Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 



VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



DIE GEISTIGEN HINTERGRUNDE 
DER SOZIALEN FRAGE 



I 

Die soziale Frage als Bewufkseinsfrage 

Acht Vortrage, Dornach 15. Februar bis 16. Marz 1919 
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 189 



II 

Vergangenheits- und Zukunftsimpulse 
im sozialen Geschehen 

Zwolf Vortrage, Dornach 21. Marz bis 14. April 1919, 
darunter drei Vortrage iiber «Die soziale Frage als Seelenfrage» 
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 190 



III 

Soziales Verstandnis 
aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis 

Fiirifzehn Vortrage, Dornach 3. Oktober bis 
14. November 1919 
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 191 



RUDOLF STEINER 



Soziales Verstandnis 
aus geisteswissenschaftlicher 
Erkenntnis 

Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Dornach 
zwischen dem 3. Oktober und 15. November 1919 



1989 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1972 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 



Friihere Veroffentlichungen: 

17. Oktober bis 2. November 1919: Geisteswissenschaftliche Erkenntnis 
und soziales Verstandnis. Die geistigen Hintergriinde der sozialen 
Frage III, Dornach 1950 

9., 14. bis 15. November 1919: Menschliche Verantwortlichkeit - Welt- 
verantwortlichkeit - Menschheitskultur. Die geistigen Hinter- 
griinde der sozialen Frage IV, Dornach 1951. 

Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 282 



Bibliographie-Nr. 191 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Hedwig Frey (siehe auch Seite 282) 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner, 
Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1972 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1910-5 



den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafS seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mv& gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
da£ in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlu£ dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 3. Oktober 1919 13 

Dreigliederungsbewegung und Anthroposophie. Deutschland, die 
Schweiz und die Dreigliedemng. Ahnungslosigkeit der Anthropo- 
sophen in bezug auf soziale Probleme. Die zukiinftige Form 
menschlicher Zusammenhange : Die Assoziationen. Zusammen- 
empfinden des Astronomischen mit dem Sozialen. Griechisches 
LandbewuBtsein, heutiges ErdenbewuBtsein, zukunftiges Welt- 
bewuBtsein. 

Zweiter Vortrag, 4. Oktober 1919 31 

Intuition, Inspiration, Imagination in den drei Perioden der 
jugendlichen Entwicklung. Erinnerung und Verdauung. Erd- 
krafte wirken in der ersten, Luftkrafte in der zweiten, das von 
auBen Hereinstromende in der dritten Entwicklungsperiode. Nach 
dem einundzwanzigsten Jahr wirken diese Krafte im Blut. Seit dem 
15. Jahrhundert Nachlassen der unbewuBten Blutskrafte. Neue 
Padagogik notig, um bewuBt zu erringen, was vorher das Blut 
bewirkte. Geistesleben muB Menschenerkenntnis und soziale Ge- 
sinnung entwickeln. 

Dritter Vortrag, 5. Oktober 1919 49 

Der Mensch als Angehoriger der Erde und des Weltalls. Soziale 
Ideen setzen voraus, daB sich der Mensch als Weltbiirger emp- 
findet. Zum Erfassen des Begriffs Ware ist Imagination, zum Be- 
grifF Arbeit Inspiration, zum Begriff Kapital Intuition erforderlich. 
Der Mensch als dreigliedriges Wesen (Leib, Seele, Geist), im 
Gegensatz zur Lehre des Konzils von Konstantinopel 869. Die 
Wirkung der toten Menschenleiber als notwendige Auffrischung 
der Erde. Der Materialismus als Weg zur Freiheit. Moderne 
Theologie. 

Vierter Vortrag, 10. Oktober 1919 68 

Die Niedergangskrafte in unserer Zivilisation : Fehlen einer Kos- 
mogonie ; statt Freiheit Fatalismus bzw. Naturnotwendigkeit ; keine 
altruistischen Empfindungen, sondern Egoismus. Veranlagung der 
verschiedenen Volker zu Teilwahrheiten : Der Asiate zu briider- 
licher Gesinnung, der Europaer zur Freiheit, der des Westens zur 
Kosmogonie. Die von der Wirklichkeit losgelosten BegrifFe. Kon- 
servative und liberate Parteirichtungen in ihrem Zusammenhang 
mit Agrarwesen und Industrie. 



Funfter Vortrag, 11. Oktober 1919 

Die Veranlagungen der Volker. Der Intellektualismus der Euro- 
paer verhindert die Entwickelung religioser und wirtschaftlicher 
Impulse. Abgrund zwischen Wissen und Glauben. Lujo Brentanos 
obernachliches Denken. Okonomische Stromung von Europa 
nach Amerika. In neuester Zeit in Mitteleuropa Stocken der reli- 
giosen Stromung aus dem Osten sowie des okonomischen Stromes 
nach dem Westen. Neue Gestaltung der Stromungen nur durch 
Dreigliederung. 

Sechster Vortrag, 12. Oktober 1919 

Oberflachlichkeit der materialistischen Geschichtsauffassung, die 
auf eine okonomische Umschichtung der Bevolkerung zur Zeit 
der Reformation zunickgeht. Aus geistig-spirituellen Impulsen 
heraus herrschten Eingeweihte in der agyptisch-chaldaischen, 
Priester in der griechisch-romischen Zeit. Seit der Reformation 
Herrschaft des Wirtschaftsmenschen. Wandlungen der mensch- 
Hchen Seelenkonfiguration : Realer Zusammenhang mit den gei- 
stigen Welten bis zum 8. vorchristlichen Jahrhundert, BewuBt- 
sein des gottlichen Ursprungs der menschlichen Intelligenz bis zum 
15. Jahrhundert. Seitdem Glaube an Abhangigkeit der Intelligenz 
von der Leiblichkeit. Spiritualisierung des Intellekts. Jakob I. von 
England als Nachfolger der alten Priesterkonige, Cromwell, Ver- 
treter des modernen Wirtschaftsmenschen. Rasche Wiederverkor- 
perung fiihrender Personlichkeiten der Neuzeit. Zerfall des Physi- 
schen der Erde. Heilung durch ein selbstandiges Geistesleben. 

Siebenter Vortrag, 17. Oktober 1919 

Sinneserkenntnis und Moralerkenntnis. Naturerkenntnis gewahrt 
weder sittliche noch soziale Ideen. Kants Kritiken der «reinen» 
und der «praktischen» Vernunft als Ausdruck der Kluft zwischen 
sittlichen Idealen und Sinneserkenntnis. In der heidnischen Kultur 
waren beide vereint: «Das verlorene Wort.» Die Urweisheit muBte 
verlorengehen, um den Menschen die Freiheit zu ermoglichen. Das 
Mysterium von Golgatha bewahrt die alte Urweisheit und tragt 
den moralischen Impuls weiter. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts 
neue Weisheit: Naturwissen ohne Moral. Diese muB durch uber- 
sinnliches Wissen errungen werden, damit soziale Antriebe ent- 
stehen konnen. Forschungsmethode und Forschungsresultat in 
Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Bequemlichkeit als 
das Haupthindernis ubersinnlicher Erkenntnis. 

Achter Vortrag, 18. Oktober 1919 

Gesundung sozialer Verhaltnisse nur durch andere Vorstellungs- 
arten als die naturwissenschaftliche, deren Ergebnisse im wesent- 



lichen der Technik dienen. Das Fehlen «reiner Anschauung» 
korrigiert sich zwar in der Naturwissenschaft durch Beobachtung, 
nicht aber in der Sozialwissenschaft. Daher die Tauschung, die 
soziale Wirklichkeit bestehe in okonomischen Vorgangen und die 
gestaltenden Krafte seien abstrakte Ideen. «Inneres» und «AuBe- 
res» im Menschen. Durch seine Sinne lebt der Mensch in der 
Gegenwart, das Gedankenleben ist der Abglanz des vorgeburt- 
lichen Lebens, das Willenselement das Keimhafte fur das nach- 
todliche Leben. 

Neunter Vortrag, 19. Oktober 1919 165 

Das menschliche Schicksal : Reinkamation und Karma. Ich-Wahr- 
nehmung durch Aussparungen des BewuBtseins in den Nachten. 
Der Mensch schlaft aber in bezug auf sein Wollen auch bei Tage. 
DaB man das eigene Ich nur negativ wahrnehmen kann, ermog- 
licht, das Ich des anderen Menschen wahrzunehmen. Ihn nehmen 
wir durch unser Wollen wahr ; er wiederum schlafert uns fur einen 
Augenblick ein. Dieses Hin- und Hervibrieren ist das Urelement 
des sozialen Zusammenlebens von Mensch zu Mensch. Die alten 
Formen der Bluts- und Volkszusammenhange miissen iiberwunden 
werden. Seit der Reformation drei Etappen: Herrschaft des oko- 
nomischen Menschen, des Bankiers und des Kapitals. Jetzt muB 
eintreten soziales Verstandnis, das fur die nachste Inkarnation Ver- 
standnis fur Karma schafft, das heiBt Verstandnis fur das Schicksal 
des einzelnen Menschen. 

Zehnter Vortrag, 23. Oktober 1919 180 

Leben unverstandlich ohne Erweiterung des BewuBtseins auf das 
Vorgeburtliche und das Nachtodliche. Die Kirche hat dem Men- 
schen den Einblick in das vorgeburtliche Leben vorenthalten, um 
Macht zu gewinnen. Alles Individuelle ist Nachwirkung des Vor- 
geburtlichen, das Soziale ist Keim fur das Nachtodliche. Wer die 
Praexistenz leugnet, leugnet die individuelle Begabung. Die daraus 
sich ergebende Erziehung fiihrt zur Nivellierung : aus dem Katho- 
lizismus ist auch die Sozialdemokratie hervorgegangen. Das Ge- 
bundensein in den Sprachen muB iiberwunden werden. Von der 
agyptischen Bilderschrift zur heutigen Stenographic Der Dorn- 
acher Bau als Welthieroglyphe. 

Elfter Vortrag, 1. November 1919 194 

Der dritte nachatlantische Zeitraum und die Gegenwart. Die alte 
heidnische Kultur war eine Kultur der Weisheit. Der Mensch 
fiihlte sich damals als ein Glied des Kosmos; er bedurfte nicht 
eigentlich moralischer Antriebe. Die Initiierten lasen den Men- 
schen aus den Sternen ab, was sie zu tun hatten. Diese heidnische 



Weisheit war inspiriert von der im 3. vorchristlichen Jahrtausend 
in Asien inkarnierten Weisheit des Luzifer. Ihr folgte in der Zeiten- 
wende die Christus-Inkarnation. Ehe auch nur ein Teil des 3. nach- 
christHchen Jahrtausends abgelaufen sein wird, erfolgt im Westen 
eine Inkarnation Ahrimans. Diese Inkarnation bereitet er jetzt 
schon vor: durch Forderung der Ansicht, den Kosmos als eine 
Maschine aufzufassen, der Stimmung, es geniige fur das offentliche 
Leben, die Menschen wirtschaftlich zufriedenzustellen, des natio- 
nalen Prinzips und der Parteistandpunkte sowie der einseitigen Auf- 
fassung der Evangelien. Zusammenwirken Luzifers und Ahrimans. 

Zwolfter Vortrag, 2. November 1919 211 

Das Geistesleben muB auBer vom Rechtsleben von dem wirt- 
schaftlichen Leben abgesondert werden. An der Verquickung des 
Geisteslebens mit dem Staats- und Wirtschaftsleben hat Ahriman 
ein Interesse. Romain Rolland. Die Menschheit muB vom «Wort» 
zur Anschauung des Geistes vorrucken. Raum und Zeit vermitteln 
nur die AuBenseite der Dinge. Naturwissenschaft - ahrimaniscb.es 
Blendwerk. Im Inneren gelangt Luzifer zu besonderer Macht, 
wenn der Mensch nur das mystisch vertieft, was er durch die Ge- 
burt mitbekommen hat. Der Mensch hat das Gleichgewicht her- 
zustellen zwischen der luziferischen und der ahrimanischen Macht : 
Das Ahrimanische muB mit dem luziferischen, das luziferische im 
Inneren mit dem ahrimanischen Element durchdrungen werden. 
Die Sehnsucht des Kardinal Newman nach einer «neuen Offen- 
barung». 

Dreizehnter Vortrag, 9. November 1919 225 

Der Mensch als Willens- und Verstandeswesen. Willenskrafte und 
Naturkrafte. Unmoral fiihrte zur atlantischen Katastrophe. Der 
Wille hat die Fahigkeit der Zersetzung; er hangt mit den zer- 
storenden Kraften unseres Planeten zusammen. Darauf beruht die 
Wirkung der schwarzen Magie. In dem intelligenten Pol des 
menschlichen Wesens, so wie er im Schlafe wirkt, liegen fur die 
Welt die Aufbaukrafte. Die Menschheit hat die Verantwortung fur 
das, was die Erde in kosmischen Zeiten durchmacht. Mit dem 
WeltbewuBtsein erweitert sich die menschliche Verantwortlichkeit 
zur Weltverantwortlichkeit. Wirkliche Kunst ist ein Abglanz der 
iibersinnlichen Wahrheit. Goethes «Faust». Das Aufkommen der 
Landschaftsmalerei als ein Symptom materialistischer Gesinnung. 
Die gegenwartige Zivilisation halt alles, was auBerlich erscheint, 
fur Wirklichkeit. Der Mensch ist keine Wirklichkeit ohne die Erde, 
die Erde keine Wirklichkeit ohne den Menschen. 



Vierzehnter Vortrag, 14. November 1919 246 

Die Urweisheit hat sich spezifiziert und ist verglommen. Ohne 
neuen Einschlag wiirden sich die Menschen iiber die Erde hin ganz 
nach ihren Territorien differenzieren : Im Westen nur Wirtschaft, 
im Osten geistige Wahrheiten; Mitteleuropa wiirde das intellek- 
tuelle Gebiet pflegen. Der Osten wiirde wirtschaftlich zum Aus- 
beutungsobjekt fiir den Westen. Die drei Seiten des irdischen 
Kulturlebens : der Orient Heimat des Ethischen, der Westen des 
Niitzlichkeitsprinzips ; in der Mitte bildete sich der asthetische 
Typus heraus (Kant, Schiller, Goethe). Das «Kiinstlerische» in der 
«Philosophie der Freiheit». Tirpitz, Bethmann und Ludendorff: 
Denken des vorchristlichen Rom. Die Typen des «praktischen» 
und des «phantastischen» Menschen im 19. Jahrhundert. Aus den 
Tatsachen des Lebens (Weltkrieg) und der Geschichte (Bismarck) 
miissen die Menschen lernen, ihre Urteile zu revidieren. 



Funfzehnter Vortrag, 15. November 1919 266 

Ohne die luziferische Urweisheit waren die Menschen kindlich 
geblieben. Die altindischen Weisen muBten sich verpflichten, sie 
im Dienste der Erdentwickelung zu gebrauchen, ohne Luzifer zu 
verfallen. Sprechen und Denken wurden Luzifer entlistet. Luzi- 
ferisches Denken generalisiert, ahrimanisches Denken differenziert. 
Goethe dachte am wenigsten luziferisch. Seit die Menschen der 
Erde verwandter geworden sind, entfremden sie sich dem luzi- 
ferischen Elemente, es bringt ihnen weniger Nutzen. An Stelle der 
luziferischen Weisheit muB eine neue Weisheit aus freiem Men- 
schenwillen heraus errungen werden, sonst verfallt die Menschheit 
Ahriman. Die Christus-Wesenhek ist dem Menschen eine Art Ge- 
nosse geworden, welcher ihn aus dem Kampf mit Luzifer heraus- 
in den Kampf mit Ahriman fuhrt. 



Hinweise 282 

Namenregister 291 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 293 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 295 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 3. Oktober 1919 



Es ist von den verschiedensten Seiten, auch von verschiedenen Seiten 
hier in der Schweiz, in der letzten Zeit darauf gesehen worden, wie 
die Beziehungen sich stellen zu dem, was jahrelang in unseren Kreisen 
als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gepflegt worden 
ist, so gepflegt worden ist, daB es zu der Errichtung dieses Baues 
hier, des Goetheanum, gefiihrt hat, und zuletzt zu dem, was nach 
anderer Seite hin von uns in die Welt gesetzt werden soli, ankniipfend 
an die sozialen Bewegungen und Bestrebungen der Gegenwart. DaB 
wir hinzuzufugen hatten zu unserem anthroposophischen Streben 
dieses soziale Streben, hat die verschiedenartigsten Beurteilungen 
erfahren, ablehnende und zustimmende. Fur die Art, wie wir unse- 
ren Weg zu verfolgen haben, kann das ja selbstverstandlich nicht 
maBgebend sein; aber not tut es doch, den Blick auf mancher- 
lei Tatsachen zu lenken, die in dieser Beziehung zutage getreten 
sind. 

Anthroposophen sagen oftmals, daB diese anthroposophische Be- 
wegung nicht sich hatte belasten sollen mit demjenigen, was in der 
Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt. Und 
manche von denjenigen Menschen, die ein Interesse gefaBt haben fur 
die soziale Bewegung, die zur Dreigliederung fuhren soil, empfinden 
es wiederum als storend, daB die Idee der Dreigliederung gerade von 
dem vielfach als mystisch, dunkel, unklar empfundenen anthropo- 
sophischen Erkennen den Ausgangspunkt genommen hat. So werden 
die Dreigliederer oftmals getadelt von den Anthroposophen, die 
Anthroposophen von den Dreigliederern. Und auf beiden Seiten wird 
die Gemeinschaft manchmal nicht gern gesehen. 

Wie gesagt, beirren kann uns das nicht; aber wichtig ist es doch, 
sich eine solche Tatsache voll zum BewuBtsein zu bringen und sich 
dabei zu erinnern an den inneren Zusammenhang, den wir ja zwischen 
beiden in den Betrachtungen, die hier gepflogen worden sind, ofter 
vor unsere Seele hinstellen muBten. 



Aber auch ein anderes ist immer mehr und mehr zutage getreten, 
und dieses andere ist, ich mochte sagen, etwas, das fur unsere Auf- 
gabe vielleicht intensiver zu bedenken ist; denn schlieBlich, wenn man 
von sozial denkender Seite her die Gemeinschaft mit der Anthropo- 
sophie bemangelt, so konnen wir dagegen nichts machen, ebenso- 
wenig wenn Anthroposophen betonen, es ware besser, wenn wir uns 
nicht mit sozialem Denken belastet hatten. Wir konnen auch dagegen 
nichts Besonderes machen, sondern miissen unseren Weg unbeirrt 
weitergehen, wie wir ihn als richtig erkannt haben. Aber was viel- 
leicht dringlicher ist zu beriicksichtigen, das ist, daB auch diejenigen 
Personen doch immer mehr und mehr ihre Stimme geltend machen, 
die da sagen: Es sei notwendig, fur das personliche Verstandnis des 
Dreigliederungsgedankens gerade eine anthroposophische Grundlage 
zu schaffen. Der Dreigliederungsgedanke wiirde viel besser verstanden 
werden, wenn eine anthroposophische Grundlage geschaffen wiirde. 
Und zum Beispiel gerade in proletarischen Kreisen wird immer mehr 
und mehr verlangt eine solche anthroposophische Grundlage. Das ist 
etwas, was vielleicht manchem gerade iiberraschend kommt, obwohl 
es im Grunde nicht allzu iiberraschend ist. 

So wie friiher vielfach das anthroposophische Streben gehalten 
worden ist, war es von unseren Freunden schon so gehalten - das 
war ja auch durch die Klassenunterschiede bedingt — , daB in prole- 
tarische Kreise wenig Anthroposophie hat hineingetragen werden 
konnen. Und nun ist es ja unvermeidlich, daB jeder Mensch, an den 
die Dreigliederung herantritt, irgendwie auch von der Anthropo- 
sophie etwas hort, mit Anthroposophie zunachst auBerlich bekannt 
wird. Und sehr merkwiirdig ist es, daB gerade ein lebhaftes Bediirfnis 
nach Anthroposophie auftritt. 

Wir haben zum Beispiel in Stuttgart notig gehabt, nachdem eine 
Zeitlang der Dreigliederungsgedanke gepflegt worden ist, ohne daB 
irgendwie Anthroposophisches dabei besprochen wurde, Vortrags- 
zyklen iiber rein anthroposophische Gegenstande zu halten. Aus 
guten Griinden heraus war es notig geworden, und sie werden weiter 
gehalten werden. 

Das ist eine Sache, die nun eigentlich ganz besonders hier beriick- 



sichtigt werden sollte, und eigentlich nur diesen Gedanken mochte 
ich heute einleitend vor Ihre Seele hinstellen. Hier in der Schweiz 
sind wir ja in bezug auf diese beiden Richtungen, die soziale Stro- 
mung und die mit ihr doch - fur uns wenigstens - zusammenhan- 
gende anthroposophische Strdmung, in einer ganz besonderen Lage. 
Die Frage des aus anthroposophischem Denken heraus geborenen 
sozialen Strebens liegt ja tatsachlich fur Mitteleuropa ganz anders als 
hier fur die Schweiz. Fur Mitteleuropa stehen die Dinge so, daB es 
sich handelt um Leben und Tod, um Leben und Tod des Volkstums. 
Es mag heute viele Leute geben, die sich den Ernst der Situation 
nicht klarmachen; aber es handelt sich um Leben und Tod des Volks- 
tums. Die Menschen denken bei so etwas viel zu oberflachlich. Wenn 
man sagt «Tod des Volkstums », so denken Sie: Achtzig Millionen 
Menschen kann man doch nicht in einer kurzen Zeit toten, also kann 
es sich nicht um einen Tod des Volkstums handeln. 

Wer so denkt, versteht eben ganz und gar nicht, um was es sich 
eigentlich handelt. Das ist ja schon ganz naturlich, daB man achtzig 
oder neunzig Millionen Menschen nicht in einer kurzen Zeit physisch 
toten kann. Aber der Tod des Volkstums bedeutet doch noch etwas 
ganz anderes. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daB, als Jeru- 
salem zerstort worden ist, es sich auch nicht um den Tod der ein- 
zelnen in Jerusalem dazumal lebenden Juden gehandelt hat. Dennoch 
handelte es sich damals in einer gewissen Weise um den Tod des 
Volkstums, und dieser Tod des Volkstums kann noch in einer ganz 
anderen Weise auftreten, als er dazumal aufgetreten ist. Es handelt 
sich da schon um Leben oder Tod ! Und das Leben kann wahrhaftig 
- man konnte sonst noch manches andere uber die Dreigliederung 
denken - auf keine andere Weise gerettet werden als durch die 
Inaugurierung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Da han- 
delt es sich zunachst - und wirklich zunachst fur die allernachste 
Zeit - um ein Entweder-Oder : um ein Verstandnis der Dreigliede- 
rung oder um den Tod des Volkstums. Das mag heute den Leuten 
unbescheiden und vielleicht sogar albern erscheinen. Aber es ist so. 
So daB man sagen kann: Da ist viel Grund vorhanden, aus einem 
gewissen Zwang heraus zur Dreigliederung nach und nach zu greifen. 



Mag es langer oder kiirzer dauern, aber es ist Grund zu einem 
Zwang vorhanden. Dieser Zwang besteht auch noch nach dem Osten 
von Europa hin, nach diesem unbeschreiblich von seinem Karma 
niedergetretenen Osten. 

Anders liegen die Dinge hier. Hier besteht - bestiinde noch - die 
Moglichkeit, aus freiem Willen heraus zu so etwas wie der Drei- 
gHedemng zu greifen; denn hier handelt es sich ebensowenig wie im 
Westen um Leben und Tod, sondern um den Fortgang der Ereig- 
nisse in einem mehr oder weniger geistigen oder ungeistigen Sinne. 
Man kann selbstverstandlich fur lange Zeiten in der Schweiz und im 
Westen das Leben im materialistischen Sinne - ohne einen geistigen 
Impuls zu haben - fortsetzen; oder aber man kann aus freiem Willen 
heraus dazu komraen, in einer eminent spirituellen Bewegung, wie 
es die Bewegung der Dreigliederung ist, dasjenige zu sehen, was 
einen neuen Impuls geben muB. Man hat nicht notig zu denken, dafi 
es sich da um Leben oder Tod handelt. 

Nun ist es aber etwas ganz anderes, eine Sache aus freiem Willen 
heraus durchzufuhren oder aus dem Zwang, aus der Unfreiheit heraus. 
Und man kann auch sagen: Fur die Gesamtentwickelung der Welt 
wiirde es etwas ganz anderes bedeuten, aus freier Erkenntnis heraus 
gerade an einer solchen Statte, wie die Schweiz es ist, doch zu der 
Stromung der Dreigliederung zu kommen. Es ist heute auBerordent- 
lich schwierig, selbst fur mich, diese Dinge in objektiver Weise zu 
formulieren und auszusprechen, Es wiirde, wie ich glaube, ein groBer 
Segen sein, wenn von irgend jemandem, der dem Westen oder ins- 
besondere einem neutralen Land angehort, der Mut aufgebracht 
wiirde, dies ohne weiteres auszusprechen; denn es wiirde auBerlich 
etwas ganz anderes bedeuten. Insbesondere miiBte dabei das Folgende 
beriicksichtigt werden : Was aus den wenigen neutral gebliebenen Lan- 
dern kommen wiirde, ware auch innerlich angesehen das Allerbe- 
deutsamste. Wiirde daher aus einem in bezug auf die fruheren kriege- 
rischen Verhaltnisse neutralen Lande, neutralen Gebiete so etwas 
ausgehen konnen wie der Impuls der Dreigliederung des sozialen 
Organismus, dann wiirde eigentlich fur die weltgeschichtliche Be- 
wegung etwas ganz Bedeutsames damit getan sein. 



Dieses einzusehen, das ist auch schon eine anthroposophische Frage. 
Denn nur anthroposophisch kann die Frage beantwor tet werden : Was 
bedeutet in der Gesamtentwickelung der Menschen das Einfugen eines 
solchen Impulses? - Und da ist es nicht gleichgultig, daB dieser 
Impuls einfach in der abstrakten Form formuliert wird, sondern da 
ist es bedeutsam, aus welchen Tatsachen er hervorgeht: ob er aus 
der Tatsache der freien Erkenntnis hervorgeht oder ob er hervor- 
geht aus der Tatsache der Notwendigkeit, wie er ja in Mitteleuropa 
nur hervorgehen kann, weil da jetzt nichts anderes entstehen kann 
als dasjenige, was aus der bittersten Not hervorgeht. 

So meine ich, miiBte gerade hier in der Schweiz das angesehen 
werden, was Begeisterung geben konnte fur die Idee von der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus. Und die Frage drangt sich eben 
dann auf die Seele: Wie kommt man iiber ein gewisses Dilemma 
hinweg? - Unter Ihnen sitzen ja so manche, die jetzt doch wirklich 
schon ziemlich lange teilnehmen an unserer anthroposophischen Be- 
wegung, die auch haben bemerken konnen, wie langsam oder wie 
schnell - zumeist wie langsam - dasjenige, was in dieser anthropo- 
sophischen Bewegung gemeint ist, die Seelen der Menschen durch- 
dringt. Es geht langsam. Und wenn es darauf ankommen wiirde, daB 
erst die Menschen Anthroposophen wiirden, um dann in der richtigen 
Weise sozial denken zu konnen, dann konnte es eben unter Umstanden 
doch viel, viel zu spat sein. Daher muBte daran gedacht werden, die 
Idee von der Dreigliederung, wenn sie dabei auch weniger stark 
fundiert erscheint, fiir sich in die Welt hinzustellen, weil eben nicht 
gewartet werden kann, bis sie sich aus anthroposophisch orientiertem 
Denken als eine Selbstverstandlichkeit ergibt. Es wird aber wohl not- 
wendig sein, daB dann diese Idee der Dreigliederung eine gewisse 
Unterstiitzung erfahrt. Da sie diese Unterstiitzung nicht schnell genug 
wird erfahren konnen von wirklicher Ausbreitung der Anthropo- 
sophie, die ja langsam geht, so sollte sie diese Unterstiitzung erfahren 
konnen doch eigentlich von dem Dasein der Mitglieder der anthropo- 
sophischen Bewegung, das heiBt: die Mitglieder der anthroposophi- 
schen Bewegung sollten, indem sie auch sozial auftreten, versuchen, 
durch ihr Auftreten Vertrauen zu erwirken. 



Jedenfalls ist dies eine Frage, die sich nicht theoretisch beant- 
worten laBt, sondern die sich nut praktisch, lebensgemaB beantworten 
laBt, weil sie eine Frage des Auftretens ist. Wir miissen versuchen, 
das Soziale so zu vertreten, daB die Menschen in der Art, wie sie es 
vertreten, etwas Vertrauenerweckendes sehen konnen, auch wenn die 
Fundierung von anthroposophischer Seite eben nicht schnell genug 
erfolgen kann. 

