Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE
ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
Rudolf Steiner
Marie Steiner- von Sivers
Briefwechsel und Dokumente
1901 - 1925
Neu herausgegeben
zur hundertjahrigen Wiederkehr
der Begriindung der
anthroposophischen Bewegung
1902 - 2002
2002
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Julius Zoll
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1967
2., neu durchgesehene und erweiterte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 2002
Bibliographie-Nr. 262
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2620-9
INHALT
Vorbemerkungen der Herausgeber zur Neuausgabe 2002 ... 11
Zur Einfiihrung: Aufzeichnungen Rudolf Steiners, geschrieben
fur Edouard Schure in Barr im Elsass, September 1907 ... 15
Anhang zu [I.J der Aufzeichnungen Rudolf Steiners: Aus
der Einleitung von Edouard Schure zu seiner franzosischen
Ubersetzung von Rudolf Steiners Werk «Das Christentum
als mystische Tatsache» (1908) 29
Briefe und Dokumente 1901-1925 33
1900-1902: S. 35 \ 1903: S. 48 | 1904: S. 63 | 1905: S. 84 |
1906: S. 133 \ 1907: S. 169 | 1908: S. 198 \ 1909: S. 204 |
1910: S. 217 | 1911: S. 226 \ 1912: S. 252 j 1913: S. 268 j
1914: S. 280
Zwischenbetrachtung der Herausgeber: Zusammenarbeit
auf dem Gebiete der Kunst, insbesondere der Sprache . . 287
Briefe und Dokumente (Fortsetzung) 293
1914: S. 293 | 1915-1921: S. 302 | 1922: S. 321 | 1923: S. 336 \
1924: S. 388 | 1925: S. 447
Anhang
Zu dieser Ausgabe 471
Personenregister 473
Reiseverzeichnis 489
Verzeichnis der Briefe und Dokumente 497
Ubersicht iiber die Reihe: Das lebendige Wesen der Anthropo-
sophie und seine Pflege 509
Ubersicht iiber die Reihe: Veroffentlichungen zur Geschichte
und aus den Inhalten der Esoterischen Lehrtatigkeit . . . . 510
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 511
Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen:
Seite
Rudolf und Marie Steiner 1915 8/9
Marie von Sivers 1903 57
Rudolf Steiner 1904 66
Rudolf Steiner und Marie von Sivers in Schirmensee 1904 71
Rudolf Steiner und Marie von Sivers in Landin 1906 151
Marie von Sivers 1906 153
Rudolf Steiner und Marie von Sivers in Stuttgart 1908 203
Rudolf Steiner und Marie von Sivers in Oslo 1908 209
Rudolf und Marie Steiner vor dem Ersten Goetheanum ca. 1920/21 320
Rudolf Steiner 1923 343
Marie Steiner 1924 391
Rudolf Steiner auf dem Totenbett 1925 (Zeichnung) 467
© Verlag am Goetheanum (Photo O. Rietmann): Abbildung S. 343
© Rudolf Steiner Nachlassverwaltung: Alle iibrigen Abbildungen
RUDOLF STEINER
27. Februar 1861 in Kraljevec/Osterreich-Ungarn
t 30. Marz 1925 in Dornach/Schweiz
MARIE STEINER-VON SIVERS
* 14. Marz 1867 in Wlotzlawek/Ruftland
I 27. Dezember 1948 in Beatenberg/Schweiz
Begriinder und zentrale Trager
der anthroposophischen Bewegung
Die Aufnahmen auf den folgenden Seiten entstanden 1915.
VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER
ZUR NEUAUSGABE 2002
In Marie v. Sivers, spater Marie Steiner, war Rudolf Steiner vom Schicksal
gerade zum richtigen Zeitpunkt eine Personlichkeit zugefiihrt worden, mit
der zusammen er es wagen konnte, in «treuer fester Waffenbruderschaft»
eine moderne, anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Be-
wegung ins Leben zu rufen. Von selbstandiger Geistigkeit, hochgebildet,
bewandert in der Weltliteratur, fliefiend fiinf Sprachen sprechend, dazu
beseelt von einer aufiergewohnlichen Hingabefahigkeit fiir die Sache,
konnte sie die Kraft aufbringen, mit seiner iiberwaltigenden Arbeitslei-
stung Schritt zu halten. Zudem war sie eine ausgezeichnete Organisatorin:
«Ich hatte die Dinge zu schreiben, die Vortrage zu halten, Frau Doktor
organisierte die ganze Anthroposophische Gesellschaft.*1
Sie organisierte seine Vortragsreisen und die Vortragsveranstaltungen
und fiihrte auch die damit zusammenhangende immer umfangreicher wer-
dende Korrespondenz, in der damaligen Zek noch von Hand, zudem
weitgehend auf Reisen. Denn wenn auch anfanglich Rudolf Steiner noch
allein reiste, so wurde sie doch schon bald zu seiner unentbehrlichen
Reisebegleiterin und Dolmetscherin bei Gesprachen mit Fremdsprachigen,
gelegentlich auch bei Vortragen. Wo immer es moglich war, suchte sie ihn
zu entlasten. So griindete sie, um ihn fiir seine schriftstellerischen Arbeiten
vom Zeitdruck durch Verleger-Termine zu befreien, einen eigenen Verlag.
Und als es notwendig wurde, das Nachschreiben, die Drucklegung und
den Vertrieb der Nachschriften seiner immer frei gehaltenen Vortrage in
eigene Regie zu nehmen, ubertrug er ihr auch diesen Bereich, einschliefi-
lich der Verantwortung fiir die Texte, da er sie infolge seiner stetig sich
steigernden Vortragstatigkeit nicht selber iiberpriifen konnte. Ein fiir beide
tief befriedigendes Arbeitsgebiet entwickelte sich aus dem Bestreben,
kiinstlerisches Leben in der anthroposophischen Bewegung zu pflegen, das
in der Auffuhrung von Mysteriendramen und dem dafiir errichteten eige-
nen Bau sowie in der standigen Weiterentwicklung der neuen Bewegungs-
kunst Eurythmie gipfelte (siehe Seite 287).
1 Vortrag Dornach, 15.6. 1923 in «Die Geschichte und die Bedingungen der an-
throposophischen Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophischen Gesell-
schaft», GA 258.
Von dieser 23 Jahre wahrenden Zusammenarbeit fur eine anthroposo-
phische Bewegung und Gesellschaft zeugen nun in einer ganz besonderen
Art die zwischen ihnen gewechselten Briefe, sowie ihre testamentarischen
Verfiigungen. Sie bilden eine wesentliche Erganzung sowohl zur Ge-
schichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft wie auch zur
Biographie der beiden Griinder-Personhchkeiten.2
Obwohl der Briefwechsel sich iiber zwei Jahrzehnte erstreckte, ist er
doch nicht kontinuierlich, da ja nur miteinander korrespondiert wurde,
wenn man nicht am gleichen Ort miteinander tatig war oder nicht gemein-
sam reiste. Auch ist, wenn gleichwohl viele Briefe vorliegen, die Ein-
schrankung zu machen: <soweit sie sich erhalten haben>. Denn Rudolf
Steiner erwahnt des ofteren - insbesondere in den Jahren bis 1914 - Briefe
von Marie v. Sivers an ihn, die nicht vorliegen. Es ist anzunehmen, dass sie
sich in dem groJSen verschlossenen Kuvert befanden, das von Marie Steiner
hinterlassen worden war mit der Bestimmung, es nach ihrem Tode unge-
offnet zu verbrennen. Dies wurde von dem Testamentsvollstrecker, dem
Rechtsanwalt Dr. Paul Jenny aus Zurich unter Anwesenheit von Marie
Steiners Sekretarin, Berta Reebstein-Lehmann, als Zeugin, vollzogen. Au-
fierdem diirfte sich in diesem Kuvert auch mindestens ein Brief Rudolf
Steiners befunden haben, dessen Existenz durch die Berliner Mitarbeiterin
Anna Samweber iiberliefert worden ist. Sie berichtete, dass ihr Marie
Steiner in der Zeit nach Rudolf Steiners Tod, als einige Personlichkeiten
aus der Anthroposophischen Gesellschaft ihre Rechte am literarischen
Nachlass Rudolf Steiners in Frage stellten, einen Brief zu lesen gab, in dem
gestanden habe, «wie fur sie beide in der geistigen Welt bestimmt worden
sei, dass er nur mit ihr zusammen seine irdische Aufgabe erfiillen konne.»3
Was Marie Steiner dazu bewegt haben mag, solche Dokumente der
Nachwelt nicht auszuliefern, diirfte vor allem in der ihr eigenen tiefen
Zuriickhaltung ihrer Personlichkeit gegeniiber Rudolf Steiner gelegen ha-
ben, die so klar und deutlich aus der ganzen Art ihrer vorliegenden Briefe
spricht. Dass diese iiberhaupt erhalten geblieben sind, konnte sogar auf
einem Versehen beruhen. Denn sie fanden sich erst lange nach ihrem Tod
2 Siehe Rudolf Steiners Autobiographic «Mein Lebensgang», GA 28, und innerhalb
der Reihe «Rudolf Steiner-Studien. Veroffentlichungen aus dem Archiv der
Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung» die biographische Dokumentation «Marie
Steiner-von Sivers - Ein Leben fur die Anthroposophie», dargestellt von Hella
Wiesberger, Dornach 1988 und 1989.
3 Anna Samweber, «Aus meinem Leben», Pforte-Verlag Basel 1981.
wie verlegt unter ganz anderen Papieren. Der gesamte Bestand des Rudolf
Steiner-Archivs war ja wahrend des Zweiten Weltkrieges aus Sicherheits-
grunden nach Beatenberg im Berner Oberland verlagert und erst nach
Marie Steiners Tod von dort nach Dornach zuriickgefiihrt worden.
Besonders ansprechend, weil vollig unsentimental, kommt die tiefe
Zuriickhaltung ihrer eigenen Personlichkeit in der von ihr gebrauchten
Anrede zum Ausdruck. Da sie von Rudolf Steiner oft <Maus> genannt
wurde - eine in Osterreich und Bayern gern und viel gebrauchte Anrede-
form setzte sie den <Elefanten> dagegen, aber immer nur in der Abkiir-
zung <E.> Mit der von ihm ebenso gern und oft gebrauchten Anrede <Mein
Liebling> wollte er sie offenbar darin bestarken, dass sie zu «treuer, fester
Waffenbriiderschaft» zusammengehoren, dass er sich mit ihr «immer si-
cher fiihlen» wird, denn «du verstehst mich, das gibt mir Kraft, das macht
mir die Fliigel frei» (Brief e Nr. 7, 10, 15). Erinnert das nicht daran, dass in
der Mysteriensprache derjenige Schiller, der die Intentionen des Lehrers
am tiefsten versteht, als Lieblingsschiiler bezeichnet wird? Und bestatigen
das nicht auch die Worte aus seiner testamentarischen Niederschrift vom
19. Februar 1907, mit denen er ihr das Recht zuspricht, nach seinem Tode
in seinem Namen verfugen zu konnen: «Was sie so tut, soil in meinem
Namen getan sein.» (Nr. 55).
War es fur die erste Herausgabe des Briefwechsels, die 1967 zum 100.
Geburtstag Marie Steiners erfolgte, aus Riicksicht auf noch lebende Perso-
nen geboten, die meisten Namen und bestimmte Aussagen wegzulassen, so
sind die Briefe nunmehr in ihrem vollen Wortlaut, einschliefilich der
Anreden und Schliisse, wiedergegeben. Es sollte jedoch bei dem einen oder
anderen harten Wort Rudolf Steiners iiber diese oder jene Personlichkeit
bedacht werden, dass er seine Worte immer als situationsbedingt und nicht
als absolut geltend verstanden wissen wollte. Die Briefe setzen ja einfach
die durch Reisen des einen oder anderen unterbrochenen vertraulichen
Gesprache zweier Menschen fort, die es im Zusammenhang ihrer gemein-
sam ubernommenen Aufgabe mit alien menschlichen Schwachen und
Widerstanden zu tun hatten, die ihnen aus der interessierten Mitwelt
heraus entgegengebracht wurden.
Ferner ist der Briefwechsel selber erweitert worden um einen neu
aufgefundenen Brief Marie Steiners an Rudolf Steiner, sowie um mehrere
fur die jeweilige Situation bezeichnende Briefe von Rudolf und Marie
Steiner an dritte Personen.
Um die Hinweise nicht unnotig zu belasten, ist darauf verzichtet
worden, Angaben zu Rudolf Steiners Biographie und zu seinen Vortragen
immer im einzelnen nachzuweisen, da man sich dariiber eingehend orien-
tieren kann in Rudolf Steiners Autobiographic «Mein Lebensgang»
(GA 28), in «Rudolf Steiner - Eine Chronik» von Christoph Lindenberg,
und in «Das Vortragswerk Rudolf Steiners» von Hans Schmidt.
Bemerkungen zur Redaktion und zu den Erweiterungen findet man am
Schluss des Bandes unter «Zu dieser Ausgabe».
Als Einfuhrung sind, wie schon in der ersten Ausgabe, wieder die
autobiographischen Aufzeichnungen Rudolf Steiners vorangestellt, die fur
den franzosischen Schriftsteller Edouard Schure niedergeschrieben wur-
den. Er hatte, als er im September 1907 von Marie v. Sivers und Rudolf
Steiner in Barr im Elsass - seinem Sommersitz - besucht wurde, um einige
biographische Angaben gebeten, weil er Rudolf Steiners Schrift «Das
Christentum als mystische Tatsache» iibersetzte und in einer Einleitung
den Autor dem franzosischen Lesepublikum vorstellen wollte. So entstan-
den die in drei Teile gegliederten <documents de Barn. Dariiber hinaus hat
Rudolf Steiner Schure aber auch noch manches in Gesprachen berichtet.
Davon ist in die Einleitung etwas eingeflossen, was als wesentliche Ergan-
zung gelten kann zu der im ersten Teil der Aufzeichnungen nur angedeu-
teten Begegnung mit dem Meister. Die betreffende Passage ist darum in
der vorliegenden Ausgabe den Aufzeichnungen als Anhang hinzugefiigt
worden.
2UR EINFUHRUNG
AUFZEICHNUNGEN RUDOLF STEINERS
geschrieben fur Edouard Schure in Barr im Elsass,
September 1907
[i.]
Sehr friih wurde ich auf Kant hingelenkt. Im funfzehnten und sech-
zehnten Jahre studierte ich Kant ganz intensiv, und vor dem Uber-
gang zur Wiener Hochschule beschaftigte ich mich intensiv mit den
orthodoxen Nachfolgern Kants, vom Anfange des 19. Jahrhunderts,
welche von der offiziellen Wissenschaftsgeschichte in Deutschland
ganz vergessen sind und kaum mehr genannt werden. Dann trat
hinzu ein eingehendes Vertiefen in Fichte und Schelling. In diese
Zeit fiel - und dies gehort schon zu den aufieren okkulten Einflus-
sen - die vollige Klarheit iiber die Vorstellung der Zeit. Diese
Erkenntnis stand mit den Studien in keinem Zusammenhang und
wurde ganz aus dem okkulten Leben her dirigiert. Es war die
Erkenntnis, dass es eine mit der vorwartsgehenden interferierende
riickwartsgehende Evolution gibt - die okkult-astrale. Diese
Erkenntnis ist die Bedingung fur das geistige Schauen.1
Dann kam die Bekanntschaft mit dem Agenten d. M. [des
Meisters].
Dann ein intensives Hegelstudium,
1 Vgl. die Ausfiihrungen Schures auf S. 28; Rudolf Steiners autobiographischen
Vortrag Berlin, 4. Februar 1913 in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe»
Nr. 83/84; Vortrag Dornach 14. Juni 1923 in «Die Geschichte und die Bedingun-
gen der anthroposophischen Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophischen
Gesellschaft» in GA 258; ferner Hella Wiesberger «Der biographische Entste-
hungsmoment der Zeiterkenntnis» und «Die Zeiterkenntnis als <Grund-Nerv> des
anthroposophischen Forschungsanfanges» in «Beitrage zur Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe» Nr. 49/50, S. 15-28.
Dann das Studium der neueren Philosophic, wie sie sich seit den
funfziger Jahren in Deutschland entwickelte, namentlich der so-
genannten Erkenntnistheorie in alien ihren Verzweigungen.
Mein Knabenleben verfloss, ohne dass aufierlich dies von je-
mand beabsichtigt wurde, so, dass mir nie ein Mensch mit einem
Aberglauben entgegentrat; und wenn in meiner Umgebung jemand
von Dingen des Aberglaubens sprach, so war es nie anders, als mit
einer stark betonten Ablehnung. Den kirchlichen Kultus lernte ich
zwar kennen, indem ich zu Kultushandlungen als sogenannter
Ministrant zugezogen wurde, doch war nirgends, auch bei den Prie-
stern nicht, die ich kennen lernte, eigentliche Frommigkeit und
Religiositat vorhanden. Dagegen traten mir fort und fort gewisse
Schattenseiten des katholischen Klerus vor Augen.
* * ;:-
Nicht sogleich begegnete ich dem M. [Meister]2, sondern zuerst
einem von ihm Gesandten3, der in die Geheimnisse der Wirksam-
keit aller Pflanzen und ihres Zusammenhanges mit dem Kosmos
und mit der menschlichen Natur vollkommen eingeweiht war. Ihm
war der Umgang mit den Geistern der Natur etwas Selbstverstand-
liches, das ohne Enthusiasmus vorgebracht wurde, doch um so
mehr Enthusiasmus erweckte.
Die offiziellen Studien waren gerichtet auf Mathematik, Chemie,
Physik, Zoologie, Botanik, Mineralogie und Geologic Diese Studi-
en boten der Grundlegung einer geistigen Weltanschauung viel
grofiere Sicherheit als etwa Geschichte oder Literatur, die ohne
bestimmte Methode, und auch ohne bedeutsame Ausblicke im da-
maligen deutschen Wissenschaftsbetrieb dastanden.
In die ersten Hochschuljahre in Wien fallt die Bekanntschaft mit
2 Naheres nicht bekannt.
3 Felix Koguzki (Wien 1833-1909 Trumau). Vgl. den autobiographischen Vortrag
Berlin, 4. Februar 1913 in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 83,
sowie «Mein Lebensgang», GA 28. Ferner Emil Bock «Rudolf Steiner. Studien zu
seinem Lebensgang und Lebenswerk», Stuttgart 1961.
Karl Julius Schroer. Zunachst horte ich seine Vorlesungen iiber Ge-
schichte der deutschen Dichtung seit Goethes erstem Auftreten, iiber
Goethe und Schiller, iiber Geschichte der deutschen Dichtung im
19. Jahrhundert, iiber Goethes «Faust». Da nahm ich auch teil an
seinen «Ubungen im miindlichen Vortrag und schriftlicher Darstel-
lung». Das war ein eigentumliches Hochschulkolleg nach dem Mu-
ster von Uhlands Einrichtung an der Tiibinger Hochschule4. Schroer
kam von der deutschen Sprachforschung, hatte bedeutsame Studien
gemacht iiber deutsche Dialekte in Osterreich, er war ein Forscher
im Stile der Briider Grimm und in der Literaturforschung ein Vereh-
rer von Gervinus. Er war vorher Direktor der Wiener evangelischen
Schulen. Er ist der Sohn des Dichters und aulSerordentlich verdienst-
vollen Padagogen Chr. Oeser. Zur Zeit meiner Bekanntschaft mit
ihm wandte er sich ganz Goethe zu. Er hat einen vielgelesenen Kom-
mentar von Goethes «Faust» und auch von Goethes andern Dramen
geschrieben. Er hat noch vor dem Niedergang des deutschen Idealis-
mus seine Studien an den deutschen Universitaten Leipzig, Halle und
Berlin gemacht. Er war eine lebendige Verkorperung der vornehmen
deutschen Bildung. An ihm zog der Mensch an. Ich wurde bald mit
ihm befreundet und war dann viel in seinem Hause. Es war bei ihm
wie in einer idealistischen Oase innerhalb der trockenen materialisti-
schen deutschen Bildungswiiste. Im aufteren Leben war diese Zeit
erfiillt von den Nationalitatskampfen in Osterreich. Schroer selbst
stand der Naturwissenschaft fern.
Ich arbeitete aber damals vom Anfange 1880 an an Goethes
naturwissenschaftlichen Studien.
Dann begriindete Joseph Kurschner das umfassende Werk
«Deutsche Nationalliteratur», fur das Schroer die Goetheschen
Dramen mit Einleitungen und Kommentar edierte. Mir iibertrug
Kurschner auf Schroers Empfehlung die Edition von Goethes
naturwissenschaftlichen Schriften.
Schroer schrieb dazu erne Vorrede, durch welche er mich in die
literarische Offentlichkeit einfiihrte.
4 Vgl. Rudolf Steiners Biographie von Ludwig Uhland (1787-1862, Tubingen).
(Abschnitt «Politik und Forschung. Universitatsprofessor») in GA 33.
Ich verfasste innerhalb dieses Sammelwerkes Einfiihrungen in
Goethes Botanik, Zoologie, Geologie und Farbenlehre.
Wer diese Einfiihrungen liest, wird darin schon die theosophi-
schen Ideen in dem Gewande eines philosophischen Idealismus
finden konnen.
Auch eine Auseinandersetzung mit Haeckel ist darin.
Wie eine philosophische Erganzung dazu ist meine 1886 ge-
arbeitete: Erkenntnistheorie.
Dann wurde ich durch meine Bekanntschaft mit der osterreichi-
schen Dichterin M. E. delle Grazie, welche in dem Professor
Laurenz Milliner einen vaterlichen Freund hatte, in die Kreise der
Wiener theologischen Professoren eingefuhrt. Marie Eugenie delle
Grazie hat ein grofies Epos «Robespierre» und ein Drama
«Schatten» geschrieben.
Ende der achtziger Jahre wurde ich fur kurze Zeit Redakteur der
«Deutschen Wochenschrift» in Wien. Das gab Gelegenheit zu einer
intensiven Beschaftigung mit den Volksseelen der verschiedenen
osterreichischen Nationalitaten. Es musste fur eine geistige Kultur-
politik der leitende Faden gefunden werden.
Bei alledem konnte von einer offentlichen Hervorkehrung der
okkulten Ideen keine Rede sein. Und die hinter mir stehenden
okkulten Machte gaben mir nur den einen Rat: «Alles in dem
Kleide der idealistischen Philosophies
Gleichlaufend mit all dem ging meine mehr als fimfzehnjahrige
Tatigkeit als Erzieher und Privatlehrer.
Die erste Beriihrung Ende der achtziger Jahre mit Wiener
theosophischen Kreisen musste ohne aufiere Nachwirkung
bleiben.
Ich verfasste in meinen letzten Wiener Monaten meine kleine
Schrift «Goethe als Vater einer neuen Asthetik».
Dann wurde ich an das damals begriindete Goethe- und Schil-
ler-Archiv in Weimar berufen zur Edition von Goethes natur-
wissenschaftlichen Schriften. Eine offizielle Stellung hatte ich an
diesem Archiv nicht; ich war lediglich Mitarbeiter an der grofien
«Sophien-Ausgabe» Goethescher Werke.
Mein nachstes Ziel war, rein philosophisch die Grundlegung mei-
ner Weltauffassung zu liefern. Das geschah in den beiden Schriften:
«Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit».
Das Goethe- und Schiller- Archiv wurde von einer groften Reihe
gelehrter und literarischer, auch sonstiger Personlichkeiten Deutsch-
lands, aber auch des Auslandes besucht. Ich lernte manche dieser Per-
sonlichkeiten genauer kennen, weil ich bald befreundet wurde mit
dem Direktor des Goethe- und Schiller- Archivs Prof. Bernhard Su-
phan und viel in dessen Hause verkehrte. Suphan zog mich zu vielen
Privatbesuchen, die er von den Besuchern des Archivs hatte. Bei einer
solchen Gelegenheit fand auch die Begegnung mit Treitschke statt.
Innigere Freundschaft schloss ich damals mit dem bald darauf
verstorbenen deutschen Mythenforscher Ludwig Laistner, dem
Verfasser des «Ratsel der Sphynx».
Wiederholte Gesprache hatte ich mit Herman Grimm, der mir
viel sprach von seinem nicht ausgefiihrten Werke, einer «Geschich-
te der deutschen Phantasie».
Dann kam die Episode Nietzsche. Ich hatte kurz vorher sogar im
gegnerischen Sinne iiber Nietzsche geschrieben.
Meine okkulten Krafte wiesen mich darauf hin, in die Zeitstro-
mungen unvermerkt die Richtung nach dem Wahrhaft-Geistigen
fliefien zu lassen. Man gelangt nicht zur Erkenntnis, wenn man
den eigenen Standpunkt absolut durchsetzen will, sondern durch
Untertauchen in fremde Geistesstromungen.
So schrieb ich mein Buch iiber Nietzsche, indem ich mich ganz
auf Nietzsches Standpunkt stellte. Es ist vielleicht gerade aus die-
sem Grunde das objektivste Buch innerhalb Deutschlands iiber
Nietzsche. Auch Nietzsche als Anti-Wagnerianer und Antichrist
kommt da ganz zu seinem Rechte.
Ich gait nun eine Zeit lang als unbedingtester «Nietzscheaner». -
Damals wurde die «Gesellschaft fur ethische Kultur» in Deutsch-
land gegriindet. Diese Gesellschaft wollte eine Moral mit volliger
Indifferenz gegen alle Weltanschauung. Ein volliges Luftgebaude
und eine Bildungsgefahr. Ich schrieb gegen diese Griindung einen
scharfen Artikel in der Wochenschrift «Die Zukunft».
Die Folge waren scharfe Entgegnungen. Und meine vorangegan-
gene Beschaftigung mit Nietzsche fiihrte herbei, dass eine Broschii-
re gegen mich erschien:
«Nietzsche-Narren» .
Der okkulte Standpunkt verlangt: «Keine unnotige Polemik»
und «Vermeide, wo du es kannst, dich zu verteidigen».
