Vorstufen zum Mysterium von Golgatha

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Vorstufen 
zum Mysterium von Golgatha 

Zehn Vortrage, gehalten 1913 bis 1914 
in verschiedenen Stadten 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1964 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1980 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 
Einzelveroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 152 

Einbandzeichnung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1520-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl ofFentlich wie auch fiir die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei ge- 
haltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zumDruck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa- 
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, muB gegeniiber alien VortragsverofFentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen 
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Okkulte Wissenschaft und okkulte Entwickelung - Einweihung 
Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten. Der EinfluB der 
luziferischen und ahrimanischen Impulse. Die Ausbildung eines zu- 
kiinftigen physischen Organs fur die Erinnerung an fruhere Inkarna- 
tionen. Die okkulte Entwickelung des heutigen Menschen: 1. Aus- 
bildung der inneren Denkkraft durch Meditation; 2. Durchdrin- 
gung der Meditation mit der Kraft der Empfindung; 3. Durch- 
dringung der Meditation mit den Impulsen des Willens. 

London, 1. Mai 1913 

Christus zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und 

Christus im zwanzigsten Jahrhundert 

Die Wesenheit Jehovas. Michael, das «Antlitz Jehovas». Michael 
und andere Erzengel als Inspiratoren aufeinanderfolgender Zeit- 
alter. Die Verknupfung des Christus mit dem Schicksal der Mensch- 
heit und seine Vereinigung mit der Erdenevolution. Die neue Mi- 
chael-Offenbarung. 

London, 2. Mai 1913 

Der Michael-Impuls und das Mysterium von Golgatha 

Das verflossene Gabriel-Zeitalter. Das Michael- Zeitalter seit dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Michaels Aufstieg in die Hier- 
archic der Archai. Das Hineintragen der geistigen Welt in die sinn- 
liche. Der Michael-Impuls und die anthroposophische Weltanschau- 
ung. 

Erster Vortrag, Stuttgart, 18. Mai 1913 

Naturwissenschaftliches Verstandms im abgelaufenen Gabriel-Zeit- 
alter. Weckung eines Verstandnisses fur das Spirituelle im neuen 
Michael-Zeitalter. Der Herabstieg des Christus auf die Erde, um 
durch den Tod zu gehen. Michaels Erhebung vom Sendboten Jah- 
ves zum Sendboten des Christus, vom Volksgeist zum Zeitgeist. 

Zweiter Vortrag, Stuttgart, 20. Mai 1913 



Der Weg des Christus durch die Jahrhunderte 

Die nachatlantische Zeit. Das Wirken des Atherleibes im urindi- 
schen, des Empfindungsleibes im urpersischen, der Empflndungs- 
seele im agyptisch-chaldaischen, der Verstandes- oder Gemutsseele 
im griechisch-lateinischen, der BewuBtseinsseele im gegenwartigen 
Zeitalter. Die Suche nach dem Christus. Das zukiinftige Schauen 
des Christus in seiner atherischen Wesenheit. Christus als Berater 
und Freund der Menschen. 

{Copenhagen, 14. Oktober 1913 

Die drei geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha 
Die dreimalige Verbindung des Christus mit der Menschheit vor 
dem Mysterium von Golgatha durch dreimaliges Durchdringen des 
Geistwesens, das spater als der nathanische Jesusknabe geboren 
wurde: zur Regelung der Sinneserfahrung in der lemurischen Zeit; 
zur Regelung der Lebenskrafte am Anfang der atlantischen Zeit; 
zur Regelung der Seelenkrafte am Ende der atlantischen Zeit. Das 
Hereinwirken des Christus-Impulses in die physische Welt und die 
Menschheitsentwickelung. 

Stuttgart, 5. Mar^ 1914 

Der Christus-Impuls im Zeitenwesen und sein Walten 
im Menschen 

Die geistige Vorgeschichte des Mysteriums von Golgatha. Drei Vor- 
stufen. Lemurische Zeit. Anfang der atlantischen Zeit. Ende der 
atlantischen Zeit. Das Mysterium von Golgatha. Das zukiinftige 
EinflieBen des Christus-Impulses in die menschliche Erinnerungs- 
kraft. Die Abwendung der Gefahr des Chaotischwerdens der Er- 
innerung durch den Christus-Impuls. 

Pforzheim, 7. Mdr^ 1914 

Der Christus-Geist und seine Beziehungen zur BewuBtseins- 
entwickelung 

Die drei Vorstufen des Ereignisses von Golgatha. Die dreimalige 
Durchgeistigung des Engelwesens, das sich spater als der nathani- 
sche Jesus verkorperte, mit dem Christus-Impuls. Das Wirken des 
Christus in der menschlichen Geschichte. Konstantin und Maxen- 
tius. Die Jungfrau von Orleans. Die «Ahasver-Riickschau» im 
16. und 17. Jahrhundert. Die anthroposophische Bewegung und 
die fiihrenden Machte unserer Zeit. 

Munchen, 30. Mar% 1914 



Der Fortschritt in der Erkenntnis des Christus 

Das Fiinfte Evangelium 

Die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha. Die Verkorpe- 
rung des Christus in Jesus von Nazareth. Drei Epochen in der Ent- 
wickelung des Jesus von Nazareth, verbunden mit drei groBen 
Schmerzerlebnissen. Das Gesprach des Jesus mit seiner Stief- oder 
Ziehmutter : das Aushauchen des Zarathustra-Ich. Die Notwendig- 
keit einer bewulken Christus-Erkenntnis in der Gegenwart und 
Zukunft. 



Die vier Christus-Opfer 

Die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha 

Die Notwendigkeit der Gewinnung einer neuen Christus-Erkennt- 
nis und der Schulung der Selbstlosigkeit. Die Geisteswissenschaft 
als Schule der Selbstlosigkeit fur das intellektuelle und mora- 
lische Leben der Menschheit. Das wahre Begreifen des Mysteriums 
von Golgatha. 



Paris, 27. Mai 1914 



134 



Basel, LJuni 1914 



151 



Hinweise 



Zu dieser Ausgabe 



169 
170 
174 
175 



Hinweise zum Text 

Namensregister 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 



OKKULTE WISSENSCHAFT UND OKKULTE ENTWICKELUNG 

EINWEIHUNG 

London, I.Mai 1913 

Es ist mir eine groBe Befriedigung, heute zum ersten Mai hier in die- 
sem Lande unsere Freunde zu begriiBen. Ich bedauere, daB ich nicht 
in Ihrer eigenen Sprache zu Ihnen sprechen kann, aber urn diese 
Schwierigkeit zu iiberwinden, wird unser Freund Baron Walleen 
heute Satz fur Satz, den ich sprechen werde, iibersetzen, und 
morgen werde ich den Vortrag ohne Unterbrechung halten, und 
Baron Walleen wird die Giite haben, eine Zusammenfassung auf 
Englisch zu geben. 

Unsere lieben Freunde in diesem Lande, die uns ofters besucht 
haben auf dem Kontinent, haben in der schonsten Weise ein inneres 
Band geknupft zwischen unseren Freunden hier und denjenigen auf 
jener Seite. Das schone Heim, in welchem wir heute versammelt sind, 
ist ein Beweis dafiir, mit welchem tief innerlichen Empfinden unsere 
Freunde in diesem Lande sich mit uns vereinen, um fiir die Verbreitung 
der Anthroposophie zu arbeiten. Und diejenigen, welche vom Kon- 
tinent herubergekommen sind, um unsere englischen Freunde zu be- 
suchen, werden sich wahrhaft freuen, in diesem Zweige einen so scho- 
nen Rahmen fur dasjenige zu linden, was uns so sehr am Herzen liegt, 
was in unseren Seelen so tief wurzelt. 

Mit jenem tief en inneren Gefuhl der Einheit, welches zur Anthro- 
posophie gehort und in welchem alle menschlichen Wesen auf der 
Erde sich vereinigen sollten ohne Unterschied der Rasse, Farbe oder 
dergleichen, mit diesem Gefuhl erlauben Sie mir, heute zum ersten Mai 
zu Ihnen zu sprechen und Sie aufs herzlichste zu begriiBen. Und es 
sollte eine gute Gewahr sein fiir unsere Arbeit in der Zukunft, daB wir 
Freunde gefunden haben, die mit so groBem innerlichen Enthusiasmus 
die Arbeit hier in diesem Lande iibernommen haben. 

Das Thema, welches wir heute besprechen wollen, fiihrt uns sogleich 
in ein Gebiet, welches der ganzen Menschheit angehort, abgesehen 
von alien Unterschieden. 



Zunachst haben wir von dem Gebiet des menschlichen Strebens zu 
sprechen, welches in seiner wahren Gestalt in keiner menschlichen 
Sprache beschrieben werden kann, sondern in seiner urspriinglichen 
Form nur in der Sprache des Gedankens : das ist das Gebiet der okkul- 
ten Wissenschaft. 

Durch seine menschlichen Fahigkeiten strebt der Mensch nach 
okkulter Erkenntnis und kann sie auch erlangen. Aber okkulte Er- 
kenntnis hat eine groBere Bedeutung fur die Welt als die, welche sie 
nur innerhalb der menschlichen Seele hat. In der Welt, die uns umgibt, 
konnen wir verschiedene Substanzen und StofFe unterscheiden, durch 
die ihre verschiedenen Phanomene und OfFenbarungen ausgedriickt 
werden. In jenem Urprinzip, welches kaum ausgedriickt werden kann 
in menschlicher Sprache, wurzeln alle Kreaturen und alle Dinge der 
Erde und alle Welten. Aber in der physischen Welt driicken sich die 
einzelnen DifFerenzierungen dieses ersten Prinzips aus in den Substan- 
zen der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers, des Athers und so 
weiter. 

Eine der subtilsten Substanzen, die dem menschlichen Streben noch 
zuganglich ist, wird Akasha genannt. Und die OfFenbarungen von 
Wesenheiten und Phanomenen in der Akasha-Substanz sind die sub- 
tilsten von alien, die dem Menschen zuganglich sind. Das, was der 
Mensch sich erwirbt in okkulter Erkenntnis, wohnt nicht nur in seiner 
Seele, sondern es wird auch eingepragt in die Akasha-Substanz der 
Welt. Wenn wir einen Gedanken der okkulten Wissenschaft lebendig 
in unserer Seele machen, wird er sofort in die Akasha-Substanz ein- 
geschrieben, und es ist von Bedeutung fur die allgemeine Entwicke- 
lung der Welt, daB solche Einpragungen in die Akasha-Substanz ge- 
macht werden, denn diese Einpragungen, die gemacht werden konnen 
von der Menschheit und welche wir beschreiben als okkulte Wissen- 
schaft, konnen von keiner anderen Wesenheit in der ganzen Welt in 
die Akasha-Substanz eingeschrieben werden als nur vom Menschen. 

Es ist wichtig fur uns, daB wir ein Charakteristikum der Akasha- 
Substanz beachten, namlich, daB der Mensch zwischen Tod und neuer 
Geburt in der geistigen Welt in der Akasha-Substanz lebt, genauso wie 
wir zum Beispiel hier auf der Erde innerhalb der Atmosphare leben. 



Wenn ein Seher mit den Mitteln, die ihm zur Verfiigung stehen, in 
Beziehung treten sollte mit menschlichen Seelen, die zwischen Tod 
und neuer Geburt leben, so wiirde er folgendes bemerken konnen. Ein 
Mensch, der in dem gegenwartigen Entwickelungszyklus hier auf 
Erden - fruher war dies anders - nie in der Lage ist, geisteswissen- 
schaftliche Gedanken und Ideen in sich rege zu machen, ein solcher 
kann nicht beobachtet oder gesehen werden, wenn er auch zugegen ist, 
von einer menschlichen Seele, die zwischenTod und neuer Geburt lebt. 
Wenn ein Mensch, der hier auf der Erde lebt, einen geisteswissen- 
schaftlichen Gedanken, eine Idee in sich rege macht, so daB sie in die 
Akasha-Substanz eingeschrieben werden konnen, dann wird er sicht- 
bar den anderen Seelen, die zwischen Tod und neuer Geburt leben. 
Ein Seher, der sich in Geduld vorbereitet hat fur die Gabe des Seher- 
tums, kann, wenn er in Beziehung tritt zu Seelen, die durch die Pforte 
des Todes gegangen sind, tief erschutternde Eindriicke bekommen. 
Ich will Ihnen ein genaues Beispiel geben von einem solchen Fall. 

Ein Seher fand einen Mann, der durch die Pforte des Todes ge- 
gangen war und der seine Frau, die er sehr liebte, und seine Kinder, die 
er nicht minder liebte, zuriickgelassen hatte. Dieser Mann und seine 
Familie waren liebe, gute Leute, aber sie hatten keine Neigung, geistige 
Erkenntnisse in ihre Seele aufzunehmen, und sie waren nicht iiber die 
religiosen tJberlieferungen hinausgewachsen, durch welche gewisse 
Seelen sich heute noch verbunden fiihlen mit der geistigen Welt. 

Und einige Zeit, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen 
war, sagte dieser Mann zu sich : Ich habe meine liebe Frau und Kinder 
auf der Erde zuriickgelassen, die der Sonnenschein meines Lebens 
waren; mit meinem geistigen Schauen kann ich sie aber nicht erreichen. 
Ich habe nur die Erinnerung an die Zeit, die ich mit ihnen zusammen 
verbracht habe auf Erden. 

Ein ganz anderes Bild kann gesehen werden, wenn eine Seele, die 
noch auf Erden ist, sich klare, starke geistige Gedanken und Ideen bil- 
det. Wenn eine andere Seele, die zwischen Tod und neuer Geburt lebt, 
hinunterschaut auf diese Seele, die sie zuriickgelassen hat, kann sie 
deren Seelenleben verfolgen in der gegenwartigen Zeit, weil dieses 
Seelenleben sich in die Akasha-Substanz einschreibt. 



Hier beriihren wir einen Punkt, der uns zeigt, wie die anthroposo- 
phische Lehre die Kluft abschaffen wird zwischen den sogenannten 
Lebenden und den sogenannten Toten. Und schon in der gegenwar- 
tigen Zeit konnen wir sehen, wie Menschen, die ein Verstandnis haben 
fur das Geistige, von groBem Segen sein konnen fur die sogenannten 
Toten dadurch, daB sie ihnen in Gedanken die Wahrheiten der 
Geisteswissenschaft vorlesen. Wenn wir folgen in Gedanken, entweder 
laut oder uns selbst vorlesend, den Ideen und Begriffen der Geistes- 
wissenschaft und zu gieicher Zeit empfinden, daB einer oder mehrere, 
die durch die Pforte des Todes gegangen sind, vor uns sitzen, wahrend 
wir lesen, dann wird dieses Lesen - weil solche Gedanken in die 
Akasha-Substanz eingeschrieben werden - etwas sehr Reales fur sie 
werden. Und dieses Lesen kann nicht nur denjenigen jenseits des Todes 
von groBtem Nutzen sein, die, wahrend sie auf Erden waren, sich mit 
dem Studium der Geisteswissenschaft beschaftigten, sondern auch 
denjenigen, die, wahrend sie hier waren, nichts damit zu tun haben 
wollten. 

Nun konnte die Frage gestellt werden : Da doch die Toten fortleben 
in der geistigen Welt, brauchen sie denn ein solches Vorlesen? Es gibt 
viele, die glauben, daB man nur durch die Pforte des Todes zu gehen 
braucht, um alles das zu erfahren, was auf der Erde nur mit groBer 
Miihe durch Geisteswissenschaft erreicht werden kann. Solche Men- 
schen glauben auch, daB jemand nur zu sterben braucht, um sich nach 
dem Tode das ganze okkulte Wissen erwerben zu konnen, weil er dann 
in der geistigen Welt sein wird, Aber dies ist nicht der Fall. 

Genauso wie es hier auf der Erde andere Wesenheiten als die Men- 
schen gibt, wie es zum Beispiel bei den Tieren der Fall ist, die alles 
sehen, was der Mensch durch seine Sinne sehen kann, wahrend es 
ihnen nicht moglich ist, sich dariiber Ideen und Begriffe zu bilden, 
so ist es mit den Seelen, die in den iibersinnlichen Welten leben, die, 
obgleich sie die Wesenheiten und Tatsachen der hoheren geistigen 
Welt sehen, sich keine Begriffe und Ideen dariiber bilden konnen, 
wenn die Menschen hier auf Erden nicht solche Begriffe und Ideen in 
die Akasha-Chronik einschreiben. 

Die Mission des menschlichen Lebens auf der Erde ist nicht ohne 



Bedeutung, sondern sie ist im Gegenteil von grower Bedeutung. Wenn 
menschliche Seelen nie auf der Erde gewohnt hatten, so wiirden doch 
die geistigen Welten da sein, aber es wiirde kein okkultes Wissen von 
diesen geistigen Welten geben. Die Erde hat im Laufe der Evolution 
der Welt einen Punkt erreicht, wo Geisteswissenschaft entwickelt 
werden kann durch geistige Wesenheiten, die so organisiert und kon- 
stituiert sind wie die Menschen auf der Erde. Und das, was durch 
Geisteswissenschaft eingetragen worden ist in die Akasha-Substanz, 
ware nie darin gewesen, wenn es nicht Geisteswissenschaft auf der 
Erde gegeben hatte. 

Wenn jemand versucht, sein Seelenleben auf der Erde 2u priifen, so 
wird er zunachst entdecken, dafi er wahrend unseres jetzigen Zeitalters 
seine Tatigkeiten fur das Erwerben von Erkenntnis fur andere Zwecke 
verwendet hat als fur das Erwerben von Geisteswissenschaft. Diese 
menschlichen Fahigkeiten des Lernens sind dazu verwendet worden, 
um Erkenntnisse zu erwerben, die ins Leben gerufen worden sind 
durch die Sinne und durch den Verstand, der an das menschliche 
Gehirn gebunden ist. So haben wir menschliche Erkenntnis von 
zweierlei Art : die eine Art gehort nur zu der Erfahrung, die durch die 
Sinne erworben wird, die das Organ des Verstandes braucht, um sie in 
Erkenntnis umzuwandeln, die andere Art ist die Geisteswissenschaft. 
Die Erkenntnis, die der Sinnenwelt allein angehort, bildet die eine 
Stromung, die andere besteht aus dem, was die Menschen durch die 
Geisteswissenschaft in die Akasha-Chronik einschreiben. Denn die 
Geisteswissenschaft bildet Ideen und Begriffe aus, die dann ewig in der 
Akasha-Chronik eingeschrieben bleiben. 

Alles Wissen, alle Erkenntnis, die zu den Erfahrungen durch die 
Sinne gehoren, zu den technischen Dingen, zu dem geschaftlichen und 
industriellen Leben der Menschheit, wirkt so, wenn es in die Akasha- 
Substanz eingeschrieben wird, daB die Akasha-Substanz dieses Kon- 
glomerat von Ideen und Begriffen wieder ausstoBt, mit anderen Wor- 
ten, sie werden ausgeloscht. Wenn man die eben erwahnten Tatsachen 
mit den Augen eines Sehers betrachtet, so kann man beobachten, daB 
ein Streit stattfindet in der Akasha-Substanz zwischen den Eindriicken, 
die durch menschliche okkulte Wissenschaft da hinein gemacht wer- 



den und die ewig sind, und zwischen denjenigen, die auf Sinnesergeb- 
nissen beruhen, die nur voriibergehend sind. Dieser Streit entsteht aus 
dem Umstand, daB der Mensch, als er zuerst anfing die Erde zu be- 
wohnen als Mensch - das heiBt in der uralten lemurischen Epoche -, 
schon damals durch hohe geistige Wesenheiten dazu bestimmt war, 
Geisteswissenschaft zu erwerben. 

Aber durch das, was wir den luziferischen EinfluB nennen, durch 
das Eingreifen von luziferischen Wesenheiten, lenkte der Mensch seine 
Gedankenkraft und andere Seelenkrafte, die er sonst nur auf das Er- 
werben von okkulten Ideen und Begriffen verwendet haben wiirde, 
ab auf das Studium solcher Dinge, die nur der physischen Welt an- 
gehoren. 

Es gibt jetzt viele Menschen, die sagen, wahrend die gewohnliche 
Wissenschaft alien often sei, so konne doch Geisteswissenschaft nur 
denen nahegebracht werden, die in die geistigen Welten schauen 
konnen. 

Darin liegt ein Grundirrtum, denn innerhalb der Tiefen seiner eige- 
nen Seele besitzt jeder Mensch die Fahigkeit und die Kraft, sogar ehe 
er ein Seher wird, dieWahrheiten der Geisteswissenschaft zu erkennen. 
Es ist wahr, daB okkulte Wahrheiten nur von dem Seher entdeckt wer- 
den konnen; aber wenn sie einmal entdeckt und in der gewohnlichen 
normalen Sprache der menschlichen Vernunft ausgedriickt worden 
sind, so konnen sie von jeder menschlichen Seele verstanden werden, 
welche die Hindernisse fur ein solches Verstandnis aus ihrem Innern 
wegraumen will. 

Als Resultat der luziferischen Impulse wurde es spater in der Ent- 
wickelung der Erde einer anderen Wesenheit, die wir Ahriman nennen, 
moglich, Einfliisse iiber die Seelen der Menschen zu gewinnen. Und 
nur dann, wenn die Moglichkeit des Verstandnisses fur die Geistes- 
wissenschaft durch ahrimanische Einfliisse in der Seele zuriickgehalten 
wird, bleibt dieses Verstandnis fur die Geisteswissenschaft unerreich- 
bar. Wenn die Wesenheit, die wir Ahriman nennen, nicht in jeder 
menschlichen Seele arbeitete, wenn unsere Seelen ohne seinen EinfluB 
waren, dann brauchte eine Idee oder ein Gedanke der Geisteswissen- 
schaft nur ausgesprochen zu werden und eine menschliche Seele wiirde 



durch ihr unterbewuBtes Verhaltnis zu dieser Wahrheit in ihrem inner- 
sten Wesen folgendes fuhlen: Diese Idee, die Behauptung der Geistes- 
wissenschaft ist wahr. - In jeder menschlichen Seele gibt es ein Leben, 
welches das alltagliche BewuBtsein versteht und woriiber es sich 
Rechenschaft geben kann, und ein unterbewuBtes Seelenleben, das 
begraben liegt wie in den Tiefen des Ozeans und das nur von Zeit zu 
Zeit ans Licht gebracht wird. Zu den Tiefen der Seele gehdrt zum Bei- 
spiel jene Furcht, die in jedem Menschen vorhanden ist : die Furcht vor 
dem rein Geistigen. Diese Furcht ist das Resultat von Ahrimans Ein- 
fluB und wiirde nicht existieren, hatte Ahriman nicht Macht erlangt 
iiber die Seelen der Menschheit. Der Grund, warum der Mensch sich 
einer solchen Furcht meist nicht bewuBt ist, liegt darin, daB diese in 
den tiefsten Untergriinden der Seele arbeitet und keine Rolle spielt in 
dem, woriiber er sich mit seinem alltaglichen BewuBtsein Rechenschaft 
geben kann. 

Zuweilen klopft diese Furcht an die Tur des gewohnlichen BewuBt- 
seins eines Menschen, ohne daB er weiB, was es ist, das ihn aus der 
Tiefe seiner Seele heraus beunruhigt, und dann sucht er etwas, das 
betaubend wirkt, das sein Gefiihl der Furcht, von dem er nichts wissen 
will, abstumpfen soli. Dieses Betaubungsmittel findet er in den mate- 
rialistischen Gedanken, Theorien und Ideen. Materialistische Theorien 
werden nicht aus logischen Griinden erfunden, obgleich man glauben 
konnte, daB das der Fall ware, sondern sie werden ausgedacht aus 
einer Furcht vor dem Geistigen, die das Resultat von Ahrimans Ein- 
fluB auf die Seele ist. Deshalb ist die vorbereitende Bedingung fur das 
unmittelbare Verstandnis der spirituellen Wahrheiten viel weniger eine 
Kenntnis der physischen Wissenschaft als eine Erziehung der Seele in 
der Tugend des moralischen Mutes, des innerlichen geistigen Mutes. 
Und deshalb konnen wir sagen, daB das okkulte Wissen von dem 
Seher erforscht werden muB, aber es kann dann von jeder mensch- 
lichen Seele verstanden werden, wenn diese Seele nur den ganzen 
moralischen Mut, den sie besitzt, in sich frei machen will, so daB sie 
die Hindernisse, die von Ahriman herruhren, beseitigen kann. 

Sollte jemand den Wunsch haben, die okkulten Wahrheiten durch 
die urspriinglichen moralischen Krafte seiner Seele zu verstehen, so 



kann er den folgenden Versuch machen. Er kann Geisteswissenschaft 
auf seinGemiit wirken las sen, ohne daB er sich vorher sagt : Ich stimme 
hiermit iiberein oder ich stimme nicht damit iiberein. - Er kann die 
geisteswissenschaftlichen Ideen und BegrirTe, die von dem Seher ge- 
geben worden sind, aufnehmen und sie auf sein Gemiit wirken lassen. 
Und wenn er dann das okkulte Wissen mit innerem Enthusiasmus und 
nicht aus bloBer Neugierde aufgenommen hat, so wird er etwas erfah- 
ren, was mit einem physischen Schweben ohne Boden unter den FiiBen 
verglichen werden kann, mit einem Gefiihl, als schwebte er in der Luft. 

Dieser Versuch wird eine vollig verschiedene Wirkung hervorrufen, 
je nachdem er von jemand mit religidsen, ehrfurchtsvollen Neigungen 
gegeniiber dem geistigen Leben gemacht wird oder von jemand, der 
gewohnt ist, materialistisch zu denken. Jemand, der kein okkultes 
Wissen besitzt, dessen Neigungen und Gefuhle jedoch der geistigen 
Welt gegeniiber von religioser Art sind, kann sich etwas unsicher fuh- 
len als Resultat dieses Versuches, aber viel weniger als ein Materialist, 
der kein Gefiihl der Anziehung zur geistigen Welt hat. Der letztere 
wird ein starkes Gefiihl von Furcht, von unsicherem Schweben er- 
leben. Der Materialist kann sich durch dieses Erlebnis iiberzeugen, daB 
okkulte Ideen und Begriffe ihn auf eine solche Weise beriihren, daB sie 
Furcht und Schrecken hervorrufen. Und durch ein solches Erlebnis 
kann der Materialist erkennen, wie voll von Furcht er noch steckt, und 
kann zu sich sagen : Dieses beweist mir nicht nur, daB ich erfullt bin 
von Furcht vor diesem Gebiet, sondern daB das Fiirchten eine meiner 
Grundneigungen ist. 

Hatten zum Beispiel Ernst Haeckel oder Herbert Spencer diesen 
Versuch gemacht, so hatten sie sich nicht allein davon iiberzeugt, daB 
okkultes Wissen nicht widerspruchsvoll sei und unmoglich geglaubt 
werden konne, sondern daB sie in den innersten Tiefen ihrer Seelen 
von Furcht erfullt seien. Und sie wiirden gewissermaBen bald alien 
Zweifel und Unglauben gegeniiber dem, was sie als Phantasien der 
geistigen Lehren zu betrachten pflegten, vergessen haben, und hatten 
sich eingestanden, daB es von groBer Bedeutung sei, diese Furcht zu 
iiberwinden. Und hatten sie sich einmal dieses Bekenntnis gemacht, so 
hatten sie bald ihren Widerstand gegen die Phantasien der geistigen 



Lehren aufgegeben. Sie wiirden sich gesagt haben : Ich muB versuchen, 
den moralischen Mut in mir zu starken. - Und dann hatten sie viel- 
leicht ihre Selbsterziehung in die Hand genommen. Und ware es ihnen 
gelungen, diese Furcht zu iiberwinden, so hatten sie gesagt: Jetzt, da 
wir starkere Seelen geworden sind, haben wir keine Zweifel mehr an 
der Wahrheit der Geisteswissenschaft. - Dieses Erlebnis durchdie Ver- 
starkung des moralischen Mutes in der Seele ist ein Sieg iiber Ahriman, 
dessen EinfluB in der Wissenschaft Ernst Haeckels und in der Philo- 
sophic Herbert Spencers gesehen werden kann. Ahriman ist derjenige, 
der die Seelen inspiriert hat, eine materialistische Richtung einzu- 
schlagen. 

Wenn nur ein kleiner Teil der Menschheit - als Resultat ihrer wah- 
ren Erkenntnis - in der Weise arbeiten wird, die eben angedeutet wor- 
den ist, um ihren moralischen Mut zu kraftigen, so werden alle diese 
materialistischen Theorien allmahlich aus der Welt verschwinden. 

Wie wir gesehen haben, ist okkultes Wis sen notig fur den ganzen 
Werdegang der Evolution, weil es in die Akasha-Substanz ein- 
geschrieben werden muB. Von welcher Bedeutung dies fur uns sein 
mag, kann durch eine kurze Skizze der Entwickelung der Menschheit 
auf Erden gezeigt werden. 

