Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE vor mitgliedern 

DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Bausteine zu einer Erkenntnis 
des Mysteriums von Golgatha 

Kosmische und menschliche Metamorphose 

Siebzehn Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 6. Februar bis 8. Mai 1917 



1996 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. und 3. Auflage besorgten 
Hella Wiesberger und Ulla Trapp 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1961 
2. Auflage, neu durchgesehen 

und mit den Stenogrammen verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1982 
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1996 

Friihere Veroffentlichungen siehe zu 
Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 175 

Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1996 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1750-1 



7.u den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk Rudolf Steiners 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) 
gliedert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage 
- Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen 
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafS sie schriftlich 
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften 
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli- 
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachge- 
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorwort von Marie Steiner zur ersten Buchausgabe (1933) der 



Vortrage VIII bis XV dieses Bandes 11 

Gedenkworte 17 

KOSMISCHE UND MENS CH LI CHE METAMORPHOSE 

ERSTER VORTRAG, Berlin, 6. Februar 1917 19 



Materialistisches oder spirituelles Sich-Hinwenden zur geistigen Welt 
anhand einer Schrift von Oliver Lodge. Das Verhaltnis zu den Toten 
in spiritistischen Sitzungen. Das Erscheinen des atherischen Christus 
im 20. Jahrhundert. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit dem 
Jahre 1909. 



ZWEITER VORTRAG, 13. Februar 1917 35 

Entwicklung innerer Krafte. Das Zusammenleben mit den Toten in 
alten Zeiten und jetzt. Der Mensch als Glied des Weltenorganismus: 
die Entsprechung von platonischem Weltenjahr (25920 Jahre), von 
Menschentag (25920 Atemziige) und menschlicher Lebenszeit (25920 
Tage). 



DRITTER VORTRAG, 20. Februar 1917 51 

Die drei Begegnungen der Menschenseele mit dem Geist, dem Soh- 
nesgott und dem Vatergott. Ihre Nachwirkungen bis zum Lebens- 
ende und nach dem Tode. Die Art der dritten Begegnung bei fruhem 
Tod und bei Selbstmord. Die Entwicklung des Empfindens von der 
Heiligkeit des Schlafes. 

VlERTER VORTRAG, 27. Februar 1917 70 

Die Spaltung der Welt des Gegenwartsmenschen in mechanische 
Naturordnung und moralische Weltordnung. Weiteres zu den drei 
Begegnungen der Menschenseele mit den Regionen der Geistwelt. 
Das Moralische als Keimkraft kunftiger Naturordnung. 



FUNFTER VORTRAG, 6. Marz 1917 93 

Das Wesen des Schlafes. Das Ermiidungsratsel. Die Gliederung des 
Menschen in Kopf, Brust und Unterleib. Das Verhaltnis des Ich zur 
Leiblichkeit (im Schlaf-, Traum- und Wachbewulksein) und zum 
Geistigen. Das Zusammenleben mit den Toten. Notwendigkeit, zwi- 
schen physischer und geistiger Welt eine Briicke zu schlagen. 

SECHSTER VORTRAG, 13. Marz 1917 114 

Weiteres uber die drei Begegnungen der Menschenseele: mit dem 
Geist, mit dem Sohn- und dem Vaterprinzip. Der schlafende Mensch 
und die Sternenwelt. Die Wintermysterien. Christus und der Jahres- 
lauf. Geheimnisse des Jahreslaufes und soziale Frage. Verhaltnis des 
Menschen zu den Richtungen kn Weltenall. Die Erzeugung von Le- 
bendigem aus Unlebendigem in den Laboratorien der Zukunft im 
Zusammenhang mit der Sternenkonstellation. 

SlEBENTER VORTRAG, 20. Marz 1917 134 

Saint-Martins «Des erreurs et de la verite» (deutsche Ubersetzung 
von Matthias Claudius) und seine Wirkung auf das europaische Gei- 
stesleben. Die drei Hauptideen des Buches - Merkur, Schwefel, Salz - 
und deren geisteswissenschaftliche Entsprechung zu dem Stoffwech- 
sel-, Atmungs- und Nervenmenschen. Merkur, Schwefel, Salz: Be- 
griffe eines alten Denksystems. Deutsche Theosophen des 18. Jahr- 
hunderts: Bengel und Oetinger. Die bei Saint-Martin und Oetinger 
nicht zu Ende gedachten Begriffe und ihre Weiterbildung in moder- 
nen Gedankenformen durch die Geisteswissenschaft. 



BAUSTEINE ZU EINER ERKENNTNIS DES MYSTERIUMS 

VON GOLGATHA 

ACHTER VORTRAG, Berlin, 27. Marz 1917 161 

Palastinensische Mysterien. Der paulinische psychische und pneu- 
matische Mensch. Gnosis, historischer Materialismus und naturwis- 
senschaftliche Weltanschauung. 

NEUNTER VORTRAG, 3. April 1917 182 

Heidnische Mysterien. Der phrygische Attisdienst. Trichotomie von 
Leib, Seele, Geist. Die Ausschaltung der Idee des Geistes. Erbsunde. 
Der Auferstandene. 



ZEHNTER VORTRAG, 10. April 1917 204 

Die Geheimnisse der Reiche der Himmel. Das innere Wort. Der vier- 
fach in den Evangelien zum Ausdruck kommende Christus-Impuls. 
Das Antireligiose als Krankheit, Ungliick und Selbsttauschung. Die 
objektive Realitat der moralischen Weltordnung. 



ELFTER VORTRAG, 12. April 1917 229 

Das Tief-Christliche in Goethe. Physisches und Moralisches. Das 
verlorengegangene Wort. Die Kraft des Glaubens als Wunder. 



ZWOLFTER VORTRAG, 14. April 1917 256 

Die antigoethesche Weltanschauung. Die Mysterien und das Leben. 
Die Vergewaltigung der Mysterien durch die romischen Casaren. 



DREIZEHNTER VORTRAG, 17. April 1917 276 

Das Imperium romanum und das Christentum. Die Ausnutzung der 
Initiationsgeheimnisse durch die Casaren. Konstantin und das Palla- 
dium. 



VlERZEHNTER VORTRAG, 19. April 1917 294 

Julian Apostata. Heidentum. Christentum. Die Manichaerlehre und 
das augustinische Prinzip. Das Fortleben des alten heidnischen Opfers 
im Mefiopfer. 



FUNFZEHNTER VORTRAG, 24. April 1917 313 

Mithrasmysterien und Eleusinien. Das heidnische Initiationsprinzip 
und die altesten Kirchenlehrer. Das mystische Erlebnis der Einsam- 
keit und der dreifache innere Erkenntnisweg des Aristoteles. Die 
zweite Kreuzigung des Christus als historische Erscheinung in der 
Ausrottung der Mysterien durch den Konstantinismus. Die Aufer- 
stehung als inneres mystisches Erlebnis. Der Auferstehungsgedanke. 



SECHZEHNTER VORTRAG, 1. Mai 1917 339 

Nachklange alter Kulturen. Der Gemeinschaftsgeist im Sinne der 
Mithrasmysterien. Die Zukunft, wie Nietzsche sie schaute. Kjellens 
Buch «Der Staat als Lebensform». 



SlEBZEHNTER VORTRAG, 8. Mai 1917 367 

Das Seelenauge. Das Auftreten hellsichtiger Krafte in der Gegenwart. 
Swedenborgs imaginative Erkenntnis. Die Anschauung der Unsterb- 
lichkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha. Glaube und Er- 
kenntnis. 

Hinweise . . ■ 393 

Personenregister 409 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 413 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 415 



VORWORT 

zur ersten Buchausgabe 1933 von 
«Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha» 

Marie Steiner 



In den hier herausgegebenen Vortragen wird das zentrale Ereignis der 
menschlichen und irdischen Geschichte, das Mysterium von Golgatha, 
in das Licht historischer Betrachtung geriickt, ausgehend von der fur die 
geisteswissenschaftliche Forschung erwiesenen Tatsache des Ursprungs 
des Menschen aus den Reichen geistiger Hierarchien, seines Falles und 
seiner immer grofieren Verstrickung in die Materie, seines Erwachens 
zur Sinneswahrnehmung und seiner Belastung durch das, was die 
Heiligen Schriften die Erbsiinde nennen; aber auch seines allmahlichen 
Aufstiegs durch die sich wiederholenden Erdenleben, die sein Selbst- 
bewufitsein entwickeln, die ihm die Moglichkeit der moralischen Laute- 
rung, der Ich-Erkraftung und der Riickkehr zum Geiste geben. 

Nur in diesem steten Fortschritt der Seelen liegt der Sinn des Erden- 
seins. Das hohe Ziel menschlicher Vollkommenheit kann nur in vielen 
Leben erreicht werden, die etappenweise, durch die ihnen auferlegten 
mannigfaltigen Priifungen, zu immer wacherem Bewufitsein drangen. 
Es war eine Zeitlang dieses Wissen dem Abendlande entzogen, damit 
sich die Personlichkeit im Menschen suche und finde. Scharfe und 
Prazision des praktischen Verstandes mufiten entwickelt werden zur 
Dienstbarmachung der Materie, zur Auseinandersetzung mit den ihr 
inneliegenden Moglichkeiten, um ihr auf diesem Wege auch ihre Ge- 
heimnisse abzulauschen, und an der so gewonnenen Denkdisziplin 
einen sicheren Halt zu gewinnen fur die Erforschung geistiger Gesetz- 
mafligkeiten. So allein konnte die friihere passive Anschauung ubersinn- 
licher Weltinhalte sich durch Erstarkung der Seelenkrafte wandeln 
in Erkenntnis und Forschung. Es schwand im Laufe der Zeit der dam- 
mernde Blick in die geistigen Welten gerade bei den vorgeschrittenen 
Volkern und muE nun wieder auf neuer Stufe erobert werden durch 



ein Ich-erkraftetes Seelensein. An diesem grofien Wendepunkte stehen 
wir jetzt. Unsere Kurzsichtigkeit der geistigen Wirklichkeit gegenuber 
ist nun schon so weit gediehen, dafi sie in Blindheit umzuschlagen droht. 
Die ungeheuren Zerfallserscheinungen der abendlandischen Kultur sind 
eine Folge dieser intellektualistischen Erblindung. 

Eine neue Geschichtsbetrachtung vom Aspekte des Geistes aus mu£ 
der Menschheit gegeben werden. Die Bausteine dazu hat Rudolf Steiner 
zusammengetragen. Er stellt in den Mittelpunkt der Weltgeschichte das 
Mysterium von Golgatha, das innerhalb des Wakens gottlicher Gerech- 
tigkeit die ausgleichende Wirkung schafft gegenuber dem Fall des Men- 
schen in die Erbsiinde. Uber dieses geheimnisvolle Geschehen giefk er 
so viel Licht aus, als heute unserm ahnenden Verstehen zuganglich ist. 
Dabei tritt etwas, was wir schier verloren hatten, die Bedeutung der 
moralischen Weltordnung neben der Naturordnung, wieder in den 
Vordergrund. Gottheits- und Menschheitswege fielen einst durch die 
Schuld des Menschen auseinander, um sich am Kreuze von Golgatha 
durch die Siihnetat des Gottmenschen wieder zu vereinigen und zu 
durchdringen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren es die Mysterien und ihre 
Kulte gewesen, welche die Briicke von Gott zu Menschen gebildet und 
Ausstrahlungsstatten geschaffen hatten fur das Hiniiberwirken der 
gottlichen Ratschlusse in die Geschicke der in die Materie immer mehr 
versinkenden Menschheit. Sie gaben den Erkenntnissuchenden nach 
einer langen Reihe von Priifungen die Moglichkeit der Wiedervereini- 
gung ihres geist-erwachten Bewulkseins mit dem gottlichen Willen. Sie 
dienten der Wegbereitung fiir den Niederstieg des Gottwesens, das die 
Folgen der Erbsiinde in ihrer letzten vernichtenden Konsequenz von 
der Menschheit abzuwenden und auf sich zu nehmen gewillt war, so 
das Erlosungswerk fiir die Erde vollbringend. Diese die Erde- und die 
Menschheitszukunft rettende Tat macht es fiir die einzelne Personlich- 
keit nicht weniger notwendig, an ihrer eigenen moralischen Erlosung 
von Grund aus selbsttatig zu arbeiten. Im freien Willen des Menschen 
liegt es, dem Christus in sich Einlafi zu gewahren, ihn in sich aufzu- 
nehmen und lebendig zu machen, auf dafi die heilenden Krafte das 
schuldbelastete Innenwesen ergreifen und von den Folgen der Erbsiinde 
befreien. 



Um dies zu wollen, mufi der heutige Mensch verstehen und wissen. 
Das fromme Gefuhlsleben geniigt nicht mehr. Der Mensch mufi in sein 
Bewufitsein aufnehmen das, was sich spater in Wollen umwandeln soil. 
Gehorsame Ftigung in die Dekrete autoritativer Gewalten, wenn die 
Einsicht nicht mitgehen kann, wird den Rebellen im menschlichen 
Gewissen um so sicherer wecken. Auch die scharfsten Mittel zur Be- 
kampfung von Ketzereien haben diese nicht ausrotten konnen. Wo es 
scheinbar aufierlich gelang, glimmt doch der Keim im Verborgenen 
weiter und versucht immer wieder mit neuer Kraft sich geltend zu 
machen. Heute stehen wir einer schlimmeren Gefahr gegenuber als es 
je die argsten Wege der Ketzerei waren: dem Zynismus, der Gottlosen- 
Bewegung, dem scharfen, atzenden Hohn gegenuber allem Geistigen. 
Um dieser, die wahre Menschenwurde schon in der Jugend vernichten- 
den Bewegung standzuhalten und sie zu besiegen, miissen wir tiefer in 
die Selbst- und Welterkenntnis hineindringen, als es bis jetzt der Fall 
sein konnte; miissen untertauchen in die Urspriinge menschlichen Seins, 
einen Blick gewinnen fur das Oberflachliche der heutigen Geschichts- 
betrachtung; miissen die Schleier der Kirchengeschichte luften, unter- 
suchen, wie weit die Kirchen ihre Aufgabe erfiillt haben, wie weit sie 
ihr untreu geworden sind. Wir miissen uns auch das anschauen, was die 
autoritativen Machte des Klerus an wertvollem Geistesgut durch aufiere 
Gewaltmittel unterdriickt haben, was sie neben sich nicht haben auf- 
kommen lassen, und welche Griinde dabei mitgespielt haben. Warum 
zum Beispiel mit so radikalem Eifer und Erfolg die alten Mysterien- 
statten zerstort, ihre Urkunden vernichtet worden sind, wahrend das 
Formwesen und der juristische Geist des Romertums sich so stark und 
zielsicher der Ausgestaltung des Kirchen wesens bemachtigt haben. So 
stark, daft diejenigen, welche mit der dem Mysterienwesen noch innig 
verbundenen, urspriinglichen, palastinensisch-christlichen Kirche zu- 
sammenhingen, sich veranlafit sahen, in einem anderen Geist als dem 
von Rom ausgehenden, ihre Impulse der Welt zu vermitteln. Sie wurden 
Vertreter einer nebenhergehenden esoterischen Stromung, die - wie zum 
Beispiel in Irland und seinen schottischen Geistkolonien - sich bis zu 
einem gewissen Zeitpunkt frei und kraftvoll entf alten konnte, doch 
bald dem romischen Klerus zum Argernis und dann bekampft und 



aufierlich vernichtet wurde. So war zunachst die Gnosis ausgerottet 
worden; so wurde der Arianismus erstickt; so erging es jenen vom 
Manichaertum her ausstrahlenden Bewegungen, die iiber den Balkan 
nach Europa drangen. Im Dunkel der Geschichte verlieren sich diese 
Strdmungen; in einer verzerrten ZwittergestaJt werden sie hin und 
wieder von ihren Gegnern den Unwissenden und Leichtglaubigen vor- 
gefiihrt. Eine wahre Geschichtsbetrachtung mufi diesen Erscheinungen 
die allergrdfite Bedeutung zumessen und sie in ihren Zusammenhangen 
und Urspriingen erforschen, sonst kann sie keinen Anspruch machen 
auf Ernst und Gediegenheit. 

Doch dazu wird sie die Wissenschaft der Anthroposophie brauchen, 
die erst den Boden bereiten mufi, durch welchen wir in die Tiefen der 
Geschichte hinunterdringen konnen, und die allein den Oberblick und 
die Zusammenhange der Welt- und Menschheitsgeschehnisse geben 
kann. Wo sich Natur und Geist verbinden, dort f inden wir den SchKissel 
zu den Geheimnissen des Seins und zu jenem grofiten Mysterium, an 
dem die heutige Form der Weltgeschichte sich vorbeischleicht, zu dessen 
Ergriindung aber beizutragen die Wissenschaft der Anthroposophie ihr 
vornehmstes Ziel erblickt. Fur dieses Ziel, fur ein allmahlich sich ent- 
wickelndes, ahnendes Verstandnis der Tiefen des Mysteriums von Gol- 
gatha arbeitet sie. Diesem Ziel will das Lebenswerk Rudolf Steiners 
dienen. 



KOSMISCHE UND MENSCHLICHE 
METAMORPHOSE 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf 
Steiner vor jedem von ihm innerhalb der An- 
throposophischen Gesellschaft gehaltenen Vor- 
trag in den vom Kriege betroffenen Landern 
die folgenden Gedenkworte gesprochen: 

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die drauften stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen- 
wart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

Daft, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha 
gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 6. Februar 1917 



Lassen Sie mich zuerst meine tiefe Befriedigung dariiber ausdriicken, 
dafi ich nunmehr wiederum in Ihrer Mitte sein kann. Es wiirde eher ge- 
schehen sein, wenn es nicht eine dringende Notwendigkeit gewesen 
ware, die Arbeit an der ja hier often besprochenen Gruppe, die im 
Osten des Dornacher Baues stehen soil, und die darstellt den Mensch- 
heitsreprasentanten in Wechselbeziehung zu den ahrimanischen und lu- 
ziferischen Machten, so weit zu bringen, dafl sie nun ohne mich weiter 
gearbeitet werden kann. In der gegenwartigen Zeit ist es ja notwendig, 
fur die Zukunft in einer gewissen Weise vorauszudenken, und es 
schien mir eben durchaus notwendig, gegeniiber den Ereignissen, die da 
kommen konnen, diese Gruppe so weit zu fordern, als es jetzt hat ge- 
schehen konnen. Im iibrigen miissen ja gerade diese Zeiten es uns ganz 
besonders nahelegen, wie ein raumliches Zusammensein auf dem physi- 
schen Plan nicht das einzige sein kann, das uns durch die Impulse der 
Geisteswissenschaft kraftig aufrecht erhalt, sondern wie das Zusam- 
mensein in Gedanken und Gesinnung unserer geisteswissenschaftlichen 
Bestrebung uns, auch wenn es nur seelisch sein kann, wenn es eben nur 
sein kann in Gedanken und im Geiste, durchbringen mufi durch diese 
schwere Zeit der Priifungen und der Leiden, und wie sich gerade da- 
durch die Kraft unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen erpro- 
ben mufi. 

Seit wir uns hier nicht zusammengefunden haben, haben wir ja fur 
den physischen Plan den Verlust unseres lieben Frdulein Motzkus und 
anderer lieber Freunde zu beklagen, die infolge der Zeitereignisse den 
physischen Plan verlassen haben. Es ist besonders schmerzlich, unter 
denjenigen lieben Freunden, die hier nun durch so viele Jahre mit teil- 
genommen haben an unseren geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, 
Fraulein Motzkus nicht mehr zu sehen. Sie gehorte ja unserer Bewe- 
gung an, seitdem wir mit derselben begonnen haben. Vom ersten Tage 
an, von der ersten Versammlung im kleinsten Kreis an, die ganze Zeit 
iiber war sie in unserer Mitte als ein im tiefsten Herzen unserer Bewe- 



gung hingegebenes Mitglied, das alle Phasen, alle Entwickelungsprii- 
fungen unserer Bewegung mit innigem Anteil mitgemacht hat; das vor 
alien Dingen durch alle diese Ereignisse hindurch, durch die wir haben 
gehen miissen, sich bewahrt hat im tiefsten Sinne des Wortes eine un- 
besiegliche Treue zu unserer Sache, eine Treue, durch die Fraulein 
Motzkus gewii? vorbildlich war fur diejenigen, die wirklich ergebene 
Mitglieder der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein wollen. Und so 
schauen wir denn dieser lieben guten Seele nach in die Welten des gei- 
stigen Lebens, zu denen sie aufgestiegen ist, indem wir das ja durch 
viele Jahre herangebildete und herangefestigte Treue- Verhaltnis zu ihr 
bewahren, indem wir uns mit ihrer Seele verbunden wissen fur immer- 
dar. - In letzter Zeit hat ja Fraulein Motzkus selber den Verlust ihrer 
treuen Freundin, die sie nun so bald in der geistigen Welt wiedergefun- 
den hat, zu beklagen gehabt und in dem Sinne, wie man aus dem Be- 
wulksein einer wirklichen Auffassung der geistigen Welt einen solchen 
Schlag ertragt, diesen Schlag hingenommen. Bewundernswert war es, 
mit welch regem Interesse Fraulein Motzkus bis in ihre letzten Tage 
hinein ein tiefes Anteilnehmen zeigte an den grofien Ereignissen der 
Zeit. Sie sagte mir selber wiederholt, so lange mochte sie noch hier auf 
dem physischen Plane leben, bis sich diese bedeutenden Ereignisse, in 
deren Mitte wir jetzt stehen, entschieden haben. Nun, sie wird mit 
freierem Blicke noch, mit festerem Sinne fur die Entwickelung der 
Menschheit, in ihrem jetzigen Zustand diese Ereignisse, an denen sie 
mit so innigem Anteil und Interesse hing, verfolgen konnen. - Und so 
sei es denn uns alien ans Herz gelegt, dafi wir, wo wir nur konnen, un- 
sere Gedanken, unsere tatigen Krafte der Seele, mit diesem treuen Gei- 
ste, mit diesem treuen, lieben Mitgliede unserer Bewegung vereinigen, 
damit wir uns mit ihr eins wissen auch fernerhin, wo sie in anderer 
Form unter uns weilen wird als bisher, da sie auf dem physischen Plan 
mit uns in einer so vorbildlichen Weise verbunden war. 

Nun, die Zeiten, in denen wir leben, sind solche, welche uns immer 
intensiver und intensiver nahelegen konnen, welche Bedeutung das Stre- 
ben nach geistiger Erkenntnis fur das Menschengeschlecht der Gegen- 
wart und der nachsten Zukunft haben mufi. Die Ereignisse, innerhalb 
welcher wir stehen, sind ja, man kann sagen, so, dafi sie fur viele heute 



noch, wenn es auch wenig bemerkt wird, eine Art Zustand der Betaubnis 
hervorrufen. Und was eigentlich geschieht, wie eingreifend die Dinge, 
die da geschehen, in die menschliche Entwickelung sind, das in vollem 
Umfang zu erkennen, dazu werden diejenigen Seelen, welche diese 
Menschheitskatastrophe hier auf dem physischen Plan iiberleben, wohl 
erst nach einiger Zeit aufwachen. Um so mehr miissen wir es uns ange- 
legen sein lassen, dasjenige vor unsere Seele zu rufen, was wir Gedan- 
ken nennen konnen, die beleuchtend sind fur die Aufgaben und Ziele 
dieser fur die Menschheit so notwendigen geisteswissenschaftlichen 
Bewegung. Und fiir uns wird es vielleicht besonders gut sein, da wir 
nach langer Zeit wiederum zusammen sind, das Spezifische unserer An- 
schauung von dieser Geisteswissenschaft uns einmal mit einigen kurzen 
Gedanken vor die Seele zu fuhren; besser wiirde ich vielleicht sagen, 
von derjenigen Anschauung, die sich naturgemafi ergeben kann aus je- 
ner Geisteswissenschaft, die wir nun seit vielen Jahren vor unsere Seele 
hinstellen. 

Dafi die Menschen, wenigstens in diesem oder jenem ihrer Vertreter, 
iiberall heute die Sehnsucht entwickeln, der geistigen Welt nahezu- 
kommen, trotzdem auf der anderen Seite bedauerlicherweise der Mate- 
rialismus nicht abnimmt, das kann aber doch bemerkt werden. Und ge- 
rade aus mancher Form, in der die Sehnsucht nach dem Geiste auf- 
taucht, kann uns das Bediirfnis entstehen, das Spezifische unseres Su- 
chens nach dem geistigen Leben uns einmal vor die Seele zu riicken. In 
England macht gegenwartig das Suchen eines hervorragenden Gelehrten 
nach der geistigen Welt den allergrofiten Eindruck auf die weitesten 
Kreise auch der gebildetsten Leute dort. Und es ist eine immerhin 
aufterordentlich bemerkenswerte Erscheinung, dafi von einem dort unter 
die allerersten wissenschaftlichen Geister gezahlten Manne ein umfang- 
reiches Buch geschrieben worden ist iiber den Zusammenhang der 
Menschheit hier auf der Erde mit der geistigen Welt, das eine ganz 
merkwiirdige Form hat. Sir Oliver Lodge, der ja seit Jahren allerdings 
sich in der verschiedensten Weise bemiiht, die naturwissenschaftlichen 
Erkenntnisse, zu denen er gelangt ist, so zu erweitern, da& sie ihm Auf- 
schliisse geben konnen iiber die geistige Welt, hat ein dickes Buch 
geschrieben iiber einen ganz besonderen Fall von Beziehungen, in die 



er gekommen sein will zu der geistigen Welt. Die Sache verhalt sich 
folgendermafien. 

Sir Oliver Lodge hatte einen Sohn, Raymond Lodge. Der nahm 
1915 auf englischer Seite an dem Krieg in Flandern teil. Wahrend die 
Eltern Lodge den Sohn noch auf dem Kriegsschauplatz wuftten, beka- 
men sie eine merkwiirdige Nachricht aus Amerika. Eine Nachricht, die 
ganz gewifi fiir, ich mochte sagen, materialistisch gesinnte Spiritualisten 
auflerordentlich frappierend sein mulke. Die Nachricht war so gehal- 
ten, dafi aus ihr entnommen werden sollte, dafi der vor vielen Jahren 
verstorbene englische Psychologe, der sich viel befafit hat mit den Be- 
ziehungen der physischen Welt zu der geistigen Welt, Myers, der also 
seit Jahren bereits in der geistigen Welt weilt, daft dieser sich des jungen 
Raymond Lodge in der nachsten Zeit annehmen werde. Zunachst war 
es unklar, auf was sich das beziehen konne. Diese Nachricht traf aller- 
dings etwas verspatet bei Sir Oliver Lodge ein. Sie traf ein, als Ray- 
mond Lodge, der Sohn, bereits gefallen war. Ich glaube vierzehn Tage 
spater, ich weifi es nicht mehr genau. Nun bekam man also die Nach- 
richt von dem Tode, und man bekam ferner wiederum aus Amerika 
Nachricht, die durch Medien vermittelt war, daft man sich an englische 
Medien wenden solle. Und siehe da, man wendete sich an englische 
Medien, und zwar an Medien, denen Sir Oliver Lodge — man kann das 
sagen, ich werde ja nachher gleich liber die Bedeutung des Falles spre- 
chen - mit geniigender Kritik gegeniiberstand. Sir Oliver Lodge ist 
Wissenschafter und ist geschult dazu, solche Dinge in wissenschaftli- 
cher Weise zu priifen. Er ging nach seiner Meinung ganz so zu Werke, 
wie man beim Laboratoriumsversuch zu Werke geht. Und was sich nun 
ergab, wurde nicht von einem, sondern sogar von mehreren Medien 
konstatiert: Raymond Lodges Seele wollte sich der Familie des Sir Oli- 
ver Lodge ankundigen. Es kam zu allerlei Schreib- und Klopfmitteilun- 
gen, zu Mitteilungen, die ihrem Inhalte nach fiir die Familie Lodge so 
iiberraschend waren, dafi nicht nur Sir Oliver Lodge von der Wahrheit 
der Sache iiberzeugt war, sondern auch die iibrigen Familienmitglieder, 
die solchen Dingen bis dahin aufterordentlich skeptisch gegeniiberstan- 
den. Raymond Lodges Seele kiindigte unter anderem an, dafi Myers, 
der langst Verstorbene, schiitzend ihr zur Seite stiinde, kiindigte Ver- 



schiedenes an iiber seine letzte Zeit vor dem Tode, allerlei anderes 
noch, das von Bedeutung war fur die Eltern und Geschwister und einen 
grofien Eindruck machte, namentlich weil Verschiedenes, das Raymond 
Lodge durch die Medf< n mitteilen liefl, direkt bestimmt war, an die 
Familie und namentlich an Sir Oliver Lodge heranzukommen. Die Art 
und Weise der Sitzungen, die gehalten worden sind, waren fur die Fa- 
milie und fur Sir Oliver Lodge, merkwiirdigerweise mufi ich sagen, und 
fur eine weite Presse - soweit ich es verfolgen konnte - aufierordentlich 
uberraschend. Sie konnen nicht iiberraschend sein fur denjenigen, der 
in solchen Dingen Erfahrung hat, denn im Grunde genommen konnte 
seiner Art und Gattung nach dasjenige, was da durch Medien von einem 
Toten vermittelt worden ist, jeder, der mit der Technik und dem Ver- 
lauf von solchen Sitzungen nur irgend bekannt ist, kennen. Einen 
besonders tiefen Eindruck hat aber in England vor allem ein Faktum 
gemacht. Und dieses Faktum ist wohl dasjenige, welches am meisten 
geeignet sein wird, in allerweitesten Kreisen der englischen gebildeten 
Welt, auch der amerikanischen gebildeten Welt, geradezu Uberzeugung 
hervorzurufen, und zwar eine Uberzeugung, wie sie vorher in unserer 
skeptischen Zeit bei sehr vielen Menschen nicht da war, bei denen sie 
nun gerade durch diese Sache eingetreten ist und eintreten wird. Das 
Faktum, das besonders starken Eindruck auf die Familie Lodge, auf Sir 
Oliver Lodge besonders, und auf die breite Offentlichkeit gemacht hat, 
ist das folgende. 

