgeschoben worden. Denn dieses 
HeiHge Romische Reich, das mehr oder weniger giinstig oder ungiinstig 
durch lange Zeiten hindurch die verschiedenen deutschen Stamme zu- 
sammengehalten oder audi entzweit hat, dieser kaiserliche Impuls des 
Heiligen Romischen Reiches Deutscher Nation ist eigentlich nach und 
nach iibergegangen auf die habsburgische Hausmacht, und damit ist 
dann eben dasjenige begliickt worden, was osterreichisch-ungarischer 
Staatszusammenhang war. Aber Staat, der im Lichte der Habsburger- 
macht stand, bedeutet etwas anderes als Staat, der, sagen wir, sich so 
herausgebildet hat seit dem fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, 
wie er, eigentlich mehr mit dem Volkstum zusammenhangend, in Eng- 
land oder Frankreich sich als Staat gebildet hat. Wo der Staat gar 
keinen wirklichen Inhalt hat, in dem, was Habsburgerreich war, wo 
verschiedene Volkerschaften zusammengehalten waren unter dem Ge- 
sichtspunkte der habsburger Hausmacht und diese habsburger Haus- 
macht wie einen Mantel hatten, wie ein altes Kleinod hatten, war etwas 
tief Mittelalterliches, namlich das Kaisertum aus dem alten Heiligen 
Romischen Reich Deutscher Nation. Das, was Habsburg war, war 
altestes Mittelalter, und leider auch durch und durch verbunden mit 
altestem Mittelalter mit Bezug auf den Romanismus, mit Bezug auf 
jenen Katholizismus, der durch die Gegenreformation wiederum leben- 
dig oder wenigstens lebensahnlich gemacht worden war und der alle 
jene Zustande hervorgebracht hat, von denen ich Ihnen auch hier schon 
gesprochen habe, der so viel beigetragen hat zur Einschlaferung, zur 
Eindammerung, aber auch zu anderen ublen Wirkungen innerhalb der 
mitteleuropaischen Welt. 

Diesem Habsburgerreich altester mittelalterlicher Sorte stand ein 
Modernstes gegemiber, das allmahlich ganz modern geworden ist, etwas 
allermodernsten Geprages: das preufiisch-hohenzollerische Kaisertum, 
jenes preufiisch-hohenzollerische Kaisertum, welches den Amerikanis- 
mus innerhalb des deutschen Wesens darstellte, Wilsonianismus vor 
Wilson. Das ist jener grofie, gewaltige Unterschied: dieses modernste 



Geprage des preufiisch-hohenzollerischen Amerikanismus, als Kaiser- 
tum maskiert, und das mittelalterliche habsburgische Kaisertum, das 
zusammengeschmiedet war von aujften. Diese Dinge zu studieren ist 
notig, wenn man verstehen will, was geschehen ist, und was nodi ge- 
schehen wird. 

Was da als hohenzollerisch-preufiisches Amerikanertum entstanden 
ist, das hatte nun eine ganz bestimmte Eigentiimlichkeit: es entwickelte 
genau dieselben Impulse, die zum Beispiel im Britischen Reiche sich 
entwickelten, aber es entwickelte alle diese Impulse in der entgegen- 
gesetzten Art. Sehen Sie, dreierlei Stromungen gibt es, hergebracht 
von alten Zeiten, entstanden in der Gegenwart: die adelige, die bour- 
geoise, die proletarische. Nirgends so, ich mochte sagen, in Reinkultur 
nebeneinander, getrennt, entwickelten sich diese drei Stromungen, die 
adelige, die bourgeoise, die proletarische, wie im Britischen Reich und 
audi innerhalb des sogenannten Deutschlands - was ja kein offizieller 
Name ist, ein Deutscliland gibt es ja nicht staatsrechtlich, hat es nie 
gegeben staatsrechtlich — , also im sogenannten Deutschen Reich. Also 
in beiden Gebieten, aber im genau entgegengesetzten Sinne entwickel- 

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/\c) e l Qouryaoljte Proletariat 

ten sich diese drei Stromungen. Im Britischen Reich entwickelte sich 
das alles so, dafi Adel, Bourgeoisie, Proletariat zusammengingen, 
immer nach einer gemeinsamen Tendenz hin strebten. Es ist guter 
alter Adel da, aber er verstand es, mit den Anforderungen des bour- 



geoisen Wesens, namentlich mit den Anforderungen des materiellen 
und finanziellen Bourgeoisiewesens sidi auszugleichen. Man ist nicht 
nur Adeliger, man wird audi wohlhabender Adeliger, reicher Mensch 
im modernen Sinne. Man kann zu gleicher Zeit seine Revenuen aus 
der Industrie haben und im guten Sinne alter, angesehener Adeliger 
sein. Aber man verwaltet das Ganze so, dafi der Proletarier in seinen 
Unternehmungen nicht zu sehr abweicht von dem, was die anderen 
wollen. Es geht eben immer auf irgendeine Weise zusammen. 

