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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Vorstufen
zum Mysterium von Golgatha
Zehn Vortrage, gehalten 1913 bis 1914
in verschiedenen Stadten
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1964
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1980
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990
Einzelveroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 152
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1520-7
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl ofFentlich wie auch fiir die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei ge-
haltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zumDruck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa-
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, muB gegeniiber alien VortragsverofFentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vor-
lagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Okkulte Wissenschaft und okkulte Entwickelung - Einweihung
Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten. Der EinfluB der
luziferischen und ahrimanischen Impulse. Die Ausbildung eines zu-
kiinftigen physischen Organs fur die Erinnerung an fruhere Inkarna-
tionen. Die okkulte Entwickelung des heutigen Menschen: 1. Aus-
bildung der inneren Denkkraft durch Meditation; 2. Durchdrin-
gung der Meditation mit der Kraft der Empfindung; 3. Durch-
dringung der Meditation mit den Impulsen des Willens.
London, 1. Mai 1913
Christus zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und
Christus im zwanzigsten Jahrhundert
Die Wesenheit Jehovas. Michael, das «Antlitz Jehovas». Michael
und andere Erzengel als Inspiratoren aufeinanderfolgender Zeit-
alter. Die Verknupfung des Christus mit dem Schicksal der Mensch-
heit und seine Vereinigung mit der Erdenevolution. Die neue Mi-
chael-Offenbarung.
London, 2. Mai 1913
Der Michael-Impuls und das Mysterium von Golgatha
Das verflossene Gabriel-Zeitalter. Das Michael- Zeitalter seit dem
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Michaels Aufstieg in die Hier-
archic der Archai. Das Hineintragen der geistigen Welt in die sinn-
liche. Der Michael-Impuls und die anthroposophische Weltanschau-
ung.
Erster Vortrag, Stuttgart, 18. Mai 1913
Naturwissenschaftliches Verstandms im abgelaufenen Gabriel-Zeit-
alter. Weckung eines Verstandnisses fur das Spirituelle im neuen
Michael-Zeitalter. Der Herabstieg des Christus auf die Erde, um
durch den Tod zu gehen. Michaels Erhebung vom Sendboten Jah-
ves zum Sendboten des Christus, vom Volksgeist zum Zeitgeist.
Zweiter Vortrag, Stuttgart, 20. Mai 1913
Der Weg des Christus durch die Jahrhunderte
Die nachatlantische Zeit. Das Wirken des Atherleibes im urindi-
schen, des Empfindungsleibes im urpersischen, der Empflndungs-
seele im agyptisch-chaldaischen, der Verstandes- oder Gemutsseele
im griechisch-lateinischen, der BewuBtseinsseele im gegenwartigen
Zeitalter. Die Suche nach dem Christus. Das zukiinftige Schauen
des Christus in seiner atherischen Wesenheit. Christus als Berater
und Freund der Menschen.
{Copenhagen, 14. Oktober 1913
Die drei geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha
Die dreimalige Verbindung des Christus mit der Menschheit vor
dem Mysterium von Golgatha durch dreimaliges Durchdringen des
Geistwesens, das spater als der nathanische Jesusknabe geboren
wurde: zur Regelung der Sinneserfahrung in der lemurischen Zeit;
zur Regelung der Lebenskrafte am Anfang der atlantischen Zeit;
zur Regelung der Seelenkrafte am Ende der atlantischen Zeit. Das
Hereinwirken des Christus-Impulses in die physische Welt und die
Menschheitsentwickelung.
Stuttgart, 5. Mar^ 1914
Der Christus-Impuls im Zeitenwesen und sein Walten
im Menschen
Die geistige Vorgeschichte des Mysteriums von Golgatha. Drei Vor-
stufen. Lemurische Zeit. Anfang der atlantischen Zeit. Ende der
atlantischen Zeit. Das Mysterium von Golgatha. Das zukiinftige
EinflieBen des Christus-Impulses in die menschliche Erinnerungs-
kraft. Die Abwendung der Gefahr des Chaotischwerdens der Er-
innerung durch den Christus-Impuls.
Pforzheim, 7. Mdr^ 1914
Der Christus-Geist und seine Beziehungen zur BewuBtseins-
entwickelung
Die drei Vorstufen des Ereignisses von Golgatha. Die dreimalige
Durchgeistigung des Engelwesens, das sich spater als der nathani-
sche Jesus verkorperte, mit dem Christus-Impuls. Das Wirken des
Christus in der menschlichen Geschichte. Konstantin und Maxen-
tius. Die Jungfrau von Orleans. Die «Ahasver-Riickschau» im
16. und 17. Jahrhundert. Die anthroposophische Bewegung und
die fiihrenden Machte unserer Zeit.
Munchen, 30. Mar% 1914
Der Fortschritt in der Erkenntnis des Christus
Das Fiinfte Evangelium
Die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha. Die Verkorpe-
rung des Christus in Jesus von Nazareth. Drei Epochen in der Ent-
wickelung des Jesus von Nazareth, verbunden mit drei groBen
Schmerzerlebnissen. Das Gesprach des Jesus mit seiner Stief- oder
Ziehmutter : das Aushauchen des Zarathustra-Ich. Die Notwendig-
keit einer bewulken Christus-Erkenntnis in der Gegenwart und
Zukunft.
Die vier Christus-Opfer
Die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha
Die Notwendigkeit der Gewinnung einer neuen Christus-Erkennt-
nis und der Schulung der Selbstlosigkeit. Die Geisteswissenschaft
als Schule der Selbstlosigkeit fur das intellektuelle und mora-
lische Leben der Menschheit. Das wahre Begreifen des Mysteriums
von Golgatha.
Paris, 27. Mai 1914
134
Basel, LJuni 1914
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Hinweise
Zu dieser Ausgabe
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174
175
Hinweise zum Text
Namensregister
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
OKKULTE WISSENSCHAFT UND OKKULTE ENTWICKELUNG
EINWEIHUNG
London, I.Mai 1913
Es ist mir eine groBe Befriedigung, heute zum ersten Mai hier in die-
sem Lande unsere Freunde zu begriiBen. Ich bedauere, daB ich nicht
in Ihrer eigenen Sprache zu Ihnen sprechen kann, aber urn diese
Schwierigkeit zu iiberwinden, wird unser Freund Baron Walleen
heute Satz fur Satz, den ich sprechen werde, iibersetzen, und
morgen werde ich den Vortrag ohne Unterbrechung halten, und
Baron Walleen wird die Giite haben, eine Zusammenfassung auf
Englisch zu geben.
Unsere lieben Freunde in diesem Lande, die uns ofters besucht
haben auf dem Kontinent, haben in der schonsten Weise ein inneres
Band geknupft zwischen unseren Freunden hier und denjenigen auf
jener Seite. Das schone Heim, in welchem wir heute versammelt sind,
ist ein Beweis dafiir, mit welchem tief innerlichen Empfinden unsere
Freunde in diesem Lande sich mit uns vereinen, um fiir die Verbreitung
der Anthroposophie zu arbeiten. Und diejenigen, welche vom Kon-
tinent herubergekommen sind, um unsere englischen Freunde zu be-
suchen, werden sich wahrhaft freuen, in diesem Zweige einen so scho-
nen Rahmen fur dasjenige zu linden, was uns so sehr am Herzen liegt,
was in unseren Seelen so tief wurzelt.
Mit jenem tief en inneren Gefuhl der Einheit, welches zur Anthro-
posophie gehort und in welchem alle menschlichen Wesen auf der
Erde sich vereinigen sollten ohne Unterschied der Rasse, Farbe oder
dergleichen, mit diesem Gefuhl erlauben Sie mir, heute zum ersten Mai
zu Ihnen zu sprechen und Sie aufs herzlichste zu begriiBen. Und es
sollte eine gute Gewahr sein fiir unsere Arbeit in der Zukunft, daB wir
Freunde gefunden haben, die mit so groBem innerlichen Enthusiasmus
die Arbeit hier in diesem Lande iibernommen haben.
Das Thema, welches wir heute besprechen wollen, fiihrt uns sogleich
in ein Gebiet, welches der ganzen Menschheit angehort, abgesehen
von alien Unterschieden.
Zunachst haben wir von dem Gebiet des menschlichen Strebens zu
sprechen, welches in seiner wahren Gestalt in keiner menschlichen
Sprache beschrieben werden kann, sondern in seiner urspriinglichen
Form nur in der Sprache des Gedankens : das ist das Gebiet der okkul-
ten Wissenschaft.
Durch seine menschlichen Fahigkeiten strebt der Mensch nach
okkulter Erkenntnis und kann sie auch erlangen. Aber okkulte Er-
kenntnis hat eine groBere Bedeutung fur die Welt als die, welche sie
nur innerhalb der menschlichen Seele hat. In der Welt, die uns umgibt,
konnen wir verschiedene Substanzen und StofFe unterscheiden, durch
die ihre verschiedenen Phanomene und OfFenbarungen ausgedriickt
werden. In jenem Urprinzip, welches kaum ausgedriickt werden kann
in menschlicher Sprache, wurzeln alle Kreaturen und alle Dinge der
Erde und alle Welten. Aber in der physischen Welt driicken sich die
einzelnen DifFerenzierungen dieses ersten Prinzips aus in den Substan-
zen der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers, des Athers und so
weiter.
Eine der subtilsten Substanzen, die dem menschlichen Streben noch
zuganglich ist, wird Akasha genannt. Und die OfFenbarungen von
Wesenheiten und Phanomenen in der Akasha-Substanz sind die sub-
tilsten von alien, die dem Menschen zuganglich sind. Das, was der
Mensch sich erwirbt in okkulter Erkenntnis, wohnt nicht nur in seiner
Seele, sondern es wird auch eingepragt in die Akasha-Substanz der
Welt. Wenn wir einen Gedanken der okkulten Wissenschaft lebendig
in unserer Seele machen, wird er sofort in die Akasha-Substanz ein-
geschrieben, und es ist von Bedeutung fur die allgemeine Entwicke-
lung der Welt, daB solche Einpragungen in die Akasha-Substanz ge-
macht werden, denn diese Einpragungen, die gemacht werden konnen
von der Menschheit und welche wir beschreiben als okkulte Wissen-
schaft, konnen von keiner anderen Wesenheit in der ganzen Welt in
die Akasha-Substanz eingeschrieben werden als nur vom Menschen.
Es ist wichtig fur uns, daB wir ein Charakteristikum der Akasha-
Substanz beachten, namlich, daB der Mensch zwischen Tod und neuer
Geburt in der geistigen Welt in der Akasha-Substanz lebt, genauso wie
wir zum Beispiel hier auf der Erde innerhalb der Atmosphare leben.
Wenn ein Seher mit den Mitteln, die ihm zur Verfiigung stehen, in
Beziehung treten sollte mit menschlichen Seelen, die zwischen Tod
und neuer Geburt leben, so wiirde er folgendes bemerken konnen. Ein
Mensch, der in dem gegenwartigen Entwickelungszyklus hier auf
Erden - fruher war dies anders - nie in der Lage ist, geisteswissen-
schaftliche Gedanken und Ideen in sich rege zu machen, ein solcher
kann nicht beobachtet oder gesehen werden, wenn er auch zugegen ist,
von einer menschlichen Seele, die zwischenTod und neuer Geburt lebt.
Wenn ein Mensch, der hier auf der Erde lebt, einen geisteswissen-
schaftlichen Gedanken, eine Idee in sich rege macht, so daB sie in die
Akasha-Substanz eingeschrieben werden konnen, dann wird er sicht-
bar den anderen Seelen, die zwischen Tod und neuer Geburt leben.
Ein Seher, der sich in Geduld vorbereitet hat fur die Gabe des Seher-
tums, kann, wenn er in Beziehung tritt zu Seelen, die durch die Pforte
des Todes gegangen sind, tief erschutternde Eindriicke bekommen.
Ich will Ihnen ein genaues Beispiel geben von einem solchen Fall.
Ein Seher fand einen Mann, der durch die Pforte des Todes ge-
gangen war und der seine Frau, die er sehr liebte, und seine Kinder, die
er nicht minder liebte, zuriickgelassen hatte. Dieser Mann und seine
Familie waren liebe, gute Leute, aber sie hatten keine Neigung, geistige
Erkenntnisse in ihre Seele aufzunehmen, und sie waren nicht iiber die
religiosen tJberlieferungen hinausgewachsen, durch welche gewisse
Seelen sich heute noch verbunden fiihlen mit der geistigen Welt.
Und einige Zeit, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen
war, sagte dieser Mann zu sich : Ich habe meine liebe Frau und Kinder
auf der Erde zuriickgelassen, die der Sonnenschein meines Lebens
waren; mit meinem geistigen Schauen kann ich sie aber nicht erreichen.
Ich habe nur die Erinnerung an die Zeit, die ich mit ihnen zusammen
verbracht habe auf Erden.
Ein ganz anderes Bild kann gesehen werden, wenn eine Seele, die
noch auf Erden ist, sich klare, starke geistige Gedanken und Ideen bil-
det. Wenn eine andere Seele, die zwischen Tod und neuer Geburt lebt,
hinunterschaut auf diese Seele, die sie zuriickgelassen hat, kann sie
deren Seelenleben verfolgen in der gegenwartigen Zeit, weil dieses
Seelenleben sich in die Akasha-Substanz einschreibt.
Hier beriihren wir einen Punkt, der uns zeigt, wie die anthroposo-
phische Lehre die Kluft abschaffen wird zwischen den sogenannten
Lebenden und den sogenannten Toten. Und schon in der gegenwar-
tigen Zeit konnen wir sehen, wie Menschen, die ein Verstandnis haben
fur das Geistige, von groBem Segen sein konnen fur die sogenannten
Toten dadurch, daB sie ihnen in Gedanken die Wahrheiten der
Geisteswissenschaft vorlesen. Wenn wir folgen in Gedanken, entweder
laut oder uns selbst vorlesend, den Ideen und Begriffen der Geistes-
wissenschaft und zu gieicher Zeit empfinden, daB einer oder mehrere,
die durch die Pforte des Todes gegangen sind, vor uns sitzen, wahrend
wir lesen, dann wird dieses Lesen - weil solche Gedanken in die
Akasha-Substanz eingeschrieben werden - etwas sehr Reales fur sie
werden. Und dieses Lesen kann nicht nur denjenigen jenseits des Todes
von groBtem Nutzen sein, die, wahrend sie auf Erden waren, sich mit
dem Studium der Geisteswissenschaft beschaftigten, sondern auch
denjenigen, die, wahrend sie hier waren, nichts damit zu tun haben
wollten.
Nun konnte die Frage gestellt werden : Da doch die Toten fortleben
in der geistigen Welt, brauchen sie denn ein solches Vorlesen? Es gibt
viele, die glauben, daB man nur durch die Pforte des Todes zu gehen
braucht, um alles das zu erfahren, was auf der Erde nur mit groBer
Miihe durch Geisteswissenschaft erreicht werden kann. Solche Men-
schen glauben auch, daB jemand nur zu sterben braucht, um sich nach
dem Tode das ganze okkulte Wissen erwerben zu konnen, weil er dann
in der geistigen Welt sein wird, Aber dies ist nicht der Fall.
Genauso wie es hier auf der Erde andere Wesenheiten als die Men-
schen gibt, wie es zum Beispiel bei den Tieren der Fall ist, die alles
sehen, was der Mensch durch seine Sinne sehen kann, wahrend es
ihnen nicht moglich ist, sich dariiber Ideen und Begriffe zu bilden,
so ist es mit den Seelen, die in den iibersinnlichen Welten leben, die,
obgleich sie die Wesenheiten und Tatsachen der hoheren geistigen
Welt sehen, sich keine Begriffe und Ideen dariiber bilden konnen,
wenn die Menschen hier auf Erden nicht solche Begriffe und Ideen in
die Akasha-Chronik einschreiben.
Die Mission des menschlichen Lebens auf der Erde ist nicht ohne
Bedeutung, sondern sie ist im Gegenteil von grower Bedeutung. Wenn
menschliche Seelen nie auf der Erde gewohnt hatten, so wiirden doch
die geistigen Welten da sein, aber es wiirde kein okkultes Wissen von
diesen geistigen Welten geben. Die Erde hat im Laufe der Evolution
der Welt einen Punkt erreicht, wo Geisteswissenschaft entwickelt
werden kann durch geistige Wesenheiten, die so organisiert und kon-
stituiert sind wie die Menschen auf der Erde. Und das, was durch
Geisteswissenschaft eingetragen worden ist in die Akasha-Substanz,
ware nie darin gewesen, wenn es nicht Geisteswissenschaft auf der
Erde gegeben hatte.
Wenn jemand versucht, sein Seelenleben auf der Erde 2u priifen, so
wird er zunachst entdecken, dafi er wahrend unseres jetzigen Zeitalters
seine Tatigkeiten fur das Erwerben von Erkenntnis fur andere Zwecke
verwendet hat als fur das Erwerben von Geisteswissenschaft. Diese
menschlichen Fahigkeiten des Lernens sind dazu verwendet worden,
um Erkenntnisse zu erwerben, die ins Leben gerufen worden sind
durch die Sinne und durch den Verstand, der an das menschliche
Gehirn gebunden ist. So haben wir menschliche Erkenntnis von
zweierlei Art : die eine Art gehort nur zu der Erfahrung, die durch die
Sinne erworben wird, die das Organ des Verstandes braucht, um sie in
Erkenntnis umzuwandeln, die andere Art ist die Geisteswissenschaft.
Die Erkenntnis, die der Sinnenwelt allein angehort, bildet die eine
Stromung, die andere besteht aus dem, was die Menschen durch die
Geisteswissenschaft in die Akasha-Chronik einschreiben. Denn die
Geisteswissenschaft bildet Ideen und Begriffe aus, die dann ewig in der
Akasha-Chronik eingeschrieben bleiben.
Alles Wissen, alle Erkenntnis, die zu den Erfahrungen durch die
Sinne gehoren, zu den technischen Dingen, zu dem geschaftlichen und
industriellen Leben der Menschheit, wirkt so, wenn es in die Akasha-
Substanz eingeschrieben wird, daB die Akasha-Substanz dieses Kon-
glomerat von Ideen und Begriffen wieder ausstoBt, mit anderen Wor-
ten, sie werden ausgeloscht. Wenn man die eben erwahnten Tatsachen
mit den Augen eines Sehers betrachtet, so kann man beobachten, daB
ein Streit stattfindet in der Akasha-Substanz zwischen den Eindriicken,
die durch menschliche okkulte Wissenschaft da hinein gemacht wer-
den und die ewig sind, und zwischen denjenigen, die auf Sinnesergeb-
nissen beruhen, die nur voriibergehend sind. Dieser Streit entsteht aus
dem Umstand, daB der Mensch, als er zuerst anfing die Erde zu be-
wohnen als Mensch - das heiBt in der uralten lemurischen Epoche -,
schon damals durch hohe geistige Wesenheiten dazu bestimmt war,
Geisteswissenschaft zu erwerben.
Aber durch das, was wir den luziferischen EinfluB nennen, durch
das Eingreifen von luziferischen Wesenheiten, lenkte der Mensch seine
Gedankenkraft und andere Seelenkrafte, die er sonst nur auf das Er-
werben von okkulten Ideen und Begriffen verwendet haben wiirde,
ab auf das Studium solcher Dinge, die nur der physischen Welt an-
gehoren.
Es gibt jetzt viele Menschen, die sagen, wahrend die gewohnliche
Wissenschaft alien often sei, so konne doch Geisteswissenschaft nur
denen nahegebracht werden, die in die geistigen Welten schauen
konnen.
Darin liegt ein Grundirrtum, denn innerhalb der Tiefen seiner eige-
nen Seele besitzt jeder Mensch die Fahigkeit und die Kraft, sogar ehe
er ein Seher wird, dieWahrheiten der Geisteswissenschaft zu erkennen.
Es ist wahr, daB okkulte Wahrheiten nur von dem Seher entdeckt wer-
den konnen; aber wenn sie einmal entdeckt und in der gewohnlichen
normalen Sprache der menschlichen Vernunft ausgedriickt worden
sind, so konnen sie von jeder menschlichen Seele verstanden werden,
welche die Hindernisse fur ein solches Verstandnis aus ihrem Innern
wegraumen will.
Als Resultat der luziferischen Impulse wurde es spater in der Ent-
wickelung der Erde einer anderen Wesenheit, die wir Ahriman nennen,
moglich, Einfliisse iiber die Seelen der Menschen zu gewinnen. Und
nur dann, wenn die Moglichkeit des Verstandnisses fur die Geistes-
wissenschaft durch ahrimanische Einfliisse in der Seele zuriickgehalten
wird, bleibt dieses Verstandnis fur die Geisteswissenschaft unerreich-
bar. Wenn die Wesenheit, die wir Ahriman nennen, nicht in jeder
menschlichen Seele arbeitete, wenn unsere Seelen ohne seinen EinfluB
waren, dann brauchte eine Idee oder ein Gedanke der Geisteswissen-
schaft nur ausgesprochen zu werden und eine menschliche Seele wiirde
durch ihr unterbewuBtes Verhaltnis zu dieser Wahrheit in ihrem inner-
sten Wesen folgendes fuhlen: Diese Idee, die Behauptung der Geistes-
wissenschaft ist wahr. - In jeder menschlichen Seele gibt es ein Leben,
welches das alltagliche BewuBtsein versteht und woriiber es sich
Rechenschaft geben kann, und ein unterbewuBtes Seelenleben, das
begraben liegt wie in den Tiefen des Ozeans und das nur von Zeit zu
Zeit ans Licht gebracht wird. Zu den Tiefen der Seele gehdrt zum Bei-
spiel jene Furcht, die in jedem Menschen vorhanden ist : die Furcht vor
dem rein Geistigen. Diese Furcht ist das Resultat von Ahrimans Ein-
fluB und wiirde nicht existieren, hatte Ahriman nicht Macht erlangt
iiber die Seelen der Menschheit. Der Grund, warum der Mensch sich
einer solchen Furcht meist nicht bewuBt ist, liegt darin, daB diese in
den tiefsten Untergriinden der Seele arbeitet und keine Rolle spielt in
dem, woriiber er sich mit seinem alltaglichen BewuBtsein Rechenschaft
geben kann.
Zuweilen klopft diese Furcht an die Tur des gewohnlichen BewuBt-
seins eines Menschen, ohne daB er weiB, was es ist, das ihn aus der
Tiefe seiner Seele heraus beunruhigt, und dann sucht er etwas, das
betaubend wirkt, das sein Gefiihl der Furcht, von dem er nichts wissen
will, abstumpfen soli. Dieses Betaubungsmittel findet er in den mate-
rialistischen Gedanken, Theorien und Ideen. Materialistische Theorien
werden nicht aus logischen Griinden erfunden, obgleich man glauben
konnte, daB das der Fall ware, sondern sie werden ausgedacht aus
einer Furcht vor dem Geistigen, die das Resultat von Ahrimans Ein-
fluB auf die Seele ist. Deshalb ist die vorbereitende Bedingung fur das
unmittelbare Verstandnis der spirituellen Wahrheiten viel weniger eine
Kenntnis der physischen Wissenschaft als eine Erziehung der Seele in
der Tugend des moralischen Mutes, des innerlichen geistigen Mutes.
Und deshalb konnen wir sagen, daB das okkulte Wissen von dem
Seher erforscht werden muB, aber es kann dann von jeder mensch-
lichen Seele verstanden werden, wenn diese Seele nur den ganzen
moralischen Mut, den sie besitzt, in sich frei machen will, so daB sie
die Hindernisse, die von Ahriman herruhren, beseitigen kann.
Sollte jemand den Wunsch haben, die okkulten Wahrheiten durch
die urspriinglichen moralischen Krafte seiner Seele zu verstehen, so
kann er den folgenden Versuch machen. Er kann Geisteswissenschaft
auf seinGemiit wirken las sen, ohne daB er sich vorher sagt : Ich stimme
hiermit iiberein oder ich stimme nicht damit iiberein. - Er kann die
geisteswissenschaftlichen Ideen und BegrirTe, die von dem Seher ge-
geben worden sind, aufnehmen und sie auf sein Gemiit wirken lassen.
Und wenn er dann das okkulte Wissen mit innerem Enthusiasmus und
nicht aus bloBer Neugierde aufgenommen hat, so wird er etwas erfah-
ren, was mit einem physischen Schweben ohne Boden unter den FiiBen
verglichen werden kann, mit einem Gefiihl, als schwebte er in der Luft.
Dieser Versuch wird eine vollig verschiedene Wirkung hervorrufen,
je nachdem er von jemand mit religidsen, ehrfurchtsvollen Neigungen
gegeniiber dem geistigen Leben gemacht wird oder von jemand, der
gewohnt ist, materialistisch zu denken. Jemand, der kein okkultes
Wissen besitzt, dessen Neigungen und Gefuhle jedoch der geistigen
Welt gegeniiber von religioser Art sind, kann sich etwas unsicher fuh-
len als Resultat dieses Versuches, aber viel weniger als ein Materialist,
der kein Gefiihl der Anziehung zur geistigen Welt hat. Der letztere
wird ein starkes Gefiihl von Furcht, von unsicherem Schweben er-
leben. Der Materialist kann sich durch dieses Erlebnis iiberzeugen, daB
okkulte Ideen und Begriffe ihn auf eine solche Weise beriihren, daB sie
Furcht und Schrecken hervorrufen. Und durch ein solches Erlebnis
kann der Materialist erkennen, wie voll von Furcht er noch steckt, und
kann zu sich sagen : Dieses beweist mir nicht nur, daB ich erfullt bin
von Furcht vor diesem Gebiet, sondern daB das Fiirchten eine meiner
Grundneigungen ist.
Hatten zum Beispiel Ernst Haeckel oder Herbert Spencer diesen
Versuch gemacht, so hatten sie sich nicht allein davon iiberzeugt, daB
okkultes Wissen nicht widerspruchsvoll sei und unmoglich geglaubt
werden konne, sondern daB sie in den innersten Tiefen ihrer Seelen
von Furcht erfullt seien. Und sie wiirden gewissermaBen bald alien
Zweifel und Unglauben gegeniiber dem, was sie als Phantasien der
geistigen Lehren zu betrachten pflegten, vergessen haben, und hatten
sich eingestanden, daB es von groBer Bedeutung sei, diese Furcht zu
iiberwinden. Und hatten sie sich einmal dieses Bekenntnis gemacht, so
hatten sie bald ihren Widerstand gegen die Phantasien der geistigen
Lehren aufgegeben. Sie wiirden sich gesagt haben : Ich muB versuchen,
den moralischen Mut in mir zu starken. - Und dann hatten sie viel-
leicht ihre Selbsterziehung in die Hand genommen. Und ware es ihnen
gelungen, diese Furcht zu iiberwinden, so hatten sie gesagt: Jetzt, da
wir starkere Seelen geworden sind, haben wir keine Zweifel mehr an
der Wahrheit der Geisteswissenschaft. - Dieses Erlebnis durchdie Ver-
starkung des moralischen Mutes in der Seele ist ein Sieg iiber Ahriman,
dessen EinfluB in der Wissenschaft Ernst Haeckels und in der Philo-
sophic Herbert Spencers gesehen werden kann. Ahriman ist derjenige,
der die Seelen inspiriert hat, eine materialistische Richtung einzu-
schlagen.
Wenn nur ein kleiner Teil der Menschheit - als Resultat ihrer wah-
ren Erkenntnis - in der Weise arbeiten wird, die eben angedeutet wor-
den ist, um ihren moralischen Mut zu kraftigen, so werden alle diese
materialistischen Theorien allmahlich aus der Welt verschwinden.
Wie wir gesehen haben, ist okkultes Wis sen notig fur den ganzen
Werdegang der Evolution, weil es in die Akasha-Substanz ein-
geschrieben werden muB. Von welcher Bedeutung dies fur uns sein
mag, kann durch eine kurze Skizze der Entwickelung der Menschheit
auf Erden gezeigt werden.
