Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901 – 1925

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Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


SCHRIFTEN  UND  VORTRAGE 
ZUR  GESCHICHTE  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  BEWEGUNG 
UND  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


Rudolf  Steiner 
Marie  Steiner- von  Sivers 


Briefwechsel  und  Dokumente 

1901  -  1925 


Neu  herausgegeben 
zur  hundertjahrigen  Wiederkehr 

der  Begriindung  der 
anthroposophischen  Bewegung 
1902  -  2002 


2002 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die  Herausgabe  besorgten  Hella  Wiesberger  und  Julius  Zoll 


1.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1967 

2.,  neu  durchgesehene  und  erweiterte  Auflage 
Gesamtausgabe  Dornach  2002 


Bibliographie-Nr.  262 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  2002  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz:  Verlag  /  Bindung:  Spinner,  Ottersweier 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-2620-9 


INHALT 


Vorbemerkungen  der  Herausgeber  zur  Neuausgabe  2002  ...  11 

Zur  Einfiihrung:  Aufzeichnungen  Rudolf  Steiners,  geschrieben 

fur  Edouard  Schure  in  Barr  im  Elsass,  September  1907  ...  15 

Anhang  zu  [I.J  der  Aufzeichnungen  Rudolf  Steiners:  Aus 
der  Einleitung  von  Edouard  Schure  zu  seiner  franzosischen 
Ubersetzung  von  Rudolf  Steiners  Werk  «Das  Christentum 


als  mystische  Tatsache»  (1908)  29 

Briefe  und  Dokumente  1901-1925    33 

1900-1902:  S.  35  \  1903:  S.  48  |  1904:  S.  63  |  1905:  S.  84  | 
1906:  S.  133  \  1907:  S.  169  |  1908:  S.  198  \  1909:  S.  204  | 
1910:  S.  217  |  1911:  S.  226  \  1912:  S.  252  j  1913:  S.  268  j 
1914:  S.  280 

Zwischenbetrachtung  der  Herausgeber:  Zusammenarbeit 

auf  dem  Gebiete  der  Kunst,  insbesondere  der  Sprache    .    .  287 

Briefe  und  Dokumente  (Fortsetzung)  293 

1914:  S.  293  |  1915-1921:  S.  302  |  1922:  S.  321  |  1923:  S.  336  \ 
1924:  S.  388  |  1925:  S.  447 

Anhang 

Zu  dieser  Ausgabe  471 

Personenregister  473 

Reiseverzeichnis  489 

Verzeichnis  der  Briefe  und  Dokumente  497 

Ubersicht  iiber  die  Reihe:  Das  lebendige  Wesen  der  Anthropo- 

sophie  und  seine  Pflege  509 

Ubersicht  iiber  die  Reihe:  Veroffentlichungen  zur  Geschichte 

und  aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Lehrtatigkeit  .  .  .  .  510 
Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  511 


Verzeichnis  und  Nachweis  der  Abbildungen: 


Seite 


Rudolf  und  Marie  Steiner  1915  8/9 

Marie  von  Sivers  1903  57 

Rudolf  Steiner  1904  66 

Rudolf  Steiner  und  Marie  von  Sivers  in  Schirmensee  1904  71 

Rudolf  Steiner  und  Marie  von  Sivers  in  Landin  1906  151 

Marie  von  Sivers  1906  153 

Rudolf  Steiner  und  Marie  von  Sivers  in  Stuttgart  1908  203 

Rudolf  Steiner  und  Marie  von  Sivers  in  Oslo  1908  209 

Rudolf  und  Marie  Steiner  vor  dem  Ersten  Goetheanum  ca.  1920/21  320 

Rudolf  Steiner  1923  343 

Marie  Steiner  1924  391 

Rudolf  Steiner  auf  dem  Totenbett  1925  (Zeichnung)  467 


©  Verlag  am  Goetheanum  (Photo  O.  Rietmann):  Abbildung  S.  343 
©  Rudolf  Steiner  Nachlassverwaltung:  Alle  iibrigen  Abbildungen 


RUDOLF  STEINER 

27.  Februar  1861  in  Kraljevec/Osterreich-Ungarn 
t  30.  Marz  1925  in  Dornach/Schweiz 


MARIE  STEINER-VON  SIVERS 

*  14.  Marz  1867  in  Wlotzlawek/Ruftland 
I  27.  Dezember  1948  in  Beatenberg/Schweiz 


Begriinder  und  zentrale  Trager 
der  anthroposophischen  Bewegung 


Die  Aufnahmen  auf  den  folgenden  Seiten  entstanden  1915. 


VORBEMERKUNGEN  DER  HERAUSGEBER 
ZUR  NEUAUSGABE  2002 


In  Marie  v.  Sivers,  spater  Marie  Steiner,  war  Rudolf  Steiner  vom  Schicksal 
gerade  zum  richtigen  Zeitpunkt  eine  Personlichkeit  zugefiihrt  worden,  mit 
der  zusammen  er  es  wagen  konnte,  in  «treuer  fester  Waffenbruderschaft» 
eine  moderne,  anthroposophisch  orientierte  geisteswissenschaftliche  Be- 
wegung  ins  Leben  zu  rufen.  Von  selbstandiger  Geistigkeit,  hochgebildet, 
bewandert  in  der  Weltliteratur,  fliefiend  fiinf  Sprachen  sprechend,  dazu 
beseelt  von  einer  aufiergewohnlichen  Hingabefahigkeit  fiir  die  Sache, 
konnte  sie  die  Kraft  aufbringen,  mit  seiner  iiberwaltigenden  Arbeitslei- 
stung  Schritt  zu  halten.  Zudem  war  sie  eine  ausgezeichnete  Organisatorin: 
«Ich  hatte  die  Dinge  zu  schreiben,  die  Vortrage  zu  halten,  Frau  Doktor 
organisierte  die  ganze  Anthroposophische  Gesellschaft.*1 

Sie  organisierte  seine  Vortragsreisen  und  die  Vortragsveranstaltungen 
und  fiihrte  auch  die  damit  zusammenhangende  immer  umfangreicher  wer- 
dende  Korrespondenz,  in  der  damaligen  Zek  noch  von  Hand,  zudem 
weitgehend  auf  Reisen.  Denn  wenn  auch  anfanglich  Rudolf  Steiner  noch 
allein  reiste,  so  wurde  sie  doch  schon  bald  zu  seiner  unentbehrlichen 
Reisebegleiterin  und  Dolmetscherin  bei  Gesprachen  mit  Fremdsprachigen, 
gelegentlich  auch  bei  Vortragen.  Wo  immer  es  moglich  war,  suchte  sie  ihn 
zu  entlasten.  So  griindete  sie,  um  ihn  fiir  seine  schriftstellerischen  Arbeiten 
vom  Zeitdruck  durch  Verleger-Termine  zu  befreien,  einen  eigenen  Verlag. 
Und  als  es  notwendig  wurde,  das  Nachschreiben,  die  Drucklegung  und 
den  Vertrieb  der  Nachschriften  seiner  immer  frei  gehaltenen  Vortrage  in 
eigene  Regie  zu  nehmen,  ubertrug  er  ihr  auch  diesen  Bereich,  einschliefi- 
lich  der  Verantwortung  fiir  die  Texte,  da  er  sie  infolge  seiner  stetig  sich 
steigernden  Vortragstatigkeit  nicht  selber  iiberpriifen  konnte.  Ein  fiir  beide 
tief  befriedigendes  Arbeitsgebiet  entwickelte  sich  aus  dem  Bestreben, 
kiinstlerisches  Leben  in  der  anthroposophischen  Bewegung  zu  pflegen,  das 
in  der  Auffuhrung  von  Mysteriendramen  und  dem  dafiir  errichteten  eige- 
nen Bau  sowie  in  der  standigen  Weiterentwicklung  der  neuen  Bewegungs- 
kunst  Eurythmie  gipfelte  (siehe  Seite  287). 

1  Vortrag  Dornach,  15.6.  1923  in  «Die  Geschichte  und  die  Bedingungen  der  an- 
throposophischen Bewegung  im  Verhaltnis  zur  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft»,  GA  258. 


Von  dieser  23  Jahre  wahrenden  Zusammenarbeit  fur  eine  anthroposo- 
phische  Bewegung  und  Gesellschaft  zeugen  nun  in  einer  ganz  besonderen 
Art  die  zwischen  ihnen  gewechselten  Briefe,  sowie  ihre  testamentarischen 
Verfiigungen.  Sie  bilden  eine  wesentliche  Erganzung  sowohl  zur  Ge- 
schichte  der  anthroposophischen  Bewegung  und  Gesellschaft  wie  auch  zur 
Biographie  der  beiden  Griinder-Personhchkeiten.2 

Obwohl  der  Briefwechsel  sich  iiber  zwei  Jahrzehnte  erstreckte,  ist  er 
doch  nicht  kontinuierlich,  da  ja  nur  miteinander  korrespondiert  wurde, 
wenn  man  nicht  am  gleichen  Ort  miteinander  tatig  war  oder  nicht  gemein- 
sam  reiste.  Auch  ist,  wenn  gleichwohl  viele  Briefe  vorliegen,  die  Ein- 
schrankung  zu  machen:  <soweit  sie  sich  erhalten  haben>.  Denn  Rudolf 
Steiner  erwahnt  des  ofteren  -  insbesondere  in  den  Jahren  bis  1914  -  Briefe 
von  Marie  v.  Sivers  an  ihn,  die  nicht  vorliegen.  Es  ist  anzunehmen,  dass  sie 
sich  in  dem  groJSen  verschlossenen  Kuvert  befanden,  das  von  Marie  Steiner 
hinterlassen  worden  war  mit  der  Bestimmung,  es  nach  ihrem  Tode  unge- 
offnet  zu  verbrennen.  Dies  wurde  von  dem  Testamentsvollstrecker,  dem 
Rechtsanwalt  Dr.  Paul  Jenny  aus  Zurich  unter  Anwesenheit  von  Marie 
Steiners  Sekretarin,  Berta  Reebstein-Lehmann,  als  Zeugin,  vollzogen.  Au- 
fierdem  diirfte  sich  in  diesem  Kuvert  auch  mindestens  ein  Brief  Rudolf 
Steiners  befunden  haben,  dessen  Existenz  durch  die  Berliner  Mitarbeiterin 
Anna  Samweber  iiberliefert  worden  ist.  Sie  berichtete,  dass  ihr  Marie 
Steiner  in  der  Zeit  nach  Rudolf  Steiners  Tod,  als  einige  Personlichkeiten 
aus  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  ihre  Rechte  am  literarischen 
Nachlass  Rudolf  Steiners  in  Frage  stellten,  einen  Brief  zu  lesen  gab,  in  dem 
gestanden  habe,  «wie  fur  sie  beide  in  der  geistigen  Welt  bestimmt  worden 
sei,  dass  er  nur  mit  ihr  zusammen  seine  irdische  Aufgabe  erfiillen  konne.»3 

Was  Marie  Steiner  dazu  bewegt  haben  mag,  solche  Dokumente  der 
Nachwelt  nicht  auszuliefern,  diirfte  vor  allem  in  der  ihr  eigenen  tiefen 
Zuriickhaltung  ihrer  Personlichkeit  gegeniiber  Rudolf  Steiner  gelegen  ha- 
ben, die  so  klar  und  deutlich  aus  der  ganzen  Art  ihrer  vorliegenden  Briefe 
spricht.  Dass  diese  iiberhaupt  erhalten  geblieben  sind,  konnte  sogar  auf 
einem  Versehen  beruhen.  Denn  sie  fanden  sich  erst  lange  nach  ihrem  Tod 

2  Siehe  Rudolf  Steiners  Autobiographic  «Mein  Lebensgang»,  GA  28,  und  innerhalb 
der  Reihe  «Rudolf  Steiner-Studien.  Veroffentlichungen  aus  dem  Archiv  der 
Rudolf  Steiner-Nachlassverwaltung»  die  biographische  Dokumentation  «Marie 
Steiner-von  Sivers  -  Ein  Leben  fur  die  Anthroposophie»,  dargestellt  von  Hella 
Wiesberger,  Dornach  1988  und  1989. 

3  Anna  Samweber,  «Aus  meinem  Leben»,  Pforte-Verlag  Basel  1981. 


wie  verlegt  unter  ganz  anderen  Papieren.  Der  gesamte  Bestand  des  Rudolf 
Steiner-Archivs  war  ja  wahrend  des  Zweiten  Weltkrieges  aus  Sicherheits- 
grunden  nach  Beatenberg  im  Berner  Oberland  verlagert  und  erst  nach 
Marie  Steiners  Tod  von  dort  nach  Dornach  zuriickgefiihrt  worden. 

Besonders  ansprechend,  weil  vollig  unsentimental,  kommt  die  tiefe 
Zuriickhaltung  ihrer  eigenen  Personlichkeit  in  der  von  ihr  gebrauchten 
Anrede  zum  Ausdruck.  Da  sie  von  Rudolf  Steiner  oft  <Maus>  genannt 
wurde  -  eine  in  Osterreich  und  Bayern  gern  und  viel  gebrauchte  Anrede- 
form  setzte  sie  den  <Elefanten>  dagegen,  aber  immer  nur  in  der  Abkiir- 
zung  <E.>  Mit  der  von  ihm  ebenso  gern  und  oft  gebrauchten  Anrede  <Mein 
Liebling>  wollte  er  sie  offenbar  darin  bestarken,  dass  sie  zu  «treuer,  fester 
Waffenbriiderschaft»  zusammengehoren,  dass  er  sich  mit  ihr  «immer  si- 
cher  fiihlen»  wird,  denn  «du  verstehst  mich,  das  gibt  mir  Kraft,  das  macht 
mir  die  Fliigel  frei»  (Brief e  Nr.  7,  10,  15).  Erinnert  das  nicht  daran,  dass  in 
der  Mysteriensprache  derjenige  Schiller,  der  die  Intentionen  des  Lehrers 
am  tiefsten  versteht,  als  Lieblingsschiiler  bezeichnet  wird?  Und  bestatigen 
das  nicht  auch  die  Worte  aus  seiner  testamentarischen  Niederschrift  vom 
19.  Februar  1907,  mit  denen  er  ihr  das  Recht  zuspricht,  nach  seinem  Tode 
in  seinem  Namen  verfugen  zu  konnen:  «Was  sie  so  tut,  soil  in  meinem 
Namen  getan  sein.»  (Nr.  55). 

War  es  fur  die  erste  Herausgabe  des  Briefwechsels,  die  1967  zum  100. 
Geburtstag  Marie  Steiners  erfolgte,  aus  Riicksicht  auf  noch  lebende  Perso- 
nen  geboten,  die  meisten  Namen  und  bestimmte  Aussagen  wegzulassen,  so 
sind  die  Briefe  nunmehr  in  ihrem  vollen  Wortlaut,  einschliefilich  der 
Anreden  und  Schliisse,  wiedergegeben.  Es  sollte  jedoch  bei  dem  einen  oder 
anderen  harten  Wort  Rudolf  Steiners  iiber  diese  oder  jene  Personlichkeit 
bedacht  werden,  dass  er  seine  Worte  immer  als  situationsbedingt  und  nicht 
als  absolut  geltend  verstanden  wissen  wollte.  Die  Briefe  setzen  ja  einfach 
die  durch  Reisen  des  einen  oder  anderen  unterbrochenen  vertraulichen 
Gesprache  zweier  Menschen  fort,  die  es  im  Zusammenhang  ihrer  gemein- 
sam  ubernommenen  Aufgabe  mit  alien  menschlichen  Schwachen  und 
Widerstanden  zu  tun  hatten,  die  ihnen  aus  der  interessierten  Mitwelt 
heraus  entgegengebracht  wurden. 

Ferner  ist  der  Briefwechsel  selber  erweitert  worden  um  einen  neu 
aufgefundenen  Brief  Marie  Steiners  an  Rudolf  Steiner,  sowie  um  mehrere 
fur  die  jeweilige  Situation  bezeichnende  Briefe  von  Rudolf  und  Marie 
Steiner  an  dritte  Personen. 

Um  die  Hinweise  nicht  unnotig  zu  belasten,  ist  darauf  verzichtet 


worden,  Angaben  zu  Rudolf  Steiners  Biographie  und  zu  seinen  Vortragen 
immer  im  einzelnen  nachzuweisen,  da  man  sich  dariiber  eingehend  orien- 
tieren  kann  in  Rudolf  Steiners  Autobiographic  «Mein  Lebensgang» 
(GA  28),  in  «Rudolf  Steiner  -  Eine  Chronik»  von  Christoph  Lindenberg, 
und  in  «Das  Vortragswerk  Rudolf  Steiners»  von  Hans  Schmidt. 

Bemerkungen  zur  Redaktion  und  zu  den  Erweiterungen  findet  man  am 
Schluss  des  Bandes  unter  «Zu  dieser  Ausgabe». 

Als  Einfuhrung  sind,  wie  schon  in  der  ersten  Ausgabe,  wieder  die 
autobiographischen  Aufzeichnungen  Rudolf  Steiners  vorangestellt,  die  fur 
den  franzosischen  Schriftsteller  Edouard  Schure  niedergeschrieben  wur- 
den.  Er  hatte,  als  er  im  September  1907  von  Marie  v.  Sivers  und  Rudolf 
Steiner  in  Barr  im  Elsass  -  seinem  Sommersitz  -  besucht  wurde,  um  einige 
biographische  Angaben  gebeten,  weil  er  Rudolf  Steiners  Schrift  «Das 
Christentum  als  mystische  Tatsache»  iibersetzte  und  in  einer  Einleitung 
den  Autor  dem  franzosischen  Lesepublikum  vorstellen  wollte.  So  entstan- 
den  die  in  drei  Teile  gegliederten  <documents  de  Barn.  Dariiber  hinaus  hat 
Rudolf  Steiner  Schure  aber  auch  noch  manches  in  Gesprachen  berichtet. 
Davon  ist  in  die  Einleitung  etwas  eingeflossen,  was  als  wesentliche  Ergan- 
zung  gelten  kann  zu  der  im  ersten  Teil  der  Aufzeichnungen  nur  angedeu- 
teten  Begegnung  mit  dem  Meister.  Die  betreffende  Passage  ist  darum  in 
der  vorliegenden  Ausgabe  den  Aufzeichnungen  als  Anhang  hinzugefiigt 
worden. 


2UR  EINFUHRUNG 


AUFZEICHNUNGEN  RUDOLF  STEINERS 

geschrieben  fur  Edouard  Schure  in  Barr  im  Elsass, 

September  1907 

[i.] 

Sehr  friih  wurde  ich  auf  Kant  hingelenkt.  Im  funfzehnten  und  sech- 
zehnten  Jahre  studierte  ich  Kant  ganz  intensiv,  und  vor  dem  Uber- 
gang  zur  Wiener  Hochschule  beschaftigte  ich  mich  intensiv  mit  den 
orthodoxen  Nachfolgern  Kants,  vom  Anfange  des  19.  Jahrhunderts, 
welche  von  der  offiziellen  Wissenschaftsgeschichte  in  Deutschland 
ganz  vergessen  sind  und  kaum  mehr  genannt  werden.  Dann  trat 
hinzu  ein  eingehendes  Vertiefen  in  Fichte  und  Schelling.  In  diese 
Zeit  fiel  -  und  dies  gehort  schon  zu  den  aufieren  okkulten  Einflus- 
sen  -  die  vollige  Klarheit  iiber  die  Vorstellung  der  Zeit.  Diese 
Erkenntnis  stand  mit  den  Studien  in  keinem  Zusammenhang  und 
wurde  ganz  aus  dem  okkulten  Leben  her  dirigiert.  Es  war  die 
Erkenntnis,  dass  es  eine  mit  der  vorwartsgehenden  interferierende 
riickwartsgehende  Evolution  gibt  -  die  okkult-astrale.  Diese 
Erkenntnis  ist  die  Bedingung  fur  das  geistige  Schauen.1 

Dann  kam  die  Bekanntschaft  mit  dem  Agenten  d.  M.  [des 
Meisters]. 

Dann  ein  intensives  Hegelstudium, 


1  Vgl.  die  Ausfiihrungen  Schures  auf  S.  28;  Rudolf  Steiners  autobiographischen 
Vortrag  Berlin,  4.  Februar  1913  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe» 
Nr.  83/84;  Vortrag  Dornach  14.  Juni  1923  in  «Die  Geschichte  und  die  Bedingun- 
gen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Verhaltnis  zur  Anthroposophischen 
Gesellschaft»  in  GA  258;  ferner  Hella  Wiesberger  «Der  biographische  Entste- 
hungsmoment  der  Zeiterkenntnis»  und  «Die  Zeiterkenntnis  als  <Grund-Nerv>  des 
anthroposophischen  Forschungsanfanges»  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner  Ge- 
samtausgabe»  Nr.  49/50,  S.  15-28. 


Dann  das  Studium  der  neueren  Philosophic,  wie  sie  sich  seit  den 
funfziger  Jahren  in  Deutschland  entwickelte,  namentlich  der  so- 
genannten  Erkenntnistheorie  in  alien  ihren  Verzweigungen. 

Mein  Knabenleben  verfloss,  ohne  dass  aufierlich  dies  von  je- 
mand  beabsichtigt  wurde,  so,  dass  mir  nie  ein  Mensch  mit  einem 
Aberglauben  entgegentrat;  und  wenn  in  meiner  Umgebung  jemand 
von  Dingen  des  Aberglaubens  sprach,  so  war  es  nie  anders,  als  mit 
einer  stark  betonten  Ablehnung.  Den  kirchlichen  Kultus  lernte  ich 
zwar  kennen,  indem  ich  zu  Kultushandlungen  als  sogenannter 
Ministrant  zugezogen  wurde,  doch  war  nirgends,  auch  bei  den  Prie- 
stern  nicht,  die  ich  kennen  lernte,  eigentliche  Frommigkeit  und 
Religiositat  vorhanden.  Dagegen  traten  mir  fort  und  fort  gewisse 
Schattenseiten  des  katholischen  Klerus  vor  Augen. 

*  *  ;:- 

Nicht  sogleich  begegnete  ich  dem  M.  [Meister]2,  sondern  zuerst 
einem  von  ihm  Gesandten3,  der  in  die  Geheimnisse  der  Wirksam- 
keit  aller  Pflanzen  und  ihres  Zusammenhanges  mit  dem  Kosmos 
und  mit  der  menschlichen  Natur  vollkommen  eingeweiht  war.  Ihm 
war  der  Umgang  mit  den  Geistern  der  Natur  etwas  Selbstverstand- 
liches,  das  ohne  Enthusiasmus  vorgebracht  wurde,  doch  um  so 
mehr  Enthusiasmus  erweckte. 

Die  offiziellen  Studien  waren  gerichtet  auf  Mathematik,  Chemie, 
Physik,  Zoologie,  Botanik,  Mineralogie  und  Geologic  Diese  Studi- 
en boten  der  Grundlegung  einer  geistigen  Weltanschauung  viel 
grofiere  Sicherheit  als  etwa  Geschichte  oder  Literatur,  die  ohne 
bestimmte  Methode,  und  auch  ohne  bedeutsame  Ausblicke  im  da- 
maligen  deutschen  Wissenschaftsbetrieb  dastanden. 

In  die  ersten  Hochschuljahre  in  Wien  fallt  die  Bekanntschaft  mit 

2  Naheres  nicht  bekannt. 

3  Felix  Koguzki  (Wien  1833-1909  Trumau).  Vgl.  den  autobiographischen  Vortrag 
Berlin,  4.  Februar  1913  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe»  Nr.  83, 
sowie  «Mein  Lebensgang»,  GA  28.  Ferner  Emil  Bock  «Rudolf  Steiner.  Studien  zu 
seinem  Lebensgang  und  Lebenswerk»,  Stuttgart  1961. 


Karl  Julius  Schroer.  Zunachst  horte  ich  seine  Vorlesungen  iiber  Ge- 
schichte  der  deutschen  Dichtung  seit  Goethes  erstem  Auftreten,  iiber 
Goethe  und  Schiller,  iiber  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  im 
19.  Jahrhundert,  iiber  Goethes  «Faust».  Da  nahm  ich  auch  teil  an 
seinen  «Ubungen  im  miindlichen  Vortrag  und  schriftlicher  Darstel- 
lung».  Das  war  ein  eigentumliches  Hochschulkolleg  nach  dem  Mu- 
ster von  Uhlands  Einrichtung  an  der  Tiibinger  Hochschule4.  Schroer 
kam  von  der  deutschen  Sprachforschung,  hatte  bedeutsame  Studien 
gemacht  iiber  deutsche  Dialekte  in  Osterreich,  er  war  ein  Forscher 
im  Stile  der  Briider  Grimm  und  in  der  Literaturforschung  ein  Vereh- 
rer  von  Gervinus.  Er  war  vorher  Direktor  der  Wiener  evangelischen 
Schulen.  Er  ist  der  Sohn  des  Dichters  und  aulSerordentlich  verdienst- 
vollen  Padagogen  Chr.  Oeser.  Zur  Zeit  meiner  Bekanntschaft  mit 
ihm  wandte  er  sich  ganz  Goethe  zu.  Er  hat  einen  vielgelesenen  Kom- 
mentar  von  Goethes  «Faust»  und  auch  von  Goethes  andern  Dramen 
geschrieben.  Er  hat  noch  vor  dem  Niedergang  des  deutschen  Idealis- 
mus  seine  Studien  an  den  deutschen  Universitaten  Leipzig,  Halle  und 
Berlin  gemacht.  Er  war  eine  lebendige  Verkorperung  der  vornehmen 
deutschen  Bildung.  An  ihm  zog  der  Mensch  an.  Ich  wurde  bald  mit 
ihm  befreundet  und  war  dann  viel  in  seinem  Hause.  Es  war  bei  ihm 
wie  in  einer  idealistischen  Oase  innerhalb  der  trockenen  materialisti- 
schen  deutschen  Bildungswiiste.  Im  aufteren  Leben  war  diese  Zeit 
erfiillt  von  den  Nationalitatskampfen  in  Osterreich.  Schroer  selbst 
stand  der  Naturwissenschaft  fern. 

Ich  arbeitete  aber  damals  vom  Anfange  1880  an  an  Goethes 
naturwissenschaftlichen  Studien. 

Dann  begriindete  Joseph  Kurschner  das  umfassende  Werk 
«Deutsche  Nationalliteratur»,  fur  das  Schroer  die  Goetheschen 
Dramen  mit  Einleitungen  und  Kommentar  edierte.  Mir  iibertrug 
Kurschner  auf  Schroers  Empfehlung  die  Edition  von  Goethes 
naturwissenschaftlichen  Schriften. 

Schroer  schrieb  dazu  erne  Vorrede,  durch  welche  er  mich  in  die 
literarische  Offentlichkeit  einfiihrte. 

4   Vgl.  Rudolf  Steiners  Biographie  von  Ludwig  Uhland  (1787-1862,  Tubingen). 
(Abschnitt  «Politik  und  Forschung.  Universitatsprofessor»)  in  GA  33. 


Ich  verfasste  innerhalb  dieses  Sammelwerkes  Einfiihrungen  in 
Goethes  Botanik,  Zoologie,  Geologie  und  Farbenlehre. 

Wer  diese  Einfiihrungen  liest,  wird  darin  schon  die  theosophi- 
schen  Ideen  in  dem  Gewande  eines  philosophischen  Idealismus 
finden  konnen. 

Auch  eine  Auseinandersetzung  mit  Haeckel  ist  darin. 

Wie  eine  philosophische  Erganzung  dazu  ist  meine  1886  ge- 
arbeitete:  Erkenntnistheorie. 

Dann  wurde  ich  durch  meine  Bekanntschaft  mit  der  osterreichi- 
schen  Dichterin  M.  E.  delle  Grazie,  welche  in  dem  Professor 
Laurenz  Milliner  einen  vaterlichen  Freund  hatte,  in  die  Kreise  der 
Wiener  theologischen  Professoren  eingefuhrt.  Marie  Eugenie  delle 
Grazie  hat  ein  grofies  Epos  «Robespierre»  und  ein  Drama 
«Schatten»  geschrieben. 

Ende  der  achtziger  Jahre  wurde  ich  fur  kurze  Zeit  Redakteur  der 
«Deutschen  Wochenschrift»  in  Wien.  Das  gab  Gelegenheit  zu  einer 
intensiven  Beschaftigung  mit  den  Volksseelen  der  verschiedenen 
osterreichischen  Nationalitaten.  Es  musste  fur  eine  geistige  Kultur- 
politik  der  leitende  Faden  gefunden  werden. 

Bei  alledem  konnte  von  einer  offentlichen  Hervorkehrung  der 
okkulten  Ideen  keine  Rede  sein.  Und  die  hinter  mir  stehenden 
okkulten  Machte  gaben  mir  nur  den  einen  Rat:  «Alles  in  dem 
Kleide  der  idealistischen  Philosophies 

Gleichlaufend  mit  all  dem  ging  meine  mehr  als  fimfzehnjahrige 
Tatigkeit  als  Erzieher  und  Privatlehrer. 

Die  erste  Beriihrung  Ende  der  achtziger  Jahre  mit  Wiener 
theosophischen  Kreisen  musste  ohne  aufiere  Nachwirkung 
bleiben. 

Ich  verfasste  in  meinen  letzten  Wiener  Monaten  meine  kleine 
Schrift  «Goethe  als  Vater  einer  neuen  Asthetik». 

Dann  wurde  ich  an  das  damals  begriindete  Goethe-  und  Schil- 
ler-Archiv  in  Weimar  berufen  zur  Edition  von  Goethes  natur- 
wissenschaftlichen  Schriften.  Eine  offizielle  Stellung  hatte  ich  an 
diesem  Archiv  nicht;  ich  war  lediglich  Mitarbeiter  an  der  grofien 
«Sophien-Ausgabe»  Goethescher  Werke. 


Mein  nachstes  Ziel  war,  rein  philosophisch  die  Grundlegung  mei- 
ner  Weltauffassung  zu  liefern.  Das  geschah  in  den  beiden  Schriften: 

«Wahrheit  und  Wissenschaft»  und  «Philosophie  der  Freiheit». 

Das  Goethe-  und  Schiller- Archiv  wurde  von  einer  groften  Reihe 
gelehrter  und  literarischer,  auch  sonstiger  Personlichkeiten  Deutsch- 
lands,  aber  auch  des  Auslandes  besucht.  Ich  lernte  manche  dieser  Per- 
sonlichkeiten genauer  kennen,  weil  ich  bald  befreundet  wurde  mit 
dem  Direktor  des  Goethe-  und  Schiller- Archivs  Prof.  Bernhard  Su- 
phan  und  viel  in  dessen  Hause  verkehrte.  Suphan  zog  mich  zu  vielen 
Privatbesuchen,  die  er  von  den  Besuchern  des  Archivs  hatte.  Bei  einer 
solchen  Gelegenheit  fand  auch  die  Begegnung  mit  Treitschke  statt. 

Innigere  Freundschaft  schloss  ich  damals  mit  dem  bald  darauf 
verstorbenen  deutschen  Mythenforscher  Ludwig  Laistner,  dem 
Verfasser  des  «Ratsel  der  Sphynx». 

Wiederholte  Gesprache  hatte  ich  mit  Herman  Grimm,  der  mir 
viel  sprach  von  seinem  nicht  ausgefiihrten  Werke,  einer  «Geschich- 
te  der  deutschen  Phantasie». 

Dann  kam  die  Episode  Nietzsche.  Ich  hatte  kurz  vorher  sogar  im 
gegnerischen  Sinne  iiber  Nietzsche  geschrieben. 

Meine  okkulten  Krafte  wiesen  mich  darauf  hin,  in  die  Zeitstro- 
mungen  unvermerkt  die  Richtung  nach  dem  Wahrhaft-Geistigen 
fliefien  zu  lassen.  Man  gelangt  nicht  zur  Erkenntnis,  wenn  man 
den  eigenen  Standpunkt  absolut  durchsetzen  will,  sondern  durch 
Untertauchen  in  fremde  Geistesstromungen. 

So  schrieb  ich  mein  Buch  iiber  Nietzsche,  indem  ich  mich  ganz 
auf  Nietzsches  Standpunkt  stellte.  Es  ist  vielleicht  gerade  aus  die- 
sem  Grunde  das  objektivste  Buch  innerhalb  Deutschlands  iiber 
Nietzsche.  Auch  Nietzsche  als  Anti-Wagnerianer  und  Antichrist 
kommt  da  ganz  zu  seinem  Rechte. 

Ich  gait  nun  eine  Zeit  lang  als  unbedingtester  «Nietzscheaner».  - 

Damals  wurde  die  «Gesellschaft  fur  ethische  Kultur»  in  Deutsch- 
land  gegriindet.  Diese  Gesellschaft  wollte  eine  Moral  mit  volliger 
Indifferenz  gegen  alle  Weltanschauung.  Ein  volliges  Luftgebaude 
und  eine  Bildungsgefahr.  Ich  schrieb  gegen  diese  Griindung  einen 
scharfen  Artikel  in  der  Wochenschrift  «Die  Zukunft». 


Die  Folge  waren  scharfe  Entgegnungen.  Und  meine  vorangegan- 
gene  Beschaftigung  mit  Nietzsche  fiihrte  herbei,  dass  eine  Broschii- 
re  gegen  mich  erschien: 

«Nietzsche-Narren» . 

Der  okkulte  Standpunkt  verlangt:  «Keine  unnotige  Polemik» 
und  «Vermeide,  wo  du  es  kannst,  dich  zu  verteidigen». 

Ich  schrieb  in  Ruhe  mein  Buch:  «Goethes  Weltanschauung*,  das 
den  Abschluss  meiner  Weimarischen  Zeit  bildete. 

