Mein Lebensgang

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 


Rudolf  Steiner,  1916 


RUDOLF  STEINER 

MEIN  LEBENSGANG 


Eine  nicht  vollendete  Autobiographic, 

mit  einem  Nachwort 
herausgegeben  von  Marie  Steiner  1925 


2000 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORN  ACH  /  SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 


9.  Auflage  (33.-34.  Tsd.) 
Gesamtausgabe  Dornach  2000 


Nachweis  fruherer  Veroffent- 
lichungen  siehe  S.  505f. 


Bibliographie-Nr.  28 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  2000  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck,  Buhl 

ISBN  3-7274-0280-6 


INHALT 


1861-1879 

Kraljevec,  Modling,  Pottschach,  Neudorfl 


I.  Kindherfserlebnisse   7 

II.  Schulzeit   32 

1879-1890/  Wien 

III.  Studentenjahre   51 

IV.  Jugendfreundschaften   73 


V.  Wissenschaftliche  Studien  (Farbenlehre,  Optik)  89 

VI.  Hauslehrer  in  der  Familie  Specht;  Goethestudien  104 

VII.  In  Wiener  Gelehrten-  und  Kiinstlerkreisen  .  .  118 
VIII.  Reflexionen  iiber  Kunst  und  Asthetik; 

Redakteur  bei  der  «Deutschen  Wochenschrift»  .  138 


IX.  Reisen  nach  Weimar,  Berlin  und  Miinchen  .    .  150 

X.  Die  Philosophic  der  Freiheit   162 

XI.  Uber  Mystik  und  Mystiker   169 

XII.  Schicksalsfragen   174 

XIII.  Reisen  nach  Budapest  und  Siebenbiirgen; 
Erinnerungen  an  die  Familie  Specht    ....  184 

1890-1897/ Weimar 

XIV.  Mitarbeit  im  Goethe-Schiller- Archiv  ....  198 
XV.  Begegnungen  mit  Haeckel,  Treitschke 

und  Laistner   216 

XVI.  Unter  Gelehrten  und  Kiinstlern; 

Goethe-Versammlungen   230 

XVII.  Kritische  Bemerkungen  zur  Ethik  .    .    ,    .    .  239 

XVIII.  Als  Gast  im  Nietzsche-Archiv;  Nietzscheana    .  250 
XIX.  Erkenntnisfragen  -  Erkenntnisgrenzen; 

unter  Kiinstlern   266 

XX.  Weimarer  Freundeskreis   281 


XXI.  Freundschaften  (Neuffer,  Ansorge);  das  Buch 
«Goethes  Weltanschauung»  als  Abschluft  der 
Arbeit  an  der  Sophien-Ausgabe  entsteht  .    .    .  302 


XXII.  In  und  mit  Gegensatzen  leben  konnen     .    .    .  316 

XXIII.  Der  «ethische  Individualismus»   331 

1897-1907  /  Berlin  -  Munchen 

XXIV.  Redakteur  des  «Magazin  fur  Litteratur»;  Begeg- 
nungen  mit  Hartleben,  Scheerbart,  Wedekind   .  339 

XXV.  In  der  «Freien  literarischen  Gesellschaft»; 

Berliner  Theaterleben   353 

XXVI.  Stellung  zura  Christentum;  «Das  Christen- 

tum  als  mystische  Tatsache»   363 

XXVII.  Perspektiven  zur  Jahrhundertwende;  Reflexio- 

nen  iiber  Hegel,  Mackay  und  Anarchismus  .    .  367 

XXVIII.  Als  Lehrer  an  der  Arbeiterbildungsschule    .    .  375 
XXIX.  Unter  Literaten  («Die  Kommenden») 

und  Monisten  («Giordano-Bruno-Bund»)    .    .  381 

XXX.  Esoterik  und  Offentlichkeit   391 

XXXI.  Beginn  der  Zusammenarbeit  mit  Marie  von  Sivers  407 

XXXII.  Theosophie  und  Anthroposophie   416 

XXXIII.  Innere  Aspekte  des  Buches  «Theosophie»    .    .  432 

XXXIV.  Geist-Erkenntnis  und  Kunst   437 

XXXV.  Uber  Biicher,  Vortrage  und  ihre 

offentliche  Wirksamkeit   440 

XXXVI.  Esoterische  Unterweisungen   446 

XXXVII.  Reifung  der  Seele;  Vortrage  in  Paris  1906     .    .  453 

XXXVIII.  Der  Munchner  Theosophen-Kongrefi  1907  .    .  460 

Nachwort  von  Marie  Steiner  1925    466 

Rudolf  Steiner  -  Leben  und  Werk.  Eine  Chronik  ....  471 
Hinweise  des  Herausgebers 

Zu  dieser  Ausgabe   479 

Hinweise  zum  Text   480 

Nachweis  friiherer  Veroffentlichungen   505 

Quellennachweis  der  Abbildungen    507 

Register   509 


I. 


In  die  offentlichen  Besprechungen  der  von  mir  gepf leg- 
ten  Anthroposophie  sind  seit  einiger  Zeit  Angaben  und 
Beurteilungen  iiber  meinen  Lebensgang  verflochten  wor- 
den.  Und  aus  dem,  was  in  dieser  Richtung  gesagt  wor- 
den  ist,  sind  Schliisse  gezogen  worden  iiber  den  Ur- 
sprung  dessen,  was  man  als  Wandlungen  in  meiner 
geistigen  Entwickelung  ansieht.  Demgegeniiber  haben 
Freunde  die  Ansieht  ausgesprochen,  dafi  es  gut  ware, 
wenn  ich  selbst  etwas  iiber  meinen  Lebensgang  schriebe. 

Ich  mufi  gestehen,  dafi  dies  nicht  in  meinen  Neigun- 
gen  liegt.  Denn  es  war  stets  mein  Bestreben,  das,  was 
ich  zu  sagen  hatte,  und  was  ich  tun  zu  sollen  glaubte, 
so  zu  gestalten,  wie  es  die  Dinge,  nicht  das  Personliche 
forderten.  Es  war  zwar  immer  meine  Meinung,  dafi  das 
Personliche  auf  vielen  Gebieten  den  menschlichen  Be- 
tatigungen  die  wertvollste  Farbung  gibt.  Allein  mir 
scheint,  daft  dies  Personliche  durch  die  Art,  wie  man 
spricht  und  handelt,  zur  Offenbarung  kommen  mufi, 
nicht  durch  das  Hinblicken  auf  die  eigene  Personlich- 
keit.  Was  aus  diesem  Hinblicken  sich  ergeben  kann, 
ist  eine  Sache,  die  der  Mensch  mit  sich  selbst  abzu- 
machen  hat. 

Und  so  kann  ich  mich  zu  der  folgenden  Darstellung 
nur  entschliefien,  weil  ich  verpflichtet  bin,  manches 
schiefe  Urteil  iiber  den  Zusammenhang  meines  Lebens 
mit  der  von  mir  gepflegten  Sache  durch  eine  objektive 
Beschreibung  in  das  rechte  Licht  zu  stellen,  und  weil 
mir  das  Drangen  freundlich  gesinnter  Menschen  im 
Hinblick  auf  diese  Urteile  als  begriindet  erscheint. 


Meine  Eltern  hatten  in  Niederosterreich  ihre  Hei- 
mat.  Mein  Vater  ist  in  Geras,  einem  ganz  kleinen  Ort 
im  niederosterreichischen  Waldviertel,  geboren,  meine 
Mutter  in  Horn,  einer  Stadt  in  der  gleichen  Gegend. 

Seine  Kindheit  und  Jugend  hat  mein  Vater  im  eng- 
sten  Zusammenhange  mit  dem  Pramonstratenserstifte 
in  Geras  verlebt.  Er  hat  stets  mit  einer  grofien  Liebe  auf 
diese  Zeit  seines  Lebens  zuriickgeblickt.  Er  erzahlte 
gerne,  wie  er  im  Stifte  Dienste  geleistet  hat  und  wie  er 
von  den  Monchen  unterrichtet  worden  ist.  Er  war  dann 
spater  Jager  in  graflich-Hoyos'schen  Diensten.  Diese 
Familie  hatte  ein  Besitztum  in  Horn.  Da  lernte  mein 
Vater  die  Mutter  kennen.  Er  verliefi.  dann  den  Jagd- 
dienst  und  trat  als  Telegraphist  bei  der  osterreichischen 
Siidbahn  ein.  Er  war  zuerst  an  einer  kleinen  Bahnstelle 
in  der  siidlichen  Steiermark  angestellt.  Dann  wurde  er 
nach  Kraljevec  an  der  ungarisch-kroatischen  Grenze 
versetzt.  In  dieser  Zeit  fand  die  Verheiratung  mit  meiner 
Mutter  statt.  Deren  Madchenname  ist  Blie.  Sie  stammt 
aus  einer  alten  Horner  Familie.  In  Kraljevec  bin  ich  am 
27.  Februar  1861  geboren.  —  So  ist  es  gekommen,  dafi 
mein  Geburtsort  weit  abliegt  von  der  Erdgegend,  aus 
der  ich  stamme. 

Sowohl  mein  Vater  wie  meine  Mutter  waren  echte 
Kinder  des  herrlichen  niederosterreichischen  Waldlan- 
des  nordlich  von  der  Donau.  Es  ist  eine  Gegend,  in  die 
erst  spat  die  Eisenbahn  eingezogen  ist.  Geras  wird  heute 
noch  nicht  von  ihr  beriihrt.  —  Meine  Eltern  liebten,  was 
sie  in  der  Heimat  erlebt  hatten.  Und  wenn  sie  davon 
sprachen,  empfand  man  instinktiv,  wie  sie  mit  ihrer 
Seele  diese  Heimat  nicht  verlassen  hatten,  trotzdem  sie 


Der  Vater,  Johann  Steiner, 

1829-1910 


Die  Schwester  Leopoldine 

(1864-1927)  und 
Rudolf  Steiner  (stehend, 
ca.  4  Jahre  alt) 


Wohnung  der  Familie  Steiner  im  Stationsgebaude  von  Pottschach 


das  Schicksal  dazu  bestimmt  hatte,  den  grolken  Teil 
ihres  Lebens  fern  von  ihr  durchzumachen.  Als  dann 
mein  Vater  nach  einem  arbeitsreichen  Leben  sich  in  den 
Ruhestand  versetzen  liefi,  zogen  sie  sogleich  wieder 
dahin  —  nach  Horn. 

Mein  Vater  war  ein  durch  und  durch  wohlwollender 
Mann,  aber  mit  einem  Temperament,  das  namentlich, 
als  er  noch  jung  war,  leidenschaftlich  aufbrausen  konnte. 
Der  Eisenbahndienst  war  ihm  Pflicht;  mit  Liebe  hing  er 
nicht  an  ihm.  Als  ich  noch  Knabe  war,  mufite  er  zu 
Zeiten  drei  Tage  und  drei  Nachte  hindurch  Dienst  lei- 
sten.  Dann  wurde  er  fur  vierundzwanzig  Stunden  abge- 
lost.  So  bot  ihm  das  Leben  nichts  Farbiges,  nur  Grau- 
heh.  Gerne  beschaftigte  er  sich  damit,  die  politischen 
Verhaltnisse  zu  verfolgen.  Er  nahm  an  ihnen  den  leb- 
haftesten  Anteil.  Meine  Mutter  mufite,  da  Glucksgtiter 
nicht  vorhanden  waren,  in  der  Besorgung  der  haus- 
lichen  Angelegenheiten  aufgehen.  Liebevolle  Pflege 
ihrer  Kinder  und  der  kleinen  Wirtschaft  fiillten  ihre 
Tage  aus. 

Als  ich  einundeinhalbes  Jahr  alt  war,  wurde  mein  Va- 
ter nach  Modling  bei  Wien  versetzt.  Dort  blieben  meine 
Eltern  ein  halbes  Jahr.  Dann  wurde  meinem  Vater 
die  Leitung  der  kleinen  Sudbahnstation  Pottschach  in 
Niederosterreich,  nahe  der  steirischen  Grenze,  iibertra- 
gen.  Ich  verlebte  da  die  Zeit  von  meinem  zweiten  bis 
zu  meinem  achten  Jahre.  Eine  wundervolle  Landschaft 
umschlofi  meine  Kindheit.  Der  Ausblick  ging  auf  die 
Berge,  die  Niederosterreich  mit  Steiermark  verbinden: 
Der  «Schneeberg»,  Wechsel,  die  Raxalpe,  der  Semme- 
ring.  Der  Schneeberg  fing  mit  seinem  nach  oben  hin 


kahlen  Gestein  die  Sonnenstrahlen  auf,  und  was  diese 
verkiindeten,  wenn  sie  vom  Berge  nach  dem  kleinen 
Bahnhof  strahlten,  das  war  an  schonen  Sommertagen 
der  erste  Morgengrufi.  Der  graue  Rucken  des  «Wech- 
sel»  bildete  dazu  einen  ernst  stimmenden  Kontrast.  Das 
Griin,  das  von  iiberall  her  in  dieser  Landschaft  freund- 
lich  lachelte,  liefi  die  Berge  gleichsam  aus  sich  hervor- 
steigen.  Man  hatte  in  der  Ferae  des  Umkreises  die  Maje- 
stat  der  Gipfel,  und  in  der  unmittelbaren  Umgebung 
die  Anmut  der  Natur. 

Auf  dem  kleinen  Bahnhofe  aber  vereinigte  sich  alles 
Interesse  auf  den  Eisenbahnbetrieb.  Es  verkehrten  zwar 
damals  in  dieser  Gegend  die  Ziige  nur  in  grofieren  Zeit- 
abstanden;  aber  wenn  sie  kamen,  waren  zumeist  eine 
Anzahl  von  Menschen  des  Dorfes,  die  Zeit  hatten,  am 
Bahnhof  versammelt,  um  Abwechslung  in  das  Leben 
zu  bringen,  das  ihnen  sonst  anscheinend  eintonig  vor- 
kam.  Der  Schullehrer,  der  Pfarrer,  der  Rechnungsfiihrer 
des  Gutshofes,  oft  der  Biirgermeister  erschienen  da. 

Ich  glaube,  daft  es  fur  mein  Leben  bedeutsam  war, 
in  einer  solchen  Umgebung  die  Kindheit  verlebt  zu 
haben.  Denn  meine  Interessen  wurden  stark  in  das 
Mechanische  dieses  Daseins  hineingezogen.  Und  ich 
weift,  wie  diese  Interessen  den  Herzensanteil  in  der 
kindlichen  Seele  immer  wieder  verdunkeln  wollten,  der 
nach  der  anmutigen  und  zugleich  grofiziigigen  Natur 
hin  ging,  in  die  hinein  in  der  Feme  diese  dem  Mechanis- 
mus  unterworfenen  Eisenbahnzuge  doch  jedesmal  ver- 
schwanden. 

In  all  das  hinein  spielte  der  Eindruck  von  einer  Per- 
sonlichkeit,  die  von  einer  groften  Originalitat  war:  die 


des  Pfarrers  von  St.  Valentin,  einem  One,  der  in  etwa 
dreiviertel  Stunden  von  Pottschach  aus  zu  Fufi  erreicht 
werden  konnte.  Dieser  Pfarrer  kam  gerne  in  mein 
Elternhaus.  Er  machte  fast  taglich  seinen  Spaziergang 
zu  uns  und  hielt  sich  stets  langere  Zeit  auf.  Er  war  der 
Typus  des  liberalen  katholischen  Geistlichen,  tolerant, 
leutselig.  Ein  robuster,  breitschultriger  Mann.  Er  war 
witzig,  sprach  gerne  in  Schnurren  und  liebte  es,  wenn 
die  Menschen  um  ihn  lachten.  Und  man  lachte  noch 
weiter  iiber  das,  was  er  gesagt  hatte,  wenn  er  schon 
lange  fort  war.  Er  war  ein  Mann  des  praktischen  Le- 
bens;  und  er  gab  auch  gern  gute  praktische  Ratschlage. 
Ein  solcher  hat  in  meiner  Familie  dauernd  fortgewirkt. 
Die  Bahngleise  in  Pottschach  waren  an  den  Seiten  be- 
gleitet  mh  Akazienbaumen  (Robinien).  Wir  gingen  ein- 
mal  den  schmalen  Gehweg,  der  langs  dieser  Baumreihe 
fiihrte.  Da  sagte  er:  «Ach,  welch  schone  Akazienbliiten 
sind  da.»  Und  flugs  schwang  er  sich  auf  einen  der 
Baume  und  pfliickte  eine  gro£e  Menge  dieser  Bliiten. 
Dann  breitete  er  sein  sehr  grofies  rotes  Taschentuch  aus 
—  er  schnupfte  leidenschaftlich  — ,  wickelte  sorgfaltig  die 
Beute  ein  und  nahm  das  «Binkerl»  unter  den  Arm. 
Dann  sagte  er:  «Sie  haben  es  gut,  dafi  Sie  soviel  Aka- 
zien  haben. »  Mein  Vater  war  erstaunt  und  erwiderte: 
«Ja,  was  konnen  uns  die  niitzen?»  «Waaas»,  sagte  der 
Pfarrer,  «wissen  Sie  denn  nicht,  daft  man  die  Akazien- 
bliiten backen  kann  wie  den  Holunder,  und  dafi  sie  viel 
besser  schmecken,  weil  sie  ein  viel  feineres  Aroma  ha- 
ben.»  Und  von  der  Zeit  an  gab  es  oft,  wenn  dazu  Gele- 
genheit  war,  yon  Zeit  zu  Zeit  auf  unserem  Familien- 
tisch  «geback*ene  Akazienbliiten». 


In  Pottschach  wurden  meinen  Eltern  noch  eine  Toch- 
ter  und  ein  Sohn  geboren,  Eine  weitere  Vergrofierung 
der  Familie  fand  .nicht  statt. 

Eine  sonderbare  Eigenheit  hatte  ich  als  ganz  kleiner 
Junge.  Es  mufke  von  dem  Zeitpunkte  an,  da  ich  selb- 
standig  essen  konnte,  sehr  auf  mich  acht  gegeben  wer- 
den.  Denn  ich  hatte  die  Meinung  ausgebildet,  daft  ein 
Suppenteller  oder  eine  Kaffeetasse  nur  zum  einmaligen 
Gebrauch  bestimmt  sei.  Und  so  warf  ich  denn  jedesmal, 
wenn  ich  unbeachtet  war,  nach  eingenommenem  Essen, 
Teller  oder  Tasse  unter  den  Tisch,  daft  sie  in  Scherben 
zerbrachen.  Kam  dann  die  Mutter  heran,  dann  empfing 
ich  sie  mit  dem  Ausruf:  «Mutter,  ich  bin  schon  fertig.» 

Es  kann  dies  bei  mir  nicht  Zerstorungswut  gewesen 
sein.  Denn  meine  Spielsachen  behandelte  ich  mit  pein- 
Hcher  Sorgfalt  und  hielt  sie  lange  in  gutem  Zustande. 
Unter  diesen  Spielsachen  fesselten  mich  besonders  die- 
jenigen,  deren  Art  ich  auch  heute  fur  besonders  gut  halte. 
Es  waren  Bilderbiicher  mit  beweglichen  Figuren,  die 
unten  an  Faden  gezogen  werden  konnen.  Man  verfolgte 
kleine  Erzahlungen  an  diesen  Bildern,  denen  man  einen 
Teil  ihres  Lebens  dadurch  selbst  gab,  daft  man  an  den 
Faden  zog.  Vor  diesen  Bilderbuchern  saft  ich  oft  stunden- 
lang  mit  meiner  Schwester.  Ich  lernte  an  ihnen  auch, 
wie  von  selbst,  die  Anfangsgriinde  des  Lesens. 

Mein  Vater  war  darauf  bedacht,  daft  ich  friih  lesen 
und  schreiben  lernte.  Als  ich  das  schulpflichtige  Alter 
erreicht  hatte,  wurde  ich  in  die  Dorfschule  geschickt. 
Der  Schullehrer  war  ein  alter  Herr,  dem  das  Schule- 
Halten  eine  lastige  Beschaftigung  war.  Mir  aber  war  das 
Unterrichtet-Werden  von  ihm  auch  eine  lastige  Beschaf- 


tigung.  Ich  glaubte  iiberhaupt  nicht,  dafi  ich  durch  ihn 
etwas  lernen  konne.  Denn  er  kam  mit  seiner  Frau  und 
seinem  Sohnlein  oft  in  unser  Haus.  Und  dieses  Sohnlein 
war  nach  meinen  damaligen  Begriffen  ein  Schlingel.  Da 
hatte  ich  es  mir  denn  in  den  Kopf  gesetzt:  wer  einen 
solchen  Schlingel  zum  Sohn  hat,  von  dem  kann  man 
nichts  lernen.  Nun  aber  kam  auch  noch  etwas  «ganz 
Schreckliches»  vor.  Einmal  machte  sich  dieser  Schlingel, 
der  auch  in  der  Schule  war,  den  Spafi,  mit  einem  Holz- 
span  in  alle  Tintenfasser  der  Schule  zu  tauchen  und 
rings  um  sie  Kreise  aus  Tintenklecksen  zu  bilden.  Der 
Vater  bemerkte  dies.  Die  Mehrzahl  der  Schuler  waren 
schon  fort.  Ich,  der  Lehrersohn  und  noch  ein  paar  Bu- 
ben  waren  zuriickgeblieben.  Der  Schullehrer  war  aufier 
sich,  schimpfte  fiirchterlich.  Ich  war  iiberzeugt,  er  wiirde 
sogar  «briillen»,  wenn  er  nicht  standig  heiser  gewesen 
ware.  Trotz  seines  Tobens  ging  ihm  durch  unser  Beneh- 
men  ein  Licht  dariiber  auf,  wer  der  Ubeltater  war.  Aber 
da  kam  es  doch  anders.  Die  Lehrerwohnung  stieft  an 
das  Schulzimmer.  Die  «Frau  Oberlehrerin»  hatte  die 
Aufregung  gehort,  kam  herein,  hatte  wilde  Augen  und 
fuchtelte  mit  den  Armen.  Fur  sie  war  es  klar,  dafi  ihr 
Sohnlein  das  Ding  nicht  gedreht  haben  konnte.  Sie  be- 
schuldigte  mich.  Ich  lief  davon.  Mein  Vater  wurde  wii- 
tend,  als  ich  die  Sache  nach  Hause  brachte.  Und  als  die 
Lehrersleute  wieder  zu  uns  kamen,  da  kiindigte  er  ihnen 
mit  der  grofiten  Deutlichkeit  die  Freundschaft  und  er- 
klarte:  «Mein  Bub  darf  keinen  Schritt  mehr  in  Ihre 
Schule  machen.»  Und  nun  iibernahm  mein  Vater  selbst 
den  Unterricht.  Und  so  safi  ich  denn  stundenlang  neben 
ihm  in  seiner  Kanzlei,  und  sollte  schreiben  und  lesen, 


wahrend  er  zwischendurch  die  Amtsgeschafte  verrichtete. 

Ich  konnte  auch  bei  ihm  kein  rechtes  Interesse  zu 
dem  fassen,  was  durch  den  Unterricht  an  mich  heran- 
kommen  solite.  Fiir  das,  was  mein  Vater  schrieb,  inter- 
essierte  ich  mich.  Ich  wollte  nachmachen,  was  er  tat. 
Dabei  lernte  ich  so  manches.  Zu  dem,  was  von  ihm  zu- 
gerichtet  wurde,  dafi  ich  es  zu  meiner  Ausbildung  tun 
sollte,  konnte  ich  kein  Verhaltnis  finden.  Dagegen 
wuchs  ich  auf  kindliche  Art  in  alles  hinein,  was  prak- 
tische  Lebensbetatigung  war.  Wie  der  Eisenbahndienst 
verlauft,  was  alles  mit  ihm  verbunden  ist,  erregte  meine 
Aufmerksamkeit.  Besonders  aber  war  es  das  Natur- 
gesetzliche,  das  mich  gerade  in  seinen  kleinen  Auslau- 
fern  anzog.  Wenn  ich  schrieb,  so  tat  ich  das,  weil  ich 
eben  muftte;  ich  tat  es  sogar  moglichst  schnell,  damit 
ich  eine  Seite  bald  vollgeschrieben  hatte.  Denn  nun 
konnte  ich  das  Geschriebene  mit  Streusand,  dessen  sich 
mein  Vater  bediente,  bestreuen.  Und  da  fesselte  mich 
dann,  wie  schnell  der  Streusand  mit  der  Tinte  auftrock- 
nete  und  welches  stoffliche  Gemenge  er  mit  ihr  gab.  Ich 
probierte  immer  wieder  mit  den  Fingern  die  Buchstaben 
ab;  welche  schon  aufgetrocknet  seien,  welche  nicht. 
Meine  Neugierde  dabei  war  sehr  grofi,  und  dadurch 
kam  ich  zumeist  zu  friih  an  die  Buchstaben  heran. 
Meine  Schriftproben  nahmen  dadurch  eine  Gestalt  an, 
die  meinem  Vater  gar  nicht  gefiel.  Er  war  aber  gutmutig 
und  strafte  mich  nur  damit,  daft  er  mich  oft  einen  un- 
verbesserlichen  «Patzer»  nannte.  —  Es  war  dies  aber 
nicht  die  einzige  Sache,  die  sich  bei  mir  aus  dem  Schrei- 
ben  entwickelte.  Mehr  als  meine  Buchstabenformen  in- 
teressierte  mich  die  Gestalt  der  Schreibfeder.  Wenn  ich 


das  Papiermesser  meines  Vaters  nahm,  so  konnte  ich  es 
in  den  Schlitz  der  Feder  hineintreiben  und  so  physika- 
lische  Studien  iiber  die  Elastizitat  des  Federnmateriales 
machen.  Ich  bog  dann  allerdings  die  Feder  wieder  zu- 
sammen;  aber  die  Schonheit  meiner  Schriftwerke  litt 
gar  sehr  darunter. 

Das  war  auch  die  Zeit,  wo  ich  mit  meinem  Sinn  fiir 
Erkenntnis  der  Naturvorgange  mitten  hineingestellt 
wurde  zwischen  das  Durchschauen  eines  Zusammen- 
hanges  und  die  «Grenzen  der  Erkenntnis ».  Etwa  drei 
Minuten  von  meinem  Elternhause  entfernt  befand  sich 
eine  Muhle.  Die  Miillersleute  waren  die  Paten  meiner 
Geschwister.  Wir  wurden  in  der  Muhle  gern  gesehen. 
Ich  verschwand  gar  oft  dahin.  Denn  ich  «studierte»  mit 
Begeisterung  den  Miihlenbetrieb.  Da  drang  ich  in  das 
«Innere  der  Natur».  Noch  naher  aber  lag  eine  Spinn- 
fabrik.  Die  Rohmaterialien  fiir  diese  kamen  auf  der 
Bahnstation  an;  die  fertigen  Erzeugnisse  gingen  ab.  Ich 
war  bei  alledem  dabei,  was  in  die  Fabrik  verschwand, 
und  was  sich  wieder  aus  ihr  offenbarte.  Einen  Blick  «ins 
Innere»  zu  tun,  war  streng  verboten.  Es  kam  nie  dazu. 
Da  waren  die  «Grenzen  der  Erkenntnis ».  Und  ich  hatte 
diese  Grenzen  so  gerne  iiberschritten.  Denn  fast  jeden 
Tag  kam  der  Direktor  der  Fabrik  in  Geschaftssachen  zu 
meinem  Vater.  Und  dieser  Direktor  war  fiir  mich  Kna- 
ben  ein  Problem,  das  mir  das  Geheimnis  des  «Innern» 
des  Werkes  wie  mit  einem  Wunder  verhiillte.  Er  war 
an  vielen  Stellen  seines  Korpers  mit  weissen  Flocken 
bedeckt;  er  machte  Augen,  die  von  dem  Maschinenwerk 
eine  gewisse  Unbeweglichkeit  bekommen  hatten.  Er 
sprach  rauh  wie  in  einer  mechanisierten  Sprache.  «Wie 


hangt  dieser  Mann  mit  dem  zusammen,  was  jene 
Mauern  umschlie$en?»  Dies  unlosbare  Problem  stand 
vor  meiner  Seele.  Ich  fragte  aber  auch  niemanden  nach 
dem  Geheimnis.  Denn  es  war  meine  Knabenmeinung, 
dafi  es  nichts  hilft,  wenn  man  iiber  eine  Sache  fragt,  die 
man  nicht  sehen  kann.  So  lebte  ich  dahin  zwischen  der 
freundlichen  Miihle  und  der  unfreundlichen  Spinn- 
fabrik. 

Einmal  gab  es  auf  der  Bahnstation  etwas  ganz  «Er- 
schutterndes».  Ein  Eisenbahnzug  mit  Frachtgutern  sauste 
heran.  Mein  Vater  sah  ihm  entgegen.  Ein  hinterer  Wa- 
gen  stand  in  Flammen.  Das  Zugspersonal  hatte  nichts 
davon  bemerkt.  Der  Zug  kam  bis  zu  unserer  Station 
brennend  heran.  Alles,  was  sich  da  abspielte,  machte 
einen  tiefen  Eindruck  auf  mich.  In  einem  Wagen  war 
Feuer  durch  einen  leicht  entziindlichen  Stoff  entstanden. 
Lange  Zeit  beschaftigte  mich  die  Frage,  wie  dergleichen 
geschehen  kann.  Was  mir  meine  Umgebung  dariiber 
sagte,  war,  wie  in  ahnlichen  Dingen,  fur  mich  nicht 
befriedigend.  Ich  war  voller  Fragen;  und  muike  diese 
unbeantwortet  mit  mir  herumtragen.  So  wurde  ich  acht 
Jahre  alt.  — 

Als  ich  im  achten  Lebensjahre  stand,  ubersiedelte 
meine  Familie  nach  Neudorfl,  einem  kleinen  ungari- 
schen  Dorfe.  Das  liegt  unmittelbar  an  der  Grenze  gegen 
Niederosterreich  hin.  Diese  Grenze  wird  durch  den 
Laytha-FluE  gebildet.  Die  Bahnstation,  die  nun  mein 
Vater  zu  besorgen  hatte,  liegt  an  dem  einen  Ende  des 
Dorfes.  Man  hatte  eine  halbe  Stunde  bis  zum  Grenzflufi 
zu  gehen.  Nach  einer  weiteren  halben  Stunde  kam  man 
nach  Wiener-Neustadt. 


Die  Alpengebirge,  die  ich  in  Pottschach  ganz  in  der 
Nahe  sah,  waren  nun  nur  noch  in  der  Feme  sichtbar. 
Aber  sie  standen  eben  doch  erinnerungweckend  im  Hin- 
tergrunde,  wenn  man  auf  die  kleineren  Berge  blickte, 
die  in  kurzer  Zeit  von  dem  neuen  Wohnorte  meiner 
Familie  zu  erreichen  waren.  Mafiige  Erhebungen  mit 
schonen  Waldungen  begrenzten  den  einen  Ausblick; 
der  andere  konnte  iiber  ebenes,  mit  Feld  und  Wald  be- 
decktes  Land  nach  Ungarn  hineinschweifen.  Von  den 
Bergen  war  mir  besonders  der  unbegrenzt  lieb  gewor- 
den,  der  in  drei  Viertelstunden  zu  besteigen  war.  Er  trug 
auf  seinem  Gipfel  eine  Kapelle,  in  der  ein  Bildnis  der 
hi.  Rosalia  war.  Diese  Kapelle  bildete  den  Endpunkt 
eines  Spazierganges,  den  ich  erst  oft  mit  meinen  Eltern 
und  Geschwistern  und  spater  gerne  allein  machte.  Sol- 
che  Spaziergange  machten  auch  dadurch  eine  besondere 
Freude,  daft  man  in  der  entsprechenden  Jahreszeit  mit 
reichlichen  Gaben  der  Natur  beschenkt  zuriickkehren 
konnte.  Denn  in  den  Waldern  waren  Brombeeren,  Him- 
beeren,  Erdbeeren  zu  finden.  Man  konnte  oft  eine  innige 
Befriedigung  daran  haben,  durch  ein  anderthalbstiin- 
diges  Sammeln  eine  schone  Zugabe  zu  dem  Familien- 
abendbrot  hinzuzufugen,  das  sonst  fur  jeden  nur  aus 
einem  Butterbrot  oder  einem  Snick  Brot  mit  Kase 
bestand. 

Noch  anderes  Erfreuliches  brachte  das  Herumstreifen 
in  diesen  Waldern,  die  Gemeindegut  waren.  Die  Leute 
des  Dorfes  holten  von  dort  ihren  Holzvorrat.  Die 
Armeren  sammelten  ihn  personlich,  die  Wohlhaben- 
deren  liefien  ihn  durch  Knechte  besorgen.  Man  lernte 
sie  alle  kennen,  diese  meist  gemiitvollen  Menschen. 


Denn  sie  hatten  stets  Zeit  zu  plaudern,  wenn  der  «Stei- 
ner-Rudolf»  zu  ihnen  hinzutrat.  «Na  du  willst  di  a 
wieder  a  bissl  dagehn,  Steiner-Rudolf»,  so  fing  es  an, 
und  dann  wurde  von  allem  moglichen  geredet.  Die 
Leute  achteten  nicht  darauf,  dafi  sie  doch  ein  Kind  vor 
sich  hatten.  Denn  sie  waren  im  Grunde  in  ihrer  Seele 
auch  noch  Kinder,  auch  wenn  sie  schon  sechzig  Jahre 
zahlten.  Und  so  wulke  ich  aus  diesen  Erzahlungen 
eigentlich  fast  alles,  was  auch  im  Innern  der  Hauser 
dieses  Dorfes  vor  sich  ging. 

