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Prlt- null frtoanfilionnngrii
im
neunzehnten §a^v^unbevt.
Dr. g«i)0lf Jttintr.
üSetlfn 1901.
Sßerlafl ©iegfriefc (Sronßac^.
<r>
?Wol \7l^, IS-
JU.. :5S1903
1
^rof. Dr. gmfl ^accfteC
ipi6met öiefes Bu<^
m
^ersHc^er Qo(^f<^d|un9
ber Perfaffer.
3n biefer ©d^rift mirb bei Serfud^ gemalt bie Snt«
tDidebtng ber Seit* unb fiebeitiSanfd^auttnaen bon ®oftl^e
tmb Sani btd ju Sotioin unb ^atdtl bat)uffcellen. S)iefe
@nimxdtlvinq fteOt ftdg ab ein gevoltiged SKngen bed ntenfd^«
fidlen ©etfteiS bar, baiS im anfange bt& neunzehnten ^afyc»
ffmtitti» mit ber fül^nften Sntfoltung ber S)enfibaft bel^nfd
Söfungber großen Si&tfelfragen bed Safeind begann, unb badtn
ber Vertiefung ber natunDiffenfd^aftlid^en Sdenntniffe unferer
3eit eine porlöufige Sefriebigung fuc^t.
?;n jtoei Sänbe jerfaüt biefe ©d^rift. 2)er norliegenbe
bel^anbelt bie erften fünf ^j^tit^ntt bt& ^aJ^r^^unbertiS^ in
benen bie ®eifler beftrebt moren^ aud fi^ felbft l^eraud
bie äBol^rl^eit ju Idolen. IRan Idnnte biefen Seitabfd^nitt bie
ibealiftifd^e $exiobe nennen. 3)er groeite 8anb mirb
ba& S^ttatter ber Slaturmiffenfd^aft, bie realiftifd^e
$eriobe, gum ®egenftanbe l^aben. @ie trad^tet burd^ »er»
Wertung ber bebeutfamen Sfürtfc^ritte, meldbe bie SBeob*
ad^tung ber S^l^atfac^en in ben legten fünf Sol^rjel^nten
gemad^t l^ot, bat SSeltrdtfeln nal^e gu lommen.
S)er Serfaffcr gicbt fid^ ber Hoffnung l^in, bafe toegen
feinei^ ©trebeni^ naq einer leidet faglid^en, Jo:^uIären 3)ar«
fteüungiSn^eife^ bie btm 9n^t in meiteften Reifen Singang
Derfd^offen foD, bie Kenner ber Sßeltanfd^auungiSentmictelung
unfered abgelaufenen Sal^rl^unbertiS nid^t überfeinen merben,
ba| er mit aQer ©trenge ben in Setrad^t lommenben gfragen
nad^gugel^en fud^te. ®ie merben ftnben^ bag ^ier eine Stetige
neuer ®eftd^tspunlte gemonnen morben ift, menn fie ^ S.
bie S)arfteDung ber ^antfd^en, ®oet]^efd^en, gfid^tefc^en,
$egelfd^en unb ©timecfd^en Sßeltanfd^auung mit anberen
gefd^id^tlid^en Slui^einanberjfe^ungen bedfelben ®egenftanbed
oergleid^en.
SSor dum 2)ingen tourbe ongefireBt, jeber $erfonIid^Ieii.
bie fxä) an bem Shtfbau ber modernen SieÜanfdgauitng itß
teiligt l^ot/ tl^r DoQeiS Stecht ju teil werben ju toffen. 3dg fte||e
mit meinen eigenen Slnfci^attungen in t)ouem (SinHange mit
ben SrfleBniffen, gu benen ber gröfete Slaturforf d&er ber ©egen^^
mort, (Srnft $ aedel, gelangt ift. ^ä) ffdbt auf biefen
Sinltang befonberiS in meiner ;,$]^iIofop]^ie ber f^reil^eit''
fiingemiefen, unb barf ei^ mir gur (Sffxt anredbnen, ba% @rnft
^atdd, ber foeben in feinem SSerle ^®ie feeteätfel" fein
Sbeengebäube aQfeitig auSgeful^rt l^at, bie Sßibmung meinei^
ä3uc^ei$ angenommen l^at. S)aS malere SerftdnbniS biefer
mobemen SBeltanfd^auung mirb baburd^ mefentlid^ geförbert
merben, ba^ man {td^ aud^ in bie entgegengefe^ten ©ebatden
voxuxteü&lo» vertieft.' @o lommt in biefem 93u(i^e }. 93. bie
3(nfi4lt @d^eIIingiS in einer 3lrt )ur @prad^e, ber man^ tote
td^ glaube, nid^t einmal anmerlt, ba^ ein entfd^iebener ©egner
rebet. Um treue gefd^id^tßd^e @rörterung, nid^t um einfeitige
^ritif mar t» mir ju ^un; unb id^ n)ärbe mid^ glfidClid^
fd^ä^en, votnn ^unbige fänben, bai^ meine fd^arf aui^geprögte
eigene SBettanfd^auung mir ben f8M für bie @tbanhn
9(nberer nid^t getrübt, fonbern gefd^ärft l^abe.
»erlin, im gfebruar 1900.
Sßenn bie Statut beti 9Renfd^en ebenfo bt^anbtUt, tote
alle übrigen SBefett, fo gäbe ed leine Sßelt« unb Sebend-
onfd^auiing. @r wanbtlit jnfrieben unb glücflid^ burd^iB
Stben mit bie Stofe, oon ber 9(ngelui8 @iIefiuiS fagt: ;,3)ie
9iof' ift o^n n)arumb, fie blül^et, totil fte blühet, fie a^i
nid^t il^ret felbft, fragt nid^t ob man fte ftl^et.'' ®o lann
ber ^enfd^ nid^t fein. @r mug nid^t nur feiner felbft
atzten; er tnu^ auä) ber SBefen utn ftd^ l^er ad^ten. Ott
mug fid^ felbft in ber SSelt gured)t ftnben, wenn er in i^r
leben n)iQ. @r lann bie fJfüQe ii^rer @rfd^einungen nic^t
einfad) an ftd| oorüberjiel^en laffen, benn biefe fteOen nn*
gäi^Iige fragen an il^n; unb er fül^It fid^ ^altlos, wtnn
er leine Slntniort ftnbet. @r tnug burd^ fein ^anbeln
felbft in ben ®ang ber (Srfd^einungen eingreifen. 2)araud
entfpringen für il^n weitere Qfrogen : SBie f oE er eingreifen ?
Unb tnbliä) ift ba» Sebürfnid in il^n gelegt, gu n)iffen,
ioa0 aud feinetn 3ufantmenn)irlen mit ber übrigen JBelt
entftel^t, meld^er fd^Iieglid^e @rfoIg ftd^ aui^ feinem Sl^un
ergiebt. SluiS biefen brei ©runbtrieben ber äRenfd^ennatur
entfpringen aQe Sßelt* unb Sebendanfd^auungen ^ant l^at
biefe Sriebe in feiner ^Äritil ber reinen SSernunft" in bie
brei fragen gelleibet: SBaö lann ii) miffen? 8Bai9 foH id^
tl^un? Ißa» baxf id^ l^offen? ©oetl^e ^ai il^nen Sludbrud
gegeben in bem @a^e: ^jSenne id^ mein SerJ^öItnid gu mir
felbft unb gur aufeenmelt, fo l&ei^' id^iS ©a^rl&eit.''
9ta^ ber SIrt unb btm @xabt i^xtt geiftigen fiä^iq*
leiten beantworten fid^ bie üRenfd^en biefe gfragen in ber
©teilt er, V&tiU uttb Sei&enSaitfd^auungcit. 1
— 2 —
Derfd^tebenften 98etfe. Unb ba bie SInttoorten bte j^öd^ften
ßrgcbniffc bcr ©cifleölultur ftnb, ba jtc bog auömad^cn,
tooburd^ ftd^ ber äRenfd^ erft feinen t^al^ren äBert geben
roiH, fo ift eö begretflid^, ba^ ftc gu bcn geroaltigflcn
kämpfen gefül^rt l^aben.
ffiein ^af)xf)nnbtxi f)ai roo^l eine fold^e Sülle oon
8lnltt)orten auf biefe fragen ]^ert)orgebrad)t mie bai^jenige,
an beffen @nbe mir ftel^en. @d)open]^auer f)ai eS be^l^alb
ba^ p]^iIofop]^ifd)e genannt. Unb inSbefonbere ift eS ba^
beutfd^e ©eiftei^Ieben, ba^ an biefer Kulturarbeit ben
j^croorragenbften Slntcil l^at. Saum einer ber SBege, bie
gum ^idt gu führen fdCieinen, blieb unbefd^ritten innerl^alb
biefer l^nnbertiä^rigcn ©ntrotdCelung be§ beutfd^cn ®cifte§.
Sie älteften religiöfen SSorfteüungen ttaten in einen er-
bitterten Äampf mit ben jüngften ©rgebniffen beg miffcn»
fd^aftlidjen ©enlenS. SRabifale Slnfrfiauungen erfd)icnen
neben friebfertigen SermittelungSoerfud^en gmifc^en ben ent-
gegengefefeten Meinungen. ®ie mutlofefte 3w)cifclfud§t
gegenüber ben legten fragen l^at il^re SSertreter gefunben
unb aud^ ber lü^nfte, ftolgefte Sbeenflug, für ben e§ fein
unbeantmorteted 9latfel gu geben fd^eint.
9Bie gmifdgen gmet 3RarIfteinen liegt bie (Sntmidtelung
ber beutfd^en SBelt» unb ßebenSanfd^auungen eingefdjloffen
groifdjen gmei litterarifdjen 6rfd^einungen, oon benen bie
eine mie ein SRorgengeläute bt^ neuen ^a^vf)nnbeti^ in
baöSal&r ISOOfättt: gfid^teö ^Beftimmung beS aKenfd^en/
unb bie anbere foeben al9 ^n^llanQ be^felben auftritt:
Srnft ^aedtelö ^®ie SBeltrötfeL Oemeinoerftänblid^e
©tubien über moniftifd^e ^ßl^ilofop^ie." 3ßan lann fid^
laum einen größeren ©egenfafe beulen, als ber ift, roeld^er
gmifd^en biefen beiben S3üd^ern l^errfd^t. ^aedtel baut eine
SBelt« unb SebenSanfid^t aQein baburd^ auf, ba^ er fid^
in bie Singe unb SBorgänge ber 9latur vertieft. S)ie un-
befangene ä3eobad^tung ber @rfd^einungen burd^ bie
Sinne, il^re genaue Unterfud^ung mit ben Hilfsmitteln bcr
SBiffenfd^aften, unb ba^ logifd^e ©enlen, roeld&eS bie natür-
lid&en Qn^ammtnfiänQt unb Oefe^e ber Vorgänge auffud^t,
— 3 —
finb il^nt bie CueQe ber SBal^rl^eit. Si(f)te giebl giuar ein Stib
biefer Slnfid^t^ aber nur, um ^u ^tiQtn, bog mit i^r ffir
ba» l^od^fie äJebürfnid bed menfd^Iid^en ®eiM nic^td an-
zufangen ift. 3nt erften 9u(^ feiner ;,9eftimmung bed
aKenfc^cn^ d^orafterifiert er baö Silb ber Saturerfdieinungen,
mie ed ftd^ ber ben!enben Setrad^tung ergiebt, in biefer
SBeifc: ,3n jebem SRomente i^rer S)oucr ifl bie Satur ein
gufammen^ängenbeiS ®ange; in jebem SRomente mug jeber
einzelne Seil berfelben fo fein, mie er ift, roeil alle übrigen
ftnb, mie fte finb; unb bu lonnteft fein <Sanb!()rndE)en oon
feiner ©teile oerrüden, obne baburd^, meüeidit unft^tbar
für beine Singen, burti^ aDe £eile bed unermeßlichen ©angen
^inburc^ etmaiS ^u oeränbern. Slber jeber SRoment biefer
S)auer ift beftimmt burd^ alle abgelaufenen SRomente, unb
mirb beftimmen alle lünftigen SRomente; unb bu lannft
in bem gegcnmärtigen feinet ©anblorniS Sage anberS
benfen, als fie ift, ol^ne ba% hu genötigt roürbcft, bie
gange SSergangenl^eit in« Unbeflimmte l^inauf, unb bie
gange 3w^«wft ins Unbestimmte l^erab bir anberö gu
benlen." @ine fold^e SSorfteQung oon ber %atur mad)t
^aedel gu ber feinigen. @r fagt: „"^ie mec^anifd&e ober
moniftif(i^e $^iIofop^ie behauptet, ba% überall in ben @r«
fc^cinungen beS menfd)Iid^en SebcnS, wie in benen ber
übrigen SRatur, fefte unb unabänberlid&e ©efe^e malten,
ba% überall ein notroenbiger urfac^Iidier 3"fQ"'n^^"^^J^9f
ein StaufaIncjuS ber 6rf(^einungeu befielet, unb bai bem»
gemäß bie gange uns erlennbare 92atur ein einl^eitlid^eS
@ange, ein ^^SRonon*' bilbet." gid^te ftellt btefe Sor-
fteüung oon ber Statur l^in, um gu geigen, bai fie einem
Sebürfniffc beS SerftanbeS entfprid^t. aber er f^reibt
fein Su(^ nur, um biefen Serftanb burd^ bie nod^ tieferen
Sebürfniffe beS menfd^Iid^en ©cmüteS gu miberlegen. ®enn
ber Scrftanb fül^re bal^in, ben SRenfd^en felbft mit au
feinem Sl&un unb ßaffen fi(^ nur als ein oon $Raturfräften
crgeugteS SBefen oorgufteUcn. „^^ felbft mit ollem, moS
ic^ mein nenne, bin ein ®Iieb in biefer Stiit ber flrcngen
Sioturnotmcnbigfeit . . . S)o6 meine 3"f^önbc nun eben
— 4 —
oon Scrougtfcin begleitet werben, unb einige bcrfelben, —
©ebanlen, Sntfd^Iiegungen unb bergleic^en — fogar nic^tiS
anbetet gu fein fd^einen, dl» Seftimntungen einei^ fold^eu
SetDugtfeiniS, borf mic^ in meinen gfolgerungen nid^t irre
machen. @» xH bie %aturbefttmmung ber ^flange, ftc^
regelmäßig aud^ubilben, bie bed S^iereiS, ftd^ gmedmägig ^u
bewegen, bie beö 3»enfd^en, gu benfen." S)ieö- atteö fagt
ber SSerftanb — ift i^ii^U^ SKeinung. 8ber eine innere
Stimme meines ®emüte§ fagt mir: menn ic^ biejS ober
leneiS tl^ue, f^ai eS nic^t eine %aturlraft get^an, fonbern
id^ f elbft, an» freier @ntfd§Iiegung. 9Senn aber düeS, wa» in
ber 9iatur gefd^iel^t, notmenbig gefd^icl^t, menn e§ nur er»
folgt, meil eixoa» anbereS oorl^ergegangen ift, bann ift
aud^ mein ^anbeln notmenbig gefd^e^en. 3(^ l^abe ed
nid^t befd^Ioffen. @$ ift burd^ Umftänbe bebingt, bie oon
meiner @ntf(t)Iiegung gang unabl^ängig finb. (S» ift
lebiglid^ eine S^äufd)ung, ber id^ mid^ l^ingebe, menn id)
mid^ für ben Url^eber meiner |)anblungen l^alte. fjid^te
malt ba» Silb einer fold^en SBerftanbeSanfid^t grett l^in,
um e» xed)i abfurb erfd^einen gu laffen: „id^ l^anble ja
überl^aupt nid^t, fonbern in mir l^anbelt bie %atur; mid^
gu ttma» anberem gu mad^en, al» mogu id^ burd^ bie
9iatur beftimmt bin, bieS lann id^ mir nid^t oornel^men
mollcn, benn id^ maä^e mid^ gar nid)t, fonbern bie 9iatur
mad^t midö felbft unb alleS, xoa2 id& werbe." Unbefriebigt
menbet fid^ tii(i)ie oon einer fold^en SBeltanfd^auung ab.
„Aalt unb tot baftel&en, unb bem SBed^fel ber Segeben*
l&eiten nur gufel^en, ein träger Spiegel ber oorüberflie^enben
©eftalten — biefeö Safein ift mir unerträglidö, id^ oer»
fd^mäl^e unb oerroiinfdtie eS." „SrodCen unb l&ergloß, aber
unerfd^öpflid^ im ©rllären" nennt unfer 5ßbiIofop]& bie
anrtdf)t beg Serftanbeö. Unb er erllärt biefe anftdöt felbft
nur für ein Srugbilb. Senn mol^er miffen wir oon aü
ben Singen unb SSorgängen ber %atur, bie in einer
Äette ber ftrengen Sfotwenbigicit gufammenl&ängen? ®od^
nur baburd^, ba% wir fie oorftcBen, ba^ unfer Sewufetfein
fid^ Silber oon il^nen mad^t ^d) lann alfo nid^t fagen : t»
— 5 —
gieBt eine ^nitnmtU, fonbem nur: mein 9en)u§tfein l^at
Silber einer fold^en atugenrnflt. 0ud^ im £raume l^abe
id^ Silber, benen nid^tö 2BirIItd^e0 entfpric^t. SBarum
foEte nid^t bie ganje äugenmelt ein 2^raum fein? „HUti^
2Btf[en ift nur $(6bilbung, unb ed wirb in i^m immer
tttoa» geforbert, ba» btm Silbe entfpred^e/' SBie lann
man ha» eigene Sein aud Singen unb Sorgöngen er«
IlöreU; beren äStrllid^Ieit burc^ nid^td anbered oerbürgt ift
als boburdg, ba% biefed eigene @ein fte oorfteOt? SBer
baS SBefen beffen, was mit Sugenmelt nennen, burd^fd)aut
— fo meint tjid^le — für ben fann auö biefer 8u|en-
melt niemolig bie SBal^rl^eit lommen. ,^a\i bu lein
anbereiS Organ, fo roirfl bu fie nimmer finben." Snt
eigenen Snnern beiS SRenfc^en glaubt gfid)te ein fold^ed
Organ cnibtdi gu l^aben. (Sine @timme biefed 3nnem
fagt itbtxa aRenfd^en: ^anblt im Sinne beiner $flid)t.
S)iefe Stimme lann nic^t trügerifc^ fein mie bie Sludfagen
ber finnlid^en äBelt. „2)er %ebel ber Serblenbung föQt
Don meinem 9(uge; id^ erl^alte ein neued Organ, unb eine
neue SSBelt gel^t in bemfelben mir auf." SSenn aUtS
übrige ©d^ein unb SIenbroerl ift: biefer mein SBitte gum
^anbeln, ber fic^ in meinem eigenen Snnern anlünbigt,
mufe bie SBaJ^r^eit fein, $fxtt finbet gid^te, einen feften
$unlt. „SKein SESitte ftcl&t allein ba, abgefonbert oon
allem, maS er nid^t felbft ift, bloS bnxi) fid) unb für fid^
felbft feine SBeÜ." So feft unb fid)er glaubt gid^te in
bem SBillen baS ®afein in feinem SWittelpunIte crfafet gu
j^aben, bag il^n baS Semugtfein baoon gu bem Sludfprud^e
brängt: „3d^ l^ebe mein ^aupt tül^n empor gu bem
bro^enben gelfengebirge, unb gu bem tobenben 23afferfturg
unb gu btn Irad^enben, in einem gf^uermeer fdEimimmenben
äßollen unb fage: idt) bin emig unb tro^e eurer ^Sta^fi
Sret^t aUt l^erab auf mid^, unb bu @rbe unb bu ^immel
oermifd^t end) im milben Sumulte, unb i^r (Elemente alle
fd^äumet unb tobet unb gerreibet im milben Kampfe baS
I^te @onnenftoub(^en beö fforper«, ben id^ mein nenne, —
mein SBille allein mit feinem feften ^lane foD lül^n unb
— 6 —
latt über ben S^rütntnein be^ SßeltaQiS fd^toeben. 3)enn
td) J)dbt meine Scftitnntung ergriffen, unb bie ift bauernbcr
ofe il&r; fie ifl croig, unb id) bin eroig roie fie." Selben
roir, roaö biefer Äunbgebung oom Slnfange bt& ^äS)x»
l^unberti^ @rnft ^aedel für eine anbere am @nbe be^felben
enlgegenfefel. ,,®urciö bie Sernunfl allein lönnen roir jur
rool^ren 3falur=@rlenntniö unb ^ur Söfung ber SBelträtfel
gelangen. Sie SSernunft ifl ba^ l^öd^fle @ul beS SRenfc^en
unb berienige SSorpg, ber il^n aQein t)on ben Vieren
roefcnllid) unterfc^eibet. Sa§ ©emül l&at mit ber Sr«
lenntniiS ber Sial^rl^eit gar ni(f)ts ju tl^un. 9Sci^
roir „®emüt" nennen, ifl eine oerroicfcite S^ätigleit beö
©eJ^irnig, rocld^e fid^ au§ ©cfüJ^Ien ber Sufl unb Unluft,
au^ SSorfleQungen ber S^^^idung unb Slbneigung, au^
©trebungen beS Scgel^renS unb Sliel^enS jufammenfefel. . .
®ie Srlenntniö ber SJal^rl^eit förbcrn alle biefe ©cmütS»
3uflänbe unb ®emüts«33eroegungen in leiner 9Beife; im
Oegentcil flören fie oft bie aHein bagu befäl^igte SSernunft
unb fd^äbigen fie l^äuftg in empfinblid^em @rabc. 9ioi)
lein SBelträtfel ift burd^ bie ©elöirnfunltion beö ©emütö
gelöft, ober aud) nur gcförbert roorben." Unb über ben
SBillen, in bem Sid^te ben Äcrn be§ SDafeinS gu er*
greifen glaubt, äußert fid^ ^aedel: „SBir roiffen je^t, bafe
jebcr SBineni8»Slft ebenfo burd^ bie Drganifation beö
rooQenben Snbioibuum^ beftimmt unb ebenfo oon ben
jerociligen S3ebingungen ber umgebenben Slugenroelt ab»
l^ängig ifl roie jebc anbere Scelentl^ätigfeit." ©aß er
aber gerabe bort, roo ^id^te nur 5£rug unb Unftc^erl^eit^
nur ein „trodteneö unb l^erglofeö Sriftem" erblirft, bie
roa^re DueHe ber SBal^rl&eit finbet, fprid^t ^aedCel mit ben
SBorten an^: „S)ie roal&re Offenbarung, b. f). bie roal&re
DueQe vernünftiger @rlenntnii^, ifl nur in ber 92atur gu
ftnben. S)er reid^e ®d^a^ roal^ren SBiffend, ber ben roert»
DoQflen Seil ber menfd^Iid^en jfultur barfleüt, ifl eingig
unb allein ben Srfal^rungen entfprungen, roeldge ber
forfd^enbe SSerflanb burd^ %atur-@rIenntniiS geroonnen
l^at^ unb ben SSernunftoSc^Iüffen, roeld^e er burd^ rid^tigeiS
— 7 —
Senlen aud ben Srfal^rungd-SorfteDungen gejogen ^at
Seber Dernünftige SKenfd^ mit ttortnaletn ®e^irn unb
normalen (Sinnen fd^opft bei unbefangener Setrad^tung
ani^ ber %atur biefe malere Offenbarung/' Srnft ^aedtel
beacid^nel in ber Sorrebe gu feiner @d)rifl „SJie ffleÜ*
rätfei'' ate bereu Si^'l ^i^ Seantmortung ber S^age:
„SSeld^e (Stufe in ber (Srienntnid ber 9Saf^r||eit liaben mir
am @nbe bed neunse^nten ga^t^unbertd mirflid^ eneid^t?"
@r nimmt innerl^alb bed ©eiftedlebend am @nbe bed ^af)x^
^unberti^ eine al^nlid^f ®teDung ein, mie fie gfid^te inner«
l^alb beiSfelben am Seginne eingenommen l^at« S)ie auf
^arminiS naturmiffenfd^aftlid^e gorfd^ungen begrünbete
2)enlmeife bel^errfdit fieute bie ©eifter ebenfo mie im 8n«
fang beS Sal^rl^unbertiS bie SorfteÜungSmeife ftant^.
^aedel l^at bie legten gfold^ungen and ^attoind ßrgeb«
niffen ebenfo gesogen mie gfid^te bie au» ben SorauiS^«
fe^ungen StantiS. Seibe S)enler ftnb fic^ aud^ bemüht, bag
fie in ben genannten @d^riften bie reifften tJfrüd)te i^red
®cnlenö gegeben l^aben Sid^te fd&reibt am 5. Siooember
1799 an feine ®attin: „^d^ ^aht bei ber SuiSarbeitung
meiner ®d[)rift einen tiefem Slicf in bie JReligion get^an
als nod) je. Sei mir gei^t bie Semegung btd bergend
nur au^ oolllommener jtlar^eit l^eroor, t& lonnte mäjt
f eitlen, bai bie errungene Marl^eit gugleid^ mein $erg er«
griff." Unb ^acdfel bemerlt oon feiner Slnfdöauung in ber
Sorrebe ber ,,S!BeIträtfeI" : „S)iefe naturpl^ilofopl^ifdie
®ebanlenarbeit erftredt ftd^ je^t über ein oollei^ l^albed
Sal^r^unbert, unb id^ barf je^t, in meinem 66. SebeuiS«
ja^re, mol^I annel^men, ba^ fie reif im menfd^Iid^en
Sinne ifi''
3ßan barf alfo moi^I eine ©efd^id^te ber beutfd^en
äSelt« unb fiebendanfd^auungen im neunzehnten Sct^r«
l^unbert aU bie (Sntmidelung ber ©efid^tiSpunlte tixä)M gu
benienigen ^aedete anfeilen. 3)er fd^roffe ©egenfa^ ber
beiben Slnfd^auungen mei^t und gugleid^ barauf l^in, in
meieren ©ebteten bie ^aupttriebfebern biefer Sntmidfelung
gu fud^en finb. gid^te betrad)tet bie Staturoorgönge all
— 8 —
ein i^db, auf bem bie legten äSal^rl^eiten nid^t gefuc^i
xoetben bürfen. ^aedel ift ber Slnftc^t^ ba% fte nur l^ier
gefunben merben lönnen. 3)tefer llmf(^n)ung in ber
®d)ä^ung ber $atur»@rIenntntiS xoitb begreiflid^, menn
man ben gegenmortigen 3uf^<i^^ bie\tc @rIenntniiS üer«
gleid^t mit bem, ber üor l^unbert Salären gel^errfd^t l^at.
8für bie mid^tigficn ©rfd^cinungen, biejenigen, meldte auf
baiS SBerJ^öItniS be» äRenfd^en gur übrigen 9SeIt 2xi)i
werfen, fanb bie Slalurroiffenfc^aft erft in unferem 3<i^i^'
l^unbert bie 3RitieI unb äSege, um über fte Huffiörung gu
geben. 9?ur über bie eine biefer S^ögen xon^it vox
l^unbert ^a^ten bie Siaturmiffenfdiafl mit il^ren SWetl^oben
ttroaS gu fageU; über bit Stellung, meldte bie @rbe im
äBeltenraume einnimmt. ®urdö bie Seigren Äopernicuö'
unb Stvv^tt^, meldte bie Semegung unferei^ Planeten um
bie Sonne feftfteHten unb bereu gcfefemcifeigen SSerlauf er«
Hörten, mar feit bem fed^Sgcl^nten Sal^rl^unbert bie mittel»
alialiä^t Übergeugung erfd^üttert, ba% bie @rbe im 3RitteU
punite beS SSeltaEd ftebe unb aUtS, maS au^erl^alb il^rer
ftd) abfpielt, nur um il^retmiHen ba fei. Um fo me^r
ia^itit man im 3)unleln, menn t» ftd^ barum l^anbelte,
biejenigen Vorgänge innerl^alb unfereS ©rbenlebenö felbft
gu erllören, bie fid^ ben groben Sinbrüden ber @inne ent*
giel&en. ®ie oerbeffcrten mifrofIopifd)en Unterfud^ungö»
meifen maä^itn t^ in biefem ^al^rl^unbert möglid^, ein leben«
bigeiS 9Sefen im Beginne feiner @ntmidCeIung genau gu beob«
ad^ten. SytU» geologifd^e 3^orfd)ungen gaben oor fieben
Sal^rgel^nten einen naturgemäßen S3egriff, mie bie ©ebilbe
ber (Srboberflöc^e aQmäl^Itd^ entftanben finb. 2)arn)injS
(Sntbedungen um bie äl^itte bt^ ^df)xf^nnbtti^ geigten bie
SSermanbtfdgaft, in ber alleS ftel^t, ma^ auf ber @rbe lebt.
aSaö auf fold&e ?[rt feftgefteOt ift, läfet fid& nid^t me^r fo
bel^anbeln, mie t^iä^it bie %aturerIenntniiS bel^anbelt l^at.
©(Ritter traf für feine 3^^ ^^ö SRid^tige, menn er ben
SJaturforfd^ern unb ben ^l^ilofopl^en gurief: „^einbfd^aft
fei gmifd^en euc^! %od^ lommt bai^ SünbniiS gu frül^e;
menn il^r im ^nä)tn eud^ trennt, mirb erft bie Sßal^rl^eit
— 9 —
tdannV 2)enn bxt Staturfocfd^ung feiner 3^^ 6<ttte nur
fidleren Soben unter ben gffigen, menn fte fid^ auf bie (Sr-
flebniffe ber 3(ftronontie ftü^te. Unb für biefe gilt getoift
fein eigenes SBort : „®6^mal^ei mir nid^t f o oiel non 9tebel«
fledFen unb (Sonnen! 3ft bie Statur nur gro^, meil fie
3U ^äl^Ien eud^ giebt? @uer ®egenftanb ift ber erl^abenfte
freilid^ int Staunte; aber, Sfreunbe, int Staunte n^o^nt ba9
@r^abene nic^t/ 2)er Staturforfd^ung ber ®egenvart
gegenüber, xodfl^t auf ®runb ber 2)arn)infd^en Slnfd^auungen
betn äKenfd^en bie natürlid^en ®efe^e feiner Sntfte^ung
geleiert l^at, wich fid^ Sd^iQerd Hu^fpruc^ nic^t nte^r auf«
red^t eri^allen laffen.
SBie n)enig in ben legten S^^^tgel^nten beiS uorigen
Sal^rl^unbertd bie ätaturforfd^er für bie 9BeIt« unb Sebend«
anf(f)auung gu leiften Dermod^ten, baiS gel^t aud ben (St*
fal^rungen l^erDor, bie ©oetl^e tnit i^nen mad^te, aU er
anfing, fic^ tnit ben (Srfd^einungen ber %atur )u befc^ctf«
tigen. Seine SorfteQungiSart l^atte i^n gu einetn äSerfal^ren
gefülgrt, ba^ Schiller in einem S3riefe an i^n am 23. S(uguft
1794 mit ben SBorten d^aralteriftert: «äSon ber einfad^en
Organifation fteigen ®ie, @d^ritt nor @d^ritt, gu ber me^r
oermidelten auf, um enblid^ bie nermideltefte non aDen,
ben äßenfd^en, genetifd^ an2 ben 9Raterialien b^ gangen
%aturgeböubejS gu erbauen." ©oetl^e betrad)tete ben 9Ren«
fd^en nid^t als ein SBefen, ba^ neben ben anbern Statur«
gefd^öpfen einen befonberen Urfprung l^abe, fonbern er toar
ber Slnfid^t, ba% biefelben ^äfte unb ©efe^fe, bie aDe
anbern 3)inge ^emorbringen, aud^ ben 9Renfd^en gu ergeugen
im ftanbe finb. 3n einer l^errlid^en SSeife l^at er ba^ in
feinem 99ud^e über 9Bin!eImann auSgefprod^en : ^SBenn bie
gefunbe %atur beS SKenfd^en als ein ®angeS mirlt, menn
er fid^ in ber SSelt als in einem großen, fdjönen, mürbigen
unb merten ®angen fü^It, menn baS l^armonifd^e Sel^agen
il^m ein reineS, freies (Sntgüden gemalert; bann mürbe baS
SSeltaQ, menn eS fid^ felbft empfinben lönnte, als an fein
3iel gelangt, aufjau^gen unb ben ®ipfel beS eigenen
SSerbenS unb SBefenS bemunbern.'' 9(uf eine fold^e
— 10 —
^uffaffung l^atte fd^on ^erber in feinen ^.Sbeen gu einer
$]&iIofop]&ie bcr ©cfd^id^te ber 3Kenf(f)|[eit/ bie er 1783
aufjugeic^nen begann, l^ingemiefen. SBir lefen in il^nen:
,;Sont @tein gunt ^^ftaQ, t)om ^^ftall gu ben ÜRetoDen,
Don biefen %ux ^flangenfd^öpfung, Don ben ^flangen gunt
Sier, t)on bicfcm gum 9Benfd(|en fel&en mir bie gornt ber
Drganifalion fieigcn, ntit il^r anä) bie Sriebe be§ ©efc^öpfö
Dielartiger werben unb ftd^ tnblid) alle in ber ©eftall beS
SRenfd^en, fofern biefe fie f äffen lonnte, vereinen." Solche
Sbeen geprten gu ben äRitteln, burd^ ^ic ®oetl&e unb
^erber gu einer ©efamtauffaffung ber 28elt gu lommen
fud^ten unb burd^ bie fie fid^ propl^etifdE) auf ben ©oben
peilten, auf bem bie 9?aturn)tffenfd[)aft be§ neungel^nten
Sci^rl^unbertjS gebaut l^at. 2)ie 9SeItanfd)auung btefer
beiben fprcdjen ©äfee n)ie biefe in §erber§ ^rSbcen" anS:
„'S)a§ 3RenfdE|cngefd^Ied^t ift ber grofee 3uf<Jinn^^'^fi"6 «i^*
berer organifd^er ffräfte/' „Unb fo fönnen wir annel^men,
bai ber SRenfd^ ein SRittelgefc^öpf unter ben Stieren, b. i.
bie auiSgearbeitete gfornt fei, in ber fid^ bie ^ÜQt aller
©attungen um il^n l^er ,im feinftcn S^begriff fammeln/
2)ie %aturforfd^ung jener S^age fud^te im @egenfa^ gu
fold^en SBorfteDungcn gerabe nad^ aßerlmalen, bie ben
äRenfd^en oon ben Sieren unterfdEieiben. Sin fold^er Unter»
fcl}teb foQte barin beftel^en, ba% bie Siere gmifc^en ben
beiben f^mmetrifd^en ©älften beö Dberfieferjg einen Keinen
^nodien, ben 3^ifd^enIieferInod^en l^aben, ber bie oberen
@d)neibegä]&ne enthält, unb meldfier bei bem Sßenfc^en nid^t
Dorl^anben fein foD, fo ba^ bei il^m ber Dberfiefer ein
eingiged ®iM bilbe. S)aiS oertrug fid^ gmar mit ben Sin«
ftdE)ten ber bamaligen 9!aturforfd^er, bie Sinne in ben @a^
gelleibet l^at: Slrten ^gäl^len mir fo oiele, aU oerfd()iebene
formen im ^ringip gefd^iaffen roorben finb"; eS ftimmte
aber nid^t gu ©oetl^eS unb ^erberiS SSeltanfd^auung, nad^
meld^er bie %atur ben -IRenfd^en nad^ benfelben @efe^en
gefd^affen l^at mie bie anbern Drganidmen. S)enn, menn
bie (formen neben unb unabi^ängig oon einanber entftanben
ftnb, bann lann jeber ein anberer Sauplan gu ©runbe
— 11 —
liefen. SBenn aber bie Statut allinä|^lid^ von ben einfot^en
^formen gu ben tnel^r gufatntnengefe^ien aufgefttegett ifü,
bann muffen fid^ bei ber sufammengefe^teften; bem 9Renfd^en,
biefelben ©efe^e, nur t)en)oIIIonimnet n)ieberftnben; bie aud^
bei ben anbeten Seben)efen beobad^tet werben. 2)edl^alb
fud^te ©oetl^e bad Sotl^anbenfein eined 3n>ifd&cnIiefetInoc^end
and) beim SSenfd^en nad^gumeifen. Unb feine fotgfäUigen
anatomifd^en gf^^fd^ungen btac^ten il^n gut @ntbedhing beiS«
felben. <$üt ©oet^e roax biefe @ntbedung alfo auiS bem
33ebitrfniffe entfprungen, ben nalutgefc^Iidien Swföwmen-
l^ang ber 9Renfd^en mit bttt übrigen Sebemefen gu erlennen.
