Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen. 



Prlt- null frtoanfilionnngrii 

im 

neunzehnten §a^v^unbevt. 



Dr. g«i)0lf Jttintr. 



üSetlfn 1901. 

Sßerlafl ©iegfriefc (Sronßac^. 



<r> 



?Wol \7l^, IS- 




JU.. :5S1903 







1 



^rof. Dr. gmfl ^accfteC 



ipi6met öiefes Bu<^ 



m 



^ersHc^er Qo(^f<^d|un9 



ber Perfaffer. 



3n biefer ©d^rift mirb bei Serfud^ gemalt bie Snt« 
tDidebtng ber Seit* unb fiebeitiSanfd^auttnaen bon ®oftl^e 
tmb Sani btd ju Sotioin unb ^atdtl bat)uffcellen. S)iefe 
@nimxdtlvinq fteOt ftdg ab ein gevoltiged SKngen bed ntenfd^« 
fidlen ©etfteiS bar, baiS im anfange bt& neunzehnten ^afyc» 
ffmtitti» mit ber fül^nften Sntfoltung ber S)enfibaft bel^nfd 
Söfungber großen Si&tfelfragen bed Safeind begann, unb badtn 
ber Vertiefung ber natunDiffenfd^aftlid^en Sdenntniffe unferer 
3eit eine porlöufige Sefriebigung fuc^t. 

?;n jtoei Sänbe jerfaüt biefe ©d^rift. 2)er norliegenbe 
bel^anbelt bie erften fünf ^j^tit^ntt bt& ^aJ^r^^unbertiS^ in 
benen bie ®eifler beftrebt moren^ aud fi^ felbft l^eraud 
bie äBol^rl^eit ju Idolen. IRan Idnnte biefen Seitabfd^nitt bie 
ibealiftifd^e $exiobe nennen. 3)er groeite 8anb mirb 
ba& S^ttatter ber Slaturmiffenfd^aft, bie realiftifd^e 
$eriobe, gum ®egenftanbe l^aben. @ie trad^tet burd^ »er» 
Wertung ber bebeutfamen Sfürtfc^ritte, meldbe bie SBeob* 
ad^tung ber S^l^atfac^en in ben legten fünf Sol^rjel^nten 
gemad^t l^ot, bat SSeltrdtfeln nal^e gu lommen. 

S)er Serfaffcr gicbt fid^ ber Hoffnung l^in, bafe toegen 
feinei^ ©trebeni^ naq einer leidet faglid^en, Jo:^uIären 3)ar« 
fteüungiSn^eife^ bie btm 9n^t in meiteften Reifen Singang 
Derfd^offen foD, bie Kenner ber Sßeltanfd^auungiSentmictelung 
unfered abgelaufenen Sal^rl^unbertiS nid^t überfeinen merben, 
ba| er mit aQer ©trenge ben in Setrad^t lommenben gfragen 
nad^gugel^en fud^te. ®ie merben ftnben^ bag ^ier eine Stetige 
neuer ®eftd^tspunlte gemonnen morben ift, menn fie ^ S. 
bie S)arfteDung ber ^antfd^en, ®oet]^efd^en, gfid^tefc^en, 
$egelfd^en unb ©timecfd^en Sßeltanfd^auung mit anberen 
gefd^id^tlid^en Slui^einanberjfe^ungen bedfelben ®egenftanbed 
oergleid^en. 



SSor dum 2)ingen tourbe ongefireBt, jeber $erfonIid^Ieii. 
bie fxä) an bem Shtfbau ber modernen SieÜanfdgauitng itß 
teiligt l^ot/ tl^r DoQeiS Stecht ju teil werben ju toffen. 3dg fte||e 
mit meinen eigenen Slnfci^attungen in t)ouem (SinHange mit 
ben SrfleBniffen, gu benen ber gröfete Slaturforf d&er ber ©egen^^ 
mort, (Srnft $ aedel, gelangt ift. ^ä) ffdbt auf biefen 
Sinltang befonberiS in meiner ;,$]^iIofop]^ie ber f^reil^eit'' 
fiingemiefen, unb barf ei^ mir gur (Sffxt anredbnen, ba% @rnft 
^atdd, ber foeben in feinem SSerle ^®ie feeteätfel" fein 
Sbeengebäube aQfeitig auSgeful^rt l^at, bie Sßibmung meinei^ 
ä3uc^ei$ angenommen l^at. S)aS malere SerftdnbniS biefer 
mobemen SBeltanfd^auung mirb baburd^ mefentlid^ geförbert 
merben, ba^ man {td^ aud^ in bie entgegengefe^ten ©ebatden 
voxuxteü&lo» vertieft.' @o lommt in biefem 93u(i^e }. 93. bie 
3(nfi4lt @d^eIIingiS in einer 3lrt )ur @prad^e, ber man^ tote 
td^ glaube, nid^t einmal anmerlt, ba^ ein entfd^iebener ©egner 
rebet. Um treue gefd^id^tßd^e @rörterung, nid^t um einfeitige 
^ritif mar t» mir ju ^un; unb id^ n)ärbe mid^ glfidClid^ 
fd^ä^en, votnn ^unbige fänben, bai^ meine fd^arf aui^geprögte 
eigene SBettanfd^auung mir ben f8M für bie @tbanhn 
9(nberer nid^t getrübt, fonbern gefd^ärft l^abe. 

»erlin, im gfebruar 1900. 



Sßenn bie Statut beti 9Renfd^en ebenfo bt^anbtUt, tote 
alle übrigen SBefett, fo gäbe ed leine Sßelt« unb Sebend- 
onfd^auiing. @r wanbtlit jnfrieben unb glücflid^ burd^iB 
Stben mit bie Stofe, oon ber 9(ngelui8 @iIefiuiS fagt: ;,3)ie 
9iof' ift o^n n)arumb, fie blül^et, totil fte blühet, fie a^i 
nid^t il^ret felbft, fragt nid^t ob man fte ftl^et.'' ®o lann 
ber ^enfd^ nid^t fein. @r mug nid^t nur feiner felbft 
atzten; er tnu^ auä) ber SBefen utn ftd^ l^er ad^ten. Ott 
mug fid^ felbft in ber SSelt gured)t ftnben, wenn er in i^r 
leben n)iQ. @r lann bie fJfüQe ii^rer @rfd^einungen nic^t 
einfad) an ftd| oorüberjiel^en laffen, benn biefe fteOen nn* 
gäi^Iige fragen an il^n; unb er fül^It fid^ ^altlos, wtnn 
er leine Slntniort ftnbet. @r tnug burd^ fein ^anbeln 
felbft in ben ®ang ber (Srfd^einungen eingreifen. 2)araud 
entfpringen für il^n weitere Qfrogen : SBie f oE er eingreifen ? 
Unb tnbliä) ift ba» Sebürfnid in il^n gelegt, gu n)iffen, 
ioa0 aud feinetn 3ufantmenn)irlen mit ber übrigen JBelt 
entftel^t, meld^er fd^Iieglid^e @rfoIg ftd^ aui^ feinem Sl^un 
ergiebt. SluiS biefen brei ©runbtrieben ber äRenfd^ennatur 
entfpringen aQe Sßelt* unb Sebendanfd^auungen ^ant l^at 
biefe Sriebe in feiner ^Äritil ber reinen SSernunft" in bie 
brei fragen gelleibet: SBaö lann ii) miffen? 8Bai9 foH id^ 
tl^un? Ißa» baxf id^ l^offen? ©oetl^e ^ai il^nen Sludbrud 
gegeben in bem @a^e: ^jSenne id^ mein SerJ^öItnid gu mir 
felbft unb gur aufeenmelt, fo l&ei^' id^iS ©a^rl&eit.'' 

9ta^ ber SIrt unb btm @xabt i^xtt geiftigen fiä^iq* 
leiten beantworten fid^ bie üRenfd^en biefe gfragen in ber 

©teilt er, V&tiU uttb Sei&enSaitfd^auungcit. 1 



— 2 — 

Derfd^tebenften 98etfe. Unb ba bie SInttoorten bte j^öd^ften 
ßrgcbniffc bcr ©cifleölultur ftnb, ba jtc bog auömad^cn, 
tooburd^ ftd^ ber äRenfd^ erft feinen t^al^ren äBert geben 
roiH, fo ift eö begretflid^, ba^ ftc gu bcn geroaltigflcn 
kämpfen gefül^rt l^aben. 

ffiein ^af)xf)nnbtxi f)ai roo^l eine fold^e Sülle oon 
8lnltt)orten auf biefe fragen ]^ert)orgebrad)t mie bai^jenige, 
an beffen @nbe mir ftel^en. @d)open]^auer f)ai eS be^l^alb 
ba^ p]^iIofop]^ifd)e genannt. Unb inSbefonbere ift eS ba^ 
beutfd^e ©eiftei^Ieben, ba^ an biefer Kulturarbeit ben 
j^croorragenbften Slntcil l^at. Saum einer ber SBege, bie 
gum ^idt gu führen fdCieinen, blieb unbefd^ritten innerl^alb 
biefer l^nnbertiä^rigcn ©ntrotdCelung be§ beutfd^cn ®cifte§. 
Sie älteften religiöfen SSorfteüungen ttaten in einen er- 
bitterten Äampf mit ben jüngften ©rgebniffen beg miffcn» 
fd^aftlidjen ©enlenS. SRabifale Slnfrfiauungen erfd)icnen 
neben friebfertigen SermittelungSoerfud^en gmifc^en ben ent- 
gegengefefeten Meinungen. ®ie mutlofefte 3w)cifclfud§t 
gegenüber ben legten fragen l^at il^re SSertreter gefunben 
unb aud^ ber lü^nfte, ftolgefte Sbeenflug, für ben e§ fein 
unbeantmorteted 9latfel gu geben fd^eint. 

9Bie gmifdgen gmet 3RarIfteinen liegt bie (Sntmidtelung 
ber beutfd^en SBelt» unb ßebenSanfd^auungen eingefdjloffen 
groifdjen gmei litterarifdjen 6rfd^einungen, oon benen bie 
eine mie ein SRorgengeläute bt^ neuen ^a^vf)nnbeti^ in 
baöSal&r ISOOfättt: gfid^teö ^Beftimmung beS aKenfd^en/ 
unb bie anbere foeben al9 ^n^llanQ be^felben auftritt: 
Srnft ^aedtelö ^®ie SBeltrötfeL Oemeinoerftänblid^e 
©tubien über moniftifd^e ^ßl^ilofop^ie." 3ßan lann fid^ 
laum einen größeren ©egenfafe beulen, als ber ift, roeld^er 
gmifd^en biefen beiben S3üd^ern l^errfd^t. ^aedtel baut eine 
SBelt« unb SebenSanfid^t aQein baburd^ auf, ba^ er fid^ 
in bie Singe unb SBorgänge ber 9latur vertieft. S)ie un- 
befangene ä3eobad^tung ber @rfd^einungen burd^ bie 
Sinne, il^re genaue Unterfud^ung mit ben Hilfsmitteln bcr 
SBiffenfd^aften, unb ba^ logifd^e ©enlen, roeld&eS bie natür- 
lid&en Qn^ammtnfiänQt unb Oefe^e ber Vorgänge auffud^t, 



— 3 — 

finb il^nt bie CueQe ber SBal^rl^eit. Si(f)te giebl giuar ein Stib 
biefer Slnfid^t^ aber nur, um ^u ^tiQtn, bog mit i^r ffir 
ba» l^od^fie äJebürfnid bed menfd^Iid^en ®eiM nic^td an- 
zufangen ift. 3nt erften 9u(^ feiner ;,9eftimmung bed 
aKenfc^cn^ d^orafterifiert er baö Silb ber Saturerfdieinungen, 
mie ed ftd^ ber ben!enben Setrad^tung ergiebt, in biefer 
SBeifc: ,3n jebem SRomente i^rer S)oucr ifl bie Satur ein 
gufammen^ängenbeiS ®ange; in jebem SRomente mug jeber 
einzelne Seil berfelben fo fein, mie er ift, roeil alle übrigen 
ftnb, mie fte finb; unb bu lonnteft fein <Sanb!()rndE)en oon 
feiner ©teile oerrüden, obne baburd^, meüeidit unft^tbar 
für beine Singen, burti^ aDe £eile bed unermeßlichen ©angen 
^inburc^ etmaiS ^u oeränbern. Slber jeber SRoment biefer 
S)auer ift beftimmt burd^ alle abgelaufenen SRomente, unb 
mirb beftimmen alle lünftigen SRomente; unb bu lannft 
in bem gegcnmärtigen feinet ©anblorniS Sage anberS 
benfen, als fie ift, ol^ne ba% hu genötigt roürbcft, bie 
gange SSergangenl^eit in« Unbeflimmte l^inauf, unb bie 
gange 3w^«wft ins Unbestimmte l^erab bir anberö gu 
benlen." @ine fold^e SSorfteQung oon ber %atur mad)t 
^aedel gu ber feinigen. @r fagt: „"^ie mec^anifd&e ober 
moniftif(i^e $^iIofop^ie behauptet, ba% überall in ben @r« 
fc^cinungen beS menfd)Iid^en SebcnS, wie in benen ber 
übrigen SRatur, fefte unb unabänberlid&e ©efe^e malten, 
ba% überall ein notroenbiger urfac^Iidier 3"fQ"'n^^"^^J^9f 
ein StaufaIncjuS ber 6rf(^einungeu befielet, unb bai bem» 
gemäß bie gange uns erlennbare 92atur ein einl^eitlid^eS 
@ange, ein ^^SRonon*' bilbet." gid^te ftellt btefe Sor- 
fteüung oon ber Statur l^in, um gu geigen, bai fie einem 
Sebürfniffc beS SerftanbeS entfprid^t. aber er f^reibt 
fein Su(^ nur, um biefen Serftanb burd^ bie nod^ tieferen 
Sebürfniffe beS menfd^Iid^en ©cmüteS gu miberlegen. ®enn 
ber Scrftanb fül^re bal^in, ben SRenfd^en felbft mit au 
feinem Sl&un unb ßaffen fi(^ nur als ein oon $Raturfräften 
crgeugteS SBefen oorgufteUcn. „^^ felbft mit ollem, moS 
ic^ mein nenne, bin ein ®Iieb in biefer Stiit ber flrcngen 
Sioturnotmcnbigfeit . . . S)o6 meine 3"f^önbc nun eben 



— 4 — 

oon Scrougtfcin begleitet werben, unb einige bcrfelben, — 
©ebanlen, Sntfd^Iiegungen unb bergleic^en — fogar nic^tiS 
anbetet gu fein fd^einen, dl» Seftimntungen einei^ fold^eu 
SetDugtfeiniS, borf mic^ in meinen gfolgerungen nid^t irre 
machen. @» xH bie %aturbefttmmung ber ^flange, ftc^ 
regelmäßig aud^ubilben, bie bed S^iereiS, ftd^ gmedmägig ^u 
bewegen, bie beö 3»enfd^en, gu benfen." S)ieö- atteö fagt 
ber SSerftanb — ift i^ii^U^ SKeinung. 8ber eine innere 
Stimme meines ®emüte§ fagt mir: menn ic^ biejS ober 
leneiS tl^ue, f^ai eS nic^t eine %aturlraft get^an, fonbern 
id^ f elbft, an» freier @ntfd§Iiegung. 9Senn aber düeS, wa» in 
ber 9iatur gefd^iel^t, notmenbig gefd^icl^t, menn e§ nur er» 
folgt, meil eixoa» anbereS oorl^ergegangen ift, bann ift 
aud^ mein ^anbeln notmenbig gefd^e^en. 3(^ l^abe ed 
nid^t befd^Ioffen. @$ ift burd^ Umftänbe bebingt, bie oon 
meiner @ntf(t)Iiegung gang unabl^ängig finb. (S» ift 
lebiglid^ eine S^äufd)ung, ber id^ mid^ l^ingebe, menn id) 
mid^ für ben Url^eber meiner |)anblungen l^alte. fjid^te 
malt ba» Silb einer fold^en SBerftanbeSanfid^t grett l^in, 
um e» xed)i abfurb erfd^einen gu laffen: „id^ l^anble ja 
überl^aupt nid^t, fonbern in mir l^anbelt bie %atur; mid^ 
gu ttma» anberem gu mad^en, al» mogu id^ burd^ bie 
9iatur beftimmt bin, bieS lann id^ mir nid^t oornel^men 
mollcn, benn id^ maä^e mid^ gar nid)t, fonbern bie 9iatur 
mad^t midö felbft unb alleS, xoa2 id& werbe." Unbefriebigt 
menbet fid^ tii(i)ie oon einer fold^en SBeltanfd^auung ab. 
„Aalt unb tot baftel&en, unb bem SBed^fel ber Segeben* 
l&eiten nur gufel^en, ein träger Spiegel ber oorüberflie^enben 
©eftalten — biefeö Safein ift mir unerträglidö, id^ oer» 
fd^mäl^e unb oerroiinfdtie eS." „SrodCen unb l&ergloß, aber 
unerfd^öpflid^ im ©rllären" nennt unfer 5ßbiIofop]& bie 
anrtdf)t beg Serftanbeö. Unb er erllärt biefe anftdöt felbft 
nur für ein Srugbilb. Senn mol^er miffen wir oon aü 
ben Singen unb SSorgängen ber %atur, bie in einer 
Äette ber ftrengen Sfotwenbigicit gufammenl&ängen? ®od^ 
nur baburd^, ba% wir fie oorftcBen, ba^ unfer Sewufetfein 
fid^ Silber oon il^nen mad^t ^d) lann alfo nid^t fagen : t» 



— 5 — 

gieBt eine ^nitnmtU, fonbem nur: mein 9en)u§tfein l^at 
Silber einer fold^en atugenrnflt. 0ud^ im £raume l^abe 
id^ Silber, benen nid^tö 2BirIItd^e0 entfpric^t. SBarum 
foEte nid^t bie ganje äugenmelt ein 2^raum fein? „HUti^ 
2Btf[en ift nur $(6bilbung, unb ed wirb in i^m immer 
tttoa» geforbert, ba» btm Silbe entfpred^e/' SBie lann 
man ha» eigene Sein aud Singen unb Sorgöngen er« 
IlöreU; beren äStrllid^Ieit burc^ nid^td anbered oerbürgt ift 
als boburdg, ba% biefed eigene @ein fte oorfteOt? SBer 
baS SBefen beffen, was mit Sugenmelt nennen, burd^fd)aut 
— fo meint tjid^le — für ben fann auö biefer 8u|en- 
melt niemolig bie SBal^rl^eit lommen. ,^a\i bu lein 
anbereiS Organ, fo roirfl bu fie nimmer finben." Snt 
eigenen Snnern beiS SRenfc^en glaubt gfid)te ein fold^ed 
Organ cnibtdi gu l^aben. (Sine @timme biefed 3nnem 
fagt itbtxa aRenfd^en: ^anblt im Sinne beiner $flid)t. 
S)iefe Stimme lann nic^t trügerifc^ fein mie bie Sludfagen 
ber finnlid^en äBelt. „2)er %ebel ber Serblenbung föQt 
Don meinem 9(uge; id^ erl^alte ein neued Organ, unb eine 
neue SSBelt gel^t in bemfelben mir auf." SSenn aUtS 
übrige ©d^ein unb SIenbroerl ift: biefer mein SBitte gum 
^anbeln, ber fic^ in meinem eigenen Snnern anlünbigt, 
mufe bie SBaJ^r^eit fein, $fxtt finbet gid^te, einen feften 
$unlt. „SKein SESitte ftcl&t allein ba, abgefonbert oon 
allem, maS er nid^t felbft ift, bloS bnxi) fid) unb für fid^ 
felbft feine SBeÜ." So feft unb fid)er glaubt gid^te in 
bem SBillen baS ®afein in feinem SWittelpunIte crfafet gu 
j^aben, bag il^n baS Semugtfein baoon gu bem Sludfprud^e 
brängt: „3d^ l^ebe mein ^aupt tül^n empor gu bem 
bro^enben gelfengebirge, unb gu bem tobenben 23afferfturg 
unb gu btn Irad^enben, in einem gf^uermeer fdEimimmenben 
äßollen unb fage: idt) bin emig unb tro^e eurer ^Sta^fi 
Sret^t aUt l^erab auf mid^, unb bu @rbe unb bu ^immel 
oermifd^t end) im milben Sumulte, unb i^r (Elemente alle 
fd^äumet unb tobet unb gerreibet im milben Kampfe baS 
I^te @onnenftoub(^en beö fforper«, ben id^ mein nenne, — 
mein SBille allein mit feinem feften ^lane foD lül^n unb 



— 6 — 

latt über ben S^rütntnein be^ SßeltaQiS fd^toeben. 3)enn 
td) J)dbt meine Scftitnntung ergriffen, unb bie ift bauernbcr 
ofe il&r; fie ifl croig, unb id) bin eroig roie fie." Selben 
roir, roaö biefer Äunbgebung oom Slnfange bt& ^äS)x» 
l^unberti^ @rnft ^aedel für eine anbere am @nbe be^felben 
enlgegenfefel. ,,®urciö bie Sernunfl allein lönnen roir jur 
rool^ren 3falur=@rlenntniö unb ^ur Söfung ber SBelträtfel 
gelangen. Sie SSernunft ifl ba^ l^öd^fle @ul beS SRenfc^en 
unb berienige SSorpg, ber il^n aQein t)on ben Vieren 
roefcnllid) unterfc^eibet. Sa§ ©emül l&at mit ber Sr« 
lenntniiS ber Sial^rl^eit gar ni(f)ts ju tl^un. 9Sci^ 
roir „®emüt" nennen, ifl eine oerroicfcite S^ätigleit beö 
©eJ^irnig, rocld^e fid^ au§ ©cfüJ^Ien ber Sufl unb Unluft, 
au^ SSorfleQungen ber S^^^idung unb Slbneigung, au^ 
©trebungen beS Scgel^renS unb Sliel^enS jufammenfefel. . . 
®ie Srlenntniö ber SJal^rl^eit förbcrn alle biefe ©cmütS» 
3uflänbe unb ®emüts«33eroegungen in leiner 9Beife; im 
Oegentcil flören fie oft bie aHein bagu befäl^igte SSernunft 
unb fd^äbigen fie l^äuftg in empfinblid^em @rabc. 9ioi) 
lein SBelträtfel ift burd^ bie ©elöirnfunltion beö ©emütö 
gelöft, ober aud) nur gcförbert roorben." Unb über ben 
SBillen, in bem Sid^te ben Äcrn be§ SDafeinS gu er* 
greifen glaubt, äußert fid^ ^aedel: „SBir roiffen je^t, bafe 
jebcr SBineni8»Slft ebenfo burd^ bie Drganifation beö 
rooQenben Snbioibuum^ beftimmt unb ebenfo oon ben 
jerociligen S3ebingungen ber umgebenben Slugenroelt ab» 
l^ängig ifl roie jebc anbere Scelentl^ätigfeit." ©aß er 
aber gerabe bort, roo ^id^te nur 5£rug unb Unftc^erl^eit^ 
nur ein „trodteneö unb l^erglofeö Sriftem" erblirft, bie 
roa^re DueHe ber SBal^rl&eit finbet, fprid^t ^aedCel mit ben 
SBorten an^: „S)ie roal&re Offenbarung, b. f). bie roal&re 
DueQe vernünftiger @rlenntnii^, ifl nur in ber 92atur gu 
ftnben. S)er reid^e ®d^a^ roal^ren SBiffend, ber ben roert» 
DoQflen Seil ber menfd^Iid^en jfultur barfleüt, ifl eingig 
unb allein ben Srfal^rungen entfprungen, roeldge ber 
forfd^enbe SSerflanb burd^ %atur-@rIenntniiS geroonnen 
l^at^ unb ben SSernunftoSc^Iüffen, roeld^e er burd^ rid^tigeiS 



— 7 — 

Senlen aud ben Srfal^rungd-SorfteDungen gejogen ^at 
Seber Dernünftige SKenfd^ mit ttortnaletn ®e^irn unb 
normalen (Sinnen fd^opft bei unbefangener Setrad^tung 
ani^ ber %atur biefe malere Offenbarung/' Srnft ^aedtel 
beacid^nel in ber Sorrebe gu feiner @d)rifl „SJie ffleÜ* 
rätfei'' ate bereu Si^'l ^i^ Seantmortung ber S^age: 
„SSeld^e (Stufe in ber (Srienntnid ber 9Saf^r||eit liaben mir 
am @nbe bed neunse^nten ga^t^unbertd mirflid^ eneid^t?" 
@r nimmt innerl^alb bed ©eiftedlebend am @nbe bed ^af)x^ 
^unberti^ eine al^nlid^f ®teDung ein, mie fie gfid^te inner« 
l^alb beiSfelben am Seginne eingenommen l^at« S)ie auf 
^arminiS naturmiffenfd^aftlid^e gorfd^ungen begrünbete 
2)enlmeife bel^errfdit fieute bie ©eifter ebenfo mie im 8n« 
fang beS Sal^rl^unbertiS bie SorfteÜungSmeife ftant^. 
^aedel l^at bie legten gfold^ungen and ^attoind ßrgeb« 
niffen ebenfo gesogen mie gfid^te bie au» ben SorauiS^« 
fe^ungen StantiS. Seibe S)enler ftnb fic^ aud^ bemüht, bag 
fie in ben genannten @d^riften bie reifften tJfrüd)te i^red 
®cnlenö gegeben l^aben Sid^te fd&reibt am 5. Siooember 
1799 an feine ®attin: „^d^ ^aht bei ber SuiSarbeitung 
meiner ®d[)rift einen tiefem Slicf in bie JReligion get^an 
als nod) je. Sei mir gei^t bie Semegung btd bergend 
nur au^ oolllommener jtlar^eit l^eroor, t& lonnte mäjt 
f eitlen, bai bie errungene Marl^eit gugleid^ mein $erg er« 
griff." Unb ^acdfel bemerlt oon feiner Slnfdöauung in ber 
Sorrebe ber ,,S!BeIträtfeI" : „S)iefe naturpl^ilofopl^ifdie 
®ebanlenarbeit erftredt ftd^ je^t über ein oollei^ l^albed 
Sal^r^unbert, unb id^ barf je^t, in meinem 66. SebeuiS« 
ja^re, mol^I annel^men, ba^ fie reif im menfd^Iid^en 
Sinne ifi'' 

3ßan barf alfo moi^I eine ©efd^id^te ber beutfd^en 
äSelt« unb fiebendanfd^auungen im neunzehnten Sct^r« 
l^unbert aU bie (Sntmidelung ber ©efid^tiSpunlte tixä)M gu 
benienigen ^aedete anfeilen. 3)er fd^roffe ©egenfa^ ber 
beiben Slnfd^auungen mei^t und gugleid^ barauf l^in, in 
meieren ©ebteten bie ^aupttriebfebern biefer Sntmidfelung 
gu fud^en finb. gid^te betrad)tet bie Staturoorgönge all 



— 8 — 

ein i^db, auf bem bie legten äSal^rl^eiten nid^t gefuc^i 
xoetben bürfen. ^aedel ift ber Slnftc^t^ ba% fte nur l^ier 
gefunben merben lönnen. 3)tefer llmf(^n)ung in ber 
®d)ä^ung ber $atur»@rIenntntiS xoitb begreiflid^, menn 
man ben gegenmortigen 3uf^<i^^ bie\tc @rIenntniiS üer« 
gleid^t mit bem, ber üor l^unbert Salären gel^errfd^t l^at. 
8für bie mid^tigficn ©rfd^cinungen, biejenigen, meldte auf 
baiS SBerJ^öItniS be» äRenfd^en gur übrigen 9SeIt 2xi)i 
werfen, fanb bie Slalurroiffenfc^aft erft in unferem 3<i^i^' 
l^unbert bie 3RitieI unb äSege, um über fte Huffiörung gu 
geben. 9?ur über bie eine biefer S^ögen xon^it vox 
l^unbert ^a^ten bie Siaturmiffenfdiafl mit il^ren SWetl^oben 
ttroaS gu fageU; über bit Stellung, meldte bie @rbe im 
äBeltenraume einnimmt. ®urdö bie Seigren Äopernicuö' 
unb Stvv^tt^, meldte bie Semegung unferei^ Planeten um 
bie Sonne feftfteHten unb bereu gcfefemcifeigen SSerlauf er« 
Hörten, mar feit bem fed^Sgcl^nten Sal^rl^unbert bie mittel» 
alialiä^t Übergeugung erfd^üttert, ba% bie @rbe im 3RitteU 
punite beS SSeltaEd ftebe unb aUtS, maS au^erl^alb il^rer 
ftd) abfpielt, nur um il^retmiHen ba fei. Um fo me^r 
ia^itit man im 3)unleln, menn t» ftd^ barum l^anbelte, 
biejenigen Vorgänge innerl^alb unfereS ©rbenlebenö felbft 
gu erllören, bie fid^ ben groben Sinbrüden ber @inne ent* 
giel&en. ®ie oerbeffcrten mifrofIopifd)en Unterfud^ungö» 
meifen maä^itn t^ in biefem ^al^rl^unbert möglid^, ein leben« 
bigeiS 9Sefen im Beginne feiner @ntmidCeIung genau gu beob« 
ad^ten. SytU» geologifd^e 3^orfd)ungen gaben oor fieben 
Sal^rgel^nten einen naturgemäßen S3egriff, mie bie ©ebilbe 
ber (Srboberflöc^e aQmäl^Itd^ entftanben finb. 2)arn)injS 
(Sntbedungen um bie äl^itte bt^ ^df)xf^nnbtti^ geigten bie 
SSermanbtfdgaft, in ber alleS ftel^t, ma^ auf ber @rbe lebt. 
aSaö auf fold&e ?[rt feftgefteOt ift, läfet fid& nid^t me^r fo 
bel^anbeln, mie t^iä^it bie %aturerIenntniiS bel^anbelt l^at. 
©(Ritter traf für feine 3^^ ^^ö SRid^tige, menn er ben 
SJaturforfd^ern unb ben ^l^ilofopl^en gurief: „^einbfd^aft 
fei gmifd^en euc^! %od^ lommt bai^ SünbniiS gu frül^e; 
menn il^r im ^nä)tn eud^ trennt, mirb erft bie Sßal^rl^eit 



— 9 — 

tdannV 2)enn bxt Staturfocfd^ung feiner 3^^ 6<ttte nur 
fidleren Soben unter ben gffigen, menn fte fid^ auf bie (Sr- 
flebniffe ber 3(ftronontie ftü^te. Unb für biefe gilt getoift 
fein eigenes SBort : „®6^mal^ei mir nid^t f o oiel non 9tebel« 
fledFen unb (Sonnen! 3ft bie Statur nur gro^, meil fie 
3U ^äl^Ien eud^ giebt? @uer ®egenftanb ift ber erl^abenfte 
freilid^ int Staunte; aber, Sfreunbe, int Staunte n^o^nt ba9 
@r^abene nic^t/ 2)er Staturforfd^ung ber ®egenvart 
gegenüber, xodfl^t auf ®runb ber 2)arn)infd^en Slnfd^auungen 
betn äKenfd^en bie natürlid^en ®efe^e feiner Sntfte^ung 
geleiert l^at, wich fid^ Sd^iQerd Hu^fpruc^ nic^t nte^r auf« 
red^t eri^allen laffen. 

