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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Bausteine zu einer Erkenntnis
des Mysteriums von Golgatha
Kosmische und menschliche Metamorphose
Siebzehn Vortrage, gehalten in Berlin
vom 6. Februar bis 8. Mai 1917
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 2. und 3. Auflage besorgten
Hella Wiesberger und Ulla Trapp
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1961
2. Auflage, neu durchgesehen
und mit den Stenogrammen verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1982
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1996
Friihere Veroffentlichungen siehe zu
Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 175
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1996 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1750-1
7.u den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925)
gliedert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage
- Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafS sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli-
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorwort von Marie Steiner zur ersten Buchausgabe (1933) der
Vortrage VIII bis XV dieses Bandes 11
Gedenkworte 17
KOSMISCHE UND MENS CH LI CHE METAMORPHOSE
ERSTER VORTRAG, Berlin, 6. Februar 1917 19
Materialistisches oder spirituelles Sich-Hinwenden zur geistigen Welt
anhand einer Schrift von Oliver Lodge. Das Verhaltnis zu den Toten
in spiritistischen Sitzungen. Das Erscheinen des atherischen Christus
im 20. Jahrhundert. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit dem
Jahre 1909.
ZWEITER VORTRAG, 13. Februar 1917 35
Entwicklung innerer Krafte. Das Zusammenleben mit den Toten in
alten Zeiten und jetzt. Der Mensch als Glied des Weltenorganismus:
die Entsprechung von platonischem Weltenjahr (25920 Jahre), von
Menschentag (25920 Atemziige) und menschlicher Lebenszeit (25920
Tage).
DRITTER VORTRAG, 20. Februar 1917 51
Die drei Begegnungen der Menschenseele mit dem Geist, dem Soh-
nesgott und dem Vatergott. Ihre Nachwirkungen bis zum Lebens-
ende und nach dem Tode. Die Art der dritten Begegnung bei fruhem
Tod und bei Selbstmord. Die Entwicklung des Empfindens von der
Heiligkeit des Schlafes.
VlERTER VORTRAG, 27. Februar 1917 70
Die Spaltung der Welt des Gegenwartsmenschen in mechanische
Naturordnung und moralische Weltordnung. Weiteres zu den drei
Begegnungen der Menschenseele mit den Regionen der Geistwelt.
Das Moralische als Keimkraft kunftiger Naturordnung.
FUNFTER VORTRAG, 6. Marz 1917 93
Das Wesen des Schlafes. Das Ermiidungsratsel. Die Gliederung des
Menschen in Kopf, Brust und Unterleib. Das Verhaltnis des Ich zur
Leiblichkeit (im Schlaf-, Traum- und Wachbewulksein) und zum
Geistigen. Das Zusammenleben mit den Toten. Notwendigkeit, zwi-
schen physischer und geistiger Welt eine Briicke zu schlagen.
SECHSTER VORTRAG, 13. Marz 1917 114
Weiteres uber die drei Begegnungen der Menschenseele: mit dem
Geist, mit dem Sohn- und dem Vaterprinzip. Der schlafende Mensch
und die Sternenwelt. Die Wintermysterien. Christus und der Jahres-
lauf. Geheimnisse des Jahreslaufes und soziale Frage. Verhaltnis des
Menschen zu den Richtungen kn Weltenall. Die Erzeugung von Le-
bendigem aus Unlebendigem in den Laboratorien der Zukunft im
Zusammenhang mit der Sternenkonstellation.
SlEBENTER VORTRAG, 20. Marz 1917 134
Saint-Martins «Des erreurs et de la verite» (deutsche Ubersetzung
von Matthias Claudius) und seine Wirkung auf das europaische Gei-
stesleben. Die drei Hauptideen des Buches - Merkur, Schwefel, Salz -
und deren geisteswissenschaftliche Entsprechung zu dem Stoffwech-
sel-, Atmungs- und Nervenmenschen. Merkur, Schwefel, Salz: Be-
griffe eines alten Denksystems. Deutsche Theosophen des 18. Jahr-
hunderts: Bengel und Oetinger. Die bei Saint-Martin und Oetinger
nicht zu Ende gedachten Begriffe und ihre Weiterbildung in moder-
nen Gedankenformen durch die Geisteswissenschaft.
BAUSTEINE ZU EINER ERKENNTNIS DES MYSTERIUMS
VON GOLGATHA
ACHTER VORTRAG, Berlin, 27. Marz 1917 161
Palastinensische Mysterien. Der paulinische psychische und pneu-
matische Mensch. Gnosis, historischer Materialismus und naturwis-
senschaftliche Weltanschauung.
NEUNTER VORTRAG, 3. April 1917 182
Heidnische Mysterien. Der phrygische Attisdienst. Trichotomie von
Leib, Seele, Geist. Die Ausschaltung der Idee des Geistes. Erbsunde.
Der Auferstandene.
ZEHNTER VORTRAG, 10. April 1917 204
Die Geheimnisse der Reiche der Himmel. Das innere Wort. Der vier-
fach in den Evangelien zum Ausdruck kommende Christus-Impuls.
Das Antireligiose als Krankheit, Ungliick und Selbsttauschung. Die
objektive Realitat der moralischen Weltordnung.
ELFTER VORTRAG, 12. April 1917 229
Das Tief-Christliche in Goethe. Physisches und Moralisches. Das
verlorengegangene Wort. Die Kraft des Glaubens als Wunder.
ZWOLFTER VORTRAG, 14. April 1917 256
Die antigoethesche Weltanschauung. Die Mysterien und das Leben.
Die Vergewaltigung der Mysterien durch die romischen Casaren.
DREIZEHNTER VORTRAG, 17. April 1917 276
Das Imperium romanum und das Christentum. Die Ausnutzung der
Initiationsgeheimnisse durch die Casaren. Konstantin und das Palla-
dium.
VlERZEHNTER VORTRAG, 19. April 1917 294
Julian Apostata. Heidentum. Christentum. Die Manichaerlehre und
das augustinische Prinzip. Das Fortleben des alten heidnischen Opfers
im Mefiopfer.
FUNFZEHNTER VORTRAG, 24. April 1917 313
Mithrasmysterien und Eleusinien. Das heidnische Initiationsprinzip
und die altesten Kirchenlehrer. Das mystische Erlebnis der Einsam-
keit und der dreifache innere Erkenntnisweg des Aristoteles. Die
zweite Kreuzigung des Christus als historische Erscheinung in der
Ausrottung der Mysterien durch den Konstantinismus. Die Aufer-
stehung als inneres mystisches Erlebnis. Der Auferstehungsgedanke.
SECHZEHNTER VORTRAG, 1. Mai 1917 339
Nachklange alter Kulturen. Der Gemeinschaftsgeist im Sinne der
Mithrasmysterien. Die Zukunft, wie Nietzsche sie schaute. Kjellens
Buch «Der Staat als Lebensform».
SlEBZEHNTER VORTRAG, 8. Mai 1917 367
Das Seelenauge. Das Auftreten hellsichtiger Krafte in der Gegenwart.
Swedenborgs imaginative Erkenntnis. Die Anschauung der Unsterb-
lichkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha. Glaube und Er-
kenntnis.
Hinweise . . ■ 393
Personenregister 409
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 413
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 415
VORWORT
zur ersten Buchausgabe 1933 von
«Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha»
Marie Steiner
In den hier herausgegebenen Vortragen wird das zentrale Ereignis der
menschlichen und irdischen Geschichte, das Mysterium von Golgatha,
in das Licht historischer Betrachtung geriickt, ausgehend von der fur die
geisteswissenschaftliche Forschung erwiesenen Tatsache des Ursprungs
des Menschen aus den Reichen geistiger Hierarchien, seines Falles und
seiner immer grofieren Verstrickung in die Materie, seines Erwachens
zur Sinneswahrnehmung und seiner Belastung durch das, was die
Heiligen Schriften die Erbsiinde nennen; aber auch seines allmahlichen
Aufstiegs durch die sich wiederholenden Erdenleben, die sein Selbst-
bewufitsein entwickeln, die ihm die Moglichkeit der moralischen Laute-
rung, der Ich-Erkraftung und der Riickkehr zum Geiste geben.
Nur in diesem steten Fortschritt der Seelen liegt der Sinn des Erden-
seins. Das hohe Ziel menschlicher Vollkommenheit kann nur in vielen
Leben erreicht werden, die etappenweise, durch die ihnen auferlegten
mannigfaltigen Priifungen, zu immer wacherem Bewufitsein drangen.
Es war eine Zeitlang dieses Wissen dem Abendlande entzogen, damit
sich die Personlichkeit im Menschen suche und finde. Scharfe und
Prazision des praktischen Verstandes mufiten entwickelt werden zur
Dienstbarmachung der Materie, zur Auseinandersetzung mit den ihr
inneliegenden Moglichkeiten, um ihr auf diesem Wege auch ihre Ge-
heimnisse abzulauschen, und an der so gewonnenen Denkdisziplin
einen sicheren Halt zu gewinnen fur die Erforschung geistiger Gesetz-
mafligkeiten. So allein konnte die friihere passive Anschauung ubersinn-
licher Weltinhalte sich durch Erstarkung der Seelenkrafte wandeln
in Erkenntnis und Forschung. Es schwand im Laufe der Zeit der dam-
mernde Blick in die geistigen Welten gerade bei den vorgeschrittenen
Volkern und muE nun wieder auf neuer Stufe erobert werden durch
ein Ich-erkraftetes Seelensein. An diesem grofien Wendepunkte stehen
wir jetzt. Unsere Kurzsichtigkeit der geistigen Wirklichkeit gegenuber
ist nun schon so weit gediehen, dafi sie in Blindheit umzuschlagen droht.
Die ungeheuren Zerfallserscheinungen der abendlandischen Kultur sind
eine Folge dieser intellektualistischen Erblindung.
Eine neue Geschichtsbetrachtung vom Aspekte des Geistes aus mu£
der Menschheit gegeben werden. Die Bausteine dazu hat Rudolf Steiner
zusammengetragen. Er stellt in den Mittelpunkt der Weltgeschichte das
Mysterium von Golgatha, das innerhalb des Wakens gottlicher Gerech-
tigkeit die ausgleichende Wirkung schafft gegenuber dem Fall des Men-
schen in die Erbsiinde. Uber dieses geheimnisvolle Geschehen giefk er
so viel Licht aus, als heute unserm ahnenden Verstehen zuganglich ist.
Dabei tritt etwas, was wir schier verloren hatten, die Bedeutung der
moralischen Weltordnung neben der Naturordnung, wieder in den
Vordergrund. Gottheits- und Menschheitswege fielen einst durch die
Schuld des Menschen auseinander, um sich am Kreuze von Golgatha
durch die Siihnetat des Gottmenschen wieder zu vereinigen und zu
durchdringen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren es die Mysterien und ihre
Kulte gewesen, welche die Briicke von Gott zu Menschen gebildet und
Ausstrahlungsstatten geschaffen hatten fur das Hiniiberwirken der
gottlichen Ratschlusse in die Geschicke der in die Materie immer mehr
versinkenden Menschheit. Sie gaben den Erkenntnissuchenden nach
einer langen Reihe von Priifungen die Moglichkeit der Wiedervereini-
gung ihres geist-erwachten Bewulkseins mit dem gottlichen Willen. Sie
dienten der Wegbereitung fiir den Niederstieg des Gottwesens, das die
Folgen der Erbsiinde in ihrer letzten vernichtenden Konsequenz von
der Menschheit abzuwenden und auf sich zu nehmen gewillt war, so
das Erlosungswerk fiir die Erde vollbringend. Diese die Erde- und die
Menschheitszukunft rettende Tat macht es fiir die einzelne Personlich-
keit nicht weniger notwendig, an ihrer eigenen moralischen Erlosung
von Grund aus selbsttatig zu arbeiten. Im freien Willen des Menschen
liegt es, dem Christus in sich Einlafi zu gewahren, ihn in sich aufzu-
nehmen und lebendig zu machen, auf dafi die heilenden Krafte das
schuldbelastete Innenwesen ergreifen und von den Folgen der Erbsiinde
befreien.
Um dies zu wollen, mufi der heutige Mensch verstehen und wissen.
Das fromme Gefuhlsleben geniigt nicht mehr. Der Mensch mufi in sein
Bewufitsein aufnehmen das, was sich spater in Wollen umwandeln soil.
Gehorsame Ftigung in die Dekrete autoritativer Gewalten, wenn die
Einsicht nicht mitgehen kann, wird den Rebellen im menschlichen
Gewissen um so sicherer wecken. Auch die scharfsten Mittel zur Be-
kampfung von Ketzereien haben diese nicht ausrotten konnen. Wo es
scheinbar aufierlich gelang, glimmt doch der Keim im Verborgenen
weiter und versucht immer wieder mit neuer Kraft sich geltend zu
machen. Heute stehen wir einer schlimmeren Gefahr gegenuber als es
je die argsten Wege der Ketzerei waren: dem Zynismus, der Gottlosen-
Bewegung, dem scharfen, atzenden Hohn gegenuber allem Geistigen.
Um dieser, die wahre Menschenwurde schon in der Jugend vernichten-
den Bewegung standzuhalten und sie zu besiegen, miissen wir tiefer in
die Selbst- und Welterkenntnis hineindringen, als es bis jetzt der Fall
sein konnte; miissen untertauchen in die Urspriinge menschlichen Seins,
einen Blick gewinnen fur das Oberflachliche der heutigen Geschichts-
betrachtung; miissen die Schleier der Kirchengeschichte luften, unter-
suchen, wie weit die Kirchen ihre Aufgabe erfiillt haben, wie weit sie
ihr untreu geworden sind. Wir miissen uns auch das anschauen, was die
autoritativen Machte des Klerus an wertvollem Geistesgut durch aufiere
Gewaltmittel unterdriickt haben, was sie neben sich nicht haben auf-
kommen lassen, und welche Griinde dabei mitgespielt haben. Warum
zum Beispiel mit so radikalem Eifer und Erfolg die alten Mysterien-
statten zerstort, ihre Urkunden vernichtet worden sind, wahrend das
Formwesen und der juristische Geist des Romertums sich so stark und
zielsicher der Ausgestaltung des Kirchen wesens bemachtigt haben. So
stark, daft diejenigen, welche mit der dem Mysterienwesen noch innig
verbundenen, urspriinglichen, palastinensisch-christlichen Kirche zu-
sammenhingen, sich veranlafit sahen, in einem anderen Geist als dem
von Rom ausgehenden, ihre Impulse der Welt zu vermitteln. Sie wurden
Vertreter einer nebenhergehenden esoterischen Stromung, die - wie zum
Beispiel in Irland und seinen schottischen Geistkolonien - sich bis zu
einem gewissen Zeitpunkt frei und kraftvoll entf alten konnte, doch
bald dem romischen Klerus zum Argernis und dann bekampft und
aufierlich vernichtet wurde. So war zunachst die Gnosis ausgerottet
worden; so wurde der Arianismus erstickt; so erging es jenen vom
Manichaertum her ausstrahlenden Bewegungen, die iiber den Balkan
nach Europa drangen. Im Dunkel der Geschichte verlieren sich diese
Strdmungen; in einer verzerrten ZwittergestaJt werden sie hin und
wieder von ihren Gegnern den Unwissenden und Leichtglaubigen vor-
gefiihrt. Eine wahre Geschichtsbetrachtung mufi diesen Erscheinungen
die allergrdfite Bedeutung zumessen und sie in ihren Zusammenhangen
und Urspriingen erforschen, sonst kann sie keinen Anspruch machen
auf Ernst und Gediegenheit.
Doch dazu wird sie die Wissenschaft der Anthroposophie brauchen,
die erst den Boden bereiten mufi, durch welchen wir in die Tiefen der
Geschichte hinunterdringen konnen, und die allein den Oberblick und
die Zusammenhange der Welt- und Menschheitsgeschehnisse geben
kann. Wo sich Natur und Geist verbinden, dort f inden wir den SchKissel
zu den Geheimnissen des Seins und zu jenem grofiten Mysterium, an
dem die heutige Form der Weltgeschichte sich vorbeischleicht, zu dessen
Ergriindung aber beizutragen die Wissenschaft der Anthroposophie ihr
vornehmstes Ziel erblickt. Fur dieses Ziel, fur ein allmahlich sich ent-
wickelndes, ahnendes Verstandnis der Tiefen des Mysteriums von Gol-
gatha arbeitet sie. Diesem Ziel will das Lebenswerk Rudolf Steiners
dienen.
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE
METAMORPHOSE
Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf
Steiner vor jedem von ihm innerhalb der An-
throposophischen Gesellschaft gehaltenen Vor-
trag in den vom Kriege betroffenen Landern
die folgenden Gedenkworte gesprochen:
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer,
die drauften stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen-
wart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Daft, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes-
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!
ERSTER VORTRAG
Berlin, 6. Februar 1917
Lassen Sie mich zuerst meine tiefe Befriedigung dariiber ausdriicken,
dafi ich nunmehr wiederum in Ihrer Mitte sein kann. Es wiirde eher ge-
schehen sein, wenn es nicht eine dringende Notwendigkeit gewesen
ware, die Arbeit an der ja hier often besprochenen Gruppe, die im
Osten des Dornacher Baues stehen soil, und die darstellt den Mensch-
heitsreprasentanten in Wechselbeziehung zu den ahrimanischen und lu-
ziferischen Machten, so weit zu bringen, dafl sie nun ohne mich weiter
gearbeitet werden kann. In der gegenwartigen Zeit ist es ja notwendig,
fur die Zukunft in einer gewissen Weise vorauszudenken, und es
schien mir eben durchaus notwendig, gegeniiber den Ereignissen, die da
kommen konnen, diese Gruppe so weit zu fordern, als es jetzt hat ge-
schehen konnen. Im iibrigen miissen ja gerade diese Zeiten es uns ganz
besonders nahelegen, wie ein raumliches Zusammensein auf dem physi-
schen Plan nicht das einzige sein kann, das uns durch die Impulse der
Geisteswissenschaft kraftig aufrecht erhalt, sondern wie das Zusam-
mensein in Gedanken und Gesinnung unserer geisteswissenschaftlichen
Bestrebung uns, auch wenn es nur seelisch sein kann, wenn es eben nur
sein kann in Gedanken und im Geiste, durchbringen mufi durch diese
schwere Zeit der Priifungen und der Leiden, und wie sich gerade da-
durch die Kraft unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen erpro-
ben mufi.
Seit wir uns hier nicht zusammengefunden haben, haben wir ja fur
den physischen Plan den Verlust unseres lieben Frdulein Motzkus und
anderer lieber Freunde zu beklagen, die infolge der Zeitereignisse den
physischen Plan verlassen haben. Es ist besonders schmerzlich, unter
denjenigen lieben Freunden, die hier nun durch so viele Jahre mit teil-
genommen haben an unseren geisteswissenschaftlichen Bestrebungen,
Fraulein Motzkus nicht mehr zu sehen. Sie gehorte ja unserer Bewe-
gung an, seitdem wir mit derselben begonnen haben. Vom ersten Tage
an, von der ersten Versammlung im kleinsten Kreis an, die ganze Zeit
iiber war sie in unserer Mitte als ein im tiefsten Herzen unserer Bewe-
gung hingegebenes Mitglied, das alle Phasen, alle Entwickelungsprii-
fungen unserer Bewegung mit innigem Anteil mitgemacht hat; das vor
alien Dingen durch alle diese Ereignisse hindurch, durch die wir haben
gehen miissen, sich bewahrt hat im tiefsten Sinne des Wortes eine un-
besiegliche Treue zu unserer Sache, eine Treue, durch die Fraulein
Motzkus gewii? vorbildlich war fur diejenigen, die wirklich ergebene
Mitglieder der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein wollen. Und so
schauen wir denn dieser lieben guten Seele nach in die Welten des gei-
stigen Lebens, zu denen sie aufgestiegen ist, indem wir das ja durch
viele Jahre herangebildete und herangefestigte Treue- Verhaltnis zu ihr
bewahren, indem wir uns mit ihrer Seele verbunden wissen fur immer-
dar. - In letzter Zeit hat ja Fraulein Motzkus selber den Verlust ihrer
treuen Freundin, die sie nun so bald in der geistigen Welt wiedergefun-
den hat, zu beklagen gehabt und in dem Sinne, wie man aus dem Be-
wulksein einer wirklichen Auffassung der geistigen Welt einen solchen
Schlag ertragt, diesen Schlag hingenommen. Bewundernswert war es,
mit welch regem Interesse Fraulein Motzkus bis in ihre letzten Tage
hinein ein tiefes Anteilnehmen zeigte an den grofien Ereignissen der
Zeit. Sie sagte mir selber wiederholt, so lange mochte sie noch hier auf
dem physischen Plane leben, bis sich diese bedeutenden Ereignisse, in
deren Mitte wir jetzt stehen, entschieden haben. Nun, sie wird mit
freierem Blicke noch, mit festerem Sinne fur die Entwickelung der
Menschheit, in ihrem jetzigen Zustand diese Ereignisse, an denen sie
mit so innigem Anteil und Interesse hing, verfolgen konnen. - Und so
sei es denn uns alien ans Herz gelegt, dafi wir, wo wir nur konnen, un-
sere Gedanken, unsere tatigen Krafte der Seele, mit diesem treuen Gei-
ste, mit diesem treuen, lieben Mitgliede unserer Bewegung vereinigen,
damit wir uns mit ihr eins wissen auch fernerhin, wo sie in anderer
Form unter uns weilen wird als bisher, da sie auf dem physischen Plan
mit uns in einer so vorbildlichen Weise verbunden war.
Nun, die Zeiten, in denen wir leben, sind solche, welche uns immer
intensiver und intensiver nahelegen konnen, welche Bedeutung das Stre-
ben nach geistiger Erkenntnis fur das Menschengeschlecht der Gegen-
wart und der nachsten Zukunft haben mufi. Die Ereignisse, innerhalb
welcher wir stehen, sind ja, man kann sagen, so, dafi sie fur viele heute
noch, wenn es auch wenig bemerkt wird, eine Art Zustand der Betaubnis
hervorrufen. Und was eigentlich geschieht, wie eingreifend die Dinge,
die da geschehen, in die menschliche Entwickelung sind, das in vollem
Umfang zu erkennen, dazu werden diejenigen Seelen, welche diese
Menschheitskatastrophe hier auf dem physischen Plan iiberleben, wohl
erst nach einiger Zeit aufwachen. Um so mehr miissen wir es uns ange-
legen sein lassen, dasjenige vor unsere Seele zu rufen, was wir Gedan-
ken nennen konnen, die beleuchtend sind fur die Aufgaben und Ziele
dieser fur die Menschheit so notwendigen geisteswissenschaftlichen
Bewegung. Und fiir uns wird es vielleicht besonders gut sein, da wir
nach langer Zeit wiederum zusammen sind, das Spezifische unserer An-
schauung von dieser Geisteswissenschaft uns einmal mit einigen kurzen
Gedanken vor die Seele zu fuhren; besser wiirde ich vielleicht sagen,
von derjenigen Anschauung, die sich naturgemafi ergeben kann aus je-
ner Geisteswissenschaft, die wir nun seit vielen Jahren vor unsere Seele
hinstellen.
Dafi die Menschen, wenigstens in diesem oder jenem ihrer Vertreter,
iiberall heute die Sehnsucht entwickeln, der geistigen Welt nahezu-
kommen, trotzdem auf der anderen Seite bedauerlicherweise der Mate-
rialismus nicht abnimmt, das kann aber doch bemerkt werden. Und ge-
rade aus mancher Form, in der die Sehnsucht nach dem Geiste auf-
taucht, kann uns das Bediirfnis entstehen, das Spezifische unseres Su-
chens nach dem geistigen Leben uns einmal vor die Seele zu riicken. In
England macht gegenwartig das Suchen eines hervorragenden Gelehrten
nach der geistigen Welt den allergrofiten Eindruck auf die weitesten
Kreise auch der gebildetsten Leute dort. Und es ist eine immerhin
aufterordentlich bemerkenswerte Erscheinung, dafi von einem dort unter
die allerersten wissenschaftlichen Geister gezahlten Manne ein umfang-
reiches Buch geschrieben worden ist iiber den Zusammenhang der
Menschheit hier auf der Erde mit der geistigen Welt, das eine ganz
merkwiirdige Form hat. Sir Oliver Lodge, der ja seit Jahren allerdings
sich in der verschiedensten Weise bemiiht, die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse, zu denen er gelangt ist, so zu erweitern, da& sie ihm Auf-
schliisse geben konnen iiber die geistige Welt, hat ein dickes Buch
geschrieben iiber einen ganz besonderen Fall von Beziehungen, in die
er gekommen sein will zu der geistigen Welt. Die Sache verhalt sich
folgendermafien.
Sir Oliver Lodge hatte einen Sohn, Raymond Lodge. Der nahm
1915 auf englischer Seite an dem Krieg in Flandern teil. Wahrend die
Eltern Lodge den Sohn noch auf dem Kriegsschauplatz wuftten, beka-
men sie eine merkwiirdige Nachricht aus Amerika. Eine Nachricht, die
ganz gewifi fiir, ich mochte sagen, materialistisch gesinnte Spiritualisten
auflerordentlich frappierend sein mulke. Die Nachricht war so gehal-
ten, dafi aus ihr entnommen werden sollte, dafi der vor vielen Jahren
verstorbene englische Psychologe, der sich viel befafit hat mit den Be-
ziehungen der physischen Welt zu der geistigen Welt, Myers, der also
seit Jahren bereits in der geistigen Welt weilt, daft dieser sich des jungen
Raymond Lodge in der nachsten Zeit annehmen werde. Zunachst war
es unklar, auf was sich das beziehen konne. Diese Nachricht traf aller-
dings etwas verspatet bei Sir Oliver Lodge ein. Sie traf ein, als Ray-
mond Lodge, der Sohn, bereits gefallen war. Ich glaube vierzehn Tage
spater, ich weifi es nicht mehr genau. Nun bekam man also die Nach-
richt von dem Tode, und man bekam ferner wiederum aus Amerika
Nachricht, die durch Medien vermittelt war, daft man sich an englische
Medien wenden solle. Und siehe da, man wendete sich an englische
Medien, und zwar an Medien, denen Sir Oliver Lodge — man kann das
sagen, ich werde ja nachher gleich liber die Bedeutung des Falles spre-
chen - mit geniigender Kritik gegeniiberstand. Sir Oliver Lodge ist
Wissenschafter und ist geschult dazu, solche Dinge in wissenschaftli-
cher Weise zu priifen. Er ging nach seiner Meinung ganz so zu Werke,
wie man beim Laboratoriumsversuch zu Werke geht. Und was sich nun
ergab, wurde nicht von einem, sondern sogar von mehreren Medien
konstatiert: Raymond Lodges Seele wollte sich der Familie des Sir Oli-
ver Lodge ankundigen. Es kam zu allerlei Schreib- und Klopfmitteilun-
gen, zu Mitteilungen, die ihrem Inhalte nach fiir die Familie Lodge so
iiberraschend waren, dafi nicht nur Sir Oliver Lodge von der Wahrheit
der Sache iiberzeugt war, sondern auch die iibrigen Familienmitglieder,
die solchen Dingen bis dahin aufterordentlich skeptisch gegeniiberstan-
den. Raymond Lodges Seele kiindigte unter anderem an, dafi Myers,
der langst Verstorbene, schiitzend ihr zur Seite stiinde, kiindigte Ver-
schiedenes an iiber seine letzte Zeit vor dem Tode, allerlei anderes
noch, das von Bedeutung war fur die Eltern und Geschwister und einen
grofien Eindruck machte, namentlich weil Verschiedenes, das Raymond
Lodge durch die Medf< n mitteilen liefl, direkt bestimmt war, an die
Familie und namentlich an Sir Oliver Lodge heranzukommen. Die Art
und Weise der Sitzungen, die gehalten worden sind, waren fur die Fa-
milie und fur Sir Oliver Lodge, merkwiirdigerweise mufi ich sagen, und
fur eine weite Presse - soweit ich es verfolgen konnte - aufierordentlich
uberraschend. Sie konnen nicht iiberraschend sein fur denjenigen, der
in solchen Dingen Erfahrung hat, denn im Grunde genommen konnte
seiner Art und Gattung nach dasjenige, was da durch Medien von einem
Toten vermittelt worden ist, jeder, der mit der Technik und dem Ver-
lauf von solchen Sitzungen nur irgend bekannt ist, kennen. Einen
besonders tiefen Eindruck hat aber in England vor allem ein Faktum
gemacht. Und dieses Faktum ist wohl dasjenige, welches am meisten
geeignet sein wird, in allerweitesten Kreisen der englischen gebildeten
Welt, auch der amerikanischen gebildeten Welt, geradezu Uberzeugung
hervorzurufen, und zwar eine Uberzeugung, wie sie vorher in unserer
skeptischen Zeit bei sehr vielen Menschen nicht da war, bei denen sie
nun gerade durch diese Sache eingetreten ist und eintreten wird. Das
Faktum, das besonders starken Eindruck auf die Familie Lodge, auf Sir
Oliver Lodge besonders, und auf die breite Offentlichkeit gemacht hat,
ist das folgende.
