Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
Rudolf Steiner, 1916
RUDOLF STEINER
MEIN LEBENSGANG
Eine nicht vollendete Autobiographic,
mit einem Nachwort
herausgegeben von Marie Steiner 1925
2000
RUDOLF STEINER VERLAG
DORN ACH / SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
9. Auflage (33.-34. Tsd.)
Gesamtausgabe Dornach 2000
Nachweis fruherer Veroffent-
lichungen siehe S. 505f.
Bibliographie-Nr. 28
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2000 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0280-6
INHALT
1861-1879
Kraljevec, Modling, Pottschach, Neudorfl
I. Kindherfserlebnisse 7
II. Schulzeit 32
1879-1890/ Wien
III. Studentenjahre 51
IV. Jugendfreundschaften 73
V. Wissenschaftliche Studien (Farbenlehre, Optik) 89
VI. Hauslehrer in der Familie Specht; Goethestudien 104
VII. In Wiener Gelehrten- und Kiinstlerkreisen . . 118
VIII. Reflexionen iiber Kunst und Asthetik;
Redakteur bei der «Deutschen Wochenschrift» . 138
IX. Reisen nach Weimar, Berlin und Miinchen . . 150
X. Die Philosophic der Freiheit 162
XI. Uber Mystik und Mystiker 169
XII. Schicksalsfragen 174
XIII. Reisen nach Budapest und Siebenbiirgen;
Erinnerungen an die Familie Specht .... 184
1890-1897/ Weimar
XIV. Mitarbeit im Goethe-Schiller- Archiv .... 198
XV. Begegnungen mit Haeckel, Treitschke
und Laistner 216
XVI. Unter Gelehrten und Kiinstlern;
Goethe-Versammlungen 230
XVII. Kritische Bemerkungen zur Ethik . . , . . 239
XVIII. Als Gast im Nietzsche-Archiv; Nietzscheana . 250
XIX. Erkenntnisfragen - Erkenntnisgrenzen;
unter Kiinstlern 266
XX. Weimarer Freundeskreis 281
XXI. Freundschaften (Neuffer, Ansorge); das Buch
«Goethes Weltanschauung» als Abschluft der
Arbeit an der Sophien-Ausgabe entsteht . . . 302
XXII. In und mit Gegensatzen leben konnen . . . 316
XXIII. Der «ethische Individualismus» 331
1897-1907 / Berlin - Munchen
XXIV. Redakteur des «Magazin fur Litteratur»; Begeg-
nungen mit Hartleben, Scheerbart, Wedekind . 339
XXV. In der «Freien literarischen Gesellschaft»;
Berliner Theaterleben 353
XXVI. Stellung zura Christentum; «Das Christen-
tum als mystische Tatsache» 363
XXVII. Perspektiven zur Jahrhundertwende; Reflexio-
nen iiber Hegel, Mackay und Anarchismus . . 367
XXVIII. Als Lehrer an der Arbeiterbildungsschule . . 375
XXIX. Unter Literaten («Die Kommenden»)
und Monisten («Giordano-Bruno-Bund») . . 381
XXX. Esoterik und Offentlichkeit 391
XXXI. Beginn der Zusammenarbeit mit Marie von Sivers 407
XXXII. Theosophie und Anthroposophie 416
XXXIII. Innere Aspekte des Buches «Theosophie» . . 432
XXXIV. Geist-Erkenntnis und Kunst 437
XXXV. Uber Biicher, Vortrage und ihre
offentliche Wirksamkeit 440
XXXVI. Esoterische Unterweisungen 446
XXXVII. Reifung der Seele; Vortrage in Paris 1906 . . 453
XXXVIII. Der Munchner Theosophen-Kongrefi 1907 . . 460
Nachwort von Marie Steiner 1925 466
Rudolf Steiner - Leben und Werk. Eine Chronik .... 471
Hinweise des Herausgebers
Zu dieser Ausgabe 479
Hinweise zum Text 480
Nachweis friiherer Veroffentlichungen 505
Quellennachweis der Abbildungen 507
Register 509
I.
In die offentlichen Besprechungen der von mir gepf leg-
ten Anthroposophie sind seit einiger Zeit Angaben und
Beurteilungen iiber meinen Lebensgang verflochten wor-
den. Und aus dem, was in dieser Richtung gesagt wor-
den ist, sind Schliisse gezogen worden iiber den Ur-
sprung dessen, was man als Wandlungen in meiner
geistigen Entwickelung ansieht. Demgegeniiber haben
Freunde die Ansieht ausgesprochen, dafi es gut ware,
wenn ich selbst etwas iiber meinen Lebensgang schriebe.
Ich mufi gestehen, dafi dies nicht in meinen Neigun-
gen liegt. Denn es war stets mein Bestreben, das, was
ich zu sagen hatte, und was ich tun zu sollen glaubte,
so zu gestalten, wie es die Dinge, nicht das Personliche
forderten. Es war zwar immer meine Meinung, dafi das
Personliche auf vielen Gebieten den menschlichen Be-
tatigungen die wertvollste Farbung gibt. Allein mir
scheint, daft dies Personliche durch die Art, wie man
spricht und handelt, zur Offenbarung kommen mufi,
nicht durch das Hinblicken auf die eigene Personlich-
keit. Was aus diesem Hinblicken sich ergeben kann,
ist eine Sache, die der Mensch mit sich selbst abzu-
machen hat.
Und so kann ich mich zu der folgenden Darstellung
nur entschliefien, weil ich verpflichtet bin, manches
schiefe Urteil iiber den Zusammenhang meines Lebens
mit der von mir gepflegten Sache durch eine objektive
Beschreibung in das rechte Licht zu stellen, und weil
mir das Drangen freundlich gesinnter Menschen im
Hinblick auf diese Urteile als begriindet erscheint.
Meine Eltern hatten in Niederosterreich ihre Hei-
mat. Mein Vater ist in Geras, einem ganz kleinen Ort
im niederosterreichischen Waldviertel, geboren, meine
Mutter in Horn, einer Stadt in der gleichen Gegend.
Seine Kindheit und Jugend hat mein Vater im eng-
sten Zusammenhange mit dem Pramonstratenserstifte
in Geras verlebt. Er hat stets mit einer grofien Liebe auf
diese Zeit seines Lebens zuriickgeblickt. Er erzahlte
gerne, wie er im Stifte Dienste geleistet hat und wie er
von den Monchen unterrichtet worden ist. Er war dann
spater Jager in graflich-Hoyos'schen Diensten. Diese
Familie hatte ein Besitztum in Horn. Da lernte mein
Vater die Mutter kennen. Er verliefi. dann den Jagd-
dienst und trat als Telegraphist bei der osterreichischen
Siidbahn ein. Er war zuerst an einer kleinen Bahnstelle
in der siidlichen Steiermark angestellt. Dann wurde er
nach Kraljevec an der ungarisch-kroatischen Grenze
versetzt. In dieser Zeit fand die Verheiratung mit meiner
Mutter statt. Deren Madchenname ist Blie. Sie stammt
aus einer alten Horner Familie. In Kraljevec bin ich am
27. Februar 1861 geboren. — So ist es gekommen, dafi
mein Geburtsort weit abliegt von der Erdgegend, aus
der ich stamme.
Sowohl mein Vater wie meine Mutter waren echte
Kinder des herrlichen niederosterreichischen Waldlan-
des nordlich von der Donau. Es ist eine Gegend, in die
erst spat die Eisenbahn eingezogen ist. Geras wird heute
noch nicht von ihr beriihrt. — Meine Eltern liebten, was
sie in der Heimat erlebt hatten. Und wenn sie davon
sprachen, empfand man instinktiv, wie sie mit ihrer
Seele diese Heimat nicht verlassen hatten, trotzdem sie
Der Vater, Johann Steiner,
1829-1910
Die Schwester Leopoldine
(1864-1927) und
Rudolf Steiner (stehend,
ca. 4 Jahre alt)
Wohnung der Familie Steiner im Stationsgebaude von Pottschach
das Schicksal dazu bestimmt hatte, den grolken Teil
ihres Lebens fern von ihr durchzumachen. Als dann
mein Vater nach einem arbeitsreichen Leben sich in den
Ruhestand versetzen liefi, zogen sie sogleich wieder
dahin — nach Horn.
Mein Vater war ein durch und durch wohlwollender
Mann, aber mit einem Temperament, das namentlich,
als er noch jung war, leidenschaftlich aufbrausen konnte.
Der Eisenbahndienst war ihm Pflicht; mit Liebe hing er
nicht an ihm. Als ich noch Knabe war, mufite er zu
Zeiten drei Tage und drei Nachte hindurch Dienst lei-
sten. Dann wurde er fur vierundzwanzig Stunden abge-
lost. So bot ihm das Leben nichts Farbiges, nur Grau-
heh. Gerne beschaftigte er sich damit, die politischen
Verhaltnisse zu verfolgen. Er nahm an ihnen den leb-
haftesten Anteil. Meine Mutter mufite, da Glucksgtiter
nicht vorhanden waren, in der Besorgung der haus-
lichen Angelegenheiten aufgehen. Liebevolle Pflege
ihrer Kinder und der kleinen Wirtschaft fiillten ihre
Tage aus.
Als ich einundeinhalbes Jahr alt war, wurde mein Va-
ter nach Modling bei Wien versetzt. Dort blieben meine
Eltern ein halbes Jahr. Dann wurde meinem Vater
die Leitung der kleinen Sudbahnstation Pottschach in
Niederosterreich, nahe der steirischen Grenze, iibertra-
gen. Ich verlebte da die Zeit von meinem zweiten bis
zu meinem achten Jahre. Eine wundervolle Landschaft
umschlofi meine Kindheit. Der Ausblick ging auf die
Berge, die Niederosterreich mit Steiermark verbinden:
Der «Schneeberg», Wechsel, die Raxalpe, der Semme-
ring. Der Schneeberg fing mit seinem nach oben hin
kahlen Gestein die Sonnenstrahlen auf, und was diese
verkiindeten, wenn sie vom Berge nach dem kleinen
Bahnhof strahlten, das war an schonen Sommertagen
der erste Morgengrufi. Der graue Rucken des «Wech-
sel» bildete dazu einen ernst stimmenden Kontrast. Das
Griin, das von iiberall her in dieser Landschaft freund-
lich lachelte, liefi die Berge gleichsam aus sich hervor-
steigen. Man hatte in der Ferae des Umkreises die Maje-
stat der Gipfel, und in der unmittelbaren Umgebung
die Anmut der Natur.
Auf dem kleinen Bahnhofe aber vereinigte sich alles
Interesse auf den Eisenbahnbetrieb. Es verkehrten zwar
damals in dieser Gegend die Ziige nur in grofieren Zeit-
abstanden; aber wenn sie kamen, waren zumeist eine
Anzahl von Menschen des Dorfes, die Zeit hatten, am
Bahnhof versammelt, um Abwechslung in das Leben
zu bringen, das ihnen sonst anscheinend eintonig vor-
kam. Der Schullehrer, der Pfarrer, der Rechnungsfiihrer
des Gutshofes, oft der Biirgermeister erschienen da.
Ich glaube, daft es fur mein Leben bedeutsam war,
in einer solchen Umgebung die Kindheit verlebt zu
haben. Denn meine Interessen wurden stark in das
Mechanische dieses Daseins hineingezogen. Und ich
weift, wie diese Interessen den Herzensanteil in der
kindlichen Seele immer wieder verdunkeln wollten, der
nach der anmutigen und zugleich grofiziigigen Natur
hin ging, in die hinein in der Feme diese dem Mechanis-
mus unterworfenen Eisenbahnzuge doch jedesmal ver-
schwanden.
In all das hinein spielte der Eindruck von einer Per-
sonlichkeit, die von einer groften Originalitat war: die
des Pfarrers von St. Valentin, einem One, der in etwa
dreiviertel Stunden von Pottschach aus zu Fufi erreicht
werden konnte. Dieser Pfarrer kam gerne in mein
Elternhaus. Er machte fast taglich seinen Spaziergang
zu uns und hielt sich stets langere Zeit auf. Er war der
Typus des liberalen katholischen Geistlichen, tolerant,
leutselig. Ein robuster, breitschultriger Mann. Er war
witzig, sprach gerne in Schnurren und liebte es, wenn
die Menschen um ihn lachten. Und man lachte noch
weiter iiber das, was er gesagt hatte, wenn er schon
lange fort war. Er war ein Mann des praktischen Le-
bens; und er gab auch gern gute praktische Ratschlage.
Ein solcher hat in meiner Familie dauernd fortgewirkt.
Die Bahngleise in Pottschach waren an den Seiten be-
gleitet mh Akazienbaumen (Robinien). Wir gingen ein-
mal den schmalen Gehweg, der langs dieser Baumreihe
fiihrte. Da sagte er: «Ach, welch schone Akazienbliiten
sind da.» Und flugs schwang er sich auf einen der
Baume und pfliickte eine gro£e Menge dieser Bliiten.
Dann breitete er sein sehr grofies rotes Taschentuch aus
— er schnupfte leidenschaftlich — , wickelte sorgfaltig die
Beute ein und nahm das «Binkerl» unter den Arm.
Dann sagte er: «Sie haben es gut, dafi Sie soviel Aka-
zien haben. » Mein Vater war erstaunt und erwiderte:
«Ja, was konnen uns die niitzen?» «Waaas», sagte der
Pfarrer, «wissen Sie denn nicht, daft man die Akazien-
bliiten backen kann wie den Holunder, und dafi sie viel
besser schmecken, weil sie ein viel feineres Aroma ha-
ben.» Und von der Zeit an gab es oft, wenn dazu Gele-
genheit war, yon Zeit zu Zeit auf unserem Familien-
tisch «geback*ene Akazienbliiten».
In Pottschach wurden meinen Eltern noch eine Toch-
ter und ein Sohn geboren, Eine weitere Vergrofierung
der Familie fand .nicht statt.
Eine sonderbare Eigenheit hatte ich als ganz kleiner
Junge. Es mufke von dem Zeitpunkte an, da ich selb-
standig essen konnte, sehr auf mich acht gegeben wer-
den. Denn ich hatte die Meinung ausgebildet, daft ein
Suppenteller oder eine Kaffeetasse nur zum einmaligen
Gebrauch bestimmt sei. Und so warf ich denn jedesmal,
wenn ich unbeachtet war, nach eingenommenem Essen,
Teller oder Tasse unter den Tisch, daft sie in Scherben
zerbrachen. Kam dann die Mutter heran, dann empfing
ich sie mit dem Ausruf: «Mutter, ich bin schon fertig.»
Es kann dies bei mir nicht Zerstorungswut gewesen
sein. Denn meine Spielsachen behandelte ich mit pein-
Hcher Sorgfalt und hielt sie lange in gutem Zustande.
Unter diesen Spielsachen fesselten mich besonders die-
jenigen, deren Art ich auch heute fur besonders gut halte.
Es waren Bilderbiicher mit beweglichen Figuren, die
unten an Faden gezogen werden konnen. Man verfolgte
kleine Erzahlungen an diesen Bildern, denen man einen
Teil ihres Lebens dadurch selbst gab, daft man an den
Faden zog. Vor diesen Bilderbuchern saft ich oft stunden-
lang mit meiner Schwester. Ich lernte an ihnen auch,
wie von selbst, die Anfangsgriinde des Lesens.
Mein Vater war darauf bedacht, daft ich friih lesen
und schreiben lernte. Als ich das schulpflichtige Alter
erreicht hatte, wurde ich in die Dorfschule geschickt.
Der Schullehrer war ein alter Herr, dem das Schule-
Halten eine lastige Beschaftigung war. Mir aber war das
Unterrichtet-Werden von ihm auch eine lastige Beschaf-
tigung. Ich glaubte iiberhaupt nicht, dafi ich durch ihn
etwas lernen konne. Denn er kam mit seiner Frau und
seinem Sohnlein oft in unser Haus. Und dieses Sohnlein
war nach meinen damaligen Begriffen ein Schlingel. Da
hatte ich es mir denn in den Kopf gesetzt: wer einen
solchen Schlingel zum Sohn hat, von dem kann man
nichts lernen. Nun aber kam auch noch etwas «ganz
Schreckliches» vor. Einmal machte sich dieser Schlingel,
der auch in der Schule war, den Spafi, mit einem Holz-
span in alle Tintenfasser der Schule zu tauchen und
rings um sie Kreise aus Tintenklecksen zu bilden. Der
Vater bemerkte dies. Die Mehrzahl der Schuler waren
schon fort. Ich, der Lehrersohn und noch ein paar Bu-
ben waren zuriickgeblieben. Der Schullehrer war aufier
sich, schimpfte fiirchterlich. Ich war iiberzeugt, er wiirde
sogar «briillen», wenn er nicht standig heiser gewesen
ware. Trotz seines Tobens ging ihm durch unser Beneh-
men ein Licht dariiber auf, wer der Ubeltater war. Aber
da kam es doch anders. Die Lehrerwohnung stieft an
das Schulzimmer. Die «Frau Oberlehrerin» hatte die
Aufregung gehort, kam herein, hatte wilde Augen und
fuchtelte mit den Armen. Fur sie war es klar, dafi ihr
Sohnlein das Ding nicht gedreht haben konnte. Sie be-
schuldigte mich. Ich lief davon. Mein Vater wurde wii-
tend, als ich die Sache nach Hause brachte. Und als die
Lehrersleute wieder zu uns kamen, da kiindigte er ihnen
mit der grofiten Deutlichkeit die Freundschaft und er-
klarte: «Mein Bub darf keinen Schritt mehr in Ihre
Schule machen.» Und nun iibernahm mein Vater selbst
den Unterricht. Und so safi ich denn stundenlang neben
ihm in seiner Kanzlei, und sollte schreiben und lesen,
wahrend er zwischendurch die Amtsgeschafte verrichtete.
Ich konnte auch bei ihm kein rechtes Interesse zu
dem fassen, was durch den Unterricht an mich heran-
kommen solite. Fiir das, was mein Vater schrieb, inter-
essierte ich mich. Ich wollte nachmachen, was er tat.
Dabei lernte ich so manches. Zu dem, was von ihm zu-
gerichtet wurde, dafi ich es zu meiner Ausbildung tun
sollte, konnte ich kein Verhaltnis finden. Dagegen
wuchs ich auf kindliche Art in alles hinein, was prak-
tische Lebensbetatigung war. Wie der Eisenbahndienst
verlauft, was alles mit ihm verbunden ist, erregte meine
Aufmerksamkeit. Besonders aber war es das Natur-
gesetzliche, das mich gerade in seinen kleinen Auslau-
fern anzog. Wenn ich schrieb, so tat ich das, weil ich
eben muftte; ich tat es sogar moglichst schnell, damit
ich eine Seite bald vollgeschrieben hatte. Denn nun
konnte ich das Geschriebene mit Streusand, dessen sich
mein Vater bediente, bestreuen. Und da fesselte mich
dann, wie schnell der Streusand mit der Tinte auftrock-
nete und welches stoffliche Gemenge er mit ihr gab. Ich
probierte immer wieder mit den Fingern die Buchstaben
ab; welche schon aufgetrocknet seien, welche nicht.
Meine Neugierde dabei war sehr grofi, und dadurch
kam ich zumeist zu friih an die Buchstaben heran.
Meine Schriftproben nahmen dadurch eine Gestalt an,
die meinem Vater gar nicht gefiel. Er war aber gutmutig
und strafte mich nur damit, daft er mich oft einen un-
verbesserlichen «Patzer» nannte. — Es war dies aber
nicht die einzige Sache, die sich bei mir aus dem Schrei-
ben entwickelte. Mehr als meine Buchstabenformen in-
teressierte mich die Gestalt der Schreibfeder. Wenn ich
das Papiermesser meines Vaters nahm, so konnte ich es
in den Schlitz der Feder hineintreiben und so physika-
lische Studien iiber die Elastizitat des Federnmateriales
machen. Ich bog dann allerdings die Feder wieder zu-
sammen; aber die Schonheit meiner Schriftwerke litt
gar sehr darunter.
Das war auch die Zeit, wo ich mit meinem Sinn fiir
Erkenntnis der Naturvorgange mitten hineingestellt
wurde zwischen das Durchschauen eines Zusammen-
hanges und die «Grenzen der Erkenntnis ». Etwa drei
Minuten von meinem Elternhause entfernt befand sich
eine Muhle. Die Miillersleute waren die Paten meiner
Geschwister. Wir wurden in der Muhle gern gesehen.
Ich verschwand gar oft dahin. Denn ich «studierte» mit
Begeisterung den Miihlenbetrieb. Da drang ich in das
«Innere der Natur». Noch naher aber lag eine Spinn-
fabrik. Die Rohmaterialien fiir diese kamen auf der
Bahnstation an; die fertigen Erzeugnisse gingen ab. Ich
war bei alledem dabei, was in die Fabrik verschwand,
und was sich wieder aus ihr offenbarte. Einen Blick «ins
Innere» zu tun, war streng verboten. Es kam nie dazu.
Da waren die «Grenzen der Erkenntnis ». Und ich hatte
diese Grenzen so gerne iiberschritten. Denn fast jeden
Tag kam der Direktor der Fabrik in Geschaftssachen zu
meinem Vater. Und dieser Direktor war fiir mich Kna-
ben ein Problem, das mir das Geheimnis des «Innern»
des Werkes wie mit einem Wunder verhiillte. Er war
an vielen Stellen seines Korpers mit weissen Flocken
bedeckt; er machte Augen, die von dem Maschinenwerk
eine gewisse Unbeweglichkeit bekommen hatten. Er
sprach rauh wie in einer mechanisierten Sprache. «Wie
hangt dieser Mann mit dem zusammen, was jene
Mauern umschlie$en?» Dies unlosbare Problem stand
vor meiner Seele. Ich fragte aber auch niemanden nach
dem Geheimnis. Denn es war meine Knabenmeinung,
dafi es nichts hilft, wenn man iiber eine Sache fragt, die
man nicht sehen kann. So lebte ich dahin zwischen der
freundlichen Miihle und der unfreundlichen Spinn-
fabrik.
Einmal gab es auf der Bahnstation etwas ganz «Er-
schutterndes». Ein Eisenbahnzug mit Frachtgutern sauste
heran. Mein Vater sah ihm entgegen. Ein hinterer Wa-
gen stand in Flammen. Das Zugspersonal hatte nichts
davon bemerkt. Der Zug kam bis zu unserer Station
brennend heran. Alles, was sich da abspielte, machte
einen tiefen Eindruck auf mich. In einem Wagen war
Feuer durch einen leicht entziindlichen Stoff entstanden.
Lange Zeit beschaftigte mich die Frage, wie dergleichen
geschehen kann. Was mir meine Umgebung dariiber
sagte, war, wie in ahnlichen Dingen, fur mich nicht
befriedigend. Ich war voller Fragen; und muike diese
unbeantwortet mit mir herumtragen. So wurde ich acht
Jahre alt. —
Als ich im achten Lebensjahre stand, ubersiedelte
meine Familie nach Neudorfl, einem kleinen ungari-
schen Dorfe. Das liegt unmittelbar an der Grenze gegen
Niederosterreich hin. Diese Grenze wird durch den
Laytha-FluE gebildet. Die Bahnstation, die nun mein
Vater zu besorgen hatte, liegt an dem einen Ende des
Dorfes. Man hatte eine halbe Stunde bis zum Grenzflufi
zu gehen. Nach einer weiteren halben Stunde kam man
nach Wiener-Neustadt.
Die Alpengebirge, die ich in Pottschach ganz in der
Nahe sah, waren nun nur noch in der Feme sichtbar.
Aber sie standen eben doch erinnerungweckend im Hin-
tergrunde, wenn man auf die kleineren Berge blickte,
die in kurzer Zeit von dem neuen Wohnorte meiner
Familie zu erreichen waren. Mafiige Erhebungen mit
schonen Waldungen begrenzten den einen Ausblick;
der andere konnte iiber ebenes, mit Feld und Wald be-
decktes Land nach Ungarn hineinschweifen. Von den
Bergen war mir besonders der unbegrenzt lieb gewor-
den, der in drei Viertelstunden zu besteigen war. Er trug
auf seinem Gipfel eine Kapelle, in der ein Bildnis der
hi. Rosalia war. Diese Kapelle bildete den Endpunkt
eines Spazierganges, den ich erst oft mit meinen Eltern
und Geschwistern und spater gerne allein machte. Sol-
che Spaziergange machten auch dadurch eine besondere
Freude, daft man in der entsprechenden Jahreszeit mit
reichlichen Gaben der Natur beschenkt zuriickkehren
konnte. Denn in den Waldern waren Brombeeren, Him-
beeren, Erdbeeren zu finden. Man konnte oft eine innige
Befriedigung daran haben, durch ein anderthalbstiin-
diges Sammeln eine schone Zugabe zu dem Familien-
abendbrot hinzuzufugen, das sonst fur jeden nur aus
einem Butterbrot oder einem Snick Brot mit Kase
bestand.
Noch anderes Erfreuliches brachte das Herumstreifen
in diesen Waldern, die Gemeindegut waren. Die Leute
des Dorfes holten von dort ihren Holzvorrat. Die
Armeren sammelten ihn personlich, die Wohlhaben-
deren liefien ihn durch Knechte besorgen. Man lernte
sie alle kennen, diese meist gemiitvollen Menschen.
Denn sie hatten stets Zeit zu plaudern, wenn der «Stei-
ner-Rudolf» zu ihnen hinzutrat. «Na du willst di a
wieder a bissl dagehn, Steiner-Rudolf», so fing es an,
und dann wurde von allem moglichen geredet. Die
Leute achteten nicht darauf, dafi sie doch ein Kind vor
sich hatten. Denn sie waren im Grunde in ihrer Seele
auch noch Kinder, auch wenn sie schon sechzig Jahre
zahlten. Und so wulke ich aus diesen Erzahlungen
eigentlich fast alles, was auch im Innern der Hauser
dieses Dorfes vor sich ging.