Sogleich  nach  meinem  «Zukunft»-Artikel  trat  Haeckel  an  mich 
heran.  Er  schrieb  zwei  Wochen  spater  einen  Artikel  in  der  «Zu- 
kunft»,  in  dem  er  sich  offentlich  zu  meinem  Gesichtspunkt  be- 
kannte,  dass  eine  Ethik  nur  auf  dem  Boden  einer  Weltanschauung 
erwachsen  konne. 

Nicht  lange  danach  war  Haeckels  60.  Geburtstag,  der  als  grofie 
Festlichkeit  in  Jena  gefeiert  wurde.  Haeckels  Freunde  zogen  mich 
zu.  Damals  sah  ich  Haeckel  zum  ersten  Mai.  Seine  Personlichkeit  ist 
bezaubernd.  Er  ist  personlich  der  vollkommenste  Gegensatz  von  dem 
Ton  seiner  Schriften.  Hatte  Haeckel  jemals  Philosophic  auch  nur  ein 
wenig  studiert,  in  der  er  nicht  bloft  Dilettant,  sondern  ein  Kind  ist:  er 
hatte  ganz  sicher  aus  seinen  epochemachenden  phylogenetischen 
Studien  die  hochsten  spiritualistischen  Schliisse  gezogen. 

Nun  ist  trotz  aller  deutschen  Philosophic,  trotz  aller  iibrigen 
deutschen  Bildung  Haeckels  phylogenetischer  Gedanke  die  bedeu- 
tendste  Tat  des  deutschen  Geisteslebens  in  der  zweiten  Halfte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts.  Und  es  gibt  keine  bessere  wissenschaft- 
liche  Grundlegung  des  Okkultismus  als  Haeckels  Lehre.  Haeckels 
Lehre  ist  grofi,  und  Haeckel  der  schlechteste  Kommentator  dieser 
Lehre.  Nicht  indem  man  den  Zeitgenossen  die  Schwachen  Haek- 
kels  zeigt,  niitzt  man  der  Kultur,  sondern  indem  man  ihnen  die 
Grofte  von  Haeckels  phylogenetischen  Gedanken  darlegt.  Das  tat 
ich  nun  in  den  zwei  Banden  meiner: 

«Welt-  und  Lebensanschauungen  im  19.  Jahrhundert»,  die  auch 
Haeckel  gewidmet  sind,  und  in  meiner  kleinen  Schrift:  «Haeckel 
und  seine  Gegner». 

In  der  Haeckelschen  Phylogenie  lebt  tatsachlich  allein  die  Zeit  des 


deutschen  Geisteswesens;  die  Philosophic  ist  in  einem  Zustande 
trostlosester  Unfruchtbarkeit,  die  Theologie  ist  ein  heuchlerisches 
Gewebe,  das  sich  dieser  seiner  Unwahrhaftigkeit  nicht  im  entfernte- 
sten  bewusst  ist,  und  die  Wissenschaften  sind  trotz  des  grofien  empi- 
rischen  Aufschwunges  in  odeste  philosophische  Ignoranz  verfallen. 
1890-1897  war  ich  in  Weimar. 

1897  ging  ich  als  Herausgeber  des  «Magazins  fiir  Literatur»  nach 
Berlin.  Die  Schriften  «Welt-  und  Lebensanschauungen  im  19.  Jahr- 
hundert»  und  «Haeckel  und  seine  Gegner»  gehoren  schon  der 
Berliner  Zeit  an. 

Meine  nachste  Aufgabe  sollte  sein:  in  der  Literatur  eine  geistige 
Stromung  zur  Geltung  zu  bringen.  Das  «Magazin»  stellte  ich  in 
den  Dienst  dieser  Aufgabe.  Es  war  ein  altangesehenes  Organ,  das 
seit  1832  bestand  und  die  verschiedensten  Phasen  durchgemacht 
hatte. 

Ich  leitete  sachte  und  langsam  in  esoterische  Bahnen  himiber. 
Vorsichtig  aber  deutlich:  indem  ich  zu  dem  hundertfunfzigsten 
Geburtstage  Goethes  einen  Aufsatz  schrieb: 

«Goethes  geheime  Offenbarung», 

der  nur  wiedergab,  was  ich  bereits  in  einem  offentlichen  Vortra- 
ge  in  Wien  iiber  Goethes  Marchen  von  der  «griinen  Schlange  und 
der  schonen  Lilie»  angedeutet  hatte. 

Es  lag  in  der  Natur  der  Sache,  dass  sich  fiir  die  von  mir  im 
«Magazin»  inaugurierte  Richtung  langsam  ein  Leserkreis  sammelte. 
Er  fand  sich  zwar,  aber  nicht  so  schnell,  dass  der  Verleger  die  Sache 
finanziell  aussichtsvoll  fand.  Ich  wollte  der  jungliterarischen  Rich- 
tung einen  geistigen  Untergrund  geben,  stand  auch  tatsachlich  in 
dem  lebendigsten  Verkehre  mit  den  aussichtvollsten  Vertretern 
dieser  Richtung.  Ich  wurde  aber  einerseits  im  Stich  gelassen;  and- 
rerseits  versank  diese  Richtung  bald  entweder  in  Nichtigkeit  oder 
in  Naturalismus. 

Mittlerweile  war  schon  die  Verbindung  mit  der  Arbeiterschaft 
angebahnt.  Ich  war  Lehrer  an  der  Berliner  Arbeiterbildungsschule 
geworden.  Ich  lehrte  Geschichte  und  auch  Naturwissenschaften. 
Meine  durchaus  idealistische  Geschichtsmethode  und  meine  Lehr- 


weise  wurde  bald  den  Arbeitern  sympathisch  und  auch  verstand- 
lich.  Mein  Zuhorerkreis  wuchs.  Ich  wurde  fast  jeden  Abend  zu 
einem  Vortrage  gerufen. 

Da  kam  die  Zeit,  wo  ich  im  Einklange  mit  den  okkulten  Kraften, 
die  hinter  mir  standen,  mir  sagen  durfte: 

du  hast  philosophisch  die  Grundlegung  der  Weltanschauung 

gegeben, 

du  hast  fur  die  Zeitstromungen  ein  Verstandnis  erwiesen, 
indem  du  so  diese  behandelt  hast,  wie  nur  ein  volliger  Be- 
kenner  sie  behandeln  konnte; 

niemand  wird  sagen  konnen:  dieser  Okkultist  spricht  von  der 
geistigen  Welt,  weil  er  die  philosophischen  und  naturwissen- 
schaftlichen  Errungenschaften  der  Zeit  nicht  kennt. 
Ich  hatte  nun  auch  das  vierzigste  Jahr  erreicht,  vor  dessen  Ein- 
tritt  im  Sinne  der  Meister5  niemand  offentlich  als  Lehrer  des  Ok- 
kultismus  auftreten  darf.  (Uberall,  wo  jemand  friiher  lehrt,  liegt  ein 
Irrtum  vor.) 

Nun  konnte  ich  mich  der  Theosophie  offentlich  widmen.  Die 
nachste  Folge  war,  dass  auf  das  Drangen  gewisser  Fiihrer  des  deut- 
schen  Sozialismus  eine  Generalversammlung  der  Arbeiterbildungs- 
schule  einberufen  wurde,  welche  zwischen  dem  Marxismus  und 
mir  entscheiden  sollte.  Aber  der  Ostrazismus  entschied  nicht  gegen 
mich.  In  der  Generalversammlung  wurde  mit  alien  gegen  nur  vier 
Stimmen  beschlossen,  mich  weiter  als  Lehrer  zu  halten. 

Aber  der  Terrorismus  der  Fiihrenden  brachte  es  dahin,  dass  ich 
nach  drei  Monaten  zuriicktreten  musste.  Man  hiillte,  um  sich  nicht 
zu  kompromittieren,  die  Sache  in  den  Vorwand:  ich  sei  durch  die 
theosophische  Bewegung  zu  sehr  in  Anspruch  genommen,  um  Zeit 
fur  die  Arbeiterschule  in  hinreichendem  Mafie  zu  haben. 

Vom  Anfange  fast  der  theosophischen  Tatigkeit  stand  Frl, 
v.  Sivers  an  meiner  Seite.  Sie  hat  auch  personlich  die  letzten  Phasen 
meines  Verhaltnisses  zur  Berliner  Arbeiterschaft  mit  angesehen. 

5    Naheres  in  «Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der 
Esoterischen  Schule  1904-1 914»,  GA  264. 


[II.] 


Christian  Rosenkreutz  ging  in  der  ersten  Halfte  des  fiinfzehnten 
Jahrhunderts  nach  dem  Orient,  um  den  Ausgleich  zu  finden  zwi- 
schen  der  Initiation  des  Ostens  und  jener  des  Westens6.  Eine  Folge 
davon  war  die  definitive  Begriindung  der  Rosenkreuzerrichtung  im 
Westen  nach  seiner  Rtickkehr.  In  dieser  Form  sollte  das  Rosen- 
kreuzertum  die  streng  geheimgehaltene  Schule  sein  zur  Vorberei- 
tung  dessen,  was  der  Esoterik  dffentlich  als  Aufgabe  zufallen  miisse 
um  die  Wende  des  19.  und  20.  Jahrhunderts,  wenn  die  auftere 
Naturwissenschaft  zur  vorlaufigen  Losung  gewisser  Probleme  ge- 
kommen  sein  werde. 

Als  diese  Probleme  bezeichnete  Christian  Rosenkreutz: 

1)  Die  Entdeckung  der  Spektralanalyse,  wodurch  die  materielle 
Konstitution  des  Kosmos  an  den  Tag  kam. 

2)  Die  Einfiihrung  der  materiellen  Evolution  in  die  Wissenschaft 
vom  Organischen. 

3)  Die  Erkenntnis  der  Tats  ache  eines  anderen  als  des  gewohn- 
lichen  Bewusstseinszustandes  durch  die  Anerkennung  des 
Hypnotismus  und  der  Suggestion. 

Erst  wenn  diese  materiellen  Erkenntnisse  innerhalb  der  Wissen- 
schaft ausgereift  waren,  sollten  gewisse  rosenkreuzerische  Prin- 
zipien  aus  dem  Geheimwissenschaftlichen  in  die  offentliche  Mit- 
teilung  eintreten. 

Fur  die  Zeit  bis  dahin  wurde  die  christlich-mystische  Initiation 
in  der  Form  dem  Abendlande  gegeben,  in  der  sie  durch  den  Initia- 
tor, dem  «Unbekannten  aus  dem  Oberland»7  erfloss  in  St.  Victor, 
Meister  Eckhart,  Tauler  usw. 

6  Vgl.  Rudolf  Steiner,  «Die  chymische  Hochzeit  des  Christian  Rosencreutz»  in 
GA35  «Philosophie  und  Anthroposophie  1904— 1918»;  auch  in  «Die  chymische 
Hochzeit  des  Christian  Rosenkreutz  anno  1459»,  ins  Neuhochdeutsche  iibertra- 
gen  von  Walter  Weber,  Stuttgart  1957  und  Basel  1978.  Vgl.  auch  «Das  esoterische 
Christentum  und  die  geistige  Fuhrung  der  Menschheit»,  GA  130. 

7  Vgl.  Rudolf  Steiner,  «Die  Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens 
und  ihr  Verhaltnis  zur  modernen  Weltanschauung*  (1901),  GA  7;  Basel  23. 
November  1907  in  «Aus  den  Inhalten  der  esoterischen  Stunden»  GA  266/1;  «Zur 
Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der  Esoterischen  Schule 
1904-1914*,  GA  264,  S.  230. 


Als  ein  «hoherer  Grad»  wird  innerhalb  dieser  ganzen  Stromung 
die  Initiation  des  Manes  angesehen8,  der  1459  auch  Christian  Ro- 
senkreutz  initiierte:  sie  besteht  in  der  wahren  Erkenntnis  von  der 
Funktion  des  Bosen.  Diese  Initiation  muss  mit  ihren  Hintergriin- 
den  noch  fur  lange  vor  der  Menge  ganz  verborgen  bleiben.  Denn 
wo  von  ihr  auch  nur  ein  ganz  kleiner  Lichtstrahl  in  die  Literatur 
eingeflossen  ist,  da  hat  er  Unheil  angerichtet,  wie  durch  den  edlen 
Guyau,  dessen  Schuler  Friedrich  Nietzsche  geworden  ist. 


on.]' 

Als  Information;  in  dieser  Form  unmittelbar  kann  es 
noch  nicht  gesagt  werden. 

Die  Theosophische  Gesellschaft  ist  1875  in  New  York  gegriindet 
worden  durch  H.  P.  Blavatsky  und  H.  S.  Olcott.  Diese  erste  Griin- 
dung  trug  einen  ausgesprochen  westlichen  Charakter.  Und  auch 
die  Schrift  «Isis  Unveiled»,  in  welcher  Blavatsky  eine  grofie  Summe 
von  okkulten  Wahrheiten  veroffentlichte,  tragt  einen  solchen  west- 
lichen  Charakter.  Von  dieser  Schrift  muss  jedoch  gesagt  werden, 
dass  sie  die  grofien  Wahrheiten,  die  in  ihr  mitgeteilt  werden,  in 
einer  vielfach  verzerrten,  ja  oft  karikierten  Art  wiedergibt.  Es  ist 
so,  wie  wenn  ein  harmonisches  Antlitz  in  einem  Konvexspiegel 
ganz  verzerrt  erscheint.  Die  Dinge,  die  in  der  «Isis»  gesagt  werden, 
sind  wahr;  aber  die  Art,  wie  sie  gesagt  werden,  ist  unregelmafiige 

8  Vgl.  Vortrag  Berlin,  11.  November  1904  in  «Die  Tempellegende  und  die  Goldene 
Legende»  GA  93. 

9  Zu  dem  ganzen  Abschnitt  III  vgl.  «Die  okkulte  Bewegung  im  neunzehnten 
Jahrhundert  und  ihre  Beziehung  zur  Weltkultur»,  GA  254;  Vortrag  Helsingfors 
11.  April  1912  in  «Der  Zusammenhang  des  Menschen  mit  der  elementarischen 
Welt.  Kalewala  -  Olaf  Asteson  -  Das  russische  Volkstum»,  GA  158;  ferner  «Die 
Geschichte  und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Verhalt- 
nis  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft»  GA  258. 


Spiegelung  der  Wahrheit.  Es  riihrt  dies  davon  her,  dass  die  Wahr- 
heiten  selbst  inspiriert  sind  von  den  grofien  Initiierten  des  Westens, 
die  auch  die  Initiatoren  der  Rosenkreuzerweisheit  sind.  Die  Ver- 
zerrung  riihrt  her  von  der  unentsprechenden  Art,  wie  diese  Wahr- 
heiten  von  der  Seele  H.  P.  Blavatskys  aufgenommen  worden  sind. 
Fur  die  gebildete  Welt  hatte  gerade  diese  Tatsache  ein  Beweis  sein 
miissen  fiir  die  hohere  Inspirationsquelle  dieser  Wahrheiten.  Denn 
niemals  hatte  jemand  durch  sich  selbst  diese  Wahrheiten  haben 
konnen,  der  sie  in  einer  so  verzerrten  Art  wiedergab.  Weil  nun  die 
Initiatoren  des  Westens  sahen,  wie  wenig  sie  die  Moglichkeit 
haben,  auf  diese  Art  den  Strom  spiritueller  Weisheit  in  die  Mensch- 
heit  einfliefien  zu  lassen,  beschlossen  sie,  die  Sache  iiberhaupt  vor- 
laufig  in  dieser  Form  fallen  zu  lassen.  Doch  war  aber  nun  einmal 
das  Tor  geoffnet:  Blavatskys  Seele  war  so  prapariert,  dass  in  sie 
spirituelle  Weisheiten  einfliefien  konnten.  Es  konnten  sich  ihrer 
ostliche  Initiatoren  bemachtigen.  Diese  ostlichen  Initiatoren  hatten 
zunachst  das  allerbeste  Ziel.  Sie  sahen,  wie  durch  den  Anglo-Ame- 
rikanismus  die  Menschheit  der  furchtbaren  Gefahr  einer  vollstan- 
digen  Vermaterialisierung  der  Vorstellungsart  entgegensteuerte.  Sie 
-  diese  ostlichen  Initiatoren  -  wollten  der  westlichen  Welt  ihre 
Form  von  alters  her  bewahrter  spiritueller  Erkenntnis  einimpfen. 
Unter  dem  Einfluss  dieser  Stromung  nahm  die  Theosophische 
Gesellschaft  den  ostlichen  Charakter  an,  und  unter  dem  gleichen 
Einfluss  wurden  Sinnetts  «Esoterischer  Buddhismus»  und  Blavat- 
skys «Geheimlehre»  inspiriert.  Beides  aber  wurden  wieder  Ver- 
zerrungen  der  Wahrheit.  Sinnetts  Werk  verzerrt  die  hohen  Kund- 
gebungen  der  Initiatoren  durch  einen  hineingetragenen  ungeniigen- 
den  philosophischen  Intellektualismus  und  Blavatskys  «Geheim- 
lehre»  durch  deren  eigene  chaotische  Seele. 

Die  Folge  davon  war,  dass  die  Initiatoren,  auch  die  ostlichen, 
ihren  Einfluss  immer  mehr  von  der  offiziellen  Theosophischen 
Gesellschaft  zuriickzogen,  und  dass  diese  ein  Tummelplatz  fiir 
allerlei  die  hohe  Sache  entstellende  okkulte  Machte  wurde.  Es  trat 
eine  kleine  Episode  ein,  in  welcher  Annie  Besant  durch  ihre  reine, 
hochsinnige  Denkungsweise  und  Lebensfiihrung  in  die  Stromung 


der  Initiatoren  kam.  Doch  hatte  diese  kleine  Episode  ein  Ende,  als 
Annie  Besant  den  Einfliissen  gewisser  Indier  sich  hingab,  die  unter 
dem  Einfluss  namentlich  deutscher  Philosopheme,  die  sie  falsch 
interpretierten,  einen  grotesken  Intellektualismus  entwickelten.  So 
war  die  Lage,  als  ich  selbst  mich  vor  die  Notwendigkeit  versetzt 
fand,  der  Theosophischen  Gesellschaft  beizutreten.  An  deren 
Wiege  waren  echte  Initiatoren  gestanden,  und  dadurch  ist  sie,  wenn 
auch  die  nachfolgenden  Ereignisse  eine  gewisse  Unvollkommenheit 
gegeben  haben,  vorldufig  ein  Instrument  fur  das  spirituelle  Leben 
der  Gegenwart.  Ihre  gedeihliche  Fortentwickelung  in  den  west- 
lichen  Landern  hangt  ganz  davon  ab,  inwiefern  sie  sich  fahig  er- 
weist,  das  Prinzip  der  westlichen  Initiation  unter  ihre  Einflusse 
aufzunehmen.  Denn  die  ostlichen  Initiationen  miissen  notwendig 
das  Christusprinzip  als  zentralen  kosmischen  Faktor  der  Evolution 
unberiihrt  lassen.  Ohne  dieses  Prinzip  musste  aber  die  theosophi- 
sche  Bewegung  ohne  bestimmende  Wirkung  auf  die  westlichen 
Kulturen  bleiben,  die  an  ihrem  Ausgangspunkte  das  Christusleben 
haben.  Die  Offenbarungen  der  orientalischen  Initiation  mussten 
fur  sich  selbst  im  Westen  sich  wie  eine  Sektiererei  neben  die  leben- 
dige  Kultur  hinstellen.  Eine  Hoffnung  auf  Erfolg  in  der  Evolution 
konnten  sie  nur  haben,  wenn  sie  das  Christusprinzip  aus  der  west- 
lichen Kultur  vertilgten.  Dies  ware  aber  identisch  mit  dem  Aus- 
loschen  des  eigentlichen  Sinnes  der  Erde,  der  in  der  Erkenntnis  und 
Realisierung  der  Intentionen  des  lebendigen  Christus  liegt.  [Diese] 
Zu  enthiillen  in  voller  Weisheits-,  Schonheit-  und  Tatform  ist  aber 
das  tiefste  Ziel  des  Rosenkreuzertums.  Uber  den  Wert  der  ost- 
lichen Weisheit  als  Studium  kann  nur  die  Meinung  bestehen,  dass 
dieses  Studium  von  allerhochstem  Werte  ist,  weil  die  westlichen 
Volker  den  Sinn  fur  Esoterik  verloren,  die  ostlichen  sich  ihn  aber 
bewahrt  haben.  Uber  die  Einfuhrung  der  richtigen  Esoterik  im 
Westen  sollte  aber  auch  nur  die  Meinung  bestehen,  dass  dies  nur 
die  rosenkreuzerisch-christliche  sein  kann,  weil  diese  auch  das 
westliche  Leben  geboren  hat,  und  weil  durch  ihren  Verlust  die 
Menschheit  der  Erde  ihren  Sinn  und  ihre  Bestimmung  verleugnen 
wiirde.  Allein  in  dieser  Esoterik  kann  die  Harmonie  von  Wissen- 


schaft  und  Religion  erbluhen,  wahrend  eine  jede  Verschmelzung 
westlichen  Wissens  mit  ostlicher  Esoterik  nur  solche  unfruchtbare 
Bastarde  erzeugen  kann,  wie  Sinnetts  «Esoterischer  Buddhismus» 
einer  ist.  Man  kann  schematisch  darstellen  das  Richtige: 


das  Unrichtige,  wovon  Sinnett's  «Esoterischer  Buddhismus»  und 
Blavatsky's  «Geheimlehre»  Beispiele  sind: 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:262  Seite:27 


Anhang  zu  [I.]  der  Aufzeichnungen  Rudolf  Steiners 


Aus  der  Einleitung  von  Edouard  Schure 
zu  seiner  franzdsischen  Ubersetzung  von  Rudolf  Steiners  Werk 
«Das  Christentum  als  mystische  Tatsacbe»  (1908)1 


Im  Alter  von  fiinfzehn  [achtzehn]  Jahren  machte  Rudolf  Steiner  die 
Bekanntschaft  eines  wissenden  Pflanzenkenners,  der  sich  voriibergehend 
in  seiner  Gegend  aufhielt.  Das  Besondere  an  diesem  Menschen  war,  dass 
er  nicht  nur  die  Arten,  die  Familien  und  das  Leben  der  Pflanzen  bis  in  die 
kleinsten  Einzelheiten  kannte,  sondern  auch  ihre  geheimen  Eigenschaften. 
Es  war,  wie  wenn  er  sein  ganzes  Leben  im  Gesprach  mit  der  bewusstlosen 
und  fliichtigen  Seele  der  Pflanzen  und  Blumen  verbracht  hatte.  Er  besafi 
die  Gabe,  das  lebendige  Prinzip  der  Pflanzen,  den  Atherleib,  und  das,  was 
im  Okkultismus  die  Elementarwesen  des  Pflanzenreiches  genannt  wird,  zu 
sehen.  Er  sprach  davon  wie  von  einer  ganz  gewohnhchen  und  selbst- 
verstandlichen  Sadie.  Der  gelassene  und  michtern  wissenschaftliche  Ton 
seiner  Unterhaltung  vermehrte  nur  die  Wissbegierde  und  die  Bewunde- 
rung  des  Jiinglings.  Spater  erfuhr  er,  dass  dieser  sonderbare  Mann  ein 
Abgesandter  des  Meisters  war,  den  er  noch  nicht  kannte,  der  aber  sein 
eigentlicher  Initiator  werden  sollte  und  welcher  ihn  schon  aus  der  Feme 
uberwachte. 

Was  der  wunderliche  Botaniker  mit  dem  zweiten  Gesicht  ihm  alles 
gesagt  hatte,  fand  der  junge  Steiner  mit  der  Logik  der  Dinge  durchaus  in 
Ubereinstimmung.  Es  bestatigte  nur  ein  inneres  Gefuhl,  welches  er  seit 
langem  hatte  und  das  sich  mehr  und  mehr  seinem  Verstand  als  das 
Grundgesetz  und  die  Basis  des  groften  Alls  aufdrangte:  namlich  das  Gesetz 
der  doppelten  Stromung,  welche  die  Bewegung  der  Welt  selbst  ausmacht 
und  die  man  die  Ebbe  und  Flut  des  Lebens  des  Universums  nennen 
konnte. 

Wir  alle  kennen  und  sind  uns  bewusst  des  aufteren  Stromes  der  Evolu- 
tion, welcher  alle  Wesen  des  Himmels  und  der  Erde  mit  sich  zieht,  Sterne, 
Pflanzen,  Tiere,  Menschen,  und  der  sie  in  eine  unendliche  Zukunft  hinein 
sich  voranbewegen  lasst,  ohne  dass  wir  die  urspriingliche  Kraft  gewahr 
werden,  die  sie  rastlos  vorwarts  treibt.  Es  gibt  jedoch  im  Universum  nun 
noch  einen  gegenlaufigen  Strom,  der  sich  in  entgegengesetzter  Richtung 

1    Die  vollstandige  Einleitung  Schures  findet  sich  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner 
Gesamtausgabe»,  Heft  Nr.  42. 


bewegt  und  standig  in  den  ersten  Strom  eingreift.  Dies  ist  derjenige  der 
Involution,  durch  welchen  die  Prinzipien,  die  Krafte,  die  Wesenheiten  und 
die  Seelen,  die  aus  der  unsichtbaren  Welt  und  der  Region  des  Ewigen 
kommen,  unaufhorlich  in  die  sichtbare  Realitat  eindringen.  Keine  Evolu- 
tion des  Materiellen  ware  verstandlich  ohne  diese  standige  Involution  des 
Geistes,  ohne  diesen  okkulten  astralen  Strom,  der  mit  seiner  Hierarchie 
von  machtvollen  Wesenheiten  der  grofie  Anreger  alles  Lebens  ist.  Es 
involviert  sich  so  der  Geist,  welcher  die  Zukunft  im  Keime  enthalt,  in  die 
Materie;  die  Materie,  welche  den  Geist  empfangt,  evolviert  nach  der 
Zukunft  hin.  Wahrend  wir  also  blind  einer  unbekannten  Zukunft  ent- 
gegengehen,  kommt  diese  Zukunft  uns  bewusst  entgegen,  indem  sie  sich 
in  den  Lauf  der  Welt  und  des  Menschen  hineinsenkt.  Dergestalt  ist  die 
doppelte  Bewegung  der  Zeit,  die  Ausatmung  und  Einatmung  der  Welt- 
seele,  die  von  der  Ewigkeit  kommt  und  zur  Ewigkeit  zuriickkehrt. 

Von  diesem  Doppelstrom  hatte  der  junge  Steiner  seit  seinem  achtzehn- 
ten  Jahre  ein  unmittelbares  Gefuhl,  welches  die  Bedingung  fur  jede  geistige 
Erkenntnis  ist.  Das  Prinzip  der  zwei  Stromungen  hatte  sich  ihm  durch  eine 
unwillkiirliche  und  unmittelbare  Schau  der  Dinge  ergeben.  Er  hatte  von 
nun  an  eine  unwiderlegliche  Wahrnehmung  geheimer  Machte,  die  hinter 
ihm  und  durch  ihn  hindurch  wirkten,  um  ihn  zu  leiten.  Er  horte  hin  auf 
das,  was  diese  Machte  sagten  und  folgte  ihren  Winken,  denn  er  fiihlte  sich 
mit  ihnen  in  tiefem  Einklange. 

Diese  Art  Wahrnehmungen  bildeten  jedoch  in  seinem  geistigen  Leben 
eine  Welt  fur  sich.  Es  waren  das  fur  ihn  Wahrheiten,  die  ihm  als  etwas  so 
Tiefes,  Geheimnisvolles  und  Heiliges  erschienen,  dass  er  sich  nicht  vorstel- 
len  konnte,  sie  jemals  in  Worten  auszudriicken.  Er  nahrte  seine  Seele  daran 
wie  aus  einer  gottlichen  Quelle,  aber  einen  Tropfen  davon  nach  aufien 
fliefien  zu  lassen,  ware  ihm  wie  eine  Entweihung  vorgekommen. 

Neben  diesem  innerlichen,  kontemplativen  Leben  entwickelte  sich  sein 
denkerischer  und  philosophischer  Verstand  auf  das  lebhaf teste.  Vom  15. 
bis  zum  16.  Jahre  hatte  sich  Rudolf  Steiner .  eingehend  mit  dem  Studium 
von  Kant,  Fichte  und  Schelling  befasst.  Als  er  einige  Jahre  spater  nach 
Wien  kam,  begeisterte  er  sich  fur  Hegel,  dessen  transzendentaler  Idealis- 
mus  bis  an  die  Grenzen  des  Okkultismus  heranfuhrt.  Jedoch  die  spekula- 
tive  Philosophic  konnte  ihm  nicht  geniigen.  Sein  aufs  Positive  gerichteter 
Geist  verlangte  nach  der  soliden  Basis,  welche  die  beobachtenden  Wissen- 
schaften  zu  geben  vermogen.  Er  studierte  daher  griindlich  Mathematik, 
Chemie,  Mineralogie,  Botanik  und  Zoologie.  «Diese  Studien»,  sagt  er, 


«geben  fur  eine  geistige  Weltauffassung  eine  viel  sicherere  Basis  als  Ge- 
schichte  und  Literatur.  Die  letzteren,  denen  es  an  prazisen  Methoden 
mangelte,  waren  damals  nicht  im  Stande,  ein  bedeutendes  Licht  in  das 
grofie  Gebiet  der  deutschen  Wissenschaft  zu  werfen».  Voller  Interesse  fur 
alles,  was  ihm  begegnete,  begeistert  fiir  Kunst  und  Poesie,  vernachlassigte 
Steiner  dennoch  nicht  das  Studium  der  Literaturgeschichte.  Auf  diesem 
Gebiete  wurde  ihm  der  Literaturhistoriker  Julius  Schroer  ein  ausgezeich- 
neter  Fiihrer.  Dieser  war  ein  hervorragender  Wissenschaftler  aus  der 
Schule  der  Briider  Grimm,  der  sich  vor  allem  bemiihte,  bei  seinen  Schiilern 
die  Kunst  der  freien  Rede  und  des  schriftlichen  Ausdrucks  zu  pflegen. 
Diesem  bedeutenden  Menschen  verdankte  der  junge  Student  seine 
umfassende  literarische  Bildung.  «In  der  Wiiste  des  zeitgenossischen 
Materialismus»,  sagt  Steiner,  «war  sein  Haus  fiir  mich  eine  Oase  des 
Idealismus». 

Dennoch  war  dies  noch  nicht  der  Meister,  den  er  suchte.  Inmitten  der 
verschiedenartigsten  Studien  und  intensiver  Meditationen  vermochte  er 
von  dem  eigentlichen  Bau  des  Universums  nur  Bruchstiicke  zu  erkennen; 
aber  seine  angeborene  Intuition  hinderte  ihn,  den  gottlichen  Urgrund  der 
Dinge  und  ein  geistiges  Jenseits  zu  bezweifeln.  Es  ist  ein  charakteristisches 
Zeichen  dieses  aufierordentlichen  Menschen,  dass  er  niemals  die  Krisen  des 
Zweifels  und  der  Verzweiflung  durchzumachen  hatte,  welche  im  Leben 
von  Mystikern  und  Denkern  an  der  Schwelle  zu  einer  endgiiltigen  Uber- 
zeugung  zu  stehen  pflegen.  Er  fiihlte  jedoch,  dass  das  eigentliche  Licht, 
welches  das  Ganze  erleuchtet  und  durchdringt,  ihm  noch  nicht  gekommen 
war.  Die  Jugend  bestiirmte  ihn  mit  ihren  drangenden  Problemen.  Wie 
sollte  er  sein  Leben  einrichten?  Die  Schicksalssphinx  lagerte  sich  vor  ihm 
hin.  Wie  wiirde  er  die  Frage  losen,  die  sie  ihm  stellte? 

Mit  neunzehn  Jahren  begegnete  der  junge  Neophyte  seinem  Fiihrer  - 
dem  Meister  -;  eine  Begegnung,  die  er  seit  langem  vorausgeahnt  hatte. 

Es  ist  eine  durch  die  okkulte  Tradition  und  die  Erfahrung  bestatigte 
Tatsache,  dass  diejenigen,  die  von  einer  uneigenniitzigen  Sehnsucht  nach 
der  hoheren  Wahrheit  beseelt  sind,  einen  Meister  finden,  der  sie  im 
geeigneten  Moment,  das  heifit  wenn  sie  reif  dafiir  sind,  einweiht.  «Klopfet 
an  und  es  wird  euch  aufgetan»,  sagt  Jesus.  Dies  ist  fiir  alle  Dinge  richtig, 
besonders  aber  fiir  die  Wahrheit.  Der  Wunsch  muss  jedoch  heift  sein  wie 
eine  Flamme,  in  einer  Seele  rein  wie  ein  Kristall. 