Durch eines der Medien wurden Photographien beschrieben, welche 
zu Lebzeiten von Raymond Lodge angefertigt worden sind. Sie wurden 
in der Weise beschrieben, dafi Raymond Lodge selber dem Medium 
eingab, das sich beschreibend durch Klopftone aufierte, wie die Photo- 
graphien ausschauen. Nun wurde auf diesem Wege eine Gruppenpho- 
tographie beschrieben; das heifit also, durch das Medium kam heraus, 
daft die Seele des Raymond Lodge eine Gruppenphotographie beschrei- 
ben wollte, die von ihm auf genommen worden ist kurze Zeit be vor er 
durch des Todes Pforte gegangen ist. Da hat er sich, so sagt er vom 
Jenseits heraus, mit Kollegen photographieren lassen, die in zwei 
Gruppen hintereinander aufgenommen worden waren; so und so war 
die Anordnung, er safi an der Stelle. Und er gab aufierdem auf diesem 



Wege an, daft mehrere Aufnahmen gemacht worden sind, aber hinter- 
einander, wie das die Photographen tun. Und zwar gab er genau an, 
wodurch sich diese unmittelbar hintereinander gemachten Photogra- 
phien unterscheiden. Er sitzt iiberall auf demselben Stuhl, ungefahr 
auch mit derselben Hauptgeste, nur ein klein wenig ist die Lage des 
Arms und dergleichen verandert. Das gibt er sehr genau an. Nun, die 
Familie Lodge wufite von diesen Photographien nichts, sie wufite nicht, 
daft eine solche Photographie gemacht worden ist. Es war also zunachst 
das Faktum vorhanden, dafi auf dem Umweg durch das Medium eine 
Gruppenphotographie beschrieben worden ist, welche Raymond Lodge 
darstellen sollte im Kreise seiner Kameraden. Nach einiger Zeit, viel- 
leicht nach vierzehn Tagen, kam nun wirklich von Frankreich heriiber 
diese Photographie bei Sir Oliver Lodge an, und zwar ganz genau so, 
wie sie durch das Medium nach den Angaben der Seele von Raymond 
Lodge beschrieben worden ist. Das hat einen besonders starken Ein- 
druck gemacht. Und derjenige, der in solchen Dingen Dilettant ist - 
und es hat sich ja gezeigt, dafi eigendich alle Welt, die da in Betracht 
kam, Dilettant war -, mufite also auch einen starken Eindruck haben. 
Es ist ein Experimentum crucis. Man hat es damit zu tun, dafi eine 
Seele von jenseits heriiber eine Photographie in mehreren voneinander 
verschiedenen Aufnahmen beschreibt, die etwa erst nach vierzehn Ta- 
gen bei der Familie eintrifft, und die mit diesen Angaben genau iiber- 
einstimmt. So daft man sagen kann: Keine Spur kann vorliegen, dafi das 
Medium oder irgendein Mitglied der Sitzung - und Mitglieder waren 
die Angehorigen der Familie Lodge - irgend etwas von dieser Photo- 
graphie gesehen haben konnten. Sehen Sie, wir haben da einen Fall, der 
ganz besonders ins Auge zu fassen ist: auf der einen Seite wissenschaft- 
lich ins Auge zu fassen ist, auf der anderen Seite aber auch kulturhisto- 
risch ins Auge zu fassen ist. Denn nicht nur, dafi man voraussetzen 
kann, dafi so etwas selbstverstandlich einen grofien Eindruck machen 
kann; es ist auch wirklich geschehen, es hat einen ungeheuren Eindruck 
gemacht. Und soweit man verfolgen konnte, wirkte gerade diese Be- 
schreibung der Photographie, die also nicht auf Gedankeniibertragung 
beruhen konnte, tief iiberzeugend. 

Fur uns handelt es sich besonders darum, den ganzen Fall ins Auge 



zu fassen. Denn wir miissen uns iiber folgendes klar sein: Wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes geht, so haben wir es zunachst da- 
mit zu tun, dafi die menschliche Individualitat nunmehr fiir kurze Zeit 
eingehiillt ist vom Astralleib und Atherleib, dafi dieser Atherleib nach 
kiirzerer oder langerer Zeit, aber immerhin nach einer Zeit, welche, wie 
wir wissen, nach Tagen zu bemessen ist, mitgeteilt wird der atherischen 
Welt und dort ihr weiteres Schicksal durchmacht, so dafi die Individua- 
litat mit dem Astralleib in der geistigen Welt ihre weitere Wanderung 
antritt. Und so wie der physische Leib hier auf der Erde abgesondert ist 
von der Individualitat, so ist es auch der menschliche Atherleib. Nun 
miissen wir uns klar sein dariiber, dafi in spiritistischen Sitzungen - und 
mit spiritistischen Sitzungen hat man es in dem ganzen Werke des Sir 
Oliver Lodge zu tun - nur von einem griindlichen Kenner unterschieden 
werden kann, ob die Kommunikation da ist mit der wirklichen Indivi- 
dualitat oder blofi mit dem abgelegten, zuriickgebliebenen atherischen 
Leichnam. Dieser atherische Leichnam steht trotzdem in einer fortwah- 
renden Kommunikation mit der Individualitat. Nun, wenn man auf 
dem Umwege durch ein Medium eine Verbindung herstellt mit der gei- 
stigen Welt, so stellt man sie zunachst mit dem Atherleib her, und man 
kann nie sicher sein, ob man auf diesem Umwege wirklich an die Indi- 
vidualitat herangelangt. Es ist ja gewifi das Bestreben unserer Zeit, auch 
fur das spirituelle Sein etwas wie den Laboratoriumsversuch zu finden, 
etwas, was man mit Handen greifen kann, was man unmittelbar in der 
materiellen Welt vor sich hat. Auf den inneren Weg, auf dem die Seele 
in die geistigen Welten wandern soil, auf den reinen Geistesweg mag 
sich unsere materialistische Zeit nicht gerne einlassen. Sie will, dafi auch 
der Geist sich materiell ankiinde, dafi dieser Geist in die materielle Welt 
hinuntersteigt. Wir erleben alle Phasen des materialistischen Spiritua- 
lismus, des materialistischen Sich-Hinwendens zur geistigen Welt. 

Nun ist durchaus moglich, dafi der atherische Leib, der sich abson- 
dert von der eigendichen menschlichen Individualitat, eine gewisse Art 
von Eigenleben zeigt, das fur den Laien durchaus zu verwechseln ist 
mit dem Leben der Individualitat. Man darf namlich nicht glauben, dafi 
dieser Atherleib, wenn er nun der atherischen Welt ubergeben ist, nur 
Reminiszenzen, nur Erinnerungen, nur Nachklange zeigen wiirde an 



dasjenige, was der Mensch hier durchgemacht hat, sondern er zeigt sich 
als eine wirklich fortlebende Individualitat. Er kann ganz Neues kund- 
geben und hervorbringen. Und dennoch, wer da glaubt, durch diese 
Verbindung mit dem Atherleibe in einer Verbindung mit der Individua- 
litat zu sein, der ist auf falscher Fahrte. Insbesondere ist das moglich, 
wenn in einem Kreise, wie in diesem Kreise von der Familie Sir Oliver 
Lodges - es waren alles Mitglieder der Familie -, Menschen herumsit- 
zen, welche so oder so geartete Gedanken hinlenkten nach dem Ver- 
storbenen, wie es natiirlich war in der Seele eines jeden dieser Mitglieder 
der Familie Lodge. Gedanken an den Verstorbenen, mannigfaltige Er- 
innerungen, die teilten sich auf dem Umwege durch die mediale Kraft 
des Mediums dem Atherleibe mit, und der Atherleib gibt wiederum 
manchmal ganz und gar frappierende Antworten zuriick, die durchaus 
sich so ausnehmen, als ob die Individualitat des Toten die Antworten 
gabe. Dennoch braucht man es nur mit dem abgelegten atherischen 
Leichnam zu tun zu haben. Und fur denjenigen, der mit diesen Dingen 
bekannt ist, findet wirklich das statt, daft iiberall, wo geschildert wird, 
wie durch das Medium das oder jenes von Raymond Lodge an die Mit- 
glieder der Familie des Sir Oliver Lodge kommt, eigentlich nur der 
atherische Leichnam spricht, ohne daft die Individualitat des Raymond 
Lodge wirklich in Kommunikation gestanden hatte mit dem ganzen 
Kreise. Es sind daher auch, wie gesagt, fur denjenigen, der bewandert 
ist in dem Verlauf von solchen Sitzungen, alle die Mitteilungen nicht 
besonders frappierend. 

Es hatte das Ganze wahrscheinlich auch nicht auf einen weiten Kreis 
einen so bedeutsamen Eindruck gemacht und wiirde ihn nicht weiter 
machen, wenn nicht die Photographie-Geschichte vorlage. Denn diese 
Photographie-Geschichte ist doch etwas aufterordentlich Merkwiirdi- 
ges. Denn es ist doch unmoglich, daft irgendwie aus dem Kreis - wie 
das bei alien anderen Dingen, die in den Sitzungen vorkamen, moglich 
ist - Gedanken hatten hingehen konnen durch das Medium zu dem 
atherischen Leibe. Denn niemand konnte in England etwas von den Pho- 
tographien wissen; die waren noch nicht angekommen, als die Mittei- 
lungen durch das Medium gemacht wurden. Trotzdem ist es hochst 
merkwiirdig, daft jemand, der so lange schon sich fur diese Dinge inter- 



essiert und der aufterdem ein so gelehrter Wissenschafter ist wie Sir 
Oliver Lodge, dafi der nicht weifi, wie eine solche Sache aufzufassen ist. 
Ich habe wirklich mich bemiiht, in diesem Falle in die Sache genauer 
hineinzuschauen, und das ist sehr gut moglich, weil eben gerade Sir 
Oliver Lodge Gelehrter, Wissenschafter ist, und deshalb in einer Weise 
beschreibt, auf die man sich verlassen kann; so dafi man es nicht zu tun 
hat mit irgendwelchem Protokoll einer gewohnlichen spiritistischen 
Sitzung, sondern mit den Mitteilungen eines Mannes, der mit der 
Sicherheit eines Wissenschafters schildert, der gewohnt ist, die wissen- 
schaftliche Gewissenhaftigkeit zu entwickeln, die ein Chemiker in den 
Laboratoriumsversuchen entfaltet. Man kann aus der Schilderung, die 
aufierordentlich gewissenhaft gemacht ist, sich ein vollstandiges Bild 
machen desjenigen, um was es sich handelt. Man mufi nur wissen, um 
was es sich handelt. 

Da ist es sehr merkwurdig, dafi jemand durch das aufterordentliche 
Interesse, das er dadurch hat, daft es sich um seinen Sohn handelt, 
jemand, der sich doch schon durch viele Jahre fur diese Dinge inter- 
essiert, also ein gelehrter Mann wie Sir Oliver Lodge, nichts weil? 
von demjenigen, was wir innerhalb unserer Geisteswissenschaft ofter 
beschrieben haben, wenn wir die atavistischen Formen des Hellsehens 
beschrieben haben als Vorahnung, als Deuteroskopie. Denn man hat in 
diesem Falle es mit nichts anderem zu tun als mit einem ganz besonde- 
ren Falle der Deuteroskopie. Die Sache ist so: Wir haben es mit einem 
Medium zu tun. Diesem Medium ist in gewisser Weise - selbstverstand- 
lich durch atavistische Krafte - die geistige Welt of fen, das wissen wir. 
Solche Medien uberbriicken in ihrem Schauen den Raum. Aber nicht nur, 
dafi sie in dem sogenannten zweiten Gesicht den Raum uberbriicken, 
sondern sie uberbriicken auch die Zeit. Und nehmen wir einen sehr ein- 
fachen Fall, den Fall, der hundert und hundertmal beschrieben ist - Sie 
konnen die Falle beschrieben lesen, wenn Sie nicht selber so etwas bei 
sich oder bei Bekannten erlebt haben -, dafi jemand, der besonders 
dazu veranlagt ist, wie traumhaft, aber in halber Vision, als Zukunfts- 
ereignis seinen eigenen Sarg oder Leichenzug sieht. Er stirbt in vierzehn 
Tagen. Er hat das gesehen, was sich erst in vierzehn Tagen zutragt. 
Man kann nicht nur seinen eigenen Sarg oder Leichenzug, sondern zum 



Beispiel einen fremden Leichenzug sehen, ein ganz gleichgiiltiges Er- 
eignis sehen, zum Beispiel - ich erzahle einen bestimmten Fall - sehen, 
wie man nach vierzehn Tagen oder drei Wochen aufs Land hinausgeru- 
fen wird und vom Pferde stiirzt. Der Fall ist vorgekommen. Jemand hat 
das genau gesehen, hat versucht, Vorkehrungen zu treffen; aber diese 
Vorkehrungen sind so ausgefallen, dafl die Sache trotzdem passiert ist. 
Da haben wir es mit einem Uberbriicken der Zeit zu tun. Nichts ande- 
res aber ist das, was Sir Oliver Lodge beschreibt, als ein Uberbriicken 
der Zeit. Nichts anderes. Seine Beschreibung ist wirklich so genau, dafi 
die Nachpriifung durchaus moglich ist. Das Medium hat durch seine 
mediale Kraft das zukiinftige Ereignis gesehen. Als das Medium sprach, 
war die Photographie nicht da, aber sie kam in vierzehn Tagen, oder so 
ungefahr, an. Sie wurde umhergezeigt. Das fand erst nach einiger Zeit 
statt, aber das sah das Medium voraus. Es war ein prophetisches Vorge- 
sicht, eine Deuteroskopie. Man hat es zu tun mit einem Vorgesicht; das 
ist es, was die Sache erklart. Das hat also gar nichts zu tun mit einer 
Kommunikation zwischen demjenigen, der hier auf dem physischen 
Plan ist, und dem, der in der geistigen Welt ist. 

Sie sehen, wie sehr man verwirrt werden kann durch das Streben 
nach materialistischer Ausdeutung der geistigen Verhaltnisse in der 
Welt, wie sehr man blind sein kann gegen dasjenige, was wirklich ist. 
Es ist ja wahrhaftig nicht minder ein Beweis fur die Realitat einer Welt, 
die hinter der gewohnlichen Sinneswelt steht, dafi solch ein Vorgesicht 
da ist. Der Fall ist interessant, nur kann man ihn nicht verwerten fur 
die Konstatierung des Verhaltnisses zwischen Lebenden und Verstor- 
benen. Die Verstorbenen miissen aufgesucht werden - wenn sie aufge- 
sucht werden sollen und diirfen - auf dem Wege, der ein wirklich gei- 
stiger ist. Uber diese Dinge werden wir ja in der nachsten Zeit noch 
mannigfaltige Betrachtungen anstellen, denn ich gedenke gerade iiber 
die Frage der Beziehungen der Lebenden zu den Toten in der nachsten 
Zeit verschiedene Kapitel hier zu besprechen. 

Nun, ich habe Ihnen diese Schrift von Sir Oliver Lodge iiber Ray- 
mond Lodges Seele vorgefuhrt aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen, 
wie dasjenige Sehnen nach der geistigen Welt beschaffen ist, das ja vor- 
handen ist, das man aber eine materialistische Art dieses Sehnens nen- 



nen kann. Oliver Lodge ist eben materialistischer Gelehrter. Wenn er 
auch nach der geistigen Welt strebt, er will doch die geistige Welt nach 
Art der physikalischen oder chemischen Welt kennenlernen. Wie er die 
chemischen Gesetze erforscht im Laboratorium, so will er auch das 
augenscheinlich vor sich haben, was sich auf die geistige Welt bezieht. 
Und ganz feme liegt ihm jener Weg, den wir als den richtigen anerken- 
nen miissen, der Weg, den die Seele auf innerliche Art hin nach der gei- 
stigen Welt nimmt, und den wir ja so oft beschrieben haben, wie wir 
nicht minder beschrieben haben, was da die Seele kennenlernt als zu- 
nachst uns heute in der Gegenwart angehend und der Welt der physi- 
schen Sinne, in der wir leben, zugrunde liegend. Gerade an den Bestre- 
bungen, die auf materialistische Art nach der geistigen Welt hingehen, 
kann man den ganzen materialistischen Charakter unserer Zeit kennen- 
lernen. Und wenn unsere Bewegung einen Sinn haben soli, das heifit, 
den Sinn haben soli, der fur sie folgen mufi aus dem notwendigen Ent- 
wickelungsgesetz der Menschheit, dann mufi sie gerade scharf betonen 
das Geistig- Innerliche, das wirklich Spirituelle gegeniiber diesem mate- 
rialistischen Streben, das heifit absurden Streben nach der geistigen Welt. 

Und warum mufi denn in der Gegenwart eine ganz andere Art als die 
materialistische es ist, namlich eine rein geistige Art, wirklich die Men- 
schenherzen ergreifen? Diese Frage miissen wir im Zusammenhang be- 
trachten mit einer Tatsache, auf die wir ofter hingewiesen haben im 
Laufe der Jahre, und die uns gerade besonders in diesen Tagen, in die- 
sen Leidens- und Priifungstagen nahegehen mufi. Wir haben hingewie- 
sen darauf, wie dieses zwanzigste Jahrhundert die Anschauung des 
atherischen Christus unter die Menschheit bringen mufi. Und so wahr, 
wir haben das oft gesagt, als zur Zeit des Mysteriums von Golgatha der 
Christus physisch unter den Menschen gewandelt hat an einer bestimm- 
ten Statte der Erde, so wahr wird iiber die ganze Erde hin im zwanzigsten 
Jahrhundert der atherische Christus unter den Menschen wandeln. Und 
nicht darf, wenn gegen der Erde Heil nicht gesiindigt werden soil, die 
Menschheit unaufmerksam an diesem Ereignis vorbeigehen; sondern sie 
mufi die notwendige Aufmerksamkeit haben, damit eine genugende 
Anzahl von Menschen vorbereitet sein werden, den Christus wirklich 
zu schauen, der da kommen wird und der geschaut werden mufi. 



Solch ein Ereignis, es kommt nicht ganz plotzlich, wie das Ereignis 
von Golgatha auch nicht plotzlich gekommen ist, sondern sich auch 
durch dreiunddreiftig Jahre vorbereitet hat. Und so nah ist der Zeit- 
punkt, wo etwas, aber jetzt geistig, geschehen wird, was eine ahnliche 
Bedeutung haben wird fur die Menschheit wie das Ereignis von Golga- 
tha auf dem physischen Plan. Daher werden Sie es nicht unglaubhaft 
finden, wenn Sie im allgemeinen die oben beriihrte Tatsache zugeben, 
wenn gesagt wird, daft er eigentlich in der Form, in der er geschaut 
werden wird im grofien Augenblick der Entwickelung im zwanzigsten 
Jahrhundert, schon da ist, dafi sich vorbereitet der grofie Augenblick. 
Nicht unglaubhaft werden Sie es finden, wenn eben im Angesicht des 
grofien Augenblickes gesagt wird: Dieser Augenblick bereitet sich 
schon vor. Ja, man kann sagen: So weit die Menschheit in ihren heuti- 
gen Taten entfernt zu sein scheint von dem Durchtranktsein mit dem 
Christus-Geist auf dem physischen Plan, so nahe ist den Seelen, wenn 
sie sich nur offnen wollten, der Christus, der da kommt. Und der Ok- 
kultist kann geradezu darauf hindeuten, wie seit dem Jahre 1909 unge- 
fahr in deutlich vernehmbarer Weise sich vorbereitet dasjenige, was da 
kommen soli; daft wir seit dem Jahre 1909 innerlich in einer ganz be- 
sonderen Zeit leben. Und es ist heute moglich, wenn es nur gesucht 
wird, dem Christus ganz nahe zu sein, den Christus in ganz anderer 
Art zu finden, als ihn friihere Zeiten gefunden haben. 

Eines kann einem auffallen, was ich Ihnen, so einfach es klingen mag, 
sagen mufi aus einer tiefen Zeitempfindung heraus. Leider macht man 
sich ja gewohnlich nicht genug griindliche Vorstellungen iiber dasjeni- 
ge, was vergangen ist, namentlich was vorgegangen ist mit den mensch- 
lichen Seelen in friiheren Jahrhunderten. Von der Starke des Eindrucks, 
den in den ersten christlichen Jahrhunderten, wenn auch auf einen ge- 
ringeren Kreis als spater, vielleicht nicht die heute bekannten Evange- 
lien, aber dasjenige, was in den heute bekannten Evangelien steht, ge- 
macht hat, von dem unendlich Starken des innerlichen Ergriffenseins 
der Seele macht man sich heute keine rechte Vorstellung mehr. Ja, 
mit den zunehmenden Jahrhunderten wurde wirklich der Eindruck, 
den das Innerliche der Evangelien machte, immer geringer. Und heute 
darf man schon sagen, wenn man sich keinen Illusionen hingibt: Der 



einzelne, wenn er gewisse Intuitionen hat, gewisse ahnende Krafte hat, 
kann durchdringen durch das Wort der Evangelien zu einer Vorstellung 
desjenigen, was geschehen ist in der Zeit des Mysteriums von Golgatha; 
aber die ungeheure Kraft des Evangelien- Wortes selber, sie wurde ge- 
ringer und immer geringer, und sie wirkt heute, wenn man sich eben 
keiner Illusion hingibt, in den weitesten Kreisen der Menschen nur noch 
schwach. Man will sich soldi eine Tatsache nicht mehr gestehen; aber 
es ware gut, weil es die Wahrheit ist, wenn man es sich gestehen wollte. 
Wie kommt das? 

Nun, so wahr es ist, dafi dasjenige, was durch die Evangelien pulst, 
nicht Erdenwort ist, sondern Kosmos-Wort, Himmels-Wort, eine un- 
vergleichlich grofiere innere Kraftmoglichkeit hat als irgend etwas an- 
deres auf der Erde, ebenso wahr ist es, dafi der Form, in der dieses 
Wort niedergelegt ist in den Evangelien, aus der Zeit des Mysteriums 
von Golgatha heraus, die Menschen in ihren Seelen sich entfremdet 
haben in dieser Zeit. Denken Sie doch nur nach dariiber, wie unendlich 
schwer es Ihnen ist, die Sprache, wenn sie zufallig an Sie herankommt, 
in einem Zustand zu verstehen, wie sie vor vier, fiinf Jahrhunderten war. 
Ein Herviberiibersetzen gibt ja durchaus nicht dasjenige, was wirklich 
da ist. Die Evangelien in der Gestalt, in der sie heute ein Mensch haben 
kann, sind eben nicht die urspriinglichen Evangelien, haben nicht die 
urspriingliche Kraft. Man kann zu ihnen durchdringen durch eine ge- 
wisse Intuition, wie ich sagte; aber sie haben eben nicht dieselbe Kraft. 
Und der Christus, der hat das Wort gesprochen, das zutiefst in die 
Menschenseele sich eingraben soil: Ich bin bei euch alle Tage bis ans 
Ende der Erdenzeit. - Dies ist eine Wahrheit, dies ist eine Wirklichkeit. 
In verschiedener Form, in einer der Menschenseele besonders nahen 
Form, wird er es sein in der angedeuteten Zeit des zwanzigsten Jahr- 
hunderts. 

Nun, aus dem, was ich gesagt habe, konnen Sie entnehmen, dafi der- 
jenige, der sich in diesen Dingen als Okkultist drinnenstehend fuhlt, 
sagt: Er ist da! So ist er da, dafi wir von ihm deutlich wissen, dafi er 
nun mehr noch will mit seinen Menschenkindern, als er in verflossenen 
Jahrhunderten gewollt hat. Die Evangelien haben bisher innerlich zu 
den Menschen gesprochen. Sie sollten die Seelen ergreifen. Daher 



konnte man auch mit dem Glauben sich begniigen, nicht zum Wissen 
fortschreiten. Diese Zeit ist voriiber, diese Zeit liegt hinter uns. Der 
Christus hat noch ganz anderes vor mit seinen Menschenkindern. Er 
hat das vor, daft das Reich, von dem er gesagt hat «Mein Reich ist nicht 
von dieser Welt», wirklich in diejenigen Teile der Menschenwesenheit 
einziehe, die selber nicht von dieser Welt sind, die von einer anderen 
Welt sind. Denn in jedem von uns liegt der Teil des Menschen, der 
nicht von dieser Welt ist. Und der Teil des Menschen, der nicht von 
dieser Welt ist, der mufi in intensiver Weise gerade suchen das Reich, 
von dem der Christus gesagt hat, es sei nicht von dieser Welt, 

In der Zeit, in der dies verstanden werden mufi, leben wir. Und 
manche solcher Dinge in der Menschheitsentwickelung kiinden sich ge- 
rade an durch den tiefsten Kontrast. Und auch in unserer Zeit kiindigt 
sich ein Grofies, Bedeutsames durch den Kontrast an. Denn die Zeit 
wird kommen mit dem kommenden Christus, mit dem daseienden 
Christus, wo die Menschen lernen werden, nicht nur fur ihre Seelen, 
sondern fur das, was sie begriinden wollen durch ihr unsterbliches Teil 
hier auf Erden, den Christus zu befragen. Der Christus ist nicht nur ein 
Menschen-Herrscher, er ist ein Menschen-B ruder, der befragt werden 
will, besonders in den kommenden Zeiten befragt werden will fur alle 
Einzelheiten des Lebens. Was die Menschen begriinden wollen, durch 
den Kontrast wird es begriindet heute. Heute scheinen sich Ereignisse 
zu vollziehen, bei denen die Menschen am allerfernsten zu stehen 
scheinen der Frage an den Christus. Wer fragt bei demjenigen - so 
miissen wir uns fragen -, was heute geschieht: Was sagt der Christus 
Jesus dazu? - Wer fragt es? Manche sagen, daft sie es fragen, aber es ware 
gotteslasterlich, zu glauben, daft sie es fragen, daft in der Form, wie sie 
heute gestellt werden, die Fragen wirklich an den Christus gestellt wer- 
den. Und dennoch, die Zeit mufi kommen, sie darf nicht feme sein, wo 
die Menschenseele in ihrem unsterblichen Teil fur dasjenige, was sie be- 
griinden will, die Frage an den Christus stellt: Soli es geschehen, soli es 
nicht geschehen? - wo die Menschenseele den Christus als sie liebenden 
Genossen im Einzelfalle des Lebens neben sich sieht und nicht nur 
Trost, nicht nur Kraft bekommt von der Christus- Wesenheit, sondern 
auch Auskunft bekommt iiber dasjenige, was geschehen soil. Das Reich 



des Christus Jesus ist nicht von dieser Welt, aber es muE wirken in die- 
ser Welt, und die Menschenseelen miissen die Werkzeuge des Reiches 
werden, das nicht von dieser Welt ist. Von diesem Standpunkte aus miis- 
sen wir Umschau halten danach, wie wenig heute die Frage aufgewor- 
fen wird, die an den Christus fur die einzelnen Taten und Ereignisse ge- 
stellt werden muft. Lernen aber mufi die Menschheit, den Christus zu 
befragen. 