Eine halbe Stunde Fuftweg von Neudorfl entfernt ist
Sauerbrunn mit einer Quelle von eisen- und kohlen-
saurehaltigem Wasser. Der Weg dahin geht der Eisen-
bahnlinie entlang und teilweise durch schone Walder.
Wenn Schulferien waren, ging ich jeden Tag ganz friih
morgens dahin, beladen mit einem «Blutzer». Das ist
ein Wasserbehalter aus Ton. Der meinige fafite etwa
drei bis vier Liter. Den konnte man ohne Entgelt an der
Quelle fiillen. Beim Mittag konnte dann die Familie das
wohlschmeckende perlende Wasser geniefien.
Gegen Wiener-Neustadt und weiter gegen die Steier-
mark zu fallen die Berge in die Ebene ab. Durch diese
schlangelt sich der Laytha-Flufi hindurch. Am Berg-
abhange lag ein Redemptoristen-Kloster. Den Monchen
begegnete ich oft auf meinen Spaziergangen. Ich weifi
noch, wie gerne ich von ihnen ware angesprochen wor-
den. Sie taten es nie. Und so trug ich von der Begeg-
nung nur immer einen unbestimmten, aber feierlichen
Eindruck davon, der mir immer lange nachging. Es war
in meinem neunten Lebensjahre, da setzte sich in mir
die Idee fest: im Zusammenhange mit den Aufgaben
dieser Monche miissen wichtige Dinge sein, die ich
kennen lernen miisse. Auch da war es wieder so, dafi
ich voller Fragen war, die ich unbeantwortet mit mir
herumtragen mufke. Ja, diese Fragen iiber alles mog-
liche machten mich als Knaben recht einsam.
An den Alpen-Vorbergen waren die beiden Schlosser
Pitten und Frohsdorf sichtbar. In dem letztern wohnte
zu jener Zeit der Graf Chambord, der im Beginne der
siebziger Jahre als Heinrich der Fiinfte hat Konig von
Frankreich werden wollen. Es waren starke Eindriicke,
die ich von dem Snick Leben empfing, das mit dem
Schlofi Frohsdorf verbunden war. Der Graf mit seinem
Gefolge fuhr des ofteren von der Bahnstation Neudorfl
ab. Alles an diesen Menschen zog meine Aufmerksam-
keit an. Besonders tiefen Eindruck machte ein Mann des
graflichen Gefolges. Er hatte nur ein Ohr. Das andere
war glatt hinweggehauen. Die dariiberliegenden Haare
hatte er geflochten. Ich erfuhr an diesem Anblick zum
erstenmale, was ein Duell ist. Denn der Mann hatte das
eine Ohr bei einem solchen eingebiifit.
Auch ein Stuck sozialen Lebens enthiillte sich mir im
Zusammenhange mit Frohsdorf. Der Hilfslehrer von
Neudorfl, in dessen Privatzimmerchen ich oft seinen
Arbeiten zusehen durfte, verfertigte unzahlige Bettel-
gesuche fur die armeren Bewohner des Dorfes und der
Umgegend an den Grafen Chambord. Auf jedes solches
Gesuch hin kam ein Gulden als Unterstutzung an, von
dem der Lehrer fur seine Muhe immer sechs Kreuzer
behalten durfte. Diese Einnahme brauchte er. Denn sein
Amt brachte ihm jahrlich — achtundftinfzig Gulden ein.
Dazu hatte er Morgenkaffee und Mittagstisch beim
«Schulmeister». Er gab dann noch etwa zehn Kindern,
unter denen auch ich war, «Extrastunden». Dafiir zahlte
man monatlich einen Gulden.
Diesem Hilfslehrer verdanke ich viel. Nicht, dafi ich
von seinem Schulehalten viel gehabt hatte. Damit ging
es mir nicht viel anders als in Pottschach. Ich wurde
sogleich nach der Ubersiedlung nach Neudorfl in die
dortige Schule geschickt. Sie bestand aus einem Schul-
zimmer, in dem funf Klassen, Knaben und Madchen,
zugleich unterrichtet wurden. Wahrend die Buben, die
in meiner Bankreihe safien, die Geschichte vom Konig
Arpad abschreiben mulken, standen die ganz kleinen an
einer Tafel, auf der ihnen das i und u mit Kreide auf-
gezeichnet wurden. Es war schlechterdings unmoglich,
etwas anderes zu tun, als die Seele stumpf briiten zu
lassen und das Abschreiben mit den Handen fast me-
chanisch zu besorgen. Den ganzen Unterricht hatte der
Hilfslehrer fast allein zu besorgen. Der «Schulmeister»
erschien aufierst selten in der Schule. Er war zugleich
Dorfnotar; und man sagte, er habe in diesem Amte so
viel zu tun, dafi er nie Schule halten konne.
Und trotz alledem habe ich verhaltnismafiig friih gut
lesen gelernt. Dadurch konnte der Hilfslehrer mit etwas
in mein Leben eingreifen, das fur mich richtunggebend
geworden ist. Bald nach meinem Eintreten in die Neu-
dorfler Schule entdeckte ich in seinem Zimmer ein Geo-
metriebuch. Ich stand so gut mit diesem Lehrer, dafi ich
das Buch ohne weiteres eine Weile zu meiner Benut-
zung haben konnte. Mit Enthusiasmus machte ich mich
dariiber her. Wochenlang war meine Seele ganz erfullt
von der Kongruenz, der Ahnlichkeit von Dreiecken,
Vierecken, Vielecken; ich zergriibelte mein Denken mit
der Frage, wo sich eigentlich die Parallelen schneiden;
der pythagoreische Lehrsatz bezauberte mich.
Daft man seelisch in der Ausbildung rein innerlich
angeschauter Formen leben konne, ohne Eindriicke der
aufieren Sinne, das gereichte mir zur hochsten Befrie-
digung. Ich fand darin Trost fiir die Stimmung, die sich
mir durch die unbeantworteten Fragen ergeben hatte.
Rein im Geiste etwas erfassen zu konnen, das brachte
mir ein inneres Gliick. Ich weifi, daft ich an der
Geometrie das Gliick zuerst kennen gelernt habe.
In meinem Verhaltnisse zur Geometrie muft ich das
erste Aufkeimen einer Anschauung sehen, die sich all-
mahlich bei mir entwickelt hat. Sie lebte schon mehr
oder weniger unbewuftt in mir wahrend der Kindheit
und nahm um das zwanzigste Lebensjahr herum eine
bestimmte, vollbewuftte Gestalt an.
Ich sagte mir: die Gegenstande und Vorgange, welche
die Sinne wahrnehmen, sind im Raume. Aber ebenso
wie dieser Raum aufter dem Menschen ist, so befindet
sich im Innern eine Art Seelenraum, der der Schauplatz
geistiger Wesenheiten und Vorgange ist. In den Gedan-
ken konnte ich nicht etwas sehen wie Bilder, die sich
der Mensch von den Dingen macht, sondern Offen-
barungen einer geistigen Welt auf diesem Seelen-Schau-
platz. Als ein Wissen, das scheinbar von dem Menschen
selbst erzeugt wird, das aber trotzdem eine von ihm
ganz unabhangige Bedeutung hat, erschien mir die
Geometrie. Ich sagte mir als Kind natiirlich nicht deut-
lich, aber ich fiihlte, so wie Geometrie mufi man das
Wissen von der geistigen Welt in sich tragen.
Denn die Wirklichkeit der geistigen Welt war mir
so gewifi wie die der sinnlichen. Ich hatte aber eine Art
Rechtfertigung dieser Annahme notig. Ich wollte mir
sagen konnen, das Erlebnis von der geistigen Welt ist
ebenso wenig eine Tauschung wie das von der Sinnen-
welt. Bei der Geometrie sagte ich mir, hier darf man
etwas wissen, was nur die Seele selbst durch ihre eigene
Kraft erlebt; in diesem Gefiihle fand ich die Rechtferti-
gung, von der geistigen Welt, die ich erlebte, ebenso zu
sprechen wie von der sinnlichen. Und ich sprach so
davon. Ich hatte zwei Vorstellungen, die zwar unbe-
stimmt waren, die aber schon vor meinem achten Le-
bensjahr in meinem Seelenleben eine grofte Rolle spiel-
ten. Ich unterschied Dinge und Wesenheiten, «die man
sieht» und solche, «die man nicht sieht».
Ich erzahle diese Dinge wahrheitsgema£, trotzdem
die Leute, welche nach Griinden suchen, um die Anthro-
posophie fur phantastisch zu halten, vielleicht daraus
den Schlufi ziehen werden, ich ware eben als Kind
schon phantastisch veranlagt gewesen; kein Wunder,
dafi dann auch eine phantastische Weltanschauung sich
in mir ausbilden konnte.
Aber gerade deshalb, weil ich weifi, wie wenig ich
spater meinen personlichen Neigungen in der Schilde-
rung einer geistigen Welt nachgegangen bin, sondern
nur der inneren Notwendigkeit der Sache, kann ich
selbst ganz objektiv auf die kindlich unbeholfene Art
zuriickblicken, wie ich mir durch die Geometrie recht-
fertigte, dafi ich doch von einer Welt sprechen mufite,
«die man nicht sieht».
Nur das mufi ich auch sagen: ich lebte gerne in dieser
Welt. Denn ich hatte die Sinnenwelt wie eine geistige
Finsternis um mich empfinden miissen, wenn sie nicht
Licht von dieser Seite bekommen hatte.
Der Hilfslehrer in Neudorfl lieferte mir mit seinem
Geometriebuch die Rechtfertigung der geistigen Welt,
die ich damals brauchte.
Ich verdanke ihm auch sonst sehr viel. Er brachte mir
das kiinstlerische Element. Er spielte Violine und Kla-
vier. Und er zeichnete viel. Beides zog mich stark zu
ihm hin. Ich war, so viel es nur sein konnte, bei ihm.
Besonders das Zeichnen liebte er; und er veranlafke
mich, schon im neunten Jahre mit Kohlenstiften zu
zeichnen. Ich mufite unter seiner Anleitung auf diese
Art Bilder kopieren. Lange safi ich zum Beispiel iiber
dem Kopieren eines Portrats des Grafen Szechenyi.
Seltener in Neudorfl, aber oft in dem benachbarten
Orte Sauerbrunn konnte ich den tiefgehenden Eindruck
der ungarischen Zigeunermusik horen.
Das alles spielte in eine Kindheit hinein, die in un-
mittelbarer Nahe der Kirche und des Friedhofes verlebt
wurde. Der Neudorfler Bahnhof liegt wenige Schritte
von der Kirche ab, und zwischen beiden ist der Friedhof.
Ging man an dem Friedhof entlang und dann eine
kurze Strecke weiter, so kam man in das eigentliche
Dorf. Das bestand aus zwei Hauserreihen. Die eine be-
gann mit der Schule, die andere mit dem Pfarrhof. Zwi-
schen den beiden Hauserreihen floft ein Bachlein, und
an dessen Seiten waren stattliche Nufibaume. An dem
Verhaltnis zu diesen Nufibaumen bildete sich eine Rang-
ordnung unter den Kindern der Schule aus. Wenn die
Niisse anfingen, reif zu werden, so bewarfen die Buben
und Madchen die Baume mit Steinen und setzten sich
auf diese Art in den Besitz eines Wintervorrates von
Niissen. Im Herbste sprach keiner von viel anderem als
von der Grofte seiner Ausbeute an Niissen. Wer am
meisten erbeutet hatte, der war der angesehenste. Und
dann ging es stufenweise nach abwarts — bis zu mir,
dem letzten, der als «Fremder im Dorfe» kein Recht
hatte, an dieser Rangordnung teilzunehmen.
Beim Pfarrhof stie£ im rechten Winkel an die Haupt-
Hauserreihen des Dorfes, in denen die «grofien Bauern»
wohnten, eine Reihe von etwa zwanzig Hausern, in
deren Besitz die «mittleren» Dorfeinwohner waren. An-
stofiend an die Garten, die zum Bahnhof gehorten, war
dann noch eine Gruppe von Strohhausern, der Besitz
der «Kleinhausler». Diese bildeten die unmittelbare
Nachbarschaft meiner Familie. Die Wege vom Dorf aus
fuhrten nach den Feldern und Weinbergen, deren
Eigentiimer die Dorfleute waren. Bei Kleinhausler-
Leuten machte ich jedes Jahr die Weinlese und einmal
eine Dorfhochzeit mit.
Neben dem Hilfslehrer liebte ich von den Person-
lichkeiten, die an der Schulleitung beteiligt waren, den
Pfarrer. Er kam zweimal in der Woche regelmafiig zur
Erteilung des Religionsunterrichtes und auch sonst ofter
zur Inspektion in die Schule. Das Biid dieses Mannes
hat sich tief in meine Seele eingepragt; und er trat durch
mein ganzes Leben hindurch immer wieder in meiner
Erinnerung auf. Unter den Menschen, die ich bis zu
meinem zehnten, oder elften Jahre kennen lernte, war
er der weitaus bedeutendste. Er war energischer unga-
rischer Patriot. An der damals im Gange befindlichen
Magyarisierung des ungarischen Gebietes nahm er leb-
haften Anteil. Er schrieb aus dieser Gesinnung heraus
Aufsatze in ungarischer Sprache, die ich dadurch ken-
nen lernte, dafi sie der Hilfslehrer ins Reine abschreiben
mufite, und dieser mit mir, trotz meiner Jugend, iiber
den Inhalt immer sprach. Der Pfarrer war aber auch
ein tatkraftiger Arbeiter fiir die Kirche. Das trat mir
einmal recht eindringlich durch eine Predigt vor die
Seele,
In Neudorfl war namlich auch eine Freimaurerloge.
Sie war vor den Dorfbewohnern in Geheimnis gehiillt,
und von ihnen mit den allersonderbarsten Legenden
umwoben worden. Die leitende Rolle in dieser Frei-
maurerloge hatte der Direktor einer am Ende des Dor-
fes gelegenen Ziindwarenfabrik inne. Neben ihm kamen
unter den Personlichkeiten, die in unmittelbarer Nahe
daran beteiligt waren, nur noch ein anderer Fabrik-
direktor und ein Kleiderhandler in Betracht. Sonst
merkte man die Bedeutung der Loge nur an der Tat-
sache, dafi von Zek zu Zeit «weither» fremde Gaste
kamen, die den Dorfbewohnern im hohen Grade un-
heimlich vorkamen. Der Kleiderhandler war eine merk-
wiirdige Personlichkeit. Er ging stets mit gesenktem
Kopfe, wie in Gedanken versunken. Man nannte ihn
den «Simulierer», und man hatte durch seine Sonder-
barkeit weder die Moglichkeit, noch das Bediirfnis, an
ihn heranzukommen. Zu seinem Hause gehorte die
Freimaurerloge.
Ich konnte kein Verhaltnis zu dieser Loge gewinnen.
Denn nach der ganzen Art, wie sich die Menschen
meiner Umgebung in dieser Hinsicht benahmen, muftte
ich es auch da aufgeben, Fragen zu stellen; und dann
wirkten die ganz abgeschmackten Reden, die der Ziind-
warenfabrikbesitzer iiber die Kirche fiihrte, auf mich
abstofiend.
Der Pfarrer hielt nun eines Sonntags in seiner ener-
gischen Art eine Predigt, in der er die Bedeutung der
wahren Sittlichkeit fiir das menschliche Leben ausein-.
andersetzte und dann von den Feinden der Wahrheit in
Bildern sprach, die von der Loge hergenommen waren.
Dann lie£ er seine Rede gipfeln in dem Satze: «Ge-
liebte Christen, merket wer ein Feind dieser Wahrheit
ist, zum Beispiel ein Freimaurer und ein Jude.» Fiir
die Dorfleute waren damit der Fabrikbesitzer und der
Kleiderhandler autoritativ gekennzeichnet. Die Tatkraft,
mit der dies gesprochen wurde, gefiel mir ganz be-
sonders.
Auch diesem Pfarrer verdanke ich besonders durch
einen starken Eindruck aufierordentlich viel fiir meine
spatere Geistesorientierung. Er kam einmal in die
Schule, versammelte die «reiferen» Schiiler, zu denen er
mich rechnete, in dem kleinen Lehrerstiibchen um sich,
entfaltete eine Zeichnung, die er gemacht hatte, und er-
klarte uns an ihr das kopernikanische Weltsystem. Er
sprach dabei sehr anschaulich iiber die Erdbewegung
um die Sonne, iiber die Achsendrehung, die schiefe Lage
der Erdachse und iiber Sommer und Winter, sowie iiber
die Zonen der Erde. Ich war ganz von der Sache hin-
genommen, zeichnete tagelang sie nach, bekam dann
von dem Pfarrer noch eine Spezialunterweisung iiber
Sonnen- und Mondfinsternisse und richtete damals und
weiter aile meine Wifibegierde auf diesen Gegenstand.
Ich war damals etwa zehn Jahre alt und konnte
noch nicht orthographisch und grammatikalisch richtig
schreiben.
Von tiefgehender Bedeutung fiir mein Knabenleben
war die Nahe der Kirche und des um sie liegenden
Friedhofes. Alles, was in der Dorfschule geschah, ent-
wickelte sich im Zusammenhange damit. Das war nicht
nur durch die in jener Gegend damals herrschenden
sozialen und staatlichen Verhaltnisse bewirkt, sondern
vor allem dadurch, dafi der Pfarrer eine bedeutende
Personlichkeit war. Der Hilfslehrer war zugleich Orgel-
spieler der Kirche, Kustos der Meftgewander und der
anderen Kirchengerate; er leistete dem Pfarrer alle
Hilfsdienste in der Versorgung des Kultus. Wir Schul-
knaben hatten den Ministranten- und Chordienst zu ver-
richten bei Messen, Totenfeiern und Leichenbegangnis-
sen. Das Feierliche der lateinischen Sprache und des
Kultus war ein Element, in dem meine Knabenseele
gerne lebte. Ich war dadurch, dafi ich an diesem Kir-
chendienste bis zu meinem zehnten Jahre intensiv teil-
nahm, oft in der Umgebung des von mir so geschatzten
Pfarrers.
In meinem Elternhause fand ich in dieser meiner Be-
ziehung zur Kirche keine Anregung. Mein Vater nahm
daran keinen Anteil. Er war damals «Freigeist». Er ging
nie in die Kirche, mit der ich so verwachsen war; und
trotzdem ja auch er wahrend seiner Knaben- und Jiing-
lingsjahre einer solchen ergeben und dienstbar war. Das
anderte sich bei ihm erst wieder, als er als alter Mann,
in Pension, nach Horn, seiner Heimatgegend, zurtick-
zog. Da wurde er wieder ein «frommer Mann». Nur
war ich damals langst aufier allem Zusammenhang mit
dem Elternhause.
Mir steht von meiner Neudorfler Knabenzeit stark
dieses vor der Seele, wie die Anschauung des Kultus in
Verbindung mit der musikalischen Opferfeierlichkeit
vor dem Geiste in stark suggestiver Art die Ratselfragen
des Daseins aufsteigen lafk. Der Bibel- und Katechis-
mus-Unterricht, den der Pfarrer erteilte, war weit we-
niger wirksam innerhalb meiner Seelenwelt als das, was
er als Ausiibender des Kultus tat in Vermittelurig zwi-
schen der sinnlichen und der iibersinnlichen Welt. Von
Anfang an war mir das alles nicht eine blofie Form,
sondern tiefgehendes Erlebnis. Das war um so mehr der
Fall, . als ich damit im Elternhause ein Fremdling war.
Mein Gemiit verliefi das Leben, das ich mit dem Kultus
aufgenommen hatte, auch nicht bei dem, was ich in
meiner hauslichen Umgebung erlebte. Ich lebte ohne
Anteil an dieser Umgebung. Ich sah sie; aber ich dachte,
sann und empfand eigentHch fortwahrend mit jener
anderen Welt. Dabei darf ich aber durchaus sagen, dafS
ich kein Traumer war, sondern mich in alle lebensprak-
tischen Verrichtungen wie selbstverstandlich hineinfand.
Einen volligen Gegensatz zu dieser meiner Welt bil-
dete auch das Politisieren meines Vaters. Er wurde von
einem andern Beamten im Dienstturnus abgelost. Dieser
wohnte auf einer anderen Eisenbahnstation, die er mit-
versorgte. Er traf in Neudorfl nur alle zwei oder drei
Tage ein. In den unbeschaftigten Abendstunden politi-
sierten mein Vater und er. Es geschah das an dem Tisch,
der neben dem Bahnhof unter zwei machtigen, wunder-
vollen Lindenbaumen stand. Da waren die ganze Fa-
milie und der fremde Beamte versammelt. Die Mutter
strickte oder hakelte; meine Geschwister tummelten
sich; ich safi oft an dem Tisch und hone dem unauf-
horlichen Politisieren der beiden Manner zu. Mein An-
teil bezog sich aber nie auf den Inhalt dessen, was sie
sprachen, sondern auf die Form, welche das Gesprach
annahm. Sie waren immer uneinig; wenn der eine «Ja»
sagte, erwiderte der andere «Nein». Alles das aber
spielte sich immer zwar im Zeichen der Heftigkeit, ja
Leidenschaftlichkeit ab, aber auch in dem der Gutmiitig-
keit, die ein Grundzug im Wesen meines Vaters war.
In dem kleinen Kreise, der da ofter versammelt war,
und in dem sich oft «Honoratioren» des Ortes einfan-
den, erschien zuweilen ein Arzt aus Wiener-Neustadt.
Er behandelte viele Kranke des Ortes, in dem damals
kein Arzt war. Er machte den Weg von Wiener-Neu-
stadt nach Neudorfl zu Fufi, und kam dann, nachdem er
bei seinen Kranken war, nach dem Bahnhof, um den
Zug abzuwarten, mit dem er zuriickkehrte. Dieser Mann
gait in meinem Elternhause und bei den meisten Leu-
ten, die ihn kannten, als ein Sonderling. Er sprach nicht
gerne von seinem medizinischen Berufe, aber um so
lieber von deutscher Literatur. Von ihm habe ich zuerst
iiber Lessing, Goethe, Schiller sprechen gehort. In mei-
nem Elternhause war davon nie die Rede. Man wufite
davon nichts. Auch in der Dorfschule kam davon nichts
vor. Es war da alles auf ungarische Geschichte einge-
stellt. Pfarrer und Hilfslehrer hatten kein Interesse fiir
die Grofien der deutschen Literatur. Und so kam es, dafi
mit dem Wiener-Neustadtler Arzt eine ganz neue Welt
in meinen Gesichtskreis einzog. Der beschaftigte sich
gerne mit mir, nahm mich oft, nachdem er kurze Zeit
unter den Linden ausgeruht hatte, beiseite, ging mit mir
auf dem Bahnhofplatze auf und ab und sprach, nicht in
dozierender, aber enthusiastischer Art von deutscher
Literatur. Er entwickelte dabei allerlei Ideen iiber das-
jenige, was schon, was hafiKch ist.
Es ist mir auch dies ein Bild geblieben, das in meinem
ganzen Leben in meiner Erinnerung Festesstunden
feierte: der hochgewachsene, schlanke Arzt, mit seinem
kuhn ausschreitenden Gange, stets mit dem Regen-
schirm in der rechten Hand, den er so hielt, dafi er
neben dem Oberkorper schlenkerte, an der einen Seite,
und ich zehnjahriger Knabe, an der andern Seite, ganz
hingegeben dem, was der Mann sagte.
Neben alledem beschaftigten mich die Einrichtungen
der Eisenbahn stark. Am Stationstelegraphen lernte ich
die Gesetze der Elektrizitatslehre zunachst in der An-
schauung kennen. Auch das Telegraphieren lernte ich
schon als Knabe.
In der Sprache bin ich ganz aus dem deutschen Dia-
lekt herausgewachsen, der in dem ostlichen Niederoster-
reich gesprochen wird. Der war im wesentlichen auch
derjenige, der damals noch in den an Niederosterreich
angrenzenden Gegenden Ungarns iiblich war. Mein
Verhaltnis war ein ganz anderes zum Lesen als zum
Schreiben. Ich las in meiner Knabenzeit iiber die Worte
hinweg; ging mit der Seele unmittelbar auf Anschau-
ungen, Begriffe und Ideen, so dafi ich vom Lesen gar
nichts fur die Entwickelung des Sinnes fur orthogra-
phisches und grammatikalisches Schreiben hatte. Da-
gegen hatte ich beim Schreiben den Drang, genau die
Wortbilder so in Lauten festzuhalten, wie ich sie als
Dialektworte zumeist horte. Dadurch bekam ich nur
unter den grofken Schwierigkeiten einen Zugang zum
Schreiben der Schriftsprache; wahrend mir deren Lesen
vom Anfange an ganz leicht war.
Unter solchen Einfliissen wuchs ich heran zu dem
Lebensalter, in dem fur meinen Vater die Frage zu losen
war, ob er mich in das Gymnasium oder die Realschule
in Wiener-Neustadt geben solle. Von da ab horte ich
zwischen der Politik viel mit andern iiber mein kiinf-
tiges Lebensschicksal sprechen. Da wurde meinem Vater
dieser oder jener Rat ge geben; ich wuftte schon damals:
er hort gerne, was die andern sagen; aber er handelt
nach seinem eigenen, fest empfundenen Willen.
II.
Den Ausschlag bei der Entscheidung, ob ich auf das
Gymnasium oder die Realschule geschickt werden solle,
gab bei meinem Vater seine Absicht, mir die rechte Vor-
bildung fur eine «Anstellung» bei der Eisenbahn zu ver-
schaffen. Seine Vorstellungen drangten sich zuletzt in
die zusammen, ich sollte Eisenbahn-Ingenieur werden.
