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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER KUNST
■ Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XIX
RUDOLF STEINER
Eurythmie
als sichtbarer Gesang
Ein Aufsatz vom 2. Marz 1924
und acht Vortrage, gehalten in Dornach
vom 19. bis 27. Februar 1924,
mit dazugehorigen Notizbucheintragungen
2001
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung
Die Herausgabe besorgte Eva Frobose
1. Auflage Dornach 1927
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1956
3. Auflage, neu durchgesehen, verandert und erganzt
Gesamtausgabe Dornach 1975
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2001
Bibliographie-Nr. 278
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Zeichnungen im Text nach den Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff (siehe auch Seite 144)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2001 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2781-7
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck be-
stimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung
der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durch-
sicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen die
Nachschriften selbst korrigiert hat, mull gegeniiber alien Vortrags-
veroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird
eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften au£ert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Aufsatz: Uber den Toneurythmie-Kurs, 2. Marz 1924 . . 9
Erster Vortrag, Dornach, 19. Februar 1924 11
Das Dur- und das Moll-Erlebnis. Die Vokale als wesenhaftes Erleb-
nis: O U (Dur), A E (Moll). Heileurythmische Wirkungen. Gestal-
tung des Dur- und Moll-Akkordes. Das I-Erlebnis.
Zweiter Vortrag, 20. Februar 1924 28
Die Gebdrde des Musikalischen. Der Grundton in Beziehung zur
Oktave. Vergleich des Terzenerlebnis mit dem Quinten- und
Septimenerlebnis. Septimenfolgen: Klanggebilde in der atlantischen
Zeit. Unterschied zwischen Konsonanzen und Dissonanzen. Das
Quartenerlebnis.
Dritter Vortrag, 21. Februar 1924 42
Das Verhaltnis der Septime und Sexte zum Grundton. Heilwir-
kungen. Toneurythmie wirkt kunstlerisch korrigierend auf das
Musikalische; Lauteurythmie wirkt kunstlerisch korrigierend auf
Deklamation und Rezitation. Die Aufldsung des Akkordes und des
Harmonischen in das Melos. Die Melodie im einzelnen Ton. Takt,
Rhythmus, Tonhohe. Konkordanz der Ton-Skala mit den Haupt-
vokalen. Verwandtschaft des Musikalischen mit der Sprache.
Vierter Vortrag, 22. Februar 1924 56
Das Sich-Fortbewegen der musikalischen Motive in der Zeit. Motiv-
schwung und Taktstrich an einem musikalischen Beispiel. Das
Gedicht «Uber alien Gipfeln ist Ruh, ...». Die gesundende Wir-
kung der Ton-Heileurythmie.
Funfter Vortrag, 23. Februar 1924 70
Uber den osterreichischen Musiker Hauer. Uber Architektur.
Akkorde, Dreiklange, Vierklange im Raum dargestellt. Tonika,
Dominante, Subdominante. Die Chor-Eurythmie. Das Runden
der Formen bei tiefen Tonen und das Spitzen bei hohen Tonen.
Die Tonfolge h a e d in Verbindung mit dem Wort TAO.
Sechster Vortrag, 25. Februar 1924 85
Das rem Musikalische liegt im Intervall. Erwahnung des Films als
Beweis des Unmusikalisch-Werdens. Die TAO-Meditation. Die
Vokale O U liegen innerhalb des Musikalischen; I E gehen heraus
aus dem Musikalischen. Die beharrende Note und die Pause. Span-
nung und Losung. Dissonanz und Konsonanz. Die Sekunde.
Siebenter Vortrag, 26. Februar 1924 99
Der Ansatz zum musikalischen Eurythmisieren liegt im Scblussel-
bein. Der menschliche Arm mit der Hand, vom Schliisselbein aus,
ist die Skala. Kontra- und Subkontratone. Die Dur-Kadenz, die
Moll-Kadenz. Das Durchdrungensein der Bewegung mit dem Ge-
fiihl beim Ton-Eurythmisieren. Heileurythmie.
Achter Vortrag, 27. Februar 1924 115
Tonbobe, Tondauer, Tonstarke, Tempowechsel. Ethos, Pathos. Die
Phrasierung in der Musik. Die Eurythmie darf nicht zum Tanze
werden.
Vorwort von Marie Steiner zur ersten Auflage, 1927 . . . 129
Aufzeichnungen Rudolf Steiners zur Toneurythmie . . . 135
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 144
Hinweise zum Text 145
Personenregister 146
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 147
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 149
Notizbucheintragungen von Rudolf Steiner
zu den Vortragen des Toneurythmie-Kurses .... Beilage
UBER DEN TONEURYTHMIE-KURS
Aufsatz vom 2. Marz 1924
[. . .] Es lag nun eine innere Notwendigkeit vor, in der Sektion fur die
redenden und musikalischen Kiinste, deren Leiter Frau Marie Stei-
ner ist, einen Kursus iiber Toneurythmie zu veranstalten. [...] Hier
soil nun in einigen Satzen iiber Absicht und Haltung gesprochen
werden. Die eurythmische Kunst hat bisher die Lauteurythmie in
einem bestimmten Mafie ausgebildet. Wir sind selbst unsere streng-
sten Kritiker und wissen, daft auf diesem Gebiete alles, was schon
jetzt geleistet werden kann, nur ein Anfang ist. Aber das Angefan-
gene mufi eben weiterentwickelt werden.
Fur die Toneurythmie, den «sichtbaren Gesang», waren wir bis-
her nicht so weit gekommen wie fur die Lauteurythmie, das «sicht-
bare Wort». Wenn die Anfange, die wir bisher hatten, auf dem rech-
ten Wege fortgesetzt werden sollen, so mufite gerade jetzt - in dem
Stadium, in dem die Toneurythmie praktiziert worden ist, eine
Weiterbildung stattfinden. Das sollte durch diesen Kursus gesche-
hen. Dabei mufite aber auch auf das Wesen des Musikalischen selbst
hingewiesen werden. Denn in der Eurythmie wird Musik sichtbar;
und man mufi ein Gefuhl dafiir haben, wo diese ihre wahre Quelle
in der Menschennatur hat, wenn man ihr Grundwesen sichtbar
machen will.
In der Toneurythmie wird anschaulich, was in der Musik im
Unanschaulich-Horbaren lebt. Es ist gerade da die grofke Gefahr
vorhanden, unmusikalisch zu werden. Ich hoffe, in den Vortragen
dieses Kursus den Beweis erbracht zu haben, dafi dann, wenn Musik
in Bewegung iiberstromt, das Bediirfnis entsteht, alles Unmusikali-
sche in der Musik abzustoften und nur «reine Musik» in das Reich
des Sichtbaren himiberzutragen. Wer allerdings der Ansicht ist, daft
mit dem Hiniibertragen des Horbaren in die sichtbare Bewegung
und Form das Musikalische aufhore, der wird gegen die ganze Ton-
eurythmie seine Bedenken haben. Allein eine solche Anschauung ist
doch wohl nicht im tiefsten Wesen eine kiinstlerische. Denn wer
Kunst in sich erlebt, der mufi Freude an jeder Erweiterung der
kiinstlerischen Quellen und Formen haben. Und es ist nun einmal
so, daft Musik wie jede wahre Kunst aus dem Innersten des Men-
schen hervorquillt. Und dieses kann sein Leben auf die mannigfal-
tigste Art offenbaren. Was im Menschen singen will, das will sich
auch in Bewegungsformen darstellen; und nur, was als Bewegungs-
moglichkeiten in dem menschlichen Organismus liegt, wird in Laut-
und Toneurythmie aus ihm herausgeholt. Es ist der Mensch selbst,
der sein Wesen da offenbart. Die menschliche Gestalt ist nur als
festgehaltene Bewegung verstandlich; und die Bewegung des Men-
schen offenbart erst den Sinn seiner Gestalt. Man darf sagen: wer die
Berechtigung von Ton- und Lauteurythmie bestreket, der lehnt
damit ab, den ganzen vollen Menschen zur Erscheinung kommen zu
lassen. Nun, der Materialismus lehnt es ab, in der menschlichen
Erkenntnis den Geist zur Erscheinung kommen zu lassen; die
Ablehnung der Eurythmie als einer neben den anderen Kiinsten und
in Verbindung mit ihnen berechtigten Kunst wird wohl in einer
ahnlichen Gesinnung ihren Ursprung haben.
Es steht zu hoffen, daft die Eurythmiker einige Anregung durch
diesen Kursus empfangen haben und daft damit zur Weiterbildung
unserer eurythmischen Kunst einiges hat beigetragen werden
konnen.
ERSTER VORTRAG
Dornach, 19. Februar 1924
Das Dur- und Moll-Erlebnis
Wir haben eigentlich im Grunde genommen bisher die Lauteuryth-
mie bis zu einem gewissen Grade ausgebildet und darinnen ja auch
einiges erreicht. Die Toneurythmie, sie ist eigentlich bis jetzt doch
nur in ihren allerersten Elementen ausgebildet worden, und es ist
eine sehr merkwurdige Tatsache, die sich in der allerletzten Zeit
eingestellt hat und die mich eigentlich dazu veranlafk hat, diese klei-
ne Serie von Vortragen zu geben. Das ist die Tatsache, daft von der
einen oder von der anderen Seite stark hervorgetreten ist, daft die
Leute oftmals die Toneurythmie sympathischer gefunden haben als
die Lauteurythmie und so das Gefuhl hatten, daft die Toneurythmie
verhaltnismafiig leicht verstanden werden kann fur die Empfindung,
wahrend die Lauteurythmie manchem als etwas noch Weiterliegen-
des erschien. Diese traurige Tatsache, daft ein in den Windeln noch
Liegendes vielfach als das Bedeutsamere hingestellt worden ist ge-
geniiber dem Weiterausgebildeten, das ist dasjenige, was doch wirk-
lich schon den Beweis geliefert hat, daft das Verstandnis fur die Eu-
rythmie heute eigentlich noch nicht sehr weit gediehen ist. Und vor
alien Dingen mufi fur dieses Verstandnis gesorgt werden. Und des-
halb mochte ich heute zunachst einleitungsweise einiges sprechen,
das Ihnen eine Moglichkeit geben kann, auch im Sinne eines solchen
Verstandnisses fur Eurythmie zu wirken.
Gerade indem wir versuchen werden, die Toneurythmie heraus-
zuholen aus dem Allgemein- Eurythmischen, wird sich iiber dieses
Verstandnis heute wenigstens einleitungsweise sprechen lassen.
Es ist schon nicht zu leugnen, daft auch von seiten der Eurythmi-
sierenden noch vieles beigetragen werden kann, um ein richtiges
Eurythmie-Verstandnis zu verbreiten. Denn vor alien Dingen muE
beriicksichtigt werden, was der Zuschauer an der Eurythmie wahr-
nimmt. Der Zuschauer nimmt an der Eurythmie nicht etwa blofi die
Bewegung oder die Geste wahr, die der Eurythmisierende darstellt,
sondern der Zuschauer nimmt wirklich an der Eurythmie wahr, was
der Eurythmisierende empfindet und innerlich erlebt. Und dazu ist
notwendig, daft tatsachlich im Eurythmisieren von dem Eurythmi-
sierenden erlebt werde - erlebt werde vor alien Dingen dasjenige,
was ja zur Darstellung kommen soli. Das ist in der Lauteurythmie
das Lautgebilde, in der Toneurythmie aber das Tongebilde.
Nun, von diesem Tongebilde haben wir ja aufier den Formen, die
fur einzelne musikalische eurythmische Darbietungen geschaffen
worden sind, eigentlich bis jetzt blofi die glatten Tone, eigentlich
bloft die Skala, und nicht mehr. Wenn wir von der Lauteurythmie
auch nicht mehr hatten, als was wir heute in der Toneurythmie
haben, so wiirde das ungefahr der Umfang der Vokale a, e, i, o, u
sein. Nun bedenken Sie, wieviel wir kunstlerisch erreichen wiirden,
wenn wir bisher bloft e, i } o, u hatten in der Lauteurythmie! Mehr
haben wir aber eigentlich kunstlerisch noch nicht in der Toneuryth-
mie. Deshalb ist es eigentlich deprimierend, wenn die vorhin charak-
terisierten Urteile liber die Toneurythmie an einen herankommen.
Und deshalb betrachte ich es als eine Notwendigkeit, daft wir
wenigstens einmal einen Anfang machen in der Grundlegung der
Toneurythmie.
Da ist aber vor alien Dingen notwendig, dafi iiber das blofie
Gebardenmachen und Bewegungerzeugen in der Eurythmie hinaus-
gegangen werde, dafi tatsachlich innerhalb des Eurythmischen -
auch in der Lauteurythmie - der wirkliche Laut empfunden werde.
Sie miissen mir schon gestatten, diese Einleitung zu machen; wir
haben ja heute in unserem Sprechen, namentlich in unserem Schrei-
ben gar keinen Begriff mehr davon, was ein Laut eigentlich ist, ein-
fach weil wir die Laute nicht mehr benennen, sondern hochstens
kurz anschlagen.
Wir sagen a. Die griechische Sprache war die letzte, die alpha
gesagt hat. Gehen Sie ins Hebraische zuriick: aleph. Da hatte der
Laut als solcher einen Namen. Da war der Laut etwas Wesenhaftes.
Je weiter wir in der Sprache zuruckkommen, desto wesenhafter wird
der Laut. Wenn man den griechischen Laut, der der erste ist im
Alphabet, benennt: alpha, und geht zuriick auf die Bedeutung dieses
Wortes alpha - es ist ja ein Wort, das den Laut umfafit -, so haben
Sie noch in manchen Anklangen, selbst der deutschen Sprache, das-
jenige, was im Laute alpha, aleph liegt, zum Beispiel wenn Sie Alp
sagen, wenn Sie Alpen sagen. Es fiihrt das zuriick auf Alp - Elf -, auf
das Wesen, das in Regsamkeit ist, das im Entstehen, im Werden, im
lebendigen Bewegen begriffen ist. Das ist vollstandig verlorengegan-
gen fur das weil wir nicht mehr alpha oder aleph sagen.
Wenn man aber aleph oder alpha auf den Menschen anwendet,
dann kann man das a auch wirklich erleben. Und wie erlebt man das
a7 Eine Schnecke kann kein aleph sein, kann kein alpha sein. Ein
Fisch konnte schon ein alpha sein, ein aleph. Warum? Weil der Fisch
ein Riickgrat hat und weil das Riickgrat den Ausgangspunkt des
Werdens in einem solchen Wesen, das ein aleph ist, bedeutet. Und
vom Riickgrat aus gehen die Krafte, die zunachst das Wesen, das ein
alpha ist, umspannen.
Nun fassen Sie das auf. Fassen Sie das Riickgrat so auf, daJK vom
Riickgrat strahlig ausgeht dasjenige, was das aleph, das alpha aus-
macht. Sie wiirden ungefahr so erleben, wenn Sie zunachst daran
denken, dafi Sie ja als Mensch zum Beispiel vom Riickgrat nichts
Tafel 1*
* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 144.
hatten, wenn da nicht die Rippen ausgingen und den Leib gestalte-
ten. Und wenn Sie sich die Rippen losgelost und in Bewegung den-
ken, so haben Sie die Arme. Dann aber haben Sie, wenn Sie dies ins
Auge fassen, auch das eurythmische a. Glauben Sie nicht, dafi der-
jenige, der der Eurythmie zuschaut, nur diese Gabelung sieht
[Zeichnung S. 13, rechts]; da konnten Sie ihm auch eine Schere statt
Ihrer Arme entgegenstrecken, oder eine Feuerzange, die Sie aus-
spannen. Das konnen Sie aber nicht, sondern Sie miissen ihm einen
Menschen entgegenstellen.
Und der Mensch mui5 drinnen das alpha, aleph wirklich fiihlen. Er
muf? fiihlen: er offnet sich der Welt. Die Welt kommt an ihn heran,
er offnet sich der Welt. Wie offnet man sich der Welt? Man offnet
sich der Welt zum Beispiel am reinsten, wenn man der Welt in Ver-
wunderung gegeniibersteht. Alle Erkenntnis, sagte der Grieche, be-
ginnt mit dem Wunder, mit dem Verwundern. Wenn man aber der
Welt verwundernd gegeniibersteht, bricht man in das a aus. Und Sie
haben, wenn Sie ein eurythmisches.^ anschlagen, Ihren astralischen
Leib in jene Position versetzt, die durch die Armbewegung oder die
Armstreckung, die gabelige Armstreckung angedeutet ist.
Und Sie werden unwahr die entsprechende Geste machen, wenn
Sie niemals die Ubung gemacht haben - die Dinge sind ja in friiheren
Unterweisungen auch erwahnt worden -, wenn Sie niemals die
Ubung gemacht haben, nun wirklich diese Gabelung der Arme
gefuhlsmaEig zu erleben. Da mufi Empfindung drinnen sein. Sie
miissen eigentlich die Empfindung haben: der ^-Laut, der ist eine
Abbreviatur in der Luft oder so irgend etwas Abstraktes gegeniiber
dem Lebendigen, das der Mensch empfindet.
Wenn der Mensch nun, sagen wir, etwas mit halbkreisformig ge-
bildeten, gestalteten Armen umfangt, da umfangt er es in Liebe.
Wenn er sich offnet in der Gabelung, empfangt er die Welt im Ver-
wundern. Und dieses Sich- Verwundern mit dem im Leibe selbst, im
Menschenwesen selbst vorhandenen Astralleib, das mufi man ein-
mal, und sogar ofter, iibungsmajftig gefiihlt, empfunden haben, wenn
das a wahr werden soli. Also das Zeichenmachen, das ist nicht das
Wesentliche, sondern empfinden, dafi das nicht anders sein kann -
was einem gewissen inneren Erlebnis entspricht -, als daft die Arme
gabelig der Welt entgegengestellt werden.
Und schreiten Sie fort zu dem e. Es handelt sich darum, daft Sie
das e wirklich fiihlen. Das e fiihlen bedeutet aber schon: sich auf-
recht erhalten gegen etwas.
Bei dem a offnen wir uns bewundernd der Welt. Wir lassen die
Welt an uns herankommen. Wenn wir e empfinden, lassen wir die
Welt nicht einfach an uns herankommen, sondern wir setzen uns
schon etwas zur Wehr, wir stellen uns der Welt gegeniiber. Die
Welt ist da 3 und wir stellen uns der Welt gegeniiber hin. Daher ist
das e darinnen bestehend, daft wir uns selber beriihren (gekreuzte
Hande). Wir beriihren uns selber. «Ich bin auch da gegeniiber der
Welt» sagen wir, wenn wir e empfinden. Und lernen konnen Sie e,
wenn Sie die e-Geste erleben in der Empfindung: Ich bin auch da
gegeniiber der Welt, und will es spiiren, daft ich auch da bin. Mein
eines Glied bringt es an dem anderen zur Empfindung, daft ich
auch da bin.
Nun ware es mir ganz besonders lieb gewesen, wenn sich die
Dinge so entwickelt hatten, daft eben das, was man so die Buchsta-
ben nennt, gegeben worden ware, und dann innerlich der Drang
dagewesen ware, an den Buchstaben selber diese Empfindungen zu
entwickeln; denn da saften sie fest. Nun, es ist gewift auch in vielen
Fallen geschehen, wenn auch nicht in deutlich ausgesprochener
Weise, so bei vielen im Unterbewufttsein. Aber das Eurythmieler-
nen mufi von diesen Dingen auch ausgehen.
Nehmen Sie das o. Sie bilden, indem Sie die o-Geste machen, mit
den beiden Armen einen Kreis. Sie miissen empfinden bei der o-
Geste, daft Sie nicht das e erleben konnen. In dem e, da stellen Sie
sich hin: ich bin auch da gegeniiber der Welt. Bei dem o gehen Sie
aus sich heraus und schlieften etwas in sich ein (o-Bewegung nach
vorne). Sie umschlieften etwas. Bei dem e kommt es darauf an, dafi
das, was Sie meinen, draufien ist und Sie drinnen sind, in sich drin-
nen sind. Bei dem o kommt es darauf an, dafi Sie wachend einschla-
fen, indem Sie Ihr ganzes Sein heraus spazier en lassen in denjenigen
Raum, den Sie mit der o-Geste umschlieften. Aber da ist jetzt das
andere, was Sie meinen, auch drinnen, so dafi Sie etwa fiihlen kon-
nen, indem Sie das o erleben: Ich trete an einen Baum heran; ich
umschliefte diesen Baum mit den Armen, aber ich bin selbst dieser
Baum. Ich bin ein Baumgeist, eine Baumseele geworden. Da ist der
Baum; und weil ich selbst eine Baumseele geworden bin, weil ich
eins geworden bin mit dem Baum, mache ich diese Geste. Ich gehe
aus mir heraus. Das, worauf es mir ankommt, ist in meinen Armen.
- Das ist das o-Empfinden.
Das w-Empfinden, das ist: Verbunden sein mit etwas und eigent-
lich weg wollen davon, irgendwo anders hin folgen also der Bewe-
gung, die man macht, aus sich herausgehen, den Weg sich bereiten.
Ich laufe selbst an meinen Armen entlang, indem ich die w-Bewe-
gung mache. Ich bin iiberzeugt davon: u = fort, fort, fort; fort in
dieser Richtung (^-Bewegung nach vorne).
Sehen Sie, das ist Sprache. Das ist Sprache, die eigentlich fragt:
Wie steht der Mensch zu den Dingen der Welt? Sprache fragt im-
mer: Wie steht der Mensch zu den Dingen der Welt? Verwundert er
sich iiber sie? Will er sich ihnen gegeniiber aufrecht erhalten? Um-
fafit er sie? Lauft er vor ihnen davon?
Die Sprache ist immer ein Verhaltnis des Menschen zur Welt.
Musik ist ein Verhaltnis des Menschen als seelisch-geistiger Mensch
zu sich selbst.
Und wenn Sie versuchen, sich so recht hineinzuversetzen in das-
jenige, was man empfinden kann in der eben angedeuteten Weise im
Vokal, sagen wir o, sagen wir u, so ist das eben ein deutliches Her-
ausgehen mit der Seele aus dem Leibe. In der Aussprache driickt sich
das ja auch aus. Denken Sie nur, dafi das o seiner Hauptsache nach
vorn an den Lippen gesprochen wird, mit einer deutlichen Rundung
der Lippen: o, und da£ das u mit etwas nach auswarts gestellten
Lippen gesprochen wird: u - fort. So daft in der Luftgebarde, die die
Sprache macht, man schon dieses Herausgehen aus sich selber im o
und u hat.
Das Musikalische aber stellt das genaue Gegenteil des Sprach-
lichen vor. Wenn man im Sprachlichen aus sich herausgeht, verlafk
man eben mit seinem astralischen Leib und Ich den physischen Leib
und Atherleib, wenn auch nur partiell, und wenn man es auch nicht
merkt; aber es ist ein wachendes Einschlafen, wenn man o oder u
sagt, oder wenn man o oder u eurythmisiert. Es ist ein wachendes
Einschlafen. Wenn man so aus sich herausgeht im o oder u, so geht
man eigentlich mit dem Seelischen in das seelische Element hinein.
Und indem ich sage: ich gehe im u und im o mit meinem astralischen
Leib aus meinem physischen Leib heraus, spreche ich sprachlich.
Wenn ich sage: ich gehe mit meiner Seele nun in dem, was ich
erlebe, in mein Geistiges hinein - trotzdem ich herausgehe, gehe ich
hinein in mein Geistiges: das ist gerade das Gegenteil, so wie ich im
Einschlafen auch in mein Geistiges hineingehe und aus meinem
Physischen herausgehe. Wenn ich also sage: ich gehe in mein Geisti-
ges hinein im o oder im u, dann rede ich musikalisch.
Aber indem ich auf das o oder das u reflektiere, verleugne ich
natiirlich das musikalische Reden. Und es handelt sich darum: wel-
ches ist das musikalische Erlebnis bei diesem Herausgehen aus sich
selber, das musikalische Erlebnis, das als Musikalisches entspricht
dem Herausgehen, wie es vorhanden ist beim o oder ui Dieses
musikalische Erlebnis als Erlebnis, das im o oder u liegt, ist im
umfassenden Sinne das Dur-Erlebnis.
Wenn wir vom Dur-Erlebnis sprechen, so haben wir allerdings
dieses Dur-Erlebnis im o oder im nur kann ich nicht sagen, wir
deuten es um, aber wir leben es um in ein sprachliches Erlebnis; aber
wir haben jedesmal das Erlebnis, ob nun gesprochen wird o oder u,
oder ob wir ein Wort, das hauptsachlich o hat oder hauptsachlich u
hat, also ein Wort, das dominierend o oder u hat, sprechen, wir
haben, indem wir o oder u sprechen, im Sprechen zugrunde liegend
ein musikalisches Dur-Erlebnis.
Und wenn wir reflektieren auf das a und auf das e y wo wir ja an
dem Laut-Erleben deutlich wahrnehmen konnen, wir stecken mit
unserem Astralleib im physischen Leib drinnen, ja wir werden ganz
besonders gewahr des physischen Leibes - dann haben wir ein
anderes musikalisches Erlebnis. Aber beachten Sie dieses Gewahr-
werden des physischen Leibes. Wenn Sie ein a aussprechen oder
eurythmisieren, so senken Sie eigentlich, so gut es geht, Ihren astra-
lischen Leib in Ihren physischen Leib hinein. Das bedeutet Wohl-
befinden. Das ist wirklich so, wie wenn Sie Ihren astralischen Leib
- ich will fur weniger niichterne Menschen sagen: wie perlenden
Wein, der durch die Glieder fliefit, empfinden wiirden, fiir niichter-
ne Menschen wiirde ich sagen: wie Limonade fliefit -, empfinden
wiirden. Also Sie haben tatsachlich in diesem ^-Aussprechen etwas,
wie wenn Sie perlendes NaE durch Ihren physischen Leib ergiefien
wiirden. Was tritt aus diesem physischen Leibe zutage? a: es ist das
Wohlbehagen, das Wohlbefinden, welches da zutage tritt.
Nehmen Sie das andere: Sie wollen sich aufrecht erhalten gegen-
iiber der Umgebung, sagen: ich bin auch da. - Da ist es, wie wenn
Sie, sagen wir, sich gegen Kalte schiitzen durch ein schutzendes
Kleid. Da erhohen Sie die Intensitat Ihres Daseins. Und dieses: ein
anderes empfinden und sich dagegen wehren, das Auf-sich-selbst-
Stellen gegen ein anderes, das ist im e, Aber in beiden Fallen, im a
und im e, ist es ein Ergreifen des physischen Leibes durch den astra-
lischen Leib.
Dieses selbe Erlebnis laEt sich auch musikalisch erleben. Musika-
lisch lalk es sich erleben im Moll-Erlebnis im umfassendsten Sinne.
Das Moll-Erlebnis ist immer ein In-sich-Zuruckgehen mit seinem
Seelisch-Geistigen, ein Ergreifen seines Leiblichen durch das See-
lisch-Geistige. Und Sie kommen am leichtesten zu dem, was Sie
gerade in der eurythmischen Geste erleben sollen als den Unter-
schied zwischen dem Dur- und Moll-Erlebnis, wenn Sie das Dur-
Erlebnis sich herausholen, aber lebendig empfindungsgemafi, aus
dem o- und w-Erlebnis, und wenn Sie sich das Moll-Erlebnis heraus-
holen, aber wiederum empfindungsgemaft, aus dem a- und e-Erleb-
nis - nicht aus den Lauten, sondern aus dem Erlebnis.
Sie werden, wenn Sie auf diese Dinge eingehen, schon empfinden
konnen, wie wenig der Mensch eigentlich heute vom Menschen
weifi. Denn man mul5 schon sagen: in unserer gegenwartigen Welt
ist ja fiir alles das ein aufierordentlich geringes Verstandnis. Aber
ohne dieses Verstandnis ist iiberhaupt gar nichts im Produktiven auf
den verschiedensten Gebieten zu machen. Dieses Verstandnis mufi
erworben werden, sonst werden wir nie in das Kiinstlerische unse-
ren ganzen Menschen hineinstellen. Und ein Kiinstlerisches, ohne
daft sich der ganze Mensch in dieses Kiinstlerische hineinstellt, ist
eben nichts, ist eine Farce. Ein Kiinstlerisches kann nur bestehen,
wenn sich der ganze Mensch in dieses Kiinstlerische hineinstellt.
Dann mufi man aber die Zusammenhange zwischen "Welt und
Mensch auch wirklich empfinden, mufi wirklich empfinden, wie die
Sprache uns in ein Verhaltnis zur Auftenwelt, die Musik uns in ein
Verhaltnis zu uns selber bringt; wie daher. alle eurythmische Lautge-
barde sozusagen aus dem Menschen herausgeholt ist, eine in die au-
ftere Welt versetzte Gebarde ist; wie die Musikgebarde die in den
Menschen zuriicklaufende Gebarde sein mufi, wie da alles, was in der
Lauteurythmie hinausgeht, hier in den Menschen hineingehen mufi.