Durch eines der Medien wurden Photographien beschrieben, welche
zu Lebzeiten von Raymond Lodge angefertigt worden sind. Sie wurden
in der Weise beschrieben, dafi Raymond Lodge selber dem Medium
eingab, das sich beschreibend durch Klopftone aufierte, wie die Photo-
graphien ausschauen. Nun wurde auf diesem Wege eine Gruppenpho-
tographie beschrieben; das heifit also, durch das Medium kam heraus,
daft die Seele des Raymond Lodge eine Gruppenphotographie beschrei-
ben wollte, die von ihm auf genommen worden ist kurze Zeit be vor er
durch des Todes Pforte gegangen ist. Da hat er sich, so sagt er vom
Jenseits heraus, mit Kollegen photographieren lassen, die in zwei
Gruppen hintereinander aufgenommen worden waren; so und so war
die Anordnung, er safi an der Stelle. Und er gab aufierdem auf diesem
Wege an, daft mehrere Aufnahmen gemacht worden sind, aber hinter-
einander, wie das die Photographen tun. Und zwar gab er genau an,
wodurch sich diese unmittelbar hintereinander gemachten Photogra-
phien unterscheiden. Er sitzt iiberall auf demselben Stuhl, ungefahr
auch mit derselben Hauptgeste, nur ein klein wenig ist die Lage des
Arms und dergleichen verandert. Das gibt er sehr genau an. Nun, die
Familie Lodge wufite von diesen Photographien nichts, sie wufite nicht,
daft eine solche Photographie gemacht worden ist. Es war also zunachst
das Faktum vorhanden, dafi auf dem Umweg durch das Medium eine
Gruppenphotographie beschrieben worden ist, welche Raymond Lodge
darstellen sollte im Kreise seiner Kameraden. Nach einiger Zeit, viel-
leicht nach vierzehn Tagen, kam nun wirklich von Frankreich heriiber
diese Photographie bei Sir Oliver Lodge an, und zwar ganz genau so,
wie sie durch das Medium nach den Angaben der Seele von Raymond
Lodge beschrieben worden ist. Das hat einen besonders starken Ein-
druck gemacht. Und derjenige, der in solchen Dingen Dilettant ist -
und es hat sich ja gezeigt, dafi eigendich alle Welt, die da in Betracht
kam, Dilettant war -, mufite also auch einen starken Eindruck haben.
Es ist ein Experimentum crucis. Man hat es damit zu tun, dafi eine
Seele von jenseits heriiber eine Photographie in mehreren voneinander
verschiedenen Aufnahmen beschreibt, die etwa erst nach vierzehn Ta-
gen bei der Familie eintrifft, und die mit diesen Angaben genau iiber-
einstimmt. So daft man sagen kann: Keine Spur kann vorliegen, dafi das
Medium oder irgendein Mitglied der Sitzung - und Mitglieder waren
die Angehorigen der Familie Lodge - irgend etwas von dieser Photo-
graphie gesehen haben konnten. Sehen Sie, wir haben da einen Fall, der
ganz besonders ins Auge zu fassen ist: auf der einen Seite wissenschaft-
lich ins Auge zu fassen ist, auf der anderen Seite aber auch kulturhisto-
risch ins Auge zu fassen ist. Denn nicht nur, dafi man voraussetzen
kann, dafi so etwas selbstverstandlich einen grofien Eindruck machen
kann; es ist auch wirklich geschehen, es hat einen ungeheuren Eindruck
gemacht. Und soweit man verfolgen konnte, wirkte gerade diese Be-
schreibung der Photographie, die also nicht auf Gedankeniibertragung
beruhen konnte, tief iiberzeugend.
Fur uns handelt es sich besonders darum, den ganzen Fall ins Auge
zu fassen. Denn wir miissen uns iiber folgendes klar sein: Wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes geht, so haben wir es zunachst da-
mit zu tun, dafi die menschliche Individualitat nunmehr fiir kurze Zeit
eingehiillt ist vom Astralleib und Atherleib, dafi dieser Atherleib nach
kiirzerer oder langerer Zeit, aber immerhin nach einer Zeit, welche, wie
wir wissen, nach Tagen zu bemessen ist, mitgeteilt wird der atherischen
Welt und dort ihr weiteres Schicksal durchmacht, so dafi die Individua-
litat mit dem Astralleib in der geistigen Welt ihre weitere Wanderung
antritt. Und so wie der physische Leib hier auf der Erde abgesondert ist
von der Individualitat, so ist es auch der menschliche Atherleib. Nun
miissen wir uns klar sein dariiber, dafi in spiritistischen Sitzungen - und
mit spiritistischen Sitzungen hat man es in dem ganzen Werke des Sir
Oliver Lodge zu tun - nur von einem griindlichen Kenner unterschieden
werden kann, ob die Kommunikation da ist mit der wirklichen Indivi-
dualitat oder blofi mit dem abgelegten, zuriickgebliebenen atherischen
Leichnam. Dieser atherische Leichnam steht trotzdem in einer fortwah-
renden Kommunikation mit der Individualitat. Nun, wenn man auf
dem Umwege durch ein Medium eine Verbindung herstellt mit der gei-
stigen Welt, so stellt man sie zunachst mit dem Atherleib her, und man
kann nie sicher sein, ob man auf diesem Umwege wirklich an die Indi-
vidualitat herangelangt. Es ist ja gewifi das Bestreben unserer Zeit, auch
fur das spirituelle Sein etwas wie den Laboratoriumsversuch zu finden,
etwas, was man mit Handen greifen kann, was man unmittelbar in der
materiellen Welt vor sich hat. Auf den inneren Weg, auf dem die Seele
in die geistigen Welten wandern soil, auf den reinen Geistesweg mag
sich unsere materialistische Zeit nicht gerne einlassen. Sie will, dafi auch
der Geist sich materiell ankiinde, dafi dieser Geist in die materielle Welt
hinuntersteigt. Wir erleben alle Phasen des materialistischen Spiritua-
lismus, des materialistischen Sich-Hinwendens zur geistigen Welt.
Nun ist durchaus moglich, dafi der atherische Leib, der sich abson-
dert von der eigendichen menschlichen Individualitat, eine gewisse Art
von Eigenleben zeigt, das fur den Laien durchaus zu verwechseln ist
mit dem Leben der Individualitat. Man darf namlich nicht glauben, dafi
dieser Atherleib, wenn er nun der atherischen Welt ubergeben ist, nur
Reminiszenzen, nur Erinnerungen, nur Nachklange zeigen wiirde an
dasjenige, was der Mensch hier durchgemacht hat, sondern er zeigt sich
als eine wirklich fortlebende Individualitat. Er kann ganz Neues kund-
geben und hervorbringen. Und dennoch, wer da glaubt, durch diese
Verbindung mit dem Atherleibe in einer Verbindung mit der Individua-
litat zu sein, der ist auf falscher Fahrte. Insbesondere ist das moglich,
wenn in einem Kreise, wie in diesem Kreise von der Familie Sir Oliver
Lodges - es waren alles Mitglieder der Familie -, Menschen herumsit-
zen, welche so oder so geartete Gedanken hinlenkten nach dem Ver-
storbenen, wie es natiirlich war in der Seele eines jeden dieser Mitglieder
der Familie Lodge. Gedanken an den Verstorbenen, mannigfaltige Er-
innerungen, die teilten sich auf dem Umwege durch die mediale Kraft
des Mediums dem Atherleibe mit, und der Atherleib gibt wiederum
manchmal ganz und gar frappierende Antworten zuriick, die durchaus
sich so ausnehmen, als ob die Individualitat des Toten die Antworten
gabe. Dennoch braucht man es nur mit dem abgelegten atherischen
Leichnam zu tun zu haben. Und fur denjenigen, der mit diesen Dingen
bekannt ist, findet wirklich das statt, daft iiberall, wo geschildert wird,
wie durch das Medium das oder jenes von Raymond Lodge an die Mit-
glieder der Familie des Sir Oliver Lodge kommt, eigentlich nur der
atherische Leichnam spricht, ohne daft die Individualitat des Raymond
Lodge wirklich in Kommunikation gestanden hatte mit dem ganzen
Kreise. Es sind daher auch, wie gesagt, fur denjenigen, der bewandert
ist in dem Verlauf von solchen Sitzungen, alle die Mitteilungen nicht
besonders frappierend.
Es hatte das Ganze wahrscheinlich auch nicht auf einen weiten Kreis
einen so bedeutsamen Eindruck gemacht und wiirde ihn nicht weiter
machen, wenn nicht die Photographie-Geschichte vorlage. Denn diese
Photographie-Geschichte ist doch etwas aufterordentlich Merkwiirdi-
ges. Denn es ist doch unmoglich, daft irgendwie aus dem Kreis - wie
das bei alien anderen Dingen, die in den Sitzungen vorkamen, moglich
ist - Gedanken hatten hingehen konnen durch das Medium zu dem
atherischen Leibe. Denn niemand konnte in England etwas von den Pho-
tographien wissen; die waren noch nicht angekommen, als die Mittei-
lungen durch das Medium gemacht wurden. Trotzdem ist es hochst
merkwiirdig, daft jemand, der so lange schon sich fur diese Dinge inter-
essiert und der aufterdem ein so gelehrter Wissenschafter ist wie Sir
Oliver Lodge, dafi der nicht weifi, wie eine solche Sache aufzufassen ist.
Ich habe wirklich mich bemiiht, in diesem Falle in die Sache genauer
hineinzuschauen, und das ist sehr gut moglich, weil eben gerade Sir
Oliver Lodge Gelehrter, Wissenschafter ist, und deshalb in einer Weise
beschreibt, auf die man sich verlassen kann; so dafi man es nicht zu tun
hat mit irgendwelchem Protokoll einer gewohnlichen spiritistischen
Sitzung, sondern mit den Mitteilungen eines Mannes, der mit der
Sicherheit eines Wissenschafters schildert, der gewohnt ist, die wissen-
schaftliche Gewissenhaftigkeit zu entwickeln, die ein Chemiker in den
Laboratoriumsversuchen entfaltet. Man kann aus der Schilderung, die
aufierordentlich gewissenhaft gemacht ist, sich ein vollstandiges Bild
machen desjenigen, um was es sich handelt. Man mufi nur wissen, um
was es sich handelt.
Da ist es sehr merkwurdig, dafi jemand durch das aufterordentliche
Interesse, das er dadurch hat, daft es sich um seinen Sohn handelt,
jemand, der sich doch schon durch viele Jahre fur diese Dinge inter-
essiert, also ein gelehrter Mann wie Sir Oliver Lodge, nichts weil?
von demjenigen, was wir innerhalb unserer Geisteswissenschaft ofter
beschrieben haben, wenn wir die atavistischen Formen des Hellsehens
beschrieben haben als Vorahnung, als Deuteroskopie. Denn man hat in
diesem Falle es mit nichts anderem zu tun als mit einem ganz besonde-
ren Falle der Deuteroskopie. Die Sache ist so: Wir haben es mit einem
Medium zu tun. Diesem Medium ist in gewisser Weise - selbstverstand-
lich durch atavistische Krafte - die geistige Welt of fen, das wissen wir.
Solche Medien uberbriicken in ihrem Schauen den Raum. Aber nicht nur,
dafi sie in dem sogenannten zweiten Gesicht den Raum uberbriicken,
sondern sie uberbriicken auch die Zeit. Und nehmen wir einen sehr ein-
fachen Fall, den Fall, der hundert und hundertmal beschrieben ist - Sie
konnen die Falle beschrieben lesen, wenn Sie nicht selber so etwas bei
sich oder bei Bekannten erlebt haben -, dafi jemand, der besonders
dazu veranlagt ist, wie traumhaft, aber in halber Vision, als Zukunfts-
ereignis seinen eigenen Sarg oder Leichenzug sieht. Er stirbt in vierzehn
Tagen. Er hat das gesehen, was sich erst in vierzehn Tagen zutragt.
Man kann nicht nur seinen eigenen Sarg oder Leichenzug, sondern zum
Beispiel einen fremden Leichenzug sehen, ein ganz gleichgiiltiges Er-
eignis sehen, zum Beispiel - ich erzahle einen bestimmten Fall - sehen,
wie man nach vierzehn Tagen oder drei Wochen aufs Land hinausgeru-
fen wird und vom Pferde stiirzt. Der Fall ist vorgekommen. Jemand hat
das genau gesehen, hat versucht, Vorkehrungen zu treffen; aber diese
Vorkehrungen sind so ausgefallen, dafl die Sache trotzdem passiert ist.
Da haben wir es mit einem Uberbriicken der Zeit zu tun. Nichts ande-
res aber ist das, was Sir Oliver Lodge beschreibt, als ein Uberbriicken
der Zeit. Nichts anderes. Seine Beschreibung ist wirklich so genau, dafi
die Nachpriifung durchaus moglich ist. Das Medium hat durch seine
mediale Kraft das zukiinftige Ereignis gesehen. Als das Medium sprach,
war die Photographie nicht da, aber sie kam in vierzehn Tagen, oder so
ungefahr, an. Sie wurde umhergezeigt. Das fand erst nach einiger Zeit
statt, aber das sah das Medium voraus. Es war ein prophetisches Vorge-
sicht, eine Deuteroskopie. Man hat es zu tun mit einem Vorgesicht; das
ist es, was die Sache erklart. Das hat also gar nichts zu tun mit einer
Kommunikation zwischen demjenigen, der hier auf dem physischen
Plan ist, und dem, der in der geistigen Welt ist.
Sie sehen, wie sehr man verwirrt werden kann durch das Streben
nach materialistischer Ausdeutung der geistigen Verhaltnisse in der
Welt, wie sehr man blind sein kann gegen dasjenige, was wirklich ist.
Es ist ja wahrhaftig nicht minder ein Beweis fur die Realitat einer Welt,
die hinter der gewohnlichen Sinneswelt steht, dafi solch ein Vorgesicht
da ist. Der Fall ist interessant, nur kann man ihn nicht verwerten fur
die Konstatierung des Verhaltnisses zwischen Lebenden und Verstor-
benen. Die Verstorbenen miissen aufgesucht werden - wenn sie aufge-
sucht werden sollen und diirfen - auf dem Wege, der ein wirklich gei-
stiger ist. Uber diese Dinge werden wir ja in der nachsten Zeit noch
mannigfaltige Betrachtungen anstellen, denn ich gedenke gerade iiber
die Frage der Beziehungen der Lebenden zu den Toten in der nachsten
Zeit verschiedene Kapitel hier zu besprechen.
Nun, ich habe Ihnen diese Schrift von Sir Oliver Lodge iiber Ray-
mond Lodges Seele vorgefuhrt aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen,
wie dasjenige Sehnen nach der geistigen Welt beschaffen ist, das ja vor-
handen ist, das man aber eine materialistische Art dieses Sehnens nen-
nen kann. Oliver Lodge ist eben materialistischer Gelehrter. Wenn er
auch nach der geistigen Welt strebt, er will doch die geistige Welt nach
Art der physikalischen oder chemischen Welt kennenlernen. Wie er die
chemischen Gesetze erforscht im Laboratorium, so will er auch das
augenscheinlich vor sich haben, was sich auf die geistige Welt bezieht.
Und ganz feme liegt ihm jener Weg, den wir als den richtigen anerken-
nen miissen, der Weg, den die Seele auf innerliche Art hin nach der gei-
stigen Welt nimmt, und den wir ja so oft beschrieben haben, wie wir
nicht minder beschrieben haben, was da die Seele kennenlernt als zu-
nachst uns heute in der Gegenwart angehend und der Welt der physi-
schen Sinne, in der wir leben, zugrunde liegend. Gerade an den Bestre-
bungen, die auf materialistische Art nach der geistigen Welt hingehen,
kann man den ganzen materialistischen Charakter unserer Zeit kennen-
lernen. Und wenn unsere Bewegung einen Sinn haben soli, das heifit,
den Sinn haben soli, der fur sie folgen mufi aus dem notwendigen Ent-
wickelungsgesetz der Menschheit, dann mufi sie gerade scharf betonen
das Geistig- Innerliche, das wirklich Spirituelle gegeniiber diesem mate-
rialistischen Streben, das heifit absurden Streben nach der geistigen Welt.
Und warum mufi denn in der Gegenwart eine ganz andere Art als die
materialistische es ist, namlich eine rein geistige Art, wirklich die Men-
schenherzen ergreifen? Diese Frage miissen wir im Zusammenhang be-
trachten mit einer Tatsache, auf die wir ofter hingewiesen haben im
Laufe der Jahre, und die uns gerade besonders in diesen Tagen, in die-
sen Leidens- und Priifungstagen nahegehen mufi. Wir haben hingewie-
sen darauf, wie dieses zwanzigste Jahrhundert die Anschauung des
atherischen Christus unter die Menschheit bringen mufi. Und so wahr,
wir haben das oft gesagt, als zur Zeit des Mysteriums von Golgatha der
Christus physisch unter den Menschen gewandelt hat an einer bestimm-
ten Statte der Erde, so wahr wird iiber die ganze Erde hin im zwanzigsten
Jahrhundert der atherische Christus unter den Menschen wandeln. Und
nicht darf, wenn gegen der Erde Heil nicht gesiindigt werden soil, die
Menschheit unaufmerksam an diesem Ereignis vorbeigehen; sondern sie
mufi die notwendige Aufmerksamkeit haben, damit eine genugende
Anzahl von Menschen vorbereitet sein werden, den Christus wirklich
zu schauen, der da kommen wird und der geschaut werden mufi.
Solch ein Ereignis, es kommt nicht ganz plotzlich, wie das Ereignis
von Golgatha auch nicht plotzlich gekommen ist, sondern sich auch
durch dreiunddreiftig Jahre vorbereitet hat. Und so nah ist der Zeit-
punkt, wo etwas, aber jetzt geistig, geschehen wird, was eine ahnliche
Bedeutung haben wird fur die Menschheit wie das Ereignis von Golga-
tha auf dem physischen Plan. Daher werden Sie es nicht unglaubhaft
finden, wenn Sie im allgemeinen die oben beriihrte Tatsache zugeben,
wenn gesagt wird, daft er eigentlich in der Form, in der er geschaut
werden wird im grofien Augenblick der Entwickelung im zwanzigsten
Jahrhundert, schon da ist, dafi sich vorbereitet der grofie Augenblick.
Nicht unglaubhaft werden Sie es finden, wenn eben im Angesicht des
grofien Augenblickes gesagt wird: Dieser Augenblick bereitet sich
schon vor. Ja, man kann sagen: So weit die Menschheit in ihren heuti-
gen Taten entfernt zu sein scheint von dem Durchtranktsein mit dem
Christus-Geist auf dem physischen Plan, so nahe ist den Seelen, wenn
sie sich nur offnen wollten, der Christus, der da kommt. Und der Ok-
kultist kann geradezu darauf hindeuten, wie seit dem Jahre 1909 unge-
fahr in deutlich vernehmbarer Weise sich vorbereitet dasjenige, was da
kommen soli; daft wir seit dem Jahre 1909 innerlich in einer ganz be-
sonderen Zeit leben. Und es ist heute moglich, wenn es nur gesucht
wird, dem Christus ganz nahe zu sein, den Christus in ganz anderer
Art zu finden, als ihn friihere Zeiten gefunden haben.
Eines kann einem auffallen, was ich Ihnen, so einfach es klingen mag,
sagen mufi aus einer tiefen Zeitempfindung heraus. Leider macht man
sich ja gewohnlich nicht genug griindliche Vorstellungen iiber dasjeni-
ge, was vergangen ist, namentlich was vorgegangen ist mit den mensch-
lichen Seelen in friiheren Jahrhunderten. Von der Starke des Eindrucks,
den in den ersten christlichen Jahrhunderten, wenn auch auf einen ge-
ringeren Kreis als spater, vielleicht nicht die heute bekannten Evange-
lien, aber dasjenige, was in den heute bekannten Evangelien steht, ge-
macht hat, von dem unendlich Starken des innerlichen Ergriffenseins
der Seele macht man sich heute keine rechte Vorstellung mehr. Ja,
mit den zunehmenden Jahrhunderten wurde wirklich der Eindruck,
den das Innerliche der Evangelien machte, immer geringer. Und heute
darf man schon sagen, wenn man sich keinen Illusionen hingibt: Der
einzelne, wenn er gewisse Intuitionen hat, gewisse ahnende Krafte hat,
kann durchdringen durch das Wort der Evangelien zu einer Vorstellung
desjenigen, was geschehen ist in der Zeit des Mysteriums von Golgatha;
aber die ungeheure Kraft des Evangelien- Wortes selber, sie wurde ge-
ringer und immer geringer, und sie wirkt heute, wenn man sich eben
keiner Illusion hingibt, in den weitesten Kreisen der Menschen nur noch
schwach. Man will sich soldi eine Tatsache nicht mehr gestehen; aber
es ware gut, weil es die Wahrheit ist, wenn man es sich gestehen wollte.
Wie kommt das?
Nun, so wahr es ist, dafi dasjenige, was durch die Evangelien pulst,
nicht Erdenwort ist, sondern Kosmos-Wort, Himmels-Wort, eine un-
vergleichlich grofiere innere Kraftmoglichkeit hat als irgend etwas an-
deres auf der Erde, ebenso wahr ist es, dafi der Form, in der dieses
Wort niedergelegt ist in den Evangelien, aus der Zeit des Mysteriums
von Golgatha heraus, die Menschen in ihren Seelen sich entfremdet
haben in dieser Zeit. Denken Sie doch nur nach dariiber, wie unendlich
schwer es Ihnen ist, die Sprache, wenn sie zufallig an Sie herankommt,
in einem Zustand zu verstehen, wie sie vor vier, fiinf Jahrhunderten war.
Ein Herviberiibersetzen gibt ja durchaus nicht dasjenige, was wirklich
da ist. Die Evangelien in der Gestalt, in der sie heute ein Mensch haben
kann, sind eben nicht die urspriinglichen Evangelien, haben nicht die
urspriingliche Kraft. Man kann zu ihnen durchdringen durch eine ge-
wisse Intuition, wie ich sagte; aber sie haben eben nicht dieselbe Kraft.
Und der Christus, der hat das Wort gesprochen, das zutiefst in die
Menschenseele sich eingraben soil: Ich bin bei euch alle Tage bis ans
Ende der Erdenzeit. - Dies ist eine Wahrheit, dies ist eine Wirklichkeit.
In verschiedener Form, in einer der Menschenseele besonders nahen
Form, wird er es sein in der angedeuteten Zeit des zwanzigsten Jahr-
hunderts.
Nun, aus dem, was ich gesagt habe, konnen Sie entnehmen, dafi der-
jenige, der sich in diesen Dingen als Okkultist drinnenstehend fuhlt,
sagt: Er ist da! So ist er da, dafi wir von ihm deutlich wissen, dafi er
nun mehr noch will mit seinen Menschenkindern, als er in verflossenen
Jahrhunderten gewollt hat. Die Evangelien haben bisher innerlich zu
den Menschen gesprochen. Sie sollten die Seelen ergreifen. Daher
konnte man auch mit dem Glauben sich begniigen, nicht zum Wissen
fortschreiten. Diese Zeit ist voriiber, diese Zeit liegt hinter uns. Der
Christus hat noch ganz anderes vor mit seinen Menschenkindern. Er
hat das vor, daft das Reich, von dem er gesagt hat «Mein Reich ist nicht
von dieser Welt», wirklich in diejenigen Teile der Menschenwesenheit
einziehe, die selber nicht von dieser Welt sind, die von einer anderen
Welt sind. Denn in jedem von uns liegt der Teil des Menschen, der
nicht von dieser Welt ist. Und der Teil des Menschen, der nicht von
dieser Welt ist, der mufi in intensiver Weise gerade suchen das Reich,
von dem der Christus gesagt hat, es sei nicht von dieser Welt,
In der Zeit, in der dies verstanden werden mufi, leben wir. Und
manche solcher Dinge in der Menschheitsentwickelung kiinden sich ge-
rade an durch den tiefsten Kontrast. Und auch in unserer Zeit kiindigt
sich ein Grofies, Bedeutsames durch den Kontrast an. Denn die Zeit
wird kommen mit dem kommenden Christus, mit dem daseienden
Christus, wo die Menschen lernen werden, nicht nur fur ihre Seelen,
sondern fur das, was sie begriinden wollen durch ihr unsterbliches Teil
hier auf Erden, den Christus zu befragen. Der Christus ist nicht nur ein
Menschen-Herrscher, er ist ein Menschen-B ruder, der befragt werden
will, besonders in den kommenden Zeiten befragt werden will fur alle
Einzelheiten des Lebens. Was die Menschen begriinden wollen, durch
den Kontrast wird es begriindet heute. Heute scheinen sich Ereignisse
zu vollziehen, bei denen die Menschen am allerfernsten zu stehen
scheinen der Frage an den Christus. Wer fragt bei demjenigen - so
miissen wir uns fragen -, was heute geschieht: Was sagt der Christus
Jesus dazu? - Wer fragt es? Manche sagen, daft sie es fragen, aber es ware
gotteslasterlich, zu glauben, daft sie es fragen, daft in der Form, wie sie
heute gestellt werden, die Fragen wirklich an den Christus gestellt wer-
den. Und dennoch, die Zeit mufi kommen, sie darf nicht feme sein, wo
die Menschenseele in ihrem unsterblichen Teil fur dasjenige, was sie be-
griinden will, die Frage an den Christus stellt: Soli es geschehen, soli es
nicht geschehen? - wo die Menschenseele den Christus als sie liebenden
Genossen im Einzelfalle des Lebens neben sich sieht und nicht nur
Trost, nicht nur Kraft bekommt von der Christus- Wesenheit, sondern
auch Auskunft bekommt iiber dasjenige, was geschehen soil. Das Reich
des Christus Jesus ist nicht von dieser Welt, aber es muE wirken in die-
ser Welt, und die Menschenseelen miissen die Werkzeuge des Reiches
werden, das nicht von dieser Welt ist. Von diesem Standpunkte aus miis-
sen wir Umschau halten danach, wie wenig heute die Frage aufgewor-
fen wird, die an den Christus fur die einzelnen Taten und Ereignisse ge-
stellt werden muft. Lernen aber mufi die Menschheit, den Christus zu
befragen.
Wie soli das geschehen? Das kann nur dadurch geschehen, dafi wir
seine Sprache lernen. Derjenige, der den tieferen Sinn dessen, was un-
sere Geisteswissenschaft will, einsieht, der sieht in ihr nicht blofi ein
theoretisches Wissen iiber allerlei Menschheitsprobleme, iiber die Glie-
der der Menschennatur, iiber Reinkarnation und Karma, sondern er
sucht in ihr eine ganz besondere Sprache, eine Art und Weise, sich iiber
geistige Dinge auszudriicken. Und dafi wir lernen, durch die Geistes-
wissenschaft innerlich im Gedanken mit der geistigen Welt zu sprechen,
das ist viel wichtiger, als dafi wir uns theoretische Gedanken aneignen.