Innerhalb des neuen deutschen Staatsgebildes ging alles auseinander. 
Da haben Sie audi die drei Stromungen, aber sie entwickelten sich so 
in dem Sinne auseinander: 

bourgeoisie ~}unker1ur*) Proletariat 



s 



Da haben Sie die Industrie zur Grofiindustrie gebildet, die ihre eigene 
Stromung hatte, da haben Sie den alten Adel im preufiischen Junker- 
turn - die beiden drangten wohl zusammen, aber es war audi da- 
nach! -, das Proletariat, welches immer menr zum Gegner der Bour- 
geoisie wurde und sich gerade zur Aufgabe stellte, den Klassenkampf 
gegen die Bourgeoisie im eminentesten Sinne aufzunehmen. Das ent- 
wickelte sich alles auseinander. Wer die geschichtlichen Ereignisse in 
dieser Beziehung studiert hat, der findet gerade das in aufierordent- 
licher Weise interessant. Dabei das alles in einem Rahmen, den es 



sprengen mufite. Denn das, was da als sogenanntes Deutschland - wie 
gesagt, was es staatsrechtlich nie gegeben hat — konstruiert worden ist, 
trug Bismarcksches Geprage, das Geprage eines Mannes, dem nie die 
moderne Grofiindustrie gegenstandlich geworden ist 3 der sie nie kannte, 
der nie damit rechnete, der den Rahmen, den er konstruierte, mit Aus- 
schlufi des Werdens der Groftindustrie konstruierte. Nun entwickelte 
sich da hinein der ganze Amerikanismus der Grofiindustrie und sprengte 
den Rahmen. Der war schon in sich gesprengt, lange bevor diese krie- 
gerische Katastrophe gekommen ist. 

Diese Verhaltnisse mit unbefangenem Blick, mit wissenschaftlicher 
Objektivitat in Ruhe zu studieren, dazu hatte die Menschheit in dem 
tollen Wirbel, in den sie verf alien war auf alien moglichen Gebieten, 
wahrhaftig keine Ruhe. Denn man ist ja nicht sehr geneigt, auf Reali- 
taten einzugehen. Man raufi eigentlich Realitaten auch wirklich an- 
zustreben suchen. Man mufi einen Sinn haben fiir Realitaten, vielleicht 
nicht nur einen Sinn, sondern auch einen Spursinn fiir Realitaten; 
denn der Zug der Zeit geht dahin, die Realitaten zu verleugnen, sich 
gar nicht einzulassen auf Realitaten. Sehen Sie, die Leute, die dahin 
schauten, wo der Inn fliefit, die Moldau fliefit, die Donau fliefit, die 
Leitha fliefk, sie unterschieden nicht viel zwischen zwei grundverschie- 
denen Ding en: zwischen dem deutsch-osterreichischen Volk und dem 
Habsburgerreich. Das flofi zusammen. Und wiederum, wenn die Leute 
Usterreich besuchten, da, wo das deutsch-osterreichische Volk lebte, 
das jetzt einem so tragischen Schicksal entgegengeht - wie hatten sie 
denn Gelegenheit, kennenzulernen, was innerhalb der eigentlichen 
Volkheit doch lebt? Man lernte halt - wie einmal ein Schriftsteller 
konstatierte -, wenn man so als Reisender nach Osterreich kam, die 
«ararische» Gesinnung, die sehr innig verbunden war mit Schlamperei, 
kennen. Wenn man an einen Bahnhof kam, nun, man wurde gewiesen, 
man solle dahin fahren, da habe man dann einen Anschlufizug. Man 
fuhr hin, und sollte man zur rechten Zeit ankommen, kam man sicher 
nicht zur rechten Zeit an. Nicht wahr, man war nie sicher, wenn man 
sich den Ziigen uberliefi, dafi man zur rechten Zeit hinkam, aber man 
war, wie der Betreffende sagte, iiberall sicher, wo man hinkam, dafi 
man eine gute Tasse Kaffee kriegte. Aber das ist ja nur eine Aufier- 



lichkeit. Dasjemge, was da in diesem Gebiete Mitteleuropas war und 
vor dem eine gewisse Brutalitat Halt machen sollte, das war gerade 
die Moglichkeit der Entwickelung starker geistiger Individualitaten 
aus einem gewissen Untergrunde des Volkstums heraus. 