Das fiihrte zu der Wahl der Realschule.
Zunachst aber war die Frage zu entscheiden, ob ich
beim Ubergange von der Neudorfler Dorfschule zu einer
der Schulen des benachbarten Wiener-Neustadt iiber-
haupt fur eine dieser Schularten schon reif sei. Ich
wurde zunachst zur Aufnahmepriifung in die Biirger-
schule gefiihrt.
An mir selbst gingen die Vorgange, die nun fiir meine
Lebenszukunft eingeleitet wurden, ohne tiefergehendes
Interesse vor sich. Mir war in jenem Lebensalter die Art
meiner «Anstellung», mir war auch die Frage gleich-
giiltig, ob Burger- oder Realschule, oder Gymnasium.
Ich hatte durch das, was ich um mich beobachtet, was
ich in mir ersonnen hatte, unbestimmte, aber brennende
Fragen iiber Leben und Welt in der Seele und wollte
etwas lernen, um sie mir beantworten zu konnen. Mich
kiimmerte dabei wenig, durch welche Schulart das ge-
schehen sollte.
Die Aufnahmepriifung in die Biirgerschule bestand ich
sehr gut. Man hatte alle die Zeichnungen mitgebracht,
die ich bei meinem Hilfslehrer angefertigt hatte; und
diese machten auf die Lehrerschaft, die mich priifte,
einen so starken Eindruck, daft wohl dadurch hinweg-
gesehen wurde iiber meine mangelnden Kenntnisse. Ich
kam mit einem «glanzenden» Zeugnisse davon. Es war
helle Freude bei meinen Eltern, beim Hilfslehrer, beim
Pfarrer, bei vielen Honoratioren von Neudorfl. Man
war iiber meinen Erfolg froh, denn er war fur Viele
ein Beweis, dafi die «Neud6rfler Schule etwas leisten
konne».
Fur meinen Vater entsprang aus alledem der Ge-
danke, dafi ich nun, da ich so weit sei, gar nicht erst ein
Jahr in der Biirgerschule verbringen, sondern sogleich
in die Realschule kommen solle. So wurde ich denn
schon wenige Tage nachher zur Aufnahmepriifung in
diese gefiihrt. Da ging es zwar nicht so gut als vorher;
aber ich wurde doch zur Aufnahme zugelassen. Es war
im Oktober 1872.
Nun mufite ich taglich den Weg von Neudorfl nach
Wiener-Neustadt machen. Morgens konnte ich mit dem
Eisenbahnzuge fahren, abends mufite ich zu Fu$ zuriick-
kehren, da ein Zug zur rechten Zeit nicht fuhr. Neu-
dorfl lag in Ungarn, Wiener-Neustadt in Niederoster-
reich. Ich kam also taglich von «Transleithanien» nach
«Cisleithanien». (So nannte man offiziell das ungarische
und das osterreichische Gebiet.)
Wahrend des Mittags blieb ich in Wiener-Neustadt.
Es hatte sich eine Dame gefunden, die mich bei einem
ihrer Aufenthalte auf dem Neudorfler Bahnhof kennen
gelernt und dabei erfahren hatte, dafi ich zur Schule
nach Wiener-Neustadt kommen werde. Meine Eltern
hatten ihr ihre Sorge dariiber mitgeteilt, wie ich iiber
den Mittag bei meinen Schulbesuchen hinwegkommen
werde. Sie erklarte sich bereit, mich in ihrem Hause
unentgeltlich essen zu lassen und mich jederzeit aufzu-
nehmen, wenn ich es notig hatte.
Der Fufiweg von Wiener-Neustadt nach Neudorfl ist
im Sommer sehr schon; im Winter war er oft beschwer-
lich. Ehe man von dem Stadtende zum Dorfe kam,
mufite man iiber einen Feldweg von einer halben Stunde
gehen, der vom Schnee nicht gesaubert wurde. Da hatte
ich oft durch Schnee zu «waten», der bis an die Knie
ging, und kam als «Schneemann» zu Hause an.
Das Stadtleben konnte ich in der Seek nicht in der
gleichen Art mitmachen, wie das auf dem Lande. Ich
stand vertraumt dem gegeniiber, was zwischen und in
den aneinandergepferchten Hausern vorging. Nur vor
den Buchhandlungen Wiener-Neustadts blieb ich oft
lange stehen.
Auch was in der Schule vorgebracht wurde und was
ich selbst da zu tun hatte, ging ohne ein lebhafteres
Interesse an meiner Seele zunachst voriiber. Ich hatte in
den beiden ersten Klassen viele Miihe, mitzukommen.
Erst im zweiten Halbjahr der zweiten ging es besser.
Da war ich erst ein «guter Schiiler» geworden.
Ich hatte ein mich stark beherrschendes Bediirfnis.
Ich sehnte mich nach Menschen, denen ich wie Vorbil-
dern menschlich nachleben konnte. Solche fanden sich
unter den Lehrern der beiden ersten Klassen nicht.
In dieses Erleben in der Schule trat nun wieder ein
Ereignis, das tief in meine Seele hineinwirkte. Der Schul-
direktor hatte in einem der Jahresberichte, die am Ende
eines jeden Schuljahres ausgegeben wurden, einen Auf-
satz erscheinen lassen: «Die Anziehungskraft betrachtet
als eine Wirkung der Bewegung.» Ich konnte als elf-
jahriger Junge von dem Inhalte zunachst fast nichts ver-
stehen. Denn es fing gleich mit hoherer Mathematik an.
Aber von einzelnen Satzen erhaschte ich doch einen
Sinn. Es bildete sich in mir eine Gedankenbriicke von
den Lehren iiber das Weltgebaude, die ich von dem
Pfarrer erhalten hatte, bis zu dem Inhalte dieses Auf-
satzes. In diesem war auch auf ein Buch verwiesen, das
der Direktor geschrieben hatte: «Die allgemeine Bewe-
gung der Materie als Grundursache aller Naturerschei-
nungen.» Ich sparte so lange, bis ich mir das Buch kau-
fen konnte. Es wurde nun eine Art Ideal von mir, alles
so schnell als moglich zu lernen, was mich zum Ver-
standnis des Inhaltes von Aufsatz und Buch fiihren
konnte.
Es handelte sich um folgendes. Der Schuldirektor
hielt die von dem Stoffe aus in die Feme wirkenden
«Krafte» fur eine unberechtigte «mystische» Hypothese.
Er wollte die «Anziehung» sowohl der Himmelskorper,
wie auch der Molekiile und Atome ohne solche
«Krafte» erklaren. Er sagte, zwischen zwei Korpern be-
finden sich viele in Bewegung begriffene kleinere Kor-
per. Diese stolen, sich hin und her bewegend, auf die
grofieren Korper. Ebenso werden diese an den Seiten
tiberall gestofien, an denen sie von einander abgewandt
sind. Die Stofie, die auf die abgewandten Seken aus-
geiibt werden, sind zahlreicher als die in dem Raum
zwischen den beiden Korpern. Dadurch nahern sich
diese. Die «Anziehung» ist keine besondere Kraft, son-
dern nur eine «Wirkung der Bewegung». Zwei Satze
fand ich ausgesprochen auf den ersten Seiten des Bu-
ches: «i. Es existiert ein Raum und in diesem eine Be-
wegung durch langere Zeit. z. Raum und Zeit sind kon-
tinuierliche homo gene Groften; die Materie aber besteht
aus gesonderten Teilchen (Atomen).» Aus den Bewe-
gungen, die auf die beschriebene Art zwischen den
kleinen und grofien Teilen der Materie entstehen, wollte
der Verfasser alle physikalischen und chemischen Natur-
vorgange erklaren.
Ich hatte nichts in mir, was in irgendeiner Art dazu
drangte, mich zu dieser Anschauung zu bekennen; aber
ich hatte das Gefiihl, es werde eine grofie Bedeutung fiir
mich haben, wenn ich das auf diese Art Ausgesprochene
verstehen werde. Und ich tat alles dazu, um dahin zu
gelangen. Wo ich nur mathematische und physikalische
Biicher auftreiben konnte, beniitzte ich die Gelegenheit.
Es ging recht langsam. Ich setzte mit dem Lesen von
Aufsatz und Buch immer wieder an; es ging jedesmal
etwas besser.
Nun kam etwas anderes hinzu. In der dritten Klasse
erhielt ich einen Lehrer, der wirklich das «Ideal» er-
fiillte, das vor meiner Seele stand. Ihm konnte ich nach-
streben. Er unterrichtete Rechnen, Geometrie und Phy-
sik. Sein Unterricht war von einer au£erordentlichen
Geordnetheit und Durchsichtigkeit. Er baute alles so
klar aus den Elementen auf, dafi es dem Denken im
hochsten Grade wohltatig war, ihm zu folgen.
Ein zweiter Jahresberichtsaufsatz der Schule war von
ihm. Er war aus dem Gebiete der Wahrscheinlichkeits-
rechnung und des Lebensversicherungsrechnens. Ich ver-
tiefte mich auch in diesen Aufsatz, obwohl ich auch von
ihm noch nicht viel verstehen konnte. Aber ich kam
doch bald dazu, den Sinn der Wahrscheinlichkeitsrech-
nung zu begreifen. Eine noch wichtigere Folge aber fur
mich war, dafi ich an der Exaktheit, mit welcher der ge-
liebte Lehrer die Materie durchgefiihrt hatte, ein Vor-
bild fur mein mathematisches Denken hatte. Das aber
liefi nun ein wunderschones Verhaltnis zwischen diesem
Lehrer und mir entstehen. Ich empfand es begliickend,
diesen Mann nun durch alle Realschulklassen hindurch
als Lehrer der Mathematik und Physik zu haben.
Mit dem, was ich durch ihn lernte, kam ich dem
Ratsel, das mir durch die Schriften des Schuldirektors
aufgegeben war, immer naher.
Mit einem andern Lehrer kam ich erst nach langerer
Zeit in ein naheres seelisches Verhaltnis. Es war der-
jenige, der in den unteren Klassen geometrisches Zeich-
nen und in den oberen darstellende Geometrie lehrte.
Er unterrichtete schon in der zweiten Klasse. Aber erst
im Verlaufe des Unterrichtes in der dritten ging mir der
Sinn fur seine Art auf. Er war ein grofiartiger Konstruk-
teur. Auch sein Unterricht war von musterhafter Klar-
heit und Geordnetheit. Das Zeichnen mit Zirkel, Lineal
und Dreieck wurde mir durch ihn zu einer Lieblings-
beschaftigung. Hinter dem, was ich durch den Schul-
direktor, den Mathematik- und Physiklehrer und den
des geometrischen Zeichnens in mich aufnahm, stiegen
nun in knabenhafter Auffassung die Ratselfragen des
Naturgeschehens in mir auf. Ich empfand: ich miisse
an die Natur heran, um eine Stellung zu der Geistes-
welt zu gewinnen, die in selbstverstandlicher Anschau-
ung vor mir stand.
Ich sagte mir, man kann doch nur zurechtkommen
mit dem Erleben der geistigen Welt durch die Seele,
wenn das Denken in sich zu einer Gestaltung kommt,
die an das Wesen der Naturerscheinungen herangelan-
gen kann. Mit diesen Gefiihlen lebte ich mich durch die
dritte und vierte Realschulklasse durch. Ich ordnete
alles, was ich lernte, selbst daraufhin an, mich dem
gekennzeichneten Ziele zu nahern.
Da ging ich einmal an einer Buchhandlung vorbei.
Im Schaufenster sah ich Kants «Kritik der reinen Ver-
nunft» in Reclams Ausgabe. Ich tat alles, um mir dies
Buch so schnell als moglich zu kaufen.
Als damals Kant in den Bereich meines Denkens ein-
trat, wufite ich noch nicht das geringste von dessen
Stellung in der Geistesgeschichte der Menschheit. Was
irgend ein Mensch iiber ihn gedacht hat, zustimmend
oder ablehnend, war mir ganzlich unbekannt. Mein un-
begrenztes Interesse an der Kritik der reinen Vernunft
wurde aus meinem ganz personlichen Seelenleben her-
aus erregt. Ich strebte auf meine knabenhafte Art da-
nach, zu verstehen, was menschliche Vernunft fur einen
wirklichen Einblick in das Wesen der Dinge zu leisten
vermag.
Die Kantlektiire fand mancherlei Hindernisse an den
aufteren Lebenstatsachen. Ich verlor durch den weiten
Weg, den ich zwischen Heim und Schule zuriickzulegen
hatte, taglich wenigstens drei Stunden. Abends kam ich
vor sechs Uhr nicht zu Hause an. Dann war eine end-
lose Masse von Schulaufgaben zu bewaltigen. Und an
Sonntagen gab ich mich fast ausschlieftlich dem kon-
struktiven Zeichnen hin. Es in der Ausfiihrung der
geometrischen Konstruktionen zur grofiten Exaktheit,
in der Behandlung des Schraffierens und Anlegens der
Farbe zur tadellosen Sauberkeit zu bringen, war mir ein
Ideal.
So blieb mir fur das Lesen der «Kritik der reinen Ver-
nunft» gerade damals kaum eine Zeit. Ich fand den fol-
genden Ausweg. Die Geschichte wurde uns so beige-
bracht, dafi der Lehrer scheinbar vortrug, aber in Wirk-
lichkeit aus einem Buche vorlas. Wir hatten dann von
Stunde zu Stunde das in dieser Art an uns Herange-
brachte aus unserem Buche zu lernen. Ich dachte mir,
das Lesen des im Buche Stehenden rau£ ich ja doch zu
Hause besorgen. Von dem «Vortrag» des Lehrers hatte
ich gar nichts. Ich konnte durch das Anhoren dessen,
was er las, nicht das geringste aufnehmen. Ich trennte
nun die einzelnen Bogen des Kantbuchleins auseinan-
der, heftete sie in das Geschichtsbuch ein, das ich in der
Unterrichtsstunde vor mir liegen hatte, und las nun
Kant, wahrend vom Katheder herunter die Geschichte
«gelehrt» wurde. Das war natiirlich gegeniiber der
Schuldisziplin ein grofies Unrecht; aber es storte nie-
mand und es beeintrachtigte so wenig, was von mir ver-
langt wurde, dafi ich damals in der Geschichte die Note
«vorziiglich» bekam.
In den Ferienzeiten wurde die Kantlektiire eifrig fort-
gesetzt. Ich las wohl manche Seite mehr als zwanzigmal
hintereinander. Ich wollte zu einem Urteile dariiber
kommen, wie das menschliche Denken zu dem Schaffen
der Natur steht.
Die Empfindungen, die ich gegeniiber diesen Denk-
bestrebungen hatte, wurden von zwei Seiten her beein-
fluftt. Zum ersten wollte ich das Denken in mir selbst
so ausbilden, dafi jeder Gedanke voll iiberschaubar
ware, dafi kein unbestimmtes Gefiihl ihn in irgendeine
Richtung brachte. Zum zweiten wollte ich einen Ein-
klang zwischen einem solchen Denken und der Reli-
gionslehre in mir herstellen. Denn auch diese nahm
mich damals im hochsten Grade in Anspruch. Wir hat-
ten gerade auf diesem Gebiete ganz ausgezeichnete Lehr-
biicher. Dogmatik und Symbolik, die Beschreibung des
Kultus, die Kirchengeschichte nahm ich aus diesen
Lehrbiichern mit wirklicher Hingebung auf. Ich lebte
ganz stark in diesen Lehren. Aber mein Verhaltnis zu
ihnen war dadurch bestimmt, dafi mir die geistige Welt
als ein Inhak der menschlichen Anschauung gait. Ge-
rade deshalb drangen diese Lehren so tief in meine
Seele, weil ich an ihnen empfand, wie der menschliche
Geist erkennend den Weg ins Ubersinnliche finden
kann. Die Ehrfurcht vor dem Geistigen — das weifi ich
ganz bestimmt — wurde mir durch dieses Verhaltnis zur
Erkenntnis nicht im geringsten genommen.
Auf der andern Seite beschaftigte mich unaufhorlich
die Tragweite der menschlichen Gedankenfahigkeit. Ich
empfand, dafi das Denken zu einer Kraft ausgebildet
werden konne, die die Dinge und Vorgange der Welt
wirklich in sich fafit. Ein «Stoff», der aufterhalb des
Denkens liegen bleibt, iiber den bloft «nachgedacht»
wird, war mir ein unertraglicher Gedanke. Was in den
Dingen ist, das mu£ in die Gedanken des Menschen
herein, das sagte ich mir immer wieder.
An dieser Empfindung stiefi aber auch immer wieder
das an, was ich bei Kant las. Aber ich merkte damals
diesen Anstoft kaum. Denn ich wollte vor allem durch
die «Kritik der reinen Vernunft» feste Anhaltspunkte
gewinnen, urn mit dem eigenen Denken zurecht zu
kommen. Wo und warm ich meine Ferienspaziergange
machte: ich mufite mich irgendwo still hinsetzen, und
mir immer von neuem zurechtlegen, wie man von ein-
fachen, iiberschaubaren Begriffen zur Vorstellung iiber
die Naturerscheinungen kommt. Ich verhielt mich zu
Kant damals ganz unkritisch; aber ich kam durch ihn
nicht weiter.
Ich wurde durch alles dieses nicht abgezogen von den
Dingen, welche die praktische Handhabung von Ver-
richtungen und die Ausbildung der menschlichen Ge-
schicklichkeit betrafen. Es fand sich, daft einer der Be-
amten, die meinen Vater im Dienste ablosten, die Buch-
binderei verstand. Ich lernte von ihm das Buchbinden
und konnte mir in den Ferien, die zwischen der vierten
und funften Realschulklasse lagen, meine Schulbiicher
selbst einbinden. Auch lernte ich in dieser Zeit wahrend
der Ferien die Stenographic ohne Lehrer. Trotzdem
machte ich dann die Stenographiekurse mit, die von der
funften Klasse an gehalten wurden.
Gelegenheit zum praktischen Arbeiten gab es genug.
Meinen Eltern war in der Umgebung des Bahnhofes ein
kleiner Garten mit Obstbaumen und ein kleines Kar-
toffelfeld zugeteilt. Kirschenpfliicken, die Gartenarbei-
ten besorgen, die Kartoffeln fur die Aussaat vorbereiten,
den Acker bestellen, die reifen Kartoffeln ausgraben, das
alles wurde von meinen Geschwistern und mir mit-
besorgt. Den Lebensmitteleinkauf im Dorfe zu besor-
gen, liefi ich mir in den Zeiten, die mir die Schule frei
liefi, nicht nehmen.
Als ich etwa funfzehn Jahre alt war, durfte ich zu
dem schon erwahnten Arzte in Wiener-Neustadt in ein
naheres Verhaltnis treten. Ich hatte ihn durch die Art,
wie er bei seinen Neudorfler Besuchen mit mir sprach,
sehr lieb gewonnen. So schlich ich denn ofter an seiner
Wohnung, die in einem Erdgeschosse an der Ecke zweier
ganz schmaler Gafichen in Wiener-Neustadt lag, vorbei.
Einmal war er am Fenster. Er rief mich in sein Zimmer.
Da stand ich vor einer fur meine damaligen Begriffe
«grofien» Bibliothek. Er sprach wieder von Literatur,
nahm dann Lessings «Minna von Barnhelm» aus der
Biichersammlung und sagte, das solle ich lesen und
dann wieder zu ihm kommen. So gab er mir immer
wieder Biicher zum Lesen und erlaubte mir, von Zeit zu
Zeit zu ihm zu gehen. Ich mufite ihm dann jedesmal,
wenn ich ihn besuchen durfte, von meinen Eindriicken
aus dem Gelesenen erzahlen. Er wurde dadurch eigent-
lich mein Lehrer in dichterischer Literatur. Denn diese
war mir bis dahin sowohl im Elternhause wie in der
Schule, aufier einigen «Proben», ziemlich feme geblie-
ben. Ich lernte in der Atmosphare des liebevollen, fur
alles Schone begeisterten Arztes besonders Lessing
kennen.
Ein anderes Ereignis beeinflulke tief mein Leben. Die
mathematischen Biicher, die Liibsen zum Selbstunter-
richt geschrieben hat, wurden mir bekannt. Da konnte
ich analytische Geometrie, Trigonometrie und auch Dif-
ferential- und Integralrechnung mir aneignen, lange be-
vor ich sie schulmafiig lernte. Das setzte mich in den
Stand, zu der Lektiire der Biicher iiber «Die allgemeine
Bewegung der Materie als Grundursache aller Natur-
erscheinungen» wieder zuriickzukehren. Denn nunmehr
konnte ich sie durch meine mathematischen Kenntnisse
besser verstehen. Es war ja auch mittlerweile zum Phy-
sikunterricht der aus der Chemie getreten und damit fur
mich eine neue Anzahl von Erkenntnisratseln zu den
alten. Der Chemielehrer war ein ausgezeichneter Mann.
Er gab den Unterricht fast ausschlieftlich experimentie-
rend. Er sprach wenig. Er lie$ die Naturvorgange fiir
sich sprechen. Er war einer unserer beliebtesten Lehrer.
Es war etwas Merkwiirdiges an ihm, wodurch er sich
fiir seine Schiiler von den andern Lehrern unterschied.
Man setzte von ihm voraus, dafi er zu seiner Wissen-
schaft in einem nahern Verhaltnisse stehe als die andern.
Diese sprachen wir Schiiler mit dem Titel «Professor»
an; ihn, trotzdem er ebensogut «Professor» war, mit
«Herr Doktor». Er war der Bruder des sinnigen tiroli-
schen Dichters Hermann v. Gilm. Er hatte einen Blick,
der die Aufmerksamkeit stark anzog. Man bekam das
Gefuhl, dieser Mann ist gewohnt, scharf auf die Natur-
erscheinungen hinzusehen und sie dann im Blicke zu
behalten.
Sein Unterricht verwirrte mich ein wenig. Die Fiille
der Tatsachen, die er brachte, konnte meine damals
nach Vereinheitlichung drangende Seelenart nicht im-
mer zusammenhalten. Dennoch mufi er die Ansicht ge-
habt haben, dafi ich in der Chemie gute Fortschritte
mache. Denn er gab mir von Anfang an die Note «lo-
benswert», die ich dann durch alle Klassen beibehielt.
In einem Antiquariat in Wiener-Neustadt entdeckte
ich eines Tages in jener Zeit die Weltgeschichte von
Rotteck. Geschichte war meiner Seele vorher, trotzdem
ich in der Schule die besten Noten bekam, etwas Aufier-
Hches geblieben. Jetzt wurde sie mir etwas Innerliches.
Die Warme, mit der Rotteck die geschichtlichen Ereig-
nisse ergriff und schilderte, rifi mich hin. Seinen einsei-
tigen Sinn in der Auffassung bemerkte ich noch nicht.
Durch ihn wurde ich dann weiter zu zwei andern Ge-
schichtsschreibern gebracht, die durch ihren Stil und
durch ihre geschichtliche Lebensauffassung den tiefsten
Eindruck auf mich machten: Johannes von Miiller und
Tacitus. Es wurde unter solchen Eindriicken fur mich
recht schwer, mich in den Schulunterricht aus Ge-
schichte und Literatur hineinzufinden. Aber ich ver-
suchte, mir diesen Unterricht durch alles das zu beleben,
was ich aufierhalb desselben mir angeeignet hatte. In
einer solchen Art verbrachte ich die Zeit in den drei
obern der sieben Realschulklassen.
Von meinem funfzehnten Lebensjahre an gab ich
Nachhilfestunden, entweder an Mitschiiler desselben
Jahrganges oder an Schuler, die in einem niedrigeren
Jahrgange waren als ich selbst. Man vermittelte mir von
Seite des Lehrerkollegiums gerne diesen Nachhilfe-
unterricht, denn ich gait ja als «guter Schuler ». Und
mir war dadurch die Moglichkeit geboten, wenigstens
ein Geringes zu dem beizusteuern, was meine Eltern
von ihrem karglichen Einkommen fur meine Ausbil-
dung aufwenden mufiten.
Ich verdanke diesem Nachhilfeunterricht sehr viel.
Indem ich den aufgenommenen Unterrichtsstoff an
Andere weiterzugeben hatte, erwachte ich gewisser-
mafien fur ihn. Denn ich kann nicht anders sagen, als
dafi ich die Kenntnisse, die mir selbst von der Schule
iibermittelt wurden, wie in einem Lebenstraume auf-
nahm. Wach war ich in dem, was ich mir selbst errang
oder was ich von einem geistigen Wohltater, wie dem
erwahnten Wiener-Neustadter Arzt, erhielt. Von dem,
was ich so in einen vollbewuftten Seelenzustand herein-
nahm, unterschied sich betrachtlich, was wie traumbild-
haft als Schulunterricht an mir voruberging. Fur die
Umbildung dieses halbwach Aufgenommenen sorgte
nun die Tatsache, daft ich meine Kenntnisse in den
Nachhilfestunden beleben muftte.
Andererseits war ich dadurch genotigt, mich in einem
friihen Lebensalter mit praktischer Seelenkunde zu be-
schaftigen. Ich lernte die Schwierigkeiten der mensch-
lichen Seelenentwickelung an meinen Schiilern kennen.
Den Mitschiilern des gleichen Jahrganges, die ich
unterrichtete, muftte ich vor allem die deutschen Auf-
satze machen. Da ich jeden solchen Aufsatz auch noch
fur mich selbst zu schreiben hatte, muftte ich fiir jedes
Thema, das uns gegeben wurde, verschiedene Formen
der Ausarbeitung finden. Ich fiihlte mich da oft in einer
recht schwierigen Lage. Meinen eigenen Aufsatz machte
ich erst, nachdem ich die besten Gedanken fiir das
Thema weggegeben hatte.