Rudolf  Steiners  Meister  war  einer  von  diesen  machtigen  Menschen,  die 
der  Welt  unbekannt  unter  der  Maske  irgendeines  biirgerlichen  Berufes 


leben,  um  eine  Mission  zu  erfiillen,  die  nur  die  Gleichgestellten  in  der 
Briiderschaft  der  «Meister  des  Verzichts»  kennen.  Sie  iiben  keine  sichtbare 
Wirkung  aus  auf  die  menschlichen  Ereignisse.  Das  Inkognito  ist  die 
Bedingung  ihrer  Wirksamkeit,  die  dadurch  eine  umso  grofiere  Kraft  ge- 
winnt.  Denn  sie  erwecken,  bereiten  vor  und  leiten  solche,  die  vor  aller 
Augen  handeln.  Bei  Rudolf  Steiner  war  es  fur  den  Meister  nicht  schwer, 
die  erste,  spontane  Einweihung  seines  Schulers  zu  vervollstandigen.  Er 
brauchte  ihm  eigentlich  nur  zu  zeigen,  wie  er  sich  seiner  eigenen  Natur  zu 
bedienen  habe,  um  ihm  alles  Erforderliche  an  die  Hand  zu  geben.  In 
lichtvoller  Weise  zeigte  er  ihm  die  Verbindung  zwischen  den  aufieren  und 
den  geheimen  Wissenschaften,  den  Religionen  und  den  geistigen  Kraften, 
welche  sich  gegenwartig  die  Fiihrung  der  Menschheit  streitig  machen, 
sowie  das  Alter  der  okkulten  Tradition,  welche  die  Faden  der  Geschichte 
in  der  Hand  halt,  sie  verkniipft,  auftrennt  und  im  Laufe  der  Jahrhunderte 
wieder  zusammenknupft.  Rasch  liefi  er  ihn  durch  die  verschiedenen  Etap- 
pen  der  inneren  Disziplin  hindurchgehen,  um  das  bewusste  und  vernunft- 
getragene  Hellsehens  zu  erreichen.  In  wenigen  Monaten  war  der  Schiiler 
durch  miindlichen  Unterricht  mit  der  unvergleichlichen  Tiefe  und  Schon- 
heit  der  esoterischen  Zusammenschau  bekannt  geworden.  Rudolf  Steiner 
hatte  sich  schon  seine  geistige  Mission  vorgezeichnet:  «Die  Wissenschaft 
mit  der  Religion  zu  verbinden,  Gott  in  die  Wissenschaft  und  die  Natur  in 
die  Religion  hineinzubringen  und  dadurch  von  neuem  Kunst  und  Leben 
zu  befruchten.»  Wie  aber  diese  ungeheure  und  kiihne  Aufgabe  angreifen? 
Wie  sollte  er  den  grofien  Feind,  die  einem  ungeheuren  gepanzerten  und 
iiber  einen  grofien  Schatz  gelagerten  Drachen  vergleichbare  moderne  ma- 
terialistische  Wissenschaft,  besiegen  oder  vielmehr  zahmen  und  bekehren? 
Wie  kann  es  gelingen,  den  Drachen  der  modernen  Wissenschaft  zu  bandi- 
gen  um  ihn  vor  den  Wagen  der  geistigen  Wahrheit  zu  spannen?  Vor  allem, 
wie  ist  der  Stier  der  offentlichen  Meinung  zu  besiegen? 

Der  Meister  Rudolf  Steiners  glich  diesem  kaum.  Er  hatte  nichts  von 
dieser  tiefen,  fast  weiblichen  Feinfuhligkeit,  die  zwar  die  Energie  nicht 
ausschlieftt,  aber  aus  jeder  Beruhrung  ein  Gefiihlserlebnis  macht  und  die 
das  Leiden  des  anderen  sogleich  in  einen  personlichen  Schmerz  verwan- 
delt.  Er  war  ein  mannlicher  Geist,  eine  Herrschernatur,  welche  nur  auf  die 
Gattung  schaute  und  fur  welche  die  Individuen  kaum  eine  Bedeutung 
hatte.  Er  schonte  sich  selbst  nicht,  so  wenig  wie  die  anderen.  Sein  Wille 
war  einer  Kanonenkugel  vergleichbar,  welche,  nachdem  sie  einmal  den 
Lauf  verlassen  hat,  direkt  ihrem  Ziel  zuschielk  und  alles  auf  ihrem  Wege 


mit  sich  reifit.  Auf  die  besorgten  Fragen  seines  Schiilers  antwortete  er 
ungefahr  in  diesem  Sinne: 

«Wenn  du  den  Feind  bekampfen  willst,  musst  du  ihn  zuerst  verstehen. 
Den  Drachen  kannst  du  nur  besiegen,  wenn  du  seine  Haut  anziehst.  Den 
Stier  muss  man  bei  den  Hornern  nehmen.  Im  grofken  Missgeschick  wirst 
du  deine  Waffen  und  deine  Kampfgenossen  finden.  Ich  habe  dir  gezeigt, 
wer  du  bist;  jetzt  gehe  -  und  bleibe  du  selbst!»2 

Rudolf  Steiner  kannte  die  Sprache  der  Meister  geniigend,  um  den 
schweren  Weg  vorauszufiihlen,  welchen  dieser  Befehl  ihm  auferlegte;  er 
begriff  jedoch  auch,  dass  es  das  einzige  Mittel  war,  um  zum  Ziele  zu 
gelangen.  Er  gehorchte  und  machte  sich  auf  den  Weg. 


2  Diese  Aussage  bestatigt  Marie  Steiner  im  Vorwort  zu  den  von  ihr  1947  unter  dem 
Titel  «Der  Christusimpuls  im  historischen  Werdegang»  herausgegebenen  zwei 
Vortragen  Lugano,  17.  September  1911  und  Locarno  19.  September  1911,  heme  in 
GA  130.  Ihr  Vorwort  findet  sich  heute  in  Marie  Steiner,  Gesammelte  Schriften 
Band  I  «Die  Anthroposophie  Rudolf  Steiners»,  Dornach  1967.  Darin  heifk  es, 
dass  sich  Rudolf  Steiner  ganz  bewusst  die  Aufgabe  stellte,  «sich  selbst  alle 
Einwendungen  zu  machen,  die  der  kritische  Materialist  den  Offenbarungen  des 
Geistes  entgegenbringt,  und  nichts  sich  zu  ersparen,  was  auch  nur  im  Geringsten 
ein  Abweichen  von  dieser  Linie  ware.  Das  nannte  er  in  die  Haut  des  Drachen 
hineinkriechen.» 


Briefe  und  Dokumente 

1901  -  1925 


Zur  Verdeutlichung  der  werkbiographischen  Zusammenhange,  in 
denen  die  Briefe  und  Dokumente  entstanden  sind,  wurden  durch  die 
Herausgeber  den  einzelnen  Jahren  oder  Gruppen  von  Jahren  Uber- 
sichten  iiber  die  jeweiligen  Ereignisse  in  der  Deutschen  Sektion  und 
spater  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  vorangestellt. 


1 


1900  -  1902 


Rudolf  Steiner  wurde  Ende  September  1900  gebeten,  in  der  Theosophi- 
schen  Bibliothek  in  Berlin  einen  Vortrag  zum  Gedenken  an  den  kiirzlich 
verstorbenen  Friedrich  Nietzsche  zu  halten.  Diese  Bibliothek  gehorte  zur 
«Deutschen  Theosophischen  Gesellschaft»,  D.T.G.,  die  1894  als  ein  Zweig 
der  Europaischen  Sektion  der  Theosophical  Society  gegriindet  worden  war 
und  deren  Geschafte  seither  durch  den  Grafen  Brockdorff  (1844-1921) 
gefiihrt  wurden.  Fast  die  einzige  Aktivitat  dieses  kleinen  Zweiges  bestand 
damals  darin,  dass  offentlich  zu  Vortragen  in  der  Bibliothek  eingeladen 
wurde,  die  regelmafiig  am  Donnerstag  von  den  verschiedensten  Vertretern 
des  allgemeinen  Geisteslebens  gehalten  wurden.  -  Der  Vortrag  Rudolf 
Steiners  fiel  in  eine  Zeit,  in  der  er  begonnen  hatte  Wege  zu  suchen,  um  die 
in  ihm  lebenden  Erkenntnisse  im  Geistesleben  wirksam  werden  zu  lassen. 
Ein  erster  Versuch  war  1899  sein  Aufsatz  zu  Goethes  150.  Geburtstag  in 
dem  von  ihm  herausgegebenen  «Magazin  fur  Litteratur».  Unter  dem  Titel 
«Goethes  geheime  Offenbarung»  brachte  er  eine  erste  schriftliche  Darstel- 
lung  seiner  Interpretation  von  Goethes  «Marchen  von  der  grtinen  Schlange 
und  der  schonen  Lilie»,  dessen  esoterischer  Inhalt  schon  seit  iiber  einem 
Jahrzehnt  in  seiner  Seele  lebte.  Als  er  nun  nach  seinem  ersten  Vortrag  bei 
Brockdorffs  um  einen  weiteren  gebeten  wurde,  schlug  er  als  Thema  auch 
«Goethes  geheime  Offenbarung»  vor.  Dieser  Vortrag  wurde  zum  Keim- 
punkt  der  anthroposophischen  Bewegung,  denn  -  wie  er  in  seiner  Auto- 
biographic berichtet  -  hier  war  es  zum  ersten  Mai  in  seiner  weit  ausge- 
dehnten  Vortragstatigkeit,  dass  er  zu  einem  an  konkreten  Geist-Erkennt- 
nissen  tief  interessierten  Kreis  von  Menschen  unmittelbar  aus  der  Geist- 
welt  heraus  sprechen  konnte.  Bisher  waren  seine  Ausfuhrungen  immer  nur 
als  «literarisch»  interessant  aufgenommen  worden.  -  Auf  diesen  zweiten 
Vortrag  hin  wurde  er  von  der  Grafin  Brockdorff  (1848-1906)  gebeten, 
durch  den  Winter  hindurch  jeden  Dienstag  zu  den  Mitgliedern  der  D.T.G. 
zu  sprechen.  Den  Inhalt  dieser  Vortrage,  die  am  16.  Oktober  1900  began- 
nen,  fasste  er  im  Jahre  darauf  zu  dem  Buche  «Die  Mystik  im  Aufgange  des 
neuzeitlichen  Geisteslebens  und  ihr  Verhaltnis  zur  modernen  Welt- 
anschauung»  zusammen. 

Marie  v.  Sivers  war  in  den  Wintermonaten  der  letzten  Jahre  ihren 
Studien  zunachst  in  Paris,  dann  in  Berlin  nachgegangen,  der  konventionel- 
len  Enge  der  vornehmen  Kreise  in  ihrer  Heimat  St.  Petersburg  entfliehend. 


Den  Sommer  des  Jahres  1900  verbrachte  sie  an  der  kurlandischen  Ostsee- 
kiiste.  Dort  las  sie  in  der  Einsamkeit  der  Sanddiinen  Edouard  Schures 
kiirzlich  erschienenes  «Theatre  de  PAme»  mit  den  zwei  Dramen  «Les 
enfants  de  Lucifer»  und  «La  Soeur  Gardienne»,  womit  Schure  erste  Schrit- 
te  unternahm,  sein  Ideal  eines  Theaters  der  Zukunft  zu  verwirklichen,  das 
ein  Tempel  werden  sollte,  in  dem  sich  die  iibersinnliche  Welt  mit  der 
sinnlichen  verbindet.  Marie  v.  Sivers  war  tief  bewegt  einem  verwandten 
Geist  zu  begegnen,  der  es  unternahm,  ihre  eigenen  Ideale  zu  realisieren.  Sie 
selber  hatte  im  Jahr  vorher  eine  vielversprechende,  gegen  die  eigene 
Familie  durchgesetzte  Theaterlaufbahn  nach  langer  Vorbereitung  sofort 
abgebrochen,  als  sie  sich  mit  den  mit  ihrem  Wesen  unvereinbaren  Usancen 
des  gewohnlichen  Theaters  konfrontiert  sah.  Wahrscheinlich  schon  Ende 
September  nach  Berlin  zuriickgekehrt,  wandte  sie  sich  Anfang  Oktober  an 
Schure  mit  der  Bitte  ihr  zu  erlauben,  das  erste  Drama  ins  Deutsche  zu 
iibersetzen.  Schure  sagte  mit  Freuden  zu,  und  es  entwickelte  sich  eine 
intensive  Korrespondenz,  in  der  er  sie  auf  die  Theosophische  Gesellschaft 
hinwies.  In  einer  Zeitung  fand  sie  eine  Annonce  der  Berliner  Gesellschaft 
und  dadurch  den  Weg  zu  Rudolf  Steiners  bereits  begonnenem  Vortrags- 
zyklus  in  der  Theosophischen  Bibliothek.  Schon  im  November  1900 
wurde  sie  Mitglied  der  Gesellschaft. 

Nach  der  Sommerpause  begann  Rudolf  Steiner  am  19.  Oktober  1901 
einen  zweiten  Zyklus,  dessen  Inhalt  er  im  folgenden  Jahre  ebenfalls  zu 
einem  Buch  umarbeitete:  «Das  Christentum  als  mystische  Tatsache».  Auch 
Marie  v.  Sivers  war  wieder  in  Berlin,  nachdem  sie  den  Sommer  in  Livland 
verbracht  hatte.  Am  17.  November  fand  zwischen  ihnen  bei  einem  gesel- 
ligen  Zusammensein  zur  Feier  des  Jahrestages  der  Begriindung  der  Theo- 
sophischen Gesellschaft  ein  folgenreiches  Gesprach  statt.  Rudolf  Steiner 
war  ja  nicht  Mitglied  der  T.G.,  seine  Vortrage  in  der  Bibliothek  waren  nur 
ein  sehr  kleiner  Teil  seiner  weitgefacherten  Tatigkeiten,  und  sie  hatten  mit 
den  bisherigen  Lehren  der  Theosophie  nichts  gemeinsam,  wie  man  sich 
anhand  der  beiden  Biicher  leicht  uberzeugen  kann.  Bei  diesem  Gesprach 
nun,  das  Rudolf  Steiner  mehrmals  in  seinen  spateren  Vortragen  riickblik- 
kend  erwahnt,  fragte  sie  ihn,  warum  er  der  Gesellschaft  nicht  beitrete.  Er 
antwortete,  dass  er  einen  grofien  Unterschied  machen  miisse  zwischen 
orientalischer  und  abendlandischer  Mystik.  Das,  was  er  zu  vertreten  habe, 
wiirde  er  einer  falschen  Beurteilung  aussetzen,  wenn  er  Mitglied  einer 
Gesellschaft  werden  wiirde,  die  zu  ihrem  Schibboleth  unverstandene 
orientalische  Mystik  hat.  Fur  unsere  Gegenwart  gebe  es  bedeutsamere 


okkulte  Impulse.  Auf  ihre  weitere  Frage,  ob  es  denn  dann  nicht  notwendig 
sei,  eine  geistige  Bewegung  in  Europa  ins  Leben  zu  rufen,  erwiderte  en 
Gewiss,  notwendig  ist  es  schon;  aber  er  werde  sich  nur  finden  lassen  fur 
eine  solche  Bewegung,  die  an  den  abendlandischen  Okkultismus  ankniipft 
und  diesen  fortentwickelt.  Johanna  Miicke  berichtet,  dass  er  ihr  dies  sehr 
viel  spater  erzahlt  und  hinzugefugt  habe:  «Die  Frage  war  mir  gestellt,  und 
ich  konnte,  nach  den  geistigen  Gesetzen,  beginnen  auf  eine  solche  Frage 
die  Antwort  zu  geben.» 

Kurz  danach  ging  Marie  v.  Sivers  fur  einige  Monate  nach  Bologna.  Sie 
war  gebeten  worden  dort  bei  der  Griindung  einer  neuen  theosophischen 
Loge  zu  helfen.  Die  bestehenden  italienischen  Logen,  die  zur  Euro- 
paischen  Sektion  gehorten,  hatten  beschlossen  eine  eigene  Sektion  zu 
begriinden.  Dazu  waren  nach  den  Statuten  sieben  Logen  erforderlich,  und 
um  diese  Zahl  zu  erreichen  wurde  Bologna  benotigt.  Die  konstituierende 
Versammlung  dieser  Sektion  fand  am  1.  und  2.  Februar  1902  in  Rom  statt. 

Im  Dezember  trat  die  Frage  nach  der  Mitgliedschaft  erneut  an  Rudolf 
Steiner  heran.  Brockdorffs  planten  im  Laufe  des  kommenden  Jahres  alters- 
halber  Berlin  zu  verlassen  und  fragten  ihn,  ob  er  die  Leitung  der  theoso- 
phischen Arbeit  in  Berlin  iibernehmen  wurde.  Der  Entschluss  dazu  wurde 
ihm  nicht  leicht.  (In  seinem  Brief  vom  9.  Januar  1905  an  Marie  v.  Sivers 
aufiert  er  sich  dazu.)  Aber  er  war  inzwischen  zu  der  Uberzeugung  gekom- 
men,  dass  er  mit  seiner  Arbeit  dennoch  an  die  von  H.  P.  Blavatsky 
begonnene  anschlieEen  musse. 

Seine  Zusage  kniipfte  er  jedoch  an  die  Bedingung,  dass  Marie  v.  Sivers 
ihm  bei  dieser  Aufgabe  zur  Seite  stehe.  Daraufhin  schrieb  ihr  Grafin 
Brockdorff  nach  Bologna.  Der  Briefwechsel  in  dieser  Sache  ist  verloren, 
und  es  lasst  sich  nicht  feststellen,  wann  genau  Marie  v.  Sivers  sich  ent- 
schloss  diese  Aufgabe  zu  iibernehmen.  Es  scheint,  dass  sie  noch  bis  in  den 
Februar  zogerte  und  dass  Graf  Brockdorff  vielleicht  etwas  vorzeitig  beim 
europaischen  Generalsekretar  Bertram  Keightley  die  Aufnahme  Rudolf 
Steiners  in  die  Gesellschaft  beantragte.  Jedenfalls  schickte  der  Graf  mit 
Brief  vom  15.  Januar  1902  das  aus  London  erhaltene  Mitghedsdiplom  an 
Rudolf  Steiner,  der  damit  den  in  Hannover  wohnenden  Wilhelm  Hiibbe- 
Schleiden  als  Vorsitzenden  des  Berliner  Zweiges  abloste.  Graf  Brockdorff 
fuhrte  vorlaufig  weiterhin  die  Geschafte,  bis  er  sie  im  September  an  Marie 
v.  Sivers  iibergab.  -  Fur  die  Theosophische  Gesellschaft  war  es  bedeu- 
tungsvoll,  dass  sich  Rudolf  Steiner  entschloss  seine  starke  Kraft  in  ihren 
Dienst  zu  stellen  und  damit  eine  von  niemandem  geahnte  Vertiefung  des 


ursprunglichen  spirituellen  Impulses  ins  Werk  zu  setzen.  Dass  sich  die 
T.G.  aufterhalb  Deutschlands  spater  in  Bahnen  entwickeln  wiirde,  die  in 
die  Wesenlosigkeit  fuhrten,  war  damals  nicht  vorauszusehen. 

Nun  gab  es  schon  seit  einiger  Zeit  das  Bestreben  auch  in  Deutschland 
eine  eigene  Sektion  zu  griinden.  Nach  einigen  Wirren  um  die  Frage,  wer 
Generalsekretar  werden  solle,  trat  man  Ende  April  an  Rudolf  Steiner  heran 
mit  der  Bitte  auch  dieses  Amt  zu  iibernehmen.  Er  sagte  zu,  und  Anfang 
Juli  ging  das  von  den  zehn  deutschen  Zweigen  unterzeichnete  Gesuch  um 
Erteilung  einer  Grundungscharta  an  den  Prasidenten  H.  S.  Olcott  in 
Adyar  bei  Madras,  der  sie  am  22.  Juli  ausstellte.  Fur  den  Berliner  Zweig 
unterzeichneten  Rudolf  Steiner  als  Vorsitzender  und  Graf  Brockdorff  als 
Schriftfuhrer. 

Neben  diesen  zehn  an  Adyar  angeschlossenen  Zweigen  gab  es  damals 
in  Deutschland,  Osterreich  und  der  Schweiz  noch  iiber  50  meist  autonome 
theosophische  Gruppen,  die  in  einem  losen  Zusammenhang  standen  mit 
der  von  Dr.  Franz  Hartmann  im  Zuge  der  Judge- Wirren  von  1895  begrun- 
deten  und  von  Edwin  Bohme  als  Generalsekretar  gefuhrten,  von  Adyar 
unabhangigen  «Theosophische  Gesellschaft  in  Deutschland»  mit  Zentrum 
in  Leipzig.  Die  Auseinandersetzungen  mit  dieser  als  Sezession  bezeichne- 
ten  Leipziger  Gesellschaft  spielten  fur  einige  alte  Theosophen  eine  grofie 
Rolle.  Rudolf  Steiner  kummerte  sich  darum  weiter  nicht,  und  viele  dieser 
Gruppen  (z.  B.  in  Basel,  St.  Gallen,  Bremen,  Elberfeld,  Niirnberg, 
Miinchen,  Heidelberg,  Wien)  fanden  im  Laufe  der  Zeit  ihren  Weg  in  die 
deutsche  Sektion,  da  sie  unter  anderen  Rednern  auch  Rudolf  Steiner  zu 
Vortragen  einluden. 

Anfang  Mai  kam  Marie  v.  Sivers  aus  Bologna  nach  Berlin  zuriick.  Es 
war  verabredet,  zusammen  an  der  Jahresversammlung  der  Europaischen 
Sektion  in  London  teilzunehmen.  Sie  fuhr  schon  Mitte  Juni,  Rudolf  Steiner 
folgte  erst  am  1.  Juli,  da  er  seine  Schrift  «Das  Christentum  als  mystische 
Tatsache»  vor  der  Abreise  zum  Drucken  geben  wollte.  Als  designierter 
Generalsekretar  lernte  er  nun  einige  der  damaligen  fuhrenden  Personlich- 
keiten  kennen,  aufier  Keightley  auch  den  Gelehrten  George  R.S.  Mead  und 
die  beriihmte  Rednerin  Annie  Besant.  So  konnte  er  sich  ein  Bild  iiber  den 
Zustand  der  T.G.  und  seiner  Situation  darin  machen.  Seine  Ruckreise 
nahm  er  iiber  Paris,  u.  a.  um  Schure  kennenzulernen,  der  sich  jedoch 
bereits  fiir  den  Sommer  ins  Elsass  begeben  hatte.  Marie  v.  Sivers  fuhr  von 
London  direkt  nach  Petersburg  zu  ihrer  Familie.  Am  17.  September  kam 
sie  zuriick  nach  Berlin,  um  die  Geschaftsfiihrung  des  Berliner  Zweiges  zu 


iibernehmen.  Am  26.  September  1902  schrieb  Rudolf  Steiner  an  Wilhelm 
Hiibbe-Schleiden:  «Fraulein  von  Sivers  waltet  bereits  ihres  Amtes.  Sie  ist 
wirklich  eine  glanzende  grofie  Erscheinung  innerhalb  der  jetzigen  Misere. 
Ich  bin  froh,  dass  sie  da  ist.  In  jeder  Beziehung  kann  ich  auf  sie  bauen.» 

Nachdem  Rudolf  Steiner  sich  so  entschlossen  hatte  sein  Wirken  in  den 
Rahmen  der  Theosophischen  Gesellschaft  zu  stellen,  begann  er  fur  sie  auch 
offentlich  einzutreten.  In  seinem  Vortrag  vom  8.  Oktober  1902  im  Giorda- 
no Bruno-Bund  vor  etwa  300  Menschen  im  Biirgersaal  des  Berliner  Rat- 
hauses  tiber  Monismus  und  Theosophie  gab  er  einen  Entwurf  seines 
zukiinftigen  Wirkens,  der  recht  gut,  aber  eben  doch  nur  «literarisch» 
aufgenommen  wurde. 

Die  Griindungsversammlung  der  deutschen  Sektion  fand  am  19.  und 
20.  Oktober  1902  statt,  nachdem  am  Tag  vorher  bei  einer  Besprechung  die 
noch  bestehenden  Differenzen  bereinigt  wurden.  Am  ersten  Tag  wurden 
die  Statuten  beschlossen  und  der  Vorstand,  in  dem  alle  Zweige  vertreten 
waren,  gewahlt:  Rudolf  Steiner  als  Generalsekretar,  Henriette  v.  Holten  als 
Schatzmeister,  Marie  v.  Sivers  (Berlin),  Julius  Engel  und  Gustav  Riidiger 
(Charlottenburg),  Wilhelm  Hiibbe-Schleiden  (Hannover),  Ludwig  Dein- 
hard  (Munchen),  Gunther  Wagner  (Lugano),  Bernhard  Hubo  und  Adolf 
Kolbe  (Hamburg),  Bruno  Berg  (Dusseldorf),  Ludwig  Noll  (Kassel),  Adolf 
M.  Oppel  (Stuttgart),  Richard  Bresch  (Leipzig).  Am  Abend  traf  Annie 
Besant  aus  London  ein,  sie  wurde  von  der  versammelten  Gesellschaft  am 
Bahnhof  Friedrichstrafte  abgeholt,  und  am  nachsten  Tag  iiberreichte  sie 
Rudolf  Steiner  die  Griindungscharta. 

Fur  die  Kunst-begeisterte  Marie  v.  Sivers  begann  ein  ungewohntes 
Leben,  denn  sie  ftihrte  bald  nicht  nur  die  Geschafte  des  Berliner  Zweiges 
und  der  Bibliothek,  sondern  auch  die  der  Sektion,  die  kraftig  wuchs:  von 
anfanglich  120  Mitgliedern  auf  2500  im  Jahre  1912,  aus  den  10  Zweigen 
wurden  54.  War  allein  schon  diese  Verwaltungsaufgabe  betrachtlich,  so 
kam  dazu  noch  viel  mehr:  die  Organisation  und  Betreuung  der  Vortrags- 
reisen  Rudolf  Steiners,  die  Herausgabe  seiner  Vortragsnachschriften,  der 
Aufbau  eines  eigenen  Verlages.  Da  mussten  fur  eine  Weile  ihre  Bemiihun- 
gen  um  die  Kunst  der  Sprache  etwas  zurticktreten.  Wie  dennoch  die  Ideale 
ihrer  Jugend  in  diesem  turbulenten  Leben  durch  ihre  Verbindung  mit 
Rudolf  Steiner  die  schonste  Erfiillung  fanden,  die  zum  Herz  fiir  das  Leben 
zunachst  in  der  deutschen  Sektion,  dann  in  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  wurde,  darauf  soil  in  einer  eigenen  Darstellung  zum  Jahre 
1914  eingegangen  werden. 


1      An  Marie  von  Sivers,  wahrscheinlich  in  Berlin 
Samstag,  13.  April  1901 


Friedenau-Berlin,  13.  April  1901 

Hochgeehrtes  gnadiges  Fraulein! 

Vielen  Dank  fur  die  «Theosophical  Review».  Ich  sende  sie  gleich- 
zeitig  unter  Kreuzband  an  Sie.  Der  Artikel  iiber  Bacon  ist  sehr 
interessant.  Er  gibt  mir  nach  den  verschiedensten  Richtungen 
hin  zu  denken.  Ich  habe  aber  das  entschiedenste  Gefiihl,  dass  der 
Autor  die  Sache  etwas  leicht  nimmt.  Ich  kann  namlich  die  Uber- 
zeugung  nicht  teilen,  dass  die  Bacon'schen  philosophischen  Schrif- 
ten  einen  esoterischen  Sinn  bergen.  Und  dies  ist  doch  wohl 
notwendig,  wenn  man  ihn  als  Rosenkreuzer  behandeln  will.  Bitte 
vielmals  wegen  der  Verzogerung  urn  Entschuldigung. 
Mit  den  besten  Empfehlungen  Ihr  ganz  ergebener 

Dr.  Rudolf  Steiner 

Friedenau-Berlin,  Kaiserallee  95 

«Theosophical  Review»  ...  Artikel  iiber  Bacon:  «Reasons  for  Believing  Francis 
Bacon  a  Rosicrucian»  by  A.  A.  L.  in  «The  Theosophical  Review»,  Vol.  XXVII, 
Nr.  161  vom  15.  Januar  1901. 


2      An  Rudolf  Steiner  in  Berlin 

Mittwoch,  18.  Juni  1902,  aus  London 

20  Clifton  Gardens,  Maida  Vale,  W 

den  1 8ten  Juni 

Sehr  geehrter  Herr  Doktor, 

es  ware  wohl  sehr  schon,  wenn  Sie  schon  Sonntag  friih,  den  22., 
hier  sein  konnten,  weil  Sie  dann  einen  genaueren  Eindruck  von 
Mrs.  Besant  gewinnen.  Sie  ist  eine  aufiergewohnliche  und  einzige 
Erscheinung,  und  man  muss  sie  als  Rednerin  auf  sich  wirken  lassen, 
um  ihr  nur  irgendwie  gerecht  zu  werden.  Leider  treffen  Sie  es  in- 
sofern  schlecht,  als  die  Kronungstage  dazwischen  kommen,  wo  alles 


feiert  und  keine  Vortrage  gehalten  werden.  Sonntag,  den  22.,  um  7 
halt  Mrs.  Besant  den  vorletzten  ihrer  popular  en  Vortrage  «The 
Divine  Kings».  Sie  ist  so  sehr  Priesterin  in  diesem  Vortragszyklus, 
dass  ich  Ihnen  nur  raten  kann  -  Ihnen,  dem  nicht  viele  was  geben 
konnen  -,  sich  diesen  Eindruck  zu  verschaffen.  Dienstag,  den  24., 
ist  der  letzte  eines  anderen  Vortragszyklus  vor  einem  kleineren 
Publikum  «Will,  Emotion  and  Desire»,  in  welchem  ihre  Logik, 
Gedankenscharfe  und  Tragweite  voll  sich  entwickeln  konnte.  Sie 
miissten  diesen  einen  letzten  wenigstens  horen.  Der  abstrakteste 
und  schwerste  Zyklus  fur  Mitglieder  allein  «Consciousness  and  its 
Mechanism»  am  Donnerstag  Abend,  ist  leider  morgen  zu  Ende. 
Davon  horen  Sie  also  nichts  mehr.  Aufierdem  soil  Leadbeater  den 

23.  in  der  Blavatsky-Loge  sprechen,  was  vielleicht  auch  sich  nicht 
wiederholen  wird.  Wenn  Sie  also  diese  drei  Tage,  den  22.,  23.  und 

24.  nicht  hier  sind,  haben  Sie  nur  einen  Sonntagsvortrag  noch  und 
die  Conventiontage,  -  wenigstens  wissen  wir  fur's  erste  von  nichts 
anderm.  Herr  Keightley,  der  sich  freut  Sie  kennen  zu  lernen  und 
mich  nur  bittet,  ihn  wegen  seiner  «Uberbeschaftigung»  in  dieser 
Zeit  zu  entschuldigen,  lebt  «30  Linden  Gardens,  Bayswater,  W.». 
Schreiben  Sie  sich's  genau  an,  falls  Sie  allein  einen  «Cab»  nehmen 
miissten.  Wenn  Sie's  verlieren  oder  vergessen,  kommen  Sie  natiir- 
lich  in  unsere  Pension.  Jedenfalls  warte  ich  auf  Nachricht  und  will 
zur  Station,  um  Sie  da  zu  begriifien,  falls  nichts  Besonderes  mich 
verhindert. 

Viele  Griifie  an  Sie  und  Ihre  Frau  Gemahlin 

M.  v.  Sivers 

wenn  Sie  schon  Sonntag  frtih  hier  sein  konnten:  Rudolf  Steiner,  der  am  30.  Juni 
1902  in  Hannover  noch  mit  Hiibbe-Schleiden  und  Deinhard  iiber  die  Sektions- 
gnindung  verhandelte,  traf  erst  am  1.  Juli  1902  in  London  ein. 

Mrs.  Besant:  Annie  Besant,  geb.  Wood  (1847-1933),  Englanderin,  eine  der  mafi- 
gebenden  Personlichkeiten  der  Theosophischen  Gesellschaft  und  ab  1907  deren 
Prasidentin. 

Krdnungstage:  Eduard  VII.  von  England,  der  1901  auf  den  Thron  kam,  wurde  im 
Juni  1902  gekront. 

Leadbeater:  Charles  Webster  Leadbeater  (1847-1934),  Englander,  theosophischer 


Schriftsteller,  ab  etwa  1908  engster  Mitarbeiter  von  Annie  Besant,  seine  zwielich- 
tige  Person  loste  1906  eine  fortdauernde  schwere  Krise  in  der  theosophischen 
Gesellschaft  aus. 

Blavatsky:  Helena  Petrowna  Blavatsky  (1831-1891),  Russin,  Begriinderin  und 
eigentliche  Tragerin  des  spirituellen  Auftrages  der  Theosophischen  Gesellschaft, 
die  sich  am  17.  November  1875  in  New  York  konstituierte. 

Conventiontage:  Jahresversammlung  der  Europaischen  Sektion  der  Theosophi- 
schen Gesellschaft  in  London.  Rudolf  Steiner  sprach  dort  iiber  die  Aufgaben  der 
Landessektionen,  insbesondere  der  deutschen  Sektion. 

Keightley:  Bertram  Keightley  (1860-1949),  Englander,  Mitarbeiter  Blavatskys. 
1901-05  Generalsekretar  der  europaischen  Sektion  (ab  Juli  1902:  britische  Sekti- 
on) der  T.G.,  Sitz  London.  Rudolf  Steiner  war  eingeladen  wahrend  dieser  Zeit  bei 
ihm  zu  wohnen.  Keightley  sprach  sehr  gut  Deutsch  und  hatte  im  Januar  1902  in 
der  «Theosophical  Review»  ein  Referat  mit  auszugsweiser  Ubersetzung  von 
Rudolf  Steiners  «Die  Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens  ...» 
gebracht,  was  fur  Rudolf  Steiner  mit  die  Moglichkeit  eroffnete  der  T.G.  beizutre- 
ten.  Er  sagte  hieruber  in  Berlin,  14.  Dezember  1911:  «Dieses  Faktum  definiere  ich 
so  und  habe  es  auch  damals  so  definiert:  es  war  damit  gegeben  die  Tatsache,  dass 
die  Theosophische  Gesellschaft  nichts  von  mir  verlangt  hat,  nicht  verlangt  hat, 
dass  ich  etwas  gemeinschaftlich  haben  sollte  mit  irgendwelchen  Grundsatzen, 
Prinzipien,  Dogmen,  die  vertreten  werden  sollten,  sondern  sie  hat  etwas  ange- 
nommen  von  mir,  von  aufierhalb,  was  von  mir  gegeben  wurde.  Es  war  also 
dasjenige  freundlichst  eingeladen,  was  man  zu  geben  hatte.»  (in  GA  264). 