SBie n)enig in ben legten S^^^tgel^nten beiS uorigen 
Sal^rl^unbertd bie ätaturforfd^er für bie 9BeIt« unb Sebend« 
anf(f)auung gu leiften Dermod^ten, baiS gel^t aud ben (St* 
fal^rungen l^erDor, bie ©oetl^e tnit i^nen mad^te, aU er 
anfing, fic^ tnit ben (Srfd^einungen ber %atur )u befc^ctf« 
tigen. Seine SorfteQungiSart l^atte i^n gu einetn äSerfal^ren 
gefülgrt, ba^ Schiller in einem S3riefe an i^n am 23. S(uguft 
1794 mit ben SBorten d^aralteriftert: «äSon ber einfad^en 
Organifation fteigen ®ie, @d^ritt nor @d^ritt, gu ber me^r 
oermidelten auf, um enblid^ bie nermideltefte non aDen, 
ben äßenfd^en, genetifd^ an2 ben 9Raterialien b^ gangen 
%aturgeböubejS gu erbauen." ©oetl^e betrad)tete ben 9Ren« 
fd^en nid^t als ein SBefen, ba^ neben ben anbern Statur« 
gefd^öpfen einen befonberen Urfprung l^abe, fonbern er toar 
ber Slnfid^t, ba% biefelben ^äfte unb ©efe^fe, bie aDe 
anbern 3)inge ^emorbringen, aud^ ben 9Renfd^en gu ergeugen 
im ftanbe finb. 3n einer l^errlid^en SSeife l^at er ba^ in 
feinem 99ud^e über 9Bin!eImann auSgefprod^en : ^SBenn bie 
gefunbe %atur beS SKenfd^en als ein ®angeS mirlt, menn 
er fid^ in ber SSelt als in einem großen, fdjönen, mürbigen 
unb merten ®angen fü^It, menn baS l^armonifd^e Sel^agen 
il^m ein reineS, freies (Sntgüden gemalert; bann mürbe baS 
SSeltaQ, menn eS fid^ felbft empfinben lönnte, als an fein 
3iel gelangt, aufjau^gen unb ben ®ipfel beS eigenen 
SSerbenS unb SBefenS bemunbern.'' 9(uf eine fold^e 



— 10 — 

^uffaffung l^atte fd^on ^erber in feinen ^.Sbeen gu einer 
$]&iIofop]&ie bcr ©cfd^id^te ber 3Kenf(f)|[eit/ bie er 1783 
aufjugeic^nen begann, l^ingemiefen. SBir lefen in il^nen: 
,;Sont @tein gunt ^^ftaQ, t)om ^^ftall gu ben ÜRetoDen, 
Don biefen %ux ^flangenfd^öpfung, Don ben ^flangen gunt 
Sier, t)on bicfcm gum 9Benfd(|en fel&en mir bie gornt ber 
Drganifalion fieigcn, ntit il^r anä) bie Sriebe be§ ©efc^öpfö 
Dielartiger werben unb ftd^ tnblid) alle in ber ©eftall beS 
SRenfd^en, fofern biefe fie f äffen lonnte, vereinen." Solche 
Sbeen geprten gu ben äRitteln, burd^ ^ic ®oetl&e unb 
^erber gu einer ©efamtauffaffung ber 28elt gu lommen 
fud^ten unb burd^ bie fie fid^ propl^etifdE) auf ben ©oben 
peilten, auf bem bie 9?aturn)tffenfd[)aft be§ neungel^nten 
Sci^rl^unbertjS gebaut l^at. 2)ie 9SeItanfd)auung btefer 
beiben fprcdjen ©äfee n)ie biefe in §erber§ ^rSbcen" anS: 
„'S)a§ 3RenfdE|cngefd^Ied^t ift ber grofee 3uf<Jinn^^'^fi"6 «i^* 
berer organifd^er ffräfte/' „Unb fo fönnen wir annel^men, 
bai ber SRenfd^ ein SRittelgefc^öpf unter ben Stieren, b. i. 
bie auiSgearbeitete gfornt fei, in ber fid^ bie ^ÜQt aller 
©attungen um il^n l^er ,im feinftcn S^begriff fammeln/ 
2)ie %aturforfd^ung jener S^age fud^te im @egenfa^ gu 
fold^en SBorfteDungcn gerabe nad^ aßerlmalen, bie ben 
äRenfd^en oon ben Sieren unterfdEieiben. Sin fold^er Unter» 
fcl}teb foQte barin beftel^en, ba% bie Siere gmifc^en ben 
beiben f^mmetrifd^en ©älften beö Dberfieferjg einen Keinen 
^nodien, ben 3^ifd^enIieferInod^en l^aben, ber bie oberen 
@d)neibegä]&ne enthält, unb meldfier bei bem Sßenfc^en nid^t 
Dorl^anben fein foD, fo ba^ bei il^m ber Dberfiefer ein 
eingiged ®iM bilbe. S)aiS oertrug fid^ gmar mit ben Sin« 
ftdE)ten ber bamaligen 9!aturforfd^er, bie Sinne in ben @a^ 
gelleibet l^at: Slrten ^gäl^len mir fo oiele, aU oerfd()iebene 
formen im ^ringip gefd^iaffen roorben finb"; eS ftimmte 
aber nid^t gu ©oetl^eS unb ^erberiS SSeltanfd^auung, nad^ 
meld^er bie %atur ben -IRenfd^en nad^ benfelben @efe^en 
gefd^affen l^at mie bie anbern Drganidmen. S)enn, menn 
bie (formen neben unb unabi^ängig oon einanber entftanben 
ftnb, bann lann jeber ein anberer Sauplan gu ©runbe 



— 11 — 

liefen. SBenn aber bie Statut allinä|^lid^ von ben einfot^en 
^formen gu ben tnel^r gufatntnengefe^ien aufgefttegett ifü, 
bann muffen fid^ bei ber sufammengefe^teften; bem 9Renfd^en, 
biefelben ©efe^e, nur t)en)oIIIonimnet n)ieberftnben; bie aud^ 
bei ben anbeten Seben)efen beobad^tet werben. 2)edl^alb 
fud^te ©oetl^e bad Sotl^anbenfein eined 3n>ifd&cnIiefetInoc^end 
and) beim SSenfd^en nad^gumeifen. Unb feine fotgfäUigen 
anatomifd^en gf^^fd^ungen btac^ten il^n gut @ntbedhing beiS« 
felben. <$üt ©oet^e roax biefe @ntbedung alfo auiS bem 
33ebitrfniffe entfprungen, ben nalutgefc^Iidien Swföwmen- 
l^ang ber 9Renfd^en mit bttt übrigen Sebemefen gu erlennen. 
2)aS ge^t au» ben SBorten J^etDOt; bie er im Stoüembet 
1784 an Stnebel fd^teibt: ,,!3dE) l^abe mid^ enthalten, ba» 
tRefuItat, morauf fd^on $etbet in feinen 3been beutet, fc^on 
je^o — et meint, in bet Slbl&anblung, in btt et feine ®nt- 
bedCung mittl^eilt — metlen gu laffen, ba% man nämlid^ 
ben Unterfd^ieb bc» 9Renfd)en vom Zitt in nid^td eingelnem 
ftnben lönne." ®o ^aben mit t» aud^ gu Detftel^en mad 
et an ^etbet fd()teibt: „&9 foll S)ic^ aud^ tec^t l^etglid^ 
ftenen; benn e§ ift mie bex ©d^lufeftcin gum SKcnfd^cn, fel^U 
md)t, ift ani) ba\ abet mie! . . . 3d^ l^abe^miriS in Set« 
binbung mit Seinem ©anjen gebac^t, mie fd^ön ed ba 
wixb.*' gfüt bie 92aturfotfc^ung ^at biefe Snft^auung etft 
^uylc^ 1863 fxnä)iiax gemalt in feinem betü^mten ©a^c: 
2)ie anatomifd^en Unterfd)iebe beiS Snoc^enbaueiS gmifdE)en 
bem SKenfc^en unb ben menfd^enäl^nlid^en Slffen ftnb nic^t 
fo gtog als biejenigen gmifd^ien biefen äRenfd^enaffen unb 
ben meniget entroidEelten Slffenarten. ®ie SRatuifotfd^et gu 
©oetl^eS '^txi mollten einen fold^en Untetfdjieb bnxd^anS 
l^aben. ©oetl^e beSagt fid^ am 13. gfebtuat 1785 in einem 
Stiefe an Tlexd: ;,$on Sömmcting (einem btxbtbtuUnb^tn 
Anatomen) ^dbt xi) einen fel^t leid&ten Stief. (St miE miti* 
gat auöteben. Dl^e!" Unb am 11. SRai 1785 fd^teibt 
Sömmcting felbft an SKetdt: „©oetl&e mitt, mie id^ an§ 
feinem gefttigen ©tief fel^e, oon feinet Sbee in Slnfcl^ung 
beS 3n>ifd^^n^o<$^nS nod^ nid^t ab.'' Unb btx betül^mtefte 
Slnatom vom @nbe beS DOtigen Sal^tl^unbettiS, Sampet, 



— 12 — 

fteOte entfd^iebett ®oeü)t» Seobad^tung aü einen Strtum 
l^in. ®o meit mar bamalS bie Xaturforfd^ung baoon ent- 
fernt, an» ftd^ l^eraud bemjemgen entgegengulommen, ber 
nai) einer naturgemäßen äSeltanfd^auung ftrebte. 



tJfür bie eine ber t^ragen, in bie £ant baii '^id ber 
äßelt« unb SebeniSanfd^auung ^ufammengef aßt l^at: ^SSaiS 
lann id^ miffen?" ift innerl^alb ber (Sntmidelung bed neun» 
gel^nten Sal^rl^unbertiS im beutfc^en ©eiftedleben ol^ne 3n)eifel 
bie %aturmiffenfc^aft baS treibenbe (SIement bt§ tioxt» 
fd^ritted. ^aecfel burfte bal^er in bem Sortrage, ben er 
am 26. 9(uguft 1898 auf btm oierten internationalen 
3ooIogenIongreg in @ambribge gel^alten l^at, fagen: ^9lm 
®d§Iuffe bt» neungel^nten S^^tl^unbertiS bliden mir mit 
gerechtem ©tolg auf bie gemaltigen unb unoetgleic^Iid^en 
gortfd^ritte, mcldic ntenfd^Iid^e SBiffenfd^aft unb Äultur 
möl^renb feinest SBerlaufeS gemad^t l^aben — allen anberen 
ooran bie Siaturmiffenfd^aft. ®iefe S^i^atfac^e finbet 
i^ren d^aralteriftifd^en 3(udbrud barin, ba% fc^on je^t in 
oielen ©djriftcn unfer Sai^rl^unbert afo „baS große" be* 
geic^net mirb ober di» ba» !^txiaUtx ber %aturmiffen» 
fd&aft." 

SSie ftel^t ed nun aber mit ben beiben anbern SBelt« 
anfd&auungöfragen : „^aS fott id& tl^un?'' unb ^SBaS barf 
id^ l^offen?". Sllejanber SiHe fagt in feinem bemerleni?» 
mertl&en SSuc^e ^SSpn S)armin biö ghefefd^e": „'äu^ ba» 
9Renfc^enIeben ift ein S^eil beS $aturlebend; aud^ bie menfd^« 
lidEjen Slnfc^auungen über ba» fieben bed äßenfd^en unb 
feine Stellung gu feinen äRitmenfd^en muffen bem SBanbel 
unterliegen unb bieiS um fo mel^r, ald aÜed, maiS bid gur 
®egenmart über fie Qtbai)t morben ift, mel^r einfeitigen 
Sfoiberungen bt» äßenfd^en an fid^ felbft ald ber Seob^ 
ac^tung eined gegebenen S^l^atbeftanbed entfprungen ift/ 
2)er SBanbel ber Snfd^auungen fpric^t ftc^ l^eute in btm 
Stingen nac^ einer fogialen Sßeltanfd^auung ans. "änä) 
auf biefem ©ebiete l^at bie %aturmiffenfd^aft il^ren Einfluß 



— 13 — 

gelienb getnad^t. @& finb i^re proltifd^en (Srgebntffe^ meiere 
ben menfd)Iid^en @efxd^t^htx9 erioeitert unb btm inenf4* 
Itd^en ^anbeln neue SSege gemiefen ^aben. Sm 3^^^^^ 
bed Selegrapl^en unb bed ZtUpf)on9 mug ber Vlen^i)Stxi 
unb Staunt in anbetet Sßeife in feine fiebendtec^nung ein« 
fe^en ate in ftül^eten S^^^^unbetten. Sutd^ 2!)ampfltafi 
unb SleltnsUöt ftnb und uöQig neue 9(ufgaben gefteOt 
moxbtn, ©ütetetgeugung, ©ütetoetteilung unb Setle^t 
i^aben untet fold^en (Sinroitfungen i^re Srotmen oetänbett 
isind) bie mobetne Silbung lonnte von i^nen nid^t unbe« 
einflugt bleiben. S)et SRenfd^ btd neun^el^nten ^af^x^nnbtM, 
bet in n)enigen @tunben Stteden butdimigt, ju benen 
feine SSotfal^ten £age gebtaudjt l^aben, bex in SBien gel^ött 
mitb, n)enn et in Setiin in einen ^ppaxai l^inein fptid^t^ 
nrad^t fid^ anbete SSotfteQungen übet bta ®ang bet SBelt« 
eteigniffe aU betfenige, bet fold^ed, nad^ beut Silbungdinl^alt 
feinet 3^^/ füt eille S^täumetei ^ätte etllciten muffen, menn 
man eS i^m ald ein Sbeal bex 3ulunft l^ingefteOt l^ötte. 
S)ad Seben ftellt l^eute an ben SRenfd^en anbete 9ln« 
fotbetungen ald an feinen Stirnen oot l^unbett ^a^xtn. @d 
ift ballet begteiflid^, ba% et aud^ ftdEi bie lixaQt: SSaiS foll 
id^ tl^un? anbete beantmottet aU jenet. ^n bex gegen« 
möttigen Slntmott auf biefe Sf^age liegt bet 3nl^alt beffen, 
mad man „^o^iale SBeltanfc^auung" nennt. S)ie oetmidCeU 
tetcn Setl^ältniffe, bie in ben 'Sau unb in ba& ßeben be^ 
fogialen ftötpetd^ butd) bie @ttungenfc^aftcn bet mobetnen 
S^ed^nil gelommen finb, l^aben bie SKenfd^en nid^t nut 
bal^in Qebxaä)i, buxä) fojialtefotmatotifd^e Sefttebungen 
biefem ^otpet ein neueiS ^eptäge gu geben, fonbetn aud^ 
bie %atut beiSfelben genauet gu ftubieten. äSö^tenb Sant 
nut bie menfd^Iid^e Setnunft gu ftagen füt nötig l^ielt, 
menn e^ ftd^ batnm l^anbette, bie fittlid^en 9(ufgaben feft« 
gufteQen, nniex^uä^i man l^eute ben gefeQfdiaftlic^en Otga« 
nidmuS, menn man etlennen miQ, mad bex (Singeine in il^m 
in i^nn ^at S^ax f)ai fd^on SltiftoteleiS ben @a^ an&» 
gefptodien: ^®et SMcnfd^ ift ein gefeüfd^aftlic^eö ßeberoefen." 
2)i)d) mat ed unfetem Sal^tl^unbett DOtbel^alten, biefen 



— 14 — 

©a^ in ben SRülcIpunlt bcr Sclrac^tungcn über ba^ 
mcnfd^lidic Serl&altcn a« rödctt. S)ic ©cfcüfd^aft ift fcül^cr 
ba aö bag Snbioibuum, f)ai ^crbcrt Spencer (geb. 1820) 
gefagt; unb biefc Slnfid&l beeinflußt gcgenmärtig alle 33e» 
trod^tungen über ba^ menfdölid^e ©eifteSleben. Sie Sogio« 
logie ober ©efettfdöafliSroiffenfdiaft ift eine ber iüngftcn 
8Biffenfcf)aften. ^l)xen Segriff unb 9iamen ^ai in ber 
SRitte be§ ^aJ)vf)unbtti^ ber franjöfifcf)e ®enfer Sl. Somte 
gcfdfjaffen. Sic f)ai fd^nell SBurjel gefaßt bei benjenigen^ 
bie fid^ mit bem ausbaue einer SBelt* unb ßeben^auffaffung 
befd^äftigen. 3n ber oor lurgem erfd^ienenen ;, (Einleitung 
in bie ^^ilofop^ie" von SBil^elm Sc^ufalem wirb nur 
eine zeitgemäße Sluffaffung oertreien, menn bel^auptet mirb: 
„6iner fold^en Soziologie finb f)0^z unb mid^tige aufgaben 
Dorbel^alten. Sie roirb gu zeigen l^aben, inwiefern ba§ 
Seelenleben beö einzelnen buri) ba§ foziale Ceben, burd^ 
ben ©efamtroitten beeinflußt mirb, unb t^ bürfte fid^ 
l^erauöftellen, ba^ bieg in meit l^öl^erem TOaße ber Sali 
ift, als man l^eute nodf) glaubt. ®er foziale gaftor in 
ber ®rIenntni^entn)idEeIung mirb ba in feiner 2BirIfamIeit 
unb Scbeutung ^nia^e treten, unb man mirb finben, ba^ 
bie ^ft)d)oIogie unb bie ©rfenntnist^eorie nur mit 33erüdE* 
pd^tigung biefe§ galtorö ^n weiteren g^ortfd)ritten gelangen 
lönnen. Selbft für bie Sleftl&ctil, bie inbioibualiftifdiefte 
unter ben pl^iIofop]&ifdf)en SiSzipKn^n, bürfte bie Soziologie 
»iel neueiS ergeben, inbcm ba2 ^ublüum, für meld^eS eine 
fünftlerifd)e ßeiftung bcftimmt ift, ben ^ünftler oft un- 
bewußt bei feinem Sd)affen leitet unb inbem baB äft^etifc^e 
Urteil beö Singelnen ftarl oon ber l^errfd^enben ©efd^madCiSs 
ric^tung beeinflußt wirb. S)aß bie StI&if nur t)om fozio- 
logifd)en Stanbpunlt auS bearbeitet werben barf, ba^ ift 
i^eute fd)on faft allgemein anerfannt unb wirb mit ben 
3ortfdf)ritten ber Soziologie immer Ilarer werben. — Unfere 
ganze äSelt- unb &ebeniSanfd)auung wirb bann aU ein 
$robu!t ber fozialen ®ntwi(felung erfd^einen, einer ©nt* 
widfelung, bereu bebeutenbfteS SrgebniiS bie Sd^affung 
felbftänbig benfenber unb frcil^eitöbebürftiger $crfönlid)leiten 



— 15 — 

ift. 2)ie Soziologie ber 3ulunft ift bemnad^ nic^t nur eine 
pl^ilofop^ifc^e SSiffenfdiaft, fonbern bürfte ftc^ fogar auü* 
geftalten pr ©runbloge aütt $^iIofop]^ie.'' SBoDte man 
am @nbe bed vorigen ^a^rl^unberld bie Stic^tung bed 
ntenfc^IicE)en ^anbelnd beftimmen, bann gefd^a^ bad im 
@inne @c^illerd, ber in feinen „Briefen über bie äft^etifd^e 
(Srgiel^ung bed SRcnfd^en" bie SReinung audfprid^t: ^Seber 
inbioibueOe äRenfd^; lann man fagen, trägt ber Anlage 
unb Seftimmung nad^, einen reinen, ibealifc^en SKenfd^en 
in ftdi; mit beffen unoeränberlid^er @in|ieit in aQen feinen 
Slbmed^felungen übereinguftimmen, bie groge 3(ufgabe feinei^ 
Safeittg ifi" Unb man ameifelte ni(^t, bai man bie 
©efeSfd^aft aümct^lid^ in einen fold^en Suftanb überführen 
muffe, ba% ber reine, ibealifd^e ^enfd^ in i^r fid^ auf- 
leben lönnc. Sd^iHer fagt weiter: «3ft ber innere TOenfc^ 
mit fid^ einig, fo roirb er aud£| bei ber l^öd^ften Unioerfali« 
ficrung feines Setragenö feine ®igentümlic^feit retten, unb 
ber Staat mirb bloS ber Sluöleger feinet fd^önen Snflinltö, 
bie bcutlid^e Qformcl feiner innern ©efc^gebung fein." 8n 
biefc „innere ©efe^gebung*' roanbte man fit^, mcnn eö fid& 
um bie l^öd^fte Lebensfrage ^anbelte. 9Ran glaubte, man 
braud^c bloS fid^ in ba^ eigene @cmüt gu oerfenfen, um 
bie Sebürfniffe ber ^erfönlid^fcit gu cricnnen. Oegen- 
märtig fragt man fid^: mic ift bie „innere ©efe^gebung* 
aU eine Srrungcnfd^aft ber fogialen ^ulturentmidtelung ge- 
worben? SBenn l^cute fid^ eine inbioibualiftifd^e Sluffaffung 
be§ mcnfd^Iid^cn ©ciftcSlebcnS ©eltung oerfd^afft, fo 
miberfprid^t baS ber l^iermit gejcid^nctcn ^auptlinie in ber 
SBeltanfc^auungScnlmidPelung be§ neunjcl^ntcn Sal^r^unbertS 
cbenfomcttig wie gidjteS fogiale gbeen in feinem 1800 er- 
fd^icnenen „©efd^Ioffenen §anbefeftaat" im ©cgenfafe fte^en 
gu ber inbioibualiftifd^en SebenSanfid^t feiner 3^*^- ®c"« 
ber gegenmörtige 3nbioibuaIiSmuS fielet in ber freien 
Singelpcrfönlidölcit einen S^^puS 9Wcnfd£|, ber fid^ aHmäJ^Iid^ 
aus ben unfreien 3«Pänben l^erauS entmidfelt, ber bie, 
©efeQfd^aft gu feiner SSorauSfe^ung i^at, meil er nur aus 
il^r entftelien lann. @r untcrfudjt bie ®efcllfd)aft unb 



— 16 — 

ftnbet; bag fie il^retn SBefen naä) bai freie Snbiutbuum 
j^eroorbringt. ^xi)it aber fagt nid^t bte einzelne $erfönltd|» 
leil iniS $(uge, tnfofern fte ftc^ auiS ber j^ulturentmidelung 
ergiebt, fonbern er leitet bie 9iatur biefer ^ßerfönlid^fcit 
qM ber SSernunft ab unb fud^t bann eine f^ornt bed 
©efeüfd^oftöIebeniS angaubenlen, bie feiner SSernunftibee 
am beften entfpric^t. Sin Snbioibualift oom Snbe nnferei^ 
Sal^rl^unbertS ift bieiS, tro^bem er Don fogiologifd^en 
SSorauiSfe^ungen auiSgel^t; t3^i<^te entmidelte eine fogialiftifc^e 
®taatiSibee^ obgleid^ er alle $flic()ten nur au^ bem 
inbimbueUen ^iütn beS @ingelnen l^erleitete. 

$Raturn)iffenfd^aft, Sec^nil unb 6ogiologie finb bie 
brei Sriebfräfte, rocictie bie Sntroidtelung ber SBelt- 
anfc^auungen im neungel^nten Sal^rl^unbert bebingen. 
2)amit foD natürlid^ nid)t geleugnet mexben, ba^ im 
einzelnen auc^ anbere Sinflüffe in Sctrac^t lommen. ®ag 
finb aber Siebenftromungcn, bie in ben |)auptflu§ groar 
einmünben unb oon i^m aufgefogen werben, bie aber 
feine SRi(f)tung im roefentlid&en nid^t Deränbern. Sie muffen 
ba berüdficbtigt merben^ mo fie uniS begegnen. $ier follte 
nur bie grofee SRid^tungSlinie beS gortgangeö, bie mir gu 
verfolgen l^aben, oorgegeid^net unb ba» ^xd ini^ Sluge ge« 
fafet merben. — 3" biefem Qxoedt mußten gleid^fam gmei 
Duerfd^nitte burd^ bie SSeltanfc^auung^entmidelung gelegt 
unb nad^gefe^en merben^ burd^ meldte ^auptmerlmale biefe 
SDuerfd^nitte gelenngeic^net finb. 



$00 ^txtaiUx Itimts im) i&otVfts. 



3u gtoet geiftigen Snftanaen blidte am @itbe bt» 
Dorigen S^^^^unbertd berjenige auf, ber gurftlarl^eit über 
bie großen S^agen ber SSelt- unb fiebendanfd^auung lommen 
moQte: gu Sani unb ©oetl^e. @iner, ber am gemaltigften 
nad^ fold^er ftlor^eit rang, ifi Sol^ann ©ottlieb Stci^lc- 
$(te er ^antd „^itil ber praltifd^en Semunft'' lennen 
gelernt l^atte, fd^rieb er: ^3d^ lebe in einer neuen 
SSelt . . . S)inge; non benen xä) glaubte, fte lonnen mir 
nie beriefen nierben, g. 39. ber Segriff ber abfoluten OfJ^ei« 
l^eit unb $fiid^t finb mir bemiefen, unb ii) fü^U mid^ 
barum um fo froher. @i9 ift unbegreiflid^, meldte Sld^tung 
für bie 9RenfdE|l^eit, meldte itraft uniS biefe $^iIofop]^ie giebt, 
meldi ein @egen fte für ein B^^talter ift, in tpeld^em bit 
ÜRoral in il^ren ©runbfeften gerftört unb ber Segriff ber 
^flid)t in aQen 9BörterbüdE)em burd^ftrid)en mar.'' Unb aU 
er auf @runblage ber Santfd^en bie eigene änfd^auung in 
feiner „@runblage ber gefamten SBiffeufdiaftdlel^re'' aufge- 
baut l^atte, ba fanbte er ba» Sud^ an ©oetl^e mit ben 
SBorten : ;^3($ betrad^te @ie, unb l^abe @te immer btixai)iei, 
ai^ ben Stepräfentanten ber reinften ©eiftigleit bed ©efül^te 
auf ber gegenn)Ctrtig errungenen @tufe ber ^umanitöt. 9(n 
@ie menbet mit Stecht fid^ bie $]^iIofop]^ie. ^"^i ®efü^I 
ift berfelben ^robierftein." 3n einem äl^nlid^en Serl^äÜni« 
gu beiben ®eiftern ftanb ©exilier. Über ftant fd^reibt 
er am 28. DItober 1894: „(&^ erfdiredPt mid^ gar nid^t, 
3U beuten, ba^ ba^ ®efe^ ber SSeränberung, cor meld^em 

Steiner, VüüU intb S^benSoitfclauimgeit. 2 



— 18 — 

{ein menfd^lid^ei^ unb lein göttlid^ed äSerl ®nabe ftnbet^ 
auc^ bie gform ber ^antfd^en ^^Uofopj^ie, fomie jebe anbete 
gerftören roirb; aber bie t^unbamente berfelben n)erben bied 
Sd^idfal nid^t ju fürd^ien J^aben^ benn fo alt ba^ 3Kenfd^en« 
gefc^Ied^l ift, unb fD lange es eine SSernunft giebl, l^at 
man fte ftiQfc^meigenb anerldnnt unb im ganaen barnad^ 
gel^anbelt/ ©oetl^eS Slnfdgauung fd^ilbert Sd^iQer am 
23. Slugufl 1794 in einem ©riefe an biefen: „Sänge fd^on 
l^abe id), obgleich au6 ^iemlid^er t^erne^ bem @ang ^^xt^ 
®eiftei5 gugefel^en, unb ben SBeg, ben (Sie oorgegeid^net 
l^aben, mit immer erneuter Serounberung bemerlt. Sic 
fudjen ba§ 9iotroenbige in ber SRatur, aber Sie fud^en eS 
auf bem fc^merften Sege, »or welchem jebe fd^n)äd^cre Sraft 
fidE) mol^I litten mirb. @ie nel^men bie gange ^{atur gu» 
fammen, um über baS @ingelne Sid^t gu belommen; in ber 
SÜlgeit iftrer ©rfd^cinungSarten fud^en Sie ben ßrllörungö« 
grunb für ba§ Snbioibuum auf . . . SBärcn Sie ate ein 
©ried^e, \a nur als ein Staliener geboren morben, unb 
^ötte fd^on Don ber äSiege an eine auSerlefene %atur unb 
eine ibealifierenbe Sunft Sie umgeben, fo roäre 3^^ SBeg 
unenblid^ oerlürgt, oieQeid^t gang überflüffig gemad^t morben. 
Sd^on in bie crfte Slufd^auung ber 3)inge ptten Sie bann 
bie tJrorm beS %otn)enbigen aufgenommen, unb mit Sl^ren 
erften Srfa^rungen ptte firf) ber große ©til bei S^ncn ent« 
roidtelt. 9iun ba Sie als ein S)eutfdt|er geboren finb, ba 
^^t gried)ifd^er ©eift in biefe norbifd^e ©d^öpfung gc« 
roorfen mürbe, fo blieb S^Öncn feine anbere SBal^I, afe ent» 
meber felbft gum norbifd)en Äünftler gu roerbcn, ober S^ter 
Imagination ba^, moS il^r bie S8trIIid^{eit oorent^öU, 
burd^ Siad^l^ilfe berSenllraft gu erfefeen, unb fo gleid^fam 
oon innen l^erauS unb auf einem rationalen SBege ein 
©ried^enlanb gu geboren." 

SSon Äant unb ©oetl&e mirb bal^cr eine SBelt- 
anfd^auungSgefd^id^te beS neungel^nten Sal^r^unbertS i^ren 
Ausgang nel^men muffen. Um bie SBirlung beS erfteren 
auf fein S^italter gu oeranfd^aulid^en, feien noc^ bie 9(uS« 
fprfid^e gmeier üßcinner über il^n angeführt, bie auf ber 



— 19 — 

Collen 93ilbungd]^()^e il^rer 3^i^ ftanben. ^tan $aul 
fci^neb im ^a^xt 1788 an einen fjfreunb: ^.Sfaufen ®ie fi(^ 
umS ^immeliS niillen gmei Suchet; Jtantd ©runblegung }tt 
einer iittiavi)r)[\l ber @itten unb Jtantd Jtritit ber praN 
tifc^en Sernunfi. Sani ift lein Sic^t ber SSelt, fonbern 
ein ganged ftral^Ienbed Sonnenf^fiem auf einmal.'' Unb 
Sßil^elm oon ^umbolbt fagt: ^Jtant unternahm unb 
DoQbrac^te bod größte 9BerI, bad DieQeic^t (e bie pl^ilo« 
fopl^ierenbe SSernunft einem einzelnen äRonne gu banlen f^at 
. . . S)teierlei bleibt, menn man ben 9iu^m, ben ftant 
feiner Nation, ben %u^en, ben er bem fpeluIatiDen 2)enlen 
oerlie^en ^ai, beftimmen mill; unoerlennbar gemig: Siniged, 
was er zertrümmert l^at, mirb fid^ nie mieber erl^eben, 
(£tnige0, ma§ er begrünbet l^at, mirb nie mieber untergel^en, 
unb wa^ baS SBidjtigfte ift, fo l&at er eine SReform geftiftct, 
mie bie gefamte ®efc^id)te bed menfc^Iic^en 2)enlend leine 
äl^nlidie aufmcift." 

9ßan fielet, in £antd S^l^at fallen feine 3^iigcnoffen eine 
erfd^ütternbeSßirlung innerhalb ber SBeltanfdiauungiSentmide« 
lung. @r felbft aber l^ielt ftefür biefe ßntmidelung fo mid^tig, 
ba% ex U)xt Sebcutung bcrjenigen gleid^ fefete, bie Jfoper» 
niluS' (Sntbcctung ber ^lanetenbemegung für bie 9?atur- 
crlenntnis l^atte. 

3Ran mu§ ben S9Ii(f auf bie Quellen rid^ten, an^ benen 
bie ©ebilbeten bcö oorigen Sa^rl^unbertS il^re SiJeltanfd^auung 
l^olten, um bie 9iet)oIution gu begreifen, meldte oon ber im 
Saläre 1781 erfd^ienenen „Sritil ber reinen Sernunft" Äantö 
ausging. S!)te mittelalterlid^e Slnfd^auungi^meife; meldte bie 
^od^ftcn SBol^rl&citcn nur ber gottlid^en Dffenbarung oer- 
banfen gu fönnen glaubte unb ber menfdjlid^en SSernunft 
nur bie ®abe gufd^rieb, biefc SBol&rl&eitcn begreiflid^ gu 
finben, mar burd& S)e5cortcö (1596 — 1650) übermunben. 
Seine Slnfid^t mar, ba^ man an allem gmeifcin muffe, xoa» 
man ntd^t au^ ber Vernunft l^crauS burd^ flarc unb beut« 
Itd^c Segriffe cinfe^en fönne. S)ai^ SRufter eincjS Haren unb 
beutlid^cn ScgriffSgebäubcö bilbcten bie mat^cmatifd^en @r* 
fcnntniffe. Unb nad| biefem 9Rufter fd^uf SeScarteö eine 

2* 



— 20 — 

SBcItanfc^auung, für rodä)t bic SorflcHungcn, ©oll, fjrei- 
l^eil be^ menfd^Iid^en ^iUcn^ unb bte Unflerbttc^Ieil ber 
@eele abfolul getDtffe SSal^rbeil enll^allen. S)urd^ eine fold^e 
SSorfleQungiSart toar ber menfd^lic^en SSernunfl bie t^ä^ig» 
leil juerlannl^ burd) eigene jh:afl bie pd^flen SSell« 
anfd^auung^fragen ebenfo %u enlfd^eiben, mit fte ntil $ilfe 
ber Sßall^emaltf über !iaf)lß unb ©rogenDerl^öIlniffe urleiÜ. 
©eöcorleö war bei biefem Scrfal^ren gu benfelben SBal^r» 
l^eilen gelommen, bie audE) ber religiofen Überlieferung p 
@runbe lagen: gu ©oll, t^i^eil^eil unb Unflerblid^Ieil. 3^ 
einem anbern Ergebnis gelangle Spinoga (1632 — 1677), 
ote er bie ©ebanlenrid&lung S)ej3carle0* roeiler oerfolgle. 
Sür il^n mürbe ba2 gan^e Unioerfum ein einl^etllicI^eiS 
Softem, beffcn einzelne ©lieber tnil einanbcr ebenfo not« 
menbig unb gefe^mögig pfammenlgöngen mie bie einzelnen 
Segriffe beS mall^emalifd^en Sel^rgebäubed. $(IIe0 ma^ 
innerl^olb biefe« S^flemS gefdiiel^l, ba& gcfd)iel^l mit eifer« 
ner %oltoenbigIeil. SBenn id^ meinen Wem aui^flrede, fo ifl 
ba§ ebenfo nolmenbig, mie eine |>o]^Iung enlflei^l, menn ein 
©lein in lodfereö Srbreid^ föDl. ©oll ifl nur ber Snbegriff biefeS 
S^flemS faller, flarrer 9iolmenbigIcilen. SSon einer ^freil^eil 
beö SBittenS lann innerl^alb benfelben feine SRebe fein, 
©benfomenig oon einer Unflerblidfifeil ber Seele, benn biefe 
ifl ja feinSBefen für fic^, fonbern nur eine äufterung beg 
ungemeinen, gefe^mägigen äSellgefd^el^en^. ^alle SeScarleiS 
geglaubt, geigen gu fönnen, ba^ bie p(|flen religiofen 
©laubemSmal^rl^eilen ani) SSernunflmal^rl^eilen feieh, fo l^alle 
@pinoga bie äBal^rl^eil aufgegeigt, gu ber bie äSernunfl 
mirflid^ fomml, menn fie ftd^ fclbfl übcriaffen ifl. 3n 
©eulfc^Ianb ^al ©oltfrieb SBil^elm ßeibnia (1646—1716) 
eine 9BeIlanfi|auung begrünbel, bie aüerbingiS nic^l in fo 
fd^roffem ©egenfa^ gu bem ©laubemSinl^alte flanb, mie bie 
©pinogiflifd^e. Siadi feiner Slnfidit beflel&l bie SBell nic^l 
au0 einem einzigen 3(IImefen, fonbern aui3 einer äSiell^eil 
felbflänbiger (Singelmefen, bie an^ ftd^ l^erauiS l^anbeln. 
SDiefe äBefen ftnb einfad^ unb ungerftörbar, unb ber @in« 
flang in il^rem ^anbeln ifl ein« für allemal oon einem 



— 21 — 

göttlichen Urtoefen oorl^erbefiitntnt. Wart fte^t: ed latn 
Seibni) batauf an, ha» SBefentlid^e ber überlieferten 
®Ianbeni»Iel^ren auc^ aU (Srgebniffe ber reinen Sernunft 
J^ingufteQen. Unb auf biefer Saign fc^ritt bann (Sl^riftian 
SBoIf weiter (1679 — 1764), beffen ?[nfd&auun9en im oorigen 
Soi^rl^unbert tonangebenb maren, nnb gu benen ftd^ au(^ 
^ant belannte, Bid er oon anberer ^eiit l^er in feinen 
Überzeugungen roanlenb gemod^t mürbe. @0 giebt ffir biefe 
SBeltauffaffung gmeierlei SBal^r^eiten. Sie einen merben 
aM ber äSeobac^tung ber £^atfad^en gemonnen; bieanbern 
fte§t bie Sernunft ein burc^ bloged Stad^benlen. Qu ben 
le^teren gelgoren bie pdgften Srienntniffe: ®ott, fjfrei^eit 
unb Unfterblidgleit. SSie tief begrünbet im beutfdgen ®eifted« 
leben bed norigen ^a^x^unbtti» SBoIfd 3)enlungdart mar, 
ba» geigt uniS nidgtd beutlidger ate fiefftngd Stellung inner« 
Igalb ber Sßeltonfdgauungdentmidelung. @r f agt fein ©laubeniS« 
be!enntni0 in bie SBorte gufammen: ,/S)xt Sludbilbung ge- 
offenbarter SBalgrIgeiten in Sernunftmalgrigeiten ift fdglec^ter- 
bingiS notmenbig, menn bem menfc^Iidgen ©efdglec^te bamit 
gelgolfen merben foll.'' 9Ran ^at bad ac^tgelgnte 3a^r- 
^unbert ba» ber 9(ufIIärung genannt. 2)ie ©eifter Seulfdg« 
lanbiS oerftanben bie llufllarung im @inne bed Sefrtng« 
fdgen auiSfprudgeiS. ' 5tant Igat bie Slufllärung erllört aü ben 
^SluiSgang bt» 9RenfdE|en aud feiner felbftoerfc^ulbeten lln« 
münbigleit" unb aü ilgren SBalgIfprudg begeid^net: «^abe 
äRut, bidg beineiS eigenen Serftanbed gu bebienen.'' %un 
moren felbft fo ^eroorragenbe 3)enler mie Sefftng burdg 
bie Sbifücirung nidgt meiter gelommen, ate biiS gu 
einer oerftanbeiSmägigen Umformung ber auiS bem d^ftanbe 
^felbftoerfdgulbeter Unmünbigleit" überlieferten ©laubeniS« 
leieren. @ie ftnb nidgt gu einer reinen Sernunftanftc^t oor« 
gebrungen mie ®pinoga. Stuf folc^e ®eifter mugte bie 
Seigre beiS Spinoga, aü fie in 3)eutfdglanb belannt mürbe, 
einen tiefen Sinbrud mad^en. (St ^aiit t» mirllidg unter« 
nommen, fid§ feine0 eigenen SerftanbeiS gu bebienen, mar 
aber babei gu gang anberen Srienntniffen gelommen ate 
bit beutfc^en Slufllärer. Sein Sinflug mugte um fo be« 



— 22 — 

beuifamer fein^ ate feine naä) matl^ematifd^er 9(rt feft ge« 
bauten @d|IugfoIgerungen eine t)iel größere übergeugenbe 
^aft l^atten; ali^ bie leidEjigefd^ürgten ©ebanlenletten SßoIfiS. 
8Bie biefe auf tiefere ©emüter roirlten, bavon erl^alten wir 
eine äiorfiellung au$ @oti^t» ^^id^tung unb ^al^rl^eit^^ 
6r erjäl^It t)on btm Sinbrudt, ben ^rofeffor SBinllerS im 
@eifte ^olfi^ gel^altene SSorlefungen in i^eipgig auf il^n 
gemad^t l^aben: ^.äReine ^oQegia be^nä)it icf) anfangiS emfig 
unb treulid^; bie ^l^ilofopl^ie wollte tnid^ iebod^ leineiSroegi^ 
auffictren. 3n ber Sogil lam eS mir munberlid^ oor, ba% 
iä) biejenigen ©eifte^operationen, bie id| t)on S^^g^nb auf 
mit ber größten Sequemlid^Ieit Detrid^tete, fo auSeinanber 
gerren, Dereingeln unb gleid^fam ^erftören foEte, um ben 
redjten ©ebrauc^ beiSfelben eingufel^en. SSon bem S)inge, 
Don ber SSelt, t)on @ott gilanbtt iä) ungeföl^r fo oiel gu 
roiffcn afe ber Seigrer felbfl, unb e§ fdE)ien mir an meftr 
afe einer SteDe gewaltig ju l&apern." SSon feiner Sefd^äf* 
tigung mit SpinogaiS Sd^riften ergct^It nn^ bagegen ber 
Siebter: „^ö^ ergab midfi biefer Öeltürc unb glaubte, inbem 
idE| mid^ felbft fd^aute, bie SBelt niemals fo beutlid} erblidCt 
gu l^aben.'' 3(ber nur SSenige oermod^ten, fid^ ber 3)en{ungiS« 
art ©pinogaS fo unbefangen l^ingugeben roie ©oetl^e. Sei 
ben äReiften mufete er einen tiefen 3n)iefpalt in bie SBelt» 
auffaffung bringen. 5ür fie ifi ©oetl^cS greunb 3fr. ^. 
3acobi ein SHepräfentant. (Sr fal^ ein, ba^ bie fid^ felbft 
überlaffene SSernunft nid^t gu ben ©laubendlel^ren, fonbern 
gu ber Slnfic^t fülgre, gu ber ®pinoga gelommen ift, bai 
bie äSelt oon emigen, notmenbigen ©efe^en bel^errfd^t mirb. 
@o ftanb Sacobi oor einer bebeutfamen ®ntfd^eibung : ent» 
meber mugte er feiner SSernunft oertrauen unb bie ©laubeniS» 
leieren fallen laffen; ober er mugte, um bie le^teren gu 
bel^alten, ber Vernunft felbft bie SRöglidEiIeit abfpred^en, gu 
ben l^öd^ften Sinfid^ten gu lommen. @r möl^Ue baS le^tere. 
@r bel^auptete, ba^ ber 3Renfd^ in feinem innerften ©emiite 
eine unmittelbare ©emigl^eit l^abe^ einen fidleren ©lau ben, 
oermöge beffen er bie äSal^rl^eit ber äSorfteüung eineiS per» 
fonlid^en ©ottesS, ber Ofi^ei^eit bed SBiQeniS unb ber Un:? 