Sehen Sie, heute ist alles in der Welt der Gedanken chaotisch
zerstreut. Man iiberschaut nichts lebendig. Aber nehmen Sie einen
Menschen, der - wie man oftmals sagt - sanguinisch ist, der also
stark in dem Aufteren lebt. Ein sanguinischer Mensch, er ist uns
wohlgefallig, das heilk, er gefallt uns eigentlich nur dann, wenn er o
oder u ausspricht. Man hat eigentlich immer einen Essiggeschmack
im Munde, wenn ein sanguinischer Mensch a und e ausspricht; es
taugt nicht recht. Nur haben die Menschen der Gegenwart nicht so
lebhafte Empfindungen. Aber deshalb konnen die Menschen der
Gegenwart auch so wenig aus dem Innersten ihres Wesens heraus
schaffen.
Aber nehmen Sie einen melancholischen Menschen: ein melan-
cholischer Mensch, wenn er fur jemanden, der dafur Verstandnis
hat, o oder u ausspricht, ist iiberhaupt eine Karikatur; ein melancho-
lischer Mensch taugt nur etwas, wenn er a oder e ausspricht. Da
haben Sie schon das Hiniibergehen in die ewige Dur-Stimmung
des sanguinischen Menschen und in die ewige Moll-Stimmung des
melancholischen Menschen.
Aber nehmen Sie einen Menschen, von dem man sagt, er sei
«pumperlgesund». Ein Mensch, der pumperlgesund ist, der ist in der
Dur-Stimmung, und sein astralischer Leib macht zumeist Bewegun-
gen, die dem o und u entsprechen. Er geht leicht, das heifit, er ist
eigentlich fortwahrend im u. Er greift alles an, indem es ihm gefallt,
kann alles aushalten: er ist fortwahrend im u; er ist die lebendige
Dur-Stimmung, die herumgeht.
Nehmen Sie einen kranken Menschen: er ist fortwahrend so, daft
er, ohne sich zu verwundern, durch das Kranksein die ^-Stimmung
imitiert, oder die e-Stimmung; die letztere erst recht. Ein kranker
Mensch ist fortwahrend in Moll-Stimmung. Und es ist nicht etwa
eine Metapher oder irgend etwas von einem Gleichnis, wenn man
sagt: Was ist denn das Fieber? Das Fieber ist das in das Physische
umgesetzte a, das der Eurythmist oder derjenige, der das a spricht,
in sich sonst astralisch hervorbringt. Die Moll-Stimmung ins Physi-
sche hinunterprojiziert, Fieber erzeugend, ist derselbe Vorgang wie
der, wenn Sie a aussprechen, nur daft Sie es auf einem hoheren,
seelisch-geistigen Niveau machen. Das a ist immer ein Fieber. Ent-
weder ist es Fieber oder ist es Trane; aber es ist immer etwas, was der
Mensch in sich hervorbringt.
Diese Dinge, empfindungsgemaft verstanden, die fiihren erst wie-
derum zur rechten Menschenerkenntnis. Und weil der Mensch teils
gesund, teils krank ist, so greift eben das Entwickeln des strotzig Ge-
sunden, das in der Kunst zutage treten muft, und das Entwickeln von
heilkraftigen Bewegungen so innig ineinander. Das letztere ist beim
kranken Menschen vorhanden. Es greift das deshalb so innig ineinan-
der, weil wirklich zugleich Dur und Moll auf einem hoheren Plane
dasselbe sind wie Gesundheit und Krankheit; aber das Erleben von
Gesundheit und Krankheit. Nur raufi man nicht denken, daft, weil
Moll die Krankheit ist, daft Moll deshalb etwas Schlechtes ist oder
irgend etwas Untergeordnetes. Im Seelischen krank sein bedeutet
eben immer etwas ganz anderes, als im Physischen krank sein. Dabei
werden wir sehen, daft durchaus in der Entwicklung von Dur- und
Moll-Stimmungen auf eurythmische Art auch wiederum heileuryth-
mische Wirkungen herauskommen. Aber so sehen Sie, daft wirklich
eine Briicke da ist zwischen der Lauteurythmie und der Toneuryth-
mie. Und wenn wir das Vokalische in der Lauteurythmie richtig er-
leben, wie ich es dargestellt habe in dem a und in dem e einerseits, in
dem o und in dem u anderseits, dann bekommen wir eben auch schon
die Hinleitung zu dem Moll- und zu dem Dur-Erlebnis.
Aber nun handelt es sich darum, daft wir wirklich das auch ganz
ernst in uns nehmen konnen: das Musikalische mehr nach dem In-
nern des Menschen schieben, wahrend wir das Lauteurythmische
mehr vom Menschen abschieben miissen in der Geste.
Und nun stellen Sie sich einmal folgendes vor: Versuchen Sie, mit
dem rechten Fuft moglichst empfindungsgemafi vorwarts zu schrei-
ten (Frau Schuurman). Sie machen es so, daft Sie mit dem Kopf
empfindungsgemafi ausdriicken: Sie schreiten vorwarts - den Kopf
nicht zu weit zuriick, mehr nach vorne. Da haben wir zunachst die
eine Gebarde.
Jetzt machen wir eine zweite Gebarde: Versuchen Sie zu beglei-
ten diese Bewegung, die Sie eben gemacht haben, dadurch, dafi Sie
die rechte Hand mit der Hohlseite nach auften richten und sie mog-
lichst in der Richtung des ausschreitenden Fuftes nach vorn bewe-
gen. Jetzt haben Sie eine zweite Gebarde gehabt.
Nehmen wir die erste Gebarde: das Schreiten. Nehmen wir die
zweite Gebarde: die Bewegung. Und jetzt versuchen Sie zu diesem
eine dritte Gebarde dazuzufugen, indem Sie den linken Arm leicht,
wie wenn Sie hinstofien wollten, bewegen (linker Arm leicht den
rechten stoftend). Sie schreiten nach vorwarts und gehen mit dem
rechten Arm nach und stolen mit dem linken Arm nach. Nun haben
Sie moglichst radikal eine gewisse Gebarde ausgedriickt. Sie haben
Schreiten, Bewegung, und indem Sie das noch hinzufugen mit dem
linken Arm: Gestaltung; denn wenn Sie da nachkommen mit dem
linken Arm, konnen Sie jetzt das, was Sie in die Bewegung hinein-
ergossen haben, in dem rechten Arm, in der Bewegung festhalten.
Also wir haben:
Schreiten,
Bewegung,
Gestaltung.
Hier sind Sie richtig in einer Dreiheit drinnen. Und Sie sind so in
einer Dreiheit drinnen, dafi Sie diese Dreiheit tatsachlich empfinden
konnen. Sie konnen in Ihrem Schreiten eine Andeutung finden des
Herausgehens Ihres astralischen Leibes. Sie konnen in dem Nach-
folgen der Bewegung, die Sie mit dem rechten Arm ausfiihren, eine
Bekraftigung dieses Herausgehens fiihlen. Und Sie konnen in dem,
was ich als Gestaltung bezeichnet habe, ein Festhalten gerade dieser
Bewegung empfinden.
Nun, wenn Sie dies, was ich Ihnen jetzt als Gebarde angedeutet
habe, wirklich empfinden, wenn Sie sich hineinlegen in dieses
Schreiten, Bewegen, Gestalten und als Mensch nichts anderes sein
wollen als dieses Schreiten, Bewegen, Gestalten, sich da ganz hinein-
legen als Mensch, dann haben Sie ein Dreif aches. Und Sie werden
leicht empfinden: Das Schreiten ist die Grundlage von allem; von
dem geht es aus. Das Bewegen ist dasjenige, was Sie als Folge emp-
finden, was mit dem, was die Grundlage ist, zusammenklingen mufi.
Und das Gestalten ist dasjenige, was das Ganze fixiert.
Das alles miissen Sie nun wirklich an sich erleben. Sie konnen es,
indem Sie das anwenden, was als die Tone da ist, in der verschieden-
sten Weise erleben; Sie konnen ja die Bewegung unten oder oben
oder in der Mittellage machen. Wenn Sie sie gerade so machen, da£
Sie das c unten haben, dafi Sie das e in der Mitte haben, das Schreiten
also vorangehen lassen, die Bewegung in dem e ausfiihren und die
Gestaltung versuchen in dem g zu geben, dann haben Sie in diesem
Schreiten, Bewegen, Gestalten den Dur-Dreiklang gegeben. Sie bil-
den an sich selber den Dur-Dreiklang ganz sachlich aus, indem Sie
wirklich das Erleben des Dur-Dreiklanges hineinlegen in das, als
was Sie sich als Mensch in der Welt darstellen. Gerade so, wie Sie in
der lautdarstellenden Gebarde empfinden miissen den inneren Ge-
halt des Lautes, so erleben Sie hier im Schreiten, Bewegen, in der
Gestaltung den Akkord. Das ist zunachst ein Element.
Schreiten: c
Bewegung: e
Gestaltung: g
Nun wollen wir versuchen, mit dem linken Fufi nach riickwarts
zu schreiten und den Kopf folgen zu lassen; und jetzt versuchen Sie,
mit dem linken Arm zu folgen. Mit dem linken Arm folgen Sie Ihrer
riickwarts schreitenden Bewegung, und zwar so, dafi Sie die hohle
Hand nach innen haben. Gehen Sie ganz von der Lassigkeit aus.
Jetzt machen Sie das Ruckwartsschreiten zugleich mit der Kopfbe-
wegung und mit der Armbewegung (Hand auf der Brust), und nun
versuchen Sie auch die Gestaltung dadurch zu kriegen, daft Sie mit
dem rechten Arm driibergehen. Versuchen Sie das festzuhalten.
Aber es muft so sein, daft man wirklich auch das sieht, daft der linke
Arm hier an den Leib herangefiihrt wird, die Hand gewissermaften
an den Leib heran (die linke), und die rechte Hand nur wiederum an
die Hand herangefiihrt wird, also die (linke) Hand gewissermaften
nur wieder festgehalten werden will.
Nun haben Sie hier im Schreiten: c
in der Bewegung: es
und in der Gestaltung: g
Tafel 1
gegeben. Sie haben den Moll-Dreiklang damit gegeben, und zwar so,
daft Sie, wenn Sie gerade diese Gesten ins Auge fassen werden und
immer mehr versuchen werden, diese Gesten ins Auge zu fassen, Sie
dann darauf kommen werden, daft dieses Grundelement - Dur-
Dreiklang, Moll-Dreiklang - gar nicht anders dargestellt werden
kann als so.
Aber dann erst haben Sie die Sache wirklich gefiihlt, wenn Sie
darauf kommen, daft dies gar nicht anders dargestellt werden kann.
Sie konnen versuchen, wie Sie wollen, die Sache auf andere Weise zu
machen; wenn Ihnen eine andere Weise weniger gefallt, so haben Sie
eigentlich erst gefiihlt, was in dem, was wir jetzt eben dargestellt
haben, eigentlich drinnen lebt.
Nun sehen Sie, da haben Sie im Grunde erst dasselbe gegeben fur
das Musikalische, was im eurythmischen Vokalisieren fur die Lau-
teurythmie gegeben ist. Wenn ich Ihnen sage: Machen Sie ein a fur
die Lauteurythmie, so ist dieses fur die Lauteurythmie dasselbe, wie
wenn ich jetzt zu Frau Schuurman gesagt habe: machen Sie den Dur-
Dreiklang, oder zu Fraulein Wilke gesagt habe: machen Sie den
Moll-Dreiklang. Das ist erst das Vokalisieren.
Nun, ich habe bisher eines nicht charakterisiert. Ich habe davon
gesprochen, daft man das allgemeine Dur-Erlebnis im o und im u
haben kann, da£ man das allgemeine Moll-Erlebnis - so unwahr-
scheinlich das ist, aber es ist darinnen - im a und im e haben kann. Ich
habe nicht davon gesprochen, daft man auch dazwischen etwas
haben kann. Man kann ja den Ubergang haben. Nun versuchen Sie
einmal den Ubergang zu erleben, zum Beispiel vom Verwundern
zum Umfassen im o-Erlebnis, oder umgekehrt, vom Umfassen im o-
Erlebnis zum Verwundern. Da kommen Sie von drauften ins Innere
hinein. Da kommen Sie von dem Heraustreten mit dem astralischen
Leibe zum Untertauchen des astralischen Leibes hinein. Da kommen
Sie von der Krankheit in die Gesundheit, von der Gesundheit in die
Krankheit hinein. Das ist das i. Und das i ist immer dasjenige, was das
neutrale Sich-Fuhlen ist zwischen dem Herauftenerleben und Drin-
nenerleben im Verhaltnis zum Leibe. Das i ist also zwischen a und e
auf der einen Seite und o und u auf der anderen Seite.
Und nun versuchen Sie einmal - Sie konnen sich ja das bis mor-
gen an sich selber deutend iiberlegen -, versuchen Sie einmal, aus
dem Elemente des Moll-Erlebens uberzugehen zum Dur-Erleben,
indem Sie einfach umdeuten. Sie machen das Moll-Erlebnis, deuten
es jetzt um, indem Sie sich vorstellen, Sie beugen einfach den Kopf
etwas vor - im Moll-Erlebnis ist er nach rtickwarts gelegt -, Sie
beugen jetzt den Kopf etwas vor, stellen sich einfach vor, dadurch
wird es schon anders im ganzen Muskelbewegen; statt dafi Sie mit
dem linken Bein zuriickgetreten waren, hatten Sie mit dem rechten
Bein auszuschreiten; Sie bringen einfach das, was Sie da vorn haben,
aus Moll in Dur, das heifk, Sie gehen aus dem Dur in Moll oder aus
dem Moll in Dur. Dann entspricht dieser Ubergang im Erlebnis dem
/-Erlebnis des Lauteurythmisierens.
Und nun werden Sie schon die interessante Lebensvariante spu-
ren, die da drinnen liegt beim Ubergang von Dur in Moll, wenn Sie
dasjenige wirklich ausfiihren, was ich Ihnen jetzt angedeutet habe.
Sie sehen also, es handelt sich darum: Indem wir zunachst in diese
Hauptnuancen Dur, Moll und ihren Ubergang eintreten, kommen
wir in das im Musikalischen dem Vokalisieren Entsprechende hin-
ein. Und das werden Sie zunachst sich nun auf die Seele legen miis-
sen, was ich Ihnen als ein erstes Element gesagt habe. Die Gebarde,
die Sie gemacht haben fiir Dur und Moll, und die Ubergangsgebarde
von dem einen in das andere, das ist das musikalische Vokalisieren.
Da beginnt es beim Dur und Moll und so weiter.
Das Musikalische tragt ja dann die verschiedenen Elementarstim-
mungen, die dem Vokalischen entsprechen, durch das ganze musi-
kalische Tongebilde, durch Spannungen, Losungen und so weiter.
Und gerade so, wie man von dem vokalisierenden Sprechen in
Worte hineinkommt, so kommt man auch aus dem Ergreifen der
musikalischen Elementargebilde, wie zunachst des rein akkordma-
fiigen Dur- und Moll-Dreiklanges, hiniiber in das eurythmische
Ergreifen der musikalischen, der innerlich musikalischen Gebilde.
Morgen um dieselbe Stunde dann die Fortsetzung.
7.u den folgenden Bildtafeln:
Die Bildhauerin Edith Maryon versuchte im Jahre 1921 eurythmische Gesten
plastisch zu gestalten. Da diese Plastiken das Eurythmische nicht in geeigne-
ter Weise wiederzugeben vermochten, entwarf Rudolf Steiner die seither
bekannten Eurythmiefiguren aus Holz. Fiir die Herstellung und farbige
Gestaltung dieser Figuren zeichnete Rudolf Steiner Vorlagen, die im Original
erhalten und vollstandig in der Mappe «Entwiirfe zu den Eurythmiefiguren»
(Dornach 1984) veroffentlicht sind. Die beiden folgenden Beispiele fiir Dur-
und Moll-Dreiklang sind etwa um 1/3 verkleinert.
t . .. V"
Originalentwurf Rudolf Steiners zur Etirythmieflgur «Dur-Dreiklang» (c-e-g) (vcrkleinert)
Coovriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Buch: 278 Seite: 2 6
1
I
.1
Originalentwurf Rudolf Stciners zur Eurythmiefigur «Moll-Dreiklang» (c-as-f) (verkleinert)
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27 8 Seite: 27
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 20. Februar 1924
Die Gebarde des Musikalischen
Die Gebarde, die das musikalische Gebilde auszudriicken hat, soli
eine erlebte Gebarde sein, und sie kann nur eine erlebte Gebarde
sein, wenn das Erlebnis, das zugrunde liegt, erst da ist. Nun werden
Sie auf dasjenige, worauf es eigentlich ankommt, kommen, wenn Sie
sich noch einmal vor die Seele riicken, wie der Ton und die Sprache
iiberhaupt im Menschen zustande kommen. Ton und Sprache, Ton
und Laut, hangen schon mit dem ganzen Wesen des Menschen zu-
sammen. Wenn der Mensch singt oder spricht, so ist das Erlebnis
des Singens oder Sprechens im astralischen Leibe und im Ich. Nun
findet alles, was im astralischen Leibe und im Ich lebt, in Luft und
Warme seine physische Offenbarung. Nehmen wir also an, der
Mensch singt oder spricht. Stellen Sie sich ganz lebendig das Sprach-
oder Tongebilde vor. Rein seelisch lebt das Sprach- oder Tongebilde
im astralischen Leib und im Ich. Sie teilen sich mit astralischem Leib
und Ich der Luft, den Atmungsorganen, dem, was damit in Zusam-
menhang steht, mit. Sie teilen sich dieser Luft und den Atmungs-
organen durch den astralischen Leib mit.
Nun aber wissen Sie ja: Wenn irgendein Korper zusammenge-
driickt wird, ein luftformiger Korper, wird er warmer. Er wird in-
nerlich warmer. Zusammendriicken bedeutet ein innerliches War-
men. Wenn er sich ausdehnt, verbraucht er ja diese Warme wieder-
um zum Ausdehnen. So daft in der schwingenden, das heifk zusam-
mengedriickten, verdichteten und verdiinnten Luft fortwahrende
Warmeunterschiede sind: warm, kalt; warm, kalt; warm, kalt.
Es lauft also in dasjenige, was der Gesangs- oder Lautstrom ist,
das Element der Warme. In diesem Element der Warme lebt das Ich.
Dadurch bekommen auch Gesang und Sprache die Innigkeit.
Dasjenige, was den Ton, was den Laut eigentlich innerlich see-
lisch macht, kommt dadurch zustande, dafi die Warme gewisser-
mafien auf den Wellen der Luft, die den Ton rein aufterlich bildet,
da(§ diese Warme auf den Wellen dieser Luft flutet. So ist in der
flutenden Luft selbst der astralische Leib tatig, und in der Warme,
die da auf den Wellen dieser Luft flutet, ist das Ich. Und der astra-
lische Leib und das Ich, die sind sonst nicht nur in der Luft und
Warme, sondern sie sind auch in dem fliissigen und in dem festen
Elemente des Menschenleibes. Da ziehen sie sich teilweise heraus,
wenn der Mensch spricht oder singt, und beschranken sich auf Luft
und Warme. So daft in der Tat Singen und Sprechen ein Heraus-
gehen des astralischen Leibes und des Ich sind von dem eigentlichen
Gefiige der menschlichen Leiblichkeit; nur daft sie nicht wie beim
Schlafe ganz herausgehen, sondern eben teilweise herausgehen,
namlich aus dem festen und fliissigen Elemente des menschlichen
Leibes, die dann zuriickbleiben. Daraus aber ersehen Sie, daft im
ganzen menschlichen Leibe etwas geschieht, wenn der Mensch singt
oder spricht.
Nun versuchen wir einmal, uns zu vergegenwartigen, wodurch
der Mensch etwas weifi von dem, was da vorgeht. Nicht wahr, er
erregt das Gesungene und das Gesprochene durch seinen Kehlkopf
und durch das, was mit dem Kehlkopfe zusammenhangt. Er nimmt
wahr durch das Ohr. Es sind zwei Organe, die stark nach der
Auftenseite des Korpers zu liegen. In diese Organe ist das Gefiihl
ausgegossen. Es ist in den Sinnen das eigentlich tatige, das seelisch
tatige Fiihlen. Mit dem Auge fiihlen wir, mit dem Ohr fiihlen wir.
Aber es ist das Gefiihl auch das Erregende im Kehlkopf und seinen
Nachbarorganen. Gefiihl arbeitet da. Die Vorstellung wird nur in
das Gefiihl hineingestofien. Gefiihl arbeitet da. Es spezialisiert sich
der Mensch gewissermaften in Ohr- und Sprach- und Gesangsorgan,
wenn er singt oder das Gesungene aufnimmt, oder wenn er spricht
und das Gesprochene aufnimmt. Daher bleiben die eigentlichen
Erlebnisse in Ohr und Kehlkopf, kommen nicht zum Bewufttsein
des Menschen.
Nun kann der Mensch fiir alles, was er durch irgendein Sinnes-
organ erfafit, oder was er durch ein Sprachorgan ausdriickt, fiir
alles das kann er auch den ganzen Leib verwenden, sein ganzes
Menschenwesen. In der eurythmischen Gebarde wird einfach der
ganze Mensch Sinnesorgan. Und das Gesamtfiihlen, das den Kor-
per durchwellt und durchbebt, wird Erregung und Wahrneh-
mungsorgan - das Gesamtfiihlen mit dem Werkzeug der mensch-
lichen Wesenheit selber. Und so muE dasjenige, was sonst nur
Erlebnis des Ohres oder Erlebnis des Kehlkopfes ist, Gesamterleb-
nis des Menschen werden. Wird es Gesamterlebnis des Menschen,
dann wird es in ganz selbstverstandlicher Weise zur Gebarde. Be-
greift man erst das Erlebnis, erfafit man das Erlebnis, dann wird das
Erlebnis zur Gebarde. Machen wir uns das an einigen Beispielen
klar. Nehmen wir zunachst einmal den Ton als solchen, und zwar,
damit wir einen Ausgangspunkt haben, nehmen wir irgendeinen
Ton als Grundton.
Der Zusammenhang des Tones mit dem Gefuhl, der kann Ihnen
ja daraus hervorgehen, dafi das dem Menschen untergeordnete Tier
in den Ton ausbricht, entweder aus Wohlbehagen, aus irgendeiner
Lust oder aus irgendeinem Schmerz. Lust, Wohlbehagen, Schmerz
sind aber Gefiihlserlebnisse. Zuletzt entsteht auch im Menschen
kein Ton anders, als dafi er aus solchen Untergriinden heraus-
kommt. Der Mensch erregt in sich, wenn er eine Lust, ein Wohlbe-
hagen empfindet, den Ton. Warum? Warum erregt der Mensch den
Ton? Er konnte auch still bleiben, konnte man sagen. Warum erregt
der Mensch den Ton, wenn er in Lust verfallt?
Was heilk denn das: in Lust verf alien? In Lust verf alien heifit
eigentlich, sich an die Umgebung verlieren. Alles, was Lust macht,
ist eigentlich ein Sichverlieren des Menschen. Und alles, was
Schmerz macht, ist ein zu starkes Sichgewahrwerden. Man findet
sich zuviel, wenn man Schmerz hat. Denken Sie nur, wieviel starker
Sie bei sich sind, wenn Sie krank sind und irgendeinen Schmerz
haben, als wenn der ganze Leib schmerzlos dasteht. Sie sind zuviel
bei sich, Sie haben sich zuviel gefunden im Schmerz, und Sie sind im
Verlieren oder verlieren sich ganz in der Lust. Das harmonische
Empfinden des Menschen bildet die Gleichgewichtslage zwischen
Lust und Schmerz, weder das Aufgehen in Lust noch das Aufgehen
in Schmerz.
Warum erregt der Mensch nun den Ton bei Lust oder Schmerz
oder bei anderen Gefiihlsnuancen, die aber alle irgendwie auf Lust
und Leid zuriickzufiihren sind, warum erregt der Mensch den Ton?
Er erregt den Ton, wenn er sich in der Lust verlieren will, damit er
sich behalt. Im Ton behalt er sich; sonst ginge ihm der ganze astra-
lische Leib fort, und das Ich, in der Lust. Wenn er den Ton erregt,
da erhalt er sich. Alle Erscheinungen, bei denen von lebendigen
Wesen der Ton kommt, sind eigentlich darauf beruhend. Der Mond
hat eine starke Wirkung auf verschiedene Wesen, zum Beispiel auf
den Hund. Er droht ihm seinen astralischen Leib zu entreifien.
Deshalb bellt der Hund den Mond an, weil er dadurch seinen
Astralleib befestigt in sich. Und wenn der Mensch irgendeinen Ton
fiir sich - und jeder Ton fur sich kann ja ein Grundton sein -, wenn
der Mensch irgendeinen Ton fiir sich erregt, so bedeutet das, daft er
sich gegeniiber dem Verlieren-in-der-Lust halt. Fest halt er seinen
astralischen Leib. Und wenn Ich und astralischer Leib in Schmerz
versinken, dann sucht sich der Mensch, indem er den Ton erregt
oder den Laut erregt, wiederum in der richtigen Weise, weil er sich
zu stark gefunden hat, sich selber zu entreiften. In dem Klageton, in
dem Mollton versucht sich der Mensch sich selber zu entreifien, weil
er sich zu stark gefunden hat.
Aber indem man so etwas ausspricht - denken Sie doch nur -,
spricht man ja schon Gebarde aus. Man braucht gar nicht irgendwie
kunstlich etwas zu deuten, man spricht da schon Gebarde aus. Man
braucht nur zu verstehen, was da geschieht, und man spricht schon
Gebarde aus. Wenn ich sage: Ich sitze zu tief in mir, ich mufi mich mir
selbst entreiften - ja, es ist ganz zweifellos, daft irgendeine Gebarde,
welche von mir abgeht, eine natiirliche Gebarde ist. Die driickt das-
jenige aus, was Erlebnis ist. So daft Verstehen eines solchen Erlebnis-
ses schon bedeutet die Gebarde. Denn man kann gar nicht anders, als
wenn man das Erlebnis beschreibt, schon die Gebarde zu beschrei-
ben. Daher ist eben Eurythmie nicht etwas Willkurliches, sondern sie
ist nichts anderes als die Offenbarung des Erlebnisses.
Nun aber nehmen wir dies, dafi der Mensch in Lust und Leid,
sagen wir, den Ton erregt hat, den wir nun als Grundton ansehen.
Der Mensch ist da in einer nicht fertigen Stimmung; es kann ja nicht
so bleiben, sonst mufite der Mensch fortwahrend den Grundton
singen oder einen Laut sprechen. Er konnte gar nicht wieder aufho-
ren, wenn er Lust empfindet, den Ton erregt, wenn nicht durch den
Ton selbst eine Beruhigung eintreten wiirde. Er mufke ja immerfort
den Ton halten. Der Mensch schreit in die Welt hinaus wegen Lust
oder Leid. Und da ist ein unfertiger Zustand des menschlichen Er-
lebens, eine unfertige Seelenverfassung fur das menschliche Erleben.
Nehmen Sie nun an, er geht von dem Grundton zur Oktave.
Wenn er vom Grundton zur Oktave geht, dann fallt die Oktave
einfach in den Grundton hinein. Es ist so, wie wenn Sie die Hand
ausstrecken und an einen Gegenstand kommen. Durch die aufiere
Beruhrung erganzt sich dasjenige, was Sie gewissermafien als Begeh-
ren nach auften geltend machen. Und so kommt Ihnen aus der Welt
die Oktave entgegen, um die Prim in sich zu beruhigen. Und dasje-
nige, was unfertig war, wird fertig. Es kommt wiederum eine Ganz-
heit zustande, wenn zur Prim die Oktave hinzukommt. Und Sie
werden sehen, wie sich die Gebarden uns in diesen Stunden von
selbst ergeben, wenn wir zuerst darauf dringen, dafi nun wirklich ein
Verstandnis vorliegt fiir dasjenige, was das Erlebnis ist.
Nehmen wir die Quinte - die Quinte, die also mit dem Grundton
sich irgendwie vereinigt. Da handelt es sich darum, dafi man sich so
recht das Erlebnis der Quinte verschafft. Die Quinte hat das Eigen-
tiimliche, daft der Mensch, wenn er den Grundton, die Quinte als In-
tervall hat, sich als f ertiger Mensch fuhlt. Die Quinte ist der Mensch.