2)aS ge^t au» ben SBorten J^etDOt; bie er im Stoüembet
1784 an Stnebel fd^teibt: ,,!3dE) l^abe mid^ enthalten, ba»
tRefuItat, morauf fd^on $etbet in feinen 3been beutet, fc^on
je^o — et meint, in bet Slbl&anblung, in btt et feine ®nt-
bedCung mittl^eilt — metlen gu laffen, ba% man nämlid^
ben Unterfd^ieb bc» 9Renfd)en vom Zitt in nid^td eingelnem
ftnben lönne." ®o ^aben mit t» aud^ gu Detftel^en mad
et an ^etbet fd()teibt: „&9 foll S)ic^ aud^ tec^t l^etglid^
ftenen; benn e§ ift mie bex ©d^lufeftcin gum SKcnfd^cn, fel^U
md)t, ift ani) ba\ abet mie! . . . 3d^ l^abe^miriS in Set«
binbung mit Seinem ©anjen gebac^t, mie fd^ön ed ba
wixb.*' gfüt bie 92aturfotfc^ung ^at biefe Snft^auung etft
^uylc^ 1863 fxnä)iiax gemalt in feinem betü^mten ©a^c:
2)ie anatomifd^en Unterfd)iebe beiS Snoc^enbaueiS gmifdE)en
bem SKenfc^en unb ben menfd^enäl^nlid^en Slffen ftnb nic^t
fo gtog als biejenigen gmifd^ien biefen äRenfd^enaffen unb
ben meniget entroidEelten Slffenarten. ®ie SRatuifotfd^et gu
©oetl^eS '^txi mollten einen fold^en Untetfdjieb bnxd^anS
l^aben. ©oetl^e beSagt fid^ am 13. gfebtuat 1785 in einem
Stiefe an Tlexd: ;,$on Sömmcting (einem btxbtbtuUnb^tn
Anatomen) ^dbt xi) einen fel^t leid&ten Stief. (St miE miti*
gat auöteben. Dl^e!" Unb am 11. SRai 1785 fd^teibt
Sömmcting felbft an SKetdt: „©oetl&e mitt, mie id^ an§
feinem gefttigen ©tief fel^e, oon feinet Sbee in Slnfcl^ung
beS 3n>ifd^^n^o<$^nS nod^ nid^t ab.'' Unb btx betül^mtefte
Slnatom vom @nbe beS DOtigen Sal^tl^unbettiS, Sampet,
— 12 —
fteOte entfd^iebett ®oeü)t» Seobad^tung aü einen Strtum
l^in. ®o meit mar bamalS bie Xaturforfd^ung baoon ent-
fernt, an» ftd^ l^eraud bemjemgen entgegengulommen, ber
nai) einer naturgemäßen äSeltanfd^auung ftrebte.
tJfür bie eine ber t^ragen, in bie £ant baii '^id ber
äßelt« unb SebeniSanfd^auung ^ufammengef aßt l^at: ^SSaiS
lann id^ miffen?" ift innerl^alb ber (Sntmidelung bed neun»
gel^nten Sal^rl^unbertiS im beutfc^en ©eiftedleben ol^ne 3n)eifel
bie %aturmiffenfc^aft baS treibenbe (SIement bt§ tioxt»
fd^ritted. ^aecfel burfte bal^er in bem Sortrage, ben er
am 26. 9(uguft 1898 auf btm oierten internationalen
3ooIogenIongreg in @ambribge gel^alten l^at, fagen: ^9lm
®d§Iuffe bt» neungel^nten S^^tl^unbertiS bliden mir mit
gerechtem ©tolg auf bie gemaltigen unb unoetgleic^Iid^en
gortfd^ritte, mcldic ntenfd^Iid^e SBiffenfd^aft unb Äultur
möl^renb feinest SBerlaufeS gemad^t l^aben — allen anberen
ooran bie Siaturmiffenfd^aft. ®iefe S^i^atfac^e finbet
i^ren d^aralteriftifd^en 3(udbrud barin, ba% fc^on je^t in
oielen ©djriftcn unfer Sai^rl^unbert afo „baS große" be*
geic^net mirb ober di» ba» !^txiaUtx ber %aturmiffen»
fd&aft."
SSie ftel^t ed nun aber mit ben beiben anbern SBelt«
anfd&auungöfragen : „^aS fott id& tl^un?'' unb ^SBaS barf
id^ l^offen?". Sllejanber SiHe fagt in feinem bemerleni?»
mertl&en SSuc^e ^SSpn S)armin biö ghefefd^e": „'äu^ ba»
9Renfc^enIeben ift ein S^eil beS $aturlebend; aud^ bie menfd^«
lidEjen Slnfc^auungen über ba» fieben bed äßenfd^en unb
feine Stellung gu feinen äRitmenfd^en muffen bem SBanbel
unterliegen unb bieiS um fo mel^r, ald aÜed, maiS bid gur
®egenmart über fie Qtbai)t morben ift, mel^r einfeitigen
Sfoiberungen bt» äßenfd^en an fid^ felbft ald ber Seob^
ac^tung eined gegebenen S^l^atbeftanbed entfprungen ift/
2)er SBanbel ber Snfd^auungen fpric^t ftc^ l^eute in btm
Stingen nac^ einer fogialen Sßeltanfd^auung ans. "änä)
auf biefem ©ebiete l^at bie %aturmiffenfd^aft il^ren Einfluß
— 13 —
gelienb getnad^t. @& finb i^re proltifd^en (Srgebntffe^ meiere
ben menfd)Iid^en @efxd^t^htx9 erioeitert unb btm inenf4*
Itd^en ^anbeln neue SSege gemiefen ^aben. Sm 3^^^^^
bed Selegrapl^en unb bed ZtUpf)on9 mug ber Vlen^i)Stxi
unb Staunt in anbetet Sßeife in feine fiebendtec^nung ein«
fe^en ate in ftül^eten S^^^^unbetten. Sutd^ 2!)ampfltafi
unb SleltnsUöt ftnb und uöQig neue 9(ufgaben gefteOt
moxbtn, ©ütetetgeugung, ©ütetoetteilung unb Setle^t
i^aben untet fold^en (Sinroitfungen i^re Srotmen oetänbett
isind) bie mobetne Silbung lonnte von i^nen nid^t unbe«
einflugt bleiben. S)et SRenfd^ btd neun^el^nten ^af^x^nnbtM,
bet in n)enigen @tunben Stteden butdimigt, ju benen
feine SSotfal^ten £age gebtaudjt l^aben, bex in SBien gel^ött
mitb, n)enn et in Setiin in einen ^ppaxai l^inein fptid^t^
nrad^t fid^ anbete SSotfteQungen übet bta ®ang bet SBelt«
eteigniffe aU betfenige, bet fold^ed, nad^ beut Silbungdinl^alt
feinet 3^^/ füt eille S^täumetei ^ätte etllciten muffen, menn
man eS i^m ald ein Sbeal bex 3ulunft l^ingefteOt l^ötte.
S)ad Seben ftellt l^eute an ben SRenfd^en anbete 9ln«
fotbetungen ald an feinen Stirnen oot l^unbett ^a^xtn. @d
ift ballet begteiflid^, ba% et aud^ ftdEi bie lixaQt: SSaiS foll
id^ tl^un? anbete beantmottet aU jenet. ^n bex gegen«
möttigen Slntmott auf biefe Sf^age liegt bet 3nl^alt beffen,
mad man „^o^iale SBeltanfc^auung" nennt. S)ie oetmidCeU
tetcn Setl^ältniffe, bie in ben 'Sau unb in ba& ßeben be^
fogialen ftötpetd^ butd) bie @ttungenfc^aftcn bet mobetnen
S^ed^nil gelommen finb, l^aben bie SKenfd^en nid^t nut
bal^in Qebxaä)i, buxä) fojialtefotmatotifd^e Sefttebungen
biefem ^otpet ein neueiS ^eptäge gu geben, fonbetn aud^
bie %atut beiSfelben genauet gu ftubieten. äSö^tenb Sant
nut bie menfd^Iid^e Setnunft gu ftagen füt nötig l^ielt,
menn e^ ftd^ batnm l^anbette, bie fittlid^en 9(ufgaben feft«
gufteQen, nniex^uä^i man l^eute ben gefeQfdiaftlic^en Otga«
nidmuS, menn man etlennen miQ, mad bex (Singeine in il^m
in i^nn ^at S^ax f)ai fd^on SltiftoteleiS ben @a^ an&»
gefptodien: ^®et SMcnfd^ ift ein gefeüfd^aftlic^eö ßeberoefen."
2)i)d) mat ed unfetem Sal^tl^unbett DOtbel^alten, biefen
— 14 —
©a^ in ben SRülcIpunlt bcr Sclrac^tungcn über ba^
mcnfd^lidic Serl&altcn a« rödctt. S)ic ©cfcüfd^aft ift fcül^cr
ba aö bag Snbioibuum, f)ai ^crbcrt Spencer (geb. 1820)
gefagt; unb biefc Slnfid&l beeinflußt gcgenmärtig alle 33e»
trod^tungen über ba^ menfdölid^e ©eifteSleben. Sie Sogio«
logie ober ©efettfdöafliSroiffenfdiaft ift eine ber iüngftcn
8Biffenfcf)aften. ^l)xen Segriff unb 9iamen ^ai in ber
SRitte be§ ^aJ)vf)unbtti^ ber franjöfifcf)e ®enfer Sl. Somte
gcfdfjaffen. Sic f)ai fd^nell SBurjel gefaßt bei benjenigen^
bie fid^ mit bem ausbaue einer SBelt* unb ßeben^auffaffung
befd^äftigen. 3n ber oor lurgem erfd^ienenen ;, (Einleitung
in bie ^^ilofop^ie" von SBil^elm Sc^ufalem wirb nur
eine zeitgemäße Sluffaffung oertreien, menn bel^auptet mirb:
„6iner fold^en Soziologie finb f)0^z unb mid^tige aufgaben
Dorbel^alten. Sie roirb gu zeigen l^aben, inwiefern ba§
Seelenleben beö einzelnen buri) ba§ foziale Ceben, burd^
ben ©efamtroitten beeinflußt mirb, unb t^ bürfte fid^
l^erauöftellen, ba^ bieg in meit l^öl^erem TOaße ber Sali
ift, als man l^eute nodf) glaubt. ®er foziale gaftor in
ber ®rIenntni^entn)idEeIung mirb ba in feiner 2BirIfamIeit
unb Scbeutung ^nia^e treten, unb man mirb finben, ba^
bie ^ft)d)oIogie unb bie ©rfenntnist^eorie nur mit 33erüdE*
pd^tigung biefe§ galtorö ^n weiteren g^ortfd)ritten gelangen
lönnen. Selbft für bie Sleftl&ctil, bie inbioibualiftifdiefte
unter ben pl^iIofop]&ifdf)en SiSzipKn^n, bürfte bie Soziologie
»iel neueiS ergeben, inbcm ba2 ^ublüum, für meld^eS eine
fünftlerifd)e ßeiftung bcftimmt ift, ben ^ünftler oft un-
bewußt bei feinem Sd)affen leitet unb inbem baB äft^etifc^e
Urteil beö Singelnen ftarl oon ber l^errfd^enben ©efd^madCiSs
ric^tung beeinflußt wirb. S)aß bie StI&if nur t)om fozio-
logifd)en Stanbpunlt auS bearbeitet werben barf, ba^ ift
i^eute fd)on faft allgemein anerfannt unb wirb mit ben
3ortfdf)ritten ber Soziologie immer Ilarer werben. — Unfere
ganze äSelt- unb &ebeniSanfd)auung wirb bann aU ein
$robu!t ber fozialen ®ntwi(felung erfd^einen, einer ©nt*
widfelung, bereu bebeutenbfteS SrgebniiS bie Sd^affung
felbftänbig benfenber unb frcil^eitöbebürftiger $crfönlid)leiten
— 15 —
ift. 2)ie Soziologie ber 3ulunft ift bemnad^ nic^t nur eine
pl^ilofop^ifc^e SSiffenfdiaft, fonbern bürfte ftc^ fogar auü*
geftalten pr ©runbloge aütt $^iIofop]^ie.'' SBoDte man
am @nbe bed vorigen ^a^rl^unberld bie Stic^tung bed
ntenfc^IicE)en ^anbelnd beftimmen, bann gefd^a^ bad im
@inne @c^illerd, ber in feinen „Briefen über bie äft^etifd^e
(Srgiel^ung bed SRcnfd^en" bie SReinung audfprid^t: ^Seber
inbioibueOe äRenfd^; lann man fagen, trägt ber Anlage
unb Seftimmung nad^, einen reinen, ibealifc^en SKenfd^en
in ftdi; mit beffen unoeränberlid^er @in|ieit in aQen feinen
Slbmed^felungen übereinguftimmen, bie groge 3(ufgabe feinei^
Safeittg ifi" Unb man ameifelte ni(^t, bai man bie
©efeSfd^aft aümct^lid^ in einen fold^en Suftanb überführen
muffe, ba% ber reine, ibealifd^e ^enfd^ in i^r fid^ auf-
leben lönnc. Sd^iHer fagt weiter: «3ft ber innere TOenfc^
mit fid^ einig, fo roirb er aud£| bei ber l^öd^ften Unioerfali«
ficrung feines Setragenö feine ®igentümlic^feit retten, unb
ber Staat mirb bloS ber Sluöleger feinet fd^önen Snflinltö,
bie bcutlid^e Qformcl feiner innern ©efc^gebung fein." 8n
biefc „innere ©efe^gebung*' roanbte man fit^, mcnn eö fid&
um bie l^öd^fte Lebensfrage ^anbelte. 9Ran glaubte, man
braud^c bloS fid^ in ba^ eigene @cmüt gu oerfenfen, um
bie Sebürfniffe ber ^erfönlid^fcit gu cricnnen. Oegen-
märtig fragt man fid^: mic ift bie „innere ©efe^gebung*
aU eine Srrungcnfd^aft ber fogialen ^ulturentmidtelung ge-
worben? SBenn l^cute fid^ eine inbioibualiftifd^e Sluffaffung
be§ mcnfd^Iid^cn ©ciftcSlebcnS ©eltung oerfd^afft, fo
miberfprid^t baS ber l^iermit gejcid^nctcn ^auptlinie in ber
SBeltanfc^auungScnlmidPelung be§ neunjcl^ntcn Sal^r^unbertS
cbenfomcttig wie gidjteS fogiale gbeen in feinem 1800 er-
fd^icnenen „©efd^Ioffenen §anbefeftaat" im ©cgenfafe fte^en
gu ber inbioibualiftifd^en SebenSanfid^t feiner 3^*^- ®c"«
ber gegenmörtige 3nbioibuaIiSmuS fielet in ber freien
Singelpcrfönlidölcit einen S^^puS 9Wcnfd£|, ber fid^ aHmäJ^Iid^
aus ben unfreien 3«Pänben l^erauS entmidfelt, ber bie,
©efeQfd^aft gu feiner SSorauSfe^ung i^at, meil er nur aus
il^r entftelien lann. @r untcrfudjt bie ®efcllfd)aft unb
— 16 —
ftnbet; bag fie il^retn SBefen naä) bai freie Snbiutbuum
j^eroorbringt. ^xi)it aber fagt nid^t bte einzelne $erfönltd|»
leil iniS $(uge, tnfofern fte ftc^ auiS ber j^ulturentmidelung
ergiebt, fonbern er leitet bie 9iatur biefer ^ßerfönlid^fcit
qM ber SSernunft ab unb fud^t bann eine f^ornt bed
©efeüfd^oftöIebeniS angaubenlen, bie feiner SSernunftibee
am beften entfpric^t. Sin Snbioibualift oom Snbe nnferei^
Sal^rl^unbertS ift bieiS, tro^bem er Don fogiologifd^en
SSorauiSfe^ungen auiSgel^t; t3^i<^te entmidelte eine fogialiftifc^e
®taatiSibee^ obgleid^ er alle $flic()ten nur au^ bem
inbimbueUen ^iütn beS @ingelnen l^erleitete.
$Raturn)iffenfd^aft, Sec^nil unb 6ogiologie finb bie
brei Sriebfräfte, rocictie bie Sntroidtelung ber SBelt-
anfc^auungen im neungel^nten Sal^rl^unbert bebingen.
2)amit foD natürlid^ nid)t geleugnet mexben, ba^ im
einzelnen auc^ anbere Sinflüffe in Sctrac^t lommen. ®ag
finb aber Siebenftromungcn, bie in ben |)auptflu§ groar
einmünben unb oon i^m aufgefogen werben, bie aber
feine SRi(f)tung im roefentlid&en nid^t Deränbern. Sie muffen
ba berüdficbtigt merben^ mo fie uniS begegnen. $ier follte
nur bie grofee SRid^tungSlinie beS gortgangeö, bie mir gu
verfolgen l^aben, oorgegeid^net unb ba» ^xd ini^ Sluge ge«
fafet merben. — 3" biefem Qxoedt mußten gleid^fam gmei
Duerfd^nitte burd^ bie SSeltanfc^auung^entmidelung gelegt
unb nad^gefe^en merben^ burd^ meldte ^auptmerlmale biefe
SDuerfd^nitte gelenngeic^net finb.
$00 ^txtaiUx Itimts im) i&otVfts.
3u gtoet geiftigen Snftanaen blidte am @itbe bt»
Dorigen S^^^^unbertd berjenige auf, ber gurftlarl^eit über
bie großen S^agen ber SSelt- unb fiebendanfd^auung lommen
moQte: gu Sani unb ©oetl^e. @iner, ber am gemaltigften
nad^ fold^er ftlor^eit rang, ifi Sol^ann ©ottlieb Stci^lc-
$(te er ^antd „^itil ber praltifd^en Semunft'' lennen
gelernt l^atte, fd^rieb er: ^3d^ lebe in einer neuen
SSelt . . . S)inge; non benen xä) glaubte, fte lonnen mir
nie beriefen nierben, g. 39. ber Segriff ber abfoluten OfJ^ei«
l^eit unb $fiid^t finb mir bemiefen, unb ii) fü^U mid^
barum um fo froher. @i9 ift unbegreiflid^, meldte Sld^tung
für bie 9RenfdE|l^eit, meldte itraft uniS biefe $^iIofop]^ie giebt,
meldi ein @egen fte für ein B^^talter ift, in tpeld^em bit
ÜRoral in il^ren ©runbfeften gerftört unb ber Segriff ber
^flid)t in aQen 9BörterbüdE)em burd^ftrid)en mar.'' Unb aU
er auf @runblage ber Santfd^en bie eigene änfd^auung in
feiner „@runblage ber gefamten SBiffeufdiaftdlel^re'' aufge-
baut l^atte, ba fanbte er ba» Sud^ an ©oetl^e mit ben
SBorten : ;^3($ betrad^te @ie, unb l^abe @te immer btixai)iei,
ai^ ben Stepräfentanten ber reinften ©eiftigleit bed ©efül^te
auf ber gegenn)Ctrtig errungenen @tufe ber ^umanitöt. 9(n
@ie menbet mit Stecht fid^ bie $]^iIofop]^ie. ^"^i ®efü^I
ift berfelben ^robierftein." 3n einem äl^nlid^en Serl^äÜni«
gu beiben ®eiftern ftanb ©exilier. Über ftant fd^reibt
er am 28. DItober 1894: „(&^ erfdiredPt mid^ gar nid^t,
3U beuten, ba^ ba^ ®efe^ ber SSeränberung, cor meld^em
Steiner, VüüU intb S^benSoitfclauimgeit. 2
— 18 —
{ein menfd^lid^ei^ unb lein göttlid^ed äSerl ®nabe ftnbet^
auc^ bie gform ber ^antfd^en ^^Uofopj^ie, fomie jebe anbete
gerftören roirb; aber bie t^unbamente berfelben n)erben bied
Sd^idfal nid^t ju fürd^ien J^aben^ benn fo alt ba^ 3Kenfd^en«
gefc^Ied^l ift, unb fD lange es eine SSernunft giebl, l^at
man fte ftiQfc^meigenb anerldnnt unb im ganaen barnad^
gel^anbelt/ ©oetl^eS Slnfdgauung fd^ilbert Sd^iQer am
23. Slugufl 1794 in einem ©riefe an biefen: „Sänge fd^on
l^abe id), obgleich au6 ^iemlid^er t^erne^ bem @ang ^^xt^
®eiftei5 gugefel^en, unb ben SBeg, ben (Sie oorgegeid^net
l^aben, mit immer erneuter Serounberung bemerlt. Sic
fudjen ba§ 9iotroenbige in ber SRatur, aber Sie fud^en eS
auf bem fc^merften Sege, »or welchem jebe fd^n)äd^cre Sraft
fidE) mol^I litten mirb. @ie nel^men bie gange ^{atur gu»
fammen, um über baS @ingelne Sid^t gu belommen; in ber
SÜlgeit iftrer ©rfd^cinungSarten fud^en Sie ben ßrllörungö«
grunb für ba§ Snbioibuum auf . . . SBärcn Sie ate ein
©ried^e, \a nur als ein Staliener geboren morben, unb
^ötte fd^on Don ber äSiege an eine auSerlefene %atur unb
eine ibealifierenbe Sunft Sie umgeben, fo roäre 3^^ SBeg
unenblid^ oerlürgt, oieQeid^t gang überflüffig gemad^t morben.
Sd^on in bie crfte Slufd^auung ber 3)inge ptten Sie bann
bie tJrorm beS %otn)enbigen aufgenommen, unb mit Sl^ren
erften Srfa^rungen ptte firf) ber große ©til bei S^ncn ent«
roidtelt. 9iun ba Sie als ein S)eutfdt|er geboren finb, ba
^^t gried)ifd^er ©eift in biefe norbifd^e ©d^öpfung gc«
roorfen mürbe, fo blieb S^Öncn feine anbere SBal^I, afe ent»
meber felbft gum norbifd)en Äünftler gu roerbcn, ober S^ter
Imagination ba^, moS il^r bie S8trIIid^{eit oorent^öU,
burd^ Siad^l^ilfe berSenllraft gu erfefeen, unb fo gleid^fam
oon innen l^erauS unb auf einem rationalen SBege ein
©ried^enlanb gu geboren."
SSon Äant unb ©oetl&e mirb bal^cr eine SBelt-
anfd^auungSgefd^id^te beS neungel^nten Sal^r^unbertS i^ren
Ausgang nel^men muffen. Um bie SBirlung beS erfteren
auf fein S^italter gu oeranfd^aulid^en, feien noc^ bie 9(uS«
fprfid^e gmeier üßcinner über il^n angeführt, bie auf ber
— 19 —
Collen 93ilbungd]^()^e il^rer 3^i^ ftanben. ^tan $aul
fci^neb im ^a^xt 1788 an einen fjfreunb: ^.Sfaufen ®ie fi(^
umS ^immeliS niillen gmei Suchet; Jtantd ©runblegung }tt
einer iittiavi)r)[\l ber @itten unb Jtantd Jtritit ber praN
tifc^en Sernunfi. Sani ift lein Sic^t ber SSelt, fonbern
ein ganged ftral^Ienbed Sonnenf^fiem auf einmal.'' Unb
Sßil^elm oon ^umbolbt fagt: ^Jtant unternahm unb
DoQbrac^te bod größte 9BerI, bad DieQeic^t (e bie pl^ilo«
fopl^ierenbe SSernunft einem einzelnen äRonne gu banlen f^at
. . . S)teierlei bleibt, menn man ben 9iu^m, ben ftant
feiner Nation, ben %u^en, ben er bem fpeluIatiDen 2)enlen
oerlie^en ^ai, beftimmen mill; unoerlennbar gemig: Siniged,
was er zertrümmert l^at, mirb fid^ nie mieber erl^eben,
(£tnige0, ma§ er begrünbet l^at, mirb nie mieber untergel^en,
unb wa^ baS SBidjtigfte ift, fo l&at er eine SReform geftiftct,
mie bie gefamte ®efc^id)te bed menfc^Iic^en 2)enlend leine
äl^nlidie aufmcift."
9ßan fielet, in £antd S^l^at fallen feine 3^iigcnoffen eine
erfd^ütternbeSßirlung innerhalb ber SBeltanfdiauungiSentmide«
lung. @r felbft aber l^ielt ftefür biefe ßntmidelung fo mid^tig,
ba% ex U)xt Sebcutung bcrjenigen gleid^ fefete, bie Jfoper»
niluS' (Sntbcctung ber ^lanetenbemegung für bie 9?atur-
crlenntnis l^atte.
3Ran mu§ ben S9Ii(f auf bie Quellen rid^ten, an^ benen
bie ©ebilbeten bcö oorigen Sa^rl^unbertS il^re SiJeltanfd^auung
l^olten, um bie 9iet)oIution gu begreifen, meldte oon ber im
Saläre 1781 erfd^ienenen „Sritil ber reinen Sernunft" Äantö
ausging. S!)te mittelalterlid^e Slnfd^auungi^meife; meldte bie
^od^ftcn SBol^rl&citcn nur ber gottlid^en Dffenbarung oer-
banfen gu fönnen glaubte unb ber menfdjlid^en SSernunft
nur bie ®abe gufd^rieb, biefc SBol&rl&eitcn begreiflid^ gu
finben, mar burd& S)e5cortcö (1596 — 1650) übermunben.
Seine Slnfid^t mar, ba^ man an allem gmeifcin muffe, xoa»
man ntd^t au^ ber Vernunft l^crauS burd^ flarc unb beut«
Itd^c Segriffe cinfe^en fönne. S)ai^ SRufter eincjS Haren unb
beutlid^cn ScgriffSgebäubcö bilbcten bie mat^cmatifd^en @r*
fcnntniffe. Unb nad| biefem 9Rufter fd^uf SeScarteö eine
2*
— 20 —
SBcItanfc^auung, für rodä)t bic SorflcHungcn, ©oll, fjrei-
l^eil be^ menfd^Iid^en ^iUcn^ unb bte Unflerbttc^Ieil ber
@eele abfolul getDtffe SSal^rbeil enll^allen. S)urd^ eine fold^e
SSorfleQungiSart toar ber menfd^lic^en SSernunfl bie t^ä^ig»
leil juerlannl^ burd) eigene jh:afl bie pd^flen SSell«
anfd^auung^fragen ebenfo %u enlfd^eiben, mit fte ntil $ilfe
ber Sßall^emaltf über !iaf)lß unb ©rogenDerl^öIlniffe urleiÜ.
©eöcorleö war bei biefem Scrfal^ren gu benfelben SBal^r»
l^eilen gelommen, bie audE) ber religiofen Überlieferung p
@runbe lagen: gu ©oll, t^i^eil^eil unb Unflerblid^Ieil. 3^
einem anbern Ergebnis gelangle Spinoga (1632 — 1677),
ote er bie ©ebanlenrid&lung S)ej3carle0* roeiler oerfolgle.
Sür il^n mürbe ba2 gan^e Unioerfum ein einl^etllicI^eiS
Softem, beffcn einzelne ©lieber tnil einanbcr ebenfo not«
menbig unb gefe^mögig pfammenlgöngen mie bie einzelnen
Segriffe beS mall^emalifd^en Sel^rgebäubed. $(IIe0 ma^
innerl^olb biefe« S^flemS gefdiiel^l, ba& gcfd)iel^l mit eifer«
ner %oltoenbigIeil. SBenn id^ meinen Wem aui^flrede, fo ifl
ba§ ebenfo nolmenbig, mie eine |>o]^Iung enlflei^l, menn ein
©lein in lodfereö Srbreid^ föDl. ©oll ifl nur ber Snbegriff biefeS
S^flemS faller, flarrer 9iolmenbigIcilen. SSon einer ^freil^eil
beö SBittenS lann innerl^alb benfelben feine SRebe fein,
©benfomenig oon einer Unflerblidfifeil ber Seele, benn biefe
ifl ja feinSBefen für fic^, fonbern nur eine äufterung beg
ungemeinen, gefe^mägigen äSellgefd^el^en^. ^alle SeScarleiS
geglaubt, geigen gu fönnen, ba^ bie p(|flen religiofen
©laubemSmal^rl^eilen ani) SSernunflmal^rl^eilen feieh, fo l^alle
@pinoga bie äBal^rl^eil aufgegeigt, gu ber bie äSernunfl
mirflid^ fomml, menn fie ftd^ fclbfl übcriaffen ifl. 3n
©eulfc^Ianb ^al ©oltfrieb SBil^elm ßeibnia (1646—1716)
eine 9BeIlanfi|auung begrünbel, bie aüerbingiS nic^l in fo
fd^roffem ©egenfa^ gu bem ©laubemSinl^alte flanb, mie bie
©pinogiflifd^e. Siadi feiner Slnfidit beflel&l bie SBell nic^l
au0 einem einzigen 3(IImefen, fonbern aui3 einer äSiell^eil
felbflänbiger (Singelmefen, bie an^ ftd^ l^erauiS l^anbeln.
SDiefe äBefen ftnb einfad^ unb ungerftörbar, unb ber @in«
flang in il^rem ^anbeln ifl ein« für allemal oon einem
— 21 —
göttlichen Urtoefen oorl^erbefiitntnt. Wart fte^t: ed latn
Seibni) batauf an, ha» SBefentlid^e ber überlieferten
®Ianbeni»Iel^ren auc^ aU (Srgebniffe ber reinen Sernunft
J^ingufteQen. Unb auf biefer Saign fc^ritt bann (Sl^riftian
SBoIf weiter (1679 — 1764), beffen ?[nfd&auun9en im oorigen
Soi^rl^unbert tonangebenb maren, nnb gu benen ftd^ au(^
^ant belannte, Bid er oon anberer ^eiit l^er in feinen
Überzeugungen roanlenb gemod^t mürbe. @0 giebt ffir biefe
SBeltauffaffung gmeierlei SBal^r^eiten. Sie einen merben
aM ber äSeobac^tung ber £^atfad^en gemonnen; bieanbern
fte§t bie Sernunft ein burc^ bloged Stad^benlen. Qu ben
le^teren gelgoren bie pdgften Srienntniffe: ®ott, fjfrei^eit
unb Unfterblidgleit. SSie tief begrünbet im beutfdgen ®eifted«
leben bed norigen ^a^x^unbtti» SBoIfd 3)enlungdart mar,
ba» geigt uniS nidgtd beutlidger ate fiefftngd Stellung inner«
Igalb ber Sßeltonfdgauungdentmidelung. @r f agt fein ©laubeniS«
be!enntni0 in bie SBorte gufammen: ,/S)xt Sludbilbung ge-
offenbarter SBalgrIgeiten in Sernunftmalgrigeiten ift fdglec^ter-
bingiS notmenbig, menn bem menfc^Iidgen ©efdglec^te bamit
gelgolfen merben foll.'' 9Ran ^at bad ac^tgelgnte 3a^r-
^unbert ba» ber 9(ufIIärung genannt. 2)ie ©eifter Seulfdg«
lanbiS oerftanben bie llufllarung im @inne bed Sefrtng«
fdgen auiSfprudgeiS. ' 5tant Igat bie Slufllärung erllört aü ben
^SluiSgang bt» 9RenfdE|en aud feiner felbftoerfc^ulbeten lln«
münbigleit" unb aü ilgren SBalgIfprudg begeid^net: «^abe
äRut, bidg beineiS eigenen Serftanbed gu bebienen.'' %un
moren felbft fo ^eroorragenbe 3)enler mie Sefftng burdg
bie Sbifücirung nidgt meiter gelommen, ate biiS gu
einer oerftanbeiSmägigen Umformung ber auiS bem d^ftanbe
^felbftoerfdgulbeter Unmünbigleit" überlieferten ©laubeniS«
leieren. @ie ftnb nidgt gu einer reinen Sernunftanftc^t oor«
gebrungen mie ®pinoga. Stuf folc^e ®eifter mugte bie
Seigre beiS Spinoga, aü fie in 3)eutfdglanb belannt mürbe,
einen tiefen Sinbrud mad^en. (St ^aiit t» mirllidg unter«
nommen, fid§ feine0 eigenen SerftanbeiS gu bebienen, mar
aber babei gu gang anberen Srienntniffen gelommen ate
bit beutfc^en Slufllärer. Sein Sinflug mugte um fo be«
— 22 —
beuifamer fein^ ate feine naä) matl^ematifd^er 9(rt feft ge«
bauten @d|IugfoIgerungen eine t)iel größere übergeugenbe
^aft l^atten; ali^ bie leidEjigefd^ürgten ©ebanlenletten SßoIfiS.
8Bie biefe auf tiefere ©emüter roirlten, bavon erl^alten wir
eine äiorfiellung au$ @oti^t» ^^id^tung unb ^al^rl^eit^^
6r erjäl^It t)on btm Sinbrudt, ben ^rofeffor SBinllerS im
@eifte ^olfi^ gel^altene SSorlefungen in i^eipgig auf il^n
gemad^t l^aben: ^.äReine ^oQegia be^nä)it icf) anfangiS emfig
unb treulid^; bie ^l^ilofopl^ie wollte tnid^ iebod^ leineiSroegi^
auffictren. 3n ber Sogil lam eS mir munberlid^ oor, ba%
iä) biejenigen ©eifte^operationen, bie id| t)on S^^g^nb auf
mit ber größten Sequemlid^Ieit Detrid^tete, fo auSeinanber
gerren, Dereingeln unb gleid^fam ^erftören foEte, um ben
redjten ©ebrauc^ beiSfelben eingufel^en. SSon bem S)inge,
Don ber SSelt, t)on @ott gilanbtt iä) ungeföl^r fo oiel gu
roiffcn afe ber Seigrer felbfl, unb e§ fdE)ien mir an meftr
afe einer SteDe gewaltig ju l&apern." SSon feiner Sefd^äf*
tigung mit SpinogaiS Sd^riften ergct^It nn^ bagegen ber
Siebter: „^ö^ ergab midfi biefer Öeltürc unb glaubte, inbem
idE| mid^ felbft fd^aute, bie SBelt niemals fo beutlid} erblidCt
gu l^aben.'' 3(ber nur SSenige oermod^ten, fid^ ber 3)en{ungiS«
art ©pinogaS fo unbefangen l^ingugeben roie ©oetl^e. Sei
ben äReiften mufete er einen tiefen 3n)iefpalt in bie SBelt»
auffaffung bringen. 5ür fie ifi ©oetl^cS greunb 3fr. ^.