Denn der Christus ist bei uns alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.
Seine Sprache sollen wir lernen. Und durch die Sprache - und scheint
sie noch so abstrakt zu sein -, durch die wir von Saturn, Sonne, Mond
und Erde und auf der Erde von verschiedenen Perioden und verschie-
denen Zeiten und von verschiedenen anderen Geheimnissen der Ent-
wickelung horen, durch diese sogenannte Lehre lehren wir uns selber
eine Sprache, in die wir die Fragen giefien konnen, die wir stellen an die
geistige Welt. Und wenn wir lernen, so recht in der Sprache dieses gei-
stigen Lebens innerlich zu sprechen, dann, meine lieben Freunde, dann
wird sich entwickeln, dafi der Christus neben uns stent und uns Ant-
wort gibt. Das ist etwas, das wir als eine Gesinnung aus unseren gei-
steswissenschaftlichen Bestrebungen aufnehmen sollen, als eine Emp-
findung, als ein Gefiihl. Warum befassen wir uns mit Geisteswissen-
schaft? Es ist, wie wenn wir das Vokabularium derjenigen Sprache ler-
nen sollen, durch die wir an den Christus herankommen. Und wer sich
bemiiht, iiber die Welt denken zu lernen, wie sich die Geisteswissen-
schaft bemiiht, wer sich bemiiht, seinen Kopf so anzustrengen, dafi er,
so wie die Geisteswissenschaft es will, in die Weltengeheimnisse hinein-
sieht, an den wird aus dem diister-dunklen Grunde der Weltengeheim-
nisse die Gestalt des Christus Jesus herantreten und ihm die starke
Kraft sein, in der er leben wird, briiderlich fiihrend an seiner Seite ste-
hend, auf dafi er mit Herz und Seele stark und kraftig sein konne, den
Aufgaben der zukiinftigen Menschheitsentwickelung gewachsen zu
sein. Suchen wir daher nicht blofi als Lehre, suchen wir als eine Sprache
uns die Geisteswissenschaft anzueignen, und warten wir dann, bis wir
in dieser Sprache die Fragen finden, die wir an den Christus stellen diir-
fen. Er wird antworten, ja er wir d antworten! Und reichliche Seelen-
krafte, Seelenstarkungen, Seelenimpulse wird derjenige davontragen,
der aus grauer Geistestiefe heraus, die in der Menschheitsentwickelung
dieser Zeit liegt, die Anweisung des Christus veraehmen wird, die die-
ser dem, der sie sucht, geben will in der allernachsten Zukunft.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 13. Februar 1917
Die Betrachtungen, die wir vor acht Tagen hier anstellten, gipfelten
darin, dafi es dem Geistesforscher wohl bekannt ist, wie wir gegenwar-
tig, trotzdem in der Aufienwelt gewissermafien der Hohepunkt, der
Kulminationspunkt materialistischer Anschauung, materialistischer
Gesinnung herrscht, wie wir trotzdem geistig in dem Anfangszeitlaufe
einer Entmaterialisierung der Gedanken, der Vorstellungswelten stehen,
was dann im Laufe der Zeit auch zu einer Vergeistigung, zu einem
Durchdringen mit dem Geiste des Erdenlebens als solchem fuhren
mufi. Denn dasjenige, was das aufiere Leben des physischen Planes er-
greifen soli, es mufi ja zuerst ergriffen werden von einigen und dann
von immer mehr und mehr Menschen im geistigen Begreifen, im geisti-
gen Erfassen. Und Geisteswissenschaft soli in dieser Beziehung ein An-
fang davon sein, dafi die Menschen sich erheben in ihren Seelen zu
dem, wozu sich heute schon die Seelen erheben konnen, wenn sie wol-
len, und wovon das aufiere physische Leben noch kein Abbild ist, was
es aber werden muf5, wenn die Erde nicht gewissermafien versumpfen
soli im Niedergang der materialistischen Entwickelung. Man konnte die
Situation des heutigen Menschen dadurch bezeichnen, dafi man sagt,
seine Seele ist eigentlich im allgemeinen ganz nah der geistigen Welt;
aber die Vorstellungen und namentlich die Empfindungen, die aus der
materialistischen Weltauffassung und materialistischen Weltgesinnung
kommen, haben einen Schleier vor dasjenige gewoben, was im Grunde
genommen heute ganz nahe vor der menschlichen Seele steht. Der Zu-
sammenhang des physischen Erdendaseins - in dem doch der heutige
Mensch, trotz mancherlei Deklamationen, die nach anderer Richtung
hin gemacht werden, steht, mit seinem ganzen Wesen steht -, der Zu-
sammenhang zwischen diesem materialistischen Erdendasein und der
geistigen Welt kann von den Menschen gefunden werden, wenn der
Mensch versucht, innere, mutvolle Krafte zu entwickeln, urn nicht nur
dasjenige zu begreifen, was er begreifen kann dadurch, daft es sich vor
seine aufieren Sinne als Natur malt, sondern auch dasjenige zu begrei-
fen, was unsichtbar bleibt, was ubersinnlich bleibt, womit man sich
aber vereinigen und es erleben kann, wenn man die innere Kraft der
Seele so weit aufriittelt, dafi man merkt, daft in dieser inneren Kraft der
Seele ein iibermenschliches Geistiges mitlebt.
Dieser Zusammenhang darf nun nicht so gesucht werden, wie heute
menschliche Zusammenhange gesucht werden und menschliche Zu-
sammenhange verfolgt werden im groben aufieren Sinnesdasein. Denn
der Zusammenhang zwischen der Menschenseele und der geistigen Welt
wird gefunden werden in intimen Kraften der menschlichen Seele; in
Kraften, welche diese menschliche Seele entwickelt, wenn sie Aufmerk-
samkeit entfaltet, innere, stille, ruhige Aufmerksamkeit, zu der sich der
Mensch erst wiederum erziehen muf5, nachdem er im materialistischen
Zeitalter gewohnt worden ist, Aufmerksamkeit auf dasjenige allein zu
verwenden, was sich ihm mit Wucht von aufien aufdrangt, was gewis-
sermafien an das Auffassungsvermogen heranschreit. Der Geist, der im
Innern erlebt werden soli, der schreit nicht, der lafit auf sich warten,
und man kommt ihm nahe, wenn man versucht, sich vorzubereiten auf
dieses Nahekommen. Wenn man sagen kann gegemiber den Dingen der
Aufienwelt, die vor unsere Sinne sich hinstellen, die der aufieren Wahr-
nehmung sich aufdrangen: sie kommen heran, sie sprechen zu uns, so
kann man ein ahnliches Wort nicht anwenden auf die Art und Weise,
wie der Geist, die geistige Welt, an uns herankommt. Da die heutige
Sprache, wie ich oft schon gesagt habe, mehr oder weniger gepragt ist
fur die aufiere physische Welt, so ist es ja schwierig, Worte zu finden,
die ein genaues Abbild desjenigen sind, was in der geistigen Welt vor
der Seele steht. Aber man kann annaherungsweise doch versuchen zu
zeigen, wie andersartig das Geistige an den Menschen herankommt als
das Physische. Man mochte da sagen, das Geistige wird erlebt, indem
man in jenem Augenblick, da man es erlebt, das Gefuhl hat: man ver-
dankt sich ihm. Fassen Sie dieses Wort genau auf: Man verdankt sich
der geistigen Welt.
Der physischen Welt stehen wir so gegeniiber, dafi wir sagen: Vor
unseren Sinnen breitet sich aus das Mineralreich, aus demselben her-
vorgehend das Pflanzenreich, das Tierreich, und dann unser eigenes
Reich, das menschliche. Und innerhalb des menschlichen fiihlen wir
uns gewissermafien als obenstehend in der Aufeinanderfolge dieser au-
fieren Reiche. Gegeniiber den geistigen Reichen fiihlen wir uns unten-
stehend und die anderen Reiche iiber uns sich erhebend, die Reiche der
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Und man fiihlt sich so,
dafi man sich in jedem Augenblick gegeniiber diesen Reichen fiihlt als
von ihnen erhalten und im Grunde fortwahrend ins Leben gerufen.
Man verdankt sich diesen Reichen. Man blickt zu ihnen auf, indem man
sagt: Das eigene Leben, der eigene Seeleninhalt flieflt aus den willens-
vollen Gedanken der Wesen dieser Reiche hernieder und bildet uns
fortwahrend. Dieses Gefiihl des Sich-Verdankens den hoheren Reichen
sollte bei den Menschen ebenso lebendig entwickelt werden wie das
Gefiihl, sagen wir, dafi man von auflen Eindriicke bekommt in der phy-
sischen Wahrnehmung. Wenn diese beiden Empfindungen - die aufie-
ren sinnlichen Dinge wirken auf uns, und dasjenige, was im Mittelpunkt
unseres Wesens lebt, ist verdankt den hoheren Hierarchien -, gleich le-
bendig in unserer Seele sind, dann ist die Seele in jenem Gleichgewicht,
wo sie fortdauernd wahrnehmen kann in der rechten Weise das Zu-
sammenwirken des Geistigen und des Physischen, das ja fortdauernd
stattfindet, das aber ohne das Gleichgewicht dieser beiden charakteri-
sierten Empfindungen eben nicht wahrgenommen werden kann.
Die Entwickelung in die Zukunft hinein mufi nun so geschehen, dafi
der Erdenentwickelung durch das Vorhandensein dieser beiden Emp-
findungen in der Menschenseele Krafte zuwachsen, welche ihr in der
heutigen materialistischen Zeit nicht zuwachsen konnen. Wir wissen ja,
dasjenige, was hier gemeint ist, das deutet auf etwas hin, das sich gar
sehr im Laufe der Menschheitsentwickelung geandert hat. Der Zusam-
menhang mit der geistigen Welt war in einer, allerdings dumpf bewufi-
ten Form, nur in der Urzeit der Menschheitsentwickelung vorhanden.
Die Menschen hatten in der Urzeit ihrer Entwickelung nicht nur die
beiden Zustande, die sie jetzt haben, Wachen und Schlafen und dazwi-
schen ein chaotisches Traumen, sondern sie hatten einen die Wirklich-
keit vermittelnden dritten Zustand, der nicht blofi ein Traumen war,
sondern ein Auffassen in Bildern, wenn auch das Bewufitsein herabge-
dampft war; ein Auffassen in Bildern, aber in Bildern, welche entspra-
chen einer geistigen Wirklichkeit. Zur Entwickelung des menschlichen
Erdenvollbewufitseins mufite, wie wir wissen, diese Art der Auffassung
der Welt beim Menschen zuriicktreten. Der Mensch ware nicht frei ge-
worden, wenn dieser Zustand verblieben ware. Der Mensch ware nicht
frei geworden, wenn er nicht alien Gefahren und Anfechtungen und
Versuchungen des Materialismus ausgesetzt gewesen ware. Aber der
Mensch mufi auch wiederum den Weg zuriickfinden zur geistigen Welt,
die er ergreifen mufi im vollen irdischen Bewufksein.
Dies hangt zusammen mit ganz weiten Vorstellungskomplexen, die
sich mit alledem geandert haben im Laufe der Menschheitsentwicke-
lung, was sich so geandert hat, wie wir es jetzt angedeutet haben. Das
Zusammenleben mit den aus diesem physischen Dasein hinweggegan-
genen Seelen war einfach fur die Urzeit der Menschen ein selbstver-
standliches, das man nicht zu beweisen brauchte, denn in jenem Be-
wufttseinszustand, wo die Menschen in Bildern die geistige Welt wahr-
nahmen, lebten sie auch zusammen mit denjenigen, die irgendwie durch
Karma mit ihnen verbunden waren im Leben und durch des Todes
Pforte in die geistige Welt hinein gegangen waren. Sie wuflten einfach:
Die Toten sind vorhanden; sie sind nicht tot, sie leben; sie leben nur in
einer anderen Form des Daseins. - Dasjenige, was man wahrnimmt,
braucht nicht erst bewiesen zu werden. Uber Unsterblichkeit brauchte
man in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht nachzudenken,
denn man erlebte die sogenannten Toten. Aber weitgehende andere
Wirkungen hatte dieses Zusammenleben mit den Toten. Die Toten fan-
den die Mdglichkeit leichter als in der Gegenwart - ich sage nicht, dafi
sie sie in der Gegenwart nicht finden, aber ich sage, sie fanden die Mog-
lichkeit leichter als in der Gegenwart durch die Menschen, denn dies
ist der Weg, auf dem das geschehen kann, hier auf der Erde mitzuwir-
ken bei dem, was auf der Erde geschieht. So dafi dasjenige, was auf der
Erde geschieht, in jenen Urzeiten der Menschheit so geschehen ist, dafi
in den Willensimpulsen der Menschen, in dem, was die Menschen sich
vornahmen, was sie taten, mit die Toten wirkten.
Der Materialismus hat wahrhaftig nicht nur materialistische Vorstel-
lungen heraufgebracht - das ware der allergeringste Schaden, denn ma-
terialistische Vorstellungen als solche schaden am allerwenigsten -, der
Materialismus hat eine ganz andere Form des Zusammenseins mit der
geistigen Welt heraufgebracht. Es ist in viel geringerem Mafte moglich
geworden, daft die sogenannten Toten durch die sogenannten Lebendi-
gen sich hier in der Evolution der Erde betatigen. Auch zu diesem Zu-
sammenhang mit den Toten mufi die Menschheit wiederum zuriickkeh-
ren. Das wird aber nur moglich, wenn die Menschheit gewissermaften
lernt, die Sprache der Toten zu verstehen. Und die Sprache, in der man
sich mit den Toten verstandigen kann, ist eben keine andere als die
Sprache der Geisteswissenschaft. Gewift, es schaut zunachst so aus, als
ob dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft vermittelt, von mehr
oder weniger blofi zu einer geistigen Gelehrsamkeit sprechenden Dingen
handelt, von Weltenentwickelung, von Menschheitsentwickelung, von
der Gliederung der Menschennatur, was vielleicht Dinge sind, von de-
nen mancher sagen mochte, es interessiere ihn nicht; er wolle etwas an-
deres haben, was sein Herz, sein Gemiit warm macht. Gewifi, das letz-
tere ist eine gute Forderung, es handelt sich darum, wie weit man im
ganzen Zusammenhang mit einer gewissen Art der Befriedigung einer
solchen Forderung kommt. Wir lernen scheinbar nur kennen, wie sich
die Erde auf Saturn, Sonne, Mond entwickelt hat, wie sich die ver-
schiedenen Kulturepochen auf der Erde entwickelt haben, wie sich die
Menschenwesenheit gliedert. Aber indem wir uns den Gedanken an
diese nur scheinbar abstrakten, in Wirklichkeit sehr konkreten Dinge
hingeben, indem wir uns bemuhen, so zu denken, daft diese Dinge
wirklich in Bildern vor unseren Seelen stehen, lernen wir, mit einer be-
stimmten Art uns in Gedanken und Vorstellungen zu bewegen, die wir
auf eine andere Weise nicht unserer Seele beibringen konnen. Wenn wir
richtig fiihlen, wie unser ganzes Vorstellen anders wird dadurch, daft
wir uns mit solchen geisteswissenschaftlichen Dingen beschaftigen,
dann kommt eine Zeit, wo wir es ebenso absurd finden, zu sagen: uns
interessiert nicht, uns mit diesen Dingen zu beschaftigen, wie wir es bei
dem Kinde absurd finden wiirden, wenn es sagte, mich interessiert es
nicht, das gleichgultige ABC kennenzulernen, sondern ich will spre-
chen konnen! Gegeniiber dem, was die lebendige Sprache uns vermit-
telt, ist dasjenige, was das Kind mit seinem leiblichen Dasein vereinigen
mufi im Sprechenlernen, ebenso ein Abstraktes, wie ein Abstraktes ist
dasjenige, was an Vorstellungen die Geisteswissenschaft liefert zu dem,
was aus dem Denken, aus dem ganzen Vorstellen und Empfinden der
Seele wird unter dem Einfluft dieser geisteswissenschaftlichen Vorstel-
lungen.
Dazu allerdings ist notwendig, daft man Geduld hat und dafi man
dasjenige, was die Geisteswissenschaft enthalt, nicht seinem abstrakten
Inhalt nach, sondern seinem Lebensinhalt nach annimmt. Das liegt nun
dem heutigen Menschen mit Bezug auf dasjenige, was wir jetzt in Aus-
sicht nehmen, ganz besonders fern. In anderer Beziehung freilich na-
turgemafi auch wiederum nahe. Denn der heutige Mensch ist gewohnt,
moglichst zufrieden zu sein, wenn er sich eine gewisse Sache, ein
Kunstwerk auf irgendeinem Gebiete oder irgendeinen wissenschaftli-
chen Inhalt, einmal vor die Seele geriickt hat. Und wenn ein zweites
Mai dasselbe vor die Seele tritt, liegt es heute so nahe, zu sagen, das
kenne ich ja schon, damit habe ich mich schon einmal befaftt. - Das ist
das Leben in Abstraktion. Auf einem anderen Gebiete, wo man das
Leben seinem Lebensinhalte nach nimmt, seiner Lebenswirklichkeit
nach, verfahrt man nicht so. Denn man wird nicht leicht einen Men-
schen treffen, dem man ein Mittagsmahl vorsetzt, und der sich damit
entschuldigt, nicht essen zu wollen, da er ja gestern oder vorgestern ge-
gessen habe. Da vollfuhrt der Mensch immer wieder und wiederum
dasselbe. Das Leben lebt in Wiederholung des Gleichen. Soil das Gei-
stige auch wirkliches Leben werden - und ohne dafi es Leben wird,
kann es uns nicht in Zusammenhang bringen mit der universellen gei-
stigen Welt -, so muft es in unserer Seele gewissermafien nachgebildet
werden dem, was die Gesetze des Lebens in der ja auch aus dem Geiste
heraus gebildeten, aber erstarrten physischen Welt sind. Und insbeson-
dere werden wir gewahr, dafi mit unserer Seele viel vorgeht, wenn wir
in einer gewissen rhythmischen Regelmafiigkeit solche Eindriicke auf
die Seele wirken lassen, welche eine gewisse Freiheit des Denkens, eine
gewisse Emanzipiertheit des Denkens von der physischen Welt voraus-
setzen. Alles Heil, konnte man sagen - wenn man dieses sentimentale
Wort anwenden darf -, alles Heil der geistigen Entwickelung des Men-
schen hangt davon ab, dafi der Mensch sich dazu bequeme, das Geistige
wirklich nicht in dem Sinne blofi zu nehmen, wie es heute blofl ge-
nommen wird, was charakterisiert werden kann mit dem: Oh, das
kenne ich schon, damit habe ich mich schon beschaftigt sondern es
im Lebenssinne zu nehmen, was immer verkniipft ist mit Wiederho-
lung, mit einem, ich mochte sagen, Hintreten derselben Wirkung an
dieselbe Stelle. Gerade wenn wir uns angelegen sein lassen, unsere Seele
von geistigem Leben also zu durchsetzen, dann steigert sich auch unsere
geistige innere Aufmerksamkeitsfahigkeit. Sie wird so intim, dafi wir
jene wichtigen Momente innerlich seelisch ins Auge fassen konnen, in
denen die, ich mochte sagen, am meisten zum Herzen sprechenden
Zusammenhange mit der geistigen Welt sich entwickeln konnen.
Zum Beispiel ist ein bedeutungsvoller Augenblick fiir den Verkehr
mit der geistigen Welt derjenige des Einschlafens und derjenige des
Aufwachens. Nun, der Augenblick des Einschlafens, der wird ja weni-
ger fruchtbar sein fiir die meisten Menschen im Anfang ihrer geistigen
Entwickelung, weil man eben hinterher eingeschlafen ist und damit das
Bewufltsein so herabgetriibt ist, dafi man das Geistige nicht wahr-
nimmt. Aber sehr fruchtbar kann werden der Augenblick des Uber-
gehens aus dem Schlafen in das Wachen, wenn wir uns angewohnen,
diesen Augenblick nicht einfach unaufmerksam zu iibertauchen, sondern
wenn wir versuchen, Aufmerksamkeit auf inn zu wenden, wenn wir
versuchen, aufzuwachen so, dafi das Bewufitsein gekommen ist, aber
die Aufienwelt nicht gleich mit ihrer groben Brutalitat an uns herantritt.
In dieser Beziehung liegt in Volksgebrauchen, die aus alten Zeiten her-
stammen, viel Richtiges, das man heute noch wenig versteht. Das einfa-
che Volk, das noch nicht beleckt ist von der intellektuellen Kultur,
sagt: Wenn man aufwacht, soli man nicht gleich ins Licht schauen. -
Also nicht gleich von aufien einen brutalen Eindruck haben, sondern
etwas in dem Zustand bleiben des Erwachtseins, aber noch nicht Ein-
driicke bekommen von der aufieren Welt.
Wenn man dieses beobachtet, bleibt die Moglichkeit, gerade in diesem
Moment des Aufwachens zu sehen, wie die karmisch mit uns verbun-
denen Toten an uns herankommen. Sie kommen nicht nur in diesem
Augenblick an uns heran, aber dieser Augenblick ist derjenige, wo
wir sie am besten wahrnehmen konnen. Und wir nehmen in diesem
Augenblick nicht nur das wahr, sondern wir nehmen auch wahr, was
in der Zeit aufier diesem Augenblick zwischen den Toten und uns
vorgeht. Denn die Wahrnehmung, die Perzeption der geistigen Welt,
ist nicht in der gleichen Weise an die Zeit gebunden wie die Wahr-
nehmung der physischen Welt. Hierin liegt sogar eine Schwierigkeit
in bezug auf das Auffassen der geistigen Welt und ihrer Wesenheit.
Ein Augenblick des Wahrnehmens kann uns aus der geistigen Welt
etwas iiber einen weiten Zeitraum sich Erstreckendes eben ganz mo-
mentan, ganz augenblicklich enthullen. Die Schwierigkeit liegt darin,
Geistesgegenwart genug zu haben, um dasjenige, was iiber weitere
Zeitraume ausgedehnt ist, im Moment aufzufassen. Denn der Moment
kann, wie dies meistens der Fall ist, im Status nascens voriibergehen.
Im Entstehen ist zugleich die Sache wieder vergessen. Das ist iiber-
haupt eine Schwierigkeit des Erfassens der geistigen Welt. Wurde diese
Schwierigkeit nicht vorliegen, so wiirden, namentlich in der Gegenwart,
sehr viele Menschen die Eindriicke der geistigen Welt schon empfangen.
Aber auch in anderen Lebensmomenten ist die Moglichkeit da, daft
die geistige Welt in uns hineindringt. Zum Beispiel jedesmal, wenn wir
einen Gedanken so entwickeln, daft der Gedanke aus uns entspringt.
Wenn wir uns einfach dem Leben iiberlassen, wenn wir so im Leben
hinschwimmen, dann ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daft die
echte, die wahre, die innerlich lebendige geistige Welt in uns herein-
wirkt; aber in dem Moment, wo wir innerlich eine Initiative ergreifen,
wo wir vor eine Entscheidung gestellt sind, daft wir uns selbst ent-
schlieften miissen, sei es auch in den kleinsten Dingen, da ist auch wie-
derum der gunstigste Zeitpunkt da, daft namentlich die karmisch mit
uns verbundenen Toten in unsere Bewufttseinssphare hereinkommen.
Es brauchen solche Augenblicke nicht wichtige Augenblicke in dem
Sinne zu sein, was man so «wichtig» nennt im aufteren materiellen Le-
ben. Es ist wirklich so, daft zuweilen dasjenige, was fur die geistige Er-
fahrung wichtig ist, nicht wichtig erscheint im aufteren Leben. Aber fur
den, der solche Dinge durchschaut, scheint es aufterordentlich klar zu
sein, daft solche, vielleicht aufterlich unwichtige, innerlich aufterordent-
lich wichtige Ereignisse, die da eintreten, tief karmisch bedingt sind. So
ist es schon notwendig, intimere Seelenvorgange zu betrachten, wenn
man zum Verstandnis der geistigen Welt kommen will. So zum Beispiel
kann es sich herausstellen, daft ein Mensch auf der Strafte geht oder in
seinem Zimmer sitzt und irgendein unerwarteter Knall, ein unerwarte-
ter Schall sich ereignet. Er erschrickt. Er kann einen Moment des Be-
sinnens nach diesem Erschrecken ha ben, der ihm zeigt: Wahrend dieses
Erschreckens ist ihm aus der geistigen Welt Wichtiges geoffenbart wor-
den. Man mufi auf solche Dinge nur die Aufmerksamkeit wenden. Zu-
meist wendet der Mensch deshalb nicht die Aufmerksamkeit auf diese
Dinge, weil er sich nur mit dem Erschrecken beschaftigt. Er denkt nur,
wie er erschrocken ist. Daher ist es so wichtig, in der Weise, wie Sie es
angedeutet finden konnen in meinem Buche «Theosophie» am Schlusse,
oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», sich
Gleichgewicht der Seele zu erwerben. Denn erwirbt man sich dieses
Gleichgewicht der Seele, ist man nicht so perplex nach dem Erschrek-
ken, daft man nur diesem Erschrecken sich hingibt, dann wird sich
schon aufdrangen, wenn auch in intimer Weise, was man gerade in
einem solchen, eben scheinbar unwichtigen, innerlich aber durchaus
wichtigen Augenblick erlebt hat.
Das alles sind natiirlich Anfange, die sich weiter entwickeln miissen.
Denn indem wir diese Dinge entwickeln: Aufmerksamkeit auf den
Moment des Aufwachens, Aufmerksamkeit auf den Moment, wo wir
aufgeriittelt werden von auften nach der einen oder anderen Seite -, ler-
nen wir wieder auf finden den Zusammenhang mit dem groften Kosmos,
der stofflich und geistig ist, in dem wir als ein Glied drinnen stehen und
aus dem wir herausgekommen sind; herausgekommen allerdings sind
dazu, um freie Menschen zu werden, aber wir sind eben herausgekom-
men. In Wahrheit ist es schon so, wie der Mensch auch in der Urzeit
angenommen hat, daft er nicht so verloren, gewissermaften wie ein Wei-
ten-Eremit, auf der Erde herumgeht, was jetzt geglaubt wird. Sondern
wahr ist es schon, was der Mensch der Urzeit angenommen hat, daft er
ein Glied ist in dem ganzen groften kosmischen Zusammenhang, wie
ein Finger ein Glied ist an unserem Organismus. Dieses Gefiihl hat man
heute nicht mehr, wenigstens die Mehrzahl der Menschen hat es nicht,
ein Glied zu sein im groften Weltenorganismus, soweit er als Geistiges
sich in einem Sichtbaren auslebt. Trotzdem konnte heute ein gewohn-
liches wissenschaftliches Nachdenken den Menschen schon lehren, daft
er mit seinem Leben ein solches Glied der ganzen Weltenordnung ist,
in der er als Organismus drinnensteht. Nehmen Sie etwas sehr Einfa-
ches, was jeder durch eine einfache Rechnung sich sagen kann.