Solche Dinge kann man naturlich nur gefuhlsmaftig aussprechen,
aber die Quinte ist der Mensch. Es ist gerade so, wie wenn der
Mensch innerlich bis an seine Haut ginge, seine Haut erfassen wiirde
und sich da abschliefien wiirde. Die Quinte ist die den Menschen
begrenzende Haut. Und niemals kann sich der Mensch so stark als
Mensch fiihlen in Tonen, als indem er die Quinte erlebt im Zusam-
menhange mit dem Grundton. Vielleicht wird Ihnen das, was ich
jetzt sage, gerade durch die folgende Betrachtung leichter. Verglei-
chen Sie einmal mit dem Quinten-Erlebnis das Septimen-Erlebnis
und das Terzen-Erlebnis.
Das Septimen-Erlebnis, die Septimen-Akkorde oder auch -Fol-
gen sind diejenigen Klanggebilde, die insbesondere in der alten at-
lantischen Welt die Menschen geiibt haben und an denen sie sich
geletzt haben, die fur sie entziickend waren. Warum? Weil in der
alten atlantischen Zeit die Menschen noch ein gutes Erlebnis vom
Herausgehen aus sich hatten. Bei der Septime kommt man namlich
aus sich heraus. Bei der Quinte geht man bis an seine Haut. Bei der
Septime geht man aus sich heraus, man verlafit sich bei der Septime.
Die Septime ist als solche auch durchaus keine Beruhigung. Ich
mochte sagen, wenn man im Grundton schreit, weil einem etwas
weh tut, und fiigt die Septime dazu, so schreit man wiederum liber
das Schreien, um vom Schreien wiederum loszukommen. Man ist
ganz aus sich heraus. Wahrend die Quinte an der Oberflache der
Haut erlebt wird, der Mensch sich als Mensch fiihlt, fiihlt sich der
Mensch wie die Haut durchsetzend und in seiner Umgebung bei der
Septime. Er geht aus sich heraus, fiihlt sich in seiner Umgebung.
Bei der Terz ist es so, dafi der Mensch deutlich das Gefiihl hat: da
geht er nicht bis zu seiner Haut, da bleibt er in sich. Das Terzen-
Erlebnis ist ein sehr innerliches. Man weifi, dasjenige, was man mit
der Terz abmacht, macht man mit sich selber ab. Versuchen Sie nur
einmal, wie fremdartig das Quinten-Erlebnis schon ist gegeniiber
dem Terzen-Erlebnis. Das Terzen-Erlebnis ist ein intimes, das man
mit sich in seinem Herzen abmacht. Das Quinten-Erlebnis ist ein
Erlebnis, wovon man das Gefiihl hat: das sehen die anderen Men-
schen mit, wenn man es erlebt, weil man eben bis zu seiner Haut
geht. Diese Dinge lassen sich eben nur gefuhlsmaftig erleben. Und
beim Septimen-Erlebnis ist man aufier sich.
Und jetzt erinnern Sie sich an dasjenige, was ich gestern gesagt
habe. Der Grundton wurde gebardenhaft charakterisiert durch das
Schreiten. Das ist die Position. Die Terz wurde charakterisiert durch
das entweder Begleitende oder Folgende in einem Arm, der das In-
Bewegung-Kommen andeutet, aber den man so gebraucht in der
Gebarde, daf? man mitgeht; aber mitgeht so, wenn es sich um die
grofie Terz zum Beispiel handelt, dafi man drinnen bleibt in seinem
Arm. Man bleibt drinnen. Die Quinte habe ich Ihnen dadurch
charakterisiert, daft man gestaltet. Man kommt wieder zuriick, so
wie die Haut den Menschen ringsherum gestaltet.
Sie haben also in dem Dreiklang, ganz gleich, ob es der Dur- oder
Moll-Dreiklang ist, erstens
Tafel i Innere Erregung: Schreiten
In sich bleiben: Bewegung
Nach aufien abschliefien: Gestaltung.
Nun handelt es sich darum: Wenn Sie deutlich das In-sich-Blei-
ben bei der Terz ausdriicken wollen, so konnen Sie die Bewegung
variieren, und Sie konnen dann, indem Sie den Arm meinetwillen
vorstrecken, um die Bewegung zu variieren, ihn aufierdem noch in
der Weise, dafi die Bewegung die Richtung beibehalt, in dieser Art
bewegen (reenter Arm gestreckt, Hand auf- und abbewegt). Jetzt
sind Sie in sich. So dafi Sie das Terzen-Intervall sehr gut zum Aus-
druck bringen, wenn Sie erstens die Position einnehmen, die Bewe-
gung machen, aber in der Bewegung weiterbewegen. Nun haben Sie
Innerlichkeit.
Nehmen Sie an, Sie haben es mit der groften Terz zu tun. Dann
werden Sie die Innerlichkeit dadurch ausdriicken, daft Sie mit dem
Arm von sich weggehen (hinaus). Driicken Sie die kleine Terz aus,
so bleiben Sie mehr in sich, Sie weisen mit dem Arm auf sich zuriick
(nach innen). Und Sie haben eine Gebarde, die absolut das Terzen-
Erlebnis darstellt.
Wenn Sie das Erlebnis haben wollen, dann miissen Sie die ent-
sprechende Gebarde immer wieder machen und versuchen zu sehen,
wie aus der Gebarde eigenthch die entsprechenden Intervall-Erleb-
nisse stromen, wie sie da drinnen sind. Dann wird Ihnen zusammen-
wachsen das entsprechende Erlebnis mit Ihrer Gebarde, und dann
erst haben Sie dasjenige, was die Sache kiinstlerisch macht, wenn
Ihnen die entsprechende Gebarde zusammenwachst mit den Erleb-
nissen. Dadurch wird erst die Sache kiinstlerisch.
Ganz besonders anschaulich konnen Sie sich das machen, wenn
Sie das Septimen-Erlebnis nehmen. Beim Septimen-Erlebnis wird es
sich darum handeln, daft Sie aus sich herauskommen, denn es ist ein
Aus-sich-Herauskommen. Es mull irgendwie die Gebarde verraten,
daft Sie aus sich herauskommen (Armstrecken, Hand schuttelnd
drehen, schlenkern). Sie haben eine Bewegung, der Sie nicht folgen,
sondern wo Sie gewissermaften die Hand schlenkern lassen, als den
natiirlichen Ausdruck des Septimen-Erlebmsses. Und wenn Sie nun
das Quinten-Erlebnis vergleichen mit dem Septimen-Erlebnis, so
werden Sie bei der Quinte die Notwendigkeit haben, abzuschlieften,
zu gestalten, gewissermaften die Gebarde des Umschlieftens zu
machen. Bei dem Septimen-Erlebnis konnen Sie das nicht haben,
denn das Septimen-Erlebnis ist so, wie wenn Ihnen uberhaupt im
Erleben die Haut wegginge, und Sie so als eine Art geschundener
Marsyas dastanden. Die Haut fliegt Ihnen weg, und die ganze Seele
geht in die Umgebung hinein. Wollen Sie also zuhilfekommen dem
Septimen-Erlebnis mit dem anderen Arm, so konnen Sie das natiir-
lich auch, denn es handelt sich ja niemals darum, irgend etwas sche-
matisch pedantisch festzuhalten. Dann aber wiirden Sie das Sep-
timen-Erlebnis, indem Sie es so machen, mit der anderen Hand
irgendwie andeuten. Natiirlich mufi das schon gemacht werden.
Damit haben Sie dann gerade erlebt, wenn Sie in dieser Weise in die
Sache hineingehen, wie nun wiederum das Erlebnis selber zur Gebar-
de wird. Und nur dadurch kann Eurythmie gedeihen, daft das Erleb-
nis selber zur Gebarde wird. Es muft also ein Eurythmist eigentlich in
einer gewissen Beziehung doch eine Art neuer Mensch werden ge-
gemiber dem, was er friiher war. Denn im allgemeinen haben wir da-
durch, daft wir sprechen und singen, ein gewisses Aufmerksamsein
auf dasjenige herbeigeftihrt, was wir eigentlich gebardenhaft wollen.
Wir leiten dasjenige, was wir gebardenhaft wollen, in Sprache und
Gesang hinein. Wenn wir es wieder herausholen, dann entsteht eben
die Gebarde. Und es miiftte fur einen Berufseurythmisten - wenn ich
das philistrose Wort gebrauchen darf - eigentlich so sein, daft er es als
naturgemaft empfindet, alles zu iibersetzen ins Gebardenhafte, und
daft er das Gefiihl hat, er muft sich maftigen, zahmen, wenn er als ge-
wohnlicher Mensch unter gesitteten Menschen herumgeht und nicht
ihnen alles mogliche voreurythmisieren kann. Nicht wahr, wie es eine
malerische Natur juckt, wenn irgend etwas da ist, und das Betreffen-
de nicht gemalt werden kann - also eine malerische Natur mochte ei-
gentlich alles malen, kann es nur nicht immer, muf$ sich zuriickhalten
-, so ist auch ein Eurythmist, der miide ist, eigentlich etwas Schreck-
liches. Denn der Eurythmist kann nicht die Miidigkeit als etwas Na-
turgemafies offenbaren. Ein Eurythmist, der sich wahrend des Pro-
bens hinsetzt und miide ist, das ist etwas Fiirchterliches, weil das ge-
rade so ist, nicht wahr, als wenn der Mensch plotzlich erstarren wiir-
de, als wenn er Starrkrampf kriegte. Wenn ich manchmal so Euryth-
mieproben angesehen habe da oder dort - ich glaube, in Dornach
kommt es nie vor, aber es ist schon da oder dort vorgekommen -,
wenn irgendeine kleine Pause kommt, da setzen sich solche Euryth-
misten hin, Ich glaube, ich werde ganz blaft dann, weil mir das Blut
erstarrt von diesem ganz unmoglichen Anblick einer miiden Euryth-
mistin. Das gibt es nicht! Natiirlich gibt es das im Leben doch, das
sind Widerspriiche; aber man mufi diese fiihlen, dafi es so ist. Ich sage
also nicht: Sie sollen sich nicht hinsetzen, wenn Sie miide sind; aber
ich sage: Sie sollen sich dann als Karikatur eines Eurythmisten fiihlen!
Solche Dinge sagt man, um eben den Grundton des Kiinstleri-
schen in die Sache hineinzubringen, denn das Kiinstlerische mufi auf
Stimmung, mufi auf demjenigen beruhen, was als ein Zug durch das
Ganze durchgeht. Und insbesondere eine solche Kunst, wo der
Mensch so ganz darinnenliegt, wie die Eurythmie es ist, kann gar
nicht gedeihen, wenn sie nicht in Stimmung gedeiht, wenn nicht die
Stimmung durch alles durchgeht.
Wenn Sie das durchempfinden, dann werden Sie einfach das Eu-
rythmisieren wie Sprechen und Singen wirklich empfinden. Aber Sie
miissen sich bequemen, gerade so, wie in der Sprache die Lauterleb-
nisse, so die Gesangserlebnisse fur das Eurythmisieren wirklich zu
haben. Es ist schon richtig, der Eurythmist mufi in einem viel vol-
leren Sinne das Musikalische erleben als etwa der Sanger. Beim San-
ger kommt es darauf an, da£ er in den Ton hineinkommt, ihn hat,
horen kann und da eigentlich in etwas lebt, wo ihm der Korper
aufterordentlich stark zu Hilfe kommt. Beim Eurythmisten kommt
der Korper nicht zu Hilfe; da mufi die Seele dieses Einschnappen in
der Gebarde haben, was sonst die Sinne oder der Kehlkopf beim
Singen und Sprechen tun.
Ich mufi schon diese etwas langere Einleitung dem Ausdriicken
der einzelnen Gebarden vorangehen lassen, weil dieses fur die Ge-
samtempfindung des Eurythmischen von ganz besonderer Wichtig-
keit ist. Das Eurythmische wird nicht verstanden werden, wenn man
nicht in intensiver Weise auf solche Dinge eingeht. Es mufi auch
durchaus dasjenige von dem Eurythmisten verstanden werden, was
ich ja oftmals in Einleitungen zur Eurythmie und dergleichen beton-
te, was aber im Grunde genommen wirklich in der Gegenwart kaum
richtig erfafit wird. Ich sage oftmals: Der Prosa-Gehalt der Worte
macht eigentlich nicht das Poetische, das Kiinstlerisch-Poetische
aus. Es gibt heute Leute, die lesen ein Gedicht wie einen Prosa-
Inhalt. Da haben sie ja das Gedicht nicht. Der Prosa-Inhalt ist nicht
das Gedicht. Das Gedicht ist dasjenige, was an der Dichtung musi-
kalisch oder plastisch oder malerisch ist, also dasjenige, was im Me-
lodios-Thematischen, was im Rhythmus, im Takt und so weiter
lebt. Will man in der Dichtung dasjenige ausdriicken, was ausge-
driickt werden soli, so soil man ein starkes Bewufitsein davon haben,
dafi man die Worte nicht wegen ihres Inhaltes gebraucht, sondern
dafi man die Worte aneinander reiht wegen des Taktes, wegen des
Rhythmus, wegen des Melodios-Thematischen oder wegen des
Malerischen in der Lautbildung und dergleichen.
Man mufi also um eine Stufe weiter weggehen von dem, was die
Sprache ist ihrem Inhalte nach. Ihrem Inhalte nach ist die Sprache
unkunstlerisch. Sie ist fur die Prosa da. Diese ist das Unkiinstleri-
sche an sich in der Sprache. Erst die gestaltete Sprache und die
Gestaltung in der Sprache machen das Kunstlerische aus.
Das, was man so fur die Sprache zu sagen hat, ist ja natiirlich fur
den Gesang das ganz Selbstverstandliche. Aber dafi unsere Zeit fur
das eigentlich Kunstlerische nichts Besonderes iibrig hat, das ist ja
dadurch hervorgetreten, dafi auch im Musikalischen in der neueren
Zeit die Tendenz aufgetaucht ist, nicht die Musik sich selber aus-
driicken zu lassen, nicht das Tongebilde hinzunehmen, sondern
durch das Tongebilde irgendetwas anderes auszudriicken.
Nicht wahr, Sie miissen mich nicht missverstehen, ich will nicht
etwa hier Anti-Wagnerei treiben. Ich habe ja oftmals die Kulturer-
scheinung Richard Wagners geniigend hervorgehoben, aber nicht
aus dem Grunde, weil ich Wagnersche Musik fiir Musik anschaue,
wenigstens nicht fiir «musikalische Musik», sondern weil ich nach
den Forderungen der gegenwartigen Zeit auch «unmusikalische
Musik» gelten lassen will, weil es mir natiirlich ist, daft in unserer
Zeit auch unmusikalische Musik auftreten kann. Wagnersche Musik
ist namlich im Grunde genommen unmusikalische Musik. Und in
einer solchen Zeit ist es eben notig, wenn nun Musik auch Gebarde
werden soil, wenn das Musikerlebnis Gebarde werden soli, auf das
Musikerlebnis als solches hinzuweisen, hinzuweisen darauf, wie die
Terz Innerlichkeit darstellt, wie die Quinte Abschluft darstellt, wie
die Septime Herausgehen aus sich selber darstellt. Und worauf be-
ruht denn das innig Befriedigende der Oktave? Das innig Befriedi-
gende der Oktave beruht darauf, daft - ich mochte sagen - man der
Gefahr entkommt, die in der Septime liegt. Man entkommt der
Gefahr, die in der Septime liegt, und findet sich wiederum drauften.
Es ist wirklich mit der Oktave so, als wenn man erst - bei der
Septime - ein geschundener Marsyas geworden ware, ohne Haut
dastiinde, die Seele einem herausginge, die Haut fortfloge und los-
gekommen sei; aber nun fuhlt man bei der Oktave: man ist schon
entbloftt von seiner Haut, aber sie kommt, kommt zuriick, man wird
sie gleich haben, sie ist im Zuriickkommen, sie ist im Anziehen und
dazu noch aufterhalb von einem. Man ist sogar um ein Stuck grofter
geworden, man ist voller, weiter geworden. In der Oktave ist es
einem, als ob man wachsen wiirde, wahrend man sie erlebt.
Daher wird sich die Gebarde des Oktaven-Erlebnisses so erge-
ben, daft man natiirlich nicht das Septimen-Erlebnis hat, sondern
daft man gerade im Oktaven-Erlebnis die Umkehrung der vollen
Hand aufter sich durchmacht. Das Oktaven-Intervall wird so ge-
macht: (Hand nach auften und umkehren). Sie konnen natiirlich,
wenn Sie das Intervall voll ausdriicken wollen, es auch so machen (in
derselben Weise ausfiihren mit beiden Armen und Handen). Es ist
bei diesen Dingen ja selbstverstandlich, daft man sie viel iiben muft,
damit sie einem ganz natiirlich werden. Und so, wie der Musiker
eigentlich die Erzeugung der Tone in die Finger hineinkriegen mufi,
so muft der Eurythmist in seinen ganzen Leib die entsprechenden
Gebarden hineinbekommen.
Daher ist es eigentlich eine Notwendigkeit, daft gerade die ele-
mentarsten Sachen von den Eurythmisten immer wieder und wieder
geiibt werden, damit diese Elementargebarden, wie ich sie zum Bei-
spiel jetzt andeute, wie wir sie in den nachsten Tagen immer weiter
ausfuhren werden, Selbstverstandlichkeiten werden, an die man
dann nicht mehr zu denken braucht, geradeso, wie wir nicht an den
Buchstaben denken, wenn wir ein Wort aussprechen, wir denken
nicht daran. Zum Beispiel bei Brief; «Brief» sagen wir, und konnen
dies Aussprechen der Buchstaben wie von selbst. So miissen wir
diese Gebarde fur ein Intervall, fur einen Dreiklang und so weiter als
etwas selbstverstandlich aus uns Kommendes haben. Sie werden
sehen, dann ergibt sich alles Ubrige in einer leichten Weise. Uber-
haupt werden Sie dadurch immer mehr und mehr begreifen, wie das
Erlebnis in die Gebarde iibergeht.
Nehmen Sie, um dies zu erfassen, nur einmal den Unterschied -
sagen wir - zwischen Konsonanzen und Dissonanzen. Nicht wahr,
unter den Dreiklangen haben wir konsonierende, dissonierende;
Vierklange sind eigentlich immer dissonierend.
Nun werden Sie gerade gestern an den Gebarden fur die Drei-
klange gesehen haben, daft man schon den ganzen Menschen zu
Hilfe nimmt, um das Erlebnis des Dreiklanges zur Offenbarung zu
bringen. Zunachst hat man dasjenige, was ich das Schreiten genannt
habe. Das Schreiten ist im wesentlichen mit dem einen Bein gegeben.
Sie haben die Bewegung mit dem einen Arm, die Gestaltung mit
dem anderen Arm, wenn Sie gerade den Dur- oder Moll-Dreiklang
haben. Sie konnen sagen: mehr habe ich schon nicht. Ja, Sie haben
aber doch zwei Beine, so daft Sie also schon Vierklange zustande
kriegen konnen. Nur werden Sie sagen: ich kann doch nicht zugleich
vorwarts und riickwarts schreiten, mit einem Bein nach vorwarts
und mit dem anderen nach riickwarts. Das konnen Sie aber doch,
indem Sie hupfen.
Sie sehen, es ergibt sich auf naturgemafie Weise. Sie konnen gar
nicht anders, um einen Vierklang darzustellen, als etwas hiipf en, das
eine Bein nach vorwarts, das andere nach riickwarts bewegen. Auf
diese Weise werden Sie den Vierklang darstellen.
Aber denken Sie einmal, was da wird. Es wiirde Ihnen nicht leicht
gelingen - aufierdem wiirde es nicht schon ausschauen -, aber es wiir-
de Ihnen auch gar nicht leicht gelingen, dafi Sie hiipf en, ohne die Knie
etwas zu beugen. Mit ganz steifen Beinen werden Sie nicht gut hiipfen
konnen. Es wiirde auch nicht gut ausschauen. Sie miissen also die
Knie etwas beugen, wenn Sie hiipfen wollen, so dafi Sie in dieser not-
wendigen Gebarde des Hiipf ens, die beim Vierklang auftreten mull, -
weil Sie beim Vierklang hiipfen miissen, einfach durch die Natur Hi-
res Leibes und sein Verhaltnis zur Umwelt, - im Beugen der Knie die
Gebarde fur die Dissonanz haben. Sie haben die selbstverstandliche
Gebarde fur die Dissonanz, indem Sie die Knie beugen im Hiipfen.
Daraus aber ergibt sich wieder etwas anderes. Daraus ergibt
sich, wenn Sie einen dissonierenden Dreiklang haben, dafi Sie das
noch weiter beniitzen. Haben Sie einen konsonierenden Dreiklang,
schreiten Sie hin, vorwarts; haben Sie einen dissonierenden Drei-
klang, beugen Sie aufierdem noch. Da haben Sie es nicht notig, zu
beugen, wie beim Springen, aber Sie konnen beugen. Sie driicken
also das im dissonierenden Dreiklang aus, indem Sie beugend
schreiten. Und Sie konnen das ablesen davon, dafi Sie beim Vier-
klang, der immer dissoniert, gar nicht anders konnen, als den
Sprung, den Sie ausfuhren miissen, um beide Beine in Bewegung zu
bringen, weil Sie ja eben sonst nicht vier Organe haben, durch die
Sie einen Vierklang zustande bringen konnen, als den Sprung mit
Beugen auszufiihren. Aber da haben Sie das Beugen als Ausdruck
der Dissonanz drinnen.
Es ist nun von ungeheurer innerer Lebendigkeit begleitet, wenn
Sie gerade so, wie der Musiker auch seine Ubungen machen mufi,
tatsachlich konsonierende und dissonierende Klange abwechseln
lassen, von einem in die anderen iibergehend, um einfach den Wan-
del in der Stimmung, den Wandel im Erleben an sich selber, an Ihrer
Gebarde durchzumachen.
Wenn Sie das alles nehmen, was ich Ihnen nun gesagt habe, dann
stellt sich als ganz besonders interessant das Quarten-Erlebnis her-
aus. Bei der Terz sind wir intim in uns. Bei der Quint kommen wir
gerade an unserer Leibesgrenze an. Die Quart liegt zwischendrin-
nen. Und die Quart hat schon dieses grolWtig Eigentumliche, daft
der Mensch sich innerlich in der Quart erlebt, aber sich nicht so
intim erlebt wie in der Terz. Aber er geht auch nicht einmal bis an
seine Oberflache. Er erlebt sich unter seiner Oberflache. Er bleibt
gewissermafSen ein Stiickchen unter seiner Oberflache in sich zu-
riick. Er sondert sich von der Umwelt ab, schafft sich in sich. Er
gestaltet sich nicht wie bei der Quinte, so dafi ihn die Aufienwelt zur
Gestaltung mitzwingt, sondern er gestaltet sich nach seinen eigenen
seelischen Bediirfnissen. Das Quarten-Erlebnis ist tatsachlich das-
jenige, wo der Mensch sich durch seine eigene innere Macht als
Mensch fiihlt, wahrend er sich durch das Quinten-Erlebnis durch
die Welt als ein Mensch fiihlt. In der Quart sagt man sich: Du bist
eigentlich zu groft; du durchfiihlst dich nicht, weil du so groft bist.
Du machst dich etwas kleiner, und doch so bedeutend, wie du in der
Grofte bist. - Man macht in der Quart einen angenehmen Zwerg aus
sich selber. Und so ergibt sich Ihnen fur die Quart notwendig ein
sehr starkes Sich-auf-sich-Beziehen. Sie konnen es erreichen, wenn
Sie nicht wie bei der Terz blofi herausgehen oder auf sich zuriick-
gehen, sondern wenn Sie bei der Quart scharf die Finger zusammen-
nehmen, gewissermafien Ihre Hand in sich selber verstarken. Sie
bekommen auf diese Weise den Ausdruck, die Offenbarung des
Quarten-Erlebnisses.
Das sind die Dinge, die schon notwendig waren vor dem weiteren
Eingehen auf die Gebarde des Musikalischen, weil, ohne da£ die
Dinge erlebt werden, eben keine richtig kunstlerischen Gebarden
zustande kommen. Ich glaube, Sie haben eigentlich recht viel zu tun,
wenn Sie diese Einzelheiten verarbeiten. Es wird gut sein, nicht
zuviel an Gebarden in der einen Stunde zu geben, weil die Dinge
eben verarbeitet werden sollen. So werden wir also morgen fort-
setzen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 21. Februar 1924
Die Auflosung des Akkords und des Harmoniscben
in das Melos
Wir wollen einmal zuerst versuchen, ob Ihnen eine Ubung gelingt.
Versuchen Sie es, vielleicht Frau Maier-Smits, ungefahr die Ubung
zu machen mit dem rechten Arm, die ich erst angegeben habe als die
Septime-Bildung; jetzt versuchen Sie den Arm wieder still zu halten,
aber vorwarts zu schreiten so, daft dieser Arm an der Stelle bleibt,
wo er ist, und Sie also mit dem Korper dem Arm nachschreiten.
Dazu miissen Sie den Arm im Gehen beugen. Der Arm mufi an der
Stelle bleiben, wo er ist, beziehungsweise die Hand mufi an der
Stelle bleiben, wo sie ist, indem Sie vorwarts schreiten. Die Ubung ist
so zu machen, daft der Arm, die Hand, dort bleibt, wo sie ist, und
Sie mit ihm zusammenkommen. Das mufi dann geiibt werden.
Jetzt versuchen Sie die andere Ubung: versuchen Sie die Hand im
Schreiten dahin zu bringen, daft Sie sie etwas zuruckziehen, aber
nicht sehr stark. Nun haben wir zwei Ubungen. Versuchen Sie ein-
mal hintereinander Septime und Prim zu empfinden, und Sexte und
Prim zu empfinden. Die erste Bewegung, die ich eben gezeigt habe,
fur die Aufeinanderfolge: Sep time-Prim; die zweite Bewegung fur
die Empfindung: Sexte-Prim, die Klange etwa hintereinander ge-
dacht. Sie konnten aber auch gleichzeitig gedacht sein. Dariiber will
ich gleich hinterher noch sprechen. So bekommen Sie die Moglich-
keit, Bewegung in die Geste hineinzubringen.
Diese Bewegung, die Sie zuerst gesehen haben, ist eine solche, die
in einem gewissen Sinne Leben zuriickwirft in das Leblose. Und so
ist in der Tat auch nach der Beschreibung, die ich gestern von der
Septime gegeben habe, dieses Verhaltnis der Septime zum Grund-
ton. Wenn Sie sich den Grundton als das Stille, Ruhige vorstellen,
die Septime als aufterhalb eigentlich des menschlichen physischen
Leibes liegend, so daft der Mensch in der Septime aus sich heraus-
geht, dann haben Sie die Moglichkeit, sich vorzustellen, daft die Sep-
time das, in das man herausgeht, das Geistig-Belebende, wiederum
in das Stillstehende, Korperliche zuriickbringt.
Sehen Sie, die Dinge werden stark real, wenn man aus dem Mu-
sikalischen, das ja natiirlich zunachst ein Wahrgenommenes ist, nur
fur die Wahrnehmung Hervorgebrachtes ist, wenn man ubergeht zu
dem Eurythmischen, das den ganzen Menschen in Bewegung bringt.
Und Sie sehen eigentlich die innere Wesenheit desjenigen, was jetzt
iiber das Septimen-Verhaltnis zum Grundton gesagt worden ist, am
besten daraus, dafi Sie Heilwirkungen hervorbringen konnen. Wenn
Sie zum Beispiel in der Lunge oder in einem sonstigen, namentlich
Brustorgan dasjenige konstatieren miissen, was Verhartungen sind,
so werden Sie sehen, daE gerade diese Ubung, die jetzt gemacht
worden ist, einen heilsamen, das heifk belebenden, in den Normal-
zustand zuruckfuhrenden Weg bedeutet. Es ist gerade die Toneu-
rythmie in jedem ihrer Punkte, in der entsprechenden Weise durch-
gefiihrt, zu gleicher Zeit ein heileurythmischer Faktor. Man mufi
nur so lebendig in das Wesen der Tone eingehen, wie wir das gestern
versucht haben und wie wir es auch weiter versuchen werden.
Gerade in Anknupfung an dieses mochte ich gleich auch sagen:
Wenn Sie nun iibergehen in derselben Weise, wie ich es jetzt habe
machen lassen, von der Septime zur Sexte im Verhaltnis zum
Grundton, dann werden Sie finden, daft das Verhaltnis ein wesent-
lich abgeschwachtes ist; und das ganz besonders Auszeichnende ist,
dafi eben die Hand, die bei der Septime festgehalten wird auften, dafi
diese Hand wieder zuriickgeht. Dadurch ist nicht ein Verhaltnis
ausgedriickt vom Belebenden zu dem Unbelebten, sondern es ist ein
Verhaltnis der Sexte eigentlich zum Grundton in der Art ausge-
driickt, daft man dasjenige, was ausgedriickt wird, als ein blofi Be-
wegtes fiihlt, als ein In-Regsamkeit-Versetzen. Es ist mehr zu ver-
gleichen mit dem Empfindungserregen, nicht mit dem Beleben. Die
Sexte erzeugt im Verhaltnis zum Grundton ein Bild des Empfin-
dens, des Fiihlens. Die Septime erzeugt im Verhaltnis zum Grund-
ton ein Bild des Belebens, des Belebens des Unbelebten.