Ich schrieb in Ruhe mein Buch: «Goethes Weltanschauung*, das
den Abschluss meiner Weimarischen Zeit bildete.
Sogleich nach meinem «Zukunft»-Artikel trat Haeckel an mich
heran. Er schrieb zwei Wochen spater einen Artikel in der «Zu-
kunft», in dem er sich offentlich zu meinem Gesichtspunkt be-
kannte, dass eine Ethik nur auf dem Boden einer Weltanschauung
erwachsen konne.
Nicht lange danach war Haeckels 60. Geburtstag, der als grofie
Festlichkeit in Jena gefeiert wurde. Haeckels Freunde zogen mich
zu. Damals sah ich Haeckel zum ersten Mai. Seine Personlichkeit ist
bezaubernd. Er ist personlich der vollkommenste Gegensatz von dem
Ton seiner Schriften. Hatte Haeckel jemals Philosophic auch nur ein
wenig studiert, in der er nicht bloft Dilettant, sondern ein Kind ist: er
hatte ganz sicher aus seinen epochemachenden phylogenetischen
Studien die hochsten spiritualistischen Schliisse gezogen.
Nun ist trotz aller deutschen Philosophic, trotz aller iibrigen
deutschen Bildung Haeckels phylogenetischer Gedanke die bedeu-
tendste Tat des deutschen Geisteslebens in der zweiten Halfte des
neunzehnten Jahrhunderts. Und es gibt keine bessere wissenschaft-
liche Grundlegung des Okkultismus als Haeckels Lehre. Haeckels
Lehre ist grofi, und Haeckel der schlechteste Kommentator dieser
Lehre. Nicht indem man den Zeitgenossen die Schwachen Haek-
kels zeigt, niitzt man der Kultur, sondern indem man ihnen die
Grofte von Haeckels phylogenetischen Gedanken darlegt. Das tat
ich nun in den zwei Banden meiner:
«Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», die auch
Haeckel gewidmet sind, und in meiner kleinen Schrift: «Haeckel
und seine Gegner».
In der Haeckelschen Phylogenie lebt tatsachlich allein die Zeit des
deutschen Geisteswesens; die Philosophic ist in einem Zustande
trostlosester Unfruchtbarkeit, die Theologie ist ein heuchlerisches
Gewebe, das sich dieser seiner Unwahrhaftigkeit nicht im entfernte-
sten bewusst ist, und die Wissenschaften sind trotz des grofien empi-
rischen Aufschwunges in odeste philosophische Ignoranz verfallen.
1890-1897 war ich in Weimar.
1897 ging ich als Herausgeber des «Magazins fiir Literatur» nach
Berlin. Die Schriften «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahr-
hundert» und «Haeckel und seine Gegner» gehoren schon der
Berliner Zeit an.
Meine nachste Aufgabe sollte sein: in der Literatur eine geistige
Stromung zur Geltung zu bringen. Das «Magazin» stellte ich in
den Dienst dieser Aufgabe. Es war ein altangesehenes Organ, das
seit 1832 bestand und die verschiedensten Phasen durchgemacht
hatte.
Ich leitete sachte und langsam in esoterische Bahnen himiber.
Vorsichtig aber deutlich: indem ich zu dem hundertfunfzigsten
Geburtstage Goethes einen Aufsatz schrieb:
«Goethes geheime Offenbarung»,
der nur wiedergab, was ich bereits in einem offentlichen Vortra-
ge in Wien iiber Goethes Marchen von der «griinen Schlange und
der schonen Lilie» angedeutet hatte.
Es lag in der Natur der Sache, dass sich fiir die von mir im
«Magazin» inaugurierte Richtung langsam ein Leserkreis sammelte.
Er fand sich zwar, aber nicht so schnell, dass der Verleger die Sache
finanziell aussichtsvoll fand. Ich wollte der jungliterarischen Rich-
tung einen geistigen Untergrund geben, stand auch tatsachlich in
dem lebendigsten Verkehre mit den aussichtvollsten Vertretern
dieser Richtung. Ich wurde aber einerseits im Stich gelassen; and-
rerseits versank diese Richtung bald entweder in Nichtigkeit oder
in Naturalismus.
Mittlerweile war schon die Verbindung mit der Arbeiterschaft
angebahnt. Ich war Lehrer an der Berliner Arbeiterbildungsschule
geworden. Ich lehrte Geschichte und auch Naturwissenschaften.
Meine durchaus idealistische Geschichtsmethode und meine Lehr-
weise wurde bald den Arbeitern sympathisch und auch verstand-
lich. Mein Zuhorerkreis wuchs. Ich wurde fast jeden Abend zu
einem Vortrage gerufen.
Da kam die Zeit, wo ich im Einklange mit den okkulten Kraften,
die hinter mir standen, mir sagen durfte:
du hast philosophisch die Grundlegung der Weltanschauung
gegeben,
du hast fur die Zeitstromungen ein Verstandnis erwiesen,
indem du so diese behandelt hast, wie nur ein volliger Be-
kenner sie behandeln konnte;
niemand wird sagen konnen: dieser Okkultist spricht von der
geistigen Welt, weil er die philosophischen und naturwissen-
schaftlichen Errungenschaften der Zeit nicht kennt.
Ich hatte nun auch das vierzigste Jahr erreicht, vor dessen Ein-
tritt im Sinne der Meister5 niemand offentlich als Lehrer des Ok-
kultismus auftreten darf. (Uberall, wo jemand friiher lehrt, liegt ein
Irrtum vor.)
Nun konnte ich mich der Theosophie offentlich widmen. Die
nachste Folge war, dass auf das Drangen gewisser Fiihrer des deut-
schen Sozialismus eine Generalversammlung der Arbeiterbildungs-
schule einberufen wurde, welche zwischen dem Marxismus und
mir entscheiden sollte. Aber der Ostrazismus entschied nicht gegen
mich. In der Generalversammlung wurde mit alien gegen nur vier
Stimmen beschlossen, mich weiter als Lehrer zu halten.
Aber der Terrorismus der Fiihrenden brachte es dahin, dass ich
nach drei Monaten zuriicktreten musste. Man hiillte, um sich nicht
zu kompromittieren, die Sache in den Vorwand: ich sei durch die
theosophische Bewegung zu sehr in Anspruch genommen, um Zeit
fur die Arbeiterschule in hinreichendem Mafie zu haben.
Vom Anfange fast der theosophischen Tatigkeit stand Frl,
v. Sivers an meiner Seite. Sie hat auch personlich die letzten Phasen
meines Verhaltnisses zur Berliner Arbeiterschaft mit angesehen.
5 Naheres in «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904-1 914», GA 264.
[II.]
Christian Rosenkreutz ging in der ersten Halfte des fiinfzehnten
Jahrhunderts nach dem Orient, um den Ausgleich zu finden zwi-
schen der Initiation des Ostens und jener des Westens6. Eine Folge
davon war die definitive Begriindung der Rosenkreuzerrichtung im
Westen nach seiner Rtickkehr. In dieser Form sollte das Rosen-
kreuzertum die streng geheimgehaltene Schule sein zur Vorberei-
tung dessen, was der Esoterik dffentlich als Aufgabe zufallen miisse
um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, wenn die auftere
Naturwissenschaft zur vorlaufigen Losung gewisser Probleme ge-
kommen sein werde.
Als diese Probleme bezeichnete Christian Rosenkreutz:
1) Die Entdeckung der Spektralanalyse, wodurch die materielle
Konstitution des Kosmos an den Tag kam.
2) Die Einfiihrung der materiellen Evolution in die Wissenschaft
vom Organischen.
3) Die Erkenntnis der Tats ache eines anderen als des gewohn-
lichen Bewusstseinszustandes durch die Anerkennung des
Hypnotismus und der Suggestion.
Erst wenn diese materiellen Erkenntnisse innerhalb der Wissen-
schaft ausgereift waren, sollten gewisse rosenkreuzerische Prin-
zipien aus dem Geheimwissenschaftlichen in die offentliche Mit-
teilung eintreten.
Fur die Zeit bis dahin wurde die christlich-mystische Initiation
in der Form dem Abendlande gegeben, in der sie durch den Initia-
tor, dem «Unbekannten aus dem Oberland»7 erfloss in St. Victor,
Meister Eckhart, Tauler usw.
6 Vgl. Rudolf Steiner, «Die chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz» in
GA35 «Philosophie und Anthroposophie 1904— 1918»; auch in «Die chymische
Hochzeit des Christian Rosenkreutz anno 1459», ins Neuhochdeutsche iibertra-
gen von Walter Weber, Stuttgart 1957 und Basel 1978. Vgl. auch «Das esoterische
Christentum und die geistige Fuhrung der Menschheit», GA 130.
7 Vgl. Rudolf Steiner, «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens
und ihr Verhaltnis zur modernen Weltanschauung* (1901), GA 7; Basel 23.
November 1907 in «Aus den Inhalten der esoterischen Stunden» GA 266/1; «Zur
Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule
1904-1914*, GA 264, S. 230.
Als ein «hoherer Grad» wird innerhalb dieser ganzen Stromung
die Initiation des Manes angesehen8, der 1459 auch Christian Ro-
senkreutz initiierte: sie besteht in der wahren Erkenntnis von der
Funktion des Bosen. Diese Initiation muss mit ihren Hintergriin-
den noch fur lange vor der Menge ganz verborgen bleiben. Denn
wo von ihr auch nur ein ganz kleiner Lichtstrahl in die Literatur
eingeflossen ist, da hat er Unheil angerichtet, wie durch den edlen
Guyau, dessen Schuler Friedrich Nietzsche geworden ist.
on.]'
Als Information; in dieser Form unmittelbar kann es
noch nicht gesagt werden.
Die Theosophische Gesellschaft ist 1875 in New York gegriindet
worden durch H. P. Blavatsky und H. S. Olcott. Diese erste Griin-
dung trug einen ausgesprochen westlichen Charakter. Und auch
die Schrift «Isis Unveiled», in welcher Blavatsky eine grofie Summe
von okkulten Wahrheiten veroffentlichte, tragt einen solchen west-
lichen Charakter. Von dieser Schrift muss jedoch gesagt werden,
dass sie die grofien Wahrheiten, die in ihr mitgeteilt werden, in
einer vielfach verzerrten, ja oft karikierten Art wiedergibt. Es ist
so, wie wenn ein harmonisches Antlitz in einem Konvexspiegel
ganz verzerrt erscheint. Die Dinge, die in der «Isis» gesagt werden,
sind wahr; aber die Art, wie sie gesagt werden, ist unregelmafiige
8 Vgl. Vortrag Berlin, 11. November 1904 in «Die Tempellegende und die Goldene
Legende» GA 93.
9 Zu dem ganzen Abschnitt III vgl. «Die okkulte Bewegung im neunzehnten
Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur», GA 254; Vortrag Helsingfors
11. April 1912 in «Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen
Welt. Kalewala - Olaf Asteson - Das russische Volkstum», GA 158; ferner «Die
Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhalt-
nis zur Anthroposophischen Gesellschaft» GA 258.
Spiegelung der Wahrheit. Es riihrt dies davon her, dass die Wahr-
heiten selbst inspiriert sind von den grofien Initiierten des Westens,
die auch die Initiatoren der Rosenkreuzerweisheit sind. Die Ver-
zerrung riihrt her von der unentsprechenden Art, wie diese Wahr-
heiten von der Seele H. P. Blavatskys aufgenommen worden sind.
Fur die gebildete Welt hatte gerade diese Tatsache ein Beweis sein
miissen fiir die hohere Inspirationsquelle dieser Wahrheiten. Denn
niemals hatte jemand durch sich selbst diese Wahrheiten haben
konnen, der sie in einer so verzerrten Art wiedergab. Weil nun die
Initiatoren des Westens sahen, wie wenig sie die Moglichkeit
haben, auf diese Art den Strom spiritueller Weisheit in die Mensch-
heit einfliefien zu lassen, beschlossen sie, die Sache iiberhaupt vor-
laufig in dieser Form fallen zu lassen. Doch war aber nun einmal
das Tor geoffnet: Blavatskys Seele war so prapariert, dass in sie
spirituelle Weisheiten einfliefien konnten. Es konnten sich ihrer
ostliche Initiatoren bemachtigen. Diese ostlichen Initiatoren hatten
zunachst das allerbeste Ziel. Sie sahen, wie durch den Anglo-Ame-
rikanismus die Menschheit der furchtbaren Gefahr einer vollstan-
digen Vermaterialisierung der Vorstellungsart entgegensteuerte. Sie
- diese ostlichen Initiatoren - wollten der westlichen Welt ihre
Form von alters her bewahrter spiritueller Erkenntnis einimpfen.
Unter dem Einfluss dieser Stromung nahm die Theosophische
Gesellschaft den ostlichen Charakter an, und unter dem gleichen
Einfluss wurden Sinnetts «Esoterischer Buddhismus» und Blavat-
skys «Geheimlehre» inspiriert. Beides aber wurden wieder Ver-
zerrungen der Wahrheit. Sinnetts Werk verzerrt die hohen Kund-
gebungen der Initiatoren durch einen hineingetragenen ungeniigen-
den philosophischen Intellektualismus und Blavatskys «Geheim-
lehre» durch deren eigene chaotische Seele.
Die Folge davon war, dass die Initiatoren, auch die ostlichen,
ihren Einfluss immer mehr von der offiziellen Theosophischen
Gesellschaft zuriickzogen, und dass diese ein Tummelplatz fiir
allerlei die hohe Sache entstellende okkulte Machte wurde. Es trat
eine kleine Episode ein, in welcher Annie Besant durch ihre reine,
hochsinnige Denkungsweise und Lebensfiihrung in die Stromung
der Initiatoren kam. Doch hatte diese kleine Episode ein Ende, als
Annie Besant den Einfliissen gewisser Indier sich hingab, die unter
dem Einfluss namentlich deutscher Philosopheme, die sie falsch
interpretierten, einen grotesken Intellektualismus entwickelten. So
war die Lage, als ich selbst mich vor die Notwendigkeit versetzt
fand, der Theosophischen Gesellschaft beizutreten. An deren
Wiege waren echte Initiatoren gestanden, und dadurch ist sie, wenn
auch die nachfolgenden Ereignisse eine gewisse Unvollkommenheit
gegeben haben, vorldufig ein Instrument fur das spirituelle Leben
der Gegenwart. Ihre gedeihliche Fortentwickelung in den west-
lichen Landern hangt ganz davon ab, inwiefern sie sich fahig er-
weist, das Prinzip der westlichen Initiation unter ihre Einflusse
aufzunehmen. Denn die ostlichen Initiationen miissen notwendig
das Christusprinzip als zentralen kosmischen Faktor der Evolution
unberiihrt lassen. Ohne dieses Prinzip musste aber die theosophi-
sche Bewegung ohne bestimmende Wirkung auf die westlichen
Kulturen bleiben, die an ihrem Ausgangspunkte das Christusleben
haben. Die Offenbarungen der orientalischen Initiation mussten
fur sich selbst im Westen sich wie eine Sektiererei neben die leben-
dige Kultur hinstellen. Eine Hoffnung auf Erfolg in der Evolution
konnten sie nur haben, wenn sie das Christusprinzip aus der west-
lichen Kultur vertilgten. Dies ware aber identisch mit dem Aus-
loschen des eigentlichen Sinnes der Erde, der in der Erkenntnis und
Realisierung der Intentionen des lebendigen Christus liegt. [Diese]
Zu enthiillen in voller Weisheits-, Schonheit- und Tatform ist aber
das tiefste Ziel des Rosenkreuzertums. Uber den Wert der ost-
lichen Weisheit als Studium kann nur die Meinung bestehen, dass
dieses Studium von allerhochstem Werte ist, weil die westlichen
Volker den Sinn fur Esoterik verloren, die ostlichen sich ihn aber
bewahrt haben. Uber die Einfuhrung der richtigen Esoterik im
Westen sollte aber auch nur die Meinung bestehen, dass dies nur
die rosenkreuzerisch-christliche sein kann, weil diese auch das
westliche Leben geboren hat, und weil durch ihren Verlust die
Menschheit der Erde ihren Sinn und ihre Bestimmung verleugnen
wiirde. Allein in dieser Esoterik kann die Harmonie von Wissen-
schaft und Religion erbluhen, wahrend eine jede Verschmelzung
westlichen Wissens mit ostlicher Esoterik nur solche unfruchtbare
Bastarde erzeugen kann, wie Sinnetts «Esoterischer Buddhismus»
einer ist. Man kann schematisch darstellen das Richtige:
das Unrichtige, wovon Sinnett's «Esoterischer Buddhismus» und
Blavatsky's «Geheimlehre» Beispiele sind:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:262 Seite:27
Anhang zu [I.] der Aufzeichnungen Rudolf Steiners
Aus der Einleitung von Edouard Schure
zu seiner franzdsischen Ubersetzung von Rudolf Steiners Werk
«Das Christentum als mystische Tatsacbe» (1908)1
Im Alter von fiinfzehn [achtzehn] Jahren machte Rudolf Steiner die
Bekanntschaft eines wissenden Pflanzenkenners, der sich voriibergehend
in seiner Gegend aufhielt. Das Besondere an diesem Menschen war, dass
er nicht nur die Arten, die Familien und das Leben der Pflanzen bis in die
kleinsten Einzelheiten kannte, sondern auch ihre geheimen Eigenschaften.
Es war, wie wenn er sein ganzes Leben im Gesprach mit der bewusstlosen
und fliichtigen Seele der Pflanzen und Blumen verbracht hatte. Er besafi
die Gabe, das lebendige Prinzip der Pflanzen, den Atherleib, und das, was
im Okkultismus die Elementarwesen des Pflanzenreiches genannt wird, zu
sehen. Er sprach davon wie von einer ganz gewohnhchen und selbst-
verstandlichen Sadie. Der gelassene und michtern wissenschaftliche Ton
seiner Unterhaltung vermehrte nur die Wissbegierde und die Bewunde-
rung des Jiinglings. Spater erfuhr er, dass dieser sonderbare Mann ein
Abgesandter des Meisters war, den er noch nicht kannte, der aber sein
eigentlicher Initiator werden sollte und welcher ihn schon aus der Feme
uberwachte.
Was der wunderliche Botaniker mit dem zweiten Gesicht ihm alles
gesagt hatte, fand der junge Steiner mit der Logik der Dinge durchaus in
Ubereinstimmung. Es bestatigte nur ein inneres Gefuhl, welches er seit
langem hatte und das sich mehr und mehr seinem Verstand als das
Grundgesetz und die Basis des groften Alls aufdrangte: namlich das Gesetz
der doppelten Stromung, welche die Bewegung der Welt selbst ausmacht
und die man die Ebbe und Flut des Lebens des Universums nennen
konnte.
Wir alle kennen und sind uns bewusst des aufteren Stromes der Evolu-
tion, welcher alle Wesen des Himmels und der Erde mit sich zieht, Sterne,
Pflanzen, Tiere, Menschen, und der sie in eine unendliche Zukunft hinein
sich voranbewegen lasst, ohne dass wir die urspriingliche Kraft gewahr
werden, die sie rastlos vorwarts treibt. Es gibt jedoch im Universum nun
noch einen gegenlaufigen Strom, der sich in entgegengesetzter Richtung
1 Die vollstandige Einleitung Schures findet sich in «Beitrage zur Rudolf Steiner
Gesamtausgabe», Heft Nr. 42.
bewegt und standig in den ersten Strom eingreift. Dies ist derjenige der
Involution, durch welchen die Prinzipien, die Krafte, die Wesenheiten und
die Seelen, die aus der unsichtbaren Welt und der Region des Ewigen
kommen, unaufhorlich in die sichtbare Realitat eindringen. Keine Evolu-
tion des Materiellen ware verstandlich ohne diese standige Involution des
Geistes, ohne diesen okkulten astralen Strom, der mit seiner Hierarchie
von machtvollen Wesenheiten der grofie Anreger alles Lebens ist. Es
involviert sich so der Geist, welcher die Zukunft im Keime enthalt, in die
Materie; die Materie, welche den Geist empfangt, evolviert nach der
Zukunft hin. Wahrend wir also blind einer unbekannten Zukunft ent-
gegengehen, kommt diese Zukunft uns bewusst entgegen, indem sie sich
in den Lauf der Welt und des Menschen hineinsenkt. Dergestalt ist die
doppelte Bewegung der Zeit, die Ausatmung und Einatmung der Welt-
seele, die von der Ewigkeit kommt und zur Ewigkeit zuriickkehrt.
Von diesem Doppelstrom hatte der junge Steiner seit seinem achtzehn-
ten Jahre ein unmittelbares Gefuhl, welches die Bedingung fur jede geistige
Erkenntnis ist. Das Prinzip der zwei Stromungen hatte sich ihm durch eine
unwillkiirliche und unmittelbare Schau der Dinge ergeben. Er hatte von
nun an eine unwiderlegliche Wahrnehmung geheimer Machte, die hinter
ihm und durch ihn hindurch wirkten, um ihn zu leiten. Er horte hin auf
das, was diese Machte sagten und folgte ihren Winken, denn er fiihlte sich
mit ihnen in tiefem Einklange.
Diese Art Wahrnehmungen bildeten jedoch in seinem geistigen Leben
eine Welt fur sich. Es waren das fur ihn Wahrheiten, die ihm als etwas so
Tiefes, Geheimnisvolles und Heiliges erschienen, dass er sich nicht vorstel-
len konnte, sie jemals in Worten auszudriicken. Er nahrte seine Seele daran
wie aus einer gottlichen Quelle, aber einen Tropfen davon nach aufien
fliefien zu lassen, ware ihm wie eine Entweihung vorgekommen.
Neben diesem innerlichen, kontemplativen Leben entwickelte sich sein
denkerischer und philosophischer Verstand auf das lebhaf teste. Vom 15.
bis zum 16. Jahre hatte sich Rudolf Steiner . eingehend mit dem Studium
von Kant, Fichte und Schelling befasst. Als er einige Jahre spater nach
Wien kam, begeisterte er sich fur Hegel, dessen transzendentaler Idealis-
mus bis an die Grenzen des Okkultismus heranfuhrt. Jedoch die spekula-
tive Philosophic konnte ihm nicht geniigen. Sein aufs Positive gerichteter
Geist verlangte nach der soliden Basis, welche die beobachtenden Wissen-
schaften zu geben vermogen. Er studierte daher griindlich Mathematik,
Chemie, Mineralogie, Botanik und Zoologie. «Diese Studien», sagt er,
«geben fur eine geistige Weltauffassung eine viel sicherere Basis als Ge-
schichte und Literatur. Die letzteren, denen es an prazisen Methoden
mangelte, waren damals nicht im Stande, ein bedeutendes Licht in das
grofie Gebiet der deutschen Wissenschaft zu werfen». Voller Interesse fur
alles, was ihm begegnete, begeistert fiir Kunst und Poesie, vernachlassigte
Steiner dennoch nicht das Studium der Literaturgeschichte. Auf diesem
Gebiete wurde ihm der Literaturhistoriker Julius Schroer ein ausgezeich-
neter Fiihrer. Dieser war ein hervorragender Wissenschaftler aus der
Schule der Briider Grimm, der sich vor allem bemiihte, bei seinen Schiilern
die Kunst der freien Rede und des schriftlichen Ausdrucks zu pflegen.
Diesem bedeutenden Menschen verdankte der junge Student seine
umfassende literarische Bildung. «In der Wiiste des zeitgenossischen
Materialismus», sagt Steiner, «war sein Haus fiir mich eine Oase des
Idealismus».
Dennoch war dies noch nicht der Meister, den er suchte. Inmitten der
verschiedenartigsten Studien und intensiver Meditationen vermochte er
von dem eigentlichen Bau des Universums nur Bruchstiicke zu erkennen;
aber seine angeborene Intuition hinderte ihn, den gottlichen Urgrund der
Dinge und ein geistiges Jenseits zu bezweifeln. Es ist ein charakteristisches
Zeichen dieses aufierordentlichen Menschen, dass er niemals die Krisen des
Zweifels und der Verzweiflung durchzumachen hatte, welche im Leben
von Mystikern und Denkern an der Schwelle zu einer endgiiltigen Uber-
zeugung zu stehen pflegen. Er fiihlte jedoch, dass das eigentliche Licht,
welches das Ganze erleuchtet und durchdringt, ihm noch nicht gekommen
war. Die Jugend bestiirmte ihn mit ihren drangenden Problemen. Wie
sollte er sein Leben einrichten? Die Schicksalssphinx lagerte sich vor ihm
hin. Wie wiirde er die Frage losen, die sie ihm stellte?
Mit neunzehn Jahren begegnete der junge Neophyte seinem Fiihrer -
dem Meister -; eine Begegnung, die er seit langem vorausgeahnt hatte.
Es ist eine durch die okkulte Tradition und die Erfahrung bestatigte
Tatsache, dass diejenigen, die von einer uneigenniitzigen Sehnsucht nach
der hoheren Wahrheit beseelt sind, einen Meister finden, der sie im
geeigneten Moment, das heifit wenn sie reif dafiir sind, einweiht. «Klopfet
an und es wird euch aufgetan», sagt Jesus. Dies ist fiir alle Dinge richtig,
besonders aber fiir die Wahrheit. Der Wunsch muss jedoch heift sein wie
eine Flamme, in einer Seele rein wie ein Kristall.