Die Entwickelung des Menschen auf der Erde schreitet stufenweise
von einer Kulturperiode zu der anderen fort. Wahrend dieser auf-
einanderfolgenden Perioden bewohnen die menschlichen Seelen als
Individualitaten Korper, die diesen aufeinanderfolgenden Kulturen
der Erde angehoren. Alle die Seelen, die heute abend hier versammelt
sind, waren in Korpern inkarniert, die friiheren Kulturen angehorten.
Jede einzelne Seele schreitet fort, je nach dem Karma, das sie fur sich
aufgebaut hat.
AuBer dieser Entwickelung der individuellen Seelen, die von ihrem
Karma abhangt, mils sen wir die Entwickelung der Menschheit als ein
Ganzes anerkennen, die in menschlichen Korpern von Epoche zu
Epoche fortschreitet. Ein griechischer Korper, ein agyptischer, chal-
daischer, urpersischer oder atlantischer Korper war in den feineren
Teilen seines Baues ganz verschieden von einem menschlichen Korper
des gegenwartigen Zeitalters.
Wir miissen unterscheiden zwischen dem inneren Fortschritt des
Ich und des Astralkorpers von Inkarnation zu Inkarnation und dem
auBerlichen Fortschritt und der Veranderung in den physischen und
atherischen Korpern von einer Rasse zu der anderen, von einer Nation
zu der anderen, von einem Zeitalter zu dem anderen.
Dieser Fortschritt der auBeren Korper, der physischen und athe-
rischen, von einem Zeitalter zum anderen, wiirde denen, die Anatomie
und Physiologie studieren, nicht bemerkbar sein, aber er ist trotzdem
vorhanden und kann durch die okkulte Wissenschaft erkannt werden.
Und so wird der menschliche physische Korper wieder ganz verschie-
den sein im Laufe der normalen Entwickelung der Menschheit, wenn
nach unserem jetzigen Leben unsere Seelen in einer zukunftigen Ver-
korperung wieder auf der Erde erscheinen werden.
In der jetzigen Menschheitsperiode wird ein zartes Organ vorberei-
tet, das fur den auBeren Anatomen und Physiologen nicht bemerkbar
ist. Und doch existiert es anatomisch. Dieses Organ Hegt im mensch-
lichen Gehirn, in der Nahe des Sprachorgans.
Die Entwickelung dieses Organs in den Gehirn windungen ist nicht
das Ergebnis des Karma individueller Seelen, sondern sie ist ein Er-
gebnis der menschlichen Evolution als eines Ganzen auf der Erde, und
in der Zukunft werden alle Menschen dieses Organ besitzen, ganz
gleich was die Entwickelung der Seelen sein mag, die sich in diesem
Korper inkarnieren werden, und ganz unabhangig von dem Karma,
das mit diesen Seelen verbunden ist. '■
Dieses Organ wird in einer zukunftigen Inkarnation von Menschen
besessen werden, die gegenwartig vielleicht der Anthroposophie feind-
lich sind, wie von denjenigen, die ihr jetzt sympathisch gegeniiber-
stehen. Dieses Organ wird in der Zukunft das physische Instrument
fur gewisse Seelenkrafte sein, genauso wie zum Beispiel Brocas Organ
in der dritten Gehirnwindung das Organ fur die menschliche Fahig-
keit der Sprache ist.
Wenn dieses Organ entwickelt ist, kann es von der Menschheit ent-
weder richtig angewendet werden oder auch nicht. Diejenigen werden
es richtig anwenden konnen, die jetzt die Moglichkeit vorbereiten, die
jetzige Inkarnation wahrheitsgemaB in der Erinnerung zu haben, wenn
sie in der nachsten sein werden. Denn dieses physische Organ wird das
physische Mittel fur die Erinnerung an eine friihere Inkarnation sein,
was jetzt nur erreicht werden kann durch eine hohere geistige Ent-
wickelung.
Gegenwartig kann fur die weitaus groBte Zahl von Menschen die
Erinnerung an friihere Inkarnationen nur erlangt werden durch hohere
geistige Entwickelung, durch Initiation. Aber das, was in jetzigen
Zeiten nur durch Initiation erlangt werden kann, wird sparer gewis-
sermaBen Gemeingut der Menschheit. Unser heutiges Wissen war
friiher das besondere Wissen der atlantischen Eingeweihten allein, jetzt
kann es jeder besitzen. In derselben Weise ist die Erinnerung an friihere
Erdenleben gegenwartig nur den Eingeweihten moglich, aber in der
Zukunft wird jede menschliche Seele im Besitz derselben sein.
Dem Eingeweihten ist es moglich, gewisse Kenntnisse ohne den
Gebrauch eines physischen Organes zu erlangen, aber dieses Wissen
kann nur dann das Gemeingut der Menschheit werden, wenn die
Menschheit als Ganzes im Laufe der Evolution ein auBeres physisches
Organ entwickelt, wodurch es erlangt werden kann. Die reinkarnier-
ten Seelen miissen jedoch dieses Organ richtig gebrauchen konnen,
mit dessen Hilfe man sich spater an seine friiheren Inkarnationen er-
innern wird. Nur diejenigen, die in der jetzigen Inkarnation okkulte
Gedanken und Ideen deutlich in die Akasha-Substanz eingeschrieben
haben, werden dieses Organ auf die richtige Weise gebrauchen konnen.
Man hort oft sagen: Was niitzt es, an friihere Leben zu glauben,
wenn die Menschheit im allgemeinen sich an nichts davon erinnern
kann? - Man sollte lieber denken, wie viel erstaunlicher es ware, wenn
nach dem, was man vom Leben weiB, die Menschheit im allgemeinen
schon jetzt sich ihrer friiheren Leben erinnern konnte. Wenn wir uns
fragen, was notig ist, damit wir uns uberhaupt an etwas erinnern kon-
nen, so muBten wir antworten: Wir konnen uns nur dessen erinnern,
was wir vorher gedacht haben.
Das alltagliche Leben kann uns dies lehren. Denken Sie sich, daB
jemand seine Manschettenknopfe nicht finden kann, wenn er des
Morgens aufsteht. Er sucht sie iiberall, kann sie aber nicht finden.
Warum kann er sie nicht finden? Weil er, wahrend er sie weglegte,
nicht an das gedacht hat, was er tat. Lassen Sie ihn das gegenteilige
Experiment machen, lassen Sie ihn jeden Abend, wahrend er seine
Manschettenknopfe weglegt, versuchen, sich klar bewuBt zu sein : Ich
lege meine Manschettenknopfe an diesen Platz, - er wird sich dann nie
irren, sondern wird gerade dahin gehen, wo er sie hingelegt hat. Der
Gedanke raft den Vorgang in seine Erinnerung zuriick.
Wenn wir in einer zukiinftigen Inkarnation leben, so werden wir
uns nur dann an die vergangenen erinnern, wenn wir uns an die wahre
Natur der Seele erinnern konnen, die fortdauert von einer Inkarnation
zu der anderen. Derjenige, der im jetzigen Leben nicht okkulte Wissen-
schaft studiert, kann keine Erkenntnisse von der Bescharlenheit und
Wesenheit der Seele erlangen, und wenn er diese Kenntnisse nicht hat,
wie sollte er, wenn er wieder inkarniert ist, sich an das erinnern, woran
er nie gedacht hat in der fruheren Inkarnation?
Durch das Studium der Geisteswissenschaft, welches unter anderen
Dingen das Studium der Wesenheit der Seele einschlieBt, bereiten wir
in unserem Inneren dasjenige vor, was uns ermoglichen wird, in einer
kiinftigen Inkarnation uns an das zu erinnern, was in dieser jetzigen
geschehen ist. Es gibt jedoch gegenwartig viele Menschen, die sich
noch nicht dem Studium dieses Wissens widmen wollen. Diese werden
wiedergeboren, vielleicht in der nachsten Inkarnation mit dem vorher
erwahnten Organ fur die Erinnerung an friihere Leben physisch aus-
gebildet, aber sie haben sich nicht so vorbereitet, daB sie sich an die
Vergangenheit erinnern konnten.
Was fur eine Bedeutung hat dann die Geisteswissenschaft noch im
heutigen Leben zu all dem hinzu, was wir bereits gesagt haben? Durch
sie erlangen wir die Moglichkeit, in der richtigen Weise das Organ zu
gebrauchen, welches in den Menschen der Zukunft entwickelt wird,
namlich das Organ fur die Erinnerung an friihere Erdenleben. In
unserer jetzigen Inkarnation miissen wir die Erkenntnisse unserer Seele
in die Akasha-Substanz einschreiben, um in unserer nachsten In-
karnation das Organ fur die Erinnerung an die Vergangenheit in der
richtigen Weise gebrauchen zu konnen, das Organ, welches sich im
Menschen entwickelt, ob er will oder nicht. Also in der Zukunft wird
es Menschen geben, die das erwahnte Organ fur die Erinnerung an
friihere Erdenleben werden gebrauchen konnen, und andere, die es
nicht werden gebrauchen konnen. In diesen letzteren werden gewisse
Krankheiten sich zeigen, weil sie in ihrem physischen Leib ein Organ
haben werden, welches sie nicht gebrauchen konnen. Ein Organ zu
besitzen und unfahig sein, es zu gebrauchen, ruft nervose Krankheiten
von einer ganz bestimmten Art hervor, und diese Nervenerkran-
kungen, die dadurch entstehen werden, daB man dieses besondere
Organ besitzt und es nicht gebrauchen kann, werden viel schlimmere
sein als alle diejenigen, die der Mensch bis jetzt gekannt hat.
Wenn man auf diese Weise den Zusammenhang der Tatsachen be-
trachtet, fangt man an, erne Idee zu bekommen von der Mission der
Geisteswissenschaft und von der wahren Bedeutung eines Verstand-
nisses des Lebens und der Menschheit durch das Studium dieser
Erkenntnis. Aber fur den Fall, daB der Eindruck, den diese Betrach-
tung auf Sie gemacht hat, zu MiBvetstandnissen fuhren sollte, will ich
noch eine andere Tatsache erwahnen, welche das mildern kann, was
peinlich an diesem Eindrucke war. Obgleich der wahre Okkultist
sehen kann, daB die Geisteswissenschaft in das spirituelle Leben
unserer gegenwartigen Zeit eintreten muB, damit der Mensch der
Zukunft das Organ fur dieErinnerung gebrauchen konne und physisch
in guter Gesundheit bleibe, so kann doch zu gleicher Zeit durchaus
nicht behauptet werden, daB ein Mensch, der in der jetzigen Zeit nicht
bereit ist, Geisteswissenschaft aufzunehmen, fur seine folgende In-
karnation auf die vorher beschriebene Weise verloren sein wird. Es
wird fur lange Zeit in der Zukunft einem Menschen immer noch mog-
]ich sein, wenn er auch das Angedeutete vernachlassigt hat, namlich
in diesem Leben sich den Gebrauch des Organs fur die Erinnerung
anzueignen, dies im nachsten Leben gutzumachen, denn er wird noch
einige Gelegenheiten haben, seine Gesundheit wiederherzustellen und
geisteswissenschaftliche Wahrheiten zu erlangen. Aber die Zeit wird
kommen, wo diese Moglichkeit auf horen wird.
Wenn wir auch noch nicht den bestimmten Augenblick erreicht
haben, so leben wir doch in der Epoche der Menschheit, wo die Gei-
steswissenschaft aus dem schon erwahnten Grunde in das geistige
Leben der Menschheit eingegliedert werden muB, so daB sie eine not-
wendige Entwickelung im allgemeinen Fortschritt der Menschheit ist
und nicht von den privaten Meinungen der einen oder der anderen
Individualist herstammt.
Und auf diese Weise wird, besonders in unserer Zeit, die Moglich-
keit fiir die subjektive Entwickelung der Menschenseele gegeben sein,
die sie zu einem personlichen Schauen der geistigen Welten, zu einer
okkulten Entwickelung fiihren wird. Und wir konnen sagen, daB
jeder Mensch, der die urspriinglichen Krafte innerhalb seiner Seele
anwenden wird, ungestort von ahrimanischen Einfliissen alles ver-
stehen kann, was uns aus den spirituellen Welten geoffenbart wird,
und es ist deshalb in einem gewissen Sinn jedem Menschen moglich,
sich in die geistigen Welten hinaufzuheben dadurch, daB er eine
okkulte Entwickelung durchmacht. In der Gegenwart konnen ins-
besondere drei Krafte unserer Seele gut entwickelt werden, so daB
eine okkulte Verbindung mit den iibersinnlichen Welten stattfinden
kann.
Die erste Kraft, die in der Menschenseele gut entwickelt werden
kann, ist die Kraft des Denkens. Wir leben im Zusammenhang mit
der Welt, die uns umgibt, dadurch, daB wir uns Gedanken iiber un-
sere Umwelt bilden. Im gewohnlichen alltaglichen Leben denkt der
Mensch Gedanken, die durch Sinneseindriicke oder durch den Intel-
lekt, der an das Gehirn gebunden ist, verursacht werden. In meinem
Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? » werden
Sie finden, wie ein Mensch durch Meditation, Konzentration und
Kontemplation, durch die Erkraftung seines seelischen Lebens diese
Kraft des Gedankens unabhangig vom auBeren Leben machen kann.
Ich mochte Sie gerade hier darauf aufmerksam machen, wie man das,
was innerhalb unserer Seele die Kraft des Gedankens ist, die sonst
nur entwickelt wird dadurch, daB man sich Gedanken bildet iiber
die auBere Welt, wie man das im wesentlichen frei und unabhangig
machen kann von all dem, was dem Korper angehort. Das heiBt,
durch eine solche Entwickelung erlangt die Seele die Moglichkeit zu
denken, Gedanken in sich selbst zu bilden, ohne vom Korper Ge-
brauch zu machen, ohne das Gehirn als Instrument zu beniitzen. Dies
konnen wir gut verstehen, wenn wir betrachten, was das hauptsach-
lich Charakteristische des gewohnlichen, alltaglichen Denkens ist,
welches von den Eindriicken abhangig ist, die durch die Sinne ge-
wonnen werden.
Das hauptsachliche Charakteristikum des gewohnlichen Denkens
ist, daB jede einzelne Betatigung des Denkens das Nervensystem be-
eintrachtigt, besonders das Gehirn; es zerstort etwas im Gehirn.
Jeder alltagliche Gedanke bedeutet einen ZerstorungsprozeB im klei-
nen, in den Zellen des Gehirns. Aus diesem Grunde ist der Schlaf
notig fur uns, so daB dieser ZerstorungsprozeB wieder gutgemacht
werden kann. Wahrend des Schlafes ersetzen wir das, was in unserem
Nervensystem wahrend des Tages durch das Denken zerstort wurde.
Das, was wir bewuBt wahrnehmen in einem gewohnlichen Gedanken,
ist in Wirklichkeit der ZerstorungsprozeB, der in unserem Nerven-
system stattfindet.
Nun bemiihen wir uns, die Meditation dadurch zu entwickeln, daB
wir uns zum Beispiel der Betrachtung des Folgenden hingeben:
Die Weisheit lebt im Licht.
Diese Idee kann nicht von Sinneseindriicken herruhren, weil es den
auBeren Sinnen nach nicht der Fall ist, daB die Weisheit im Licht
lebt. In einem solchen Fall halten wir durch die Meditation den Ge-
danken so weit zunick, daB er sich nicht mit dem Gehirn verbindet.
Wenn wir auf diese Weise eine innere Denktatigkeit entwickeln, die
nicht mit dem Gehirn verbunden ist, werden wir durch die Wir-
kungen einer solchen Meditation auf unsere Seele fiihlen, daB wir auf
dem rechten Wege sind. Da wir bei dem meditativen Denken keinen
ZerstorungsprozeB in unserem Nervensystem hervorrufen, macht uns
ein solches meditatives Denken nie schlafrig, wenn es auch noch so
lange fortgesetzt wird, was unser gewohnliches Denken leicht tun kann.
Es ist wahr, daB oft gerade das Gegenteil eintritt, wenn man medi-
tiert, denn die Menschen beklagen sich oft, daB sie, wenn sie sich der
Meditation hingeben, sofort einschlafen. Aber das kommt daher, daB
die Meditation noch nicht vollkommen ist. Es ist ganz naturlich, daB
wir in der Meditation zunachst die Art des Denkens benutzen, an die
wir sonst immer gewohnt waren. Nur nach und nach gewohnen wir
uns daran, mit dem auBeren Denken aufzuhoren. Wenn wir diesen
Punkt erreicht haben, dann wird das meditative Denken uns nicht
mehr schlafrig machen, und so werden wir wissen, daB wir auf dem
rechten Wege sind.
Wenn die innere Kraft des Denkens so entwickelt wird, ohne daB
die Denkkraft den auBeren Korper benutzt, dann werden wir eine
Kenntnis des inneren Lebens erlangen, werden unser wahres Selbst
erkennen, unser hoheres Ich.
Den Weg zu der wahren Kenntnis des menschlichen Selbst findet
man in der Art von Meditation, die eben beschrieben worden ist, die
zu der Befreiung der inneren Denkkraft fiihrt. Nur durch solche Er-
kenntnis gelangt man dahin, zu sehen, daB dieses menschliche Selbst
nicht innerhalb der Grenzen des physischen Korpers gebunden ist.
Man lernt im Gegenteil einsehen, daB dieses Selbst mit den Erschei-
nungen der Welt um uns her verbunden ist. Wahrend wir im gewohn-
lichen Leben die Sonne hier sehen und dort den Mond, dort die Berge,
Hiigel, Pflanzen und Tiere, fiihlen wir uns jetzt mit allem, was wir
sehen und horen, verbunden, wir sind ein Teil davon, und fur uns
gibt es dann nur eine auBerliche Welt, und das ist unser eigener Kor-
per. Wahrend wir im gewohnlichen Leben hier sind und die auBere
Welt um uns herum, sind wir nach der Entwickelung der unabhangi-
gen Denkkraft auBerhalb unseres Korpers eins mit dem, was wir sonst
sehen, und unser Korper, in dem wir sonst darinnen sind, ist auBerhalb
unser selbst. Wir schauen darauf zuriick, er ist jetzt die einzige Welt
ge worden, auf die von auBen wir blicken konnen.
Auf diese Weise kann man durch die Befreiung der Denkkraft wirk-
lich aus seinem physischen Leibe herauskommen und denselben als
etwas AuBerliches betrachten. Man kann sogar noch mehr tun. Man
kann zum Beispiel auf eine positive Weise die Frage beantworten:
Warum wachen wir jeden Morgen auf? Wahrend des Schlafes liegt
unser physischer Leib im Bette, und wir sind tatsachlich auBerhalb
desselben, genauso wie es der Fall ist wahrend des meditativen Den-
kens. Beim Erwachen kehren wir zu unserem physischen Korper zu-
riick, weil wir zu demselben durch Hunderte und Tausende von Kraf-
ten zuriickgezogen werden wie von einem Magnet. Hiervon weiB der
Mensch gewohnlich nichts. Aber wenn er sich befreit hat dutch die
Meditation, dann wird er bewuBt zuriickgezogen durch dieselbe Kraft,
die im vorigen Fall seine Seele beim Erwachen unbewuBt in seinen
physischen Korper zuriickzieht.
Wir lernen auch durch eine solche Meditation, wie der Mensch her-
untersteigt aus den hoheren Welten, worin er zwischen Tod und neuer
Geburt gelebt hat, und wie er sich mit den Kraften und Substanzen
verbindet, die ihm gegeben werden durch Eltern und GroBeltern und
so weiter. Kurz, wir lernen die Krafte kennen, die die Menschen zwi-
schen Tod und neuer Geburt in eine neue Inkarnation zuriickziehen.
Als ein Ergebnis einer solchen Meditation kann man zuriickschauen
auf einen groBen Teil des Lebens, welches vor der Geburt, vor der
Empfangnis, zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt
zugebracht wurde. Aber durch die Meditation, die eben beschrieben
worden ist, kann man meistens nur bis zu einem gewissen Punkt zu-
riickschauen, der vor der letzten Inkarnation liegt; man konnte durch
diese Meditation nicht weiter zuriickschauen bis in fruhere Inkar-
nationen.
Um in der Gegenwart auf fruhere Inkarnationen zuriickzuschauen,
solange das vorher erwahnte Organ noch nicht im menschlichen
Gehirn gebildet worden ist, ist eine andere Art von Meditation notig
als die Meditation im Denken, die wir eben beschrieben haben. Diese
andere Meditation kann nur zustandekommen, wenn das Gefiihl in
den Gegenstand der Meditation gebracht wird. Alles, was eben be-
schrieben worden ist als Meditation, kann von dem, der meditiert,
auch mit dem Gefiihl durchdrungen werden.
Wir wollen jetzt diesen Inhalt der Meditation betrachten, der in der
Meditation selbst von Gefiihl und Empfindung durchdrungen werden
muB. Wenn wir zum Beispiel als Inhalt nehmen:
Die Weisheit erstrahlt in dem Licht
und wir fiihlen uns inspiriert durch das Erstrahlen der Weisheit, wenn
wir uns erhoben fiihlen, wenn wir innerlich durchgliiht sind von die-
sem Inhalt, wenn wir mit enthusiastischen Gefuhlen darin leben und
dariiber meditieren konnen, dann haben wir etwas mehr vor unseren
Seelen als Meditation in Gedanken. Die Kraft, die wir dann in der
Seele beniitzen als Kraft der Empfindung, ist diejenige, die wir sonst
in der Sprache beniitzen. Sprache wird hervorgebracht, wenn wir
unsere Gedanken mit innerlichem Gefiihl, mit innerlicher Empfindung
griindlich durchdringen. Dies ist der Ursprung der Sprache, und
Brocas Organ im Gehirn wird auf diese Weise hervorgebracht: die
Gedanken des inneren Lebens, die von innerlicher Empfindung durch-
drungen sind, werden tatig im Gehirn und bilden auf diese Weise das
Organ, welches das physische Instrument der Sprache ist.
Wenn wir so meditieren, wenn unsere Meditation wirklich von
solchen Gefiihlen durchdrungen ist, dann halten wir in unseren Seelen
jene Kraft zuriick, die wir im taglichen Leben im Sprechen beniitzen.
Wir konnen sagen, daB die Sprache die Verkorperung der inneren
Seelenkraft ist, welche diese von Gefiihl durchdrungenen Gedanken
ausdriickt. Wenn wir nun, statt daB wir der Seelenkraft erlauben,
in der Sprache hervorzutreten, Meditation aus diesen von Gefiihl
durchdrungenen Gedanken entwickeln, wenn wir immer weiter und
weiter mit dieser Meditation fortfahren, dann gewinnen wir allmahlich
die Fahigkeit - sogar jetzt ohne das physische Organ -, durch Initia-
tion zuriickzuschauen in friihere Erdenleben und auch die Zeit
zwischen den Erdenleben zu erforschen, die Zeit, welche immer
zwischen Tod und neuer Geburt liegt.
Durch solche Ausbildung des Zuriickhaltens der Sprache innerhalb
der Seele, oder wie der Okkultist sagt, durch das Zuriickhalten des
«Wortes» innerhalb der Seele, konnen wir zuriickschauen zum Ur-
beginn unserer Erde, zuriick zu dem, was die Bibel den Schopfungs-
akt der Elohim nennt, Wir konnen zuriickschauen bis in die Zeit, wo
die wiederholten Erdenleben fur die Menschheit anfingen. Denn die
okkulte Entwickelung, die wir dadurch erreichen, daB wir das Wort
zuriickhalten oder die Sprache zuriickhalten, befahigt uns, in die sich
folgenden Zeitperioden hineinzuschauen, insofern sie mit unserer
Erde, mit dem spirituellen Leben unseres Erdenplaneten verbunden
sind. Wir werden fahig, die Wesenheiten der hoheren Hierarchien
zu schauen, insofern sie mit dem spirituellen Leben der Erde ver-
bunden sind.
Aber diese beiden Krafte des Hellsehens, die in der Meditation
durch Gedanken und durch vom Gefiihl durchdrungene Gedanken
entwickelt werden, konnen uns nicht zu Erlebnissen fuhren, welche
vor der Zeit der jetzigen Erde liegen, zu Erlebnissen, welche mit
friiheren planetarischen Inkarnationen unserer Erde verkniipft sind.
Hierfur ist die dritte meditative Kraft notig, von welcher wir jetzt
kurz sprechen wollen.
Wir konnen weiterhin den Inhalt unserer Meditation mit den Im-
pulsen des Willens auf eine solche Weise durchdringen, daB, wenn
wir meditieren zum Beispiel iiber
Die Weisheit der Welt erstrahlet im Lichte,
wir jetzt wirklich fiihlen konnen, ohne es auBerlich zu wollen, den
Impuls unseres Willens verbunden mit jener Tatigkeit. Wir konnen
unser eigenes Wesen mit der ausstrahlenden Kraft des Lichtes ver-
bunden fiihlen und konnen dieses Licht strahlen und vibrieren lassen
durch die Welt. Wir miissen den Impuls unseres Willens mit dieser
Meditation verbunden fiihlen.
Wenn wir auf eine solche Weise meditieren, daB unsere Meditation
mit Impulsen des Willens erfiillt wird, so halten wir eine Kraft zu-
riick, die sonst in die Pulsation des Blutes iibergehen wiirde. Sie kon-
nen leicht beobachten, daB das Leben unseres inneren Ich in das
Pulsieren des Blutes iibergehen kann, wenn Sie sich daran erinnern,
daB wir blaB werden, wenn wir uns fiirchten, und erroten, wenn wir
uns schamen. Das ist der Ubergang der Seelenkraft in das Pulsieren
des Blutes. Wenn diese selbe Kraft, die das Blut beeinfluBt, so in
Tatigkeit tritt, daB sie nicht in das Physische hinuntersteigt, sondern
nur in der Seele bleibt, dann fangt diese dritte Meditation an, die
wir durch Willensimpulse beeinflussen konnen.
Derjenige, der diese drei Formen der okkulten Entwickelung durch-
macht, fiihlt, wenn er nur Denkkraft freimacht, als ob er ein Organ
an der Nasenwurzel hatte. Dieses Organ wird als Lotusblume be-
schrieben, durch welches er dieses Ich oder Selbst bemerken kann,
das weit in den Raum ausgedehnt ist.
Derjenige, welcher durch Meditation Gedanken, durchdrungen von
Gefiihlen, entwickelt hat, wird sich allmahlich durch diese entwickelte
Kraft, die sonst Sprache geworden ware, der sogenannten sechzehn-
blattrigen Lotusblume in der Gegend des Kehlkopfes bewuBt. Mit
Hilfe dieser sogenannten Lotusblume kann er das begreifen, was mit
zeitlichen Dingen vom Anfang der Erde bis ans Ende derselben
verbunden ist. Durch dieses Organ lernt man auch in Wirklichkeit
die okkulte Bedeutung des Mysteriums von Golgatha erkennen, von
welcher wir in unserem nachsten Vortrag sprechen werden.
Durch die zuriickgehaltene Seelenkraft, die im normalen alltag-
lichen Leben sich bis in das Blut und seine Pulsation ausdehnen wiirde,
wird ein Organ in der Gegend des Herzens entwickelt, das in meinem
Buch «Die Geheimwissenschaft im Umri8» beschrieben wird und
durch welches man die Evolution verstehen kann, die man im Okkul-
tismus als Saturn, Sonne und Mond bezeichnet, die friiheren Inkarna-
tionen unserer Erde.
Sie sehen also, daB nicht behauptet wird, okkulte Entwickelung
werde gewonnen durch eine Unmoglichkeit oder durch das, was nicht
existiert, sondern durch das, was wirklich vorhanden ist innerhalb der
menschlichen Seele.
Die erste okkulte Kraft, die erwahnt worden ist, stammt aus einer
hoheren Entwickelung der Denkkraft, jener Kraft, die sonst nur an-
gewendet wird fur Gedanken, die mit der auBeren Welt verkniipft
sind.
Die zweite Kraft, von der wir gesprochen haben, ist nur eine hohere
Entwickelung dessen, was im alltaglichen Leben von jedem mensch-
lichen Wesen durch den Korper in der Sprache auBerlich angewandt
wird in der Entwickelung des Organes fur das Wort.