Nun bitte ich Sie, gerade mit Riicksicht auf solche Bewegungen,
aus denen Sie ja ersehen, dafi die Toneurythmie im wesentlichen
Bewegung sein mu£, sich zu iiberlegen, dafi - ebenso wie die Laut-
eurythmie - die Toneurythmie, ich mochte sagen, immerhin kiinst-
lerisch korrigierend wirken kann.
Bei der Lauteurythmie mufite ich Ihnen ja sagen, dafi sie kiinstle-
risch korrigierend wirkt auf die Rezitation und Deklamation. Nicht
wahr, die Rezitation und Deklamation ist eigentlich in unserer un-
kunstlerischen Zeit - es ist schwer, die notigen radikalen Ausdriicke,
die man eigentlich braucht, um heute unser unkiinstlerisches Zeital-
ter zu charakterisieren, sagen wir bei Einleitungen zu offentlichen
Vorstellungen, immer wirklich zu gebrauchen, weil es die Leute nur
schockiert und eigentlich nicht viel damit gewonnen ist; man mufi
dann mildern, und dieses Mildern wird ja auch versucht -, aber die
Wahrheit ist, dafi im Grunde genommen heute gerade die Rezitation
und Deklamation verlottert ist, total verlottert ist. Es wird uberhaupt
nicht mehr kunstgemaE rezitiert und deklamiert, sondern es wird im
Grunde genommen bloft in ganz materialistischer Weise Prosa gele-
sen, indem man dasjenige pointiert, von dem man glaubt, es miisse aus
dem Bauch heraus empfunden werden, aus dem Pathos heraus oder
dergleichen, kurz, was besonders auf Sensation, was auf die Sinnlich-
keit wirkt, wahrend ein wirkliches Rezitieren und Deklamieren im
Gestalten des Sprachlichen bestehen mu& im Musikalischmachen
des Sprachlichen und im Plastisch-Malerischmachen des Sprach-
lichen. Und wenn man auf der einen Seite die eurythmische Darstel-
lung hat, auf der anderen Seite die Rezitation, dann kann nicht in dem
verlotterten Sinne des heutigen Deklamierens und Rezitierens ge-
wirkt werden, sondern es mufi auf die Sprachgestaltung - ich nenne
sie immer schon eine geheime Eurythmie, denn es ist die Eurythmie
im Rezitieren und Deklamieren dabei angedeutet -, es raufi auf die
«
Sprachgestaltung die entsprechende Riicksicht genommen werden.
Ebenso kann das Eurythmische korrigierend wirken in einer gewis-
sen Beziehung auf das Musikalische uberhaupt.
Wir leben ja - das ist natiirlich noch schockierender - eigentlich
auch in bezug auf das Musikalische in einer furchtbar unkunstleri-
schen Zeit. Das ist nicht zu leugnen: Wir leben in einer furchtbar
unkunstlerischen Zeit; denn unsere Zeit hat in wirklich ausgedehn-
tem Mafie das eigentliche Musikalische hineingetrieben in das Ge-
rauschvolle. Wir sind nach und nach schon iibergegangen dazu,
nicht mehr musikalisch zu sein, sondern die Musik zu benutzen, urn
allerlei Gerausche zu malen, die irgendetwas darstellen sollen; man
weifi nicht recht, was sie sollen, aber die irgendetwas darstellen sol-
len. Bitte, betrachten Sie mich nicht als irgendeinen Banausen, der
nun schelten will auf alles dasjenige, was heute ganz gewi£ aus ehr-
lichstem Willen sehr haufig als Musik auftritt. Aber man mufi, wenn
es sich darum handelt, einmal eine Kunst wie die Eurythmie aus den
Fundamenten des Kunstlerischen herauszuholen, man mufi auch in
der Moglichkeit sein, iiber die Dinge radikal zu sprechen. Man kann
das natiirlich nicht anders. Und so ist leicht zu bemerken, wie das
Eurythmische korrigierend auf den musikalischen Geschmack wir-
ken kann. Wenn Sie etwa versuchen, einmal moglichst sich zu beru-
higen - verzeihen Sie, dafi ich diese zu gleicher Zeit exerzitienartige
Sache vorbringe, aber es mufi vorgebracht werden, damit man dar-
auf kommt, wie aus dem Fundamente des Kunstlerischen heraus
etwas gestaltet werden kann - , versuchen Sie einmal, sich vollstan-
dig zu beruhigen, sozusagen sich gleichgiiltig zu machen gegen sinn-
liche Eindriicke, auch gleichgiiltig zu machen gegen das innerlich
Leidenschaftliche, und setzen Sie sich, nachdem Sie sich diese
Gleichgiiltigkeit errungen haben, ans Klavier, schlagen zunachst
mittlere Tone an, irgendeinen mittleren Ton, und versuchen, in der
Skala bis zur Oktave hinaufzugehen, einfach das zu erleben.
Und dann, wenn Sie dies in aller Ruhe und Stille erlebt haben,
dann versuchen Sie sich zu vergegenwartigen, wie Sie, wenn Sie nun
aufstehen und eben in der Geste, in der eurythmischen Geste das,
was Sie erlebt haben, darstellen wollen, vieles von dem herausbe-
kommen werden, was ich Ihnen schon angedeutet habe, vieles von
dem, was ich noch werde zu sagen haben. Versuchen Sie einmal,
wenn Sie das, was Sie angeschlagen haben, wiedergeben wollen in
der Geste, wenn Sie so Ton nach Ton anschlagen, einfach immer
einen einzelnen Ton anschlagen und so hinaufgehen, versuchen Sie,
das zu bringen in die eurythmische Geste, also sagen wir in die
Geste des Dreiklanges, so ahnlich der Geste, wie wir es in den vor-
hergehenden Tagen besprochen haben.
Sie werden verhaltnismaftig leicht in der Lage sein, einen sehr
starken Einklang zu finden zwischen demjenigen, was Sie da als
Geste machen, empfinden, erleben, und demjenigen, was Sie hinter-
einander als Tone am Klavier angeschlagen haben.
Versuchen Sie dann einen Akkord anzuschlagen. Versuchen Sie
in der Eurythmie die Harmonie der Tone wiederzugeben: dann
werden Sie namlich finden, daft da eigentlich etwas innerlich nicht
mitgehen will. Sie sind der Gefahr ausgesetzt, wenn Sie einen Ak-
kord anschlagen wollen, zu gleicher Zeit zu schreiten und zu glei-
cher Zeit die Bewegungen mit den beiden Armen zu machen, wie ich
sie, sagen wir, fur den Dur-Dreiklang angedeutet habe. Sie sind
genotigt, das zu machen. Ja, Sie werden ein innerliches Widerstreben
haben. Es wird eine gewisse Tendenz in Ihrer Seele auftreten, die
eigentlich das Akkordmaftige, das Harmonische verwandeln will in
das Melodiose, die den gleichzeitigen Zusammenklang der Tone
verwandeln will in eine Aufeinanderfolge. Und Sie werden erst dann
befriedigt sein, wenn Sie den Akkord aufgelost haben, wenn Sie
eigentlich den Akkord in das Melos iibergefuhrt haben, wenn Sie die
drei Bewegungen fur die drei Tone hintereinander machen.
Man kann geradezu als ein Gesetz anfiihren: Die Eurythmie
zwingt eigentlich dazu, fortwahrend das Harmonische in das Melos
aufzulosen. Das ist das Korrigierende, von dem ich eben sprechen
will. Und wenn Sie dies recht empfinden, so werden Sie darauf
kommen, daft eigentlich im Akkord ein Begrabnis vorliegt - es ist
etwas radikal ausgesprochen -, aber im Akkord liegt eigentlich ein
Begrabnis vor. Die drei Tone, die gleichzeitig erklingen sollen, die
also eigentlich zu ihrer Wirkung nicht die Zeit, sondern den Raum
brauchen, diese drei Tone sind im Akkord gestorben. Sie leben nur,
wenn sie in der Melodie auftreten. Und wenn Sie das recht empfin-
den, dann werden Sie das eigentlich Musikalische im Grunde nur in
dem Melodiosen, in dem zeitlichen Wirken der Tone noch finden.
Und dann werden Sie darauf kommen, daft es gar keinen Sinn hat,
zu fragen: Was driicken die Tone aus? Man ist ja heute schon so weit
gekommen, daft die Tone Wasserplatschern, Windessausen, Waldes-
rauschen und so weiter, alles mogliche darstellen. Das sind natiirlich
im Grunde genommen Entsetzlichkeiten. Ich will nicht zetern dage-
gen, ich will auch niemandem den Gefallen an solchen Dingen ver-
ekeln, selbstverstandlich nicht, aber ich meine nur, es handelt sich
jetzt darum, die Dinge in der richtigen Art aus dem Fundamente
heraus zu verstehen. Tone, Tongebilde driicken sich selber aus. Sie
sind auch nur da, um sich selber auszudriicken, um dasjenige auszu-
driicken, was die Terz zur Quinte sagt, oder die Terz zur Prim sagt,
oder alle drei zusammen sagen, aber hintereinander. Sonst, nicht
wahr, geht es einem schon so, wie es jenem groften Musiker in
Europa gegangen ist, der eine aufterordentlich komplizierte viel-
stimmige Sache vor einem Araber aufgefiihrt hat. Der Araber kam
in eine furchtbare innere Erregung und sagte: Aber warum denn so
schnell? Ich wiinsche, daft man ein Lied hinter dem anderen macht.
- Er wollte jede Stimme extra hintereinander haben, weil er nicht
begreifen konnte, daft die Geschichte zusammen irgendwie etwas
anderes bildet als etwas Unmusikalisches im Fundament, eine Art
gerauschvollen Zusammenwirkens verschiedener Mittel. Das ist
dasjenige, was Ihnen schon begreiflich machen wird, daft im Musi-
kalischen eine wirkliche Welt vorhanden ist, in der wir wiederum
die Impulse der iibrigen Welt finden.
Betrachten Sie nur eine Erscheinung. Wir sterben. Unser physi-
scher Leib ist da. Der geht zugrunde. Warum geht er denn eigentlich
zugrunde? Warum lost er sich auf ? Er fangt an, sich aufzulosen, wenn
wir gestorben sind; vorher hat er sich nicht aufgelost, vorher blieb er
intakt. Warum? Weil wir vorher die Zeit in uns tragen. In dem Au-
genblick, wo der Tod eintritt, ist der Leichnam nur im Raum; er kann
die Zeit nicht mitmachen. Daft er die Zeit nicht mitmachen kann, daft
er nur noch im Raume ist und im Raume seine Gesetzmaftigkeit hat,
das macht ihn tot, das laftt ihn ersterben. Wir werden zum Leichnam
an der Unmoglichkeit, die Zeit in uns zu tragen; wir leben wahrend
unseres Erdenlebens durch die Moglichkeit, die Zeit in uns zu tragen,
die Zeit in uns arbeiten zu lassen, die Zeit in dem im Raume ausge-
dehnten Stoffe drinnen wirksam zu haben.
Die Melodie wirkt in der Zeit. Der Akkord ist der Leichnam der
Melodic Im Akkord erstirbt die Melodie. Und in bezug auf das
Verstehen der Musik ist schon liberhaupt unsere Zeit in einer ganz
trostlosen Lage. Denn all dieses Reflektieren auf die Klangfarbe in
den Obertonen und dergleichen, das will eigentlich iibergehen von
jedem Einzelton auf eine Art Akkord. So daft also eigentlich heute
schon in dem Menschen steckt die Sympathie fiir das Harmonische
selbst im einzelnen Ton. Ich habe ofter einmal auf gewisse Fragen,
wie die Musik sich entwickeln soil, die Antwort gegeben: man mufi
im Ton, im einzelnen Ton die Melodie gewahr werden, nicht den
Akkord, im einzelnen Ton die Melodie gewahr werden. Es stecken
im Ton eine Anzahl Tone, in jedem Ton jedenfalls drei Tone darin-
nen. Aber bei dem einen Ton, den man eigentlich hort als den Ton,
der eben anklingt, den man mit dem Instrument erzeugt, bei dem
haben wir Gegenwart. Dann ist einer drinnen, bei dem ist es wie
wenn wir uns an ihn erinnerten. Und ein dritter ist drinnen, bei dem
ist es, wie wenn wir ihn erwarteten. Jeder Ton ruft eigentlich Er-
innerung und Erwartung als Nebentone melodios hervor.
Das ist dasjenige, was man auch spater einmal darstellen wird.
Man wird schon die Moglichkeit finden, dadurch die Musik zu ver-
tiefen, daft der einzelne Ton zur Melodie vertieft wird. Heute moch-
te man im einzelnen Ton den Akkord suchen und denkt dariiber
nach, wie dieser Akkord in den Obertonen lebt, Es geht also eigent-
lich auf das materialistische Erfassen der Musik hinaus.
Nun, es ist eine sonderbare Frage, aber sie ist gerade mit Bezug
auf das Eurythmische sehr berechtigt: Wo liegt denn eigentlich das
Musikalische? Heute wird gar keiner zweifeln, daft das Musikalische
in den Tonen liegt, weil er sich so furchtbar anstrengen mufi in den
Schulen, diese Tone richtig zu setzen, diese Tone in der richtigen
Weise anzuordnen. Nicht wahr, es kommt darauf an, daft er die
Tone beherrscht. Aber die Tone sind nicht die Musik! So wie der
menschliche Korper nicht die Seele ist, so sind die Tone nicht die
Musik. Und das ist sehr interessant, denn die Musik liegt zwischen
den Tonen! Wir brauchen nur die Tone, damit wir etwas dazwi-
schen haben konnen. Wir mussen natiirlich die Tone haben, aber die
Musik liegt zwischen den Tonen. Dasjenige, worauf es ankommt, ist
nicht das c und nicht das e, sondern dasjenige, was zwischen beiden
liegt. Aber ein solches Zwischenliegen ist nur moglich beim Melo-
diosen. Es hat gar keinen Sinn beim Akkord. Es hat gar keinen Sinn
bei den Harmonien, ein solches Zwischenliegen. Und das Heriiber-
geben vom Melos zum Harmonischen, das ist das stufenweise Un-
musikalischwerden. Denn dadurch wird eben die Musik begraben,
dadurch wird die Musik ertotet.
Ich konnte eine sonderbare Definition des Musikalischen geben.
Ich wiirde sie naturlich nicht in einer Musikschule geben wollen,
aber ich muE sie vor Eurythmisten geben, denn die miissen das
verstehen, wenn sie wirklich Toneurythmie treiben wollen. Es ist ja
allerdings eine negative Definition des Musikalischen, aber sie ist die
richtige. Was ist das Musikalische? Dasjenige, was man nicht hort!
Dasjenige, was man hort, ist niemals musikalisch. Also wenn Sie das
Erlebnis im Zeitverlaufe nehmen zwischen zwei Tonen, die im
Melos erklingen, dann horen Sie nichts, denn Sie horen dann die
Tone erklingen; aber das, was Sie nicht horend erleben zwischen den
Tonen, das ist die Musik in Wirklichkeit, denn das ist das Geistige
in der Sache; wahrend das andere der sinnliche Ausdruck davon ist.
Denken Sie, dadurch bringen Sie in das Musikalische im eminen-
testen Sinne die menschliche Personlichkeit hinein, die menschliche
Personlichkeit als Seele. Die Musik wird namlich um so beseelter, je
mehr Sie das Nichthorbare in ihr zur Geltung bringen konnen, je
mehr Sie das Horbare nur benutzen, um das Unhorbare zur Geltung
zu bringen. Dies zu fuhlen am Musikalischen, das ist geradezu die
Aufgabe des Eurythmisten. Daher mul5 der Eurythmist bei den
Gesten von der Art, wie wir sie im Anfange gesehen haben, oder wie
wir sie sonst schon gesehen haben, oder noch uns vorfuhren werden,
bei diesen Gesten raufi er seine Freude haben nicht in der Stellung,
sondern in der Hervorrufung der Stellungen: in der Bewegung.
Eurythmie liegt ihrer ganzen Ausdehnung nach nicht im Figuren-
machen, sondern in der Bewegung.
Sie diirfen niemals sagen - ich habe das sehr haufig betont, ich
sehe aber sehr haufig die gegenteilige Auffassung im praktischen
Betriebe der Eurythmie Sie diirfen niemals sagen: das ist ein i
(Armstrecken). Jetzt ist es kein i mehr. Ein i ist es so lange, so lange
es gemacht wird, und so lange der Arm in Bewegung ist; so lange ist
es i. Es gib in der Eurythmie niemals etwas, was, nachdem es ent-
standen ist, noch seine Bedeutung hat. In der Eurythmie hat alles
nur seine Bedeutung im Entstehen.
Daher soil der Eurythmist sorgfaltig sein in dem Formen der Be-
wegung, alle Sorgfalt hineinlegen in jene Bewegung, durch die eine
Form entsteht. Und er soil darauf bedacht sein, wenn die Form ent-
standen ist, sie so schnell wie moglich zur Verwandlung zu bringen,
in die nachste Form uberzuftihren. So dafi eigentlich der Eurythmist
die Bewegung als sein Element betrachtet, nicht das Stehen in der
Form oder das Festhalten der Form. Wer eine gewisse Empfindung
fur diese Dinge hat, der wird besonders bei der Eurythmie so etwas,
wie wir es schon gemacht haben - Fraulein Senft war darinnen Mei-
ster - in der folgenden Weise empfinden: Irgendeine musikalische
Produktion wird beendet - ich habe es selber bei Auffiihrungen so
angeordnet, aber es soli eben auch empfunden werden -: sie ist aus,
es wird in der letzten Position, in der letzten Figur stillgestanden, bis
der Vorhang zugeht. Welche Empfindung soil man, wenn sie gesund
sein soil, welche Empfindung soil man haben? Die, dafi die Euryth-
mistin den Starrkrampf gekriegt hat, dafi man tatsachlich angekom-
men ist bei der Nullitat des Eurythmisch-Kunstlerischen. Es hat
aufgehort. Das wird besonders stramm hervorgehoben: es hat aufge-
hort. Man sagt zum Publikum: Kinder, jetzt ertoten wir die Vorstel-
lung, damit ihr zu euch kommt und ein wenig nachdenken konnt. -
Diese letztere Bedeutung kann eben dieses Stehenbleiben haben.
Daher kann es natiirlich auch im Verhaltnis zum Publikum richtig
sein, aber es ist nur etwas im Verhaltnis zum Publikum. All dieses
soil Ihnen zeigen, wie es darauf ankomme, in alien moglichen For-
men den bewegten Menschen zu studieren.
Nun gibt es am Menschen dreierlei. Der Mensch ist ja natiirlich
im Raume. Dasjenige, was an ihm raumlich ist, gehort nicht zur
Eurythmie; aber dasjenige, was im Raume als Bewegung erscheinen
kann, gehort eben zur Eurythmie. Nun, der Mensch ist deutlich im
Raume auf eine dreifache Weise. Er ist erstens im Raume von oben
nach unten und von unten nach oben. Der Mensch weilS, dafi er
oben den Kopf und unten die Fiifte hat und daE sich das unterschei-
det voneinander, und wer den Menschen wirklich studiert, der wird
das ebenso wichtig finden, wie man, sagen wir, in der Anatomie
beschreibt ziemlich aufierlich: am Fufi sind die Fersenknochen, am
Fufi sind die Zehenknochen, die Mittelfuftknochen und so weiter,
am Haupte ist das Scheitelbein, das Stirnbein, das Hinterhauptbein
und so weiter. Dann beschreibt man, indem man weiter nach innen
geht, das Gehirn. Man beschreibt die Muskeln des FuEes. Das alles
beschreibt man so, wie wenn es irgendjemand beliebig zusammen-
gelegt hatte und da die zufallige Menschengestalt entstanden ware.
In Wirklichkeit ist der Kopf die Oktave des Fufies. Und das ist eine
ebensolche Wahrheit, daft der Kopf die Oktave des Fufies ist, wie
das andere, was sonst in den Anatomiebuchern steht. Denn wenn Sie
die Fufitatigkeit nehmen, von ihr ausgehen und dasjenige nehmen,
was der Kopf dazu getan hat - der Kopf hat namlich etwas dazu zu
tun, daft Sie mit den Fiifien gehen konnen - , und Sie konnen wirk-
lich auffassen die Kopftatigkeit und die Fufitatigkeit, dann bekom-
men Sie die Kopftatigkeit im Verhaltnis zur Fufitatigkeit ganz genau
in der Empfindung der Oktave zur Prim. Es ist nicht anders.
So kann man den ganzen Menschen durchgehen. Er ist eine
musikalische Skala. Wir haben also den Menschen ausgedehnt von
oben nach unten, von unten nach oben. Wir haben den Menschen
aber auch ausgedehnt in der Richtung rechts-links, und wir haben
den Menschen ausgedehnt in der Richtung vorne - hinten, hinten -
vorne. Die anderen Richtungen liegen dazwischen und konnen auf
diese drei Richtungen, die sich deutlich am Menschen unterschei-
den, zuriickgefuhrt werden.
Indem der Mensch das musikalische Erleben uberfiihrt in Eu-
rythmie, fiihrt er es in Bewegung iiber. Er kann aber eigentlich gar
nicht anders, als in irgendeiner Weise bei seinen Bewegungen hin-
einkommen in diese drei verschiedenen Richtungen. In irgendeiner
Weise mufi er diese drei Richtungen zu Hilfe nehmen, wenn er das
Musikalische in Bewegung bringen will, denn diese drei Richtungen
stellen ihn und seine Bewegungsmoglichkeiten dar. Die mensch-
lichen Bewegungsmoglichkeiten sollen ja in der Eurythmie zum
Vorschein kommen.
Wenn Sie Oben-Unten, Unten-Oben nehmen - das werden Sie
aus dem, was bisher aus der noch ziemlich primitiven Toneurythmie
schon hervorgeht, entnehmen konnen wenn Sie das Oben-Unten,
Unten-Oben nehmen und aus dem, was ich Ihnen iiber den Dur-
Dreiklang, Moll-Dreiklang und so weiter gesagt habe, auch aus dem,
was ich eben gesagt habe in bezug auf Fufi und Kopf, werden Sie
fiihlen konnen: in der Hohe des Menschen, in Oben und Unten,
Unten und Oben liegt die Tonhohe, und wir haben kein anderes
Mittel, die Tonhohe auszudriicken, als mit dem Arm nach oben und
unten, mit der Hand nach oben und unten, meinetwillen auch mit
den Beinen nach oben und unten zu gehen, mit dem Kopf nach oben
und unten zu gehen.
Wir bewegen uns, indem wir die Tonhohe zum Vorschein brin-
gen, in der vertikalen Richtung [Zeichnung S. 53]. Nehmen wir
Rechts-Links. Rechts-Links geht unmittelbar in die gebardenhafte
Bewegung iiber. Wobei kommt denn das Rechts-Links ganz beson-
ders zum Vorschein? Das Rechts-Links kommt ja ganz besonders
beim Menschen im Schreiten zum Vorschein. Das Schreiten ist ei-
gentlich das In-Bewegungbringen des Rechts-Links: rechtes Bein -
linkes Bein - rechtes Bein - linkes Bein. Und so lange hat das Rechts
-Links kein Leben in sich, als Sie nur philistros im Leben gehen; so
lange ist kein Leben in dem Rechts-Links drinnen. Es kommt aber
sogleich Leben, wenn Sie irgendetwas differenzieren in dem Rechts-
Links, so wie schon die Natur differenziert den rechten Arm als den-
jenigen, mit dem wir schreiben, den linken Arm als denjenigen, mit
dem wir gewohnlich das Schreiben nicht lernen. Sie konnen aber
auch einfach differenzieren, indem Sie mit dem rechten Bein stark
auftreten, das linke Bein zuruckziehen, und dann erst wieder auf stel-
len. Alles dasjenige, was in dieser Weise durch die Differenzierung
von rechts und links zustande kommt, das ist dasjenige, was mit dem
Takt zusammenhangt [Zeichnung S. 53]. Der musikalische Takt geht
durch das Rechts-Links in die eurythmische Bewegung iiber.
Nun bleibt noch das Vorne und Hinten. Es handelt sich darum,
daft man innerlich dieses Vorne-Hinten auffaEt. Und da ist es notig,
ein wenig auf den Menschen zu sehen.
T w I ," L „ Tafel 2
I,
Nicht wahr, das Vorne-Hinten ist ja nicht nur so, dafi, ich moch-
te sagen, irgendein Zeichen geschrieben ist an der einen Seite, daft es
vorne ist, an der anderen Seite, daft es hinten ist. Es ist so, das Vorne-
Hinten, daft wir ja nach vorne sehen, nach riickwarts nicht sehen,
daft wir tatsachlich hinter uns die finstere Welt haben, die wir nicht
einmal zu ahnen brauchen; vor uns haben wir die ganze sichtbare
Welt, die sich da ausbreitet. Und wir konnen uns entweder dieser
ganzen sichtbaren Welt in unserer Bewegung dem Vorne zuwenden,
dann rechnen wir mit dem Vorne. Wenn wir uns in der Bewegung
dem Vorne zuwenden, heiftt das, wir machen eine Bewegung kurz.
Wir sind drinnen in der Welt. Wir machen sie kurz. Wenn wir nicht
hineinkonnen, wenn wir an dem festhalten, gewissermafien an der
Finsternis hinten kleben, nicht herauskonnen, machen wir sie lang,
so daft wir einfach nach dem Verhaltnis von vorne und hinten
«kurz-lang» unterscheiden. Und wir haben dann u — oder — u:
Jambus, Trochaus [Zeichnung S. 53: Rhythmus]. Das heiftt, wir ha-
ben den Rhythmus; das Vorne-Hinten gibt den Rhythmus.
Und nun haben Sie eigentlich drei Elemente des Musikalischen,
die Sie in ihren musikalischen Formen gebrauchen konnen. Sie tre-
ten, wenn ich so sagen darf, den Takt; Sie driicken den Rhythmus
aus im Schnell-Langsam, und Sie driicken das eigentlich Musikali-
sche, das Melos aus, indem Sie die Bewegungen entsprechend oben
oder unten ausfuhren. Dadurch aber haben Sie in Takt, Rhythmus,
Melos den ganzen Menschen in das Eurythmische eingeschaltet.
Die Musik ist im Grunde genommen der Mensch. Und gerade an
der Musik ist ja richtig zu lernen, wie man von der Materie los-
kommt. Denn wenn die Musik materialistisch werden will, liigt sie
ja eigentlich: sie ist ja nicht «da»! Alles iibrige Materielle ist ja da in
der Welt, drangt sich auf. Die musikalischen Tone sind ja urspriing-
lich gar nicht da, die miissen wir ja erst kiinstlich erzeugen; die
miissen wir ja erst machen. Das Seelische, das zwischen den Tonen
liegt, das lebt im Menschen; nur beachtet man es heute wenig, weil
eben die Welt so unmusikalisch geworden ist.
Man wird es wieder beachten, wenn man sehen wird, dafi der Ton
entspricht der ruhigen Haltung des Eurythmisierenden. Nun sehen
Sie da den Dur-Dreiklang (er wird gezeigt), aber Sie eurythmisieren
nicht mehr, sondern wahrend Sie in diese Position kommen: In dem
Hingehen, in dem Hinneigen, in dem Entstehenlassen liegt der Dur-
Dreiklang, nicht in dem Fertigsein. Der Ton aber entspricht der
fertigen Formgestaltung. Das heifit, in dem Momente, wo der Ton
fertig ist, hat das Musikalische aufgehort.
Nun, von einem besonderen Interesse ist dabei das Folgende. Es
mufi ja gefiihlt werden eine Verwandtschaft des Musikalischen mit
der Sprache. Wenn man sich nun bemiiht, aus den Hauptvokalen
herauszuhoren die Skala, dann kommt als Interessantes heraus:
Tafel i c etwa dem u entsprechend
d etwa dem o
e etwa dem a
f etwa dem 6
g etwa dem e
a etwa dem ii
h etwa dem i
Das ist ungefahr die Konkordanz der Skala mit den Hauptvokalen,
rein nach dem Gehore.
Nun mochte ich Sie bitten, einmal zu versuchen, ein u mit den
Beinen zu machen. Das ist der Grundton, das wissen Sie ja alle.
Versuchen Sie einmal, so wie wir es besprochen haben, den Dur-
oder Moll-Dreiklang zu machen, zu markieren die Terz mit ihrem
Quint-Abschlufi. Wenn Sie die Bewegungen darauf beziehen und
etwas heriiberdrangen, dann haben Sie die Quinte in dem e der
Bewegung ausgedriickt; es wird von selber das e.