Eine  halbe  Stunde  Fuftweg  von  Neudorfl  entfernt  ist 
Sauerbrunn  mit  einer  Quelle  von  eisen-  und  kohlen- 
saurehaltigem  Wasser.  Der  Weg  dahin  geht  der  Eisen- 
bahnlinie  entlang  und  teilweise  durch  schone  Walder. 
Wenn  Schulferien  waren,  ging  ich  jeden  Tag  ganz  friih 
morgens  dahin,  beladen  mit  einem  «Blutzer».  Das  ist 
ein  Wasserbehalter  aus  Ton.  Der  meinige  fafite  etwa 
drei  bis  vier  Liter.  Den  konnte  man  ohne  Entgelt  an  der 
Quelle  fiillen.  Beim  Mittag  konnte  dann  die  Familie  das 
wohlschmeckende  perlende  Wasser  geniefien. 

Gegen  Wiener-Neustadt  und  weiter  gegen  die  Steier- 
mark  zu  fallen  die  Berge  in  die  Ebene  ab.  Durch  diese 
schlangelt  sich  der  Laytha-Flufi  hindurch.  Am  Berg- 
abhange  lag  ein  Redemptoristen-Kloster.  Den  Monchen 
begegnete  ich  oft  auf  meinen  Spaziergangen.  Ich  weifi 
noch,  wie  gerne  ich  von  ihnen  ware  angesprochen  wor- 
den.  Sie  taten  es  nie.  Und  so  trug  ich  von  der  Begeg- 
nung  nur  immer  einen  unbestimmten,  aber  feierlichen 
Eindruck  davon,  der  mir  immer  lange  nachging.  Es  war 
in  meinem  neunten  Lebensjahre,  da  setzte  sich  in  mir 
die  Idee  fest:  im  Zusammenhange  mit  den  Aufgaben 


dieser  Monche  miissen  wichtige  Dinge  sein,  die  ich 
kennen  lernen  miisse.  Auch  da  war  es  wieder  so,  dafi 
ich  voller  Fragen  war,  die  ich  unbeantwortet  mit  mir 
herumtragen  mufke.  Ja,  diese  Fragen  iiber  alles  mog- 
liche  machten  mich  als  Knaben  recht  einsam. 

An  den  Alpen-Vorbergen  waren  die  beiden  Schlosser 
Pitten  und  Frohsdorf  sichtbar.  In  dem  letztern  wohnte 
zu  jener  Zeit  der  Graf  Chambord,  der  im  Beginne  der 
siebziger  Jahre  als  Heinrich  der  Fiinfte  hat  Konig  von 
Frankreich  werden  wollen.  Es  waren  starke  Eindriicke, 
die  ich  von  dem  Snick  Leben  empfing,  das  mit  dem 
Schlofi  Frohsdorf  verbunden  war.  Der  Graf  mit  seinem 
Gefolge  fuhr  des  ofteren  von  der  Bahnstation  Neudorfl 
ab.  Alles  an  diesen  Menschen  zog  meine  Aufmerksam- 
keit  an.  Besonders  tiefen  Eindruck  machte  ein  Mann  des 
graflichen  Gefolges.  Er  hatte  nur  ein  Ohr.  Das  andere 
war  glatt  hinweggehauen.  Die  dariiberliegenden  Haare 
hatte  er  geflochten.  Ich  erfuhr  an  diesem  Anblick  zum 
erstenmale,  was  ein  Duell  ist.  Denn  der  Mann  hatte  das 
eine  Ohr  bei  einem  solchen  eingebiifit. 

Auch  ein  Stuck  sozialen  Lebens  enthiillte  sich  mir  im 
Zusammenhange  mit  Frohsdorf.  Der  Hilfslehrer  von 
Neudorfl,  in  dessen  Privatzimmerchen  ich  oft  seinen 
Arbeiten  zusehen  durfte,  verfertigte  unzahlige  Bettel- 
gesuche  fur  die  armeren  Bewohner  des  Dorfes  und  der 
Umgegend  an  den  Grafen  Chambord.  Auf  jedes  solches 
Gesuch  hin  kam  ein  Gulden  als  Unterstutzung  an,  von 
dem  der  Lehrer  fur  seine  Muhe  immer  sechs  Kreuzer 
behalten  durfte.  Diese  Einnahme  brauchte  er.  Denn  sein 
Amt  brachte  ihm  jahrlich  —  achtundftinfzig  Gulden  ein. 
Dazu  hatte  er  Morgenkaffee  und  Mittagstisch  beim 


«Schulmeister».  Er  gab  dann  noch  etwa  zehn  Kindern, 
unter  denen  auch  ich  war,  «Extrastunden».  Dafiir  zahlte 
man  monatlich  einen  Gulden. 

Diesem  Hilfslehrer  verdanke  ich  viel.  Nicht,  dafi  ich 
von  seinem  Schulehalten  viel  gehabt  hatte.  Damit  ging 
es  mir  nicht  viel  anders  als  in  Pottschach.  Ich  wurde 
sogleich  nach  der  Ubersiedlung  nach  Neudorfl  in  die 
dortige  Schule  geschickt.  Sie  bestand  aus  einem  Schul- 
zimmer,  in  dem  funf  Klassen,  Knaben  und  Madchen, 
zugleich  unterrichtet  wurden.  Wahrend  die  Buben,  die 
in  meiner  Bankreihe  safien,  die  Geschichte  vom  Konig 
Arpad  abschreiben  mulken,  standen  die  ganz  kleinen  an 
einer  Tafel,  auf  der  ihnen  das  i  und  u  mit  Kreide  auf- 
gezeichnet  wurden.  Es  war  schlechterdings  unmoglich, 
etwas  anderes  zu  tun,  als  die  Seele  stumpf  briiten  zu 
lassen  und  das  Abschreiben  mit  den  Handen  fast  me- 
chanisch  zu  besorgen.  Den  ganzen  Unterricht  hatte  der 
Hilfslehrer  fast  allein  zu  besorgen.  Der  «Schulmeister» 
erschien  aufierst  selten  in  der  Schule.  Er  war  zugleich 
Dorfnotar;  und  man  sagte,  er  habe  in  diesem  Amte  so 
viel  zu  tun,  dafi  er  nie  Schule  halten  konne. 

Und  trotz  alledem  habe  ich  verhaltnismafiig  friih  gut 
lesen  gelernt.  Dadurch  konnte  der  Hilfslehrer  mit  etwas 
in  mein  Leben  eingreifen,  das  fur  mich  richtunggebend 
geworden  ist.  Bald  nach  meinem  Eintreten  in  die  Neu- 
dorfler  Schule  entdeckte  ich  in  seinem  Zimmer  ein  Geo- 
metriebuch.  Ich  stand  so  gut  mit  diesem  Lehrer,  dafi  ich 
das  Buch  ohne  weiteres  eine  Weile  zu  meiner  Benut- 
zung  haben  konnte.  Mit  Enthusiasmus  machte  ich  mich 
dariiber  her.  Wochenlang  war  meine  Seele  ganz  erfullt 
von  der  Kongruenz,  der  Ahnlichkeit  von  Dreiecken, 


Vierecken,  Vielecken;  ich  zergriibelte  mein  Denken  mit 
der  Frage,  wo  sich  eigentlich  die  Parallelen  schneiden; 
der  pythagoreische  Lehrsatz  bezauberte  mich. 

Daft  man  seelisch  in  der  Ausbildung  rein  innerlich 
angeschauter  Formen  leben  konne,  ohne  Eindriicke  der 
aufieren  Sinne,  das  gereichte  mir  zur  hochsten  Befrie- 
digung.  Ich  fand  darin  Trost  fiir  die  Stimmung,  die  sich 
mir  durch  die  unbeantworteten  Fragen  ergeben  hatte. 
Rein  im  Geiste  etwas  erfassen  zu  konnen,  das  brachte 
mir  ein  inneres  Gliick.  Ich  weifi,  daft  ich  an  der 
Geometrie  das  Gliick  zuerst  kennen  gelernt  habe. 

In  meinem  Verhaltnisse  zur  Geometrie  muft  ich  das 
erste  Aufkeimen  einer  Anschauung  sehen,  die  sich  all- 
mahlich  bei  mir  entwickelt  hat.  Sie  lebte  schon  mehr 
oder  weniger  unbewuftt  in  mir  wahrend  der  Kindheit 
und  nahm  um  das  zwanzigste  Lebensjahr  herum  eine 
bestimmte,  vollbewuftte  Gestalt  an. 

Ich  sagte  mir:  die  Gegenstande  und  Vorgange,  welche 
die  Sinne  wahrnehmen,  sind  im  Raume.  Aber  ebenso 
wie  dieser  Raum  aufter  dem  Menschen  ist,  so  befindet 
sich  im  Innern  eine  Art  Seelenraum,  der  der  Schauplatz 
geistiger  Wesenheiten  und  Vorgange  ist.  In  den  Gedan- 
ken  konnte  ich  nicht  etwas  sehen  wie  Bilder,  die  sich 
der  Mensch  von  den  Dingen  macht,  sondern  Offen- 
barungen  einer  geistigen  Welt  auf  diesem  Seelen-Schau- 
platz.  Als  ein  Wissen,  das  scheinbar  von  dem  Menschen 
selbst  erzeugt  wird,  das  aber  trotzdem  eine  von  ihm 
ganz  unabhangige  Bedeutung  hat,  erschien  mir  die 
Geometrie.  Ich  sagte  mir  als  Kind  natiirlich  nicht  deut- 
lich,  aber  ich  fiihlte,  so  wie  Geometrie  mufi  man  das 
Wissen  von  der  geistigen  Welt  in  sich  tragen. 


Denn  die  Wirklichkeit  der  geistigen  Welt  war  mir 
so  gewifi  wie  die  der  sinnlichen.  Ich  hatte  aber  eine  Art 
Rechtfertigung  dieser  Annahme  notig.  Ich  wollte  mir 
sagen  konnen,  das  Erlebnis  von  der  geistigen  Welt  ist 
ebenso  wenig  eine  Tauschung  wie  das  von  der  Sinnen- 
welt.  Bei  der  Geometrie  sagte  ich  mir,  hier  darf  man 
etwas  wissen,  was  nur  die  Seele  selbst  durch  ihre  eigene 
Kraft  erlebt;  in  diesem  Gefiihle  fand  ich  die  Rechtferti- 
gung, von  der  geistigen  Welt,  die  ich  erlebte,  ebenso  zu 
sprechen  wie  von  der  sinnlichen.  Und  ich  sprach  so 
davon.  Ich  hatte  zwei  Vorstellungen,  die  zwar  unbe- 
stimmt  waren,  die  aber  schon  vor  meinem  achten  Le- 
bensjahr  in  meinem  Seelenleben  eine  grofte  Rolle  spiel- 
ten.  Ich  unterschied  Dinge  und  Wesenheiten,  «die  man 
sieht»  und  solche,  «die  man  nicht  sieht». 

Ich  erzahle  diese  Dinge  wahrheitsgema£,  trotzdem 
die  Leute,  welche  nach  Griinden  suchen,  um  die  Anthro- 
posophie  fur  phantastisch  zu  halten,  vielleicht  daraus 
den  Schlufi  ziehen  werden,  ich  ware  eben  als  Kind 
schon  phantastisch  veranlagt  gewesen;  kein  Wunder, 
dafi  dann  auch  eine  phantastische  Weltanschauung  sich 
in  mir  ausbilden  konnte. 

Aber  gerade  deshalb,  weil  ich  weifi,  wie  wenig  ich 
spater  meinen  personlichen  Neigungen  in  der  Schilde- 
rung  einer  geistigen  Welt  nachgegangen  bin,  sondern 
nur  der  inneren  Notwendigkeit  der  Sache,  kann  ich 
selbst  ganz  objektiv  auf  die  kindlich  unbeholfene  Art 
zuriickblicken,  wie  ich  mir  durch  die  Geometrie  recht- 
fertigte,  dafi  ich  doch  von  einer  Welt  sprechen  mufite, 
«die  man  nicht  sieht». 

Nur  das  mufi  ich  auch  sagen:  ich  lebte  gerne  in  dieser 


Welt.  Denn  ich  hatte  die  Sinnenwelt  wie  eine  geistige 
Finsternis  um  mich  empfinden  miissen,  wenn  sie  nicht 
Licht  von  dieser  Seite  bekommen  hatte. 

Der  Hilfslehrer  in  Neudorfl  lieferte  mir  mit  seinem 
Geometriebuch  die  Rechtfertigung  der  geistigen  Welt, 
die  ich  damals  brauchte. 

Ich  verdanke  ihm  auch  sonst  sehr  viel.  Er  brachte  mir 
das  kiinstlerische  Element.  Er  spielte  Violine  und  Kla- 
vier.  Und  er  zeichnete  viel.  Beides  zog  mich  stark  zu 
ihm  hin.  Ich  war,  so  viel  es  nur  sein  konnte,  bei  ihm. 
Besonders  das  Zeichnen  liebte  er;  und  er  veranlafke 
mich,  schon  im  neunten  Jahre  mit  Kohlenstiften  zu 
zeichnen.  Ich  mufite  unter  seiner  Anleitung  auf  diese 
Art  Bilder  kopieren.  Lange  safi  ich  zum  Beispiel  iiber 
dem  Kopieren  eines  Portrats  des  Grafen  Szechenyi. 

Seltener  in  Neudorfl,  aber  oft  in  dem  benachbarten 
Orte  Sauerbrunn  konnte  ich  den  tiefgehenden  Eindruck 
der  ungarischen  Zigeunermusik  horen. 

Das  alles  spielte  in  eine  Kindheit  hinein,  die  in  un- 
mittelbarer  Nahe  der  Kirche  und  des  Friedhofes  verlebt 
wurde.  Der  Neudorfler  Bahnhof  liegt  wenige  Schritte 
von  der  Kirche  ab,  und  zwischen  beiden  ist  der  Friedhof. 

Ging  man  an  dem  Friedhof  entlang  und  dann  eine 
kurze  Strecke  weiter,  so  kam  man  in  das  eigentliche 
Dorf.  Das  bestand  aus  zwei  Hauserreihen.  Die  eine  be- 
gann  mit  der  Schule,  die  andere  mit  dem  Pfarrhof.  Zwi- 
schen den  beiden  Hauserreihen  floft  ein  Bachlein,  und 
an  dessen  Seiten  waren  stattliche  Nufibaume.  An  dem 
Verhaltnis  zu  diesen  Nufibaumen  bildete  sich  eine  Rang- 
ordnung  unter  den  Kindern  der  Schule  aus.  Wenn  die 
Niisse  anfingen,  reif  zu  werden,  so  bewarfen  die  Buben 


und  Madchen  die  Baume  mit  Steinen  und  setzten  sich 
auf  diese  Art  in  den  Besitz  eines  Wintervorrates  von 
Niissen.  Im  Herbste  sprach  keiner  von  viel  anderem  als 
von  der  Grofte  seiner  Ausbeute  an  Niissen.  Wer  am 
meisten  erbeutet  hatte,  der  war  der  angesehenste.  Und 
dann  ging  es  stufenweise  nach  abwarts  —  bis  zu  mir, 
dem  letzten,  der  als  «Fremder  im  Dorfe»  kein  Recht 
hatte,  an  dieser  Rangordnung  teilzunehmen. 

Beim  Pfarrhof  stie£  im  rechten  Winkel  an  die  Haupt- 
Hauserreihen  des  Dorfes,  in  denen  die  «grofien  Bauern» 
wohnten,  eine  Reihe  von  etwa  zwanzig  Hausern,  in 
deren  Besitz  die  «mittleren»  Dorfeinwohner  waren.  An- 
stofiend  an  die  Garten,  die  zum  Bahnhof  gehorten,  war 
dann  noch  eine  Gruppe  von  Strohhausern,  der  Besitz 
der  «Kleinhausler».  Diese  bildeten  die  unmittelbare 
Nachbarschaft  meiner  Familie.  Die  Wege  vom  Dorf  aus 
fuhrten  nach  den  Feldern  und  Weinbergen,  deren 
Eigentiimer  die  Dorfleute  waren.  Bei  Kleinhausler- 
Leuten  machte  ich  jedes  Jahr  die  Weinlese  und  einmal 
eine  Dorfhochzeit  mit. 

Neben  dem  Hilfslehrer  liebte  ich  von  den  Person- 
lichkeiten,  die  an  der  Schulleitung  beteiligt  waren,  den 
Pfarrer.  Er  kam  zweimal  in  der  Woche  regelmafiig  zur 
Erteilung  des  Religionsunterrichtes  und  auch  sonst  ofter 
zur  Inspektion  in  die  Schule.  Das  Biid  dieses  Mannes 
hat  sich  tief  in  meine  Seele  eingepragt;  und  er  trat  durch 
mein  ganzes  Leben  hindurch  immer  wieder  in  meiner 
Erinnerung  auf.  Unter  den  Menschen,  die  ich  bis  zu 
meinem  zehnten,  oder  elften  Jahre  kennen  lernte,  war 
er  der  weitaus  bedeutendste.  Er  war  energischer  unga- 
rischer  Patriot.  An  der  damals  im  Gange  befindlichen 


Magyarisierung  des  ungarischen  Gebietes  nahm  er  leb- 
haften  Anteil.  Er  schrieb  aus  dieser  Gesinnung  heraus 
Aufsatze  in  ungarischer  Sprache,  die  ich  dadurch  ken- 
nen  lernte,  dafi  sie  der  Hilfslehrer  ins  Reine  abschreiben 
mufite,  und  dieser  mit  mir,  trotz  meiner  Jugend,  iiber 
den  Inhalt  immer  sprach.  Der  Pfarrer  war  aber  auch 
ein  tatkraftiger  Arbeiter  fiir  die  Kirche.  Das  trat  mir 
einmal  recht  eindringlich  durch  eine  Predigt  vor  die 
Seele, 

In  Neudorfl  war  namlich  auch  eine  Freimaurerloge. 
Sie  war  vor  den  Dorfbewohnern  in  Geheimnis  gehiillt, 
und  von  ihnen  mit  den  allersonderbarsten  Legenden 
umwoben  worden.  Die  leitende  Rolle  in  dieser  Frei- 
maurerloge hatte  der  Direktor  einer  am  Ende  des  Dor- 
fes  gelegenen  Ziindwarenfabrik  inne.  Neben  ihm  kamen 
unter  den  Personlichkeiten,  die  in  unmittelbarer  Nahe 
daran  beteiligt  waren,  nur  noch  ein  anderer  Fabrik- 
direktor  und  ein  Kleiderhandler  in  Betracht.  Sonst 
merkte  man  die  Bedeutung  der  Loge  nur  an  der  Tat- 
sache,  dafi  von  Zek  zu  Zeit  «weither»  fremde  Gaste 
kamen,  die  den  Dorfbewohnern  im  hohen  Grade  un- 
heimlich  vorkamen.  Der  Kleiderhandler  war  eine  merk- 
wiirdige  Personlichkeit.  Er  ging  stets  mit  gesenktem 
Kopfe,  wie  in  Gedanken  versunken.  Man  nannte  ihn 
den  «Simulierer»,  und  man  hatte  durch  seine  Sonder- 
barkeit  weder  die  Moglichkeit,  noch  das  Bediirfnis,  an 
ihn  heranzukommen.  Zu  seinem  Hause  gehorte  die 
Freimaurerloge. 

Ich  konnte  kein  Verhaltnis  zu  dieser  Loge  gewinnen. 
Denn  nach  der  ganzen  Art,  wie  sich  die  Menschen 
meiner  Umgebung  in  dieser  Hinsicht  benahmen,  muftte 


ich  es  auch  da  aufgeben,  Fragen  zu  stellen;  und  dann 
wirkten  die  ganz  abgeschmackten  Reden,  die  der  Ziind- 
warenfabrikbesitzer  iiber  die  Kirche  fiihrte,  auf  mich 
abstofiend. 

Der  Pfarrer  hielt  nun  eines  Sonntags  in  seiner  ener- 
gischen  Art  eine  Predigt,  in  der  er  die  Bedeutung  der 
wahren  Sittlichkeit  fiir  das  menschliche  Leben  ausein-. 
andersetzte  und  dann  von  den  Feinden  der  Wahrheit  in 
Bildern  sprach,  die  von  der  Loge  hergenommen  waren. 
Dann  lie£  er  seine  Rede  gipfeln  in  dem  Satze:  «Ge- 
liebte  Christen,  merket  wer  ein  Feind  dieser  Wahrheit 
ist,  zum  Beispiel  ein  Freimaurer  und  ein  Jude.»  Fiir 
die  Dorfleute  waren  damit  der  Fabrikbesitzer  und  der 
Kleiderhandler  autoritativ  gekennzeichnet.  Die  Tatkraft, 
mit  der  dies  gesprochen  wurde,  gefiel  mir  ganz  be- 
sonders. 

Auch  diesem  Pfarrer  verdanke  ich  besonders  durch 
einen  starken  Eindruck  aufierordentlich  viel  fiir  meine 
spatere  Geistesorientierung.  Er  kam  einmal  in  die 
Schule,  versammelte  die  «reiferen»  Schiiler,  zu  denen  er 
mich  rechnete,  in  dem  kleinen  Lehrerstiibchen  um  sich, 
entfaltete  eine  Zeichnung,  die  er  gemacht  hatte,  und  er- 
klarte  uns  an  ihr  das  kopernikanische  Weltsystem.  Er 
sprach  dabei  sehr  anschaulich  iiber  die  Erdbewegung 
um  die  Sonne,  iiber  die  Achsendrehung,  die  schiefe  Lage 
der  Erdachse  und  iiber  Sommer  und  Winter,  sowie  iiber 
die  Zonen  der  Erde.  Ich  war  ganz  von  der  Sache  hin- 
genommen,  zeichnete  tagelang  sie  nach,  bekam  dann 
von  dem  Pfarrer  noch  eine  Spezialunterweisung  iiber 
Sonnen-  und  Mondfinsternisse  und  richtete  damals  und 
weiter  aile  meine  Wifibegierde  auf  diesen  Gegenstand. 


Ich  war  damals  etwa  zehn  Jahre  alt  und  konnte 
noch  nicht  orthographisch  und  grammatikalisch  richtig 
schreiben. 

Von  tiefgehender  Bedeutung  fiir  mein  Knabenleben 
war  die  Nahe  der  Kirche  und  des  um  sie  liegenden 
Friedhofes.  Alles,  was  in  der  Dorfschule  geschah,  ent- 
wickelte  sich  im  Zusammenhange  damit.  Das  war  nicht 
nur  durch  die  in  jener  Gegend  damals  herrschenden 
sozialen  und  staatlichen  Verhaltnisse  bewirkt,  sondern 
vor  allem  dadurch,  dafi  der  Pfarrer  eine  bedeutende 
Personlichkeit  war.  Der  Hilfslehrer  war  zugleich  Orgel- 
spieler  der  Kirche,  Kustos  der  Meftgewander  und  der 
anderen  Kirchengerate;  er  leistete  dem  Pfarrer  alle 
Hilfsdienste  in  der  Versorgung  des  Kultus.  Wir  Schul- 
knaben  hatten  den  Ministranten-  und  Chordienst  zu  ver- 
richten  bei  Messen,  Totenfeiern  und  Leichenbegangnis- 
sen.  Das  Feierliche  der  lateinischen  Sprache  und  des 
Kultus  war  ein  Element,  in  dem  meine  Knabenseele 
gerne  lebte.  Ich  war  dadurch,  dafi  ich  an  diesem  Kir- 
chendienste  bis  zu  meinem  zehnten  Jahre  intensiv  teil- 
nahm,  oft  in  der  Umgebung  des  von  mir  so  geschatzten 
Pfarrers. 

In  meinem  Elternhause  fand  ich  in  dieser  meiner  Be- 
ziehung  zur  Kirche  keine  Anregung.  Mein  Vater  nahm 
daran  keinen  Anteil.  Er  war  damals  «Freigeist».  Er  ging 
nie  in  die  Kirche,  mit  der  ich  so  verwachsen  war;  und 
trotzdem  ja  auch  er  wahrend  seiner  Knaben-  und  Jiing- 
lingsjahre  einer  solchen  ergeben  und  dienstbar  war.  Das 
anderte  sich  bei  ihm  erst  wieder,  als  er  als  alter  Mann, 
in  Pension,  nach  Horn,  seiner  Heimatgegend,  zurtick- 
zog.  Da  wurde  er  wieder  ein  «frommer  Mann».  Nur 


war  ich  damals  langst  aufier  allem  Zusammenhang  mit 
dem  Elternhause. 

Mir  steht  von  meiner  Neudorfler  Knabenzeit  stark 
dieses  vor  der  Seele,  wie  die  Anschauung  des  Kultus  in 
Verbindung  mit  der  musikalischen  Opferfeierlichkeit 
vor  dem  Geiste  in  stark  suggestiver  Art  die  Ratselfragen 
des  Daseins  aufsteigen  lafk.  Der  Bibel-  und  Katechis- 
mus-Unterricht,  den  der  Pfarrer  erteilte,  war  weit  we- 
niger  wirksam  innerhalb  meiner  Seelenwelt  als  das,  was 
er  als  Ausiibender  des  Kultus  tat  in  Vermittelurig  zwi- 
schen  der  sinnlichen  und  der  iibersinnlichen  Welt.  Von 
Anfang  an  war  mir  das  alles  nicht  eine  blofie  Form, 
sondern  tiefgehendes  Erlebnis.  Das  war  um  so  mehr  der 
Fall, .  als  ich  damit  im  Elternhause  ein  Fremdling  war. 
Mein  Gemiit  verliefi  das  Leben,  das  ich  mit  dem  Kultus 
aufgenommen  hatte,  auch  nicht  bei  dem,  was  ich  in 
meiner  hauslichen  Umgebung  erlebte.  Ich  lebte  ohne 
Anteil  an  dieser  Umgebung.  Ich  sah  sie;  aber  ich  dachte, 
sann  und  empfand  eigentHch  fortwahrend  mit  jener 
anderen  Welt.  Dabei  darf  ich  aber  durchaus  sagen,  dafS 
ich  kein  Traumer  war,  sondern  mich  in  alle  lebensprak- 
tischen  Verrichtungen  wie  selbstverstandlich  hineinfand. 

Einen  volligen  Gegensatz  zu  dieser  meiner  Welt  bil- 
dete  auch  das  Politisieren  meines  Vaters.  Er  wurde  von 
einem  andern  Beamten  im  Dienstturnus  abgelost.  Dieser 
wohnte  auf  einer  anderen  Eisenbahnstation,  die  er  mit- 
versorgte.  Er  traf  in  Neudorfl  nur  alle  zwei  oder  drei 
Tage  ein.  In  den  unbeschaftigten  Abendstunden  politi- 
sierten  mein  Vater  und  er.  Es  geschah  das  an  dem  Tisch, 
der  neben  dem  Bahnhof  unter  zwei  machtigen,  wunder- 
vollen  Lindenbaumen  stand.  Da  waren  die  ganze  Fa- 


milie  und  der  fremde  Beamte  versammelt.  Die  Mutter 
strickte  oder  hakelte;  meine  Geschwister  tummelten 
sich;  ich  safi  oft  an  dem  Tisch  und  hone  dem  unauf- 
horlichen  Politisieren  der  beiden  Manner  zu.  Mein  An- 
teil  bezog  sich  aber  nie  auf  den  Inhalt  dessen,  was  sie 
sprachen,  sondern  auf  die  Form,  welche  das  Gesprach 
annahm.  Sie  waren  immer  uneinig;  wenn  der  eine  «Ja» 
sagte,  erwiderte  der  andere  «Nein».  Alles  das  aber 
spielte  sich  immer  zwar  im  Zeichen  der  Heftigkeit,  ja 
Leidenschaftlichkeit  ab,  aber  auch  in  dem  der  Gutmiitig- 
keit,  die  ein  Grundzug  im  Wesen  meines  Vaters  war. 

In  dem  kleinen  Kreise,  der  da  ofter  versammelt  war, 
und  in  dem  sich  oft  «Honoratioren»  des  Ortes  einfan- 
den,  erschien  zuweilen  ein  Arzt  aus  Wiener-Neustadt. 
Er  behandelte  viele  Kranke  des  Ortes,  in  dem  damals 
kein  Arzt  war.  Er  machte  den  Weg  von  Wiener-Neu- 
stadt nach  Neudorfl  zu  Fufi,  und  kam  dann,  nachdem  er 
bei  seinen  Kranken  war,  nach  dem  Bahnhof,  um  den 
Zug  abzuwarten,  mit  dem  er  zuriickkehrte.  Dieser  Mann 
gait  in  meinem  Elternhause  und  bei  den  meisten  Leu- 
ten,  die  ihn  kannten,  als  ein  Sonderling.  Er  sprach  nicht 
gerne  von  seinem  medizinischen  Berufe,  aber  um  so 
lieber  von  deutscher  Literatur.  Von  ihm  habe  ich  zuerst 
iiber  Lessing,  Goethe,  Schiller  sprechen  gehort.  In  mei- 
nem Elternhause  war  davon  nie  die  Rede.  Man  wufite 
davon  nichts.  Auch  in  der  Dorfschule  kam  davon  nichts 
vor.  Es  war  da  alles  auf  ungarische  Geschichte  einge- 
stellt.  Pfarrer  und  Hilfslehrer  hatten  kein  Interesse  fiir 
die  Grofien  der  deutschen  Literatur.  Und  so  kam  es,  dafi 
mit  dem  Wiener-Neustadtler  Arzt  eine  ganz  neue  Welt 
in  meinen  Gesichtskreis  einzog.  Der  beschaftigte  sich 


gerne  mit  mir,  nahm  mich  oft,  nachdem  er  kurze  Zeit 
unter  den  Linden  ausgeruht  hatte,  beiseite,  ging  mit  mir 
auf  dem  Bahnhofplatze  auf  und  ab  und  sprach,  nicht  in 
dozierender,  aber  enthusiastischer  Art  von  deutscher 
Literatur.  Er  entwickelte  dabei  allerlei  Ideen  iiber  das- 
jenige,  was  schon,  was  hafiKch  ist. 

Es  ist  mir  auch  dies  ein  Bild  geblieben,  das  in  meinem 
ganzen  Leben  in  meiner  Erinnerung  Festesstunden 
feierte:  der  hochgewachsene,  schlanke  Arzt,  mit  seinem 
kuhn  ausschreitenden  Gange,  stets  mit  dem  Regen- 
schirm  in  der  rechten  Hand,  den  er  so  hielt,  dafi  er 
neben  dem  Oberkorper  schlenkerte,  an  der  einen  Seite, 
und  ich  zehnjahriger  Knabe,  an  der  andern  Seite,  ganz 
hingegeben  dem,  was  der  Mann  sagte. 

Neben  alledem  beschaftigten  mich  die  Einrichtungen 
der  Eisenbahn  stark.  Am  Stationstelegraphen  lernte  ich 
die  Gesetze  der  Elektrizitatslehre  zunachst  in  der  An- 
schauung  kennen.  Auch  das  Telegraphieren  lernte  ich 
schon  als  Knabe. 

In  der  Sprache  bin  ich  ganz  aus  dem  deutschen  Dia- 
lekt  herausgewachsen,  der  in  dem  ostlichen  Niederoster- 
reich  gesprochen  wird.  Der  war  im  wesentlichen  auch 
derjenige,  der  damals  noch  in  den  an  Niederosterreich 
angrenzenden  Gegenden  Ungarns  iiblich  war.  Mein 
Verhaltnis  war  ein  ganz  anderes  zum  Lesen  als  zum 
Schreiben.  Ich  las  in  meiner  Knabenzeit  iiber  die  Worte 
hinweg;  ging  mit  der  Seele  unmittelbar  auf  Anschau- 
ungen,  Begriffe  und  Ideen,  so  dafi  ich  vom  Lesen  gar 
nichts  fur  die  Entwickelung  des  Sinnes  fur  orthogra- 
phisches  und  grammatikalisches  Schreiben  hatte.  Da- 
gegen  hatte  ich  beim  Schreiben  den  Drang,  genau  die 


Wortbilder  so  in  Lauten  festzuhalten,  wie  ich  sie  als 
Dialektworte  zumeist  horte.  Dadurch  bekam  ich  nur 
unter  den  grofken  Schwierigkeiten  einen  Zugang  zum 
Schreiben  der  Schriftsprache;  wahrend  mir  deren  Lesen 
vom  Anfange  an  ganz  leicht  war. 

Unter  solchen  Einfliissen  wuchs  ich  heran  zu  dem 
Lebensalter,  in  dem  fur  meinen  Vater  die  Frage  zu  losen 
war,  ob  er  mich  in  das  Gymnasium  oder  die  Realschule 
in  Wiener-Neustadt  geben  solle.  Von  da  ab  horte  ich 
zwischen  der  Politik  viel  mit  andern  iiber  mein  kiinf- 
tiges  Lebensschicksal  sprechen.  Da  wurde  meinem  Vater 
dieser  oder  jener  Rat  ge geben;  ich  wuftte  schon  damals: 
er  hort  gerne,  was  die  andern  sagen;  aber  er  handelt 
nach  seinem  eigenen,  fest  empfundenen  Willen. 


II. 


Den  Ausschlag  bei  der  Entscheidung,  ob  ich  auf  das 
Gymnasium  oder  die  Realschule  geschickt  werden  solle, 
gab  bei  meinem  Vater  seine  Absicht,  mir  die  rechte  Vor- 
bildung  fur  eine  «Anstellung»  bei  der  Eisenbahn  zu  ver- 
schaffen.  Seine  Vorstellungen  drangten  sich  zuletzt  in 
die  zusammen,  ich  sollte  Eisenbahn-Ingenieur  werden. 
Das  fiihrte  zu  der  Wahl  der  Realschule. 