Rudolf Steiners Meister war einer von diesen machtigen Menschen, die
der Welt unbekannt unter der Maske irgendeines biirgerlichen Berufes
leben, um eine Mission zu erfiillen, die nur die Gleichgestellten in der
Briiderschaft der «Meister des Verzichts» kennen. Sie iiben keine sichtbare
Wirkung aus auf die menschlichen Ereignisse. Das Inkognito ist die
Bedingung ihrer Wirksamkeit, die dadurch eine umso grofiere Kraft ge-
winnt. Denn sie erwecken, bereiten vor und leiten solche, die vor aller
Augen handeln. Bei Rudolf Steiner war es fur den Meister nicht schwer,
die erste, spontane Einweihung seines Schulers zu vervollstandigen. Er
brauchte ihm eigentlich nur zu zeigen, wie er sich seiner eigenen Natur zu
bedienen habe, um ihm alles Erforderliche an die Hand zu geben. In
lichtvoller Weise zeigte er ihm die Verbindung zwischen den aufieren und
den geheimen Wissenschaften, den Religionen und den geistigen Kraften,
welche sich gegenwartig die Fiihrung der Menschheit streitig machen,
sowie das Alter der okkulten Tradition, welche die Faden der Geschichte
in der Hand halt, sie verkniipft, auftrennt und im Laufe der Jahrhunderte
wieder zusammenknupft. Rasch liefi er ihn durch die verschiedenen Etap-
pen der inneren Disziplin hindurchgehen, um das bewusste und vernunft-
getragene Hellsehens zu erreichen. In wenigen Monaten war der Schiiler
durch miindlichen Unterricht mit der unvergleichlichen Tiefe und Schon-
heit der esoterischen Zusammenschau bekannt geworden. Rudolf Steiner
hatte sich schon seine geistige Mission vorgezeichnet: «Die Wissenschaft
mit der Religion zu verbinden, Gott in die Wissenschaft und die Natur in
die Religion hineinzubringen und dadurch von neuem Kunst und Leben
zu befruchten.» Wie aber diese ungeheure und kiihne Aufgabe angreifen?
Wie sollte er den grofien Feind, die einem ungeheuren gepanzerten und
iiber einen grofien Schatz gelagerten Drachen vergleichbare moderne ma-
terialistische Wissenschaft, besiegen oder vielmehr zahmen und bekehren?
Wie kann es gelingen, den Drachen der modernen Wissenschaft zu bandi-
gen um ihn vor den Wagen der geistigen Wahrheit zu spannen? Vor allem,
wie ist der Stier der offentlichen Meinung zu besiegen?
Der Meister Rudolf Steiners glich diesem kaum. Er hatte nichts von
dieser tiefen, fast weiblichen Feinfuhligkeit, die zwar die Energie nicht
ausschlieftt, aber aus jeder Beruhrung ein Gefiihlserlebnis macht und die
das Leiden des anderen sogleich in einen personlichen Schmerz verwan-
delt. Er war ein mannlicher Geist, eine Herrschernatur, welche nur auf die
Gattung schaute und fur welche die Individuen kaum eine Bedeutung
hatte. Er schonte sich selbst nicht, so wenig wie die anderen. Sein Wille
war einer Kanonenkugel vergleichbar, welche, nachdem sie einmal den
Lauf verlassen hat, direkt ihrem Ziel zuschielk und alles auf ihrem Wege
mit sich reifit. Auf die besorgten Fragen seines Schiilers antwortete er
ungefahr in diesem Sinne:
«Wenn du den Feind bekampfen willst, musst du ihn zuerst verstehen.
Den Drachen kannst du nur besiegen, wenn du seine Haut anziehst. Den
Stier muss man bei den Hornern nehmen. Im grofken Missgeschick wirst
du deine Waffen und deine Kampfgenossen finden. Ich habe dir gezeigt,
wer du bist; jetzt gehe - und bleibe du selbst!»2
Rudolf Steiner kannte die Sprache der Meister geniigend, um den
schweren Weg vorauszufiihlen, welchen dieser Befehl ihm auferlegte; er
begriff jedoch auch, dass es das einzige Mittel war, um zum Ziele zu
gelangen. Er gehorchte und machte sich auf den Weg.
2 Diese Aussage bestatigt Marie Steiner im Vorwort zu den von ihr 1947 unter dem
Titel «Der Christusimpuls im historischen Werdegang» herausgegebenen zwei
Vortragen Lugano, 17. September 1911 und Locarno 19. September 1911, heme in
GA 130. Ihr Vorwort findet sich heute in Marie Steiner, Gesammelte Schriften
Band I «Die Anthroposophie Rudolf Steiners», Dornach 1967. Darin heifk es,
dass sich Rudolf Steiner ganz bewusst die Aufgabe stellte, «sich selbst alle
Einwendungen zu machen, die der kritische Materialist den Offenbarungen des
Geistes entgegenbringt, und nichts sich zu ersparen, was auch nur im Geringsten
ein Abweichen von dieser Linie ware. Das nannte er in die Haut des Drachen
hineinkriechen.»
Briefe und Dokumente
1901 - 1925
Zur Verdeutlichung der werkbiographischen Zusammenhange, in
denen die Briefe und Dokumente entstanden sind, wurden durch die
Herausgeber den einzelnen Jahren oder Gruppen von Jahren Uber-
sichten iiber die jeweiligen Ereignisse in der Deutschen Sektion und
spater in der Anthroposophischen Gesellschaft vorangestellt.
1
1900 - 1902
Rudolf Steiner wurde Ende September 1900 gebeten, in der Theosophi-
schen Bibliothek in Berlin einen Vortrag zum Gedenken an den kiirzlich
verstorbenen Friedrich Nietzsche zu halten. Diese Bibliothek gehorte zur
«Deutschen Theosophischen Gesellschaft», D.T.G., die 1894 als ein Zweig
der Europaischen Sektion der Theosophical Society gegriindet worden war
und deren Geschafte seither durch den Grafen Brockdorff (1844-1921)
gefiihrt wurden. Fast die einzige Aktivitat dieses kleinen Zweiges bestand
damals darin, dass offentlich zu Vortragen in der Bibliothek eingeladen
wurde, die regelmafiig am Donnerstag von den verschiedensten Vertretern
des allgemeinen Geisteslebens gehalten wurden. - Der Vortrag Rudolf
Steiners fiel in eine Zeit, in der er begonnen hatte Wege zu suchen, um die
in ihm lebenden Erkenntnisse im Geistesleben wirksam werden zu lassen.
Ein erster Versuch war 1899 sein Aufsatz zu Goethes 150. Geburtstag in
dem von ihm herausgegebenen «Magazin fur Litteratur». Unter dem Titel
«Goethes geheime Offenbarung» brachte er eine erste schriftliche Darstel-
lung seiner Interpretation von Goethes «Marchen von der grtinen Schlange
und der schonen Lilie», dessen esoterischer Inhalt schon seit iiber einem
Jahrzehnt in seiner Seele lebte. Als er nun nach seinem ersten Vortrag bei
Brockdorffs um einen weiteren gebeten wurde, schlug er als Thema auch
«Goethes geheime Offenbarung» vor. Dieser Vortrag wurde zum Keim-
punkt der anthroposophischen Bewegung, denn - wie er in seiner Auto-
biographic berichtet - hier war es zum ersten Mai in seiner weit ausge-
dehnten Vortragstatigkeit, dass er zu einem an konkreten Geist-Erkennt-
nissen tief interessierten Kreis von Menschen unmittelbar aus der Geist-
welt heraus sprechen konnte. Bisher waren seine Ausfuhrungen immer nur
als «literarisch» interessant aufgenommen worden. - Auf diesen zweiten
Vortrag hin wurde er von der Grafin Brockdorff (1848-1906) gebeten,
durch den Winter hindurch jeden Dienstag zu den Mitgliedern der D.T.G.
zu sprechen. Den Inhalt dieser Vortrage, die am 16. Oktober 1900 began-
nen, fasste er im Jahre darauf zu dem Buche «Die Mystik im Aufgange des
neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur modernen Welt-
anschauung» zusammen.
Marie v. Sivers war in den Wintermonaten der letzten Jahre ihren
Studien zunachst in Paris, dann in Berlin nachgegangen, der konventionel-
len Enge der vornehmen Kreise in ihrer Heimat St. Petersburg entfliehend.
Den Sommer des Jahres 1900 verbrachte sie an der kurlandischen Ostsee-
kiiste. Dort las sie in der Einsamkeit der Sanddiinen Edouard Schures
kiirzlich erschienenes «Theatre de PAme» mit den zwei Dramen «Les
enfants de Lucifer» und «La Soeur Gardienne», womit Schure erste Schrit-
te unternahm, sein Ideal eines Theaters der Zukunft zu verwirklichen, das
ein Tempel werden sollte, in dem sich die iibersinnliche Welt mit der
sinnlichen verbindet. Marie v. Sivers war tief bewegt einem verwandten
Geist zu begegnen, der es unternahm, ihre eigenen Ideale zu realisieren. Sie
selber hatte im Jahr vorher eine vielversprechende, gegen die eigene
Familie durchgesetzte Theaterlaufbahn nach langer Vorbereitung sofort
abgebrochen, als sie sich mit den mit ihrem Wesen unvereinbaren Usancen
des gewohnlichen Theaters konfrontiert sah. Wahrscheinlich schon Ende
September nach Berlin zuriickgekehrt, wandte sie sich Anfang Oktober an
Schure mit der Bitte ihr zu erlauben, das erste Drama ins Deutsche zu
iibersetzen. Schure sagte mit Freuden zu, und es entwickelte sich eine
intensive Korrespondenz, in der er sie auf die Theosophische Gesellschaft
hinwies. In einer Zeitung fand sie eine Annonce der Berliner Gesellschaft
und dadurch den Weg zu Rudolf Steiners bereits begonnenem Vortrags-
zyklus in der Theosophischen Bibliothek. Schon im November 1900
wurde sie Mitglied der Gesellschaft.
Nach der Sommerpause begann Rudolf Steiner am 19. Oktober 1901
einen zweiten Zyklus, dessen Inhalt er im folgenden Jahre ebenfalls zu
einem Buch umarbeitete: «Das Christentum als mystische Tatsache». Auch
Marie v. Sivers war wieder in Berlin, nachdem sie den Sommer in Livland
verbracht hatte. Am 17. November fand zwischen ihnen bei einem gesel-
ligen Zusammensein zur Feier des Jahrestages der Begriindung der Theo-
sophischen Gesellschaft ein folgenreiches Gesprach statt. Rudolf Steiner
war ja nicht Mitglied der T.G., seine Vortrage in der Bibliothek waren nur
ein sehr kleiner Teil seiner weitgefacherten Tatigkeiten, und sie hatten mit
den bisherigen Lehren der Theosophie nichts gemeinsam, wie man sich
anhand der beiden Biicher leicht uberzeugen kann. Bei diesem Gesprach
nun, das Rudolf Steiner mehrmals in seinen spateren Vortragen riickblik-
kend erwahnt, fragte sie ihn, warum er der Gesellschaft nicht beitrete. Er
antwortete, dass er einen grofien Unterschied machen miisse zwischen
orientalischer und abendlandischer Mystik. Das, was er zu vertreten habe,
wiirde er einer falschen Beurteilung aussetzen, wenn er Mitglied einer
Gesellschaft werden wiirde, die zu ihrem Schibboleth unverstandene
orientalische Mystik hat. Fur unsere Gegenwart gebe es bedeutsamere
okkulte Impulse. Auf ihre weitere Frage, ob es denn dann nicht notwendig
sei, eine geistige Bewegung in Europa ins Leben zu rufen, erwiderte en
Gewiss, notwendig ist es schon; aber er werde sich nur finden lassen fur
eine solche Bewegung, die an den abendlandischen Okkultismus ankniipft
und diesen fortentwickelt. Johanna Miicke berichtet, dass er ihr dies sehr
viel spater erzahlt und hinzugefugt habe: «Die Frage war mir gestellt, und
ich konnte, nach den geistigen Gesetzen, beginnen auf eine solche Frage
die Antwort zu geben.»
Kurz danach ging Marie v. Sivers fur einige Monate nach Bologna. Sie
war gebeten worden dort bei der Griindung einer neuen theosophischen
Loge zu helfen. Die bestehenden italienischen Logen, die zur Euro-
paischen Sektion gehorten, hatten beschlossen eine eigene Sektion zu
begriinden. Dazu waren nach den Statuten sieben Logen erforderlich, und
um diese Zahl zu erreichen wurde Bologna benotigt. Die konstituierende
Versammlung dieser Sektion fand am 1. und 2. Februar 1902 in Rom statt.
Im Dezember trat die Frage nach der Mitgliedschaft erneut an Rudolf
Steiner heran. Brockdorffs planten im Laufe des kommenden Jahres alters-
halber Berlin zu verlassen und fragten ihn, ob er die Leitung der theoso-
phischen Arbeit in Berlin iibernehmen wurde. Der Entschluss dazu wurde
ihm nicht leicht. (In seinem Brief vom 9. Januar 1905 an Marie v. Sivers
aufiert er sich dazu.) Aber er war inzwischen zu der Uberzeugung gekom-
men, dass er mit seiner Arbeit dennoch an die von H. P. Blavatsky
begonnene anschlieEen musse.
Seine Zusage kniipfte er jedoch an die Bedingung, dass Marie v. Sivers
ihm bei dieser Aufgabe zur Seite stehe. Daraufhin schrieb ihr Grafin
Brockdorff nach Bologna. Der Briefwechsel in dieser Sache ist verloren,
und es lasst sich nicht feststellen, wann genau Marie v. Sivers sich ent-
schloss diese Aufgabe zu iibernehmen. Es scheint, dass sie noch bis in den
Februar zogerte und dass Graf Brockdorff vielleicht etwas vorzeitig beim
europaischen Generalsekretar Bertram Keightley die Aufnahme Rudolf
Steiners in die Gesellschaft beantragte. Jedenfalls schickte der Graf mit
Brief vom 15. Januar 1902 das aus London erhaltene Mitghedsdiplom an
Rudolf Steiner, der damit den in Hannover wohnenden Wilhelm Hiibbe-
Schleiden als Vorsitzenden des Berliner Zweiges abloste. Graf Brockdorff
fuhrte vorlaufig weiterhin die Geschafte, bis er sie im September an Marie
v. Sivers iibergab. - Fur die Theosophische Gesellschaft war es bedeu-
tungsvoll, dass sich Rudolf Steiner entschloss seine starke Kraft in ihren
Dienst zu stellen und damit eine von niemandem geahnte Vertiefung des
ursprunglichen spirituellen Impulses ins Werk zu setzen. Dass sich die
T.G. aufterhalb Deutschlands spater in Bahnen entwickeln wiirde, die in
die Wesenlosigkeit fuhrten, war damals nicht vorauszusehen.
Nun gab es schon seit einiger Zeit das Bestreben auch in Deutschland
eine eigene Sektion zu griinden. Nach einigen Wirren um die Frage, wer
Generalsekretar werden solle, trat man Ende April an Rudolf Steiner heran
mit der Bitte auch dieses Amt zu iibernehmen. Er sagte zu, und Anfang
Juli ging das von den zehn deutschen Zweigen unterzeichnete Gesuch um
Erteilung einer Grundungscharta an den Prasidenten H. S. Olcott in
Adyar bei Madras, der sie am 22. Juli ausstellte. Fur den Berliner Zweig
unterzeichneten Rudolf Steiner als Vorsitzender und Graf Brockdorff als
Schriftfuhrer.
Neben diesen zehn an Adyar angeschlossenen Zweigen gab es damals
in Deutschland, Osterreich und der Schweiz noch iiber 50 meist autonome
theosophische Gruppen, die in einem losen Zusammenhang standen mit
der von Dr. Franz Hartmann im Zuge der Judge- Wirren von 1895 begrun-
deten und von Edwin Bohme als Generalsekretar gefuhrten, von Adyar
unabhangigen «Theosophische Gesellschaft in Deutschland» mit Zentrum
in Leipzig. Die Auseinandersetzungen mit dieser als Sezession bezeichne-
ten Leipziger Gesellschaft spielten fur einige alte Theosophen eine grofie
Rolle. Rudolf Steiner kummerte sich darum weiter nicht, und viele dieser
Gruppen (z. B. in Basel, St. Gallen, Bremen, Elberfeld, Niirnberg,
Miinchen, Heidelberg, Wien) fanden im Laufe der Zeit ihren Weg in die
deutsche Sektion, da sie unter anderen Rednern auch Rudolf Steiner zu
Vortragen einluden.
Anfang Mai kam Marie v. Sivers aus Bologna nach Berlin zuriick. Es
war verabredet, zusammen an der Jahresversammlung der Europaischen
Sektion in London teilzunehmen. Sie fuhr schon Mitte Juni, Rudolf Steiner
folgte erst am 1. Juli, da er seine Schrift «Das Christentum als mystische
Tatsache» vor der Abreise zum Drucken geben wollte. Als designierter
Generalsekretar lernte er nun einige der damaligen fuhrenden Personlich-
keiten kennen, aufier Keightley auch den Gelehrten George R.S. Mead und
die beriihmte Rednerin Annie Besant. So konnte er sich ein Bild iiber den
Zustand der T.G. und seiner Situation darin machen. Seine Ruckreise
nahm er iiber Paris, u. a. um Schure kennenzulernen, der sich jedoch
bereits fiir den Sommer ins Elsass begeben hatte. Marie v. Sivers fuhr von
London direkt nach Petersburg zu ihrer Familie. Am 17. September kam
sie zuriick nach Berlin, um die Geschaftsfiihrung des Berliner Zweiges zu
iibernehmen. Am 26. September 1902 schrieb Rudolf Steiner an Wilhelm
Hiibbe-Schleiden: «Fraulein von Sivers waltet bereits ihres Amtes. Sie ist
wirklich eine glanzende grofie Erscheinung innerhalb der jetzigen Misere.
Ich bin froh, dass sie da ist. In jeder Beziehung kann ich auf sie bauen.»
Nachdem Rudolf Steiner sich so entschlossen hatte sein Wirken in den
Rahmen der Theosophischen Gesellschaft zu stellen, begann er fur sie auch
offentlich einzutreten. In seinem Vortrag vom 8. Oktober 1902 im Giorda-
no Bruno-Bund vor etwa 300 Menschen im Biirgersaal des Berliner Rat-
hauses tiber Monismus und Theosophie gab er einen Entwurf seines
zukiinftigen Wirkens, der recht gut, aber eben doch nur «literarisch»
aufgenommen wurde.
Die Griindungsversammlung der deutschen Sektion fand am 19. und
20. Oktober 1902 statt, nachdem am Tag vorher bei einer Besprechung die
noch bestehenden Differenzen bereinigt wurden. Am ersten Tag wurden
die Statuten beschlossen und der Vorstand, in dem alle Zweige vertreten
waren, gewahlt: Rudolf Steiner als Generalsekretar, Henriette v. Holten als
Schatzmeister, Marie v. Sivers (Berlin), Julius Engel und Gustav Riidiger
(Charlottenburg), Wilhelm Hiibbe-Schleiden (Hannover), Ludwig Dein-
hard (Munchen), Gunther Wagner (Lugano), Bernhard Hubo und Adolf
Kolbe (Hamburg), Bruno Berg (Dusseldorf), Ludwig Noll (Kassel), Adolf
M. Oppel (Stuttgart), Richard Bresch (Leipzig). Am Abend traf Annie
Besant aus London ein, sie wurde von der versammelten Gesellschaft am
Bahnhof Friedrichstrafte abgeholt, und am nachsten Tag iiberreichte sie
Rudolf Steiner die Griindungscharta.
Fur die Kunst-begeisterte Marie v. Sivers begann ein ungewohntes
Leben, denn sie ftihrte bald nicht nur die Geschafte des Berliner Zweiges
und der Bibliothek, sondern auch die der Sektion, die kraftig wuchs: von
anfanglich 120 Mitgliedern auf 2500 im Jahre 1912, aus den 10 Zweigen
wurden 54. War allein schon diese Verwaltungsaufgabe betrachtlich, so
kam dazu noch viel mehr: die Organisation und Betreuung der Vortrags-
reisen Rudolf Steiners, die Herausgabe seiner Vortragsnachschriften, der
Aufbau eines eigenen Verlages. Da mussten fur eine Weile ihre Bemiihun-
gen um die Kunst der Sprache etwas zurticktreten. Wie dennoch die Ideale
ihrer Jugend in diesem turbulenten Leben durch ihre Verbindung mit
Rudolf Steiner die schonste Erfiillung fanden, die zum Herz fiir das Leben
zunachst in der deutschen Sektion, dann in der Anthroposophischen
Gesellschaft wurde, darauf soil in einer eigenen Darstellung zum Jahre
1914 eingegangen werden.
1 An Marie von Sivers, wahrscheinlich in Berlin
Samstag, 13. April 1901
Friedenau-Berlin, 13. April 1901
Hochgeehrtes gnadiges Fraulein!
Vielen Dank fur die «Theosophical Review». Ich sende sie gleich-
zeitig unter Kreuzband an Sie. Der Artikel iiber Bacon ist sehr
interessant. Er gibt mir nach den verschiedensten Richtungen
hin zu denken. Ich habe aber das entschiedenste Gefiihl, dass der
Autor die Sache etwas leicht nimmt. Ich kann namlich die Uber-
zeugung nicht teilen, dass die Bacon'schen philosophischen Schrif-
ten einen esoterischen Sinn bergen. Und dies ist doch wohl
notwendig, wenn man ihn als Rosenkreuzer behandeln will. Bitte
vielmals wegen der Verzogerung urn Entschuldigung.
Mit den besten Empfehlungen Ihr ganz ergebener
Dr. Rudolf Steiner
Friedenau-Berlin, Kaiserallee 95
«Theosophical Review» ... Artikel iiber Bacon: «Reasons for Believing Francis
Bacon a Rosicrucian» by A. A. L. in «The Theosophical Review», Vol. XXVII,
Nr. 161 vom 15. Januar 1901.
2 An Rudolf Steiner in Berlin
Mittwoch, 18. Juni 1902, aus London
20 Clifton Gardens, Maida Vale, W
den 1 8ten Juni
Sehr geehrter Herr Doktor,
es ware wohl sehr schon, wenn Sie schon Sonntag friih, den 22.,
hier sein konnten, weil Sie dann einen genaueren Eindruck von
Mrs. Besant gewinnen. Sie ist eine aufiergewohnliche und einzige
Erscheinung, und man muss sie als Rednerin auf sich wirken lassen,
um ihr nur irgendwie gerecht zu werden. Leider treffen Sie es in-
sofern schlecht, als die Kronungstage dazwischen kommen, wo alles
feiert und keine Vortrage gehalten werden. Sonntag, den 22., um 7
halt Mrs. Besant den vorletzten ihrer popular en Vortrage «The
Divine Kings». Sie ist so sehr Priesterin in diesem Vortragszyklus,
dass ich Ihnen nur raten kann - Ihnen, dem nicht viele was geben
konnen -, sich diesen Eindruck zu verschaffen. Dienstag, den 24.,
ist der letzte eines anderen Vortragszyklus vor einem kleineren
Publikum «Will, Emotion and Desire», in welchem ihre Logik,
Gedankenscharfe und Tragweite voll sich entwickeln konnte. Sie
miissten diesen einen letzten wenigstens horen. Der abstrakteste
und schwerste Zyklus fur Mitglieder allein «Consciousness and its
Mechanism» am Donnerstag Abend, ist leider morgen zu Ende.
Davon horen Sie also nichts mehr. Aufierdem soil Leadbeater den
23. in der Blavatsky-Loge sprechen, was vielleicht auch sich nicht
wiederholen wird. Wenn Sie also diese drei Tage, den 22., 23. und
24. nicht hier sind, haben Sie nur einen Sonntagsvortrag noch und
die Conventiontage, - wenigstens wissen wir fur's erste von nichts
anderm. Herr Keightley, der sich freut Sie kennen zu lernen und
mich nur bittet, ihn wegen seiner «Uberbeschaftigung» in dieser
Zeit zu entschuldigen, lebt «30 Linden Gardens, Bayswater, W.».
Schreiben Sie sich's genau an, falls Sie allein einen «Cab» nehmen
miissten. Wenn Sie's verlieren oder vergessen, kommen Sie natiir-
lich in unsere Pension. Jedenfalls warte ich auf Nachricht und will
zur Station, um Sie da zu begriifien, falls nichts Besonderes mich
verhindert.
Viele Griifie an Sie und Ihre Frau Gemahlin
M. v. Sivers
wenn Sie schon Sonntag frtih hier sein konnten: Rudolf Steiner, der am 30. Juni
1902 in Hannover noch mit Hiibbe-Schleiden und Deinhard iiber die Sektions-
gnindung verhandelte, traf erst am 1. Juli 1902 in London ein.
Mrs. Besant: Annie Besant, geb. Wood (1847-1933), Englanderin, eine der mafi-
gebenden Personlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft und ab 1907 deren
Prasidentin.
Krdnungstage: Eduard VII. von England, der 1901 auf den Thron kam, wurde im
Juni 1902 gekront.
Leadbeater: Charles Webster Leadbeater (1847-1934), Englander, theosophischer
Schriftsteller, ab etwa 1908 engster Mitarbeiter von Annie Besant, seine zwielich-
tige Person loste 1906 eine fortdauernde schwere Krise in der theosophischen
Gesellschaft aus.
Blavatsky: Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), Russin, Begriinderin und
eigentliche Tragerin des spirituellen Auftrages der Theosophischen Gesellschaft,
die sich am 17. November 1875 in New York konstituierte.
Conventiontage: Jahresversammlung der Europaischen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft in London. Rudolf Steiner sprach dort iiber die Aufgaben der
Landessektionen, insbesondere der deutschen Sektion.
Keightley: Bertram Keightley (1860-1949), Englander, Mitarbeiter Blavatskys.
1901-05 Generalsekretar der europaischen Sektion (ab Juli 1902: britische Sekti-
on) der T.G., Sitz London. Rudolf Steiner war eingeladen wahrend dieser Zeit bei
ihm zu wohnen. Keightley sprach sehr gut Deutsch und hatte im Januar 1902 in
der «Theosophical Review» ein Referat mit auszugsweiser Ubersetzung von
Rudolf Steiners «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens ...»
gebracht, was fur Rudolf Steiner mit die Moglichkeit eroffnete der T.G. beizutre-
ten. Er sagte hieruber in Berlin, 14. Dezember 1911: «Dieses Faktum definiere ich
so und habe es auch damals so definiert: es war damit gegeben die Tatsache, dass
die Theosophische Gesellschaft nichts von mir verlangt hat, nicht verlangt hat,
dass ich etwas gemeinschaftlich haben sollte mit irgendwelchen Grundsatzen,
Prinzipien, Dogmen, die vertreten werden sollten, sondern sie hat etwas ange-
nommen von mir, von aufierhalb, was von mir gegeben wurde. Es war also
dasjenige freundlichst eingeladen, was man zu geben hatte.» (in GA 264).