3acobi ein SHepräfentant. (Sr fal^ ein, ba^ bie fid^ felbft
überlaffene SSernunft nid^t gu ben ©laubendlel^ren, fonbern
gu ber Slnfic^t fülgre, gu ber ®pinoga gelommen ift, bai
bie äSelt oon emigen, notmenbigen ©efe^en bel^errfd^t mirb.
@o ftanb Sacobi oor einer bebeutfamen ®ntfd^eibung : ent»
meber mugte er feiner SSernunft oertrauen unb bie ©laubeniS»
leieren fallen laffen; ober er mugte, um bie le^teren gu
bel^alten, ber Vernunft felbft bie SRöglidEiIeit abfpred^en, gu
ben l^öd^ften Sinfid^ten gu lommen. @r möl^Ue baS le^tere.
@r bel^auptete, ba^ ber 3Renfd^ in feinem innerften ©emiite
eine unmittelbare ©emigl^eit l^abe^ einen fidleren ©lau ben,
oermöge beffen er bie äSal^rl^eit ber äSorfteüung eineiS per»
fonlid^en ©ottesS, ber Ofi^ei^eit bed SBiQeniS unb ber Un:?
— 23 —
^erblic^Ieit fül^Ie, fo bag biefe Übergeugung gang unabl^ftngig
fei oon btn auf logtfd^e tJfolgentngen geftfi^ten Srlenntniffen
ber SBeintinft, bie ftd^ gar nid^t auf biefe 3)inge begießen,
fonbern nur auf bie äußeren %aturoorgänge. Stuf biefe Seife
^ai 3acobi ba» oernünftige ffiiffen abgefe^t^ um ffir
einen bie Sebürfniffe bed bergend befriebigenben ®Iauben
$Ia^ gu belommen. ®oti^t, ber Don biefer (Snttl^ronung
btS SBiffeniS votniq erbaut xoax, fd^reibt an ben ^>^eunb:
„®ott ^ai S)idE| mit ber äRetap^^ftf geftraft unb 2)ir einen
$fa]^I in» Sleifd^ g^f^^t, mid^ mit ber $l&9fil gefegnet. 34l
^alte mic^ an bit ©otteiSoerel^rung beiS Streiften (Spinoga)
unb überlaffe @udE| düt», xoa» il^r Steligion l^ei^t unb
l^eigen mögt. S)u l^ältft aufd ® lau ben an @oii; ii)
oufiS (Sd^auen." S)ie Slufllärung l^at gule^t bie ©eifter
oor bie 'Säaf^l gefteüt^ entmeber bie geoffenbarten SBalgr«
i^eiten burdi bie Sernunftmal^rl^eiten im @pinogiftifd^en @inne
gu erfe^en, ober bem Dernunftgemögen äßiffen felbft ben
^eg gu erllären.
Unb oor biefer SBal^I ftanb aaä) Sant 9Sie er fid^ gu
il^r fteSte unb über fie entfd^ieb; ba» gel^t an» ber Haren
Sludfül^rung im äSormorte gur gmeiten Auflage feiner
^Äritil ber reinen Sernunft" l^eroor: ^©efefet nun, bie
3RoraI fc^e notmenbig gfrei^eit (im ftrengften Sinne) afe
Sigenfd^aft unfered SBiüend ooraud, inbem fte prattifd^e
in unferer äSernunft liegenbe ©runbfä^e anführt, bie o^ne
SSorauSfe^ung ber tJfteil^eit fd^Ied^terbingiS unmöglid^ mären,
bie fpefulatioe SSernunft aber l^ätte bemiefen, ba^ bie» \id)
gar nid^t beulen laffe, fo mu§ notmenbig jene Soraud«
fe^ung, nämlid^ bie moralifdie ber|enigen meid^en, beren
@egenteil einen offenbaren SSiberfprud^ entl^ctlt, folglid^ fjfrei«
i^eit unb mit i^r Sittlid^Ieit btm %aturmed^anidmu)S
ben $Ia^ einröumen. ®o aber, ba id^ gur äRoral nid^td
meiter braud)e, dl» bai f^reil^eit ftc^ nur nid^t felbft miber«
fprec^e unb ftd^ alfo bodEi menigfteui^ beulen laffe, ol^ne
notig gu l^aben, fie meiter eingufel^en, ba^ fie olfo
bem %aturmed|aniiSmui3 ebenberfelben ^anblung (in anberer
äSegie^ung genommen) gar lein ^inbernii^ in ben SBeg lege;
— 24 —
fo Behauptet bie Seigre bex Sittlid^Iett tl^ren $Iatf, toeld^ed
aber nid^t ftattgefunben l^ätte, loenn nid^t jtritil uniS guoor
Don unferer uttDermeiblid^en UntDtffenl^ett in 9n*
fe^ung ber 2)inge an ftd^ felbft belel^rt, unb aUt9,
ma& mit tl^eoretifd^ erlennen lonnen, auf bloge @rfc^etnungen
eingefd^rcinlt l^ätte. @ben biefe Erörterung bt§ pofittoen
%u^eniS Iritifd^er ©runbfci^e ber reinen SSernunft lägt ftd^
in Slnfe^ung btB Segriffi^ oon ®oti unb ber einfachen
%atur unferer @eele jeigen, bie id^ aber ber JCiirge l^alber
oorbeigel^e. Sd^ lann alfo ®oit, f^reil^eit unb Unfterb»
lid^Ieit ium ©thtanä^ be$ notmenbigen ©ebraud^iS pral«
tifd^er Sernunft nid^t einmal anne^men^ menn i(^ nid^t
ber fpelulatioen SSernunft gugleid^ il^re änmagung über«
fd^n)englidger @infid^ten benehme. . . . Sdi ntugte alfo
baii 9ßiffen aufl^eben, um jum ®Iauben ^la^ gu
belomnten/ 3Kan fie^t, Jfant fielet gegenüber äSiffen nnb
©lauben auf einem öl^nlid^en Soben mie Sacobi.
S)er äSeg, auf bem er bal^tn gelangte, ift aüerbingd
ein anberer. ®r mar bis in fein fünfunboierjigfted J3a|r
glöubiger Slnl^önger SBoIfiS. Son biefem @Iauben l^atte
il^n ba» @tubium be» englifd^en $]^iIofopl^en 2)aoib
$ume (1711—1776) abgebrad^t. ©iefer l^atte allen 6in-
fid^ten bed menfdjlid^en SSerftanbeiS einen rabilalen 3^^if^I
entgegengefe^t. äSaiS fdieint eine fic^erere SBal^r^eit ju fein,
ate bai lebe SSirlung eine Urfad^e l^aben muffe? $ume
erfc^ütterte bie Überzeugung Don biefer ®twxi^txt äSenn
ic^ einen ®tein fallen fel^e unb nad^l^er eine äudl^ol^Iung
im Srbboben ma^rnel^me, fo nenne i^ biefe eine SBirfung
bed tiaUt». Slber mo^er fd^öpfe id^ bie ©emigl^eit, bog
jmifd^en Urfad^e unb 9BirIung ein notmenbiger 3ufammen«
l^ang beftel^e? 3d^ nel^me btn gfall beS ®teind mal^r unb
nac^l^er bie Sudl^öl^Iung. 2)ag beibeiS mit einanber in Ser*
binbung ftel^e, beule ic^ l^inju, fagt ^ume. SDad S)en!en
oerlnüpft bie äSal^rnel^mungen, aber nid^t, meil in biefen
felbft etwa» liegt, ma& biefer Serlnüpfung entfpräd^e, fon«
bem meil fid^ ber Serflanb gemol^nt l^at, bie 2)inge in
einen Sufammenl^ang )u bringen. S)er Stenfd^ ift gemol^nt,
— 25 —
)tt fe^en, bog ein 2)fne auf ein anbete« bet 3^^ itad^
folgt 6r fielet auä^, baft auf gemiffe Sorgftnge immer
gleid^e anbere folgen; er bilbetfi^ ^^e SorfieOung, bog ed
fo fein muffe. (Sr mad^t ben elften Sorgang 3ur Urfod^e,
btn ameiten gut SBirfung. S)er SRenfd^ ift au<^ gemol^nt^
gn feigen, bog auf einen ®ebanlen feined ®eiftei9 eine 9e»
megnng feinem» Seibed folgt ßr erllört: ber ®eifl l^abe bie
SeibeiSbemegung bemirlt. 2)enIgemo^nl^eit, nid^t« meiter
liegt ben ^udfagen über ben Sufammenl^ang ber SBett*
erfii^einungen jn ©ntnbe. SBirllid^Ieit l^aben nur bie einzelnen
SBal^mel^mungen.
%)uxd) biefe SluiSfü^rungen ^umed iß jtant aM bem
®d^Iummer enoedt morben, in btn il^n, nai) feinem eigenen
Sdenntnid, bie SBoIffd^e Sbeenrid^tung oerfe^t Igatte. SBit
lann bie Sernunft Urteile über ®ott, fjfrei^eit unb Unfterb*
lid^Ieit fallen, menn i^re Üudfagen über bie einfo(^ften 9e«
geben^eiten auf fold^ unfid^eren ®runblagen rul^en? S>er
Slnfturm, ben nun jtant gegen bod vernünftige SBiffen unter«
nel^men mniit, mar ein oiel meiter gel^enber ate berjenige
Sacobid. 2)iefer l^atte biefem SBiffen menigftend bieSRog«
lid^Ieit laffen lonnen, bie Statur in il^rem notmenbigen 3u«
fammenl^ange ^u begreifen. 'Stnn ^at Stani auf bem ®e«
biete ber %aturerfenntnid eine midE|tige %^ai mit feiner
1755 erfd^ienenen „SUIgemeinen %aturgefd^id^te unb £]^eorie
bed ^immete^ ooQbrad^t. (Sr ^ai gegeigt, ba% man ft(^
unfer gangeiS $Ianetenf9ftem cm» einem ®aiSbaQ entftanben
ben!en !dnne, ber ftc^ um feine 9d^fe bemegt. 2)urd^ ftreng
notmenbige matl^ematifc^e unb pJ^^fSoIifd^e jtrdfte ^aben
fi(^ innerhalb biefe^S SaHed @onne unb Planeten oerbid^tet
unb bie %emegungen angenommen, bie fie in ®emä6l^eit
ber Seigren ftopernitui^' unb Sepplerd l^aben. ffant l^atte
alfo bie t^rud^tbarleit ber ®pino)ifÜfd^en Sen!art, nad^
meld^er aSed mit ßrenger matl^ematifd^er %otmenbigIeit ftd^
abfpielt, burd^ eine eigene groge @ntbedEung auf einem
fpeaieQen ®ebiete enoiefen. @r mar oon biefer O^^d^tbar«
{eit fo überzeugt, bai er in btm genannten Serie gu bem
SIttdrufe ftd^ oerfteigt: ^®ebt mir SRaterie, unb id^ miH
— 26 —
tnä) eine 9BeIt batau^ bauen/ Unb bie unbebingte ®e«
n)igl^eit ber matl^ematifc^en SSal^rl^eiten ftanb für tl^n fo
fefl, ba^ er in feinen ^^Slnfangi^grünben ber Sialurmiffenf^afl"
bie 93el^auptung auffteQt, eine eigentliche äSiffenfd^aft fei
nur eine foIdEje, in xod^tv bie Slnmenbung ber 3Rat|entatiI
ntöglid^ ift. ^äiie |)ume Siedet, fo lönnte oon einer ©enjife»
l^eit ber matl^emaiifd^en unb naturmiffenfd^aftlidgen @rlennt»
niffe nid^t bie Siebe fein. ®enn bann wären biefe ßrlcnnl»
niffe nid^tö afe ©enlgcrool&n^citen, bie fxä) ber 9Kenf(i^ an-
geeignet l^at^ n)eil er ben Sßeltenlauf in i^rem ©inne fid^
{lat abfpielen feigen. 9lber t^ beftünbe nic^t bie geringste
Sid^erl^eit bariiber, ba^ biefe Scnlgemol&nl^citen mit bem
gefe^mägigen 3uf<^^in^^^<i^9 ^^^ 2)inge eiroa^ gu tl^un
l^aben. .*^ume ^iel^t auiS feinen SSorauSfe^ungen bie f^oU
gerung: „®ie SrfdEieinungen med^feln fortroäl^renb in ber
äSelt, unb eines folgt bem anbern in ununterbrod^ener
golge; aber bie ©efefee unb bie Gräfte, meldjc baS SBcItaH
bemegen, finb unS oöQig oerborgen unb geigen fid^ in leiner
mal^rnel&mbaren Sigenfd^aft ber Körper ..." 3lüdtt man
alfo bie 9BeItanfd|auung @pinogad in bie SeleudEitung ber
^umefd^en änfid^t, fo mufe man fagen: 9iac^ bem bisl&er
n)a]^rgenommenen SSerlauf ber äBeltoorgänge Igaben mir unS
gcroöl^nt, fie in einem notmcnbigen, gefefemägigen Swfötnmen»
i^ange p beulen; mir bürfen aber nid^t bel^aupteU; ba^
biefer Swf^twimenl^ang mel^r ift als eine blofee Senlgemol&n-
l^eit. Siröfe ba^ ^n, bann märe eS nur eine 5£äufd^ung ber
menfd^Iid^en SSernunft, ba^ fie über ba^ 9Befen ber SBelt
bmd) fid^ felbft irgenb meldten S(uffd^lug geminnen lönne.
Unb |)ume lönnte nid^t miberfprodien merben, menn er oon
ieber Sßeltanfd^auung, bie auS ber reinen SSernunft ge«
monnen ift, fagt: ^SBerft fie ins Seuer, benn fie iftnid^ts
als 2:rug unb SIenbmerl.''
S)iefe fjfolgerung ^umeS !onnte Sani unmöglid^ )u ber
feinigen machen. S)enn für il^n ftanb bie ©emigl^eit ber
naturmiffenfd^aftlidien unb matl^ematifd()en @rlenntniffe, mie
mir gefeiten l^aben, unbebingt feft. (Bx moDte fid^ biefe
*®emigl^eit nid^t antaften laffen, lonnte fi(^ aber bennod^
— 27 —
btt Sinfic^t nid^t entaicl^en, bag $uine Stecht f^atit, mtnn
er fagte: 90e Srtenntniffe fiber bie mtrllid^en Singe ge«
loinnen mir nur, inbem n)tr biefe beobachten unb auf
®ntnb ber Seobat^tung uniS ©ebanlen über il^ren 3ufammen«
bang bilben. Siegt in ben S)tngen ein gefe|mä|iger 3u«
fammenbang, bann muffen tote ibn aui^ aud ben Singen
berauiSboIen. 9SaiS mit aber aud btn Singen "^txaM^oltn,
bODon n)iffen mir nicbt ntebr, aü bag t» bid je^t fo ge*
mefen ift; mir miffen aber nid^t, ob ein fold^er Sufamnten-
bang mirllicb fo mit bem äSSefen ber Singe oermad^fen ift,
ba% tt \\ä) nid^t in iebem Beitpunit änbern lann. Senn
mir und beute auf ®runb unferer Seobad^tungen eine Seit«
anfd^auung bilben, fo lönnen morgen Srfd^einungen ein«
treten, bie und gu einer gang anberen jmingen. $oIen mir
aOe unfere Srienntniffe and ben Singen, fo giebt ed leine
®tmxif)eii, Slber ed giebt eine ®emiif)txi, fagt ftant. Sie
Watbematü unb bit %aturmiffenfd^aft bemeifen t». Son
einer SBelt, bie auger und ausgebreitet liegt unb bie mir
nur burd^ Beobad^tung auf und einmirlen laffen, ISnnte
unfere Sernunft niemald bebaupten, bQ% etmad in ibr gemig
fei. gfolglicb fann unfere 38elt nur eine folc^e fein, bie
mir felbft aufbauen: eine SBelt, bie innerbalb unfered
®eifted liegt S3ad auger mir oorgebt, mäbrenb ein @tein
fönt unb bie @rbe aM^öfjUi, meig id^ nidE|t. Siefer ganae
äSorgang fpielt ftdEi in mir ab. Unb er lann fic^ in mir
nur fo abfpielen, mie ed ibm bie ®efe^e meined eigenen
geiftigen Crganidmud oorfd^reiben. Sie @inrid^tung meined
(Seifted forbert, bQ% jebe SBirlung eine Urfac^e b^be unb
bag gmeimal ^mti oier fei. Unb gemäg biefer Sinrid^tung
baut fidEi ber ®eift eine SBelt auf. SRöge nun bie auger
und liegenbe 9BeIt mie immer gebaut fein, möge fie fogar
beute in feinem 3«g« ber geftrigen gleid&en; und lann bad
nidE|t berfil^ren, benn unfcr ©cift fd^afft pd^ eine eigene
SBelt nad^ feinen @efe^en. @o lange ber menfd^Iid^e ®eift
berfelbe ift, mirb er bei Srgeugung feiner SBelt anä^ in
gleid^er SBeife oerfal^ren. SRatbematif unb 3?aturmiffenfc^aft
entbalten nic^t Sefe^e ber Sugenmelt, fonbern biejenigen
— 28 —
unfereiS g^^f^^O^^ OrgantömuiS. 2)eiS]^aIB Brauchen mir nur
biefett su erforfd^en^ rotnn wie ba^ unbebingt SBalgre lennen
lernen mollen. ,,2)er äJerftanb fd^öpft feine ®efe^e nic^t aM
ber "Siainx, fonbcrn fcfireibt fte biefer vot". 3n biefcm @a^e
fagt Sant feine Übergeugung gufammen. S)er @eift erzeugt
aber feine Snnenmelt nid^t ol^ne S(nfto6 ober @inbrudE t)on
äugen. Sßenn id^ eine rote f^orbe entpftnbe, fo ift ba»
;,8lot'' aEerbingö ein 3Mft<ini>^ ^in Sorgang in mir; aber
id^ ntug eine SSeranlaffung l^aben, ba^ iä) „tof* empftnbe.
Si? giebl alfo ;, Singe an fid&". SBir roiffen jebod^ oon
il^nen nid^ti^^ alß bai eB fte giebt. Wit9, ma» mit beob»
ac^ten^ finb SDinge in uniS. Sant i)ai alfo^ um bie @twii»
l^eit ber matl^ematifd^en unb naturmiffenfd^aftlid^en SSal^r«
l^eiten gu retten^ bie gange SSeobad^tungiSmelt in ben menfd^«
lidEien ©eift l^ineingenommen. S)amit ^ai er aber audE^
aDerbingi^ bem @rIenntniiSoerm6gen unüberfteiglid^e ©renken
gefegt. S)enn aUe^, xoa2 mir erlennen lönnen, begiel^t fidE)
nid^t auf 3)inge auger uniS, fonbern auf SSorgänge in uniS,
auf Srfd^einungen, mie er ftdi an^btüdi. %un lönnen
aber bie ©egenftönbe ber pd^ften SSernunf liSfragen : ©Ott
Sfreil^eit unb Unfterblic^Ieit niemaliS in bie @rfd)einung
treten. 9Sir feigen S)inge in uniS; ob bit auger uni^ oon
einem göttlichen SSefen l^errül^ren, lönnen mir nid^t miffen.
3ßir lönnen unfere eigenen @eelenguftänbe mal^mel^men.
Slber auc^ biefe finb nur @rfd)einungen. Ob l^inter il^nen
eine freie, unfterblid^e @eele malitt, bleibt unferer Sriennt«
nii? »erborgen. Über biefe „®inge an ftdEi" fagt unfere
@rlenntnii^ gar nid()tiS an», @ie beftimmt nichtig barüber,
ob bie Sbeen oon il^nen mal^r ober falfd^ finb. SBenn mir
nun oon einer anbern ®eite l^er über biefe S)inge tima»
oernel^men, fo liegt nid)ti9 im SBege, il^re ®£ifteng anju«
nel^men. %ur miffen lönnen mir nic^tiS über fie. diS giebt
nun einen S^^g^^g P biefen l^öc^ften Sßal^rl^eiten. Unb
bad ift bie Stimme ber $flid^t, bie in uniS laut unb beut«
Iid§ fprid^t: S)u follft bk» nnb ba» tl^un. 2)iefer ^.late«
gorifd^e gmperatio'' legt uniS tint Serbinblic^Ieit auf, ber
mir uniS nid^t entjiel^en lönnen. Stber mie mären mir im«
— 29 —
ftanbe, einer folgen SSerbinblid^Ieti nad^julommen, xotnn mit
ntd^t einen freien SBillen l^äittn? 9Sir Idnnen bie 9e«
fd^affenl^eit unferer ®eele gnxir nid^t erlennen, aber mit
muffen glauben, ba% fte frei ift, bamit fte i^rer inneren
Stimme ber $ßid^t nac^Iommen lönne. 2?ir l^aben fomit
über bie gfrei^eit leine ßrlenntnidgemig^eit mit über bie
®egenftänbe ber äRat^ematil unb ber 9}aturmiffenf(^aft;
aber mir l^aben bafür eine moralifc^e (Semiftl^eit 3)ie
Befolgung bed lategorifd^en 3mperatio0 fü^rt gurXugenb.
3)urd^ bie Xugenb allein lann ber SRenfd^ feine Seftimmung
erreid^en. @r mirb ber ©lücffeligfeit mürbig. @r mu|
olfo bie ©lüdfeligleit aud^ erreid^en lonnen. S)enn fonft
mdre feine S^ugenb o^ne @inn unb Sebeutung. Damii aber
ftd§ an bie 2:ugenb bie ®IüdCfeligIeit !nüpfe, mug ein SSefen
ba fein, ba» biefe ©lüdFfeligleit )ur Sfolge ber Xugenb
ma^t 2)ad lann nur ein inteütgented, ben pc^ften SBert ber
Singe beftimmenbed äSefen, ®ott, fein. 2)urd^ ba& Sor«
^anbenfein ber £ugenb mirb und bereu SSirlung, bie ®Iüdt«
feligleit, verbürgt unb burd^ biefe mieber bad 3)afein ®otit»,
Unb meil ein finnlic^ed SSefen, mie t» ber SRenfc^ ift, bie
ooHenbete ®lücffelig!eit nid^t in biefer unoolllommenen
SBelt erreid^en fann, fo mu6 fein 2)afein über bied Sinnen«
bafein l^inaudreid^en, bad l^eigt, bie @eele mug unfterblid^
fein. 9Borüber mir alfo nid^tö miffen lönnen: ba» ^anhext
ftant au» bem moralifd^en ®Iauben an bie Stimme
ber $flic^t ^en)or. 2)ie |)i)d^ad^tung oor bem ^flid^tgefül^I
mar ba», xoa» i^m eine mirllid^e Sßelt mieber aufrichtete,
ate unter ^umei^ @influ6 bie 9eobad)tungdmeIt gur bbgen
Snnenmelt l^erabfanl. 3n fc^bnen Porten lommt in feiner
;,SritiI ber praltifd^en Sernunft'' biefe ^odEiad^tung gum
SluiSbrud: ;,$flic^t! bn erl^abener, groger %ame, ber bu
nid^tiS SeliebteiS, wa» Sinfd^meid^elung bei fid^ fül^rt, in
bir faffeft, fonbern Untermerfung rerlangft", ber bu „ein
®efe^ auffteDft . . . uor bem aDe Neigungen rerftummen,
menn fte gleid) im ®e^eimen il^m entgegenmirlen ....''
S)ag bie I^Sd^ften SSal^rl^eiten leine @rIenntniiSmal^r^eiten,
fonbern moralifd^e feien, bad l^ielt ftant für feine 6nt«
— 30 —
bedung. Sluf (Sinfid)ten in eine überftnnlidie 9SeIt tnu§
ber SRenfd^ oergid^ten; an^ feiner moralifd^en %atur ent«
fpringt il^m @rfa^ für bie (SrfenntniS. Sein SBunber, bafe
Stani in ber unbebingten rüd^altlofen Eingabe an bie
$flic^t bie pd^fte ^orberung an ben 3ßenfd^en fielet. @r«
öffnete il^m bie ^flid^t ni(f)l einen Sui^blidC au^ ber ©innen»
n)eli l^inaud; er toäxe fein gangeiS Seben l^inburd^ in biefe
eingefd^Ioffen. '^a^ alfo aud^ bie @innenn)elt t)erlangt:
t9 mug gurüätreten l^inter ben Slnforberungen ber $flid^t.
Unb bie ©innenrocit lann ouS fiä) felbfl fterauS nidtjt mit
ber ^flid^t übereinftimmen. Sie roiD ba^ Slngenel^me,
bie Suft. Sinnen mug bie $fiic^t entgegentreten, bamit ber
3Renfd| feine Seftintntung erfüDe. SBad ber SBenfd) aui5
Suft oollbringt, ift nid^t tugenbl^aft; nur roa» er in ber
felbftlofen Eingabe an bie $fli(^t Doüfül^rt. Unterwerfe
beine Segierben ber ?5flid^t: ba^ ift bie ftrenge Slufgabe
ber JSantfd^en Sittenlehre. SßoQe nichts, ma^ bid^ in beiner
@elbflfud£)t befriebigt, fonbern l^anble fo, ba^ bie ®runb»
fö^e beined .^anbelni^ bit aütt 9Senfd^en merben lönnen.
3n ber Eingabe an boS ©ittengefe^ erreid^t ber SRenfd^
feine SSoIIIomnten^eit. 5)er ©laube, ba^ btefeS ©ittengefe^
in erliabener §ö^e über allem anbern SBeltgefc^e^en
fd^mebt unb burd^ ein göttlid^eS äSefen in ber SBelt oer«
mirflid^t mirb, bai? ift, nad^ Santo 9Keinung, roal&re Sleli-
gion. Sie entfpringt an^ ber 3ßoraI. S)er 3RenfdE| foD nid^t
gut fein, meil er an einen ®ott glaubt, ber ba^ ®nit
toiU; er foH gut einzig unb allein au^ ^flic^tgefül&I fein;
aber er foll an ®oii glauben, meil ^flid^t ol&ne ®ott ftnn-
loö ift. S)aS ift ;,SleIigion innerhalb ber ©rengen ber
blofeen Sernunft" mie Äant fein S3ud^ über religiöfe SBelt-
anfd^auung nannte.
®ie felbftlofe Eingabe an bie Stimme beS ©eifteS l^at
$tant gur ©runblage ber äßoral gemacht. $luf bem ®t»
biete bt^ tugenbl^aften $anbelni^ Dertrögt ftdd eine fold^e
Eingabe nid^t mit berjenigen an bie Sinnenmelt. @d giebt
aber ein Sfelb, auf bem ba§ ©innlid^e fo erp^t ift, ba%
ed mie ein unmittelbarer Slui^brud beS ©eiftigen erfd^eint.
- 31 —
3)ieiS i\t ba» ®ebiet bed Sd^Snen unb bei ftunfi 3m all-
täglid^en Seben verlangen tDtc bod Sinnliche, meil ed unfer
äSege^ren, unfer felbftfüd^tiged 3ntereffe erregt. 93ir tragen
Serlangen nac^ bem, toa» und Suft ntad^L 9Bir lönnen
aber anä) ein felbftlofei^ Sntereffe an einem ©egenftanbe
Igaben. Sßir lönnen ben)unbernb vox il^m ftel^en, t)oQ von
feiiger Suft, unb biefe Suft lann ganj unabl^öngig oon
bent 99efi^ ber Ba^t fein. Ob id^ ein fdE|önei$ ^aud, an
bent xä) oorüberge^e, aud^ beft^en ntöd^te, ba^ l^ai mit bem
felbfilofen ^ntereffe an feiner Sd^ön^eit ni(^td gu tl^un.
SBenn id) aUed ^egel^ren aud meinem ®efü^Ie auiSfd^eibe,
fo bleibt nod) etmad ^urüdt, eine Suft, bie ft(^ rein an bad
fd^one ^nfimer! Inüpft @ine fold^e Suft ift eine öftl^etifd^e.
^a§ @d^öne unterfd^eibet fid^ von btm 9(ngene^men unb
bem @uten. S)ai$ Slngenel^me enegt mein Sntereffe, n^cil
ed meine 89egierbe ermedCt; ba» ®ute interefftert mi(^, meil
tS bnxi) mxd) oermirÜidjt merben foll. 2)em Sd^önen fte^e
id^ ol^ne irgenb ein fold^ed 3ntereffe, ba^ mit meiner ^erfon
gufammenl^cingt; gegenüber. SBoburd^ !ann ba^ ©c^öne mein
felbftlofed äSol^Igef allen an [\ä) giel^en? 9Rir lann ein
2)ing nur gefallen, menn ed feine Säeftimmung erfüllt, menn
e§ f befc^affen ift, ba^ ed einem !imtdt bient. 3<^ muft alfo
an bem Sdjönen einen 3^^^ ma^rne^men. 5Die 3^^^^'
mögigleit geföQt; bie 3n>cdn)ibrigleit mi^äDt. S)a id^ aber
an ber 9BirIIid|!eit bt^ fdjonen ©egenftanbeiS lein 3ntereffe
l^abe, fonbern bie bloge 3lnfd)auung bedfelben mid^ be«
friebigt, fo brandet ba& ®d)£)ne auc^ nid^t mirfiic^ einem
3medfe gu bienen. 2)er 3n)ed( ift mir gleichgültig, nur bie
3n)edbnagigleit verlange id^. 3)edl^alb nennt ftant irfd^ön''
badjenige, moran mir 3^^dmägigleit mal^rne^men, ol^ne
bai mir babei an einen beftimmten '^mtd beulen.
@d ift nid|t nur eine SrÜörung, ed ift audE) eine ^eä^U
fertigung ber jSunft, bie Kant bamit gegeben l^at. Tlan
fielet ba§ am befien, menn man fid| uergegenmärtigt, mie
er fidE) mit feinem ©efül^Ie gu feiner SBeltanfd^auung fteQte.
(£r brüdft ba& in tiefen fd^önen SBorten auiS: ;,3n>ei ^inge
— 32 —
erfüDen ba^ ®etnüt mit immer neuer nnb fietö junel^menber
Seipunberung unb @l^rfur(t)t: ber gefiirnte £)immel über
mir unb ba&' moralifd^e ®efe^ in mir. 5Der erfte Stnbtict
einer ^al^Uofen SBeltenmenge nernid^tet gleid^fam meine
Sßid^tigfeit^ al» einci^ animalifd^en ©efc^öpfeiS^ ba» bie
äRaterie^ aM ber e» maxb, bem ^laneten^ einem blogen
$unlt im SBeltaQ, mieber gurüdgeben mug, nadjbem t»
eine lurge '^eit (man meig nid^t mit) mit Sebendiraft oer«
feigen mar. S)er gmeite erl^ebt bagegen meinen SSert^ als
einer 3nteQigeng, unenblid^ burd^ meine (felbftbemugte unb
freie) $erfönlid)leit, in meIdE)er bad moralifd^e ®efe^ mir
ein Don ber ^ier^eit unb felbft t)on ber gangen @innen»
melt unabl^ängiged Seben offenbart, mentgftend fo Diel fic^
auö ber groedEmöfeigen S3cftimmung meines ®afeinö
burd) biefeS ®efe^ abnel^men lägt, meiere nid^t auf bie
Sebingungen unb ©renjen biefcS ßcbenS eingefd&ränft ift,
fDubern inS Unenblid^e gel^t.'' 2)er ^iinftler pflangt nun
biefe gmcdCmäfeige Scftimraung, bie in 8BirfIid&!eit nur
im moralifd^cn 8BcItrcidf)e maltet, ber ©innenmclt ein. ®a»
burdi fte^t ba^ ^unftroerl gmifd^en bem @ebiet ber Seobi*
ad^tungSmelt, in ber bie emigen eisernen ®efe^e ber 3toU
menbig!eit l^errfdEien, bie ber menfc^lid^e @eift erft felbft in
fie l^itteingelegt l^at, unb bemüteid^e ber freien ©ittlid^feit,
in ber $fIid^tgebote aU S(uSfIug einer meifen göttlid^en
SBeltorbnung 9tidt)tung unb 3^^^^ angeben. 3n'if<$cn beibe
äteidie l^inein tritt ber ^ünftler mit feinen SBerfen. @r ent«
nimmt bem SReic^ beS SBirllid^cn feinen Stoff; aber er
prögt biefen @toff gugleid^ fo um, bag er ber Präger einer
gme(|mägigen .^armonie tft, mie fie im Sleid^e ber f^reil^eit
angetroffen miro. S)er menfd^Iid^e @eift fül^It fid) alfo un«
befriebigt mit ben blogen SReidien ber S3irllid)leit, baS
Kant mit bem geftirnten |)immel unb ber gal^Uofen SSSelten«
menge meint, unb bem ber moralifd^n ©efe^mögigleit. @r
c^afft fic^ bedl^alb ein fc^öneS Steict) beS ®d)eineS, bai^
tarre %aturnotmenbigIeit mit freier 3<^^<^ä&ioI^i^ ^^'
binbet. %un ftnbet nian baS ®d^öne nid^t nur in menfd^«
lid^en Stunftmerlen, fonbem and) in ber %atur. @S giebt
— Sa-
rin %aiurfd§oned neben bem ftunflfc^onen. S)tefed 9tatnt«
fd^öne tft obne ntenfd^Iid^ed 3ut^un ba. S0 fc^eint olfo,
ote wenn in bei SBirllid^Ieü boc^ nid^t blog bie fiarce,
gefefenrögige %otn)enbigIrit, fonbern eine freie mrife Z^fttig«
leit }u beobad^ten möre. S)ad Sd^öne gmingt aber )u einer
fold^en Slnfc^auung bvd) nic^t S)enn ed bietet ja bie
3n)edmägig!eit, obne ba% man an einen mirllid^en Stotd
in benlen l^ötte. Unb ed bietet ni(^t blog 3n'c<lRf^6i8'
&^önt», fonbern aud^ S^tdmäi Q'^äilxä^t9. 9Ran tann
olfo annel^men, bag unter ber SfüOe ber Staturerfd^einungen,
bie nad^ notn^enbigen @efe^en ^ufanintenbängen mit bntd^
3ufaQ aud^ fold^e finb, in benen ber menfd^Iic^e ®eift eine
Analogie mit feinen eigenen jhtnftmerlen ma^rnimmt. 2)a
an einen mirllic^en Qmtd nid^t gebadet gu mtxbtn brandet,
fo genügt rine fold^e gleid^fam gufällig oor^anbene S^^^
ntä§igleit für bie öftl^etifd^e %aturbetrad^tung.
SlnbetiS mirb bie @ad^e aüerbingiS; menn mir SSefen
in ber %atur antreffen, bie ben Qmtd ni(^t blo% dufäDig,
fonbern mirllid^ in ft(^ tragen. Unb aud^ fold^e giebt d^,
nad^ ftantd 9Reinung. @d finb bie organifd^en SBefen.