Zunachst  aber  war  die  Frage  zu  entscheiden,  ob  ich 
beim  Ubergange  von  der  Neudorfler  Dorfschule  zu  einer 
der  Schulen  des  benachbarten  Wiener-Neustadt  iiber- 
haupt  fur  eine  dieser  Schularten  schon  reif  sei.  Ich 
wurde  zunachst  zur  Aufnahmepriifung  in  die  Biirger- 
schule  gefiihrt. 

An  mir  selbst  gingen  die  Vorgange,  die  nun  fiir  meine 
Lebenszukunft  eingeleitet  wurden,  ohne  tiefergehendes 
Interesse  vor  sich.  Mir  war  in  jenem  Lebensalter  die  Art 
meiner  «Anstellung»,  mir  war  auch  die  Frage  gleich- 
giiltig,  ob  Burger-  oder  Realschule,  oder  Gymnasium. 
Ich  hatte  durch  das,  was  ich  um  mich  beobachtet,  was 
ich  in  mir  ersonnen  hatte,  unbestimmte,  aber  brennende 
Fragen  iiber  Leben  und  Welt  in  der  Seele  und  wollte 
etwas  lernen,  um  sie  mir  beantworten  zu  konnen.  Mich 
kiimmerte  dabei  wenig,  durch  welche  Schulart  das  ge- 
schehen  sollte. 

Die  Aufnahmepriifung  in  die  Biirgerschule  bestand  ich 
sehr  gut.  Man  hatte  alle  die  Zeichnungen  mitgebracht, 
die  ich  bei  meinem  Hilfslehrer  angefertigt  hatte;  und 
diese  machten  auf  die  Lehrerschaft,  die  mich  priifte, 
einen  so  starken  Eindruck,  daft  wohl  dadurch  hinweg- 


gesehen  wurde  iiber  meine  mangelnden  Kenntnisse.  Ich 
kam  mit  einem  «glanzenden»  Zeugnisse  davon.  Es  war 
helle  Freude  bei  meinen  Eltern,  beim  Hilfslehrer,  beim 
Pfarrer,  bei  vielen  Honoratioren  von  Neudorfl.  Man 
war  iiber  meinen  Erfolg  froh,  denn  er  war  fur  Viele 
ein  Beweis,  dafi  die  «Neud6rfler  Schule  etwas  leisten 
konne». 

Fur  meinen  Vater  entsprang  aus  alledem  der  Ge- 
danke,  dafi  ich  nun,  da  ich  so  weit  sei,  gar  nicht  erst  ein 
Jahr  in  der  Biirgerschule  verbringen,  sondern  sogleich 
in  die  Realschule  kommen  solle.  So  wurde  ich  denn 
schon  wenige  Tage  nachher  zur  Aufnahmepriifung  in 
diese  gefiihrt.  Da  ging  es  zwar  nicht  so  gut  als  vorher; 
aber  ich  wurde  doch  zur  Aufnahme  zugelassen.  Es  war 
im  Oktober  1872. 

Nun  mufite  ich  taglich  den  Weg  von  Neudorfl  nach 
Wiener-Neustadt  machen.  Morgens  konnte  ich  mit  dem 
Eisenbahnzuge  fahren,  abends  mufite  ich  zu  Fu$  zuriick- 
kehren,  da  ein  Zug  zur  rechten  Zeit  nicht  fuhr.  Neu- 
dorfl lag  in  Ungarn,  Wiener-Neustadt  in  Niederoster- 
reich.  Ich  kam  also  taglich  von  «Transleithanien»  nach 
«Cisleithanien».  (So  nannte  man  offiziell  das  ungarische 
und  das  osterreichische  Gebiet.) 

Wahrend  des  Mittags  blieb  ich  in  Wiener-Neustadt. 
Es  hatte  sich  eine  Dame  gefunden,  die  mich  bei  einem 
ihrer  Aufenthalte  auf  dem  Neudorfler  Bahnhof  kennen 
gelernt  und  dabei  erfahren  hatte,  dafi  ich  zur  Schule 
nach  Wiener-Neustadt  kommen  werde.  Meine  Eltern 
hatten  ihr  ihre  Sorge  dariiber  mitgeteilt,  wie  ich  iiber 
den  Mittag  bei  meinen  Schulbesuchen  hinwegkommen 
werde.  Sie  erklarte  sich  bereit,  mich  in  ihrem  Hause 


unentgeltlich  essen  zu  lassen  und  mich  jederzeit  aufzu- 
nehmen,  wenn  ich  es  notig  hatte. 

Der  Fufiweg  von  Wiener-Neustadt  nach  Neudorfl  ist 
im  Sommer  sehr  schon;  im  Winter  war  er  oft  beschwer- 
lich.  Ehe  man  von  dem  Stadtende  zum  Dorfe  kam, 
mufite  man  iiber  einen  Feldweg  von  einer  halben  Stunde 
gehen,  der  vom  Schnee  nicht  gesaubert  wurde.  Da  hatte 
ich  oft  durch  Schnee  zu  «waten»,  der  bis  an  die  Knie 
ging,  und  kam  als  «Schneemann»  zu  Hause  an. 

Das  Stadtleben  konnte  ich  in  der  Seek  nicht  in  der 
gleichen  Art  mitmachen,  wie  das  auf  dem  Lande.  Ich 
stand  vertraumt  dem  gegeniiber,  was  zwischen  und  in 
den  aneinandergepferchten  Hausern  vorging.  Nur  vor 
den  Buchhandlungen  Wiener-Neustadts  blieb  ich  oft 
lange  stehen. 

Auch  was  in  der  Schule  vorgebracht  wurde  und  was 
ich  selbst  da  zu  tun  hatte,  ging  ohne  ein  lebhafteres 
Interesse  an  meiner  Seele  zunachst  voriiber.  Ich  hatte  in 
den  beiden  ersten  Klassen  viele  Miihe,  mitzukommen. 
Erst  im  zweiten  Halbjahr  der  zweiten  ging  es  besser. 
Da  war  ich  erst  ein  «guter  Schiiler»  geworden. 

Ich  hatte  ein  mich  stark  beherrschendes  Bediirfnis. 
Ich  sehnte  mich  nach  Menschen,  denen  ich  wie  Vorbil- 
dern  menschlich  nachleben  konnte.  Solche  fanden  sich 
unter  den  Lehrern  der  beiden  ersten  Klassen  nicht. 

In  dieses  Erleben  in  der  Schule  trat  nun  wieder  ein 
Ereignis,  das  tief  in  meine  Seele  hineinwirkte.  Der  Schul- 
direktor  hatte  in  einem  der  Jahresberichte,  die  am  Ende 
eines  jeden  Schuljahres  ausgegeben  wurden,  einen  Auf- 
satz  erscheinen  lassen:  «Die  Anziehungskraft  betrachtet 
als  eine  Wirkung  der  Bewegung.»  Ich  konnte  als  elf- 


jahriger  Junge  von  dem  Inhalte  zunachst  fast  nichts  ver- 
stehen.  Denn  es  fing  gleich  mit  hoherer  Mathematik  an. 
Aber  von  einzelnen  Satzen  erhaschte  ich  doch  einen 
Sinn.  Es  bildete  sich  in  mir  eine  Gedankenbriicke  von 
den  Lehren  iiber  das  Weltgebaude,  die  ich  von  dem 
Pfarrer  erhalten  hatte,  bis  zu  dem  Inhalte  dieses  Auf- 
satzes.  In  diesem  war  auch  auf  ein  Buch  verwiesen,  das 
der  Direktor  geschrieben  hatte:  «Die  allgemeine  Bewe- 
gung  der  Materie  als  Grundursache  aller  Naturerschei- 
nungen.»  Ich  sparte  so  lange,  bis  ich  mir  das  Buch  kau- 
fen  konnte.  Es  wurde  nun  eine  Art  Ideal  von  mir,  alles 
so  schnell  als  moglich  zu  lernen,  was  mich  zum  Ver- 
standnis  des  Inhaltes  von  Aufsatz  und  Buch  fiihren 
konnte. 

Es  handelte  sich  um  folgendes.  Der  Schuldirektor 
hielt  die  von  dem  Stoffe  aus  in  die  Feme  wirkenden 
«Krafte»  fur  eine  unberechtigte  «mystische»  Hypothese. 
Er  wollte  die  «Anziehung»  sowohl  der  Himmelskorper, 
wie  auch  der  Molekiile  und  Atome  ohne  solche 
«Krafte»  erklaren.  Er  sagte,  zwischen  zwei  Korpern  be- 
finden  sich  viele  in  Bewegung  begriffene  kleinere  Kor- 
per.  Diese  stolen,  sich  hin  und  her  bewegend,  auf  die 
grofieren  Korper.  Ebenso  werden  diese  an  den  Seiten 
tiberall  gestofien,  an  denen  sie  von  einander  abgewandt 
sind.  Die  Stofie,  die  auf  die  abgewandten  Seken  aus- 
geiibt  werden,  sind  zahlreicher  als  die  in  dem  Raum 
zwischen  den  beiden  Korpern.  Dadurch  nahern  sich 
diese.  Die  «Anziehung»  ist  keine  besondere  Kraft,  son- 
dern  nur  eine  «Wirkung  der  Bewegung».  Zwei  Satze 
fand  ich  ausgesprochen  auf  den  ersten  Seiten  des  Bu- 
ches:  «i.  Es  existiert  ein  Raum  und  in  diesem  eine  Be- 


wegung  durch  langere  Zeit.  z.  Raum  und  Zeit  sind  kon- 
tinuierliche  homo  gene  Groften;  die  Materie  aber  besteht 
aus  gesonderten  Teilchen  (Atomen).»  Aus  den  Bewe- 
gungen,  die  auf  die  beschriebene  Art  zwischen  den 
kleinen  und  grofien  Teilen  der  Materie  entstehen,  wollte 
der  Verfasser  alle  physikalischen  und  chemischen  Natur- 
vorgange  erklaren. 

Ich  hatte  nichts  in  mir,  was  in  irgendeiner  Art  dazu 
drangte,  mich  zu  dieser  Anschauung  zu  bekennen;  aber 
ich  hatte  das  Gefiihl,  es  werde  eine  grofie  Bedeutung  fiir 
mich  haben,  wenn  ich  das  auf  diese  Art  Ausgesprochene 
verstehen  werde.  Und  ich  tat  alles  dazu,  um  dahin  zu 
gelangen.  Wo  ich  nur  mathematische  und  physikalische 
Biicher  auftreiben  konnte,  beniitzte  ich  die  Gelegenheit. 
Es  ging  recht  langsam.  Ich  setzte  mit  dem  Lesen  von 
Aufsatz  und  Buch  immer  wieder  an;  es  ging  jedesmal 
etwas  besser. 

Nun  kam  etwas  anderes  hinzu.  In  der  dritten  Klasse 
erhielt  ich  einen  Lehrer,  der  wirklich  das  «Ideal»  er- 
fiillte,  das  vor  meiner  Seele  stand.  Ihm  konnte  ich  nach- 
streben.  Er  unterrichtete  Rechnen,  Geometrie  und  Phy- 
sik.  Sein  Unterricht  war  von  einer  au£erordentlichen 
Geordnetheit  und  Durchsichtigkeit.  Er  baute  alles  so 
klar  aus  den  Elementen  auf,  dafi  es  dem  Denken  im 
hochsten  Grade  wohltatig  war,  ihm  zu  folgen. 

Ein  zweiter  Jahresberichtsaufsatz  der  Schule  war  von 
ihm.  Er  war  aus  dem  Gebiete  der  Wahrscheinlichkeits- 
rechnung  und  des  Lebensversicherungsrechnens.  Ich  ver- 
tiefte  mich  auch  in  diesen  Aufsatz,  obwohl  ich  auch  von 
ihm  noch  nicht  viel  verstehen  konnte.  Aber  ich  kam 
doch  bald  dazu,  den  Sinn  der  Wahrscheinlichkeitsrech- 


nung  zu  begreifen.  Eine  noch  wichtigere  Folge  aber  fur 
mich  war,  dafi  ich  an  der  Exaktheit,  mit  welcher  der  ge- 
liebte  Lehrer  die  Materie  durchgefiihrt  hatte,  ein  Vor- 
bild  fur  mein  mathematisches  Denken  hatte.  Das  aber 
liefi  nun  ein  wunderschones  Verhaltnis  zwischen  diesem 
Lehrer  und  mir  entstehen.  Ich  empfand  es  begliickend, 
diesen  Mann  nun  durch  alle  Realschulklassen  hindurch 
als  Lehrer  der  Mathematik  und  Physik  zu  haben. 

Mit  dem,  was  ich  durch  ihn  lernte,  kam  ich  dem 
Ratsel,  das  mir  durch  die  Schriften  des  Schuldirektors 
aufgegeben  war,  immer  naher. 

Mit  einem  andern  Lehrer  kam  ich  erst  nach  langerer 
Zeit  in  ein  naheres  seelisches  Verhaltnis.  Es  war  der- 
jenige,  der  in  den  unteren  Klassen  geometrisches  Zeich- 
nen  und  in  den  oberen  darstellende  Geometrie  lehrte. 
Er  unterrichtete  schon  in  der  zweiten  Klasse.  Aber  erst 
im  Verlaufe  des  Unterrichtes  in  der  dritten  ging  mir  der 
Sinn  fur  seine  Art  auf.  Er  war  ein  grofiartiger  Konstruk- 
teur.  Auch  sein  Unterricht  war  von  musterhafter  Klar- 
heit  und  Geordnetheit.  Das  Zeichnen  mit  Zirkel,  Lineal 
und  Dreieck  wurde  mir  durch  ihn  zu  einer  Lieblings- 
beschaftigung.  Hinter  dem,  was  ich  durch  den  Schul- 
direktor,  den  Mathematik-  und  Physiklehrer  und  den 
des  geometrischen  Zeichnens  in  mich  aufnahm,  stiegen 
nun  in  knabenhafter  Auffassung  die  Ratselfragen  des 
Naturgeschehens  in  mir  auf.  Ich  empfand:  ich  miisse 
an  die  Natur  heran,  um  eine  Stellung  zu  der  Geistes- 
welt  zu  gewinnen,  die  in  selbstverstandlicher  Anschau- 
ung  vor  mir  stand. 

Ich  sagte  mir,  man  kann  doch  nur  zurechtkommen 
mit  dem  Erleben  der  geistigen  Welt  durch  die  Seele, 


wenn  das  Denken  in  sich  zu  einer  Gestaltung  kommt, 
die  an  das  Wesen  der  Naturerscheinungen  herangelan- 
gen  kann.  Mit  diesen  Gefiihlen  lebte  ich  mich  durch  die 
dritte  und  vierte  Realschulklasse  durch.  Ich  ordnete 
alles,  was  ich  lernte,  selbst  daraufhin  an,  mich  dem 
gekennzeichneten  Ziele  zu  nahern. 

Da  ging  ich  einmal  an  einer  Buchhandlung  vorbei. 
Im  Schaufenster  sah  ich  Kants  «Kritik  der  reinen  Ver- 
nunft»  in  Reclams  Ausgabe.  Ich  tat  alles,  um  mir  dies 
Buch  so  schnell  als  moglich  zu  kaufen. 

Als  damals  Kant  in  den  Bereich  meines  Denkens  ein- 
trat,  wufite  ich  noch  nicht  das  geringste  von  dessen 
Stellung  in  der  Geistesgeschichte  der  Menschheit.  Was 
irgend  ein  Mensch  iiber  ihn  gedacht  hat,  zustimmend 
oder  ablehnend,  war  mir  ganzlich  unbekannt.  Mein  un- 
begrenztes  Interesse  an  der  Kritik  der  reinen  Vernunft 
wurde  aus  meinem  ganz  personlichen  Seelenleben  her- 
aus  erregt.  Ich  strebte  auf  meine  knabenhafte  Art  da- 
nach,  zu  verstehen,  was  menschliche  Vernunft  fur  einen 
wirklichen  Einblick  in  das  Wesen  der  Dinge  zu  leisten 
vermag. 

Die  Kantlektiire  fand  mancherlei  Hindernisse  an  den 
aufteren  Lebenstatsachen.  Ich  verlor  durch  den  weiten 
Weg,  den  ich  zwischen  Heim  und  Schule  zuriickzulegen 
hatte,  taglich  wenigstens  drei  Stunden.  Abends  kam  ich 
vor  sechs  Uhr  nicht  zu  Hause  an.  Dann  war  eine  end- 
lose  Masse  von  Schulaufgaben  zu  bewaltigen.  Und  an 
Sonntagen  gab  ich  mich  fast  ausschlieftlich  dem  kon- 
struktiven  Zeichnen  hin.  Es  in  der  Ausfiihrung  der 
geometrischen  Konstruktionen  zur  grofiten  Exaktheit, 
in  der  Behandlung  des  Schraffierens  und  Anlegens  der 


Farbe  zur  tadellosen  Sauberkeit  zu  bringen,  war  mir  ein 
Ideal. 

So  blieb  mir  fur  das  Lesen  der  «Kritik  der  reinen  Ver- 
nunft»  gerade  damals  kaum  eine  Zeit.  Ich  fand  den  fol- 
genden  Ausweg.  Die  Geschichte  wurde  uns  so  beige- 
bracht,  dafi  der  Lehrer  scheinbar  vortrug,  aber  in  Wirk- 
lichkeit  aus  einem  Buche  vorlas.  Wir  hatten  dann  von 
Stunde  zu  Stunde  das  in  dieser  Art  an  uns  Herange- 
brachte  aus  unserem  Buche  zu  lernen.  Ich  dachte  mir, 
das  Lesen  des  im  Buche  Stehenden  rau£  ich  ja  doch  zu 
Hause  besorgen.  Von  dem  «Vortrag»  des  Lehrers  hatte 
ich  gar  nichts.  Ich  konnte  durch  das  Anhoren  dessen, 
was  er  las,  nicht  das  geringste  aufnehmen.  Ich  trennte 
nun  die  einzelnen  Bogen  des  Kantbuchleins  auseinan- 
der,  heftete  sie  in  das  Geschichtsbuch  ein,  das  ich  in  der 
Unterrichtsstunde  vor  mir  liegen  hatte,  und  las  nun 
Kant,  wahrend  vom  Katheder  herunter  die  Geschichte 
«gelehrt»  wurde.  Das  war  natiirlich  gegeniiber  der 
Schuldisziplin  ein  grofies  Unrecht;  aber  es  storte  nie- 
mand  und  es  beeintrachtigte  so  wenig,  was  von  mir  ver- 
langt  wurde,  dafi  ich  damals  in  der  Geschichte  die  Note 
«vorziiglich»  bekam. 

In  den  Ferienzeiten  wurde  die  Kantlektiire  eifrig  fort- 
gesetzt.  Ich  las  wohl  manche  Seite  mehr  als  zwanzigmal 
hintereinander.  Ich  wollte  zu  einem  Urteile  dariiber 
kommen,  wie  das  menschliche  Denken  zu  dem  Schaffen 
der  Natur  steht. 

Die  Empfindungen,  die  ich  gegeniiber  diesen  Denk- 
bestrebungen  hatte,  wurden  von  zwei  Seiten  her  beein- 
fluftt.  Zum  ersten  wollte  ich  das  Denken  in  mir  selbst 
so  ausbilden,  dafi  jeder  Gedanke  voll  iiberschaubar 


ware,  dafi  kein  unbestimmtes  Gefiihl  ihn  in  irgendeine 
Richtung  brachte.  Zum  zweiten  wollte  ich  einen  Ein- 
klang  zwischen  einem  solchen  Denken  und  der  Reli- 
gionslehre  in  mir  herstellen.  Denn  auch  diese  nahm 
mich  damals  im  hochsten  Grade  in  Anspruch.  Wir  hat- 
ten  gerade  auf  diesem  Gebiete  ganz  ausgezeichnete  Lehr- 
biicher.  Dogmatik  und  Symbolik,  die  Beschreibung  des 
Kultus,  die  Kirchengeschichte  nahm  ich  aus  diesen 
Lehrbiichern  mit  wirklicher  Hingebung  auf.  Ich  lebte 
ganz  stark  in  diesen  Lehren.  Aber  mein  Verhaltnis  zu 
ihnen  war  dadurch  bestimmt,  dafi  mir  die  geistige  Welt 
als  ein  Inhak  der  menschlichen  Anschauung  gait.  Ge- 
rade deshalb  drangen  diese  Lehren  so  tief  in  meine 
Seele,  weil  ich  an  ihnen  empfand,  wie  der  menschliche 
Geist  erkennend  den  Weg  ins  Ubersinnliche  finden 
kann.  Die  Ehrfurcht  vor  dem  Geistigen  —  das  weifi  ich 
ganz  bestimmt  —  wurde  mir  durch  dieses  Verhaltnis  zur 
Erkenntnis  nicht  im  geringsten  genommen. 

Auf  der  andern  Seite  beschaftigte  mich  unaufhorlich 
die  Tragweite  der  menschlichen  Gedankenfahigkeit.  Ich 
empfand,  dafi  das  Denken  zu  einer  Kraft  ausgebildet 
werden  konne,  die  die  Dinge  und  Vorgange  der  Welt 
wirklich  in  sich  fafit.  Ein  «Stoff»,  der  aufterhalb  des 
Denkens  liegen  bleibt,  iiber  den  bloft  «nachgedacht» 
wird,  war  mir  ein  unertraglicher  Gedanke.  Was  in  den 
Dingen  ist,  das  mu£  in  die  Gedanken  des  Menschen 
herein,  das  sagte  ich  mir  immer  wieder. 

An  dieser  Empfindung  stiefi  aber  auch  immer  wieder 
das  an,  was  ich  bei  Kant  las.  Aber  ich  merkte  damals 
diesen  Anstoft  kaum.  Denn  ich  wollte  vor  allem  durch 
die  «Kritik  der  reinen  Vernunft»  feste  Anhaltspunkte 


gewinnen,  urn  mit  dem  eigenen  Denken  zurecht  zu 
kommen.  Wo  und  warm  ich  meine  Ferienspaziergange 
machte:  ich  mufite  mich  irgendwo  still  hinsetzen,  und 
mir  immer  von  neuem  zurechtlegen,  wie  man  von  ein- 
fachen,  iiberschaubaren  Begriffen  zur  Vorstellung  iiber 
die  Naturerscheinungen  kommt.  Ich  verhielt  mich  zu 
Kant  damals  ganz  unkritisch;  aber  ich  kam  durch  ihn 
nicht  weiter. 

Ich  wurde  durch  alles  dieses  nicht  abgezogen  von  den 
Dingen,  welche  die  praktische  Handhabung  von  Ver- 
richtungen  und  die  Ausbildung  der  menschlichen  Ge- 
schicklichkeit  betrafen.  Es  fand  sich,  daft  einer  der  Be- 
amten,  die  meinen  Vater  im  Dienste  ablosten,  die  Buch- 
binderei  verstand.  Ich  lernte  von  ihm  das  Buchbinden 
und  konnte  mir  in  den  Ferien,  die  zwischen  der  vierten 
und  funften  Realschulklasse  lagen,  meine  Schulbiicher 
selbst  einbinden.  Auch  lernte  ich  in  dieser  Zeit  wahrend 
der  Ferien  die  Stenographic  ohne  Lehrer.  Trotzdem 
machte  ich  dann  die  Stenographiekurse  mit,  die  von  der 
funften  Klasse  an  gehalten  wurden. 

Gelegenheit  zum  praktischen  Arbeiten  gab  es  genug. 
Meinen  Eltern  war  in  der  Umgebung  des  Bahnhofes  ein 
kleiner  Garten  mit  Obstbaumen  und  ein  kleines  Kar- 
toffelfeld  zugeteilt.  Kirschenpfliicken,  die  Gartenarbei- 
ten  besorgen,  die  Kartoffeln  fur  die  Aussaat  vorbereiten, 
den  Acker  bestellen,  die  reifen  Kartoffeln  ausgraben,  das 
alles  wurde  von  meinen  Geschwistern  und  mir  mit- 
besorgt.  Den  Lebensmitteleinkauf  im  Dorfe  zu  besor- 
gen, liefi  ich  mir  in  den  Zeiten,  die  mir  die  Schule  frei 
liefi,  nicht  nehmen. 

Als  ich  etwa  funfzehn  Jahre  alt  war,  durfte  ich  zu 


dem  schon  erwahnten  Arzte  in  Wiener-Neustadt  in  ein 
naheres  Verhaltnis  treten.  Ich  hatte  ihn  durch  die  Art, 
wie  er  bei  seinen  Neudorfler  Besuchen  mit  mir  sprach, 
sehr  lieb  gewonnen.  So  schlich  ich  denn  ofter  an  seiner 
Wohnung,  die  in  einem  Erdgeschosse  an  der  Ecke  zweier 
ganz  schmaler  Gafichen  in  Wiener-Neustadt  lag,  vorbei. 
Einmal  war  er  am  Fenster.  Er  rief  mich  in  sein  Zimmer. 
Da  stand  ich  vor  einer  fur  meine  damaligen  Begriffe 
«grofien»  Bibliothek.  Er  sprach  wieder  von  Literatur, 
nahm  dann  Lessings  «Minna  von  Barnhelm»  aus  der 
Biichersammlung  und  sagte,  das  solle  ich  lesen  und 
dann  wieder  zu  ihm  kommen.  So  gab  er  mir  immer 
wieder  Biicher  zum  Lesen  und  erlaubte  mir,  von  Zeit  zu 
Zeit  zu  ihm  zu  gehen.  Ich  mufite  ihm  dann  jedesmal, 
wenn  ich  ihn  besuchen  durfte,  von  meinen  Eindriicken 
aus  dem  Gelesenen  erzahlen.  Er  wurde  dadurch  eigent- 
lich  mein  Lehrer  in  dichterischer  Literatur.  Denn  diese 
war  mir  bis  dahin  sowohl  im  Elternhause  wie  in  der 
Schule,  aufier  einigen  «Proben»,  ziemlich  feme  geblie- 
ben.  Ich  lernte  in  der  Atmosphare  des  liebevollen,  fur 
alles  Schone  begeisterten  Arztes  besonders  Lessing 
kennen. 

Ein  anderes  Ereignis  beeinflulke  tief  mein  Leben.  Die 
mathematischen  Biicher,  die  Liibsen  zum  Selbstunter- 
richt  geschrieben  hat,  wurden  mir  bekannt.  Da  konnte 
ich  analytische  Geometrie,  Trigonometrie  und  auch  Dif- 
ferential- und  Integralrechnung  mir  aneignen,  lange  be- 
vor  ich  sie  schulmafiig  lernte.  Das  setzte  mich  in  den 
Stand,  zu  der  Lektiire  der  Biicher  iiber  «Die  allgemeine 
Bewegung  der  Materie  als  Grundursache  aller  Natur- 
erscheinungen»  wieder  zuriickzukehren.  Denn  nunmehr 


konnte  ich  sie  durch  meine  mathematischen  Kenntnisse 
besser  verstehen.  Es  war  ja  auch  mittlerweile  zum  Phy- 
sikunterricht  der  aus  der  Chemie  getreten  und  damit  fur 
mich  eine  neue  Anzahl  von  Erkenntnisratseln  zu  den 
alten.  Der  Chemielehrer  war  ein  ausgezeichneter  Mann. 
Er  gab  den  Unterricht  fast  ausschlieftlich  experimentie- 
rend.  Er  sprach  wenig.  Er  lie$  die  Naturvorgange  fiir 
sich  sprechen.  Er  war  einer  unserer  beliebtesten  Lehrer. 
Es  war  etwas  Merkwiirdiges  an  ihm,  wodurch  er  sich 
fiir  seine  Schiiler  von  den  andern  Lehrern  unterschied. 
Man  setzte  von  ihm  voraus,  dafi  er  zu  seiner  Wissen- 
schaft  in  einem  nahern  Verhaltnisse  stehe  als  die  andern. 
Diese  sprachen  wir  Schiiler  mit  dem  Titel  «Professor» 
an;  ihn,  trotzdem  er  ebensogut  «Professor»  war,  mit 
«Herr  Doktor».  Er  war  der  Bruder  des  sinnigen  tiroli- 
schen  Dichters  Hermann  v.  Gilm.  Er  hatte  einen  Blick, 
der  die  Aufmerksamkeit  stark  anzog.  Man  bekam  das 
Gefuhl,  dieser  Mann  ist  gewohnt,  scharf  auf  die  Natur- 
erscheinungen  hinzusehen  und  sie  dann  im  Blicke  zu 
behalten. 

Sein  Unterricht  verwirrte  mich  ein  wenig.  Die  Fiille 
der  Tatsachen,  die  er  brachte,  konnte  meine  damals 
nach  Vereinheitlichung  drangende  Seelenart  nicht  im- 
mer  zusammenhalten.  Dennoch  mufi  er  die  Ansicht  ge- 
habt  haben,  dafi  ich  in  der  Chemie  gute  Fortschritte 
mache.  Denn  er  gab  mir  von  Anfang  an  die  Note  «lo- 
benswert»,  die  ich  dann  durch  alle  Klassen  beibehielt. 

In  einem  Antiquariat  in  Wiener-Neustadt  entdeckte 
ich  eines  Tages  in  jener  Zeit  die  Weltgeschichte  von 
Rotteck.  Geschichte  war  meiner  Seele  vorher,  trotzdem 
ich  in  der  Schule  die  besten  Noten  bekam,  etwas  Aufier- 


Hches  geblieben.  Jetzt  wurde  sie  mir  etwas  Innerliches. 
Die  Warme,  mit  der  Rotteck  die  geschichtlichen  Ereig- 
nisse  ergriff  und  schilderte,  rifi  mich  hin.  Seinen  einsei- 
tigen  Sinn  in  der  Auffassung  bemerkte  ich  noch  nicht. 
Durch  ihn  wurde  ich  dann  weiter  zu  zwei  andern  Ge- 
schichtsschreibern  gebracht,  die  durch  ihren  Stil  und 
durch  ihre  geschichtliche  Lebensauffassung  den  tiefsten 
Eindruck  auf  mich  machten:  Johannes  von  Miiller  und 
Tacitus.  Es  wurde  unter  solchen  Eindriicken  fur  mich 
recht  schwer,  mich  in  den  Schulunterricht  aus  Ge- 
schichte  und  Literatur  hineinzufinden.  Aber  ich  ver- 
suchte,  mir  diesen  Unterricht  durch  alles  das  zu  beleben, 
was  ich  aufierhalb  desselben  mir  angeeignet  hatte.  In 
einer  solchen  Art  verbrachte  ich  die  Zeit  in  den  drei 
obern  der  sieben  Realschulklassen. 

Von  meinem  funfzehnten  Lebensjahre  an  gab  ich 
Nachhilfestunden,  entweder  an  Mitschiiler  desselben 
Jahrganges  oder  an  Schuler,  die  in  einem  niedrigeren 
Jahrgange  waren  als  ich  selbst.  Man  vermittelte  mir  von 
Seite  des  Lehrerkollegiums  gerne  diesen  Nachhilfe- 
unterricht,  denn  ich  gait  ja  als  «guter  Schuler ».  Und 
mir  war  dadurch  die  Moglichkeit  geboten,  wenigstens 
ein  Geringes  zu  dem  beizusteuern,  was  meine  Eltern 
von  ihrem  karglichen  Einkommen  fur  meine  Ausbil- 
dung  aufwenden  mufiten. 

Ich  verdanke  diesem  Nachhilfeunterricht  sehr  viel. 
Indem  ich  den  aufgenommenen  Unterrichtsstoff  an 
Andere  weiterzugeben  hatte,  erwachte  ich  gewisser- 
mafien  fur  ihn.  Denn  ich  kann  nicht  anders  sagen,  als 
dafi  ich  die  Kenntnisse,  die  mir  selbst  von  der  Schule 
iibermittelt  wurden,  wie  in  einem  Lebenstraume  auf- 


nahm.  Wach  war  ich  in  dem,  was  ich  mir  selbst  errang 
oder  was  ich  von  einem  geistigen  Wohltater,  wie  dem 
erwahnten  Wiener-Neustadter  Arzt,  erhielt.  Von  dem, 
was  ich  so  in  einen  vollbewuftten  Seelenzustand  herein- 
nahm,  unterschied  sich  betrachtlich,  was  wie  traumbild- 
haft  als  Schulunterricht  an  mir  voruberging.  Fur  die 
Umbildung  dieses  halbwach  Aufgenommenen  sorgte 
nun  die  Tatsache,  daft  ich  meine  Kenntnisse  in  den 
Nachhilfestunden  beleben  muftte. 

Andererseits  war  ich  dadurch  genotigt,  mich  in  einem 
friihen  Lebensalter  mit  praktischer  Seelenkunde  zu  be- 
schaftigen.  Ich  lernte  die  Schwierigkeiten  der  mensch- 
lichen  Seelenentwickelung  an  meinen  Schiilern  kennen. 

Den  Mitschiilern  des  gleichen  Jahrganges,  die  ich 
unterrichtete,  muftte  ich  vor  allem  die  deutschen  Auf- 
satze machen.  Da  ich  jeden  solchen  Aufsatz  auch  noch 
fur  mich  selbst  zu  schreiben  hatte,  muftte  ich  fiir  jedes 
Thema,  das  uns  gegeben  wurde,  verschiedene  Formen 
der  Ausarbeitung  finden.  Ich  fiihlte  mich  da  oft  in  einer 
recht  schwierigen  Lage.  Meinen  eigenen  Aufsatz  machte 
ich  erst,  nachdem  ich  die  besten  Gedanken  fiir  das 
Thema  weggegeben  hatte. 