Versuchen Sie ein a zu machen. Jetzt versuchen Sie, mit beiden
Handen, nicht wie wir es sonst machen mit nur einer Hand, sondern
mit beiden Armen die Bewegung fur die Terz zu machen, nachdem
Sie sich den Grundton denken, dann sind Sie schon in der Euryth-
miebewegung des ^-Lautes drinnen mit der Terz!
Sie sehen daraus etwas sehr Auffalliges. Wir konnen, wenn wir
sehr aufmerksam horen, diese Konkordanz der Skala mit den Grund-
vokalen ungefahr horen; wenn die Laute ganz richtig gesprochen
werden, so ist ungefahr dies die Skala. Die Eurythmie in ihren Bewe-
gungsformen macht das von selber. Sie deutet an, indem sie das Ton-
gebilde gibt; Formen, Bewegungsformen, die die Lautgebilde darstel-
len. Das heifk, man kann gar nicht anders in der Eurythmie als, wenn
man die richtigen Bewegungen macht, auch die richtigen Bedingun-
gen zwischen den Tonen und den Lauten in die Bewegungen hinein-
bringen.
Wir haben gar nicht gedacht, wie jede Bewegung etwas anderes ist,
als dafi wir auf der einen Seite, schon seit Jahren, die Lautgebilde ge-
sucht haben; jetzt suchen wir die Tongebilde. Und nun machen wir
uns klar, wie ungefahr die Skala den Lautgebilden entspricht. Und
wir vergleichen mkeinander die Tongebilde und die Lautgebilde, und
sie gleichen sich soweit, wie sich auch im Tonen und im Lauten eben
der Ton mit dem Laut gleicht. Es ist natiirlich nicht dasselbe, es
gleicht sich nur. Denn es ist in der Eurythmie auch nicht dasselbe.
Darinnen sehen Sie, in welch naturgemafier Weise dasjenige, was
wir Eurythmie nennen, hervorgeht aus dem ganzen Wesen auf der
einen Seite des Lautlichen, auf der anderen Seite des Musikalischen.
Es geht eindeutig hervor. Und Sie werden, wenn Sie sich einleben in
die Dinge, gar nicht anders fuhlen konnen als: man kann nur eine
Geste zu einem Ton oder Laut machen, man kann nicht auf verschie-
dene Weise das ausdriicken. Wir wollen dann morgen fortsetzen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 22. Februar 1924
Das Sich-Fortbewegen der musikalischen Motive
in der Zeit
Die eigentliche eurythmische Darstellung mufi, wie Sie ja nament-
lich aus den gestrigen Auseinandersetzungen entnehmen konnen,
ausgehen vom Melos, vom Melodiosen, von dem Motiv, wie man ja
auch sagen konnte. Das Fortlaufen der Motive, der musikalischen
Motive in der Zeit, das bedeutet eigentlich auch den Gang, den das
Eurythmische an der Hand des Musikalischen nehmen mufi.
Nun wollen wir gerade heute auf dieses einmal mehr eingehen.
Sie werden auch da sehen, wie es notwendig ist, dabei auf das eigent-
lich Musikalische besonderes Augenmerk zu richten. Nicht wahr, in
dem Fortlaufen der Motive liegt es ja, da£ das Musikalische als
Musikalisches, nicht als Ausdruck, sondern als Musikalisches sinn-
voll wird. Und dieses Sinnvolle mull nun auch in der eurythmischen
Darstellung durchaus herauskommen. Und so wird es sich darum
handeln, wie eigentlich ein Fortlaufen eines musikalischen Motives
in der eurythmischen Darstellung behandelt werden muE.
Gewohnlich sieht man ja in der Musik selbst, sogar im Horen oft-
mals nicht darauf, wie innerhalb des Motives selbst fortlauft der Sinn
des Musikalischen. Sie wissen ja, daft innerhalb des Motives sehr hau-
fig der Taktstrich liegt, oder iiberhaupt innerhalb des Motives liegt
der Taktstrich. Nun, der Takt also, der Taktwechsel, unterbricht da-
mit das Motiv. Und wenn man dann von dem einen eingeschlossenen
Motiv zu der nachsten Gestaltung des Motivs ubergeht, so hat man
sehr haufig das Gefiihl, daft zwischen den verschiedenen Gestaltun-
gen der Motive eigentlich so etwas liegt - Musiker driicken es sogar
oftmals so aus - wie ein totes Intervall. Und dann sage man, einem
solchen toten Intervall entspreche auch der Fortgang von dem SchlufS
eines Wortes in der gesprochenen Sprache zu dem nachsten Anfang
des Wortes. So sieht man die Sache sehr haufig an. Aber gerade der
Umstand, daft man diesen Vergleich wahlt, der zeigt eigentlich schon,
daft man kein Gefiihl hat dafiir, was ich gestern sagte, daft das eigent-
lich Musikalische eigentlich das Nichthorbare ist. Und wenn man
vom toten Intervall spricht und es vergleicht mit dem, was zwischen
zwei Worten der Sprache ist, so vergleicht man nicht richtig. Denn
derjenige, der kunstgemafi sprechen will, sollte gerade zwischen zwei
Worten nicht davon sprechen, daft da ein totes Intervall ist, sondern
im Gegenteil, er sollte den groftten Wert darauf legen, wie der Uber-
gang von einem Worte zum anderen ist.
Denken Sie doch, daft in der Sprache, in der Sprachbehandlung,
im Grunde genommen folgender Unterschied zwischen schlechter
und guter Sprachbehandlung ist. Behandeln Sie in der Sprache jedes
Wort fur sich, so ist das etwas anderes, als wenn Sie gerade ein sehr
deutliches Gefiihl davon haben: ein Wort schlieftt in einer bestimm-
ten Weise, das nachste beginnt in einer bestimmten Weise - und Sie
suchen Sinn darinnen, daft zwischen dem eigentlich Sinnlichen,
womit das eine Wort schlieftt und das andere Wort beginnt, der
Geist liegt, den Sie zum Ausdruck bringen wollen. Der liegt ja auch
zwischen den Worten. Auch in den Worten horen wir mit dem
Laute nur das Sinnliche. Der Geist liegt auch beim Sprechen in dem
Unhorbaren. Es ist ja traurig, daft die gegenwartigen Menschen so
wenig Gefiihl fur das Unhorbare haben und gar nichts mehr zwi-
schen den Worten horen. Einen geisteswissenschaftlichen Vortrag
kann man iiberhaupt nicht verstehen, wenn man nur die Worte ver-
steht, sondern da muft man zwischen den Worten, sogar in den
Worten horen - in den Worten namlich dasjenige, was hinter ihnen
liegt. Da sind die Worte iiberall im Grunde genommen nur die Hil-
fen, um dasjenige auszudriicken, was nicht gehort werden kann.
Und so handelt es sich darum, daft wir die Moglichkeit finden,
innerhalb eines Motives, da, wo der Taktstrich steht, und zwischen
den Motiven, auch in der eurythmischen Bewegung zu unterschei-
den. Und wir werden so unterscheiden, daft die Bewegung beim
Taktstrich in sich gehalten ist; daft also der Betreffende, der die
Bewegung macht, gewissermaften in sich die Bewegungen macht,
womoglich auch andeutet durch die Lage der Arme und Hande, daft
er sich zusammenschiebt, und vor alien Dingen, wenn er eine Form
mache, in der Form sich zusammenschiebt, das heilk in der Form
stecken bleibt. Dagegen beim Ubergang von einer Motivmetamor-
phose zur anderen handelt es sich darum, daft wir uns hinuber-
schwingen, daft wir uns geistvoll hinuberschwingen von einer Mo-
tivmetamorphose zur anderen, daft wir also tatsachlich auch in der
Korperbewegung selber eine Art Hinaufschwingen haben; wahrend
wir ein steifes Sich-Geradestellen versuchen werden innerhalb des
Motives da, wo der Taktstrich steht.
Suchen Sie sich darinnen zu iiben, damit das dann im Bewegen
zur Selbstverstandlichkeit wird. Das wird eine grofte Bedeutung
haben. Es ist vielleicht ganz gut, wenn wir uns das einmal ganz
klarmachen. Nehmen wir einmal das Folgende, um uns das klarzu-
machen. Es handelt sich jetzt wirklich nur darum, daft wir aus dem
Allereinfachsten uns herausarbeiten, und da schadet es nichts, wenn
dieses Einfache auch einmal etwas hausbacken ist.
3 _r c
Nun wollen wir, um uns die wirkliche Bedeutung dessen, was ich
gesagt habe, klarzumachen, ein moglichst einfaches Motiv wahlen
und an diesem einfachen Motiv dann sehen, was eigentlich mit dem,
was ich gesagt habe, gemeint ist. Wir gehen also aus — sagen wir - von
einem g und gehen im Motiv iiber zu einem h, kommen dann wieder-
um zuriick zu einem g, gehen im Motiv iiber zu einem fis und so wei-
ter. Nun haben wir also: erstes Motiv, zweites, drittes, viertes, fiinf-
tes, sechstes Motiv, und nun handelt es sich darum, wie wir diese
Motivfolgen eurythmisch durchfuhren. Wir werden also hier (1) ein
In-sich-Halten haben, bei 2 ein kiihnes Sich-Hiniiberschwingen;
nicht wahr, jetzt sind wir auf-, jetzt sind wir abgestiegen, dazwischen
haben wir die Taktstriche. Jetzt haben wir wiederum hier [Zeichnung
S. 61] In-sich-Halten, kiihnes Hinuberschwingen, In-sich-Halten.
Also wenn ich das Ganze zeichne: auf, ab, auf, ab, auf, ab, haben wir
hier iiberall Taktstriche dazwischen, bei dem 5. und 6. Motiv je zwei
Taktstriche, und wir haben also eine Folge von 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 In-
sich-Halten und 1, 2, 3, 4, 5 Sich-Hiniiberschwingen. Vielleicht wird
Herr Stuten so gut sein, das anzuschlagen, Fraulein Wilke in einer
beliebigen Form - es kommt nicht darauf an - vorzumachen: In-sich-
Halten, Hinuberschwingen, In-sich-Halten, Hinuberschwingen, In-
sich-Halten. Versuchen Sie einfach gerade zu sein, aber die ganze
Bewegung anzupassen; gerade zu sein beim Taktstrich und sich
kiihn hiniiberzuschwingen bei dem Ubergang von der einen Motiv-
metamorphose zu der anderen Motivmetamorphose. Der Taktstrich
mufi stark angedeutet werden, ein starkes In-sich-Halten. Vielleicht
macht's Fraulein Donath nun einmal. Jetzt Frau Schuurman. Wir
diirf en nur nie auf die Note kommen, es ist immer zwischen der Note.
Dann Fraulein Hensel. Dann Fraulein Senft.
Es ist hoffentlich ganz gut zu verstehen; machen Sie den Takt-
strich und das In-sich-Halten immer recht deutlich. Das ist natiir-
lich etwas, was ich Sie bitte zu iiberlegen, wie es sich fur die ver-
schiedenen Motivgestaltungen dann ergeben kann. Ich wollte es
Ihnen zunachst einmal am Allereinfachsten zeigen. Sie sehen, dafi in
der eurythmischen Darstellung sich ganz besonders das ergibt, daft
in der Musik den eigentlichen Geist die Melodie aufnimmt und fort-
leitet. Im Grunde genommen bringt alles iibrige nicht den Geist des
Musikalischen hinzu, sondern ist unter alien Umstanden eine Art
illustrativen Elementes. Aber damit Sie dieses in sich befestigen
konnen, mochte ich Sie bitten, erstens einmal den ganzen Menschen
im Musikalischen wirklich zu suchen. Der Eurythmist ist ja geno-
tigt, auf dieses hinzuschauen, wie der ganze Mensch ins Musikali-
sche gewissermafien ausfliefit.
Es ist ja wirklich so, wenn wir so dastehen mit unserer Gestalt,
schlank oder kurz, dick oder diinn: dasjenige, was an uns gesehen
werden kann, ist ja im Grunde genommen das Allerwenigste von
uns. Das bleibt ja sogar noch eine Zeitlang intakt, wenn wir durch
den Tod geschritten sind. Und dennoch, was ist denn in dem Leich-
nam noch von dem Menschen ? Aber mehr als den Leichnam oder
wenigstens nicht viel mehr als den Leichnam sieht man ja auch nicht
vom Menschen, wenn man ihn so anschaut, wie er in der physischen
Welt vor uns steht. Und dasjenige, sehen Sie, was am Menschen als
physische Gestalt ist, das gibt ja im Musikalischen - ich mochte
sagen - das am wenigsten bedeutsame Element des Musikalischen,
das gibt den Takt. Deshalb ist es auch naturlich dafi Sie beim Takt-
strich die Korpergestalt betonen, in sich halten.
Gehen Sie iiber zum Rhythmus und stellen «kurz-lang» dar, dann
gehen Sie schon aus demjenigen heraus, was die Korpergestalt des
Menschen darstellt. Im Rhythmus verraten Sie schon recht viel von
Ihrem Seelischen. Beim Takt hat man eigentlich immer das Gefuhl,
wenn er eurythmisiert wird, dafi zu seiner Wertigkeit viel beitragt,
wie schwer ein Mensch ist. Man hat immer das Gefuhl, wenn der Takt
eurythmisiert wird - das haben Sie ja jetzt gesehen bei diesen Versu-
chen - : es tritt etwas zutage, wie schwer ein Mensch ist. Ein gewich-
tigerer Mensch wird gerade in der Eurythmie ein besserer Taktschla-
ger sein als ein leichterer Mensch. Im Rhythmus tritt das weniger zu-
tage. Der Rhythmus bringt den Menschen in Bewegung. Und da
kann man schon sehr gut unterscheiden, ob die Bewegung eine ge-
schmackvolle oder eine geschmacklose ist, ob Seele in der Bewegung
drinnen ist: langsam - schnell, langsam - schnell - in dieser Bewe-
gung. Sehen Sie, da kommt das Atherische am Menschen zum Vor-
schein. Das ist der atherische Mensch, der sich im Rhythmus offen-
bart. Sehen Sie aber auf die Melodie, die den eigentlichen Geist im
Musikalischen bringt, dann ist es der astralische Mensch, der sich of-
fenbart. Und Sie haben damit eigentlich den ganzen Menschen mit
Ausnahme des Ich, wenn Sie im Musikalischen wirken. Sie konnen
wirklich sagen: Ich als physisch taktschlagender, atherisch rhythmi-
sierender, astralisch das Melos entwickelnder Mensch trete vor die
Welt hin. - Und in dem Augenblicke, sehen Sie, wo iibergeht das
Musikalische in das Sprachliche, da tritt das Ich ein. Die Sprache sel-
ber, gewifi, sie wird dann weiter vermittelt ins Astralische, sogar ins
Atherische hinein. Aber ihr Ursprungsimpuls liegt im Ich.
Und wenn ich Ihnen gestern zum Schlusse einen geheimen Par-
allelismus angefuhrt habe zwischen der Skala und den Vokalen, und
wenn wir sogar gesehen haben, wie das Musikalische eurythmisch in
die Vokale hineingeht, so mussen wir uns doch klar sein dariiber,
dafi schon im Gesange das rein Musikalische uberschritten wird.
Das rein Musikalische, das echt Musikalische driickt sich im Astra-
lischen des Menschen aus. Daher wird der Gesang um so musika-
lischer sein, je mehr er sich eben an das Musikalische halt, je mehr
er dem Melos nachgeht. Und das dem Melos Nachgehen wird beim
Gesange gerade das Allersympathischste sein.
Gehen wir vom Gesang zur Sprache, also zur Deklamation und
Rezitation, dann werden wir einen starken Mifiklang haben zwi-
schen dem Melos und demjenigen, worauf doch nun der Rezitator
und Deklamator sehen mufi, dem Sinn der Worte. Nun muE zwar
betont werden, daf5 ein Musikalisches wirksam sein mu$ im Rezitie-
ren und Deklamieren, aber es wird immer ein innerer Kampf beste-
hen, den der Sanger im Musikalischen losen kann. Je musikalischer
er ist, desto mehr wird er auf das Astralische zuriickgehen, auf das
Melos, und desto mehr wird er fur sich die Aufgabe losen, im Ge-
sang musikalisch zu bleiben, Daher ist es selbstverstandlich wieder-
um eine groftere Kunst, im Gesang musikalisch zu bleiben, als etwa
in der Instrumentalmusik musikalisch zu bleiben.
Aber nun nehmen Sie das Folgende. Ich glaube, Sie haben alle das
Gefuhl, da£ ein Goethesches Gedicht ungeheuer musikalisch wirkt,
das Gedicht:
Uber alien Gipfeln
Ist Ruh;
In alien Wipfeln
Spiirest du
Kaum einen Hauch;
Die Voglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Nehmen Sie gewichtige Worte aus diesem Gedichte «Uber alien
Gipfeln ist Ruh»: Gipfeln, ist Ruh, Wipfeln, Hauch, auch, warte,
balde.
Wenn Sie empfindungsgemafi der Sache nachgehen, so werden
Sie finden, daft das Sympathisch-Musikalische, das in diesem Ge-
dichte liegt - und es ist etwas aufierordentlich Sympathisch-Musika-
lisches in diesem Gedicht - , dafi das liegt an dem Gebrauch der
Worte: Gipfel, Wipfel, ist Ruh, Hauch, auch, warte, balde - in diesen
Worten liegt das eigentlich Musikalische. Nun bitte ich Sie, was
haben wir denn da eigentlich? Vergleichen Sie das mit dem, was ich
gestern dargestellt habe als die Konkordanz der Laute, der vokali-
schen Laute mit der Skala. Ich schreibe immer die Skala so - selbst-
verstandlich kann man ja jeden Ton auf ein c schreiben -, aber ich
schreibe es so, wie man gewohnlich das c anfuhrt in der Skala. Also
es kommt natiirlich nicht darauf an, daft Sie bloft auf diese Bezeich-
nungen basieren; aber wenn man so schreibt, wie ich es auch gestern
getan habe, dann haben wir in dem Worte «Gipfeln» h g, h a g, eine
nach abwarts gehende Terz. Sie wirkt als eine Moll-Terz. Sie ist das
Spiegelbild einer Terz. Und die Wiederholung dieses Terz-Spiegel-
bildes in Wipfeln und Gipfeln, das ist dasjenige, was zunachst
musikalisch ungemein fein anklingt.
Gehen Sie weiter: ist Ruh. - Wenn Sie «ist Ruh» nach dem Schema,
das ich Ihnen gestern dargestellt habe, nehmen, so haben Sie in «ist
Ruh» ein h, und das u ist das c: h c. Das heiftt, Sie beziehen die Septime
auf die Prim zuriick und haben darin alles, was ich gestern und vorge-
stern von der Septime gesagt habe, haben es zuruckbeziehend. Wenn
der Mensch in die Septime hineingeht, kommt er aus sich selber her-
aus. Er wird sich selber zuriickgegeben, wenn er von der Septime auf
den Grundton zuruckgeht, er bekommt sich gewissermaEen selber
wieder. Spiiren Sie das in den Worten: ist Ruh; darinnen liegt es.
Nun, ganz besonders interessant ist, dafi wir in diesem Gedichte
in balde und warte ja immer ein e g haben; e g, also wieder eine Art
Terz, aber die andere Terz, die nach der anderen Seite geht, das
Spiegelbild der ersten Terz, eine Art Dur-Terz. Und so haben Sie
eine wunderbare Kongruenz dadrinnen, Terzen, die wie Spiegel-
bilder sich verhalten, und das Zuriickgegebensein des Menschen in
dem umgekehrten Septimen-Akkord, Septim-Zusammenklang.
Und jetzt gehen wir weiter: Hauch, auch - das ist etwas, wo ein
Diphthong auftritt. Was sind denn Diphthonge? Wo konnen wir in
der Musik die Diphthonge suchen? Sehen Sie, da konnen wir umge-
kehrt, wie wir sonst ofter vom Musikalischen in das Sprachliche
heriibergegangen sind, von dem Sprachlichen in das Diphthon-
gische, ins Musikalische hiniibergehen, Wenn Sie Gehor haben fiir
solche Dinge, so werden Sie sich auf Grundlage der Prinzipien, die
ich ausgesprochen habe, sagen: Worinnen liegt denn der Geist des
Diphthongs? also des ei, des auf Liege er in dem e oder liegt er in
dem i y in dem a oder in dem u7 Nein, er liegt dazwischen. Dasjenige,
was eigentlich das «Ausgegeistete», nicht das Ausgesprochene ist, e
i, a, u, das liegt zwischendrinnen, und deshalb werden wir in den
Diphthongen nicht Tone zu sehen haben, sondern Intervalle. Diph-
thonge sind immer Intervalle. Und bei Goethe ist es das Interessan-
te, daft Hauch, also au, ein ganz richtiges Terzen-Intervall ist. Sie
brauchen sich nur an das vorgestern gegebene Schema zu erinnern:
Wipfel - h g; ist Ruh - he; Gipfel - h g; Hauch - Terz; auch - Terz;
warte - eg; balde - eg.
So daft Goethe nun nicht blofi richtige Terzen und ihre Spiegel-
bilder gebraucht, sondern hinzufiigt noch, um alles beisammen
zu haben in diesem Gebiete, richtige Terzen-Intervalle in den
Diphthongen.
Da haben Sie es, auf was es ankommt. Es kommt nicht darauf an,
daft ein Mensch, indem er dieses Goethesche Gedicht liest oder re-
zitiert, daran denkt, daft da etwas Terzenartiges, sogar etwas Septi-
menartiges drinnen ist. Naturlich denkt er nicht daran. Aber indem
er das Gedicht richtig empfindet, bringt er es dennoch zum Aus-
drucke als Rezitator. Es kommt schon heraus. Aber was ist denn
das, was fast so geistig ist wie das vom Ich sinnvoll Ausgesprochene,
und dennoch nicht gewuftt wird? Das ist das Astrale. So daft also,
indem hinter dem Sinnvollen des Gedichtes dasjenige, was fiir den
Menschen den tieferen unbewuftten Sinn, den musikalischen Sinn
im Astralischen hat, bei diesem Gedichte gerade das Wirksame ist.
Goethe hat soweit als moglich gerade in diesem Gedichte die Wir-
kung dieses Gedichtes aus dem Ich in das Astrale zuriickgeschoben.
Nun werden Sie dieses Gedicht am besten dann eurythmisieren,
wenn Sie tatsachlich es dahin bringen, die verschiedenen Laute, die
Sie eurythmisch darstellen, weniger zu pointieren, als anzudeuten,
womoglich sie nicht fertig zu machen, also das i in Wipfel und Gip-
fel nicht ganz fertig machen, sondern es in der Schwebe lassen. Und
wenn Sie dieses ganze Gedicht so zustande bringen im Eurythmisie-
ren, daft Sie die Bewegungen, die sich zum Fertigwerden der Vokale
anschicken, in der Schwebe lassen, zurikkzucken, bevor Sie sie fer-
tig haben, dann werden Sie dieses Gedicht am besten darstellen,
denn dann wird dieses Gedicht eurythmisch-musikalisch am schon-
sten sein.
Gerade diese Dinge meine ich, wenn ich davon spreche, man soil
gefiihlsmaftig das Eurythmische studieren und das Gefiihl nicht
verschwinden lassen, wahrend man eurythmisiert, sondern es ha-
ben. Denn der Zuschauer kann ganz genau unterscheiden - er weift
es nicht, denn bei ihm kommt es gar nicht zum Bewufttsein -, der
Zuschauer kann aber unbewuftt ganz genau unterscheiden, ob einer
wie automatisch irgend etwas ableiert eurythmisch, oder ob er in die
Formen, die er macht, das Gefiihl hineingieftt. Und zwei Eurythmi-
sierende, von denen der eine ein Intellektualist ist, der alles nach den
Bedeutungen nur darstellt, die er gelernt hat, wahrend der andere
alles durchempfindet bis in das einzelne der Armbeugung oder
Armstreckung, der Fingerbewegungen durchempfindet, zwei solche
Eurythmisten werden eben wirklich so verschieden sein, wie der
Virtuos von dem Kiinstler verschieden ist. Man kann das eine sehr
gut konnen, Virtuos sein, aber man braucht deshalb gar nicht ein
Kiinstler zu sein. Und diese Dinge sich voll zum Bewufksein brin-
gen, das wird in der Schonheit Ihrer eurythmischen Bewegungen
zutage treten. Es soil daher nicht gleichgiiltig sein, ob Sie wissen
oder nicht wissen, wie eine musikalisch-eurythmische Darstellung
sich zu einer rezitatorisch-eurythmischen Darstellung verhalt. Da-
durch, daft Sie das empfindungsgemaft wissen, werden Sie erst die
Haltung annehmen, die in der Eurythmie notwendigerweise ange-
nommen werden mufi, wenn die Eurythmie immer mehr und mehr
sich zur Kunst ausbilden soil.
Beachten Sie nur einmal: der Sinn des Wortes zerstort eigentlich
die Melodie. Man mochte schon sagen: Hat man notig, auf den Sinn
des Wortes zu gehen, so wird einem bange wegen der Zerstorung
der Melodie. Die Folge davon ist, dafi in der Sprache eine Art Ver-
gewaltigung des Musikalischen vorliegt. Es sind natiirlich die Worte
sehr radikal gewahlt, aber es liegt in der Sprache eine Vergewalti-
gung des Musikalischen vor. Mufi das denn so sein? Ist denn das
irgendwie in der Welt begriindet?
Ja, wie das in der Welt begriindet ist, das konnen Sie am Folgen-
den sehen: Die Sprache, sie besteht zunachst in den Vokalen, die
mehr das Innere aufiern. In ihnen wird man eben noch die Spuren
des Musikalischen, wie wir es ja auch getan haben, sehr gut finden
konnen. Im Vokalisieren lassen sich die Spuren des Musikalischen
sehr gut finden; in den Konsonanten sehr schwer. Aber Sie wissen
auch, wie ich immer betont habe: die Vokale sind aus dem Innern
des Menschen entrungen. Sie driicken eigentlich das Fuhlen, das
innere Wesen der Seele aus: Verwunderung, Erstaunen, Zuriickbe-
ben, das Sichhalten gegeniiber der Aufienwelt, Sichgeltendmachen,
Losgeben, liebevoll Umfassen, das ist dasjenige, was in den Vokalen
deutlich zum Ausdruck kommt.
Die Konsonanten, sie sind ganz und gar der Aufienwelt angepafit.
Wenn Sie einen Konsonanten studieren, so imitiert er immer etwas,
was in der Aufienwelt als Ding oder Vorgang existiert. Sie konnen
bei einem i ganz genau fuhlen: da macht sich der Mensch geltend,
wenn er das i ausspricht. Gewisse deutsche Dialekte haben sogar fur
das Ich: z, und da fiihlt der Mensch am allerstarksten — ich weifi das,
weil ich das auch gesprochen habe bis zu meinem 14., 15. Lebens-
jahre -, wie das eigene Wesen in ihm sich geltend macht, wenn er i
sagt: Na, nit du, i! Man springt erst in die Luft, stellt sich dann auf
den Boden, wenn man dieses i sagt. Das ist es, das mufi man fuhlen.
Bei den Konsonanten - nehmen Sie ein /: Sie konnen es vorstellen;
das i miissen Sie horen; das a mussen Sie auch horen. Astralisch las-
sen sie sich hochstens vorstellen. Aber das /, das r konnen Sie sich gut
vorstellen. Das / - schleicht einer, hat man gleich ein /. Das r: einer
hiipft laufend, Sie haben gleich ein r, einen Vorgang. Ein gewohnli-
ches Rad schleicht, ein gewohnliches Rad /£, mochte ich sagen, ein
Zahnrad rt. Da haben Sie gleich die Vorstellung: So ist es. - Und
haben Sie schon gesehen, wenn man einen Pfahl mit einem Hammer
in den Boden einschlagt, Sie konnen gar nicht anders, als ein t dabei
vorstellen; es ist ein t. Ein aufierer Vorgang ist der Konsonant. Immer
ist der Konsonant ein aufterer Vorgang. Und damit weist eben die
Sprache in ihren konsonantischen Bildungen einfach auf die AuEen-
welt. Die Vokale fiigen sich in die Konsonanten hinein.
Sie wissen ja, wie die Konsonanten in den Sprachen mit den Voka-
len wechseln. Jeder Konsonant hat schon etwas Vokalisches, oder
jeder Vokal hat etwas Konsonantisches. Bedenken Sie nur, daft in
manchen Sprachen das / ein i ist; ein Konsonant ist ein Vokal. Und
ein Schlufi-/ zura Beispiel wird in gewissen deutschen Dialekten
immer als i gesagt. Man sagt niemals, wenn man im Dialekt redet:
Dorfl, sondern man sagt Dorfi. Das ist das i, und das / ist eigentlich
nur ganz leise drinnen angedeutet, man spricht eigentlich ein i.