Nicht wahr, wir wissen alle, dafi die Sonne im Friihling, am 21. Marz,
an einem bestimmten Punkt des Himmels aufgeht. Wir nennen diesen
Punkt den Friihlingspunkt. Wir wissen aber auch, daft dieser Friih-
lingspunkt nicht jedes Jahr derselbe ist, sondern dafi er fortriickt. Wir
wissen, daft jetzt die Sonne in den Fischen aufgeht. Vor dem funfzehn-
ten Jahrhundert ist sie im Widder aufgegangen. Die Astronomie hat das
beibehalten, «im Widder» zu sagen, aber das stimmt nicht mit der
Wirklichkeit. - Diese Nebenbemerkung ist in diesem Augenblick nicht
wichtig. - Also dieser Friihlingspunkt riickt vor; immer ein Snick wei-
ter vorgeriickt im Tierkreis geht die Sonne im Friihling auf. Daraus ist
leicht zu sehen, dafi sie in einer gewissen Zeit durch den ganzen Tier-
kreis wandelt, daft der Aufgangspunkt durch den ganzen Tierkreis
wandelt. Nun, die Zeit, die notwendig ist, damit die Sonne so durch
den ganzen Tierkreis wandelt, ist etwa 25 920 Jahre. Also wenn Sie den
Friihlingspunkt in einem gewissen Jahr nehmen: im nachsten Jahr ist er
vorgeriickt, im nachsten Jahr wieder vorgeriickt. Vergehen 25 920 Jahre,
so kommt der Friihlingspunkt wieder auf denselben Punkt zuriick. Also
25 920 Jahre ist ein fur unser Sonnensystem aufierordentlich bedeu-
tungsvoller Zeitraum: Die Sonne vollendet einen Weltenschritt, mochte
ich sagen, indem sie in ihrem Friihlingsaufgang auf denselben Punkt
zuriickkehrt. Nun hat Plato, der grofie griechische Philosoph, diese
25 920 Jahre ein Weltenjahr genannt - das grofie platonische Welten-
jahr. Merkwiirdig ist nun - schon sehr merkwiirdig, aber wenn man auf
diese ganze Merkwiirdigkeit eingeht, unendlich tief bedeutungsvoll
erscheinend - das Folgende.
Normal hat der Mensch in der Minute 18 Atemzuge. Sie andern sich:
In der Kindheit sind sie etwas zahlreicher, im Alter weniger zahlreich,
aber durchschnittlich sind beim normalen Menschen 18 Atemzuge rich-
tig. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel das Atemzuge in einem Tage
macht. Es ist eine einfache Rechnung: 18 mal 60, dann haben wir in
einer Stunde 1080; das mal 24, die Stunden am Tage, ergibt 25 920
Atemzuge in einem Tage. Sie sehen daraus, dafi dieselbe Zahl gewis-
sermafien regiert den menschlichen Tag mit Bezug auf seine Atemzuge,
wie das grofie Weltenjahr durch diese Zahl regiert wird im Umgang des
Friihlingspunktes durch den Tierkreis.
Das ist eines der Zeugnisse, welches uns zeigt, dafi wir nicht blofi so
eine allgemeine, verschwommene, dunkel-mystische Redensart gebrau-
chen, wenn wir sagen: Mikrokosmos - Abbild des Makrokosmos, son-
dern dafi der Mensch wirklich in einer wichtigen Tatigkeit, von der sein
Leben in jedem Augenblick abhangt, von derselben Zahl regiert wird,
von demselben Mafi regiert wird, wie der Sonne Umlauf, in den er
hineingestellt ist.
Aber jetzt nehmen wir einmal noch etwas anderes: Nicht wahr, das
Patriarchenalter, wie es gewdhnlich genannt wird, ist 70 Menschenjah-
re. 70 Menschenjahre sind naturlich nicht eine unbedingt bindende Zahl
fur den Menschen. Man kann selbstverstandlich viel alter werden, aber
der Mensch ist eben ein freies Wesen und iibersteigt zuweilen weit sol-
che Grenzpunkte. Aber halten wir uns an diese Patriarchenzeit und sa-
gen wir: Der Mensch lebt durchschnittlich, normal, 70 bis 71 Jahre.
Und untersuchen wir, wieviel Tage das sind, dann haben wir, nicht
wahr, 365,25 Tage fur das Jahr. Nehmen wir zunachst dieses mal 70, da
haben wir 25 567,5; und nehmen wir 71, so hatten wir 365,25 mal 71 =
25 932,75. Sie sehen, bei 70 Jahren bekommen wir 25 567,5 Tage, bei
71 Jahren 25 932,75 Tage. Daraus ersehen Sie aber, dafi zwischen 70
und 71 Jahren eben der Zeitpunkt liegt, wo das menschliche Leben ge-
nau 25 920 Tage umfafit, so dafi das Patriarchenalter eben dasjenige ist,
welches 25 920 Tage umfafit. Sie haben also den menschlichen Tag
dadurch bestimmt, dafi er 25 920 Atemziige hat. Sie haben die mensch-
liche Lebenszeit dadurch bestimmt, da!5 sie 25 920 Tage zahlt.
Nun wollen wir noch etwas untersuchen. Und das ist jetzt nicht
schwer. Sie werden leicht einsehen, dafi, wenn ich 25 920 Jahre, die der
Sonnen-Friihlingspunkt braucht, um durch den Tierkreis hindurchzu-
gehen, dividiere durch 365,25, so mufi ich herausbekommen ungefahr
70 oder 71. Da bekomme ich 70 bis 71 heraus, denn ich habe es durch
Multiplikation auch erhalten. Das heifit, wenn ich das platonische Jahr
so behandle, dafi es eben ein grofies Jahr ist, und ich es dividiere, so
dafi ich einen Tag herausbekomme, so werde ich bekommen, was dann
der Tag fur das platonische Jahr ist. Was ist das? Das ist ein menschli-
cher Lebenslauf . Ein menschlicher Lebenslauf verhalt sich zum platoni-
schen Jahr wie ein Tag des Menschen zu einem Jahr.
Die Luft ist um uns herum. Wir atmen sie ein und atmen sie aus. Sie
ist zahlenmafiig so geregelt, daft sie, indem sie 25 920 mal geatmet wird,
unseren Lebenstag abgibt. Was ist denn aber eigentlich dasjenige, was
nun ein Lebenstag ist? Ein Lebenstag besteht ja darin, daft wiser Ich
und Astralleib aus unserem physischen Leib und Atherleib herausgehen
und wieder hineingehen. So daft Tag auf Tag sich das folgt: Das Ich
und der Astralleib gehen hinaus, gehen hinein, gehen hinaus, gehen
hinein, so wie der Atem aus- und eingeht. Viele unserer Freunde wer-
den sich erinnern, daft ich sogar, um die Sache klarzumachen, in offent-
lichen Vortragen diesen Wechsel von Wachen und Schlafen mit einem
langen Atemzug verglichen habe. So wie wir beim Atemzug die Luft
aus- und einatmen, so gehen, indem wir aufwachen und einschlafen,
Astralleib und Ich in den Atherleib und physischen Leib hinein und
hinaus. Damit aber ist nichts anderes gesagt, als: Es gibt ein Wesen, es
kann ein Wesen vorausgesetzt werden, welches atmet, so wie wir atmen
in einer achtzehntel Minute, ein Wesen, welches atmet, und dessen
Atmen unser Aus- und Eingehen des Astralleibes und des Ich bedeutet.
Dieses Wesen ist nichts anderes als das wirklich lebendige Erdenwesen.
Indem die Erde Tag und Nacht erlebt, atmet sie, und ihr Atemprozeft
tragt unser Schlafen und Wachen auf seinen Flugeln. Das ist der At-
mungsprozefi eines grofteren Wesens. Und jetzt nehmen Sie den At-
mungsprozeft eines grofteren Wesens, der Sonne, die da herumgeht. So
wie die Erde einen Tag zubringt mit dem Herauslassen und Hereinho-
len des Ich und Astralleibes in den Menschen, so bringt das grofte, aber
geistig der Sonne entsprechende Wesen uns Menschen hervor; denn die
70 bis 71 Jahre sind ja, wie wir nachgewiesen haben, ein Tag des Son-
nenjahres, des groften platonischen Jahres. Unser gesamtes Menschen-
leben ist eine Aus- und Einatmung dieses groften Wesens, dem das pla-
tonische Jahr zugeteilt ist. Sie sehen: Wir haben einen kleinen Atem in
einer achtzehntel Minute, der unser Leben regelt; wir stehen im Leben
der Erde drinnen, deren Atemzug Tag und Nacht umfafit: das ent-
spricht unserem Hinaus- und Hereingehen des Ich und Astralleibes in
den physischen und Atherleib; und wir sind selber hereingeatmet von
dem grofien Wesen, dem der Sonnenumlauf entspricht als sein Leben,
und unser Leben ist ein Atemzug dieses grofien Wesens. Nun sehen
Sie, wie wir im Makrokosmos drinnenstehen, wirklich drinnenstehen
als ein Mikrokosmos, derselben Gesetzmafligkeit in bezug auf die uni-
versellen Wesen unterliegend, wie der Atemzug in uns unserem
menschlichen Wesen unterliegt. Da regiert Zahl und Mafi. Aber was
das Groftartige, Bedeutungsvolle und uns tief zu Herzen Gehende ist:
Zahl und Mafi regiert in gleicher Art den grofien Kosmos, den Makro-
kosmos und den Mikrokosmos. Es ist nicht eine blofie Redensart, es ist
nicht blofi etwas mystisch Erf unites, sondern etwas, was uns gerade die
weisheitsvolle Betrachtung der Welt lehrt, daft wir als Mikrokosmos in
dem Makrokosmos drinnenstehen.
Wenn man solche ja ganz einfache Rechnungen macht - denn sie sind
naturlich mit den allergebrauchlichsten wissenschaftlichen Zahlen zu er-
reichen -, und hat nicht ein Herz wie ein Holzklotz, sondern ein fur
die Geheimnisse des Weltendaseins fiihlendes Herz, dann hort auch der
Satz: Wir sind in das Weltenall hineingestellt - auf, ein blofi abstrakter
Satz zu sein; er wird ein sehr lebendiger. Ein Wissen bluht auf, ein
Fuhlen, und tragt seine Friichte in den Willensimpulsen, und der ganze
Mensch lebt das grofie Leben des gottlichen Weltenseins mit. Das ist
aber der Weg, auf dem wir gewissermaflen den Anschlufi finden in die
geistige Welt hinein, und der mufi gefunden werden in der Zeit, auf die
wir ja hinwiesen in der letzten Betrachtung, in der der Christus auf der
Erde atherisch wandelt. Ich habe letzthin sogar auf das Jahr hingewie-
sen, in dem er begonnen hat, atherisch auf unserer Erde zu wandeln. Er
mufi gefunden werden! Die Menschen mussen sich nur gewohnen, den
Zusammenhang, den intimen Zusammenhang erst wahrzunehmen, der
schon aus dem Weltendasein heraus sich ergibt und der bewirken raufi,
wenn er wahrgenommen wird, daft das Bedurfnis, der intensive Trieb
entsteht, diesen Anschlufi an die geistige Welt zu suchen. Denn es wird
gar nicht mehr lange dauern, dann werden die Menschen wenigstens
gezwungen sein, eines einzusehen, das ist das Folgende.
Man kann zwar die geistige Welt ableugnen, wenn man durch den
Materialismus abgestumpft ist, aber man kann nicht in sich die Krafte
ertoten, die fahig sind, mit der geistigen Welt einen Zusammenhang zu
suchen. Hinwegtauschen kann man sich iiber die Existenz einer geisti-
gen Welt, aber ertoten kann man die Krafte in der Seele nicht, welche
geeignet sind, den Menschen mit der geistigen Welt zusammenzubrin-
gen. Das aber hat etwas sehr Bedeutsames im Gefolge, und etwas, was
man wohl beriicksichtigen sollte gerade in unserer Zeit: Krafte, die da
sind, wirken, auch wenn man sie ableugnet. Der Materialist verbietet
den nach dem Spirituellen gehenden Kraften in seiner Seele nicht, dafi
sie wirken; er kann es ihnen nicht verbieten; sie wirken. Also kann
einer Materialist sein, konnen Sie sagen, und die nach dem Spirituellen
gehenden Krafte wirken doch in ihm. Ja, es ist so. Sie wirken in ihm.
Es hilft nichts, sie wirken in ihm. Und was bewirken sie denn? Krafte,
die da sind, konnen zwar in bezug auf ihre ureigene Wirksamkeit un-
terdruckt werden; dann verwandeln sie sich aber in andere Krafte. Und
wenn man die Krafte, die nach dem Spirituellen gehen, nicht verwen-
det, um Verstandnis zu suchen des Spirituellen - ich sage jetzt nur
«Verstandnis» zu suchen des Spirituellen, mehr braucht man zunachst
nicht -, wenn man diese Krafte nicht dazu verwendet, dann verwandeln
sie sich in Illusionskraft im menschlichen Leben. Dann wirken sie so,
daft der Mensch sich im gewohnlichen Leben in bezug auf die aufiere
Welt alien moglichen Illusionen hingibt. Das ist in unserer Zeit nicht so
unbedeutsam einzusehen, denn in keiner Zeit haben die Menschen ge-
wissermafien mehr phantasiert als in unserer Zeit, obwohl sie die Phan-
tasie nicht lieben. Das Phantasieren erstreckt sich nicht nur auf be-
stimmte Gebiete. Und man konnte, wenn man anfinge, Beispiele zu
geben, was die Leute phantasieren, da sie doch nur Realisten, Materiali-
sten sein wollen, wirklich auf alle moglichen Gebiete Licht werfen; man
kame an kein Ende. Man konnte anfangen - nun, wir wollen nicht ket-
zerisch sein, aber wenn man zum Beispiel begonne damit, den Blick zu
werfen auf das, was gewisse, sagen wir Staatsmanner, iiber den wahr-
scheinlichen Gang der Ereignisse in der Welt, vielleicht nur vor Wo-
chen, vorausgesagt haben und was dann eingetroffen ist; wenn man
diese Dinge vergleicht, wird man finden, dafi die Illusionsfahigkeit
schon seit vielen Jahren nicht gar klein ist.
Nun, man kann alle Gebiete des Lebens in dieser Weise durchfor-
schen, es ist ganz merkwiirdig, wie man iiberall, Iiberall heute die Illu-
sionsf'ahigkeit ganz bedeutsam entwickelt findet. Diese Illusionsfahig-
keit gibt gerade den Lebensauffassungen und Lebensgesinnungen der
materialistisch gestimmten Leute zuweilen etwas Kindliches, um nicht
zu sagen Kindisches. Wenn man heute sieht, was dazu gehort, damit
Menschen das eine oder andere begreifen, was dazu gehort, sie mit der
Nase drauf zu stofien, dann wird man schon einen Begriff davon be-
kommen, was hier als «kindlich» um nicht zu sagen «kindisch», ge-
meint ist. Nun, so ist es. Wenn die Menschen sich abwenden von der
geistigen Welt, dann miissen sie es damit bezahlen, dafi sie illusions-
fahig werden, dafi sie die Fahigkeit verlieren, zutreffende Begriffe iiber
die aufiere physische Wirklichkeit und ihren Gang zu haben. Sie miis-
sen auf einem anderen Gebiet phantasieren, weil sie an die Wahrheit -
jetzt Wahrheit, ob sie nun auf das geistige oder physische Leben sich
bezieht - sich nicht halten wollen.
Ich habe Ihnen ein naheliegendes Beispiel einmal angefuhrt, und wenn
es auch pro domo gesprochen ist, so ist es doch ein typisches Beispiel:
Man kann immer wiederum ganz verurteilende Besprechungen finden
iiber diejenige Geisteswissenschaft, die von mir vertreten wird. Warum,
das begriinden die Betreffenden damit, dafi sie sagen: Der phantasiert ja
nur alles! Und das ist nicht erlaubt, nur zu phantasieren! - Also die
Menschen wollen nicht mitgehen in die wirkliche geistige Welt, weil sie
das fur Phantasterei halten, und das Phantasieren verachten sie. Und
dann schliefien sie daran allerlei Auseinandersetzungen, die mit der
Wirklichkeit so ubereinstimmen wie das Weifie mit dem Schwarzen,
zum Beispiel iiber meine Abstammung, iiber die Art und Weise dessen,
was ich da oder dort getan habe. Da entwickeln sie die kuhnste Phanta-
sie. Da sehen Sie es unmittelbar nebeneinander gestellt: Flucht vor der
geistigen Welt mit Befahigung zur Illusion! Das bemerkt der Betref-
fende nicht, aber das ist ganz gesetzmafiig. Ein gewisses Quantum von
Kraft ist da gerichtet nach der geistigen Welt; ein gewisses Quantum
von Kraft ist da gerichtet nach der physischen Welt. Wird das nach der
geistigen Welt gerichtete Quantum nicht angewendet, so lenkt es sich
dann nach der physischen Welt, nicht, um dort das Wirkliche und
Wahre zu erfassen, sondern um dort den Menschen in Lebensillusionen
zu stiirzen.
Dies laftt sich nicht im einzelnen Falle gleich so beobachten, daft man
sagen kann: Aha, da ist der; der wird durch seine Abneigung vor der
geistigen Welt in Illusionen gesturzt! - Solche Beispiele findet man
schon, aber man muft sie suchen; daft es aber im Leben nicht so ohne
weiteres sich nachweisen laftt, das kommt davon her, weil das Leben
kompliziert ist und eines das andere beeinfluftt. Es ist immer so, daft
durchaus die starkere Seele die schwachere Seele beeinfluftt. So liegt,
wenn man bei einer Seele ein Stuck Illusionsfahigkeit findet, schon ir-
gendwie der Grund zu dieser Illusionsfahigkeit in einem Haft oder einer
Abneigung vor der geistigen Welt; es braucht nicht in der Seele, die
illusioniert ist, selber zu liegen, sondern es kann suggeriert sein. Denn
auf geistigen Gebieten ist die Ansteckungskraft viel grofter als auf
irgendeinem physischen Gebiete.
Wie das mit dem allgemeinen Menschheitskarma zusammenhangt,
wie diese Dinge iiberhaupt, wenn man sie betrachtet und dieses wich-
tige Gesetz der Metamorphose der Seelenkrafte ins Auge faftt, eine Me-
tamorphose, eine Umwandlung der nach dem Geistigen gewendeten
Krafte zur Illusionskraft, im ganzen Zusammenhang des Lebens wirken
und mit den Entwickelungsbedingungen unserer Gegenwart und der
nachsten Zukunft zusammenhangen, das wird dann Gegenstand der
nachsten Betrachtung sein, wo wir fortfahren werden, dies Heutige
auszufuhren und dann anzuknupfen an das Christus- und auch an das
gegenwartige Zeit-Mysterium, um dann einige Ausblicke wiederum zu
gewinnen fur die Bedeutung der geistigen Anschauung im allgemeinen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 20. Februar, 1917
So recht praktisch gestalten im edelsten Sinne, was wir als Frucht der
Geisteswissenschaft haben konnen, das kann dazu fiihren, zu empfin-
den, wie der Mensch in seinem gewohnlichen aufSeren Menschen den
inneren Menschen, fur die gewohnliche Vorstellung einen durchaus
zweiten Menschen, tragt. In dieser Beziehung bestehen wir wirklich
alle als Menschen aus zwei Wesenheiten, wovon die eine Wesenheit,
welche sich zusammensetzt mehr aus unserem physischen Leib und aus
unserem atherischen Leib, demjenigen angehort, was Auftenwelt ist;
Aufienwelt in dem Sinne, dal5 dieser physische Leib und in gewissem
Sinne auch der atherische Leib Ausgestaltungen und Abbilder, Offen-
barungen sind der uns immer umgebenden gottlich-geistigen Wesenhei-
ten. Unser physischer Leib und unser Atherleib in ihrer wahren We-
senheit, nicht wie wir sie als Menschen zunachst kennen, sind Bilder,
nicht von uns, nicht von unserer Wirklichkeit, sondern Bilder, konnen
wir sagen, der Gotter, die sich ausleben, indem sie so, wie wir Men-
schen unsere Handlungen hervorbringen, hervorbringen unseren physi-
schen Leib und unseren Atherleib und diese beiden zur Entwickelung
bringen. Der innere Mensch ist so, dafi ihm naherliegt der astralische
Leib und das Ich. Dieses Ich und der Astralleib sind fur das Weltenall
junger als der physische Leib und Atherleib. Das wissen wir ja aus den
Mitteilungen, die auch in der «Geheimwissenschaft» verzeichnet sind.
Dieses Ich und der Astralleib, sie sind dasjenige, was gleichsam ruht in
dem Bette, das uns zubereitet wird von den gottlich-geistigen Wesenhei-
ten, die das aufiere Universum durchdringen und offenbaren. Und die-
ses Ich und der Astralleib sollen durch die Erfahrungen, durch die Er-
lebnisse, durch die Priifungen, durch die Schicksalswendungen, die sie
durchmachen durch den physischen und atherischen Leib, allmahlich
aufsteigen zu den Entwickelungsstufen, die wir ja auch schon kennen-
gelernt haben.
Nun stehen wir, wie ich Ihnen schon angedeutet habe das letzte Mai,
in innigsten Beziehungen zu dem ganzen Universum, zu dem ganzen
Kosmos; in solchen Beziehungen, die, wie wir aus einer fliichtigen
Rechnungsskizze das letzte Mai gesehen haben, sogar berechnet werden
konnen, in Zahlen ausgedriickt werden konnen; die sich naturlich in
vielem, vielem anderen noch aufiern, aber, ich mochte sagen, zu unse-
rer Oberraschung in solchen Zahlen sich ausdriicken lassen, wie diese
ist, dafi die Zahl der Atemziige, die der Mensch in einem Tage macht,
gleichkommt der Zahl, welche der Friihlingspunkt der Sonne braucht
an Jahren, um wiederum an seine alte Stelle zuriickzukommen. Solche
zahlenmafiigen Entdeckungen, wenn wir sie gefuhlsmafiig durchdrin-
gen, konnen uns erfiillen mit einem Schauer, mit einem heiligen
Schauer iiber unsere Zusammengehorigkeit mit dem gottlich-geistigen
Universum, wie es sich in alien aufteren Erscheinungen offenbart.
Viel defer aber zeigt sich aus dieser Tatsache, daft wir der Mikro-
kosmos, die kleine Welt sind, die herausgestaltet, herausgeoffenbart ist
aus dem Makrokosmos, aus der grofien Welt, wenn wir solche Tatsa-
chen ins Auge fassen, wie wir sie heute vor unsere Seele riicken wollen,
solche Tatsachen, die ich nennen mochte die drei Begegnungen der
Menschenseele mit den Wesen des Universums. Also sprechen mochte
ich Ihnen heute von den drei Begegnungen der Menschenseele mit den
Wesen des Universums.
Wir wissen ja alle, dafi wir zunachst, so wie wir als Erdenmenschen
wandeln, an uns tragen den physischen Leib und den Atherleib, den
Astralleib und das Ich. Jede von diesen zwei Wesenheiten, die wir an-
gefuhrt haben, tragt wiederum, ich mochte sagen, zwei Unterwesenhei-
ten in sich: der mehr aufiere Mensch den physischen Leib und Ather-
leib, der mehr innere Mensch das Ich und den Astralleib. Nun wissen
wir aber, dafi der Mensch sich weiterentwickeln wird. Die Erde wird
einen Abschlufi erlangen. Die Erde wird sich weiterentwickeln durch
eine Jupiter-, Venus-, durch eine Vulkan-Planetenentwickelung. Da
wird der Mensch von Stufe zu Stufe aufsteigen. Zu seinem Ich, wissen
wir, wird sich hinzuentwickeln eine hohere Wesenheit, die sich in ihm
offenbaren wird: das Geistselbst, das so recht sich offenbaren wird
wahrend der Jupiterentwickelung, die auf unsere Erdenentwickelung
folgen wird. Der Lebensgeist wird sich voll offenbaren im Menschen
wahrend der Venuszeit, und der eigentliche Geistesmensch wird sich
offenbaren wahrend der Vulkanzeit. Wir sehen also, indem wir der
grofien kosmischen Menschenzukunft entgegenblicken, auf diese drei-
stufige Entwickelung des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistes-
menschen. Aber diese drei, die uns gewissermafien erwarten in unserer
Zukunftsentwickelung, sie stehen heute schon in einer gewissen Bezie-
hung zu uns, wenn sie auch noch gar nicht entwickelt sind; denn sie
liegen beschlossen im Schofle der gdttlich-geistigen Wesenheiten, die wir
als hohere Hierarchien kennen gelernt haben. Sie werden uns herausge-
spendet aus diesen hoheren Hierarchien. Und heute schon stehen wir in
Beziehung zu diesen hoheren Hierarchien, die uns in der Zukunft das
Geistselbst, den Lebensgeist, den Geistesmenschen bescheren werden.
So dafi wir einfach sagen konnen, statt dafi wir den komplizierten
Ausdruck gebrauchen «Wir stehen in Beziehung zur Hierarchie der
Angeloi»: «Wir stehen in Beziehung zu dem, was da kommen soli in
der Zukunft, zu unserem Geistselbst. » Und statt dafi wir sagen: «Wir
stehen in Beziehung zu den ArchangeIoi», sagen wir: «Wir stehen in
Beziehung zu dem in der Zukunft kommenden Lebensgeist» und so
weiter.
Und in der Tat, wir Menschen sind in einer gewissen Beziehung
mehr, jetzt schon der Anlage nach mehr - und in der geistigen Welt be-
deuten Anlagen etwas weit Hoheres als in der physischen Welt -, als
blofi dieser viergliedrige Mensch: physischer Leib, Atherleib, Astralleib
und Ich. Wir tragen als Keim schon das Geistselbst in uns, auch den
Lebensgeist, auch den Geistesmenschen. Entwickeln aus uns werden sie
sich spater, aber wir tragen sie als Keim in uns. Und nicht nur so ab-
strakt, dafi wir sie als Keim in uns tragen, ist das zu sagen, sondern die-
ses In-uns-Tragen ist ganz konkret gemeint, denn wir haben mit diesen
hoheren Gliedern unserer Wesenheit Begegnungen, wirkliche Begeg-
nungen. Und diese Begegnungen, die liegen in der folgenden Weise:
Wir wiirden als Menschen immer mehr und mehr dahin kommen, eine
gewisse fur die gegenwartige Entwickelung des Menschen schwer er-
tragliche Entfremdung von allem Geistigen zu fiihlen, wenn wir nicht
von Zeit zu Zeit begegnen konnten unserem Geistselbst. Unser Ich
mufi jenem Hoheren, jenem Geistselbst begegnen, das wir erst entwik-
keln werden und das in einer gewissen Beziehung gleichartig ist mit
Wesenheiten aus der Hierarchie der Angel oi. So dafi man in der popu-
laren Sprache auch sagen kann, wenn wir christlich sprechen: Wir miis-
sen von Zeit zu Zeit begegnen einem Wesen aus der Hierarchie der An-
geloi, das uns besonders nahesteht, weil dieses Wesen, indem es uns
begegnet, an uns geistig dasjenige vornimmt, was uns in die Lage ver-
setzt, einstmals ein Geistselbst aufzunehmen. Und wir miissen eine Be-
gegnung haben mit einem Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi,
weil dieses Wesen dann mit uns etwas vornimmt, was dazu fiihrt, dafi
der Lebensgeist einstmals entwickelt wird und so weiter.