Nun werden Sie mich fragen: J a, wie ist das moglich, gewisser- 
maBen den richtigen Takt im Auftreten fur die soziale Bewegung zu 
finden? - Auch dariiber laBt sich selbstverstandlich keine katechis- 
musartige Anweisung geben. Aber etwas laBt sich doch sagen, das, 
wenn es geniigend benicksichtigt wird, stark hilft: Es miiBte jeder 
einzelrie unter uns sich immer mehr und mehr bemiihen, das, was man 
soziale Bewegung nennt, lebensgemaB wirklich kennenzulernen. DaB 
dies nicht der Fall war, das konnte man ja wirklich sehen, als in 
unseren Kreisen mit einer sozial gefarbten Bewegung begonnen 
wurde. Unter den gutmeinendsten und wohlwollendsten Mitarbeitern 
unserer anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Be- 
wegung befanden sich wirklich nicht eben wenige, die eigentlich vol- 
lig verschlafen haben die Tatsache, daB es in der zweiten Halfte des 
19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein das gegeben hat und 
gibt, was man die moderne soziale Bewegung nennt. Das heiBt, ich 
meine damit nicht, daB nicht alle Mitglieder gewuBt hatten: es gibt 
eine soziale Bewegung. Damit ist aber gar nichts getan, daB man 
weiB, es gibt eine soziale Bewegung; es ist auch gar nichts damit 
getan, daB man verfolgt dasjenige, was Zeitungen berichten von 
sozialer Bewegung. Sondern es handelt sich darum, daB man die 
konkreten AuBerungen und Aspirationen dieser Bewegung wirklich 
kennt. Ich habe Leute kennengelernt aus unserer Mitte heraus - es 
ist noch nicht lange her -, die wuBten nicht, als die Dreigliederung 
begann, daB es Gewerkschaften gibt und was Gewerkschaften sind. 
Wir sind zu sehr gewohnt geworden, im Leben an den Menschen 
vorbeizugehen und uns nicht zu kummern um dasjenige, was die 
Menschen eigentlich treiben und tun. Wir miissen lernen, uns um die 
Seelen der Menschen wirklich zu bekiimmern, fur die Seelen der Men- 



schen wirklich Interesse zu fassen. Dafur gibt es ein groBes Hindernis, 
das ich, ohne jemand verletzen zu wollen, nennen mochte das «biir- 
gerliche Wohl wollen » fur die werktatige arbeitende Bevolkerung. 
Dieses biirgerliche Wohlwollen fiir die werktatige arbeitende Bevol- 
kerung, das oftmals nur so trieft von sozialem Impetus, das ist im 
Grunde genommen ein schlimmes Hindernis fiir die soziale Wirksam- 
keit in der Gegenwart. Auf den verschiedensten Gebieten haben wir 
erlebt, was ich eigentlich damit meine. Denken Sie nur einmal, wie 
wir erlebt haben ein gewisses Kennenlernen des sogenannten «Vol- 
kes». Wir haben geschichtliche Romane, Volksromane, Volksnovellen 
erlebt, in denen geschildert worden ist von Leuten, die nichts vom 
Volk verstanden - zum Beispiel von Berthold Auerbach oder ahn- 
lichen -, die Art, wie das Volk war oder ist, und was von dieser 
Seite gekommen ist, wurde dann hingenommen als eine Beschafti- 
gung, eine Erkenntnis-Beschaftigung mit dem Volke. Man hat es so- 
gar als etwas zur sozialen Frage Gehoriges empfunden, wenn man 
sich Gerhart Hauptmanns «Weber» angesehen hat. GewiB, in Gerhart 
Hauptmanns «Weber» sieht man das Elend proletarischer Massen so, 
daB einem auf der Buhne vorgefuhrt wird, wie eine arme Familie 
von einem krepierten Hunde sich ernahren muB. Aber es ist doch eine 
sonderbare Auffassung der Erkenntnis des sozialen Lebens, wenn in 
irgendeiner groBen Stadt im Parkett oder auf der Galerie die Menschen 
sitzen, die sich da anschauen, wie die arme Familie sich nahren muB 
von einem krepierten Hunde, und die dann nach Hause gehen, um, 
sagen wir, eines der iiblichen Soupes zu begehen. Damit will ich 
nicht sagen, daB es in unserer heutigen Zeit vielleicht moglich sei, 
von heute auf morgen die Klassengegensatze zu uberbriicken. Aber 
dasjenige, um was es sich handelt, ist, daB wir wirklich Sinn be- 
kommen muBten fiir das, was geschieht; daB wir uns abgewohnen 
miiBten, an den Menschen vorbeizugehen und nicht zu wissen, in 
welchen Lebenszusammenhangen die Menschen drinnenstehen. Es 
handelt sich heute wirklich darum, daB jeder einzelne sich einen 
groBen weltgeschichtlichen Zusammenhang vor das geistige Auge 
fuhren kann, einen Zusammenhang, der sich nur eroffnet, wenn wir 
zuriickblicken auf fmhere Zeiten, welche noch zuriickgelassen haben 



tranches, was in unserer Gegenwart lebt, und wenn wir hinblicken 
auf Neues, das in dieser Gegenwart wie aus Urtiefen heraus an die 
Oberflache des Lebens durchstoBt. 

Eine Frage, die immer wieder auftritt, wenn vom modernen offent- 
lichen Leben die Rede ist, das ist die Frage der Organisation. Unsere 
Lebensverhaltnisse sind kompliziert geworden. Die Arbeit hat immer 
mehr und mehr Teilung erfahren. Der einzelne steht in einem eng- 
begrenzten Gebiet des Wirkens und Arbeitens drinnen. Wir konnen 
nur arbeiten, wir konnen nur wirken als moderne Menschen durch 
Organisationen. Organisationen hat es immer gegeben. Aber das 
beriicksichtigt man nicht, daB Organisationen alterer Natur etwas 
ganz anderes waren als die Organisationen, die entstehen miissen. 
Heute leben wir fast nur in solchen Organisationen, die zum Teil 
Altes fortsetzen, zum Teil aber schon das Neue in sich haben, fort- 
wahrend innere Erschutterungen erleben. Jedoch das BewuBtsein ist 
nicht durchgedrungen, daB wirklich etwas durchgreifend Neues sich 
aus Urtiefen der Menschheitsentwickelung an die Oberflache tragen 
muB. 

Wenn wir nach alteren Organisationen fragen, so konnen wir eigent- 
lich eines als den Impuls solcher Organisationen hinstellen: das 
menschliche Brut, die Blutzusammengehorigkeit. Wenn wir in altere 
Zeiten sehen, sehen wir zusammengehorige Stamme, zusammen- 
gehorige GroBfamilien. Das, was zusammengehort, ist eigentlich orga- 
nisiert aus menschlichen Tiefen heraus durch das Blut. Das bedingt, 
daB das Organisationsprinzip vielfach ein UnterbewuBtes ist, daB es 
nicht vollstandig ins BewuBtsein heraufkommt. Die Menschen sind 
dabet beim Organisieren, aber es dringt nicht ins BewuBtsein herauf. 
Es wirken hohere Geister als der Mensch bei diesem Organisieren mit. 

Heute sind wir eben vor diese Notwendigkeit gestellt, das, was 
friiher unbewuBt geschehen ist, das heiBt, vielfach von hoheren Gei- 
stern, als der Mensch ist, aus dem menschlichen BewuBtsein heraus 
selber zu vollziehen. Wir wollen uns bewuBt zusammenschlieBen in 
Assoziationen, in Organisationen zur Forderung der sozialen Arbeit. 
Dasjenige, was die Menschen zusammengeschlossen hat aus dem Blute 
heraus, verliert allmahlich seine Bedeutung. 



Die beobachtete, die erkannte Sache, das Objektive muB die Griinde 
abgeben fur das ZusammenschlieBen. UnterbewuBtes oder unbewuB- 
tes ZusammenschlieBen muB bewuBtem ZusammenschlieBen weichen. 
In diesem Ineinander von diesen zwei Strbmungen: bewuBtem Or- 
ganisieren und unbewuBtem Organisieren, leben wir mitten drinnen, 
und die Erschiitterungen der Gegenwart hangen vielfach mit dem 
ZusammenflieBen dieser zwei Stromungen zusammen. Nehmen Sie 
nur einmal dasjenige, was einem heute in der Offentlichkeit entgegen- 
tritt als das Bestreben der sozialistischen Parteien der verschiedensten 
Nuancen. In diesen sozialistischen Parteien lebt ja ganz, wenn auch 
heute noch instinktiv, ein gewisses Hindrangen zum bewuBten Or- 
ganisieren. Man will organisieren. Aber auf der anderen Seite ist man 
noch nicht dazu vorgedrungen, das Objekt zu finden fur das bewuBte 
Organisieren. 

Sie konnen, indem Sie sich das klarmachen wollen, einfach, ich 
mochte sagen, auf das Urphanomen des heutigen sozialen Strebens 
hinschauen. Nehmen Sie einmal an, hier trate jemand auf - wir 
wollen ganz unbefangen sprechen - und wiirde sagen: Es soli sozial 
gestrebt werden! - Was wiirde er damit meinen? Er wiirde damit 
meinen: In der Schweiz soil sozial gestrebt werden. Wenn man ihm 
nun zumuten wiirde, er solle anders denken, so wiirde er das selbst- 
verstandlich als eine Zumutung empfinden. Oder denken Sie gar, in 
Frankreich wiirde jemand so auftreten: er wiirde selbstverstandlich 
denken, daB innerhalb der franzosischen Grenzen sozial gestrebt 
werden soli. Es ist ja auch theoretisch ausgesprochen worden, daB 
sozialistische Programme die alten Staatsgrenzen als einen Rahmen 
fur groBe sozialistische Genossenschaften beniitzen sollen. Der Staat 
soli sich verwandeln in eine groBe sozialistische Genossenschaft. Aber 
der Staat ist ja das Obriggebliebene der alten, aus der Blutsverwandt- 
schaft hervorgegangenen Verbande, der alten Blutsverbande. Es soil 
also einfach etwas iiber dasjenige, was aus den alten Blutsverwandt- 
schaften herauskommt, dariibergestiilpt werden. 

Man mutet heute dem Menschen viel zu, wenn man ihm zumutet, 
er solle klar iiber diese Sache denken. Und die Menschen werden 
gar nicht klar iiber diese Dinge denken konnen, wenn sie nicht 



Anthroposophen werden. So sonderbar das ist, was ich jetzt aus- 
spreche, es ist so : Die Menschen werden gar nicht klar dariiber den- 
ken konnen. Denn, was geht fiir ein Ruf durch diese Welt? Durch 
unsere Welt geht der Ruf: Befreiung der Volker, das heiBt, die alten 
Blutsverbande, die aus den alten Zeiten stammen, sollen in irgend- 
einer Weise neu organisiert werden. Befreiung der Volker! - Indem 
dieser Ruf durch die Welt geht, ignoriert er vollstandig dasjenige, 
was Organisation aus dem BewuBtsein heraus sein soil. So hart 
stoBen zusammen in unserer Gegenwart die Dinge. Daher wird nur 
ein wirkliches anthroposophisches, ein allgemeines Menschenver- 
standnis fuhren konnen zu dem, wohin gefiihrt werden soil. 

Damit aber hat es seine guten Wege. Denn das anthroposophische 
Verstandnis, namentlich das friihere sogenannte theosophische Ver- 
standnis hat ja gerade bei dieser Frage immer haltgemacht. Wohl 
hat man gesagt: Briiderliches Verstandnis der Menschen ohne Unter- 
schied von Rasse, Farbe und so weiter. - Aber ist das irgendwo real 
geworden in unserer neueren Zeit? Theorie ist es geworden, abstrakte 
Theorie; real geworden ist es nicht in unserer Zeit. Und real ist es 
jetzt am allerwenigsten. 

Dadurch hat gerade dieses anthroposophisch-theosophische Streben 
teilgenommen an der allgemeinen Liebe fur das Abstrakte, von dem 
hier so oftmals gesprochen worden ist, jener allgemeinen Liebe fur 
das Abstrakte, die da lebt in den gedanklichen, gefuhlsmaBigen Da- 
seinen, die sich absondern vom Leben. Wir leben als moderne Men- 
schen, als Menschen der Gegenwart, das Leben, das wir nicht leben 
diirfen, das Doppelleben: auf der einen Seite das Leben in der 
auBeren Arbeit, wo wir unseren Beruf haben, wo wir manches an- 
dere noch haben wie den Beruf, und das Leben, wo wir bedenken, 
wo wir empfinden. Ein Leben des Alltags, ein Leben des Sonntags. 
Wir wollen nicht horen, wenn vom Geiste gesprochen wird, etwas, 
was eingreift in das Leben vom Montag und Dienstag und Mittwoch 
und Donnerstag und Freitag und Sonnabend; wir wollen, wenn vom 
Geiste gesprochen wird, ein Leben haben, bei dem es sich uns wohl 
anfiihlt, wenn es am Sonntag, Vor- oder Nachmittag, von der Kanzel 
vermeldet wird, wobei wir nicht zu denken brauchen an das, was am 



Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag vorgeht, sondern wobei wir 
nur eine gewisse Wollust empfinden bei den Worten: Briiderlichkeit, 
Nachstenliebe und so weiter . Das erstreckt sich bis in das Leben der 
Wissenschaft. Und da zeigt es sich insbesondere, wie es bewirkt wor- 
den ist; dieses geschichtliche Bewirken, das muB ins Auge gefaBt 
werden. 

Sehen Sie, unsere profanen Wissenschaften erlauben sich eigentlich 
gar nicht mehr, vom Geiste, und nicht einmal mehr von der Seele 
irgend etwas zu wissen. Man findet es ganz selbstverstandlich, daB die 
profanen Wissenschaften sich nicht erlauben, vom Geiste und von der 
Seele etwas zu wissen. Gelehrte verkundigen heute, daB die Wissen- 
schaft frei sein miisse von dem, was Glaube ist, und sie denken 
damit der vorurteilslosen Wissenschaft zu dienen. Sie denken, man 
sei befangen, wenn man auf dem Gebiete der Wissenschaft noch 
etwas von der Seele und von dem Geiste zu sagen hat, denn dar- 
iiber entscheide doch nur der subjektive Glaube - so meinen die 
Leute. Woher riihrt das aber in Wirklichkeit? In Wirklichkeit riihrt 
es davon her, daB sich das Zeitalter so gestaltet hat, daB die reli- 
giosen Bekenntnisse fur sich monopolisiert haben die Hinneigung 
2um Seelenhaften und zum Geistigen. Die religiosen Bekenntnisse 
haben sich ein Monopol gebildet fur das Seelische und fur das Gei- 
stige. Und man empfindet es heute ganz selbstverstandlich, wenn von 
dieser Seke so etwas beurteilt wird, wie Anthroposophie es ist, daB 
die Leute einfach sagen: Das darf nicht gepflegt werden; Wissenschaft 
muB frei bleiben von diesen Dingen, Wissenschaft hat nicht hineinzu- 
reden in das Seelische und Geistige, weil die Beziehung zum See- 
lischen und Geistigen ein Monopol sein soil fur die Konfessionen, 
fur die Bekenntnisse, - Deshalb ist es so humoristisch - verzeihen 
Sie, daB ich den Ausdruck gebrauche gegeniiber einer sehr ernsten 
Tatsache, aber da es Tragikomisches gibt, so kann es auch ein 
Ernsthumoristisches geben, und das Tragikomische ist manchmal fur 
die Entwickelung der Welt bedeutsamer als das bloBe Tragische 
oder Komische -, es ist humoristisch, wenn man heute von den Lehr- 
kanzeln deklamieren hort, die Wissenschaft miisse so und so objektiv 
sein, ohne sich auf die Dinge der Seele oder des Geistes einzulassen, 



denn dadurch wiirde die Exaktheit der Wissenschaft durchbrochen. 
Es ist deshalb humoristisch, dergleichen zu horen, weil es davon 
kommt, daB den Leuten, die nicht zu vertreten haben den Glauben, 
verboten war durch so und so lange Zeit, iiber Geist und Seek zu 
sprechen. Und diejenigen, die heute glauben, als wissenschaftliche 
Gelehrte die Wissenschaft rein erhalten zu miissen um ihrer Exaktheit 
willen, die wollen sie in Wahrheit rein erhalten, weil ihnen verboten 
worden ist durch die Dogmatik, iiber Seele und Geist zu denken. Es 
ist der Bodensatz, der Riickstand, das Residuum der alten kirchlichen 
Verbote, die uns heute als exakte wissenschaftliche Forderungen von 
den Lehrkanzeln verkiindet werden. Die Menschen wissen eben gar 
nicht, wie sich historisch dasjenige herausgebildet hat, was sie heute 
als eine selbstverstandliche und manchmal nach ihrer Ansicht hohe 
Wahrheit verkiindigen. Und diesen Dingen gegeniiber sollte eben 
nicht der Seelenschlaf geschlafen werden, sondern diesen Dingen ge- 
geniiber sollten die Menschen aufwachen. Aber ohne daB wir diesen 
Dingen gegeniiber aufwachen, kommen wir keinen Schritt weiter. 
Wir konnen noch so sehr schone Sachen tradieren iiber die soziale 
Frage, wir kommen nicht weiter, wenn wir uns irgendwelcher Illu- 
sion iiber die groBte Luge hingeben, die es eigentlich gibt, iiber 
die Wissenschaftsliige der Gegenwart. Wir empfinden sie noch gar 
nicht, diese Wissenschaftsliige, aber wir miissen lernen, sie zu emp- 
finden. 

Das ist nicht emotionell gemeint, das ist ganz theoretisch gemeint, 
was ich eben gesagt habe, und kann auch nur richtig verstanden 
werden, wenn es in diesem Theoretisch-Gemeintsein aufgenommen 
wird. Sehen Sie, ich fiihle mich nur berufen, das Wort Wissen- 
schaftsliige auszusprechen, weil ich ebenso, wie ich dieses Wort aus- 
spreche und riickhaltlos von diesem Gesichtspunkte aus die gegen- 
wartige Wissenschaft kritisiere, sie ebensosehr wieder verteidige; denn 
sie ist groB geworden durch alles dasjenige, was sie erreichen konnte 
dadurch, daB eine Zeitlang die Menschen bloB das Physisch-Leib- 
liche durch die Wissenschaft untersucht haben, sich nicht besonders 
hingewandt haben zum Seelisch-Geistigen. Aber das darf nur als ein 
Utilitatsprinzip angesehen werden und als ein padagogisches Prinzip 



der Menschheitsentwickelung, nicht als irgend etwas Erkenntnis- 
theoretisches. 

So muBte auch heute die Notwendigkeit eingesehen werden, ge- 
rade die profane Wissenschaft wiederum zu dut chdringen mit wirk- 
lichen Erkenntnissen des Seelischen und des Geistigen. Denn nur 
daraus wird die Kraft entspringen, die sozialen Probleme tief genug 
anzufassen. In unserer Zeit ist der Mensch nun schon einmal vor die 
Notwendigkeit gestellt, anders zu erkennen, als heute in unseren 
Schulen erkannt wird. Dinge werden heute, ich mochte sagen, fallig 
in der Erkenntnis, die langere Zeit nicht fallig zu sein brauchten. 
Man hat lange ganz ausgereicht mit der kopernikanischen Welt- 
anschauung. Es war niitzlich fur die Menschen, sich so hubsch vor- 
zustellen: Hier die Sonne - die Erde bewegt sich in einer Ellipse 





Tafel 1* 



herum, um die Erde bewegt sich wiederum der Mond, zwischen 
Sonne und Erde Merkur und Venus, weiter weg Mars und so wei- 
ter. - Es war hubsch, dieses ganze Bild der Bewegung der Planeten 
um die Sonne in Ellipsen so hinzustellen fur die Menschheit. Man 
reichte aus bis zur Gegenwart mit diesem Bild. 

Aber wie ist historisch dieses Bild entstanden? Das habe ich ofter 
schon erwahnt. Historisch ist dieses Bild dadurch entstanden, daB 



•' Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 282. 



einstmals der groBe Kopernikus sein Buch iiber die Umwalzung der 
Weltenkorper geschrieben hat. In dem stehen gleich anfangs drei 
Satze. Beachtet man sie alle drei, dann ist es gut. Aber sie wurden 
nicht alle drei beachtet, sondern nur die zwei ersten. Der dritte wurde 
unberiicksichtigt gelassen. Beachtet man nur die zwei ersten koperni- 
kanischen Satze, dann kommt das kopernikanische System, im Kep- 
lerschen, im Newtonschen Sinne weitergefuhrt, heraus. Nur stimmt 
dieses System nicht. Wenn irgendein Planet nach der Rechnung die- 
ses Systems an einer bestimmten Stelle sein sollte und man richtet 
das Fernrohr bin - er ist nicht da! Aber er muBte da sein nach 
diesem System. Daher setzt man schon seit langerer Zeit die soge- 
nannten «Besselschen Reduktionen» ein; man korrigiert immer die 
Stelle. Bevor man das Fernrohr einrichtet, richtet man es nicht nach 
dem Punkt hin, fur welchen man es nach diesem System richten 
muBte, sondern nach dem Punkt hin, fur welchen man zuerst die 
Besselschen Korrekturen eingesetzt hat. Diese Besselschen Korrek- 
turen, was bedeuten sie eigentlich? Sie bedeuten, daft man immer von 
neuem anwenden muB das, was man auf einmal anwenden wurde, 
wenn man alle drei kopernikanischen Gesetze beachten wurde, das 
heiBt, wenn man das dritte nicht unberiicksichtigt gelassen hatte. 
Aber wenn man dieses dritte kopernikanische Gesetz beriicksichtigt, 
dann stimmt die Geschichte wieder nicht mit den schonen Umdre- 
hungen der Planeten um die Sonne. Dann muB man an ein anderes 
Weltensystem denken. Aber die Menschen werden auch an dieses 
andere Weltensystem nicht denken, bevor sie gehorig vorbereitet sind 
zu solchem Umdenken durch anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft. Denn wie schauen heute die Menschen die Welt an? - 
Die Menschen schauen sie heute so an, wie wenn sie in einem Eisen- 
bahnzug drinnensaBen, niemals zum Fenster hinausschauten und auch 
niemals ausstiegen, sondern immer drinnensitzen und nur leben wur- 
den mit den Insassen des Eisenbahnzuges. Aber ein Mensch konnte 
auch so mit einem Eisenbahnzug durch die Welt fahren, daB er eine 
Strecke fahrt, dann laBt er den Zug stehen, steigt aus, erlebt das, was 
in einer Stadt ist; es kann ja dann ein anderer Zug sein, darauf 
kommt es nicht an, in den er wieder einsteigt. Er reist wiederum 



weiter, erlebt etwas in einer anderen Stadt. Das sind Etappen, die 
man da erlebt. Das tragt man dann mit sich. 

Die heutige astronomische Wissenschaft erlebt den Gang mit der 
Erde durch den Weltenraum so, wie wenn man in einem Eisenbahn- 
zug sitzt und nichts anderes als die Erlebnisse mit den Mitinsassen 
erlebt, niemals aussteigt. Nun werden Sie sagen: Wie kann man denn 
von der Erde aussteigen? Kann man denn das, von der Erde aus- 
steigen? - Man kann das, nur ist es etwas anderes, von der Erde 
aussteigen als aus einem Eisenbahnzug auszusteigen. Aus einem Eisen- 
bahnzug aussteigen, heiBt: zur Waggontiire hinausgehen und dann 
irgendwo hingehen. Von der Erde aussteigen heiBt: in das mensch- 
liche Innere, in die Seele eindringen. Dringen Sie wirklich in die Seele 
ein, erreichen Sie das, was im Inneren der Seele ist, dann sind Sie aus 
der Erde ausgestiegen; dann haben Sie in bezug auf die Erde dieselbe 
Prozedur durchgemacht, die Sie durchmachen, wenn Sie aus einem 
Zug aussteigen und wiederum einsteigen. Aber nun ist das Eigen- 
tumliche, daB man, wenn man aussteigt, das heiBt, wenn man wirk- 
lich innerlich sich vertieft, konkret vertieft, nicht durch Illusionen, 
sondern konkret vertieft, daB man dann bei jedem Aussteigen etwas 
anderes erlebt, wirklich bei jedem Aussteigen etwas anderes erlebt. 
Deklamieren von Mystik, die sich in das menschliche Innere vertieft, 
die Gott in der Seele erlebt, das ist eben ein bloBes Deklamieren. 
Wirklich im Inneren etwas erleben, das stellt sich so heraus, daB es in 
den verschiedenen Zeitaltern verschieden ist, daB es immer erneuertes 
Erleben ist. Wenn jemand wirklich innerlich erlebt hat 1870, und 
wiederum innerlich erlebt 1919, so sind die beiden Dinge verschieden 
innerlich erlebt. Warum sind sie verschieden? Weil der Mensch den 
Weltenraum erlebt, immer an einem anderen Orte erlebt. 

Durch solches innerliches Erleben haben die Alten ihr Himmels- 
system gefunden, nicht durch rein auBerliches Erleben. Durch ein Er- 
leben wie das im Eisenbahnzug ist das kopernikanische System ent- 
standen. Das System der Zukunft wird wiederum innerlich erlebt 
sein mussen, indem der Mensch die Reise durch die Welt an inner- 
lichen Erlebnissen durchmiBt. Dann wird etwas anderes heraus- 
kommen. Vor alien Dingen wird das herauskommen, daB wir lernen 



werden, konkret die Welt zu erleben, nicht, wie man es heute Kebt, 
abstrakt diese Welt zu erleben. 

Mir ist neulich in Berlin etwas Sonderbares passiert, das mich im 
Grunde genorrimen recht befriedigt hat. Da ist vor einiger Zeit ein 
schmachvoller Artikel in der deutschen Zeitschrift «Die Hilfe» er- 
schienen, «Falscher Prophet », heiBt der Artikel. Nun, solche Artikel 
werden gelesen, werden verschlafen. Aber wie ich jetzt vor einigen 
Wochen in Berlin war, besuchte mich ein Amerikaner und sagte, er 
besuche mich eigentlich aus dem Grunde, weil er den Artikel in der 
«Hilfe» gelesen habe, in dem so schrecklich geschimpft werde und 
in einer solchen Weise, daB man Interesse fassen miisse. Das will ich 
nur zur Einleitung sagen. Was mich eigentlich befriedigt hat, war eine 
Frage, die dieser Mann gestellt hat, die in hochstem MaBe sachlich 
war. Er sagte, er habe sehr schnell begriffen, um was es sich bei der 
Dreigliederung des sozialen Organismus handle, aber er mochte nun 
fragen: Halten Sie dafur, daB diese Dreigliederung des sozialen Or- 
ganismus eine ewige Wahrheit ist, die, einmal gefunden, soziale Zu- 
stande schafft, die nun immer bleiben miissen, oder ist es eine Wahr- 
heit fur einige Zeit, die nur ablost alte Dinge; ist es eine Wahrheit, 
die wiederum von etwas anderem abgelost wird? - Ich war formlich 
frappiert, daB sich in der Gegenwart noch solche verstandige Men- 
schen finden, die nicht glauben an den Chiliasmus, an das Tausend- 
jahrige Reich, wo einmal ein Absolutes gefunden wird und bleibt, 
bloB ein Wahres uber die ganze Erde hin und in die ganzen Ewig- 
keiten. Denkt heute einer sozialistisch, so denkt er: Morgen muB der 
soziale Staat verwirklicht werden; wenn er da ist, dann braucht er 
nimmer anders zu werden. 

Ich habe meine Antwort dann so formuliert, daB ich sagte : Selbst- 
verstandlich haben die letzten Jahrhunderte nach dem Einheitsstaate 
gestrebt; jetzt sind wir im konkreten Dasein so weit, daB wir ihn 
dreigliedern miissen. Nach einiger Zeit wird wiederum das andere, 
die Synthesis kommen; da wird wiederum das Entgegengesetzte auf- 
treten miissen. - Sehen Sie, das ist nicht so bequem, immer die kon- 
kreten Verhaltnisse verfolgen zu miissen, das ist nicht so bequem, wie 
ein absolutes System auszudenken. Aber heute ist es notwendig, daB 



die konkreten Verhaltnisse befolgt werden, daB man sich bewuBt ist: 
Was wir zu schafFen haben, haben wir fur die gegenwartige Welten- 
lage zu schafFen. Das kann aber heute schon «astronomisch» be- 
griffen werden, indem wir erstens sehen, daB die mystischen Erleb- 
nisse verschieden sind, je nachdem sie in diesem Jahrzehnt oder 
jenem Jahrzehnt, in diesem Jahrhundert oder in jenem Jahrhundert 
gewonnen werden, und daB man die Bewegungen der Erde selbst 
verfolgen, innerlich mystisch erleben kann. Aber es muB das «groBe 
Astronomische» heute zusammen geschaut und zusammen empfunden 
werden mit dem Sozialen. Wir miissen die Moglichkeit gewinnen, so 
vorzuschreiten, daB wir heute eine Stufe uberschreiten, die sich nur 
parallelisieren laBt mit Stufen der friiheren Zeit, die ebenso nicht nur 
Ubergange, sondern StoBe waren der Entwickelung. 

