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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
Zuden Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Was wollte das Goetheanum
und was soil die Anthroposophie?
Elf offentliche Vortrdge
Basel t 9.; Dornach, 14., 1$., 20.-22.;
Prag, 27. und 30. April 1923
Wien, 26. und 29. September 1923
Paris, 26. Mai 1924
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen stenographischen Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Konrad Donat
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
Friihere Veroffentlichungen:
Vortrag I in «Die Drei», 10. Jg., Heft 11, 1931;
«Was wollte das Goetheanum und was soil die
Anthroposophie?», Dornach 1938
Vortrag IX und X «Die ubersinnliche Erkenntnis (Anthroposophie)
als Zeitforderung - Anthroposophie und die ethisch-religiose
Lebenshaltung des Menschen», Dornach 1937
Bibliographie-Nr. 84
Zeichnungen im Text nach den Original-Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners, ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1961 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0840-5
INHALT
I. Was wollte das Goetheanum und was soil die
Anthroposophie ?
Basel, 9. April 1923 7
II. Die Steigerung der menschlichen Erkenntnisfahig-
keit zu Imagination, Inspiration und Intuition
Dornach, 1. Vortrag, 14. April 1923 (halboffentlich) . . 47
III. Das Seelenleben des Menschen und seine Entwicke-
lung zur Imagination, Inspiration und Intuition
Dornach, 2. Vortrag, 15. April 1923 (halboffentlich) . . 67
IV. Das Anschauungserlebnis der Denktatigkeit und der
Sprachtatigkeit
Dornach, 3. Vortrag, 20. April 1923 (halboffentlich) . . 91
V. Die physische Welt und die moralisch-geistigen
Impulse - Vier Stufen des inneren Erlebens
Dornach, 4. Vortrag, 21. April 1923 (halboffentlich) . .112
VI. Die menschliche Erkenntnisfahigkeit in der atheri-
schen Welt
Dornach, 5. Vortrag, 22. April 1923 (halboffentlich) . . 134
VII. Die Seelenewigkeit im Lichte der Anthroposophie
Prag, 1. Vortrag, 27. April 1923 154
VIII. Die Menschenentwickelung und Menschenerzie-
hung im Lichte der Anthroposophie
Prag, 2. Vortrag, 30. April 1923 179
IX. Die iibersinnliche Erkenntnis - Anthroposophie -
als Zeitforderung
Wien, 1. Vortrag, 27. September 1923 209
X. Die Anthroposophie und die ethisch-religiose
Lebenshaltung des Menschen
Wien, 2. Vortrag, 29. September 1923 237
XI. Wie erlangt man Erkenntnis der ubersinnlichen
Welt?
Paris, 26. Mai 1924 268
Hinweise 289
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 295
Personenregister 301
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 303
WAS WOLLTE DAS GOETHEANUM
UND WAS SOLL DIE ANTHROPOSOPHIE?
Basel, 9. Aprill923
Die schreckliche Brandkatastrophe der letzten Silvester-
nacht, welche das Goetheanum vernichtet hat, das vielen,
die es lieb hatten, in so schmerzlicher Erinnerung bleiben
wird, diese Katastrophe mag Veranlassung geben, dafi ich
die heutige Betrachtung iiber anthroposophische Welt-
erkenntnis und Weltanschauung an dieses Goetheanum an-
kniipf e. Nur eine Ankniipfung soli damit beabsichtigt sein.
Die Betrachtung selber, welche idi mir erlauben werde, hier
vor Ihnen anzustellen, soli sich aber in ihrer Art nicht
wesentlich unterscheiden von denjenigen Betrachtungen, die
ich nun schon seit vielen Jahren hier in Basel audi in dem-
selben Saale halten durfte. Gerade gelegentlich des schreck-
lichen Brandungliicks kam es wiederum zutage, welche aben-
teuerlichen Vorstellungen sich in der Welt knupfen an alles
das, was mit diesem Goetheanum in Dornach gemeint war,
und was in ihm getrieben werden sollte. Es wird gesprochen
von dem schrecklichsten Aberglauben, der dort verbreitet
werden soli. Es wird gesprochen von allerlei Religionsf eind-
lichem, das dort getrieben werden soli, ja sogar von allerlei
spiritistischen Geisterzitierungen, von nebulosem Mysti-
schen, dem man sich dort hingeben wiirde, und dergleichen.
Gegeniiber all dem mochte ich heute wenigstens skizzenhaft
die Frage beantworten: Was soli jene Anthroposophie,
welcher das Goetheanum gewidmet war?
Schon an dem Namen Goetheanum nahmen ja zahlreiche
Menschen Argernis. Man bedachte dabei nicht, aus welchen
Untergrunden dieser Name hervorgegangen ist, und wie
er mit dem, was dort als Anthroposophie gepflegt wird, zu-
sammenhangt. Diese Anthroposophie ist mir selbst lebendig
hervorgegangen aus einer Hingabe an Goethes Weltan-
schauung und an Goethes ganzes Wirken seit eigentlich
schon mehr als vier Jahrzehnten. Allerdings, wenn man
Goethes Weltanschauung und Goethes Wirken so ins Auge
fafit, dafi man unmittelbar nur dasjenige nimmt, was in
Goethes Werken steht, und gewissermaften logisch ableiten
will, was nun Goethisch heifien darf, dann wird man das
nicht treffen, was Veranlassung gegeben hat, den Dornacher
Bau gerade Goetheanum zu nennen. Allein es gibt, ich
mochte sagen, eine Logik des Denkens und eine Logik des
Lebens. Und derjenige, der sich nicht blofi durch eine Logik
des Denkens in Goethe vertieft, sondern der die Goethe-
schen voller Impulse steckenden Anregungen lebendig
nimmt und nun versucht, dasjenige aus ihnen zu gewinnen,
was gewonnen werden kann, nachdem iiber die Mensch-
heitsentwickelung so viele Jahrzehnte seit Goethes Tode
hinweggegangen sind, der wird glauben, mag er sonst audi
iiber den Wahrheitswert der Anthroposophie denken, wie
er will, dafi durch die lebendigen Anregungen des Goethea-
nismus - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - ge-
rade diese Anthroposophie hat entstehen konnen durch
Logik des Lebens, durch Erleben dessen, was in Goethe
liegt, und durch Wachsenlassen in bescheidener Weise des
von Goethe Angefiihrten.
Nun wurde dieses Goetheanum zuerst Johannesbau ge-
nannt, und zwar von denjenigen Freunden der anthropo-
sophischen Weltanschauung, welche vor nun mehr als zehn
Jahren die Veranlassung gegeben haben, einen solchen Bau
aufzufiihren. Der Name Johannesbau wurde keineswegs
von dem Evangelisten Johannes genommen, sondern er
wurde — nicht von mir, sondern von anderen - nach einer
der Figuren in meinen Mysteriendramen, Johannes Tho-
masius, benannt, weil zunachst dieses Goetheanum neben
der Pflege des iibrigen der anthroposophischen Weltanschau-
ung der Auffiihrung dieser Mysterien gewidmet sein sollte.
Allein es war ja selbstverstandlich, dafi dieser Name «Jo-
hannesbau» zu dem Mifiverstandnisse fiihren konnte, dafi
damit ein Anklang gegeben werden soli an den Sdireiber
des Johannes-Evangeliums.
Daher sprach ich es oftmals aus, und ich glaube, audi
hier an dieser Stelle im Laufe der Jahre, wahrend welcher
am Goetheanum gebaut wurde, dafi fiir mich, der ich in
lebendiger Weise meine Weltanschauung von Goethe ab-
geleitet habe, dieser Bau ein Goetheanum ist. Und dann
wurde dieser Name auch offiziell von Freunden der anthro-
posophischen Sache diesem Bau gegeben. Ich habe das nie
anders aufgefafit als eine Art von Dankbarkeit gegenuber
dem, was man aus Goethe gewinnen kann, als einen Akt
der Huldigung gegenuber der alles uberragenden Person-
lichkeit Goethes. Nicht als ob etwa das, was unmittelbar
in Goethe gegeben ist, am besten oder am schonsten im
Dornacher Goetheanum gepflegt werden sollte, sondern
weil an throposophische Weltanschauung fiir ihre Entstehung
den tiefsten Dank fiihlt gegenuber dem, was durch Goethe
in die Welt gekommen ist.
Nimmt man so den Namen Goetheanum als hervor-
gehend aus einem Akt der Huldigung, hervorgehend aus
einem Akt der Dankbarkeit, so wird man, wie ich glaube,
keinen Anstofi daran nehmen konnen. Im iibrigen ist es
ja begreiflich, daft jemand, der unbekannt mit der anthro-
posophischen Weltanschauung dem Bau auf dem Dornacher
Hiigel entgegentrat, zunachst absonderlich beruhrt wurde
von den beiden ineinandergefiigten Kuppelbauten, von den
befremdlichen Formen aufien und innen und so weiter.
Allein dieser Bau ist mit einer inneren kiinstlerischen Kon-
sequenz herausgeflossen aus dem, was anthroposophische
Weltanschauung sein soil. Und daher werde ich an das-
jenige, was der Bau wollte, am besten ankniipfen konnen,
wenn ich zunachst versuche, heute in einer etwas anderen
Weise als ich es hier schon durch viele Jahre getan habe, die
Frage zu beantworten: Was soli Anthroposophie?
Anthroposophie will zunachst sein eine Erkenntnis der
geistigen Welt, eine solche Erkenntnis der geistigen Welt,
welche sich durchaus an die Seite stellen kann dem, was wir
heute in einer so grofiartigen Weise als Naturwissenschaft
haben. Sie will sich an die Seite stellen dieser Naturwissen-
schaft sowohl durch wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit,
wie audi dadurch, dafi derjenige, der in ernster Weise nicht
blofi Anthroposophie in sein Gemiit aufnehmen, sondern sie
aufbauen will, dafi der vor alien Dingen durchgegangen
sein mufi durch alle die strengen und ernsten Methoden,
welche die Naturwissenschaft heute iibt.
Durch alles das will Anthroposophie das voile Gegenteil
von dem sein, was ich Ihnen ja angefiihrt habe als die Mei-
nung der Welt iiber sie. Und man kann eigentlich gegeniiber
diesen Urteilen, die ich ja nur zum Teil angefiihrt habe, nur
erstaunt sein dariiber, wie es moglich ist, dafi sich in der
Offentlichkeit Ideen uber eine Sache festsetzen konnen, die
das genaue Gegenteil sind von dem, was eigentlich in Wirk-
lichkeit mit der Sache beabsichtigt wird. Denn man konnte
geradezu sagen: Alles das, was ich an Meinungen der Welt
angefiihrt habe, ist Anthroposophie nicht, sondern sie will
sein eine ernste Erkenntnis der geistigen Welt.
Nun wissen Sie, dafi heute alles, was uberhaupt Erkennt-
nis der geistigen Welt sein will, mit etwas verachtlichen
Blicken oder wenigstens mit grofiem Zweifel angesehen
wird. Die wissenschaflliche Erziehung, welche die Mensch-
heit seit drei bis vier Jahrhunderten genossen hat, war ja
eine solche, dafi allmahlidi im neunzehnten und im Beginn
des zwanzigsten Jahrhunderts das Urteil heraufgekommen
ist: Man kann durch die strengen Methoden, die heute die
Naturwissenschafl hat, dasjenige erkennen, was den Sinnen
in der Umgebung des Menschen gegeben ist, und was mit
Hilfe der Experimentier- und Beobachtungsmethoden der
mensdiliche Verstand aus der Sinnesbeobachtung machen
kann. Dagegen wird uberall, wo man gerade glaubt, auf
dem strengsten Boden dieser naturwissensdiaftlichen Welt-
anschauung zu stehen, die Erkenntnis des Geistigen abge-
lehnt, indem, sei es mit einem gewissen Hochmut, sei es mit
einem gewissen Kleinmut, gesagt wird, dem Geistigen ge-
geniiber seien eben dem Menschen in seiner Erkenntnis
Schranken gegeben, dem Geiste gegeniiber sei der Mensch
lediglich auf Glaubensvorstellungen angewiesen.
Dadurch gerade ergibt sich aber fur sehr viele Menschen,
die ihre Erziehung geniefien durch das, was heute ja uberall
popularisiert wird aus der Naturwissenschafl;, ein ernster
innerer Seelenzwiespalt. Die Glaubensvorstellungen sind
aus alten Zeiten uberliefert. Man weifi nicht, dafi sie audi
Erkenntnisvorstellungen entsprechen, die sich auf friiheren
Stufen die Menschheit errungen hat, und daft diese in der
Tradition, in der tJberlieferung geblieben sind. Wenn sie
so hingenommen werden als Glaubensvorstellungen, so ver-
setzt sich die Seele in einen Zustand, der sie in Widerspruch
bringt mit allem, in das sie sich hineinarbeitet, wenn sie das
aufnimmt, was heute in so strenger Weise durch natur-
wissenschaftliche Methode fur die Menschheit und audi fur
das praktische Leben erobert wird.
Dasjenige, was so erobert wird, ist ja wahrhaftig nicht
etwa blofi etwas, was man Besitz einer kleinen gebildeten
Mensdienscliar nennen konnte, sondern diese besondere
Art des Denkens, die von der Naturwissenschafl: herkommt,
ist ja bereits eingedrungen in unseren niedersten Unterricht.
Und man mochte sagen: Immer weiter und weiter, bis in
die aufiersten, primitivsten menschlichen Ansiedelungen hin-
ein, iiberall verbreitet sich, wenn audi nicht Naturwissen-
schafl:, so doch eben die Art der Seelenverfassung, die von
der Naturwissenschafl; kommt. Das macht, dafi viele zwar
nicht wissen, daft ihre Sehnsucht, ihre Seelensehnsucht dar-
nach geht, iiber das Geistige ahnliche Vorstellungen zu ge-
winnen wie iiber das Naturliche, dafi aber dennoch bei sehr
vielen Menschen heute dadurch ein Seelenzwiespalt zu-
stande kommt, der sich in allerlei Unbefriedigtheiten des
Lebens aufiert. Man fiihlt eine gewisse innere Unruhe und
Unsicherheit. Man weift nicht recht, wie man sich mit seinen
Vorstellungen, mit seinen Empfindungen in das Leben hin-
einstellen soli. Man schreibt das mancherlei Dingen zu; aber
die wirkliche Ursache ist in dem Gesagten gelegen.
Die Menschen verlangen heute eigentlich nach wirklichen
Erkenntnis-, nicht nach Glaubensvorstellungen iiber die gei-
stige Welt. Solche Vorstellungen strebt Anthroposophie an.
Indem sie dies tut, mufi sie allerdings einen ganz anderen
Erkenntnisbegriff geltend machen, als der ist, an den man
sich heute gewohnt hat. Und wenn ich charakterisieren soli,
welches dieser Erkenntnisbegriff ist, so mochte ich das zu-
nachst durch eine Art von Vergleich tun, der aber mehr sein
soli als ein blofier Vergleich, durch etwas, was direkt hin-
einfuhren soil in die Art und Weise, wie Anthroposophie
das Obersinnlich-Geistige zu erkennen strebt.
Denken wir zunachst an die merkwiirdige Welt, die jeder
gewissermafien als die andere Seite des menschlichen Da-
seins, des menschlichen Bewufitseins kennt, denken wir an
die Traumeswelt. Jeder kann sich vor die Seele stellen die
bunten, mannigfaltigen, farbenreidien Bilder, weldie ihm
auftauchen aus den dunklen Tiefen des Schlafzustandes.
Man findet, wenn man vom wachen Zustande aus auf die
Traume hinschaut, dalS diese in irgendeiner Weise zusam-
menhangen mit dem, was der Mensdi im wadien Zustande
ist und vorstelk. Selbst wenn sie, was ja gar nicht abgeleug-
net werden soil, zuweilen wie prophetische Traume wirken,
es hangen diese Traume dennoch zusammen mit dem, was
der Mensdi erlebt hat. Nur wirkt eine, ich mochte sagen,
naturlich gestaltende Phantasie in der ausschweifendsten
Weise mit, um das, was der Mensch erlebt, umzugestalten.
In anderer Weise hangen solche Traume zusammen mit den
menschlichen leiblichen Zustanden; Atembeschwerden, zu
schnelle Herzbewegung, Storungen im Organismus werden
in der mannigf altigsten Weise im Traume symbolisch erlebt.
Denken wir uns einmal, nur um den Gedanken auszu-
bilden, der hier notig ist, der Mensch lebte in dieser Trau-
meswelt; er hatte keine andere Welt. Der Mensch ware
nicht imstande, aus dieser Traumeswelt jemals herauszu-
kommen, er wiirde sie fur seine Wirklichkeit halten. Wenn
durch irgendwelche aufieren Krafte das Menschenleben
genau ebenso verliefe, wie es jetzt verlauft, wenn durch
dieWirkung anderer geis tiger Wesenheiten dieses Menschen-
leben genau ebenso verliefe, dafi wir in den Stadten herum-
gehen, unsere Arbeit tun, aber nicht mit Bewulksein hin-
sehen auf diese Arbeit, sondern immer nur traumten, so
wiirden wir als Menschen die Traumeswelt fur die einzige
Wirklichkeit halten, geradeso, wie der Traumer ja seine
mannigfaltig ausstaffierte Traumeswelt in dem Momente
des Traumens fur seine Wirklichkeit halt. Wachen wir auf,
dann konnen wir vom Standpunkt des Wachens durch die
Art und Weise, wie wir dann zur Welt unserer Umgebung
stehen, eigentlich erst ein Urteil iiber den Wirklichkeitswert
und die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes gewinnen.
Innerhalb des Traumes stehenbleibend, kann man kein sol-
ches Urteil iiber die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes
selbst gewinnen. Inwiefern der Traum mit den Lebens-
reminiszenzen zusammenhangt, inwieferne er zusammen-
hangt mit korperlichen Zustanden, dariiber ein Urteil zu
gewinnen ist nur moglich von dem Standpunkte des Wa-
chens aus. Man mufi erst aufwachen, um iiber den Traum
ein Urteil zu haben.
Nun lebt ja der Mensch audi in seinem Willen, denn der
Wille ist hauptsachlich eingeschaltet beim Aufwachen in
die Vorgange der aufieren Sinneswelt, er lebt nun in den
Bildern, die ihm diese Sinneswelt fiir seine Seele iiberliefert.
Ein anderes Urteil als das Sich-hinein-Fiihlen in die Sinnes-
welt, das Sich-verbunden-Empfinden mit dieser Sinneswelt
haben wir gar nicht iiber die Wirklichkeit. Und von diesem
Gesichtspunkte des, ich mochte sagen, mit seinem ganzen
Seelenwesen durch den Korper Eingeschaltetseins in die
Sinneswelt, von diesem Gesichtspunkte aus beurteilen wir
diese Sinneswelt zunachst als die Wirklichkeit, und das,
was uns der Traum vorgaukelt, als nicht zu dieser Wirk-
lichkeit gehorig. Nun aber taucht ja bei jedem Menschen
einmal die Frage auf, namentlich wenn er alles das iiber-
blickt, was die Bilder der aufieren Sinneswirklichkeit ihm
geben: Wie verhalt sich dasjenige, was er selbst in seinem
Innern als sein Seelisch-Geistiges erlebt, zu den Verwand-
lungen und zu der Veranderlichkeit dieser aufieren Sinnes-
welt?
Die grofien Fragen des Daseins tauchen auf, indem der
Mensch vergleicht, was er in der aufieren Sinneswelt schaut,
und was er als sein eigenes Wesen in seinem Denken und
Fuhlen und Empfinden in seinem Wollen aus den Tiefen
seiner Menschlichkeit aufsteigen fiihlt. Jene grofien Fragen
des Daseins, die sich einschlieften etwa darin: Welchen Wirk-
lichkeitswert hat das Seelische? - was sich dann erweitert zu
der grofien Frage der Seelenunsterblichkeit - die Frage nach
der menschlichen Freiheit und zahlreidie andere Fragen
tauchen auf. Denn der Mensch fiihlt ja bald, wie ganz
anders das Erlebnis ist, wenn er nach aufien schaut und die
Sinneseindriicke empfangt, und wenn er nach innen schaut
und seine seelischen Erlebnisse hat. Und aus solchen Er-
fahrungen mufi ja die Frage auftauchen: Ist es denn viel-
leicht in einer ahnlichen Weise moglich, durch eine Art
zweiten Erwachens, durch ein hoheres Erwachen auch von
einem hoheren Standpunkt aus Aufschlufi iiber die Sinnes-
wirklichkeit selbst zu erlangen, so wie man von der Sinnes-
wirklichkeit aus, wenn man in natiirlicher Weise erwacht
am Morgen, ein Urteil gewinnt iiber die Traumeswelt?
Wenn man iiberzeugt ist davon, dafi die Einbildung des
Traumes ihrem Wirklichkeitswert nach nur beurteilt wer-
den kann vom Standpunkte des Wachens, dann mufi
man danach streben, einen Standpunkt zu gewinnen, der
nun wiederum iiber den Wirklichkeitswert, iiber den hohe-
ren Wirklichkeitswert der sinnlichen Erfahrung selber
etwas aussagen kann. Und so geht die grofie Frage nach
einer Geist-Erkenntnis danach: Konnen wir etwa in einem
hoheren Sinne aus unserem alltaglich wachenden Bewufit-
sein heraus noch einmal aufwachen, und ergibt sich durch
ein solches zweites Aufwachen eine Erkenntnis iiber die
Sinneswelt, so wie sich von der Sinneswelt aus eine Er-
kenntnis iiber den Traum ergibt?