Ob wir im christlichen Sinne dieses Wesen versetzen in die Hierar-
chie der Angeloi, oder ob wir mehr im antiken Sinne sprechen von
dem, was die alteren Volker gemeint haben, wenn sie von dem Genius,
von dem fiihrenden Genius des Menschen sprachen, das ist im Grunde
genommen ganz gleich. Wir wissen, wir leben in einer Zeit, wo es nicht
vielen, sondern nur wenigen Menschen gestattet ist - aber diese Zeit
wird bald anders werden -, hineinzuschauen in die geistige Welt, die
Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt zu schauen. Die Zeit ist
vorbei, aber sie war da, wo man in einem viel umfanglicheren Sinne all-
gemein die Wesenheiten der geistigen Welt und auch die verschiedenen
Entwickelungsvorgange der geistigen Welt geschaut hat. Und in der
Zeit, in der man gesprochen hat von dem Genius eines jeden Menschen,
da hat man auch ein unmittelbar konkretes Anschauen von diesem Ge-
nius gehabt. Dieses konkrete Anschauen war in einer nicht so fern zu-
riickliegenden Vergangenheit so stark noch, dafi die Menschen es be-
schreiben konnten in aller Konkretheit, in aller Sachlichkeit; in einer
Sachlichkeit, die die gegenwartige Menschheit fur Dichtung halt, die
aber nicht als Dichtung gemeint ist. So schildert Plutarch - und ich
mochte die Stelle wortlich mitteilen - das Verhaltnis des Menschen zu
seinem Genius in der folgenden Art [Siehe Hinweise]. Plutarch, der
griechische Schriftsteller, sagt, dafi aufier dem in den irdischen Leib ver-
senkten Teil der Seele ein anderer, reiner Teil derselben auflerhalb, tiber
dem Haupte des Menschen schwebend bleibt, als ein Stern sich darstel-
lend, der mit Recht sein Damon, sein Genius, genannt wird, welcher
ihn leitet, und dem der Weise willig folgt. - Also so konkret schildert
Plutarch das, was er nicht als eine Dichtung, sondern als eine konkrete
aufiere Wirklichkeit meint, dafi er ausdriicklich darauf hinweist: Fiir
das iibrige ist der geistige Teil des Menschen gewissermafien mit dem
physischen Leibe zugleich zu schauen, so dafi der geistige Teil den phy-
sischen in demselben Raume normalerweise ausfiillt; aber, was den Ge-
nius betrifft, den leitenden, fiihrenden Geist des Menschen, der ist noch
als etwas Besonderes aufierhalb des Hauptes fiir jeden Menschen zu se-
hen. - Und Paracelsus, einer der letzten, die ohne besondere Anleitung
oder ohne besondere Veranlagung kraftige Kunde von diesen Dingen
hatten, sagte aus sich heraus ungefahr das gleiche iiber diese Erschei-
nung. Und viele andere. Dieser Genius ist nichts anderes als das
werdende Geistselbst, getragen allerdings von einem Wesen aus der
Hierarchie der Angeloi.
Es ist sehr bedeutsam, sich ein wenig in diese Dinge zu vertiefen;
denn mit dem Sichtbarwerden dieses Genius hat es seine besondere Be-
wandtnis, und die lernt man verstehen, wenn man unter anderem - es
konnte auch von einem ganz anderen Gesichtspunkte zu der Sache ge-
fuhrt werden, aber nehmen wir den einen Gesichtspunkt - das Verhalt-
nis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr untereinander auf-
fafit. Dieses Verhaltnis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr
untereinander, das lehrt uns etwas. Es lehrt uns etwas keineswegs Un-
bedeutsames im Hinblick auf die geistigen Glieder der menschlichen
Wesenheit. Wenn zwei Menschen sich begegnen, und der Mensch nur
imstande ist, mit seinem physisch-sinnlichen Auge diese Begegnung zu
beobachten - nun, da merkt er, dafi sie aufeinander loskommen, dafi sie
sich vielleicht begriifien und dergleichen. Wenn der Mensch aber in der
Lage ist, den Vorgang geistig zu beobachten, so findet er, dafi mit jeder
menschlichen Begegnung wirklich verkniipft ist ein geistiger Vorgang,
der sich unter anderem darin auftert, daft der Teil des Atherleibes, der
den Kopf bildet, so lange als zwei Menschen nebeneinander stehen, ein
Ausdruck wird fiir die auch feinste Sympathie und Antipathie, welche
diese zwei Menschen, die zusammenkommen, einander entgegenbrin-
gen. Nehmen wir an, zwei Menschen begegnen einander, die einander
nicht ausstehen konnen. Nehmen wir den extremen Fall, aber er
kommt ja vor im Leben: Zwei Menschen begegnen einander, die sich
nicht ausstehen konnen, und zwar sei dieses Gefiihl der hervorragenden
Antipathie gegenseitig. Da tritt das ein, daft der Teil des Atherleibes,
der den Kopf bildet, bei beiden Menschen sich aus dem Kopf heraus-
neigt, und die Atherleiber des Kopfes sich zusammenneigen. Gleichsam
wie ein fortdauerndes Kopfneigen mit Bezug auf den atherischen Men-
schen, so stellt sich die Antipathie heraus, wenn zwei Menschen sich
begegnen, die sich eben nicht ausstehen konnen. - Wenn zwei Men-
schen zusammenkommen, die sich lieben, so merkt man einen ahnli-
chen Vorgang. Dann tritt nur der Atherkopf zuriick, beugt sich ab nach
riickwarts. Und auf diese Weise entsteht in beiden Fallen - ob sich
dann, wenn man sich nicht ausstehen kann, der Atherleib gleichsam
gruftartig nach vorne neigt, oder ob er sich nach riickwarts neigt, wenn
man sich liebt -, in beiden Fallen entsteht gewissermaften das, daft durch
das Herausneigen des Atherleibes des Kopfes der physische Kopf freier
wird, als er sonst ist. Es ist immer nur relativ; es geht der Atherleib
nicht ganz heraus, aber er verlagert sich und geht zuriick, so daft man
eine Fortsetzung erblickt. Aber dadurch fiillt jetzt ein diinnerer Ather-
leib das Haupt aus, als wenn man allein steht. Das hat zur Folge, daft
durch diesen diinneren Atherleib, der den Kopf ausfiillt, im Haupte der
Astralleib, der dableibt, deutlicher sichtbar wird fur das hellsichtige
Anschauen. So daft nicht nur diese Bewegung des Atherleibes eintritt,
sondern daft tatsachlich mit dem Haupte des Menschen eine astralische
Lichtveranderung vor sich geht. Darauf, wiederum nicht auf einer
Dichtung, sondern auf einer tatsachlichen Wahrheit, beruht das,
daft man, wo man von den Dingen etwas versteht, Menschen, die in der
Lage sind, vieles selbstlos zu lieben, abbilden muft mit einer Kopfaura,
was man einen Heiligenschein nennt. Denn wenn zwei Menschen ein-
ander einfach begegnen, wobei in der Liebe immer ein starker Ein-
schlag von Egoismus ist, so ist die Erscheinung nicht so auffallig. Wenn
aber ein Mensch der Menschheit sich gegeniiberstellt in Augenblicken,
wo er es nicht mit sich und seiner personlichen Beziehung zu einem an-
deren Menschen zu tun hat, sondern mit etwas allgemein Menschli-
chem, mit etwas, das mit allgemeiner Menschenliebe zusammenhangt,
so treten auch die Dinge ein. Dann aber wird der Astralleib in der
Hauptesgegend machtig sichtbar. Und sind Leute da, die imstande
sind, selbstlose Liebe an einem Menschen hellsichtig zu schauen, dann
sehen sie den Heiligenschein und sind gedrangt, den Heiligenschein als
eine Realitat zu malen, oder wie man es eben dann macht, Diese Dinge
hangen durchaus mit objektiven Tatsachen der geistigen Welt zusam-
men. Was da objektiv vorhanden ist, was als fortdauernde Wirklichkeit
der Menschheitsentwickelung vorhanden ist, das ist aber noch mit etwas
anderem verbunden.
Der Mensch mufi wirklich von Zeit zu Zeit eine innigere Gemein-
schaft mit seinem Geistselbst eingehen, mit dem Geistselbst, das nun
auch in der astral ischen Aura, die so sichtbar wird in dem, was ich Ih-
nen angedeutet habe, veranlagt, nicht entwickelt ist, die gleichsam von
oben, von dem Zukunftigen iiberstrahlt wird, der Mensch mufi mit sei-
nem Geistselbst von Zeit zu Zeit zusammentreffen. Und wann ge-
schieht dieses?
Da kommen wir auf die erste Begegnung, von der wir zu sprechen
haben. Wann geschieht dies? Es geschieht einfach jedesmal ungefahr
beim normalen Schlafe in der Mitte zwischen Einschlafen und Aufwa-
chen. Bei den Menschen, die dem Naturleben naherstehen, bei den ein-
fachen Landleuten, die mit der sinkenden Sonne schlafen gehen und
entsprechend mit der aufgehenden Sonne aufstehen, fallt diese Mitte der
Schlafenszeit auch wiederum mit der Mitte der Nacht mehr oder weni-
ger zusammen. Bei dem Menschen, der sich herausreifit aus den Natur-
zusammenhangen, ist das weniger der Fall. Aber darauf beruht ja die
menschliche Freiheit, daft dies moglich ist. Der Mensch der modernen
Kultur kann sich sein Leben einrichten, wie er will; zwar nicht, ohne
daft das von einem gewissen Einfluft ist auf dieses Leben, aber er kann
es sich in gewissen Grenzen einrichten, wie er will. Dann kann er doch
in der Mitte einer langeren Schlafenszeit das erleben, was man nennt ein
innigeres Zusammensein mit dem Geistselbst, also mit den geistigen
Qualitaten, aus denen das Geistselbst genommen sein wird, eine Be-
gegnung mit dem Genius. Diese Begegnung mit dem Genius findet also
beim Menschen, cum grano salis gesprochen, jede Nacht, das heiftt jede
Schlafenszeit, statt. Und dies ist wichtig fur den Menschen. Denn was
wir auch haben konnen an einem die Seele befriedigenden Gefiihl iiber
den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, es beruht
darauf, daft diese Begegnung wahrend der Schlafenszeit mit dem Genius
nachwirkt. Das Gefiihl, das wir im wachen Zustand bekommen konnen
von unserem Zusammenhang mit der geistigen Welt, ist eine Nachwir-
kung dieser Begegnung mit dem Genius. Das ist die erste Begegnung
mit der hoheren Welt, von der man als zunachst etwas Unbewufttem
fur die meisten Menschen heute sprechen kann, das aber immer bewuft-
ter und bewuftter werden wird, je mehr die Menschen die Nachwir-
kung gewahr werden dadurch, daft sie ihr waches Bewufttseinsleben in
den Empfindungen durch Aufnahme der Ideen und Vorstellungen der
Geisteswissenschaft so verfeinern, daft die Seele eben nicht zu grob ist,
um die Nachwirkung aufmerksam zu betrachten. Denn nur darauf
kommt es an, daft die Seele fein genug ist, in ihrem inneren Leben intim
genug ist, um diese Nachwirkungen zu betrachten. In irgendeiner Form
kommt diese Begegnung mit dem Genius bei jedem Menschen oftmals
zum Bewufttsein, nur ist die heutige materialistische Umgebung, das
Erfiilltsein mit den Begriffen, die aus der materialistischen Weltanschau-
ung kommen, namentlich das von der materialistischen Gesinnung
durchzogene Leben, nicht geeignet, die Seele aufmerksam sein zu lassen
auf dasjenige, was durch diese Begegnung mit dem Genius hergestellt
wird. Es wird einfach dadurch, daft die Menschen sich mit geistigeren
Begriffen, als der Materialismus ihnen liefern kann, vertiefen, die An-
schauung von dieser Begegnung mit dem Genius in jeder Nacht etwas
mehr und mehr Selbstverstandliches fur den Menschen.
Eine hohere Begegnung ist die zweite, von der wir nun zu sprechen
haben.
Sehen Sie, schon aus der Andeutung, die ich gegeben habe, konnen
Sie entnehmen, daft diese erste Begegnung mit dem Genius zusammen-
hangt mit dem Tageslauf. Sie wiirde, wenn wir unser aufteres Leben
ganz anpassen wiirden als mehr unfreie Menschen, als wie wir sie sind
wahrend der modernen Kultur, zusammenfallen mit der Mitternachts-
stunde. In jeder Mitternachtsstunde wiirde der Mensch diese Begeg-
nung mit dem Genius haben. Aber darauf beruht die Freiheit des Men-
schen, daft sich das verschiebt. Also das, wo das Ich sich mit dem Ge-
nius begegnet, das verschiebt sich. Dagegen kann sich viel weniger ver-
schieben die zweite Begegnung. Denn dasjenige, was mehr an den
astralischen Leib und Atherleib gebunden ist, das verschiebt sich weni-
ger gegeniiber der makrokosmischen Ordnung. Was mit dem Ich und
physischen Leib verbunden ist, das verschiebt sich fiir den heutigen
Menschen sehr stark. Die zweite Begegnung ist daher schon mehr an
die grofte makrokosmische Ordnung gebunden. Diese zweite Begeg-
nung ist nun ebenso an den Jahreslauf gebunden, wie die erste an den
Tageslauf gebunden ist. Und da muE ich aufmerksam machen auf man-
ches, was ich ja uber diese Sache schon von anderen Gesichtspunkten
aus angedeutet habe.
Das Leben des Menschen in seiner Ganzheit verlauft tatsachlich nicht
im ganzen Jahreslauf in gleichmafiiger Art, sondern der Mensch macht
Veranderungen durch wahrend des Jahreslauf es.
In der Sommerzeit, wenn die Sonne ihre hdchste Warmeentfaltung
hat, da ist der Mensch viel mehr seinem physischen Leben anheimgege-
ben, und damit auch dem physischen Leben der Umgebung, als wah-
rend der Winterzeit, wo der Mensch gewissermafien kampfen mufi ge-
gen die aufieren elementarischen Erscheinungen, wo er mehr auf sich
angewiesen ist. Da reifit sich auch mehr sein Geistiges los - von sich
und auch von der Erde -, und er ist mit der geistigen Welt, mit der
ganzen geistigen Umgebung verbunden.
Daher ist die eigentiimliche Empfindung, die wir mit dem Weih-
nachtsmysterium und dem Weihnachtsfest verbinden, keineswegs etwas
Willkurliches, sondern sie hangt zusammen mit der Festsetzung des
Weihnachtsfestes. In jenen Wintertagen, an denen das Fest angesetzt
ist, da ist der Mensch in der Tat, wie die ganze Erde, dem Geiste hin-
gegeben. Da durchlebt der Mensch gewissermafien ein Reich, wo der
Geist ihm nahesteht. Und die Folge davon ist eben das, dafi um die
Weihnachtszeit, so bis zu unserem heutigen Neujahr hin, der Mensch
ebenso eine Begegnung seines Astralleibes mit dem Lebensgeist durch-
macht, wie er fiir die erste Begegnung die Begegnung des Ich mit dem
Geistselbst durchmacht. Und auf dieser Begegnung mit dem Lebens-
geist beruht das Nahesein dem Christus Jesus. Denn durch den Lebens-
geist offenbart sich der Christus Jesus. Er offenbart sich durch ein
Wesen aus dem Reiche der Archangeloi. Selbstverstandlich ist er ein
unendlich viel hoheres Wesen, aber nicht darauf kommt es jetzt an,
sondern darauf, daft er sich offenbart durch ein Wesen aus dem Reiche
der Archangeloi. So dafi wir durch diese Begegnung fiir die heutige
Entwickelung, fiir die Entwickelung seit dem Mysterium von Golgatha,
eben dem Christus Jesus besonders nahestehen, und dafi wir die Begeg-
nung mit dem Lebensgeist in gewisser Beziehung auch die in den tiefen
Untergriinden der Seele vor sich gehende Begegnung mit dem Christus
Jesus nennen konnen. Wenn nun der Mensch - sei es durch die Ent-
wickelung des GeistesbewufStseins im Bereiche der religiosen Vertie-
fung und der religiosen Obung, oder sei es, diese religiose Ubung und
religiose Empfindung erganzend, auch noch durch Aufnahme von Vor-
stellungen der Geisteswissenschaft wenn nun der Mensch sein Emp-
findungsleben vertieft, vergeistigt auf die geschilderte Weise, dann wird
er ebenso, wie er im wachen Leben die Nachwirkung der Begegnung
mit dem Genius erleben kann, erleben die Nachwirkung der Begegnung
mit dem Lebensgeist, beziehungsweise mit dem Christus. Und es ist
tatsachlich so, dafi in der Zeit, die nun auf die angedeutete Weihnachts-
zeit folgt, bis zur Osterzeit hin, die Verhaltnisse ganz besonders giin-
stig liegen, um sich zum Bewulksein zu bringen die Begegnung des
Menschen mit dem Christus Jesus.
In tiefsinniger Weise - und man sollte das nicht durch eine abstrakte
materialistische Kultur heute verwischen - ist die Weihnachtszeit ge-
bunden an Vorgange der Erde, weil der Mensch mit der Erde die
Weihnachtsveranderung der Erde durchmacht. Die Osterzeit ist be-
stimmt nach den Vorgangen am Himmel. Der Ostersonntag soli festge-
setzt werden auf den ersten Sonntag, der folgt auf den ersten Voll-
mond nach der Fruhlingstagundnachtgleiche-Zeit. Wahrend also die
Weihnachtszeit durch Verhaltnisse der Erde festgesetzt ist, ist von oben
herunter bestimmt die Festsetzung der Osterzeit. Denn ebenso wahr,
wie wir durch all dasjenige, was wir geschildert haben, mit den Erden-
verhaltnissen zusammenhangen, ebenso wahr hangen wir zusammen
durch dasjenige, was ich jetzt zu schildern habe, mit den Himmelsver-
haltnissen, mit den grofien, kosmisch-geistigen Verhaltnissen. Denn die
Osterzeit, das ist diejenige Zeit im konkreten Jahresablauf, in der alles
dasjenige, was durch die Begegnung mit dem Christus in der Weih-
nachtszeit in uns veranlafit worden ist, wiederum sich mit unserem
physischen Erdenmenschen so recht verbindet. Und das grofie Myste-
rium, das Karfreitagsmysterium, das dem Menschen das Mysterium
von Golgatha zur Osterzeit vergegenwartigt, hat neben allem anderen
auch noch diese Bedeutung, dafi der Christus, der gleichsam neben uns
einherwandelt, in der Zeit, die ich beschrieben habe, sich nun uns am
meisten nahert, gewissermafien, grob gesprochen, in uns selber ver-
schwindet, uns durchdringt, so dafi er bei uns bleiben kann fur die Zeit
nach dem Mysterium von Golgatha, in der Zeit, die jetzt kommt als
Sommerzeit, in der sich in alten Mysterien zu Johanni die Menschen
mit dem Makrokosmos haben verbinden wollen auf eine andere Weise,
als das nach dem Mysterium von Golgatha sein muft.
Sie sehen, wir sind in dieser Beziehung der Mikrokosmos, der einge-
gliedert ist in den Makrokosmos in einer tief bedeutsamen Weise. Und
es ist jedesmal ein Zusammengehen mit dem Makrokosmos im Jahres-
lebenslauf da, das aber gebunden ist, weil es mehr innerlich ist im Men-
schen, an den Jahreslebenslauf. So versucht uns nach und nach die
Geisteswissenschaft zu enthullen, was der Mensch an Vorstellungen, an
geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sich aneignen kann iiber den
seit dem Mysterium von Golgatha unser Erdenleben durchsetzenden
und durchdringenden Christus.
Und ich glaube an dieser Stelle eine Einschaltung machen zu sollen,
die wichtig ist, und die gerade von den Freunden unserer Geisteswis-
senschaft recht gut verstanden werden sollte.
Man sollte nicht die Sache so darstellen, als ob geisteswissenschaftli-
che Bestrebungen ein Ersatz sein sollten fiir die religiose Ubung und
das religiose Leben. Geisteswissenschaft kann im hochsten Mafie und
insbesondere auch mit Bezug auf das Christus-Mysterium eine Stiitze,
eine Unterbauung des religiosen Lebens und der religiosen Ubung sein;
aber man sollte Geisteswissenschaft nicht geradezu zur Religion ma-
chen, sondern man sollte sich klar sein dariiber, dafi Religion in ihrem
lebendigen Leben, in ihrem lebendigen Geiibtwerden innerhalb der
menschlichen Gemeinschaft das Geistbewufitsein der Seele entfacht.
Soli dieses Geistbewufitsein im Menschen lebendig werden, so kann der
Mensch nicht bei abstrakten Vorstellungen von Gott oder Christus ste-
hen bleiben, sondern er mufi immer erneut in der religiosen Ubung, in
der religiosen Betatigung, die ja fur die verschiedenen Menschen die
verschiedensten Formen annehmen kann, darinnenstehen als in etwas,
was ihn als ein religioses Milieu umgibt, was als ein religioses Milieu zu
ihm spricht. Und ist dieses religiose Milieu tief genug, findet dieses re-
ligiose Milieu die Mittel, die Seele genugend anzuregen, so wird diese
Seele schon Sehnsucht empfinden, gerade dann Sehnsucht empfinden
auch zu jenen Vorstellungen hin, welche in der Geisteswissenschaft
entwickelt werden. Ist in objektiver Beziehung Geisteswissenschaft
ganz sicherlich eine Stiitze der religiosen Erbauung, so ist in subjektiver
Beziehung heute die Zeit gekommen, von der wir sagen miissen, dafi
ein recht religios empfindender Mensch gerade durch das religiose
Empfinden hingetrieben wird, auch zu erkennen. Denn im religiosen
Empfinden wird das Geistbewulksein, in der Geisteswissenschaft die
Geist-Erkenntnis, so wie in der Naturwissenschaft die Naturerkennt-
nis, errungen; und das Geistbewulksein fiihrt zu dem Drange, Geist-
Erkenntnis sich zu erwerben. Subjektiv kann man sagen, daft gerade ein
inniges religioses Leben den heutigen Menschen zur Geisteswissen-
schaft treiben kann.
Eine dritte Begegnung ist diejenige, in welcher der Mensch heran-
kommt, nahekommt dem ganz spat in der Zukunft zu entwickelnden
eigentlichen Geistesmenschen, vermittelt durch ein Wesen der Hierar-
chie der Archai. Wir konnen sagen: Die Alten, und auch noch die Men-
schen der Gegenwart - nur dafi die Menschen der Gegenwart meist,
wenn sie von diesen Dingen sprechen, nicht mehr ein Bewulksein von
der tieferen Wahrheit der Sache haben -, sie empfanden und empfinden
diese Begegnung als die Begegnung mit dem, was die Welt durchdringt,
was wir kaum mehr unterscheiden konnen in uns selbst und in der
Welt, sondern wo wir aufgehen mit unserem Selbst in der Welt als in
einer Einheit. Und so wie man bei der zweiten Begegnung zugleich
sprechen kann von einer Begegnung mit dem Christus Jesus, so kann
man bei der dritten Begegnung sprechen von der Begegnung mit dem
Vater-Prinzip, mit dem «Vater» als dem der Welt zugrunde Liegenden;
mit dem, was man empfindet, wenn man richtig empfindet, als das, was
in den Religionen mit dem «Vater» gemeint ist. Diese Begegnung, die
ist nun wiederum so, dafi sie unser intimes Verhaltnis zum Makrokos-
mos, zum gottlich-geistigen Universum offenbart. Der tagliche Verlauf
der universellen Vorgange, der Weltenvorgange, schliefit ein fiir uns die
Begegnung mit dem Genius. Der jahrliche Verlauf schliefit ein fiir uns
die Begegnung mit dem Christus Jesus. Und der Verlauf des ganzen
Menschenlebens, dieses Menschenlebens, das normalerweise eben als
das Patriarchenleben von 70 Jahren bezeichnet werden kann, schliefit
sich zusammen mit der Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Wir werden
eine gewisse Zeit unseres physischen Erdenlebens, mit Recht durch die
Erziehung heute vielfach unbewulSt, aber doch eben darauf vorbereitet
und erleben dann - zumeist fiir die Menschen zwischen dem 28. und
42. Jahre unbewufit, aber in den intimen Tiefen der Seele vollwertig -
die Begegnung mit diesem Vater-Prinzip. Dann kann die Nachwirkung
in das spatere Leben hineinragen, wenn wir feine Empfindungen genug
entwickeln, um auf das zu achten, was so in unser Leben aus uns selber
kommend als Nachwirkung der Begegnung mit dem Vater-Prinzip her-
einspielt.
Eine gewisse Zeit unseres Lebens, wo wir vorbereitet werden, sollte
daher die Erziehung dahin wirken - durch die mannigfaltigsten Mittel
kann das geschehen -, dem Menschen recht tief moglich zu machen
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Es kann dadurch geschehen,
wenn der Mensch wahrend seiner Erziehungszeit angetrieben wird, so
recht das GefUhl zu entwickeln von der Herrlichkeit der Welt, der
GrofSe der Welt, der Erhabenheit der Weltvorgange. Wir entziehen
dem heranwachsenden Menschen viel, wenn wir ihn zu wenig merken
lassen, so dafi es auf ihn iibergeht, dafi wir fiir all das, was sich offen-
bart an Schonheit und Grofie in der Welt, die hingebungsvollste Ehr-
furcht und Ehrerbietung haben. Und indem wir so recht den Gefiihls-
zusammenhang des menschlichen Herzens mit der Schonheit, mit der
Grofte der Welt den heranwachsenden Menschen fiihlen lassen, bereiten
wir ihn vor fiir eine rechte Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Denn
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip bedeutet viel fiir das Leben,
das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlauft. Dieses
Begegnen mit dem Vater-Prinzip, das in den angedeuteten Jahren
normalerweise eintritt, bedeutet, dafi der Mensch eine starke Kraft
und Stiitze hat, wenn er, wie wir wissen, zuriickzuleben hat, nachdem
er durch die Todespforte geschritten ist, im Riicklauf seelisch seinen
Lebensgang, sein Erdenleben, indem er durch die Seelenwelt geht.
Und stark und kraftig, wie es eigentlich der Mensch soil, kann er
diese Riickwanderung - die, wie wir wissen, einen dritten Teil der
Zeit bedeutet, die wir zubringen zwischen der Geburt und dem Tode -
erleben, wenn er immer wieder schaut: Da, an dieser Stelle bist
du begegnet demjenigen Wesen, das der Mensch stammelnd, ahnend
ausdriickt, wenn er von dem Vater der Weltenordnung spricht. Das
ist eine wichtige Vorstellung, die neben der Vorstellung des Todes
selber der Mensch, nachdem er durch die Todespforte geschritten ist,
immer haben soil.
Naturlich entsteht in Anbetracht dessen, was wir gerade besprochen
haben, eine wichtige Frage. Es gibt Menschen, welche, bevor sie des
Lebens Mitte, wo normalerweise die Begegnung mit dem Vater-Prinzip
geschieht, durchlaufen haben, sterben. Wir miissen den Fall ins Auge
fassen, dafi der Mensch eben dann durch Veranlassung von aufien,
durch Krankheit - die ja auch eine Veranlassung von aufien ist -, durch
Schwache stirbt. Wenn durch dieses friihe Sterben die Begegnung mit
dem Vater-Prinzip in den tiefen unterbewufiten Seelengriinden noch
nicht hat stattfinden konnen, dann findet sie in der Todesstunde statt.
Mit dem Tode wird diese Begegnung zugleich erlebt. Und hier ist es, wo
wir anders ausdriicken konnen etwas, was ja, eben wieder anders, im
entsprechenden Zusammenhang schon ausgedruckt ist zum Beispiel in
meiner «Theosophie», wo von der ja immer im hochsten Grade betriibli-
chen Erscheinung gesprochen ist, daft Menschen durch ihren eigenen
Willen ihrem Leben ein Ende machen. Das wiirde keiner tun, der die
Bedeutung einer solchen Tat einsieht. Und wenn einmal Geisteswissen-
schaft wirklich in die Empfindungen der Menschen ubergegangen sein
wird, wird es keinen Selbstmord mehr geben. Denn dafi der Mensch in
der Todesstunde, wenn dieser Tod vor der Lebensmitte eintritt, zu-
gleich wahrnehmen kann das Vater-Prinzip, das hangt davon ab, dafi
eben der Tod von aufien an ihn herankommt, nicht dafi er ihn sich
selbst gibt. Und die Schwierigkeit, die die Menschenseele hat, die von
einem anderen Gesichtspunkt in meiner «Theosophie» geschildert wird,
konnte nun von dem Gesichtspunkt, von dem wir heute sprechen, auch
so geschildert werden, da/5 wir sagen konnten: Der Mensch entzieht sich
durch den eigenwilligen Tod eventuell der Begegnung mit dem Vater-
Prinzip in der entsprechenden Inkarnation.