Mit dem Lehrer der deutschen Sprache und Literatur
in den drei oberen Klassen stand ich in einem ziemlich
gespannten Verhaltnis. Er gait unter meinen Mitschii-
lern als der «gescheiteste Professor» und als besonders
strenge. Meine Aufsatze waren immer besonders lange
geworden. Die kiirzere Fassung hatte ich ja an meinen
Mitschuler diktiert. Der Lehrer brauchte lange, um
meine Aufsatze zu lesen. Als er nach der Abgangs-
priifung beim Abschiedsfeste zum erstenmal mit uns
Schulern «gemutlich» zusammen war, sagte er mir,
wie argerlich ich ihm durch die langen Aufsatze ge-
worden war.
Dazu kam noch ein anderes. Ich fiihlte, dafi durch
diesen Lehrer etwas in die Schule hereinragte, mit dem
ich fertig werden mulke. Wenn er zum Beispiel iiber
das Wesen der poetischen Bilder sprach, da empfand ich,
dafi etwas im Hintergrunde stand. Nach einiger Zeit
kam ich darauf, was es war. Er bekannte sich zur Her-
bart'schen Philosophic Er selbst sagte davon nichts.
Aber ich kam dahinter. Und so kaufte ich mir denn eine
«Einleitung in die Philosophic » und eine « Psychologies
die beide vom Herbart'schen philosophischen Gesichts-
punkte aus geschrieben waren.
Und jetzt begann eine Art Versteckspiel zwischen die-
sem Lehrer und mir durch die Aufsatze. Ich fing an,
manches bei ihm zu verstehen, was er in der Farbung
der Herbart'schen Philosophic vorbrachte; und er fand
in meinen Aufsatzen allerlei Ideen, die auch aus dieser
Ecke kamen. Es wurde nur weder von ihm, noch von
mir der Herbart'sche Ursprung genannt. Das war wie
durch ein stilles Ubereinkommen. Aber einmal schlofi
ich einen Aufsatz in einer gegeniiber dieser Lage unvor-
sichtigen Art. Ich hatte iiber irgendeine Charaktereigen-
schaft bei den Menschen zu schreiben. Zum Schlufi
brachte ich den Satz: «ein solcher Mensch hat psycho-
logische Freiheit.» Der Lehrer besprach mit uns Schu-
lern die Aufsatze, nachdem er sie korrigiert hatte. Als
er an die Besprechung des genannten Aufsatzes kam,
verzog er mit griindlicher Ironie die Mundwinkel und
sagte: «Sie schreiben da etwas von psychologischer Frei-
heit; die gibt es ja gar nicht.» Ich erwiderte: «Ich meine,
das ist ein Irrtum, Herr Professor, die <psychologische
Freiheit> gibt es schon; es gibt nur keine <transzenden-
tale Freiheit> im gewohnlichen Bewufksein.» Die Mund-
falten des Lehrers wurden wieder glatt; er sah mich mit
einem durchdringenden Blicke an und sagte dann: «Ich
bemerke schon lange an Ihren Aufsatzen, dafi Sie eine
philosophische Bibliothek haben. Ich mochte Ihnen ra-
ten, darin nicht zu lesen; Sie verwirren sich dadurch nur
Ihre Gedanken.» Ich konnte nun durchaus nicht begrei-
fen, warum ich meine Gedanken durch Lesen derselben
Biicher verwirren sollte, aus denen er die seinigen hatte.
Und so blieb denn das Verhaltnis zwischen ihm und mir
weiter ein gespanntes.
Sein Unterricht gab mir viel zu tun. Denn er um-
falke in der funften Klasse die griechische und lateini-
sche Dichtung, von der Proben in deutscher Uberset-
zung vorgebracht wurden. Erst jetzt begann ich zuwei-
len schmerzlich zu empfinden, dafi mich mein Vater
nicht in das Gymnasium, sondern in die Realschule ge-
schickt hatte. Denn ich fiihlte, wie wenig ich von der
Eigenart der griechischen und lateinischen Kunst durch
die Ubersetzungen beriihrt wurde. Und so kaufte ich
"mir griechische und lateinische Lehrbucher und trieb
ganz im stillen neben dem Realschulunterricht einen
privaten Gymnasialunterricht. Das beanspruchte viel
Zeit; aber es legte auch den Grund dazu, dafi ich doch
noch spater, zwar abnorm, aber ganz regelrecht das Gym-
nasium absolvierte. Ich mufke namlich, als ich an der
Hochschule in Wien war, erst recht viele Nachhilfe-
stunden geben. Ich bekam bald einen Gymnasiasten
zum Schiiler. Die Umstande, von denen ich noch spre-
chen werde, bewirkten, daft ich diesen Schiiler fast
durch das ganze Gymnasium hindurch mit Hilfe von
Privatstunden zu fiihren hatte. Ich unterrichtete ihn
auch im Lateinischen und Griechischen, so daft ich an
seinem Unterricht alle Einzelheken des Gymnasialunter-
richtes mitzuerleben hatte.
Die Lehrer aus der Geschichte und Geographie, die
mir in den unteren Klassen so wenig geben konnten,
wurden nun in den oberen Klassen doch noch von Be-
deutung fur mich. Gerade derjenige, der mich zu einer
so sonderbaren Kantlektiire getrieben hatte, schrieb ein-
mal einen Schulprogrammaufsatz iiber «Die Eiszek und
ihre Ursachen». Ich nahm den Inhalt mit grofter see-
lischer Begierde auf und behielt davon ein reges Inter-
esse fur das Eiszeitproblem. Aber dieser Lehrer war auch
ein guter Schiiler des ausgezeichneten Geographen
Friedrich Simony. Das brachte ihn dazu, in den oberen
Klassen, zeichnend an der Schultafel, die geologisch-
geographischen Verhaltnisse der Alpen zu entwickeln.
Da las ich nun allerdings nicht Kant, sondern war ganz
Auge und Ohr. Ich bekam von dieser Seite her viel von
dem Lehrer, dessen Geschichtsunterricht mich gar nicht
interessierte.
In der letzten Realschulklasse bekam ich erst einen
Lehrer, der mich auch durch seinen Geschichtsunter-
richt fesselte. Er unterrichtete Geschichte und Geo-
graphie. In dieser wurde die Alpengeographie in der
reizvollen Art fortgesetzt, die schon bei dem andern
Lehrer vorhanden war. In der Geschichte wirkte der
neue Lehrer stark auf uns Schiiler. Er war fur uns eine
Personlichkek aus dem Vollen heraus. Er war Partei-
mann, ganz begeistert fiir die fortschrittlichen Ideen der
damaligen osterreichischen liberalen Richtung. Aber in
der Schule bemerkte man davon gar nichts. Er trug von
seinen Parteiansichten nichts in die Schule hinein. Aber
sein Geschichtsunterricht hatte durch seinen Anteil am
Leben selbst starkes Leben. Ich horte mit den Ergebnis-
sen meiner Rotteck-Lekture in der Seele die tempera-
mentvollen geschichtlichen Auseinandersetzungen die-
ses Lehrers. Es gab einen schonen Einklang. Ich mufi es
als wichtig fiir mich ansehen, dafi ich gerade die neu-
zeitliche Geschichte auf diese Art in mich aufnehmen
konnte.
Im Elternhause horte ich damals viel diskutieren iiber
den russisch-tiirkischen Krieg (1877/78). Der Beamte,
der damals die Ablosung meines Vaters im Dienste an
jedem dritten Tag hatte, war ein origineller Mensch. Er
kam immer zur Ablosung mit einer machtigen Reise-
tasche. Darinnen hatte er grofie Manuskriptpakete. Es
waren Ausziige aus den verschiedensten wissenschaft-
lichen Biichern. Er gab sie mir nach und nach zum Le-
sen. Ich verschlang sie. Mit mir diskutierte er dann iiber
diese Dinge. Denn er hatte wirklich auch im Kopfe eine
zwar chaotische, aber umfassende Anschauung von alle-
dem, was er zusammengeschrieben hatte. — Mit meinem
Vater aber politisierte er. Er nahm begeistert Partei fiir
die Tiirken; mein Vater verteidigte mit starker Leiden-
schaft die Russen. Er gehorte zu denjenigen Personlich-
keiten, die Russland damals noch dankbar waren fiir die
Dienste, die es den Osterreichern beim ungarischen Auf-
stande (1849) geleistet hatte. Denn mit den Ungarn
war mein Vater gar nicht einverstanden. Er lebte ja an
dem ungarischen Grenzorte Neudorfl in der Zeit der
Magyarisierung. Und immer war iiber seinem Haupte
das Damoklesschwert, dafi er nicht Leiter der Station
Neudorfl sein konne, weil er nicht magyarisch sprechen
konne. Es war dies in der dortigen urdeutschen Gegend
zwar ganz unnotig. Aber die ungarische Regierung ar-
beitete darauf hin, dafi die ungarischen Linien der Eisen-
bahnen mit magyarisch sprechenden Beamten auch bei
Privatbahnen besetzt wiirden. Mein Vater wollte aber
seinen Posten in Neudorfl so lange behalten, bis ich mit
der Schule in Wiener-Neustadt fertig war. Durch alles
dieses war er den Ungarn recht wenig geneigt. Und weil
er die Ungarn nicht mochte, liebte er in seiner einfachen
Art zu denken: die Russen, die 1849 den Ungarn «den
Herrn gezeigt hatten». Diese Denkweise wurde aulter-
ordentlich leidenschaftlich, aber in der zugleich aufier-
ordentlich Hebenswiirdigen Art meines Vaters gegen-
iiber dem «Tiirkenfreund» in der Person seines «Ab-
losers» vertreten. Die Wogen der Diskussion gingen
manchmal recht hoch. Mich interessierte das Aufein-
anderplatzen der Personlichkeiten stark, ihre politischen
Ansichten fast gar nicht. Denn mir war damals weit
wichtiger, die Frage zu beantworten: inwiefern lafit sich
beweisen, dafi im menschlichen Denken realer Geist
das Wirksame ist?
Rudolf Steiner als Maturand (hinterc Reihe, rechts)
Folgende Seite: Die Technische Hochschule in Wien
III.
Meinem Vater war von der Direktion der Siidbahn-
gesellschaft versprochen worden, dafi man ihn nach
einer kleinen Station in der Nahe Wiens berufen werde,
wenn ich nach Absolvierung der Realschule an die
technische Hochschule kommen sollte. Mir sollte da-
durch die Moglichkeit gegeben werden, jeden Tag nach
Wien und zuriick zu fahren. So kam denn meine Fami-
lie nach Inzersdorf am Wiener Berge. Der Bahnhof
stand da, weit vom Orte entfernt, in volliger Einsamkeit
in einer unschonen Naturumgebung.
Mein erster Besuch in Wien nach Ankunft in Inzers-
dorf wurde dazu beniitzt, mir eine grofiere Zahl von
philosophischen Buchern zu kaufen. Dasjenige, dem
nun meine besondere Liebe sich zuwandte, war der erste
Entwurf von Fichtes «Wissenschaftslehre». Ich hatte
es mit meiner Kantlektiire so weit gebracht, dafi ich mir
eine, wenn auch unreife Vorstellung von dem Schritte
machen konnte, den Fichte iiber Kant hinaus tun wollte.
Aber das interessierte mich nicht allzu stark. Mir kam
es damals darauf an, das lebendige Weben der mensch-
lichen Seele in der Form eines strengen Gedankenbildes
auszudriicken. Meine Bemiihungen um naturwissen-
schaftliche Begriffe hatten mich schliefilich dazu ge-
bracht, in der Tatigkeit des menschlichen «Ich» den
einzig moglichen Ausgangspunkt fiir eine wahre Er-
kenntnis zu sehen. Wenn das Ich tatig ist und diese
Tatigkeit selbst anschaut, so hat man ein Geistiges in
aller Unmittelbarkeit im Bewufitsein, so sagte ich mir.
Ich meinte, man miisse nun nur, was man so anschaut, in
klaren, iiberschaubaren Begriffen ausdriicken. Um dazu
den Weg zu finden, hielt ich mich an Fichtes «Wissen-
schaftslehre». Aber ich hatte doch meine eigenen An-
sichten. Und so nahm ich denn die «Wissenschafts-
lehre» Seite fiir Seite vor und schrieb sie um. Es ent-
stand ein langes Manuskript. Vorher hatte ich mich da-
mit geplagt, fiir die Naturerscheinungen Begriffe zu
finden, von denen aus man einen solchen fiir das «Ich»
finden konne. Jetzt wollte ich umgekehrt von dem Ich
aus in das Werden der Natur einbrechen. Geist und Na-
tur standen damals in ihrem vollen Gegensatz vor mei-
ner Seele. Eine Welt der geistigen Wesen gab es fiir
mich. Dafi das «Ich», das selbst Geist ist, in einer Welt
von Geistern lebt, war fiir mich unmittelbare Anschau-
ung. Die Natur wollte aber in die erlebte Geisteswelt
nicht herein.
Von der «Wissenschaftslehre» ausgehend bekam ich
ein besonderes Interesse fiir die Fichte'schen Abhand-
lungen «Uber die Bestimmung des Gelehrten» und
«Uber das Wesen des Gelehrten». In diesen Schriften
fand ich eine Art Ideal, dem ich selbst nachstreben
wollte. Daneben las ich auch die «Reden an die deut-
sche Nation». Sie fesselten mich damals viel weniger
als die andern Fichte'schen Werke.
Ich wollte aber nun doch auch zu einem besseren
Verstandnis Kants kommen, als ich es bisher hatte ge-
winnen konnen. In der «Kritik der reinen Vernunft»
wollte sich mir aber dieses Verstandnis nicht erschliefien.
So nahm ich es denn mit den «Prolegomena zu einer
jeden kiinftigen Metaphysik» auf . An diesem Buche
glaubte ich zu erkennen, dal$ ein griindliches Eingehen
auf alle die Fragen, die Kant in den Denkern angeregt
hatte, fiir mich notwendig sel. Ich arbeitete nunmehr
immer bewufker daran, die unmittelbare Anschauung,
die ich von der geistigen Welt hatte, in die Form von
Gedanken zu gieften. Und wahrend diese innere Arbeit
mich erfiillte, suchte ich mich an den Wegen zu orien-
tieren, welche die Denker der Kantzeit und diejenigen
in der folgenden Epoche genommen hatten. Ich stu-
dierte den trockenen, niichternen «transzendentalen
Synthetismus» Traugott Krugs ebenso eifrig wie ich
mich in die Erkenntnistragik einlebte, bei der Fichte an-
gekommen war, als er seine «Bestimmung des Men-
schen» schrieb. Die «Geschichte der Philosophie» des
Herbartianers Thilo erweiterte meinen Blick von der
Kantzeit aus uber die Entwickelung des philosophischen
Denkens. Ich rang mich zu Schelling, zu Hegel durch.
Der Gegensatz des Denkens bei Fichte und Herbart trat
mit aller Intensitat vor meine Seele.
Die Sommermonate im Jahre 1879, vom Ende mei-
ner Realschulzeit bis zum Eintritte in die technische
Hochschule, brachte ich ganz mit solchen philosophi-
schen Studien zu. Im Herbst sollte ich mich fiir die
Richtung eines Brotstudiums entscheiden. Ich beschlofi,
auf das Realschullehramt hinzuarbeiten. Mathematik
und darstellende Geometrie zu studieren, entsprach mei-
ner Neigung. Ich mufite auf die letztere verzichten.
Denn deren Studium war verbunden mit einer Anzahl
von Ubungsstunden im geometrischen Zeichnen wah-
rend des Tages. Aber ich mufite, um mir einiges Geld
zu verdienen, Zeit dazu haben, Nachhilfestunden zu
geben. Das vertrug sich damit, Vorlesungen zu horen,
deren Stoff man nachlesen konnte, wenn man sie ver-
saumen mufite, nicht aber damit, regelmaftig die Zei-
chenstunden in der Schule selbst durchzusitzen.
So liefi ich mich denn zunachst fiir Mathematik,
Naturgeschichte und Chemie einschreiben.
Von besonderer Bedeutung aber wurden fiir mich die
Vorlesungen, die Karl Julius Schroer damals iiber die
deutsche Literatur an der technischen Hochschule hielt.
Er las im ersten Jahre meines Hochschulstudiums iiber
«Deutsche Literatur seit Goethe» und iiber «Schillers
Leben und Werke». Schon von seiner ersten Vorlesung
an war ich gefesselt. Er entwickelte einen Uberblick
iiber das deutsche Geistesleben in der zweiten Halfte
des achtzehnten Jahrhunderts und setzte da in drama-
tischer Art auseinander, wie Goethes erstes Auftreten in
dieses Geistesleben einschlug. Die Warme seiner Be-
handlungsart, die begeisternde Art, wie er innerhalb
der Vorlesungen aus den Dichtern vorlas, fuhrten auf
eine verinnerlichte Weise in die Dichtung ein.
Daneben hatte er «Ubungen im miindlichen Vortrag
und schriftlicher Darstellung» eingerichtet. Die Schiiler
sollten da vortragen, oder vorlesen, was sie selbst ausge-
arbeitet hatten. Schroer gab dann ankniipfend an die
Schiilerleistungen Unterweisungen iiber Stil, Vortrags-
form usw. Ich hielt da zuerst einen Vortrag iiber Les-
sings Laokoon. Dann machte ich mich an eine grofiere
Aufgabe. Ich arbeitete das Thema aus: Inwiefern ist der
Mensch in seinen Handlungen ein freies Wesen? Ich
geriet bei dieser Arbeit stark in die Herbart'sche Philo-
sophic hinein. Das gefiel Schroer gar nicht. Er hat die
Stromung fiir Herbart, die damals in Osterreich sowohl
auf den philosophischen Lehrkanzeln wie in der Pad-
agogik die herrschende war, nicht mitgemacht. Er war
ganz an Goethes Geistesart hingegeben. Da erschien
ihm denn alles, was an Herbart ankmipfte, trotzdem er
an ihm die Denkdisziplin anerkannte, als pedantisch
und niichtern.
Ich konnte nun auch einzelne Vorlesungen an der
Universitat horen. Auf den Herbartianer Robert Zim-
mermann hatte ich mich sehr gefreut. Er las «Praktische
Philosophies Ich horte den Teil seiner Vorlesungen, in
denen er die Grundprinzipien der Ethik auseinander-
setzte. Ich wechselte ab: ich safi gewohnlich einen Tag
bei ihm, den andern bei Franz Brentano, der zu gleicher
Zeit iiber denselben Gegenstand las. Allzu lange konnte
ich das nicht fortsetzen, denn ich versaumte dadurch an
der technischen Hochschule zu viel.
Es machte tiefen Eindruck auf mich, die Philosophic
nun nicht blofi aus Biichern kennen zu lernen, sondern
aus dem Munde von Philosophen selbst zu horen.
Robert Zimmermann war eine merkwiirdige Person-
lichkeit. Er hatte eine ganz ungewohnlich hohe Stirn
und einen langen Philosophenbart. Alles an ihm war
gemessen, stilisiert. Wenn er zur Tiire hereinkam, aufs
Katheder stieg, waren seine Schritte wie einstudiert und
doch wieder so, da£ man sich sagte: dem Mann ist es
selbstverstandlich-natiirlich, so zu sein. Er war in Hal-
tung und Bewegung, wie wenn er sich selbst dazu nach
Herbart*schen asthetischen Prinzipien in langer Diszi-
plin geformt hatte. Und man konnte doch rechte Sym-
pathie mit alledem haben. Er setzte sich dann langsam
auf seinen Stuhl, schaute dann durch die Brille in einem
langen Bhcke auf das Auditorium hin, nahm dann lang-
sam gemessen die Brille ab, schaute noch einmal lange
unbebrillt iiber den Zuhorerkreis hin, dann begann er in
freier Rede, aber in sorgsam geformten, kunstvoll ge-
sprochenen Satzen seine Vorlesung. Seine Sprache hatte
etwas Klassisches. Aber man verlor wegen der langen
Perioden im Zuhoren leicht den Faden seiner Darstel-
lung. Er trug die Herbart'sche Philosophic etwas modi-
fiziert vor. Die Strenge seiner Gedankenfolge machte
Eindruck auf mich. Aber nicht auf die andern Zuhdrer.
In den ersten drei bis vier Vorlesungen war der gro£e
Saal, in dem er vortrug, iiberfullt. «Praktische Philo-
sophie» war fur die Juristen im ersten Jahre Pflichtvor-
lesung. Sie brauchten die Unterschrift des Professors im
Index. Von der fiinften oder sechsten Stunde an blieben
die meisten weg; man war, indem man den philosophi-
schen Klassiker horte, nur noch mit ganz wenigen
Zuhorern zusammen auf den vordersten Banken.
Fiir mich boten diese Vortrage doch eine starke An-
regung. Und die Verschiedenheit in der Auffassung
Schroers und Zimmermanns interessierte mich tief. Ich
verbrachte die wenige Zeit, die mir vom Anhoren der
Vorlesungen und dem Privatunterricht, den ich zu ge-
ben hatte, blieb, entweder in der Hofbibliothek oder in
der Bibliothek der technischen Hochschule. Da las ich
denn, zum ersten Male, Goethes «Faust». Ich war tat-
sachlich bis zu meinem neunzehnten Jahre, in dem ich
durch Schroer angeregt worden bin, nicht bis zu diesem
Werke vorgedrungen. Damals aber wurde mein Inter-
esse fiir dasselbe sogleich stark in Anspruch genommen.
Schroer hatte seine Ausgabe des ersten Teiles bereits
veroffentlicht. Aus ihr lernte ich den ersten Teil zuerst
kennen. Dazu kam, da£ ich schon nach wenigen seiner
Vorlesungsstunden mit Schroer naher bekannt wurde.
Er nahm mich dann oft mit nach seinem Hause, sprach
dies oder jenes zu mir in Erganzung seiner Vorlesungen,
antwortete gern auf meine Fragen und entliefi mich
mit einem Buche aus seiner Bibliothek, das er mir zum
Lesen lieh. Dabei fiel auch manches Wort iiber den
zweiten Teil des «Faust», an dessen Herausgabe und
Erlauterung er gerade arbeitete. Ich las auch diesen
in jener Zeit.
In den Bibliotheken beschaftigte ich mich mit Her-
barts «Metaphysik», mit Zimmermanns «Asthetik als
Formwissenschaft», die vom Herbart'schen Standpunkte
aus geschrieben war. Dazu kam ein eingehendes Sta-
dium von Ernst Haeckels «Genereller Morphologie».
Ich darf wohl sagen: alles, was ich durch Schroers und
Zimmermanns Vorlesungen, sowie durch die gekenn-
zeichnete Lektiire an mich herantretend fand, wurde mir
damals zum tiefsten Seelenerlebnis. Wissens- und
Weltauffassungsratsel formten sich mir daran.
Schroer war ein Geist, der nichts auf Systematik gab.
Aus einer gewissen Intuition heraus dachte und sprach
er. Er hatte dabei die denkbar grofite Achtung vor der
Art, wie er seine Anschauungen in Worte pragte. Er
sprach wohl aus diesem Grunde in seinen Vorlesungen
nie frei. Er brauchte die Ruhe des Niederschreibens, um
sich selbst Geniige zu tun in der Umformung seines
Gedankens in das zu sprechende Wort. Dann las er das
Geschriebene mit starker Verinnerlichung der Rede ab.
Doch — einmal sprach er frei iiber Anastasius Griin und
Lenau. Er hatte sein Manuskript vergessen. Aber in der
nachsten Stunde behandelte er den ganzen Gegenstand
noch einmal lesend. Er war nicht zufrieden mit der
Gestalt, die er ihm in freier Rede hatte geben konnen.
Von Schroer lernte ich viele Werke der Schonheit
kennen. Durch Zimmermann trat eine ausgebildete
Theorie des Schonen an mich heran. Beides stimmte
nicht gut zusammen. Schroer, die intuitive Personlich-
keit mit einer gewissen Geringschatzung des Systemati-
schen, stand fur mich neben Zimmermann, dem stren-
gen systematischen Theoretiker des Schonen.
In Franz Brentano, bei dem ich auch Vorlesungen
iiber «Praktische Philosophie» horte, interessierte mich
damals ganz besonders die Personlichkeit. Er war scharf-
denkend und versonnen zugleich. In der Art, wie er sich
als Vortragender gab, war etwas Feierliches. Ich horte,
was er sprach, mufite aber auf jeden Blick, jede Kopf-
bewegung, jede Geste seiner ausdrucksvollen Hande
achten. Er war der vollendete Logiker. Jeder Gedanke
sollte absolut durchsichtig und getragen von zahlreichen
andern sein. Im Formen dieser Gedankenreihen waltete
die grdlke logische Gewissenhaftigkeit. Aber ich hatte
das Gefiihl, dieses Denken kommt aus seinem eigenen
Weben nicht heraus; es bricht nirgends in die Wirklich-
keit ein. Und so war auch die ganze Haltung Bren-
tanos. Er hielt mit der Hand lose das Manuskript, als
ob es jeden Augenblick den Fingern entgleiten konnte;
er streifte mit dem Blicke nur die Zeilen. Auch diese
Geste war nur fur eine leise Benihrung der Wirk-
lichkek, nicht fur ein entschlossenes Anfassen. Ich
konnte aus seinen «Philosophenhanden» die Art seines
Philosophierens noch mehr verstehen als aus seinen
Worten.
Die Anregung, die von Brentano ausging, wirkte in
mir stark nach. Ich fing bald an, mich mit seinen Schrif-
ten auseinanderzusetzen, und habe dann im Laufe der
spateren Jahre das meiste von dem gelesen, was er ver-
offentlicht hat.