Die Entwickelung des Menschen auf der Erde schreitet stufenweise 
von einer Kulturperiode zu der anderen fort. Wahrend dieser auf- 
einanderfolgenden Perioden bewohnen die menschlichen Seelen als 
Individualitaten Korper, die diesen aufeinanderfolgenden Kulturen 
der Erde angehoren. Alle die Seelen, die heute abend hier versammelt 
sind, waren in Korpern inkarniert, die friiheren Kulturen angehorten. 
Jede einzelne Seele schreitet fort, je nach dem Karma, das sie fur sich 
aufgebaut hat. 

AuBer dieser Entwickelung der individuellen Seelen, die von ihrem 
Karma abhangt, mils sen wir die Entwickelung der Menschheit als ein 
Ganzes anerkennen, die in menschlichen Korpern von Epoche zu 
Epoche fortschreitet. Ein griechischer Korper, ein agyptischer, chal- 
daischer, urpersischer oder atlantischer Korper war in den feineren 
Teilen seines Baues ganz verschieden von einem menschlichen Korper 
des gegenwartigen Zeitalters. 



Wir miissen unterscheiden zwischen dem inneren Fortschritt des 
Ich und des Astralkorpers von Inkarnation zu Inkarnation und dem 
auBerlichen Fortschritt und der Veranderung in den physischen und 
atherischen Korpern von einer Rasse zu der anderen, von einer Nation 
zu der anderen, von einem Zeitalter zu dem anderen. 

Dieser Fortschritt der auBeren Korper, der physischen und athe- 
rischen, von einem Zeitalter zum anderen, wiirde denen, die Anatomie 
und Physiologie studieren, nicht bemerkbar sein, aber er ist trotzdem 
vorhanden und kann durch die okkulte Wissenschaft erkannt werden. 
Und so wird der menschliche physische Korper wieder ganz verschie- 
den sein im Laufe der normalen Entwickelung der Menschheit, wenn 
nach unserem jetzigen Leben unsere Seelen in einer zukunftigen Ver- 
korperung wieder auf der Erde erscheinen werden. 

In der jetzigen Menschheitsperiode wird ein zartes Organ vorberei- 
tet, das fur den auBeren Anatomen und Physiologen nicht bemerkbar 
ist. Und doch existiert es anatomisch. Dieses Organ Hegt im mensch- 
lichen Gehirn, in der Nahe des Sprachorgans. 

Die Entwickelung dieses Organs in den Gehirn windungen ist nicht 
das Ergebnis des Karma individueller Seelen, sondern sie ist ein Er- 
gebnis der menschlichen Evolution als eines Ganzen auf der Erde, und 
in der Zukunft werden alle Menschen dieses Organ besitzen, ganz 
gleich was die Entwickelung der Seelen sein mag, die sich in diesem 
Korper inkarnieren werden, und ganz unabhangig von dem Karma, 
das mit diesen Seelen verbunden ist. '■ 

Dieses Organ wird in einer zukunftigen Inkarnation von Menschen 
besessen werden, die gegenwartig vielleicht der Anthroposophie feind- 
lich sind, wie von denjenigen, die ihr jetzt sympathisch gegeniiber- 
stehen. Dieses Organ wird in der Zukunft das physische Instrument 
fur gewisse Seelenkrafte sein, genauso wie zum Beispiel Brocas Organ 
in der dritten Gehirnwindung das Organ fur die menschliche Fahig- 
keit der Sprache ist. 

Wenn dieses Organ entwickelt ist, kann es von der Menschheit ent- 
weder richtig angewendet werden oder auch nicht. Diejenigen werden 
es richtig anwenden konnen, die jetzt die Moglichkeit vorbereiten, die 
jetzige Inkarnation wahrheitsgemaB in der Erinnerung zu haben, wenn 



sie in der nachsten sein werden. Denn dieses physische Organ wird das 
physische Mittel fur die Erinnerung an eine friihere Inkarnation sein, 
was jetzt nur erreicht werden kann durch eine hohere geistige Ent- 
wickelung. 

Gegenwartig kann fur die weitaus groBte Zahl von Menschen die 
Erinnerung an friihere Inkarnationen nur erlangt werden durch hohere 
geistige Entwickelung, durch Initiation. Aber das, was in jetzigen 
Zeiten nur durch Initiation erlangt werden kann, wird sparer gewis- 
sermaBen Gemeingut der Menschheit. Unser heutiges Wissen war 
friiher das besondere Wissen der atlantischen Eingeweihten allein, jetzt 
kann es jeder besitzen. In derselben Weise ist die Erinnerung an friihere 
Erdenleben gegenwartig nur den Eingeweihten moglich, aber in der 
Zukunft wird jede menschliche Seele im Besitz derselben sein. 

Dem Eingeweihten ist es moglich, gewisse Kenntnisse ohne den 
Gebrauch eines physischen Organes zu erlangen, aber dieses Wissen 
kann nur dann das Gemeingut der Menschheit werden, wenn die 
Menschheit als Ganzes im Laufe der Evolution ein auBeres physisches 
Organ entwickelt, wodurch es erlangt werden kann. Die reinkarnier- 
ten Seelen miissen jedoch dieses Organ richtig gebrauchen konnen, 
mit dessen Hilfe man sich spater an seine friiheren Inkarnationen er- 
innern wird. Nur diejenigen, die in der jetzigen Inkarnation okkulte 
Gedanken und Ideen deutlich in die Akasha-Substanz eingeschrieben 
haben, werden dieses Organ auf die richtige Weise gebrauchen konnen. 

Man hort oft sagen: Was niitzt es, an friihere Leben zu glauben, 
wenn die Menschheit im allgemeinen sich an nichts davon erinnern 
kann? - Man sollte lieber denken, wie viel erstaunlicher es ware, wenn 
nach dem, was man vom Leben weiB, die Menschheit im allgemeinen 
schon jetzt sich ihrer friiheren Leben erinnern konnte. Wenn wir uns 
fragen, was notig ist, damit wir uns uberhaupt an etwas erinnern kon- 
nen, so muBten wir antworten: Wir konnen uns nur dessen erinnern, 
was wir vorher gedacht haben. 

Das alltagliche Leben kann uns dies lehren. Denken Sie sich, daB 
jemand seine Manschettenknopfe nicht finden kann, wenn er des 
Morgens aufsteht. Er sucht sie iiberall, kann sie aber nicht finden. 
Warum kann er sie nicht finden? Weil er, wahrend er sie weglegte, 



nicht an das gedacht hat, was er tat. Lassen Sie ihn das gegenteilige 
Experiment machen, lassen Sie ihn jeden Abend, wahrend er seine 
Manschettenknopfe weglegt, versuchen, sich klar bewuBt zu sein : Ich 
lege meine Manschettenknopfe an diesen Platz, - er wird sich dann nie 
irren, sondern wird gerade dahin gehen, wo er sie hingelegt hat. Der 
Gedanke raft den Vorgang in seine Erinnerung zuriick. 

Wenn wir in einer zukiinftigen Inkarnation leben, so werden wir 
uns nur dann an die vergangenen erinnern, wenn wir uns an die wahre 
Natur der Seele erinnern konnen, die fortdauert von einer Inkarnation 
zu der anderen. Derjenige, der im jetzigen Leben nicht okkulte Wissen- 
schaft studiert, kann keine Erkenntnisse von der Bescharlenheit und 
Wesenheit der Seele erlangen, und wenn er diese Kenntnisse nicht hat, 
wie sollte er, wenn er wieder inkarniert ist, sich an das erinnern, woran 
er nie gedacht hat in der fruheren Inkarnation? 

Durch das Studium der Geisteswissenschaft, welches unter anderen 
Dingen das Studium der Wesenheit der Seele einschlieBt, bereiten wir 
in unserem Inneren dasjenige vor, was uns ermoglichen wird, in einer 
kiinftigen Inkarnation uns an das zu erinnern, was in dieser jetzigen 
geschehen ist. Es gibt jedoch gegenwartig viele Menschen, die sich 
noch nicht dem Studium dieses Wissens widmen wollen. Diese werden 
wiedergeboren, vielleicht in der nachsten Inkarnation mit dem vorher 
erwahnten Organ fur die Erinnerung an friihere Leben physisch aus- 
gebildet, aber sie haben sich nicht so vorbereitet, daB sie sich an die 
Vergangenheit erinnern konnten. 

Was fur eine Bedeutung hat dann die Geisteswissenschaft noch im 
heutigen Leben zu all dem hinzu, was wir bereits gesagt haben? Durch 
sie erlangen wir die Moglichkeit, in der richtigen Weise das Organ zu 
gebrauchen, welches in den Menschen der Zukunft entwickelt wird, 
namlich das Organ fur die Erinnerung an friihere Erdenleben. In 
unserer jetzigen Inkarnation miissen wir die Erkenntnisse unserer Seele 
in die Akasha-Substanz einschreiben, um in unserer nachsten In- 
karnation das Organ fur die Erinnerung an die Vergangenheit in der 
richtigen Weise gebrauchen zu konnen, das Organ, welches sich im 
Menschen entwickelt, ob er will oder nicht. Also in der Zukunft wird 
es Menschen geben, die das erwahnte Organ fur die Erinnerung an 



friihere Erdenleben werden gebrauchen konnen, und andere, die es 
nicht werden gebrauchen konnen. In diesen letzteren werden gewisse 
Krankheiten sich zeigen, weil sie in ihrem physischen Leib ein Organ 
haben werden, welches sie nicht gebrauchen konnen. Ein Organ zu 
besitzen und unfahig sein, es zu gebrauchen, ruft nervose Krankheiten 
von einer ganz bestimmten Art hervor, und diese Nervenerkran- 
kungen, die dadurch entstehen werden, daB man dieses besondere 
Organ besitzt und es nicht gebrauchen kann, werden viel schlimmere 
sein als alle diejenigen, die der Mensch bis jetzt gekannt hat. 

Wenn man auf diese Weise den Zusammenhang der Tatsachen be- 
trachtet, fangt man an, erne Idee zu bekommen von der Mission der 
Geisteswissenschaft und von der wahren Bedeutung eines Verstand- 
nisses des Lebens und der Menschheit durch das Studium dieser 
Erkenntnis. Aber fur den Fall, daB der Eindruck, den diese Betrach- 
tung auf Sie gemacht hat, zu MiBvetstandnissen fuhren sollte, will ich 
noch eine andere Tatsache erwahnen, welche das mildern kann, was 
peinlich an diesem Eindrucke war. Obgleich der wahre Okkultist 
sehen kann, daB die Geisteswissenschaft in das spirituelle Leben 
unserer gegenwartigen Zeit eintreten muB, damit der Mensch der 
Zukunft das Organ fur dieErinnerung gebrauchen konne und physisch 
in guter Gesundheit bleibe, so kann doch zu gleicher Zeit durchaus 
nicht behauptet werden, daB ein Mensch, der in der jetzigen Zeit nicht 
bereit ist, Geisteswissenschaft aufzunehmen, fur seine folgende In- 
karnation auf die vorher beschriebene Weise verloren sein wird. Es 
wird fur lange Zeit in der Zukunft einem Menschen immer noch mog- 
]ich sein, wenn er auch das Angedeutete vernachlassigt hat, namlich 
in diesem Leben sich den Gebrauch des Organs fur die Erinnerung 
anzueignen, dies im nachsten Leben gutzumachen, denn er wird noch 
einige Gelegenheiten haben, seine Gesundheit wiederherzustellen und 
geisteswissenschaftliche Wahrheiten zu erlangen. Aber die Zeit wird 
kommen, wo diese Moglichkeit auf horen wird. 

Wenn wir auch noch nicht den bestimmten Augenblick erreicht 
haben, so leben wir doch in der Epoche der Menschheit, wo die Gei- 
steswissenschaft aus dem schon erwahnten Grunde in das geistige 
Leben der Menschheit eingegliedert werden muB, so daB sie eine not- 



wendige Entwickelung im allgemeinen Fortschritt der Menschheit ist 
und nicht von den privaten Meinungen der einen oder der anderen 
Individualist herstammt. 

Und auf diese Weise wird, besonders in unserer Zeit, die Moglich- 
keit fiir die subjektive Entwickelung der Menschenseele gegeben sein, 
die sie zu einem personlichen Schauen der geistigen Welten, zu einer 
okkulten Entwickelung fiihren wird. Und wir konnen sagen, daB 
jeder Mensch, der die urspriinglichen Krafte innerhalb seiner Seele 
anwenden wird, ungestort von ahrimanischen Einfliissen alles ver- 
stehen kann, was uns aus den spirituellen Welten geoffenbart wird, 
und es ist deshalb in einem gewissen Sinn jedem Menschen moglich, 
sich in die geistigen Welten hinaufzuheben dadurch, daB er eine 
okkulte Entwickelung durchmacht. In der Gegenwart konnen ins- 
besondere drei Krafte unserer Seele gut entwickelt werden, so daB 
eine okkulte Verbindung mit den iibersinnlichen Welten stattfinden 
kann. 

Die erste Kraft, die in der Menschenseele gut entwickelt werden 
kann, ist die Kraft des Denkens. Wir leben im Zusammenhang mit 
der Welt, die uns umgibt, dadurch, daB wir uns Gedanken iiber un- 
sere Umwelt bilden. Im gewohnlichen alltaglichen Leben denkt der 
Mensch Gedanken, die durch Sinneseindriicke oder durch den Intel- 
lekt, der an das Gehirn gebunden ist, verursacht werden. In meinem 
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? » werden 
Sie finden, wie ein Mensch durch Meditation, Konzentration und 
Kontemplation, durch die Erkraftung seines seelischen Lebens diese 
Kraft des Gedankens unabhangig vom auBeren Leben machen kann. 
Ich mochte Sie gerade hier darauf aufmerksam machen, wie man das, 
was innerhalb unserer Seele die Kraft des Gedankens ist, die sonst 
nur entwickelt wird dadurch, daB man sich Gedanken bildet iiber 
die auBere Welt, wie man das im wesentlichen frei und unabhangig 
machen kann von all dem, was dem Korper angehort. Das heiBt, 
durch eine solche Entwickelung erlangt die Seele die Moglichkeit zu 
denken, Gedanken in sich selbst zu bilden, ohne vom Korper Ge- 
brauch zu machen, ohne das Gehirn als Instrument zu beniitzen. Dies 
konnen wir gut verstehen, wenn wir betrachten, was das hauptsach- 



lich Charakteristische des gewohnlichen, alltaglichen Denkens ist, 
welches von den Eindriicken abhangig ist, die durch die Sinne ge- 
wonnen werden. 

Das hauptsachliche Charakteristikum des gewohnlichen Denkens 
ist, daB jede einzelne Betatigung des Denkens das Nervensystem be- 
eintrachtigt, besonders das Gehirn; es zerstort etwas im Gehirn. 
Jeder alltagliche Gedanke bedeutet einen ZerstorungsprozeB im klei- 
nen, in den Zellen des Gehirns. Aus diesem Grunde ist der Schlaf 
notig fur uns, so daB dieser ZerstorungsprozeB wieder gutgemacht 
werden kann. Wahrend des Schlafes ersetzen wir das, was in unserem 
Nervensystem wahrend des Tages durch das Denken zerstort wurde. 
Das, was wir bewuBt wahrnehmen in einem gewohnlichen Gedanken, 
ist in Wirklichkeit der ZerstorungsprozeB, der in unserem Nerven- 
system stattfindet. 

Nun bemiihen wir uns, die Meditation dadurch zu entwickeln, daB 
wir uns zum Beispiel der Betrachtung des Folgenden hingeben: 

Die Weisheit lebt im Licht. 

Diese Idee kann nicht von Sinneseindriicken herruhren, weil es den 
auBeren Sinnen nach nicht der Fall ist, daB die Weisheit im Licht 
lebt. In einem solchen Fall halten wir durch die Meditation den Ge- 
danken so weit zunick, daB er sich nicht mit dem Gehirn verbindet. 
Wenn wir auf diese Weise eine innere Denktatigkeit entwickeln, die 
nicht mit dem Gehirn verbunden ist, werden wir durch die Wir- 
kungen einer solchen Meditation auf unsere Seele fiihlen, daB wir auf 
dem rechten Wege sind. Da wir bei dem meditativen Denken keinen 
ZerstorungsprozeB in unserem Nervensystem hervorrufen, macht uns 
ein solches meditatives Denken nie schlafrig, wenn es auch noch so 
lange fortgesetzt wird, was unser gewohnliches Denken leicht tun kann. 

Es ist wahr, daB oft gerade das Gegenteil eintritt, wenn man medi- 
tiert, denn die Menschen beklagen sich oft, daB sie, wenn sie sich der 
Meditation hingeben, sofort einschlafen. Aber das kommt daher, daB 
die Meditation noch nicht vollkommen ist. Es ist ganz naturlich, daB 
wir in der Meditation zunachst die Art des Denkens benutzen, an die 
wir sonst immer gewohnt waren. Nur nach und nach gewohnen wir 



uns daran, mit dem auBeren Denken aufzuhoren. Wenn wir diesen 
Punkt erreicht haben, dann wird das meditative Denken uns nicht 
mehr schlafrig machen, und so werden wir wissen, daB wir auf dem 
rechten Wege sind. 

Wenn die innere Kraft des Denkens so entwickelt wird, ohne daB 
die Denkkraft den auBeren Korper benutzt, dann werden wir eine 
Kenntnis des inneren Lebens erlangen, werden unser wahres Selbst 
erkennen, unser hoheres Ich. 

Den Weg zu der wahren Kenntnis des menschlichen Selbst findet 
man in der Art von Meditation, die eben beschrieben worden ist, die 
zu der Befreiung der inneren Denkkraft fiihrt. Nur durch solche Er- 
kenntnis gelangt man dahin, zu sehen, daB dieses menschliche Selbst 
nicht innerhalb der Grenzen des physischen Korpers gebunden ist. 
Man lernt im Gegenteil einsehen, daB dieses Selbst mit den Erschei- 
nungen der Welt um uns her verbunden ist. Wahrend wir im gewohn- 
lichen Leben die Sonne hier sehen und dort den Mond, dort die Berge, 
Hiigel, Pflanzen und Tiere, fiihlen wir uns jetzt mit allem, was wir 
sehen und horen, verbunden, wir sind ein Teil davon, und fur uns 
gibt es dann nur eine auBerliche Welt, und das ist unser eigener Kor- 
per. Wahrend wir im gewohnlichen Leben hier sind und die auBere 
Welt um uns herum, sind wir nach der Entwickelung der unabhangi- 
gen Denkkraft auBerhalb unseres Korpers eins mit dem, was wir sonst 
sehen, und unser Korper, in dem wir sonst darinnen sind, ist auBerhalb 
unser selbst. Wir schauen darauf zuriick, er ist jetzt die einzige Welt 
ge worden, auf die von auBen wir blicken konnen. 

Auf diese Weise kann man durch die Befreiung der Denkkraft wirk- 
lich aus seinem physischen Leibe herauskommen und denselben als 
etwas AuBerliches betrachten. Man kann sogar noch mehr tun. Man 
kann zum Beispiel auf eine positive Weise die Frage beantworten: 
Warum wachen wir jeden Morgen auf? Wahrend des Schlafes liegt 
unser physischer Leib im Bette, und wir sind tatsachlich auBerhalb 
desselben, genauso wie es der Fall ist wahrend des meditativen Den- 
kens. Beim Erwachen kehren wir zu unserem physischen Korper zu- 
riick, weil wir zu demselben durch Hunderte und Tausende von Kraf- 
ten zuriickgezogen werden wie von einem Magnet. Hiervon weiB der 



Mensch gewohnlich nichts. Aber wenn er sich befreit hat dutch die 
Meditation, dann wird er bewuBt zuriickgezogen durch dieselbe Kraft, 
die im vorigen Fall seine Seele beim Erwachen unbewuBt in seinen 
physischen Korper zuriickzieht. 

Wir lernen auch durch eine solche Meditation, wie der Mensch her- 
untersteigt aus den hoheren Welten, worin er zwischen Tod und neuer 
Geburt gelebt hat, und wie er sich mit den Kraften und Substanzen 
verbindet, die ihm gegeben werden durch Eltern und GroBeltern und 
so weiter. Kurz, wir lernen die Krafte kennen, die die Menschen zwi- 
schen Tod und neuer Geburt in eine neue Inkarnation zuriickziehen. 

Als ein Ergebnis einer solchen Meditation kann man zuriickschauen 
auf einen groBen Teil des Lebens, welches vor der Geburt, vor der 
Empfangnis, zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt 
zugebracht wurde. Aber durch die Meditation, die eben beschrieben 
worden ist, kann man meistens nur bis zu einem gewissen Punkt zu- 
riickschauen, der vor der letzten Inkarnation liegt; man konnte durch 
diese Meditation nicht weiter zuriickschauen bis in fruhere Inkar- 
nationen. 

Um in der Gegenwart auf fruhere Inkarnationen zuriickzuschauen, 
solange das vorher erwahnte Organ noch nicht im menschlichen 
Gehirn gebildet worden ist, ist eine andere Art von Meditation notig 
als die Meditation im Denken, die wir eben beschrieben haben. Diese 
andere Meditation kann nur zustandekommen, wenn das Gefiihl in 
den Gegenstand der Meditation gebracht wird. Alles, was eben be- 
schrieben worden ist als Meditation, kann von dem, der meditiert, 
auch mit dem Gefiihl durchdrungen werden. 

Wir wollen jetzt diesen Inhalt der Meditation betrachten, der in der 
Meditation selbst von Gefiihl und Empfindung durchdrungen werden 
muB. Wenn wir zum Beispiel als Inhalt nehmen: 

Die Weisheit erstrahlt in dem Licht 

und wir fiihlen uns inspiriert durch das Erstrahlen der Weisheit, wenn 
wir uns erhoben fiihlen, wenn wir innerlich durchgliiht sind von die- 
sem Inhalt, wenn wir mit enthusiastischen Gefuhlen darin leben und 
dariiber meditieren konnen, dann haben wir etwas mehr vor unseren 



Seelen als Meditation in Gedanken. Die Kraft, die wir dann in der 
Seele beniitzen als Kraft der Empfindung, ist diejenige, die wir sonst 
in der Sprache beniitzen. Sprache wird hervorgebracht, wenn wir 
unsere Gedanken mit innerlichem Gefiihl, mit innerlicher Empfindung 
griindlich durchdringen. Dies ist der Ursprung der Sprache, und 
Brocas Organ im Gehirn wird auf diese Weise hervorgebracht: die 
Gedanken des inneren Lebens, die von innerlicher Empfindung durch- 
drungen sind, werden tatig im Gehirn und bilden auf diese Weise das 
Organ, welches das physische Instrument der Sprache ist. 

Wenn wir so meditieren, wenn unsere Meditation wirklich von 
solchen Gefiihlen durchdrungen ist, dann halten wir in unseren Seelen 
jene Kraft zuriick, die wir im taglichen Leben im Sprechen beniitzen. 
Wir konnen sagen, daB die Sprache die Verkorperung der inneren 
Seelenkraft ist, welche diese von Gefiihl durchdrungenen Gedanken 
ausdriickt. Wenn wir nun, statt daB wir der Seelenkraft erlauben, 
in der Sprache hervorzutreten, Meditation aus diesen von Gefiihl 
durchdrungenen Gedanken entwickeln, wenn wir immer weiter und 
weiter mit dieser Meditation fortfahren, dann gewinnen wir allmahlich 
die Fahigkeit - sogar jetzt ohne das physische Organ -, durch Initia- 
tion zuriickzuschauen in friihere Erdenleben und auch die Zeit 
zwischen den Erdenleben zu erforschen, die Zeit, welche immer 
zwischen Tod und neuer Geburt liegt. 

Durch solche Ausbildung des Zuriickhaltens der Sprache innerhalb 
der Seele, oder wie der Okkultist sagt, durch das Zuriickhalten des 
«Wortes» innerhalb der Seele, konnen wir zuriickschauen zum Ur- 
beginn unserer Erde, zuriick zu dem, was die Bibel den Schopfungs- 
akt der Elohim nennt, Wir konnen zuriickschauen bis in die Zeit, wo 
die wiederholten Erdenleben fur die Menschheit anfingen. Denn die 
okkulte Entwickelung, die wir dadurch erreichen, daB wir das Wort 
zuriickhalten oder die Sprache zuriickhalten, befahigt uns, in die sich 
folgenden Zeitperioden hineinzuschauen, insofern sie mit unserer 
Erde, mit dem spirituellen Leben unseres Erdenplaneten verbunden 
sind. Wir werden fahig, die Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
zu schauen, insofern sie mit dem spirituellen Leben der Erde ver- 
bunden sind. 



Aber diese beiden Krafte des Hellsehens, die in der Meditation 
durch Gedanken und durch vom Gefiihl durchdrungene Gedanken 
entwickelt werden, konnen uns nicht zu Erlebnissen fuhren, welche 
vor der Zeit der jetzigen Erde liegen, zu Erlebnissen, welche mit 
friiheren planetarischen Inkarnationen unserer Erde verkniipft sind. 
Hierfur ist die dritte meditative Kraft notig, von welcher wir jetzt 
kurz sprechen wollen. 

Wir konnen weiterhin den Inhalt unserer Meditation mit den Im- 
pulsen des Willens auf eine solche Weise durchdringen, daB, wenn 
wir meditieren zum Beispiel iiber 

Die Weisheit der Welt erstrahlet im Lichte, 

wir jetzt wirklich fiihlen konnen, ohne es auBerlich zu wollen, den 
Impuls unseres Willens verbunden mit jener Tatigkeit. Wir konnen 
unser eigenes Wesen mit der ausstrahlenden Kraft des Lichtes ver- 
bunden fiihlen und konnen dieses Licht strahlen und vibrieren lassen 
durch die Welt. Wir miissen den Impuls unseres Willens mit dieser 
Meditation verbunden fiihlen. 

Wenn wir auf eine solche Weise meditieren, daB unsere Meditation 
mit Impulsen des Willens erfiillt wird, so halten wir eine Kraft zu- 
riick, die sonst in die Pulsation des Blutes iibergehen wiirde. Sie kon- 
nen leicht beobachten, daB das Leben unseres inneren Ich in das 
Pulsieren des Blutes iibergehen kann, wenn Sie sich daran erinnern, 
daB wir blaB werden, wenn wir uns fiirchten, und erroten, wenn wir 
uns schamen. Das ist der Ubergang der Seelenkraft in das Pulsieren 
des Blutes. Wenn diese selbe Kraft, die das Blut beeinfluBt, so in 
Tatigkeit tritt, daB sie nicht in das Physische hinuntersteigt, sondern 
nur in der Seele bleibt, dann fangt diese dritte Meditation an, die 
wir durch Willensimpulse beeinflussen konnen. 

Derjenige, der diese drei Formen der okkulten Entwickelung durch- 
macht, fiihlt, wenn er nur Denkkraft freimacht, als ob er ein Organ 
an der Nasenwurzel hatte. Dieses Organ wird als Lotusblume be- 
schrieben, durch welches er dieses Ich oder Selbst bemerken kann, 
das weit in den Raum ausgedehnt ist. 

Derjenige, welcher durch Meditation Gedanken, durchdrungen von 



Gefiihlen, entwickelt hat, wird sich allmahlich durch diese entwickelte 
Kraft, die sonst Sprache geworden ware, der sogenannten sechzehn- 
blattrigen Lotusblume in der Gegend des Kehlkopfes bewuBt. Mit 
Hilfe dieser sogenannten Lotusblume kann er das begreifen, was mit 
zeitlichen Dingen vom Anfang der Erde bis ans Ende derselben 
verbunden ist. Durch dieses Organ lernt man auch in Wirklichkeit 
die okkulte Bedeutung des Mysteriums von Golgatha erkennen, von 
welcher wir in unserem nachsten Vortrag sprechen werden. 

Durch die zuriickgehaltene Seelenkraft, die im normalen alltag- 
lichen Leben sich bis in das Blut und seine Pulsation ausdehnen wiirde, 
wird ein Organ in der Gegend des Herzens entwickelt, das in meinem 
Buch «Die Geheimwissenschaft im Umri8» beschrieben wird und 
durch welches man die Evolution verstehen kann, die man im Okkul- 
tismus als Saturn, Sonne und Mond bezeichnet, die friiheren Inkarna- 
tionen unserer Erde. 

Sie sehen also, daB nicht behauptet wird, okkulte Entwickelung 
werde gewonnen durch eine Unmoglichkeit oder durch das, was nicht 
existiert, sondern durch das, was wirklich vorhanden ist innerhalb der 
menschlichen Seele. 

Die erste okkulte Kraft, die erwahnt worden ist, stammt aus einer 
hoheren Entwickelung der Denkkraft, jener Kraft, die sonst nur an- 
gewendet wird fur Gedanken, die mit der auBeren Welt verkniipft 
sind. 

Die zweite Kraft, von der wir gesprochen haben, ist nur eine hohere 
Entwickelung dessen, was im alltaglichen Leben von jedem mensch- 
lichen Wesen durch den Korper in der Sprache auBerlich angewandt 
wird in der Entwickelung des Organes fur das Wort. 