Dadurch aber kommen auch die Vokale an das Aufiere, an die
Aufienwelt heran. Die Sprache ist dasjenige, was eben an die Aufien-
welt herankommt, was damit eigentlich zum Abbilde der Aufien-
welt wird in einem gewissen Sinne.
Und weil es so ist, deshalb vergewaltigt die Sprache das Musika-
lische, und man muE mit einer groften Kunst im Rezitieren wieder-
um zum Musikalischen zuriickstreben und wird nur dann, wenn
einem das Musikalische im Dichter entgegenkommt, das Melodiose
in der Sprache finden; wahrend man eigentlich Rhythmus und Takt
in jeder dichterischen Sprache im Rezitieren beriicksichtigen mufi.
Und tut man es nicht, siindigt man gegen Rhythmus und Takt, die
nun auch eben schon mehr ins Aufierliche gehen im Musikalischen
selbst, dann ist eben unrichtig rezitiert. Aber je mehr man ans Mu-
sikalische herankommt, desto mehr kommt man hinein ins Melos.
Melos ist das Musikalische.
Aber wenn Sie dieses Ganze durchnehmen, was ich jetzt gesagt
habe, dann werden Sie ja finden, daft draufien im AufSermenschli-
chen das Musikalische nur in geringem Masse eigentlich vorhanden
ist. Indem wir selber von innen nach auften gehen, vom musikali-
schen Erleben zum sprachlichen Erleben, kommen wir immer mehr
aus dem Musikalischen heraus. Warum kommen wir immer mehr
heraus? Weil das Sprachliche sich an die aufiere Natur anlehnen
muE. Die auEere Natur ist daher nur dadurch mit der Sprache zu
fassen, daE wir ein ihr Fremdes in die Sprache noch hineinbringen.
Sie spottet ja unseres Taktes und unseres Rhythmus und namentlich
unseres melodiosen Sprechens. Und derjenige, der ein reiner natu-
ralistischer Materialist ist, der findet uberhaupt alles poetische Spre-
chen, das heifit alles kiinstlerische Sprechen gekiinstelt, sentimental.
Ich habe zum Beispiel einmal einen Mitschiiler gehabt, der hielt
sich fur aufierordentlich genial und kam einmal - es war in jenen
Ubungen, von denen ich in meinem «Lebensgang» gesagt habe, dafi
sie bei Schroer gehalten wurden, Ubungen im miindlichen Vortrag
und schriftlicher Darstellung - , da kam er einmal und sagte, er hatte
etwas aufierordentlich Wichtiges, etwas Weltumwalzendes vorzu-
tragen. Und er erzahlte uns zuerst, was er Weltumwalzendes vorzu-
tragen hatte. Da war es das, daft er sagte: alle Metrik, alle Poetik ist
falsch. Da schrieben die Menschen Jamben, Trochaen, Reime, das sei
alles falsch, denn das sei ja alles nicht natiirlich, das sei alles verkiin-
stelt. Das miisse alles heraus aus der Poesie. - Diese Entdeckung
hatte er gemacht. Eine neue Poesie, sagte er, mufi es geben, die mufi
ohne Rhythmus, ohne Jambus und ohne Trochaus, ohne Reime sein.
Spater habe ich es sogar erlebt, daft solche Dichtung geschrieben
worden ist. Dazumal vertrat er das theoretisch. Wir haben ihn so
durchgepriigelt, daft er dann den Vortrag nicht gehalten hat.
Aber Sie sehen daraus, daft es ganz selbstverstandlich ist, daft das
Naturliche uns die Grundlage fur das Musikalische nicht gibt, daft
das Musikalische selbst Schopfung des Menschen ist. Man kommt,
wenn man gerade das Musikalische und die Sprache ausmilk hin-
sichtlich ihrer inneren Wesenheit, man kommt dann darauf, warum
das Musikalische sich da von dem Natiirlichen ganz abhebt. Es ist
Selbstschopferisches im Menschen, und es ist eine Verirrung im
Musikalischen, die Natur eben nachahmen zu wollen.
Wie gesagt, ich will wirklich nicht banausisch gegen so etwas wie
«Waldesrauschen» und Windeswehen und so weiter, Quellenplat-
schern, «Bachlein im Marz» und so weiter zetern, ich bin ganz weit
davon entfernt, diese Dinge irgendwie kritisieren zu wollen; aber es
ist immer ein Streben dahinter, aus dem Musikalischen eigentlich
herauszukommen und die Musik zu bereichern dadurch, daft man
etwas Unmusikalisches hineinbringt. Dann wird das unter Umstan-
den, weil ja jede Kunst nach jeder Richtung erweitert werden kann,
sehr sympathiser! wirken konnen; nur wird man, weil die Eurythmie
darauf angewiesen ist, das Musikalische noch musikalischer zu
nehmen, als es schon selbst ist, wird man heillose Schwierigkeiten
haben, gerade dasjenige richtig zu eurythmisieren, was nicht rein
musikalisch ist.
Noch etwas anderes kann daraus ersehen werden, das ist die ge-
sundende Wirkung der Ton-Heileurythmie; denn diese wird auch
nach und nach auszubilden sein neben der gewohnlichen Ton-
eurythmie. Warum ? Im Grunde genommen beruht eine grofie Zahl
von Erkrankungen des Menschen darauf, daft er irgendwie innerlich
zur Natur wird, statt dafi er Mensch bleibt. Wir werden immer ein
Snick Natur, wenn wir krank werden. Nicht wahr, das eigentlich
Menschliche besteht darinnen, dafi wir keine Naturprozesse dulden,
so wie sie sind, sondern jeden Naturprozefi gleich innerlich um-
andern, gleich innerlich menschlich machen. Nichts geschieht im
Menschen, aufter dem Vorgang der Salzauflosung und Salzmeta-
morphose, nichts geschieht im Menschen, was nicht Umwandlung
der Naturvorgange ist. Wir werden krank, wenn wir Naturvorgan-
gen in der inneren Umwandlung gegeniiber ohnmachtig sind, wenn
wir sie nicht bis zur Metamorphose, die sie im Menschen annehmen
miissen, bringen konnen, wenn sie sich als Naturvorgange abspielen.
Haben wir in irgendeinem menschlichen Organ zuviel Naturvor-
gang und zuwenig menschlichen Vorgang, und wir bringen den
Menschen dazu, musikalisch zu eurythmisieren, so ist das ein Heil-
faktor, weil wir dann sein Organ zuriickfiihren auf das Menschliche
aus der Natur heraus. Wir sagen, indem wir den Menschen ton-
eurythmisieren lassen, wenn zuviel Natur in ihm ist, wir sagen der
Natur in dem Organ: Du mufit heraus -, denn jetzt macht der
Mensch eine Bewegung, die nur menschlich ist, die nicht naturhaft
ist, denn das Musikalische ist nur menschlich, ist nicht naturhaft.
In alteren Zeiten hat man schon in dem Musikalischen selber
Heilmittel gesehen, und in vieler Beziehung wurde in alteren Zeiten
mit Musik kuriert. Aber da das Musikalische gerade im Eurythmi-
sieren ganz besonders zum Vorschein kommt, so wird auch die
Heilwirkung des Musikalischen bei einer rationellen Therapie ganz
besonders zum Vorschein kommen miissen. Das wollte ich Ihnen
heute sagen. Morgen werden wir dann um dieselbe Zeit fortsetzen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 23. Februar 1924
Die Chor-Eurytbmie
Sie werden gesehen haben, dafi das Wesentliche im Eurythmisieren
des Musikalischen als Musikalisches vom einzelnen Menschen aller-
dings gemacht werden kann. Wir haben versucht, darzulegen, wie -
sagen wir - der Dreiklang, wie die Motivfolge von dem einzelnen
Menschen bezwungen werden kann.
Nun entspricht die eurythmische Darstellung im Musikalischen
durch den einzelnen Menschen in gewissem Sinne ja allerdings ei-
nem Primitiven und ist, man konnte sagen, als Biihnendarstellung
immer etwas armlich; obwohl an sich Wunderschones, Groftartiges
von dem einzelnen Menschen eurythmisch dargestellt werden kann.
Und es ware auch zu wunschen, dafi gerade unter anderem Wert
gelegt wiirde auf diese - sagen wir - Solodarstellungen, damit das
eigentliche Wesen der musikalischen Eurythmie zum Vorschein
kommt. Aber es ist doch nicht zu leugnen, dafi ein immerhin auch
musikalischer Eindruck hervorgerufen werden kann in der Euryth-
mie durch das Zusammenwirken von Personen, also durch die
Chor-Eurythmie. Nur handelt es sich darum, daft man ja die Dinge
nicht blofi schematisch aufnimmt, sondern dafi man schon auch et-
was eindringt in das Wesen des menschlichen Zusammenwirkens in
der kiinstlerischen Darstellung. Wir haben ja betonen miissen, daft
Eurythmisieren heifk: heraufarbeiten den physischen Menschen, der
eigentlich nur im Takte anklingt, zu dem atherischen, zu dem astra-
lischen Menschen. Und wenn gesucht wird das eigentliche Melos im
astralischen Menschen, wahrend die Sprache im Ich-Menschen liegt,
so kann man schon dadurch hineinschauen in das Wesentliche, auf
das es beim musikalischen Eurythmisieren ankommt. Das, was der
Mensch als astralischer Mensch erlebt, bleibt ja gewohnlich in der
Ruhe stecken. Geht der Mensch iiber dazu, dasjenige, was in der
Ruhe steckenbleibt im astralischen Menschen, in der Welt darzustel-
len, dann schafft er gewissermafien sein Geistig-Seelisches heraus,
bringt es zur Anschauung. Und in diesem Zur-Anschauung-Bringen
liegt eigentlich das hervorragendste Element alles Kiinstlerischen.
Es gibt in der Gegenwart eine sehr, sehr merkwiirdige Erschei-
nung, die ich bei dieser Gelegenheit gerade hervorheben mochte, aus
dem Grunde, weil vielleicht, wenn Sie als Eurythmiker eine Empfin-
dung sich davon verschaffen, Ihnen das fiir die eigentliche kiinst-
lerische Ausgestaltung des Eurythmischen viel dienen kann.
Ich mufite, wahrend ich iiber dieses Toneurythmische zu Ihnen
sprach, ofters an einen eigentlich recht bedeutenden osterreichi-
schen Musiker der Gegenwart denken, einen Musiker der Gegen-
wart, der in Wiener-Neustadt geboren ist und sich mit einer un-
geheuren Vehemenz entgegenstellt der ganzen modernen Musik,
die er die schiechte europaische Musik nennt. Das ist eine interes-
sante Erscheinung, eine Erscheinung, die eigentlich ganz besonders
den Eurythmiker interessieren sollte. Hauer hat sehr friih musizie-
ren gelernt, so zwischen seinem 5. und 8. bis 9. Lebensjahre, na-
mentlich Zither spielen, und er ist wek gekommen, hat daraus die
Anschauung sich errungen, da£ man eigentlich nicht viel dazu
braucht, um sich all dasjenige anzueignen, was man gegenwartig
Musik nennt. Man kann schon aus der Art und Weise, wie sich
Hauer darlebt, spiiren, da£ das in einer gewissen Beziehung inner-
lich aufierordentlich ehrlich ist. Er hat sich auf der einen Seite
dadurch die Anschauung errungen, daft man dasjenige, was man
gegenwartig Musik nennt, sich aufierordentlich leicht aneignen
kann, da£ einem aber dann gerade das Musikalische fehlt, dafi man
dadurch gerade aus dem Musikalischen hinauskommt. Und vieles
von dem, was ich gerade mit Riicksicht auf die eurythmische Dar-
stellung des Musikalischen sagen mulke, tritt bei Hauer in einer
krassen, radikalen Weise auf. Er spricht zum Beispiel von der ato-
nalen Musik. - Ich sagte, das eigentlich Musikalische, das Geistige
in der Musik ist zwischen den Tonen, liegt in den Intervallen, ist
dasjenige, was man nicht hort. — Hauer spricht geradezu von der
atonalen Musik. Und damit beriihrt er etwas, was aufierordentlich
gut stimmt. Er denkt daran, wie in der Erregung des Tones, in der
Erregung des Akkordes eigentlich em blofi Leidenschaftliches oder
Sinnliches liegt, ein bloEes Hilfsmittel, urn das unhorbare Melos,
das das innerste Leben der Seele des Menschen darstellt, zum
aufieren Ausdruck bringen zu konnen.
Nun ist ja in unserer gegenwartigen Kultur und Zivilisation, ins-
besondere auch was die Kunste anbelangt, etwas so Dekadentes,
etwas so Chaotisches, da£ man schon ein Herz haben kann fur je-
manden, der aus einem gewissen inneren genialen Daraufkommen,
dafi ja die gegenwartige Musik eigentlich Gerausch ist und nicht
Musik, aus einem Daraufkommen, worauf eigentlich das Musikali-
sche beruht, dafi man es begreifen kann, daE ein Mensch, der aus
diesem alien heraus sich entwickelt, eine wahre Wut bekommen
kann gegen alles kiinstlerische Europaertum. Und die hat er auch,
eine wahre Wut auf alles kiinstlerische Europaertum.
Nun ist dies ja sehr interessant - und mich hat dieser Hauer seit
langem interessiert. Ich mufke mich gerade, wenn ich versuchte, das
Musikalische in Eurythmie uberzufiihren, nach manchem fragen,
was bei Hauer auftritt, und mufke mir sagen: Eigentlich ist es bei
ihm so, dafi man nicht aus seinem atonalen Melos iibergehen konnte
zu der eurythmischen Gebarde. Man kommt nicht zu der eurythmi-
schen Gebarde. Ich mufite mich fragen: Warum ist das so? Warum
kommt man da nicht zu der eurythmischen Gebarde, wahrend er
doch mit solch innerer Innigkeit die Bewegung des Melos fiihlt und
mit einer solchen Klarheit sieht, worauf es eigentlich ankommt im
Musikalischen? Es gibt bei Hauer eine sehr einfache Erklarung.
Hauer hafit diejenige Zivilisation, mit der das Europaertum anfangt
und die die iibrige Menschheit ungeheuer bewundert; er hafk das
Griechentum. Er ist ein Mensch, der das Griechentum bis zum
Exzefi hafit.
Nun, es ist interessant, auch einmal solch einen Menschen ken-
nenzulernen, der das Griechentum hafit, der es ehrlich und wahrhaf-
tig haftt. Leute, die das Griechentum unehrlich verehren, die gibt es
ja ohnehin genug, womit ich nicht gesagt haben will, dafi es nicht
auch solche gibt, die es ehrlich verehren. Aber Sophokles und
Aischylos verehren, das ist heute eine Selbstverstandlichkeit. Auf
Sophokles und Aischylos als Verderber der Kunst zu schimpfen, das
ist eine interessante Erscheinung, an der man doch nicht voriiberge-
hen sollte. Und zwar schimpft er aus dem Grunde, weil nach seiner
Ansicht die Griechen alles, was Kunst ist, auf das Theater gebracht
haben, alles, was horbar ist, in das Sichtbare hineingegossen haben.
Nun, schliefilich ist das wahr. Es handelt sich nur darum, ob einer
auch das Sichtbare lieben kann. Will man zur Eurythmie kommen,
so mufi man natiirlich das Sichtbare lieben konnen. Wenn man das
Sichtbare nicht liebt, ehrlich nicht liebt, und beim Horbaren, beim
Melos stehenbleiben will, dann wird einem niemals das gefallen
konnen, dafi das Griechentum alles heriiber zum Begreifbaren und
Sichtbaren gebracht hat.
Die Orientalen hatten Inspirierte, die nun tatsachlich hinhorchen
wollten auf das Horbare. Die Orientalen hatten eine Baukunst, die
eigentlich im Grunde genommen Musik im Raume war. Die orien-
talische Baukunst hat viel Eurythmie in sich. Man sieht formlich das
Melos sich ausgiefien in die Bewegung. Europa hat ja eine musika-
lische Baukunst wenig verstanden, als sie hier am Goetheanum auf-
gerichtet worden ist, denn das war im Grunde genommen dennoch
eine Art Auflehnung gegen die griechische Baukunst. Von der grie-
chischen Baukunst hatte das Goetheanum nicht viel; aber das
Goetheanum war musikalisch, und das Goetheanum war euryth-
misch.
Nun, sehen Sie, daher hafk Hauer auch eigentlich die Sprache,
weil die Sprache nicht stehenbleibt beim Melos, wie ich dargestellt
habe, das Melos eigentlich vergewaltigt, in die Aufterlichkeiten hin-
ausdrangt. In dem Augenblicke, wo wir Laute sprechen und uns hin-
geben dem, was der Sinn der Laute von uns verlangt, in dem Augen-
blicke werden wir allerdings in gewisser Beziehung unmusikalisch.
Und das Laute-Sprechen, das Sprechen der Laute, das ist eine Kunst,
die eigentlich iiberall nur das Melos anklingen lassen kann. Das Me-
los kann so durchblicken, aber es kann nicht ausgebildet werden. Sie
konnen nicht die Worte schon so bilden, dafi die Vokale drinnen
nach dem Schema, das ich hier aufgestellt habe, wirklich Terzen oder
dergleichen waren. Das konnen Sie nicht, denn das erlaubt Ihnen die
Welt nicht. Die Welt erlaubt Ihnen nicht, dafi Sie, wenn Sie - sagen
wir - eine Verwunderung empfinden, ein <2, dafi Sie dann just darauf
meinetwillen irgendein Gefiihl haben, das, wenn Sie es aussprechen,
in der Terz liegt gegeniiber dem friiheren Gefiihl. Das ist nicht mog-
lich, nicht wahr. Das Leben zerstort fortwahrend das Musikalische.
Deshalb ist die Natur auch unmusikalisch, und wir konnen nicht aus
der Natur herein das Musikalische gewinnen.
Und diese Zerstorung des Musikalischen, die geht iiber auf das
Rezitieren und Deklamieren. Hatte man in der Sprache nur Vokale,
dann gabe es iiberhaupt kein Rezitieren und Deklamieren, denn
dann wiirde der Mensch immer hingegeben sein mit seinem Inneren,
mit seinem Vokalisieren, an die Welt. Es gabe kein Deklamieren und
Rezitieren, denn man mulke der Welt und ihren Erlebnissen folgen,
und es ginge nicht - es ginge nicht, das Musikalische zu erhalten.
Daher sind die Konsonanten da. Die Konsonanten sind namlich die
Entschuldigung der Vokale. Der Mensch entschuldigt sich vor sich
selber, da£ er in den Vokalen seinen Erlebnissen folgt. Und wenn er
die Konsonanten zwischen die Vokale fiigt, dann entschuldigt er
sich dafur, dafi er sich selber so fremd geworden ist.
Und so haben Sie, wenn Sie auf das a das e folgen lassen, und Sie
machen entweder «warte» oder «balde» - ich habe iiber die Dinge
gesprochen - , so haben Sie in den Konsonanten, die Sie zwischen a
und e hineinsetzen, zu gleicher Zeit eine Entschuldigung fiir die
Aufeinanderfolge der Vokale.
Nur ist das bei diesem Goetheschen Gedichte so, da£ die Vokale
wirklich musikalisch wirken und man daher bei diesem Gedichte
moglichst wenig die Entschuldigung durch die Konsonanten
braucht. Daher wiirden Sie auch, wenn Sie diesem Goetheschen
Gedichte zuhoren und ein Rezitator es erreichen konnte, die Kon-
sonanten moglichst zu verschlucken, und Sie nur die Vokale horen,
die Konsonanten nur leise angedeutet fanden, einen feinen musika-
lischen Eindruck von dem Gedichte bekommen.
Dagegen von vielen anderen Gedichten werden Sie die Konso-
nanten sehr brauchen. Und man kann sagen: Je weniger ein Gedicht
musikalisch ist, desto grofiere Sorgfalt mufi darauf verwendet wer-
den, den Konsonantenorganismus, Gaumen, Mund, Lippen, Zahne
und so weiter, in der richtigen Weise zu gebrauchen. Dann tritt die
Entschuldigung fur dasjenige ein beim Deklamieren und Rezitieren,
was durch die Vokale verbrochen wird.
Das zeigt Ihnen, dafi im Vokalisieren, was ein Herausgestalten
des Inneren ist, der Mensch eigentlich eine Art Karikatur in die Welt
hineinstellt. Er ist es nicht mehr. Der Mensch ist er selbst, solange
er musikalisch bleibt. Wird er Vokal, stellt er eine Karikatur in die
Welt hinein. In den Konsonanten bildet er die Karikatur wiederum
zur Menschengestalt um, und er ist dann draufien. Er erfalk ein
Abbild von sich. Das wiirde entsprechen dem in die Konsonanten
eingefafiten Vokal.
Im Musikalischen gehen wir eigentlich immer mehr und mehr
nach innen. Im Sprachlichen gehen wir immer mehr und mehr nach
aufien.
Ja, so etwas zu empfinden, ist viel wichtiger fiir den Eurythmisie-
renden, als Bewegungen und Bewegungen blofi nachzumachen und
dergleichen, denn das gibt Ihnen die innere Rundung des wahrhaft
Kunstlerischen, wenn Sie so etwas empfinden konnen.
Und so werden Sie gerade von dem ausgehend auch empfinden
konnen, wie die Chor-Eurythmie wirken kann. In der Chor-Eu-
rythmie haben wir es also zu tun mit einer Anzahl von Personen.
Nehmen wir zunachst den musikalischen Fall. Wir haben eine Me-
tamorphose vom Motiv. Wir konnen chormafiig diese Metamor-
phose von Motiven in der Weise darstellen, dafi wir in irgendeiner
Form Menschen aufstellen; sagen wir, wir stellen drei Menschen auf.
Wir lassen den ersten das erste Motiv eurythmisch darstellen, lassen
ihn in der Form bis zum zweiten Menschen vorschreiten. Die zweite
Metamorphose des Motives ubernimmt der zweite. Der erste bleibt
stehen, der zweite geht weiter, iibergibt dann fiir die nachste Meta-
morphose das Motiv dem dritten. Der dritte setzt die Form fort bis
zum Platz des ersten [Zeichnung S. 76]. Auf diese Weise kann eine
Art Reigen entstehen.
Es ist nur notwendig in diesem Falle, dafi dann diejenigen, welche
stehenbleiben, stehend die entsprechenden Motive machen. Auf die-
Tafel 4
se Weise haben wir also in dieser einfachen Weise einen, der die
Motive im Schreiten entwickelt, die anderen, die sie im Stehen fest-
halten, und dann haben wir allerdings dadurch gerade durch die
Eurythmie eine neue Variante in die Motive hineingebracht. Wir
haben da, durch das bewegte Motiv und das geformte Motiv, wir
haben da durch die Eurythmie etwas hineingebracht in das Musika-
lische, was wir im rein Musikalischen gar nicht ausdriicken konnen,
weil ja im rein Musikalischen der alte Akkord oder das alte Motiv
nicht dableiben, wenn wir das neue anklingen lassen.
Und denken Sie nur, wie oft ich genotigt bin zu sagen, dafi in der
geistigen Welt das Vergangene da ist. Hier in der Entwicklung der
Motive durch den Chor bleibt das Vergangene da, schreibt sich nur
ein, indem es sich sozusagen verhartet und der betreffende Motiv-
trager stehend die Sache macht. Das ist die eine Art.
Eine Variation tritt gleich ein, wenn Sie in der Motivfolge Ak-
korde haben. Da konnen Sie aufierdem noch den Chor so machen,
daft Sie den Akkord von mehreren Personen machen lassen und
dann wiederum an eine Gruppe von Personen das Motiv iibergehen
lassen konnen. Auf diese Weise wird eine Gruppe das Harmoni-
sche ausdriicken, und die Fortbildung des Harmonischen wird
dann durch das Uberfliefien der Harmonien von einer Gruppe in
die andere dargestellt werden. Da haben Sie etwas sehr Bedeut-
sames erreicht. Und der Eindruck wird nun ein ganz anderer sein.
Wenn einer in Bewegung die Aufeinanderfolge der Motive wieder-
gibt - er kann ja auch den Akkord als einzelner darstellen und die
Aufeinanderfolge der Motive als einzelner in der Bewegung zum
Ausdruck bringen dann sehen Sie ausgefiillt den Raum, der
durchschritten wird, und alle Metamorphosen, alle Verwandlun-
gen, Sie sehen sie ausgefiillt von dem physischen Menschen.
Wenn Sie aber einen Chor verwenden - sagen wir, Sie hatten drei
Personen in einer Gruppe, wieder drei, wieder drei, und Sie lassen
die Motivfolge von einer Gruppe auf die andere iibergehen -, dann
hort es mit der Sichtbarkeit auf, dann iibergibt das Motiv der eine
dem anderen, dann schreitet etwas Unsichtbares durch den Chorrei-
gen, und dann sind Sie sogar dem Musikalischwerden dieses Un-
sichtbaren sehr nahe gekommen, gerade der atonalen Musik sehr
nahe gekommen. Und Sie konnen also dadurch, daft Sie die Sache
auf den Chor iibertragen, den Eindruck zu einem ganz anderen
machen. Sie machen dadurch etwas, das im Musikalischen unmusi-
kalischer wird, so, daft Sie es wiederum ins Musikalische in der
Eurythmie zuriicktragen, indem Sie an das Unsichtbare appellieren
konnen gerade durch die Bewegung.
Und so ist die Eurythmie als Toneurythmie vielleicht gerade
geeignet, auch nach dieser Richtung hin zuriick korrigierend auf das
Musikalische zu wirken.
Nun wird es bei der Fortfuhrung eines Motives selbstverstand-
lich auf die Bewegung ankommen; bei der Darstellung - sagen wir
- eines Akkordes durch eine Gruppe wird es aber ankommen auf die
Stellung, und in diese Stellung miissen dann die Betreffenden - auch
wenn sie als Gruppe in Bewegung sind - zu kommen trachten. Das
wird sich Ihnen aus der Empfindung ergeben miissen. Nehmen Sie
nun an, Sie haben einen Dreiklang darzustellen; Sie konnen sich
nicht hintereinander aufstellen (links), sondern Sie konnen sich nur
so aufstellen, und das miissen Sie empfinden, daft die erste Person
hier steht, die zweite Person hier und die dritte in der Mitte [Zeich-
nung S. 78 oben, rechts].
Dann wird, wenn der tiefste Ton von der ersten Person getragen
wird, der nachsthohere Ton von der zweiten Person und der dritte
Ton - meinetwillen die Quint - von der dritten Person -, dann wird
das einfach im Anblick das Richtige Ihnen ergeben. Kommt das
Tafel 4
Motiv in Bewegung, so geht es iiber eben an die nachste Gruppe von
Personen. Und wenn nun der ganze Reigen in Bewegung ist, so mufi
immer jede Person suchen, im Verhaltnis zu der anderen in die
richtige Stellung zu kommen, damit sie in der Figur, die durch die
Personenstellung bestimmt ist, eben durch die Sache ausgedruckt
werden kann.
Nehmen wir an, wir haben einen Zweiklang, dann konnen Sie die
Personen nur so aufstellen:
Tafel 5 yj
o
2
O
Es ist etwas Unvollkommenes.
Aber einen dissonierenden Vierklang! Wenn Sie sich iiberlegen
nach dem kiinstlerischen Anblicke, was das heifit, die drei Personen
so aufzustellen, sich die ungeheure Geschlossenheit dieser Figur, die
wirklich wie ein Dreiklang dasteht, anschauen, dann werden Sie sich
sagen: Wo soli ich jetzt einen vierten hintun? Wer kiinstlerisch
empfindet, findet keinen Ort, wo er einen vierten hintun kann; man
kann ihn auch nicht finden. Sie konnen den vierten nicht anders
unterbringen als dadurch, dafi Sie ihn eine Bewegung ausfiihren las-
sen um den dritten herum. Sie konnen es gar nicht anders machen.
Das gibt Ihnen die unmittelbare Intuition. Und damit haben Sie in
der Figur die Dissonanz schon angedeutet. Sie konnen in der Figur,
in der ruhenden Figur, nur Konsonanzen ausdriicken. Sie miissen
in dem Augenblick, wo eine Dissonanz eingreift, in die Figur die
Bewegung hineinbringen.
Dann aber, wenn Sie in die Figur die Bewegung hineinbringen,
dann beginnen Sie auch schon mit einer Forderung, dann konnen Sie
nicht mehr in der Ruhe bleiben. Dann schliefit sich die Bewegung,
die der vierte macht, notwendig zum Fortgang, zur Auflosung der
Dissonanz von selber auf.
/ Tafel 5
o
Sehen Sie. in dieser Weise mufi man denken iiber die Sache, damit
man tatsachlich die Gebarde als das ganz Notwendige der Sache
wirklich einsieht. Wenn Sie es so einsehen, kommen Sie eben dazu,
sich zu sagen: Die Dinge, die man macht, ergeben sich mit einer
inneren Notwendigkeit. Da ist nicht die Freiheit beeintrachtigt.