3u i^rer Srllärung reiben bie notmenbigen, gefe^mägigen
3ufammenl^änge, in benen ftd^ SpinogaiS S3eltanf(^auung
erfd^öpft unb bie ftant ald bieienigen bed menfd^Iid^en
®rifted anfielet, nid^t an». S)enn ein «rOtganiiSmud ift
rin %aturprobuIt, in melc^em alled Qmed unb med^fel«
fritig aud^ äRittel, llrfac^e unb medbfelfeitig aud^ SBirlung
iff". S)er OrganidmuiS lann alfo nt(^t fo mie bie un«
organif^e %atur burd^ emige, eiserne ©efe^e erllärt merben.
Sei^l^alb mrint Sant, ber in feiner «äägemeinen %atur«
gefd^id^te unb Zl^eorie bt» ^immete" felbft ben Serfud^
unternommen l^at, bie ^.Serfaffung unb ben med^anifd^en
Urfprung bed gan3en äSeltgeböubeiS nad^ %emtonf(^en
®runbfö^en abgul^anbeln'', bai ein gleid^er Serfud^ für
bie organifd^en 9Befen mißlingen muffe. 3n feiner ;,Jtrittf
ber nrteitefoaft" bel^auptet er: „^» ift nämlid^ ganj gemig,
ba% mir bie organifierten SBefen unb bereu innere SRöglid^Irit
nad^ blog mec^anifc^en ^ringipien ber Statur nic^t rinmal
steinet, VHÜtß unb Seienftanfd^auungcn- 8
— 34 —
gureit^enb lettnen lernen, mel meniger nn^ erllören !önnen;
unb ixoat fo getotg, bai man breift fagen lann, e^ ift für
ben 3Renfd^en ungereimt, auä) nur einen fold^en Slnfc^Iag
au faffen, ober gu l^offen, bag nod^ etma bereinft ein %en)ton
aufftel^en lönne, ber aud^ nur bie (Srgeugung einest @raiS«
l^alnti^ nad^ Slaturgefe^en, bie leine Slbftd^t georbnet f^ai,
begreif lid^ ntad^en merbe; fonbern man mug biefe (Sinfid^t
btm SRenfd^en fd^Ied^tl^in abfpred^en/ 9ßit ber Santfd^en
Sfnftd&t, bai ber meufd^Iid^e ®eift bie ®efefee, bie er in
ber %atur Dorfinbet, felbft erft in fte l^ineinlege^ lägt fid^
aud^ eine anbere SReinung über ein gmedmögig gefialtetei^
Sefen nid^t oereinigen. S)enn ber S^td beutet auf ben«
jenigen ^in, ber i^n in bie äSefen gelegt l^at, auf btn
inteQigenten Sßelturl^eber. könnte ber menfd^Iid^e ®eift ein
gmedmögigeiS Sßefen ebenfo erllctren, mie ein btog natur»
notmenbigeS, bann mügte er aud^ bie 3n)ed(gefe^e aud ftdE^
l^erauS in bie 2)inge l^inetnlegen. @r mü§te alfo ben
2)ingen nid&t blofe ©efefee geben, bie für fie gelten, infomeit
fie feine 3nnenmelt bebeutcn; er müßte i^nen anä) il^rc
eigene, von if)m gctnglid^ unabigängige 99eftimmung oor«
fc^reiben lönnen. @r müiit alfo nid)t nur ein erlennenber,
fonbern ein fd^affenber ©eift fein; feine SSernunft müfete
mie bie göttlidge bie 2)inge fc^affen.
SBer bie ©trultur ber Santfrfien SBeltauffaffung, mic
fie l^ier ffiggicrt morben ift, fid^ oergcgenroärtigt, wirb bie
SBirlung berfclbcn auf bie 3cit9c«off^w ^^^ ^^^ ^^f Mc
SBad^roelt bcgreiflid^ finben. ®enn fie taftet feine ber Sor*
fteHungen, bie fid^ im Saufe ber abenblänbifdt)en ffultur«
entmidelung bem menfd)Iid^en @emüte eingeprägt ^aben,
an. ©ie Iä§t bem religißfen ©eiftc: ©Ott, tJtei^cit unb
Uttfterblid^Icit. Sie befriebigt ba^ SrIenntniSbebürfniS, inbem
fte i^m ein ©ebiet abgrengt, innerl^alb beffen eS unbebingt
gemiffe SBal^rl^eitcn gicbt. 3cr, fie läßt fogar bie äReinung
gelten, bai bie menfc^Iid^e SSernunft ein Siedet l^abe, fid^
gur ©rllörung lebcnbiger SBefen nid^t bloß ber ewigen,
eisernen %aturgefe^e, fonbern be» 3n)edCbegriffd gu bebienen,
ber auf eine abfi^tlid^e Orbnung im Sßeltmefen btniet
— 35 —
Slber um meieren $reid f^ai Stani aOed biefed erreicht!
@r ^ai bit gange Statur in ben menfd^Iic^en ®etft hinein«
oerfe^t unb ilgre (Sefetfe gu foldjen biefed ©eifted felbft
gemad^t. @r ^at bie ^ö^ere SBeltorbnung gang aud bec
%aiur oermiefen unb [it auf eine rein ntoralift^e ©runblage
gefteüt. @r ^ai gmifc^en ba& unorganifc^e unb bad organifc^e
Steid^ eine fd^arfe ©renglinie gefegt; unb j|ened nad^ rein
med^anifd^en, ftreng noimenbigen ®efe^en, biefed nac^
^wtdvoiltn ^btcn erllärt. @nblid^ f^ai er bad 9leic^ bed
Sd^önen unb ber S(unft oöQig aud feinem Sufammen^ange
mit ber übrigen SBirllid^leit l^eraudgeriffen. 3)enn bie
SmedFmagigleit, bie im Schönen beobachtet mirb, ^at mit
mirttid^en Qrotdett nid^td gu t^un. 9Bie ein fd^oner ®egen«
^anb in ben Sßeltgufammen^ang l^ineinlommt, ba0 ift
gleid^gültig ; t§ genügt, ba% er in uniS bie SorfteQung beiS
SmedEmctgigen erregt unb baburd^ unfer äßol^Igefallen enegt.
S)cn ©egenfafe gu biefer Äantfd^en Suffaffung ber SBelt
bilbete in allen mefentlic^en S)ingen bie ®oet]^efd^e. Ungefö^r
um biefelbe 3«t, als Äant feine ^»Äritil ber reinen ffiernunft"
crfdjeincn liefe, legte ©oetl^e fein ©laubenSbclenntniö in
einem g)^mnu5 in $rofa ;,bie Siatur" nieber, in btm er
ben 9ßenfd^en gang in bie %atur l)ineinfteQte; unb fie, bie
unabhängig t)on i^m maltenbe, gu t^rer eigenen unb feiner
@efe^geberin gugleid) madjte. $ant nal^m bie ganje %atur
in ben menfc^Iid)en ®eift herein, @oet^e fa^ aOed 3Renfd^li(^e
ote ein ©lieb biefer Satur an; er fügte ben menft^Iic^en
©eift ber natürlid^en SBcItorbnung ein. ^9iatur! SBir
ftnb oon i^r umgeben unb umfc^Iungen — < unuermögenb,
au2 il^r l^erauiSgutreten, unb unoermögenb, tiefer in fie
l^ineingulommen. Ungebeten unb ungemarnt nimmt fie
und in ben Kreislauf i^res^ Xan^t» auf unb treibt fid^
mit uns fort, bi« mir ermübet finb unb il^rem arme ent-
fallen Sie 2Rcnf(^en finb alle in il^r, unb fie in
aOen .... Slud) ba^ Unnatürlid)fte ift 92atnr, aud^ bie
plumpefte $l^ilifteret l^nt etwa^ oon il^rem ©cnie . . . Ttan
3*
— 36 —
ge^ord^t i^ren ©efe^en, aud^ menn man i^nen loiberfirebi;
man mxili mit i^r, aud^ xotnn man gegen fte mirlen
min .... @ie tft aQed. ®te belol^nt ftd^ felbft unb 5e«
ftraft rtd& felbft, erfreut unb quält fi^ felbft .... Sie
^ai mii) l^ereingefteSt, fte n^irb mic^ aud^ ^eraudfül^ren.
^d) vertraue mid^ i^r. @ie mag mit mir fdgalten; fte
mirb il^r SBerl nic^t l^affen. 3d& fprad^ nic^t Don i^r;
neiU; mad ma^r ift unb maiS falfd^ ift, aQejg Igat fie ge«
f protzen. SlQeiS ift i^re ®dE)uIb, aQed ift i^r Serbienft.''
2)aiS ift ber ©egenpol ber ^antfd^en äSeltanfc^auung. 99ei
Sant ift bie %atur gang ©eift; bei ©oet^e ift ber ©eift
gana %atur. @iS ift bemnad^ nur gu Derftänblidg; menn
©oeti^e in bem Sluffa^e ^(Sinmirfung ber neueren ^^ilofopl^ie''
ergä^lt: „Santd ^ritil ber reinen äSernunft ... lag oöQig
augerbalb meineiS ^reifeiS. ^d^ mol^nte jebod^ mand^em
©efpräd^ barüber bei, unb mit einiger äufmerlfamleit lonnte
xä) bemerlen, ba^ bie alte Hauptfrage fid^ erneuere, mie
Diel unfer ®elbft unb mie t)iel bie ^(ugenmelt gu unferm
geiftigen S)afein beitrage? 3d& l^abe beibe niemate gcfonbert,
unb menn id^ nad^ meiner SBeife über ©egenftänbe pl^ilofop^ierte,
fo tl^at id^ ei^ mit unbemugler 3laivtiäi unb glaubte mirllid^^
id& fä^e meine ÜKeinungen oor Slugen.'' 3n biefer Sluf*
faffung ber Stellung ©oetl^ei^ gu Kant braucht und auc^
nit^t gu beirren, bai ber erftere mand^eiS günftige Urteil
über ben ftönigiSberger $]^iIofop^en abgegeben l^at. 2)enn
il^m felbft märe biefer ©egenfa^ nur bann gang Ilar ge«
morben, menn er fic^ auf ein genaueiS @tubium Kantd
eingelaffen l^ätte. S)aiS l^at er aber nid^t. 3n bem oben
genannten Sluffa^ fagt er: „'S)tx Eingang mar t», ber
mir gefiel; iniS fiab^rint^ felbft lonnte id^ mid^ nit^t magen;
balb l^inberte mid^ bie S)i(^tungi^gabe, balb ber SRenfc^en«
oerftanb, unb id^ fül^Ite mid^ nirgenbiS gebeffert." ®d^arf
aber l^at er bo^ einmal btn ©egenfa^ auiSgefproc^en in
einer ^ufgeid^nung, bie erft burd^ bie SBeimarifd^e ©oetl^e«
Slui^gabeaud bem Sad^lagoeröffentlid^t morben ift(3Beimarifd^e
ausgäbe, 2. «bteilung. »anb XI @. 377): ®er ©runb-
trrtum ^antiS, meint ©oetl^e, htiiünbt barin, ba§ biefer
— S7 —
^bad fttbidKiDe Srlenninidoennogen felbft ate Objeli bu
ixaä^iti unb ben $unlt, mo ftibjeltio unb objettio aufammen-
treffen, jmar fc^orf aber ntd^l ganj rid^tig fonbett''. ®oet^e
ifl eben ber Stnftc^t, bag in bem fubieltioen ntenfc^Itc^en
SrlenntniiSoermogen ntc^t blog ber (Seift ol0 fold^er fi4
aM^pxiä^i, fonbern ba% bie "Statut e0 felbfl ift, bie fid^ in
bem SRenfd^en ein Organ gefd^affen ^at, burd^ baiS fie i^re
©el^eimniffe offenbar merben Ugt (Id fprid^t gar nic^t
ber SRenfd^ über bie Salur; fonbern bie Statur f priest im
SRenfd^en fiber ftd^ felbft. ^a» ift ®oetl^ed fiberaeugung.
So lonnte ©oetige fagen: @obaIb ber Streit über bie
Seltanfid^t ftantd ^^ur Sprache lam, mochte ic^ mid^ gern
auf biejlenige ©eite ftellen, meldte bem SRenfd^en am meiften
S^re mad^t, unb gab aQen fjfreunben ooIUommen SeifaO,
bie mit Stant bel^aupteten, menngleid^ aDe unfere SrIenntniiS
mit ber Srfal^rung angelte, fo entfpringe fie barum boc^
nid^t eben aDe aud ber Srfa^rung.'' 2)enn®oet^e glaubte, ba^
bie emigen ®efe^e, nad^ benen bie Xatur oerfä^rt, im
menf(^Ii(^en ®eifte offenbar merben; aber für i^n maren
fie beiSl^alb bod^ ntd^t bie fubjeltioen ®efe6e biefed ®eifteiS,
fonbern bie ob|e!tioen ber %aturorbnung felbft. 2)ei8l^alb
lonnte er an^ Sd^tüer nid^t beiftimmen, aü biefer, unter
ftanti? (Sinflug, eine fd^roffe ©d^eibemanb gmifc^en bem 9lei(^e
ber Statumotmenbigleit unb bem ber O^reil^eit aufrid^tete.
Sr fprid^t fi(^ barüber aud in bem Sluffa^: ^Sefanntfd^aft
mit Sd^iQer": „'S)it jtantifd^e ^l^ilofopbie, meiere bad
@ub|elt fo Igod^ erl^ebt, inbem fie t» einjuengen fd^eint,
l^atte er mit gfreuben in fid^ aufgenommen; fte entmidCelte
boiS SugerorbentlidEie, mad bie %atur in fein äSefen gelegt,
nnb et, im l^odEiften ®efü^I berO^reil^ieit unb Selbftbeftimmung,
mar unbanlbor gegen bie groge SKutter, bie iign gemi^
nid^t ftiefmütterlid^ bei^anbelte. »nftatt fte ate felbftänbig,
lebenbig, oom STiefften biiS jum ^od^ften gefe^flic^ l^eroor«
bringenb gu betrad^ten, nal^m er fte oon Seite einiger
empirif(^en menfd^Ii(^en ätatürlid^Ieiten.'' Unb in btm
Suffa^: »@inn)ir!ung ber neueren ^Igilofopl^ie'' beutet er
ben ®egenfa^ gu Sd^tüer mit ben Sßorten an: „(St prebigte
— 38 —
ba» @oangelittm bet Qfrei^eit, i(i§ tooQte bie 9te(i§te ber
%atur nid^t Derlürjt toiffen." 3n Sd^iQer ftedte eben tttoa»
ton Aantifd^er SorfteÖungiSart; für (äoetl^e ift t& aber
rid^tig, waiS er im ^inblid auf ®efpräd^e fagt, bie er mit
Kantianern gefül^rt l^at: ^@ie prten mid^ mol^l, lonnten
ntir aber nid^tiS ermibern, nod^ irgenb forberIid| fein. SRel^r
aU einmal begegnete ed mir, ba^ einer ober ber anbere mit
läd^elnber äSermunberung gugefianb: ei$ fei freilid^ ein
§(naIogon ffantfd^er SSorfteQungi^art, aber ein feltfameiS/
Sn ber Sunft unb bem Sd^önen fal^ ®oet^e nid§t ein
an» btm mirllic^en Sufammenl^ange ^eraudgeriffened 9leid§,
fonbern eine pl^ere ®tufe ber natürlichen ©efe^mdgigleit.
Seim Slnblide oon lünftlerifd^en ®d^öpfungen, bie il^n be«
fonberiS intereffieren^ fd^reibt er mcil^renb feiner italienifd^en
Steife bie äBorte nieber: „S)ie l^ol^en Sunftmerle ftnb gu«
glei(^ alB bie l^öd^ften Xaturmerle oon 3Renf(^en nad^
maleren unb natürlid^en ®efe^en l^eroorgebrad^t morben.
mti^ SSiQIürlid^e, @ingebilbete fäUt aufammen; ba ift
%otmenbigIeit, ba ift ®ott." 9Senn ber Künftler im
©inne ber ©ried^en oerfä^rt, nämlid^ ,,nad^ ben ©efefeen,
nad^ meldten bie SRatur felbft oerfäl^rt'', bann liegt in
einen SBerlen ba» ©öttlid^e, ba» in ber %atur felbft gu
tnbcn ift. tiüt ®ottt)t ift bie Äunft ;,eine äRanifeftation
gel^eimer Sfaturgcfcöc"; xoa» ber ffiünftler fd^afft, ftnb Siatur»
merle auf einer pl^eren Stufe ber SSottlommenl^eit. ftunft
ift Ofortfe^ung unb menfc^Iic^er Slbfd^IuB ber $atur, benn
;,inbem ber SKenfd^ auf ben ©ipfel ber »atur gefteHt ift,
fo fielet er fid^ mieber aU eine gange %atur an, bie in ft(^
abermate einen @ipfel l^eroorgubringen l^at. 2)a}u fteigert
er [xä), inbem er fic^ mit allen ^oDIommenlgeiten unb
S^ugenben burd^bringt, SBal^I, Orbnung, Harmonie unb 9e«
beutung aufruft unb fic^ enblic^ bx» gur $robuItion bed
^nftmerld erl^ebt''. 9IIed ift %atur, oom unorganifd^en
Stein bid gu ben pd^ften ftunftmerlen beiS 3Renf^en unb
aQed in biefer %atur ift oon ben gleichen ^emigen, not«
menbigen, bergeftalt göttlidöen ©efefeen^ bel^errft^t, ba§ ^bie
— 39 —
9oii^tü felbft batan ntd^td änbttn linnit\ (Dtd^tung unb
Sal^rl^eil. 16. Sitd^.)
3(Id ©oetl^e im Saläre 1811 ^acobx» Sud^ ^t)on ben
gdttlid^en 2)tngen'' lad; tnad^te cd i^tn «nidit tool^I; wie lonnie
mir ba» ^n^ tint» fo ^erjHd^ geliebten gfreunbed mill«
lommen fein, morin i^ bie Xl^efe buid^gefll^ri fe§en foDle,
bit %atur verberge ®oU! SRugte, bei meiner reinen, tiefen,
angeborenen unb gefibten Snfd^auungiSmeife, bie mid^ ®ott
in ber $atur, bie %atur in ®ott gu feigen unoerbrüd^*
lid^ geleiert ^aiie, fo ba^ biefe SorfteSungdort ben ®runb
meiner gangen S^fteng mad^te, mugte nid^t ein fo feltfamer,
einfeitig befc^ränlter StuiSfprud^ mid^ bem ®eifte nac^ oon
btm ebelften SRanne, beffen ^erg ic^ oerel^renb liebte, für
emig entfernen? 2)od^ id^ ^ing meinem fd^merglid^en Ser«
bru^e nid^t nad^, id^ rettete mid^ oielmel^r gu meinem alten
Sft|I, unb fanb in ®pinogad Stl^il auf mel^rere SSod^en
meine töglid^e Unterl^altung, unb ba ^d^ inbei^ meine
ä3ilbung gefteigert l^atte, marb id^ im fd^on Selannten
gar manc^eiS, ba^ fid^ neu unb anberiS l^eroortl^ut, auc^
gang eigen frifd^ auf mid^ einmirlte, gu meiner Sermunberung
geroa^r."
2)ai^ Steic^ ber ^otmenbigleit im Sinne (Spinogad ift
für Sant ein Sleic^ innerer menfc&Iid^er ®efebmä^igleit; für
®oet^e ift t» ba^ Unioerfum felbft, unb ber 3Renf(^ mit
aU feinem 2)enlen, gfü^Ien, SSoIIen unb 2:^un ift ein ®Iieb
innerhalb biefer ^ette oon Xotmenbigleiten. Snnerlgalb
biefeiS Steid^ei^ giebt t» nur eine natürliche, ni(^t aber eine
moralifd^e ©efe^mägigleit. „Q» leuchtet bit ®onne über
ä)of' unb ®uit; unb bem Serbred^er glangen, mie bem
Se^en, ber äßonb unb bie Sterne''. 2iu» einer SBurgel, au0
ben emigen S^riebträften ber 9?atur lä^i ®oet^e aUt& tnU
fpringen : bie unorganifd^en, bie organifc^en äSefen^eiten, ben
9Senfd^en mit aUen @rgebniffen feined ®eifteiS: feiner @r*
fenntniß, feiner ©ittlidöleit, feiner Äunft.
^fBad toät' em Q^ott, htt nur Don äugen ftiege,
3m ^di ha» Wi am gftnger laufen liege!
— 40 —
3^m fiXtmi% Me S^elt im Snnern ^u Betoegen,
^atwc in fid^, fid^ in 92at]tr }u liegen,
@o ba6» n)ad in i^m lebt unb mebt lutb ift,
9ae feine ^raft, nie feinen (0eift üennigt."
3n fol(^e SBorte fagt ®oetl^e fein Selenntnid }ufammen.
(Segen fallet; ber ba9 SBort gefproc^en J)ai ^Sn9 Snnere
ber %atur bringt lein ecfd^affener ©eifi", menbet fid^ ©oetl^e
mit ben fd^ärfften äSorten:
wStt* ^rmtte ber 9?otur — "
D, bu $§ilifter» —
^S)tingt fein erfd^offnei ©eift."
W^ unb ©efd^mifter
3Rögt i^r an fold^ei» SBort
9{ur nid^t erinnern;
2Bir benfcn: Drt für Ort
@inb nnr im Snnem.
„©lücffelig, tt)em fie nur
a)le äu6're ©d&alc »eif t"
^q8 l^ör i4 fed^jig S^^re toieberl^olen,
Unb flud^e brauf, aber t>erfto]^Ien ;
@age mir taufenb taufenbmale:
^Qed giebt fie retd^Itd^ unb gern;
ili^Qtur l^at tueber ^ern
ißot^ @d^ale,
^HeS ift fie mit einemmole;
2)id^ prüfe bu nur affermeift,
Db bu ^ern ober ©d^ale feift.''
3m Sinne biefer feiner äSeltanfd^auung lonnte ©oetl^e
aud^ ben Unterfd^ieb gmifd^en anorganifdjer unb organifd^er
%atur nid^t anerlennen, ben Kant in feiner „^iil ber
llrteitefraft" feftgefteDt l^atte. (Sein ®ireben ging bal^in^
bie belebten Organismen nac^ @efe^en ju erllären, mie
anä^ bie leblofe Statur erilört mirb. Ser tonangebenbe
Sotaniler ber bamaligen S^U, Sinne, l^at über bie mannig»
faltigen Srten in ber ^flan^enmelt nid^td anbered ju fagen
gemußt/ ate ed gebe folc^er Slrten fo üiele, aü „oerfd^iebene
formen im ^ringip gef (Raffen morben ftnb''. SBer eine
— 41 —
f old^e atetnung "^ai, btt lann ftd^ nur bemfi^cn^ bie (Eigen*
fd^aften btt etn)d[nen Srormett gu fitxbitttn, unb biefe
forgföttig oon einanbec ju uitterfd^eiben. ®oetl^e lonnte
ftd^ mit einer fold^en ätaturbetrad^tung nid^t einoerftanben
erSären. ^2)ad^ toa» Sinne mit ©emolt audeinanber )u
l^alten fuc^te, mu%it, nad^ bem innerften 9ebfirfni0 meineiS
SBefeniS, gut Sereinigung onftreben." (Er fud^te badlenige
anf, ma» allen ^ßangenorten gemeinfam ift. 8uf feiner
Steife in Stauen mirb il^m biefed gemeinfame Urbilb in
allen ^flangenformen immer Ilarer: «2)ie nielen $flanjen,
bie id^ fonft nur in ftübeln unb £dpfen^ fa bie grdgte
3eit bed Sa^red nur hinter (SlaiSf enftern )u fe^en gemo^nt
mar, ftel^en ^ier frol^ unb frif(^ unter freiem ^immtl, unb
inbem fte il^re Seftimmung erfüllen, merben fie nn» btuU
lieber. 3tn Slnf^efid^t fo nielerlei neuen unb erneuten ®e-
bilbeiS, fiel mir bie alte (SriDe mteber ein, ob id^ nid^t
unter biefer ®d§ar bie Urpflanje entbeden lönnte? @ine
fold^e mni t» benn boä) geben: moran mürbe id^
fonft erlennen, ba% biefed ober jened ®ebilbe
eine ^flange fei, menn fie nic^t alle nac^ einem
Slufter gebilbet mären?'' Sin anbereiS 3RaI brfidtt er
fid^ über biefe Urpflange aud: @ie ^mirb ba» munberlid^fte
(Befd^opf oon ber 9SeIt, um meld^ed mi^ bie Statur felbft
beneiben \oJL HRit biefem aRobeQ unb bem Sd^Iüffel bagu
tann man aldbann nod^ ^flanjen iniS Unenbli(|e erfinben,
bie lonf equent fein muffen, ia^ l^eigt, bie, menn fte aud^ nid^t
qriftieren, bod^ qriftieren lonnten, unb nid^t etma malerifd^e
ober bid^terifc^e Sä^aittn unb Sd^emen ftnb, fonbern eine
innerlid^e SSa^rl^eit unb %otmenbigIeit l^aben". SBie Jtant
in feiner ^%aturgefd^id^te unb £l^eorie btS ^immete'' aM»
ruft „®ebi mir äKaterie; ic^ miQ eud^ eine SBelt baraud
bauen", meil er ben gefe^mägigen 3ufammenl^ang biefer
Seit einfielet, fo fagt ^ier ®oet^e: mit $ilfe ber Urpflanje
tSnne man qiften^fS^ige ^ßangen iniS Unenblid^e erfinben,
meil man bai$ ®efe^ ber Sntftel^ung unb bed ffierbeui^
berfelben inne l^at. SBad Sant nur oon ber unorganifc^en
Katur gelten laffen moQte, bai man il^re Srfd^einungen
— 42 —
naä^ notmenbigen (Saferen (egreifen lann, bo^ bt^nit
(Soetl^e au(6 auf bte SBdt ber OrgoniiStnen aM. Sr fügt
in betn Sriefe, in bem er gerbet feine SntbedPung ber
Urpflange mitteilt, §ingu: ^f)adfeIBe ©efe^ n)irb fi(^ auf
aUed übrige fiebenbige anmenben laffen''. Unb ®oetl^e l^at
ed and^ angewenbet. Seine entfigen ®tubien über bie
Xienoelt braditen il^n 1795 bagu, ^.ungefd^eut bel^aupten ju
bürfen, bai aUt oolllontmenen organifd^en Staturen,
worunter wxx 3if(i^e, 9(ntpl^ibien, SSögel, Säugetiere unb
an ber ®pi^e ber le^teren ben SRenfd^en feigen, alle
nad^ einem Urbilbe geformt feien^ bad nur in feinen
beftänbigen Seilen mel^r ober meniger ^in* unb l^erneigt,
unb fic^ noc^ täglich burd^ f$ortpfIan)ung an&^ unb um«
bilbet." ®oetl^e ftel^t alfo aud^ in ber %aturauffaffung im
ooDften @egenfa^ %n Sant 2)iefer nannte ed ein gemagted
^Sibenteuer ber SSernunft", menn biefe e& unternel^men
moQte, ba^ Sebenbige feiner @ntftel^ung nad^ gu erilören.
@r ^ä\i ba» menfd^Iid^e (Srienntnidoermögen gu einer
fold^en (Srllörung für ungeeignet. „@d liegt ber SSernunft
unenblic^ oiel baran, ben SRec^anidmud ber %atur in il^ren
Erzeugungen nid^t faQen gu laffen unb in ber @r!Iärung
berfelben nid^t oorbei gu gelten; meil ol^ne biefen leine
Sinftd^t in bie %atur ber Singe erlangt merben lann.
SBcnn man uniS gleich einräumt: ba^ ein pd^fter Sfrd^iteft
bie ^formen ber %atur, fo mie ße oon jel^er ba [xnb, un-
mittelbar gefd^affen, ober bie, fo ftc^ in il^rem :S?aufe Ion«
tinuierlid^ nat^ eben bemfelben üRufter bilben, präbetermi«
niert l^abe, fo ift bod^ baburc^ unfere @rIenntniiS ber %atur
nid^t im minbeften geförbert; meil mir jeneiS äSefend
^anblungiSart unb bie Sbeen bedfelben, meldte
bie $rin)ipien ber SRdglid^Ieit ber %aturmefen enthalten
foQen, gar nid^t lennen, unb oon bemfelben aU oon
oben l^erab bie %atur nid^t erllären lönnen". Sluf
foI(^e ftantif(^e Slui^fülgrungen ermibert ®oet^e: «Senn
mir ja im Sittlid^en, burd^ ®lauben an ®ott, Sugenb
unb Unfterblic^Ieit und in eine obere Stegion erl^eben unb
an ba» erfteSBefen annähern follen: fo bürft ed mol^I im
— 43 —
SnielldtueDen berfeI6e gfaD fein, bai mir uniS, burd^ bad
Slnfd^auen einer immer fc^affenben Xaiur, gur geifKgen
ä^eilnal^me an il^ren $robuItionen mürbig mad^ten. ^aiit
id^ bod^ erfi unbemugt unb aud innerem Sirieb auf )ene0
Urbilblid^e, £Qpifd^e rafilod gebrnngen, mar ei9 mir fogar
geglüdCt, eine naturgemäße 2)arfienung aufaubauen, fo lonnte
mid^ nunmebr niditö meiter oerbinbern, bad Abenteuer
ber SSernunft, mie ed ber SHte oom 9bnigdberge felbfi
nennt, mutig }u beftel^en."
Son ber ^jtritil ber Urteildtraft'' fagt ®oetl^e, bag er
i^r ff eine pd^ft frol^e fiebeniSepod^e fd^ulbig'' fei. «Sie
großen ^auptgebanlen bt» SBerliS maren meinem bid^erigen
Schaffen, S^un unb 2)enlen ganj analog. Sad innere
fieben ber ftunft mie ber %atur, i^r beiberfeitiged ffiirlen
oon innen l^eraud, mar in bem 9vid)t beutlid^ audgefprod^en".
3[ud^ biefer Studfprud^ @oetl^eiS lann über feinen @egenfa|
gu ^ant nic^t l^inmegtäufd^en. S)enn in bem Auffa^, bem
er entnommen ift, Igeißt ed gugleic^: ^Seibenfc^aftlid^ an«
geregt, ging id^ auf meinen SBegen nur befto rafd^er fort,
meil id^ felbft nid^t mußte, mol^in fte fül^rten, unb ffir bad,
ma^ unb mie id^ mir'd gugeeignet l^atte, bei ben Statt»
tianern menig Anllang fanb. 2)enn id^ fpradg
aui^, wa» in mir aufgeregt mar, nid^t aber wai^
id^ gelefen ^atte."
@ine flreng einl^eitlid^e ffieltanfd^auung ift ®oti^t
eigen; er miQ einen ®efi(|tiSpunIt geminnen, oon bem aui^
bad gange Unioerfum feine ©efe^mäßigleit offenbart, ^oom
3iegelftein, ber bem S)ad§ entftfirgt, bid gum leud^tenben
©eifteiSbli^, ber bir aufgellt unb ben bu mitteilft". Senn
ff alle äSirlungen, oon melc^er 2itt fte feien, bie mir in ber
@rfa]^rung bemerlen, bangen auf bie ftetigfte äSeife gu«
fammen, gelten in einanber über''. ff@in Si^G^'^f^^^ '^^f^
fid^ oom 2)ad^e loiS: mir nennen bieiS im gemeinen ®inne
guföllig; er trifft bie @d^ultern einei^ Sorübergel^enben,
bod^ mo|l med^anifd^; allein nid^t gang med^anifd^, er
folgt ben ®efe^en ber @(^mere, unb fo mirtt er p^^fifc^.
Sie gerriffenen fiebendgeföße geben fogleid^ il^re 3fun!tion
— 44 —
auf; im ^(ugenblid n)tr!en Me Säfte d^emifc^, bie ele»
tnentaren ßigenfd^aften treten Igeroor. ÜDein ba» geftorte
organtfd^e Sehen loiberfe^t fidb eben fo fdineU unb fud^t
ftd^ l^eraufteQen; inbeffen ift ha& ntenfc^lidie ®an^e me^x
ober mentger bewugtloi^ unb pfqd^tfd^ gerrüttet. 2)ie fic^
wiebererlennenbe $erfon fü^It fid^ etl^ifc^ im tiefften ver-
lebt; fie bellagt i^re geftörte Zl^ätigleit^ uon melc^er 9rt
fie aud^ fei, aber ungern ergöbe ber 9Renfc^ ftd^ in ®ebulb.
9teIigtöiS l^ingegen mirb i^m leidet, biefen SfaO einer
l^öl^eren Sd^tdbtng i^uaii|cf)reiben, i^n aü Semal^rung oor
größerem Übel, al» (Einleitung gu pl^erem ®uten angu*
feigen. 2)iei9 reid^t l^in für ben Seibenben; aber ber ®e«
nefenbe erl^ebt ftd| genial, oertraut ®ott unb ftd^ felbft
unb fül^It fld^ gerettet, ergreift auc^ mol^I bali SufaSige,
menbet'iS gu feinem Sorteil, um einen emig frifd^en Sebeni^*
treid gu beginnen.'' ®o erlöutert ®oet^e an btm Seifpiel
eined faüenben Si^fi^W^ii^^ ^^^ Sufammen^ang aOer 9rten
von %aturn)irlungen; eine Srllörung in feinem Sinne m&re
ed, menn man aud^ il^ren ftreng gefe^mö§igen 3i<f<t^^^>t'
l^ang anii einet SBurjel l^erleiten lonnte.
Sßie gmei geiftige 9(ntipoben fte^en ftant unb ®oei^t
am Anfang ber äSeltanfd^auungdentmidfelung biefed 3a^r«
l^unbertd. Unb grunboerfd^ieben mar bie 9xi, wie fxd^
bie|enigen gu il^nen fteQten, bie fid^ für pc^fte fragen
intereffierten. ftant l^at feine SBeltanfd^auung mit aEen
SRitteln einer ftrengen ®(^uIp^iIofop^ie aufgebaut; ®oetl^e
l^at naio, ftd^ feiner gefunben Statur überlaffenb, p^ilofopl^iert.
S)ed]^alb glaubte t$id^te, mie oben ermöl^nt, fid^ an ®oet^e
nur „aU ben Slepräfentanten ber reinften ®eiftig!eit bei»
®efül^U auf ber gegenwärtig errungenen Stufe ber
Humanität" menben gu lönnen, mäl^renb er oon Sani ber
tlnfic^t ift, bag „lein menfd^Ii(^er SSerftanb meiter ate bid
gu ber ®renge oorbringen !önne, an ber fiant, befonberd
in feiner Sbritil ber UrteiliSbaft, geftanben/ SBer in bie
in naioem ®emanbe gegebene ^eltanfc^auung ®oet|ei$
einbringt, mirb in i^r aüerbingd eine fiebere ®runblage
finben, bie auf Ilare Sbeen gebrad^t merben lann. ®oet^e
— 45 —
felbft brachte ftd^ biefe ®runblage aber titd^t )um Semugtfein.
3)eiS^aIb fittbet feine Sorfteüungdort nur anrnd^Ii^i Singang
in bxt Sntmicfelung ber 3BeÜanf4iauung ; unb im (Singang
bt» Sai^rl^unbertd ifi ed gunäd^ft ftant, mit bem fxd^ bxt
^eifter audeinanbergufet^en oerfuc^ten.