Frau  Gemahlin:  Anna  Steiner,  verw.  Eunike,  geb.  Schultz  (1853-1911),  seit  1899 
mit  Rudolf  Steiner  verheiratet.  Seine  Briefe  an  sie  sind  abgedruckt  in  GA  39. 


3      An  Marie  von  Sivers,  in  Russland  (wahrscheinlich  Petersburg) 
Mittwoch,  20.  August  1902 

Friedenau-Berlin,  20.  August  1902 

Sehr  verehrtes  gnadiges  Fraulein! 

Vielen  Dank  fur  Ihren  Brief,  iiber  den  ich  mich  sehr  gefreut  habe. 
Die  «Secret  Doctrine»  ist  richtig  befordert  worden,  und  liegt  auf 
meinem  Schreibtisch,  auf  dem  sie  mir  gerade  jetzt  grofie  Dienste 
tut,  da  ich  sie  bei  meinen  einschlagigen  Studien  fortwahrend  nach- 
schlagen  muss.  Die  Reise  nach  Elsass  musste  ich  aus  verschiedenen 
Griinden  unterlassen.  In  Paris  war  wahrend  meiner  Anwesenheit 
M.  Schure  nicht  mehr.  Ich  hatte  so  gerne  mit  ihm  gesprochen.  Es 


gibt,  wie  mir  scheint,  Dinge,  iiber  die  mir  sein  Urteil  ganz  beson- 
ders  wichtig  ist.  Ein  Besuch  im  September  wird  naturlich,  neben 
alien  andern  Griinden,  schon  deshalb  unmoglich  sein,  weil  wir  dann 
alle  Hande  voll  zu  tun  haben  werden. 

Unsere  deutsche  Sektionsgriindung  geht,  wie  es  scheint,  schwe- 
rer  vonstatten,  als  ich  in  England  gedacht  habe.  Zu  den  schlimmen 
Erfahrungen,  die  ich  seit  meiner  Riickreise  gemacht  habe,  kommt 
nun  im  Augenblicke  noch,  dass  ich  eben  einen  Brief  von  Miss 
Hooper  erhalte,  worinnen  sie  mir  schreibt,  dass  Olcott  sich  nun 
doch  nicht  auskennt  beziiglich  der  zwei  applications,  die  er  er- 
halten  hat.  Es  ist  also  wahrscheinlich,  dass  wir  auf  den  Charter  nun 
weitere  8  Wochen  warten  miissen,  denn  so  lange  wird  es  dauern, 
bis  Olcott  meinen  Brief  hat,  und  dann  der  Charter  da  ist.  Doch 
mochte  ich  Sie  bitten,  Ihre  Freundin  in  Kurland  moge  bis  zur 
Griindung  unserer  Sektion  warten.  Gerade  jetzt,  in  der  Zeit  un- 
mittelbar  vor  der  Sektionsgriindung,  scheint  es  mir  besser,  wenn 
wir  mit  allem  warten,  bis  wir  die  Sektion  haben. 

Wenn  Sie  kommen,  wird  meine  Schrift  «Das  Christentum  als 
mystische  Tatsache»  vorliegen;  und  eine  Schrift  von  Hiibbe-Schlei- 
den  (aber  ich  bitte  Sie  die  Anonymitat,  in  welche  sich  H.  S.  hiillen 
will,  nicht  zu  enthullen)  «Diene  dem  Ewigen».  Ich  hoffe,  dass  uns 
gerade  diese  zwei  Schriften  in  Deutschland  vorwarts  helfen  wer- 
den. Ich  hatte  mit  beiden  sehr  viel  zu  tun.  Doch  gehort  es  jetzt  zu 
meinen  schonsten  Stunden,  die  Schrift  Hubbe-Schleidens  mit- 
entstehen  zu  sehen.  Es  ist  fiir  mich  die  allergrofke  Befriedigung, 
mit  Hiibbe-Schleiden  in  Einklang  arbeiten  zu  konnen.  Ich  finde  bei 
ihm  hinsichtlich  der  wichtigsten  Punkte  der  inneren  Gestaltung  der 
deutschen  Bewegung  vollkommenes  Einverstandnis.  Und  es  stimmt 
mich  unsaglich  traurig,  dass  er  bei  den  bisherigen  «Fuhrern»  der 
deutschen  theosophischen  Bewegung  (Bresch  und  Hubo  und  deren 
Anhang)  so  wenig  Verstandnis  findet.  In  Hiibbe-Schleiden  lebt  eine 
wirkliche  geistesentwicklungsgeschichtliche  Potenz;  in  den  Herren 
Hubo  und  Bresch  gar  nicht.  Denen  fehlen  gewisse  unerlassliche 
Vorbedingungen  zu  einer  Fiihrerschaft.  Und  es  ist  schlimm,  dass  es 
bei  der  nun  einmal  vorhandenen  deutschen  Geistesart,  schwer 


moglich  sein  wird,  diese  Personlichkeiten  in  ihren  Grenzen  zu 
halten.  Es  wird  Dinge  geben,  in  denen  sie  bei  der  Sektionsbildung 
wahrscheinlich  einer  Verstandigung  mit  sich  unubersteigliche  Hin- 
dernisse  entgegensetzen  werden.  Es  ist  ja  das  verhangnisvollste, 
wenn  bei  denen,  die  tonangebend  sein  wollen,  die  starre  Dogmatik 
alles  ist,  und  die  grundlegende  Gesinnung  fast  ganz  fehlt.  Alles,  was 
in  der  letzten  Zeit  an  mich  herangetreten  ist,  weist  darauf  hin,  dass 
die  Art,  wie  Bresch  und  Hubo  auftreten,  die  Leute  in  Deutschland 
zuriickstoften,  in  denen  latente  theosophische  Gesinnung  vorhan- 
den  ist,  und  die  wir  notwendig  heranziehen  miissen.  Wenn  Sie  nach 
Berlin  kommen,  werden  wir  iiber  diese  Dinge  viel  zu  sprechen 
haben.  Hoffentlich  diirfen  wir  Sie  am  15.  September  in  Berlin  er- 
warten. 

Meine  Frau  sendet  beste  Griifie,  ebenso  Ihr 

Dr.  Rudolf  Steiner 

Friedenau-Berlin,  Kaiserallee  95 

«Secret  Doctrine»:  von  H.  P.  Blavatsky,  zusammen  mit  ihrer  «Isis  unveiled» 
grundlegende  Werke  der  Theosophie.  Offensichtlich  als  Vorbereitung  fur  sein 
Wirken  in  der  T.G.  informierte  sich  Rudolf  Steiner  im  einzelnen  iiber  die  damals 
gangigen  Lehren. 

Reise  nach  Elsass:  Barr  im  Elsass,  wo  Edouard  Schure,  der  sonst  in  Paris  lebte, 
seinen  Sommersitz  hatte. 

Paris:  Rudolf  Steiner  hielt  sich  auf  der  Riickreise  von  London  vom  13.  bis  19.  Juli 
in  Paris  auf. 

M.  Schure:  Edouard  (1841-1929),  franzosischer  Schriftsteller,  Mitglied  der  T.G.  in 
Frankreich.  Mit  Marie  v.  Sivers  seit  1899  in  Briefwechsel,  wurde  er  durch  Uber- 
setzungen  von  ihr  in  den  deutschen  Sprachraum  eingefiihrt.  Bei  den  Munchner 
Festspielen  in  den  Jahren  1907,  1909-1912  wurden  sein  «Heiliges  Drama  von 
Eleusis»  und  sein  Schauspiel  «Die  Kinder  des  Luzifer»  aufgefuhrt.  1913  schloss  er 
sich  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  an.  Uber  ihn  als  Schriftsteller  sprach 
Rudolf  Steiner  im  Vortrag  vom  1.  Marz  1906  (in  GA  54),  iiber  seine  personliche 
Verbindung  zu  Marie  und  Rudolf  Steiner  siehe:  H.  Wiesberger,  «Marie  Steiner, 
ein  Leben  fur  die  Anthroposophie». 

Olcott:  Henry  Steel  Olcott  (1832-1907),  Amerikaner,  Mitbegriinder  und  erster 
President  der  T.G.  bis  zu  seinem  Tode. 

zwei  applications  . . .  Charter:  Richard  Bresch  in  Leipzig  hatte  die  Unterschriften 
der  Vorsitzenden  der  zehn  Zweige  der  europaischen  Sektion  in  Deutschland  unter 


den  Antrag  (application)  um  eine  Stiftungsurkunde  (charter)  fur  die  zu  griindende 
deutsche  Sektion  mit  Rudolf  Steiner  als  Generalsekretar  im  Mai  1902  einzusam- 
meln  versucht.  Dabei  liefi  Bresch  den  Antrag  in  zwei  Exemplaren  unterschreiben. 
Als  Wilhelm  Hiibbe-Schleiden  Schwierigkeiten  machte,  schickte  Bresch  im  Juni 
kurzer  Hand  das  eine  Exemplar  ohne  die  Unterschriften  von  Hiibbe-Schleiden 
(Hannover),  dessen  Vetter  Giinther  Wagner  (Lugano),  und  seinem  Freund  Lud- 
wig  Deinhard  (Miinchen)  an  den  Generalsekretar  der  europaischen  Sektion  Bert- 
ram Keightley  in  London.  Keightley  leitete  diesen  Antrag  an  den  Prasidenten 
H.  S.  Olcott  in  Adyar  (Indien)  weiter,  mit  einem  Brief,  in  dem  er  ankiindigte,  dass 
Hiibbe-Schleiden  an  Olcott  schreiben  wiirde.  Olcott  gefiel  das  Fehlen  der  Unter- 
schriften von  Hannover,  Lugano  und  Miinchen  nicht.  Am  9.  Juli  schrieb  er  an 
Hiibbe-Schleiden,  dass  der  versprochene  Brief  nicht  gekommen  sei,  er  wiirde 
noch  das  Postboot  der  nachsten  Woche  abwarten  und  dann  eine  Blanko-Urkunde 
an  Keightley  schicken  mit  der  Vollmacht,  diese  an  die  Personen  zu  geben,  von 
denen  Keightley  der  Meinung  ist,  dass  sie  sie  haben  sollen.  Dies  muss  er  getan 
haben,  und  dieser  Brief  an  Keightley  vom  ca.  16.  Juli  ist  gegen  den  3.  August  in 
London  angekommen. 

In  Deutschland  klarte  sich  die  Lage  bald,  nachdem  das  Vorgehen  Breschs 
bekannt  wurde,  und  am  30.  Juni  unterschrieben  als  letzte  auch  Hiibbe-Schleiden 
und  Deinhard  in  Hannover  das  zweite  Exemplar,  das  Rudolf  Steiner  nach  London 
brachte  und  das  von  dort  am  4.  Juli  nach  Adyar  geschickt  wurde.  Am  22.  Juli 
stellte  Olcott  sofort  die  definitive  Grundungsurkunde  aus  und  schickte  mit 
gleichen  Datum  einen  Brief  an  Hiibbe-Schleiden,  sowie  einen  Brief  an  Rudolf 
Steiner  mit  der  Aufforderung  die  Sektion  zu  konstituieren.  Der  Brief  an  Hiibbe- 
Schleiden  kam  am  10.  August  in  Hannover  an.  Den  Brief  an  Rudolf  Steiner  und 
die  Urkunde  schickte  er  an  Keightley  nach  London,  von  wo  er  erst  am  28. 
August,  also  mit  18  Tagen  Verspatung,  in  Berlin  eintraf. 

Keightley  war  nach  der  Jahresversammlung  von  London  nach  Indien  abgereist 
und  hatte  die  Geschaftsfiihrung  der  Sektion  an  Mrs.  Ivy  Hooper  iibergeben,  die 
aber  in  der  Erledigung  der  Geschafte  sehr  indolent  gewesen  zu  sein  scheint:  Mit 
Datum  vom  15.  August,  als  der  Brief  von  Olcott  an  Rudolf  Steiner  vom  22.  Juli 
bereits  in  ihrem  Korrespondenz-Stapel  gelegen  haben  muss,  schrieb  sie:  «Dear  Dr. 
Steiner,  Colonel  Olcott  hat  wegen  der  Charter  fur  die  deutsche  Sektion  an  Mr. 
Keightley  geschrieben.  [...]  Anscheinend  ist  eine  formale  Schwierigkeit  entstan- 
den  fur  die  Ausfertigung  der  Charter  dadurch,  dass  Col.  Olcott  zwei  verschiedene 
Antrage  dafiir  erhielt.  Er  hat  Mr.  Keightley  gebeten,  sich  mit  seinen  Kollegen  in 
Deutschland  zu  beraten  und  als  Col.  Olcotts  Bevollmachtigter  zu  handeln.  ...  Ich 
trug  die  Angelegenheit  Mrs.  Besant  vor  und  sie  war  der  Meinung,  dass  es  das 
Beste  sei,  die  Sache  an  Sie  weiterzugeben  [...]  Wiirden  Sie  daher  bitte  so  gut  sein 
zu  klaren,  welche  der  beiden  Gruppen  von  Antragstellern  die  Charter  bekommen 
soli,  und  dann  Ihre  Entscheidung  dem  Prasidenten  mitzuteilen.»  Sie  hat  also  da 
erst  den  Brief  von  Olcott  an  Keightley  vom  16.  Juli  bearbeitet,  die  fast  drei 
Wochen  Postweg  nicht  bedacht,  nicht  gemerkt,  dass  er  langst  iiberholt  war,  und 
aufierdem  Griinde  fiir  den  Brief  konstruiert,  von  denen  Olcott  bei  der  Abfassung 
des  Briefes  nichts  gewusst  haben  konnte. 


Freundin  in  Kurland:  Vermutlich  Maria  v.  Strauch-Spettini  (1847-1904),  die  im 
Januar  1903  Mitglied  wurde.  Sie  war  eine  von  Marie  v.  Sivers'  Lehrerinnen  in 
Schauspiel  und  Sprechkunst,  siehe:  Hella  Wiesberger,  «Marie  Steiner-v.  Sivers. 
Ein  Leben  fur  die  Anthroposophie»,  Dornach  1989. 

HUbbe-Schleiden:  Wilhelm  Hiibbe-Schleiden  (1846-1916),  1885  Mitbegriinder  der 
ersten  theosophischen  Vereinigung  in  Deutschland,  Herausgeber  der  okkultisti- 
schen  Monatsschrift  «Sphmx»,  1897-1901  Vorsitzender  der  1894  gegriindeten 
«Deutschen  Theosophischen  Gesellschaft»  in  Berlin.  1911  wurde  er  zum  Instru- 
ment Annie  Besants,  als  sie  sich  der  deutschen  Sektion  entledigen  wollte. 

Schrift  von  Hiibbe-Schleiden:  Die  Briefe  Rudolf  Steiners  an  Hiibbe-Schleiden,  aus 
denen  seine  Mitarbeit  an  dieser  Schrift  hervorgeht,  sind  abgedruckt  in  Rudolf 
Steiner  «Briefe        1.  Ausgabe  Dornach  1953;  vorgesehen  fur  GA250. 

Bresch:  Richard  Bresch,  Mitglied  seit  1898,  von  1899  bis  1906  Herausgeber  des 
«Vahan»,  Zeitschrift  fur  Theosophie,  Leiter  eines  zur  deutschen  Sektion  gehori- 
gen  Zweiges  in  Leipzig,  bis  er  1905  aus  der  Gesellschaft  austrat.  Rudolf  Steiner 
erwahnt  ihn  im  Vortrag  Berlin,  14.  Dezember  1911  (in  GA  264)  als  «eine  Person- 
lichkeit,  die  mittlerweile  ausgetreten  ist  aus  der  Gesellschaft,  die  auch  Vermittler 
des  Karma  war  -  in  welcher  Weise,  dariiber  konnte  viel  erzahlt  werden  in 
okkultem  Zusammenhang  -  es  ergab  sich,  dass  Herr  Richard  Bresch,  der  damalige 
Vorsitzende  des  Leipziger  Zweiges,  nachdem  er  sich  besprochen  hatte  mit  ver- 
schiedenen  Personlichkeiten,  eines  Tages  zum  Grafen  Brockdorff  kam  und  sagte: 
Wenn  Dr.  Steiner  nun  schon  Vorsitzender  der  Berliner  Loge  ist,  kann  er  auch 
Generalsekretar  der  deutschen  Sektion  sein.  —  Es  ergaben  sich  nun  alle  moglichen 
Notwendigkeiten,  diesen  Antrag  Vorsitzender  der  deutschen  Sektion  zu  werden 
anzunehmen.» 

Hubo:  Bernhard  Hubo  (1851-1934),  Kaufmann,  1898  Begriinder  und  Vorsitzen- 
der des  Pythagoras  Zweiges  Hamburg.  Ein  komplizierter  Charakter,  machte  er 
anfanglich  einige  Schwierigkeiten,  wurde  dann  aber  ein  dezidierter  Verfechter  der 
Sache  der  Anthroposophie. 

am  1$.  September  in  Berlin  erwarten:  Marie  v.  Sivers  traf  am  17.  September  1902 
in  Berlin  ein  und  ubernahm  ab  20.  September  offiziell  die  Geschafte  des  Berliner 
Zweiges  und  der  Theosophischen  Bibliothek. 


4      Widmung  fur  Marie  von  Sivers  in:  Einleitung  zu  «Uhlands  Werke». 

Rudolf  Steiner  gab  1902  Uhlands  Werke  heraus,  mit  einer  biographi- 
schen  Einleitung,  die  auch  als  Separatdruck  erschien.  -  Vgl.  den  Sam- 
melband  «Biographien  und  biographische  Skizzen  1894-1905»,  GA  33. 


inrimiti  l-tlilauti 

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Dr.  iiliif  ftriitt 


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111  Iftitltl, 


1903 


Gleich  nach  der  Griindungsversammlung  im  Oktober  1902  beginnt  Rudolf 
Steiner  -  neben  all  seinen  anderen  Verpflichtungen,  vor  allem  in  der 
Arbeiterbildungsschule,  aber  auch  in  der  «Freien  Hochschule»,  bei  den 
«Kommenden»,  u.  a.  -  die  Lehre  soviel  als  nur  moglich  zu  verbreiten, 
zunachst  durch  mehrere  parallel  laufende  Kurse  fiir  die  Mitglieder.  Als 
Hauptaufgabe  aber  betrachtet  er  das  Wirken  in  der  Offenlichkeit.  Dafiir 
wird  die  Monatsschrift  «Luzifer»  begriindet,  in  der  er  grundlegende  gei- 
steswissenschaftliche  Erkenntnisse  darstellt.  Die  erste  Nummer  erscheint 
am  1.  Juni  und  der  erste  Jahrgang  bringt  u.  a.  folgende  Aufsatze:  «Einwei- 
hung  und  Mysterien»,  «Reinkarnation  und  Karma,  vom  Standpunkte  der 
modernen  Naturwissenschaft  notwendige  Vorstellungen»,  «Wie  Karma 
wirkt»,  «Theosophie  und  Sozialismus»,  «Okkulte  Geschichtsforschung» 
(GA  34). 

Im  Juli  nehmen  Rudolf  Steiner  und  Marie  v.  Sivers  in  London  an  der 
Jahresversammlung  der  britischen  Sektion  teil,  bei  welcher  Gelegenheit  die 
«Federation  of  European  Sections  -  Theosophical  Society»  begriindet 
wird,  ein  Zusammenschluss  der  europaischen  Sektionen,  der  dann  zu- 
nachst jedes  Jahr  einen  Kongress  veranstalten  wird. 

Im  Herbst  beginnen  die  grofien  offentlichen  Vortragsreihen  in  Berlin, 
zumeist  im  Architektenhaus,  die  bis  1918  jeweils  im  Winterhalbjahr  statt- 
finden.  Diese  von  sehr  vielen  Menschen  besuchten  Vortrage  liegen  in  der 
Gesamtausgabe  vor  (GA  52-67).  -  Noch  beschrankt  sich  die  Vortragstatig- 
keit  fast  ganz  auf  Berlin,  wird  aber  mit  Hilfe  von  Mitgliedern  auch  in 
anderen  Stadten  angestrebt.  Erste  offentliche  Vortrage  gibt  es  in  Diissel- 
dorf,  Hamburg  und  Koln,  und  vor  allem  in  Weimar  mit  drei  Vortragen  im 
Fruhjahr,  wo  es  zur  ersten  neuen  Zweigbildung  nach  der  Sektionsgriin- 
dung  kommt.  Im  Herbst  ist  Rudolf  Steiner  nochmals  zu  Vortragen  in 
Weimar. 


5      An  Marie  von  Sivers  in  Schlachtensee  bei  Berlin 
Donnerstag,  16.  April  1903 

Briefkopf:  Kaiser  -  Kaffee  -  Konditorei 

Weimar,  den  16.  April  1903 

Liebe  vertraute  Schwester!  Der  erste  Vortrag  ist  also  gehalten.  Er 
war  recht  gut  besucht.  Es  war  mir  oft,  als  ob  ich  Dich  im  Audito- 
rium suchen  miisste.  -  Ubrigens  sah  ich  sogleich,  dass  ich  fur 
Weimar  einiges  anders  sagen  musse,  als  ich  es  in  Berlin  getan  habe. 
Der  Widerstande  gibt  es  auch  hier  genug.  Frau  Liibke  arbeitet  mit 
Hingebung.  Es  war  alles  in  der  schonsten  und  besten  Weise  arran- 
giert.  Sie  hat  wirkliche  theosophische  Gesinnung.  -  Ich  mache 
naturlich  besonders  in  fremden  Stadten  fur  mich  immer  neue  wich- 
tige  Erfahrungen  beziiglich  der  Art  des  Wirkens.  Ich  hoffe,  dass 
wir  vorwarts  kommen,  wenn  ich  alle  solchen  Erfahrungen  fleifiig 
verwerte.  Wir,  beide  zusammenwirkend,  diirfen  hoffen,  in  Deutsch- 
land  etwas  zu  erreichen.  Wir  sind  auch  dann  zusammen,  wenn  wir 
raumlich  nicht  nebeneinander  sind.  -  Den  zweiten  Vortrag  werde 
ich  popularer  gestalten,  als  er  in  Berlin  war.  Bis  ins  kleine  Weimar 
scheinen  doch  noch  zu  wenig  Begriffe  von  Evolution  und  Natur- 
wissenschaft  gedrungen  zu  sein,  trotzdem  Haeckel  in  der  Nachbar- 
stadt  Jena  an  der  Universitat  wirkt. 

Nach  dem  Vortrage  hat  mich  gestern  Herr  von  Henning  zu  den 
Schlaraffen  verschleppt,  deren  Mitglied  er  ist.  Es  war  ein  Opfer; 
aber  ich  wollte  es  bringen,  weil  auch  der  Redakteur  der  Weimari- 
schen  Zeitung  «Deutschland»  darum  anhielt;  und  ich  mochte  nicht, 
dass  sich  etwa  die  Zeitungen  hier  gleich  von  vornherein  feindlich 
zur  theosophischen  Bewegung  stellen.  In  kleinen  Stadten  haben  die 
Zeitungen  noch  einen  viel  grofteren  Einfluss  als  in  grofieren.  Aber 
ich  konnte  wieder  Erfahrungen  sub  specie  humanitatis  machen.  Ich 
war  vorher  nie  bei  einer  Sitzung  der  Schlaraffia.  Das  ist  etwas,  was 
urspriinglich  als  Parodie  auf  gewisse  Auswuchse  des  gesellschaftli- 
chen  Lebens  gegriindet  worden  ist.  Es  ist  nun  lehrreich  zu  sehen, 
wie  sich  dergleichen  Dinge  in  die  Lebensgeister  der  Menschen  ein- 
schmeicheln.  Diese  Schlaraffia  hat  viele  Tausende  von  Mitgliedern 


in  alien  Teilen  Deutschlands  und  Osterreichs  und  Zweige  in  den 
meisten  deutschen  Stadten.  Nun  ist  ihr  [ihr]  urspriinglicher  parodi- 
stischer  Charakter  kaum  noch  als  solcher  anzusehen;  denn  das  Spiel 
wirkt  Ernst  in  den  Gemiitern.  Man  muss  so  etwas  sehen,  um  zu 
wissen,  was  alles  in  Menschengemutern  an  Strebungen  lebt,  die  von 
dem  abziehen,  wohin  wir  fiihren  wollen.  Man  weift  sonst  oft  gar 
nicht,  wo  der  Quellpunkt  gewisser  astraler  Vibrationen  liegt,  die 
einem  mit  groEer  Macht  entgegentreten,  und  deren  Ursprung  in 
Orten  unter  der  Oberflache  unseres  sozialen  Daseins  zu  suchen  ist. 
An  solchen  Orten  sammeln  sich  eine  Menge  Krafte,  die  der  Theo- 
sophie  widerstreben.  Sie  treiben  da  unter  den  merkwurdigsten 
Masken  ihr  Spiel.  Man  lernt  sie  besonders  in  Form  von  Schmeich- 
lern  kennen,  die  sich  langsam  und  sicher  in  die  Seelen  schleichen. 
Viele  der  Dinge,  die  unserer  Bewegung  entgegenwirken,  fiihren, 
wenn  man  ihre  Wirkenssphare  verfolgt,  an  solche  und  ahnliche 
Orte.  Die  Menschen,  die  vor  uns  sitzen,  sind  oft  recht  wenig  bei 
uns,  weil  sie  von  Kraften  dirigiert  werden,  die  da  und  dorthin  in  die 
Lebens-Trivialitat  lenken,  in  eine  Trivialitat,  die  nach  und  nach 
Lebensnerv  wird.  Solchen  Dingen  kann  nur  durch  die  wirklichen 
Theosophen  entgegengewirkt  werden,  die  dies  ganz  sind,  und  die 
deshalb  zu  Akkumulatoren  von  Astralkraften  werden,  um  eine 
Besserung  des  Denkens  und  Empfindens  zu  bewirken.  Ich  weifi, 
dass  jeder  Gedanke,  wenn  er  auch  unausgesprochen  bleibt,  wenn  er 
sich  aber  nur  in  der  theosophischen  Linie  bewegt,  eine  Kraft  ist,  die 
gerade  gegenwdrtig  viel  bedeutet.  Ohne  einen  Stamm  von  wahren 
Theosophen,  die  in  fleifiigem  Meditieren  das  Gegenwart-Karma 
verbessern,  wiirde  die  theosophische  Lehre  doch  nur  halbtauben 
Ohren  gepredigt. 

Es  ist  wahrscheinlich,  dass  ich  Sonnabend  friih  in  Schlachtensee 
bin,  so  dass  mich  Briefe,  die  dann  erst  ankommen,  nicht  mehr  treffen. 

Heute  abend  ist  theosophischer  Zirkel  bei  Frau  Liibke. 

In  Treuen  und  Briiderlichkeit  Dein  R.  St. 


Frau  Liibke:  Helene  Liibke,  geb.  v.  Bleszynska  (1859-1916),  Frau  des  1893 
verstorbenen  Kunsthistorikers  Wilhelm  Liibke,  Mitglied  der  T.G.  in  London,  seit 
1902/03  auch  der  deutschen  Sektion.  1903/04  lebte  sie  in  Weimar,  wo  sie  im  April 
die  drei  offentlichen  Vortrage  Rudolf  Steiners  veranstaltete  und  den  Weimarer 
Zweig  griindete.  1905  verzog  sie  nach  Elberfeld  und  organisierte  auch  dort 
Vortrage  Rudolf  Steiners.  Ira  April  1906  kehrte  sie  nach  England  zuriick. 

Herr  v.  Henning:  Horst  v.  Henning  (gest.  1943),  Generalagent,  Freund  Rudolf 
Steiners  aus  der  Weimarer  Zeit,  Mitglied  der  T.G.  seit  1895,  spater  Vorsitzender 
des  Zweiges  Weimar. 

Schlaraffia:  Eine  seit  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  uber  die  ganze  Erde  verbrei- 
tete  deutsche  Vereinigung.  Lit.:  O.  R.  Zimmer,  Schlaraffia,  1926. 

Schlachtensee:  Im  Januar  1903  wurde  die  Leitung  der  deutschen  Sektion  von  der 
Kaiser-Friedrichstr.  54a  in  Charlottenburg  nach  Schlachtensee,  Seestr.  40  verlegt, 
und  im  Oktober  1903  in  die  Motzstr.  17,  Berlin  W. 


6      An  Marie  von  Sivers  in  Schlachtensee  bei  Berlin 
Donnerstag,  16.  April  1903,  andere  Fassung 

Weimar,  16.  April  1903 

Liebe  vertraute  Schwester!  Der  erste  Vortrag  ist  also  gehalten.  Er 
war  recht  gut  besucht.  Es  war  mir  oft,  als  ob  ich  Dich  im  Audito- 
rium suchen  miisste.  -  Ich  sah  ubrigens  sogleich,  class  ich  fur 
Weimar  einiges  im  Vortrag  werde  anders  sagen  miissen.  Der  Wi- 
derstande  gibt  es  auch  hier  genug.  Frau  Liibke  arbeitet  mit  Hin- 
gebung.  Es  war  hier  alles  in  der  schonsten  und  besten  Weise  arran- 
giert.  Man  sieht  es  der  Handhabung  der  Frau  Liibke  an,  dass  sie 
fiinf  Jahre  in  England  an  der  Quelle  gesessen  hat.  Ihre  Arrange- 
ments haben  einen  Zug  nach  Vornehmheit.  -  Ich  mache  natiirlich 
besonders  in  fremden  Stadten  fur  mich  immer  neue  Erfahrungen 
beziiglich  der  Art  des  Wirkens.  Ich  hoffe,  dass  wir  vorwarts  kom- 
men,  wenn  ich  die  alle  fleifSig  verarbeite  und  verwerte.  Wir,  beide 
zusammen  wirkend,  durfen  hoffen,  in  Deutschland  etwas  zu  er- 
reichen.  Wir  sind  auch  dann  zusammen,  wenn  wir  ortlich  nicht 
nebeneinander  sind.  -  Den  zweiten  Vortrag  werde  ich  popularer 
gestalten,  als  er  in  Berlin  war.  Bis  ins  kleine  Weimar  scheinen  doch 
noch  zu  wenig  Begriffe  von  Entwickelung  und  Naturwissenschaft 


gedrungen  zu  sein,  trotzdem  Haeckel  in  der  Nachbarstadt  an  der 
Universitat  wirkt.  Nach  dem  Vortrage  hat  mich  gestern  Herr 
v.  Henning  zu  den  Schlaraffen  verschleppt,  deren  Mitglied  er  ist.  Es 
war  ein  Opfer;  aber  ich  wollte  es  bringen,  weil  auch  der  Redakteur 
der  hiesigen  Zeitung  «Deutschland»  darum  anhielt,  und  ich  mochte 
nicht,  dass  sich  etwa  die  Zeitungen  hier,  wo  sie  einen  groEeren 
Einfluss  als  in  Berlin  haben,  von  vornherein  ablehnend  der  Theo- 
sophie  gegeniiber  verhalten.  Aber  ich  konnte  wieder  Erfahrungen 
sub  specie  universi  machen.  Ich  war  vorher  nie  bei  einer  Sitzung 
der  Schlaraffia.  Das  ist  etwas,  an  dem  seine  Mitglieder  wie  an  einem 
Lebensnerv  hangen.  Gestern  hielt  der  «Kanzler»  eine  Rede,  in  der 
er  sagte,  wer  einmal  Schlaraffe  gewesen  ist,  und  miisste  aufhoren,  es 
zu  sein,  der  ftihlte  sich  von  der  Lebensquelle  getrennt.  Diese  Schla- 
raffia ist  iiber  ganz  Mitteleuropa  verbreitet  und  hat  iiberall  ihre 
Mitglieder,  die  sich  gradweise  in  «Pilger»,  «Junker»,  «Ritter»  und 
«Herrlichkeiten»  gliedern.  Ob  es  noch  hohere  Grade  gibt,  ist  ein 
Mysterium,  zu  dem  ich  noch  nicht  gedrungen  bin.  Nun  ist  aber  die 
Grundlage  der  ganzen  Gesellschaft  die  Trivialitat.  Es  schmerzte, 
die  Reden  zu  horen,  die  da  in  einem  eigenen  Schlaraffendialekt 
gehalten  wurden.  Meine  Erfahrung  ist,  dass  es  solches  gibt,  und 
dass  Tausende  von  Menschen  in  Deutschland  und  Osterreich  in  der 
Schlaraffia  etwas  sehen,  wo  sie  ihr  Bestes  suchen.  Man  muss  so 
etwas  sehen,  um  zu  wissen,  was  alles  in  Menschengemiitern  an 
Strebungen  lebt,  die  von  der  Richtung  zum  Hoheren,  zum  Geisti- 
gen  abzieht.  Man  weifi  sonst  oft  gar  nicht,  wo  der  Quellpunkt 
gewisser  astraler  Vibrationen  liegt,  die  einem  mit  Macht  entgegen- 
treten,  und  deren  Ursprung  in  den  Orten  unter  der  Oberflache 
unseres  sozialen  Daseins  zu  suchen  ist.  An  solchen  Orten  versam- 
meln  sich  die  Krafte,  die  der  Theosophle  widerstreben;  sie  treiben 
da  unter  den  merkwiirdigsten  Masken  ihr  Spiel.  Man  lernt  sie  da 
besonders  als  Schmeichler  kennen,  die  sich  mit  einer  ganz  eigenen 
Herzenssprache  in  die  Menschenseelen  schleichen.  Es  geht  ganz 
feierlich  zu.  «Herrlichkeit»  sitzt  auf  einem  «Thron»,  zur  einen  Seite 
vom  «Kanzler»,  zur  andern  vom  «Marschall»  umgeben.  Man  hat 
Kopfbedeckungen,  die  die  Wurden  symbolisch  zum  Ausdruck  brin- 


gen.  Man  hat  Namen,  die  einen  ganz  abtrennen  von  allem  «Profa- 
nen».  Man  verbringt  die  ganze  «Sippung»  (deutsch:  Sitzung)  in 
zeremoniellen  Formen.  Es  ist  notwendig,  den  Zauber  jeglicher 
Zeremonie  zu  kennen,  wenn  man  die  bestimmende  Gewalt  dieser 
«Sippungen»  auf  die  Menschen  durchschauen  will.  Viele  der  Dinge, 
die  uns  in  unserem  Streben  entgegenwirken,  fiihren,  wenn  man  ihre 
Faden  verfolgt,  an  solche  und  ahnliche  Orte,  die  sich  dem  gewohn- 
lichen  Beobachter  entziehen.  Die  Menschen,  die  vor  uns  sitzen, 
sind  oft  recht  wenig  bei  uns,  weil  sie  von  Kraften  dirigiert  werden, 
die  da  und  dorthin  lenken.  Solchen  Dingen  kann  nur  durch  die 
wirklichen  Theosophen  entgegengewirkt  werden,  die  dies  ganz 
sind,  und  die  deshalb  Akkumulatoren  von  Astralkraften  darstellen, 
die  auf  eine  Besserung  des  Empfindens  und  Fiihlens  wirken.  Ich 
weifi,  dass  jeder  Gedanke,  wenn  er  auch  unausgesprochen  bleibt 
und  nur  seine  Richtung  in  der  theosophischen  Linie  hat,  eine  Kraft 
ist,  die  gegenwartig  viel  bedeutet.  Ohne  einen  Grundstock  von 
wahren  Theosophen,  die  in  fleiEigster  Meditationsarbeit,  das  Ge- 
genwart-Karma  verbessern,  wiirde  die  theosophische  Lehre  doch 
nur  halbtauben  Ohren  gepredigt. 