Frau Gemahlin: Anna Steiner, verw. Eunike, geb. Schultz (1853-1911), seit 1899
mit Rudolf Steiner verheiratet. Seine Briefe an sie sind abgedruckt in GA 39.
3 An Marie von Sivers, in Russland (wahrscheinlich Petersburg)
Mittwoch, 20. August 1902
Friedenau-Berlin, 20. August 1902
Sehr verehrtes gnadiges Fraulein!
Vielen Dank fur Ihren Brief, iiber den ich mich sehr gefreut habe.
Die «Secret Doctrine» ist richtig befordert worden, und liegt auf
meinem Schreibtisch, auf dem sie mir gerade jetzt grofie Dienste
tut, da ich sie bei meinen einschlagigen Studien fortwahrend nach-
schlagen muss. Die Reise nach Elsass musste ich aus verschiedenen
Griinden unterlassen. In Paris war wahrend meiner Anwesenheit
M. Schure nicht mehr. Ich hatte so gerne mit ihm gesprochen. Es
gibt, wie mir scheint, Dinge, iiber die mir sein Urteil ganz beson-
ders wichtig ist. Ein Besuch im September wird naturlich, neben
alien andern Griinden, schon deshalb unmoglich sein, weil wir dann
alle Hande voll zu tun haben werden.
Unsere deutsche Sektionsgriindung geht, wie es scheint, schwe-
rer vonstatten, als ich in England gedacht habe. Zu den schlimmen
Erfahrungen, die ich seit meiner Riickreise gemacht habe, kommt
nun im Augenblicke noch, dass ich eben einen Brief von Miss
Hooper erhalte, worinnen sie mir schreibt, dass Olcott sich nun
doch nicht auskennt beziiglich der zwei applications, die er er-
halten hat. Es ist also wahrscheinlich, dass wir auf den Charter nun
weitere 8 Wochen warten miissen, denn so lange wird es dauern,
bis Olcott meinen Brief hat, und dann der Charter da ist. Doch
mochte ich Sie bitten, Ihre Freundin in Kurland moge bis zur
Griindung unserer Sektion warten. Gerade jetzt, in der Zeit un-
mittelbar vor der Sektionsgriindung, scheint es mir besser, wenn
wir mit allem warten, bis wir die Sektion haben.
Wenn Sie kommen, wird meine Schrift «Das Christentum als
mystische Tatsache» vorliegen; und eine Schrift von Hiibbe-Schlei-
den (aber ich bitte Sie die Anonymitat, in welche sich H. S. hiillen
will, nicht zu enthullen) «Diene dem Ewigen». Ich hoffe, dass uns
gerade diese zwei Schriften in Deutschland vorwarts helfen wer-
den. Ich hatte mit beiden sehr viel zu tun. Doch gehort es jetzt zu
meinen schonsten Stunden, die Schrift Hubbe-Schleidens mit-
entstehen zu sehen. Es ist fiir mich die allergrofke Befriedigung,
mit Hiibbe-Schleiden in Einklang arbeiten zu konnen. Ich finde bei
ihm hinsichtlich der wichtigsten Punkte der inneren Gestaltung der
deutschen Bewegung vollkommenes Einverstandnis. Und es stimmt
mich unsaglich traurig, dass er bei den bisherigen «Fuhrern» der
deutschen theosophischen Bewegung (Bresch und Hubo und deren
Anhang) so wenig Verstandnis findet. In Hiibbe-Schleiden lebt eine
wirkliche geistesentwicklungsgeschichtliche Potenz; in den Herren
Hubo und Bresch gar nicht. Denen fehlen gewisse unerlassliche
Vorbedingungen zu einer Fiihrerschaft. Und es ist schlimm, dass es
bei der nun einmal vorhandenen deutschen Geistesart, schwer
moglich sein wird, diese Personlichkeiten in ihren Grenzen zu
halten. Es wird Dinge geben, in denen sie bei der Sektionsbildung
wahrscheinlich einer Verstandigung mit sich unubersteigliche Hin-
dernisse entgegensetzen werden. Es ist ja das verhangnisvollste,
wenn bei denen, die tonangebend sein wollen, die starre Dogmatik
alles ist, und die grundlegende Gesinnung fast ganz fehlt. Alles, was
in der letzten Zeit an mich herangetreten ist, weist darauf hin, dass
die Art, wie Bresch und Hubo auftreten, die Leute in Deutschland
zuriickstoften, in denen latente theosophische Gesinnung vorhan-
den ist, und die wir notwendig heranziehen miissen. Wenn Sie nach
Berlin kommen, werden wir iiber diese Dinge viel zu sprechen
haben. Hoffentlich diirfen wir Sie am 15. September in Berlin er-
warten.
Meine Frau sendet beste Griifie, ebenso Ihr
Dr. Rudolf Steiner
Friedenau-Berlin, Kaiserallee 95
«Secret Doctrine»: von H. P. Blavatsky, zusammen mit ihrer «Isis unveiled»
grundlegende Werke der Theosophie. Offensichtlich als Vorbereitung fur sein
Wirken in der T.G. informierte sich Rudolf Steiner im einzelnen iiber die damals
gangigen Lehren.
Reise nach Elsass: Barr im Elsass, wo Edouard Schure, der sonst in Paris lebte,
seinen Sommersitz hatte.
Paris: Rudolf Steiner hielt sich auf der Riickreise von London vom 13. bis 19. Juli
in Paris auf.
M. Schure: Edouard (1841-1929), franzosischer Schriftsteller, Mitglied der T.G. in
Frankreich. Mit Marie v. Sivers seit 1899 in Briefwechsel, wurde er durch Uber-
setzungen von ihr in den deutschen Sprachraum eingefiihrt. Bei den Munchner
Festspielen in den Jahren 1907, 1909-1912 wurden sein «Heiliges Drama von
Eleusis» und sein Schauspiel «Die Kinder des Luzifer» aufgefuhrt. 1913 schloss er
sich der Anthroposophischen Gesellschaft an. Uber ihn als Schriftsteller sprach
Rudolf Steiner im Vortrag vom 1. Marz 1906 (in GA 54), iiber seine personliche
Verbindung zu Marie und Rudolf Steiner siehe: H. Wiesberger, «Marie Steiner,
ein Leben fur die Anthroposophie».
Olcott: Henry Steel Olcott (1832-1907), Amerikaner, Mitbegriinder und erster
President der T.G. bis zu seinem Tode.
zwei applications . . . Charter: Richard Bresch in Leipzig hatte die Unterschriften
der Vorsitzenden der zehn Zweige der europaischen Sektion in Deutschland unter
den Antrag (application) um eine Stiftungsurkunde (charter) fur die zu griindende
deutsche Sektion mit Rudolf Steiner als Generalsekretar im Mai 1902 einzusam-
meln versucht. Dabei liefi Bresch den Antrag in zwei Exemplaren unterschreiben.
Als Wilhelm Hiibbe-Schleiden Schwierigkeiten machte, schickte Bresch im Juni
kurzer Hand das eine Exemplar ohne die Unterschriften von Hiibbe-Schleiden
(Hannover), dessen Vetter Giinther Wagner (Lugano), und seinem Freund Lud-
wig Deinhard (Miinchen) an den Generalsekretar der europaischen Sektion Bert-
ram Keightley in London. Keightley leitete diesen Antrag an den Prasidenten
H. S. Olcott in Adyar (Indien) weiter, mit einem Brief, in dem er ankiindigte, dass
Hiibbe-Schleiden an Olcott schreiben wiirde. Olcott gefiel das Fehlen der Unter-
schriften von Hannover, Lugano und Miinchen nicht. Am 9. Juli schrieb er an
Hiibbe-Schleiden, dass der versprochene Brief nicht gekommen sei, er wiirde
noch das Postboot der nachsten Woche abwarten und dann eine Blanko-Urkunde
an Keightley schicken mit der Vollmacht, diese an die Personen zu geben, von
denen Keightley der Meinung ist, dass sie sie haben sollen. Dies muss er getan
haben, und dieser Brief an Keightley vom ca. 16. Juli ist gegen den 3. August in
London angekommen.
In Deutschland klarte sich die Lage bald, nachdem das Vorgehen Breschs
bekannt wurde, und am 30. Juni unterschrieben als letzte auch Hiibbe-Schleiden
und Deinhard in Hannover das zweite Exemplar, das Rudolf Steiner nach London
brachte und das von dort am 4. Juli nach Adyar geschickt wurde. Am 22. Juli
stellte Olcott sofort die definitive Grundungsurkunde aus und schickte mit
gleichen Datum einen Brief an Hiibbe-Schleiden, sowie einen Brief an Rudolf
Steiner mit der Aufforderung die Sektion zu konstituieren. Der Brief an Hiibbe-
Schleiden kam am 10. August in Hannover an. Den Brief an Rudolf Steiner und
die Urkunde schickte er an Keightley nach London, von wo er erst am 28.
August, also mit 18 Tagen Verspatung, in Berlin eintraf.
Keightley war nach der Jahresversammlung von London nach Indien abgereist
und hatte die Geschaftsfiihrung der Sektion an Mrs. Ivy Hooper iibergeben, die
aber in der Erledigung der Geschafte sehr indolent gewesen zu sein scheint: Mit
Datum vom 15. August, als der Brief von Olcott an Rudolf Steiner vom 22. Juli
bereits in ihrem Korrespondenz-Stapel gelegen haben muss, schrieb sie: «Dear Dr.
Steiner, Colonel Olcott hat wegen der Charter fur die deutsche Sektion an Mr.
Keightley geschrieben. [...] Anscheinend ist eine formale Schwierigkeit entstan-
den fur die Ausfertigung der Charter dadurch, dass Col. Olcott zwei verschiedene
Antrage dafiir erhielt. Er hat Mr. Keightley gebeten, sich mit seinen Kollegen in
Deutschland zu beraten und als Col. Olcotts Bevollmachtigter zu handeln. ... Ich
trug die Angelegenheit Mrs. Besant vor und sie war der Meinung, dass es das
Beste sei, die Sache an Sie weiterzugeben [...] Wiirden Sie daher bitte so gut sein
zu klaren, welche der beiden Gruppen von Antragstellern die Charter bekommen
soli, und dann Ihre Entscheidung dem Prasidenten mitzuteilen.» Sie hat also da
erst den Brief von Olcott an Keightley vom 16. Juli bearbeitet, die fast drei
Wochen Postweg nicht bedacht, nicht gemerkt, dass er langst iiberholt war, und
aufierdem Griinde fiir den Brief konstruiert, von denen Olcott bei der Abfassung
des Briefes nichts gewusst haben konnte.
Freundin in Kurland: Vermutlich Maria v. Strauch-Spettini (1847-1904), die im
Januar 1903 Mitglied wurde. Sie war eine von Marie v. Sivers' Lehrerinnen in
Schauspiel und Sprechkunst, siehe: Hella Wiesberger, «Marie Steiner-v. Sivers.
Ein Leben fur die Anthroposophie», Dornach 1989.
HUbbe-Schleiden: Wilhelm Hiibbe-Schleiden (1846-1916), 1885 Mitbegriinder der
ersten theosophischen Vereinigung in Deutschland, Herausgeber der okkultisti-
schen Monatsschrift «Sphmx», 1897-1901 Vorsitzender der 1894 gegriindeten
«Deutschen Theosophischen Gesellschaft» in Berlin. 1911 wurde er zum Instru-
ment Annie Besants, als sie sich der deutschen Sektion entledigen wollte.
Schrift von Hiibbe-Schleiden: Die Briefe Rudolf Steiners an Hiibbe-Schleiden, aus
denen seine Mitarbeit an dieser Schrift hervorgeht, sind abgedruckt in Rudolf
Steiner «Briefe 1. Ausgabe Dornach 1953; vorgesehen fur GA250.
Bresch: Richard Bresch, Mitglied seit 1898, von 1899 bis 1906 Herausgeber des
«Vahan», Zeitschrift fur Theosophie, Leiter eines zur deutschen Sektion gehori-
gen Zweiges in Leipzig, bis er 1905 aus der Gesellschaft austrat. Rudolf Steiner
erwahnt ihn im Vortrag Berlin, 14. Dezember 1911 (in GA 264) als «eine Person-
lichkeit, die mittlerweile ausgetreten ist aus der Gesellschaft, die auch Vermittler
des Karma war - in welcher Weise, dariiber konnte viel erzahlt werden in
okkultem Zusammenhang - es ergab sich, dass Herr Richard Bresch, der damalige
Vorsitzende des Leipziger Zweiges, nachdem er sich besprochen hatte mit ver-
schiedenen Personlichkeiten, eines Tages zum Grafen Brockdorff kam und sagte:
Wenn Dr. Steiner nun schon Vorsitzender der Berliner Loge ist, kann er auch
Generalsekretar der deutschen Sektion sein. — Es ergaben sich nun alle moglichen
Notwendigkeiten, diesen Antrag Vorsitzender der deutschen Sektion zu werden
anzunehmen.»
Hubo: Bernhard Hubo (1851-1934), Kaufmann, 1898 Begriinder und Vorsitzen-
der des Pythagoras Zweiges Hamburg. Ein komplizierter Charakter, machte er
anfanglich einige Schwierigkeiten, wurde dann aber ein dezidierter Verfechter der
Sache der Anthroposophie.
am 1$. September in Berlin erwarten: Marie v. Sivers traf am 17. September 1902
in Berlin ein und ubernahm ab 20. September offiziell die Geschafte des Berliner
Zweiges und der Theosophischen Bibliothek.
4 Widmung fur Marie von Sivers in: Einleitung zu «Uhlands Werke».
Rudolf Steiner gab 1902 Uhlands Werke heraus, mit einer biographi-
schen Einleitung, die auch als Separatdruck erschien. - Vgl. den Sam-
melband «Biographien und biographische Skizzen 1894-1905», GA 33.
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1903
Gleich nach der Griindungsversammlung im Oktober 1902 beginnt Rudolf
Steiner - neben all seinen anderen Verpflichtungen, vor allem in der
Arbeiterbildungsschule, aber auch in der «Freien Hochschule», bei den
«Kommenden», u. a. - die Lehre soviel als nur moglich zu verbreiten,
zunachst durch mehrere parallel laufende Kurse fiir die Mitglieder. Als
Hauptaufgabe aber betrachtet er das Wirken in der Offenlichkeit. Dafiir
wird die Monatsschrift «Luzifer» begriindet, in der er grundlegende gei-
steswissenschaftliche Erkenntnisse darstellt. Die erste Nummer erscheint
am 1. Juni und der erste Jahrgang bringt u. a. folgende Aufsatze: «Einwei-
hung und Mysterien», «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der
modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen», «Wie Karma
wirkt», «Theosophie und Sozialismus», «Okkulte Geschichtsforschung»
(GA 34).
Im Juli nehmen Rudolf Steiner und Marie v. Sivers in London an der
Jahresversammlung der britischen Sektion teil, bei welcher Gelegenheit die
«Federation of European Sections - Theosophical Society» begriindet
wird, ein Zusammenschluss der europaischen Sektionen, der dann zu-
nachst jedes Jahr einen Kongress veranstalten wird.
Im Herbst beginnen die grofien offentlichen Vortragsreihen in Berlin,
zumeist im Architektenhaus, die bis 1918 jeweils im Winterhalbjahr statt-
finden. Diese von sehr vielen Menschen besuchten Vortrage liegen in der
Gesamtausgabe vor (GA 52-67). - Noch beschrankt sich die Vortragstatig-
keit fast ganz auf Berlin, wird aber mit Hilfe von Mitgliedern auch in
anderen Stadten angestrebt. Erste offentliche Vortrage gibt es in Diissel-
dorf, Hamburg und Koln, und vor allem in Weimar mit drei Vortragen im
Fruhjahr, wo es zur ersten neuen Zweigbildung nach der Sektionsgriin-
dung kommt. Im Herbst ist Rudolf Steiner nochmals zu Vortragen in
Weimar.
5 An Marie von Sivers in Schlachtensee bei Berlin
Donnerstag, 16. April 1903
Briefkopf: Kaiser - Kaffee - Konditorei
Weimar, den 16. April 1903
Liebe vertraute Schwester! Der erste Vortrag ist also gehalten. Er
war recht gut besucht. Es war mir oft, als ob ich Dich im Audito-
rium suchen miisste. - Ubrigens sah ich sogleich, dass ich fur
Weimar einiges anders sagen musse, als ich es in Berlin getan habe.
Der Widerstande gibt es auch hier genug. Frau Liibke arbeitet mit
Hingebung. Es war alles in der schonsten und besten Weise arran-
giert. Sie hat wirkliche theosophische Gesinnung. - Ich mache
naturlich besonders in fremden Stadten fur mich immer neue wich-
tige Erfahrungen beziiglich der Art des Wirkens. Ich hoffe, dass
wir vorwarts kommen, wenn ich alle solchen Erfahrungen fleifiig
verwerte. Wir, beide zusammenwirkend, diirfen hoffen, in Deutsch-
land etwas zu erreichen. Wir sind auch dann zusammen, wenn wir
raumlich nicht nebeneinander sind. - Den zweiten Vortrag werde
ich popularer gestalten, als er in Berlin war. Bis ins kleine Weimar
scheinen doch noch zu wenig Begriffe von Evolution und Natur-
wissenschaft gedrungen zu sein, trotzdem Haeckel in der Nachbar-
stadt Jena an der Universitat wirkt.
Nach dem Vortrage hat mich gestern Herr von Henning zu den
Schlaraffen verschleppt, deren Mitglied er ist. Es war ein Opfer;
aber ich wollte es bringen, weil auch der Redakteur der Weimari-
schen Zeitung «Deutschland» darum anhielt; und ich mochte nicht,
dass sich etwa die Zeitungen hier gleich von vornherein feindlich
zur theosophischen Bewegung stellen. In kleinen Stadten haben die
Zeitungen noch einen viel grofteren Einfluss als in grofieren. Aber
ich konnte wieder Erfahrungen sub specie humanitatis machen. Ich
war vorher nie bei einer Sitzung der Schlaraffia. Das ist etwas, was
urspriinglich als Parodie auf gewisse Auswuchse des gesellschaftli-
chen Lebens gegriindet worden ist. Es ist nun lehrreich zu sehen,
wie sich dergleichen Dinge in die Lebensgeister der Menschen ein-
schmeicheln. Diese Schlaraffia hat viele Tausende von Mitgliedern
in alien Teilen Deutschlands und Osterreichs und Zweige in den
meisten deutschen Stadten. Nun ist ihr [ihr] urspriinglicher parodi-
stischer Charakter kaum noch als solcher anzusehen; denn das Spiel
wirkt Ernst in den Gemiitern. Man muss so etwas sehen, um zu
wissen, was alles in Menschengemutern an Strebungen lebt, die von
dem abziehen, wohin wir fiihren wollen. Man weift sonst oft gar
nicht, wo der Quellpunkt gewisser astraler Vibrationen liegt, die
einem mit groEer Macht entgegentreten, und deren Ursprung in
Orten unter der Oberflache unseres sozialen Daseins zu suchen ist.
An solchen Orten sammeln sich eine Menge Krafte, die der Theo-
sophie widerstreben. Sie treiben da unter den merkwurdigsten
Masken ihr Spiel. Man lernt sie besonders in Form von Schmeich-
lern kennen, die sich langsam und sicher in die Seelen schleichen.
Viele der Dinge, die unserer Bewegung entgegenwirken, fiihren,
wenn man ihre Wirkenssphare verfolgt, an solche und ahnliche
Orte. Die Menschen, die vor uns sitzen, sind oft recht wenig bei
uns, weil sie von Kraften dirigiert werden, die da und dorthin in die
Lebens-Trivialitat lenken, in eine Trivialitat, die nach und nach
Lebensnerv wird. Solchen Dingen kann nur durch die wirklichen
Theosophen entgegengewirkt werden, die dies ganz sind, und die
deshalb zu Akkumulatoren von Astralkraften werden, um eine
Besserung des Denkens und Empfindens zu bewirken. Ich weifi,
dass jeder Gedanke, wenn er auch unausgesprochen bleibt, wenn er
sich aber nur in der theosophischen Linie bewegt, eine Kraft ist, die
gerade gegenwdrtig viel bedeutet. Ohne einen Stamm von wahren
Theosophen, die in fleifiigem Meditieren das Gegenwart-Karma
verbessern, wiirde die theosophische Lehre doch nur halbtauben
Ohren gepredigt.
Es ist wahrscheinlich, dass ich Sonnabend friih in Schlachtensee
bin, so dass mich Briefe, die dann erst ankommen, nicht mehr treffen.
Heute abend ist theosophischer Zirkel bei Frau Liibke.
In Treuen und Briiderlichkeit Dein R. St.
Frau Liibke: Helene Liibke, geb. v. Bleszynska (1859-1916), Frau des 1893
verstorbenen Kunsthistorikers Wilhelm Liibke, Mitglied der T.G. in London, seit
1902/03 auch der deutschen Sektion. 1903/04 lebte sie in Weimar, wo sie im April
die drei offentlichen Vortrage Rudolf Steiners veranstaltete und den Weimarer
Zweig griindete. 1905 verzog sie nach Elberfeld und organisierte auch dort
Vortrage Rudolf Steiners. Ira April 1906 kehrte sie nach England zuriick.
Herr v. Henning: Horst v. Henning (gest. 1943), Generalagent, Freund Rudolf
Steiners aus der Weimarer Zeit, Mitglied der T.G. seit 1895, spater Vorsitzender
des Zweiges Weimar.
Schlaraffia: Eine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts uber die ganze Erde verbrei-
tete deutsche Vereinigung. Lit.: O. R. Zimmer, Schlaraffia, 1926.
Schlachtensee: Im Januar 1903 wurde die Leitung der deutschen Sektion von der
Kaiser-Friedrichstr. 54a in Charlottenburg nach Schlachtensee, Seestr. 40 verlegt,
und im Oktober 1903 in die Motzstr. 17, Berlin W.
6 An Marie von Sivers in Schlachtensee bei Berlin
Donnerstag, 16. April 1903, andere Fassung
Weimar, 16. April 1903
Liebe vertraute Schwester! Der erste Vortrag ist also gehalten. Er
war recht gut besucht. Es war mir oft, als ob ich Dich im Audito-
rium suchen miisste. - Ich sah ubrigens sogleich, class ich fur
Weimar einiges im Vortrag werde anders sagen miissen. Der Wi-
derstande gibt es auch hier genug. Frau Liibke arbeitet mit Hin-
gebung. Es war hier alles in der schonsten und besten Weise arran-
giert. Man sieht es der Handhabung der Frau Liibke an, dass sie
fiinf Jahre in England an der Quelle gesessen hat. Ihre Arrange-
ments haben einen Zug nach Vornehmheit. - Ich mache natiirlich
besonders in fremden Stadten fur mich immer neue Erfahrungen
beziiglich der Art des Wirkens. Ich hoffe, dass wir vorwarts kom-
men, wenn ich die alle fleifSig verarbeite und verwerte. Wir, beide
zusammen wirkend, durfen hoffen, in Deutschland etwas zu er-
reichen. Wir sind auch dann zusammen, wenn wir ortlich nicht
nebeneinander sind. - Den zweiten Vortrag werde ich popularer
gestalten, als er in Berlin war. Bis ins kleine Weimar scheinen doch
noch zu wenig Begriffe von Entwickelung und Naturwissenschaft
gedrungen zu sein, trotzdem Haeckel in der Nachbarstadt an der
Universitat wirkt. Nach dem Vortrage hat mich gestern Herr
v. Henning zu den Schlaraffen verschleppt, deren Mitglied er ist. Es
war ein Opfer; aber ich wollte es bringen, weil auch der Redakteur
der hiesigen Zeitung «Deutschland» darum anhielt, und ich mochte
nicht, dass sich etwa die Zeitungen hier, wo sie einen groEeren
Einfluss als in Berlin haben, von vornherein ablehnend der Theo-
sophie gegeniiber verhalten. Aber ich konnte wieder Erfahrungen
sub specie universi machen. Ich war vorher nie bei einer Sitzung
der Schlaraffia. Das ist etwas, an dem seine Mitglieder wie an einem
Lebensnerv hangen. Gestern hielt der «Kanzler» eine Rede, in der
er sagte, wer einmal Schlaraffe gewesen ist, und miisste aufhoren, es
zu sein, der ftihlte sich von der Lebensquelle getrennt. Diese Schla-
raffia ist iiber ganz Mitteleuropa verbreitet und hat iiberall ihre
Mitglieder, die sich gradweise in «Pilger», «Junker», «Ritter» und
«Herrlichkeiten» gliedern. Ob es noch hohere Grade gibt, ist ein
Mysterium, zu dem ich noch nicht gedrungen bin. Nun ist aber die
Grundlage der ganzen Gesellschaft die Trivialitat. Es schmerzte,
die Reden zu horen, die da in einem eigenen Schlaraffendialekt
gehalten wurden. Meine Erfahrung ist, dass es solches gibt, und
dass Tausende von Menschen in Deutschland und Osterreich in der
Schlaraffia etwas sehen, wo sie ihr Bestes suchen. Man muss so
etwas sehen, um zu wissen, was alles in Menschengemiitern an
Strebungen lebt, die von der Richtung zum Hoheren, zum Geisti-
gen abzieht. Man weifi sonst oft gar nicht, wo der Quellpunkt
gewisser astraler Vibrationen liegt, die einem mit Macht entgegen-
treten, und deren Ursprung in den Orten unter der Oberflache
unseres sozialen Daseins zu suchen ist. An solchen Orten versam-
meln sich die Krafte, die der Theosophle widerstreben; sie treiben
da unter den merkwiirdigsten Masken ihr Spiel. Man lernt sie da
besonders als Schmeichler kennen, die sich mit einer ganz eigenen
Herzenssprache in die Menschenseelen schleichen. Es geht ganz
feierlich zu. «Herrlichkeit» sitzt auf einem «Thron», zur einen Seite
vom «Kanzler», zur andern vom «Marschall» umgeben. Man hat
Kopfbedeckungen, die die Wurden symbolisch zum Ausdruck brin-
gen. Man hat Namen, die einen ganz abtrennen von allem «Profa-
nen». Man verbringt die ganze «Sippung» (deutsch: Sitzung) in
zeremoniellen Formen. Es ist notwendig, den Zauber jeglicher
Zeremonie zu kennen, wenn man die bestimmende Gewalt dieser
«Sippungen» auf die Menschen durchschauen will. Viele der Dinge,
die uns in unserem Streben entgegenwirken, fiihren, wenn man ihre
Faden verfolgt, an solche und ahnliche Orte, die sich dem gewohn-
lichen Beobachter entziehen. Die Menschen, die vor uns sitzen,
sind oft recht wenig bei uns, weil sie von Kraften dirigiert werden,
die da und dorthin lenken. Solchen Dingen kann nur durch die
wirklichen Theosophen entgegengewirkt werden, die dies ganz
sind, und die deshalb Akkumulatoren von Astralkraften darstellen,
die auf eine Besserung des Empfindens und Fiihlens wirken. Ich
weifi, dass jeder Gedanke, wenn er auch unausgesprochen bleibt
und nur seine Richtung in der theosophischen Linie hat, eine Kraft
ist, die gegenwartig viel bedeutet. Ohne einen Grundstock von
wahren Theosophen, die in fleiEigster Meditationsarbeit, das Ge-
genwart-Karma verbessern, wiirde die theosophische Lehre doch
nur halbtauben Ohren gepredigt.