— 23 — 

^erblic^Ieit fül^Ie, fo bag biefe Übergeugung gang unabl^ftngig 
fei oon btn auf logtfd^e tJfolgentngen geftfi^ten Srlenntniffen 
ber SBeintinft, bie ftd^ gar nid^t auf biefe 3)inge begießen, 
fonbern nur auf bie äußeren %aturoorgänge. Stuf biefe Seife 
^ai 3acobi ba» oernünftige ffiiffen abgefe^t^ um ffir 
einen bie Sebürfniffe bed bergend befriebigenben ®Iauben 
$Ia^ gu belommen. ®oti^t, ber Don biefer (Snttl^ronung 
btS SBiffeniS votniq erbaut xoax, fd^reibt an ben ^>^eunb: 
„®ott ^ai S)idE| mit ber äRetap^^ftf geftraft unb 2)ir einen 
$fa]^I in» Sleifd^ g^f^^t, mid^ mit ber $l&9fil gefegnet. 34l 
^alte mic^ an bit ©otteiSoerel^rung beiS Streiften (Spinoga) 
unb überlaffe @udE| düt», xoa» il^r Steligion l^ei^t unb 
l^eigen mögt. S)u l^ältft aufd ® lau ben an @oii; ii) 
oufiS (Sd^auen." S)ie Slufllärung l^at gule^t bie ©eifter 
oor bie 'Säaf^l gefteüt^ entmeber bie geoffenbarten SBalgr« 
i^eiten burdi bie Sernunftmal^rl^eiten im @pinogiftifd^en @inne 
gu erfe^en, ober bem Dernunftgemögen äßiffen felbft ben 
^eg gu erllären. 

Unb oor biefer SBal^I ftanb aaä) Sant 9Sie er fid^ gu 
il^r fteSte unb über fie entfd^ieb; ba» gel^t an» ber Haren 
Sludfül^rung im äSormorte gur gmeiten Auflage feiner 
^Äritil ber reinen Sernunft" l^eroor: ^©efefet nun, bie 
3RoraI fc^e notmenbig gfrei^eit (im ftrengften Sinne) afe 
Sigenfd^aft unfered SBiüend ooraud, inbem fte prattifd^e 
in unferer äSernunft liegenbe ©runbfä^e anführt, bie o^ne 
SSorauSfe^ung ber tJfteil^eit fd^Ied^terbingiS unmöglid^ mären, 
bie fpefulatioe SSernunft aber l^ätte bemiefen, ba^ bie» \id) 
gar nid^t beulen laffe, fo mu§ notmenbig jene Soraud« 
fe^ung, nämlid^ bie moralifdie ber|enigen meid^en, beren 
@egenteil einen offenbaren SSiberfprud^ entl^ctlt, folglid^ fjfrei« 
i^eit unb mit i^r Sittlid^Ieit btm %aturmed^anidmu)S 
ben $Ia^ einröumen. ®o aber, ba id^ gur äRoral nid^td 
meiter braud)e, dl» bai f^reil^eit ftc^ nur nid^t felbft miber« 
fprec^e unb ftd^ alfo bodEi menigfteui^ beulen laffe, ol^ne 
notig gu l^aben, fie meiter eingufel^en, ba^ fie olfo 
bem %aturmed|aniiSmui3 ebenberfelben ^anblung (in anberer 
äSegie^ung genommen) gar lein ^inbernii^ in ben SBeg lege; 



— 24 — 

fo Behauptet bie Seigre bex Sittlid^Iett tl^ren $Iatf, toeld^ed 
aber nid^t ftattgefunben l^ätte, loenn nid^t jtritil uniS guoor 
Don unferer uttDermeiblid^en UntDtffenl^ett in 9n* 
fe^ung ber 2)inge an ftd^ felbft belel^rt, unb aUt9, 
ma& mit tl^eoretifd^ erlennen lonnen, auf bloge @rfc^etnungen 
eingefd^rcinlt l^ätte. @ben biefe Erörterung bt§ pofittoen 
%u^eniS Iritifd^er ©runbfci^e ber reinen SSernunft lägt ftd^ 
in Slnfe^ung btB Segriffi^ oon ®oti unb ber einfachen 
%atur unferer @eele jeigen, bie id^ aber ber JCiirge l^alber 
oorbeigel^e. Sd^ lann alfo ®oit, f^reil^eit unb Unfterb» 
lid^Ieit ium ©thtanä^ be$ notmenbigen ©ebraud^iS pral« 
tifd^er Sernunft nid^t einmal anne^men^ menn i(^ nid^t 
ber fpelulatioen SSernunft gugleid^ il^re änmagung über« 
fd^n)englidger @infid^ten benehme. . . . Sdi ntugte alfo 
baii 9ßiffen aufl^eben, um jum ®Iauben ^la^ gu 
belomnten/ 3Kan fie^t, Jfant fielet gegenüber äSiffen nnb 
©lauben auf einem öl^nlid^en Soben mie Sacobi. 

S)er äSeg, auf bem er bal^tn gelangte, ift aüerbingd 
ein anberer. ®r mar bis in fein fünfunboierjigfted J3a|r 
glöubiger Slnl^önger SBoIfiS. Son biefem @Iauben l^atte 
il^n ba» @tubium be» englifd^en $]^iIofopl^en 2)aoib 
$ume (1711—1776) abgebrad^t. ©iefer l^atte allen 6in- 
fid^ten bed menfdjlid^en SSerftanbeiS einen rabilalen 3^^if^I 
entgegengefe^t. äSaiS fdieint eine fic^erere SBal^r^eit ju fein, 
ate bai lebe SSirlung eine Urfad^e l^aben muffe? $ume 
erfc^ütterte bie Überzeugung Don biefer ®twxi^txt äSenn 
ic^ einen ®tein fallen fel^e unb nad^l^er eine äudl^ol^Iung 
im Srbboben ma^rnel^me, fo nenne i^ biefe eine SBirfung 
bed tiaUt». Slber mo^er fd^öpfe id^ bie ©emigl^eit, bog 
jmifd^en Urfad^e unb 9BirIung ein notmenbiger 3ufammen« 
l^ang beftel^e? 3d^ nel^me btn gfall beS ®teind mal^r unb 
nac^l^er bie Sudl^öl^Iung. 2)ag beibeiS mit einanber in Ser* 
binbung ftel^e, beule ic^ l^inju, fagt ^ume. SDad S)en!en 
oerlnüpft bie äSal^rnel^mungen, aber nid^t, meil in biefen 
felbft etwa» liegt, ma& biefer Serlnüpfung entfpräd^e, fon« 
bem meil fid^ ber Serflanb gemol^nt l^at, bie 2)inge in 
einen Sufammenl^ang )u bringen. S)er Stenfd^ ift gemol^nt, 



— 25 — 

)tt fe^en, bog ein 2)fne auf ein anbete« bet 3^^ itad^ 
folgt 6r fielet auä^, baft auf gemiffe Sorgftnge immer 
gleid^e anbere folgen; er bilbetfi^ ^^e SorfieOung, bog ed 
fo fein muffe. (Sr mad^t ben elften Sorgang 3ur Urfod^e, 
btn ameiten gut SBirfung. S)er SRenfd^ ift au<^ gemol^nt^ 
gn feigen, bog auf einen ®ebanlen feined ®eiftei9 eine 9e» 
megnng feinem» Seibed folgt ßr erllört: ber ®eifl l^abe bie 
SeibeiSbemegung bemirlt. 2)enIgemo^nl^eit, nid^t« meiter 
liegt ben ^udfagen über ben Sufammenl^ang ber SBett* 
erfii^einungen jn ©ntnbe. SBirllid^Ieit l^aben nur bie einzelnen 
SBal^mel^mungen. 

%)uxd) biefe SluiSfü^rungen ^umed iß jtant aM bem 
®d^Iummer enoedt morben, in btn il^n, nai) feinem eigenen 
Sdenntnid, bie SBoIffd^e Sbeenrid^tung oerfe^t Igatte. SBit 
lann bie Sernunft Urteile über ®ott, fjfrei^eit unb Unfterb* 
lid^Ieit fallen, menn i^re Üudfagen über bie einfo(^ften 9e« 
geben^eiten auf fold^ unfid^eren ®runblagen rul^en? S>er 
Slnfturm, ben nun jtant gegen bod vernünftige SBiffen unter« 
nel^men mniit, mar ein oiel meiter gel^enber ate berjenige 
Sacobid. 2)iefer l^atte biefem SBiffen menigftend bieSRog« 
lid^Ieit laffen lonnen, bie Statur in il^rem notmenbigen 3u« 
fammenl^ange ^u begreifen. 'Stnn ^at Stani auf bem ®e« 
biete ber %aturerfenntnid eine midE|tige %^ai mit feiner 
1755 erfd^ienenen „SUIgemeinen %aturgefd^id^te unb £]^eorie 
bed ^immete^ ooQbrad^t. (Sr ^ai gegeigt, ba% man ft(^ 
unfer gangeiS $Ianetenf9ftem cm» einem ®aiSbaQ entftanben 
ben!en !dnne, ber ftc^ um feine 9d^fe bemegt. 2)urd^ ftreng 
notmenbige matl^ematifc^e unb pJ^^fSoIifd^e jtrdfte ^aben 
fi(^ innerhalb biefe^S SaHed @onne unb Planeten oerbid^tet 
unb bie %emegungen angenommen, bie fie in ®emä6l^eit 
ber Seigren ftopernitui^' unb Sepplerd l^aben. ffant l^atte 
alfo bie t^rud^tbarleit ber ®pino)ifÜfd^en Sen!art, nad^ 
meld^er aSed mit ßrenger matl^ematifd^er %otmenbigIeit ftd^ 
abfpielt, burd^ eine eigene groge @ntbedEung auf einem 
fpeaieQen ®ebiete enoiefen. @r mar oon biefer O^^d^tbar« 
{eit fo überzeugt, bai er in btm genannten Serie gu bem 
SIttdrufe ftd^ oerfteigt: ^®ebt mir SRaterie, unb id^ miH 



— 26 — 

tnä) eine 9BeIt batau^ bauen/ Unb bie unbebingte ®e« 
n)igl^eit ber matl^ematifc^en SSal^rl^eiten ftanb für tl^n fo 
fefl, ba^ er in feinen ^^Slnfangi^grünben ber Sialurmiffenf^afl" 
bie 93el^auptung auffteQt, eine eigentliche äSiffenfd^aft fei 
nur eine foIdEje, in xod^tv bie Slnmenbung ber 3Rat|entatiI 
ntöglid^ ift. ^äiie |)ume Siedet, fo lönnte oon einer ©enjife» 
l^eit ber matl^emaiifd^en unb naturmiffenfd^aftlidgen @rlennt» 
niffe nid^t bie Siebe fein. ®enn bann wären biefe ßrlcnnl» 
niffe nid^tö afe ©enlgcrool&n^citen, bie fxä) ber 9Kenf(i^ an- 
geeignet l^at^ n)eil er ben Sßeltenlauf in i^rem ©inne fid^ 
{lat abfpielen feigen. 9lber t^ beftünbe nic^t bie geringste 
Sid^erl^eit bariiber, ba^ biefe Scnlgemol&nl^citen mit bem 
gefe^mägigen 3uf<^^in^^^<i^9 ^^^ 2)inge eiroa^ gu tl^un 
l^aben. .*^ume ^iel^t auiS feinen SSorauSfe^ungen bie f^oU 
gerung: „®ie SrfdEieinungen med^feln fortroäl^renb in ber 
äSelt, unb eines folgt bem anbern in ununterbrod^ener 
golge; aber bie ©efefee unb bie Gräfte, meldjc baS SBcItaH 
bemegen, finb unS oöQig oerborgen unb geigen fid^ in leiner 
mal^rnel&mbaren Sigenfd^aft ber Körper ..." 3lüdtt man 
alfo bie 9BeItanfd|auung @pinogad in bie SeleudEitung ber 
^umefd^en änfid^t, fo mufe man fagen: 9iac^ bem bisl&er 
n)a]^rgenommenen SSerlauf ber äBeltoorgänge Igaben mir unS 
gcroöl^nt, fie in einem notmcnbigen, gefefemägigen Swfötnmen» 
i^ange p beulen; mir bürfen aber nid^t bel^aupteU; ba^ 
biefer Swf^twimenl^ang mel^r ift als eine blofee Senlgemol&n- 
l^eit. Siröfe ba^ ^n, bann märe eS nur eine 5£äufd^ung ber 
menfd^Iid^en SSernunft, ba^ fie über ba^ 9Befen ber SBelt 
bmd) fid^ felbft irgenb meldten S(uffd^lug geminnen lönne. 
Unb |)ume lönnte nid^t miberfprodien merben, menn er oon 
ieber Sßeltanfd^auung, bie auS ber reinen SSernunft ge« 
monnen ift, fagt: ^SBerft fie ins Seuer, benn fie iftnid^ts 
als 2:rug unb SIenbmerl.'' 

S)iefe fjfolgerung ^umeS !onnte Sani unmöglid^ )u ber 
feinigen machen. S)enn für il^n ftanb bie ©emigl^eit ber 
naturmiffenfd^aftlidien unb matl^ematifd()en @rlenntniffe, mie 
mir gefeiten l^aben, unbebingt feft. (Bx moDte fid^ biefe 
*®emigl^eit nid^t antaften laffen, lonnte fi(^ aber bennod^ 



— 27 — 

btt Sinfic^t nid^t entaicl^en, bag $uine Stecht f^atit, mtnn 
er fagte: 90e Srtenntniffe fiber bie mtrllid^en Singe ge« 
loinnen mir nur, inbem n)tr biefe beobachten unb auf 
®ntnb ber Seobat^tung uniS ©ebanlen über il^ren 3ufammen« 
bang bilben. Siegt in ben S)tngen ein gefe|mä|iger 3u« 
fammenbang, bann muffen tote ibn aui^ aud ben Singen 
berauiSboIen. 9SaiS mit aber aud btn Singen "^txaM^oltn, 
bODon n)iffen mir nicbt ntebr, aü bag t» bid je^t fo ge* 
mefen ift; mir miffen aber nid^t, ob ein fold^er Sufamnten- 
bang mirllicb fo mit bem äSSefen ber Singe oermad^fen ift, 
ba% tt \\ä) nid^t in iebem Beitpunit änbern lann. Senn 
mir und beute auf ®runb unferer Seobad^tungen eine Seit« 
anfd^auung bilben, fo lönnen morgen Srfd^einungen ein« 
treten, bie und gu einer gang anberen jmingen. $oIen mir 
aOe unfere Srienntniffe and ben Singen, fo giebt ed leine 
®tmxif)eii, Slber ed giebt eine ®emiif)txi, fagt ftant. Sie 
Watbematü unb bit %aturmiffenfd^aft bemeifen t». Son 
einer SBelt, bie auger und ausgebreitet liegt unb bie mir 
nur burd^ Beobad^tung auf und einmirlen laffen, ISnnte 
unfere Sernunft niemald bebaupten, bQ% etmad in ibr gemig 
fei. gfolglicb fann unfere 38elt nur eine folc^e fein, bie 
mir felbft aufbauen: eine SBelt, bie innerbalb unfered 
®eifted liegt S3ad auger mir oorgebt, mäbrenb ein @tein 
fönt unb bie @rbe aM^öfjUi, meig id^ nidE|t. Siefer ganae 
äSorgang fpielt ftdEi in mir ab. Unb er lann fic^ in mir 
nur fo abfpielen, mie ed ibm bie ®efe^e meined eigenen 
geiftigen Crganidmud oorfd^reiben. Sie @inrid^tung meined 
(Seifted forbert, bQ% jebe SBirlung eine Urfac^e b^be unb 
bag gmeimal ^mti oier fei. Unb gemäg biefer Sinrid^tung 
baut fidEi ber ®eift eine SBelt auf. SRöge nun bie auger 
und liegenbe 9BeIt mie immer gebaut fein, möge fie fogar 
beute in feinem 3«g« ber geftrigen gleid&en; und lann bad 
nidE|t berfil^ren, benn unfcr ©cift fd^afft pd^ eine eigene 
SBelt nad^ feinen @efe^en. @o lange ber menfd^Iid^e ®eift 
berfelbe ift, mirb er bei Srgeugung feiner SBelt anä^ in 
gleid^er SBeife oerfal^ren. SRatbematif unb 3?aturmiffenfc^aft 
entbalten nic^t Sefe^e ber Sugenmelt, fonbern biejenigen 



— 28 — 

unfereiS g^^f^^O^^ OrgantömuiS. 2)eiS]^aIB Brauchen mir nur 
biefett su erforfd^en^ rotnn wie ba^ unbebingt SBalgre lennen 
lernen mollen. ,,2)er äJerftanb fd^öpft feine ®efe^e nic^t aM 
ber "Siainx, fonbcrn fcfireibt fte biefer vot". 3n biefcm @a^e 
fagt Sant feine Übergeugung gufammen. S)er @eift erzeugt 
aber feine Snnenmelt nid^t ol^ne S(nfto6 ober @inbrudE t)on 
äugen. Sßenn id^ eine rote f^orbe entpftnbe, fo ift ba» 
;,8lot'' aEerbingö ein 3Mft<ini>^ ^in Sorgang in mir; aber 
id^ ntug eine SSeranlaffung l^aben, ba^ iä) „tof* empftnbe. 
Si? giebl alfo ;, Singe an fid&". SBir roiffen jebod^ oon 
il^nen nid^ti^^ alß bai eB fte giebt. Wit9, ma» mit beob» 
ac^ten^ finb SDinge in uniS. Sant i)ai alfo^ um bie @twii» 
l^eit ber matl^ematifd^en unb naturmiffenfd^aftlid^en SSal^r« 
l^eiten gu retten^ bie gange SSeobad^tungiSmelt in ben menfd^« 
lidEien ©eift l^ineingenommen. S)amit ^ai er aber audE^ 
aDerbingi^ bem @rIenntniiSoerm6gen unüberfteiglid^e ©renken 
gefegt. S)enn aUe^, xoa2 mir erlennen lönnen, begiel^t fidE) 
nid^t auf 3)inge auger uniS, fonbern auf SSorgänge in uniS, 
auf Srfd^einungen, mie er ftdi an^btüdi. %un lönnen 
aber bie ©egenftönbe ber pd^ften SSernunf liSfragen : ©Ott 
Sfreil^eit unb Unfterblic^Ieit niemaliS in bie @rfd)einung 
treten. 9Sir feigen S)inge in uniS; ob bit auger uni^ oon 
einem göttlichen SSefen l^errül^ren, lönnen mir nid^t miffen. 
3ßir lönnen unfere eigenen @eelenguftänbe mal^mel^men. 
Slber auc^ biefe finb nur @rfd)einungen. Ob l^inter il^nen 
eine freie, unfterblid^e @eele malitt, bleibt unferer Sriennt« 
nii? »erborgen. Über biefe „®inge an ftdEi" fagt unfere 
@rlenntnii^ gar nid()tiS an», @ie beftimmt nichtig barüber, 
ob bie Sbeen oon il^nen mal^r ober falfd^ finb. SBenn mir 
nun oon einer anbern ®eite l^er über biefe S)inge tima» 
oernel^men, fo liegt nid)ti9 im SBege, il^re ®£ifteng anju« 
nel^men. %ur miffen lönnen mir nic^tiS über fie. diS giebt 
nun einen S^^g^^g P biefen l^öc^ften Sßal^rl^eiten. Unb 
bad ift bie Stimme ber $flid^t, bie in uniS laut unb beut« 
Iid§ fprid^t: S)u follft bk» nnb ba» tl^un. 2)iefer ^.late« 
gorifd^e gmperatio'' legt uniS tint Serbinblic^Ieit auf, ber 
mir uniS nid^t entjiel^en lönnen. Stber mie mären mir im« 



— 29 — 

ftanbe, einer folgen SSerbinblid^Ieti nad^julommen, xotnn mit 
ntd^t einen freien SBillen l^äittn? 9Sir Idnnen bie 9e« 
fd^affenl^eit unferer ®eele gnxir nid^t erlennen, aber mit 
muffen glauben, ba% fte frei ift, bamit fte i^rer inneren 
Stimme ber $ßid^t nac^Iommen lönne. 2?ir l^aben fomit 
über bie gfrei^eit leine ßrlenntnidgemig^eit mit über bie 
®egenftänbe ber äRat^ematil unb ber 9}aturmiffenf(^aft; 
aber mir l^aben bafür eine moralifc^e (Semiftl^eit 3)ie 
Befolgung bed lategorifd^en 3mperatio0 fü^rt gurXugenb. 
3)urd^ bie Xugenb allein lann ber SRenfd^ feine Seftimmung 
erreid^en. @r mirb ber ©lücffeligfeit mürbig. @r mu| 
olfo bie ©lüdfeligleit aud^ erreid^en lonnen. S)enn fonft 
mdre feine S^ugenb o^ne @inn unb Sebeutung. Damii aber 
ftd§ an bie 2:ugenb bie ®IüdCfeligIeit !nüpfe, mug ein SSefen 
ba fein, ba» biefe ©lüdFfeligleit )ur Sfolge ber Xugenb 
ma^t 2)ad lann nur ein inteütgented, ben pc^ften SBert ber 
Singe beftimmenbed äSefen, ®ott, fein. 2)urd^ ba& Sor« 
^anbenfein ber £ugenb mirb und bereu SSirlung, bie ®Iüdt« 
feligleit, verbürgt unb burd^ biefe mieber bad 3)afein ®otit», 
Unb meil ein finnlic^ed SSefen, mie t» ber SRenfc^ ift, bie 
ooHenbete ®lücffelig!eit nid^t in biefer unoolllommenen 
SBelt erreid^en fann, fo mu6 fein 2)afein über bied Sinnen« 
bafein l^inaudreid^en, bad l^eigt, bie @eele mug unfterblid^ 
fein. 9Borüber mir alfo nid^tö miffen lönnen: ba» ^anhext 
ftant au» bem moralifd^en ®Iauben an bie Stimme 
ber $flic^t ^en)or. 2)ie |)i)d^ad^tung oor bem ^flid^tgefül^I 
mar ba», xoa» i^m eine mirllid^e Sßelt mieber aufrichtete, 
ate unter ^umei^ @influ6 bie 9eobad)tungdmeIt gur bbgen 
Snnenmelt l^erabfanl. 3n fc^bnen Porten lommt in feiner 
;,SritiI ber praltifd^en Sernunft'' biefe ^odEiad^tung gum 
SluiSbrud: ;,$flic^t! bn erl^abener, groger %ame, ber bu 
nid^tiS SeliebteiS, wa» Sinfd^meid^elung bei fid^ fül^rt, in 
bir faffeft, fonbern Untermerfung rerlangft", ber bu „ein 
®efe^ auffteDft . . . uor bem aDe Neigungen rerftummen, 
menn fte gleid) im ®e^eimen il^m entgegenmirlen ....'' 
S)ag bie I^Sd^ften SSal^rl^eiten leine @rIenntniiSmal^r^eiten, 
fonbern moralifd^e feien, bad l^ielt ftant für feine 6nt« 



— 30 — 

bedung. Sluf (Sinfid)ten in eine überftnnlidie 9SeIt tnu§ 
ber SRenfd^ oergid^ten; an^ feiner moralifd^en %atur ent« 
fpringt il^m @rfa^ für bie (SrfenntniS. Sein SBunber, bafe 
Stani in ber unbebingten rüd^altlofen Eingabe an bie 
$flic^t bie pd^fte ^orberung an ben 3ßenfd^en fielet. @r« 
öffnete il^m bie ^flid^t ni(f)l einen Sui^blidC au^ ber ©innen» 
n)eli l^inaud; er toäxe fein gangeiS Seben l^inburd^ in biefe 
eingefd^Ioffen. '^a^ alfo aud^ bie @innenn)elt t)erlangt: 
t9 mug gurüätreten l^inter ben Slnforberungen ber $flid^t. 
Unb bie ©innenrocit lann ouS fiä) felbfl fterauS nidtjt mit 
ber ^flid^t übereinftimmen. Sie roiD ba^ Slngenel^me, 
bie Suft. Sinnen mug bie $fiic^t entgegentreten, bamit ber 
3Renfd| feine Seftintntung erfüDe. SBad ber SBenfd) aui5 
Suft oollbringt, ift nid^t tugenbl^aft; nur roa» er in ber 
felbftlofen Eingabe an bie $fli(^t Doüfül^rt. Unterwerfe 
beine Segierben ber ?5flid^t: ba^ ift bie ftrenge Slufgabe 
ber JSantfd^en Sittenlehre. SßoQe nichts, ma^ bid^ in beiner 
@elbflfud£)t befriebigt, fonbern l^anble fo, ba^ bie ®runb» 
fö^e beined .^anbelni^ bit aütt 9Senfd^en merben lönnen. 
3n ber Eingabe an boS ©ittengefe^ erreid^t ber SRenfd^ 
feine SSoIIIomnten^eit. 5)er ©laube, ba^ btefeS ©ittengefe^ 
in erliabener §ö^e über allem anbern SBeltgefc^e^en 
fd^mebt unb burd^ ein göttlid^eS äSefen in ber SBelt oer« 
mirflid^t mirb, bai? ift, nad^ Santo 9Keinung, roal&re Sleli- 
gion. Sie entfpringt an^ ber 3ßoraI. S)er 3RenfdE| foD nid^t 
gut fein, meil er an einen ®ott glaubt, ber ba^ ®nit 
toiU; er foH gut einzig unb allein au^ ^flic^tgefül&I fein; 
aber er foll an ®oii glauben, meil ^flid^t ol&ne ®ott ftnn- 
loö ift. S)aS ift ;,SleIigion innerhalb ber ©rengen ber 
blofeen Sernunft" mie Äant fein S3ud^ über religiöfe SBelt- 
anfd^auung nannte. 

®ie felbftlofe Eingabe an bie Stimme beS ©eifteS l^at 
$tant gur ©runblage ber äßoral gemacht. $luf bem ®t» 
biete bt^ tugenbl^aften $anbelni^ Dertrögt ftdd eine fold^e 
Eingabe nid^t mit berjenigen an bie Sinnenmelt. @d giebt 
aber ein Sfelb, auf bem ba§ ©innlid^e fo erp^t ift, ba% 
ed mie ein unmittelbarer Slui^brud beS ©eiftigen erfd^eint. 



- 31 — 

3)ieiS i\t ba» ®ebiet bed Sd^Snen unb bei ftunfi 3m all- 
täglid^en Seben verlangen tDtc bod Sinnliche, meil ed unfer 
äSege^ren, unfer felbftfüd^tiged 3ntereffe erregt. 93ir tragen 
Serlangen nac^ bem, toa» und Suft ntad^L 9Bir lönnen 
aber anä) ein felbftlofei^ Sntereffe an einem ©egenftanbe 
Igaben. Sßir lönnen ben)unbernb vox il^m ftel^en, t)oQ von 
feiiger Suft, unb biefe Suft lann ganj unabl^öngig oon 
bent 99efi^ ber Ba^t fein. Ob id^ ein fdE|önei$ ^aud, an 
bent xä) oorüberge^e, aud^ beft^en ntöd^te, ba^ l^ai mit bem 
felbfilofen ^ntereffe an feiner Sd^ön^eit ni(^td gu tl^un. 
SBenn id) aUed ^egel^ren aud meinem ®efü^Ie auiSfd^eibe, 
fo bleibt nod) etmad ^urüdt, eine Suft, bie ft(^ rein an bad 
fd^one ^nfimer! Inüpft @ine fold^e Suft ift eine öftl^etifd^e. 
^a§ @d^öne unterfd^eibet fid^ von btm 9(ngene^men unb 
bem @uten. S)ai$ Slngenel^me enegt mein Sntereffe, n^cil 
ed meine 89egierbe ermedCt; ba» ®ute interefftert mi(^, meil 
tS bnxi) mxd) oermirÜidjt merben foll. 2)em Sd^önen fte^e 
id^ ol^ne irgenb ein fold^ed 3ntereffe, ba^ mit meiner ^erfon 
gufammenl^cingt; gegenüber. SBoburd^ !ann ba^ ©c^öne mein 
felbftlofed äSol^Igef allen an [\ä) giel^en? 9Rir lann ein 
2)ing nur gefallen, menn ed feine Säeftimmung erfüllt, menn 
e§ f befc^affen ift, ba^ ed einem !imtdt bient. 3<^ muft alfo 
an bem Sdjönen einen 3^^^ ma^rne^men. 5Die 3^^^^' 
mögigleit geföQt; bie 3n>cdn)ibrigleit mi^äDt. S)a id^ aber 
an ber 9BirIIid|!eit bt^ fdjonen ©egenftanbeiS lein 3ntereffe 
l^abe, fonbern bie bloge 3lnfd)auung bedfelben mid^ be« 
friebigt, fo brandet ba& ®d)£)ne auc^ nid^t mirfiic^ einem 
3medfe gu bienen. 2)er 3n)ed( ift mir gleichgültig, nur bie 
3n)edbnagigleit verlange id^. 3)edl^alb nennt ftant irfd^ön'' 
badjenige, moran mir 3^^dmägigleit mal^rne^men, ol^ne 
bai mir babei an einen beftimmten '^mtd beulen. 

@d ift nid|t nur eine SrÜörung, ed ift audE) eine ^eä^U 
fertigung ber jSunft, bie Kant bamit gegeben l^at. Tlan 
fielet ba§ am befien, menn man fid| uergegenmärtigt, mie 
er fidE) mit feinem ©efül^Ie gu feiner SBeltanfd^auung fteQte. 
(£r brüdft ba& in tiefen fd^önen SBorten auiS: ;,3n>ei ^inge 



— 32 — 

erfüDen ba^ ®etnüt mit immer neuer nnb fietö junel^menber 
Seipunberung unb @l^rfur(t)t: ber gefiirnte £)immel über 
mir unb ba&' moralifd^e ®efe^ in mir. 5Der erfte Stnbtict 
einer ^al^Uofen SBeltenmenge nernid^tet gleid^fam meine 
Sßid^tigfeit^ al» einci^ animalifd^en ©efc^öpfeiS^ ba» bie 
äRaterie^ aM ber e» maxb, bem ^laneten^ einem blogen 
$unlt im SBeltaQ, mieber gurüdgeben mug, nadjbem t» 
eine lurge '^eit (man meig nid^t mit) mit Sebendiraft oer« 
feigen mar. S)er gmeite erl^ebt bagegen meinen SSert^ als 
einer 3nteQigeng, unenblid^ burd^ meine (felbftbemugte unb 
freie) $erfönlid)leit, in meIdE)er bad moralifd^e ®efe^ mir 
ein Don ber ^ier^eit unb felbft t)on ber gangen @innen» 
melt unabl^ängiged Seben offenbart, mentgftend fo Diel fic^ 
auö ber groedEmöfeigen S3cftimmung meines ®afeinö 
burd) biefeS ®efe^ abnel^men lägt, meiere nid^t auf bie 
Sebingungen unb ©renjen biefcS ßcbenS eingefd&ränft ift, 
fDubern inS Unenblid^e gel^t.'' 2)er ^iinftler pflangt nun 
biefe gmcdCmäfeige Scftimraung, bie in 8BirfIid&!eit nur 
im moralifd^cn 8BcItrcidf)e maltet, ber ©innenmclt ein. ®a» 
burdi fte^t ba^ ^unftroerl gmifd^en bem @ebiet ber Seobi* 
ad^tungSmelt, in ber bie emigen eisernen ®efe^e ber 3toU 
menbig!eit l^errfdEien, bie ber menfc^lid^e @eift erft felbft in 
fie l^itteingelegt l^at, unb bemüteid^e ber freien ©ittlid^feit, 
in ber $fIid^tgebote aU S(uSfIug einer meifen göttlid^en 
SBeltorbnung 9tidt)tung unb 3^^^^ angeben. 3n'if<$cn beibe 
äteidie l^inein tritt ber ^ünftler mit feinen SBerfen. @r ent« 
nimmt bem SReic^ beS SBirllid^cn feinen Stoff; aber er 
prögt biefen @toff gugleid^ fo um, bag er ber Präger einer 
gme(|mägigen .^armonie tft, mie fie im Sleid^e ber f^reil^eit 
angetroffen miro. S)er menfd^Iid^e @eift fül^It fid) alfo un« 
befriebigt mit ben blogen SReidien ber S3irllid)leit, baS 
Kant mit bem geftirnten |)immel unb ber gal^Uofen SSSelten« 
menge meint, unb bem ber moralifd^n ©efe^mögigleit. @r 
c^afft fic^ bedl^alb ein fc^öneS Steict) beS ®d)eineS, bai^ 
tarre %aturnotmenbigIeit mit freier 3<^^<^ä&ioI^i^ ^^' 
binbet. %un ftnbet nian baS ®d^öne nid^t nur in menfd^« 
lid^en Stunftmerlen, fonbem and) in ber %atur. @S giebt 



— Sa- 
rin %aiurfd§oned neben bem ftunflfc^onen. S)tefed 9tatnt« 
fd^öne tft obne ntenfd^Iid^ed 3ut^un ba. S0 fc^eint olfo, 
ote wenn in bei SBirllid^Ieü boc^ nid^t blog bie fiarce, 
gefefenrögige %otn)enbigIrit, fonbern eine freie mrife Z^fttig« 
leit }u beobad^ten möre. S)ad Sd^öne gmingt aber )u einer 
fold^en Slnfc^auung bvd) nic^t S)enn ed bietet ja bie 
3n)edmägig!eit, obne ba% man an einen mirllid^en Stotd 
in benlen l^ötte. Unb ed bietet ni(^t blog 3n'c<lRf^6i8' 
&^önt», fonbern aud^ S^tdmäi Q'^äilxä^t9. 9Ran tann 
olfo annel^men, bag unter ber SfüOe ber Staturerfd^einungen, 
bie nad^ notn^enbigen @efe^en ^ufanintenbängen mit bntd^ 
3ufaQ aud^ fold^e finb, in benen ber menfd^Iic^e ®eift eine 
Analogie mit feinen eigenen jhtnftmerlen ma^rnimmt. 2)a 
an einen mirllic^en Qmtd nid^t gebadet gu mtxbtn brandet, 
fo genügt rine fold^e gleid^fam gufällig oor^anbene S^^^ 
ntä§igleit für bie öftl^etifd^e %aturbetrad^tung. 