In  Treuen  und  Briiderlichkeit  Dein  R.  St. 


7      An  Marie  von  Sivers  in  Schlachtensee  bei  Berlin 
Samstag,  18.  April  1903 

Weimar,  18.  April  1903 

Liebe  vertraute  Schwester!  Auch  der  zweite  Vortrag  ist  gehalten. 
Er  war  noch  besser  besucht  als  der  erste.  Aus  allem,  was  ich  hier 
in  bezug  auf  unsere  Sache  erlebe,  darf  ich  hoffen,  dass  wir  durch- 
dringen  werden,  wenn  wir  Ausdauer  und  Wirkenskraft  haben.  Und 
Ausdauer  miissen  wir,  Wirkenskraft  werden  wir  haben,  wenn  wir 
nur  den  Geboten  der  innern  Notwendigkeit  folgen.  Habe  aller- 
herzlichsten  Dank  fur  Deinen  Brief.  Es  ist  mir  sehr  leid,  dass  Du 
mit  Aufierlichkeiten  so  geplagt  bist,  und  dass  Du  nicht  einmal  ganz 


wohl  bist.  -  Die  Schwierigkeiten,  welche  Dir  die  alten  Blatter  ge- 
macht  haben,  werden  in  nicht  ferner  Zeit  ganz  schwinden.  Sie 
mussen  iiberstanden  werden.  Denn  sie  liegen  einmal  auf  dem  Weg, 
wenn  sich  die  Wissenschaft  des  Gehirns  in  die  Weisheit  des  Her- 
zens  wandeln  und  dadurch  der  Geist  immer  lebendiger  werden  soil. 
Du  musst  bedenken,  dass  nicht  nur  Diagramme  und  Zeichnungen, 
sondern  auch  Vorstellungen  und  Ideen  nur  Symbole  sind.  Alles  das 
ist  nur  Durchgangstor  zum  Geiste.  Du  wirst  den  Durchgang  fin- 
den,  weil  Du  dazu  pradestiniert  bist.  Allerdings  gibt  Dir  das  auch 
die  Notwendigkeit,  diesen  Durchgang  zu  suchen. 

In  welchem  Sinne  Deinhard  hier  wirken  will,  davon  gibt  einen 
Vorgeschmack,  was  Hiibbe-Schleiden  in  einem  eben  eingetroffenen 
Brief  schreibt.  Es  ist  wieder  dieselbe  Sache:  nicht  Theosophie  und 
nicht  Theosophische  Gesellschaft.  Wieder  die  Mahnung:  ich  solle 
nichts  tun  als  eine  Zeitschrift  ohne  Hinweis  auf  beides  herausgeben. 
Dass  wir  iiberhaupt  etwas  unternehmen,  ist  ganz  gegen  die  Ansicht 
dieser  Herren.  Nun,  wenn  wir  in  ihrem  Sinne  handelten,  wiirde  die 
Begriindung  der  deutschen  Sektion  eine  Farce  sein;  wir  handelten 
treulos  gegen  alle  unsere  Versprechungen  und  die  Theosophie  ware 
unter  Deutschen  ganz  ohne  Aussichten.  Es  ist  eigentumlich,  dass 
diese  Hemmschuhe  hineinfallen  mussen  in  eine  Zeit,  in  der  man  die 
Kraft  zum  Weiterwirken  braucht;  dass  sich  diese  ganz  wesenlose 
Rederei  der  Herren  storend  in  den  Weg  legt,  wo,  von  ihr  abge- 
sehen,  alles  doch  zu  Hoffnungen  berechtigt.  Hier  arbeitet  Frau 
Liibke  mit  Hingebung,  und  in  demselben  Augenblicke  mahnen  die 
alten  deutschen  Theosophen  zum  Nichtstun.  Ob  es  wohl  noch 
lange  dauern  wird! 

Wir  werden  jetzt  alles  mit  Festigkeit  tun  mussen,  selbst  auf  die 
Gefahr  hin,  dass  uns  diese  alten  Theosophen  verlassen.  -  Du  ver- 
stehst  mich;  und  das  gibt  mir  Kraft,  das  macht  mir  die  Fliigel  frei. 

In  Treuen  und  Bniderlichkeit  R.  St. 

Deinhard:  Ludwig  Deinhard  (1847-1917),  Industrieller,  Freund  und  Mazen  von 
Hiibbe-Schleiden,  begriindete  im  Marz  1894  den  Zweig  Miinchen  der  euro- 
paischen  Sektion  der  T.G.,  der  dann  aber  bald  wieder  einschlief.  1902  wurde  der 


Zweig  mit  nur  7  Mitgliedern  reaktiviert  fur  die  deutsche  Sektionsgriindung,  um 
im  Fahrwasser  von  Hiibbe-Schleiden  praktisch  gleich  wieder  einzuschlafen. 

was  Hiibbe-Schleiden  in  einem  eben  eingetroffenen  Brief  schreibt:  «...  Anderer 
Ansicht  als  Sie  bin  ich  nur  in  bezug  auf  die  Absicht  und  den  Zweck  der 
theosophischen  Bewegung.  Sie  und  alle  anderen  heutigen  Vertreter  wollen  aus 
dieser  Bewegung  fur  sich  und  moglichst  viele  andere  einzelne  Personen  den 
geistigen  Vorteil  und  Nutzen  ziehen.  ...  Um  nun  diese  Zweckerfiillung  zu 
ermoglichen,  scheint  mir  die  erste  Vorbedingung,  dass  wir  unserer  Kultur  nur  den 
geistigen  Inhalt  unserer  Erkenntnis  und  unseres  Strebens  geben,  dass  wir  aber 
dabei  vorerst  die  Schlagworte  Theosophie  und  Theosophische  Gesellschaft  ganz 
vermeiden.»  (Brief  vom  17.  4.  1903).  Rudolf  Steiner  schrieb  an  den  Rand:  «Das  ist 
eben  die  grundfalsche  Voraussetzung,  die  alle  Missverstandnisse  hervorruft.  Nicbt 
Nutzen  und  nicht  Vorteil,  sondern  notwendige  Erfiillung  eines  klar  eingesehenen 
Karmas!!!  Fur  mich  war  die  Differenz  klar,  als  ich  sah,  dass  meine  dahingehend 
fur  den  Eingeweihten  bestimmten  Andeutungen  in  Berlin  auf  keinen  fruchtbaren 
Boden  fielen  und  nur  von  Fraulein  v.  Sivers  verstanden  wurden.» 


8      An  Rudolf  Steiner  in  Weimar 
Samstag,  18.  April  1903 

Schlachtensee,  d.  18/IV  03 

Heute  wirst  Du  nun  von  Deinhard  attackiert.  Ich  schicke  Dir  die 
eben  angekommene  letzte  Nummer  des  Vahan.  Es  ist  manches 
Interessante  daran.  Bresch  bessert  sich  zusehends.  Er  ist  maftvoll 
und  fest,  und  die  paar  Anspielungen  auf  Hiibbe-Schleiden  sind 
ebenso  richtig  als  am  Platz.  Man  kann  Hiibbe-Schleiden  nicht  die 
Vorderrolle  spielen  lassen. 

Deinhard  ist  bestimmt  erschreckt  iiber  Dein  Vordringen  und  hat 
unserer  armen  Frau  Carola  Mayne  den  Kopf  wirr  gemacht,  denn  sie 
antwortet  mir  nicht.  Du  sollst  ihm  sagen,  dass  er  sie  in  Ruhe  lasst. 

Demselben  Bericht  entnehme  ich,  dass  Olcott  in  Europa  ist.  Am 
5.  Marz  abgereist,  also  ist  er  schon  hier.  Vielleicht,  bei  seinem  hohen 
Alter,  das  letzte  Mai.  Wir  miissen  ihn  sehen,  nicht  wahr?  Vielleicht 
kommt  er  zu  uns.  Es  ist  ganz  gleich,  wenn  Hiibbe-Schleiden  und 
Deinhard  sich  dagegen  wehren.  Es  ware  eine  Sanktionierung  unse- 
rer neubegriindeten  Sektion  durch  den  ehrwiirdigen  und  ersten 
Prasidenten.  Es  ware  wiederum  ein  frischer  Strom  und  ein  An- 
sporn  fur  die  Mitglieder.  Am  besten  war  es,  er  bliebe  so  lange,  dass 


er  zum  Jahresfest  kommen  konnte  und  mein  Gast  in  Berlin  sein. 
Sollte  er  aber  friiher  wegreisen,  miisste  es  auch  im  Sommer  moglich 
sein  einen  Vortragsabend  anzukiinden,  an  welchem  Ihr  beide  zu- 
sammen  sprechen  wiirdet,  und  einen  Tag  oder  zwei  wtirde  er  wohl 
in  Schlachtensee  leben.  Kann  er  aber  das  alles  nicht,  so  ware  es 
wohl  schon,  wenn  wir  nach  London  gingen  und  zwar  lieber  jetzt 
als  zur  Convention. 

Ich  werde  gleich  Naheres  zu  erfahren  suchen.  Am  liebsten  moch- 
te  ich  ihm  gleich,  und  auch  in  Deinem  Namen,  einige  Begriifiungs- 
worte  schicken  und  die  Hoffnung  aussprechen,  ihn  auch  den  rau- 
hen  deutschen  Boden  betreten  zu  sehen.  Soil  ich? 

Und  lass  mich,  wenn  es  gent,  recht  schnell  etwas  iiber  Deine 
Unterredung  mit  Deinhard  wissen,  damit  ich  der  Carola  gegeniiber 
Sachkenntnis  habe. 

Heute  war  es  mir  zum  ersten  Mai,  als  ob  ich  etwas  tiefer  das 
Wesen  der  Meditation  erkannte,  das  schopferischer  ist  als  Nach- 
Denken,  Nach-Beten  und  -Empfinden.  Ich  wollte  es  auch  fixieren, 
aber  da  kam  die  Morgenarbeit  dazwischen  und  jetzt  die  Briefe  und 
ich  furchte,  es  verfluchtet  sich.  Du  wirst  freilich  sagen:  das  hattest 
du  doch  tun  miissen.  Aber  dann  ist  wieder  die  absorbierte  Seelen- 
ruhe  nicht,  die  Grundbedingung,  wegen  des  Ungetanen. 

Das  war  iibrigens  etwas,  was  mir  heute  besonders  klar  vor 
Augen  trat,  auch  in  der  Meditation.  Mein  Haupthindernis  war  die 
Unordnung.  Die  gab  mir  auch  das  gesteigerte  Hetzgefuhl  und  die 
Gewissensbisse,  und  so  drangte  sich  immer  das  Ungeschehene  und 
Vernachlassigte  des  taglichen  Lebens  in  die  devotionellen  und 
mentalen  Bilder.  Das  ist  ein  tiefer  Grund  meines  langsamen  Wei- 
terkommens,  und  so  lange  dieses  Laster  nicht  radikal  ausgewurzelt 
ist,  wird's  auch  nicht  gut  gehen.  Beim  Kleinen  muss  angefangen 
werden. 

Da  hast  Du  meine  eben  errungene  Einsicht. 
Dir  aber  tausend  Dank,  Du  Guter,  Bester,  fur  das  Meer  von 
Licht,  das  Du  mir  gibst,  und  fur  Dein  spirituelles-  Tragen. 

Wie  geht's  Dir?  Marie. 


1903 


Wenn  wir  hingehen  miissten,  oder  gar  ich  allein,  mochte  ich  am 
liebsten  den  8.  Mai,  den  Todestag  von  Frau  Blavatsky  dazu  aus- 
suchen.  Es  war  mein  grofies  Bedauern  voriges  Jahr,  dass  ich  nicht 
da  sein  konnte,  und  da  wir  ihn  selbst  dieses  Jahr  noch  nicht  erheb- 
lich  feiern  konnen,  mochte  ich's  einholen. 

Erwage  dies  alles,  wenn  Du  nun  nahere  Bestimmungen  iiber 
Deine  Vortragstournee  triffst,  insbesondere  Miinchen.  Willst  Du 
nicht  gleich  Deinhard  vorschlagen  eine  Rede  in  Hannover  zu 
halten,  Du  naturlich. 

der  «Vahan»:  Die  von  Richard  Bresch  in  Leipzig  herausgegebene  Zeitschrift  fur 
Theosophie,  (1899-1906). 

Frau  Carola  Mayne,  geb.  Grafin  Topor-Morawitzky  (1846-1907/08),  Mitglied  im 
Berliner  Zweig  seit  Marz  1903.  Marie  v.  Sivers  hatte  sie  gebeten,  in  Miinchen 
Vortrage  Rudolf  Steiners  zu  organisieren,  da  Deinhard,  der  eigentlich  fur  Miin- 
chen zustandig  war,  sich  damals  gegen  jede  offentliche  theosophische  Tatigkeit 
straubte,  wie  z.  B.  aus  seinem  Brief  an  Marie  v.  Sivers  vom  13.  5.  1903  hervorgeht: 
«Ich  mochte  nun  zunachst  freundlich  bitten,  sich  doch  kiinftig  gefalligst  an  meine 
Adresse  wenden  zu  wollen,  wenn  es  sich  um  irgendwelche  Dinge  handelt,  die  die 
theosophische  Gesellschaft  angehen.  Herr  Becker  ist  ja  mit  den  Verhaltnissen  der 
theosophischen  Bewegung  kaum  naher  vertraut  und  noch  viel,  viel  weniger  ist 
dies  Mrs.  Mayne,  eine  in  Pasing  wohnende  Deutsch-Amerikanerin,  die  leider 
stocktaub  ist  und  dazu  die  unangenehme  Eigenschaft  besitzt,  dass  sie  durch  ihre 
naiven  Briefe  fortwahrend  nur  Konfusion  stiftet.  -  Als  ich  kiirzlich  Dr.  Steiner  in 
Weimar  traf,  habe  ich  ihn  ausdriicklich  gebeten,  sich  wegen  etwaiger  Vortrage,  die 
er  hier  halten  wolle,  doch  ja  an  mich  zu  wenden.  Ich  glaube  als  altestes  Mitglied 
der  T.S.  und  als  derjenige,  der  am  meisten  zur  Ausbreitung  der  theos.  Ideen  in 
Miinchen  beigetragen  hat,  dies  erwarten  zu  durfen.  Ich  habe  nun  schon  in  Weimar 
Dr.  Steiner  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  das  Interesse  fur  Vortrage  in  der 
gegenwartigen  Jahreszeit  hier  ein  aufierordentlich  geringes  ist.  Ich  rate  also  positiv 
ab,  jetzt  oder  im  Laufe  des  Sommers  hier  einen  offentlichen  Vortrag  halten  zu 
wollen.  ...» 

Olcott  ...  mein  Gast  in  Berlin:  Hat  sich  nicht  realisiert. 

lieber  jetzt  als  zur  Convention:  Sie  fuhren  aber  doch  erst  zur  Jahresversammlung 
der  Britischen  Sektion  der  T.G.  in  London,  3.  bis  5.  Juli  1903. 


9      An  Marie  von  Sivers  in  Schlachtensee  bei  Berlin 
Sonntag,  19.  April  1903 


Weimar,  19.  April  1903 

Liebe  vertraute  Schwester!  Deinhard  hat  sich  bis  zur  Stunde  noch 
nicht  gemeldet.  Er  wird  also  wohl  erst  heute  kommen.  Gestern  hat 
sich  hier  die  Weimarische  Zweigloge  konstituiert.  Aufter  den  bei- 
den  Vortragen  habe  ich  auch  noch  -  mit  denen,  die  beitreten  wer- 
den  -  zweimal  engeren  Zirkel  gehalten.  -  Dass  unsere  Anwesenheit 
in  der  nachsten  Zeit  in  London  notwendig  sein  werde,  habe  ich  seit 
lange  empfunden.  Jetzt,  da  Olcott  in  Europa  ist,  ist  sie  wohl  unver- 
meidbar.  Aber,  liebe  vertraute  Schwester:  wir  rmissen  zu  diesem 
Ende  alles  wohl  erwagen  und  uns  den  rechten  Zeitpunkt  bestim- 
men.  Denn  ich  glaube,  Dir  sagen  zu  konnen,  dass  diese  nachste  Zeit 
fiir  uns  keine  unwichtigen  Sachen  bringen  werde.  Wir  diirfen  jetzt 
in  keiner  Sache  unseren  nachsten  Impulsen  folgen.  Was  Du  mir 
eben  -  im  Vahan  -  gesandt  hast,  ist  ja  nur  Symptom.  Es  arbeitet 
manches  gegen  uns.  Und  Bresch  hat  gegenwartig  einen  richtigen 
Fuhler.  Was  er  selbst  sagt,  ist  gerade  jetzt  vielleicht  wichtiger,  als 
sich  der  Schreiber  selbst  bewusst  ist.  Hochstwahrscheinlich  reise 
ich  iibrigens  Dienstag  iiber  Leipzig  nach  Berlin.  Es  scheint  mir 
vorlaufig,  dass  ich  Bresch  sprechen  muss.  -  Also  wir  werden,  wenn 
ich  wieder  bei  Dir  bin,  alles  in  bezug  auf  Olcotts  Anwesenheit 
ruhig  besprechen.  Frau  Liibke,  die  durch  ihr  dreijahriges  Zusam- 
menwirken  mit  den  Londoner  Theosophen  ganz  anders  sehen  ge- 
lernt  hat,  als  die  alten  Mitglieder  in  Deutschland,  gab  mir  schon 
vorgestern  Recht,  als  ich  auf  die  Wichtigkeit  hinwies,  jetzt  Olcott 
personlich  nahe  zu  treten.  Ich  empfinde  nun  hier,  dass  richtig  ist, 
was  wir  zu  tun  begonnen  haben.  Nicht  darauf  kommt  es  an,  wieviel 
wir  da  oder  dort  im  ersten  Ansturm  erreichen,  sondern  ob  wir  das 
Richtige  -  das  durch  das  Zeit-Karma  Bedingte  -  tun.  Sogleich  wenn 
ich  nach  Berlin  komme,  miissen  meine  drei  Vortrage  gedruckt 
werden.  Und  fiir  den  «Luzifer»  ist  wohl  kein  Zeitpunkt  richtiger 
als  gerade  der,  zu  dem  er  erscheinen  wird.  -  Dass  Deinhards  Be- 
sprechung  mit  mir  ohne  Bedeutung  sein  muss,  wenn  wir  vorwarts 


kommen  wollen,  das  wirst  Du  ohne  weiteres  zugeben.  Das  wich- 
tige  fur  mich  wird  auch  gar  nicht  sein,  was  er  sagt,  sondern,  was  er 
nicht  sagt.  Auch  in  Hiibbe-Schleidens  letztem  Brief  ist  das  wichtig- 
ste,  was  gar  nicht  darinnen  steht.  Ich  werde  mit  Dir  in  den  nachsten 
Tagen  iiber  Verschiedenes  sprechen,  was  Dir  manches  klarer  ma- 
chen  wird.  Fur  heute  nur  einen  Richtsatz:  Wir  halten  treu  zusam- 
men;  und  wir  tun  beide,  auch  gegen  etwaige  Missverstdndnisse,  die 
in  der  nachsten  Zeit  kommen  konnten,  alles  in  vollster  Treue  und 
Hingebung  an  Mrs.  Besants  Intentionen. 

Was  Du  mir  iiber  Deine  Meditation  mitteilst,  macht  mich  froh. 
Ich  weifi,  Du  wirst  weiter  kommen.  Und  ich  weifi  auch,  dass  Dich 
die  besten  Krafte  leiten.  Fahre  also  fort.  Es  ist  so  lieb,  dass  Du  mir 
auch  gestern  geschrieben  hast,  so  dass  ich  heute  morgen  den  Brief 
von  Dir  erhielt.  Weimar  hat  fur  mich  ein  rechtes  Doppelgesicht 
jetzt.  Du  weifit,  dass  ich  Dir  ofter  von  meiner  Empfindung  gewis- 
ser  «Unwahrheiten»  gesprochen  habe.  Ich  war  in  Weimar  sieben 
Jahre,  und  da  ist  es  einzusehen,  dass  auch  heute  wieder  die  «Ge- 
spenster»  jener  «Unwahrheiten»  aus  alien  Winkeln  hervorkriechen. 
Es  haftet  an  meinen  Relationen  in  Weimar  zu  viel  Personliches. 

In  Treuen  und  Briiderlichkeit  R.  St. 

Sogleich  miissen  meine  drei  Vortrage  gedruckt  werden:  Die  ersten  offentlichen 
Darstellungen  der  Inhalte  der  Theosophie  (Die  Theosophie  und  die  Fortbildung 
der  Religionen,  Die  theosophischen  Hauptlehren,  Die  Theosophie  und  der 
wissenschaftliche  Geist  der  Gegenwart)  in  Berlin  im  Marz  und  April,  und  deren 
Wiederholung  in  Weimar.  Der  Druck  ist  nicht  erfolgt;  die  Griinde  dafiir  sind 
nicht  bekannt. 

«Luzifer»:  Die  von  Rudolf  Steiner  herausgegebene  «Zeitschrift  fur  Seelenleben 
und  Geisteskultur,  Theosophie»,  deren  erste  Nummer  am  1.  Juni  1903  erschien, 
ab  Januar  1904  mit  der  Wiener  Zeitschrift  «Gnosis»  zu  «Lucifer-Gnosis»  ver- 
bunden. 

Ich  war  in  'Weimar  sieben  Jahre:  Viele  Briefe  Rudolf  Steiners  aus  dieser  Zeit  findet 
man  in  dem  Band  «Briefe  II»,  GA  39. 


10    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Samstag,  21.  November  1903 


Weimar,  21.  November  1903 

Liebe  vertraute  Schwester, 

gerne  hatte  ich  Dir  schon  gestern  einen  kurzen  Grufi  gesandt,  aber 
die  Zeit  vor  dem  Vortrag  war  ausgefiillt.  Heute  habe  ich  Deine 
lieben  Zeilen  erhalten.  Sie  sind  ganz  Du.  Doch  sollst  Du  nicht 
glauben,  dass  ich  den  Zug  in  Dir,  der  uns  zusammen  gefuhrt  hat, 
auch  nur  im  geringsten  unterschatze.  Fiir  uns  ist  ja  das  gemeinsame 
Ziel  eine  der  Meister-Krafte,  denen  gegeniiber  wir  beide  «lenksam» 
sein  miissen  in  treuer,  fester  Waffenbriiderschaft.  Der  Mit-Glaube 
ist  eine  positive  Kraft,  die  magnetisch  fiir  uns  wirkt,  und  diese  Mit- 
Glaub ens-Kraft  hast  Du  mir  durch  Dein  Verstandnis  gebracht;  und 
wir  miissen  sie  uns  gegenseitig  geben. 

Der  gestrige  Vortrag  ist  also  voniber.  Vorher  war  ich  mit  Frau 
Liibke  bei  Prozors.  Abends  hab  ich  auch  den  jungen  Sohn  fliichtig 
gesehen.  Der  Vortrag  gestern  handelte  von  der  «Pilgerfahrt  der 
Seele».  Der  erste  Teil  behandelte  das  dreifache  menschliche  Wer- 
den:  lunarisch-kamische  Epoche:  Bildung  der  manasisch-kamischen 
Psyche  (1.  2.  Rasse)  und  Epoche  der  Verkorperungen  des  eigent- 
lichen  Menschengeistes  (von  der  3.  Rasse  an).  Dann  im  2.  Teile 
folgten  die  Wege  durch  physische,  kamische  und  Devachan-Welt. 
Ich  versuchte  den  irdischen  Menschenwandel  zu  charakterisieren 
als  Durchziehen  durch  verschiedene  Lebensstationen  (Reinkarna- 
tionen),  die  «Hauser»  und  betonte  dann,  dass  im  Anfange  und  am 
Ende  je  ein  Tempel  stent;  auf  dem  ersten  das  Menschenlebensratsel, 
auf  dem  am  Ende  das  «Wort  der  L6sung»  und  an  den  «Hausern» 
dazwischen  die  einzelnen  Buchstaben,  die  zuletzt  das  «Wort  der 
L6sung»  zusammensetzen. 

Heut  abends  wird  kleiner  Kreis  versammelt.  Und  dann  fahre  ich 
nach  Coin  ab,  wo  ich  morgen  um  9  Uhr  sein  mochte.  Du  schreibst 
von  einer  Portiere,  die  du  vor  meiner  Tiir  anmachen  lassen  willst. 
Ich  glaube  nicht,  dass  Du  dies  jetzt  tun  sollst.  Ich  werde  Dir  miind- 
lich  sagen,  warum  ich  gerade  jetzt  die  Haufung  neuen  Ziindstoffes 


nicht  fur  gut  halten  kann.  Glaube,  mein  Liebling,  wie  ich  glaube, 
dass  wir  iiber  die  Schwierigkeiten  hinauskommen,  gerade  dann, 
wenn  wir  auch  nicht  einmal  scheinbar  provozieren.  Missverstehe 
mich  nicht  und  sehe  darin  keine  Kleinmiitigkeit,  oder  den  Mangel 
an  Willen,  Klarheit  zu  schaffen.  Aber  Klarheit  wird  um  so  eher 
auch  da  kommen,  wenn  wir  selbst  in  diesem  Falle  das  «Verwunden 
verlernen».  Es  ist  ein  beherzigenswertes  Wort  des  neuen  Testamen- 
tes:  «Widerstrebe  nicht  durch  Wehetun».  (Die  deutsche  Uberset- 
zung  hat  nattirlich  auch  da  einen  Nonsens:  Widerstrebe  nicht  dem 
Ubel).  Und  wenn  das  «Wehe-Tun»  auch  nicht  von  uns  verursacbt 
ist,  so  kann  es  doch  von  uns  bewirkt  sein.  Wir  miissen  in  solcher 
Richtung  das  Notwendige  tun,  und  lieber  einen  Schritt  weniger,  als 
einen  zuviel  (wohlgemerkt  in  dieser  Richtung).  Also  lassen  wir  die 
Portiere,  die  auch  dadurch  nicht  sonderlich  viel  bessern  kann,  dass 
sie  das  physische  Kuchengerausch  abhalt  und  das  psychische  noch 
um  einen  Grad  erhoht. 

Sei  frisch,  liebe  Vertraute,  sieh  manchmal  in  Deinen  Papieren 
nach  und  halte  es  mit  Deiner  Meditation,  wie  wir  es  besprochen 
haben. 

In  Treuen  ganz  Dein  Rudolf. 
eine  der  Meister-Krafte:  Siehe  Hinweis  zu  Nr.  20. 

Prozors:  Graf  Maurice  Prozor  (1849-1928),  bekannt  als  Ubersetzer  der  Dramen 
Ibsens  ins  Franzosische,  Diplomat  in  russischen  Diensten,  damals  am  Hofe  von 
Weimar,  seine  Frau  Marthe,  seine  Tochter  Elsa  und  sein  Sohn  Maurice  Edouard, 
waren  oder  wurden  alle  Mitglieder  der  Theosophischen  Gesellschaft. 


17\Jt 


Im  April  dieses  Jahres  wird  der  vielleicht  wichtigste  Schritt  iiber  Berlin 
hinaus  unternommen,  durch  den  der  Grand  gelegt  wird  zu  einer  frucht- 
baren  Entwickelung  der  fur  die  Zukunft  der  anthroposophischen  Arbeit  in 
Deutschland  neben  Berlin  wichtigsten  Zentren,  Miinchen  und  Stuttgart.  In 
Stuttgart  hatte  Prof.  Oscar  Boltz  im  Herbst  1903  eine  eigene  «Theosophi- 
sche  Gesellschaft  in  Stiddeutschland»  gegriindet  und  im  Januar  1904  sogar 
versucht  daraus  eine  siiddeutsche  Sektion  zu  machen.  Adolf  Arenson  bat 
um  Hilfe,  da  er  sich  von  Rudolf  Steiners  personlichem  Einwirken  ver- 
sprach,  dass  es  diese  Spaltung  verhindern  konnte.  Mit  Freuden  begriifite  er 
daher  in  seinem  Brief  vom  17.  Marz  die  Absicht  Rudolf  Steiners  im  April 
nach  Stuttgart  zu  kommen.  (Die  Gruppe  um  Boltz  konstituiert  sich  dann  im 
Februar  1905  als  zweiter  Stuttgarter  Zweig  der  deutschen  Sektion.)  -  In 
Miinchen  war  der  Zweig  praktisch  eingeschlafen,  und  der  zustandige  Lud- 
wig  Deinhard  wehrte  sich  gegen  jede  Initiative  aus  Berlin.  Daneben  gab  es 
dort  aber  mehrere  theosophische  Gruppen,  die  in  einem  losen  Zusammen- 
hange  mit  der  Hartmann-Bohme  Gesellschaft  in  Leipzig  standen.  Deren 
grofke  stand  unter  der  Leitung  der  Baronin  Wangenheim,  die  damals  ihren 
Wohnsitz  von  Miinchen  nach  Sachsen-Coburg  verlegte.  Zu  ihrer  Gruppe 
gehorten  auch  Sophie  Stinde  und  Grafin  Kalckreuth.  Wahrscheinlich  durch 
Vermittelung  von  Alfred  Meebold  wird  Rudolf  Steiner  eingeladen  im  April 
auch  dort  zu  sprechen,  und  das  fuhrt  nach  seinem  zweiten  Besuch  auf  der 
Riickreise  von  Lugano  Ende  April  zu  einer  grofien  Konferenz  aller  Miinch- 
ner  Theosophen,  zu  der  sogar  die  Grafin  Brockdorff  aus  Meran  erscheint. 
Am  9.  Mai  schreibt  die  Baronin  Wangenheim  an  Rudolf  Steiner:  «Mein 
langeres  Bleiben  in  Miinchen  hatte  also  doch  zu  einem  positiven  Resultat 
gefuhrt,  namlich  zum  Zusammenschluss  der  verschiedenen  Kreise  zu  einer 
«Loge»  im  Anschluss  an  Adyar,  durch  Sie.  [...]  Es  freut  mich  von  Herzen, 
dass  wir  soweit  sind,  uns  Ihnen,  den  nicht  nur  ich,  sondern  die  Andern  mit 
mir  als  einen  geistig  Verwandten  erkannt  und  lieb  gewonnen  haben,  uns 
offiziell  anzuschliefien.  Das  muss  Ihnen  ein  Zeichen  sein,  wie  tief  eingrei- 
fend  Ihre  ganze  Wesenheit  auf  uns  wirkte!  In  warmer  Freundschaft  halte  ich 
Ihre  Hand  fest  in  der  meinen  und  hoffe  auf  haufiges  Wiedersehen.  Frl.  von 
Sivers  und  Ihnen  herzlichen  Grufi  von  Ihrer  G.  A.  Wangenheim*. 

Anfang  Juni  erscheint  Rudolf  Steiners  Buch  «Theosophie.  Einfiihrung 
in  iibersinnliche  Welterkenntnis  und  Menschenbestimmung»,  im  Juni-Heft 


des  «Lucifer»  auch  der  erste  Aufsatz  der  Folge  «Wie  erlangt  man  Erkennt- 
nisse  der  hoheren  Welten?».  So  ensteht  nach  und  nach  eine  eigenstandige 
Literatur,  und  dadurch  wird  die  von  vielen  begriiftte  Ablosung  von  der 
indisch-theosophischen  Darstellungsweise  ermoglicht. 