Wie soli das geschehen? Das kann nur dadurch geschehen, dafi wir 
seine Sprache lernen. Derjenige, der den tieferen Sinn dessen, was un- 
sere Geisteswissenschaft will, einsieht, der sieht in ihr nicht blofi ein 
theoretisches Wissen iiber allerlei Menschheitsprobleme, iiber die Glie- 
der der Menschennatur, iiber Reinkarnation und Karma, sondern er 
sucht in ihr eine ganz besondere Sprache, eine Art und Weise, sich iiber 
geistige Dinge auszudriicken. Und dafi wir lernen, durch die Geistes- 
wissenschaft innerlich im Gedanken mit der geistigen Welt zu sprechen, 
das ist viel wichtiger, als dafi wir uns theoretische Gedanken aneignen. 
Denn der Christus ist bei uns alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten. 
Seine Sprache sollen wir lernen. Und durch die Sprache - und scheint 
sie noch so abstrakt zu sein -, durch die wir von Saturn, Sonne, Mond 
und Erde und auf der Erde von verschiedenen Perioden und verschie- 
denen Zeiten und von verschiedenen anderen Geheimnissen der Ent- 
wickelung horen, durch diese sogenannte Lehre lehren wir uns selber 
eine Sprache, in die wir die Fragen giefien konnen, die wir stellen an die 
geistige Welt. Und wenn wir lernen, so recht in der Sprache dieses gei- 
stigen Lebens innerlich zu sprechen, dann, meine lieben Freunde, dann 
wird sich entwickeln, dafi der Christus neben uns stent und uns Ant- 
wort gibt. Das ist etwas, das wir als eine Gesinnung aus unseren gei- 
steswissenschaftlichen Bestrebungen aufnehmen sollen, als eine Emp- 
findung, als ein Gefiihl. Warum befassen wir uns mit Geisteswissen- 
schaft? Es ist, wie wenn wir das Vokabularium derjenigen Sprache ler- 
nen sollen, durch die wir an den Christus herankommen. Und wer sich 
bemiiht, iiber die Welt denken zu lernen, wie sich die Geisteswissen- 
schaft bemiiht, wer sich bemiiht, seinen Kopf so anzustrengen, dafi er, 
so wie die Geisteswissenschaft es will, in die Weltengeheimnisse hinein- 
sieht, an den wird aus dem diister-dunklen Grunde der Weltengeheim- 



nisse die Gestalt des Christus Jesus herantreten und ihm die starke 
Kraft sein, in der er leben wird, briiderlich fiihrend an seiner Seite ste- 
hend, auf dafi er mit Herz und Seele stark und kraftig sein konne, den 
Aufgaben der zukiinftigen Menschheitsentwickelung gewachsen zu 
sein. Suchen wir daher nicht blofi als Lehre, suchen wir als eine Sprache 
uns die Geisteswissenschaft anzueignen, und warten wir dann, bis wir 
in dieser Sprache die Fragen finden, die wir an den Christus stellen diir- 
fen. Er wird antworten, ja er wir d antworten! Und reichliche Seelen- 
krafte, Seelenstarkungen, Seelenimpulse wird derjenige davontragen, 
der aus grauer Geistestiefe heraus, die in der Menschheitsentwickelung 
dieser Zeit liegt, die Anweisung des Christus veraehmen wird, die die- 
ser dem, der sie sucht, geben will in der allernachsten Zukunft. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 13. Februar 1917 



Die Betrachtungen, die wir vor acht Tagen hier anstellten, gipfelten 
darin, dafi es dem Geistesforscher wohl bekannt ist, wie wir gegenwar- 
tig, trotzdem in der Aufienwelt gewissermafien der Hohepunkt, der 
Kulminationspunkt materialistischer Anschauung, materialistischer 
Gesinnung herrscht, wie wir trotzdem geistig in dem Anfangszeitlaufe 
einer Entmaterialisierung der Gedanken, der Vorstellungswelten stehen, 
was dann im Laufe der Zeit auch zu einer Vergeistigung, zu einem 
Durchdringen mit dem Geiste des Erdenlebens als solchem fuhren 
mufi. Denn dasjenige, was das aufiere Leben des physischen Planes er- 
greifen soli, es mufi ja zuerst ergriffen werden von einigen und dann 
von immer mehr und mehr Menschen im geistigen Begreifen, im geisti- 
gen Erfassen. Und Geisteswissenschaft soli in dieser Beziehung ein An- 
fang davon sein, dafi die Menschen sich erheben in ihren Seelen zu 
dem, wozu sich heute schon die Seelen erheben konnen, wenn sie wol- 
len, und wovon das aufiere physische Leben noch kein Abbild ist, was 
es aber werden muf5, wenn die Erde nicht gewissermafien versumpfen 
soli im Niedergang der materialistischen Entwickelung. Man konnte die 
Situation des heutigen Menschen dadurch bezeichnen, dafi man sagt, 
seine Seele ist eigentlich im allgemeinen ganz nah der geistigen Welt; 
aber die Vorstellungen und namentlich die Empfindungen, die aus der 
materialistischen Weltauffassung und materialistischen Weltgesinnung 
kommen, haben einen Schleier vor dasjenige gewoben, was im Grunde 
genommen heute ganz nahe vor der menschlichen Seele steht. Der Zu- 
sammenhang des physischen Erdendaseins - in dem doch der heutige 
Mensch, trotz mancherlei Deklamationen, die nach anderer Richtung 
hin gemacht werden, steht, mit seinem ganzen Wesen steht -, der Zu- 
sammenhang zwischen diesem materialistischen Erdendasein und der 
geistigen Welt kann von den Menschen gefunden werden, wenn der 
Mensch versucht, innere, mutvolle Krafte zu entwickeln, urn nicht nur 
dasjenige zu begreifen, was er begreifen kann dadurch, daft es sich vor 
seine aufieren Sinne als Natur malt, sondern auch dasjenige zu begrei- 



fen, was unsichtbar bleibt, was ubersinnlich bleibt, womit man sich 
aber vereinigen und es erleben kann, wenn man die innere Kraft der 
Seele so weit aufriittelt, dafi man merkt, daft in dieser inneren Kraft der 
Seele ein iibermenschliches Geistiges mitlebt. 

Dieser Zusammenhang darf nun nicht so gesucht werden, wie heute 
menschliche Zusammenhange gesucht werden und menschliche Zu- 
sammenhange verfolgt werden im groben aufieren Sinnesdasein. Denn 
der Zusammenhang zwischen der Menschenseele und der geistigen Welt 
wird gefunden werden in intimen Kraften der menschlichen Seele; in 
Kraften, welche diese menschliche Seele entwickelt, wenn sie Aufmerk- 
samkeit entfaltet, innere, stille, ruhige Aufmerksamkeit, zu der sich der 
Mensch erst wiederum erziehen muf5, nachdem er im materialistischen 
Zeitalter gewohnt worden ist, Aufmerksamkeit auf dasjenige allein zu 
verwenden, was sich ihm mit Wucht von aufien aufdrangt, was gewis- 
sermafien an das Auffassungsvermogen heranschreit. Der Geist, der im 
Innern erlebt werden soli, der schreit nicht, der lafit auf sich warten, 
und man kommt ihm nahe, wenn man versucht, sich vorzubereiten auf 
dieses Nahekommen. Wenn man sagen kann gegemiber den Dingen der 
Aufienwelt, die vor unsere Sinne sich hinstellen, die der aufieren Wahr- 
nehmung sich aufdrangen: sie kommen heran, sie sprechen zu uns, so 
kann man ein ahnliches Wort nicht anwenden auf die Art und Weise, 
wie der Geist, die geistige Welt, an uns herankommt. Da die heutige 
Sprache, wie ich oft schon gesagt habe, mehr oder weniger gepragt ist 
fur die aufiere physische Welt, so ist es ja schwierig, Worte zu finden, 
die ein genaues Abbild desjenigen sind, was in der geistigen Welt vor 
der Seele steht. Aber man kann annaherungsweise doch versuchen zu 
zeigen, wie andersartig das Geistige an den Menschen herankommt als 
das Physische. Man mochte da sagen, das Geistige wird erlebt, indem 
man in jenem Augenblick, da man es erlebt, das Gefuhl hat: man ver- 
dankt sich ihm. Fassen Sie dieses Wort genau auf: Man verdankt sich 
der geistigen Welt. 

Der physischen Welt stehen wir so gegeniiber, dafi wir sagen: Vor 
unseren Sinnen breitet sich aus das Mineralreich, aus demselben her- 
vorgehend das Pflanzenreich, das Tierreich, und dann unser eigenes 
Reich, das menschliche. Und innerhalb des menschlichen fiihlen wir 



uns gewissermafien als obenstehend in der Aufeinanderfolge dieser au- 
fieren Reiche. Gegeniiber den geistigen Reichen fiihlen wir uns unten- 
stehend und die anderen Reiche iiber uns sich erhebend, die Reiche der 
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Und man fiihlt sich so, 
dafi man sich in jedem Augenblick gegeniiber diesen Reichen fiihlt als 
von ihnen erhalten und im Grunde fortwahrend ins Leben gerufen. 
Man verdankt sich diesen Reichen. Man blickt zu ihnen auf, indem man 
sagt: Das eigene Leben, der eigene Seeleninhalt flieflt aus den willens- 
vollen Gedanken der Wesen dieser Reiche hernieder und bildet uns 
fortwahrend. Dieses Gefiihl des Sich-Verdankens den hoheren Reichen 
sollte bei den Menschen ebenso lebendig entwickelt werden wie das 
Gefiihl, sagen wir, dafi man von auflen Eindriicke bekommt in der phy- 
sischen Wahrnehmung. Wenn diese beiden Empfindungen - die aufie- 
ren sinnlichen Dinge wirken auf uns, und dasjenige, was im Mittelpunkt 
unseres Wesens lebt, ist verdankt den hoheren Hierarchien -, gleich le- 
bendig in unserer Seele sind, dann ist die Seele in jenem Gleichgewicht, 
wo sie fortdauernd wahrnehmen kann in der rechten Weise das Zu- 
sammenwirken des Geistigen und des Physischen, das ja fortdauernd 
stattfindet, das aber ohne das Gleichgewicht dieser beiden charakteri- 
sierten Empfindungen eben nicht wahrgenommen werden kann. 

Die Entwickelung in die Zukunft hinein mufi nun so geschehen, dafi 
der Erdenentwickelung durch das Vorhandensein dieser beiden Emp- 
findungen in der Menschenseele Krafte zuwachsen, welche ihr in der 
heutigen materialistischen Zeit nicht zuwachsen konnen. Wir wissen ja, 
dasjenige, was hier gemeint ist, das deutet auf etwas hin, das sich gar 
sehr im Laufe der Menschheitsentwickelung geandert hat. Der Zusam- 
menhang mit der geistigen Welt war in einer, allerdings dumpf bewufi- 
ten Form, nur in der Urzeit der Menschheitsentwickelung vorhanden. 
Die Menschen hatten in der Urzeit ihrer Entwickelung nicht nur die 
beiden Zustande, die sie jetzt haben, Wachen und Schlafen und dazwi- 
schen ein chaotisches Traumen, sondern sie hatten einen die Wirklich- 
keit vermittelnden dritten Zustand, der nicht blofi ein Traumen war, 
sondern ein Auffassen in Bildern, wenn auch das Bewufitsein herabge- 
dampft war; ein Auffassen in Bildern, aber in Bildern, welche entspra- 
chen einer geistigen Wirklichkeit. Zur Entwickelung des menschlichen 



Erdenvollbewufitseins mufite, wie wir wissen, diese Art der Auffassung 
der Welt beim Menschen zuriicktreten. Der Mensch ware nicht frei ge- 
worden, wenn dieser Zustand verblieben ware. Der Mensch ware nicht 
frei geworden, wenn er nicht alien Gefahren und Anfechtungen und 
Versuchungen des Materialismus ausgesetzt gewesen ware. Aber der 
Mensch mufi auch wiederum den Weg zuriickfinden zur geistigen Welt, 
die er ergreifen mufi im vollen irdischen Bewufksein. 

Dies hangt zusammen mit ganz weiten Vorstellungskomplexen, die 
sich mit alledem geandert haben im Laufe der Menschheitsentwicke- 
lung, was sich so geandert hat, wie wir es jetzt angedeutet haben. Das 
Zusammenleben mit den aus diesem physischen Dasein hinweggegan- 
genen Seelen war einfach fur die Urzeit der Menschen ein selbstver- 
standliches, das man nicht zu beweisen brauchte, denn in jenem Be- 
wufttseinszustand, wo die Menschen in Bildern die geistige Welt wahr- 
nahmen, lebten sie auch zusammen mit denjenigen, die irgendwie durch 
Karma mit ihnen verbunden waren im Leben und durch des Todes 
Pforte in die geistige Welt hinein gegangen waren. Sie wuflten einfach: 
Die Toten sind vorhanden; sie sind nicht tot, sie leben; sie leben nur in 
einer anderen Form des Daseins. - Dasjenige, was man wahrnimmt, 
braucht nicht erst bewiesen zu werden. Uber Unsterblichkeit brauchte 
man in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht nachzudenken, 
denn man erlebte die sogenannten Toten. Aber weitgehende andere 
Wirkungen hatte dieses Zusammenleben mit den Toten. Die Toten fan- 
den die Mdglichkeit leichter als in der Gegenwart - ich sage nicht, dafi 
sie sie in der Gegenwart nicht finden, aber ich sage, sie fanden die Mog- 
lichkeit leichter als in der Gegenwart durch die Menschen, denn dies 
ist der Weg, auf dem das geschehen kann, hier auf der Erde mitzuwir- 
ken bei dem, was auf der Erde geschieht. So dafi dasjenige, was auf der 
Erde geschieht, in jenen Urzeiten der Menschheit so geschehen ist, dafi 
in den Willensimpulsen der Menschen, in dem, was die Menschen sich 
vornahmen, was sie taten, mit die Toten wirkten. 

Der Materialismus hat wahrhaftig nicht nur materialistische Vorstel- 
lungen heraufgebracht - das ware der allergeringste Schaden, denn ma- 
terialistische Vorstellungen als solche schaden am allerwenigsten -, der 
Materialismus hat eine ganz andere Form des Zusammenseins mit der 



geistigen Welt heraufgebracht. Es ist in viel geringerem Mafte moglich 
geworden, daft die sogenannten Toten durch die sogenannten Lebendi- 
gen sich hier in der Evolution der Erde betatigen. Auch zu diesem Zu- 
sammenhang mit den Toten mufi die Menschheit wiederum zuriickkeh- 
ren. Das wird aber nur moglich, wenn die Menschheit gewissermaften 
lernt, die Sprache der Toten zu verstehen. Und die Sprache, in der man 
sich mit den Toten verstandigen kann, ist eben keine andere als die 
Sprache der Geisteswissenschaft. Gewift, es schaut zunachst so aus, als 
ob dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft vermittelt, von mehr 
oder weniger blofi zu einer geistigen Gelehrsamkeit sprechenden Dingen 
handelt, von Weltenentwickelung, von Menschheitsentwickelung, von 
der Gliederung der Menschennatur, was vielleicht Dinge sind, von de- 
nen mancher sagen mochte, es interessiere ihn nicht; er wolle etwas an- 
deres haben, was sein Herz, sein Gemiit warm macht. Gewifi, das letz- 
tere ist eine gute Forderung, es handelt sich darum, wie weit man im 
ganzen Zusammenhang mit einer gewissen Art der Befriedigung einer 
solchen Forderung kommt. Wir lernen scheinbar nur kennen, wie sich 
die Erde auf Saturn, Sonne, Mond entwickelt hat, wie sich die ver- 
schiedenen Kulturepochen auf der Erde entwickelt haben, wie sich die 
Menschenwesenheit gliedert. Aber indem wir uns den Gedanken an 
diese nur scheinbar abstrakten, in Wirklichkeit sehr konkreten Dinge 
hingeben, indem wir uns bemuhen, so zu denken, daft diese Dinge 
wirklich in Bildern vor unseren Seelen stehen, lernen wir, mit einer be- 
stimmten Art uns in Gedanken und Vorstellungen zu bewegen, die wir 
auf eine andere Weise nicht unserer Seele beibringen konnen. Wenn wir 
richtig fiihlen, wie unser ganzes Vorstellen anders wird dadurch, daft 
wir uns mit solchen geisteswissenschaftlichen Dingen beschaftigen, 
dann kommt eine Zeit, wo wir es ebenso absurd finden, zu sagen: uns 
interessiert nicht, uns mit diesen Dingen zu beschaftigen, wie wir es bei 
dem Kinde absurd finden wiirden, wenn es sagte, mich interessiert es 
nicht, das gleichgultige ABC kennenzulernen, sondern ich will spre- 
chen konnen! Gegeniiber dem, was die lebendige Sprache uns vermit- 
telt, ist dasjenige, was das Kind mit seinem leiblichen Dasein vereinigen 
mufi im Sprechenlernen, ebenso ein Abstraktes, wie ein Abstraktes ist 
dasjenige, was an Vorstellungen die Geisteswissenschaft liefert zu dem, 



was aus dem Denken, aus dem ganzen Vorstellen und Empfinden der 
Seele wird unter dem Einfluft dieser geisteswissenschaftlichen Vorstel- 
lungen. 

Dazu allerdings ist notwendig, daft man Geduld hat und dafi man 
dasjenige, was die Geisteswissenschaft enthalt, nicht seinem abstrakten 
Inhalt nach, sondern seinem Lebensinhalt nach annimmt. Das liegt nun 
dem heutigen Menschen mit Bezug auf dasjenige, was wir jetzt in Aus- 
sicht nehmen, ganz besonders fern. In anderer Beziehung freilich na- 
turgemafi auch wiederum nahe. Denn der heutige Mensch ist gewohnt, 
moglichst zufrieden zu sein, wenn er sich eine gewisse Sache, ein 
Kunstwerk auf irgendeinem Gebiete oder irgendeinen wissenschaftli- 
chen Inhalt, einmal vor die Seele geriickt hat. Und wenn ein zweites 
Mai dasselbe vor die Seele tritt, liegt es heute so nahe, zu sagen, das 
kenne ich ja schon, damit habe ich mich schon einmal befaftt. - Das ist 
das Leben in Abstraktion. Auf einem anderen Gebiete, wo man das 
Leben seinem Lebensinhalte nach nimmt, seiner Lebenswirklichkeit 
nach, verfahrt man nicht so. Denn man wird nicht leicht einen Men- 
schen treffen, dem man ein Mittagsmahl vorsetzt, und der sich damit 
entschuldigt, nicht essen zu wollen, da er ja gestern oder vorgestern ge- 
gessen habe. Da vollfuhrt der Mensch immer wieder und wiederum 
dasselbe. Das Leben lebt in Wiederholung des Gleichen. Soil das Gei- 
stige auch wirkliches Leben werden - und ohne dafi es Leben wird, 
kann es uns nicht in Zusammenhang bringen mit der universellen gei- 
stigen Welt -, so muft es in unserer Seele gewissermafien nachgebildet 
werden dem, was die Gesetze des Lebens in der ja auch aus dem Geiste 
heraus gebildeten, aber erstarrten physischen Welt sind. Und insbeson- 
dere werden wir gewahr, dafi mit unserer Seele viel vorgeht, wenn wir 
in einer gewissen rhythmischen Regelmafiigkeit solche Eindriicke auf 
die Seele wirken lassen, welche eine gewisse Freiheit des Denkens, eine 
gewisse Emanzipiertheit des Denkens von der physischen Welt voraus- 
setzen. Alles Heil, konnte man sagen - wenn man dieses sentimentale 
Wort anwenden darf -, alles Heil der geistigen Entwickelung des Men- 
schen hangt davon ab, dafi der Mensch sich dazu bequeme, das Geistige 
wirklich nicht in dem Sinne blofi zu nehmen, wie es heute blofl ge- 
nommen wird, was charakterisiert werden kann mit dem: Oh, das 



kenne ich schon, damit habe ich mich schon beschaftigt sondern es 
im Lebenssinne zu nehmen, was immer verkniipft ist mit Wiederho- 
lung, mit einem, ich mochte sagen, Hintreten derselben Wirkung an 
dieselbe Stelle. Gerade wenn wir uns angelegen sein lassen, unsere Seele 
von geistigem Leben also zu durchsetzen, dann steigert sich auch unsere 
geistige innere Aufmerksamkeitsfahigkeit. Sie wird so intim, dafi wir 
jene wichtigen Momente innerlich seelisch ins Auge fassen konnen, in 
denen die, ich mochte sagen, am meisten zum Herzen sprechenden 
Zusammenhange mit der geistigen Welt sich entwickeln konnen. 

Zum Beispiel ist ein bedeutungsvoller Augenblick fiir den Verkehr 
mit der geistigen Welt derjenige des Einschlafens und derjenige des 
Aufwachens. Nun, der Augenblick des Einschlafens, der wird ja weni- 
ger fruchtbar sein fiir die meisten Menschen im Anfang ihrer geistigen 
Entwickelung, weil man eben hinterher eingeschlafen ist und damit das 
Bewufltsein so herabgetriibt ist, dafi man das Geistige nicht wahr- 
nimmt. Aber sehr fruchtbar kann werden der Augenblick des Uber- 
gehens aus dem Schlafen in das Wachen, wenn wir uns angewohnen, 
diesen Augenblick nicht einfach unaufmerksam zu iibertauchen, sondern 
wenn wir versuchen, Aufmerksamkeit auf inn zu wenden, wenn wir 
versuchen, aufzuwachen so, dafi das Bewufitsein gekommen ist, aber 
die Aufienwelt nicht gleich mit ihrer groben Brutalitat an uns herantritt. 
In dieser Beziehung liegt in Volksgebrauchen, die aus alten Zeiten her- 
stammen, viel Richtiges, das man heute noch wenig versteht. Das einfa- 
che Volk, das noch nicht beleckt ist von der intellektuellen Kultur, 
sagt: Wenn man aufwacht, soli man nicht gleich ins Licht schauen. - 
Also nicht gleich von aufien einen brutalen Eindruck haben, sondern 
etwas in dem Zustand bleiben des Erwachtseins, aber noch nicht Ein- 
driicke bekommen von der aufieren Welt. 

Wenn man dieses beobachtet, bleibt die Moglichkeit, gerade in diesem 
Moment des Aufwachens zu sehen, wie die karmisch mit uns verbun- 
denen Toten an uns herankommen. Sie kommen nicht nur in diesem 
Augenblick an uns heran, aber dieser Augenblick ist derjenige, wo 
wir sie am besten wahrnehmen konnen. Und wir nehmen in diesem 
Augenblick nicht nur das wahr, sondern wir nehmen auch wahr, was 
in der Zeit aufier diesem Augenblick zwischen den Toten und uns 



vorgeht. Denn die Wahrnehmung, die Perzeption der geistigen Welt, 
ist nicht in der gleichen Weise an die Zeit gebunden wie die Wahr- 
nehmung der physischen Welt. Hierin liegt sogar eine Schwierigkeit 
in bezug auf das Auffassen der geistigen Welt und ihrer Wesenheit. 
Ein Augenblick des Wahrnehmens kann uns aus der geistigen Welt 
etwas iiber einen weiten Zeitraum sich Erstreckendes eben ganz mo- 
mentan, ganz augenblicklich enthullen. Die Schwierigkeit liegt darin, 
Geistesgegenwart genug zu haben, um dasjenige, was iiber weitere 
Zeitraume ausgedehnt ist, im Moment aufzufassen. Denn der Moment 
kann, wie dies meistens der Fall ist, im Status nascens voriibergehen. 
Im Entstehen ist zugleich die Sache wieder vergessen. Das ist iiber- 
haupt eine Schwierigkeit des Erfassens der geistigen Welt. Wurde diese 
Schwierigkeit nicht vorliegen, so wiirden, namentlich in der Gegenwart, 
sehr viele Menschen die Eindriicke der geistigen Welt schon empfangen. 

Aber auch in anderen Lebensmomenten ist die Moglichkeit da, daft 
die geistige Welt in uns hineindringt. Zum Beispiel jedesmal, wenn wir 
einen Gedanken so entwickeln, daft der Gedanke aus uns entspringt. 
Wenn wir uns einfach dem Leben iiberlassen, wenn wir so im Leben 
hinschwimmen, dann ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daft die 
echte, die wahre, die innerlich lebendige geistige Welt in uns herein- 
wirkt; aber in dem Moment, wo wir innerlich eine Initiative ergreifen, 
wo wir vor eine Entscheidung gestellt sind, daft wir uns selbst ent- 
schlieften miissen, sei es auch in den kleinsten Dingen, da ist auch wie- 
derum der gunstigste Zeitpunkt da, daft namentlich die karmisch mit 
uns verbundenen Toten in unsere Bewufttseinssphare hereinkommen. 
Es brauchen solche Augenblicke nicht wichtige Augenblicke in dem 
Sinne zu sein, was man so «wichtig» nennt im aufteren materiellen Le- 
ben. Es ist wirklich so, daft zuweilen dasjenige, was fur die geistige Er- 
fahrung wichtig ist, nicht wichtig erscheint im aufteren Leben. Aber fur 
den, der solche Dinge durchschaut, scheint es aufterordentlich klar zu 
sein, daft solche, vielleicht aufterlich unwichtige, innerlich aufterordent- 
lich wichtige Ereignisse, die da eintreten, tief karmisch bedingt sind. So 
ist es schon notwendig, intimere Seelenvorgange zu betrachten, wenn 
man zum Verstandnis der geistigen Welt kommen will. So zum Beispiel 
kann es sich herausstellen, daft ein Mensch auf der Strafte geht oder in 



seinem Zimmer sitzt und irgendein unerwarteter Knall, ein unerwarte- 
ter Schall sich ereignet. Er erschrickt. Er kann einen Moment des Be- 
sinnens nach diesem Erschrecken ha ben, der ihm zeigt: Wahrend dieses 
Erschreckens ist ihm aus der geistigen Welt Wichtiges geoffenbart wor- 
den. Man mufi auf solche Dinge nur die Aufmerksamkeit wenden. Zu- 
meist wendet der Mensch deshalb nicht die Aufmerksamkeit auf diese 
Dinge, weil er sich nur mit dem Erschrecken beschaftigt. Er denkt nur, 
wie er erschrocken ist. Daher ist es so wichtig, in der Weise, wie Sie es 
angedeutet finden konnen in meinem Buche «Theosophie» am Schlusse, 
oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», sich 
Gleichgewicht der Seele zu erwerben. Denn erwirbt man sich dieses 
Gleichgewicht der Seele, ist man nicht so perplex nach dem Erschrek- 
ken, daft man nur diesem Erschrecken sich hingibt, dann wird sich 
schon aufdrangen, wenn auch in intimer Weise, was man gerade in 
einem solchen, eben scheinbar unwichtigen, innerlich aber durchaus 
wichtigen Augenblick erlebt hat. 

Das alles sind natiirlich Anfange, die sich weiter entwickeln miissen. 
Denn indem wir diese Dinge entwickeln: Aufmerksamkeit auf den 
Moment des Aufwachens, Aufmerksamkeit auf den Moment, wo wir 
aufgeriittelt werden von auften nach der einen oder anderen Seite -, ler- 
nen wir wieder auf finden den Zusammenhang mit dem groften Kosmos, 
der stofflich und geistig ist, in dem wir als ein Glied drinnen stehen und 
aus dem wir herausgekommen sind; herausgekommen allerdings sind 
dazu, um freie Menschen zu werden, aber wir sind eben herausgekom- 
men. In Wahrheit ist es schon so, wie der Mensch auch in der Urzeit 
angenommen hat, daft er nicht so verloren, gewissermaften wie ein Wei- 
ten-Eremit, auf der Erde herumgeht, was jetzt geglaubt wird. Sondern 
wahr ist es schon, was der Mensch der Urzeit angenommen hat, daft er 
ein Glied ist in dem ganzen groften kosmischen Zusammenhang, wie 
ein Finger ein Glied ist an unserem Organismus. Dieses Gefiihl hat man 
heute nicht mehr, wenigstens die Mehrzahl der Menschen hat es nicht, 
ein Glied zu sein im groften Weltenorganismus, soweit er als Geistiges 
sich in einem Sichtbaren auslebt. Trotzdem konnte heute ein gewohn- 
liches wissenschaftliches Nachdenken den Menschen schon lehren, daft 
er mit seinem Leben ein solches Glied der ganzen Weltenordnung ist, 



in der er als Organismus drinnensteht. Nehmen Sie etwas sehr Einfa- 
ches, was jeder durch eine einfache Rechnung sich sagen kann. 