Ich hielt mich damals fur verpflichtet, durch die
Philosophic die Wahrheit zu suchen. Ich sollte Mathe-
matik und Naturwissenschaft studieren. Ich war iiber-
zeugt davon, dafi ich dazu kein Verhaltnis finden werde,
wenn ich deren Ergebnisse nicht auf einen sicheren
philosophischen Boden stellen konnte. Aber ich schaute
doch eine geistige Welt als Wirklicbkeit. Mit aller An-
schaulichkek offenbarte sich mir an jedem Menschen
seine geistige Individualist. Diese hatte in der physi-
schen Leiblichkeit und in dem Tun in der physischen
Welt nur ihre Offenbarung. Sie vereinte sich mit dem,
was als physischer Keim von den Eltern herriihrte. Den
gestorbenen Menschen verfolgte ich weiter auf seinem
Wege in die geistige Welt hinein. Einem meiner friihe-
ren Lehrer, der mir auch nach meiner Realschulzek
freundschaftlich nahe blieb, schrieb ich einmal nach
dem Tode eines Mitschiilers iiber diese Seite meines
Seelenlebens. Er schrieb mir ungewohnlich lieb zurtick,
wiirdigte aber, was ich iiber den verstorbenen Mit-
schiiler schrieb, keines Wortes.
Und so ging es mir damals iiberall mit meiner An-
schauung von der geistigen Welt. Man wollte von ihr
nichts horen. Von dieser oder jener Seite kam man da
hochstens mit allerlei Spiritistischem. Da wollte ich wie-
der nichts horen. Mir erschien es abgeschmackt, dem
Geistigen sich auf solche Art zu nahern.
Da geschah es, daft ich mit einem einfachen Marine
aus dem Volke bekannt wurde. Er fuhr jede Woche mit
demselben Eisenbahnzuge nach Wien, den ich auch be-
niitzte. Er sammelte auf dem Lande Heilkrauter und
verkaufte sie in Wien an Apotheken. Wir wurden
Freunde. Mit ihm konnte man iiber die geistige Welt
sprechen wie mit jemand, der Erfahrung darin hatte. Er
war eine innerlich fromme Personlichkeit. In allem
Schulmafiigen war er ungebildet. Er hatte zwar viele
mystische Biicher gelesen; aber, was er sprach, war ganz
unbeeinflufk von dieser Lektiire. Es war der Ausfluft
eines Seelenlebens, das eine ganz elementarische, schopfe-
rische Weisheit in sich trug. Man konnte bald empfin-
den: er las die Biicher nur, weil er, was er durch sich
selbst wufite, auch bei andern finden wollte. Aber es
befriedigte ihn nicht. Er offenbarte sich so, als ob er als
Personlichkeit nur das Sprachorgan ware fur einen
Geistesinhalt, der aus verborgenen Welten heraus spre-
chen wollte. Wenn man mit ihm zusammen war, konnte
man tiefe Blicke in die Geheimnisse der Natur tun. Er
trug auf dem Riicken sein Biindel Heilkrauter; aber in
seinem Herzen trug er die Ergebnisse, die er aus der
Geistigkeit der Natur bei seinem Sammeln gewonnen
hatte. Ich habe manchen Menschen lacheln gesehen, der
zuweilen als Dritter sich angeschlossen hatte, wenn ich
mit diesem «Eingeweihten» durch die Wiener Aliee-
gasse ging. Das war kein Wunder. Denn dessen Aus-
drucksweise war nicht von vorneherein verstandlich.
Man mufite gewissermaften erst seinen «geistigen Dia-
lekt» lernen. Auch mir war er anfangs nicht verstand-
lich. Aber vom ersten Kennenlernen an hatte ich die
tiefste Sympathie fiir ihn. Und so wurde es mir nach und
nach, wie wenn ich mit einer Seele aus ganz alten Zeiten
zusammen ware, die unberiihrt von der Zivilisation,
Wissenschaft und Anschauung der Gegenwart, ein in-
stinktives Wissen der Vorzeit an mich heranbrachte.
Nimmt man den gewohnhchen Begriff des «Lernens»,
so kann man sagen: «Lernen» konnte man von diesem
Manne nichts. Aber man konnte, wenn man selbst die
Anschauung einer geistigen Welt hatte, in diese durch
einen Andern, in ihr ganz Feststehenden, tiefe Ein-
blicke tun.
Und dabei lag dieser Personlichkeit alles weltenferne,
was Schwarmerei war. Kam man in sein Heim, so war
man im Kreise der niichternsten, einfachen Landfamilie.
Uber der Tiire seines Hauses standen die Worte: «In
Gottes Segen ist alles gelegen.» Man wurde bewirtet,
wie bei andern Dorfbewohnern. Ich habe immer Kaffee
trinken miissen, nicht aus einer Tasse, sondern aus einem
«Haferl», das nahezu einen Liter fafite; dazu hatte ich
ein Stuck Brot zu essen, das Riesendimensionen hatte.
Aber auch die Dorfbewohner sahen den Mann nicht fiir
einen Schwarmer an. An der Art, wie er sich in seinem
Heimatorte gab, prallte jeder Spott ab. Er hatte auch
einen gesunden Humor und wufite im Dorfe mit jung
und alt bei jeder Begegnung so zu reden, daft die Leute
an seinen Worten Freude hatten. Da lachelte niemand
so wie die Leute, die mit ihm und mir durch die Wiener
Alleegasse gingen und die in ihm zumeist etwas sahen,
das ihnen ganz fremd erschien.
Mir blieb dieser Mann, auch als das Leben mich wie-
der von ihm weggefiihrt hatte, seelennahe. Man findet
ihn in meinen Mysteriendramen in der Gestalt des Felix
Balde.
Nicht leicht wurde es damals meinem Seelenleben,
dafi die Philosophic, die ich von Andern vernahm, in
ihrem Denken nicht bis an die Anschauung der geisti-
gen Welt heranzubringen war. Aus den Schwierigkeiten,
die ich nach dieser Richtung erlebte, fing sich in mir
eine Art «Erkenntnistheorie» an zu bilden. Das Leben
im Denken erschien mir allmahlich als der in den phy-
sischen Menschen hereinstrahlende Abglanz dessen, was
die Seele in der geistigen Welt erlebt. Gedanken-Erleben
war mir das Dasein in einer Wirklichkeit, an die als an
einer durch und durch erlebten sich kein Zweifel heran-
wagen konnte. Die Welt der Sinne erschien mir nicht
so erlebbar. Sie ist da; aber man ergreift sie nicht wie
den Gedanken. Es kann in ihr oder hinter ihr ein wesen-
haftes Unbekanntes stecken. Aber der Mensch ist in sie
hineingestellt. Da entstand die Frage: ist denn diese
Welt eine voile Wirklichkeit? Wenn der Mensch an ihr
aus seinem Innern die Gedanken webt, die dann Licht
in diese Sinnenwelt bringen, bringt er dann auch tat-
sachlich etwas ihr Fremdes zu ihr hinzu? Das. stimmt
doch gar nicht zu dem Erlebnis, das man hat, wenn
die Sinnenwelt vor dem Menschen steht, und er mit
seinen Gedanken in sie einbricht. Dann erweisen sich
doch die Gedanken als dasjenige, durch das die Sinnen-
welt sich ausspricht. Die weitere Verfolgung dieses
Nachsinnens war dazumal ein wichtiger Teil meines
inneren Lebens.
Aber ich wollte vorsichtig sein. Voreilig einen Ge-
dankengang bis zum Ausbilden einer eigenen philoso-
phischen Anschauung zu fiihren, schien mir gefahrlich.
Das trieb mich zu einem eingehenden Studium Hegels.
Die Art, wie dieser Philosoph die Wirklichkeit des Ge-
dankens darstellt, war mir nahegehend. Dafi er nur zu
einer Gedankenwelt, wenn auch zu einer lebendigen,
vordringt, nicht zu einer Anschauung einer konkreten
Geisteswelt, stiefi mich zuriick. Die Sicherheit, mit der
man philosophiert, wenn man von Gedanke zu Gedan-
ken fortschreitet, zog mich an. Ich sah, daft Viele einen
Gegensatz empfanden zwischen der Erfahrung und dem
Denken. Mir war das Denken selbst Erfahrung, aber
eine solche, in der man lebt, riicht eine solche, die von
aufien an den Menschen herantritt. Und so wurde mir
Hegel fur eine langere Zeit sehr wertvoll.
Bei meinen Pflichtstudien, die unter diesen philoso-
phischen Interessen naturgemafi hatten zu kurz kommen
mtissen, kam mir zugute, dafi ich schon vorher mich viel
mit Differential- und Integralrechnung, auch mit analy-
tischer Geometrie befafit hatte. So konnte ich von man-
cher mathematischen Vorlesung wegbleiben, ohne den
Zusammenhang zu verlieren. Die Mathematik behielt
fur mich ihre Bedeutung auch als Grundlage meines
ganzen Erkenntnisstrebens. In ihr ist doch ein System
von Anschauungen und Begriffen gegeben, die von aller
aufieren Sinneserfahrung unabhangig gewonnen sind.
Und doch geht man, so sagte ich mir damals unablassig,
mit diesen Anschauungen und Begriffen an die Sinnes-
wirklichkeit heran und findet durch sie ihre Gesetz-
mafiigkeiten. Durch die Mathematik lernt man die Welt
kennen, und doch mufi man, um dies erreichen zu kon-
nen, erst die Mathematik aus der menschlichen Seele
hervorgehen lassen.
Ein ausschlaggebendes Erlebnis kam mir damals ge-
radezu von der mathematischen Seite. Die Vorstellung
des Raumes bot mir die groEten inneren Schwierig-
keiten. Er lieft sich als das allseitig ins Unendliche lau-
fende Leere, als das er den damals herrschenden natur-
wissenschaftlichen Theorien zugrunde lag, nicht in iiber-
schaubarer Art denken. Durch die neuere (synthetische)
Geometrie, die ich durch Vorlesungen und im Privat-
studium kennen lernte, trat vor meine Seele die Anschau-
ung, dafi eine Linie, die nach rechts in das Unendliche
verlangert wird, von links wieder zu ihrem Ausgangs-
punkt zuruckkommt. Der nach rechts hegende unend-
lich feme Punkt ist derselbe wie der nach links liegende
unendlich feme.
Mir kam vor, da£ man mit solchen Vorstellungen der
neueren Geometrie den sonst in Leere starrenden Raum
begrifflich erfassen konne. Die wie eine Kreislinie in
sich selbst zuriickkehrende gerade Linie empfand ich
wie eine Offenbarung. Ich ging aus der Vorlesung, in
der mir das zuerst vor die Seele getreten ist, hinweg, wie
wenn eine Zentnerlast von mir gefallen ware. Ein be-
freiendes Gefiihl kam iiber mich. Wieder kam mir, wie
in meinen ganz jungen Knabenjahren, von der Geo-
metrie etwas Begliickendes.
Hinter dem Raumratsel stand in diesem meinem Le-
bensabschnitt fur mich das von der Zeit. Sollte auch da
eine Vorstellung moglich sein, die durch ein Fortschrei-
ten in die « unendlich ferne» Zukunft ein Zuriickkom-
men aus der Vergangenheit ideell in sich enthalt? Das
Gliick iiber die Raumvorstellung brachte etwas tief Be-
unruhigendes iiber diejenige von der Zeit. Aber da war
zunachst kein Ausweg sichtbar. Alle Denkversuche fiihr-
ten dazu, zu erkennen, dafi ich mich insbesondere hiiten
miisse, die anschaulichen Raumbegriffe in die Auffas-
sung der Zeit hineinzubringen. Alle Enttauschungen,
welche das Erkenntnisstreben bringen kann, traten an
dem Zeitenratsel auf.
Die Anregungen, die ich von Zimmermann fur die
Asthetik erhalten hatte, fiihrten mich zum Lesen der
Schriften des beriihmten Asthetikers der damaligen Zeit,
Friedrich Theodor Vischers. Ich fand bei ihm an einer
Stelle seiner Werke eine Hinweisung darauf, dafi das
neuere naturwissenschaftliche Denken eine Reform des
Zeitbegriffes notig mache. Ich war immer besonders
freudig erregt, wenn ich Erkenntnisbediirfnisse, die sich
bei mir einstellten, auch bei einem Andern fand. Es war
mir in diesem Falle wie eine Rechtfertigung meines
Strebens nach einem befriedigenden Zeitbegriffe.
Die Vorlesungen, fur die ich an der technischen
Hochschule eingeschrieben war, mulke ich immer mit
den entsprechenden Priifungen abschlieften. Denn mir
war ein Stipendium bewilligt worden; und das konnte
ich nur fortbeziehen, wenn ich jedes Jahr bestimmte
Studienerfolge nachwies.
Aber meine Erkenntnisbediirfnisse wurden insbeson-
dere auf den naturwissenschaftlichen Gebieten durch
dieses Pflichtstudium wenig befriedigt. Es bestand aber
damals an den Wiener Hochschulen die Moglichkeit,
als Hospitant Vorlesungen, ja auch Ubungen mitzu-
machen. Ich fand iiberall Entgegenkommen, wenn ich
in dieser Art das wissenschaftliche Leben pflegen wollte,
bis in das Medizinische hinein.
Ich darf sagen, dafi ich meine Einsichten in das Gei-
stige nicht storend eingreifen liefi, wenn es sich darum
handelte, die Naturwissenschaften so kennen zu lernen,
wie sie damals ausgebildet waren. Ich widmete mich
dem, was gelehrt wurde, und hatte nur im Hintergrunde
die Hoffnung, dafi sich mir einmal der Zusammen-
schlufi der Naturwissenschaft mit der Geist-Erkenntnis
ergeben werde. Nur von zwei Seiten her war ich fur
diese Hoffnung beunruhigt.
Die Wissenschaften der organischen Natur waren da,
wo ich mich mit ihnen befassen konnte, durchtrankt
von Darwin'schen Ideen. Mir erschien damals der Dar-
winismus in seinen hochsten Ideen als eine wissenschaft-
liche Unmoglichkeit. Ich war nach und nach dazu ge-
kommen, mir ein Bild des Menschen-Innern zu machen.
Das war geistiger Art. Und es war als ein GHed einer
geistigen Welt gedacht. Es war so vorgestellt, dafi es
aus der Geisteswelt in das Naturdasein untertaucht,
sich dem natiirlichen Organismus eingliedert, um durch
denselben in der Sinneswelt wahrzunehmen und zu
wirken.
Von diesem Bilde konnte ich mir auch dadurch nichts
abdingen lassen, daft ich vor den Gedankengangen der
organischen Entwickelungslehre eine gewisse Achtung
hatte. Das Hervorgehen hoherer Organismen aus nie-
deren schien mir eine fruchtbare Idee. Ihre Vereinigung
mit dem, was ich als Geisteswelt kannte, unermefilich
schwierig.
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Vu^y^£y^<f-r^ <$£nre~ fe^&4&~c*r ~&?^&4isc^? a**t^r^"*k^dL~, &u^>4,
Faksimile eines Briefes an Friedrich Theodor Vischer, 1882
Die physikalischen Studien waren ganz durchsetzt von
der mechanischen Warmetheorie und der Wellenlehre
fiir die Licht- und Farbenerscheinungen.
Das Studium der mechanischen Warmetheorie hatte
fiir mich einen personlich gefarbten Reiz bekommen,
weil ich Vorlesungen iiber dieses physikalische Gebiet
bei einer Personlichkeit horte, die ich ganz aufierordent-
lich verehrte. Es war Edmund Reitlinger, der Verfasser
des schonen Buches «Freie Blicke».
Dieser Mann war von der gewinnendsten Liebens-
wurdigkeit. Er litt, als ich sein Zuhorer wurde, bereits
an einer hochgradigen Lungenkrankheit. Ich horte zwei
Jahre hindurch bei ihm Vorlesungen iiber mechanische
Warmetheorie, Physik fiir Chemiker und Geschichte der
Physik. Ich arbeitete bei ihm im physikalischen Labora-
torium auf vielen Gebieten, besonders auf dem der
Spektralanalyse.
Von besonderer Bedeutung wurden fiir mich Reit-
lingers Vorlesungen aus der Geschichte der Physik. Er
sprach so, dafi man das Gefiihl hatte, ihm werde wegen
seiner Krankheit jedes Wort schwer. Aber dennoch war
sein Vortrag im allerbesten Sinne begeisternd. Er war
ein Mann der streng induktiven Forschungsart; er
zitierte fiir alles physikalisch Methodische gern das Buch
Whewells iiber induktive Wissenschaften. Newton bil-
dete fiir ihn den Hohepunkt des physikalischen For-
schens. Die Geschichte der Physik trug er in zwei Abtei-
lungen vor: die erste von den altesten Zeken bis zu
Newton, die zweite von Newton bis zur Neuzeit. Er war
ein universeller Denker. Von der historischen Betrach-
tung der physikalischen Probleme ging er stets auf all-
gemeine kulturgeschichtliche Perspektiven iiber. Ja auch
ganz allgemeine philosophische Ideen traten bei ihm im
naturwissenschaftlichen Vortrag auf. So setzte er sich
mit dem Optimismus und Pessimismus auseinander und
sprach iiber die Berechtigung der naturwissenschaft-
lichen Hypothesenbildung aufierordentlich anregend.
Seine Darstellung Keplers, seine Charakteristik Julius
Robert Mayers waren Meisterstiicke wissenschaftlicher
Vortrage.
Ich wurde damals angeregt, fast alle Schriften Julius
Robert Mayers zu lesen; und ich konnte als eine wirk-
lich grofie Freude erleben, mit Reitlinger oft miindlich
iiber deren Inhalt sprechen zu diirfen.
Es erfiillte mich mit grofier Trauer, als wenige Wo-
chen, nachdem ich meine letzte Priifung aus der mecha-
nischen Warmetheorie bei Reitlinger abgelegt hatte, der
geliebte Lehrer seiner schweren Krankheit erlag. Er
hatte mir noch kurz vor seinem Ende wie ein Vermacht-
nis Empfehlungen fur Personlichkeiten gegeben, die mir
Schiiler zum Privatunterricht verschaffen konnten. Das
war von sehr gutem Erfolg. Fiir einen nicht geringen
Teil dessen, was mir in den nachsten Jahren an Mitteln
zum Lebensunterhalt zufiofi, hatte ich dem toten
Reitlinger zu danken.
Durch die mechanische Warmetheorie und die Wel-
lenlehre fiir die Lichterscheinungen und Elektrizitats-
wirkungen wurde ich in erkenntnistheoretische Studien
hineingedrangt. Die physische Aufienwelt stellte sich
damals als Bewegungsvorgange der Materie dar. Die
Empfindungen der Sinne erschienen nur wie subjektive
Erlebnisse, wie Wirkungen reiner Bewegungsvorgange
auf die Smne des Menschen. Da draufien im Raume
spielen sich die Bewegungsvorgange der Materie ab;
treffen diese Vorgange auf den menschlichen Warme-
sinn, so erlebt der Mensch die Empfindungen der
Warme. Es sind aufter dem Menschen Wellenvorgange
des Athers; treffen diese auf den Sehnerv, so entsteht
im Menschen die Licht- und Farbenempfindung.
Diese Anschauung trat mir iiberall entgegen. Sie
machte meinem Denken unsagliche Schwierigkeiten. Sie
trieb alien Geist aus der objektiven Auftenwelt heraus.
Mir stand die Idee vor der Seele, daft, wenn die Betrach-
tung der Naturerscheinungen auf dergleichen Annah-
men fiihre, man mit einer Anschauung vom Geiste an
diese Annahmen nicht herankommen konne. Ich sah,
wie verfuhrerisch fiir die damals an der Naturwissen-
schaft heranerzogene Denkrichtung diese Annahmen
sind. Ich konnte mich auch jetzt noch nicht entschlieften,
eine eigene Denkungsart auch nur fiir mich selber der
herrschenden entgegenzusetzen. Aber eben dies ergab
schwere Seelenkampfe. Immer wieder mulke die leicht
zu erdenkende Kritik dieser Denkungsart innerlich nie-
dergerungen werden, um die Zeit abzuwarten, in der
weitere Erkenntnisquellen und Erkenntniswege eine
groftere Sicherheit geben wiirden.
Eine starke Anregung erhielt ich durch das Lesen von
Schillers «Briefen iiber die asthetische Erziehung des Men-
schen^ Der Hinweis darauf, dafi das menschliche Be-
wulksein zwischen verschiedenen Zustanden gleichsam
hin und her schwinge, bot eine Ankniipfung an das Bild,
das ich mir von dem inneren Wirken und Weben der
menschlichen Seele gemacht hatte. Schiller unterscheidet
zwei Bewufkseinszustande, in denen der Mensch sem
Verhaltnis zur Welt entwickelt. Uberlafit er sich dem,
was in ihm sinnlich wirkt, so lebt er unter der Notigung
der Natur. Die Sinne und die Triebe bestimmen sein
Leben. Stellt er sich unter die loglsche Gesetzmafiigkeit
der Vernunft, so lebt er in einer geistigen Notwendigkeit.
Aber er kann einen mittleren Bewufitseinszustand in sich
entwickeln. Er kann die «asthetische Stimmung» ausbil-
den, die weder einseitig an die Naturnotigung, noch an
die Vernunftnotwendigkeit hingegeben ist. In dieser
asthetischen Stimmung lebt die Seele durch die Sinne;
aber sie tragt in die sinnliche Anschauung und in das von
der Sinnlichkeit angeregte Handeln ein Geistiges hinein.
Man nimmt mit den Sinnen wahr, aber so, als ob das
Geistige in die Sinne eingestromt ware. Man iiberlaftt
sich im Handeln dem Wohlgefallen des unmittelbaren
Begehrens, aber man hat dieses Begehren so veredelt,
dafi ihm das Gute gefallt, das Schlechte mififallt. Die
Vernunft ist da eine innige Verbindung mit der Sinnlich-
keit eingegangen. Das Gute wird zum Instinkt; der
Instinkt darf sich selbst die Richtung geben, weil er in
sich den Charakter der Geistigkeit angenommen hat.
Schiller sieht in diesem Bewufkseinszustand diejenige
Seelenverfassung, durch die der Mensch die Werke der
Schonheit erleben und hervorbringen kann. In der Ent-
wickelung dieses Zustandes findet er das Aufleben des
wahren Menschenwesens im Menschen.
Mich zogen diese Schiller'schen Gedankengange an.
Sie sprachen davon, daft man das Bewufitsein erst in
einer bestimmten Verfassung haben miisse, urn ein Ver-
haltnis zu den Erscheinungen der Welt zu gewinnen,
das der Wesenheit des Menschen entspricht. Mir war
damit erwas gegeben, das die Fragen, die sich fur mich
aus Naturbetrachtung und Geist-Erleben stellten, zu
einer grofieren Deutlichkeit brachte. Schiller hat von
dem Bewufitseinszustand gesprochen, der da sein mufi,
um die Schonheit der Welt zu erleben. Konnte man
nicht auch an einen solchen Bewufitseinszustand den-
ken, der die Wahrheit im Wesen der Dinge vermittelt?
Wenn das berechtigt ist, dann kann man nicht in Kant-
scher Art das zunachst gegebene menschliche Bewufit-
sein betrachten und untersuchen, ob dieses an das wahre
Wesen der Dinge herankommen konne. Sondern man
mulke erst den Bewufitseinszustand erforschen, durch
den der Mensch sich in ein solches Verhaltnis zur Welt
setzt, dafi ihm die Dinge und Tatsachen ihr Wesen
enthiillen.
Und ich glaubte, zu erkennen, daft ein solcher Be-
wulkseinszustand bis zu einem gewissen Grade erreicht
sei, wenn der Mensch nicht nur Gedanken habe, die
aufiere Dinge und Vorgange abbilden, sondern solche,
die er als Gedanken selbst erlebt. Dieses Leben in
Gedanken offenbarte sich mir als ein ganz anderes als
das ist, in dem man das gewohnliche Dasein und auch
die gewohnliche wissenschaftliche Forschung verbringt.
Geht man immer weiter in dem Gedanken-Erleben, so
findet man, dafi diesem Erleben die geistige Wirklich-
keit entgegenkommt. Man nimmt den Seelenweg zu dem
Geiste hin. Aber man gelangt auf diesem inneren
Seelenwege zu einer geistigen Wirklichkeit, die man
dann auch im Innern der Natur wiederfindet. Man
erringt eine tiefere Naturerkenntnis, indem man sich
der Natur dann gegeniiberstellt, wenn man im le-
bendigen Gedanken die Wirklichkeit des Geistes
geschaut hat.
Mir wurde immer klarer, wie durch das Hinweg-
schreiten iiber die gewohnlichen abstrakten Gedanken
zu denjenigen geistigen Schauungen, die aber doch die
Besonnenheit und Helligkek des Gedankens sich be-
wahren, der Mensch sich in eine Wirklichkeit einlebt,
von der ihn das gewohnliche Bewufttsein entfernt. Die-
ses hat die Lebendigkeit der Sinneswahrnehmung auf
der einen Seite, die Abstraktheit des Gedanken-Bildens
auf der andern. Die geistige Schauung nimmt den
Geist wahr wie die Sinne die Natur; aber sie steht mit
dem Denken der geistigen Wahrnehmung nicht feme
wie das gewohnliche Bewufksein mit seinem Denken
der Sinneswahrnehmung, sondern sie denkt, indem sie
das Geistige erlebt, und sie erlebt, indem sie die er-
wachte Geistigkeit im Menschen zum Denken bringt.
Eine geistige Schauung stellte sich mir vor die Seele
hin, die nicht auf einem dunklen mystischen Gefuhle
beruhte. Sie verlief vielmehr in einer geistigen Betati-
gung, die an Durchsichtigkeit dem mathematischen
Denken sich voll vergleichen lie£. Ich naherte mich der
Seelenverfassung, in der ich glauben konnte, ich diirfe
die Anschauung von der Geisteswelt, die ich in mir
trug, auch vor dem Forum des naturwissenschaftlichen
Denkens fur gerechtfertigt halten.