Mit  dem  Lehrer  der  deutschen  Sprache  und  Literatur 
in  den  drei  oberen  Klassen  stand  ich  in  einem  ziemlich 
gespannten  Verhaltnis.  Er  gait  unter  meinen  Mitschii- 
lern als  der  «gescheiteste  Professor»  und  als  besonders 
strenge.  Meine  Aufsatze  waren  immer  besonders  lange 
geworden.  Die  kiirzere  Fassung  hatte  ich  ja  an  meinen 
Mitschuler  diktiert.  Der  Lehrer  brauchte  lange,  um 
meine  Aufsatze  zu  lesen.  Als  er  nach  der  Abgangs- 
priifung  beim  Abschiedsfeste  zum  erstenmal  mit  uns 


Schulern  «gemutlich»  zusammen  war,  sagte  er  mir, 
wie  argerlich  ich  ihm  durch  die  langen  Aufsatze  ge- 
worden  war. 

Dazu  kam  noch  ein  anderes.  Ich  fiihlte,  dafi  durch 
diesen  Lehrer  etwas  in  die  Schule  hereinragte,  mit  dem 
ich  fertig  werden  mulke.  Wenn  er  zum  Beispiel  iiber 
das  Wesen  der  poetischen  Bilder  sprach,  da  empfand  ich, 
dafi  etwas  im  Hintergrunde  stand.  Nach  einiger  Zeit 
kam  ich  darauf,  was  es  war.  Er  bekannte  sich  zur  Her- 
bart'schen  Philosophic  Er  selbst  sagte  davon  nichts. 
Aber  ich  kam  dahinter.  Und  so  kaufte  ich  mir  denn  eine 
«Einleitung  in  die  Philosophic »  und  eine  « Psychologies 
die  beide  vom  Herbart'schen  philosophischen  Gesichts- 
punkte  aus  geschrieben  waren. 

Und  jetzt  begann  eine  Art  Versteckspiel  zwischen  die- 
sem  Lehrer  und  mir  durch  die  Aufsatze.  Ich  fing  an, 
manches  bei  ihm  zu  verstehen,  was  er  in  der  Farbung 
der  Herbart'schen  Philosophic  vorbrachte;  und  er  fand 
in  meinen  Aufsatzen  allerlei  Ideen,  die  auch  aus  dieser 
Ecke  kamen.  Es  wurde  nur  weder  von  ihm,  noch  von 
mir  der  Herbart'sche  Ursprung  genannt.  Das  war  wie 
durch  ein  stilles  Ubereinkommen.  Aber  einmal  schlofi 
ich  einen  Aufsatz  in  einer  gegeniiber  dieser  Lage  unvor- 
sichtigen  Art.  Ich  hatte  iiber  irgendeine  Charaktereigen- 
schaft  bei  den  Menschen  zu  schreiben.  Zum  Schlufi 
brachte  ich  den  Satz:  «ein  solcher  Mensch  hat  psycho- 
logische  Freiheit.»  Der  Lehrer  besprach  mit  uns  Schu- 
lern die  Aufsatze,  nachdem  er  sie  korrigiert  hatte.  Als 
er  an  die  Besprechung  des  genannten  Aufsatzes  kam, 
verzog  er  mit  griindlicher  Ironie  die  Mundwinkel  und 
sagte:  «Sie  schreiben  da  etwas  von  psychologischer  Frei- 


heit;  die  gibt  es  ja  gar  nicht.»  Ich  erwiderte:  «Ich  meine, 
das  ist  ein  Irrtum,  Herr  Professor,  die  <psychologische 
Freiheit>  gibt  es  schon;  es  gibt  nur  keine  <transzenden- 
tale  Freiheit>  im  gewohnlichen  Bewufksein.»  Die  Mund- 
falten  des  Lehrers  wurden  wieder  glatt;  er  sah  mich  mit 
einem  durchdringenden  Blicke  an  und  sagte  dann:  «Ich 
bemerke  schon  lange  an  Ihren  Aufsatzen,  dafi  Sie  eine 
philosophische  Bibliothek  haben.  Ich  mochte  Ihnen  ra- 
ten,  darin  nicht  zu  lesen;  Sie  verwirren  sich  dadurch  nur 
Ihre  Gedanken.»  Ich  konnte  nun  durchaus  nicht  begrei- 
fen,  warum  ich  meine  Gedanken  durch  Lesen  derselben 
Biicher  verwirren  sollte,  aus  denen  er  die  seinigen  hatte. 
Und  so  blieb  denn  das  Verhaltnis  zwischen  ihm  und  mir 
weiter  ein  gespanntes. 

Sein  Unterricht  gab  mir  viel  zu  tun.  Denn  er  um- 
falke  in  der  funften  Klasse  die  griechische  und  lateini- 
sche  Dichtung,  von  der  Proben  in  deutscher  Uberset- 
zung  vorgebracht  wurden.  Erst  jetzt  begann  ich  zuwei- 
len  schmerzlich  zu  empfinden,  dafi  mich  mein  Vater 
nicht  in  das  Gymnasium,  sondern  in  die  Realschule  ge- 
schickt  hatte.  Denn  ich  fiihlte,  wie  wenig  ich  von  der 
Eigenart  der  griechischen  und  lateinischen  Kunst  durch 
die  Ubersetzungen  beriihrt  wurde.  Und  so  kaufte  ich 
"mir  griechische  und  lateinische  Lehrbucher  und  trieb 
ganz  im  stillen  neben  dem  Realschulunterricht  einen 
privaten  Gymnasialunterricht.  Das  beanspruchte  viel 
Zeit;  aber  es  legte  auch  den  Grund  dazu,  dafi  ich  doch 
noch  spater,  zwar  abnorm,  aber  ganz  regelrecht  das  Gym- 
nasium absolvierte.  Ich  mufke  namlich,  als  ich  an  der 
Hochschule  in  Wien  war,  erst  recht  viele  Nachhilfe- 
stunden  geben.  Ich  bekam  bald  einen  Gymnasiasten 


zum  Schiiler.  Die  Umstande,  von  denen  ich  noch  spre- 
chen  werde,  bewirkten,  daft  ich  diesen  Schiiler  fast 
durch  das  ganze  Gymnasium  hindurch  mit  Hilfe  von 
Privatstunden  zu  fiihren  hatte.  Ich  unterrichtete  ihn 
auch  im  Lateinischen  und  Griechischen,  so  daft  ich  an 
seinem  Unterricht  alle  Einzelheken  des  Gymnasialunter- 
richtes  mitzuerleben  hatte. 

Die  Lehrer  aus  der  Geschichte  und  Geographie,  die 
mir  in  den  unteren  Klassen  so  wenig  geben  konnten, 
wurden  nun  in  den  oberen  Klassen  doch  noch  von  Be- 
deutung  fur  mich.  Gerade  derjenige,  der  mich  zu  einer 
so  sonderbaren  Kantlektiire  getrieben  hatte,  schrieb  ein- 
mal  einen  Schulprogrammaufsatz  iiber  «Die  Eiszek  und 
ihre  Ursachen».  Ich  nahm  den  Inhalt  mit  grofter  see- 
lischer  Begierde  auf  und  behielt  davon  ein  reges  Inter- 
esse  fur  das  Eiszeitproblem.  Aber  dieser  Lehrer  war  auch 
ein  guter  Schiiler  des  ausgezeichneten  Geographen 
Friedrich  Simony.  Das  brachte  ihn  dazu,  in  den  oberen 
Klassen,  zeichnend  an  der  Schultafel,  die  geologisch- 
geographischen  Verhaltnisse  der  Alpen  zu  entwickeln. 
Da  las  ich  nun  allerdings  nicht  Kant,  sondern  war  ganz 
Auge  und  Ohr.  Ich  bekam  von  dieser  Seite  her  viel  von 
dem  Lehrer,  dessen  Geschichtsunterricht  mich  gar  nicht 
interessierte. 

In  der  letzten  Realschulklasse  bekam  ich  erst  einen 
Lehrer,  der  mich  auch  durch  seinen  Geschichtsunter- 
richt fesselte.  Er  unterrichtete  Geschichte  und  Geo- 
graphie. In  dieser  wurde  die  Alpengeographie  in  der 
reizvollen  Art  fortgesetzt,  die  schon  bei  dem  andern 
Lehrer  vorhanden  war.  In  der  Geschichte  wirkte  der 
neue  Lehrer  stark  auf  uns  Schiiler.  Er  war  fur  uns  eine 


Personlichkek  aus  dem  Vollen  heraus.  Er  war  Partei- 
mann,  ganz  begeistert  fiir  die  fortschrittlichen  Ideen  der 
damaligen  osterreichischen  liberalen  Richtung.  Aber  in 
der  Schule  bemerkte  man  davon  gar  nichts.  Er  trug  von 
seinen  Parteiansichten  nichts  in  die  Schule  hinein.  Aber 
sein  Geschichtsunterricht  hatte  durch  seinen  Anteil  am 
Leben  selbst  starkes  Leben.  Ich  horte  mit  den  Ergebnis- 
sen  meiner  Rotteck-Lekture  in  der  Seele  die  tempera- 
mentvollen  geschichtlichen  Auseinandersetzungen  die- 
ses Lehrers.  Es  gab  einen  schonen  Einklang.  Ich  mufi  es 
als  wichtig  fiir  mich  ansehen,  dafi  ich  gerade  die  neu- 
zeitliche  Geschichte  auf  diese  Art  in  mich  aufnehmen 
konnte. 

Im  Elternhause  horte  ich  damals  viel  diskutieren  iiber 
den  russisch-tiirkischen  Krieg  (1877/78).  Der  Beamte, 
der  damals  die  Ablosung  meines  Vaters  im  Dienste  an 
jedem  dritten  Tag  hatte,  war  ein  origineller  Mensch.  Er 
kam  immer  zur  Ablosung  mit  einer  machtigen  Reise- 
tasche.  Darinnen  hatte  er  grofie  Manuskriptpakete.  Es 
waren  Ausziige  aus  den  verschiedensten  wissenschaft- 
lichen  Biichern.  Er  gab  sie  mir  nach  und  nach  zum  Le- 
sen.  Ich  verschlang  sie.  Mit  mir  diskutierte  er  dann  iiber 
diese  Dinge.  Denn  er  hatte  wirklich  auch  im  Kopfe  eine 
zwar  chaotische,  aber  umfassende  Anschauung  von  alle- 
dem,  was  er  zusammengeschrieben  hatte.  —  Mit  meinem 
Vater  aber  politisierte  er.  Er  nahm  begeistert  Partei  fiir 
die  Tiirken;  mein  Vater  verteidigte  mit  starker  Leiden- 
schaft  die  Russen.  Er  gehorte  zu  denjenigen  Personlich- 
keiten,  die  Russland  damals  noch  dankbar  waren  fiir  die 
Dienste,  die  es  den  Osterreichern  beim  ungarischen  Auf- 
stande  (1849)  geleistet  hatte.  Denn  mit  den  Ungarn 


war  mein  Vater  gar  nicht  einverstanden.  Er  lebte  ja  an 
dem  ungarischen  Grenzorte  Neudorfl  in  der  Zeit  der 
Magyarisierung.  Und  immer  war  iiber  seinem  Haupte 
das  Damoklesschwert,  dafi  er  nicht  Leiter  der  Station 
Neudorfl  sein  konne,  weil  er  nicht  magyarisch  sprechen 
konne.  Es  war  dies  in  der  dortigen  urdeutschen  Gegend 
zwar  ganz  unnotig.  Aber  die  ungarische  Regierung  ar- 
beitete  darauf  hin,  dafi  die  ungarischen  Linien  der  Eisen- 
bahnen  mit  magyarisch  sprechenden  Beamten  auch  bei 
Privatbahnen  besetzt  wiirden.  Mein  Vater  wollte  aber 
seinen  Posten  in  Neudorfl  so  lange  behalten,  bis  ich  mit 
der  Schule  in  Wiener-Neustadt  fertig  war.  Durch  alles 
dieses  war  er  den  Ungarn  recht  wenig  geneigt.  Und  weil 
er  die  Ungarn  nicht  mochte,  liebte  er  in  seiner  einfachen 
Art  zu  denken:  die  Russen,  die  1849  den  Ungarn  «den 
Herrn  gezeigt  hatten».  Diese  Denkweise  wurde  aulter- 
ordentlich  leidenschaftlich,  aber  in  der  zugleich  aufier- 
ordentlich  Hebenswiirdigen  Art  meines  Vaters  gegen- 
iiber  dem  «Tiirkenfreund»  in  der  Person  seines  «Ab- 
losers»  vertreten.  Die  Wogen  der  Diskussion  gingen 
manchmal  recht  hoch.  Mich  interessierte  das  Aufein- 
anderplatzen  der  Personlichkeiten  stark,  ihre  politischen 
Ansichten  fast  gar  nicht.  Denn  mir  war  damals  weit 
wichtiger,  die  Frage  zu  beantworten:  inwiefern  lafit  sich 
beweisen,  dafi  im  menschlichen  Denken  realer  Geist 
das  Wirksame  ist? 


Rudolf  Steiner  als  Maturand  (hinterc  Reihe,  rechts) 


Folgende  Seite:  Die  Technische  Hochschule  in  Wien 


III. 


Meinem  Vater  war  von  der  Direktion  der  Siidbahn- 
gesellschaft  versprochen  worden,  dafi  man  ihn  nach 
einer  kleinen  Station  in  der  Nahe  Wiens  berufen  werde, 
wenn  ich  nach  Absolvierung  der  Realschule  an  die 
technische  Hochschule  kommen  sollte.  Mir  sollte  da- 
durch  die  Moglichkeit  gegeben  werden,  jeden  Tag  nach 
Wien  und  zuriick  zu  fahren.  So  kam  denn  meine  Fami- 
lie  nach  Inzersdorf  am  Wiener  Berge.  Der  Bahnhof 
stand  da,  weit  vom  Orte  entfernt,  in  volliger  Einsamkeit 
in  einer  unschonen  Naturumgebung. 

Mein  erster  Besuch  in  Wien  nach  Ankunft  in  Inzers- 
dorf wurde  dazu  beniitzt,  mir  eine  grofiere  Zahl  von 
philosophischen  Buchern  zu  kaufen.  Dasjenige,  dem 
nun  meine  besondere  Liebe  sich  zuwandte,  war  der  erste 
Entwurf  von  Fichtes  «Wissenschaftslehre».  Ich  hatte 
es  mit  meiner  Kantlektiire  so  weit  gebracht,  dafi  ich  mir 
eine,  wenn  auch  unreife  Vorstellung  von  dem  Schritte 
machen  konnte,  den  Fichte  iiber  Kant  hinaus  tun  wollte. 
Aber  das  interessierte  mich  nicht  allzu  stark.  Mir  kam 
es  damals  darauf  an,  das  lebendige  Weben  der  mensch- 
lichen  Seele  in  der  Form  eines  strengen  Gedankenbildes 
auszudriicken.  Meine  Bemiihungen  um  naturwissen- 
schaftliche  Begriffe  hatten  mich  schliefilich  dazu  ge- 
bracht, in  der  Tatigkeit  des  menschlichen  «Ich»  den 
einzig  moglichen  Ausgangspunkt  fiir  eine  wahre  Er- 
kenntnis  zu  sehen.  Wenn  das  Ich  tatig  ist  und  diese 
Tatigkeit  selbst  anschaut,  so  hat  man  ein  Geistiges  in 
aller  Unmittelbarkeit  im  Bewufitsein,  so  sagte  ich  mir. 
Ich  meinte,  man  miisse  nun  nur,  was  man  so  anschaut,  in 


klaren,  iiberschaubaren  Begriffen  ausdriicken.  Um  dazu 
den  Weg  zu  finden,  hielt  ich  mich  an  Fichtes  «Wissen- 
schaftslehre».  Aber  ich  hatte  doch  meine  eigenen  An- 
sichten.  Und  so  nahm  ich  denn  die  «Wissenschafts- 
lehre»  Seite  fiir  Seite  vor  und  schrieb  sie  um.  Es  ent- 
stand  ein  langes  Manuskript.  Vorher  hatte  ich  mich  da- 
mit  geplagt,  fiir  die  Naturerscheinungen  Begriffe  zu 
finden,  von  denen  aus  man  einen  solchen  fiir  das  «Ich» 
finden  konne.  Jetzt  wollte  ich  umgekehrt  von  dem  Ich 
aus  in  das  Werden  der  Natur  einbrechen.  Geist  und  Na- 
tur  standen  damals  in  ihrem  vollen  Gegensatz  vor  mei- 
ner  Seele.  Eine  Welt  der  geistigen  Wesen  gab  es  fiir 
mich.  Dafi  das  «Ich»,  das  selbst  Geist  ist,  in  einer  Welt 
von  Geistern  lebt,  war  fiir  mich  unmittelbare  Anschau- 
ung.  Die  Natur  wollte  aber  in  die  erlebte  Geisteswelt 
nicht  herein. 

Von  der  «Wissenschaftslehre»  ausgehend  bekam  ich 
ein  besonderes  Interesse  fiir  die  Fichte'schen  Abhand- 
lungen  «Uber  die  Bestimmung  des  Gelehrten»  und 
«Uber  das  Wesen  des  Gelehrten».  In  diesen  Schriften 
fand  ich  eine  Art  Ideal,  dem  ich  selbst  nachstreben 
wollte.  Daneben  las  ich  auch  die  «Reden  an  die  deut- 
sche  Nation».  Sie  fesselten  mich  damals  viel  weniger 
als  die  andern  Fichte'schen  Werke. 

Ich  wollte  aber  nun  doch  auch  zu  einem  besseren 
Verstandnis  Kants  kommen,  als  ich  es  bisher  hatte  ge- 
winnen  konnen.  In  der  «Kritik  der  reinen  Vernunft» 
wollte  sich  mir  aber  dieses  Verstandnis  nicht  erschliefien. 
So  nahm  ich  es  denn  mit  den  «Prolegomena  zu  einer 
jeden  kiinftigen  Metaphysik»  auf .  An  diesem  Buche 
glaubte  ich  zu  erkennen,  dal$  ein  griindliches  Eingehen 


auf  alle  die  Fragen,  die  Kant  in  den  Denkern  angeregt 
hatte,  fiir  mich  notwendig  sel.  Ich  arbeitete  nunmehr 
immer  bewufker  daran,  die  unmittelbare  Anschauung, 
die  ich  von  der  geistigen  Welt  hatte,  in  die  Form  von 
Gedanken  zu  gieften.  Und  wahrend  diese  innere  Arbeit 
mich  erfiillte,  suchte  ich  mich  an  den  Wegen  zu  orien- 
tieren,  welche  die  Denker  der  Kantzeit  und  diejenigen 
in  der  folgenden  Epoche  genommen  hatten.  Ich  stu- 
dierte  den  trockenen,  niichternen  «transzendentalen 
Synthetismus»  Traugott  Krugs  ebenso  eifrig  wie  ich 
mich  in  die  Erkenntnistragik  einlebte,  bei  der  Fichte  an- 
gekommen  war,  als  er  seine  «Bestimmung  des  Men- 
schen»  schrieb.  Die  «Geschichte  der  Philosophie»  des 
Herbartianers  Thilo  erweiterte  meinen  Blick  von  der 
Kantzeit  aus  uber  die  Entwickelung  des  philosophischen 
Denkens.  Ich  rang  mich  zu  Schelling,  zu  Hegel  durch. 
Der  Gegensatz  des  Denkens  bei  Fichte  und  Herbart  trat 
mit  aller  Intensitat  vor  meine  Seele. 

Die  Sommermonate  im  Jahre  1879,  vom  Ende  mei- 
ner  Realschulzeit  bis  zum  Eintritte  in  die  technische 
Hochschule,  brachte  ich  ganz  mit  solchen  philosophi- 
schen Studien  zu.  Im  Herbst  sollte  ich  mich  fiir  die 
Richtung  eines  Brotstudiums  entscheiden.  Ich  beschlofi, 
auf  das  Realschullehramt  hinzuarbeiten.  Mathematik 
und  darstellende  Geometrie  zu  studieren,  entsprach  mei- 
ner  Neigung.  Ich  mufite  auf  die  letztere  verzichten. 
Denn  deren  Studium  war  verbunden  mit  einer  Anzahl 
von  Ubungsstunden  im  geometrischen  Zeichnen  wah- 
rend des  Tages.  Aber  ich  mufite,  um  mir  einiges  Geld 
zu  verdienen,  Zeit  dazu  haben,  Nachhilfestunden  zu 
geben.  Das  vertrug  sich  damit,  Vorlesungen  zu  horen, 


deren  Stoff  man  nachlesen  konnte,  wenn  man  sie  ver- 
saumen  mufite,  nicht  aber  damit,  regelmaftig  die  Zei- 
chenstunden  in  der  Schule  selbst  durchzusitzen. 

So  liefi  ich  mich  denn  zunachst  fiir  Mathematik, 
Naturgeschichte  und  Chemie  einschreiben. 

Von  besonderer  Bedeutung  aber  wurden  fiir  mich  die 
Vorlesungen,  die  Karl  Julius  Schroer  damals  iiber  die 
deutsche  Literatur  an  der  technischen  Hochschule  hielt. 
Er  las  im  ersten  Jahre  meines  Hochschulstudiums  iiber 
«Deutsche  Literatur  seit  Goethe»  und  iiber  «Schillers 
Leben  und  Werke».  Schon  von  seiner  ersten  Vorlesung 
an  war  ich  gefesselt.  Er  entwickelte  einen  Uberblick 
iiber  das  deutsche  Geistesleben  in  der  zweiten  Halfte 
des  achtzehnten  Jahrhunderts  und  setzte  da  in  drama- 
tischer  Art  auseinander,  wie  Goethes  erstes  Auftreten  in 
dieses  Geistesleben  einschlug.  Die  Warme  seiner  Be- 
handlungsart,  die  begeisternde  Art,  wie  er  innerhalb 
der  Vorlesungen  aus  den  Dichtern  vorlas,  fuhrten  auf 
eine  verinnerlichte  Weise  in  die  Dichtung  ein. 

Daneben  hatte  er  «Ubungen  im  miindlichen  Vortrag 
und  schriftlicher  Darstellung»  eingerichtet.  Die  Schiiler 
sollten  da  vortragen,  oder  vorlesen,  was  sie  selbst  ausge- 
arbeitet  hatten.  Schroer  gab  dann  ankniipfend  an  die 
Schiilerleistungen  Unterweisungen  iiber  Stil,  Vortrags- 
form  usw.  Ich  hielt  da  zuerst  einen  Vortrag  iiber  Les- 
sings  Laokoon.  Dann  machte  ich  mich  an  eine  grofiere 
Aufgabe.  Ich  arbeitete  das  Thema  aus:  Inwiefern  ist  der 
Mensch  in  seinen  Handlungen  ein  freies  Wesen?  Ich 
geriet  bei  dieser  Arbeit  stark  in  die  Herbart'sche  Philo- 
sophic hinein.  Das  gefiel  Schroer  gar  nicht.  Er  hat  die 
Stromung  fiir  Herbart,  die  damals  in  Osterreich  sowohl 


auf  den  philosophischen  Lehrkanzeln  wie  in  der  Pad- 
agogik  die  herrschende  war,  nicht  mitgemacht.  Er  war 
ganz  an  Goethes  Geistesart  hingegeben.  Da  erschien 
ihm  denn  alles,  was  an  Herbart  ankmipfte,  trotzdem  er 
an  ihm  die  Denkdisziplin  anerkannte,  als  pedantisch 
und  niichtern. 

Ich  konnte  nun  auch  einzelne  Vorlesungen  an  der 
Universitat  horen.  Auf  den  Herbartianer  Robert  Zim- 
mermann  hatte  ich  mich  sehr  gefreut.  Er  las  «Praktische 
Philosophies  Ich  horte  den  Teil  seiner  Vorlesungen,  in 
denen  er  die  Grundprinzipien  der  Ethik  auseinander- 
setzte.  Ich  wechselte  ab:  ich  safi  gewohnlich  einen  Tag 
bei  ihm,  den  andern  bei  Franz  Brentano,  der  zu  gleicher 
Zeit  iiber  denselben  Gegenstand  las.  Allzu  lange  konnte 
ich  das  nicht  fortsetzen,  denn  ich  versaumte  dadurch  an 
der  technischen  Hochschule  zu  viel. 

Es  machte  tiefen  Eindruck  auf  mich,  die  Philosophic 
nun  nicht  blofi  aus  Biichern  kennen  zu  lernen,  sondern 
aus  dem  Munde  von  Philosophen  selbst  zu  horen. 

Robert  Zimmermann  war  eine  merkwiirdige  Person- 
lichkeit.  Er  hatte  eine  ganz  ungewohnlich  hohe  Stirn 
und  einen  langen  Philosophenbart.  Alles  an  ihm  war 
gemessen,  stilisiert.  Wenn  er  zur  Tiire  hereinkam,  aufs 
Katheder  stieg,  waren  seine  Schritte  wie  einstudiert  und 
doch  wieder  so,  da£  man  sich  sagte:  dem  Mann  ist  es 
selbstverstandlich-natiirlich,  so  zu  sein.  Er  war  in  Hal- 
tung  und  Bewegung,  wie  wenn  er  sich  selbst  dazu  nach 
Herbart*schen  asthetischen  Prinzipien  in  langer  Diszi- 
plin  geformt  hatte.  Und  man  konnte  doch  rechte  Sym- 
pathie  mit  alledem  haben.  Er  setzte  sich  dann  langsam 
auf  seinen  Stuhl,  schaute  dann  durch  die  Brille  in  einem 


langen  Bhcke  auf  das  Auditorium  hin,  nahm  dann  lang- 
sam  gemessen  die  Brille  ab,  schaute  noch  einmal  lange 
unbebrillt  iiber  den  Zuhorerkreis  hin,  dann  begann  er  in 
freier  Rede,  aber  in  sorgsam  geformten,  kunstvoll  ge- 
sprochenen  Satzen  seine  Vorlesung.  Seine  Sprache  hatte 
etwas  Klassisches.  Aber  man  verlor  wegen  der  langen 
Perioden  im  Zuhoren  leicht  den  Faden  seiner  Darstel- 
lung.  Er  trug  die  Herbart'sche  Philosophic  etwas  modi- 
fiziert  vor.  Die  Strenge  seiner  Gedankenfolge  machte 
Eindruck  auf  mich.  Aber  nicht  auf  die  andern  Zuhdrer. 
In  den  ersten  drei  bis  vier  Vorlesungen  war  der  gro£e 
Saal,  in  dem  er  vortrug,  iiberfullt.  «Praktische  Philo- 
sophie»  war  fur  die  Juristen  im  ersten  Jahre  Pflichtvor- 
lesung.  Sie  brauchten  die  Unterschrift  des  Professors  im 
Index.  Von  der  fiinften  oder  sechsten  Stunde  an  blieben 
die  meisten  weg;  man  war,  indem  man  den  philosophi- 
schen  Klassiker  horte,  nur  noch  mit  ganz  wenigen 
Zuhorern  zusammen  auf  den  vordersten  Banken. 

Fiir  mich  boten  diese  Vortrage  doch  eine  starke  An- 
regung.  Und  die  Verschiedenheit  in  der  Auffassung 
Schroers  und  Zimmermanns  interessierte  mich  tief.  Ich 
verbrachte  die  wenige  Zeit,  die  mir  vom  Anhoren  der 
Vorlesungen  und  dem  Privatunterricht,  den  ich  zu  ge- 
ben  hatte,  blieb,  entweder  in  der  Hofbibliothek  oder  in 
der  Bibliothek  der  technischen  Hochschule.  Da  las  ich 
denn,  zum  ersten  Male,  Goethes  «Faust».  Ich  war  tat- 
sachlich  bis  zu  meinem  neunzehnten  Jahre,  in  dem  ich 
durch  Schroer  angeregt  worden  bin,  nicht  bis  zu  diesem 
Werke  vorgedrungen.  Damals  aber  wurde  mein  Inter- 
esse  fiir  dasselbe  sogleich  stark  in  Anspruch  genommen. 
Schroer  hatte  seine  Ausgabe  des  ersten  Teiles  bereits 


veroffentlicht.  Aus  ihr  lernte  ich  den  ersten  Teil  zuerst 
kennen.  Dazu  kam,  da£  ich  schon  nach  wenigen  seiner 
Vorlesungsstunden  mit  Schroer  naher  bekannt  wurde. 
Er  nahm  mich  dann  oft  mit  nach  seinem  Hause,  sprach 
dies  oder  jenes  zu  mir  in  Erganzung  seiner  Vorlesungen, 
antwortete  gern  auf  meine  Fragen  und  entliefi  mich 
mit  einem  Buche  aus  seiner  Bibliothek,  das  er  mir  zum 
Lesen  lieh.  Dabei  fiel  auch  manches  Wort  iiber  den 
zweiten  Teil  des  «Faust»,  an  dessen  Herausgabe  und 
Erlauterung  er  gerade  arbeitete.  Ich  las  auch  diesen 
in  jener  Zeit. 

In  den  Bibliotheken  beschaftigte  ich  mich  mit  Her- 
barts  «Metaphysik»,  mit  Zimmermanns  «Asthetik  als 
Formwissenschaft»,  die  vom  Herbart'schen  Standpunkte 
aus  geschrieben  war.  Dazu  kam  ein  eingehendes  Sta- 
dium von  Ernst  Haeckels  «Genereller  Morphologie». 
Ich  darf  wohl  sagen:  alles,  was  ich  durch  Schroers  und 
Zimmermanns  Vorlesungen,  sowie  durch  die  gekenn- 
zeichnete  Lektiire  an  mich  herantretend  fand,  wurde  mir 
damals  zum  tiefsten  Seelenerlebnis.  Wissens-  und 
Weltauffassungsratsel  formten  sich  mir  daran. 

Schroer  war  ein  Geist,  der  nichts  auf  Systematik  gab. 
Aus  einer  gewissen  Intuition  heraus  dachte  und  sprach 
er.  Er  hatte  dabei  die  denkbar  grofite  Achtung  vor  der 
Art,  wie  er  seine  Anschauungen  in  Worte  pragte.  Er 
sprach  wohl  aus  diesem  Grunde  in  seinen  Vorlesungen 
nie  frei.  Er  brauchte  die  Ruhe  des  Niederschreibens,  um 
sich  selbst  Geniige  zu  tun  in  der  Umformung  seines 
Gedankens  in  das  zu  sprechende  Wort.  Dann  las  er  das 
Geschriebene  mit  starker  Verinnerlichung  der  Rede  ab. 
Doch  —  einmal  sprach  er  frei  iiber  Anastasius  Griin  und 


Lenau.  Er  hatte  sein  Manuskript  vergessen.  Aber  in  der 
nachsten  Stunde  behandelte  er  den  ganzen  Gegenstand 
noch  einmal  lesend.  Er  war  nicht  zufrieden  mit  der 
Gestalt,  die  er  ihm  in  freier  Rede  hatte  geben  konnen. 

Von  Schroer  lernte  ich  viele  Werke  der  Schonheit 
kennen.  Durch  Zimmermann  trat  eine  ausgebildete 
Theorie  des  Schonen  an  mich  heran.  Beides  stimmte 
nicht  gut  zusammen.  Schroer,  die  intuitive  Personlich- 
keit  mit  einer  gewissen  Geringschatzung  des  Systemati- 
schen,  stand  fur  mich  neben  Zimmermann,  dem  stren- 
gen  systematischen  Theoretiker  des  Schonen. 

In  Franz  Brentano,  bei  dem  ich  auch  Vorlesungen 
iiber  «Praktische  Philosophie»  horte,  interessierte  mich 
damals  ganz  besonders  die  Personlichkeit.  Er  war  scharf- 
denkend  und  versonnen  zugleich.  In  der  Art,  wie  er  sich 
als  Vortragender  gab,  war  etwas  Feierliches.  Ich  horte, 
was  er  sprach,  mufite  aber  auf  jeden  Blick,  jede  Kopf- 
bewegung,  jede  Geste  seiner  ausdrucksvollen  Hande 
achten.  Er  war  der  vollendete  Logiker.  Jeder  Gedanke 
sollte  absolut  durchsichtig  und  getragen  von  zahlreichen 
andern  sein.  Im  Formen  dieser  Gedankenreihen  waltete 
die  grdlke  logische  Gewissenhaftigkeit.  Aber  ich  hatte 
das  Gefiihl,  dieses  Denken  kommt  aus  seinem  eigenen 
Weben  nicht  heraus;  es  bricht  nirgends  in  die  Wirklich- 
keit  ein.  Und  so  war  auch  die  ganze  Haltung  Bren- 
tanos.  Er  hielt  mit  der  Hand  lose  das  Manuskript,  als 
ob  es  jeden  Augenblick  den  Fingern  entgleiten  konnte; 
er  streifte  mit  dem  Blicke  nur  die  Zeilen.  Auch  diese 
Geste  war  nur  fur  eine  leise  Benihrung  der  Wirk- 
lichkek,  nicht  fur  ein  entschlossenes  Anfassen.  Ich 
konnte  aus  seinen  «Philosophenhanden»  die  Art  seines 


Philosophierens  noch  mehr  verstehen  als  aus  seinen 
Worten. 

Die  Anregung,  die  von  Brentano  ausging,  wirkte  in 
mir  stark  nach.  Ich  fing  bald  an,  mich  mit  seinen  Schrif- 
ten  auseinanderzusetzen,  und  habe  dann  im  Laufe  der 
spateren  Jahre  das  meiste  von  dem  gelesen,  was  er  ver- 
offentlicht  hat. 