Nehmen Sie den alten Griechen. Er hatte sein Landgebiet. Bis zu 
den Saulen des Herkules war fiir ihn die Erde noch etwas, was kon- 
kret war. Dann kam das Unbestimmte, das ganz Unbestimmte. Er 
hatte ein LandbewuBtsein. Es kam die neuere Zeit herauf, die Ent- 
deckung Amerikas, das Segeln nach Ostindien, ahnliche Dinge. Er- 
denbewuBtsein trat auf. Aus dem LandbewuBtsein der Griechen 
wurde das ErdenbewuBtsein der neueren Zeit. Geradeso wie fiir 
den Griechen dasjenige, was auBerhalb der Saulen des Herkules lag, 
unbestimmt war, so ist heute dasjenige, was auBerhalb des Erden- 
bewuBtseins ist, fiir den Menschen unbestimmt, bloB mathematische 
Phantasie, Galileische, Newtonsche Phantasie und so weiter. Diese 
Phantasie muB durch die realen Tatsachen ersetzt werden. Wir miis- 
sen umwandeln das ErdenbewuBtsein in das WeltenbewuBtsein, wie 
man umwandelte das LandbewuBtsein der Griechen in das Erden- 
bewuBtsein. Wir stehen heute an diesem Punkte, und wir kommen 
auch sozial nicht vorwarts, wenn wir nicht den Weg finden, ebenso 
wie das LandbewuBtsein der Griechen in das ErdenbewuBtsein der 
modernen Zeit umgewandelt wurde, das WeltenbewuBtsein der Zu- 
kunft herauszuentwickeln aus dem ErdenbewuBtsein der neueren 
Zeit. 

Wenn wir nicht ausbilden durch die Lehren anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft das groBe astronomische Weltbild 



desjenigen, was drauBen als Weltenraum ist, dann ergreifen wir nicht 
die Wahrheit des Weltenraumes. Aber ergreifen wir nicht die Wahr- 
heit des Weltenraumes, so konnen wir nicht Weltenbiirger werden. 
Aber wir werden nicht friiher soziale Burger, als bis wir in unserem 
BewuBtsein Weltenbiirger geworden sind. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 4. Oktober 1919 



In diesem mittleren der drei Vortrage mochte ich Ihnen einige anthro- 
posophische Wahrheiten im besonderen entwickeln. Wir werden dann 
sehen, wie gerade diese anthroposophischen Wahrheiten in das all- 
tagliche Leben des Menschen stark eingreifen; davon wollen wir dann 
morgen sprechen. Heute mochte ich Sie eben auf einiges Tiefere im 
Menschenwesen aufmerksam machen. 

Es wird sehr haufig nicht gefragt, durch welche Krafte der Men- 
schennatur die Erkenntnis der ubersinnlichen Welten erlangt wird. 
Man versucht sich die Frage bloB so zu beantworten, daB man eben 
davon spricht : Es gibt die Moglichkeit, Obersinnliches durch gewisse 
Krafte der Menschennatur zu erkennen. Aber in welchen Beziehun- 
gen, in welchen besonderen Beziehungen diese Krafte zur Menschen- 
natur stehen, danach wird nicht immer gefragt. Daher wird auch 
so wenig Riicksicht darauf genommen, die Erkenntnisse der iiber- 
sinnlichen Welten fur das gewohnliche Leben richtig fruchtbar zu 
machen. Man kann sagen: Gerade fur unser Zeitalter werden die 
ubersinnlichen Erkenntnisse den Menschen immer notwendiger und 
notwendiger werden. Dann aber mussen sie auch in ihrer Beziehung 
zum gewohnlichen alltaglichen Leben erfaBt werden. 

Sie wissen, die erste Fahigkeit, die den Menschen hinauffuhrt ins 
iibersinnliche Wesen, ist die Kraft der Imagination, die zweite Fahig- 
keit ist die Kraft der Inspiration, die dritte Fahigkeit ist die Kraft 
der Intuition. Nun fragt es sich: Sind das Fahigkeiten, die man ein- 
fach nur ins Auge fas sen muB, wenn von Erkenntnis ubersinnlicher 
Welten die Rede ist, oder sind das Fahigkeiten, die auch irgendeine 
Rolle spielen im sonstigen Leben des Menschen? - Das letztere, sehen 
Sie, ist der Fall. Wir verfolgen ja das menschliche Leben, wie Sie das 
ersehen konnen aus der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes 
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», nach drei Epochen: 
nach der Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel, vom Zahn- 
wechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis etwa 



zum einundzwanzigsten Jahre. Wer nicht oberflachlich die mensch- 
liche Natur betr achtet, der wird darauf kommen, daB die ganze Art 
der Entwickelung des Menschen eine andere ist in den ersten sieben 
Jahren, eine andere in den zweiten sieben Jahren, eine andere in den 
dritten sieben Jahren des kindKch-jugendlichen Lebens. Damit, daB 
die dann bleibenden Zahne hervorgetrieben werden - ich habe auch 
dariiber schon ofter gesprochen -, hangt zusammen die Entfaltung 
nicht bloB von Kraften, die etwa, sagen wir, in den Kiefern oder in 
ihren Nachbarorganen sitzen, sondern die Krafte, welche die Zahne 
heraustreiben, sitzen im ganzen physischen Menschen. Da geht etwas 
vor in diesem physischen Menschen zwischen der Geburt und dem 
siebenten Jahre, was seinen AbschluB findet, gewissermaBen seinen 
SchluBpunkt findet, indem die bleibenden Zahne hervorgetrieben 
werden aus der Menschennatur. 

Diese Krafte, die da arbeiten an der menschlichen physischen 
Wesenheit, die sind - man mochte sagen: selbstverstandlich - iiber- 
sinnlicher Natur. Das Sinnliche ist bloB das Material, in dem sie ar- 
beiten. Diese ubersinnlichen Krafte, die in den ersten sieben Lebens- 
jahren des Menschen in seiner ganzen Organisation tatig sind, werden 
gewissermaBen stillgelegt, wenn ihr Ziel erreicht ist, wenn die blei- 
benden Zahne erschienen sind. Diese Krafte gehen nach dem siebenten 
Jahre, ich mochte sagen, schlafen. Sie sind verborgen in der Men- 
schennatur; sie schlafen in der Menschennatur. Und sie konnen 
hervorgeholt werden aus dieser Menschennatur, wenn man solche 
Ubungen macht, wie ich sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» beschrieben habe, die da fiihren bis zur Intuition. 
Denn die Krafte, die in der Intuition, in der intuitiven Erkenntnis 
angewendet werden, sind dieselben Krafte, mit denen man bis zum 
siebenten Jahre so wachst, daB dieses Wachsen seinen Ausdruck 
findet im Zahnwechsel. Diese schlafenden Krafte, die bis zum sieben- 
ten Jahr tatig sind in der Menschennatur, die beniitzt man in der uber- 
sinnlichen Erkenntnis, um zur Intuition zu kommen. 

Die Krafte wiederum, die vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, 
bis zur Geschlechtsreife tatig sind und dann schlafen gehen, drunten 
in der Menschennatur mhen, die werden heraufgeholt und bilden die 



Kraft der Inspiration. Und diejenigen Krafte, welche in friiheren Zei- 
ten den Menschen vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre 
die jugendlichen Ideale eingegeben haben - es ware zuviel behauptet, 
daB sie das jetzt noch tun - und Organe geschaffen haben im phy- 
sischen Leib fur diese jugendlichen Ideale, das sind dieselben Krafte, 
die dann aus ihrem schlafenden Zustand hervorgeholt werden und die 
Imagination bewirken konnen. 

Sie sehen daraus, daB die Krafte der Imagination, die Krafte der 
Inspiration und die Krafte der Intuition nicht beliebige, von un- 
bekannt woher geholte Krafte sind, sondern daB es dieselben Krafte 
sind, mit denen wir von unserer Geburt bis zum einundzwanzigsten 
Jahre wachsen. Es sind daher diejenigen Krafte, die in Imagination, 
Inspiration und Intuition leben, sehr gesunde Krafte. Es sind die- 
jenigen Krafte, die der Mensch braucht zu seinem gesunden Wachs- 
tum, und die dann, wenn die entsprechenden Phasen des Wachstums 
abgeschlossen sind, schlafen gehen in der Menschennatur. 

Damit habe ich Sie hingewiesen auf dasjenige, was von iibersinn- 
lichen Erkenntniskraften Beziehungen hat zu der gewohnlichen Men- 
schennatur. Aber man kann auch ein gleiches sagen von den Kraften 
der normalen Menschennatur, derjenigen Menschennatur, die im ge- 
wohnlichen Leben steht. Nur ist es da nicht so ausgesprochen. Eine 
sehr wichtige Kraft fur das gewohnliche Leben - wir haben es ofters 
besprochen - ist die Gedachtniskraft, die Erinnerungsfahigkeit. Diese 
Erinnerungsfahigkeit, wir beherrschen sie seelisch dann, wenn wir uns 
an irgend etwas, das wir erlebt haben, eben, wie wir sagen, erinnern. 
Aber Sie wissen alle : Mit dieser Erinnerungskraft ist es etwas Eigen- 
artiges. Wir beherrschen sie und beherrschen sie doch nicht ganz. 
Gar mancher Mensch kampft diesen oder jenen Augenblick seines 
Lebens damit, daB er sich an etwas erinnern mochte, aber er kann 
sich nicht erinnern. Dieses Sich-erinnern-Mogen und Sich-nicht-voll- 
standig-erinnern-Konnen, das riihrt davon her, daB dieselbe Kraft, die 
wir seelisch als Erinnerungskraft benutzen, dazu dient, unsere auf- 
genommenen NahrungsstofFe umzuwandeln in solche Substanzen, die 
von unserem Leib gebraucht werden konnen. Wenn Sie also ein 
Stuck Brot essen und dieses Brot umgewandelt wird in Ihrem Leib 



in eine solche Substanz, da6 diese Substanz Ihrem Leben dient, so 
ist das scheinbar ein physischer Vorgang. Aber dieser physische 
Vorgang wird beherrscht von ubersinnlichen Kraften. Diese iiber- 
sinnlichen Krafte sind dieselben, die Sie anwenden, wenn Sie sich 
erinnern. So daB dieselbe Krafteart verwendet wird auf der einen 
Seite zur Erinnerung, auf der anderen Seite zur Verarbeitung der 
NahmngsstofFe im menschlichen Leben. Und Sie miissen eigentlich 
immer ein wenig bin und her pendeln zwischen Ihrer Seele und zwi- 
scben Ihrem Leibe, wenn Sie sich der Erinnerungskraft hingeben 
wollen. Verdaut Ihr Leib allzugut, dann, sehen Sie, konnen Sie viel- 
leicht nicht so viel Krafte abgewinnen diesem Leib, daB Sie sich gut 
erinnern konnen an gewisse Dinge. Sie miissen immer einen inneren 
Kampf, der im UnbewuBten sich abspielt zwischen einem Seelischen 
und einem Leiblichen, ausfiihren, wenn Sie sich erinnern wollen an 
irgend etwas. Sie haben, wenn Sie so die Gedachtniskraft anschauen, 
die beste Art zu begreifen, wie unsinnig es im Grunde von einem 
hoheren Gesichtspunkte aus ist, wenn die einen Menschen Idealisten 
sind und die anderen Menschen Materialisten. Das Verarbeiten der 
NahmngsstofFe im menschlichen Leibe ist zweifellos ein materieller 
Vorgang. Die Krafte, die ihn beherrschen, sind dieselben, die bei 
einem ideellen Vorgang wirksam sind: die Krafte des Erinnerungs- 
vermogens, die Gedachtniskrafte. Nur dann sieht man die Welt rich- 
tig, wenn man sie weder materialistisch noch idealistisch sieht, son- 
dern wenn man imstande ist, dasjenige, was sich als materialistisch 
offenbart, ideell zu sehen, und dasjenige, was sich als Ideelles ofTenbart, 
ganz materiell verfolgen zu konnen. Nicht darauf beruht das Geistige 
einer Weltauffassung, daB man sagt: Da ist niederer Materialismus, 
der ist fur den «Aussatz» der Menschheit; da ist der Idealismus, 
der ist fur die Auserlesenen - zu denen sich der Betreffende, der das 
ausspricht, gewohnlich dann selber rechnet -, sondern darin besteht 
das Wesentliche einer wirklich spirituellen Weltauffassung, daB diese 
spirituelle Weltauffassung imstande ist, mit dem, was sie erfafit im 
Geistigen, unterzutauchen in das materielle Dasein, um gerade das 
materielle Dasein dann zu begreifen, daB es begrifFen werde, nicht 
verachtet werde. Das ist der groBe Irrtum vieler Religionsbekennt- 



nisse, daB sie das materielle Dasein verachten, statt es zu begreifen, 
statt den Geist in ihm zu suchen. 

So handelt es sich darum, auf die Dinge einzugehen, nicht, wie es 
heute noch so vielfach iiblich ist, auf mystischen Gebieten in Phrasen 
zu leben; auf die Dinge wirklich einzugehen, darum handelt es sich. 
Nachdem ich Ihnen nun gewissermaBen gezeigt habe, wie man auf 
diese Dinge eingehen konne, mochte ich etwas ganz besonders 
Wichtiges jetzt anfuhren. Man spricht gewohnlich so, wenn man von 
dem materiellen Dasein und von dem ubersinnlichen Dasein spricht, 
als ob sich ausbreitete in der Welt das materielle Dasein, und dann 
sei irgendwo dahinter oder dariiber das ubersinnliche Dasein, das 
man durch die Sinne nicht wahmimmt. "Wenn man so die Sache vor- 
stellt, daB man einfach einerseits das sinnlich-physische Dasein hat, 
andrerseits das ubersinnliche Dasein, wird man niemals den Menschen 
begreifen. Es gibt keine Moglichkeit, den Menschen wirklich zu er- 
fassen, wenn man nur von dem Gegensatze ausgeht: Sinnliches und 
Ubersinnliches. Es handelt sich vielmehr um das Folgende. Um uns 
herum breitet sich die Sinneswelt aus und die Welt, in der wir ar- 
beiten, die Welt, in der auch unser soziales Leben liegt; die breiten 
sich um uns herum aus. Wollen wir einmal schematisch diese aus- 
gebreitete Welt durch diese Linie darstellen (siehe Zeichnung waag- 
rechte Linie). Ein vollstandiges Bild von dem, was eigentlich in der 
Welt vorliegt, bekommen Sie nur, wenn Sie sich vorstellen: uber 



Erkenni- n l s k ra fie Tafel 2 

f $ i 'i t 

, !,. ~,h U rot 



/\\ Ji% *\\ 



I I ~{ orange 

^Af'tllensfcraftz 



dieser Linie Hegen Krafte, iibersinnliche Krafte (rote Pfeile). Diese 
iibersinnlichen Krafte nimmt man nicht mit den gewohnlichen Sinnen 
und auch nicht mit dem Verstande, der an die gewohnlichen Sinne 
gebunden ist, wahr. Man nimmt nur dasjenige wahr, was im Bereiche 
dieser Linie liegt. 

Aber es gibt auch unter dieser Linie Krafte. Wir sprechen eigent- 
lich nur dann vollstandig von dem Nichtsinnlichen, von dem Geisti- 
gen, wenn wir von iibersinnlichen und von untersinnlichen Kraften 
sprechen. Also wir miissen uns vorstellen, daB auBerdem hier (orange 
Pfeile) die untersinnlichen Krafte liegen. 

Also, wir haben die Sinneswelt, die iibersinnlichen Krafte und die 
untersinnlichen Krafte. Der Mensch selbst, wenn er leiblich vor Ihnen 
stent, wohin gehort er? Dasjenige, was leiblich vor Ihnen steht, das 
gehort ganz in diese Linie herein. Aber in das, was in die Linie her- 
eingeht beim Menschen, wirken auf der einen Seite iibersinnliche, 
auf der anderen Seite untersinnliche Krafte. Der Mensch ist die 
Resultante zwischen iibersinnlichen und untersinnlichen Kraften. Wel- 
che Krafte der Menschennatur sind nun iibersinnliche, welche Krafte 
der Menschennatur sind untersinnliche? Ubersinnlich sind alle mit 
dem Erkennen zusammenhangenden Krafte; alles das, was wir auf- 
bringen fur das Erkennen, ist ubersinnlich. Und es sind das dieselben 
Krafte, die auch unseren Kopf formen, unser Haupt formen. So daB 
wir sagen konnen: Die iibersinnlichen Krafte sind die Erkenntnis- 
krafte. 

Nun wirken in den Menschen hinein auch die untersinnlichen 
Krafte. Was sind denn das fur Krafte? Das sind die Willenskrafte. 
Alle Willenskrafte, alles Willensartige in der Menschennatur isr 
untersinnlich. 

Nun werden Sie ja naheliegend haben die Frage: Ja, woher kom- 
men denn diese untersinnlichen Krafte, diese Willenskrafte? ~ Das 
sind dieselben Krafte wie die Krafte des Planeten, also hier fur uns 
die Krafte der Erde. In der Tat, in unseren Menschen wirken fort- 
wahrend herein die Krafte der Erde. Und das, was zusammenhangt 
mit diesen Kraften des Planeten, mit diesen Kraften der Erde, das 
sind die Krafte, die willensartiger Natur sind. Die Krafte, die er- 



kenntnisartiger Natur sind, die kommen uns aus der Peripherie 
der Welt, die ergieBen sich gleichsam von auBen, von auBerhalb des 
Planeten auf uns herab. Die Krafte, die willensartiger Natur sind, 
dringen in uns ein von dem Planeten aus. So leben in uns die 
Krafte unseres eigenen Erdenplaneten. In dem Augenblick, wo wir mit 
der Geburt ins Dasein treten, sind in uns wirksam die Krafte des 
Erdenplaneten. 

Die Frage entsteht: In welcher Verteilung sind sie in uns wirksam? 
Da ist wiederum ein betrachtlicher Unterschied zwischen dem er- 
sten Lebensabschnitt, der ersten Lebensepoche, der zweiten und der 
dritten, bis zum siebenten Jahre, bis zum vierzehnten Jahre, bis 
zum einundzwanzigsten Jahre. Dasjenige, was in uns willensartig 
wirkt bis zum siebenten Lebens jahre, das wirkt ganz aus dem In- 
neren des Planeten heraus. Es ist sehr interessant, geisteswissen- 
schaftlich zu verfolgen, wie in alledem, was in dem Kinde bis zum 
siebenten Jahre wirksam ist, kraften die Krafte des Innersten der 
Erde. Wollen Sie die Krafte des Erdeninneren in ihrer OfTenbarung 
kennenlernen, dann studieren Sie alles dasjenige, was im Kinde vor- 
geht bis zum siebenten Jahre, derm das sind diese Krafte des Erden- 
inneren. Es ist ganz und gar eine falsche Methode, hineinzugraben 
in die Erde, um die Krafte des Erdeninneren zu finden. Da finden 
Sie nur die Erdensubstanzen. Die Krafte, welche in der Erde wirksam 
sind, die offenbaren sich in dem, was sie vollbringen an dem Men- 
schen bis zu seinem siebenten Lebens jahre hin. Und wiederum vom 
siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre wirken im Menschen die 
Krafte des Luftkreises, also auch noch dasjenige, was zur Erde ge- 
hort, die Krafte der Atmosphare. Aber die sind vorzugsweise wirk- 
sam in alldem, was sich im Menschen ausbildet zwischen dem sie- 
benten und dem vierzehnten Lebensjahr. Dann ist der wichtigste 
Abschnitt vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr. Da 
geht, ich mochte sagen, das Untersinnliche in das Ubersinnliche 
uber. Da bildet sich eine Art Ausgleich zwischen dem Unter- und 
dem Ubersinnlichen. Da wirken die Krafte des ganzen Sonnen- 
systems, des zur Erde gehorigen Sonnensystems organisierend auf 
den Menschen. 



Also Erdeninneres in der ersten Lebensepoche; Luftkreis in der 
zweiten Lebensepoche, dasjenige, worinnen die Erde selber einge- 
hullt ist. Was an Kraften herunterstromt aus dem Weltenraume, in- 
soweit dieser Weltenraum erfullt ist von unserem eigentlichen eige- 
nen Planetensystem : bis zum einundzwanzigsten Jahre. Erst mit dem 
einundzwanzigsten Jahre reiBt sich gewissermaBen der Mensch los von 
den EinfKissen desjenigen, was von auBen durch den Planeten und 
durch das dazugehorige Planetensystem in ihm bewirkt wird. 

Sehen Sie, in alldem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, daB es auf 
den Menschen wirkt, in alldem ist durchaus auch korperliche Wirk- 
samkeit. Es sind korperliche Vorgange, die durch Krafte vom Inne- 
ren des Planeten bis zum siebenten Jahre bewirkt werden. Es sind 
korperliche Vorgange, die von dem Luftkreislaufe im Zusammen- 
hange mit der Atmung zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre 
gebildet werden und so weiter. Es sind durchaus korperliche Vor- 
gange, es sind Umgestaltungen der leiblichen Organe, die da bewirkt 
werden; mit dem GroBerwerden, mit dem Wachstum des Menschen 
hangt alles zusammen. Der Mensch wachst also heraus aus dem, was 
die Erde an ihm gestaltet; das hort mit dem einundzwanzigsten 
Jahre auf. 

Was ist aber dann? Was ist nach dem einundzwanzigsten Lebens- 
jahre? Bis zum einundzwanzigsten Jahre haben wir in der geschil- 
derten Weise gezehrt von der Erde und ihrem Planetensystem. Was 
da die Erde in uns hineinorganisiert hat, von dem haben wir ge- 
zehrt. Nunmehr, wenn wir einundzwanzig Jahre alt geworden sind, 
mus sen wir von uns selber zehren. Da miissen wir nach und nach 
das wiederum herauf holen, was wir aus den Kraften des Planeten und 
des Planetensystems in unseren Organismus hinuntergefiihrt haben. 

DaB dies friiher immer so geschehen ist, dazu waren die Krafte 
des menschlichen Blutes tatig. Der Mensch hat es, wie Sie ja wohl 
wissen, nicht gelernt, nach seinem einundzwanzigsten Jahre die Krafte 
des Planeten aus sich herauszuholen. Aber er hat es doch getan. Er 
hat es als unbewuBten Vorgang getrieben. Das lag in seinem Blute. 
Es wurde ihm einorganisiert, daB er das so gemacht hat. Unser be- 
deutsamer Umschwung in der Gegenwart, wobei die Gegenwart 



naturlich ein langer Zeitraum von Jahrhunderten ist, liegt darin, daB 
das Blut der Menschen die Kraft verliert, das herauszuholen, was 
man bis zum einundzwanzigsten Jahre in den Organismus auf diese 
Weise hineingefiigt hat. 

Darauf beruht das Wichtige, was vorgeht in der gegenwartigen 
Zeit der Menschheit, daB das Blut in seinen Kraften nachlaBt. Diese 
Dinge konnen nicht konstatiert werden von der auBeren Anatomie, 
von der auBeren Physiologie; die miiBten ja Korper untersuchen aus 
dem 10., 9. Jahrhundert, dann wurden sie darauf kommen, daB da das 
Blut anders war. Man wiirde noch nicht einmal die chemischen 
Reagenzien haben, um darauf zu kommen. Aber geisteswissenschaft- 
lich kann man mit Sicherheit wissen: Das Blut der Menschen ist 
schwacher geworden. Und der groBe Umschwung zu dem Schwacher- 
werden des Blutes des Menschen lag in der Mitte des 15. Jahrhunderts. 

Was ist die Folge? Die Folge ist, daB wir das, was wir nicht mehr 
imstande sind, unbewuBt durch unser Blut zu bewirken, nunmeht 
durch unser BewuBtsein bewirken miissen. Wir miissen uns zu etwas 
erziehen, so daB wir es bewuBt vollbringen konnen, was friiher 
unbewuBt einfach durch das Blut der Menschen bewirkt worden ist. 
Denn die Kraft des Blutes ist verlorengegangen und geht immer 
mehr verloren. Und was wiirde endlich, wenn wir kein Auskunfts- 
mittel fanden, in einem Zeitalter eintreten, in welchem die Menschen 
vollig verlieren wurden ihre Jugend, in welcher sie nicht fruchtbar 
machen konnten fur sich die Krafte ihrer Jugend, wenn nicht das- 
jenige, was friiher das Blut getan hat unbewuBt, vollbracht werden 
konnte bewuBt? 

Diese Dinge darf man naturlich nicht bloB theoretisch nehmen. 
Nimmt man sie theoretisch, so mogen sie interessante Wahrheiten 
sein. Aber sie bloB theoretisch zu nehmen, geniigt nicht. Diese 
Dinge miissen heute praktisch genommen werden, denn sie hangen 
mit der Praxis der Entwickelung der Menschheit zusammen. Prak- 
tisch miissen sie so genommen werden, daB wir uns bewuBt wer- 
den: Das ganze Erziehungssystem des Menschen muB ein anderes 
werden. Wir miissen den Menschen dahin bringen, daB er eine starke, 
bewufite Kraft entwickelt, dasjenige, was er in der Jugend in sich 



aufnimmt, im spateren Alter wie durch eine elementare Erinnerung 
wiederzuerleben. 

Vorlaufig handeln die Menschen noch iiberall gegen diese Anforde- 
rung. Die Menschen sind zum Beispiel stolz darauf, in den Volks- 
schulen <<Anschauungsunterticht>>, wie sie sagen, zu treiben, recht 
anschaulich alles den Kindern beizubringen, und sie legen einen 
groBen Wert darauf, nur ja nicht dem Kinde solche Dinge im Unter- 
richte zu offenbaren, die, wie man sagt, iiber das Fassungsvermogen 
des Kindes hinausgehen, sondern es soil der Lehrer, der Erzieher 
moglichst weit heruntersteigen zu dem Fassungsvermogen des Kindes. 
Ja, man stellt Rechenmaschinen auf, an denen man durch gezahlte 
Kugeln alle moglichen Rechnungsarten anschaulich lehrt. Nichts soli 
uber das Fassungsvermogen des Kindes hinausgehen. Dieser An- 
schauungsunterricht wird zu einer schauderhaften Trivialitat und 
Banalitat. Er muB ja schlieBlich dahin fiihren, daB man dem Kinde 
nut banale Begriffe beibringt, wenn man durchaus heruntersteigen soil 
zu der Auffassungsgabe des Kindes selber. Derjenige, der das an- 
strebt, der beachtet ganz und gar nicht eine wichtige, obwohl, ich 
mochte sagen, intime Erfahrung des menschlichen Lebens. 

Denken wir uns einmal, ein Kind wird so unterrichtet, daB es et- 
was aufnimmt, nicht weil das schon vollstandig seinem Fassungs- 
vermogen entspricht, sondern weil die begeisternde Warme des 
Lehrers auf das Kind iibergeht und das Kind das aufnimmt, weil 
der Lehrer durch seine Begeisterungsfahigkeit im Unterrichten dem 
Kind das iibermittelt. Das Kind nimmt das auf, eben deshalb, weil 
es lebt in der Warme, die vom Lehrer ausgeht. Es nimmt etwas 
auf, was iiber sein Verstandnis hinausgeht, bloB aus der sich iiber- 
tragenden Begeisterungsfahigkeit des Lehrers; dann versteht das 
Kind, was es aufgenommen hat, noch nicht, wie man im trivialen 
Leben sagt. Aber was es aufgenommen hat, sitzt im Gemiite des 
Kindes. An das, was das Kind vielleicht aufgenommen hat in seinem 
zehnten Jahre, erinnert sich der Erwachsene im dreiBigsten Lebens- 
jahre. Er erlebt das wieder. Jetzt ist er reif geworden, versteht das, 
was er herausholen kann aus den Tiefen seines Gemiites, was er dazu- 
mal nur aus der Begeisterung aufgenommen hat, was er aber jetzt aus 



dem reifen Geiste herausholen kann. Sehen Sie, das sind die frucht- 
barsten Momente des Lebens, in denen man nicht bloB das auffaBt, 
was von auBen an einen herandringt, sondern das, was man fruher 
mit nicht hinreichendem, mit geringem Verstandnis aufgenommen 
hat, was man wieder erlebt, indem man es herauf holt und mit ver- 
tieftem Verstandnisse dann erst aufnehmen kann. Je mehr man sorgen 
kann im Unterrichte dafur, daB das Kind nicht bloB banal aufnimmt 
dasjenige, was es versteht - denn das verschwindet mit dem kind- 
lichen Alter, daran kann ein spateres Lebensalter weder Freude noch 
Begeisterung entwickeln -, desto mehr tut man fur die spatere Ent- 
wickelung des Menschen; denn dasjenige, was aufgenommen wird 
bloB aus der Warme des Unterrichtenden heraus, das ist dasjenige, 
was, wiedererlebt, Lebenskrafte gibt. 