Im  Mai  sind  Rudolf  Steiner  und  Marie  v.  Sivers  in  London  um  mit 
Annie  Besant  liber  die  Einrichtung  der  «Esoterischen  Schule»  zu  verhan- 
deln.  Mit  Dekret  vom  10.  Mai  wird  Rudolf  Steiner  zum  « Arch-Warden  of 
the  E.S.  in  Germany  and  the  Austrian  Empire»  ernannt,  und  in  der 
zweiten  Halfte  des  Jahres  beginnt  der  Aufbau  der  E.S.  (GA  264,  266).  - 
Im  Juni  nehmen  sie  am  ersten  Jahreskongress  der  Foderation  Europaischer 
Sektionen  in  Amsterdam  teil.  Auch  Sophie  Stinde  und  Grafin  Kalckreuth 
aus  Munchen,  Mathilde  Scholl  aus  Koln  und  andere  sind  anwesend.  -  Im 
September  begleiten  sie  Annie  Besant  auf  einer  Vortragsreise  durch  die 
deutschen  Zweige. 

Bei  der  Generalversammlung  der  deutschen  Sektion  im  Oktober  kann 
berichtet  werden,  dass  die  Mitgliederzahl  von  130  auf  251  gestiegen 
ist.  Vier  neue  Zweige  wurden  begriindet  (Koln,  Niirnberg,  Munchen, 
Dresden). 


11     An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Freitag,  8.  April  1904 

Stuttgart,  8.  April  1904 

Liebe  Marie! 

Es  war  mir  sehr  befriedigend,  als  ich  Deinen  Entschluss  horte,  doch 
nach  Lugano  mitzureisen.  Ich  hoffe,  dass  bis  zu  dem  Tage,  an  dem 
wir  uns  wieder  sehen  werden,  doch  ein  kleines  Snick  theosophi- 
scher  Arbeit  getan  sein  werde.  Hier  haben  wir  gestern  eine  Zweig- 
versammlung  gehabt,  die,  wie  ich  wohl  annehmen  darf,  giinstig 
verlaufen  ist.  Heute  abends  ist  also  Vortrag.  Man  beschaftigte  sich 
auch  hier  in  letzter  Zeit  viel  mit  Uneinigkeit;  und  ich  werde  froh 
sein,  wenn  ich  mir  bei  meinem  Weggange  werde  sagen  konnen,  ich 
habe  etwas  zur  Einigkeit  beigetragen. 

Arensons  Tochterchen  geht  in  den  nachsten  Tagen  nach  Bern 
(Schweiz)  und  ich  mochte  Dich  bitten,  ob  Du  die  Adressen  unserer 


Berner  Theosophen  an  Arenson  schreiben  konntest.  Er  mochte, 
dass  seine  Tochter  dort  theosophischen  Anschluss  findet.  Tue  es, 
denn  die  ganze  Familie  Arenson  ist  wirklich  der  Bewegung  sebr 
ergeben.  Am  Sonntag  fahre  ich  nach  Miinchen  himiber.  Ich  werde 
da  im  Hotel  «Deutscher  Kaiser»  (am  Bahnhof)  wohnen.  Deinhard 
hat  mir  hieher  geschrieben,  und  auch  dieses  Hotel  angegeben. 

Die  Zeit  ist  hier  sehr  ausgefiillt;  und  ich  muss  Dir  diesen  Brief 
in  der  Morgenstunde  schreiben,  denn  spater  wird  man  mir  wohl 
keine  Zeit  lassen.  Vorlaufig  habe  ich  mich  noch  nicht  blicken  las- 
sen.  Die  kleinen  Mitteilungen  sende  ich  zugleich  mit  diesem  Briefe 
an  Bresch  ab. 

Morgen  erhaltst  Du  dann  einen  Brief  mit  einigen  Auftragen  fiir 
«Lucifer»  und  anderes. 

Lieb  war  mir,  wie  Du  unsere  beiden  letzten  esoterischen  Stun- 
den  hast  auf  Dich  wirken  lassen.  Glaube  mir,  meine  liebe  Marie, 
Du  kommst  schneller  vorwarts,  als  Du  es  vielleicht  selbst  nur  ir- 
gend  bemerken  kannst.  Ich  denke  in  Liebe  an  Dich  und  alle  Arten 
des  Nahekommens  sind  bei  uns  nur  Bestatigungen  unseres  tiefen 
geistigen  Zusammenhangs.  Du  bist  mir  die  Priesterin,  als  die  Du 
mir  entgegenblicktest,  als  ich  Deine  Individualist  erkannt  hatte. 
Ich  schatze  Dich  in  der  Reinheit  Deiner  Seele,  und  nur  deshalb  darf 
ich  Dir  zugetan  sein.  Wir  leben  miteinander,  weil  wir  innerlich 
zueinander  gehoren,  und  wir  werden  immer  ein  Recht  haben,  so 
zueinander  zu  sein,  wie  wir  sind,  wenn  wir  uns  klar  sind,  dass 
unser  personliches  Verhaltnis  eingetaucht  ist  in  den  heiligen  Dienst 
der  Geistesevolution.  Ich  weifi,  dass  der  Augenblick  nicht  kommen 
darf,  wo  diese  Heiligkeit  auch  nur  im  geringsten  gestort  wiirde. 

Uberbiirde  Dich  nicht  in  diesen  Tagen.  Ich  hoffe  am  Mittwoch 
eine  recht  Gesunde  zu  finden. 

Mehr  werde  ich  heute  wohl  nicht  schreiben  konnen.  Denn  man 
erwartet  mich  da  draulSen.  -  Dass  ich  in  Miinchen  im  Hotel  wohne, 
ist  sogar  besser,  denn  noch  nicht  alle  Leute  haben  die  Art,  die  Du 
so  schon  pflegtest,  als  Annie  Besant  [Okt.  1902]  bei  Dir  wohnte. 
Du  weifk,  dass  [nicht]  zu  viel  bekummern  um  einen  Gast,  nicht  die 
Aufmerksamkeit  stort.  Man  muss  aber  die  Menschen  nehmen,  wie 


sie  sind,  besonders  wenn  sie  mit  bestem  Willen  sich  ein  wenig  zu 
viel  um  einen  bekummern.  Du  weifk,  dass  dies  keine  Klage  ist, 
denn  Arensons  sind  der  Sache  wirklich  treu  ergeben. 

Immer  in  aller  Treue  Dein  Rudolf 

nach  Lugano  mitzureisen:  Mitte  April  besuchten  Rudolf  Steiner  und  Marie 
v.  Sivers  fur  eine  Woche  den  Zweig  in  Lugano,  auf  Einladung  von  Giinther 
Wagner. 

Arensons:  Adolf  Arenson  (1855-1936)  und  seine  Frau  Debora  (1862-1937),  geb. 
Meldola,  Mitglieder  seit  1902  und  1903.  Adolf  Arenson,  seit  1904  im  Vorstand  der 
deutschen  Sektion,  grundete  zusammen  mit  Carl  Unger  1905  einen  eigenen  Zweig 
Stuttgart  III  speziell  zum  Studium  der  Werke  Rudolf  Steiners;  komponierte  u.  a. 
fur  Miinchen  die  Musik  zu  den  Mysteriendramen.  -  Mit  «T6chterchen»  diirfte  die 
alteste  Tochter  Clarita  gemeint  sein,  die  spater  Eugen  Benkendoerfer  heiratete. 

Die  kleinen  Mitteilungen:  Bezieht  sich  auf  die  Rubrik  «Kleine  Mitteilungen  der 
D.T.G.»  im  «Vahan»,  in  der  Mitteilungen  des  Berliner  Zweiges  erschienen. 

unsere  beiden  letzten  esoterischen  Stunden:  Nach  Brief  Nr.  20  zu  schliefien,  erhielt 
Marie  v.  Sivers  montags  privaten  esoterischen  Unterricht. 


12    An  Rudolf  Steiner  in  Stuttgart 
Freitag,  8.  April  1904,  aus  Berlin 

8/IV  04 

Den  Brief  des  Schweizer  Herrn  habe  ich  beantwortet.  Ich  fordere 
iiberhaupt  unsere  fiinf  Schweizer  Mitglieder  auf,  sich  Mittwoch 
Abend  in  Zurich  einzufinden  um  Dich  zu  begriifien,  -  und  sage 
ihnen,  dass  wenn  sie  alle  hubsch  beisammen  sind,  Du  ihnen  even- 
tuell  auch  Donnerstag  zugeben  wiirdest.  Als  Adresse  gebe  ich  ih- 
nen Dr.  Gysi,  Borsenstr.  1 1  an,  da  ich  noch  kein  Hotel  weifi.  Um 
die  Angabe  eines  solchen  habe  ich  Herrn  Gysi  gebeten,  der  sie  mir 
hoffentlich  zuschickt.  Gib  mir  Deine  Mtinchener  Adresse,  damit 
ich  eventuell  telegrafieren  kann.  Hier  etwas,  was  man  als  Einladung 
zum  Kongress  nach  Florenz  betrachten  kann.  -  Hier  ein  Brief  des 
Grafen,  den  ich  mir  aufzuheben  bitte.  Ich  werde  ihn  nun  damit 
vertrosten,  dass  Du  ihn  besuchst,  wenn  Du  im  Herbst  Deine  Reise 
nach  Innsbruck  machst.  Sollte  die  Reise  Hartmanns  schon  eine 


Antwort  sein  auf  Deine  Erklarung  Mrs.  Scott  gegemiber?  Moglich, 
dass  sie  der  Prinzessin  diese  Mitteilung  gemacht  hat. 

Hierher  kam  nun  Frau  Pantenius  aus  Pfalzburg  und  ein  Dr.  ph.il. 
Morck  aus  Wiesbaden,  der  Dich  kennen  lernen  wollte. 

Die  Druckbogen  fur  die  Federation  wirst  Du  in  Miinchen 
bekommen;  dann  gib  an,  wie  viel  und  wie  gedruckt  werden  soli. 

Schon  Dich,  hetz  Dich  nicht  ab,  -  lerne  den  Menschen  etwas 
abschlagen. 

Ganz  Deine  Marie 

unsere  fiinf  Schweizer  Mitglieder:  Rudolf  Geering-Christ,  Bottmingen  bei  Basel, 
1894  im  Griindungsvorstand  der  D.T.G.  in  Berlin;  Alfred  Gysi,  Zurich;  Wilhelm 
v.  Megerle,  Schirmensee  am  Ziirichsee;  Jacques  Tschudi,  Glarus.  Das  funfte  Mit- 
glied  war  wahrscheinlich  Paul  Buro.  Giinther  Wagner  und  die  anderen  Mitglieder 
in  Lugano  konnen  nicht  gemeint  sein,  da  sich  Rudolf  Steiner  auf  der  Reise  nach 
dort  befand,  wo  bereits  ein  Zweig  bestand. 

Dr.  Gysi:  Dr.  med.  Alfred  Gysi  (1864-1957),  Forscher  am  zahnarztlichen  Institut 
der  Universitat  Zurich,  spater  Professor.  AIs  Mitglied  des  Zweiges  Lugano  wurde 
er  1902  auch  Mitglied  der  deutschen  Sektion.  1908  Mitbegriinder  und  spater 
Vorsitzender  des  Zschokke-Zweiges  in  Zurich.  1913  gehorte  er  zusammen  mit  Dr. 
Emil  Grosheintz,  Frau  Marie  Schieb  und  Frau  Marie  Hirter- Weber  zu  den  vier 
Schweizer  Mitgliedern,  die  das  Gelande  fur  den  Goetheanum  Bau  in  Dornach 
stifteten. 

Einladung  zum  Kongress  nach  Florenz:  Anzeige  der  3.  Jahresversammlung  der 
italienischen  Sektion,  17.  und  18.  April,  durch  den  Generalsekretar  Decio  Calvari 
vom  6.  April. 

Brief  des  Graf  en  ...  Reise  nach  Innsbruck:  Vermutlich  Graf  und  Grafin  Brock- 
dorff,  die  ehemaligen  Geschaftsfuhrer  des  Berliner  Zweiges,  die  sich  im  Herbst 
1902  nach  Meran  zuriickgezogen  hatten,  das  iiber  die  Brenner-Bahn  leicht  von 
Innsbruck  aus  zu  erreichen  ist.  Der  Brief  des  Grafen  aus  dieser  Zeit  ist  allerdings 
nicht  erhalten.  Ob  die  Reise  nach  Innsbruck  wirklich  erfolgte,  ist  nicht  bekannt. 

Reise  Hartmanns:  Dr.  Franz  Hartmann  (1838-1912),  Mitarbeiter  H.  P.  Blavat- 
skys,  griindete  die  von  Adyar  unabhangige  «Theosophische  Gesellschaft  in 
Deutschland»,  war  nicht  der  administrative  Leiter  dieser  Gesellschaft,  aber  doch 
ihr  Spiritus  rector,  auch  nachdem  er  seinen  Wohnsitz  in  Florenz  nahm.  Uber  seine 
Reise  ist  nichts  Naheres  bekannt,  aufier  dass  er  am  24.  Mai  1904  auf  dem 
Bundestag  der  «T.G.  in  Deutschland»  in  Leipzig  einen  Vortrag  hielt. 

Erklarung  Mrs.  Scott  gegeniiber:  Julia  Scott,  ebenfalls  eine  alte  Theosophin,  war 
mit  H.  P.  Blavatsky  personlich  bekannt.  Sie  kam  nach  Italien  und  leitete  die  Loge 
in  Florenz,  wahrend  Marie  v.  Sivers  in  Bologna  wirkte.  Die  konstituierende 


Versammlung  der  italienischen  Sektion  fand  am  1.  und  2.  Februar  1902  in  Rom 
statt.  Wohl  spatestens  bei  dieser  Gelegenheit  lernten  sich  die  beiden  Damen 
kennen.  Mrs.  Scott  war  Abonnentin  der  Zeitschrift  «Lucifer-Gnosis»  und  ein 
Besuch  von  ihr  in  Berlin  im  September  1903,  wo  sie  Rudolf  Steiner  kennenlernte, 
ist  durch  ihren  Brief  vom  18.  September  1903  belegt.  -  Die  «Erklarung»  bezieht 
sich  sehr  wahrscheinlich  auf  Rudolf  Steiners  Absicht  sich  um  Siiddeutschland  zu 
kummern. 

Prinzessin:  Maria  de  Rohan,  geb.  Grafin  v.  Degenfeld  (1851-1924),  in  Florenz.  Sie 
hatte  Kontakte  zu  alien  theosophischen  Gruppierungen;  vor  allem  in  der  Korre- 
spondenz  von  Franz  Hartmann  erscheint  ihr  Name  ofters.  So  hatte  sie  auch 
urspriinglich  das  Patronat  fur  die  Frauen  des  Memphis-Misraim  Ordens,  an  dem 
Franz  Hartmann  beteiligt  war  (s.  GA  265,  S.  86).  Im  August  1911  wurde  sie 
Mitglied  des  Zweiges  Miinchen  I  der  deutschen  Sektion. 

Dr.  phil.  Morck:  Dietrich  Morck,  Mitglied  seit  Oktober  1904,  1908  bei  der 
Griindung  des  Zweiges  Wiesbaden  Schriftfiihrer. 

Druckbogen  fiir  die  Federation:  Deutsche  Fassung  des  Programms  fur  den  ersten 
Kongress  der  «Federation  of  European  Sections  of  the  Theosophical  Society», 
welcher  im  Juni  1904  in  Amsterdam  stattfand. 


13    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Montag,  11.  April  1904 

Miinchen,  11.  April  1904 

Liebe  Marie! 

Wirklich  ist  es  also  erst  jetzt  moglich,  Dir  zu  schreiben.  Dass  in 
Stuttgart  alles  gut  ging,  weifk  Du  schon.  Die  Stuttgarter  Mitglieder 
strahlten,  als  sie  den  vollen  Saal  sahen;  und  ich  war  selbstverstand- 
lich  froh,  zu  500  Personen  von  Theosophie  sprechen  zu  konnen.  - 
Gestern,  gleich  nach  meiner  Ankunft,  war  der  Abend  bei  der 
Baronin  Wangenheim.  Ich  sollte  iiber  die  Entwickelung  der  christ- 
lichen  Mystik  sprechen.  Das  habe  ich  getan.  Nach  dem  Vortrage 
wollten  sogleich  die  Zuhorer  auch,  dass  ich  offentlich  spreche.  Und 
-  Deinhard  will  es  nun  auch.  Alles  geht  also  darauf  hin,  dass  ich 
noch  fiir  Mittwoch  bleibe,  und  dann  einen  offentlichen  Vortrag 
halte.  Aber  ich  habe  jetzt  Bedenken.  Die  Baronin  Wangenheim  hat 
friiher  Opfer  gebracht,  als  Bohme  da  war,  und  deshalb  zweifelte 
sie,  ob  wir  nicht  mit  einem  offentlichen  Vortrag  bei  dem  so  abge- 


schreckten  Publikum  in  der  Art  Fiasko  machen  konnten,  dass  iiber- 
haupt  niemand  komme.  Nun  ware  doch  bis  Mittwoch  alles  iiber- 
hastet;  und  ein  solcher  in  aller  Eile  veranstalteter  Vortrag  scheint 
mir  nicht  das  rechte  zu  sein.  Er  konnte  gerade  wegen  der  Eile 
schlecht  besucht  sein,  und  dann  konnten  die  Veranstalter  erst  recht 
stutzig  werden.  Ich  werde  daher  gleich  nachher,  wenn  ich  zu  Dein- 
hard  zum  Mittagessen  gehe,  diesem  vorschlagen,  dass  ich  auf  der 
Riickreise  iiber  Augsburg  mir  meine  Karte  umschreiben  lasse  und 
eventuell  dann  hier  einen  offentlichen  Vortrag  halte.  Das  diirfte  auf 
jeden  Fall  gescheiter  sein.  Auf  alle  Falle  geht  dann  gleich  nachmit- 
tag  an  Dich  ein  Telegramm  ab. 

Mittlerweile  haben  sich  iibrigens  die  von  Deinhard  angesetzten 
«Aussprachen  mit  Theosophie-beflissenen»  um  eine  fur  morgen  vor- 
mittag  vermehrt.  Du  siehst,  auch  derlei  Dinge  wachsen.  Aber  ich 
gehe  doch  nicht  auseinander;  und  mir  scheint,  Du  wirst  mich  bei 
unserem  Zusammentreffen  nicht  gerade  herabgekommen  finden. 

Ich  werde  mich  ja  um  so  weniger  auflosen,  je  mehr  mir  Deine 
liebe  Kraft  zur  Seite  steht.  Der  Augenblick,  in  dem  ich  Deine  Briefe 
lese,  ist  ein  Feieraugenblick;  und  ich  weift,  dass  es  so  sein  soil. 

Also  nun  soil  es  weitergehen.  Wir  werden  sehen.  Heut  nach- 
mittag  ist  bei  Deinhard  «Aussprache  im  kleinen  Kreise».  Abends 
Vortrag  bei  der  Grafin  Kalckreuth. 

Sei  in  aller  Herzlichkeit  bedacht,  meine  Liebe,  und  komm 
gesund  nach  Zurich. 

Dein  Rudolf 

Baronin  Wangenheim:  Freiin  Gertrud  Alexandrine  v.  Wangenheim  (1863-1958), 
unternahm  es  nach  dem  Besuch  Rudolf  Steiners,  die  verschiedenen  theosophi- 
schen  Gruppen  in  Munchen  zu  einem  Zweig  der  deutschen  Sektion  zu  vereinigen. 
Dieser  neue  Zweig,  in  dem  auch  der  alte  von  Ludwig  Deinhard  aufging,  bekam 
eine  neue  Griindungsurkunde  mit  Datum  6.  Juni  1904,  Vorsitzende  Rosa 
v.  Hofstetten.  Auch  Sophie  Stinde  und  Grafin  Kalckreuth  wurden  so  im  Mai  1904 
Mitglieder  der  deutschen  Sektion. 

Bohme:  Edwin  Bohme  (1877-1906),  Generalsekretar  der  Leipziger  «Theosophi- 
schen  Gesellschaft  in  Deutschland».  Anlass  zu  deren  Griindung  war  folgender 
Vorgang:  1894,  drei  Jahre  nach  dem  Tod  von  H.  P.  Blavatsky,  unternahmen  H.  S. 
Olcott  und  A.  Besant  einen  Versuch,  W.Q.  Judge  aus  der  Theosophical  Society  zu 


Schirmensee  am  Ziirichsee,  April  1904 
auf  der  ersten  gemeinsamen  Reise  In  die  Schweiz 
vor  dem  Hause  von  Wilhelm  von  Megerle 


verdrangen.  William  Quan  Judge  (1851-1896),  war  Mitbegriinder  und  Vizeprasi- 
dent  der  Gesellschaft,  sowie  Generalsekretar  der  Amerikanischen  Sektion  der  T.S. 
Aus  Protest  loste  sich  diese  Sektion  1895  von  der  Adyar-Gesellschaft  und  konsti- 
tuierte  sich  als  selbstandige  «Theosophical  Society  in  America*.  Auch  aufterhalb 
Amerikas  schlossen  sich  Gruppen  diesem  Protest  an,  so  entstand  die  «Theosophi- 
cal  Society  in  England*  und  die  deutsche  Gesellschaft  von  Franz  Hartmann. 
Naheres  siehe:  Kapitel  VII  in  H.  Wiesberger,  «Rudolf  Steiners  esoterische  Lehr- 
tatigkeit»,  Dornach  1997. 

Grdfin  Kalckreutb:  Pauline  v.  Kalckreuth  (1856-1929),  Malerin,  Mitglied  seit  Mai 
1904,  spater  Vorsitzende  des  Zweiges  Miinchen  I,  seit  1911  auch  im  Vorstand  der 
Sektion.  1911  als  Mitbegriinderin  des  Bauvereins  in  dessen  Vorstand  bis  1925. 
Zusammen  mit  ihrer  Freundin  Sophie  Stinde  trug  sie  die  Organisation  der 
Festspiele  in  Miinchen  1907  und  1909-1913. 

Sophie  Stinde  (1853-1915),  Malerin,  Mai  1904  mit  ihrer  Freundin  beteiligt  an  der 
Neugriindung  des  Miinchner  Zweiges,  der  vor  allem  durch  sie  neben  Berlin  zu 
einem  Hauptzentrum  der  Wirksamkeit  Rudolf  Steiners  wurde.  Seit  1904  war  sie 
im  Vorstand  der  deutschen  Sektion.  1911  Mitbegriinderin  und  erste  Vorsitzende 
des  Bauvereins. 

komm  gesund  nach  Zurich:  um  gemeinsam  nach  Lugano  weiter  zu  fahren.  Die 
gemeinsame  Riickreise  fuhrte  wieder  iiber  Miinchen. 


14    An  Marie  von  Sivers  im  Ostseebad  Graal 
Donnerstag,  25.  August  1904 

Berlin,  25.  August  1904 

Liebe,  «die  Welt  ist  unendlich;  es  ist  dem  Menschen  notig,  sie  in 
ihren  Symbolen  zu  ergreifen.»  Das  ist  ein  Wort  des  Mystikers 
Cardanus.  Es  ist  gestern  fur  mich  symbolisch  gewesen,  nach  acht 
Tagen  Leben  an  der  Grenze  zwischen  Land  und  Wasser,  wieder  in 
die  Arbeiterversammlung  versetzt  zu  sein.  Ich  musste  das  Astral- 
wasser  getriibt  durch  die  mancherlei  Personlichkeiten  betrachten. 
Es  ist,  wie  wenn  das  klare  Seewasser  durch  verschiedene  triibende 
Gesteinsschichten  geht.  In  solchen  Dingen  erlebt  man  immer 
wieder  aufs  Neue,  was  es  heifk:  Sonderdasein. 

Das  sollen  nur  Andeutungen  sein  dessen,  was  sich  nur  mit  vielen 
Worten  klar  sagen  liefie.  Aus  diesen  Andeutungen  aber  magst  Du 
begreifen,  dass  ich  so  gerne  die  Vortrage  an  der  Arbeiterschule  fort- 
fiihren  mochte.  Aber  die  Kluft,  die  sich  geltend  macht  zwischen  dem, 


was  allein  noch  an  der  Statte  moglich  ist,  und  dem,  was  ich  lehren 
muss,  wird  doch  immer  grower.  Gestern  wurde  verlangt,  ich  solle  am 
7.  September  zum  Thema  «Historischer  Materialismus»  sprechen  als 
«Erwiderung»,  nachdem  vorher  Grunwald,  ein  starrer  Sozialdemo- 
krat,  iiber  dasselbe  Thema  gesprochen  haben  wurde.  Das  ist  natiir- 
lich  unmoglich.  Ich  erklarte,  ich  konne  auf  keinen  Fall  an  einem 
Abend  zugleich  mit  Grunwald  auf  der  Ankiindigung  stehen.  Ich 
wurde  aber  in  die  Versammlung  kommen,  und,  wenn  sich  Veranlas- 
sung  fande,  in  der  Diskussion  sprechen.  -  Der  Vortrag  Grunwalds 
ist  dazu  bestimmt,  einen  Gegenpol  zu  bilden  gegen  das,  was  ich  leh- 
re.  Alles,  was  ich  wohl  jetzt  noch  tun  konnte,  um  die  Schule  viel- 
leicht  zu  behalten,  war  meinen  Vortrag  abzulehnen.  Denn  durch  die 
Gegeniiberstellung  hatten  diejenigen,  die  meine  Art  nicht  wollen,  ein 
leichtes  Spiel  gehabt.  Ich  mochte  aber  gerade  an  dieser  Stelle  alles 
vermeiden,  was  den  Bruch  herbeifuhren  konnte. 

Damit  wollte  ich  Dir,  Liebe,  nur  die  Situation  schildern.  Eben 
komme  ich  aus  Potsdam;  wo  man  mir  sagte,  dass  man  die  «Kinder 
des  Luci£er»  an  Dich  in  Korrektur  abgesandt  habe.  Und  nun  nur 
noch  einen  Gruft,  so  herzlich  als  er  sein  muss  nach  dem  schonen 
Bande,  das  uns  bindet. 

In  Treuen  geistig  mit  Dir  Rudolf. 
GriiEe  Schwester  und  Mutter. 


Hieronymus  Cardanus  (1501-1576),  italienischer  Naturforscher,  Philosoph  (Neu- 
platoniker),  Arzt  und  Mathematiker.  Das  Zitat  lief?  sich  nicht  feststellen. 

nach  acht  Tagen  Leben  an  der  Grenze  zwischen  Land  und  Wasser:  im  Ostseebad 
Graal. 

Arbeiterschule:  Rudolf  Steiners  unterrichtete  von  1899  bis  1904/05  an  der  von 
Wilhelm  Liebknecht  begriindeten  Arbeiterbildungsschule.  -  Vgl.  «Mein  Lebens- 
gang»,  Kapitel  28;  ferner  J.  Mucke/A.  Rudolph,  «Erinnerungen  an  Rudolf  Steiner 
und  seine  Wirksamkeit  an  der  Arbeiter-Bildungsschule  in  Berlin  1899-1904», 
Basel  1955. 

Potsdam:  Druckerei  Hayns  Erben,  die  spater  auch  viele  Werke  des  Philosophisch- 
Anthroposophischen  Verlags  druckte. 

die  «Kinder  des  Lucifer»  an  Dich  in  Korrektur  abgesandt:  Es  handelt  sich  um  das 
verspatete  August-Heft  von  «Lucifer-Gnosis»,  wo  auch  die  deutsche  Ubersetzung 


Marie  v.  Sivers'  von  Edouard  Schures  Drama  «Die  Kinder  des  Lucifer»  in  Fort- 
setzungen  erschien. 

Scbwester:  Olga  v.  Sivers,  Mitglied  seit  1902,  war  haufig  in  Deutschland  zu 
Besuch,  spielte  in  Miinchen  in  den  Mysteriendramen  mit,  starb  1917  in  Petersburg 
infolge  einer  im  Lazarettdienst  zugezogenen  Infektion. 

Mutter:  Caroline  v.  Sivers,  geb.  Baum  (1834-1912),  deutscher  Herkunft  heiratete 
sie  den  deutsch-baltischen  Generalleutnant  Jakob  v.  Sivers  in  russischen  Diensten. 


15    An  Marie  von  Sivers  im  Ostseebad  Graal 
Samstag,  27.  August  1904 

Berlin,  27.  August  1904 

Liebste,  Du  sollst  Dir  keine  Sorgen  machen  um  mich.  Fur  die  paar 
Tage,  um  die  es  sich  da  handelt,  muss  ich  doch  fertig  werden  kon- 
nen.  Allerdings  warm  ich  fortkommen  kann:  das  lasst  sich  augen- 
blicklich  gar  nicht  absehen.  Es  ist  Sonnabend  abends,  und  eben 
komme  ich  aus  Potsdam,  wo  ich  erst  heme  die  letzten  Korrekturen 
zum  jetzigen  Luciferhefte  lesen  konnte.  Der  Drucker  ist  erst  heute 
5  Uhr  iiberhaupt  fertig  geworden.  D.  h.  es  ist  erst  der  Satz  fertig; 
nun  kann  ja  erst  der  Druck  beginnen.  Ich  werde  also  wohl  bald 
anfangen  miissen,  zu  glauben,  dass  sich  meine  Osterreichreise  im 
Sinne  Deines  lieben  Briefes  verwirklichen  werde. 

Heute  habe  ich  einen  Brief  von  Frl.  Scholl  erhalten,  in  dem  sie 
voller  Besorgnis  von  dem  Mitkommen  Keightleys  mit  Mrs.  Besant 
schreibt.  Sie  scheint  dafur  zu  halten,  dass  dahinter  nichts  Gutes 
stecke.  Ich  schrieb  ihr  nun  sogleich  einige  Zeilen,  dass  sie  doch 
unbefangen  sein  solle  und  dass  wir  doch  nicht  mit  Diplomatic  die- 
ser  Diplomatic  begegnen  sollen.  Ich  glaube,  das  Verhalten  des 
Okkultisten  in  solchen  Dingen  ist  schwer  zu  verstehen.  Es  handelt 
sich  aber  wirklich  darum,  sich  in  einem  solchen  Falle  die  Frage  gar 
nicht  vorzulegen:  was  bedeutet  dies,  oder  jenes?,  sondern,  bauend 
auf  die  geistigen  Machte,  die  hinter  uns  stehen,  die  Wellen  rings 
herum  branden  lassen.  An  eine  Krise  in  der  T.S.  [Theosophical 
Society],  die  auch  uns  mit  treffen  wird,  muss  einmal  geglaubt  wer- 
den. -  Ich  werde  mich  mit  Dir,  meine  Liebe,  immer  sicher  fiihlen. 


Du  aber  musst  bei  mir  sein.  Ich  habe  Dir  oft  davon  gesprochen. 
Seelen,  wie  die  Deine,  mit  der  schonen  mentalen  Intention,  braucht 
die  Gegenwart.  «Auf  seinen  Fiifien  stehen»,  das  ist  die  Lehre,  die 
wir  auch  fin*  die  theosophische  Bewegung  befolgen  miissen.  Wie 
viel  wir  auch  missverstanden  werden:  daran  liegt  nichts;  aber  wir 
diirfen  auch  nicht  im  geringsten  gebrochen  werden. 

Alle  Deine  Sachen  habe  ich  erhalten.  Den  Satz,  der  Dir  nicht 
gefallt,  habe  ich  noch  einmal  umgeformt.  Und  widerstrebt  er  Dir 
jetzt  noch,  so  kann  er  fur  das  Biichlein  ja  noch  eine  andere  Form 
erhalten. 

Also  nochmals:  bleibe  doch,  Liebste,  so  lange  es  vorgenommen 
worden  ist.  Bedenke  doch,  dass  ich  mich  heute  sogar  aufgeschwun- 
gen  habe,  ins  vegetarische  Restaurant  Mittagessen  zu  gehen.  Und 
vielleicht  tue  ich  es  auch  morgen. 

Bis  zum  Gebrauch  des  Schlusselchens  bin  ich  noch  nicht  vorge- 
drungen.  Denn  ich  hatte  noch  nicht  Zeit.  Aber,  wenn  ich  doch 
noch  sollte  abreisen  konnen,  so  erhaltst  Du  den  Schliissel  zur 
rechten  Zeit. 

Hubo  will  keines  der  angegebenen  Themen.  Nun  soil  ich  ihm 
raten,  was  zu  tun.  Am  31.  kommt  ja  Mrs.  Besant  durch  Hamburg. 
Da  mag  er  sie  fragen,  ob  sie  in  Hamburg  iiber  etwas  anderes 
sprechen  will. 

Wenn  man  nur  jetzt  mehr  fur  die  Verbreitung  des  «Lucifer»  tun 
konnte.  Aus  verschiedenem  (Zuschriften  etc.)  ist  klar  ersichtlich, 
dass  die  letzten  Hefte  sehr  eingeschlagen  haben. 

Der  stud,  phil.,  von  dem  Du  schreibst,  meint  es  gewiss  gut.  Aber 
er  wird  wenig  Genossen  haben;  und  ob  er,  wenn  er  einst  ein  Dr. 
phil.  sein  wird,  noch  so  denken  wird,  ist  erst  die  Frage.  Was  fur 
Berge  von  Hindernissen  in  deutschen  akademischen  Kreisen  zu 
durchdringen  sind  fur  unsere  Weltauffassung,  das  ahnt  der  nicht, 
der  diese  Kreise  nicht  ganz  genau  kennt.  Aber  ich  mochte  gern  auf 
die  Intentionen  des  jungen  Mannes  eingehen. 