Die dritte Kraft ist eine hohere Ausbildung dessen, was sonst in 
der menschlichen Seele vorhanden ist, urn zu veranlassen, daB das 
Blut schneller oder langsamer pulsiert, um eine groBere oder kleinere 
Blutmenge zum einen oder anderen Organ des Leibes hinzuleiten, 
mehr nach der Mitte, wenn wir blaB werden, mehr nach der Ober- 
flache, wenn wir erroten, mehr oder weniger nach dem Gehirn und 
so weiter. 

Wenn der Mensch diese Krafte ausbildet, die in ihm vorhanden 



sind, die aber im gewohnlichen Leben nur fiir sein auBerliches kor- 
perliches Dasein gebraucht werden, dann beginnt die okkulte Ent- 
wickelung. Und das, was durch okkulte Entwickelung erkannt werden 
kann, kann heute von jedem Menschen verstanden und erfaBt werden, 
der die Hindernisse zum Verstandnis wegraumen will. Das, was durch 
okkulte Entwickelung gelernt werden kann, ist okkulte Wissen- 
schaft, und in unserem jetzigen Menschheitszyklus muB okkulte 
Wissenschaft in die menschliche Seele hineinflieBen, so daB diese 
menschliche Seele ihr eigenes Wesen kennenlernen moge, welches un- 
abhangig ist von dem Korper. Die Formen all der Substanzen, die 
in der auBeren Welt sind, wie Erde, Wasser, Luft und so weiter, ver- 
gehen, die Formen der Akasha-Substanz dauern fort. Unsere Seele 
muB sich durch ihr inneres Leben mit der Akasha-Substanz ver- 
bunden fuhlen, und in zukunftigen Zeiten wird sie den Wunsch haben, 
sich an das zu erinnern, was sie in der Gegenwart erlebt. Die Mog- 
lichkeit, Ideen und Begriffe zu erlangen, die zu solcher Erinnerung 
fuhren konnen, ergibt sich aus dem Studium der okkulten Wissen- 
schaft, das nur moglich ist, wenn die Erkenntnis, die durch die okkulte 
Entwickelung erlangt wird, verbreitet und angenommen wird. 

Deshalb habe ich in diesem ersten Vortrag versucht, Ihnen klar- 
zumachen, wie durchaus notig die Verbreitung der okkulten Er- 
kenntnis ist, und den Hinweis auf den Weg zu der okkulten Ent- 
wickelung hinzugefiigt den Impulsen, die der Entwickelung der 
Menschheit zugrunde liegen. Nicht durch Worte, gegriindet auf ge- 
wohnliche menschliche Betrachtungen, habe ich versucht, die Mission 
der Geisteswissenschaft klarzulegen, sondern durch die Betrachtung 
der Tatsachen, die selbst das Ergebnis okkulter Forschung sind. Wer 
diese Tatsachen auf seine Seele wirken laBt, wird begreifen, daB fiir 
denjenigen, der die voile Bedeutung dieser Tatsachen versteht, es 
unmoglich ist, die Notwendigkeit der Verbreitung der geisteswissen- 
schaftlichen Erkenntnisse in der jetzigen Zeit zu leugnen. Man braucht 
durchaus nicht fanatisch zu werden, um die Notwendigkeit der ent- 
sprechenden Ausbildung anzuerkennen, man braucht nur die Tat- 
sachen zu verstehen, die dem okkulten Leben des Menschen zu- 
grunde liegen. 



Und wir konnen sagen, daB es eigentlich nur Unkenntnis dieser 
Tatsachen sein kann, die die Menschheit noch von dem anthropo- 
sophischen Leben fernhalt. Deshalb wird unter den geistigen Be- 
wegungen unserer Zeit die Geisteswissenschaft, wie sie hier verstanden 
wird, die am wenigsten fanatische und diejenige sein, die am meisten 
von objektiven Betrachtungen ausgeht. Es ist besonders notig, immer 
wieder zu erwahnen, daB alle solchen Theorien, alle solchen Lehren 
sich schlieBlich vereinigen miissen innerhalb der anthroposophischen 
Kreise in einem fundamentalen lebendigen Gefuhl. 

Es gibt ein objektives geistiges Leben, dessen Spiegelung in der 
Welt der Maja das Leben ist, von welchem wir umgeben sind. Okkulte 
Entwickelung ist das Heraustreten aus der Welt der Maja und das 
Eintreten mit den besten Kraften unseres Ich in die Welt der geistigen 
Wirklichkeit. Jeder Schritt den wir in okkulter Erkenntnis und 
okkulter Entwickelung machen, ist ein Schritt vom Schein zu der 
Wirklichkeit. Und weil ein echtes Verstandnis dieser Tatsache zu 
nichts anderem fiihren kann als zu dem Impulse, diese Schritte wirk- 
lich zu machen, wird das Schicksal der Geisteswissenschaft gesichert 
sein, weil immer mehr und mehr Seelen den Wunsch haben werden, 
die Wahrheit iiber den Weltengeist objektiv zu erkennen. 

Das anthroposophische Feuer, welches in uns entfacht werden 
kann, ist nur ein Ergebnis des universellen kosmischen Feuers, welches 
geistig vom Anfang bis zum Ende ausstromt. 

Dies ist es, was ich Ihnen gerne sagen wollte in diesem ersten Vor- 
trage iiber die Mission der anthroposophischen Bewegung im geisti- 
gen Leben der Gegenwart. 



CHRISTUS ZUR ZEIT DES MYSTERIUMS VON GOLGATHA 
UND CHRISTUS IM ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT 

London, 2. Mai 1913 

Von alien Mysterien ist das Mysterium von Golgatha am schwersten 
zu verstehen, sogar fur diejenigen, die in okkulten Erkenntnissen 
schon vorgeschritten sind, und von alien Wahrheiten, mit welchen 
die Menschheit in Beziehung kommen kann, ist es diejenige, die am 
leichtesten miB verstanden werden kann. Das hangt mit der Tatsache 
zusammen, daB das Mysterium von Golgatha ein einzigartiges Er- 
eignis in der ganzen Evolution der Erde war, daB es in der Entwicke- 
lung der Menschheit auf Erden ein machtiger Impuls war, der sich 
nie vorher in derselben Art ereignet hatte und der sich nie in gleicher 
Weise wiederholen wird. Der menschliche Verstand jedoch sucht 
immer nach einem MaBstab, nach einem Vergleich, nach welchem 
die Dinge verstanden werden konnen. Aber etwas, was unvergleich- 
bar ist, kann nicht verglichen werden, und weil es einzigartig ist, wird 
es schwer verstanden. 

Nun haben wir uns bemiiht, in der geisteswissenschaftlichen Be- 
wegung, in der wir arbeiten, dieses Mysterium von Golgatha von 
verschiedenen Gesichtspunkten aus zu charakterisieren. Aber neue 
Gesichtspunkte konnen fortwahrend gewahlt, neue Charakteristiken 
bestandig hervorgeholt werden, um dieses machtige Ereignis in der 
Evolution der Menschheit auf Erden zu beschreiben. 

Ein solcher Gesichtspunkt, ein solcher Aspekt soil heute hier ge- 
geben werden, und insbesondere soli die Aufmerksamkeit auf das 
gerichtet werden, was in einem gewissen Sinne die Erneuerung des 
Mysteriums von Golgatha in unserer Zeit, in unserem gegenwartigen 
Menschheitszyklus genannt werden kann. 

Wenn man das Mysterium von Golgatha grundlich verstehen will, 
sollte man es nicht als etwas von der Menschheitsevolution ganz 
Getrenntes betrachten, was nur wahrend seiner Dauer von drei oder 
dreiunddreiBig Jahren in Betracht zu ziehen ware, sondern man sollte 
betrachten, wie es sich gerade in der vierten nachatlantischen Zeit- 



periode, in der sogenannten griechisch-lateinischen Kulturepoche er- 
eignete, und man sollte auch in Betracht ziehen, daB dieses Mysterium 
von Golgatha wahrend der ganzen Entwickelung des alten hebra- 
ischen Volkes vorbereitet wurde. Nicht nur das ist auBerst wichtig fur 
das Mysterium von Golgatha, was sich in der Menschheit zutrug 
wahrend des vierten nachatlantischen Zeitalters, sondern auch das ist 
von bedeutender Wichtigkeit, was sich wahrend der ganzen alten 
hebraischen Kultur vorbereitete, namlich die Verehrung Jehovas. 
Zunachst ist es wichtig zu verstehen, wer die Wesenheit war, die sich 
in den alten hebraischen Zeiten unter dem Namen Jahve oder Jehova 
offenbarte. 

Nun, der Mensch von heutzutage ist ein Wesen, welches vor allem 
in dem, was seine Vernunft und sein Verstandnisvermogen anbetrifft, 
seinen Intellekt entwickelt, die Dinge vom intellektuellen Standpunkt 
aus zu verstehen liebt. 

In dem Augenblick jedoch, wo man die Schwelle von der Sinnes- 
welt in die iibersinnlichen Welten iiberschreitet, hort die Moglichkeit 
auf, die Wirklichkeit nur mit den Mitteln des Verstandes zu erfassen. 
Der menschliche Verstand kann auf Erden gute Dienste leisten, aber 
in dem Augenblick, wo man in die iibersinnlichen Welten eintritt, 
geniigt er - obgleich man ihn da noch als ein nutzliches Instrument 
betrachten kann - nicht mehr als Mittel, um Erkenntnis zu erlangen. 

Dieser Verstand liebt vor allem Unterscheidungen zu machen, und 
um eine Sache zu verstehen, hat er eine Definition notig. Diejenigen 
unter Ihnen, die meinen Vortragen ofter gefolgt sind, werden das 
Fehlen von beinahe jeglichen Definitionen bemerkt haben. Man kann 
die Dinge der Wirklichkeit nicht durch Definitionen erfassen. Es gibt 
gewiB gute und schlechte Definitionen, Definitionen, die umfassend 
sind, und andere, die weniger befriedigend sind. Um die Angelegen- 
heiten der Erde zu verstehen, sind Definitionen notig, aber wenn 
man Dinge, die der Wirklichkeit angehdren, verstehen will, nament- 
lich Dinge, die der iibersinnlichen Wirklichkeit angehoren, dann 
kann man nicht definieren. Da muB man charakterisieren, denn dann 
ist es notwendig, die Tatsachen und die Wesenheiten von alien Ge- 
sichtspunkten aus zu betrachten. 



Definitionen sind immer einseitig und erinnern denjenigen, der 
Logik studiert hat, an die alte griechische Schule der Philosophic, 
die einstmals zu definieren suchte, was ein Mensch ist. Urn also eine 
Idee von dem Menschen zu geben, wurde die folgende Definition 
aufgestellt: Ein Mensch ist ein zweibeiniges Wesen ohne Federn. - 
Am folgenden Tage brachte jemand ein gerupftes Huhn herein und 
sagte: Dieses ist ein zweibeiniges Wesen und hat keine Federn, folg- 
lich ist es ein Mensch. - Man kann oft hieran erinnert werden, wenn 
Definitionen verlangt werden fur etwas, was so vielseitig und viel- 
deutig ist, daB Definitionen ungeniigend sind und man nur charak- 
terisieren kann. Aber vor allem, um die verschiedenen Wesenheiten 
in den ubersinnlichen Welten unterscheiden zu konnen, mochten die 
Menschen eine Definition haben. Sie fragen: Was ist genau genom- 
men eine solche Wesenheit? - Je weiter man nun aber in die ubersinn- 
lichen Welten eindringt, desto mehr durchdringen sich die Wesen- 
heiten dort, sie sind nicht mehr voneinander abgegrenzt, so daB es 
schwer ist, sie voneinander zu unterscheiden. 

Vor allem darf man die Evolution nicht auBer acht lassen, wenn 
man den Namen Jahve oder Jehova in Betracht zieht, namentlich 
wenn man ihn mit dem Namen des Christus in Verbindung bringt. 
Sogar im Neuen Testament werden Sie finden - und in meinen 
Biichern habe ich ofters darauf hingewiesen daB Christus sich durch 
Jehova offenbarte, soweit er das konnte vor dem Mysterium von 
Golgatha. 

Wenn man einen Vergleich zwischen Jehova und Christus ziehen 
will, so ist es gut, das Sonnenlicht und das Mondenlicht als Bild zu 
gebrauchen. Was ist Sonnenlicht, was ist Mondenlicht? Sie sind ein 
und dasselbe und doch sehr verschieden. Das Sonnenlicht stromt von 
der Sonne aus, aber im Mondenlicht wird das Sonnenlicht vom 
Monde zuriickgeworfen. In der gleichen Weise sind Christus und 
Jehova ein und dasselbe. Christus ist dem Sonnenlicht gleich, 
Jehova ist wie das reflektierte Christus-Licht, insofern es sich der 
Erde offenbaren konnte unter dem Namen des Jehova, ehe das My- 
sterium von Golgatha eintrat. Und wiederum, wenn eine so hehre 
Wesenheit wie Jehova-Christus in Frage kommt, miissen wir in den 



erhabenen Hohen der iibersinnlichen Welten nach seiner wahren Be- 
deutung suchen. In Wirklichkeit ist es eine Vermessenheit, sich einer 
solchen Wesenheit wie Jehova-Christus mit alltaglichen BegrifTen 
zu nahern. 

Nun bemiihten sich die alten Hebraer, einen Ausweg aus dieser 
Schwierigkeit zu finden. Die menschliche Denkkraft ist schwach, 
aber sie versucht, sich eine Idee von dieser erhabenen Wesenheit zu 
machen. Die Aufmerksamkeit wurde nicht direkt auf Jehova gerich- 
tet - ein Name, der an und fur sich als unaussprechbar betrachtet wur- 
de -, sondern auf die Wesenheit, welche in unserer abendlandischen 
Literatur als Michael bezeichnet wird. Es kann natiirlich manches 
MiBverstandnis aus dieser Behauptung entstehen, aber das ist nicht 
zu vermeiden. Der eine konnte vielleicht sagen, dies wird die Vor- 
urteile der Christen wieder erwecken, der andere will nichts mit 
solchen Dingen zu tun haben. Aber die Wesenheit, die wir Michael 
nennen diirfen und die der Hierarchie der Archangeloi angehort - 
ganz gleich wie wir diese Wesenheit auch nennen mogen -, sie existiert 
doch. Und es gibt viele solcher Wesenheiten, welche dem gleichen 
Range angehoren. Aber diese besondere Wesenheit, die esoterisch 
unter dem Namen Michael bekannt ist, ist so erhaben iiber ihre Ge- 
fahrten, wie die Sonne erhaben ist iiber die Planeten, iiber Venus, 
Merkur, Jupiter, Saturn und so weiter. 

Er, Michael, ist die hervorragendste und die bedeutendste Wesen- 
heit in der Hierarchie der Erzengel. Die alten Hebraer nannten Michael 
«Das Antlitz Gottes». Wie ein Mensch sich durch seine Gesten und 
durch den Ausdruck seines Antlitzes offenbart, so wurde in der My- 
thologie der Alten Jehova durch Michael verstanden. Jehova gab 
sich dem Eingeweihten auf solche Weise kund, daft der Eingeweihte 
etwas erfassen konnte, was er mit seinem gewohnlichen Fassungs- 
vermogen niemals vorher hatte begreifen konnen, namlich, daft Mi- 
chael das Antlitz des Jehova sei. So sprachen die alten Hebraer von 
Jehova- Michael: Jehova, der Unnahbare, zu dem man nicht gelangen 
konnte, wie man nicht zu eines Menschen Gedanken, zu -semen Leiden 
und Sorgen, die hinter seinem auBeren Ausdruck liegen, gelangen 
kann. Michael ist die auBere OfFenbarung des Jahve oder Jehova, wie 



man beim Menschen die Offenbarung seines Ich auf seiner Stirn und 
seinem Antlitz erkennt. 

Und so konnen wir sagen, daB Jehova sich durch Michael, einen 
der Erzengel, offenbarte. Die Erkenntnis dessen, den wir als Jahve 
beschrieben haben, war nicht bloB auf die alten Hebraer beschrankt, 
sie war viel weiter verbreitet. Und wenn man die letzten funf Jahr- 
hunderte vor der christlichen Ara untersucht, so findet man, daB 
wahrend dieser ganzen Zeit eine Offenbarung durch Michael stattfand. 

Wir konnen diese Offenbarung in einer anderen Form in Plato, 
Sokrates, Aristoteles entdecken, in der griechischen Philosophic, so- 
gar in den alten griechischen Tragodien wahrend der funf Jahr- 
hunderte vor dem Ereignis von Golgatha. 

Wenn wir uns mit Hilfe der okkulten Erkenntnisse bemiihen, hin- 
einzuleuchten in dasjenige, was tatsachlich sich ereignete, so konnen 
wir sagen, daB Christus-Jehova die Wesenheit ist, welche die Mensch- 
heit durch ihre ganze Evolution hindurch begleitet hat. Aber wahrend 
der Epochen, die einander folgen, offenbart sich Christus-Jehova 
immer durch verschiedene Wesenheiten desselben Ranges wie Michael. 
Er wahlt sozusagen immer ein anderes Antlitz, mit welchem er sich 
der Menschheit zuwendet. Und je nachdem der eine oder der andere 
aus der Hierarchie der Erzengel gewahlt wird, um der Vermittler zu 
sein zwischen Christus-Jehova und der Menschheit, werden den Men- 
schen sehr verschiedene Ideen und Auffassungen, Impulse des Fiih- 
lens, Impulse des Wollens und so weiter offenbart. Wir konnen die 
ganze Zeit, welche sozusagen das Mysterium von Golgatha umgibt, 
als die Zeit des Michael beschreiben, und wir konnen Michael als den 
Sendboten des Jehova betrachten. 

In jener Zeit, welche dem Mysterium von Golgatha ungefahr um 
funf hundert Jahre vorausging und sich mehrere Jahrzehnte nach die- 
sem fortsetzte, trug die fiihrende Kultur der Menschheit sozusagen 
den Stempel des Michael. Durch seine Eigenschaften, seine Kraft, goB 
er in die Menschheit dasjenige, was ihr in jenem Zeitpunkte gegeben 
werden sollte. Und dann kamen andere Wesenheiten, die gleichfalls 
von den spirituellen Welten aus die Inspiratoren der Menschheit 
waren, andere Wesenheiten vom Range der Erzengel. 



Wie schon erwahnt wurde, war Michael der GroBte, der Mach- 
tigste, der Bedeutendste, so daB eine solche Epoche, wie die des 
Michael, stets die bedeutungsvollste oder eine der bedeutungsvollsten 
ist, die in der Evolution der Menschheit vorkommen kann. Denn die 
Epochen der verschiedenen Erzengel wiederholen sich. Und die Tat- 
sache ist von groBter Wkhtigkeit, daB jede solche Wesenheit von 
der Hierarchic der Erzengel dem Zei taker den Grundcharakter gibt. 
Sie sind hauptsachlich die Fiihrer der verschiedenen Volker, aber da- 
durch, daB alle Fiihrer bestimmter Epochen werden und weil sie die 
Fiihrer verflossener Zeitalter waren, so sind sie in gewissem Sinne 
auch die Fiihrer der ganzen Menschheit geworden. 

Was Michael anbetrifft, so hat bis zu unserem jetzigen Zyklus der 
Evolution eine Veranderung stattgefunden, denn Michael selbst ist 
durch eine Entwickelung hindurchgegangen. Und das ist von groBer 
Wichtigkeit, denn nach der okkulten Erkenntnis sind wir seit den 
paar letzten Jahrzehnten wieder in eine Epoche eingetreten, die 
durch dieselbe Wesenheit inspiriert wird, die das Zeitalter inspirierte, 
in welchem sich das Mysterium von Golgatha ereignete. Seit dem 
Ende des 19.Jahrhunderts diirfen wir Michael wieder als Fiihrer 
ansehen. 

Wenn wir dies verstehen wollen, miissen wir das Mysterium von 
Golgatha von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten und 
miissen uns fragen : Was ist in diesem Mysterium von hauptsachlich- 
ster Bedeutung? DaB die Wesenheit, welche mit dem Namen Christus 
bezeichnet wird, zu jener Zeit durch das Mysterium von Golgatha 
und durch die Pforte des Todes ging, das ist von der groBten Be- 
deutung! Niemals in der ganzen Evolution der Erde konnte man 
von dem Mysterium von Golgatha sprechen, ohne die Tatsache, daB 
Christus durch den Tod gegangen ist, als das Wesentlichste dieses 
Mysteriums anzusehen. 

Betrachten Sie die Naturgesetze. Viel kann verstanden werden 
durch das Studium derselben, und in der kiinftigen Evolution der 
Erde wird noch viel mehr dadurch gelernt werden, aber wir rmiBten 
schon bloBe Traumer sein, wenn wir nicht erkennen, daB das Ver- 
standnis fur das Leben als solches ein Ideal ist, welches nur durch 



Entwickelung zu begreifen ist und niemals durch das Studium der 
Naturgesetze. GewiB gibt es Traumer in unseren Tagen, welche glau- 
ben, daB durch die Erkenntnis der Wissenschaft wahres Verstandnis 
fiir das Prinzip des Lebens mit der Zeit erlangt werde; aber dies 
wird niemals der Fall sein. Wahrend der Evolution der Erde werden 
noch viele Gesetze durch die Sinne entdeckt werden, aber das Prinzip 
des Lebens als solches kann sich auf diese Weise niemals der Welt 
enthullen, das kann nur mit den Mitteln der okkulten Erkenntnis 
geschehen. 

Deshalb erscheint uns das Leben als etwas, was hier auf Erden der 
Wissenschaft unzuganglich ist. Und ebenso wie das Leben dem mensch- 
lichen Wissen unzuganglich ist, so ist dies der Fall mit dem Tod dem 
wahren Wissen gegenuber, welches in den iibersinnlichen Welten er- 
langt wird. In dem ganzen Gebiet der iibersinnlichen Welten gibt es 
keinen Tod. Man kann nur auf Erden sterben, in der physischen Welt 
oder in den Welten, welche in der Entwickelung unserer Erde gleichen, 
und alle die Wesenheiten, die hierarchisch hoher stehen als der Mensch, 
haben keine Kenntnis vom Tode, sie kennen nur verscbiedene Be- 
wuBtseinszustande. Ihr BewuBtsein kann zeitweise so herabgesetzt 
sein, daB es unserem irdischen Schlafzustand ahnlich ist, aber es kann 
aus diesem Schlaf wieder aufwachen. Es gibt keinen Tod in der 
geistigen Welt, es gibt dort nur Verwandlung des BewuBtseins, und 
die groBte Furcht, die der Mensch hat, die Todesfurcht, kann von ei- 
nem, vor dem aufgestiegen ist die ubersinnliche Welt nach dem Tode, 
nicht empfunden werden. In dem Augenblick, wo der Mensch durch 
die Pforte des Todes geht, ist sein Zustand ein solcher intensiver Sen- 
sibilitat, aber er kann nur entweder in einem klaren oder in einem ver- 
dunkelten BewuBtseinszustand existieren, und es ware auBerst sonder- 
bar, wenn man sich vorstellen wollte, daB ein Mensch in der iibersinn- 
lichen Welt tot sein konnte. 

Es gibt daher keinen Tod fiir die Wesen, die zu den hoheren Hier- 
archien gehoren, mit nur einer einzigen Ausnahme, der des Christus. 
Aber damit eine ubersinnliche Wesenheit wie der Christus durch den 
Tod gehen konnte, muBte er erst auf die Erde herabsteigen. Und 
dies ist es, was von so unermeBlicher Wichtigkeit in dem Mysterium 



von Golgatha ist, daB eine Wesenheit, die in ihrem eigenen Reiche in 
der Sphare ihres Willens niemals den Tod hatte erfahren konnen, 
hat hinuntersteigen miissen auf die Erde, um eine Erfahmng durch- 
zumachen, die dem Menschen eigen ist, namlich um den Tod zu er- 
fahren. Dadurch wurde jenes innere Band, jenes tiefe innere Band 
zwischen der Menschheit auf Erden und Christus gekniipft, indem 
diese Wesenheit durch den Tod ging, um dieses Schicksal mit der 
Menschheit zu teilen. Dieser Tod, wie ich schon betonte, ist von der 
groBten Bedeutung hauptsachlich fur unsere jetzige Erdene volution. 

Das, was sich damals wirklich ereignet hat fur unsere Erdenevolu- 
tion, ist schon oft besprochen worden. Vor allem vereinigte sich ein 
Wesen, einzig in seiner Art, welches bis dahin nur kosmisch war, 
durch das Mysterium von Golgatha, durch den Tod des Christus, 
mit der Erdenevolution. Es trat ein in die Evolution der Erde zur 
Zeit des Mysteriums von Golgatha. Es war vorher nicht da. Es ge- 
horte nur dem Kosmos an, aber durch das Mysterium von Golgatha 
stieg es herunter aus dem Kosmos und verkorperte sich auf Erden. 
Seitdem lebt es auf eine solche Weise auf Erden, ist so an die Erde 
gebunden, daB es in den Seelen der Menschen auf Erden lebt und 
mit ihnen das Leben auf Erden erfahrt. Daher war die ganze Zeit 
vor dem Mysterium von Golgatha nur eine Zeit der Vorbereitung in 
der Evolution der Erde. Das Mysterium von Golgatha gab der Erde 
ihren Sinn. 

Als das Mysterium von Golgatha stattfand, wurde der irdische 
Korper des Jesus von Nazareth - wie wir ja aus den verschiedenen 
Berichten wissen, die wir besitzen - den Elementen der Erde uber- 
geben, und von der Zeit an war der Christus verbunden mit der 
geistigen Sphare der Erde und lebt darin. Es ist, wie wir schon sagten, 
auBerordentlich schwierig, das Mysterium von Golgatha zu beschrei- 
ben, da wir keinen MaBstab haben, womit wir es vergleichen konnen, 
aber wir wollen trotzdem versuchen, uns noch von einem anderen 
Gesichtspunkt aus ihm zu nahern. 

Christus lebte, wie wir wissen, drei Jahre nach der Taufe im Jordan 
in dem Leibe des Jesus von Nazareth wie ein menschliches Wesen 
unter den Menschen der Erde. Wir konnen dies die irdische Offen- 



barung des Christus in einem physischen menschlichen Leibe nennen. 
Wie offenbart sich dann der Christus seit der Zeit, da er in dem 
Mysterium von Golgatha seinen physischen Korper ablegte? 

Wir miissen uns natiirlich das Christus -Wesen als ein uberwalti- 
gend hohes Wesen vorstellen, aber obgleich es so hoch erhaben ist, 
war es ihm trotzdem moglich, sich wahrend der drei Jahre nach der 
Johannestaufe im Jordan in einem menschlichen Leib zum Ausdruck 
zu bringen. Aber wie offenbart es sich seit jener Zeit? Nicht mehr 
im physischen menschlichen Leib, denn dieser wurde der physischen 
Erde iibergeben und bildet jetzt einen Teil derselben. Denjenigen 
nun, welche durch das Studium der okkulten Wissenschaft in sich 
selbst die Moglichkeit entwickelt haben, in diese Verhaltnisse hinein- 
zuschauen, wird es sich offenbaren, daB dieses Wesen wiedererkannt 
werden kann in einem der Hierarchie der Engel angehorenden Wesen. 
Ebenso wie sich der Erloser der Welt wahrend der drei Jahre nach 
der Jordantaufe in einem menschlichen Leibe offenbarte, obgleich 
dieses Christus -Wesen von so auBerordentlicher Hoheit war, so offen- 
bart es sich seit jener Zeit in direkter Weise als ein Engelwesen, ein 
geistiges Wesen, welches eine Stufe hoher steht als die Menschen- 
wesen. Als ein solches konnte er stets gefunden werden von denen, 
die hellsichtig waren; als ein solches war er stets mit der Evolution 
verbunden. So wahr als der Christus, als er im Leibe des Jesus von 
Nazareth inkarniert war, mehr als Mensch war, so ist das Christus- 
Wesen mehr als Engel. Das ist nur seine auBere Gestalt. Aber in der 
Tatsache, daB so, wie wir es beschrieben haben, ein machtiges, er- 
habenes Wesen herunterstieg von den spirituellen Welten und drei 
Jahre in einem menschlichen Leibe wohnte, ist auch die weitere Tat- 
sache zum Ausdruck gebracht, daB dieses Wesen wahrend dieser Zeit 
selbst in seiner Entwickelung um eine Stufe weitergeschritten ist. 