SlnbetiS mirb bie @ad^e aüerbingiS; menn mir SSefen 
in ber %atur antreffen, bie ben Qmtd ni(^t blo% dufäDig, 
fonbern mirllid^ in ft(^ tragen. Unb aud^ fold^e giebt d^, 
nad^ ftantd 9Reinung. @d finb bie organifd^en SBefen. 
3u i^rer Srllärung reiben bie notmenbigen, gefe^mägigen 
3ufammenl^änge, in benen ftd^ SpinogaiS S3eltanf(^auung 
erfd^öpft unb bie ftant ald bieienigen bed menfd^Iid^en 
®rifted anfielet, nid^t an». S)enn ein «rOtganiiSmud ift 
rin %aturprobuIt, in melc^em alled Qmed unb med^fel« 
fritig aud^ äRittel, llrfac^e unb medbfelfeitig aud^ SBirlung 
iff". S)er OrganidmuiS lann alfo nt(^t fo mie bie un« 
organif^e %atur burd^ emige, eiserne ©efe^e erllärt merben. 
Sei^l^alb mrint Sant, ber in feiner «äägemeinen %atur« 
gefd^id^te unb Zl^eorie bt» ^immete" felbft ben Serfud^ 
unternommen l^at, bie ^.Serfaffung unb ben med^anifd^en 
Urfprung bed gan3en äSeltgeböubeiS nad^ %emtonf(^en 
®runbfö^en abgul^anbeln'', bai ein gleid^er Serfud^ für 
bie organifd^en 9Befen mißlingen muffe. 3n feiner ;,Jtrittf 
ber nrteitefoaft" bel^auptet er: „^» ift nämlid^ ganj gemig, 
ba% mir bie organifierten SBefen unb bereu innere SRöglid^Irit 
nad^ blog mec^anifc^en ^ringipien ber Statur nic^t rinmal 

steinet, VHÜtß unb Seienftanfd^auungcn- 8 



— 34 — 

gureit^enb lettnen lernen, mel meniger nn^ erllören !önnen; 
unb ixoat fo getotg, bai man breift fagen lann, e^ ift für 
ben 3Renfd^en ungereimt, auä) nur einen fold^en Slnfc^Iag 
au faffen, ober gu l^offen, bag nod^ etma bereinft ein %en)ton 
aufftel^en lönne, ber aud^ nur bie (Srgeugung einest @raiS« 
l^alnti^ nad^ Slaturgefe^en, bie leine Slbftd^t georbnet f^ai, 
begreif lid^ ntad^en merbe; fonbern man mug biefe (Sinfid^t 
btm SRenfd^en fd^Ied^tl^in abfpred^en/ 9ßit ber Santfd^en 
Sfnftd&t, bai ber meufd^Iid^e ®eift bie ®efefee, bie er in 
ber %atur Dorfinbet, felbft erft in fte l^ineinlege^ lägt fid^ 
aud^ eine anbere SReinung über ein gmedmögig gefialtetei^ 
Sefen nid^t oereinigen. S)enn ber S^td beutet auf ben« 
jenigen ^in, ber i^n in bie äSefen gelegt l^at, auf btn 
inteQigenten Sßelturl^eber. könnte ber menfd^Iid^e ®eift ein 
gmedmögigeiS Sßefen ebenfo erllctren, mie ein btog natur» 
notmenbigeS, bann mügte er aud^ bie 3n)ed(gefe^e aud ftdE^ 
l^erauS in bie 2)inge l^inetnlegen. @r mü§te alfo ben 
2)ingen nid&t blofe ©efefee geben, bie für fie gelten, infomeit 
fie feine 3nnenmelt bebeutcn; er müßte i^nen anä) il^rc 
eigene, von if)m gctnglid^ unabigängige 99eftimmung oor« 
fc^reiben lönnen. @r müiit alfo nid)t nur ein erlennenber, 
fonbern ein fd^affenber ©eift fein; feine SSernunft müfete 
mie bie göttlidge bie 2)inge fc^affen. 

SBer bie ©trultur ber Santfrfien SBeltauffaffung, mic 
fie l^ier ffiggicrt morben ift, fid^ oergcgenroärtigt, wirb bie 
SBirlung berfclbcn auf bie 3cit9c«off^w ^^^ ^^^ ^^f Mc 
SBad^roelt bcgreiflid^ finben. ®enn fie taftet feine ber Sor* 
fteHungen, bie fid^ im Saufe ber abenblänbifdt)en ffultur« 
entmidelung bem menfd)Iid^en @emüte eingeprägt ^aben, 
an. ©ie Iä§t bem religißfen ©eiftc: ©Ott, tJtei^cit unb 
Uttfterblid^Icit. Sie befriebigt ba^ SrIenntniSbebürfniS, inbem 
fte i^m ein ©ebiet abgrengt, innerl^alb beffen eS unbebingt 
gemiffe SBal^rl^eitcn gicbt. 3cr, fie läßt fogar bie äReinung 
gelten, bai bie menfc^Iid^e SSernunft ein Siedet l^abe, fid^ 
gur ©rllörung lebcnbiger SBefen nid^t bloß ber ewigen, 
eisernen %aturgefe^e, fonbern be» 3n)edCbegriffd gu bebienen, 
ber auf eine abfi^tlid^e Orbnung im Sßeltmefen btniet 



— 35 — 

Slber um meieren $reid f^ai Stani aOed biefed erreicht! 
@r ^ai bit gange Statur in ben menfd^Iic^en ®etft hinein« 
oerfe^t unb ilgre (Sefetfe gu foldjen biefed ©eifted felbft 
gemad^t. @r ^at bie ^ö^ere SBeltorbnung gang aud bec 
%aiur oermiefen unb [it auf eine rein ntoralift^e ©runblage 
gefteüt. @r ^ai gmifc^en ba& unorganifc^e unb bad organifc^e 
Steid^ eine fd^arfe ©renglinie gefegt; unb j|ened nad^ rein 
med^anifd^en, ftreng noimenbigen ®efe^en, biefed nac^ 
^wtdvoiltn ^btcn erllärt. @nblid^ f^ai er bad 9leic^ bed 
Sd^önen unb ber S(unft oöQig aud feinem Sufammen^ange 
mit ber übrigen SBirllid^leit l^eraudgeriffen. 3)enn bie 
SmedFmagigleit, bie im Schönen beobachtet mirb, ^at mit 
mirttid^en Qrotdett nid^td gu t^un. 9Bie ein fd^oner ®egen« 
^anb in ben Sßeltgufammen^ang l^ineinlommt, ba0 ift 
gleid^gültig ; t§ genügt, ba% er in uniS bie SorfteQung beiS 
SmedEmctgigen erregt unb baburd^ unfer äßol^Igefallen enegt. 



S)cn ©egenfafe gu biefer Äantfd^en Suffaffung ber SBelt 
bilbete in allen mefentlic^en S)ingen bie ®oet]^efd^e. Ungefö^r 
um biefelbe 3«t, als Äant feine ^»Äritil ber reinen ffiernunft" 
crfdjeincn liefe, legte ©oetl^e fein ©laubenSbclenntniö in 
einem g)^mnu5 in $rofa ;,bie Siatur" nieber, in btm er 
ben 9ßenfd^en gang in bie %atur l)ineinfteQte; unb fie, bie 
unabhängig t)on i^m maltenbe, gu t^rer eigenen unb feiner 
@efe^geberin gugleid) madjte. $ant nal^m bie ganje %atur 
in ben menfc^Iid)en ®eift herein, @oet^e fa^ aOed 3Renfd^li(^e 
ote ein ©lieb biefer Satur an; er fügte ben menft^Iic^en 
©eift ber natürlid^en SBcItorbnung ein. ^9iatur! SBir 
ftnb oon i^r umgeben unb umfc^Iungen — < unuermögenb, 
au2 il^r l^erauiSgutreten, unb unoermögenb, tiefer in fie 
l^ineingulommen. Ungebeten unb ungemarnt nimmt fie 
und in ben Kreislauf i^res^ Xan^t» auf unb treibt fid^ 
mit uns fort, bi« mir ermübet finb unb il^rem arme ent- 
fallen Sie 2Rcnf(^en finb alle in il^r, unb fie in 

aOen .... Slud) ba^ Unnatürlid)fte ift 92atnr, aud^ bie 
plumpefte $l^ilifteret l^nt etwa^ oon il^rem ©cnie . . . Ttan 

3* 



— 36 — 

ge^ord^t i^ren ©efe^en, aud^ menn man i^nen loiberfirebi; 
man mxili mit i^r, aud^ xotnn man gegen fte mirlen 
min .... @ie tft aQed. ®te belol^nt ftd^ felbft unb 5e« 
ftraft rtd& felbft, erfreut unb quält fi^ felbft .... Sie 
^ai mii) l^ereingefteSt, fte n^irb mic^ aud^ ^eraudfül^ren. 
^d) vertraue mid^ i^r. @ie mag mit mir fdgalten; fte 
mirb il^r SBerl nic^t l^affen. 3d& fprad^ nic^t Don i^r; 
neiU; mad ma^r ift unb maiS falfd^ ift, aQejg Igat fie ge« 
f protzen. SlQeiS ift i^re ®dE)uIb, aQed ift i^r Serbienft.'' 
2)aiS ift ber ©egenpol ber ^antfd^en äSeltanfc^auung. 99ei 
Sant ift bie %atur gang ©eift; bei ©oet^e ift ber ©eift 
gana %atur. @iS ift bemnad^ nur gu Derftänblidg; menn 
©oeti^e in bem Sluffa^e ^(Sinmirfung ber neueren ^^ilofopl^ie'' 
ergä^lt: „Santd ^ritil ber reinen äSernunft ... lag oöQig 
augerbalb meineiS ^reifeiS. ^d^ mol^nte jebod^ mand^em 
©efpräd^ barüber bei, unb mit einiger äufmerlfamleit lonnte 
xä) bemerlen, ba^ bie alte Hauptfrage fid^ erneuere, mie 
Diel unfer ®elbft unb mie t)iel bie ^(ugenmelt gu unferm 
geiftigen S)afein beitrage? 3d& l^abe beibe niemate gcfonbert, 
unb menn id^ nad^ meiner SBeife über ©egenftänbe pl^ilofop^ierte, 
fo tl^at id^ ei^ mit unbemugler 3laivtiäi unb glaubte mirllid^^ 
id& fä^e meine ÜKeinungen oor Slugen.'' 3n biefer Sluf* 
faffung ber Stellung ©oetl^ei^ gu Kant braucht und auc^ 
nit^t gu beirren, bai ber erftere mand^eiS günftige Urteil 
über ben ftönigiSberger $]^iIofop^en abgegeben l^at. 2)enn 
il^m felbft märe biefer ©egenfa^ nur bann gang Ilar ge« 
morben, menn er fic^ auf ein genaueiS @tubium Kantd 
eingelaffen l^ätte. S)aiS l^at er aber nid^t. 3n bem oben 
genannten Sluffa^ fagt er: „'S)tx Eingang mar t», ber 
mir gefiel; iniS fiab^rint^ felbft lonnte id^ mid^ nit^t magen; 
balb l^inberte mid^ bie S)i(^tungi^gabe, balb ber SRenfc^en« 
oerftanb, unb id^ fül^Ite mid^ nirgenbiS gebeffert." ®d^arf 
aber l^at er bo^ einmal btn ©egenfa^ auiSgefproc^en in 
einer ^ufgeid^nung, bie erft burd^ bie SBeimarifd^e ©oetl^e« 
Slui^gabeaud bem Sad^lagoeröffentlid^t morben ift(3Beimarifd^e 
ausgäbe, 2. «bteilung. »anb XI @. 377): ®er ©runb- 
trrtum ^antiS, meint ©oetl^e, htiiünbt barin, ba§ biefer 



— S7 — 

^bad fttbidKiDe Srlenninidoennogen felbft ate Objeli bu 
ixaä^iti unb ben $unlt, mo ftibjeltio unb objettio aufammen- 
treffen, jmar fc^orf aber ntd^l ganj rid^tig fonbett''. ®oet^e 
ifl eben ber Stnftc^t, bag in bem fubieltioen ntenfc^Itc^en 
SrlenntniiSoermogen ntc^t blog ber (Seift ol0 fold^er fi4 
aM^pxiä^i, fonbern ba% bie "Statut e0 felbfl ift, bie fid^ in 
bem SRenfd^en ein Organ gefd^affen ^at, burd^ baiS fie i^re 
©el^eimniffe offenbar merben Ugt (Id fprid^t gar nic^t 
ber SRenfd^ über bie Salur; fonbern bie Statur f priest im 
SRenfd^en fiber ftd^ felbft. ^a» ift ®oetl^ed fiberaeugung. 
So lonnte ©oetige fagen: @obaIb ber Streit über bie 
Seltanfid^t ftantd ^^ur Sprache lam, mochte ic^ mid^ gern 
auf biejlenige ©eite ftellen, meldte bem SRenfd^en am meiften 
S^re mad^t, unb gab aQen fjfreunben ooIUommen SeifaO, 
bie mit Stant bel^aupteten, menngleid^ aDe unfere SrIenntniiS 
mit ber Srfal^rung angelte, fo entfpringe fie barum boc^ 
nid^t eben aDe aud ber Srfa^rung.'' 2)enn®oet^e glaubte, ba^ 
bie emigen ®efe^e, nad^ benen bie Xatur oerfä^rt, im 
menf(^Ii(^en ®eifte offenbar merben; aber für i^n maren 
fie beiSl^alb bod^ ntd^t bie fubjeltioen ®efe6e biefed ®eifteiS, 
fonbern bie ob|e!tioen ber %aturorbnung felbft. 2)ei8l^alb 
lonnte er an^ Sd^tüer nid^t beiftimmen, aü biefer, unter 
ftanti? (Sinflug, eine fd^roffe ©d^eibemanb gmifc^en bem 9lei(^e 
ber Statumotmenbigleit unb bem ber O^reil^eit aufrid^tete. 
Sr fprid^t fi(^ barüber aud in bem Sluffa^: ^Sefanntfd^aft 
mit Sd^iQer": „'S)it jtantifd^e ^l^ilofopbie, meiere bad 
@ub|elt fo Igod^ erl^ebt, inbem fie t» einjuengen fd^eint, 
l^atte er mit gfreuben in fid^ aufgenommen; fte entmidCelte 
boiS SugerorbentlidEie, mad bie %atur in fein äSefen gelegt, 
nnb et, im l^odEiften ®efü^I berO^reil^ieit unb Selbftbeftimmung, 
mar unbanlbor gegen bie groge SKutter, bie iign gemi^ 
nid^t ftiefmütterlid^ bei^anbelte. »nftatt fte ate felbftänbig, 
lebenbig, oom STiefften biiS jum ^od^ften gefe^flic^ l^eroor« 
bringenb gu betrad^ten, nal^m er fte oon Seite einiger 
empirif(^en menfd^Ii(^en ätatürlid^Ieiten.'' Unb in btm 
Suffa^: »@inn)ir!ung ber neueren ^Igilofopl^ie'' beutet er 
ben ®egenfa^ gu Sd^tüer mit ben Sßorten an: „(St prebigte 



— 38 — 

ba» @oangelittm bet Qfrei^eit, i(i§ tooQte bie 9te(i§te ber 
%atur nid^t Derlürjt toiffen." 3n Sd^iQer ftedte eben tttoa» 
ton Aantifd^er SorfteÖungiSart; für (äoetl^e ift t& aber 
rid^tig, waiS er im ^inblid auf ®efpräd^e fagt, bie er mit 
Kantianern gefül^rt l^at: ^@ie prten mid^ mol^l, lonnten 
ntir aber nid^tiS ermibern, nod^ irgenb forberIid| fein. SRel^r 
aU einmal begegnete ed mir, ba^ einer ober ber anbere mit 
läd^elnber äSermunberung gugefianb: ei$ fei freilid^ ein 
§(naIogon ffantfd^er SSorfteQungi^art, aber ein feltfameiS/ 
Sn ber Sunft unb bem Sd^önen fal^ ®oet^e nid§t ein 
an» btm mirllic^en Sufammenl^ange ^eraudgeriffened 9leid§, 
fonbern eine pl^ere ®tufe ber natürlichen ©efe^mdgigleit. 
Seim Slnblide oon lünftlerifd^en ®d^öpfungen, bie il^n be« 
fonberiS intereffieren^ fd^reibt er mcil^renb feiner italienifd^en 
Steife bie äBorte nieber: „S)ie l^ol^en Sunftmerle ftnb gu« 
glei(^ alB bie l^öd^ften Xaturmerle oon 3Renf(^en nad^ 
maleren unb natürlid^en ®efe^en l^eroorgebrad^t morben. 
mti^ SSiQIürlid^e, @ingebilbete fäUt aufammen; ba ift 
%otmenbigIeit, ba ift ®ott." 9Senn ber Künftler im 
©inne ber ©ried^en oerfä^rt, nämlid^ ,,nad^ ben ©efefeen, 
nad^ meldten bie SRatur felbft oerfäl^rt'', bann liegt in 
einen SBerlen ba» ©öttlid^e, ba» in ber %atur felbft gu 
tnbcn ift. tiüt ®ottt)t ift bie Äunft ;,eine äRanifeftation 
gel^eimer Sfaturgcfcöc"; xoa» ber ffiünftler fd^afft, ftnb Siatur» 
merle auf einer pl^eren Stufe ber SSottlommenl^eit. ftunft 
ift Ofortfe^ung unb menfc^Iic^er Slbfd^IuB ber $atur, benn 
;,inbem ber SKenfd^ auf ben ©ipfel ber »atur gefteHt ift, 
fo fielet er fid^ mieber aU eine gange %atur an, bie in ft(^ 
abermate einen @ipfel l^eroorgubringen l^at. 2)a}u fteigert 
er [xä), inbem er fic^ mit allen ^oDIommenlgeiten unb 
S^ugenben burd^bringt, SBal^I, Orbnung, Harmonie unb 9e« 
beutung aufruft unb fic^ enblic^ bx» gur $robuItion bed 
^nftmerld erl^ebt''. 9IIed ift %atur, oom unorganifd^en 
Stein bid gu ben pd^ften ftunftmerlen beiS 3Renf^en unb 
aQed in biefer %atur ift oon ben gleichen ^emigen, not« 
menbigen, bergeftalt göttlidöen ©efefeen^ bel^errft^t, ba§ ^bie 



— 39 — 

9oii^tü felbft batan ntd^td änbttn linnit\ (Dtd^tung unb 
Sal^rl^eil. 16. Sitd^.) 

3(Id ©oetl^e im Saläre 1811 ^acobx» Sud^ ^t)on ben 
gdttlid^en 2)tngen'' lad; tnad^te cd i^tn «nidit tool^I; wie lonnie 
mir ba» ^n^ tint» fo ^erjHd^ geliebten gfreunbed mill« 
lommen fein, morin i^ bie Xl^efe buid^gefll^ri fe§en foDle, 
bit %atur verberge ®oU! SRugte, bei meiner reinen, tiefen, 
angeborenen unb gefibten Snfd^auungiSmeife, bie mid^ ®ott 
in ber $atur, bie %atur in ®ott gu feigen unoerbrüd^* 
lid^ geleiert ^aiie, fo ba^ biefe SorfteSungdort ben ®runb 
meiner gangen S^fteng mad^te, mugte nid^t ein fo feltfamer, 
einfeitig befc^ränlter StuiSfprud^ mid^ bem ®eifte nac^ oon 
btm ebelften SRanne, beffen ^erg ic^ oerel^renb liebte, für 
emig entfernen? 2)od^ id^ ^ing meinem fd^merglid^en Ser« 
bru^e nid^t nad^, id^ rettete mid^ oielmel^r gu meinem alten 
Sft|I, unb fanb in ®pinogad Stl^il auf mel^rere SSod^en 
meine töglid^e Unterl^altung, unb ba ^d^ inbei^ meine 
ä3ilbung gefteigert l^atte, marb id^ im fd^on Selannten 
gar manc^eiS, ba^ fid^ neu unb anberiS l^eroortl^ut, auc^ 
gang eigen frifd^ auf mid^ einmirlte, gu meiner Sermunberung 
geroa^r." 

2)ai^ Steic^ ber ^otmenbigleit im Sinne (Spinogad ift 
für Sant ein Sleic^ innerer menfc&Iid^er ®efebmä^igleit; für 
®oet^e ift t» ba^ Unioerfum felbft, unb ber 3Renf(^ mit 
aU feinem 2)enlen, gfü^Ien, SSoIIen unb 2:^un ift ein ®Iieb 
innerhalb biefer ^ette oon Xotmenbigleiten. Snnerlgalb 
biefeiS Steid^ei^ giebt t» nur eine natürliche, ni(^t aber eine 
moralifd^e ©efe^mägigleit. „Q» leuchtet bit ®onne über 
ä)of' unb ®uit; unb bem Serbred^er glangen, mie bem 
Se^en, ber äßonb unb bie Sterne''. 2iu» einer SBurgel, au0 
ben emigen S^riebträften ber 9?atur lä^i ®oet^e aUt& tnU 
fpringen : bie unorganifd^en, bie organifc^en äSefen^eiten, ben 
9Senfd^en mit aUen @rgebniffen feined ®eifteiS: feiner @r* 
fenntniß, feiner ©ittlidöleit, feiner Äunft. 

^fBad toät' em Q^ott, htt nur Don äugen ftiege, 
3m ^di ha» Wi am gftnger laufen liege! 



— 40 — 

3^m fiXtmi% Me S^elt im Snnern ^u Betoegen, 
^atwc in fid^, fid^ in 92at]tr }u liegen, 
@o ba6» n)ad in i^m lebt unb mebt lutb ift, 
9ae feine ^raft, nie feinen (0eift üennigt." 

3n fol(^e SBorte fagt ®oetl^e fein Selenntnid }ufammen. 
(Segen fallet; ber ba9 SBort gefproc^en J)ai ^Sn9 Snnere 
ber %atur bringt lein ecfd^affener ©eifi", menbet fid^ ©oetl^e 
mit ben fd^ärfften äSorten: 

wStt* ^rmtte ber 9?otur — " 

D, bu $§ilifter» — 

^S)tingt fein erfd^offnei ©eift." 

W^ unb ©efd^mifter 

3Rögt i^r an fold^ei» SBort 

9{ur nid^t erinnern; 

2Bir benfcn: Drt für Ort 

@inb nnr im Snnem. 

„©lücffelig, tt)em fie nur 

a)le äu6're ©d&alc »eif t" 

^q8 l^ör i4 fed^jig S^^re toieberl^olen, 

Unb flud^e brauf, aber t>erfto]^Ien ; 

@age mir taufenb taufenbmale: 

^Qed giebt fie retd^Itd^ unb gern; 

ili^Qtur l^at tueber ^ern 

ißot^ @d^ale, 

^HeS ift fie mit einemmole; 

2)id^ prüfe bu nur affermeift, 

Db bu ^ern ober ©d^ale feift.'' 

3m Sinne biefer feiner äSeltanfd^auung lonnte ©oetl^e 
aud^ ben Unterfd^ieb gmifd^en anorganifdjer unb organifd^er 
%atur nid^t anerlennen, ben Kant in feiner „^iil ber 
llrteitefraft" feftgefteDt l^atte. (Sein ®ireben ging bal^in^ 
bie belebten Organismen nac^ @efe^en ju erllären, mie 
anä^ bie leblofe Statur erilört mirb. Ser tonangebenbe 
Sotaniler ber bamaligen S^U, Sinne, l^at über bie mannig» 
faltigen Srten in ber ^flan^enmelt nid^td anbered ju fagen 
gemußt/ ate ed gebe folc^er Slrten fo üiele, aü „oerfd^iebene 
formen im ^ringip gef (Raffen morben ftnb''. SBer eine 



— 41 — 

f old^e atetnung "^ai, btt lann ftd^ nur bemfi^cn^ bie (Eigen* 
fd^aften btt etn)d[nen Srormett gu fitxbitttn, unb biefe 
forgföttig oon einanbec ju uitterfd^eiben. ®oetl^e lonnte 
ftd^ mit einer fold^en ätaturbetrad^tung nid^t einoerftanben 
erSären. ^2)ad^ toa» Sinne mit ©emolt audeinanber )u 
l^alten fuc^te, mu%it, nad^ bem innerften 9ebfirfni0 meineiS 
SBefeniS, gut Sereinigung onftreben." (Er fud^te badlenige 
anf, ma» allen ^ßangenorten gemeinfam ift. 8uf feiner 
Steife in Stauen mirb il^m biefed gemeinfame Urbilb in 
allen ^flangenformen immer Ilarer: «2)ie nielen $flanjen, 
bie id^ fonft nur in ftübeln unb £dpfen^ fa bie grdgte 
3eit bed Sa^red nur hinter (SlaiSf enftern )u fe^en gemo^nt 
mar, ftel^en ^ier frol^ unb frif(^ unter freiem ^immtl, unb 
inbem fte il^re Seftimmung erfüllen, merben fie nn» btuU 
lieber. 3tn Slnf^efid^t fo nielerlei neuen unb erneuten ®e- 
bilbeiS, fiel mir bie alte (SriDe mteber ein, ob id^ nid^t 
unter biefer ®d§ar bie Urpflanje entbeden lönnte? @ine 
fold^e mni t» benn boä) geben: moran mürbe id^ 
fonft erlennen, ba% biefed ober jened ®ebilbe 
eine ^flange fei, menn fie nic^t alle nac^ einem 
Slufter gebilbet mären?'' Sin anbereiS 3RaI brfidtt er 
fid^ über biefe Urpflange aud: @ie ^mirb ba» munberlid^fte 
(Befd^opf oon ber 9SeIt, um meld^ed mi^ bie Statur felbft 
beneiben \oJL HRit biefem aRobeQ unb bem Sd^Iüffel bagu 
tann man aldbann nod^ ^flanjen iniS Unenbli(|e erfinben, 
bie lonf equent fein muffen, ia^ l^eigt, bie, menn fte aud^ nid^t 
qriftieren, bod^ qriftieren lonnten, unb nid^t etma malerifd^e 
ober bid^terifc^e Sä^aittn unb Sd^emen ftnb, fonbern eine 
innerlid^e SSa^rl^eit unb %otmenbigIeit l^aben". SBie Jtant 
in feiner ^%aturgefd^id^te unb £l^eorie btS ^immete'' aM» 
ruft „®ebi mir äKaterie; ic^ miQ eud^ eine SBelt baraud 
bauen", meil er ben gefe^mägigen 3ufammenl^ang biefer 
Seit einfielet, fo fagt ^ier ®oet^e: mit $ilfe ber Urpflanje 
tSnne man qiften^fS^ige ^ßangen iniS Unenblid^e erfinben, 
meil man bai$ ®efe^ ber Sntftel^ung unb bed ffierbeui^ 
berfelben inne l^at. SBad Sant nur oon ber unorganifc^en 
Katur gelten laffen moQte, bai man il^re Srfd^einungen 



— 42 — 

naä^ notmenbigen (Saferen (egreifen lann, bo^ bt^nit 
(Soetl^e au(6 auf bte SBdt ber OrgoniiStnen aM. Sr fügt 
in betn Sriefe, in bem er gerbet feine SntbedPung ber 
Urpflange mitteilt, §ingu: ^f)adfeIBe ©efe^ n)irb fi(^ auf 
aUed übrige fiebenbige anmenben laffen''. Unb ®oetl^e l^at 
ed and^ angewenbet. Seine entfigen ®tubien über bie 
Xienoelt braditen il^n 1795 bagu, ^.ungefd^eut bel^aupten ju 
bürfen, bai aUt oolllontmenen organifd^en Staturen, 
worunter wxx 3if(i^e, 9(ntpl^ibien, SSögel, Säugetiere unb 
an ber ®pi^e ber le^teren ben SRenfd^en feigen, alle 
nad^ einem Urbilbe geformt feien^ bad nur in feinen 
beftänbigen Seilen mel^r ober meniger ^in* unb l^erneigt, 
unb fic^ noc^ täglich burd^ f$ortpfIan)ung an&^ unb um« 
bilbet." ®oetl^e ftel^t alfo aud^ in ber %aturauffaffung im 
ooDften @egenfa^ %n Sant 2)iefer nannte ed ein gemagted 
^Sibenteuer ber SSernunft", menn biefe e& unternel^men 
moQte, ba^ Sebenbige feiner @ntftel^ung nad^ gu erilören. 
@r ^ä\i ba» menfd^Iid^e (Srienntnidoermögen gu einer 
fold^en (Srllörung für ungeeignet. „@d liegt ber SSernunft 
unenblic^ oiel baran, ben SRec^anidmud ber %atur in il^ren 
Erzeugungen nid^t faQen gu laffen unb in ber @r!Iärung 
berfelben nid^t oorbei gu gelten; meil ol^ne biefen leine 
Sinftd^t in bie %atur ber Singe erlangt merben lann. 
SBcnn man uniS gleich einräumt: ba^ ein pd^fter Sfrd^iteft 
bie ^formen ber %atur, fo mie ße oon jel^er ba [xnb, un- 
mittelbar gefd^affen, ober bie, fo ftc^ in il^rem :S?aufe Ion« 
tinuierlid^ nat^ eben bemfelben üRufter bilben, präbetermi« 
niert l^abe, fo ift bod^ baburc^ unfere @rIenntniiS ber %atur 
nid^t im minbeften geförbert; meil mir jeneiS äSefend 
^anblungiSart unb bie Sbeen bedfelben, meldte 
bie $rin)ipien ber SRdglid^Ieit ber %aturmefen enthalten 
foQen, gar nid^t lennen, unb oon bemfelben aU oon 
oben l^erab bie %atur nid^t erllären lönnen". Sluf 
foI(^e ftantif(^e Slui^fülgrungen ermibert ®oet^e: «Senn 
mir ja im Sittlid^en, burd^ ®lauben an ®ott, Sugenb 
unb Unfterblic^Ieit und in eine obere Stegion erl^eben unb 
an ba» erfteSBefen annähern follen: fo bürft ed mol^I im 



— 43 — 

SnielldtueDen berfeI6e gfaD fein, bai mir uniS, burd^ bad 
Slnfd^auen einer immer fc^affenben Xaiur, gur geifKgen 
ä^eilnal^me an il^ren $robuItionen mürbig mad^ten. ^aiit 
id^ bod^ erfi unbemugt unb aud innerem Sirieb auf )ene0 
Urbilblid^e, £Qpifd^e rafilod gebrnngen, mar ei9 mir fogar 
geglüdCt, eine naturgemäße 2)arfienung aufaubauen, fo lonnte 
mid^ nunmebr niditö meiter oerbinbern, bad Abenteuer 
ber SSernunft, mie ed ber SHte oom 9bnigdberge felbfi 
nennt, mutig }u beftel^en." 

Son ber ^jtritil ber Urteildtraft'' fagt ®oetl^e, bag er 
i^r ff eine pd^ft frol^e fiebeniSepod^e fd^ulbig'' fei. «Sie 
großen ^auptgebanlen bt» SBerliS maren meinem bid^erigen 
Schaffen, S^un unb 2)enlen ganj analog. Sad innere 
fieben ber ftunft mie ber %atur, i^r beiberfeitiged ffiirlen 
oon innen l^eraud, mar in bem 9vid)t beutlid^ audgefprod^en". 
3[ud^ biefer Studfprud^ @oetl^eiS lann über feinen @egenfa| 
gu ^ant nic^t l^inmegtäufd^en. S)enn in bem Auffa^, bem 
er entnommen ift, Igeißt ed gugleic^: ^Seibenfc^aftlid^ an« 
geregt, ging id^ auf meinen SBegen nur befto rafd^er fort, 
meil id^ felbft nid^t mußte, mol^in fte fül^rten, unb ffir bad, 
ma^ unb mie id^ mir'd gugeeignet l^atte, bei ben Statt» 
tianern menig Anllang fanb. 2)enn id^ fpradg 
aui^, wa» in mir aufgeregt mar, nid^t aber wai^ 
id^ gelefen ^atte." 

@ine flreng einl^eitlid^e ffieltanfd^auung ift ®oti^t 
eigen; er miQ einen ®efi(|tiSpunIt geminnen, oon bem aui^ 
bad gange Unioerfum feine ©efe^mäßigleit offenbart, ^oom 
3iegelftein, ber bem S)ad§ entftfirgt, bid gum leud^tenben 
©eifteiSbli^, ber bir aufgellt unb ben bu mitteilft". Senn 
ff alle äSirlungen, oon melc^er 2itt fte feien, bie mir in ber 
@rfa]^rung bemerlen, bangen auf bie ftetigfte äSeife gu« 
fammen, gelten in einanber über''. ff@in Si^G^'^f^^^ '^^f^ 
fid^ oom 2)ad^e loiS: mir nennen bieiS im gemeinen ®inne 
guföllig; er trifft bie @d^ultern einei^ Sorübergel^enben, 
bod^ mo|l med^anifd^; allein nid^t gang med^anifd^, er 
folgt ben ®efe^en ber @(^mere, unb fo mirtt er p^^fifc^. 
Sie gerriffenen fiebendgeföße geben fogleid^ il^re 3fun!tion 



— 44 — 

auf; im ^(ugenblid n)tr!en Me Säfte d^emifc^, bie ele» 
tnentaren ßigenfd^aften treten Igeroor. ÜDein ba» geftorte 
organtfd^e Sehen loiberfe^t fidb eben fo fdineU unb fud^t 
ftd^ l^eraufteQen; inbeffen ift ha& ntenfc^lidie ®an^e me^x 
ober mentger bewugtloi^ unb pfqd^tfd^ gerrüttet. 2)ie fic^ 
wiebererlennenbe $erfon fü^It fid^ etl^ifc^ im tiefften ver- 
lebt; fie bellagt i^re geftörte Zl^ätigleit^ uon melc^er 9rt 
fie aud^ fei, aber ungern ergöbe ber 9Renfc^ ftd^ in ®ebulb. 
9teIigtöiS l^ingegen mirb i^m leidet, biefen SfaO einer 
l^öl^eren Sd^tdbtng i^uaii|cf)reiben, i^n aü Semal^rung oor 
größerem Übel, al» (Einleitung gu pl^erem ®uten angu* 
feigen. 2)iei9 reid^t l^in für ben Seibenben; aber ber ®e« 
nefenbe erl^ebt ftd| genial, oertraut ®ott unb ftd^ felbft 
unb fül^It fld^ gerettet, ergreift auc^ mol^I bali SufaSige, 
menbet'iS gu feinem Sorteil, um einen emig frifd^en Sebeni^* 
treid gu beginnen.'' ®o erlöutert ®oet^e an btm Seifpiel 
eined faüenben Si^fi^W^ii^^ ^^^ Sufammen^ang aOer 9rten 
von %aturn)irlungen; eine Srllörung in feinem Sinne m&re 
ed, menn man aud^ il^ren ftreng gefe^mö§igen 3i<f<t^^^>t' 
l^ang anii einet SBurjel l^erleiten lonnte. 

Sßie gmei geiftige 9(ntipoben fte^en ftant unb ®oei^t 
am Anfang ber äSeltanfd^auungdentmidfelung biefed 3a^r« 
l^unbertd. Unb grunboerfd^ieben mar bie 9xi, wie fxd^ 
bie|enigen gu il^nen fteQten, bie fid^ für pc^fte fragen 
intereffierten. ftant l^at feine SBeltanfd^auung mit aEen 
SRitteln einer ftrengen ®(^uIp^iIofop^ie aufgebaut; ®oetl^e 
l^at naio, ftd^ feiner gefunben Statur überlaffenb, p^ilofopl^iert. 
S)ed]^alb glaubte t$id^te, mie oben ermöl^nt, fid^ an ®oet^e 
nur „aU ben Slepräfentanten ber reinften ®eiftig!eit bei» 
®efül^U auf ber gegenwärtig errungenen Stufe ber 
Humanität" menben gu lönnen, mäl^renb er oon Sani ber 
tlnfic^t ift, bag „lein menfd^Ii(^er SSerftanb meiter ate bid 
gu ber ®renge oorbringen !önne, an ber fiant, befonberd 
in feiner Sbritil ber UrteiliSbaft, geftanben/ SBer in bie 
in naioem ®emanbe gegebene ^eltanfc^auung ®oet|ei$ 
einbringt, mirb in i^r aüerbingd eine fiebere ®runblage 
finben, bie auf Ilare Sbeen gebrad^t merben lann. ®oet^e 



— 45 — 

felbft brachte ftd^ biefe ®runblage aber titd^t )um Semugtfein. 
3)eiS^aIb fittbet feine Sorfteüungdort nur anrnd^Ii^i Singang 
in bxt Sntmicfelung ber 3BeÜanf4iauung ; unb im (Singang 
bt» Sai^rl^unbertd ifi ed gunäd^ft ftant, mit bem fxd^ bxt 
^eifter audeinanbergufet^en oerfuc^ten. 