Auf das sollte beim heutigen Unterrichten besonders gesehen wer- 
den. Fruher brauchte man nicht besonders darauf sehen, denn fruher 
lag das Heraufwirken im Blut; jetzt muB es zum BewuBtsein ge- 
bracht werden. Es ist nicht einerlei, ob man solche Dinge einsieht 
wie diejenigen, die heute durch Geisteswissenschaft eben fruchtbar 
werden. Wenn man sie in der richtigen Weise einsieht, so findet man 
an irgendeiner Stelle des praktischen Lebens die Moglichkeit, diese 
Dinge zum Heile der Menschheit zu verwerten. Man findet also die 
Moglichkeit, die Tatsache, daB unser Blut schwach geworden ist, 
wenn man sie richtig durchschaut, so zu verwerten, daB man um 
so mehr Wert legt auf die Begeisterungsfahigkeit des Lehrers. 

Aber man hat wenig BewuBtsein in unserer Zeit, daB es sich um so 
etwas handelt. Denn in unserer Zeit spielt noch immer eine groBe 
Rolle die Norm-Padagogik, die Padagogik, die in zahlreichen Nor- 
men arbeitet. Man lernt Padagogik, man lernt, wie man ein Kind 
unterrichtet, wie man verfahrt beim Unterrichten. Gegeniiber unse- 
rem heutigen MenschheitsbewuBtsein sollte uns das eigentlich so vor- 
kommen, wie wenn wir lernen wurden: Der Mensch besteht aus 
Kohlehydraten, EiweiBstoffen und so weiter - aus dem bestehen wir, 
und so und so verwandeln sie sich im Leibe, und bevor wir das 
nicht durchschaut haben, konnen wir nicht essen; denn erst wenn wir 
das verstehen, essen wir im Sinne der Physiologic - Ich habe Ihnen 



einmal erzahlt - und Sie wissen es ja vielleicht aus Ihrer eigenen 
Erfahrung daB man jetzt schon das Erlebnis haben kann: Man 
besucht den oder jenen, und siehe da, er hat eine Waage stehen 
neben seinem Teller und legt auf die Waage sorgfaltig ein Stuck 
Fleisch und wiegt ab, wie schwer das Stiick Fleisch ist, denn nur 
ein Stiick Fleisch von einem ganz bestimmten Gewichte darf er sich 
zufuhren. Da bestimmt schon die Physiologie den Appetit. Aber 
das pflegen Gott sei Dank noch nicht alle Menschen. Es ist wich- 
tig, daB man einsehe, daB die Physiologie nicht zum Essen gehort, 
sondern daB sie etwas ist, was ein Ziel neben dem Essen hat, daB man 
auch essen kann, ohne Physiologie studiert zu haben, ohne die Physio- 
logie des Ernahrungsvorganges zu kennen. Aber man setzt nicht vor- 
aus, daB man auch unterrichten sollte, lebendig unterrichten sollte, 
ohne die Norm-Padagogik in sich aufgenommen zu haben. Fur den 
heute im giinstigsten Sinne Unterrichtenden ist diese Norm-Pad- 
agogik genau so, wie fur den Maler die Asthetik der Farben ist. Er 
kann gut Asthetik der Farben studiert haben, malen kann er deshalb 
nicht. Malen kann man durch ganz andere Dinge als dadurch, daB 
man die Asthetik der Farben studiert. Unterrichten kann man durch 
ganz andere Dinge, als dadurch, daB man Padagogik studiert. Nicht 
darum handelt es sich heute, daB man irgendeine Norm-Padagogik, 
welche dogmatisch feststellt diese oder jene Dinge, wie man unterrich- 
tet, seminaristisch an diejenigen heranbringt, die unterrichten sollen, 
sondern daB man dasjenige heranbringt an diejenigen, die unterrich- 
ten, was ahnlich zum Erzieher und Unterrichter macht, wie man Maler 
oder Botaniker wird. Das heiBt : Es muB der Padagoge aus dem Men- 
schen geboren werden, nicht, es muB die Padagogik erlernt werden. 

DaB die Padagogik eine wirkliche Kunst sein musse, das ist etwas, 
was eingesehen werden muB gerade aus dieser Umwandlung der 
Menschennatur heraus. Im Ubergangszeitalter, da wuBte man nicht 
recht, was man eigentlich tun soil mit dem Erziehen. Daher erfand 
man alle moglichen abstrakten Padagogiken. Jetzt aber handelt es sich 
darum, daB man vorzugsweise demjenigen, der da lehrt, ubermittle 
eine wirkliche Menschenerkenntnis. Denn sehen Sie, wenn man eine 
wirkliche Menschenerkenntnis hat und wendet sie beim Kinde an, 



dann besteht folgendes Eigentiimliche : Nehmen Sie an, man ist ein 
Unterrichtender ; man hat seine Kinder in der Schule. Wenn man 
ein Anhanger der Norm-Padagogik ist, der Padagogik, die nach 
Gesetzen arbeitet, dann weiB man, wie man unterrichten soil, denn 
man hat ja diese Norm gelernt. Man unterrichtet heute nach diesen 
Normen, hat gestern nach diesen Normen unterrichtet, und man wird 
morgen und iibermorgen nach diesen Normen unterrichten. Wenn 
man als Padagoge Kiinstler ist, dann hat man es gar nicht so gut; 
dann kann man nicht gestern und heute und morgen und iiber- 
morgen nach den gleichen Normen unterrichten, sondern dann muB 
man jedesmal neu lernen von dem Kinde selbst, wie man es zu unter- 
richten hat; dann muB jedesmal aus der Natur des Menschen heraus 
folgen, was man zu tun hat, und es ist am allerbesten fur den Pad- 
agogen, wenn er so unterrichten kann, weil das Kind ihm gebietet, so 
und so zu unterrichten, und wenn er dann immer wieder vergiBt, was 
eigentlich Padagogik ist, wenn er keine Ahnung hat von padago- 
gischen Regeln. Denn in dem Augenblick, wo das Kind wiederum 
vor ihm steht, ist er wiederum ganz elektrisiert von dem werdenden 
Menschen und weiB, was er mit ihm zu tun hat. 

Sie miissen achten auf diese Art und Weise, wie so etwas heute 
gesagt werden muB, wie iiber diese Dinge heute gesprochen wer- 
den muB. Man kann heute iiber diese Dinge nicht so sprechen, daB 
die Menschen sich beruhigen konnen in allerlei Prinzipien, sondern 
man kann nur so sprechen, daB man auf etwas hinweist, das lebt, 
das sich nicht in abstrakte Prinzipien bringen laBt, sondern das lebt, 
das durch Leben Leben erregt. Das ist es, worauf es ankommt. Daher 
ist heute fur das unmittelbare Leben Geisteswissenschaft vonnoten, 
weil Geisteswissenschaft etwas ist, was nicht bloB fur den Kopf ist, 
sondern was da ist fiir den ganzen Menschen und Willensimpulse 
aus dem Menschen loslost. Das muB aber in viele Lebensgebiete 
hinein, auf daB zuletzt alle menschliche Betatigung so werde, daB 
Willensimpulse in das Leben des Menschen hineinversetzt werden. 

Ich habe Ihnen dies ausgefiihrt fiir ein gewisses Gebiet des Lebens, 
fiir das Erziehen, wie wir das Erziehen, das wir iiben bei dem Men- 
schen bis zum einundzwanzigsten Jahre, auch fiir das spatere Leben 



fruchtbar machen kdnnen. Nun erzieht man aber die Menschen nicht 
bloB bis 2um einundzwanzigsten Jahr; das Erziehen geht durch das 
ganze Leben weiter. Aber es ist nur gesund, wenn die Menschen sich 
aneinander erziehen. 

Auch das hat in fruheren Zeiten, in friiheren geschichtlichen 
Epochen das Blut gegeben. Die Menschen taten das unbewuBt, daB 
sie, wenn sie im sozialen Leben miteinander in Beziehung traten, 
sich gegenseitig aneinander erzogen, der eine mehr durch den andern, 
der andere weniger durch den anderen; das vermktelte alles das Blut. 
Aber das Blut ist schwach geworden, das Blut hat seine Krafte ver- 
loren. Auch das muB durch mehr BewuBtsein ersetzt werden. Die 
Menschen mussen dahin kommen, von den anderen fur sich selbst 
noch verhaltnismaBig mehr zu haben, als sie durch sich selbst haben. 
In fruheren Zeiten hat es geniigt, sich, ich mochte sagen, dem Leben 
zu iiberlassen. Das Blut hat alles gemacht. Nunmehr handelt es sich 
darum, daB die Menschen wirklich dazu iibergehen, Sinn fur das 
Wesen des anderen Menschen zu entwickeln. Das wird von selbst 
angeregt dadurch, daB man seine Gedanken in die Richtung bringt, 
die durch die Geisteswissenschaft angeregt wird. Durch die Geistes- 
wissenschaft werden Gedanken angeregt, die anders sind als die Ge- 
danken, die ohne die Geisteswissenschaft angeregt werden. 

Sie werden das nicht bezweifeln, denn es zeigt ja schon die Art und 
Weise, wie Geisteswissenschaft aufgenommen wird von denjenigen, 
die von ihren Gedanken nichts wis sen wollen, daB die Gedanken der 
Geisteswissenschaft andere sind als diejenigen, die ohne Geisteswis- 
senschaft an einen herankommen. Man muB eine ganz andere Art des 
Denkens entwickeln. Diese Denkungsart, die man da entwickelt, in- 
dem man sich gewohnt, auch mit Obersinnlichem sich zu beschafti- 
gen, diese Denkungsart, die ist zugleich diejenige, welche zuriick- 
wirkt auf unseren Organismus. Und wenn ich Ihnen heute gesagt 
habe: das Gedachtnis, die Erinnerungskraft ist dasselbe wie die Um- 
wandlungskraft der Nahrungsmittel zu StofFen, die der Mensch in sei- 
nem Organismus braucht, so werden Sie es auch nicht mehr als etwas 
Frappierendes empfinden, wenn auch andere Krafte umgewandelt 
werden konnen im Menschen, wenn also die Kraft, durch die wir das 



Ubersinnliche einsehen, uns dazu fiihrt, den Menschen genauer zu 
erkennen, als wir ihn erkennen ohne gesunde Hinneigung zu einer 
iibersinnlichen Erkenntnis. 

Sie studieren dasjenige, was in meiner «Geheimwissenschaft im 
UmriB» steht. Da miissen Sie gewisse BegrifFe entwickeln, von denen 
die meisten Menschen heute noch sagen: Das ist die reine Narrheit. - 
Ich habe erst vor ein paat Tagen wiederum einen Brief ubermittelt 
bekommen, worin jemand gerade die «Geheimwissenschaft» durch- 
nimmt und fast von jedem Kapitel sagt, es sei der reine Wahnsinn. 
Man kann es verstehen, daB die Leute sagen, es sei der reine Wahn- 
sinn. Warum? Das ist ganz natiirlich, daB die Leute vielfach das heute 
sagen. Aber diejenigen Menschen, die sich nicht dazu bequemen, sol- 
che BegrifFe aufzunehmen, die uns auf diese Weise zu Saturn, Sonne, 
Mond, Jupiter, Venus, Vulkan ftihren, die sich also nicht damit befas- 
sen, Ideen zu entwickeln in einer Welt, die nicht mit den Sinnen um- 
faBt werden kann, diese Menschen erwerben sich auch keine Men- 
schenkenntnis ; diese Menschen gehen an den anderen Menschen vor- 
bei, merken hochstens, daB der eine eine ein wenig spitzere Nase, der 
andere eine ein wenig stumpfere Nase hat, daB der eine blaue Augen, 
der andere braune Augen hat; aber sie merken nichts von dem, was 
im Innern des Menschen, sich offenbarend als Seele, den Leib durch- 
organisiert. Dieselbe Kraft, die uns fahig macht, Interesse zu haben, 
ich sage nicht jetzt, ubersinnliche okkulte Krafte zu haben, sondern 
die uns fahig macht, Interesse zu haben fur ubersinnliche Erkennt- 
nisse, die ist es, die uns Menschenerkenntnis, so wie wir sie heute 
brauchen, uberliefert. 

Sie konnen die grandiosesten sozialen Programme aufstellen, Sie 
konnen die schonsten sozialen Ideen entwickeln : Wenn die Menschen 
dabei stehenbleiben, keine Menschenerkenntnis zu entwickeln, so daB 
sie einander gegenuberstehen, ohne sich innerlich zu erkennen, kon- 
nen sie keine sozialen Zustande herbeirufen. Sie konnen nicht soziale 
Zustande herbeirufen, ohne zu begriinden die Moglichkeit, daB es 
soziale Menschen gibt. Aber soziale Menschen gibt es nicht, wenn 
die Menschen aneinander vorbeigehen und ein jeder nur in sich lebt. 
Soziale Menschen gibt es nur dadurch, daB die Menschen sich im 



Leben begegnen, und daB etwas iibergeht von dem einen Menschen 
2um anderen. Hier formuliert sich ja erst die Frage, die man heute die 
soziale nennt. Die meisten Menschen denken heute von der sozialen 
Frage so, daB sie sagen : Man muB gewisse Dinge so und so einrich- 
ten, dann werden die Menschen drinnen sozial leben konnen. - So ist 
es nicht. Sie konnen diese Einrichtungen machen, soziale Menschen 
werden mit diesen Einrichtungen gute Menschen im sozialen Sinne 
sein, und antisoziale Menschen werden mit jeder Art von Einrichtung 
antisozial sein. 

Dasjenige, worum es sich handelt, ist, daB wir dahin gelangen, 
solche Einrichtungen zu trefTen, innerhalb welcher die Menschen 
wirklich soziale Triebe entwickeln. Und einer dieser sozialen Triebe 
ist das Erkennen. Aber solange Sie zum Beispiel den Menschen so 
erziehen, daB Sie immer nur darauf sehen: Er soli ein Postbeamter 
oder ein Leutnant werden, oder irgend etwas anderes fur den Staat 
werden, so lange werden Sie den Menschen nicht so erziehen, daB 
er den anderen Menschen erkennt. Denn diese Erziehung, die zum 
Postbeamten oder zum Leutnant gut ist, die laBt in dem anderen Men- 
schen auch nur einen Postbeamten oder Leutnant erkennen. Diejenige 
Erziehung, die den Menschen zum Menschen macht, die laBt auch in 
dem anderen Menschen den Menschen erkennen. Aber es gibt keine 
Moglichkeit, in dem anderen Menschen den Menschen zu erkennen, 
wenn man nicht Sinn fur ubersinnliche Erkenntnis entwickelt. Und 
das Wichtigste, worin ubersinnliche Erkenntnis wirken muB, das ist 
gerade die Erziehungskunst. Daher ist der groBte Schaden, der ange- 
richtet worden ist im Laufe der neuzeitlichen Entwickelung, der, daB 
die naturwissenschafthch-materialistische Denkungsweise auch die Er- 
ziehungswissenschaft ergriffen hat. In dieser Beziehung erlebt man ja 
hochst, hochst merkwurdige Dinge. 

Es gibt heute ja auf alien Gebieten, man mochte sagen, hochst gut- 
meinende Menschen, gutwillige Menschen auch, die mochten alles re- 
formieren, sogar revolutionieren; aber wenn man mit den Menschen 
heute redet iiber diese Dinge, kommt ganz Sonderbares heraus. Die 
Leute bekennen sich ganz ehrlich zu einer gewissen Gesinnung, die 
die Dinge neu gestalten will. Allein, der eine fragt einen: Ja, sehen 



Sie, ich bin nun Schneider, wie wird, wenn die Verhaltnisse umge- 
staltet werden, mein Dasein als Schneider sich gestalten? - Ein ande- 
rer, sagen wir er 1st Eisenbahnbeamter, der sagt : Wie wird sich mein 
Dasein als Eisenbahnbeamter gestalten, wenn die Verhaltnisse umge- 
staltet werden? - Das ist nur als Beispiel hingestellt, und alles das 
kommt zuletzt darauf hinaus, daB die Leute ganz einverstanden sind, 
daB alles anders werde, nur soil durch dieses Anderswerden sich 
nichts andern, sondern es soil alles beim alten bleiben. Das ist nam- 
lich die Gesinnung, die heute auBerordentlich viele Menschen beseelt : 
Es soli alles beim alten bleiben, wenn es anders wird. Das sollte man 
durchaus nicht verkennen, daB die Sehnsucht der Menschen heute eine 
auBerordentlich abstrakte GroBe im gesellschaftlichen Leben ist: Sie 
mochten viel, die Menschen, aber es darf ja nichts fur ihre Bequem- 
lichkeit sich andern. 

Und so ist es namentlich da, wo es sich darum handelt, daB die 
Menschen sich auch innerlich in wirklich neue Verhaltnisse hinein- 
finden sollen. Und dennoch, gerade dies ist es, worauf es ankommt: 
daB die Menschen die Moglichkeit finden, den Ubergang zu bewir- 
ken zu dem, woriiber ganz neu gedacht werden muB, in bezug auf 
das man sich innerlichst zu andern hat. 

Nun entstehen ja aus alledem, was wir betrachtet haben, die aller- 
verschiedensten Fragen, Fragen aber, die durchaus auf die Unmittel- 
barkeit des Lebens hingehen. Diese Fragen, die muBten wir so be- 
trachten, daB wir fur sie eine gewisse tiefere Grundlage dadurch 
geschaffen haben, daB wir davon gesprochen haben, wie gewisse 
Krafte, die zunachst geistig-seelisch ausschauen, sich auch im Leib- 
lichen ausdriicken. Denn es fehlt uns heute gar zu sehr die Fahigkeit, 
dasjenige, was wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben 
einzufiihren. Ehe wir aber nicht wiederum dazu kommen, die Dinge, 
die wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben einzufiihren, 
konnen wir nicht daran denken, den eigentlichen Nerv der sozialen 
Frage ins Auge zu fassen. 

Und so handelt es sich denn darum, ein Geistesleben anzustreben, 
welches wirklich eine Menschenerkenntnis, damit aber soziale Triebe 
entwickelt. Ja, ein Geistesleben, das herausgeformt wird aus ganz 



anderen Lebensverhaltnissen, das geniigt dazu nicht. Eben das Gei- 
stesleben, das vom Staat oder Wirtschaftsleben her geformt wird, das 
formt sich Postbeamte oder Leutnants. Das Geistesleben aber, das 
wir brauchen, ist dasjenige, welches Menschen formt. Das kann aber 
kein anderes sein als ein solches, das sich loslost vom Wirtschafts- 
leben und loslost vom staatlichen Leben. Daher mufite einmal das 
geschehen, was durch unsere «Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus» geschehen ist. Es muBte radikal darauf hingewiesen werden: 
Alle Art der Abhangigkeit des geistigen Lebens vom Wirtschafts- 
leben, vom staatlichen Leben musse aufhoren und das Geistesleben 
auf seine eigenen Grundlagen gestellt werden. Dann wird das geistige 
Leben dem Wirtschafts- und dem Staatsleben dasjenige geben kon- 
nen, was das Staatsleben und das Wirtschaftsleben dem geistigen 
Leben nicht geben konnen. 

Das ist das Wesentliche, das ist das Wichtige! Ein Vollmensch 
wird entstehen erst wieder dadurch, daB wir aus einem selbstandigen 
Geistesleben heraus arbeiten. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 5. Oktober 1919 



Ich habe in diesen Tagen davon gesprochen, wie der Mensch vor- 
rucken kann von dem jetzigen ErdenbewuBtsein zu einem Welten- 
bewuBtsein, so wie er vorgeriickt ist vom alten Griechen- und Romer- 
tum zu dem Mittelalter und dem Ende des Mittelalters, indem sich 
verwandelt hat sein LandbewuBtsein in ein ErdenbewuBtsein. Diese 
Dinge nehmen wir nicht abstrakt, sondern wir versuchen in diese 
Dinge wirklich so einzudringen, daB sie uns konkrete Glieder unseres 
BewuBtseins werden. 

Im Zusammenhang mit dieser Idee von der Erweiterung des Be- 
wuBtseins habe ich zu Ihnen gesagt, daB der Mensch in den drei 
ersten Epochen seines Lebens unter dem EinnuB von Kraften steht, 
die wir eigentlich als untersinnliche Krafte bezeichnen konnen. Der 
Mensch steht von seiner Geburt bis zum siebenten Jahr im Zusam- 
menhang mit Kraften des Erdenplaneten selbst. Die Gestaltungs- 
krafte, die da im menschlichen Organismus wirken, sind im wesent- 
lichen diejenigen, die verankert sind im Erdenplaneten selbst, im Inne- 
ren dieses Erdenplaneten. Und was dann wirkt, organisierend den 
Menschen, durchlebend den Menschen vom siebenten bis vierzehnten 
Lebensjahr, das sind die Krafte des Luftkreises, die dann namentlich 
auf dem Umwege der Atmung den Menschen durchwellen, durch- 
dringen, und durch die er die in den ersten sieben Lebens jahren 
veranlagten Gestaltungen und Formen eben durchlebt. Dann be- 
ginnt fur den Menschen die Zeit, in der er, aber ohne daB das in 
sein BewuBtsein heraufdringt, ausgesetzt ist den Kraften, die von 
dem Planetensystem auf den Menschen mittelbar durch die Erde 
wirken. 

Der Mensch ist also tatsachlich so organisiert, daB die in ihm orga- 
nisierenden Krafte nicht bloB solche sind, die er in seinem Leibe 
oder innerhalb der Grenzen seines Leibes tragt, sondern es sind 
Krafte, die ihre Ausstrahlungen nehmen von dem Erdenplaneten und 
spater von dem ganzen Planetensystem. Und zu einem BewuBtsein 



davon, daB der Mensch eine Einheit bildet mit der ganzen Erde, mus- 
sen wir allmahlich durch solche Erwagungen durchdringen. 

Ich habe in fruheren Zeiten ofter einen Vergleich gebraucht, um 
von einem anderen Gesichtspunkte aus dieses BewuBtsein zu charak- 
terisieren. Ich habe gesagt: Ein menschlicher Finger ist ein mensch- 
licher Finger aber nur, solange er in Verkniipfung ist mit dem 
menschlichen Leibe. In dem Augenblick, wo wir inn abschneiden, 
verdorrt er. - Geradeso wie der Finger, so sagte ich ofter, zu unserem 
Leibe steht, so stent der Mensch zu der ganzen Erde, ja zu unserem 
ganzen Planetensystem. Wenn Sie den Menschen wegheben wiirden 
von der Erde und von dem ganzen Planetensystem, er wiirde verdor- 
ren, er wiirde absterben wie der Finger, wenn man ihn weghebt von 
dem menschlichen Leib. Es handelt sich darum, daB man allmahlich 
im menschlichen Leben dazu aufruckt, von der Wahrnehmung des 
Teiles zu der Wahrnehmung eines groBeren Ganzen zu kommen. 
Der Mensch, so wie er sich selbst betrachten kann, ist wirklich eine 
Teilwesenheit, insofern er ein physischer Organismus ist und auch 
insofern er ein Atherleib ist. Er wird nur als ein Organismus betrach- 
tet, wenn er im Zusammenhang mit der Erde und sogar mit dem 
ganzen Planetensystem ist. Wenn man aber das ganz lebendig in sein 
BewuBtsein aufnimmt, so weiB man sich als zugehorig mehr zu der 
Welt als zu der bloBen Erde, denn die Erde hat ihre Krafte vom 
Weltenall, und indem wir zuerst nur abhangig sind von der Erde, 
gehen wir allmahlich uber zu der Abhangigkeit von dem Weltenall. 

Aber man kann diese Dinge noch vertiefen. Unter denjenigen 
Sternen, die als Planetensystem die Erde umgeben, sind die vornehm- 
lichsten, wie Sie ja wissen, die Sonne und der Mond. Und indem wir 
nach und nach vom vierzehnten Lebensjahre an, also in der dritten 
Lebensepoche des Menschen hineinwachsen in einen Zustand, durch 
den wir abhangig werden vom Planetensystem, werden wir zwar auch 
abhangig von den anderen Gliedern des Planetensystems, von Mer- 
kur, Mars und so weiter, aber wir werden vorzugsweise abhangig 
von Sonne und Mond. Die Abhangigkeit des Menschen von Sonne 
und Mond kann man aber nur richtig beurteilen, wenn man nicht nur 
von der auBeren Beobachtung her weiB, was Sonne und Mond vor- 



stellen. Die auBere Beobachtung zeigt dem Menschen den Mond, Voll- 
und Neumond, erstes, letztes Viertel als eine Scheibe, von der er an- 
nimmt, sie sei an sich dunkel, werde von der Sonne bestrahlt und 
wende ihm daher einen Teil ihres Wesens in Beleuchtung zu. Aber das 
erschopft nicht das Wesen des Mondes. Dasjenige, was im Weltenall 
ist, lernt man eigentlich nur erkennen, wenn man es immer als eine 
Summe von Kraften, einen Zusammenhang von Kraften sieht. Und 
man muB sich fragen: Welche Aft von Kraften ist denn eigentlich 
im Monde konzentriert? - Im Monde sind vorzugsweise konzentriert 
menschliche Willenskrafte, besser gesagt Krafte, welche verwandt sind 
den menschlichen Willenskraften, Krafte, welche verwandt sind alle- 
dem, was aus dem Untersinnlichen auf den Menschen wirkt. Also vom 
Monde strahlen aus diejenigen Krafte, die mit dem Untersinnlichen des 
Menschenwesens verwandt sind. Der Physiker erzahlt einem sehr 
schon, daB der Mond eine Art Schlacke sei, daB die Sonne irgend 
etwas wie ein gluhender, brennender Weltenkorper sei, der eine 
Korona hat, der Strahlungen seines Feuers hinaussendet in die Welt; 
so daB ungefahr der Mensch die Vorstellung hat, wenn er da so wan- 
dern konnte langsam oder schnell und an die Sonne herankame, so 
wiirde er in einen Glutkorper hineinkommen. Ich habe Ihnen schon 
ofter gesagt, das ist nicht der Fall; sondern die Wahrheit ist, daB dort, 
wo die Sonne ist, ein Hohlraum ist, ein Nichts ist, und daB nur von 
der Oberflache der Sonne aus das Licht strahlt. In Wahrheit ist dort 
nichts, wo man vermutet, daB etwas Physisches ist; denn das Sonnen- 
wesen ist durchaus ubersinnlich, wie das Mondenwesen untersinn- 
lich ist. Dieses Ubersinnliche und Untersinnliche des Planetensystems, 
wie sie konzentriert sind in Sonne und Mond, die beginnen also zu 
wirken auf die menschliche Organisation von dem vierzehnten Le- 
bensjahr an ungefahr. Sie wirken erstens auf die Organisation des 
Menschen insofern, als das Mondenhafte mehr verwandt ist dem 
weiblichen Elemente, allem Weiblichen in der Welt, das Sonnenhafte 
mehr verwandt ist dem Mannlichen in der Welt. Aber sie wirken 
auch so, daB der Mensch in alledem, was er erkenntnismaBig ent- 
wickelt, in alledem, was er so entwickelt, daB er denkt, ein Sonnen- 
haftes hat, in alledem, was er will, in alien Impulsen des Wollens, 



ein Mondenhaftes hat. Sonne und Mond sind nicht nur da drauBen 
im kosmischen Raume, Sonne und Mond sind in uns. Und insofern 
wir denken, sind wir Sonnenwesen, insofern wir wollen, sind wir 
Mondenwesen. Besser gesagt: Insofern wir in uns Organe aus- 
bilden, die die Vermittler des Denkens sind, wirken zur Ausbildung 
dieser Organe von unserem vierzehnten Jahre an die Sonnenkrafte, 
das Ubersinnliche; insofern wir Organe ausbilden, die das Wollen ver- 
mitteln, wirken in uns vom vierzehnten Jahre an die Mondenkrafte, 
das Untersinnliche. 

So konnen wir, wenn wir eine solche Erkenntnis in lebendiges 
Wesen verwandeln, in uns fiihlen: Du Mensch, du bist so, daB in dir 
lebt nicht nur, was hier auf der Erde ist, daB in dir lebt, was Sonne 
und Mond konstituiert. Sonne und Mond sind in dir. Du bist ein 
Weltenbiirger. Du warest nicht, was du bist als Mensch, wenn nicht 
das Weltenall in dir wirkte. 

Abstrakt solche Dinge zu wissen, hat keinen groBen Wert; aber in 
sich fiihlen, man sei ein solches Wesen, in dem Sonne und Mond 
wirken, das gibt innerliches Leben. Zu fiihlen alles, was man iiber- 
sinnlich erdenken kann und untersinnlich wollen kann, das kommt 
von Sonne und Mond, das laBt den Menschen zu sich sagen: Ich 
wandle zwar auf der Erde herum, aber bei jedem Schritt, den ich auf 
der Erde mache, lebt in mir nicht nur das, was auf der Erde sprieBt 
und sproBt, und was auf der Erde sich freut und auf der Erde leidet, 
sondern bei jedem Schritt, den ich auf der Erde mache, leben in mir 
Sonne und Mond. Ich bin nicht bloB Erdenbiirger, ich bin Welten- 
biirger. - Wenn das als lebendiges Leben im Menschen wellt und 
kraftet, dann kommt iiber sein Denken eine gewisse Kraft, die er 
ohne dieses BewuBtsein nicht hat. Die Menschen sollten besonders in 
der Gegenwart fiihlen lernen, wenn sie eben auf der Erde wandeln, 
daB in ihnen das Weltenall lebt. Das sollte Gefiihl, das sollte Emp- 
findung werden. Gleichsam sollte der Mensch, indem er zur Sonne 
hinaufblickt, sich sagen: Ich bin auch von deinem Wesen, o Sonne! - 
Indem er zum Monde hinaufblickt, sollte er sagen : Ich bin auch von 
deinem Wesen, o Mond! 