Ich  hielt  mich  damals  fur  verpflichtet,  durch  die 
Philosophic  die  Wahrheit  zu  suchen.  Ich  sollte  Mathe- 
matik  und  Naturwissenschaft  studieren.  Ich  war  iiber- 
zeugt  davon,  dafi  ich  dazu  kein  Verhaltnis  finden  werde, 
wenn  ich  deren  Ergebnisse  nicht  auf  einen  sicheren 
philosophischen  Boden  stellen  konnte.  Aber  ich  schaute 
doch  eine  geistige  Welt  als  Wirklicbkeit.  Mit  aller  An- 
schaulichkek  offenbarte  sich  mir  an  jedem  Menschen 
seine  geistige  Individualist.  Diese  hatte  in  der  physi- 
schen  Leiblichkeit  und  in  dem  Tun  in  der  physischen 
Welt  nur  ihre  Offenbarung.  Sie  vereinte  sich  mit  dem, 
was  als  physischer  Keim  von  den  Eltern  herriihrte.  Den 
gestorbenen  Menschen  verfolgte  ich  weiter  auf  seinem 
Wege  in  die  geistige  Welt  hinein.  Einem  meiner  friihe- 
ren  Lehrer,  der  mir  auch  nach  meiner  Realschulzek 
freundschaftlich  nahe  blieb,  schrieb  ich  einmal  nach 
dem  Tode  eines  Mitschiilers  iiber  diese  Seite  meines 
Seelenlebens.  Er  schrieb  mir  ungewohnlich  lieb  zurtick, 
wiirdigte  aber,  was  ich  iiber  den  verstorbenen  Mit- 
schiiler  schrieb,  keines  Wortes. 

Und  so  ging  es  mir  damals  iiberall  mit  meiner  An- 
schauung  von  der  geistigen  Welt.  Man  wollte  von  ihr 
nichts  horen.  Von  dieser  oder  jener  Seite  kam  man  da 
hochstens  mit  allerlei  Spiritistischem.  Da  wollte  ich  wie- 


der  nichts  horen.  Mir  erschien  es  abgeschmackt,  dem 
Geistigen  sich  auf  solche  Art  zu  nahern. 

Da  geschah  es,  daft  ich  mit  einem  einfachen  Marine 
aus  dem  Volke  bekannt  wurde.  Er  fuhr  jede  Woche  mit 
demselben  Eisenbahnzuge  nach  Wien,  den  ich  auch  be- 
niitzte.  Er  sammelte  auf  dem  Lande  Heilkrauter  und 
verkaufte  sie  in  Wien  an  Apotheken.  Wir  wurden 
Freunde.  Mit  ihm  konnte  man  iiber  die  geistige  Welt 
sprechen  wie  mit  jemand,  der  Erfahrung  darin  hatte.  Er 
war  eine  innerlich  fromme  Personlichkeit.  In  allem 
Schulmafiigen  war  er  ungebildet.  Er  hatte  zwar  viele 
mystische  Biicher  gelesen;  aber,  was  er  sprach,  war  ganz 
unbeeinflufk  von  dieser  Lektiire.  Es  war  der  Ausfluft 
eines  Seelenlebens,  das  eine  ganz  elementarische,  schopfe- 
rische  Weisheit  in  sich  trug.  Man  konnte  bald  empfin- 
den:  er  las  die  Biicher  nur,  weil  er,  was  er  durch  sich 
selbst  wufite,  auch  bei  andern  finden  wollte.  Aber  es 
befriedigte  ihn  nicht.  Er  offenbarte  sich  so,  als  ob  er  als 
Personlichkeit  nur  das  Sprachorgan  ware  fur  einen 
Geistesinhalt,  der  aus  verborgenen  Welten  heraus  spre- 
chen wollte.  Wenn  man  mit  ihm  zusammen  war,  konnte 
man  tiefe  Blicke  in  die  Geheimnisse  der  Natur  tun.  Er 
trug  auf  dem  Riicken  sein  Biindel  Heilkrauter;  aber  in 
seinem  Herzen  trug  er  die  Ergebnisse,  die  er  aus  der 
Geistigkeit  der  Natur  bei  seinem  Sammeln  gewonnen 
hatte.  Ich  habe  manchen  Menschen  lacheln  gesehen,  der 
zuweilen  als  Dritter  sich  angeschlossen  hatte,  wenn  ich 
mit  diesem  «Eingeweihten»  durch  die  Wiener  Aliee- 
gasse  ging.  Das  war  kein  Wunder.  Denn  dessen  Aus- 
drucksweise  war  nicht  von  vorneherein  verstandlich. 
Man  mufite  gewissermaften  erst  seinen  «geistigen  Dia- 


lekt»  lernen.  Auch  mir  war  er  anfangs  nicht  verstand- 
lich.  Aber  vom  ersten  Kennenlernen  an  hatte  ich  die 
tiefste  Sympathie  fiir  ihn.  Und  so  wurde  es  mir  nach  und 
nach,  wie  wenn  ich  mit  einer  Seele  aus  ganz  alten  Zeiten 
zusammen  ware,  die  unberiihrt  von  der  Zivilisation, 
Wissenschaft  und  Anschauung  der  Gegenwart,  ein  in- 
stinktives  Wissen  der  Vorzeit  an  mich  heranbrachte. 

Nimmt  man  den  gewohnhchen  Begriff  des  «Lernens», 
so  kann  man  sagen:  «Lernen»  konnte  man  von  diesem 
Manne  nichts.  Aber  man  konnte,  wenn  man  selbst  die 
Anschauung  einer  geistigen  Welt  hatte,  in  diese  durch 
einen  Andern,  in  ihr  ganz  Feststehenden,  tiefe  Ein- 
blicke  tun. 

Und  dabei  lag  dieser  Personlichkeit  alles  weltenferne, 
was  Schwarmerei  war.  Kam  man  in  sein  Heim,  so  war 
man  im  Kreise  der  niichternsten,  einfachen  Landfamilie. 
Uber  der  Tiire  seines  Hauses  standen  die  Worte:  «In 
Gottes  Segen  ist  alles  gelegen.»  Man  wurde  bewirtet, 
wie  bei  andern  Dorfbewohnern.  Ich  habe  immer  Kaffee 
trinken  miissen,  nicht  aus  einer  Tasse,  sondern  aus  einem 
«Haferl»,  das  nahezu  einen  Liter  fafite;  dazu  hatte  ich 
ein  Stuck  Brot  zu  essen,  das  Riesendimensionen  hatte. 
Aber  auch  die  Dorfbewohner  sahen  den  Mann  nicht  fiir 
einen  Schwarmer  an.  An  der  Art,  wie  er  sich  in  seinem 
Heimatorte  gab,  prallte  jeder  Spott  ab.  Er  hatte  auch 
einen  gesunden  Humor  und  wufite  im  Dorfe  mit  jung 
und  alt  bei  jeder  Begegnung  so  zu  reden,  daft  die  Leute 
an  seinen  Worten  Freude  hatten.  Da  lachelte  niemand 
so  wie  die  Leute,  die  mit  ihm  und  mir  durch  die  Wiener 
Alleegasse  gingen  und  die  in  ihm  zumeist  etwas  sahen, 
das  ihnen  ganz  fremd  erschien. 


Mir  blieb  dieser  Mann,  auch  als  das  Leben  mich  wie- 
der  von  ihm  weggefiihrt  hatte,  seelennahe.  Man  findet 
ihn  in  meinen  Mysteriendramen  in  der  Gestalt  des  Felix 
Balde. 

Nicht  leicht  wurde  es  damals  meinem  Seelenleben, 
dafi  die  Philosophic,  die  ich  von  Andern  vernahm,  in 
ihrem  Denken  nicht  bis  an  die  Anschauung  der  geisti- 
gen  Welt  heranzubringen  war.  Aus  den  Schwierigkeiten, 
die  ich  nach  dieser  Richtung  erlebte,  fing  sich  in  mir 
eine  Art  «Erkenntnistheorie»  an  zu  bilden.  Das  Leben 
im  Denken  erschien  mir  allmahlich  als  der  in  den  phy- 
sischen  Menschen  hereinstrahlende  Abglanz  dessen,  was 
die  Seele  in  der  geistigen  Welt  erlebt.  Gedanken-Erleben 
war  mir  das  Dasein  in  einer  Wirklichkeit,  an  die  als  an 
einer  durch  und  durch  erlebten  sich  kein  Zweifel  heran- 
wagen  konnte.  Die  Welt  der  Sinne  erschien  mir  nicht 
so  erlebbar.  Sie  ist  da;  aber  man  ergreift  sie  nicht  wie 
den  Gedanken.  Es  kann  in  ihr  oder  hinter  ihr  ein  wesen- 
haftes  Unbekanntes  stecken.  Aber  der  Mensch  ist  in  sie 
hineingestellt.  Da  entstand  die  Frage:  ist  denn  diese 
Welt  eine  voile  Wirklichkeit?  Wenn  der  Mensch  an  ihr 
aus  seinem  Innern  die  Gedanken  webt,  die  dann  Licht 
in  diese  Sinnenwelt  bringen,  bringt  er  dann  auch  tat- 
sachlich  etwas  ihr  Fremdes  zu  ihr  hinzu?  Das.  stimmt 
doch  gar  nicht  zu  dem  Erlebnis,  das  man  hat,  wenn 
die  Sinnenwelt  vor  dem  Menschen  steht,  und  er  mit 
seinen  Gedanken  in  sie  einbricht.  Dann  erweisen  sich 
doch  die  Gedanken  als  dasjenige,  durch  das  die  Sinnen- 
welt sich  ausspricht.  Die  weitere  Verfolgung  dieses 
Nachsinnens  war  dazumal  ein  wichtiger  Teil  meines 
inneren  Lebens. 


Aber  ich  wollte  vorsichtig  sein.  Voreilig  einen  Ge- 
dankengang  bis  zum  Ausbilden  einer  eigenen  philoso- 
phischen  Anschauung  zu  fiihren,  schien  mir  gefahrlich. 
Das  trieb  mich  zu  einem  eingehenden  Studium  Hegels. 
Die  Art,  wie  dieser  Philosoph  die  Wirklichkeit  des  Ge- 
dankens  darstellt,  war  mir  nahegehend.  Dafi  er  nur  zu 
einer  Gedankenwelt,  wenn  auch  zu  einer  lebendigen, 
vordringt,  nicht  zu  einer  Anschauung  einer  konkreten 
Geisteswelt,  stiefi  mich  zuriick.  Die  Sicherheit,  mit  der 
man  philosophiert,  wenn  man  von  Gedanke  zu  Gedan- 
ken  fortschreitet,  zog  mich  an.  Ich  sah,  daft  Viele  einen 
Gegensatz  empfanden  zwischen  der  Erfahrung  und  dem 
Denken.  Mir  war  das  Denken  selbst  Erfahrung,  aber 
eine  solche,  in  der  man  lebt,  riicht  eine  solche,  die  von 
aufien  an  den  Menschen  herantritt.  Und  so  wurde  mir 
Hegel  fur  eine  langere  Zeit  sehr  wertvoll. 

Bei  meinen  Pflichtstudien,  die  unter  diesen  philoso- 
phischen  Interessen  naturgemafi  hatten  zu  kurz  kommen 
mtissen,  kam  mir  zugute,  dafi  ich  schon  vorher  mich  viel 
mit  Differential-  und  Integralrechnung,  auch  mit  analy- 
tischer  Geometrie  befafit  hatte.  So  konnte  ich  von  man- 
cher  mathematischen  Vorlesung  wegbleiben,  ohne  den 
Zusammenhang  zu  verlieren.  Die  Mathematik  behielt 
fur  mich  ihre  Bedeutung  auch  als  Grundlage  meines 
ganzen  Erkenntnisstrebens.  In  ihr  ist  doch  ein  System 
von  Anschauungen  und  Begriffen  gegeben,  die  von  aller 
aufieren  Sinneserfahrung  unabhangig  gewonnen  sind. 
Und  doch  geht  man,  so  sagte  ich  mir  damals  unablassig, 
mit  diesen  Anschauungen  und  Begriffen  an  die  Sinnes- 
wirklichkeit  heran  und  findet  durch  sie  ihre  Gesetz- 
mafiigkeiten.  Durch  die  Mathematik  lernt  man  die  Welt 


kennen,  und  doch  mufi  man,  um  dies  erreichen  zu  kon- 
nen,  erst  die  Mathematik  aus  der  menschlichen  Seele 
hervorgehen  lassen. 

Ein  ausschlaggebendes  Erlebnis  kam  mir  damals  ge- 
radezu  von  der  mathematischen  Seite.  Die  Vorstellung 
des  Raumes  bot  mir  die  groEten  inneren  Schwierig- 
keiten.  Er  lieft  sich  als  das  allseitig  ins  Unendliche  lau- 
fende  Leere,  als  das  er  den  damals  herrschenden  natur- 
wissenschaftlichen  Theorien  zugrunde  lag,  nicht  in  iiber- 
schaubarer  Art  denken.  Durch  die  neuere  (synthetische) 
Geometrie,  die  ich  durch  Vorlesungen  und  im  Privat- 
studium  kennen  lernte,  trat  vor  meine  Seele  die  Anschau- 
ung,  dafi  eine  Linie,  die  nach  rechts  in  das  Unendliche 
verlangert  wird,  von  links  wieder  zu  ihrem  Ausgangs- 
punkt  zuruckkommt.  Der  nach  rechts  hegende  unend- 
lich  feme  Punkt  ist  derselbe  wie  der  nach  links  liegende 
unendlich  feme. 

Mir  kam  vor,  da£  man  mit  solchen  Vorstellungen  der 
neueren  Geometrie  den  sonst  in  Leere  starrenden  Raum 
begrifflich  erfassen  konne.  Die  wie  eine  Kreislinie  in 
sich  selbst  zuriickkehrende  gerade  Linie  empfand  ich 
wie  eine  Offenbarung.  Ich  ging  aus  der  Vorlesung,  in 
der  mir  das  zuerst  vor  die  Seele  getreten  ist,  hinweg,  wie 
wenn  eine  Zentnerlast  von  mir  gefallen  ware.  Ein  be- 
freiendes  Gefiihl  kam  iiber  mich.  Wieder  kam  mir,  wie 
in  meinen  ganz  jungen  Knabenjahren,  von  der  Geo- 
metrie etwas  Begliickendes. 

Hinter  dem  Raumratsel  stand  in  diesem  meinem  Le- 
bensabschnitt  fur  mich  das  von  der  Zeit.  Sollte  auch  da 
eine  Vorstellung  moglich  sein,  die  durch  ein  Fortschrei- 
ten  in  die  « unendlich  ferne»  Zukunft  ein  Zuriickkom- 


men  aus  der  Vergangenheit  ideell  in  sich  enthalt?  Das 
Gliick  iiber  die  Raumvorstellung  brachte  etwas  tief  Be- 
unruhigendes  iiber  diejenige  von  der  Zeit.  Aber  da  war 
zunachst  kein  Ausweg  sichtbar.  Alle  Denkversuche  fiihr- 
ten  dazu,  zu  erkennen,  dafi  ich  mich  insbesondere  hiiten 
miisse,  die  anschaulichen  Raumbegriffe  in  die  Auffas- 
sung  der  Zeit  hineinzubringen.  Alle  Enttauschungen, 
welche  das  Erkenntnisstreben  bringen  kann,  traten  an 
dem  Zeitenratsel  auf. 

Die  Anregungen,  die  ich  von  Zimmermann  fur  die 
Asthetik  erhalten  hatte,  fiihrten  mich  zum  Lesen  der 
Schriften  des  beriihmten  Asthetikers  der  damaligen  Zeit, 
Friedrich  Theodor  Vischers.  Ich  fand  bei  ihm  an  einer 
Stelle  seiner  Werke  eine  Hinweisung  darauf,  dafi  das 
neuere  naturwissenschaftliche  Denken  eine  Reform  des 
Zeitbegriffes  notig  mache.  Ich  war  immer  besonders 
freudig  erregt,  wenn  ich  Erkenntnisbediirfnisse,  die  sich 
bei  mir  einstellten,  auch  bei  einem  Andern  fand.  Es  war 
mir  in  diesem  Falle  wie  eine  Rechtfertigung  meines 
Strebens  nach  einem  befriedigenden  Zeitbegriffe. 

Die  Vorlesungen,  fur  die  ich  an  der  technischen 
Hochschule  eingeschrieben  war,  mulke  ich  immer  mit 
den  entsprechenden  Priifungen  abschlieften.  Denn  mir 
war  ein  Stipendium  bewilligt  worden;  und  das  konnte 
ich  nur  fortbeziehen,  wenn  ich  jedes  Jahr  bestimmte 
Studienerfolge  nachwies. 

Aber  meine  Erkenntnisbediirfnisse  wurden  insbeson- 
dere auf  den  naturwissenschaftlichen  Gebieten  durch 
dieses  Pflichtstudium  wenig  befriedigt.  Es  bestand  aber 
damals  an  den  Wiener  Hochschulen  die  Moglichkeit, 
als  Hospitant  Vorlesungen,  ja  auch  Ubungen  mitzu- 


machen.  Ich  fand  iiberall  Entgegenkommen,  wenn  ich 
in  dieser  Art  das  wissenschaftliche  Leben  pflegen  wollte, 
bis  in  das  Medizinische  hinein. 

Ich  darf  sagen,  dafi  ich  meine  Einsichten  in  das  Gei- 
stige  nicht  storend  eingreifen  liefi,  wenn  es  sich  darum 
handelte,  die  Naturwissenschaften  so  kennen  zu  lernen, 
wie  sie  damals  ausgebildet  waren.  Ich  widmete  mich 
dem,  was  gelehrt  wurde,  und  hatte  nur  im  Hintergrunde 
die  Hoffnung,  dafi  sich  mir  einmal  der  Zusammen- 
schlufi  der  Naturwissenschaft  mit  der  Geist-Erkenntnis 
ergeben  werde.  Nur  von  zwei  Seiten  her  war  ich  fur 
diese  Hoffnung  beunruhigt. 

Die  Wissenschaften  der  organischen  Natur  waren  da, 
wo  ich  mich  mit  ihnen  befassen  konnte,  durchtrankt 
von  Darwin'schen  Ideen.  Mir  erschien  damals  der  Dar- 
winismus  in  seinen  hochsten  Ideen  als  eine  wissenschaft- 
liche Unmoglichkeit.  Ich  war  nach  und  nach  dazu  ge- 
kommen,  mir  ein  Bild  des  Menschen-Innern  zu  machen. 
Das  war  geistiger  Art.  Und  es  war  als  ein  GHed  einer 
geistigen  Welt  gedacht.  Es  war  so  vorgestellt,  dafi  es 
aus  der  Geisteswelt  in  das  Naturdasein  untertaucht, 
sich  dem  natiirlichen  Organismus  eingliedert,  um  durch 
denselben  in  der  Sinneswelt  wahrzunehmen  und  zu 
wirken. 

Von  diesem  Bilde  konnte  ich  mir  auch  dadurch  nichts 
abdingen  lassen,  daft  ich  vor  den  Gedankengangen  der 
organischen  Entwickelungslehre  eine  gewisse  Achtung 
hatte.  Das  Hervorgehen  hoherer  Organismen  aus  nie- 
deren  schien  mir  eine  fruchtbare  Idee.  Ihre  Vereinigung 
mit  dem,  was  ich  als  Geisteswelt  kannte,  unermefilich 
schwierig. 


^^^^^^^    i^J/i^*      ^^t^Zy,    <c^  Vi&r&^&u 
xS$£-w  L**t*/    ^Ue-i^Uc^e^   7*^<£<^S  <^t^<^****<«  . 

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Vu^y^£y^<f-r^  <$£nre~   fe^&4&~c*r  ~&?^&4isc^?  a**t^r^"*k^dL~,  &u^>4, 


Faksimile  eines  Briefes  an  Friedrich  Theodor  Vischer,  1882 


Die  physikalischen  Studien  waren  ganz  durchsetzt  von 
der  mechanischen  Warmetheorie  und  der  Wellenlehre 
fiir  die  Licht-  und  Farbenerscheinungen. 

Das  Studium  der  mechanischen  Warmetheorie  hatte 
fiir  mich  einen  personlich  gefarbten  Reiz  bekommen, 
weil  ich  Vorlesungen  iiber  dieses  physikalische  Gebiet 
bei  einer  Personlichkeit  horte,  die  ich  ganz  aufierordent- 
lich  verehrte.  Es  war  Edmund  Reitlinger,  der  Verfasser 
des  schonen  Buches  «Freie  Blicke». 

Dieser  Mann  war  von  der  gewinnendsten  Liebens- 
wurdigkeit.  Er  litt,  als  ich  sein  Zuhorer  wurde,  bereits 
an  einer  hochgradigen  Lungenkrankheit.  Ich  horte  zwei 
Jahre  hindurch  bei  ihm  Vorlesungen  iiber  mechanische 
Warmetheorie,  Physik  fiir  Chemiker  und  Geschichte  der 
Physik.  Ich  arbeitete  bei  ihm  im  physikalischen  Labora- 
torium  auf  vielen  Gebieten,  besonders  auf  dem  der 
Spektralanalyse. 

Von  besonderer  Bedeutung  wurden  fiir  mich  Reit- 
lingers  Vorlesungen  aus  der  Geschichte  der  Physik.  Er 
sprach  so,  dafi  man  das  Gefiihl  hatte,  ihm  werde  wegen 
seiner  Krankheit  jedes  Wort  schwer.  Aber  dennoch  war 
sein  Vortrag  im  allerbesten  Sinne  begeisternd.  Er  war 
ein  Mann  der  streng  induktiven  Forschungsart;  er 
zitierte  fiir  alles  physikalisch  Methodische  gern  das  Buch 
Whewells  iiber  induktive  Wissenschaften.  Newton  bil- 
dete  fiir  ihn  den  Hohepunkt  des  physikalischen  For- 
schens.  Die  Geschichte  der  Physik  trug  er  in  zwei  Abtei- 
lungen  vor:  die  erste  von  den  altesten  Zeken  bis  zu 
Newton,  die  zweite  von  Newton  bis  zur  Neuzeit.  Er  war 
ein  universeller  Denker.  Von  der  historischen  Betrach- 
tung  der  physikalischen  Probleme  ging  er  stets  auf  all- 


gemeine  kulturgeschichtliche  Perspektiven  iiber.  Ja  auch 
ganz  allgemeine  philosophische  Ideen  traten  bei  ihm  im 
naturwissenschaftlichen  Vortrag  auf.  So  setzte  er  sich 
mit  dem  Optimismus  und  Pessimismus  auseinander  und 
sprach  iiber  die  Berechtigung  der  naturwissenschaft- 
lichen Hypothesenbildung  aufierordentlich  anregend. 
Seine  Darstellung  Keplers,  seine  Charakteristik  Julius 
Robert  Mayers  waren  Meisterstiicke  wissenschaftlicher 
Vortrage. 

Ich  wurde  damals  angeregt,  fast  alle  Schriften  Julius 
Robert  Mayers  zu  lesen;  und  ich  konnte  als  eine  wirk- 
lich  grofie  Freude  erleben,  mit  Reitlinger  oft  miindlich 
iiber  deren  Inhalt  sprechen  zu  diirfen. 

Es  erfiillte  mich  mit  grofier  Trauer,  als  wenige  Wo- 
chen,  nachdem  ich  meine  letzte  Priifung  aus  der  mecha- 
nischen  Warmetheorie  bei  Reitlinger  abgelegt  hatte,  der 
geliebte  Lehrer  seiner  schweren  Krankheit  erlag.  Er 
hatte  mir  noch  kurz  vor  seinem  Ende  wie  ein  Vermacht- 
nis  Empfehlungen  fur  Personlichkeiten  gegeben,  die  mir 
Schiiler  zum  Privatunterricht  verschaffen  konnten.  Das 
war  von  sehr  gutem  Erfolg.  Fiir  einen  nicht  geringen 
Teil  dessen,  was  mir  in  den  nachsten  Jahren  an  Mitteln 
zum  Lebensunterhalt  zufiofi,  hatte  ich  dem  toten 
Reitlinger  zu  danken. 

Durch  die  mechanische  Warmetheorie  und  die  Wel- 
lenlehre  fiir  die  Lichterscheinungen  und  Elektrizitats- 
wirkungen  wurde  ich  in  erkenntnistheoretische  Studien 
hineingedrangt.  Die  physische  Aufienwelt  stellte  sich 
damals  als  Bewegungsvorgange  der  Materie  dar.  Die 
Empfindungen  der  Sinne  erschienen  nur  wie  subjektive 
Erlebnisse,  wie  Wirkungen  reiner  Bewegungsvorgange 


auf  die  Smne  des  Menschen.  Da  draufien  im  Raume 
spielen  sich  die  Bewegungsvorgange  der  Materie  ab; 
treffen  diese  Vorgange  auf  den  menschlichen  Warme- 
sinn,  so  erlebt  der  Mensch  die  Empfindungen  der 
Warme.  Es  sind  aufter  dem  Menschen  Wellenvorgange 
des  Athers;  treffen  diese  auf  den  Sehnerv,  so  entsteht 
im  Menschen  die  Licht-  und  Farbenempfindung. 

Diese  Anschauung  trat  mir  iiberall  entgegen.  Sie 
machte  meinem  Denken  unsagliche  Schwierigkeiten.  Sie 
trieb  alien  Geist  aus  der  objektiven  Auftenwelt  heraus. 
Mir  stand  die  Idee  vor  der  Seele,  daft,  wenn  die  Betrach- 
tung  der  Naturerscheinungen  auf  dergleichen  Annah- 
men  fiihre,  man  mit  einer  Anschauung  vom  Geiste  an 
diese  Annahmen  nicht  herankommen  konne.  Ich  sah, 
wie  verfuhrerisch  fiir  die  damals  an  der  Naturwissen- 
schaft  heranerzogene  Denkrichtung  diese  Annahmen 
sind.  Ich  konnte  mich  auch  jetzt  noch  nicht  entschlieften, 
eine  eigene  Denkungsart  auch  nur  fiir  mich  selber  der 
herrschenden  entgegenzusetzen.  Aber  eben  dies  ergab 
schwere  Seelenkampfe.  Immer  wieder  mulke  die  leicht 
zu  erdenkende  Kritik  dieser  Denkungsart  innerlich  nie- 
dergerungen  werden,  um  die  Zeit  abzuwarten,  in  der 
weitere  Erkenntnisquellen  und  Erkenntniswege  eine 
groftere  Sicherheit  geben  wiirden. 

Eine  starke  Anregung  erhielt  ich  durch  das  Lesen  von 
Schillers  «Briefen  iiber  die  asthetische  Erziehung  des  Men- 
schen^ Der  Hinweis  darauf,  dafi  das  menschliche  Be- 
wulksein  zwischen  verschiedenen  Zustanden  gleichsam 
hin  und  her  schwinge,  bot  eine  Ankniipfung  an  das  Bild, 
das  ich  mir  von  dem  inneren  Wirken  und  Weben  der 
menschlichen  Seele  gemacht  hatte.  Schiller  unterscheidet 


zwei  Bewufkseinszustande,  in  denen  der  Mensch  sem 
Verhaltnis  zur  Welt  entwickelt.  Uberlafit  er  sich  dem, 
was  in  ihm  sinnlich  wirkt,  so  lebt  er  unter  der  Notigung 
der  Natur.  Die  Sinne  und  die  Triebe  bestimmen  sein 
Leben.  Stellt  er  sich  unter  die  loglsche  Gesetzmafiigkeit 
der  Vernunft,  so  lebt  er  in  einer  geistigen  Notwendigkeit. 
Aber  er  kann  einen  mittleren  Bewufitseinszustand  in  sich 
entwickeln.  Er  kann  die  «asthetische  Stimmung»  ausbil- 
den,  die  weder  einseitig  an  die  Naturnotigung,  noch  an 
die  Vernunftnotwendigkeit  hingegeben  ist.  In  dieser 
asthetischen  Stimmung  lebt  die  Seele  durch  die  Sinne; 
aber  sie  tragt  in  die  sinnliche  Anschauung  und  in  das  von 
der  Sinnlichkeit  angeregte  Handeln  ein  Geistiges  hinein. 
Man  nimmt  mit  den  Sinnen  wahr,  aber  so,  als  ob  das 
Geistige  in  die  Sinne  eingestromt  ware.  Man  iiberlaftt 
sich  im  Handeln  dem  Wohlgefallen  des  unmittelbaren 
Begehrens,  aber  man  hat  dieses  Begehren  so  veredelt, 
dafi  ihm  das  Gute  gefallt,  das  Schlechte  mififallt.  Die 
Vernunft  ist  da  eine  innige  Verbindung  mit  der  Sinnlich- 
keit eingegangen.  Das  Gute  wird  zum  Instinkt;  der 
Instinkt  darf  sich  selbst  die  Richtung  geben,  weil  er  in 
sich  den  Charakter  der  Geistigkeit  angenommen  hat. 
Schiller  sieht  in  diesem  Bewufkseinszustand  diejenige 
Seelenverfassung,  durch  die  der  Mensch  die  Werke  der 
Schonheit  erleben  und  hervorbringen  kann.  In  der  Ent- 
wickelung  dieses  Zustandes  findet  er  das  Aufleben  des 
wahren  Menschenwesens  im  Menschen. 

Mich  zogen  diese  Schiller'schen  Gedankengange  an. 
Sie  sprachen  davon,  daft  man  das  Bewufitsein  erst  in 
einer  bestimmten  Verfassung  haben  miisse,  urn  ein  Ver- 
haltnis zu  den  Erscheinungen  der  Welt  zu  gewinnen, 


das  der  Wesenheit  des  Menschen  entspricht.  Mir  war 
damit  erwas  gegeben,  das  die  Fragen,  die  sich  fur  mich 
aus  Naturbetrachtung  und  Geist-Erleben  stellten,  zu 
einer  grofieren  Deutlichkeit  brachte.  Schiller  hat  von 
dem  Bewufitseinszustand  gesprochen,  der  da  sein  mufi, 
um  die  Schonheit  der  Welt  zu  erleben.  Konnte  man 
nicht  auch  an  einen  solchen  Bewufitseinszustand  den- 
ken,  der  die  Wahrheit  im  Wesen  der  Dinge  vermittelt? 
Wenn  das  berechtigt  ist,  dann  kann  man  nicht  in  Kant- 
scher  Art  das  zunachst  gegebene  menschliche  Bewufit- 
sein  betrachten  und  untersuchen,  ob  dieses  an  das  wahre 
Wesen  der  Dinge  herankommen  konne.  Sondern  man 
mulke  erst  den  Bewufitseinszustand  erforschen,  durch 
den  der  Mensch  sich  in  ein  solches  Verhaltnis  zur  Welt 
setzt,  dafi  ihm  die  Dinge  und  Tatsachen  ihr  Wesen 
enthiillen. 

Und  ich  glaubte,  zu  erkennen,  daft  ein  solcher  Be- 
wulkseinszustand  bis  zu  einem  gewissen  Grade  erreicht 
sei,  wenn  der  Mensch  nicht  nur  Gedanken  habe,  die 
aufiere  Dinge  und  Vorgange  abbilden,  sondern  solche, 
die  er  als  Gedanken  selbst  erlebt.  Dieses  Leben  in 
Gedanken  offenbarte  sich  mir  als  ein  ganz  anderes  als 
das  ist,  in  dem  man  das  gewohnliche  Dasein  und  auch 
die  gewohnliche  wissenschaftliche  Forschung  verbringt. 
Geht  man  immer  weiter  in  dem  Gedanken-Erleben,  so 
findet  man,  dafi  diesem  Erleben  die  geistige  Wirklich- 
keit  entgegenkommt.  Man  nimmt  den  Seelenweg  zu  dem 
Geiste  hin.  Aber  man  gelangt  auf  diesem  inneren 
Seelenwege  zu  einer  geistigen  Wirklichkeit,  die  man 
dann  auch  im  Innern  der  Natur  wiederfindet.  Man 
erringt  eine  tiefere  Naturerkenntnis,  indem  man  sich 


der  Natur  dann  gegeniiberstellt,  wenn  man  im  le- 
bendigen  Gedanken  die  Wirklichkeit  des  Geistes 
geschaut  hat. 

Mir  wurde  immer  klarer,  wie  durch  das  Hinweg- 
schreiten  iiber  die  gewohnlichen  abstrakten  Gedanken 
zu  denjenigen  geistigen  Schauungen,  die  aber  doch  die 
Besonnenheit  und  Helligkek  des  Gedankens  sich  be- 
wahren,  der  Mensch  sich  in  eine  Wirklichkeit  einlebt, 
von  der  ihn  das  gewohnliche  Bewufttsein  entfernt.  Die- 
ses hat  die  Lebendigkeit  der  Sinneswahrnehmung  auf 
der  einen  Seite,  die  Abstraktheit  des  Gedanken-Bildens 
auf  der  andern.  Die  geistige  Schauung  nimmt  den 
Geist  wahr  wie  die  Sinne  die  Natur;  aber  sie  steht  mit 
dem  Denken  der  geistigen  Wahrnehmung  nicht  feme 
wie  das  gewohnliche  Bewufksein  mit  seinem  Denken 
der  Sinneswahrnehmung,  sondern  sie  denkt,  indem  sie 
das  Geistige  erlebt,  und  sie  erlebt,  indem  sie  die  er- 
wachte  Geistigkeit  im  Menschen  zum  Denken  bringt. 

Eine  geistige  Schauung  stellte  sich  mir  vor  die  Seele 
hin,  die  nicht  auf  einem  dunklen  mystischen  Gefuhle 
beruhte.  Sie  verlief  vielmehr  in  einer  geistigen  Betati- 
gung,  die  an  Durchsichtigkeit  dem  mathematischen 
Denken  sich  voll  vergleichen  lie£.  Ich  naherte  mich  der 
Seelenverfassung,  in  der  ich  glauben  konnte,  ich  diirfe 
die  Anschauung  von  der  Geisteswelt,  die  ich  in  mir 
trug,  auch  vor  dem  Forum  des  naturwissenschaftlichen 
Denkens  fur  gerechtfertigt  halten. 