®o grog aber aud^ bie äBirlung roat, bxt oon ftant 
^luiSging : ed lonnte ben 3<it9cnoffen nid^t verborgen bleiben, 
bag ein tiefereiS (Srlenntnidbebürfnii^ burd^ i^n bod^ nic^t 
^efriebigt mttbtn lann. (Sin fold^ed @r![clrungdbebfirfnii9 
j>ringt auf eine ein^eitlid^e SBeItanft(^t, mie bal^ bei ®oet|^e 
btt SfaD n^or. Sei ffant fielen bie eingelnen ®ebiete bed 
SDafeind unoermiüelt neben einanber. Sud biefem ®runbe 
-tonnte t» fid^ lixd^it, trotf feiner unbebingten Sere^rung 
itantö nic^t perbergen, ba^ ^Stani bxt SBa^r^eit blo% an« 
gebeutet, aber meber bargefteSt, nod^ beriefen'' ^abe. «tiefer 
n)unberbare einzige SRann l^at entmeber ein S)ii)inationd« 
vermögen ber äSa^r^eit, o^ne [xä) i^rer ©rünbe felbft 
bewugt )u fein, ober er f^ai fein 3^italter nid^t l^od^ genug 
gef(^ö^t, um fie i^nt mitzuteilen, ober er ^at [xd) gefd^eut, bei 
feinem Seben bie übermenfdilid^e Sere^rung an fic^ ju 
reigen, bie i^m über Iura ober lang nod^ gu teil merben 
mü%tt. %0(^ l^at leiner i^n oerftanben, leiner mirb ed, ber 
nid)t auf feinem eigenen 23ege gu Stani» Stefultaten !ommen 
loirb, unb bann mirb bie SBelt erft ftaunen." «9ber id^ glaube 
^benfo fidler gu miffen, bai ftant [x^ ein fol(^ed Softem 
^ebac^t 6abe; ba^ a&ed, mad er mirllic^ oorträgt, 9rud^« 
ftüdte unb Stefultate biefed ©qftemd finb, unb ba% feine 
Sel^auptungen nur unter biefer äSoraudfe^ung @inn unb 
3ufammenl^ang l^aben." S)enn möre ba» nid^t ber gfaD, 
fo moQe er ^bie ^itil ber reinen SSernunft e^er für ba9 
SSerl bt» fonberbarften 3ufaDd galten, ald für ba» eine0 
.«opfe«". — 

3[u(^ anbere ^aben ba» Unbefriebigenbe ber ftantfd^en 
®ebanfenlreife eingefe^en. Lichtenberg, einer ber geift» 
ooDften unb gugleic^ unab^angigften itopfe aud ber gmeiten 
^älfte bt§ porigen ^a^rl^unbertiS, ber JSant fi^d^te, lonnte 
iid§ bod^ nic^t perfagen, gemid^tige Sinmänbe gegen beffen 



— 46 — 

SBeltanfd^auung ^n madien. @r fagt etnerfeüS: ,,9Bai^ 
I&ei6t mit Äantifd^cm ®ctft bcnfcn? 3<^ glaube, t§ 
Reifet, bic ScrJ^äÜniffc unfcrciS SSefcni^, cö fei nun roaiS e5 
tDoIIe, gegen bie S)inge, bie roit ouger uni^ nennen, 
auiSfinbig machen ; boiS ^eigt, bie SSerl^ältniffe bed ®ub|eltit)en 
gegen ba» Dbjeftioe beftimmcn. S)iefeS ift freilid^ immer 
ber 3^^^ ttQ^^ griinblid^en ^aturforfd^er gemefen, allein 
bie O^tage ift, ob fie ed je fo mal^il^aft p^ilofopl^ifd^ an» 
gefangen l^aben, aU $err ^ant. äßan f)ai ba^, mad 
bod) fd^on fubjellio ift unb fein muö, für obicilit) geJ^alten." 
SlnbrerfeilS bemerft ßid^lenberg aber: „©oute eS benn 
fo gana aui$gemad)t fein, ba% unfere SSernunft oon btm 
Überfinnlid^en gar niä^i^ miffen lönne? @oQte nid^t ber 
SRenfd^ feine Sbeen oon ®otl ehtn fo groedmäfeig roeben 
fönnen, mie bie Spinne il^r 9ie^ gum fyiiegenfang? Dber 
mit anberen SBorten: ©oute eö nid^t SSefen geben, bie 
uni^ megen unferer ^bten oon @ott unb Unfterblid^Ieit 
eben fo berounbern, mie mir bie Spinne unb btn Seiben» 
tonrm?" Slber man lonnte einen nod^ oiel gemid^tigeren @in« 
manb madien. 9Benn e0 richtig ift, ba% fid^ bie @efe^e 
ber menfc^lid^en SSernunft nur auf bit innere 9BeIt bc» 
®eiftei^ begießen, mie lommen mir bagu, überl^auptoon S)ingen 
au§er und gu fpred^en? äSirmügten und bann bod^ ooQig 
in unfere ^nnenmelt einfpinnen. Sinen fold^en (Sinmanb 
mad^it ®ottIob @rnft Sd^ulge in feiner 1792 anonym 
erfd^ienenen Sd^rift: „Slenefibemuj^". (h bel^auptet barin, 
ba^ aUe unfere ßrlenntniffe blofee SSorftettungen feien, 
unb bai roir über unfere SBorfteüungSmelt in leiner SBeife 
]^inauiSgel)en !önnen. S)amit maren im ©runbe aud^ &ant^ 
moralifd^e SSalgrl^eiten miberlegt. S)enn lagt fid^ nid^t 
einmal bie 9ßöglid)Ieit beulen, über bie S^nenmelt l^inaud- 
gugel^en, fo lann un2 in eine unmöglid^ gu benlenbe 9Belt 
aud^ leine moralifd^e Stimme leiten. So entmidFelte fid^ 
an» Sani» Slnftd^t gunöc^ft ein neuer 3^cifcl ^^ <^Öer 
SBal^r^eit, ber jtritigidmuS mürbe gum SleptigijSmud. @iner 
ber lonfequenteften änljcinger bed SIeptigiiSmuiS ift Salomon 
SBaimon, ber feit 1790 ocrfd^iebene Sd^rif ten oerf afete. 



— 47 — 

bie unter bem Sin^ug jtontd unb Sd^uljed ftanben tinb 
in benen ei mit aDer Sntfd^ieben^eit bafür einttot, boji 
Don bem S)afein äußerer ©egenftänbe, wegen ber ganjen Sin« 
riij^tung unfered (SrIenntniiSoermögend, gar nid^t gefpro^ien 
werben bürfe. @in anberer Sd^üler Stantd, 3 a c b S i g i i9 m u n b 
S3ecf, ging fogar fo weit au bel^aupten, Jtant l^abe in 
äSai^rl^eit felbft !eine Singe auger und angenommen, unb ed 
berul^e nur auf einem äRi^oerftänbnid, wenn man i^m eine 
folc^e SSorfteSung gufc^reibe. 

SineiS ift gemi^: i^ctni bot feinen 3^i0^noffen ungäl^lige 
Sngriffdpunlte ju 3(uiSlegungen unb gum SBiberfpruc^e bar. 
®erabe burd^ feine UnÜar^eiten unb SBiberfprüc^e mürbe 
er ber SSater ber Ilaffifd^en beutfdien SBeItanf(^auungen 
tixi^it», @d^ellingd, @(^open^aueriS, ^t^d, ^erbartiS unb 
@d^Ieiermad^erd. @eine Unllarl^eiten mürben für fie au 
neuen ^fragen. @o fel^r er ftc^ bemül^t l^atte, bod SSiffen 
einaufdgränlen, um für ben ©lauben $la^ a^ erl^alten: 
ber menfd^Iid^e ®eift {ann ftc^, im malgrften Sinne bed 
SBorted, bod^ nur burc^ baB SBiffen, butä^ bie @rlenntnid 
befriebigt erllären. @o lam e€ benn, bag ftantd $ad^foIger 
bie @r{enntnid mieber in i^re DoQen tieä^ie einfe^en moDten ; 
bai fte mit ibr bie l^öd^ften geiftigen Sebürfniffe bed 
äßenfd^en erlebigen moÖten. 3it^ t$fortfe^er Rani» in 
biefer 9tid^tung mar Sol^ann ® ottlieb Sfid^te mie ge» 
fci^affcn. dt, ber ba fagte: ^S)ie Siebe ber SBiffenfd^aft 
unb gana befonberd ber ®pe{uIation, menn fie ben SRenft^en 
einmal ergriffen f^ai, nimmt i^n fo ein, ba^ er leinen 
anberen äBunfd^ übrig behält ate ben, ftd^ in Stulpe mit 
ibr au befd)aftigen/ Sinen f^anatiler ber SBeltanfd^auung 
barf man e^id^te nennen. @r mug burd^ biefen feinen 
gfanatiiSmu^ beaaubernb auf feine S^i^S^u^ff^u unb feine 
@d^üler gemirlt ^aben. ^bren mir, wa» einer ber 
le^teren, fjforberg, über il^n fagt: ;,@ein öffentlid^er SSortrag 
raufest bal^er mie ein @emitter, bad fic^ feined tStntt» in 
einaelnen ©dalagen entlabet; er ergebt bie ®eele, er miD 
nid^t blog gute^ fonbern groge äßenfd^en mad^en ; fein äuge 
ift ftrafenb, fein ®ang tro^ig, er miQ burc^ feine $]^ilofop]^ie 



— 48 — 

ben ®eifi bed QtiidÜtt» leiten; feine ^j^anlafte ift nid^i 
blül^enb, aber energifd^ unb mäd^ÜQ; feine Silber finb 
nid^i reigenb, aber lü^n unb grog. @t bringt in bie 
innerften Siefen bed ©egenftanbei? unb fd^altet int Steid^e 
ber SSegriffe mit einer Unbefangenl^eit^ meiere Derrät^ ba% 
er in biefem unftd^tbaren Sanbe nic^t blog mol^nl, fonbern 
l^errfd^t/ 3)ad I^eroorfted^enbfteSRerfmal in gfiditeiS ^erfonlid^« 
leit ift ber grofee, ernfte ©til in feiner fiebcnöauffaffung. 
S)ie l^öd^ften aßagftäbe legt er an aüt», @r fd^ilberi a* S9. 
ben Seruf bed @(i^riftfteQeri^: „Sie 3bee mug felber reben, 
nidbt ber Stfiriftfteller. Stte SBiDIür beö lefeleren, feine 
gange 3nbit)ibualitöt, feine ilgm eigene 3lrt unb jhtnft 
ntug erftorben fein in feinem Vortrage, bamii allein bie 
8(rt unb Kunft feiner 3bee lebe, ba» l^öd^fte fieben, meld^eiS 
ftc in biefer ©prad^e unb in biefem S^taller gewinnen 
iann. So wie er frei ift oon ber Serpflid^tung be« 
münblid^en Sel^reriS^ ftd^ ber Smpfänglid^Ieit anberer ju 
fügen, fo l^at er and) nid)t beffen @ntfd^ulbigung für fic^. 
@r l^at leinen gefegten ßefer im Sluge, fonbern er lonftruiert 
feinen Sefer, unb giebt i^m ba» ®efe^, mie t^ fein muffe." 
— „2)a« SBerf beö Sd^riftfteHer« aber ift in fid^ felber 
ein SBerl für bie @n)igleit. SOtögen fünftige S^Ualter einen 
pl^eren @c^n)ung nel^men in ber SSiffenfc^aft, bie er 
in feinem SSerle niebergelegt l^at; er l^at nid|t nur bie 
SSiffenfd^aft, er l^at ben gang beftimmten unb ooQenbeten 
S^aralter eined S^italteriS, in Segiel^ung auf biefe SBiffenfc^aft 
in feinem SBerle niebergelegt, unb biefer bel^ält fein gntereffe, 
fo lange ed 3Kenf(^en auf ber SBelt geben mirb. Unab« 
l^ängig oon ber 9SanbeIbarIeit, fprid^t fein Sud^ftabe in 
allen ^eiialtnn an aUt 9RenfdE)en, meldte biefen Sud^ftaben 
gu beleben oermögen, unb begeiftert, erl^ebi, oerebelt 
1x9 an ba» @nbe ber Sage/ @o fprid^t ein SRann, 
ber ftd^ feined Serufed ald geiftiger fienler feinei^ 3^^^^^^^^^ 
bemugt iß, bem t» ooQer @rnft mar, menn er — in ber 
Sorrebe feiner SStffenft^aftiSle^re fagte — an meiner $erfon 
liegt nid^td, alled aber an ber SSal^r^eit, benn „id) bin 
ein ^riefter ber SBal^r^eit''. Son einem SSanne, ber fo 



— 49 — 

im 9letd^e hex „^d^tf^tii" lebte, oerftel^en mir ed, ba^ er 
wintere nid^t Mog )um SSerftel^ett anleiten, fonbern gioingen 
n)oIIte. @r burfte einer feiner Sd^riften ben Sitel geben: 
„®onnenIIarer Serid^t an ba» größere $ubliluni über 
ba& eigentlid^e SSefen ber neueften $l^iIofopl^ie. @in 
Serfud^, bie Qefer junt Serftel^en ju gmingen.'' 
@ine $erfönlid^leit, meldte ber SBirllid^Ieit unb beren Z^aU 
fad^en nid^t gu bebürfen glaubt, nm ben Sebendroeg )u 
ge^en, fonbern bie bad 9luge unoenoanbt auf bie Sbeen« 
melt rid^tet, ift Sfid^te. ®ering beult er von benienigen, 
bie eine fold^ ibeale Slid^tung bed ©eifted nid^t oerftel^en. 
jrSnbeiS man in bemienigen Umireife, ben bie gemol^nlid^e 
@rfa]^rung um ums gebogen, allgemeiner felbft benft unb 
rid^tiger urteilt, als oieOeid^t je, finb bie me^rften DöQig 
irre unb geblenbet, fobalb fte aud^ nur eine Spanne über 
benfelben l^inauiSgel^en foQen. SBenn ed unmöglid^ ift, in 
biefen ben einmal audgelöfd^ten gunlen bed l^öi^eren ®eniud 
lieber angufad^en, mu^ man fie rui^ig in jenem Streife 
bleiben, unb infofern fie in bemfelben nü^Iid^ unb un« 
entbel^rlid^ finb, il^nen i^ren äSert in unb für benfelben 
ungefd^mälert laffen. 9(ber menn fie barum nun felbft 
verlangen, aQed gu fid^ j^rrab^u^ie^en, mo^u fte fid^ nid^t 
^rl^eben lönnen, menn fie g. 3). forbern, bai aQed ©ebrudtte 
fid^ als ein ftod^bud^, ober ds ein Sled^enbud^, ober ald 
ein 3)ienftreglement folle gebraud^en laffen, unb dtitS Der* 
fdgreien, xoaS fid^ nid^t fo braud^en lägt, fo l^aben fte felbft 
um ein grogeiS Unred^t. — 2)ag Sbeale in ber mirflid^en 
SSelt fid^ nid^t barfteUen laffen, miffen mir anberen oieQeid^t 
fo gut, als fie, oieQeid^t beffer. 2Sir bel^aupten nur, ba% 
nad^ il^nen bie SBirlltd^Iett beurteilt, unb oon benen, bie 
ba^u Jhiaft in fid^ fül^len, mobifigiert merben muffe. ®efe^t^ 
fie lönnten auä) bavon fic^ nid^t überzeugen, fo oerlieren fie 
babet, nad^bem fie einmal Rnb, maiS fte finb, fel^r menig; 
unb bie äRenfd^l^eit verliert nid^td babei. @S toitb baburd^ 
blog baiS Ilar, ba^ nur auf fie nid^t im $lane ber Ser« 
eblung ber äRenfd^l^eit gered^net ift. S)iefe mirb i^ren 
SSeg ol^ne 3n)cif^ fortfe^en; über jene moQe bie gütige 

steinet, SBelt« unb ütben&an^^ammqm. 4 



— 50 — 

%alur roallen, nnb x^xitn ju redetet 3^^^ Stegen unb @onnen» 
fc^ein, guträglid^e %al^rung unb ungeftürten Umlauf ber 
©äftc, unb babei — Ilugc Oebanicn oerleil&en!'' ®tcfe 
SSorte fe^te er htm SDrud ber Sorlefungen voran», in 
benen er ben S^nenfer Stubenten bte ^.^eftimmung bei^ 
@ele]^rten'' aui^einanberfe^te. Slud einer großen feelifc^en 
(Energie l^erauiS, bie Sic^erl^eit für bie @rIenntniiS ber 
äSelt unb für ba» Seben giebt, ftnb Slnfc^auungen wit bie 
f^id^ted enDac^fen. 9tüdftd^tdIofe äSorte l^atte b'iefer für 
düt, bie in {td^ nid^t bie ^aft gu foldger ®idE)erl^eit Der« 
fpürten. SlliS Steinig olb öugerte, ba^ bie innere Stimme 
btS äRenfdEien bod) and) irren lönne, ermibert il^m tixd)it: 
„Bie fageU; ber ^l^ilofop^ folle beulen^ ba% er als 3nbit)ibuum 
irren lönne, ba% er als fold^er von anbern lernen lönne 
unb muffe. SBiffen ©ie, roeld^e Stimmung Sie ba be« 
fd^reiben : bie eineö äRenfd^en, ber in feinem gangen Ceben 
nod) nie üon tima» übergeugt mar.'' 

®iefer fraftDoHen $erfönIidE)Ieit, beren 33Iidt gang nad^ 
innen gerid^tet mar, miberftrebte e», ba» ^öä^^e, wa» ber 
üßenfd^ erreichen lann, eine äSeltaufd^auung, anberdmo als 
anä) im Innern gu fud^en. ^.Sllle JSuItur foE fein Übung 
atter Äräfte auf ben einen !^wtd ber oßttigen t^ttü^tii, 
b. ^. ber DÖQigen Unabl^ctngigleit Don aßem, ma» nid^t 
mir felbft, unfer reines ©elbft (Sernunft, ©ittengefe^) ift, 
benn nur bieS ift unfer ..." ®o urteilt Qid)U in 
ben 1793 erfd^ienenen ;, Seiträgen gur SBerid&tigung ber 
Urteile beS ^ubltlumS über bie frangüfifd^e Steoolution''. 
Unb bie mertoollfte Äraft im SReufd^en, bie grlenntniSbaft, 
foQte nid^t auf biefen einen Qwzd beS DÖQigen Unab» 
^ängigfeinS uon allem, maS nic^t mir felbft finb, gerid^tet 
fein? Könnten mir benn überi^aupt je gu einem DoQigen 
Unabl^ängigfein lommen, menn mir in ber Sßeltanfd^auung 
Don irgenb meld^em 3Sefen abl^ängig mären? SBenn eS burd^ 
ein foId^eS auger uns gelegenes SSBefen auSgemad^t märe^ 
ma» bie %atur, maS unfere Seele, meld^eS unfere $fiid^ten 
ftnb, unb mir bann i^interl^er t)on einer fold^en fertigen 
Zl^atfad^e auS unS etn SSiffen oerfd^afften? Sinb mir unab» 



— 51 — 

l^öngig, bann muffen mit ed auä) in Segug auf bie @r« 
lenntnid ber 33al^rl^eit fein. SBenn mir timaii empfangen, 
ha» o^nt unfer 3ut]^iin entftanben ift, bann finb mit von 
btefem abl^ängig. S)ie l^öd^fte SSai^r^eit lonnen mir alfo 
nid^t empfangen. äSir muffen fte fc^affen; fte mug burd^ 
uni^ entfiel^en. ($i(i)ie lann fomit an bie Spi^e ber SBett^^ 
anfd^auung nur etmad fieüen, maß burc^ uni9 erft fein 
2)afein erlangt. SSenn mir Don irgenb einem S)inge ber 
SluBenmelt fagen: t» ift, fo tl^un mir bied bei^^alb, meil 
mir ed mal^rnel^men. Sßir miffen^ bag mir einem anbern 
SBefen ba» Safein guerlennen. 9Sai$ biefed anbere S)ing 
ift, ba» l^öngt nid^t oon uni^ ab. Seine Sefd^affenl^eit 
lönnen mir nur erlennen, menn mir unfer äSa^rnei^mungiS« 
uermögen barauf rid^ten. 23ir mürben niemals miffen, 
maS ;,rot'', ^^marm", ,,lalt" ifi, menn mir t§ nid^t burd^ 
bie SSal^rnel^mung müßten. Sßir lönnen }u biefen 99e* 
fd^ Offenheiten ber S)inge nid^tiS l^injutl^un, nid)tiS t)on il^nen 
megncl^men. SBir fagen ;,fie finb". 8Boi8 fle finb; 
ba» fagen fie unS. ©ang anberd ift t» mit unferm eigenen 
S)afcin. 3u fid^ felbft fagt ber 3»cnf(^ nid^t: „t§ ift% 
fonbern: „^d) bin''. S)amil l^at er aber m(f)t blo^ 
gefagt: bag er ift, fonbem aud^: ma» er ift, nämlid^ ein 
;,Sd&". *ur ein anbereö SSefen lönnte von mir fagen: 
^eS ift*. Sei, eö müßte fo fagen. S)enn felbft, menn 
biefeS anbere SSefen mid() gefd^affen ^ötte, lonnte t» von 
meinem S)afein nid^t fogen: id^ bin. ®er äusfprud^: 
„iä) bin'' rerliert allen Sinn, menn il^n baiS SSefen, ha» 
DDn feinem 3)afein fprid^t, nic^t felbft tl^ut. @iS giebt 
fomit nid^tS in ber SSelt, ma» midi mit „id^'' anfprec^en 
iann aU aSein mic^ felbft. 2)iefe Slnerfennung meiner 
ate einei^ „^i)" muß btmnaä^ meine ureigenfte %f)ai fein. 
5{ein SBefen außer mir Iann barauf Sinßuß Igaben. 

$ier fanb "Si^^^ tima», mo er fidC) gang unabl^ängig 
fai^ oon jeglicher fremben Sßefenl^eit. (Sin ®ott lönnte 
mid^ fd^ äffen; aber er v[iü%ie t» mir überlaffen, miä^ ald 
ein ,,3^^" angucriennen. SWein Sd^bemußtfein gebe id^ mir 
felbft. 3n ifttn ^abe id^ alfo nid^t ein SSiffen, ein 6r- 

4* 



— 52 - 

lenncH; ba^ id) empfangen J^aht; fonbern ein fold^ed, ba^ 
id^ feKft gemad^i l^abe. ®o j)ai [xä^ fjfid^te einen feften 
$unltfür bie äSeltanfc^auung gefd^affen, tttoai^, n)0 ®en)igl^eit 
tfi SBie ftel^l cg nun aber mit bem ® afein anberer 2Sefen? 
S(^ lege il^nen ein S)afein bei. Slber id^ ^dbt bagu nid^t 
ein gleiches Siedet, ujie bei ntir felbft. @ie muffen %n 
Steilen meineö „Sd^" merben, menn id^ il^nen mit gleid^em 
{Redete ein S)afein beilegen foH. Unb ba^ merben fie, in* 
bem id^ fie mal^rnel^me. SDenn fobalb baiS ber fJaD ifl/ 
fmb fie für mid^ ba, 3dö lann nur fagen: mein Selbft 
fül^It „rot", mein ©elbft empftnbet „marm". Unb fo 
mal^r id^ mir felbft ein S)afein beilege; fo roa^r lann id^ 
bieS and) meinem t^ül^Ien unb meinem @mpftnben beilegen. 
SBenn id^ mid^ alfo felbft redCjt oerfteige, fo lann iä) nur fagen: 
iä) bin unb id) lege felbft aud^ einer Slufeenmelt ein ®afein bei. 
auf biefe 2Bcife oerlor für fjid&tc bie SBelt au^er bem 
//SdE)" il^r fcIbftänbigeS Safein; fie l^at nur ein il&r oom 
3d& beigelegtes, ein alfo ^u il^r l&ingugebid^teteö Safein. 
3n feinem Streben, bem eigenen ©elbfl bie J^öd^ftmöglidie 
Unabl^ängigleit gu geben, l^at f^id^te ber Slugenmelt jebe 
©elbftänbigleit genommen. SEBo nun eine fold^e felbftänbige 
äugenmelt nid^t oorl^anben gebadet mirb, ba ift t^ aud) 
begreiflid^, ba% ba^ Sntereffe an bevx SBiffen, an ber 6r» 
lenntniö biefer Hugenmclt aufprt. Samit ift ba^ Sntereffe 
an bem eigentlichen SBiffen überl^aupt erlofd^en. Senn ba^ 
3dE) erfäl^rt burdi ein foId^eS SBiffen im ©runbc nid^tö, 
afe maö eS felbft l^eroorbringt. 3" öllem SBiffen l^ält 
ba^ menfd^Iid^e ^d) gIcidEifam nur SKonoIoge mit fid^ felbft. 
(£d gel^t nid^t über fid^ felbft l^inauiS. SBoburd^ e^ aber 
bieg Ic^tere bod) ooHbringt: baS ift bie lebenbige %^at 
SBenn ba^ 3d) i^anbelt, wenn e§ in ber SBelt etna^ ooH* 
bringt: bann ift e& nxd)i mel^r monologifierenb mit fid^ 
aflein. Sann fliegen feine §anblungen l^inauS in bie 
SBelt. Sie erlangen ein fcIbftänbigcS Safein. 3<^ ^oü* 
bringe eimaS; unb menn id) eS ooQbrad^t i^abe, bann 
mirlt eS fort, and) wenn id) mid^ an feiner SBirlung nid^t 
mel^r beteilige. SBaS id) meig, i^at ein Safein nur burd^ 



— 53 — 

mid); wa^ id) iJ^nt, tft Seftanbteil einer oon mir una&« 
i^ängigen moralifd^en Sßeltorbnung. SSad bebeutei 
aber aQe ®en)i§]^eit, bie mir au9 bem eigenen 3d^ )ie^en, 
gegenüber biefer aDerl^ödiften SBa^r^eit einer moralifd^en 
SBeltorbnung^ bie bo^ unabl^ängig ron und fein mug^ 
wenn ba» 3)afein einen @inn ^aben foD? SlleiS SSiffen 
ifi boi^ nur tima» für bad eigene 3d^; biefe SBeltorbnung 
ntug aber fein auger bem 3d^. ®ie mu% fein, tro^bem 
mir Don il^r nid^tö miffen lünnen. SSir muffen fte olfo 
glauben. ®o lommt aud^ Sidfte über baiS äßiffen l^inaud 
gu einem ®Iauben. 9Bie ber £raum gegenüber ber 
äBirllic^Ieit^ ift alled SSiffen gegenüber btm ®la\tbtn. Slud^ 
ba^ eigene Sd^ ^at nur ein fold^ed ^raumbafein, menn ed 
ftc^ felbft blog betrad^tei @d mad^t fid) ein ä3ilb oon 
fid^, ba^ ni^t^ meiter gu fein braucht, ate ein oori* 
überfc^mebenbeiS 93ilb; aQein ba^ ^anbeln bleibt. SRit 
btbtui^amtn SBorten fd^ilbert f^id^te biefed Sraumbafein 
ber SBelt in feiner «8efttmmung beS SReufd^en": „6S 
giebl überaQ !ein SDauernbeS, meber auger mir, nod^ in 
mir, fonbern nur einen unaufprlid^en äßed^feL 3dE) meig 
überall von feinem ®ein, unb anä) nidjt pon meinem 
eigenen. 6ö ifl fein Sein. — 3^ felbft roeig überl^aupt 
nxä)t, unb bin nid^t. Silber ftnb: fte finb ba» @ingige, 
mag ba ift, unb fic miffen »on ftd|, nad^ SBeife ber Silber; 

— Silber, bie oorüberfd^meben, ol&ne ba% tiroa^ fei, bem 
fte Dorüberfd^meben: bie burc^ Silber Don Silbern gufammen« 
l^ängen, Silber ol^ne tiwa^ in il^nen abgebilbeted, o^ne 
Scbeutung unb !^XDed. ^d) felbft bin einS biefer Silber; 
ja, id^ bin felbft bieg nid)t, fonbern nur ein ocrmorrened 
Silb t>on Silbern. — Sitte SRealität oermanbelt fid^ in 
einen munberbaren Sraum, ol^ne ein Seben, Don meld)em 
geträumt mirb, unb ol^ne einen @eift, ber ba tröumt; in 
einen Sraum, ber in einem Sraume Don ftdE) gufammen- 
i^ongt. SDaö Slnfd^auen ift ber Sraum; ba2 S)enfen, 

— bie CueQe aQed @eind, unb aller Stealität, bie id^ mir 
einbilbe, meines ©cinö, mcincxT Sfraft, meiner S^ede, — 
ift ber 2^raum oon jenem SraumC. SBie anberd 



— 54 — 

erfd^eint Stellte bie moraltfd^e SSeUorbnung, bie 9BeIt bt^ 
mianUn»: 3etn äSiOe foQ fd^ledftl^in burd^ ft(| felbft, 
Dl^ne alled feinen Sludbrud fd^roäd^enbe äSerfjeug^ in einer 
il^m oöQig gleichartigen @p]^äre^ ald Sernunft auf Sernunft, 
ate Oeifligeö auf ©eiftigeö, roirlen; — in einer ©pl^cre, 
ber er jebod^ ba» @efe^ bt» üthcn», ber £^atigleit, bt» 
^fortlaufend nid^t gebe, fonbern bie t» in fid^ felbft l^abe; 
alfo auf felbfttl^ätige Sernunft. 9lber felbfttl^ätige ä^ernunft 
ift aSiUe. S)ad ®efe^ ber überftnnlid^en äSelt roäxt fonad^ 
ein SBille . . . ^tntt erl^abene SBiQe gel^t fonad^ nid^t 
abgefonbert Don ber äbrigen ä3ernunftn)elt feinen 9Seq für 
ftd^. @i3 ift gn)ifd^en il^nt unb aJltn enblid^en vernünftigen 
SBefen ein geiftiged 93anb, unb er felbft ift biefed geifttge 
Sanb innerl^alb ber SSernunftmelt . . . . 3d^ Deri^üIIe mein 
ängeftd^t vox bix, unb lege bie $anb auf Iben SRunb. 
äSie bu für bid^ felbft bift, unb bir felbft erfd^eineft, lann 
id^ nie einfel^en, fo gemi^ id^ nie bu felbft werben tann. 
^aä) taufenbmal taufenb burd^lebten @eiftermelten werbe 
td^ bid^ nod) ebenfo wenig begreifen aU je^t in biefer 
^üiit oon @rbe. — 'SBia» id^ begreife, wirb burd^ wein 
iloit» Segreifen gum (Snblid^en; unb biefed lägt aud^ 
burd^ unenblid^e Steigerung, unb (Srl^oi^ung ftd^ nie iniS 
Unenblid^e umwanbeln. 2)u bift vom Snblid^en nid^t 
bent ®rabe, fonbern ber Z'^at nac^ oerfd^ieben. ®ie wad^en 
bid^ burd^ jene Steigerung nur gu einem größeren SRenfc^en, 
unb immer gu einem größeren; nie aber gum @otte, gum 
Unenblid^en, ber leineiS 3ka%e& fällig ift.'' 

SSeil ba» äBiffen ein S^raum, bie moralifd^e SSelt- 
Drbnung für gfid^te ba» eingig wal^rl^aft SBirllid^e ift, 
bedl^alb fteQt er aud^ ba» Seben, burd^ ba» fxi) ber äRenfd^ 
tn ben ftttlid^en SBeltgufammenl^ang l^ineinfteOt über baiS 
bloge @rlennen, bad Setrac^ten ber Singe. „%id^td — 
fagt er — l^at unbebingten SBert unb Sebeutung, ald 
ba» Seben ; alled übrige, 2)enlen, 2)id^ten unb SBiffen ^ot 
nur 9Bert, infofern t» auf irgenb eine SBeife ftd^ auf baiS 
fiebenbige begiel^t, oon il^m audgel^t unb in badfeUe gurüd« 
gulaufen beabftd^tigt." 



— 55 — 

2)er etl^ifd^e ®runbgug in gid^ted ^erfönlid^Ieit ift t9, 
ber in feiner SSelianfd^auunfl aOed auiSgeISf(^t ober in 
feiner Sebeutung l^erabgebrüdt ^ai, xoa» nid^t auf bie 
moralifd^e 93eftimmung bed aSenfd^en l^inaudläuft (Sr 
moHit bie größten ^ bie reinften f^o^berungen für ba» 
Seben QuffieDen; unb babei moUit er burd^ lein Srfennen, 
ba» DieQeid^t in biefen Sielen Siberfprüd^e mit ber natürlid^en 
<3efe^mäBigIeit ber Seit entbeden lönnte, beirrt fein. ®oet|^e 
l^atgefagt: ^2)er ^anbelnbe ift immer gemiffenlod; t» ^ai 
niemanb ©emiffen aü ber SJetrad^lenbe.'' 'S>amii meinte 
et, ba% ber äSetrad^tenbe aQed nac^ feinem magren, mirllic^en 
SSerte abfc^ä^t unb jebed Sing an feinem fßlo^e begreift 
unb gelten lägt. 2)er $>anbelnbe ^at t» t)or aQen Singen 
borauf abgefel^eU; feine fjforberungen in @rfüDung ge^en 
^u feigen; ob er babei ben Singen Unred^t i^ut ober ni^t: 
baS ift i^m gleidE}. tiiä^it mar t» oor aQen Singen umd 
^onbeln ju tl^un; er moDte fid^ aber babei oon ber S3e« 
irad^tung nid^t ®emiffenIoftgIeit oonoerfen laffen. Sedl^alb 
beftritt er ben SBert ber Setrad^tung. 

3niS unmittelbare Seben einzugreifen^ mar tiii^M fort« 
mdl^renbei^ Semüi^en. SSo er glaubte, ba% feine äSorte 
bei anbern jur Z^ai merben lönnten, ba füffiit er fid^ 
am jufriebenften. Sind biefem Srang ^erauiS l^at er bie 
©d^riften oerf agt: ,,3ui*^dforberung ber Sentfreil^eil oon 
ben tJfürften @uropaiS, bie fte biill^er unterbrüdCten. ^eliopoIiiS, 
im legten 3al^re ber alten f^infternid 1792.'' ^^ISeiträge 
^ur äSerid^tigung ber Urteile bed $ublilumi$ über bie 
frangofifd^e 9teoolution 1793." Sud biefem Srang l^eraud 
^ai er feine l^inreigenben Sieben gel^alten: «Sie ®runbjüge 
bei? gegenmctrtigen S^italterd, bargefteOt in Sorlefungen, 
gel^alten gu »erlin im Saläre 1804—1805''; «Sie ^n* 
meifung ium feiigen Seben ober aud^ bie Steligiondlel^re. 
3n Sorlefungen, gel^alten gu Serlin im Saläre 1806", 
unb enblid^ feine «Sieben an bie beutfd^e Station 1808", 
tin ®erl, in bem ftül^nlgeit bt^ SenleniS, ebelfte Segeifterung 
unb äRut ber $erfönlid^leit in gleid^em äRoge unfere 89e- 
lounberung ^eraudforbem. 