Sehen Sie, von Fercher von Steinwand war wenig gedruckt in den 
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Idi lebte in Wien zusam- 
men rnit einigen Freunden, jiingeren Schriflstellern. Bei uns kam auch 
einmal das Gesprach auf Fercher von Steinwand, von dem ich einzelne 
seiner Dichtungen kannte. Es war gerade in der Zeit, als idi in Wien 
die «Deutsche Wochenschrift>> redigierte. Hamerling hat ja mit einem 
grofien Verstandnis und innigem Wohlwollen auf Fercher von Stein- 
wand hingewiesen gehabt. Da sagten mir einige Freunde: Ja, den Fer- 
cher, den konnen wir finden. - Ich war selbstverstandlich rasch bereit, 
den Fercher von Steinwand zu finden. Man konnte ihn nie anders 
finden als: man ging in eine abgelegene Gaststube in der Singerstrafie 
in Wien. Das ist eine Strafie, die vom Opernhaus gegen den Stephans- 
platz hin geht. Ja, sehen Sie, da war unter allerlei Briidern, die man 
schon «Briider» nennen kann, mittendrinnen dieses feine, durchgei- 
stigte Gesicht des Fercher. Dieser Deutsche aus dem Karntnerlande, 
ganz und gar entsprossen in bezug auf die Art, wie er seine Gedanken 
formt, diesem deutsch-osterreichischen Gebiete, dabei gerade jener Zu- 
sammenhang mit der Ideenwelt, wie er eben ein spiritueller Zusam- 
menhang ist und wie er eigentlich nur da in dieser Art lebt. Fercher 
von Steinwand hatte auch grofie politische Ideen, aber er war nicht 
geeignet, nach den Usancen, die auf solchen Gebieten stattf anden, diese 
politischen Ideen irgendwie in Wirklichkeit umzusetzen. Das war er 
durchaus nicht. Es gibt iiberall solche Leute, wenn sie auch nicht so 
begabt sind wie Fercher von Steinwand, die gerade auf diesem Gebiete 
in Zusammenhang stehen mit der spirituellen Welt, die in sich trugen 
seit langer Zeit ein gewisses Verspiiren von Impulsen, die da leben. 
Aber es war unbequem, auf solche Leute zu horen. 

Ich mufi sagen, ich war dann oft mit Fercher von Steinwand zu- 
sammen. Er kam mir immer vor so wie einer von den Zigeunern, die 
in der Welt herumwandern, aber der Aristokrat unter den Zigeunern, 
wie ihr Anfiihrer, grofie Ideen im Kopfe tragend, und der von grofien 



Ideen so redete, als ob er unter ihnen selber gewesen ware. Ich sagte 
ihm eines Abends, als wir so zusammensafien, als ich gerade eben die 
«Deutsche Wochenschrift» redigierte: «Sagen Sie, Herr Fercher, konn- 
ten Sie nicht audi einmal etwas noch von Ihnen Ungedrucktes geben? 
Sie haben doch sicher allerlei Dichtungen, ungedruckt noch; ich wiirde 
sie gern jetzt in der Wochenschrift ver6fTentlichen.» - «Ja», sagte er, 
«i hab' allerlei da liegen, so komische Sacherln, die hab 5 i a no da.» 
Und da gab er mir diesen «Chor der Urtriebe», den er seit langer Zeit 
in seinem Pult hatte und den ich dazumal veroffentlichte. 

Dieser Fercher von Steinwand ist eben eine von den Individuali- 
taten, die wirklich aus dem Volkstum heraus in Mitteleuropa ent- 
standen waren. Ich mochte Ihnen eine kleine Mitteilung machen iiber 
die Art, wie Fercher von Steinwand mit seinem Volkstume zusam- 
menhing. 

Am 4. April 1859 hat Fercher von Steinwand im Dresdener Alter- 
tumsverein, in Gegenwart des damaligen Kronprinzen Georg - hier 
in diesem Buche steht noch: gegenwartig Konig von Sachsen samt- 
licher Minister und vieler Offiziere hochsten Grades - ich bitte, das 
letztere besonders zu bemerken - vor alien diesen Leuten hat Fercher 
von Steinwand, also bitte: 1859, am 4. April, einen Vortrag gehalten, 
und zwar iiber die Zigeuner. In diesem Vortrage iiber die Zigeuner 
steht aufierordentlich viel drinnen, nicht so sehr wegen der feinen Be- 
merkungen, die Fercher von Steinwand iiber die Zigeuner macht, son- 
dern wegen der grofien vblkerpsychologischen Ausblicke, die er in 
Ankniipfung an die Zigeunerfrage macht. Er halt die Zigeuner nam- 
lich fur Indogermanen. Und nun schweift sein Blick - wie gesagt, er 
hielt diese Rede, aus der ich Ihnen jetzt ein Stuck vorlesen werde, vor 
dem Kronprinzen Georg von Sachsen, vor samtlichen Ministern und 
vor hohen militarischen WUrdetragern - zu den Deutschen, und er 
sagte im Laufe dieser Rede: 