Nicht wahr, wir wissen alle, dafi die Sonne im Friihling, am 21. Marz, 
an einem bestimmten Punkt des Himmels aufgeht. Wir nennen diesen 
Punkt den Friihlingspunkt. Wir wissen aber auch, daft dieser Friih- 
lingspunkt nicht jedes Jahr derselbe ist, sondern dafi er fortriickt. Wir 
wissen, daft jetzt die Sonne in den Fischen aufgeht. Vor dem funfzehn- 
ten Jahrhundert ist sie im Widder aufgegangen. Die Astronomie hat das 
beibehalten, «im Widder» zu sagen, aber das stimmt nicht mit der 
Wirklichkeit. - Diese Nebenbemerkung ist in diesem Augenblick nicht 
wichtig. - Also dieser Friihlingspunkt riickt vor; immer ein Snick wei- 
ter vorgeriickt im Tierkreis geht die Sonne im Friihling auf. Daraus ist 
leicht zu sehen, dafi sie in einer gewissen Zeit durch den ganzen Tier- 
kreis wandelt, daft der Aufgangspunkt durch den ganzen Tierkreis 
wandelt. Nun, die Zeit, die notwendig ist, damit die Sonne so durch 
den ganzen Tierkreis wandelt, ist etwa 25 920 Jahre. Also wenn Sie den 
Friihlingspunkt in einem gewissen Jahr nehmen: im nachsten Jahr ist er 
vorgeriickt, im nachsten Jahr wieder vorgeriickt. Vergehen 25 920 Jahre, 
so kommt der Friihlingspunkt wieder auf denselben Punkt zuriick. Also 
25 920 Jahre ist ein fur unser Sonnensystem aufierordentlich bedeu- 
tungsvoller Zeitraum: Die Sonne vollendet einen Weltenschritt, mochte 
ich sagen, indem sie in ihrem Friihlingsaufgang auf denselben Punkt 
zuriickkehrt. Nun hat Plato, der grofie griechische Philosoph, diese 
25 920 Jahre ein Weltenjahr genannt - das grofie platonische Welten- 
jahr. Merkwiirdig ist nun - schon sehr merkwiirdig, aber wenn man auf 
diese ganze Merkwiirdigkeit eingeht, unendlich tief bedeutungsvoll 
erscheinend - das Folgende. 

Normal hat der Mensch in der Minute 18 Atemzuge. Sie andern sich: 
In der Kindheit sind sie etwas zahlreicher, im Alter weniger zahlreich, 
aber durchschnittlich sind beim normalen Menschen 18 Atemzuge rich- 
tig. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel das Atemzuge in einem Tage 
macht. Es ist eine einfache Rechnung: 18 mal 60, dann haben wir in 
einer Stunde 1080; das mal 24, die Stunden am Tage, ergibt 25 920 
Atemzuge in einem Tage. Sie sehen daraus, dafi dieselbe Zahl gewis- 
sermafien regiert den menschlichen Tag mit Bezug auf seine Atemzuge, 



wie das grofie Weltenjahr durch diese Zahl regiert wird im Umgang des 
Friihlingspunktes durch den Tierkreis. 

Das ist eines der Zeugnisse, welches uns zeigt, dafi wir nicht blofi so 
eine allgemeine, verschwommene, dunkel-mystische Redensart gebrau- 
chen, wenn wir sagen: Mikrokosmos - Abbild des Makrokosmos, son- 
dern dafi der Mensch wirklich in einer wichtigen Tatigkeit, von der sein 
Leben in jedem Augenblick abhangt, von derselben Zahl regiert wird, 
von demselben Mafi regiert wird, wie der Sonne Umlauf, in den er 
hineingestellt ist. 

Aber jetzt nehmen wir einmal noch etwas anderes: Nicht wahr, das 
Patriarchenalter, wie es gewdhnlich genannt wird, ist 70 Menschenjah- 
re. 70 Menschenjahre sind naturlich nicht eine unbedingt bindende Zahl 
fur den Menschen. Man kann selbstverstandlich viel alter werden, aber 
der Mensch ist eben ein freies Wesen und iibersteigt zuweilen weit sol- 
che Grenzpunkte. Aber halten wir uns an diese Patriarchenzeit und sa- 
gen wir: Der Mensch lebt durchschnittlich, normal, 70 bis 71 Jahre. 
Und untersuchen wir, wieviel Tage das sind, dann haben wir, nicht 
wahr, 365,25 Tage fur das Jahr. Nehmen wir zunachst dieses mal 70, da 
haben wir 25 567,5; und nehmen wir 71, so hatten wir 365,25 mal 71 = 
25 932,75. Sie sehen, bei 70 Jahren bekommen wir 25 567,5 Tage, bei 
71 Jahren 25 932,75 Tage. Daraus ersehen Sie aber, dafi zwischen 70 
und 71 Jahren eben der Zeitpunkt liegt, wo das menschliche Leben ge- 
nau 25 920 Tage umfafit, so dafi das Patriarchenalter eben dasjenige ist, 
welches 25 920 Tage umfafit. Sie haben also den menschlichen Tag 
dadurch bestimmt, dafi er 25 920 Atemziige hat. Sie haben die mensch- 
liche Lebenszeit dadurch bestimmt, da!5 sie 25 920 Tage zahlt. 

Nun wollen wir noch etwas untersuchen. Und das ist jetzt nicht 
schwer. Sie werden leicht einsehen, dafi, wenn ich 25 920 Jahre, die der 
Sonnen-Friihlingspunkt braucht, um durch den Tierkreis hindurchzu- 
gehen, dividiere durch 365,25, so mufi ich herausbekommen ungefahr 
70 oder 71. Da bekomme ich 70 bis 71 heraus, denn ich habe es durch 
Multiplikation auch erhalten. Das heifit, wenn ich das platonische Jahr 
so behandle, dafi es eben ein grofies Jahr ist, und ich es dividiere, so 
dafi ich einen Tag herausbekomme, so werde ich bekommen, was dann 
der Tag fur das platonische Jahr ist. Was ist das? Das ist ein menschli- 



cher Lebenslauf . Ein menschlicher Lebenslauf verhalt sich zum platoni- 
schen Jahr wie ein Tag des Menschen zu einem Jahr. 

Die Luft ist um uns herum. Wir atmen sie ein und atmen sie aus. Sie 
ist zahlenmafiig so geregelt, daft sie, indem sie 25 920 mal geatmet wird, 
unseren Lebenstag abgibt. Was ist denn aber eigentlich dasjenige, was 
nun ein Lebenstag ist? Ein Lebenstag besteht ja darin, daft wiser Ich 
und Astralleib aus unserem physischen Leib und Atherleib herausgehen 
und wieder hineingehen. So daft Tag auf Tag sich das folgt: Das Ich 
und der Astralleib gehen hinaus, gehen hinein, gehen hinaus, gehen 
hinein, so wie der Atem aus- und eingeht. Viele unserer Freunde wer- 
den sich erinnern, daft ich sogar, um die Sache klarzumachen, in offent- 
lichen Vortragen diesen Wechsel von Wachen und Schlafen mit einem 
langen Atemzug verglichen habe. So wie wir beim Atemzug die Luft 
aus- und einatmen, so gehen, indem wir aufwachen und einschlafen, 
Astralleib und Ich in den Atherleib und physischen Leib hinein und 
hinaus. Damit aber ist nichts anderes gesagt, als: Es gibt ein Wesen, es 
kann ein Wesen vorausgesetzt werden, welches atmet, so wie wir atmen 
in einer achtzehntel Minute, ein Wesen, welches atmet, und dessen 
Atmen unser Aus- und Eingehen des Astralleibes und des Ich bedeutet. 
Dieses Wesen ist nichts anderes als das wirklich lebendige Erdenwesen. 
Indem die Erde Tag und Nacht erlebt, atmet sie, und ihr Atemprozeft 
tragt unser Schlafen und Wachen auf seinen Flugeln. Das ist der At- 
mungsprozefi eines grofteren Wesens. Und jetzt nehmen Sie den At- 
mungsprozeft eines grofteren Wesens, der Sonne, die da herumgeht. So 
wie die Erde einen Tag zubringt mit dem Herauslassen und Hereinho- 
len des Ich und Astralleibes in den Menschen, so bringt das grofte, aber 
geistig der Sonne entsprechende Wesen uns Menschen hervor; denn die 
70 bis 71 Jahre sind ja, wie wir nachgewiesen haben, ein Tag des Son- 
nenjahres, des groften platonischen Jahres. Unser gesamtes Menschen- 
leben ist eine Aus- und Einatmung dieses groften Wesens, dem das pla- 
tonische Jahr zugeteilt ist. Sie sehen: Wir haben einen kleinen Atem in 
einer achtzehntel Minute, der unser Leben regelt; wir stehen im Leben 
der Erde drinnen, deren Atemzug Tag und Nacht umfafit: das ent- 
spricht unserem Hinaus- und Hereingehen des Ich und Astralleibes in 
den physischen und Atherleib; und wir sind selber hereingeatmet von 



dem grofien Wesen, dem der Sonnenumlauf entspricht als sein Leben, 
und unser Leben ist ein Atemzug dieses grofien Wesens. Nun sehen 
Sie, wie wir im Makrokosmos drinnenstehen, wirklich drinnenstehen 
als ein Mikrokosmos, derselben Gesetzmafligkeit in bezug auf die uni- 
versellen Wesen unterliegend, wie der Atemzug in uns unserem 
menschlichen Wesen unterliegt. Da regiert Zahl und Mafi. Aber was 
das Groftartige, Bedeutungsvolle und uns tief zu Herzen Gehende ist: 
Zahl und Mafi regiert in gleicher Art den grofien Kosmos, den Makro- 
kosmos und den Mikrokosmos. Es ist nicht eine blofie Redensart, es ist 
nicht blofi etwas mystisch Erf unites, sondern etwas, was uns gerade die 
weisheitsvolle Betrachtung der Welt lehrt, daft wir als Mikrokosmos in 
dem Makrokosmos drinnenstehen. 

Wenn man solche ja ganz einfache Rechnungen macht - denn sie sind 
naturlich mit den allergebrauchlichsten wissenschaftlichen Zahlen zu er- 
reichen -, und hat nicht ein Herz wie ein Holzklotz, sondern ein fur 
die Geheimnisse des Weltendaseins fiihlendes Herz, dann hort auch der 
Satz: Wir sind in das Weltenall hineingestellt - auf, ein blofi abstrakter 
Satz zu sein; er wird ein sehr lebendiger. Ein Wissen bluht auf, ein 
Fuhlen, und tragt seine Friichte in den Willensimpulsen, und der ganze 
Mensch lebt das grofie Leben des gottlichen Weltenseins mit. Das ist 
aber der Weg, auf dem wir gewissermaflen den Anschlufi finden in die 
geistige Welt hinein, und der mufi gefunden werden in der Zeit, auf die 
wir ja hinwiesen in der letzten Betrachtung, in der der Christus auf der 
Erde atherisch wandelt. Ich habe letzthin sogar auf das Jahr hingewie- 
sen, in dem er begonnen hat, atherisch auf unserer Erde zu wandeln. Er 
mufi gefunden werden! Die Menschen mussen sich nur gewohnen, den 
Zusammenhang, den intimen Zusammenhang erst wahrzunehmen, der 
schon aus dem Weltendasein heraus sich ergibt und der bewirken raufi, 
wenn er wahrgenommen wird, daft das Bedurfnis, der intensive Trieb 
entsteht, diesen Anschlufi an die geistige Welt zu suchen. Denn es wird 
gar nicht mehr lange dauern, dann werden die Menschen wenigstens 
gezwungen sein, eines einzusehen, das ist das Folgende. 

Man kann zwar die geistige Welt ableugnen, wenn man durch den 
Materialismus abgestumpft ist, aber man kann nicht in sich die Krafte 
ertoten, die fahig sind, mit der geistigen Welt einen Zusammenhang zu 



suchen. Hinwegtauschen kann man sich iiber die Existenz einer geisti- 
gen Welt, aber ertoten kann man die Krafte in der Seele nicht, welche 
geeignet sind, den Menschen mit der geistigen Welt zusammenzubrin- 
gen. Das aber hat etwas sehr Bedeutsames im Gefolge, und etwas, was 
man wohl beriicksichtigen sollte gerade in unserer Zeit: Krafte, die da 
sind, wirken, auch wenn man sie ableugnet. Der Materialist verbietet 
den nach dem Spirituellen gehenden Kraften in seiner Seele nicht, dafi 
sie wirken; er kann es ihnen nicht verbieten; sie wirken. Also kann 
einer Materialist sein, konnen Sie sagen, und die nach dem Spirituellen 
gehenden Krafte wirken doch in ihm. Ja, es ist so. Sie wirken in ihm. 
Es hilft nichts, sie wirken in ihm. Und was bewirken sie denn? Krafte, 
die da sind, konnen zwar in bezug auf ihre ureigene Wirksamkeit un- 
terdruckt werden; dann verwandeln sie sich aber in andere Krafte. Und 
wenn man die Krafte, die nach dem Spirituellen gehen, nicht verwen- 
det, um Verstandnis zu suchen des Spirituellen - ich sage jetzt nur 
«Verstandnis» zu suchen des Spirituellen, mehr braucht man zunachst 
nicht -, wenn man diese Krafte nicht dazu verwendet, dann verwandeln 
sie sich in Illusionskraft im menschlichen Leben. Dann wirken sie so, 
daft der Mensch sich im gewohnlichen Leben in bezug auf die aufiere 
Welt alien moglichen Illusionen hingibt. Das ist in unserer Zeit nicht so 
unbedeutsam einzusehen, denn in keiner Zeit haben die Menschen ge- 
wissermafien mehr phantasiert als in unserer Zeit, obwohl sie die Phan- 
tasie nicht lieben. Das Phantasieren erstreckt sich nicht nur auf be- 
stimmte Gebiete. Und man konnte, wenn man anfinge, Beispiele zu 
geben, was die Leute phantasieren, da sie doch nur Realisten, Materiali- 
sten sein wollen, wirklich auf alle moglichen Gebiete Licht werfen; man 
kame an kein Ende. Man konnte anfangen - nun, wir wollen nicht ket- 
zerisch sein, aber wenn man zum Beispiel begonne damit, den Blick zu 
werfen auf das, was gewisse, sagen wir Staatsmanner, iiber den wahr- 
scheinlichen Gang der Ereignisse in der Welt, vielleicht nur vor Wo- 
chen, vorausgesagt haben und was dann eingetroffen ist; wenn man 
diese Dinge vergleicht, wird man finden, dafi die Illusionsfahigkeit 
schon seit vielen Jahren nicht gar klein ist. 

Nun, man kann alle Gebiete des Lebens in dieser Weise durchfor- 
schen, es ist ganz merkwiirdig, wie man iiberall, Iiberall heute die Illu- 



sionsf'ahigkeit ganz bedeutsam entwickelt findet. Diese Illusionsfahig- 
keit gibt gerade den Lebensauffassungen und Lebensgesinnungen der 
materialistisch gestimmten Leute zuweilen etwas Kindliches, um nicht 
zu sagen Kindisches. Wenn man heute sieht, was dazu gehort, damit 
Menschen das eine oder andere begreifen, was dazu gehort, sie mit der 
Nase drauf zu stofien, dann wird man schon einen Begriff davon be- 
kommen, was hier als «kindlich» um nicht zu sagen «kindisch», ge- 
meint ist. Nun, so ist es. Wenn die Menschen sich abwenden von der 
geistigen Welt, dann miissen sie es damit bezahlen, dafi sie illusions- 
fahig werden, dafi sie die Fahigkeit verlieren, zutreffende Begriffe iiber 
die aufiere physische Wirklichkeit und ihren Gang zu haben. Sie miis- 
sen auf einem anderen Gebiet phantasieren, weil sie an die Wahrheit - 
jetzt Wahrheit, ob sie nun auf das geistige oder physische Leben sich 
bezieht - sich nicht halten wollen. 

Ich habe Ihnen ein naheliegendes Beispiel einmal angefuhrt, und wenn 
es auch pro domo gesprochen ist, so ist es doch ein typisches Beispiel: 
Man kann immer wiederum ganz verurteilende Besprechungen finden 
iiber diejenige Geisteswissenschaft, die von mir vertreten wird. Warum, 
das begriinden die Betreffenden damit, dafi sie sagen: Der phantasiert ja 
nur alles! Und das ist nicht erlaubt, nur zu phantasieren! - Also die 
Menschen wollen nicht mitgehen in die wirkliche geistige Welt, weil sie 
das fur Phantasterei halten, und das Phantasieren verachten sie. Und 
dann schliefien sie daran allerlei Auseinandersetzungen, die mit der 
Wirklichkeit so ubereinstimmen wie das Weifie mit dem Schwarzen, 
zum Beispiel iiber meine Abstammung, iiber die Art und Weise dessen, 
was ich da oder dort getan habe. Da entwickeln sie die kuhnste Phanta- 
sie. Da sehen Sie es unmittelbar nebeneinander gestellt: Flucht vor der 
geistigen Welt mit Befahigung zur Illusion! Das bemerkt der Betref- 
fende nicht, aber das ist ganz gesetzmafiig. Ein gewisses Quantum von 
Kraft ist da gerichtet nach der geistigen Welt; ein gewisses Quantum 
von Kraft ist da gerichtet nach der physischen Welt. Wird das nach der 
geistigen Welt gerichtete Quantum nicht angewendet, so lenkt es sich 
dann nach der physischen Welt, nicht, um dort das Wirkliche und 
Wahre zu erfassen, sondern um dort den Menschen in Lebensillusionen 
zu stiirzen. 



Dies laftt sich nicht im einzelnen Falle gleich so beobachten, daft man 
sagen kann: Aha, da ist der; der wird durch seine Abneigung vor der 
geistigen Welt in Illusionen gesturzt! - Solche Beispiele findet man 
schon, aber man muft sie suchen; daft es aber im Leben nicht so ohne 
weiteres sich nachweisen laftt, das kommt davon her, weil das Leben 
kompliziert ist und eines das andere beeinfluftt. Es ist immer so, daft 
durchaus die starkere Seele die schwachere Seele beeinfluftt. So liegt, 
wenn man bei einer Seele ein Stuck Illusionsfahigkeit findet, schon ir- 
gendwie der Grund zu dieser Illusionsfahigkeit in einem Haft oder einer 
Abneigung vor der geistigen Welt; es braucht nicht in der Seele, die 
illusioniert ist, selber zu liegen, sondern es kann suggeriert sein. Denn 
auf geistigen Gebieten ist die Ansteckungskraft viel grofter als auf 
irgendeinem physischen Gebiete. 

Wie das mit dem allgemeinen Menschheitskarma zusammenhangt, 
wie diese Dinge iiberhaupt, wenn man sie betrachtet und dieses wich- 
tige Gesetz der Metamorphose der Seelenkrafte ins Auge faftt, eine Me- 
tamorphose, eine Umwandlung der nach dem Geistigen gewendeten 
Krafte zur Illusionskraft, im ganzen Zusammenhang des Lebens wirken 
und mit den Entwickelungsbedingungen unserer Gegenwart und der 
nachsten Zukunft zusammenhangen, das wird dann Gegenstand der 
nachsten Betrachtung sein, wo wir fortfahren werden, dies Heutige 
auszufuhren und dann anzuknupfen an das Christus- und auch an das 
gegenwartige Zeit-Mysterium, um dann einige Ausblicke wiederum zu 
gewinnen fur die Bedeutung der geistigen Anschauung im allgemeinen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 20. Februar, 1917 



So recht praktisch gestalten im edelsten Sinne, was wir als Frucht der 
Geisteswissenschaft haben konnen, das kann dazu fiihren, zu empfin- 
den, wie der Mensch in seinem gewohnlichen aufSeren Menschen den 
inneren Menschen, fur die gewohnliche Vorstellung einen durchaus 
zweiten Menschen, tragt. In dieser Beziehung bestehen wir wirklich 
alle als Menschen aus zwei Wesenheiten, wovon die eine Wesenheit, 
welche sich zusammensetzt mehr aus unserem physischen Leib und aus 
unserem atherischen Leib, demjenigen angehort, was Auftenwelt ist; 
Aufienwelt in dem Sinne, dal5 dieser physische Leib und in gewissem 
Sinne auch der atherische Leib Ausgestaltungen und Abbilder, Offen- 
barungen sind der uns immer umgebenden gottlich-geistigen Wesenhei- 
ten. Unser physischer Leib und unser Atherleib in ihrer wahren We- 
senheit, nicht wie wir sie als Menschen zunachst kennen, sind Bilder, 
nicht von uns, nicht von unserer Wirklichkeit, sondern Bilder, konnen 
wir sagen, der Gotter, die sich ausleben, indem sie so, wie wir Men- 
schen unsere Handlungen hervorbringen, hervorbringen unseren physi- 
schen Leib und unseren Atherleib und diese beiden zur Entwickelung 
bringen. Der innere Mensch ist so, dafi ihm naherliegt der astralische 
Leib und das Ich. Dieses Ich und der Astralleib sind fur das Weltenall 
junger als der physische Leib und Atherleib. Das wissen wir ja aus den 
Mitteilungen, die auch in der «Geheimwissenschaft» verzeichnet sind. 
Dieses Ich und der Astralleib, sie sind dasjenige, was gleichsam ruht in 
dem Bette, das uns zubereitet wird von den gottlich-geistigen Wesenhei- 
ten, die das aufiere Universum durchdringen und offenbaren. Und die- 
ses Ich und der Astralleib sollen durch die Erfahrungen, durch die Er- 
lebnisse, durch die Priifungen, durch die Schicksalswendungen, die sie 
durchmachen durch den physischen und atherischen Leib, allmahlich 
aufsteigen zu den Entwickelungsstufen, die wir ja auch schon kennen- 
gelernt haben. 

Nun stehen wir, wie ich Ihnen schon angedeutet habe das letzte Mai, 
in innigsten Beziehungen zu dem ganzen Universum, zu dem ganzen 



Kosmos; in solchen Beziehungen, die, wie wir aus einer fliichtigen 
Rechnungsskizze das letzte Mai gesehen haben, sogar berechnet werden 
konnen, in Zahlen ausgedriickt werden konnen; die sich naturlich in 
vielem, vielem anderen noch aufiern, aber, ich mochte sagen, zu unse- 
rer Oberraschung in solchen Zahlen sich ausdriicken lassen, wie diese 
ist, dafi die Zahl der Atemziige, die der Mensch in einem Tage macht, 
gleichkommt der Zahl, welche der Friihlingspunkt der Sonne braucht 
an Jahren, um wiederum an seine alte Stelle zuriickzukommen. Solche 
zahlenmafiigen Entdeckungen, wenn wir sie gefuhlsmafiig durchdrin- 
gen, konnen uns erfiillen mit einem Schauer, mit einem heiligen 
Schauer iiber unsere Zusammengehorigkeit mit dem gottlich-geistigen 
Universum, wie es sich in alien aufteren Erscheinungen offenbart. 

Viel defer aber zeigt sich aus dieser Tatsache, daft wir der Mikro- 
kosmos, die kleine Welt sind, die herausgestaltet, herausgeoffenbart ist 
aus dem Makrokosmos, aus der grofien Welt, wenn wir solche Tatsa- 
chen ins Auge fassen, wie wir sie heute vor unsere Seele riicken wollen, 
solche Tatsachen, die ich nennen mochte die drei Begegnungen der 
Menschenseele mit den Wesen des Universums. Also sprechen mochte 
ich Ihnen heute von den drei Begegnungen der Menschenseele mit den 
Wesen des Universums. 

Wir wissen ja alle, dafi wir zunachst, so wie wir als Erdenmenschen 
wandeln, an uns tragen den physischen Leib und den Atherleib, den 
Astralleib und das Ich. Jede von diesen zwei Wesenheiten, die wir an- 
gefuhrt haben, tragt wiederum, ich mochte sagen, zwei Unterwesenhei- 
ten in sich: der mehr aufiere Mensch den physischen Leib und Ather- 
leib, der mehr innere Mensch das Ich und den Astralleib. Nun wissen 
wir aber, dafi der Mensch sich weiterentwickeln wird. Die Erde wird 
einen Abschlufi erlangen. Die Erde wird sich weiterentwickeln durch 
eine Jupiter-, Venus-, durch eine Vulkan-Planetenentwickelung. Da 
wird der Mensch von Stufe zu Stufe aufsteigen. Zu seinem Ich, wissen 
wir, wird sich hinzuentwickeln eine hohere Wesenheit, die sich in ihm 
offenbaren wird: das Geistselbst, das so recht sich offenbaren wird 
wahrend der Jupiterentwickelung, die auf unsere Erdenentwickelung 
folgen wird. Der Lebensgeist wird sich voll offenbaren im Menschen 
wahrend der Venuszeit, und der eigentliche Geistesmensch wird sich 



offenbaren wahrend der Vulkanzeit. Wir sehen also, indem wir der 
grofien kosmischen Menschenzukunft entgegenblicken, auf diese drei- 
stufige Entwickelung des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistes- 
menschen. Aber diese drei, die uns gewissermafien erwarten in unserer 
Zukunftsentwickelung, sie stehen heute schon in einer gewissen Bezie- 
hung zu uns, wenn sie auch noch gar nicht entwickelt sind; denn sie 
liegen beschlossen im Schofle der gdttlich-geistigen Wesenheiten, die wir 
als hohere Hierarchien kennen gelernt haben. Sie werden uns herausge- 
spendet aus diesen hoheren Hierarchien. Und heute schon stehen wir in 
Beziehung zu diesen hoheren Hierarchien, die uns in der Zukunft das 
Geistselbst, den Lebensgeist, den Geistesmenschen bescheren werden. 
So dafi wir einfach sagen konnen, statt dafi wir den komplizierten 
Ausdruck gebrauchen «Wir stehen in Beziehung zur Hierarchie der 
Angeloi»: «Wir stehen in Beziehung zu dem, was da kommen soli in 
der Zukunft, zu unserem Geistselbst. » Und statt dafi wir sagen: «Wir 
stehen in Beziehung zu den ArchangeIoi», sagen wir: «Wir stehen in 
Beziehung zu dem in der Zukunft kommenden Lebensgeist» und so 
weiter. 

Und in der Tat, wir Menschen sind in einer gewissen Beziehung 
mehr, jetzt schon der Anlage nach mehr - und in der geistigen Welt be- 
deuten Anlagen etwas weit Hoheres als in der physischen Welt -, als 
blofi dieser viergliedrige Mensch: physischer Leib, Atherleib, Astralleib 
und Ich. Wir tragen als Keim schon das Geistselbst in uns, auch den 
Lebensgeist, auch den Geistesmenschen. Entwickeln aus uns werden sie 
sich spater, aber wir tragen sie als Keim in uns. Und nicht nur so ab- 
strakt, dafi wir sie als Keim in uns tragen, ist das zu sagen, sondern die- 
ses In-uns-Tragen ist ganz konkret gemeint, denn wir haben mit diesen 
hoheren Gliedern unserer Wesenheit Begegnungen, wirkliche Begeg- 
nungen. Und diese Begegnungen, die liegen in der folgenden Weise: 
Wir wiirden als Menschen immer mehr und mehr dahin kommen, eine 
gewisse fur die gegenwartige Entwickelung des Menschen schwer er- 
tragliche Entfremdung von allem Geistigen zu fiihlen, wenn wir nicht 
von Zeit zu Zeit begegnen konnten unserem Geistselbst. Unser Ich 
mufi jenem Hoheren, jenem Geistselbst begegnen, das wir erst entwik- 
keln werden und das in einer gewissen Beziehung gleichartig ist mit 



Wesenheiten aus der Hierarchie der Angel oi. So dafi man in der popu- 
laren Sprache auch sagen kann, wenn wir christlich sprechen: Wir miis- 
sen von Zeit zu Zeit begegnen einem Wesen aus der Hierarchie der An- 
geloi, das uns besonders nahesteht, weil dieses Wesen, indem es uns 
begegnet, an uns geistig dasjenige vornimmt, was uns in die Lage ver- 
setzt, einstmals ein Geistselbst aufzunehmen. Und wir miissen eine Be- 
gegnung haben mit einem Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi, 
weil dieses Wesen dann mit uns etwas vornimmt, was dazu fiihrt, dafi 
der Lebensgeist einstmals entwickelt wird und so weiter. 