Wenn solch ein Wesen solch eine Tat vollbringt, indem es eine 
menschliche oder eine Engelform annimmt, so schreitet es selbst wei- 
ter fort. Und damit haben wir den Fortschritt in der Entwickelung des 
Christus-Jehova angedeutet, daB der Christus zu dem Zustand gelangt 
ist, in dem er von jetzt ab sich selbst offenbart, nicht als ein mensch- 
liches Wesen, nicht nur durch seine Spiegelung, durch sein zuriick- 



geworfenes Licht, nicht nur durch den Namen des Jehova, sondern 
unmittelbar. Und das ist der groBe Unterschied in all den Lehren 
und all der Weisheit, welche seit dem Mysterium von Golgatha in 
die Evolution der Erde gekommen sind, daB durch das Kommen des 
Michael-Geistes auf die Erde, durch seine Inspiration die Menschheit 
allmahlich anfangen konnte, alles das zu verstehen, was der Christus- 
Impuls, was das Mysterium von Golgatha bedeutet. Aber zu jener Zeit 
war Michael zunachst der Sendbote des Jehova, der die Spiegelung des 
Christus-Glanzes ist, er war noch nicht der Sendbote des Christus selbst. 

Michael inspirierte die Menschheit mehrere Jahrhunderte hindurch, 
ungefahr fiinf hundert Jahre lang vor dem Mysterium von Golgatha, 
wie schon in den alten Mysterien, von Plato und so weiter angegeben 
wurde. Bald jedoch, nachdem das Mysterium von Golgatha statt- 
gefunden und Christus sich mit der Evolution der Erde vereinigt 
hatte, horte der unmittelbare EinfluB des Michael auf. Zu der Zeit, als 
jene alten Dokumente, welche wir in der Form der Evangelien be- 
sitzen, geschrieben wurden - wie ich es beschrieben habe in meinem 
Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» ~, konnte Michael 
selbst die Menschheit nicht mehr inspirieren, aber durch seine Ge- 
fahrten unter den Erzengeln wurde sie so inspiriert, daB viel Seelen- 
kraft unbewuBt durch Inspiration aufgenommen wurde. 

Die Schreiber selbst hatten keine deutliche okkulte Erkenntnis, 
denn die Inspiration des Michael ging zu Ende kurz nach dem Er- 
eignis des Mysteriums von Golgatha. Die anderen Erzengel, die Ge- 
fahrten des Michael, konnten die Menschheit nicht in der Weise in- 
spirieren, um das Mysterium von Golgatha verstandlich zu machen. 
Dies erklart die abweichenden Interpretationen der verschiedenen 
christlichen Lehren. In diesen Lehren wurde viel durch die Gefahrten 
des Michael inspiriert. Diese Lehren wurden nicht von Michael selbst 
inspiriert, sondern stehen in demselben Verhaltnis zu seinen Inspi- 
rationen wie die Planeten zu der machtigen Sonne. 

Jetzt erst in unserer Zeit ist wieder ein solcher EinfluB da, eine 
direkte Inspiration von Michael. Diese direkte Inspiration von Mi- 
chael wurde seit dem 16.Jahrhundert vorbereitet. In jener Zeit war es 
der Erzengel, der Michael am nachsten stand, welcher der Menschheit 



die Inspiration gab, die zu der Vervollkommnung der Naturwissen- 
schaft in unserer modernen Zeit fiihrte. Die Naturwissenschaft der 
heutigen Zeit riihrt nicht von der Inspiration des Michael her, sondern 
von einem seiner Gefahrten, Gabriel. Diese wissenschaftliche Inspira- 
tion neigt dazu, eine Wissenschaft, eine Anschauung zu schaffen, die 
nur fiir die materielle Welt Verstandnis gibt und mit dem physischen 
Gehirn zusammenhangt. 

Innerhalb der letzten paar Jahrzehnte hat Michael den Platz dieses 
Inspirators der Wissenschaft wieder eingenommen, und in den nach- 
sten paar Jahrhunderten wird Michael der Welt etwas geben, was in 
einem spirituellen Sinne ebenso wichtig - ja noch wichtiger, weil 
noch spiritueller -, unermeBlich viel wichtiger ist als die materielle 
Wissenschaft, die von Stufe zu Stufe fortgeschritten ist seit dem 
16. Jahrhundert. Geradeso wie sein Erzengelgefahrte ehemals der Welt 
die Wissenschaft schenkte, so wird Michael uns in der Zukunft 
spirituelle Erkenntnis geben, an deren erstem Anfang wir uns jetzt 
befinden. Genauso wie Michael geschickt wurde als der Sendbote des 
Jehova, der Spiegelung des Christus, fiinfhundert Jahre vor dem 
Mysterium von Golgatha, um jener Ara ihren Stempel zu geben, 
genauso wie er damals noch der Sendbote Jehovas war, so ist jetzt 
fiir unsere Zeit Michael der Sendbote des Christus selbst geworden. 
Genauso wie in den alten hebraischen Zeiten, welche eine unmittel- 
bare Vorbereitung fiir das Mysterium von Golgatha waren, die alten 
hebraischen Eingeweihten sich an Michael wenden konnten als an die 
auBere OrTenbarung des Jahve oder Jehova, so sind wir jetzt in der 
Lage, uns an Michael zu wenden, der vom Sendboten des Jehova nun 
zum Sendboten des Christus geworden ist, um von ihm wahrend der 
nachsten paar Jahrhunderte zunehmende spirituelle OrTenbarung zu 
empfangen, welche uns immer mehr und mehr das Mysterium von 
Golgatha enthullen wird. Das, was vor zweitausend Jahren stattfand, 
aber was der Welt nur durch die verschiedenen christlichen Sekten 
bekanntgemacht werden konnte, und des sen Tiefen erst im 20. Jahr- 
hundert enthiillt werden konnen, wenn statt der Wissenschaft spiri- 
tuelle Erkenntnis, die Gabe von Michael, sich geltend machen wird, 
das ist es, was unsere Herzen mit unermeBlich tiefen Gefiihlen erfullen 



sollte gegeniiber dem Spirituellen in unserer Zeit. Wir werden er- 
fahren konnen, daB in den letzten paar Jahrzehnten ein Tor sich 
geoffnet hat, durch welches uns Yerstandnis kommen kann. 

Michael kann uns neues spirituelles Licht geben, das wir als eine 
Umgestaltung jenes Lichtes betrachten konnen, das durch ihn zur 
Zeit des Mysteriums von Golgatha gegeben wurde, und die Menschen 
unserer Zeit diirfen sich in dieses Licht stellen. Wenn wir dies emp- 
finden konnen, so konnen wir die ganze Bedeutung des neuen Zeit- 
alters begreifen, welches gerade jetzt aus dem unsrigen hervorgeht. 
Wir konnen das Aufdammern einer spirituellen OrTenbarung be- 
merken, die in den nachsten paar Jahrhunderten in das Leben der 
Menschheit auf Erden kommen soil. In der Tat, da die Menschheit 
freier geworden ist als sie fruher war, werden wir durch unseren 
eigenen Willen fahig sein, so fortzuschreiten, um diese OrTenbarung 
empfangen zu konnen. 

Wir wollen jetzt auf das Ereignis in den hoheren Welten hinweisen, 
welches zu diesem veranderten Zustand gefuhrt hat, zu dieser Zeit 
der Erneuerung des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir auf jene 
Zeit zuriickschauen, so erinnern wir uns an das, was oft durch unsere 
Seele gestromt sein mag, durch dasjenige, was sich damals bei der 
Johannestaufe im Jordan ereignete, als Christus sich in einer mensch- 
lichen Form ofTenbarte, die sichtbar war auf Erden unter den Men- 
schen. Und welter wollen wir unsere Seele mit dem Gedanken er- 
fiillen, wie Christus dann, was seine auBere Form anbetrifft, sich mit 
der Hierarchie der Engel vereinigte und seit jener Zeit unsichtbar in 
der Erde gelebt hat. 

Erinnern wir uns an das, was gesagt worden ist, namlich, daB es 
in den unsichtbaren Welten keinen Tod gibt. Christus selbst, dadurch, 
daB er auf unsere Welt herunterstieg, ging durch einen Tod ahnlich 
dem der Menschen. Als er wieder eine rein geistige Wesenheit wurde, 
behielt er noch immer die Erinnerung an seinen Tod bei. Aber als 
eine Wesenheit vom Range der Engel, in welcher er sich weiterhin 
auBerlich ofTenbarte, konnte er nur eine Herabminderung des BewuBt- 
seins erfahren. 

Durch das, was seit dem 16. Jahrhundert notwendig geworden war 



fur die Evolution der Erde, namlich der Triumph der Wissenschaft, 
welche hdher und hdher steigt, trat in die ganze Evolution der 
Menschheit etwas ein, was auch fur die unsichtbaren Welten von 
Bedeutung ist. Mit dem Triumph der Wissenschaft kamen in die 
Menschheit materialistische und agnostische Gefiihle von groBerer 
Intensitat, als es bis dahin der Fall gewesen war. Auch friiher gab es 
materialistische Tendenzen, aber es gab nicht diese Intensitat des Ma- 
terialismus, wie sie sek dem 16. Jahrhundert vorherrschend geworden 
war. Immer mehr und mehr nahmen die Menschen, wenn sie durch 
die Pforte des Todes in die geistigen Welten eingingen, das Resultat 
ihrer materialistischen Ideen auf Erden mit sich, so daB nach dem 
16. Jahrhundert immer mehr und mehr Samen von irdischem Mate- 
rialismus hinubergetragen wurden. Diese Samen entwickelten sich in 
einer bestimmten Art und Weise. 

Obwohl Christus in die alte hebraische Rasse kam und dort zu 
seinem Tode gefuhrt wurde, erlitt dennoch das Engelwesen, welches 
seitdem die auBere Form des Christus ist, im Laufe des 19.Jahr- 
hunderts ein Ausloschen des BewuBtseins als das Resultat der geg- 
nerischen materialistischen Krafte, die in die geistigen Welten 
heraufgekommen waren, als das Ergebnis der materialistischen Men- 
schenseelen, die durch die Pforte des Todes gingen. Und das Eintreten 
von BewuBtlosigkeit in den geistigen Welten in der eben beschriebe- 
nen Weise wird die Auferstehung des Christus-BewuBtseins in den 
Seelen der Menschen auf Erden zwischen Geburt und Tod im 20. Jahr- 
hundert werden. In gewissem Sinne kann man daher voraussagen, daB 
vom 20. Jahrhundert an das, was der Menschheit verlorengegangen 
ist an BewuBtsein, sicherlich wieder heraufsteigen wird fur das hell- 
seherische Schauen. Anfangs nur wenige, dann eine immer wachsende 
Anzahl von Wesen wird im 20. Jahrhundert fahig sein, dieErscheinung 
des atherischen Christus, das heiBt Christus in der Gestalt eines Engels, 
wahrzunehmen. Urn der Menschheit willen geschah das, was man eine 
Zerstorung von BewuBtsein nennen kann, in den Welten, die un- 
mittelbar iiber unserer irdischen Welt liegen, und in welchen der 
Christus sichtbar gewesen ist in der Zeit zwischen dem Mysterium von 
Golgatha und dem heutigen Tage. 



Man kann sagen, daft zur Zeit des Mysteriums von Golgatha sich 
in einem wenig bekannten Winkel von Palastina etwas ereignete, was 
tatsachlich das groBte Ereignis war, welches jemals in der ganzen 
Menschheit eintrat, aber von dem wenig Notiz genommen wurde von 
den damaligen Menschen. Wenn so etwas stattfinden konnte, konnen 
wir da erstaunt sein, wenn wir horen, was sich wahrend des 19.Jahr- 
hunderts zutrug, als diejenigen, die seit dem 16. Jahrhundert durch die 
Pforte des Todes gegangen sind, sich dem Christus entgegenstellten? 

«Die Samen von irdischem Materialismus », die seit dem 16. Jahr- 
hundert in die geistige Welt in immer groBerem MaBe von den durch 
die Pforte des Todes schreitenden Seelen hinaufgetragen wurden und 
immer mehr Dunkelheit bewirkten, bildeten die «schwarze Sphare des 
Materialismus ». Diese schwarze Sphare wurde von Christus im Sinne 
des manichaischen Prinzips in sein Wesen aufgenommen, urn sie um- 
zuwandeln. Sie bewirkte in dem Engelwesen, in dem sich die Christus- 
Wesenheit seit dem Mysterium von Golgatha offenbarte, den «geisti- 
gen Erstickungstod». Dieses Opfer des Christus im 19. Jahrhundert 
ist vergleichbar dem Opfer auf dem physischen Plan im Mysterium 
von Golgatha und kann als die zweite Kreuzigung des Christus auf 
dem Atherplan bezeichnet werden. Dieser geistige Erstickungstod, der 
die Aufhebung des BewuBtseins jenes Engelwesens herbeifiihrte, ist 
eine Wiederholung des Mysteriums von Golgatha in den Welten, die 
unmittelbar hinter der unsrigen liegen, damit ein Wiederauf leben des 
fniher verborgenen Christus-BewuBtseins in den Seelen der Menschen 
auf Erden stattfinden kann. Dieses Wiederaufleben wird zum hell- 
seherischen Schauen der Menschheit im 20. Jahrhundert. 

So kann das Christus-BewuBtsein mit dem irdischen BewuBtsein der 
Menschheit vom 20. Jahrhundert an vereinigt werden, denn das Er- 
sterben des Christus-BewuBtseins in der Engelsphare im ^.Jahr- 
hundert bedeutet das Auferstehen des unmittelbaren Christus-BewuBt- 
seins in der Erdensphare, das heiBt, das Leben des Christus wird vom 
20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen 
gefiihlt werden als ein direktes personliches Erlebnis. 

Genauso wie die wenigen Menschen, die in jenen Tagen die Zeichen 
der Zeit lesen konnten, in der Lage waren, das Mysterium von Gol- 



gatha so zu betrachten, daB sie erfassen konnten, wie diese groBe, 
machtige Wesenheit aus den geistigen Welten herniederstieg, um auf 
Erden zu leben und dutch den Tod zu gehen, damit durch seinen Tod 
die Substanzen seines Wesens der Erde einverleibt werden konnten, 
so konnen wir wahrnehmen, daB in ge wis sen Welten, die unmittelbar 
hinter der unsrigen liegen, eine Art geistiger Tod, eine Aufhebung 
des BewuBtseins stattfand und hiermit eine Wiederholung des Myste- 
riums von Golgatha, damit ein Wiederauf leben des fruher verborge- 
nen Christus-BewuBtseins in den Seelen der Menschen auf Erden statt- 
nnden kann. 

Seit dem Mysterium von Golgatha konnten viele Menschen den 
Namen des Christus verkiinden, und von diesem 20.Jahrhundert an 
wird es eine stetig wachsende Anzahl von solchen geben, die das "Wis- 
sen von der Christus-Wesenheit mitteilen konnen, welches in der 
Geisteswissenschaft gegeben wird. Sie werden ihn aus ihrer eigenen 
Erfahrung heraus lehren, verkiinden konnen. Zweimal schon ist der 
Christus gekreuzigt worden : das eine Mai physisch in der physischen 
Welt im Anfang unseres Zei takers und ein zweites Mai im 19.Jahr- 
hundert spirituell in der beschriebenen Weise. Man konnte sagen, die 
Menschheit erlebte die Auferstehung seines Leibes in der damaligen 
Zeit; sie wird die Auferstehung seines BewuBtseins vom 20.Jahr- 
hundert an erleben. 

Das, was ich nur in einigen Worten habe andeuten konnen, wird 
allmahlich in die Menschenseelen eindringen, und der Vermittler, der 
Sendbote wird Michael sein, der jetzt der Abgesandte des Christus ist. 
So wie er fruher die Seelen der Menschen leitete, damit sie das Hin- 
lenken seines Lebens vom Himmel zur Erde verstehen konnten, so 
bereitet er jetzt die Menschheit vor, damit sie fahig werde, das Hin- 
lenken des Christus-BewuBtseins aus dem Zustand des UnbewuBten 
in den Zustand des BewuBten zu erleben. Und genauso wie zur Zeit 
des Erdenlebens des Christus die groBere Anzahl seiner Zeitgenossen 
unfahig war zu glauben, welch machtiges Ereignis sich in der Erden- 
evolution zugetragen hatte, so strebt in unserer Zeit die AuBenwelt 
danach, die Macht des Materialismus zu vergroBern, und wird auf 
lange Zeit hinaus fortfahren, das, was wir heute besprochen haben, 



als Phantasie, Traumerei, vielleicht auch als Torheit anzusehen. Und so 
wird sie auch diese Wahrheit iiber Michael ansehen, der in der jetzigen 
Zeit anfangt, den Christus von neuem zu offenbaren. Trotzdem wer- 
den viele Menschen das erkennen, was jetzt beginnt wie eine Morgen- 
rote aufzugehen und was sich wahrend der kommenden Jahrhunderte 
in die menschlichen Seelen wie eine Sonne ergieBen wird, denn Mi- 
chael kann stets mit einer Sonne verglichen werden. Und wenn auch 
viele Menschen diese neue Michael-Offenbarung nicht anerkennen 
werden, so wird sie sich trotzdem iiber die Menschheit ausbreiten. 

Das ist es, was heute gesagt werden kann iiber die Beziehung des 
Mysteriums von Golgatha, welches sich im Anfang unserer Zeit- 
rechnung ereignete, zu dem Mysterium von Golgatha, wie es heute 
verstanden werden kann. Machen wir uns diese Gefuhle zu eigen, 
indem wir erkennen, daft wir nur so wahre Geisteswissenschafter 
werden konnen. Von Zeit zu Zeit werden andere Offenbarungen 
kommen, fur die wir unseren Sinn offenhalten mussen. Sollten wir 
nicht empfinden, daB es ganz besonders egoistisch sein wurde, diese 
Gefuhle ausschlieBlich zu unserer eigenen Genugtuung zu haben? 
Fuhlen wir doch lieber, daB es unsere ernste Pflicht ist, wie wir sie 
durch die Geisteswissenschaft erkannt haben, uns zu bereitwilligen 
Werkzeugen fur solche Offenbarung zu machen. Und obgleich wir 
nur eine kleine Gesellschaft sind in der ganzen Menschheit, die sich 
bemuht, diese neue Wahrheit vom Mysterium von Golgatha zu ver- 
stehen, diese neue OfFenbarung des Michael zu erfassen, so bauen 
wir trotzdem eine neue Kraft auf, die nicht im geringsten von unserem 
Glauben an diese Offenbarung abhangt, sondern die einzig und allein 
von dieser Offenbarung selbst, von der Wahrheit selbst abhangt. 

Dann werden wir ganz ruhig erkennen, daB nur einzelne von uns 
dazu vorbereitet sind, der Welt folgendes zu erklaren, soweit sie es 
hdren will: Von jetzt ab gibt es eine neue OfFenbarung des Christus. 
Wir wollen bereit sein, sie anzuerkennen, wir wollen zu jenem kleinen 
Kreis gehoren, der dazu helfen will, damit sie groBer, dauernd werde, 
wir wollen auf die innere Kraft einer solchen Offenbarung bauen, so 
daB sie sich unter der iibrigen Menschheit ausbreiten moge, denn diese 
Erkenntnis wird allmahlich alien zuteil werden. 



Dies ist es, was wir Weisheit nennen, was manche Torheit nennen 
mogen. Um fest dazustehen, brauchen wir uns nur heute daran zu 
erinnern, daB diese jetzige Zeit diejenige der zweiten Michael-Offen- 
barung ist, und auch daran, was von einem der alten Eingeweihten 
gesagt wurde zur Zeit der ersten Michael-Offenbarung : Was den 
Menschen oft als Torheit erscheint, ist vor Gott Weisheit. 

Versuchen wir heute, Kraft fur uns selbst aus solchen Gefuhlen, 
aus solcher geistigen Erkenntnis zu ziehen, die in vieler Beziehung 
der auBeren Welt als Torheit erscheinen muB. Fassen wir den Mut, 
anzuerkennen, daB dasjenige, was fur die, die sich nur auf die Sinne 
verlassen, als Torheit erscheint, fur uns Weisheit und Licht sein kann 
und ein klareres Verstandnis der iibersinnlichen, geistigen Welten, zu 
denen wir mit der ganzen Kraft unserer Seelen und unserer Ober- 
zeugung streben wollen. 



DER MICHAEL-IMPULS 
UND DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA 

Stuttgart, 18. Mai 1913 
Erster Vortrag 

Bei meiner letzten Anwesenheit hier unter Ihnen konnte ich Ihnen in 
zwei Betrachtungen einiges darlegen iiber das Leben zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt. Dazumal war also der Gesichtspunkt 
gewahlt worden, die ganze Wichtigkeit und Bedeutung einer Er- 
kenntnis des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt ins Auge zu 
fassen, weil die Krafte und Wesenheiten, mit denen der Mensch da 
zusammenkommt, auch hereinragen in unser Leben, das verlauft zwi- 
schen Geburt und Tod. 

Heute soil zunachst von mancherlei die Rede sein, welches uns die 
groBe Mission der anthroposophischen Weltanschauung aus dem gan- 
zen Charakter unserer gegenwartigen Kulturepoche vor Augen fuhren 
kann, Wir stehen in der Tat - ich habe das ofter betont und davon 
eingehender gesprochen - in einem wichtigen Abschnitt der mensch- 
lichen Erdenentwickelung, und ich habe offers betont, daB, wenn man 
ja bei oberflachlicher Betrachtung der Menschheitsevolution der Erde 
gar oftmals jedes Zeitalter ein Ubergangszeitalter nennt, so muB man 
von einem gewissen Gesichtspunkte aus unser Zeitalter vielleicht nicht 
gerade ein Ubergangszeitalter, aber ein bedeutungsvolles Zeitalter fur 
die ganze Entwickelung der Menschheit nennen. 

Ein erster Gesichtspunkt, den ich heute vor Sie hinstellen will, ist 
der, den ich oft schon erwahnt habe, daB Anthroposophie, von der 
wir wissen, daB sie heute in das menschliche Kulturleben durch Not- 
wendigkeiten der Erdenentwickelung sich hineinleben muB, daB 
Anthroposophie, wenn auch ihre Ergebnisse nur erforscht werden 
konnen von der geschulten Seele des Geistesforschers, doch von jeder 
Menschenseele, die nur will, die nur Unbefangenheit genug der Sache 
entgegenbringt, verstanden werden, begriffen werden kann. 

Da kann natiirlich gleich eingewendet werden : Ja, aber es gibt doch 
nur wenige Menschen, die das BewuBtsein haben, daB ihnen wahr zu 
sein scheint das, wovon die Anthroposophie spricht. Und die Mehr- 



zahl der Menschen betrachtet das, was von der Geisteswissenschaft, 
der Geistesforschung kommt, als Phantasterei, als Traumerei, wenn 
nicht gar noch - nun wir haben ja gestern gehort - als eine der sieben 
Sekten des Verderbens. 

Was liegt da eigentlich zugrunde? Kann gegeniiber der Tatsache, 
daB noch eine iiberaus groBe Menge Menschen der Gegenwart sich 
findet, die sagen : Ja, wir konnen Anthroposophie nicht verstehen, sie 
erscheint uns eben als Phantasterei, - kann demgegeniiber aufrecht- 
erhalten werden die Behauptung, daB diese Wahrheit, die von weni- 
gen verstanden wird, doch far den unbefangenen Menschensinn er- 
kennbar ist? 

Ich habe in dem gestrigen offentlichen Vortrage auseinandergesetzt, 
wodurch man zu iibersinnlichen Erkenntnissen kommen kann, daB 
man gewisse Krafte der Seele frei machen kann von ihrem Eingreifen 
in das Leibliche. Ich habe erwahnt, wie die Denk-, Sprach- und Wil- 
lenskrafte frei werden konnen, sich emanzipieren konnen vom Kor- 
perlichen, so daB sie rein im Seelischen, im Geist-Seelischen wirken 
konnen, und daB sie dann die Krafte sind, welche sich eben ausbilden 
durch Meditation, Konzentration und Kontemplation, die dann ein- 
dringen in die iibersinnlichen Welten. Alle die Krafte, die befahigen, 
einzudringen in die iibersinnlichen Welten, kommen davon, daB der 
Mensch seine Seele loslosen kann von alledem, womit der Mensch im 
Leiblichen verbunden ist. Also in den Erkenntniskraften, mit denen 
die iibersinnlichen Welten erforscht werden konnen, haben wir es mit 
leibfreien Seelenkraften zu tun. 

Nun gibt es aber im ganz alltaglichen Leben eine Seelenkraft, welche 
in einer gewissen Weise schon in sich hat, was mit den anderen See- 
lenkraften angestrebt wird bei der Geistesforschung, und diese Seelen- 
kraft ist die Denkkraft, wie sie sich auBert im gewohnlichen, unbefan- 
genen, gesunden Menschenverstand. Diese gewdhnliche Denkkraft 
namlich, sie kann unter gewissen Voraussetzungen, ohne daB sie wei- 
ter entwickelt wird, selber schon als etwas Leibfreies sich darstellen. 

Mit diesem Denken hat es namlich folgende Bewandtnis. Dieses 
Denken, das also jede Seele heute in sich als eine Kraft haben kann, 
hat gewissermaBen zwei Gesichter, ist ein Januskopf. Dieses Denken 



ist entweder vom Gehirn abhangig, bringt nur dasjenige als Gedanken 
zum BewuBtsein, was sich im Gehirn, im Nervensystem spiegelt. Dann 
ist dieses Denken mehr passiv, ist ein solches Denken, das sich an- 
lehnen will an das Instrument des Gehirns. Oder aber dieses Denken 
kann sich schon einfach - ohne irgendwelche Meditation - durch 
inneres Aufraffen, dadurch daB es seiner selbst in seiner wahren Wesen- 
heit sich bewuBt wird, daB es sich losreiBen will von der Anlehnung 
an das Gehirn, freimachen: dann ist es ein mehr aktives Denken. 

Beides sind Seiten des gesunden menschlichen Denkens, wie es heute 
jede Seele haben kann. Denken ist in jeder Seele, aber es kann in 
zweifacher Weise benutzt werden. Zunachst so : der Mensch kann sich 
in sich selber erkraften, kann in sich selber Gedanken pragen. Dann 
ist dieses Denken in seiner Aktivitat so, daB es voll entgegenkommt 
allem, selbst den scheinbar gewagtesten Behauptungen der Geistes- 
forschung, Wenn aber dieses Denken sich nicht erkraften will, nicht 
in seiner Aktivitat sich erfassen will, dann muB es sich anlehnen an 
das Instrument des Denkens, das Gehirn, dann bringt es iiberhaupt 
nur Gedanken hervor, die mit dem Instrument des Gehirns erfaBt 
werden, dann denkt der Mensch nicht aktiv, dann denkt er passiv. 

Wichtiger fast als jede andere - allerdings nicht fur die unmittel- 
bare Gegenwart, sondern fur die Zukunft - ist die Einteilung in aktive 
Denker und passive Denker. Diejenigen, die etwas von selbstandigem, 
innerlich freiem Denken in sich erkraften, die aktiv denken konnen, 
werden schon durch den Trieb dieses Denkens herzugedrangt zu der 
geisteswissenschaftlichen Forschung. Diejenigen, die nicht tatig den- 
ken wollen, sondern nur in Abhangigkeit vom Gehirn, werden sagen, 
die anthroposophische Forschung ist Phantasterei, weil sie keinen Be- 
grifF haben von dem, was in einem freien Denken erfaBt werden kann, 
weil sie hingegeben sein wollen an das Instrument des Gehirns. So daB 
man sagen kann, daB sie nicht in sich selbst denken wollen, nur in sich 
fur sich selber denken lassen. 

Gerade unter diesem Gesichtspunkte ist die Anhangerschaft, das 
Verhalten gegeniiber der anthroposophischen Weltanschauung heute 
im Grunde genommen eine Sache der inneren Emsigkeit, des inneren 
Erkraftens oder der inneren Bequemlichkeit, der inneren Faulheit. Das 



Denken, das emsig sein will, sich innerlich erkraften will, das begreift 
die Ergebnisse der Geisteswissenschaft; das Denken, das sich der 
Kriicke bedienen will, des Instruments, das bloB im Spiegelbild des 
Gehirns sich die Gedanken zum BewuGtsein bringen will, das ist be- 
quem, das will in sich nur denken lassen, das wird die anthroposophi- 
sche Forschung aus Bequemlichkeit ablehnen miissen. Und alle Philo- 
sophien und alle Schreibereien, welche in die Welt hinauslaufen und 
scheinbar wissenschaftlichen und geistvollen Charakter annehmen und 
sagen, daB man nicht begreifen konne, was anthroposophische For- 
schung zustande bringen kann, das beruht auf einer zunachst unbe- 
wuBten, aber tief innerlichen Bequemlichkeit des menschlichen Den- 
kens, das nicht aktiv werden, sondern passiv bleiben will. Bequem ist 
die Anhangerschaft zur anthroposophischen Weltanschauung nicht. 