Die dritte Kraft ist eine hohere Ausbildung dessen, was sonst in
der menschlichen Seele vorhanden ist, urn zu veranlassen, daB das
Blut schneller oder langsamer pulsiert, um eine groBere oder kleinere
Blutmenge zum einen oder anderen Organ des Leibes hinzuleiten,
mehr nach der Mitte, wenn wir blaB werden, mehr nach der Ober-
flache, wenn wir erroten, mehr oder weniger nach dem Gehirn und
so weiter.
Wenn der Mensch diese Krafte ausbildet, die in ihm vorhanden
sind, die aber im gewohnlichen Leben nur fiir sein auBerliches kor-
perliches Dasein gebraucht werden, dann beginnt die okkulte Ent-
wickelung. Und das, was durch okkulte Entwickelung erkannt werden
kann, kann heute von jedem Menschen verstanden und erfaBt werden,
der die Hindernisse zum Verstandnis wegraumen will. Das, was durch
okkulte Entwickelung gelernt werden kann, ist okkulte Wissen-
schaft, und in unserem jetzigen Menschheitszyklus muB okkulte
Wissenschaft in die menschliche Seele hineinflieBen, so daB diese
menschliche Seele ihr eigenes Wesen kennenlernen moge, welches un-
abhangig ist von dem Korper. Die Formen all der Substanzen, die
in der auBeren Welt sind, wie Erde, Wasser, Luft und so weiter, ver-
gehen, die Formen der Akasha-Substanz dauern fort. Unsere Seele
muB sich durch ihr inneres Leben mit der Akasha-Substanz ver-
bunden fuhlen, und in zukunftigen Zeiten wird sie den Wunsch haben,
sich an das zu erinnern, was sie in der Gegenwart erlebt. Die Mog-
lichkeit, Ideen und Begriffe zu erlangen, die zu solcher Erinnerung
fuhren konnen, ergibt sich aus dem Studium der okkulten Wissen-
schaft, das nur moglich ist, wenn die Erkenntnis, die durch die okkulte
Entwickelung erlangt wird, verbreitet und angenommen wird.
Deshalb habe ich in diesem ersten Vortrag versucht, Ihnen klar-
zumachen, wie durchaus notig die Verbreitung der okkulten Er-
kenntnis ist, und den Hinweis auf den Weg zu der okkulten Ent-
wickelung hinzugefiigt den Impulsen, die der Entwickelung der
Menschheit zugrunde liegen. Nicht durch Worte, gegriindet auf ge-
wohnliche menschliche Betrachtungen, habe ich versucht, die Mission
der Geisteswissenschaft klarzulegen, sondern durch die Betrachtung
der Tatsachen, die selbst das Ergebnis okkulter Forschung sind. Wer
diese Tatsachen auf seine Seele wirken laBt, wird begreifen, daB fiir
denjenigen, der die voile Bedeutung dieser Tatsachen versteht, es
unmoglich ist, die Notwendigkeit der Verbreitung der geisteswissen-
schaftlichen Erkenntnisse in der jetzigen Zeit zu leugnen. Man braucht
durchaus nicht fanatisch zu werden, um die Notwendigkeit der ent-
sprechenden Ausbildung anzuerkennen, man braucht nur die Tat-
sachen zu verstehen, die dem okkulten Leben des Menschen zu-
grunde liegen.
Und wir konnen sagen, daB es eigentlich nur Unkenntnis dieser
Tatsachen sein kann, die die Menschheit noch von dem anthropo-
sophischen Leben fernhalt. Deshalb wird unter den geistigen Be-
wegungen unserer Zeit die Geisteswissenschaft, wie sie hier verstanden
wird, die am wenigsten fanatische und diejenige sein, die am meisten
von objektiven Betrachtungen ausgeht. Es ist besonders notig, immer
wieder zu erwahnen, daB alle solchen Theorien, alle solchen Lehren
sich schlieBlich vereinigen miissen innerhalb der anthroposophischen
Kreise in einem fundamentalen lebendigen Gefuhl.
Es gibt ein objektives geistiges Leben, dessen Spiegelung in der
Welt der Maja das Leben ist, von welchem wir umgeben sind. Okkulte
Entwickelung ist das Heraustreten aus der Welt der Maja und das
Eintreten mit den besten Kraften unseres Ich in die Welt der geistigen
Wirklichkeit. Jeder Schritt den wir in okkulter Erkenntnis und
okkulter Entwickelung machen, ist ein Schritt vom Schein zu der
Wirklichkeit. Und weil ein echtes Verstandnis dieser Tatsache zu
nichts anderem fiihren kann als zu dem Impulse, diese Schritte wirk-
lich zu machen, wird das Schicksal der Geisteswissenschaft gesichert
sein, weil immer mehr und mehr Seelen den Wunsch haben werden,
die Wahrheit iiber den Weltengeist objektiv zu erkennen.
Das anthroposophische Feuer, welches in uns entfacht werden
kann, ist nur ein Ergebnis des universellen kosmischen Feuers, welches
geistig vom Anfang bis zum Ende ausstromt.
Dies ist es, was ich Ihnen gerne sagen wollte in diesem ersten Vor-
trage iiber die Mission der anthroposophischen Bewegung im geisti-
gen Leben der Gegenwart.
CHRISTUS ZUR ZEIT DES MYSTERIUMS VON GOLGATHA
UND CHRISTUS IM ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT
London, 2. Mai 1913
Von alien Mysterien ist das Mysterium von Golgatha am schwersten
zu verstehen, sogar fur diejenigen, die in okkulten Erkenntnissen
schon vorgeschritten sind, und von alien Wahrheiten, mit welchen
die Menschheit in Beziehung kommen kann, ist es diejenige, die am
leichtesten miB verstanden werden kann. Das hangt mit der Tatsache
zusammen, daB das Mysterium von Golgatha ein einzigartiges Er-
eignis in der ganzen Evolution der Erde war, daB es in der Entwicke-
lung der Menschheit auf Erden ein machtiger Impuls war, der sich
nie vorher in derselben Art ereignet hatte und der sich nie in gleicher
Weise wiederholen wird. Der menschliche Verstand jedoch sucht
immer nach einem MaBstab, nach einem Vergleich, nach welchem
die Dinge verstanden werden konnen. Aber etwas, was unvergleich-
bar ist, kann nicht verglichen werden, und weil es einzigartig ist, wird
es schwer verstanden.
Nun haben wir uns bemiiht, in der geisteswissenschaftlichen Be-
wegung, in der wir arbeiten, dieses Mysterium von Golgatha von
verschiedenen Gesichtspunkten aus zu charakterisieren. Aber neue
Gesichtspunkte konnen fortwahrend gewahlt, neue Charakteristiken
bestandig hervorgeholt werden, um dieses machtige Ereignis in der
Evolution der Menschheit auf Erden zu beschreiben.
Ein solcher Gesichtspunkt, ein solcher Aspekt soil heute hier ge-
geben werden, und insbesondere soli die Aufmerksamkeit auf das
gerichtet werden, was in einem gewissen Sinne die Erneuerung des
Mysteriums von Golgatha in unserer Zeit, in unserem gegenwartigen
Menschheitszyklus genannt werden kann.
Wenn man das Mysterium von Golgatha grundlich verstehen will,
sollte man es nicht als etwas von der Menschheitsevolution ganz
Getrenntes betrachten, was nur wahrend seiner Dauer von drei oder
dreiunddreiBig Jahren in Betracht zu ziehen ware, sondern man sollte
betrachten, wie es sich gerade in der vierten nachatlantischen Zeit-
periode, in der sogenannten griechisch-lateinischen Kulturepoche er-
eignete, und man sollte auch in Betracht ziehen, daB dieses Mysterium
von Golgatha wahrend der ganzen Entwickelung des alten hebra-
ischen Volkes vorbereitet wurde. Nicht nur das ist auBerst wichtig fur
das Mysterium von Golgatha, was sich in der Menschheit zutrug
wahrend des vierten nachatlantischen Zeitalters, sondern auch das ist
von bedeutender Wichtigkeit, was sich wahrend der ganzen alten
hebraischen Kultur vorbereitete, namlich die Verehrung Jehovas.
Zunachst ist es wichtig zu verstehen, wer die Wesenheit war, die sich
in den alten hebraischen Zeiten unter dem Namen Jahve oder Jehova
offenbarte.
Nun, der Mensch von heutzutage ist ein Wesen, welches vor allem
in dem, was seine Vernunft und sein Verstandnisvermogen anbetrifft,
seinen Intellekt entwickelt, die Dinge vom intellektuellen Standpunkt
aus zu verstehen liebt.
In dem Augenblick jedoch, wo man die Schwelle von der Sinnes-
welt in die iibersinnlichen Welten iiberschreitet, hort die Moglichkeit
auf, die Wirklichkeit nur mit den Mitteln des Verstandes zu erfassen.
Der menschliche Verstand kann auf Erden gute Dienste leisten, aber
in dem Augenblick, wo man in die iibersinnlichen Welten eintritt,
geniigt er - obgleich man ihn da noch als ein nutzliches Instrument
betrachten kann - nicht mehr als Mittel, um Erkenntnis zu erlangen.
Dieser Verstand liebt vor allem Unterscheidungen zu machen, und
um eine Sache zu verstehen, hat er eine Definition notig. Diejenigen
unter Ihnen, die meinen Vortragen ofter gefolgt sind, werden das
Fehlen von beinahe jeglichen Definitionen bemerkt haben. Man kann
die Dinge der Wirklichkeit nicht durch Definitionen erfassen. Es gibt
gewiB gute und schlechte Definitionen, Definitionen, die umfassend
sind, und andere, die weniger befriedigend sind. Um die Angelegen-
heiten der Erde zu verstehen, sind Definitionen notig, aber wenn
man Dinge, die der Wirklichkeit angehdren, verstehen will, nament-
lich Dinge, die der iibersinnlichen Wirklichkeit angehoren, dann
kann man nicht definieren. Da muB man charakterisieren, denn dann
ist es notwendig, die Tatsachen und die Wesenheiten von alien Ge-
sichtspunkten aus zu betrachten.
Definitionen sind immer einseitig und erinnern denjenigen, der
Logik studiert hat, an die alte griechische Schule der Philosophic,
die einstmals zu definieren suchte, was ein Mensch ist. Urn also eine
Idee von dem Menschen zu geben, wurde die folgende Definition
aufgestellt: Ein Mensch ist ein zweibeiniges Wesen ohne Federn. -
Am folgenden Tage brachte jemand ein gerupftes Huhn herein und
sagte: Dieses ist ein zweibeiniges Wesen und hat keine Federn, folg-
lich ist es ein Mensch. - Man kann oft hieran erinnert werden, wenn
Definitionen verlangt werden fur etwas, was so vielseitig und viel-
deutig ist, daB Definitionen ungeniigend sind und man nur charak-
terisieren kann. Aber vor allem, um die verschiedenen Wesenheiten
in den ubersinnlichen Welten unterscheiden zu konnen, mochten die
Menschen eine Definition haben. Sie fragen: Was ist genau genom-
men eine solche Wesenheit? - Je weiter man nun aber in die ubersinn-
lichen Welten eindringt, desto mehr durchdringen sich die Wesen-
heiten dort, sie sind nicht mehr voneinander abgegrenzt, so daB es
schwer ist, sie voneinander zu unterscheiden.
Vor allem darf man die Evolution nicht auBer acht lassen, wenn
man den Namen Jahve oder Jehova in Betracht zieht, namentlich
wenn man ihn mit dem Namen des Christus in Verbindung bringt.
Sogar im Neuen Testament werden Sie finden - und in meinen
Biichern habe ich ofters darauf hingewiesen daB Christus sich durch
Jehova offenbarte, soweit er das konnte vor dem Mysterium von
Golgatha.
Wenn man einen Vergleich zwischen Jehova und Christus ziehen
will, so ist es gut, das Sonnenlicht und das Mondenlicht als Bild zu
gebrauchen. Was ist Sonnenlicht, was ist Mondenlicht? Sie sind ein
und dasselbe und doch sehr verschieden. Das Sonnenlicht stromt von
der Sonne aus, aber im Mondenlicht wird das Sonnenlicht vom
Monde zuriickgeworfen. In der gleichen Weise sind Christus und
Jehova ein und dasselbe. Christus ist dem Sonnenlicht gleich,
Jehova ist wie das reflektierte Christus-Licht, insofern es sich der
Erde offenbaren konnte unter dem Namen des Jehova, ehe das My-
sterium von Golgatha eintrat. Und wiederum, wenn eine so hehre
Wesenheit wie Jehova-Christus in Frage kommt, miissen wir in den
erhabenen Hohen der iibersinnlichen Welten nach seiner wahren Be-
deutung suchen. In Wirklichkeit ist es eine Vermessenheit, sich einer
solchen Wesenheit wie Jehova-Christus mit alltaglichen BegrifTen
zu nahern.
Nun bemiihten sich die alten Hebraer, einen Ausweg aus dieser
Schwierigkeit zu finden. Die menschliche Denkkraft ist schwach,
aber sie versucht, sich eine Idee von dieser erhabenen Wesenheit zu
machen. Die Aufmerksamkeit wurde nicht direkt auf Jehova gerich-
tet - ein Name, der an und fur sich als unaussprechbar betrachtet wur-
de -, sondern auf die Wesenheit, welche in unserer abendlandischen
Literatur als Michael bezeichnet wird. Es kann natiirlich manches
MiBverstandnis aus dieser Behauptung entstehen, aber das ist nicht
zu vermeiden. Der eine konnte vielleicht sagen, dies wird die Vor-
urteile der Christen wieder erwecken, der andere will nichts mit
solchen Dingen zu tun haben. Aber die Wesenheit, die wir Michael
nennen diirfen und die der Hierarchie der Archangeloi angehort -
ganz gleich wie wir diese Wesenheit auch nennen mogen -, sie existiert
doch. Und es gibt viele solcher Wesenheiten, welche dem gleichen
Range angehoren. Aber diese besondere Wesenheit, die esoterisch
unter dem Namen Michael bekannt ist, ist so erhaben iiber ihre Ge-
fahrten, wie die Sonne erhaben ist iiber die Planeten, iiber Venus,
Merkur, Jupiter, Saturn und so weiter.
Er, Michael, ist die hervorragendste und die bedeutendste Wesen-
heit in der Hierarchie der Erzengel. Die alten Hebraer nannten Michael
«Das Antlitz Gottes». Wie ein Mensch sich durch seine Gesten und
durch den Ausdruck seines Antlitzes offenbart, so wurde in der My-
thologie der Alten Jehova durch Michael verstanden. Jehova gab
sich dem Eingeweihten auf solche Weise kund, daft der Eingeweihte
etwas erfassen konnte, was er mit seinem gewohnlichen Fassungs-
vermogen niemals vorher hatte begreifen konnen, namlich, daft Mi-
chael das Antlitz des Jehova sei. So sprachen die alten Hebraer von
Jehova- Michael: Jehova, der Unnahbare, zu dem man nicht gelangen
konnte, wie man nicht zu eines Menschen Gedanken, zu -semen Leiden
und Sorgen, die hinter seinem auBeren Ausdruck liegen, gelangen
kann. Michael ist die auBere OfFenbarung des Jahve oder Jehova, wie
man beim Menschen die Offenbarung seines Ich auf seiner Stirn und
seinem Antlitz erkennt.
Und so konnen wir sagen, daB Jehova sich durch Michael, einen
der Erzengel, offenbarte. Die Erkenntnis dessen, den wir als Jahve
beschrieben haben, war nicht bloB auf die alten Hebraer beschrankt,
sie war viel weiter verbreitet. Und wenn man die letzten funf Jahr-
hunderte vor der christlichen Ara untersucht, so findet man, daB
wahrend dieser ganzen Zeit eine Offenbarung durch Michael stattfand.
Wir konnen diese Offenbarung in einer anderen Form in Plato,
Sokrates, Aristoteles entdecken, in der griechischen Philosophic, so-
gar in den alten griechischen Tragodien wahrend der funf Jahr-
hunderte vor dem Ereignis von Golgatha.
Wenn wir uns mit Hilfe der okkulten Erkenntnisse bemiihen, hin-
einzuleuchten in dasjenige, was tatsachlich sich ereignete, so konnen
wir sagen, daB Christus-Jehova die Wesenheit ist, welche die Mensch-
heit durch ihre ganze Evolution hindurch begleitet hat. Aber wahrend
der Epochen, die einander folgen, offenbart sich Christus-Jehova
immer durch verschiedene Wesenheiten desselben Ranges wie Michael.
Er wahlt sozusagen immer ein anderes Antlitz, mit welchem er sich
der Menschheit zuwendet. Und je nachdem der eine oder der andere
aus der Hierarchie der Erzengel gewahlt wird, um der Vermittler zu
sein zwischen Christus-Jehova und der Menschheit, werden den Men-
schen sehr verschiedene Ideen und Auffassungen, Impulse des Fiih-
lens, Impulse des Wollens und so weiter offenbart. Wir konnen die
ganze Zeit, welche sozusagen das Mysterium von Golgatha umgibt,
als die Zeit des Michael beschreiben, und wir konnen Michael als den
Sendboten des Jehova betrachten.
In jener Zeit, welche dem Mysterium von Golgatha ungefahr um
funf hundert Jahre vorausging und sich mehrere Jahrzehnte nach die-
sem fortsetzte, trug die fiihrende Kultur der Menschheit sozusagen
den Stempel des Michael. Durch seine Eigenschaften, seine Kraft, goB
er in die Menschheit dasjenige, was ihr in jenem Zeitpunkte gegeben
werden sollte. Und dann kamen andere Wesenheiten, die gleichfalls
von den spirituellen Welten aus die Inspiratoren der Menschheit
waren, andere Wesenheiten vom Range der Erzengel.
Wie schon erwahnt wurde, war Michael der GroBte, der Mach-
tigste, der Bedeutendste, so daB eine solche Epoche, wie die des
Michael, stets die bedeutungsvollste oder eine der bedeutungsvollsten
ist, die in der Evolution der Menschheit vorkommen kann. Denn die
Epochen der verschiedenen Erzengel wiederholen sich. Und die Tat-
sache ist von groBter Wkhtigkeit, daB jede solche Wesenheit von
der Hierarchic der Erzengel dem Zei taker den Grundcharakter gibt.
Sie sind hauptsachlich die Fiihrer der verschiedenen Volker, aber da-
durch, daB alle Fiihrer bestimmter Epochen werden und weil sie die
Fiihrer verflossener Zeitalter waren, so sind sie in gewissem Sinne
auch die Fiihrer der ganzen Menschheit geworden.
Was Michael anbetrifft, so hat bis zu unserem jetzigen Zyklus der
Evolution eine Veranderung stattgefunden, denn Michael selbst ist
durch eine Entwickelung hindurchgegangen. Und das ist von groBer
Wichtigkeit, denn nach der okkulten Erkenntnis sind wir seit den
paar letzten Jahrzehnten wieder in eine Epoche eingetreten, die
durch dieselbe Wesenheit inspiriert wird, die das Zeitalter inspirierte,
in welchem sich das Mysterium von Golgatha ereignete. Seit dem
Ende des 19.Jahrhunderts diirfen wir Michael wieder als Fiihrer
ansehen.
Wenn wir dies verstehen wollen, miissen wir das Mysterium von
Golgatha von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten und
miissen uns fragen : Was ist in diesem Mysterium von hauptsachlich-
ster Bedeutung? DaB die Wesenheit, welche mit dem Namen Christus
bezeichnet wird, zu jener Zeit durch das Mysterium von Golgatha
und durch die Pforte des Todes ging, das ist von der groBten Be-
deutung! Niemals in der ganzen Evolution der Erde konnte man
von dem Mysterium von Golgatha sprechen, ohne die Tatsache, daB
Christus durch den Tod gegangen ist, als das Wesentlichste dieses
Mysteriums anzusehen.
Betrachten Sie die Naturgesetze. Viel kann verstanden werden
durch das Studium derselben, und in der kiinftigen Evolution der
Erde wird noch viel mehr dadurch gelernt werden, aber wir rmiBten
schon bloBe Traumer sein, wenn wir nicht erkennen, daB das Ver-
standnis fur das Leben als solches ein Ideal ist, welches nur durch
Entwickelung zu begreifen ist und niemals durch das Studium der
Naturgesetze. GewiB gibt es Traumer in unseren Tagen, welche glau-
ben, daB durch die Erkenntnis der Wissenschaft wahres Verstandnis
fiir das Prinzip des Lebens mit der Zeit erlangt werde; aber dies
wird niemals der Fall sein. Wahrend der Evolution der Erde werden
noch viele Gesetze durch die Sinne entdeckt werden, aber das Prinzip
des Lebens als solches kann sich auf diese Weise niemals der Welt
enthullen, das kann nur mit den Mitteln der okkulten Erkenntnis
geschehen.
Deshalb erscheint uns das Leben als etwas, was hier auf Erden der
Wissenschaft unzuganglich ist. Und ebenso wie das Leben dem mensch-
lichen Wissen unzuganglich ist, so ist dies der Fall mit dem Tod dem
wahren Wissen gegenuber, welches in den iibersinnlichen Welten er-
langt wird. In dem ganzen Gebiet der iibersinnlichen Welten gibt es
keinen Tod. Man kann nur auf Erden sterben, in der physischen Welt
oder in den Welten, welche in der Entwickelung unserer Erde gleichen,
und alle die Wesenheiten, die hierarchisch hoher stehen als der Mensch,
haben keine Kenntnis vom Tode, sie kennen nur verscbiedene Be-
wuBtseinszustande. Ihr BewuBtsein kann zeitweise so herabgesetzt
sein, daB es unserem irdischen Schlafzustand ahnlich ist, aber es kann
aus diesem Schlaf wieder aufwachen. Es gibt keinen Tod in der
geistigen Welt, es gibt dort nur Verwandlung des BewuBtseins, und
die groBte Furcht, die der Mensch hat, die Todesfurcht, kann von ei-
nem, vor dem aufgestiegen ist die ubersinnliche Welt nach dem Tode,
nicht empfunden werden. In dem Augenblick, wo der Mensch durch
die Pforte des Todes geht, ist sein Zustand ein solcher intensiver Sen-
sibilitat, aber er kann nur entweder in einem klaren oder in einem ver-
dunkelten BewuBtseinszustand existieren, und es ware auBerst sonder-
bar, wenn man sich vorstellen wollte, daB ein Mensch in der iibersinn-
lichen Welt tot sein konnte.
Es gibt daher keinen Tod fiir die Wesen, die zu den hoheren Hier-
archien gehoren, mit nur einer einzigen Ausnahme, der des Christus.
Aber damit eine ubersinnliche Wesenheit wie der Christus durch den
Tod gehen konnte, muBte er erst auf die Erde herabsteigen. Und
dies ist es, was von so unermeBlicher Wichtigkeit in dem Mysterium
von Golgatha ist, daB eine Wesenheit, die in ihrem eigenen Reiche in
der Sphare ihres Willens niemals den Tod hatte erfahren konnen,
hat hinuntersteigen miissen auf die Erde, um eine Erfahmng durch-
zumachen, die dem Menschen eigen ist, namlich um den Tod zu er-
fahren. Dadurch wurde jenes innere Band, jenes tiefe innere Band
zwischen der Menschheit auf Erden und Christus gekniipft, indem
diese Wesenheit durch den Tod ging, um dieses Schicksal mit der
Menschheit zu teilen. Dieser Tod, wie ich schon betonte, ist von der
groBten Bedeutung hauptsachlich fur unsere jetzige Erdene volution.
Das, was sich damals wirklich ereignet hat fur unsere Erdenevolu-
tion, ist schon oft besprochen worden. Vor allem vereinigte sich ein
Wesen, einzig in seiner Art, welches bis dahin nur kosmisch war,
durch das Mysterium von Golgatha, durch den Tod des Christus,
mit der Erdenevolution. Es trat ein in die Evolution der Erde zur
Zeit des Mysteriums von Golgatha. Es war vorher nicht da. Es ge-
horte nur dem Kosmos an, aber durch das Mysterium von Golgatha
stieg es herunter aus dem Kosmos und verkorperte sich auf Erden.
Seitdem lebt es auf eine solche Weise auf Erden, ist so an die Erde
gebunden, daB es in den Seelen der Menschen auf Erden lebt und
mit ihnen das Leben auf Erden erfahrt. Daher war die ganze Zeit
vor dem Mysterium von Golgatha nur eine Zeit der Vorbereitung in
der Evolution der Erde. Das Mysterium von Golgatha gab der Erde
ihren Sinn.
Als das Mysterium von Golgatha stattfand, wurde der irdische
Korper des Jesus von Nazareth - wie wir ja aus den verschiedenen
Berichten wissen, die wir besitzen - den Elementen der Erde uber-
geben, und von der Zeit an war der Christus verbunden mit der
geistigen Sphare der Erde und lebt darin. Es ist, wie wir schon sagten,
auBerordentlich schwierig, das Mysterium von Golgatha zu beschrei-
ben, da wir keinen MaBstab haben, womit wir es vergleichen konnen,
aber wir wollen trotzdem versuchen, uns noch von einem anderen
Gesichtspunkt aus ihm zu nahern.
Christus lebte, wie wir wissen, drei Jahre nach der Taufe im Jordan
in dem Leibe des Jesus von Nazareth wie ein menschliches Wesen
unter den Menschen der Erde. Wir konnen dies die irdische Offen-
barung des Christus in einem physischen menschlichen Leibe nennen.
Wie offenbart sich dann der Christus seit der Zeit, da er in dem
Mysterium von Golgatha seinen physischen Korper ablegte?
Wir miissen uns natiirlich das Christus -Wesen als ein uberwalti-
gend hohes Wesen vorstellen, aber obgleich es so hoch erhaben ist,
war es ihm trotzdem moglich, sich wahrend der drei Jahre nach der
Johannestaufe im Jordan in einem menschlichen Leib zum Ausdruck
zu bringen. Aber wie offenbart es sich seit jener Zeit? Nicht mehr
im physischen menschlichen Leib, denn dieser wurde der physischen
Erde iibergeben und bildet jetzt einen Teil derselben. Denjenigen
nun, welche durch das Studium der okkulten Wissenschaft in sich
selbst die Moglichkeit entwickelt haben, in diese Verhaltnisse hinein-
zuschauen, wird es sich offenbaren, daB dieses Wesen wiedererkannt
werden kann in einem der Hierarchie der Engel angehorenden Wesen.
Ebenso wie sich der Erloser der Welt wahrend der drei Jahre nach
der Jordantaufe in einem menschlichen Leibe offenbarte, obgleich
dieses Christus -Wesen von so auBerordentlicher Hoheit war, so offen-
bart es sich seit jener Zeit in direkter Weise als ein Engelwesen, ein
geistiges Wesen, welches eine Stufe hoher steht als die Menschen-
wesen. Als ein solches konnte er stets gefunden werden von denen,
die hellsichtig waren; als ein solches war er stets mit der Evolution
verbunden. So wahr als der Christus, als er im Leibe des Jesus von
Nazareth inkarniert war, mehr als Mensch war, so ist das Christus-
Wesen mehr als Engel. Das ist nur seine auBere Gestalt. Aber in der
Tatsache, daB so, wie wir es beschrieben haben, ein machtiges, er-
habenes Wesen herunterstieg von den spirituellen Welten und drei
Jahre in einem menschlichen Leibe wohnte, ist auch die weitere Tat-
sache zum Ausdruck gebracht, daB dieses Wesen wahrend dieser Zeit
selbst in seiner Entwickelung um eine Stufe weitergeschritten ist.