In Treuen und Briiderlichkeit Dein R. St.
7 An Marie von Sivers in Schlachtensee bei Berlin
Samstag, 18. April 1903
Weimar, 18. April 1903
Liebe vertraute Schwester! Auch der zweite Vortrag ist gehalten.
Er war noch besser besucht als der erste. Aus allem, was ich hier
in bezug auf unsere Sache erlebe, darf ich hoffen, dass wir durch-
dringen werden, wenn wir Ausdauer und Wirkenskraft haben. Und
Ausdauer miissen wir, Wirkenskraft werden wir haben, wenn wir
nur den Geboten der innern Notwendigkeit folgen. Habe aller-
herzlichsten Dank fur Deinen Brief. Es ist mir sehr leid, dass Du
mit Aufierlichkeiten so geplagt bist, und dass Du nicht einmal ganz
wohl bist. - Die Schwierigkeiten, welche Dir die alten Blatter ge-
macht haben, werden in nicht ferner Zeit ganz schwinden. Sie
mussen iiberstanden werden. Denn sie liegen einmal auf dem Weg,
wenn sich die Wissenschaft des Gehirns in die Weisheit des Her-
zens wandeln und dadurch der Geist immer lebendiger werden soil.
Du musst bedenken, dass nicht nur Diagramme und Zeichnungen,
sondern auch Vorstellungen und Ideen nur Symbole sind. Alles das
ist nur Durchgangstor zum Geiste. Du wirst den Durchgang fin-
den, weil Du dazu pradestiniert bist. Allerdings gibt Dir das auch
die Notwendigkeit, diesen Durchgang zu suchen.
In welchem Sinne Deinhard hier wirken will, davon gibt einen
Vorgeschmack, was Hiibbe-Schleiden in einem eben eingetroffenen
Brief schreibt. Es ist wieder dieselbe Sache: nicht Theosophie und
nicht Theosophische Gesellschaft. Wieder die Mahnung: ich solle
nichts tun als eine Zeitschrift ohne Hinweis auf beides herausgeben.
Dass wir iiberhaupt etwas unternehmen, ist ganz gegen die Ansicht
dieser Herren. Nun, wenn wir in ihrem Sinne handelten, wiirde die
Begriindung der deutschen Sektion eine Farce sein; wir handelten
treulos gegen alle unsere Versprechungen und die Theosophie ware
unter Deutschen ganz ohne Aussichten. Es ist eigentumlich, dass
diese Hemmschuhe hineinfallen mussen in eine Zeit, in der man die
Kraft zum Weiterwirken braucht; dass sich diese ganz wesenlose
Rederei der Herren storend in den Weg legt, wo, von ihr abge-
sehen, alles doch zu Hoffnungen berechtigt. Hier arbeitet Frau
Liibke mit Hingebung, und in demselben Augenblicke mahnen die
alten deutschen Theosophen zum Nichtstun. Ob es wohl noch
lange dauern wird!
Wir werden jetzt alles mit Festigkeit tun mussen, selbst auf die
Gefahr hin, dass uns diese alten Theosophen verlassen. - Du ver-
stehst mich; und das gibt mir Kraft, das macht mir die Fliigel frei.
In Treuen und Bniderlichkeit R. St.
Deinhard: Ludwig Deinhard (1847-1917), Industrieller, Freund und Mazen von
Hiibbe-Schleiden, begriindete im Marz 1894 den Zweig Miinchen der euro-
paischen Sektion der T.G., der dann aber bald wieder einschlief. 1902 wurde der
Zweig mit nur 7 Mitgliedern reaktiviert fur die deutsche Sektionsgriindung, um
im Fahrwasser von Hiibbe-Schleiden praktisch gleich wieder einzuschlafen.
was Hiibbe-Schleiden in einem eben eingetroffenen Brief schreibt: «... Anderer
Ansicht als Sie bin ich nur in bezug auf die Absicht und den Zweck der
theosophischen Bewegung. Sie und alle anderen heutigen Vertreter wollen aus
dieser Bewegung fur sich und moglichst viele andere einzelne Personen den
geistigen Vorteil und Nutzen ziehen. ... Um nun diese Zweckerfiillung zu
ermoglichen, scheint mir die erste Vorbedingung, dass wir unserer Kultur nur den
geistigen Inhalt unserer Erkenntnis und unseres Strebens geben, dass wir aber
dabei vorerst die Schlagworte Theosophie und Theosophische Gesellschaft ganz
vermeiden.» (Brief vom 17. 4. 1903). Rudolf Steiner schrieb an den Rand: «Das ist
eben die grundfalsche Voraussetzung, die alle Missverstandnisse hervorruft. Nicbt
Nutzen und nicht Vorteil, sondern notwendige Erfiillung eines klar eingesehenen
Karmas!!! Fur mich war die Differenz klar, als ich sah, dass meine dahingehend
fur den Eingeweihten bestimmten Andeutungen in Berlin auf keinen fruchtbaren
Boden fielen und nur von Fraulein v. Sivers verstanden wurden.»
8 An Rudolf Steiner in Weimar
Samstag, 18. April 1903
Schlachtensee, d. 18/IV 03
Heute wirst Du nun von Deinhard attackiert. Ich schicke Dir die
eben angekommene letzte Nummer des Vahan. Es ist manches
Interessante daran. Bresch bessert sich zusehends. Er ist maftvoll
und fest, und die paar Anspielungen auf Hiibbe-Schleiden sind
ebenso richtig als am Platz. Man kann Hiibbe-Schleiden nicht die
Vorderrolle spielen lassen.
Deinhard ist bestimmt erschreckt iiber Dein Vordringen und hat
unserer armen Frau Carola Mayne den Kopf wirr gemacht, denn sie
antwortet mir nicht. Du sollst ihm sagen, dass er sie in Ruhe lasst.
Demselben Bericht entnehme ich, dass Olcott in Europa ist. Am
5. Marz abgereist, also ist er schon hier. Vielleicht, bei seinem hohen
Alter, das letzte Mai. Wir miissen ihn sehen, nicht wahr? Vielleicht
kommt er zu uns. Es ist ganz gleich, wenn Hiibbe-Schleiden und
Deinhard sich dagegen wehren. Es ware eine Sanktionierung unse-
rer neubegriindeten Sektion durch den ehrwiirdigen und ersten
Prasidenten. Es ware wiederum ein frischer Strom und ein An-
sporn fur die Mitglieder. Am besten war es, er bliebe so lange, dass
er zum Jahresfest kommen konnte und mein Gast in Berlin sein.
Sollte er aber friiher wegreisen, miisste es auch im Sommer moglich
sein einen Vortragsabend anzukiinden, an welchem Ihr beide zu-
sammen sprechen wiirdet, und einen Tag oder zwei wtirde er wohl
in Schlachtensee leben. Kann er aber das alles nicht, so ware es
wohl schon, wenn wir nach London gingen und zwar lieber jetzt
als zur Convention.
Ich werde gleich Naheres zu erfahren suchen. Am liebsten moch-
te ich ihm gleich, und auch in Deinem Namen, einige Begriifiungs-
worte schicken und die Hoffnung aussprechen, ihn auch den rau-
hen deutschen Boden betreten zu sehen. Soil ich?
Und lass mich, wenn es gent, recht schnell etwas iiber Deine
Unterredung mit Deinhard wissen, damit ich der Carola gegeniiber
Sachkenntnis habe.
Heute war es mir zum ersten Mai, als ob ich etwas tiefer das
Wesen der Meditation erkannte, das schopferischer ist als Nach-
Denken, Nach-Beten und -Empfinden. Ich wollte es auch fixieren,
aber da kam die Morgenarbeit dazwischen und jetzt die Briefe und
ich furchte, es verfluchtet sich. Du wirst freilich sagen: das hattest
du doch tun miissen. Aber dann ist wieder die absorbierte Seelen-
ruhe nicht, die Grundbedingung, wegen des Ungetanen.
Das war iibrigens etwas, was mir heute besonders klar vor
Augen trat, auch in der Meditation. Mein Haupthindernis war die
Unordnung. Die gab mir auch das gesteigerte Hetzgefuhl und die
Gewissensbisse, und so drangte sich immer das Ungeschehene und
Vernachlassigte des taglichen Lebens in die devotionellen und
mentalen Bilder. Das ist ein tiefer Grund meines langsamen Wei-
terkommens, und so lange dieses Laster nicht radikal ausgewurzelt
ist, wird's auch nicht gut gehen. Beim Kleinen muss angefangen
werden.
Da hast Du meine eben errungene Einsicht.
Dir aber tausend Dank, Du Guter, Bester, fur das Meer von
Licht, das Du mir gibst, und fur Dein spirituelles- Tragen.
Wie geht's Dir? Marie.
1903
Wenn wir hingehen miissten, oder gar ich allein, mochte ich am
liebsten den 8. Mai, den Todestag von Frau Blavatsky dazu aus-
suchen. Es war mein grofies Bedauern voriges Jahr, dass ich nicht
da sein konnte, und da wir ihn selbst dieses Jahr noch nicht erheb-
lich feiern konnen, mochte ich's einholen.
Erwage dies alles, wenn Du nun nahere Bestimmungen iiber
Deine Vortragstournee triffst, insbesondere Miinchen. Willst Du
nicht gleich Deinhard vorschlagen eine Rede in Hannover zu
halten, Du naturlich.
der «Vahan»: Die von Richard Bresch in Leipzig herausgegebene Zeitschrift fur
Theosophie, (1899-1906).
Frau Carola Mayne, geb. Grafin Topor-Morawitzky (1846-1907/08), Mitglied im
Berliner Zweig seit Marz 1903. Marie v. Sivers hatte sie gebeten, in Miinchen
Vortrage Rudolf Steiners zu organisieren, da Deinhard, der eigentlich fur Miin-
chen zustandig war, sich damals gegen jede offentliche theosophische Tatigkeit
straubte, wie z. B. aus seinem Brief an Marie v. Sivers vom 13. 5. 1903 hervorgeht:
«Ich mochte nun zunachst freundlich bitten, sich doch kiinftig gefalligst an meine
Adresse wenden zu wollen, wenn es sich um irgendwelche Dinge handelt, die die
theosophische Gesellschaft angehen. Herr Becker ist ja mit den Verhaltnissen der
theosophischen Bewegung kaum naher vertraut und noch viel, viel weniger ist
dies Mrs. Mayne, eine in Pasing wohnende Deutsch-Amerikanerin, die leider
stocktaub ist und dazu die unangenehme Eigenschaft besitzt, dass sie durch ihre
naiven Briefe fortwahrend nur Konfusion stiftet. - Als ich kiirzlich Dr. Steiner in
Weimar traf, habe ich ihn ausdriicklich gebeten, sich wegen etwaiger Vortrage, die
er hier halten wolle, doch ja an mich zu wenden. Ich glaube als altestes Mitglied
der T.S. und als derjenige, der am meisten zur Ausbreitung der theos. Ideen in
Miinchen beigetragen hat, dies erwarten zu durfen. Ich habe nun schon in Weimar
Dr. Steiner darauf aufmerksam gemacht, dass das Interesse fur Vortrage in der
gegenwartigen Jahreszeit hier ein aufierordentlich geringes ist. Ich rate also positiv
ab, jetzt oder im Laufe des Sommers hier einen offentlichen Vortrag halten zu
wollen. ...»
Olcott ... mein Gast in Berlin: Hat sich nicht realisiert.
lieber jetzt als zur Convention: Sie fuhren aber doch erst zur Jahresversammlung
der Britischen Sektion der T.G. in London, 3. bis 5. Juli 1903.
9 An Marie von Sivers in Schlachtensee bei Berlin
Sonntag, 19. April 1903
Weimar, 19. April 1903
Liebe vertraute Schwester! Deinhard hat sich bis zur Stunde noch
nicht gemeldet. Er wird also wohl erst heute kommen. Gestern hat
sich hier die Weimarische Zweigloge konstituiert. Aufter den bei-
den Vortragen habe ich auch noch - mit denen, die beitreten wer-
den - zweimal engeren Zirkel gehalten. - Dass unsere Anwesenheit
in der nachsten Zeit in London notwendig sein werde, habe ich seit
lange empfunden. Jetzt, da Olcott in Europa ist, ist sie wohl unver-
meidbar. Aber, liebe vertraute Schwester: wir rmissen zu diesem
Ende alles wohl erwagen und uns den rechten Zeitpunkt bestim-
men. Denn ich glaube, Dir sagen zu konnen, dass diese nachste Zeit
fiir uns keine unwichtigen Sachen bringen werde. Wir diirfen jetzt
in keiner Sache unseren nachsten Impulsen folgen. Was Du mir
eben - im Vahan - gesandt hast, ist ja nur Symptom. Es arbeitet
manches gegen uns. Und Bresch hat gegenwartig einen richtigen
Fuhler. Was er selbst sagt, ist gerade jetzt vielleicht wichtiger, als
sich der Schreiber selbst bewusst ist. Hochstwahrscheinlich reise
ich iibrigens Dienstag iiber Leipzig nach Berlin. Es scheint mir
vorlaufig, dass ich Bresch sprechen muss. - Also wir werden, wenn
ich wieder bei Dir bin, alles in bezug auf Olcotts Anwesenheit
ruhig besprechen. Frau Liibke, die durch ihr dreijahriges Zusam-
menwirken mit den Londoner Theosophen ganz anders sehen ge-
lernt hat, als die alten Mitglieder in Deutschland, gab mir schon
vorgestern Recht, als ich auf die Wichtigkeit hinwies, jetzt Olcott
personlich nahe zu treten. Ich empfinde nun hier, dass richtig ist,
was wir zu tun begonnen haben. Nicht darauf kommt es an, wieviel
wir da oder dort im ersten Ansturm erreichen, sondern ob wir das
Richtige - das durch das Zeit-Karma Bedingte - tun. Sogleich wenn
ich nach Berlin komme, miissen meine drei Vortrage gedruckt
werden. Und fiir den «Luzifer» ist wohl kein Zeitpunkt richtiger
als gerade der, zu dem er erscheinen wird. - Dass Deinhards Be-
sprechung mit mir ohne Bedeutung sein muss, wenn wir vorwarts
kommen wollen, das wirst Du ohne weiteres zugeben. Das wich-
tige fur mich wird auch gar nicht sein, was er sagt, sondern, was er
nicht sagt. Auch in Hiibbe-Schleidens letztem Brief ist das wichtig-
ste, was gar nicht darinnen steht. Ich werde mit Dir in den nachsten
Tagen iiber Verschiedenes sprechen, was Dir manches klarer ma-
chen wird. Fur heute nur einen Richtsatz: Wir halten treu zusam-
men; und wir tun beide, auch gegen etwaige Missverstdndnisse, die
in der nachsten Zeit kommen konnten, alles in vollster Treue und
Hingebung an Mrs. Besants Intentionen.
Was Du mir iiber Deine Meditation mitteilst, macht mich froh.
Ich weifi, Du wirst weiter kommen. Und ich weifi auch, dass Dich
die besten Krafte leiten. Fahre also fort. Es ist so lieb, dass Du mir
auch gestern geschrieben hast, so dass ich heute morgen den Brief
von Dir erhielt. Weimar hat fur mich ein rechtes Doppelgesicht
jetzt. Du weifit, dass ich Dir ofter von meiner Empfindung gewis-
ser «Unwahrheiten» gesprochen habe. Ich war in Weimar sieben
Jahre, und da ist es einzusehen, dass auch heute wieder die «Ge-
spenster» jener «Unwahrheiten» aus alien Winkeln hervorkriechen.
Es haftet an meinen Relationen in Weimar zu viel Personliches.
In Treuen und Briiderlichkeit R. St.
Sogleich miissen meine drei Vortrage gedruckt werden: Die ersten offentlichen
Darstellungen der Inhalte der Theosophie (Die Theosophie und die Fortbildung
der Religionen, Die theosophischen Hauptlehren, Die Theosophie und der
wissenschaftliche Geist der Gegenwart) in Berlin im Marz und April, und deren
Wiederholung in Weimar. Der Druck ist nicht erfolgt; die Griinde dafiir sind
nicht bekannt.
«Luzifer»: Die von Rudolf Steiner herausgegebene «Zeitschrift fur Seelenleben
und Geisteskultur, Theosophie», deren erste Nummer am 1. Juni 1903 erschien,
ab Januar 1904 mit der Wiener Zeitschrift «Gnosis» zu «Lucifer-Gnosis» ver-
bunden.
Ich war in 'Weimar sieben Jahre: Viele Briefe Rudolf Steiners aus dieser Zeit findet
man in dem Band «Briefe II», GA 39.
10 An Marie von Sivers in Berlin
Samstag, 21. November 1903
Weimar, 21. November 1903
Liebe vertraute Schwester,
gerne hatte ich Dir schon gestern einen kurzen Grufi gesandt, aber
die Zeit vor dem Vortrag war ausgefiillt. Heute habe ich Deine
lieben Zeilen erhalten. Sie sind ganz Du. Doch sollst Du nicht
glauben, dass ich den Zug in Dir, der uns zusammen gefuhrt hat,
auch nur im geringsten unterschatze. Fiir uns ist ja das gemeinsame
Ziel eine der Meister-Krafte, denen gegeniiber wir beide «lenksam»
sein miissen in treuer, fester Waffenbriiderschaft. Der Mit-Glaube
ist eine positive Kraft, die magnetisch fiir uns wirkt, und diese Mit-
Glaub ens-Kraft hast Du mir durch Dein Verstandnis gebracht; und
wir miissen sie uns gegenseitig geben.
Der gestrige Vortrag ist also voniber. Vorher war ich mit Frau
Liibke bei Prozors. Abends hab ich auch den jungen Sohn fliichtig
gesehen. Der Vortrag gestern handelte von der «Pilgerfahrt der
Seele». Der erste Teil behandelte das dreifache menschliche Wer-
den: lunarisch-kamische Epoche: Bildung der manasisch-kamischen
Psyche (1. 2. Rasse) und Epoche der Verkorperungen des eigent-
lichen Menschengeistes (von der 3. Rasse an). Dann im 2. Teile
folgten die Wege durch physische, kamische und Devachan-Welt.
Ich versuchte den irdischen Menschenwandel zu charakterisieren
als Durchziehen durch verschiedene Lebensstationen (Reinkarna-
tionen), die «Hauser» und betonte dann, dass im Anfange und am
Ende je ein Tempel stent; auf dem ersten das Menschenlebensratsel,
auf dem am Ende das «Wort der L6sung» und an den «Hausern»
dazwischen die einzelnen Buchstaben, die zuletzt das «Wort der
L6sung» zusammensetzen.
Heut abends wird kleiner Kreis versammelt. Und dann fahre ich
nach Coin ab, wo ich morgen um 9 Uhr sein mochte. Du schreibst
von einer Portiere, die du vor meiner Tiir anmachen lassen willst.
Ich glaube nicht, dass Du dies jetzt tun sollst. Ich werde Dir miind-
lich sagen, warum ich gerade jetzt die Haufung neuen Ziindstoffes
nicht fur gut halten kann. Glaube, mein Liebling, wie ich glaube,
dass wir iiber die Schwierigkeiten hinauskommen, gerade dann,
wenn wir auch nicht einmal scheinbar provozieren. Missverstehe
mich nicht und sehe darin keine Kleinmiitigkeit, oder den Mangel
an Willen, Klarheit zu schaffen. Aber Klarheit wird um so eher
auch da kommen, wenn wir selbst in diesem Falle das «Verwunden
verlernen». Es ist ein beherzigenswertes Wort des neuen Testamen-
tes: «Widerstrebe nicht durch Wehetun». (Die deutsche Uberset-
zung hat nattirlich auch da einen Nonsens: Widerstrebe nicht dem
Ubel). Und wenn das «Wehe-Tun» auch nicht von uns verursacbt
ist, so kann es doch von uns bewirkt sein. Wir miissen in solcher
Richtung das Notwendige tun, und lieber einen Schritt weniger, als
einen zuviel (wohlgemerkt in dieser Richtung). Also lassen wir die
Portiere, die auch dadurch nicht sonderlich viel bessern kann, dass
sie das physische Kuchengerausch abhalt und das psychische noch
um einen Grad erhoht.
Sei frisch, liebe Vertraute, sieh manchmal in Deinen Papieren
nach und halte es mit Deiner Meditation, wie wir es besprochen
haben.
In Treuen ganz Dein Rudolf.
eine der Meister-Krafte: Siehe Hinweis zu Nr. 20.
Prozors: Graf Maurice Prozor (1849-1928), bekannt als Ubersetzer der Dramen
Ibsens ins Franzosische, Diplomat in russischen Diensten, damals am Hofe von
Weimar, seine Frau Marthe, seine Tochter Elsa und sein Sohn Maurice Edouard,
waren oder wurden alle Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft.
17\Jt
Im April dieses Jahres wird der vielleicht wichtigste Schritt iiber Berlin
hinaus unternommen, durch den der Grand gelegt wird zu einer frucht-
baren Entwickelung der fur die Zukunft der anthroposophischen Arbeit in
Deutschland neben Berlin wichtigsten Zentren, Miinchen und Stuttgart. In
Stuttgart hatte Prof. Oscar Boltz im Herbst 1903 eine eigene «Theosophi-
sche Gesellschaft in Stiddeutschland» gegriindet und im Januar 1904 sogar
versucht daraus eine siiddeutsche Sektion zu machen. Adolf Arenson bat
um Hilfe, da er sich von Rudolf Steiners personlichem Einwirken ver-
sprach, dass es diese Spaltung verhindern konnte. Mit Freuden begriifite er
daher in seinem Brief vom 17. Marz die Absicht Rudolf Steiners im April
nach Stuttgart zu kommen. (Die Gruppe um Boltz konstituiert sich dann im
Februar 1905 als zweiter Stuttgarter Zweig der deutschen Sektion.) - In
Miinchen war der Zweig praktisch eingeschlafen, und der zustandige Lud-
wig Deinhard wehrte sich gegen jede Initiative aus Berlin. Daneben gab es
dort aber mehrere theosophische Gruppen, die in einem losen Zusammen-
hange mit der Hartmann-Bohme Gesellschaft in Leipzig standen. Deren
grofke stand unter der Leitung der Baronin Wangenheim, die damals ihren
Wohnsitz von Miinchen nach Sachsen-Coburg verlegte. Zu ihrer Gruppe
gehorten auch Sophie Stinde und Grafin Kalckreuth. Wahrscheinlich durch
Vermittelung von Alfred Meebold wird Rudolf Steiner eingeladen im April
auch dort zu sprechen, und das fuhrt nach seinem zweiten Besuch auf der
Riickreise von Lugano Ende April zu einer grofien Konferenz aller Miinch-
ner Theosophen, zu der sogar die Grafin Brockdorff aus Meran erscheint.
Am 9. Mai schreibt die Baronin Wangenheim an Rudolf Steiner: «Mein
langeres Bleiben in Miinchen hatte also doch zu einem positiven Resultat
gefuhrt, namlich zum Zusammenschluss der verschiedenen Kreise zu einer
«Loge» im Anschluss an Adyar, durch Sie. [...] Es freut mich von Herzen,
dass wir soweit sind, uns Ihnen, den nicht nur ich, sondern die Andern mit
mir als einen geistig Verwandten erkannt und lieb gewonnen haben, uns
offiziell anzuschliefien. Das muss Ihnen ein Zeichen sein, wie tief eingrei-
fend Ihre ganze Wesenheit auf uns wirkte! In warmer Freundschaft halte ich
Ihre Hand fest in der meinen und hoffe auf haufiges Wiedersehen. Frl. von
Sivers und Ihnen herzlichen Grufi von Ihrer G. A. Wangenheim*.
Anfang Juni erscheint Rudolf Steiners Buch «Theosophie. Einfiihrung
in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung», im Juni-Heft
des «Lucifer» auch der erste Aufsatz der Folge «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?». So ensteht nach und nach eine eigenstandige
Literatur, und dadurch wird die von vielen begriiftte Ablosung von der
indisch-theosophischen Darstellungsweise ermoglicht.