«Wir Deutschen, die wir einen so schwarzen Genius lange nicht auf 
Erden fur moglich hielten, mufiten unser helles Vertrauen auf Welt 
und Weltordnung nacheinander auf ruhmlosen Schlachtfeldern bii£en. 
Wir Deutschen haben die unselige Tugend, ein fremdes Volk bis zur 
bloden Hintansetzung unsrer selbst zu achten, audi wenn dasselbe 



wenig oder nichts Lobenswertes fiir sich hatte, als eine hervorstechende 
Eigenheit.» 

Jetzt will ich, was er nun weiter sagt, iiberspringen. 

«Doch unsre Tugend schlagt plotzlich zum Laster um, sowie ein 
grofies Ereignis geharnischt vor unsre Schwelle tritt, ohne unser leiden- 
des und leidiges Wesen aufzuriitteln und unsre eingewurzelte unnatiir- 
lidie Scheu vor dem gottlichen Wink der Geschichte zu uberwinden, 
die uns schon oft unter das Riditbeil des Verhangnisses gefiihrt. Die 
Gotter sind niemandem feindlicher gesinnt, als dem Philister, und nir- 
gends unter der Sonne gibt es Kleinkramer, die nicht von einera Grofi- 
kramer tyrannisiert wiirden. Wie jede Zukunft, so mag uns unsre 
deutsche Zukunft ein Ratsel sein. Docli dieses ist nicht so undurchdring- 
licli, als wir gewohnlich meinen. Wir stofien bereits auf wirkliche L6- 
sungen dieses deutschen Ratsels, Losungen, die wir mit Beziehung auf 
unsre Heimat prophetisch nennen konnen.» 

Das alles in einer Rede, die iiber die Zigeuner handelt. Seine Be- 
trachtungen kniipft er an das Zigeuner-Sein an, Fercher von Stein wand. 

«LaiSt uns ein wenig iiber den Atlantischen Ozean schauen! Lenken 
wir unsre Blicke auf Sao Jorge dos Ilheos oder wandern wir in Ge- 
danken den Rio Contas hinauf, wo wir auf deutsche Ansiedlungen 
treffen. <Mit stiller Verachtung> - also erzahlt Kaiser Max, der ein 
Mann von Gemiit und schopferischem Geiste ist, also etwas weit Besse- 
res, als Kaiser von Mexiko -, <mit stiller Verachtung blicken die neuen 
Schofilinge auf das alte Festland. - Die hagern Kinder mit den blassen, 
f ahlen Gesichtern, mit den vergifimeinnichtblauen Augen und den stroh- 
gelben, spiefiigen Haaren fielen mir besonders auf und erinnerten mich 
lebhaft an die Nachkommenschaft unsrer deutschen Dorfer. Ich ging 
auf zwei grofiere Knaben zu und sprach sie deutsch an; scheu blickten 
sie zu mir auf und konnten mir nicht antworten, den eigenen deut- 
schen Namen brachten sie nur mit Miihe verstiimmelt hervor. Es waren 
Kinder deutscher Auswanderer, deren es in Ilheos viele gibt. Nicht ohne 
ein Gefiihl der Entriistung fand ich aber schon in ihnen die vollkom- 
menen Brasilianer, die mit ihren eigenen Eltern nicht imstande waren, 
die Muttersprache zu sprechen. Und dann wundern sich die Deutschen, 
daft sie nirgends eine selbstandige Stellung haben, dafi sie, statt zu 