Ob wir im christlichen Sinne dieses Wesen versetzen in die Hierar- 
chie der Angeloi, oder ob wir mehr im antiken Sinne sprechen von 
dem, was die alteren Volker gemeint haben, wenn sie von dem Genius, 
von dem fiihrenden Genius des Menschen sprachen, das ist im Grunde 
genommen ganz gleich. Wir wissen, wir leben in einer Zeit, wo es nicht 
vielen, sondern nur wenigen Menschen gestattet ist - aber diese Zeit 
wird bald anders werden -, hineinzuschauen in die geistige Welt, die 
Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt zu schauen. Die Zeit ist 
vorbei, aber sie war da, wo man in einem viel umfanglicheren Sinne all- 
gemein die Wesenheiten der geistigen Welt und auch die verschiedenen 
Entwickelungsvorgange der geistigen Welt geschaut hat. Und in der 
Zeit, in der man gesprochen hat von dem Genius eines jeden Menschen, 
da hat man auch ein unmittelbar konkretes Anschauen von diesem Ge- 
nius gehabt. Dieses konkrete Anschauen war in einer nicht so fern zu- 
riickliegenden Vergangenheit so stark noch, dafi die Menschen es be- 
schreiben konnten in aller Konkretheit, in aller Sachlichkeit; in einer 
Sachlichkeit, die die gegenwartige Menschheit fur Dichtung halt, die 
aber nicht als Dichtung gemeint ist. So schildert Plutarch - und ich 
mochte die Stelle wortlich mitteilen - das Verhaltnis des Menschen zu 
seinem Genius in der folgenden Art [Siehe Hinweise]. Plutarch, der 
griechische Schriftsteller, sagt, dafi aufier dem in den irdischen Leib ver- 
senkten Teil der Seele ein anderer, reiner Teil derselben auflerhalb, tiber 
dem Haupte des Menschen schwebend bleibt, als ein Stern sich darstel- 
lend, der mit Recht sein Damon, sein Genius, genannt wird, welcher 
ihn leitet, und dem der Weise willig folgt. - Also so konkret schildert 
Plutarch das, was er nicht als eine Dichtung, sondern als eine konkrete 



aufiere Wirklichkeit meint, dafi er ausdriicklich darauf hinweist: Fiir 
das iibrige ist der geistige Teil des Menschen gewissermafien mit dem 
physischen Leibe zugleich zu schauen, so dafi der geistige Teil den phy- 
sischen in demselben Raume normalerweise ausfiillt; aber, was den Ge- 
nius betrifft, den leitenden, fiihrenden Geist des Menschen, der ist noch 
als etwas Besonderes aufierhalb des Hauptes fiir jeden Menschen zu se- 
hen. - Und Paracelsus, einer der letzten, die ohne besondere Anleitung 
oder ohne besondere Veranlagung kraftige Kunde von diesen Dingen 
hatten, sagte aus sich heraus ungefahr das gleiche iiber diese Erschei- 
nung. Und viele andere. Dieser Genius ist nichts anderes als das 
werdende Geistselbst, getragen allerdings von einem Wesen aus der 
Hierarchie der Angeloi. 

Es ist sehr bedeutsam, sich ein wenig in diese Dinge zu vertiefen; 
denn mit dem Sichtbarwerden dieses Genius hat es seine besondere Be- 
wandtnis, und die lernt man verstehen, wenn man unter anderem - es 
konnte auch von einem ganz anderen Gesichtspunkte zu der Sache ge- 
fuhrt werden, aber nehmen wir den einen Gesichtspunkt - das Verhalt- 
nis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr untereinander auf- 
fafit. Dieses Verhaltnis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr 
untereinander, das lehrt uns etwas. Es lehrt uns etwas keineswegs Un- 
bedeutsames im Hinblick auf die geistigen Glieder der menschlichen 
Wesenheit. Wenn zwei Menschen sich begegnen, und der Mensch nur 
imstande ist, mit seinem physisch-sinnlichen Auge diese Begegnung zu 
beobachten - nun, da merkt er, dafi sie aufeinander loskommen, dafi sie 
sich vielleicht begriifien und dergleichen. Wenn der Mensch aber in der 
Lage ist, den Vorgang geistig zu beobachten, so findet er, dafi mit jeder 
menschlichen Begegnung wirklich verkniipft ist ein geistiger Vorgang, 
der sich unter anderem darin auftert, daft der Teil des Atherleibes, der 
den Kopf bildet, so lange als zwei Menschen nebeneinander stehen, ein 
Ausdruck wird fiir die auch feinste Sympathie und Antipathie, welche 
diese zwei Menschen, die zusammenkommen, einander entgegenbrin- 
gen. Nehmen wir an, zwei Menschen begegnen einander, die einander 
nicht ausstehen konnen. Nehmen wir den extremen Fall, aber er 
kommt ja vor im Leben: Zwei Menschen begegnen einander, die sich 
nicht ausstehen konnen, und zwar sei dieses Gefiihl der hervorragenden 



Antipathie gegenseitig. Da tritt das ein, daft der Teil des Atherleibes, 
der den Kopf bildet, bei beiden Menschen sich aus dem Kopf heraus- 
neigt, und die Atherleiber des Kopfes sich zusammenneigen. Gleichsam 
wie ein fortdauerndes Kopfneigen mit Bezug auf den atherischen Men- 
schen, so stellt sich die Antipathie heraus, wenn zwei Menschen sich 
begegnen, die sich eben nicht ausstehen konnen. - Wenn zwei Men- 
schen zusammenkommen, die sich lieben, so merkt man einen ahnli- 
chen Vorgang. Dann tritt nur der Atherkopf zuriick, beugt sich ab nach 
riickwarts. Und auf diese Weise entsteht in beiden Fallen - ob sich 
dann, wenn man sich nicht ausstehen kann, der Atherleib gleichsam 
gruftartig nach vorne neigt, oder ob er sich nach riickwarts neigt, wenn 
man sich liebt -, in beiden Fallen entsteht gewissermaften das, daft durch 
das Herausneigen des Atherleibes des Kopfes der physische Kopf freier 
wird, als er sonst ist. Es ist immer nur relativ; es geht der Atherleib 
nicht ganz heraus, aber er verlagert sich und geht zuriick, so daft man 
eine Fortsetzung erblickt. Aber dadurch fiillt jetzt ein diinnerer Ather- 
leib das Haupt aus, als wenn man allein steht. Das hat zur Folge, daft 
durch diesen diinneren Atherleib, der den Kopf ausfiillt, im Haupte der 
Astralleib, der dableibt, deutlicher sichtbar wird fur das hellsichtige 
Anschauen. So daft nicht nur diese Bewegung des Atherleibes eintritt, 
sondern daft tatsachlich mit dem Haupte des Menschen eine astralische 
Lichtveranderung vor sich geht. Darauf, wiederum nicht auf einer 
Dichtung, sondern auf einer tatsachlichen Wahrheit, beruht das, 
daft man, wo man von den Dingen etwas versteht, Menschen, die in der 
Lage sind, vieles selbstlos zu lieben, abbilden muft mit einer Kopfaura, 
was man einen Heiligenschein nennt. Denn wenn zwei Menschen ein- 
ander einfach begegnen, wobei in der Liebe immer ein starker Ein- 
schlag von Egoismus ist, so ist die Erscheinung nicht so auffallig. Wenn 
aber ein Mensch der Menschheit sich gegeniiberstellt in Augenblicken, 
wo er es nicht mit sich und seiner personlichen Beziehung zu einem an- 
deren Menschen zu tun hat, sondern mit etwas allgemein Menschli- 
chem, mit etwas, das mit allgemeiner Menschenliebe zusammenhangt, 
so treten auch die Dinge ein. Dann aber wird der Astralleib in der 
Hauptesgegend machtig sichtbar. Und sind Leute da, die imstande 
sind, selbstlose Liebe an einem Menschen hellsichtig zu schauen, dann 



sehen sie den Heiligenschein und sind gedrangt, den Heiligenschein als 
eine Realitat zu malen, oder wie man es eben dann macht, Diese Dinge 
hangen durchaus mit objektiven Tatsachen der geistigen Welt zusam- 
men. Was da objektiv vorhanden ist, was als fortdauernde Wirklichkeit 
der Menschheitsentwickelung vorhanden ist, das ist aber noch mit etwas 
anderem verbunden. 

Der Mensch mufi wirklich von Zeit zu Zeit eine innigere Gemein- 
schaft mit seinem Geistselbst eingehen, mit dem Geistselbst, das nun 
auch in der astral ischen Aura, die so sichtbar wird in dem, was ich Ih- 
nen angedeutet habe, veranlagt, nicht entwickelt ist, die gleichsam von 
oben, von dem Zukunftigen iiberstrahlt wird, der Mensch mufi mit sei- 
nem Geistselbst von Zeit zu Zeit zusammentreffen. Und wann ge- 
schieht dieses? 

Da kommen wir auf die erste Begegnung, von der wir zu sprechen 
haben. Wann geschieht dies? Es geschieht einfach jedesmal ungefahr 
beim normalen Schlafe in der Mitte zwischen Einschlafen und Aufwa- 
chen. Bei den Menschen, die dem Naturleben naherstehen, bei den ein- 
fachen Landleuten, die mit der sinkenden Sonne schlafen gehen und 
entsprechend mit der aufgehenden Sonne aufstehen, fallt diese Mitte der 
Schlafenszeit auch wiederum mit der Mitte der Nacht mehr oder weni- 
ger zusammen. Bei dem Menschen, der sich herausreifit aus den Natur- 
zusammenhangen, ist das weniger der Fall. Aber darauf beruht ja die 
menschliche Freiheit, daft dies moglich ist. Der Mensch der modernen 
Kultur kann sich sein Leben einrichten, wie er will; zwar nicht, ohne 
daft das von einem gewissen Einfluft ist auf dieses Leben, aber er kann 
es sich in gewissen Grenzen einrichten, wie er will. Dann kann er doch 
in der Mitte einer langeren Schlafenszeit das erleben, was man nennt ein 
innigeres Zusammensein mit dem Geistselbst, also mit den geistigen 
Qualitaten, aus denen das Geistselbst genommen sein wird, eine Be- 
gegnung mit dem Genius. Diese Begegnung mit dem Genius findet also 
beim Menschen, cum grano salis gesprochen, jede Nacht, das heiftt jede 
Schlafenszeit, statt. Und dies ist wichtig fur den Menschen. Denn was 
wir auch haben konnen an einem die Seele befriedigenden Gefiihl iiber 
den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, es beruht 
darauf, daft diese Begegnung wahrend der Schlafenszeit mit dem Genius 



nachwirkt. Das Gefiihl, das wir im wachen Zustand bekommen konnen 
von unserem Zusammenhang mit der geistigen Welt, ist eine Nachwir- 
kung dieser Begegnung mit dem Genius. Das ist die erste Begegnung 
mit der hoheren Welt, von der man als zunachst etwas Unbewufttem 
fur die meisten Menschen heute sprechen kann, das aber immer bewuft- 
ter und bewuftter werden wird, je mehr die Menschen die Nachwir- 
kung gewahr werden dadurch, daft sie ihr waches Bewufttseinsleben in 
den Empfindungen durch Aufnahme der Ideen und Vorstellungen der 
Geisteswissenschaft so verfeinern, daft die Seele eben nicht zu grob ist, 
um die Nachwirkung aufmerksam zu betrachten. Denn nur darauf 
kommt es an, daft die Seele fein genug ist, in ihrem inneren Leben intim 
genug ist, um diese Nachwirkungen zu betrachten. In irgendeiner Form 
kommt diese Begegnung mit dem Genius bei jedem Menschen oftmals 
zum Bewufttsein, nur ist die heutige materialistische Umgebung, das 
Erfiilltsein mit den Begriffen, die aus der materialistischen Weltanschau- 
ung kommen, namentlich das von der materialistischen Gesinnung 
durchzogene Leben, nicht geeignet, die Seele aufmerksam sein zu lassen 
auf dasjenige, was durch diese Begegnung mit dem Genius hergestellt 
wird. Es wird einfach dadurch, daft die Menschen sich mit geistigeren 
Begriffen, als der Materialismus ihnen liefern kann, vertiefen, die An- 
schauung von dieser Begegnung mit dem Genius in jeder Nacht etwas 
mehr und mehr Selbstverstandliches fur den Menschen. 

Eine hohere Begegnung ist die zweite, von der wir nun zu sprechen 
haben. 

Sehen Sie, schon aus der Andeutung, die ich gegeben habe, konnen 
Sie entnehmen, daft diese erste Begegnung mit dem Genius zusammen- 
hangt mit dem Tageslauf. Sie wiirde, wenn wir unser aufteres Leben 
ganz anpassen wiirden als mehr unfreie Menschen, als wie wir sie sind 
wahrend der modernen Kultur, zusammenfallen mit der Mitternachts- 
stunde. In jeder Mitternachtsstunde wiirde der Mensch diese Begeg- 
nung mit dem Genius haben. Aber darauf beruht die Freiheit des Men- 
schen, daft sich das verschiebt. Also das, wo das Ich sich mit dem Ge- 
nius begegnet, das verschiebt sich. Dagegen kann sich viel weniger ver- 
schieben die zweite Begegnung. Denn dasjenige, was mehr an den 
astralischen Leib und Atherleib gebunden ist, das verschiebt sich weni- 



ger gegeniiber der makrokosmischen Ordnung. Was mit dem Ich und 
physischen Leib verbunden ist, das verschiebt sich fiir den heutigen 
Menschen sehr stark. Die zweite Begegnung ist daher schon mehr an 
die grofte makrokosmische Ordnung gebunden. Diese zweite Begeg- 
nung ist nun ebenso an den Jahreslauf gebunden, wie die erste an den 
Tageslauf gebunden ist. Und da muE ich aufmerksam machen auf man- 
ches, was ich ja uber diese Sache schon von anderen Gesichtspunkten 
aus angedeutet habe. 

Das Leben des Menschen in seiner Ganzheit verlauft tatsachlich nicht 
im ganzen Jahreslauf in gleichmafiiger Art, sondern der Mensch macht 
Veranderungen durch wahrend des Jahreslauf es. 

In der Sommerzeit, wenn die Sonne ihre hdchste Warmeentfaltung 
hat, da ist der Mensch viel mehr seinem physischen Leben anheimgege- 
ben, und damit auch dem physischen Leben der Umgebung, als wah- 
rend der Winterzeit, wo der Mensch gewissermafien kampfen mufi ge- 
gen die aufieren elementarischen Erscheinungen, wo er mehr auf sich 
angewiesen ist. Da reifit sich auch mehr sein Geistiges los - von sich 
und auch von der Erde -, und er ist mit der geistigen Welt, mit der 
ganzen geistigen Umgebung verbunden. 

Daher ist die eigentiimliche Empfindung, die wir mit dem Weih- 
nachtsmysterium und dem Weihnachtsfest verbinden, keineswegs etwas 
Willkurliches, sondern sie hangt zusammen mit der Festsetzung des 
Weihnachtsfestes. In jenen Wintertagen, an denen das Fest angesetzt 
ist, da ist der Mensch in der Tat, wie die ganze Erde, dem Geiste hin- 
gegeben. Da durchlebt der Mensch gewissermafien ein Reich, wo der 
Geist ihm nahesteht. Und die Folge davon ist eben das, dafi um die 
Weihnachtszeit, so bis zu unserem heutigen Neujahr hin, der Mensch 
ebenso eine Begegnung seines Astralleibes mit dem Lebensgeist durch- 
macht, wie er fiir die erste Begegnung die Begegnung des Ich mit dem 
Geistselbst durchmacht. Und auf dieser Begegnung mit dem Lebens- 
geist beruht das Nahesein dem Christus Jesus. Denn durch den Lebens- 
geist offenbart sich der Christus Jesus. Er offenbart sich durch ein 
Wesen aus dem Reiche der Archangeloi. Selbstverstandlich ist er ein 
unendlich viel hoheres Wesen, aber nicht darauf kommt es jetzt an, 
sondern darauf, daft er sich offenbart durch ein Wesen aus dem Reiche 



der Archangeloi. So dafi wir durch diese Begegnung fiir die heutige 
Entwickelung, fiir die Entwickelung seit dem Mysterium von Golgatha, 
eben dem Christus Jesus besonders nahestehen, und dafi wir die Begeg- 
nung mit dem Lebensgeist in gewisser Beziehung auch die in den tiefen 
Untergriinden der Seele vor sich gehende Begegnung mit dem Christus 
Jesus nennen konnen. Wenn nun der Mensch - sei es durch die Ent- 
wickelung des GeistesbewufStseins im Bereiche der religiosen Vertie- 
fung und der religiosen Obung, oder sei es, diese religiose Ubung und 
religiose Empfindung erganzend, auch noch durch Aufnahme von Vor- 
stellungen der Geisteswissenschaft wenn nun der Mensch sein Emp- 
findungsleben vertieft, vergeistigt auf die geschilderte Weise, dann wird 
er ebenso, wie er im wachen Leben die Nachwirkung der Begegnung 
mit dem Genius erleben kann, erleben die Nachwirkung der Begegnung 
mit dem Lebensgeist, beziehungsweise mit dem Christus. Und es ist 
tatsachlich so, dafi in der Zeit, die nun auf die angedeutete Weihnachts- 
zeit folgt, bis zur Osterzeit hin, die Verhaltnisse ganz besonders giin- 
stig liegen, um sich zum Bewulksein zu bringen die Begegnung des 
Menschen mit dem Christus Jesus. 

In tiefsinniger Weise - und man sollte das nicht durch eine abstrakte 
materialistische Kultur heute verwischen - ist die Weihnachtszeit ge- 
bunden an Vorgange der Erde, weil der Mensch mit der Erde die 
Weihnachtsveranderung der Erde durchmacht. Die Osterzeit ist be- 
stimmt nach den Vorgangen am Himmel. Der Ostersonntag soli festge- 
setzt werden auf den ersten Sonntag, der folgt auf den ersten Voll- 
mond nach der Fruhlingstagundnachtgleiche-Zeit. Wahrend also die 
Weihnachtszeit durch Verhaltnisse der Erde festgesetzt ist, ist von oben 
herunter bestimmt die Festsetzung der Osterzeit. Denn ebenso wahr, 
wie wir durch all dasjenige, was wir geschildert haben, mit den Erden- 
verhaltnissen zusammenhangen, ebenso wahr hangen wir zusammen 
durch dasjenige, was ich jetzt zu schildern habe, mit den Himmelsver- 
haltnissen, mit den grofien, kosmisch-geistigen Verhaltnissen. Denn die 
Osterzeit, das ist diejenige Zeit im konkreten Jahresablauf, in der alles 
dasjenige, was durch die Begegnung mit dem Christus in der Weih- 
nachtszeit in uns veranlafit worden ist, wiederum sich mit unserem 
physischen Erdenmenschen so recht verbindet. Und das grofie Myste- 



rium, das Karfreitagsmysterium, das dem Menschen das Mysterium 
von Golgatha zur Osterzeit vergegenwartigt, hat neben allem anderen 
auch noch diese Bedeutung, dafi der Christus, der gleichsam neben uns 
einherwandelt, in der Zeit, die ich beschrieben habe, sich nun uns am 
meisten nahert, gewissermafien, grob gesprochen, in uns selber ver- 
schwindet, uns durchdringt, so dafi er bei uns bleiben kann fur die Zeit 
nach dem Mysterium von Golgatha, in der Zeit, die jetzt kommt als 
Sommerzeit, in der sich in alten Mysterien zu Johanni die Menschen 
mit dem Makrokosmos haben verbinden wollen auf eine andere Weise, 
als das nach dem Mysterium von Golgatha sein muft. 

Sie sehen, wir sind in dieser Beziehung der Mikrokosmos, der einge- 
gliedert ist in den Makrokosmos in einer tief bedeutsamen Weise. Und 
es ist jedesmal ein Zusammengehen mit dem Makrokosmos im Jahres- 
lebenslauf da, das aber gebunden ist, weil es mehr innerlich ist im Men- 
schen, an den Jahreslebenslauf. So versucht uns nach und nach die 
Geisteswissenschaft zu enthullen, was der Mensch an Vorstellungen, an 
geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sich aneignen kann iiber den 
seit dem Mysterium von Golgatha unser Erdenleben durchsetzenden 
und durchdringenden Christus. 

Und ich glaube an dieser Stelle eine Einschaltung machen zu sollen, 
die wichtig ist, und die gerade von den Freunden unserer Geisteswis- 
senschaft recht gut verstanden werden sollte. 

Man sollte nicht die Sache so darstellen, als ob geisteswissenschaftli- 
che Bestrebungen ein Ersatz sein sollten fiir die religiose Ubung und 
das religiose Leben. Geisteswissenschaft kann im hochsten Mafie und 
insbesondere auch mit Bezug auf das Christus-Mysterium eine Stiitze, 
eine Unterbauung des religiosen Lebens und der religiosen Ubung sein; 
aber man sollte Geisteswissenschaft nicht geradezu zur Religion ma- 
chen, sondern man sollte sich klar sein dariiber, dafi Religion in ihrem 
lebendigen Leben, in ihrem lebendigen Geiibtwerden innerhalb der 
menschlichen Gemeinschaft das Geistbewufitsein der Seele entfacht. 
Soli dieses Geistbewufitsein im Menschen lebendig werden, so kann der 
Mensch nicht bei abstrakten Vorstellungen von Gott oder Christus ste- 
hen bleiben, sondern er mufi immer erneut in der religiosen Ubung, in 
der religiosen Betatigung, die ja fur die verschiedenen Menschen die 



verschiedensten Formen annehmen kann, darinnenstehen als in etwas, 
was ihn als ein religioses Milieu umgibt, was als ein religioses Milieu zu 
ihm spricht. Und ist dieses religiose Milieu tief genug, findet dieses re- 
ligiose Milieu die Mittel, die Seele genugend anzuregen, so wird diese 
Seele schon Sehnsucht empfinden, gerade dann Sehnsucht empfinden 
auch zu jenen Vorstellungen hin, welche in der Geisteswissenschaft 
entwickelt werden. Ist in objektiver Beziehung Geisteswissenschaft 
ganz sicherlich eine Stiitze der religiosen Erbauung, so ist in subjektiver 
Beziehung heute die Zeit gekommen, von der wir sagen miissen, dafi 
ein recht religios empfindender Mensch gerade durch das religiose 
Empfinden hingetrieben wird, auch zu erkennen. Denn im religiosen 
Empfinden wird das Geistbewulksein, in der Geisteswissenschaft die 
Geist-Erkenntnis, so wie in der Naturwissenschaft die Naturerkennt- 
nis, errungen; und das Geistbewulksein fiihrt zu dem Drange, Geist- 
Erkenntnis sich zu erwerben. Subjektiv kann man sagen, daft gerade ein 
inniges religioses Leben den heutigen Menschen zur Geisteswissen- 
schaft treiben kann. 

Eine dritte Begegnung ist diejenige, in welcher der Mensch heran- 
kommt, nahekommt dem ganz spat in der Zukunft zu entwickelnden 
eigentlichen Geistesmenschen, vermittelt durch ein Wesen der Hierar- 
chie der Archai. Wir konnen sagen: Die Alten, und auch noch die Men- 
schen der Gegenwart - nur dafi die Menschen der Gegenwart meist, 
wenn sie von diesen Dingen sprechen, nicht mehr ein Bewulksein von 
der tieferen Wahrheit der Sache haben -, sie empfanden und empfinden 
diese Begegnung als die Begegnung mit dem, was die Welt durchdringt, 
was wir kaum mehr unterscheiden konnen in uns selbst und in der 
Welt, sondern wo wir aufgehen mit unserem Selbst in der Welt als in 
einer Einheit. Und so wie man bei der zweiten Begegnung zugleich 
sprechen kann von einer Begegnung mit dem Christus Jesus, so kann 
man bei der dritten Begegnung sprechen von der Begegnung mit dem 
Vater-Prinzip, mit dem «Vater» als dem der Welt zugrunde Liegenden; 
mit dem, was man empfindet, wenn man richtig empfindet, als das, was 
in den Religionen mit dem «Vater» gemeint ist. Diese Begegnung, die 
ist nun wiederum so, dafi sie unser intimes Verhaltnis zum Makrokos- 
mos, zum gottlich-geistigen Universum offenbart. Der tagliche Verlauf 



der universellen Vorgange, der Weltenvorgange, schliefit ein fiir uns die 
Begegnung mit dem Genius. Der jahrliche Verlauf schliefit ein fiir uns 
die Begegnung mit dem Christus Jesus. Und der Verlauf des ganzen 
Menschenlebens, dieses Menschenlebens, das normalerweise eben als 
das Patriarchenleben von 70 Jahren bezeichnet werden kann, schliefit 
sich zusammen mit der Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Wir werden 
eine gewisse Zeit unseres physischen Erdenlebens, mit Recht durch die 
Erziehung heute vielfach unbewulSt, aber doch eben darauf vorbereitet 
und erleben dann - zumeist fiir die Menschen zwischen dem 28. und 
42. Jahre unbewufit, aber in den intimen Tiefen der Seele vollwertig - 
die Begegnung mit diesem Vater-Prinzip. Dann kann die Nachwirkung 
in das spatere Leben hineinragen, wenn wir feine Empfindungen genug 
entwickeln, um auf das zu achten, was so in unser Leben aus uns selber 
kommend als Nachwirkung der Begegnung mit dem Vater-Prinzip her- 
einspielt. 

Eine gewisse Zeit unseres Lebens, wo wir vorbereitet werden, sollte 
daher die Erziehung dahin wirken - durch die mannigfaltigsten Mittel 
kann das geschehen -, dem Menschen recht tief moglich zu machen 
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Es kann dadurch geschehen, 
wenn der Mensch wahrend seiner Erziehungszeit angetrieben wird, so 
recht das GefUhl zu entwickeln von der Herrlichkeit der Welt, der 
GrofSe der Welt, der Erhabenheit der Weltvorgange. Wir entziehen 
dem heranwachsenden Menschen viel, wenn wir ihn zu wenig merken 
lassen, so dafi es auf ihn iibergeht, dafi wir fiir all das, was sich offen- 
bart an Schonheit und Grofie in der Welt, die hingebungsvollste Ehr- 
furcht und Ehrerbietung haben. Und indem wir so recht den Gefiihls- 
zusammenhang des menschlichen Herzens mit der Schonheit, mit der 
Grofte der Welt den heranwachsenden Menschen fiihlen lassen, bereiten 
wir ihn vor fiir eine rechte Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Denn 
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip bedeutet viel fiir das Leben, 
das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlauft. Dieses 
Begegnen mit dem Vater-Prinzip, das in den angedeuteten Jahren 
normalerweise eintritt, bedeutet, dafi der Mensch eine starke Kraft 
und Stiitze hat, wenn er, wie wir wissen, zuriickzuleben hat, nachdem 
er durch die Todespforte geschritten ist, im Riicklauf seelisch seinen 



Lebensgang, sein Erdenleben, indem er durch die Seelenwelt geht. 
Und stark und kraftig, wie es eigentlich der Mensch soil, kann er 
diese Riickwanderung - die, wie wir wissen, einen dritten Teil der 
Zeit bedeutet, die wir zubringen zwischen der Geburt und dem Tode - 
erleben, wenn er immer wieder schaut: Da, an dieser Stelle bist 
du begegnet demjenigen Wesen, das der Mensch stammelnd, ahnend 
ausdriickt, wenn er von dem Vater der Weltenordnung spricht. Das 
ist eine wichtige Vorstellung, die neben der Vorstellung des Todes 
selber der Mensch, nachdem er durch die Todespforte geschritten ist, 
immer haben soil. 

Naturlich entsteht in Anbetracht dessen, was wir gerade besprochen 
haben, eine wichtige Frage. Es gibt Menschen, welche, bevor sie des 
Lebens Mitte, wo normalerweise die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
geschieht, durchlaufen haben, sterben. Wir miissen den Fall ins Auge 
fassen, dafi der Mensch eben dann durch Veranlassung von aufien, 
durch Krankheit - die ja auch eine Veranlassung von aufien ist -, durch 
Schwache stirbt. Wenn durch dieses friihe Sterben die Begegnung mit 
dem Vater-Prinzip in den tiefen unterbewufiten Seelengriinden noch 
nicht hat stattfinden konnen, dann findet sie in der Todesstunde statt. 
Mit dem Tode wird diese Begegnung zugleich erlebt. Und hier ist es, wo 
wir anders ausdriicken konnen etwas, was ja, eben wieder anders, im 
entsprechenden Zusammenhang schon ausgedruckt ist zum Beispiel in 
meiner «Theosophie», wo von der ja immer im hochsten Grade betriibli- 
chen Erscheinung gesprochen ist, daft Menschen durch ihren eigenen 
Willen ihrem Leben ein Ende machen. Das wiirde keiner tun, der die 
Bedeutung einer solchen Tat einsieht. Und wenn einmal Geisteswissen- 
schaft wirklich in die Empfindungen der Menschen ubergegangen sein 
wird, wird es keinen Selbstmord mehr geben. Denn dafi der Mensch in 
der Todesstunde, wenn dieser Tod vor der Lebensmitte eintritt, zu- 
gleich wahrnehmen kann das Vater-Prinzip, das hangt davon ab, dafi 
eben der Tod von aufien an ihn herankommt, nicht dafi er ihn sich 
selbst gibt. Und die Schwierigkeit, die die Menschenseele hat, die von 
einem anderen Gesichtspunkt in meiner «Theosophie» geschildert wird, 
konnte nun von dem Gesichtspunkt, von dem wir heute sprechen, auch 
so geschildert werden, da/5 wir sagen konnten: Der Mensch entzieht sich 



durch den eigenwilligen Tod eventuell der Begegnung mit dem Vater- 
Prinzip in der entsprechenden Inkarnation. 