Ich stand, als diese Erlebnisse durch meine Seele
zogen, in meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre.
IV.
Fur die Form des Geist-Erlebens, die ich damals in
mir auf eine sichere Grundlage bringen wollte, wurde
das Musikalische von einer krisenhaften Bedeutung. Es
lebte sich zu dieser Zeit in der geistigen Umgebung, in
der ich mich befand, der «Streit um Wagner» in der
heftigsten Art aus. Ich hatte wahrend meines Knaben-
und Jugendlebens jede Gelegenheit beniitzt, um mein
Musikverstandnis zu fordern. Die Stellung, die ich zum
Denken hatte, brachte das mit sich. Fur mich hatte das
Denken Inhalt durch sich seibst. Es bekam ihn nicht
blofi durch die Wahrnehmung, die es ausdriickt. Das
aber fiihrte wie mit Selbstverstandlichkeit in das Er-
leben des remen musikalischen Tongebildes als solchen
hiniiber. Die Welt der Tone an sich war mir die Offenba-
rung einer wesentlichen Seite der Wirklichkeit. Dafi das
Musikalische iiber die Tone-Formung hinaus noch etwas
«ausdriicken» sollte, wie es von den Anhangern
Wagners damals in alien moglichen Arten behauptet
wurde, schien mir ganz «unmusikalisch».
Ich war stets ein geselliger Mensch. Dadurch hatte
ich schon wahrend meiner Schulzeit in Wiener-Neu-
stadt und dann wieder in Wien viele Freundschaften
geschlossen. In den Meinungen stimmte ich selten mit
diesen Freunden zusammen. Das hinderte aber niemals,
dafS Innigkeit und starke gegenseitige Anregung in den
Freundschaftsbundnissen lebte. Eines derselben ward
mit einem herrlich idealistisch gesinnten jungen Manne
geschlossen. Er war mit seinen blonden Locken, mit
den treuherzigen blauen Augen so recht der Typus des
deutschen Junglings. Der war nun ganz mitgerissen
von dem Wagnertum. Musik, die in sich selbst lebte,
die nur in Tonen weben wollte, war ihm eine abgetane
Welt greulicher Philister. Was in den Tonen sich offen-
barte wie in einer Art von Sprache, das machte fur ihn
das Tongebilde wertvoll. Wir besuchten zusammen
manches Konzert und manche Oper. Wir waren stets
verschiedener Meinung. In meinen Gliedern lagerte
etwas wie Blei, wenn die «ausdrucksvolle Musik» ihn
bis zur Ekstase entflammte; er langweilte sich entsetz-
lich, wenn Musik erklang, die nichts als Musik sein
wollte.
Die Debatten mit diesem Freunde dehnten sich ins
Endlose aus. Auf langen Spaziergangen, in Dauersit-
zungen bei einer Tasse Kaffee fiihrte er seine in begei-
sterten Worten sich aussprechenden «Beweise» durch,
daft mit Wagner eigentlich erst die wahre Musik ge-
boren worden sei, und dafi alles Friihere nur eine Vor-
bereitung zu diesem «Entdecker des Musikalischen»
sei. Mich brachte das dazu, meine Empfindung in recht
drastischer Art zur Geltung zu bringen. Ich sprach von
der Wagner'schen Barbarei, die das Grab alles wirk-
lichen Musikverstandnisses sei.
Besonders heftig wurden die Debatten bei besonde-
ren Gelegenheiten. Es trat bei meinem Freunde eines
Tages der merkwiirdige Hang ein, unseren fast tag-
lichen Spaziergangen die Richtung nach einem engen
Gafichen zu geben, und mit mir da, Wagner diskutie-
rend, oft viele Male auf- und abzugehen. Ich war in
unsere Debatten so vertieft, dafi mir erst allmahlich
ein Licht dariiber aufging, wie er zu diesem Hang ge-
kommen war. Am Fenster eines Hauses dieses Gafi-
chens safi um die Zeit unserer Spaziergange ein an-
mutiges junges Madchen. Es gab fur ihn zunachst keine
andere Beziehung zu dem Madchen als die, dafi er es
am Fenster fast taglich sitzen sah und zuweilen das
Bewufitsein hatte, ein Blick, den es auf die Strafie fallen
liefi, gelte ihm.
Ich empfand zunachst nur, wie sein Eintreten fiir
Wagner, das auch sonst schon feurig genug war, in die-
sem Gafkhen zur hellen Flamme aufloderte. Und als
ich darauf kam, welche Nebenstromung da immer in
sein begeistertes Herz flofi, da wurde er auch nach die-
ser Richtung mitteilsam, und ich wurde der Mitfiih-
lende bei einer der zartesten, schonsten, schwarmerisch-
sten Jugendliebe. Das Verhaltnis kam nicht viel iiber den
geschilderten Stand hinaus. Mein Freund, der aus einer
nicht mit Gliicksgiitern gesegneten Familie stammte,
muike bald eine kleine Journalistenstelle in einer Pro-
vinzstadt antreten. Er konnte an keine nahere Verbin-
dung mit dem Madchen denken. Er war auch nicht
stark genug, die Verhaltnisse zu meistern. Ich blieb
noch lange mit ihm in brief licher Verbindung. Ein
trauriger Nachklang von Resignation tonte aus seinen
Bnefen heraus. In seinem Herzen lebte das fort, von
dem er sich hatte trennen miissen.
Ich traf, nachdem das Leben lange schon dem Brief-
verkehr mit dem Jugendfreunde ein Ende bereitet
hatte, mit einer Personlichkeit aus der Stadt zusammen,
in der er seine Journalistenstellung gefunden hatte. Ich
hatte ihn immer lieb behalten und frug nach ihm. Da
sagte mir die Personlichkeit: «Ja, dem ist es recht
schlecht ergangen; er konnte kaum sein Brot verdienen,
zuletzt war er Schreiber bei mir, dann starb er an einer
Lungenkrankheit. » Mir schnitt diese Mitteilung ins
Herz, denn ich wuftte, daft der idealistische blonde Mann
sich von seiner Jugendliebe dereinst unter dem Zwange
der Verhaltnisse mit dem Gefuhle getrennt hatte, es
sei fur ihn gleichgiiltig, was ihm das Leben ferner noch
bringen werde. Er legte keinen Wert darauf, sich ein
Leben zu begriinden, das doch nicht so sein konnte,
wie es als ein Ideal ihm bei unseren Spaziergangen in
dem engen Gaftchen vorschwebte.
Im Verkehr mit diesem Freunde ist mein damaliges
Anti-Wagnertum nur eben in starker Form zum Aus-
leben gekommen. Aber es spielte in dieser Zeit auch
sonst eine grofte Rolle in meinem Seelenleben. Ich
suchte mich nach alien Seiten in das Musikalische, das
mit Wagnertum nichts zu tun hatte, hineinzufinden.
Meine Liebe zur «reinen Musik» wuchs durch mehrere
Jahre; mein Abscheu gegen die «Barbarei» einer «Mu-
sik als Ausdruck» wurde immer grower. Und dabei
hatte ich das Schicksal, daft ich in menschliche Um-
gebungen kam, in denen fast ausschlieftlich Wagner-
Verehrer waren. Das alles trug viel dazu bei, daft es mir
— viel — spater recht sauer wurde, mich bis zu dem
Wagner- Verstandnis durchzuringen, das ja das mensch-
lich Selbstverstandliche gegeniiber einer so bedeuten-
den Kulturerscheinung ist. Doch dieses Ringen gehort
einer spatern Zeit meines Lebens an. In der hier geschil-
derten war mir z. B. eine Tristanauffuhrung, in die ich
einen Schiller von mir begleiten muftte, «ertotend lang-
weilig».
Prof. Karl Julius Schroer
Coovriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Buch: 2 8 Seite: 7 6 h
In diese Zeit fallt noch eine andere fur mich bedeut-
same Jugendfreundschaft. Die gait einem jungen Manne,
der in allem das Gegenteil des blondgelockten Jiing-
lings darstellte. Er fiihlte sich als Dichter. Auch mit
ihm verbrachte ich viel Zeit in anregenden Gesprachen.
Er hatte grofie Begeisterung fur alles Dichterische. Er
machte sich friihzeitig an grofSe Aufgaben. Als wir be-
kannt wurden, hatte er bereits eine Tragodie «Hanni-
bal» und viel Lyrisches geschrieben.
Mit beiden Freunden zusammen war ich auch bei.
den «Ubungen im miindlichen Vortrag und schrift-
licher Darstellung», die Schroer an der Hochschule ab-
hielt. Davon gingen fur uns drei und noch fur man-
chen Andern die schonsten Anregungen aus. Wir jun-
gen Leute konnten, was wir geistig zustande brachten,
vortragen, und Schroer besprach alles mit uns und er-
hob unsere Seelen durch seinen herrlichen Idealismus
und seine edle Begeisterungsfahigkeit.
Mein Freund begleitete mich oft, wenn ich Schroer
in seinem Heim besuchen durfte. Da lebte er immer
auf, wahrend sonst oft ein schwer wirkender Ton durch
seine Lebensaufierungen gmg. Er wurde durch einen
innern Zwiespalt mit dem Leben nicht fertig. Kein Beruf
reizte ihn so, dafi er ihn hatte mit Freude antreten wol-
len. Er ging in dem dichterischen Interesse ganz auf
und fand aufter diesem keinen rechten Zusammenhang
mit dem Dasein. Zuletzt wurde notig, daft er eine ihm
gleichgultige Stellung annahm. Ich blieb auch mit ihm
in brieflicher Verbindung. Dafi er an seiner Dichtkunst
selbst nicht eine wirkliche Befriedigung erleben konnte,
wirkte zehrend an seiner Seele. Das Leben erfullte sich
fur ihn nicht mit Wertvollem. Ich mufite zu meinem
Leid erfahren, wie nach und nach in seinen Briefen und
auch bei Gesprachen immer mehr sich bei ihm die An-
sicht verdichtete, daft er an einer unheilbaren Krankheit
litte. Nkhts reichte hin, um diesen unbegriindeten Ver-
dacht zu zerstreuen. So muftte ich denn eines Tages die
Nachricht empfangen, daft der junge Mann, der mir
recht nahe stand, seinem Leben selbst ein Ende gemacht
habe.
Recht innige Freundschaft schlofi ich damals mit
einem jungen Manne, der aus dem deutschen Sieben-
biirgen nach der Wiener technischen Hochschule ge-
kommen war. Auch ihn hatte ich in Schroers Ubungs-
stunden zuerst getroffen. Da hat er einen Vortrag iiber
den Pessimismus gehalten. Alles, was Schopenhauer fur
diese Lebensauffassung vorgebracht hat, lebte in die-
sem Vortrage auf. Dazu kam die eigene pessimistische
Lebensstimmung des jungen Mannes. Ich erbot mich,
einen Gegenvortrag zu halten. Ich «widerlegte» den
Pessimismus mit wahren Donnerworten, nannte schon
damals Schopenhauer ein «borniertes Genie» und lieE
meine Ausfiihrungen in dem Satze gipfeln, «wenn der
Herr Vortragende mit seiner Darstellung iiber den Pes-
simismus recht hatte, dahn ware ich lieber der Holz-
pfosten, auf dem meine Fiifie stehen, als ein Mensch».
Dieses Wort wurde lange spottend in meinem Bekann-
tenkreise iiber mich wiederholt. Aber es machte den
jungen Pessimisten und mich zu innig verbundenen
Freunden. Wir verlebten nun viele Zeit miteinander.
Auch er fiihlte sich als Dichter. Und ich safi oft viele
Stunden lang bei ihm auf seinem Zimmer und horte
gerne dem Vorlesen seiner Gedichte zu. Er brachte aucR
meinen damaligen geistigen Bestrebungen ein warmes
Interesse entgegen, obwohl er dazu weniger durch die
Dinge, mit denen ich mich befafite, als durch seine per-
sonliche Liebe zu mir angeregt wurde. Er kniipfte so
manche schone Jugendbekanntschaft und auch Jugend-
liebe an. Er brauchte das zu seinem Leben, das ein recht
schweres war. Er hatte in Hermannstadt die Schule als
armer Junge durchgemacht, und mufite da schon sein
Leben von Privatstunden unterhalten. Er kam dann auf
die geniale Idee, von Wien aus durch Korrespondenz
die in Hermannstadt gewonnenen Privatschuler weiter
zu unterrichten. Die . Hochschul-Wissenschaften inter-
essierten ihn wenig. Einmal wollte er doch ein Examen
aus der Chemie ablegen. Er war in keiner Vorlesung
und hatte auch kein einschlagiges Buch beriihrt. In der
letzten Nacht vor der Priifung liefi er sich von einem
Freunde einen Auszug aus dem ganzen Stoff vorlesen.
Er schlief zuletzt dabei ein. Dennoch ging er mit die-
sem Freunde zugleich zum Examen. Beide fielen wirk-
lich «glanzend» durch.
Ein grenzenloses Vertrauen zu mir hatte dieser junge
Mann. Er behandelte mich eine Zeitlang fast wie einen
Beichtvater. Er breitete ein interessantes, oft traurig
stimmendes, fur alles Schone begeistertes Leben vor
meiner Seele aus. Er brachte mir soviel Freundschaft
und Liebe entgegen, dafi es wirklich schwer war, ihn
nicht das eine oder andre Mai bitter zu enttauschen.
Das geschah namentlich dadurch, dafi er oft glaubte,
ich brachte ihm nicht genug Aufmerksamkeit entgegen.
Aber das konnte eben doch nicht anders sein, da ich so
manchen Interessenkreis hatte, fur den ich bei ihm auf
ein sachliches Verstandnis nicht stiefi. Das alles trug
aber zuletzt doch nur dazu bei, dafi die Freundschaft
immer inniger wurde. Er verbrachte die Ferien jeden
Sommer in Hermannstadt. Da sammelte er wieder
Schiiler, um sie dann das Jahr hindurch von Wien aus
per Korrespondenz zu unterrichten. Ich erhielt dann
immer lange Brief e von ihm. Er litt darunter, dafi ich
sie selten oder gar nicht beantwortete. Aber wenn er
im Herbste wieder nach Wien kam, dann sprang er
mir wie ein Knabe entgegen; und das gemeinsame
Leben fing wieder an. Ihm verdankte ich damals, dafi
ich mit vielen Menschen verkehren konnte. Er liebte es,
mich zu alien Leuten zu bringen, mit denen er Zusam-
menhang hatte. Und ich lechzte nach Geselligkeit. Der
Freund brachte vieles in mein Leben, was mir Freude
und Warme gab.
Diese Freundschaft ist eine solche fur das Leben
geblieben, bis zu dem vor einigen Jahren erfolgten
Tode des Freundes. Sie bewahrte sich durch manchen
Lebenssturm hindurch, und ich werde noch vieles von
ihr zu sagen haben.
Im riickschauenden Bewuiksein taucht vieles an Men-
schen- und Lebensbeziehungen auf, das in Liebe- und
Dankesempfindungen heute noch ein voiles Dasein in
der Seele hat. Hier darf ich nicht alles im einzelnen schil-
dern und mufi manches unberiihrt lassen, das mir gerade
im personlichen Erleben nahe war und nahe geblieben ist.
Meine Jugendfreundschaften in der Zeit, von der ich
hier spreche, hatten zum Fortgang meines Lebens ein
eigentumliches Verhaltnis. Sie zwangen mich zu einer
Art Doppelleben in der Seele. Das Ringen mit den Er-
kenntnisratseln, das vor allem damals meine Seele er-
fiillte, fand bei meinen Freunden zwar stets ein starkes
Interesse, aber wenig mittatigen Anteil. Ich blieb im
Erleben dieser Ratsel ziemlich einsam. Dagegen lebte
ich selbst alles voll mit, was im Dasein meiner Freunde
auftauchte. So gingen zwei Lebensstromungen in mir
nebeneinander: eine, die ich wie ein einsamer Wanderer
verfolgte; und die andere, die ich in lebendiger Gesel-
ligkeit mit liebgewonnenen Menschen durchmachte.
Aber von tiefgehender, dauernder Bedeutung fur meine
Entwickelung waren in vielen Fallen auch die Erleb-
nisse der zweiten Art.
Da mufi ich besonders eines Freundes gedenken, der
schon in Wiener-Neustadt mein Mitschiiler war. Wah-
rend dieser Zeit stand er mir aber feme. Erst in Wien,
wo er mich zuerst ofters besuchte und wo er spater als
Beamter lebte, trat er mir nahe. Er hatte aber doch, ohne
eine aufiere Beziehung, schon in Wiener-Neustadt eine
Bedeutung fur mein Leben gehabt. Ich war mit ihm ein-
mal gemeinsam in einer Turnstunde. Er lief?, wahrend er
turnte und ich nichts zu tun hatte, ein Buch neb en
mir liegen. Es war Heines Buch iiber «Die romantische
Schule» und «Die Geschichte der Philosophie in Deutsch-
land». Ich tat einen Blick hinein. Das wurde zum Anla$,
dafi ich das Buch selber las. Ich empfand viele Anregun-
gen daraus, stand aber in einem intensiven Widerspruch
zu der Art, wie Heine den mir nahestehenden Lebens-
inhalt behandelte. In der Anschauung einer Denkungs-
art und einer Gefuhlsrichtung, die der in mir sich aus-
bildenden vollig entgegengesetzt war, lag eine starke
Anregung zur Selbstbesinnung auf die innere Lebens-
orientierung, die mir, nach meinen Seelenanlagen,
notwendig war.
In Anlehnung an das Buch sprach ich dann mit dem
Mitschiiler. Dabei kam das innere Leben seiner Seele
zum Vorschein, das dann spater zur Begriindung einer
dauernden Freundschaft fiihrte. Er war ein verschlosse-
ner Mensch, der sich nur Wenigen mitteilte. Die meisten
hielten ihn fur einen Sonderling. Den Wenigen gegen-
iiber, denen er sich mitteilen wollte, wurde er nament-
lich in Briefen sehr gesprachig. Er nahm sich als einen
durch innere Veranlagung zum Dichter berufenen Men-
schen. Er war der Ansicht, dafi er einen grofien Reich-
turn in seiner Seele trug. Er hatte dabei auch die Nei-
gung, sich in Beziehungen zu andern, namentlich weib-
lichen Personlichkeiten mehr hineinzutraumen, als diese
Beziehungen aufierlich wirklich anzukniipfen. Zuweilen
war er einer solchen Anknupfung nahe, konnte sie aber
doch nicht zum wirklichen Erleben bringen. In Ge-
sprachen mit mir lebte er dann seine Traume mit einer
Innigkeit und Begeisterung durch, als wenn sie Wirk-
lichkeiten waren. Dabei konnte nicht ausbleiben, dafi
er bittere Gefiihle hatte, wenn die Traume immer
wieder zerrannen.
Das ergab ein seelisches Leben bei ihm, das mit seinem
Aufiendasein nicht das geringste zu tun hatte. Und die-
ses Leben war ihm wieder der Gegenstand qualender
Selbstbetrachtungen, deren Spiegelbild in vielen Brie-
fen an mich und in Gesprachen enthalten war. So schneb
er mir einmal eine lange Auseinandersetzung dariiber,
wie ihm das kleinste wie das grofite Erlebnis innerlich
zum Symbol wurde und wie er mit solchen Symbolen
lebte.
Ich liebte diesen Freund, und in Liebe ging ich auf
seine Traume ein, obgleich ich stets im Zusammensein
mit ihm das Gefiihl hatte: wir bewegen uns in den
Wolken und haben keinen Boden. Das war fur mich,
der ich mich unablassig bemiihte, gerade die festen
Stiitzen des Lebens in der Erkenntnis zu suchen, ein
eigenartiges Erleben. Ich mufke immer wieder aus der
eigenen Wesenheit herausschliipfen und wie in eine
andere Haut hiniiberspringen, wenn ich diesem Freunde
gegeniiberstand. Er lebte gerne mit mir; er stellte auch
zuweilen weitausgreifende theoretische Betrachtungen
liber die «Verschiedenheit unserer Naturen» an. Er ahnte
kaum, wie wenig unsere Gedanken zusammenklangen,
weil die Freundesgesinnung iiber alle Gedanken hin-
wegfuhrte.
Mit einem andern Wiener-Neustadter Mitschiiler er-
ging es mir ahnlich. Er gehorte dem nachst niedrigeren
Jahrgang der Realschule an, und wir traten einander
erst nahe, als er ein Jahr spater als ich an die technische
Hochschule nach Wien kam. Da aber waren wir viel
zusammen. Auch er ging wenig auf das ein, was mich
auf dem Erkenntnis gebiete innerlich bewegte. Er stu-
dierte Chemie. Die naturwissenschaftlichen Ansichten,
denen er gegeniiberstand, verhinderten ihn damals im
Verkehre mit mir, sich anders denn als Zweifler an der
Geistesanschauung zu geben, von der ich erfullt war.
Spater im Leben habe ich an diesem Freunde erfahren,
wie nahe er in seinem innersten Wesen meiner Seelen-
verfassung schon damals stand; aber er liefi dieses
innerste Wesen in jener Zeit gar nicht hervortreten.
Und so wurden unsere lebhaften, langdauernden De-
batten fur mich zu einem «Kampfe gegen den Mate-
rialismus». Er setzte meinem Bekenntnis zum Geist-
gehalt der Welt stets alle aus der Naturwissenschaft ver-
meintlich sich ergebenden Widerlegungen gegeniiber.
Ich mufke damals schon alles, was ich an Einsichten
hatte, auftreten lassen, um die aus der materialistischen
Denkorientierung kommenden Einwiirfe gegen eine
geistgemafie Welterkenntnis aus dem Felde zu schlagen.
Einmal spielte sich die Debatte mit grofier Lebhaftig-
keit ab. Mein Freund fuhr jeden Tag nach dem Besuch
der Vorlesungen von Wien nach seinem Wohnort, der
in Wiener-Neustadt geblieben war. Ich begleitete ihn
oft durch die Wiener Alleegasse zum Siidbahnhofe.
Wir waren nun an einem Tage in der Materialismus-
debatte an einer Art Kulmination angekommen, als
wir schon den Bahnhof betreten hatten, und der Zug
bald abfahren mufite. Da faftte ich, was ich noch zu
sagen hatte, in die folgenden Worte zusammen: «Also
du behauptest, wenn du sagst: ich denke, so sei das nur
der notwendige Effekt der Vorgange in deinem Gehirn-
nervensystem. Diese Vorgange seien allein Wirklich-
keit. Und so sei es, wenn du sagst: ich sehe dies oder
das, ich gehe usw. Aber sieh einmal: du sagst doch
nicht: mein Gehirn denkt, mein Gehirn sieht das oder
das, mein Gehirn geht. Du mufitest doch, wenn du
wirklich zu der Einsicht gelangt warest, was du theo-
retisch behauptest, sei wahr, deine Redewendung korri-
gieren. Wenn du dennoch vom <ich> sprichst, so liigst
du eigentlich. Aber du kannst nicht anders, als deinem
gesunden Instinkte gegen die Einflusterungen deiner
Theorie folgen. Du erlebst einen andern Tatbestand als
denjenigen, den deine Theorie verficht. Dein Bewulksein
straft deine Theorie Liigen.» Der Freund schttttelte den
Kopf. Zu einer Einwendung hatte er nicht mehr Zeit.
Ich ging allein zuriick, und konnte nur nachdenken, daft
der Einwand gegen den Materialismus in dieser groben
Form nicht einer besonders exakten Philosophie ent-
sprach. Aber mir kam es damals wirklich weniger dar-
auf an, einen philosophisch einwandfreien Beweis fiinf
Minuten vor Zugsabgang zu Hefern, als Ausdruck zu
geben meiner inneren sicheren Erfahrung von der Wesen-
heit des menschlichen «Ich». Mir war dieses «Ich» inner-
lich iiberschaubares Erlebnis von einer in ihm selbst vor-
handenen Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit erschien mir
nicht weniger gewift wie irgendeine vom Materialismus
anerkannte. Aber in ihr ist gar nichts Materielles. Mir
hat dieses Durchschauen der Wirklichkeit und Geistig-
keit des «Ich» in den folgenden Jahren iiber alle Ver-
suchungen des Materialismus hinweggeholfen. Ich wulke:
an dem «Ich» kann nicht geriittelt werden. Und mir war
klar, dafi derjenige das «Ich» eben nicht kennt, der es
als eine Erscheinungsform, ein Ergebnis anderer Vor-
gange auffaftt. Daft ich dieses als innere, geistige An-
schauung hatte, wollte ich dem Freunde gegeniiber zum
Ausdruck bringen. Wir bekampften uns noch viel auf
diesem Felde. Aber wir hatten in der allgemeinen
Lebensansicht so viele ganz gleichgeartete Empfindun-
gen, dafi die Heftigkeit unserer theoretischen Kampfe
nie auch nur in die geringsten Mifiverstandnisse in dem
personlichen Verhaltnis umschlug.
Ich kam in dieser Zeit defer in das studentische Leben
in Wien hinein. Ich wurde Mitglied der «Deutschen Lese-
halle an der technischen Hochschule». In Versammlun-
gen und kleineren Zusammenkiinften wurden eingehend
die politischen und Kulturerscheinungen der Zeit be-
sprochen. Die Diskussionen liefien alle moglichen — und
unmoglichen — Gesichtspunkte, die junge Leute haben
konnten, zutage treten. Namentlich wenn Funktionare
gewahlt werden sollten, platzten die Meinungen gar hef-
tig aufeinander. Anregend und aufregend war vieles, was
sich da unter der Jugend im Zusammenhang mit den
Vorgangen im offentlichen Leben Osterreichs abspielte.