Aber es ist auch nicht der Willkiir Tiir und Tor geoffnet; denn die
einzelnen Bewegungen in Freiheit schon zu machen, das hat man ja
noch immer ubrig.
So sehen Sie, da£ in der Tat die Chor-Eurythmie herausgeholt
werden kann aus der gewohnlichen Eurythmie, die der einzelne dar-
stellt. Insbesondere aber kann folgendes gemacht werden: Denken
Sie sich, wir haben in irgendeiner Tonarbeit die Tonika, eine Domi-
nante und eine Subdominante. Wir nehmen zur Darstellung drei
Gruppen von Menschen, wir stellen die Tonika mit einer Gruppe,
die Dominante mit der anderen Gruppe, die Subdominante mit der
dritten Gruppe dar, und wir lassen dann diejenigen Personen, welche
die Toniken darstellen, groftere Bewegungen ausfuhren, diejenigen,
welche Dominante und Subdominante darstellen, kleinere Bewe-
gungen ausfuhren. Und nun denken Sie sich den Anblick. Sie haben
dieses immer wieder Zuriickkommen auf die Tonika in den grofieren
Bewegungen gegeben. Die Tonika hebt sich Ihnen in den grofteren
Bewegungen hervor. Dadurch, dafi ein Eurythmisierender die Bewe-
gungen grower macht, werden auch seine Gebarden ganz von selbst
- das gibt die Empfindung - grofier. Die Tonika, die immer wieder
erscheint, sie erscheint auch in der eurythmischen Form immer wie-
der und wiederum. Sie werden sehen: Wenn diese Dinge, nachdem
sie beschrieben worden sind, nun nach der Beschreibung ganz gut
geiibt werden konnen, tritt der Charakter jeder einzelnen Tonart
gerade dadurch wirklich hervor, weil Sie genotigt sind, in den Uber-
gangen die entsprechenden Bewegungen zu machen.
Dur- und Moll-Tonarten treten sehr deutlich voneinander unter-
schieden hervor durch dasjenige, was dann zwischen den einzelnen
Gruppen vor sich geht. Und wenn Sie dazu noch beachten, dafi
jedesmal, wenn ein Ton hdher wird, das Gefuhl vorhanden sein
raufi: der Eurythmisierende mull naherkommen dem Zuschauer;
wenn ein Ton tiefer wird: der Eurythmisierende mufi mehr gegen
den Hintergrund kommen -, wenn das noch hinzugefugt wird, dann
haben Sie das ganze Musikalische im Bilde drinnen.
Es gehort allerdings dazu noch dieses, daft das Gefuhl vorhanden
sein muS davon, dafi, wenn man nach einem hoheren Ton mit einer
Gruppe kommt, dann die Bewegungen spitzer werden miissen;
wenn man an einen tieferen Ton kommt, dann miissen sie runder
werden. So dafi man sagen konnte: eine solche Bewegung, die mit
dieser Gebarde ausgeiibt wird, ist tiefer, und eine Bewegung, die mit
dieser Gebarde ausgeiibt wird, ist hoher.
Tafel 5
Sie werden sagen: Da haben wir nun viel zu lernen an diesen
Dingen, weil sie sich praktisch sehr kompliziert gestalten. - Ganz
gewi£; aber es ist auch nicht komplizierter als Klavier spielen lernen
oder namentlich als singen lernen.
Damit habe ich Ihnen aber eigentlich dasjemge angegeben, was
nun den Ubergang darstellt von der Solo-Eurythmie zu der Chor-
Eurythmie. Es ist eigentlich eine Schwierigkeit erst dann vorhanden,
wenn Polyphonie eintritt; aber davon wollen wir dann morgen spre-
chen. Denn da wird eigentlich in der Bewegung die Sache noch mehr
zerrissen als im Musikalischen selber. Denn wir miissen, wenn wir
etwa Vielstimmigkeiten haben, dann ja auch verschiedene Personen
verwendeh, und dann ist nur wiederum das Zusammengehoren
durch eine gewisse Verwandtschaft der Form zu erreichen.
Nun aber mochte ich noch ein kleines, ich mochte sagen, esote-
risches Intermezzo vor Ihnen entwickeln. Es handelt sich ja wirklich
darum, dafi der Eurythmisierende seinen Korper als Instrument
verwenden muft. Denken Sie nur, was alles zum Instrumentenma-
chen gehort und wie man schatzt gewisse Geigen, die man heute
nicht wiederum eigentlich machen kann, was da alles drinnenliegt in
einem aufieren Musikinstrument. Nun ist ja der Mensch in einer
gewissen Weise enthoben diesen Anforderungen, die da auftreten,
weil er ja schon von den gottlich-geistigen Machten in einer gewis-
sen Beziehung als ein sehr gutes Instrument aufgebaut worden ist.
Allein schlieftlich ist es damit doch nicht so weit her, denn sonst
miifite ja jeder in seinem Korper das allergeeignetste Instrument fin-
den. Und die Eurythmisten, die hier sitzen, die wissen ja, wie grofie
Schwierigkeiten sie haben, die Hindernisse, Hemmnisse ihres Leibes
wirklich zu iiberwinden, wenn es zu einem Eurythmisieren, das der
Kunst geniigen soli, wirklich kommen soil.
Nun handelt es sich aber darum, daft man schon einiges dazu tun
kann, um auf seinen Korper innerlich so zu wirken, dafi sowohl das
lautliche wie das tonliche Eurythmisieren allmahlich in kunstvollen-
deter Form aus diesem Korper herauskommen kann.
Dazu ist nun allerdings im europaischen Zivilisationsleben nicht
sehr viel Gelegenheit. Das europaische Zivilisationsleben hat die
Anschauung liber die aufiere Natur ausgebildet, aber nicht eigent-
lich dasjenige ausgebildet, was notwendig ist, urn den Menschen als
solchen in der entsprechend menschenwiirdigen Art in die Welt
hineinzustellen. Und der Mensch hat eigentlich heute Miihe, sein
Menschliches in sich selber recht zu erfiihlen.
Nun wird Ihnen dasjenige, was ich nach dieser Richtung zu sagen
habe, nicht gleich einleuchten. Es mull Ihnen eigentlich praktisch
erst einleuchten. Dasjenige, was ich Ihnen da sagen mochte, ist
namlich das Folgende. Bitte, nehmen Sie eine Ihnen zunachst sehr
befremdlich erscheinende Tonfolge:
T A
r P
i — &-^> —
Und nun (zum Klavierspieler) schlagen Sie die beiden ersten
Tone zusammen an und die zweiten als Folge. Bitte, ruhen Sie auf
dem letzten Ton recht lange. Also die ersten zwei zusammen und die
beiden letzten Tone hintereinander, den letzten recht lange.
Jetzt bitte ich jemanden, der das gut kann, diese Sache zu
eurythmisieren, einfach stehend zu eurythmisieren: h, a, e, d zu-
gleich, das e kurz, und den letzten Ton recht lange halten (Wird
zuerst von Fraulein Wilke, dann von Fraulein Hensel vorgefiihrt).
Jetzt mochte ich jemanden haben, der ein Wort auf diese sonder-
bare Tonfolge singt, und zwar gibt es ein Wort, das richtig dann
erscheint, wenn man es auf diese sonderbare Tonfolge singt, und das
ist namlich das Wort Tao (Fraulein Kohler). Nun handelt es sich um
folgendes: Wenn Sie dieses eurythmisieren, so haben Sie in der Dar-
stellung - aber Sie miissen dann die Dinge so geben, wie ich's jetzt
in diesen Vortragen dargestellt habe - Sie haben Septime, Sexte und
dann erst die anderen Tone. Also Sie miissen in dieser absteigenden
Folge auch etwas empfinden und dann eurythmisch dieses zum
Ausdruck bringen, nicht bloft den Ton. Sie sind im Elementaren
bisher steckengeblieben, aber Sie miissen das, was ich gesagt habe,
eben wirklich zum Ausdrucke bringen. Dann werden Sie sehen, daft
Sie in dem Tao ein wunderbares Mittel haben, die innere Leiblich-
keit geschmeidig, innerlich biegsam, kunstlerisch gestaltbar fiir die
Eurythmie zu machen; weil Sie namlich, wenn Sie es wirklich durch-
fiihren, wenn Sie eine Septime und eine Sexte, wie ich sie dargestellt
habe, zuriickfiihren zu dem e und zu dem d, also dann in diese
Sekund hineinkommen. Sie werden sehen, wenn Sie das ausfiihren,
daft Ihnen das eine innere Kraft gibt, die Sie auf alles Eurythmisieren
iibertragen konnen. Es ist dieses ein esoterisches Mittel. Und dieses
zu machen, bedeutet Meditation in Eurythmie.
Und wenn Sie dann begleiten lassen von einem anderen, sei es
gesanglich, sei es auch nur aussprechend, rezitierend oder deklamie-
rend, diese Gebarde mit Deklamieren oder Singen von Tao, dann
werden Sie sehen, daft Ihnen das in bezug auf das Gesangliche,
Eurythmisierende, Rezitierende etwas ist wie die Meditationen fiir
das allgemeine Menschenleben.
Es ist tatsachlich ein esoterisches Intermezzo, das ich da gebe, das
hinweist auf eurythmische Meditation. Und man mufi schon zuriick-
gehen sehr weit, bis zum alten Chinesischen, wenn man in das eury-
thmisierende Meditieren hineinkommen will. Sie konnen also begrei-
fen, daft man schon etwas iibrig haben kann fiir jemanden, der in den
alten Orient zuriickgehen will, um die Musik wiederum zu entdek-
ken, und der aus seinem Gefuhle heraus sagt: Die Griechen haben die
Musik ganz und gar verdorben; deshalb haben die Griechen auch kei-
nen ordentlichen Musiker gehabt, aufter dem sagenhaften Orpheus.
Aber auf der anderen Seite kann man ja wiederum das Griechi-
sche, das eben in das Plastische hineingegangen ist, lieben. Nur das
eine ist wahr: nach und nach ist das Griechische in seiner Plastik aus
der Eurythmie heraus gekommen. Und da vergleichen Sie die orien-
talischen Bauformen, die in der Tat Musik in Bewegung umsetzen,
mit den griechischen Bauformen, die im Grunde genommen ent-
setzlich symmetrisch sind. Da herrscht entsetzhche Symmetrie. Das
muftte auch einmal in der Welt eintreten.
Das Griechentum hat ja auch - ich mochte fast sagen - in tragi-
scher Weise die Konsequenz gezogen aus seiner Zivilisation. Es war
eine kurze Zivilisation, und sie hat sich in sich selber aufgelost. Der
Fehler liegt nicht im Griechentum, der Fehler liegt darinnen, dafi in
der europaischen Zivilisation das Griechentum ewig fortgepflanzt
werden soli. Aber es ist schon eine Art von Auflosung des Griechen-
tums, wenn wir, unmittelbar ankniipfend an Sprache und Gesang,
an Sprache und Musik, die Bewegungen herausholen aus dem
Sprachlichen und Musikalischen selber. Die Schwierigkeit im Ver-
standnis der Eurythmie liegt eben darinnen, dafi das europaische
Verstandnis eingefroren ist in der ruhenden Form und im Grunde
genommen in der Bewegung nicht mehr leben kann. Aber die
ruhende Form sollen wir der Natur lassen. Wenn wir an den Men-
schen herankommen, miissen wir, da der Mensch iiber die ruhende,
rein sinnlich anschaubare Form hinausgeht, eben in die Bewegung
hinein.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute sagen wollte.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 25. Februar 1924
Die beharrende Note und die Pause
Wir miissen uns, wenn wir in den nachsten Stunden noch einiges im
einzelnen dann kennenlernen wollen, die Frage heute vorlegen, was
-wenn Musik im wesentlichen der Flufi des Melos ist und das Melos
in der eurythmischen Gebarde vorzugsweise zum Ausdruck kom-
men soli - , was das Musikalische als solches, also auch die euryth-
misierte Musik, ausdriicken soil?
Sehen Sie, da sind ja zwei Extreme. Auf der einen Seite kann man
davon sprechen, da$ das Melodische immer mehr und mehr hin-
iibergeht zum Thematischen, Ausdruck wird von irgendetwas ande-
rem, das nicht selbst ein Musikalisches ist. Ich habe ofters hier davon
gesprochen, es ist insbesondere in der neueren Zeit durch das Wag-
nertum, durch manches andere, dieses heraufgekommen: Musik als
Ausdruck; Musik als Ausdruck von irgendetwas, das nicht Musik
ist. Es ist dann ja besonders im Beginne der Wagnerzeit dem gegen-
iibergestellt worden die reine, die absolute Musik, das Musikalische
als solches, das blofie Weben der Tone; man hat mit einem gewissen
Recht gesagt, daft dann Musik ja zur Tonarabeske wiirde, zur in-
haltslosen Folge von Tonen.
Nun, beides ist natiirlich ein Extrem, und das Vertreten der
Anschauung, Musik habe nichts anderes zu verkorpern als die Ton-
arabeske, das ist sogar ein Unsinn, ein wirklicher Unsinn. Aber der
Unsinn kann ja leicht entstehen, wenn man nicht eigentlich darauf
kommen kann, worinnen das wesentliche Musikalische liegt. In den
Tonen selber, das habe ich nun schon wiederholt betont, kann es
nicht liegen. So daft also auch der Musikeurythmisierende standig
darauf sehen mufi, dasjenige in der Bewegung, in der eigentlichen
Gebarde zum Ausdruck zu bringen, was zwischen den Tonen liegt,
und die Tone nur eigentlich als dasjenige anzusehen hat, was ihn zu
der Bewegung veranlafk.
Nun wird es ja eine gewisse Hilfe sein konnen, gerade damit Sie
diejenigen Gebarden, die ich Ihnen bereits angefiihrt habe, in der
richtigen Weise, mit innerlicher Richtigkeit, mit innerlich richtigem
Fiihlen vollziehen, es wird Ihnen niitzlich sein, eine gewisse Voraus-
setzung zu machen. Und diese Voraussetzung sollte darinnen beste-
hen, daft Sie als Eurythmisierender den Ton selbst, auch den Akkord
in einer gewissen Beziehung als dasjenige betrachten, was Sie zur
Bewegung stoftt, veranlaftt, was Ihnen den Ruck gibt. Sie setzen
zwischen zwei Tonen den Ruck fort und betrachten die nachste
Note wiederum als den Ruck, der Ihnen gegeben wird. Auf diese
Weise driicken Sie in der Bewegung nicht den Ton aus, markieren
nicht den Ton, sondern driicken alles aus, was im weitesten Umfan-
ge zwischen den Tonen liegt und im Intervall etwa zur Geltung
kommt. Das ist von einer grofien Wichtigkeit.
Warum wird denn eigentlich in der modernen Zeit ein so starker
Drang entwickelt, vom rein Musikalischen abzugehen? Es kommt ja
manchmal etwas ganz Schones zum Vorschein, wenn vom rein
Musikalischen abgegangen wird; aber warum kommt denn dieser
Drang so stark zum Ausdruck, vom rein Musikalischen abzugehen?
Er kommt deshalb so stark zum Ausdruck, weil der moderne
Mensch allmahlich in eine Seelenverfassung hineingekommen ist, in
der er nicht mehr traumen kann, in der er auch nicht mehr meditie-
ren kann, in der er nichts hat, was von innen ihn in Bewegung
bringt, sondern er will sich immer von auften in Bewegung versetzen
lassen. Aber das In-Bewegung-Versetzen von auften kann niemals
eine musikalische Stimmung abgeben. Und damit vollig die moder-
ne Zivilisation den Beweis liefern konnte, daft sie unmusikalisch ist,
hat sie zu einem drastischen Mittel gegriffen. Es ist wirklich so, als
ob die moderne Zivilisation in ihrem verborgenen inneren Seeli-
schen den klarsten Beweis hatte liefern wollen, daft sie unmusika-
lisch ist. Und sie hat diesen Beweis geliefert, indem sie zum Film
gekommen ist. Denn der Film ist der klarste Beweis dafiir, daft der-
jenige, der ihn liebt, unmusikalisch ist, weil der Film darauf ausgeht,
nur dasjenige in der Seele gelten zu lassen, was nicht aus dem Inne-
ren dieser Seele heraussteigt, sondern was von aufien veranlafit ist.
Nun mufi man schon sagen, es wird gegenwartig sehr viel musi-
ziert in der Richtung, daft besonders auf dasjenige Wert gelegt wird,
was von aufSen irgendwie angeregt wird. Das versucht man nachzu-
ahmen, nicht durch das rein Melodische, sondern durch das Thema,
das man dem Melodiosen moglichst entfremdet.
Es gibt ein Mittel, sehen Sie, eine sehr einfache Weise, wiederum
durch eine Art Meditation - ich habe Ihnen neulich von der Tao-
Meditation gesprochen, diese Tao -Meditation soil den Eurythmisie-
renden dienen, so wie ich sie Ihnen vorgefiihrt habe es gibt eine
einfache Methode, sich immer mehr und mehr daran zu gewohnen,
im Aufiermusikalischen noch das Musikalische zu suchen, und das
besteht darinnen, dafi man versucht, zu vergleichen eine Vokalfolge,
die etwa so ist: Lieb ist viel oder: Eden geht grell ... - es braucht
ja nicht einen Sinn zu haben. Vergleichen Sie das etwa mit Worten
wie: Gab man Manna . . . Ob Olaf warm war . . .
Nun bitte ich Sie, einmal hintereinander solche Satze sich zu
sagen:
Lieb ist viel ... Eden geht grell ...: detonierend Tafeln
Gab man Manna ... Ob Olaf warm war ...: musikalisch
Da miissen Sie es unbedingt fiihlen: das zweite ist musikalisch, das
erste ist, wie wenn es detonieren wiirde. Versuchen Sie es nur ein-
mal hintereinander zu sagen: Lieb ist viel. Gab man Manna. Eden
geht grell. Ob Olaf warm war. - Sie haben leicht erkennbar, dafi die
Vokale a o innerhalb des Gebietes des Musikalischen liegen, daft die
Vokale i e aus dem Musikalischen herausgehen - eine wichtige
Anmerkung fur Eurythmisierende, denn das Eurythmisieren muE
natiirlich ein Ganzes sein. Derjenige, der toneurythmisiert, darf,
wenn er irgendetwas besonders innig machen will, eine Ton-
eurythmie-Gebarde uberfuhren in a, o; ebenso wiirde es sein in u. Er
darf aber nicht gern eine Toneurythmie-Gebarde uberfuhren in i
und e. So dafi man also a, o, u in Toneurythmie-Stiicken zur Ver-
deutlichung der Stimmung gebrauchen kann, dafi man e und i in
Toneurythmie-Stiicken zur Verdeutlichung der Stimmung nur dann
gebrauchen soil, wenn man bestimmte Absichten hat, aus dem Ton-
lichen an irgendeiner Stelle herauszugehen. Das ist also wichtig.
Diese Dinge liegen ja so, dafi man sich vor alien Dingen ein Be-
wufitsein von ihnen verschaffen mufi. Es ist interessant, wenn man
zum Beispiel die deutsche Sprache durch mehrere Jahrhunderte ver-
folgt: sie hat viele a, o, u abgeworfen und viele i und e gewonnen.
Das heilk, die deutsche Sprache ist im Laufe der Jahrhunderte
immer unmusikalischer und unmusikalischer geworden. - Ich rede
jetzt von den Vokalen, nicht von den Intervallen.
Das also ist etwas, was wichtig ist beim Toneurythmisieren und
auch bei dem anderen Eurythmisieren wirklich zu benicksichtigen.
Und weift man, dafi eigentlich in der deutschen Sprache die starke
Tendenz ist zur Mifibildung der phonetischen Phantasie, dann ist
das ein gutes Wissen. Bei den westlichen germanischen Sprachen ist
das noch mehr der Fall. Das alles aber fuhrt uns erst recht zur Frage:
Was driickt denn die Musik eigentlich aus? Die Frage wird nicht
leicht jemand beantworten, der nicht traumen kann. Denn, sehen
Sie, in Wahrheit muft im Grunde der Dichter, der Kiinstler traumen,
oder bewufit traumen, das ist - meditieren konnen; entweder in
Reminiszenzen die Traumbilder haben konnen, oder aber in Reali-
taten der geistigen Welt die Traumbilder haben konnen.
Was heifk das aber? Das heiftt, von alledem hinweggehen, was in
der Sinneswelt eben Sinn gibt. Nehmen Sie einen Traum - ich habe
gerade iiber diese Zusammenhange ofters gesprochen - , nehmen Sie
einen Traum: man darf ihn, wenn man hinter sein Wesen kommen
will, nicht anschauen wie der Traumdeuter. Denn der Traumdeuter,
der nimmt den Inhalt des Traumes. Derjenige, der das Wesen des
Traumes wirklich kennt, der nimmt nicht den Inhalt des Traumes,
sondern der nimmt den Umstand, ob der Traum in Furcht aufsteigt
und zur Beruhigung kommt, ob der Traum das Innere in eine gewis-
se Unruhe versetzt und diese Unruhe sich zur Angst steigert und
vielleicht mit der Angst ausgeht, ob eine Spannung da ist, eine L6-
sung eintritt. Das ist dasjenige, was im Traum das eigentlich Maftge-
bende ist. Und bei der Schilderung geistiger Vorgange ist das erst
recht notwendig.
Naturlich kann man heute noch nur aufterordentlich schwer zu
der Menschheit sprechen iiber dasjenige, was die Geisteswissen-
schaft vermitteln soli. Indem ich zum Beispiel die Aufeinanderfolge
der Weltentwicklung, Saturn, Sonne, Mond und so weiter geschil-
dert habe, haben die Leute gerade das als das Wichtige genommen,
was mir nicht das Wichtige war. Gewift, es ist schon richtig, daft die
Vorgange auf dem Saturn so waren, wie ich sie geschildert habe, aber
das ist ja nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist die
innere Bewegung, die dabei geschildert wird. Und ich habe mich
immer recht sehr gefreut, wenn jemand gesagt hat, er mochte dasje-
nige, was da geschildert worden ist als Fortgang von Saturn, Sonne,
Mond, musikalisch komponieren. Da muft er naturlich manches
weglassen, muft weglassen, wenn ich Farbiges schildere, muft weg-
lassen, wenn ich Warmeerscheinungen schildere auf dem Saturn,
muft weglassen, wenn ich gar Gertiche auf dem Saturn schildere,
denn aufter der «Geruchsorgel» haben wir ja keine musikalischen
Instrumente, die auf Gertiche gehen, nicht wahr! Trotzdem wiirde
sich gerade in der Saturnentwicklung das Wesentliche ganz wohl
musikalisch ausdriicken lassen, liefte sich komponieren.
Und wenn man einen Traum hat und absieht von seinem Inhalt,
wenn man auf die Spannungen und Losungen, auf dasjenige, was zur
Kulmination von Darstellungen oder zur Kulmination von Seligkeit
im Fliegen und so weiter fiihrt, wenn man alle diese Bewegungen
nimmt und sagt: mir ist es ganz gleichgiiltig, was der Traum sinnge-
maft ausdriickt, mir kommt es aber darauf an, wie die Bewegungen
im Traume verlaufen, - dann ist der Traum schon ein Musikstiick,
denn dann konnen Sie ihn iiberhaupt nicht anders aufschreiben als
in Noten. Und in dem Augenblick, wo Sie das Gefuhl haben, daft Sie
den Traum nicht anders aufschreiben konnen als in Noten, fangen
Sie erst an, den Traum ganz richtig zu verstehen, ich meine, im
unmittelbaren Anschauen ganz richtig zu verstehen.
Daraus aber werden Sie ersehen, daft das Musikalische einen In-
halt hat, nicht den thematischen Inhalt, der aus der Sinneswelt ge-
nommen ist, sondern denjenigen Inhalt, der eigentlich iiberall dann
zutage tritt, wenn im Sinnlichen sich etwas ausdriickt, aber so, daft
man das Sinnliche weglassen kann und dann das eigentliche Wesen
der Sache hat. So mufi man es aber gerade mit dem Musikalischen
machen. Und das mufi vor alien Dingen der Eurythmist aufier-
ordentlich stark beriicksichtigen. Und er wird es stark berucksich-
tigen, wenn er im Eurythmisieren achtgibt, mehr noch achtgibt, als
man das sonst im Zuhoren tut, wenn er achtgibt auf die beharrende
Note und auf die Pause.
Fiir den Eurythmisten ist die beharrende Note, der Orgelpunkt,
und die Pause von ganz besonderer Wichtigkeit. Und es ist schon
eine ernste Frage, ob dasjenige, was Orgelpunkt, oder dasjenige, was
nur in irgendeiner Weise erinnert an die beharrende Note - es ist
schon von einer grofien Wichtigkeit - dafi dies ordentlich beriick-
sichtigt wird. Und es wird ordentlich beriicksichtigt, wenn der
Eurythmist jedesmal, wenn er an eine beharrende Note kommt oder
an irgendetwas, was entweder im Keime ein Orgelpunkt ist oder ein
Orgelpunkt werden konnte, wenn er das in moglichster Ruhe, mit
Herauskehrung des ruhigen Stehens eurythmisiert, wenn er also
nicht weitergeht im Raume, wahrend er die beharrende Note hort.
Dagegen ist es anderseits von Wichtigkeit, dafi er sich innerlich in
den musikalischen Sinn vertieft fiir alles dasjenige, was mit der Pause
zusammenhangt. Da ist es gerade gut, auf so etwas zu sehen. Sie
haben hier Gelegenheit [Notenbeispiel), aus der niedergehenden
Stimmung hoch heraufzugehen mit einer entsprechenden Pause, die
sogar, was fiir den Eurythmisten ein Widerspruch scheinen konnte,
mit einem Taktstrich ausgefiillt ist.
Aus der Klaviersonate in F-Dur von W. A. Mozart (KV 332)
Ich erwahne das gerade aus dem Grande, weil es fiir den Eu-
rythmisten nach dem, was ich gesagt habe, wie ein Widerspruch in
sich aussieht. Ich habe Ihnen gesagt: Taktstrich bedeutet Anhalten,
in sich die Bewegung machen; Ubergang von einem Motiv zum
anderen bedeutet moglichst fortschreiten im Raume, mit einer
schwungvollen Bewegung, die natiirlich den entsprechenden Noten
angepafit ist, fortschreiten im Raume. Hier haben Sie das, daft Sie als
Eurythmist zunachst sagen konnen: Nun weift ich wirklich nicht,
was ich machen soil; ich soil fortschreiten, und ich soil zugleich
stehenbleiben. Und das sollen Sie namlich auch. Sie sollen namlich
in zwei Schritten fortschreiten und dazwischen stehenbleiben. Sie
sollen es also zuwege bringen, wenn so etwas hier vorliegt wie dieses
Beispiel, das entlehnt ist aus der F-Dur-Sonate von Mozart, wo Sie
eine gewisse grofte Pause haben konnen, auf die aber sogar der Takt-
strich fallt, daft Sie mit einer schwungvollen Bewegung von der
einen Note zur anderen hiniiberkommen, aber in der Mitte der
schwungvollen Bewegung, in der Pause, in sich ruhend stehen-
bleiben. Da werden Sie sehen, wie Sie gerade durch die Eurythmie
radikal andeuten, daft das Musikalische zwischen den Noten liegt,
denn Sie eurythmisieren in einem solchen Fall ganz eminent die
Pause. Das ist es, was wirklich von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
Und nun vergleichen Sie, wie ich auf der einen Seite sagte: Wenn
die Note beharrt, versuche man moglichst stehenzubleiben, in sich
zu sein. Das wird natiirlich asthetisch dadurch zum Ausdrucke
kommen, daft man ja den Orgelpunkt, die beharrende Note, in der
Regel in der zweiten Stimme haben wird, und man wird ja dasjenige,
was zwei Stimmen hat, eigentlich immer miissen mit zwei Personen
und mit zwei Formen geben. So daft also die sehr schone Variation
herauskommen kann zwischen den beiden Personen, daft die eine
Person fortgeht in der Bewegung, die andere Person bei der behar-
renden Note stehenbleibt und man dann die Bewegungen so aus-
fiihrt, daft diejenige Person, welche stehenzubleiben hat, einen kiir-
zeren Bogen auszufuhren hat, diejenige Person, welche mittlerweile
fortzuschreiten hat, hat einen ausfuhrlichen Bogen zu gehen - und
sie finden sich wiederum. Dadurch wird das eine Bewegung sein,
eine gute Bewegung, die sich einerseits zwischen dem Hiniiber-
schwung, zwischen dem Intervall, das bis zur Pause gehen kann, und
anderseits in dem Orgelpunkt oder iiberhaupt in der beharrenden
Note geltend machen kann.