— 56 — 

SebingungSlofe Eingabe an Me moraltfd^e SSellorbnung, 
^anbeln au» btm tiefften Sexn ber etl^ifd^en $aturanlage 
bt§ ilRenfc^en l^erauS: ba» ftnb bie S^orberungen, burd^ 
bic bag Scbcn SBert unb SJcbcutung crl^äli 3)icfc anftd^t 
giel^t ftc^ ate ©ntnbmotit) burdi dUt btefe 9teben unb 
@d&riftcn l^inburd^. 3n bcn ;,®runbaÜ9cn bcö gcgcnmörtigcn 
Seitaltcrö" roorf er bicfem 3«taltcr in flantmcnbcn ©orten 
feine ©ettftfud^t oor. Seber gel^e nur ben ©eg, btn il&m feine 
nieberen iriebc Dorfdireiben. ?lber biefe triebe führen ab 
von beut großen ©angen, ba» bie menft^Iidie ©enteinfd^aft 
aliS ntoralifd^e Harmonie umfdiliefel. 6in foId^eS S^italitt 
ntüffe biejenigen, bie in feinem Sinne leben, btm Unter- 
gange entgegenfül&ren. S)ie $fli(^t rooHte gid^te in ben 
menfd^Iidien ©entütern beleben. Unb als S)eutfd)Ianb burd^ 
bie gremb^errfd^aft baran war, feine ©elbftänbigleit gu 
verlieren, ba bot fid^ feinem lebenbürftigen Sinn bie fd^önfte 
©elegenl^eit, cingugreifen in ben ©ang ber ßreigniffe. 
aRitten unter ben geinben, im äSinter 1807—1808 l^ielt 
er feine ;, Sieben on bie beutfd^e Station''. SBie er in S^na, 
als er oor feinen ©tubenten anfing, feine SBeltanfd^auung 
ju cntioidfeln, fagte, feine $erfon löme nid|t in Setrad&t, 
fonbern allein bie SSSal^rl^eit, fo baä^tt er ani^ ie^i, mo er 
red^t gut wu%te, ba^ il^m in jebem Slugenblidt ber fjeinb mit 
einer Sugel ba» Sieben unmöglid^ mad^en lönne, burd^ ba§ 
er in feiner Siation bie Segeifterung rocdfen wollte, il^re 
©elbftänbigleit unb Unabl^ängigleit biefem Qfeinbe gegen- 
über gu oerteibigen. „^aS ®üie ift SSegciftcrung, ®r]&ebung ; 
meine perfönlidic ©efal^r lommt gar nid)t in Slnfd^Iag, 
fonbern fte fönnte oielmel^r l^öd^ft oorteill^aft mirlen." 6r 
xDxtS bic S)eutfd^en auf il^re eigene Statur l^in. Urfprüng» 
lid^ fei aUeg an biefer Siatur: bie ©prad^e, bie ©id^tung, 
bie aSiffenfd^aft. Sie ®eutfd^en fpred^en il^re urfprünglid^e 
©prad^e; fie l^abcn nid^t mie bie roefteuropäifd^en Sßller 
bie romifd£)e ©prad^e aufgenommen. S)ie ©prad^e aber ift 
ber ^uSbxnd beS ©eifteS. 9Ber bie an» feinem ©tamm 
l^erauS entfprungene Urfprad^e fprid^t, brüdtt in biefer feine 
unabl^ängigfte geiftige SSefenl^eit aui^. 9Ser mie jene meft- 



— 57 — 

lii^en SüDer biefe llrfpradbe Derloren unb eine frembeon- 
genommen ^ai, ber l^at aud^ bte Sigenart bed ®ei{ieiS auf« 
gegeben. Unb man fel^e fid^ bie Std^tung bei beiben 
Soßerftämmen an. Sud bem tieffien Soll0(^aralter l^eraud 
Hingt bie beutfd^e $oefte; in öugerlid^en gformen fd^afft 
ber ®eifi ber mefllid^en %a(^bam. 3Rag bal^er beutfc^e 
ftunft aud^ gumeilen raul^ unb liart im Sludbrude fein: fte 
ifft eine Jhtnft ber tiefflen Seelenbebfirfniffe; mag bie mefi« 
lid^e jtunft elegant unb gragiöd fein: fie entfpringt einer 
äu^erlid^en @(i^ongeifterei. %id^t anberd bie SSiffenfd^aft. 
2)eutf(^e ^l^ilofop^ie i^at gül^Iung mit ber Soßdfeele; bie 
frangofifd^e ift Eigentum einer geleierten JFafte^ bie ben 3u* 
fammenl^ang mit bem SSoUe oerloren l^at. 9Bie lann ein 
'Soli, ba^ eine ureigene jfultur l^at, unterliegen einem 
fold^en, bai^ ftd^ eine frembe eingeimpft l^at? @d lann nid^t 
unterliegen^ menn ed fid^ nur auf feine Urfprünglid^Ieit 
beftnni ;r@in Soll« ba» ba faltig ift, fei t» aud^ nur in 
feinen ^öd^ften ®tenoertretecn unb Snfül^rern, bad ©efid^t 
aud ber ©eiftermelt, @elbftctnbigleit feft iniS Sbtge gu faffen, 
unb oon ber Siebe bafür ergriffen gu merben, mie unfere 
älteften Sorfal^ren, fiegt gemig über ein fold^ed, ba» nur 
gum SBerlgeuge frember ^errfd^fud^t unb gur Unteriod^ung 
felbftönbiger Söller gebrandet mirb; mie bie römifd^en ^eere; 
benn bie erfteren ^abtn alled gu oerlieren, bie le^teren 
blog einigeiS gu geminnen." %ur ein ®eift, btm bie l^öd^ften 
^Regionen ber Sbeenmelt gugönglid^ ftnb, lonnte eine fold^ 
gebanlentiefe Sl^aralteriftil feined Soßed liefern, unb nur 
eine ^erfönlid^Ieit, bie ba& SBertrauen in bie fiegenbe 5(raft 
ber 3been l^at, !onnte biefe geiftigen SBoffen gu ben pl^^« 
ftfd^en gefeüen, bie bamate gegen ben fremben Eroberer 
lämpften. 



Sßie Rani ba» SBiffen entti^ront l^at, um für ben 
@Iauben $Ia^ gu betommen, fo ^ai gid^te ba» @rlennen 
für mertloi^ erllört, um für ba» lebenbige $anbeln, für 
bie moralifd^e ^ai freie Sal^n oor fid^ gu l^aben. Sin 



— 58 — 

äf^nlxd)t» ^ai anä^ ©diiller t)erfud)t. %ur naigm (ei t^m 
bte Stelle, bie bei Stant hoc ®Iaube, bei tSxä)it ba& ^an» 
beln beanfprud^te, bie Sd^önl^eit ein. 2)ie SSebeutung 
@c^iQeriS für bie äSeltanfc^auungiSentmidelung toirb ge» 
iDÖl^nlid^ untetfd^ä^t. SEBie ®oetl^e fxä) barüber )u bellagen 
l^atte, ba^ man i^n al» %aturforfd^ei: nid^t gdten la^en 
tDoHte, meil man einmal gerool^nt mar, il^n als S)i(^ter gu 
nel^men, fo müjfen biejenigen, bie fid^ in ®ä^xütt§ pl^ilo* 
fop^ifd^e Sbeen vertiefen, bebauern, bai er x)on benen, bxc 
jid^ mit SBellanfdöauungSgefd&idtile befaffen, fo wenig ge* 
mürbigt mirb, meil il&m fein gelb im Sleid^e ber Äunfl 
angemiefen ifi. 

Sns eine burd^auS felbftänbige S)enlerperf()nlid^!eit ftellt 
pd^ iSc^iOer feinem Anreger Äant gegenüber. SDie $ol&eit 
bt§ moralifd^en ®IaubeniS, gu ber ^ant ben äßenfd^en gu 
erl^eben fudtite, fd^ctfete ber ©id^ler, ber in ben ^SRctubern" 
unb in „Äabale unb Siebe'' feiner 3^^^ ^inen Spiegel il&rer 
Serberbtl^eit Dorgel^alten hat, mai^rlid^ nid^t gering. 3(ber 
er fagte ftd^: foQte ed burc^auiS notmenbig fein, ba% ber 
ÜRenfd^ nur im Äampfe gegen feine Sieigung, gegen feine 
ä3egierben unb ^triebe fid^ gu ber ^ol^e beiS lategorifd^en 
Smperalioö emporl^eben lann? Äanl mollte ja ber finn* 
lid^en Statur beS äRenfd^en nur ben $ang gum fieberen, 
3um @elbftfüd^tigen, gum Sinnlic^^Slngenel^men beilegen; 
unb nur, mer fid^ emporfd^mingt über biefe finnlid)e %atur, 
mer fie ertötet unb bie rein geiftige Stimme ber ^flid^t in 
fid^ fpred^en lögt: ber lann tugenbl^aft fein. So l^at ^ant 
ben natürlid^en SRenfd^en erniebrigt, um ben moralifd^en 
um fo l^öl^er lieben gu lonnen. Sd^iQer fd^ien barin tiwa^ 
bt^ äßenfd^en UnmürbigeiS gu liegen. Sollten benn bie 
triebe bt§ SRenfd^en nid^t fo oerebelt merben lönnen, bog 
fie aui^ fid^ felbft l^erauiS ba» ^flid^tmägige, baiS Sittlid^e 
tl^un? S)ann brauchten fte, um ftttlid^ gu mirlen, nid^t unter« 
brfidCt gu merben. Sd^iQer fteQte beiSl^alb ber ftrengen 
jtantfd^en $f[id^tforberung feine Slnfic^t in btm folgenben 
Epigramm gegenüber: 



— 59 — 

&ttDx\)tn^\UnptU 

®cm bien' idf ben ^fctxatbm, boc^ t^u !c^ ed leiber mit 9{d0uttg, 
Uttb fo umnnt ei» mid^ oft, hai id^ nic^t tugenb^aft bin. 

C^ntfd^eibung. 

2)a ift lein anbetet diät, hu ntugt fnd^en, fie jn t^era^ten, 
Unb mit ^bfd^eu ddbann tl^un, tote bte $fli(^t bit gebeut. 



Irupel'' auf feine 8(rt 
äd^Iid^ itn SRenfd^en: 



@d^iQer fudfte biefe „©emtffend 
3U lofen. '^toti Xtitbt roafitn t^ai\ 
bei {tnnltd^e 2:rieb unb ber Sernunftdtrieb. Überlägt ftd^ 
ber aRenfd^ bem rtnnlid^en Stieb, fo ift er ein SpielbaO 
feiner Säegierben unb Seibenfc^aften, lurg feiner Selbftfud^t. 
@iebt er ftd^ ganj btm SernunftiStrieb ^in, fo ift er ein 
@Qat}e il^rer ftrengen ®ebote, i^rer unerbittlid^en Sogif^ 
il^red lategorifd^en 3mperatit)iS. @in SRenfd^, ber blog 
btm ftnnlidben triebe leben miU, mn% bte Sernunft in fid^ 
3um @d§n>eigen bringen; ein \ol^tx, ber nur ber Sernunft 
bienen miU, mu% bie Sinnlid^Ieit ertoten. $ört ber erftere 
bod) bie Sernunft; fo unterwirft er ftd^ il^r nur unfrei* 
n)illig; üemimntt ber le^tere bie ©tintme feiner Sepierben, 
fo empfinbet er fie aü Saft auf feinem Sugenbwege. 3)ie 
pl^^ftfd^e unb bie geiftige Statut bed SReufd^en fd^einen alfo 
in einem oerliängniiSüoIIen S^'t^fP^^U Su leben. ®iebt e» 
nid^t einen Suftanb im 3Renf d^en, in bem beibe triebe, ber 
ftnnlid^e unb ber geiflige, in Harmonie ftel^en? Sd^iQer be» 
antwortet bie Srage mit „Sa". ®^ if* btx ^u^ianb, in 
bem ba» iSd^one gefd^affen unb genoffen mirb. 9Ber ein 
^nftmerl fd^offt, ber folgt einem freien Naturtrieb. @r 
tl^ut ed an» Neigung, aber ed finb feine pj^^ftfd^en fieiben« 
fd^often, bie il^n antreiben; t» ift bie $^antafie, ber ®eift. 
@benfo ift t» mit bemjenigen, ber ftd^ btm (Senuffe eined 
Ihtnftmeried l^ingiebt. @d befriebigt feinen ®eift a^gleid^, 
inbem t» auf feine ®innlid^leit mirlt. (Seinen Segierben 
fann ber SReufd^ nadfgel^en, o^ne bie ^ö^eren ®efe^e 
bt» ®eifteö au bead&ten; feine ^flid^t lann er erfütten, 
ol^ne fid^ um bie Sinnlid^Ieit au lümmem; ein fd^oned 
ihinftmerl mirlt auf fein SBo^IgefaDen, ol^ne feine Segierbe 



— 60 — 

gu ertDedFen; unb eS Derfe^t tl^n in eine geiftige SSeli, in btt 
er auö Sßcigung Dcrroeill. 3n bicfcm 3wft<J^fcc if^ ^^^^ 
9ßenfd) n)te bad J(inb, baiS bei feinen $)anblungen fetner 
Neigung folgt unb nid^i ftagt, ob biefe ben SSernunft« 
gefe^en toiberftrebt : ;,2)urd^ bie ®c^ön^eit micb ber ftnn« 
Ii(^e 9Kenf(^ . . . pm ©enicn geleitet; burd^ bie ©d^ön- 
l^eit mirb ber geiftige äßenfd) jur 3ßaterie jurüdgefül^rt unb 
ber ©innenmelt roiebcrgegeben." (Sld^tgel^nter Särief über 
äftl^etifd^e Srjiel^ung btS äßenfd^en.) ^S)ie Igol^e ^reii^eit 
unb ©Icit^mütigleit beS ©eifteö, mit Äraft unb Slüftigleit 
oerbunbeU; ift bie Stimmung, in ber uniS ein ec^teiS ^unft» 
merl cntlaffen foH, unb e§ giebt leinen fid^ereren probier* 
ftein ber maleren öftl^etifd^en @üte. gfinben mir \xn2 naä^ einem 
®enug biefer 3(rt ^u irgenb einer befonberen @mpftnbungd» 
meife ober ^anblungdmeife oorgugiSmeife aufgelegt, gu einer 
anberen l^ingegen ungefd()idt unb oerbroffen, fo bient bit^ 
ju einem untrüglid^en SJemeife, ba% mir leine rein äftl^e* 
tifd^e 9SirIung erfal^ren l^aben, eS fei nun, ba% ed an 
btm ©cgcnftanb ober an unferer SmpfinbungSmeife ober 
(mie faft immer ber tSaU ift) an beiben gugleid) gelegen 
^dbt." (3meiunb?;mangigfter ©rief über aftl&etifd^e Srjiel^ung.) 
Sßeil ber SRenfd) burd^ bie (Sd^önl^eit meber ein @iIaoe 
ber ©innlid^Ieit ift, nod^ ber SSernunft, fonbern burd^ fic 
beibe gufammen in feiner Seele mirlen, oergleic^t Sd^iQer 
ben Srieb jur ©d^önl^eit bem|enigen bed jfinbeS, ba§ in 
feinem Spiel feinen ©eift nid^t 38ernunftgefefeen unterwirft, 
fonbern i^n frei, feiner Steigung nad£), gebraud)t. ©eSl^alb 
nennt er biefen Strieb gur Sd^onl^eit Spieltrieb: ^9Kit bem 
9(ngene]^men, mit bem ©uten, mit bem SSoQIommenen ifi 
e§ bem äßenfc^en nur @rnft; aber mit ber Sd^önl^eit 
fpielt er. fjreilid^ bürften mir unS ^ier nid&t an bie Spiele 
erinnern, bie in bem mir{Iid)en fieben im ©ange ftnb unb 
bie fid^ gemöl^nlid^ nur auf fel^r materielle ©egenftänbe 
rid^ten; aber in btm mirllid)en fieben mürben mir aud^ bxt 
Sc^önl^eit oergebeni^ fud()en, oon ber l^ier bie SRebe ift. 2)ie 
mirllid^ oorl^anbene Sd^önl^eit ift beiS mirllid) oorl^anbenen 
Spieltriebd mert; aber burd^ baS 3beal ber Sd^önl^eit, 



— 61 — 

wtlä)t» bie Sernunft auffteOt, ift aud^ ein Sbeal beiS Spiel« 
ixiti» aufgegeben, bad ber SRenfd^ in aDen feinen Spielen 
im Sluge ^aben foD.'' (25. Srief.) 3n ber (SifüHung biefed 
ibeolen @pieltriebd finbet ber 9Renfd^ bie SSirllidgleit ber 
gfreil^eit. @r gelgorc^t nun uid^t me^r ber Sernunft; 
unb er folgt nid^t ntefir ber finnliti^en Steigung. Sr ^anbelt 
an» Neigung fo, mit menn er aM Sernunft l^anbelte. ^5Der 
^enfd^ foD mit ber @d^önl^eit nur fpieten, unb er foD 
nur mit ber Sd^önl^eit fpielen . . . 3)enn um ed enb« 
lidE) l^eraudgufagen, ber 9Renfd) fpielt nur, mo er in uoQer 
Sebeutung bt» SBorted SRenfd^ ift, unb er ift nur ba 
gang 9Renfc^, xüo er fpielt.'' Sd^iüer l^ätte aud^ fagen 
lönnen: ^m Spiel ift ber äRenfd^ frei; in ber Erfüllung 
ber ^flid^t unb in ber Eingabe an bie Sinnlid^Ieit ift er 
unfrei. 9SiII ber 3Renfc^ nun aud^ in feinem moralifc^en 
^anbeln in DoQer S3ebeutung bed Siorted 9Renfd^ fein, ba» 
i^eigt, miQ er frei fein, fo mug er ju feinen Sugenben 
baiSfelbe SSerl^ältniiS l^aben mie gur Sc^ön^eit. @r mu^ 
feine Neigungen gu Sugenben uerebeln; unb er mug fid^ mit 
feinen Sugenbenfo burd^bringen, bag er, feiner gangen äSefen^eit 
nad^, gar leinen anbern S^rieb l^at, ald i^nen gu folgen. 
(Sin 9Renfd^, ber biefen (Sinllang gmifd^en Neigung unb ^flid^t 
l^ergefteQt ^at, lann in jebem SugenblidE auf bie ®üte feiner 
^anblungen, mie auf ttma» Selbftrerftänblid^ed, red^nen. 
9Ran lann oon* biefem ©efid^tiSpunfte aud aud^ bad 
gefeüfd^aftlid^e S^f^^^n^^i^'^^^^n ^^ 9Kenfd^en betrad^ten. 
Ser aRenfd^, ber feinen finnlid^en trieben folgt, ift felbft« 
füdgtig. (Sr ginge ftetd nur feinem eigenen SBol^Ifein nad^, 
menn nid()t ber &iaai ba» 3uf<itnmenfein burd^ Sernunft« 
gefe^ regelte. 2)er freie SRenfdi oollbringt and eigenem 
antriebe, wa» ber ®taat oon btm felbftfüd^tigen 9Renfd^en 
forbern mu§. 3n einem Sitföwimcnfein oon freien iKenfd^en 
bebarf e» !einer 3n>angdgefe^e. ,,9Ritten in btm furchtbaren 
Steid^ ber Strafte unb mitten in bem l^eiligen äleid) ber ®efe^e 
hani ber äftl^etifc^eSilbungdtrieb unoermerft an einem britten, 
fröl^Iid^en Steic^e bt» Spiele, morin er bem 3Renfd^en bie 
Seffeln aOer Serfyältniffe abnimmt unb i^n oon aQem, ma» 



— 62 — 

3n?ong l^etgt; fotDol^I im ^l^^fifdjen tote ittt SRoraltfd^ett ent« 
binbct^ (27. Sricf.) „SiefcS a»cid& crftrcdt ft(^ auftoärts, big 
iDi) bie SSernunft tttit unbebingter Sottoenbigfeit l^errfd^t itnb 
alle äßaterie aufprt; ed erfiredi ftd) abtoörtiS^ biiS wo ber 
Naturtrieb mit blinber 9iötigung tDaltet."" ®o betrad^tet 
Sdfiller ein moralifd^ei^ SteidE) ald Sbeal, in btm bie tugenb« 
l^afte ©efinnung mit berfelben ßeid^tigleit unb Sreil^eit maltet 
mie ber ®efd^mad im 9tei({)e btB ®(^önen. @r mad)t ba9 
£eben im Steid^e bt& @d^onen gnm iD^ufter einer üolllommenen^ 
ben 9Kenfd)en in jeber 9tid)tung befreienben fittlid)en gefell« 
fd^aftlid)en Orbnung. @r fd^Iiegt bie fd^öne Slbl^anblung, in 
ber er biefejg fein 3beal barftettt, mit ber Qfrage, ob eine 
fold^e Crbnung irgenbmo e^iftiere unb beantmortet fte bamit: 
„^tm Sebürfniö nad) cjiftiert fie in jeber feingeftimmten 
©eele; in ber Stl^at möd)te man fie mol^I nur, mie bie reine 
Äirt^e unb bie reine SRepublil, in einigen wenigen aui^er* 
lefenen 3ii^I^Ii^ finben, mo nid)t bie geiftlofe Nad^al^mung 
frember Sitten, fonbern eigene fd^öne 9iatur baS Setragen 
ienft, mo ber ättenfc^ burd^ bie oermidtelteften SJerl^ctltniffc 
mit lü^ner @infalt unb rulgiger Unfd)ulb gel^t unb meber 
nötig ^ai, frembe (Jfreil^eit gu Irönfen, um bit feinige gu be« 
l^aupten, nod^ feineSSürbe meggumerfen, um Slnmutgu geigen/' 
3n biefer * gur ©d^ßnl^eit oerebelteit Sugenb^aftiglcit 
l^at Sd^iHer eine SSermittelung gmtfdE)en ber äBeltanfd^auung 
Santo unb berjenigen ©oetl^eS gefunben. SBie gro§ aud) ber 
3auber mar, ben ^ant auf Sd^iOer auiSübte, aU biefer felbft 
ba^ Sbeal be» reinen äRenfd^entumiS gegenüber ber mirllid^ 
l^errfc^enben moralifd^en SDrbnung oerteibigte: ©d^iHer mürbe, 
ate er ®otif)t naiver lennen lernte, ein 93emunberer oon 
beffen Sßelt« unb SebeniSbetradE)tung, unb fein ftetd nac^ 
reinfter ©ebanlenllarl^eit brängenber @inn lieg il^m nid^t 
el^er 'StnJ)t, i\^ t^ il^m gelungen mar, biefe ®otif)e\ä^t 
SBetiSl^eit auc^ begrifflid^ gu burd^bringen. 2)ie l^ol^e ä3e« 
friebigung, bie ©oetl^e au^ feinen 9(nfd^auungen über 
Sd^ön^eit unb Jtunft aud) für feine fiebeniSfül^rung gog, 
fül^rte Sdiiller mel^r unb mel^r gu ber SSorfteÖungiSart be^ 
erfteren l^inüber. ^U er ©oetl^e für Überfenbung bti^ 



— 63 — 

„mi^tlm äReifler'' banli, t^ui er Med mit ben Sorten: 
„^^ lann 3^nen nid^t ouiSbrücfen, mit peinlich mir bad 
@efü^I oft i% oon einem $robu!t biefer 9rt in bod 
pl^ilofopl^ifd^e 9Befen ^inetn^ufel^en. S)ort ift aUed fo Reiter, 
fo lebenbtg; fo liarmonifd^ oufgelöft unb fo menfc^Iic^ 
mal^r; l^ier aUt» fo ftrenge, fo rigib unb abftrolt, unb fo 
unnatürlid^, meil alle %atur nur ©pntl^eftiS unb $l^iIofop]^ie 
Slntitl^efiiS ift. !^n>ax borf id^ mir ba^ S^ufi^i^ geben, in 
meinen @pe!uIationen ber Katur fo treu geblieben gu fein, 
aU fid) mit bem SSegriff ber Slnal^ftd verträgt ; ja oieDeid^t 
bin id^ il^r treuer geblieben aU unfere j^antianer für 
erlaubt unb für möglid^ l^ielten. Slber bennoc^ fü^Ie 
id^ nid|t meniger lebl^aft ben unenblid^en Slbftanb gmifd^en 
btm Seben unb btm Stäfonnement — unb lann mid) nic^t 
entl^alten in einem fold^en meland^olifd^en Slugenblicfe für 
einen äRangel in meiner %atur aui^gulegen, ma§ i^ in 
einer j^etteren ©tunbe blo^ für eine natürlid)e Sigenfd^aft 
ber ®ad^e anfeilen mug. @o oiel ift inbed gemi^, ber 
2)id)ter ift ber einzig malere ÜRenfd), unb ber befte $l^iIofopl^ 
ift nur eine Starilatur gegen iJ^n." ®iefeö Urteil ©d^iüer« 
{ann ftd^ nur auf bie Stantfd^e ^l^ilofopl^ie bejiel^en, an ber 
©deiner feine @rfa]^rungen gemad^t l^at. @ie entfernt btn 
9Renfd)en in oieler Segiel^ung oon ber %atur. Sie bringt 
biefer leinen ©lauben entgegen, fonbern lägt aU gültige 
9SaI)r]^eit nur gelten, mad auiS ber eigenen geiftigen Orga« 
nifation bed 9Kenf(^en genommen ift. 'S^abuti) entbehren 
alle il^re Urteile jener frifdEjen, inJ^altnoUen gfarbigleit, bie 
aQeS l^at, mad mir bntä^ unmittelbare Slnfd^auung ber 
natürlid^en SSorgänge unb 2)inge felbft geminnen. @ie 
bemegt ftd^ in blutleeren, grauen, falten 9(bftraItionen. ®ie 
giebt bie SSärme auf, bie mir au^ ber unmittelbaren ^c» 
rüi^rung mit btn 2)ingen geminnen unb taufd^t bafür bie 
£älte il^rer abftralten S3egriffe ein. Unb auä^ im SRorali« 
fd^en jeigt bie jCantfd^e SBeltaufd^auung biefelbe ©egenfä^« 
iid^Ieit gegen bie Statur. 2)er rein vernünftige ^flii^tbegriff 
^d)wtU i^i ai^ l^öd^fted oor. Sßad ber äRenfc^ liebt, mogu 
tt Steigung l^at: alleS ba» Unmittelbar»92atürlid)e im 



— 64 — 

äRenfd^eniDefen mug biefetn ^fliditibeal untergeorbnet tuerben. 
(Sogar btö in bte Stegion beS ©d^önen l^inein oertilgt $ant 
bcn äntcil, bcn bcr 9ßcnfd&, feinen urfprünglidien Smpfin« 
bungen unb ©efül^Ien naä^, ^abtn mug. 3)ad @d^öne foK 
ein oöHig ^^intcreffelofe^'' SBoJ&IgefaHen l&eroorrufen. 
|)ßren wir, roie ^i^gebenb, wie ^intereffierl'' ©dritter bem 
SBerle, an bem er bie pd^fte Stufe beö Äünfllerifd^en be- 
munbert, gcgenüberflel^t. 6r fagt über „3Silf)dm Sßeifter'': 
„^ä) lann ba^ ©efül^I, baö mic^ beim Sefen biefer ©d^ift, 
unb %max in gunel^menbem @rabe^ je meiter id^ barin 
lomme, burd^bringt unb befi^t^ ntd^t beffer als burd^ eine 
füge unb innige Sel^aglid^Ieit, burdE) ein ®efü^I geiftiger 
unb leiblid^er ©efunblgeit auSbrüdCen^ unb iä) mollte bafür 
bürgen, ba§ e5 baöjenige bei allen Sefern im ganzen fein 
mufe. — 3d) erllöre mir biefeiS SBol^Ifein oon ber burd^» 
gängig barin l^errfd^enben rul^igen Marl^eit, ©lätte unb 
2)urd|ftd)tigleit; bie aud^ nid|t baS ©eringfie ^urüdCIägt, 
toaS baS @emüt unbefriebigt unb unrul^ig lögt, unb bie 
äJemegung be^felben nid|t meiter treibt ate nötig ift, um 
ein fröl^Iid^eS Seben in ben SKenfd^en an^ufad^en unb gu 
erl^alten/ So fprid^t nic^t jemanb, ber an baS intereffe« 
lofe äSol^IgefaQen glaubt; fonbern ber bie Suft an bem 
©d^önen einer fold^en SSerebelung für fällig l&ält, bai eö 
leine ©rnicbrigung bebeutet, fid| biefer Suft oöHig i&ingugeben. 
SDaö Sntcreffe foH nid)t erlöfc^en, wenn mir bem Äunftmerl 
gegenüberftel^en; mir foHen oielmel&r imftanbe fein, unfer 
Sntereffe aud^ bem entgegenbringen §u lönnen, maS kuiSflug 
beg ©eifteö ift. Unb biefe Slrt beS gntereffcS für baö@dt)ßne fott 
ber „malere"' äßenfd^ aud^ ben moraIifd(|en äJorfteQungen 
gegenüber l&aben. 3n einem ©riefe an ©oet^e fdireibt 
@d)iner: „^S ift roirllidi ber Semerlung mert, bafe bie 
©d^Iaffl&eit über äft^etifd^e Singe immer fid^ mit ber mora- 
Iifd)en ©d^Iaffl^eit oerbunben geigt^ unb ba% baS reine, ftrenge 
©treben nadCi bem ^o^tn ©dgönen, bei ber pd()ften Sibera» 
litöt gegen aQeS toaS "Statut i\i, ben 9HgoriiSmud im 
SÄoralifc^en bei fidti fübren mirb.'' 

SDie (Sntfrembung oon ber $atur empfanb ©diiOer in 



— 65 — 

btx SSeltanfd^auung, in ber ganjen 3^iilu'ttur; inner« 
^alb beten er lebte, fo ftarl, bag er fte }um (Segenßanbe 
€iner 9etrad|iung in beut Suffa^e «Über naioe unb fenti* 
mentalifd^e 2)ic^tung'' ntad^te. Sr oergleid^t bie ißebend« 
anftd^t feiner ^txt ntit berjenigen ber ®ried^en unb fragt 
ftd^: „äSie lommt t», ba% mir, bie in aDem, toa^ Statur 
ift, t)on ben 3Iten fo unenblid^ meit übertroffen werben, 
ber %atur in einem pl^eren ®rabe l^ulbigen, mit Snnig- 
feit an il^r l^angen unb felbft bie leblofe SSelt mit ber 
mörmften (Smpfinbung umf äffen lonnen?'' Unb er beant« 
mottet biefe grage: „^a^tt lommt t§, meil bie %atur bei 
nn» aus ber ÜRenfd^i^eit oerfd^munben ift unb mir fie nur 
üugerl^alb biefer, in ber unbefeelten SSelt, in il^rer SBalgr« 
l^eit miebet antteffen. 9lx^i unfete gtogete Statut« 
magiglett, gang im Gegenteil bie Statutmibtigleit 
unfetet Setpitniffe, ^u^iänbt unb Sitten tteibt und an, 
bem etmad^enben S^tiebe nad^ SBalgtl^eit unb Simplizität, 
hex, mit bie motatifd^e Einlage, aud meldtet et flieget, un« 
befted^Iid^ unb unaudtilgbat in aDen menfdilid^en ^etjen 
liegt, in btt pl^^ftfd^en SSelt eine Seftiebigung gu oet* 
fd^offen, bie in btt motalifdien nid^t ju l^offen ift. 3)ed« 
megen ift bai^ ©efül^I, xoomit mit an bet Statut fangen, 
bem ©efül^Ie fo nal^e oetmanbt, momit mit ba§ entflol^ene 
Slltet bet ^nbl^eit unb bet Knblid^en Unfd^ulb bellagen. 
Unfete ftinbl^eit ift bie einzige unoetftümmelte Statut, bie 
mit in btt lultioietten 3ltenfd|]^eit nod| antteffen, ballet ed 
lein SBunbet ift, menn und iebe 3fu§ftapfe btt Statut äuget 
und auf unfete ^nbl^eit sutüdCfüJ^tt". 2)ad mat nun bei 
ben ®tied§en gan) anbetd. @ie lebten ein Seben innet» 
j^alb bed %atütlid^en. Sllled, toa» fte tl^aten, lam aud il^tem 
n'atiitlidien Sotftellen, imiltn unb (Smpfinben l^etaud. 
@ie maten innig oetbunben mit btt Statut. S)et mobetne 
SRenfd^ fül^It in feinem SBefen einen ©egenfa^ a^^ Statut. 
3)a abet btx S)tang nad^ btefet Utmuttet aUt^ 2)afeind 
bod| nid^t audgetilgt metben lann, fo mitb et fid^ in bet 
mobetnen ®eele in eine Sel^nfud^t nad^ btt Statut, in ein 
Sud^en betfelben oetmanbeln. ^et ®tied§e l^atte Statut; 

®t einer, SBelt« unb Sei&enSanfd^auungen. 5 



— Ge- 
ber HRoberne fudjt Statur. „®o lange ber 3Renfd^ nod^ 
reine, e& oerflel^t ftd^, nidjt rol^e %atur i% roxtlt er al0 
ungeteilte ftnnlid^e Sinl^eit unb ate ein J^armonierenbeiS 
®an}e. Sinne unb SSernunft, empfangenbed unb felbft« 
tl)cttige§ SSermögen^ l^aben fid^ in il^rem ©efd^äfte nod^ nid|t 
getrennt, Diel n)eniger ftel^en ftc ttn SBiberfprudi mit ein« 
anber. Seine Smpftnbungen jtnb nid^t ba^ formlofe @ptel 
beS QnfaM, feine ©ebanlen nid^t ba» ge^altlofe Spiel ber 
SSorfleQungdlraft; an» bem @efe^ ber %otn)enbigIeit 
gelten jene, an» ber 98irIIid|Ieit gelten biefe l^eroor. Sfi 
ber 3Renfd| in ben ®tanb ber Kultur getreten, unb l^at 
bie $unft il^re ^anb an il^n gelegt, fo ift jene finnlidie 
Harmonie in il^m aufgehoben unb er lann nur nod^ aU 
moraIifd)e (Sinl^eit, b. 1^. al» naä^ @in]^eit ftrebenb ftd^ 
äußern. ®ie Übereinftinimung groifd^en feinem ßmpfinben 
unb S)en!en, bie in bem erften S^^fl^^^^ mirllid^ ftatt« 
fanb, ejiftiert je^t blofe ibealifd^; fie ift nid^t mel^r in 
il^m, fonbern auger il&m, alö ein ©ebanle, ber erft reali- 
fiert merben foH, nid^t mel^r als Sl^atfad^e feinet SebeniS/ 
®ie @runbftimmung bt» griedjifd^en ©eifted mar naio, 
bie be^ mobernen ift fentimentalifd^; bie SBeltanfdiauung 
be» erften burfte bal^er realiftifd^ fein. 3)enn er l^atte ba» 
©eiftige üon bem Statürlid^en nodi nid^t getrennt; bie 9?atur 
fd|Io6 für i^n ben ©eift nod^ mit ein. Überlieg er fid^ 
ber %atur, fo gefc^al^ t» ber geifterfüllten %atur gegen« 
über. 3(nber^ ber SRoberne. @r l^at ben ©eift oon ber 
%atur loiSgelöft, in ba» graue Steid^ ber Slbftraltion erl^oben. 
©äbe er fi(^ feiner 9iatur l^in, fo tl&äte er t» ber geift» 
entblößten %atur gegenüber. 2)ed]^alb mug fein l^öd^fteiS 
Streben bem Sbeal ^ugemanbt fein; burd^ baiS Streben 
nad) biefem mirb er ©eift unb %atur mieber oerfö^nen. 
3n ©oetl^e^ ©eifteiSart fanb nun Sd^iHer tima» ber 
gried()ifd^en Hrt äJermanbteS. ©oetl^e glaubte, feine ^bttn unb 
©ebanlen mit 3(ugen gu feigen, meil er bie SBirllidileit ald 
ungetrennte Sinigeit oon ©eift unb %atur empfanb. @r 
igatte fxä), nadg Sd^iüeriS SKeinung, tima» erlgalten, gu btm 
ber fentimentalifdge ÜKenfdg erft mieber fommt, menn er btn 



— 67 — 

®ipfel feinciS Strebend erreid^t Unb einen folc^en ®tpfel 
erllimmt er eben in bem oon Sd^iüer befd^riebenen öftl^eti« 
f(|en 3uftanb^ in btm ®innlid^leit unb SSernunft i^ren @in- 
Ilang gefunben l^aben. 