Es war die Zeit, in der sich die nationalen Parteien in
immer scharferer Auspragung bildeten. Alles, was spater
in Osterreich immer mehr und mehr zur Zerbrockelung
des Reiches fuhrte, was nach dem Weltkrieg in seinen
Folgen auftrat, konnte damals in seinen Keimen erlebt
werden.
Ich war zunachst zum Bibliothekar der «Lesehalle» ge-
wahlt worden. Als solcher machte ich alle moglichen
Autoren ausfindig, die Biicher geschrieben hatten, von
denen ich glaubte, dafi sie fur die Studentenbibliothek
von Wert sein konnten. An diese Autoren schrieb ich
«Pumpbriefe». Ich verfertigte oft in einer Woche wohl
hundert solcher Briefe. Durch diese meine «Arbeit»
wurde die Bibliothek rasch vergrofiert. Aber die Sache
hatte fur mich einen Nebeneffekt. Ich hatte dadurch die
Moglichkeit, in einem weiten Umfange die wissenschaft-
liche, kiinstlerische, kulturgeschichtliche, politische Lite-
ratur der Zeit kennen zu lernen. Ich war ein eifriger
Leser der geschenkten Biicher.
Spater wurde ich zum Vorsitzenden der «Lesehalle»
gewahlt. Das aber war fur mich ein schwieriges Amt.
Denn ich stand einer grolten Anzahl der verschiedensten
Parteistandpunkte gegeniiber und sah in ihnen alien das
relativ Berechtigte. Dennoch kamen die Angehdrigen
der verschiedenen Parteien zu mir. Jeder wollte mich
uberzeugen, daft nur seine Partei recht habe. Als ich ge-
wahlt worden war, stimmten alle Parteien fur mich.
Denn bis dahin hatten sie nur gehort, wie ich in den Ver-
sammlungen fur das Berechtigte eingetreten war. Als ich
ein halbes Jahr Vorsitzender war, stimmten alle gegen
mich. Denn bis dahin hatten sie gefunden, dafi ich keiner
Partei so stark recht geben konnte, als sie es wollte.
Mein Geselligkeitstrieb fand in der «Lesehalle» reich-
liche Befriedigung. Und es wurde auch fur weitere Kreise
des offentlichen Lebens das Interesse geweckt durch die
Spiegelungen seiner Vorgange im studentischen Vereins-
leben. Ich war damals bei mancher interessanten Par-
lamentsdebatte auf der Galerie des osterreichischen
Abgeordneten- und Herrenhauses.
Mich interessierten aufter den oft in das Leben tief
einschneidenden Mafinahmen der Parlamente ganz be-
sonders die Personlichkeiten der Abgeordneten. Da stand
an seiner Bankecke jedes Jahr als ein Hauptbudgetredner
der feinsinnige Philosoph Bartholomaus Carneri. Seine
Worte hagelten schneidende Anklagen gegen das Mini-
sterium Taaffe, sie bildeten eine Verteidigung des
Deutschtums in Osterreich. Da stand Ernst von Plener,
der trockene Redner, die unbestrittene Autoritat in
Finanzfragen. Man frostelte, wenn er mit rechnerischer
Kalte dem Finanzminister Dunajewski die Ausgaben
kritisierte. Da donnerte gegen die Nationalitatenpolitik
der Ruthene Tomasczuck. Man hatte das Gefiihl, dafi es
ihm auf die Erfindung eines fur den Augenblick beson-
ders gut gepragten Wortes ankam, um fiir die Minister
Antipathien zu nahren. Da redete bauerlich-schlau, im-
mer gescheit der Klerikale Lienbacher. Sein etwas vor-
gebeugter Kopf liefi, was er sagte, als den AusfluE ab-
geklarter Anschauungen erscheinen. Da redete in seiner
Art schneidend der Jungtscheche Gregr. Man hatte bei
ihm das Gefiihl, einen halben Demagogen vor sich zu
haben. Da stand Rieger von den Alttschechen, ganz im
tief charakteristischen Sinn das verkorperte Tschechen-
tum, wie es seit langer Zeit sich herangebildet und in der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts zum Be-
wulksein seiner selbst gekommen war. Ein in sich selten
abgeschlossener, seelisch vollkraftiger, von sicherem Wil-
len getragener Mann. Da redete auf der rechten Seite,
inmitten der Polenbanke, Otto Hausner. Oft nur Lese-
friichte geistreich vortragend, oft spitz-treffend nach alien
Seiten des Hauses auch sachlich berechtigte Pfeile mit
einem gewissen Wohlbehagen sendend. Ein zwar selbst-
befriedigtes, aber gescheites Auge blinzelte hinter einem
Monokel, das andere schien zu dem Blinzeln stets ein be-
friedigtes «Ja» zu sagen. Ein Redner, der aber auch zu-
weilen prophetische Worte fiir Osterreichs Zukunft schon
damals fand. Man sollte heute nachlesen, was er damals
gesagt hat; man wiirde iiber seinen Scharfblick staunen.
Man lachte damals sogar iiber vieles, was nach Jahrzehn-
ten bitterer Ernst geworden ist.
V.
Zu Gedanken iiber das offentliche Leben Osterreichs, die
in irgend einer Art tiefer in meine Seele eingegriffen
hatten, konnte ich damals nicht kommen. Es blieb beim
Beobachten der aufierordentlich komplizierten Verhalt-
nisse. Aussprachen, die mir tieferes Interesse abgewan-
nen, konnte ich nur mit Karl Julius Schroer haben. Ich
durfte ihn gerade in dieser Zeit oft besuchen. Sein eigenes
Schicksal hing eng zusammen mit dem der Deutschen
Osterreich-Ungarns. Er war der Sohn Tobias Gottfried
Schroers, der in Prefiburg ein deutsches Lyzeum leitete
und Dramen, sowie geschichtliche und asthetische
Biicher schrieb. Die letzteren sind mit dem Namen
Chr. Oeser erschienen und waren beliebte Unterrichts-
biicher. Die Dichtungen Tobias Gottfried Schroers
sind, trotzdem sie zweifellos bedeutend sind und in
engeren Kreisen grofie Anerkennung fanden, nicht be-
kannt geworden. Die Gesinnung, die sie atmeten, stand
der herrschenden politischen Stromung in Ungarn ent-
gegen. Sie mufiten ohne Verfassernamen zum Teil im
deutschen Auslande erscheinen. Ware die geistige Rich-
tung des Verfassers in Ungarn bekannt geworden, so
hatte dieser nicht nur der Entlassung aus dem Amte,
sondern sogar einer harten Bestrafung gewartig sein
miissen.
Karl Julius Schroer erlebte so den Druck auf das
Deutschtum schon in seiner Jugend im eigenen Hause.
Unter diesem Druck entwickelte er seine intime Hingabe
an deutsches Wesen und deutsche Literatur, sowie eine
grofie Liebe zu allem, was an und um Goethe war. Die
«Geschichte der deutschen Dichtung» von Gervinus
war von tiefgehendem Einflufi auf ihn.
Er ging in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahr-
hunderts nach Deutschland, um an den Universitaten
von Leipzig, Halle und Berlin deutsche Sprach- und
Literaturstudien zu treiben. Nach seiner Riickkehr war
er zunachst am Lyzeum seines Vaters als Lehrer der deut-
schen Literatur und Leiter eines Seminars tatig. Er lernte
nun die volkstiimlichen Weihnachtsspiele, die alljahrlich
von den deutschen Kolonisten in der Umgebung von
Prefiburg gespielt wurden, kennen. Da war deutsches
Volkstum in fur ihn tief sympathischer Art vor seiner
Seele. Die vor Jahrhunderten aus westlicheren Gegenden
in Ungarn eingewanderten Deutschen hatten sich diese
Spiele aus der alten Heimat mitgebracht und spielten sie
so weiter, wie sie sie um das Weihnachtsfest in alten Zeiten
in Gegenden, die wohl in der Nahe des Rheines gelegen
waren, aufgefuhrt hatten. Die Paradieseserzahlung, die
Geburt Christi, die Erscheinung der drei Konige lebten
auf volkstumliche Art in diesen Spielen. Schroer ver-
offentlichte sie dann nach dem Anhoren oder nach der
Einsichtnahme in die alten Manuskripte, die er bei den
Bauern zu sehen bekam, unter dem Titel «Deutsche
Weihnachtsspiele aus Ungarn».
Das liebevolle Einleben in deutsches Volkstum nahm
Schroers Seele immer mehr in Anspruch. Er machte Rei-
sen, um die deutschen Mundarten in den verschiedensten
Gebieten Osterreichs zu studieren. Uberall, wo deutsches
Volkstum in den slawischen, magyarischen, italienischen
Landesteilen der Donaumonarchie eingestreut war, wollte
er dessen Eigenart kennen lernen. So entstanden seine
Worterbiicher und Grammatiken der Zipser Mundart,
die im Siiden der Karpaten heimisch war, der Gottscheer
Mundart, die bei einem kleinen deutschen Volksteil in
Krain lebte, der Sprache der Heanzen, die im westlichen
Ungarn gesprochen wurde.
Fur Schroer waren diese Studien niemals eine bloft
wissenschaftliche Aufgabe. Er lebte mit ganzer Seele in
den Offenbarungen des Volkstums und wollte dessen
Wesen durch Wort und Schrift zum Bewufitsein derjeni-
gen Menschen bringen, die aus ihm durch das Leben
herausgerissen sind. Er wurde dann Professor in Buda-
pest. Da konnte er sich der damals herrschenden Stro-
mung gegeniiber nicht wohl fiihlen. So iibersiedelte er
denn nach Wien, wo ihm zunachst die Leitung der evan-
gelischen Schulen ubertragen und wo er spater Professor
fur deutsche Sprache und Literatur wurde. Als er schon
diese Stellung innehatte, durfte ich ihn kennen lernen
und ihm naher treten. In der Zeit, da dies geschah, war
sein ganzes Sinnen und Leben Goethe zugewendet. Er
arbeitete an der Ausgabe und Einleitung des zweiten
Teiles des «Faust» und hatte den ersten Teil bereits
erscheinen lassen.
Wenn ich zu Besuchen in die kleine Bibliothek
Schroers kam, die zugleich sein Arbekszimmer war,
fuhlte ich mich in einer geistigen Atmosphare, die mei-
nem Seelenleben in starkem Mafie wohltat. Ich wufite
schon damals, wie Schroer von den Bekennern der herr-
schend gewordenen literarhistorischen Methoden wegen
seiner Schriften, namentlich wegen seiner «Geschichte
der deutschen Dichtung im neunzehnten Jahrhundert»
angefeindet wurde. Er schrieb nicht so wie etwa die Mit-
glieder der Scherer-Schule, die wie ein Naturforscher die
literarischen Erscheinungen behandelten. Er trug ge-
wisse Empfindungen und Ideen iiber die literarischen
Erscheinungen in sich und sprach diese rein mensch-
lich aus, ohne viel das Auge im Zeitpunkt des Schrei-
bens auf die «Quellen» zu lenken. Man hat sogar ge-
sagt, er habe seine Darstellung «aus dem Handgelenk
hingeschrieben».
Mich interessierte das wenig. Ich erwarmte geistig,
wenn ich bei ihm war. Ich durfte stundenlang an seiner
Seite sitzen. Aus seinem begeisterten Herzen lebten in
seiner miindlichen Darstellung die Weihnachtsspiele, der
Geist der deutschen Mundarten, der Verlauf des litera-
rischen Lebens auf. Das Verhaltnis der Mundart zu der
Bildungssprache wurde mir praktisch anschaulich. Eine
wahre Freude hatte ich, als er mir, was er auch schon in
Vorlesungen getan hatte, von dem Dichter in niederoster-
reichischer Mundart, Joseph Misson, sprach, der die
herrliche Dichtung «Da Naaz, a niederosterreichischer
Baurnbua, geht ind Fremd» geschrieben hat. Schroer gab
mir dann immer Biicher aus seiner Bibliothek mit, in
denen ich weiterverfolgen konnte, was Inhalt des Ge-
spraches war. Ich hatte wirklich immer, wenn ich so
allein mit Schroer salS, das Gefiihl, daft noch ein Dritter
anwesend war: Goethes Geist. Denn Schroer lebte so
stark in Goethes Wesen und Werken, dafi er bei jeder
Empfindung oder Idee, die in seiner Seele auftraten,
sich gefuhlsmaftig die Frage vorlegte: Wiirde Goethe
so empfunden oder gedacht haben?
Ich horte geistig mit der allergrofiten Sympathie alles,
was von Schroer kam. Dennoch konnte ich nicht anders,
als auch ihm gegeniiber, das, wonach ich geistig intim
strebte, in der eigenen Seele ganz unabhangig aufbauen.
Schroer war Idealist; und die Ideenwelt als solche war fur
ihn das, was in Natur- und Menschenschopfung als trei-
bende Kraft wirkte. Mir war die Idee der Schatten einer
voll-lebendigen Geisteswelt. Ich fand es damals sogar
schwierig, fur mich selbst den Unterschied zwischen
Schroers und meiner Denkungsart in Worte zu bringen.
Er redete von Ideen als von den treibenden Machten in
der Geschichte. Er fuhlte Leben in dem Dasein der Ideen.
Fur mich war das Leben des Geistes hinter den Ideen, und
diese nur dessen Erscheinung in der Menschenseele. Ich
konnte damals kein anderes Wort fur meine Denkungs-
art finden als «objektiver Idealismus». Ich wollte damit
sagen, dafi fur mich das Wesentliche an der Idee nicbt ist,
dafi sie im menschlichen Subjekt erscheint, sondern daft
sie wie etwa die Farbe am Sinneswesen an dem geisti-
gen Objekte erscheint, und da£ die menschliche Seele —
das Subjekt — sie da wahrnimmt, wie das Auge die
Farbe an einem Lebewesen.
Meiner Anschauung kam aber Schroer in hohem Grade
mit seiner Ausdrucksform entgegen, wenn wir das be-
sprachen, was sich als «Volksseele» offenbart. Er sprach
von dieser als von einem wirkKchen geistigen Wesen, das
sich in der Gesamtheit der einzelnen Menschen, die zu
einem Volke gehoren, darlebt. Da nahmen seine Worte
einen Charakter an, der nicht blofi auf die Bezeichnung
einer abstrakt gehaltenen Idee ging. Und so betrachteten
wir beide das Gefiige des alten Osterreich und die in dem-
selben wirksamen Individualitaten der Volksseelen. —
Von dieser Seite war es mir moglich, Gedanken iiber die
offentlichen Zustande zu fassen, die tiefer in mein Seelen-
leben eingriffen.
So hing ganz stark in der damaligen Zeit mein Erleben
mit meinem Verhaltnis zu Karl Julius Schroer zusam-
men. Was ihm aber ferner lag, und womit ich vor allem
nach einer innerlichen Auseinandersetzung strebte, das
waren die Naturwissenschaften. Ich wollte auch meinen
«objektiven Idealismus» im Einklange mit der Natur-
erkenntnis wissen.
Es war in der Zeit meines lebhaftesten Verkehrs mit
Schroer, als mir die Frage nach dem Verhaltnis von gei-
stiger und natiirlicher Welt in erneuerter Art vor die
Seele trat. Es geschah dies zunachst noch ganz unab-
hangig von Goethes naturwissenschaftlicher Denkungs-
art. Denn auch Schroer konnte mir nichts Entscheidendes
iiber dieses Gebiet Goethe'schen Schaffens sagen. Er hatte
seine Freude dariiber, wenn er bei diesem oder jenem
Naturforscher eine wohlwollende Anerkennung von
Goethes Betrachtung des Pflanzen- und Tierwesens fand.
Fur die Farbenlehre Goethes traf er aber iiberall bei
naturwissenschaftlich Gebildeten entschiedene Ableh-
nung. So entwickelte er nach dieser Richtung keine
besondere Meinung.
Mein Verhaltnis zur Naturwissenschaft wurde in die-
ser Zeit meines Lebens, trotzdem ich im Umgange mit
Schroer an Goethes Geistesleben nahe herankam, von die-
ser Seite her nicht beeinflufk. Es bildete sich vielmehr an
den Schwierigkeiten aus, die ich hatte, wenn ich die Tatsa-
chen der Optik im Sinne der Physiker nachdenken sollte.
Ich fand, dafi man das Licht und den Schall in der
naturwissenschaftlichen Betrachtung in einer Analogie
dachte, die unstatthaft ist. Man sprach von «Schall im
Allgemeinen» und «Licht im Allgemeinen». Die Analo-
gic lag im Folgenden: man sieht die einzelnen Tone und
Klange als besonders modifizierte Luftschwingungen an,
und das Objektive des Schalles, aufier dem menschlichen
Erlebnis der Schallempfindung, als einen Schwingungs-
zustand der Luft. Ahnlich dachte man fur das Licht. Man
definierte, was aufier dem Menschen sich abspielt, wenn
er eine durch das Licht bewirkte Erscheinung wahr-
nimmt, als Schwingung im Ather. Die Farben sind dann
besonders gestaltete Atherschwingungen. Mir wurde da-
mals diese Analogie zu einem wahren Peiniger meines
Seelenlebens. Denn ich vermeinte, vollig im klaren dar-
iiber zu sein, dafi der Begriff «Schall» nur eine abstrakte
Zusammenfassung der einzelnen Vorkommnisse in der
tonenden Welt ist, wahrend «Licht» fiir sich ein Kon-
kretes gegeniiber den Erscheinungen in der beleuchteten
Welt darstellt. — «Schall» war fiir mich ein zusammen-
gefafiter abstrakter Begriff, «Licht» eine konkrete Wirk-
lichkeit. Ich sagte mir, das Licht wird gar nicht sinnlich
wahrgenommen; es werden «Farben» wahrgenommen
durch Licht, das sich in der Farbenwahrnehmung iiberall
offenbart, aber nicht selbst sinnlich wahrgenommen wird.
«Weifies» Licht ist nicht Licht, sondern schon eine Farbe.
So wurde mir das Licht eine wirkliche Wesenheit in
der Sinneswelty die aber selbst aufiersinnlich ist. Es trat
nun der Gegensatz des Nominalismus und Realismus vor
meiner Seele auf, wie er sich innerhalb der Scholastik
ausgebildet hat. Man behauptete bei den Realisten, die
Begriffe seien Wesenhaftes, das in den Dingen lebt und
nur von der menschlichen Erkenntnis aus ihnen heraus-
geholt wird. Die Nominalisten fafiten dagegen die Be-
griffe nur als vom Menschen geformte Namen auf, die
Mannigfaltiges in den Dingen zusammenfassen, in diesen
selbst aber kein Dasein haben. Ich empfand nun, man
miisse die Schall-Erlebnisse auf nominalistische und die
Erlebnisse, die durch das Licht da sind, auf realistische
Art ansehen.
Ich trat mit dieser Orientierung an die Optik der Phy-
siker heran. Ich mufite in dieser vieles ablehnen. Da ge-
langte ich zu Anschauungen, die mir den Weg zu Goethes
Farbenlehre bahnten. Von dieser Seite her offnete ich mir
das Tor zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften.
Ich brachte zunachst kleine Abhandlungen, die ich aus
meinen naturwissenschaftlichen Anschauungen heraus
schrieb, zu Schroer. Er konnte damit nicht viel machen.
Denn sie waren noch nicht aus Goethes Anschauungsart
heraus gearbeitet, sondern ich hatte am Schlusse nur die
kurze Bemerkung angebracht: wenn man dazu kommen
werde, iiber die Natur so zu denken, wie ich es dargestellt
habe, dann erst werde Goethes Naturforschung in der
Wissenschaft Gerechtigkeit widerfahren. Schroer hatte
innige Freude, wenn ich dergieichen aussprach; aber dar-
iiber hinaus kam es zunachst nicht. Die Situation, in der
ich mich befand, wird wohl durch folgenden Vorfall cha-
rakterisiert. Schroer erzahlte mir eines Tages, er habe mit
einem Kollegen gesprochen, der Physiker sei. Ja, sagte
dieser, Goethe habe sich gegen Newton aufgelehnt, und
Newton war doch «solch ein Genie»; darauf habe er,
Schroer, erwidert: aber Goethe sei doch «auch ein Genie »
gewesen. So fiihlte ich mich doch wieder mit einer
Ratselfrage, mit der ich rang, ganz allein.
In den Anschauungen, die ich iiber die physikalische
Optik gewann, schien sich mir die Briicke zu bauen von
den Einsichten in die geistige Welt zu denen, die aus der
naturwissenschaftlichen Forschung kommen. Ich emp-
fand damals die Notwendigkeit, durch eigenes Gestalten
gewisser optischer Experimente die Gedanken, die ich
iiber das Wesen des Lichtes und der Farben ausgebildet
hatte, an der sinnlichen Erfahmng zu priifen. Es war fur
mich nicht leicht, die Dinge zu kaufen, die fur solche
Experimente notwendig waren. Denn die durch Privat-
unterricht erworbenen Mittel waren schmal genug. Was
mir nur irgend moglich war, tat ich, um fur die Licht-
lehre zu Experimentanordnungen zu kommen, die wirk-
lich zu einer vorurteilslosen Einsicht in die Tatsachen
der Natur auf diesem Gebiete fiihren konnten.
Mit den gebrauchlichen Versuchsanordnungen der
Physiker war ich durch die Arbeiten in dem Reitlinger-
schen physikalischen Laboratorium bekannt. Die mathe-
matische Behandlung der Optik war mir gelaufig, denn
ich hatte gerade iiber dieses Gebiet eingehende Studien
gemacht. — Trotz aller Einwande, die von seiten der Phy-
siker gegen die Goethe'sche Farbenlehre gemacht werden,
wurde ich durch meine eigenen Experimente immer
mehr von der gebrauchlichen physikalischen Ansicht zu
Goethe hin getrieben. Ich wurde gewahr, wie alles der-
artige Experimentieren nur ein Herstellen von Tatsachen
«am Lkhte» — um einen Goethe'schen Ausdruck zu ge-
brauchen — sei, nicht ein Experimentieren «mit dem
Lichte» selbst. Ich sagte mir: die Farbe wird nicht nach
Newton'scher Denkungsweise aus dem Lichte hervor-
geholt; sie kommt zur Erscheinung, wenn dem Lichte
Hindernisse seiner freien Entfaltung entgegengebracht
werden. Mir schien, clafi dies aus den Experimenten
unmittelbar abzulesen sei.
Damit aber war fur mich das Licht aus der Reihe der
eigentlichen physikalischen Wesenhaftigkeiten ausge-
schieden. Es stellte sich als eine Zwischenstufe dar zwi-
schen den fur die Sinne fafibaren Wesenhaftigkeiten und
den im Geiste anschaubaren.
Ich war abgeneigt, iiber diese Dinge mich blofi in
philosophischen Denkvorgangen zu bewegen. Aber ich
hielt sehr viel darauf, die Tatsachen der Natur richtig zu
lesen. Und da wurde mir immer klarer, wie das Licht
selbst in den Bereich des Sinnlich-Anschaubaren nicht
eintritt, sondern jenseits desselben bleibt, wahrend die
Farben erscheinen, wenn das Sinnlich-Anschaubare in
den Bereich des Lichtes gebracht wird.
Ich fuhlte mich nun genotigt, neuerdings von den ver-
schiedensten Seiten her an die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse heranzudringen. Ich wurde wieder zum Stu-
dium der Anatomie und Physiologie gefuhrt. Ich betrach-
tete die Glieder des menschlichen, des tierischen und
pflanzlichen Organismus in ihren Gestaltungen. Ich kam
dadurch in meiner Art auf die Goethe'sche Metamor-
phosenlehre. Ich wurde immer mehr gewahr, wie das fur
die Sinne erfafibare Naturbild zu dem hindrangt, was
mir auf geistige Art anschaubar war.
Blickte ich in dieser geistigen Art auf die seelische Reg-
samkeit des Menschen, auf Denken, Fuhlen und Wollen,
so gestaltete sich mir der « geistige Mensch» bis zur bild-
haften Anschaulichkeit. Ich konnte nicht stehen bleiben
bei den Abstraktionen, an die man gewohnlich denkt,
wenn man von Denken, Fiihlen und Wollen spricht. Ich
sah in diesen inneren Lebensoffenbarungen schaffende
Krafte, die den «Menschen als Geist» im Geiste vor mich
hinstellten. Blickte ich dann auf die sinnliche Erschei-
nung des Menschen, so erganzte sich mir diese im be-
trachtenden Blicke durch die Geistgestalt, die im Sinn-
lich-Anschaubaren waltet.
Ich kam auf die sinnlich-ubersinnliche Form, von der
Goethe spricht, und die sich sowohl fur eine wahrhaft
naturgemafie wie auch fur eine geistgemafie Anschau-
ung zwischen das Sinnlich-Erfafibare und das Geistig-
Anschaubare einschiebt.
Anatomie und Physiologie drangten Schritt fiir Schntt
zu dieser sinnlich-ubersinnlichen Form. Und in diesem
Drangen fiel mein Blick zuerst in einer noch ganz un-
vollkommenen Art auf die Dreigliederung der mensch-
lichen Wesenheit, von der ich erst, nachdem ich im stil-
len dreifiig Jahre lang die Studien iiber sie getrieben
hatte, offentlich in meinem Buche «Von Seelenratseln»
zu sprechen begann. Zunachst wurde mir klar, dafi in
dem Teile der menschlichen Organisation, in der die Bil-
dung am meisten nach dem Nerven- und Sinneshaften
hin orientiert ist, die sinnlich-ubersinnliche Form auch
am starksten in dem Sinnlich-Anschaubaren sich aus-
pragt. Die Kopforganisation erschien mir als diejenige,
an der das Sinnlich-Ubersinnliche auch am starksten in
der sinnlichen Form zur Anschauung kommt. Die Glied-
mafien-Organisation dagegen mufite ich als diejenige an-
sehen, in der sich das Sinnlich-Ubersinnliche am meisten
verbirgt, so daft in ihr die in der aufiermenschlichen Na-
tur wirksamen Krafte sich in die menschliche Bildung
hinein fortsetzen. Zwischen diesen Polen der mensch-
lichen Organisation schien mir alles das zu stehen, was
auf rhythmische Art sich darlebt, die Atmungs- und
Zirkulationsorganisation usw.