dominieren, eine Art Mittelding zwischen Sklaven und Freien abgeben. 
Welch eine Schmach fiir deutsche Eltern, mit ihren Kindern in frem- 
den Lauten zu verkehren! Wie mufi das Familienverhaltnis darunter 
leiden, wenn die schwache Mutter sich in fremden Ausdriicken mit 
ihrem eigenen Blute abqualen mufi! - Diese uberall sich wiederfin- 
dende Tatsache mag ein Hauptgrund der triiben Melancholie sein, die 
auf dem Antlitz und auf dem Wesen aller deutschen Kolonisten schwer 
und beangstigend lastet. Ich habe wahrend meiner Reise keinen ganz 
heiteren deutschen Auswanderer gesehen; auf alien lag ein geheimer 
Schmerz. Erst die Kinder ziehen zuweilen Vorteil aus der gebrochenen 
Existenz ihrer Eltern, deren Charakterlosigkeit sie fast immer den 
fremden und geschlossenen Nationalitaten preisgibt. Das ist der 
Schmerz, der auf dem Gemiite dieser Fremdlinge lastet. — Zwei blasse 
Manner zogen des Weges mit abgeharmten Ziigen; einige deutsche 
Worte bewiesen uns ihren transatlantischen Ursprung. Sie antworteten 
in der Sprache ihres Heimatlandes, aber der Klang war nicht mehr 
voll und rein, der matte Ton hatte etwas Miides und Trauriges; audi 
die Gestalten waren ohne Energie und Elastizitat, wie von Leuten, die 
ihren Beruf verfehlten, sich nicht heimisch fiihlen, fiir die der fran- 
zosische Ausdruck depayse im vollsten Sinne gilt. Ein solches Bild der 
Melancholie bieten die meisten deutschen Auswanderer; an alien nagt 
der heimliche Wurm.> — 

Ist das nicht Zigeunerluft, was von den Gestaden des Rio Contas 
heriiberweht? Und diese grafiliche Melusine, was fliistert sie uns ins 
Ohr? Ein Wort von unsrer deutschen Zukunft, einen eiskalten Grufi 
von ihr auf baldiges Zusammentreffen. Ja, diese Zukunft naht bereits 
unheimlich unserm Horizonte ...» 

1859 ist das gesprochen! 

« Ja, diese Zukunft naht bereits unheimlich unserm Horizonte, sieht 
iiber Ufer und Berge herein in die Tiefe unserer Lander, hager genug, 
wie der Genius des Todes mit der Leichenblasse im Angesicht. Wir 
haben kein Recht, es anders zu erwarten. 

Was wir reden, hat nicht Mark; was wir tun, hat nicht Kern; was 
wir kiinstlerisch schaffen, hat nicht den Klang, nicht den Adel der 
grofien Natur. Es sieht aus, als hatten wir uns die Aufgabe gestellt, 



die Kunst durch diirre Eigenheiten, durch niiditerne Volkstumlichkeit, 
durch erzwungene Naturalismen zu necken. Was wir im iibrigen noch 
denken oder zur Geschichte beitragen, hat Raum genug im Hohlkegel 
einer Sdilafmiitze.» 

So sprach dasjenige, was wirklich aus diesem Volkstume heraus ge- 
sprodien hat. Und das ist vorhanden, das lebt doch audi bis heute. 
Das kann nur brutalisiert werden. Das ist audi genugsam brutalisiert 
worden im Laufe der letzten Jahre. Es wird schon audi einmal zu- 
gestanden werden miissen, was volkische Selbsterkenntnis in auserlese- 
nen Individuen ist; das lebte vielleicht doch nicht am besten unter der 
Agide von Menschen wie Clemenceau, sondern vielleicht doch unter 
anderer Agide. 

Man mufi die Dinge zuweilen audi abgesehen von den Phrasen, die 
die Welt beherrschen, ins Auge fassen, und in welthistorischen Momen- 
ten ist vielleicht audi das notwendig. Wenn Fercher von Steinwand in 
Ankniipfung an Zigeuner-Charakteristik von seinem Volke spricht, 
dann liegt darinnen vielleicht etwas MelanchoHsch-Pessimistisches, 
wenn es gerade so herauskommt, wie in dieser Rede, aber so ist es nicht 
gemeint, so ist es wahrhaftig nicht gemeint. Von diesen «Zigeunern» 
mul5 doch etwas in die Weltmission hineingehen. Das wird zwar heute 
abgelehnt, das wird heute geleugnet. Diese Leugnung ist eng verbun- 
den mit Wilsonianismus, aber die Tatsachen werden die Welt eines 
andern belehren. Und damit doch heute schon von irgendeiner Seite 
gegen dasjenige, was ganz gewifi mit mancher weltlichen Infallibilitat 
und mit manchem weltlichen Autoritatsglauben der nachsten Zeit zu- 
sammenhangen wird, damit gegen das Protest da sei - vielleicht wird 
die Welt sagen: Zigeuner-Protest da sei -, habe ich meinen Wunsch 
ausgesprochen und meine Gedanken geaufiert, dafi dieser Bau hier, als 
Protest gegen dasjenige, was in den nachsten Jahren geschehen wird 
uber die ganze zivilisierte Menschheit hin, sogenannte zivilisierte 
Menschheit hin, Goetheanum genannt werden sollte. Das ist nicht 
blo£, um in irgendeiner oberflachlichen leichten Weise an Goethe an- 
zukniipfen, sondern das ist aus dem Impulse unserer Zeit heraus. 