®o grog aber aud^ bie äBirlung roat, bxt oon ftant
^luiSging : ed lonnte ben 3<it9cnoffen nid^t verborgen bleiben,
bag ein tiefereiS (Srlenntnidbebürfnii^ burd^ i^n bod^ nic^t
^efriebigt mttbtn lann. (Sin fold^ed @r![clrungdbebfirfnii9
j>ringt auf eine ein^eitlid^e SBeItanft(^t, mie bal^ bei ®oet|^e
btt SfaD n^or. Sei ffant fielen bie eingelnen ®ebiete bed
SDafeind unoermiüelt neben einanber. Sud biefem ®runbe
-tonnte t» fid^ lixd^it, trotf feiner unbebingten Sere^rung
itantö nic^t perbergen, ba^ ^Stani bxt SBa^r^eit blo% an«
gebeutet, aber meber bargefteSt, nod^ beriefen'' ^abe. «tiefer
n)unberbare einzige SRann l^at entmeber ein S)ii)inationd«
vermögen ber äSa^r^eit, o^ne [xä) i^rer ©rünbe felbft
bewugt )u fein, ober er f^ai fein 3^italter nid^t l^od^ genug
gef(^ö^t, um fie i^nt mitzuteilen, ober er ^at [xd) gefd^eut, bei
feinem Seben bie übermenfdilid^e Sere^rung an fic^ ju
reigen, bie i^m über Iura ober lang nod^ gu teil merben
mü%tt. %0(^ l^at leiner i^n oerftanben, leiner mirb ed, ber
nid)t auf feinem eigenen 23ege gu Stani» Stefultaten !ommen
loirb, unb bann mirb bie SBelt erft ftaunen." «9ber id^ glaube
^benfo fidler gu miffen, bai ftant [x^ ein fol(^ed Softem
^ebac^t 6abe; ba^ a&ed, mad er mirllic^ oorträgt, 9rud^«
ftüdte unb Stefultate biefed ©qftemd finb, unb ba% feine
Sel^auptungen nur unter biefer äSoraudfe^ung @inn unb
3ufammenl^ang l^aben." S)enn möre ba» nid^t ber gfaD,
fo moQe er ^bie ^itil ber reinen SSernunft e^er für ba9
SSerl bt» fonberbarften 3ufaDd galten, ald für ba» eine0
.«opfe«". —
3[u(^ anbere ^aben ba» Unbefriebigenbe ber ftantfd^en
®ebanfenlreife eingefe^en. Lichtenberg, einer ber geift»
ooDften unb gugleic^ unab^angigften itopfe aud ber gmeiten
^älfte bt§ porigen ^a^rl^unbertiS, ber JSant fi^d^te, lonnte
iid§ bod^ nic^t perfagen, gemid^tige Sinmänbe gegen beffen
— 46 —
SBeltanfd^auung ^n madien. @r fagt etnerfeüS: ,,9Bai^
I&ei6t mit Äantifd^cm ®ctft bcnfcn? 3<^ glaube, t§
Reifet, bic ScrJ^äÜniffc unfcrciS SSefcni^, cö fei nun roaiS e5
tDoIIe, gegen bie S)inge, bie roit ouger uni^ nennen,
auiSfinbig machen ; boiS ^eigt, bie SSerl^ältniffe bed ®ub|eltit)en
gegen ba» Dbjeftioe beftimmcn. S)iefeS ift freilid^ immer
ber 3^^^ ttQ^^ griinblid^en ^aturforfd^er gemefen, allein
bie O^tage ift, ob fie ed je fo mal^il^aft p^ilofopl^ifd^ an»
gefangen l^aben, aU $err ^ant. äßan f)ai ba^, mad
bod) fd^on fubjellio ift unb fein muö, für obicilit) geJ^alten."
SlnbrerfeilS bemerft ßid^lenberg aber: „©oute eS benn
fo gana aui$gemad)t fein, ba% unfere SSernunft oon btm
Überfinnlid^en gar niä^i^ miffen lönne? @oQte nid^t ber
SRenfd^ feine Sbeen oon ®otl ehtn fo groedmäfeig roeben
fönnen, mie bie Spinne il^r 9ie^ gum fyiiegenfang? Dber
mit anberen SBorten: ©oute eö nid^t SSefen geben, bie
uni^ megen unferer ^bten oon @ott unb Unfterblid^Ieit
eben fo berounbern, mie mir bie Spinne unb btn Seiben»
tonrm?" Slber man lonnte einen nod^ oiel gemid^tigeren @in«
manb madien. 9Benn e0 richtig ift, ba% fid^ bie @efe^e
ber menfc^lid^en SSernunft nur auf bit innere 9BeIt bc»
®eiftei^ begießen, mie lommen mir bagu, überl^auptoon S)ingen
au§er und gu fpred^en? äSirmügten und bann bod^ ooQig
in unfere ^nnenmelt einfpinnen. Sinen fold^en (Sinmanb
mad^it ®ottIob @rnft Sd^ulge in feiner 1792 anonym
erfd^ienenen Sd^rift: „Slenefibemuj^". (h bel^auptet barin,
ba^ aUe unfere ßrlenntniffe blofee SSorftettungen feien,
unb bai roir über unfere SBorfteüungSmelt in leiner SBeife
]^inauiSgel)en !önnen. S)amit maren im ©runbe aud^ &ant^
moralifd^e SSalgrl^eiten miberlegt. S)enn lagt fid^ nid^t
einmal bie 9ßöglid)Ieit beulen, über bie S^nenmelt l^inaud-
gugel^en, fo lann un2 in eine unmöglid^ gu benlenbe 9Belt
aud^ leine moralifd^e Stimme leiten. So entmidFelte fid^
an» Sani» Slnftd^t gunöc^ft ein neuer 3^cifcl ^^ <^Öer
SBal^r^eit, ber jtritigidmuS mürbe gum SleptigijSmud. @iner
ber lonfequenteften änljcinger bed SIeptigiiSmuiS ift Salomon
SBaimon, ber feit 1790 ocrfd^iebene Sd^rif ten oerf afete.
— 47 —
bie unter bem Sin^ug jtontd unb Sd^uljed ftanben tinb
in benen ei mit aDer Sntfd^ieben^eit bafür einttot, boji
Don bem S)afein äußerer ©egenftänbe, wegen ber ganjen Sin«
riij^tung unfered (SrIenntniiSoermögend, gar nid^t gefpro^ien
werben bürfe. @in anberer Sd^üler Stantd, 3 a c b S i g i i9 m u n b
S3ecf, ging fogar fo weit au bel^aupten, Jtant l^abe in
äSai^rl^eit felbft !eine Singe auger und angenommen, unb ed
berul^e nur auf einem äRi^oerftänbnid, wenn man i^m eine
folc^e SSorfteSung gufc^reibe.
SineiS ift gemi^: i^ctni bot feinen 3^i0^noffen ungäl^lige
Sngriffdpunlte ju 3(uiSlegungen unb gum SBiberfpruc^e bar.
®erabe burd^ feine UnÜar^eiten unb SBiberfprüc^e mürbe
er ber SSater ber Ilaffifd^en beutfdien SBeItanf(^auungen
tixi^it», @d^ellingd, @(^open^aueriS, ^t^d, ^erbartiS unb
@d^Ieiermad^erd. @eine Unllarl^eiten mürben für fie au
neuen ^fragen. @o fel^r er ftc^ bemül^t l^atte, bod SSiffen
einaufdgränlen, um für ben ©lauben $la^ a^ erl^alten:
ber menfd^Iid^e ®eift {ann ftc^, im malgrften Sinne bed
SBorted, bod^ nur burc^ baB SBiffen, butä^ bie @rlenntnid
befriebigt erllären. @o lam e€ benn, bag ftantd $ad^foIger
bie @r{enntnid mieber in i^re DoQen tieä^ie einfe^en moDten ;
bai fte mit ibr bie l^öd^ften geiftigen Sebürfniffe bed
äßenfd^en erlebigen moÖten. 3it^ t$fortfe^er Rani» in
biefer 9tid^tung mar Sol^ann ® ottlieb Sfid^te mie ge»
fci^affcn. dt, ber ba fagte: ^S)ie Siebe ber SBiffenfd^aft
unb gana befonberd ber ®pe{uIation, menn fie ben SRenft^en
einmal ergriffen f^ai, nimmt i^n fo ein, ba^ er leinen
anberen äBunfd^ übrig behält ate ben, ftd^ in Stulpe mit
ibr au befd)aftigen/ Sinen f^anatiler ber SBeltanfd^auung
barf man e^id^te nennen. @r mug burd^ biefen feinen
gfanatiiSmu^ beaaubernb auf feine S^i^S^u^ff^u unb feine
@d^üler gemirlt ^aben. ^bren mir, wa» einer ber
le^teren, fjforberg, über il^n fagt: ;,@ein öffentlid^er SSortrag
raufest bal^er mie ein @emitter, bad fic^ feined tStntt» in
einaelnen ©dalagen entlabet; er ergebt bie ®eele, er miD
nid^t blog gute^ fonbern groge äßenfd^en mad^en ; fein äuge
ift ftrafenb, fein ®ang tro^ig, er miQ burc^ feine $]^ilofop]^ie
— 48 —
ben ®eifi bed QtiidÜtt» leiten; feine ^j^anlafte ift nid^i
blül^enb, aber energifd^ unb mäd^ÜQ; feine Silber finb
nid^i reigenb, aber lü^n unb grog. @t bringt in bie
innerften Siefen bed ©egenftanbei? unb fd^altet int Steid^e
ber SSegriffe mit einer Unbefangenl^eit^ meiere Derrät^ ba%
er in biefem unftd^tbaren Sanbe nic^t blog mol^nl, fonbern
l^errfd^t/ 3)ad I^eroorfted^enbfteSRerfmal in gfiditeiS ^erfonlid^«
leit ift ber grofee, ernfte ©til in feiner fiebcnöauffaffung.
S)ie l^öd^ften aßagftäbe legt er an aüt», @r fd^ilberi a* S9.
ben Seruf bed @(i^riftfteQeri^: „Sie 3bee mug felber reben,
nidbt ber Stfiriftfteller. Stte SBiDIür beö lefeleren, feine
gange 3nbit)ibualitöt, feine ilgm eigene 3lrt unb jhtnft
ntug erftorben fein in feinem Vortrage, bamii allein bie
8(rt unb Kunft feiner 3bee lebe, ba» l^öd^fte fieben, meld^eiS
ftc in biefer ©prad^e unb in biefem S^taller gewinnen
iann. So wie er frei ift oon ber Serpflid^tung be«
münblid^en Sel^reriS^ ftd^ ber Smpfänglid^Ieit anberer ju
fügen, fo l^at er and) nid)t beffen @ntfd^ulbigung für fic^.
@r l^at leinen gefegten ßefer im Sluge, fonbern er lonftruiert
feinen Sefer, unb giebt i^m ba» ®efe^, mie t^ fein muffe."
— „2)a« SBerf beö Sd^riftfteHer« aber ift in fid^ felber
ein SBerl für bie @n)igleit. SOtögen fünftige S^Ualter einen
pl^eren @c^n)ung nel^men in ber SSiffenfc^aft, bie er
in feinem SSerle niebergelegt l^at; er l^at nid|t nur bie
SSiffenfd^aft, er l^at ben gang beftimmten unb ooQenbeten
S^aralter eined S^italteriS, in Segiel^ung auf biefe SBiffenfc^aft
in feinem SBerle niebergelegt, unb biefer bel^ält fein gntereffe,
fo lange ed 3Kenf(^en auf ber SBelt geben mirb. Unab«
l^ängig oon ber 9SanbeIbarIeit, fprid^t fein Sud^ftabe in
allen ^eiialtnn an aUt 9RenfdE)en, meldte biefen Sud^ftaben
gu beleben oermögen, unb begeiftert, erl^ebi, oerebelt
1x9 an ba» @nbe ber Sage/ @o fprid^t ein SRann,
ber ftd^ feined Serufed ald geiftiger fienler feinei^ 3^^^^^^^^^
bemugt iß, bem t» ooQer @rnft mar, menn er — in ber
Sorrebe feiner SStffenft^aftiSle^re fagte — an meiner $erfon
liegt nid^td, alled aber an ber SSal^r^eit, benn „id) bin
ein ^riefter ber SBal^r^eit''. Son einem SSanne, ber fo
— 49 —
im 9letd^e hex „^d^tf^tii" lebte, oerftel^en mir ed, ba^ er
wintere nid^t Mog )um SSerftel^ett anleiten, fonbern gioingen
n)oIIte. @r burfte einer feiner Sd^riften ben Sitel geben:
„®onnenIIarer Serid^t an ba» größere $ubliluni über
ba& eigentlid^e SSefen ber neueften $l^iIofopl^ie. @in
Serfud^, bie Qefer junt Serftel^en ju gmingen.''
@ine $erfönlid^leit, meldte ber SBirllid^Ieit unb beren Z^aU
fad^en nid^t gu bebürfen glaubt, nm ben Sebendroeg )u
ge^en, fonbern bie bad 9luge unoenoanbt auf bie Sbeen«
melt rid^tet, ift Sfid^te. ®ering beult er von benienigen,
bie eine fold^ ibeale Slid^tung bed ©eifted nid^t oerftel^en.
jrSnbeiS man in bemienigen Umireife, ben bie gemol^nlid^e
@rfa]^rung um ums gebogen, allgemeiner felbft benft unb
rid^tiger urteilt, als oieOeid^t je, finb bie me^rften DöQig
irre unb geblenbet, fobalb fte aud^ nur eine Spanne über
benfelben l^inauiSgel^en foQen. SBenn ed unmöglid^ ift, in
biefen ben einmal audgelöfd^ten gunlen bed l^öi^eren ®eniud
lieber angufad^en, mu^ man fie rui^ig in jenem Streife
bleiben, unb infofern fie in bemfelben nü^Iid^ unb un«
entbel^rlid^ finb, il^nen i^ren äSert in unb für benfelben
ungefd^mälert laffen. 9(ber menn fie barum nun felbft
verlangen, aQed gu fid^ j^rrab^u^ie^en, mo^u fte fid^ nid^t
^rl^eben lönnen, menn fie g. 3). forbern, bai aQed ©ebrudtte
fid^ als ein ftod^bud^, ober ds ein Sled^enbud^, ober ald
ein 3)ienftreglement folle gebraud^en laffen, unb dtitS Der*
fdgreien, xoaS fid^ nid^t fo braud^en lägt, fo l^aben fte felbft
um ein grogeiS Unred^t. — 2)ag Sbeale in ber mirflid^en
SSelt fid^ nid^t barfteUen laffen, miffen mir anberen oieQeid^t
fo gut, als fie, oieQeid^t beffer. 2Sir bel^aupten nur, ba%
nad^ il^nen bie SBirlltd^Iett beurteilt, unb oon benen, bie
ba^u Jhiaft in fid^ fül^len, mobifigiert merben muffe. ®efe^t^
fie lönnten auä) bavon fic^ nid^t überzeugen, fo oerlieren fie
babet, nad^bem fie einmal Rnb, maiS fte finb, fel^r menig;
unb bie äRenfd^l^eit verliert nid^td babei. @S toitb baburd^
blog baiS Ilar, ba^ nur auf fie nid^t im $lane ber Ser«
eblung ber äRenfd^l^eit gered^net ift. S)iefe mirb i^ren
SSeg ol^ne 3n)cif^ fortfe^en; über jene moQe bie gütige
steinet, SBelt« unb ütben&an^^ammqm. 4
— 50 —
%alur roallen, nnb x^xitn ju redetet 3^^^ Stegen unb @onnen»
fc^ein, guträglid^e %al^rung unb ungeftürten Umlauf ber
©äftc, unb babei — Ilugc Oebanicn oerleil&en!'' ®tcfe
SSorte fe^te er htm SDrud ber Sorlefungen voran», in
benen er ben S^nenfer Stubenten bte ^.^eftimmung bei^
@ele]^rten'' aui^einanberfe^te. Slud einer großen feelifc^en
(Energie l^erauiS, bie Sic^erl^eit für bie @rIenntniiS ber
äSelt unb für ba» Seben giebt, ftnb Slnfc^auungen wit bie
f^id^ted enDac^fen. 9tüdftd^tdIofe äSorte l^atte b'iefer für
düt, bie in {td^ nid^t bie ^aft gu foldger ®idE)erl^eit Der«
fpürten. SlliS Steinig olb öugerte, ba^ bie innere Stimme
btS äRenfdEien bod) and) irren lönne, ermibert il^m tixd)it:
„Bie fageU; ber ^l^ilofop^ folle beulen^ ba% er als 3nbit)ibuum
irren lönne, ba% er als fold^er von anbern lernen lönne
unb muffe. SBiffen ©ie, roeld^e Stimmung Sie ba be«
fd^reiben : bie eineö äRenfd^en, ber in feinem gangen Ceben
nod) nie üon tima» übergeugt mar.''
®iefer fraftDoHen $erfönIidE)Ieit, beren 33Iidt gang nad^
innen gerid^tet mar, miberftrebte e», ba» ^öä^^e, wa» ber
üßenfd^ erreichen lann, eine äSeltaufd^auung, anberdmo als
anä) im Innern gu fud^en. ^.Sllle JSuItur foE fein Übung
atter Äräfte auf ben einen !^wtd ber oßttigen t^ttü^tii,
b. ^. ber DÖQigen Unabl^ctngigleit Don aßem, ma» nid^t
mir felbft, unfer reines ©elbft (Sernunft, ©ittengefe^) ift,
benn nur bieS ift unfer ..." ®o urteilt Qid)U in
ben 1793 erfd^ienenen ;, Seiträgen gur SBerid&tigung ber
Urteile beS ^ubltlumS über bie frangüfifd^e Steoolution''.
Unb bie mertoollfte Äraft im SReufd^en, bie grlenntniSbaft,
foQte nid^t auf biefen einen Qwzd beS DÖQigen Unab»
^ängigfeinS uon allem, maS nic^t mir felbft finb, gerid^tet
fein? Könnten mir benn überi^aupt je gu einem DoQigen
Unabl^ängigfein lommen, menn mir in ber Sßeltanfd^auung
Don irgenb meld^em 3Sefen abl^ängig mären? SBenn eS burd^
ein foId^eS auger uns gelegenes SSBefen auSgemad^t märe^
ma» bie %atur, maS unfere Seele, meld^eS unfere $fiid^ten
ftnb, unb mir bann i^interl^er t)on einer fold^en fertigen
Zl^atfad^e auS unS etn SSiffen oerfd^afften? Sinb mir unab»
— 51 —
l^öngig, bann muffen mit ed auä) in Segug auf bie @r«
lenntnid ber 33al^rl^eit fein. SBenn mir timaii empfangen,
ha» o^nt unfer 3ut]^iin entftanben ift, bann finb mit von
btefem abl^ängig. S)ie l^öd^fte SSai^r^eit lonnen mir alfo
nid^t empfangen. äSir muffen fte fc^affen; fte mug burd^
uni^ entfiel^en. ($i(i)ie lann fomit an bie Spi^e ber SBett^^
anfd^auung nur etmad fieüen, maß burc^ uni9 erft fein
2)afein erlangt. SSenn mir Don irgenb einem S)inge ber
SluBenmelt fagen: t» ift, fo tl^un mir bied bei^^alb, meil
mir ed mal^rnel^men. Sßir miffen^ bag mir einem anbern
SBefen ba» Safein guerlennen. 9Sai$ biefed anbere S)ing
ift, ba» l^öngt nid^t oon uni^ ab. Seine Sefd^affenl^eit
lönnen mir nur erlennen, menn mir unfer äSa^rnei^mungiS«
uermögen barauf rid^ten. 23ir mürben niemals miffen,
maS ;,rot'', ^^marm", ,,lalt" ifi, menn mir t§ nid^t burd^
bie SSal^rnel^mung müßten. Sßir lönnen }u biefen 99e*
fd^ Offenheiten ber S)inge nid^tiS l^injutl^un, nid)tiS t)on il^nen
megncl^men. SBir fagen ;,fie finb". 8Boi8 fle finb;
ba» fagen fie unS. ©ang anberd ift t» mit unferm eigenen
S)afcin. 3u fid^ felbft fagt ber 3»cnf(^ nid^t: „t§ ift%
fonbern: „^d) bin''. S)amil l^at er aber m(f)t blo^
gefagt: bag er ift, fonbem aud^: ma» er ift, nämlid^ ein
;,Sd&". *ur ein anbereö SSefen lönnte von mir fagen:
^eS ift*. Sei, eö müßte fo fagen. S)enn felbft, menn
biefeS anbere SSefen mid() gefd^affen ^ötte, lonnte t» von
meinem S)afein nid^t fogen: id^ bin. ®er äusfprud^:
„iä) bin'' rerliert allen Sinn, menn il^n baiS SSefen, ha»
DDn feinem 3)afein fprid^t, nic^t felbft tl^ut. @iS giebt
fomit nid^tS in ber SSelt, ma» midi mit „id^'' anfprec^en
iann aU aSein mic^ felbft. 2)iefe Slnerfennung meiner
ate einei^ „^i)" muß btmnaä^ meine ureigenfte %f)ai fein.
5{ein SBefen außer mir Iann barauf Sinßuß Igaben.
$ier fanb "Si^^^ tima», mo er fidC) gang unabl^ängig
fai^ oon jeglicher fremben Sßefenl^eit. (Sin ®ott lönnte
mid^ fd^ äffen; aber er v[iü%ie t» mir überlaffen, miä^ ald
ein ,,3^^" angucriennen. SWein Sd^bemußtfein gebe id^ mir
felbft. 3n ifttn ^abe id^ alfo nid^t ein SSiffen, ein 6r-
4*
— 52 -
lenncH; ba^ id) empfangen J^aht; fonbern ein fold^ed, ba^
id^ feKft gemad^i l^abe. ®o j)ai [xä^ fjfid^te einen feften
$unltfür bie äSeltanfc^auung gefd^affen, tttoai^, n)0 ®en)igl^eit
tfi SBie ftel^l cg nun aber mit bem ® afein anberer 2Sefen?
S(^ lege il^nen ein S)afein bei. Slber id^ ^dbt bagu nid^t
ein gleiches Siedet, ujie bei ntir felbft. @ie muffen %n
Steilen meineö „Sd^" merben, menn id^ il^nen mit gleid^em
{Redete ein S)afein beilegen foH. Unb ba^ merben fie, in*
bem id^ fie mal^rnel^me. SDenn fobalb baiS ber fJaD ifl/
fmb fie für mid^ ba, 3dö lann nur fagen: mein Selbft
fül^It „rot", mein ©elbft empftnbet „marm". Unb fo
mal^r id^ mir felbft ein S)afein beilege; fo roa^r lann id^
bieS and) meinem t^ül^Ien unb meinem @mpftnben beilegen.
SBenn id^ mid^ alfo felbft redCjt oerfteige, fo lann iä) nur fagen:
iä) bin unb id) lege felbft aud^ einer Slufeenmelt ein ®afein bei.
auf biefe 2Bcife oerlor für fjid&tc bie SBelt au^er bem
//SdE)" il^r fcIbftänbigeS Safein; fie l^at nur ein il&r oom
3d& beigelegtes, ein alfo ^u il^r l&ingugebid^teteö Safein.
3n feinem Streben, bem eigenen ©elbfl bie J^öd^ftmöglidie
Unabl^ängigleit gu geben, l^at f^id^te ber Slugenmelt jebe
©elbftänbigleit genommen. SEBo nun eine fold^e felbftänbige
äugenmelt nid^t oorl^anben gebadet mirb, ba ift t^ aud)
begreiflid^, ba% ba^ Sntereffe an bevx SBiffen, an ber 6r»
lenntniö biefer Hugenmclt aufprt. Samit ift ba^ Sntereffe
an bem eigentlichen SBiffen überl^aupt erlofd^en. Senn ba^
3dE) erfäl^rt burdi ein foId^eS SBiffen im ©runbc nid^tö,
afe maö eS felbft l^eroorbringt. 3" öllem SBiffen l^ält
ba^ menfd^Iid^e ^d) gIcidEifam nur SKonoIoge mit fid^ felbft.
(£d gel^t nid^t über fid^ felbft l^inauiS. SBoburd^ e^ aber
bieg Ic^tere bod) ooHbringt: baS ift bie lebenbige %^at
SBenn ba^ 3d) i^anbelt, wenn e§ in ber SBelt etna^ ooH*
bringt: bann ift e& nxd)i mel^r monologifierenb mit fid^
aflein. Sann fliegen feine §anblungen l^inauS in bie
SBelt. Sie erlangen ein fcIbftänbigcS Safein. 3<^ ^oü*
bringe eimaS; unb menn id) eS ooQbrad^t i^abe, bann
mirlt eS fort, and) wenn id) mid^ an feiner SBirlung nid^t
mel^r beteilige. SBaS id) meig, i^at ein Safein nur burd^
— 53 —
mid); wa^ id) iJ^nt, tft Seftanbteil einer oon mir una&«
i^ängigen moralifd^en Sßeltorbnung. SSad bebeutei
aber aQe ®en)i§]^eit, bie mir au9 bem eigenen 3d^ )ie^en,
gegenüber biefer aDerl^ödiften SBa^r^eit einer moralifd^en
SBeltorbnung^ bie bo^ unabl^ängig ron und fein mug^
wenn ba» 3)afein einen @inn ^aben foD? SlleiS SSiffen
ifi boi^ nur tima» für bad eigene 3d^; biefe SBeltorbnung
ntug aber fein auger bem 3d^. ®ie mu% fein, tro^bem
mir Don il^r nid^tö miffen lünnen. SSir muffen fte olfo
glauben. ®o lommt aud^ Sidfte über baiS äßiffen l^inaud
gu einem ®Iauben. 9Bie ber £raum gegenüber ber
äBirllic^Ieit^ ift alled SSiffen gegenüber btm ®la\tbtn. Slud^
ba^ eigene Sd^ ^at nur ein fold^ed ^raumbafein, menn ed
ftc^ felbft blog betrad^tei @d mad^t fid) ein ä3ilb oon
fid^, ba^ ni^t^ meiter gu fein braucht, ate ein oori*
überfc^mebenbeiS 93ilb; aQein ba^ ^anbeln bleibt. SRit
btbtui^amtn SBorten fd^ilbert f^id^te biefed Sraumbafein
ber SBelt in feiner «8efttmmung beS SReufd^en": „6S
giebl überaQ !ein SDauernbeS, meber auger mir, nod^ in
mir, fonbern nur einen unaufprlid^en äßed^feL 3dE) meig
überall von feinem ®ein, unb anä) nidjt pon meinem
eigenen. 6ö ifl fein Sein. — 3^ felbft roeig überl^aupt
nxä)t, unb bin nid^t. Silber ftnb: fte finb ba» @ingige,
mag ba ift, unb fic miffen »on ftd|, nad^ SBeife ber Silber;
— Silber, bie oorüberfd^meben, ol&ne ba% tiroa^ fei, bem
fte Dorüberfd^meben: bie burc^ Silber Don Silbern gufammen«
l^ängen, Silber ol^ne tiwa^ in il^nen abgebilbeted, o^ne
Scbeutung unb !^XDed. ^d) felbft bin einS biefer Silber;
ja, id^ bin felbft bieg nid)t, fonbern nur ein ocrmorrened
Silb t>on Silbern. — Sitte SRealität oermanbelt fid^ in
einen munberbaren Sraum, ol^ne ein Seben, Don meld)em
geträumt mirb, unb ol^ne einen @eift, ber ba tröumt; in
einen Sraum, ber in einem Sraume Don ftdE) gufammen-
i^ongt. SDaö Slnfd^auen ift ber Sraum; ba2 S)enfen,
— bie CueQe aQed @eind, unb aller Stealität, bie id^ mir
einbilbe, meines ©cinö, mcincxT Sfraft, meiner S^ede, —
ift ber 2^raum oon jenem SraumC. SBie anberd
— 54 —
erfd^eint Stellte bie moraltfd^e SSeUorbnung, bie 9BeIt bt^
mianUn»: 3etn äSiOe foQ fd^ledftl^in burd^ ft(| felbft,
Dl^ne alled feinen Sludbrud fd^roäd^enbe äSerfjeug^ in einer
il^m oöQig gleichartigen @p]^äre^ ald Sernunft auf Sernunft,
ate Oeifligeö auf ©eiftigeö, roirlen; — in einer ©pl^cre,
ber er jebod^ ba» @efe^ bt» üthcn», ber £^atigleit, bt»
^fortlaufend nid^t gebe, fonbern bie t» in fid^ felbft l^abe;
alfo auf felbfttl^ätige Sernunft. 9lber felbfttl^ätige ä^ernunft
ift aSiUe. S)ad ®efe^ ber überftnnlid^en äSelt roäxt fonad^
ein SBille . . . ^tntt erl^abene SBiQe gel^t fonad^ nid^t
abgefonbert Don ber äbrigen ä3ernunftn)elt feinen 9Seq für
ftd^. @i3 ift gn)ifd^en il^nt unb aJltn enblid^en vernünftigen
SBefen ein geiftiged 93anb, unb er felbft ift biefed geifttge
Sanb innerl^alb ber SSernunftmelt . . . . 3d^ Deri^üIIe mein
ängeftd^t vox bix, unb lege bie $anb auf Iben SRunb.
äSie bu für bid^ felbft bift, unb bir felbft erfd^eineft, lann
id^ nie einfel^en, fo gemi^ id^ nie bu felbft werben tann.
^aä) taufenbmal taufenb burd^lebten @eiftermelten werbe
td^ bid^ nod) ebenfo wenig begreifen aU je^t in biefer
^üiit oon @rbe. — 'SBia» id^ begreife, wirb burd^ wein
iloit» Segreifen gum (Snblid^en; unb biefed lägt aud^
burd^ unenblid^e Steigerung, unb (Srl^oi^ung ftd^ nie iniS
Unenblid^e umwanbeln. 2)u bift vom Snblid^en nid^t
bent ®rabe, fonbern ber Z'^at nac^ oerfd^ieben. ®ie wad^en
bid^ burd^ jene Steigerung nur gu einem größeren SRenfc^en,
unb immer gu einem größeren; nie aber gum @otte, gum
Unenblid^en, ber leineiS 3ka%e& fällig ift.''
SSeil ba» äBiffen ein S^raum, bie moralifd^e SSelt-
Drbnung für gfid^te ba» eingig wal^rl^aft SBirllid^e ift,
bedl^alb fteQt er aud^ ba» Seben, burd^ ba» fxi) ber äRenfd^
tn ben ftttlid^en SBeltgufammenl^ang l^ineinfteOt über baiS
bloge @rlennen, bad Setrac^ten ber Singe. „%id^td —
fagt er — l^at unbebingten SBert unb Sebeutung, ald
ba» Seben ; alled übrige, 2)enlen, 2)id^ten unb SBiffen ^ot
nur 9Bert, infofern t» auf irgenb eine SBeife ftd^ auf baiS
fiebenbige begiel^t, oon il^m audgel^t unb in badfeUe gurüd«
gulaufen beabftd^tigt."
— 55 —
2)er etl^ifd^e ®runbgug in gid^ted ^erfönlid^Ieit ift t9,
ber in feiner SSelianfd^auunfl aOed auiSgeISf(^t ober in
feiner Sebeutung l^erabgebrüdt ^ai, xoa» nid^t auf bie
moralifd^e 93eftimmung bed aSenfd^en l^inaudläuft (Sr
moHit bie größten ^ bie reinften f^o^berungen für ba»
Seben QuffieDen; unb babei moUit er burd^ lein Srfennen,
ba» DieQeid^t in biefen Sielen Siberfprüd^e mit ber natürlid^en
<3efe^mäBigIeit ber Seit entbeden lönnte, beirrt fein. ®oet|^e
l^atgefagt: ^2)er ^anbelnbe ift immer gemiffenlod; t» ^ai
niemanb ©emiffen aü ber SJetrad^lenbe.'' 'S>amii meinte
et, ba% ber äSetrad^tenbe aQed nac^ feinem magren, mirllic^en
SSerte abfc^ä^t unb jebed Sing an feinem fßlo^e begreift
unb gelten lägt. 2)er $>anbelnbe ^at t» t)or aQen Singen
borauf abgefel^eU; feine fjforberungen in @rfüDung ge^en
^u feigen; ob er babei ben Singen Unred^t i^ut ober ni^t:
baS ift i^m gleidE}. tiiä^it mar t» oor aQen Singen umd
^onbeln ju tl^un; er moDte fid^ aber babei oon ber S3e«
irad^tung nid^t ®emiffenIoftgIeit oonoerfen laffen. Sedl^alb
beftritt er ben SBert ber Setrad^tung.
3niS unmittelbare Seben einzugreifen^ mar tiii^M fort«
mdl^renbei^ Semüi^en. SSo er glaubte, ba% feine äSorte
bei anbern jur Z^ai merben lönnten, ba füffiit er fid^
am jufriebenften. Sind biefem Srang ^erauiS l^at er bie
©d^riften oerf agt: ,,3ui*^dforberung ber Sentfreil^eil oon
ben tJfürften @uropaiS, bie fte biill^er unterbrüdCten. ^eliopoIiiS,
im legten 3al^re ber alten f^infternid 1792.'' ^^ISeiträge
^ur äSerid^tigung ber Urteile bed $ublilumi$ über bie
frangofifd^e 9teoolution 1793." Sud biefem Srang l^eraud
^ai er feine l^inreigenben Sieben gel^alten: «Sie ®runbjüge
bei? gegenmctrtigen S^italterd, bargefteOt in Sorlefungen,
gel^alten gu »erlin im Saläre 1804—1805''; «Sie ^n*
meifung ium feiigen Seben ober aud^ bie Steligiondlel^re.
3n Sorlefungen, gel^alten gu Serlin im Saläre 1806",
unb enblid^ feine «Sieben an bie beutfd^e Station 1808",
tin ®erl, in bem ftül^nlgeit bt^ SenleniS, ebelfte Segeifterung
unb äRut ber $erfönlid^leit in gleid^em äRoge unfere 89e-
lounberung ^eraudforbem.