Nun kann man schon fiihlen, aber eine genaue Betrach-
tung gibt Gewifiheit dariiber, wie der Traum eigentlich
wirkt. Wenn man traumt, fiihlt man gewissermafien sein
ganzes Seelenleben von unbestimmten Machten ergriffen.
In dem Momente, wo der Mensch aufwacht, fiihlt er, dafi
er gewissermafien seinen physischen Leib nun in der Hand
hat. Er fiihlt, dafi die ausschweifenden Vorstellungen des
Traumes durch den physischen Leib diszipliniert werden.
Und er fiihlt audi, diese Vorstellungen des Traumes sind
ausschweifend aus dem Grunde, weil im Aufwachen oder
im Einschlafen ein Moment da ist, wo wir den physischen
Leib nicht vollstandig in der Hand halten. Kann in der-
selben Weise, wie wir durch die Krafte unseres Organismus
selbst aus dem Traum, aus dem Schlafe iiberhaupt heraus-
gerissen werden zum sinnlichen Wachsein, kann in der-
selben Weise durch bewufite Seelentatigkeit ein hoheres,
ein zweites Aufwachen bewirkt werden?
Durch die Beantwortung dieser Frage, die nur beantwor-
tet werden kann, indem man, ich mochte sagen, in einem
hoheren Sinne probiert, ob die Seele in sich Krafte findet
zu einem solchen hoheren Erwachen, dadurch allein kann
eine andere Gestalt des Erkenntnisbegriff es geschaffen wer-
den als der jenige, den man heute gewohnt ist, und der ja nur
dazu fuhrt, dafi man ein Ignorabimus, ein «Wir-werden-
nicht-Erkennen» gegeniiber der geistigen Welt ausspricht.
Nun wird man sich zunachst wenden miissen - und so
verf ahrt die Anthroposophie - an diejenigen Seelenkrafle,
die wir schon haben, und wird fragen miissen: Kann aus
diesen Seelenkraften heraus ein Hoheres, ein noch Krafti-
geres entwickelt werden, so wie das wache Seelenleben
kraftiger ist als das traumende? Man wird sich sagen, auch
dieses wache Seelenleben des erwachsenen Menschen ist ja
allmahlich entwickelt worden aus dem traumerischen Seelen-
leben, das wir bei unserem Antritt des Seelenlebens als ganz
kleine Kinder gehabt haben. Waren wir stehengeblieben
bei dem Seelenleben, das wir etwa in den ersten drei Jahren
unseres Seelenlebens, unseres Erdenlebens hatten, wir wiir-
den die Welt in einer Art Traumform betrachten. Wir sind
herausgewachsen aus dieser Traumform.
Das kann Mut geben, zunachst gewisse Seelenkrafte auf-
zusuchen, die nun noch weiter zu entwickeln sind, als sie
sich seit der ersten Kindheit entwickelt haben. Und es wird
sich derjenige, der es mit einer solchen Frage ernst nimmt,
zunachst an eine seelische Kraft wenden, von der audi be-
deutendere philosophische Geister der Gegenwart schon aus
rein philosophischen Erwagungen heraus zugeben, daft sie
auf eine geistige, vom Leibe mehr oder weniger unabhan-
gige Betatigung des Menschen hinweist. Das ist unsere
Erinnerungskraft, dasjenige, was in unserem Gedachtnisse
lebt.
Vergegenwartigen wir uns einmal, was in unserem ge-
wohnlichen Gedachtnisse lebt. Zunachst ist dieses Gedacht-
nis selbstverstandlich keine Kraft, um in ubersinnliche gei-
stige Welten hinaufzudringen. Zunachst wissen wir auch
von diesem Gedachtnisse, daft es in vollstandiger Ordnung
nur ist, wenn wir das Seelische in dem Leiblichen zum Aus-
drucke bringen. Aber dennoch, etwas Eigentiimliches liegt
vor. Innerhalb der Erinnerungen treten auf die Bilder von
Erlebnissen, die vielleicht jahrzehntelang hinter uns liegen.
Je nachdem der Mensch organisiert ist, tritt in mannigfal-
tigen Bildern, die eigentlich den Traumbildern sehr ahnlich
und nur disziplinjerter sind, dasjenige auf, was wir durch-
gemacht haben in unserem Verhaltnis zur sinnlichen Welt
und zum gewohnlichen Menschen. Und wenn unser Ge-
dachtnis treu ist, so kommt aus den Seelentiefen heute ein
lebendiges Wissen von dem herauf, was vor Jahren war,
was heute nicht in sinnlicher Wirklichkeit vor uns steht.
Das ist allerdings nur ganz popular gesprochen, aber man
muft ja zunachst ausgehen von irgendeinem sicheren Ge-
sichtspunkt. Und so konnen wir sagen: In der Erinnerung
sind iins Vorstellungen gegeben, welche innerlich etwas ab-
bilden, was zwar einmal da war, mit dem wir einmal gelebt
haben, was aber zunachst nicht da ist.
Und so kann die allerdings zunachst noch vage Frage ent-
stehen, die natiirlich erst eine Bedeutung bekommt, wenn
man sie beantworten kann - aber wir werden sehen, da£ man
sie beantworten kann -: Kann der Mensch vielleicht durch
innere geistig-seelische Arbeit eine weitere Seelenkraft, ge-
wissermafien eine Umwandelung der Erinnerungskraft sidi
erringen, durch die er nicht nur dasjenige vorstellt, was jetzt
nicht mehr da ist, aber einmal da war, sondern durch die er
etwas vorstellt, was zunachst im Erdenleben iiberhaupt
durch keine Sinneswahrnehmungen und durch keine Ver-
standeskombinationen da ist? - Diese Frage kann nur durch
ernstliche innere Seelenarbeit entschieden werden, und diese
Seelenarbeit besteht darin, dafi der Mensch dasjenige, wor-
auf ja zunachst das Gedachtnis abgestellt ist, das Vorstel-
lungsvermogen selbst, ich mochte sagen, in eine innere Er-
ziehung nimmt.
Wie verlaufen denn die Vorstellungen, und wie vollzieht
sich die Vorstellungstatigkeit im gewohnlichen Leben? Nun,
die aufieren Dinge machen auf uns einen Eindruck. Zunachst
haben wir die sinnlichen Wahrnehmungen. Dann machen
wir uns aus diesen sinnlichen Wahrnehmungen unsere Vor-
stellungen, die wir dann in der Erinnerung tragen. Und wir
wissen ja, wenn wir etwas, was vor Jahren vor uns ge-
standen hat, in das wir hineinverwickelt waren, in der Vor-
stellung erinnerungsgemaft heraufrufen wollen, dann brau-
chen wir eine gewisse Kraft dazu. Aber wir wissen auch,
dafi der Mensch gerade, um treu die aufkre Welt in seinen
Vorstellungen zu haben, um nichts Phantastisches in die
Bilder von dieser auEeren Welt hineinzubringen, sich passiv
der aufieren Welt hingibt. Und dieses passive Sichhingeben,
das nodi dazu durch alle moglichen Experimentiermethoden
unterstutzt wird, ist ja audi das Richtige fiir die Natur-
wissenschaft. Aber man kann mit dem Vorstellungsleben
noch etwas anderes anfangen. Man kann versuchen, mit
innerlicher Aktivitat, in innerlicher Tatigkeit Vorstellungen
aufzunehmen, sie mogen einen Inhalt haben, welchen audi
immer; nur miissen sie einen leicht iiberschaubaren Inhalt
haben, der nicht suggestiv wirken kann. Schwer iiberschau-
bare Inhalte, solche Inhalte, die wir aus den Tiefen der
Seele heraufholen, konnen leicht suggestiv wirken. Man
kann nun versuchen, einen solchen einfachen Vorstellungs-
inhalt innerlich tatig zu verarbeiten, so daft man sich mit
seinem ganzen Seelenleben diesem Inhalte immer wieder
und wieder hingibt.
Ich habe die Technik, mochte ich sagen, einer solchen Hin-
gabe an ein aktives Vorstellungsleben in meinen Buchern
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und
in meiner <<Geheimwissenschaft» genauer beschrieben; hier
will ich das Prinzipielle angeben. Wenn man sich immer
wieder und wieder diesem Inhalte hingibt, ganz unabhangig
davon, ob die Vorstellungen, die man innerlich verarbeitet,
auf denen man innerlich ruht, die man innerlich in Verbin-
dung bringt, in denen man sein ganzes Seelenleben aufgehen
lafit, ob diese Vorstellungen aufierlich dies oder jenes be-
deuten, wenn man sich so diesem Inhalte hingibt, dann
merkt man allmahlich, dafi in diesem innerlichen Arbeiten,
im Denken und Vorstellen, eine merkwurdige Lebendigkeit
sich entwickelt, eine Lebendigkeit, die man eben erst kennen-
lernen mufi, um uber sie ein Urteil haben zu konnen. Lernt
man sie kennen, dann f angt man audi an, etwa in der f ol-
genden Weise zu denken. Man sagt sich: Wie ein Muskel,
mit dem man immer arbeitet, sich verstarkt, so verstarkt
sich gerade die Denkkraft unseres Seelenlebens, wenn man
in dieser Weise, indem man sich nicht den Eindriicken der
Aufienwelt passiv hingibt, sondern indem man innerlich
arbeket, wenn man in dieser Weise vorstellungsgemafi ganz
lebendig innerlich sein Seelenleben immer wieder und wie-
der in eine gewisse Verf assung bringt. Auf diese Art gelangt
man endlich dazu, dafi in der Tat das Denken, das sich
sonst audi fiir die Erinnerungsbilder schattenhaft ausnimmt,
das sich eben in blofi angeschauten Bildern erschopft, einen
innerlich, aber geistig-seelisch erfiillt, so wie man sich mit
seinem Atmen, mit seiner Blutzirkulation im Leben erfiillt
empfindet. Es stromt, wenn ich so sagen darf, Lebenskraft
in das aktiv gewordene Denken ein.
Ja, wahre Anthroposophie als Geist-Erkenntnis ist etwas,
was auf innerlichen intimen Methoden der Seele beruht,
nicht auf irgendwelchen Geisterzitationen, sondern darauf,
dafi die Seele selber ihre Erkenntniskrafte umkehrt, um sie
zu etwas anderem zu machen. Und wenn der Mensch in
dieser "Weise immer mehr und mehr sein Denken erkraftet,
so kommt er einmal, sei es audi nach Jahren, zu ein em ganz
besonderen inneren Erlebnis, zu dem Erlebnis, das man so
schildern kann: Wenn man nur aufiere Gegenstande oder
auftere Handlungen erinnert, dann taucht man bis in eine
gewisse Tiefe des Seelenlebens hinunter, und aus dieser Tiefe
muE man dann die Erinnerungen herausschopfen. "Wenn
man aber so, wie ich es geschildert habe, lebendig arbeitet
an seinem Denken, dann kommt man endlich dazu, mit die-
semDenkleben genau zu wissen, man taucht tiefer hinunter,
als die Kraft der Erinnerung reicht.
Das ist ein wichtiges Erlebnis, wenn man dazu gekommen
ist, die Erinnerungen gewissermafien wie eine Art Niveau
zu betrachten, bis zu dem man hinuntertaucht beim gewohn-
Hchen Bewufitsein, und von dem aus man die Erinnerungs-
vorstellungen heraufholt, und wenn man dann spiirt, wie
tiefer unten ein anderes Niveau liegt im Seelenieben, zu
dem man jetzt hinuntergedrungen ist, und von dem man
durch das erkraftete Denken nun Vorstellungen herauf-
schopfen kann, die nicht dieselben sind, denen man sich
zuerst hingegeben hat, sondern die nun ganz andere sind.
Und wahrend man durch die Erinnerung vorstellen kann
das, was nicht mehr da ist, aber einmal da war im Men-
schenleben, so erfahrt man jetzt, wie man von diesem tie-
feren Niveau aus, wenn man aus ihm heraufschopft, zu
Vorstellungen kommt iiber etwas, das man sonst im Leben
niemals hat.
Jetzt ist man durch dieses Erkenntnistor in die geistige
Welt eingedrungen. Und die erste Erfahrung, die sich da
ergibt, ist diese, dafi man einen wirklichen tableauartigen
Riickblick auf sein gesamtes bisher verbrachtes Erdenleben
gewinnt. Man mochte sagen: Wie in einem einzigen Augen-
blicke - das ist etwas radikal gesprochen, aber es ist fast
so - liegt, indem formlich die Zeit in Raum verwandelt ist,
das bisherige Erdenleben vor dem Bewufitsein ausgebreitet
in machtigen Bildern. Aber diese Bilder unterscheiden sich
doch von dem, was man etwa gewinnen wiirde, wenn man
sich hinsetzen und in der Erinnerung alles heraufholen
wiirde, was man aus seinem Erdenleben heraufholen kann,
und nun sozusagen fortlaufende Vorstellungen bis nahe zu
seiner Geburt hin aus diesem Erdenleben gewinnen wiirde.
Das Tableau, das man auf die geschilderte Weise be-
kommt, unterscheidet sich ganz wesentlich von dem letz-
teren. Die in der gewohnlichen Erinnerung doch passiv ge-
bildeten Vorstellungen enthalten iiberhaupt mehr die Art
und Weise, wie die Aufienwelt an einen herangetreten ist.
In der Erinnerung lebt man etwa in dem, wie ein Mensch
einem begegnet ist, wie ein Mensch auf einen gewirkt hat,
wie ein Mensch einem Freundschaft entgegenbrachte; oder
man lebt darin, wie ein Naturereignis auf einen gewirkt
hat, welchen Eindruck dieses Naturereignis auf einen ge-
macht hat, was man an Leid und Freude von diesem Na-
turereignis oder von dem Einflusse des Menschen erfahren
hat und so weiter.
Dasjenige, was man in dem Tableau hat, wie ich es ge-
schildert habe, das man erlangt durch das erkraflete, ver-
starkte Denken, das ist: Man schaut sich selber, wie man
durch seine eigenen Temperamentseigenschaflen, durch sei-
nen Charakter, durch das, was in einem selber als Sehn-
sucht, als Liebe gelebt hat, sich einem andern Menschen
genahert hat. Wahrend einem die blofte Erinnerung das-
jenige gibt, was von aufien einem entgegengetragen wird,
gibt einem dieses Erinnerungstableau mehr das, was man
selbst beigetragen hat zu dem Erlebnis, was aus einem selber
herausgekommen ist. Und wenn man bei der gewohnlichen
Erinnerung etwa einem Naturereignis gegeniiber dasjenige
hat, was dieses Naturereignis an Leid oder Freude gebracht
hat, wie also die Auftenwelt auf einen gewirkt hat, so hat
man in dem Erinnerungstableau mehr, sagen wir, die Sehn-
sucht, sich irgendeiner Gegend der Erde zu nahern, auf
welcher man dieses Erlebnis hatte. Das, was man selber
dazugetan hat, das erlebt man in diesem Erinnerungs-
tableau. Kurz, es ist, ich mochte sagen, abgelenkt von der
Aufienwelt dieser Totaleindruck, den man von seinem
Leben hat, und es ist in diesem Totaleindruck alles das ent-
halten, was eigene Tatigkeit des Lebens war. Man sieht
sich wirklich wie einen zweiten Menschen. Indem man die-
ses Erinnerungstableau hat, hat man nicht viel Eindruck
von seinem physischen Raumesleib; aber man fiihlt sich in
alledem darinnen, was man zum Erlebnis gebracht hat, und
man fiihlt zu gleicher Zeit, wie alles, was man da zum Erleb-
nis gebracht hat, gewissermafSen eine atherisch stromende
Welt ist. Und man lernt zu gleidier Zeit erkennen mit dieser
atherisch stromenden Welt, welche in machtigen Bildern
wie in einem fortstromenden Flusse das eigene Leben ent-
halt, wie diese atherisch verlaufende Welt des eigenen Da-
seins zusammenhangt mit der allgemeinen atherischen Welt.
Wenn man als physischer Mensch mit seinen physischen
Sinnen der Aufienwelt gegeniibersteht, so fiihlt man sich
selber innerhalb seiner Haut eingeschlossen. Man fiihlt die
anderen Dinge als aufiere Dinge. Man fiihlt einen strengen
Kontrast zwischen Subjekt und Objekt, wenn ich mich
philosophisch ausdriicken will. Das ist nicht der Fall, wenn
man nun in ein verstarktes Denken, in die fluktuierende
Welt, ich mochte sagen, des zweiten Menschen, des Zeit-
menschen gegeniiber dem physischen, leiblichen Raumes-
menschen eintritt.
Man kann wirklich von einem Zeitleib sprechen, denn
man empfindet wie auf einmal dieses ganze bisher ver-
brachte Erdenleben, und man fiihlt dieses bisher verbrachte
Erdenleben sich bewegend in einer allgemeinen, ihm glei-
chenWelt. Einen Sinn bekommt es, zu sagen: Zuderharten,
dichten physischen Welt tritt eine feinere Welt hinzu, in
der man stromend sein Leben vollbracht hat, eine atherische
Welt. Man lernt jetzt erst erkennen, was eine atherische
Welt ist, und was man selber als zweiter Mensch, als zweites
Menschenwesen in dieser atherischen Welt ist. Aber damit
hat man erst die erste Stufe des Obersinnlich-Geistigen be-
schritten. Man weifi gewissermafien in unmittelbarer An-
schauung nur deshalb, weil man sich selber fiihlt als geist-
seelisches Wesen innerhalb einer geist-seelischen Welt, man
weifi, dafi die ganze Welt durchwellt und durchwebt ist
von einer geistig-seelischen Wesenheit, welche man selber
in sich halt. Aber mehr weifi man zunachst noch nicht. Und
man weifi vor alien Dingen zunachst noch nicht von einer
anderen geistig-seelischen Welt, als diejenige ist, die einen
als Erdenmenschen verbindet mit der umgebenden, eben
audi atherischen Welt.
Aber man kann nun weitergehen. Hat man einmal diese
Fahigkeit erlangt, im Atherischen sich zu erleben, die athe-
rische Welt mit sich zu erleben, dann kann man aufsteigen
zu einer anderen Art der Ausbildung der Seelenkrafte. Sie
besteht darinnen, da£ man, ich mochte sagen, den entgegen-
gesetzten Vorgang des zuerst Charakterisierten in der Seele
bewirkt. Zuerst versuchte man, das Denken innerlich recht
aktiv, recht lebendig zu machen, so dafi man statt des passi-
ven Denkens ein innerlich regsames Stromen und Kraften
und Wellen und Weben in sich hat. Nun muft man ver-
suchen, dasjenige, was man als Gedanken, als frei in der
Seele schwebenden Gedanken in diese Seele versetzt hat,
mit derselben innerlichen Willkiir und Willenskraft wieder
zu unterdriicken.
Alles, was ich Ihnen schildere, mufi sich bei den Seelen-
iibungen, auf die ich hinziele, so ausfiihren lassen, wie der
Mathematiker seine Probleme ausfuhrt. So daf$ der Mensch
mit voller Besonnenheit das alles ausfuhrt, daft nichts von
irgendwelcher falschen Mystik, von Traumerei oder gar
von Suggestion oder dergleichen darinnen ist. Mit derselben,
ich mochte sagen, niichternen Kalte - denn die Warme und
der Enthusiasmus kommen durch das, was man dann sieht,
nicht durch die Methode mit derselben niichternen Kalte,
mit der man geometrische Probleme lost, mufi man in der
Seele seine Ubungen anstellen. Aber trotzdem stellt sich
eines heraus. Wenn man dazu kommt, dieses erkraftete
Denken zu haben bei den Vorstellungen, die man dann be-
kommt, namentlich bei den Vorstellungen des bisherigen
Lebens, die einen ganz erfiillen konnen, wenn man auf
ihnen ruhen will, dann kommt man schwer von ihnen los.
Aber man muft die starke Kraft in sich entwickeln, ebenso
die Vorstellungen wiederum zu unterdriicken, wie man sie
selbst in eigener Tatigkeit hervorrufen kann. Man muft mit
anderen Worten die Fahigkeit gewinnen, alles Vorstellen,
alles Denken im Bewufttsein auszuloschen, nachdem man
es in hochster Regsamkeit angef acht hat. Das Ausloschen der
gewohnlichen Vorstellungen ist schon sehr schwer; aber es
ist verhaltnismaftig leicht gegeniiber dem Ausloschen von
solchen Vorstellungen, die man zuerst durch eine gesteigerte
Aktivitat in sein Bewufttsein versetzt hat.
Daher bedeutet audi dieses Ausloschen etwas ganz an-
deres. Und gelangt man, wiederum durch lange Obungen-
aber man kann diese Obungen gleichzeitig mit den anderen
machen, so daft beide Fahigkeiten auch wiederum gleich-
zeitig auftreten - gelangt man dahin, durch lange Obungen
dieses herbeizufiihren, daft man ebenso kraftvolle aktive
Denkprozesse in das Bewufitsein bringen kann, wie sie wie-
der ausloschen, dann kommt iiber die Seele etwas, was ich
nun nennen mochte - Ausdriicke muft man ja haben fiir
diese Dinge - das innere Schweigen der Menschenseele.