Wenn dies der Mensch als Empfindung, als Gefiihl in sich tragt, 



dann wird er erst reif, soziale Ideen zu fassen. Sonst tragt sein Den- 
ken eine gewisse Erdenschwere. GewiB, man kann in abstracto ge- 
wisse Ideen fassen, aber man kann sie nicht im Konkreten innerlich in 
sich beleben. Das Soziale ist etwas, worm der Mensch als Mensch 
tatig ist. Naturwissenschaft begreift nur dasjenige, bei dem der Mensch 
nicht dabei ist. Nach dem Muster naturwissenschaftlicher Vorstel- 
lungen kann man niemals soziale Krafte, soziale Betatigungen ver- 
stehen. Soziale Betatigung kann man nur mit jenem leichten Denken 
verstehen, welches man erhalt aus einem solchen Gefiihle heraus, das 
uns als Weltbiirger uns erfiihlen laBt. Es ist einfach so, daB ein sol- 
ches weltbiirgerliches BewuBtsein aus der Verwandtschaft mit Sonne 
und Mond entspringen muB. Erst wenn der Mensch nicht mehr sich 
so fiihlt, daB er gewissermaBen auf die Erde angewiesen ist, wenn er 
sich so fiihlt, als ob er ein voriibergehender Bewohner der Erde sei, 
der hereintragt in dieses Erdendasein Sonnen- und Mondenkrafte, erst 
dann wird sein Denken so kraftvoll und zu gleicher Zeit so leicht, daB 
er die sozialen Begriffe wirklich so auffassen kann, wie sie im sozialen 
Dasein leben. Denn sehen Sie, gar mancher nationaldkonomische 
Denker denkt, er konne mit der gewohnlichen, der Naturwissen- 
schaft nachgebildeten Vorstellungsart auch soziale Begriffe fassen. 
Sie konnen heute in nationalokonomischen Werken viele Begriffe 
lesen, viele Interpretationen lesen iiber den Begriff der Ware, iiber 
den Begriff der Arbeit - ich habe dariiber auch schon einige An- 
deutungen gemacht - und iiber den Begriff des Kapitals. Aber alle 
diese Begriffe sind eigentlich gewohnlich nicht zu gebrauchen. Sie 
treffen nicht das, was wirklich lebt im sozialen Leben. Wenn Sie ver- 
suchen wollen, einen Begriff zu schaffen von dem, was in dem Wirt- 
schaftsleben als Ware zirkuliert, und Sie schaffen diesen Begriff so, 
wie Sie den Begriff eines Kristalles oder einer Pflanze oder eines Tie- 
res oder selbst des physischen Menschen erzeugen, so wird nichts 
daraus. Sie konnen nicht nach dem Muster naturwissenschaftlicher 
Vorstellung den Begriff der Ware fassen. Wollen Sie ihn im leben- 
digen Leben erhaschen, wie er im sozialen Leben drinnensteht, dann 
brauchen Sie im Grunde doch eine Imagination; denn der Ware haftet 
etwas an, das untrennbar ist vom Menschen. Es ist jeder Ware etwas 



vom Menschen mitgegeben, ob die Ware nun besteht in einem genah- 
ten Rock oder in einem Gemalde - denn nationalokonomisch ist ein 
Gemalde auch nur eine Ware -, oder ob sie besteht in einer Unter- 
richtsstunde. Auch eine Unterrichtsstunde ist ja nationalokonomisch 
genornmen nur Ware. Aber dasjenige, was den Waren- Begriff aus- 
macht, das hangt zusammen mit der Leistung des Menschen, Und 
nicht das gewohnliche, voll bewuBte Leben geht in die Ware hinein, 
sondern in die Ware geht hinein vielfach etwas von dem unterbewuB- 
ten Leben. Daher brauchen Sie eine Imagination, um den Waren- 
Begriff richtig 2u fassen. Und Sie brauchen eine Inspiration, um den 
Arbeits-Begriff zu fassen, und Sie brauchen eine Intuition, um den 
BegrifT des Kapitals zu fassen. Denn der Begriff des Kapitals ist ein 
sehr geistiger Begriff, nur ein umgekehrt geistiger Begriff. Daher 
bezeichnet die Bibel dasjenige, was mit dem Kapitalismus zusammen- 
hangt, ganz richtig als Mammon, als etwas, was mit dem Geistigen 
zu tun hat; nur ist es nicht gerade der allerbeste Geist, der damit zu 
tun hat. Aber man dringt in die hochsten Regionen des geistigen 
Erkennens hinauf, wenn man das, was eigentlich Kapital im wirt- 
schaftlichen Leben tut, erfassen will. 

Da tritt uns das ganz Kuriose entgegen, die Notwendigkeit tritt 
uns entgegen: Um richtige nationalokonomische Begriffe zu bekom- 
men, muB man eine Idee haben von iibersinnlichen Erkenntnissen. 
Daher sind alle nationalokonomischen Begriffe, die heute zutage 
gefordert werden, so dilettantisch, weil die Leute keine iibersinn- 
lichen Erkenntnisse haben und daher diese Begriffe falsch fassen. 

Nun, miBverstehen Sie mich aber nicht. Wenn Sie in meinen 
«Kernpunkten der sozialen Frage» nachlesen, so werden Sie sagen: 
Das ist aber keine Imagination, die du da gibst, wenn du von Ware 
redest; es ist keine Inspiration, die du da gibst, wenn du von Arbeit 
redest, und keine Intuition, die du da gibst, wenn du vom Kapital 
redest. - Ganz gewiB nicht. Man braucht nicht in die hoheren Wel- 
ten hinaufzusteigen, um Ware, Arbeit und Kapital zu sehen, obwohl 
das auch sehr interessant ist, die Spiegelbilder der Ware, der Arbeit 
und des Kapitals in den hoheren Welten zu sehen. Aber man braucht 
nicht hinaufzusteigen. Man muB aber nur bekannt sein mit dem, was 



Imagination, Inspiration und Intuition sind, damit man das Richtige 
sagt iiber das Kapital. Das ist es, um was es sich handelt. Derjenige, 
der nicht bekannt ist mit Imagination, Inspiration und Intuition, der 
sagt eben nicht das Richtige iiber Ware, Arbeit und Kapital. So han- 
gen innerlich zusammen Geisteswissenschaft und die heutige soziale 
Wissenschaft, und es gibt fur den heutigen Menschen keinen anderen 
Weg als den, aufzusteigen aus dem ErdenbewuBtsein zum Welten- 
bewuBtsein so, damit er die Leichtigkeit und auch das Kraftvolle 
des Denkens bekommt, das ihn befahigt, das soziale Leben zu erfas- 
sen. Solange der Mensch nur so hinkriecht auf der Erde und im 
Grunde genommen glaubt, er sei nichts anderes als dasjenige, was er 
aus Pflanze, Tier und Mineralien aufnimmt, das sich nur ein biBchen 
anders zusammensetzt in ihm, so lange weiB sich der Mensch nicht als 
das richtige Wesen, das er ist. Erst dann, wenn er sich sagt: Sonne 
und Mond wirken in mir - dann weiB sich der Mensch als das rich- 
tige Wesen, das er ist. Das WeltenbewuBtsein muB eben auf geistige 
Art errungen werden; auf geistige Art muB der Mensch erkennen, 
wie er einem groBeren Weltenteil angehort, als die Erde ist. 

Nun handelt es sich darum, daB man wirklich erfasse, wie man iiber 
die gewohnlichen Alltagsbegriffe hinauskommen muB, um zu sol- 
chem Denken zu kommen, das hier gemeint ist. Sie wissen, es gibt in 
der Welt materialistische Denker. Heute ist die Zahl der materialisti- 
schen Denker sehr groB, und Sie alle sind ja wahrscheinlich in Ihrem 
innersten Wesen iiberzeugt, daB man kein materialistischer Denker 
sein diirfe. Wenigstens waren Sie bis zu einem gewissen Grade iiber- 
zeugt und sind deshalb zu einem mehr spirituellen Denken gekom- 
men, haben sich hingezogen gefuhlt zu dem spirituellen Denken, das 
gepflegt wird in dieser anthroposophischen Bewegung. Wir wollen 
also von uns selbst hier absehen. Aber es gibt ja auch andere Leute, 
die den Geist vertreten, und zahlreiche solche Menschen in der Welt, 
die sagen: Nun, da lauft all das Menschenzeug herum, welches nur 
alles fur materielle Vorgange und materielle Wesenheken halt. Diesen 
materialistisch Denkenden, materialistisch Fiihlenden, stehen die spi- 
rituell Denkenden und spirituell Fiihlenden gegeniiber. - Die letzte- 
ren glauben an den Geist und werden dafiir von den materialistisch 



Denkenden oftmals als Phantasten verachtet. Sie nehmen diese Ver- 
achtung aber hin, weil sie glauben, daB die Materialisten nicht ein- 
sehen, wie recht sie, die Phantasten, haben, wenn sie an dem Spirituel- 
len festhalten. Man macht diesen Unterschied und bemerkt diesen 
Unterschied in der Welt zwischen materialistischem Denken und spi- 
rituellem Denken, und man streitet viel untereinander, wer Recht hat, 
der materialistische Denker oder der spirituelle Denker. Aus man- 
chem, das hier besprochen worden ist, sollten Sie erkennen, daB im 
Grunde genommen der noch nicht in den Sinn der Geisteswissen- 
schaft eingedrungen ist, der iiber solche Dinge streitet, sondern erst 
der ist richtig in den Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen, 
der sagt: Du bist Materialist; das kann man sein, das geht ganz gut. 
Du bist Spiritualist, das kann man auch sein, das geht auch sehr gut. - 
Gerade so, wie man einen Baum photographieren kann von der 
einen Seite und photographieren kann von der anderen Seite: er 
schaut von den verschiedenen Seiten verschieden aus, aber es ist im- 
mer derselbe Baum. Wenn man materiell die Welt erfaBt, so ist das 
nur die Photographic von der einen Seite. Wenn man spirituell die 
Welt erfaBt, so ist das die Photographie von einer anderen Seite. Der 
Materialismus sieht ganz anders aus als der Spiritualismus. Aber das 
Geheimnis besteht darin, daB man weder in dem Materialismus 
noch in dem Spiritualismus die Welt hat, sondern daB das eigentlich 
nur zwei Photographien von verschiedenen Standpunkten aus sind. 
Im Grunde genommen hat der Materialist ebenso Recht wie der Spi- 
ritualist und der Spiritualist ebenso wie der Materialist. Denn diese 
Begriffe, Spiritualitat und Materialitat, haben nur auf dem physischen 
Plane ihre Gultigkeit. Sobald man iiber den physischen Plan hinaus- 
kommt, sind diese Begriffe iiberwunden. Da streitet man nicht mehr, 
ob die Welt materiell oder spirituell ist, weil man weiB, daB das zwei 
verschiedene Aspekte sind. Aber, warum streitet denn eigentlich der 
Mensch dariiber, ob der Mensch materiell oder spirituell ist? War- 
um streitet denn der Mensch dariiber, ob einer ein bloB leibliches 
Wesen oder ein bloB seelisches Wesen hat? Warum sehen die einen 
in dem Menschen bloB, ich mochte sagen, physische Korperlich- 
keit, die anderen neben der physischen Korperlichkeit auch Seelisch- 



Geistiges ? Weil der Mensch beides ist! Und das Geheimnis des Lebens 
besteht eigentlich darin, daB der Mensch beides ist. Wenn Sie sagen : 
Ein Gedanke, der ist bloB eine geistige Entitat, der ist bloB etwas 
Geistiges -, so haben Sie recht, denn der Gedanke ist bloB etwas 
Geistiges. Aber niemals ist der Gedanke als Geistig-Seelisches in 
Ihnen, ohne daB er einen physischen Abdruck hat, so daB Sie eigent- 
lich immer auch den physischen Abdruck nachweisen konnen ; der ist 
da. So daB jeder Gedanke auch etwas Materielles ist. Man mochte 
sagen: Das Weltenall, das hat unparteiisch dafur gesorgt, daB man 
sowohl Spiritualist wie Materialist sein kann. Denn man ist in der Tat 
seelisch-geistig ; faBt man das auf, so kann man Spiritualist sein. Man 
ist aber durchaus auch ein materieller Abdruck des Seelisch-Geisti- 
gen, faBt man das auf und laBt das andere aus dem Auge, so kann man 
Materialist sein, weil der Mensch beides ist, und weil das eine nur ein 
Abdruck des anderen ist, weil das eine dem anderen gleich ist. Des- 
halb handelt es sich wirklich nur darum, ob der Mensch mehr sich 
setzt in sein physisches Wesen, dann wird er Materialist; oder ob er 
sich mehr setzt in sein seelisch-geistiges Wesen, dann wird er Spiri- 
tualist. 

Dem, was damit vorliegt, entkommt man eigentlich nicht, solange 
man in den Vorstellungen des gewohnlichen alltaglichen Lebens oder 
auch in den Vorstellungen der gewohnlichen Wissenschaft bleibt. 
Man kann allerlei Theorien erfinden. Was gibt es nicht alles fur Theo- 
rien uber das Seelisch-Leibliche und liber die Wechselbeziehung oder 
den Parallelismus und was noch alles ! Aber das sind alles ausgedachte 
Dinge, das ist nicht irgend etwas, was im Realen wurzelt. Denn die 
Menschen haben verlernt - ich habe auch das schon ofter hervor- 
gehoben -, iiber diese Dinge richtig vorzustellen, weil es ihnen im 
Laufe der geschichtlichen Entwickelung ja verboten worden ist, wie 
ich gesagt habe. Im Jahre 869 war in Konstantinopel das achte all- 
gemeine Konzil, und das hat ja den Geist abgeschafft, das hat das 
Dogma aufgestellt, daB der Mensch nicht besteht, wie bis anhin eine 
gnostische Wissenschaft gewuBt hat, aus Leib, Seele und Geist, son- 
dern das achte okumenische Konzil hat bestimmt, daB der Mensch 
nur besteht aus Leib und Seele, und daB die Seele einige geistige 



Eigenschaften hat, daher die mittelalterlichen Scholastiker eine furcht- 
bare Scheu hatten, von der sogenannten Trichotomie zu sprechen, 
von Leib, Seek und Geist; denn, das war verboten. Die heutigen 
Philosophieprofessoren haben zwar keine Scheu, denn sie haben sich 
die Scheu abgewohnt; aber sie haben das romische Gebot noch nicht 
iiberwunden. Sie r eden audi nur von Leib und Seele, von einer Zwei- 
heit, und glauben, unbefangene vorurteilslose Wissenschaft zu tra- 
dieren, wahrend sie nur romisch-katholische Dogmatik des achten all- 
gemeinen Konzils von Konstantinopel eigentlich lehren. Sie glauben, 
es folgt aus ihrem unbefangenen Forschen, was sie aber nur sagen, 
weil sie in der Historie drinnenstecken. 



Heute haben wir die Aufgabe, wiederum zuriickzukehren zu der 
Anerkenntnis von Leib, Seele und Geist. Denn betrachten wir die 
auBere Welt und unsere menschliche Organisation, insofern sie so 
wahrgenommen wird wie die auBere Welt, so nehmen wir ein Leib- 
liches wahr. Schauen wir dann in unser Inneres hinein, mogen wir 
unser Denken, Wollen, unser Fuhlen in einer auBeren, oberflach- 
lichen Selbsterkenntnis betrachten, oder mogen wir mystisch tief hin- 
untersteigen : Wir erleben ein Seelisches - auBen Leibliches, innen 
Seelisches. Aber die Verbindung, das Ineinanderschauen der beiden, 
das fortwahrende Ineinanderschauen von Geistig-Seelischem und 
Leiblich-Physischem, das bewirkt das Dritte - wir haben nicht ein- 
mal ein ordentliches Wort, wir miissen das Wort von der einen Seite 
her nehmen -, das bewirkt der Geist. So daB wir sagen konnen: 
Zwei verschiedene Aspekte sind Leib, Seele, aber die Verbindung 
bildet der Geist. 




X, 






Wir miissen wiederum zu der gesunden Vorstellung von Leib, 
Seele und Geist zuriickkehren, sonst werden uns immer Leib und 
Seele auseinanderfallen. Man kann in dem Seelischen nichts Leib- 
liches, in dem Leiblichen nichts Seelisches jfinden, solange man nicht 
den Geist in ihnen, in ihrer Mitte hat. 

Ich habe vor vielen Jahren, um Ihnen dieses klarzumachen, einen 
Vergleich gebraucht. Nehmen Sie an, hier sei ein Petschaft, und da 
sei eingraviert in das Petschaft, sagen wir, damit es ein recht «sel- 
tener» ist, der Name Miiller. Und jetzt nehme ich hier Siegellack, 
etwa auf einen Brief, da kann ich den Namen Miiller in den Siegel- 
lack hineindriicken. 




Tafel 3 



Nun konnten die Kantianer und die Physiologen kommen und 
sagen : Es gibt keine Beziehung zwischen dem Petschaft, das vielleicht 
aus Bronze ist, und dem, was aus Siegellack ist. - GewiS, das ist ganz 
Bronze, das andere ist ganz Siegellack. Niemals geht aus der Bronze 
etwas iiber in den Siegellack und niemals aus dem Siegellack etwas in 
die Bronze. Die beiden sind durchaus zweierlei. So ist es mit Leib 
und Seele. Das eine driickt sich im anderen ab, aber es geht nichts 
von dem einen in das andere iiber, jedes hat seine eigene Substantia- 
litat, und nichts, gar nichts, geht von dem einen in das andere iiber. 
Und dennoch, wenn Sie abgedruckt haben, dann haben Sie da im 
Siegellack « Miiller » stehen und auf dem Petschaft auch « Miiller » 
stehen, ein und dasselbe. Aber die Vermittlung ist nicht dadurch 
geschehen, daB irgend etwas sehr Feines heriibergeronnen oder her- 
iibergetraufelt ware vom Petschaft in den Siegellack; das ist nicht 



geschehen, sondern es ist etwas geschehen, was weder Siegellack 
noch Bronze ist, was aber in beiden das gleiche ist. Und daG das 
gerade « Miiller » ist, das hangt wahrlich weder zusammen mit der 
Bronze noch mit all dem, was da in der Bronze ist, sondern das ist 
im Lebendigen. DaB irgendeiner den Namen Miiller erhalten hat, das 
hangt mit dem Leben zusammen, das weist hin auf die ganze Breite 
des Lebens. So haben wir das Geistig-Seelische, so haben wir das 
Leibliche. Das Geistig-Seelische driickt sich im Leiblichen ab. Aber 
dasjenige, was da in beiden dasselbe ist, der Geist, das ist eine ganze 
weite Welt. Aber wir erfassen den Geist nicht, wenn wir bloB immer 
das Seelische ansehen, geradesowenig wie wir den Miiller erkennen 
lernen, wenn wir nur das Petschaft anschauen. Wir erfassen den 
Geist auch nicht, wenn wir bloB hineinschauen in die materielle Welt, 
geradesowenig wie wir den Miiller erkennen konnen, wenn wir auf 
den Siegellack schauen. 

Also es handelt sich darum, daB uns der Geist vermittelt das- 
jenige, was als Beziehung ist zwischen dem Seelischen und dem 
Leiblichen. Und wir leben in unserem Zeitalter in einer Entwik- 
kelungsphase der Menschheit, in der wir gerade diesen Tatbestand 
ordentlich durchschauen mussen. 

Wenn Sie die neuere naturwissenschaftliche Wissenschaft ansehen, 
dann werden Sie finden, daB sie Ihnen allerlei Leibliches, eigentlich 
nur Leibliches vermittelt. Wenn Sie manche aus den alteren Zeiten 
stammende psychologische BegrifFe nehmen, sie vermitteln Ihnen 
Seelisches. Mit beiden kommen wir nur zurecht, wenn wir uns zum 
Geiste aufschwingen, denn nur durch die geistige Erfassung unseres 
Wesens werden wir Weltenbiirger, im Gegensatze zu den Erdenbiir- 
gern, die wir waren bis in die heutige Zeit. Wir mussen, wie Sie dar- 
aus erkennen konnen, nicht bloB dasjenige, was Leib ist an dem Men- 
schen, so erfassen, wie wir die auBere Leiblichkeit erfassen konnen, 
sondern wir mussen den Menschen in weiteren Beziehungen iiber- 
schauen. Ich will Ihnen einen solchen Fall sagen, damit uns dieser Fall 
als Beispiel dienen kann. 

Die gewohnliche Naturwissenschaft, die sieht den Menschen allein 
bis zu seinem Tode. Dann verfolgt sie das Ubriggebliebene, das 



hier auf der Erde Obriggebliebene, den Leib, verfolgt ihn, wie er 
verbrannt wird oder wie er der Erde mitgeteilt wird, zu Staub wird. 
Nun konnten Sie untersuchen, welche Bestandteile in diesem Men- 
schenstaube sind, der zuriickgeblieben ist von einem menschlichen 
Organismus. Dann wird die Naturwissenschaft sagen : Da zerfallt die 
menschliche Substanz, teilt sich der Erde mit. - Ja, das ist nicht ein- 
mal eine Viertels-, nicht einmal eine Achtelswahrheit, das ist gar 
keine Wahrheit, wenn man das ausspricht. Derm das, was da der 
Erde mitgeteilt ist, gleichgultig ob durch das Verbrennen oder durch 
das Beerdigen, das hat menschliche Form gehabt, menschliche Form 
auch dadurch gehabt, daB vor der Geburt beziehungsweise vor der 
Konzeption ein geistig-seelisches Wesen heruntergestiegen ist aus den 
geistigen Welten, gearbeitet hat bis zum Tode hin in diesem physi- 
schen Leibe. Dann teilen Sie diesen physischen Leib der Erde mit. 
Da arbeitet das, was Menschenform ist, in der Erde weiter, ganz 
gleichgultig, ob es verbrannt oder beerdigt worden ist, es arbeitet an 
der Erde mit. Die Erde bekommt fortwahrend dasjenige mitgeteilt, 
was sie nicht haben wiirde, wenn ihr nicht Menschenleiber nach 
dem Tode der Menschen mitgeteilt wiirden. Das ist etwas fur die 
Erde, daB ihr Menschenleiber nach dem Tode mitgeteilt werden. 
Die Erde hatte sonst nur Substanzen, die irdisch sind, wenn ihr nicht 
Menschenleiber mitgeteilt wiirden. 

Aber diesen Menschenleib hat bewohnt ein seelisch-geistiges We- 
sen, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption herab- 
gestiegen ist aus seelisch-geistigen Welten und die Struktur verliehen 
hat diesem Menschenleibe. Diese Struktur bleibt als ein Wesentliches 
in jedem Staubchen, geht in die Erde oder in die Atmosphare beim 
Verbrennen, gleichgultig wie, eben iiber, und die Erde empfangt mit 
diesem Menschenleib dasjenige, was heruntergestiegen ist aus den 
geistigen Welten. Das ist nicht ohne Bedeutung. Das ist nicht etwa 
bloB eine gewohnliche Wahrheit, sondern das hat sogar eine sehr, 
sehr groBe Bedeutung. Denn unsere Erde ist nicht mehr in Entwicke- 
lung, und es ware langst so, daB kein Mensch sie heute mehr, viel- 
leicht auch keine Tiere - die Tiere vielleicht - bewohnen konnten, 
wenn ihr nicht fortwahrend Auffrischungskrafte geistig-seelischer Art 



durch die Menschenleiber zukamen. DaB die Erde heute noch ein fur 
Menschen bewohnbarer Weltenort ist, das ist dem Umstande ver- 
dankt, daB ihr fortwahrend Menschenleiber mitgeteilt werden. Diese 
frischen die Erdenkrafte immer wiederum auf. Seit der Mitte der 
atlantischen Zeit ist die Erde bereits im Verdorren. Sie hat keine Auf- 
gangskrafte mehr; die hatte sie in der alten polarischen, lemurischen 
und so weiter Zeit. Aber seit der Mitte der atlantischen Zeit hat die 
Erde aus sich selbst nur verdorrende Krafte und wird nur aufge- 
frischt fur weiteres Bestehen dadurch, daB ihr die Formkrafte der 
Menschenleiber mitgeteilt werden. Die wirken in der Erde weiter. Die 
nur machen die Erde noch fur die Menschen bewohnbar. 

Daraus konnen Sie erkennen, daB der Mensch auf der einen Seite, 
wie ich Ihnen erzahlt habe, die inneren Krafte des Planeten in sich 
wirksam hat, die Krafte der Atmosphare. Aber er gibt wiederum 
geistig-seelische Krafte an die Erde zuriick, er versorgt auch die Erde 
mit geistig-seelischen Kraften. Er tragt, indem er geboren wird, die 
geistig-seelischen Krafte aus dem geistigen Weltenall in die Erde her- 
ein, braucht sie so lange, als er sie notig hat, bis zu seinem Tode, iiber- 
gibt sie dann in Formkraften der Erde und ist so der Mitbauer der 
zukiinftigen Erde. Die auBere naturwissenschaftliche Weltanschauung 
wiirde, wenn sie gefragt wiirde, was der Mensch fiir die Erde be- 
deutet, etwa sagen: Nun, wenn der Mensch niemals auf der Erde 
entstanden ware, so ware alles auch so gekommen, wie es ist; der 
Mensch ware nur nicht da. Die Hauser waren naturlich auch nicht 
da. Stadte waren nicht da und so weiter, also dasjenige, was der 
Mensch durch seine Kultur hervorbringt, das ware nicht da; aber sonst 
ware alles da, nur der Mensch ware nicht da. - Geistige Wissen- 
schaft lehrt uns, daB der Mensch nicht bloB ein Zuschauer hier auf 
der Erde ist, sondern daB er durch sein Dasein ein Mitbauer, ein Mit- 
gestalter der Erde ist, und daB noch durch den Leib, den er der Erde 
ubergibt, er der Erde ein Vermittler wird zwischen der geistigen Welt 
und dieser physischen Erdenwelt. 

Auch das gehort dazu, wenn man allmahlich das BewuBtsein be- 
kommen soil, man sei nicht bloB Erdenbiirger, sondern Weltenbiirger. 
Der Erdenbiirger, der ist von Mutter und Vater geboren, tragt in sich 



die Vererbungsmerkmale, erwirbt einiges, das er als Erbschaft hinter- 
laBt semen physischen Erben, hat Kinder und so weiter. Derjenige 
Mensch, der sich als Weltenburger weiB, der sagt sich: Indem ich 
durch die Geburt ins Dasein trete, trage ich herein in diese Welt ein 
Seelisch-Geistiges. Damit baue ich an dem kiinftigen Erdendasein 
mit, auch noch, nachdem ich mich entfernt habe durch den Tod von 
dieser Erde. - Der Mensch wird dadurch, daB er Weltenburger ist, 
sich erst recht bewuBt, wie sein Dasein mit dem irdischen Dasein zu- 
sammenhangt, wie er mit der Erde ein Wesen ist, aber ein Wesen, das 
der Erde im Grunde genommen erst ihre Geistigkeit gibt. 

Alle diese Begriffe, die man sich so aneignet aus der Geisteswis- 
senschaft, sollte man sich nicht aneignen wie ein gewohnliches Wis- 
sen. Ich mochte sagen, obwohl das vielleicht ein wenig paradox 
gesprochen ist: Wissen ist iiberhaupt nichts besonders Wertvolles. 
Erst das ist wertvoll, was wir durch das Wissen werden. Das gilt 
auch fur die Erziehung. DaB wir dem Kinde Geographie beibringen, 
hat ja auBerlich eine gewisse Bedeutung, aber nicht eigentlich eine 
seelische Bedeutung. AuBerlich hat es die Bedeutung, daB es spater, 
wenn es von Dornach, sagen wir, nach Zurich reisen will, nicht ver- 
wechselt Zurich mit Bern und dergleichen. AuBerlich hat das also eine 
gewisse Bedeutung, daB man Geographie lernt. Aber eine innerliche 
Bedeutung hat das, was aus der Seele wird, indem die Seele Geo- 
graphie lernt. Man wird in der Seele so, daB man sich orientieren 
kann in der Welt. Man lost los aus den Tiefen, aus den Wurzeln der 
Seele gewisse geistige Krafte, und auf die Loslosung dieser geistigen 
Krafte kommt es an. 

Wenn wir die Zeit nehmen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, so 
ist das die Zeit, in der die Menschen am wenigsten geneigt waren, 
geistig-seelische Krafte loszulosen in sich. Sie haben sich mehr an den 
Abdruck gehalten, an den Siegellack. Die Menschen sind tatsachlich 
in das materielle Zeitalter iibergegangen seit der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts. Aber jetzt sind wir in dem Zeitpunkt, in welchem wir uns 
dessen bewuBt werden miissen und in welchem wir wiederum zum 
Spirituellen zuriickkehren und das Spirituelle verbinden mit dem 
Materiellen. 