— 56 —
SebingungSlofe Eingabe an Me moraltfd^e SSellorbnung,
^anbeln au» btm tiefften Sexn ber etl^ifd^en $aturanlage
bt§ ilRenfc^en l^erauS: ba» ftnb bie S^orberungen, burd^
bic bag Scbcn SBert unb SJcbcutung crl^äli 3)icfc anftd^t
giel^t ftc^ ate ©ntnbmotit) burdi dUt btefe 9teben unb
@d&riftcn l^inburd^. 3n bcn ;,®runbaÜ9cn bcö gcgcnmörtigcn
Seitaltcrö" roorf er bicfem 3«taltcr in flantmcnbcn ©orten
feine ©ettftfud^t oor. Seber gel^e nur ben ©eg, btn il&m feine
nieberen iriebc Dorfdireiben. ?lber biefe triebe führen ab
von beut großen ©angen, ba» bie menft^Iidie ©enteinfd^aft
aliS ntoralifd^e Harmonie umfdiliefel. 6in foId^eS S^italitt
ntüffe biejenigen, bie in feinem Sinne leben, btm Unter-
gange entgegenfül&ren. S)ie $fli(^t rooHte gid^te in ben
menfd^Iidien ©entütern beleben. Unb als S)eutfd)Ianb burd^
bie gremb^errfd^aft baran war, feine ©elbftänbigleit gu
verlieren, ba bot fid^ feinem lebenbürftigen Sinn bie fd^önfte
©elegenl^eit, cingugreifen in ben ©ang ber ßreigniffe.
aRitten unter ben geinben, im äSinter 1807—1808 l^ielt
er feine ;, Sieben on bie beutfd^e Station''. SBie er in S^na,
als er oor feinen ©tubenten anfing, feine SBeltanfd^auung
ju cntioidfeln, fagte, feine $erfon löme nid|t in Setrad&t,
fonbern allein bie SSSal^rl^eit, fo baä^tt er ani^ ie^i, mo er
red^t gut wu%te, ba^ il^m in jebem Slugenblidt ber fjeinb mit
einer Sugel ba» Sieben unmöglid^ mad^en lönne, burd^ ba§
er in feiner Siation bie Segeifterung rocdfen wollte, il^re
©elbftänbigleit unb Unabl^ängigleit biefem Qfeinbe gegen-
über gu oerteibigen. „^aS ®üie ift SSegciftcrung, ®r]&ebung ;
meine perfönlidic ©efal^r lommt gar nid)t in Slnfd^Iag,
fonbern fte fönnte oielmel^r l^öd^ft oorteill^aft mirlen." 6r
xDxtS bic S)eutfd^en auf il^re eigene Statur l^in. Urfprüng»
lid^ fei aUeg an biefer Siatur: bie ©prad^e, bie ©id^tung,
bie aSiffenfd^aft. Sie ®eutfd^en fpred^en il^re urfprünglid^e
©prad^e; fie l^abcn nid^t mie bie roefteuropäifd^en Sßller
bie romifd£)e ©prad^e aufgenommen. S)ie ©prad^e aber ift
ber ^uSbxnd beS ©eifteS. 9Ber bie an» feinem ©tamm
l^erauS entfprungene Urfprad^e fprid^t, brüdtt in biefer feine
unabl^ängigfte geiftige SSefenl^eit aui^. 9Ser mie jene meft-
— 57 —
lii^en SüDer biefe llrfpradbe Derloren unb eine frembeon-
genommen ^ai, ber l^at aud^ bte Sigenart bed ®ei{ieiS auf«
gegeben. Unb man fel^e fid^ bie Std^tung bei beiben
Soßerftämmen an. Sud bem tieffien Soll0(^aralter l^eraud
Hingt bie beutfd^e $oefte; in öugerlid^en gformen fd^afft
ber ®eifi ber mefllid^en %a(^bam. 3Rag bal^er beutfc^e
ftunft aud^ gumeilen raul^ unb liart im Sludbrude fein: fte
ifft eine Jhtnft ber tiefflen Seelenbebfirfniffe; mag bie mefi«
lid^e jtunft elegant unb gragiöd fein: fie entfpringt einer
äu^erlid^en @(i^ongeifterei. %id^t anberd bie SSiffenfd^aft.
2)eutf(^e ^l^ilofop^ie i^at gül^Iung mit ber Soßdfeele; bie
frangofifd^e ift Eigentum einer geleierten JFafte^ bie ben 3u*
fammenl^ang mit bem SSoUe oerloren l^at. 9Bie lann ein
'Soli, ba^ eine ureigene jfultur l^at, unterliegen einem
fold^en, bai^ ftd^ eine frembe eingeimpft l^at? @d lann nid^t
unterliegen^ menn ed fid^ nur auf feine Urfprünglid^Ieit
beftnni ;r@in Soll« ba» ba faltig ift, fei t» aud^ nur in
feinen ^öd^ften ®tenoertretecn unb Snfül^rern, bad ©efid^t
aud ber ©eiftermelt, @elbftctnbigleit feft iniS Sbtge gu faffen,
unb oon ber Siebe bafür ergriffen gu merben, mie unfere
älteften Sorfal^ren, fiegt gemig über ein fold^ed, ba» nur
gum SBerlgeuge frember ^errfd^fud^t unb gur Unteriod^ung
felbftönbiger Söller gebrandet mirb; mie bie römifd^en ^eere;
benn bie erfteren ^abtn alled gu oerlieren, bie le^teren
blog einigeiS gu geminnen." %ur ein ®eift, btm bie l^öd^ften
^Regionen ber Sbeenmelt gugönglid^ ftnb, lonnte eine fold^
gebanlentiefe Sl^aralteriftil feined Soßed liefern, unb nur
eine ^erfönlid^Ieit, bie ba& SBertrauen in bie fiegenbe 5(raft
ber 3been l^at, !onnte biefe geiftigen SBoffen gu ben pl^^«
ftfd^en gefeüen, bie bamate gegen ben fremben Eroberer
lämpften.
Sßie Rani ba» SBiffen entti^ront l^at, um für ben
@Iauben $Ia^ gu betommen, fo ^ai gid^te ba» @rlennen
für mertloi^ erllört, um für ba» lebenbige $anbeln, für
bie moralifd^e ^ai freie Sal^n oor fid^ gu l^aben. Sin
— 58 —
äf^nlxd)t» ^ai anä^ ©diiller t)erfud)t. %ur naigm (ei t^m
bte Stelle, bie bei Stant hoc ®Iaube, bei tSxä)it ba& ^an»
beln beanfprud^te, bie Sd^önl^eit ein. 2)ie SSebeutung
@c^iQeriS für bie äSeltanfc^auungiSentmidelung toirb ge»
iDÖl^nlid^ untetfd^ä^t. SEBie ®oetl^e fxä) barüber )u bellagen
l^atte, ba^ man i^n al» %aturforfd^ei: nid^t gdten la^en
tDoHte, meil man einmal gerool^nt mar, il^n als S)i(^ter gu
nel^men, fo müjfen biejenigen, bie fid^ in ®ä^xütt§ pl^ilo*
fop^ifd^e Sbeen vertiefen, bebauern, bai er x)on benen, bxc
jid^ mit SBellanfdöauungSgefd&idtile befaffen, fo wenig ge*
mürbigt mirb, meil il&m fein gelb im Sleid^e ber Äunfl
angemiefen ifi.
Sns eine burd^auS felbftänbige S)enlerperf()nlid^!eit ftellt
pd^ iSc^iOer feinem Anreger Äant gegenüber. SDie $ol&eit
bt§ moralifd^en ®IaubeniS, gu ber ^ant ben äßenfd^en gu
erl^eben fudtite, fd^ctfete ber ©id^ler, ber in ben ^SRctubern"
unb in „Äabale unb Siebe'' feiner 3^^^ ^inen Spiegel il&rer
Serberbtl^eit Dorgel^alten hat, mai^rlid^ nid^t gering. 3(ber
er fagte ftd^: foQte ed burc^auiS notmenbig fein, ba% ber
ÜRenfd^ nur im Äampfe gegen feine Sieigung, gegen feine
ä3egierben unb ^triebe fid^ gu ber ^ol^e beiS lategorifd^en
Smperalioö emporl^eben lann? Äanl mollte ja ber finn*
lid^en Statur beS äRenfd^en nur ben $ang gum fieberen,
3um @elbftfüd^tigen, gum Sinnlic^^Slngenel^men beilegen;
unb nur, mer fid^ emporfd^mingt über biefe finnlid)e %atur,
mer fie ertötet unb bie rein geiftige Stimme ber ^flid^t in
fid^ fpred^en lögt: ber lann tugenbl^aft fein. So l^at ^ant
ben natürlid^en SRenfd^en erniebrigt, um ben moralifd^en
um fo l^öl^er lieben gu lonnen. Sd^iQer fd^ien barin tiwa^
bt^ äßenfd^en UnmürbigeiS gu liegen. Sollten benn bie
triebe bt§ SRenfd^en nid^t fo oerebelt merben lönnen, bog
fie aui^ fid^ felbft l^erauiS ba» ^flid^tmägige, baiS Sittlid^e
tl^un? S)ann brauchten fte, um ftttlid^ gu mirlen, nid^t unter«
brfidCt gu merben. Sd^iQer fteQte beiSl^alb ber ftrengen
jtantfd^en $f[id^tforberung feine Slnfic^t in btm folgenben
Epigramm gegenüber:
— 59 —
&ttDx\)tn^\UnptU
®cm bien' idf ben ^fctxatbm, boc^ t^u !c^ ed leiber mit 9{d0uttg,
Uttb fo umnnt ei» mid^ oft, hai id^ nic^t tugenb^aft bin.
C^ntfd^eibung.
2)a ift lein anbetet diät, hu ntugt fnd^en, fie jn t^era^ten,
Unb mit ^bfd^eu ddbann tl^un, tote bte $fli(^t bit gebeut.
Irupel'' auf feine 8(rt
äd^Iid^ itn SRenfd^en:
@d^iQer fudfte biefe „©emtffend
3U lofen. '^toti Xtitbt roafitn t^ai\
bei {tnnltd^e 2:rieb unb ber Sernunftdtrieb. Überlägt ftd^
ber aRenfd^ bem rtnnlid^en Stieb, fo ift er ein SpielbaO
feiner Säegierben unb Seibenfc^aften, lurg feiner Selbftfud^t.
@iebt er ftd^ ganj btm SernunftiStrieb ^in, fo ift er ein
@Qat}e il^rer ftrengen ®ebote, i^rer unerbittlid^en Sogif^
il^red lategorifd^en 3mperatit)iS. @in SRenfd^, ber blog
btm ftnnlidben triebe leben miU, mn% bte Sernunft in fid^
3um @d§n>eigen bringen; ein \ol^tx, ber nur ber Sernunft
bienen miU, mu% bie Sinnlid^Ieit ertoten. $ört ber erftere
bod) bie Sernunft; fo unterwirft er ftd^ il^r nur unfrei*
n)illig; üemimntt ber le^tere bie ©tintme feiner Sepierben,
fo empfinbet er fie aü Saft auf feinem Sugenbwege. 3)ie
pl^^ftfd^e unb bie geiftige Statut bed SReufd^en fd^einen alfo
in einem oerliängniiSüoIIen S^'t^fP^^U Su leben. ®iebt e»
nid^t einen Suftanb im 3Renf d^en, in bem beibe triebe, ber
ftnnlid^e unb ber geiflige, in Harmonie ftel^en? Sd^iQer be»
antwortet bie Srage mit „Sa". ®^ if* btx ^u^ianb, in
bem ba» iSd^one gefd^affen unb genoffen mirb. 9Ber ein
^nftmerl fd^offt, ber folgt einem freien Naturtrieb. @r
tl^ut ed an» Neigung, aber ed finb feine pj^^ftfd^en fieiben«
fd^often, bie il^n antreiben; t» ift bie $^antafie, ber ®eift.
@benfo ift t» mit bemjenigen, ber ftd^ btm (Senuffe eined
Ihtnftmeried l^ingiebt. @d befriebigt feinen ®eift a^gleid^,
inbem t» auf feine ®innlid^leit mirlt. (Seinen Segierben
fann ber SReufd^ nadfgel^en, o^ne bie ^ö^eren ®efe^e
bt» ®eifteö au bead&ten; feine ^flid^t lann er erfütten,
ol^ne fid^ um bie Sinnlid^Ieit au lümmem; ein fd^oned
ihinftmerl mirlt auf fein SBo^IgefaDen, ol^ne feine Segierbe
— 60 —
gu ertDedFen; unb eS Derfe^t tl^n in eine geiftige SSeli, in btt
er auö Sßcigung Dcrroeill. 3n bicfcm 3wft<J^fcc if^ ^^^^
9ßenfd) n)te bad J(inb, baiS bei feinen $)anblungen fetner
Neigung folgt unb nid^i ftagt, ob biefe ben SSernunft«
gefe^en toiberftrebt : ;,2)urd^ bie ®c^ön^eit micb ber ftnn«
Ii(^e 9Kenf(^ . . . pm ©enicn geleitet; burd^ bie ©d^ön-
l^eit mirb ber geiftige äßenfd) jur 3ßaterie jurüdgefül^rt unb
ber ©innenmelt roiebcrgegeben." (Sld^tgel^nter Särief über
äftl^etifd^e Srjiel^ung btS äßenfd^en.) ^S)ie Igol^e ^reii^eit
unb ©Icit^mütigleit beS ©eifteö, mit Äraft unb Slüftigleit
oerbunbeU; ift bie Stimmung, in ber uniS ein ec^teiS ^unft»
merl cntlaffen foH, unb e§ giebt leinen fid^ereren probier*
ftein ber maleren öftl^etifd^en @üte. gfinben mir \xn2 naä^ einem
®enug biefer 3(rt ^u irgenb einer befonberen @mpftnbungd»
meife ober ^anblungdmeife oorgugiSmeife aufgelegt, gu einer
anberen l^ingegen ungefd()idt unb oerbroffen, fo bient bit^
ju einem untrüglid^en SJemeife, ba% mir leine rein äftl^e*
tifd^e 9SirIung erfal^ren l^aben, eS fei nun, ba% ed an
btm ©cgcnftanb ober an unferer SmpfinbungSmeife ober
(mie faft immer ber tSaU ift) an beiben gugleid) gelegen
^dbt." (3meiunb?;mangigfter ©rief über aftl&etifd^e Srjiel^ung.)
Sßeil ber SRenfd) burd^ bie (Sd^önl^eit meber ein @iIaoe
ber ©innlid^Ieit ift, nod^ ber SSernunft, fonbern burd^ fic
beibe gufammen in feiner Seele mirlen, oergleic^t Sd^iQer
ben Srieb jur ©d^önl^eit bem|enigen bed jfinbeS, ba§ in
feinem Spiel feinen ©eift nid^t 38ernunftgefefeen unterwirft,
fonbern i^n frei, feiner Steigung nad£), gebraud)t. ©eSl^alb
nennt er biefen Strieb gur Sd^onl^eit Spieltrieb: ^9Kit bem
9(ngene]^men, mit bem ©uten, mit bem SSoQIommenen ifi
e§ bem äßenfc^en nur @rnft; aber mit ber Sd^önl^eit
fpielt er. fjreilid^ bürften mir unS ^ier nid&t an bie Spiele
erinnern, bie in bem mir{Iid)en fieben im ©ange ftnb unb
bie fid^ gemöl^nlid^ nur auf fel^r materielle ©egenftänbe
rid^ten; aber in btm mirllid)en fieben mürben mir aud^ bxt
Sc^önl^eit oergebeni^ fud()en, oon ber l^ier bie SRebe ift. 2)ie
mirllid^ oorl^anbene Sd^önl^eit ift beiS mirllid) oorl^anbenen
Spieltriebd mert; aber burd^ baS 3beal ber Sd^önl^eit,
— 61 —
wtlä)t» bie Sernunft auffteOt, ift aud^ ein Sbeal beiS Spiel«
ixiti» aufgegeben, bad ber SRenfd^ in aDen feinen Spielen
im Sluge ^aben foD.'' (25. Srief.) 3n ber (SifüHung biefed
ibeolen @pieltriebd finbet ber 9Renfd^ bie SSirllidgleit ber
gfreil^eit. @r gelgorc^t nun uid^t me^r ber Sernunft;
unb er folgt nid^t ntefir ber finnliti^en Steigung. Sr ^anbelt
an» Neigung fo, mit menn er aM Sernunft l^anbelte. ^5Der
^enfd^ foD mit ber @d^önl^eit nur fpieten, unb er foD
nur mit ber Sd^önl^eit fpielen . . . 3)enn um ed enb«
lidE) l^eraudgufagen, ber 9Renfd) fpielt nur, mo er in uoQer
Sebeutung bt» SBorted SRenfd^ ift, unb er ift nur ba
gang 9Renfc^, xüo er fpielt.'' Sd^iüer l^ätte aud^ fagen
lönnen: ^m Spiel ift ber äRenfd^ frei; in ber Erfüllung
ber ^flid^t unb in ber Eingabe an bie Sinnlid^Ieit ift er
unfrei. 9SiII ber 3Renfc^ nun aud^ in feinem moralifc^en
^anbeln in DoQer S3ebeutung bed Siorted 9Renfd^ fein, ba»
i^eigt, miQ er frei fein, fo mug er ju feinen Sugenben
baiSfelbe SSerl^ältniiS l^aben mie gur Sc^ön^eit. @r mu^
feine Neigungen gu Sugenben uerebeln; unb er mug fid^ mit
feinen Sugenbenfo burd^bringen, bag er, feiner gangen äSefen^eit
nad^, gar leinen anbern S^rieb l^at, ald i^nen gu folgen.
(Sin 9Renfd^, ber biefen (Sinllang gmifd^en Neigung unb ^flid^t
l^ergefteQt ^at, lann in jebem SugenblidE auf bie ®üte feiner
^anblungen, mie auf ttma» Selbftrerftänblid^ed, red^nen.
9Ran lann oon* biefem ©efid^tiSpunfte aud aud^ bad
gefeüfd^aftlid^e S^f^^^n^^i^'^^^^n ^^ 9Kenfd^en betrad^ten.
Ser aRenfd^, ber feinen finnlid^en trieben folgt, ift felbft«
füdgtig. (Sr ginge ftetd nur feinem eigenen SBol^Ifein nad^,
menn nid()t ber &iaai ba» 3uf<itnmenfein burd^ Sernunft«
gefe^ regelte. 2)er freie SRenfdi oollbringt and eigenem
antriebe, wa» ber ®taat oon btm felbftfüd^tigen 9Renfd^en
forbern mu§. 3n einem Sitföwimcnfein oon freien iKenfd^en
bebarf e» !einer 3n>angdgefe^e. ,,9Ritten in btm furchtbaren
Steid^ ber Strafte unb mitten in bem l^eiligen äleid) ber ®efe^e
hani ber äftl^etifc^eSilbungdtrieb unoermerft an einem britten,
fröl^Iid^en Steic^e bt» Spiele, morin er bem 3Renfd^en bie
Seffeln aOer Serfyältniffe abnimmt unb i^n oon aQem, ma»
— 62 —
3n?ong l^etgt; fotDol^I im ^l^^fifdjen tote ittt SRoraltfd^ett ent«
binbct^ (27. Sricf.) „SiefcS a»cid& crftrcdt ft(^ auftoärts, big
iDi) bie SSernunft tttit unbebingter Sottoenbigfeit l^errfd^t itnb
alle äßaterie aufprt; ed erfiredi ftd) abtoörtiS^ biiS wo ber
Naturtrieb mit blinber 9iötigung tDaltet."" ®o betrad^tet
Sdfiller ein moralifd^ei^ SteidE) ald Sbeal, in btm bie tugenb«
l^afte ©efinnung mit berfelben ßeid^tigleit unb Sreil^eit maltet
mie ber ®efd^mad im 9tei({)e btB ®(^önen. @r mad)t ba9
£eben im Steid^e bt& @d^onen gnm iD^ufter einer üolllommenen^
ben 9Kenfd)en in jeber 9tid)tung befreienben fittlid)en gefell«
fd^aftlid)en Orbnung. @r fd^Iiegt bie fd^öne Slbl^anblung, in
ber er biefejg fein 3beal barftettt, mit ber Qfrage, ob eine
fold^e Crbnung irgenbmo e^iftiere unb beantmortet fte bamit:
„^tm Sebürfniö nad) cjiftiert fie in jeber feingeftimmten
©eele; in ber Stl^at möd)te man fie mol^I nur, mie bie reine
Äirt^e unb bie reine SRepublil, in einigen wenigen aui^er*
lefenen 3ii^I^Ii^ finben, mo nid)t bie geiftlofe Nad^al^mung
frember Sitten, fonbern eigene fd^öne 9iatur baS Setragen
ienft, mo ber ättenfc^ burd^ bie oermidtelteften SJerl^ctltniffc
mit lü^ner @infalt unb rulgiger Unfd)ulb gel^t unb meber
nötig ^ai, frembe (Jfreil^eit gu Irönfen, um bit feinige gu be«
l^aupten, nod^ feineSSürbe meggumerfen, um Slnmutgu geigen/'
3n biefer * gur ©d^ßnl^eit oerebelteit Sugenb^aftiglcit
l^at Sd^iHer eine SSermittelung gmtfdE)en ber äBeltanfd^auung
Santo unb berjenigen ©oetl^eS gefunben. SBie gro§ aud) ber
3auber mar, ben ^ant auf Sd^iOer auiSübte, aU biefer felbft
ba^ Sbeal be» reinen äRenfd^entumiS gegenüber ber mirllid^
l^errfc^enben moralifd^en SDrbnung oerteibigte: ©d^iHer mürbe,
ate er ®otif)t naiver lennen lernte, ein 93emunberer oon
beffen Sßelt« unb SebeniSbetradE)tung, unb fein ftetd nac^
reinfter ©ebanlenllarl^eit brängenber @inn lieg il^m nid^t
el^er 'StnJ)t, i\^ t^ il^m gelungen mar, biefe ®otif)e\ä^t
SBetiSl^eit auc^ begrifflid^ gu burd^bringen. 2)ie l^ol^e ä3e«
friebigung, bie ©oetl^e au^ feinen 9(nfd^auungen über
Sd^ön^eit unb Jtunft aud) für feine fiebeniSfül^rung gog,
fül^rte Sdiiller mel^r unb mel^r gu ber SSorfteÖungiSart be^
erfteren l^inüber. ^U er ©oetl^e für Überfenbung bti^
— 63 —
„mi^tlm äReifler'' banli, t^ui er Med mit ben Sorten:
„^^ lann 3^nen nid^t ouiSbrücfen, mit peinlich mir bad
@efü^I oft i% oon einem $robu!t biefer 9rt in bod
pl^ilofopl^ifd^e 9Befen ^inetn^ufel^en. S)ort ift aUed fo Reiter,
fo lebenbtg; fo liarmonifd^ oufgelöft unb fo menfc^Iic^
mal^r; l^ier aUt» fo ftrenge, fo rigib unb abftrolt, unb fo
unnatürlid^, meil alle %atur nur ©pntl^eftiS unb $l^iIofop]^ie
Slntitl^efiiS ift. !^n>ax borf id^ mir ba^ S^ufi^i^ geben, in
meinen @pe!uIationen ber Katur fo treu geblieben gu fein,
aU fid) mit bem SSegriff ber Slnal^ftd verträgt ; ja oieDeid^t
bin id^ il^r treuer geblieben aU unfere j^antianer für
erlaubt unb für möglid^ l^ielten. Slber bennoc^ fü^Ie
id^ nid|t meniger lebl^aft ben unenblid^en Slbftanb gmifd^en
btm Seben unb btm Stäfonnement — unb lann mid) nic^t
entl^alten in einem fold^en meland^olifd^en Slugenblicfe für
einen äRangel in meiner %atur aui^gulegen, ma§ i^ in
einer j^etteren ©tunbe blo^ für eine natürlid)e Sigenfd^aft
ber ®ad^e anfeilen mug. @o oiel ift inbed gemi^, ber
2)id)ter ift ber einzig malere ÜRenfd), unb ber befte $l^iIofopl^
ift nur eine Starilatur gegen iJ^n." ®iefeö Urteil ©d^iüer«
{ann ftd^ nur auf bie Stantfd^e ^l^ilofopl^ie bejiel^en, an ber
©deiner feine @rfa]^rungen gemad^t l^at. @ie entfernt btn
9Renfd)en in oieler Segiel^ung oon ber %atur. Sie bringt
biefer leinen ©lauben entgegen, fonbern lägt aU gültige
9SaI)r]^eit nur gelten, mad auiS ber eigenen geiftigen Orga«
nifation bed 9Kenf(^en genommen ift. 'S^abuti) entbehren
alle il^re Urteile jener frifdEjen, inJ^altnoUen gfarbigleit, bie
aQeS l^at, mad mir bntä^ unmittelbare Slnfd^auung ber
natürlid^en SSorgänge unb 2)inge felbft geminnen. @ie
bemegt ftd^ in blutleeren, grauen, falten 9(bftraItionen. ®ie
giebt bie SSärme auf, bie mir au^ ber unmittelbaren ^c»
rüi^rung mit btn 2)ingen geminnen unb taufd^t bafür bie
£älte il^rer abftralten S3egriffe ein. Unb auä^ im SRorali«
fd^en jeigt bie jCantfd^e SBeltaufd^auung biefelbe ©egenfä^«
iid^Ieit gegen bie Statur. 2)er rein vernünftige ^flii^tbegriff
^d)wtU i^i ai^ l^öd^fted oor. Sßad ber äRenfc^ liebt, mogu
tt Steigung l^at: alleS ba» Unmittelbar»92atürlid)e im
— 64 —
äRenfd^eniDefen mug biefetn ^fliditibeal untergeorbnet tuerben.
(Sogar btö in bte Stegion beS ©d^önen l^inein oertilgt $ant
bcn äntcil, bcn bcr 9ßcnfd&, feinen urfprünglidien Smpfin«
bungen unb ©efül^Ien naä^, ^abtn mug. 3)ad @d^öne foK
ein oöHig ^^intcreffelofe^'' SBoJ&IgefaHen l&eroorrufen.
|)ßren wir, roie ^i^gebenb, wie ^intereffierl'' ©dritter bem
SBerle, an bem er bie pd^fte Stufe beö Äünfllerifd^en be-
munbert, gcgenüberflel^t. 6r fagt über „3Silf)dm Sßeifter'':
„^ä) lann ba^ ©efül^I, baö mic^ beim Sefen biefer ©d^ift,
unb %max in gunel^menbem @rabe^ je meiter id^ barin
lomme, burd^bringt unb befi^t^ ntd^t beffer als burd^ eine
füge unb innige Sel^aglid^Ieit, burdE) ein ®efü^I geiftiger
unb leiblid^er ©efunblgeit auSbrüdCen^ unb iä) mollte bafür
bürgen, ba§ e5 baöjenige bei allen Sefern im ganzen fein
mufe. — 3d) erllöre mir biefeiS SBol^Ifein oon ber burd^»
gängig barin l^errfd^enben rul^igen Marl^eit, ©lätte unb
2)urd|ftd)tigleit; bie aud^ nid|t baS ©eringfie ^urüdCIägt,
toaS baS @emüt unbefriebigt unb unrul^ig lögt, unb bie
äJemegung be^felben nid|t meiter treibt ate nötig ift, um
ein fröl^Iid^eS Seben in ben SKenfd^en an^ufad^en unb gu
erl^alten/ So fprid^t nic^t jemanb, ber an baS intereffe«
lofe äSol^IgefaQen glaubt; fonbern ber bie Suft an bem
©d^önen einer fold^en SSerebelung für fällig l&ält, bai eö
leine ©rnicbrigung bebeutet, fid| biefer Suft oöHig i&ingugeben.
SDaö Sntcreffe foH nid)t erlöfc^en, wenn mir bem Äunftmerl
gegenüberftel^en; mir foHen oielmel&r imftanbe fein, unfer
Sntereffe aud^ bem entgegenbringen §u lönnen, maS kuiSflug
beg ©eifteö ift. Unb biefe Slrt beS gntereffcS für baö@dt)ßne fott
ber „malere"' äßenfd^ aud^ ben moraIifd(|en äJorfteQungen
gegenüber l&aben. 3n einem ©riefe an ©oet^e fdireibt
@d)iner: „^S ift roirllidi ber Semerlung mert, bafe bie
©d^Iaffl&eit über äft^etifd^e Singe immer fid^ mit ber mora-
Iifd)en ©d^Iaffl^eit oerbunben geigt^ unb ba% baS reine, ftrenge
©treben nadCi bem ^o^tn ©dgönen, bei ber pd()ften Sibera»
litöt gegen aQeS toaS "Statut i\i, ben 9HgoriiSmud im
SÄoralifc^en bei fidti fübren mirb.''
SDie (Sntfrembung oon ber $atur empfanb ©diiOer in
— 65 —
btx SSeltanfd^auung, in ber ganjen 3^iilu'ttur; inner«
^alb beten er lebte, fo ftarl, bag er fte }um (Segenßanbe
€iner 9etrad|iung in beut Suffa^e «Über naioe unb fenti*
mentalifd^e 2)ic^tung'' ntad^te. Sr oergleid^t bie ißebend«
anftd^t feiner ^txt ntit berjenigen ber ®ried^en unb fragt
ftd^: „äSie lommt t», ba% mir, bie in aDem, toa^ Statur
ift, t)on ben 3Iten fo unenblid^ meit übertroffen werben,
ber %atur in einem pl^eren ®rabe l^ulbigen, mit Snnig-
feit an il^r l^angen unb felbft bie leblofe SSelt mit ber
mörmften (Smpfinbung umf äffen lonnen?'' Unb er beant«
mottet biefe grage: „^a^tt lommt t§, meil bie %atur bei
nn» aus ber ÜRenfd^i^eit oerfd^munben ift unb mir fie nur
üugerl^alb biefer, in ber unbefeelten SSelt, in il^rer SBalgr«
l^eit miebet antteffen. 9lx^i unfete gtogete Statut«
magiglett, gang im Gegenteil bie Statutmibtigleit
unfetet Setpitniffe, ^u^iänbt unb Sitten tteibt und an,
bem etmad^enben S^tiebe nad^ SBalgtl^eit unb Simplizität,
hex, mit bie motatifd^e Einlage, aud meldtet et flieget, un«
befted^Iid^ unb unaudtilgbat in aDen menfdilid^en ^etjen
liegt, in btt pl^^ftfd^en SSelt eine Seftiebigung gu oet*
fd^offen, bie in btt motalifdien nid^t ju l^offen ift. 3)ed«
megen ift bai^ ©efül^I, xoomit mit an bet Statut fangen,
bem ©efül^Ie fo nal^e oetmanbt, momit mit ba§ entflol^ene
Slltet bet ^nbl^eit unb bet Knblid^en Unfd^ulb bellagen.
Unfete ftinbl^eit ift bie einzige unoetftümmelte Statut, bie
mit in btt lultioietten 3ltenfd|]^eit nod| antteffen, ballet ed
lein SBunbet ift, menn und iebe 3fu§ftapfe btt Statut äuget
und auf unfete ^nbl^eit sutüdCfüJ^tt". 2)ad mat nun bei
ben ®tied§en gan) anbetd. @ie lebten ein Seben innet»
j^alb bed %atütlid^en. Sllled, toa» fte tl^aten, lam aud il^tem
n'atiitlidien Sotftellen, imiltn unb (Smpfinben l^etaud.
@ie maten innig oetbunben mit btt Statut. S)et mobetne
SRenfd^ fül^It in feinem SBefen einen ©egenfa^ a^^ Statut.
3)a abet btx S)tang nad^ btefet Utmuttet aUt^ 2)afeind
bod| nid^t audgetilgt metben lann, fo mitb et fid^ in bet
mobetnen ®eele in eine Sel^nfud^t nad^ btt Statut, in ein
Sud^en betfelben oetmanbeln. ^et ®tied§e l^atte Statut;
®t einer, SBelt« unb Sei&enSanfd^auungen. 5
— Ge-
ber HRoberne fudjt Statur. „®o lange ber 3Renfd^ nod^
reine, e& oerflel^t ftd^, nidjt rol^e %atur i% roxtlt er al0
ungeteilte ftnnlid^e Sinl^eit unb ate ein J^armonierenbeiS
®an}e. Sinne unb SSernunft, empfangenbed unb felbft«
tl)cttige§ SSermögen^ l^aben fid^ in il^rem ©efd^äfte nod^ nid|t
getrennt, Diel n)eniger ftel^en ftc ttn SBiberfprudi mit ein«
anber. Seine Smpftnbungen jtnb nid^t ba^ formlofe @ptel
beS QnfaM, feine ©ebanlen nid^t ba» ge^altlofe Spiel ber
SSorfleQungdlraft; an» bem @efe^ ber %otn)enbigIeit
gelten jene, an» ber 98irIIid|Ieit gelten biefe l^eroor. Sfi
ber 3Renfd| in ben ®tanb ber Kultur getreten, unb l^at
bie $unft il^re ^anb an il^n gelegt, fo ift jene finnlidie
Harmonie in il^m aufgehoben unb er lann nur nod^ aU
moraIifd)e (Sinl^eit, b. 1^. al» naä^ @in]^eit ftrebenb ftd^
äußern. ®ie Übereinftinimung groifd^en feinem ßmpfinben
unb S)en!en, bie in bem erften S^^fl^^^^ mirllid^ ftatt«
fanb, ejiftiert je^t blofe ibealifd^; fie ift nid^t mel^r in
il^m, fonbern auger il&m, alö ein ©ebanle, ber erft reali-
fiert merben foH, nid^t mel^r als Sl^atfad^e feinet SebeniS/
®ie @runbftimmung bt» griedjifd^en ©eifted mar naio,
bie be^ mobernen ift fentimentalifd^; bie SBeltanfdiauung
be» erften burfte bal^er realiftifd^ fein. 3)enn er l^atte ba»
©eiftige üon bem Statürlid^en nodi nid^t getrennt; bie 9?atur
fd|Io6 für i^n ben ©eift nod^ mit ein. Überlieg er fid^
ber %atur, fo gefc^al^ t» ber geifterfüllten %atur gegen«
über. 3(nber^ ber SRoberne. @r l^at ben ©eift oon ber
%atur loiSgelöft, in ba» graue Steid^ ber Slbftraltion erl^oben.
©äbe er fi(^ feiner 9iatur l^in, fo tl&äte er t» ber geift»
entblößten %atur gegenüber. 2)ed]^alb mug fein l^öd^fteiS
Streben bem Sbeal ^ugemanbt fein; burd^ baiS Streben
nad) biefem mirb er ©eift unb %atur mieber oerfö^nen.
3n ©oetl^e^ ©eifteiSart fanb nun Sd^iHer tima» ber
gried()ifd^en Hrt äJermanbteS. ©oetl^e glaubte, feine ^bttn unb
©ebanlen mit 3(ugen gu feigen, meil er bie SBirllidileit ald
ungetrennte Sinigeit oon ©eift unb %atur empfanb. @r
igatte fxä), nadg Sd^iüeriS SKeinung, tima» erlgalten, gu btm
ber fentimentalifdge ÜKenfdg erft mieber fommt, menn er btn
— 67 —
®ipfel feinciS Strebend erreid^t Unb einen folc^en ®tpfel
erllimmt er eben in bem oon Sd^iüer befd^riebenen öftl^eti«
f(|en 3uftanb^ in btm ®innlid^leit unb SSernunft i^ren @in-
Ilang gefunben l^aben.