In  Herzlichkeit  vereint  mit  seiner  Lieben  Rudolf 


Griifte  Mutter  und  Schwester. 


meine  Osterreichreise:  Rudolf  Steiner  pflegte  jedes  Jahr  seine  Angehorigen  in 
Horn/Niederosterreich  zu  besuchen:  der  Vater  Johann  Steiner  (1829-1910),  die 
Mutter  Franziska,  geb.  Blie  (1834-1918),  die  Schwester  Leopoldine  (1864-1927), 
der  Bruder  Gustav  (1866-1942). 

Frl.  Scholl:  Mathilde  Scholl  (1868-1941),  wahrend  eines  langeren  Italien-Aufent- 
haltes  wurde  sie  1899  Mitglied  der  T.G.  Im  Oktober  1902  war  sie  bei  der 
Grundungsversammlung  der  Sektion  in  Berlin  anwesend.  Seit  Mai  1903  lebte  sie 
in  Koln  und  organisierte  dort  Vortrage  Rudolf  Steiners,  die  im  Februar  1904  zur 
Gnindung  des  Kolner  Zweiges  fiihrten.  Seit  Oktober  1903  im  Vorstand  der 
deutschen  Sektion,  gab  sie  von  1905  bis  1914  das  interne  Gesellschaftorgan 
heraus,  die  «Mitteilungen  fur  die  Mitglieder  der  deutschen  Sektion  der  T.G.».  Von 
1914  an  lebte  sie  in  Dornach. 

Mitkommen  Keightleys  mit  Mrs.  Besant:  Rudolf  Steiner  hatte  bei  seinem  Londo- 
ner Aufenthalt  im  Mai  1904  Annie  Besant  zu  einer  Vortragsreise  durch  Deutsch- 
land  eingeladen,  die  im  September  stattfand.  In  ihrer  Begleitung  befanden  sich 
Bertram  Keightley  und  Esther  Bright.  Rudolf  Steiner  und  Marie  v.  Sivers  empfin- 
gen  Annie  Besant  in  Hamburg  und  begleiteten  sie  auf  der  ganzen  Reise.  Rudolf 
Steiner  gab  die  englisch  gesprochenen  Vortrage  jeweils  in  deutscher  Sprache 
wieder. 

Krise  in  der  T.S.:  Diese  von  Rudolf  Steiner  vorausgesehene  Krise  begann  mit  dem 
Leadbeater-Skandal  von  1906,  steigerte  sich  mit  den  Vorgangen  bei  der  Wahl  von 
Annie  Besant  zur  Prasidentin  nach  dem  Tode  Olcotts,  und  fiihrte  schliefilich 
durch  den  Humbug  des  «Sterns  im  Osten»  zur  Jahreswende  1912/13  zum  Aus- 
schluss  der  deutschen  Sektion  durch  Annie  Besant.  Naheres  siehe  «2ur  Geschich- 
te  und  aus  den  Inhalten  ...»,  GA  264,  sowie  Hella  Wiesberger,  «Rudolf  Steiners 
esoterische  Lehrtatigkeit»,  Dornach  1998. 

«Auf  seinen  Fiiflen  stehen»:  Eine  der  Lehren  aus  dem  damals  sehr  bekannten 
Biichlein  der  englischen  Theosophin  Mabel  Collins  «Licht  auf  dem  Weg»,  1904 
neue  deutsche  Auflage. 

Hubo  will  keines  der  angegebenen  Themen:  Bernhard  Hubo,  Zweigleiter  in 
Hamburg.  Annie  Besant  hatte  fur  ihre  Vortrage  in  verschiedenen  Stadten 
Deutschlands  vier  Themen  zur  Auwahl  vorgeschlagen,  die  aber  anscheinend 
Hubo  alle  nicht  gefielen. 

Am  31.  kommt  ja  Mrs.  Besant  durch  Hamburg:  auf  der  Hinfahrt  zu  einer 
Rundreise  durch  die  skandinavische  Sektion,  bevor  ihre  Reise  durch  Deutschland 
am  15.  September  mit  einem  Vortrag  wieder  in  Hamburg  begann. 

Der  stud,  phil:  Ludwig  Kleeberg  (1880-1972),  Kassel,  der  das  Projekt  einer 
theosophischen  Studentenverbindung  versuchte.  Mitglied  seit  Juni  1905  im  Zweig 
Miinchen.  -  Vgl.  Kleeberg,  «Wege  und  Worte.  Erinnerungen  an  Rudolf  Steiner 
aus  Tagebuchern  und  aus  Briefen»,  Stuttgart  1961. 


16    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Donnerstag,  24.  November  1904 


Miinchen  -  Stuttgart,  24.  November  1904 

Liebe  Marie,  ich  muss  Dir  nun  im  Wagen  schreiben,  sonst  geht  es 
auch  in  Stuttgart  wieder  so,  wie  es  bisher  gegangen  ist.  Immer 
wurde  die  Zeit  besetzt,  in  der  ich  schreiben  sollte.  Doch  Du  weifk, 
dass  meine  Gedanken  Dich  umgeben.  Und  die  Deinigen  begleiten 
mich.  Eng,  innen,  verbunden  sind  wir. 

Bis  nun  ist  alles  wohl  gut  gegangen.  Erst  Nurnberg.  Angekom- 
men,  Vortrag  gehalten.  Viele  Fragen  haben  dann  die  Leute  gestellt. 
Es  war  ein  schones  Interesse.  Am  zweiten  Tag  hatte  ich  mit  einzelnen 
Menschen  viel  zu  sprechen.  Frau  Rissmann  ist  fortdauernd  intensiv 
bei  der  Sache.  Die  Arme  hat  es  schwer.  Ihr  Mann  steht  ja  solchem 
ganz  fern.  Am  zweiten  Abend  war  es  mit  dem  Vortrag  wie  am  er- 
sten.  Es  ist  gut,  dass  immer  mehr  auch  naturwissenschaftlich  Gebil- 
dete  zur  geistigen  Weltauffassung  heriiberkommen.  Ein  Arzt  hat  in 
der  Diskussion  relativ  ganz  gut  gesprochen.  Am  Sonntag  morgen  gab 
ich  um  10  Uhr  der  Loge  noch  eine  Stunde.  Dann  kam  der  grofke  Teil 
der  Niirnberger  Theosophen  gleich  zum  Bahnhof  mit. 

In  Regensburg  erwartete  mich  Feldner.  Das  ist  eine  Stadt.  Ganz 
eingehiillt  in  romische  Machtgeliiste.  Eine  dichte  Wolke  aus  diesen 
Geliisten  halt  die  Bevolkerung  in  furchtbarer  Dumpfheit.  Feldner 
hatte  man  in  dem  verbreiteten  klerikalen  Blatt  selbst  die  Inserate 
zuriickgewiesen.  Aufierdem  war  Gefahr  vorhanden,  dass  die  dor- 
tigen  klerikalen  Vereine  durch  Tumult  den  Vortrag  storen.  Als  vor 
Jahren  -  so  etwas  begibt  sich  in  Regensburg  nur  nach  Jahren  - 
einmal  ein  Mann  hier  sprechen  wollte,  waren  die  klerikalen  hand- 
festen  Manner  erschienen  und  fingen  an  zu  schreien:  So  etwas  hast 
du  uns  nicht  zu  sagen;  dazu  sind  unsere  Pfarrer  da.  Das  waren  also 
die  Aussichten.  Feldner  hat  sich  nun  damit  geholfen,  dass  er  an- 
kiindigte:  nur  der  kann  kommen,  der  sich  vorher  schriftlich  um 
eine  Einladungskarte  bewirbt.  Das  war  gut.  Es  kamen  etwa  30 
Personen.  Sehr  aufmerksam.  Sehr  bei  der  Sache.  Gymnasiallehrer, 
Realschullehrer,  Arzte.  Vorher  hatte  ich  schon  eine  kleine  Konfe- 


renz  mit  Feldners,  einem  Realschullehrer  und  einem  Arzte,  dann 
abends  den  Vortrag. 

Dann  fror  ich  im  Regensburger  Hotel,  in  dem  zwar  einst  Karl  V. 
gewohnt  hat,  das  aber  jetzt  so  schlimm  ist,  dass  am  Morgen  der 
Hausknecht  davongelaufen  war,  weil  er  es  nicht  hatte  aushalten 
konnen.  Ich  musste  mir  erst  aus  der  Nachbarschaft  einen  Wagen 
besorgen.  Sonst  ware  ich,  trotz  Feldners  Sorgsamkeit,  nicht  recht- 
zeitig  nach  Stuttgart  [Miinchen]  gekommen. 

So  kam  ich  Montag  fruh  also  nach  Miinchen.  Grafin  Kalckreuth 
und  Frl.  Stinde  haben  mich  vom  Bahnhof  abgeholt.  Am  Tage  Be- 
sprechungen.  Abends  war  dann  der  erste  Vortrag.  Am  Saaleingang 
waren  schon  die  beiden  Studenten.  Sehr  eifrig.  Sehr  schon.  Ich  hielt 
den  Vortrag,  der  auch  in  mystischer  Sprache  gehalten  war.  Ich  gab 
da  mal  keine  Diskussion.  -  Ich  wollte,  dass  an  diesem  Abend  die 
Stimmung,  auf  die  der  Vortrag  berechnet  war,  erhalten  bliebe. 

Am  nachsten  Tag  waren  Konferenzen.  Auch  die  Studenten 
kamen.  Ich  sprach  lange  und  vieles  mit  ihnen.  -  Dazwischen  war 
ich  auch  bei  Deinhards.  Abends  war  dann  der  Vortrag:  Steht  Theo- 
sophie  in  Widerspruch  mit  der  Wis  sens  chart.  Dann  war  eine  lange 
Diskussion.  Ich  kiindigte  da  auch  die  theosophische  Studentenver- 
bindung  an,  die  mit  einem  ganz  unerwarteten  Interesse  und  Beifall 
von  Seiten  des  Publikums  aufgenommen  worden  ist.  Mittwoch 
vormittag  musste  ich  zu  Baronin  Gumppenberg;  dann  war  ich 
wegen  der  Studententheos.  beim  Rektor  der  Miinchener  Universi- 
tat,  dann  bei  Huschke.  Nachmittag  war  ich  bei  Schewitsch,  die 
einen  Kreis  zu  sich  eingeladen  hatte.  Das  musste  ich  tun,  denn  hier 
war  der  sehr  begabte  Naturforscher  Dr.  R.  France  und  der  Theo- 
loge  Dr.  Miiller.  Es  war  eine  der  interessantesten  Diskussionen. 
Die  ganze  Frage  Naturwissenschaft  und  Theosophie  wurde  aufge- 
rollt.  France  konnte  immer  wieder  und  wieder  nur  sagen:  «da  kann 
ich  wieder  ein  naturwissenschaftliches  Analogon  fur  Ihre  Ausfuh- 
rung  beibringen».  Zuletzt  iiberraschte  er  die  Versammlung  damit, 
dass  er  sagte:  Wir  stehen  heute  eben  vor  naturwissenschaftlichen 
Ratseln,  die  nur  im  theosophischen  Sinne  gelost  werden  konnen. 
Der  Naturforscher  Friese  sagte  erst  neulich  einem  Problem  gegen- 


liber:  man  mochte  irrsinnig  werden  vor  der  Sprache,  die  fur  uns 
materialistisch  Denkende  jetzt  die  Natur  spricht.  -  Noch  ganz  er- 
griffen  kamen  die  paar  Leute  abends  in  die  Loge,  die  noch  die 
Verbindung  bilden  zwischen  unserer  Loge  und  der  Schewitsch- 
Gruppe.  Kalckreuth  und  Stinde  war  en  nicht  mit.  Sie  waren  auch 
gar  nicht  aufgefordert  gewesen.  Abends,  gestern,  war  dann  Logen- 
abend.  Ich  sprach  zuerst  iiber  das  Wesen  der  «Vereinigung».  Dann 
war  langere  Fragenbeantwortung.  Der  Sohn  der  Grafin  Wacht- 
meister  war  auch  da.  Er  war  iibrigens  auch  schon  im  Vortrag  am 
vorhergehenden  Tage.  Megerle  ist  in  Miinchen  und  war  in  alien 
Vortragen. 

Heute,  eben  vor  zwei  Stunden  brachten  mich  die  beiden  Damen 
nach  dem  Bahnhof.  Jetzt  sitz  ich  hier  im  Wagen.  Draufien  knieho- 
her  Schnee.  Die  Fenster  undurchsichtig.  Alles  gedachte  in  Liebe 
Deiner.  Die  Damen,  Megerle  und  auch  die  Studenten  lieben  Dich 
und  alle  senden  Dir  wirklich  herzliche  GriifSe.  Das  tut  mir  so  gut. 

Griifie  die  Sister  herzlich  und  die  andern.  -  Andere  Dinge  will 
ich  Dir  schreiben,  wenn  ich  nicht  auf  einem  Buche  in  der  Luft, 
sondern  auf  einer  Tischplatte  werde  schreiben  konnen.  Ich  muss 
mir  jetzt  fest  vornehmen,  die  Gummischuhe  nicht  zu  vergessen,  die 
mir  in  Miinchen  die  Grafin  Kalckreuth  ersetzt  hat;  die  Deinigen 
sind  in  Regensburg  weiter  gefahren.  Sie  wollten  sich  beim  Ausstei- 
gen  namlich  nicht  melden,  sondern  die  Reise  ohne  mich  fortsetzen. 
Mogen  sie  zu  andern  Fiiften  mehr  Anhanglichkeit  haben. 

Allerherzlichst  Dein  Rudolf. 

Frau  Rijimann:  Minna  Rifimann  (gest.  1945),  Mitglied  seit  Mai  1903,  1904  Schrift- 
fuhrer  bei  der  Griindung  des  Diirer  Zweiges  Niirnberg. 

Feldner:  Jakob  und  Antonie  Feldner,  Mitglieder  seit  Oktober  1905,  1906  griinde- 
ten  sie  das  Zentrum  Regensburg.  Ein  «Zentrum»  war  eine  Vorstufe  zu  einem 
Zweig,  zu  dessen  Griindung  7  Mitglieder  erforderlich  waren. 

die  beiden  Studenten:  Ludwig  Kleeberg  und  Hans  Bunge. 

Huschke:  Otto  Huschke  (1846-1907),  Kunstmaler,  seit  1894  Mitglied  im  Zweig 
Miinchen. 

Schewitsch:  Helene  v.  Schewitsch,  verw.  v.  Racowitza,  geb.  v.  Donniges  (1843- 


1911),  und  ihr  Mann  hatten  ihren  eigenen  theosophischen  Zirkel,  der  sich  weder 
der  deutschen  Sektion  noch  sonst  wo  anschliefien  mochte. 

France:  Dr.  Raoul  Heinrich  France  (1874-1943),  Direktor  eines  biologischen 
Instituts  in  Miinchen.  Seine  Schrift  «Das  Sinnesleben  der  Pflanzen»  wurde  1906 
von  Rudolf  Steiner  in  Nr.  31  von  Lucifer- Gnosis  besprochen  (jetzt  in  GA  34). 

der  Theologe  Miiller:  Wahrscheinlich  Dr.  Josef  Miiller  in  Miinchen,  ein  aufierhalb 
des  engeren  Verbandes  der  Kirche  stehender  katholischer  Geistlicher,  Herausge- 
ber  der  Zeitschrift  «Renaissance»,  in  der  er  einen  freien  Katholizismus  vertrat. 

Friese:  Heinrich  Friese,  deutscher  Bienenforscher. 

Sohn  der  Grdfin  Wacbtmeister:  Graf  Axel  Wachtmeister,  aus  Schweden.  Seine 
Mutter  Constance  Wachtmeister,  geb.  de  Bourbel  (1838-1910),  war  eine  vertraute 
Freundin  von  H.  P.  Blavatsky. 

Megerle:  Wilhelm  v.  Megerle,  bildender  Kiinstler,  1902  schon  Mitglied  im  Zweig 
Lugano,  lebte  in  Starnberg  und  in  Schirmensee  am  Ziirichsee,  wo  ihn  Marie 
v.  Sivers  und  Rudolf  Steiner  auf  ihrer  Reise  nach  Lugano  Ostern  1904  besuchten. 
(Siehe  Foto  S.  71). 

die  beiden  Damen:  Grafin  Kalckreuth  und  Sophie  Stinde. 
die  Sister:  Olga  v.  Sivers. 


17    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Sonntag,  27.  November  1904 

Frankfurt  -  Coin,  27.  Nov.  1904 

Meine  Hebe  Marie,  von  draufien  blickt  mich  der  Rhein  an,  von 
innen  die  Gedanken  an  Dich.  Die  Rheinberge  sind  mit  kaltem 
Schnee  tiberlagert;  die  Gedanken  an  Dich  mit  Warme.  Manchmal 
werde  ich  von  diesem  Blatte  aufsehen,  urn  beides  ineinander  tonen 
zu  lassen. 

In  Stuttgart  erwarteten  mich  Arensons  und  Frau  Dr.  Paulus.  Die 
letztere  nahm  mich  nun  gleich,  ziemlich  buchstablich  in  Beschlag. 
Ich  musste  zu  Paulus  und  durfte  nicht  einmal  meine  Sachen  zu 
Arensons  tragen,  bei  denen  ich  doch  wohnen  sollte.  Erst  um  halb 
fiinf  kam  ich  los.  Dann  waren  bei  Arensons  einige  unserer  Stutt- 
garter  Theosophen.  Dann  gings  in  die  Loge.  Nachdem  ich  eine 
Einleitung  gegeben  hatte,  war  es  rege  Fragestellung  iiber  alles 
Mogliche.  Am  nachsten  Morgen  musste  ich  nochmals  zu  Paulus, 


dann  zu  Oppel.  Die  Stuttgarter  mochten  im  Januar  einen  Zyklus 
von  3  Vortragen  arrangieren. 

Freitag  mittag  kam  ich  nach  Karlsruhe.  4  Uhr  hatten  Linde- 
manns  eine  theosophische  Zusammenkunft  und  abends  einen  Vor- 
trag  arrangiert.  Die  Loge  da  ware  ja  fertig.  Ob  sie  gedeihen  wird! 
Lindemanns  sind  nicht  gerade  intellektuell  sehr  fortgeschritten.  Da 
ist  es  immer  schwierig.  Am  Freitag  abend  ging  ja  alles  recht  gut. 
Wollen  wir  sehen,  wie  es  weiter  geht.  Der  anwesende  Hollander, 
der  zur  hollandischen  Sektion  gehort  und  jetzt  Assistent  an  der 
Technischen  Hochschule  in  Karlsruhe  ist,  macht  sich  am  besten. 
Dadurch  dass  er  viel  fragte,  kam  viel  Gutes  zu  Tage.  Auch  Frl. 
Keller  ist  in  einer  gewissen  Hinsicht  eine  gute  Theosophin,  aber 
sehr  krank. 

Eben  fuhr  ich  iiber  die  Rheinbriicke  bei  Lahnstein. 

Gestern  war  ich  also  in  Heidelberg.  Alles  tragt  da  Hartmann- 
Bohme'schen  Typus.  Schwab  ist  ernst  und  sucht  nach  innerer  Ent- 
wickelung.  Von  den  beiden,  die  aufier  ihm  in  Heidelberg  noch  die 
Sache  leiten,  ist  der  eine  ein  guter  Mensch,  Schuhwarenreisender; 
der  andere  Musiker,  Dilettant  in  Philosophic,  Vielredner,  beson- 
ders  letzteres  und  dann  noch  Homoopath. 

Eben  durch  Ehrenbreitstein  gefahren. 

Dass  ich  wieder  nach  Heidelberg  komme,  wollen  die  Leute. 
Ob  es  etwas  werden  kann,  ist  die  Frage.  Einen  Studenten  habe  ich 
fur  die  akademisch  theosophische  Vereinigung  engagiert.  Wollen 
sehen,  ob  da  etwas  wird! 

Heute  morgen  8  Uhr  fuhr  ich  von  Heidelberg  ab.  In  Kastel- 
Mainz  kam  Dr.  Morck  und  fuhr  bis  Riidesheim  mit.  Jetzt  also 
gehts  Coin  zu. 

Von  Regensburg  ab  war  es  eine  Reise  durch  den  Schnee.  Die 
Eisenbahnwagen  und  Grafin  Kalckreuths  Zimmer  sind  die  am 
besten  geheizten  Orte. 

Allerherzlichstes  Rudolf.  - 

Paulus  ...  Oppel:  Adolf  Martin  Oppel,  Maler  und  Bildhauer,  war  bei  der  Griin- 
dung  der  deutschen  Sektion  1902  Vorsitzender  des  Zweiges  Stuttgart.  1904  hatte 


er  den  Vorsitz  an  Dr.  med.  Franz  Paulus  (1849-1919),  abgegeben,  der  aber  schon 
1906  mit  seiner  Frau  Doris  Deutschland  verliefi  und  1912  aus  der  deutschen 
Sektion  austrat.  Den  Vorsitz  iibernahm  Prof.  Schwend. 

Lindemanns:  Ludwig  Lindemann  (gest.  1911),  und  seine  Frau  Erdwine  (1873- 
1956),  seit  Marz  1904  Mitglieder  des  Zweiges  in  Koln.  Grtindete  Ende  1904  den 
Zweig  in  Karlsruhe,  half  1908  in  Palermo  bei  der  Griindung  der  ersten  italieni- 
schen  «Rosenkreuzer  Gruppe». 

Hollander:  Dipl.-Ing.  Hermann  Sybrand  Hallo  (geb.  1879),  Mai  1910  Mitglied  des 
Karlsruher  Zweiges,  im  Herbst  1913  wurde  er  dessen  Vorsitzender.  Seit  1913  apl. 
Professor  an  der  TH  Karlsruhe,  ab  April  1914  o.  Professor  in  Delft  und  spater 
Leiter  einer  anthroposophischen  Arbeitsgruppe  dort. 

Frl.  Keller:  Elisabeth  Keller,  Mitglied  seit  Mai  1904,  beteiligt  an  der  Griindung 
des  Zweiges  Karlsruhe  im  Dezember  1904,  spater  tatig  im  Berliner  Sekretariat, 
Motzstr.  17. 

Hartmann-Bohmescher  Typus:  Die  Heidelberger  Gruppe  gehorte  zu  der  sog. 
«Internationale  Theosophische  Verbriiderung»,  ITV,  die  nicht  eigentlich  ein  orga- 
nisatorischer  Zusammenschluss,  sondern  vielmehr  ein  loser  Verbund  war  von 
selbstandigen  Gesellschaften,  Vereinen,  Zirkeln,  oder  wie  sie  sich  jeweils  nannten. 
Diese  ITV  wurde  aber  administrativ  von  Leipzig  aus  betreut,  mit  dem  Ziel,  dass 
man  voneinander  wusste.  Von  diesen  Gruppen  wurden  Redner  zu  Vortragen 
eingeladen,  insbesondere  Hartmann  und  Bohme,  aber  auch  Rudolf  Steiner.  Die 
Heidelberger  Gruppe  konstituierte  sich  im  Oktober  1906  als  Zweig  der  deutschen 
Sektion,  mit  Friedrich  Schwab  als  Vorsitzendem,  Schriftfiihrer:  Hugo  Harder. 

Schwab:  Friedrich  Schwab  (1878-1946),  Mitglied  in  Heidelberg  seit  Marz  1906. 
Hat  auf  Rudolf  Steiners  Rat  hin  1912  das  Abitur  nachgeholt,  dann  Medizin 
studiert,  Dr.  med.,  praktizierte  viele  Jahre  in  Berlin,  behandelte  auch  Friedrich 
Rittelmeyer. 


18    Widmung  in  Marie  von  Sivers1  Exemplar  von 

Mabel  Collins  «Licht  auf  den  Weg»,  wahrscheinlich  Ausgabe  1904 


*doJlv  J  Lt£& ft  tin-  V  <~&U*t4  t  Jv  CtUL 
kCtJut   $c.U*t   <(£cLt  VULTit. 


19    Eintragung  in  einem  Notizbuch  aus  dem  Jahre  1904 
Archiv-Nr.  B422 


1905 


Im  Januar  beendet  Rudolf  Steiner  seine  bisherige  Haupttatigkeit,  den 
Unterricht  an  der  Arbeiterbildungschule.  Dadurch  wird  eine  Intensivie- 
rung  des  Einsatzes  fur  die  T.G.  moglich:  wurden  im  Vorjahr  7  kleinere 
und  grofSere  Vortragsreisen  unternommen,  so  sind  es  dieses  Jahr  17. 
Immer  ofter  begleitet  ihn  Marie  v.  Sivers  von  nun  an  auf  diesen  Reisen,  urn 
ihm  einen  Teil  der  damit  verbundenen  Anstrengungen  abzunehmen.  -  Im 
Februar  fiihrt  die  Kritik  einiger  Mitglieder  an  der  Geschaftsfuhrung  des 
Berliner  Zweiges  D.T.G.  dazu,  dass  Rudolf  Steiner,  Marie  v.  Sivers  und 
Friedrich  Kiem  von  der  Leitung  der  D.T.G.  zuriicktreten  und  einen  neuen 
Zweig,  Besant-Zweig  genannt,  begriinden,  dem  sich  fast  alle  Berliner 
Mitglieder  anschlieften.  Die  D.T.G.  wird  sich  im  Januar  1906  auflosen.  - 
Im  Juli  findet  der  2.  Kongress  der  Foderation  der  Europaischen  Sektionen, 
diesmal  in  London,  statt.  -  Mit  einer  Reise  im  September  beginnt  Rudolf 
Steiners  offentliches  Wirken  in  der  Schweiz,  in  St.  Gallen,  Zurich  und 
Basel.  Marie  v.  Sivers  begleitet  ihn  auf  dieser  Reise  und  berichtet  dariiber 
anschaulich  an  Edouard  Schure  (Brief  Nr.  33b). 

Bei  der  Generalversammlung  der  deutschen  Sektion  im  Oktober  wird 
berichtet,  dass  5  neue  Zweige  begriindet  wurden:  Besant-Zweig  Berlin, 
Stuttgart  II,  Stuttgart  III,  Freiburg,  Karlsruhe;  die  Anzahl  der  Zweige 
betragt  18,  die  Zahl  der  Mitglieder  377,  gegen  256  im  Vorjahr.  -  Im 
November  erscheint  die  erste  Nummer  des  von  der  Generalversammlung 
beschlossenen  Organs  fur  die  internen  Sektionsangelegenheiten  «Mit- 
teilungen  fur  die  Mitglieder  der  Deutschen  Sektion  der  Theosophischen 
Gesellschaft»,  herausgegeben  von  Mathilde  Scholl  in  Koln.  Von  diesen 
«Scholl-Mitteilungen»  wird  in  den  Brief  en  bis  1914  immer  wieder  die 
Rede  sein. 


20    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Montag,  9.  Januar  1905 


Miinchen,  9.  Januar  1905 

Liebste  Marie!  Dir  sende  ich  treue  Gedanken  der  Liebe  und  Zunei- 
gung.  Ich  tue  das  nicht  nur,  wenn  ich  Zeit  finde,  Dir  das  schriftlich 
zum  Ausdruck  zu  bringen.  Du  weifk  es  und  weifk,  wie  innig  wir 
verbunden  sind.  Es  ist  ja  gewiss,  dass  sich  noch  manche  widerstre- 
bende  Machte  gegen  unseren  Seelenbund  auflehnen  werden;  derlei 
Dingen  muss  in  voller  Ruhe  stand  gehalten  werden. 

Findest  Du  erst  die  ganze  Ruhe,  mein  Liebling:  dann  mogen  die 
Wogen  branden  um  den  Felsen  herum,  auf  dem  wir  stehen.  Ist  der 
Felsen  auf  dem  Grunde  der  Wahrheit  erbaut,  dann  kann  ihn  und 
damit  auch  uns  nichts  wankend  machen. 

Habe  Dank  fur  Deine  lieben  Briefe.  Sie  tragen  etwas  so  Liebes 
in  die  Arbeit  herein.  -  Stuttgart  Nr.  1  und  die  beiden  offentlichen 
Mimchener  Vortrage  sind  also  vorbei.  Heute  nachmittag  habe  ich 
noch  bei  Schewitsch,  abends  die  Studentenversammlung;  dann 
morgen  Stuttgart.  -  Ich  hoffe,  dass  bisher  alles  gut  gegangen  ist. 
Moge  es  auch  so  weiter  gehen.  Frau  Dr.  Paulus  walkt  einen  durch; 
Kalckreuth  und  Stinde  sind  in  bezug  auf  die  Erweisung  von 
Freundschaftsdiensten  wirkliche  Muster. 

Deine  «Wegweiser-Sendung»  habe  ich  Kalckreuth  und  Stinde 
mitgeteilt.  -  Derlei  Dinge  sind  recht  charakteristisch  fur  unser  Zeit- 
alter.  Und  man  kann  davon  viel  lernen.  Dass  es  die  Leipziger  tun, 
nun  das  liegt  eben  in  ihrem  Karma;  sie  konnen  ja  nicht  anders.  -  So 
etwas  hangt  von  der  Menschen  Innerem  ab,  und  da  sollte  man  doch 
wirklich  nicht  ein  strenger  Richter  sein.  Nun  aber  ist  ja  die  duftere 
Seite  auch  gerade  das,  woriiber  wir  urteilen  sollen.  Denn  diese  muss 
die  Grundlage  unseres  Lernens  sein.  Vor  allem  miissen  wir  davon 
fur  unser  eigenes  Verhalten  lernen.  Wir  leben  in  einem  Zeitalter,  in 
dem  sich  Leute  wie  die  Leipziger  Theosophen  das  Urteil  bilden 
konnen:  So  etwas  wirkt  in  unserer  Zeit.  So  sind  die  Instinkte  unserer 
Mitmenschen,  mit  denen  wir  rechnen  wollen.  Waren  die  Leipziger 
uberhaupt  Theosophen,  so  konnte  sich  ja  das  Karma  unseres  Zeit- 


alters  nicht  so  in  ihnen  spiegeln.  Aber  Theosophen  sind  sie  eben 
nicht.  Das  sollen  wir  uns  in  allem  Mitgefiihl  gestehen.  Deshalb  spie- 
gelt  sich  in  ihnen  das  herunterziehende,  unheilige,  schlecht-demo- 
kratische  unseres  Zeitalters  in  dieser  Art.  Sie  sind  die  Opfer  dieser 
Haupteigenschaften  der  Gegenwart.  Meine  Liebste,  nimm  dies  als 
zur  heutigen  esoterischen  Stunde  gehorig  auf  (es  ist  Montag  mor- 
gen),  was  ich  Dir  jetzt  sage.  In  den  Kopfen  der  sogenannten  Theoso- 
phen wird  sich  noch  einmal  aller  Materialismus  unseres  Zeitalters 
am  krassesten  spiegeln.  Weil  die  theosophische  Gesinnung  selbst 
eine  so  hohe  ist,  werden  diejenigen,  die  nicht  ganz  von  ihr  ergriffen 
werden,  gerade  die  schlimmsten  Materialisten  werden.  An  den  Theo- 
sophen werden  wir  wohl  noch  viel  boseres  zu  erleben  haben,  als  an 
denen,  die  nicht  von  der  theosophischen  Lehre  beriihrt  worden  sind. 
Die  theosophische  Lehre  als  Dogmatik,  nicht  als  Leben  aufgenom- 
men,  kann  gerade  in  materialistische  Abgriinde  fuhren.  Wir  mussen 
das  nur  verstehen.  Sieh  Dir  einmal  Keightley  an.  Der  ist  auf  dem 
besten  Wege,  eines  der  schlimmsten  Opfer  der  Theosophie  zu  wer- 
den. Ohne  Theosophie  ware  er  ein  schlichter,  unbegabter,  aber  wahr- 
scheinlich  braver  Gelehrter  geworden.  Durch  die  Theosophie  wird 
er  ein  hochmiitiger,  neidischer,  norgelnder  Streber.  Das  sind  Erwa- 
gungen,  denen  der  Okkultist  immer  wieder  nachhangen  muss,  wenn 
er  daran  denken  soil,  die  hohe  Weisheit  der  heiligen  Meister  in  das 
Publikum  zu  streuen.  Das  ist  seine  grofte  Verantwortlichkeit.  Das  ist 
es,  was  uns  die  Briider  immer  entgegenhalten,  die  im  Okkultismus 
konservativ  bleiben  und  die  Methode  des  Geheimhaltens  auch 
ferner  pflegen  wollen.  -  Und  kein  Tag  vergeht,  an  dem  die  Meister 
nicht  die  Mahnung  deutlich  ertonen  lassen:  «Seid  vorsichtig,  be- 
denkt  die  Unreife  eures  Zeitalters.  Ihr  habt  Kinder  vor  euch,  und  es 
ist  euer  Schicksal,  dass  ihr  Kindern  die  hohen  Geheimlehren  mit- 
teilen  miisst.  Seid  gewartig,  dass  ihr  durch  eure  Worte  Bosewichter 
erzieht.»  Ich  kann  Dir  nur  sagen,  wenn  der  Meister  mich  nicht  zu 
iiberzeugen  gewusst  hatte,  dass  trotz  alledem  die  Theosophie  un- 
serem  Zeitalter  notwendig  ist:  ich  hatte  auch  nach  1901  nur  philo- 
sophische  Biicher  geschrieben  und  literarisch  und  philosophisch 
gesprochen. 