Deshalb, weil sie so intim in das Leben eingreifen, sind die Wahrhei-
ten, welche uns die Geisteswissenschaft iiber das Menschenleben selbst
zu sagen hat, so unendlich ernst in besonders wichtigen Fallen. Sie kla-
ren uns in ernster Weise iiber das Leben auf , und dieses ernste Aufkla-
ren iiber das Leben, das braucht der Mensch in der Zeit, in der er sich
wiederum wird herauswinden miissen aus dem Materialismus, der die
heutige Weltordnung und Weltanschauung, insofern sie von Menschen
abhangt, beherrscht. Es wird starker Krafte bediirfen, um die starke
Verbindung mit den blofi materiellen Machten, die in der Gegenwart
die Menschen ergriffen hat, zu iiberwinden, um dem Menschen wieder
die Moglichkeit zu geben, aus der unmittelbaren Lebenserfahrung her-
aus seinen Zusaramenhang mit der geistigen Welt zu erkennen.
Und wenn man in mehr abstrakter Weise von den Wesen der hoheren
Hierarchien spricht, so kann man in konkreterer Weise sprechen da-
von, dafi der Mensch selber, in zunachst unbewufken, aber zum Be-
wufitsein zu bringenden Erlebnissen schon wahrend seines Lebens zwi-
schen Geburt und Tod aufsteigen, drei Stufen hinaufschreiten kann:
durch die Begegnung mit dem Genius, durch die Begegnung mit dem
Christus Jesus, durch die Begegnung mit dem Vater. Natiirlich hangt
sehr viel davon ab, dafi wir moglichst viele zur Empfindung drangende
Vorstellungen gewinnen, die unser Leben, unser inneres Seelenleben so
verfeinern, dafi wir nicht achtlos und unaufmerksam an diesen Dingen
vorbeigehen, die einfach als Realitat, wenn wir aufmerksam sind, in un-
ser Leben hereinspielen. In dieser Beziehung wird insbesondere die Er-
ziehung viel, viel, gerade in der nachsten Zeit zu tun haben.
Eine Vorstellung mochte ich noch erwahnen. Denken Sie, wie
unendlich das Leben vertieft wird, wenn man zu dem allgemeinen Wis-
sen iiber das Karma solche Einzelheiten hinzufugen kann wie diese, dafi
bei einem verhaltnismafiig friihen Lebensende der Mensch im Tode die
Begegnung mit dem Vater-Prinzip hat. Denn dann zeigt sich, dafi eben
im Karma des Menschen es notwendig gewesen ist, den friihen Tod
herbeizufuhren, damit eine abnorme Begegnung mit dem Vater-Prinzip
stattfindet. Denn was findet denn eigendich statt, wenn eine solche anor-
male Begegnung mit dem Vater-Prinzip stattfindet? Der Mensch wird
ja dann von aufien zerstort; sein physisches Wesen wird von auflen un-
tergraben. Auch bei einer Krankheit ist das in Wahrheit der Fall. Dann
ist der Schauplatz, auf dem sich die Begegnung mit dem Vater-Prinzip
abspielt, hier noch die physische Welt. Dadurch, daft diese aufiere phy-
sische Erdenwelt den Menschen zerstort hat, dadurch offenbart sich an
der Zerstorungsstatte selbst, im Riickblick natiirlich spater immer wie-
der sichtbar, die Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Dadurch aber auch
gewinnt der Mensch die Moglichkeit, durch sein ganzes Leben, das er
durchschreitet, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist,
festzuhalten den Gedanken an die Statte hin, das heifit an die Erde, von
Himmelshohen herunter, wo die Begegnung mit dem Vater-Prinzip
stattgefunden hat. Das aber bringt den Menschen dazu, von der geisti-
gen Welt viel hereinzuwirken in die physische Erdenwelt.
Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte einmal unsere heutige
Zeit und versuchen wir, eine solch wichtige Empfindung, wie wir sie
heute auch wieder in der Erwahnung der Begegnung mit dem Vater-
Prinzip entwickelt haben, als Empfindung zu erleben, nicht blofi als ab-
strakte Vorstellung, versuchen wir mit dieser Empfindung auf die zahl-
reichen fruhzeitigen Tode hinzublicken, dann miissen wir sagen: In ih-
nen liegt die Predestination, die Vorbereitung dazu, dafi in der kom-
menden Zeit viel gewirkt werden kann von der geistigen Welt herunter
in die physische Erdenwelt. Und da haben Sie von einem anderen Ge-
sichtspunkte dasjenige, was ich jetzt unter den Eindriicken der trauri-
gen Ereignisse schon seit Jahren gesagt habe, dafi diejenigen Menschen,
die friihzeitig heute durch die Pforte des Todes gehen, ganz besondere
Heifer werden sollen fur die kiinftige Entwickelung der Menschheit,
die starke Krafte braucht, um sich aus dem Materialismus herauszu-
winden. Aber das alles mufi uns zum Bewufitsein gebracht werden; das
alles soil ja nicht im Unbewufiten oder Unterbewufiten vor sich gehen.
Und es ist deshalb schon notwendig, daft hier auf der Erde die Seelen
sich dafur empfanglich machen - ich habe es schon einmal angedeutet -,
sonst gehen die Krafte, die entwickelt werden aus der geistigen Welt,
nach anderen Seiten hin. Damit der Erde fruchtbar werden konnen
diese Krafte, die pradestiniert sind, die da sein konnen, dazu ist not-
wendig, dafi auf der Erde Seelen sind, welche sich mit Erkenntnis der
geistigen Welt durchdringen. Und immer mehr und mehr mussen
Seelen sein, die sich mit der Erkenntnis der geistigen Welt durchdringen.
Versuchen wir deshalb fruchtbar zu machen dasjenige, was ja schon
einmal durch Worte gesagt werden mufi, namlich den Inhalt der Gei-
steswissenschaft. Und versuchen wir mit Hilfe der Sprache - ich habe
das Wort im vorletzten Vortrage hier gebraucht -, die wir durch die
Geisteswissenschaft lernen, wieder zu beleben solche alten Vorstellun-
gen, die nicht umsonst hereinverwoben werden in unser gegenwartiges
Leben - versuchen wir zu beleben, was wir horen von so einem Plut-
arch: daft der Mensch, sonst eben als physischer Mensch, durchdrun-
gen ist von dem geistigen Menschen, dafi aber noch im besonderen
normalerweise ein hoheres Glied auflerhalb des Hauptes zum Menschen
dazugehort geistig, das seinen Genius darstellt, dem der Weise willig
folgt. Versuchen wir zu, ich mochte sagen, Hilfsempfindungen zu
kommen, um nicht in Unaufmerksamkeit diesen Erscheinungen des
Lebens gegeniiberzustehen.
Und zum Schlusse lassen Sie uns heute eine Hilfsvorstellung, eine
Hilfsempfindung unserer Seele besonders nahegelegt sein: Es ist leider
schwierig fur viele Menschen heute in unserem modernen materialisti-
schen Leben, etwas zu empfinden, das ja die traurige Priifungszeit mil-
dert, aber die nicht nur gemildert bleiben sollte - was ja kaum zu hof-
fen ist, wenn der Materialismus in der Starke andauern sollte, in der er
da ist, das sehr, sehr erhoht und mehr und mehr erhoht werden sollte -,
es ist fur viele Menschen in unserer materialistischen Zeit sehr, sehr
schwierig, dasjenige zu empfinden, was ich nennen mochte: die Heilig-
keit des Schlafes. Wenn erlebt wird, daft geradezu die in der Mensch-
heit geltende Intelligenz alien Respektes entbehrt fur die Heiligkeit des
Schlafes, so ist das eine weittragende Kulturerscheinung. Solche Dinge
sollen ja nicht getadelt werden, sie sollen auch nicht in dem Sinne hier
aufgezahlt werden, da!5 sie zu einer nun einmal nicht durchzufuhrenden
Asketik fuhren. Wir mussen mit der Welt leben, aber wir mussen
sehend mit der Welt leben. Denn nur dadurch reifien wir unsere Korper-
lichkeit. . . [Liicke im Stenogramm]. Man denke nur, wieviele Menschen,
die mit rein dem Materiellen Zugewendeten die Abendstunden verbrin-
gen, sich dann dem Schlafe ubergeben, ohne die Empfindung zu ent-
wickeln - sie wird ja nicht recht lebendig aus der materialistischen Ge-
sinnung heraus -, ohne die Empfindung zu entwickeln: Der Schlaf ver-
einigt uns mit der geistigen Welt, der Schlaf schickt uns hiniiber in die
geistige Welt. - Und wenigstens sollten die Menschen nach und nach
dasjenige entwickeln, was sie sich mit den Worten sagen konnen: Ich
schlafe ein. Bis zum Aufwachen wird meine Seele in der geistigen Welt
sein. Da wird sie der fiihrenden Wesensmacht meines Erdenlebens be-
gegnen, die in der geistigen Welt vorhanden ist, die mein Haupt um-
schwebt, da wird sie dem Genius begegnen. Und wenn ich aufwachen
werde, werde ich die Begegnung mit dem Genius gehabt haben. Die
Fliigel meines Genius werden herangeschlagen haben an meine Seele.
Ob man eine solche Empfindung lebendig macht, wenn man an sein
Verhaltnis zum Schlafe denkt, oder ob man es nicht tut, davon hangt
sehr, sehr viel ab in bezug auf die Uberwindung des materialistischen
Lebens. Diese Uberwindung des materialistischen Lebens kann nur
durch die Erregung intimer, aber auch der geistigen Welt entsprechen-
der Empfindungen geschehen. Nur wenn wir recht rege machen solche
Empfindungen, dann wird das Leben im Schlafe so intensiv sein, dafi
anderseits die Beriihrung mit der geistigen Welt so stark ist, dafi nach
und nach auch unser waches Leben sich erkraften kann, und wir da
nicht blofi die sinnliche Welt, sondern die geistige Welt um uns haben,
die doch die wirkliche, die wahrhaft wirkhche Welt ist. Denn diese
Welt, die wir gewdhnlich die wirkliche nennen, ist ja, wie ich selbst in
dem letzten offentlichen Vortrage ausgefiihrt habe, nur ein Abbild der
wirklichen Welt. Die wirkliche Welt ist die des Geistes. Und die kleine
Gemeinde, die sich heute der anthroposophisch orientierten Geisteswis-
senschaft widmet, die wird die ernsten Symptome unserer Zeit, die
schweren Leiden unserer Zeit dann unter dem besten Eindruck emp-
fangen, wenn sie zu allem iibrigen, mit dem der Mensch heute gepriift
werden kann, noch das hinzutut, dafi sie diese Zeit als eine Priifung
empfindet, ob man mit geniigender Seelenstarke und mit wahrem Her-
zensmut, mit seinem ganzen Menschen vereinigen kann dasjenige, was
wir aufnehmen mxissen durch unseren Verstand, durch unsere Ver-
nunft, als Geisteswissenschaft.
Mit diesen Worten wollte ich heme noch einmal bekraftigen, was ich
schon ofter hier gesagt habe: Geisteswissenschaft findet erst ihre rechte
Stelle im Menschenherzen, wenn sie nicht bloft Theorie, nicht blofi
Wissen ist, sondern wenn sie - symbolisch gesprochen - wie das Herz-
blut der Seele unser ganzes Wesen so innig durchdringt und lebendig
macht, wie unser physisches Blut unser leibliches Wesen innig durch-
dringen und lebendig machen mufi.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 27. Februar 1917
Ich habe Ihnen das vorige Mai gesprochen von den drei Begegnungen,
welche die menschliche Seele mit den Regionen der geistigen Welt hat.
Ich werde iiber diesen Gegenstand noch einiges mehr zu sagen haben,
und bei dieser Gelegenheit wird sich dann auch die Moglichkeit erge-
ben, eine Frage zu beantworten, welche von unseren Freunden gestellt
worden ist im Anschlufi an den letzten offentlichen Vortrag im Archi-
tektenhaus beziiglich der Krafte, welche zur Verwirklichung des Karma,
des Schicksals, des aufieren Schicksals, aus einer friiheren Inkarnation
fuhren. Es ist mir gesagt worden, dafi dies eine schwer verstandliche
Sache sei. Ich will also im Laufe der Vortrage auf dieses Thema zu-
ruckkommen. Allein es wird sich empfehlen, das erst zu tun, nachdem
wir einiges besprochen haben, wodurch vielleicht dann das voile Ver-
standnis dieser Sache herbeigefiihrt werden kann. Heute will ich aber,
damit die Besprechung der drei Begegnungen in der geistigen Welt noch
viel klarer werden kann, gewissermafien episodisch etwas einfugen, das
mir besonders wichtig erscheinen mufi, gerade in dieser unmittelbar ge-
genwartigen Zeit zu Ihnen gesprochen zu werden.
Wenn wir uberblicken, welche Ideen, welche Vorstellungen sich be-
sonders in die Seelen aller Menschen, der Menschen aller Bildungsgra-
de, durch die geistige Entwickelung der letzten Jahrhunderte einge-
schlichen haben, so miissen wir aufmerksam machen darauf, wie diese
geistige Erziehung der letzten Jahrhunderte machtig hingedrangt hat,
die Weltentwickelung und das Hineingestelltsein des Menschen in diese
Weltentwickelung nur nach Mafigabe naturwissenschafdicher Vorstel-
lungen zu bilden. GewifS, es gibt heute sehr viele Menschen noch, wel-
che der Meinung sind, dafi sie ihr Gemut, ihre Seele nicht nach natur-
wissenschaftlichen Vorstellungen gebildet haben. Aber diese Menschen
bemerken nicht die tieferen Grundlagen ihrer Gemutsbildung; sie wis-
sen nicht, wie eben naturwissenschaftliche Vorstellungen in einseitiger
Weise sich eingeschlichen haben in die Gemiiter und nicht nur alles
Denken, sondern namentlich alles Fuhlen in einer gewissen Weise be-
stimmen. Wer heute namlich nachdenkt nach den gangbaren Begriffen,
die jeder Mensch in denjenigen Gegenden hat, welche allgemeine
Schulbildung haben, wer sein Gemiit bildet im Zusammenhang mit die-
sen Begriffen, ausgehend von diesen Begriffen, der kommt heute gar
nicht dazu, das rechte, das wahre Verhaltnis zu fuhlen zwischen dem,
was wir die moralische Welt, die Welt der moralischen Empfindungen
nennen, und der Welt der aufieren Tatsachen. Wenn wir heute im
Sinne unserer Zeit nachdenken, wie sich die Erde, ja, wie sich das
ganze Himmelsgebaude entwickelt haben kann, und wie es zu einem
gewissen Endzustand kommen konnte, so denken wir im Sinne rein
aufterer sinnenfalliger Tatsachen nach. Denken Sie nur, wie tief be-
deutsam es fiir die Seelen ist, wenn sie sich das auch nicht immer klar
machen, daft es die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie von der
Weltentstehung gibt: Aus einem rein materiellen Weltennebel - denn
rein materiell wird er vorgestellt - habe sich nach rein physikalischen
und auch chemischen Gesetzen die Erde, ja das Weltengebaude gebil-
det, habe sich im Sinne dieser Gesetze entwickelt und wird, so denken
die Menschen, nach diesen Gesetzen auch sein Ende finden. Es wird
einmal ein Zustand kommen, in dem dieses Weltengebaude gerade so
mechanisch schlieften wird, wie es mechanisch entstanden ist.
Gewifi, ich wiederhole es noch einmal: Es gibt viele Menschen, die
wehren sich heute dagegen, die Sache nur gerade so zu denken. Aber
darauf kommt es nicht an; denn es kommt ja nie auf die Vorstellungen
an, die wir uns bilden, sondern auf die Impulse des Gemuts, aus denen
diese Vorstellungen gebildet sind. Die Vorstellung, die ich eben ent-
wickelt habe, ist eine rein materialistische; sie ist eine solche, von der
Herman Grimm sagt, daft ein Stuck Aasknochen, um das ein hungriger
Hund seine Kreise herummacht, ein appetitlicherer Anblick ist als dieses
Weltengebaude nach Kant-Laplaceschen Begriffen. Aber es hat entste-
hen konnen, es hat sich bilden konnen. Und nicht nur, daft es sich hat
bilden konnen, sondern es ist fiir die weitaus groftte Zahl der Men-
schen, an die es herandringt, etwas Einleuchtendes. Und nur wenige
Menschen giot es, die so fragen wie Herman Grimm, wie sich kiinftige
Gelehrten-Generationen damit abfinden werden, nachzudenken dar-
iiber, wie iiberhaupt, wie er meint, dieser Wahnsinn in unserer Zeit hat
entstehen konnen; wie es moglich war, dafi in irgendeiner Epoche die-
ser Wahnsinn iiber die Weltentstehung hat einleuchtend sein konnen
fur viele Menschen. Es gibt eben wirklich wenige Personlichkeiten,
welche so fragen, aus einer gesunden Gemiitslage der Seele heraus so
fragen. Und diejenigen, die so fragen, nun, die werden halt angesehen -
wenigstens auf diesen Gebieten - als eine Art verschrobener Kopfe.
Aber wie gesagt, auf die Vorstellungen, die so gebildet sind, kommt es
nicht an; auf die Gemiitsimpulse kommt es an. Aus gewissen Gemiits-
tendenzen heraus haben sich Vorstellungen ergeben, und wenn sie
auch von Gelehrten ausgegangen sind und heute so an die Menschen
herangebracht werden, dafi die meisten Menschen doch noch glauben,
dafi nicht allein durch solche mechanischen Impulse die Welt entstan-
den ist, sondern dafi da allerlei gottliche Impulse noch mitgespielt ha-
ben, so ist es doch eben moglich gewesen, daft solche Vorstellungen
sich gebildet haben. Und es ist moglich gewesen, dafi das Gemiit der
Menschen, die Seelenverfassung der Menschen eine solche Gestalt an-
genommen hat, dafi eben uber die Weltentstehung eine rein mechani-
sche Vorstellung sich hat bilden konnen. Das heifk: Auf dem Grunde
der menschlichen Seelen ist die Neigung, materialistisch geartete Vor-
stellungen sich zu bilden. Und diese Neigung, die ist nun nicht nur bei
den wenigen Gelehrten und anderen Menschen vorhanden, die daran
glauben, sondern sie ist in breitem Umkreis bei alien moglichen Men-
schen vorhanden. Nur daft die meisten Menschen heute noch eine zu
grofie Scheu haben, mutig, nun, ich mochte sagen, Haeckelianer zu
werden und alles Geistige nur unter der Form des Materiellen vorzu-
stellen. Die Menschen haben nicht den Mut. Sie lassen ja so etwas da-
neben noch gelten, was geistig ist; denken nicht nach.
Wenn diese Vorstellung gilt, die charakterisiert worden ist, dann ist
nur in einer gewissen Weise Platz fur das Geistige, namentlich nur in
einer gewissen Weise Platz fur das Moralische. Denn denken Sie nur
einmal nach: Wenn die Welt wirklich so entstanden ware, wie die
Kant-Laplacesche Theorie sich das vorstellt, und wenn die Welt nur
durch physikalische Krafte ihr Grab fande und in diesem Grabe eben
begraben waren alle Menschen mit ihren Ideen, Empfindungen, Willens-
impulsen, was ware dann zum Beispiel, ich will von allem ubrigen ab-
sehen, die ganze moralische Weltordnung? Was ware aus ihr geworden?
Was bedeutete es dann, wenn wir einmal gesagt hatten - nehmen wir
einmal an, der Zustand des allgemeinen Grabes ware gekommen -: Das
ist gut, das ist bose; das ist recht, das ist unrecht? Vergessene Vorstel-
lungen bedeutete es, hinweggeweht als etwas, was vielleicht nicht ein-
mal, ja, wenn diese Weltordnung richtig ist, nicht einmal in irgendeiner
Seelenerinnerung fortleben konnte. Das heifk, die Sache wiirde so lie-
gen: Durch rein mechanische Ursachen, durch physikalische, viel-
leicht durch chemische Krafte ist die Welt entstanden, geht sie zugrun-
de. Aus diesen Kraften treiben sich wie Blasen Erscheinungen auf, wel-
che Menschen darstellen. Innerhalb dieser Menschen entstehen morali-
sche Begriffe von Recht und Unrecht, Gut und Bose. Aber die ganze
Welt geht wieder in Grabesstille iiber. Das ganze Recht und Unrecht,
Gut und Bose ist eben eine Illusion der Menschen gewesen, vergessen
und versunken, wenn die Welt «Grab» geworden ist. Das einzige, was
dann fur die moralische Weltordnung bleibt, es ist doch das, dafl die
Menschen fiihlen, solange wie die Episode wahrt, die da verlauft vom
Anfangszustand bis zum Endzustand: sie brauchen solche Begriffe zum
Zusammenleben, sie mussen sich eben moralische Begriffe ausbilden,
aber diese moralischen Begriffe konnen in einer rein mechanischen
Weltordnung nirgends verankert sein. Nicht wahr, eine naturliche
Kraft, die Warme, die Elektrizitat, die greift ein in den Naturzusam-
menhang, die macht sich darin geltend; die moralische Kraft, die ware,
wenn die mechanische Weltenordnung richtig ware, nur in der Vorstel-
lung der Menschen da, die wiirde nicht eingreifen in die Naturordnung.
Sie ware nicht etwas wie die Warme, welche die Korper ausdehnt, oder
das Licht, welches die Korper erleuchtet, sichtbar macht, die Welt, den
Raum durchdringt; sondern sie ist da, diese moralische Kraft, sie
schwebt gewissermafien als eine grofie Illusion iiber der mechanischen
Weltordnung und vergeht, verweht, wenn die Welt ins Grab sich ver-
wandelt.
Man denkt diesen Gedanken nur nicht geniigend durch. Daher wehrt
man sich nicht gegen eine mechanische Weltordnung, sondern lafit sie,
ich will nicht sagen aus Gutmiitigkeit, aber aus Bequemlichkeit eben
bestehen. Und wenn man ein gewisses Gemutsbedurfnis hat, so sagt
man dann: Ja, das Wissen, das macht halt, dafi wir eine solche mechani-
sche Weltordnung ausdenken miissen; der Glaube fordert von uns et-
was anderes, also stellen wir den Glauben neben das Wissen, glauben
wir aufier der mechanischen Natur noch an irgend etwas, woran zu
glauben wir eben ein gewisses inneres Gemutsbediirfnis haben. - Das
ist bequem. Man braucht sich nicht aufzulehnen gegen das, was zum
Beispiel Herman Grimm wie einen Wahnsinn der gegenwartigen Wis-
senschaft empfindet, man braucht sich nicht aufzulehnen. Aber es hat
wirklich keine innere Berechtigung fiir denjenigen, der seine Gedanken
zu Ende denken will, der wirklich mit seinen Gedanken zu Ende kom-
men will.
Und wenn man sich fragt, woher es denn kommt, dafi die Menschen
heute so blind in einer gedanklichen UnmogHchkeit leben, dafi sie eine
solche gedankliche UnmogHchkeit hinnehmen, so liegt es - so sonder-
bar dies, wenn man zum erstenmal sich mit dem Gedanken vertraut
machen soli, auch klingt - darin, dafi die Menschen mehr oder weniger
im Laufe der letzten Jahrhunderte schon verlernt haben, das Christus-
Mysterium, welches im Zentrum des neuzeitlichen Lebens stehen
mufke, in seinem wahren, realen Sinne zu denken. Denn die Art, wie
der Mensch der neueren Zeit iiber das Christus-Mysterium denkt, die
ist so, dafi sie auf sein ganzes iibriges Denken und Fuhlen ausstrahlt.
Und es ist nun einmal so - wir werden ja vielleicht gerade iiber diese
Tatsache in der nachsten Zukunft noch zu sprechen haben -, dafi die
Art, wie sich der Mensch zu dem Christus-Mysterium stellt seit dem
Mysterium von Golgatha, eine Art, ich mochte sagen, Wertmesser ist
fiir seine gesamte Begriffs- und Empfindungswelt. Kann er das
Christus-Mysterium nicht als ein wirklich Reales auffassen, dann kann er
auch mit Bezug auf die iibrige Weltanschauung keine Vorstellungen
und Begriffe entwickeln, welche von Wirklichkeit getrankt sind, welche
wahrhaftig in die Wirklichkeit eingreifen.
Dies ist es, was wir uns vor alien Dingen heute einmal ganz klar vor
die Seele stellen wollen. Wenn der Mensch wirklich so denkt, wie ich es
dargestellt habe und wie eigentlich mehr oder weniger unbewufit die
meisten Menschen der Gegenwart denken, dann zerfallt die Welt auf
der einen Seite in die mechanische Naturordnung, auf der anderen Seite
in die moralische Weltordnung. Nun wird von zaghaften Seelen, die
sich aber oftmals sehr mutig diinken, das Christus-Mysterium in die
rein moralische Weltordnung hereingenommen; und es wird von alien
in die rein moralische Weltordnung hineingenommen, welche in diesem
Christus-Mysterium nichts anderes sehen, als dafi zu einer bestimmten
Zeit ein grofier, sagen wir sogar auch der grofite Lehrer der Erdenwelt
aufgetreten ist, und da& es zunachst auf seine Lehre ankommt. Wenn
man aber den Christus bloft als den, sei es auch grofiten Lehrer der
Menschheit ansieht, so ist diese Anschauung in einer gewissen Weise
durchaus vereinbar mit dieser Zweispaltung der Welt in Naturordnung
und moralische Weltordnung. Denn naturlich konnte, auch wenn die
Erde sich so gebildet hat, wie die mechanische Weltordnung das dar-
stellt, und so zugrunde gehen wiirde, daft sie einmal ein allgemeines
Grab ware, einmal doch ein grofter Lehrer auftreten, der ja wirklich
viel wirken konnte, die Menschen zu bessern und zu belehren. Seine
Lehre konnte erhaben sein, aber es wiirde nichts daran andern, daft
einmal, nach dem Ende der Dinge, das Ganze ein Grab ware, und auch
die Lehre Christi eben verweht und verwischt ware, nicht einmal als
Erinnerung in irgendeiner Wesenheit vorhanden ware. Daft man das
nicht denken will, das macht die Sache nicht aus. Wenn man sich nur
uberhaupt bekennt zur blofien mechanischen Weltordnung, dann
miiftte man das so denken.
Nun kommt alles darauf an, daft man einsieht, daft mit dem Myste-
rium von Golgatha etwas sich vollzogen hat, was nicht allein der mora-
lischen Weltordnung, sondern der ganzen, gesamten Weltordnung an-
gehort; was nicht allein der moralischen Wirklichkeit, die es ja im Sinne
der mechanischen Weltordnung gar nicht geben kann, sondern der
gesamten intensiven Wirklichkeit angehort.
Sehen Sie, am besten werden wir dazu kommen, einzusehen, um was
es sich da handelt, wenn wir nunmehr an die drei Begegnungen, die ich
das letztemal erwahnt habe, ein wenig denken, aber in anderem Sinne,
als ich das neulich ausgefuhrt habe. Jedesmal, sagte ich, wenn der
Mensch schlaft, in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen,
begegnet er Wesen der geistigen Welt; Wesen der geistigen Welt, die
mit seinem Geistselbst, wie wir es gewohnt sind zu nennen, substantiell
gleichartig sind. Das heifit: Der Mensch kommt aus dem Schlafe, wenn er
aufwacht, so heraus, dafi er geistigen Wesen begegnet ist und die Nach-
wirkung der Begegnung, wenn es ihm auch unbewufit bleibt, in das auftere
physische Leben hineintragt. Sehen Sie, was sich da in der Seele abspielt,
wahrend wir diese alltagliche Begegnung haben, das bezieht sich in einer
gewissen Weise durchaus auf die menschliche Zukunft. Der Mensch, der
sich nicht mit Geisteswissenschaft befaflt, weifi heute ja noch wenig iiber
dasjenige, was eigendich in den Tiefen der Seele vorgeht, wenn der
Mensch schlaft. Die Traume, die fur das gewohnliche Leben etwas ver-
raten konnten von diesen Vorgangen im Schlafe, sie verraten zwar etwas,
aber sie verraten es auf eine solche Weise, dafi die Wahrheit doch nicht
so leicht an den Tag treten kann. Wenn der Mensch im Traum oder aus
Traumen heraus aufwacht oder sich an Traume erinnert, so hangen
diese Traume doch meist zusammen mit irgendwelchen Vorstellungen,
die er sich schon im Leben angeeignet hat, mit Reminiszenzen. Das
aber ist doch nur das Gewand desjenigen, was im Traume eigentlich
lebt, respektive im Schlafzustand lebt. Wenn Sie sich den Traum in sol-
che Vorstellungen kleiden, die aus Ihrem Leben sind, so sind diese Vor-
stellungen nur das Gewand; denn im Traume kommt umkleidet das zum
Vorschein, was wahrend des Schlafes eigentlich in der Seele vorgeht.