®iefe SSelt« unb Sebendanfd^auung; bie in @oet^e auf
naiDe SBeife oorl^anben; unb nad^ ber @d^iller auf aDen
Ummegen bed 2)enlend ftrebte, l^ai nid^t bai^ SSebürfnid
nati) jener allgemein gültigen äSal^rJ^eit, bie in ber SRat^ematil
il^r Sbeal erblidtt; fte ift befriebigt Don ber anberen SBal^r«
^eit, bie unferem ®eifte ftd| aM bem unmittelbaren SSer«
fe^re mit ber mirllid^en SBelt ergiebt. ®ie ©rienntniffe, bie
©oetlge aud ber ä9etrad|tung ber ^unftmerle in Italien
fd^öpfte, waren gemife nid^t oon jener unbebingten Sid^er-
^eit mie bie @ä^e ber 3Rat^ematiI. SDafür maren fte
aud) meniger abftralt. 9(ber ©oetl^e ^ianb oor i^nen mit
ber @mpfinbung : 3)a ift %otn)enbig!eit, ba ift ®ott. @ine
äSal^r^eit in btm @inne^ b'ai fie etmai^ anbered fei, ald
bai^jenige, mad fid| aud^ in bem ooQfommenen Sunftmerl
offenbart; mar für ®oet^e nid^t oorl^anben. 9Sa0 bie Sunft
mit i^ren ted^nifd^en äRittcIn: Son, SRarmor, i^atbe,
fR^i)i^vmS u. f. m, oerlörpert, ba» ift bemfelben 3Bal^r^eitd«
queQ entnommen, au» bem ani) ber ^^ilofop^ fc^öpft, ber
aüerbingi^ nid^t bie unmittelbar anfc^aulid^en SRittel ber
2)arfteIIung l^at, fonbcrn bem eingig unb allein ber ©ebanle,
bie 3bee felbft jur Serfügung fielet. „$oefie beutet auf
bie ©el^cimniffe ber 9iatur unb fud|t jie burd|§ Silb gu
lofen. ^l^ilofopl^ie beutet auf bie ©el^eimniffe ber Ver-
nunft nnb fud^t fie burd|S SBort gu löfen'', fagt ©oetl&e.
?lber bie SSernunft unb bie SRatur pnb i^m gule^t eine un-
trennbare (Sin^eit, benen biefelbe SBal^rl^eit gu ®runbe liegt.
@in ©ricnntniöftreben, ba», oon ben Singen lojSgelöft, in
einer abftralten äSelt lebt, gilt il^m nidjt aU ba» l^oi^fte.
„2)ag ^ödifte märe, gu begreifen, bai düe» galtifd^e f(^on
S^eorie ift^ S)ie SSIäue bt» §immete offenbart unS ba»
®runbgefe^ ber fjfarbenerfdieinungen. ;,9Ran fudie nur nid^td
!>inter ben ^l^änomenen; fie felbft finb bie Seigre." ®er
$f9d^ologe ^einrotl^ begeid^nete in feiner Hntl^ropologie
6*
— 68 —
ba^ 2)enlen; burd^ ba^ ©oetl^e gu feinen @tnfi({)ten in bie
naturgemäße Silbung ber ^flangen unb Siere gelangte,
aU ;,gegenftänbIic^eiS ^tnltn". @r meinte bamit, ba^ ftd^
biefeö ®enien üon ben ©egenftänben nid^t fonbere; ba^
bie ©egenftönbe, bie Hnftiiauungen in inniger 2)urd^«
bringung mit bem 2)enlen ftel^en, ba^ ©oet^ed SDenlen gu-
gleid) ein ^(nfdgauen, fein S(nfdE|auen gugleid^ ein SDenlen fei.
©dritter ift ein feiner Seobad^ter unb @d|ilberer biefer
©eifteSart geworben. 6r fdireibt über fie in einem Sriefe
an ©oetl^e: „Sl&r beobad^tenber Slidt, ber fo ftiH unb rein
auf ben S)ingen rul^t, fefet @ie nie in ©efal^r, auf ben
Slbmeg gu geraten, in ben fomol^I bie @peIuIation aU bie
miniürlid^e unb bloß fid^ felbft ge]^ord)enbe @inbilbungd»
Iraft fid) fo leidet oerirrt. 3n S^'^er rid^tigen Intuition
liegt aQeiS unb meit ooQftänbiger, maS bie Hnal^fti^ mül^«
fam fud^t, unb nur, meil e^ ald ein ®an^t» in S^nen
liegt, ift S^nen Sl^r eigener 9leid|tum oerborgen; benn
leibcr miffen mir nur ba2^ wa& mir fdE)eiben. ©eifter ^f)xtv
Slrt miffen bal^er feiten, mie meit fie gebrungen finb, unb
mie menig Urfac^e fie ^aben, oon ber ^l^ilofopl^ie gu borgen,
bie nur oon il^ncn lernen lann." gür Die ©oetl^^fd^c unb
®dE)iDerfd^e äSeltanfd^auung ift äBal^rl^eit nid^t blog inner«
J)alh ber SBiffenfd^aft oorl&anben, fonbern auä^ innerl^alb
ber Äunft. ©oet^eig SKcinung ift biefe: „3d^ benfe, SBiffen*
fd^aft !önnte man bie ^enntniiS be^ 9(Ilgemeinen nennen,
ba^ abgezogene SBiffen; ffiunft bagegen märe SBiffenfdiaft
gur %f)at oerroenbet; SBiffenfdiaft märe SSernunft, unb ffiunft
il&r SRcd^aniömuS, beöl^alb man fie ancS) praltifd^c SBiffen-
fdiaft nennen lönnte. Unb fo märe benn enblidi SBiffen-
fdiaft ba^ S^eorcm, Äunft bai^ Problem." Sie SBed^fel-
mirlung bed miffenfd^aftlid)en (Srlennen^S unb beS lünft-
lerifdE)en ©eftaltem^ ber @r!enntnii^ fd^ilbert ©oetl^e: „^»
ift offenbar, ba^ ein . . . Äünftler nur befto größer unb
entfd^iebencr merben muß, mann er gu feinem Salente nod^
ein unterrid^teter Sotaniler ift, menn er oon ber SBurgel
an ben Sinfluß ber oerfd^iebenen Seile auf ba^ ©ebei^en
unb bad SBad^dtum ber ^flange, il^re Seftimmung unb
— 69 —
loedifelfeiligen SSirlungen erlennt^ toenn er bie fuccefftoe
Snttoidelung ber ä9Iäüer,SIumen, 99efrud^tung;8fru(|t unb bt»
nnten JtetmeiS einfielt unb überbenli Sr loirb atebann
nidit bieg burdi bit SSal^I aud ben Sifd^einungen feinen
®t]^mad geigen, fonbern er wirb und auä) burd^ eine
ridiHge S)arfienung ber @igenf(i)aften sugleid) in SenDun«
berung fe^en/ @o*n)aUei im lünfUerifd^en (Erzeugen bie
Sßalirl^eit, benn ber Kunftftil rul^t, nad^ biefer Sluffaffung,
auf ;,ben tiefften ®runbfefien ber @rlenntnid, auf bem
SBefen ber S)inge, infofern und erlaubt ift, ed in fid^t«
baren unb greifiid^en ®efialten gu erlennen.'' Sine gfolge biefer
Snfid^t über bie SSal^r^eit unb il^re @rlenntnid ift, bai
man ber ^l^anta
bed SBiffend guge
ie il^ren Slnteil beim Suftanbelommen
ianb unb nid|t bbg in btm abfiralten
Serfianb ba^ eingige (Srienniniduermogen fal^. 2)ie SSor«
fteHungen^ bie ©oetl^e feinen Seirad^tungen über $f{angen«
unb ^^ierbilbung gu ®runbe legte, maren nid^t graue, ab«
fhralte @ebanlen, fonbern aud ber $l^antafie l^eraud ergeugte
jinnlid^^überfinnlidie Silber. %ur ba^ Seobad^ten mit
$]^antafte lann n}ir!Ii^ in ba^ Sßefen ber 3)inge füjpren,
nid^t bie blutleere Slbftraltion : bied ift ©oetl^ed Über«
geugung. @r l^ebt ed an ©alilei l^eroor, ba% biefer beob*
aä)itit aU @enie, bem ;,ein tSaU für taufenb gilt'',
inbem ^^er ftd^ aud fd^mingenben Sird^enlampen bie
Seigre bed $enbeld unb bed t^aUeS ber Körper ent»
midelte". 3!)ie $]^antafte fdiafft an bem einen SfaQe
ein ini^altooUed ^ilb bed SBefentlidien in btn Qu
fd^einungen; ber abftral^ierenbe Serftanb lann nur aud
ber Kombination; SSergleid^ung unb Sered^nung ber @r«
fd^einungen eine allgemeine Siegel il^reö Serlaufed ge-
minnen. 2)iefer ©laube @oetl^ed an bie (Srlenntnidfäl^ig«
feit ber $]^antafte rul^t auf feiner gangen SSeltauffaffung.
9Ber mie er ba^ %aturmirlen in allem fielet, ber lann in
btm geiftigcn Snl^alt ber menfd)Iid^en ^^l^antafte aud^ nid^td
feigen aU Xaturprobulte. 5Die ^Igantajtebilber ftnb Statut*
probulte; unb ba fte bie $atur miebergegeben, !önnen fie
nur bie SBaJ^rlgeit entlgaltcn, benn fouft mürbe bie Siatur
— 70 —
ftd^ felbft mit biefen Stbbilbern belügen^ bie fte t)on fid^
fd^afft. %ur aRenfd^en mit $l^antafte lönnen bie l^ödifte
®tufe bt§ @rIenneniS erreidien. @ie nennt ©oetl^e bie
;,Umfaffenben" unb ^^Slnfd^auenben'' im ©egenfafe gu ben
Mog ;,9S3iPegierigen'', bie auf einer niebrigeren @rlenntntd«
ftufe [teilen bleiben. ;r3>ie 3Bi§begierigen bebürfen eined
ntl^igen; uneigennü^igen Slided, einer* neugierigen Unrul^e,
eined Haren SSerftanbed . . .; fte Derorbeiten aud^ nur im
roiffenfd^aftlid^en Sinne, mag fte tjorfinben/ ;,®ie 8fn»
fdiauenben cerl^alten ftd^ fd^on probuftio, unb baS 9Biffen,
inbem eS fid| felbft fteigert, forbert, ol^ne ed gu bemerlen,
bal^ Slnfd^auen unb gel^t balgin über; unb fo felgr fidg audg
bie äSiffenben cor ber Imagination freudigen unb fegnen,
fo muffen fte bo^, t^t fie fid| oerfelgen, bie probultioe
SinbilbungiSlraft gu ^ilfe rufen . . . 2)ie Umfaffen*
ben, bie man in einem ftolgern Sinne bie Srfdgaffenben
nennen lönnte, oerlgalten fidg im Igodgften Sinne probultio;
inbem fte nämlidg oon Sbeen auiSge^en, fpredgen fte bie
^inlgeit bt^ ®angen fdgon an^, unb t» ifi gemiffermagen
nad^lger bie @ad|e ber %atur, fidg in biefe^bee gu fügen/
SSer an eine foldie (SrIenntniiSart glaubt, btm lann ed
nid|t beilommen, über bie Singefdgränltl^eit ber menfdg«
lidgen (SrIenntniiS in Stantfdier äSeife gu fpredien. Senn
ba», meffen ber SRenfdg ate feine Sßalgrl^eit bebarf, ba^
erlebt er in feinem Snnern. ä)er Sern ber 3iatur liegt
im Snnern bei^ 9Henfd|en. Sie SSeltanfdgauung ©oetlgei^
unb SdgiDeri^. verlangt garnidgt oon ber SSalgrlgeit, ba^ fie
eine SBieberlgoIung ber ^elterfdgeinungen in ber SSorfteQung
fei, ba^ alfo bie le^tere im mortlidgen Sinne mit etmaiS
auger bem SRenfdgen überein ftimme. 2)ad, toad im
aRenfdgen erfdieint, ift ate foIdieiS, ate ^btt^it^, ald geifti«
ged Sein, in leiner Slugenmelt oor^anben; aber ed ift bad*
jenige, mad ate ®ipfel aVit» SßerbeniS gule^t erfdieint. S)ei9«
Igalb braudit für biefe äSeltanfdgauung bie äSal^rlgeit nidgt
allen äßenfdgen in ber gleidien ©eftalt gu erfdieinen. Sie
lann vx jebem @ingelnen ein inbioibueQed ©epröge tragen.
SBer bie SBalgrlgeit in ber Übereinftimmung mit einem
— 71 —
9u§eren ^üd)i, für btn giebt ed nur eine gform berfelben^
unb er mirb mit Stant nod^ berjenigen ^Vteiap^tffxl" fud^en^
bie allein „als SSiffenfd^aft wirb auftreten lönnen''. SBer in
ber SSal^rl^eit bie l^od^fte gfrud^t alled Safeind fie^t^ badjenige,
in bem ba& „^tUaU, xotnn ed ftd^ felbft empfinben lönnte,
aü an fein Qitl gelangt, aufiaud^jen unb ben ®ipfel bed
eigenen SBerbeniS unb SSefend Itwunban" müxbt, berlann
ntit ©oetl^e fagen: ^.Stenne id^ mein Serl^ältniiS ju mir
felbft unb gur Hu%tntotU, fo ^eig id^'iS SBal^rl^eit. Unb fo
{ann jeber feine eigene SSal^r^eit l^aben, unb ed ift bod^
immer bief eibige.'' %id|t in bem, xoaS und bie ^(ugenmelt
liefert, liegt ba» SBcfen bed @eind, fonbern in bem, mad
ber 9Renfd| in «ftd^ ergeugt, ol^ne bai ed fd^on in ber
Hugenmelt Dorl^anben ift. ©oetl^e menbet ftd^ bal^er gegen
biejenigen, bie burdi Snftrumente unb objeltioe Serfudie in
baS fogenannte ^Snnere ber ^atur" bringen mollen, benn
^ber 9Renfd& an fid| felbft, infofern er fxä) feiner gefunben
Sinne bebient, ift ber größte unb genauefte pl^^ftlalifd^e
^ppwcai, ben ed geben lann, unb bad ift eben baS größte
Unl^eil ber neueren $1^9fil, bai man bie @^perimen|e gleid^«
fam vom äRenfd^en abgefonbert l^at, unb blog in bem,
maS Hinftlid^e Snftrumente geigen, bie %atur erlennen, fa,
n>a& fte leiften lann, baburdi befd^ränlen unb bemeifen
milL'' 2)afür Jtel^t ia aber ber SRenfd^ fo Igoc^, bai ftd^
baS fonft ÜnbarfteHbare in il^m barfteDt. 98ad ift benn
eine @aite unb alle med^anifdie S^eilung berfelben gegen baiS
£)]&r be« SRufBer«? 3ö, man fann fagen, roaS finb bie
elementaren Srfd^einungen ber Statut felbft gegen ben
9Renfd^en, ber {te aQe bänbigen unb mobifigieren mug, um
{ie ftd^ einigermaßen affimilieren gu lonnen".
— 72 —
2)er innige ä^uni), btt bux^ ®oti^t, ®d^iQer unb il^re
3eitgenoffen gwifc^en S)id^lung unb SBeltanfd^auung ge«
f(|Ioffen n)urbe; l^at ber leiteten im §(nfange unfered 3<i^t*
^\xnbexi& ba» leblofe ®epräge genommen; in ba» fie lommen
mug; menn [\t ftd^ aQein in bet Stegion bt» abftral^ierenben
SBerftanbed bemegt. SHefer ä)unb l^at ald f ein, @rgebni0
ben ®Iauben gegeiligt; ba^ ed ein perfönlid^ei^; eininbioi*
bueHed Slement in ber Sßelianfd^auung giebt. S)er äSenfd^
ift bered^tigt; ftd^ fein ^ex^ältni^ %nx SBelt feiner @igen»
art gemög gu fd^affen. Sein Sbeal braudit nid^t ba»
Santfd^e, einer ein für aQemal abgefd^Ioffenen ilgeoretifd^en
9[nfd^auung naä) bem äßufter ber äRatlgematil gu fein. %ur
avi& ber geiftigen Sltmofpl^ctre einer foI(^en> bie menfdilid^e
3nbioibuaIitöt erl^ebenben Überzeugung lann eine Sor«
fieQung mie biejenige ^tan $aul$ geboren merben:
„^a» ^eti be^ ^enieiS, meld^em alle anberen ©lang« unb
^ilfi^Iröfte nur bienen, f)ai unb giebt ein tä)it» Stenn«
geid^eU; nämlic^ neue ^dU unb Sebendanfd^auung.'' SEßie
lönnte t& ba& ^enngeid^en bed pd)ft entmidCelten aRenfd^en^
bed ®tn\ßi^, feiU; eine neue 9BeIt« unb SebeniSanfd^auung
gu fdiaffeU; menn ed nur eine malere, aQgemein gültige
äSeltanfd^auung gäbe, menn bie SBal^ri^eit nur eine ®e«
ftolt l^ätte? Scan 5ßaul ift auf feine Slrt ein SSerteibiger
ber ©oet^efdien 9(nftd^t; ba% ber SKenfd^ im Snnern bie
^öd)^it Swni beö S)afeinö erlebt. @r fd^reibt an S^cobi:
w@igentlid^ glauben mir bod^ nid^t bie göttlid^e t^xtu
l^eit; ©Ott; S^ugenb; fonbern mir fd^auen fie mirllid§ al^
fd^on gegeben ober fid^ gebenb^ unb biefeS ®d^auen
ifi eben ein SBiffeU; unb ein ^b'^txt^, inbeS ba2 SBiffen
bed SSerftanbeiS fid^ blog auf ein niebereiS ®d§auen begiel^t.
9ßan lönnte bie SSernunft ba» 33emu^tfein bed aSeinigen
$ofttioen nenneU; benn allei^ $ofitioe ber ®innlid|leit löft
fid^ gule^t in ba^ ber ©etftigleit auf; unb ber SSerftanb
treibt fein äSefen emtg btog mit btm SRelatioeU; ba» an
ftd^ nid^tiS ift; bal^er oor ®ott ba^ 3Rt^x ober äßinber
unb alle äSergleid^ungiSftufen megfaQen.'' S)aiS 9ied§t; bie
äSal^rl^eit im Snnern gu erleben unb bagu aUe @eelen«
— 73 —
träfte; mä)i blog btn logifd^en Serftonb in Semegung
fe|en gu bfirfen^ iDtll ft(| ^tan $aul burd^ nid^td rauben
laffen. „"^a» $erg, bie lebenbige ZButjel bed SRenfd^en,
foD mir bie Srandfcenbentalpl^ilofop&ie nid^t aM ber
39r]i^ 1 eigen unb einen reinen £rteb ber 3(|l^eit an bie
SteQe fe^en, id| laffe mid^ nid§t befreien oon ber Slb«
l^cmgigleit ber äitit, um allein burd^ $od^mut feiig gu
merben''. @o meifl er bie melifrembe moralifd^e Orbnuug
Rani» unb 9id|ted gurüdt. „^ä^ bleibe babei, bag ei»,
mie Dter le^te, fo mer erfte2)inge gebe: Sd^dnl^eit, äSal^r«
l^eit; @ittlid^leit unb Seligleit; unb bai bie @t|ntl^efe
boron nid|t nur noimenbig^ fonbern aud^ fd§on gegeben
fei^ nur aber (unb barum ift fte eben eine) in unfag«
barer geiftigr^organifd^er Sinl^eit, ol^ne meldge mir an
biefen t^ier @DangeIiflen ober SBettleilen gar lein Ser»
fiänbniiS unb leinen Übergang ftnben Idnnen.'' 2)er nac^
äugerfter logifd^er Strenge uerfal^renbe Serftanb mar in
9ant unb f^idite fo meit gelommen, bie felbftönbige Se«
beutung be» SSirllid^en, SebendooQen gu einem blogen
@d)ein; gu einem Z^raumbilb ^erabgufe^en. S)iefe Sin«
fd^auung mar für pl^antafieooDe aReufd^en, bie ba» Seben
um bie ©efialten il^rer (Sinbilbungdlraft bereid^erten, un«
ertroglid^. S)icfe 9Renfd|en empfanben bie ®iritti(^Ieit, pe
mar in il^rem äBalgrnel^men^ in il^rer Seele gegen«
märtig ; unb fie foHten ft(| bereu bloge Sraum^aftigleit be«
meifen laffcn. «S)ic Qfenftcr ber pl^ilofopl^ifd^en Subi»
torien ftnb gu l^od^, ate ba% fie auf bie ®affen bed
mirllidien ScbcuiS eine Slu§fid§t gemäl^ren", fagt ba^er
3ean $aul.
f^idite ftrebte nad^ reinfter, pdifter SSernunftmal^rl^eit.
@r entfagte allem SSiffen, ba^ nid^t aü^ bem eigenen
Snnern entfpringt; meil nur auiS biefem ©emigl^eit ent«
fpringen fann. Sie Oegcnftrömung gu feiner SBelt«
anf c^auung bilbet bie 91 o m a n t i I. gfidite lögt nur bie
SSal^rl^eit gelten^ unb ba^ innere be» 9ßenfd^en nur info«
fem, ate eS bie SBal&rl^eit offenbart; bie romantifd^e ®elt-
anf(^auung lägt nur ba^ innere gelten, unb erllärt allei^
— 74 —
für toa^rl^aft tottivoU, road au» biefem Snnern entfpringt.
3)ad ^^ foD burdb nid^tiS tugered gefeffelt fein. Mt»,
toa» t» fd^afft, f)ai feine SJereditigung.
9Ran barf oon ber Stontanttl fagen, ba^ fte ben
@c^iDerfd^en @a^: ,/$)tt äRenfd^ fpielt nur^ mo er in
DoUer Sebeutung bt» äSorted 3Renfd| ift, unb er ift nur
ba gang äßenfdi; n)0 er fpielt'' bid gu feinen äu^erften
Aonfequengen »erfolgte. @ie mxU bie ganje SBelt gu einem
Steidi bei^ Künftlertfd^en mad^en. 2)er DoDentroidelte aSenfdi
lennt leine onbere 9Jorm afe bie ®efe^e, bie er mit frei
maltenber (SinbilbungiSfraft ebenfo fd^afft mie ber jtünftler
biejenigen, bie er feinem SSerle einprägt. @r erl^ebt fid^
über aQed, toa9 il^n t)on äugen beftimmt, unb lebt gang
aud ftd| l^erauiS. S)ie gange äBelt ift il^m nur ein Stoff
für fein äftj^etifd^eS ©pieL ©er Srnft beö antagö-
menfc^en ift il^m fremb. @r !ann bie S)inge nid|t an fid^
ernft nel^men, benn fte ftnb il^m nid^t an fid^ mertooE.
@r ift t^ oielmel^r felbft, ber il^nen einen äSert oerleil^t.
®ie Stimmung beö ©eifteö, ber fid| biefer feiner ®ou*
Deränitctt gegenüber ben 2)ingen bemugt ift, nennen bie
Stomantiler bie ironifdie. ^arl SSill^elm O^^tbinanb
©olger (1780—1819) l^at oon ber romantifd^en Swnie
bie Srllarung gegeben: „^^ mu§ ber ®eift bed StünftleriS
aQe 9tid|tungen in einem aQed überfdiauenben S9Iid( gu«
fammenfaffen, unb biefen über Slllem fd^roebenben,
aileö oerniditenben Slid nennen mir Sronic*
Sriebridi ©d^legel (1772—1829), einer ber Stimm-
fül^rer ber romantifd^en ©eifteiSrid^tung; fagt oon ber iro«
nifd^en Stimmung, ba% fie ^^alled überfielet unb ftd^ über
aUt» S3ebingte unenblid^ erl^ebt, auä^ über eigene Jtunfl,
Sugenb ober ©enialität''. äBer in biefer Stimmung lebt,
fül^It ftd^ burd^ niditiS gebunben; nid^tiS beftimmt il^m bie
SKd^tung feineiS Sl^uniS. @r lann ,,nade belieben pl^ilo«
fop^ifd^ ober pl^ilologifd^, iritifd^ ober poetifd^, l^iftorifdg
ober rl^etorifd^, antil ober mobern fi(^ ftimmen''. S)er
ironifdie ®eift läd^elt über eine ffial^rieeit, bie ftd^ oon ber
Sogil feffeln laffen mill; er Icid^elt aber anä^ über eine
— 75 —
tmiqt, moralifd^e SSettorbnung. 2)enn nid^td fagt i^nt,
ma» tt tl^un foQ, ab aDein er felbft SBaiS il^nt gefäDt,
foO ber Sroniler t^un; benn feine Sitilid^Ieit lann nur
eine äfil^etifd^e fein. 3)ie Slomantiler ftnb bie Scben bed
tJfid^tefdien ®ebanlend oon ber Sinjigleit bed 3d^. Sber
fie n)oQten biefed 3(I| nic^t mit Sernunftibeen unb mit
einem moralifd^en ®Iauben erfüDen mie jener, fonberti
beriefen fid| Dor allem auf bie freiefte, burc^ nid^td gebun«
bene (Seelenfrafi, auf bie ^^antafie. S)ad Senlen mürbe
bei il^nen oöDig oon bem Siebten aufgefogen. Stooalid,
ber liebendmürbigfte ber Stomantiler, fagt: ^(£d ift red|t
übel, ha% bie $oefie einen befonberen Kamen l^at unb bie
S)id^ter eine befonbere S^nft ausmachen. @d ift gar
niä^ii Sefonbered. Sd ift bie eigentümliche $anb«
lungiSmeife bed menfd^Iidien ®eifted. S)id^tet unb
trad^tet nid^t jeber aRenfii^ in |eber SRinute?" 2)aiS allein
mit fidi befd^äftigte 3<^ '<tnn gu ber l^öd^ften SBal^rl^eit
lommen: „t^ bünit bem SRenfd^en, ald fei er in einem
®efpröd^ begriffen unb irgenb ein unbelannted geiftiged
23efen oeranlaffe il^n auf eine munberbare SBeife gur @nt«
midelung ber eoibenteften ®ebanlen''. 3m (Srunbe
moHten bie Stomantiler nid^td anbereiS, ate xoa^ auS^
@oet]^e unb @d^iDer ju il^rem Selenntnid gemad^t l^aben:
eine 8[nfid|t über ben 9Renfd|en, bie biefen fo DoDIommen,
fo frei mie möglid^ erfd^einen lägt !(ber biefe l^aben il^re
Stnfd^auungen an^ feften, unerfd^ütterlid^en ®runblagen
l^erauS ermad^fen laffen. @d|iQer ift burd§ unabläfftged
p^ilDfopl^ifd^ed S)enlen, ®oetl^e burd^ bie @rforfd|ung ber
%atur in il^rer ®efe^mci6igleit gu einem freien SebeniS«
ftil aufgeftiegen.
Sd^iQer lannte bie Sragmeite ber SBemunftnotmenbig«
leit, all? er Don bem maleren SRenfd^en verlangte, bag er
ftd^ Don i^r befreien folle; unb ®oetl^e lonnte fld^ gum
jhtltui? ber @d|on]^eit belennen, benn für il^n maren bie
l^od^ften ftunftmer{e nad^ maleren, notmenbigen ®efe^en ber
%atur gebilbet. S)ie Stomantiler fprangen aber gleid^fam
mit einem ®a|e in ia^ Sanb ber aft^etifd^en gfreil^eit
— 76 —
l^inein; fte eroberten ed fic^ nt(i)t mül^fant; fonbern er»
Ilörien ftd^ burdg HRad^tfprüd^e gu feinem Sefi^er. 9(ud^
®oet]ge l^at fein Sbeal t)on $flid^t barin gefeiten, ba§ man
;,Iiebt^ mad man fid^ felbft befiel^It'^ Slber er mar unab«
läffig bemül^t, nur im ®inne ber tiefften ©runblagen ht»
@rfenneniS bad SBal^re gu fuc^en. Unb auf biefem Sßege
ftrebte er aud^ nad| ber maleren jtunfi
f u Itiafftkn ^tt P^it- mh lebt nsanfdianung.
SBie ein Sid^tMi^, btt innerl^alb bet SBeltanfd^auungd«
tntmxddani erlgeQenb nad^ lüdtoöxi» unb oorioärtd loirlt,
<rf(|eint ein @a^^ ben t$i^ici>i^i<^ SSill^elm 3ofep^
©d^elling (1776—1854) in feiner ;,»alurpl^ilofopl&ie"
andgefpro^en ^ai: „Übex bie %atur pl^ilofopl^ieren l^eigt
fooiel ate bie Statut fd^affen'^ 9Booon (Soet^e unb Schiller
burdibrungen maren: ba% bie probultioe ^^antafte i^ren
Anteil bei (Srfc^affung ber SBeltanfd^auung l^aben muffe, bem
giebt biefer @a^ einen monumentalen SuiSbrud 9Sad bie
%atur uniS freimillig giebt, menn mir fie beobachten, an*
f d^auen, mal^rnej^men : ba» enthält nid|t i^ren tief ften (Sinn.
2)iefen @inn lann ber SRenfd^ nid^t oon au§en aufnel^men.
(St mu% il^n fd^affen.
3u foI(^em ®d^affen mar ®i^tllinq» ®eift befonberd
veranlagt. Sei il^m firebten aDe ®ei^edlräfte nad^ ber
^l^anta^e bin. @r ift ein erfinberifd^er Aopf ol^ne gleid^en.
Slber feine (Sinbilbungdlraft bringt nic^t Silber l^eroor,
mie bie Ifinfllerif(^e, fonbern Segriffe unb gbeen. ®urd&
biefe feine @eifteiSart mar er baju berufen, bie ©ebanlen«
gänge gfid^teiS fortgufe^en. 2)iefer befag bie probultioe
$]^antafie nid§t. Sr mar mit feiner SSal^rl^eitdforberung hÜ
aum feelifd^en Zentrum bed SKenfc^en gelangt, bid gum
„Sd^". 8Benn biefe« ber Duellpunlt fein foll für bxt
SSeltanfd^auung, fo mug berjenige, ber auf biefem <Stanb«
punite ftel^t, auä^ in ber Sage fein, oom 3d^ au« gu inl^alt«
DoUen ®ebanlen über bie SSelt unb ba§ Seben ju gelangen.
— 78 —
S)aiS !ann nur mit ^ilfe ber ßinbilbungiStraft gefd^el^en»
Sie fianb t^xä^ie nidit ^n ©ebote. S)e$l^aIB blieb er int
@runbe fein ganzes Seben lang babei ftel^en, auf ba^^^
i^ingubeuten unb ^u fagen, mit ed einen ^xif)QÜ an @e«
banlen geminnen ntüffe; aber er n)ugte i^m felbft leinen
fold^en ju geben. 2Bir erfel&en bieö Mar aui5 bcn SSor-
lefungen, bie er 1813 an ber Serliner Unioerfilät über
,,9Siffenf(i|aftöIe]^re'' gel^alten f)ai (%ac^gelaffene SBerle.
1. 33onb). 6r forbert ba für benjenigen, ber gu einer
9SeItanf(|auung lommen roiQ ;,ein gang neues inneres
@inneSn)erI)eug, burd^ n)eId)eS eine neue 9BeIt gegeben
mixb, bie für btn gemo^nlidien 9ßenf(i|en gar nid^t Dorl^anben
ift''. aber 8fi<^^« lontmt nid^t über biefe fjforberung eineS
neuen ©inneS |inauS, SBaS ein foldier @inn roal^rnel^men
fott, ba^ enlroidfeli er nid)t. ©d^elling fielet in ben ®e-
banfen, bie i^m feine ^l&anlafie cor bie Seele ftettt, bie
ßrgebniffe biefeS l^öl^eren Sinnes, btn er inleDellueDe än-
fd^auung nennt. Sl^n, ber alfo in bem, roaS ber ®eift
über bie 9tatur auSfagt, ein (SrgeugniS fielet, ba& ber ©eift
fdiafft, ntufele Dor allen Singen bie g^age intereffieren :
23ie lann baS, roaS auS bem ©eifte ftammt, bod| bie mtri*
lid^e, in ber 9?alur roaltenbe ©efe^mäfeigfeil fein? 6r
menbet fid^ mit fd^arfen SluSbrüden gegen biejenigen, meldte
glauben, bafe mir unfere Sbeen „auf bie Sßatur nur über-
tragen^, benn „fie fjaben leine Stl^nung baoon, roaS unS
bie Sßatur ift unb fein foB, . . . benn mir rooQen nid^l,
bai bie 5ßotur mit ben ©efe^en unfereS ©eifteS guföKig
(tima burd^ SSermitlelung eines ©ritten) gufammentreffe,
fonbern, ba% [xt felbft notmenbig unb urfprünglid^ bie ©e-
fe^e unfereS ©eifteS — nid)t nur auSbrüdte, fonbern felbft
realifiere unb ba% fie nur infofern Sßatur fei nnb 9iatur
i&eifee, als fie bieS t^äte . . . S)ie «atur fott ber fid&tbare
©eift, ber ©eift bie unfiditbare 9iatur fein. §ier alfo, in
ber abf obtten ^bentitöt beS ©eifteS i n unS unb ber 9?atur
auger unS, mug fid^ baS Problem, mie eine Statur auger
uns möglidi fei, auflöfen''. Satur unb ©eift finb alfo
überl^aupt nid)t gmei oerfd^iebene SSefen^eiten, fonbern eine
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unb biefelbe Sßefenj^eit in gioei oerfd^iebenen formen. 3)ic
etgentli^ie 9Reinung Sd^eüingd über biefe (Sinl^eit oon
Xatur unb ®fift ift feilen rtd^tig erfaßt n)orben. 9Ran
ntng fid^ gang in feine SorfteDungiSart üerfe^en, menn man
barunter nid^t eine Srioialität ober eine 9bfurbität per-
ftel^en mill. ^ier foQ, um biefe SorfteDungdart ju oer«
beuUidien, auf einen @a^ in feinem ^u^t ^Son ber SBelt-
feele" l^ingemiefen merben, in bem er ft(^ über bie %atur
ber Sdimerbaft audfprid^t. SSiele feigen eine Sd^mierigleit
in biefem Segriffe, meil er eine fogenannte ^SBirhing in
bie t^erne'' Dorauilfe^t. 3)ie Sonne totrit angiel^enb auf
bie @rbe, tro^bem nid^td gmtfdEien ®onne unb @rbe ift^
ma§ biefe ^ngiel^ung oermittelt. 3Ran mug fid^ beulen,
ba% bie Sonne burt^ ben 9laum l^inburd^ il^re SSirlungiS*
fpl^öre auf Crle auiSbe^nt, an benen fte nid^t ifi SDie«
jentgen, bie in grobftnnlid^en äiorftellungen leben, fe^en in
einem fold^en. ©ebanlen eine Sc^miertgleit. SBie fann ein
Körper ba mirlen, mo er nid^t ift? Sc^eüing le^rt ben
gangen ©ebanlenprogeg um. @r fagt: „@^ ift fel^r ma^r,
ba% ein Körper nur ba mirlt, mo er ift, aber ed ift
eben fo mal^r, ba% er nur ba ift, wo er mirlt." SBenn
mir bie Sonne burt^ bie ^(ngiel^ungdlraft auf unfere @rbe
mirlen feigen, fo folgt baxan^, ba% fte fic^ in il^rem Sein
bis auf unfere (Srbe erftredt unb ba% mir lein fftt^i l^aben,
il^r S)afein nur an ben Crt gu oerfe^en, an bem fte burd^
i^re Sid&tbarfeit mirlt. SDie Sonne gel^t mit i^rem Sein
über bie ®rengen ^inan^, innerl^alb bereu fie ftd^tbar ift;
nur einen Seil il^reiS 9BefeniS fielet man; ber anbere giebt
fid^ burdi bie Slngiel^ung }u erlennen. So ungefai^r muffen
mir nn^ aud^ ba^ Serl^ältnii^ bt§ @eiftes gur %atur beulen.