Dieses innere Schweigen kennt man in dem Bewufttsein
des gewohnlichen Lebens eben gar nicht. Das erste, was der
Geistesforscher, der den anthroposophischen Weg forschend
gehen will, braucht, ist das verstarkte Vorstellungs-, das ver-
starkte Denkleben, wodurch er in der angedeuteten Weise
zur Selbsterkenntnis kommt. Das andere ist, daft er sich
ausbilden muft ein vollstandig leeres Bewufitsein, wodurch
alles, was sonst an Denken, Fiihlen und Wollen in der
Seele ist, zum Schweigen gebracht wird; zum Schweigen
gebracht wird aber erst, nachdem diese Seelentatigkeit vor-
her in der hochsten Weise gesteigert worden ist. Dann ist
dieses Schweigen der Seele etwas ganz Besonderes. Und ich
kann dieses Schweigen der Seele, das gewissermaften die
zweite Stufe der Geist-Erkenntnis darstellt, etwa in der
folgenden Weise schildern.
Denken wir uns, wir seien in einer grofien Stadt, wo
furchtbarer Tumult ist. Ganz betaubt werden wir von dem
Tumult. Wir gehen aus dieser Stadt weg, entfernen uns.
Wenn wir eine Weile gegangen sind, so horen wir hinten
noch die Gerausche, horen das Pfeifen und Drohnen, aber
es ist schon etwas stiller geworden. Und je weiter wir gehen,
desto stiller wird es. Kommen wir endlich in die Stille des
Waldes, so kann es sein, dafi um uns herum Ruhe ist. Wir
haben den ganzen Weg durchgemacht von tobenden Ge-
rauschen bis zur aufieren Ruhe. Aber ich kann jetzt weiter-
gehen. Das wird zwar in der auEeren Wirklichkeit nicht
eintreten, aber der BegrifF wird ein vollstandig realer, wenn
man zu dem kommt, was ich eben bezeichnet habe als
Schweigen der Seele.
Ich will einmal einen ganz trivialen Vergleich gebrau-
chen: Man kann ein gewisses Vermogen haben und immer
mehr und mehr davon ausgeben. Dann hat man immer
weniger, und zuletzt gar nichts. Dann hat man «Null»-
Vermogen. Man kann aber noch weitergehen, man kann
Schulden machen. Dann hat man weniger als nichts. Das
kennt man aus der Mathematik. Man hat weniger als nichts.
So kann es nun audi mit der Ruhe werden, mit dem Schwei-
gen. Es kann gewissermaften von dem Gerausch der Welt
aus hergestellt werden die vollstandige Stille, gleich Null.
Dann kann es aber noch heruntergehen, stiller werden als
die Stille, die gleich Null ist, immer stiller und stiller wer-
den, negative Stille, negative Ruhe, mehr als Ruhe. Und
so wird es, wenn man dies verstarkte Seelenleben ausloscht,
in der Seele schweigsamer als das blofie, wenn ich mich so
ausdriicken darf, Null-Schweigen. Es wird eine nach der
entgegengesetzten Seite hin zielende Ruhe im Seelenleben
hergestellt, ein Schweigen, das mehr ist als das blofie
Schweigen, wenn wir im gewohnlichen Bewufitsein ruhig
sind.
Und wenn wir vorgedrungen sind zu diesem Schweigen,
wenn die Seele fiihlt, dafi sie gewissermafien der Welt ent-
riickt ist, nicht nur indem die Welt um die Seele herum still
ist, sondern indem die Seele fiihlt, die Welt kann nur ruhig
sein gleich Null; du aber selber, du Seele, bist in einer tie-
feren Schweigsamkeit, als die Schweigsamkeit der Welt ist -
dann, wenn dieses eintritt, wenn diese negative Schweig-
samkeit eintritt, dann beginnt von der anderen Seite des
Daseins her die geistige Welt zu sprechen, wirklich zu
sprechen. Sonst unterbricht man selbst als Mensch mit den
in der Luft nach aufien geformten Worten die Ruhe der
Welt. Indem man diese Ruhe, die tiefer ist als die Nullruhe,
dieses Schweigen, das tiefer ist als das blofie Schweigen, in
sich hergestellt hat, beginnt es aus der geistigen Welt heraus
zu sprechen, eine Sprache aber, in die man sich erst hinein-
gewohnen raufi, eine Sprache, die ganz und gar nicht etwa
ahnlich ist der Wortsprache, eine Sprache, die sich einem so
gestaltet, dafi man sich nach und nach in sie hineingewohnt,
indem man dasjenige nimmt, was man gut aus der Sinnes-
welt kennt, Farben, Tone, kurz alles was man aus der
Sinneswelt kennt. Das br audit man, um nach den Erleb-
nissen, die man mit diesen Sinneserfahrungen hatte, die
besonderen Eindriicke der geistigen Welt zu schildern.
Ich will auf einige Details aufmerksam machen. Nehmen
wir an, wir haben in diesem innerlichen Schweigen der
Seele etwas erlebt, was auf uns den Eindruck macht: Aus
Geistestief en heraus ist etwas da, was gewissermafien aggres-
siv auf uns losgeht, was auf uns in einer gewissen erregen-
den Weise wirkt. Zunachst ist das ein geistiges Erlebnis,
man weifi, dafi das Geistige sich offenbart. Man vergleicht
nun das, was man so erlebt, mit einem Erlebnis, das man
in der Sinneswelt gehabt hat, und man bekommt dann her-
aus: Das Erlebnis, das man in der Sinneswelt hat, ist un-
gefahr dasjenige, was man bei der Wirksamkeit der gelben
Farbe hat. Geradeso, wie man ein Wort pragt, urn in der
Sinneswelt etwas auszudriicken, so nimmt man jetzt die
gelbe Farbe, um dieses Geist-Erlebnis auszudriicken, oder
in einem anderen Falle nimmt man einen Ton, um dieses
Geist-Erlebnis auszudriicken. Wie man die Sprache ge-
braucht, um sich iiber die Sinneswelt auszudriicken, so redet
man von dem, was man an Sinnesqualitaten, an Sinnesein-
driicken hat, iiber dasjenige, was man aus der geistigen Welt
auf geistige Art im Schweigen der Seele empfangt.
Und so schildert man die geistige Welt. So habe ich sie
geschildert in meinem Buche «Theosophie» und in meinem
Buche «Geheimwissenschafl», und man mufi nur diese Schil-
derung in der richtigen Weise verstehen. Man muf$ ver-
stehen, da/5 dem Schweigen der SeeJe gegeniiber eine neue
Sprache entsteht. Wahrend man die aufiere artikulierte
Sprache hat, um nach aufkn als Mensch hinauszureden,
tont uns von der geistigen Welt etwas herein, was man ge-
wissermafien mit anschaulichen Worten belegen mu£, was
dann aber nur mit der entsprechenden Feinheit geschaut
werden kann, was dann iibersetzt werden kann in die Men-
schensprache, wenn man sie belegen will mit Worten, die
eben aus der Sinneswahrnehmung gebildet sind.
Und gelangt man nun dazu, wenn man auf diese Weise
die Erfahrungen der schweigenden Seele erlebt, zu erken-
nen: Was du da zuerst gehabt hast, diese Welt des verstark-
ten Denkens, das ist ja im Grunde genommen nur ein Bild,
ein Bild von dem, was du jetzt erst schaust, wofur du jetzt
erst eine Sprache hast, ein Bild, von dem du eingedrungen
bist in das Schweigen der Seele. Jetzt spricht durch das
Schweigen der Seele die Geisteswelt zu dir. Und jetzt kommt
man audi in die Lage, dieses ganze Lebenstableau, das man
sich erst gebildet hat, das das Erdenleben atherisch vor tins
hinzaubert, audi auszuloschen, so dafi gegeniiber dem eige-
nen Leben, wie wir es auf Erden f iihren, nun audi die innere
Scbweigsamkeitder Seele auftritt. Die Illusion jenes Ichs,das
nur mit dem physischen Leibe leben kann, die hort jetzt auf.
Derjenige, der zu stark durch einen theoretischen oder
praktischen Egoismus an seinem Ich festhalt, der kommt
nicht dazu, dieses Schweigen der Seele gegeniiber dem eige-
nen Lebenstableau herzustellen. Bekampft man den theore-
tischen und praktischen Egoismus, wird man sich klar dar-
uber, dafi man zunachst ja dieses Ich dadurch hat, daft man
sich im physischen Leben seines Korpers bedienen kann,
dafi der Korper uns die Moglichkeit gibt, zu uns Ich zu
sagen. Kommt man dann von diesem korperlichen Ich-
Empfinden in das, was ich als atherische Welt geschildert
habe, hinein, wo man zusammenstromt mit der Welt, wo
die Welt atherisch eins ist mit dem eigenen Atherischen,
dann kommt man schon dazu, an diesem Ich nicht mehr
f estzuhalten, und dann erlebt man dasjenige, von dem dieses
Lebenstableau, zu dem man sich aufgeschwungen hat, ein
Abbild ist. Man erlebt sein vorirdisches Dasein. Man erlebt
dieses vorirdische Dasein, in welchem man in einer geistigen
Welt war, bevor man durch die Empfangnis und Geburt
in einen physischen Menschenleib herabgestiegen ist. An-
troposophie redet nicht aus philosophischen Spekulationen
heraus iiber die Unsterblichkeit, iiber die Ewigkeit der
menschlichen Seele, sondern sie redet davon, wie man sich
zunachst durch eine besondere Entwickelung der Seelen-
krafte zu der Anschauung des Seelenwesens, bevor es her-
untergestiegen ist auf die Erde, durchringt.
Jetzt erscheint tasachlich der schweigenden Seele die ewig
in der Geisteswelt daseiende Seeie in unmittelbarer An-
schauung. Wie man in der Erinnerung hinschaut auf das,
was man auf Erden erlebt hat, wie da das Verflossene des
Erdenlebens in der Vorstellung aufwacht, so wachen jetzt,
nachdem man die Sprache der Geisterwelt, so wie ich es ge-
schildert habe, in der schweigenden Seele kennengelernt hat,
so wachen jetzt auf diejenigen Ereignisse, die uberhaupt
nicht im Erdenleben vorhanden sind, durch die sich der
Mensch vorbereitet hat zu diesem Erdenleben, bevor er in
dieses Erdenleben heruntergestiegen ist.
Und jetzt schaut man hin auf das, was man war, bevor
man in das Erdenleben heruntergestiegen ist. Solange man
noch das Lebenstableau angesehen hat, solange wufke man:
Geistdurchwebt und geistdurchwellt bin ich selber, ist die
Welt; aber es ist gewissermafien ein zwar feiner atherischer,
aber noch eine Art Naturgeist, den man in der Welt findet,
und als den man sich selber erlebt. Jetzt aber, indem man
in das vorirdische Dasein hineinschaut und sich verbunden
hat mit dem, was Vater und Mutter geben in der Geburt,
indem man dieses sieht, sieht man die Einheit zwlschen
moralischer Weltordnung und physischer Weltordnung. In
diesem vorirdischen Dasein liegen alle die Krafte, die dann
in Nachbildern wahrend des physischen Erdenlebens sich
ausgestalten. Da sieht man dann, wie audi im physischen
Erdenleben die geistigen Krafte am Menschenleibe walten
und weben. Man bewundert den Bau des menschlichen Ge-
hirns, wie er sich allmahlich herausgestaltet. Man lenkt
seine Aufmerksamkeit darauf, wie undifferenziert dieses
Gehirn war, als das Kind geboren wurde, wie es geworden
ist im siebten Lebensjahre, etwa in der Zeit des Zahnwech-
sels. Man lenkt seinen Blick hin auf die inneren plastischen
Gestaltungskrafte. Man bleibt nicht stehen bei dem unbe-
stimmten Worte der Vererbung.
Man weifi, was das Kind allein in den ersten Lebens-
jahren herausarbeitet an plastischer Ausgestaltung seines
Gehirns und seines ganzen Organismus, das ist die Nach-
wirkung, das Nachbild dessen, was als umfangreiche, uni-
verselle Ereignisse erlebt worden ist in der geistigen Welt,
wo man ebenso inmitten geistiger Wesenheiten war, wie
man inmitten der Wesen der Naturreiche und des Menschen
auf Erden ist. Und man lernt jetzt erkennen, wie die gei-
stige Welt in die physische Erdenwelt hereinwirkt, wie in
alledem, was in uns innerlich organisierend tatig ist, die
Nachwirkungen dieses vorirdischen Daseins enthalten sind.
Da lernt man sich seelisch-geistig innerhalb des Physisch-
Leiblichen kennen.
Und im weiteren Verlaufe mufi zu dem, was ich schon
geschildert habe, noch ein Drittes hinzutreten. Ich habe ja
schon aufmerksam darauf gemacht, dafi man die Illusion
des Ich zunachst iiberwinden mufi, dafi man iiberwinden
mufi, was der gewohnliche alltaghche theoretische oder
praktische Egoismus ist, da£ man einsehen mufi, dieses Ich
des Erdenlebens ist ja an den physischen Leib gebunden,
und in der Empflndung des physischen Leibes lebt zunachst
das Ich auf. Aber es stent da schon im physischen Erden-
leben etwas, das, wenn ich es nenne, vielleicht so ein leises
erkenntnistheoretisches Gruseln dem einen oder dem andern
verursachen konnte, weil es gewohnhch gar nicht zu den
Erkenntniskraften gerechnet wird, weil man es vielleicht
horribel findet, das zu den Erkenntniskraften zu rechnen.
Aber es mufi dennoch geschehen. Und dafi es geschehen mufi,
das sieht derjenige ein, der in der Weise, wie ich es geschil-
dert habe, erst zu dem denkenden Erkraften, dann zu dem
Schweigen der Seele gekommen ist. Es mufi als Drittes hin-
zutreten eine hohere Ausbildung, eine intensivere Ausbil-
dung dessen, was im gewohnlichen Leben da ist als die
Liebe, die Liebe zu den Menschen, die Liebe zu der Natur,
die Liebe zu alien unseren Werken, die Liebe zu unseren
Taten; all das, was schon im gewohnlichen Leben da ist,
kann gerade angefacht werden dadurch, daft man in der
geschilderten Weise den theoretischen und praktischen Egois-
mus wegbringt. Die Liebe mufi sich steigern. Und indem
sich diese Liebe steigert, indem sich die Liebekraft, das Auf-
gehen in anderes hinzugesellt zu dem verstarkten Den-
ken und zu dem Schweigen der Seele, kommt man an ein
Drittes. Man kommt jetzt zum erkennenden Eingreifen der
wahren Gestalt des menschlichen Ich, indem man nicht nur
das vorirdische Dasein kennenlernt, sondern indem man
jetzt dadurch erkennen lernt, daft eine verstarkte Liebekraft
die anderen ausgebildeten, verstarkten Erkenntniskrafte
weiter energisiert. Man gelangt dazu, nun genau zu erleben:
Alles, was du dir errungen hast, das hat ja nichts mehr rnit
dem physischen Leibe zu tun; du erlebst dich selber aufter
dem physischen Leibe, du erlebst die Welt so, wie du sie
durch den physischen Leib nicht erleben kannst. Du erlebst
statt Naturerscheinungen geistige Wesenheiten. Du erlebst
dich selber nicht als eine naturliche Wesenheit zwischen
Geburt und Tod, du erlebst dich als eine geistige Wesenheit
im vorirdischen Dasein.
Hat man sich das errungen, und tritt dazu eine erhohte,
eine verstarkte Liebef ahigkeit, die Moglichkeit, sich aufzu-
opfern in dem, was man da schaut, sich hinzugeben mit
seinem ganzen leibbefreiten Sem, dann tritt die Erkenntnis
von dem ein, was man in unmittelbarer Gegenwart hat,
unabhangig vom physischen und auch atherischen Menschen-
leibe. Man erlangt eine unmittelbare Anschauung desjeni-
gen, was in einem ruht, und was durch die Pforte des Todes
in das nachirdische Dasein geht, wo wir wiederum eintreten
in eine geistige Welt. Dadurch, daft der Mensch kennen-
gelernt hat, was er ist im leibfreien Zustande, dadurch lernt
er audi dasjenige kennen, was leibfrei weiterexistiert, wenn
der physische Leib mit dem Tode abgelegt ist.
Sie sehen, alles lauft darauf hinaus, zur Anschauung zu
kommen iiber das Ewige der Menschenseele. Aber man ge-
langt dadurch iiberhaupt zu der Anschauung des wahren
Ich, jenes Ich, das durch die Geburt, durch den Tod geht,
das im Leibe, man kann nicht sagen wohnt, sondern im
Leibe ruht. Aber dieses Ich lernt man zugleich erkennen,
wie es sich bewegt, wie es tatig ist in der geistigen Welt
im vorirdischen Dasein. Man lernt es so erkennen, wie man
hier im sinnlich-physischen Dasein den Menschen durch
sinnliche Anschauung kennenlernt. Wie der Mensch da her-
umgeht zwischen den Naturdingen, zwischen den Natur-
ereignissen, zwischen anderen Menschen, so lernt man er-
kennen, wie die Seele im vorirdischen Dasein in der geistigen
Welt, ich mochte sagen, sich herumbewegt. Aber man lernt
auch erkennen, wie da ihr Bewegen, ihr Verhalten abhangig
ist von einem friiheren Erdenleben. Ich sagte, man lernt
erkennen die Einheit des Moralischen und des Natiirlichen,
man lernt erkennen, wie der Mensch im vorirdischen Dasein
nicht nur von Geistigem durchsetzt ist, sondern auch von
moralischen Impulsen. Wahrend man, wenn man das athe-
rische Lebenstableau vor sich hat, blofi dazu kommt, ein-
zusehen, dafi die ganze Welt von Geist durchwallt ist, lernt
man nun erkennen, dafi unser seelisch-geistiges Wesen im
vorirdischen Dasein durchpulst war von den moralischen
Impulsen, die dann im Gedachtnisse, die iiberhaupt in der
moralischen Anlage wahrend des physischen Lebens auf-
treten. Man lernt die Einheit der moralischen und der phy-
sischen Welt kennen.
Aber man lernt auch erkennen, wie in dieser moralisch-
physischen Welt, die die Seele im Geistigen durchlebt hat -
die physische Welt nur in den Bildern, die in den Geist hin-
aufleuchten vom physischen Dasein — , wie die Seele, wie
das eigentliche Ich des Menschen in der geistigen Welt in
Gemafiheit des vorigen Daseins lebt. Ja, wenn man iiber
die Illusion des gewohnlichen Erden-Ichs hinauskommt,
wenn man zu geistigem Anschauen kommt, dann kommt
man dazu, das Ich zu erkennen, wie es schon hindurch-
gegangen ist durch die geistige Welt zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt, wie es sich innerhalb dieser mit mora-
lischen Impulsen ausgeriisteten Welt verhalten hat gemafi
seinem vorigen Erdenleben, und wie es als eine innerliche
Bestimmung zum Schicksal all das in dieses Erdenleben her-
eintragt, was wir dann sehen, wie es sich in den Neigungen
des Menschen auslebt, wie es sich auslebt in der besonderen
Farbung jener Sehnsucht, durch die der Mensch im Erden-
leben zu dem oder jenem getrieben wird.
Das beeintrachtigt nicht die Freiheit. Die Freiheit ist in
gewissen Grenzen geradeso vorhanden, wie wir frei sind,
wenn wir uns ein Haus gebaut haben, es zu beziehen oder
nicht zu beziehen; aber wir werden es beziehen, weil wir
es ja aus einem gewissen Grunde fiir uns gebaut haben.
Ebenso bleiben wir frei, auch wenn wir wissen, daft wir
in unserem physischen Leibe bestimmte Triebe haben, da
oder dorthin im Leben uns zu wenden oder so oder so
unsern Aufenthalt zu nehmen. Auf der einen Seite konnen
wir das betrachten als ein Schicksal, das wir uns gewoben
haben aus friiheren Erdenleben heraus, aus der Welt, die
nicht nur Geistgesetze enthalt, die auch moralische Gesetze
enthalt, durch die wir hindurchgegangen sind, und welche
das, was wir in einem vorigen Erdenleben gewesen sind,
durchsetzt haben mit bestimmten geistigen Impulsen und
daraus unser Schicksal fiir unser Erdenleben gebildet haben.
Ebenso aber bemerken wir, wenn wir in der vorher ge-
schilderten Weise dasjenige ansdiauen, was aus dem vor-
herigen Erdenleben stammt, daft es das Ewige ist der Seele,
was unser Schicksal wahrend des Erdenlebens bestimmt hat.
Das tragen wir hinaus in die Welt, nachdem wir die Pforte
des Todes durchschritten haben, indem wir das, was seelisch,
moralisch ist, mit unserem Seelischen vereinigt haben, urn
es weiter in Einklang zu bringen nach unserem Verhalten
mit den Anforderungen der moralischen Welt, und dann
wiederum, ich mochte sagen, mit dem resultierenden Ergeb-
nis aus dem, was wir im Leben waren, und dem, was die
geisti^eWelt zwischenTod und neuerGeburt ausunsmacht,
in ein neues Erdenleben herunterzukommen.