Warum ist denn das eigentlich alles geschehen? Oberflachliche 
Denker konnten sagen: J a, der Herrgott hatte es sich bequemer 
machen konnen. Er hatte einfach den Menschen das spirituelle Leben 
gleich im 15. Jahrhundert geben konnen, dann hatten sie nicht den 
ganzen Umweg durchzumachen brauchen durch das materialistische 
Ringen. - Vielleicht hatte er es gekonnt. Man beleidigt das evange- 
lische BewuBtsein, wenn man sagt, er habe es nicht gekonnt. Aber das 
ist ja etwas, das uns hier weniger interessiert. Aber er hat es eben 
nicht getan, sondern er hat die Menschen sich durchringen lassen 
durch den Materialismus. Und so waren sie im 19. Jahrhundert im 
Tiefpunkt des Materialismus angekommen. Sollten sie sich jetzt zur 
Spiritualitat durchwinden, so brauchten sie einen starken inneren 
Ruck; dieser starke innere Ruck, der ist der Erloser der Freiheit, der 
ist der Erloser dazu, daB der Mensch aus sich selbst, nicht durch 
gottliche Einimpfung, zur Spiritualitat sich hinwendet. Ware der 
Mensch nicht vertieft worden in das Materielle, dann konnte er nicht 
aus seiner eigenen Freiheit sich durchringen zum Spirituellen. Um 
den Menschen auf der Erde zur Selbstandigkeit aufzurufen, war die- 
ses Durchringen, dieses Durchringen durch das Materielle so stark, 
daB selbst noch die Religionen und die Theologie materiell gewor- 
den sind. Sehen Sie, irgend etwas Geistiges begreift selbst der heutige 
Theologe schwer, manchmal am schwersten, wirklich am schwersten. 
Ich habe neulich einmal eine Probe machen konnen, indem ich mit 
einem katholischen Theologen etwas besprach, und es schickte sich 
gerade so, daB ich mit diesem katholischen Theologen diese Bespre- 
chung hatte unter dem bekannten Raffaelischen Bilde, der sogenann- 
ten «Disputa». Das Gesprach brachte es mit sich, daB ich versuchte, 
etwas zu exemplifizieren von der «Disputa» aus. Ich sagte: Wir miis- 
sen wiederum dazu kommen - alle diejenigen, die sich um das spiri- 
tuelle Leben bemiihen wollen -, daB verstanden werden kann, warum 
eigentlich Raffael diese «Disputa» aus seinem ZeitbewuBtsein heraus 
gemalt hat. Da oben sind die himmlischen Welten mit der Dreifaltig- 
keit, unten das Sanctissimum auf dem Altar und die Kirchenvater 
und Theologen. Das alles ist aber nicht das Wesentliche in dem Bilde, 
sondern das Wesentliche ist, daB ein Theologe, der nicht ein Frivolling 



war - das waren ja allerdings dazumal schon viele -, der es noch 
ernst meinte mit seiner Theologie und aus dessen Seele heraus Raffael 
malte, das BewuBtsein hatte: Wenn die Hostie, das Sanctissimum, 
konsekriert ist und man durch sie hindurchschaut, dann schaut man 
auf die Welt, die RafFael im oberen Teil der «Disputa» gemalt hat. - 
Es ist wirklich die konsekrierte Hostie das Mittel, um durchzu- 
schauen und in die geistige Welt hineinzuschauen. Deshalb hat 
Raffael die Sache gemalt. Das wollte ich exemplifizieren. Ich wollte 
sagen : Wir miissen wiederum den Weg zuriickfinden, um ein solches 
Bild, das noch aus einem anderen BewuBtsein heraus gemalt ist, 
wiederum mit seinem richtigen Inhalt zu verstehen. - Ich kann Ihnen 
nicht jetzt im Augenblick das Bild vormalen von dem Gesicht, das 
dieser Theologe gemacht hat, indem ihm zugemutet worden ist, sein 
Allerheiligstes in solchem spirituellem Sinne zu sehen. Die Theologie 
ist eben auch durchaus vermaterialisiert, die Theologie vielleicht am 
meisten. Sie knupft nicht mehr an an wirklich Spirituelles, daher 
die Christologie selbst materialistisch geworden ist. Denn das Haupt- 
augenmerk hinzuwenden auf den «schlichten Mann aus Nazareth », 
das ware fur den Theologen des 15. Jahrhunderts noch eine Unmog- 
lichkeit gewesen. In dem war noch lebendig das Innewohnen des 
Christus in dem Jesus von Nazareth. Es ist aus dem BewuBtsein 
verschwunden. Nur ein etwas hoherer Mensch als Sokrates und Plato 
oder Aristoteles ist der schlichte Mann aus Nazareth. Aber er wird 
selbst von Theologen als der schlichte Mann aus Nazareth definiert 
und angesehen. Die Theologie selbst ist vermaterialisiert. 

Wir haben notig, den Ruck zu vollziehen, aus der innersten Er- 
fassung unseres Menschentums selbst in Freiheit zum Spirituellen zu 
kommen. Das konnen wir nicht dadurch, daB wir spirituelle Phrasen 
drechseln, daB wir vom Geiste reden, wir konnen es nur dadurch, 
daB wir geistig denken. Und geistig gedacht ist es, wenn wir sagen: 
Erkenntnis hangt zusammen mit den Sonnenkraften, Wille mit den 
Mondenkraften. Indem hier auf der Erde sich durch die Vererbungs- 
stromung Menschenleiber bilden, wirkt nicht ein Irdisches, es wirkt 
ein Sonnenhaftes in der mannlichen Kraft, es wirkt ein Monden- 
haftes in der weiblichen Kraft. Die Erde iibersat und bedeckt sich 



mit Sonnen-Mondenkraft auch in der Menschheits-For tpflanzung, und 
diese Menschheits-Fortpflanzung ist wiederum verwandt mit Erkennt- 
nis- und Willenskraften. Das Geistige durchdringt das Physische, das 
Physische driickt sich geistig ab. Die Synthesis, die Zusammen- 
fassung des Seelischen und des Leiblichen, das ist erst dasjenige, 
was heute gesucht werden muB, unbedingt gesucht werden muB. 
Dazu gehoren nicht jene Schattenbegriffe, die die neuere Zeit seit 
der Mitte des 15. Jahrhunderts ausgebildet hat - es sind ja nur Ge- 
danken, die die neuere Zeit seit dem 15. Jahrhundert ausgebildet hat -, 
dazu gehoren nicht innerlich erdachte Begriffe, dazu gehort innerlich 
erlebtes Geistesleben. Aber erlebtes Geistesleben ist nur dasjenige, das 
auch zugleich praktisch wirken kann. Wir haben lange genug ein im 
Grunde unpraktisches Geistesleben gehabt. Die Menschen haben, wie 
ich Ihnen schon sagte, durch lange Zeiten viel gesprochen dariiber, 
wie man gut ist, wie man bruderlich ist, wie man Nachstenliebe ubt. 
Aber das waren Begriffe, die in einer gewissen Sphare geblieben sind, 
die nicht StoBkraft ins praktische Leben hinein gehabt haben. Denken 
Sie nur einmal: So ein richtiger moderner Kaufmann, ein richtiger 
moderner Industrieller oder, sagen wir, ein Staatsbeamter - damit 
wir alle drei Sorten haben -, er kann, das kommt ja auch vor, sogar 
ein frommer Mann sein. Aber es ist ja doch ein erheblicher Unter- 
schied zwischen dem, was ein Kaufmann vielleicht als sein religioses 
Bekenntnis innerlich in der Seele erlebt, und jener Lebensbetatigung, 
die ihren Ausdruck in seinen Kontobiichern findet! Dasjenige, was in 
seinem religiosen Leben lebt, das hat keine StoBkraft, hineinzudrin- 
gen in die Kontobucher. Und der Staatsbeamte, er wird vorbereitet 
nicht zum Menschen, sondern eben zum Beamten. Das, was er als 
Beamter gelernt hat, was hat das zu tun mit dem, was er vielleicht 
innerlich religios bekennt? - Das religiose Leben ist eine Stromung, 
die sogenannte Lebenspraxis ist die zweite Stromung. Weil die Be- 
griffe, die Ideen schwach geworden sind und nicht hinunterstoBen 
konnen in die Lebenspraxis, deshalb konnen wir heute keine so leben- 
digen, so starken Begriffe finden, die ins soziale Leben hineinfiihren. 
Dazu bedarf es der Auffrischung durch die Geisteswissenschaft, damit 
die Begriffe stark genug werden, damit sie nicht nur so weit dringen 



wie die Predigerbegriffe eines Sonntagnachmittag-Predigers, die war- 
mes Gefuhl im Herzen hervorrufen, innerliche Seelenwollust her- 
vorrufen, aber die nicht hineindringen in die Betatigung, die im 
Kontobuch ihren Ausdruck findet. Weiter hineinstoBen in das prak- 
tische Leben miissen die Begriffe, die aus dem Geistigsten hervor- 
geholt sind. Denn die Begriffe sind nicht geistig, die nicht durch ihre 
innere Kraft bis in das tiefste Wesen der Materie herunterdringen. 
Das ist gerade die Geistigkeit der BegrifFe, daB die Begriffe stark 
sind und bis in das tiefste Wesen der Materie hinunterdringen. 

Das brauchen wir, wenn wir iiberhaupt iiber die Kluft hinweg- 
kommen wollen, die aufgerichtet ist zwischen der heutigen Mensch- 
heit, die alle moglichen Erbschaften aus der fmheren Zeit noch hat, 
und der kiinftigen Menschheit, die wirklich die Synthesis, die Zu- 
sammenfassung volLziehen muB zwischen dem Materiellen und dem 
Spirkuellen. Es ist durchaus ein Riickfall in friihere menschliche 
Empfindungsweisen, wenn man auf der einen Seite Materialist, auf 
der anderen Seite Spiritualist ist. Und wenn man beides sein kann, 
so daB beides sich ineinanderlebt, dann ist man erst den gegen- 
wartigen Menschheitsforderungen gewachsen. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 10. Oktober 1919 



Ich mdchte in diesen Tagen hier vor Ihnen einiges entwickeln von 
dem, was zur Auffassung und zum Handeln innerhalb unserer gegen- 
wartigen Zivilisation notwendig ist. Es wif d kaum schwier ig sein, aus 
den Tatsachen, die ja gewissermaBen heute iiberall einem entgegen- 
leuchten, sich die Erkenntnis zu verschaffen, daB unsere gegenwartige 
Zivilisation Niedergangserscheinungen, Niedergangskrafte in sich 
enthalt, und daB die Notwendigkeit vorhanden ist, gegemiber diesen 
Niedergangskraften unserer Zivilisation sich zu wenden zu dem, was 
notig ist, an neuen Kraften dieser Zivilisation zuzufuhren. Wenn wir 
diese unsere Zivilisation uberblicken, dann sehen wir, daB sie haupt- 
sachlich drei Niedergangskrafte in sich enthalt, drei Krafte, welche 
diese Zivilisation nach und nach zum Fall bringen miissen. Alles 
dasjenige, was wir schon erlebt haben an betriibenden Erscheinungen 
im Gang der Menschheitsentwickelung, was wir noch erleben werden 
- fur viele Dinge stehen wir ja erst im Anfange -, das alles sind 
nur einzelne Symptome fur dasjenige, was sich im groBen ganzen 
vollzieht als eine Niedergangserscheinung in unserer Zeit. 

Wenn wir nicht kurzsichtig bloB sehen auf dasjenige, was gerade 
in der Gegenwart und in unserer Zivilisation der letzten drei bis 
vier Jahrhunderte sich vollzogen hat, sondern wenn wir umfas sender 
den Gang der Menschheitsentwickelung ins Auge fassen, dann wird 
es uns auffallen konnen, daB alte Zeiten als Grundlage der Kultur, 
als Grundlage auch der alltaglichen Lebenskultur etwas gehabt haben, 
was wir gegenwartig eigentlich nur noch zu glauben haben. Diese 
alten Kulturen, namentlich die heidnische Kultur, hatten einen ge- 
wissen wissenschaftlichen Charakter, so daB die Menschen sich be- 
wuBt waren, in ihrer Seele lebt etwas nach von dem ganzen Welten- 
all. Sie brauchen nur daran zu denken, wie lebendig die Vorstellungs- 
welten noch der Griechen waren iiber das, was hinausgeht iiber das 
Alltagliche, was Gotter- und Geisterwelt hinter der sinnlichen Welt 
ist. Und Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, wie lebendig in 



das alltagliche Leben eindrang dasjenige, was diesen Menschen alterer 
Kulturen einen gewissen Zusammenhang mit einer von ihnen ge- 
wuBten geistigen Welt gab. Bei allem alltaglichen Handeln haben 
diese Menschen der alten Kulturen durchaus ein BewuBtsein davon 
gehabt, in einer Welt zu stehen, die sich nicht erschopft in der 
Alltaglichkeit, sondern in die hereinwirken geistige Wesenheiten. 
Unter dem Antriebe von geistigen Kraften wurde das alltagliche 
Handeln vollzogen. Insbesondere also, wenn wir zuriickblicken in die 
heidnischen Kulturen, finden wir einen wissenschaftlichen Grund- 
charakter, von dem wir sagen konnen: Die Menschen hatten - wir 
konnen es so ausdriicken - eine Kosmogonie. Das heiCt, sie wuBten 
sich als Glieder des ganzen Weltenalls; sie wuBten, daB sie nicht 
bloB verlorene Wesen sind, die hier auf dem griinen Rasen der 
Erde wie Lammer herumgehen, sondern die im Zusammenhange 
stehen mit dem ganzen weiten Weltenall, und die ihre Bestimmung 
haben in dem ganzen weiten Weltenall. Eine Kosmogonie hatten die 
Menschen der alten Zeiten. 

Unsere Zivilisation hat keinen Antrieb, eine Kosmogonie wirklich 
zu schaffen. Wir haben eigentlich nicht im wahren Sinne des Wortes 
eine echte wissenschaftliche Vorstellungsart. Wir haben Verzeichnisse 
von einzelnen Naturtatsachen, und wir haben eine ideelle Begriffs- 
schematik; aber wir haben nicht eine wirkliche Wissenschaft, die uns 
verbindet mit den geistigen Weiten. Wie armselig ist dasjenige, was 
in unser alltagliches Leben hereingreift von dem, was heute als 
Wissenschaft gepflegt wird, im Verhaltnisse zu dem, wovon sich 
durchpulst wuBte der alte Mensch als von den Kraften der geistigen 
Welt, wenn er handelte. Er hatte eine Kosmogonie, er wuBte sich 
angegliedert an das ganze Weltenall. Er schaute zu Sonne und Mond 
und zu den Sternen nicht hinauf als zu fremden Weiten, sondern er 
wuBte sich in seinem inneren Wesen verwandt mit Sonne und Mond 
und den Sternenwelten. Also eine Kosmogonie hatte die alte Zivili- 
sation, und diese Kosmogonie ist unserer Zivilisation verlorenge- 
gangen. Der Mensch kann nicht stark sein im Leben, wenn er keine 
Kosmogonie hat. Das ist das eine, was, ich mochte sagen, als das 
wissenschaftliche Element unsere Zivilisation zum Niedergange treibt. 



Das zweite Element, das unsere Zivilisation zum Niedergange 
treibt, ist das, daB kein reenter Impuls fur die Freiheit vorhanden 
ist. Es fehlt unserer Zivilisation die Moglichkeit, in umfassender 
Art die Freiheit des Lebens zu begriinden. Nur wenige Menschen 
verschaffen sich in der Gegenwart einen wirklichen Begriff, obwohl 
viele von der Freiheit reden, und noch weniger einen wirklichen 
inneren Impuls fur dasjenige, was Freiheit ist. Daher verfallt allmah- 
lich unsere Zivilisation in das, was die Zivilisation unmoglich tragen 
kann: sie verfallt in Fatalismus. Wir haben entweder einen religiosen 
Fatalismus, indem sich die Menschen iiberlassen irgendwelchen reli- 
giosen Kraften, in deren Dienst sie sich stellen und von denen sie am 
liebsten mochten, daB sie sie an Faden ziehen, wie man Marionetten 
zieht; oder aber wir haben einen naturwissenschaftlichen Fatalismus. 
Der naturwissenschaftliche Fatalismus spricht sich ja darinnen aus, 
daB die Menschen allmahlich die Ansicht bekommen haben: Alles 
verlauft nach Naturnotwendigkeit oder nach wirtschaftlicher Not- 
wendigkeit; es sei fur das freie Handeln des Menschen kein Platz 
da, - Wenn sich die Menschen eingespannt fiihlen in die wirtschaft- 
liche oder in die naturwissenschaftliche Welt, so ist das nichts anderes 
als ein wirklicher Fatalismus. Oder aber wir haben jenen Fatalismus, 
den die neueren Religionsbekenntnisse heraufgebracht haben, der 
eigentlich die wirkliche Freiheit ausschlieBt. Bedenken Sie nur, in wie- 
viel Herzen und Seelen heute das BewuBtsein vorhanden ist, daB sie 
sich am liebsten iiberlassen mochten demjenigen, was Christus oder 
sonst irgendeine geistige Macht mit ihnen tut. Das ist sogar ein Vor- 
wurf, den man sehr haufig der Anthroposophie machen hort, daB die 
Anthroposophie nicht groBen Wert darauf legt, daB die Menschen, 
wie man sagt, erlost werden durch den Christus, sondern durch sich 
selbst. Die Menschen mochten gefiihrt sein, mochten geleitet sein, 
mochten eigentlich, daB der Fatalismus richtig sei. Und wieviel hat 
man reden horen in den letzten Ungliicksjahren davon, da oder dort, 
daB die Leute gesagt haben: Ja, warum hilft der Gott oder der 
Christus nicht dieser oder jener Volksgemeinschaft? Man muBte doch 
glauben, daB eine gottliche Gerechtigkeit vorhanden sei. - Die 
Menschen mochten, daB diese gottliche Gerechtigkeit eben wie ein 



Fatum verhangt wiirde. Sie mochten nicht kommen zum wirklichen 
inneren Durchkraftetsein von dem Impuls der Freiheit. Eine Zivili- 
sation, welche diesen Impuls der Freiheit nicht zu pflegen in der Lage 
ist, schwacht den Menschen und verurteilt sich zum Niedergang. Das 
ist das zweite. Der Mangel einer Kosmogonie ist das erste ; der Man- 
gel eines richtigen Impulses zur Freiheit, das ist das zweite, was in 
unserer Zivilisation als Niedergangskrafte enthalten ist. 

Und das dritte ist, daB unsere Zivilisation keinen neuen Antrieb 
hervorzubringen vermag fur ein wirkliches religioses Empfinden und 
Wollen. Unsere Zivilisation mochte eigentlich nur alte Religions- 
bekenntnisse weiter pflegen und aufwarmen. Neue religiose Impulse 
ins Leben zu setzen, dafiir fehlt unserer Zivilisation die Kraft, und es 
fehlt unserer Zivilisation audi dadurch die Kraft zum wirklichen 
altruistischen Handeln im Leben. Unsere Zivilisation ist deshalb so 
egoistisch durchsetzt, weil sie eigentlich keinen starken altruistischen 
Antrieb enthalt. Ein starker altruistischer Antrieb kann nur kom- 
men von einer geistigen Weltanschauung. Nur wenn der Mensch 
sich weiB als ein Glied der geistigen Welt, hort er auf, sich selbst so 
furchtbar interessant zu sein, daB ihm das eigene Selbst nur zum Mit- 
telpunkte der ganzen Welt wird; dann horen die egoistischen Antriebe 
auf, die altruistischen Antriebe beginnen. Unsere Zeit hat aber wenig 
Neigung, dieses groBe Interesse zu entwickeln fur die geistige Welt. 
Derm das Interesse muB sich vergroBern, wenn man wirklich sich 
fiihlen will als ein Glied der geistigen Welt. 

Und so kommt es denn, daB, man mochte sagen, wie herein- 
geschneit wurden in unsere Zivilisation die Impulse der Reinkarna- 
tion und des Karma. Aber wie wurden die Impulse der Reinkarnation 
und des Karma aufgefaBt? Selbst von denjenigen, die sich zuwandten 
diesen Ideen von Reinkarnation und Karma, wurden diese Ideen im 
Grunde genommen in sehr egoistischem Sinne aufgefaBt. Es wurde 
zum Beispiel gesagt, der Mensch habe sein Schicksal verdient in einem 
bestimmten Leben. Man hat sogar horen konnen von sonst intelli- 
genten Leuten, daB die Ideen von Reinkarnation und Karma an sich 
schon eine Beantwortung seien fur die Frage nach dem Vorhanden- 
sein des menschlichen Leides; die soziale Frage habe im Grunde 



genommen keine Berechtigung. So haben manche, sonst intelligente 
Leute gesagt, der Arme habe sich das eben in seiner fruheren Inkar- 
nation verdient und er habe nur dasjenige in seiner jetzigen Inkarna- 
tion auszuleben, was er sich in seiner fruheren Inkarnation verdient 
hat. Sogar die Ideen von Reinkarnation und Karma sind nicht im- 
stande, in unsere Zivilisation hereinzuwirken so, daB sie einen Antrieb 
bilden zum altruistischen Empfinden. Es handelt sich ja nicht bloB dat- 
um, daB wir solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in unsere Zeit 
hereinbringen, sondern es handelt sich darum, wie wir sie hereinbrin- 
gen. Wenn sie nur ein Antrieb zum Egoismus werden, dann heben 
sie unsere Kultur nicht, dann drangen sie unsere Kultur erst recht 
hinunter. Auf der anderen Seite werden ja Reinkarnation und Karma 
zu unethischen Ideen, zu antiethischen Ideen, wenn viele Menschen 
sagen: Ich muB ein guter Mensch werden, damit meine nachste 
Inkarnation eine gute ist. - Aus diesem Antrieb, ein guter Mensch 
zu werden, damit man in der nachsten Inkarnation moglichst Sym- 
pathisches erlebt, aus diesem Antrieb handeln ist Doppelegoismus, 
ist nicht bloB einfacher Egoismus. Aber dieser Doppelegoismus, der 
kam fur viele Menschen aus den Ideen von Reinkarnation und Karma. 
So daB man sagen kann: Unsere Zivilisation hat so wenig altruistisch- 
religiosen Impuls, daB es ihr unmoglich ist, selbst solche Ideen wie 
Reinkarnation und Karma in dem Sinne aufzufassen, daB sie Antriebe 
werden zu altruistischem und nicht zu egoistischem Handeln und 
Empfinden. 

Diese drei Dinge sind es also, welche Niedergangskrafte in unse- 
rer Kultur sind : der Mangel an einer Kosmogonie, der Mangel einer 
richtigen Begrundung der Freiheit, der Mangel an einem altruistischen 
Empfinden. Und sehen Sie, wo keine Kosmogonie ist, ist keine wirk- 
Hche Wissenschaft, da ist kein wirkliches Wissen, da wird das 
Wissen zuletzt zu einer Art Weltenspielerei oder Zivilisationsspie- 
lerei, was es in unserer Zeit vielfach ist, insofern es nicht ist ein 
bloBes Nutzlichkeitsmoment in der auBeren Kultur, in der auBeren 
technischen Kultur. Die Freiheit wird in unserer Zeit vielfach zu 
einer blofien Phrase, weil eine durchgreifende Begrundung der Frei- 
heit und Ausbreitung des Freiheitsimpulses nicht die Kraft unserer 



Zivilisation ist. Ebensowenig haben wir auf okonomischem Gebiete 
die Moglichkeit, wirklich im sozialen Sinne vorwartszukommen, 
weil unsere Zivilisation keinen altruistischen Antrieb enthalt, son- 
dern nur egoistische, das heiBt antisoziale Antriebe, und man mit den 
antisozialen Antrieben nicht sozialisieren kann. Denn sozialisieren 
heiBt, so eine Struktur der Gesellschaft herbeifuhren, daB der eine 
Mensch fiir den anderen handelt. Man soil sich aber nur vorstellen, 
daB in unserer Zivilisation der eine Mensch fiir den anderen handeln 
soil! Die ganze gesellschaftliche Ordnung ist ja so eingerichtet, daB 
jeder nur fiir sich handeln kann. Alle unsere Einrichtungen sind ja so. 

So entsteht die Frage: Wie konnen wir hinauskommen iiber diese 
Niedergangserscheinungen unserer Zivilisation? - Uberkleistern kann 
man dasjenige, was Niedergangserscheinung in unserer Zivilisation 
ist, nicht. Dem Gesagten gegeniiber handelt es sich darum, daB man 
es unbefangen und riickhaltlos ins Auge faBt, daB man sich keinen 
Illusionen hingibt. Man muB sich sagen: Es ist da, was an Nieder- 
gangskraften sich zeigt, und man muB nicht glauben, man konne es 
irgendwie korrigieren oder dergleichen; sondern es sind starke Nie- 
dergangskrafte da, die sich so charakterisieren lassen, wie wir das 
eben ausgesprochen haben. Dagegen handelt es sich darum, sich nun 
zu wenden zu dem, woraus Krafte zum Aufstieg zu gewinnen sind. 
Das kann man nicht durch Theorien ; es konnen in der heutigen Zeit 
die Menschen die allerschonsten Theorien erfinden, die allerschonsten 
Grundsatze haben - mit bloBen Theorien ist nichts anzufangen. Etwas 
anzufangen im Leben ist nur mit den Kraften, die wirklich auf dieser 
Erde vorhanden smd, die man aufrufen muB. Ware unsere Zivilisa- 
tion durch und durch so, wie ich sie geschildert habe, dann konnten 
wir nichts anderes tun, als uns sagen: Diese Zivilisation miissen wir 
zugrunde gehen lassen und an dem Zugrundegehen teilnehmen. Denn 
jeder Versuch einer Korrektur dieser Erscheinung aus irgendwelchen 
bloBen Ideen oder Vorstellungen heraus ist ein Unding. 

Man kann nur fragen : Liegt die Sache nicht viellekht doch eigent- 
lich tiefer? - Und sie liegt tiefer. Sie liegt namlich so, daB die Men- 
schen heute - wie ich von anderen Gesichtspunkten aus schon ofter 
hier ausgefuhrt habe - allzusehr nach dem Absoluten drangen. Wenn 



sie fragen: Was ist wahr? - so fragen sie danach: Was ist im absolu- 
ten Sinne wahr? - nicht: Was ist fur em bestimmtes Zeitalter wahr? - 
Wenn sie fragen: Was ist gut? - so fragen sie: Was ist im absoluten 
Sinne gut? - Sie fragen nicht: Was ist fur Europa gut? Was ist fur 
Asien gut? Was ist fur das 20. Jahrhundert gut, was ist fur das 
25, Jahrhundert gut? - Sie fragen nach dem absoluten Gutsein und 
Wahrsein. Sie fragen nicht nach dem, was in der konkreten Entwicke- 
lung der Menschheit wirklich ist. Wir aber mussen uns die Frage an- 
ders stellen, derm wir mussen auf die Wirklichkeit sehen, und aus der 
Wirklichkeit heraus mussen die Fragen anders gestellt werden, oftmals 
so gestellt werden, daB ihre Antworten paradox erscheinen gegen- 
iiber dem, was man aus der Beobachtung der Oberflache der Dinge 
anzunehmen geneigt ist. Wir mussen uns fragen: Gibt es keine Mog- 
lichkeit, zu einer kosmogonischen Vorstellungsart wiederum zu kom- 
men? Gibt es keine Moglichkeit, zu einem wirklich sozial wirkenden 
Impuls der Freiheit zu kommen? Gibt es keine Moglichkeit zu einem 
Impuls, der religios und ein Impuls der Briiderlichkeit zugleich ist, 
also eine wirkliche Grundlage der okonomisch sozialen Ordnung 
ist, gibt es keine Moglichkeit, zu einem solchen Impulse zu kom- 
men? - Und wenn wir uns aus der Realitat heraus diese Fragen vor- 
legen, dann gewinnen wir auch reale Antworten; denn dasjenige, um 
was es sich dabei handelt, das ist dieses : daB in der Gegenwart nicht 
alle Menschenarten veranlagt sind, zur ganzen umfassenden Welten- 
wahrheit zu kommen, sondern daB die verschiedenen Menschenarten 
der Erde nur veranlagt sind, zu Teilgebieten des wahren Wirkens 
zu kommen. Und wir mussen uns fragen : Wo ist vielleicht im gegen- 
wartigen Erdenleben die Moglichkeit vorhanden, daB eine Kosmogo- 
nie sich entwickle, wo ist die Moglichkeit vorhanden, daB ein durch- 
greifender Impuls der Freiheit sich entwickle, und wo ist der Impuls 
vorhanden zu einem religiosen und bruderlichen Zusammenleben der 
Menschen im sozialen Sinne? 