Im Mai sind Rudolf Steiner und Marie v. Sivers in London um mit
Annie Besant liber die Einrichtung der «Esoterischen Schule» zu verhan-
deln. Mit Dekret vom 10. Mai wird Rudolf Steiner zum « Arch-Warden of
the E.S. in Germany and the Austrian Empire» ernannt, und in der
zweiten Halfte des Jahres beginnt der Aufbau der E.S. (GA 264, 266). -
Im Juni nehmen sie am ersten Jahreskongress der Foderation Europaischer
Sektionen in Amsterdam teil. Auch Sophie Stinde und Grafin Kalckreuth
aus Munchen, Mathilde Scholl aus Koln und andere sind anwesend. - Im
September begleiten sie Annie Besant auf einer Vortragsreise durch die
deutschen Zweige.
Bei der Generalversammlung der deutschen Sektion im Oktober kann
berichtet werden, dass die Mitgliederzahl von 130 auf 251 gestiegen
ist. Vier neue Zweige wurden begriindet (Koln, Niirnberg, Munchen,
Dresden).
11 An Marie von Sivers in Berlin
Freitag, 8. April 1904
Stuttgart, 8. April 1904
Liebe Marie!
Es war mir sehr befriedigend, als ich Deinen Entschluss horte, doch
nach Lugano mitzureisen. Ich hoffe, dass bis zu dem Tage, an dem
wir uns wieder sehen werden, doch ein kleines Snick theosophi-
scher Arbeit getan sein werde. Hier haben wir gestern eine Zweig-
versammlung gehabt, die, wie ich wohl annehmen darf, giinstig
verlaufen ist. Heute abends ist also Vortrag. Man beschaftigte sich
auch hier in letzter Zeit viel mit Uneinigkeit; und ich werde froh
sein, wenn ich mir bei meinem Weggange werde sagen konnen, ich
habe etwas zur Einigkeit beigetragen.
Arensons Tochterchen geht in den nachsten Tagen nach Bern
(Schweiz) und ich mochte Dich bitten, ob Du die Adressen unserer
Berner Theosophen an Arenson schreiben konntest. Er mochte,
dass seine Tochter dort theosophischen Anschluss findet. Tue es,
denn die ganze Familie Arenson ist wirklich der Bewegung sebr
ergeben. Am Sonntag fahre ich nach Miinchen himiber. Ich werde
da im Hotel «Deutscher Kaiser» (am Bahnhof) wohnen. Deinhard
hat mir hieher geschrieben, und auch dieses Hotel angegeben.
Die Zeit ist hier sehr ausgefiillt; und ich muss Dir diesen Brief
in der Morgenstunde schreiben, denn spater wird man mir wohl
keine Zeit lassen. Vorlaufig habe ich mich noch nicht blicken las-
sen. Die kleinen Mitteilungen sende ich zugleich mit diesem Briefe
an Bresch ab.
Morgen erhaltst Du dann einen Brief mit einigen Auftragen fiir
«Lucifer» und anderes.
Lieb war mir, wie Du unsere beiden letzten esoterischen Stun-
den hast auf Dich wirken lassen. Glaube mir, meine liebe Marie,
Du kommst schneller vorwarts, als Du es vielleicht selbst nur ir-
gend bemerken kannst. Ich denke in Liebe an Dich und alle Arten
des Nahekommens sind bei uns nur Bestatigungen unseres tiefen
geistigen Zusammenhangs. Du bist mir die Priesterin, als die Du
mir entgegenblicktest, als ich Deine Individualist erkannt hatte.
Ich schatze Dich in der Reinheit Deiner Seele, und nur deshalb darf
ich Dir zugetan sein. Wir leben miteinander, weil wir innerlich
zueinander gehoren, und wir werden immer ein Recht haben, so
zueinander zu sein, wie wir sind, wenn wir uns klar sind, dass
unser personliches Verhaltnis eingetaucht ist in den heiligen Dienst
der Geistesevolution. Ich weifi, dass der Augenblick nicht kommen
darf, wo diese Heiligkeit auch nur im geringsten gestort wiirde.
Uberbiirde Dich nicht in diesen Tagen. Ich hoffe am Mittwoch
eine recht Gesunde zu finden.
Mehr werde ich heute wohl nicht schreiben konnen. Denn man
erwartet mich da draulSen. - Dass ich in Miinchen im Hotel wohne,
ist sogar besser, denn noch nicht alle Leute haben die Art, die Du
so schon pflegtest, als Annie Besant [Okt. 1902] bei Dir wohnte.
Du weifk, dass [nicht] zu viel bekummern um einen Gast, nicht die
Aufmerksamkeit stort. Man muss aber die Menschen nehmen, wie
sie sind, besonders wenn sie mit bestem Willen sich ein wenig zu
viel um einen bekummern. Du weifk, dass dies keine Klage ist,
denn Arensons sind der Sache wirklich treu ergeben.
Immer in aller Treue Dein Rudolf
nach Lugano mitzureisen: Mitte April besuchten Rudolf Steiner und Marie
v. Sivers fur eine Woche den Zweig in Lugano, auf Einladung von Giinther
Wagner.
Arensons: Adolf Arenson (1855-1936) und seine Frau Debora (1862-1937), geb.
Meldola, Mitglieder seit 1902 und 1903. Adolf Arenson, seit 1904 im Vorstand der
deutschen Sektion, grundete zusammen mit Carl Unger 1905 einen eigenen Zweig
Stuttgart III speziell zum Studium der Werke Rudolf Steiners; komponierte u. a.
fur Miinchen die Musik zu den Mysteriendramen. - Mit «T6chterchen» diirfte die
alteste Tochter Clarita gemeint sein, die spater Eugen Benkendoerfer heiratete.
Die kleinen Mitteilungen: Bezieht sich auf die Rubrik «Kleine Mitteilungen der
D.T.G.» im «Vahan», in der Mitteilungen des Berliner Zweiges erschienen.
unsere beiden letzten esoterischen Stunden: Nach Brief Nr. 20 zu schliefien, erhielt
Marie v. Sivers montags privaten esoterischen Unterricht.
12 An Rudolf Steiner in Stuttgart
Freitag, 8. April 1904, aus Berlin
8/IV 04
Den Brief des Schweizer Herrn habe ich beantwortet. Ich fordere
iiberhaupt unsere fiinf Schweizer Mitglieder auf, sich Mittwoch
Abend in Zurich einzufinden um Dich zu begriifien, - und sage
ihnen, dass wenn sie alle hubsch beisammen sind, Du ihnen even-
tuell auch Donnerstag zugeben wiirdest. Als Adresse gebe ich ih-
nen Dr. Gysi, Borsenstr. 1 1 an, da ich noch kein Hotel weifi. Um
die Angabe eines solchen habe ich Herrn Gysi gebeten, der sie mir
hoffentlich zuschickt. Gib mir Deine Mtinchener Adresse, damit
ich eventuell telegrafieren kann. Hier etwas, was man als Einladung
zum Kongress nach Florenz betrachten kann. - Hier ein Brief des
Grafen, den ich mir aufzuheben bitte. Ich werde ihn nun damit
vertrosten, dass Du ihn besuchst, wenn Du im Herbst Deine Reise
nach Innsbruck machst. Sollte die Reise Hartmanns schon eine
Antwort sein auf Deine Erklarung Mrs. Scott gegemiber? Moglich,
dass sie der Prinzessin diese Mitteilung gemacht hat.
Hierher kam nun Frau Pantenius aus Pfalzburg und ein Dr. ph.il.
Morck aus Wiesbaden, der Dich kennen lernen wollte.
Die Druckbogen fur die Federation wirst Du in Miinchen
bekommen; dann gib an, wie viel und wie gedruckt werden soli.
Schon Dich, hetz Dich nicht ab, - lerne den Menschen etwas
abschlagen.
Ganz Deine Marie
unsere fiinf Schweizer Mitglieder: Rudolf Geering-Christ, Bottmingen bei Basel,
1894 im Griindungsvorstand der D.T.G. in Berlin; Alfred Gysi, Zurich; Wilhelm
v. Megerle, Schirmensee am Ziirichsee; Jacques Tschudi, Glarus. Das funfte Mit-
glied war wahrscheinlich Paul Buro. Giinther Wagner und die anderen Mitglieder
in Lugano konnen nicht gemeint sein, da sich Rudolf Steiner auf der Reise nach
dort befand, wo bereits ein Zweig bestand.
Dr. Gysi: Dr. med. Alfred Gysi (1864-1957), Forscher am zahnarztlichen Institut
der Universitat Zurich, spater Professor. AIs Mitglied des Zweiges Lugano wurde
er 1902 auch Mitglied der deutschen Sektion. 1908 Mitbegriinder und spater
Vorsitzender des Zschokke-Zweiges in Zurich. 1913 gehorte er zusammen mit Dr.
Emil Grosheintz, Frau Marie Schieb und Frau Marie Hirter- Weber zu den vier
Schweizer Mitgliedern, die das Gelande fur den Goetheanum Bau in Dornach
stifteten.
Einladung zum Kongress nach Florenz: Anzeige der 3. Jahresversammlung der
italienischen Sektion, 17. und 18. April, durch den Generalsekretar Decio Calvari
vom 6. April.
Brief des Graf en ... Reise nach Innsbruck: Vermutlich Graf und Grafin Brock-
dorff, die ehemaligen Geschaftsfuhrer des Berliner Zweiges, die sich im Herbst
1902 nach Meran zuriickgezogen hatten, das iiber die Brenner-Bahn leicht von
Innsbruck aus zu erreichen ist. Der Brief des Grafen aus dieser Zeit ist allerdings
nicht erhalten. Ob die Reise nach Innsbruck wirklich erfolgte, ist nicht bekannt.
Reise Hartmanns: Dr. Franz Hartmann (1838-1912), Mitarbeiter H. P. Blavat-
skys, griindete die von Adyar unabhangige «Theosophische Gesellschaft in
Deutschland», war nicht der administrative Leiter dieser Gesellschaft, aber doch
ihr Spiritus rector, auch nachdem er seinen Wohnsitz in Florenz nahm. Uber seine
Reise ist nichts Naheres bekannt, aufier dass er am 24. Mai 1904 auf dem
Bundestag der «T.G. in Deutschland» in Leipzig einen Vortrag hielt.
Erklarung Mrs. Scott gegeniiber: Julia Scott, ebenfalls eine alte Theosophin, war
mit H. P. Blavatsky personlich bekannt. Sie kam nach Italien und leitete die Loge
in Florenz, wahrend Marie v. Sivers in Bologna wirkte. Die konstituierende
Versammlung der italienischen Sektion fand am 1. und 2. Februar 1902 in Rom
statt. Wohl spatestens bei dieser Gelegenheit lernten sich die beiden Damen
kennen. Mrs. Scott war Abonnentin der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» und ein
Besuch von ihr in Berlin im September 1903, wo sie Rudolf Steiner kennenlernte,
ist durch ihren Brief vom 18. September 1903 belegt. - Die «Erklarung» bezieht
sich sehr wahrscheinlich auf Rudolf Steiners Absicht sich um Siiddeutschland zu
kummern.
Prinzessin: Maria de Rohan, geb. Grafin v. Degenfeld (1851-1924), in Florenz. Sie
hatte Kontakte zu alien theosophischen Gruppierungen; vor allem in der Korre-
spondenz von Franz Hartmann erscheint ihr Name ofters. So hatte sie auch
urspriinglich das Patronat fur die Frauen des Memphis-Misraim Ordens, an dem
Franz Hartmann beteiligt war (s. GA 265, S. 86). Im August 1911 wurde sie
Mitglied des Zweiges Miinchen I der deutschen Sektion.
Dr. phil. Morck: Dietrich Morck, Mitglied seit Oktober 1904, 1908 bei der
Griindung des Zweiges Wiesbaden Schriftfiihrer.
Druckbogen fiir die Federation: Deutsche Fassung des Programms fur den ersten
Kongress der «Federation of European Sections of the Theosophical Society»,
welcher im Juni 1904 in Amsterdam stattfand.
13 An Marie von Sivers in Berlin
Montag, 11. April 1904
Miinchen, 11. April 1904
Liebe Marie!
Wirklich ist es also erst jetzt moglich, Dir zu schreiben. Dass in
Stuttgart alles gut ging, weifk Du schon. Die Stuttgarter Mitglieder
strahlten, als sie den vollen Saal sahen; und ich war selbstverstand-
lich froh, zu 500 Personen von Theosophie sprechen zu konnen. -
Gestern, gleich nach meiner Ankunft, war der Abend bei der
Baronin Wangenheim. Ich sollte iiber die Entwickelung der christ-
lichen Mystik sprechen. Das habe ich getan. Nach dem Vortrage
wollten sogleich die Zuhorer auch, dass ich offentlich spreche. Und
- Deinhard will es nun auch. Alles geht also darauf hin, dass ich
noch fiir Mittwoch bleibe, und dann einen offentlichen Vortrag
halte. Aber ich habe jetzt Bedenken. Die Baronin Wangenheim hat
friiher Opfer gebracht, als Bohme da war, und deshalb zweifelte
sie, ob wir nicht mit einem offentlichen Vortrag bei dem so abge-
schreckten Publikum in der Art Fiasko machen konnten, dass iiber-
haupt niemand komme. Nun ware doch bis Mittwoch alles iiber-
hastet; und ein solcher in aller Eile veranstalteter Vortrag scheint
mir nicht das rechte zu sein. Er konnte gerade wegen der Eile
schlecht besucht sein, und dann konnten die Veranstalter erst recht
stutzig werden. Ich werde daher gleich nachher, wenn ich zu Dein-
hard zum Mittagessen gehe, diesem vorschlagen, dass ich auf der
Riickreise iiber Augsburg mir meine Karte umschreiben lasse und
eventuell dann hier einen offentlichen Vortrag halte. Das diirfte auf
jeden Fall gescheiter sein. Auf alle Falle geht dann gleich nachmit-
tag an Dich ein Telegramm ab.
Mittlerweile haben sich iibrigens die von Deinhard angesetzten
«Aussprachen mit Theosophie-beflissenen» um eine fur morgen vor-
mittag vermehrt. Du siehst, auch derlei Dinge wachsen. Aber ich
gehe doch nicht auseinander; und mir scheint, Du wirst mich bei
unserem Zusammentreffen nicht gerade herabgekommen finden.
Ich werde mich ja um so weniger auflosen, je mehr mir Deine
liebe Kraft zur Seite steht. Der Augenblick, in dem ich Deine Briefe
lese, ist ein Feieraugenblick; und ich weift, dass es so sein soil.
Also nun soil es weitergehen. Wir werden sehen. Heut nach-
mittag ist bei Deinhard «Aussprache im kleinen Kreise». Abends
Vortrag bei der Grafin Kalckreuth.
Sei in aller Herzlichkeit bedacht, meine Liebe, und komm
gesund nach Zurich.
Dein Rudolf
Baronin Wangenheim: Freiin Gertrud Alexandrine v. Wangenheim (1863-1958),
unternahm es nach dem Besuch Rudolf Steiners, die verschiedenen theosophi-
schen Gruppen in Munchen zu einem Zweig der deutschen Sektion zu vereinigen.
Dieser neue Zweig, in dem auch der alte von Ludwig Deinhard aufging, bekam
eine neue Griindungsurkunde mit Datum 6. Juni 1904, Vorsitzende Rosa
v. Hofstetten. Auch Sophie Stinde und Grafin Kalckreuth wurden so im Mai 1904
Mitglieder der deutschen Sektion.
Bohme: Edwin Bohme (1877-1906), Generalsekretar der Leipziger «Theosophi-
schen Gesellschaft in Deutschland». Anlass zu deren Griindung war folgender
Vorgang: 1894, drei Jahre nach dem Tod von H. P. Blavatsky, unternahmen H. S.
Olcott und A. Besant einen Versuch, W.Q. Judge aus der Theosophical Society zu
Schirmensee am Ziirichsee, April 1904
auf der ersten gemeinsamen Reise In die Schweiz
vor dem Hause von Wilhelm von Megerle
verdrangen. William Quan Judge (1851-1896), war Mitbegriinder und Vizeprasi-
dent der Gesellschaft, sowie Generalsekretar der Amerikanischen Sektion der T.S.
Aus Protest loste sich diese Sektion 1895 von der Adyar-Gesellschaft und konsti-
tuierte sich als selbstandige «Theosophical Society in America*. Auch aufterhalb
Amerikas schlossen sich Gruppen diesem Protest an, so entstand die «Theosophi-
cal Society in England* und die deutsche Gesellschaft von Franz Hartmann.
Naheres siehe: Kapitel VII in H. Wiesberger, «Rudolf Steiners esoterische Lehr-
tatigkeit», Dornach 1997.
Grdfin Kalckreutb: Pauline v. Kalckreuth (1856-1929), Malerin, Mitglied seit Mai
1904, spater Vorsitzende des Zweiges Miinchen I, seit 1911 auch im Vorstand der
Sektion. 1911 als Mitbegriinderin des Bauvereins in dessen Vorstand bis 1925.
Zusammen mit ihrer Freundin Sophie Stinde trug sie die Organisation der
Festspiele in Miinchen 1907 und 1909-1913.
Sophie Stinde (1853-1915), Malerin, Mai 1904 mit ihrer Freundin beteiligt an der
Neugriindung des Miinchner Zweiges, der vor allem durch sie neben Berlin zu
einem Hauptzentrum der Wirksamkeit Rudolf Steiners wurde. Seit 1904 war sie
im Vorstand der deutschen Sektion. 1911 Mitbegriinderin und erste Vorsitzende
des Bauvereins.
komm gesund nach Zurich: um gemeinsam nach Lugano weiter zu fahren. Die
gemeinsame Riickreise fuhrte wieder iiber Miinchen.
14 An Marie von Sivers im Ostseebad Graal
Donnerstag, 25. August 1904
Berlin, 25. August 1904
Liebe, «die Welt ist unendlich; es ist dem Menschen notig, sie in
ihren Symbolen zu ergreifen.» Das ist ein Wort des Mystikers
Cardanus. Es ist gestern fur mich symbolisch gewesen, nach acht
Tagen Leben an der Grenze zwischen Land und Wasser, wieder in
die Arbeiterversammlung versetzt zu sein. Ich musste das Astral-
wasser getriibt durch die mancherlei Personlichkeiten betrachten.
Es ist, wie wenn das klare Seewasser durch verschiedene triibende
Gesteinsschichten geht. In solchen Dingen erlebt man immer
wieder aufs Neue, was es heifk: Sonderdasein.
Das sollen nur Andeutungen sein dessen, was sich nur mit vielen
Worten klar sagen liefie. Aus diesen Andeutungen aber magst Du
begreifen, dass ich so gerne die Vortrage an der Arbeiterschule fort-
fiihren mochte. Aber die Kluft, die sich geltend macht zwischen dem,
was allein noch an der Statte moglich ist, und dem, was ich lehren
muss, wird doch immer grower. Gestern wurde verlangt, ich solle am
7. September zum Thema «Historischer Materialismus» sprechen als
«Erwiderung», nachdem vorher Grunwald, ein starrer Sozialdemo-
krat, iiber dasselbe Thema gesprochen haben wurde. Das ist natiir-
lich unmoglich. Ich erklarte, ich konne auf keinen Fall an einem
Abend zugleich mit Grunwald auf der Ankiindigung stehen. Ich
wurde aber in die Versammlung kommen, und, wenn sich Veranlas-
sung fande, in der Diskussion sprechen. - Der Vortrag Grunwalds
ist dazu bestimmt, einen Gegenpol zu bilden gegen das, was ich leh-
re. Alles, was ich wohl jetzt noch tun konnte, um die Schule viel-
leicht zu behalten, war meinen Vortrag abzulehnen. Denn durch die
Gegeniiberstellung hatten diejenigen, die meine Art nicht wollen, ein
leichtes Spiel gehabt. Ich mochte aber gerade an dieser Stelle alles
vermeiden, was den Bruch herbeifuhren konnte.
Damit wollte ich Dir, Liebe, nur die Situation schildern. Eben
komme ich aus Potsdam; wo man mir sagte, dass man die «Kinder
des Luci£er» an Dich in Korrektur abgesandt habe. Und nun nur
noch einen Gruft, so herzlich als er sein muss nach dem schonen
Bande, das uns bindet.
In Treuen geistig mit Dir Rudolf.
GriiEe Schwester und Mutter.
Hieronymus Cardanus (1501-1576), italienischer Naturforscher, Philosoph (Neu-
platoniker), Arzt und Mathematiker. Das Zitat lief? sich nicht feststellen.
nach acht Tagen Leben an der Grenze zwischen Land und Wasser: im Ostseebad
Graal.
Arbeiterschule: Rudolf Steiners unterrichtete von 1899 bis 1904/05 an der von
Wilhelm Liebknecht begriindeten Arbeiterbildungsschule. - Vgl. «Mein Lebens-
gang», Kapitel 28; ferner J. Mucke/A. Rudolph, «Erinnerungen an Rudolf Steiner
und seine Wirksamkeit an der Arbeiter-Bildungsschule in Berlin 1899-1904»,
Basel 1955.
Potsdam: Druckerei Hayns Erben, die spater auch viele Werke des Philosophisch-
Anthroposophischen Verlags druckte.
die «Kinder des Lucifer» an Dich in Korrektur abgesandt: Es handelt sich um das
verspatete August-Heft von «Lucifer-Gnosis», wo auch die deutsche Ubersetzung
Marie v. Sivers' von Edouard Schures Drama «Die Kinder des Lucifer» in Fort-
setzungen erschien.
Scbwester: Olga v. Sivers, Mitglied seit 1902, war haufig in Deutschland zu
Besuch, spielte in Miinchen in den Mysteriendramen mit, starb 1917 in Petersburg
infolge einer im Lazarettdienst zugezogenen Infektion.
Mutter: Caroline v. Sivers, geb. Baum (1834-1912), deutscher Herkunft heiratete
sie den deutsch-baltischen Generalleutnant Jakob v. Sivers in russischen Diensten.
15 An Marie von Sivers im Ostseebad Graal
Samstag, 27. August 1904
Berlin, 27. August 1904
Liebste, Du sollst Dir keine Sorgen machen um mich. Fur die paar
Tage, um die es sich da handelt, muss ich doch fertig werden kon-
nen. Allerdings warm ich fortkommen kann: das lasst sich augen-
blicklich gar nicht absehen. Es ist Sonnabend abends, und eben
komme ich aus Potsdam, wo ich erst heme die letzten Korrekturen
zum jetzigen Luciferhefte lesen konnte. Der Drucker ist erst heute
5 Uhr iiberhaupt fertig geworden. D. h. es ist erst der Satz fertig;
nun kann ja erst der Druck beginnen. Ich werde also wohl bald
anfangen miissen, zu glauben, dass sich meine Osterreichreise im
Sinne Deines lieben Briefes verwirklichen werde.
Heute habe ich einen Brief von Frl. Scholl erhalten, in dem sie
voller Besorgnis von dem Mitkommen Keightleys mit Mrs. Besant
schreibt. Sie scheint dafur zu halten, dass dahinter nichts Gutes
stecke. Ich schrieb ihr nun sogleich einige Zeilen, dass sie doch
unbefangen sein solle und dass wir doch nicht mit Diplomatic die-
ser Diplomatic begegnen sollen. Ich glaube, das Verhalten des
Okkultisten in solchen Dingen ist schwer zu verstehen. Es handelt
sich aber wirklich darum, sich in einem solchen Falle die Frage gar
nicht vorzulegen: was bedeutet dies, oder jenes?, sondern, bauend
auf die geistigen Machte, die hinter uns stehen, die Wellen rings
herum branden lassen. An eine Krise in der T.S. [Theosophical
Society], die auch uns mit treffen wird, muss einmal geglaubt wer-
den. - Ich werde mich mit Dir, meine Liebe, immer sicher fiihlen.
Du aber musst bei mir sein. Ich habe Dir oft davon gesprochen.
Seelen, wie die Deine, mit der schonen mentalen Intention, braucht
die Gegenwart. «Auf seinen Fiifien stehen», das ist die Lehre, die
wir auch fin* die theosophische Bewegung befolgen miissen. Wie
viel wir auch missverstanden werden: daran liegt nichts; aber wir
diirfen auch nicht im geringsten gebrochen werden.
Alle Deine Sachen habe ich erhalten. Den Satz, der Dir nicht
gefallt, habe ich noch einmal umgeformt. Und widerstrebt er Dir
jetzt noch, so kann er fur das Biichlein ja noch eine andere Form
erhalten.
Also nochmals: bleibe doch, Liebste, so lange es vorgenommen
worden ist. Bedenke doch, dass ich mich heute sogar aufgeschwun-
gen habe, ins vegetarische Restaurant Mittagessen zu gehen. Und
vielleicht tue ich es auch morgen.
Bis zum Gebrauch des Schlusselchens bin ich noch nicht vorge-
drungen. Denn ich hatte noch nicht Zeit. Aber, wenn ich doch
noch sollte abreisen konnen, so erhaltst Du den Schliissel zur
rechten Zeit.
Hubo will keines der angegebenen Themen. Nun soil ich ihm
raten, was zu tun. Am 31. kommt ja Mrs. Besant durch Hamburg.
Da mag er sie fragen, ob sie in Hamburg iiber etwas anderes
sprechen will.
Wenn man nur jetzt mehr fur die Verbreitung des «Lucifer» tun
konnte. Aus verschiedenem (Zuschriften etc.) ist klar ersichtlich,
dass die letzten Hefte sehr eingeschlagen haben.
Der stud, phil., von dem Du schreibst, meint es gewiss gut. Aber
er wird wenig Genossen haben; und ob er, wenn er einst ein Dr.
phil. sein wird, noch so denken wird, ist erst die Frage. Was fur
Berge von Hindernissen in deutschen akademischen Kreisen zu
durchdringen sind fur unsere Weltauffassung, das ahnt der nicht,
der diese Kreise nicht ganz genau kennt. Aber ich mochte gern auf
die Intentionen des jungen Mannes eingehen.
In Herzlichkeit vereint mit seiner Lieben Rudolf
Griifte Mutter und Schwester.
meine Osterreichreise: Rudolf Steiner pflegte jedes Jahr seine Angehorigen in
Horn/Niederosterreich zu besuchen: der Vater Johann Steiner (1829-1910), die
Mutter Franziska, geb. Blie (1834-1918), die Schwester Leopoldine (1864-1927),
der Bruder Gustav (1866-1942).