So handelt es sich wirklich darum, ein gewisses Erkennt-
nisvermogen erst auszubilden, durch das man in die geistige
Welt hinaufschauen kann. Bedenken Sie, nicht jeder Mensch
ist durch seine Veranlagung ein Mathematiker. Sogar wird
es den meisten Menschen sehr schwer, diese eigentlich nur
in der Phantasie zu schopfenden, sagen wir, geometrischen
Vorstellungen zu haben. In der Natur ist ja die Geometrie
nicht unmittelbar darinnen, aber wir verstehen die Natur
durch die Geometrie. Wir miissen aber die Geometrie erst
erschafTen in uns, und durch die Geometrie erschaffen wir
Gebilde, die uns einfuhren in das Gebilde des Toten. In
ebensolcher innerlichen Strenge erschaffen wir innerliches
Anschauen, indem wir ausbilden das verstarkte Denken,
das Schweigen der Seele, die zur Erkenntniskrafl; gewordene
Liebe. Nur daft wir dann das Lebendige ergreif en, das Emp-
findende, das Selbstbewuftte. Wie wir durch die Mathematik
das Leblose ergreifen, so ergreifen wir, indem wir ganz
nach mathematischer Art vorgehen und streng und exakt
eine Art von Schauen ausbilden, verstandnisvoll das Leben-
dige, das Empfindende, das Selbstbewufite.
So darf man sagen: Wer im Ernste Anthroposophie treibt,
der treibt sie so, als ob er genotigt ware, dem strengsten
Mathematiker Rechenschaft zu geben uber das, was er mit
seinen Erkenntniskraften macht. Das Ausbilden mathema-
tisdier Vorstellungen ist, wenn man so sagen darf, die ele-
mentare Anthroposophie. Und wenn man fur das Tote der
Welt gelernt hat, dieses Selbstschopferische der Mathematik
auszubilden, dann bekommt man schon den Antrieb, audi
weiterhin die Erkenntnisarten auszubilden, die dann zum
Schauen dessen fuhren, was ich Ihnen angefiihrt habe. Man
lernt die Welt in einem anderen Inhalte kennen: die tote
Welt, wenn man sie mathematisch kennenlernt - Mathe-
matik ist elementare Anthroposophie - die lebendige, emp-
findende, selbstbewufke Welt, wenn man sie anthroposo-
phisch verstandnisvoll verfolgen kann.
Daher darf nicht mit dem, was man im gewohnlichen
Leben Hellsehen oder dergleichen nennt, verwechselt wer-
den, was in Anthroposophie auftritt zur Erkenntnis der
geisdgen Welt. Wenn man das, was in Anthroposophie auf-
tritt zur Erkenntnis der geistigen Welt, Hellsehen nennt -
man kann ja den Ausdruck gebrauchen — , dann mufi man
ebenso, wie man bei der Mathematik von Exaktheit spricht,
von exaktem Hellsehen, von exakter Clairvoyance sprechen
gegeniiber der verworrenen mystischen Clairvoyance, die
man gewohnlich im Auge hat, wenn man von Clairvoyance
spricht.
Nun, man wird vielleicht den Eindruck empf angen haben
von meiner Schilderung, daft Sie sich sagen werden: Ja, das
ist schwierig. - Ja, es ist schwierig, es ist nicht leicht! Daher
unterlassen es auch sehr viele Leute, die sich ein Urteil bilden
wollen uber das, was in Dornach vorgeht, die ihnen schwie-
rige Sache kennenzulernen, und beurteilen sie, wie Sie das
triviale, verworrene Hellsehen und dergleichen beurteilen.
Und es kommt dann alles das zustande, was ich im An-
fange meines Vortrags gesagt habe. Diejemge Anthropo-
sophie aber, um die es sich handelt, ist eine exakte Erkennt-
nisart, die aber jeder geradeso verstehen kann mit seinem
gesunden Mensdienverstand, wie man ein Bild verstehen
kann, ohne dafi man selber Maler zu sein braucht. Um An-
throposophie zu bekommen, mufi man anthroposophischer
Forscher sein, um ein Bild zu malen, mufi man Maler sein;
aber alles, was ich geschildert habe, kann man mit dem
gesunden Mensdienverstand einsehen, wenn man sich nur
nicht selber Hemmnisse und Hindernisse in den Weg legt.
Um ein Bild zu malen, mufi man Maler sein. Um es zu
beurteilen, mufS man die gesunde menschliche Natur walten
lassen. Um Anthroposophie aufzubauen, mufi man Geistes-
forscher sein. Um Anthroposophie zu verstehen, mull man
nur sein gesundes, von naturwissenschaftlichen und ahn-
lichen Vorurteilen ungetriibtes freies Menschengemiit dem-
jenigen entgegenhalten, was dann als Schilderung, mehr
oder weniger gut natiirlich, herauskommt. Aber Anthropo-
sophie ist ja erst in ihrem Anfange, und was ich heute viel-
leicht nicht gut geschildert habe, es wird schon mit der Zeit
immer besser und besser geschildert werden. Und dann wird
die Zeit kommen, die ja schliefilich fur alles, was als Neues
in der Menschheit aufgetreten ist, einmal gekommen ist.
Wie lange hat es gedauert, bis man die kopernikanische
Weltanschauung akzeptiert hat! Sie hat nicht minder alle
Begriffe, die man bis dahin gehabt hat, umgewalzt. Heute
ist sie eine Selbstverstandlichkeit und wird in den Schulen
gelehrt. Was heute fixr die Leute der Ausbund der Phan-
tastik, des Unsinns und vielleicht der Tollheit ist - so war
es ja audi bei der kopernikanischen Weltanschauung -, das
wird nachher eine Selbstverstandlichkeit. Anthroposophie
kann warten, bis sie eine Selbstverstandlichkeit ist.
Im Dornacher Goetheanum sollte zunachst diese Anthro-
posophie gepflegt werden. Daher haben, lassen Sie mich
das am Schlusse anfiihren, vor mehr als zehn Jahren
Freunde unserer Sadie den Plan gefalk und mich mit der
Ausfiihrung dieses Planes beauftragt - ich war nur der
Ausfiihrende -, um dieser Anthroposophie eine Statte zu
bauen. Diese Statte wurde eben das Goetheanum. Ware
Anthroposophie eine theoretische Weltanschauung oder audi
ein blofier Reformgedanke, was wiirde geschehen sein in
dem Augenblicke, wo der Gedanke aufgetaucht ist, der
Anthroposophie ein Heim zu bauen? Man wiirde zu einem
Baumeister gegangen sein, der hatte in einem antiken, oder
Renaissance- oder gotischen oder Rokoko-Stil oder der-
gleichen eben ein Haus aufgebaut. Aber Anthroposophie
ist nicht irgend etwas, was blofi theoretisch, blofi als wissen-
schaftliche Erkenntnis wirkt, Anthroposophie geht in den
ganzen Menschen iiber, nimmt den ganzen Menschen in
Anspruch. Das merkt der anthroposophische Forscher sehr
bald.
Sehen Sie, man braucht seinen Kopf, wenn man sich Ge-
danken iiber die au£ere Natur machen will, oder wenn
man philosophische Spekulationen machen will, erst recht.
Dasjenige, was man in der Weise schaut, wie ich es Ihnen
f iir die geistige Welt geschildert habe gegeniiber der schwei-
genden Seele, das ist etwas, was sich fluchtiger darstellt.
Man braucht Geistesgegenwart, um es rasch aufzufassen.
Aber man braucht audi seinen ganzen Menschen dazu. Der
Kopf reicht nicht aus. Der ganze menschliche Organismus
mufi sich in den Dienst des Geistes stellen, um das nun in
das Gedachtnis, in die Erinnerung hereinzubringen, was
man ohne den Leib geistig schaut. Lassen Sie mich, um das
zu illustrieren, eine personliche Erfahrung, etwas Person-
liches anfiihren.
Ich habe zum Beispiel niemals die Gewohnheit, irgend-
einen Vortrag so vorzubereiten, wie man eben Vortrage
vorbereitet, sondern ich habe die Gewohnheit, die Gedan-
ken, die sidi zu einem Vortrag als notwendig erweisen,
eben geistig zu erleben, wie man audi dasjenige, was man
als Ergebnisse der geistigen Forschung haben will, geistig
erleben mufi. Aber das blofie Denken, in das ja heriiber-
getragen werden raufi, was man im verstarkten Denken
und in der menschlichen Seele erlebt hat, das blofie Kopf-
denken reidit dazu nicht aus. Man mufi inniger verbunden
werden mit dem ganzen Menschen, wenn man dann aus-
sprecben will, was man im Reiche des Geistes erlebt. Da
gibt es verschiedene Anhaltspunkte, um das audi wirklidi
in das gewohnliche Bewufksein hereinzubringen, dafi man
davon reden kann. Idi habe im Gebrauche, eigentlich alles
das, was sich mir ergibt aus der geistigen Welt, immer mit
dem Stift in der Hand aufzuschreiben, zu formulieren, ent-
weder in Worten oder in irgendwelchen Zeichnungen. Da-
durch ist die Anzahl meiner Notizbucher viele Wagen-
ladungen. Ich habe sie aber nicht wieder angeschaut. Sie
sind da; sie sind nur dagewesen, um mit dem ganzen Men-
schen das zu verbinden, was im Geiste erforscht wird, so
dafi es sozusagen nicht blofi mit dem Kopf aufgefafit ist,
um in Worten mitgeteilt zu werden, sondern mit dem gan-
zen Menschen erlebt ist.
Anthroposophie ergreift eben den ganzen Menschen. Da-
durch wird sie noch in einer anderen Beziehung ein Aus-
druck der Goetheschen Weltanschauung. Sie ist zunachst
ein Ausdruck der Goetheschen Weltanschauung, indem sie
angeregt worden ist durch die Art und Weise, wie Goethe
das Pflanzenleben, das Tierleben betrachtete in seinen Me-
tamorphosen, in seinen Verwandlungen. In dieser Goethe-
schen Betrachtung wird der Gedanke so lebendig, daft dann
versucht wird, ihn so zu verstarken, wie ich es geschildert
habe. Aber Goethe war audi diejenige Personlichkeit, welche
die Bruckehintibergebauthat von demErkennen zur Kunst.
Goethe hat ja aus seiner kiinstlerischen Oberzeugung her-
aus das schone Wort ausgesprochen: Die Kunst ist eine
OfTenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne diese Kunst
niemals offenbar wiirden.-Das heifk, Goethe wufrte, in der
wirklichen Erkenntnis ergreifl man geistiges Waken und
Weben, das man dann dem StofF einpflanzt, sei es als
Plastiker, sei es als Musiker, sei es als Maler. Goethe
wufite, wie die Phantasie eine Art willkurlicher Projektion
desjenigen ist, was der Mensch in seiner reinen Gestalt mit
dem Geiste erleben kann.
Solche Erkenntnis, die so im Leben des Geistes wurzelt,
wie die Anthroposophie, die stromt von selbst auch in das
kunstlerische Schaffen ein. Sie wirkt in das kunstlerische
SchafTen hinein, wenn man den Menschen auf die Art er-
kennt, wie ich es dargestellt habe, dafi man die vorirdischen
Krafte hereinspielen sieht in sein irdisch-leibliches Dasein.
Dann hat man das Gefuhl: Mit den blo£en Begriffen, mit
dem blofien Verstande, da fassest du den Menschen nicht.
Du mu£t in einem bestimmten Punkt iibergehen lassen
deine abstrakten BegrifTe in kiinstlerisches Anschauen, da-
mit du fiihlst: Der Mensch ist von der Natur als ein Kunst-
werk geschaffen.
Selbstverstandlich kann dariiber leicht gespottet werden,
denn nichts 1st den Menschen heute greulicher, als wenn man
sagt, es solle etwas, um erkannt zu werden, kunstlerisch
aufgefalk werden. Aber man mag noch so lange dekla-
mieren dariiber, dafi der Mensch logisch sein soil und nicht
kunstlerisch, wenn er erkennen soil -wenn die Natur kunst-
lerisch wirkt, so kommt man ihr eben mit der Logik nicht
bei. Da mufi man iibergehen in die kunstlerische Anschau-
ung, um die eigentlichen Geheimnisse der Natur zu er-
kennen. Das meinte Goethe, wenn er sagt: Die Kunst ist
eine Manifestation geheimerNaturgesetze, die ohne sie nie-
mals offenbar wiirden. - Das meinte Goethe audi, als er nach
langer Sehnsucht Italien er.reichte und sein Ideal der Kunst
erlangt zu haben glaubte und sagte: Sehe ich diese Kunst-
werke an, so habe ich den Gedanken, dafi die Griechen bei
der Schaffung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen
verfuhren, nach denen die Natur schafft, und denen ich auf
der Spur bin. - Goethe ist eine Personlichkeit, die immer das,
was blofi Erkenntnisverfassung der Seele ist, iibergehen
lassen will in das Kunstwerk. Weil Anthroposophie dieser
Gesinnung auch ist, konnte nicht einfach zu einem Bau-
meister gegangen und gesagt werden: Baue uns eine Hiille
fur die Anthroposophie - und dann hatte der sie gebaut
in Renaissance- oder antikem oder in Rokoko-Stil und so
weiter -, sondern es mufite eine ganz andere Anschauung
und Lebensauffassung und Kunstauffassung zugrunde
liegen.
Ich habe oftmals das, was da zugrunde liegen muftte, ver-
glichen in einer etwas banalen Weise mit dem Verhaltnis
der Nufischale zu dem Nufikern. Der Nufikern, den wir
essen, ist nach bestimmten Gestaltungsgesetzen gebildet,
aber die Nufischale auch nach denselben Gestaltungsge-
setzen. Sie konnen sich nicht denken, daft von aufien eine
Schale der Nuft angepafit ware. Aus denselben Bildungs-
gesetzen entsteht die Schale wie der Kern. So mulke der
aufiere sichtbare Bau in seinen Formen, in dem, was gemalt
wurde in den Kuppeln, in dem, was sonst plastisch hinein-
gestellt wurde, nach denselben Gesetzen, gewissermafSen wie
die Schale dessen gebildet werden, was darinnen durch das
Wort, durch die gesprochene oder gesungene Kunst ver-
kiindet worden ist. Wie die Nuftschale zur Nufi, so mufite
sich dieser Bau verhalten zu dem, was drinnen gepflegt
worden ist. Das hat sich audi nidit nur nach meiner Ober-
zeugung, sondern nach der Oberzeugung von vielen wirk-
lich ergeben. Wir haben Eurythmie-Vorstellungen gehabt,
Vorstellungen aus der Kunst, die in der Bewegung eine be-
sondere Sprache hat, wo das Biihnenbild in bewegten Men-
schen oder Menschengruppen besteht, und die Bewegungen
nicht Tanzbewegungen und nicht mimische Bewegungen
sind, sondern eine wirklich sichtbare Sprache, wir haben
da eine ausdrucksvolle Bewegungskunst entwickelt auf der
Biihne des Goetheanums. Die Linien, in denen die mensch-
liche Seele sich ausgelebt hat in der eurythmischen Kunst,
sie harmonisierten sich in einer schonenWeisemit den Linien
an den Architraven, den Linien an den Kapitalen der Sau-
len, mit der ganzen Form des Baues, mit der Malerei des
Baues. Was darinnen gepflegt wurde, und die aufiere Um-
hiillung waren eines. Wenn vom Podium aus gesprochen
wurde, wenn dasjenige, was in geistiger Anschauung erkannt
worden war, in Worte gepragt wurde und in den Zuschauer-
raum hineintonte, so war das, was man vom Podium aus
sprach, der Kern; das, was im Innern lebte. Die kiinstle-
rische Form muftte dem Kern entsprechen. Der Baustil in
alien seinen Einzelheken mufke aus demselben Impuls, aus
denselben Quellen hervorgehen wie die Anthroposophie
selbst. Denn die Anthroposophie ist keine abstrakte theore-
tische Erkenntnis, sondern ein Ergreifen des Lebens, des
vollen Lebens. Sie wird daher von selbst zur Kunst. Sie
erfiillt, was wiederum Goethe gesagt hat: «Wer Wissen-
schafl und Kunst besitzt, hat auch Religion, wer jene beiden
nicht besitzt, der habe Religion. »
Ich mochte sagen: Als etwas, in dem zusammengefalk ist
alles das, was an Formen lebte, und was jemals gesagt
oder kunstlerisch hatte dargestellt werden konnen im
Goetheanum, sollte dienen eine neun Meter hohe plastische
Gruppe aus Holz, in der der Menschheitsreprasentant als
Christus dargestellt war in der Versuchung von Ahriman
und Luzifer. Nicht als ob Anthroposophie mit irgendeiner
Sektenbildung etwas zu tun hatte. Anthroposophie ist weit
davon entf ernt, irgendeiner religiosen Oberzeugung gegne-
risch gegeniiberzutreten oder etwa gar eine neue Religion
begriinden zu wollen. Aber Anthroposophie hat die Mog-
lichkeit, zu zeigen, wie nach demHohepunkte der religiosen
Entwickelung, nach dem Menschheits-Reprasentanten Chri-
stus hin, nach dem im Leibe des Jesus von Nazareth ver-
korperten Christus-Gotte, wie nach dem hin audi die wirk-
liche Geist-Erkenntnis hintendiert, wie man das Bild dieses
Mittelpunktes aller Erdenentwickelung, das Bild des Ge-
heimnisses von Golgatha, in der Geist-Erkenntnis braucht.
Religios gestimmt wird der Mensch ganz gewifi durch An-
throposophie, eine Religionsgriindung aber ist Anthropo-
sophie nicht.
Was Anthroposophie kiinstlerisch im Goetheanum hat
leisten wollen, das sollte eben hervorgehen aus denselben
Impulsen, aus denen audi das gesprochene Wort, der Ge-
sang hervorgeht. Und man kann ja sogar das sagen: Trat
man auf das Podium - ich mochte in aller Bescheidenheit
das aussprechen -, so waren die Formen der Saulen, die
ganze Form der Innenarchitektur, der Innenplastik und der
Innenmalerei, alles das war wie eine Mahnung, die Worte
in einem Sinne zu halten, der an das Wesen des Menschen
wirklich heranging. Es war wie eine fortwahrende Auffor-
derung an den Redner, in wiirdiger Weise sein Wort hin-
einzustellen in diesen Bau.
Also eine aufiere Umhiillung fiir die Anthroposophie, die
ganz aus dem Geiste der Anthroposophie heraus, aber fiir
das sinnliche Anschauen da war, sollte der Bau sein. Da
war nichts Symbolisches, nichts Allegorisches. Der ganze
Bau war so geschaffen in seiner Ardutektur, in seiner Pla-
stik, in seiner Malerei, in allem, was an ihm war, dafi das-
jenige, was lebendig in Geistesschau ergriffen wurde, sich
auslebte; nicht indem man verstandesmaftig symbolische
Formen brachte, sondern was man an lebendigen Ideen,
an bewegten innerlichen Gedanken iiber die geistige Welt
hatte, das lebte sich aus in der unmittelbaren kunstlerischen
Empfindung, in der unmittelbaren Anschauung. Im ganzen
Bau war kein Symbolum, und wenn man sagt, der Bau
hatte etwas Symbolisches gehabt, so redet man eben so wie
diejenigen, die iiber Anthroposophie reden, ohne sie kennen-
zulernen.
Und so war der Bau fur das Auge, was Anthroposo-
phie fiir die Seele des Menschen sein soil. Anthroposophie
soil ja sein diejenige Geistesart, welche erkennt, wie die
Sehnsucht nach einer Erschlieftung des Obersinnlich-Geisti-
gen die gegenwartige Menschheit durchzittert und durch-
zuckt, wie die gegenwartige Menschheit durch ihre wissen-
schaftliche Erziehung, die ganz allgemein popular werden
will und schon in gewissem Grade geworden ist, nicht mehr
stehenbleiben kann bei iiberlief erten Glaubensvorstellungen,
wie Erkenntnisvorstellungen kommen miissen, die auch in
die ubersinnliche Welt hinaufstreben, und wie Unruhe und
Unbefriedigtheit der Seele aus dem Nichtvorhandensein
soldier Erkenntnisvorstellungen hervorgehen.
Anthroposophie will der Gegenwart dienen, um in der
rechten Weise dem zu dienen, was die Menschen von dieser
Gegenwart aus in die nachste Zukunft hinein brauchen.
Was Anthroposophie unsichtbar den Menschenseelen sein
will, als Hiille, als Heim, das hat das Goetheanum fiir das
Auge sein wollen. Ware das Goetheanum nur ein symbo-
lischer Bau gewesen, der Schmerz um seinen Verlust ware
kein so grofier, denn man konnte ja in der Erinnerung die
Sadie immer wieder wadirufen. Aber das Goetheanum war
nichts fiir die blofie Erinnerung. Das Goetheanum war
etwas, was, wie jedes Kunstwerk sich unmittelbar der An-
schauung, sich unmittelbar der Sinnenwelt hinstellen will,
was vom Geiste fiir die Sinnenwelt kiinden wollte. Daher
ist mit dem Niederbrennen des Goetheanums alles das ver-
loren, was das Goetheanum hat sein wollen. Aber es hat
vielleicht doch gezeigt, dafi Anthroposophie nichts einseitig
Theoretisches sein will, nicht eine blofSe Erkenntnis sein
will, sondern ein Lebensinhalt nach alien Seiten sein kann
und sein soil. Deshalb mufite sie in einem eigenen Stil ihr
Heim erbauen.
Es wollte das Goetheanum den Geistvor das Augestellen,
den die Anthroposophie vor die Seele stellt. Und es soil
die Anthroposophie vor die menschliche Seele stellen, was
diese Seele eigentlich aus dem inner s ten Bediirfnis der Neu-
zeit heraus fiir eine Anschauung, eine Erkenntnis, ein kiinst-
lerisches Erfassen der geistigen Welt verlangt, was die See-
len verlangen, weil sie immer mehr und mehr fiihlen, dafi
sie nur dadurch, dafi sie die voile Menschenbestimmung er-
leben, die voile Menschenwiirde erfuhlen konnen.