Wenn solch ein Wesen solch eine Tat vollbringt, indem es eine
menschliche oder eine Engelform annimmt, so schreitet es selbst wei-
ter fort. Und damit haben wir den Fortschritt in der Entwickelung des
Christus-Jehova angedeutet, daB der Christus zu dem Zustand gelangt
ist, in dem er von jetzt ab sich selbst offenbart, nicht als ein mensch-
liches Wesen, nicht nur durch seine Spiegelung, durch sein zuriick-
geworfenes Licht, nicht nur durch den Namen des Jehova, sondern
unmittelbar. Und das ist der groBe Unterschied in all den Lehren
und all der Weisheit, welche seit dem Mysterium von Golgatha in
die Evolution der Erde gekommen sind, daB durch das Kommen des
Michael-Geistes auf die Erde, durch seine Inspiration die Menschheit
allmahlich anfangen konnte, alles das zu verstehen, was der Christus-
Impuls, was das Mysterium von Golgatha bedeutet. Aber zu jener Zeit
war Michael zunachst der Sendbote des Jehova, der die Spiegelung des
Christus-Glanzes ist, er war noch nicht der Sendbote des Christus selbst.
Michael inspirierte die Menschheit mehrere Jahrhunderte hindurch,
ungefahr fiinf hundert Jahre lang vor dem Mysterium von Golgatha,
wie schon in den alten Mysterien, von Plato und so weiter angegeben
wurde. Bald jedoch, nachdem das Mysterium von Golgatha statt-
gefunden und Christus sich mit der Evolution der Erde vereinigt
hatte, horte der unmittelbare EinfluB des Michael auf. Zu der Zeit, als
jene alten Dokumente, welche wir in der Form der Evangelien be-
sitzen, geschrieben wurden - wie ich es beschrieben habe in meinem
Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» ~, konnte Michael
selbst die Menschheit nicht mehr inspirieren, aber durch seine Ge-
fahrten unter den Erzengeln wurde sie so inspiriert, daB viel Seelen-
kraft unbewuBt durch Inspiration aufgenommen wurde.
Die Schreiber selbst hatten keine deutliche okkulte Erkenntnis,
denn die Inspiration des Michael ging zu Ende kurz nach dem Er-
eignis des Mysteriums von Golgatha. Die anderen Erzengel, die Ge-
fahrten des Michael, konnten die Menschheit nicht in der Weise in-
spirieren, um das Mysterium von Golgatha verstandlich zu machen.
Dies erklart die abweichenden Interpretationen der verschiedenen
christlichen Lehren. In diesen Lehren wurde viel durch die Gefahrten
des Michael inspiriert. Diese Lehren wurden nicht von Michael selbst
inspiriert, sondern stehen in demselben Verhaltnis zu seinen Inspi-
rationen wie die Planeten zu der machtigen Sonne.
Jetzt erst in unserer Zeit ist wieder ein solcher EinfluB da, eine
direkte Inspiration von Michael. Diese direkte Inspiration von Mi-
chael wurde seit dem 16.Jahrhundert vorbereitet. In jener Zeit war es
der Erzengel, der Michael am nachsten stand, welcher der Menschheit
die Inspiration gab, die zu der Vervollkommnung der Naturwissen-
schaft in unserer modernen Zeit fiihrte. Die Naturwissenschaft der
heutigen Zeit riihrt nicht von der Inspiration des Michael her, sondern
von einem seiner Gefahrten, Gabriel. Diese wissenschaftliche Inspira-
tion neigt dazu, eine Wissenschaft, eine Anschauung zu schaffen, die
nur fiir die materielle Welt Verstandnis gibt und mit dem physischen
Gehirn zusammenhangt.
Innerhalb der letzten paar Jahrzehnte hat Michael den Platz dieses
Inspirators der Wissenschaft wieder eingenommen, und in den nach-
sten paar Jahrhunderten wird Michael der Welt etwas geben, was in
einem spirituellen Sinne ebenso wichtig - ja noch wichtiger, weil
noch spiritueller -, unermeBlich viel wichtiger ist als die materielle
Wissenschaft, die von Stufe zu Stufe fortgeschritten ist seit dem
16. Jahrhundert. Geradeso wie sein Erzengelgefahrte ehemals der Welt
die Wissenschaft schenkte, so wird Michael uns in der Zukunft
spirituelle Erkenntnis geben, an deren erstem Anfang wir uns jetzt
befinden. Genauso wie Michael geschickt wurde als der Sendbote des
Jehova, der Spiegelung des Christus, fiinfhundert Jahre vor dem
Mysterium von Golgatha, um jener Ara ihren Stempel zu geben,
genauso wie er damals noch der Sendbote Jehovas war, so ist jetzt
fiir unsere Zeit Michael der Sendbote des Christus selbst geworden.
Genauso wie in den alten hebraischen Zeiten, welche eine unmittel-
bare Vorbereitung fiir das Mysterium von Golgatha waren, die alten
hebraischen Eingeweihten sich an Michael wenden konnten als an die
auBere OrTenbarung des Jahve oder Jehova, so sind wir jetzt in der
Lage, uns an Michael zu wenden, der vom Sendboten des Jehova nun
zum Sendboten des Christus geworden ist, um von ihm wahrend der
nachsten paar Jahrhunderte zunehmende spirituelle OrTenbarung zu
empfangen, welche uns immer mehr und mehr das Mysterium von
Golgatha enthullen wird. Das, was vor zweitausend Jahren stattfand,
aber was der Welt nur durch die verschiedenen christlichen Sekten
bekanntgemacht werden konnte, und des sen Tiefen erst im 20. Jahr-
hundert enthiillt werden konnen, wenn statt der Wissenschaft spiri-
tuelle Erkenntnis, die Gabe von Michael, sich geltend machen wird,
das ist es, was unsere Herzen mit unermeBlich tiefen Gefiihlen erfullen
sollte gegeniiber dem Spirituellen in unserer Zeit. Wir werden er-
fahren konnen, daB in den letzten paar Jahrzehnten ein Tor sich
geoffnet hat, durch welches uns Yerstandnis kommen kann.
Michael kann uns neues spirituelles Licht geben, das wir als eine
Umgestaltung jenes Lichtes betrachten konnen, das durch ihn zur
Zeit des Mysteriums von Golgatha gegeben wurde, und die Menschen
unserer Zeit diirfen sich in dieses Licht stellen. Wenn wir dies emp-
finden konnen, so konnen wir die ganze Bedeutung des neuen Zeit-
alters begreifen, welches gerade jetzt aus dem unsrigen hervorgeht.
Wir konnen das Aufdammern einer spirituellen OrTenbarung be-
merken, die in den nachsten paar Jahrhunderten in das Leben der
Menschheit auf Erden kommen soil. In der Tat, da die Menschheit
freier geworden ist als sie fruher war, werden wir durch unseren
eigenen Willen fahig sein, so fortzuschreiten, um diese OrTenbarung
empfangen zu konnen.
Wir wollen jetzt auf das Ereignis in den hoheren Welten hinweisen,
welches zu diesem veranderten Zustand gefuhrt hat, zu dieser Zeit
der Erneuerung des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir auf jene
Zeit zuriickschauen, so erinnern wir uns an das, was oft durch unsere
Seele gestromt sein mag, durch dasjenige, was sich damals bei der
Johannestaufe im Jordan ereignete, als Christus sich in einer mensch-
lichen Form ofTenbarte, die sichtbar war auf Erden unter den Men-
schen. Und welter wollen wir unsere Seele mit dem Gedanken er-
fiillen, wie Christus dann, was seine auBere Form anbetrifft, sich mit
der Hierarchie der Engel vereinigte und seit jener Zeit unsichtbar in
der Erde gelebt hat.
Erinnern wir uns an das, was gesagt worden ist, namlich, daB es
in den unsichtbaren Welten keinen Tod gibt. Christus selbst, dadurch,
daB er auf unsere Welt herunterstieg, ging durch einen Tod ahnlich
dem der Menschen. Als er wieder eine rein geistige Wesenheit wurde,
behielt er noch immer die Erinnerung an seinen Tod bei. Aber als
eine Wesenheit vom Range der Engel, in welcher er sich weiterhin
auBerlich ofTenbarte, konnte er nur eine Herabminderung des BewuBt-
seins erfahren.
Durch das, was seit dem 16. Jahrhundert notwendig geworden war
fur die Evolution der Erde, namlich der Triumph der Wissenschaft,
welche hdher und hdher steigt, trat in die ganze Evolution der
Menschheit etwas ein, was auch fur die unsichtbaren Welten von
Bedeutung ist. Mit dem Triumph der Wissenschaft kamen in die
Menschheit materialistische und agnostische Gefiihle von groBerer
Intensitat, als es bis dahin der Fall gewesen war. Auch friiher gab es
materialistische Tendenzen, aber es gab nicht diese Intensitat des Ma-
terialismus, wie sie sek dem 16. Jahrhundert vorherrschend geworden
war. Immer mehr und mehr nahmen die Menschen, wenn sie durch
die Pforte des Todes in die geistigen Welten eingingen, das Resultat
ihrer materialistischen Ideen auf Erden mit sich, so daB nach dem
16. Jahrhundert immer mehr und mehr Samen von irdischem Mate-
rialismus hinubergetragen wurden. Diese Samen entwickelten sich in
einer bestimmten Art und Weise.
Obwohl Christus in die alte hebraische Rasse kam und dort zu
seinem Tode gefuhrt wurde, erlitt dennoch das Engelwesen, welches
seitdem die auBere Form des Christus ist, im Laufe des 19.Jahr-
hunderts ein Ausloschen des BewuBtseins als das Resultat der geg-
nerischen materialistischen Krafte, die in die geistigen Welten
heraufgekommen waren, als das Ergebnis der materialistischen Men-
schenseelen, die durch die Pforte des Todes gingen. Und das Eintreten
von BewuBtlosigkeit in den geistigen Welten in der eben beschriebe-
nen Weise wird die Auferstehung des Christus-BewuBtseins in den
Seelen der Menschen auf Erden zwischen Geburt und Tod im 20. Jahr-
hundert werden. In gewissem Sinne kann man daher voraussagen, daB
vom 20. Jahrhundert an das, was der Menschheit verlorengegangen
ist an BewuBtsein, sicherlich wieder heraufsteigen wird fur das hell-
seherische Schauen. Anfangs nur wenige, dann eine immer wachsende
Anzahl von Wesen wird im 20. Jahrhundert fahig sein, dieErscheinung
des atherischen Christus, das heiBt Christus in der Gestalt eines Engels,
wahrzunehmen. Urn der Menschheit willen geschah das, was man eine
Zerstorung von BewuBtsein nennen kann, in den Welten, die un-
mittelbar iiber unserer irdischen Welt liegen, und in welchen der
Christus sichtbar gewesen ist in der Zeit zwischen dem Mysterium von
Golgatha und dem heutigen Tage.
Man kann sagen, daft zur Zeit des Mysteriums von Golgatha sich
in einem wenig bekannten Winkel von Palastina etwas ereignete, was
tatsachlich das groBte Ereignis war, welches jemals in der ganzen
Menschheit eintrat, aber von dem wenig Notiz genommen wurde von
den damaligen Menschen. Wenn so etwas stattfinden konnte, konnen
wir da erstaunt sein, wenn wir horen, was sich wahrend des 19.Jahr-
hunderts zutrug, als diejenigen, die seit dem 16. Jahrhundert durch die
Pforte des Todes gegangen sind, sich dem Christus entgegenstellten?
«Die Samen von irdischem Materialismus », die seit dem 16. Jahr-
hundert in die geistige Welt in immer groBerem MaBe von den durch
die Pforte des Todes schreitenden Seelen hinaufgetragen wurden und
immer mehr Dunkelheit bewirkten, bildeten die «schwarze Sphare des
Materialismus ». Diese schwarze Sphare wurde von Christus im Sinne
des manichaischen Prinzips in sein Wesen aufgenommen, urn sie um-
zuwandeln. Sie bewirkte in dem Engelwesen, in dem sich die Christus-
Wesenheit seit dem Mysterium von Golgatha offenbarte, den «geisti-
gen Erstickungstod». Dieses Opfer des Christus im 19. Jahrhundert
ist vergleichbar dem Opfer auf dem physischen Plan im Mysterium
von Golgatha und kann als die zweite Kreuzigung des Christus auf
dem Atherplan bezeichnet werden. Dieser geistige Erstickungstod, der
die Aufhebung des BewuBtseins jenes Engelwesens herbeifiihrte, ist
eine Wiederholung des Mysteriums von Golgatha in den Welten, die
unmittelbar hinter der unsrigen liegen, damit ein Wiederauf leben des
fniher verborgenen Christus-BewuBtseins in den Seelen der Menschen
auf Erden stattfinden kann. Dieses Wiederaufleben wird zum hell-
seherischen Schauen der Menschheit im 20. Jahrhundert.
So kann das Christus-BewuBtsein mit dem irdischen BewuBtsein der
Menschheit vom 20. Jahrhundert an vereinigt werden, denn das Er-
sterben des Christus-BewuBtseins in der Engelsphare im ^.Jahr-
hundert bedeutet das Auferstehen des unmittelbaren Christus-BewuBt-
seins in der Erdensphare, das heiBt, das Leben des Christus wird vom
20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen
gefiihlt werden als ein direktes personliches Erlebnis.
Genauso wie die wenigen Menschen, die in jenen Tagen die Zeichen
der Zeit lesen konnten, in der Lage waren, das Mysterium von Gol-
gatha so zu betrachten, daB sie erfassen konnten, wie diese groBe,
machtige Wesenheit aus den geistigen Welten herniederstieg, um auf
Erden zu leben und dutch den Tod zu gehen, damit durch seinen Tod
die Substanzen seines Wesens der Erde einverleibt werden konnten,
so konnen wir wahrnehmen, daB in ge wis sen Welten, die unmittelbar
hinter der unsrigen liegen, eine Art geistiger Tod, eine Aufhebung
des BewuBtseins stattfand und hiermit eine Wiederholung des Myste-
riums von Golgatha, damit ein Wiederauf leben des fruher verborge-
nen Christus-BewuBtseins in den Seelen der Menschen auf Erden statt-
nnden kann.
Seit dem Mysterium von Golgatha konnten viele Menschen den
Namen des Christus verkiinden, und von diesem 20.Jahrhundert an
wird es eine stetig wachsende Anzahl von solchen geben, die das "Wis-
sen von der Christus-Wesenheit mitteilen konnen, welches in der
Geisteswissenschaft gegeben wird. Sie werden ihn aus ihrer eigenen
Erfahrung heraus lehren, verkiinden konnen. Zweimal schon ist der
Christus gekreuzigt worden : das eine Mai physisch in der physischen
Welt im Anfang unseres Zei takers und ein zweites Mai im 19.Jahr-
hundert spirituell in der beschriebenen Weise. Man konnte sagen, die
Menschheit erlebte die Auferstehung seines Leibes in der damaligen
Zeit; sie wird die Auferstehung seines BewuBtseins vom 20.Jahr-
hundert an erleben.
Das, was ich nur in einigen Worten habe andeuten konnen, wird
allmahlich in die Menschenseelen eindringen, und der Vermittler, der
Sendbote wird Michael sein, der jetzt der Abgesandte des Christus ist.
So wie er fruher die Seelen der Menschen leitete, damit sie das Hin-
lenken seines Lebens vom Himmel zur Erde verstehen konnten, so
bereitet er jetzt die Menschheit vor, damit sie fahig werde, das Hin-
lenken des Christus-BewuBtseins aus dem Zustand des UnbewuBten
in den Zustand des BewuBten zu erleben. Und genauso wie zur Zeit
des Erdenlebens des Christus die groBere Anzahl seiner Zeitgenossen
unfahig war zu glauben, welch machtiges Ereignis sich in der Erden-
evolution zugetragen hatte, so strebt in unserer Zeit die AuBenwelt
danach, die Macht des Materialismus zu vergroBern, und wird auf
lange Zeit hinaus fortfahren, das, was wir heute besprochen haben,
als Phantasie, Traumerei, vielleicht auch als Torheit anzusehen. Und so
wird sie auch diese Wahrheit iiber Michael ansehen, der in der jetzigen
Zeit anfangt, den Christus von neuem zu offenbaren. Trotzdem wer-
den viele Menschen das erkennen, was jetzt beginnt wie eine Morgen-
rote aufzugehen und was sich wahrend der kommenden Jahrhunderte
in die menschlichen Seelen wie eine Sonne ergieBen wird, denn Mi-
chael kann stets mit einer Sonne verglichen werden. Und wenn auch
viele Menschen diese neue Michael-Offenbarung nicht anerkennen
werden, so wird sie sich trotzdem iiber die Menschheit ausbreiten.
Das ist es, was heute gesagt werden kann iiber die Beziehung des
Mysteriums von Golgatha, welches sich im Anfang unserer Zeit-
rechnung ereignete, zu dem Mysterium von Golgatha, wie es heute
verstanden werden kann. Machen wir uns diese Gefuhle zu eigen,
indem wir erkennen, daft wir nur so wahre Geisteswissenschafter
werden konnen. Von Zeit zu Zeit werden andere Offenbarungen
kommen, fur die wir unseren Sinn offenhalten mussen. Sollten wir
nicht empfinden, daB es ganz besonders egoistisch sein wurde, diese
Gefuhle ausschlieBlich zu unserer eigenen Genugtuung zu haben?
Fuhlen wir doch lieber, daB es unsere ernste Pflicht ist, wie wir sie
durch die Geisteswissenschaft erkannt haben, uns zu bereitwilligen
Werkzeugen fur solche Offenbarung zu machen. Und obgleich wir
nur eine kleine Gesellschaft sind in der ganzen Menschheit, die sich
bemuht, diese neue Wahrheit vom Mysterium von Golgatha zu ver-
stehen, diese neue OfFenbarung des Michael zu erfassen, so bauen
wir trotzdem eine neue Kraft auf, die nicht im geringsten von unserem
Glauben an diese Offenbarung abhangt, sondern die einzig und allein
von dieser Offenbarung selbst, von der Wahrheit selbst abhangt.
Dann werden wir ganz ruhig erkennen, daB nur einzelne von uns
dazu vorbereitet sind, der Welt folgendes zu erklaren, soweit sie es
hdren will: Von jetzt ab gibt es eine neue OfFenbarung des Christus.
Wir wollen bereit sein, sie anzuerkennen, wir wollen zu jenem kleinen
Kreis gehoren, der dazu helfen will, damit sie groBer, dauernd werde,
wir wollen auf die innere Kraft einer solchen Offenbarung bauen, so
daB sie sich unter der iibrigen Menschheit ausbreiten moge, denn diese
Erkenntnis wird allmahlich alien zuteil werden.
Dies ist es, was wir Weisheit nennen, was manche Torheit nennen
mogen. Um fest dazustehen, brauchen wir uns nur heute daran zu
erinnern, daB diese jetzige Zeit diejenige der zweiten Michael-Offen-
barung ist, und auch daran, was von einem der alten Eingeweihten
gesagt wurde zur Zeit der ersten Michael-Offenbarung : Was den
Menschen oft als Torheit erscheint, ist vor Gott Weisheit.
Versuchen wir heute, Kraft fur uns selbst aus solchen Gefuhlen,
aus solcher geistigen Erkenntnis zu ziehen, die in vieler Beziehung
der auBeren Welt als Torheit erscheinen muB. Fassen wir den Mut,
anzuerkennen, daB dasjenige, was fur die, die sich nur auf die Sinne
verlassen, als Torheit erscheint, fur uns Weisheit und Licht sein kann
und ein klareres Verstandnis der iibersinnlichen, geistigen Welten, zu
denen wir mit der ganzen Kraft unserer Seelen und unserer Ober-
zeugung streben wollen.
DER MICHAEL-IMPULS
UND DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA
Stuttgart, 18. Mai 1913
Erster Vortrag
Bei meiner letzten Anwesenheit hier unter Ihnen konnte ich Ihnen in
zwei Betrachtungen einiges darlegen iiber das Leben zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt. Dazumal war also der Gesichtspunkt
gewahlt worden, die ganze Wichtigkeit und Bedeutung einer Er-
kenntnis des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt ins Auge zu
fassen, weil die Krafte und Wesenheiten, mit denen der Mensch da
zusammenkommt, auch hereinragen in unser Leben, das verlauft zwi-
schen Geburt und Tod.
Heute soil zunachst von mancherlei die Rede sein, welches uns die
groBe Mission der anthroposophischen Weltanschauung aus dem gan-
zen Charakter unserer gegenwartigen Kulturepoche vor Augen fuhren
kann, Wir stehen in der Tat - ich habe das ofter betont und davon
eingehender gesprochen - in einem wichtigen Abschnitt der mensch-
lichen Erdenentwickelung, und ich habe offers betont, daB, wenn man
ja bei oberflachlicher Betrachtung der Menschheitsevolution der Erde
gar oftmals jedes Zeitalter ein Ubergangszeitalter nennt, so muB man
von einem gewissen Gesichtspunkte aus unser Zeitalter vielleicht nicht
gerade ein Ubergangszeitalter, aber ein bedeutungsvolles Zeitalter fur
die ganze Entwickelung der Menschheit nennen.
Ein erster Gesichtspunkt, den ich heute vor Sie hinstellen will, ist
der, den ich oft schon erwahnt habe, daB Anthroposophie, von der
wir wissen, daB sie heute in das menschliche Kulturleben durch Not-
wendigkeiten der Erdenentwickelung sich hineinleben muB, daB
Anthroposophie, wenn auch ihre Ergebnisse nur erforscht werden
konnen von der geschulten Seele des Geistesforschers, doch von jeder
Menschenseele, die nur will, die nur Unbefangenheit genug der Sache
entgegenbringt, verstanden werden, begriffen werden kann.
Da kann natiirlich gleich eingewendet werden : Ja, aber es gibt doch
nur wenige Menschen, die das BewuBtsein haben, daB ihnen wahr zu
sein scheint das, wovon die Anthroposophie spricht. Und die Mehr-
zahl der Menschen betrachtet das, was von der Geisteswissenschaft,
der Geistesforschung kommt, als Phantasterei, als Traumerei, wenn
nicht gar noch - nun wir haben ja gestern gehort - als eine der sieben
Sekten des Verderbens.
Was liegt da eigentlich zugrunde? Kann gegeniiber der Tatsache,
daB noch eine iiberaus groBe Menge Menschen der Gegenwart sich
findet, die sagen : Ja, wir konnen Anthroposophie nicht verstehen, sie
erscheint uns eben als Phantasterei, - kann demgegeniiber aufrecht-
erhalten werden die Behauptung, daB diese Wahrheit, die von weni-
gen verstanden wird, doch far den unbefangenen Menschensinn er-
kennbar ist?
Ich habe in dem gestrigen offentlichen Vortrage auseinandergesetzt,
wodurch man zu iibersinnlichen Erkenntnissen kommen kann, daB
man gewisse Krafte der Seele frei machen kann von ihrem Eingreifen
in das Leibliche. Ich habe erwahnt, wie die Denk-, Sprach- und Wil-
lenskrafte frei werden konnen, sich emanzipieren konnen vom Kor-
perlichen, so daB sie rein im Seelischen, im Geist-Seelischen wirken
konnen, und daB sie dann die Krafte sind, welche sich eben ausbilden
durch Meditation, Konzentration und Kontemplation, die dann ein-
dringen in die iibersinnlichen Welten. Alle die Krafte, die befahigen,
einzudringen in die iibersinnlichen Welten, kommen davon, daB der
Mensch seine Seele loslosen kann von alledem, womit der Mensch im
Leiblichen verbunden ist. Also in den Erkenntniskraften, mit denen
die iibersinnlichen Welten erforscht werden konnen, haben wir es mit
leibfreien Seelenkraften zu tun.
Nun gibt es aber im ganz alltaglichen Leben eine Seelenkraft, welche
in einer gewissen Weise schon in sich hat, was mit den anderen See-
lenkraften angestrebt wird bei der Geistesforschung, und diese Seelen-
kraft ist die Denkkraft, wie sie sich auBert im gewohnlichen, unbefan-
genen, gesunden Menschenverstand. Diese gewdhnliche Denkkraft
namlich, sie kann unter gewissen Voraussetzungen, ohne daB sie wei-
ter entwickelt wird, selber schon als etwas Leibfreies sich darstellen.
Mit diesem Denken hat es namlich folgende Bewandtnis. Dieses
Denken, das also jede Seele heute in sich als eine Kraft haben kann,
hat gewissermaBen zwei Gesichter, ist ein Januskopf. Dieses Denken
ist entweder vom Gehirn abhangig, bringt nur dasjenige als Gedanken
zum BewuBtsein, was sich im Gehirn, im Nervensystem spiegelt. Dann
ist dieses Denken mehr passiv, ist ein solches Denken, das sich an-
lehnen will an das Instrument des Gehirns. Oder aber dieses Denken
kann sich schon einfach - ohne irgendwelche Meditation - durch
inneres Aufraffen, dadurch daB es seiner selbst in seiner wahren Wesen-
heit sich bewuBt wird, daB es sich losreiBen will von der Anlehnung
an das Gehirn, freimachen: dann ist es ein mehr aktives Denken.
Beides sind Seiten des gesunden menschlichen Denkens, wie es heute
jede Seele haben kann. Denken ist in jeder Seele, aber es kann in
zweifacher Weise benutzt werden. Zunachst so : der Mensch kann sich
in sich selber erkraften, kann in sich selber Gedanken pragen. Dann
ist dieses Denken in seiner Aktivitat so, daB es voll entgegenkommt
allem, selbst den scheinbar gewagtesten Behauptungen der Geistes-
forschung, Wenn aber dieses Denken sich nicht erkraften will, nicht
in seiner Aktivitat sich erfassen will, dann muB es sich anlehnen an
das Instrument des Denkens, das Gehirn, dann bringt es iiberhaupt
nur Gedanken hervor, die mit dem Instrument des Gehirns erfaBt
werden, dann denkt der Mensch nicht aktiv, dann denkt er passiv.
Wichtiger fast als jede andere - allerdings nicht fur die unmittel-
bare Gegenwart, sondern fur die Zukunft - ist die Einteilung in aktive
Denker und passive Denker. Diejenigen, die etwas von selbstandigem,
innerlich freiem Denken in sich erkraften, die aktiv denken konnen,
werden schon durch den Trieb dieses Denkens herzugedrangt zu der
geisteswissenschaftlichen Forschung. Diejenigen, die nicht tatig den-
ken wollen, sondern nur in Abhangigkeit vom Gehirn, werden sagen,
die anthroposophische Forschung ist Phantasterei, weil sie keinen Be-
grifF haben von dem, was in einem freien Denken erfaBt werden kann,
weil sie hingegeben sein wollen an das Instrument des Gehirns. So daB
man sagen kann, daB sie nicht in sich selbst denken wollen, nur in sich
fur sich selber denken lassen.
Gerade unter diesem Gesichtspunkte ist die Anhangerschaft, das
Verhalten gegeniiber der anthroposophischen Weltanschauung heute
im Grunde genommen eine Sache der inneren Emsigkeit, des inneren
Erkraftens oder der inneren Bequemlichkeit, der inneren Faulheit. Das
Denken, das emsig sein will, sich innerlich erkraften will, das begreift
die Ergebnisse der Geisteswissenschaft; das Denken, das sich der
Kriicke bedienen will, des Instruments, das bloB im Spiegelbild des
Gehirns sich die Gedanken zum BewuGtsein bringen will, das ist be-
quem, das will in sich nur denken lassen, das wird die anthroposophi-
sche Forschung aus Bequemlichkeit ablehnen miissen. Und alle Philo-
sophien und alle Schreibereien, welche in die Welt hinauslaufen und
scheinbar wissenschaftlichen und geistvollen Charakter annehmen und
sagen, daB man nicht begreifen konne, was anthroposophische For-
schung zustande bringen kann, das beruht auf einer zunachst unbe-
wuBten, aber tief innerlichen Bequemlichkeit des menschlichen Den-
kens, das nicht aktiv werden, sondern passiv bleiben will. Bequem ist
die Anhangerschaft zur anthroposophischen Weltanschauung nicht.
Das ist im Grunde genommen die Wahrheit iiber die Sache. Und
wenn Sie in Versammlungen kommen, die sich ja heute nicht mehr
materialistisch nennen, die sich monistisch vieileicht nennen und die
sich auslassen iiber die « Phantastereien » der Geisteswissenschaft, so
liegt da manches andere zugrunde, als was in diesen Versammlungen
gesprochen wird. Da liegt zugrunde das Unvermogen, zum aktiven
Denken fortzuschreiten, da liegt ferner die AnmaBung zugrunde -
weil man selber sich nicht zum aktiven Denken aufraffen will -, die
Bequemlichkeit des passiven Denkens zum obersten Grundsatz der
menschlichen Forschung zu machen.