Deshalb, weil sie so intim in das Leben eingreifen, sind die Wahrhei- 
ten, welche uns die Geisteswissenschaft iiber das Menschenleben selbst 
zu sagen hat, so unendlich ernst in besonders wichtigen Fallen. Sie kla- 
ren uns in ernster Weise iiber das Leben auf , und dieses ernste Aufkla- 
ren iiber das Leben, das braucht der Mensch in der Zeit, in der er sich 
wiederum wird herauswinden miissen aus dem Materialismus, der die 
heutige Weltordnung und Weltanschauung, insofern sie von Menschen 
abhangt, beherrscht. Es wird starker Krafte bediirfen, um die starke 
Verbindung mit den blofi materiellen Machten, die in der Gegenwart 
die Menschen ergriffen hat, zu iiberwinden, um dem Menschen wieder 
die Moglichkeit zu geben, aus der unmittelbaren Lebenserfahrung her- 
aus seinen Zusaramenhang mit der geistigen Welt zu erkennen. 

Und wenn man in mehr abstrakter Weise von den Wesen der hoheren 
Hierarchien spricht, so kann man in konkreterer Weise sprechen da- 
von, dafi der Mensch selber, in zunachst unbewufken, aber zum Be- 
wufitsein zu bringenden Erlebnissen schon wahrend seines Lebens zwi- 
schen Geburt und Tod aufsteigen, drei Stufen hinaufschreiten kann: 
durch die Begegnung mit dem Genius, durch die Begegnung mit dem 
Christus Jesus, durch die Begegnung mit dem Vater. Natiirlich hangt 
sehr viel davon ab, dafi wir moglichst viele zur Empfindung drangende 
Vorstellungen gewinnen, die unser Leben, unser inneres Seelenleben so 
verfeinern, dafi wir nicht achtlos und unaufmerksam an diesen Dingen 
vorbeigehen, die einfach als Realitat, wenn wir aufmerksam sind, in un- 
ser Leben hereinspielen. In dieser Beziehung wird insbesondere die Er- 
ziehung viel, viel, gerade in der nachsten Zeit zu tun haben. 

Eine Vorstellung mochte ich noch erwahnen. Denken Sie, wie 
unendlich das Leben vertieft wird, wenn man zu dem allgemeinen Wis- 
sen iiber das Karma solche Einzelheiten hinzufugen kann wie diese, dafi 
bei einem verhaltnismafiig friihen Lebensende der Mensch im Tode die 
Begegnung mit dem Vater-Prinzip hat. Denn dann zeigt sich, dafi eben 
im Karma des Menschen es notwendig gewesen ist, den friihen Tod 
herbeizufuhren, damit eine abnorme Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
stattfindet. Denn was findet denn eigendich statt, wenn eine solche anor- 



male Begegnung mit dem Vater-Prinzip stattfindet? Der Mensch wird 
ja dann von aufien zerstort; sein physisches Wesen wird von auflen un- 
tergraben. Auch bei einer Krankheit ist das in Wahrheit der Fall. Dann 
ist der Schauplatz, auf dem sich die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
abspielt, hier noch die physische Welt. Dadurch, daft diese aufiere phy- 
sische Erdenwelt den Menschen zerstort hat, dadurch offenbart sich an 
der Zerstorungsstatte selbst, im Riickblick natiirlich spater immer wie- 
der sichtbar, die Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Dadurch aber auch 
gewinnt der Mensch die Moglichkeit, durch sein ganzes Leben, das er 
durchschreitet, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, 
festzuhalten den Gedanken an die Statte hin, das heifit an die Erde, von 
Himmelshohen herunter, wo die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
stattgefunden hat. Das aber bringt den Menschen dazu, von der geisti- 
gen Welt viel hereinzuwirken in die physische Erdenwelt. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte einmal unsere heutige 
Zeit und versuchen wir, eine solch wichtige Empfindung, wie wir sie 
heute auch wieder in der Erwahnung der Begegnung mit dem Vater- 
Prinzip entwickelt haben, als Empfindung zu erleben, nicht blofi als ab- 
strakte Vorstellung, versuchen wir mit dieser Empfindung auf die zahl- 
reichen fruhzeitigen Tode hinzublicken, dann miissen wir sagen: In ih- 
nen liegt die Predestination, die Vorbereitung dazu, dafi in der kom- 
menden Zeit viel gewirkt werden kann von der geistigen Welt herunter 
in die physische Erdenwelt. Und da haben Sie von einem anderen Ge- 
sichtspunkte dasjenige, was ich jetzt unter den Eindriicken der trauri- 
gen Ereignisse schon seit Jahren gesagt habe, dafi diejenigen Menschen, 
die friihzeitig heute durch die Pforte des Todes gehen, ganz besondere 
Heifer werden sollen fur die kiinftige Entwickelung der Menschheit, 
die starke Krafte braucht, um sich aus dem Materialismus herauszu- 
winden. Aber das alles mufi uns zum Bewufitsein gebracht werden; das 
alles soil ja nicht im Unbewufiten oder Unterbewufiten vor sich gehen. 
Und es ist deshalb schon notwendig, daft hier auf der Erde die Seelen 
sich dafur empfanglich machen - ich habe es schon einmal angedeutet -, 
sonst gehen die Krafte, die entwickelt werden aus der geistigen Welt, 
nach anderen Seiten hin. Damit der Erde fruchtbar werden konnen 
diese Krafte, die pradestiniert sind, die da sein konnen, dazu ist not- 



wendig, dafi auf der Erde Seelen sind, welche sich mit Erkenntnis der 
geistigen Welt durchdringen. Und immer mehr und mehr mussen 
Seelen sein, die sich mit der Erkenntnis der geistigen Welt durchdringen. 
Versuchen wir deshalb fruchtbar zu machen dasjenige, was ja schon 
einmal durch Worte gesagt werden mufi, namlich den Inhalt der Gei- 
steswissenschaft. Und versuchen wir mit Hilfe der Sprache - ich habe 
das Wort im vorletzten Vortrage hier gebraucht -, die wir durch die 
Geisteswissenschaft lernen, wieder zu beleben solche alten Vorstellun- 
gen, die nicht umsonst hereinverwoben werden in unser gegenwartiges 
Leben - versuchen wir zu beleben, was wir horen von so einem Plut- 
arch: daft der Mensch, sonst eben als physischer Mensch, durchdrun- 
gen ist von dem geistigen Menschen, dafi aber noch im besonderen 
normalerweise ein hoheres Glied auflerhalb des Hauptes zum Menschen 
dazugehort geistig, das seinen Genius darstellt, dem der Weise willig 
folgt. Versuchen wir zu, ich mochte sagen, Hilfsempfindungen zu 
kommen, um nicht in Unaufmerksamkeit diesen Erscheinungen des 
Lebens gegeniiberzustehen. 

Und zum Schlusse lassen Sie uns heute eine Hilfsvorstellung, eine 
Hilfsempfindung unserer Seele besonders nahegelegt sein: Es ist leider 
schwierig fur viele Menschen heute in unserem modernen materialisti- 
schen Leben, etwas zu empfinden, das ja die traurige Priifungszeit mil- 
dert, aber die nicht nur gemildert bleiben sollte - was ja kaum zu hof- 
fen ist, wenn der Materialismus in der Starke andauern sollte, in der er 
da ist, das sehr, sehr erhoht und mehr und mehr erhoht werden sollte -, 
es ist fur viele Menschen in unserer materialistischen Zeit sehr, sehr 
schwierig, dasjenige zu empfinden, was ich nennen mochte: die Heilig- 
keit des Schlafes. Wenn erlebt wird, daft geradezu die in der Mensch- 
heit geltende Intelligenz alien Respektes entbehrt fur die Heiligkeit des 
Schlafes, so ist das eine weittragende Kulturerscheinung. Solche Dinge 
sollen ja nicht getadelt werden, sie sollen auch nicht in dem Sinne hier 
aufgezahlt werden, da!5 sie zu einer nun einmal nicht durchzufuhrenden 
Asketik fuhren. Wir mussen mit der Welt leben, aber wir mussen 
sehend mit der Welt leben. Denn nur dadurch reifien wir unsere Korper- 
lichkeit. . . [Liicke im Stenogramm]. Man denke nur, wieviele Menschen, 
die mit rein dem Materiellen Zugewendeten die Abendstunden verbrin- 



gen, sich dann dem Schlafe ubergeben, ohne die Empfindung zu ent- 
wickeln - sie wird ja nicht recht lebendig aus der materialistischen Ge- 
sinnung heraus -, ohne die Empfindung zu entwickeln: Der Schlaf ver- 
einigt uns mit der geistigen Welt, der Schlaf schickt uns hiniiber in die 
geistige Welt. - Und wenigstens sollten die Menschen nach und nach 
dasjenige entwickeln, was sie sich mit den Worten sagen konnen: Ich 
schlafe ein. Bis zum Aufwachen wird meine Seele in der geistigen Welt 
sein. Da wird sie der fiihrenden Wesensmacht meines Erdenlebens be- 
gegnen, die in der geistigen Welt vorhanden ist, die mein Haupt um- 
schwebt, da wird sie dem Genius begegnen. Und wenn ich aufwachen 
werde, werde ich die Begegnung mit dem Genius gehabt haben. Die 
Fliigel meines Genius werden herangeschlagen haben an meine Seele. 

Ob man eine solche Empfindung lebendig macht, wenn man an sein 
Verhaltnis zum Schlafe denkt, oder ob man es nicht tut, davon hangt 
sehr, sehr viel ab in bezug auf die Uberwindung des materialistischen 
Lebens. Diese Uberwindung des materialistischen Lebens kann nur 
durch die Erregung intimer, aber auch der geistigen Welt entsprechen- 
der Empfindungen geschehen. Nur wenn wir recht rege machen solche 
Empfindungen, dann wird das Leben im Schlafe so intensiv sein, dafi 
anderseits die Beriihrung mit der geistigen Welt so stark ist, dafi nach 
und nach auch unser waches Leben sich erkraften kann, und wir da 
nicht blofi die sinnliche Welt, sondern die geistige Welt um uns haben, 
die doch die wirkliche, die wahrhaft wirkhche Welt ist. Denn diese 
Welt, die wir gewdhnlich die wirkliche nennen, ist ja, wie ich selbst in 
dem letzten offentlichen Vortrage ausgefiihrt habe, nur ein Abbild der 
wirklichen Welt. Die wirkliche Welt ist die des Geistes. Und die kleine 
Gemeinde, die sich heute der anthroposophisch orientierten Geisteswis- 
senschaft widmet, die wird die ernsten Symptome unserer Zeit, die 
schweren Leiden unserer Zeit dann unter dem besten Eindruck emp- 
fangen, wenn sie zu allem iibrigen, mit dem der Mensch heute gepriift 
werden kann, noch das hinzutut, dafi sie diese Zeit als eine Priifung 
empfindet, ob man mit geniigender Seelenstarke und mit wahrem Her- 
zensmut, mit seinem ganzen Menschen vereinigen kann dasjenige, was 
wir aufnehmen mxissen durch unseren Verstand, durch unsere Ver- 
nunft, als Geisteswissenschaft. 



Mit diesen Worten wollte ich heme noch einmal bekraftigen, was ich 
schon ofter hier gesagt habe: Geisteswissenschaft findet erst ihre rechte 
Stelle im Menschenherzen, wenn sie nicht bloft Theorie, nicht blofi 
Wissen ist, sondern wenn sie - symbolisch gesprochen - wie das Herz- 
blut der Seele unser ganzes Wesen so innig durchdringt und lebendig 
macht, wie unser physisches Blut unser leibliches Wesen innig durch- 
dringen und lebendig machen mufi. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 27. Februar 1917 



Ich habe Ihnen das vorige Mai gesprochen von den drei Begegnungen, 
welche die menschliche Seele mit den Regionen der geistigen Welt hat. 
Ich werde iiber diesen Gegenstand noch einiges mehr zu sagen haben, 
und bei dieser Gelegenheit wird sich dann auch die Moglichkeit erge- 
ben, eine Frage zu beantworten, welche von unseren Freunden gestellt 
worden ist im Anschlufi an den letzten offentlichen Vortrag im Archi- 
tektenhaus beziiglich der Krafte, welche zur Verwirklichung des Karma, 
des Schicksals, des aufieren Schicksals, aus einer friiheren Inkarnation 
fuhren. Es ist mir gesagt worden, dafi dies eine schwer verstandliche 
Sache sei. Ich will also im Laufe der Vortrage auf dieses Thema zu- 
ruckkommen. Allein es wird sich empfehlen, das erst zu tun, nachdem 
wir einiges besprochen haben, wodurch vielleicht dann das voile Ver- 
standnis dieser Sache herbeigefiihrt werden kann. Heute will ich aber, 
damit die Besprechung der drei Begegnungen in der geistigen Welt noch 
viel klarer werden kann, gewissermafien episodisch etwas einfugen, das 
mir besonders wichtig erscheinen mufi, gerade in dieser unmittelbar ge- 
genwartigen Zeit zu Ihnen gesprochen zu werden. 

Wenn wir uberblicken, welche Ideen, welche Vorstellungen sich be- 
sonders in die Seelen aller Menschen, der Menschen aller Bildungsgra- 
de, durch die geistige Entwickelung der letzten Jahrhunderte einge- 
schlichen haben, so miissen wir aufmerksam machen darauf, wie diese 
geistige Erziehung der letzten Jahrhunderte machtig hingedrangt hat, 
die Weltentwickelung und das Hineingestelltsein des Menschen in diese 
Weltentwickelung nur nach Mafigabe naturwissenschafdicher Vorstel- 
lungen zu bilden. GewifS, es gibt heute sehr viele Menschen noch, wel- 
che der Meinung sind, dafi sie ihr Gemut, ihre Seele nicht nach natur- 
wissenschaftlichen Vorstellungen gebildet haben. Aber diese Menschen 
bemerken nicht die tieferen Grundlagen ihrer Gemutsbildung; sie wis- 
sen nicht, wie eben naturwissenschaftliche Vorstellungen in einseitiger 
Weise sich eingeschlichen haben in die Gemiiter und nicht nur alles 
Denken, sondern namentlich alles Fuhlen in einer gewissen Weise be- 



stimmen. Wer heute namlich nachdenkt nach den gangbaren Begriffen, 
die jeder Mensch in denjenigen Gegenden hat, welche allgemeine 
Schulbildung haben, wer sein Gemiit bildet im Zusammenhang mit die- 
sen Begriffen, ausgehend von diesen Begriffen, der kommt heute gar 
nicht dazu, das rechte, das wahre Verhaltnis zu fuhlen zwischen dem, 
was wir die moralische Welt, die Welt der moralischen Empfindungen 
nennen, und der Welt der aufieren Tatsachen. Wenn wir heute im 
Sinne unserer Zeit nachdenken, wie sich die Erde, ja, wie sich das 
ganze Himmelsgebaude entwickelt haben kann, und wie es zu einem 
gewissen Endzustand kommen konnte, so denken wir im Sinne rein 
aufterer sinnenfalliger Tatsachen nach. Denken Sie nur, wie tief be- 
deutsam es fiir die Seelen ist, wenn sie sich das auch nicht immer klar 
machen, daft es die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie von der 
Weltentstehung gibt: Aus einem rein materiellen Weltennebel - denn 
rein materiell wird er vorgestellt - habe sich nach rein physikalischen 
und auch chemischen Gesetzen die Erde, ja das Weltengebaude gebil- 
det, habe sich im Sinne dieser Gesetze entwickelt und wird, so denken 
die Menschen, nach diesen Gesetzen auch sein Ende finden. Es wird 
einmal ein Zustand kommen, in dem dieses Weltengebaude gerade so 
mechanisch schlieften wird, wie es mechanisch entstanden ist. 

Gewifi, ich wiederhole es noch einmal: Es gibt viele Menschen, die 
wehren sich heute dagegen, die Sache nur gerade so zu denken. Aber 
darauf kommt es nicht an; denn es kommt ja nie auf die Vorstellungen 
an, die wir uns bilden, sondern auf die Impulse des Gemuts, aus denen 
diese Vorstellungen gebildet sind. Die Vorstellung, die ich eben ent- 
wickelt habe, ist eine rein materialistische; sie ist eine solche, von der 
Herman Grimm sagt, daft ein Stuck Aasknochen, um das ein hungriger 
Hund seine Kreise herummacht, ein appetitlicherer Anblick ist als dieses 
Weltengebaude nach Kant-Laplaceschen Begriffen. Aber es hat entste- 
hen konnen, es hat sich bilden konnen. Und nicht nur, daft es sich hat 
bilden konnen, sondern es ist fiir die weitaus groftte Zahl der Men- 
schen, an die es herandringt, etwas Einleuchtendes. Und nur wenige 
Menschen giot es, die so fragen wie Herman Grimm, wie sich kiinftige 
Gelehrten-Generationen damit abfinden werden, nachzudenken dar- 
iiber, wie iiberhaupt, wie er meint, dieser Wahnsinn in unserer Zeit hat 



entstehen konnen; wie es moglich war, dafi in irgendeiner Epoche die- 
ser Wahnsinn iiber die Weltentstehung hat einleuchtend sein konnen 
fur viele Menschen. Es gibt eben wirklich wenige Personlichkeiten, 
welche so fragen, aus einer gesunden Gemiitslage der Seele heraus so 
fragen. Und diejenigen, die so fragen, nun, die werden halt angesehen - 
wenigstens auf diesen Gebieten - als eine Art verschrobener Kopfe. 
Aber wie gesagt, auf die Vorstellungen, die so gebildet sind, kommt es 
nicht an; auf die Gemiitsimpulse kommt es an. Aus gewissen Gemiits- 
tendenzen heraus haben sich Vorstellungen ergeben, und wenn sie 
auch von Gelehrten ausgegangen sind und heute so an die Menschen 
herangebracht werden, dafi die meisten Menschen doch noch glauben, 
dafi nicht allein durch solche mechanischen Impulse die Welt entstan- 
den ist, sondern dafi da allerlei gottliche Impulse noch mitgespielt ha- 
ben, so ist es doch eben moglich gewesen, daft solche Vorstellungen 
sich gebildet haben. Und es ist moglich gewesen, dafi das Gemiit der 
Menschen, die Seelenverfassung der Menschen eine solche Gestalt an- 
genommen hat, dafi eben uber die Weltentstehung eine rein mechani- 
sche Vorstellung sich hat bilden konnen. Das heifk: Auf dem Grunde 
der menschlichen Seelen ist die Neigung, materialistisch geartete Vor- 
stellungen sich zu bilden. Und diese Neigung, die ist nun nicht nur bei 
den wenigen Gelehrten und anderen Menschen vorhanden, die daran 
glauben, sondern sie ist in breitem Umkreis bei alien moglichen Men- 
schen vorhanden. Nur daft die meisten Menschen heute noch eine zu 
grofie Scheu haben, mutig, nun, ich mochte sagen, Haeckelianer zu 
werden und alles Geistige nur unter der Form des Materiellen vorzu- 
stellen. Die Menschen haben nicht den Mut. Sie lassen ja so etwas da- 
neben noch gelten, was geistig ist; denken nicht nach. 

Wenn diese Vorstellung gilt, die charakterisiert worden ist, dann ist 
nur in einer gewissen Weise Platz fur das Geistige, namentlich nur in 
einer gewissen Weise Platz fur das Moralische. Denn denken Sie nur 
einmal nach: Wenn die Welt wirklich so entstanden ware, wie die 
Kant-Laplacesche Theorie sich das vorstellt, und wenn die Welt nur 
durch physikalische Krafte ihr Grab fande und in diesem Grabe eben 
begraben waren alle Menschen mit ihren Ideen, Empfindungen, Willens- 
impulsen, was ware dann zum Beispiel, ich will von allem ubrigen ab- 



sehen, die ganze moralische Weltordnung? Was ware aus ihr geworden? 
Was bedeutete es dann, wenn wir einmal gesagt hatten - nehmen wir 
einmal an, der Zustand des allgemeinen Grabes ware gekommen -: Das 
ist gut, das ist bose; das ist recht, das ist unrecht? Vergessene Vorstel- 
lungen bedeutete es, hinweggeweht als etwas, was vielleicht nicht ein- 
mal, ja, wenn diese Weltordnung richtig ist, nicht einmal in irgendeiner 
Seelenerinnerung fortleben konnte. Das heifk, die Sache wiirde so lie- 
gen: Durch rein mechanische Ursachen, durch physikalische, viel- 
leicht durch chemische Krafte ist die Welt entstanden, geht sie zugrun- 
de. Aus diesen Kraften treiben sich wie Blasen Erscheinungen auf, wel- 
che Menschen darstellen. Innerhalb dieser Menschen entstehen morali- 
sche Begriffe von Recht und Unrecht, Gut und Bose. Aber die ganze 
Welt geht wieder in Grabesstille iiber. Das ganze Recht und Unrecht, 
Gut und Bose ist eben eine Illusion der Menschen gewesen, vergessen 
und versunken, wenn die Welt «Grab» geworden ist. Das einzige, was 
dann fur die moralische Weltordnung bleibt, es ist doch das, dafl die 
Menschen fiihlen, solange wie die Episode wahrt, die da verlauft vom 
Anfangszustand bis zum Endzustand: sie brauchen solche Begriffe zum 
Zusammenleben, sie mussen sich eben moralische Begriffe ausbilden, 
aber diese moralischen Begriffe konnen in einer rein mechanischen 
Weltordnung nirgends verankert sein. Nicht wahr, eine naturliche 
Kraft, die Warme, die Elektrizitat, die greift ein in den Naturzusam- 
menhang, die macht sich darin geltend; die moralische Kraft, die ware, 
wenn die mechanische Weltenordnung richtig ware, nur in der Vorstel- 
lung der Menschen da, die wiirde nicht eingreifen in die Naturordnung. 
Sie ware nicht etwas wie die Warme, welche die Korper ausdehnt, oder 
das Licht, welches die Korper erleuchtet, sichtbar macht, die Welt, den 
Raum durchdringt; sondern sie ist da, diese moralische Kraft, sie 
schwebt gewissermafien als eine grofie Illusion iiber der mechanischen 
Weltordnung und vergeht, verweht, wenn die Welt ins Grab sich ver- 
wandelt. 

Man denkt diesen Gedanken nur nicht geniigend durch. Daher wehrt 
man sich nicht gegen eine mechanische Weltordnung, sondern lafit sie, 
ich will nicht sagen aus Gutmiitigkeit, aber aus Bequemlichkeit eben 
bestehen. Und wenn man ein gewisses Gemutsbedurfnis hat, so sagt 



man dann: Ja, das Wissen, das macht halt, dafi wir eine solche mechani- 
sche Weltordnung ausdenken miissen; der Glaube fordert von uns et- 
was anderes, also stellen wir den Glauben neben das Wissen, glauben 
wir aufier der mechanischen Natur noch an irgend etwas, woran zu 
glauben wir eben ein gewisses inneres Gemutsbediirfnis haben. - Das 
ist bequem. Man braucht sich nicht aufzulehnen gegen das, was zum 
Beispiel Herman Grimm wie einen Wahnsinn der gegenwartigen Wis- 
senschaft empfindet, man braucht sich nicht aufzulehnen. Aber es hat 
wirklich keine innere Berechtigung fiir denjenigen, der seine Gedanken 
zu Ende denken will, der wirklich mit seinen Gedanken zu Ende kom- 
men will. 

Und wenn man sich fragt, woher es denn kommt, dafi die Menschen 
heute so blind in einer gedanklichen UnmogHchkeit leben, dafi sie eine 
solche gedankliche UnmogHchkeit hinnehmen, so liegt es - so sonder- 
bar dies, wenn man zum erstenmal sich mit dem Gedanken vertraut 
machen soli, auch klingt - darin, dafi die Menschen mehr oder weniger 
im Laufe der letzten Jahrhunderte schon verlernt haben, das Christus- 
Mysterium, welches im Zentrum des neuzeitlichen Lebens stehen 
mufke, in seinem wahren, realen Sinne zu denken. Denn die Art, wie 
der Mensch der neueren Zeit iiber das Christus-Mysterium denkt, die 
ist so, dafi sie auf sein ganzes iibriges Denken und Fuhlen ausstrahlt. 
Und es ist nun einmal so - wir werden ja vielleicht gerade iiber diese 
Tatsache in der nachsten Zukunft noch zu sprechen haben -, dafi die 
Art, wie sich der Mensch zu dem Christus-Mysterium stellt seit dem 
Mysterium von Golgatha, eine Art, ich mochte sagen, Wertmesser ist 
fiir seine gesamte Begriffs- und Empfindungswelt. Kann er das 
Christus-Mysterium nicht als ein wirklich Reales auffassen, dann kann er 
auch mit Bezug auf die iibrige Weltanschauung keine Vorstellungen 
und Begriffe entwickeln, welche von Wirklichkeit getrankt sind, welche 
wahrhaftig in die Wirklichkeit eingreifen. 

Dies ist es, was wir uns vor alien Dingen heute einmal ganz klar vor 
die Seele stellen wollen. Wenn der Mensch wirklich so denkt, wie ich es 
dargestellt habe und wie eigentlich mehr oder weniger unbewufit die 
meisten Menschen der Gegenwart denken, dann zerfallt die Welt auf 
der einen Seite in die mechanische Naturordnung, auf der anderen Seite 



in die moralische Weltordnung. Nun wird von zaghaften Seelen, die 
sich aber oftmals sehr mutig diinken, das Christus-Mysterium in die 
rein moralische Weltordnung hereingenommen; und es wird von alien 
in die rein moralische Weltordnung hineingenommen, welche in diesem 
Christus-Mysterium nichts anderes sehen, als dafi zu einer bestimmten 
Zeit ein grofier, sagen wir sogar auch der grofite Lehrer der Erdenwelt 
aufgetreten ist, und da& es zunachst auf seine Lehre ankommt. Wenn 
man aber den Christus bloft als den, sei es auch grofiten Lehrer der 
Menschheit ansieht, so ist diese Anschauung in einer gewissen Weise 
durchaus vereinbar mit dieser Zweispaltung der Welt in Naturordnung 
und moralische Weltordnung. Denn naturlich konnte, auch wenn die 
Erde sich so gebildet hat, wie die mechanische Weltordnung das dar- 
stellt, und so zugrunde gehen wiirde, daft sie einmal ein allgemeines 
Grab ware, einmal doch ein grofter Lehrer auftreten, der ja wirklich 
viel wirken konnte, die Menschen zu bessern und zu belehren. Seine 
Lehre konnte erhaben sein, aber es wiirde nichts daran andern, daft 
einmal, nach dem Ende der Dinge, das Ganze ein Grab ware, und auch 
die Lehre Christi eben verweht und verwischt ware, nicht einmal als 
Erinnerung in irgendeiner Wesenheit vorhanden ware. Daft man das 
nicht denken will, das macht die Sache nicht aus. Wenn man sich nur 
uberhaupt bekennt zur blofien mechanischen Weltordnung, dann 
miiftte man das so denken. 

Nun kommt alles darauf an, daft man einsieht, daft mit dem Myste- 
rium von Golgatha etwas sich vollzogen hat, was nicht allein der mora- 
lischen Weltordnung, sondern der ganzen, gesamten Weltordnung an- 
gehort; was nicht allein der moralischen Wirklichkeit, die es ja im Sinne 
der mechanischen Weltordnung gar nicht geben kann, sondern der 
gesamten intensiven Wirklichkeit angehort. 