Das Goetheanum, es konnte abbrennen. Eine Schicksals-
katastrophe hat es hinweggenommen. Der Schmerz der-
jenigen, die es lieb gehabt, ist wegen seiner GroSe nicht zu
schildern. Dasjenige, was aus denselben Quellen, aus denen
die Anthroposophie fliefit, und durch sie der Menschheit
dienen will, fiir das sinnhche Auge geschaff en werden mu£te,
das mufite aus physischem Stoff geformt werden. Und wie
der menschliche Leib selber gerade nach meiner heutigen
Schilderung das sinnliche Abbild und die sinnliche Wirkung
des ewigen Geistigen ist, dann aber mit dem Tode abfallt,
so dafi sich das Geistige in anderen Formen entwickelt, so
konnte audi dasjenige - lassen Sie mich jetzt die Betrach-
tung schliefien, indem ich sozusagen das Dornacher Ungliick
vergleiche mit dem, was sich audi sonst im Weltenlauf e voll-
zieht so konnte dasjenige, was aus Stoff gepragt werden
muflte, um fiirs Auge hingestellt zu werden, von den phy-
sischen Flammen verzehrt werden. Das aber, was Anthro-
posophie soil, das ist aus dem Geiste her aus gebaut; iiber
das konnen nur Flammen des Geistes kommen. So wie das
menschliche Geist-Seelische iiber das Leibliche siegt, wenn
dieses vernichtet wird im Tode, so fuhlt sich Anthropo-
sophie lebendig, trotzdem sie ihr Dornacher Heim, das
Goetheanum verloren hat. Und gesagt werden darf: Phy-
sische Flammen, sie konnten, was fur das Auge aus dem
aufieren physischen Stoff auferbaut werden mulke, zer-
storen; was als Anthroposophie da sein soil zur Weiter-
entwickelung der Menschheit, das ist aus dem Geiste heraus
gebaut, das wird durch die Flammen des geistigen Lebens
nicht aufgezehrt, nicht getotet. Die Flammen des geistigen
Lebens sind nicht verzehrende Flammen, sie sind verstar-
kende Flammen, sie sind Flammen, die erst recht Leben
geben. Und dasjenige Leben, das als Erkenntnisleben der
hoheren Welt durch Anthroposophie sich offenbaren soil,
das muft durch die Flammen hochster menschlicher, seeli-
scher und geistiger Begeisterung gehartet werden. Dann
wird Anthroposophie sich weiter wandeln.
Wer so im Geistigen lebt, der empfindet zwar nicht min-
der den Schmerz iiber den Hingang des Irdischen, allein
er weiiS auch, daiS das Erheben iiber all das darin liegt,
dafi man weifi, gerade durch die Geist-Erkenntnis gelangt
man zu der Uberzeugung: Der Geist wird doch immer iiber
den Stoff siegen und sich immer neuerdings in Stoff ver-
wandeln.
DIE STEIGERUNG DER MENSCHLICHEN
ERKENNTNISFAHI GKEIT ZU IMAGINATION,
INSPIRATION UND INTUITION
Dornadi, 14. April 1923
Wahrend dieser Kursus fiir Lehrer und padagogisch Inter-
essierte stattfmdet, werde ich die Vortrage, die gleichzeitig
mit diesem Kursus als besondere anthroposophische Kurse
stattfinden, so halten, dafi sie audi fiir diejenigen Person-
lichkeiten verstandlich sein konnen, welche in der letzten
Zeit erst sich zur Anthroposophie gefunden haben, oder
ganz in ihrem Anfange stehen. Daher wird manches von
dem, was ich gerade im Laufe dieser Woche hier in diesen
Vortragen vorbringen werde, fiir die «erleuchteten Anthro-
posophen» eine Art Wiederholung sein. Aber ich denke, auch
eine solche Wiederholung kann von dem einen oder dem
anderen Gesichtspunkte aus ganz niitzlich sein.
Was ich heute vorbringe, soli zunachst eine Art weiterer
Ausgestaltung sein dessen, was ich in dem offentlichen Vor-
trag vorbrachte, den ich in der letzten Woche an verschie-
denen Orten der Schweiz zu halten hatte. Es soli an diesen
Vortrag ankniipfen und einiges davon weiter ausfiihren.
Wenn wir das menschliche Leben in seiner Ganzheit iiber-
blicken, so finden wir ja, dafi dieses Leben zerfallt in zwei
voneinander streng getrennte Lebensinhalte: in einen Le-
bensinhalt, den wir immer durchmachen in der Zeit zwischen
dem Aufwachen und Einschlafen, also im gewohnlichen
Tagesbewufitsein; der andereTeil des Lebens, der beim nor-
malen Menschen ja der kiirzere ist, das ist der, den wir
durchmachen jeweilig zwischen dem Einschlafen und Auf-
wachen. Es ist derjenige, welcher in die Unbewufttheit ge-
taucht ist, und in das Bewufttsein nur dadurdi heraufleuch-
tet, daft er in dieses Bewufttsein die bunte Mannigfaltigkeit
der Traumwelt hineinflieften laftt. So daft, wenn wir vom
Gesichtspunkt des menschlichen Bewufttseins sprechen, wir
sagen miissen: Dieses Bewufttsein ist erfiillt wahrend des
Tagwachens von dem Inhalt, den uns unsere Sinne liefern.
Was durch unsere Sinne uns von der Welt bekannt wird, das
ist, sagen wir, in bildhafter Weise in unserem Bewufttsein
vorhanden. Das erleben wir. Wir kniipfen, sei es im ge-
wohnlichen Leben, sei es in der Wissenschaft, an dasjenige
an, was uns die Sinne iiberliefern, unsere Vorstellungen,
unsere Gedanken; das heiftt, wir kombinieren die Sinnes-
wahrnehmungen, versuchen audi in der Welt der Sinnes-
wahrnehmungen Gesetzmafiiges zu finden.
Das alles treiben wir mit unserem Denkvermogen. Wir
schlie£en die Gedanken, die Vorstellungen, die wir durch
unser Denkvermogen erhalten konnen, an die Sinnesein-
driicke an. Dann entwickeln wir aber innerhalb unseres
tagwachen Lebens noch etwas anderes. Wir sind von dem
einen Ereignis, von dem einen Eindruck des Tages ange-
nehm, von dem andern unangenehm beriihrt; wir sympa-
thisieren mit dem einen Eindruck, der andere Eindruck ist
uns antipathisch. In der mannigfaltigsten Weise und in den
mannigfaltigsten Abstufungen ist diese Sympathie und
Antipatbie vorhanden. Und wir bezeichnen ja das, was wir
da, ich mdchte sagen, nach unserem menschlichen Inneren
zu gelegen, an den Dingen so erleben, daft sie uns Freude
machen, dafi sie uns Schmerz machen, dafi sie uns erheben,
daft sie uns bestiirzt machen, wir bezeichnen ja das als unser
Fiihlen mit den Dingen, und wir unterscheiden wohl deut-
lich zwischen unserem Fiihlen und unseren Gedanken, die
uns etwas Aufierliches reprasentieren. Unsere Gedanken
leben nicht blofS in uns, sie reprasentieren uns etwas Aufier-
liches. Durch unsere Vorstellungen gewinnen wir etwas
iiber die auftere Welt. Es liegt ja schon im Worte «Vor-
stellung», dafi wir dadurch etwas iiber die aufiere Welt ge-
winnen. Dasjenige, was wir vorstellen, das stellen wir nidit
in, sondern wir stellen es vor uns. Der Gedanke weist uns
also nach aufien. Das Gefuhl weist uns nach innen. Wir
haben das deutliche Erlebnis, da£ dasjenige, was wir fuh-
len, nach innen zu erlebt wird, und dafi es mit dem Aufieren
nicht in demselben Mafie etwas zu tun hat wie der Ge-
danke, wie die Vorstellung.
Aber wir erleben noch ein Weiteres an der Welt. Wenn
bei manchem Menschen es vorkommt, daft ihm, sagen wir,
da oder dort ein bosartiger Hund begegnet, so lauffc er da-
von. Mancher lauft schon davon, wenn er eine Maus sieht;
aber auch unter anderen Eindriicken der Auftenwelt ge-
schieht etwas Ahnliches. Wir sagen in diesem Falle, es wird
unser Wille erregt. Wahrend das Fiihlen so verlauft, dafi
wir dabei ruhig bleiben, bringen wir durch unseren Willen,
zunachst grob gesprochen, unseren ganzen Organismus in
bezug auf die Aufienwelt in Bewegung.
So sprechen wir, wenn wir von unserem Bewufksein
sprechen wollen, wie es wahrend des Tagwachens sich ent-
wickelt. Von diesem Bewufksein unterscheiden wir deutlich
die Unbewufitheit, die ja auch zu unserem Leben gehort,
und die wir zubringen zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen. Nur stromt eben aus dieser Unbewulkheit
des Schlafens die bunte Mannigfaltigkeit der Traumeswelt
herauf.
Nun wollen wir uns einmal ein wenig aufklaren iiber
das, was so fur das gewohnliche menschliche Bewufttsein
einen bestimmten Wert hat. Wir konnen sagen: Fur dieses
gewohnliche menschliche Bewufttsein spielt aus dem Unbe-
wufiten heraus die Traumeswelt. Sie glanzt herein in das
Bewufksein. Und dann tritt im Bewufksein auf aus den Er-
lebnissen des Tages heraus, aus den Erlebnissen des Wach-
zustandes heraus Denken, Fiihlen und Wollen.
Wie konnen wir zunachst in einer, ich mochte sagen,
popular-aufterlichen Weise diesen Unterschied angeben zwi-
schen dem unbewufiten Zustand des Menschen, aus dem die
Traume herausglanzen, und dem vollwachen Zustand?
Nun, Sie werden nicht lange nachzudenken brauchen dar-
iiber, Sie werden finden, daft der Mensch im Wachzustand
sich in dasjenige eingeschaltet fiihlt, was er seinen physi-
schen Organismus nennt.
Nehmen Sie die Welt des Traumes. Sie lauft in Bildern
vor Ihnen ab. Sie miissen sich sagen, wahrend die Welt des
Traumes in Bildern vor Ihnen ablauft, sind Sie in Ihren
physischen Organismus nicht eingeschaltet. Beim Auf wachen
fiihlt der Mensch vor alien Dingen: der Wille durchdringt
seinen physischen Organismus. Auch unsere Sinne brauchen
wir ja wachend dadurch, daft wir sie durch unseren Willen
beherrschen. So also konnen wir sagen: Der Schlaf zustand,
aus dem der Traum herausquillt, geht in den Wachzustand
dadurch iiber, daft wir den Willen einschalten gewisser-
mafien in den physischen Organismus.
Sehen wir also einmal jetzt auf diesen physischen Orga-
nismus hin. Schon indem ich sage: Sehen wir auf den phy-
sischen Organismus hin - appelliere ich eigentlich an Ihr
sinnliches Anschauungsvermogen. Ich appelliere an das-
jenige, was Sie durch dieses sinnliche Anschauungsvermogen
wissen. Sie konnen zunachst von diesem physischen Orga-
nismus des Menschen auch nichts anderes wissen, als was
Ihnen die Sinne iiber lief ern, was Sie iiber den physischen
Organismus denken konnen. Auch keine Anatomie, auch
kerne Physiologie weifi iiber diesen physischen Organismus
anderes als dasjenige, was die Sinne erkennen lehren, und
was durch das Denken, die Sinneswahrnehmungen kombi-
nierend, von dem Menschen erfaftt werden kann.
Dadurch werden wir aber darauf aufmerksam gemacht,
daft es zunachst die Sinne sind - wir werden uns daniber
ja audi im Gebrauch unseres Bewufttseins klar -, an die wir
uns wenden miissen, wenn wir iiber die Welt im allgemei-
nen und iiber den physischen Organismus des Menschen
etwas wissen wollen - die Sinne und das Denken.
Sehen wir uns einmal die Sinne an und priifen wir in
ganz popularer Weise, was wir durch die Sinne haben in
bezug auf die zwei charakteristisch unterschiedenen Zu-
stande des Wachens und des Schlafens.
Der Mensch denkt iiber dasjenige, was da in Betracht
kommt, allzuwenig nach, weil, wenn er nicht gerade blind
ist, der Lowenanteil dessen, was er in seinem Erleben be-
wufit hat, von den Augen her kommt, und die Augen ge-
rade diejenigen Organe sind, die im schlafenden Zustand
beim Menschen geschlossen werden, wodurch die aufteren
EindrUcke abgehalten werden. Aber denken Sie einmal an
die anderen Sinne. Konnen Sie glauben, daft Ihr Ohr, wenn
Sie es nicht verstopfen, Ihnen andere Erlebnisse wahrend
des Schlafes liefert als wahrend des Tages in bezug auf den
physischen Leib? Wenn Sie den physischen Leib ordentHch
ins Auge fassen und Ihr Ohr nicht verstopfen in der Nacht,
so konnen Sie unmoglich denken, daft durch das Ohr in
Ihrem physischen Organismus, wenn Sie schlafen, etwas
anderes vorgeht, als wenn Sie wachen. Es ist ja gar kein
Grund dazu da. Daft Sie das nicht wissen, das ist eine ganz
andere Sadie.
Oder fragen wir in bezug auf den Warmesinn. Wir neh-
men Warme und Kalte wahr. Ja, glauben Sie, daft die
Warme, die Sie wahrend des Tages wahrnehmen, vor Ihrer
Haut haltmacht, wenn Sie schlafen? Sie wird selbstver-
standlich auf die Haut ganz dieselbe Wirkung ausiiben.
Sie sind also wahrend des Schlafens mit Ausnahme des Ge-
sichtes genau denselben Eindriicken ausgesetzt, denen Sie
wahrend des Wachens ausgesetzt sind.
Wenn das nicht der Fall ware, miifken Sie ja annehmen,
dafi Sie wahrend des Schlafens einen Warmemantel um sich
haben, der die Warme abhalt. Sie mufiten denken, daft
Ihnen ein guter Geist die Ohren zustopfe, damit die Vor-
gange, die sonst von au£en bewirkt werden, nicht bewirkt
werden. Wenn Sie sich das alles vorhalten, kommen Sie
darauf, sich zu sagen: Nun ja, das Auge ist eben so emp-
findlich, dafi sich der menschliche Organismus darauf ein-
gerichtet hat, seinen Willen dazu zu benutzen, die Vor-
hange der Lider uber die Augen zu hangen wahrend des
Schlafzustandes.
Allerdings, ein wenig sorgt ja die Auftenwelt dafiir, da£
die Sinneseindriicke ausbleiben wahrend der Schlafenszeit.
Aber wenn auch erst neulich hier in der Zeitung zu lesen
war, dafi es angenehmer ware fur diejenigen Leute in Basel,
die schlafen wollen und in der Nahe von Wirtschaften woh-
nen, daft fiir die Konzerte der Schlufi schon um halb elf sei
und nicht um elf, so weist das deutlich darauf hin, dafi
man die Ohren geschutzt haben will; aber man mufi sie
von aufien schutzen. Wenn das auch alles der Fall ist, so
mufi man doch sagen: Wie auch die Aufienwelt wahrend
des Schlafens gestaltet ist, wie sie einmal ist, so wirkt sie
auf unsere Sinne mit Ausnahme der Augen.
Und dann miissen wir uns weiter fragen: Wie ist es denn
nun mit unserem Denken, mit unseren Gedanken? Sehen
Sie, man konnte, um diese Frage zu beantworten, von man-
cherlei Gesichtspunkten ausgehen; aber fiir den heutigen
Menschen ist ja nun einmal die moderne Wissenschaft popu-
lar geworden, und daher weifi der moderne Mensch, dafi
von jedem Sinn nach dem Innern des Organismus eine Fort-
setzung geht, namlich die Nervenstrange, und dafi dadurch,
daft die Nervenstrange als Fortsetzung der Sinne nach innen
gehen, sich an die Sinnesempfindung das Denken, das Vor-
stellen anschlie&t.
Ja, wenn Sie nun, und sei es audi nur die relative Stille
in der Nacht, horen - und es ist ja ganz naturlich, dafi Sie
sie horen, denn Ihr Ohr ist offen, dasjenige, was in Ihrer
Umgebung ist, ist horbar, das verursacht dieselben Vor-
gange, die es verursachen wiirde, wenn Sie wach waren -,
warum sollte denn das haltmachen vor den Nerven, das
heifit vor dem Denken?
Sie miissen sich also sagen, durch Ihren physischen Orga-
nismus halten Sie - wie gesagt, immer mit der Ausnahme
der Augen - die Sinneseindriicke nicht ab. Aber Sie halten
auch die Gedanken nicht ab. Und Sie konnen sogar - es
bleibt das ja zunachst fur die aufiere Beobachtung hypo-
thetisch - vorstellen; wenn auch durch die sozialen Einrich-
tungen eine relative Ruhe da ist wahrend der Nacht fiir
gewisse Sinne — fiir andere Sinne ist sie ganz gewifi nicht
vorhanden; fiir den Warme- und Kaltesinn zum Beispiel
ganz gewifi nicht, fiir den Tastsinn auch nicht, denn, nicht
wahr, wenn Sie mit dem Daumen auf die Tafel drucken,
nehmen Sie denDruck wahr. Warum sollte denn das Wahr-
nehmen des Druckes just nicht der Fall sein, wenn Sie
Ihren Riicken auf das Bett legen? Sie miissen naturlich
diesen Druck, den der Tastsinn vermittelt, wahrend der
ganzen Nacht wahrnehmen. Ebenso wenn Sie etwas auf
Ihre Hand legen, nehmen Sie das wahr. Warum sollten Sie
nicht die ganze Nacht hindurch die Bettdecke wahrnehmen,
die Sie auf sich legen, und so weiter? Aber nicht nur das,
sondern die Fortsetzung nach innen, die Ausbildung der
Vorstellungen und Gedanken, warum sollte denn vor denen
haltgemacht werden? Denn die sind ja durch den Organis-
mus vermittelt.
So daft wir, wenn wir unbefangen betrachten, was da
eigentlich vorliegt, uns sagen miissen: Auch wenn der phy-
sische Leib wahrend des Schlafes im Bette liegt, hat er die
gewohnlichen Eindriicke durch die Sinne. Er hat auch die
gewohnlichen Erlebnisse, die uns beim Tagwachen als be-
wuftte Vorstellungen auf treten. Geradeso, wie wir bei Nacht
nichts wissen von den Sinneseindriicken und sie doch da sein
konnen, so wissen wir nichts von unseren Gedanken; sie
sind aber da.
Das macht sich der Mensch gewohnlich nicht klar, daft,
wenn er schlaft, er fortwahrend denkt. Nur weift er nichts
davon. Geradesowenig, wie er von dem Druck der Bett-
decke etwas weift, die auf ihm liegt, so weift er nichts von
den Gedanken, die fortwahrend im Schlafe ablaufen. Die
sind da. Der Mensch denkt die ganze Zeit seines Lebens,
nicht nur wahrend des Tages. Wenn er auch nicht bewuftt
Gedanken hat, so denkt er doch, so sind diese Gedanken
doch eben in ihm. So daft wir da gefuhrt werden darauf,
wie der Mensch auch vom Einschlafen bis zum Aufwachen
von einer Gedankenwelt durchsetzt ist.
Nun nehmen Sie den aufwachenden Menschen. Er wacht
auf. Er wacht aus den Traumen auf, sagen wir. Man kann
sehr leicht dadurch, daft man gewisse Traume studiert, wahr-
nehmen, wie rasch der Traum ablauft, so, daft er unmittelbar
eigentlich im Erwachen sich abgespielt hat. Sie brauchen sich
nur daran zu erinnern, daft Sie etwa traumen konnen - ich
will natiirlich keinem das zumuten, jeder einzelne ist aus-
genommen, aber es konnte doch einem Menschen passieren— ,
daft Sie mit jemandem in heftigen Wortwechsel kommen, der
in eine Rauferei ausartet. Sie wissen, in den Traumen ist
man manchmal viel unartiger als wahrend des Tages. Es
artet in eine Rauferei aus; der andere haut Ihnen eine her-
unter, wie man sagt, und siehe da, Sie wachen auf : Da be-
merken Sie, dafi ein Regentropfen auf Ihre Backe gefallen
ist. Der hat Sie sogar aufgeweckt, der Regentropfen. Der
ganze Traum, der so aussieht, als wenn er lange Zeit ge-
dauert hatte, ist nur durch diesen Regentropfen verursacht
irn Moment des Aufwachens.
So konnen Sie das bei unzahligen Traumen erleben. Sie
verlaufen eigentlich im Nu, durch irgend etwas veranlafit,
haben einen ganz dramatischen Inhalt. Wir konnen also
sagen: Sie wachen auf mit einem Traum. Sie werden fin-
den, wenn Sie wirklich richtig zu Werke gehen, daft der
Traum Ihnen irgend etwas gibt, was Sie nach Ihren Erleb-
nissen sonst audi hatten denken konnen, aber Sie wiirden
es wachend anders gedacht haben. Wir wissen, daft der
Traum dasjenige, was er zum Erleben bringt, in eine ge-
wisse Phantastik kleidet.