Bequemlichkeit im Gebrauch von Seelenkraften fiihrt ja schon im
gewohnlichen Leben zuweilen zu etwas, was offer zu beobachten ist.
Wenn jemand sich diese oder jene Rede anhoren will und zu bequem
ist, mit den Ausfiihrungen mitzugehen, schlaft er nach und nach ein
und verschlaft dasjenige, was eigentlich in seiner Absicht war zu er-
fahren, vieileicht auch nicht in seiner Absicht war zu erfahren. Mit
einem solchen Verschlafen eines notwendigen Entwickelungsimpulses
der Menschheit wird man es zu tun haben bei alien denjenigen, die
sich nicht aufraffen konnen zu einem aktiven Denken in der Gegen-
wart und der nachsten Zukunft. Verschlafen wird man ein Allerwich-
tigstes. Denn, wenn auch diese oder jene Menschen nichts davon wis-
sen wollen, hinter dem, was sich abspielt in unserer Sinnenwelt, liegen
die iibersinnlichen Wesenskrafte, ubersinnliche Vorgange. Deshalb,
weil ein Teil der Menschheit verschlafen will, was eigentlich geschieht,
werden sich doch die iibersinnlichen Vorgange abspielen. Mit wich-
tigen iibersinnlichen Vorgangen haben wir es in unserer gegenwarti-
gen Epoche zu tun ! Und alle sinnlichen Vorgange sind die auBeren
Ausgestaltungen von iibersinnlichen Vorgangen. Wenn wir sozusagen
den Schleier durchschauen, in welchem sich alle sinnlichen Vorgange
der Entwickelung unserer Epoche darbieten, dann kommen wir hinter
diesen Schleier zu den iibersinnlichen Vorgangen. Und um sie, die
iibersinnlichen Vorgange, zu charakterisieren, die jetzt gerade wichtig
sind, wollen wir uns daran erinnern, daB alles Leben im Weltenall
auf einer sich steigernden Entwickelung beruht.
Verfolgen wir den Entwickelungsweg des Menschen, so finden wir
ihn zunachst, seiner ersten Anlage nach, in der alten Saturnzeit. Wir
finden ihn dann mit einem neuen Element durchsetzt in der alten
Sonnenzeit, noch weiter ausgebildet in der alten Mondenzeit und mit
dem vierten Element, dem Ich, in der Erdenzeit. Und wir wis sen ja,
daB seine Seelenkrafte in der Jupiterzeit eine solche Gestaltung an-
nehmen werden, daB er sich mit den Wesenheiten der Hierarchie der
Angeloi vergleichen laBt.
So wie nun der Mensch in seiner Entwickelung fortschreitet und
hinaufsteigt, so schreiten aber auch die anderen Wesenheiten der ein-
zelnen Hierarchien von niederen Stufen zu hoheren Stufen. Nicht nur
die menschliche Hierarchie unterliegt einer solchen sich noch steigern-
den Entwickelung, sondern auch die iiber den Menschen stehenden
Hierarchien.
Nehmen wir unter diesen Hierarchien die eine, zwei Stufen hoher-
stehende als der Mensch, die Hierarchie der Archangeloi, der Erzengel.
Nun habe ich schon gestern gesagt, man nimmt es heute im allgemei-
nen von mancher verstandigen Seite nicht iibel, wenn man vom Geist
im allgemeinen redet. Wenn man aber eingeht auf Klassen, Ordnungen,
Individuen, wie man es doch bei Pflanzen, Tieren und anderen Be-
reichen in der Naturwissenschaft tut, dann nimmt es der heutige Kul-
turmensch sehr iibel. Dennoch muB man es, wenn man es im Kon-
kreten mit der geistigen Welt zu tun haben will.
Wenn Sie jenen Vortragszyklus, den ich in Kristiania gehalten habe
iiber die Entwickelung von Volksstammen, in die Hand nehmen, so
sehen Sie, daB die Entwickelung von Volksstammen mit der Hier-
archie der Erzengel zusammenhangt. Die aufeinanderfolgenden Epo-
chen unterstehen den Urkraften, den Archai, den Geistern der Per-
sonlichkeit.
Wenn wir nun die wichtigsten Wesenheiten aus der Reihe der Arch-
angeloi nehmen, so haben wir Namen, die uns auch sonst begegnen,
die wir auch gebrauchen konnen wie andere Namen : Raphael, Gabriel,
Michael und so weiter.
Diese Wesenheiten konnen wir mit solchen Namen benennen, denn
der Name ist ja gar nicht das Wesentliche. Wir benennen sie, wie wir
eben andere Dinge auch mit Namen nennen. Sie spielen eine gewisse
Rolle in dem, was wir als Tatsachen der ubersinnlichen Entwickelung
finden. Von dieser ubersinnlichen Entwickelung ist aber unsere sinn-
liche Entwickelung abhangig.
Wir konnen tatsachlich ganz gut geisteswissenschaftlich unterschei-
den zwischen den einzelnen Wesenheiten aus der Hierarchie der Arch-
angeloi. Nicht abstrakt durch bloBes Namen-Hinpfahlen, sondern
wir konnen unterscheiden so, daB wir die hauptsachlichsten Kultur-
impulse, die sich auBerlich in der sinnlichen Welt auf einem Fleck der
Erde zum Beispiel in den ersten christlichen Jahrhunderten ergeben,
von einer anderen Wesenheit beherrscht sehen als die, welche die
hauptsachlichsten Kulturimpulse bei den leitenden Volkern, sagen
wir im 12. und 13. Jahrhundert, beherrschte, und die, welche unsere
Kulturentwickelung beherrscht.
Bleiben wir zunachst bei dem, was fur unsere Kulturentwickelung
in Betracht kommt. Da haben wir deutlich zu unterscheiden zwischen
dem Charakter desjenigen Zeitalters, das etwa im 15., 16. Jahrhundert
begonnen hat, das seine hauptsachliche Signatur hat von dem Auf-
kommen der neuen Naturwissenschaften, das die Naturwissenschaften
bis zu jener GrdBe gebracht hat, die uns im 19. Jahrhundert entgegen-
tritt und die nicht genug bewundert werden kann.
Wenn man diese Jahrhunderte der naturwissenschaftlichen Arbeit
der gesamten Menschheit ins Auge faBt, dann muB man sagen, sie ist
gefiihrt worden von gewissen Volkerschaften, die gelenkt wurden aus
der ubersinnlichen Welt heraus von einem ganz bestimmten Wesen
aus der Hierarchie der Archangeloi, und dieses Wesen unterscheidet
sich ganz genau von dem Wesen, das jetzt unsere beginnende geistige
Kulturepoche von der ubersinnlichen Welt aus leitet. Wenn man
Namen, die im Abendland gebrauchlich geworden sind, fiir diese lei-
tenden Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi geben will,
kann man sagen: Seit der Christus-Zeit her waren verschiedene Wesen-
heiten leitend fiir die fortschreitende Kultur. Ohne auf diese Namen
pochen zu wollen, will kh eben die Namen einer Reihe von Wesen-
heiten aus der Hierarchie der Erzengel aufzahlen, wie man Namen von
Menschen nennt, die an irgend etwas teilhaben auf dem physischen
Plan, einer Reihe von Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi,
die beherrscht haben die fortschreitende Kultur : Oriphiel, Anael, Za-
chariel, Raphael, Samael, Gabriel, Michael.
Gabriel war der leitende Geist in derjenigen Kulturperiode, die
eben abgelaufen ist fiir die geistige Welt mit dem letzten Drittel des
19.Jahrhunderts. Denn in der Tat beginnt mit diesem letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts - und dies wird immer mehr hervortreten - eine
Epoche, in welcher ganz andere Einfliisse und Impulse aus der uber-
sinnlichen Welt in die sinnliche hineinstromen. Wahrend in der ver-
flossenen Epoche die Menschenseelen vorzugsweise hingerichtet wa-
ren auf das, was die Sinne schauen, der Verstand begreifen kann, wer-
den die Menschen der kommenden Zeit, welche die fortschreitende
Entwickelung nicht verschlafen wollen, vorzugsweise zu beachten ha-
ben, wie immer mehr ubersinnliche Weisheit und Erkenntnisse herein-
dringen werden aus den ubersinnlichen Welten in die irdische sinn-
liche Entwickelung.
Wenn man auBerlich charakterisieren will, konnte man sagen : In der
abgelaufenen Epoche hatten die ubersinnlichen Wesen genug damit
zu tun, die Inspirationen, die Intuitionen, die hereinflieBen konnen
aus den ubersinnlichen Welten, moglichst abzuhalten von dem physi-
schen Leben. Es hatten die Hierarchien damit zu tun, daB sie nicht
hineinflieBen konnten in die Seelen.
Von jetzt an werden die ubersinnlichen Krafte so gelenkt und ge-
leitet von der ubersinnlichen Welt aus, daB moglichst viele Inspira-
tionen und Intuitionen hineinflieBen konnen in die Menschenseele, so
daB ein Wis sen von Imagination, Inspiration, Intuition die Menschen-
seele wird ergreifen konnen. So bar alien inspirierten Wesens, aller
Erkenntnisse des Geistigen das abgelaufene Zeitalter war, so erfullt
von inspiriertem, von intuitivem Wesen werden die wirklich leben-
digen Kulturimpulse der folgenden Zeit sein.
Unmoglich ware es gewesen, vor funfzig Jahren dasjenige zu Men-
schen zu sprechen, was durch den notwendigen Gang der Welten-
entwickelung heute zu Ihnen gesprochen werden kann, weil es damals
unmoglich gewesen ware, unmktelbar aus den geistigen Welten diese
Dinge herunter zu bekommen. Das Tor ist erst jetzt geoffhet worden.
Und wie die verflossenen Zeiten am giinstigsten fur die Verstandes-
entwickelung waren, so wird die nachste Zeit am giinstigsten sein fur
die Entwickelung der Inspiration und Intuition.
Hart aneinander stoBen zwei Zeitalter: Eines, das abgeneigt war
aller Inspiration, und eines, in dem zwar machtige Krafte mit alien
Mitteln ankampfen werden gegen alle Inspiration, in dem aber die
Moglichkeit sein wird, die Inspiration aufzunehmen, sie zum Ton-
angebenden zu machen in den Menschenseelen.
Und wenn wir in die Sache weiter hineinschauen, so entdecken wir,
daB die ubersinnlichen Krafte, die nicht unmittelbar hineinflieBen
konnten in die Menschenseelen im abgelaufenen Zeitalter, nicht etwa
untatig waren. Das, was eine auBere Physiologie nicht konstatieren
kann, ist doch Wahrheit : Im Zeitalter des Gabriel ist auch gearbeitet
worden von der ubersinnlichen Welt aus in die sinnliche hinein. Diese
Arbeit ist geleistet worden am physischen Leib des Menschen. Inner-
halb des Vorderhirns entstanden in dieser Zeit feine Strukturen, die
nach und nach durch das Gabriel-Regiment in die menschliche Gene-
ration eingepflanzt worden sind, wodurch die Menschen zum groBen
Teil mit solchem Gehirn geboren werden, welches andere, feinere
Strukturen hier am Vorderhirn hat, als es bei den Menschen des 12.
und 13. Jahrhunderts noch der Fall war.
Das war die Aufgabe des Zeitalters, in dem die Menschen den Sinn
lenkten auf das Physisch- Sinnliche, abgeschlossen waren gegen das
Inspirierte, daft in die Leiblichkeit hinein sich die Impulse der iiber-
sinnlichen Welt ergossen und diese feine Struktur im Gehirn aus-
bildeten.
Und immer mehr und mehr wird diese Struktur da sein bei denen,
die jetzt sich fahig fiihlen werden, zum aktiven Denken und zum Ver-
stehen der Geisteswissenschaft fortzuschreiten. Und dann werden in
unserer Epoche, in derjenigen Epoche, an deren Anfang wir eigentlich
erst stehen, die ubersinnlichen Krafte nicht verbraucht, um Strukturen
im Gehirn zu bilden, sondern um unmittelbar in die Seelen einzu-
flieBen, durch Imagination und Inspiration zu wirken, einzuflieBen in
die menschlichen Seelen. Das ist das Michael-Regiment.
So unterscheiden sich zwei Wesenheiten in der Reihenfolge der
Archangeloi dadurch, daB der eine, Gabriel, der geleitet hat den Men-
schen unmittelbar vor unserem Zeitalter, gearbeitet hat an der feineren
Ausbildung des Gehirns, und daB derjenige, der nun beginnt zu ar-
beiten, nicht die Aufgabe hat, ein menschliches Organ umzugestalten,
sondern einzupflanzen in die menschlichen Seelen Verstandnis fur die
spirituelle Wissenschaft. So grenzen wir voneinander ab die Wesen-
heiten, welche der Hierarchie der Archangeloi angehoren.
An diesen zwei Beispielen versuchte ich, Ihnen gleichsam konkrete
Eigenschaften, Charaktereigenschaften dieser beiden Wesenheiten hin-
zustellen. Nicht mit Namen wollen wir uns begniigen; denn, wie wir
nichts wis sen von einem Menschen, wenn wir nur wis sen, daB er
Muller heiBt, so wissen wir auch nicht viel von Gabriel, wenn wir
nur seinen Namen wissen. Aber dann wissen wir etwas von einem
Menschen, wenn wir angeben konnen, er ist ein mitleidsvoller Mensch,
er hat dies oder jenes getan. So wissen wir auch etwas von einer iiber-
sinnlichen Wesenheit, wenn wir sagen konnen, daB sie Krafte ein-
flieBen lieB in den physischen Menschenleib, die Krafte, die gewisse
Strukturen im Vorderhirn haben entstehen lassen durch die mensch-
liche Fortpflanzungskraft. Und wir charakterisieren den Geist, die
Wesenheit, die auf ihn folgt, richtig, wenn wir aufweisen seine Tatig-
keit im Erreichen des Verstandnisses fur die inspirierten, intuitiven
Wahrheiten. Nicht so sehr fur den Geistesforscher, den Initiierten
selbst, sondern fur diejenigen, die verstehen wollen die Geistesfor-
schung, die zu aktivem Denken iibergehen wollen, wirkt Michael,
wenn die Krafte des aktiven Denkens immer mehr in der Menschheit
sich ansammeln in den folgenden Jahrhunderten.
Dieser Ubergang ist noch in anderer Beziehung ein wichtiger. Durch
dasjenige, was da geschehen ist, bildet sich immer mehr eine Mensch-
heit heran, die durch ihre Organisation in der Lage ist, gedachtnis-
maBig in zukiinftigen Inkarnationen wirklich zuriickzuschauen auf
fruhere Inkarnationen. Aber die Menschheit muB sich in diese Lage
erst versetzen.
Man kann sich nicht an etwas erinnern, an das man niemals gedacht
hat. Wenn man abends gedankenlos seine Manschetten ausgezogen
hat und gedankenlos die Knopfe hinlegt, so kann man sie am andern
Morgen nicht finden, weil man nicht daran gedacht hat. Wenn man
den Gedanken gefaBt hat, sich das Bild der Umgebung von den
Knopfen, die man abgelegt hat, einzupragen, wird man am nachsten
Morgen schnurstracks zu dem Platze hingehen, wo man sie hingelegt
hat.
So wie das fur das gewohnliche Leben gilt in bezug auf das Erinne-
rungsvermogen, so sollte es auch begrifTen werden fur den groBen
Horizont in bezug auf fruhere Erdenleben. An das innerste Wesen
der Seele miissen wir uns zuerst erinnern, an das, was wirklich hin-
ubergeht in das Wesen der Seele. Aber dazu miissen wir dieses innerste
Wesen zuerst erfaBt haben. Das konnen wir nur durch okkulte
Schulung. Wenn man sich nicht bemiiht hat, den Gedanken des Wesens
der Seele zu haben in der friiheren Inkarnation, so kann man sich auch
nicht daran zuriickerinnern, mag man noch so gut organisiert sein.
Organisiert zur Ruckerinnerung werden die Menschen sein, aber sie
werden diese Organisation zunachst als Krankheit empfinden, als Ner-
vositat, als einen furchtbaren Zustand, wenn sie sie nicht gebrauchen
konnen. Denn sie werden organisiert sein, um sich zuriickzuerinnern,
aber sie haben nichts, woran sie sich erinnern konnen. Wenn der
Mensch Eindriicke hat, die er nicht verwerten, Organe in sich hat,
die er nicht gebrauchen kann, dann erkrankt er.
Dem gehen wir entgegen, daB die Menschen in den folgenden Zeit-
altern dazu organisiert sein werden, sich zuriickzuerinnern an fruhere
Efdenleben, daB aber nur diejenigen sich erinnem konnen, die etwas
zum Erinnern haben, die also das Menschenseelenwesen in seiner
Eigenart als Glied der geistigen Welt durch okkulte Schulung erkannt
haben. In jedem Leben, das auf ein solches folgt, in dem man die
Seele als Geistwesen erkannt hat, kommt die Riickerinnerung an fru-
here Erdenleben.
So stehen wir an einem wichtigen Wendepunkt. Geisteswissenschaft
verstehen, heiBt im Grunde nichts anderes, als ein Gefuhl haben fur
diesen Wendepunkt in unserer Zeit.
Nun sind nicht alle Wesenheiten, die der Hierarchie der Archangeloi
angehoren, gleich geartet, gleich im Rang. Wenn wir von der Hier-
archie der Archangeloi sprechen, kann man sagen, die losen sich zwar
so ab, wie ich gesagt habe. Aber der hochste im Range, gleichsam
der Oberste ist derjenige, der in unserem Zeitalter die Herrschaft zu
ftihren beginnt, ist Michael. Er ist einer aus der Reihe der Archangeloi,
aber er ist gewissermaBen der Fortgeschrittenste. Nun gibt es eine
Entwickelung, und die Entwickelung umfaBt alle Wesen. Alle Wesen
sind in einer sich steigernden Entwickelung, und wir leben in dem
Zeitalter, wo Michael, der Oberste von der Natur der Archangeloi,
iibergeht in die Natur der Archai. Er wird allmahlich iibergehen in
eine leitende Stellung, wird eine leitende Wesenheit, wird Zeitgeist,
leitende Wesenheit fur die ganze Menschheit.
Das ist das Bedeutsame, das ist das ungeheuer Wichtige unseres
Zeitalters, daB wir begreifen, daB das, was in alien vorhergehenden
Epochen noch nicht da war, fur die ganze Menschheit nicht da war,
nun sein kann, werden muB ein Gut fur die ganze Menschheit. Was
bisher bei einzelnen Volkern auftrat - spirituelle Vertiefung -, kann
nun etwas sein fur die gesamte Menschheit.
Und wenn wir so hinweisen auf dasjenige, was hinter der Sinnen-
welt geschieht, so konnen wir auch hinweisen auf das, was sich in der
Sinnenwelt abspielt als ein auBerer Ausdruck dessen, was eben ge-
schildert worden ist: daB gleichsam eine Erhohung des Erzengels
Michael sich abspielt hinter der sinnlichen Welt.
Bisher hat der Mensch eine Personlichkeit sein konnen; in Zukunft
wird er auch eine Personlichkeit sein konnen, aber in einer anderen
Weise als es bis in unser Zeitalter moglich gewesen ist. Der Mensch
hat gewissermaBen immer teilgenommen an den iibersinnlichen Wel-
ten, hat es wenigstens konnen mit seinem Seelenleben. Aber die per-
sonliche Note, die personliche Farbung, die der Mensch dargelebt hat
in dieser Sinnenwelt, kam nicht von oben herunter, sondern von un-
ten herauf, sie kam von Luzifer . Luzifer hat die Personlichkeit ge-
macht. Daher konnte man bisher sagen : Der Mensch kann mit seiner
Personlichkeit nicht eindringen in die ubersinnliche Welt, kann seine
Personlichkeit nicht hineinbringen in die geistige Welt, er muB seine
Personlichkeit ausloschen, sonst verunreinigt er die geistige Welt.
In Zukunft obliegt dem Menschen, daB er die Personlichkeit in-
spiriert werden laBt von oben, auf daB sie aufnehmen konne, was da
ausflieBen soli aus der geistigen Welt. Ihre Note bekommt die Person-
lichkeit durch das, was sie an spirituellen Erkenntnissen aufzunehmen
vermag, die Personlichkeit wird etwas ganz anderes werden in zukiinf-
tigen Zeiten. GewissermaBen durch das, wodurch er abgewichen ist
vom Geistigen, was ihm von dem Leibe aufgedriickt wird, war der
Mensch friiher eine Personlichkeit, in Zukunft wird er eine Personlich-
keit sein miissen durch dasjenige, was er aus der spirituellen Welt in
sich zu verarbeiten, in sich aufzunehmen vermag.
Durch ihr Blut, durch ihr Temperament, durch mancherlei, was von
unten kam, waren in der Vergangenheit die Menschen eben Person-
lichkeiten, und in diese Personlichkeiten strahlten unpersonliche Ele-
mente aus dem Ubersinnlichen hinein. Durch Temperament, durch
Blut und so weiter wird man immer weniger und weniger Personlich-
keit sein konnen in der Zukunft. Aber man wird es sein konnen durch
seine Teilnahme an der ubersinnlichen Welt. Bis in den Charakter
herein wird flieBen das, was die iibersinnlichen Impulse enthalten. Das
wird bewirken der Impuls des Michael, der eben in die menschliche
Seele hineinleitet das Verstandnis fur das spirituelle Leben. Die Men-
schen mit ausgesprochenem Personlichkeitscharakter werden diesen
Personlichkeitscharakter davon haben in Zukunft, daB sie dieses oder
jenes ausdriicken werden durch Verstandnis der ubersinnlichen Wel-
ten. Die Alexanders, Casars, Napoleons gehoren der Vergangenheit
an. In sie floB gewiB das iibersinnliche Element hinein, doch die hohe
personliche Farbung haben sie durch das, was sie erhalten haben von
unten herauf. Die Menschen, die Persdnlichkeiten sind durch die Art,
wie sie die geistige Welt in die sinnliche hineintragen, die Menschen,
die von der Seele aus Personlichkeitin die Menschheit tragen, das wer-
den die Personlichkeiten sein, welche die Alexanders, Casars, Napo-
leons ablosen werden. Die Starke der Menschentaten in der Zukunft
wird sich ergeben aus der Starke des geistigen Einschlags, der in diese
Menschentaten hineinflieBen wird.
Dieses alles gehort zu dem, was das Bedeutsame des Ubergangs von
einer Epoche zur anderen ist. Aber was eben den bedeutungsvollsten
Ubergang charakterisiert, ist der Ubergang von der Epoche des Ga-
briel zu der Epoche des Michael in unserer Entwickelungsepoche.
Wir konnen auch mit dem gesunden Menschenverstand uns durch-
aus ein Verstandnis aneignen dessen, was heute gesagt ist, wenn wir
nur vorurteilsfrei genug sind, in unsere Zeit hineinzuschauen und zu
sehen, wie aneinanderstoBen die zwei Moglichkeiten noch bis ins letzte
Drittel des 19.Jahrhunderts.
Die erste Moglichkeit ist, aus der Naturwissenschaft heraus Welt-
anschauung zu bauen. Heute ist das veraltet, etwas Antiquiertes, liegt
nicht mehr im Charakter des Zeitalters. Die Menschen machen es noch,
weil sie eben noch das forttragen, was aus dem Alten kommt. Im
Charakter des Zeitalters liegt es, aus den Inspirationen der geistigen
Welt und aus deren Verstandnis heraus Weltanschauung zu zimmern.
Das miissen wir als ein Gefiihl, als eine Empfindung in unserer Seele
aufnehmen, dann lernen wir wissen, was anthroposophische Welt-
anschauung fur die einzelnen Seelen bedeutet, lernen empfinden, was
Entwickelung fur die Menschheit ist. Teilnehmer diirfen wir sein an
Bedeutungsvollem.
Und nun erinnere ich Sie an etwas, was ich eingeflochten habe in die
Vortrage, die ich das letzte Mai hier gehalten habe, in die Vortrage
von der Veranderung der Funktion des Buddha. Hier ist auch der
Punkt, wo in der nachsten Betrachtung an die heutige angekniipft
werden soil.
GewissermaBen mit einer Frage mochte ich die heutigen Betrach-
tungen abschlieBen, mit der Frage, die sich in jeder Seele erheben
kann, und die uns von Wichtigem, das heute betrachtet wurde, zu
noch Wichtigerem fiihren wird.
Wenn eine Erhohung des Michael stattgefunden hat, wenn er zum
leitenden Geist der abendlandischen Kultur geworden ist, wer tritt an
seine Stelle? Der Platz muB ausgefullt werden. Jede Seele muB sich
sagen: also muB auch ein Engel eine Erhohung, ein Aufrucken er-
fahren haben, muB eintreten in die Reihe der Archangeloi. Wer
ist das?
Mit dieser Frage will ich abschlieBen, um hinuberzuleiten in noch
wichtigere Betrachtungen, die uns ubermorgen beschaftigen sollen.
Heute wollte ich vor Ihre Seele stellen die wichtigste Charakteristik
des Ubergangs : die Tatsache, daB die Seelen, die sich dazu aufraffen
konnen, Verstandnis finden konnen fur iibersinnliche Wahrheiten.
Denn so wollen es die hinter der Menschheit stehenden, die Mensch-
heitsevolution leitenden Weltenmachte. Und das Abbild in der Sinnen-
welt ist, daB die Persbnlichkeit eine vollig andere Nuance annimmt.
Wahrend im verflossenen Zeitalter der Personlichkeit die Farbung ge-
geben hat von unten her Temperament und Blut, wird in Zukunft
tonangebend werden fur die Personlichkeit des neuen Zeitalters das
Element des spirituellen Verstandnisses. Das wird das tonangebende
Element sein.
Wichtig ist, dies zu verstehen, noch wichtiger ist, dies zu erfiihlen.
Von diesem Punkt werden wir ubermorgen zu einer bedeutsamen
Betrachtung, die in jede einzelne unserer Seelen eindringen kann,
iibergehen.
DER MICHAEL-IMPULS
UND DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA
Stuttgart, 20. Mai 1913
Zweiter Vortrag
Wir haben uns bemuht, das ein wenig zu beleuchten, was aus der Welt-
gesetzmaBigkeit heraus der Charakter unseres gegenwartigen Zeit-
alters ist, und wir sollten nicht voriibergehen an einer solchen Charak-
teristik unseres Zeitalters. Denn wenn wir reden von den geistigen
Kraften, von den geistigen Impulsen eines Zeitalters, so sind das die-
jenigen Krafte, diejenigen Impulse, welche in jeder einzelnen unserer
Seelen drinnen wirken. Und wir konnen nicht mit unseren Seelen zu-
rechtkommen, wenn wir uns nicht zu stellen vermogen zu diesen
Kraften, zu diesen Impulsen unseres Zeitalters, die nun einmal zugleich
die geistigen Krafte und Impulse unserer eigenen Seele sind.
Es ist durchaus wahr, daB - wie sich auch der einzelne unter Ihnen
zurechtlegt, warum er dieses oder jenes in der Geisteswissenschaft
glaubt - in den Seelen derjenigen, welche aufrichtig und ehrlich zur
Geisteswissenschaft kommen, vielleicht unbewuBt das Gefuhl, der
Trieb lebt, der da kommt von den echten, wahren spirituellen Im-
pulsen unserer Zeit.
Ich habe Ihnen vorgestern zu charakterisieren versucht, daB wir
gegenwartig leben in dem, was man das Michael-Zeitalter nennen
kann. Das Verstandnis fur spirituelle Dinge wird immer mehr und
mehr Seelen moglich werden. Wahrend die letzten Jahrhunderte so
abliefen, daB vor alien Dingen Verstandnis moglich wurde fur Dinge
des auBeren Naturwissens, fur physikalische, chemische, physiolo-
gische Gesetze, fur alles, was sich auf den auBeren Raum und die Zeit
bezieht, wahrend in dem Gabriel- Zei taker in den Seelen Verstandnis
erweckt wurde fur das, was in den Naturwissenschaften von Triumph
zu Triumph zog und die Seele hinneigte zum naturwissenschaftlichen
Verstandnis der Welt, gehen wir einem Zeitalter entgegen, wo es
ebenso moglich sein wird, das Spirituelle zu verstehen.