®iefe SSelt« unb Sebendanfd^auung; bie in @oet^e auf 
naiDe SBeife oorl^anben; unb nad^ ber @d^iller auf aDen 
Ummegen bed 2)enlend ftrebte, l^ai nid^t bai^ SSebürfnid 
nati) jener allgemein gültigen äSal^rJ^eit, bie in ber SRat^ematil 
il^r Sbeal erblidtt; fte ift befriebigt Don ber anberen SBal^r« 
^eit, bie unferem ®eifte ftd| aM bem unmittelbaren SSer« 
fe^re mit ber mirllid^en SBelt ergiebt. ®ie ©rienntniffe, bie 
©oetlge aud ber ä9etrad|tung ber ^unftmerle in Italien 
fd^öpfte, waren gemife nid^t oon jener unbebingten Sid^er- 
^eit mie bie @ä^e ber 3Rat^ematiI. SDafür maren fte 
aud) meniger abftralt. 9(ber ©oetl^e ^ianb oor i^nen mit 
ber @mpfinbung : 3)a ift %otn)enbig!eit, ba ift ®ott. @ine 
äSal^r^eit in btm @inne^ b'ai fie etmai^ anbered fei, ald 
bai^jenige, mad fid| aud^ in bem ooQfommenen Sunftmerl 
offenbart; mar für ®oet^e nid^t oorl^anben. 9Sa0 bie Sunft 
mit i^ren ted^nifd^en äRittcIn: Son, SRarmor, i^atbe, 
fR^i)i^vmS u. f. m, oerlörpert, ba» ift bemfelben 3Bal^r^eitd« 
queQ entnommen, au» bem ani) ber ^^ilofop^ fc^öpft, ber 
aüerbingi^ nid^t bie unmittelbar anfc^aulid^en SRittel ber 
2)arfteIIung l^at, fonbcrn bem eingig unb allein ber ©ebanle, 
bie 3bee felbft jur Serfügung fielet. „$oefie beutet auf 
bie ©el^cimniffe ber 9iatur unb fud|t jie burd|§ Silb gu 
lofen. ^l^ilofopl^ie beutet auf bie ©el^eimniffe ber Ver- 
nunft nnb fud^t fie burd|S SBort gu löfen'', fagt ©oetl&e. 
?lber bie SSernunft unb bie SRatur pnb i^m gule^t eine un- 
trennbare (Sin^eit, benen biefelbe SBal^rl^eit gu ®runbe liegt. 
@in ©ricnntniöftreben, ba», oon ben Singen lojSgelöft, in 
einer abftralten äSelt lebt, gilt il^m nidjt aU ba» l^oi^fte. 
„2)ag ^ödifte märe, gu begreifen, bai düe» galtifd^e f(^on 
S^eorie ift^ S)ie SSIäue bt» §immete offenbart unS ba» 
®runbgefe^ ber fjfarbenerfdieinungen. ;,9Ran fudie nur nid^td 
!>inter ben ^l^änomenen; fie felbft finb bie Seigre." ®er 
$f9d^ologe ^einrotl^ begeid^nete in feiner Hntl^ropologie 

6* 



— 68 — 

ba^ 2)enlen; burd^ ba^ ©oetl^e gu feinen @tnfi({)ten in bie 
naturgemäße Silbung ber ^flangen unb Siere gelangte, 
aU ;,gegenftänbIic^eiS ^tnltn". @r meinte bamit, ba^ ftd^ 
biefeö ®enien üon ben ©egenftänben nid^t fonbere; ba^ 
bie ©egenftönbe, bie Hnftiiauungen in inniger 2)urd^« 
bringung mit bem 2)enlen ftel^en, ba^ ©oet^ed SDenlen gu- 
gleid) ein ^(nfdgauen, fein S(nfdE|auen gugleid^ ein SDenlen fei. 
©dritter ift ein feiner Seobad^ter unb @d|ilberer biefer 
©eifteSart geworben. 6r fdireibt über fie in einem Sriefe 
an ©oetl^e: „Sl&r beobad^tenber Slidt, ber fo ftiH unb rein 
auf ben S)ingen rul^t, fefet @ie nie in ©efal^r, auf ben 
Slbmeg gu geraten, in ben fomol^I bie @peIuIation aU bie 
miniürlid^e unb bloß fid^ felbft ge]^ord)enbe @inbilbungd» 
Iraft fid) fo leidet oerirrt. 3n S^'^er rid^tigen Intuition 
liegt aQeiS unb meit ooQftänbiger, maS bie Hnal^fti^ mül^« 
fam fud^t, unb nur, meil e^ ald ein ®an^t» in S^nen 
liegt, ift S^nen Sl^r eigener 9leid|tum oerborgen; benn 
leibcr miffen mir nur ba2^ wa& mir fdE)eiben. ©eifter ^f)xtv 
Slrt miffen bal^er feiten, mie meit fie gebrungen finb, unb 
mie menig Urfac^e fie ^aben, oon ber ^l^ilofopl^ie gu borgen, 
bie nur oon il^ncn lernen lann." gür Die ©oetl^^fd^c unb 
®dE)iDerfd^e äSeltanfd^auung ift äBal^rl^eit nid^t blog inner« 
J)alh ber SBiffenfd^aft oorl&anben, fonbern auä^ innerl^alb 
ber Äunft. ©oet^eig SKcinung ift biefe: „3d^ benfe, SBiffen* 
fd^aft !önnte man bie ^enntniiS be^ 9(Ilgemeinen nennen, 
ba^ abgezogene SBiffen; ffiunft bagegen märe SBiffenfdiaft 
gur %f)at oerroenbet; SBiffenfdiaft märe SSernunft, unb ffiunft 
il&r SRcd^aniömuS, beöl^alb man fie ancS) praltifd^c SBiffen- 
fdiaft nennen lönnte. Unb fo märe benn enblidi SBiffen- 
fdiaft ba^ S^eorcm, Äunft bai^ Problem." Sie SBed^fel- 
mirlung bed miffenfd^aftlid)en (Srlennen^S unb beS lünft- 
lerifdE)en ©eftaltem^ ber @r!enntnii^ fd^ilbert ©oetl^e: „^» 
ift offenbar, ba^ ein . . . Äünftler nur befto größer unb 
entfd^iebencr merben muß, mann er gu feinem Salente nod^ 
ein unterrid^teter Sotaniler ift, menn er oon ber SBurgel 
an ben Sinfluß ber oerfd^iebenen Seile auf ba^ ©ebei^en 
unb bad SBad^dtum ber ^flange, il^re Seftimmung unb 



— 69 — 

loedifelfeiligen SSirlungen erlennt^ toenn er bie fuccefftoe 
Snttoidelung ber ä9Iäüer,SIumen, 99efrud^tung;8fru(|t unb bt» 
nnten JtetmeiS einfielt unb überbenli Sr loirb atebann 
nidit bieg burdi bit SSal^I aud ben Sifd^einungen feinen 
®t]^mad geigen, fonbern er wirb und auä) burd^ eine 
ridiHge S)arfienung ber @igenf(i)aften sugleid) in SenDun« 
berung fe^en/ @o*n)aUei im lünfUerifd^en (Erzeugen bie 
Sßalirl^eit, benn ber Kunftftil rul^t, nad^ biefer Sluffaffung, 
auf ;,ben tiefften ®runbfefien ber @rlenntnid, auf bem 
SBefen ber S)inge, infofern und erlaubt ift, ed in fid^t« 
baren unb greifiid^en ®efialten gu erlennen.'' Sine gfolge biefer 
Snfid^t über bie SSal^r^eit unb il^re @rlenntnid ift, bai 



man ber ^l^anta 
bed SBiffend guge 



ie il^ren Slnteil beim Suftanbelommen 
ianb unb nid|t bbg in btm abfiralten 
Serfianb ba^ eingige (Srienniniduermogen fal^. 2)ie SSor« 
fteHungen^ bie ©oetl^e feinen Seirad^tungen über $f{angen« 
unb ^^ierbilbung gu ®runbe legte, maren nid^t graue, ab« 
fhralte @ebanlen, fonbern aud ber $l^antafie l^eraud ergeugte 
jinnlid^^überfinnlidie Silber. %ur ba^ Seobad^ten mit 
$]^antafte lann n}ir!Ii^ in ba^ Sßefen ber 3)inge füjpren, 
nid^t bie blutleere Slbftraltion : bied ift ©oetl^ed Über« 
geugung. @r l^ebt ed an ©alilei l^eroor, ba% biefer beob* 
aä)itit aU @enie, bem ;,ein tSaU für taufenb gilt'', 
inbem ^^er ftd^ aud fd^mingenben Sird^enlampen bie 
Seigre bed $enbeld unb bed t^aUeS ber Körper ent» 
midelte". 3!)ie $]^antafte fdiafft an bem einen SfaQe 
ein ini^altooUed ^ilb bed SBefentlidien in btn Qu 
fd^einungen; ber abftral^ierenbe Serftanb lann nur aud 
ber Kombination; SSergleid^ung unb Sered^nung ber @r« 
fd^einungen eine allgemeine Siegel il^reö Serlaufed ge- 
minnen. 2)iefer ©laube @oetl^ed an bie (Srlenntnidfäl^ig« 
feit ber $]^antafte rul^t auf feiner gangen SSeltauffaffung. 
9Ber mie er ba^ %aturmirlen in allem fielet, ber lann in 
btm geiftigcn Snl^alt ber menfd)Iid^en ^^l^antafte aud^ nid^td 
feigen aU Xaturprobulte. 5Die ^Igantajtebilber ftnb Statut* 
probulte; unb ba fte bie $atur miebergegeben, !önnen fie 
nur bie SBaJ^rlgeit entlgaltcn, benn fouft mürbe bie Siatur 



— 70 — 

ftd^ felbft mit biefen Stbbilbern belügen^ bie fte t)on fid^ 
fd^afft. %ur aRenfd^en mit $l^antafte lönnen bie l^ödifte 
®tufe bt§ @rIenneniS erreidien. @ie nennt ©oetl^e bie 
;,Umfaffenben" unb ^^Slnfd^auenben'' im ©egenfafe gu ben 
Mog ;,9S3iPegierigen'', bie auf einer niebrigeren @rlenntntd« 
ftufe [teilen bleiben. ;r3>ie 3Bi§begierigen bebürfen eined 
ntl^igen; uneigennü^igen Slided, einer* neugierigen Unrul^e, 
eined Haren SSerftanbed . . .; fte Derorbeiten aud^ nur im 
roiffenfd^aftlid^en Sinne, mag fte tjorfinben/ ;,®ie 8fn» 
fdiauenben cerl^alten ftd^ fd^on probuftio, unb baS 9Biffen, 
inbem eS fid| felbft fteigert, forbert, ol^ne ed gu bemerlen, 
bal^ Slnfd^auen unb gel^t balgin über; unb fo felgr fidg audg 
bie äSiffenben cor ber Imagination freudigen unb fegnen, 
fo muffen fte bo^, t^t fie fid| oerfelgen, bie probultioe 
SinbilbungiSlraft gu ^ilfe rufen . . . 2)ie Umfaffen* 
ben, bie man in einem ftolgern Sinne bie Srfdgaffenben 
nennen lönnte, oerlgalten fidg im Igodgften Sinne probultio; 
inbem fte nämlidg oon Sbeen auiSge^en, fpredgen fte bie 
^inlgeit bt^ ®angen fdgon an^, unb t» ifi gemiffermagen 
nad^lger bie @ad|e ber %atur, fidg in biefe^bee gu fügen/ 
SSer an eine foldie (SrIenntniiSart glaubt, btm lann ed 
nid|t beilommen, über bie Singefdgränltl^eit ber menfdg« 
lidgen (SrIenntniiS in Stantfdier äSeife gu fpredien. Senn 
ba», meffen ber SRenfdg ate feine Sßalgrl^eit bebarf, ba^ 
erlebt er in feinem Snnern. ä)er Sern ber 3iatur liegt 
im Snnern bei^ 9Henfd|en. Sie SSeltanfdgauung ©oetlgei^ 
unb SdgiDeri^. verlangt garnidgt oon ber SSalgrlgeit, ba^ fie 
eine SBieberlgoIung ber ^elterfdgeinungen in ber SSorfteQung 
fei, ba^ alfo bie le^tere im mortlidgen Sinne mit etmaiS 
auger bem SRenfdgen überein ftimme. 2)ad, toad im 
aRenfdgen erfdieint, ift ate foIdieiS, ate ^btt^it^, ald geifti« 
ged Sein, in leiner Slugenmelt oor^anben; aber ed ift bad* 
jenige, mad ate ®ipfel aVit» SßerbeniS gule^t erfdieint. S)ei9« 
Igalb braudit für biefe äSeltanfdgauung bie äSal^rlgeit nidgt 
allen äßenfdgen in ber gleidien ©eftalt gu erfdieinen. Sie 
lann vx jebem @ingelnen ein inbioibueQed ©epröge tragen. 
SBer bie SBalgrlgeit in ber Übereinftimmung mit einem 



— 71 — 

9u§eren ^üd)i, für btn giebt ed nur eine gform berfelben^ 
unb er mirb mit Stant nod^ berjenigen ^Vteiap^tffxl" fud^en^ 
bie allein „als SSiffenfd^aft wirb auftreten lönnen''. SBer in 
ber SSal^rl^eit bie l^od^fte gfrud^t alled Safeind fie^t^ badjenige, 
in bem ba& „^tUaU, xotnn ed ftd^ felbft empfinben lönnte, 
aü an fein Qitl gelangt, aufiaud^jen unb ben ®ipfel bed 
eigenen SBerbeniS unb SSefend Itwunban" müxbt, berlann 
ntit ©oetl^e fagen: ^.Stenne id^ mein Serl^ältniiS ju mir 
felbft unb gur Hu%tntotU, fo ^eig id^'iS SBal^rl^eit. Unb fo 
{ann jeber feine eigene SSal^r^eit l^aben, unb ed ift bod^ 
immer bief eibige.'' %id|t in bem, xoaS und bie ^(ugenmelt 
liefert, liegt ba» SBcfen bed @eind, fonbern in bem, mad 
ber 9Renfd| in «ftd^ ergeugt, ol^ne bai ed fd^on in ber 
Hugenmelt Dorl^anben ift. ©oetl^e menbet ftd^ bal^er gegen 
biejenigen, bie burdi Snftrumente unb objeltioe Serfudie in 
baS fogenannte ^Snnere ber ^atur" bringen mollen, benn 
^ber 9Renfd& an fid| felbft, infofern er fxä) feiner gefunben 
Sinne bebient, ift ber größte unb genauefte pl^^ftlalifd^e 
^ppwcai, ben ed geben lann, unb bad ift eben baS größte 
Unl^eil ber neueren $1^9fil, bai man bie @^perimen|e gleid^« 
fam vom äRenfd^en abgefonbert l^at, unb blog in bem, 
maS Hinftlid^e Snftrumente geigen, bie %atur erlennen, fa, 
n>a& fte leiften lann, baburdi befd^ränlen unb bemeifen 
milL'' 2)afür Jtel^t ia aber ber SRenfd^ fo Igoc^, bai ftd^ 
baS fonft ÜnbarfteHbare in il^m barfteDt. 98ad ift benn 
eine @aite unb alle med^anifdie S^eilung berfelben gegen baiS 
£)]&r be« SRufBer«? 3ö, man fann fagen, roaS finb bie 
elementaren Srfd^einungen ber Statut felbft gegen ben 
9Renfd^en, ber {te aQe bänbigen unb mobifigieren mug, um 
{ie ftd^ einigermaßen affimilieren gu lonnen". 



— 72 — 

2)er innige ä^uni), btt bux^ ®oti^t, ®d^iQer unb il^re 
3eitgenoffen gwifc^en S)id^lung unb SBeltanfd^auung ge« 
f(|Ioffen n)urbe; l^at ber leiteten im §(nfange unfered 3<i^t* 
^\xnbexi& ba» leblofe ®epräge genommen; in ba» fie lommen 
mug; menn [\t ftd^ aQein in bet Stegion bt» abftral^ierenben 
SBerftanbed bemegt. SHefer ä)unb l^at ald f ein, @rgebni0 
ben ®Iauben gegeiligt; ba^ ed ein perfönlid^ei^; eininbioi* 
bueHed Slement in ber Sßelianfd^auung giebt. S)er äSenfd^ 
ift bered^tigt; ftd^ fein ^ex^ältni^ %nx SBelt feiner @igen» 
art gemög gu fd^affen. Sein Sbeal braudit nid^t ba» 
Santfd^e, einer ein für aQemal abgefd^Ioffenen ilgeoretifd^en 
9[nfd^auung naä) bem äßufter ber äRatlgematil gu fein. %ur 
avi& ber geiftigen Sltmofpl^ctre einer foI(^en> bie menfdilid^e 
3nbioibuaIitöt erl^ebenben Überzeugung lann eine Sor« 
fieQung mie biejenige ^tan $aul$ geboren merben: 
„^a» ^eti be^ ^enieiS, meld^em alle anberen ©lang« unb 
^ilfi^Iröfte nur bienen, f)ai unb giebt ein tä)it» Stenn« 
geid^eU; nämlic^ neue ^dU unb Sebendanfd^auung.'' SEßie 
lönnte t& ba& ^enngeid^en bed pd)ft entmidCelten aRenfd^en^ 
bed ®tn\ßi^, feiU; eine neue 9BeIt« unb SebeniSanfd^auung 
gu fdiaffeU; menn ed nur eine malere, aQgemein gültige 
äSeltanfd^auung gäbe, menn bie SBal^ri^eit nur eine ®e« 
ftolt l^ätte? Scan 5ßaul ift auf feine Slrt ein SSerteibiger 
ber ©oet^efdien 9(nftd^t; ba% ber SKenfd^ im Snnern bie 
^öd)^it Swni beö S)afeinö erlebt. @r fd^reibt an S^cobi: 
w@igentlid^ glauben mir bod^ nid^t bie göttlid^e t^xtu 
l^eit; ©Ott; S^ugenb; fonbern mir fd^auen fie mirllid§ al^ 
fd^on gegeben ober fid^ gebenb^ unb biefeS ®d^auen 
ifi eben ein SBiffeU; unb ein ^b'^txt^, inbeS ba2 SBiffen 
bed SSerftanbeiS fid^ blog auf ein niebereiS ®d§auen begiel^t. 
9ßan lönnte bie SSernunft ba» 33emu^tfein bed aSeinigen 
$ofttioen nenneU; benn allei^ $ofitioe ber ®innlid|leit löft 
fid^ gule^t in ba^ ber ©etftigleit auf; unb ber SSerftanb 
treibt fein äSefen emtg btog mit btm SRelatioeU; ba» an 
ftd^ nid^tiS ift; bal^er oor ®ott ba^ 3Rt^x ober äßinber 
unb alle äSergleid^ungiSftufen megfaQen.'' S)aiS 9ied§t; bie 
äSal^rl^eit im Snnern gu erleben unb bagu aUe @eelen« 



— 73 — 

träfte; mä)i blog btn logifd^en Serftonb in Semegung 
fe|en gu bfirfen^ iDtll ft(| ^tan $aul burd^ nid^td rauben 
laffen. „"^a» $erg, bie lebenbige ZButjel bed SRenfd^en, 
foD mir bie Srandfcenbentalpl^ilofop&ie nid^t aM ber 
39r]i^ 1 eigen unb einen reinen £rteb ber 3(|l^eit an bie 
SteQe fe^en, id| laffe mid^ nid§t befreien oon ber Slb« 
l^cmgigleit ber äitit, um allein burd^ $od^mut feiig gu 
merben''. @o meifl er bie melifrembe moralifd^e Orbnuug 
Rani» unb 9id|ted gurüdt. „^ä^ bleibe babei, bag ei», 
mie Dter le^te, fo mer erfte2)inge gebe: Sd^dnl^eit, äSal^r« 
l^eit; @ittlid^leit unb Seligleit; unb bai bie @t|ntl^efe 
boron nid|t nur noimenbig^ fonbern aud^ fd§on gegeben 
fei^ nur aber (unb barum ift fte eben eine) in unfag« 
barer geiftigr^organifd^er Sinl^eit, ol^ne meldge mir an 
biefen t^ier @DangeIiflen ober SBettleilen gar lein Ser» 
fiänbniiS unb leinen Übergang ftnben Idnnen.'' 2)er nac^ 
äugerfter logifd^er Strenge uerfal^renbe Serftanb mar in 
9ant unb f^idite fo meit gelommen, bie felbftönbige Se« 
beutung be» SSirllid^en, SebendooQen gu einem blogen 
@d)ein; gu einem Z^raumbilb ^erabgufe^en. S)iefe Sin« 
fd^auung mar für pl^antafieooDe aReufd^en, bie ba» Seben 
um bie ©efialten il^rer (Sinbilbungdlraft bereid^erten, un« 
ertroglid^. S)icfe 9Renfd|en empfanben bie ®iritti(^Ieit, pe 
mar in il^rem äBalgrnel^men^ in il^rer Seele gegen« 
märtig ; unb fie foHten ft(| bereu bloge Sraum^aftigleit be« 
meifen laffcn. «S)ic Qfenftcr ber pl^ilofopl^ifd^en Subi» 
torien ftnb gu l^od^, ate ba% fie auf bie ®affen bed 
mirllidien ScbcuiS eine Slu§fid§t gemäl^ren", fagt ba^er 
3ean $aul. 

f^idite ftrebte nad^ reinfter, pdifter SSernunftmal^rl^eit. 
@r entfagte allem SSiffen, ba^ nid^t aü^ bem eigenen 
Snnern entfpringt; meil nur auiS biefem ©emigl^eit ent« 
fpringen fann. Sie Oegcnftrömung gu feiner SBelt« 
anf c^auung bilbet bie 91 o m a n t i I. gfidite lögt nur bie 
SSal^rl^eit gelten^ unb ba^ innere be» 9ßenfd^en nur info« 
fem, ate eS bie SBal&rl^eit offenbart; bie romantifd^e ®elt- 
anf(^auung lägt nur ba^ innere gelten, unb erllärt allei^ 



— 74 — 

für toa^rl^aft tottivoU, road au» biefem Snnern entfpringt. 
3)ad ^^ foD burdb nid^tiS tugered gefeffelt fein. Mt», 
toa» t» fd^afft, f)ai feine SJereditigung. 

9Ran barf oon ber Stontanttl fagen, ba^ fte ben 
@c^iDerfd^en @a^: ,/$)tt äRenfd^ fpielt nur^ mo er in 
DoUer Sebeutung bt» äSorted 3Renfd| ift, unb er ift nur 
ba gang äßenfdi; n)0 er fpielt'' bid gu feinen äu^erften 
Aonfequengen »erfolgte. @ie mxU bie ganje SBelt gu einem 
Steidi bei^ Künftlertfd^en mad^en. 2)er DoDentroidelte aSenfdi 
lennt leine onbere 9Jorm afe bie ®efe^e, bie er mit frei 
maltenber (SinbilbungiSfraft ebenfo fd^afft mie ber jtünftler 
biejenigen, bie er feinem SSerle einprägt. @r erl^ebt fid^ 
über aQed, toa9 il^n t)on äugen beftimmt, unb lebt gang 
aud ftd| l^erauiS. S)ie gange äBelt ift il^m nur ein Stoff 
für fein äftj^etifd^eS ©pieL ©er Srnft beö antagö- 
menfc^en ift il^m fremb. @r !ann bie S)inge nid|t an fid^ 
ernft nel^men, benn fte ftnb il^m nid^t an fid^ mertooE. 
@r ift t^ oielmel^r felbft, ber il^nen einen äSert oerleil^t. 
®ie Stimmung beö ©eifteö, ber fid| biefer feiner ®ou* 
Deränitctt gegenüber ben 2)ingen bemugt ift, nennen bie 
Stomantiler bie ironifdie. ^arl SSill^elm O^^tbinanb 
©olger (1780—1819) l^at oon ber romantifd^en Swnie 
bie Srllarung gegeben: „^^ mu§ ber ®eift bed StünftleriS 
aQe 9tid|tungen in einem aQed überfdiauenben S9Iid( gu« 
fammenfaffen, unb biefen über Slllem fd^roebenben, 
aileö oerniditenben Slid nennen mir Sronic* 
Sriebridi ©d^legel (1772—1829), einer ber Stimm- 
fül^rer ber romantifd^en ©eifteiSrid^tung; fagt oon ber iro« 
nifd^en Stimmung, ba% fie ^^alled überfielet unb ftd^ über 
aUt» S3ebingte unenblid^ erl^ebt, auä^ über eigene Jtunfl, 
Sugenb ober ©enialität''. äBer in biefer Stimmung lebt, 
fül^It ftd^ burd^ niditiS gebunben; nid^tiS beftimmt il^m bie 
SKd^tung feineiS Sl^uniS. @r lann ,,nade belieben pl^ilo« 
fop^ifd^ ober pl^ilologifd^, iritifd^ ober poetifd^, l^iftorifdg 
ober rl^etorifd^, antil ober mobern fi(^ ftimmen''. S)er 
ironifdie ®eift läd^elt über eine ffial^rieeit, bie ftd^ oon ber 
Sogil feffeln laffen mill; er Icid^elt aber anä^ über eine 



— 75 — 

tmiqt, moralifd^e SSettorbnung. 2)enn nid^td fagt i^nt, 
ma» tt tl^un foQ, ab aDein er felbft SBaiS il^nt gefäDt, 
foO ber Sroniler t^un; benn feine Sitilid^Ieit lann nur 
eine äfil^etifd^e fein. 3)ie Slomantiler ftnb bie Scben bed 
tJfid^tefdien ®ebanlend oon ber Sinjigleit bed 3d^. Sber 
fie n)oQten biefed 3(I| nic^t mit Sernunftibeen unb mit 
einem moralifd^en ®Iauben erfüDen mie jener, fonberti 
beriefen fid| Dor allem auf bie freiefte, burc^ nid^td gebun« 
bene (Seelenfrafi, auf bie ^^antafie. S)ad Senlen mürbe 
bei il^nen oöDig oon bem Siebten aufgefogen. Stooalid, 
ber liebendmürbigfte ber Stomantiler, fagt: ^(£d ift red|t 
übel, ha% bie $oefie einen befonberen Kamen l^at unb bie 
S)id^ter eine befonbere S^nft ausmachen. @d ift gar 
niä^ii Sefonbered. Sd ift bie eigentümliche $anb« 
lungiSmeife bed menfd^Iidien ®eifted. S)id^tet unb 
trad^tet nid^t jeber aRenfii^ in |eber SRinute?" 2)aiS allein 
mit fidi befd^äftigte 3<^ '<tnn gu ber l^öd^ften SBal^rl^eit 
lommen: „t^ bünit bem SRenfd^en, ald fei er in einem 
®efpröd^ begriffen unb irgenb ein unbelannted geiftiged 
23efen oeranlaffe il^n auf eine munberbare SBeife gur @nt« 
midelung ber eoibenteften ®ebanlen''. 3m (Srunbe 
moHten bie Stomantiler nid^td anbereiS, ate xoa^ auS^ 
@oet]^e unb @d^iDer ju il^rem Selenntnid gemad^t l^aben: 
eine 8[nfid|t über ben 9Renfd|en, bie biefen fo DoDIommen, 
fo frei mie möglid^ erfd^einen lägt !(ber biefe l^aben il^re 
Stnfd^auungen an^ feften, unerfd^ütterlid^en ®runblagen 
l^erauS ermad^fen laffen. @d|iQer ift burd§ unabläfftged 
p^ilDfopl^ifd^ed S)enlen, ®oetl^e burd^ bie @rforfd|ung ber 
%atur in il^rer ®efe^mci6igleit gu einem freien SebeniS« 
ftil aufgeftiegen. 

Sd^iQer lannte bie Sragmeite ber SBemunftnotmenbig« 
leit, all? er Don bem maleren SRenfd^en verlangte, bag er 
ftd^ Don i^r befreien folle; unb ®oetl^e lonnte fld^ gum 
jhtltui? ber @d|on]^eit belennen, benn für il^n maren bie 
l^od^ften ftunftmer{e nad^ maleren, notmenbigen ®efe^en ber 
%atur gebilbet. S)ie Stomantiler fprangen aber gleid^fam 
mit einem ®a|e in ia^ Sanb ber aft^etifd^en gfreil^eit 



— 76 — 

l^inein; fte eroberten ed fic^ nt(i)t mül^fant; fonbern er» 
Ilörien ftd^ burdg HRad^tfprüd^e gu feinem Sefi^er. 9(ud^ 
®oet]ge l^at fein Sbeal t)on $flid^t barin gefeiten, ba§ man 
;,Iiebt^ mad man fid^ felbft befiel^It'^ Slber er mar unab« 
läffig bemül^t, nur im ®inne ber tiefften ©runblagen ht» 
@rfenneniS bad SBal^re gu fuc^en. Unb auf biefem Sßege 
ftrebte er aud^ nad| ber maleren jtunfi 



f u Itiafftkn ^tt P^it- mh lebt nsanfdianung. 



SBie ein Sid^tMi^, btt innerl^alb bet SBeltanfd^auungd« 
tntmxddani erlgeQenb nad^ lüdtoöxi» unb oorioärtd loirlt, 
<rf(|eint ein @a^^ ben t$i^ici>i^i<^ SSill^elm 3ofep^ 
©d^elling (1776—1854) in feiner ;,»alurpl^ilofopl&ie" 
andgefpro^en ^ai: „Übex bie %atur pl^ilofopl^ieren l^eigt 
fooiel ate bie Statut fd^affen'^ 9Booon (Soet^e unb Schiller 
burdibrungen maren: ba% bie probultioe ^^antafte i^ren 
Anteil bei (Srfc^affung ber SBeltanfd^auung l^aben muffe, bem 
giebt biefer @a^ einen monumentalen SuiSbrud 9Sad bie 
%atur uniS freimillig giebt, menn mir fie beobachten, an* 
f d^auen, mal^rnej^men : ba» enthält nid|t i^ren tief ften (Sinn. 
2)iefen @inn lann ber SRenfd^ nid^t oon au§en aufnel^men. 
(St mu% il^n fd^affen. 

3u foI(^em ®d^affen mar ®i^tllinq» ®eift befonberd 
veranlagt. Sei il^m firebten aDe ®ei^edlräfte nad^ ber 
^l^anta^e bin. @r ift ein erfinberifd^er Aopf ol^ne gleid^en. 
Slber feine (Sinbilbungdlraft bringt nic^t Silber l^eroor, 
mie bie Ifinfllerif(^e, fonbern Segriffe unb gbeen. ®urd& 
biefe feine @eifteiSart mar er baju berufen, bie ©ebanlen« 
gänge gfid^teiS fortgufe^en. 2)iefer befag bie probultioe 
$]^antafie nid§t. Sr mar mit feiner SSal^rl^eitdforberung hÜ 
aum feelifd^en Zentrum bed SKenfc^en gelangt, bid gum 
„Sd^". 8Benn biefe« ber Duellpunlt fein foll für bxt 
SSeltanfd^auung, fo mug berjenige, ber auf biefem <Stanb« 
punite ftel^t, auä^ in ber Sage fein, oom 3d^ au« gu inl^alt« 
DoUen ®ebanlen über bie SSelt unb ba§ Seben ju gelangen. 



— 78 — 

S)aiS !ann nur mit ^ilfe ber ßinbilbungiStraft gefd^el^en» 
Sie fianb t^xä^ie nidit ^n ©ebote. S)e$l^aIB blieb er int 
@runbe fein ganzes Seben lang babei ftel^en, auf ba^^^ 
i^ingubeuten unb ^u fagen, mit ed einen ^xif)QÜ an @e« 
banlen geminnen ntüffe; aber er n)ugte i^m felbft leinen 
fold^en ju geben. 2Bir erfel&en bieö Mar aui5 bcn SSor- 
lefungen, bie er 1813 an ber Serliner Unioerfilät über 
,,9Siffenf(i|aftöIe]^re'' gel^alten f)ai (%ac^gelaffene SBerle. 
1. 33onb). 6r forbert ba für benjenigen, ber gu einer 
9SeItanf(|auung lommen roiQ ;,ein gang neues inneres 
@inneSn)erI)eug, burd^ n)eId)eS eine neue 9BeIt gegeben 
mixb, bie für btn gemo^nlidien 9ßenf(i|en gar nid^t Dorl^anben 
ift''. aber 8fi<^^« lontmt nid^t über biefe fjforberung eineS 
neuen ©inneS |inauS, SBaS ein foldier @inn roal^rnel^men 
fott, ba^ enlroidfeli er nid)t. ©d^elling fielet in ben ®e- 
banfen, bie i^m feine ^l&anlafie cor bie Seele ftettt, bie 
ßrgebniffe biefeS l^öl^eren Sinnes, btn er inleDellueDe än- 
fd^auung nennt. Sl^n, ber alfo in bem, roaS ber ®eift 
über bie 9tatur auSfagt, ein (SrgeugniS fielet, ba& ber ©eift 
fdiafft, ntufele Dor allen Singen bie g^age intereffieren : 
23ie lann baS, roaS auS bem ©eifte ftammt, bod| bie mtri* 
lid^e, in ber 9?alur roaltenbe ©efe^mäfeigfeil fein? 6r 
menbet fid^ mit fd^arfen SluSbrüden gegen biejenigen, meldte 
glauben, bafe mir unfere Sbeen „auf bie Sßatur nur über- 
tragen^, benn „fie fjaben leine Stl^nung baoon, roaS unS 
bie Sßatur ift unb fein foB, . . . benn mir rooQen nid^l, 
bai bie 5ßotur mit ben ©efe^en unfereS ©eifteS guföKig 
(tima burd^ SSermitlelung eines ©ritten) gufammentreffe, 
fonbern, ba% [xt felbft notmenbig unb urfprünglid^ bie ©e- 
fe^e unfereS ©eifteS — nid)t nur auSbrüdte, fonbern felbft 
realifiere unb ba% fie nur infofern Sßatur fei nnb 9iatur 
i&eifee, als fie bieS t^äte . . . S)ie «atur fott ber fid&tbare 
©eift, ber ©eift bie unfiditbare 9iatur fein. §ier alfo, in 
ber abf obtten ^bentitöt beS ©eifteS i n unS unb ber 9?atur 
auger unS, mug fid^ baS Problem, mie eine Statur auger 
uns möglidi fei, auflöfen''. Satur unb ©eift finb alfo 
überl^aupt nid)t gmei oerfd^iebene SSefen^eiten, fonbern eine 



— 79 — 

unb biefelbe Sßefenj^eit in gioei oerfd^iebenen formen. 3)ic 
etgentli^ie 9Reinung Sd^eüingd über biefe (Sinl^eit oon 
Xatur unb ®fift ift feilen rtd^tig erfaßt n)orben. 9Ran 
ntng fid^ gang in feine SorfteDungiSart üerfe^en, menn man 
barunter nid^t eine Srioialität ober eine 9bfurbität per- 
ftel^en mill. ^ier foQ, um biefe SorfteDungdart ju oer« 
beuUidien, auf einen @a^ in feinem ^u^t ^Son ber SBelt- 
feele" l^ingemiefen merben, in bem er ft(^ über bie %atur 
ber Sdimerbaft audfprid^t. SSiele feigen eine Sd^mierigleit 
in biefem Segriffe, meil er eine fogenannte ^SBirhing in 
bie t^erne'' Dorauilfe^t. 3)ie Sonne totrit angiel^enb auf 
bie @rbe, tro^bem nid^td gmtfdEien ®onne unb @rbe ift^ 
ma§ biefe ^ngiel^ung oermittelt. 3Ran mug fid^ beulen, 
ba% bie Sonne burt^ ben 9laum l^inburd^ il^re SSirlungiS* 
fpl^öre auf Crle auiSbe^nt, an benen fte nid^t ifi SDie« 
jentgen, bie in grobftnnlid^en äiorftellungen leben, fe^en in 
einem fold^en. ©ebanlen eine Sc^miertgleit. SBie fann ein 
Körper ba mirlen, mo er nid^t ift? Sc^eüing le^rt ben 
gangen ©ebanlenprogeg um. @r fagt: „@^ ift fel^r ma^r, 
ba% ein Körper nur ba mirlt, mo er ift, aber ed ift 
eben fo mal^r, ba% er nur ba ift, wo er mirlt." SBenn 
mir bie Sonne burt^ bie ^(ngiel^ungdlraft auf unfere @rbe 
mirlen feigen, fo folgt baxan^, ba% fte fic^ in il^rem Sein 
bis auf unfere (Srbe erftredt unb ba% mir lein fftt^i l^aben, 
il^r S)afein nur an ben Crt gu oerfe^en, an bem fte burd^ 
i^re Sid&tbarfeit mirlt. SDie Sonne gel^t mit i^rem Sein 
über bie ®rengen ^inan^, innerl^alb bereu fie ftd^tbar ift; 
nur einen Seil il^reiS 9BefeniS fielet man; ber anbere giebt 
fid^ burdi bie Slngiel^ung }u erlennen. So ungefai^r muffen 
mir nn^ aud^ ba^ Serl^ältnii^ bt§ @eiftes gur %atur beulen. 
S)er ®eift ift nid^t nur ba, mo er malgrgenommen mirb, 
fonbern aud^ ba, mo er mal^rnimmt. Sein äSefen erftredEt 
ftd^ hx§ an bie fernften Orte, an benen er nod^ @egenftanbe 
beobad^ten lanu. @r umfpannt unb burc^bringt bie gange 
il^m belannte %atur. äSenn er ba& @efe^ eined äuleren 
SSorganged btnli, fo bleibt biefer SSorgang nid^t äugen 
liegen^ unb ber ®eift nimmt bloß ein Spiegelbilb auf, fonbern 



— 80 — 

i)ief er ftromt fein SSefen in ben SSorgang l^inein ; er burd^« 
tringt ben SSorgang, unb ntnn er bann ba9 @efe^ bt§» 
felben finbet, fo fprid^t nid^t er ed in feinem abgefonberlen 
®e]^irnn)inlel au»; fonbern bai^ ®efe^ fprid^t ftd^ felbß 
aud. S)er ®eift ift boril^in gegangen, mo ba» ®efe^ n)ir!t. 
^äiit er eiS nid^t bead^tet, fo l^ätte ei$ aud^ gen^irli; aber 
ed n)öre nid^t audgefprod^en rooibttt. S)a ber ®eift in ben 
Vorgang gleid^fam l^ineinbied^C fo ^^^^ ba» ®efe^ aud^ nod^ 
auBerbeni; ba% ed wirft, atö Sbee, aU Segriff audge« 
fprod^en. %ur, wenn ber ®eift auf bie Statur leine StüdC« 
fid^t nimmt, unb fid^ felbft anfd^aut, bann lommt t9 il^m 
votf al» menn er abgefonbert von ber %atur märe, mie t» 
btm Sluge oorlommt, bofe bie Sonne innerl^alb eincö gemiffen 
Staumei^ eingefd^Ioffen. ift, menn baoon abgefel^en mirb, ba^ 
fie an^ ba ift, mo fte burd^ Hnaiel^ung mirlt. Saffe idg 
alfo in meinem @eifte bie Sbeen entftel^en, bie Xaturgefe^e 
aui^brüdCen, fo ift ebenfo mal^r, mie bie eine 99el^auptitng : 
bafe id^ bie 9iatur fd^affe, bie anbere: ba^ fid& in mir bie 
9iatur felbft fd^afft. 