Das ist im Grunde genommen die Wahrheit iiber die Sache. Und 
wenn Sie in Versammlungen kommen, die sich ja heute nicht mehr 
materialistisch nennen, die sich monistisch vieileicht nennen und die 
sich auslassen iiber die « Phantastereien » der Geisteswissenschaft, so 
liegt da manches andere zugrunde, als was in diesen Versammlungen 
gesprochen wird. Da liegt zugrunde das Unvermogen, zum aktiven 
Denken fortzuschreiten, da liegt ferner die AnmaBung zugrunde - 
weil man selber sich nicht zum aktiven Denken aufraffen will -, die 
Bequemlichkeit des passiven Denkens zum obersten Grundsatz der 
menschlichen Forschung zu machen. 

Bequemlichkeit im Gebrauch von Seelenkraften fiihrt ja schon im 
gewohnlichen Leben zuweilen zu etwas, was offer zu beobachten ist. 
Wenn jemand sich diese oder jene Rede anhoren will und zu bequem 
ist, mit den Ausfiihrungen mitzugehen, schlaft er nach und nach ein 
und verschlaft dasjenige, was eigentlich in seiner Absicht war zu er- 
fahren, vieileicht auch nicht in seiner Absicht war zu erfahren. Mit 
einem solchen Verschlafen eines notwendigen Entwickelungsimpulses 
der Menschheit wird man es zu tun haben bei alien denjenigen, die 
sich nicht aufraffen konnen zu einem aktiven Denken in der Gegen- 
wart und der nachsten Zukunft. Verschlafen wird man ein Allerwich- 
tigstes. Denn, wenn auch diese oder jene Menschen nichts davon wis- 
sen wollen, hinter dem, was sich abspielt in unserer Sinnenwelt, liegen 



die iibersinnlichen Wesenskrafte, ubersinnliche Vorgange. Deshalb, 
weil ein Teil der Menschheit verschlafen will, was eigentlich geschieht, 
werden sich doch die iibersinnlichen Vorgange abspielen. Mit wich- 
tigen iibersinnlichen Vorgangen haben wir es in unserer gegenwarti- 
gen Epoche zu tun ! Und alle sinnlichen Vorgange sind die auBeren 
Ausgestaltungen von iibersinnlichen Vorgangen. Wenn wir sozusagen 
den Schleier durchschauen, in welchem sich alle sinnlichen Vorgange 
der Entwickelung unserer Epoche darbieten, dann kommen wir hinter 
diesen Schleier zu den iibersinnlichen Vorgangen. Und um sie, die 
iibersinnlichen Vorgange, zu charakterisieren, die jetzt gerade wichtig 
sind, wollen wir uns daran erinnern, daB alles Leben im Weltenall 
auf einer sich steigernden Entwickelung beruht. 

Verfolgen wir den Entwickelungsweg des Menschen, so finden wir 
ihn zunachst, seiner ersten Anlage nach, in der alten Saturnzeit. Wir 
finden ihn dann mit einem neuen Element durchsetzt in der alten 
Sonnenzeit, noch weiter ausgebildet in der alten Mondenzeit und mit 
dem vierten Element, dem Ich, in der Erdenzeit. Und wir wis sen ja, 
daB seine Seelenkrafte in der Jupiterzeit eine solche Gestaltung an- 
nehmen werden, daB er sich mit den Wesenheiten der Hierarchie der 
Angeloi vergleichen laBt. 

So wie nun der Mensch in seiner Entwickelung fortschreitet und 
hinaufsteigt, so schreiten aber auch die anderen Wesenheiten der ein- 
zelnen Hierarchien von niederen Stufen zu hoheren Stufen. Nicht nur 
die menschliche Hierarchie unterliegt einer solchen sich noch steigern- 
den Entwickelung, sondern auch die iiber den Menschen stehenden 
Hierarchien. 

Nehmen wir unter diesen Hierarchien die eine, zwei Stufen hoher- 
stehende als der Mensch, die Hierarchie der Archangeloi, der Erzengel. 
Nun habe ich schon gestern gesagt, man nimmt es heute im allgemei- 
nen von mancher verstandigen Seite nicht iibel, wenn man vom Geist 
im allgemeinen redet. Wenn man aber eingeht auf Klassen, Ordnungen, 
Individuen, wie man es doch bei Pflanzen, Tieren und anderen Be- 
reichen in der Naturwissenschaft tut, dann nimmt es der heutige Kul- 
turmensch sehr iibel. Dennoch muB man es, wenn man es im Kon- 
kreten mit der geistigen Welt zu tun haben will. 



Wenn Sie jenen Vortragszyklus, den ich in Kristiania gehalten habe 
iiber die Entwickelung von Volksstammen, in die Hand nehmen, so 
sehen Sie, daB die Entwickelung von Volksstammen mit der Hier- 
archie der Erzengel zusammenhangt. Die aufeinanderfolgenden Epo- 
chen unterstehen den Urkraften, den Archai, den Geistern der Per- 
sonlichkeit. 

Wenn wir nun die wichtigsten Wesenheiten aus der Reihe der Arch- 
angeloi nehmen, so haben wir Namen, die uns auch sonst begegnen, 
die wir auch gebrauchen konnen wie andere Namen : Raphael, Gabriel, 
Michael und so weiter. 

Diese Wesenheiten konnen wir mit solchen Namen benennen, denn 
der Name ist ja gar nicht das Wesentliche. Wir benennen sie, wie wir 
eben andere Dinge auch mit Namen nennen. Sie spielen eine gewisse 
Rolle in dem, was wir als Tatsachen der ubersinnlichen Entwickelung 
finden. Von dieser ubersinnlichen Entwickelung ist aber unsere sinn- 
liche Entwickelung abhangig. 

Wir konnen tatsachlich ganz gut geisteswissenschaftlich unterschei- 
den zwischen den einzelnen Wesenheiten aus der Hierarchie der Arch- 
angeloi. Nicht abstrakt durch bloBes Namen-Hinpfahlen, sondern 
wir konnen unterscheiden so, daB wir die hauptsachlichsten Kultur- 
impulse, die sich auBerlich in der sinnlichen Welt auf einem Fleck der 
Erde zum Beispiel in den ersten christlichen Jahrhunderten ergeben, 
von einer anderen Wesenheit beherrscht sehen als die, welche die 
hauptsachlichsten Kulturimpulse bei den leitenden Volkern, sagen 
wir im 12. und 13. Jahrhundert, beherrschte, und die, welche unsere 
Kulturentwickelung beherrscht. 

Bleiben wir zunachst bei dem, was fur unsere Kulturentwickelung 
in Betracht kommt. Da haben wir deutlich zu unterscheiden zwischen 
dem Charakter desjenigen Zeitalters, das etwa im 15., 16. Jahrhundert 
begonnen hat, das seine hauptsachliche Signatur hat von dem Auf- 
kommen der neuen Naturwissenschaften, das die Naturwissenschaften 
bis zu jener GrdBe gebracht hat, die uns im 19. Jahrhundert entgegen- 
tritt und die nicht genug bewundert werden kann. 

Wenn man diese Jahrhunderte der naturwissenschaftlichen Arbeit 
der gesamten Menschheit ins Auge faBt, dann muB man sagen, sie ist 



gefiihrt worden von gewissen Volkerschaften, die gelenkt wurden aus 
der ubersinnlichen Welt heraus von einem ganz bestimmten Wesen 
aus der Hierarchie der Archangeloi, und dieses Wesen unterscheidet 
sich ganz genau von dem Wesen, das jetzt unsere beginnende geistige 
Kulturepoche von der ubersinnlichen Welt aus leitet. Wenn man 
Namen, die im Abendland gebrauchlich geworden sind, fiir diese lei- 
tenden Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi geben will, 
kann man sagen: Seit der Christus-Zeit her waren verschiedene Wesen- 
heiten leitend fiir die fortschreitende Kultur. Ohne auf diese Namen 
pochen zu wollen, will kh eben die Namen einer Reihe von Wesen- 
heiten aus der Hierarchie der Erzengel aufzahlen, wie man Namen von 
Menschen nennt, die an irgend etwas teilhaben auf dem physischen 
Plan, einer Reihe von Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi, 
die beherrscht haben die fortschreitende Kultur : Oriphiel, Anael, Za- 
chariel, Raphael, Samael, Gabriel, Michael. 

Gabriel war der leitende Geist in derjenigen Kulturperiode, die 
eben abgelaufen ist fiir die geistige Welt mit dem letzten Drittel des 
19.Jahrhunderts. Denn in der Tat beginnt mit diesem letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts - und dies wird immer mehr hervortreten - eine 
Epoche, in welcher ganz andere Einfliisse und Impulse aus der uber- 
sinnlichen Welt in die sinnliche hineinstromen. Wahrend in der ver- 
flossenen Epoche die Menschenseelen vorzugsweise hingerichtet wa- 
ren auf das, was die Sinne schauen, der Verstand begreifen kann, wer- 
den die Menschen der kommenden Zeit, welche die fortschreitende 
Entwickelung nicht verschlafen wollen, vorzugsweise zu beachten ha- 
ben, wie immer mehr ubersinnliche Weisheit und Erkenntnisse herein- 
dringen werden aus den ubersinnlichen Welten in die irdische sinn- 
liche Entwickelung. 

Wenn man auBerlich charakterisieren will, konnte man sagen : In der 
abgelaufenen Epoche hatten die ubersinnlichen Wesen genug damit 
zu tun, die Inspirationen, die Intuitionen, die hereinflieBen konnen 
aus den ubersinnlichen Welten, moglichst abzuhalten von dem physi- 
schen Leben. Es hatten die Hierarchien damit zu tun, daB sie nicht 
hineinflieBen konnten in die Seelen. 

Von jetzt an werden die ubersinnlichen Krafte so gelenkt und ge- 



leitet von der ubersinnlichen Welt aus, daB moglichst viele Inspira- 
tionen und Intuitionen hineinflieBen konnen in die Menschenseele, so 
daB ein Wis sen von Imagination, Inspiration, Intuition die Menschen- 
seele wird ergreifen konnen. So bar alien inspirierten Wesens, aller 
Erkenntnisse des Geistigen das abgelaufene Zeitalter war, so erfullt 
von inspiriertem, von intuitivem Wesen werden die wirklich leben- 
digen Kulturimpulse der folgenden Zeit sein. 

Unmoglich ware es gewesen, vor funfzig Jahren dasjenige zu Men- 
schen zu sprechen, was durch den notwendigen Gang der Welten- 
entwickelung heute zu Ihnen gesprochen werden kann, weil es damals 
unmoglich gewesen ware, unmktelbar aus den geistigen Welten diese 
Dinge herunter zu bekommen. Das Tor ist erst jetzt geoffhet worden. 
Und wie die verflossenen Zeiten am giinstigsten fur die Verstandes- 
entwickelung waren, so wird die nachste Zeit am giinstigsten sein fur 
die Entwickelung der Inspiration und Intuition. 

Hart aneinander stoBen zwei Zeitalter: Eines, das abgeneigt war 
aller Inspiration, und eines, in dem zwar machtige Krafte mit alien 
Mitteln ankampfen werden gegen alle Inspiration, in dem aber die 
Moglichkeit sein wird, die Inspiration aufzunehmen, sie zum Ton- 
angebenden zu machen in den Menschenseelen. 

Und wenn wir in die Sache weiter hineinschauen, so entdecken wir, 
daB die ubersinnlichen Krafte, die nicht unmittelbar hineinflieBen 
konnten in die Menschenseelen im abgelaufenen Zeitalter, nicht etwa 
untatig waren. Das, was eine auBere Physiologie nicht konstatieren 
kann, ist doch Wahrheit : Im Zeitalter des Gabriel ist auch gearbeitet 
worden von der ubersinnlichen Welt aus in die sinnliche hinein. Diese 
Arbeit ist geleistet worden am physischen Leib des Menschen. Inner- 
halb des Vorderhirns entstanden in dieser Zeit feine Strukturen, die 
nach und nach durch das Gabriel-Regiment in die menschliche Gene- 
ration eingepflanzt worden sind, wodurch die Menschen zum groBen 
Teil mit solchem Gehirn geboren werden, welches andere, feinere 
Strukturen hier am Vorderhirn hat, als es bei den Menschen des 12. 
und 13. Jahrhunderts noch der Fall war. 

Das war die Aufgabe des Zeitalters, in dem die Menschen den Sinn 
lenkten auf das Physisch- Sinnliche, abgeschlossen waren gegen das 



Inspirierte, daft in die Leiblichkeit hinein sich die Impulse der iiber- 
sinnlichen Welt ergossen und diese feine Struktur im Gehirn aus- 
bildeten. 

Und immer mehr und mehr wird diese Struktur da sein bei denen, 
die jetzt sich fahig fiihlen werden, zum aktiven Denken und zum Ver- 
stehen der Geisteswissenschaft fortzuschreiten. Und dann werden in 
unserer Epoche, in derjenigen Epoche, an deren Anfang wir eigentlich 
erst stehen, die ubersinnlichen Krafte nicht verbraucht, um Strukturen 
im Gehirn zu bilden, sondern um unmittelbar in die Seelen einzu- 
flieBen, durch Imagination und Inspiration zu wirken, einzuflieBen in 
die menschlichen Seelen. Das ist das Michael-Regiment. 

So unterscheiden sich zwei Wesenheiten in der Reihenfolge der 
Archangeloi dadurch, daB der eine, Gabriel, der geleitet hat den Men- 
schen unmittelbar vor unserem Zeitalter, gearbeitet hat an der feineren 
Ausbildung des Gehirns, und daB derjenige, der nun beginnt zu ar- 
beiten, nicht die Aufgabe hat, ein menschliches Organ umzugestalten, 
sondern einzupflanzen in die menschlichen Seelen Verstandnis fur die 
spirituelle Wissenschaft. So grenzen wir voneinander ab die Wesen- 
heiten, welche der Hierarchie der Archangeloi angehoren. 

An diesen zwei Beispielen versuchte ich, Ihnen gleichsam konkrete 
Eigenschaften, Charaktereigenschaften dieser beiden Wesenheiten hin- 
zustellen. Nicht mit Namen wollen wir uns begniigen; denn, wie wir 
nichts wis sen von einem Menschen, wenn wir nur wis sen, daB er 
Muller heiBt, so wissen wir auch nicht viel von Gabriel, wenn wir 
nur seinen Namen wissen. Aber dann wissen wir etwas von einem 
Menschen, wenn wir angeben konnen, er ist ein mitleidsvoller Mensch, 
er hat dies oder jenes getan. So wissen wir auch etwas von einer iiber- 
sinnlichen Wesenheit, wenn wir sagen konnen, daB sie Krafte ein- 
flieBen lieB in den physischen Menschenleib, die Krafte, die gewisse 
Strukturen im Vorderhirn haben entstehen lassen durch die mensch- 
liche Fortpflanzungskraft. Und wir charakterisieren den Geist, die 
Wesenheit, die auf ihn folgt, richtig, wenn wir aufweisen seine Tatig- 
keit im Erreichen des Verstandnisses fur die inspirierten, intuitiven 
Wahrheiten. Nicht so sehr fur den Geistesforscher, den Initiierten 
selbst, sondern fur diejenigen, die verstehen wollen die Geistesfor- 



schung, die zu aktivem Denken iibergehen wollen, wirkt Michael, 
wenn die Krafte des aktiven Denkens immer mehr in der Menschheit 
sich ansammeln in den folgenden Jahrhunderten. 

Dieser Ubergang ist noch in anderer Beziehung ein wichtiger. Durch 
dasjenige, was da geschehen ist, bildet sich immer mehr eine Mensch- 
heit heran, die durch ihre Organisation in der Lage ist, gedachtnis- 
maBig in zukiinftigen Inkarnationen wirklich zuriickzuschauen auf 
fruhere Inkarnationen. Aber die Menschheit muB sich in diese Lage 
erst versetzen. 

Man kann sich nicht an etwas erinnern, an das man niemals gedacht 
hat. Wenn man abends gedankenlos seine Manschetten ausgezogen 
hat und gedankenlos die Knopfe hinlegt, so kann man sie am andern 
Morgen nicht finden, weil man nicht daran gedacht hat. Wenn man 
den Gedanken gefaBt hat, sich das Bild der Umgebung von den 
Knopfen, die man abgelegt hat, einzupragen, wird man am nachsten 
Morgen schnurstracks zu dem Platze hingehen, wo man sie hingelegt 
hat. 

So wie das fur das gewohnliche Leben gilt in bezug auf das Erinne- 
rungsvermogen, so sollte es auch begrifTen werden fur den groBen 
Horizont in bezug auf fruhere Erdenleben. An das innerste Wesen 
der Seele miissen wir uns zuerst erinnern, an das, was wirklich hin- 
ubergeht in das Wesen der Seele. Aber dazu miissen wir dieses innerste 
Wesen zuerst erfaBt haben. Das konnen wir nur durch okkulte 
Schulung. Wenn man sich nicht bemiiht hat, den Gedanken des Wesens 
der Seele zu haben in der friiheren Inkarnation, so kann man sich auch 
nicht daran zuriickerinnern, mag man noch so gut organisiert sein. 
Organisiert zur Ruckerinnerung werden die Menschen sein, aber sie 
werden diese Organisation zunachst als Krankheit empfinden, als Ner- 
vositat, als einen furchtbaren Zustand, wenn sie sie nicht gebrauchen 
konnen. Denn sie werden organisiert sein, um sich zuriickzuerinnern, 
aber sie haben nichts, woran sie sich erinnern konnen. Wenn der 
Mensch Eindriicke hat, die er nicht verwerten, Organe in sich hat, 
die er nicht gebrauchen kann, dann erkrankt er. 

Dem gehen wir entgegen, daB die Menschen in den folgenden Zeit- 
altern dazu organisiert sein werden, sich zuriickzuerinnern an fruhere 



Efdenleben, daB aber nur diejenigen sich erinnem konnen, die etwas 
zum Erinnern haben, die also das Menschenseelenwesen in seiner 
Eigenart als Glied der geistigen Welt durch okkulte Schulung erkannt 
haben. In jedem Leben, das auf ein solches folgt, in dem man die 
Seele als Geistwesen erkannt hat, kommt die Riickerinnerung an fru- 
here Erdenleben. 

So stehen wir an einem wichtigen Wendepunkt. Geisteswissenschaft 
verstehen, heiBt im Grunde nichts anderes, als ein Gefuhl haben fur 
diesen Wendepunkt in unserer Zeit. 

Nun sind nicht alle Wesenheiten, die der Hierarchie der Archangeloi 
angehoren, gleich geartet, gleich im Rang. Wenn wir von der Hier- 
archie der Archangeloi sprechen, kann man sagen, die losen sich zwar 
so ab, wie ich gesagt habe. Aber der hochste im Range, gleichsam 
der Oberste ist derjenige, der in unserem Zeitalter die Herrschaft zu 
ftihren beginnt, ist Michael. Er ist einer aus der Reihe der Archangeloi, 
aber er ist gewissermaBen der Fortgeschrittenste. Nun gibt es eine 
Entwickelung, und die Entwickelung umfaBt alle Wesen. Alle Wesen 
sind in einer sich steigernden Entwickelung, und wir leben in dem 
Zeitalter, wo Michael, der Oberste von der Natur der Archangeloi, 
iibergeht in die Natur der Archai. Er wird allmahlich iibergehen in 
eine leitende Stellung, wird eine leitende Wesenheit, wird Zeitgeist, 
leitende Wesenheit fur die ganze Menschheit. 

Das ist das Bedeutsame, das ist das ungeheuer Wichtige unseres 
Zeitalters, daB wir begreifen, daB das, was in alien vorhergehenden 
Epochen noch nicht da war, fur die ganze Menschheit nicht da war, 
nun sein kann, werden muB ein Gut fur die ganze Menschheit. Was 
bisher bei einzelnen Volkern auftrat - spirituelle Vertiefung -, kann 
nun etwas sein fur die gesamte Menschheit. 

Und wenn wir so hinweisen auf dasjenige, was hinter der Sinnen- 
welt geschieht, so konnen wir auch hinweisen auf das, was sich in der 
Sinnenwelt abspielt als ein auBerer Ausdruck dessen, was eben ge- 
schildert worden ist: daB gleichsam eine Erhohung des Erzengels 
Michael sich abspielt hinter der sinnlichen Welt. 

Bisher hat der Mensch eine Personlichkeit sein konnen; in Zukunft 
wird er auch eine Personlichkeit sein konnen, aber in einer anderen 



Weise als es bis in unser Zeitalter moglich gewesen ist. Der Mensch 
hat gewissermaBen immer teilgenommen an den iibersinnlichen Wel- 
ten, hat es wenigstens konnen mit seinem Seelenleben. Aber die per- 
sonliche Note, die personliche Farbung, die der Mensch dargelebt hat 
in dieser Sinnenwelt, kam nicht von oben herunter, sondern von un- 
ten herauf, sie kam von Luzifer . Luzifer hat die Personlichkeit ge- 
macht. Daher konnte man bisher sagen : Der Mensch kann mit seiner 
Personlichkeit nicht eindringen in die ubersinnliche Welt, kann seine 
Personlichkeit nicht hineinbringen in die geistige Welt, er muB seine 
Personlichkeit ausloschen, sonst verunreinigt er die geistige Welt. 

In Zukunft obliegt dem Menschen, daB er die Personlichkeit in- 
spiriert werden laBt von oben, auf daB sie aufnehmen konne, was da 
ausflieBen soli aus der geistigen Welt. Ihre Note bekommt die Person- 
lichkeit durch das, was sie an spirituellen Erkenntnissen aufzunehmen 
vermag, die Personlichkeit wird etwas ganz anderes werden in zukiinf- 
tigen Zeiten. GewissermaBen durch das, wodurch er abgewichen ist 
vom Geistigen, was ihm von dem Leibe aufgedriickt wird, war der 
Mensch friiher eine Personlichkeit, in Zukunft wird er eine Personlich- 
keit sein miissen durch dasjenige, was er aus der spirituellen Welt in 
sich zu verarbeiten, in sich aufzunehmen vermag. 

Durch ihr Blut, durch ihr Temperament, durch mancherlei, was von 
unten kam, waren in der Vergangenheit die Menschen eben Person- 
lichkeiten, und in diese Personlichkeiten strahlten unpersonliche Ele- 
mente aus dem Ubersinnlichen hinein. Durch Temperament, durch 
Blut und so weiter wird man immer weniger und weniger Personlich- 
keit sein konnen in der Zukunft. Aber man wird es sein konnen durch 
seine Teilnahme an der ubersinnlichen Welt. Bis in den Charakter 
herein wird flieBen das, was die iibersinnlichen Impulse enthalten. Das 
wird bewirken der Impuls des Michael, der eben in die menschliche 
Seele hineinleitet das Verstandnis fur das spirituelle Leben. Die Men- 
schen mit ausgesprochenem Personlichkeitscharakter werden diesen 
Personlichkeitscharakter davon haben in Zukunft, daB sie dieses oder 
jenes ausdriicken werden durch Verstandnis der ubersinnlichen Wel- 
ten. Die Alexanders, Casars, Napoleons gehoren der Vergangenheit 
an. In sie floB gewiB das iibersinnliche Element hinein, doch die hohe 



personliche Farbung haben sie durch das, was sie erhalten haben von 
unten herauf. Die Menschen, die Persdnlichkeiten sind durch die Art, 
wie sie die geistige Welt in die sinnliche hineintragen, die Menschen, 
die von der Seele aus Personlichkeitin die Menschheit tragen, das wer- 
den die Personlichkeiten sein, welche die Alexanders, Casars, Napo- 
leons ablosen werden. Die Starke der Menschentaten in der Zukunft 
wird sich ergeben aus der Starke des geistigen Einschlags, der in diese 
Menschentaten hineinflieBen wird. 

Dieses alles gehort zu dem, was das Bedeutsame des Ubergangs von 
einer Epoche zur anderen ist. Aber was eben den bedeutungsvollsten 
Ubergang charakterisiert, ist der Ubergang von der Epoche des Ga- 
briel zu der Epoche des Michael in unserer Entwickelungsepoche. 

Wir konnen auch mit dem gesunden Menschenverstand uns durch- 
aus ein Verstandnis aneignen dessen, was heute gesagt ist, wenn wir 
nur vorurteilsfrei genug sind, in unsere Zeit hineinzuschauen und zu 
sehen, wie aneinanderstoBen die zwei Moglichkeiten noch bis ins letzte 
Drittel des 19.Jahrhunderts. 

Die erste Moglichkeit ist, aus der Naturwissenschaft heraus Welt- 
anschauung zu bauen. Heute ist das veraltet, etwas Antiquiertes, liegt 
nicht mehr im Charakter des Zeitalters. Die Menschen machen es noch, 
weil sie eben noch das forttragen, was aus dem Alten kommt. Im 
Charakter des Zeitalters liegt es, aus den Inspirationen der geistigen 
Welt und aus deren Verstandnis heraus Weltanschauung zu zimmern. 
Das miissen wir als ein Gefiihl, als eine Empfindung in unserer Seele 
aufnehmen, dann lernen wir wissen, was anthroposophische Welt- 
anschauung fur die einzelnen Seelen bedeutet, lernen empfinden, was 
Entwickelung fur die Menschheit ist. Teilnehmer diirfen wir sein an 
Bedeutungsvollem. 

Und nun erinnere ich Sie an etwas, was ich eingeflochten habe in die 
Vortrage, die ich das letzte Mai hier gehalten habe, in die Vortrage 
von der Veranderung der Funktion des Buddha. Hier ist auch der 
Punkt, wo in der nachsten Betrachtung an die heutige angekniipft 
werden soil. 

GewissermaBen mit einer Frage mochte ich die heutigen Betrach- 
tungen abschlieBen, mit der Frage, die sich in jeder Seele erheben 



kann, und die uns von Wichtigem, das heute betrachtet wurde, zu 
noch Wichtigerem fiihren wird. 

Wenn eine Erhohung des Michael stattgefunden hat, wenn er zum 
leitenden Geist der abendlandischen Kultur geworden ist, wer tritt an 
seine Stelle? Der Platz muB ausgefullt werden. Jede Seele muB sich 
sagen: also muB auch ein Engel eine Erhohung, ein Aufrucken er- 
fahren haben, muB eintreten in die Reihe der Archangeloi. Wer 
ist das? 

Mit dieser Frage will ich abschlieBen, um hinuberzuleiten in noch 
wichtigere Betrachtungen, die uns ubermorgen beschaftigen sollen. 

Heute wollte ich vor Ihre Seele stellen die wichtigste Charakteristik 
des Ubergangs : die Tatsache, daB die Seelen, die sich dazu aufraffen 
konnen, Verstandnis finden konnen fur iibersinnliche Wahrheiten. 
Denn so wollen es die hinter der Menschheit stehenden, die Mensch- 
heitsevolution leitenden Weltenmachte. Und das Abbild in der Sinnen- 
welt ist, daB die Persbnlichkeit eine vollig andere Nuance annimmt. 
Wahrend im verflossenen Zeitalter der Personlichkeit die Farbung ge- 
geben hat von unten her Temperament und Blut, wird in Zukunft 
tonangebend werden fur die Personlichkeit des neuen Zeitalters das 
Element des spirituellen Verstandnisses. Das wird das tonangebende 
Element sein. 

Wichtig ist, dies zu verstehen, noch wichtiger ist, dies zu erfiihlen. 

Von diesem Punkt werden wir ubermorgen zu einer bedeutsamen 
Betrachtung, die in jede einzelne unserer Seelen eindringen kann, 
iibergehen. 



DER MICHAEL-IMPULS 
UND DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA 



Stuttgart, 20. Mai 1913 
Zweiter Vortrag 

Wir haben uns bemuht, das ein wenig zu beleuchten, was aus der Welt- 
gesetzmaBigkeit heraus der Charakter unseres gegenwartigen Zeit- 
alters ist, und wir sollten nicht voriibergehen an einer solchen Charak- 
teristik unseres Zeitalters. Denn wenn wir reden von den geistigen 
Kraften, von den geistigen Impulsen eines Zeitalters, so sind das die- 
jenigen Krafte, diejenigen Impulse, welche in jeder einzelnen unserer 
Seelen drinnen wirken. Und wir konnen nicht mit unseren Seelen zu- 
rechtkommen, wenn wir uns nicht zu stellen vermogen zu diesen 
Kraften, zu diesen Impulsen unseres Zeitalters, die nun einmal zugleich 
die geistigen Krafte und Impulse unserer eigenen Seele sind. 

Es ist durchaus wahr, daB - wie sich auch der einzelne unter Ihnen 
zurechtlegt, warum er dieses oder jenes in der Geisteswissenschaft 
glaubt - in den Seelen derjenigen, welche aufrichtig und ehrlich zur 
Geisteswissenschaft kommen, vielleicht unbewuBt das Gefuhl, der 
Trieb lebt, der da kommt von den echten, wahren spirituellen Im- 
pulsen unserer Zeit. 