S)er ®eift ift nid^t nur ba, mo er malgrgenommen mirb,
fonbern aud^ ba, mo er mal^rnimmt. Sein äSefen erftredEt
ftd^ hx§ an bie fernften Orte, an benen er nod^ @egenftanbe
beobad^ten lanu. @r umfpannt unb burc^bringt bie gange
il^m belannte %atur. äSenn er ba& @efe^ eined äuleren
SSorganged btnli, fo bleibt biefer SSorgang nid^t äugen
liegen^ unb ber ®eift nimmt bloß ein Spiegelbilb auf, fonbern
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i)ief er ftromt fein SSefen in ben SSorgang l^inein ; er burd^«
tringt ben SSorgang, unb ntnn er bann ba9 @efe^ bt§»
felben finbet, fo fprid^t nid^t er ed in feinem abgefonberlen
®e]^irnn)inlel au»; fonbern bai^ ®efe^ fprid^t ftd^ felbß
aud. S)er ®eift ift boril^in gegangen, mo ba» ®efe^ n)ir!t.
^äiit er eiS nid^t bead^tet, fo l^ätte ei$ aud^ gen^irli; aber
ed n)öre nid^t audgefprod^en rooibttt. S)a ber ®eift in ben
Vorgang gleid^fam l^ineinbied^C fo ^^^^ ba» ®efe^ aud^ nod^
auBerbeni; ba% ed wirft, atö Sbee, aU Segriff audge«
fprod^en. %ur, wenn ber ®eift auf bie Statur leine StüdC«
fid^t nimmt, unb fid^ felbft anfd^aut, bann lommt t9 il^m
votf al» menn er abgefonbert von ber %atur märe, mie t»
btm Sluge oorlommt, bofe bie Sonne innerl^alb eincö gemiffen
Staumei^ eingefd^Ioffen. ift, menn baoon abgefel^en mirb, ba^
fie an^ ba ift, mo fte burd^ Hnaiel^ung mirlt. Saffe idg
alfo in meinem @eifte bie Sbeen entftel^en, bie Xaturgefe^e
aui^brüdCen, fo ift ebenfo mal^r, mie bie eine 99el^auptitng :
bafe id^ bie 9iatur fd^affe, bie anbere: ba^ fid& in mir bie
9iatur felbft fd^afft.
3lnn giebt e0 jmei 3Röglid)Ieiten, ba» eine Sßefen,
ba» @eift unb %atur gugleid^ ift, ju befd^reiben. S)ie eine
ift: id^ }eige bie %aturgefe^e auf, bie in SBirllid^Ieit tl^atig
finb. Ober id^ geige, mie ber ®eift t» mad^t, um gu
biefen ©efe^en gu lommen. äJeibe male leitet mid^ eined
unb baiSfelbe. '^a» eine mal geigt mir bie ©efe^mögigleit,
mie fie in ber $atur mtrif am ift; ba» anbere mal geigt
mir ber ®eift, wa» er beginnt, um jtd^ biefelbe ®efe^«
mägigleit oorgufteQen. 3n bem einen gfaHe treibe id^
^atur«, in bem anberen ®eifteömiffenfd^aft. SBie biefe beiben
gufammengepren, befd^reibt ®d^eQing in angiel^enber Sßeife:
„S)ie notmenbige £enbeng aQer %aturmiffenfd^aft ift, oon
ber %atur aufiS IgnteQigente gu lommen. S)ied unb nid^td
anbered liegt btm Seftreben gu ®runbe, in bie %atur«
erfd^einungen Sl^eorie gu bringen. S)ie l^öd^fte S$erooII*
lommnung ber %aturmiffenfd^aft märe bie ooUIommene Ser«
geiftigung aller %aturgefe^e gu ®efe^en bt» 9lnfd^aueni^
unb be» S)enleni^. 3)ie ^l^änomene {ba» aRaterieQe) muffen
— 81 —
vbüiq Derfdjwtnben unb nur bie ©efet^e (baiS SformeDe)
bleiben. S)a6er lommt t», bai, je ntel^r in ber ^iaiui
felbfi ba» Sefe^mägig^ l^exDorbriiit, befto mel^r bie $)ttQe
Derfd^roinbet, bie $l^änomene felbft geifliger rottbtn unb
gule^t oSnig auflgören. 2)ie optifd^en ^l^änomene ftnb nic^tö
3[nbered ate eine ©eomelrie, beten Sinien burd^ bod Sid^i
gebogen n^erben, unb biefed Sid^t felbft ift fd^on ixotu
beutiger äßaterialitöt. 3n ben @rfd^einungen bed 9Ragne«
ti^muiS Derfd)n)inbet fd^on aEe materielle ®pur, unb non
ben $l^önontenen ber Sc^merlraft, n>eld|e felbft $atur«
forfi^er nur aU unmittelbar geiftige ßinmirlung — SBirlung
in bie <$erne — begreifen gu lönnen glaubten, bleibt nid^td
gurüdC aU if)x @efe^, beffen SluiSfül^rung im ©rogen ber
SKed^ani^muiS ber $)immeIiSben)egungen ift. 3)ie DoQenbete
Sl^eorie ber %atur mürbe biejenige fein, Iraft meld^er bie
gange 92atur ftd^ in eine ^nteüigeng auRöfte. 2)ie toten
unb bemu^tlofen $robuIte ber %atur finb nur mißlungene
Serfucbe ber %atur, fid^ felbft gu reflettieren, bie fogenannte
tote $atur aber überhaupt eine unreife SnteDigeng, bal^er
in igren $]gänomenen nod^ bemugtloi^ fd^on ber intelligente
(Sl^aralter burd^blidtt. ^a» pd^ifte 3iel, ftd^ felbft gang
Dbjelt gu merbeU; erreidE)t bie Statur erft buxi) bie l^odEifte
unb le^te Slefle^ion, meldte nid^tiS anbered ato ber äRenfd^,
ober aUgemeiner ba^ ift, xoa» mir Sernunft nennen, burd^
meldte guerft bie %atur ooUftänbig in fid^ felbft gurüdHe^rt,
unb moburd^ offenbar mirb, ba^ bie %atur urfprünglid^
ibentifc^ ift mit bem, mai^ in uniS dl» Snteüigentei^ unb
Semufeteö erlannt mirb.''
Sn ein !unftooIIed %e^ oon ®ebanlen fpann ®d^eQing
bie S^iatfad^en ber 92atur ein, fo ba% alle il^re Srfc^einungen
mie ein ibealer l^armonifd^er Organii^mui^ oor j einer
fc^affenben ^^antafie ftanben. @r mar befeelt oon bem
@efulgl, ba^ bit 3been, bie in feiner $^anta{te erfc^einen,
oud^ bie maleren fd^öpferifd^en ^äfte ber %aturoorgönge
feien. Oeiftigc Äräfte liegen alfo ber 9iatur ju ©runbe;
unb roa» unferen Singen aU tot unb lebloiS erfc^eint, ba»
@t einer, SBelt« unb Se6enSanf(i§auttnflen. 6
— 82 —
fiammt urfpcünglid^ aud ©eifttgem. SBenn tote unferen
®cift barauf rid&tcn, bann lege« roir bie Sbeen, ba» ©eifttge
ber Siatur frei. @o finb für uns, im Sinne Sd^cIIingö,
bit Salurbinge Offenbarungen bt§ ©cifieS, l^inler beren
äußerer §ülle er fid^ gleid^fam oerbirgt. 3n unferm eigenen
3nnern'aeigl er fid^ 4ann in feiner rid&tigen ©eftalt. SBir
wiffen baburd^, roa^ ©eift ift, unb !önnen beiSl^alb aud)
ben in ber Sttatur ocrborgenen ©eift roieber finben. 3)ie
Slrt, wie ©c^elling bie 9ialur afe ©eift in fid^ roiebcr
erftei^en lä^i, f^at tima2 S3ern)anbte$ mit berfenigen, bie ©oet^e
bei bem ooHIommenen Sünftler anzutreffen glaubt. Siefcr
oerfäl^rt, nac^ ©oetl&eS SReinung, bei bem ^eroorbringen
ber Sfunftmerle mie bie 9iatur bei i^ren Sd^ßpfungen. SSir
l^crtten alfo in bem Schaffen beS ÄünftlerS benfelben Sor*
gang oor uns, burd^ ben aud^ aUcS baSjcnige cntftanben ift,
maS in ber äußeren 9iatur oor uM ausgebreitet liegt.
8Ba§ bie $Ratur unferen Slidten entgic^t, ba^ fteHt fidfj uns
in bem lünftlcrifd^en ©d^affen mal^rnel^mbar bar. S)ie
SJatur geigt unS nur bie fertigen SBerle; mie fie eS gemad^t
l&at, um fie fertig gu bringen : ba^ muffen mir aus bicfen
äBerlen erraten 2Bir l&aben bie ©efd^öpfe üor unS, nid^t
ben Sd^öpfer. Seim Stünftler nehmen mir @d|öpfung unb
©efd^öpf gugleid) mal^r. Sc^eQing miQ nun burd^ bie @r«
geugniffe ber 9iatur gu i^rem ©d^affen burd^bringen ; er
oerfefet fid^ in bie fdjaffenbe Sfatur l^inein unb Iä§t fie in
feiner Seele fo entfte^en, roie ber ffiüuftler fein Äunft*
wer! eutftel&en lä&t. SBaS finb alfo, ber SRcinung <Sd)eIIingS
nad^, bie ©ebanfcn, bie feine SäJeltanfd^auung enthält? Ss
finb bie Sbeen beS fd^affenben 9taturgeiftcS. 2BaS btn
2)ingen oorangegangen ift unb fie gefd^affen l^at, baS taud)t
im einzelnen 3Rcnfd|engeifte als ©ebanfc auf. ®S oerl^ält
fid^ biefer ©ebanle gu feinem urfprüngIidE)en mirllidien
®afein fo, mie fid^ baS ©rinnerungSbilb an ein SrIebniS
in biefem (SrIebniS felbft oerl^cttt. So mirb bie menfd&Iid^c
SSiffenfd^aft für ©d^eüing gu einem @rinnerungsbilbe an
bie oor ben S)ingen f(^affenben geiftigen SSorbilber. ®in
göttlid^er ©eift Igat bie SBelt gefd^affen; er fd^afft gule^t
— 83 —
anä^ nod^ bie 3Rtn\ä)tn, um fid^ in i^ren Seelen ebenfo
viele äSerlgeuge ^n bilben, burc^ bie er ftd| an fein ®d^affen
erinnern lann. ®d^elling fü^It ftd^ alfo, menn er ftd^
ber äSetrod^tunfi ber SBelterfdieinungen l^ingiebt; gar nicl^t
ate @ingeln)efen. (Sr erfd^eint ftd^ wxt ein Seil, ein
®Iieb ®oüe». @r benit nid^t, fonbern ®ott benlt in
i^m. (9oii befd^aut in ibm feine eigene fd^öpferifd^e
3n bem hervorbringen beiS Jtunftroerlei^ erblidCt @d^elling
eine SBeltfc^öpfung im Ileinen; in ber ben!enben Setrat^«
tung ber S)inge eine Erinnerung an bie SBellfd^öpfung im
großen. 3n ber Sßeltanfd^auung treten bie 3been felbft
in unferem ®eifte auf, bie ben Singen gu @runbe liegen
unb fie l^eroorgebrac^t l^aben; mir laffen aud ber 9SeIt
aUtS XDtQ, ma0 bit @inne über fte auiSfagen, unb bel^alten
nur ba^jenigc, roaS bai^ reine Senlen liefert. Sm Schöffen
unb ©cniefecn bcS Äunftmerfeö tritt bie innige 3)urd^-
bringung ber 3bce mit bem, roaS ben Sinnen fic^ offen-
bart, auf. gffir SdieHingö anftdöt ftcften alfo «atur, Äunft
unb äSeltanfd^auung (^l^ilofopl^ie) einanber fo gegenüber,
ba% bie %atur bie fertigen, öugeren (Sr^eugniffe barbietet,
bie SBeltanfd^auung bie er/ieugenben Sbeen, bie Äunft beibeS
in l^armonifd^cm 3ufammenroirlen. ®ie lünjMerifd^e S^^ötig«
feit fielet in ber 3Ritte §mifd^en ber fdiaffenbcn 9iatur, bie
l^eroorbringt, o^ne oon ben Sbeen gu miffen, auf @runb
bereu fie fd)afft, unb bem benlenben ©eifte, ber biefe 3been
mei§, ol&ne mit il^rer §ilfc aud^ bie ®inge fd^affen gu
lönncn. Sd^eHing brüdtt bieg in bem Sa^c ouö: „S)ie
ibealifc^e SBcIt ber S'unft unb bie reelle ber Dbjefte finb
alfo ^robultc einer unb berfelben Sl^ätigleit ; baS ^n»
fammentreffen beiber (ber bemühten unb bemufetlofen) ol^ne
Semufetfcin giebt bie roirllid^e, mit Semufetfein bie öft^e»
tifd^e SBelt. ®ie obj[cftioc SBcIt ift nur bie urfprünnlid^c,
no(| bcroufetlofe ^oepc beg ©cifteS, ba$ allgemeine Drganon
ber ^l^ilofopl&ie — unb ber ©d^Iu^ftein il^reö gangen ©e-
möIbeS — bie ^^ilofopl&ie ber Äunft.''
Sie geiftigen Sl^ätigleiten bt& ÜBenfd^en: benfenbe S3e»
— 84 —
trad^lung ber 9BeIt unb lünftlerifd^ed Sd^affen, erfd^einen
@d^elling nid^t nur aU inbioibueQe Serrid^tungen ber
@ingelperfdnlid^leii; fonbern, toenn fte in il^rer pd^ften 9e«
beutung erfaßt xoexbtn, augleid^ ate SSerrid^iungen bed Ur«
n)efend, ®otted. 3n mal^rlgaft bitJ^^rambift^en Sä^en
fd^ilbert ©d^eüing ba» ®efü^I, ba» in ber Seele auflebt,
mtnn fie Qexod^t micb, ba% i^t Seben nid^t blog ein inbi*
DibueQeiS, auf einen $unlt be» UnioerfumS beft^rctnlted ift,
fonbern, bag il^r Sl^un ein göttlid^-aügemeined ift. 9Benn
fte fagt: id^ voti^, id^ erlenne, fo i^eigt ba^, in p^erent
@inne, ®oit erinnert fid^ an fein S^l^un Dor bem 2)afein
ber S)inge; unb menn fte ein jtunftoeri l^eroorbringt, fo
l^eigt baS: ®oii n)ieber]^oIt im {leinen baiSfelbe, n^ai^ er
bei ber ®d^öpfung bt» %aiurgangen im grogen DoHbrad^t
l^at. ;,S)ie Seele ift alfo im äRenfd^en nid^t ba^ ^ringip
ber Snbipibualität, fonbern ba», moburd^ er ftd^ über alle
@elbft^eit ergebt, moburd^ er ber Slufopferung feiner felbft,
uncigennü^iger ßiebc, unb, maS boö §öd^fte ift, ber Se»
trad^tung unb (SrIenntniiS bt» SBefeniS ber Singe, thtn
bamit ber ^unft föl^ig mirb. ®ie ift nid^t mel^r mit ber
ÜSaterie befd^ctftigt, nod^ oerlel^rt fie unmittelbar mit il^r,
fonbern nur mit bem ®eift, afe bem Seben ber Singe.
Sfud) im ffiörpcr erfd^eincnb, ift fie bennod^ frei oon btm
Körper, bcffen Scmufetfcin in il^r, in ben fd^önften Sil-
bungen, nur mie ein leidster S^raum fc^mebt, oon bem fte
nid^t geftört roirb. Sie ift feine Sigenfd&aft, lein Scr«
mögen, ober irgenb titoa^ ber Slrt indbefonbere; fie meife
nidjt, fonbern fie ift bie SBiffenfd^aft, fie ift nid^t
gut, fonbern fie ift bie ®ütc, fie ift nid^t fd^ön,
mie t» aud& ber Äörpcr fein lann, fonbern fie ift bie
@d^önl^eit felber.'' (Über ba» äSerl^ältniiS ber bilbenben
^nfte aur %atur.)
(Sine fold^e äSorfteQungiSart Hingt an bie btui^d^t
äR^ftil an, bie einen Stepröfentanten in Sacob SJöl^me
(167Ö— 1624) l&atte. Sd^etting genofe in SlRünd^en, mo er
1806 — 1841 mit lur^en Unterbred^ungen mar, ben an*
regenben Umgang mit gfranj Senebilt Saaber, beffen
— 85 —
p^ilofopl^ifd^e Sbeen fid^ gang in ber 9Kd^tung jener Slieren
Seigre bewegten. 2)ie0 ift bie Seranlaffung, bog er ftd^
feUft in biefe ®ebanIenmeU einlebte; bie ganj auf bem
©eftd^tdpunlte ftanb, auf bem er felbfl mit feinem sbenlen
angelangt mar. SBenn man bie oben angeffil^rten 2lM»
fprüf^e and ber Siebe «Über bad Serl^ältnid berbilbenben
^nfte 3ur Katur^ lieft; bie er 1807 in ber Idniglid^en
SUabemie ber SSiffenfd^aften in SRAnd^en gehalten ^ai, fo
mirb man erinnert an Sacob So^med ainfd^auung : „^tnn
hu bie 2:iefe unb bie Sterne unb bie ßrbe anfteJ^eft, fo
ftel^eft bn beinen ®ott; unb in bemfelben lebeft unb
bift bu aud^, unb berfelBe ®ott regiert bic^ aud^ . . . .
bu bift aM biefem ®ott gefd^affen unb lebft in bemfelben;
aud^ ftel^et aOe beine SSiffenfd^aft in biefem ®ott unb menn
bu ftirbeft, fo mirft bu in biefem ®ott begraben."
9Rit feinem fortfd^reitenben 3)enlen mürbe für Sd^eEing
bie SBeltbetrad^tung jur ®ottei$betradE|tung ober Xl^eofop^ie.
SoQftänbig ftanb er fdgon auf btm SSoben einer fold^en
®ottedbetrad^tung, ate er 1809 feine ;,$l^ilofop|ifd^en
UnterfudEjungen über bali SBefen ber menfd^Iid^en gfrei^eit
unb bie bamit ^ufammenl^ängenben ®egenftänbe'' l^eraud«
gab. S(IIe SBeltcnfd^auungiSfragen rüdEten ftd^ il^m ie^t
in ein neueiS SidEjt. SBenn alle 2)inge göttlich finb: mie
iommt t», bQ% t» Sofed in ber SBelt giebt; ba ®ott
bodi nur bie ooQIommene ®üte fein fann? SBenn bie
@eele btB äKenfd^en in ®ott ift: mie Iommt t», ba% fie
bodg il^re felbftfüd^tigen Sntereffen oerfolgt? Unb menn
®ott t9 ift, ber in mir l^anbelt: mie lann id^, ber id) alfo
gar nid^t ate felbftdnbigeiS SBefen ^anble, bennod^ frei
genannt merben?
2)urd^ ®ottei9betrad^tung , nid^t mel^r burd^ SBelt«
betrad^tung fud^t Sd^eQing biefe t$^agen gu beantmorten.
@d m&re ®ott ooülommen unangemeffen, menn er eine
SBelt oon SBefen fd^affen mürbe, bie er aU unfelbftänbige
fortmäl^renb leiten unb knien mü%U. Soülommen ift ®ott
nur, menn er eine SBelt fd^affen lann, bie i^m felbft an
SoDIommenl^eit gang glei(^ ifi (Sin ®ott, ber nur foIdEied
— 86 —
j^eroorbringen länn, ba» unpoQIomntener al& er felbft ift^
ber ift felbfi unoolllotntnen. ®oü ^ai bälget in ben ältenfd^en
äSefen gefdiaffen, bie nid^t feiner ^ü^rung bebürfen^ fon«
bern bie felbft frei ftnb unb unabhängig mit er. Sin
SBefen, ba» au^ einem anberen feinen Urfprung ^ai, brandet
bedl^olb nid^t Don biefem aud) abl^öngig gu fein. S)enn
t& ift lein SBiberfprud^^ bag ber, welcher ber Sol^n eined
aSenfd^en ifi, felbft 9Kenfd^ ift. 9Bie ba» 9uge, ba» nur
im (Sanken bed DrganiiSmud möglit^ ift, nid^tiSbeftoroeniger
ein unabl^ängigei^ @igenleben für [lä) f^ai, fo ouc^ bie
Singelfeele, bie ^mat in @ott begriffen, aber beiSl^alb bod^
nid^t burd^ il^n n^irlfam ift gleid^ bem ®Iieb an einer
9Rafd^ine. ;,@ott ift nit^t ein ®ott ber SCoten, fonbern
ber fiebenbigen. @d ift nid^t ein^ufel^en, mit ba9 aSer«
DoQIommenfte SBefen ani) an ber möglid^ DoUIontmenften
9Rafd)ine feine Suft fönbe. äSie man anä) bie Wci unb
f$oIge ber SSefen an^ ®ott fid^ beulen möge, nie lann fte
eine med^anifd^e fein, lein blofeei^ Scroirfen ober ^infteHen,
mobei bai5 Seroirfte nid^ts für ftd^ felbft ift; eben fo roenig
Emanation, mobei ba» SlUiSfIie|enbe baiSfelbe bliebe mit
bem, moDon t» auiSgefloffen, alfo nid)t0 @igeneiS, @elbft»
ftänbigeö. ®ie golge ber S)inge auiS ®ott ift eine ©elbft»
Offenbarung ®oitt2. @ott aber lann nur fid^ offenbar
merben in bem, ma^ i^m äl^nlid^ ift, in freien, aud fid^
felbft l^anbelnben SSefen ; für bereu @ein tS leinen @runb
giebt ate ®ott, bie aber fmb, fo mie ®ott ift." aScire
®ott ein ®ott bt» £oten unb alte äSelterfd^einungen nur
ein äRe^ianiiSmuiS, beffen Vorgänge auf il^n ald i^ren 9e«
meger unb Urgrunb aurüdC^ufül^ren mören, fo brandete man
nur bie 2:]^ötigleit ®otteig gu befc^reiben, unb man l^citte
aUt» innerl^alb ber 9BeIt begriffen. SBan lönnte aü» ®oit
l^erauiS aQe 2)inge unb il^re S^ätigleit oerftel^en. ^a» ift
aber nid)t ber ^aJL S)ie göttlid^e SBelt ^at @elbftänbigleü.
®ott J)at fie gef(^affen, aber fte l^at iJ)t eigeneiS SBefen. @o ift
fie göttlid^; aber bai^ ®öttlid^e erfc^eint innerlgalb einer SSefen«
l^eit, bie oon ®ott unabl^cingig ift, innerl^alb eineiS 3li^iQÖiU
lid^en. @on)ie baS äid^i au^ ber S)unlel]|eit l^eraud geboren i^,
— 87 —
fo bte göitltd^e SBelt au» btm ungottlid^en Safein. Hub
au» btm Ungottltd^en flammt ba& SSöfe, ftammt ba» Selbft*
füdgtige. ©Ott l^at alfo bie ©efamtl^eit ber SSefen nid|t in
feiner ©emalt; et lann il^nen ba» Si^t geben; fte felbft
aber tauchen an» btx bunllen %ac^t empor. Sie finb
bie ®ö]^ne biefer 3iai^t Unb wa» an i^ntn S)unlel«
l^eit ift, über ba» ^ai ®ott leine äRad^t. Sie muffen ftd)
burd^ 'kadii gnm Si^lt emporarbeiten. S)ad ift ilgre gfrei«
l^eit. SKan lann aud^ fagen, bie SBelt ift ®otted Sd^öpfung
an» bem Ungöttlic^en i^^erauiS. ^a» Ungöttlid^e ift alfo ba»
@rfte unb ba» ©ottlid^e erft ba» Smeite.
3uerft l)ai Sd^eüing bit 3been in allen Singen ge«
fud^t, alfo il^r ©öttlid^ed. Saburd^ l^at fidEi für il^n bie
gange äSelt in eine Offenbarung @otted oermanbelt. Sr
mugte bann aber nom ©öttlid^en gum Ungöttlid^en oor«
fd^reiteU; um ba» UnooIUommene, ba» 9bfe^ ba» Selbft-
füdjtige gu begreifen. S^t mürbe ber gange 9Serbeprogeg
ber SSelt für il^n eine fortfd)reitenbe Überminbung bt» Un«
gottlid^en burdE) ba» ©öttlidie. S)er einzelne äßenfd^ nimmt
an» Ungöttlid)em feinen Urfprung. @r arbeitet ftc^ an»
biefem l^erau^ gur ©ottlid^Ieit burc^. 2lnä) im SSerlauf ber
©efd^ic^te lönnen mir ben eJrottgang oom Ungöttlid^en gum
®öiilxd)tn bcobad^ten. 2)ad Ungöttlid^e mar urfprünglic^
ba» $errfd)enbe in ber SSelt. Sm Slltertum überliegen [x6)
bie 9Renfd)en i^rer %atur. Sie l^anbelten naio an» Selbft*
fud^t. Sie griedgifd^e Kultur ftel^t auf biefem ä3oben. @d
mar ba» S^italter, ba ber SRenfc^ im SSunbe mit ber %atur
lebte, ober, mie Sdtjiüer in btm S(uffa^ ^Über naioe nnb
fentimentalifd^e Sid^tung'' ftd^ auiSbrüdCte, %atur felbft mar,
fie bei^l^alb nod^ nid^t fud^ie. 3Rit btm Sl^riftentum oer«
fd^minbet biefer Unfd^ulbi^guftanb ber SRenfd^^eit. Sie bloge
%atur mirb al» ba» Ungöttlid^e angefeigen, ba» S3öfe mirb
bem ©ottlid^en, bem ©uten entgegengefe^t. (Sf^n^in» tt»
fc^eint, um ba» £idgt bt» ©ottlidgen innerlgalb ber 3taä^i
bt» Ungöttlidgen erf(^einen gu laffen. Siei^ ift ber üRoment,
mo ,,bie @rbe gum gmeitenmale müft unb leer mirb'', ber»
jenige ;,ber ©eburt bt» pigeren ü\6^i» bt» ©eifted", ba»
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^Don Anbeginn in ber 9BeIt mar, aber unbegriffen oon ber
für fii) mirlenben fSfinflernid; nnb in annod^ oerfd^Ioffener
unb eingefd^ränlter Offenbarung; unb ^wax erfd^eint ed,
um bent perfonUd^en unb geiftigen äJöfen entgegengu»
Ireten, ebenfaSiS in perfonlidier, menfd^Iid^er ®eftalt, uitb
ate 9RittIer, unt ben 9tapport ber Sd^öpfung mit ®ott auf
ber pd^ften ®iufe mieber l^erjuftellen. SDenn nur ^erfön«
lid^eiS lann ^erfonlid^eiS l^eilen, unb ®oü mu§ SRenfd^
werben, bamit ber 9Renfd^ mieber }u ®ott !omme'^
2)er ®pinogiiSmuiS ift eine SSeltanfd^auung, bie in ®ott
ben ®runb däe^ SBeltgefd^el^eniS fud^t, unb an^ biefem
®runbe aQe Vorgänge nad^ emigen, notmenbigen ©efe^en
ableitet, mie bie matl^ematifi^en Sßalgrl^eiten auiS ben ®runb«
fä^en abgeleitet merben. (Sine fold^e 3SeItanfd^auung ge«
nügte ®d^eQing nid^t. 9Sie @pinoga glaubte aud^ er batan,
baf alle SBefen in ®ott feien; aber fie finb, nad^ feiner
9Reinung, nidgt burd^ ®ott allein beftimmt, fonbern t9 ift
ba^ Ungöttlid^e in il^nen. @r mirft ©pinoga bie ^.Seb*
lofigleit feineö @^ftemö, bie ®emütIofigIcit ber gform uor,
bie ©ürftigfcit ber Segriffe unb Slu^brtidte, baö unerbittlid^
^erbe ber 93eftimmungen, ba» fid^ mit ber abftraften Se«
trad^tungdmeife uortrefflid^ oertrdgt''. @d^eQing finbet bal^er
©pinoaaS ^med^anifd^c 3iaturanfid^t" ganj folgerid^tig.
aber bie 9iatur ^tiqt leineSmegö biefe fjolgerid^tigleit.
^2)ie ganje $atur fagt uni^, baj^ fie leineiSmegd vermöge
einer blofe geometrifdien Sfiotroenbigleit ba ift, e» ift nid&t
lautere, reine SSernunft in il^r, fonbern $erfönlid^leit unb
®eift, fonft l^Ätte ber geometrifd^e Serftanb, ber fo lange
gel^errfdgt l^at, fte längft burd^bringen unb fein Sbol aQ«
gemeiner unb emiger %aturgefe^e mel^r bemal^rl^eiten muffen,
aü t» biiS je^t gefd^el^en ift, ba er Dielmel^r baiS irrationale
Serl^öItniiS ber %atur }u fid^ täglid^ mel^r erlennen mug."
Sßie ber 9ßenfd^ nid^t blog Serftanb unb Sernunft ift,
onbern nod^ anbere Sermögen unb ^öfte in fid^ vereinigt,
foS, im @inne Sd^eQingiS, bieiS auc^ bei bem gottlid^en
Urmefen ber tSaU fein. 6in ®ott, ber lautere, reine Ser»
nunft ift, erfd^eint mie perfoniftjierte 3Rat^ematiI; ein ®ott
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bagegen, btt Bei feinem SBeltfd^affen nid^i na^ ber reinen
Semunft oerfal^ren lann^ fonbern fortn>ft|renb mit bem
Ungottlid^en 8U lämpfen ^ai, lann ab «ein gang per«
fonlid^eiS, leBenbigei» SBefen angefeBen merben''. Sein fieben
j^at bie grdgte Senologie mit btm menfd^Iid^en. 9Bie ber
SRenfd^ ba» UnooDIommene in ftd^ au ftbenoinben fud^t
unb einem ^beal btt SBoEIommen^eit nad^ftrebt: fo mirb
ein fold^er (Sott, aü ein emtg lämpfenber, oorgefleQt, beffen
£l^ätigleit bie fortfd^reitenbe Uberminbung bed Ungöttlid^en
ifi Spinogod ®ott oerglei^t Sd^eHing ben ^ätteften Silbern
ber ©ottl^eiten, bie, fe meniger inbioibueII«Iebenbige 3^0^
ans i^nen fprac^en, befto gel^eimnidooller erfd^ienen''.
Sd^eEing giebt feinem ®otte immer inbioibueüere 3üge.
@r fd^ilbert ii^n mie einen !iRenfd^en, menn er fagt: «Se»
benlen mir ba» Sdgreddid^e in ber %atur unb ®eiftermelt
unb ba» meit SRel^rere, ba§ eine mol^lmollenbe $anb und
gujubedCen fd^eint, bann lönnen mir nidE|t gmeifeln, ba% bie
©ottl^eit über einer 3BeIt ber @d^redten throne, unb ®ott
nad^ bem, wa» in il^m unb burd^ i^n oerborgen ift, nid^t
im uneigentlid^en, fonbern im eigentlidien @inn ber @d^red«
lid^e, ber Sürd^terlic^e l^eigen lönne''.
(Stnen fold^en ®ott lonnte Sd^eDing nid^t mel^r fo be»
ixad^itn, mie Spinoja feinen ®ott betrachtet l^at. Sin ®ott,
ber aDed au0 fid^ l^eraud nad^ Sernunftgefe^en beftimmt,
lann an^ mit ber Sernunft burd^fd^aut merben. @in per«
fSnIidger ®ott, mie il^n Sd^eüing in feiner fpäteren Qtii
oorfteSte, ift unbered^enbar. Senn er l^anbelt nid^t nad^
ber Sernunft allein* Sei einem Sled^ene^empel lonnen mir
bai^ Srgebnid burd^ bloged S)enlen oorauiSbeftimmen; bei
bem l^anbelnben SRenfd^en nid^t. Sei il^m muffen mir ab»
märten, ju meld^er ^anblung er ftd^ in einem gegebenen
augenblidCe enifd^liegen mirb. S)ie Srfal^rung mu| ^n bem
Semunftmiffcn J^injutreten. S)ic reine Sernunftmiffcnfd^aft
genügte bal^er @d^elling nid^t gur SBelt* ober ®otteiS«
anfdiauung. SllleiS aud ber Sernunft gemonnene nennt er
bal^er ein negatioed SBiffen, ba» burd^ ein pofttioed ergängt
merben mu§. 9Ber ben lebenbigen ®ott erlennen miQ, barf
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ftd^ nid^t Blogben noiiDenbtgenSSernunftfd^Iüffen überlaffen; er
mu% fid^ tnii feiner gangen ^erfönlid^JEett Derfenlen in ba»
Seben ©otteiS. 3)ann n)irb er erfa^ren^ ma^ il^m leine
Sd&Iüffe, leine reine SSernunft geben lönnen. ®ie SBelt ift
nid^t eine notmenbige SBirlung ber göttlid^en Urfad^e^ fonbern
eine freie %^ai bel^ perfönlid^en ®otM. ^a» <Sd^eIIing
nid^t burd^ vernünftige ä3etrad)tung erlannt, fonbern ali
freie, unberechenbare Sl^aten ®oitt^ erfdiaut gu Igaben
glaubte, ba^ J)at er in feiner ^^l^ilofop^ie ber Dffcn»
borung " unb feiner «^l&ilofoplöie ber äffi^tl^ologie'' bar»
gelegt. Seibe 3Berfe i^at er nid^t me^r felbft »eröffentlid^t,
fonbern il^ren Slnl^alt nur ben SSorlefungen gu @runbe
gelegt, bie er an ber Unioerfttät gu Serlin gehalten l^at,
nad^bem il&n ^ricbrid^ SEBil^elm IV. in bie prcufeifd^c ^aupU
^iabi berufen l^atte. @ie finb erft nad^ ®d^ellingg £obe
(1854) oeröffcntlid^t roorben.
"Stii fold^en ^nfd^auungen l^at @d^eQing fid^ aU ben
fül&nften unb muttgftcn berjenigen $]&iIofopl)en crroiefen,
bie fid^ oon Äant gu einer ibealiftifd&cn 2BeItanfd|auung
l^aben anregen laffen. S)aö ^l^ilofopl^icren über Singe,
bie ienfcitö beffcn liegen, maB bie mcufd^lid^cn ©inne beob»
ad^ten, unb ma^ ba» S)enlen über bie äSeobad^tungen
auSfagt, l^at ntan, unter bem Sinfluffe biefer Anregung,
aufgegeben. 3ßan fud^te fid^ mit bem gu befd^eiben, xoaS
innerl^alb SJeobad^tung unb 2)enlen liegt. SBäl^renb aber
Sant aus ber Siotmcnbigleit foldien Sefdjcibcng gefdE)Ioffen
"^ai, man lönne über jenfcitige ®inge nid^tö roiffen, er»
Härten bie 9tad^Iantianer: ba S3eobad^tung unb 2)enlen auf
lein jcnfeitigeö ©öttlidfie l^inbeuten, finb fie felbft ba&
©ottlid^e. Unb oon benen, bie foId^eS erllärten, mar
®d^elling ber energifd^efte. t$id|te l^at aUeiS in bie ^d^^^it
l^ereingenommen; @dE)eIIing l^at bie S^^^eit über alled aud«
gebreitet. (Sr moQte nid^t mie jener geigen, bai bie 3d)]^eit
alles ; fonbern umgelel^rt, bai aQeS Sd^l^eit fei. Unb
®d^eQing Igatte ben 9Rut, nid^t nur ben ^been
…[truncated]