Nehmen Sie das Beispiel, das ich eben gesagt habe. Wenn
Ihnen bei Tag ein Regentropfen auf die Backe fallt, so
haben Sie andere Bilder von dem ganzen Vorgang als jenen
dramatischen Vorgang, wo Sie mit jemandem in Wort-
wechsel kommen und zu raufen beginnen; der Wortwech-
sel kann vielleicht sehr lange dauern, das Raufen auch
noch verhaltnismajRig lange, und dann kommt, sagen wir,
der Backenstreich, und das ist das Ende, da wachen Sie auf.
Bei Tag hatten Sie ein sehr einf aches Erlebnis gehabt, eine
Sinneswahrnehmung und eine sich daran kniipfende Vor-
stellung. Im Aufwachen haben Sie ein sehr dramatisches
Erlebnis. Es ist ausgeschmiickt. Aber sehen Sie, Sie werden
kaum anderes traumen, als was sich zusammensetzt aus
Sinneserlebnissen, die Sie irgendwie schon gehabt haben
oder haben konnten, oder etwa innere Leibeserlebnisse und
€ergleichen. Das traumen Sie dann.
Sehen Sie sidi den ganzen Vorgang an, so werden Sie, je
mehr Traume Sie beobachten, desto mehr darauf kommen,
worin das Traumen eigentlich besteht. Wenn Sie wach sind,
da sehen Sie durch Ihre Augen Farben - hell, dunkel; Sie
horen dies oder jenes, Sie nehmen Warme und Kalte wahr.
Sie kombinieren das durch Ihren Verstand. Sie haben das
deutliche Gefuhl: Wenn Sie das alles tun, so wirken Sie von
innen nach auften. Sie haben innen den Willen, mit dem Sie
das alles durchdringen. Sie wirken von innen nach aufter-
halb. Lassen wir zunachst ganz unberiihrt, was da von
innen nach auften wirkt; aber Sie haben das Gefuhl: Sie
ergreifen Ihre Sinneseindriicke. Sie bringen die Sinnesein-
driicke durch die Vorstellungen irgendwie in Ordnung. Sie
kombinieren diese Sinneseindriicke und so weiter. Aber das
machen Sie alles von innen aus. Ja, wenn Sie traumen, den-
ken Sie nur einmal dariiber nach, da haben Sie ahnliche
Bilder, wie die Sinneseindriicke sind. Sie brauchen sich nur
an einen lebhaften Traum zu erinnern, so werden Sie sich
sagen: Da sind ahnliche Bilder. Sie sehen Farben, Sie sehen,
wie sich jemand bewegt und so weiter; Bilder sind da, wie
sie zuletzt auch da sind in der Sinneswelt. Nur dafi bei der
Sinneswelt gewissermaften diese Bilder iiber die harten
Gegenstande darubergelegt sind; im Traume schweben sie
frei, diese Sinnesbilder. Und Vorstellungen sind auch dar-
innen im Traum, sogar Ursache und Wirkung, auf die die
Naturwissenschaft so stolz ist. Man traumt ja nicht blofi
Bilder, man traumt Zusammenhange. Das ist alles darinnen.
Nur, wenn Sie genau hinschauen auf den Traum, dann
werden Sie sich sagen mussen: Ja, wie ich im Traum erlebe,
das ist eigentlich just umgekehrt, als wie ich wahrend des
Wachens erlebe. Es ist umgekehrt. Wahrend des Wachens
weifi ich, ich empfange Sinneseindriicke, icti beherrsche diese
durdi meine Gedanken. Wenn ich traume, da iiberf alien mich
zunachst die Sinneseindriicke, und dann lebt so in den Sinnes-
eindriicken drinnen eine Art Zusammenhang, wie er sonst
durch die Gedanken lebt. So wie wenn der Zusammenhang
hinter den Sinnesbildern stiinde, so ist es im Traume. Und
denken Sie iiber diese Dinge ordentlich nach, so werden Sie
finden: dieses Traumen ist eigentlich umgekehrt. Da ist es
so, wie wenn Sie zuerst auf die Sinnesempfindungen auf-
treffen wiirden und dann das Denken nicht recht erhaschen
konnten. Daher sind die Sinnesbilder so inkonsequent, so
unlogisch. Sie konnen das Denken nicht erhaschen. Wenn
Sie wach sind, dann haben Sie mehr oder weniger, je nach-
dem Sie mehr Philister oder phantasievoller Mensch sind,
die Sinnesbilder in Ihrer Gewalt, in Ihrer Kraft. Sie wis-
sen, da ist das Denken in Ihnen selbst drinnen, und mit
dem Denken beherrschen Sie die Sinnesbilder, die etwas
weiter von Ihnen sind. Beim Traume, da stofien Sie auf die
Sinnesbilder auf. Das Denken, das ist jetzt weiter weg, das
konnen Sie nicht erhaschen. Kurz, Sie bekommen, wenn Sie
die Sache verniinftig betrachten, den Eindruck: Wenn Sie
wachen, so leben Sie von innen nach aufien, da sind die
Sinnesbilder au£en (gelbe Pfeile), und da drinnen ist das
Denken (violette Pfeile). Das macht sich geltend.
Wenn Sie traumen, dann ist es umgekehrt (rote Pfeile),
dann nahern Sie sich erst den Sinnesbildern, konnen aber
nicht das Denken dahinten erhaschen; an das kommen Sie
nicht ordentlich heran. Daher spielt das Denken im Traum
drinnen so bunt.
Sie konnen durch eine richtige Beobachtung unterschei-
den, wie es mit Traum und sinnlicher Wirklichkeit ist. Bei
der gewohnlichen tagwachenden sinnlichen Wirklichkeit
leben Sie von innen nach aufien. Da sind Sie mit Ihrem Den-
ken recht intim zusammen. Da ist Ihnen das Denken naher.
Mit diesem Denken kombinieren Sie die Sinneseindriicke.
Beim Traumen - es ergibt sich das aus der Betrachtung -,
da mull man draufien sein, denn an das Denken kommt
man nicht ordentlich heran. Daher spielt der Traum eine
so kuriose Logik, weil das Denken jenseits ist. Man ist also,
wenn man wacht, da, und wenn man traumt, dort draufien
(siehe Zeichnung). Aber man ist gerade eben hereingekom-
men, denn das geht dann iiber in den gewohnlichen Wach-
zustand, wo man mit dem Denken intim ist. Fiihlen Sie
nur, wenn der Traum verlauft, verlaufl: er ja in das ge-
wohnliche Tagesbewufitsein. Sie sausen hinein in Ihr or-
dentliches Denken, Sie passieren Ihre Korperoberflache. Sie
passieren die Augen, aber von auEen. Sie haben noch nicht
den Sehnerv. Sie haben die Augen, die passieren Sie. Und
der Sehnerv, der wirkt von der andern Seite, von einer Art
Jenseits, gaukelt da mit den Bildern noch herum, wenn Sie
heremschlupfen; dann sind Sie mit dem Nerv intim, der
macht aus den Bildern eine ordentliche Welt. So ist es mit
alien iibrigen Sinnen.
Sie konnen also sehen, einfach indem Sie die Tatsachen
konstatieren, wie das Erwachen wirklich in einem Hinein-
schliipfen in den Leib besteht. Worin mulS denn also der
Schlaf bestehen? Sie brauchen nur diesen Tatbestand or-
dentlidi sidi vor das Seelenauge zu riicken, so werden Sie
sidi sagen: Da mufi ich irgendwie aufter meinem Leibe sein.
Und jetzt gehen wir einmal das gewohnliche Bewufksein
des Tages durdi. Die «Erleuchteten», die werden eben
nur eine Wiederholung in dem haben, was ich jetzt zu
sagen habe. Gehen wir die Vorstellungen durch, da wer-
den wir finden: In dem Vorstellen wachen wir wirkHch, da
sind wir mit unserem Denken intim zusammen, da wachen
wir wirklich. Also mit dem, was da als unser Denken in
uns sitzt, mit dem sind wir intim zusammen im Wachen,
mit Bezug auf das wachen wir wirklich.
Aber nehmen wir nun das Fiihlen. Sie werden, wenn Sie
wiederum das, was Sie im Erleben haben, ordentHch beob-
achten, sich nicht sagen konnen, dafi das Fiihlen ebenso in-
tensiv da ist wie das Denken. Sie werden sich sagen miissen:
Das Fiihlen, das ist weniger logisch schon als das Denken.
Man gestattet sich ja auch im Fiihlen eine viel geringere
Logik als im Denken. Was einem sympathisch oder anti-
pathisch ist, daruber gestattet man sich eine viel grofiere
Freiheit und Willkiir als iiber das, was mathematisch ist.
Es ist ja klar, wenn es auf das Gefuhl ankame, ware es den
Hausf rauen lieber, wenn sie zwei Franken und wieder zwei
Franken nehmen wiirden, dafi das fiinf Franken waren
statt vier, und nicht nur den Hausfrauen, sondern ich
glaube, alien Leuten ware es wahrscheinlich lieber. Allein,
da kommt es beim Denken eben nicht auf Unbestimmtheit,
sondern auf Bestimmtheit an.
Kurz, wenn wir auch sehen, wie verschieden in bezug auf
den Erlebnisinhalt das Fiihlen vom Traumen ist, an Un-
bestimmtheit gibt das Fiihlen dem Traumen gar nichts
nach. Indem wir fiihlen, sind wir in demselben Zustand,
wie wenn wir traumen. Nur dafi der Traum uns Bilder
gibt, dagegen das Fiihlen eben jenen eigentiimlichen Lebens-
inhalt, den wir Gefiihle nennen. Fiihlen ist seinem Zu-
stande nach durchaus ein wachendes Traumen.
Wir wissen ja audi, wenn wir unsere logischen Vorstel-
lungen in Kiinstlerisches tauchen wollen, da miissen wir
das Gefiihl anwenden. Ohne Fiihlen gibt es kein Kiinst-
lerisches. Wir miissen es in das Gefiihl eintauchen. Wir
empfmden, wir miissen ihm ein Element verleihen, das dem
Traumen ahnlich ist. Dadurch schaffen wir nach innen et-
was Ahnliches, wie die Traumeswelt von aufien her schafft.
Wir schaffen nach innen nicht logische Vorstellungen, son-
dern Bilder der Phantasie. Und das hat man ja zu alien
Zeiten gefiihlt, wie die Traume von au£en mit aller Unbe-
kanntheit und allem Frappierenden, was von aufien kommt,
angefiillt sind, aber doch ahnlich sind wie die Phantasie-
vorstellungen, die nach innen gehen.
Und gehen wir zum Wollen iiber - nun, da seien wir uns
nur ganz klar: Vom Wollen weifi das tagwachende Bewufit-
sein nichts. Es hat zunachst den Gedanken, du willst da-
oder dorthin gehen. Wenn wir audi vom Wollen sprechen
miissen gerade dann, wenn wir aufwachen, weil wir spu-
ren, wir bemachtigen uns dann unseres Korpers, wissen tun
wir aber trotzdem nichts vom Wollen. Wir haben einen
Gedanken: Du willst da- oder dorthin gehen. Wie der nun
hinunterschielk in den Organismus und die Beine bewegt,
so dalS Wille daraus wird, das bleibt unbekannt. Sie sehen
erst wiederum an sich selber, wie Sie sich bewegen. Was
zwischen dem Gedanken und der Offenbarung des Willens
verfliefit, das ist fiir das Bewufitsein eben unbekannt, so un-
bekannt wie das, was man verschlafl. Sie schlafen in der
Tat, indem Sie einen Willen entfalten, in Ihren Organis-
mus hinein.
Wir konnen also sagen: Das Fiihlen ist ein Traumen
wahrend des Tagwachens; das Wollen ist ein Schlafen wah-
rend des Tagwachens. In bezug auf das Wollen wacht man
mit dem gewohnlichen Tagesbewulksein gar nicht auf. Das
verlauft audi wahrend des Tagesbewulkseins im Schlafe.
So dafi wir sagen konnen: Wir schlafen zwar, wenn wir an-
standige Menschen sind, durchschnittlich nur ein Drittei
unseres Lebens - ganz ernsthaftig -, manche mehr, manche
weniger. Aber auf der andern Seite werden wir dadurch
entschadigt, dafi wir auch wahrend des Wachens das Schla-
fen in uns tragen, namlich im Willen. Und wenn man das
zusammenrechnet, dann wird schon was anderes heraus-
kommen als ein Drittei.
Und das Fuhlen, das sind die Traume, die aus dem Wol-
len, also wiederum aus dem Schlaf heraussteigen und das
Vorstellen erregen. Wie aus dem Schlaf heraus die Traume
sich offenbaren, so offenbart sich aus dem Willen heraus das
Fuhlen. Das konnen Sie auch in einer gewissen Weise beob-
achten. Denken Sie nur einmal, Sie haben, sagen wir, eine
Blume vor sich. Wenn Sie in der Lage sind, sie zu pfliicken
und mit sich zu nehmen, so haben Sie sie dann. Da haben
Sie einen Willensimpuls angewendet. Wenn Sie nicht in der
Lage sind, sie mitzunehmen, so begnugen Sie sich mit dem
Duft, mit dem Angenehmen des Duftes, mit dem Sympa-
thischen. Sie erleben die Blume nur im Innern, im Gefiihls-
leben. Aber man konnte fast sagen: Was ist ein angeneh-
mes Gefiihl? Ein angenehmes Gefiihl ist das innere, das ab-
geschwachte Erlebnis fur dasjenige, wofiir das starke Er-
lebnis, das man eigentlich anstrebt, ein Willensentschlufi
ist. Man mochte das haben, was einem sympathisch ist;
kommt man nicht zum Haben, so bleibt es einem bloft
sympathisch. Also das Gefiihl ist abgeschwachter Wille.
Das Traumen kommt nur auf eine andere Weise wahrend
des Tagwachens zustande als wahrend des Schlafens. Das
Traumen wahrend des Schlafens ist ein zuruckgehaltener
Schlaf. Das Fiihlen wahrend des Tagwachens ist ein nicht
ganz zustande gekommenes Wollen.
Hatten wir nicht Hemmungen in uns, so wiirden wir
alles wollen, was uns sympathisch ist, alles von uns stofien,
audi eine Willensaufierung, was uns nicht sympathisch ist.
Wir halten nur an uns das Wollen, wenn wir fiihlen. Wir
traumen bloJR vom Wollen, statt wirklich zu wollen, wenn
wir fiihlen.
aff{/// /////// ^/////////////// /
Nun, so konnen wir sagen: Wenn wir uns durch einen
gewohnlichen Strich die Grenze zwischen Schlaf en und
Wachen ziehen, dann haben wir wahrend des Wachens das
Denken. Da haben wir nichts dafiir wahrend des Schlafens;
das ist weg. Wir haben wahrend des Schlafens das Trau-
men. Dem entspricht wahrend des Wachens das Fiihlen.
Wir haben wahrend des Wachens das Wollen. Dem ent-
spricht wahrend des Schlafens eben der wirkliche Schlaf,
der Schlafzustand, der traumlose Schlaf.
Nun sehen Sie sich das einmal an. Wir haben herausbe-
kommen: Fiihlen und Traumen, Wollen und Schlaf en lebt
eigentlich in demselben Element. Das Traumen ist gewis-
sermafien das, was wir in der Nacht tun, und das Fiihlen
ist das, was wir bei Tag tun. Es ist dasselbe, derselbe Zu-
stand. Es mufi also einmal dasjenige, was bei Tag fuhlt,
traumen, und was bei Tag will, traumlos schlafen. Also da-
mi t ich bei Tag fiihlen und wollen, beim Schlafen traumen
und diesen Schlafzustand des Wollens ausleben kann, mufi
das im Korper darinnen sein. Sie bekommen also eine An-
schauung von einem Wesen des Menschen, das drinnen und
draufien sein kann in bezug auf den Leib. Ist es aufier dem
Leibe, schlaft es traumlos oder lafit die Traume aufsteigen;
ist es in dem Leibe, will es oder fuhlt es. Nur wenn es in
den Leib kommt, begegnet es dem Denken. Das Denken
konnen Sie aufterlich nicht sehen. Das ist also etwas, was
im ganzen Leben, wie wir gesagt haben, im Menschen ist,
aber als ein Unsichtbares. Nun, nennen wir, weil es ein Un-
sichtbares ist - wir werden schon sehen, dafi man es auch
aus einem anderen Grunde so nennen kann -, zu dem phy-
sischen Sichtbaren dazu Atherleib dasjenige, was denkt.
Dieser Atherleib bleibt das ganze Leben schlafend und wa-
chend im physischen Leib drinnen.
Dasjenige, was fuhlt, bleibt nicht darinnen; das spaziert
heraus wahrend des Schlafens und gibt die Moglichkeit der
Traume. Wir nennen es astraKschen Leib.
Und dasjenige, was will, und was im traumlosen Schlaf
verharrt, das nennen wir das Ich. Und so bekommen wir
durch die blofie Beobachtung diese drei unsichtbaren Glie-
der der menschlichen Wesenheit: Atherleib, astralischen
Leib und Ich. An dem physischen Leib brauchen wir nicht
zu zweifeln.
Nun handelt es sich darum: Den physischen Leib sehen
wir mit den physischen Sinnen. Was sonst noch am Men-
schen ist, das ist mit den physischen Sinnen nicht wahrzu-
nehmen. Kann es irgendwie sichtbar, wahrnehmbar, an-
schaubar gemacht werden? Das kann eben geschehen da-
durch, dafi man folgendes im Menschen bewirkt.
Ich sagte Ihnen, lebt man wach, so lebt man von innen
nach aufien. Nun stellen Sie sich vor, Sie haben meinetwil-
len das Auge oder irgendein anderes Sinnesorgan. Von dem
gehen die Nerven aus. Die endigen im Auge drinnen, haben
irgendwo Enden. Nun betrachten wir diesen wachenden
Zustand. Wir leben intim mit unserem Denken zusammen,
das heifit im physischen Leib mit dem Nerv. Mit diesem
Nerv leben wir da zusammen. Aber wir leben nicht nur im
Denken, wir leben in dem Sinneseindruck. Der Nerv strahlt
gewissermaften in dasjenige, was das Sinnesbild ist, hinein.
Man kann es audi physiologisch ausdriicken: Der Nerv be-
riihrt sich mit der Blutzirkulation, und dadurch kommt er
ins Sinnesbild hinein. Da nehmen wir wahr die Aufienwelt.
Denken Sie aber, wir nehmen nicht wahr die Aufien-
welt, wir entwickeln blofi das Leben im Nerv selber und
kommen bloB bis zum Ende des Nerven, Wir gehen nicht
in die Blutzirkulation des Auges hinein, sondern wir machen
halt da, wo der Nerv seine Stumpfe hat; wir gehen blofi
bis zum Ende des Nerven, Da haben wir eine Einnerungs-
vorstellung, also auch einen Gedanken. Da bleibt die Sache
Erinnerung. Die ist daher schattenhafl, weil sie nicht ans
Blut herandringt.
Sehen Sie, im gewohnlichen Leben, da macht man das
so, daft man die Wahrnehmungen hat. Die gehen in die
Nerven iiber. Die Nerven endigen im Korper drinnen.
Dann wird erlebt in der Erinnerung bis zum Endzustand
des Nerven hin. Da stolk die Vorstellung an, da wird sie
Erinnerungsvorstellung. Stofit sie durch bis zum Ende des
Nerven, so wird sie Wahrnehmung; kommt es blofi bis zum
Stumpf hin, stolk es nicht durch, wird es Erinnerung. Aber
man kann zunachst nichts anderes erinnern als das, was
man in sich tragt. Nun stellen Sie sich vor, dafi man durch
gewisse Obungen nicht nur das, was man in sich tragt, bis
zum Ende des Nerven bringt, sondern dasjenige, was man
von der anderen Seite, von aufien aufnimmt. Denken Sie
sich also, Sie stoften nicht nur bis zu Ihren Nervenendigun-
gen dasjenige, was Sie zuerst hereingelassen haben in Ihren
Kopf, sondern dasjenige, was Sie von der Welt ohne Wahr-
nehmung aufnehmen, oder was Sie durch Ihren Riicken-
marksnerv ohne Wahrnehmung aufnehmen, dann kommt
das Erleben auf der andern Seite in den Nerv herein. Es
stofit hier auf. (Siehe Zeichnung.) Das geht nicht an die
Wahrnehmung. Dann bekommen Sie diejenigen Bilder, die
wir den Inhalt der Imagination nennen. Und dann nehmen
Sie diesen Atherleib, der die Tatigkeit des Denkens in sich
enthalt, wahr.
Und ebenso kann man, wie wir morgen sehen werden,
audi in das Fiihlen dasjenige hineinnehmen, was nicht erst
von aufien kommt und reflektiert wird, sondern was man
gewissermafien von riickwarts hereinnimmt in den Korper.
Dann kommt die Inspiration. Die geht nun nicht in die
Nerven, die geht in den Atmungsprozefi und in den Zirku-
lationsprozefi hinein. Dadurch begreift man den astrali-
schen Leib. Und wenn man endlich die Intuition ausbildet,
wenn man nicht nur das, was man im Leben gelernt hat, als
Gehen empfindet, sondern wenn man sich als den anderen
Menschen fuhlt, der wirkt und ist, wenn man ganz uber-
geht in den anderen Menschen, dann kommt die Intuition.
Und dadurch begreift man das Ich und das Wollen. So dafi
man sagen kann:
Den Atherleib begreift man durch die Imagination,
den Astralleib begreift man durch die Inspiration,
das Ich begreift man durch die Intuition.