Nun, wir werden morgen weitersprechen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 16. November 1918 



Audi wenn man Betrachtungen anstellt iiber die Zeitereignisse, wie wir 
es jetzt tun, Betrachtungen, die wir ja dann zu gewissen Perspektiven 
erweitern wollen, Perspektiven, die nur durch das Geisteswissenschafl- 
liche zu erreichen sind, audi dann, wenn man soldie Betrachtungen an- 
stellt, mufi man sich immer gegenwartig halten, dafi wir in der Ent- 
wickelungsstromung der Menschheit im Zeitalter der Bewufkseinsseele 
angelangt sind, und dafi es eben geradezu Aufgabe ist des Menschen in 
der Gegenwart, vom Gesichtspunkte des Eintritts in die Bewufkseins- 
seele die Dinge zu verfolgen. Es wird der Grundimpuls unserer Gegen- 
wart so sein, dafi nur derjenige gewachsen sein kann dem, was von 
Menschen die schwierige Gegenwart und Zukunft fordern wird, der aus 
dem Jiingst- und aus dem Weitervergangenen Verstandnis suchen will 
fiir die Krafle, welche in der Gegenwart walten, der den guten Willen 
haben wird zum Verstandnis. Denn wenn audi viele Verhaltnisse so 
sind, dafi die Krafle durcheinandergeworfen werden, daft chaotische 
Zustande entstehen - oh, es konnten noch viel chaotischere Zustande 
entstehen, als da sind — , in dem Chaos leben doch die Fortsetzungen 
derjenigen Krafle, die schon da waren. Und nur derjenige wird das 
Chaos verstehen, welcher die Krafle versteht, die schon da waren und 
die sich fortsetzen, die sich vielleicht sehr maskiert fortsetzen, aber die 
sich doch aus friiheren Zeiten her fortsetzen. Aber auch die Forde- 
rungen, welche an die Menschheit gestellt werden, die mussen in viel 
grofierem Umf ange, als das sich heute nodi irgend viele Menschen vor- 
stellen, verstanden werden. 

Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, dalS ein Verstandnis 
wird angeeignet werden mussen fiir die in den Dingen waltende Wahr- 
heit. Es ist ganz bestimmt so, dafi sehr viele Menschen sich heute iiber- 
haupt noch keine Vorstellung machen von der in den Dingen walten- 
den Wahrheit. Da/5 in den Dingen selbst, in den Vorgangen, Wahrheit 
oder Unwahrheit waltet, und dafi man sich dem einen oder dem an- 
deren hingeben kann, das glauben heute noch viele Menschen nicht, da 



sie nur die Abstraktion im Sinne haben, dafi Wahrheit die subjektive 
Obereinstimmung desjenigen sei, was man vorstellt, mit irgend etwas, 
was aufSerhalb vorgeht. Aber in den Ereignissen, namentlich insofern 
sie das Mensdienleben betreffen, waltet selbst Wahrheit oder Unwahr- 
heit, und es ist ganz gleichgiiltig, ob der Mensch weifi oder niclit von 
manchen Unwahrheiten, denn die schlimmsten Unwahrheiten pulsieren 
sehr haufig gerade im Mensdienleben als unterbewufite Krafte, greifen 
gar nicht herauf in das menschliche Bewufitsein. Aber kennenlernen 
mufi man gerade in der Gegenwart diese unterbewufiten Krafte, her- 
aufholen mufi man sie in das Bewufitsein. Das ist fur manches aufier- 
ordentlich schwierig, und aufs Nachste zunachst eingehen, das kann die 
Aufgabe erleichtern; auf die nachsten Zeitereignisse so einzugehen, dafi 
sie gewissermafien etwas lehren konnen, das ist wichtig. Aber es ist 
nicht so ganz leicht, weil es auch nach der einen oder anderen Seite hin 
niclit ganz bequem ist. Man hat ja in den letzten Jahren verschiedene 
Urteile gehort - ich habe das schon erwahnt -, Urteile von diesem oder 
jenem Standpunkte. Man konnte naturlich von einem gewissen ober- 
flachlichen Gesiditspunkte aus weder den einen noch den andern Ge- 
sichtspunkt iibelnehmen. Bedauerlich war nur, dafi so wenig untersucht 
worden ist das Tiefere, das waltete in diesen ungeheueren katastro- 
phalen Ereignissen; und das Bedauerliche ist ferner, dafi man immer 
wieder und wiederum in die alte Bequemlichkeit zuriickgefallen ist, 
nach Aufierlichkeiten, ich will nicht sagen nach Schlagworten, aber nach 
Schlagbegriffen, nach Schlagvorstellungen zu urteilen. Wenn die Er- 
eignisse schon ganz andere Urteile herausgefordert haben, hat man 
noch immer nach den alten Dingen geurteilt, und auch heute urteilt 
man noch immer vielfach nach den alten Dingen, statt die grofien Fra- 
gen, die eigentlich jetzi jeder Tag aufstellt, wirklich sich ein wenig vor 
Augen zu fiihren. 