Noch niemals eigentlich in der Entwickelung der Menschheit waren
zwei aufeinanderfolgende Zeitalter so radikal verschieden, wie das
eben abgelaufene und das, in das wir hineingehen. Und fremder sein
als jemals werden die Seelen, die zum Spirituellen neigen, den Seelen,
die noch festhalten an dem, was die vergangenen Jahrhunderte brach-
ten. Und nicht lange wird es dauern, daB diejenigen, welche auf dem
Boden des materialistischen Monismus zu stehen glauben, vollstandig
unzeitgemaB sein werden gegeniiber jenen Seelen, die mit Sehnsucht
suchen werden nach einem Verstandnis der iibersinnlichen Welten.
Denn seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hat sich eine
geistige Flutwelle aus den hoheren Welten in unsere Welt hinein er-
ofYnet, und deshalb ist es moglich geworden, Verstandnis zu erhalten
fur das, was spirituell die Menschheits- und Weltenevolution leitet.
Vor nahezu zwei Jahrtausenden geschah ja das Ereignis, das Ihnen
alien bekannt ist unter dem Namen des Mysteriums von Golgatha, und
oftmals ist auch hier dariiber gesprochen und von den verschiedensten
Seiten her beleuchtet worden dieses Mysterium von Golgatha als der
groBe Schwerpunkt der Menschheitsentwickelung. Und klar hat es
wohl werden konnen, daB ohne Beriihrung irgendeines konfessionel-
len Standpunktes, sondern rein aus der Geisteswissenschaft heraus, das
Verstandnis fur dieses Ereignis moglich ist, so daB man Verstandnis
erwarten kann von jeder konfessionellen Stromung der Gegenwart.
Auch uber die Grunde, warum die einen oder anderen das Christus-
Ereignis nicht als den groBen Schwerpunkt der Menschheitsevolution
annehmen wollen, ist ausfuhrlich gesprochen worden. Aber wir sollen
auch so etwas wohl mit der Seele betrachten, wovon ja auch gestern
im offentlichen Vortrag hat gesprochen werden konnen. Es konnte
sein, daB irgend jemand aus einem Vorurteil heraus nichts wissen
wollte von dem, was in einem kleinen Lande zu Beginn unseres Zeit-
alters sich abgespielt hat, es konnte das ja sein, daB irgend jemand sich
nicht kiimmern wollte urn dasjenige, was wir das Mysterium von
Golgatha nennen. Gut, wir wollen sogar annehmen, es wiirde einer
Seele naturlich sein, auch den geschichtlichen Verlauf so zu denken,
daB auszustreichen ware, was geschehen ist auf Golgatha. Nehmen
wir das hypothetisch an. Wenn diese Seele die Menschheitsentwicke-
lung betrachtet, so wiirde sie doch etwas finden, was dieses Zeitalter
besonders charakterisiert. Davon wurde gestern gesprochen. Es ist in
jener Epoche vor dem Mysterium von Golgatha der Ubergang von
einer Stellung der Menschenseele zur Umwelt in auBerlicher Weise,
und der nachherigen Stellung der Seele zu ihrer eigenen Innerlichkeit
vorhanden, ganz abgesehen von dem Mysterium von Golgatha. In
dem Zeitpunkt, in den das Mysterium von Golgatha hineingestellt ist,
fand dieser groBe Ubergang der Menschheit statt von einem Leben in
der auBeren Umgebung zu der Verinnerlichung. Und jeder kann das
fiihlen, auch wenn er absieht von dem Mysterium von Golgatha.
Die Menschheit ist in diesem Zeitpunkt an einem Wendepunkt.
Man braucht gar nicht einmal von dem Mysterium von Golgatha zu
sprechen, sondern man kann die anderen Ereignisse nehmen, und sie
werden zeigen, daB vorher die Menschheit in einer VerauBerlichung
gelebt hat, daB aber nachher in einer Verinnerlichung zu leben begin-
nen die Menschen, die von dem Impuls der Zeit, von ihrem Genius
durchzogen werden.
Aber wenn so etwas geschieht, geschieht es in der Weise, daB es
vorher vorbereitet wird. Ich will den trivialen Ausspruch nicht ge-
brauchen: Die Natur oder die Geschichte mache keinen Sprung. -
Der Ausdruck hat nur in gewissen Grenzen Berechtigung, denn vor-
bereitet - ist es nicht dennoch sprunghafte Entwickelung? - wird ja
auch die Bliite in den gninen Blattern schon. So wurde auch vorbe-
reitet dasjenige, was wie ein Einschnitt in der Menschheitsentwicke-
lung sich ausnimmt zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Und wir
konnen nicht nur finden, wenn wir uns vertiefen in dasjenige, was uns
als Lehre, als Anschauung entgegentritt in den letzten Jahrhunderten
des althebraischen Altertums, wir konnen nicht nur einen Geist dort
finden - allerdings einen eigenen Geist - der Vorbereitung fur das
Mysterium von Golgatha, sondern wir konnen einen solchen Geist
der Vorbereitung auch in anderen Gegenden der Erde finden.
Fiir den Geist des Hebraertums war es ja so, daB er Einschlage ganz
anderer Art zeigt, als fruher da waren. Eine ganz andere Art der Welt-
betrachtung setzt ein im 6. Jahrhundert vor dem Mysterium von Gol-
gatha, eine ganz neue Epoche gegeniiber dem, was im hebraischen
Geistesleben fruher da war. Das enthullt sich dem genau betrachtenden
Blicke sehr klar. Und wenn es hier auch in anderer Art hervortritt, weil
das althebraische Volk allerdings ja anders geartet war, so ist es doch
derselbe Geist, der nur einen anderen Ausdruck bekommt; es ist der
Geist, der in der griechischen Philosophie, ja selbst in der griechischen
Dichtkunst herrscht in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium
von Golgatha. Uberall finden wir das. Man braucht nur ernsthaft
Geister wie Plato und Aristoteles, ja sogar Sokrates zu betrachten, um
zu sehen, daB dieser Wendepunkt uberall vorbereitet wird.
Nun werden solche Ereignisse, die hier auf Erden geschehen, ge-
lenkt und geleitet von der iibersinnlichen Welt aus. Bevor dieser Ein-
schlag geschah in das physische Erdenleben, den wir als das Ereignis
von Golgatha bezeichnen, schickte die friihere Leitung der Evolution
einen Sendboten aus - dazumal noch einen Sendboten Jahves -, um
diesen Einschlag vorzubereiten. Es war derjenige Geist, der die Kul-
turepoche vorbereitet hat bis zum Mysterium von Golgatha hin, der-
selbe Geist, der der Leiter unserer eben anbrechenden Kulturepoche
ist, der Geist, den wir Michael genannt haben. Wie Michael den Cha-
rakter gibt unserer Zeit, so gab er den Charakter der ganzen Kultur,
die das Mysterium von Golgatha vorbereitete. Nur war die Macht, die
aus hoheren Welten diesen Michael sandte, in jener Zeit Jahve oder
Jehova.
In jener Zeit war es nicht so wie in unserer Zeit, wo so leicht einem
eingewendet wird, wenn man von geistigen Dingen spricht: Du
sprichst viel von Volksgeist oder Zeitgeist oder sonst von geistigen
Tatsachen, aber du redest so wenig von Gott. - Die Leute merken
nicht, warum man nicht von Gott redet : weil kein menschlicher Be-
griff wirklich umfassen kann dasjenige, in dem wir leben, weben und
sind. Auch hierin existieren Anschauungen, die zum Teil sehr interes-
sant sind. Als ich in einer Stadt jtingst einen ofFentlichen Vortrag hielt
und, wie das so ublich geworden ist, Fragen zum Beantworten auf-
gegeben wurden, stellte ein Mensch eine sehr kluge Frage. Er fragte
namlich : Ja, wenn man doch logischerweise einen Gegenstand dadurch
erkennt, daB man ihn als Objekt anschaut, dadurch, daB man ihm
gegeniibertreten kann - wenn wir ein objektives Bild von einem Ge-
genstand, den wir in uns haben, wie den Augapfel, nicht haben konnen
aus dem Grunde, weil wir ihn nicht anschauen konnen -, wie verhalt
es sich dann mit der Behauptung mancher Mystiker, daB man von
Gott abriicken musse, um ihn als Objekt betrachten zu konnen?
GewiB haben manche Mystiker die Behauptung aufgestellt, man
miisse von Gott abriicken, um sich ihm gegeniiberzustellen. Die Frage
war klug, aber sie muB nur so beantwortet werden, daB man sagt : Du
magst von Gott abriicken soviel du willst, aber du bleibst doch in dem
Gott drinnen, du kannst nicht aus dem Gott heraus. - Manche Logik
ist recht logisch, aber sie ist auch sehr kurzlogisch.
In den Zeiten, wo die Menschen dem Geistigen noch naher standen,
da hatte man noch ein Gefuhl der Ehrerbietung fur das Gottliche, in
dem wir leben und weben und sind, das nicht immer mit Namen be-
nannt werden soli, und deshalb bediente sich das althebraische Alter-
tum, um den Namen nicht auszusprechen, des Ausdrucks: «Das An-
gesicht Jahves.» Angesicht ist beim Menschen dasjenige, was er nach
auBen wendet, wodurch er sich offenbart. Es ist nicht das Ganze
des Menschen. Man erkennt ihn nach seiner Innerlichkeit an den
Ziigen des Antlitzes, aber man vermiBt sich doch deshalb nicht,
von dem ganzen Menschen zu sprechen, wenn man sein Angesicht
meint.
Deshalb nannte man damals Michael «das Angesicht Jahves», nannte
viel lieber den Stellvertreter, durch den sich, wie in einem der Mensch-
heit zugewendeten Antlitz, Jahve oder Jehova der Menschheit kund-
gab. Man nannte auch in vertrauten Kreisen viel lieber den Stellver-
treter, als daB man von Jahve selbst sprach. Michael wurde eben da-
mals als der geistige Regent des Zei takers betrachtet, als der Sendbote
Jahves, als derjenige Hierarch, von dem ausstrahlte in der damaligen
Zeit, was als Impuls kommen sollte, um das Ereignis von Golgatha
vorzubereiten.
Nun, in der Zwischenzeit haben andere Wesenheiten aus der Reihe
der Archangeloi die Fuhrung der geistigen Menschheitsevolution ge-
habt. Und das Wesen, das die Fuhrung hatte, als vorbereitet werden
sollte das Mysterium von Golgatha, ist dasselbe Wesen, das jetzt wie-
derum die Fluten des iibersinnlichen Lebens in die sinnliche Welt hin-
einsendet. Ein Michael-Zeitalter war dazumal, ein Michael-Zeitalter
ist dasjenige, was gerade jetzt beginnt. Aber es ist ein gewaltiger Unter-
schied zwischen dem damaligen Michael-Zeitalter und dem unseren,
das jetzt beginnt.
Es wiirde heute zu weit fiihren, zu charakterisieren, welches Ver-
standnis dem Mysterium von Golgatha die Zeit entgegenbringen
konnte, die seit jenem Michael-Zeitalter bis zu dem unsrigen verflossen
ist. Es hat tief innige Seelen gegeben, die aus einem mehr oder weniger
gesteigerten Glaubensbediirfnisse heraus ihr Verhaltnis gewonnen
haben zu dem Mysterium von Golgatha und seinem Trager, es hat
tief religiose Naturen gegeben seit dem Mysterium von Golgatha bis
zu unseren Zeiten. Aber das Mysterium von Golgatha ist ein solches,
welches zwar als eine reale Tatsache am Ausgangspunkt der neueren
Zeit steht, dem gegeniiber aber die menschliche Seele sich nicht ohne
weiteres vermessen darf, es voll zu durchschauen, es voll zu verstehen.
Immer neue Epochen werden kommen, die die Menschenseelen immer
mehr vertiefen werden, und die immer besser und besser verstehen
werden, was geschehen ist im Mysterium von Golgatha. Das Ereignis
selber steht da als der Wendepunkt in der menschlichen Entwickelung,
das Verstandnis dieses Ereignisses wird immer mehr wachsen und
reifen in der geistigen Erdenentwickelung.
Wir konnen uns nicht tief genug diese Sache in die Seele schreiben.
Fassen wir einmal in einer gewissen metaphysischen Abstraktion ins
Auge, was eigentlich dazumal geschehen ist. Wir haben es von ver-
schiedenen Standpunkten charakterisiert. Wir wollen einmal einen
mehr abstrakten Standpunkt wahlen, der aber, wenn wir ihn wirken
lassen auf die Seele, eine tiefe Empfindung auszulosen vermag in un-
serer Seele.
Wenn die gewohnliche Weltbetrachtung oder auch die gewohnliche
Wissenschaft die Dinge um uns studiert - ich habe auf diese Sache
schon gestern im offentlichen Vortrage aufmerksam gemacht, aber
wir wollen das noch einmal ins Auge fassen wenn die Dinge um uns
herum studiert werden, dann lernt der Mensch durch das gewohnliche
Denken und die gewohnliche Wissenschaft die Gesetze des Daseins
im Mineral-, Pflanzen-, Tier- und menschlichen Reich erkennen. Diese
Gesetze, sie gipfeln alle in einem Ideale : das Leben zu verstehen. Aber
das Leben selber wird hier auf Erden nicht verstanden. Erkenntnis
des Lebens kann nur der Okkultismus geben. Die auBere Wissenschaft
kann niemals das Leben durchschauen. Und es ware die argste Phan-
tastik zu glauben, daB man jemals, so wie man physikalische oder che-
mische Gesetze durchschauen kann, auch die Gesetze des Lebens
durchschauen konnte. Ein Ideal bleibt es, aber es kann nicht erreicbt
werden. Fiir den physischen Plan ist es eine Unmoglichkeit, Erkennt-
nis des Lebens zu geben. Diese Erkenntnis des Lebens muB der iiber-
sinnlichen Erkenntnis aufgespart bleiben.
So unmoglich wie die sinnliche Erkenntnis des Lebens, so unmog-
lich ist die iibersinnliche Erkenntnis des Todes, Es gibt Zustande der
grauenvollen Vereinsamung des BewuBtseins in der geistigen Welt,
es gibt ein zeitweiliges Untertauchen wie in einen Schlaf, aber es gibt
keinen Tod in den hoheren Welten. Der Tod ist unmoglich in den
hoheren Welten.
Alle die Wesen, die wir als die Wesen der hoheren Hierarchien
kennengelernt haben, sie zeichnen sich dadurch aus, daB sie den Tod
nicht kennen, daB sie durch den Tod nicht durchgehen. Geradeso wie
in der Bibel richtig gesagt ist, daB die Engel ihr Antlitz verhullten vor
dem Geheimnis der Geburt, der Menschwerdung, geradeso miissen
sie und alle iibrigen hoheren Wesen ihr Antlitz verhiillen vor dem
Tode. Denn der Tod ist ein Ereignis, das nur fiir die sinnliche Welt
moglich ist, nicht aber fur die iibersinnliche.
Unter den gesamten Wesen der hoheren Welten gab es nur eines, das
durch den Tod gehen muBte, wir konnen auch sagen wollte, das ist der
Christus. Dazu muBte er auf die Erde herabsteigen.
Damit ein Wesen der hoheren Welten das hat bewirken konnen, was
notig war fiir die Erdenentwickelung, muBte der Christus herunter-
steigen aus einer Welt, in der es keinen Tod gibt, in die Welt, in der
es einen Tod gibt.
Solche Vorstellungen, wenn sie auch zunachst abstrakt sind, miissen
wir in ein Gefuhl, in eine Empfindung verwandeln. Das voile Ver-
standnis dessen, was ich jetzt abstrakt charakterisiert habe, wird ein
Gegenstand der Evolution der Menschheit werden. Mit einer ge-
wissen Ehrerbietung, Demut und Zartheit zugleich, nahern wir uns
heute dem Geheimnis des Mysteriums von Golgatha.
Was war denn eigentlich geschehen? Es ist oft charakterisiert wor-
den. Der Christus stieg herab aus den iibersinnlichen Welten in die
Welt, in der er seitdem lebt, zwar als eine geheime Kraft, die sich aber
offenbaren wird von unserm Jahrhundert an. Er stieg herab aus der
Welt, in der es keinen Tod gibt, in die Welt des Todes. Und er - diese
Kraft - hat sich vereinigt mit der Erde. Er ist aus einer kosmischen
Kraft zu einer Kraft der Erde geworden. Er ist durch den Tod ge-
gangen, um innerhalb des Erdendaseins aufzuleben, um innerhalb der
Erdenwelt zu sein. Und die Menschheit hat sich bemiiht in diesen oder
jenen Seelen, die sich mit diesem Impuls erfullten, ihn zu verstehen
durch die Jahrhunderte. Aber je weiter die Entwickelung herannickte
an das abgelaufene Gabriel- Zeitalter, ist es geschehen, daB das Ver-
standnis immer mehr zuriickging. Und heute ist es gerade bei den-
jenigen, die Verstandnis haben sollten, recht schlecht bestellt mit die-
sem Verstandnis, und der Materialismus macht sich nicht nur geltend
in der heutigen materialistischen Wissenschaft, sondern macht sich
vielfach auch geltend in der Theologie. Abgenommen hat das wirk-
liche Verstandnis fur den Christus-Impuls. Materialismus hat die See-
len ergrifTen, er hat sich tief eingenistet in die Seelen. Der Materia-
lismus ist in vieler Beziehung der Grundimpuls der letzten, der ab-
gelaufenen Epoche geworden. Zahlreiche Seelen sind gestorben, die
durch die Pforte des Todes gegangen sind mit materialistischer Ge-
sinnung. In einem solchen MaBe mit materialistischer Gesinnung
durch die Pforte des Todes zu gehen, wie in der abgelaufenen Epoche
Seelen hindurchgegangen sind, das konnte in friiheren Zeitaltern gar
nicht stattfinden.
Dann lebten diese Seelen in der Zeit zwischen Tod und neuer
Geburt in der spirituellen Welt so, daB sie nichts wuBten von der Welt,
in der sie lebten. Da trat ihnen ein Wesen entgegen. Das erblickten
sie in dieser Welt. Sie muBten es erblicken, weil dieses Wesen sich
vereinigt hatte mit dem Erdendasein, wenn es auch unsichtbar waltet
vorlaufig im sinnlichen Erdendasein. Und den Anstrengungen dieser
durch die Pforte des Todes gegangenen Seelen ist es gelungen, den
Christus, wir konnen nicht anders sagen als: zu vertreiben aus der
spirituellen Welt. Und der Christus muBte erleben eine Erneuerung
des Mysteriums von Golgatha, wenn auch nicht in derselben GroBe
wie das vorhergehende. Damals ging er durch den Tod, jetzt war es
ein HinausgestoBenwerden aus seinem Sein in der spirituellen Welt.
Und dadurch erfullte sich an ihm das ewige Gesetz der spirituellen
Welt. Was in der hoheren, spirituellen Welt verschwindet, das ersteht
aufs neue in der niederen Welt.
Wenn es im 20. Jahrhundert moglich ist, daB die Seelen sich heran-
entwickeln zum Verstandnis des Mysteriums von Golgatha, so riihrt
es von diesem Ereignis her, daB der Christus durch eine Verschwo-
rung der materialistischen Seelen herausgetrieben ist aus den spirituel-
len Welten, versetzt worden ist in die sinnliche Welt, in die Menschen-
welt, so daB auch in dieser sinnlichen Welt ein neues Verstandnis
beginnen kann fur den Christus. Daher ist auch der Christus in noch
innigerer Weise vereinigt mit allem, was die Schicksale der Menschen
auf Erden sind. Und wie man einstmals hinaufsehen konnte zu dem
Jahve oder Jehova und wissen konnte, daB er dasjenige Wesen war,
das den Michael vorausgesandt hat, um vorzubereiten, was da her-
iiberfuhren sollte aus dem Jahve-Zeitalter zum Christus-Zeitalter,
wahrend es friiher Jahve war, der den Michael sandte, ist es jetzt der
Christus, der uns den Michael sendet.
Das ist das Neue, das GroBe, was wir fur uns in ein Gefiihl ver-
wandeln sollen. Wie man friiher sprechen konnte von Jahve- Michael,
dem Leiter des Zei takers, konnen wir jetzt sprechen von dem Christus-
Michael. Michael hat eine Erhebung in eine hohere Stufe, vom
Volksgeist zum Zeitgeist durchgemacht dadurch, daB er vom Send-
boten Jahves zum Sendboten des Christus geworden ist.
Und so reden wir von einem richtigen Verstandnis des Christus-
Impulses, wenn wir von einem richtigen Verstandnis des Michael-
Impulses in unserer Zeit sprechen.
Abstraktes Verstandnis geht auf Namen, immer wieder auf Namen,
und glaubt etwas zu haben, wenn es so vorgeht, daB es fragt : Was ist
Michael fur ein Wesen? - und wissen will: er ist aus dieset oder jener
Hierarchie hervorgegangen, er ist ein Erzengelwesen, Erzengelwesen
haben diese oder jene Eigenschaften. Dann definiert man das und
glaubt nun zu wissen, was ein solches Wesen ist. Oftmals bin ich auch
schon nach Definitionen gefragt worden. Das erinnert mich immer
an den Streit, der in einer griechischen Philosophenschule um den
Wert einer Definition stattgefunden hat. Man stritt sich darum, wie
man einen Menschen definieren konne. Man einigte sich schlieBlich
dahin: ein Mensch ist ein Wesen, das auf zwei Beinen geht und keine
Federn hat. - Es ist nicht zu leugnen, daB diese Merkmale auf den
Menschen passen, so gut wie manche Definitionen auf die BegrifTe
passen, die man so hinpfahlt. Aber doch hatte der recht, der das
nachste Mai einen gerupften Hahn brachte und fragte, ob das ein
Mensch sei, denn er gehe auf zwei Beinen und habe keine Federn. Es
ist nicht damit getan, daB man von Michael spricht, weil man, gerade
wenn man die Menschheitsevolution verstehen will, den Michael in
seiner Evolution verstehen muB, daB er dasselbe Wesen ist, das den
Ton angegeben hat zur Vorbereitung des Mysteriums von Golgatha,
und jetzt in unserer Zeit den Ton angibt fur das Verstandnis des My-
steriums von Golgatha. Dazumal aber war er ein Volksgeist, und jetzt
ist er ein Zeitgeist. Dazumal war er der Sendbote des Jahve, jetzt ist
er der Sendbote des Christus. Und wir sprechen so recht von dem
Christus, wenn wir sprechen von Michael und seiner Sendung und
wissen, daB das, was dazumal Michael war, der Trager der Jahve-
Mission, jetzt der Trager der Christus-Mission ist.
Wir haben Michael verfolgen konnen, einen Geist, der sozusagen
aufgestiegen ist, der, um der Menschheit einen neuen Impuls zu ver-
mitteln, aufgestiegen ist oder aufsteigt aus dem Range der Archangeloi
zum Range der Archai.
Der Platz wird ausgefiillt durch eine andere Wesenheit, die nach-
kommt. Ich habe hier verschiedene Male gesprochen von der Evolu-
tion, die Buddha durchgemacht hat. Jene knabenhaftenEinwendungen,
die uns jetzt gemacht werden, machen sich in ihrer Dreistigkeit auch
heran an unsere Auffassung des Christus-Impulses in der Welt, als ob
wir mit unserer Darlegung des Christus-Impulses jemals einseitig ge-
wesen waren. Wir lenken die Blicke auf die Gesamtevolution, und wir
charakterisieren dasjenige, was der Evolution unterliegt, aus den ver-
schiedenen Impulsen heraus und geben jedem sein Recht. Wie oft ist
es betont worden, daB fur uns Wahrheit ist, daB der Bodhisattva, der
als Gautama Buddha geboren worden ist, eben zum Buddha aufge-
stiegen ist. Wir haben seine Evolution verfolgt bis zu dem Zeitpunkt,
wo er seine Mission auf dem Mars bekommen hat. Davon ist hier
schon gesprochen worden.
Solange der Mensch auf Erden weilt, wie hoch er auch stehen mag,
kann man immer bei jedem Menschen von jener Individualist
sprechen, die ihn leitet von Inkarnation zu Inkarnation. Die indivi-
duelle Fiihrung der Menschen unterliegt den Angeloi, den Engel-
wesen. Wenn ein Mensch vom Bodhisattva zum Buddha wird, dann
wird sozusagen sein Engel frei. Solche Engelwesen sind es dann, die
nach Erfullung ihrer Mission aufsteigen in die Reiche der Erzengel-
wesen.
So ergreifen wir an einem Punkte wirklich das Aufsteigen eines Erz-
engels zum Wesen der Archai und das Aufsteigen eines Engelwesens
zum Erzengelwesen, wenn wir wirklich verstehen, tiefer und tiefer
hineinzuschauen in dasjenige, was hinter unserer sinnlichen Evolution
als die iibersinnliche Evolution steht.
Nun, dasjenige, was ich also zu Ihnen gesprochen habe iiber den
spirituellen Hintergrund der Welt, in der wir drinnenstehen, und in
die wir uns als Anthroposophen hineinstellen wollen, ich habe es
nicht deshalb gesprochen, damit die Seelen bloB theoretisieren iiber
diese Dinge, sondern damit die Seelen das, was in Worten und Be-
griffen ausgedriickt ist, in Gefiihle und Empfindungen verwandeln.
Ja, Anthroposoph sein in unserer Gegenwart heiBt wissen, wie be-
schaffen ist die iibersinnliche Welt, die zugrunde liegt der sinnlichen
Welt der Menschheitsevolution, sich zu fiihlen in der geistigen Welt,
wie sich der physische Mensch in der Atmosphare physisch fuhlt. Sich
so zu fiihlen in der geistigen Welt ! Aber man fuhlt sich nicht in der
geistigen Welt, wenn man bloB betont: Geist und Geist und Geist ist
in uns ! Sondern so, wie man die Erdenatmosphare nach Wolkenbil-
dungen, Feuchtigkeits- und anderen Erscheinungen konkret zu beur-
teilen hat, so miissen wir auch die geistige Welt, in die wir jede Nacht
mit dem Einschlafen untertauchen, im Konkreten charakterisieren,
erfuhlen und empfinden, was da lebt und webt in dieser geistigen Welt.
Dasjenige, was in der Gegenwart geschieht durch die Sendung, die an
Michael iibertragen ist von dem Christus aus, die ergangen ist an den-
selben Geist aus der Hierarchie der Archangeloi, dessen sich bedient
hat zur Vorbereitung des Mysteriums von Golgatha einstmals der Im-
puls des Jahve, das ist es, was hinter unserer physisch-sinnlichen Evo-
lution sich abspielt. Und drinnen sich zu wissen, zu fiihlen in solchem
Geschehen in der geistigen Welt, wie wif uns physisch fiihlen in der
Atmosphare, die wir ein- und ausatmen, das heiBt in der Gegenwart
gegemiber der geistigen Welt im konkreten Sinne das richtige BewuBt-
sein haben.
Versuchen Sie es, in eine Gesamtempfindung Ihrer Seele zu ver-
wandeln solche Ergebnisse des Okkultismus. Was ich jetzt versuche,
in ihre Seelen zu legen, versuchen Sie, einen empfindenden BegrifT
davon zu gewinnen, zu beachten, was es heiBt, gerade heute in diesem
Zeitalter wissend drinnen zu leben in dem, was geistig um uns ge-
schieht, in dem, wohin unsere Seele geht jeden Abend, wenn wir ein-
schlafen, und woher wir kommen jeden Morgen, wenn wir aufwachen.