Im gewohnlichen Leben hat man ja nicht das Ich, son-
dern das Ich schlaft. Man weifi nur etwas von seinem Ich,
das schlaft, wie man xm Dunklen auch weifi, dafi es dunkel
ist. Aber man hat nicht die Gegenstande, die da sind. So
schlaft auch das Ich.
Man kann im allerstrengsten Denken sozusagen die-
jenigen Dinge linden, die Sie in meiner «Theosophie» von
Anfang an beschrieben finden: Physischen Leib, atherischen
Leib, astralischen Leib, Ich. Und dann kann man darauf
hinweisen, wie diese Glieder der menschlichen Natur durch
Imagination, Inspiration, Intuition eben auch schaubar er-
fafit werden konnen.
DAS SEELENLEBEN DES MENSCHEN UND
SEINE ENTWI CKELUNG 2UR IMAGINATION,
INSPIRATION UND INTUITION
Dornach, 15. April 1923
Idi habe gestern versucht, iiber die Wesenheit des Menschen
und die Wesenheit des menschlichen Lebens einiges von dem
Gesichtspunkte aus zu betrachten, der sich ergibt, wenn man
das menschliche Leben in seiner Vollstandigkeit vor die
Seele hinstellt. Ich sagte, es verfliefit dieses menschliche Le-
ben nicht blofi wahrend des Tagwachens, sondern ungefahr
em Drittel des menschlichen Gesamtlebens verfliefit im
Schlafe. Und wir stehen zunachst, wenn wir nur das ge-
wohnliche menschliche Bewufitsein ins Auge fassen, so vor
diesem Menschenleben, dafi, wenn wir erinnerungsgemafi
ins Erdendasein zuriickblicken, wir eigentlich nur immer
dieTage, diejenigen Zeiten unseres Lebens, die wir wachend
zubringen, im Gedachtnisse haben. Wir iibersehen gewisser-
mafien immer dasjenige, was in der Zeit verlauft, die wir
verschlafen haben. Nun mufi ja allerdings gesagt werden:
Fur das, was wir auSerlich fur die Erdenkultur, das Erden-
leben zu schaffen haben, kommt unser waches Tagesleben
in Betracht; es handeit sich aber darum, ob auch nach dem
Innern^ des Menschen hinein nur diejenigen Vorstellungen
in Betracht kommen, die sich im wachen Tagesleben vor dem
gewohnlichen Bewufitsein abspielen.
Dafi das nicht der Fall ist, kann schon eine oberflachliche
Betrachtung lehren. Allein diejenigen Betrachtungen, die ich
heute und in den letzten Tagen dieser Woche anstellen will,
werden zeigen, dafi allerdings die Ereignisse, die die mensch-
liche Seele vom Einschlafen bis zum Auf wachen erlebt,
verborgen bleiben, dafi diese Ereignisse aber fur das Innere
des Menschenwesens auf Erden ungleich wichtiger noch sind
als die Ereignisse, welche sich wahrend des Tages abspielen.
Heute wollen wir zunachst in Fortsetzung des gestern
Ausgefiihrten einiges betrachten, was sich wiederum aus
einem Vergleiche des Schlafeslebens und des gewohnlichen
wachenden Lebens ergibt.Das Schlaf esleben verlauft ja zum
Teil in vollstandigem traumlosen Schlaf. Da ist dann die
Zeit, die wir mit unserem Erdenleben wahrend dieses traum-
losen Schlaf es zubringen, falls sie Ereignisse f iir unser Leben
enthalt, ganz unbewulk. Aus dieser Unbewufitheit, aus die-
ser vollstandigen Finsternis des Bewufitseins tauchen dann
die Traume herauf , und aus den Traumen wachen wir ent-
weder auf zum gewohnlichen Bewufitsein, indem uns durch
die Sinneswahrnehmung und durch die Verstandeskombi-
nation die irdische Wirklichkeit gegeben ist, oder auch wir
schlafen aus dieser Wirklichkeit durch den Traum in das
traumlose Bewulksein hinein.
Machen wir uns noch einmal klar, worin eigentlich fur
die gewohnliche auftere Beobachtung der Unterschied des
Traumens von der aufieren Sinnesbeobachtung, die in Bil-
dern und Verstandesbegriffen lebt, besteht.
Wir konnen sagen: Fur viele Menschen enthalt der Traum
seinem Inhalte nach eine oftmals lebendigere Wirklichkeit,
als diejenige ist, die im wachen Tagesleben ablauft. Aber es
ist dies eine Bildwirklichkeit, der wir nicht mit unserem
Willen, sondern zwangsmafiig mit der Seele folgen. Und
wir konnen den Unterschied zwischen dem Verfolgen die-
ser Traumesbilder und dem Verfolgen der gewohnlichen
Wirklichkeitsbilder des wachen Tageslebens ganz genau
angeben. Auf besondere philosophische Spekulationen wol-
len wir uns dabei nicht einlassen. Die konnten audi ange-
stellt werden, wir wollen sie aber jetzt unterlassen. Wir
wollen nur auf das hinschauen, was das ganz populare Be-
wulksein gibt. Da konnen wir sagen: Die Traumesbiider
sind so, dafi wir in ihnen leben. Wir leben in den Bildern
selbst. Wir leben mit den Bildern. Beim wachen Tagesleben
haben wir natiirlich Farbenbilder, Tonbilder und so weiter
in derselben Art vor uns wie im traumenden Erleben. Aber
wir sind genotigt, diese Bilder, seien sie Gesichtsbilder, seien
sie Tonbilder, Warmebilder, Tastbilder und so weiter, ge-
wissermafien auf die harte Wirklichkeit zu beziehen. Wir
sehen in der Tageswirklichkeit uberall die Notwendigkeit,
gewissermafkn audi mit unserem Willen auf das zu stofien,
was uns das Bild zeigt.
Das ist nicht der Fall bei der, nun, sagen wir Traumes-
wirklichkeit. Die Traumeswirklichkeit ist gewissermaEen,
wenn ich mich grob ausdriicken darf, uberall zu durch-
stofien. Wir konnen den Gesichtspunkt, von dem aus wir
die Wirklichkeitsbedeutung des Traumes beurteilen, nur
innerhalb des wachen Tageslebens finden. Solange wir trau-
men, halten wir den Traum fur Wirklichkeit, und wenn
wir unser ganzes Leben traumen wiirden, so wiirde die
Traumeswirklichkeit die einzige Wirklichkeit fur uns sein.
Wir brauchen uns gar nicht vorzustellen, dafi dann das
auftere Leben anders verliefe, als es jetzt verlauft. Wir
konnten uns ja vorstellen, die einzelnen Menschen begegne-
ten sich im Leben nicht durch ihren Willen, sondern durch
Naturkrafte wie automatisch zueinander geschoben oder
audi durch irgendwelche hoheren Wesen zueinander ge-
schoben. Wir konnten uns audi vorstellen, die Menschen
wiirden an ihre Arbeit getrieben, von hoheren Wesen oder
von Naturkraften geschoben. Kurz, alles, was wir so im
wachen Tagesleben vor uns haben, konnte geschehen. Wir
brauchten nichts davon zu wissen. Wenn wir nur traumten,
wiirden wir eine Traumeswirklichkeit vor uns haben. Wir
wiirden gar mcht darauf kommen, irgendwie durch diese
Wirklichkeit durchstoften zu wollen auf eine andere Wirk-
lichkeit. Wir wachen durdi die naturgemafie Organisation
unseres Organismus auf und gewinnen dann innerhalb der
Sinneswirklichkeit den Gesichtspunkt, um den anderen
relativen Wirklichkeitswert des Traumes zu beurteilen.
Also erst wenn wir diesen Lebensruck durchmachen vom
Traumen zum Wachen, gewinnen wir den Gesichtspunkt, um
den relativen Wirklichkeitswert des Traumes zu beurteilen.
Wir mu'ssen uns nun aber fragen: 1st alles das, was wir
wahrend des Tagwachens erleben, wirklich wacher Zu-
stand? Nun, ich habe gestern im einzelnen ausgefuhrt, dafi
das nicht der Fall ist. Ich habe im einzelnen ausgefuhrt, dafi
eigentlich nur unsere Vorstellungen, aber diese audi nur
insofern sie die aufiere Wirklichkeit abbilden, uns ins Wa-
chen versetzen. So daft wir eigentlich nur in unseren Vor-
stellungen wachen. In unseren Gefiihlen haben wir keine
andere Wirklichkeit in bezug auf die Seelenverfassung vor
uns als im Traume; nur daft der Traum uns in Bildern er-
scheint, die Gefiihle in jener Unbestimmtheit, mit der sie
eben aus den Tiefen des Seelenlebens her auf kommen.
1st man aber nicht ein gewohnlicher Psychologe, der alles
nach irgendwelchen Vorurteilen zurechtschmiedet, sondern
geht man unbefangen beobachtend auf den Gefuhlsinhalt
der Seele, so sieht man, wie die Gefiihle, die ja allerdings
gegen das Vorstellungsleben, wenn ich mich so ausdriicken
darf, heraufschiefien, eine Verschwommenheit, ein fluk-
tuierendes Ineinanderiibergehen zeigen wie die Traumbil-
der. Fuhlend traumen wir auch, wenn wir wachen. Nur
weil, ich mochte sagen, die Substanz, in der die Traumbilder
erscheinen, anders ist als die Substanz der Gefiihle, kom-
men wir nicht darauf, daft eigentlich alles Fiihlen nur die
Wirklichkeitsbedeutung hat, die der Traum audi hat. So
daft, wahrend wir wirklich wachend vorstellen, unsere
Vorstellungen fortwahrend durchflutet werden von den
unbestimmten subjektiven Gefiihlsinhalten.
Stellen Sie sich lebhafl: vor, wie beim Aufwachen herein-
spielen die Traumbilder in das wache Tagesbewufttsein, wie
in den Traumbildern alles fluktuierend vergroftert, ver-
kleinert ist — je nachdem — , so werden Sie sich sagen kon-
nen: Da kommt, scheinbar natiirlich, in Bildern etwas an
den Menschen heran, was sonst im Gefuhlsleben wiederum
verschwommen, die Dinge subjektiv vergrofternd, verklei-
nernd, von innen heraus an den Menschen herankommt.
Und mit Bezug auf unser Wollen sind wir auch im Wa-
chen im tiefen Schlaf. Wir wissen ja vom Wollen nur die
Absichten. Das sind aber Gedanken, Vorstellungen. Wenn
ich einen Spaziergang machen will, habe ich zunachst die
Vorstellung, diesen Spaziergang zu machen. Dies ist meine
Absicht. Wie nun dieseAbsicht stetig in meinen Organismus
hineingeht, das zeigt ja das gewohnliche Bewufitsein eben-
sowenig, wie es das zeigt, was vom Einschlafen bis zum
Aufwachen verfliefk. Den Erfolg kann ich wiederum erst
an der Bewegung ermessen, die ich mache, an der Veran-
derung der Aspekte, die vor mir auftreten, wenn ich den
Spaziergang mache - also wiederum an Vorstellungen. Was
zwischen der Vorstellung der Absicht und der Vorstellung
des Erfolges eigentlich im Organismus vor sich geht, das
verschlafe ich fur das gewohnliche Bewufitsein ebenso, wie
ich das verschlafe, was sich abspielt vom Einschlafen bis
zum Aufwachen.
So konnen wir sagen, dafi der Mensch wollend, auch
wenn er wacht, im tiefen traumlosen Schlaf ist, daft er
fiihlend traumend ist, auch wenn er wacht, und daft er
nur in einer gewissen Weise wach ist, wenn er in Vorstel-
lungen lebt. Aber wenn der Mensch wirklich ehrlich nach
seinem Innern hinschaut, so merkt er: diese Vorstellungen
sind audi nur wach in bezug auf die aufSere Natur, nicht
in bezug auf ihr eigenes Leben. In bezug auf das eigene
Leben der Vorstellung kann der Mensch nicht zu einem
rechten Wachen kommen. Man mu& sich nur klar sein dar-
uber, wie ja fur die meisten Menschen, wenn sie nichts
XuiRerliches vorstellen konnen, eine vorstellende Tatigkeit
iiberhaupt nicht mehr vorhanden ist. Aber das ist ja eigent-
lich nur deshalb, weil insbesondere in der heutigen Kultur
der Mensch an die Auftenwelt hingegeben ist, so dafS wir
dieses Hingegebensein vergleichen konnen mit dem Dasein
in einer tosenden, brausenden Welt.
Denken Sie sich einmal, hier spiele jemand Piano oder
irgendein Instrument, und dadraufien tosten dieMaschinen
in einer ganz aufierordentlichen Weise. Sie wiirden die
Maschinen horen. Das Piano wiirden Sie wenig wahrneh-
men konnen, besonders wenn Sie etwas weiter weg da-
von waren. So ist es im Grunde genommen auch gegeniiber
dem, was eigentlich im Innern des Menschen von der Denk-
tatigkeit lebt. Nur miissen wir da den Vergleich richtig
gebrauchen. Wenn wir heute die au£ere Naturwissenschaft
lernen, wenn wir da alle die Begriffe aufnehmen, die in
der aufteren Evolutionslehre dem Menschen gebracht wer-
den, dann ist das im Grunde genommen ein Denkgetose,
ein Denklarm. Und dieser Denklarm, dem sich der heutige
Mensch, insbesondere auch wenn er Wissenschafler ist, hin-
gibt, stort ihm die f einere Wahrnehmung der inneren Denk-
tatigkeit. Daher verschlaft er auch die innereDenktatigkeit.
Ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» auf dieses
reine Denken, das nicht etwas Aufierliches denkt, sondern
das ganz im Innern des Menschen verlaufl, hingewiesen.
Aber ich bin mir audi bewufk, da£ ich mit diesem reinen
Denken eigentlidi etwas gesdiildert habe, von dem viele
unserer Zeitgenossen sagen, das gibt es ja gar nidit; so wie
derjenige, der das Getose von Maschinen da draufien horen
wiirde und das Piano nicht, sagen wiirde, das gibt es ja
gar nicht.
Aber wenn das so ist, konnen wir etwas aufierordentlich
Wichtiges daraus ersehen, namlich dieses, dafi wir eigentlich
nur fiir das Denken, insofern es einen aufieren Naturinhalt
hat, wachen, dafi wir aber in bezug auf die innere Tatig-
keit, die wir da vollbringen, schon hochstens traumen.
Aufterdem traumen wir die Geftihle und verschlafen den
Willen. Also die Seelentatigkeit, dasjenige, was uns im
Innern lebt, das ist im Grunde genommen nicht erwacht,
wenn wir fiir die Sinneswelt wachen. Wir schlafen fort,
auch wahrend des Tagwachens, fiir unsere Denktatigkeit,
fiir das Fiihlen, fiir das Wollen. Wir wachen nur fiir die
aufiere Natur auf. Und dieses Aufwachen, das bilden wir
ja noch durch Instrumente, durch Experimentiermethoden
aus und gelangen dadurch gerade zu der bedeutungsvollen
Naturwissenschafl der Gegenwart. Die mufi entstehen, in-
dem sich die aufieren Vorgange gewissermafien in den Vor-
stellungen spiegeln. Aber wir wachen nicht in demselben
Mafie fiir unser Denken, Fiihlen und Wollen auf. Und wer
unbefangen betrachten kann, wie sich eigentlich der Traum
von der aufieren physisch-sinnlichen Wahrnehmungswelt
unterscheidet, der wird das Seelenleben nach Denken, Fiih-
len und Wollen nicht ahnlich finden demjenigen, was aufiere
sinnliche Wahrnehmungseindriicke sind, sondern er wird
dieses Seelenleben hochstens ahnlich finden seinem bedeut-
samsten Elemente, dem Traumen. Mit Bezug auf unseren
Seeleninhalt traumen und schlafen wir eigentlich fortwah-
rend. Wir wachen nur zum Naturinhalte auf. Wir wachen
gar nicht zu unserem Seeleninhalt auf im gewohnlichen Be-
wufksein, da schlafen wir sanft fort. Und wir sagten ja:
Die Traumesbilder sind gewissermafien so, dafi man sie
durchstofien kann, dafi sie nicht auf einer harten aufieren
Wirklichkeit aufliegen, die dem Willen unterliegt. So ist
aber unser Seeleninhalt auch. Er lebt in Bildern. Und
wer die Fahigkeit hat, Qualitaten zu vergleichen, nicht blofi
Quantitaten, der wird schon finden, dafi, wenn er dem
Trauminhalt Bildcharakter beilegt, der zunachst nicht auf
eine Wirklichkeit weist, er dem eigenen Seeleninhalt auch
Bildcharakter beilegen mufi.
Dann aber entsteht daraus gerade eine bedeutungsvolle
Frage. Lebe ich in Traumen, so wache ich zu der physischen
Wirklichkeit auf, fuhle mich dann dadurch, dafi ich mit
meinem Willen in meinen Leib eingeschaltet bin, mit der
physischen Wirklichkeit als mit einer Realitat verbunden,
und ich spreche vom Gesichtspunkte dieser physischen Wirk-
lichkeit aus dem Traum hochstens eine relative, eine ganz
andersartige Realitat zu.
Kann ich nun - so ist die Frage — in derselben Weise fur
das Seelenleben aufwachen, wie ich fur die Natur auf-
wache? Kann ich mich einschalten, wie ich durch meinen
Willen, den ich in meinen Leib hineinriicke, die Traumes-
bilder einschalte in das, was die Struktur der Wirklichkeit
ist, kann ich ebenso das Denken, Fiihlen und Wollen durch
ein hoheres Erwachen einschalten in eine entsprechende
Wirklichkeit? Das, sehen Sie, ist die Frage: Kann ich fur
das Seelenleben ebenso aufwachen, wie ich fiir die Natur
aufwache? Der Naturinhalt, den ich als Mensch wah-
rend des Erdendaseins mit der aufieren physisch-sinnlichen
Wirklichkeit erlebe, erscheint mir bildhafl; imTraume. Aber
das ganze Seelenleben erscheint mir auch nur bildhafl: wie
im Traume. Also, kann ich fiir das Seelenleben aufwachen?
Ja, man kann aufwadien. Man kann dadurch aufwadien,
daft man sich eben durch solche Obungen, wie ich sie an-
gegeben habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft»,
zunachst das Denken verscharfl, verinnerlicht, daft man
nicht bloft sich anregen laftt zu einem Gedankeninhalt von
auften, sondern daft man sich einen iiberschaubaren Gedan-
keninhalt, der einem nicht suggeriert wird, von innen gibt,
dann auf diesem Gedankeninhalt ruht, sich konzentriert auf
einen solchen aktiv von innen der Seele gegebenen Gedan-
keninhalt. Dann kommt man auf diese Weise nach und nach
zum wirklichen Bewufitsein des Denkens.
Man hat ja gar nicht das Bewufttsein des Denkens, wenn
man sich fur die Vorstellungen nur von auften anregen laftt.
Nur wenn man immer wieder und wiederum sich von innen
zum Denken anregt durch Meditation, durch Konzentra-
tion auf Gedankeninhalte, dann wird man sich gewahr
innerhalb des Denkens. Dann geht einem auf, daft man
eigentlich in diesem Denken lebt, aber daft man es nur nicht
weift, wenn man sich allein von auften anregen laftt. Das
Denken wird auf diese Weise lebendig, wahrend es sonst
abstrakt und tot ist. Das Denken wird etwas, was nicht bloft
in den Denkschatten besteht, die wir von auften bekommen,
sondern etwas, was sich wie ein Seelenblut inner lich regt.
Man wird wie ausgefullt mit einer zweiten Menschlichkeit.
Die Gedanken werden lebendige Krafte, Bildekrafte, wie
ich sie audi in meinem Buche «Theosophie» genannt habe.
Und man wird gewahr, daft man das Denken eigentlich
als einen zweiten Leib in sich tragt, als den Atherleib, als
den Bildekrafteleib; denn man wird gewahr, daft dasjenige,
was sonst nur abgeschattet in Gedanken besteht, eigentlich
dieselben Krafte sind, die unser Wachstum bewirken. Man
zieht sich zuriick in das Wachstum seines menschlichen We-
sens, und man kommt darauf , wie das, was als die Prozesse,
die sonst bloft chemisch verlaufen wiirden nach Maftgabe
der Eigentumlichkeiten der Stoffe, die wir aufnehmen, wie
das durch dieselbe innere Geistleiblichkeit, atherische Leib-
lichkeit, die unsere Gedanken bildet, verarbeitet wird, wie
wir ein einheitlicher innerer Mensch werden durch diese
innerlich lebendigen, sich regenden Gedanken. Man lernt
also in sich einen zweiten Menschen auf diese Weise kennen.
Aber man kommt noch auf etwas anderes. Dieser zweite
Mensch, den man da kennenlernt, der ist nicht etwa bloft
eine Wolke, die den raumlichen physischen Leib unbestimmt
ausfiillt. Dieser zweite Mensch ist eigentlich in fortwah-
render Bewegung, und es ist gar nicht moglich, ihn in
einem Momente festzuhalten. Sehen Sie, da ist es eigentlich
so: Wenn wir den physischen Leib des Menschen in einem
bestimmten Punkte des Lebens haben, dann konnen wir
das, was wir so erleben, und was mit unserem Denken
identisch ist - nur daft wir im gewohnlichen Denken die
Schatten der Gedanken haben, nicht die lebendigen Ge-
danken selbst - fur einen Moment da hinzeichnen (siehe
Zeichnung). Was als ein solcher zweiter Ather- oder Bilde-
krafteleib den Menschen durchzieht, ist eben nur fur einen
Augenblick festzuhalten. Im vorigen Augenblick war das
ganz anders; im nachs ten Augenblick wird es wieder anders
sein, und so weiter zuriick und weiter vorwarts.