Gerade mit Bezug auf das, was ich im Beginne der gestrigen Be- 
trachtungen angeregt habe, das Sich-Versenken in die Wahrheit der 
Tatsachen, ist es wichtig, jetzt etwas ins Auge zu fassen. In bezug auf 
viele Dinge ist ja nur ein Anfang da, aber es ist in bezug auf manches 
auch Entscheidendes eingetreten. Es ist dasjenige eingetreten, was sich 
vielleicht doch auch die siegenden Machte der Gegenwart in einer an- 



dern Art von dem Sdiicksal der Mittelmachte nach dem Siege vor- 
gestellt haben. So wie es gekommen ist, durfte es nicht gerade, wenig- 
stens nadbi viereinhalb Jahren, vorgestellt worden sein. Aber es wird 
mit diesen Entscheidungen etwas verkniipft sein, was allerdings dem 
Geisteswissenschafter klar werden sollte bei ganz objektiver Beurtei- 
lung der Sachlage. Der Krieg war ja lange kein Krieg mehr, und 
dasjenige, was sich die Leute noch immer vorstellen, dafi in den nach- 
sten Wochen, oder, ich weifi schon nicht wann, als ein Friede geschlos- 
sen werden konnte, wird natiirlich geradeso aussehen wie der kuriose 
Friede von Brest-Litowsk und alles dasjenige, was man gegenwartig 
Friede nennt. Es ist nur eine alte Faulheit, noch immer daran zu glau- 
ben, dafi die katastrophalen Ereignisse ausgehen konnen mit einem 
gewohnlichen Friedensschlusse, wie es eine alte Faulheit ist, zu glauben, 
dajS der Krieg ein Krieg geblieben ist, was er schon lange nicht mehr 
war; denn hinter ihm war dasjenige waltend, was sich durch Kleinig- 
keiten in abgekiirzteren Erscheinungen, mochte ich sagen, zeigen kann. 

Sie sehen heute, dafi die sogenannte deutsche Revolution, die Revo- 
lution im ehemaligen Deutschen Reich, eine sonderbare Gestalt an- 
genommen hat. Wahrscheinlich haben sich die allermeisten Menschen, 
in Deutschland und aufierhalb Deutschlands, nicht vorgestellt, dafi 
die Dinge eine solche Gestalt annehmen. Sie haben eine solche Ge- 
stalt angenommen, weil die historischen Symptome - ich habe ja wirk- 
lich zu Ihnen recht lange gesprochen iiber historische Symptome - 
eben nur auf Tieferes zeigen, und schliefilich ein Symptom sich so oder 
auch anders abspielen konnte. Schliefilich ist dasjenige, was jetzt ge- 
schieht, alles nur die Folge davon, dafi noch einen letzten Trumpf eine 
gewisse Partei innerhalb Deutschlands ausspielen wollte, die durchaus 
aufrechterhalten wollte dieses Deutschland, ein letztes Vabanque- 
Spielen: es sollte die Flotte, die ja noch nicht oder wenigstens nur durch 
Kleinigkeiten in Tatigkeit getreten war, veranlafit werden, eine letzte 
Attacke, eine letzte Tatigkeit auszufiihren. Darauf haben sich die 
Matrosen nicht eingelassen, und so ist denn von den Matrosen aus 
gerade diejenige Form - nur die Form selbstverstandhch - der Revo- 
lution in Szene gesetzt worden, die dann gekommen ist. 

Ich habe Ihnen nicht umsonst iiber die historische Symptomatologie 



gesprochen, damit dasjenige bei Ihnen wenigstens der Fall sein kann, 
was bei den Menschen der Gegenwart und der Zukunft recht stark der 
Fall sein sollte: die Beurteilung des Gesdiehenden aus den Symptomen 
heraus, die eben nicht so genommen werden sollen wie in der alten 
Geschichte, sondern eben als Symptome, als OfTenbarungen von Wirk- 
lichkeiten, die erst hinter diesen Symptomen stehen, so dafi man diese 
Symptome eben werten und wagen mufi. Allein so, wie nun diese 
Entsdieidungen, diese vorlaufigen Entscheidungen da sind, so sind sie 
der Ausgangspunkt von Dingen, die, nachdem so vieles lange Zeit 
falsch bewertet worden ist, unter verschiedenartigen Einflussen falsch 
bewertet worden ist, nun doch wenigstens von einigen Menschen rich- 
tiger bewertet werden sollten. 