Frl. Scholl: Mathilde Scholl (1868-1941), wahrend eines langeren Italien-Aufent-
haltes wurde sie 1899 Mitglied der T.G. Im Oktober 1902 war sie bei der
Grundungsversammlung der Sektion in Berlin anwesend. Seit Mai 1903 lebte sie
in Koln und organisierte dort Vortrage Rudolf Steiners, die im Februar 1904 zur
Gnindung des Kolner Zweiges fiihrten. Seit Oktober 1903 im Vorstand der
deutschen Sektion, gab sie von 1905 bis 1914 das interne Gesellschaftorgan
heraus, die «Mitteilungen fur die Mitglieder der deutschen Sektion der T.G.». Von
1914 an lebte sie in Dornach.
Mitkommen Keightleys mit Mrs. Besant: Rudolf Steiner hatte bei seinem Londo-
ner Aufenthalt im Mai 1904 Annie Besant zu einer Vortragsreise durch Deutsch-
land eingeladen, die im September stattfand. In ihrer Begleitung befanden sich
Bertram Keightley und Esther Bright. Rudolf Steiner und Marie v. Sivers empfin-
gen Annie Besant in Hamburg und begleiteten sie auf der ganzen Reise. Rudolf
Steiner gab die englisch gesprochenen Vortrage jeweils in deutscher Sprache
wieder.
Krise in der T.S.: Diese von Rudolf Steiner vorausgesehene Krise begann mit dem
Leadbeater-Skandal von 1906, steigerte sich mit den Vorgangen bei der Wahl von
Annie Besant zur Prasidentin nach dem Tode Olcotts, und fiihrte schliefilich
durch den Humbug des «Sterns im Osten» zur Jahreswende 1912/13 zum Aus-
schluss der deutschen Sektion durch Annie Besant. Naheres siehe «2ur Geschich-
te und aus den Inhalten ...», GA 264, sowie Hella Wiesberger, «Rudolf Steiners
esoterische Lehrtatigkeit», Dornach 1998.
«Auf seinen Fiiflen stehen»: Eine der Lehren aus dem damals sehr bekannten
Biichlein der englischen Theosophin Mabel Collins «Licht auf dem Weg», 1904
neue deutsche Auflage.
Hubo will keines der angegebenen Themen: Bernhard Hubo, Zweigleiter in
Hamburg. Annie Besant hatte fur ihre Vortrage in verschiedenen Stadten
Deutschlands vier Themen zur Auwahl vorgeschlagen, die aber anscheinend
Hubo alle nicht gefielen.
Am 31. kommt ja Mrs. Besant durch Hamburg: auf der Hinfahrt zu einer
Rundreise durch die skandinavische Sektion, bevor ihre Reise durch Deutschland
am 15. September mit einem Vortrag wieder in Hamburg begann.
Der stud, phil: Ludwig Kleeberg (1880-1972), Kassel, der das Projekt einer
theosophischen Studentenverbindung versuchte. Mitglied seit Juni 1905 im Zweig
Miinchen. - Vgl. Kleeberg, «Wege und Worte. Erinnerungen an Rudolf Steiner
aus Tagebuchern und aus Briefen», Stuttgart 1961.
16 An Marie von Sivers in Berlin
Donnerstag, 24. November 1904
Miinchen - Stuttgart, 24. November 1904
Liebe Marie, ich muss Dir nun im Wagen schreiben, sonst geht es
auch in Stuttgart wieder so, wie es bisher gegangen ist. Immer
wurde die Zeit besetzt, in der ich schreiben sollte. Doch Du weifk,
dass meine Gedanken Dich umgeben. Und die Deinigen begleiten
mich. Eng, innen, verbunden sind wir.
Bis nun ist alles wohl gut gegangen. Erst Nurnberg. Angekom-
men, Vortrag gehalten. Viele Fragen haben dann die Leute gestellt.
Es war ein schones Interesse. Am zweiten Tag hatte ich mit einzelnen
Menschen viel zu sprechen. Frau Rissmann ist fortdauernd intensiv
bei der Sache. Die Arme hat es schwer. Ihr Mann steht ja solchem
ganz fern. Am zweiten Abend war es mit dem Vortrag wie am er-
sten. Es ist gut, dass immer mehr auch naturwissenschaftlich Gebil-
dete zur geistigen Weltauffassung heriiberkommen. Ein Arzt hat in
der Diskussion relativ ganz gut gesprochen. Am Sonntag morgen gab
ich um 10 Uhr der Loge noch eine Stunde. Dann kam der grofke Teil
der Niirnberger Theosophen gleich zum Bahnhof mit.
In Regensburg erwartete mich Feldner. Das ist eine Stadt. Ganz
eingehiillt in romische Machtgeliiste. Eine dichte Wolke aus diesen
Geliisten halt die Bevolkerung in furchtbarer Dumpfheit. Feldner
hatte man in dem verbreiteten klerikalen Blatt selbst die Inserate
zuriickgewiesen. Aufierdem war Gefahr vorhanden, dass die dor-
tigen klerikalen Vereine durch Tumult den Vortrag storen. Als vor
Jahren - so etwas begibt sich in Regensburg nur nach Jahren -
einmal ein Mann hier sprechen wollte, waren die klerikalen hand-
festen Manner erschienen und fingen an zu schreien: So etwas hast
du uns nicht zu sagen; dazu sind unsere Pfarrer da. Das waren also
die Aussichten. Feldner hat sich nun damit geholfen, dass er an-
kiindigte: nur der kann kommen, der sich vorher schriftlich um
eine Einladungskarte bewirbt. Das war gut. Es kamen etwa 30
Personen. Sehr aufmerksam. Sehr bei der Sache. Gymnasiallehrer,
Realschullehrer, Arzte. Vorher hatte ich schon eine kleine Konfe-
renz mit Feldners, einem Realschullehrer und einem Arzte, dann
abends den Vortrag.
Dann fror ich im Regensburger Hotel, in dem zwar einst Karl V.
gewohnt hat, das aber jetzt so schlimm ist, dass am Morgen der
Hausknecht davongelaufen war, weil er es nicht hatte aushalten
konnen. Ich musste mir erst aus der Nachbarschaft einen Wagen
besorgen. Sonst ware ich, trotz Feldners Sorgsamkeit, nicht recht-
zeitig nach Stuttgart [Miinchen] gekommen.
So kam ich Montag fruh also nach Miinchen. Grafin Kalckreuth
und Frl. Stinde haben mich vom Bahnhof abgeholt. Am Tage Be-
sprechungen. Abends war dann der erste Vortrag. Am Saaleingang
waren schon die beiden Studenten. Sehr eifrig. Sehr schon. Ich hielt
den Vortrag, der auch in mystischer Sprache gehalten war. Ich gab
da mal keine Diskussion. - Ich wollte, dass an diesem Abend die
Stimmung, auf die der Vortrag berechnet war, erhalten bliebe.
Am nachsten Tag waren Konferenzen. Auch die Studenten
kamen. Ich sprach lange und vieles mit ihnen. - Dazwischen war
ich auch bei Deinhards. Abends war dann der Vortrag: Steht Theo-
sophie in Widerspruch mit der Wis sens chart. Dann war eine lange
Diskussion. Ich kiindigte da auch die theosophische Studentenver-
bindung an, die mit einem ganz unerwarteten Interesse und Beifall
von Seiten des Publikums aufgenommen worden ist. Mittwoch
vormittag musste ich zu Baronin Gumppenberg; dann war ich
wegen der Studententheos. beim Rektor der Miinchener Universi-
tat, dann bei Huschke. Nachmittag war ich bei Schewitsch, die
einen Kreis zu sich eingeladen hatte. Das musste ich tun, denn hier
war der sehr begabte Naturforscher Dr. R. France und der Theo-
loge Dr. Miiller. Es war eine der interessantesten Diskussionen.
Die ganze Frage Naturwissenschaft und Theosophie wurde aufge-
rollt. France konnte immer wieder und wieder nur sagen: «da kann
ich wieder ein naturwissenschaftliches Analogon fur Ihre Ausfuh-
rung beibringen». Zuletzt iiberraschte er die Versammlung damit,
dass er sagte: Wir stehen heute eben vor naturwissenschaftlichen
Ratseln, die nur im theosophischen Sinne gelost werden konnen.
Der Naturforscher Friese sagte erst neulich einem Problem gegen-
liber: man mochte irrsinnig werden vor der Sprache, die fur uns
materialistisch Denkende jetzt die Natur spricht. - Noch ganz er-
griffen kamen die paar Leute abends in die Loge, die noch die
Verbindung bilden zwischen unserer Loge und der Schewitsch-
Gruppe. Kalckreuth und Stinde war en nicht mit. Sie waren auch
gar nicht aufgefordert gewesen. Abends, gestern, war dann Logen-
abend. Ich sprach zuerst iiber das Wesen der «Vereinigung». Dann
war langere Fragenbeantwortung. Der Sohn der Grafin Wacht-
meister war auch da. Er war iibrigens auch schon im Vortrag am
vorhergehenden Tage. Megerle ist in Miinchen und war in alien
Vortragen.
Heute, eben vor zwei Stunden brachten mich die beiden Damen
nach dem Bahnhof. Jetzt sitz ich hier im Wagen. Draufien knieho-
her Schnee. Die Fenster undurchsichtig. Alles gedachte in Liebe
Deiner. Die Damen, Megerle und auch die Studenten lieben Dich
und alle senden Dir wirklich herzliche GriifSe. Das tut mir so gut.
Griifie die Sister herzlich und die andern. - Andere Dinge will
ich Dir schreiben, wenn ich nicht auf einem Buche in der Luft,
sondern auf einer Tischplatte werde schreiben konnen. Ich muss
mir jetzt fest vornehmen, die Gummischuhe nicht zu vergessen, die
mir in Miinchen die Grafin Kalckreuth ersetzt hat; die Deinigen
sind in Regensburg weiter gefahren. Sie wollten sich beim Ausstei-
gen namlich nicht melden, sondern die Reise ohne mich fortsetzen.
Mogen sie zu andern Fiiften mehr Anhanglichkeit haben.
Allerherzlichst Dein Rudolf.
Frau Rijimann: Minna Rifimann (gest. 1945), Mitglied seit Mai 1903, 1904 Schrift-
fuhrer bei der Griindung des Diirer Zweiges Niirnberg.
Feldner: Jakob und Antonie Feldner, Mitglieder seit Oktober 1905, 1906 griinde-
ten sie das Zentrum Regensburg. Ein «Zentrum» war eine Vorstufe zu einem
Zweig, zu dessen Griindung 7 Mitglieder erforderlich waren.
die beiden Studenten: Ludwig Kleeberg und Hans Bunge.
Huschke: Otto Huschke (1846-1907), Kunstmaler, seit 1894 Mitglied im Zweig
Miinchen.
Schewitsch: Helene v. Schewitsch, verw. v. Racowitza, geb. v. Donniges (1843-
1911), und ihr Mann hatten ihren eigenen theosophischen Zirkel, der sich weder
der deutschen Sektion noch sonst wo anschliefien mochte.
France: Dr. Raoul Heinrich France (1874-1943), Direktor eines biologischen
Instituts in Miinchen. Seine Schrift «Das Sinnesleben der Pflanzen» wurde 1906
von Rudolf Steiner in Nr. 31 von Lucifer- Gnosis besprochen (jetzt in GA 34).
der Theologe Miiller: Wahrscheinlich Dr. Josef Miiller in Miinchen, ein aufierhalb
des engeren Verbandes der Kirche stehender katholischer Geistlicher, Herausge-
ber der Zeitschrift «Renaissance», in der er einen freien Katholizismus vertrat.
Friese: Heinrich Friese, deutscher Bienenforscher.
Sohn der Grdfin Wacbtmeister: Graf Axel Wachtmeister, aus Schweden. Seine
Mutter Constance Wachtmeister, geb. de Bourbel (1838-1910), war eine vertraute
Freundin von H. P. Blavatsky.
Megerle: Wilhelm v. Megerle, bildender Kiinstler, 1902 schon Mitglied im Zweig
Lugano, lebte in Starnberg und in Schirmensee am Ziirichsee, wo ihn Marie
v. Sivers und Rudolf Steiner auf ihrer Reise nach Lugano Ostern 1904 besuchten.
(Siehe Foto S. 71).
die beiden Damen: Grafin Kalckreuth und Sophie Stinde.
die Sister: Olga v. Sivers.
17 An Marie von Sivers in Berlin
Sonntag, 27. November 1904
Frankfurt - Coin, 27. Nov. 1904
Meine Hebe Marie, von draufien blickt mich der Rhein an, von
innen die Gedanken an Dich. Die Rheinberge sind mit kaltem
Schnee tiberlagert; die Gedanken an Dich mit Warme. Manchmal
werde ich von diesem Blatte aufsehen, urn beides ineinander tonen
zu lassen.
In Stuttgart erwarteten mich Arensons und Frau Dr. Paulus. Die
letztere nahm mich nun gleich, ziemlich buchstablich in Beschlag.
Ich musste zu Paulus und durfte nicht einmal meine Sachen zu
Arensons tragen, bei denen ich doch wohnen sollte. Erst um halb
fiinf kam ich los. Dann waren bei Arensons einige unserer Stutt-
garter Theosophen. Dann gings in die Loge. Nachdem ich eine
Einleitung gegeben hatte, war es rege Fragestellung iiber alles
Mogliche. Am nachsten Morgen musste ich nochmals zu Paulus,
dann zu Oppel. Die Stuttgarter mochten im Januar einen Zyklus
von 3 Vortragen arrangieren.
Freitag mittag kam ich nach Karlsruhe. 4 Uhr hatten Linde-
manns eine theosophische Zusammenkunft und abends einen Vor-
trag arrangiert. Die Loge da ware ja fertig. Ob sie gedeihen wird!
Lindemanns sind nicht gerade intellektuell sehr fortgeschritten. Da
ist es immer schwierig. Am Freitag abend ging ja alles recht gut.
Wollen wir sehen, wie es weiter geht. Der anwesende Hollander,
der zur hollandischen Sektion gehort und jetzt Assistent an der
Technischen Hochschule in Karlsruhe ist, macht sich am besten.
Dadurch dass er viel fragte, kam viel Gutes zu Tage. Auch Frl.
Keller ist in einer gewissen Hinsicht eine gute Theosophin, aber
sehr krank.
Eben fuhr ich iiber die Rheinbriicke bei Lahnstein.
Gestern war ich also in Heidelberg. Alles tragt da Hartmann-
Bohme'schen Typus. Schwab ist ernst und sucht nach innerer Ent-
wickelung. Von den beiden, die aufier ihm in Heidelberg noch die
Sache leiten, ist der eine ein guter Mensch, Schuhwarenreisender;
der andere Musiker, Dilettant in Philosophic, Vielredner, beson-
ders letzteres und dann noch Homoopath.
Eben durch Ehrenbreitstein gefahren.
Dass ich wieder nach Heidelberg komme, wollen die Leute.
Ob es etwas werden kann, ist die Frage. Einen Studenten habe ich
fur die akademisch theosophische Vereinigung engagiert. Wollen
sehen, ob da etwas wird!
Heute morgen 8 Uhr fuhr ich von Heidelberg ab. In Kastel-
Mainz kam Dr. Morck und fuhr bis Riidesheim mit. Jetzt also
gehts Coin zu.
Von Regensburg ab war es eine Reise durch den Schnee. Die
Eisenbahnwagen und Grafin Kalckreuths Zimmer sind die am
besten geheizten Orte.
Allerherzlichstes Rudolf. -
Paulus ... Oppel: Adolf Martin Oppel, Maler und Bildhauer, war bei der Griin-
dung der deutschen Sektion 1902 Vorsitzender des Zweiges Stuttgart. 1904 hatte
er den Vorsitz an Dr. med. Franz Paulus (1849-1919), abgegeben, der aber schon
1906 mit seiner Frau Doris Deutschland verliefi und 1912 aus der deutschen
Sektion austrat. Den Vorsitz iibernahm Prof. Schwend.
Lindemanns: Ludwig Lindemann (gest. 1911), und seine Frau Erdwine (1873-
1956), seit Marz 1904 Mitglieder des Zweiges in Koln. Grtindete Ende 1904 den
Zweig in Karlsruhe, half 1908 in Palermo bei der Griindung der ersten italieni-
schen «Rosenkreuzer Gruppe».
Hollander: Dipl.-Ing. Hermann Sybrand Hallo (geb. 1879), Mai 1910 Mitglied des
Karlsruher Zweiges, im Herbst 1913 wurde er dessen Vorsitzender. Seit 1913 apl.
Professor an der TH Karlsruhe, ab April 1914 o. Professor in Delft und spater
Leiter einer anthroposophischen Arbeitsgruppe dort.
Frl. Keller: Elisabeth Keller, Mitglied seit Mai 1904, beteiligt an der Griindung
des Zweiges Karlsruhe im Dezember 1904, spater tatig im Berliner Sekretariat,
Motzstr. 17.
Hartmann-Bohmescher Typus: Die Heidelberger Gruppe gehorte zu der sog.
«Internationale Theosophische Verbriiderung», ITV, die nicht eigentlich ein orga-
nisatorischer Zusammenschluss, sondern vielmehr ein loser Verbund war von
selbstandigen Gesellschaften, Vereinen, Zirkeln, oder wie sie sich jeweils nannten.
Diese ITV wurde aber administrativ von Leipzig aus betreut, mit dem Ziel, dass
man voneinander wusste. Von diesen Gruppen wurden Redner zu Vortragen
eingeladen, insbesondere Hartmann und Bohme, aber auch Rudolf Steiner. Die
Heidelberger Gruppe konstituierte sich im Oktober 1906 als Zweig der deutschen
Sektion, mit Friedrich Schwab als Vorsitzendem, Schriftfiihrer: Hugo Harder.
Schwab: Friedrich Schwab (1878-1946), Mitglied in Heidelberg seit Marz 1906.
Hat auf Rudolf Steiners Rat hin 1912 das Abitur nachgeholt, dann Medizin
studiert, Dr. med., praktizierte viele Jahre in Berlin, behandelte auch Friedrich
Rittelmeyer.
18 Widmung in Marie von Sivers1 Exemplar von
Mabel Collins «Licht auf den Weg», wahrscheinlich Ausgabe 1904
*doJlv J Lt£& ft tin- V <~&U*t4 t Jv CtUL
kCtJut $c.U*t <(£cLt VULTit.
19 Eintragung in einem Notizbuch aus dem Jahre 1904
Archiv-Nr. B422
1905
Im Januar beendet Rudolf Steiner seine bisherige Haupttatigkeit, den
Unterricht an der Arbeiterbildungschule. Dadurch wird eine Intensivie-
rung des Einsatzes fur die T.G. moglich: wurden im Vorjahr 7 kleinere
und grofSere Vortragsreisen unternommen, so sind es dieses Jahr 17.
Immer ofter begleitet ihn Marie v. Sivers von nun an auf diesen Reisen, urn
ihm einen Teil der damit verbundenen Anstrengungen abzunehmen. - Im
Februar fiihrt die Kritik einiger Mitglieder an der Geschaftsfuhrung des
Berliner Zweiges D.T.G. dazu, dass Rudolf Steiner, Marie v. Sivers und
Friedrich Kiem von der Leitung der D.T.G. zuriicktreten und einen neuen
Zweig, Besant-Zweig genannt, begriinden, dem sich fast alle Berliner
Mitglieder anschlieften. Die D.T.G. wird sich im Januar 1906 auflosen. -
Im Juli findet der 2. Kongress der Foderation der Europaischen Sektionen,
diesmal in London, statt. - Mit einer Reise im September beginnt Rudolf
Steiners offentliches Wirken in der Schweiz, in St. Gallen, Zurich und
Basel. Marie v. Sivers begleitet ihn auf dieser Reise und berichtet dariiber
anschaulich an Edouard Schure (Brief Nr. 33b).
Bei der Generalversammlung der deutschen Sektion im Oktober wird
berichtet, dass 5 neue Zweige begriindet wurden: Besant-Zweig Berlin,
Stuttgart II, Stuttgart III, Freiburg, Karlsruhe; die Anzahl der Zweige
betragt 18, die Zahl der Mitglieder 377, gegen 256 im Vorjahr. - Im
November erscheint die erste Nummer des von der Generalversammlung
beschlossenen Organs fur die internen Sektionsangelegenheiten «Mit-
teilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen
Gesellschaft», herausgegeben von Mathilde Scholl in Koln. Von diesen
«Scholl-Mitteilungen» wird in den Brief en bis 1914 immer wieder die
Rede sein.
20 An Marie von Sivers in Berlin
Montag, 9. Januar 1905
Miinchen, 9. Januar 1905
Liebste Marie! Dir sende ich treue Gedanken der Liebe und Zunei-
gung. Ich tue das nicht nur, wenn ich Zeit finde, Dir das schriftlich
zum Ausdruck zu bringen. Du weifk es und weifk, wie innig wir
verbunden sind. Es ist ja gewiss, dass sich noch manche widerstre-
bende Machte gegen unseren Seelenbund auflehnen werden; derlei
Dingen muss in voller Ruhe stand gehalten werden.
Findest Du erst die ganze Ruhe, mein Liebling: dann mogen die
Wogen branden um den Felsen herum, auf dem wir stehen. Ist der
Felsen auf dem Grunde der Wahrheit erbaut, dann kann ihn und
damit auch uns nichts wankend machen.
Habe Dank fur Deine lieben Briefe. Sie tragen etwas so Liebes
in die Arbeit herein. - Stuttgart Nr. 1 und die beiden offentlichen
Mimchener Vortrage sind also vorbei. Heute nachmittag habe ich
noch bei Schewitsch, abends die Studentenversammlung; dann
morgen Stuttgart. - Ich hoffe, dass bisher alles gut gegangen ist.
Moge es auch so weiter gehen. Frau Dr. Paulus walkt einen durch;
Kalckreuth und Stinde sind in bezug auf die Erweisung von
Freundschaftsdiensten wirkliche Muster.
Deine «Wegweiser-Sendung» habe ich Kalckreuth und Stinde
mitgeteilt. - Derlei Dinge sind recht charakteristisch fur unser Zeit-
alter. Und man kann davon viel lernen. Dass es die Leipziger tun,
nun das liegt eben in ihrem Karma; sie konnen ja nicht anders. - So
etwas hangt von der Menschen Innerem ab, und da sollte man doch
wirklich nicht ein strenger Richter sein. Nun aber ist ja die duftere
Seite auch gerade das, woriiber wir urteilen sollen. Denn diese muss
die Grundlage unseres Lernens sein. Vor allem miissen wir davon
fur unser eigenes Verhalten lernen. Wir leben in einem Zeitalter, in
dem sich Leute wie die Leipziger Theosophen das Urteil bilden
konnen: So etwas wirkt in unserer Zeit. So sind die Instinkte unserer
Mitmenschen, mit denen wir rechnen wollen. Waren die Leipziger
uberhaupt Theosophen, so konnte sich ja das Karma unseres Zeit-
alters nicht so in ihnen spiegeln. Aber Theosophen sind sie eben
nicht. Das sollen wir uns in allem Mitgefiihl gestehen. Deshalb spie-
gelt sich in ihnen das herunterziehende, unheilige, schlecht-demo-
kratische unseres Zeitalters in dieser Art. Sie sind die Opfer dieser
Haupteigenschaften der Gegenwart. Meine Liebste, nimm dies als
zur heutigen esoterischen Stunde gehorig auf (es ist Montag mor-
gen), was ich Dir jetzt sage. In den Kopfen der sogenannten Theoso-
phen wird sich noch einmal aller Materialismus unseres Zeitalters
am krassesten spiegeln. Weil die theosophische Gesinnung selbst
eine so hohe ist, werden diejenigen, die nicht ganz von ihr ergriffen
werden, gerade die schlimmsten Materialisten werden. An den Theo-
sophen werden wir wohl noch viel boseres zu erleben haben, als an
denen, die nicht von der theosophischen Lehre beriihrt worden sind.
Die theosophische Lehre als Dogmatik, nicht als Leben aufgenom-
men, kann gerade in materialistische Abgriinde fuhren. Wir mussen
das nur verstehen. Sieh Dir einmal Keightley an. Der ist auf dem
besten Wege, eines der schlimmsten Opfer der Theosophie zu wer-
den. Ohne Theosophie ware er ein schlichter, unbegabter, aber wahr-
scheinlich braver Gelehrter geworden. Durch die Theosophie wird
er ein hochmiitiger, neidischer, norgelnder Streber. Das sind Erwa-
gungen, denen der Okkultist immer wieder nachhangen muss, wenn
er daran denken soil, die hohe Weisheit der heiligen Meister in das
Publikum zu streuen. Das ist seine grofte Verantwortlichkeit. Das ist
es, was uns die Briider immer entgegenhalten, die im Okkultismus
konservativ bleiben und die Methode des Geheimhaltens auch
ferner pflegen wollen. - Und kein Tag vergeht, an dem die Meister
nicht die Mahnung deutlich ertonen lassen: «Seid vorsichtig, be-
denkt die Unreife eures Zeitalters. Ihr habt Kinder vor euch, und es
ist euer Schicksal, dass ihr Kindern die hohen Geheimlehren mit-
teilen miisst. Seid gewartig, dass ihr durch eure Worte Bosewichter
erzieht.» Ich kann Dir nur sagen, wenn der Meister mich nicht zu
iiberzeugen gewusst hatte, dass trotz alledem die Theosophie un-
serem Zeitalter notwendig ist: ich hatte auch nach 1901 nur philo-
sophische Biicher geschrieben und literarisch und philosophisch
gesprochen.
Meine Liebe, bleibe mir stark: so lange wir die Verbindung mit
der grofien Loge haben werden, kann uns in Wirklichkeit nichts
geschehen, was auch scheinbar geschehen mag. Aber nur durch
diese unsere Starke bleibt uns die Hilfe der erhabenen Meister. Du
weifk: ich spreche dies so niichtern, so verstandesklar wie das all-
taglichste im Leben. «Bleibt stark und klar», das sagen die Meister
alle Tage.