Ich  stand,  als  diese  Erlebnisse  durch  meine  Seele 
zogen,  in  meinem  zweiundzwanzigsten  Lebensjahre. 


IV. 


Fur  die  Form  des  Geist-Erlebens,  die  ich  damals  in 
mir  auf  eine  sichere  Grundlage  bringen  wollte,  wurde 
das  Musikalische  von  einer  krisenhaften  Bedeutung.  Es 
lebte  sich  zu  dieser  Zeit  in  der  geistigen  Umgebung,  in 
der  ich  mich  befand,  der  «Streit  um  Wagner»  in  der 
heftigsten  Art  aus.  Ich  hatte  wahrend  meines  Knaben- 
und  Jugendlebens  jede  Gelegenheit  beniitzt,  um  mein 
Musikverstandnis  zu  fordern.  Die  Stellung,  die  ich  zum 
Denken  hatte,  brachte  das  mit  sich.  Fur  mich  hatte  das 
Denken  Inhalt  durch  sich  seibst.  Es  bekam  ihn  nicht 
blofi  durch  die  Wahrnehmung,  die  es  ausdriickt.  Das 
aber  fiihrte  wie  mit  Selbstverstandlichkeit  in  das  Er- 
leben  des  remen  musikalischen  Tongebildes  als  solchen 
hiniiber.  Die  Welt  der  Tone  an  sich  war  mir  die  Offenba- 
rung  einer  wesentlichen  Seite  der  Wirklichkeit.  Dafi  das 
Musikalische  iiber  die  Tone-Formung  hinaus  noch  etwas 
«ausdriicken»  sollte,  wie  es  von  den  Anhangern 
Wagners  damals  in  alien  moglichen  Arten  behauptet 
wurde,  schien  mir  ganz  «unmusikalisch». 

Ich  war  stets  ein  geselliger  Mensch.  Dadurch  hatte 
ich  schon  wahrend  meiner  Schulzeit  in  Wiener-Neu- 
stadt  und  dann  wieder  in  Wien  viele  Freundschaften 
geschlossen.  In  den  Meinungen  stimmte  ich  selten  mit 
diesen  Freunden  zusammen.  Das  hinderte  aber  niemals, 
dafS  Innigkeit  und  starke  gegenseitige  Anregung  in  den 
Freundschaftsbundnissen  lebte.  Eines  derselben  ward 
mit  einem  herrlich  idealistisch  gesinnten  jungen  Manne 
geschlossen.  Er  war  mit  seinen  blonden  Locken,  mit 
den  treuherzigen  blauen  Augen  so  recht  der  Typus  des 


deutschen  Junglings.  Der  war  nun  ganz  mitgerissen 
von  dem  Wagnertum.  Musik,  die  in  sich  selbst  lebte, 
die  nur  in  Tonen  weben  wollte,  war  ihm  eine  abgetane 
Welt  greulicher  Philister.  Was  in  den  Tonen  sich  offen- 
barte  wie  in  einer  Art  von  Sprache,  das  machte  fur  ihn 
das  Tongebilde  wertvoll.  Wir  besuchten  zusammen 
manches  Konzert  und  manche  Oper.  Wir  waren  stets 
verschiedener  Meinung.  In  meinen  Gliedern  lagerte 
etwas  wie  Blei,  wenn  die  «ausdrucksvolle  Musik»  ihn 
bis  zur  Ekstase  entflammte;  er  langweilte  sich  entsetz- 
lich,  wenn  Musik  erklang,  die  nichts  als  Musik  sein 
wollte. 

Die  Debatten  mit  diesem  Freunde  dehnten  sich  ins 
Endlose  aus.  Auf  langen  Spaziergangen,  in  Dauersit- 
zungen  bei  einer  Tasse  Kaffee  fiihrte  er  seine  in  begei- 
sterten  Worten  sich  aussprechenden  «Beweise»  durch, 
daft  mit  Wagner  eigentlich  erst  die  wahre  Musik  ge- 
boren  worden  sei,  und  dafi  alles  Friihere  nur  eine  Vor- 
bereitung  zu  diesem  «Entdecker  des  Musikalischen» 
sei.  Mich  brachte  das  dazu,  meine  Empfindung  in  recht 
drastischer  Art  zur  Geltung  zu  bringen.  Ich  sprach  von 
der  Wagner'schen  Barbarei,  die  das  Grab  alles  wirk- 
lichen  Musikverstandnisses  sei. 

Besonders  heftig  wurden  die  Debatten  bei  besonde- 
ren  Gelegenheiten.  Es  trat  bei  meinem  Freunde  eines 
Tages  der  merkwiirdige  Hang  ein,  unseren  fast  tag- 
lichen  Spaziergangen  die  Richtung  nach  einem  engen 
Gafichen  zu  geben,  und  mit  mir  da,  Wagner  diskutie- 
rend,  oft  viele  Male  auf-  und  abzugehen.  Ich  war  in 
unsere  Debatten  so  vertieft,  dafi  mir  erst  allmahlich 
ein  Licht  dariiber  aufging,  wie  er  zu  diesem  Hang  ge- 


kommen  war.  Am  Fenster  eines  Hauses  dieses  Gafi- 
chens  safi  um  die  Zeit  unserer  Spaziergange  ein  an- 
mutiges  junges  Madchen.  Es  gab  fur  ihn  zunachst  keine 
andere  Beziehung  zu  dem  Madchen  als  die,  dafi  er  es 
am  Fenster  fast  taglich  sitzen  sah  und  zuweilen  das 
Bewufitsein  hatte,  ein  Blick,  den  es  auf  die  Strafie  fallen 
liefi,  gelte  ihm. 

Ich  empfand  zunachst  nur,  wie  sein  Eintreten  fiir 
Wagner,  das  auch  sonst  schon  feurig  genug  war,  in  die- 
sem  Gafkhen  zur  hellen  Flamme  aufloderte.  Und  als 
ich  darauf  kam,  welche  Nebenstromung  da  immer  in 
sein  begeistertes  Herz  flofi,  da  wurde  er  auch  nach  die- 
ser  Richtung  mitteilsam,  und  ich  wurde  der  Mitfiih- 
lende  bei  einer  der  zartesten,  schonsten,  schwarmerisch- 
sten  Jugendliebe.  Das  Verhaltnis  kam  nicht  viel  iiber  den 
geschilderten  Stand  hinaus.  Mein  Freund,  der  aus  einer 
nicht  mit  Gliicksgiitern  gesegneten  Familie  stammte, 
muike  bald  eine  kleine  Journalistenstelle  in  einer  Pro- 
vinzstadt  antreten.  Er  konnte  an  keine  nahere  Verbin- 
dung  mit  dem  Madchen  denken.  Er  war  auch  nicht 
stark  genug,  die  Verhaltnisse  zu  meistern.  Ich  blieb 
noch  lange  mit  ihm  in  brief licher  Verbindung.  Ein 
trauriger  Nachklang  von  Resignation  tonte  aus  seinen 
Bnefen  heraus.  In  seinem  Herzen  lebte  das  fort,  von 
dem  er  sich  hatte  trennen  miissen. 

Ich  traf,  nachdem  das  Leben  lange  schon  dem  Brief- 
verkehr  mit  dem  Jugendfreunde  ein  Ende  bereitet 
hatte,  mit  einer  Personlichkeit  aus  der  Stadt  zusammen, 
in  der  er  seine  Journalistenstellung  gefunden  hatte.  Ich 
hatte  ihn  immer  lieb  behalten  und  frug  nach  ihm.  Da 
sagte  mir  die  Personlichkeit:  «Ja,  dem  ist  es  recht 


schlecht  ergangen;  er  konnte  kaum  sein  Brot  verdienen, 
zuletzt  war  er  Schreiber  bei  mir,  dann  starb  er  an  einer 
Lungenkrankheit. »  Mir  schnitt  diese  Mitteilung  ins 
Herz,  denn  ich  wuftte,  daft  der  idealistische  blonde  Mann 
sich  von  seiner  Jugendliebe  dereinst  unter  dem  Zwange 
der  Verhaltnisse  mit  dem  Gefuhle  getrennt  hatte,  es 
sei  fur  ihn  gleichgiiltig,  was  ihm  das  Leben  ferner  noch 
bringen  werde.  Er  legte  keinen  Wert  darauf,  sich  ein 
Leben  zu  begriinden,  das  doch  nicht  so  sein  konnte, 
wie  es  als  ein  Ideal  ihm  bei  unseren  Spaziergangen  in 
dem  engen  Gaftchen  vorschwebte. 

Im  Verkehr  mit  diesem  Freunde  ist  mein  damaliges 
Anti-Wagnertum  nur  eben  in  starker  Form  zum  Aus- 
leben  gekommen.  Aber  es  spielte  in  dieser  Zeit  auch 
sonst  eine  grofte  Rolle  in  meinem  Seelenleben.  Ich 
suchte  mich  nach  alien  Seiten  in  das  Musikalische,  das 
mit  Wagnertum  nichts  zu  tun  hatte,  hineinzufinden. 
Meine  Liebe  zur  «reinen  Musik»  wuchs  durch  mehrere 
Jahre;  mein  Abscheu  gegen  die  «Barbarei»  einer  «Mu- 
sik  als  Ausdruck»  wurde  immer  grower.  Und  dabei 
hatte  ich  das  Schicksal,  daft  ich  in  menschliche  Um- 
gebungen  kam,  in  denen  fast  ausschlieftlich  Wagner- 
Verehrer  waren.  Das  alles  trug  viel  dazu  bei,  daft  es  mir 
—  viel  —  spater  recht  sauer  wurde,  mich  bis  zu  dem 
Wagner- Verstandnis  durchzuringen,  das  ja  das  mensch- 
lich  Selbstverstandliche  gegeniiber  einer  so  bedeuten- 
den  Kulturerscheinung  ist.  Doch  dieses  Ringen  gehort 
einer  spatern  Zeit  meines  Lebens  an.  In  der  hier  geschil- 
derten  war  mir  z.  B.  eine  Tristanauffuhrung,  in  die  ich 
einen  Schiller  von  mir  begleiten  muftte,  «ertotend  lang- 
weilig». 


Prof.  Karl  Julius  Schroer 


Coovriaht  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltuna    Buch:  2  8        Seite:  7  6  h 


In  diese  Zeit  fallt  noch  eine  andere  fur  mich  bedeut- 
same  Jugendfreundschaft.  Die  gait  einem  jungen  Manne, 
der  in  allem  das  Gegenteil  des  blondgelockten  Jiing- 
lings  darstellte.  Er  fiihlte  sich  als  Dichter.  Auch  mit 
ihm  verbrachte  ich  viel  Zeit  in  anregenden  Gesprachen. 
Er  hatte  grofie  Begeisterung  fur  alles  Dichterische.  Er 
machte  sich  friihzeitig  an  grofSe  Aufgaben.  Als  wir  be- 
kannt  wurden,  hatte  er  bereits  eine  Tragodie  «Hanni- 
bal»  und  viel  Lyrisches  geschrieben. 

Mit  beiden  Freunden  zusammen  war  ich  auch  bei. 
den  «Ubungen  im  miindlichen  Vortrag  und  schrift- 
licher  Darstellung»,  die  Schroer  an  der  Hochschule  ab- 
hielt.  Davon  gingen  fur  uns  drei  und  noch  fur  man- 
chen  Andern  die  schonsten  Anregungen  aus.  Wir  jun- 
gen Leute  konnten,  was  wir  geistig  zustande  brachten, 
vortragen,  und  Schroer  besprach  alles  mit  uns  und  er- 
hob  unsere  Seelen  durch  seinen  herrlichen  Idealismus 
und  seine  edle  Begeisterungsfahigkeit. 

Mein  Freund  begleitete  mich  oft,  wenn  ich  Schroer 
in  seinem  Heim  besuchen  durfte.  Da  lebte  er  immer 
auf,  wahrend  sonst  oft  ein  schwer  wirkender  Ton  durch 
seine  Lebensaufierungen  gmg.  Er  wurde  durch  einen 
innern  Zwiespalt  mit  dem  Leben  nicht  fertig.  Kein  Beruf 
reizte  ihn  so,  dafi  er  ihn  hatte  mit  Freude  antreten  wol- 
len.  Er  ging  in  dem  dichterischen  Interesse  ganz  auf 
und  fand  aufter  diesem  keinen  rechten  Zusammenhang 
mit  dem  Dasein.  Zuletzt  wurde  notig,  daft  er  eine  ihm 
gleichgultige  Stellung  annahm.  Ich  blieb  auch  mit  ihm 
in  brieflicher  Verbindung.  Dafi  er  an  seiner  Dichtkunst 
selbst  nicht  eine  wirkliche  Befriedigung  erleben  konnte, 
wirkte  zehrend  an  seiner  Seele.  Das  Leben  erfullte  sich 


fur  ihn  nicht  mit  Wertvollem.  Ich  mufite  zu  meinem 
Leid  erfahren,  wie  nach  und  nach  in  seinen  Briefen  und 
auch  bei  Gesprachen  immer  mehr  sich  bei  ihm  die  An- 
sicht  verdichtete,  daft  er  an  einer  unheilbaren  Krankheit 
litte.  Nkhts  reichte  hin,  um  diesen  unbegriindeten  Ver- 
dacht  zu  zerstreuen.  So  muftte  ich  denn  eines  Tages  die 
Nachricht  empfangen,  daft  der  junge  Mann,  der  mir 
recht  nahe  stand,  seinem  Leben  selbst  ein  Ende  gemacht 
habe. 

Recht  innige  Freundschaft  schlofi  ich  damals  mit 
einem  jungen  Manne,  der  aus  dem  deutschen  Sieben- 
biirgen  nach  der  Wiener  technischen  Hochschule  ge- 
kommen  war.  Auch  ihn  hatte  ich  in  Schroers  Ubungs- 
stunden  zuerst  getroffen.  Da  hat  er  einen  Vortrag  iiber 
den  Pessimismus  gehalten.  Alles,  was  Schopenhauer  fur 
diese  Lebensauffassung  vorgebracht  hat,  lebte  in  die- 
sem  Vortrage  auf.  Dazu  kam  die  eigene  pessimistische 
Lebensstimmung  des  jungen  Mannes.  Ich  erbot  mich, 
einen  Gegenvortrag  zu  halten.  Ich  «widerlegte»  den 
Pessimismus  mit  wahren  Donnerworten,  nannte  schon 
damals  Schopenhauer  ein  «borniertes  Genie»  und  lieE 
meine  Ausfiihrungen  in  dem  Satze  gipfeln,  «wenn  der 
Herr  Vortragende  mit  seiner  Darstellung  iiber  den  Pes- 
simismus recht  hatte,  dahn  ware  ich  lieber  der  Holz- 
pfosten,  auf  dem  meine  Fiifie  stehen,  als  ein  Mensch». 
Dieses  Wort  wurde  lange  spottend  in  meinem  Bekann- 
tenkreise  iiber  mich  wiederholt.  Aber  es  machte  den 
jungen  Pessimisten  und  mich  zu  innig  verbundenen 
Freunden.  Wir  verlebten  nun  viele  Zeit  miteinander. 
Auch  er  fiihlte  sich  als  Dichter.  Und  ich  safi  oft  viele 
Stunden  lang  bei  ihm  auf  seinem  Zimmer  und  horte 


gerne  dem  Vorlesen  seiner  Gedichte  zu.  Er  brachte  aucR 
meinen  damaligen  geistigen  Bestrebungen  ein  warmes 
Interesse  entgegen,  obwohl  er  dazu  weniger  durch  die 
Dinge,  mit  denen  ich  mich  befafite,  als  durch  seine  per- 
sonliche  Liebe  zu  mir  angeregt  wurde.  Er  kniipfte  so 
manche  schone  Jugendbekanntschaft  und  auch  Jugend- 
liebe  an.  Er  brauchte  das  zu  seinem  Leben,  das  ein  recht 
schweres  war.  Er  hatte  in  Hermannstadt  die  Schule  als 
armer  Junge  durchgemacht,  und  mufite  da  schon  sein 
Leben  von  Privatstunden  unterhalten.  Er  kam  dann  auf 
die  geniale  Idee,  von  Wien  aus  durch  Korrespondenz 
die  in  Hermannstadt  gewonnenen  Privatschuler  weiter 
zu  unterrichten.  Die .  Hochschul-Wissenschaften  inter- 
essierten  ihn  wenig.  Einmal  wollte  er  doch  ein  Examen 
aus  der  Chemie  ablegen.  Er  war  in  keiner  Vorlesung 
und  hatte  auch  kein  einschlagiges  Buch  beriihrt.  In  der 
letzten  Nacht  vor  der  Priifung  liefi  er  sich  von  einem 
Freunde  einen  Auszug  aus  dem  ganzen  Stoff  vorlesen. 
Er  schlief  zuletzt  dabei  ein.  Dennoch  ging  er  mit  die- 
sem  Freunde  zugleich  zum  Examen.  Beide  fielen  wirk- 
lich  «glanzend»  durch. 

Ein  grenzenloses  Vertrauen  zu  mir  hatte  dieser  junge 
Mann.  Er  behandelte  mich  eine  Zeitlang  fast  wie  einen 
Beichtvater.  Er  breitete  ein  interessantes,  oft  traurig 
stimmendes,  fur  alles  Schone  begeistertes  Leben  vor 
meiner  Seele  aus.  Er  brachte  mir  soviel  Freundschaft 
und  Liebe  entgegen,  dafi  es  wirklich  schwer  war,  ihn 
nicht  das  eine  oder  andre  Mai  bitter  zu  enttauschen. 
Das  geschah  namentlich  dadurch,  dafi  er  oft  glaubte, 
ich  brachte  ihm  nicht  genug  Aufmerksamkeit  entgegen. 
Aber  das  konnte  eben  doch  nicht  anders  sein,  da  ich  so 


manchen  Interessenkreis  hatte,  fur  den  ich  bei  ihm  auf 
ein  sachliches  Verstandnis  nicht  stiefi.  Das  alles  trug 
aber  zuletzt  doch  nur  dazu  bei,  dafi  die  Freundschaft 
immer  inniger  wurde.  Er  verbrachte  die  Ferien  jeden 
Sommer  in  Hermannstadt.  Da  sammelte  er  wieder 
Schiiler,  um  sie  dann  das  Jahr  hindurch  von  Wien  aus 
per  Korrespondenz  zu  unterrichten.  Ich  erhielt  dann 
immer  lange  Brief e  von  ihm.  Er  litt  darunter,  dafi  ich 
sie  selten  oder  gar  nicht  beantwortete.  Aber  wenn  er 
im  Herbste  wieder  nach  Wien  kam,  dann  sprang  er 
mir  wie  ein  Knabe  entgegen;  und  das  gemeinsame 
Leben  fing  wieder  an.  Ihm  verdankte  ich  damals,  dafi 
ich  mit  vielen  Menschen  verkehren  konnte.  Er  liebte  es, 
mich  zu  alien  Leuten  zu  bringen,  mit  denen  er  Zusam- 
menhang  hatte.  Und  ich  lechzte  nach  Geselligkeit.  Der 
Freund  brachte  vieles  in  mein  Leben,  was  mir  Freude 
und  Warme  gab. 

Diese  Freundschaft  ist  eine  solche  fur  das  Leben 
geblieben,  bis  zu  dem  vor  einigen  Jahren  erfolgten 
Tode  des  Freundes.  Sie  bewahrte  sich  durch  manchen 
Lebenssturm  hindurch,  und  ich  werde  noch  vieles  von 
ihr  zu  sagen  haben. 

Im  riickschauenden  Bewuiksein  taucht  vieles  an  Men- 
schen- und  Lebensbeziehungen  auf,  das  in  Liebe-  und 
Dankesempfindungen  heute  noch  ein  voiles  Dasein  in 
der  Seele  hat.  Hier  darf  ich  nicht  alles  im  einzelnen  schil- 
dern  und  mufi  manches  unberiihrt  lassen,  das  mir  gerade 
im  personlichen  Erleben  nahe  war  und  nahe  geblieben  ist. 

Meine  Jugendfreundschaften  in  der  Zeit,  von  der  ich 
hier  spreche,  hatten  zum  Fortgang  meines  Lebens  ein 
eigentumliches  Verhaltnis.  Sie  zwangen  mich  zu  einer 


Art  Doppelleben  in  der  Seele.  Das  Ringen  mit  den  Er- 
kenntnisratseln,  das  vor  allem  damals  meine  Seele  er- 
fiillte,  fand  bei  meinen  Freunden  zwar  stets  ein  starkes 
Interesse,  aber  wenig  mittatigen  Anteil.  Ich  blieb  im 
Erleben  dieser  Ratsel  ziemlich  einsam.  Dagegen  lebte 
ich  selbst  alles  voll  mit,  was  im  Dasein  meiner  Freunde 
auftauchte.  So  gingen  zwei  Lebensstromungen  in  mir 
nebeneinander:  eine,  die  ich  wie  ein  einsamer  Wanderer 
verfolgte;  und  die  andere,  die  ich  in  lebendiger  Gesel- 
ligkeit  mit  liebgewonnenen  Menschen  durchmachte. 
Aber  von  tiefgehender,  dauernder  Bedeutung  fur  meine 
Entwickelung  waren  in  vielen  Fallen  auch  die  Erleb- 
nisse  der  zweiten  Art. 

Da  mufi  ich  besonders  eines  Freundes  gedenken,  der 
schon  in  Wiener-Neustadt  mein  Mitschiiler  war.  Wah- 
rend  dieser  Zeit  stand  er  mir  aber  feme.  Erst  in  Wien, 
wo  er  mich  zuerst  ofters  besuchte  und  wo  er  spater  als 
Beamter  lebte,  trat  er  mir  nahe.  Er  hatte  aber  doch,  ohne 
eine  aufiere  Beziehung,  schon  in  Wiener-Neustadt  eine 
Bedeutung  fur  mein  Leben  gehabt.  Ich  war  mit  ihm  ein- 
mal  gemeinsam  in  einer  Turnstunde.  Er  lief?,  wahrend  er 
turnte  und  ich  nichts  zu  tun  hatte,  ein  Buch  neb  en 
mir  liegen.  Es  war  Heines  Buch  iiber  «Die  romantische 
Schule»  und  «Die  Geschichte  der  Philosophie  in  Deutsch- 
land».  Ich  tat  einen  Blick  hinein.  Das  wurde  zum  Anla$, 
dafi  ich  das  Buch  selber  las.  Ich  empfand  viele  Anregun- 
gen  daraus,  stand  aber  in  einem  intensiven  Widerspruch 
zu  der  Art,  wie  Heine  den  mir  nahestehenden  Lebens- 
inhalt  behandelte.  In  der  Anschauung  einer  Denkungs- 
art  und  einer  Gefuhlsrichtung,  die  der  in  mir  sich  aus- 
bildenden  vollig  entgegengesetzt  war,  lag  eine  starke 


Anregung  zur  Selbstbesinnung  auf  die  innere  Lebens- 
orientierung,  die  mir,  nach  meinen  Seelenanlagen, 
notwendig  war. 

In  Anlehnung  an  das  Buch  sprach  ich  dann  mit  dem 
Mitschiiler.  Dabei  kam  das  innere  Leben  seiner  Seele 
zum  Vorschein,  das  dann  spater  zur  Begriindung  einer 
dauernden  Freundschaft  fiihrte.  Er  war  ein  verschlosse- 
ner  Mensch,  der  sich  nur  Wenigen  mitteilte.  Die  meisten 
hielten  ihn  fur  einen  Sonderling.  Den  Wenigen  gegen- 
iiber,  denen  er  sich  mitteilen  wollte,  wurde  er  nament- 
lich  in  Briefen  sehr  gesprachig.  Er  nahm  sich  als  einen 
durch  innere  Veranlagung  zum  Dichter  berufenen  Men- 
schen.  Er  war  der  Ansicht,  dafi  er  einen  grofien  Reich- 
turn  in  seiner  Seele  trug.  Er  hatte  dabei  auch  die  Nei- 
gung,  sich  in  Beziehungen  zu  andern,  namentlich  weib- 
lichen  Personlichkeiten  mehr  hineinzutraumen,  als  diese 
Beziehungen  aufierlich  wirklich  anzukniipfen.  Zuweilen 
war  er  einer  solchen  Anknupfung  nahe,  konnte  sie  aber 
doch  nicht  zum  wirklichen  Erleben  bringen.  In  Ge- 
sprachen  mit  mir  lebte  er  dann  seine  Traume  mit  einer 
Innigkeit  und  Begeisterung  durch,  als  wenn  sie  Wirk- 
lichkeiten  waren.  Dabei  konnte  nicht  ausbleiben,  dafi 
er  bittere  Gefiihle  hatte,  wenn  die  Traume  immer 
wieder  zerrannen. 

Das  ergab  ein  seelisches  Leben  bei  ihm,  das  mit  seinem 
Aufiendasein  nicht  das  geringste  zu  tun  hatte.  Und  die- 
ses Leben  war  ihm  wieder  der  Gegenstand  qualender 
Selbstbetrachtungen,  deren  Spiegelbild  in  vielen  Brie- 
fen an  mich  und  in  Gesprachen  enthalten  war.  So  schneb 
er  mir  einmal  eine  lange  Auseinandersetzung  dariiber, 
wie  ihm  das  kleinste  wie  das  grofite  Erlebnis  innerlich 


zum  Symbol  wurde  und  wie  er  mit  solchen  Symbolen 
lebte. 

Ich  liebte  diesen  Freund,  und  in  Liebe  ging  ich  auf 
seine  Traume  ein,  obgleich  ich  stets  im  Zusammensein 
mit  ihm  das  Gefiihl  hatte:  wir  bewegen  uns  in  den 
Wolken  und  haben  keinen  Boden.  Das  war  fur  mich, 
der  ich  mich  unablassig  bemiihte,  gerade  die  festen 
Stiitzen  des  Lebens  in  der  Erkenntnis  zu  suchen,  ein 
eigenartiges  Erleben.  Ich  mufke  immer  wieder  aus  der 
eigenen  Wesenheit  herausschliipfen  und  wie  in  eine 
andere  Haut  hiniiberspringen,  wenn  ich  diesem  Freunde 
gegeniiberstand.  Er  lebte  gerne  mit  mir;  er  stellte  auch 
zuweilen  weitausgreifende  theoretische  Betrachtungen 
liber  die  «Verschiedenheit  unserer  Naturen»  an.  Er  ahnte 
kaum,  wie  wenig  unsere  Gedanken  zusammenklangen, 
weil  die  Freundesgesinnung  iiber  alle  Gedanken  hin- 
wegfuhrte. 

Mit  einem  andern  Wiener-Neustadter  Mitschiiler  er- 
ging  es  mir  ahnlich.  Er  gehorte  dem  nachst  niedrigeren 
Jahrgang  der  Realschule  an,  und  wir  traten  einander 
erst  nahe,  als  er  ein  Jahr  spater  als  ich  an  die  technische 
Hochschule  nach  Wien  kam.  Da  aber  waren  wir  viel 
zusammen.  Auch  er  ging  wenig  auf  das  ein,  was  mich 
auf  dem  Erkenntnis gebiete  innerlich  bewegte.  Er  stu- 
dierte  Chemie.  Die  naturwissenschaftlichen  Ansichten, 
denen  er  gegeniiberstand,  verhinderten  ihn  damals  im 
Verkehre  mit  mir,  sich  anders  denn  als  Zweifler  an  der 
Geistesanschauung  zu  geben,  von  der  ich  erfullt  war. 
Spater  im  Leben  habe  ich  an  diesem  Freunde  erfahren, 
wie  nahe  er  in  seinem  innersten  Wesen  meiner  Seelen- 
verfassung  schon  damals  stand;  aber  er  liefi  dieses 


innerste  Wesen  in  jener  Zeit  gar  nicht  hervortreten. 
Und  so  wurden  unsere  lebhaften,  langdauernden  De- 
batten  fur  mich  zu  einem  «Kampfe  gegen  den  Mate- 
rialismus».  Er  setzte  meinem  Bekenntnis  zum  Geist- 
gehalt  der  Welt  stets  alle  aus  der  Naturwissenschaft  ver- 
meintlich  sich  ergebenden  Widerlegungen  gegeniiber. 
Ich  mufke  damals  schon  alles,  was  ich  an  Einsichten 
hatte,  auftreten  lassen,  um  die  aus  der  materialistischen 
Denkorientierung  kommenden  Einwiirfe  gegen  eine 
geistgemafie  Welterkenntnis  aus  dem  Felde  zu  schlagen. 

Einmal  spielte  sich  die  Debatte  mit  grofier  Lebhaftig- 
keit  ab.  Mein  Freund  fuhr  jeden  Tag  nach  dem  Besuch 
der  Vorlesungen  von  Wien  nach  seinem  Wohnort,  der 
in  Wiener-Neustadt  geblieben  war.  Ich  begleitete  ihn 
oft  durch  die  Wiener  Alleegasse  zum  Siidbahnhofe. 
Wir  waren  nun  an  einem  Tage  in  der  Materialismus- 
debatte  an  einer  Art  Kulmination  angekommen,  als 
wir  schon  den  Bahnhof  betreten  hatten,  und  der  Zug 
bald  abfahren  mufite.  Da  faftte  ich,  was  ich  noch  zu 
sagen  hatte,  in  die  folgenden  Worte  zusammen:  «Also 
du  behauptest,  wenn  du  sagst:  ich  denke,  so  sei  das  nur 
der  notwendige  Effekt  der  Vorgange  in  deinem  Gehirn- 
nervensystem.  Diese  Vorgange  seien  allein  Wirklich- 
keit.  Und  so  sei  es,  wenn  du  sagst:  ich  sehe  dies  oder 
das,  ich  gehe  usw.  Aber  sieh  einmal:  du  sagst  doch 
nicht:  mein  Gehirn  denkt,  mein  Gehirn  sieht  das  oder 
das,  mein  Gehirn  geht.  Du  mufitest  doch,  wenn  du 
wirklich  zu  der  Einsicht  gelangt  warest,  was  du  theo- 
retisch  behauptest,  sei  wahr,  deine  Redewendung  korri- 
gieren.  Wenn  du  dennoch  vom  <ich>  sprichst,  so  liigst 
du  eigentlich.  Aber  du  kannst  nicht  anders,  als  deinem 


gesunden  Instinkte  gegen  die  Einflusterungen  deiner 
Theorie  folgen.  Du  erlebst  einen  andern  Tatbestand  als 
denjenigen,  den  deine  Theorie  verficht.  Dein  Bewulksein 
straft  deine  Theorie  Liigen.»  Der  Freund  schttttelte  den 
Kopf.  Zu  einer  Einwendung  hatte  er  nicht  mehr  Zeit. 
Ich  ging  allein  zuriick,  und  konnte  nur  nachdenken,  daft 
der  Einwand  gegen  den  Materialismus  in  dieser  groben 
Form  nicht  einer  besonders  exakten  Philosophie  ent- 
sprach.  Aber  mir  kam  es  damals  wirklich  weniger  dar- 
auf  an,  einen  philosophisch  einwandfreien  Beweis  fiinf 
Minuten  vor  Zugsabgang  zu  Hefern,  als  Ausdruck  zu 
geben  meiner  inneren  sicheren  Erfahrung  von  der  Wesen- 
heit  des  menschlichen  «Ich».  Mir  war  dieses  «Ich»  inner- 
lich  iiberschaubares  Erlebnis  von  einer  in  ihm  selbst  vor- 
handenen  Wirklichkeit.  Diese  Wirklichkeit  erschien  mir 
nicht  weniger  gewift  wie  irgendeine  vom  Materialismus 
anerkannte.  Aber  in  ihr  ist  gar  nichts  Materielles.  Mir 
hat  dieses  Durchschauen  der  Wirklichkeit  und  Geistig- 
keit  des  «Ich»  in  den  folgenden  Jahren  iiber  alle  Ver- 
suchungen  des  Materialismus  hinweggeholfen.  Ich  wulke: 
an  dem  «Ich»  kann  nicht  geriittelt  werden.  Und  mir  war 
klar,  dafi  derjenige  das  «Ich»  eben  nicht  kennt,  der  es 
als  eine  Erscheinungsform,  ein  Ergebnis  anderer  Vor- 
gange  auffaftt.  Daft  ich  dieses  als  innere,  geistige  An- 
schauung  hatte,  wollte  ich  dem  Freunde  gegeniiber  zum 
Ausdruck  bringen.  Wir  bekampften  uns  noch  viel  auf 
diesem  Felde.  Aber  wir  hatten  in  der  allgemeinen 
Lebensansicht  so  viele  ganz  gleichgeartete  Empfindun- 
gen,  dafi  die  Heftigkeit  unserer  theoretischen  Kampfe 
nie  auch  nur  in  die  geringsten  Mifiverstandnisse  in  dem 
personlichen  Verhaltnis  umschlug. 


Ich  kam  in  dieser  Zeit  defer  in  das  studentische  Leben 
in  Wien  hinein.  Ich  wurde  Mitglied  der  «Deutschen  Lese- 
halle  an  der  technischen  Hochschule».  In  Versammlun- 
gen  und  kleineren  Zusammenkiinften  wurden  eingehend 
die  politischen  und  Kulturerscheinungen  der  Zeit  be- 
sprochen.  Die  Diskussionen  liefien  alle  moglichen  —  und 
unmoglichen  —  Gesichtspunkte,  die  junge  Leute  haben 
konnten,  zutage  treten.  Namentlich  wenn  Funktionare 
gewahlt  werden  sollten,  platzten  die  Meinungen  gar  hef- 
tig  aufeinander.  Anregend  und  aufregend  war  vieles,  was 
sich  da  unter  der  Jugend  im  Zusammenhang  mit  den 
Vorgangen  im  offentlichen  Leben  Osterreichs  abspielte. 
Es  war  die  Zeit,  in  der  sich  die  nationalen  Parteien  in 
immer  scharferer  Auspragung  bildeten.  Alles,  was  spater 
in  Osterreich  immer  mehr  und  mehr  zur  Zerbrockelung 
des  Reiches  fuhrte,  was  nach  dem  Weltkrieg  in  seinen 
Folgen  auftrat,  konnte  damals  in  seinen  Keimen  erlebt 
werden. 