Fangen wir mit dem letzteren an, dann ergibt eine unbefangene 
Beobachtung unserer irdischen Verhaltnisse dieses, daB wir suchen 
mussen die Gesinnung, die Denkweise fur einen wirklich bruder- 
lichen Impuls auf unserer Erde bei den asiatischen Volkern; bei den 



asiatischen Volkern, insbesondere in der chinesischen und indischen 
Kultur. Trotzdem diese Kulturen bereits in die Dekadenz gekom- 
men sind, und trotzdem das scheinbar der auBeren Oberflachen- 
beobachtung widerspricht, finden wir dort jene Impulse innerlichst 
vom Herzen des Menschen ausgehender Liebe zu alien Wesen, wel- 
che allein die Grundlagen abgeben konnen, erstens fur religiosen 
Altruismus und zweitens fur eine wirkliche, altruistische okonomische 
Kultur. 

Nun liegt das Eigentiimliche vor, daB die Asiaten zwar die Gesin- 
nung haben fur den Altruismus, daB sie aber keine Moglichkeit haben, 
um den Altruismus durchzufiihren. Sie haben bloB die Gesinnung, 
aber sie haben keine Moglichkeit, kein Talent, soziale Zustande her- 
beizufuhren, in denen sich auBerlich die Anfange des Altruismus ver- 
wirklichen lassen. Die Asiaten haben durch Jahrtausende hindurch zu 
pflegen gewuBt die altruistischen Antriebe in der Menschennatur. 
Dennoch aber haben sie es zuwege gebracht, daB die ungeheueren 
Hungersnote in China, in Indien und so weiter wiiteten. Das ist das 
Eigentiimliche der asiatischen Kultur, daB die Gesinnung vorhanden 
ist, und daB diese Gesinnung innerlich ehrlich ist, daB aber kein Ta- 
lent dazu vorhanden ist, diese Gesinnung im auBeren Leben zu ver- 
wirklichen. Und das ist sogar das Eigentiimliche dieser asiatischen 
Kultur, daB sie einen ungeheuer bedeutsamen altruistischen Antrieb 
im Inneren der Menschennatur enthalt und keine Moglichkeit, ihn 
auBerlich jetzt zu verwirklichen. Im Gegenteil, wurde Asien allein 
bleiben, so wurde durch diese Tatsache, daB Asien zwar die Mog- 
lichkeit hat, den Altruismus innerlich zu begriinden, aber kein Talent, 
ihn auBerlich zu verwirklichen, eine furchtbare Zivilisationswiiste 
werden. So daB man sagen kann: Von diesen drei Dingen, Impuls 
zur Kosmogonie, Impuls zur Freiheit, Impuls zum Altruismus, hat 
Asien das dritte am allermeisten in der inneren Gesinnung. Aber es 
hat nur das eine Drittel von dem, was notwendig ist fur die gegen- 
wartige Zivilisation, wenn sie wiederum hochkommen will: namlich 
die innere Gesinnung fur den Altruismus. 

Was hat Europa? Europa hat die auBerste Notwendigkeit, die 
soziale Frage zu losen, aber es hat keine Gesinnung fur die soziale 



Frage. Es miiBte eigentlich die asiatische Gesinnung haben, wenn es 
die soziale Frage losen wollte. Alle Vorbedingungen zur Losung der 
sozialen Frage sind aus den sozialen Notwendigkeiten in Europa da; 
aber es miiBten sich die Europaer erst durchdringen mit jener Den- 
kungsweise, die dem Asiaten naturlich ist; nur hat er kein Talent, 
wirklich auBerKch die soziale Not zu sehen. Oftmals gefallt sie ihm 
sogar. In Europa ist der auBere Antrieb da, irgend etwas in der sozia- 
len Frage zu machen, aber es ist nicht die Gesinnung dazu da. Dafur 
ist in Europa in starkstem MaBe da das Talent, die Fahigkeit, den 
Impuls der Freiheit zu begriinden. Dasjenige, was speziell europaische 
Talente sind, das ist dazu da, das innere Gefuhl, die innere Empfin- 
dung der Freiheit im eminentesten MaBe auszugestalten. Man kann 
sagen, es ist spezifisch europaische Begabung, zu einer wirklichen Idee 
der Freiheit zu kommen. Aber diese Europaer haben keine Menschen, 
die frei handeln, die die Freiheit verwirklichen wiirden. Den Gedan- 
ken der Freiheit konnen die Europaer groBartig fassen. Aber wie der 
Asiate sofort etwas zu tun wiiBte, wenn er ohne die anderen euro- 
paischen Unarten, den ungetriibten Gedanken der europaischen Frei- 
heit bekame, so kann der Europaer die schonste Idee der Freiheit 
ausgestalten, aber es ist keine politische Moglichkeit da, diese Idee der 
Freiheit mit den Menschen Europas unmittelbar zu verwirklichen, 
weil der Europaer von den drei Zivilisationsbedingungen : Impuls 
zum Altruismus, Impuls zur Freiheit, Impuls zur Kosmogonie, nur 
das Drittel hat: den Impuls zur Freiheit - er hat die beiden anderen 
nicht. Und so hat auch der Europaer nur ein Drittel von dem, was 
notwendig ist, um ein wirklich neues Zeitalter heraufzubringen. Das 
ist sehr wichtig, daB man diese Dinge endlich als unsere Zivilisations- 
geheimnisse einsieht. Wir haben in Europa, das durfen wir ja sagen, in 
der allerschonsten Weise alle Vorbedingungen des Denkens, des Fiih- 
lens, um zu wissen, was Freiheit ist; aber wir haben keine Moglich- 
keit, ohne weiteres mit dieser Freiheit durchzudringen. Ich kann Ihnen 
zum Beispiel die Versicherung geben: Die schonsten Sachen sind in 
Deutschland von einzelnen Leuten liber die Freiheit geschrieben wor- 
den in der Zeit, als ganz Deutschland geseufzt hat unter der Tyrannis 
von Ludendorff und anderen. Es ist ein Talent da in Europa zum Kon- 



zipieren des Freiheitsimpulses, aber zunachst ist dieser Impuls ein Drit- 
tel fur das wirkliche Hinauf kommen in unserer Zivilisation, nicht das 
Ganze. 

Und gehen wir auBerhalb Europas, nach dem Westen - wobei ich 
GroBbritannien zu Amerika rechne in diesem Zusammenhange ~, ge- 
hen wir also zur anglo-amerikanischen Welt, dann finden wir da wie- 
derum ein Drittel von den Impulsen, eben einen der drei Impulse, die 
notwendig sind, um unsere Zivilisation hinaufzubringen, das ist : den 
Impuls zu einer Kosmogonie. Wer das anglo-amerikanische Geistes- 
leben kennt, der weiB, daB dieses anglo-amerikanische Geistesleben 
zunachst formalistisch ist, daB es zunachst materialistisch ist, ja daB es 
sogar das Spirituelle auf materialistische Art erreichen will, daB es 
aber doch die Mittel und Wege hat, um zu einer Kosmogonie zu 
kommen. Wenn auch diese Kosmogonie heute auf ganz falschen We- 
gen gesucht wird, sie wird gesucht im anglo-amerikanischen Wesen. 
Wiederum ein Drittel: das Suchen nach einer Kosmogonie. Es besteht 
nicht die Moglichkeit, diese Kosmogonie mit dem freien, altruistischen 
Menschen zu verbinden, wohl das Talent, dieser Kosmogonie anzu- 
hangen, sie auszugestalten, aber kein Talent, den Menschen einzuglie- 
dern in diese Kosmogonie. Man kann sagen, daB sogar die Bestre- 
bungen des in die Irre gehenden Spiritismus kosmogonisch waren, 
wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen haben und eigent- 
lich heute noch immer nicht ganz abgeflutet sind. Es handelte sich 
da darum, darauf zu kommen, welche Krafte hinter den sinnlichen 
Kraften sind; man schlug nur einen materialistischen Weg, eine mate- 
rialistische Methode ein. Aber es handelte sich nicht darum, solche 
formalistischen Wissenschaften, wie sie zum Beispiel die Europaer ha- 
ben, dadurch zu bekommen, sondern darum, wirkliche, reale iiber- 
sinnliche Krafte kennenzulernen. Man schlug nur, wie gesagt, einen 
falschen Weg ein, einen Weg, den man heute noch «amerikanisch» 
nennt. So auch hier wiederum ein Drittel desjenigen, was eigentlich 
da sein muB zum wirklichen Aufstieg unserer Kultur. 

Ja, man lernt heute die Geheimnisse unserer Zivilisation nicht ken- 
nen, wenn man nicht zu verteilen weiB die drei Impulse, bei denen es 
sich um den Aufstieg unserer Zivilisation handelt, auf die Glieder 



unserer Erdoberflache; wenn man nicht weiB, daB das Streben nach 
Kosmogonie in den Talenten der anglo-amerikanischen Welt liegt, 
das Streben nach Freiheit in der europaischen Welt liegt, das Stre- 
ben nach Altruismus und nach einer solchen Gesinnung, die, wenn sie 
richtig in der Wirklichkeit angewendet wird, zum Sozialismus fuhrt, 
eigentlich nur in der asiatischen Kultur. Amerika, Europa, Asien 
haben jedes ein Drittel von dem, was anzustreben notwendig ist fur 
einen wirklichen Neuaufstieg, fur einen Neuauf bau unserer Kultur. 

Aus diesen Untergriinden heraus muB heute jemand denken und 
empfinden, der es ernst und ehrlich meint mit einer Arbeit an einem 
neuen Aufbau unserer Kultur. Man kann sich heute nicht in seine 
Studierstube setzen und nachdenken, welches das beste Zukunftspro- 
gramm ist. Man muB heute hinausgehen in die Welt und aus der Welt 
heraus holen die Impulse, die da sind. Ich habe gesagt: Sieht man 
unsere Kultur an mit ihren Niedergangsmomenten, so muB man den 
Eindruck bekommen, sie kann nicht gerettet werden, wenn die Men- 
schen nicht einsehen: Das eine ist bei dem, das zweite bei jenem, das 
dritte bei dem dritten vorhanden, wenn die Menschen nicht im groBen 
Stile iiber die Erde hinweg zum Zusammenarbeiten kommen und zum 
wirklichen Anerkennen desjenigen, was der einzelne nicht im absolu- 
ten Sinne aus sich heraus leisten kann, sondern was nur geleistet wer- 
den kann von demjenigen, der, wenn ich so sagen darf, dazu pra- 
destiniert ist. - Will heute der Amerikaner auBer der Kosmogonie 
auch noch die Freiheit und den Sozialismus aus sich selbst heraus 
gestalten: er kann es nicht. Will heute der Europaer zu der Begriin- 
dung des Impulses der Freiheit auch noch die Kosmogonie finden 
und den Altruismus : er kann es nicht. Ebensowenig kann der Asiate 
etwas anderes als seinen alteingelebten Altruismus geltend machen. 
Wird dieser Altruismus von den anderen Bevolkerungsmassen der 
Erde ubernommen und durchdrungen mit dem, wozu diese wiederum 
ihre Talente haben, dann erst kommen wir wirklich vorwarts. Heute 
ist die Menschheit darauf angewiesen, zusammenzuarbeiten, weil die 
Menschheit verschiedene Talente hat. 

Wir miissen uns schon einmal das Gestandnis machen, daB unsere 
Zivilisation schwach geworden ist und daB sie wiederum stark werden 



muB. Ich will, um Ihnen das, was ich damit abstrakt ausgesprochen 
habe, etwas konkreter zu gestalten, folgendes sagen. Auch die alten 
vorchristlichen orientalischen Kulturen haben, wie Sie wissen, groBe 
Stadte hervorgebracht. Wir konnen zuriickblicken auf weit ausgebrei- 
tete orientalische Kulturen, die auch groBe Stadte hervorgebracht 
haben. Aber diese groBen Stadte der alten Kulturen, die hatten eine 
gewisse Gesinnung neben sich. Alle orientalischen Kulturen hatten 
das Eigentumliche, daB sie ausbildeten mit dem Leben in den GroB- 
stadten die Anschauung, daB eigentlich, wenn der Mensch nicht durch- 
dringt liber das Physische zum Uberphysischen, er im Leeren, im 
Nichtigen lebt. Und so konnten sich wirklich die groBen Stadte Baby- 
lon, Ninive und so weiter entwickeln, weil der Mensch durch diese 
Stadte nicht dazu gekommen ist, das, was diese Stadte hervorgebracht 
haben, als das eigentlich Wirkliche anzusehen, sondern dasjenige, was 
erst hinter alledem ist. Es ist erst in Rom so geworden, daB man die 
Stadtekultur zu einem Regulativ der Wirklichkeitsanschauung ge- 
macht hat. Die griechischen Stadte sind undenkbar ohne das sie um- 
gebende Land; sie nahren sich von dem sie umgebenden Land. Ware 
unsere Geschichte nicht so sehr eine Fable convenue, wie sie es ist, 
sondern wiirde sie die wirkliche Gestalt der friiheren Zeiten neu 
herauf bringen, so wiirde sie zeigen, wie die griechische Stadt im Land 
wurzelt. Rom wurzelte nicht mehr im Lande, sondern die Geschichte 
Roms besteht eigentlich darinnen, eine imaginare Welt zu einer wirk- 
lichen zu machen, eine Welt, die nicht wirklich ist, zu einer wirk- 
lichen zu machen. In Rom wurde eigentlich der Burger erfunden, der 
Burger, dieses furchterliche Karikaturgebilde neben dem Wesen 
Mensch. Denn der Mensch ist Mensch; und daB er auBerdem noch 
ein Burger ist, ist eine imaginare Sache. DaB er ein Burger ist, das 
steht irgendwo in den Kirchenbiichern oder in den Rechtsbuchern 
oder dergleichen. DaB er, auBer dem, daB er Mensch ist und als 
Mensch gewisse Fahigkeiten hat, auch noch einen eingetragenen Be- 
sitz hat, einen grundbuchlich eingetragenen Besitz, das ist etwas 
Imaginares neben der Wirklichkeit. Das alles aber ist romisch. Ja, 
Rom hat noch viel mehr zustande gebracht. Rom hat verstanden, alles 
dasjenige, was sich ergibt aus der Loslosung der Stadte vom Lande, 



vom wirklichen Lande, zu einer Wirklichkeit umzufalschen. Rom hat 
zum Beispiel verstanden, in die religiosen Begriffe der Alten die romi- 
schen Rechtsbegriffe einzufiihren. Derjenige, welcher der Wahrhaftig- 
keit gemaB zu den alten religiosen Begriffen zuriickgeht, der flndet 
nicht in diesen alten religiosen Begriffen die romischen Rechts- 
begriffe. Romische Jurisprudenz ist eigentlich hineingegangen in die 
religiose Ethik. Es ist im Grunde genommen in der religiosen Ethik - 
durch dasjenige, was Rom daraus gemacht hat - so, als wenn in der 
iibersinnlichen Welt solche Richter dasaBen, wie sie auf unseren Rich- 
terstiihlen romischer Pragung sitzen und iiber die menschlichen Hand- 
lungen richteten. Ja, wir erleben es sogar, weil die romischen Rechts- 
begriffe noch nachwirken, daB da, wo vom Karma die Rede ist, die 
meisten Menschen, die heute sich zum Karma bekennen, sich die Aus- 
wirkung dieses Karma so vorstellen, als wenn irgendeine jenseitige 
Gerechtigkeit da ware, welche nach den irdischen Begriffen das, was 
einer getan hat, belegt mit dieser oder jener Belohnung, dieser oder 
jener Strafe, ganz nach romischen Rechtsbegriffen. Alle Heiligen und 
alle iiberirdischen Wesenheiten leben eigentlich so in diesen Vorstel- 
lungen, daB romisch-juristische Begriffe sich in diese iiberirdische Welt 
hineingeschlichen haben. 

Wer versteht zum Beispiel heute die groBe Idee des griechischen 
Schicksals ? Einen Odipus konnen wir nicht verstehen nach romisch- 
juristischen Begriffen! Dazu ist iiberhaupt, unter dem Einflusse der 
romischen Rechtsbegriffe, das Talent dem Menschen ganz verloren- 
gegangen, tragische GroBe zu verstehen. Und diese romischen Rechts- 
begriffe haben sich in unsere moderne Zivilisation hineingeschlichen, 
leben iiberall drinnen; sie haben im wesentlichen zu einer Wirklich- 
keit dasjenige umgefalscht, was imaginar ist, nicht imaginativ, son- 
dern imaginar. 

So miissen wir uns durchaus klar sein dariiber, daB wir eigentlich 
losgelost sind von der Wirklichkeit mit unseren Vorstellungen, und 
daB wir notig haben, unsere Vorstellungen neuerdings mit Wirklich- 
keit zu durchdringen. Weil unsere Begriffe im Grunde genommen 
leer sind, entbehrt unsere Zivilisation noch des BewuBtseins, daB die 
Menschen iiber den Erdkreis hin zusammenarbeiten miissen. Wir wol- 



len nirgends eigentlich auf den Grund der Erscheinungen wirklich 
hinweisen, wir wollen iiberall mehr oder weniger an der Oberflache 
bleiben. 

Dafiir mochte ich Ihnen wiederum ein Beispiel angeben. Sie wis- 
sen, in den verschiedenen Parlamenten der Welt haben sich in den 
vergangenen Zeiten, sagen wir, in der ersten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts, noch etwas spater, zwei Parteirichtungen herausgebildet, 
vor denen man eigentlich bislang einen ziemlkh groBen Respekt 
hatte : eine konservative und eine liberale Parteirichtung. Das andere, 
was an Parteien aufgetaucht ist, ist ja erst spater zu diesen zwei 
Grundparteien hinzugekommen. Aber sehen Sie, das ist heute so not- 
wendig, daB man iiber die Phrase zur Sache vordringt, und daB man 
bei vielem nicht danach fragt, was die Menschen selbst, die es vertre- 
ten, davon sagen, sondern nach dem, was in dem UnterbewuBtsein 
der Menschen drinnensitzt. Und da werden Sie denn finden, daB die- 
jenigen Menschen, die sich zu irgendwelchen mehr konservativ ge- 
farbten Parteien bekennen, solche sind, die irgendwie mehr zu tun 
haben mit Agrarischem, mit der Besorgung des Grundes und Bodens, 
also des Urgliedes der menschlichen Kultur. Selbstverstandlich kon- 
nen an der Oberflache allerlei Nebenerscheinungen auftreten. Ich 
sage nicht, daB jeder Konservative ein Agrarier sein muB, naturlich 
gibt es iiberall Zulaufer, iiberall gibt es solche, die aus der Phrase her- 
aus irgendeinem Prinzip anhangen; aber man muB auf die Haupt- 
sache sehen, und die ist, daB dasjenige, was ein Interesse daran hat, 
gewisse Strukturformen der sozialen Ordnung aufrechtzuerhalten, sie 
nicht zu schnell vorwartsgleiten zu lassen, die agrarische Bevolkerung 
ist. 

Dasjenige, was mehr aus dem Industriellen heraus kommt, was 
mehr aus der vom Lande losgerissenen Arbeit heraus kommt, das ist 
liberal, das ist progressiv. So, daB diese Parteirichtungen auf etwas 
Tieferes zuriickgehen; und man sollte iiberall suchen, diese Dinge 
iiber die Phrase hinauszubringen, von den Worten bis zu den Sachen 
vorzudringen. 

Aber schlieBlich sind das alles Dinge, welche uns nur das eine 
sagen, daB wir im Grunde stark in einer Wortkultur gelebt haben. 



Wir mussen zu einer Sachkultur, zu einer Sachzivilisation vorwarts- 
dringen, wir mussen dahin kommen, daB wir uns nicht mehr durch 
Worte, durch Programme, durch Zielsetzungen in Worten imponie- 
ren lassen, sondern wir mussen dahin kommen, die Wirklichkeit zu 
durchschauen, und wir mussen vor alien Dingen solche Wirklich- 
keiten durchschauen, die tiefer sind als Landkultur und Stadtekultur 
oder Agrarkultur und Industriekultur. Und tiefer sind heute die 
Impulse der einzelnen iiber die Erde verteilten Glieder der Mensch- 
heit: das amerikanische Glied nach Kosmogonie gehend, das euro- 
paische Glied nach Freiheit gehend, das asiatische Glied nach Altruis- 
mus gehend, nach Sozialismus gehend. 

Zunachst wird das allerdings, oder wurde in merkwurdiger Weise 
geubt. Die anglo-amerikanische Kultur erobert die Welt. Es ist not- 
wendig, daB sie, indem sie die Welt erobert, aufnimmt dasjenige, was 
von den eroberten Teilen der Welt herkommen kann: Freiheits- 
impulse, altruistische Impulse; denn sie selbst hat nur einen kosmo- 
gonischen Impuls. Sie verdankt sogar ihre Erfolge nur einem kos- 
mogonischen Impuls. Sie verdankt ihre Erfolge dem Umstande, daB 
man in Weltengedanken denken kann, wie wir das ja gerade wahrend 
der Kriegszeit oft und oft besprochen haben; daB die Erfolge von 
jener Seite aus ubersinnlichen Impulsen gewisser Art herausgekom- 
men sind, die die anderen nicht verstehen wollten. Das Kosmogo- 
nische, das darf da nicht isoliert bleiben, sondern muB sich durch- 
dringen mit dem Freiheitsgebiet. 

Um diesen Satz zu durchschauen, ist natiirlich notwendig, daB man 
sich recht, recht stark von der Phrase lossagt und zu Wirklichkeiten 
kommt. Denn derjenige, der an der Phrase haftet, der wird sich natur- 
lich sagen : Nun, wer hat denn in den letzten Jahren die Freiheit mehr 
vertreten als die anglo-amerikanische Welt! - Selbstverstandlich mit 
den Worten ungeheuer viel; aber es handelt sich darum, wie die Dinge 
in Wirklichkeit sind, nicht wie sie mit Worten vertreten werden. 

Sie wissen ja, daB hier immer wieder und wiederum hingewiesen 
werden muBte auf die Phraseologie des Wilsonismus. Diese Phraseo- 
logie des Wilsonismus ist in westlichen Landern durch lange Zeit 
sehr verbreitet gewesen. Sie hat sogar vom Oktober 1918 an Mittel- 



europa ergriffen. Da hat die Illusion nur nicht lange gedauert, aber es 
hat diese Phraseologie Mitteleuropa ergrifFen. Hier muBte immer 
wieder darauf hingewiesen werden, und ich erinnere mich, wie immer 
eine kleine Bewegung entstand, wenn immer wieder und wieder durch 
die Jahre auf die Aussichtslosigkeit, auf die Leerheit und Abstraktheit 
dessen hingewiesen wurde, was sich an den Namen Woodrow Wilson 
kniipft. Aber jetzt fangt man an, wie es scheint, sogar in Amerika, 
diese Abstraktheit und Leerheit des Wilsonismus ein wenig zu durch- 
schauen. Es hat sich hier nicht um eine Volkergegnerschaft gehan- 
delt gegen Woodrow Wilson; es hat sich hier nicht gehandelt um einen 
Antagonismus, der aus Europa kam, es hat sich gehandelt um einen 
Antagonismus, welcher aus der Auffassung unserer Zivilisationskrafte 
hervorkam. Es hat sich darum gehandelt, den Wilsonismus zu cha- 
rakterisieren als den Typus des abstrakten, des unwirklichsten mensch- 
lichen Denkens. Wilsonsches Denken ist dasjenige, das so einseitig 
gewirkt hat, weil es den amerikanischen Impuls in sich aufgenom- 
men hat, ohne den Freiheitsimpuls wirklich zu haben - denn das 
Sprechen von Freiheit ist ja kein Beweis dafiir, daB der Freiheits- 
impuls wirklich da ist und ohne den Impuls eines wirklichen 
Altruismus zu haben. 

Dasjenige, was mitteleuropaisches Leben ist, liegt am Boden, ist 
mehr oder weniger in einen furchtbaren Schlaf versenkt. Gegen- 
wartig ist ja der Deutsche gedrangt, an Freiheit zu denken, nicht 
bloB so, wie phraseologisch schon iiber Freiheit gesprochen worden 
ist, als man unter LudendorrTs Unfreiheit geseufzt hat, sondern die 
Not bringt naturlich einiges Verstandnis fiir die Freiheitsidee hervor, 
aber mit gelahmten Seelen und Korperkraften, mit der Unmoglich- 
keit, sich zu wirklichen intensiven Gedanken irgendwie aufzuraffen. 
Wir haben allerlei Versuche zu demokratischen Gebilden, allein wir 
haben in Deutschland keine Demokraten, wir haben eine Republik, 
aber kein Republikaner. Alles das ist eine Erscheinung, die in Mittel- 
europa charakteristisch fiir das Europaertum ganz besonders hervor- 
tritt. 

Und in Osteuropa: durch Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch 
wurde von dem Proletariat der ganzen Welt die Fruchtbarkeit des 



Marxismus gepriesen. Lenin und Trot^kij waren in der Lage, den 
Marxismus praktisch anzuwenden : er wird zum Raubbau an der Zivi- 
lisation, was gleichbedeutend ist mit dem Untergange der Zivilisation. 
Und diese Dinge stehen erst am Anfange. 

Es ist trotzdem das Talent vorhanden in Europa, die Freiheit ideell, 
spirituell zu begriinden. Aber es muB sich dieses Europa in wirkli- 
chem Sinne erganzen durch die Zusammenarbeit mit den anderen Vol- 
kern der Erde. 

In Asien sehen wir, wie neuerdings aufleuchtet der alte asiatische 
Geist. Die geistig fuhrenden Personlichkeiten Asiens - Sie brauchen ja 
nur, worauf ich schon hingewiesen habe, das Beispiel des Rabin- 
dranath Tagore zu nehmen - zeigen durch die ganze Art, wie sie 
sprechen, daB der alte altruistische Geist durchaus nicht erstorben 
ist. Aber noch weniger als das in fruheren Zeiten der Fall war, ist 
die Moglichkeit vorhanden, daB eine Zivilisation durch dieses Drittel 
der menschlichen Zivilisationsimpulse erreicht werde. 

Von all diesem kommt es her, daB heute von so vielen Dingen 
geredet wird, die eigentlich der Niedergangskultur angehoren, aber 
geredet wird so, als ob sie etwas darstellten, was wie ein Ideal wirken 
soli. Wir haben durch Jahre gehort, wie verkundet worden ist: Jedes 
Volk muB die Moglichkeit haben, nun, ich weiB schon nicht, wie zu 
leben - auf seine eigene Art oder so irgend etwas. - Nun frage ich Sie : 
Was ist denn fur den heutigen Menschen, wenn er ehrlich und auf- 
richtig ist, ein Volk? Eine Phrase ist es in Wirklichkeit, es ist ja 
keine Realitat. Man kann von einem Volk sprechen, wenn man von 
einem Volksgeist spricht in dem Sinne, wie das in der Anthroposophie 
geschieht, wenn eine Realitat dahintersteckt, aber nicht, wenn man 
ein Abstraktum meint. Und ein Abstraktum meinen heute die Men- 
schen, die von der Freiheit der Volkstumer und so weiter sprechen, 
denn sie glauben ja nicht an die Realitat irgendeines Volkswesens. 
Darinnen liegt die tiefe innerliche Unwahrheit, der man heute hul- 
digt, daB man nicht glaubt an die Realitat des Volkswesens, aber 
von der Freiheit des Volkes redet, als ob das Volk fur den heutigen 
materialistischen Menschen etwas ware. Was ist das deutsche Volk? 
Neunzig Millionen Menschen, die man A plus A plus A zusammen- 



zahlen kann! Das ist kein in sich geschlossenes Volkswesen, an das 
die Menschen glauben. Und so mit den anderen Volkern. Und man 
redet von diesen Dingen, und man glaubt von Realitaten zu reden 
und liigt sich innerlichst an. 