Versuchen Sie, die Seele hinaufzulenken in dieses Konkrete, das oft-
mals ganz abstrakt genannt wird die «gottliche Vorsehung». Das ist
im Charakter unserer Zeit gelegen, daB das, was der Mensch in ver-
flossenen Zeitaltern unbestimmt nur fiihlen durfte als die durch die
Welt flutende Vorsehung, daB er das in der Gegenwart als einzelne
Wesen zu erkennen, zu empfinden vermag. Lassen Sie es als ein Bild
vor Ihrer Seele stehen, daB das verflossene Zeitalter die Naturgesetze
finden muBte. Damals waren die Naturgesetze gut, wenn sie richtig
gebraucht wurden in der menschlichen Seele, um die auBeren Welt-
anschauungen aufzubauen. Aber es gibt nichts absolut Gutes oder
Boses in dieser auBeren Welt der Maja. Schlecht und bose wurden
die Naturgesetze in unserem Zeitalter, wenn sie weiter gebraucht wur-
den zum Auf bau einer Weltanschauung in der Zeit, wo das spirituelle
Leben hereinflieBt in die sinnliche Welt. Nicht dasjenige, was die ver-
flossenen Zeitalter getan haben, wird getrofTen mit diesen Worten,
sondern das, was bleiben will, wie es in fruheren Zeitaltern war, was
sich nicht in den Dienst stellen will der neuen Offenbarung.
Michael hat nicht den Drachen bekampft in dem Zeitalter, das ab-
gelaufen ist, denn da war der Drache, der jetzt gemeint ist, noch nicht
ein Drache. Ein Drache wird er werden, wenn diejenigen Begriffe
und Ideen, die nur naturwissenschaftliche Gesetze sind, zur Weltan-
schauung des nachsten Zeitalters aufgebaut werden sollten. Und das,
was sich da aufbaumen will, das ist wiederum, richtig aufgefaBt, in
dem Bilde als der Drache, der besiegt werden muB von Michael, des-
sen Zeitalter in unseren Jahren beginnt.
Das ist eine wichtige Imagination : Michael, besiegend den Drachen.
Spirituelles, flutendes Leben hinein zu empfangen in die Sinneswelt:
Michael-Dienst ist es von jetzt ab. Ihm dienen wir in der Besiegung
des Drachens, der sich auswachsen will in Ideen, die wahrend des
verflossenen Zeitalters den Materialismus gebracht haben, die sich
hinuberwachsen wollen in die Zukunft. Das zu iiberwinden, heiBt
im Dienst des Michael stehen. Das ist der Sieg des Michael iiber den
Drachen.
Es ist wieder das alte Bild, das fur friihere Zeiten eine andere Be-
deutung hatte, das aber jetzt diese Bedeutung fur unser Zeitalter
bekommen soil. Erkennen und erfiihlen konnen wir unsere Aufgabe
in dem Bilde « Michael, besiegend den Drachen », wenn wir fuhlen,
woran wir teilnehmen sollen als Menschen eines neuen Zeitalters.
Nun wohl, versuchen wir dieses Bild zu unserer Imagination zu
machen, versuchen wir unsere Zeit zu verstehen dadurch, daB wir uns
konkret drinnen wissen in der geistigen Fiihrung, die die geistige
Fiihrung unseres Zeitalters ist, die die geistige Fiihrung jeder Men-
schenseele sein kann, jeder solchen Menschenseele, die da aufrichtig
und ehrlich eine Entwickelung sucht, einen Aufstieg zu immer hoheren
Stufen des geistigen Lebens.
DER WEG DES CHRISTUS
DURCH DIE JAHRHUNDERTE
Kopenhagen, 14,Oktober 1913
Den Vortrag des heutigen Abends mochte ich in einer aphoristischen
Weise halten. Ich mochte etwas vorbringen, was mir gerade in der
Gegenwart vor unseren Freunden zu besprechen wichtig scheint.
Wir haben ja oftmals die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen
an den Christus-Impuls angekniipft, an denjenigen Impuls, der durch
die Menschheitsevolution geht, seitdem das Mysterium von Golgatha
stattgefunden hat. Und an den Christus-Impuls und seine Bedeutung
fur die Menschheitsentwickelung mochte ich heute abend die Be-
trachtung fur Sie ankmipfen. Dabei wollen wir sogleich das eine
betonen, daB eine Schwierigkeit ja vorliegen muB, auch bis in die
Gegenwart herein, diesen Christus-Impuls in der richtigen Weise zu
betrachten, und zwar aus dem Grunde, weil man den Christus-Impuls
eigentlich nur dann einigermaBen betrachten kann, wenn man von
den verschiedenen, bis in unsere Zeit herein sich entwickelnden christ-
lichen Konfessionen, von den Lehren iiber den Christus absieht, auf
diese moglichst wenig Rucksicht nimmt. Vielleicht werden Sie sagen :
Ja, wie kann man denn iiberhaupt den Christus-Impuls betrachten,
wenn man die Lehren iiber den Christus ganz auBer acht las sen will?
Lernen wir denn die Wirkungen des Christus-Impulses durch irgend
etwas anderes kennen als durch die Bekenntnisse der Jahrhunderte? -
Da muB man antworten: Ein jeder wird zugeben, daB es miBlich sein
wiirde, wenn man warten miiBte auf die Wirkungen der Sonne auf
die einzelnen Menschen auf Erden, bis eine allgemein anerkannte
Lehre iiber die Sonne sich verbreitet hat. Die Sonne wirkt, gleich-
giiltig welche Hypothesen die Menschen auf Erden iiber die Sonne
aufstellen. Auch betont die Wissenschaft immer, daB sie noch nicht
wisse, was Elektrizitat eigentlich sei; trotzdem wenden die Menschen
die Elektrizitat an. So kann man ganz gewiB von einer Wirkung des
Christus-Impulses sprechen, ohne zu glauben, daB irgend etwas in der
Betrachtung des Christus-Impulses davon abhange, was man in den
verschiedenen Jahrhunderten iiber den Christus gedacht hat. Das
hangt wieder mit etwas anderem zusammen.
Das Mysterium von Golgatha, das Eintreten des Christus-Impulses
in unsere Erdensphare, hat sich ja zu einer bestimmten Zeit vollzogen
und der Zeitpunkt ist wenigstens annahernd genau bestimmt, denn
wir rechnen im Abendlande unsere Zeitrechnung danach. Durch das
Mysterium von Golgatha ist, wie wir wissen, der Christus-Impuls in
die Menschheitsevolution der Erde eingezogen. Was war das fur eine
Zeit? Nun, wir wissen ja, daB verschiedene Zeitalter in der Mensch-
heitsentwickelung abgelaufen sind. Wenn wir nur die nachatlantische
Zeit betrachten, so wissen wir, daB davon abgelaufen sind der ur-
indische, der urpersische, der agyptisch-chaldaische, der griechisch-
lateinische Zeitraum - und der unsere, in dem wir selber noch drinnen-
stehen. Diese verschiedenen Zeitalter sind unter anderem dadurch
charakterisiert, daB sie auch eine verschiedene Art des menschlichen
Verstandnisses, der menschlichen Weisheit gehabt haben, und in ge-
wisser Weise war ein hohes, intensives menschliches Verstandnis und
eine hohe menschliche Einsicht in gewisse Weltengeheimnisse in dem
urindischen Zeitraum vorhanden. Da hat in der Menschennatur vor-
zugsweise das gewirkt, was wir den Atherleib des Menschen nennen.
Dann trat im Laufe der Evolution der Atherleib mehr zuriick und
im urpersischen Zeitraum wirkte vorzugsweise der Empfindungsleib,
der Astralleib; in dem agyptisch-chaldaischen Zeitraum die Emp-
iindungsseele, in dem griechisch-lateinischen die Verstandesseele oder
Gemiitsseele, in unserer Zeit die BewuBtseinsseele, und in der Zu-
kunft wird kommen das Zeitalter des Geistselbstes. Dadurch, daB in
den verschiedenen Zeitepochen so verschiedene Glieder der Menschen-
natur im Menschen walten, bringt auch der Mensch ein immer ver-
schiedenes Verstandnis der Welt entgegen. Anders war das Verhaltnis
in der griechisch-lateinischen, anders in der agyptisch-chaldaischen,
anders in der persischen Zeit und so weiter.
Nun kann man eine eigentiimliche Tatsache erkennen, und diese
Tatsache, so frappierend sie ist, ist ungeheuer lichtverbreitend. Wir
konnen den griechisch-lateinischen Zeitraum, den Zeitraum der Ver-
standes- oder Gemiitsseele, von etwa dem 8. vorchristlichen Jahr-
hundert, ungefahr von der Zeit der Gnindung Roms ab bis in das
14., 15. Jahrhundert herein rechnen. Da entrwickelt sich die Ver-
standes- oder Gemiitsseele, da kommen insbesondere diejenigen
Krafte in der Menschennatur zur Geltung, die an diese am meisten
seelischen Krafte der Menschennatur gebunden sind. Wir haben also
etwas iiber zwei Jahrtausende, die dieses Gebiet der menschlichen
Seele besonders entwickeln. Seit dem 15. Jahrhundert stehen wir in der
Entwickelung der BewuBtseinsseele darinnen. Wir sind noch nicht
sehr weit darinnen, denn erst wenn unser Jahrhundert und noch ein
weiteres Jahrhundert abgelaufen sein werden, wird ein Drittei abge-
laufen sein von der Zeit, die dazu bestimmt ist, die BewuBtseinsseele
zu entwickeln. Dann werden andere Zeitalter folgen, die ganz andere
Fahigkeiten in der Seele erwecken werden, Sieben solche Zeitalter gibt
es fiir die nachatlantische Zeit.
Fragen wir uns nun : Welche von diesen Zeitepochen war am wenig-
sten geeignet, die Wesenheit des Christus zu begreifen? Verschieden-
artig war ja das Verstandnis der Menschennatur in diesen verschiede-
nen Zeitaltern. Welches war nun am wenigsten geeignet, sich ordent-
liche Begriffe von der Christus-Natur zu verschafTen? - Das war das
Zeitalter der Verstandes- oder Gemiitsseele vom 8. vorchristlichen
bis ins 15. nachchristliche Jahrhundert. Und gerade in dieses Zeitalter
hinein fiel das Mysterium von Golgatha ! So merkwiirdig vollzog sich
diese Tatsache der Menschheitsevolution.
Ware - hypothetisch einmal angenommen - der Christus wirklich
auf Erden erschienen, zum Beispiel unter den heiligen Rishis des alten
Indien, es ware ein weitgehendes Verstandnis fiir die Natur der
Christus - Wesenheit dagewesen, ebenso noch im alten Persien, wo von
dem Sonnengeiste gelehrt wurde. Da hatte man, wenn der Christus
damals in einen Menschenleib herabgestiegen ware, gesehen: dieser
Geist, der in einem Menschenleibe auf der Erde geht, ist der Sonnen-
geist, der auf die Erde herabgestiegen ist. Auch noch in der Zeit der
agyptischen Tempelweisheit hatte etwas Ahnliches geschehen kdnnen.
Diejenige Zeit aber, in der die Menschheit am meisten von einem Ver-
standnis der Christus-Natur entfernt war, sie sah den Christus unter
sich erscheinen.
Es ist eigentlich nicht leicht, zu dieser eigentiimlichen Tatsache
etwas hinzuzufiigen, das sie illustrieren soil, denn man kann aus dieser
Tatsache den wichtigen SchluB ziehen, daB ja dann selbstverstandlich
iiber die Natur und die Wesenheit des Christus kaum etwas zu finden
ist in den Lehren, die man iiber den Christus bildete in jener Zeit, und
man wird verstehen, daB erst kommende Jahrhunderte mehr Ver-
standnis haben werden fur dasjenige, was der Christus ist.
Es konnten nun die Menschen unserer Zeit, die Menschen seit dem
15. Jahrhundert, anfangen, stolz zu sein auf unsere Geisteskraft, und
glauben, daB jetzt vielleicht die besseren Zeiten des Christus -Ver-
standnisses gekommen seien. Solche Zeiten sind ja mit unserem
funften nachatlantischen Zeitraum in einer gewissen Weise gekommen
und in einer gewissen Weise doch nicht gekommen.
Wie steht es nun mit den Geisteskraften der Menschen der Gegen-
wart, das heiBt seit dem 15. Jahrhundert? Im allgemeinen sind diese
Geisteskrafte keineswegs hohere geworden, als sie in den voran-
gegangenen Zeitraumen waren. In gewissem Sinne hat der Mensch
sich mit seinem Seelischen noch mehr in die Materie hineinversenkt,
und das muBte er auch tun, um zu der BewuBtseinsseele zu gelangen.
So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft, die noch vor dem 15.,
16. Jahrhundert in der Erinnerung bewahrt geblieben war, verschwand
und wie der Materialismus immer mehr zunahm. Die Geisteswissen-
schaft, die wir in einer gewissen Weise bliihend finden bei einzelnen
Geistern des Mittelalters, die gleichsam wie aus dem Elementarischen
heraus durch einzelne Mystiker noch eine gewisse Hohe erreichte,
sehen wir zuriickgehen. Dagegen sehen wir vom 11., 12. Jahrhundert
an etwas anderes sich vorbereiten. Ein Symptom dafiir ist, daB man
beginnt, das Dasein Gottes zu beweisen. Nun muBte man wirklich
sehr sonderbare Auffassungen haben iiber die Welt, wenn man nicht
bald klar einsehen wiirde, was das bedeutet. Was beweist man denn?
Fur gewohnlich doch dasjenige, was man nicht weiB, was man nicht
kennt ! DaB einer gestohlen hat, versucht man zu beweisen, wenn man
ihn nicht gesehen hat bei dem Diebstahl. Man hatte das innere Er-
lebnis Gottes verloren, man wuBte nicht mehr, auf welchem Seelen-
wege man Gott zu suchen habe, da begann man Gott zu beweisen.
Das ist ein unwiderlegbarer Beweis dafur, daB man die Erkenntnis
von dem Gotte anfing zu verlieren. Das fiinfte Zeitalter muB das
materialistische Zeitalter sein, denn nur dadurch, daB der Mensch seit
der Zeit gezwungen ist, sich die Natur so anzuschauen, wie sie sich
den Sinnen und dem Verstande darbietet, urn durch die Sinne iiber-
wunden zu werden,- kann das Ich in all seiner Kraft sich zum BewuBt-
sein kommen.
Wenn wir uns verstandigen wollen iiber dasjenige, was ich eigentlich
meine, dann wollen wir noch einmal zuriickweisen auf den urpersi-
schen Zeitraum. In dem urindischen Zeitraum wiirde es sich noch
deutlicher zeigen, auch in dem agyptischen Zeitraum war es noch
in einer gewissen Weise da. Sehr sonderbar ware es einem Menschen
der persischen Kultur erschienen, die Planetenbewegungen zu be-
trachten und daraus ein Weltsystem abzuleiten, wie es Kopernikus tat.
Und nun muB ich etwas sehr Paradoxes aussprechen. Ein Mensch der
alten persischen Kultur hatte wahrscheinlich groBe Augen gemacht,
wenn man ihn in der heutigen Art die Astronomie hatte lehren
wollen. Er hatte gesagt : Sollte ich denn so toricht sein, daB, wenn ich
gehen will, jemand mir zeigen muB, wie ich gehe? Wenn die Sonne
ihren Weg durch den Weltenraum geht, geht dort meine Seele. Das
muB ich doch bemerken. - Er wuBte das, so wie ein Mensch heute
weiB, welchen Weg er geht, wenn sein Korper geht. Aus diesem alten
Erkennen heraus haben die Urperser eine Spirale aufgezeichnet, die
wirklich der Sonnenbahn durch den Himmelsraum entspricht. Diese
Sonnenbahn ist durch ein inneres Wahrnehmen gefunden. Die
Menschenseele fuhlte sich in Verbindung mit der Erdenseele und
zeichnete durch den Caduceus-Merkurstab den Weg der Erde auf.
DaB der Mensch aus seiner spirituellen Umgebung so geworfen wurde,
daB er ausspintisieren und berechnen muBte den Weg der Erde als den
Weg eines Planeten, das entstand erst spater.
Ware aber andererseits der Mensch so geblieben in bezug auf die
auBere Welt, so hatte er niemals zum vollen SelbstbewuBtsein kom-
men konnen. Er ware durch die griechisch-lateinische Kulturperiode
gegangen, es wiirden Verstand und Gemiit auf sich selbst angewiesen
sein, gleichsam in sich selbst wuhlend, es ware ein Zustand ein-
getreten, wo die Seele nicht mehr unmittelbar weiB, wie sie zur Welt
steht, sondern nur in sich selber Fortschritte macht. Auch daruber
muBte die Menschenseele hinauskommen und in das Zeitalter der
BewuBtseinsseele eintreten. Da soli der Mensch lernen, in seinem Ich,
und nur in seinem Ich zu leben. Er soil alles AuBere abgesondert von
seinem Ich darstellen und es soli alles nur durch die Logik erkannt
werden. So wird der Mensch aus dem geistigen Inhalt der Welt
herausgeworfen.
In dem griechisch-lateinischen Zeitalter hatte die Seele in sich noch
das unmittelbare tatige Verstandesprinzip, und das erlebte zwar die
Vorgange nicht mehr unmittelbar in der AuBenwelt, hatte aber den
Gott in sich. Im neuen Zeitalter verlor der Mensch den Gott auch in
sich selbst. Aristoteles wiirde gar nicht daran gedacht haben, den Gott
zu beweisen, denn die Verstandes- oder Gemiits seele erlebte noch den
Gott in sich. Den Christus konnte sie nicht beweisen, aber den Gott
hatte sie noch in sich. Dann ging vom 15., 16. Jahrhundert ab auch das
verloren. Wenn auch dieses vorbei ist, wird der Mensch unmittelbar
zu einer Gottesidee durch eigene Kraft kommen konnen.
So haben wir also vom 15. Jahrhundert ab durch vierhundert Jahre
den auf sich selbst gestellten Menschenverstand, der unmoglich in
die Gottesidee eindringen kann. Da ist etwas sehr Eigentiimliches
passiert, was uns sehr iibelgenommen worden ist, daB wir es bemerkt
haben. Da lebte in der Morgenrote dieses Zeitraumes, im 18, Jahr-
hundert, der Philosoph Immanuel Kant. Kant passierte nichts Geringe-
res, als daB er die Eigenart der menschlichen Seele seit dem 15. Jahr-
hundert verwechselte mit der Natur der menschlichen Seele iiber-
haupt. Und daher kam er zu der sonderbaren SchluBfolgerung, daB
der Mensch unmoglich aus sich heraus zu einer Gotteserkenntnis
kommen konne, - wahrend er doch nur hatte sagen diirfen, daB dieses
erst seit dem Anfange des 15.Jahrhunderts unmoglich ist. Aber da
Luzifer ihn besonders am Kragen hatte und ihn zu einem hochmutigen
Menschen machte, glaubte er, daB das fur das ganze Menschen-
geschlecht iiberhaupt so sei.
Nun konnte man sagen, dann miiBten die Aussichten fur das Er-
kennen der Christus -Wesenheit noch schlimmer sein als in den voran-
gegangenen Jahrhunderten. Das ist aber doch nicht der Fall. Denn die
Menschheit hat noch andere Erkenntnisfahigkeiten als damals in der
vierten nachatlantischen Kulturperiode und als diejenigen, die jetzt
einzig und allein dazu gebraucht werden, um das Ich voll zu ver-
stehen. Diese anderen Erkenntniskrafte liegen mehr auf dem Unter-
grunde der menschlichen Seele, sie miissen erst heraufgeholt werden.
Aber das tut der heutige Mensch erst, wenn er dazu gezwungen wird.
Solange noch die menschliche Natur an der Oberflache die Moglich-
keit hatte, zu der Erkenntnis des Gottes zu kommen, bemuhte der
Mensch sich nicht weiter, zu seinen tieferen Kraften durchzudringen.
Nun aber, in unserem Zeitalter, da der Mensch nicht an den Gott
heran kann, wird er gezwungen durch die Reaktion, tiefer in sich
selber zu graben und andere Krafte aus sich herauszuheben, als die-
jenigen sind, welche an der Oberflache der menschlichen Natur liegen.
Damit hangt es zusammen, daB wir einer Zeit entgegengehen, in der
eine auf tiefere Krafte der Menschennatur gebaute Erkenntnis der
Christus-Wesenheit beginnt Platz zu greifen.
Ich durfte vor einigen Tagen in Kristiania von einem Fiinften
Evangelium sprechen. Da handelt es sich um Mitteilungen iiber die
Christus-Wesenheit, die nicht in den anderen Evangelien vorhanden
sind. Durch das Fiinfte Evangelium lernt man noch anderes von der
Christus-Wesenheit erkennen als durch das, was in den vier anderen
Evangelien steht. Dieses fiihrt uns noch mehr in die Natur der
Christus-Wesenheit hinein. Indem man solche gewissermaBen neuen
Dinge iiber die Natur der Christus-Wesenheit spricht, kann im
Grunde von einem Begehen einer Unbescheidenheit keine Rede sein,
denn solche Dinge teilt man nur mit, wenn die Zeit es verlangt. Aber
auch das, was zum Beispiel hier in Kopenhagen iiber die Christus-
Wesenheit gesagt worden ist, was ja gedruckt vorliegt in der Schrift
«Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit », und in
verschiedenen Zyklen, gehort schon in gewisser Weise zu diesem
Fiinften Evangelium. Solche Dinge werden eben gesagt, wenn die
Zeit dazu drangt, daB die Menschheit sie erfahre. Wenn Sie nur dieses
eine nehmen, was in der «Geistigen Fiihrung des Menschen und der
Menschheit » besprochen ist von den zwei Jesusknaben, so werden Sie
ja zugeben, daB all das, was Verstandnis ist in unserer Gegenwart -
was die an der Oberflache befindlichen Krafte der Menschenseele
sind -, nicht nur diese Dinge nicht versteht, sondern recht sehr da-
gegen wiitet, wenn sie gesagt werden.
Vor einer neuen Art der Christus-Auffassung stehen wir also, die
eben eine nicht verstandesmaBige sein wird. Sie wird zwar verstanden
werden konnen, aber gefunden wird sie durch tiefergelegene Seelen-
krafte. Wenn man mit dem Blick der hellseherischen Forschung eine
Art Vorschau sich verschafTen will von der Zukunft der Menschheit
in den nachsten Jahrhunderten, auch in den nachsten Reinkarnationen
der jetzt lebenden Menschen, dann muB gesagt werden, daB die an der
Oberflache liegenden Seelenkrafte wirklich immer geringer und ge-
ringer werden. Die Menschheit wird sich immer mehr angewiesen
fuhlen auf die OfFenbarungen der tiefergelegenen Seelenkrafte.
Von dem griechisch-lateinischen Zeitraurn wird mit Recht geruhmt,
daB die Menschen, die recht in ihm lebten, eine gewisse innere Ge-
schlossenheit ihres Wesens hatten. Das kann im Grunde genommen
bei gesunden Seelennaturen schon heute nicht mehr der Fall sein und
wird in der Zukunft immer weniger der Fall sein. Wiirde man die
Menschheit in der Zukunft nur allein dasjenige lehren wollen, was mit
den an der Oberflache liegenden Kraften erforscht werden kann, dann
wiirden die Menschen in ihren Seelen immer mehr veroden, in einer
merkwurdigen Weise veroden.
Heute sind wir noch nicht so weit, daB in der Schule keine reli-
giosen Oberlieferungen mehr gelehrt werden, aber wie viele ver-
langen nicht schon, daB nur dasjenige gelehrt wird, was die Natur-
wissenschaft bringt. Fur das auBere Leben werden ja die Forderungen
dieser Menschen so machtig werden, daB in sehr kurzer Zeit die
Menschheit ungeheuer verauBerlicht sein wird. Heute lernt der
Mensch noch schreiben. In einer nicht sehr fernen Zukunft wird man
sich nur noch daran erinnern, daB die Menschen in fniheren Jahr-
hunderten geschrieben haben. Es wird eine Art der mechanischen
Stenographic geben, die dazu noch auf der Maschine geschrieben
werden wird. Mechanisierung des Lebens ! Ich will sie nur andeuten
durch das eine Symptom: Denken Sie sich die Hohe einer Kultur, in
der man ausgraben wird die historische Wahrheit, da£ einmal Men-
schen waren, die Handschriften gehabt haben, so wie wir ausgraben,
was in den agyptischen Tempeln gefunden wird. Handschriften wird
man ausgraben wie wir die Denkmaler der Agypter. Aber auch die
Reaktion des seelischen Lebens dagegen wird eintreten. Und so wahr
es ist, daB unsere Handschrift fur die Zukunft so etwas sein wird wie
fur uns die Hieroglyphen der Agypter, etwas, das man anstaunen
wird, so wahr ist es, daB daneben die Menschenseelen drangen werden,
die unmittelbaren Offenbarungen des Geistes wieder zu erhalten. Das
auBere Leben wird verauBerlicht werden, aber das innere Leben wird
sein Recht fordern.
Dasjenige, was wir heute als Geisteswissenschaft treiben, mogen
die Leute jetzt verspotten, aber vor dem Sehnsuchtsschrei der Men-
schen nach der geistigen Welt werden sich die Materialisten zuriick-
ziehen mussen. Und so wird man anfangen, den Christus zu erkennen
in denjenigen Zeitepochen, die einen offenen Sinn fur die Spiritualitat
haben werden, dann allerdings durch die Reaktion gegen das auBere
Leben.
Sehen wir, um uns dariiber noch mehr zu verstandigen, die Sache
noch von einer anderen Seite an. Vielleicht werden Ihre Seelen mit-
schwingen, wenn ich versuche, das Folgende vor Ihre Seelen hin-
zustellen. Wir konnen auf das Bild der Frauen blicken, die - nach dem
Evangelium - hingehen, um den Leichnam Christi zu suchen, das
geoffhete Grab finden, den Leichnam nicht finden, aber den Engel
finden, der da sagt: Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie, er ist
auferstanden ! - Er lebt im Geiste. Denn derjenige, den sie gesucht
haben in der Materie, der erscheint nachher den Aposteln und unter-
richtet sie wahrend einiger Zeit, als Ausnahmemenschen, die fur ihn
eine Empfanglichkeit und Verstandnis erlangt hatten. So erschien
Christus in geistiger Gestalt. Und er zog im Geiste durch Griechen-
land, Rom, bis zu den Germanen herauf, von Osten nach Westen und
von da nach Norden. Ein Verstandnis, ideelles, begriffliches, wissen-
schaftliches Verstandnis werden wir fur die Christus -Wesenheit nicht
suchen bei den groBen romischen Philosophen, die wahrhaftig von
dem Christus als von etwas sprechen, was sie nicht verstehen. Aber
auch nicht bei den gleichsam stammelnden germanischen Volkem
werden wir ein Verstandnis fur den Christus finden, der zwar die
Seelen hinreiBt, aber wahrhaftig nicht verstanden wird, der nur in den
Herzen wohnt.
Und kommen wir in das 11., 12., 13.Jahrhundert hinein, da sind es
nicht die Frauen, die zum Grabe gehen, um den Leichnam des
Christus zu suchen, und ihn nicht finden - den Leichnam, der physisch
zu begreifen ware da sind es ganze Scharen europaischer Volker,
die zum Grabe Christi ziehen. Wir kommen in die Zeit der Kreuzzuge,
die vom Westen nach Osten hin sich begeben nach dem Grabe, wohin
einstmals die Frauen gegangen sind. Und was vernehmen diese
Scharen, die zum Grabe wallen?: Was ihx suchet, ist nicht hie! -
Wahrhaftig, was sie suchten entsprang ihrem Gemiit, dem, was in
ihrer Seele lebte, aber sie verstanden es so wenig, daB sie nach dem
Osten zogen, das physische Grab zu suchen, und erst nach langen
Enttauschungen, nach vielen Leiden erfuhren: Der, den ihr suchet,
ist nicht hie ! - Was war es denn, was sie suchten?