Ich  war  zunachst  zum  Bibliothekar  der  «Lesehalle»  ge- 
wahlt worden.  Als  solcher  machte  ich  alle  moglichen 
Autoren  ausfindig,  die  Biicher  geschrieben  hatten,  von 
denen  ich  glaubte,  dafi  sie  fur  die  Studentenbibliothek 
von  Wert  sein  konnten.  An  diese  Autoren  schrieb  ich 
«Pumpbriefe».  Ich  verfertigte  oft  in  einer  Woche  wohl 
hundert  solcher  Briefe.  Durch  diese  meine  «Arbeit» 
wurde  die  Bibliothek  rasch  vergrofiert.  Aber  die  Sache 
hatte  fur  mich  einen  Nebeneffekt.  Ich  hatte  dadurch  die 
Moglichkeit,  in  einem  weiten  Umfange  die  wissenschaft- 
liche,  kiinstlerische,  kulturgeschichtliche,  politische  Lite- 
ratur  der  Zeit  kennen  zu  lernen.  Ich  war  ein  eifriger 
Leser  der  geschenkten  Biicher. 


Spater  wurde  ich  zum  Vorsitzenden  der  «Lesehalle» 
gewahlt.  Das  aber  war  fur  mich  ein  schwieriges  Amt. 
Denn  ich  stand  einer  grolten  Anzahl  der  verschiedensten 
Parteistandpunkte  gegeniiber  und  sah  in  ihnen  alien  das 
relativ  Berechtigte.  Dennoch  kamen  die  Angehdrigen 
der  verschiedenen  Parteien  zu  mir.  Jeder  wollte  mich 
uberzeugen,  daft  nur  seine  Partei  recht  habe.  Als  ich  ge- 
wahlt worden  war,  stimmten  alle  Parteien  fur  mich. 
Denn  bis  dahin  hatten  sie  nur  gehort,  wie  ich  in  den  Ver- 
sammlungen  fur  das  Berechtigte  eingetreten  war.  Als  ich 
ein  halbes  Jahr  Vorsitzender  war,  stimmten  alle  gegen 
mich.  Denn  bis  dahin  hatten  sie  gefunden,  dafi  ich  keiner 
Partei  so  stark  recht  geben  konnte,  als  sie  es  wollte. 

Mein  Geselligkeitstrieb  fand  in  der  «Lesehalle»  reich- 
liche  Befriedigung.  Und  es  wurde  auch  fur  weitere  Kreise 
des  offentlichen  Lebens  das  Interesse  geweckt  durch  die 
Spiegelungen  seiner  Vorgange  im  studentischen  Vereins- 
leben.  Ich  war  damals  bei  mancher  interessanten  Par- 
lamentsdebatte  auf  der  Galerie  des  osterreichischen 
Abgeordneten-  und  Herrenhauses. 

Mich  interessierten  aufter  den  oft  in  das  Leben  tief 
einschneidenden  Mafinahmen  der  Parlamente  ganz  be- 
sonders  die  Personlichkeiten  der  Abgeordneten.  Da  stand 
an  seiner  Bankecke  jedes  Jahr  als  ein  Hauptbudgetredner 
der  feinsinnige  Philosoph  Bartholomaus  Carneri.  Seine 
Worte  hagelten  schneidende  Anklagen  gegen  das  Mini- 
sterium  Taaffe,  sie  bildeten  eine  Verteidigung  des 
Deutschtums  in  Osterreich.  Da  stand  Ernst  von  Plener, 
der  trockene  Redner,  die  unbestrittene  Autoritat  in 
Finanzfragen.  Man  frostelte,  wenn  er  mit  rechnerischer 
Kalte  dem  Finanzminister  Dunajewski  die  Ausgaben 


kritisierte.  Da  donnerte  gegen  die  Nationalitatenpolitik 
der  Ruthene  Tomasczuck.  Man  hatte  das  Gefiihl,  dafi  es 
ihm  auf  die  Erfindung  eines  fur  den  Augenblick  beson- 
ders  gut  gepragten  Wortes  ankam,  um  fiir  die  Minister 
Antipathien  zu  nahren.  Da  redete  bauerlich-schlau,  im- 
mer  gescheit  der  Klerikale  Lienbacher.  Sein  etwas  vor- 
gebeugter  Kopf  liefi,  was  er  sagte,  als  den  AusfluE  ab- 
geklarter  Anschauungen  erscheinen.  Da  redete  in  seiner 
Art  schneidend  der  Jungtscheche  Gregr.  Man  hatte  bei 
ihm  das  Gefiihl,  einen  halben  Demagogen  vor  sich  zu 
haben.  Da  stand  Rieger  von  den  Alttschechen,  ganz  im 
tief  charakteristischen  Sinn  das  verkorperte  Tschechen- 
tum,  wie  es  seit  langer  Zeit  sich  herangebildet  und  in  der 
zweiten  Halfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  zum  Be- 
wulksein  seiner  selbst  gekommen  war.  Ein  in  sich  selten 
abgeschlossener,  seelisch  vollkraftiger,  von  sicherem  Wil- 
len  getragener  Mann.  Da  redete  auf  der  rechten  Seite, 
inmitten  der  Polenbanke,  Otto  Hausner.  Oft  nur  Lese- 
friichte  geistreich  vortragend,  oft  spitz-treffend  nach  alien 
Seiten  des  Hauses  auch  sachlich  berechtigte  Pfeile  mit 
einem  gewissen  Wohlbehagen  sendend.  Ein  zwar  selbst- 
befriedigtes,  aber  gescheites  Auge  blinzelte  hinter  einem 
Monokel,  das  andere  schien  zu  dem  Blinzeln  stets  ein  be- 
friedigtes  «Ja»  zu  sagen.  Ein  Redner,  der  aber  auch  zu- 
weilen  prophetische  Worte  fiir  Osterreichs  Zukunft  schon 
damals  fand.  Man  sollte  heute  nachlesen,  was  er  damals 
gesagt  hat;  man  wiirde  iiber  seinen  Scharfblick  staunen. 
Man  lachte  damals  sogar  iiber  vieles,  was  nach  Jahrzehn- 
ten  bitterer  Ernst  geworden  ist. 


V. 


Zu  Gedanken  iiber  das  offentliche  Leben  Osterreichs,  die 
in  irgend  einer  Art  tiefer  in  meine  Seele  eingegriffen 
hatten,  konnte  ich  damals  nicht  kommen.  Es  blieb  beim 
Beobachten  der  aufierordentlich  komplizierten  Verhalt- 
nisse.  Aussprachen,  die  mir  tieferes  Interesse  abgewan- 
nen,  konnte  ich  nur  mit  Karl  Julius  Schroer  haben.  Ich 
durfte  ihn  gerade  in  dieser  Zeit  oft  besuchen.  Sein  eigenes 
Schicksal  hing  eng  zusammen  mit  dem  der  Deutschen 
Osterreich-Ungarns.  Er  war  der  Sohn  Tobias  Gottfried 
Schroers,  der  in  Prefiburg  ein  deutsches  Lyzeum  leitete 
und  Dramen,  sowie  geschichtliche  und  asthetische 
Biicher  schrieb.  Die  letzteren  sind  mit  dem  Namen 
Chr.  Oeser  erschienen  und  waren  beliebte  Unterrichts- 
biicher.  Die  Dichtungen  Tobias  Gottfried  Schroers 
sind,  trotzdem  sie  zweifellos  bedeutend  sind  und  in 
engeren  Kreisen  grofie  Anerkennung  fanden,  nicht  be- 
kannt  geworden.  Die  Gesinnung,  die  sie  atmeten,  stand 
der  herrschenden  politischen  Stromung  in  Ungarn  ent- 
gegen.  Sie  mufiten  ohne  Verfassernamen  zum  Teil  im 
deutschen  Auslande  erscheinen.  Ware  die  geistige  Rich- 
tung  des  Verfassers  in  Ungarn  bekannt  geworden,  so 
hatte  dieser  nicht  nur  der  Entlassung  aus  dem  Amte, 
sondern  sogar  einer  harten  Bestrafung  gewartig  sein 
miissen. 

Karl  Julius  Schroer  erlebte  so  den  Druck  auf  das 
Deutschtum  schon  in  seiner  Jugend  im  eigenen  Hause. 
Unter  diesem  Druck  entwickelte  er  seine  intime  Hingabe 
an  deutsches  Wesen  und  deutsche  Literatur,  sowie  eine 
grofie  Liebe  zu  allem,  was  an  und  um  Goethe  war.  Die 


«Geschichte  der  deutschen  Dichtung»  von  Gervinus 
war  von  tiefgehendem  Einflufi  auf  ihn. 

Er  ging  in  den  vierziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  nach  Deutschland,  um  an  den  Universitaten 
von  Leipzig,  Halle  und  Berlin  deutsche  Sprach-  und 
Literaturstudien  zu  treiben.  Nach  seiner  Riickkehr  war 
er  zunachst  am  Lyzeum  seines  Vaters  als  Lehrer  der  deut- 
schen Literatur  und  Leiter  eines  Seminars  tatig.  Er  lernte 
nun  die  volkstiimlichen  Weihnachtsspiele,  die  alljahrlich 
von  den  deutschen  Kolonisten  in  der  Umgebung  von 
Prefiburg  gespielt  wurden,  kennen.  Da  war  deutsches 
Volkstum  in  fur  ihn  tief  sympathischer  Art  vor  seiner 
Seele.  Die  vor  Jahrhunderten  aus  westlicheren  Gegenden 
in  Ungarn  eingewanderten  Deutschen  hatten  sich  diese 
Spiele  aus  der  alten  Heimat  mitgebracht  und  spielten  sie 
so  weiter,  wie  sie  sie  um  das  Weihnachtsfest  in  alten  Zeiten 
in  Gegenden,  die  wohl  in  der  Nahe  des  Rheines  gelegen 
waren,  aufgefuhrt  hatten.  Die  Paradieseserzahlung,  die 
Geburt  Christi,  die  Erscheinung  der  drei  Konige  lebten 
auf  volkstumliche  Art  in  diesen  Spielen.  Schroer  ver- 
offentlichte  sie  dann  nach  dem  Anhoren  oder  nach  der 
Einsichtnahme  in  die  alten  Manuskripte,  die  er  bei  den 
Bauern  zu  sehen  bekam,  unter  dem  Titel  «Deutsche 
Weihnachtsspiele  aus  Ungarn». 

Das  liebevolle  Einleben  in  deutsches  Volkstum  nahm 
Schroers  Seele  immer  mehr  in  Anspruch.  Er  machte  Rei- 
sen,  um  die  deutschen  Mundarten  in  den  verschiedensten 
Gebieten  Osterreichs  zu  studieren.  Uberall,  wo  deutsches 
Volkstum  in  den  slawischen,  magyarischen,  italienischen 
Landesteilen  der  Donaumonarchie  eingestreut  war,  wollte 
er  dessen  Eigenart  kennen  lernen.  So  entstanden  seine 


Worterbiicher  und  Grammatiken  der  Zipser  Mundart, 
die  im  Siiden  der  Karpaten  heimisch  war,  der  Gottscheer 
Mundart,  die  bei  einem  kleinen  deutschen  Volksteil  in 
Krain  lebte,  der  Sprache  der  Heanzen,  die  im  westlichen 
Ungarn  gesprochen  wurde. 

Fur  Schroer  waren  diese  Studien  niemals  eine  bloft 
wissenschaftliche  Aufgabe.  Er  lebte  mit  ganzer  Seele  in 
den  Offenbarungen  des  Volkstums  und  wollte  dessen 
Wesen  durch  Wort  und  Schrift  zum  Bewufitsein  derjeni- 
gen  Menschen  bringen,  die  aus  ihm  durch  das  Leben 
herausgerissen  sind.  Er  wurde  dann  Professor  in  Buda- 
pest. Da  konnte  er  sich  der  damals  herrschenden  Stro- 
mung  gegeniiber  nicht  wohl  fiihlen.  So  iibersiedelte  er 
denn  nach  Wien,  wo  ihm  zunachst  die  Leitung  der  evan- 
gelischen  Schulen  ubertragen  und  wo  er  spater  Professor 
fur  deutsche  Sprache  und  Literatur  wurde.  Als  er  schon 
diese  Stellung  innehatte,  durfte  ich  ihn  kennen  lernen 
und  ihm  naher  treten.  In  der  Zeit,  da  dies  geschah,  war 
sein  ganzes  Sinnen  und  Leben  Goethe  zugewendet.  Er 
arbeitete  an  der  Ausgabe  und  Einleitung  des  zweiten 
Teiles  des  «Faust»  und  hatte  den  ersten  Teil  bereits 
erscheinen  lassen. 

Wenn  ich  zu  Besuchen  in  die  kleine  Bibliothek 
Schroers  kam,  die  zugleich  sein  Arbekszimmer  war, 
fuhlte  ich  mich  in  einer  geistigen  Atmosphare,  die  mei- 
nem  Seelenleben  in  starkem  Mafie  wohltat.  Ich  wufite 
schon  damals,  wie  Schroer  von  den  Bekennern  der  herr- 
schend  gewordenen  literarhistorischen  Methoden  wegen 
seiner  Schriften,  namentlich  wegen  seiner  «Geschichte 
der  deutschen  Dichtung  im  neunzehnten  Jahrhundert» 
angefeindet  wurde.  Er  schrieb  nicht  so  wie  etwa  die  Mit- 


glieder  der  Scherer-Schule,  die  wie  ein  Naturforscher  die 
literarischen  Erscheinungen  behandelten.  Er  trug  ge- 
wisse  Empfindungen  und  Ideen  iiber  die  literarischen 
Erscheinungen  in  sich  und  sprach  diese  rein  mensch- 
lich  aus,  ohne  viel  das  Auge  im  Zeitpunkt  des  Schrei- 
bens  auf  die  «Quellen»  zu  lenken.  Man  hat  sogar  ge- 
sagt,  er  habe  seine  Darstellung  «aus  dem  Handgelenk 
hingeschrieben». 

Mich  interessierte  das  wenig.  Ich  erwarmte  geistig, 
wenn  ich  bei  ihm  war.  Ich  durfte  stundenlang  an  seiner 
Seite  sitzen.  Aus  seinem  begeisterten  Herzen  lebten  in 
seiner  miindlichen  Darstellung  die  Weihnachtsspiele,  der 
Geist  der  deutschen  Mundarten,  der  Verlauf  des  litera- 
rischen Lebens  auf.  Das  Verhaltnis  der  Mundart  zu  der 
Bildungssprache  wurde  mir  praktisch  anschaulich.  Eine 
wahre  Freude  hatte  ich,  als  er  mir,  was  er  auch  schon  in 
Vorlesungen  getan  hatte,  von  dem  Dichter  in  niederoster- 
reichischer  Mundart,  Joseph  Misson,  sprach,  der  die 
herrliche  Dichtung  «Da  Naaz,  a  niederosterreichischer 
Baurnbua,  geht  ind  Fremd»  geschrieben  hat.  Schroer  gab 
mir  dann  immer  Biicher  aus  seiner  Bibliothek  mit,  in 
denen  ich  weiterverfolgen  konnte,  was  Inhalt  des  Ge- 
spraches  war.  Ich  hatte  wirklich  immer,  wenn  ich  so 
allein  mit  Schroer  salS,  das  Gefiihl,  daft  noch  ein  Dritter 
anwesend  war:  Goethes  Geist.  Denn  Schroer  lebte  so 
stark  in  Goethes  Wesen  und  Werken,  dafi  er  bei  jeder 
Empfindung  oder  Idee,  die  in  seiner  Seele  auftraten, 
sich  gefuhlsmaftig  die  Frage  vorlegte:  Wiirde  Goethe 
so  empfunden  oder  gedacht  haben? 

Ich  horte  geistig  mit  der  allergrofiten  Sympathie  alles, 
was  von  Schroer  kam.  Dennoch  konnte  ich  nicht  anders, 


als  auch  ihm  gegeniiber,  das,  wonach  ich  geistig  intim 
strebte,  in  der  eigenen  Seele  ganz  unabhangig  aufbauen. 
Schroer  war  Idealist;  und  die  Ideenwelt  als  solche  war  fur 
ihn  das,  was  in  Natur-  und  Menschenschopfung  als  trei- 
bende  Kraft  wirkte.  Mir  war  die  Idee  der  Schatten  einer 
voll-lebendigen  Geisteswelt.  Ich  fand  es  damals  sogar 
schwierig,  fur  mich  selbst  den  Unterschied  zwischen 
Schroers  und  meiner  Denkungsart  in  Worte  zu  bringen. 
Er  redete  von  Ideen  als  von  den  treibenden  Machten  in 
der  Geschichte.  Er  fuhlte  Leben  in  dem  Dasein  der  Ideen. 
Fur  mich  war  das  Leben  des  Geistes  hinter  den  Ideen,  und 
diese  nur  dessen  Erscheinung  in  der  Menschenseele.  Ich 
konnte  damals  kein  anderes  Wort  fur  meine  Denkungs- 
art finden  als  «objektiver  Idealismus».  Ich  wollte  damit 
sagen,  dafi  fur  mich  das  Wesentliche  an  der  Idee  nicbt  ist, 
dafi  sie  im  menschlichen  Subjekt  erscheint,  sondern  daft 
sie  wie  etwa  die  Farbe  am  Sinneswesen  an  dem  geisti- 
gen  Objekte  erscheint,  und  da£  die  menschliche  Seele  — 
das  Subjekt  —  sie  da  wahrnimmt,  wie  das  Auge  die 
Farbe  an  einem  Lebewesen. 

Meiner  Anschauung  kam  aber  Schroer  in  hohem  Grade 
mit  seiner  Ausdrucksform  entgegen,  wenn  wir  das  be- 
sprachen,  was  sich  als  «Volksseele»  offenbart.  Er  sprach 
von  dieser  als  von  einem  wirkKchen  geistigen  Wesen,  das 
sich  in  der  Gesamtheit  der  einzelnen  Menschen,  die  zu 
einem  Volke  gehoren,  darlebt.  Da  nahmen  seine  Worte 
einen  Charakter  an,  der  nicht  blofi  auf  die  Bezeichnung 
einer  abstrakt  gehaltenen  Idee  ging.  Und  so  betrachteten 
wir  beide  das  Gefiige  des  alten  Osterreich  und  die  in  dem- 
selben  wirksamen  Individualitaten  der  Volksseelen.  — 
Von  dieser  Seite  war  es  mir  moglich,  Gedanken  iiber  die 


offentlichen  Zustande  zu  fassen,  die  tiefer  in  mein  Seelen- 
leben  eingriffen. 

So  hing  ganz  stark  in  der  damaligen  Zeit  mein  Erleben 
mit  meinem  Verhaltnis  zu  Karl  Julius  Schroer  zusam- 
men.  Was  ihm  aber  ferner  lag,  und  womit  ich  vor  allem 
nach  einer  innerlichen  Auseinandersetzung  strebte,  das 
waren  die  Naturwissenschaften.  Ich  wollte  auch  meinen 
«objektiven  Idealismus»  im  Einklange  mit  der  Natur- 
erkenntnis  wissen. 

Es  war  in  der  Zeit  meines  lebhaftesten  Verkehrs  mit 
Schroer,  als  mir  die  Frage  nach  dem  Verhaltnis  von  gei- 
stiger  und  natiirlicher  Welt  in  erneuerter  Art  vor  die 
Seele  trat.  Es  geschah  dies  zunachst  noch  ganz  unab- 
hangig  von  Goethes  naturwissenschaftlicher  Denkungs- 
art.  Denn  auch  Schroer  konnte  mir  nichts  Entscheidendes 
iiber  dieses  Gebiet  Goethe'schen  Schaffens  sagen.  Er  hatte 
seine  Freude  dariiber,  wenn  er  bei  diesem  oder  jenem 
Naturforscher  eine  wohlwollende  Anerkennung  von 
Goethes  Betrachtung  des  Pflanzen-  und  Tierwesens  fand. 
Fur  die  Farbenlehre  Goethes  traf  er  aber  iiberall  bei 
naturwissenschaftlich  Gebildeten  entschiedene  Ableh- 
nung.  So  entwickelte  er  nach  dieser  Richtung  keine 
besondere  Meinung. 

Mein  Verhaltnis  zur  Naturwissenschaft  wurde  in  die- 
ser Zeit  meines  Lebens,  trotzdem  ich  im  Umgange  mit 
Schroer  an  Goethes  Geistesleben  nahe  herankam,  von  die- 
ser Seite  her  nicht  beeinflufk.  Es  bildete  sich  vielmehr  an 
den  Schwierigkeiten  aus,  die  ich  hatte,  wenn  ich  die  Tatsa- 
chen  der  Optik  im  Sinne  der  Physiker  nachdenken  sollte. 

Ich  fand,  dafi  man  das  Licht  und  den  Schall  in  der 
naturwissenschaftlichen  Betrachtung  in  einer  Analogie 


dachte,  die  unstatthaft  ist.  Man  sprach  von  «Schall  im 
Allgemeinen»  und  «Licht  im  Allgemeinen».  Die  Analo- 
gic lag  im  Folgenden:  man  sieht  die  einzelnen  Tone  und 
Klange  als  besonders  modifizierte  Luftschwingungen  an, 
und  das  Objektive  des  Schalles,  aufier  dem  menschlichen 
Erlebnis  der  Schallempfindung,  als  einen  Schwingungs- 
zustand  der  Luft.  Ahnlich  dachte  man  fur  das  Licht.  Man 
definierte,  was  aufier  dem  Menschen  sich  abspielt,  wenn 
er  eine  durch  das  Licht  bewirkte  Erscheinung  wahr- 
nimmt,  als  Schwingung  im  Ather.  Die  Farben  sind  dann 
besonders  gestaltete  Atherschwingungen.  Mir  wurde  da- 
mals  diese  Analogie  zu  einem  wahren  Peiniger  meines 
Seelenlebens.  Denn  ich  vermeinte,  vollig  im  klaren  dar- 
iiber  zu  sein,  dafi  der  Begriff  «Schall»  nur  eine  abstrakte 
Zusammenfassung  der  einzelnen  Vorkommnisse  in  der 
tonenden  Welt  ist,  wahrend  «Licht»  fiir  sich  ein  Kon- 
kretes  gegeniiber  den  Erscheinungen  in  der  beleuchteten 
Welt  darstellt.  —  «Schall»  war  fiir  mich  ein  zusammen- 
gefafiter  abstrakter  Begriff,  «Licht»  eine  konkrete  Wirk- 
lichkeit.  Ich  sagte  mir,  das  Licht  wird  gar  nicht  sinnlich 
wahrgenommen;  es  werden  «Farben»  wahrgenommen 
durch  Licht,  das  sich  in  der  Farbenwahrnehmung  iiberall 
offenbart,  aber  nicht  selbst  sinnlich  wahrgenommen  wird. 
«Weifies»  Licht  ist  nicht  Licht,  sondern  schon  eine  Farbe. 

So  wurde  mir  das  Licht  eine  wirkliche  Wesenheit  in 
der  Sinneswelty  die  aber  selbst  aufiersinnlich  ist.  Es  trat 
nun  der  Gegensatz  des  Nominalismus  und  Realismus  vor 
meiner  Seele  auf,  wie  er  sich  innerhalb  der  Scholastik 
ausgebildet  hat.  Man  behauptete  bei  den  Realisten,  die 
Begriffe  seien  Wesenhaftes,  das  in  den  Dingen  lebt  und 
nur  von  der  menschlichen  Erkenntnis  aus  ihnen  heraus- 


geholt  wird.  Die  Nominalisten  fafiten  dagegen  die  Be- 
griffe  nur  als  vom  Menschen  geformte  Namen  auf,  die 
Mannigfaltiges  in  den  Dingen  zusammenfassen,  in  diesen 
selbst  aber  kein  Dasein  haben.  Ich  empfand  nun,  man 
miisse  die  Schall-Erlebnisse  auf  nominalistische  und  die 
Erlebnisse,  die  durch  das  Licht  da  sind,  auf  realistische 
Art  ansehen. 

Ich  trat  mit  dieser  Orientierung  an  die  Optik  der  Phy- 
siker  heran.  Ich  mufite  in  dieser  vieles  ablehnen.  Da  ge- 
langte  ich  zu  Anschauungen,  die  mir  den  Weg  zu  Goethes 
Farbenlehre  bahnten.  Von  dieser  Seite  her  offnete  ich  mir 
das  Tor  zu  Goethes  naturwissenschaftlichen  Schriften. 
Ich  brachte  zunachst  kleine  Abhandlungen,  die  ich  aus 
meinen  naturwissenschaftlichen  Anschauungen  heraus 
schrieb,  zu  Schroer.  Er  konnte  damit  nicht  viel  machen. 
Denn  sie  waren  noch  nicht  aus  Goethes  Anschauungsart 
heraus  gearbeitet,  sondern  ich  hatte  am  Schlusse  nur  die 
kurze  Bemerkung  angebracht:  wenn  man  dazu  kommen 
werde,  iiber  die  Natur  so  zu  denken,  wie  ich  es  dargestellt 
habe,  dann  erst  werde  Goethes  Naturforschung  in  der 
Wissenschaft  Gerechtigkeit  widerfahren.  Schroer  hatte 
innige  Freude,  wenn  ich  dergieichen  aussprach;  aber  dar- 
iiber  hinaus  kam  es  zunachst  nicht.  Die  Situation,  in  der 
ich  mich  befand,  wird  wohl  durch  folgenden  Vorfall  cha- 
rakterisiert.  Schroer  erzahlte  mir  eines  Tages,  er  habe  mit 
einem  Kollegen  gesprochen,  der  Physiker  sei.  Ja,  sagte 
dieser,  Goethe  habe  sich  gegen  Newton  aufgelehnt,  und 
Newton  war  doch  «solch  ein  Genie»;  darauf  habe  er, 
Schroer,  erwidert:  aber  Goethe  sei  doch  «auch  ein  Genie » 
gewesen.  So  fiihlte  ich  mich  doch  wieder  mit  einer 
Ratselfrage,  mit  der  ich  rang,  ganz  allein. 


In  den  Anschauungen,  die  ich  iiber  die  physikalische 
Optik  gewann,  schien  sich  mir  die  Briicke  zu  bauen  von 
den  Einsichten  in  die  geistige  Welt  zu  denen,  die  aus  der 
naturwissenschaftlichen  Forschung  kommen.  Ich  emp- 
fand  damals  die  Notwendigkeit,  durch  eigenes  Gestalten 
gewisser  optischer  Experimente  die  Gedanken,  die  ich 
iiber  das  Wesen  des  Lichtes  und  der  Farben  ausgebildet 
hatte,  an  der  sinnlichen  Erfahmng  zu  priifen.  Es  war  fur 
mich  nicht  leicht,  die  Dinge  zu  kaufen,  die  fur  solche 
Experimente  notwendig  waren.  Denn  die  durch  Privat- 
unterricht  erworbenen  Mittel  waren  schmal  genug.  Was 
mir  nur  irgend  moglich  war,  tat  ich,  um  fur  die  Licht- 
lehre  zu  Experimentanordnungen  zu  kommen,  die  wirk- 
lich  zu  einer  vorurteilslosen  Einsicht  in  die  Tatsachen 
der  Natur  auf  diesem  Gebiete  fiihren  konnten. 

Mit  den  gebrauchlichen  Versuchsanordnungen  der 
Physiker  war  ich  durch  die  Arbeiten  in  dem  Reitlinger- 
schen  physikalischen  Laboratorium  bekannt.  Die  mathe- 
matische  Behandlung  der  Optik  war  mir  gelaufig,  denn 
ich  hatte  gerade  iiber  dieses  Gebiet  eingehende  Studien 
gemacht.  —  Trotz  aller  Einwande,  die  von  seiten  der  Phy- 
siker gegen  die  Goethe'sche  Farbenlehre  gemacht  werden, 
wurde  ich  durch  meine  eigenen  Experimente  immer 
mehr  von  der  gebrauchlichen  physikalischen  Ansicht  zu 
Goethe  hin  getrieben.  Ich  wurde  gewahr,  wie  alles  der- 
artige  Experimentieren  nur  ein  Herstellen  von  Tatsachen 
«am  Lkhte»  —  um  einen  Goethe'schen  Ausdruck  zu  ge- 
brauchen  —  sei,  nicht  ein  Experimentieren  «mit  dem 
Lichte»  selbst.  Ich  sagte  mir:  die  Farbe  wird  nicht  nach 
Newton'scher  Denkungsweise  aus  dem  Lichte  hervor- 
geholt;  sie  kommt  zur  Erscheinung,  wenn  dem  Lichte 


Hindernisse  seiner  freien  Entfaltung  entgegengebracht 
werden.  Mir  schien,  clafi  dies  aus  den  Experimenten 
unmittelbar  abzulesen  sei. 

Damit  aber  war  fur  mich  das  Licht  aus  der  Reihe  der 
eigentlichen  physikalischen  Wesenhaftigkeiten  ausge- 
schieden.  Es  stellte  sich  als  eine  Zwischenstufe  dar  zwi- 
schen  den  fur  die  Sinne  fafibaren  Wesenhaftigkeiten  und 
den  im  Geiste  anschaubaren. 

Ich  war  abgeneigt,  iiber  diese  Dinge  mich  blofi  in 
philosophischen  Denkvorgangen  zu  bewegen.  Aber  ich 
hielt  sehr  viel  darauf,  die  Tatsachen  der  Natur  richtig  zu 
lesen.  Und  da  wurde  mir  immer  klarer,  wie  das  Licht 
selbst  in  den  Bereich  des  Sinnlich-Anschaubaren  nicht 
eintritt,  sondern  jenseits  desselben  bleibt,  wahrend  die 
Farben  erscheinen,  wenn  das  Sinnlich-Anschaubare  in 
den  Bereich  des  Lichtes  gebracht  wird. 

Ich  fuhlte  mich  nun  genotigt,  neuerdings  von  den  ver- 
schiedensten  Seiten  her  an  die  naturwissenschaftlichen 
Erkenntnisse  heranzudringen.  Ich  wurde  wieder  zum  Stu- 
dium  der  Anatomie  und  Physiologie  gefuhrt.  Ich  betrach- 
tete  die  Glieder  des  menschlichen,  des  tierischen  und 
pflanzlichen  Organismus  in  ihren  Gestaltungen.  Ich  kam 
dadurch  in  meiner  Art  auf  die  Goethe'sche  Metamor- 
phosenlehre.  Ich  wurde  immer  mehr  gewahr,  wie  das  fur 
die  Sinne  erfafibare  Naturbild  zu  dem  hindrangt,  was 
mir  auf  geistige  Art  anschaubar  war. 

Blickte  ich  in  dieser  geistigen  Art  auf  die  seelische  Reg- 
samkeit  des  Menschen,  auf  Denken,  Fuhlen  und  Wollen, 
so  gestaltete  sich  mir  der  « geistige  Mensch»  bis  zur  bild- 
haften  Anschaulichkeit.  Ich  konnte  nicht  stehen  bleiben 
bei  den  Abstraktionen,  an  die  man  gewohnlich  denkt, 


wenn  man  von  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  spricht.  Ich 
sah  in  diesen  inneren  Lebensoffenbarungen  schaffende 
Krafte,  die  den  «Menschen  als  Geist»  im  Geiste  vor  mich 
hinstellten.  Blickte  ich  dann  auf  die  sinnliche  Erschei- 
nung  des  Menschen,  so  erganzte  sich  mir  diese  im  be- 
trachtenden  Blicke  durch  die  Geistgestalt,  die  im  Sinn- 
lich-Anschaubaren  waltet. 

Ich  kam  auf  die  sinnlich-ubersinnliche  Form,  von  der 
Goethe  spricht,  und  die  sich  sowohl  fur  eine  wahrhaft 
naturgemafie  wie  auch  fur  eine  geistgemafie  Anschau- 
ung  zwischen  das  Sinnlich-Erfafibare  und  das  Geistig- 
Anschaubare  einschiebt. 

Anatomie  und  Physiologie  drangten  Schritt  fiir  Schntt 
zu  dieser  sinnlich-ubersinnlichen  Form.  Und  in  diesem 
Drangen  fiel  mein  Blick  zuerst  in  einer  noch  ganz  un- 
vollkommenen  Art  auf  die  Dreigliederung  der  mensch- 
lichen  Wesenheit,  von  der  ich  erst,  nachdem  ich  im  stil- 
len  dreifiig  Jahre  lang  die  Studien  iiber  sie  getrieben 
hatte,  offentlich  in  meinem  Buche  «Von  Seelenratseln» 
zu  sprechen  begann.  Zunachst  wurde  mir  klar,  dafi  in 
dem  Teile  der  menschlichen  Organisation,  in  der  die  Bil- 
dung  am  meisten  nach  dem  Nerven-  und  Sinneshaften 
hin  orientiert  ist,  die  sinnlich-ubersinnliche  Form  auch 
am  starksten  in  dem  Sinnlich-Anschaubaren  sich  aus- 
pragt.  Die  Kopforganisation  erschien  mir  als  diejenige, 
an  der  das  Sinnlich-Ubersinnliche  auch  am  starksten  in 
der  sinnlichen  Form  zur  Anschauung  kommt.  Die  Glied- 
mafien-Organisation  dagegen  mufite  ich  als  diejenige  an- 
sehen,  in  der  sich  das  Sinnlich-Ubersinnliche  am  meisten 
verbirgt,  so  daft  in  ihr  die  in  der  aufiermenschlichen  Na- 
tur  wirksamen  Krafte  sich  in  die  menschliche  Bildung 


hinein  fortsetzen.  Zwischen  diesen  Polen  der  mensch- 
lichen  Organisation  schien  mir  alles  das  zu  stehen,  was 
auf  rhythmische  Art  sich  darlebt,  die  Atmungs-  und 
Zirkulationsorganisation  usw. 