Sehen Sie, am besten werden wir dazu kommen, einzusehen, um was 
es sich da handelt, wenn wir nunmehr an die drei Begegnungen, die ich 
das letztemal erwahnt habe, ein wenig denken, aber in anderem Sinne, 
als ich das neulich ausgefuhrt habe. Jedesmal, sagte ich, wenn der 
Mensch schlaft, in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen, 
begegnet er Wesen der geistigen Welt; Wesen der geistigen Welt, die 
mit seinem Geistselbst, wie wir es gewohnt sind zu nennen, substantiell 



gleichartig sind. Das heifit: Der Mensch kommt aus dem Schlafe, wenn er 
aufwacht, so heraus, dafi er geistigen Wesen begegnet ist und die Nach- 
wirkung der Begegnung, wenn es ihm auch unbewufit bleibt, in das auftere 
physische Leben hineintragt. Sehen Sie, was sich da in der Seele abspielt, 
wahrend wir diese alltagliche Begegnung haben, das bezieht sich in einer 
gewissen Weise durchaus auf die menschliche Zukunft. Der Mensch, der 
sich nicht mit Geisteswissenschaft befaflt, weifi heute ja noch wenig iiber 
dasjenige, was eigendich in den Tiefen der Seele vorgeht, wenn der 
Mensch schlaft. Die Traume, die fur das gewohnliche Leben etwas ver- 
raten konnten von diesen Vorgangen im Schlafe, sie verraten zwar etwas, 
aber sie verraten es auf eine solche Weise, dafi die Wahrheit doch nicht 
so leicht an den Tag treten kann. Wenn der Mensch im Traum oder aus 
Traumen heraus aufwacht oder sich an Traume erinnert, so hangen 
diese Traume doch meist zusammen mit irgendwelchen Vorstellungen, 
die er sich schon im Leben angeeignet hat, mit Reminiszenzen. Das 
aber ist doch nur das Gewand desjenigen, was im Traume eigentlich 
lebt, respektive im Schlafzustand lebt. Wenn Sie sich den Traum in sol- 
che Vorstellungen kleiden, die aus Ihrem Leben sind, so sind diese Vor- 
stellungen nur das Gewand; denn im Traume kommt umkleidet das zum 
Vorschein, was wahrend des Schlafes eigentlich in der Seele vorgeht. 
Und was wahrend des Schlafes in der Seele vorgeht, das bezieht sich 
weder auf die Vergangenheit noch sogar auf die Gegenwart, sondern 
das bezieht sich auf die Zukunft. Im Schlafe werden die Krafte ausge- 
bildet, die sich fur die menschliche Wesenheit vergleichen lassen mit 
den Keimeskraften, die sich in der Pflanze entwickeln fur eine nachste 
Pflanze. Wenn die Pflanze so heranwachst, dann entwickeln sich ja in 
der Pflanze immer schon fur die nachste Pflanze die Keimeskrafte fur 
das nachste Jahr. Diese Keimeskrafte gipfeln dann in der Samenbil- 
dung; da werden sie sichtbar. Aber wenn die Pflanze so wachst, heran- 
wachst, sind schon die Keimeskrafte fur die nachste Pflanze vorhanden. 
So sind die Keimeskrafte, sei es fur die nachste Inkarnation, sei es aber 
auch fur die Jupiter-Periode, im Menschen, und der Mensch bildet sie 
vorzugsweise aus im Schlafzustand. Was er da an Kraften ausbildet, das 
bezieht sich nicht gleich auf einzelne Ereignisse, es bezieht sich mehr 
auf die Grundkrafte der nachsten Inkarnation zum Beispiel, aber doch 



eben auf diese Krafte der nachsten Inkarnation. Also im Schlafe arbeitet 
der Mensch an seinen Keimen fiir die nachste Inkarnation, iiberhaupt 
in die Zukunft hiniiber. So dafi der Mensch, wenn er schlaft, schon in 
der Zukunft ist. 

Ich mochte doch in bezug auf diese Sache keine allzu grofie Unklar- 
heit in Ihrer Seele lassen, deshalb sage ich zunachst: Es ist mit der nach- 
sten Inkarnation fiir diesen Schlafzustand so, wie es mit dem Wissen 
des nachsten Tages ist. Wir wissen vom nachsten Tag, einfach aus der 
Erfahrung, dafi die Sonne wieder aufgehen wird, auch ungefahr wie er 
verlaufen wird, wenn wir auch nicht wissen werden, welches Wetter 
wird, oder wie einzelne Ereignisse in unser Leben eingreifen. So ist die 
Seele zwar ein Prophet im Schlafe, aber wie ein Prophet, der nur auf 
das Grofie, Kosmische sieht, und nicht auf das Wetter. Also wer gar so 
sehr die Vorstellung hatte, dafi die Einzelheiten der kommenden Inkar- 
nation der Seele im Schlafe sich vorstellig machen, der wiirde in den 
Fehler verfallen, den derjenige macht, der glauben wiirde, er konnte, 
weil er ganz gewifi weifi, dafi am nachsten Sonntag die Sonne aufgehen 
und untergehen wird, und weil er gewisse allgemeine Dinge weifi, auch 
wissen, wie das Wetter ist. Das alles aber andert doch nichts daran, dafi 
wir es wahrend des Schlafes mit unserer Zukunft zu tun haben. So dafi 
an unserer Zukunftsgestaltung die Krafte arbeiten, die substantiell 
gleichartig unserem Geistselbst, uns begegnen in der Mitte der Schla- 
fenszeit. 

Eine andere, weitere Begegnung - wenn ich die zweite Begegnung 
auslasse - ist dann die dritte Begegnung, von der ich das letztemal gesagt 
habe, dafi sie einmal eintritt im ganzen Verlauf des menschlichen Lebens, 
in der Lebensmitte. Wenn der Mensch in den Dreifiigerjahren ist, dann 
begegnet er dem, sagte ich, was man das Vater-Prinzip nennen kann, 
wahrend er jede Nacht dem Geist-Prinzip begegnet. Dieses Begegnen 
mit dem Vater-Prinzip, das hat eine sehr grofie Bedeutung aus dem 
Grunde, weil - und Sie wissen, denn ich habe es erklart, dafi es auch 
fiir denjenigen eintreten muE, der vor dem dreiftigsten Jahre stirbt; nur 
wenn man die Dreifiigerjahre erlebt, tritt es im Laufe des Lebens ein, 
sonst tritt es mit einem friihzeitigen Tode eben vorher ein -, weil durch 
dieses Zusammentreffen der Mensch in die Lage kommt, sich die Erleb- 



nisse des gegenwartigen Lebens so tief einzupragen, dafi sie in die nach- 
ste Inkarnation hiniiberwirken konnen. Also das, was Begegnung tnit 
dem Vater-Prinzip ist, das hat es zu tun gerade wiederum mit dem Er- 
denleben der nachsten Inkarnation, wahrend unser Begegnen mit dem 
Geist-Prinzip fur die ganze Zukunft, iiber das ganze zukunftige Leben 
ausstrahlt, auch iiber dasjenige Leben, das sich zwischen Tod und neuer 
Geburt abspielt. 

Die Sache ist so, daft die Gesetze, in welche eingesponnen ist diese 
Begegnung, die wir einmal im Leben haben, nicht irdische Gesetze 
sind, sondern Gesetze, die innerhalb der Erdenentwickelung so ge- 
blieben sind, wie sie in der Mondenentwickelung waren. Und diese 
Gesetze hangen zusammen nach der physischen Seite hin mit unserer 
physischen Abstammung, iiberhaupt mit alledem, was die physische 
Vererbung bedeutet. Diese physische Vererbung ist ja nur die eine 
Seite der Sache; ihr liegen geistige Gesetze zugrunde, wie ich das hin- 
langlich schon angedeutet habe. So daft all dasjenige, was sich abspielt 
so, dafi es die Begegnung mit dem Vater-Prinzip notig hat, in die 
Vergangenheit zuriickweist. Das ist Erbstuck der Vergangenheit; das 
weist in die Mondenentwickelung zuriick, in die friiheren Inkarnatio- 
nen zuriick, wie in die Zukunft weist dasjenige, was bei jedem Schlaf 
sich abspielt. Wie das, was sich im Schlafe abspielt, den Keim ausbildet 
fur die Zukunft, so ist das, was sich abspielt, indem die Menschen als 
Nachkommen ihrer Vorfahren geboren werden und auch hiniibertragen 
aus friiheren Inkarnationen dasjenige, was aus diesen friiheren Inkarna- 
tionen eben heriibergetragen werden mufi, etwas, was von der Vergan- 
genheit geblieben ist. Beides nun, dasjenige, was sich auf die Zukunft 
bezieht, und dasjenige, was sich auf die Vergangenheit bezieht, strebt 
gewissermafien aus der Naturordnung heraus. Der Bauer geht noch mit 
Sonnenuntergang schlafen und steht mit Sonnenaufgang auf. Aber in- 
dem der Mensch weiterschreitet in der sogenannten Kultur, macht er 
sich los von der Naturordnung. Und in den Stadten lernt man auch 
schon Leute kennen - wenn das auch nicht haufig ist -, die morgens 
sich schlafen legen und abends aufstehen. Der Mensch macht sich los 
von dieser bloften Naturordnung; das liegt schon in der Moglichkeit 
seiner Freiheitsentwickelung. Da ist also der Mensch gewissermafien, 



weil er eine Zukunft vorbereitet, die noch nicht da ist, herausgerissen 
aus der Naturordnung. Auch indem er die Vergangenheit, namentlich 
die Mondenvergangenheit, in die Gegenwart hereintragt, ist er heraus- 
gerissen aus der Naturordnung. Denn niemand kann aus allgemeinen 
Naturgesetzen heraus irgendeine Notwendigkeit angeben dafiir, dafi 
Hans Miiller gerade, sagen wir im Jahre 1914 geboren wird; da herrscht 
nicht eine solche Notwendigkeit wie beim Aufgang der Sonne oder bei 
sonstigen Naturvorgangen, weil darin die Naturordnung des Mondes 
herrscht. Da war alles so wie die Ordnung unseres Geborenwerdens auf 
Erden; wahrend der Mondenzeit war alles so. 

Aber so recht in die Naturordnung hineingestellt ist der Mensch in 
bezug auf das, was fur seine Gegenwart unmittelbar Bedeutung hat, 
was sich unmittelbar auf sein Erdendasein bezieht. Wahrend er in bezug 
auf das Vater-Prinzip und in bezug auf das Geist-Prinzip Vergangenheit 
und Zukunft in sich tragt, ist er in bezug auf jene Begegnung, von der 
ich gesagt habe, daft sie sich im Jahreslauf vollzieht und noch zusam- 
menhangt auch nun mit der Begegnung mit dem Christus, an die Na- 
turordnung gebunden. Ware er nicht an die Naturordnung gebunden, 
so wiirde die Folge sein, daft der eine Weihnachten im Dezember, der 
andere Weihnachten im Marz feierte und so weiter. Aber trotzdem sich 
die Volker in verschiedener Weise unterscheiden, schon mit Bezug dar- 
auf, wie sie das Weihnachtsfest begehen, irgend etwas von einer Fest- 
lichkeit, die immer irgendwie einen Bezug hat auf diese Begegnung, auf 
das, was ich meinte, fallt doch in die letzten Dezembertage. In bezug 
auf diese Begegnung, die in den Jahreslauf eingefiigt ist, steht also der 
Mensch, und zwar weil dieses seine Gegenwart ist, in unmittelbarem 
Zusammenhang mit dem Naturlaufe; da fiigt er sich dem Naturlaufe, 
wahrend er mit Bezug auf Vergangenheit und Zukunft aus dem Natur- 
lauf herausgetreten ist, seit Jahrtausenden schon herausgetreten ist. 

In alten Zeiten fugte sich der Mensch allerdings auch in bezug auf 
Vergangenheit und Zukunft dem Naturlaufe. So war nach dem Natur- 
laufe in alten Zeiten zum Beispiel in den germanischen Landern die Ge- 
burt geregelt. Denn die Geburt durfte nur stattfinden, weil sie von den 
Mysterien aus geregelt wurde, zu einer ganz bestimmten Jahreszeit. Da 
war sie eingefiigt in die Jahreszeit. Und geregelt wurde Empfangnis und 



Geburt in alten Zeiten, in weit zuriickliegenden vorchristlichen Zeiten, 
in den germanischen Landern durch dasjenige, was sich nur in schwa- 
chen Nachklangen erhalten hat als Mythe, durch den Hertha-Dienst. 
Der Hertha-Dienst umfafite namlich nichts Geringeres in alten Zeiten, 
als daft nur zu der Zeit, als die Hertha mit ihrem Wagen sich den Men- 
schen naherte, die Tage der Empfangnis da waren; und wenn sie sich 
wieder zurtickgezogen hatte, dann durften sie nicht mehr sein. Das be- 
wirkte allerdings, dafi dazumal als ehrlos gait - weil er aus dem Natur- 
lauf herausfiel in bezug auf sein Menschendasein - derjenige, der nicht 
innerhalb einer gewissen Jahreszeit geboren war. Das war geradeso in 
alten Zeiten dem Naturlaufe angepalk, wie angepalk war diesem Natur- 
laufe das Schlafen und Wachen. Man ging eben, wenn die Sonne unter- 
ging, schlafen und wachte auf mit der Morgenrote. Aber diese Dinge 
haben sich verschoben. Nicht verschieben aber kann sich das Mittlere, 
die Anpassung an den Jahreslauf. Durch diese Anpassung an den 
Jahreslauf soil namlich und mufi im menschlichen Gemiit etwas erhalten 
bleiben. 

Was ist denn der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung? 
Das ist der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung, dafi sich 
der Mensch an die Erde anpalk, dafi er die Bedingungen der Erden- 
entwickelung in sich aufnimmt; dafi er hineintragt in die Zukunft seiner 
Entwickelung dasjenige, was die Erde ihm geben kann - ich meine jetzt 
nicht blofi in einer Inkarnation, sondern durch alle Inkarnationen hin- 
durch -, fur die spatere Entwickelung ihm geben kann. Das ist der Sinn 
der Erdenentwickelung. Dieser Sinn der Erdenentwickelung, er kann 
nur verwirklicht werden dadurch, dafi der Mensch gewissermafien auf 
der Erde nach und nach vergessen lernte seinen Zusammenhang mit den 
kosmischen, mit den himmlischen Machten. Der Mensch lernte verges- 
sen seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten. Wir wissen 
ja, dafi in alten Zeiten die Menschen ein atavistisches Hellsehen hatten, 
aber gerade innerhalb dieses atavistischen Hellsehens wirkten ja die 
himmlischen Machte in die Menschen hinein. Da hatte der Mensch 
noch seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten; da ragte 
gewissermafien das Himmelreich in das menschliche Gemiit hinein. Das 
mulke anders werden, damit der Mensch seine Freiheit entwickeln 



kann. Der Mensch mufite in seiner Anschauung, in seiner unmittelba- 
ren Wahrnehmung nichts mehr haben von dem himmlischen Reich, 
damit er der Erde verwandt werde. Aus diesem Grunde aber ist auch 
die Moglichkeit allein gegeben gewesen, dafi der Mensch in der extrem- 
sten Zeit der Erdenverwandtschaft eben materialistisch wurde, im fiinf- 
ten Zeitraum, in dem wir selber drinnenstehen. Der Materialismus ist 
nur der radikalste, extremste Ausdruck der Verwandtschaft des Men- 
schen mit der Erde. Das aber wiirde bedingen, dafi der Mensch wirk- 
lich der Erde verfiele, wenn nichts anderes eintreten wiirde. Der 
Mensch mufite der Erde verwandt werden, nach und nach ganz das 
Schicksal der Erde teilen. Er mufite die Wege nehmen, die die Erde sel- 
ber nimmt, er mufite sich ganz einfiigen der Erdenentwickelung, wenn 
nichts anderes eintreten wiirde. Er mufite gleichsam mit der Erde sich 
losreifien vom ganzen Kosmos und sein Schicksal ganz mit dem Schick- 
sal der Erde verbinden. 

Das war aber nicht so gemeint fur die Menschheit, sondern es war fur 
die Menschheit anders gemeint. Der Mensch sollte auf der einen Seite 
sich richtig mit der Erde verbinden, aber es sollte Botschaft aus der 
himmlischen, geistigen Welt herunterkommen, die ihn, trotzdem er 
durch seine Natur erdenverwandt wird, wiederum hinwegtragt iiber 
diese Erdenverwandtschaft. Und dieses Herunterbringen der Himmels- 
botschaft, das geschah durch das Mysterium von Golgatha. Daher 
mufite auf der einen Seite das Wesen, das durch das Mysterium von 
Golgatha ging, Menschenwesenheit annehmen, aber auf der anderen 
Seite in sich Himmelswesenheit tragen. Das heifit aber: Wir diirfen uns 
den Christus Jesus nicht blofi so vorstellen, dafi er innerhalb der 
Menschheitsentwickelung nicht als auch einer sich entwickelt, und sei er 
auch der Hochste, sondern dafi er sich als einer entwickelt, der auf- 
nimmt himmlische Wesenheit, der nicht blofi eine Lehre verbreitet, 
sondern der in die Erde hereintragt dasjenige, was aus dem Himmel 
kommt. Daher ist es wichtig, zu verstehen, was eigentlich die Johannes- 
Taufe im Jordan ist: dafi das nicht blofi eine moralische Handlung ist - 
ich sage nicht «nicht» eine moralische Handlung ist, sondern «nicht 
blofi » eine moralische Handlung ist -, sondern eine reale Handlung ist; 
dafi da etwas geschieht, das so wirklich ist, wie die Naturereignisse 



wirklich sind, das so wirklich ist, wie wenn ich mit irgendeinem War- 
mequell etwas erwarme und die Warme iibergeht in das Erwarmte, daft 
die Christus-Wesenheit iibergeht in den Menschen Jesus von Nazareth 
bei der Johannes-Taufe. Das ist gewifi im hochsten Grade ein Morali- 
sches, aber auch im Naturlaufe ein Wirkliches, wie die Naturerschei- 
nungen wirklich sind. Und darauf kommt es an, dafl das verstanden 
wird, daf? man es nicht nur mit irgend etwas zu tun hat, was aus ratio- 
nalistischen menschlichen Begriffen heraus stammt, die immer nur 
ubereinstimmen mit dem mechanischen, dem physischen oder chemi- 
schen Naturlaufe, sondern daft es etwas ist, was als Idee zu gleicher 
Zeit so in der realen Wirklichkeit drinnensteht, wie die Naturgesetze in 
der realen Wirklichkeit oder eigentlich die Naturkrafte in der realen 
Wirklichkeit drinnenstehen. 

Von da aus, wenn man das erfalk, werden dann auch andere Begriffe 
viel realer werden, als sie in der Gegenwart sind. Sehen Sie, der alte Al- 
chimist - wir wollen uns jetzt nicht iiber Alchimie unterhalten, aber wir 
wollen auf das, was der Alchimist im Auge hatte, blicken; ob das be- 
rechtigt oder unberechtigt ist, dariiber wollen wir uns nicht unterhal- 
ten, das kann vielleicht Gegenstand einer anderen Betrachtung sein -, er 
hatte im Auge, dafi durch seine Vorstellungen nicht blofi etwas vorge- 
stellt wird, sondern etwas geschieht. Sagen wir: Er raucherte. Und 
hatte er dann die Vorstellung oder sprach sie aus, so versuchte er, in 
diese Vorstellung eine solche Kraft hineinzubringen, daft die Raucher- 
substanz wirklich Formen annahm. Er suchte solche Begriffe, die die 
Macht haben, in die aufiere Naturrealitat einzugreifen, nicht bloft in- 
nerhalb des Egoistischen des Menschen zu bleiben, sondern in die Na- 
turrealitat einzugreifen. Warum? Weil er auch noch von dem Myste- 
rium von Golgatha die Vorstellung hatte, daft da etwas geschah, was in 
den Naturlauf der Erde eingreift, das ebenso eine Tatsache ist, wie ein 
Naturvorgang eine Naturtatsache ist. 

Sehen Sie, auf diesem beruht ein bedeutungsvoller Unterschied, der 
in der zweiten Halfte des Mittelalters und gegen die neuere Zeit, gegen 
unsere fiinfte, auf die griechisch-lateinische folgende Weltenperiode 
eintrat. In der Kreuzzugszeit, der Zeit des 12., 13., 14., 15., ja 16. 
Jahrhunderts gab es insbesondere Frauennaturen, welche ihr Gemiit in 



eine solche Mystik brachten, daft sie dieses innere Erlebnis, das ihnen 
die Mystik brachte, wie eine Hochzeit empfanden mit dem Geistigen, 
sei es mit dem Christus, oder sonst etwas. Mystische Hochzeiten feier- 
ten zahlreiche asketische Nonnen und so weiter. Ich will mich heute 
nicht iiber das Wesen dieser innerlichen mystischen Vereinigungen er- 
gehen; aber es war eben ein innerhalb des Gemiits Verlaufendes, das 
dann nur mit Worten ausgesprochen werden konnte, das gewisserma- 
ften innerhalb der Vorstellungen, der Empfindungen und noch des 
Wortes, in das die Empfindungen gekleidet werden konnen, verlief. 
Dem setzte dann aus gewissen Vorstellungen und geisteswissenschaftli- 
chen Zusammenhangen heraus Valentin Andreae seine «Chymische 
Hochzeit des Christian Rosenkreutz» entgegen. Diese chymische 
Hochzeit, wir wiirden heute sagen chemische Hochzeit, sie ist auch ein 
menschliches Erlebnis. Aber wenn Sie sie durchlesen, diese Chymische 
Hochzeit des Christian Rosenkreutz, so werden Sie sehen, daft es sich 
da nicht blofi um ein Gemiitserlebnis handelt, sondern um etwas, was 
den ganzen Menschen ergreift, nicht bloft sich in Worten ausspricht; 
was nicht bloft hereingestellt ist wie ein Gemiitserlebnis in die Welt, 
sondern wie ein realer Vorgang, ein Naturvorgang, wo der Mensch mit 
sich etwas macht, das wie ein Naturvorgang wird. Also etwas, was 
mehr von Wirklichkeit durchtrankt ist, meint Valentin Andreae mit 
seiner «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz», als eine 
bloft mystische Hochzeit etwa der Mechthild von Magdeburg, die eine 
Mystikerin war. Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur 
etwas getan fur die Subjektivitat des Menschen; durch die chymische 
Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas fur 
die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgange etwas 
fur die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent 
chrisdichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer 
dachten - sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimi- 
sten -, Begriffe wollten sie, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger 
Art meistern konnten, durch die sie in die Wirklichkeit richtiger ein- 
greifen konnten, solche Begriffe, die nun wirklich etwas mit der Wirk- 
lichkeit zu tun haben. Die materialistische Zeit hat zunachst iiber solche 
Begriffe einen Schleier geworfen. Und die Menschen, wahrend sie heute 



meinen, gerade recht iiber die Wirklichkeit zu denken, leben viel mehr 
in Illusionen als die von ihnen verachteten Menschen zum Beispiel der 
Alchimistenzeit, welche Begriffe anstrebten, durch die die Wirklichkeit 
gemeistert werden kann. 

Was konnen denn heute die Menschen mit ihren Begriffen? Das erle- 
ben wir ja gerade in unserem Zeitalter, was die Menschen mit ihren Be- 
griffen erreichen konnen: Illusionen, Begriffshiilsen. Das ist dasjenige, 
dem die Menschen heute wie Gotzen nachjagen: Begriffshiilsen, die 
nichts zu tun haben mit der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit er- 
langt man nur dadurch, dafi man untertaucht eben in die Wirklichkeit, 
aber nicht dadurch, dafS man sich in beliebiger Weise Begriffe ausbildet. 
Und doch, an den gewohnlichsten Dingen des Tages kann man den Un- 
terschied von wirklichkeitsgesattigten Begriffen und unwirklichen Be- 
griffen erkennen. Nur erkennen das die meisten Menschen heute nicht. 
Sie sind so unendlich befriedigt von blofien Begriffsschatten, die keine 
Wirklichkeit haben. Denken Sie sich zum Beispiel, dafi heute jemand 
sich hinstellt und eine Rede halt, in der er sagt, nun, nehmen wir an, es 
sagte jemand: Es miisse eine neue Zeit kommen, sie kiindige sich schon 
an, eine ganz neue Zeit, in welcher der Mensch nur nach seinem eige- 
nen Werte gemessen werden miisse, wo jeder Mensch kraft dessen, was 
er leisten kann, gewertet wird! - Nun, wer wiirde heute nicht sagen: 
Das ist einmal etwas, das nun aus dem tiefsten Verstandnis unserer Zeit 
heraus gesprochen ist! Aber solange die Begriffe Hiilsen bleiben, kann 
es noch so schon sein, es ist eben nicht wirklichkeitsdurchtrankt. Denn 
es kommt nicht darauf an, daft jemand dem Prinzip nachjagt, dafi jeder 
Mensch nach seinen Kraften an den betreffenden Ort gestellt werden 
soil, wenn er nachher davon iiberzeugt ist, daft gerade sein Neffe derje- 
nige ist, der der Tiichtigste ist. Es kommt nicht darauf an, was man fur 
Begriffe, fur Vorstellungen hat, sondern dafi man vermag, in die Wirk- 
lichkeit mit seinen Begriffen hineinzudringen, Wirklichkeit zu erken- 
nen! Prinzipien haben, Ideale haben, das tut sehr wohl, ist eine grofie 
Wollust, und sie auszusprechen, ist oftmals eine noch grofiere Wollust. 
Aber das, was not tut, ist: wirklich untertauchen in die Wirklichkeit, die 
Wirklichkeit erkennen und durchdringen das Wirkliche. Wir kommen 
immer tiefer hinein in dasjenige, was unsere unendlich traurige Zeit 



herbeigefiihrt hat, wenn wir diesen Gotzendienst gegeniiber den Be- 
griffshiilsen und Begriffsschatten immer weitertreiben, wenn wir nicht 
uns hineinfinden in die Anschauung, daft schone Begriffe haben und 
schone Vorstellungen haben, schone Begriffe aussprechen und schone 
Vorstellungen aussprechen, nicht einen Schufi Pulver wert ist, wenn es 
nicht verbunden ist mit dem Willen, in die Wirklichkeit unterzutau- 
chen, die Wirklichkeit zu erkennen. Und taucht man in die Wirklich- 
keit unter, dann findet man in dieser Wirklichkeit nicht blofi das Mate- 
rielle, sondern dann findet man eben auch den Geist. Das bringt allein 
vom Geiste ab, daft man mit Begriffsschatten, mit Begriffshulsen heute 
Gotzendienst treibt. Das ist aber auch das unermeftliche Ungluck unse- 
rer Zeit, daft die Menschen an schonen Worten sich berauschen. Und 
das ist zugleich das Unchristliche; denn das Grundprinzip des 
Christentums ist, daft der Christus in den Jesus von Nazareth nicht nur 
Lehren hineingegossen hat, sondern selber in ihn hineingezogen ist, das 
heiftt, sich mit der irdischen Wirklichkeit so verbunden hat, in diese 
irdische Wirklichkeit eingezogen ist, und dadurch die lebendige Bot- 
schaft aus dem Kosmos geworden ist. 

Dasjenige Buch, welches, wenn es richtig gelesen wird, das wunder- 
barste Erziehungsmittel fur die Wirklichkeit ist, das ist nun doch das 
Neue Testament. Nur muft nach und nach dieses Neue Testament in 
unsere Sprache ubertragen werden. Die heutigen Ubersetzungen sind 
nicht mehr so, daft sie den urspriinglichen Sinn vollig geben, aber wenn 
in die unmittelbare Sprache des Tages der alte Sinn ubertragen wird, 
dann ist das Evangelium das allerbeste Mittel, die Menschen zu wirk- 
lichkeitsdurchtranktem Denken zu bringen, weil dieses Evangelium in 
jeder Zeile selber nicht solche Gedankenformen hat, welche zu Be- 
griffsschatten und Begriffshulsen fiihren. Man mufi nur die Dinge in 
ihrer tieferen Realitat heute fassen. Es konnte schon fast trivial klingen, 
wenn man vom Sich-Berauschen an Begriffen spricht, aber dieses Be- 
rauschen an Begriffen ist nun eben einmal heute so ungeheuer verbrei- 
tet, daft es weniger auf die Vorstellungen, auf die Ideen, und wenn sie 
noch so schon klingen, ankommt, sondern darauf , daft der, der die Vor- 
stellungen und Ideen ausspricht, in der Wirklichkeit steht. Das kann 
man so unendlich schwer heute begreifen. Man beurteilt ja fast alles, 



was in die Offentlichkeit tritt, heute bloft nach dem Inhalt, und zwar 
nach dem Begriffsinhalt. Sonst wiirde man nicht die ideenleersten Do- 
kumente - ich will nur sagen zum Beispiel die sogenannte Friedensnote 
des Professor Wilson, ich will sagen des Prasidenten Wilson, eine Hiil- 
se, eine blofie Zusammenstoppelung von Begriffsschatten -, man wiirde 
sie nicht fur irgend etwas gehalten haben, was Tragkraft hat fur die 
Realitat. Wer Empfindung hat fur Begriffsschattigkeit, der konnte aus 
dieser Zusammenstellung von blofien Begriffsschatten wissen, daft das 
hochstens als Absurditat wirken konnte, die dann eine gewisse Realitat 
sein konnte. Denn das, was not tut, ist heute eben: wirklichkeitsgesat- 
tigte Begriffe sich zu holen, zu suchen. Das aber setzt voraus, daft die 
Menschen tief , tief verwandt werden konnen mit der Wirklichkeit, daft 
sie selbstlos genug sind, sich mit dem, was in der Wirklichkeit lebt und 
webt, zu verbinden. Denn man kann vieles sehen in der Gegenwart, das 
gerade von diesem Suchen nach der Wirklichkeit abfiihrt, ganz hinweg- 
fiihrt, und man merkt diese Dinge nicht. 