Dagegen sind es Realitaten, wenn man sagt : Anglo-amerikanisches 
Wesen: StrebennachKosmogonie; europaisches Wesen: Strebennach 
Freiheit; asiatisches Wesen: Streben nach Altruismus. - Und nun 
miiBte gesucht werden, diese drei Partialkrafte im WeltenbewuBt- 
sein zu erfassen, und aus diesem WeltenbewuBtsein heraus sich zu 
sagen: Die alte Kultur, die aus dem Partiellen heraus strebt, mu6 
untergehen, und sie halten wollen, heiBt eigentlich, gegen seine Zeit 
und nicht mit seiner Zeit handeln. Wir brauchen eine neue Zivilisa- 
tion auf den Triimmern des Alten. Die Triimmer des Alten werden 
immer kleiner und kleiner werden, und derjenige Mensch allein ver- 
steht die heutige Zeit, der den Willen und den Mut hat zu einem 
wirklich Neuen. Das Neue aber, das darf weder aus dem bloBen grie- 
chischen oder romischen LandbewuBtsein, noch aber aus dem Erden- 
bewuBtsein des neuzeitlichen Menschen, sondern muB hervorgehen 
aus dem WeltenbewuBtsein des Zukunftsmenschen, aus jenem Welten- 
bewuBtsein, das wiederum von der Erde hier hinweg aufblickt zu 
dem Kosmos. Aber wir miissen dahin kommen, diesen Kosmos so an- 
zusehen, daB wir nicht bloB Kopernikanismus, Galileismus treiben. 
Die Europaer haben es verstanden, die Umgebung der Erde zu 
mathematisieren; aber sie haben es nicht verstanden, eine wirkliche 
Wissenschaft von der Umgebung der Erde zu erringen. Fur seine 
Zeit war gewiB Giordano Bruno eine groBe Erscheinung, eine groBe 
Personlichkeit; aber heute brauchen wir das BewuBtsein, daB da, wo 
er nur mathematische Ordnung gesehen hat, spirituelle Ordnung 
herrscht, Wirklichkeit herrscht. Der Amerikaner glaubt in Wirklich- 
keit nicht an die bloB mathematische Welt, an den bloB mathe- 
matischen Kosmos. Er strebt aus seiner Zivilisation heraus nach einem 
Wissen von ubersinnlichen Kraften, wenn er auch noch auf falschem 
Wege ist. Man hat verstanden, in Europa allerlei Wissen zu treiben. 
Aber als Goethe in seiner Art die Frage gestellt hat: Was ist Wissen- 
schaft? - war nicht weiterzukommen; denn es konnte dieses Europa 



nicht die Moglichkeit gewinnen, dasjenige, was man erforschen kann, 
sagen wir iiber den Menschen, zur Kosmogonie zu erweitern. Goethe 
hat die Metamorphose gefunden: die Metamorphose der Pflanzen, die 
Metamorphose der Tiere, die Metamorphose des Menschen. Das 
Haupt in seinem Knochensystem, es ist ein umgewandeltes Riickgrat 
und Riickenmark. Das alles ist schon. Aber das alles muB ausgebildet 
werden zu einem BewuBtsein davon, daB dieses Haupt der umge- 
staltete Mensch der vorigen Inkarnation ist, und daB der Glied- 
maBenmensch die Vorbereitung der nachstfolgenden Inkarnation ist. 
Kosmisch muB die wirkliche Wissenschaft sein, sonst ist sie keine 
Wissenschaft. Kosmisch, eine Kosmogonie muB die Wissenschaft sein, 
sonst ist diese Wissenschaft nicht etwas, was innerliche menschliche 
Impulse gibt, was den Menschen tragt durchs Leben. Der Mensch der 
neueren Zeit kann nicht instinktiv leben; er muB bewuBt leben. Er 
braucht eine Kosmogonie, und er braucht eine wirkliche Freiheit. Er 
braucht nicht bloB ein Hemmreden iiber die Freiheit, er braucht 
nicht bloB alles dasjenige, was die Phraseologie der Freiheit ist; er 
braucht ein wirkliches Einleben der Freiheit in das unmittelbare 
Dasein. Das kann man nur auf den Wegen, die zum ethischen Indi- 
vidualismus fiihren. 

Und da ist es natiirlich charakteristisch, daB in dem Augenblicke, 
wo erschienen war meine «Philosophie der Freiheit», Eduard von 
Hartmann, der eines der ersten Exemplare dieses Buches bekommen 
hat, mir schrieb, das Buch sollte nicht heiBen: « Philosophic der 
Freiheit », sondern «Erkenntnistheoretische Phanomenologie und 
ethischer Individualismus». Schon; es ware ein langatmiger Titel 
gewesen, aber es ware nicht schlimm gewesen, wenn es ethischer Indi- 
vidualismus geheiBen hatte; denn ethischer Individualismus ist nichts 
als die personliche Verwirklichung der Freiheit. Die besten Menschen 
verstanden eben durchaus nicht, daB aus den Impulsen der Zeit heraus 
so etwas gefordert wurde, wie es in diesem Buch «Die Philosophic 
der Freiheit » steht. 

Und sehen wir nach Asien hinuber : Asien und Europa miissen sich 
verstehen lernen, und Asien und Amerika miissen sich auch verstehen 
lernen. - Aber wenn es so fortgeht, wie es schon gegangen ist, so 



werden diese sich nie verstehen. Die Asiaten sehen nach Amerika, 
sehen, daB da eigentlich nur ein Mechanismus vorhanden ist des 
auBeren Lebens, des Staates, der Politik und so weiter. Der Asiate hat 
nicht Sinn fur diese Mechanismen, der Asiate hat nur Sinn fur das- 
jenige, was aus den Impulsen des Innersten der menschlichen Seele 
kommt. Und die Europaer haben sich ja auch etwas befaBt mit dem- 
jenigen, was asiatischer Geist, asiatische Spiritualitat ist, aber man 
kann sagen: Mit groBem Verstandnisse eigentlich bis jetzt doch nicht! 
Sie sind ja auch nicht recht einig geworden, und an der Art, wie sie 
uneinig gewesen sind, konnte man sehen, daB sie eigentlich nicht 
gerade mit Verstandnis dasjenige in die europaische Kultur herein- 
zutragen wuBten, was wirkliche Impulse der asiatischen Kultur sind. 
Denken Sie nur an die Blavatsky : Sie hat allerlei aus indischer, tibeta- 
nischer Kultur in die europaische Kultur hereintragen wollen; vieles 
ist anfechtbar, was sie hereinzutragen versuchte. Max Miiller hat auf 
eine andere Weise asiatische Kultur nach Europa hereinzutragen ver- 
sucht. Manches findet sich bei der Blavatsky, was bei Max Miiller 
fehlt; manches steht bei Max Miiller, was bei der Blavatsky fehlt. Al- 
lein an dem Urteil, das Max Miiller iiber die Blavatsky gefallt hat, ist 
auch gut zu sehen, wie wenig man da auf die Sache eingegangen ist. 
Max Miiller hat geglaubt, daB die Blavatsky nicht einen wirklichen 
indischen Geistesinhalt nach Europa gebracht hat, sondern eine Imi- 
tation, und das beurteilte er durch ein Bild, indem er sagte : Wenn die 
Leute ein Schwein sehen wiirden, das bloB grunzt, dann wiirden sie 
dariiber nicht verwundert sein; aber wenn sie ein Schwein sehen wiir- 
den, das so spricht wie ein Mensch, dann wiirden sie dariiber verwun- 
dert sein. - Nun, so wie Max Miiller das Bild gebraucht hat, so 
konnte er nur meinen, daB er mit seiner asiatischen Kultur grunzt wie 
ein Schwein, und in bezug auf Blavatsky meint er, es sei, wie wenn 
ein Schwein anfangen wiirde, wie ein Mensch zu sprechen. Mir scheint, 
daB es allerdings nicht hervorragend interessant ist, wenn ein Schwein 
grunzt, daB es aber schon einiges Interesse erwecken wiirde, wenn 
ein Schwein plotzlich herumlaufen und sprechen wiirde wie ein 
Mensch. Also das Bild zeigt schon, daB man eigentlich nach einem 
Vergleich gesucht hat, der gar sehr in der Phrase schwebt. Aber auf 



das geben die Menschen heute nicht acht, und wenn man wirklich 
ungeniert das Lacherliche einer solchen Sache hervorhebt, dann fin- 
den die Leute, daB man das nicht tun soil gegeniiber einer, wie man 
sagt, anerkannten Autoritat wie Max Miiller; das schickt sich nam- 
lich nicht. Aber das ist es gerade, daB sich die Zeit herangenaht hat, 
in der wir durchaus ehrlich und aufrichtig sprechen miissen. Dieses 
ehrliche und aufrichtige Sprechen, das macht notwendig, daB wir un- 
geschminkt solche Dinge, die die Zivilisationsgeheimnisse der Gegen- 
wart sind, hinstellen : Anglo- Amerikanertum hat das Talent zur Kos- 
mogonie; Europa hat das Talent zur Freiheit; Asien hat das Talent 
zum Altruismus, zur Religion, zu einer sozialokonomischen Ord- 
nung. 

Diese drei Gesinnungen miissen fur die ganze Menschheit ver- 
schmelzen. Weltenmenschen miissen wir werden und vom Stand- 
punkte des Weltenmenschen aus wirken. Dann kann einstmals das- 
jenige kommen, was die Zeit wirklich fordert. 



FONFTER vortrag 

Dornach, 11. Oktober 1919 



Es ist so spat geworden, daB ich diesen Vortrag heute kurz halten 
werde, und daB ich die Hauptsache, die ich zu sagen habe in diesen 
drei Vortragen, fur morgen lassen werde. Morgen wird ja die Euryth- 
mie friiher gelegt sein, und dann wird es moglich sein, dem Vortrag 
die entsprechende Lange zu geben. 

Ich habe das letzte Mai darauf aufmerksam gemacht, wie zur Be- 
herrschung desjenigen, was in unserer gegenwartigen niedergehenden 
Zivilisation liegt, notig ist, iiber die verschiedenen Volkermassen der 
Erde hin so zu diflferenzieren, daB man das Augenmerk wirklich 
lenkt auf das, was in den einzelnen Volkermassen lebt, und zwar 
lebt in der anglo-amerikanischen Bevolkerung, in der eigentlich euro- 
paischen Bevolkerung und in der Bevolkerung des Ostens. Und wir 
haben gesehen, daB wir die Anlage, eine neuzeitliche Kosmogonie 
zu begriinden, vor alien Dingen bei der anglo-amerikanischen Bevol- 
kerung finden; die Fahigkeit, den Impuls der Freiheit auszubilden, 
bei der europaischen Bevolkerung; dann den Impuls des Altruismus 
auszubilden, den Impuls der Religiositat und desjenigen, was mit Be- 
zug auf die menschliche Briiderlichkeit damit zusammenhangt, bei der 
Bevolkerung des Ostens. Es kann eine neue Zivilisation nicht anders 
begriindet werden als dadurch, daB ein wirkliches Zusammenarbeiten 
der Menschen iiber die ganze Erde hin in der Zukunft moglich 
gemacht wird. Aber damit dieses moglich werde, damit ein wirkliches 
Zusammenarbeiten moglich werde, dazu ist verschiedenes notig. Da- 
zu ist notig, daB tatsachlkh unbefangen eingesehen werde, wieviel der 
gegenwartigen Zivilisation fehlt, wieviel vom Niedergangsimpuls in 
dieser gegenwartigen Zivilisation ist. Diejenigen Krafte, die in unse- 
rer Zivilisation sind, man darf sie nicht etwa so betrachten, daB man 
sagt: Alles ist schlecht. - Das ware erstens unhistorisch, zweitens 
wiirde es zu nichts Positivem fuhren. Diejenigen Impulse, die in unse- 
rer Zivilisation liegen, waren zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem 
Orte voll berechtigt. Aber alles das, was im geschichtlichen Werden 



der Menschheit zum Niedergange fiihrt, das fiihrt aus dem Grunde 
zum Niedergange, weil das, was eben in der einen Zeit und an dem 
einen Orte berechtigt ist, sich hinsetzt in eine andere Zeit und an 
einen anderen Ort; und weil die Menschen aus gewissen ahrimani- 
schen und luziferischen Antrieben heraus beharren bei dem, woran 
sie sich einmal gewohnt haben und nicht an dem wirklichen, von der 
Kosmogonie geforderten Fortschritte der Menschheit teilnehmen wol- 
len. 

Unsere Zeit ist stolz auf ihre Wissenschaftlichkeit. Und doch gehen 
im Grunde aus dieser Wissenschaftlichkeit hervor auch die groBen 
sozialen Irrtiimer und Verkehrtheiten unserer Zeit. Daher muB schon 
einmal griindlich hineingeleuchtet werden in das Getriebe des Den- 
kens und in das Getriebe des Handelns, insofern dieses Handeln der 
Gegenwart von dem Denken der Gegenwart ja ganz abhangig ist. 

Wir haben gestern in dem Zusammenhange, den wir betrachten 
muBten, aufmerksam darauf gemacht, wie die Gesamtkultur der Erde 
sich zusammenfugt aus der wissenschaftlichen Kultur, aus der poli- 
tisch-freiheitlichen Kultur und aus der altruistisch-okonomischen 
Kultur, die eigentlich doch zuriickgeht auf das altruistisch-religiose 
Element. Wenn die Menschen heute - ich habe schon darauf hin- 
gewiesen - die Krafte betrachten, die eigentlich in unserer sozialen 
Struktur wirken, so bleiben sie an der Oberflache, sie wollen nicht in 
die Tiefe dringen. Auf unseren Lehrkanzeln lehren die Vortragenden 
liber das, was okonomische Weisheit sein soil, in einer Weise, die 
herausgeholt ist aus der gegenwartigen naturwissenschaftlichen Me- 
thode. Allein es wird gewissermaBen wie ein ungenieBbarer Brei das 
betrachtet, was in den Menschen lebt und die Menschengemuter und 
Menschenwesenheiten bewegt. Es wird nicht auf das eigentlich wahre 
Sachliche gesehen. 

Bleiben wir zunachst einmal bei der Kultur Europas stehen. Was 
ist der hauptsachlichste Zug dieser Kultur Europas? Verfolgt man 
diesen Zug der Kultur Europas, so muB man eigentlich, wenn man 
ihn verstehen will, ziemlich weit zuriickgehen. Man muB sich klar 
daruber sein, wie aus alten keltischen Urbevolkerungsimpulsen sich 
dadurch, daB verschiedene spatere Bevolkerungsschichten sich hinein- 



geschoben haben in diese keltische Urbevolkerung, die eigentlich 
auf dem Grunde des europaischen Daseins noch immer vorhanden ist, 
wie dadurch diese europaische Bevolkerung mit alien ihren religiosen, 
politischen und okonomischen und wissenschaftlichen Antrieben sich 
herausgebildet hat. In Europa herrschte im Grunde genommen immer, 
im Gegensatze zu dem amerikanischen Westen und zu dem asiatischen 
Osten, ein gewisser Intellektualismus. Es hatte gar nicht das so uber- 
handnehmen konnen, was ich gestern als den eigentlichen Romanis- 
mus, als das romanische Element bezeichnet habe, wenn nicht in der 
europaischen Zivilisation der Grundzug des Intellektualismus ware. 
Nun ist dem Intellektualismus zweierlei eigen : Erstens, er kann sich 
nicht aufraffen, riickhaltlos religiose Impulse aus sich herauszutreiben. 
Die religiosen Impulse bekommen immer einen abstrakten Charakter 
unter dem Einflusse des Intellektualismus. Ebensowenig kann sich der 
Intellektualismus wirklich zu der StoBkraft entwickeln, die ins Prak- 
tisch-Okonomische hineingeht. Man wird an den Experimenten, die 
jetzt in RuBland gemacht werden, sehen, wie unmoglich es dem 
europaischen Intellektualismus ist, in das okonomische Leben, in das 
wirtschaftliche Leben Ordnung hineinzubringen. Das, was der Leni- 
nismus ausbildet, ist ja reinster Intellektualismus. Das ist alles ge- 
dacht, da ist aus dem Denken heraus eine gesellschaftliche Ordnung 
konstruiert. Und es wird der Versuch gemacht, dieses aus dem Den- 
ken heraus gesponnene gesellschaftliche System aufzupfropfen auf die 
wirklichen Verhaltnisse, die zwischen Menschen bestehen, und es 
wird sich mit der Zeit in einer furchterlichen Weise zeigen, wie un- 
moglich es ist, das intellektualistisch Gedachte der menschlichen 
sozialen Struktur aufzupfropfen. 

Diese Dinge wollen die heutigen Menschen noch nicht in aller 
Starke einsehen. Es ist ja einmal in der europaischen Bevolkerung 
dieser furchtbare Zug der Schlafrigkeit, dieses Nichtmitkonnen des 
ganzen Menschen mit dem, was so notig ist, daB es heute das 
soziale Leben Europas durchstromte. Das aber, was vor alien Dingen 
einzusehen ist, das ist: wovon eigentlich diese europaische Zivilisa- 
tion genahrt ist, woher diese europaische Zivilisation im Grunde 
stammt. Durch sich selber, durch ihre eigene Wesenheit hat diese 



europaische Zivilisation nur eine intellektualistische, eine Gedanken- 
kultur hervorgebracht. Die Trockenheit und Niichternheit des Den- 
kens waltet in unserer Wissenschaft; die waltet auch in unseren sozia- 
len Einrichtungen. 

Wir haben ja durch viele, viele Jahrzente diesen Intellektualismus 
in den europaischen Parlamenten erlebt. Konnte man nur fiihlen, wie 
durch alle diese europaischen Parlamente durchgegangen ist der 
intellektualistische Nutzlichkeitsstandpunkt, das schwunglose Ele- 
ment, das keine StoBkraft hat zu religiosen Impulsen, und das keine 
StoBkraft hat zu irgendwelchen okonomischen Impulsen! Bedenken 
Sie nur, wie wir unser religioses Leben bekommen haben. Wir haben 
es so bekommen, daB man an der ganzen historischen Ausbreitung 
dieses religiosen Lebens sieht, daB Europa in sich selber keine reli- 
giosen Impulse hatte. Bedenken Sie, wie niichtern, wie unendlich 
nuchtern die Welt war, als das Romische Reich sich ausgebreitet hatte, 
prosaisch niichtern bis zum ExzeB. Und das war ja alles erst im 
Anfange. Denken Sie nur einmal, was Europa geworden ware, wenn 
die romanische Kultur mit ihrer Prosaniichternheit die Fortsetzung 
gefunden hatte ohne den Impuls, der vom asiatischen Osten heriiber- 
kam und der ein religioser Impuls war: ohne den christlichen Im- 
puls. Was aus dem SchoBe des Orients entsprungen ist, was nur aus 
dem SchoBe des Orients, niemals aus europaischem SchoB entsprin- 
gen konnte, der religiose Impuls, ist als eine Kultur-, als eine Zivili- 
sationswelle aus dem Osten herubergekommen. Europa hat ja nichts 
anderes getan, als zuerst romische RechtsbegrifTe hineingestopft in 
diesen religiosen Impuls, der vom Osten herubergekommen ist, hat 
durchzogen diesen ostlichen Impuls mit nuchtern, abstrakt-intellek- 
tualistischen, juristischen Formen. 

Dem europaischen Leben war im Grunde genommen der ostliche 
religiose Impuls etwas Fremdes ; er ist ihm etwas Fremdes geblieben. 
Er hat sich niemals ganz amalgamiert mit dem europaischen Wesen. 
Und er ist, ich mochte sagen, im Protestantismus in einer merkwiir- 
digen Weise wie in einem Reagenzglase ausgeschieden worden. Wie 
wenn man in einem Reagenzglase beobachtet, wie sich Substanzen 
voneinander trennen, so ist es gescheheo mit der europaischen Zivili- 



sation in bezug auf ihren religiosen Charakter . Es war im 6., 7., 8., 9., 
10. Jahrhundert etwas wie ein Versuch, eine innere Einheit zu gestal- 
ten aus dem religiosen Fiihlen und Empfinden und aus dem wissen- 
schaftlichen und okonomischen Denken. Aber dann traten, wirklich 
wie in einem Reagenzglas zwei Substanzen auseinandertreten, die bei- 
den - das niichterne Denken des Intellektualismus und der religiose 
Impuls - auseinander, und endlich kam der Protestantismus, das 
Luthertum. Wissenschaft auf der einen Seite, eine Wahrheit; Glaube 
auf der anderen Seite, die andere Wahrheit. Die beiden sollen sich ja 
nicht weiter vermischen! Es wird geradezu als ein Sakrileg ange- 
sehen, wenn der Versuch unternommen wird, den Glaubensinhalt zu 
durchtranken mit dem Gedankeninhalt, den Gedankeninhalt zu er- 
warmen mit dem Glaubensinhalt. Und dann kam noch das Nuchtern- 
ste, das Konigsbergsche, der Kantianismus, der neben der Kritik der 
reinen Vernunft die Kritik der praktischen Vernunft, das Sittliche 
neben dem Wissenschaftlichen hinstellte, wodurch der furchtbarste 
Abgrund aufgerichtet ward zwischen demjenigen, was als einheitlich 
erfiihlt und erlebt werden muB in der Menschennatur. Und unter 
diesen Verhaltnissen lebt eigentlich die europaische Zivilisation noch 
immer. Unter diesen Verhaltnissen wird auch die europaische Zivili- 
sation immer mehr und mehr in ihren Niedergang hineinkommen. 
Wie etwas Fremdes aus dem Osten ist aufgenommen worden der 
religiose Impuls, hat sich nicht organisch verbunden mit dem iibrigen 
geistigen und physischen Leben Europas. Das ist mit Bezug auf das 
Geistesleben Europas zu sagen. 

Sehen Sie, gelobhudelt wurde iiber den Fortschritt der neueren 
Zivilisation genug. Es ist so lange gelobhudelt worden, bis Millionen 
von Menschen innerhalb dieser Zivilisation totgeschlagen und dreimal 
soviel zu Kriippeln gemacht worden sind. So lange ist von alien 
Kirchenkanzeln die salbungsvolle Rede ertont, bis unendliches Blut 
geflossen ist. So lange ist von alien Lehrkanzeln verkundet worden 
der gepriesene Fortschritt, bis dieser Fortschritt in seine Nullitat hin- 
eingefiihrt hat. Nicht eher wird ein Heil kommen, bis man diesen Din- 
gen unbefangen ins Antlitz schaut. Und heute kommen die Menschen 
Leninscher und anderer Pragung und denken nach iiber Sozialismus, 



iiber Okonomismus, und es soil aus denjenigen Begriffen, die langst 
sich als unzulanglich erwiesen haben zur Fiihrung der europaischen 
Zivilisation, ohne daB man zu neuen Begriffen, zu einem Umdenken 
kommt, unsere okonomische Ordnung, unsere soziale Ordnung refor- 
miert werden. 

Ich habe, glaube ich, schon einmal auch hier gesagt, zu welchen 
schonen Begriffen unsere gelehrten Herren zum Beispiel auf diesem 
Gebiete kommen. Es ist zu schon, daher mochte ich diese Sache noch 
einmal hier besprechen. Da ist ein beriihmter Nationalokonom, 
Lujo Brentano. Von ihm ist ein Artikel erschienen vor einiger Zeit, 
«Der Unternehmer». Brentano versucht den Begriff des kapitalisti- 
schen Unternehmers zu konstruieren. Er holt die Merkmale fur den 
kapitalistischen Unternehmer zusammen. Das dritte Merkmal, das 
Lujo Brentano anfuhrt, besteht darin, daB der Unternehmer die Pro- 
duktionsmittel auf eigenes Risiko, auf eigene Gefahr im Dienste der 
Menschheit verwendet. Nun untersucht der gute Lujo Brentano die 
Funktion des gewohnlichen Handarbeiters im sozialen Leben und 
sagt: Die korperliche Arbeitskraft des Handarbeiters, das ist sein 
Produktionsmittel; er verwendet es im Dienst der Gesellschaft auf 
eigenes Risiko und auf eigene Gefahr. Also ist der Arbeiter ein Unter- 
nehmer. Es ist gar kein Unterschied zwischen einem Unternehmer 
und einem Arbeiter, es ist beides eins und dasselbe! - Sehen Sie, so 
verworren ist das, was man heute wissenschaftliches Denken nennt, 
schon geworden, daB, wenn die Leute Begriffe bilden, sie nicht mehr 
unterscheiden konnen zwischen den zwei entgegengesetzten Polen. 

Dabei ist es bei Brentano gar nicht so leicht bemerkbar, wie etwa 
bei einem Philosophieprofessor in Bern, der unter anderem die 
Eigenschaft hat, so furchtbar viele Biicher zu schreiben, und der so 
schnell schreiben muBte, daB er sich nicht genau iiberlegen konnte, 
was er schrieb. Aber er trug Philosophie an der Universitat Bern vor. 
Und siehe da, in einem der Biicher dieses Philosophieprofessors aus 
Bern fand sich auch der Satz: Die Zivilisation kann sich nur ent- 
wickeln in der gemaBigten Zone, denn sie kann sich nicht entwickeln 
auf dem Nordpol - da wiirde sie erfrieren und sie kann sich auch 
nicht entwickeln auf dem Sudpol, denn da ist es heiB, im Gegensatz 



zum Nordpol, da wiirde die Zivilisation verbrennen! - Es ist tat- 
sachlich so, daB einmal ein regelrechter Philosophieprofessor in einem 
Buch schreibt, daB es auf dem Nordpol kalt und auf dem Siidpol 
heiB ist, weil er so schnell schrieb, daB er es sich nicht gut iiberlegen 
konnte ! 

Die nationalokonomischen Fehler des guten Brentano sind im 
Grunde genommeti aus derselben Oberflachenanschauung heraus ge- 
boren, wie vieles in Europa. Denn man betrachtet das, was da ist, 
eben als das Gegebene und kniipft seine Begriffsschemen an das an, 
was gerade da ist. Das lernt man von der naturwissenschaftlichen 
Methode, das treibt man an den naturwissenschaftlichen Anstalten, 
und das sprechen die Menschen heute in unserer Zeit - in der selbst- 
verstandlich nichts auf Autoritaten gegeben wird! - glaubig nach. 
Denn wenn man hort, daB irgendeiner heute eine Autoritat ist, dann 
ist das ein Grund, anzunehmen, daB er die Wahrheit sagt! Nicht aus 
Einsicht nimmt man es an, zu seiner Wahrheit, sondern weil er eine 
Autoritat ist. Und so betrachtet man auch die okonomischen Tat- 
sachen so, als ob sie nebeneinander die gleiche Bedeutung hatten, 
wahrend sie in der Tat ineinandergeschobene Elemente sind, die 
gesondert betrachtet werden mussen. 

Geradeso wie die europaische Zivilisation von Osten her die Stro- 
mung des religiosen Impulses gehabt hat, so war fur die okonomi- 
sche Stmktur Europas wieder etwas anderes notwendig. Als der 
funfte nachatlantische Zeitraum, die Mitte des 15. Jahrhunderts, her- 
annahte, war auch die Zeit, wo jene Ereignisse eintraten, die der gan- 
zen neuzeitlichen Zivilisation ihr Grundgeprage, ihre Physiognomie 
gaben : Entdeckung Amerikas, die Aufflndung des Seeweges iiber das 
Kap der Guten Hoffnung nach Ostindien; das gab der neuzeitlichen 
Zivilisation das Geprage. Und die ganze okonomische Entwickelung 
Europas kann nicht aus sich selber studiert werden. Es ist ein Unsinn, 
zu glauben, daB man dadurch, daB man die okonomischen Tatsachen 
studiert, auf die okonomischen Gesetze kommt, die in der euro- 
paischen Gesellschaft walten. Man kommt auf diese Gesetze nur, wenn 
man fortdauernd beriicksichtigt, daB von Europa Unzahliges abge- 
schoben werden konnte nach Amerika. Und die ganze soziale Struktur 



Europas ist nur entstanden dadurch, daB fortwahrend in Amerika 
driiben Neuland war und in dieses Neuland abfloB das, was Europa 
nach dem Westen schickte. Wie es vom Osten bekommen hat den 
religiosen Impuls, so schickte es seinen okonomischen Impuls nach 
dem Westen. Unter dem Regime dieser Stromung entwickelte sich 
seine eigene Okonomie, wie sich sein Geistesleben unter dem Ein- 
stromen der religiosen Impulse vom Osten entwickelte. Das euro- 
paische Leben, der ganze Hergang im Zustandekommen der euro- 
paischen Zivilisation entwickelte sich in den bisherigen Jahrhunder- 
ten der neueren Zeit unter diesen zwei Stromungen. Da war die 
europaische Zivilisation in der Mitte, da kam vom Osten heriiber wie 
ein ZufluB der religiose Impuls (siehe Zeichnung violett), da stromte 
nach dem We'sten hinuber wie ein AbfluB der okonomische Impuls 
(rot). Einstromen des religiosen Impulses aus dem Osten, AbnieBen 
des okonomischen Impulses nach dem Westen, das war das, was im 
Hergang der europaischen Zivilisation lebte. 




Und das erreichte um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine 
gewisse Krisis. Das fing an zu stocken. Das ring an, nicht mehr so 
zu gehen, wie es durch vier Jahrhunderte gegangen war. Und unter 
dem Einnusse dieser Stockung stehen wir und leben wir heute. Wie 
etwas Fremdes hat sich der religiose Impuls hereingeschoben und hat 



das geistige Leben bei uns erzeugt. Und unser okonomisches Leben 
ist dadurch entstanden, daB es fortwahrend Verdiinnungen erlebte. 
Ware nicht Amerika dagewesen und hatte unsere Okonomie ent- 
stehen sollen aus ihren eigenen Gesetzen heraus, hatte sie nicht fort- 
wahrend aus sich ausspritzen konnen das, was sie nicht brauchen 
konnte, so hatte sie sich nicht entwickeln konnen in Europa. Das 
stockt jetzt. Daher muB ein innerer Ausweg gefunden werden. Von 
innen heraus muB die Moglichkeit gefunden werden, das in das rich- 
tige Fahrwasser zu bringen, was nicht mehr raumlich von auBen 
geht. 

Das soil durch die Dreigliederung geschehen. Das soil dadurch 
geschehen, daB das, was sich unorganisch ineinandergeschoben hat, 
nun wirkhch organisch gegliedert wird. Fur die Annahme der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus liegt nicht ein Grund vor, sondern 
da liegen alle moglichen Griinde vor; da liegen wissenschaftliche, da 
liegen okonomische Griinde, d
…[truncated]