Ich  fand  damals  niemanden,  zu  dem  ich  von  diesen 
Anschauungen  hatte  sprechen  konnen.  Deutete  ich  da 
oder  dort  etwas  von  ihnen  an,  so  sah  man  sie  als  das  Er- 
gebnis  einer  philosophischen  Idee  an,  wahrend  ich  doch 
gewifi  war,  da£  sie  sich  mir  aus  einer  vorurteilsfreien 
anatomischen  und  physiologischen  Erfahrungserkenntnis 
heraus  geoffenbart  hatten. 

In  der  Stimmung,  die  auf  meiner  Seele  aus  solcher 
Vereinsamung  mit  Anschauungen  lastete,  fand  ich  nur 
innere  Erlosung,  indem  ich  immer  wieder  das  Gesprach 
las,  das  Goethe  mit  Schiller  gefuhrt  hatte,  als  die  beiden 
aus  einer  Versammlung  der  naturforschenden  Gesell- 
schaft  in  Jena  zusammen  weggingen.  Sie  waren  beide 
darin  einig,  da£  man  die  Natur  nicht  in  einer  so  zerstiik- 
kelten  Art  betrachten  diirfe,  wie  das  von  dem  Botaniker 
Batsch  in  dem  Vortrage,  den  sie  gehort  hatten,  geschehen 
war.  Und  Goethe  zeichnete  vor  Schillers  Augen  mit  ein 
paar  Strichen  seine  «Urpflanze»  hin.  Sie  stellte  durch 
eine  sinnlich-iibersinnliche  Form  die  Pflanze  als  ein 
Ganzes  dar,  aus  dem  Blatt,  Bliite  usw.  sich,  das  Ganze 
im  einzelnen  nachbildend,  herausgestalten.  Schiller 
konnte  wegen  seines  damals  noch  nicht  iiberwundenen 
Kant'schen  Standpunktes  in  diesem  «Ganzen»  nur  eine 
«Idee»  sehen,  die  sich  die  menschliche  Vernunft  durch 
die  Betrachtung  der  Einzelheiten  bildet.  Goethe  wollte 
das  nicht  gelten  lassen.  Er  «sah»  geistig  das  Ganze,  wie 
er  sinnlich  die  Einzelheit  sah.  Und  er  gab  keinen  prin- 


zipiellen  Unterschied  zu  zwischen  der  geistigen  und  sinn- 
Hchen  Anschauung,  sondern  nur  einen  Ubergang  von 
der  einen  zur  andern.  Ihm  war  klar,  daft  beide  den  An- 
spruch  erheben,  in  der  erfahrungsgemaften  Wirklichkeit 
zu  stehen.  Aber  Schiller  kam  nicht  los  davon,  zu  behaup- 
ten:  die  Urpflanze  sei  keine  Erfahrung,  sondern  eine  Idee. 
Da  erwiderte  denn  Goethe  aus  seiner  Denkungsart  her- 
aus,  dann  sehe  er  eben  seine  Ideen  mit  Augen  vor  sich. 

Es  war  fur  mich  die  Beruhigung  eines  langen  Ringens 
in  der  Seele,  was  mir  aus  dem  Verstandnis  dieser  Goethe- 
Worte  entgegenkam,  zu  denen  ich  durchgedrungen  zu 
sein  glaubte.  Goethes  Naturanschauung  stellte  sich  mir 
als  eine  geistgemafie  vor  die  Seele. 

Ich  mulke  nun,  durch  eine  innere  Notwendigkeit  ge- 
trieben,  Goethes  naturwissenschaftliche  Schriften  in  alien 
Einzelheiten  durcharbeiten.  Ich  dachte  zunachst  nicht 
daran,  eine  Erklarung  dieser  Schriften  zu  versuchen,  wie 
ich  sie  dann  bald  in  den  Einleitungen  zu  denselben  in 
«Kiirschners  Deutscher  Nationalliteratur»  veroffentlicht 
habe.  Ich  dachte  vielmehr  daran,  irgendein  Gebiet  der 
Naturwissenschaft  selbstandig  so  darzustellen,  wie  mir 
diese  Wissenschaft  nun  als  «geistgemafi»  vorschwebte. 

Um  an  dergleichen  wirkhch  zu  kommen,  war  mein 
aufieres  Leben  in  der  damaligen  Zeit  nicht  gestaltet.  Ich 
mufite  Privatunterricht  auf  den  verschiedensten  Gebieten 
geben.  Die  «padagogischen»  Situationen,  in  die  ich  mich 
hineinzufinden  hatte,  waren  mannigfaltig  genug.  So 
tauchte  einmal  ein  preufiischer  Offizier  in  Wien  auf,  der 
aus  irgend  einem  Grunde  den  deutschen  Heeresdienst 
hatte  verlassen  miissen.  Er  wollte  sich  zum  Eintritt  in  das 
osterreichische  Heer  als  Genieoffizier  vorbereiten.  Durch 


eine  besondere  Schicksalsfiigung  wurde  ich  sein  Lehrer 
in  den  mathematischen  und  naturwissenschaftlichen  Fa- 
chern.  Ich  hatte  an  diesem  «Unterrichten»  die  tiefste  Be- 
friedigung.  Denn  mein  «Schiiler»  war  ein  ganz  aufter- 
ordentlich  liebenswiirdiger  Mann,  der  nach  menschlicher 
Unterhaltung  mit  mir  drangte,  wenn  wir  die  mathema- 
tischen und  mechanischen  Entwickelungen  hinter  uns 
hatten,  die  er  fur  seine  Vorbereitung  brauchte.  —  Auch 
in  andern  Fallen,  so  bei  absolvierten  Studenten,  die  sich 
zum  Doktorexamen  vorbereiteten,  mufite  ich  nament- 
lich  die  mathematischen  und  naturwissenschaftlichen 
Erkenntnisse  vermitteln. 

Ich  hatte  durch  diese  Notigung,  das  Naturwissen- 
schaftliche  der  damaligen  Zeit  immer  wieder  durchzu- 
arbeiten,  genug  Gelegenheit,  mich  in  die  Zeitanschau- 
ungen  auf  diesem  Gebiete  einzuleben.  Ich  konnte  ja 
im  Unterrichten  nur  diese  Zeitanschauungen  vermit- 
teln; woran  mir  am  meisten  in  bezug  auf  Natur- 
Erkenntnis  gelegen  war,  mufke  ich  still  in  mir  ver- 
schlossen  tragen. 

Meine  Betatigung  als  Privatlehrer,  die  mir  in  jener 
Zeit  die  einzige  Lebensmoglichkeit  eroffnete,  bewahrte 
mich  vor  Einseitigkeit.  Ich  mufke  vieles  aus  dem  Grunde 
selbst  lernen,  um  es  unterrichten  zu  konnen.  So  lebte  ich 
mich  in  die  «Geheimnisse»  der  Buchhaltung  ein,  weil  ich 
Gelegenheit  fand,  gerade  auf  diesem  Gebiete  Unterricht 
zu  erteilen. 

Auch  auf  dem  Gebiete  des  padagogischen  Denkens 
kam  mir  von  Schroer  die  fruchtbarste  Anregung.  Er  hatte 
als  Direktor  der  evangelischen  Schulen  in  Wien  jahre- 
lang  gewirkt  und  seine  Erfahrungen  in  dem  liebenswur- 


digen  Biichlein  «Unterrichtsfragen»  ausgesprochen.  Was 
ich  darinnen  las,  konnte  dann  mit  ihm  besprochen  wer- 
den.  Er  sprach  in  bezug  auf  Erziehen  und  Unterrichten 
oft  gegen  das  blofie  Beibringen  von  Kenntnissen,  und 
fur  die  Entwickelung  der  ganzen,  vollen  Menschen- 
wesenheit. 


VI. 


Auf  padagogischem  Gebiete  brachte  mir  das  Schicksal 
eine  besondere  Aufgabe.  Ich  wurde  als  Erzieher  in  eine 
Familie  empfohlen,  in  der  vier  Knaben  waren.  Dreien 
hatte  ich  nur  erst  den  vorbereitenden  Volksschul-  und 
dann  den  Nachhilfeunterricht  fur  die  Mittelschule  zu 
geben.  Der  vierte,  der  ungefahr  zehn  Jahre  alt  war, 
wurde  mir  zunachst  zur  vollstandigen  Erziehung  iiber- 
geben.  Er  war  das  Sorgenkind  der  Eltern,  besonders  der 
Mutter.  Er  hatte,  als  ich  ins  Haus  kam,  sich  kaum  die 
allerersten  Elemente  des  Lesens,  Schreibens  und  Rech- 
nens  erworben.  Er  gait  als  abnormal  in  seiner  korper- 
lichen  und  seelischen  Entwickelung  in  einem  so  hohen 
Grade,  dafi  man  in  der  Familie  an  seiner  Bildungsfahig- 
keit  zweifelte.  Sein  Denken  war  langsam  und  trage.  Selbst 
geringe  geistige  Anstrengung  bewirkte  Kopfschmerz, 
Herabstimmung  der  Lebenstatigkeit,  Blaftwerden,  be- 
sorgniserregendes  seelisches  Verhalten. 

Ich  bildete  mir,  nachdem  ich  das  Kind  kennen  gelernt 
hatte,  das  Urteil,  dafi  eine  diesem  korperlichen  und  see- 
lischen Organismus  entsprechende  Erziehung  die  schlum- 
mernden  Fahigkeiten  zum  Erwachen  bringen  musse;  und 
ich  machte  den  Eltern  den  Vorschlag,  mir  die  Erziehung 
zu  iiberlassen.  Die  Mutter  des  Knaben  brachte  diesem 
Vorschlage  Vertrauen  entgegen,  und  dadurch  konnte  ich 
mir  diese  besondere  padagogische  Aufgabe  stellen. 

Ich  mulke  den  Zugang  zu  einer  Seele  finden,  die  sich 
zunachst  wie  in  einem  schlafahnlichen  Zustande  befand 
und  die  allmahlich  dazu  zu  bringen  war,  die  Herrschaft 
iiber  die  Korperaufterungen  zu  gewinnen.  Man  hatte 


gewissermafien  die  Seele  erst  in  den  Korper  einzuschal- 
ten.  Ich  war  von  dem  Glauben  durchdrungen,  daft  der 
Knabe  zwar  verborgene,  aber  so  gar  grofie  geistige  Fahig- 
keiten  habe.  Das  gestaltete  mir  meine  Aufgabe  zu  einer 
tief  befriedigenden.  Ich  konnte  das  Kind  bald  zu  einer 
liebevollen  Anhanglichkeit  an  mich  bringen.  Das  be- 
wirkte,  dafi  der  blofie  Verkehr  mit  demselben  die  schlum- 
mernden  Seelenfahigkeiten  zum  Erwachen  brachte.  Fiir 
das  Unterrichten  mufite  ich  besondere  Methoden  ersin- 
nen.  Jede  Viertelstunde,  die  iiber  ein  gewisses  dem  Un- 
terricht  zugeteiltes  Zeitmafi  hinausging,  bewirkte  eine 
Beeintrachtigung  des  Gesundheitszustandes.  Zu  man- 
chen  Unterrichtsfachern  konnte  der  Knabe  nur  sehr 
schwer  ein  Verhaltnis  finden. 

Diese  Erziehungsaufgabe  wurde  fiir  mich  eine  reiche 
Quelle  des  Lernens.  Es  eroffnete  sich  mir  durch  die  Lehr- 
praxis,  die  ich  anzuwenden  hatte,  ein  Einblick  in  den  Zu- 
sammenhang  zwischen  Geistig-Seelischem  und  Korper- 
lichem  im  Menschen.  Da  machte  ich  mein  eigentliches 
Studium  in  Physiologie  und  Psychologie  durch.  Ich  wurde 
gewahr,  wie  Erziehung  und  Unterricht  zu  einer  Kunst 
werden  miissen,  die  in  wirklicher  Menschen-Erkennt- 
nis  ihre  Grundlage  hat.  Ein  okonomisches  Prinzip  hatte 
ich  sorgfaltig  durchzufiihren.  Ich  muftte  mich  oft  fiir 
eine  halbe  Unterrichtsstunde  zwei  Stunden  lang  vorbe- 
reiten,  um  den  Unterrichtsstoff  so  zu  gestalten,  dafi  ich 
dann  in  der  geringsten  Zeit  und  mit  moglichst  wenig  An- 
spannung  der  geistigen  und  korperlichen  Krafte  ein 
Hochstmafi  der  Leistungsfahigkeit  des  Knaben  erreichen 
konnte.  Die  Reihenfolge  der  Unterrichtsfacher  mufite 
sorgfaltig  erwogen,  die  ganze  Tageseinteilung  sach- 


gemafi  bestimmt  werden.  Ich  hatte  die  Befriedigung,  daft 
der  Knabe  im  Verlaufe  von  zwei  Jahren  den  Volksschul- 
unterricht  nachgeholt  hatte  und  die  Reifepriifung  in  das 
Gymnasium  bestehen  konnte.  Auch  seine  Gesundheits- 
verhaltnisse  hatten  sich  wesentlich  gebessert.  Die  vor- 
handene  Hydrocephalic  war  in  starker  Riickbildung  be- 
griffen.  Ich  konnte  den  Eltern  den  Vorschlag  machen, 
den  Knaben  in  die  offentliche  Schule  zu  schicken.  Es  er- 
schien  mir  notig,  daft  er  seine  Lebensentwickelung  im 
Verein  mit  andern  Knaben  finde.  Ich  blieb  als  Erzieher  in 
der  Familie  fur  mehrere  Jahre  und  widmete  mich  beson- 
ders  diesem  Knaben,  der  ganz  darauf  angewiesen  war, 
seinen  Weg  durch  die  Schule  so  zu  nehmen,  daft  seine 
hausliche  Betatigung  in  dem  Geiste  fortgefiihrt  wurde, 
in  dem  sie  begonnen  war.  Ich  hatte  da  Veranlassung,  in 
der  schon  friiher  erwahnten  Art  meine  griechischen  und 
lateinischen  Kenntnisse  fortzubilden,  denn  ich  hatte  fur 
den  Gymnasialunterricht  dieses  und  noch  eines  andern 
Knaben  in  der  Familie  die  Nachhilfestunden  zu  besorgen. 

Ich  mufi  dem  Schicksal  dafiir  dankbar  sein,  daft  es 
mich  in  ein  solches  Lebensverhaltnis  gebracht  hat.  Denn 
ich  erwarb  mir  dadurch  auf  lebendige  Art  eine  Erkennt- 
nis  der  Menschenwesenheit,  von  der  ich  glaube,  daft  sie 
so  lebendig  auf  einem  andern  Wege  von  mir  nicht  hatte 
erworben  werden  konnen.  Auch  war  ich  in  die  Familie 
in  einer  ungewohnlich  liebevollen  Art  aufgenommen; 
es  bildete  sich  eine  schone  Lebensgemeinschaft  mit  der- 
selben  aus.  Der  Vater  des  Knaben  war  als  Agent  fur 
indische  und  amerikanische  Baumwolle  tatig.  Ich  konnte 
einen  Einblick  gewinnen  in  den  Gang  des  Geschaftes  und 
in  vieles,  das  damit  zusammenhangt.  Auch  dadurch 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung  Buch:28  Seite:106a 


Rudolf  Steiner  (zweiter  von  links)  im  Kreise  der  Familie  Specht 
und  weiterer  Mitbewohner  des  «Berghofes» 
in  Unterach  am  Attersee,  Sommer  1889 


Pnm/rinht  Ri  irlnlf  fitoinor  Nai^hlacc-V/orwalti  inn  Rurh'^R 


<S.a\ta-  infih 


lernte  ich  vieles.  Ich  sah  in  die  Fiihrung  eines  aufter- 
ordentlich  interessanten  Importgeschaftszweiges  hinein, 
konnte  den  Verkehr  unter  Geschaftsfreunden,  die  Ver- 
kettung  verschiedener  kommerzieller  und  industrieller 
Betatigungen  beobachten. 

Mein  Pflegling  konnte  durch  das  Gymnasium  durch- 
gefiihrt  werden;  ich  blieb  an  seiner  Seite  bis  zur  Unter- 
Prima.  Da  war  er  so  weit,  dafi  er  meiner  nicht  mehr  be- 
durfte.  Er  ging  nach  absolviertem  Gymnasium  an  die 
medizinische  Fakultat,  wurde  Arzt  und  ist  als  solcher  ein 
Opfer  des  Weltkrieges  geworden.  Die  Mutter,  die  mir 
durch  meine  Tatigkeit  fiir  den  Sohn  zur  treuen  Freundin 
geworden  war,  und  die  mit  innigster  Liebe  an  diesem 
Sorgenkinde  hing,  ist  ihm  bald  nachgestorben.  Der  Vater 
hat  schon  friiher  die  Erde  verlassen. 

Ein  gut  Teil  meines  Jugendlebens  ist  mit  der  Aufgabe 
verkniipft,  die  mir  so  erwachsen  war.  Ich  ging  durch 
mehrere  Jahre  mit  der  Familie  der  von  mir  zu  erziehen- 
den  Kinder  jeden  Sommer  an  den  Attersee  im  Salz- 
kammergute  und  lernte  da  die  herrliche  Alpennatur 
Oberosterreichs  kennen.  Allmahlich  konnte  ich  die  an- 
fangs  auch  noch  wahrend  dieser  Erziehertatigkeit  fort- 
gesetzten  Privatstunden  bei  andern  abstreifen;  und  so 
blieb  mir  Zeit  fiir  das  Fortfuhren  meiner  Studien. 

Ich  hatte  in  meinem  Leben,  bevor  ich  in  diese  Familie 
eintrat,  wenig  Gelegenheit,  an  kindlichen  Spielen  teilzu- 
nehmen.  Und  so  kam  es,  dafi  meine  «Spielzeit»  erst  in 
meine  zwanziger  Jahre  fiel.  Ich  mufite  da  auch  lernen, 
wie  man  spielt.  Denn  ich  mufite  das  Spielen  leiten.  Und 
ich  tat  es  mit  grofier  Befriedigung.  Ich  glaube  sogar, 
ich  habe  im  Leben  nicht  weniger  gespielt  als  andere 


Menschen.  Nur  habe  ich  eben  dasjenige,  was  man  sonst 
vor  dem  zehnten  Lebensjahre  nach  dieser  Richtung 
vollbringt,  vom  drei-  bis  achtundzwanzigsten  Jahre 
nachgeholt. 

In  diese  Zeit  fallt  meine  Beschaftigung  mit  der  Philo- 
sophic Eduard  von  Hartmanns.  Ich  studierte  seine  «Er- 
kenntnistheorie»,  indem  sich  fortwahrender  Wider- 
spruch  in  mir  regte.  Die  Meinung,  daft  das  wahrhaft 
Wirkliche  als  Unbewufttes  jenseits  der  Bewufttseinserleb- 
nisse  liege,  und  diese  nichts  weiter  sein  sollen  als  ein  un- 
wirklicher,  bildhafter  Abglanz  des  Wirklichen,  war  mir 
tief  zuwider.  Ich  stellte  dem  entgegen,  daft  die  Bewuftt- 
seinserlebnisse  durch  die  innerliche  Verstarkung  des  See- 
lenlebens  in  das  wahrhaft  Wirkliche  untertauchen  kon- 
nen.  Ich  war  mir  klar  dariiber,  daft  sich  im  Menschen  das 
Gottlich-Geistige  offenbart,  wenn  der  Mensch  durch  sein 
Innenleben  diese  Offenbarung  moglich  macht. 

Der  Pessimismus  Eduard  von  Hartmanns  erschien  mir 
als  das  Ergebnis  einer  ganz  falschen  Fragestellung  an  das 
menschliche  Leben.  Den  Menschen  muftte  ich  so  auffas- 
sen,  daft  er  dem  Ziele  zustrebt,  aus  dem  Quell  seines 
Innern  zu  holen,  was  ihm  das  Leben  zu  seiner  Befriedi- 
gung  erfullt.  Ware,  so  sagte  ich  mir,  ein  «bestes  Leben» 
dem  Menschen  von  vorneherein  durch  die  Welteinrich- 
tung  zugeteilt,  wie  konnte  er  diesen  Quell  in  sich  zum 
Stromen  bringen?  Die  auftere  Weltordnung  gelangt  zu 
einem  Entwickelungsstadium,  in  dem  sie  Gutes  und  Bdses 
an  die  Dinge  und  Tatsachen  vergeben  hat.  Da  erwacht 
erst  das  Menschenwesen  zum  Eigenbewufttsein  und  fiihrt 
die  Entwickelung  weiter,  ohne  daft  sie  von  den  Dingen 
und  Tatsachen,  sondern  nur  von  dem  Quell  des  Seins  die 


in  Freiheit  einzuschlagende  Richtung  erhalt.  Schon  das 
Aufwerfen  der  Pessimismus-  oder  Optimismusfrage 
schien  mir  gegen  die  freie  Wesenheit  des  Menschen  zu 
verstofien.  Ich  sagte  mir  oft:  wie  konnte  der  Mensch  der 
freie  Schopfer  seines  hochsten  Gliickes  sein,  wenn  ihm 
ein  Mafi  von  Gliick  durch  die  auEere  Weltordnung 
zugeteilt  ware? 

Dagegen  zog  mich  Hartmanns  Werk  «Phanomenolo- 
gie  des  sittlichen  Bewufitseins»  an.  Da,  fand  ich,  wird  die 
sittliche  Entwickelung  der  Menschheit  am  Leitfaden  des 
empirisch  zu  Beobachtenden  verfolgt.  Es  wird  nicht,  wie 
in  der  Hartmann'schen  Erkenntnistheorie  und  Meta- 
physik  dies  geschieht,  die  Gedankenspekulation  auf  ein 
jenseits  des  Bewulken  liegendes  unbekanntes  Sein  ge- 
lenkt,  sondern  es  wird,  was  als  Sittlichkeit  erlebt  werden 
kann,  in  seiner  Erscheinung  erfafit.  Und  ich  war  mir  klar 
dariiber,  dafi  keine  philosophische  Spekulation  Uber  die 
Erscheinung  hinausdenken  darf,  wenn  sie  an  das  wahr- 
haft  Wirkliche  herankommen  will.  Die  Erscheinungen 
der  Welt  offenbaren  selbst  dieses  wahrhaft  Wirkliche, 
wenn  sich  erst  die  bewulke  Seele  bereit  macht,  es  zu  er- 
fassen.  Wer  nur  das  Sinnlich-Ergreifbare  in  das  Bewufit- 
sein  aufnimmt,  der  kann  das  wahrhaft  Seiende  in  einem 
dem  Bewulksein  Jenseitigen  suchen;  wer  das  Geistige  in 
der  Anschauung  erfalk,  der  spricht  von  ihm  als  von  einem 
Diesseitigen,  nicht  von  einem  Jenseitigen  im  erkenntnis- 
theoretischen  Sinne.  Mir  erschien  die  Betrachtung  der 
sittlichen  Welt  bei  Hartmann  sympathisch,  weil  er  dabei 
seinen  Jenseitsstandpunkt  vollig  zuriicktreten  lafit  und 
sich  an  das  Beobachtbare  halt.  Durch  die  Vertiefung  in 
die  Phanomene  bis  zu  dem  Grade,  dafi  sie  ihre  geistige 


Wesenhek  enthiillen,  wollte  ich  Erkenntnis  des  Seienden 
zustande  gebracht  wissen,  nicht  durch  Nachdenken 
dariiber,  was  «hinter»  den  Phanomenen  ist. 

Da  ich  stets  darnach  strebte,  eine  menschliche  Lei- 
stung  nach  ihrer  positiven  Seite  zu  empfinden,  wurde  mir 
Eduard  von  Hartmanns  Philosophic  wertvoll,  trotzdem 
mir  gerade  ihre  Grundrichtung  und  ihre  Lebensanschau- 
ung  zuwider  war,  weil  sie  vieles  in  den  Erscheinungen 
auf  eine  eindringliche  Art  beleuchtet.  Und  ich  fand  auch 
in  denjenigen  Schriften  des  «Philosophen  des  Unbewufi- 
ten»,  die  ich  im  Prinzipe  ablehnte,  vieles,  das  mir  aufier- 
ordentlich  anregend  war.  Und  so  ging  es  mir  auch  mit 
den  popularen  Schriften  Eduard  von  Hartmanns,  die  kul- 
turhistorische,  padagogische,  politische  Probleme  behan- 
deln.  Ich  fand  «gesunde»  Lebenserfassung  bei  diesem 
Pessimisten,  wie  ich  sie  bei  manchem  Optimisten  nicht 
finden  konnte.  Gerade  ihm  gegeniiber  empfand  ich,  was 
ich  brauchte:  anerkennen  zu  konnen,  auch  wenn  ich 
widersprechen  mufite. 

Ich  verbrachte  so  manchen  Spatabend  am  Attersee, 
wenn  ich  meine  Buben  sich  selbst  iiberlassen  konnte  und 
die  Sternenwelt  vom  Balkon  des  Hauses  aus  bewundert 
war,  mit  dem  Studium  der  «Phanomenologie  des  sitt- 
lichen  Bewufitseins»  und  dem  «Religi6sen  Bewulksein 
der  Menschheit  im  Stufengange  seiner  Entwicklung». 
Und  wahrend  ich  diese  Schriften  las,  bekam  ich  eine  im- 
mer  grofiere  Sicherheit  iiber  meine  eigenen  erkenntnis- 
theoretischen  Gesichtspunkte. 

Auf  Schroers  Empfehlung  hin  lud  mich  1882  Joseph 
Kiirschner  ein,  innerhalb  der  von  ihm  veranstalteten 
«Deutschen  Nationalliteratur»   Goethes  naturwissen- 


schaftliche  Schriften  mit  Einleitungen  und  fortlaufenden 
Erklarungen  herauszugeben.  Schroer,  der  selbst  fur  dieses 
grofie  Sammelwerk  die  Dramen  Goethes  iibernommen 
hatte,  sollte  den  ersten  der  von  mir  zu  besorgenden  Bande 
mit  einem  einfuhrenden  Vorworte  versehen.  Er  setzte  in 
diesem  auseinander,  wie  Goethe  als  Dichter  und  Denker 
innerhalb  des  neuzeitlichen  Geisteslebens  steht.  Er  sah 
in  der  Weltanschauung,  die  das  auf  Goethe  folgende 
naturwissenschaftliche  Zeitalter  gebracht  hatte,  einen 
Abfall  von  der  geistigen  Hohe,  auf  der  Goethe  gestan- 
den  hatte.  Die  Aufgabe,  die  mir  durch  die  Herausgabe 
yon  Goethes  naturwissenschaftlichen  Schriften  zugefal- 
len  war,  wurde  in  umfassender  Art  in  dieser  Vorrede 
charakterisiert. 

Fur  mich  schlofi  diese  Aufgabe  eine  Auseinander- 
setzung  mit  der  Naturwissenschaft  auf  der  einen,  mit 
Goethes  ganzer  Weltanschauung  auf  der  andern  Seite  ein. 
Ich  mufite,  da  ich  nun  mit  einer  solchen  Auseinander- 
setzung  vor  die  OffentKchkeit  zu  treten  hatte,  alles,  was 
ich  bis  dahin  als  Weltanschauung  mir  errungen  hatte,  zu 
einem  gewissen  Abschlufi  bringen. 

Ich  hatte  mich  bis  dahin  nur  in  wenigen  Zeitungs- 
aufsatzen  schriftstellerisch  betatigt.  Mir  wurde  nicht 
leicht,  was  in  meiner  Seele  lebte,  in  einer  solchen  Art 
niederzuschreiben,  dafi  ich  diese  der  Veroffentlichung 
wert  halten  konnte.  Ich  hatte  immer  das  Gefuhl,  dafi 
das  im  Innern  Erarbeitete  in  einer  armseligen  Gestalt 
erschien,  wenn  ich  es  in  eine  fertige  Darstellung  pra- 
gen  sollte.  So  wurden  mir  alle  schriftstellerischen  Ver- 
suche  zu  einem  fortwahrenden  Quell  innerer  Unbefrie- 
digung. 


Die  Denkungsart,  von  der  die  Naturwissenschaft  seit 
dem  Beginn  ihres  groften  Einflusses  auf  die  Zivilisation 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  beherrscht  war,  schien 
mir  ungeeignet,  zu  einem  Verstandnisse  dessen  zu  gelan- 
gen,  was  Goethe  fur  die  Naturerkenntnis  erstrebt  und 
bis  zu  einem  hohen  Grade  auch  erreicht  hatte. 

Ich  sah  in  Goethe  eine  Personlichkeit,  welche  durch 
das  besondere  geistgemafte  Verhaltnis,  in  das  sie  den 
Menschen  zur  Welt  gesetzt  hatte,  auch  in  der  Lage  war, 
die  Naturerkenntnis  in  der  rechten  Art  in  das  Gesamt- 
gebiet  des  menschlichen  Schaffens  hineinzustellen.  Die 
Denkungsart  des  Zeitalters,  in  das  ich  hineingewachsen 
war,  schien  mir  nur  geeignet,  Ideen  iiber  die  leblose  Na- 
tur  auszubilden.  Ich  hielt  sie  fur  ohnmachtig,  mit  den 
Erkenntniskraften  an  die  belebte  Natur  heranzutreten. 
Ich  sagte  mir,  um  Ideen  zu  erlangen,  welche  die  Erkennt- 
nis  des  Organischen  vermitteln  konnen,  ist  es  notwendig, 
die  fiir  die  unorganische  Natur  tauglichen  Verstandes- 
begriffe  erst  selbst  zu  beleben.  Denn  sie  erschienen  mir 
tot,  und  deshalb  auch  nur  geeignet,  das  Tote  zu  erfassen. 

Wie  sich  in  Goethes  Geist  die  Ideen  belebt  haben,  wie 
sie  Ideengestaltungen  geworden  sind,  das  versuchte  ich 
fiir  eine  Erklarung  der  Goethe'schen  Naturanschauung 
darzustellen. 

Was  Goethe  im  einzelnen  iiber  dieses  oder  jenes  Ge- 
biet  der  Naturerkenntnis  gedacht  und  erarbeitet  hatte, 
schien  mir  von  geringerer  Bedeutung  neben  der  zentra- 
len  Entdeckung,  die  ich  ihm  zuschreiben  muftte.  Diese 
sah  ich  darin,  daft  er  gefunden  hat,  wie  man  iiber  das 
Organische  denken  miisse,  um  ihm  erkennend  beizu- 
kommen. 


Ich  fand,  daft  die  Mechanik  das  Erkenntnisbediirfnis 
aus  dem  Grunde  befriedigt,  weil  sie  auf  eine  rationelle 
Art  im  Menschengeiste  Begriffe  ausbildet,  die  sie  dann  in 
der  Sinnes-Erfahrung  des  Leblosen  verwirklicht  findet. 
Goethe  stand  als  der  Begriinder  einer  Organik  vor  mir, 
die  in  der  gleichen  Art  sich  zu  dem  Belebten  verhalt. 
Wenn  ich  in  der  Geschichte  des  neueren  Geisteslebens 
auf  Galilei  sah,  so  mulke  ich  bemerken,  wie  er  durch  die 
Ausbildung  von  Begriffen  iiber  das  Anorganische  der 
neueren  Naturwissenschaft  ihre  Gestalt  gegeben  hat. 
Was  er  fur  das  Anorganische  geleistet  hat,  das  hat  Goethe 
fur  das  Organische  angestrebt.  Mir  wurde  Goethe  zum 
Galilei  der  Organik. 

Ich  hatte  fur  den  ersten  Band  der  naturwissenschaft- 
lichen  Schriften  Goethes  zunachst  dessen  Metamorpho- 
sen-Ideen  zu  bearbeiten.  Es  wurde  mir  schwer,  auszu- 
sprechen,  wie  sich  die  lebendige  Ideengestalt,  durch  die 
das  Organische  erkannt  werden  kann,  zu  der  ungestalte- 
ten  Idee,  die  fur  das  Erf  ass  en  des  Anorganischen  geeignet 
ist,  verhalt.  Aber  es  schien  mir  fur  meine  Aufgabe  alles 
darauf  anzukommen,  diesen  Punkt  in  rechter  Art  an- 
schauhch  zu  machen. 

Im  Erkennen  des  Anorganischen  wird  Begriff  an  Be- 
griff  gereiht,  um  den  Zusammenhang  von  Kraften  zu 
iiberschauen,  die  eine  Wirkung  in  der  Natur  hervorbrin- 
gen.  Dem  Organischen  gegeniiber  ist  es  notwendig, 
einen  Begriff  aus  dem  andern  so  hervorwachsen  zu  las- 
sen,  daft  in  der  forts chreitenden  lebendigen  Begriffsver- 
wandlung  Bilder  dessen  entstehen,  was  in  der  Natur  als 
gestaltete  Wesen  erscheint.  Das  hat  Goethe  dadurch  er- 
strebt,  daft  er  von  dem  Pflanzenblatte  ein  Ideenbild  im 


Geiste  festzuhalten  versuchte,  das  nicht  ein  starrer,  leb- 
loser  Begriff  ist,  sondern  ein  solcher,  der  sich  in  den  ver- 
schiedensten  Formen  darsteilen  kann.  Lafit  m
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