Mancherlei fur den Kenner traurigste Dinge gehen vor sich. Zum 
Beispiel ist es in der Gegenwart moglich, daft die Menschen ergriffen 
werden, rein durch die Wortzusammenstellung, von einer Anzahl von 
Reden, die auch gedruckt worden sind; einer Anzahl von Reden, wel- 
che fur denjenigen, der nicht auf die Worte, sondern auf die Wirklich- 
keiten geht, geradezu grauenvoll sind. Da sind Reden gehalten worden 
von einer sehr angesehenen Personlichkeit der Gegenwart, die gleich in 
einer der ersten Reden den Standpunkt vertritt: Ja, mit Bezug auf die 
eine Seite des Menschen gehort der Mensch durchaus der Naturord- 
nung an, und die Theologen tun nicht gut, wenn sie nicht die Natur- 
ordnung den reinen Naturforschern uberlassen. — Dann fiihrt der Red- 
ner weiter aus: In bezug auf die Naturordnung ist der Mensch rein ein 
Mechanismus; aber von diesem Mechanismus hangen auch die Verrich- 
tungen der Seele ab. - Und was er nun als Verrichtungen der Seele an- 
gibt, das ist ungefahr alles, was die Seele uberhaupt an Verrichtungen 
hat. Das soli nun auch den Naturforschern uberlassen werden. Und fur 
die Theologie bleibt dann nichts anderes als der Trost: Es ist alles an die 
Naturwissenschaft abgetreten, aber wir sollen nur noch reden! Dann 
kann man allerdings nur noch in Worthulsen reden. Dabei sind die Re- 



den so gefafit, daft sie Diskontinuitaten haben - ich werde auf das ganze 
Faktum in den nachsten Vortragen noch einmal zuriickkommen und 
darauf naher eingehen -, daft der nachste Gedanke, wenn er wirklich 
durchschaut wird, mit dem vorhergehenden Gedanken, mit dem er in 
Zusammenhang gebracht wird, nicht einmal irgendwie zusammen ge- 
dacht werden kann. Aber das Ganze klingt wunderschon. Und in der 
Vorrede zu diesen Vortragen iiber sogenannte «Lebensgestaltung» 
steht, daft diese Vortrage vor Tausenden von Menschen vor kurzer Zeit 
gehalten worden sind, und daft jedenfalls noch viele Tausende das Be- 
dtirfnis haben werden, sich an diesen Vortragen einen Seelentrost in 
ernster Zeit zu suchen. Diese Vortrage sind von dem beruhmten Theo- 
logen Hunzinger und sind in der Quelle- und Meyer-Sammlung, ich 
glaube «Wissenschaft und Bildung» heifit sie, erschienen und sind gera- 
dezu etwas, was zu dem Gefahrlichsten in der Gegenwart gehort, weil 
es bei einem schon klingenden Inhalt, bei einem berauschend klingen- 
den Inhalt, das Gedankenleben der Menschen geradezu verwirrt, weil 
die Gedanken keinen Zusammenhang haben, und weil das Ganze ei- 
gentlich, sobald man es der berauschenden Worte entkleidet, nichts an- 
deres ist als ein Nonsens. Dennoch, die Lobrednereien iiber diese 
Dinge erfullen ungeheuer weite Kreise - ich werde Ihnen in einem der 
nachsten Vortrage im einzelnen nachweisen, welche Gedankenkonfu- 
sionen darinnen sind - und niemand laftt sich darauf ein, die Gedanken- 
formen zu priifen, sondern jeder bleibt stehen bei den Wortschatten. 

Ja, dasjenige, was auftere Wirklichkeit ist, hangt durchaus zusammen 
mit demjenigen, was der Mensch innerlich entwickelt. Entwickelt er 
wirklichkeitsfremde Begriffe, dann muft die Wirklichkeit in Verwirrung 
kommen, und dann entstehen Zustande wie die heutigen. An dem, was 
als auftere Zustande einem entgegentritt, kann man nicht mehr die Sa- 
che beurteilen, sondern an dem muft man es beurteilen, was sich oft- 
mals nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte, vielleicht noch langer vorher 
in den menschlichen Gemiitern entwickelt. Da liegt es, was die Ursache 
ist. Da hinein muft man schauen. Alles aber hangt daran, daft der Chri- 
sms nicht bloft seinem Lehrinhalt nach genommen werde, sondern 
daft das Mysterium von Golgatha in seiner Realitat, in seiner Wirklich- 
keit geschaut wird, daft geschaut wird, daft da tatsachlich etwas Uber- 



irdisches durch die Person des Jesus von Nazareth sich mit dem Irdi- 
schen verbunden hat. Denn dann wird man darauf kommen, dafi das 
Moralische nicht blofi dasjenige ist, was verweht und vergeht, wenn die 
Erde oder selbst das Himmelsgebaude ein Grab geworden ist, sondern 
dafi die gegenwartige Erde und das gegenwartige Himmelsgebaude ein 
Grab werden kann, wie die gegenwartige Pflanze zu Staub wird. Aber 
wie in der gegenwartigen Pflanze der Keim zu der nachsten darinnen- 
steckt, so steckt in der gegenwartigen Welt der Keim zu der nachsten 
darinnen. Und die Menschen sind mit diesem Keim verbunden. Nur 
bedarf dieser Keim des Zusammenhanges mit dem Christus, damit er 
nicht, wie etwa der Pflanzenkeim, wenn er nicht befruchtet wird, mit 
dem Staub der Pflanze zerfallt, so mit dem Grabe der Erde zerfallt. 
Daft die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft 
kunftiger Naturordnung ist, das ist der realste Gedanke, den es geben 
kann. Das Moralische ist nicht blofi etwas Ausgedachtes; das Morali- 
sche ist jetzt, wenn es wirklichkeitsgetrankt ist, als Keim vorhanden fur 
spatere aufiere Realitaten. 

Zu diesem Gedanken kommt keine solche Weltanschauung, von der 
Herman Grimm sagte, dafi ein Stuck Aasknochen, um den ein hungri- 
ger Hund herumschleicht, ein appetitlicherer Anblick sei als die Kant- 
Laplacesche Weltordnung. Zu diesem Gedanken, dafi das Moralische in 
sich die Kraft hat, ein Naturliches zu werden, dafi es der Keim des Na- 
tiirlichen ist, des Natiirlichen der Zukunft, zu dem dringt die mechani- 
sche Weltenordnung niemals. Und warum nicht? Ja, sie mufi ja in der 
Tauschung leben. Denn stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golga- 
tha hatte nicht stattgefunden, dann ware es so, wie die Kant-Laplace- 
sche Theorie es sich vorstellt. Sie brauchen blofi das Mysterium von 
Golgatha von der Erde wegzudenken, dann ware diese Theorie richtig. 
Denn die Erde mufite in einen Zustand einmal kommen, der, wenn er, 
sich selbst uberlassen, weiterlaufen wiirde, das Menschliche in der Gra- 
besode enden liefie. Das mufite so geschehen, damit der Mensch durch 
Erdenverwandtheit die Freiheit erringen konne. Er findet dieses Grab 
nicht, weil die Erde in dem Augenblick, in dem die Krisis war, be- 
fruchtet wurde durch den Christus, weil der Christus heruntergestiegen 
ist - und weil der Christus die umgekehrte Kraft ist gegeniiber der zum 



Grabesende fiihrenden, das namlich, was Keimeskraft ist -, hinaufzu- 
tragen den Menschen in die geistige Welt; das heiflt, wenn die Erde 
Grab wird, wenn sie ihrem Schicksal nach der Kant-Laplaceschen 
Theorie folgt, das nicht mit zugrunde gehen zu lassen, was als Keim in 
ihr liegt, sondern es hiniiberzutragen in die Zukunft. So dafi die christ- 
lich-moralische Weltordnung dasjenige denkt, was Goethe die «hohere 
Natur in der Natur» nennt, und man sagen kann: Wer das Mysterium 
von Golgatha in der richtigen Weise als eine Realitat denken kann, der 
kann auch real denken, der kann sich audi wirklichkeitsgesattigte 
Begriffe machen. 

Das aber ist notwendig, und das ist auch dasjenige, was die Men- 
schen vor alien Dingen lernen mussen. Denn die Menschen haben in 
dieses funfte nachatlantische Zeitalter herein entweder Begriffe sich bil- 
den wollen, welche sie berauschen, oder Begriffe sich bilden wollen, 
welche sie blind machen. Begriffe, welche berauschen, sind vielfach auf 
religiosen Gebieten gemacht worden; Begriffe, welche blind machen, 
sind vielfach auf naturwissenschaftlichem Gebiet gemacht worden. Be- 
rauschen mufi ein Begriff, welcher, indem er gelten lafit auf der anderen 
Seite die rein natiirliche Ordnung, blofi an irgend etwas Moralisches 
denkt, wie Kant, der diese zwei Welten nebeneinanderstellt, die eine 
dem Wissen, die andere dem Glauben auslieferte. Solche Begriffe, die 
man dann ausbildet auf moralischem Gebiete, konnen berauschen, und 
durch den Rausch merkt man dann nicht, dafi man dann eigendich un- 
weigerlich verfallen ist der Grabesstille der Welt, mit der verklungen und 
versunken ist all dasjenige, was moralische Weltenordnung ist. Oder 
Begriffe konnen blind machen, wie es die naturwissenschaftlichen, die 
nationalokonomischen und - verzeihen Sie, es schluckt sich schwer - 
die politischen Begriffe der Gegenwart sind. Blind machen diese Begrif- 
fe, wenn sie nicht gebildet werden so, dafi sie in Zusammenhang stehen 
mit der geistig begriffenen Welt, sondern nur aus den Fetzen der aufie- 
ren sogenannten tatsachlichen, das heifk sinnlich-tatsachlichen Wirk- 
lichkeit heraus gebildet sind. So dafi jeder nur so weit sieht, als seine 
Nase reicht, das heifit blind nur aus dem heraus urteilt, was er zwischen 
Geburt und Tod mit seinen Augen sehen und mit angelernten Begrif- 
fen umfassen kann, ohne dafi er sich Begriffe ausbildet, die deshalb 



wirklichkeitsgetrankt sind, weil sie durchtrankt sind vom Geistigen, 
von Erfassung der geistigen Wirklichkeit. 

Man mufi immer wieder und wiederum auf dasjenige hinweisen, was 
unserer Zeit so ganz besonders not tut, wirklich not tut. Denn selbst 
das Historische wirkt in unserer Zeit oftmals nur mehr wie Begriffs- 
schatten. Wieviel wird deklamiert heute, ich will sagen, von dem, was 
Fichte zum deutschen Volk gesprochen hat! Was Fichte zum deutschen 
Volk gesprochen hat, begreift man erst, wenn man das ganze Leben 
Fichtes, dieses so tief in der Wirklichkeit stehende Leben Fichtes sich 
ansieht. Deshalb habe ich versucht, in meinem Buch «Vom Menschen- 
ratsel» die Personlichkeit Fichtes hinzustellen, wie sie geworden ist, wie 
sie schon von Kindheit auf verkniipft war mit der Wirklichkeit. Und 
man mochte so gerne, dafi gerade solche Worte wie diese von dem 
Durchtranktsein der Vorstellungen und Ideen mit Wirklichkeiten, daft 
gerade diese heute nicht oberflachlich nur angehort werden, sondern 
tief innerlich genommen werden; wirklich tief innerlich genommen 
werden. Nur dann wird man sich ein freies, offenes Auge, ich meine 
Seelenauge, aneignen fur dasjenige, was unserer Zeit so sehr not tut. 
Und jedem Menschen tut not ein solches freies, offenes Seelenauge. Der- 
jenige, der es sich nicht besonders zur Aufgabe machte, gerade iiber 
diese hiermit beriihrten Fakten nachzudenken, der achtet viel zu wenig 
darauf, wie in unserer Zeit mit Begriffsschatten, mit Worthulsen ge- 
wirtschaftet wird, und wie alles darauf angelegt ist, den Menschen ent- 
weder in die berauschenden oder in die blind machenden Begriffe zu 
fiihren. 

Nehmen Sie so etwas, wie ich es heute gesagt habe, nicht in dem 
Sinne eines Agitatorischen, sondern in dem Sinne von etwas, das aus- 
sprechen will, was ist. Der Mensch mufi gewift mit seiner Zeit leben, 
und soli mit seiner Zeit leben, und er soil nicht, wenn irgend etwas cha- 
rakterisiert wird, das so auffassen, als ob man damit meinte, daft alles 
und alles damit abgewiesen werde. Aber es soli das Gegengewicht ge- 
schaffen werden. Es ist heute nur natiirlich, daft die Welt vor Impulsen 
steht, die ganz in den Materialismus hineinfuhren. Das kann nicht auf- 
gehalten werden, denn dieses Hineinfuhren in den Materialismus, das 
hangt zusammen mit dem tief en Bedurfnis unserer Zeit. Aber ein Ge- 



gengewicht mufi geschaffen werden. Ich mochte sagen, alle Machte stel- 
len es darauf ab, den Menschen ganz fest in den Materialismus einzu- 
fiihren. Das kann nicht aufgehalten werden; es gehort zura Wesen des 
fiinften nachatlantischen Zeitraumes. Aber das Gegengewicht mufi ge- 
schaffen werden. Ein besonders hervorragendes Mittel, den Menschen 
in den Materialismus hineinzujagen, ist das, was von diesem Gesichts- 
punkte aus kaum bemerkt wird: der Kinematograph. Es gibt kein bes- 
seres Erziehungsmittel zum Materialismus als den Kinematographen. 
Denn das, was man in dem Kinematographen schaut, das ist nicht 
Wirklichkeit, wie sie der Mensch sieht. Nur eine Zeit, welche so wenig 
Begriff hat von der Wirklichkeit wie diejenige, welche die Wirklichkeit 
als Gotzen im Sinne des Materialismus anbetet, kann glauben, dafi der 
Kinematograph eine Wirklichkeit bietet. Eine andere Zeit wiirde dar- 
iiber nachdenken, ob der Mensch auf der Strafie so geht wie im Kine- 
matographen; und dann, wenn er sich fragt: Was hast du gesehen? - ob 
er wirklich das so im Bilde hatte, wie der Kinematograph es ihm vor- 
stellt. Fragen Sie sich einmal ehrlich, aber tief ehrlich: Ist dasjenige, was 
Sie gesehen haben auf der Strafie, naher dem Bilde, das sich nicht be- 
wegt, das ein Maler Ihnen macht, oder dem schauderhaften funkelnden 
Bilde des Kinematographen? Wenn Sie sich ehrlich fragen, so werden 
Sie sich sagen: Das, was der Maler in Ruhe gibt, das gleicht viel mehr 
dem, was Sie selber auf der Strafie sehen. Daher aber auch nistet sich, 
wahrend der Mensch vor dem Kinematographen sitzt, das, was ihm der 
Kinematograph bietet, nicht in das gewohnliche Wahrnehmungsvermo- 
gen ein, sondern in eine tiefere materielle Schicht, als wir sonst im 
Wahrnehmen haben. Der Mensch wird atherisch glotzaugig. Er bekommt 
Augen wie ein Seehund, nur viel grofier, wenn er sich dem Kinemato- 
graphen hingibt. Atherisch meine ich das. Da wirkt man nicht nur auf 
dasjenige, was der Mensch im Bewufitsein hat, sondern auf sein tiefstes 
Unterbewufkes wirkt man materialisierend. Fassen Sie das nicht auf wie 
eine Brandrede gegen den Kinematographen. Es soil ausdrucklich noch 
einmal gesagt werden: Es ist ganz naturlich, daf$ es Kinematographen 
gibt; die Kinematographenkunst wird noch immer mehr und mehr aus- 
gebildet werden. Das wird der Weg in den Materialismus sein. Ein Ge- 
gengewicht mufi geschaffen werden. Das kann nur darin bestehen, dafi 



der Mensch mit der Sucht nach der Wirklichkeit, die im Kinemato- 
graphen entwickelt wird, etwas verbindet. Wie er da mit der Sucht 
entwickelt ein Heruntersteigen unter die sinnliche Wahrnehmung, so 
muE er ein Heraufsteigen iiber die sinnliche Wahrnehmung, das heifit 
in die geistige Wirklichkeit, entwickeln. Dann wird ihm der Kinemato- 
graph nichts schaden; da mag er sich dann die kinematographischen 
Bilder ansehen, wie er will. Aber gerade durch solche Dinge wird der 
Mensch dahin gefuhrt - indem kein Gegengewicht geschaffen wird 
nicht so, wie es notwendig ist, erdenverwandt zu werden, sondern im- 
mer erdenverwandter, erdenverwandter zu werden und zuletzt vollig 
abgeschniirt zu werden von der geistigen Welt. 



FUNFTER VORTRAG 
Berlin, 6. Marz 1917 



Ich habe Ihnen gesprochen von den drei Begegnungen, denen die Men- 
schenseele unterworfen ist im Verlaufe ihres Lebens zwischen Geburt 
und Tod, und die sie schon im Verlaufe dieses Lebens zwischen Geburt 
und Tod in Verbindung bringen mit den geistigen Welten. Auf diesen 
Gegenstand, den wir das letzte Mai episodisch vorbereitend gewisser- 
mafien von aufien beriihrt haben, werden wir heute noch einmal zu- 
riickkommen, wir werden ihn iiberhaupt genauer betrachten. 

Wir haben bemerkt, dafi der Mensch in jener Zeit, in der er den 
Wechselzustanden von Schlafen und Wachen unterliegt, eine Begeg- 
nung hat, in der Regel in der Mitte seines Schlafzustandes. In der Regel 
sage ich deshalb, weil das der Schlafzustand sein soil, der der normale 
Nachtzustand ist. Also der Mensch hat in der Regel zwischen Schlafen 
und Aufwachen seine Begegnung mit derjenigen Welt, der unser Geist- 
selbst verwandt ist, mit derjenigen Welt, in die wir versetzen die We- 
senheiten aus jener Klasse der Hierarchien, die wir als die Angeloi be- 
zeichnen. Wir kommen da also gewissermafien jedesmal, wenn wir 
durch den Schlaf gehen, durch jene Welt durch, in welcher sich diese 
Wesen aufhalten; durch jene Welt, die die nachste - nach oben - ist zu 
unserer physischen Welt, und erfrischen, erstarken gewissermafien 
unser ganzes geistiges Wesen durch diese Begegnung. Weil das so ist, 
weil man es also im Schlafzustand zu tun hat mit einem Verhaltnis 
des Menschen mit der geistigen Welt, wird auch niemals eine blofi 
materialistische Erklarung des Schlafzustandes, wie sie von der 
aufieren Wissenschaft versucht wird, irgendwie befriedigen konnen. 
Man kann vieles, das im Menschen vorgeht, erklaren aus den 
Veranderungen, die der Leib durchmacht vom Aufwachen bis zum 
Einschlafen, und man kann dann aus diesen Veranderungen den 
Schlaf erklaren wollen, aber es wird immer etwas Unbefriedigendes 
dabei bleiben, weil es sich im Schlaf e eben um die angedeutete 
Begegnung, also um eine Beziehung des Menschen zur geistigen Welt 
handelt. Gerade wenn wir also den Schlafzustand betrachten, kon- 



nen wir sehen, wie der Mensch, wenn er keine Beziehung sucht in 
seinem Bewufltsein zur geistigen Welt, dann zu halbwahren Begriffen 
kommt, zu jenen halbwahren Begriffen, welche - da Begriffe, Vorstel- 
lungen sich ins Leben umsetzen - das Leben verfalschen und auch die 
groften Katastrophen des Lebens eigentlich in Wahrheit zuletzt doch 
herbeifiihren. 

Halbwahre Begriffe! Sie sind aus dem Grunde ingewisser Beziehung 
sogar schlimmer als die ganz falschen Begriffe, weil die Menschen, wel- 
che sich halbwahre Begriffe, halbwahre Vorstellungen bilden, auf die- 
sen halbwahren Vorstellungen bestehen, denn sie konnen sie ja bewei- 
sen; da sie halb wahr sind, lassen sie sich beweisen. Es wird ihnen auch 
eine Widerlegung nicht einleuchten, da die Begriffe eben halb wahr 
sind. Solche Begriffe verfalschen wirklich das Leben noch mehr als die 
ganz falschen, denen man ihre Falschheit ja eben sofort ansieht, aner- 
kennt. Eine solche halbwahre Vorstellung ist diejenige, die heute zum 
Teil von der aufieren Wissenschaft verlassen ist, aber zum Teil, zum 
grofien Teil sogar von dieser aufieren Wissenschaft noch immer vertre- 
ten wird. Es ist die Vorstellung, auf die ich schon ofter aufmerksam 
gemacht habe: dafi wir schlafen, weil wir ermiidet sind. Es ist, wir 
konnen wirklich sagen, eine halbwahre Vorstellung, und sie wird 
gestiitzt durch eben auch eine halbwahre Beobachtung, auf die sich die 
Menschen berufen: daft das Leben des Tages den Korper ermiidet, und 
dafi man daher, weil man ermiidet ist, schlafen musse. Nun, ich habe 
schon darauf aufmerksam gemacht in friiheren Vortragen, daft sich 
durch diese Erklarung des Schlafes niemals erklaren liefte, warum Ren- 
tiers, die gar nicht gearbeitet haben, oftmals bei den anregendsten Din- 
gen, die von der Auftenwelt kommen, sofort einschlafen, wenn sie die- 
ses oder jenes horen. Daft sie ermiidet sind, wird man ganz gewift nicht 
nachweisen konnen; und daft sie durchaus schlafen miissen, weil sie 
nun so abgerackert sind, das ist eben nur eine falsche, also eine halb- 
wahre Beobachtung. Wir Menschen beobachten eben da, wenn wir 
glauben, daft wir durch die Ermudung zum Schlafen gezwungen wer- 
den, nur halb. Und man sieht, worin die Halbheit besteht, erst dann, 
wenn man dasjenige, was von der einen Seite beobachtet wird, ver- 
gleicht mit dem, was von der anderen Seite beobachtet werden kann, 



wo man der anderen Halbheit begegnet. Sie werden gleich sehen, was 
ich damit meine. 

Schlafen und Wachen ist im einzelnen menschlichen Leben etwas, 
was rhythmisch abwechselt. Nur ist der Mensch ein Wesen, das auf 
Freiheit gestellt ist, und das daher auch mit Bezug auf den Rhythmus 
von Schlafen und Wachen eingreifen kann - hier mehr durch die Ver- 
haltnisse als durch dasjenige, was man Freiheit nennt, aber diese Ver- 
haltnisse sind eben die Grundlage der Freiheit -, eingreifen kann bei 
dem Gang der Ereignisse, und manchmal bei dem Rhythmus des Schla- 
fens und Wachens nur allzu gerne eingreift. Ein anderer Rhythmus, den 
wir oft zusammengestellt haben mit Schlafen und Wachen, wenn er 
auch im gewohnlichen Bewufitsein falsch zusammengestellt wird, ist 
der, welcher im Jahreslauf eintritt: der Wechsel von Sommer und Win- 
ter, wenn wir die Zwischenjahreszeiten unberiicksichtigt lassen. Nie- 
mand wird es dabei einf alien zu sagen: Nun, wahrend des Sommers 
strengt sich die Erde an und entfaltet diejenigen Krafte, welche dazu 
fiihren, daft die Pflanzen wachsen, Krafte, welche zu manchem anderen 
noch fiihren; da ermudet sie, und es mufi daher eine Winterruhe eintre- 
ten. - Ein jeder wird eine solche Vorstellung als absurd abweisen und 
wird sagen: Daft der Winter eintritt, hat gar nichts zu tun mit der 
sommerlichen Anstrengung der Erde, sondern er tritt halt deshalb ein, 
weil die Sonne in ein anderes Raumesverhaltnis zu dem Fleck Erde 
kommt, auf dem gerade der Winter eintritt. - Da wird man alles von 
Aufierem ableiten, beim Schlafen und Wachen alles von der Ermiidung, 
vom Inneren. Nun ist das eine genau ebenso falsch wie das andere, oder 
man konnte auch sagen, es ist das eine gerade so halb wahr wie das an- 
dere. Denn der Rhythmus von Schlafen und Wachen ist gerade ein sol- 
cher Rhythmus wie derjenige zwischen Winter und Sommer. Es ist 
ebensowenig wahr, dafi wir nur deshalb schlafen, weil wir ermudet 
sind, wie es wahr ist, dafi der Winter eintritt, weil die Erde sich wah- 
rend des Sommers abgerackert hat, sondern beides beruht auf selbstan- 
digem Wirken eben eines Rhythmus, der hervorgebracht wird durch 
gewisse Verhaltnisse. Der Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen 
wird eben dadurch hervorgebracht, dafi die Menschenseele es notig hat, 
die Begegnung mit der geistigen Welt immer wieder und wiederum 



herbeizufiihren, dafi sie immer wiederum ihre Begegnung mit der gei- 
stigen Welt braucht. Und wenn wir sagen wiirden, wir wollen schlafen, 
und deshalb fiihlen wir Ermudung, oder wenn wir sagen wiirden: wir 
treten in das Stadium ein, wo wir nach dem einen Teil des Rhythmus, 
nach dem Schlafzustand verlangen, und deshalb fiihlen wir Ermudung, 
dann wiirden wir etwas Richtigeres sagen als: weil wir ermudet sind, 
miissen wir schlafen. 

Die Sache wird uns noch klarer werden, wenn wir einfach fragen: Ja, 
was tut denn die Seele eigentlich, wenn sie schlaft? Fur die Beantwor- 
tung einer solchen Frage hat die heutige geistlose Wissenschaft kein 
rechtes Verstandnis, auch keine rechte Moglichkeit. Sehen Sie, im Wa- 
chen, da geniefien wir - denn Genufi ist beim ganzen Leben immer 
vorhanden -, da geniefien wir die aufiere Welt. Wir geniefien ja nicht 
blofi die aufiere Welt, wenn wir eine gute Speise durch unseren Gau- 
men fiihlen, wo wir das Wort «geniefien», weil die Sache eben radikal 
wirkt, anwenden, sondern wir geniefien wahrend des ganzen Wachzu- 
standes die aufiere Welt, und alles Leben ist zu gleicher Zeit Genufi. 
Wenn es viel Unlust in der Welt gibt und das scheinbar kein Genufi ist, 
so ist das nur eine Tauschung, von der wir im spateren Zusammenhang 
in nachsten Vortragen einmal sprechen werden. Im Wachen geniefien 
wir die aufiere Welt, im Schlafen geniefien wir uns selbst. Geradeso wie 
wir, wenn wir mit unserer Seele im Leibe sind, durch den Leib die au- 
fiere Welt geniefien, so geniefien wir, wenn wir mit unserer Seele aufier 
dem Leibe sind, unseren eigenen Leib; denn wahrend des Lebens zwi- 
schen Geburt und Tod sind wir mit dem Leibe doch zusammenhan- 
gend, auch aufierhalb des Leibes. Darin besteht im wesentlichen der 
Schlafzustand, der gewohnliche normale Schlafzustand, dafi wir uns in 
unseren Leib vertiefen, dafi wir unseren Leib geniefien. Von aufien ge- 
niefien wir unseren Leib. Und die Traume, die gewohnlichen chaoti- 
schen Traume wird derjenige richtig deuten, der sich sagt, sie sind Wi- 
derspiegelung desjenigen Leibesgenusses, den der Mensch hat, wenn er 
im traumlosen Schlaf ist. 

Diese Erklarung des Schlafes kommt schon naher dem Schlafbediirf- 
nis, von dem ich gesprochen habe beim Rentier. Denn dafi er ermudet 
ist, das werden wir ihm nicht so leicht glauben; dafi er aber seinen Leib 



so gerne hat, dafi er ihn Heber geniefien will als das, was ihm oftmals 
aus der aufieren Welt entgegenkommt, das werden wir gerade beim 
Rentier leicht glauben konnen. Er hat sich ja in der Regel so unendlich 
gern und geniefit sich so gern, er geniefit vielleicht sich viel lieber als, 
urn nicht zu sagen einen Vortrag, den er schandenhalber anhort, son- 
dern vielleicht zu sagen, irgendein schwierigeres, besseres Musikstiick, 
bei dem er sofort einschlaft, wenn er es sich anhoren soil. Schlaf ist 
Selbstgenufi. Dadurch nun, dafi wir im Schlafe, im normalen Schlafe, 
die Begegnung mit der geistigen Welt haben, dadurch wird dieser Schlaf 
nicht blofier Selbstgenufi sein, sondern auch Selbstverstandnis sein; bis 
zu einern gewissen Grade Selbstverstandnis, Selbstauffassung. In dieser 
Beziehung ist tatsachlich unserer geistigen Bildung notwendig, dafi die 
Menschen begreifen lernen, dafi sie wirklich im normalen Schlaf unter- 
tauchen in den Geist und im Aufwachen wiederum auftauchen aus dem 
Geiste, daft sie lernen Ehrfurcht zu haben vor dieser Begegnung mit 
dem Geiste. 

Nun, damit wir nicht unvollstandig sind, mochte ich noch einmal auf 
das sogenannte Ermudungsratsel zuruckkommen. Denn hier wird ja 
das triviale Bewufitsein am allerleichtesten einhaken konnen. Es wird 
sagen: Nun ja, wir erfahren aber doch, dafi wir ermiidet sind, und mit 
der Ermudung tritt das Schlafbediirfnis ein. - Hier ist ein Punkt, wo 
man wirklich genau unterscheiden muE. Wir ermiiden tatsachlich bei 
des Tages Arbeit, 
…[truncated]