In Treuen ganz Dein Rudolf.
«Wegweiser-Sendung»: Theosophischer Wegweiser, Monatsschrift, Organ der
Hartmann-Bohme-Gesellschaft, Leipzig; Herausgeber Arthur Weber, Leipzig.
Seid gew'drtig, dass ihr durch eure Worte Bosewichter erzieht: - Vgl. hierzu das
Kapitel «Die Spaltung der Personlichkeit wahrend der Geistesschulung» in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», GA 10.
wenn der Meister mich nicht zu Uberzeugen gewusst hdtte: Dies muss in der Zeit
zwischen dem Gesprach mit Marie v. Sivers im Herbst 1901 (s. S. 36) und seinem
im Januar 1902 erfolgten Beitritt zur T.G. gewesen sein; denn er schrieb im
August 1902 im Entwurf eines Rundschreibens an die deutschen Zweige: «ich trat
nicht fruher bei, als da ich wusste, dass die geistigen Krafte, denen ich dienen
muss, in der T.S. vorhanden sind.»
Verbindung mit der grojlen Loge: Rudolf Steiner meint hier die Gemeinschaft der
«Lehrer» oder «Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindun-
gen», Naheres in «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule» (GA 264).
21 An Marie von Sivers in Berlin
Donnerstag, 12. Januar 1905
Niirnberg, 12. Januar 1905
Liebste Marie! Allerherzlichsten Dank fur Deine Briefe, die ich alle
- auch den mit der Feder - erhalten habe. Ich denke, es ist auch
weiter alles gut gegangen. Gestern war hier ein aufierordentlich
guter Besuch. Nur in Jena: Da scheint es mit dem Arrangement
ganz gewaltig gehapert zu haben. Zunachst fand ich hier vor eine
Nachricht der Frau Liibke, dass nichts, dann, dass doch etwas sein
werde. Ich fahre also gleich nachher dahin. Wir wollen sehen. Das
werden die schwersten Dinge sein: die Auseinandersetzung mit der
offiziellen «Wissenschaft». Den Gelehrten und Gelehrsamkeit-
beflissenen stellen sich ja die allerschwersten Vorurteile in den Weg;
und im Sinne der Meister ist, dass wir zwar den VorstoE wagen
sollen, dass wir aber da ganz besonders vorsichtig sein sollen. Und
so gehe ich denn auch mit starkem Verantwortlichkeitsgefuhl an
die heutige Aufgabe.
Ich kann Dir nur noch sagen, dass ich am Sonnabend 7 Uhr 40
am Anhalter Bahnhof ankommen werde, und dass ich Dir meine
allerherzlichsten Empfindungen voraus sende
Dein Rudolf.
22 An Marie von Sivers in Berlin
Donnerstag, 19. Januar 1905
Dusseldorf, 19. Januar 1905
Mein Liebling. Du hattest Dich nicht sorgen sollen wegen meines
Aussehens am Sonntag. Es war das ja doch wohl nur die Widerspie-
gelung der Affaire in der Bildungsschule. Du weifk, dass ich in dem
Wirken in diesen Kreisen eine Mission sah. Es ist wirklich etwas
zerstort, was ich nicht wollte zerstort sehen. Jetzt geht es natiirlich
nicht anders. Nach und nach aber treibt unsere Zeit in eine Form des
Lebens hinein, die das Zusammenwirken aller wirklich aufwartsstre-
benden Krafte notwendig macht. Es ware so notwendig in alles un-
sere geistige Weltanschauung hineinzugiefien. Es war also am Sonn-
tag doch zu etwas wichtigem bei mir der Schlusspunkt gemacht
worden. Wenn ich so sehe, in welche Hande allmahlich die Bildung
unserer Demokratie kommt! Es ist nichts Schones.
Aber zugleich kann ich Dir wieder melden, dass hier die Men-
schen mich «ganz besonders gut» aussehend finden.
Montag also habe ich den Colnern iiber die Apokalypse gespro-
chen. Da waren nur wenig, weil, wie sich dann herausstellte, man
in Coin nicht wusste, was «Apokalypse» ist. Und Frl. Scholl hatte
keine andere Bezeichnung zugefiigt.
Dienstag nachmittag sprach ich fiir die Coiner Mitglieder iiber
die «Genesis» und am Abend offentlich iiber «Goethes Marchen».
Dieser Vortrag war im Verhaltnis zum vorigen in Coin gut be-
sucht. Und es ist alles recht gut gegangen.
Am gestrigen Mittwoch nachmittag sprach ich in Godesberg
iiber «Theosophie und Christentum» im kleinen Kreise und abends
in Bonn iiber Goethes Faust. Da in Bonn war es auch verhaltnis-
maftig recht gut besucht.
Heute Donnerstag bin ich nun hier in Diisseldorf, - Boyer hat
schon etwas gemalt. Jetzt ist JA 3 Uhr, um 4 Uhr habe ich iiber den
«Gottesbegriff», am Abend bei Frau Smits iiber Goethes Faust zu
sprechen. Morgen nachmittag iiber «Lebensfuhrung» und am
Abend ist dann morgen hier der offentliche Vortrag.
Sonnabend friih ungefahr 8 Uhr bin ich zu Hause. Auf Deinen
Wunsch hat schon Frl. Scholl einen Schlafwagen bestellt.
Auf Wiedersehen herzlichst Dein Rudolf
Affaire in der Bildungsschule: Am 15. Januar 1905 war Rudolf Steiners letzter
Vortrag in der Arbeiterbildungsschule, nachdem er durch die doktrinaren Leiter
der Schule, gegen den Willen seiner Schiiler, aus dieser verdrangt wurde.
Boyer hat schon etwas gemalt: Otto Boyer, Mitglied seit April 1904, Vorsitzender
des im Oktober 1904 neu begriindeten Zweiges Diisseldorf. (Der 1902 an der
Griindung der deutschen Sektion beteiligte Zweig hatte sich bald danach aufge-
lost, als sein Vorsitzender Bruno Berg zuriicktrat.) Boyer war Kunstmaler in
Diisseldorf und bat Rudolf Steiner ihn portratieren zu diirfen (Olgemalde im
Archiv der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung). Auch er verliefi Diisseldorf im
Oktober 1905; das Amt des Vorsitzenden iibernahm Lauweriks.
Frau Smits: Clara Smits Mess'oud Bey (1863-1948), Mitglied seit Ende 1903, 1907
Vorsitzende des Zweiges Diisseldorf, 1908 im Vorstand der Sektion. Eine Unter-
redung mit Rudolf Steiner Ende 1911 iiber die Berufsausbildung ihrer Tochter
Lory wurde zum Ausgangspunkt fiir die Eurythmie.
23 An Marie von Sivers in Berlin
Dienstag, 14. Marz 1905
Munchen, 14. Marz 1905
Liebste Marie!
In Liebe und Treuen gedenke ich Deiner und danke Dir fur Demen
schonen Gru$, den ich gestern erhalten habe. Viel kann ich Dir
nicht schreiben, denn hier ist viel zu tun. Aber dass ich im Geiste
bei Dir bin, das weifit Du. In Niirnberg ging es wieder recht gut.
Merkwiirdigerweise waren gerade zwei Stuttgarter in Niirnberg:
Pfundt und del Monte. Auch Speiser, der vor kurzem bei uns
besprochene, erschien dort auf dem Plane. In Regensburg gliedern
sich natiirlich doch nur wenige aus der ultramontanen Dunkelheit
heraus. Sonntag und Montag waren also hier die offentlichen Vor-
trage. Ich bin nun schon ziemlich auch hier auf «Esoterisches» ein-
gegangen. Es war gut besucht. Deinhard war bei beiden Vortragen.
Auch hier hatte es bald ein ganz kleines Krischen gegeben.
Frl. v. Hofstetten wollte zuriicktreten. Ich suchte es ihr plausibel
zu machen, dass das nicht gut ware. Sie wird wohl bleiben.
Du schreibst mir so Liebes iiber die Vortrage der vorigen Wo-
che. Ja, sieh, ich werde mich in den Vortragen immer freier machen
mussen von der Art der Siebenteilung, wie sie im Anfange nament-
lich durch den Sinnett'schen esoterischen Buddhismus ublich ge-
wesen war. Die dreigliedrige Dreiteilung meiner «Theosophie» ist
fur die Zwecke des wirklichen Eindringens in die Dinge das einzig
mogliche. Die Siebenteilung, ohne diese Zuruckfuhrung auf die
Dreiteilung fuhrt nur irre. Das haben die orientalischen Mystiker
ebenso wie die abendlandischen vom Anfang an gegen die Schema-
tismen Sinnetts einzuwenden gehabt. Deshalb kam auch aus dieser
Siebenteilung nicht viel Praktisches heraus. Du siehst: ich spreche
in den Mitteilungen der Akasha-Chronik von dem Punkte ab, wo
ich iiber die Mitte der Lemurier hinausgehe, gar nicht mehr
von Unter-«Rassen». Und das entspricht genau der Anschauung.
Der Unter-Rassenbegriff hat namlich streng genommen nur eine
Bedeutung zwischen der Mitte der lemurischen und dem Ende
unseres Zyklus (5. Wurzelrasse). Dann verliert dieser Begriff
gegeniiber der Anschauung seine Bedeutung. Ebenso verliert wei-
terhin der Wurzelrassenbegriff seine Bedeutung, hat sie wieder fur
gewisse Verhaltnisse der lunarischen und solarischen Evolution
und nicht mehr vorher.
Recht betrachtet gibt es nur 16 wirkliche Menschenrassen:
5 lemurische, 5 atlantische + 5 arische + 1 nacharische. Was vorher
und nachher auftritt, ist etwas anderes als «Rasse». Und so ist vie-
les, was korrigiert werden muss, weil es blofi gebraucht worden ist
durch Ausdehnung der Vorstellungen, die fiir die Erde gelten, auf
das ganze Planetenheer. Daraus ist dann jener unselige Schematis-
mus entstanden, der mechanisch 7 irdische Verhaltnisse sich auf
alien Planeten rastlos abraspeln lasst. Man hatte anfangs gar nicht
ankniipfen konnen an die theosophische Bewegung, wenn man
nicht die ewige Multiplikation mit 7 mitgemacht hatte. Aber all-
mahlich muss diese mechanische Multiplikation durch die leben-
dige geistige Wirklichkeit ersetzt werden.
In Herzlichkeit ganz Dein Rudolf
Pfundt: Friedrich Pfundt, Eisenbahn-Sekretar, Mitglied in Stuttgart bereits vor
1902.
del Monte: Jose del Monte (1875-1950), Industrieller, Mitglied seit November
1903. Mitbegriinder der Kommenden Tag AG, Stuttgart, in deren Zusammenhang
er seine Kartonagenfabrik mit 700 Arbeitern stellte.
FrL v. Hofstetten: Rosa v. Hofstetten (1836-1908), hatte den Vorsitz des im Mai
1904 neubegriindeten Munchener Zweiges, bis sie ihn 1906 krankheitshalber an
Graf in Kalckreuth abgab.
Sinnettschen esoterischen Buddhismus: Alfred Percy Sinnett, «Esoteric Bud-
dhism», 1883, deutsch «Die esoterische Lehre oder Geheimbuddhismus», 1884.
Mitteilungen der Akasha-Chronik: Aufsatz-Reihe iiber die Welt-Entwickelung in
der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» ab Juli 1904. Wieder abgedruckt in «Aus der
Akasha-Chronik», GA 11.
24 An Marie von Sivers in Berlin
Sonntag, 19. Marz 1905
Coin, 19. Marz 1905
Mein Liebling, nur rasch mochte ich Dir sagen, dass ich am Freitag
in Bonn schon wieder fast ganz gut, und gestern hier ganz gut bei
Stimme war. Eigentlich war die Sache ja nur Donnerstag abends
fatal. Auf keinen Fall ist es notig, bei uns am Freitag abzubestellen.
Du wirst mir, wenn ich nach Hause kommen werde, von dem
Stimm-Zwischenfall nichts mehr anmerken. Also lasse mich, bitte,
Freitag iiber die 4. Dimension vortragen.
Dr. Peipers war gestern hier beim Vortrag und sagte mir von der
Verschiebung beziiglich Elberfelds. Du musst nur bedenken, dass
ja die Leute ungeschickt sind, und nichts fur ihre Ungeschicklich-
keit konnen. Ich bin sicher, dass ich das Rundreisebillet doch auch
fur die andere Strecke Dtisseldorf-Berlm direkt brauchen kann.
Eigentlich war's ja naturlich. Doch muss man erst sehen, ob's geht,
denn das Natiirliche ist ja fur Behorden zuweilen eine Unmoglich-
keit. Es wird schon alles werden.
Indessen griifie ich Dich ganz, ganz herzlich und bin Donners-
tag friih spatestens in Berlin. Nicht wahr, Du wirst deshalb doch
gut sein.
Herzlichst Dein Rudolf
iiber die 4, Dimension vortragen: Vortrag Berlin, 24. Marz 1905, in GA 324a.
Dr. Peipers: Dr. med. Felix Peipers (1873-1944), Mitglied in Dusseldorf seit
Oktober 1904. 1906/07 richtete er als Nervenarzt in Miinchen eine Privatklinik
ein. Wirkte 1910-13 bei den Mysterienspielen mit, 1911 Mitbegriinder des Bau-
vereins, 1911 im Vorstand der Sektion, ab 1915/16 Vorsitzender des Zweiges
Miinchen I, 1921-24 Arzt am Klinisch-Therapeutischen Institut in Stuttgart.
25 An Marie von Sivers in Berlin
Freitag, 7. April 1905
Cannstatt, 7. April 1905
Mein Liebling! Ich muss mir einige Augenblicke aussondern, um
Dir nun ein paar Zeilen schreiben zu konnen. In treulichen Gedan-
ken bin ich bei Dir. Lieb sind Deine beiden Briefe. Doch nur das
Eine solltest Du nicht tun: Dir fortwahrend diese Sorgen machen.
Sieh mal: die Sache war wirklich nicht schlimm. All die Menschen,
die in Berlin in das Coupe eingestiegen sind, in dem ich safi, stiegen
in Leipzig, also etwa V2 1 Uhr aus und dann war ich bis Nurnberg,
also bis 8 Uhr ganz allein. Immer ist es besser, in solchen Dingen
ein wenig gleichmiitiger zu werden. Wenn Du Dir um mich immer
Sorgen machst, so muss ich mir wieder Sorgen machen wegen Dei-
ner Sorgen, und wir kommen gar nicht zurecht. - Aber ich habe
Dich doch so lieb. Und es wird mit uns beiden sicher alles gut wer-
den. Bleibe mir sicher, gesund, frisch. Ich muss Dich so finden, wenn
ich nach den Kreuz- und Querreisen nach Hause kommen werde.
Nun die paar praktischen Fragen: In Breschens «Vahan» kann
man etwa folgendes schreiben:
Die Bibliothek des Berliner Zweiges (Deutsche Theosophische
Gesellschaft) befindet sich und Biicher konnen ausgeliehen
werden unter folgenden Bedingungen.
Ich glaube, dass Bresch bei seiner Taktunmoglichkeit die grofite
Torheit macht, wenn wir nicht einfach von ihm verlangen: die
Notiz wie sie jetzt ist, soli wegbleiben, und diese kurze soli an die
betreffende Stelle kommen. Mehr brauchen wir nicht.
Auf dem Programm soli fur den 4. Mai stehen:
Schiller und die Gegenwart (Theosophische Schillerfeier).
Hast Du das Programm an Hayns Erben gesandt? Bitte schreib
mir das fur Montag, oder Sonntag nach Hamburg, damit ich nicht
ein zweites Programm-Manuskript dahin sende.
Die Bucherverzeichnisse sind ganz richtig. Auch die Stelle beziig-
lich «Lucifers».
Also nochmals allerherzlichste GriijRe. Bleibe frisch, gesund und
sicher. Dein Rudolf.
26 An Marie von Sivers in Berlin
Dienstag, 11. April 1905
Auf der Fahrt nach Munchen. 11. Apr. 1905
Mein Lieblmg. Es konnte sein, dass ich in Munchen wieder lange
nicht zum Schreiben kame; deshalb mochte ich Dir vom Eisen-
bahnwagen aus die allerherzlichsten Griifie senden. Es ist lieb, wenn
Du ofters schreibst. Du begleitest mich mit Deinem Segen. Und
Dein Segen gehort zu unserem Werke.
In Stuttgart ist es, wie Du aus Arensons Bericht weifit, gut
gegangen. Die beiden Logen vertragen sich vorlaufig so gut mit
einander, wie es nicht der Fall sein konnte, wenn sie Eine waren.
Im Ganzen hat ja jetzt Stuttgart vier Zweige. AuEer unsern beiden
noch einen von Bohme gestifteten und einen Tingley'schen (Gliick-
selig). Die Mitglieder - wenigstens einige - des Bohme-Zweiges
waren aber mit voller Sympathie bei meinen Vortragen und der
Hauptmacher, ein Herr Bach, hat mir sogar in einem Karton ein
Geschenk beim Abgange iiberreicht. Ich weifi noch nicht, was es
ist. Denn ich habe noch nicht Zeit gefunden, es zu offnen.
Der Zug halt eben in Ansbach.
In Hannover war der Besuch mittelmafiig, durchaus nicht
schlecht den Verhaltnissen nach. Es lagert eben da iiber dem Gan-
zen des armen Hubbe-Schleiden (wie eine Dunstwolke) zersetzen-
der Verstand, der so fern von jeglicher Intuition ist wie das Gehirn
eines deutschen Professors der griechischen Kunst vom Verstand-
nis des griechischen Genius. Der Mann redet eine so untheosophi-
sche Sprache und ist so tief zu bemitleiden, wie ein Gefangener, der
seinen Kerker fur die Welt halt. Unendliche Miihe gibt er sich, aus
einem ganz vertrockneten Schwamm Wasser heraus zu pressen.
Eigentlich besteht seine ganze Weisheit in dem Zusammenschwei-
Een der heutigen Schulweisheit mit ein paar Brocken angelernter
«uralter Weisheit» in ganz schematischer Form. Dabei hat er grofie
Modelle des sogenannten «primaren Atoms» verfertigen lassen, die
fast den Raum eines halben Zimmers ausfullen, und die doch nichts
sind als Wiedergaben eines Bildes, das vor dem Titelblatt von Annie
QA
Besants «Uralter Weisheit» steht. Schon bei meiner letzten Anwe-
senheit in Miinchen zeigte mir Deinhard wie einen kostbaren Schatz
photographische Aufnahmen dieser Modelle.
Mein Liebling: alles ist relativ. Und von dieser Htibbe-Deinhard
Weisheit bis zu der selbstgefalligen Mystik des «Stuttgarter Adep-
ten» A. Oppel ist doch noch ein Weg aufwarts. Und nicht ganz
Unrecht hat Oppel, von seinem Standpunkte, Deinhard wie «blo-
de» zu halten. So sprach er sich neulich aus. Und doch ist Oppel
der «kuriose Mensch». Man muss ganz objektiv auf all diese Rela-
tivitaten sehen. Denn wenn auch ein Frosch noch kein Ochse ist,
so ist er doch grofier als eine Fliege.
In Hamburg ist Hubo noch immer nicht iiber seine inner-aujRere
Unruhe hinaus. Er will im Grunde alien wohl, aber bekrittelt alles
und beklagt sich iiber alles. Sonntag sprach ich zu den Leuten der
Loge iiber die Bedeutung der Wochentage und iiber die sieben
romischen Konige, um die eminent praktische, ins Leben eingrei-
fende Bedeutung der Theosophie anschaulich zu zeigen. Gestern
war bei «Goethes Evangelium» ein im Grunde nicht schlechter
Besuch.
Dass Du meinen Namen auf das Titelblatt der «Kinder des
Luzifer» gesetzt hast, scheint mir zu viel getan, da die zehn kleinen
Seiten doch gar zu wenig sind, um noch besonders benamset zu
werden. Doch wollen wir die Sache jetzt schon so lassen, wie es
Deinen Intentionen entspricht.
Deinhard wird diesmal nicht in Miinchen sein wahrend meiner
Anwesenheit. Er geht zum Psychologen-Kongress nach Rom, um
dort aufzupassen, ob die braven offiziellen Psychologen sich nicht
doch herablassen, auf einige «metaphysische» (recte: spiritistische)
Beobachtungen hinzuweisen. Es ist so erbarmenswiirdig zu sehen,
wie diese Leute gierig nach Schatzen graben und froh sind, wenn
sie Regenwiirmer finden.
Der Zug halt jetzt in Gunzenhausen. Hiigeliges Waldland und
unsonnige Stimmung ist draufien. Es beginnt sogar zu regnen.
Gestern trugest Du wieder fur mich vor. Ich bin so froh, dass es
so weit ist, und dass Du wahrend meiner Abwesenheit auf meinem
Platze sitzest. So gehort es sich ja doch. Wir werden in solcher Art
immer weiter kommen.
Treibe Deine Meditation, so gut Du eben kannst. Der Glanz,
der auf die intellektuelle Erfassung der okkulten Dinge fallen muss,
geht ja doch von ihr aus. Selbst dann, wenn Du es nicht merkst. In
den Meditationsformeln und Konzentrationsiibungen, die Du jetzt
hast, liegt der Schliissel zu vielem. Sie sind seit uralten Zeiten
gepragt von den grofien Adepten, und wer sie in Geduld in seiner
Seele lebendig macht, saugt aus ihnen die Wahrheit von sieben
Welten. Es sind eben die Geheimnisse der Wissenden in sie gelegt.
Und wer sie richtig anzuwenden vermag, hat die Moglichkeit, die
Hiillen der drei unteren Weltformen abzustreifen und allmahlich
sogar bis zum Zustand des «Schwanes» heranzureifen. Du musst
Dir iiber Unvollkommenheiten der Meditation keine Sorge ma-
chen; aber stets bestrebt sein, alles zu tun, was in Deinen Kraften
liegt.
Fiir diesmal noch die allerherzlichsten Griifie von Deinem
Rudolf.
In ein paar Minuten wird der Zug in Treuchtlingen sein.
Die beiden Logen: Die Griindungsurkunde fiir den Zweig Stuttgart II, Kerning
Zweig, hat das Datum 19. Februar 1905, Vorsitzender Prof. Oscar Boltz. - Im
September 1905 kam dann noch der Zweig Stuttgart III dazu, der speziell zum
Studium der Werke Rudolf Steiners gegnindet wurde, Vorsitzender Hans Weifi-
haar, Schriftfuhrer Adolf Arenson. - 1907 erlosch Stuttgart I und Stuttgart III trat
an seine Stelle.
Bohme: Edwin Bohme, Generalsekretar der Leipziger Gesellschaft.
Tingley: Katherine Tingley (1852-1929), amerikanische Theosophin, «Nachfolge-
rin» von William Q. Judge in der Fiihrung der von Adyar unabhangig geworde-
nen «Theosophical Society in America*.
Annie Besants «Uralte Weisheit»: «The Ancient Wisdom» (1897), deutsche Uber-
setzung von Mathilde Scholl 1898.
« Kinder des Luzifer»: Drama von Edouard Schure; Le Theatre de l'Ame (lere
serie); Les Enfants de Lucifer (Drame antique), Paris 1900; autorisierte Uberset-
zung von Marie v. Sivers, Leipzig 1905, Dornach 1955.
Gestern trugest Du wieder fiir mich vor: Die Versammlung der Mitglieder des
Berliner Zweiges fand jeweils montags statt.
27 An Rudolf Steiner, wahrscheinlich in Karlsruhe
Donnerstag, 13. (oder 14.) April 1905, aus Berlin
In grower Eile:
Auch Herrn Schwab habe ich Lucifernummern zum Verkauf
geschickt. Kann nicht auf den Aufsatz «Einweihung und Myste-
rien» hingewiesen werden? Ich hab die drei Heftchen zusammen
gelegt fur 1 Mk. - Es wird dort hingewiesen auf «Esoterisches
Christentum» und «Grofie Eingeweihten».
Schonstes und bestes wunsche ich. Wie ist's mit diesem ersten
Mai? Soil ich alien absagen? Sicher ist ja Kassel noch nicht, aber ist
der erste Mai was?
Ich habe die Absicht schleunigst die Schillervortrage drucken zu
lassen (auf Kiems Risiko) und die Korrekturbogen Freitag vorzu-
legen. Sprach heute mit dem Potsdamer M.[ann] dariiber, der hier
war. 200 M. fur 1000 Exemplare wie «Goethes Faust», aber doppelt
so dick. Die Vortrage sind so schon. Diirfen wir?
Auf Wiedersehen!
Herrn Schwab: Friedrich Schwab in Heidelberg, dort fand am 17. April 1905 der
offentliche Vortrag «Die Weisheitslehren des Christentums statt.»
Aufsatz «Einweihung und Mysterien»: Aufsatz in drei Folgen in der Zeitschrift
«Luzifer», Juli/ August/September 1903. Wieder abgedruckt in «Luzifer-Gnosis
1903-1908», GA 34.
«Esoterisches Christentum» und «Grojie Eingeweihten»: Annie Besant, «Esoteri-
sches Christentum oder die kleinen Mysterien», deutsch von Mathilde Scholl,
Leipzig 1903; Edouard Schure, «Les Grands Inities», Paris 1889. Die autorisierte
deutsche Ubersetzung von Marie v. Sivers erschien seit Februar 1904 laufend in
der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis»; Buchausgabe Leipzig 1907 und Miinchen 1955.
Kassel: Dort war am 1. Mai 1905 der offentliche Vortrag «Schiller und die
Theosophie».
Schillervortrage: «Schiller und unser Zeitalter», Aufzeichnungen nach Vortragen,
gehalten vom Januar bis Marz 1905 an der Berliner «Freien Hochschule», heraus-
gegeben von Marie v. Sivers, Berlin 1905, Dornach 1932. Wieder abgedruckt in
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