Sehen Sie: Was alles verbrochen worden ist, wenn ich den Ausdruck 
gebrauclien darf, bei den Zentralmachten, was da die verschiedenen 
Machthaber gesiindigt haben, was da an Unwahrhaftigkeit in den Er- 
eignissen gelegen hat, das wird zutage treten. So haben sich die Ereig- 
nisse entwickelt, dafi die Welt bis ins kleinste in verhaltnismafiig gar 
nicht ferner Zukunft erfahren wird alles das, was von den mitteleuro- 
paischen Machthabern gesiindigt worden ist. Und ich selbst werde das- 
jenige, was ich von den Ereignissen weifi - und ich kann nur sagen, 
das Karma hat mir auch die Moglichkeit gegeben, recht, recht viel 
gerade von den entscheidenden Dingen in diesem Falle zu wissen — , 
mitteilen, und, wenn mir dazu das Leben ausreicht, alles dazu bei- 
tragen, dafi Wahrheit an die Stelle von dem tritt, was der Welt bis- 
her vorgemacht worden ist. Aber auf der anderen Seite sind die Er- 
eignisse so, daft das nicht dazu zu fuhren scheint. Selbstverstandlich 
miifiten Sie gerade aus den Dingen, die hier besprochen worden sind 
im Laufe der Jahre, wissen, dafi nicht eine geringere Unwahrheit auf 
der anderen Seite gewaltet hat. Glauben Sie, dafi die audi haarklein 
vor die Menschen hingestellt werden wird? Dazu sind nicht einmal die 
Unterlagen der Beurteilung da! Nicht einmal die intellektuellen Unter- 
lagen der Beurteilung sind da, sondern alle Unterlagen sind dazu da, 
dafi die Wahrheit weiter verhullt bleibe. 

Wenn ich die Stimmung, mit welcher man die Ereignisse beurteilt 
hat im August, September, Oktober, November 1914 mit Bezug auf das- 



jenige, was von den Mittelmachten angestellt worden war, in neutralen 
Landern und in den feindlichen Landern beurteile und mit jenem Wohl- 
wollen vergleidie, mit dem jetzt die unerhort grausamen WafFenstill- 
standsbedingungen fiir die Zentralmachte gewiirdigt werden, mit jenem 
allgemeinen merkwttrdigen Schweigen, mit dem man dariiber hinweg- 
geht, dafi diese "Waffenstillstandsbedingungen, so wie sie waren und 
wie sie ja audi nach der Milderung bleiben werden, ein wahrhaftiges 
Todesurteil sind, dann bemerke ich einen Unterschied, einen ganz ge- 
waltigen Unterschied in dem Willen zum Urteil. Denn dieser Unter- 
schied im "Willen zum Urteilen beruht auch noch darauf, dafi kein 
Wille zum Urteil da war im August, September, Oktober, November 
1914 und so weiter. Auf mancherlei vielleicht kann ich nur vermutungs- 
weise eingehen, was, wie gesagt, der Welt schon bekannt werden wird, 
wahrend jetzt gar nicht notwendig ist, um zu einem Urteil zu kom- 
men, etwas anderes zu tun, als Paragraph fiir Paragraph zu lesen. Ich 
weifi, dafi ich auch damit vor tauben Ohren spreche, nach vielen Rich- 
tungen hin vor tauben Ohren spreche, aber warum sollte denn nicht, 
wenn man die Verpflichtung hat, die Wahrheit auszusprechen ohne 
Sympathie und Antipathie, rein in ihrer Objektivitat, dies selbst in die- 
sem Augenblicke, wo sie vielleicht nach dieser Richtung hin wenig gern 
gehort wird, warum sollte denn die "Wahrheit nicht ausgesprochen wer- 
den, sintemalen ich nicht wissen kann, wie lange es noch gestattet sein 
wird, auch nur solche Wahrheiten auszusprechen. Diese Dinge spreche 
ich wahrhaftig nicht aus, um irgendeine Sympathie oder Antipathie 
zum Ausdruck zu bringen, sondern um eine blutig errungene Erkennt- 
nis pflichtgemafi eben auszusprechen. Im Zeitalter der Bewufkseins- 
seele ist es eben notwendig, wissend auf die Dinge einzugehen, und 
das "Wissen zu dem Impulse auch seines Handelns und namentlich zu 
dem Impulse der Einsicht zu machen. Und Einsicht ist notwendig - 
das habe ich in diesen Tagen immer wieder und wiederum betont -, 
Einsicht wird fiir die Menschen des Bewufkseins-Zeitalters notwen- 
dig sein. 

Es wird der "Welt klar werden, dajR al
…[truncated]