Und was wahrend des Schlafes in der Seele vorgeht, das bezieht sich
weder auf die Vergangenheit noch sogar auf die Gegenwart, sondern
das bezieht sich auf die Zukunft. Im Schlafe werden die Krafte ausge-
bildet, die sich fur die menschliche Wesenheit vergleichen lassen mit
den Keimeskraften, die sich in der Pflanze entwickeln fur eine nachste
Pflanze. Wenn die Pflanze so heranwachst, dann entwickeln sich ja in
der Pflanze immer schon fur die nachste Pflanze die Keimeskrafte fur
das nachste Jahr. Diese Keimeskrafte gipfeln dann in der Samenbil-
dung; da werden sie sichtbar. Aber wenn die Pflanze so wachst, heran-
wachst, sind schon die Keimeskrafte fur die nachste Pflanze vorhanden.
So sind die Keimeskrafte, sei es fur die nachste Inkarnation, sei es aber
auch fur die Jupiter-Periode, im Menschen, und der Mensch bildet sie
vorzugsweise aus im Schlafzustand. Was er da an Kraften ausbildet, das
bezieht sich nicht gleich auf einzelne Ereignisse, es bezieht sich mehr
auf die Grundkrafte der nachsten Inkarnation zum Beispiel, aber doch
eben auf diese Krafte der nachsten Inkarnation. Also im Schlafe arbeitet
der Mensch an seinen Keimen fiir die nachste Inkarnation, iiberhaupt
in die Zukunft hiniiber. So dafi der Mensch, wenn er schlaft, schon in
der Zukunft ist.
Ich mochte doch in bezug auf diese Sache keine allzu grofie Unklar-
heit in Ihrer Seele lassen, deshalb sage ich zunachst: Es ist mit der nach-
sten Inkarnation fiir diesen Schlafzustand so, wie es mit dem Wissen
des nachsten Tages ist. Wir wissen vom nachsten Tag, einfach aus der
Erfahrung, dafi die Sonne wieder aufgehen wird, auch ungefahr wie er
verlaufen wird, wenn wir auch nicht wissen werden, welches Wetter
wird, oder wie einzelne Ereignisse in unser Leben eingreifen. So ist die
Seele zwar ein Prophet im Schlafe, aber wie ein Prophet, der nur auf
das Grofie, Kosmische sieht, und nicht auf das Wetter. Also wer gar so
sehr die Vorstellung hatte, dafi die Einzelheiten der kommenden Inkar-
nation der Seele im Schlafe sich vorstellig machen, der wiirde in den
Fehler verfallen, den derjenige macht, der glauben wiirde, er konnte,
weil er ganz gewifi weifi, dafi am nachsten Sonntag die Sonne aufgehen
und untergehen wird, und weil er gewisse allgemeine Dinge weifi, auch
wissen, wie das Wetter ist. Das alles aber andert doch nichts daran, dafi
wir es wahrend des Schlafes mit unserer Zukunft zu tun haben. So dafi
an unserer Zukunftsgestaltung die Krafte arbeiten, die substantiell
gleichartig unserem Geistselbst, uns begegnen in der Mitte der Schla-
fenszeit.
Eine andere, weitere Begegnung - wenn ich die zweite Begegnung
auslasse - ist dann die dritte Begegnung, von der ich das letztemal gesagt
habe, dafi sie einmal eintritt im ganzen Verlauf des menschlichen Lebens,
in der Lebensmitte. Wenn der Mensch in den Dreifiigerjahren ist, dann
begegnet er dem, sagte ich, was man das Vater-Prinzip nennen kann,
wahrend er jede Nacht dem Geist-Prinzip begegnet. Dieses Begegnen
mit dem Vater-Prinzip, das hat eine sehr grofie Bedeutung aus dem
Grunde, weil - und Sie wissen, denn ich habe es erklart, dafi es auch
fiir denjenigen eintreten muE, der vor dem dreiftigsten Jahre stirbt; nur
wenn man die Dreifiigerjahre erlebt, tritt es im Laufe des Lebens ein,
sonst tritt es mit einem friihzeitigen Tode eben vorher ein -, weil durch
dieses Zusammentreffen der Mensch in die Lage kommt, sich die Erleb-
nisse des gegenwartigen Lebens so tief einzupragen, dafi sie in die nach-
ste Inkarnation hiniiberwirken konnen. Also das, was Begegnung tnit
dem Vater-Prinzip ist, das hat es zu tun gerade wiederum mit dem Er-
denleben der nachsten Inkarnation, wahrend unser Begegnen mit dem
Geist-Prinzip fur die ganze Zukunft, iiber das ganze zukunftige Leben
ausstrahlt, auch iiber dasjenige Leben, das sich zwischen Tod und neuer
Geburt abspielt.
Die Sache ist so, daft die Gesetze, in welche eingesponnen ist diese
Begegnung, die wir einmal im Leben haben, nicht irdische Gesetze
sind, sondern Gesetze, die innerhalb der Erdenentwickelung so ge-
blieben sind, wie sie in der Mondenentwickelung waren. Und diese
Gesetze hangen zusammen nach der physischen Seite hin mit unserer
physischen Abstammung, iiberhaupt mit alledem, was die physische
Vererbung bedeutet. Diese physische Vererbung ist ja nur die eine
Seite der Sache; ihr liegen geistige Gesetze zugrunde, wie ich das hin-
langlich schon angedeutet habe. So daft all dasjenige, was sich abspielt
so, dafi es die Begegnung mit dem Vater-Prinzip notig hat, in die
Vergangenheit zuriickweist. Das ist Erbstuck der Vergangenheit; das
weist in die Mondenentwickelung zuriick, in die friiheren Inkarnatio-
nen zuriick, wie in die Zukunft weist dasjenige, was bei jedem Schlaf
sich abspielt. Wie das, was sich im Schlafe abspielt, den Keim ausbildet
fur die Zukunft, so ist das, was sich abspielt, indem die Menschen als
Nachkommen ihrer Vorfahren geboren werden und auch hiniibertragen
aus friiheren Inkarnationen dasjenige, was aus diesen friiheren Inkarna-
tionen eben heriibergetragen werden mufi, etwas, was von der Vergan-
genheit geblieben ist. Beides nun, dasjenige, was sich auf die Zukunft
bezieht, und dasjenige, was sich auf die Vergangenheit bezieht, strebt
gewissermafien aus der Naturordnung heraus. Der Bauer geht noch mit
Sonnenuntergang schlafen und steht mit Sonnenaufgang auf. Aber in-
dem der Mensch weiterschreitet in der sogenannten Kultur, macht er
sich los von der Naturordnung. Und in den Stadten lernt man auch
schon Leute kennen - wenn das auch nicht haufig ist -, die morgens
sich schlafen legen und abends aufstehen. Der Mensch macht sich los
von dieser bloften Naturordnung; das liegt schon in der Moglichkeit
seiner Freiheitsentwickelung. Da ist also der Mensch gewissermafien,
weil er eine Zukunft vorbereitet, die noch nicht da ist, herausgerissen
aus der Naturordnung. Auch indem er die Vergangenheit, namentlich
die Mondenvergangenheit, in die Gegenwart hereintragt, ist er heraus-
gerissen aus der Naturordnung. Denn niemand kann aus allgemeinen
Naturgesetzen heraus irgendeine Notwendigkeit angeben dafiir, dafi
Hans Miiller gerade, sagen wir im Jahre 1914 geboren wird; da herrscht
nicht eine solche Notwendigkeit wie beim Aufgang der Sonne oder bei
sonstigen Naturvorgangen, weil darin die Naturordnung des Mondes
herrscht. Da war alles so wie die Ordnung unseres Geborenwerdens auf
Erden; wahrend der Mondenzeit war alles so.
Aber so recht in die Naturordnung hineingestellt ist der Mensch in
bezug auf das, was fur seine Gegenwart unmittelbar Bedeutung hat,
was sich unmittelbar auf sein Erdendasein bezieht. Wahrend er in bezug
auf das Vater-Prinzip und in bezug auf das Geist-Prinzip Vergangenheit
und Zukunft in sich tragt, ist er in bezug auf jene Begegnung, von der
ich gesagt habe, daft sie sich im Jahreslauf vollzieht und noch zusam-
menhangt auch nun mit der Begegnung mit dem Christus, an die Na-
turordnung gebunden. Ware er nicht an die Naturordnung gebunden,
so wiirde die Folge sein, daft der eine Weihnachten im Dezember, der
andere Weihnachten im Marz feierte und so weiter. Aber trotzdem sich
die Volker in verschiedener Weise unterscheiden, schon mit Bezug dar-
auf, wie sie das Weihnachtsfest begehen, irgend etwas von einer Fest-
lichkeit, die immer irgendwie einen Bezug hat auf diese Begegnung, auf
das, was ich meinte, fallt doch in die letzten Dezembertage. In bezug
auf diese Begegnung, die in den Jahreslauf eingefiigt ist, steht also der
Mensch, und zwar weil dieses seine Gegenwart ist, in unmittelbarem
Zusammenhang mit dem Naturlaufe; da fiigt er sich dem Naturlaufe,
wahrend er mit Bezug auf Vergangenheit und Zukunft aus dem Natur-
lauf herausgetreten ist, seit Jahrtausenden schon herausgetreten ist.
In alten Zeiten fugte sich der Mensch allerdings auch in bezug auf
Vergangenheit und Zukunft dem Naturlaufe. So war nach dem Natur-
laufe in alten Zeiten zum Beispiel in den germanischen Landern die Ge-
burt geregelt. Denn die Geburt durfte nur stattfinden, weil sie von den
Mysterien aus geregelt wurde, zu einer ganz bestimmten Jahreszeit. Da
war sie eingefiigt in die Jahreszeit. Und geregelt wurde Empfangnis und
Geburt in alten Zeiten, in weit zuriickliegenden vorchristlichen Zeiten,
in den germanischen Landern durch dasjenige, was sich nur in schwa-
chen Nachklangen erhalten hat als Mythe, durch den Hertha-Dienst.
Der Hertha-Dienst umfafite namlich nichts Geringeres in alten Zeiten,
als daft nur zu der Zeit, als die Hertha mit ihrem Wagen sich den Men-
schen naherte, die Tage der Empfangnis da waren; und wenn sie sich
wieder zurtickgezogen hatte, dann durften sie nicht mehr sein. Das be-
wirkte allerdings, dafi dazumal als ehrlos gait - weil er aus dem Natur-
lauf herausfiel in bezug auf sein Menschendasein - derjenige, der nicht
innerhalb einer gewissen Jahreszeit geboren war. Das war geradeso in
alten Zeiten dem Naturlaufe angepalk, wie angepalk war diesem Natur-
laufe das Schlafen und Wachen. Man ging eben, wenn die Sonne unter-
ging, schlafen und wachte auf mit der Morgenrote. Aber diese Dinge
haben sich verschoben. Nicht verschieben aber kann sich das Mittlere,
die Anpassung an den Jahreslauf. Durch diese Anpassung an den
Jahreslauf soil namlich und mufi im menschlichen Gemiit etwas erhalten
bleiben.
Was ist denn der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung?
Das ist der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung, dafi sich
der Mensch an die Erde anpalk, dafi er die Bedingungen der Erden-
entwickelung in sich aufnimmt; dafi er hineintragt in die Zukunft seiner
Entwickelung dasjenige, was die Erde ihm geben kann - ich meine jetzt
nicht blofi in einer Inkarnation, sondern durch alle Inkarnationen hin-
durch -, fur die spatere Entwickelung ihm geben kann. Das ist der Sinn
der Erdenentwickelung. Dieser Sinn der Erdenentwickelung, er kann
nur verwirklicht werden dadurch, dafi der Mensch gewissermafien auf
der Erde nach und nach vergessen lernte seinen Zusammenhang mit den
kosmischen, mit den himmlischen Machten. Der Mensch lernte verges-
sen seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten. Wir wissen
ja, dafi in alten Zeiten die Menschen ein atavistisches Hellsehen hatten,
aber gerade innerhalb dieses atavistischen Hellsehens wirkten ja die
himmlischen Machte in die Menschen hinein. Da hatte der Mensch
noch seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten; da ragte
gewissermafien das Himmelreich in das menschliche Gemiit hinein. Das
mulke anders werden, damit der Mensch seine Freiheit entwickeln
kann. Der Mensch mufite in seiner Anschauung, in seiner unmittelba-
ren Wahrnehmung nichts mehr haben von dem himmlischen Reich,
damit er der Erde verwandt werde. Aus diesem Grunde aber ist auch
die Moglichkeit allein gegeben gewesen, dafi der Mensch in der extrem-
sten Zeit der Erdenverwandtschaft eben materialistisch wurde, im fiinf-
ten Zeitraum, in dem wir selber drinnenstehen. Der Materialismus ist
nur der radikalste, extremste Ausdruck der Verwandtschaft des Men-
schen mit der Erde. Das aber wiirde bedingen, dafi der Mensch wirk-
lich der Erde verfiele, wenn nichts anderes eintreten wiirde. Der
Mensch mufite der Erde verwandt werden, nach und nach ganz das
Schicksal der Erde teilen. Er mufite die Wege nehmen, die die Erde sel-
ber nimmt, er mufite sich ganz einfiigen der Erdenentwickelung, wenn
nichts anderes eintreten wiirde. Er mufite gleichsam mit der Erde sich
losreifien vom ganzen Kosmos und sein Schicksal ganz mit dem Schick-
sal der Erde verbinden.
Das war aber nicht so gemeint fur die Menschheit, sondern es war fur
die Menschheit anders gemeint. Der Mensch sollte auf der einen Seite
sich richtig mit der Erde verbinden, aber es sollte Botschaft aus der
himmlischen, geistigen Welt herunterkommen, die ihn, trotzdem er
durch seine Natur erdenverwandt wird, wiederum hinwegtragt iiber
diese Erdenverwandtschaft. Und dieses Herunterbringen der Himmels-
botschaft, das geschah durch das Mysterium von Golgatha. Daher
mufite auf der einen Seite das Wesen, das durch das Mysterium von
Golgatha ging, Menschenwesenheit annehmen, aber auf der anderen
Seite in sich Himmelswesenheit tragen. Das heifit aber: Wir diirfen uns
den Christus Jesus nicht blofi so vorstellen, dafi er innerhalb der
Menschheitsentwickelung nicht als auch einer sich entwickelt, und sei er
auch der Hochste, sondern dafi er sich als einer entwickelt, der auf-
nimmt himmlische Wesenheit, der nicht blofi eine Lehre verbreitet,
sondern der in die Erde hereintragt dasjenige, was aus dem Himmel
kommt. Daher ist es wichtig, zu verstehen, was eigentlich die Johannes-
Taufe im Jordan ist: dafi das nicht blofi eine moralische Handlung ist -
ich sage nicht «nicht» eine moralische Handlung ist, sondern «nicht
blofi » eine moralische Handlung ist -, sondern eine reale Handlung ist;
dafi da etwas geschieht, das so wirklich ist, wie die Naturereignisse
wirklich sind, das so wirklich ist, wie wenn ich mit irgendeinem War-
mequell etwas erwarme und die Warme iibergeht in das Erwarmte, daft
die Christus-Wesenheit iibergeht in den Menschen Jesus von Nazareth
bei der Johannes-Taufe. Das ist gewifi im hochsten Grade ein Morali-
sches, aber auch im Naturlaufe ein Wirkliches, wie die Naturerschei-
nungen wirklich sind. Und darauf kommt es an, dafl das verstanden
wird, daf? man es nicht nur mit irgend etwas zu tun hat, was aus ratio-
nalistischen menschlichen Begriffen heraus stammt, die immer nur
ubereinstimmen mit dem mechanischen, dem physischen oder chemi-
schen Naturlaufe, sondern daft es etwas ist, was als Idee zu gleicher
Zeit so in der realen Wirklichkeit drinnensteht, wie die Naturgesetze in
der realen Wirklichkeit oder eigentlich die Naturkrafte in der realen
Wirklichkeit drinnenstehen.
Von da aus, wenn man das erfalk, werden dann auch andere Begriffe
viel realer werden, als sie in der Gegenwart sind. Sehen Sie, der alte Al-
chimist - wir wollen uns jetzt nicht iiber Alchimie unterhalten, aber wir
wollen auf das, was der Alchimist im Auge hatte, blicken; ob das be-
rechtigt oder unberechtigt ist, dariiber wollen wir uns nicht unterhal-
ten, das kann vielleicht Gegenstand einer anderen Betrachtung sein -, er
hatte im Auge, dafi durch seine Vorstellungen nicht blofi etwas vorge-
stellt wird, sondern etwas geschieht. Sagen wir: Er raucherte. Und
hatte er dann die Vorstellung oder sprach sie aus, so versuchte er, in
diese Vorstellung eine solche Kraft hineinzubringen, daft die Raucher-
substanz wirklich Formen annahm. Er suchte solche Begriffe, die die
Macht haben, in die aufiere Naturrealitat einzugreifen, nicht bloft in-
nerhalb des Egoistischen des Menschen zu bleiben, sondern in die Na-
turrealitat einzugreifen. Warum? Weil er auch noch von dem Myste-
rium von Golgatha die Vorstellung hatte, daft da etwas geschah, was in
den Naturlauf der Erde eingreift, das ebenso eine Tatsache ist, wie ein
Naturvorgang eine Naturtatsache ist.
Sehen Sie, auf diesem beruht ein bedeutungsvoller Unterschied, der
in der zweiten Halfte des Mittelalters und gegen die neuere Zeit, gegen
unsere fiinfte, auf die griechisch-lateinische folgende Weltenperiode
eintrat. In der Kreuzzugszeit, der Zeit des 12., 13., 14., 15., ja 16.
Jahrhunderts gab es insbesondere Frauennaturen, welche ihr Gemiit in
eine solche Mystik brachten, daft sie dieses innere Erlebnis, das ihnen
die Mystik brachte, wie eine Hochzeit empfanden mit dem Geistigen,
sei es mit dem Christus, oder sonst etwas. Mystische Hochzeiten feier-
ten zahlreiche asketische Nonnen und so weiter. Ich will mich heute
nicht iiber das Wesen dieser innerlichen mystischen Vereinigungen er-
gehen; aber es war eben ein innerhalb des Gemiits Verlaufendes, das
dann nur mit Worten ausgesprochen werden konnte, das gewisserma-
ften innerhalb der Vorstellungen, der Empfindungen und noch des
Wortes, in das die Empfindungen gekleidet werden konnen, verlief.
Dem setzte dann aus gewissen Vorstellungen und geisteswissenschaftli-
chen Zusammenhangen heraus Valentin Andreae seine «Chymische
Hochzeit des Christian Rosenkreutz» entgegen. Diese chymische
Hochzeit, wir wiirden heute sagen chemische Hochzeit, sie ist auch ein
menschliches Erlebnis. Aber wenn Sie sie durchlesen, diese Chymische
Hochzeit des Christian Rosenkreutz, so werden Sie sehen, daft es sich
da nicht blofi um ein Gemiitserlebnis handelt, sondern um etwas, was
den ganzen Menschen ergreift, nicht bloft sich in Worten ausspricht;
was nicht bloft hereingestellt ist wie ein Gemiitserlebnis in die Welt,
sondern wie ein realer Vorgang, ein Naturvorgang, wo der Mensch mit
sich etwas macht, das wie ein Naturvorgang wird. Also etwas, was
mehr von Wirklichkeit durchtrankt ist, meint Valentin Andreae mit
seiner «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz», als eine
bloft mystische Hochzeit etwa der Mechthild von Magdeburg, die eine
Mystikerin war. Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur
etwas getan fur die Subjektivitat des Menschen; durch die chymische
Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas fur
die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgange etwas
fur die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent
chrisdichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer
dachten - sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimi-
sten -, Begriffe wollten sie, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger
Art meistern konnten, durch die sie in die Wirklichkeit richtiger ein-
greifen konnten, solche Begriffe, die nun wirklich etwas mit der Wirk-
lichkeit zu tun haben. Die materialistische Zeit hat zunachst iiber solche
Begriffe einen Schleier geworfen. Und die Menschen, wahrend sie heute
meinen, gerade recht iiber die Wirklichkeit zu denken, leben viel mehr
in Illusionen als die von ihnen verachteten Menschen zum Beispiel der
Alchimistenzeit, welche Begriffe anstrebten, durch die die Wirklichkeit
gemeistert werden kann.
Was konnen denn heute die Menschen mit ihren Begriffen? Das erle-
ben wir ja gerade in unserem Zeitalter, was die Menschen mit ihren Be-
griffen erreichen konnen: Illusionen, Begriffshiilsen. Das ist dasjenige,
dem die Menschen heute wie Gotzen nachjagen: Begriffshiilsen, die
nichts zu tun haben mit der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit er-
langt man nur dadurch, dafi man untertaucht eben in die Wirklichkeit,
aber nicht dadurch, dafS man sich in beliebiger Weise Begriffe ausbildet.
Und doch, an den gewohnlichsten Dingen des Tages kann man den Un-
terschied von wirklichkeitsgesattigten Begriffen und unwirklichen Be-
griffen erkennen. Nur erkennen das die meisten Menschen heute nicht.
Sie sind so unendlich befriedigt von blofien Begriffsschatten, die keine
Wirklichkeit haben. Denken Sie sich zum Beispiel, dafi heute jemand
sich hinstellt und eine Rede halt, in der er sagt, nun, nehmen wir an, es
sagte jemand: Es miisse eine neue Zeit kommen, sie kiindige sich schon
an, eine ganz neue Zeit, in welcher der Mensch nur nach seinem eige-
nen Werte gemessen werden miisse, wo jeder Mensch kraft dessen, was
er leisten kann, gewertet wird! - Nun, wer wiirde heute nicht sagen:
Das ist einmal etwas, das nun aus dem tiefsten Verstandnis unserer Zeit
heraus gesprochen ist! Aber solange die Begriffe Hiilsen bleiben, kann
es noch so schon sein, es ist eben nicht wirklichkeitsdurchtrankt. Denn
es kommt nicht darauf an, daft jemand dem Prinzip nachjagt, dafi jeder
Mensch nach seinen Kraften an den betreffenden Ort gestellt werden
soil, wenn er nachher davon iiberzeugt ist, daft gerade sein Neffe derje-
nige ist, der der Tiichtigste ist. Es kommt nicht darauf an, was man fur
Begriffe, fur Vorstellungen hat, sondern dafi man vermag, in die Wirk-
lichkeit mit seinen Begriffen hineinzudringen, Wirklichkeit zu erken-
nen! Prinzipien haben, Ideale haben, das tut sehr wohl, ist eine grofie
Wollust, und sie auszusprechen, ist oftmals eine noch grofiere Wollust.
Aber das, was not tut, ist: wirklich untertauchen in die Wirklichkeit, die
Wirklichkeit erkennen und durchdringen das Wirkliche. Wir kommen
immer tiefer hinein in dasjenige, was unsere unendlich traurige Zeit
herbeigefiihrt hat, wenn wir diesen Gotzendienst gegeniiber den Be-
griffshiilsen und Begriffsschatten immer weitertreiben, wenn wir nicht
uns hineinfinden in die Anschauung, daft schone Begriffe haben und
schone Vorstellungen haben, schone Begriffe aussprechen und schone
Vorstellungen aussprechen, nicht einen Schufi Pulver wert ist, wenn es
nicht verbunden ist mit dem Willen, in die Wirklichkeit unterzutau-
chen, die Wirklichkeit zu erkennen. Und taucht man in die Wirklich-
keit unter, dann findet man in dieser Wirklichkeit nicht blofi das Mate-
rielle, sondern dann findet man eben auch den Geist. Das bringt allein
vom Geiste ab, daft man mit Begriffsschatten, mit Begriffshulsen heute
Gotzendienst treibt. Das ist aber auch das unermeftliche Ungluck unse-
rer Zeit, daft die Menschen an schonen Worten sich berauschen. Und
das ist zugleich das Unchristliche; denn das Grundprinzip des
Christentums ist, daft der Christus in den Jesus von Nazareth nicht nur
Lehren hineingegossen hat, sondern selber in ihn hineingezogen ist, das
heiftt, sich mit der irdischen Wirklichkeit so verbunden hat, in diese
irdische Wirklichkeit eingezogen ist, und dadurch die lebendige Bot-
schaft aus dem Kosmos geworden ist.
Dasjenige Buch, welches, wenn es richtig gelesen wird, das wunder-
barste Erziehungsmittel fur die Wirklichkeit ist, das ist nun doch das
Neue Testament. Nur muft nach und nach dieses Neue Testament in
unsere Sprache ubertragen werden. Die heutigen Ubersetzungen sind
nicht mehr so, daft sie den urspriinglichen Sinn vollig geben, aber wenn
in die unmittelbare Sprache des Tages der alte Sinn ubertragen wird,
dann ist das Evangelium das allerbeste Mittel, die Menschen zu wirk-
lichkeitsdurchtranktem Denken zu bringen, weil dieses Evangelium in
jeder Zeile selber nicht solche Gedankenformen hat, welche zu Be-
griffsschatten und Begriffshulsen fiihren. Man mufi nur die Dinge in
ihrer tieferen Realitat heute fassen. Es konnte schon fast trivial klingen,
wenn man vom Sich-Berauschen an Begriffen spricht, aber dieses Be-
rauschen an Begriffen ist nun eben einmal heute so ungeheuer verbrei-
tet, daft es weniger auf die Vorstellungen, auf die Ideen, und wenn sie
noch so schon klingen, ankommt, sondern darauf , daft der, der die Vor-
stellungen und Ideen ausspricht, in der Wirklichkeit steht. Das kann
man so unendlich schwer heute begreifen. Man beurteilt ja fast alles,
was in die Offentlichkeit tritt, heute bloft nach dem Inhalt, und zwar
nach dem Begriffsinhalt. Sonst wiirde man nicht die ideenleersten Do-
kumente - ich will nur sagen zum Beispiel die sogenannte Friedensnote
des Professor Wilson, ich will sagen des Prasidenten Wilson, eine Hiil-
se, eine blofie Zusammenstoppelung von Begriffsschatten -, man wiirde
sie nicht fur irgend etwas gehalten haben, was Tragkraft hat fur die
Realitat. Wer Empfindung hat fur Begriffsschattigkeit, der konnte aus
dieser Zusammenstellung von blofien Begriffsschatten wissen, daft das
hochstens als Absurditat wirken konnte, die dann eine gewisse Realitat
sein konnte. Denn das, was not tut, ist heute eben: wirklichkeitsgesat-
tigte Begriffe sich zu holen, zu suchen. Das aber setzt voraus, daft die
Menschen tief , tief verwandt werden konnen mit der Wirklichkeit, daft
sie selbstlos genug sind, sich mit dem, was in der Wirklichkeit lebt und
webt, zu verbinden. Denn man kann vieles sehen in der Gegenwart, das
gerade von diesem Suchen nach der Wirklichkeit abfiihrt, ganz hinweg-
fiihrt, und man merkt diese Dinge nicht.