Ich habe Ihnen vorgestern zu charakterisieren versucht, daB wir 
gegenwartig leben in dem, was man das Michael-Zeitalter nennen 
kann. Das Verstandnis fur spirituelle Dinge wird immer mehr und 
mehr Seelen moglich werden. Wahrend die letzten Jahrhunderte so 
abliefen, daB vor alien Dingen Verstandnis moglich wurde fur Dinge 
des auBeren Naturwissens, fur physikalische, chemische, physiolo- 
gische Gesetze, fur alles, was sich auf den auBeren Raum und die Zeit 
bezieht, wahrend in dem Gabriel- Zei taker in den Seelen Verstandnis 
erweckt wurde fur das, was in den Naturwissenschaften von Triumph 
zu Triumph zog und die Seele hinneigte zum naturwissenschaftlichen 
Verstandnis der Welt, gehen wir einem Zeitalter entgegen, wo es 
ebenso moglich sein wird, das Spirituelle zu verstehen. 

Noch niemals eigentlich in der Entwickelung der Menschheit waren 
zwei aufeinanderfolgende Zeitalter so radikal verschieden, wie das 



eben abgelaufene und das, in das wir hineingehen. Und fremder sein 
als jemals werden die Seelen, die zum Spirituellen neigen, den Seelen, 
die noch festhalten an dem, was die vergangenen Jahrhunderte brach- 
ten. Und nicht lange wird es dauern, daB diejenigen, welche auf dem 
Boden des materialistischen Monismus zu stehen glauben, vollstandig 
unzeitgemaB sein werden gegeniiber jenen Seelen, die mit Sehnsucht 
suchen werden nach einem Verstandnis der iibersinnlichen Welten. 
Denn seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hat sich eine 
geistige Flutwelle aus den hoheren Welten in unsere Welt hinein er- 
ofYnet, und deshalb ist es moglich geworden, Verstandnis zu erhalten 
fur das, was spirituell die Menschheits- und Weltenevolution leitet. 

Vor nahezu zwei Jahrtausenden geschah ja das Ereignis, das Ihnen 
alien bekannt ist unter dem Namen des Mysteriums von Golgatha, und 
oftmals ist auch hier dariiber gesprochen und von den verschiedensten 
Seiten her beleuchtet worden dieses Mysterium von Golgatha als der 
groBe Schwerpunkt der Menschheitsentwickelung. Und klar hat es 
wohl werden konnen, daB ohne Beriihrung irgendeines konfessionel- 
len Standpunktes, sondern rein aus der Geisteswissenschaft heraus, das 
Verstandnis fur dieses Ereignis moglich ist, so daB man Verstandnis 
erwarten kann von jeder konfessionellen Stromung der Gegenwart. 
Auch uber die Grunde, warum die einen oder anderen das Christus- 
Ereignis nicht als den groBen Schwerpunkt der Menschheitsevolution 
annehmen wollen, ist ausfuhrlich gesprochen worden. Aber wir sollen 
auch so etwas wohl mit der Seele betrachten, wovon ja auch gestern 
im offentlichen Vortrag hat gesprochen werden konnen. Es konnte 
sein, daB irgend jemand aus einem Vorurteil heraus nichts wissen 
wollte von dem, was in einem kleinen Lande zu Beginn unseres Zeit- 
alters sich abgespielt hat, es konnte das ja sein, daB irgend jemand sich 
nicht kiimmern wollte urn dasjenige, was wir das Mysterium von 
Golgatha nennen. Gut, wir wollen sogar annehmen, es wiirde einer 
Seele naturlich sein, auch den geschichtlichen Verlauf so zu denken, 
daB auszustreichen ware, was geschehen ist auf Golgatha. Nehmen 
wir das hypothetisch an. Wenn diese Seele die Menschheitsentwicke- 
lung betrachtet, so wiirde sie doch etwas finden, was dieses Zeitalter 
besonders charakterisiert. Davon wurde gestern gesprochen. Es ist in 



jener Epoche vor dem Mysterium von Golgatha der Ubergang von 
einer Stellung der Menschenseele zur Umwelt in auBerlicher Weise, 
und der nachherigen Stellung der Seele zu ihrer eigenen Innerlichkeit 
vorhanden, ganz abgesehen von dem Mysterium von Golgatha. In 
dem Zeitpunkt, in den das Mysterium von Golgatha hineingestellt ist, 
fand dieser groBe Ubergang der Menschheit statt von einem Leben in 
der auBeren Umgebung zu der Verinnerlichung. Und jeder kann das 
fiihlen, auch wenn er absieht von dem Mysterium von Golgatha. 

Die Menschheit ist in diesem Zeitpunkt an einem Wendepunkt. 
Man braucht gar nicht einmal von dem Mysterium von Golgatha zu 
sprechen, sondern man kann die anderen Ereignisse nehmen, und sie 
werden zeigen, daB vorher die Menschheit in einer VerauBerlichung 
gelebt hat, daB aber nachher in einer Verinnerlichung zu leben begin- 
nen die Menschen, die von dem Impuls der Zeit, von ihrem Genius 
durchzogen werden. 

Aber wenn so etwas geschieht, geschieht es in der Weise, daB es 
vorher vorbereitet wird. Ich will den trivialen Ausspruch nicht ge- 
brauchen: Die Natur oder die Geschichte mache keinen Sprung. - 
Der Ausdruck hat nur in gewissen Grenzen Berechtigung, denn vor- 
bereitet - ist es nicht dennoch sprunghafte Entwickelung? - wird ja 
auch die Bliite in den gninen Blattern schon. So wurde auch vorbe- 
reitet dasjenige, was wie ein Einschnitt in der Menschheitsentwicke- 
lung sich ausnimmt zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Und wir 
konnen nicht nur finden, wenn wir uns vertiefen in dasjenige, was uns 
als Lehre, als Anschauung entgegentritt in den letzten Jahrhunderten 
des althebraischen Altertums, wir konnen nicht nur einen Geist dort 
finden - allerdings einen eigenen Geist - der Vorbereitung fur das 
Mysterium von Golgatha, sondern wir konnen einen solchen Geist 
der Vorbereitung auch in anderen Gegenden der Erde finden. 

Fiir den Geist des Hebraertums war es ja so, daB er Einschlage ganz 
anderer Art zeigt, als fruher da waren. Eine ganz andere Art der Welt- 
betrachtung setzt ein im 6. Jahrhundert vor dem Mysterium von Gol- 
gatha, eine ganz neue Epoche gegeniiber dem, was im hebraischen 
Geistesleben fruher da war. Das enthullt sich dem genau betrachtenden 
Blicke sehr klar. Und wenn es hier auch in anderer Art hervortritt, weil 



das althebraische Volk allerdings ja anders geartet war, so ist es doch 
derselbe Geist, der nur einen anderen Ausdruck bekommt; es ist der 
Geist, der in der griechischen Philosophie, ja selbst in der griechischen 
Dichtkunst herrscht in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium 
von Golgatha. Uberall finden wir das. Man braucht nur ernsthaft 
Geister wie Plato und Aristoteles, ja sogar Sokrates zu betrachten, um 
zu sehen, daB dieser Wendepunkt uberall vorbereitet wird. 

Nun werden solche Ereignisse, die hier auf Erden geschehen, ge- 
lenkt und geleitet von der iibersinnlichen Welt aus. Bevor dieser Ein- 
schlag geschah in das physische Erdenleben, den wir als das Ereignis 
von Golgatha bezeichnen, schickte die friihere Leitung der Evolution 
einen Sendboten aus - dazumal noch einen Sendboten Jahves -, um 
diesen Einschlag vorzubereiten. Es war derjenige Geist, der die Kul- 
turepoche vorbereitet hat bis zum Mysterium von Golgatha hin, der- 
selbe Geist, der der Leiter unserer eben anbrechenden Kulturepoche 
ist, der Geist, den wir Michael genannt haben. Wie Michael den Cha- 
rakter gibt unserer Zeit, so gab er den Charakter der ganzen Kultur, 
die das Mysterium von Golgatha vorbereitete. Nur war die Macht, die 
aus hoheren Welten diesen Michael sandte, in jener Zeit Jahve oder 
Jehova. 

In jener Zeit war es nicht so wie in unserer Zeit, wo so leicht einem 
eingewendet wird, wenn man von geistigen Dingen spricht: Du 
sprichst viel von Volksgeist oder Zeitgeist oder sonst von geistigen 
Tatsachen, aber du redest so wenig von Gott. - Die Leute merken 
nicht, warum man nicht von Gott redet : weil kein menschlicher Be- 
griff wirklich umfassen kann dasjenige, in dem wir leben, weben und 
sind. Auch hierin existieren Anschauungen, die zum Teil sehr interes- 
sant sind. Als ich in einer Stadt jtingst einen ofFentlichen Vortrag hielt 
und, wie das so ublich geworden ist, Fragen zum Beantworten auf- 
gegeben wurden, stellte ein Mensch eine sehr kluge Frage. Er fragte 
namlich : Ja, wenn man doch logischerweise einen Gegenstand dadurch 
erkennt, daB man ihn als Objekt anschaut, dadurch, daB man ihm 
gegeniibertreten kann - wenn wir ein objektives Bild von einem Ge- 
genstand, den wir in uns haben, wie den Augapfel, nicht haben konnen 
aus dem Grunde, weil wir ihn nicht anschauen konnen -, wie verhalt 



es sich dann mit der Behauptung mancher Mystiker, daB man von 
Gott abriicken musse, um ihn als Objekt betrachten zu konnen? 

GewiB haben manche Mystiker die Behauptung aufgestellt, man 
miisse von Gott abriicken, um sich ihm gegeniiberzustellen. Die Frage 
war klug, aber sie muB nur so beantwortet werden, daB man sagt : Du 
magst von Gott abriicken soviel du willst, aber du bleibst doch in dem 
Gott drinnen, du kannst nicht aus dem Gott heraus. - Manche Logik 
ist recht logisch, aber sie ist auch sehr kurzlogisch. 

In den Zeiten, wo die Menschen dem Geistigen noch naher standen, 
da hatte man noch ein Gefuhl der Ehrerbietung fur das Gottliche, in 
dem wir leben und weben und sind, das nicht immer mit Namen be- 
nannt werden soli, und deshalb bediente sich das althebraische Alter- 
tum, um den Namen nicht auszusprechen, des Ausdrucks: «Das An- 
gesicht Jahves.» Angesicht ist beim Menschen dasjenige, was er nach 
auBen wendet, wodurch er sich offenbart. Es ist nicht das Ganze 
des Menschen. Man erkennt ihn nach seiner Innerlichkeit an den 
Ziigen des Antlitzes, aber man vermiBt sich doch deshalb nicht, 
von dem ganzen Menschen zu sprechen, wenn man sein Angesicht 
meint. 

Deshalb nannte man damals Michael «das Angesicht Jahves», nannte 
viel lieber den Stellvertreter, durch den sich, wie in einem der Mensch- 
heit zugewendeten Antlitz, Jahve oder Jehova der Menschheit kund- 
gab. Man nannte auch in vertrauten Kreisen viel lieber den Stellver- 
treter, als daB man von Jahve selbst sprach. Michael wurde eben da- 
mals als der geistige Regent des Zei takers betrachtet, als der Sendbote 
Jahves, als derjenige Hierarch, von dem ausstrahlte in der damaligen 
Zeit, was als Impuls kommen sollte, um das Ereignis von Golgatha 
vorzubereiten. 

Nun, in der Zwischenzeit haben andere Wesenheiten aus der Reihe 
der Archangeloi die Fuhrung der geistigen Menschheitsevolution ge- 
habt. Und das Wesen, das die Fuhrung hatte, als vorbereitet werden 
sollte das Mysterium von Golgatha, ist dasselbe Wesen, das jetzt wie- 
derum die Fluten des iibersinnlichen Lebens in die sinnliche Welt hin- 
einsendet. Ein Michael-Zeitalter war dazumal, ein Michael-Zeitalter 
ist dasjenige, was gerade jetzt beginnt. Aber es ist ein gewaltiger Unter- 



schied zwischen dem damaligen Michael-Zeitalter und dem unseren, 
das jetzt beginnt. 

Es wiirde heute zu weit fiihren, zu charakterisieren, welches Ver- 
standnis dem Mysterium von Golgatha die Zeit entgegenbringen 
konnte, die seit jenem Michael-Zeitalter bis zu dem unsrigen verflossen 
ist. Es hat tief innige Seelen gegeben, die aus einem mehr oder weniger 
gesteigerten Glaubensbediirfnisse heraus ihr Verhaltnis gewonnen 
haben zu dem Mysterium von Golgatha und seinem Trager, es hat 
tief religiose Naturen gegeben seit dem Mysterium von Golgatha bis 
zu unseren Zeiten. Aber das Mysterium von Golgatha ist ein solches, 
welches zwar als eine reale Tatsache am Ausgangspunkt der neueren 
Zeit steht, dem gegeniiber aber die menschliche Seele sich nicht ohne 
weiteres vermessen darf, es voll zu durchschauen, es voll zu verstehen. 
Immer neue Epochen werden kommen, die die Menschenseelen immer 
mehr vertiefen werden, und die immer besser und besser verstehen 
werden, was geschehen ist im Mysterium von Golgatha. Das Ereignis 
selber steht da als der Wendepunkt in der menschlichen Entwickelung, 
das Verstandnis dieses Ereignisses wird immer mehr wachsen und 
reifen in der geistigen Erdenentwickelung. 

Wir konnen uns nicht tief genug diese Sache in die Seele schreiben. 
Fassen wir einmal in einer gewissen metaphysischen Abstraktion ins 
Auge, was eigentlich dazumal geschehen ist. Wir haben es von ver- 
schiedenen Standpunkten charakterisiert. Wir wollen einmal einen 
mehr abstrakten Standpunkt wahlen, der aber, wenn wir ihn wirken 
lassen auf die Seele, eine tiefe Empfindung auszulosen vermag in un- 
serer Seele. 

Wenn die gewohnliche Weltbetrachtung oder auch die gewohnliche 
Wissenschaft die Dinge um uns studiert - ich habe auf diese Sache 
schon gestern im offentlichen Vortrage aufmerksam gemacht, aber 
wir wollen das noch einmal ins Auge fassen wenn die Dinge um uns 
herum studiert werden, dann lernt der Mensch durch das gewohnliche 
Denken und die gewohnliche Wissenschaft die Gesetze des Daseins 
im Mineral-, Pflanzen-, Tier- und menschlichen Reich erkennen. Diese 
Gesetze, sie gipfeln alle in einem Ideale : das Leben zu verstehen. Aber 
das Leben selber wird hier auf Erden nicht verstanden. Erkenntnis 



des Lebens kann nur der Okkultismus geben. Die auBere Wissenschaft 
kann niemals das Leben durchschauen. Und es ware die argste Phan- 
tastik zu glauben, daB man jemals, so wie man physikalische oder che- 
mische Gesetze durchschauen kann, auch die Gesetze des Lebens 
durchschauen konnte. Ein Ideal bleibt es, aber es kann nicht erreicbt 
werden. Fiir den physischen Plan ist es eine Unmoglichkeit, Erkennt- 
nis des Lebens zu geben. Diese Erkenntnis des Lebens muB der iiber- 
sinnlichen Erkenntnis aufgespart bleiben. 

So unmoglich wie die sinnliche Erkenntnis des Lebens, so unmog- 
lich ist die iibersinnliche Erkenntnis des Todes, Es gibt Zustande der 
grauenvollen Vereinsamung des BewuBtseins in der geistigen Welt, 
es gibt ein zeitweiliges Untertauchen wie in einen Schlaf, aber es gibt 
keinen Tod in den hoheren Welten. Der Tod ist unmoglich in den 
hoheren Welten. 

Alle die Wesen, die wir als die Wesen der hoheren Hierarchien 
kennengelernt haben, sie zeichnen sich dadurch aus, daB sie den Tod 
nicht kennen, daB sie durch den Tod nicht durchgehen. Geradeso wie 
in der Bibel richtig gesagt ist, daB die Engel ihr Antlitz verhullten vor 
dem Geheimnis der Geburt, der Menschwerdung, geradeso miissen 
sie und alle iibrigen hoheren Wesen ihr Antlitz verhiillen vor dem 
Tode. Denn der Tod ist ein Ereignis, das nur fiir die sinnliche Welt 
moglich ist, nicht aber fur die iibersinnliche. 

Unter den gesamten Wesen der hoheren Welten gab es nur eines, das 
durch den Tod gehen muBte, wir konnen auch sagen wollte, das ist der 
Christus. Dazu muBte er auf die Erde herabsteigen. 

Damit ein Wesen der hoheren Welten das hat bewirken konnen, was 
notig war fiir die Erdenentwickelung, muBte der Christus herunter- 
steigen aus einer Welt, in der es keinen Tod gibt, in die Welt, in der 
es einen Tod gibt. 

Solche Vorstellungen, wenn sie auch zunachst abstrakt sind, miissen 
wir in ein Gefuhl, in eine Empfindung verwandeln. Das voile Ver- 
standnis dessen, was ich jetzt abstrakt charakterisiert habe, wird ein 
Gegenstand der Evolution der Menschheit werden. Mit einer ge- 
wissen Ehrerbietung, Demut und Zartheit zugleich, nahern wir uns 
heute dem Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. 



Was war denn eigentlich geschehen? Es ist oft charakterisiert wor- 
den. Der Christus stieg herab aus den iibersinnlichen Welten in die 
Welt, in der er seitdem lebt, zwar als eine geheime Kraft, die sich aber 
offenbaren wird von unserm Jahrhundert an. Er stieg herab aus der 
Welt, in der es keinen Tod gibt, in die Welt des Todes. Und er - diese 
Kraft - hat sich vereinigt mit der Erde. Er ist aus einer kosmischen 
Kraft zu einer Kraft der Erde geworden. Er ist durch den Tod ge- 
gangen, um innerhalb des Erdendaseins aufzuleben, um innerhalb der 
Erdenwelt zu sein. Und die Menschheit hat sich bemiiht in diesen oder 
jenen Seelen, die sich mit diesem Impuls erfullten, ihn zu verstehen 
durch die Jahrhunderte. Aber je weiter die Entwickelung herannickte 
an das abgelaufene Gabriel- Zeitalter, ist es geschehen, daB das Ver- 
standnis immer mehr zuriickging. Und heute ist es gerade bei den- 
jenigen, die Verstandnis haben sollten, recht schlecht bestellt mit die- 
sem Verstandnis, und der Materialismus macht sich nicht nur geltend 
in der heutigen materialistischen Wissenschaft, sondern macht sich 
vielfach auch geltend in der Theologie. Abgenommen hat das wirk- 
liche Verstandnis fur den Christus-Impuls. Materialismus hat die See- 
len ergrifTen, er hat sich tief eingenistet in die Seelen. Der Materia- 
lismus ist in vieler Beziehung der Grundimpuls der letzten, der ab- 
gelaufenen Epoche geworden. Zahlreiche Seelen sind gestorben, die 
durch die Pforte des Todes gegangen sind mit materialistischer Ge- 
sinnung. In einem solchen MaBe mit materialistischer Gesinnung 
durch die Pforte des Todes zu gehen, wie in der abgelaufenen Epoche 
Seelen hindurchgegangen sind, das konnte in friiheren Zeitaltern gar 
nicht stattfinden. 

Dann lebten diese Seelen in der Zeit zwischen Tod und neuer 
Geburt in der spirituellen Welt so, daB sie nichts wuBten von der Welt, 
in der sie lebten. Da trat ihnen ein Wesen entgegen. Das erblickten 
sie in dieser Welt. Sie muBten es erblicken, weil dieses Wesen sich 
vereinigt hatte mit dem Erdendasein, wenn es auch unsichtbar waltet 
vorlaufig im sinnlichen Erdendasein. Und den Anstrengungen dieser 
durch die Pforte des Todes gegangenen Seelen ist es gelungen, den 
Christus, wir konnen nicht anders sagen als: zu vertreiben aus der 
spirituellen Welt. Und der Christus muBte erleben eine Erneuerung 



des Mysteriums von Golgatha, wenn auch nicht in derselben GroBe 
wie das vorhergehende. Damals ging er durch den Tod, jetzt war es 
ein HinausgestoBenwerden aus seinem Sein in der spirituellen Welt. 
Und dadurch erfullte sich an ihm das ewige Gesetz der spirituellen 
Welt. Was in der hoheren, spirituellen Welt verschwindet, das ersteht 
aufs neue in der niederen Welt. 

Wenn es im 20. Jahrhundert moglich ist, daB die Seelen sich heran- 
entwickeln zum Verstandnis des Mysteriums von Golgatha, so riihrt 
es von diesem Ereignis her, daB der Christus durch eine Verschwo- 
rung der materialistischen Seelen herausgetrieben ist aus den spirituel- 
len Welten, versetzt worden ist in die sinnliche Welt, in die Menschen- 
welt, so daB auch in dieser sinnlichen Welt ein neues Verstandnis 
beginnen kann fur den Christus. Daher ist auch der Christus in noch 
innigerer Weise vereinigt mit allem, was die Schicksale der Menschen 
auf Erden sind. Und wie man einstmals hinaufsehen konnte zu dem 
Jahve oder Jehova und wissen konnte, daB er dasjenige Wesen war, 
das den Michael vorausgesandt hat, um vorzubereiten, was da her- 
iiberfuhren sollte aus dem Jahve-Zeitalter zum Christus-Zeitalter, 
wahrend es friiher Jahve war, der den Michael sandte, ist es jetzt der 
Christus, der uns den Michael sendet. 

Das ist das Neue, das GroBe, was wir fur uns in ein Gefiihl ver- 
wandeln sollen. Wie man friiher sprechen konnte von Jahve- Michael, 
dem Leiter des Zei takers, konnen wir jetzt sprechen von dem Christus- 
Michael. Michael hat eine Erhebung in eine hohere Stufe, vom 
Volksgeist zum Zeitgeist durchgemacht dadurch, daB er vom Send- 
boten Jahves zum Sendboten des Christus geworden ist. 

Und so reden wir von einem richtigen Verstandnis des Christus- 
Impulses, wenn wir von einem richtigen Verstandnis des Michael- 
Impulses in unserer Zeit sprechen. 

Abstraktes Verstandnis geht auf Namen, immer wieder auf Namen, 
und glaubt etwas zu haben, wenn es so vorgeht, daB es fragt : Was ist 
Michael fur ein Wesen? - und wissen will: er ist aus dieset oder jener 
Hierarchie hervorgegangen, er ist ein Erzengelwesen, Erzengelwesen 
haben diese oder jene Eigenschaften. Dann definiert man das und 
glaubt nun zu wissen, was ein solches Wesen ist. Oftmals bin ich auch 



schon nach Definitionen gefragt worden. Das erinnert mich immer 
an den Streit, der in einer griechischen Philosophenschule um den 
Wert einer Definition stattgefunden hat. Man stritt sich darum, wie 
man einen Menschen definieren konne. Man einigte sich schlieBlich 
dahin: ein Mensch ist ein Wesen, das auf zwei Beinen geht und keine 
Federn hat. - Es ist nicht zu leugnen, daB diese Merkmale auf den 
Menschen passen, so gut wie manche Definitionen auf die BegrifTe 
passen, die man so hinpfahlt. Aber doch hatte der recht, der das 
nachste Mai einen gerupften Hahn brachte und fragte, ob das ein 
Mensch sei, denn er gehe auf zwei Beinen und habe keine Federn. Es 
ist nicht damit getan, daB man von Michael spricht, weil man, gerade 
wenn man die Menschheitsevolution verstehen will, den Michael in 
seiner Evolution verstehen muB, daB er dasselbe Wesen ist, das den 
Ton angegeben hat zur Vorbereitung des Mysteriums von Golgatha, 
und jetzt in unserer Zeit den Ton angibt fur das Verstandnis des My- 
steriums von Golgatha. Dazumal aber war er ein Volksgeist, und jetzt 
ist er ein Zeitgeist. Dazumal war er der Sendbote des Jahve, jetzt ist 
er der Sendbote des Christus. Und wir sprechen so recht von dem 
Christus, wenn wir sprechen von Michael und seiner Sendung und 
wissen, daB das, was dazumal Michael war, der Trager der Jahve- 
Mission, jetzt der Trager der Christus-Mission ist. 

Wir haben Michael verfolgen konnen, einen Geist, der sozusagen 
aufgestiegen ist, der, um der Menschheit einen neuen Impuls zu ver- 
mitteln, aufgestiegen ist oder aufsteigt aus dem Range der Archangeloi 
zum Range der Archai. 

Der Platz wird ausgefiillt durch eine andere Wesenheit, die nach- 
kommt. Ich habe hier verschiedene Male gesprochen von der Evolu- 
tion, die Buddha durchgemacht hat. Jene knabenhaftenEinwendungen, 
die uns jetzt gemacht werden, machen sich in ihrer Dreistigkeit auch 
heran an unsere Auffassung des Christus-Impulses in der Welt, als ob 
wir mit unserer Darlegung des Christus-Impulses jemals einseitig ge- 
wesen waren. Wir lenken die Blicke auf die Gesamtevolution, und wir 
charakterisieren dasjenige, was der Evolution unterliegt, aus den ver- 
schiedenen Impulsen heraus und geben jedem sein Recht. Wie oft ist 
es betont worden, daB fur uns Wahrheit ist, daB der Bodhisattva, der 



als Gautama Buddha geboren worden ist, eben zum Buddha aufge- 
stiegen ist. Wir haben seine Evolution verfolgt bis zu dem Zeitpunkt, 
wo er seine Mission auf dem Mars bekommen hat. Davon ist hier 
schon gesprochen worden. 

Solange der Mensch auf Erden weilt, wie hoch er auch stehen mag, 
kann man immer bei jedem Menschen von jener Individualist 
sprechen, die ihn leitet von Inkarnation zu Inkarnation. Die indivi- 
duelle Fiihrung der Menschen unterliegt den Angeloi, den Engel- 
wesen. Wenn ein Mensch vom Bodhisattva zum Buddha wird, dann 
wird sozusagen sein Engel frei. Solche Engelwesen sind es dann, die 
nach Erfullung ihrer Mission aufsteigen in die Reiche der Erzengel- 
wesen. 

So ergreifen wir an einem Punkte wirklich das Aufsteigen eines Erz- 
engels zum Wesen der Archai und das Aufsteigen eines Engelwesens 
zum Erzengelwesen, wenn wir wirklich verstehen, tiefer und tiefer 
hineinzuschauen in dasjenige, was hinter unserer sinnlichen Evolution 
als die iibersinnliche Evolution steht. 

Nun, dasjenige, was ich also zu Ihnen gesprochen habe iiber den 
spirituellen Hintergrund der Welt, in der wir drinnenstehen, und in 
die wir uns als Anthroposophen hineinstellen wollen, ich habe es 
nicht deshalb gesprochen, damit die Seelen bloB theoretisieren iiber 
diese Dinge, sondern damit die Seelen das, was in Worten und Be- 
griffen ausgedriickt ist, in Gefiihle und Empfindungen verwandeln. 
Ja, Anthroposoph sein in unserer Gegenwart heiBt wissen, wie be- 
schaffen ist die iibersinnliche Welt, die zugrunde liegt der sinnlichen 
Welt der Menschheitsevolution, sich zu fiihlen in der geistigen Welt, 
wie sich der physische Mensch in der Atmosphare physisch fuhlt. Sich 
so zu fiihlen in der geistigen Welt ! Aber man fuhlt sich nicht in der 
geistigen Welt, wenn man bloB betont: Geist und Geist und Geist ist 
in uns ! Sondern so, wie man die Erdenatmosphare nach Wolkenbil- 
dungen, Feuchtigkeits- und anderen Erscheinungen konkret zu beur- 
teilen hat, so miissen wir auch die geistige Welt, in die wir jede Nacht 
mit dem Einschlafen untertauchen, im Konkreten charakterisieren, 
erfuhlen und empfinden, was da lebt und webt in dieser geistigen Welt. 
Dasjenige, was in der Gegenwart geschieht durch die Sendung, die an 



Michael iibertragen ist von dem Christus aus, die ergangen ist an den- 
selben Geist aus der Hierarchie der Archangeloi, dessen sich bedient 
hat zur Vorbereitung des Mysteriums von Golgatha einstmals der Im- 
puls des Jahve, das ist es, was hinter unserer physisch-sinnlichen Evo- 
lution sich abspielt. Und drinnen sich zu wissen, zu fiihlen in solchem 
Geschehen in der geistigen Welt, wie wif uns physisch fiihlen in der 
Atmosphare, die wir ein- und ausatmen, das heiBt in der Gegenwart 
gegemiber der geistigen Welt im konkreten Sinne das richtige BewuBt- 
sein haben. 