Ich fand damals niemanden, zu dem ich von diesen
Anschauungen hatte sprechen konnen. Deutete ich da
oder dort etwas von ihnen an, so sah man sie als das Er-
gebnis einer philosophischen Idee an, wahrend ich doch
gewifi war, da£ sie sich mir aus einer vorurteilsfreien
anatomischen und physiologischen Erfahrungserkenntnis
heraus geoffenbart hatten.
In der Stimmung, die auf meiner Seele aus solcher
Vereinsamung mit Anschauungen lastete, fand ich nur
innere Erlosung, indem ich immer wieder das Gesprach
las, das Goethe mit Schiller gefuhrt hatte, als die beiden
aus einer Versammlung der naturforschenden Gesell-
schaft in Jena zusammen weggingen. Sie waren beide
darin einig, da£ man die Natur nicht in einer so zerstiik-
kelten Art betrachten diirfe, wie das von dem Botaniker
Batsch in dem Vortrage, den sie gehort hatten, geschehen
war. Und Goethe zeichnete vor Schillers Augen mit ein
paar Strichen seine «Urpflanze» hin. Sie stellte durch
eine sinnlich-iibersinnliche Form die Pflanze als ein
Ganzes dar, aus dem Blatt, Bliite usw. sich, das Ganze
im einzelnen nachbildend, herausgestalten. Schiller
konnte wegen seines damals noch nicht iiberwundenen
Kant'schen Standpunktes in diesem «Ganzen» nur eine
«Idee» sehen, die sich die menschliche Vernunft durch
die Betrachtung der Einzelheiten bildet. Goethe wollte
das nicht gelten lassen. Er «sah» geistig das Ganze, wie
er sinnlich die Einzelheit sah. Und er gab keinen prin-
zipiellen Unterschied zu zwischen der geistigen und sinn-
Hchen Anschauung, sondern nur einen Ubergang von
der einen zur andern. Ihm war klar, daft beide den An-
spruch erheben, in der erfahrungsgemaften Wirklichkeit
zu stehen. Aber Schiller kam nicht los davon, zu behaup-
ten: die Urpflanze sei keine Erfahrung, sondern eine Idee.
Da erwiderte denn Goethe aus seiner Denkungsart her-
aus, dann sehe er eben seine Ideen mit Augen vor sich.
Es war fur mich die Beruhigung eines langen Ringens
in der Seele, was mir aus dem Verstandnis dieser Goethe-
Worte entgegenkam, zu denen ich durchgedrungen zu
sein glaubte. Goethes Naturanschauung stellte sich mir
als eine geistgemafie vor die Seele.
Ich mulke nun, durch eine innere Notwendigkeit ge-
trieben, Goethes naturwissenschaftliche Schriften in alien
Einzelheiten durcharbeiten. Ich dachte zunachst nicht
daran, eine Erklarung dieser Schriften zu versuchen, wie
ich sie dann bald in den Einleitungen zu denselben in
«Kiirschners Deutscher Nationalliteratur» veroffentlicht
habe. Ich dachte vielmehr daran, irgendein Gebiet der
Naturwissenschaft selbstandig so darzustellen, wie mir
diese Wissenschaft nun als «geistgemafi» vorschwebte.
Um an dergleichen wirkhch zu kommen, war mein
aufieres Leben in der damaligen Zeit nicht gestaltet. Ich
mufite Privatunterricht auf den verschiedensten Gebieten
geben. Die «padagogischen» Situationen, in die ich mich
hineinzufinden hatte, waren mannigfaltig genug. So
tauchte einmal ein preufiischer Offizier in Wien auf, der
aus irgend einem Grunde den deutschen Heeresdienst
hatte verlassen miissen. Er wollte sich zum Eintritt in das
osterreichische Heer als Genieoffizier vorbereiten. Durch
eine besondere Schicksalsfiigung wurde ich sein Lehrer
in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fa-
chern. Ich hatte an diesem «Unterrichten» die tiefste Be-
friedigung. Denn mein «Schiiler» war ein ganz aufter-
ordentlich liebenswiirdiger Mann, der nach menschlicher
Unterhaltung mit mir drangte, wenn wir die mathema-
tischen und mechanischen Entwickelungen hinter uns
hatten, die er fur seine Vorbereitung brauchte. — Auch
in andern Fallen, so bei absolvierten Studenten, die sich
zum Doktorexamen vorbereiteten, mufite ich nament-
lich die mathematischen und naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse vermitteln.
Ich hatte durch diese Notigung, das Naturwissen-
schaftliche der damaligen Zeit immer wieder durchzu-
arbeiten, genug Gelegenheit, mich in die Zeitanschau-
ungen auf diesem Gebiete einzuleben. Ich konnte ja
im Unterrichten nur diese Zeitanschauungen vermit-
teln; woran mir am meisten in bezug auf Natur-
Erkenntnis gelegen war, mufke ich still in mir ver-
schlossen tragen.
Meine Betatigung als Privatlehrer, die mir in jener
Zeit die einzige Lebensmoglichkeit eroffnete, bewahrte
mich vor Einseitigkeit. Ich mufke vieles aus dem Grunde
selbst lernen, um es unterrichten zu konnen. So lebte ich
mich in die «Geheimnisse» der Buchhaltung ein, weil ich
Gelegenheit fand, gerade auf diesem Gebiete Unterricht
zu erteilen.
Auch auf dem Gebiete des padagogischen Denkens
kam mir von Schroer die fruchtbarste Anregung. Er hatte
als Direktor der evangelischen Schulen in Wien jahre-
lang gewirkt und seine Erfahrungen in dem liebenswur-
digen Biichlein «Unterrichtsfragen» ausgesprochen. Was
ich darinnen las, konnte dann mit ihm besprochen wer-
den. Er sprach in bezug auf Erziehen und Unterrichten
oft gegen das blofie Beibringen von Kenntnissen, und
fur die Entwickelung der ganzen, vollen Menschen-
wesenheit.
VI.
Auf padagogischem Gebiete brachte mir das Schicksal
eine besondere Aufgabe. Ich wurde als Erzieher in eine
Familie empfohlen, in der vier Knaben waren. Dreien
hatte ich nur erst den vorbereitenden Volksschul- und
dann den Nachhilfeunterricht fur die Mittelschule zu
geben. Der vierte, der ungefahr zehn Jahre alt war,
wurde mir zunachst zur vollstandigen Erziehung iiber-
geben. Er war das Sorgenkind der Eltern, besonders der
Mutter. Er hatte, als ich ins Haus kam, sich kaum die
allerersten Elemente des Lesens, Schreibens und Rech-
nens erworben. Er gait als abnormal in seiner korper-
lichen und seelischen Entwickelung in einem so hohen
Grade, dafi man in der Familie an seiner Bildungsfahig-
keit zweifelte. Sein Denken war langsam und trage. Selbst
geringe geistige Anstrengung bewirkte Kopfschmerz,
Herabstimmung der Lebenstatigkeit, Blaftwerden, be-
sorgniserregendes seelisches Verhalten.
Ich bildete mir, nachdem ich das Kind kennen gelernt
hatte, das Urteil, dafi eine diesem korperlichen und see-
lischen Organismus entsprechende Erziehung die schlum-
mernden Fahigkeiten zum Erwachen bringen musse; und
ich machte den Eltern den Vorschlag, mir die Erziehung
zu iiberlassen. Die Mutter des Knaben brachte diesem
Vorschlage Vertrauen entgegen, und dadurch konnte ich
mir diese besondere padagogische Aufgabe stellen.
Ich mulke den Zugang zu einer Seele finden, die sich
zunachst wie in einem schlafahnlichen Zustande befand
und die allmahlich dazu zu bringen war, die Herrschaft
iiber die Korperaufterungen zu gewinnen. Man hatte
gewissermafien die Seele erst in den Korper einzuschal-
ten. Ich war von dem Glauben durchdrungen, daft der
Knabe zwar verborgene, aber so gar grofie geistige Fahig-
keiten habe. Das gestaltete mir meine Aufgabe zu einer
tief befriedigenden. Ich konnte das Kind bald zu einer
liebevollen Anhanglichkeit an mich bringen. Das be-
wirkte, dafi der blofie Verkehr mit demselben die schlum-
mernden Seelenfahigkeiten zum Erwachen brachte. Fiir
das Unterrichten mufite ich besondere Methoden ersin-
nen. Jede Viertelstunde, die iiber ein gewisses dem Un-
terricht zugeteiltes Zeitmafi hinausging, bewirkte eine
Beeintrachtigung des Gesundheitszustandes. Zu man-
chen Unterrichtsfachern konnte der Knabe nur sehr
schwer ein Verhaltnis finden.
Diese Erziehungsaufgabe wurde fiir mich eine reiche
Quelle des Lernens. Es eroffnete sich mir durch die Lehr-
praxis, die ich anzuwenden hatte, ein Einblick in den Zu-
sammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Korper-
lichem im Menschen. Da machte ich mein eigentliches
Studium in Physiologie und Psychologie durch. Ich wurde
gewahr, wie Erziehung und Unterricht zu einer Kunst
werden miissen, die in wirklicher Menschen-Erkennt-
nis ihre Grundlage hat. Ein okonomisches Prinzip hatte
ich sorgfaltig durchzufiihren. Ich muftte mich oft fiir
eine halbe Unterrichtsstunde zwei Stunden lang vorbe-
reiten, um den Unterrichtsstoff so zu gestalten, dafi ich
dann in der geringsten Zeit und mit moglichst wenig An-
spannung der geistigen und korperlichen Krafte ein
Hochstmafi der Leistungsfahigkeit des Knaben erreichen
konnte. Die Reihenfolge der Unterrichtsfacher mufite
sorgfaltig erwogen, die ganze Tageseinteilung sach-
gemafi bestimmt werden. Ich hatte die Befriedigung, daft
der Knabe im Verlaufe von zwei Jahren den Volksschul-
unterricht nachgeholt hatte und die Reifepriifung in das
Gymnasium bestehen konnte. Auch seine Gesundheits-
verhaltnisse hatten sich wesentlich gebessert. Die vor-
handene Hydrocephalic war in starker Riickbildung be-
griffen. Ich konnte den Eltern den Vorschlag machen,
den Knaben in die offentliche Schule zu schicken. Es er-
schien mir notig, daft er seine Lebensentwickelung im
Verein mit andern Knaben finde. Ich blieb als Erzieher in
der Familie fur mehrere Jahre und widmete mich beson-
ders diesem Knaben, der ganz darauf angewiesen war,
seinen Weg durch die Schule so zu nehmen, daft seine
hausliche Betatigung in dem Geiste fortgefiihrt wurde,
in dem sie begonnen war. Ich hatte da Veranlassung, in
der schon friiher erwahnten Art meine griechischen und
lateinischen Kenntnisse fortzubilden, denn ich hatte fur
den Gymnasialunterricht dieses und noch eines andern
Knaben in der Familie die Nachhilfestunden zu besorgen.
Ich mufi dem Schicksal dafiir dankbar sein, daft es
mich in ein solches Lebensverhaltnis gebracht hat. Denn
ich erwarb mir dadurch auf lebendige Art eine Erkennt-
nis der Menschenwesenheit, von der ich glaube, daft sie
so lebendig auf einem andern Wege von mir nicht hatte
erworben werden konnen. Auch war ich in die Familie
in einer ungewohnlich liebevollen Art aufgenommen;
es bildete sich eine schone Lebensgemeinschaft mit der-
selben aus. Der Vater des Knaben war als Agent fur
indische und amerikanische Baumwolle tatig. Ich konnte
einen Einblick gewinnen in den Gang des Geschaftes und
in vieles, das damit zusammenhangt. Auch dadurch
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:28 Seite:106a
Rudolf Steiner (zweiter von links) im Kreise der Familie Specht
und weiterer Mitbewohner des «Berghofes»
in Unterach am Attersee, Sommer 1889
Pnm/rinht Ri irlnlf fitoinor Nai^hlacc-V/orwalti inn Rurh'^R
<S.a\ta- infih
lernte ich vieles. Ich sah in die Fiihrung eines aufter-
ordentlich interessanten Importgeschaftszweiges hinein,
konnte den Verkehr unter Geschaftsfreunden, die Ver-
kettung verschiedener kommerzieller und industrieller
Betatigungen beobachten.
Mein Pflegling konnte durch das Gymnasium durch-
gefiihrt werden; ich blieb an seiner Seite bis zur Unter-
Prima. Da war er so weit, dafi er meiner nicht mehr be-
durfte. Er ging nach absolviertem Gymnasium an die
medizinische Fakultat, wurde Arzt und ist als solcher ein
Opfer des Weltkrieges geworden. Die Mutter, die mir
durch meine Tatigkeit fiir den Sohn zur treuen Freundin
geworden war, und die mit innigster Liebe an diesem
Sorgenkinde hing, ist ihm bald nachgestorben. Der Vater
hat schon friiher die Erde verlassen.
Ein gut Teil meines Jugendlebens ist mit der Aufgabe
verkniipft, die mir so erwachsen war. Ich ging durch
mehrere Jahre mit der Familie der von mir zu erziehen-
den Kinder jeden Sommer an den Attersee im Salz-
kammergute und lernte da die herrliche Alpennatur
Oberosterreichs kennen. Allmahlich konnte ich die an-
fangs auch noch wahrend dieser Erziehertatigkeit fort-
gesetzten Privatstunden bei andern abstreifen; und so
blieb mir Zeit fiir das Fortfuhren meiner Studien.
Ich hatte in meinem Leben, bevor ich in diese Familie
eintrat, wenig Gelegenheit, an kindlichen Spielen teilzu-
nehmen. Und so kam es, dafi meine «Spielzeit» erst in
meine zwanziger Jahre fiel. Ich mufite da auch lernen,
wie man spielt. Denn ich mufite das Spielen leiten. Und
ich tat es mit grofier Befriedigung. Ich glaube sogar,
ich habe im Leben nicht weniger gespielt als andere
Menschen. Nur habe ich eben dasjenige, was man sonst
vor dem zehnten Lebensjahre nach dieser Richtung
vollbringt, vom drei- bis achtundzwanzigsten Jahre
nachgeholt.
In diese Zeit fallt meine Beschaftigung mit der Philo-
sophic Eduard von Hartmanns. Ich studierte seine «Er-
kenntnistheorie», indem sich fortwahrender Wider-
spruch in mir regte. Die Meinung, daft das wahrhaft
Wirkliche als Unbewufttes jenseits der Bewufttseinserleb-
nisse liege, und diese nichts weiter sein sollen als ein un-
wirklicher, bildhafter Abglanz des Wirklichen, war mir
tief zuwider. Ich stellte dem entgegen, daft die Bewuftt-
seinserlebnisse durch die innerliche Verstarkung des See-
lenlebens in das wahrhaft Wirkliche untertauchen kon-
nen. Ich war mir klar dariiber, daft sich im Menschen das
Gottlich-Geistige offenbart, wenn der Mensch durch sein
Innenleben diese Offenbarung moglich macht.
Der Pessimismus Eduard von Hartmanns erschien mir
als das Ergebnis einer ganz falschen Fragestellung an das
menschliche Leben. Den Menschen muftte ich so auffas-
sen, daft er dem Ziele zustrebt, aus dem Quell seines
Innern zu holen, was ihm das Leben zu seiner Befriedi-
gung erfullt. Ware, so sagte ich mir, ein «bestes Leben»
dem Menschen von vorneherein durch die Welteinrich-
tung zugeteilt, wie konnte er diesen Quell in sich zum
Stromen bringen? Die auftere Weltordnung gelangt zu
einem Entwickelungsstadium, in dem sie Gutes und Bdses
an die Dinge und Tatsachen vergeben hat. Da erwacht
erst das Menschenwesen zum Eigenbewufttsein und fiihrt
die Entwickelung weiter, ohne daft sie von den Dingen
und Tatsachen, sondern nur von dem Quell des Seins die
in Freiheit einzuschlagende Richtung erhalt. Schon das
Aufwerfen der Pessimismus- oder Optimismusfrage
schien mir gegen die freie Wesenheit des Menschen zu
verstofien. Ich sagte mir oft: wie konnte der Mensch der
freie Schopfer seines hochsten Gliickes sein, wenn ihm
ein Mafi von Gliick durch die auEere Weltordnung
zugeteilt ware?
Dagegen zog mich Hartmanns Werk «Phanomenolo-
gie des sittlichen Bewufitseins» an. Da, fand ich, wird die
sittliche Entwickelung der Menschheit am Leitfaden des
empirisch zu Beobachtenden verfolgt. Es wird nicht, wie
in der Hartmann'schen Erkenntnistheorie und Meta-
physik dies geschieht, die Gedankenspekulation auf ein
jenseits des Bewulken liegendes unbekanntes Sein ge-
lenkt, sondern es wird, was als Sittlichkeit erlebt werden
kann, in seiner Erscheinung erfafit. Und ich war mir klar
dariiber, dafi keine philosophische Spekulation Uber die
Erscheinung hinausdenken darf, wenn sie an das wahr-
haft Wirkliche herankommen will. Die Erscheinungen
der Welt offenbaren selbst dieses wahrhaft Wirkliche,
wenn sich erst die bewulke Seele bereit macht, es zu er-
fassen. Wer nur das Sinnlich-Ergreifbare in das Bewufit-
sein aufnimmt, der kann das wahrhaft Seiende in einem
dem Bewulksein Jenseitigen suchen; wer das Geistige in
der Anschauung erfalk, der spricht von ihm als von einem
Diesseitigen, nicht von einem Jenseitigen im erkenntnis-
theoretischen Sinne. Mir erschien die Betrachtung der
sittlichen Welt bei Hartmann sympathisch, weil er dabei
seinen Jenseitsstandpunkt vollig zuriicktreten lafit und
sich an das Beobachtbare halt. Durch die Vertiefung in
die Phanomene bis zu dem Grade, dafi sie ihre geistige
Wesenhek enthiillen, wollte ich Erkenntnis des Seienden
zustande gebracht wissen, nicht durch Nachdenken
dariiber, was «hinter» den Phanomenen ist.
Da ich stets darnach strebte, eine menschliche Lei-
stung nach ihrer positiven Seite zu empfinden, wurde mir
Eduard von Hartmanns Philosophic wertvoll, trotzdem
mir gerade ihre Grundrichtung und ihre Lebensanschau-
ung zuwider war, weil sie vieles in den Erscheinungen
auf eine eindringliche Art beleuchtet. Und ich fand auch
in denjenigen Schriften des «Philosophen des Unbewufi-
ten», die ich im Prinzipe ablehnte, vieles, das mir aufier-
ordentlich anregend war. Und so ging es mir auch mit
den popularen Schriften Eduard von Hartmanns, die kul-
turhistorische, padagogische, politische Probleme behan-
deln. Ich fand «gesunde» Lebenserfassung bei diesem
Pessimisten, wie ich sie bei manchem Optimisten nicht
finden konnte. Gerade ihm gegeniiber empfand ich, was
ich brauchte: anerkennen zu konnen, auch wenn ich
widersprechen mufite.
Ich verbrachte so manchen Spatabend am Attersee,
wenn ich meine Buben sich selbst iiberlassen konnte und
die Sternenwelt vom Balkon des Hauses aus bewundert
war, mit dem Studium der «Phanomenologie des sitt-
lichen Bewufitseins» und dem «Religi6sen Bewulksein
der Menschheit im Stufengange seiner Entwicklung».
Und wahrend ich diese Schriften las, bekam ich eine im-
mer grofiere Sicherheit iiber meine eigenen erkenntnis-
theoretischen Gesichtspunkte.
Auf Schroers Empfehlung hin lud mich 1882 Joseph
Kiirschner ein, innerhalb der von ihm veranstalteten
«Deutschen Nationalliteratur» Goethes naturwissen-
schaftliche Schriften mit Einleitungen und fortlaufenden
Erklarungen herauszugeben. Schroer, der selbst fur dieses
grofie Sammelwerk die Dramen Goethes iibernommen
hatte, sollte den ersten der von mir zu besorgenden Bande
mit einem einfuhrenden Vorworte versehen. Er setzte in
diesem auseinander, wie Goethe als Dichter und Denker
innerhalb des neuzeitlichen Geisteslebens steht. Er sah
in der Weltanschauung, die das auf Goethe folgende
naturwissenschaftliche Zeitalter gebracht hatte, einen
Abfall von der geistigen Hohe, auf der Goethe gestan-
den hatte. Die Aufgabe, die mir durch die Herausgabe
yon Goethes naturwissenschaftlichen Schriften zugefal-
len war, wurde in umfassender Art in dieser Vorrede
charakterisiert.
Fur mich schlofi diese Aufgabe eine Auseinander-
setzung mit der Naturwissenschaft auf der einen, mit
Goethes ganzer Weltanschauung auf der andern Seite ein.
Ich mufite, da ich nun mit einer solchen Auseinander-
setzung vor die OffentKchkeit zu treten hatte, alles, was
ich bis dahin als Weltanschauung mir errungen hatte, zu
einem gewissen Abschlufi bringen.
Ich hatte mich bis dahin nur in wenigen Zeitungs-
aufsatzen schriftstellerisch betatigt. Mir wurde nicht
leicht, was in meiner Seele lebte, in einer solchen Art
niederzuschreiben, dafi ich diese der Veroffentlichung
wert halten konnte. Ich hatte immer das Gefuhl, dafi
das im Innern Erarbeitete in einer armseligen Gestalt
erschien, wenn ich es in eine fertige Darstellung pra-
gen sollte. So wurden mir alle schriftstellerischen Ver-
suche zu einem fortwahrenden Quell innerer Unbefrie-
digung.
Die Denkungsart, von der die Naturwissenschaft seit
dem Beginn ihres groften Einflusses auf die Zivilisation
des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht war, schien
mir ungeeignet, zu einem Verstandnisse dessen zu gelan-
gen, was Goethe fur die Naturerkenntnis erstrebt und
bis zu einem hohen Grade auch erreicht hatte.
Ich sah in Goethe eine Personlichkeit, welche durch
das besondere geistgemafte Verhaltnis, in das sie den
Menschen zur Welt gesetzt hatte, auch in der Lage war,
die Naturerkenntnis in der rechten Art in das Gesamt-
gebiet des menschlichen Schaffens hineinzustellen. Die
Denkungsart des Zeitalters, in das ich hineingewachsen
war, schien mir nur geeignet, Ideen iiber die leblose Na-
tur auszubilden. Ich hielt sie fur ohnmachtig, mit den
Erkenntniskraften an die belebte Natur heranzutreten.
Ich sagte mir, um Ideen zu erlangen, welche die Erkennt-
nis des Organischen vermitteln konnen, ist es notwendig,
die fiir die unorganische Natur tauglichen Verstandes-
begriffe erst selbst zu beleben. Denn sie erschienen mir
tot, und deshalb auch nur geeignet, das Tote zu erfassen.
Wie sich in Goethes Geist die Ideen belebt haben, wie
sie Ideengestaltungen geworden sind, das versuchte ich
fiir eine Erklarung der Goethe'schen Naturanschauung
darzustellen.
Was Goethe im einzelnen iiber dieses oder jenes Ge-
biet der Naturerkenntnis gedacht und erarbeitet hatte,
schien mir von geringerer Bedeutung neben der zentra-
len Entdeckung, die ich ihm zuschreiben muftte. Diese
sah ich darin, daft er gefunden hat, wie man iiber das
Organische denken miisse, um ihm erkennend beizu-
kommen.
Ich fand, daft die Mechanik das Erkenntnisbediirfnis
aus dem Grunde befriedigt, weil sie auf eine rationelle
Art im Menschengeiste Begriffe ausbildet, die sie dann in
der Sinnes-Erfahrung des Leblosen verwirklicht findet.
Goethe stand als der Begriinder einer Organik vor mir,
die in der gleichen Art sich zu dem Belebten verhalt.
Wenn ich in der Geschichte des neueren Geisteslebens
auf Galilei sah, so mulke ich bemerken, wie er durch die
Ausbildung von Begriffen iiber das Anorganische der
neueren Naturwissenschaft ihre Gestalt gegeben hat.
Was er fur das Anorganische geleistet hat, das hat Goethe
fur das Organische angestrebt. Mir wurde Goethe zum
Galilei der Organik.
Ich hatte fur den ersten Band der naturwissenschaft-
lichen Schriften Goethes zunachst dessen Metamorpho-
sen-Ideen zu bearbeiten. Es wurde mir schwer, auszu-
sprechen, wie sich die lebendige Ideengestalt, durch die
das Organische erkannt werden kann, zu der ungestalte-
ten Idee, die fur das Erf ass en des Anorganischen geeignet
ist, verhalt. Aber es schien mir fur meine Aufgabe alles
darauf anzukommen, diesen Punkt in rechter Art an-
schauhch zu machen.
Im Erkennen des Anorganischen wird Begriff an Be-
griff gereiht, um den Zusammenhang von Kraften zu
iiberschauen, die eine Wirkung in der Natur hervorbrin-
gen. Dem Organischen gegeniiber ist es notwendig,
einen Begriff aus dem andern so hervorwachsen zu las-
sen, daft in der forts chreitenden lebendigen Begriffsver-
wandlung Bilder dessen entstehen, was in der Natur als
gestaltete Wesen erscheint. Das hat Goethe dadurch er-
strebt, daft er von dem Pflanzenblatte ein Ideenbild im
Geiste festzuhalten versuchte, das nicht ein starrer, leb-
loser Begriff ist, sondern ein solcher, der sich in den ver-
schiedensten Formen darsteilen kann. Lafit m
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