Mancherlei fur den Kenner traurigste Dinge gehen vor sich. Zum
Beispiel ist es in der Gegenwart moglich, daft die Menschen ergriffen
werden, rein durch die Wortzusammenstellung, von einer Anzahl von
Reden, die auch gedruckt worden sind; einer Anzahl von Reden, wel-
che fur denjenigen, der nicht auf die Worte, sondern auf die Wirklich-
keiten geht, geradezu grauenvoll sind. Da sind Reden gehalten worden
von einer sehr angesehenen Personlichkeit der Gegenwart, die gleich in
einer der ersten Reden den Standpunkt vertritt: Ja, mit Bezug auf die
eine Seite des Menschen gehort der Mensch durchaus der Naturord-
nung an, und die Theologen tun nicht gut, wenn sie nicht die Natur-
ordnung den reinen Naturforschern uberlassen. — Dann fiihrt der Red-
ner weiter aus: In bezug auf die Naturordnung ist der Mensch rein ein
Mechanismus; aber von diesem Mechanismus hangen auch die Verrich-
tungen der Seele ab. - Und was er nun als Verrichtungen der Seele an-
gibt, das ist ungefahr alles, was die Seele uberhaupt an Verrichtungen
hat. Das soli nun auch den Naturforschern uberlassen werden. Und fur
die Theologie bleibt dann nichts anderes als der Trost: Es ist alles an die
Naturwissenschaft abgetreten, aber wir sollen nur noch reden! Dann
kann man allerdings nur noch in Worthulsen reden. Dabei sind die Re-
den so gefafit, daft sie Diskontinuitaten haben - ich werde auf das ganze
Faktum in den nachsten Vortragen noch einmal zuriickkommen und
darauf naher eingehen -, daft der nachste Gedanke, wenn er wirklich
durchschaut wird, mit dem vorhergehenden Gedanken, mit dem er in
Zusammenhang gebracht wird, nicht einmal irgendwie zusammen ge-
dacht werden kann. Aber das Ganze klingt wunderschon. Und in der
Vorrede zu diesen Vortragen iiber sogenannte «Lebensgestaltung»
steht, daft diese Vortrage vor Tausenden von Menschen vor kurzer Zeit
gehalten worden sind, und daft jedenfalls noch viele Tausende das Be-
dtirfnis haben werden, sich an diesen Vortragen einen Seelentrost in
ernster Zeit zu suchen. Diese Vortrage sind von dem beruhmten Theo-
logen Hunzinger und sind in der Quelle- und Meyer-Sammlung, ich
glaube «Wissenschaft und Bildung» heifit sie, erschienen und sind gera-
dezu etwas, was zu dem Gefahrlichsten in der Gegenwart gehort, weil
es bei einem schon klingenden Inhalt, bei einem berauschend klingen-
den Inhalt, das Gedankenleben der Menschen geradezu verwirrt, weil
die Gedanken keinen Zusammenhang haben, und weil das Ganze ei-
gentlich, sobald man es der berauschenden Worte entkleidet, nichts an-
deres ist als ein Nonsens. Dennoch, die Lobrednereien iiber diese
Dinge erfullen ungeheuer weite Kreise - ich werde Ihnen in einem der
nachsten Vortrage im einzelnen nachweisen, welche Gedankenkonfu-
sionen darinnen sind - und niemand laftt sich darauf ein, die Gedanken-
formen zu priifen, sondern jeder bleibt stehen bei den Wortschatten.
Ja, dasjenige, was auftere Wirklichkeit ist, hangt durchaus zusammen
mit demjenigen, was der Mensch innerlich entwickelt. Entwickelt er
wirklichkeitsfremde Begriffe, dann muft die Wirklichkeit in Verwirrung
kommen, und dann entstehen Zustande wie die heutigen. An dem, was
als auftere Zustande einem entgegentritt, kann man nicht mehr die Sa-
che beurteilen, sondern an dem muft man es beurteilen, was sich oft-
mals nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte, vielleicht noch langer vorher
in den menschlichen Gemiitern entwickelt. Da liegt es, was die Ursache
ist. Da hinein muft man schauen. Alles aber hangt daran, daft der Chri-
sms nicht bloft seinem Lehrinhalt nach genommen werde, sondern
daft das Mysterium von Golgatha in seiner Realitat, in seiner Wirklich-
keit geschaut wird, daft geschaut wird, daft da tatsachlich etwas Uber-
irdisches durch die Person des Jesus von Nazareth sich mit dem Irdi-
schen verbunden hat. Denn dann wird man darauf kommen, dafi das
Moralische nicht blofi dasjenige ist, was verweht und vergeht, wenn die
Erde oder selbst das Himmelsgebaude ein Grab geworden ist, sondern
dafi die gegenwartige Erde und das gegenwartige Himmelsgebaude ein
Grab werden kann, wie die gegenwartige Pflanze zu Staub wird. Aber
wie in der gegenwartigen Pflanze der Keim zu der nachsten darinnen-
steckt, so steckt in der gegenwartigen Welt der Keim zu der nachsten
darinnen. Und die Menschen sind mit diesem Keim verbunden. Nur
bedarf dieser Keim des Zusammenhanges mit dem Christus, damit er
nicht, wie etwa der Pflanzenkeim, wenn er nicht befruchtet wird, mit
dem Staub der Pflanze zerfallt, so mit dem Grabe der Erde zerfallt.
Daft die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft
kunftiger Naturordnung ist, das ist der realste Gedanke, den es geben
kann. Das Moralische ist nicht blofi etwas Ausgedachtes; das Morali-
sche ist jetzt, wenn es wirklichkeitsgetrankt ist, als Keim vorhanden fur
spatere aufiere Realitaten.
Zu diesem Gedanken kommt keine solche Weltanschauung, von der
Herman Grimm sagte, dafi ein Stuck Aasknochen, um den ein hungri-
ger Hund herumschleicht, ein appetitlicherer Anblick sei als die Kant-
Laplacesche Weltordnung. Zu diesem Gedanken, dafi das Moralische in
sich die Kraft hat, ein Naturliches zu werden, dafi es der Keim des Na-
tiirlichen ist, des Natiirlichen der Zukunft, zu dem dringt die mechani-
sche Weltenordnung niemals. Und warum nicht? Ja, sie mufi ja in der
Tauschung leben. Denn stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golga-
tha hatte nicht stattgefunden, dann ware es so, wie die Kant-Laplace-
sche Theorie es sich vorstellt. Sie brauchen blofi das Mysterium von
Golgatha von der Erde wegzudenken, dann ware diese Theorie richtig.
Denn die Erde mufite in einen Zustand einmal kommen, der, wenn er,
sich selbst uberlassen, weiterlaufen wiirde, das Menschliche in der Gra-
besode enden liefie. Das mufite so geschehen, damit der Mensch durch
Erdenverwandtheit die Freiheit erringen konne. Er findet dieses Grab
nicht, weil die Erde in dem Augenblick, in dem die Krisis war, be-
fruchtet wurde durch den Christus, weil der Christus heruntergestiegen
ist - und weil der Christus die umgekehrte Kraft ist gegeniiber der zum
Grabesende fiihrenden, das namlich, was Keimeskraft ist -, hinaufzu-
tragen den Menschen in die geistige Welt; das heiflt, wenn die Erde
Grab wird, wenn sie ihrem Schicksal nach der Kant-Laplaceschen
Theorie folgt, das nicht mit zugrunde gehen zu lassen, was als Keim in
ihr liegt, sondern es hiniiberzutragen in die Zukunft. So dafi die christ-
lich-moralische Weltordnung dasjenige denkt, was Goethe die «hohere
Natur in der Natur» nennt, und man sagen kann: Wer das Mysterium
von Golgatha in der richtigen Weise als eine Realitat denken kann, der
kann auch real denken, der kann sich audi wirklichkeitsgesattigte
Begriffe machen.
Das aber ist notwendig, und das ist auch dasjenige, was die Men-
schen vor alien Dingen lernen mussen. Denn die Menschen haben in
dieses funfte nachatlantische Zeitalter herein entweder Begriffe sich bil-
den wollen, welche sie berauschen, oder Begriffe sich bilden wollen,
welche sie blind machen. Begriffe, welche berauschen, sind vielfach auf
religiosen Gebieten gemacht worden; Begriffe, welche blind machen,
sind vielfach auf naturwissenschaftlichem Gebiet gemacht worden. Be-
rauschen mufi ein Begriff, welcher, indem er gelten lafit auf der anderen
Seite die rein natiirliche Ordnung, blofi an irgend etwas Moralisches
denkt, wie Kant, der diese zwei Welten nebeneinanderstellt, die eine
dem Wissen, die andere dem Glauben auslieferte. Solche Begriffe, die
man dann ausbildet auf moralischem Gebiete, konnen berauschen, und
durch den Rausch merkt man dann nicht, dafi man dann eigendich un-
weigerlich verfallen ist der Grabesstille der Welt, mit der verklungen und
versunken ist all dasjenige, was moralische Weltenordnung ist. Oder
Begriffe konnen blind machen, wie es die naturwissenschaftlichen, die
nationalokonomischen und - verzeihen Sie, es schluckt sich schwer -
die politischen Begriffe der Gegenwart sind. Blind machen diese Begrif-
fe, wenn sie nicht gebildet werden so, dafi sie in Zusammenhang stehen
mit der geistig begriffenen Welt, sondern nur aus den Fetzen der aufie-
ren sogenannten tatsachlichen, das heifk sinnlich-tatsachlichen Wirk-
lichkeit heraus gebildet sind. So dafi jeder nur so weit sieht, als seine
Nase reicht, das heifit blind nur aus dem heraus urteilt, was er zwischen
Geburt und Tod mit seinen Augen sehen und mit angelernten Begrif-
fen umfassen kann, ohne dafi er sich Begriffe ausbildet, die deshalb
wirklichkeitsgetrankt sind, weil sie durchtrankt sind vom Geistigen,
von Erfassung der geistigen Wirklichkeit.
Man mufi immer wieder und wiederum auf dasjenige hinweisen, was
unserer Zeit so ganz besonders not tut, wirklich not tut. Denn selbst
das Historische wirkt in unserer Zeit oftmals nur mehr wie Begriffs-
schatten. Wieviel wird deklamiert heute, ich will sagen, von dem, was
Fichte zum deutschen Volk gesprochen hat! Was Fichte zum deutschen
Volk gesprochen hat, begreift man erst, wenn man das ganze Leben
Fichtes, dieses so tief in der Wirklichkeit stehende Leben Fichtes sich
ansieht. Deshalb habe ich versucht, in meinem Buch «Vom Menschen-
ratsel» die Personlichkeit Fichtes hinzustellen, wie sie geworden ist, wie
sie schon von Kindheit auf verkniipft war mit der Wirklichkeit. Und
man mochte so gerne, dafi gerade solche Worte wie diese von dem
Durchtranktsein der Vorstellungen und Ideen mit Wirklichkeiten, daft
gerade diese heute nicht oberflachlich nur angehort werden, sondern
tief innerlich genommen werden; wirklich tief innerlich genommen
werden. Nur dann wird man sich ein freies, offenes Auge, ich meine
Seelenauge, aneignen fur dasjenige, was unserer Zeit so sehr not tut.
Und jedem Menschen tut not ein solches freies, offenes Seelenauge. Der-
jenige, der es sich nicht besonders zur Aufgabe machte, gerade iiber
diese hiermit beriihrten Fakten nachzudenken, der achtet viel zu wenig
darauf, wie in unserer Zeit mit Begriffsschatten, mit Worthulsen ge-
wirtschaftet wird, und wie alles darauf angelegt ist, den Menschen ent-
weder in die berauschenden oder in die blind machenden Begriffe zu
fiihren.
Nehmen Sie so etwas, wie ich es heute gesagt habe, nicht in dem
Sinne eines Agitatorischen, sondern in dem Sinne von etwas, das aus-
sprechen will, was ist. Der Mensch mufi gewift mit seiner Zeit leben,
und soli mit seiner Zeit leben, und er soil nicht, wenn irgend etwas cha-
rakterisiert wird, das so auffassen, als ob man damit meinte, daft alles
und alles damit abgewiesen werde. Aber es soli das Gegengewicht ge-
schaffen werden. Es ist heute nur natiirlich, daft die Welt vor Impulsen
steht, die ganz in den Materialismus hineinfuhren. Das kann nicht auf-
gehalten werden, denn dieses Hineinfuhren in den Materialismus, das
hangt zusammen mit dem tief en Bedurfnis unserer Zeit. Aber ein Ge-
gengewicht mufi geschaffen werden. Ich mochte sagen, alle Machte stel-
len es darauf ab, den Menschen ganz fest in den Materialismus einzu-
fiihren. Das kann nicht aufgehalten werden; es gehort zura Wesen des
fiinften nachatlantischen Zeitraumes. Aber das Gegengewicht mufi ge-
schaffen werden. Ein besonders hervorragendes Mittel, den Menschen
in den Materialismus hineinzujagen, ist das, was von diesem Gesichts-
punkte aus kaum bemerkt wird: der Kinematograph. Es gibt kein bes-
seres Erziehungsmittel zum Materialismus als den Kinematographen.
Denn das, was man in dem Kinematographen schaut, das ist nicht
Wirklichkeit, wie sie der Mensch sieht. Nur eine Zeit, welche so wenig
Begriff hat von der Wirklichkeit wie diejenige, welche die Wirklichkeit
als Gotzen im Sinne des Materialismus anbetet, kann glauben, dafi der
Kinematograph eine Wirklichkeit bietet. Eine andere Zeit wiirde dar-
iiber nachdenken, ob der Mensch auf der Strafie so geht wie im Kine-
matographen; und dann, wenn er sich fragt: Was hast du gesehen? - ob
er wirklich das so im Bilde hatte, wie der Kinematograph es ihm vor-
stellt. Fragen Sie sich einmal ehrlich, aber tief ehrlich: Ist dasjenige, was
Sie gesehen haben auf der Strafie, naher dem Bilde, das sich nicht be-
wegt, das ein Maler Ihnen macht, oder dem schauderhaften funkelnden
Bilde des Kinematographen? Wenn Sie sich ehrlich fragen, so werden
Sie sich sagen: Das, was der Maler in Ruhe gibt, das gleicht viel mehr
dem, was Sie selber auf der Strafie sehen. Daher aber auch nistet sich,
wahrend der Mensch vor dem Kinematographen sitzt, das, was ihm der
Kinematograph bietet, nicht in das gewohnliche Wahrnehmungsvermo-
gen ein, sondern in eine tiefere materielle Schicht, als wir sonst im
Wahrnehmen haben. Der Mensch wird atherisch glotzaugig. Er bekommt
Augen wie ein Seehund, nur viel grofier, wenn er sich dem Kinemato-
graphen hingibt. Atherisch meine ich das. Da wirkt man nicht nur auf
dasjenige, was der Mensch im Bewufitsein hat, sondern auf sein tiefstes
Unterbewufkes wirkt man materialisierend. Fassen Sie das nicht auf wie
eine Brandrede gegen den Kinematographen. Es soil ausdrucklich noch
einmal gesagt werden: Es ist ganz naturlich, daf$ es Kinematographen
gibt; die Kinematographenkunst wird noch immer mehr und mehr aus-
gebildet werden. Das wird der Weg in den Materialismus sein. Ein Ge-
gengewicht mufi geschaffen werden. Das kann nur darin bestehen, dafi
der Mensch mit der Sucht nach der Wirklichkeit, die im Kinemato-
graphen entwickelt wird, etwas verbindet. Wie er da mit der Sucht
entwickelt ein Heruntersteigen unter die sinnliche Wahrnehmung, so
muE er ein Heraufsteigen iiber die sinnliche Wahrnehmung, das heifit
in die geistige Wirklichkeit, entwickeln. Dann wird ihm der Kinemato-
graph nichts schaden; da mag er sich dann die kinematographischen
Bilder ansehen, wie er will. Aber gerade durch solche Dinge wird der
Mensch dahin gefuhrt - indem kein Gegengewicht geschaffen wird
nicht so, wie es notwendig ist, erdenverwandt zu werden, sondern im-
mer erdenverwandter, erdenverwandter zu werden und zuletzt vollig
abgeschniirt zu werden von der geistigen Welt.
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 6. Marz 1917
Ich habe Ihnen gesprochen von den drei Begegnungen, denen die Men-
schenseele unterworfen ist im Verlaufe ihres Lebens zwischen Geburt
und Tod, und die sie schon im Verlaufe dieses Lebens zwischen Geburt
und Tod in Verbindung bringen mit den geistigen Welten. Auf diesen
Gegenstand, den wir das letzte Mai episodisch vorbereitend gewisser-
mafien von aufien beriihrt haben, werden wir heute noch einmal zu-
riickkommen, wir werden ihn iiberhaupt genauer betrachten.
Wir haben bemerkt, dafi der Mensch in jener Zeit, in der er den
Wechselzustanden von Schlafen und Wachen unterliegt, eine Begeg-
nung hat, in der Regel in der Mitte seines Schlafzustandes. In der Regel
sage ich deshalb, weil das der Schlafzustand sein soil, der der normale
Nachtzustand ist. Also der Mensch hat in der Regel zwischen Schlafen
und Aufwachen seine Begegnung mit derjenigen Welt, der unser Geist-
selbst verwandt ist, mit derjenigen Welt, in die wir versetzen die We-
senheiten aus jener Klasse der Hierarchien, die wir als die Angeloi be-
zeichnen. Wir kommen da also gewissermafien jedesmal, wenn wir
durch den Schlaf gehen, durch jene Welt durch, in welcher sich diese
Wesen aufhalten; durch jene Welt, die die nachste - nach oben - ist zu
unserer physischen Welt, und erfrischen, erstarken gewissermafien
unser ganzes geistiges Wesen durch diese Begegnung. Weil das so ist,
weil man es also im Schlafzustand zu tun hat mit einem Verhaltnis
des Menschen mit der geistigen Welt, wird auch niemals eine blofi
materialistische Erklarung des Schlafzustandes, wie sie von der
aufieren Wissenschaft versucht wird, irgendwie befriedigen konnen.
Man kann vieles, das im Menschen vorgeht, erklaren aus den
Veranderungen, die der Leib durchmacht vom Aufwachen bis zum
Einschlafen, und man kann dann aus diesen Veranderungen den
Schlaf erklaren wollen, aber es wird immer etwas Unbefriedigendes
dabei bleiben, weil es sich im Schlaf e eben um die angedeutete
Begegnung, also um eine Beziehung des Menschen zur geistigen Welt
handelt. Gerade wenn wir also den Schlafzustand betrachten, kon-
nen wir sehen, wie der Mensch, wenn er keine Beziehung sucht in
seinem Bewufltsein zur geistigen Welt, dann zu halbwahren Begriffen
kommt, zu jenen halbwahren Begriffen, welche - da Begriffe, Vorstel-
lungen sich ins Leben umsetzen - das Leben verfalschen und auch die
groften Katastrophen des Lebens eigentlich in Wahrheit zuletzt doch
herbeifiihren.
Halbwahre Begriffe! Sie sind aus dem Grunde ingewisser Beziehung
sogar schlimmer als die ganz falschen Begriffe, weil die Menschen, wel-
che sich halbwahre Begriffe, halbwahre Vorstellungen bilden, auf die-
sen halbwahren Vorstellungen bestehen, denn sie konnen sie ja bewei-
sen; da sie halb wahr sind, lassen sie sich beweisen. Es wird ihnen auch
eine Widerlegung nicht einleuchten, da die Begriffe eben halb wahr
sind. Solche Begriffe verfalschen wirklich das Leben noch mehr als die
ganz falschen, denen man ihre Falschheit ja eben sofort ansieht, aner-
kennt. Eine solche halbwahre Vorstellung ist diejenige, die heute zum
Teil von der aufieren Wissenschaft verlassen ist, aber zum Teil, zum
grofien Teil sogar von dieser aufieren Wissenschaft noch immer vertre-
ten wird. Es ist die Vorstellung, auf die ich schon ofter aufmerksam
gemacht habe: dafi wir schlafen, weil wir ermiidet sind. Es ist, wir
konnen wirklich sagen, eine halbwahre Vorstellung, und sie wird
gestiitzt durch eben auch eine halbwahre Beobachtung, auf die sich die
Menschen berufen: daft das Leben des Tages den Korper ermiidet, und
dafi man daher, weil man ermiidet ist, schlafen musse. Nun, ich habe
schon darauf aufmerksam gemacht in friiheren Vortragen, daft sich
durch diese Erklarung des Schlafes niemals erklaren liefte, warum Ren-
tiers, die gar nicht gearbeitet haben, oftmals bei den anregendsten Din-
gen, die von der Auftenwelt kommen, sofort einschlafen, wenn sie die-
ses oder jenes horen. Daft sie ermiidet sind, wird man ganz gewift nicht
nachweisen konnen; und daft sie durchaus schlafen miissen, weil sie
nun so abgerackert sind, das ist eben nur eine falsche, also eine halb-
wahre Beobachtung. Wir Menschen beobachten eben da, wenn wir
glauben, daft wir durch die Ermudung zum Schlafen gezwungen wer-
den, nur halb. Und man sieht, worin die Halbheit besteht, erst dann,
wenn man dasjenige, was von der einen Seite beobachtet wird, ver-
gleicht mit dem, was von der anderen Seite beobachtet werden kann,
wo man der anderen Halbheit begegnet. Sie werden gleich sehen, was
ich damit meine.
Schlafen und Wachen ist im einzelnen menschlichen Leben etwas,
was rhythmisch abwechselt. Nur ist der Mensch ein Wesen, das auf
Freiheit gestellt ist, und das daher auch mit Bezug auf den Rhythmus
von Schlafen und Wachen eingreifen kann - hier mehr durch die Ver-
haltnisse als durch dasjenige, was man Freiheit nennt, aber diese Ver-
haltnisse sind eben die Grundlage der Freiheit -, eingreifen kann bei
dem Gang der Ereignisse, und manchmal bei dem Rhythmus des Schla-
fens und Wachens nur allzu gerne eingreift. Ein anderer Rhythmus, den
wir oft zusammengestellt haben mit Schlafen und Wachen, wenn er
auch im gewohnlichen Bewufitsein falsch zusammengestellt wird, ist
der, welcher im Jahreslauf eintritt: der Wechsel von Sommer und Win-
ter, wenn wir die Zwischenjahreszeiten unberiicksichtigt lassen. Nie-
mand wird es dabei einf alien zu sagen: Nun, wahrend des Sommers
strengt sich die Erde an und entfaltet diejenigen Krafte, welche dazu
fiihren, daft die Pflanzen wachsen, Krafte, welche zu manchem anderen
noch fiihren; da ermudet sie, und es mufi daher eine Winterruhe eintre-
ten. - Ein jeder wird eine solche Vorstellung als absurd abweisen und
wird sagen: Daft der Winter eintritt, hat gar nichts zu tun mit der
sommerlichen Anstrengung der Erde, sondern er tritt halt deshalb ein,
weil die Sonne in ein anderes Raumesverhaltnis zu dem Fleck Erde
kommt, auf dem gerade der Winter eintritt. - Da wird man alles von
Aufierem ableiten, beim Schlafen und Wachen alles von der Ermiidung,
vom Inneren. Nun ist das eine genau ebenso falsch wie das andere, oder
man konnte auch sagen, es ist das eine gerade so halb wahr wie das an-
dere. Denn der Rhythmus von Schlafen und Wachen ist gerade ein sol-
cher Rhythmus wie derjenige zwischen Winter und Sommer. Es ist
ebensowenig wahr, dafi wir nur deshalb schlafen, weil wir ermudet
sind, wie es wahr ist, dafi der Winter eintritt, weil die Erde sich wah-
rend des Sommers abgerackert hat, sondern beides beruht auf selbstan-
digem Wirken eben eines Rhythmus, der hervorgebracht wird durch
gewisse Verhaltnisse. Der Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen
wird eben dadurch hervorgebracht, dafi die Menschenseele es notig hat,
die Begegnung mit der geistigen Welt immer wieder und wiederum
herbeizufiihren, dafi sie immer wiederum ihre Begegnung mit der gei-
stigen Welt braucht. Und wenn wir sagen wiirden, wir wollen schlafen,
und deshalb fiihlen wir Ermudung, oder wenn wir sagen wiirden: wir
treten in das Stadium ein, wo wir nach dem einen Teil des Rhythmus,
nach dem Schlafzustand verlangen, und deshalb fiihlen wir Ermudung,
dann wiirden wir etwas Richtigeres sagen als: weil wir ermudet sind,
miissen wir schlafen.
Die Sache wird uns noch klarer werden, wenn wir einfach fragen: Ja,
was tut denn die Seele eigentlich, wenn sie schlaft? Fur die Beantwor-
tung einer solchen Frage hat die heutige geistlose Wissenschaft kein
rechtes Verstandnis, auch keine rechte Moglichkeit. Sehen Sie, im Wa-
chen, da geniefien wir - denn Genufi ist beim ganzen Leben immer
vorhanden -, da geniefien wir die aufiere Welt. Wir geniefien ja nicht
blofi die aufiere Welt, wenn wir eine gute Speise durch unseren Gau-
men fiihlen, wo wir das Wort «geniefien», weil die Sache eben radikal
wirkt, anwenden, sondern wir geniefien wahrend des ganzen Wachzu-
standes die aufiere Welt, und alles Leben ist zu gleicher Zeit Genufi.
Wenn es viel Unlust in der Welt gibt und das scheinbar kein Genufi ist,
so ist das nur eine Tauschung, von der wir im spateren Zusammenhang
in nachsten Vortragen einmal sprechen werden. Im Wachen geniefien
wir die aufiere Welt, im Schlafen geniefien wir uns selbst. Geradeso wie
wir, wenn wir mit unserer Seele im Leibe sind, durch den Leib die au-
fiere Welt geniefien, so geniefien wir, wenn wir mit unserer Seele aufier
dem Leibe sind, unseren eigenen Leib; denn wahrend des Lebens zwi-
schen Geburt und Tod sind wir mit dem Leibe doch zusammenhan-
gend, auch aufierhalb des Leibes. Darin besteht im wesentlichen der
Schlafzustand, der gewohnliche normale Schlafzustand, dafi wir uns in
unseren Leib vertiefen, dafi wir unseren Leib geniefien. Von aufien ge-
niefien wir unseren Leib. Und die Traume, die gewohnlichen chaoti-
schen Traume wird derjenige richtig deuten, der sich sagt, sie sind Wi-
derspiegelung desjenigen Leibesgenusses, den der Mensch hat, wenn er
im traumlosen Schlaf ist.
Diese Erklarung des Schlafes kommt schon naher dem Schlafbediirf-
nis, von dem ich gesprochen habe beim Rentier. Denn dafi er ermudet
ist, das werden wir ihm nicht so leicht glauben; dafi er aber seinen Leib
so gerne hat, dafi er ihn Heber geniefien will als das, was ihm oftmals
aus der aufieren Welt entgegenkommt, das werden wir gerade beim
Rentier leicht glauben konnen. Er hat sich ja in der Regel so unendlich
gern und geniefit sich so gern, er geniefit vielleicht sich viel lieber als,
urn nicht zu sagen einen Vortrag, den er schandenhalber anhort, son-
dern vielleicht zu sagen, irgendein schwierigeres, besseres Musikstiick,
bei dem er sofort einschlaft, wenn er es sich anhoren soil. Schlaf ist
Selbstgenufi. Dadurch nun, dafi wir im Schlafe, im normalen Schlafe,
die Begegnung mit der geistigen Welt haben, dadurch wird dieser Schlaf
nicht blofier Selbstgenufi sein, sondern auch Selbstverstandnis sein; bis
zu einern gewissen Grade Selbstverstandnis, Selbstauffassung. In dieser
Beziehung ist tatsachlich unserer geistigen Bildung notwendig, dafi die
Menschen begreifen lernen, dafi sie wirklich im normalen Schlaf unter-
tauchen in den Geist und im Aufwachen wiederum auftauchen aus dem
Geiste, daft sie lernen Ehrfurcht zu haben vor dieser Begegnung mit
dem Geiste.
Nun, damit wir nicht unvollstandig sind, mochte ich noch einmal auf
das sogenannte Ermudungsratsel zuruckkommen. Denn hier wird ja
das triviale Bewufitsein am allerleichtesten einhaken konnen. Es wird
sagen: Nun ja, wir erfahren aber doch, dafi wir ermiidet sind, und mit
der Ermudung tritt das Schlafbediirfnis ein. - Hier ist ein Punkt, wo
man wirklich genau unterscheiden muE. Wir ermiiden tatsachlich bei
des Tages Arbeit,
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