Versuchen Sie es, in eine Gesamtempfindung Ihrer Seele zu ver- 
wandeln solche Ergebnisse des Okkultismus. Was ich jetzt versuche, 
in ihre Seelen zu legen, versuchen Sie, einen empfindenden BegrifT 
davon zu gewinnen, zu beachten, was es heiBt, gerade heute in diesem 
Zeitalter wissend drinnen zu leben in dem, was geistig um uns ge- 
schieht, in dem, wohin unsere Seele geht jeden Abend, wenn wir ein- 
schlafen, und woher wir kommen jeden Morgen, wenn wir aufwachen. 
Versuchen Sie, die Seele hinaufzulenken in dieses Konkrete, das oft- 
mals ganz abstrakt genannt wird die «gottliche Vorsehung». Das ist 
im Charakter unserer Zeit gelegen, daB das, was der Mensch in ver- 
flossenen Zeitaltern unbestimmt nur fiihlen durfte als die durch die 
Welt flutende Vorsehung, daB er das in der Gegenwart als einzelne 
Wesen zu erkennen, zu empfinden vermag. Lassen Sie es als ein Bild 
vor Ihrer Seele stehen, daB das verflossene Zeitalter die Naturgesetze 
finden muBte. Damals waren die Naturgesetze gut, wenn sie richtig 
gebraucht wurden in der menschlichen Seele, um die auBeren Welt- 
anschauungen aufzubauen. Aber es gibt nichts absolut Gutes oder 
Boses in dieser auBeren Welt der Maja. Schlecht und bose wurden 
die Naturgesetze in unserem Zeitalter, wenn sie weiter gebraucht wur- 
den zum Auf bau einer Weltanschauung in der Zeit, wo das spirituelle 
Leben hereinflieBt in die sinnliche Welt. Nicht dasjenige, was die ver- 
flossenen Zeitalter getan haben, wird getrofTen mit diesen Worten, 
sondern das, was bleiben will, wie es in fruheren Zeitaltern war, was 
sich nicht in den Dienst stellen will der neuen Offenbarung. 

Michael hat nicht den Drachen bekampft in dem Zeitalter, das ab- 
gelaufen ist, denn da war der Drache, der jetzt gemeint ist, noch nicht 



ein Drache. Ein Drache wird er werden, wenn diejenigen Begriffe 
und Ideen, die nur naturwissenschaftliche Gesetze sind, zur Weltan- 
schauung des nachsten Zeitalters aufgebaut werden sollten. Und das, 
was sich da aufbaumen will, das ist wiederum, richtig aufgefaBt, in 
dem Bilde als der Drache, der besiegt werden muB von Michael, des- 
sen Zeitalter in unseren Jahren beginnt. 

Das ist eine wichtige Imagination : Michael, besiegend den Drachen. 
Spirituelles, flutendes Leben hinein zu empfangen in die Sinneswelt: 
Michael-Dienst ist es von jetzt ab. Ihm dienen wir in der Besiegung 
des Drachens, der sich auswachsen will in Ideen, die wahrend des 
verflossenen Zeitalters den Materialismus gebracht haben, die sich 
hinuberwachsen wollen in die Zukunft. Das zu iiberwinden, heiBt 
im Dienst des Michael stehen. Das ist der Sieg des Michael iiber den 
Drachen. 

Es ist wieder das alte Bild, das fur friihere Zeiten eine andere Be- 
deutung hatte, das aber jetzt diese Bedeutung fur unser Zeitalter 
bekommen soil. Erkennen und erfiihlen konnen wir unsere Aufgabe 
in dem Bilde « Michael, besiegend den Drachen », wenn wir fuhlen, 
woran wir teilnehmen sollen als Menschen eines neuen Zeitalters. 

Nun wohl, versuchen wir dieses Bild zu unserer Imagination zu 
machen, versuchen wir unsere Zeit zu verstehen dadurch, daB wir uns 
konkret drinnen wissen in der geistigen Fiihrung, die die geistige 
Fiihrung unseres Zeitalters ist, die die geistige Fiihrung jeder Men- 
schenseele sein kann, jeder solchen Menschenseele, die da aufrichtig 
und ehrlich eine Entwickelung sucht, einen Aufstieg zu immer hoheren 
Stufen des geistigen Lebens. 



DER WEG DES CHRISTUS 
DURCH DIE JAHRHUNDERTE 

Kopenhagen, 14,Oktober 1913 

Den Vortrag des heutigen Abends mochte ich in einer aphoristischen 
Weise halten. Ich mochte etwas vorbringen, was mir gerade in der 
Gegenwart vor unseren Freunden zu besprechen wichtig scheint. 

Wir haben ja oftmals die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen 
an den Christus-Impuls angekniipft, an denjenigen Impuls, der durch 
die Menschheitsevolution geht, seitdem das Mysterium von Golgatha 
stattgefunden hat. Und an den Christus-Impuls und seine Bedeutung 
fur die Menschheitsentwickelung mochte ich heute abend die Be- 
trachtung fur Sie ankmipfen. Dabei wollen wir sogleich das eine 
betonen, daB eine Schwierigkeit ja vorliegen muB, auch bis in die 
Gegenwart herein, diesen Christus-Impuls in der richtigen Weise zu 
betrachten, und zwar aus dem Grunde, weil man den Christus-Impuls 
eigentlich nur dann einigermaBen betrachten kann, wenn man von 
den verschiedenen, bis in unsere Zeit herein sich entwickelnden christ- 
lichen Konfessionen, von den Lehren iiber den Christus absieht, auf 
diese moglichst wenig Rucksicht nimmt. Vielleicht werden Sie sagen : 
Ja, wie kann man denn iiberhaupt den Christus-Impuls betrachten, 
wenn man die Lehren iiber den Christus ganz auBer acht las sen will? 
Lernen wir denn die Wirkungen des Christus-Impulses durch irgend 
etwas anderes kennen als durch die Bekenntnisse der Jahrhunderte? - 
Da muB man antworten: Ein jeder wird zugeben, daB es miBlich sein 
wiirde, wenn man warten miiBte auf die Wirkungen der Sonne auf 
die einzelnen Menschen auf Erden, bis eine allgemein anerkannte 
Lehre iiber die Sonne sich verbreitet hat. Die Sonne wirkt, gleich- 
giiltig welche Hypothesen die Menschen auf Erden iiber die Sonne 
aufstellen. Auch betont die Wissenschaft immer, daB sie noch nicht 
wisse, was Elektrizitat eigentlich sei; trotzdem wenden die Menschen 
die Elektrizitat an. So kann man ganz gewiB von einer Wirkung des 
Christus-Impulses sprechen, ohne zu glauben, daB irgend etwas in der 
Betrachtung des Christus-Impulses davon abhange, was man in den 



verschiedenen Jahrhunderten iiber den Christus gedacht hat. Das 
hangt wieder mit etwas anderem zusammen. 

Das Mysterium von Golgatha, das Eintreten des Christus-Impulses 
in unsere Erdensphare, hat sich ja zu einer bestimmten Zeit vollzogen 
und der Zeitpunkt ist wenigstens annahernd genau bestimmt, denn 
wir rechnen im Abendlande unsere Zeitrechnung danach. Durch das 
Mysterium von Golgatha ist, wie wir wissen, der Christus-Impuls in 
die Menschheitsevolution der Erde eingezogen. Was war das fur eine 
Zeit? Nun, wir wissen ja, daB verschiedene Zeitalter in der Mensch- 
heitsentwickelung abgelaufen sind. Wenn wir nur die nachatlantische 
Zeit betrachten, so wissen wir, daB davon abgelaufen sind der ur- 
indische, der urpersische, der agyptisch-chaldaische, der griechisch- 
lateinische Zeitraum - und der unsere, in dem wir selber noch drinnen- 
stehen. Diese verschiedenen Zeitalter sind unter anderem dadurch 
charakterisiert, daB sie auch eine verschiedene Art des menschlichen 
Verstandnisses, der menschlichen Weisheit gehabt haben, und in ge- 
wisser Weise war ein hohes, intensives menschliches Verstandnis und 
eine hohe menschliche Einsicht in gewisse Weltengeheimnisse in dem 
urindischen Zeitraum vorhanden. Da hat in der Menschennatur vor- 
zugsweise das gewirkt, was wir den Atherleib des Menschen nennen. 
Dann trat im Laufe der Evolution der Atherleib mehr zuriick und 
im urpersischen Zeitraum wirkte vorzugsweise der Empfindungsleib, 
der Astralleib; in dem agyptisch-chaldaischen Zeitraum die Emp- 
iindungsseele, in dem griechisch-lateinischen die Verstandesseele oder 
Gemiitsseele, in unserer Zeit die BewuBtseinsseele, und in der Zu- 
kunft wird kommen das Zeitalter des Geistselbstes. Dadurch, daB in 
den verschiedenen Zeitepochen so verschiedene Glieder der Menschen- 
natur im Menschen walten, bringt auch der Mensch ein immer ver- 
schiedenes Verstandnis der Welt entgegen. Anders war das Verhaltnis 
in der griechisch-lateinischen, anders in der agyptisch-chaldaischen, 
anders in der persischen Zeit und so weiter. 

Nun kann man eine eigentiimliche Tatsache erkennen, und diese 
Tatsache, so frappierend sie ist, ist ungeheuer lichtverbreitend. Wir 
konnen den griechisch-lateinischen Zeitraum, den Zeitraum der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele, von etwa dem 8. vorchristlichen Jahr- 



hundert, ungefahr von der Zeit der Gnindung Roms ab bis in das 
14., 15. Jahrhundert herein rechnen. Da entrwickelt sich die Ver- 
standes- oder Gemiitsseele, da kommen insbesondere diejenigen 
Krafte in der Menschennatur zur Geltung, die an diese am meisten 
seelischen Krafte der Menschennatur gebunden sind. Wir haben also 
etwas iiber zwei Jahrtausende, die dieses Gebiet der menschlichen 
Seele besonders entwickeln. Seit dem 15. Jahrhundert stehen wir in der 
Entwickelung der BewuBtseinsseele darinnen. Wir sind noch nicht 
sehr weit darinnen, denn erst wenn unser Jahrhundert und noch ein 
weiteres Jahrhundert abgelaufen sein werden, wird ein Drittei abge- 
laufen sein von der Zeit, die dazu bestimmt ist, die BewuBtseinsseele 
zu entwickeln. Dann werden andere Zeitalter folgen, die ganz andere 
Fahigkeiten in der Seele erwecken werden, Sieben solche Zeitalter gibt 
es fiir die nachatlantische Zeit. 

Fragen wir uns nun : Welche von diesen Zeitepochen war am wenig- 
sten geeignet, die Wesenheit des Christus zu begreifen? Verschieden- 
artig war ja das Verstandnis der Menschennatur in diesen verschiede- 
nen Zeitaltern. Welches war nun am wenigsten geeignet, sich ordent- 
liche Begriffe von der Christus-Natur zu verschafTen? - Das war das 
Zeitalter der Verstandes- oder Gemiitsseele vom 8. vorchristlichen 
bis ins 15. nachchristliche Jahrhundert. Und gerade in dieses Zeitalter 
hinein fiel das Mysterium von Golgatha ! So merkwiirdig vollzog sich 
diese Tatsache der Menschheitsevolution. 

Ware - hypothetisch einmal angenommen - der Christus wirklich 
auf Erden erschienen, zum Beispiel unter den heiligen Rishis des alten 
Indien, es ware ein weitgehendes Verstandnis fiir die Natur der 
Christus - Wesenheit dagewesen, ebenso noch im alten Persien, wo von 
dem Sonnengeiste gelehrt wurde. Da hatte man, wenn der Christus 
damals in einen Menschenleib herabgestiegen ware, gesehen: dieser 
Geist, der in einem Menschenleibe auf der Erde geht, ist der Sonnen- 
geist, der auf die Erde herabgestiegen ist. Auch noch in der Zeit der 
agyptischen Tempelweisheit hatte etwas Ahnliches geschehen kdnnen. 
Diejenige Zeit aber, in der die Menschheit am meisten von einem Ver- 
standnis der Christus-Natur entfernt war, sie sah den Christus unter 
sich erscheinen. 



Es ist eigentlich nicht leicht, zu dieser eigentiimlichen Tatsache 
etwas hinzuzufiigen, das sie illustrieren soil, denn man kann aus dieser 
Tatsache den wichtigen SchluB ziehen, daB ja dann selbstverstandlich 
iiber die Natur und die Wesenheit des Christus kaum etwas zu finden 
ist in den Lehren, die man iiber den Christus bildete in jener Zeit, und 
man wird verstehen, daB erst kommende Jahrhunderte mehr Ver- 
standnis haben werden fur dasjenige, was der Christus ist. 

Es konnten nun die Menschen unserer Zeit, die Menschen seit dem 

15. Jahrhundert, anfangen, stolz zu sein auf unsere Geisteskraft, und 
glauben, daB jetzt vielleicht die besseren Zeiten des Christus -Ver- 
standnisses gekommen seien. Solche Zeiten sind ja mit unserem 
funften nachatlantischen Zeitraum in einer gewissen Weise gekommen 
und in einer gewissen Weise doch nicht gekommen. 

Wie steht es nun mit den Geisteskraften der Menschen der Gegen- 
wart, das heiBt seit dem 15. Jahrhundert? Im allgemeinen sind diese 
Geisteskrafte keineswegs hohere geworden, als sie in den voran- 
gegangenen Zeitraumen waren. In gewissem Sinne hat der Mensch 
sich mit seinem Seelischen noch mehr in die Materie hineinversenkt, 
und das muBte er auch tun, um zu der BewuBtseinsseele zu gelangen. 
So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft, die noch vor dem 15., 

16. Jahrhundert in der Erinnerung bewahrt geblieben war, verschwand 
und wie der Materialismus immer mehr zunahm. Die Geisteswissen- 
schaft, die wir in einer gewissen Weise bliihend finden bei einzelnen 
Geistern des Mittelalters, die gleichsam wie aus dem Elementarischen 
heraus durch einzelne Mystiker noch eine gewisse Hohe erreichte, 
sehen wir zuriickgehen. Dagegen sehen wir vom 11., 12. Jahrhundert 
an etwas anderes sich vorbereiten. Ein Symptom dafiir ist, daB man 
beginnt, das Dasein Gottes zu beweisen. Nun muBte man wirklich 
sehr sonderbare Auffassungen haben iiber die Welt, wenn man nicht 
bald klar einsehen wiirde, was das bedeutet. Was beweist man denn? 
Fur gewohnlich doch dasjenige, was man nicht weiB, was man nicht 
kennt ! DaB einer gestohlen hat, versucht man zu beweisen, wenn man 
ihn nicht gesehen hat bei dem Diebstahl. Man hatte das innere Er- 
lebnis Gottes verloren, man wuBte nicht mehr, auf welchem Seelen- 
wege man Gott zu suchen habe, da begann man Gott zu beweisen. 



Das ist ein unwiderlegbarer Beweis dafur, daB man die Erkenntnis 
von dem Gotte anfing zu verlieren. Das fiinfte Zeitalter muB das 
materialistische Zeitalter sein, denn nur dadurch, daB der Mensch seit 
der Zeit gezwungen ist, sich die Natur so anzuschauen, wie sie sich 
den Sinnen und dem Verstande darbietet, urn durch die Sinne iiber- 
wunden zu werden,- kann das Ich in all seiner Kraft sich zum BewuBt- 
sein kommen. 

Wenn wir uns verstandigen wollen iiber dasjenige, was ich eigentlich 
meine, dann wollen wir noch einmal zuriickweisen auf den urpersi- 
schen Zeitraum. In dem urindischen Zeitraum wiirde es sich noch 
deutlicher zeigen, auch in dem agyptischen Zeitraum war es noch 
in einer gewissen Weise da. Sehr sonderbar ware es einem Menschen 
der persischen Kultur erschienen, die Planetenbewegungen zu be- 
trachten und daraus ein Weltsystem abzuleiten, wie es Kopernikus tat. 
Und nun muB ich etwas sehr Paradoxes aussprechen. Ein Mensch der 
alten persischen Kultur hatte wahrscheinlich groBe Augen gemacht, 
wenn man ihn in der heutigen Art die Astronomie hatte lehren 
wollen. Er hatte gesagt : Sollte ich denn so toricht sein, daB, wenn ich 
gehen will, jemand mir zeigen muB, wie ich gehe? Wenn die Sonne 
ihren Weg durch den Weltenraum geht, geht dort meine Seele. Das 
muB ich doch bemerken. - Er wuBte das, so wie ein Mensch heute 
weiB, welchen Weg er geht, wenn sein Korper geht. Aus diesem alten 
Erkennen heraus haben die Urperser eine Spirale aufgezeichnet, die 
wirklich der Sonnenbahn durch den Himmelsraum entspricht. Diese 
Sonnenbahn ist durch ein inneres Wahrnehmen gefunden. Die 
Menschenseele fuhlte sich in Verbindung mit der Erdenseele und 
zeichnete durch den Caduceus-Merkurstab den Weg der Erde auf. 
DaB der Mensch aus seiner spirituellen Umgebung so geworfen wurde, 
daB er ausspintisieren und berechnen muBte den Weg der Erde als den 
Weg eines Planeten, das entstand erst spater. 

Ware aber andererseits der Mensch so geblieben in bezug auf die 
auBere Welt, so hatte er niemals zum vollen SelbstbewuBtsein kom- 
men konnen. Er ware durch die griechisch-lateinische Kulturperiode 
gegangen, es wiirden Verstand und Gemiit auf sich selbst angewiesen 
sein, gleichsam in sich selbst wuhlend, es ware ein Zustand ein- 



getreten, wo die Seele nicht mehr unmittelbar weiB, wie sie zur Welt 
steht, sondern nur in sich selber Fortschritte macht. Auch daruber 
muBte die Menschenseele hinauskommen und in das Zeitalter der 
BewuBtseinsseele eintreten. Da soli der Mensch lernen, in seinem Ich, 
und nur in seinem Ich zu leben. Er soil alles AuBere abgesondert von 
seinem Ich darstellen und es soli alles nur durch die Logik erkannt 
werden. So wird der Mensch aus dem geistigen Inhalt der Welt 
herausgeworfen. 

In dem griechisch-lateinischen Zeitalter hatte die Seele in sich noch 
das unmittelbare tatige Verstandesprinzip, und das erlebte zwar die 
Vorgange nicht mehr unmittelbar in der AuBenwelt, hatte aber den 
Gott in sich. Im neuen Zeitalter verlor der Mensch den Gott auch in 
sich selbst. Aristoteles wiirde gar nicht daran gedacht haben, den Gott 
zu beweisen, denn die Verstandes- oder Gemiits seele erlebte noch den 
Gott in sich. Den Christus konnte sie nicht beweisen, aber den Gott 
hatte sie noch in sich. Dann ging vom 15., 16. Jahrhundert ab auch das 
verloren. Wenn auch dieses vorbei ist, wird der Mensch unmittelbar 
zu einer Gottesidee durch eigene Kraft kommen konnen. 

So haben wir also vom 15. Jahrhundert ab durch vierhundert Jahre 
den auf sich selbst gestellten Menschenverstand, der unmoglich in 
die Gottesidee eindringen kann. Da ist etwas sehr Eigentiimliches 
passiert, was uns sehr iibelgenommen worden ist, daB wir es bemerkt 
haben. Da lebte in der Morgenrote dieses Zeitraumes, im 18, Jahr- 
hundert, der Philosoph Immanuel Kant. Kant passierte nichts Geringe- 
res, als daB er die Eigenart der menschlichen Seele seit dem 15. Jahr- 
hundert verwechselte mit der Natur der menschlichen Seele iiber- 
haupt. Und daher kam er zu der sonderbaren SchluBfolgerung, daB 
der Mensch unmoglich aus sich heraus zu einer Gotteserkenntnis 
kommen konne, - wahrend er doch nur hatte sagen diirfen, daB dieses 
erst seit dem Anfange des 15.Jahrhunderts unmoglich ist. Aber da 
Luzifer ihn besonders am Kragen hatte und ihn zu einem hochmutigen 
Menschen machte, glaubte er, daB das fur das ganze Menschen- 
geschlecht iiberhaupt so sei. 

Nun konnte man sagen, dann miiBten die Aussichten fur das Er- 
kennen der Christus -Wesenheit noch schlimmer sein als in den voran- 



gegangenen Jahrhunderten. Das ist aber doch nicht der Fall. Denn die 
Menschheit hat noch andere Erkenntnisfahigkeiten als damals in der 
vierten nachatlantischen Kulturperiode und als diejenigen, die jetzt 
einzig und allein dazu gebraucht werden, um das Ich voll zu ver- 
stehen. Diese anderen Erkenntniskrafte liegen mehr auf dem Unter- 
grunde der menschlichen Seele, sie miissen erst heraufgeholt werden. 
Aber das tut der heutige Mensch erst, wenn er dazu gezwungen wird. 
Solange noch die menschliche Natur an der Oberflache die Moglich- 
keit hatte, zu der Erkenntnis des Gottes zu kommen, bemuhte der 
Mensch sich nicht weiter, zu seinen tieferen Kraften durchzudringen. 
Nun aber, in unserem Zeitalter, da der Mensch nicht an den Gott 
heran kann, wird er gezwungen durch die Reaktion, tiefer in sich 
selber zu graben und andere Krafte aus sich herauszuheben, als die- 
jenigen sind, welche an der Oberflache der menschlichen Natur liegen. 
Damit hangt es zusammen, daB wir einer Zeit entgegengehen, in der 
eine auf tiefere Krafte der Menschennatur gebaute Erkenntnis der 
Christus-Wesenheit beginnt Platz zu greifen. 

Ich durfte vor einigen Tagen in Kristiania von einem Fiinften 
Evangelium sprechen. Da handelt es sich um Mitteilungen iiber die 
Christus-Wesenheit, die nicht in den anderen Evangelien vorhanden 
sind. Durch das Fiinfte Evangelium lernt man noch anderes von der 
Christus-Wesenheit erkennen als durch das, was in den vier anderen 
Evangelien steht. Dieses fiihrt uns noch mehr in die Natur der 
Christus-Wesenheit hinein. Indem man solche gewissermaBen neuen 
Dinge iiber die Natur der Christus-Wesenheit spricht, kann im 
Grunde von einem Begehen einer Unbescheidenheit keine Rede sein, 
denn solche Dinge teilt man nur mit, wenn die Zeit es verlangt. Aber 
auch das, was zum Beispiel hier in Kopenhagen iiber die Christus- 
Wesenheit gesagt worden ist, was ja gedruckt vorliegt in der Schrift 
«Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit », und in 
verschiedenen Zyklen, gehort schon in gewisser Weise zu diesem 
Fiinften Evangelium. Solche Dinge werden eben gesagt, wenn die 
Zeit dazu drangt, daB die Menschheit sie erfahre. Wenn Sie nur dieses 
eine nehmen, was in der «Geistigen Fiihrung des Menschen und der 
Menschheit » besprochen ist von den zwei Jesusknaben, so werden Sie 



ja zugeben, daB all das, was Verstandnis ist in unserer Gegenwart - 
was die an der Oberflache befindlichen Krafte der Menschenseele 
sind -, nicht nur diese Dinge nicht versteht, sondern recht sehr da- 
gegen wiitet, wenn sie gesagt werden. 

Vor einer neuen Art der Christus-Auffassung stehen wir also, die 
eben eine nicht verstandesmaBige sein wird. Sie wird zwar verstanden 
werden konnen, aber gefunden wird sie durch tiefergelegene Seelen- 
krafte. Wenn man mit dem Blick der hellseherischen Forschung eine 
Art Vorschau sich verschafTen will von der Zukunft der Menschheit 
in den nachsten Jahrhunderten, auch in den nachsten Reinkarnationen 
der jetzt lebenden Menschen, dann muB gesagt werden, daB die an der 
Oberflache liegenden Seelenkrafte wirklich immer geringer und ge- 
ringer werden. Die Menschheit wird sich immer mehr angewiesen 
fuhlen auf die OfFenbarungen der tiefergelegenen Seelenkrafte. 

Von dem griechisch-lateinischen Zeitraurn wird mit Recht geruhmt, 
daB die Menschen, die recht in ihm lebten, eine gewisse innere Ge- 
schlossenheit ihres Wesens hatten. Das kann im Grunde genommen 
bei gesunden Seelennaturen schon heute nicht mehr der Fall sein und 
wird in der Zukunft immer weniger der Fall sein. Wiirde man die 
Menschheit in der Zukunft nur allein dasjenige lehren wollen, was mit 
den an der Oberflache liegenden Kraften erforscht werden kann, dann 
wiirden die Menschen in ihren Seelen immer mehr veroden, in einer 
merkwurdigen Weise veroden. 

Heute sind wir noch nicht so weit, daB in der Schule keine reli- 
giosen Oberlieferungen mehr gelehrt werden, aber wie viele ver- 
langen nicht schon, daB nur dasjenige gelehrt wird, was die Natur- 
wissenschaft bringt. Fur das auBere Leben werden ja die Forderungen 
dieser Menschen so machtig werden, daB in sehr kurzer Zeit die 
Menschheit ungeheuer verauBerlicht sein wird. Heute lernt der 
Mensch noch schreiben. In einer nicht sehr fernen Zukunft wird man 
sich nur noch daran erinnern, daB die Menschen in fniheren Jahr- 
hunderten geschrieben haben. Es wird eine Art der mechanischen 
Stenographic geben, die dazu noch auf der Maschine geschrieben 
werden wird. Mechanisierung des Lebens ! Ich will sie nur andeuten 
durch das eine Symptom: Denken Sie sich die Hohe einer Kultur, in 



der man ausgraben wird die historische Wahrheit, da£ einmal Men- 
schen waren, die Handschriften gehabt haben, so wie wir ausgraben, 
was in den agyptischen Tempeln gefunden wird. Handschriften wird 
man ausgraben wie wir die Denkmaler der Agypter. Aber auch die 
Reaktion des seelischen Lebens dagegen wird eintreten. Und so wahr 
es ist, daB unsere Handschrift fur die Zukunft so etwas sein wird wie 
fur uns die Hieroglyphen der Agypter, etwas, das man anstaunen 
wird, so wahr ist es, daB daneben die Menschenseelen drangen werden, 
die unmittelbaren Offenbarungen des Geistes wieder zu erhalten. Das 
auBere Leben wird verauBerlicht werden, aber das innere Leben wird 
sein Recht fordern. 

Dasjenige, was wir heute als Geisteswissenschaft treiben, mogen 
die Leute jetzt verspotten, aber vor dem Sehnsuchtsschrei der Men- 
schen nach der geistigen Welt werden sich die Materialisten zuriick- 
ziehen mussen. Und so wird man anfangen, den Christus zu erkennen 
in denjenigen Zeitepochen, die einen offenen Sinn fur die Spiritualitat 
haben werden, dann allerdings durch die Reaktion gegen das auBere 
Leben. 

Sehen wir, um uns dariiber noch mehr zu verstandigen, die Sache 
noch von einer anderen Seite an. Vielleicht werden Ihre Seelen mit- 
schwingen, wenn ich versuche, das Folgende vor Ihre Seelen hin- 
zustellen. Wir konnen auf das Bild der Frauen blicken, die - nach dem 
Evangelium - hingehen, um den Leichnam Christi zu suchen, das 
geoffhete Grab finden, den Leichnam nicht finden, aber den Engel 
finden, der da sagt: Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie, er ist 
auferstanden ! - Er lebt im Geiste. Denn derjenige, den sie gesucht 
haben in der Materie, der erscheint nachher den Aposteln und unter- 
richtet sie wahrend einiger Zeit, als Ausnahmemenschen, die fur ihn 
eine Empfanglichkeit und Verstandnis erlangt hatten. So erschien 
Christus in geistiger Gestalt. Und er zog im Geiste durch Griechen- 
land, Rom, bis zu den Germanen herauf, von Osten nach Westen und 
von da nach Norden. Ein Verstandnis, ideelles, begriffliches, wissen- 
schaftliches Verstandnis werden wir fur die Christus -Wesenheit nicht 
suchen bei den groBen romischen Philosophen, die wahrhaftig von 
dem Christus als von etwas sprechen, was sie nicht verstehen. Aber 



auch nicht bei den gleichsam stammelnden germanischen Volkem 
werden wir ein Verstandnis fur den Christus finden, der zwar die 
Seelen hinreiBt, aber wahrhaftig nicht verstanden wird, der nur in den 
Herzen wohnt. 

Und kommen wir in das 11., 12., 13.Jahrhundert hinein, da sind es 
nicht die Frauen, die zum Grabe gehen, um den Leichnam des 
Christus zu suchen, und ihn nicht finden - den Leichnam, der physisch 
zu begreifen ware da sind es ganze Scharen europaischer Volker, 
die zum Grabe Christi ziehen. Wir kommen in die Zeit der Kreuzzuge, 
die vom Westen nach Osten hin sich begeben nach dem Grabe, wohin 
einstmals die Frauen gegangen sind. Und was vernehmen diese 
Scharen, die zum Grabe wallen?: Was ihx suchet, ist nicht hie! - 
Wahrhaftig, was sie suchten entsprang ihrem Gemiit, dem, was in 
ihrer Seele lebte, aber sie verstanden es so wenig, daB sie nach dem 
Osten zogen, das physische Grab zu suchen, und erst nach langen 
Enttauschungen, nach vielen Leiden erfuhren: Der, den ihr suchet, 
ist nicht hie ! - Was war es denn, was sie suchten? 