Meine  Liebe,  bleibe  mir  stark:  so  lange  wir  die  Verbindung  mit 
der  grofien  Loge  haben  werden,  kann  uns  in  Wirklichkeit  nichts 
geschehen,  was  auch  scheinbar  geschehen  mag.  Aber  nur  durch 
diese  unsere  Starke  bleibt  uns  die  Hilfe  der  erhabenen  Meister.  Du 
weifk:  ich  spreche  dies  so  niichtern,  so  verstandesklar  wie  das  all- 
taglichste  im  Leben.  «Bleibt  stark  und  klar»,  das  sagen  die  Meister 
alle  Tage. 

In  Treuen  ganz  Dein  Rudolf. 

«Wegweiser-Sendung»:  Theosophischer  Wegweiser,  Monatsschrift,  Organ  der 
Hartmann-Bohme-Gesellschaft,  Leipzig;  Herausgeber  Arthur  Weber,  Leipzig. 

Seid  gew'drtig,  dass  ihr  durch  eure  Worte  Bosewichter  erzieht:  -  Vgl.  hierzu  das 
Kapitel  «Die  Spaltung  der  Personlichkeit  wahrend  der  Geistesschulung»  in  «Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»,  GA  10. 

wenn  der  Meister  mich  nicht  zu  Uberzeugen  gewusst  hdtte:  Dies  muss  in  der  Zeit 
zwischen  dem  Gesprach  mit  Marie  v.  Sivers  im  Herbst  1901  (s.  S.  36)  und  seinem 
im  Januar  1902  erfolgten  Beitritt  zur  T.G.  gewesen  sein;  denn  er  schrieb  im 
August  1902  im  Entwurf  eines  Rundschreibens  an  die  deutschen  Zweige:  «ich  trat 
nicht  fruher  bei,  als  da  ich  wusste,  dass  die  geistigen  Krafte,  denen  ich  dienen 
muss,  in  der  T.S.  vorhanden  sind.» 

Verbindung  mit  der  grojlen  Loge:  Rudolf  Steiner  meint  hier  die  Gemeinschaft  der 
«Lehrer»  oder  «Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindun- 
gen»,  Naheres  in  «Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der 
Esoterischen  Schule»  (GA  264). 


21    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Donnerstag,  12.  Januar  1905 

Niirnberg,  12.  Januar  1905 

Liebste  Marie!  Allerherzlichsten  Dank  fur  Deine  Briefe,  die  ich  alle 
-  auch  den  mit  der  Feder  -  erhalten  habe.  Ich  denke,  es  ist  auch 
weiter  alles  gut  gegangen.  Gestern  war  hier  ein  aufierordentlich 
guter  Besuch.  Nur  in  Jena:  Da  scheint  es  mit  dem  Arrangement 
ganz  gewaltig  gehapert  zu  haben.  Zunachst  fand  ich  hier  vor  eine 
Nachricht  der  Frau  Liibke,  dass  nichts,  dann,  dass  doch  etwas  sein 
werde.  Ich  fahre  also  gleich  nachher  dahin.  Wir  wollen  sehen.  Das 


werden  die  schwersten  Dinge  sein:  die  Auseinandersetzung  mit  der 
offiziellen  «Wissenschaft».  Den  Gelehrten  und  Gelehrsamkeit- 
beflissenen  stellen  sich  ja  die  allerschwersten  Vorurteile  in  den  Weg; 
und  im  Sinne  der  Meister  ist,  dass  wir  zwar  den  VorstoE  wagen 
sollen,  dass  wir  aber  da  ganz  besonders  vorsichtig  sein  sollen.  Und 
so  gehe  ich  denn  auch  mit  starkem  Verantwortlichkeitsgefuhl  an 
die  heutige  Aufgabe. 

Ich  kann  Dir  nur  noch  sagen,  dass  ich  am  Sonnabend  7  Uhr  40 
am  Anhalter  Bahnhof  ankommen  werde,  und  dass  ich  Dir  meine 
allerherzlichsten  Empfindungen  voraus  sende 

Dein  Rudolf. 


22    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Donnerstag,  19.  Januar  1905 

Dusseldorf,  19.  Januar  1905 

Mein  Liebling.  Du  hattest  Dich  nicht  sorgen  sollen  wegen  meines 
Aussehens  am  Sonntag.  Es  war  das  ja  doch  wohl  nur  die  Widerspie- 
gelung  der  Affaire  in  der  Bildungsschule.  Du  weifk,  dass  ich  in  dem 
Wirken  in  diesen  Kreisen  eine  Mission  sah.  Es  ist  wirklich  etwas 
zerstort,  was  ich  nicht  wollte  zerstort  sehen.  Jetzt  geht  es  natiirlich 
nicht  anders.  Nach  und  nach  aber  treibt  unsere  Zeit  in  eine  Form  des 
Lebens  hinein,  die  das  Zusammenwirken  aller  wirklich  aufwartsstre- 
benden  Krafte  notwendig  macht.  Es  ware  so  notwendig  in  alles  un- 
sere geistige  Weltanschauung  hineinzugiefien.  Es  war  also  am  Sonn- 
tag doch  zu  etwas  wichtigem  bei  mir  der  Schlusspunkt  gemacht 
worden.  Wenn  ich  so  sehe,  in  welche  Hande  allmahlich  die  Bildung 
unserer  Demokratie  kommt!  Es  ist  nichts  Schones. 

Aber  zugleich  kann  ich  Dir  wieder  melden,  dass  hier  die  Men- 
schen  mich  «ganz  besonders  gut»  aussehend  finden. 

Montag  also  habe  ich  den  Colnern  iiber  die  Apokalypse  gespro- 
chen.  Da  waren  nur  wenig,  weil,  wie  sich  dann  herausstellte,  man 
in  Coin  nicht  wusste,  was  «Apokalypse»  ist.  Und  Frl.  Scholl  hatte 
keine  andere  Bezeichnung  zugefiigt. 


Dienstag  nachmittag  sprach  ich  fiir  die  Coiner  Mitglieder  iiber 
die  «Genesis»  und  am  Abend  offentlich  iiber  «Goethes  Marchen». 
Dieser  Vortrag  war  im  Verhaltnis  zum  vorigen  in  Coin  gut  be- 
sucht.  Und  es  ist  alles  recht  gut  gegangen. 

Am  gestrigen  Mittwoch  nachmittag  sprach  ich  in  Godesberg 
iiber  «Theosophie  und  Christentum»  im  kleinen  Kreise  und  abends 
in  Bonn  iiber  Goethes  Faust.  Da  in  Bonn  war  es  auch  verhaltnis- 
maftig  recht  gut  besucht. 

Heute  Donnerstag  bin  ich  nun  hier  in  Diisseldorf,  -  Boyer  hat 
schon  etwas  gemalt.  Jetzt  ist  JA  3  Uhr,  um  4  Uhr  habe  ich  iiber  den 
«Gottesbegriff»,  am  Abend  bei  Frau  Smits  iiber  Goethes  Faust  zu 
sprechen.  Morgen  nachmittag  iiber  «Lebensfuhrung»  und  am 
Abend  ist  dann  morgen  hier  der  offentliche  Vortrag. 

Sonnabend  friih  ungefahr  8  Uhr  bin  ich  zu  Hause.  Auf  Deinen 
Wunsch  hat  schon  Frl.  Scholl  einen  Schlafwagen  bestellt. 

Auf  Wiedersehen  herzlichst  Dein  Rudolf 

Affaire  in  der  Bildungsschule:  Am  15.  Januar  1905  war  Rudolf  Steiners  letzter 
Vortrag  in  der  Arbeiterbildungsschule,  nachdem  er  durch  die  doktrinaren  Leiter 
der  Schule,  gegen  den  Willen  seiner  Schiiler,  aus  dieser  verdrangt  wurde. 

Boyer  hat  schon  etwas  gemalt:  Otto  Boyer,  Mitglied  seit  April  1904,  Vorsitzender 
des  im  Oktober  1904  neu  begriindeten  Zweiges  Diisseldorf.  (Der  1902  an  der 
Griindung  der  deutschen  Sektion  beteiligte  Zweig  hatte  sich  bald  danach  aufge- 
lost,  als  sein  Vorsitzender  Bruno  Berg  zuriicktrat.)  Boyer  war  Kunstmaler  in 
Diisseldorf  und  bat  Rudolf  Steiner  ihn  portratieren  zu  diirfen  (Olgemalde  im 
Archiv  der  Rudolf  Steiner-Nachlassverwaltung).  Auch  er  verliefi  Diisseldorf  im 
Oktober  1905;  das  Amt  des  Vorsitzenden  iibernahm  Lauweriks. 

Frau  Smits:  Clara  Smits  Mess'oud  Bey  (1863-1948),  Mitglied  seit  Ende  1903,  1907 
Vorsitzende  des  Zweiges  Diisseldorf,  1908  im  Vorstand  der  Sektion.  Eine  Unter- 
redung  mit  Rudolf  Steiner  Ende  1911  iiber  die  Berufsausbildung  ihrer  Tochter 
Lory  wurde  zum  Ausgangspunkt  fiir  die  Eurythmie. 


23    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Dienstag,  14.  Marz  1905 


Munchen,  14.  Marz  1905 

Liebste  Marie! 

In  Liebe  und  Treuen  gedenke  ich  Deiner  und  danke  Dir  fur  Demen 
schonen  Gru$,  den  ich  gestern  erhalten  habe.  Viel  kann  ich  Dir 
nicht  schreiben,  denn  hier  ist  viel  zu  tun.  Aber  dass  ich  im  Geiste 
bei  Dir  bin,  das  weifit  Du.  In  Niirnberg  ging  es  wieder  recht  gut. 
Merkwiirdigerweise  waren  gerade  zwei  Stuttgarter  in  Niirnberg: 
Pfundt  und  del  Monte.  Auch  Speiser,  der  vor  kurzem  bei  uns 
besprochene,  erschien  dort  auf  dem  Plane.  In  Regensburg  gliedern 
sich  natiirlich  doch  nur  wenige  aus  der  ultramontanen  Dunkelheit 
heraus.  Sonntag  und  Montag  waren  also  hier  die  offentlichen  Vor- 
trage.  Ich  bin  nun  schon  ziemlich  auch  hier  auf  «Esoterisches»  ein- 
gegangen.  Es  war  gut  besucht.  Deinhard  war  bei  beiden  Vortragen. 

Auch  hier  hatte  es  bald  ein  ganz  kleines  Krischen  gegeben. 
Frl.  v.  Hofstetten  wollte  zuriicktreten.  Ich  suchte  es  ihr  plausibel 
zu  machen,  dass  das  nicht  gut  ware.  Sie  wird  wohl  bleiben. 

Du  schreibst  mir  so  Liebes  iiber  die  Vortrage  der  vorigen  Wo- 
che.  Ja,  sieh,  ich  werde  mich  in  den  Vortragen  immer  freier  machen 
mussen  von  der  Art  der  Siebenteilung,  wie  sie  im  Anfange  nament- 
lich  durch  den  Sinnett'schen  esoterischen  Buddhismus  ublich  ge- 
wesen  war.  Die  dreigliedrige  Dreiteilung  meiner  «Theosophie»  ist 
fur  die  Zwecke  des  wirklichen  Eindringens  in  die  Dinge  das  einzig 
mogliche.  Die  Siebenteilung,  ohne  diese  Zuruckfuhrung  auf  die 
Dreiteilung  fuhrt  nur  irre.  Das  haben  die  orientalischen  Mystiker 
ebenso  wie  die  abendlandischen  vom  Anfang  an  gegen  die  Schema- 
tismen  Sinnetts  einzuwenden  gehabt.  Deshalb  kam  auch  aus  dieser 
Siebenteilung  nicht  viel  Praktisches  heraus.  Du  siehst:  ich  spreche 
in  den  Mitteilungen  der  Akasha-Chronik  von  dem  Punkte  ab,  wo 
ich  iiber  die  Mitte  der  Lemurier  hinausgehe,  gar  nicht  mehr 
von  Unter-«Rassen».  Und  das  entspricht  genau  der  Anschauung. 
Der  Unter-Rassenbegriff  hat  namlich  streng  genommen  nur  eine 
Bedeutung  zwischen  der  Mitte  der  lemurischen  und  dem  Ende 


unseres  Zyklus  (5.  Wurzelrasse).  Dann  verliert  dieser  Begriff 
gegeniiber  der  Anschauung  seine  Bedeutung.  Ebenso  verliert  wei- 
terhin  der  Wurzelrassenbegriff  seine  Bedeutung,  hat  sie  wieder  fur 
gewisse  Verhaltnisse  der  lunarischen  und  solarischen  Evolution 
und  nicht  mehr  vorher. 

Recht  betrachtet  gibt  es  nur  16  wirkliche  Menschenrassen: 
5  lemurische,  5  atlantische  +  5  arische  +  1  nacharische.  Was  vorher 
und  nachher  auftritt,  ist  etwas  anderes  als  «Rasse».  Und  so  ist  vie- 
les,  was  korrigiert  werden  muss,  weil  es  blofi  gebraucht  worden  ist 
durch  Ausdehnung  der  Vorstellungen,  die  fiir  die  Erde  gelten,  auf 
das  ganze  Planetenheer.  Daraus  ist  dann  jener  unselige  Schematis- 
mus  entstanden,  der  mechanisch  7  irdische  Verhaltnisse  sich  auf 
alien  Planeten  rastlos  abraspeln  lasst.  Man  hatte  anfangs  gar  nicht 
ankniipfen  konnen  an  die  theosophische  Bewegung,  wenn  man 
nicht  die  ewige  Multiplikation  mit  7  mitgemacht  hatte.  Aber  all- 
mahlich  muss  diese  mechanische  Multiplikation  durch  die  leben- 
dige  geistige  Wirklichkeit  ersetzt  werden. 

In  Herzlichkeit  ganz  Dein  Rudolf 

Pfundt:  Friedrich  Pfundt,  Eisenbahn-Sekretar,  Mitglied  in  Stuttgart  bereits  vor 
1902. 

del  Monte:  Jose  del  Monte  (1875-1950),  Industrieller,  Mitglied  seit  November 
1903.  Mitbegriinder  der  Kommenden  Tag  AG,  Stuttgart,  in  deren  Zusammenhang 
er  seine  Kartonagenfabrik  mit  700  Arbeitern  stellte. 

FrL  v.  Hofstetten:  Rosa  v.  Hofstetten  (1836-1908),  hatte  den  Vorsitz  des  im  Mai 
1904  neubegriindeten  Munchener  Zweiges,  bis  sie  ihn  1906  krankheitshalber  an 
Graf  in  Kalckreuth  abgab. 

Sinnettschen  esoterischen  Buddhismus:  Alfred  Percy  Sinnett,  «Esoteric  Bud- 
dhism»,  1883,  deutsch  «Die  esoterische  Lehre  oder  Geheimbuddhismus»,  1884. 

Mitteilungen  der  Akasha-Chronik:  Aufsatz-Reihe  iiber  die  Welt-Entwickelung  in 
der  Zeitschrift  «Lucifer-Gnosis»  ab  Juli  1904.  Wieder  abgedruckt  in  «Aus  der 
Akasha-Chronik»,  GA  11. 


24    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Sonntag,  19.  Marz  1905 


Coin,  19.  Marz  1905 

Mein  Liebling,  nur  rasch  mochte  ich  Dir  sagen,  dass  ich  am  Freitag 
in  Bonn  schon  wieder  fast  ganz  gut,  und  gestern  hier  ganz  gut  bei 
Stimme  war.  Eigentlich  war  die  Sache  ja  nur  Donnerstag  abends 
fatal.  Auf  keinen  Fall  ist  es  notig,  bei  uns  am  Freitag  abzubestellen. 
Du  wirst  mir,  wenn  ich  nach  Hause  kommen  werde,  von  dem 
Stimm-Zwischenfall  nichts  mehr  anmerken.  Also  lasse  mich,  bitte, 
Freitag  iiber  die  4.  Dimension  vortragen. 

Dr.  Peipers  war  gestern  hier  beim  Vortrag  und  sagte  mir  von  der 
Verschiebung  beziiglich  Elberfelds.  Du  musst  nur  bedenken,  dass 
ja  die  Leute  ungeschickt  sind,  und  nichts  fur  ihre  Ungeschicklich- 
keit  konnen.  Ich  bin  sicher,  dass  ich  das  Rundreisebillet  doch  auch 
fur  die  andere  Strecke  Dtisseldorf-Berlm  direkt  brauchen  kann. 
Eigentlich  war's  ja  naturlich.  Doch  muss  man  erst  sehen,  ob's  geht, 
denn  das  Natiirliche  ist  ja  fur  Behorden  zuweilen  eine  Unmoglich- 
keit.  Es  wird  schon  alles  werden. 

Indessen  griifie  ich  Dich  ganz,  ganz  herzlich  und  bin  Donners- 
tag friih  spatestens  in  Berlin.  Nicht  wahr,  Du  wirst  deshalb  doch 
gut  sein. 

Herzlichst  Dein  Rudolf 

iiber  die  4,  Dimension  vortragen:  Vortrag  Berlin,  24.  Marz  1905,  in  GA  324a. 

Dr.  Peipers:  Dr.  med.  Felix  Peipers  (1873-1944),  Mitglied  in  Dusseldorf  seit 
Oktober  1904.  1906/07  richtete  er  als  Nervenarzt  in  Miinchen  eine  Privatklinik 
ein.  Wirkte  1910-13  bei  den  Mysterienspielen  mit,  1911  Mitbegriinder  des  Bau- 
vereins,  1911  im  Vorstand  der  Sektion,  ab  1915/16  Vorsitzender  des  Zweiges 
Miinchen  I,  1921-24  Arzt  am  Klinisch-Therapeutischen  Institut  in  Stuttgart. 


25    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Freitag,  7.  April  1905 

Cannstatt,  7.  April  1905 

Mein  Liebling!  Ich  muss  mir  einige  Augenblicke  aussondern,  um 
Dir  nun  ein  paar  Zeilen  schreiben  zu  konnen.  In  treulichen  Gedan- 
ken  bin  ich  bei  Dir.  Lieb  sind  Deine  beiden  Briefe.  Doch  nur  das 
Eine  solltest  Du  nicht  tun:  Dir  fortwahrend  diese  Sorgen  machen. 
Sieh  mal:  die  Sache  war  wirklich  nicht  schlimm.  All  die  Menschen, 
die  in  Berlin  in  das  Coupe  eingestiegen  sind,  in  dem  ich  safi,  stiegen 
in  Leipzig,  also  etwa  V2  1  Uhr  aus  und  dann  war  ich  bis  Nurnberg, 
also  bis  8  Uhr  ganz  allein.  Immer  ist  es  besser,  in  solchen  Dingen 
ein  wenig  gleichmiitiger  zu  werden.  Wenn  Du  Dir  um  mich  immer 
Sorgen  machst,  so  muss  ich  mir  wieder  Sorgen  machen  wegen  Dei- 
ner  Sorgen,  und  wir  kommen  gar  nicht  zurecht.  -  Aber  ich  habe 
Dich  doch  so  lieb.  Und  es  wird  mit  uns  beiden  sicher  alles  gut  wer- 
den. Bleibe  mir  sicher,  gesund,  frisch.  Ich  muss  Dich  so  finden,  wenn 
ich  nach  den  Kreuz-  und  Querreisen  nach  Hause  kommen  werde. 

Nun  die  paar  praktischen  Fragen:  In  Breschens  «Vahan»  kann 
man  etwa  folgendes  schreiben: 

Die  Bibliothek  des  Berliner  Zweiges  (Deutsche  Theosophische 

Gesellschaft)  befindet  sich  und  Biicher  konnen  ausgeliehen 

werden  unter  folgenden  Bedingungen. 

Ich  glaube,  dass  Bresch  bei  seiner  Taktunmoglichkeit  die  grofite 
Torheit  macht,  wenn  wir  nicht  einfach  von  ihm  verlangen:  die 
Notiz  wie  sie  jetzt  ist,  soli  wegbleiben,  und  diese  kurze  soli  an  die 
betreffende  Stelle  kommen.  Mehr  brauchen  wir  nicht. 

Auf  dem  Programm  soli  fur  den  4.  Mai  stehen: 

Schiller  und  die  Gegenwart  (Theosophische  Schillerfeier). 

Hast  Du  das  Programm  an  Hayns  Erben  gesandt?  Bitte  schreib 
mir  das  fur  Montag,  oder  Sonntag  nach  Hamburg,  damit  ich  nicht 
ein  zweites  Programm-Manuskript  dahin  sende. 

Die  Bucherverzeichnisse  sind  ganz  richtig.  Auch  die  Stelle  beziig- 
lich  «Lucifers». 

Also  nochmals  allerherzlichste  GriijRe.  Bleibe  frisch,  gesund  und 
sicher.  Dein  Rudolf. 


26    An  Marie  von  Sivers  in  Berlin 
Dienstag,  11.  April  1905 


Auf  der  Fahrt  nach  Munchen.  11.  Apr.  1905 

Mein  Lieblmg.  Es  konnte  sein,  dass  ich  in  Munchen  wieder  lange 
nicht  zum  Schreiben  kame;  deshalb  mochte  ich  Dir  vom  Eisen- 
bahnwagen  aus  die  allerherzlichsten  Griifie  senden.  Es  ist  lieb,  wenn 
Du  ofters  schreibst.  Du  begleitest  mich  mit  Deinem  Segen.  Und 
Dein  Segen  gehort  zu  unserem  Werke. 

In  Stuttgart  ist  es,  wie  Du  aus  Arensons  Bericht  weifit,  gut 
gegangen.  Die  beiden  Logen  vertragen  sich  vorlaufig  so  gut  mit 
einander,  wie  es  nicht  der  Fall  sein  konnte,  wenn  sie  Eine  waren. 
Im  Ganzen  hat  ja  jetzt  Stuttgart  vier  Zweige.  AuEer  unsern  beiden 
noch  einen  von  Bohme  gestifteten  und  einen  Tingley'schen  (Gliick- 
selig).  Die  Mitglieder  -  wenigstens  einige  -  des  Bohme-Zweiges 
waren  aber  mit  voller  Sympathie  bei  meinen  Vortragen  und  der 
Hauptmacher,  ein  Herr  Bach,  hat  mir  sogar  in  einem  Karton  ein 
Geschenk  beim  Abgange  iiberreicht.  Ich  weifi  noch  nicht,  was  es 
ist.  Denn  ich  habe  noch  nicht  Zeit  gefunden,  es  zu  offnen. 

Der  Zug  halt  eben  in  Ansbach. 

In  Hannover  war  der  Besuch  mittelmafiig,  durchaus  nicht 
schlecht  den  Verhaltnissen  nach.  Es  lagert  eben  da  iiber  dem  Gan- 
zen des  armen  Hubbe-Schleiden  (wie  eine  Dunstwolke)  zersetzen- 
der  Verstand,  der  so  fern  von  jeglicher  Intuition  ist  wie  das  Gehirn 
eines  deutschen  Professors  der  griechischen  Kunst  vom  Verstand- 
nis  des  griechischen  Genius.  Der  Mann  redet  eine  so  untheosophi- 
sche  Sprache  und  ist  so  tief  zu  bemitleiden,  wie  ein  Gefangener,  der 
seinen  Kerker  fur  die  Welt  halt.  Unendliche  Miihe  gibt  er  sich,  aus 
einem  ganz  vertrockneten  Schwamm  Wasser  heraus  zu  pressen. 
Eigentlich  besteht  seine  ganze  Weisheit  in  dem  Zusammenschwei- 
Een  der  heutigen  Schulweisheit  mit  ein  paar  Brocken  angelernter 
«uralter  Weisheit»  in  ganz  schematischer  Form.  Dabei  hat  er  grofie 
Modelle  des  sogenannten  «primaren  Atoms»  verfertigen  lassen,  die 
fast  den  Raum  eines  halben  Zimmers  ausfullen,  und  die  doch  nichts 
sind  als  Wiedergaben  eines  Bildes,  das  vor  dem  Titelblatt  von  Annie 

QA 


Besants  «Uralter  Weisheit»  steht.  Schon  bei  meiner  letzten  Anwe- 
senheit  in  Miinchen  zeigte  mir  Deinhard  wie  einen  kostbaren  Schatz 
photographische  Aufnahmen  dieser  Modelle. 

Mein  Liebling:  alles  ist  relativ.  Und  von  dieser  Htibbe-Deinhard 
Weisheit  bis  zu  der  selbstgefalligen  Mystik  des  «Stuttgarter  Adep- 
ten»  A.  Oppel  ist  doch  noch  ein  Weg  aufwarts.  Und  nicht  ganz 
Unrecht  hat  Oppel,  von  seinem  Standpunkte,  Deinhard  wie  «blo- 
de»  zu  halten.  So  sprach  er  sich  neulich  aus.  Und  doch  ist  Oppel 
der  «kuriose  Mensch».  Man  muss  ganz  objektiv  auf  all  diese  Rela- 
tivitaten  sehen.  Denn  wenn  auch  ein  Frosch  noch  kein  Ochse  ist, 
so  ist  er  doch  grofier  als  eine  Fliege. 

In  Hamburg  ist  Hubo  noch  immer  nicht  iiber  seine  inner-aujRere 
Unruhe  hinaus.  Er  will  im  Grunde  alien  wohl,  aber  bekrittelt  alles 
und  beklagt  sich  iiber  alles.  Sonntag  sprach  ich  zu  den  Leuten  der 
Loge  iiber  die  Bedeutung  der  Wochentage  und  iiber  die  sieben 
romischen  Konige,  um  die  eminent  praktische,  ins  Leben  eingrei- 
fende  Bedeutung  der  Theosophie  anschaulich  zu  zeigen.  Gestern 
war  bei  «Goethes  Evangelium»  ein  im  Grunde  nicht  schlechter 
Besuch. 

Dass  Du  meinen  Namen  auf  das  Titelblatt  der  «Kinder  des 
Luzifer»  gesetzt  hast,  scheint  mir  zu  viel  getan,  da  die  zehn  kleinen 
Seiten  doch  gar  zu  wenig  sind,  um  noch  besonders  benamset  zu 
werden.  Doch  wollen  wir  die  Sache  jetzt  schon  so  lassen,  wie  es 
Deinen  Intentionen  entspricht. 

Deinhard  wird  diesmal  nicht  in  Miinchen  sein  wahrend  meiner 
Anwesenheit.  Er  geht  zum  Psychologen-Kongress  nach  Rom,  um 
dort  aufzupassen,  ob  die  braven  offiziellen  Psychologen  sich  nicht 
doch  herablassen,  auf  einige  «metaphysische»  (recte:  spiritistische) 
Beobachtungen  hinzuweisen.  Es  ist  so  erbarmenswiirdig  zu  sehen, 
wie  diese  Leute  gierig  nach  Schatzen  graben  und  froh  sind,  wenn 
sie  Regenwiirmer  finden. 

Der  Zug  halt  jetzt  in  Gunzenhausen.  Hiigeliges  Waldland  und 
unsonnige  Stimmung  ist  draufien.  Es  beginnt  sogar  zu  regnen. 

Gestern  trugest  Du  wieder  fur  mich  vor.  Ich  bin  so  froh,  dass  es 
so  weit  ist,  und  dass  Du  wahrend  meiner  Abwesenheit  auf  meinem 


Platze  sitzest.  So  gehort  es  sich  ja  doch.  Wir  werden  in  solcher  Art 
immer  weiter  kommen. 

Treibe  Deine  Meditation,  so  gut  Du  eben  kannst.  Der  Glanz, 
der  auf  die  intellektuelle  Erfassung  der  okkulten  Dinge  fallen  muss, 
geht  ja  doch  von  ihr  aus.  Selbst  dann,  wenn  Du  es  nicht  merkst.  In 
den  Meditationsformeln  und  Konzentrationsiibungen,  die  Du  jetzt 
hast,  liegt  der  Schliissel  zu  vielem.  Sie  sind  seit  uralten  Zeiten 
gepragt  von  den  grofien  Adepten,  und  wer  sie  in  Geduld  in  seiner 
Seele  lebendig  macht,  saugt  aus  ihnen  die  Wahrheit  von  sieben 
Welten.  Es  sind  eben  die  Geheimnisse  der  Wissenden  in  sie  gelegt. 
Und  wer  sie  richtig  anzuwenden  vermag,  hat  die  Moglichkeit,  die 
Hiillen  der  drei  unteren  Weltformen  abzustreifen  und  allmahlich 
sogar  bis  zum  Zustand  des  «Schwanes»  heranzureifen.  Du  musst 
Dir  iiber  Unvollkommenheiten  der  Meditation  keine  Sorge  ma- 
chen;  aber  stets  bestrebt  sein,  alles  zu  tun,  was  in  Deinen  Kraften 
liegt. 

Fiir  diesmal  noch  die  allerherzlichsten  Griifie  von  Deinem 

Rudolf. 

In  ein  paar  Minuten  wird  der  Zug  in  Treuchtlingen  sein. 

Die  beiden  Logen:  Die  Griindungsurkunde  fiir  den  Zweig  Stuttgart  II,  Kerning 
Zweig,  hat  das  Datum  19.  Februar  1905,  Vorsitzender  Prof.  Oscar  Boltz.  -  Im 
September  1905  kam  dann  noch  der  Zweig  Stuttgart  III  dazu,  der  speziell  zum 
Studium  der  Werke  Rudolf  Steiners  gegnindet  wurde,  Vorsitzender  Hans  Weifi- 
haar,  Schriftfuhrer  Adolf  Arenson.  -  1907  erlosch  Stuttgart  I  und  Stuttgart  III  trat 
an  seine  Stelle. 

Bohme:  Edwin  Bohme,  Generalsekretar  der  Leipziger  Gesellschaft. 

Tingley:  Katherine  Tingley  (1852-1929),  amerikanische  Theosophin,  «Nachfolge- 
rin»  von  William  Q.  Judge  in  der  Fiihrung  der  von  Adyar  unabhangig  geworde- 
nen  «Theosophical  Society  in  America*. 

Annie  Besants  «Uralte  Weisheit»:  «The  Ancient  Wisdom»  (1897),  deutsche  Uber- 
setzung  von  Mathilde  Scholl  1898. 

« Kinder  des  Luzifer»:  Drama  von  Edouard  Schure;  Le  Theatre  de  l'Ame  (lere 
serie);  Les  Enfants  de  Lucifer  (Drame  antique),  Paris  1900;  autorisierte  Uberset- 
zung  von  Marie  v.  Sivers,  Leipzig  1905,  Dornach  1955. 

Gestern  trugest  Du  wieder  fiir  mich  vor:  Die  Versammlung  der  Mitglieder  des 
Berliner  Zweiges  fand  jeweils  montags  statt. 


27    An  Rudolf  Steiner,  wahrscheinlich  in  Karlsruhe 
Donnerstag,  13.  (oder  14.)  April  1905,  aus  Berlin 

In  grower  Eile: 

Auch  Herrn  Schwab  habe  ich  Lucifernummern  zum  Verkauf 
geschickt.  Kann  nicht  auf  den  Aufsatz  «Einweihung  und  Myste- 
rien»  hingewiesen  werden?  Ich  hab  die  drei  Heftchen  zusammen 
gelegt  fur  1  Mk.  -  Es  wird  dort  hingewiesen  auf  «Esoterisches 
Christentum»  und  «Grofie  Eingeweihten». 

Schonstes  und  bestes  wunsche  ich.  Wie  ist's  mit  diesem  ersten 
Mai?  Soil  ich  alien  absagen?  Sicher  ist  ja  Kassel  noch  nicht,  aber  ist 
der  erste  Mai  was? 

Ich  habe  die  Absicht  schleunigst  die  Schillervortrage  drucken  zu 
lassen  (auf  Kiems  Risiko)  und  die  Korrekturbogen  Freitag  vorzu- 
legen.  Sprach  heute  mit  dem  Potsdamer  M.[ann]  dariiber,  der  hier 
war.  200  M.  fur  1000  Exemplare  wie  «Goethes  Faust»,  aber  doppelt 
so  dick.  Die  Vortrage  sind  so  schon.  Diirfen  wir? 

Auf  Wiedersehen! 

Herrn  Schwab:  Friedrich  Schwab  in  Heidelberg,  dort  fand  am  17.  April  1905  der 
offentliche  Vortrag  «Die  Weisheitslehren  des  Christentums  statt.» 

Aufsatz  «Einweihung  und  Mysterien»:  Aufsatz  in  drei  Folgen  in  der  Zeitschrift 
«Luzifer»,  Juli/ August/September  1903.  Wieder  abgedruckt  in  «Luzifer-Gnosis 
1903-1908»,  GA  34. 

«Esoterisches  Christentum»  und  «Grojie  Eingeweihten»:  Annie  Besant,  «Esoteri- 
sches  Christentum  oder  die  kleinen  Mysterien»,  deutsch  von  Mathilde  Scholl, 
Leipzig  1903;  Edouard  Schure,  «Les  Grands  Inities»,  Paris  1889.  Die  autorisierte 
deutsche  Ubersetzung  von  Marie  v.  Sivers  erschien  seit  Februar  1904  laufend  in 
der  Zeitschrift  «Lucifer-Gnosis»;  Buchausgabe  Leipzig  1907  und  Miinchen  1955. 

Kassel:  Dort  war  am  1.  Mai  1905  der  offentliche  Vortrag  «Schiller  und  die 
Theosophie». 

Schillervortrage:  «Schiller  und  unser  Zeitalter»,  Aufzeichnungen  nach  Vortragen, 
gehalten  vom  Januar  bis  Marz  1905  an  der  Berliner  «Freien  Hochschule»,  heraus- 
gegeben  von  Marie  v.  Sivers,  Berlin  1905,  Dornach  1932.  Wieder  abgedruckt  in 
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