7
Auf diese Weise mufi allmahlich das eigentlich Toneurythmische
herauskommen. Denn nur, wenn Sie in dieser Art fiihlen, werden Sie
das eigentlich Toneurythmische herausbringen. Sie sehen daraus zu
gleicher Zeit, dafi man im wesentlichen wird Vielstimmiges durch
eine Anzahl von Personen zum Ausdrucke bringen und auch eben
in einer Anzahl von Formen. Die Formen miissen dann so aus-
gefiihrt werden, dafi sie einander wirklich entsprechen, so wie die
einzelnen Stimmen im Tonbilde selbst einander entsprechen.
Wenn Sie das nun in der Empfindung weiter ausfiihren, wovon
ich gesprochen habe, dafi das Musikalische in den Spannungen liegt,
in den Losungen, in der Auf- und Abbewegung, dann haben Sie ja
etwas, was die Musik ausdriickt. Aber sie driickt eben nicht das-
jenige aus, was den Sinn der Worte bildet, sondern sie driickt das-
jenige aus, was das Geistige in der Tonbewegung selber ist. Und
deshalb wird es fur den Eurythmisten von ganz besonderer Wichtig-
keit sein, dafi er auf so etwas, was die Bewegung im eminentesten
Sinne ganz innerlich ausdriickt, auch eine ganz besondere Riicksicht
nimmt, das ist: die Dissonanz und die Konsonanz. Nicht wahr, der
Komponist wird ja niemals ohne Absicht eine Dissonanz gebrau-
chen; aber eine Musik ohne Dissonanzen ist ja eigentlich keine
Musik, weil sie nichts innerlich Bewegtes ist. Der Komponist, der
Musiker iiberhaupt, gebraucht die Dissonanz. Er hat eigentlich die
Konsonanz dazu, um die Dissonanzen wiederum zu beruhigen, um
die Dissonanzen zu irgendeinem Abschlusse zu bringen. Aber in
demjenigen, was an der Dissonanz und Konsonanz erlebt wird, wird
iiberhaupt etwas zum Vorscheine gebracht, was mehr, als man in
Worten sagen kann, an das Weltgeheimnis herantrifft.
Nehmen Sie an, es erklingt ein dissonierendes Motiv, das dann in
eine Konsonanz ubergeht. Betrachten wir den Eurythmisierenden
dabei. Er kann durchaus alles dasjenige an Formen beriicksichtigen,
was ich angefiihrt habe, was wir vielleicht noch anfiihren werden; er
wird zur Konsonanz iibergehen und wiederum an Form dasjenige
fur die einzelnen Intervalle brauchen, was wir angefiihrt haben.
Aber er sollte den Ubergang von einer Dissonanz zu einer Konso-
nanz, oder umgekehrt, in seiner Darstellung zum Ausdrucke brin-
gen. Und es sollte so sein, daft der Eurythmisierende, indem er in
einer Dissonanz fortschreitet, in dem Augenblicke, wo er zu einer
Konsonanz ubergeht, einen Ruck in die Bewegung selber hinein-
macht.
Tafel 7
Dadurch wird etwas sehr Bedeutsames zum Ausdrucke gebracht.
Dadurch wird zum Ausdrucke gebracht, daft jetzt etwas eintritt
beim Ubergang der Dissonanz in die Konsonanz oder umgekehrt,
was man eigentlich aus sich herausstellt. Ich konnte das, was ich da
aufgezeichnet habe, auch so zeichnen:
Beachten Sie, ich losche ein Stiickchen aus. Das ist, wo man zu-
ruckgeht. Dieses Gefiihl werden Sie haben: Sie haben ein Stiickchen
ausgeloscht. Das ist das Hineingehen ins Geistige. Wenn Sie ein
Stiickchen ausloschen von Ihrem Wege, da annullieren Sie alien Ton
in der Bewegung, und Sie deuten an: Jetzt ist etwas da, was man
nicht mehr in der Sinneswelt zum Ausdrucke bringen kann, sondern
jetzt gebe ich dir nur die Grenze an von demjenigen, was du eigent-
lich vorstellen sollst.
Sehen Sie, wenn man so weit kommt, solche Dinge zu machen,
dann ist man eigentlich erst an dem Punkt, wo die Kiinste sein sol-
len. Botokuden glauben, wenn einer so etwas macht [Zeichnung
links], so sei das ein Gesicht. Das ist kein Gesicht, das ist eine Linie.
Ein Gesicht ist das: Ich mufi in der Lage sein, die Linie iiberhaupt
gar nicht zu machen, sondern ich mufi die Linie als das, was sie ist,
auch wirklich aus dem Helldunkel hervorgehen lassen [Zeichnung
rechts]. Wer jemals diese Linie zeichnet, der ist in dem Momente,
wo er sie zeichnet, schon kein Maler oder iiberhaupt kein Kiinstler;
sondern erst derjenige ist ein Kiinstler, bei dem die Linie entweder
aus der Farbe oder aus dem Helldunkel hervorkommt.
Tafel 6 V fr/, s
Sie konnen botokudisch zeichnen, dann machen Sie's so:
Tafel 6
Das ist die Grenze zwischen Meer und Himmel. Aber das gibt's
ja gar nicht, diese Grenze zwischen Meer und Himmel; diese Grenze
ist doch gar nicht da! Es gibt den Himmel: blau, und es gibt das
Meer: grim. Dafi die eine Grenze haben, das kommt dadurch heraus,
dafi sie sich beriihren.
Tafel 6
Wenn Sie ein Haus malen, ringsherum die Luft ist, dann lassen Sie
Platz fur dasjenige, was Sie an Farben innerhalb des Raumes haben,
den die Luft frei lafit: das Haus wird schon entstehen. Das ist das-
jenige, wonach die Kunst arbeiten mufi. In dieser Beziehung kann
man ja manchmal in helle Verzweiflung kommen.
Sehen Sie, solche Verzweiflungen, die begreift eigentlich der heu-
tige Mensch sehr schlecht. Unter den mannigfaltigen Leuten, die
sich in der Waldorfschule fur Lehrstellen anmelden, sind auch Zei-
chenlehrer. Ja, die haben etwas gelernt, was man dort nicht brauchen
kann: zeichnen. Einer sagt: ich kann zeichnen. Ja, das gibt's ja gar
nicht. Das ist ein Schaden, wenn man irgendwie an die Kinder etwas
heranbringt, was Zeichnen ist - Zeichnen, das gibt's ja gar nicht!
Und wenn Sie nun zu solchen Auffassungen vom Ausloschen Ihrer
Linie kommen in der Eurythmie, dann kommen Sie eben mit der
Auffassung des Musikalischen im Eurythmischen erst recht in das
Kiinstlerische hinein. Versuchen Sie daher uberall, wo Ubergange
sind, irgendwie, ohne es wiederum zum Schema zu treiben, eine in
sich laufende Bewegung zu entwickeln, wo Sie also den Zuschauer
notigen, wiederum zuriickzugehen, so dafi er sich sagt: der war ja
schon weiter, jetzt geht er wieder zurtick. Er sagt das alles unbewufit
- aber in dem Momente wird der Zuschauer genotigt, aus dem Sinn-
lichen ins Geistige hineinzugehen, wo das Sinnliche uberall ausge-
loscht ist.
Und dann werden Sie eben die Moglichkeit finden, gerade das
Wesentlichste in der eurythmischen Bewegung in der Pause zu su-
chen, werden vielleicht auch immer mehr und mehr in die Pause
hineinbringen. Und nun bedenken Sie doch nur einmal: Sie haben
hier einen Ubergang [Notenbeispiel S. 90], der eigentlich in seinem
Notenwerte ein starkes Herausgehen schon aus dem Menschen sel-
ber darstellt, der darstellt etwas, bei dem man das Gefuhl hat, man
geht mit seinem Inneren aus seiner Haut heraus. Bei der Quinte hat
man noch das Gefuhl, man ist gerade an der Grenze der Haut. Die
Quinte ist der Mensch. Geht man weiter, so geht man eigentlich
schon in das Aufiermenschliche hinein, aber weil es Musik ist, in das
Geistige hinein. Bringen Sie es dadurch zustande, dafi Sie eben die
Pause ganz besonders durch Bewegung betonen und in der Bewe-
gung selber einen ruhigen Abschnitt machen, wie ich es angegeben
habe, dann kommen Sie dazu, gerade den ganzen Sinn dieses Auf-
stieges hier eurythmisch jetzt recht zum Ausdrucke zu bringen.
Suchen Sie sich daher zu Ihrer Ubung Musikmotive mit recht
langen Pausen und mit moglichst weit voneinander in der Hohe
abstehenden Notenkopfen und versuchen Sie, eine moglichst cha-
rakteristische Bewegung da hineinzubringen, dann werden Sie eine
dem reinen Instrumental-Musikalischen vollig angepafke, ich kann
schon sagen, Gesangseurythmie hervorbringen. Und die wird wie-
derum auf Ihr ganzes Eurythmisieren zuriickwirken. Denn dann
werden Sie einen grofien Gegensatz empfinden, den Gegensatz, der
zwischen Vokalen und Konsonanten fur das Eurythmisieren liegt.
Wenn auch i und e eigentlich schon zu Mifibildungen der phoneti-
schen Phantasie hinneigen, so ist es doch so, dafi sie noch Vokale
sind und immerhin innerhalb des Musikalischen bleiben, wahrend
die Konsonanten eben Gerausche sind, aus dem Musikalischen her-
ausschreiten.
Ich habe auch gesagt, die Konsonanten sind eigentlich die Ent-
schuldigung dafiir, dafi man die Vokale auf das Aufiere anwendet.
Das aber wird Ihnen naheliegen, fur die Konsonantendarstellung in
der Lauteurythmie moglichst zu versuchen, das Vokalische in den
Konsonanten hineinzuziehen. Das heiftt aber mit anderen Worten,
zu versuchen, den Konsonanten so kurz als moglich eurythmisch,
den Vokal so lang als moglich zu machen. Aber das ist nicht das, was
ich Ihnen ganz besonders ans Herz legen mochte, denn das wird sich
ja schon aus dem Gefuhl ergeben, das einen gewissen Paralleiismus
ergeben mufi zwischen der Deklamation und Rezitation und der
Eurythmie. Was ich Ihnen aber besonders ans Herz legen mochte,
das ist dieses, daft ja auch fur die Lauteurythmie es von ganz beson-
derer Wichtigkeit ist, darauf zu achten, daft der Sprecher auch die
Aufgabe hat, nicht bloft mit dem, was er spricht, etwas zu sagen,
sondern noch Wesentlicheres zuweilen zu sagen mit dem, was er
nicht spricht. Ich meine dabei nicht die Gedankenstriche, die neuere
Dichter so lieben, weil sie wahrscheinlich so viel aus dem Geistigen
zu sagen haben, daft sie Gedankenstriche immer machen. Sie wissen,
es gibt ein ironisch gemeintes Morgensternsches Gedicht, das be-
steht lediglich aus Gedankenstrichen, enthalt keinen einzigen Laut,
kein einziges Wort, nur Gedankenstriche. Ich meine also nicht die
Gedankenstriche, sondern ich meine die Tatsache, daft fur die Her-
vorbringung gewisser Wirkungen, die in einem Gedichte liegen, es
durchaus notwendig ist, daft sowohl der Deklamierende wie der
Eurythmisierende richtig Pausen zu machen verstehen.
Nehmen Sie nur einmal die Tatsache, daft ja der Hexameter seine
Zasur hat, wo eine Pause gemacht werderi muft, so werden Sie schon
sehen, daft man auch durch die Pause etwas sagt. Pausen konnen
manchmal kurz sein, aber es ist wichtig, daft sie an ihrer Stelle ste-
hen, auch im Deklamieren und Rezitieren. Ohne Pause gesprochen:
«Was hor' ich drauften vor dem Tor, was auf der Briicke schallen?»
- schrecklich !
Was hor' ich drauften vor dem Tor -
Was auf der Briicke schallen?
ist richtig. Wenn Sie nun als Eurythmisierender es mit einer Pause
zu tun haben, eine Pause zu begleiten haben, dann ist es auch in der
Lauteurythmie von einer aufierordentlich richtigen, asthetisch guten
Wirkung, innerlich berechtigten Wirkung, wenn Sie auch da dasje-
nige, was Sie an der Toneurythmie lernen konnen, das Insichzu-
riickgehen - in der Form zuriickgehen -, wenn Sie das auch da pfle-
gen. So daft man unter Umstanden selbst bei den kurzen Pausen im
Lauteurythmisieren dieses Zuriickgehen, dieses Ausloschen durch-
aus sieht.
Und jetzt zum Schlusse mochte ich Ihnen nur das noch sagen,
was wir zu einer gewissen Vollstandigkeit brauchen werden, was
ausgefallen ist in den vorigen Stunden. Das ist das: Sie wissen, wir
machen den Grundton im wesentlichen durch die Stellung oder
auch durch das Schreiten; Stellung, Schreiten - ich habe es Ihnen
beim Dreiklang angefuhrt. Nehmen Sie nun an, Sie hatten eine Se-
kund zu bilden. Die Sekund ist im Musikalischen dasjenige, was
eigentlich noch nicht ganz das Musikalische gibt, aber das Musika-
lische beginnt. Es steht am Tore des Musikalischen. Die Sekund ist
eine musikalische Frage. Und so ist es notwendig, die Sekund - und
Sie werden diese Notwendigkeit fuhlen - so zu bilden, wenn sie auf
irgendeinen Grundton folgt -, dafi Sie als Sekund, indem die Sekund
auf einen anderen Ton folgt, dazu streben, die flachen Hande nach
oben zu haben. Es kann ja jede beliebige Bewegung ausgefiihrt
werden, indem man versucht, hineinzukommen in die flachen Han-
de nach oben: wenn Sie von irgendeinem Ton zum nachsten Ton
hinaufgehen, wenn Sie einfach etwas nach oben gehen und die hohle
Hand verflachen. Sie muss en natiirlich sehen, dafi sie vorher nicht
schon in der Erscheinung da ist. Es handelt sich darum, dafi man
immer das Ganze iibersieht. Darinnen ist also dies kundgegeben.
Nun, auf Grundlage dessen, was ich gegeben habe, werden wir noch
die beiden nachsten Stunden einrichten.
SIEBENTER VORTRAG
Dornach, 26. Februar 1924
Der Ansatz zum musikalischen Eurythmisieren
liegt im Schliisselbein
Ich habe des ofteren betont, wie Eurythmie herausgeholt ist aus dem
Wesen der menschlichen Organisation, aus den Bewegungsmog-
lichkeiten, die im menschlichen Organismus vorgebildet sind. Der
menschliche Organismus enthalt ja tatsachlich in sich veranlagt auf
der einen Seite das Musikalische, auf der anderen Seite aber - fur die
Toneurythmie sei das besonders gesagt - die in Bewegung umge-
setzte Musik. Es ist Ihnen ja ohne weiteres klar, daft das Musika-
lische seinen Sitz sozusagen in dem menschlichen Brustorganismus,
oberhalb desselben hat. Wenn wir nun fragen: Wie finden wir im
menschlichen Organismus selber den Ubergang von dem Singen,
von der inneren musikalischen Organisation, die dem Menschen
zugrunde liegt, zu demjenigen, was uns in dem Bewegungsorganis-
mus der Eurythmie vorliegt?, dann miissen wir ja natiirlich - das ist
unmittelbar anschaulich - uns an dasjenige halten, was sich an den
Brustorganismus an Bewegungsgliedern anlehnt, was sich aus dem
Brustorganismus an Bewegungsgliedern heraus ergibt.
Nun sind wirklich mit Bezug auf die ganze menschliche Organi-
sation die wunderbarsten menschlichen Organe die Arme und die
Hande, und Sie brauchen ja nur ein wenig Ihren - ich mochte sagen
- intuitiven Blick anzustrengen, so werden Sie ohne weiteres erken-
nen, wie dasjenige, was in der menschlichen Gesangsorganisation
durch Gaumen, durch dasjenige, was Kiefer sind und so weiter,
veranlagt ist, wie das sich ausnimmt als Gliedmassen, die in einer
gewissen Beziehung verhartete und zur Ruhe gebrachte Arme und
Hande sind. Versuchen Sie nur einmal, Ihre Arme und Hande hier
vorne durch die ineinandergreifenden Finger in Bewegung zu brin-
gen (Hande gefaltet) und zu vergleichen, was sich dann etwa ergibt
mit den zusammengreifenden Unterkiefern oder Oberkiefern, na-
mentlich wenn Sie die Sache im Skelett sich anschauen. Wenn Sie
die dariibergespannten Muskeln in Betracht ziehen, dann werden
Sie ohne weiteres einsehen, welche Metamorphose da eigentlich
aus dem Beweglichen in das zur Ruhe Kommende vorliegt.
Nun sehen wir, wie sich nach unten dasjenige fortsetzt, was im
Gesang dem Musikalischen dient. Wir sehen aber umgeben von
Muskeln und Knochen, die in die Arme und Hande auslaufen, das-
jenige, was eigentlich mit der Stimmbildung, auch mit dem Stimm-
ansatz zusammenhangt. Und da Bewegungenmachen darauf beruht,
dafi man sich seiner Muskeln und Knochen bedient, so wird es sich
darum handeln, fuhlen zu lernen, wie man sich seiner Muskeln und
Knochen bedienen mufi, um im musikalischen Sinne zu eurythmi-
sieren.
Bei der Stimmbildung fragt man nach dem Ansatz. Konnen wir
denn auch nach dem Ansatz fragen, wenn wir zunachst die aus-
drucksvollsten Organe, die Arme und Hande beniitzen, um zu
eurythmisieren?
Der Mensch hat ein eigentiimliches Organ, das gewissermafien
den Ansatz anatomisch-physiologisch bildet zwischen der Brust
und dem Arm: das Schlusselbein. Es ist S-formig. Das Schliisselbein
ist wirklich ein ganz wunderbarer Knochen. Es ist derjenige Kno-
chen, der an seinem einen Ende in Verbindung steht auch mit der
menschlichen Mitte und der auslauft mit seinem anderen Ende,
nachdem er sein S gebildet hat, nach der Peripherie, nach dem Di-
rigieren der Arme und Hande. Ich bitte Sie, betrachten Sie nur das
Folgende. Tiere, welche ihre Vorderarme, ihre Vorderfufie gebrau-
chen zum kunstvollen Klettern, wie die Fledermause oder die Affen,
die haben ein ganz kunstvoll ausgebildetes Schlusselbein. Raubtiere,
Katzen, Lowen, die nicht gerade klettern, die aber ihre Beute mit
den Vorderfufien zerkleinern und bearbeiten miissen, die haben ein
schlechter ausgebildetes Schlusselbein, aber sie haben eben noch ein
Schlusselbein. Das Pferd, das mit den Vorderfuften nichts tut als
laufen, das hat keine Geschicklichkeit mit den Vorderfufien ausge-
bildet, keine in sich selbst gegliederte Beweglichkeit mit den Vor-
derfuften, ausgebildet; das Pferd hat kein Schlusselbein. Sehen Sie,
im Schliisselbein konnen Sie den Ansatz zum musikalischen Eu-
rythmisieren fiihlen; da liegt er. Und werden Sie sich bewufk, dafi
eine Kraft in Ihre Arme und Hande geht vom Schliisselbein und
seinen Ansatzmuskeln, dann werden Sie in Lebendigkeit toneuryth-
misieren. Dann haben Sie den Ansatz. Es handelt sich wirklich dar-
um, dafi man seine Glieder lebendig fiihlt, um sie dann zu solchen
Bewegungen, wie wir sie durchgemacht haben, zu beniitzen. Wer
nicht hinfiihlen kann an eine bestimmte Stelle, der wird auch nicht
den rechten Ansatz finden.
Es ist also notwendig, dafi Sie sich vor alien Dingen dadurch fiir
die Toneurythmie vorbereiten, dafi Sie geradezu Ihr Bewufksein
konzentrieren auf das linke und das rechte Schliisselbein. Und wenn
Sie beginnen zu toneurythmisieren, dann verlegen Sie Ihr Bewufk-
sein zunachst beim Auftreten in das linke und in das rechte Schliis-
selbein. Haben Sie das Gefiihl: Dasjenige, was Sie an feinen Bewe-
gungsmoglichkeiten in Arme und Hande hineingieften, das geht von
Ihrem Schliisselbein aus, so wie die Stimme von ihrer Ansatzstelle
ausgeht. Und haben Sie dann das Gefiihl, Sie giefien dieses Gefiihl,
das Sie da bewufit erregen im Schliisselbein, zunachst in die Gelenk-
pfanne des Oberarmes hinein. Und haben Sie das Gefiihl, wenn Sie
auch mit den Beinen durch Schreiten den Grundton ausdriicken:
schon indem Sie den Arm nur entf alten, gehe die Kraft, die den Arm
entfaltet, zum Grundton, von ganz oben, von der Ansatzstelle des
Armes aus. Fiihlen Sie, als wenn der ganze Unterarm, sogar noch der
Oberarm, als wenn der ganze Unterarm und Hand und Finger leicht
waren, wie wenn die keine Schwere hatten, wie wenn sie gar nicht
da waren, wie wenn Sie sie ganz lassig behandeln wiirden; aber fiih-
len Sie eine starke Kraftentfaltung hier in der Ansatzstelle: dann
haben Sie im Arm den Grundton festgehalten. Und fiihlen Sie das
Heben oder das Wenden Ihres Oberarmes, fiihlen Sie das im Zusam-
menhang mit der Bewegung, die ich Ihnen gezeigt habe fiir die Se-
kund. Fiihlen Sie die Sekund selbst, wenn Sie die Hand in einer
bestimmten Weise dabei halten miissen, so, als wenn die Kraft zu
dieser Handhaltung vom Oberarm ausginge, dann haben Sie die
richtige Entfaltung der Sekund, dann ist's eine Sekund.
Und wenn nun dasjenige, was gewissermaften vom Schliisselbein
aus flutet, iiber den Oberarm geht, weiterflutet nach dem Unter-
arm, dann erst wird es beim Weiterfluten nach dem Unterarm zur
Terz - wird zur Terz. Aber da stellt sich etwas hochst Merkwiir-
diges ein. Sie entfalten, um die Terz zu bilden, die Bewegung - ich
habe sie in der ersten Stunde angegeben - fur die Terz. Sie brau-
chen den Unterarm dazu, bei beiden Handen, bei der rechten oder
linken Hand, je nachdem Sie die Terz bilden. Wenn Sie nun das
Gefiihl, das Sie im Oberarm gebraucht haben, weiterfluten lassen,
so konnen Sie es iiber den Ellenbogen in den hinteren Teil des
Unterarmes fluten lassen. Das geht. Sie kommen, indem Sie iiber
den Ellenbogen gehen, zu der Ansatzstelle der Terz. Sie konnen
sich fragen: Kann ich auch das Gefiihl hierher fluten lassen (den
Arm entlang innen nach vorne zur Hand)? Da werden Sie, wenn
Sie gesund fiihlen, sagen: das geht nicht. Hier hinten, da kann ich
das Gefiihl hervorfluten lassen bis zur hinteren Handflache. Wenn
ich's hier (Innenarm) herunterfluten lasse, das geht nicht. Da muE
ich mir vorstellen: es kommt mir entgegen, es kommt von unten
aus. Ich mufi mir vorstellen, ich greife irgendwo mit der Hand hin
und das Gefiihl flutet hier heriiber. - Es gibt also zwei Moglichkei-
ten: Wenn hier die Ansatzstelle des Oberarmes ist [Zeichnung S.
103], kann das Gefiihl hier fortfluten (nach unten). Wir kommen
von der Sekund zur Terz. Wir konnen auch das entgegenkommen-
de Gefiihl entfalten; da miissen wir es von der Hand hereinkom-
mend denken (Pfeil).
Nun, sehen Sie, das ist doch etwas Wunderbares! Der menschli-
che Arm hat einen Oberarmknochen fur die Sekund, und er hat zwei
Unterarmknochen, die Speiche und die Elle, weil es zwei Terzen
gibt. Der hintere Unterarmknochen stellt die grofie Terz, der vorde-
re Unterarmknochen stellt die kleine Terz dar. Es ist in einer ganz
wunderbaren Weise die Skala lebendig in Knochen und Muskeln des
Armes. Kommen Sie nun zu den Ansatzstellen der Hand, wo die
kleinen Knochen hier sind, so fiihlen Sie noch genau so, als ob Sie
in Ihrem eigenen Inneren waren. Heraus geht man erst, wenn man
zur vollen Hand kommt. Die Quarte ist noch im Innern. Sie ist hier
an der Ansatzstelle (der Hand). Hier miissen Sie fiihlen die Bewe-
gung, die Ihnen die Quarte gibt. Die Quinte ist hier an der Hand
selber. Die Sexte fiihlen Sie hier in den Oberfingern, und die Septi-
me, ich habe es Ihnen gezeigt, konnen Sie insbesondere mit den
Unterfingern machen. Da miissen Sie das Gefiihl bis in die Unter-
finger schicken.
Tafel 8
Sie sehen, es ist nicht eine Redensart, wenn man sagt, es wird das
Eurythmische aus der Organisation des Menschen herausgeholt. Es
wird so stark herausgeholt, da£ man ganz sich an den Bail des Men-
schen halten kann, dafi man die zwei Unterarmknochen fur die gro-
fie und kleine Terz hat, so dafi Sie auch darinnen nun das entspre-
chende Gefiihl zu entwickeln haben fur eine Dur- und fur eine
Moll-Tonart. Die Dur-Tonart empfinden Sie in dem hinunterfluten-
den Gefiihl, das iiber den Ellenbogen in die Elle geht und dann nach
dem Handriicken. Und wenn Sie's nach dem Handriicken hin fiih-
len, so ist dieses Gefuhl Dur.
Wenn Sie aber einen kleinen Luftzug oder ein Gefuhl, das Ihnen
entgegenkommt, fiihlen, das durch die Hohlhand geht und hier an
dem unteren Arm in den inneren Knochen hineingeht, da haben Sie
das Moll-Gefuhl. Eignen Sie sich nur ein Gefuhl an fur solche Ge-
fiihlsversetzungen in den menschlichen Organismus, dann werden
Sie schon finden, da£ Sie ganz innerlich musikalisch werden, denn
Sie leben die Skala aus.
Versuchen Sie es einmal, zwei Eurythmisierende anzuschauen,
von denen der eine so die Bewegung formt, wie sie etwa auch ein aus
Papiermache kiinstlich nachgemachter Maschinenmensch formen
wiirde, und ein solcher, der nun wirklich den Ansatz im Schliissel-
bein fiihlt, den Grundton in der Ansatzstelle des Oberarmes, die
Sekund von hier ausgehend (Oberarm), die Terz im Unterarm, und
was weiter ist, Quarte, Quinte, Sexte, Septime, in der Hand selber.
In den Handen miissen wir aus uns heraus. Wir sind am meisten aus
uns heraus in den Unterfingern. Da entsteht die Septime. Es kommt
bei der Eurythmie wirklich nicht darauf an, dafi man kiinstlich Be-
wegungen erfindet, sondern dafi man die Bewegungsmoglichkeiten,
die in der menschlichen Form veranlagt liegen, daft man diese Bewe-
gungsmoglichkeiten aus dem Menschen herausholt. Dadurch unter-
scheidet sich die Eurythmie von alien anderen heutigen Versuchen
an Bewegungskiinsten. Sehen Sie sich irgendwelche solche Versuche
an Bewegungskiinsten an, so werden Sie nirgends finden, daft in
dieser Weise dasjenige aus dem Menschen herausgeholt ist, was ge-
macht wird. Aber man mufi zuerst wissen, daft der menschhche Arm
mit der menschlichen Hand im Ansatz durch das Schlusselbein eben
die Skala ist.
Wenn Sie nun ein Pferd anschauen, so werden Sie das Gefuhl
haben: das kann eigentlich nicht eurythmisieren. Es miiftte furcht-
bar aussehen, wenn gerade ein Pferd eurythmisierte. Bei einem
Katzchen wiirden Sie es schon liebenswiirdiger auffassen; ganz
besonders bei einem Affchen. Bei einem kleinen Affen wird Ihnen
das Eurythmisieren doch wohl einigermaften gefallen. Warum?
Weil das Pferd kein Schlusselbein hat. Das Katzchen hat ein
Schlusselbein, wenn auch nicht ein so vollkommenes wie der Affe.
Aber der Affe hat das vollkommenste Schlusselbein. Sie werden das
Eurythmisieren urn so sympathischer finden bei einem Tiere, wenn
Sie sich's an ihm vorstellen, je mehr des Tieres Schlusselbein aus-
gebildet ist.
Alles dasjenige, was im Anhang aus Lunge, Kehlkopf und so
weiter kommt, das ist nach aufien hin entsprechend metamorpho-
siert, abgebildet in dem Zusammenhange von Schlusselbein - zum
Abschlufi dient dann noch das Schulterblatt Schlusselbein, Schul-
terblatt, Oberarm, Unterarm, Fingerknochen.
Nun werden Sie ja unbedingt das Gefiihl haben, wenn die Tone
angeschlagen werden oder eurythmisiert werden bis etwa zur Quar-
…[truncated]