3lnn giebt e0 jmei 3Röglid)Ieiten, ba» eine Sßefen, 
ba» @eift unb %atur gugleid^ ift, ju befd^reiben. S)ie eine 
ift: id^ }eige bie %aturgefe^e auf, bie in SBirllid^Ieit tl^atig 
finb. Ober id^ geige, mie ber ®eift t» mad^t, um gu 
biefen ©efe^en gu lommen. äJeibe male leitet mid^ eined 
unb baiSfelbe. '^a» eine mal geigt mir bie ©efe^mögigleit, 
mie fie in ber $atur mtrif am ift; ba» anbere mal geigt 
mir ber ®eift, wa» er beginnt, um jtd^ biefelbe ®efe^« 
mägigleit oorgufteQen. 3n bem einen gfaHe treibe id^ 
^atur«, in bem anberen ®eifteömiffenfd^aft. SBie biefe beiben 
gufammengepren, befd^reibt ®d^eQing in angiel^enber Sßeife: 
„S)ie notmenbige £enbeng aQer %aturmiffenfd^aft ift, oon 
ber %atur aufiS IgnteQigente gu lommen. S)ied unb nid^td 
anbered liegt btm Seftreben gu ®runbe, in bie %atur« 
erfd^einungen Sl^eorie gu bringen. S)ie l^öd^fte S$erooII* 
lommnung ber %aturmiffenfd^aft märe bie ooUIommene Ser« 
geiftigung aller %aturgefe^e gu ®efe^en bt» 9lnfd^aueni^ 
unb be» S)enleni^. 3)ie ^l^änomene {ba» aRaterieQe) muffen 



— 81 — 

vbüiq Derfdjwtnben unb nur bie ©efet^e (baiS SformeDe) 
bleiben. S)a6er lommt t», bai, je ntel^r in ber ^iaiui 
felbfi ba» Sefe^mägig^ l^exDorbriiit, befto mel^r bie $)ttQe 
Derfd^roinbet, bie $l^änomene felbft geifliger rottbtn unb 
gule^t oSnig auflgören. 2)ie optifd^en ^l^änomene ftnb nic^tö 
3[nbered ate eine ©eomelrie, beten Sinien burd^ bod Sid^i 
gebogen n^erben, unb biefed Sid^t felbft ift fd^on ixotu 
beutiger äßaterialitöt. 3n ben @rfd^einungen bed 9Ragne« 
ti^muiS Derfd)n)inbet fd^on aEe materielle ®pur, unb non 
ben $l^önontenen ber Sc^merlraft, n>eld|e felbft $atur« 
forfi^er nur aU unmittelbar geiftige ßinmirlung — SBirlung 
in bie <$erne — begreifen gu lönnen glaubten, bleibt nid^td 
gurüdC aU if)x @efe^, beffen SluiSfül^rung im ©rogen ber 
SKed^ani^muiS ber $)immeIiSben)egungen ift. 3)ie DoQenbete 
Sl^eorie ber %atur mürbe biejenige fein, Iraft meld^er bie 
gange 92atur ftd^ in eine ^nteüigeng auRöfte. 2)ie toten 
unb bemu^tlofen $robuIte ber %atur finb nur mißlungene 
Serfucbe ber %atur, fid^ felbft gu reflettieren, bie fogenannte 
tote $atur aber überhaupt eine unreife SnteDigeng, bal^er 
in igren $]gänomenen nod^ bemugtloi^ fd^on ber intelligente 
(Sl^aralter burd^blidtt. ^a» pd^ifte 3iel, ftd^ felbft gang 
Dbjelt gu merbeU; erreidE)t bie Statur erft buxi) bie l^odEifte 
unb le^te Slefle^ion, meldte nid^tiS anbered ato ber äRenfd^, 
ober aUgemeiner ba^ ift, xoa» mir Sernunft nennen, burd^ 
meldte guerft bie %atur ooUftänbig in fid^ felbft gurüdHe^rt, 
unb moburd^ offenbar mirb, ba^ bie %atur urfprünglid^ 
ibentifc^ ift mit bem, mai^ in uniS dl» Snteüigentei^ unb 
Semufeteö erlannt mirb.'' 

Sn ein !unftooIIed %e^ oon ®ebanlen fpann ®d^eQing 
bie S^iatfad^en ber 92atur ein, fo ba% alle il^re Srfc^einungen 
mie ein ibealer l^armonifd^er Organii^mui^ oor j einer 
fc^affenben ^^antafie ftanben. @r mar befeelt oon bem 
@efulgl, ba^ bit 3been, bie in feiner $^anta{te erfc^einen, 
oud^ bie maleren fd^öpferifd^en ^äfte ber %aturoorgönge 
feien. Oeiftigc Äräfte liegen alfo ber 9iatur ju ©runbe; 
unb roa» unferen Singen aU tot unb lebloiS erfc^eint, ba» 

@t einer, SBelt« unb Se6enSanf(i§auttnflen. 6 



— 82 — 

fiammt urfpcünglid^ aud ©eifttgem. SBenn tote unferen 
®cift barauf rid&tcn, bann lege« roir bie Sbeen, ba» ©eifttge 
ber Siatur frei. @o finb für uns, im Sinne Sd^cIIingö, 
bit Salurbinge Offenbarungen bt§ ©cifieS, l^inler beren 
äußerer §ülle er fid^ gleid^fam oerbirgt. 3n unferm eigenen 
3nnern'aeigl er fid^ 4ann in feiner rid&tigen ©eftalt. SBir 
wiffen baburd^, roa^ ©eift ift, unb !önnen beiSl^alb aud) 
ben in ber Sttatur ocrborgenen ©eift roieber finben. 3)ie 
Slrt, wie ©c^elling bie 9ialur afe ©eift in fid^ roiebcr 
erftei^en lä^i, f^at tima2 S3ern)anbte$ mit berfenigen, bie ©oet^e 
bei bem ooHIommenen Sünftler anzutreffen glaubt. Siefcr 
oerfäl^rt, nac^ ©oetl&eS SReinung, bei bem ^eroorbringen 
ber Sfunftmerle mie bie 9iatur bei i^ren Sd^ßpfungen. SSir 
l^crtten alfo in bem Schaffen beS ÄünftlerS benfelben Sor* 
gang oor uns, burd^ ben aud^ aUcS baSjcnige cntftanben ift, 
maS in ber äußeren 9iatur oor uM ausgebreitet liegt. 
8Ba§ bie $Ratur unferen Slidten entgic^t, ba^ fteHt fidfj uns 
in bem lünftlcrifd^en ©d^affen mal^rnel^mbar bar. S)ie 
SJatur geigt unS nur bie fertigen SBerle; mie fie eS gemad^t 
l&at, um fie fertig gu bringen : ba^ muffen mir aus bicfen 
äBerlen erraten 2Bir l&aben bie ©efd^öpfe üor unS, nid^t 
ben Sd^öpfer. Seim Stünftler nehmen mir @d|öpfung unb 
©efd^öpf gugleid) mal^r. Sc^eQing miQ nun burd^ bie @r« 
geugniffe ber 9iatur gu i^rem ©d^affen burd^bringen ; er 
oerfefet fid^ in bie fdjaffenbe Sfatur l^inein unb Iä§t fie in 
feiner Seele fo entfte^en, roie ber ffiüuftler fein Äunft* 
wer! eutftel&en lä&t. SBaS finb alfo, ber SRcinung <Sd)eIIingS 
nad^, bie ©ebanfcn, bie feine SäJeltanfd^auung enthält? Ss 
finb bie Sbeen beS fd^affenben 9taturgeiftcS. 2BaS btn 
2)ingen oorangegangen ift unb fie gefd^affen l^at, baS taud)t 
im einzelnen 3Rcnfd|engeifte als ©ebanfc auf. ®S oerl^ält 
fid^ biefer ©ebanle gu feinem urfprüngIidE)en mirllidien 
®afein fo, mie fid^ baS ©rinnerungSbilb an ein SrIebniS 
in biefem (SrIebniS felbft oerl^cttt. So mirb bie menfd&Iid^c 
SSiffenfd^aft für ©d^eüing gu einem @rinnerungsbilbe an 
bie oor ben S)ingen f(^affenben geiftigen SSorbilber. ®in 
göttlid^er ©eift Igat bie SBelt gefd^affen; er fd^afft gule^t 



— 83 — 

anä^ nod^ bie 3Rtn\ä)tn, um fid^ in i^ren Seelen ebenfo 
viele äSerlgeuge ^n bilben, burc^ bie er ftd| an fein ®d^affen 
erinnern lann. ®d^elling fü^It ftd^ alfo, menn er ftd^ 
ber äSetrod^tunfi ber SBelterfdieinungen l^ingiebt; gar nicl^t 
ate @ingeln)efen. (Sr erfd^eint ftd^ wxt ein Seil, ein 
®Iieb ®oüe». @r benit nid^t, fonbern ®ott benlt in 
i^m. (9oii befd^aut in ibm feine eigene fd^öpferifd^e 

3n bem hervorbringen beiS Jtunftroerlei^ erblidCt @d^elling 
eine SBeltfc^öpfung im Ileinen; in ber ben!enben Setrat^« 
tung ber S)inge eine Erinnerung an bie SBellfd^öpfung im 
großen. 3n ber Sßeltanfd^auung treten bie 3been felbft 
in unferem ®eifte auf, bie ben Singen gu @runbe liegen 
unb fie l^eroorgebrac^t l^aben; mir laffen aud ber 9SeIt 
aUtS XDtQ, ma0 bit @inne über fte auiSfagen, unb bel^alten 
nur ba^jenigc, roaS bai^ reine Senlen liefert. Sm Schöffen 
unb ©cniefecn bcS Äunftmerfeö tritt bie innige 3)urd^- 
bringung ber 3bce mit bem, roaS ben Sinnen fic^ offen- 
bart, auf. gffir SdieHingö anftdöt ftcften alfo «atur, Äunft 
unb äSeltanfd^auung (^l^ilofopl^ie) einanber fo gegenüber, 
ba% bie %atur bie fertigen, öugeren (Sr^eugniffe barbietet, 
bie SBeltanfd^auung bie er/ieugenben Sbeen, bie Äunft beibeS 
in l^armonifd^cm 3ufammenroirlen. ®ie lünjMerifd^e S^^ötig« 
feit fielet in ber 3Ritte §mifd^en ber fdiaffenbcn 9iatur, bie 
l^eroorbringt, o^ne oon ben Sbeen gu miffen, auf @runb 
bereu fie fd)afft, unb bem benlenben ©eifte, ber biefe 3been 
mei§, ol&ne mit il^rer §ilfc aud^ bie ®inge fd^affen gu 
lönncn. Sd^eHing brüdtt bieg in bem Sa^c ouö: „S)ie 
ibealifc^e SBcIt ber S'unft unb bie reelle ber Dbjefte finb 
alfo ^robultc einer unb berfelben Sl^ätigleit ; baS ^n» 
fammentreffen beiber (ber bemühten unb bemufetlofen) ol^ne 
Semufetfcin giebt bie roirllid^e, mit Semufetfein bie öft^e» 
tifd^e SBelt. ®ie obj[cftioc SBcIt ift nur bie urfprünnlid^c, 
no(| bcroufetlofe ^oepc beg ©cifteS, ba$ allgemeine Drganon 
ber ^l^ilofopl&ie — unb ber ©d^Iu^ftein il^reö gangen ©e- 
möIbeS — bie ^^ilofopl&ie ber Äunft.'' 

Sie geiftigen Sl^ätigleiten bt& ÜBenfd^en: benfenbe S3e» 



— 84 — 

trad^lung ber 9BeIt unb lünftlerifd^ed Sd^affen, erfd^einen 
@d^elling nid^t nur aU inbioibueQe Serrid^tungen ber 
@ingelperfdnlid^leii; fonbern, toenn fte in il^rer pd^ften 9e« 
beutung erfaßt xoexbtn, augleid^ ate SSerrid^iungen bed Ur« 
n)efend, ®otted. 3n mal^rlgaft bitJ^^rambift^en Sä^en 
fd^ilbert ©d^eüing ba» ®efü^I, ba» in ber Seele auflebt, 
mtnn fie Qexod^t micb, ba% i^t Seben nid^t blog ein inbi* 
DibueQeiS, auf einen $unlt be» UnioerfumS beft^rctnlted ift, 
fonbern, bag il^r Sl^un ein göttlid^-aügemeined ift. 9Benn 
fte fagt: id^ voti^, id^ erlenne, fo i^eigt ba^, in p^erent 
@inne, ®oit erinnert fid^ an fein S^l^un Dor bem 2)afein 
ber S)inge; unb menn fte ein jtunftoeri l^eroorbringt, fo 
l^eigt baS: ®oii n)ieber]^oIt im {leinen baiSfelbe, n^ai^ er 
bei ber ®d^öpfung bt» %aiurgangen im grogen DoHbrad^t 
l^at. ;,S)ie Seele ift alfo im äRenfd^en nid^t ba^ ^ringip 
ber Snbipibualität, fonbern ba», moburd^ er ftd^ über alle 
@elbft^eit ergebt, moburd^ er ber Slufopferung feiner felbft, 
uncigennü^iger ßiebc, unb, maS boö §öd^fte ift, ber Se» 
trad^tung unb (SrIenntniiS bt» SBefeniS ber Singe, thtn 
bamit ber ^unft föl^ig mirb. ®ie ift nid^t mel^r mit ber 
ÜSaterie befd^ctftigt, nod^ oerlel^rt fie unmittelbar mit il^r, 
fonbern nur mit bem ®eift, afe bem Seben ber Singe. 
Sfud) im ffiörpcr erfd^eincnb, ift fie bennod^ frei oon btm 
Körper, bcffen Scmufetfcin in il^r, in ben fd^önften Sil- 
bungen, nur mie ein leidster S^raum fc^mebt, oon bem fte 
nid^t geftört roirb. Sie ift feine Sigenfd&aft, lein Scr« 
mögen, ober irgenb titoa^ ber Slrt indbefonbere; fie meife 
nidjt, fonbern fie ift bie SBiffenfd^aft, fie ift nid^t 
gut, fonbern fie ift bie ®ütc, fie ift nid^t fd^ön, 
mie t» aud& ber Äörpcr fein lann, fonbern fie ift bie 
@d^önl^eit felber.'' (Über ba» äSerl^ältniiS ber bilbenben 
^nfte aur %atur.) 

(Sine fold^e äSorfteQungiSart Hingt an bie btui^d^t 
äR^ftil an, bie einen Stepröfentanten in Sacob SJöl^me 
(167Ö— 1624) l&atte. Sd^etting genofe in SlRünd^en, mo er 
1806 — 1841 mit lur^en Unterbred^ungen mar, ben an* 
regenben Umgang mit gfranj Senebilt Saaber, beffen 



— 85 — 

p^ilofopl^ifd^e Sbeen fid^ gang in ber 9Kd^tung jener Slieren 
Seigre bewegten. 2)ie0 ift bie Seranlaffung, bog er ftd^ 
feUft in biefe ®ebanIenmeU einlebte; bie ganj auf bem 
©eftd^tdpunlte ftanb, auf bem er felbfl mit feinem sbenlen 
angelangt mar. SBenn man bie oben angeffil^rten 2lM» 
fprüf^e and ber Siebe «Über bad Serl^ältnid berbilbenben 
^nfte 3ur Katur^ lieft; bie er 1807 in ber Idniglid^en 
SUabemie ber SSiffenfd^aften in SRAnd^en gehalten ^ai, fo 
mirb man erinnert an Sacob So^med ainfd^auung : „^tnn 
hu bie 2:iefe unb bie Sterne unb bie ßrbe anfteJ^eft, fo 
ftel^eft bn beinen ®ott; unb in bemfelben lebeft unb 
bift bu aud^, unb berfelBe ®ott regiert bic^ aud^ . . . . 
bu bift aM biefem ®ott gefd^affen unb lebft in bemfelben; 
aud^ ftel^et aOe beine SSiffenfd^aft in biefem ®ott unb menn 
bu ftirbeft, fo mirft bu in biefem ®ott begraben." 

9Rit feinem fortfd^reitenben 3)enlen mürbe für Sd^eEing 
bie SBeltbetrad^tung jur ®ottei$betradE|tung ober Xl^eofop^ie. 
SoQftänbig ftanb er fdgon auf btm SSoben einer fold^en 
®ottedbetrad^tung, ate er 1809 feine ;,$l^ilofop|ifd^en 
UnterfudEjungen über bali SBefen ber menfd^Iid^en gfrei^eit 
unb bie bamit ^ufammenl^ängenben ®egenftänbe'' l^eraud« 
gab. S(IIe SBeltcnfd^auungiSfragen rüdEten ftd^ il^m ie^t 
in ein neueiS SidEjt. SBenn alle 2)inge göttlich finb: mie 
iommt t», bQ% t» Sofed in ber SBelt giebt; ba ®ott 
bodi nur bie ooQIommene ®üte fein fann? SBenn bie 
@eele btB äKenfd^en in ®ott ift: mie Iommt t», ba% fie 
bodg il^re felbftfüd^tigen Sntereffen oerfolgt? Unb menn 
®ott t9 ift, ber in mir l^anbelt: mie lann id^, ber id) alfo 
gar nid^t ate felbftdnbigeiS SBefen ^anble, bennod^ frei 
genannt merben? 

2)urd^ ®ottei9betrad^tung , nid^t mel^r burd^ SBelt« 
betrad^tung fud^t Sd^eQing biefe t$^agen gu beantmorten. 
@d m&re ®ott ooülommen unangemeffen, menn er eine 
SBelt oon SBefen fd^affen mürbe, bie er aU unfelbftänbige 
fortmäl^renb leiten unb knien mü%U. Soülommen ift ®ott 
nur, menn er eine SBelt fd^affen lann, bie i^m felbft an 
SoDIommenl^eit gang glei(^ ifi (Sin ®ott, ber nur foIdEied 



— 86 — 

j^eroorbringen länn, ba» unpoQIomntener al& er felbft ift^ 
ber ift felbfi unoolllotntnen. ®oü ^ai bälget in ben ältenfd^en 
äSefen gefdiaffen, bie nid^t feiner ^ü^rung bebürfen^ fon« 
bern bie felbft frei ftnb unb unabhängig mit er. Sin 
SBefen, ba» au^ einem anberen feinen Urfprung ^ai, brandet 
bedl^olb nid^t Don biefem aud) abl^öngig gu fein. S)enn 
t& ift lein SBiberfprud^^ bag ber, welcher ber Sol^n eined 
aSenfd^en ifi, felbft 9Kenfd^ ift. 9Bie ba» 9uge, ba» nur 
im (Sanken bed DrganiiSmud möglit^ ift, nid^tiSbeftoroeniger 
ein unabl^ängigei^ @igenleben für [lä) f^ai, fo ouc^ bie 
Singelfeele, bie ^mat in @ott begriffen, aber beiSl^alb bod^ 
nid^t burd^ il^n n^irlfam ift gleid^ bem ®Iieb an einer 
9Rafd^ine. ;,@ott ift nit^t ein ®ott ber SCoten, fonbern 
ber fiebenbigen. @d ift nid^t ein^ufel^en, mit ba9 aSer« 
DoQIommenfte SBefen ani) an ber möglid^ DoUIontmenften 
9Rafd)ine feine Suft fönbe. äSie man anä) bie Wci unb 
f$oIge ber SSefen an^ ®ott fid^ beulen möge, nie lann fte 
eine med^anifd^e fein, lein blofeei^ Scroirfen ober ^infteHen, 
mobei bai5 Seroirfte nid^ts für ftd^ felbft ift; eben fo roenig 
Emanation, mobei ba» SlUiSfIie|enbe baiSfelbe bliebe mit 
bem, moDon t» auiSgefloffen, alfo nid)t0 @igeneiS, @elbft» 
ftänbigeö. ®ie golge ber S)inge auiS ®ott ift eine ©elbft» 
Offenbarung ®oitt2. @ott aber lann nur fid^ offenbar 
merben in bem, ma^ i^m äl^nlid^ ift, in freien, aud fid^ 
felbft l^anbelnben SSefen ; für bereu @ein tS leinen @runb 
giebt ate ®ott, bie aber fmb, fo mie ®ott ift." aScire 
®ott ein ®ott bt» £oten unb alte äSelterfd^einungen nur 
ein äRe^ianiiSmuiS, beffen Vorgänge auf il^n ald i^ren 9e« 
meger unb Urgrunb aurüdC^ufül^ren mören, fo brandete man 
nur bie 2:]^ötigleit ®otteig gu befc^reiben, unb man l^citte 
aUt» innerl^alb ber 9BeIt begriffen. SBan lönnte aü» ®oit 
l^erauiS aQe 2)inge unb il^re S^ätigleit oerftel^en. ^a» ift 
aber nid)t ber ^aJL S)ie göttlid^e SBelt ^at @elbftänbigleü. 
®ott J)at fie gef(^affen, aber fte l^at iJ)t eigeneiS SBefen. @o ift 
fie göttlid^; aber bai^ ®öttlid^e erfc^eint innerlgalb einer SSefen« 
l^eit, bie oon ®ott unabl^cingig ift, innerl^alb eineiS 3li^iQÖiU 
lid^en. @on)ie baS äid^i au^ ber S)unlel]|eit l^eraud geboren i^, 



— 87 — 

fo bte göitltd^e SBelt au» btm ungottlid^en Safein. Hub 
au» btm Ungottltd^en flammt ba& SSöfe, ftammt ba» Selbft* 
füdgtige. ©Ott l^at alfo bie ©efamtl^eit ber SSefen nid|t in 
feiner ©emalt; et lann il^nen ba» Si^t geben; fte felbft 
aber tauchen an» btx bunllen %ac^t empor. Sie finb 
bie ®ö]^ne biefer 3iai^t Unb wa» an i^ntn S)unlel« 
l^eit ift, über ba» ^ai ®ott leine äRad^t. Sie muffen ftd) 
burd^ 'kadii gnm Si^lt emporarbeiten. S)ad ift ilgre gfrei« 
l^eit. SKan lann aud^ fagen, bie SBelt ift ®otted Sd^öpfung 
an» bem Ungöttlic^en i^^erauiS. ^a» Ungöttlid^e ift alfo ba» 
@rfte unb ba» ©ottlid^e erft ba» Smeite. 

3uerft l)ai Sd^eüing bit 3been in allen Singen ge« 
fud^t, alfo il^r ©öttlid^ed. Saburd^ l^at fidEi für il^n bie 
gange äSelt in eine Offenbarung @otted oermanbelt. Sr 
mugte bann aber nom ©öttlid^en gum Ungöttlid^en oor« 
fd^reiteU; um ba» UnooIUommene, ba» 9bfe^ ba» Selbft- 
füdjtige gu begreifen. S^t mürbe ber gange 9Serbeprogeg 
ber SSelt für il^n eine fortfd)reitenbe Überminbung bt» Un« 
gottlid^en burdE) ba» ©öttlidie. S)er einzelne äßenfd^ nimmt 
an» Ungöttlid)em feinen Urfprung. @r arbeitet ftc^ an» 
biefem l^erau^ gur ©ottlid^Ieit burc^. 2lnä) im SSerlauf ber 
©efd^ic^te lönnen mir ben eJrottgang oom Ungöttlid^en gum 
®öiilxd)tn bcobad^ten. 2)ad Ungöttlid^e mar urfprünglic^ 
ba» $errfd)enbe in ber SSelt. Sm Slltertum überliegen [x6) 
bie 9Renfd)en i^rer %atur. Sie l^anbelten naio an» Selbft* 
fud^t. Sie griedgifd^e Kultur ftel^t auf biefem ä3oben. @d 
mar ba» S^italter, ba ber SRenfc^ im SSunbe mit ber %atur 
lebte, ober, mie Sdtjiüer in btm S(uffa^ ^Über naioe nnb 
fentimentalifd^e Sid^tung'' ftd^ auiSbrüdCte, %atur felbft mar, 
fie bei^l^alb nod^ nid^t fud^ie. 3Rit btm Sl^riftentum oer« 
fd^minbet biefer Unfd^ulbi^guftanb ber SRenfd^^eit. Sie bloge 
%atur mirb al» ba» Ungöttlid^e angefeigen, ba» S3öfe mirb 
bem ©ottlid^en, bem ©uten entgegengefe^t. (Sf^n^in» tt» 
fc^eint, um ba» £idgt bt» ©ottlidgen innerlgalb ber 3taä^i 
bt» Ungöttlidgen erf(^einen gu laffen. Siei^ ift ber üRoment, 
mo ,,bie @rbe gum gmeitenmale müft unb leer mirb'', ber» 
jenige ;,ber ©eburt bt» pigeren ü\6^i» bt» ©eifted", ba» 



— 88 — 

^Don Anbeginn in ber 9BeIt mar, aber unbegriffen oon ber 
für fii) mirlenben fSfinflernid; nnb in annod^ oerfd^Ioffener 
unb eingefd^ränlter Offenbarung; unb ^wax erfd^eint ed, 
um bent perfonUd^en unb geiftigen äJöfen entgegengu» 
Ireten, ebenfaSiS in perfonlidier, menfd^Iid^er ®eftalt, uitb 
ate 9RittIer, unt ben 9tapport ber Sd^öpfung mit ®ott auf 
ber pd^ften ®iufe mieber l^erjuftellen. SDenn nur ^erfön« 
lid^eiS lann ^erfonlid^eiS l^eilen, unb ®oü mu§ SRenfd^ 
werben, bamit ber 9Renfd^ mieber }u ®ott !omme'^ 

2)er ®pinogiiSmuiS ift eine SSeltanfd^auung, bie in ®ott 
ben ®runb däe^ SBeltgefd^el^eniS fud^t, unb an^ biefem 
®runbe aQe Vorgänge nad^ emigen, notmenbigen ©efe^en 
ableitet, mie bie matl^ematifi^en Sßalgrl^eiten auiS ben ®runb« 
fä^en abgeleitet merben. (Sine fold^e 3SeItanfd^auung ge« 
nügte ®d^eQing nid^t. 9Sie @pinoga glaubte aud^ er batan, 
baf alle SBefen in ®ott feien; aber fie finb, nad^ feiner 
9Reinung, nidgt burd^ ®ott allein beftimmt, fonbern t9 ift 
ba^ Ungöttlid^e in il^nen. @r mirft ©pinoga bie ^.Seb* 
lofigleit feineö @^ftemö, bie ®emütIofigIcit ber gform uor, 
bie ©ürftigfcit ber Segriffe unb Slu^brtidte, baö unerbittlid^ 
^erbe ber 93eftimmungen, ba» fid^ mit ber abftraften Se« 
trad^tungdmeife uortrefflid^ oertrdgt''. @d^eQing finbet bal^er 
©pinoaaS ^med^anifd^c 3iaturanfid^t" ganj folgerid^tig. 
aber bie 9iatur ^tiqt leineSmegö biefe fjolgerid^tigleit. 
^2)ie ganje $atur fagt uni^, baj^ fie leineiSmegd vermöge 
einer blofe geometrifdien Sfiotroenbigleit ba ift, e» ift nid&t 
lautere, reine SSernunft in il^r, fonbern $erfönlid^leit unb 
®eift, fonft l^Ätte ber geometrifd^e Serftanb, ber fo lange 
gel^errfdgt l^at, fte längft burd^bringen unb fein Sbol aQ« 
gemeiner unb emiger %aturgefe^e mel^r bemal^rl^eiten muffen, 
aü t» biiS je^t gefd^el^en ift, ba er Dielmel^r baiS irrationale 
Serl^öItniiS ber %atur }u fid^ täglid^ mel^r erlennen mug." 
Sßie ber 9ßenfd^ nid^t blog Serftanb unb Sernunft ift, 
onbern nod^ anbere Sermögen unb ^öfte in fid^ vereinigt, 
foS, im @inne Sd^eQingiS, bieiS auc^ bei bem gottlid^en 
Urmefen ber tSaU fein. 6in ®ott, ber lautere, reine Ser» 
nunft ift, erfd^eint mie perfoniftjierte 3Rat^ematiI; ein ®ott 



— 89 — 

bagegen, btt Bei feinem SBeltfd^affen nid^i na^ ber reinen 
Semunft oerfal^ren lann^ fonbern fortn>ft|renb mit bem 
Ungottlid^en 8U lämpfen ^ai, lann ab «ein gang per« 
fonlid^eiS, leBenbigei» SBefen angefeBen merben''. Sein fieben 
j^at bie grdgte Senologie mit btm menfd^Iid^en. 9Bie ber 
SRenfd^ ba» UnooDIommene in ftd^ au ftbenoinben fud^t 
unb einem ^beal btt SBoEIommen^eit nad^ftrebt: fo mirb 
ein fold^er (Sott, aü ein emtg lämpfenber, oorgefleQt, beffen 
£l^ätigleit bie fortfd^reitenbe Uberminbung bed Ungöttlid^en 
ifi Spinogod ®ott oerglei^t Sd^eHing ben ^ätteften Silbern 
ber ©ottl^eiten, bie, fe meniger inbioibueII«Iebenbige 3^0^ 
ans i^nen fprac^en, befto gel^eimnidooller erfd^ienen''. 
Sd^eEing giebt feinem ®otte immer inbioibueüere 3üge. 
@r fd^ilbert ii^n mie einen !iRenfd^en, menn er fagt: «Se» 
benlen mir ba» Sdgreddid^e in ber %atur unb ®eiftermelt 
unb ba» meit SRel^rere, ba§ eine mol^lmollenbe $anb und 
gujubedCen fd^eint, bann lönnen mir nidE|t gmeifeln, ba% bie 
©ottl^eit über einer 3BeIt ber @d^redten throne, unb ®ott 
nad^ bem, wa» in il^m unb burd^ i^n oerborgen ift, nid^t 
im uneigentlid^en, fonbern im eigentlidien @inn ber @d^red« 
lid^e, ber Sürd^terlic^e l^eigen lönne''. 

(Stnen fold^en ®ott lonnte Sd^eDing nid^t mel^r fo be» 
ixad^itn, mie Spinoja feinen ®ott betrachtet l^at. Sin ®ott, 
ber aDed au0 fid^ l^eraud nad^ Sernunftgefe^en beftimmt, 
lann an^ mit ber Sernunft burd^fd^aut merben. @in per« 
fSnIidger ®ott, mie il^n Sd^eüing in feiner fpäteren Qtii 
oorfteSte, ift unbered^enbar. Senn er l^anbelt nid^t nad^ 
ber Sernunft allein* Sei einem Sled^ene^empel lonnen mir 
bai^ Srgebnid burd^ bloged S)enlen oorauiSbeftimmen; bei 
bem l^anbelnben SRenfd^en nid^t. Sei il^m muffen mir ab» 
märten, ju meld^er ^anblung er ftd^ in einem gegebenen 
augenblidCe enifd^liegen mirb. S)ie Srfal^rung mu| ^n bem 
Semunftmiffcn J^injutreten. S)ic reine Sernunftmiffcnfd^aft 
genügte bal^er @d^elling nid^t gur SBelt* ober ®otteiS« 
anfdiauung. SllleiS aud ber Sernunft gemonnene nennt er 
bal^er ein negatioed SBiffen, ba» burd^ ein pofttioed ergängt 
merben mu§. 9Ber ben lebenbigen ®ott erlennen miQ, barf 



— 90 — 

ftd^ nid^t Blogben noiiDenbtgenSSernunftfd^Iüffen überlaffen; er 
mu% fid^ tnii feiner gangen ^erfönlid^JEett Derfenlen in ba» 
Seben ©otteiS. 3)ann n)irb er erfa^ren^ ma^ il^m leine 
Sd&Iüffe, leine reine SSernunft geben lönnen. ®ie SBelt ift 
nid^t eine notmenbige SBirlung ber göttlid^en Urfad^e^ fonbern 
eine freie %^ai bel^ perfönlid^en ®otM. ^a» <Sd^eIIing 
nid^t burd^ vernünftige ä3etrad)tung erlannt, fonbern ali 
freie, unberechenbare Sl^aten ®oitt^ erfdiaut gu Igaben 
glaubte, ba^ J)at er in feiner ^^l^ilofop^ie ber Dffcn» 
borung " unb feiner «^l&ilofoplöie ber äffi^tl^ologie'' bar» 
gelegt. Seibe 3Berfe i^at er nid^t me^r felbft »eröffentlid^t, 
fonbern il^ren Slnl^alt nur ben SSorlefungen gu @runbe 
gelegt, bie er an ber Unioerfttät gu Serlin gehalten l^at, 
nad^bem il&n ^ricbrid^ SEBil^elm IV. in bie prcufeifd^c ^aupU 
^iabi berufen l^atte. @ie finb erft nad^ ®d^ellingg £obe 
(1854) oeröffcntlid^t roorben. 

"Stii fold^en ^nfd^auungen l^at @d^eQing fid^ aU ben 
fül&nften unb muttgftcn berjenigen $]&iIofopl)en crroiefen, 
bie fid^ oon Äant gu einer ibealiftifd&cn 2BeItanfd|auung 
l^aben anregen laffen. S)aö ^l^ilofopl^icren über Singe, 
bie ienfcitö beffcn liegen, maB bie mcufd^lid^cn ©inne beob» 
ad^ten, unb ma^ ba» S)enlen über bie äSeobad^tungen 
auSfagt, l^at ntan, unter bem Sinfluffe biefer Anregung, 
aufgegeben. 3ßan fud^te fid^ mit bem gu befd^eiben, xoaS 
innerl^alb SJeobad^tung unb 2)enlen liegt. SBäl^renb aber 
Sant aus ber Siotmcnbigleit foldien Sefdjcibcng gefdE)Ioffen 
"^ai, man lönne über jenfcitige ®inge nid^tö roiffen, er» 
Härten bie 9tad^Iantianer: ba S3eobad^tung unb 2)enlen auf 
lein jcnfeitigeö ©öttlidfie l^inbeuten, finb fie felbft ba& 
©ottlid^e. Unb oon benen, bie foId^eS erllärten, mar 
®d^elling ber energifd^efte. t$id|te l^at aUeiS in bie ^d^^^it 
l^ereingenommen; @dE)eIIing l^at bie S^^^eit über alled aud« 
gebreitet. (Sr moQte nid^t mie jener geigen, bai bie 3d)]^eit 
alles ; fonbern umgelel^rt, bai aQeS Sd^l^eit fei. Unb 
®d^eQing Igatte ben 9Rut, nid^t nur ben ^been
…[truncated]