Wir sehen auf der einen Seite die Ziige nach dem Osten und sehen 
auf der anderen Seite die europaische Mystik sich vorbereiten in 
Tauter, Meister Eckhart, und spater in Jakob Bohme einen Hohepunkt 
erreichen. Da war derjenige, den sie im Osten suchten und nicht fan- 
den! Da war er hingegangen. Aber in einer eigenartigen Weise lebte 
er dort. Wenn wir auf diese mittelalterliche Mystik eingehen, was ist 
denn ihr bedeutsamster Zug? 

Diese Geister: Eckhart, Tauler und die anderen, machen nicht 
Anspruch darauf, den Gott, den Christus zu verstehen, aber sie wollen, 
wie sie sagen, ein sehr «gelassenes» Leben fiihren, um den Christus 
in ihrer Seele zu erleben. Und je mehr sie den Christus in sich erlebten, 
desto mehr wuBten sie, daB sie sich mit dem Gottlichen, mit dem 
Christus im Sinne ihrer Zeit durchdringen lassen wollten. Die Kreuz- 
fahrer hatten nur die Auskunft erhalten : Der, den ihr suchet, ist nicht 
hie! - Das, was sie gesucht hatten, lebte wiederum auf in der Form der 
europaischen Mystik. 

Wir leben wieder in einem eigentumlichen Zeitalter. An dem, was 
wir erleben, sind nicht nur die europaischen Volker, sondern auch die 



Volker Amerikas beteiligt. Das merkwiirdige Schauspiel, das wir er- 
leben konnen, kann einem wirklich an Tausenden und Abertausenden 
Symptomen entgegentreten. Lassen Sie mich nur eines davon - aus 
Berlin -charakterisieren. Ein beriihmter Theologe der Gegenwart hat 
am l.Februar 1910 folgenden «genialen» Satz ausgesprochen : Meine 
Damen und Herren, ich bitte Sie, bringen Sie mir einen einzigen Satz, 
der von dem Christus Jesus berichtet wird, von dem ich Ihnen nicht 
nachweisen kann, daft er nicht schon im vorchristlichen Geistesleben 
lebendig war. - Das ist so recht die heutige Art. Man beweist, daB 
dasjenige, was in unserem Christentum enthalten ist, schon fruher da 
war, sogar das ganze Vaterunser. Dieser Theologe spricht also etwas 
aus, was ganz im Sinne unserer Zeit ist, und man wird Ahnliches 
immer mehr und mehr horen. Was kann man fur einen Eindruck 
haben, wenn man solch einen Herrn behaupten hort, daB alle Aus- 
spriiche des Christus schon fruher da waren? Ich horte einmal einen 
sehr belesenen Menschen eine Rede halten und ein Kind stand dabei. 
Das Kind wurde gefragt: Was hast du denn gehort? Da sagte es : Der 
gibt mir nichts Neues, ich kannte schon alle Worte! - So vernimmt 
auch der Theologe alle Satze und hort gar nichts Neues, das durch die 
Satze hindurchklingen wiirde. 

Diese Dinge sollten eigentlich selbstverstandlich sein, dennoch wer- 
den sie in der Gegenwart nur mit Widerspruch aufgenommen. Denn 
in unserer Gegenwart ist von der Gesinnung, daB ein studierter 
Mensch noch etwas lernen konne, wenig vorhanden, wohl aber ist die 
Gesinnung verbreitet, daB man alles aus sich beurteilen konne. Mit 
solcher Gesinnung haben wir eben ein merkwiirdiges Schauspiel 
erlebt. Als der Materialismus in den letzten Jahrhunderten herauf kam, 
gefiel es den Menschen nicht, von dem Christus Jesus zu sprechen, 
und da entstand eine Theologie, die nach und nach. alles Gottliche 
aus dem Christus Jesus herauswarf und nur von dem Menschen, wenn 
auch von einem hochstehenden Menschen Jesus sprach. Das ist im 
19. Jahrhundert besonders weit gekommen und hat dann einen grotes- 
ken Ausdruck in dem beriihmten Werke von Ernest Renan: «Das 
Leben Jesu», erhalten, das 1863 erschienen ist. Er hat wunderbar 
Schones und in schoner Sprache iiber Jesus gesagt. Aber schon das 



Lazarus- Wunder beschreibt er so, als habe Jesus in Wirklichkeit 
keinen Toten auferweckt, sondern als habe er zugelassen, daB seine 
Anhanger das so berichtet und verbreitet hatten. Es ware also eine 
Konzession an seine Anhanger gewesen, eine Art von Hokuspokus 
oder Schwindel, so daB sich hier in ein im iibrigen wirklich schones 
Werk hineinmischt etwas Hintertreppenromanhaftes. Man findet 
eigentlich keinen bestimmten Grund, warum Renan solche verehren- 
den Worte gebraucht, denn denjenigen, den er beschreibt, konnte man 
wahrhaftig nicht so besonders verehren. Aber ein halbes Jahrhundert 
hat das gedankenlos so hingenommen. Das ist nur ein Beispiel aus 
der Literatur, die den Christus Jesus nur als einen Menschen gelten 
lassen will. 

Nun hat man aber die merkwurdige Entdeckung gemacht, daB doch 
vieles, was von diesem Christus Jesus berichtet wird, unmoglich ware, 
wenn der Christus Jesus ein einfacher Mensch gewesen ware, be- 
sonders das Wort, daB Jesus sich selbst fur den Christus gehalten hat, 
also fur etwas, was nicht nur ein bloBer Mensch ist. Da ist man auf 
manches gestoBen, was nun doch nicht stimmt. Da fanden dann die 
Menschen in der letzten Zeit die Auskunft, an die Stelle des Menschen 
nun wieder den Gott zu setzen, aber den bloB gedachten Gott. Da 
erscheint der Christus Jesus nur wie ein Schatten, ein Schemen, ein 
Fetisch, aber wie ein geistiger Fetisch. Ein merkwurdiges Schauspiel! 
Jahrhundertelang hatten die Menschen aus dem Christus Jesus den 
Gott verdrangt und einen Menschen aus ihm gemacht, und jetzt er- 
leben wir, daB der Gott wieder den Menschen unmoglich macht. So 
wird es immer weiter- und weitergehen, und dies zeigt hinlanglich, daB 
wir auf einer Bahn sind, auf der den an der Oberflache gelegenen 
Kraften ein Verstandnis unmoglich ist. Das will sagen, daB die Men- 
schen im 20. Jahrhundert eine Art Kreuzzug versucht haben nach dem 
historischen Christus Jesus. Und wiederum wird die Antwort kom- 
men : Den, den ihr suchet, findet ihr nicht hier. - Denn diejenigen, die 
den historischen Menschen Jesus in dieser Weise suchen, werden ihn 
ebensowenig finden konnen wie die Frauen am Grabe oder wie die 
Kreuzfahrer, die zum Grabe wallten. Aber ebenso, wie die Kreuzfahrer 
den Christus nicht finden konnten, weil sie ihn nicht in ihrem Innern 



suchten, ebenso konnen die heutigen Kreuzfahrer den Christus Jesus 
nicht finden, weil sie ihn nicht suchen mit den Kraften, die im Inneren 
der Menschenseele gelegen sind, weil sie sich nicht an diejenigen 
Geisteskrafte wenden, die allein den Christus finden konnen. 

Es bereitet sich im SchoBe der spirituellen Geistesstromung eine 
Vertiefung der geistig-seelischen Krafte vor. Und wahrend immer 
mehr und mehr den Christus leugnen werden die an der Oberflache 
gelegenen Geisteskrafte, werden tiefere Seelenkrafte auftreten, die den 
Christus immer mehr suchen werden. Es werden die Menschen sich 
mehren, die schauen werden den Christus, der die Athersphare be- 
leben wird, den diejenigen finden werden, die dafur empfanglich sind. 
Darum sprechen wir von einem atherischen Dasein des Christus im 
20. Jahrhundert. Dann werden wir aus eigener Erfahrung wissen, daB 
bei dem Mysterium von Golgatha wirkiich in die Erdensphare ein- 
getreten ist diejenige Wesenheit, die der Christus genannt wird, und 
immer mehr Menschen werden wissen, wer der Christus ist, da sie ihn 
schauen werden. 

Die Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft wird die Seelen so 
vertiefen, daB dadurch der Blick der Menschen erwachen wird fur den 
Christus. Eine wunderbare Perspektive tut sich fur den hellseherisch- 
prophetischen Blick auf ! Die auBeren, an der Oberflache liegenden 
Seelenkrafte werden immer unzulanglicher und unzulanglicher, und 
die Menschen werden nach und nach so geboren werden, daB sie mit 
diesen an der Oberflache liegenden Seelenkraften in ihrem Seelen- 
leben verhaltnismaBig bald fertig werden. Aber ein Zeitalter steht 
bald vor der Tur, das in einer merkwiirdigen Weise an das Christus- 
Ereignis erinnern wird. 

Im dreiBigsten Jahre seines Lebens sah der Jesus von Nazareth in 
sich den Christus einziehen. Ein neues Seelenleben begann in dem 
Leibe des Jesus von Nazareth, da der Christus in ihn eingezogen war 
an die Stelle des Zarathustra-Ich, das ihn verlassen hatte. Das war am 
Beginn unserer Zeitrechnung. Eine Zeit steht jetzt vor der Tur, in 
welcher die Menschen immer zahlreicher werden, bei denen vom 
dreiBigsten Jahre ihres Lebens an, zwar nicht der Christus in seiner 
Fiille, aber die Christus-Erkenntnis wie durch eine Erleuchtung ein- 



ziehen wird. Im dreiBigsten Lebensjahre wird bei diesen Menschen 
ein neues, umfassendes Seelenleben beginnen dadurch, daB sie den 
Christus in seiner atherischen Wesenheit schauen werden. 

Man versteht im Sinne der Geisteswissenschaft unsere Zeit, wenn 
man sich Verstandnis erwirbt fur diese Perspektive. Wenn die Seelen, 
die jetzt leben, wieder verkorpert sein werden - von denen viele 
friiher wiedergeboren werden als nach der normalen, durchschnitt- 
lichen Regel fiir manche aber wird es sich auch schon friiher voll- 
ziehen, daB von einem bestimmten Lebensalter an die Menschen in 
sich einziehen fiihlen werden durch ihr Erleben, wovon sie friiher nur 
durch Unterweisung wissen konnten. Sie werden sagen konnen: Es 
tritt in mein Leben die Schauung ein, und ich weiB jetzt selber, wer der 
Christus ist, ich habe ein Verstandnis durch Schauen erlangt. - Dann 
wird man den Christus nicht mehr beweisen wollen, denn die Anzahl 
derer wird immer groBer werden, die dariiber berichten konnen, daB 
sie den Christus als Geistwesen auf der Erde herumwandelnd finden. 
Man wird nicht mehr bloB den historischen Christus suchen. 

Das sind die beiden Seiten des Zukunftsbildes : Auf der einen Seite 
wird immer mehr eine Verodung eintreten durch die an der Ober- 
flache befindlichen Seelenkrafte, andererseits durch Reaktion eben 
gegen die Verodung, ein Hervorrufen der in den Tiefen liegenden 
Seelenkrafte. Um dieses zu erkennen, dazu verbreiten wir die Anthro- 
posophie. 

Die Menschen diirfen die Eindriicke, die sie empfangen werden, 
die meistens nur leise auftreten, nicht achtlos an sich voriibergehen 
lassen, denn nur seiten finden vehemente Eindriicke statt. Durch die 
Verbreitung wahrer Anthroposophie werden die Menschenseelen so 
werden, daB sie nicht achtlos an sich werden voriibergehen lassen die 
Erleuchtung, wenn sie kommt, denn sonst wiirde man sie wahrend 
mehrerer Inkarnationen nicht bekommen konnen. Die anderen aber, 
die von den oberflachlichen Seelenkraften ausgehen, werden gerade 
diese, die die Erleuchtung bekommen haben, als Narren, als Wahn- 
sinnige verschreien. Ein Anfang dazu ist ja schon in einer fiirchter- 
lichen Weise gemacht worden. Psychiater haben sich schon auf die 
Christus Jesus-Forschung geworfen. Man studiert die Evangelien auf 



Symptome des Wahnsinns hin. An solchen Erscheinungen sollte man 
nicht achtlos vorbeigehen, sondern man sollte dadurch zur Einsicht 
kommen, daB die andere Seite sehr einer Pflege bedarf; jene andere 
Seite, die darstellt ein Verstandnis fiir den Christus, der in die Mensch- 
heit eingetreten ist in einer Zeit, in der er am wenigsten verstanden 
werden konnte und der fortwirkt, urn vorzubereiten das Verstandnis, 
das in Zukunftszeiten kommen wird. 

Der Mensch, der in die Zukunft blickt, sollte nicht mit einer 
abstrakten, allgemeinen Phrase dasjenige abtun, was sich in der Zu- 
kunft zeigt. Die Zukunft zeigt sich von zwei Seiten, von der Seite 
der Verodung, des Aufgehens im Materialismus, aber auch von dem 
Geborenwerden einer neuen geistigen Welt, nicht nur in den Gedan- 
ken, oder, sagen wir, in der Anschauung, sondern fiir das Dasein. 
Denn der Christus wird dem Menschen an die Seite treten und sein 
Rater werden. Nicht als Bild allein ist das gemeint, sondern in Wirk- 
lichkeit werden die Menschen die Ratschlage, die sie brauchen, von 
dem lebenden Christus empfangen, der ihnen Berater und Freund 
sein wird, der zu den Menschenseelen sprechen wird so wie ein 
Mensch, der physisch neben uns geht. Hat die Menschheit eine pro- 
phetische Vorverkundigung gebraucht damals, als der Christus phy- 
sisch in einem Menschenleibe erscheinen sollte, noch viel mehr braucht 
sie diese jetzt, da er in einer atherischen Erscheinung fiir die Menschen 
kommen wird. Betrachten Sie das Gesagte daher als eine vorberei- 
tende Verkiindigung dessen, was da kommen wird und kommen muB. 

Machen Sie sich iiber die Zukunft keine Illusion. Aber wir geben 
uns iiber die Zukunft keiner Illusion hin, wenn wir uns vorhalten, wie 
es ausschaut im auBeren materiellen Leben, wenn wir ausgehen von 
der Betrachtung, daB man in der Zukunft so von der Handschrift 
sprechen wird, wie wir von den Hieroglyphen der Agypter sprechen. 
Es sind die letzten Reste einer geistigen Kultur noch vorhanden, noch 
erscheint in der Schrift eine Physiognomie der Seele, aber bald wird 
die Spur des Seelischen aus der auBeren Kultur so verschwunden 
sein wie fiir uns die agyptische Kultur. Von manchem, was fiir uns 
noch Seelisches ist, wird man als von einem lang Vergangenen spre- 
chen. Derselbe Mund aber, der verkundigen wird, es war einmal so 



etwas wie eine menschliche Handschrift, wird verkiinden aus dem 
Spirituellen, aus dem Geistigen heraus, daI3 der Christus im Geiste 
lebendig wieder unter den Menschen herumgeht. Den Geist des bloB 
Gedachten werden die Menschen eintauschen miissen fur den Geist 
der unmittelbaren Anschauung, des unmittelbaren Mitfiihlens und 
Miterlebens von dem an der Seite aller Menschenseelen geistig-leben- 
dig schreitenden Christus. 



DIE DREI GEISTIGEN VORSTUFEN 
DES MYSTERIUMS VON GOLGATHA 

Stuttgart, S.Marz 1914 

Ankniipfend an die Betrachtungen des Fiinften Evangeliums wollen 
wir ims heute vor die Seele fiihren die Wirksamkeit des Christus- 
Geistes auf die Menschenentwickelung, wie sie sich in den geistigen 
Welten vollzog vor dem Mystefium von Golgatha. 

Wir miissen uns dabei erinnern an die Tatsache der zwei Jesus- 
knaben: den salomonischen, in dem das Zarathustra-Ich lebte, und 
den nathanischen Jesusknaben. Wir miissen hinschauen auf den natha- 
nischen Jesusknaben und uns jetzt fragen: Was fur eine Wesenheit 
war dieser Knabe, in den spater das Ich des Zarathustra einzog? 

Urn diese Wesenheit zu verstehen, miissen wir weit zuriickgehen in 
der Entwickelung der Erde und der Menschen. Diese Wesenheit, die 
in dem nathanischen Jesusknaben wirkte, war zum ersten Male in 
eine physische Verkorperung getreten in dem Jesus von Bethlehem. 
Vorher hatte sie von der geistigen Welt aus Anteil genommen an der 
Menschheitsentwickelungj nie aber in einem physischen Menschen- 
leib gelebt. Sie hatte mitgelebt die Zeiten, als die Menschenhullen ge- 
schaffen wurden, mitgelebt die Saturnzeit, in der der Keim zum phy- 
sischen Leib veranlagt wurde, die Sonnen- und Mondenzeit, wo 
Ather- und Astralleib sich bildeten, mitgelebt auch die die groBen 
Zeitperioden wiederholenden kleineren Etappen. Als aber das Men- 
schen-Ich in der lemurischen Zeit herabstieg in die drei Hiillen, da 
war dieses Wesen gleichsam als ein Teil des gottlichen Menschenseins 
zuriickgeblieben in den geistigen Welten und hatte nicht mitgemacht 
die Entwickelung des Ich in den drei Hiillen und seine Verfuhrung 
durch den luziferisch-ahrimanischen Einschlag. Dieser sich in den gei- 
stigen Welten zuriickhaltende Teil des gottlichen Menschenwesens, 
dieses Geisteswesen ist zum ersten Male in einen physischen Leib 
herabgestiegen als nathanischer Jesusknabe, um als solcher sich von 
dem Christus durchleuchten zu lassen. Die Johannestaufe stellt dar 
die Durchdringung des Jesus von dem Christus-Geist. 



Da war es aber nicht das erste Mai, daB es sich von dem Christus 
hat durchdringen lassen diirfen. Wahrend es als Geistwesen in den 
geistigen Welten lebte, hatte es schon vermocht, sich wiederholt von 
dem Sonnengeist durchdringen zu lassen. Vorbereitend das Christus- 
Ereignis im physischen Leib, hatte sich vorher Ahnliches vollzogen in 
geistigen Welten und hereingewirkt auf die Menschenentwickelung. 

Blicken wir auf die lemurische Zeit zuriick, als der Mensch sich mit 
seinen Hiillen verband, und schauen wir, wie damals das Menschen- 
wesen sich gestaltet hatte, hatten allein die Krafte aus dem Kosmos 
auf den Menschen gewirkt, mit denen er damals in Verbindung stand. 
Es drohte in jener Zeit, daB die zwolf kosmischen Krafte, die auf den 
Menschen wirken, durch damonische Wesen in Unordnung gerieten. 
Dadurch hatte sich der Mensch ganz anders entwickeln miissen, als er 
heute geworden ist. Die Sinne des Menschen, die sich damals heraus- 
bildeten, sie waren unter der Wirkung der in Unordnung geraten- 
wollenden Krafte uberempfindlich geworden. Die Lichtempfindung, 
alle Wahrnehmung vermag heute der Mensch in Gelassenheit auf- 
zunehmen. Unter der Wirkung des luziferisch-ahrimanischen Ein- 
schlags hatte das Sinnesleben die starksten Begierden und Impulse 
auslosen miissen. Hatte der Mensch zum Beispiel eine rote Farbe 
gesehen-und so hatten vor allem die Sonnenstrahlen wirken miissen-, 
so hatte in brennendem Schmerz die begehrende Seele fliehen miissen, 
und bei der Wahrnehmung von Blau hatte sie sich, in sich verzehrend, 
in Qual iiberwinden miissen. Die Seele hatte furchtbar leiden miissen 
bei jeder Sinnesempfindung, gejagt von tierischer Wollust und Be- 
gehren zu versengendem Schmerz und Qual. 

Da drang der Schmerzensschrei der gequalten Menschheit hinauf zu 
jenem Geisteswesen. Er trieb es hin zu dem Sonnengeist, so daB es 
sich von dem Christus durchdringen lassen durfte. Dadurch wurde 
abgemildert die innerliche Starke der Sinneswahrnehmung, dadurch 
schlug das Wesen die starkste Versuchung des Luzifer und Ahriman 
ab. Indem es die zu starke Wirkung der Krafte auf die Sinne milderte, 
gestaltete es das Wahrnehmungsieben in em maBvolles passives um. 

Und gehen wir weiter in die atlantische Zeit herein. Eine neue 
Gefahr schwebte da iiber den Menschen: Durch den luziferisch- 



ahrimanischen EinfluB waren bedroht die Lebensverrichtungen, die 
Lebensorgane des Menschen. Hatte zum Beispiel eine Speise vor dem 
Menschen gestanden, ware tierische Gier, sie zu verschlingen, erwacht. 
Seine Seele ware ganz Gier gewesen. Besonders empfindsam ware das 
Atmen gewesen, das Ein- und Ausatmen. Schlechte Luft hatte den 
Menschen mit schauderndem Ekel erfullt. Alles, was mit den Er- 
nahrungs- und Lebensfunktionen zusammenhing, loste eine ungeheure 
Aufstachelung von Sympathie und Antipathie aus, trieb die Seele von 
verschlingender Gier zu abstoBendem Ekel. 

Und wiederum war es jenes Geistwesen, das diese Gefahr fur den 
Menschen abwandte. Ein zweites Mai lieB es sich mit dem Christus- 
Geist durchdringen und rettete dadurch die sonst in Unordnung ge- 
ratenden Lebenskrafte des Menschen. 

Und am Ende der atlantischen Zeit erstand eine dritte Gefahr fur 
den Menschen durch den luziferisch-ahrimanischen EinfluB. Esdrohte, 
daB die menschlichen Seelenkrafte, Denken, Fiihlen und Wollen, in 
Unordnung, in Disharmonie zueinander gerieten, daB die drei Krafte 
nicht mehr recht zusammenklingen konnten in der menschlichen Seele. 
In Leidenschaft ergliiht ware der Mensch jedem Impulse gefolgt, oder 
von Furcht und HaB erfullt geflohen, ohne daB Vernunft die Krafte 
hatte regeln konnen. Wie brachte da das Geisteswesen Hilfe? Das 
Geisteswesen muBte untertauchen in die von Leidenschaft erfiillte 
menschliche Seele, muBte selbst die Leidenschaft werden, muBte zum 
Drachen werden, um umzuwandeln die Seelenkrafte, und ein drittes 
Mai von dem Christus-Geist sich durchleuchten lassen. 

Widergespiegelt finden wir dieses geistige Geschehnis in den Mythen 
aller Volker, in dem Mythos von Sankt Georg, dem Erzengel Michael, 
den Drachen besiegend. In den nachatlantischen Kulturen sehen wir 
ein BewuBtsein lebendig von den in geistigen Welten sich vollziehen- 
den Einwirkungen des Christus auf das Menschenwerden durch jenes 
Geisteswesen. In dem Zarathustra-Kult tritt uns das hohe Sonnen- 
wesen entgegen, und wie ein Abbild davon zeigt sich im griechischen 
BewuBtsein der Apollo-Dienst. Am kastalischen Quell ist der Tempel 
des Apollo, wohin wohlvorbereitet die Griechen ziehen, um sich bei 
Apollo Rat zu holen. Python, der liber den Dampfen ruht, die aus dem 



Spalt aufsteigen und den Berg ParnaB umwinden wie eine Schlange, er 
wird durch Apollo besiegt, und an seine Stelle tritt die Priesterin 
Pythia, durch deren Mund Apollo seine Weisheit den Griechen offen- 
bart. Von Friihling bis Herbst weilt Apollo in seiner Statte, dann zieht 
er nach Norden in das Land der Hyperboraer. Nach Norden muB 
Apollo ziehen als der Geist der Sonne, wahrend die physische Sonne 
nach Siiden zieht. Und verbunden finden wir mit Apollo die Musik, 
das Saitenspiel. Es stellt dar den Ausdruck des Zusammenstimmens 
der drei menschlichen Seelenkrafte. Und von einem beriihmten Manne 
mit zu groBen Ohren, dem Konig Midas, wird gesagt, daB Apollo ihm 
die Eselsohren wachsen lieB als Strafe dafur, daB Midas beim musi- 
schen Wettkarnpf zwischen Apollo und Marsyas gegen Apollo ent- 
schied, weil er Marsyas Flote dem Saitenspiel Apollos vorzog. 

Dreimal also, ehe das Mysterium von Golgatha eintrat, hatte von 
den geistigen Welten aus der Christus sich mit der Menschheit ver- 
bunden, durch dreimaliges Durchdringen jenes Geistwesens, das spa- 
ter der nathanische Jesusknabe war: Erstens maBvoll die Sinneserfah- 
rung zu regeln in der lemurischen Zeit, zweitens die Lebenskrafte zu 
regeln im Anfang der atlantischen Zeit, drittens zu regeln die Seelen- 
krafte am Ende der atlantischen Zeit. Dann erst vollzog sich als viertes 
das Mysterium von Golgatha, um zu regeln das Ich in seinem Ver- 
haltnis zur Welt. 

Vorgefuhlt wurde die Gefahr fur das menschliche Ich, in die es 
durch die Versuchungen Luzifers und Ahrimans gefiihrt wurde, in 
den agyptischen Priesterstatten in der griechisch-lateinischen Zeit. 
Man fuhlte das Ich herannahen, und man suchte mit den Kraften, die 
es in Unordnung bringen wollten, zu ringen. Da sah man in den Tem- 
peln an vielen Orten etwa folgende Zeremonien und oft sich wieder- 
holend : Der Priester formte ein scheuBliches, unformliches Gebilde, ein 
Krokodil, spuckte es an, warf es zur Erde und verbrannte es. Andere 
Priester erzahlten dem Volk : Re, die Sonnengottheit, zieht ihre Bahn 
am Himmelsraum von Ost nach West. Im Westen wird sie fahl, stiirzt 
hinab, weil sie gegen damonische Wesenheiten zu kampfen hat. 

Man fuhlte die Krafte des Ich herausdrangen. In zweifacher Form 
tritt es uns entgegen. Wir sehen im 7. bis 8. Jahrhundert vor Christus 



auftreten und durch alle siidlichen europaischen Lander hindurch- 
ziehend das Sibyllentum. In ihm lebte das, was zeigte, daB das Ich sich 
herausbilden kann. Aber das Sibyllenwesen hing mit den elementa- 
rischen Kraften der Erde zusammen, die im UnterbewuBten der Seele 
wirken und in leidenschaftlicher Art sich herausdrangen. Diesem 
Sibyllenwesen steht gegenuber die Prophetie des jiidischen Volkes. 
Die Propheten wollen in ihrer Seele alles Sibyllenwesen zuriickdrangen 
und nur lauschen auf die Offenbarung, die sich den Kraften des Ich 
eromiet, die bewuBt sind. In sinnender Versunkenheit stellt Michel- 
angelo die Propheten dar und ihnen gegenuber die Sibyllen mit ele- 
mentarischen Kraften der Erde, mit Wind, Feuer, Luft verbunden. 

Ohne das Mysterium von Golgatha hatte das Sibyllenelement iiber 
die bewuBten Ich-Krafte gesiegt, hatte die Ich-Krafte zuriickgedrangt. 
Das Ich ware der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Als 
Kraft sehen wir den Christus-Impuls in dem Menschheksgang wirken, 
auch ohne daB das menschliche BewuBtsein ihn aufgenommen hat, 
als Kraft, die die Kulturen gestaltet, die die Geschichte der euro- 
paischen Volker gestaltet, die die Gestaltung Europas bestimmt. Am 
28.0ktober des Jahres 312 ist die Besiegung des Maxentius durch 
Konstantin. Maxentius befragt die Sibyllen und ihm wird die Ant- 
wort : Ziehst du mit deinem Heere hinaus vor die Tore Roms, wirst du 
Roms groBten Feind besiegen. - Maxentius hat darauffolgend einen 
Traum, und dem Sibyllenspruch und Traum folgt er. Er zieht vor Rom 
hinaus, entgegen aller Vernunft, dem Rat und aller Plane seiner Feld- 
herren. Auch Konstantin traumt : Er sieht, wie er, das Banner Christi 
vor sich tragend, iiber den viermal starkeren Gegner siegt. Entgegen 
aller menschlichen Vernunft kommt es zum Kampf, und Konstantin 
siegt, das Kreuz vor seinem Heere tragend. 

Wir konnen den geschichtlichen Gang der Menschheit vor uns 
stellen von 800 vor Christi bis in unsere Zeit herein. In den Jahr- 
hunderten vor Christi sehen wir die tiefe griechische Weisheit bis zu 
ihrem hochsten Punkte emporkommen. In ihr zehrt die Menschheit 
die letzten vererbten Gotterkrafte auf. Da tritt im Punkt Null das 
Mysterium von Golgatha ein und es wirkt in die Menschheit herein. 
Die anregenden Krafte des Christus-Impulses wirkten in der Zeit 



nach dem Mysterium von Golgatha in verschiedener Art ein, gingen 
von verschiedenen Planen der geistigen Welten aus. 

I II III IV 

0-800 Hohere Geistwelt 

800-1600 Nicdere Geistwelt . 

160
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