Wir sehen auf der einen Seite die Ziige nach dem Osten und sehen
auf der anderen Seite die europaische Mystik sich vorbereiten in
Tauter, Meister Eckhart, und spater in Jakob Bohme einen Hohepunkt
erreichen. Da war derjenige, den sie im Osten suchten und nicht fan-
den! Da war er hingegangen. Aber in einer eigenartigen Weise lebte
er dort. Wenn wir auf diese mittelalterliche Mystik eingehen, was ist
denn ihr bedeutsamster Zug?
Diese Geister: Eckhart, Tauler und die anderen, machen nicht
Anspruch darauf, den Gott, den Christus zu verstehen, aber sie wollen,
wie sie sagen, ein sehr «gelassenes» Leben fiihren, um den Christus
in ihrer Seele zu erleben. Und je mehr sie den Christus in sich erlebten,
desto mehr wuBten sie, daB sie sich mit dem Gottlichen, mit dem
Christus im Sinne ihrer Zeit durchdringen lassen wollten. Die Kreuz-
fahrer hatten nur die Auskunft erhalten : Der, den ihr suchet, ist nicht
hie! - Das, was sie gesucht hatten, lebte wiederum auf in der Form der
europaischen Mystik.
Wir leben wieder in einem eigentumlichen Zeitalter. An dem, was
wir erleben, sind nicht nur die europaischen Volker, sondern auch die
Volker Amerikas beteiligt. Das merkwiirdige Schauspiel, das wir er-
leben konnen, kann einem wirklich an Tausenden und Abertausenden
Symptomen entgegentreten. Lassen Sie mich nur eines davon - aus
Berlin -charakterisieren. Ein beriihmter Theologe der Gegenwart hat
am l.Februar 1910 folgenden «genialen» Satz ausgesprochen : Meine
Damen und Herren, ich bitte Sie, bringen Sie mir einen einzigen Satz,
der von dem Christus Jesus berichtet wird, von dem ich Ihnen nicht
nachweisen kann, daft er nicht schon im vorchristlichen Geistesleben
lebendig war. - Das ist so recht die heutige Art. Man beweist, daB
dasjenige, was in unserem Christentum enthalten ist, schon fruher da
war, sogar das ganze Vaterunser. Dieser Theologe spricht also etwas
aus, was ganz im Sinne unserer Zeit ist, und man wird Ahnliches
immer mehr und mehr horen. Was kann man fur einen Eindruck
haben, wenn man solch einen Herrn behaupten hort, daB alle Aus-
spriiche des Christus schon fruher da waren? Ich horte einmal einen
sehr belesenen Menschen eine Rede halten und ein Kind stand dabei.
Das Kind wurde gefragt: Was hast du denn gehort? Da sagte es : Der
gibt mir nichts Neues, ich kannte schon alle Worte! - So vernimmt
auch der Theologe alle Satze und hort gar nichts Neues, das durch die
Satze hindurchklingen wiirde.
Diese Dinge sollten eigentlich selbstverstandlich sein, dennoch wer-
den sie in der Gegenwart nur mit Widerspruch aufgenommen. Denn
in unserer Gegenwart ist von der Gesinnung, daB ein studierter
Mensch noch etwas lernen konne, wenig vorhanden, wohl aber ist die
Gesinnung verbreitet, daB man alles aus sich beurteilen konne. Mit
solcher Gesinnung haben wir eben ein merkwiirdiges Schauspiel
erlebt. Als der Materialismus in den letzten Jahrhunderten herauf kam,
gefiel es den Menschen nicht, von dem Christus Jesus zu sprechen,
und da entstand eine Theologie, die nach und nach. alles Gottliche
aus dem Christus Jesus herauswarf und nur von dem Menschen, wenn
auch von einem hochstehenden Menschen Jesus sprach. Das ist im
19. Jahrhundert besonders weit gekommen und hat dann einen grotes-
ken Ausdruck in dem beriihmten Werke von Ernest Renan: «Das
Leben Jesu», erhalten, das 1863 erschienen ist. Er hat wunderbar
Schones und in schoner Sprache iiber Jesus gesagt. Aber schon das
Lazarus- Wunder beschreibt er so, als habe Jesus in Wirklichkeit
keinen Toten auferweckt, sondern als habe er zugelassen, daB seine
Anhanger das so berichtet und verbreitet hatten. Es ware also eine
Konzession an seine Anhanger gewesen, eine Art von Hokuspokus
oder Schwindel, so daB sich hier in ein im iibrigen wirklich schones
Werk hineinmischt etwas Hintertreppenromanhaftes. Man findet
eigentlich keinen bestimmten Grund, warum Renan solche verehren-
den Worte gebraucht, denn denjenigen, den er beschreibt, konnte man
wahrhaftig nicht so besonders verehren. Aber ein halbes Jahrhundert
hat das gedankenlos so hingenommen. Das ist nur ein Beispiel aus
der Literatur, die den Christus Jesus nur als einen Menschen gelten
lassen will.
Nun hat man aber die merkwurdige Entdeckung gemacht, daB doch
vieles, was von diesem Christus Jesus berichtet wird, unmoglich ware,
wenn der Christus Jesus ein einfacher Mensch gewesen ware, be-
sonders das Wort, daB Jesus sich selbst fur den Christus gehalten hat,
also fur etwas, was nicht nur ein bloBer Mensch ist. Da ist man auf
manches gestoBen, was nun doch nicht stimmt. Da fanden dann die
Menschen in der letzten Zeit die Auskunft, an die Stelle des Menschen
nun wieder den Gott zu setzen, aber den bloB gedachten Gott. Da
erscheint der Christus Jesus nur wie ein Schatten, ein Schemen, ein
Fetisch, aber wie ein geistiger Fetisch. Ein merkwurdiges Schauspiel!
Jahrhundertelang hatten die Menschen aus dem Christus Jesus den
Gott verdrangt und einen Menschen aus ihm gemacht, und jetzt er-
leben wir, daB der Gott wieder den Menschen unmoglich macht. So
wird es immer weiter- und weitergehen, und dies zeigt hinlanglich, daB
wir auf einer Bahn sind, auf der den an der Oberflache gelegenen
Kraften ein Verstandnis unmoglich ist. Das will sagen, daB die Men-
schen im 20. Jahrhundert eine Art Kreuzzug versucht haben nach dem
historischen Christus Jesus. Und wiederum wird die Antwort kom-
men : Den, den ihr suchet, findet ihr nicht hier. - Denn diejenigen, die
den historischen Menschen Jesus in dieser Weise suchen, werden ihn
ebensowenig finden konnen wie die Frauen am Grabe oder wie die
Kreuzfahrer, die zum Grabe wallten. Aber ebenso, wie die Kreuzfahrer
den Christus nicht finden konnten, weil sie ihn nicht in ihrem Innern
suchten, ebenso konnen die heutigen Kreuzfahrer den Christus Jesus
nicht finden, weil sie ihn nicht suchen mit den Kraften, die im Inneren
der Menschenseele gelegen sind, weil sie sich nicht an diejenigen
Geisteskrafte wenden, die allein den Christus finden konnen.
Es bereitet sich im SchoBe der spirituellen Geistesstromung eine
Vertiefung der geistig-seelischen Krafte vor. Und wahrend immer
mehr und mehr den Christus leugnen werden die an der Oberflache
gelegenen Geisteskrafte, werden tiefere Seelenkrafte auftreten, die den
Christus immer mehr suchen werden. Es werden die Menschen sich
mehren, die schauen werden den Christus, der die Athersphare be-
leben wird, den diejenigen finden werden, die dafur empfanglich sind.
Darum sprechen wir von einem atherischen Dasein des Christus im
20. Jahrhundert. Dann werden wir aus eigener Erfahrung wissen, daB
bei dem Mysterium von Golgatha wirkiich in die Erdensphare ein-
getreten ist diejenige Wesenheit, die der Christus genannt wird, und
immer mehr Menschen werden wissen, wer der Christus ist, da sie ihn
schauen werden.
Die Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft wird die Seelen so
vertiefen, daB dadurch der Blick der Menschen erwachen wird fur den
Christus. Eine wunderbare Perspektive tut sich fur den hellseherisch-
prophetischen Blick auf ! Die auBeren, an der Oberflache liegenden
Seelenkrafte werden immer unzulanglicher und unzulanglicher, und
die Menschen werden nach und nach so geboren werden, daB sie mit
diesen an der Oberflache liegenden Seelenkraften in ihrem Seelen-
leben verhaltnismaBig bald fertig werden. Aber ein Zeitalter steht
bald vor der Tur, das in einer merkwiirdigen Weise an das Christus-
Ereignis erinnern wird.
Im dreiBigsten Jahre seines Lebens sah der Jesus von Nazareth in
sich den Christus einziehen. Ein neues Seelenleben begann in dem
Leibe des Jesus von Nazareth, da der Christus in ihn eingezogen war
an die Stelle des Zarathustra-Ich, das ihn verlassen hatte. Das war am
Beginn unserer Zeitrechnung. Eine Zeit steht jetzt vor der Tur, in
welcher die Menschen immer zahlreicher werden, bei denen vom
dreiBigsten Jahre ihres Lebens an, zwar nicht der Christus in seiner
Fiille, aber die Christus-Erkenntnis wie durch eine Erleuchtung ein-
ziehen wird. Im dreiBigsten Lebensjahre wird bei diesen Menschen
ein neues, umfassendes Seelenleben beginnen dadurch, daB sie den
Christus in seiner atherischen Wesenheit schauen werden.
Man versteht im Sinne der Geisteswissenschaft unsere Zeit, wenn
man sich Verstandnis erwirbt fur diese Perspektive. Wenn die Seelen,
die jetzt leben, wieder verkorpert sein werden - von denen viele
friiher wiedergeboren werden als nach der normalen, durchschnitt-
lichen Regel fiir manche aber wird es sich auch schon friiher voll-
ziehen, daB von einem bestimmten Lebensalter an die Menschen in
sich einziehen fiihlen werden durch ihr Erleben, wovon sie friiher nur
durch Unterweisung wissen konnten. Sie werden sagen konnen: Es
tritt in mein Leben die Schauung ein, und ich weiB jetzt selber, wer der
Christus ist, ich habe ein Verstandnis durch Schauen erlangt. - Dann
wird man den Christus nicht mehr beweisen wollen, denn die Anzahl
derer wird immer groBer werden, die dariiber berichten konnen, daB
sie den Christus als Geistwesen auf der Erde herumwandelnd finden.
Man wird nicht mehr bloB den historischen Christus suchen.
Das sind die beiden Seiten des Zukunftsbildes : Auf der einen Seite
wird immer mehr eine Verodung eintreten durch die an der Ober-
flache befindlichen Seelenkrafte, andererseits durch Reaktion eben
gegen die Verodung, ein Hervorrufen der in den Tiefen liegenden
Seelenkrafte. Um dieses zu erkennen, dazu verbreiten wir die Anthro-
posophie.
Die Menschen diirfen die Eindriicke, die sie empfangen werden,
die meistens nur leise auftreten, nicht achtlos an sich voriibergehen
lassen, denn nur seiten finden vehemente Eindriicke statt. Durch die
Verbreitung wahrer Anthroposophie werden die Menschenseelen so
werden, daB sie nicht achtlos an sich werden voriibergehen lassen die
Erleuchtung, wenn sie kommt, denn sonst wiirde man sie wahrend
mehrerer Inkarnationen nicht bekommen konnen. Die anderen aber,
die von den oberflachlichen Seelenkraften ausgehen, werden gerade
diese, die die Erleuchtung bekommen haben, als Narren, als Wahn-
sinnige verschreien. Ein Anfang dazu ist ja schon in einer fiirchter-
lichen Weise gemacht worden. Psychiater haben sich schon auf die
Christus Jesus-Forschung geworfen. Man studiert die Evangelien auf
Symptome des Wahnsinns hin. An solchen Erscheinungen sollte man
nicht achtlos vorbeigehen, sondern man sollte dadurch zur Einsicht
kommen, daB die andere Seite sehr einer Pflege bedarf; jene andere
Seite, die darstellt ein Verstandnis fiir den Christus, der in die Mensch-
heit eingetreten ist in einer Zeit, in der er am wenigsten verstanden
werden konnte und der fortwirkt, urn vorzubereiten das Verstandnis,
das in Zukunftszeiten kommen wird.
Der Mensch, der in die Zukunft blickt, sollte nicht mit einer
abstrakten, allgemeinen Phrase dasjenige abtun, was sich in der Zu-
kunft zeigt. Die Zukunft zeigt sich von zwei Seiten, von der Seite
der Verodung, des Aufgehens im Materialismus, aber auch von dem
Geborenwerden einer neuen geistigen Welt, nicht nur in den Gedan-
ken, oder, sagen wir, in der Anschauung, sondern fiir das Dasein.
Denn der Christus wird dem Menschen an die Seite treten und sein
Rater werden. Nicht als Bild allein ist das gemeint, sondern in Wirk-
lichkeit werden die Menschen die Ratschlage, die sie brauchen, von
dem lebenden Christus empfangen, der ihnen Berater und Freund
sein wird, der zu den Menschenseelen sprechen wird so wie ein
Mensch, der physisch neben uns geht. Hat die Menschheit eine pro-
phetische Vorverkundigung gebraucht damals, als der Christus phy-
sisch in einem Menschenleibe erscheinen sollte, noch viel mehr braucht
sie diese jetzt, da er in einer atherischen Erscheinung fiir die Menschen
kommen wird. Betrachten Sie das Gesagte daher als eine vorberei-
tende Verkiindigung dessen, was da kommen wird und kommen muB.
Machen Sie sich iiber die Zukunft keine Illusion. Aber wir geben
uns iiber die Zukunft keiner Illusion hin, wenn wir uns vorhalten, wie
es ausschaut im auBeren materiellen Leben, wenn wir ausgehen von
der Betrachtung, daB man in der Zukunft so von der Handschrift
sprechen wird, wie wir von den Hieroglyphen der Agypter sprechen.
Es sind die letzten Reste einer geistigen Kultur noch vorhanden, noch
erscheint in der Schrift eine Physiognomie der Seele, aber bald wird
die Spur des Seelischen aus der auBeren Kultur so verschwunden
sein wie fiir uns die agyptische Kultur. Von manchem, was fiir uns
noch Seelisches ist, wird man als von einem lang Vergangenen spre-
chen. Derselbe Mund aber, der verkundigen wird, es war einmal so
etwas wie eine menschliche Handschrift, wird verkiinden aus dem
Spirituellen, aus dem Geistigen heraus, daI3 der Christus im Geiste
lebendig wieder unter den Menschen herumgeht. Den Geist des bloB
Gedachten werden die Menschen eintauschen miissen fur den Geist
der unmittelbaren Anschauung, des unmittelbaren Mitfiihlens und
Miterlebens von dem an der Seite aller Menschenseelen geistig-leben-
dig schreitenden Christus.
DIE DREI GEISTIGEN VORSTUFEN
DES MYSTERIUMS VON GOLGATHA
Stuttgart, S.Marz 1914
Ankniipfend an die Betrachtungen des Fiinften Evangeliums wollen
wir ims heute vor die Seele fiihren die Wirksamkeit des Christus-
Geistes auf die Menschenentwickelung, wie sie sich in den geistigen
Welten vollzog vor dem Mystefium von Golgatha.
Wir miissen uns dabei erinnern an die Tatsache der zwei Jesus-
knaben: den salomonischen, in dem das Zarathustra-Ich lebte, und
den nathanischen Jesusknaben. Wir miissen hinschauen auf den natha-
nischen Jesusknaben und uns jetzt fragen: Was fur eine Wesenheit
war dieser Knabe, in den spater das Ich des Zarathustra einzog?
Urn diese Wesenheit zu verstehen, miissen wir weit zuriickgehen in
der Entwickelung der Erde und der Menschen. Diese Wesenheit, die
in dem nathanischen Jesusknaben wirkte, war zum ersten Male in
eine physische Verkorperung getreten in dem Jesus von Bethlehem.
Vorher hatte sie von der geistigen Welt aus Anteil genommen an der
Menschheitsentwickelungj nie aber in einem physischen Menschen-
leib gelebt. Sie hatte mitgelebt die Zeiten, als die Menschenhullen ge-
schaffen wurden, mitgelebt die Saturnzeit, in der der Keim zum phy-
sischen Leib veranlagt wurde, die Sonnen- und Mondenzeit, wo
Ather- und Astralleib sich bildeten, mitgelebt auch die die groBen
Zeitperioden wiederholenden kleineren Etappen. Als aber das Men-
schen-Ich in der lemurischen Zeit herabstieg in die drei Hiillen, da
war dieses Wesen gleichsam als ein Teil des gottlichen Menschenseins
zuriickgeblieben in den geistigen Welten und hatte nicht mitgemacht
die Entwickelung des Ich in den drei Hiillen und seine Verfuhrung
durch den luziferisch-ahrimanischen Einschlag. Dieser sich in den gei-
stigen Welten zuriickhaltende Teil des gottlichen Menschenwesens,
dieses Geisteswesen ist zum ersten Male in einen physischen Leib
herabgestiegen als nathanischer Jesusknabe, um als solcher sich von
dem Christus durchleuchten zu lassen. Die Johannestaufe stellt dar
die Durchdringung des Jesus von dem Christus-Geist.
Da war es aber nicht das erste Mai, daB es sich von dem Christus
hat durchdringen lassen diirfen. Wahrend es als Geistwesen in den
geistigen Welten lebte, hatte es schon vermocht, sich wiederholt von
dem Sonnengeist durchdringen zu lassen. Vorbereitend das Christus-
Ereignis im physischen Leib, hatte sich vorher Ahnliches vollzogen in
geistigen Welten und hereingewirkt auf die Menschenentwickelung.
Blicken wir auf die lemurische Zeit zuriick, als der Mensch sich mit
seinen Hiillen verband, und schauen wir, wie damals das Menschen-
wesen sich gestaltet hatte, hatten allein die Krafte aus dem Kosmos
auf den Menschen gewirkt, mit denen er damals in Verbindung stand.
Es drohte in jener Zeit, daB die zwolf kosmischen Krafte, die auf den
Menschen wirken, durch damonische Wesen in Unordnung gerieten.
Dadurch hatte sich der Mensch ganz anders entwickeln miissen, als er
heute geworden ist. Die Sinne des Menschen, die sich damals heraus-
bildeten, sie waren unter der Wirkung der in Unordnung geraten-
wollenden Krafte uberempfindlich geworden. Die Lichtempfindung,
alle Wahrnehmung vermag heute der Mensch in Gelassenheit auf-
zunehmen. Unter der Wirkung des luziferisch-ahrimanischen Ein-
schlags hatte das Sinnesleben die starksten Begierden und Impulse
auslosen miissen. Hatte der Mensch zum Beispiel eine rote Farbe
gesehen-und so hatten vor allem die Sonnenstrahlen wirken miissen-,
so hatte in brennendem Schmerz die begehrende Seele fliehen miissen,
und bei der Wahrnehmung von Blau hatte sie sich, in sich verzehrend,
in Qual iiberwinden miissen. Die Seele hatte furchtbar leiden miissen
bei jeder Sinnesempfindung, gejagt von tierischer Wollust und Be-
gehren zu versengendem Schmerz und Qual.
Da drang der Schmerzensschrei der gequalten Menschheit hinauf zu
jenem Geisteswesen. Er trieb es hin zu dem Sonnengeist, so daB es
sich von dem Christus durchdringen lassen durfte. Dadurch wurde
abgemildert die innerliche Starke der Sinneswahrnehmung, dadurch
schlug das Wesen die starkste Versuchung des Luzifer und Ahriman
ab. Indem es die zu starke Wirkung der Krafte auf die Sinne milderte,
gestaltete es das Wahrnehmungsieben in em maBvolles passives um.
Und gehen wir weiter in die atlantische Zeit herein. Eine neue
Gefahr schwebte da iiber den Menschen: Durch den luziferisch-
ahrimanischen EinfluB waren bedroht die Lebensverrichtungen, die
Lebensorgane des Menschen. Hatte zum Beispiel eine Speise vor dem
Menschen gestanden, ware tierische Gier, sie zu verschlingen, erwacht.
Seine Seele ware ganz Gier gewesen. Besonders empfindsam ware das
Atmen gewesen, das Ein- und Ausatmen. Schlechte Luft hatte den
Menschen mit schauderndem Ekel erfullt. Alles, was mit den Er-
nahrungs- und Lebensfunktionen zusammenhing, loste eine ungeheure
Aufstachelung von Sympathie und Antipathie aus, trieb die Seele von
verschlingender Gier zu abstoBendem Ekel.
Und wiederum war es jenes Geistwesen, das diese Gefahr fur den
Menschen abwandte. Ein zweites Mai lieB es sich mit dem Christus-
Geist durchdringen und rettete dadurch die sonst in Unordnung ge-
ratenden Lebenskrafte des Menschen.
Und am Ende der atlantischen Zeit erstand eine dritte Gefahr fur
den Menschen durch den luziferisch-ahrimanischen EinfluB. Esdrohte,
daB die menschlichen Seelenkrafte, Denken, Fiihlen und Wollen, in
Unordnung, in Disharmonie zueinander gerieten, daB die drei Krafte
nicht mehr recht zusammenklingen konnten in der menschlichen Seele.
In Leidenschaft ergliiht ware der Mensch jedem Impulse gefolgt, oder
von Furcht und HaB erfullt geflohen, ohne daB Vernunft die Krafte
hatte regeln konnen. Wie brachte da das Geisteswesen Hilfe? Das
Geisteswesen muBte untertauchen in die von Leidenschaft erfiillte
menschliche Seele, muBte selbst die Leidenschaft werden, muBte zum
Drachen werden, um umzuwandeln die Seelenkrafte, und ein drittes
Mai von dem Christus-Geist sich durchleuchten lassen.
Widergespiegelt finden wir dieses geistige Geschehnis in den Mythen
aller Volker, in dem Mythos von Sankt Georg, dem Erzengel Michael,
den Drachen besiegend. In den nachatlantischen Kulturen sehen wir
ein BewuBtsein lebendig von den in geistigen Welten sich vollziehen-
den Einwirkungen des Christus auf das Menschenwerden durch jenes
Geisteswesen. In dem Zarathustra-Kult tritt uns das hohe Sonnen-
wesen entgegen, und wie ein Abbild davon zeigt sich im griechischen
BewuBtsein der Apollo-Dienst. Am kastalischen Quell ist der Tempel
des Apollo, wohin wohlvorbereitet die Griechen ziehen, um sich bei
Apollo Rat zu holen. Python, der liber den Dampfen ruht, die aus dem
Spalt aufsteigen und den Berg ParnaB umwinden wie eine Schlange, er
wird durch Apollo besiegt, und an seine Stelle tritt die Priesterin
Pythia, durch deren Mund Apollo seine Weisheit den Griechen offen-
bart. Von Friihling bis Herbst weilt Apollo in seiner Statte, dann zieht
er nach Norden in das Land der Hyperboraer. Nach Norden muB
Apollo ziehen als der Geist der Sonne, wahrend die physische Sonne
nach Siiden zieht. Und verbunden finden wir mit Apollo die Musik,
das Saitenspiel. Es stellt dar den Ausdruck des Zusammenstimmens
der drei menschlichen Seelenkrafte. Und von einem beriihmten Manne
mit zu groBen Ohren, dem Konig Midas, wird gesagt, daB Apollo ihm
die Eselsohren wachsen lieB als Strafe dafur, daB Midas beim musi-
schen Wettkarnpf zwischen Apollo und Marsyas gegen Apollo ent-
schied, weil er Marsyas Flote dem Saitenspiel Apollos vorzog.
Dreimal also, ehe das Mysterium von Golgatha eintrat, hatte von
den geistigen Welten aus der Christus sich mit der Menschheit ver-
bunden, durch dreimaliges Durchdringen jenes Geistwesens, das spa-
ter der nathanische Jesusknabe war: Erstens maBvoll die Sinneserfah-
rung zu regeln in der lemurischen Zeit, zweitens die Lebenskrafte zu
regeln im Anfang der atlantischen Zeit, drittens zu regeln die Seelen-
krafte am Ende der atlantischen Zeit. Dann erst vollzog sich als viertes
das Mysterium von Golgatha, um zu regeln das Ich in seinem Ver-
haltnis zur Welt.
Vorgefuhlt wurde die Gefahr fur das menschliche Ich, in die es
durch die Versuchungen Luzifers und Ahrimans gefiihrt wurde, in
den agyptischen Priesterstatten in der griechisch-lateinischen Zeit.
Man fuhlte das Ich herannahen, und man suchte mit den Kraften, die
es in Unordnung bringen wollten, zu ringen. Da sah man in den Tem-
peln an vielen Orten etwa folgende Zeremonien und oft sich wieder-
holend : Der Priester formte ein scheuBliches, unformliches Gebilde, ein
Krokodil, spuckte es an, warf es zur Erde und verbrannte es. Andere
Priester erzahlten dem Volk : Re, die Sonnengottheit, zieht ihre Bahn
am Himmelsraum von Ost nach West. Im Westen wird sie fahl, stiirzt
hinab, weil sie gegen damonische Wesenheiten zu kampfen hat.
Man fuhlte die Krafte des Ich herausdrangen. In zweifacher Form
tritt es uns entgegen. Wir sehen im 7. bis 8. Jahrhundert vor Christus
auftreten und durch alle siidlichen europaischen Lander hindurch-
ziehend das Sibyllentum. In ihm lebte das, was zeigte, daB das Ich sich
herausbilden kann. Aber das Sibyllenwesen hing mit den elementa-
rischen Kraften der Erde zusammen, die im UnterbewuBten der Seele
wirken und in leidenschaftlicher Art sich herausdrangen. Diesem
Sibyllenwesen steht gegenuber die Prophetie des jiidischen Volkes.
Die Propheten wollen in ihrer Seele alles Sibyllenwesen zuriickdrangen
und nur lauschen auf die Offenbarung, die sich den Kraften des Ich
eromiet, die bewuBt sind. In sinnender Versunkenheit stellt Michel-
angelo die Propheten dar und ihnen gegenuber die Sibyllen mit ele-
mentarischen Kraften der Erde, mit Wind, Feuer, Luft verbunden.
Ohne das Mysterium von Golgatha hatte das Sibyllenelement iiber
die bewuBten Ich-Krafte gesiegt, hatte die Ich-Krafte zuriickgedrangt.
Das Ich ware der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Als
Kraft sehen wir den Christus-Impuls in dem Menschheksgang wirken,
auch ohne daB das menschliche BewuBtsein ihn aufgenommen hat,
als Kraft, die die Kulturen gestaltet, die die Geschichte der euro-
paischen Volker gestaltet, die die Gestaltung Europas bestimmt. Am
28.0ktober des Jahres 312 ist die Besiegung des Maxentius durch
Konstantin. Maxentius befragt die Sibyllen und ihm wird die Ant-
wort : Ziehst du mit deinem Heere hinaus vor die Tore Roms, wirst du
Roms groBten Feind besiegen. - Maxentius hat darauffolgend einen
Traum, und dem Sibyllenspruch und Traum folgt er. Er zieht vor Rom
hinaus, entgegen aller Vernunft, dem Rat und aller Plane seiner Feld-
herren. Auch Konstantin traumt : Er sieht, wie er, das Banner Christi
vor sich tragend, iiber den viermal starkeren Gegner siegt. Entgegen
aller menschlichen Vernunft kommt es zum Kampf, und Konstantin
siegt, das Kreuz vor seinem Heere tragend.
Wir konnen den geschichtlichen Gang der Menschheit vor uns
stellen von 800 vor Christi bis in unsere Zeit herein. In den Jahr-
hunderten vor Christi sehen wir die tiefe griechische Weisheit bis zu
ihrem hochsten Punkte emporkommen. In ihr zehrt die Menschheit
die letzten vererbten Gotterkrafte auf. Da tritt im Punkt Null das
Mysterium von Golgatha ein und es wirkt in die Menschheit herein.
Die anregenden Krafte des Christus-Impulses wirkten in der Zeit
nach dem Mysterium von Golgatha in verschiedener Art ein, gingen
von verschiedenen Planen der geistigen Welten aus.
I II III IV
0-800 Hohere Geistwelt
800-1600 Nicdere Geistwelt .
160
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