Dadurch aber ergibt sich, wenn man im inneren, an-
schauenden Erleben darauf kommt, daft dieser Bildekrafte-
leib, der sich fiir das gewohnlicheBewufttsein als die schatten-
haften abstrakten Gedanken durchdruckt, iiberhaupt nichts
Raumliches ist, daft er etwas ist, was in der Zeit verlauft.
Das fiihrt uns zuriick als ein lebendiges Tableau bis zu
einem gewissen Momente unserer ersten Kindheit. Ich will
jetzt das schematisch zeichnen.
Stellen wir uns vor, wir seien schon ein alterer Mensdi
in dieser Zeit; aber dieser Bildekrafteleib ist nicht auf eine
Zeit beschrankt, sondern fiihrt zuriick bis in unsere Kind-
heit. Wir iiberschauen unser Leben nicht erinnerungsgemafi,
sondern wie ein Tableau auf einmal. Was ich hier raumlich
zeichne, ist zeitlich. Das fiihrt jetzt zuriick bis in unsere
Kindheit, bis zu dem Zeitpunkt in unserer Kindheit, bis
zu dem wir uns in der Regel erinnern.
Da ist jetzt auch dieser Atherleib, dieser Bildekrafteleib.
Aber wenn man durch sorgfaltige Obungen die Fahigkeit
erwirbt, bis dahin zurikkzuschauen, dann kommt man bis
zu dem Zeitpunkt, wo man als kleines Kind denken gelernt
hat. Da ist es so, wie wenn man mit dem Denken, zunachst
mit dem gewohnlichen Denken, an eine Grenze kame. Fur
das gewohnliche Bewufksein, fur die gewohnliche Erinne-
rung kommt man an diese Grenze. In der Imagination
kommt man weiter zuriick an die andere Seite. Man schaut
in denjenigen Seeleninhalt des Kindes hinein, den man
gehabt hat, als man noch nicht hat denken konnen, als man
als Kind sich hereingetraumt hat in die Welt. Denn in
einem bestimmten Momente ist ja erst das Denken, und
zwar nach dem Sprechen, aufgetreten.
Nun sieht man dadurch in die Zeit hinein, sieht, wie es
war in der Seele, bevor man die schattenhaften abstrakten
Gedanken gehabt hat. Da hat man eben nodi das lebendige
Denken gehabt. Und das lebendige Denken hat wuchtig
plastizierend gearbeitet an dem menschlichen Gehirn, an
der ganzen menschlichen Organisation. Spater, wenn vieles
von diesem Denken in die Abstraktheit hineingenommen
wird, in das Tote hinein, da sind auch nur noch Reste fiir
die Bearbeitung der menschlichen physischen Organisation
da. Wahrend man als Kind traumt, noch nicht denken
kann, da ist das Denken regsam. Eben weil man im spate-
ren Leben durch das Getose der Welt nicht auf solches Den-
ken hinschauen kann, kommt es auch gar nicht vor, daft
man da in das Denken, das noch regsam tatig war, zuriick-
blickt. Jetzt kann man zuruckschauen. Und dann erscheint
dieses Denken als die Summe der Krafte, die einen eigent-
lich menschlich aufgebaut hat, als Wachstumskrafte, als Er-
nahrungskrafte und so weiter. Man merkt, wie aus dem
Ather der Welt, denn darinnen liegen diese Krafte, die
menschliche Organisation herausgebaut wird. Man kommt
an den Atherleib immer mehr und mehr heran. Man weifi,
wie dieser Atherleib am tatigsten ist von auften herein in
das Kind in den allerersten Jahren, wenn das Kind noch
nicht denken kann, wenn es das Leben noch traumend ver-
bringt. So ruckt man zur Imagination vor.
Aber etwas kann einem bleiben. Man merkt es nicht,
wenn man eben nicht unserer heutigen, in ihrer Wissen-
schaftlichkeit tosenden Kultur gegeniiber Ubungen macht,
wie ich sie in den genannten Biichern angegeben habe. Dann
aber kommt man darauf, daft einem etwas geblieben ist
von diesem Denken von der anderen Seite her, wie man
es als kleines Kind gehabt hat. Dieses Denken, das auf-
bauend, bildend ist fiir den Organismus, dem man seinen
aufteren physischen Organismus erst verdankt, dieses reg-
same Denken habe ich in meinen Biidiern das imaginative
Denken genannt. Aber es bleibt einem eben etwas von die-
sem imaginativen Denken, und durch Obung kann man es
audi im spateren Leben wieder erforschen, so dafi man an
den Atherleib heran kann.
Ich habe schon gestern darauf aufmerksam gemacht, aber
da nicht alle da waren, mochte ich noch einmal darauf
hinweisen: Nehmen Sie das menschliche Auge, von dem
menschlichen Auge den Sehnerv, der nach innen geht, sich
im Auge ausbreitet. Wenn Sie mit dem Bildekrafteleib (lila-
rot), der im wesentlichen den aufieren physischen Nerven-
vorgangen (gelb) folgt, so weit gehen, dafi Sie berankom-
men an diejenigen Vorgange (rot), wo sich durch das Auge
die Aufienwelt spiegelt, dann haben Sie Wahrnehmung der
aufieren Welt. Und was dann im Nerv sich festlegt - ich
will jetzt nur dieses approximativ bezeichnen, es wiirde
zuviel Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich den genauen
Vorgang schildern wiirde - das, was sich durch den Nerv
festlegt im Bildekrafteleib, das kann dann immer wiederum
zur Tatigkeit angeregt werden. Da kommt man mit der
Tatigkeit des Bildekrafteleibes, des Nervensystems, bis da-
hin, wo die Nerven endigen (gelb). Man durchstofit ge-
wissermafien nicht den Nerv bis hinein zu den Vorgangen,
die die aufiere Welt spiegeln, man gibt nur dem, was in
ihnen lebt im Bildekrafteleib, einen Anstofi, stofit diesen
Bildekrafteleib bis dahin, wo dieNervenstumpfe auslaufen,
dann bekommt man den Erinnerungseindruck. Der Erinne-
rungseindruck besteht im wesentlichen darin, daft man mit
der inneren Tatigkeit blo£ bis zu den Nervenendigungen
kommt; wahrend man fur die Sinneseindriicke die Nerven-
endigungen durchstofit und bis an die hauptsachlich durch
das Blut bewirkten Vorgange in den Sinnen vorriickt.
Da sehen Sie die lebendige Tatigkeit des Bildekrafte-
leibes. Aber alles das, was Sie da in die Erinnerung hinein-
schieben, das mufi ja ins Nervensystem hineingegangen sein,
also riihrt es her erst seit jener Zeit, seit wir denken gelernt
haben als ganz kleines Kind. Was vorher war, das ist nun
so-und wenn man jetzt durch Ubungen das Denken geschult
hat und zuriickblickt, so sieht man dieses im Riickblick
durch den zeitlich verlaufenden zweiten Menschen — : Da
wird man gewahr, wie auf denselben Wegen, auf denen
sonst die aufien hineingehenden Eindriicke wiederum um-
kehren durch das Gedachtnis im Erinnerungsvermogen, wie
da gewissermafien von hinten hereinkommt dasjenige, was
nun auch Tatigkeit des Bildekrafteleibes ist. Fortwahrend
hat man eigentlich diese zwei Tatigkeiten. Nur weifi der
Mensch im gewohnlichen Bewufitsein nur von der einen,
von der Erinnerung. Man hat aber diese zwei Tatigkeiten:
Das, was herriihrt von den aufteren Sinneswahrnehmungen,
die zuruckgeschoben werden, wiederum bis an die Nerven-
stumpfe vorgeschoben werden konnen, so dafi eben die
Erinnerungsbilder auftauchen; man hat aber auch etwas,
was gewissermafien menschenschopferisch von derjenigen
Seite her in das ganze Nervensystem sich ergiefit, wo man
eben nicht in derselben Starke wie an der Vorderseite des
Korpers sinnlich wahrnimmt.
Von riickwarts - es ist das natiirlich nicht ganz genau
gesprochen - kommen die schopf erischen Krafte in den Men-
schen herein: In der ersten Kindheit, wo man noch nicht
denken kann, ganz machtig, spater schwacher. Das ist das
Denken, das nicht aus der Sinneswelt, das aus dem ge-
samten Weltall genommen ist, das aus dem Weltenather
genommen ist, das wir uns aneignen, indem wir vom vor-
irdischen Dasein in das irdische heruntersteigen, das wir
noch iibermenschlich behalten bis zu dem Momente, wo wir
denken lernen. In dem Momente, wo wir denken lernen,
maehen wir gewissermaften nach dem fortlaufenden Strom
unseres Lebens hin das Tor zu fur dieses regsame Denken,
fur diese Entwickelung der menschlichen Bildekrafte im
Bildekrafteleib, im Atherleib. Fur die auftere Sinneswelt
denken lernen heilk: das Tor fiir die universellen welten-
bildenden Gedankenkrafte zumachen.
Wir haben also, als wir in der Kindheit waren, das Tor
fiir die weltenbildenden Gedankenkrafte zugemacht. Sie
bleiben aber in uns, denn wir brauchen diese Bildekrafte
in der ersten Zeit unseres Lebens fortwahrend, solange wir
wachsen als Wachstumskrafte, spater als die Verarbeitungs-
krafte fiir das, was wir als Ernahrung und so weiter in uns
aufnehmen. Aber wir bemerken sie nicht. Wir bemerken
nur dasjenige, was der Bildekrafteleib spiegelt aus den auf-
genommenen Eindrucken, die dann in den Erinnerungen
bis an die Nervenendigungen stofien.
Aber wir konnen durch Ubungen der Konzentration und
Meditation dasjenige gewahr werden, was uns nun selbst
aus dem Weltenatherischen herein bildet. Da werden wir
in unserer Selbstwahrnehmung Vorgange gewahr, welche
auch in der Zeit verlaufen, die wir nicht aufgenommen
haben durch au£ere Eindriicke, sondern die nur den Strom
nach der einen Seite haben. Wenn wir diese dann verfolgen
bis zu dem Punkt, wo die Nerven auslaufen, wo wir sonst
die Erinnerungen von aufieren Eindriicken haben, dann
bekommen wir nicht nur das Bild unseres Atherleibes, son-
dern das Bild davon, wie wir als Mensch im ganzen Welten-
ather drinnen enthalten sind. Wir werden uns als zweiter
Mensch gewahr. Wir lernen erkennen, wie die Atherkrafte
aus- und einziehen, und wie alles, was da als universelles
Spiel der Weltenkrafte iiberall drauEen ist und in uns hin-
einzieht, wie das dasselbe ist, was im Schattenbild das We-
ben der Gedanken in uns ist. Wir werden gewahr, wie die
Gedanken in uns das Schattenbild des Atherleibes sind, wie
der Atherleib eigentlich ein Lebendiges ist, wie er ein Glied
im ganzen Weltenather ist. Wir haben die erste Stufe der
ubersinnlichen Erkenntnis erstiegen.
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Man konnte sagen: Was im Denken zum Vorschein
kommt, ist eigentlich wie durch einen Spiegel gebildet (siehe
Zeichnung). Da ist der Belag des Spiegels. So ist der Spiegel
nach vorn, nach den Sinnen gerichtet (roter Pfeil). Das,
was durch die Sinne aufgenommen wird, wird zuriickge-
worfen, kommt zum Bewulksein, wenn es eben an die Ner-
82
venstumpfe kommt. Aber es gibt eben audi eine innere
Tatigkeit, welche nicht so verlauft, sondern welche durdi
den Spiegel durchgeht (lila Pfeile). Verfolgen wir diese,
dann haben wir einen Bildekrafteleib, der ein Teil der
Bildekrafte des ganzen Universums ist. Dadurdi aber sind
wir gewissermaEen fiir das Denken an die andere Seite
gekommen.
Was ist denn eigentlidhi dieses Oben, damit man zum
imaginativen Denken kommt? Es besteht darin, dafi, wah-
rend man sonst immer blofi bis zum Spiegel seines Innern
sieht, zu dem, was innen herausgespiegelt ist, was aber
nichts anderes ist als die aufiere Natur, man sich jetzt die
Fahigkeit erwirbt, hinter den Spiegel zu sehen. Da ist nicht
dasselbe, wie in der aufieren Natur; da sind die menschen-
schopferischen Krafte. Das ist die andere Seite des Denkens.
Hier ist das tote Denken, audi abstraktes Denken genannt.
Da ist das lebendige Denken. Und im lebendigen Denken
sind die Gedanken Krafte.
Das ist eben das Geheimnis beziiglich des Denkens, dafi
dasjenige, was man im gewohnlichen Denken eigentlich
in sich hat, nur das Schattenbild dessen ist, was das wahre
Denken ist. Aber das wahre Denken durchzieht die Welt,
ist als Kraftestruktur in der Welt, nicht blo£ im Menschen.
Es ist gar nicht sehr gescheit, wenn der Mensch glaubt,
das Denken sei nur in ihm. Das ist ungefahr so, wie wenn
er Wasser aus einem Bache schopft und das trinkt und nun
die Meinung hat: Ja, meine Zunge, die hat fortwahrend
das Wasser hervorgebracht. Wir schopfen das Wasser aus
dem gesamten Wasservorrat der Erde. Wir geben uns da-
bei naturlich nicht der Illusion hin, dafi unsere Zunge das
Wasser hervorbringe. Nur beim Denken tun wir das. Da
reden wir davon, dafi das Gehirn das Denken hervorbringt,
wahrend wir blofi aus dem Gesamtdenken, das in der Welt
universal ausgebreitet ist, schopfen, was wir dann in uns
als Gedankensumme haben.
Der Mensch gibt sich ja noch einer anderen Illusion hin,
wenn er an sein Vorstellen denkt, einer Illusion, die ich
mit folgendem vergleichen kann. Denken Sie sich einmal,
hier ware ein Weg, wie jetzt ungefahr der nach Arlesheim
und Dornach hinunter, so ein weicher Weg! Da gehe ich nun
driiber. Sie sehen dann die Spuren meiner Fufie (siehe Zeich-
nung, rot). Jetzt kommt einer vom Mars, hat niemals so
etwas auf der Erde gesehen, sieht da die Spuren. Menschen
kennt er nicht, denn er kommt eben vom Mars, und es
ist zu einer Tageszeit, wo noch keiner gegangen ist. Da sieht
er die Spuren. Aha, denkt er, da ist die Erde, da sind die
Spuren; da unten ist Erde, das da ist Substanz - das weifi
er schon vom Mars her -, da unten in der Erdensubstanz
sind allerlei Krafte, schwingende Krafte, oder was immer,
meinetwillen Ionen oder Elektronen, was es halt sein kann.
Diese Krafte, die spielen unten, und die bewirken hier die
Spuren, und deshalb sieht man die Spuren.
Der gute Marsbewohner irrt sich aber, er beachtet nicht,
daft ich da driiber gegangen bin und die Erde gar nichts
getan hat, diese Erde bis hinunter nach Arlesheim hochst
unschuldig ist an diesen Spuren. Da unten sind keine Krafte,
die das bewirkt haben, daft sie konfiguriert worden ist,
sondern das kam von auften.
Der Mensch gibt sich auch diesen Illusionen hin in bezug
auf das Gehirn. Es sind auch solche Strukturen da, und er
meint, daft von innen heraus diese Strukturen bewirkt wer-
den, und daft das dann in den Gedanken erscheine. Aber
es sind die von auften gemachten Spuren. Wir finden wirk-
lidi in dem Gehirn einen vollstandigen Abdruck des Den-
kens. Man kann gar nichts Besseres tun als zu verfolgen,
wie das Denken eines Menschen bis ins kleinste hinein in
den Formen des Gehirnes abgebildet ist. Aber ebensowenig,
wie die Fuftspuren in der Erde da von unten herauf ent-
standen sind, ebensowenig sind diese Formationen des Ge-
hirns von etwas anderem als von Eindrticken entstanden,
die das lebendige Denken, das aus dem Weltenather stammt,
das im Weltenather west und lebt, hineingegraben hat.
Das, was ich Ihnen jetzt sage, wird eben lebendige An-
schauung, wenn man zu diesem imaginativen Denken vor-
dringt. Und ebenso, wie man das Denken gewissermaften
von der anderen Seite erfassen kann, so kann man jetzt ein
anderes Element, das man im normalen Menschenleben
etwas friiher erlebt, das Sprechen, audi gewissermaften von
hinten, von der anderen Seite erfassen.
Denken Sie sich einmal, Sie lassen die Lufl durch Ihre
Lunge, durch den Kehlkopf und durch die anderen Sprach-
organe nach innen stromen. Durch die Formation des Kehl-
kopf es, durch die Formation der Zunge, des Gaumens und
so weiter bilden sich nach auften die Laute. Wenn Sie diesen
ganzen Vorgang von einem bestimmten Punkte des Orga-
nismus an verfolgen, so haben Sie nach auften gehend das
Sprechen. Aber denken Sie sich, Sie verfolgen das Sprechen
nicht von den Sprachorganen nach auften, sondern Sie ver-
folgen die Sache riickwarts (siehe Zeichnung, rot) bis zum
Sprechen hin. Das kann man wieder nicht mit dem gewohn-
lichen Bewufttsein, das muft man durch Obungen erreichen,
daft man bis zu dem Punkt, wo das Sprechen des irdischen
Lebens nach auften hin sich bildet, daft man bis zu diesem
Punkte hin, wo die Sprache sich erst bildet, das Innere
verfolgt. Das findet man nicht im physischen und nicht im
atherischen Leib, das findet man nun in einem nodi hoheren
Gliede des menschlichen Organismus, als der Atherleib oder
der Bildekrafteleib ist, das findet man in dem, was ich in
meinen Buchern den astralischen Leib genannt habe.
"Was nach aufien gesprochen wird, ist Sprache fiir das
Erdenleben. Was gewissermafien von hinten an den Men-
schen herankommt, was bis zu den Sprachorganen kommt,
was nicht als Sprache nach aufien tont, sondern was da her-
einspricht, das also, was nicht vom Kehlkopf nach aufien als
irdisch horbare Sprache entsteht, sondern was von hinten
kommt, am Kehlkopf aufhort, da stumm wird, statt dafi
da die Sprache beginnt, die eben irdisch hinausgeht: das
ist eine geistige Sprache. Das ist etwas, was man die geistige
Sprache nennen kann, die zu uns aus der geistigen Welt
gesprochen wird.
Die Beeindruckung, die man dadurch erhalt, das ist die
Inspiration, in ganz rationellem Sinne jetzt gemeint. Diese
Inspiration mufi man dadurch herbeifiihren, dafi man das
Bewufitsein, wiederum durch die Ubungen, die ich in den
genannten Biichern geschildert habe, abzieht von dem Hin-
gegebensein an die aufleren Worte. Besonders stark war
wiederum das, was da bis an den Kehlkopf beziehungs-
weise die Sprachorgane herandringt, und was aus der Welt
zu uns spricht, wahrend wir sonst durch unsere Sprach-
organe zur Welt sprechen - besonders stark war dieses In-
spirierende in der Kindheit, bis wir sprechen gelernt haben.
Indem wir die aufiere Sprache gelernt haben, haben diese
Krafte aufgehort, so zu wirken. Die sind jetzt nur noch
in uns vorhanden, und wir erlangen sie, wenn wir uns zu
der Gabe der Inspiration aufschwingen.
Dann werden wir ein drittes Element in uns gewahr,
einen dritten Menschen, der nun nicht dem Raum und der
Zeit angehort, der aber in uns kraftig und bildend ist. Das
ist der astralische Leib. Das ist der astralische Leib, in dem
die Vorgange Inspirationen sind, wo wir erfahren, was
eigentlich in Wirklichkeit hinter unserem Gefiihlsleben sitzt.
Das Gefiihlsleben ist das Traumen von dem, was da inspi-
rierend in uns einfliefit. Und dieses Gefiihlsleben hangt
innig zusammen mit dem Atmungs- und Sprechprozefi.
Daher hat man in alteren Zeiten, wo man auf andere
Weise in die geistige Welt hinaufwollte, auf diesen At-
mungsprozefi, den innerlichen Atmungsprozefi eingewirkt
durch Obungen. Und die alten Yoga-Obungen waren dar-
auf berechnet, eben die Aufmerksamkeit hinzulenken auf
das, was hinter der Sprache sitzt. Dadurch, dafi man ein
kunstliches Atmen an die Stelle des natiirlichen setzte,
wurde man das gewahr, wie man iiberall etwas gewahr
wird, wenn man vom Gewohnlichen abweicht.
Denken Sie nur einmal, dafi Sie in verschiedener Weise
das Wasser in einem Flusse um sich herum wahrnehmen,
wenn Sie mit der Schnelligkeit des fliefienden Wassers
schwimmen, oder wenn Sie langsamer oder schneller schwim-
men. Wenn Sie mit der Schnelligkeit des flie£enden Wassers
schwimmen, so nehmen Sie einen gewissen Gegendruck nicht
wahr. Wenn Sie langsamer schwimmen, nehmen Sie ihn
wahr. Dadurch, daft der indische Yogi das Atmen in einer
anderen Weise gestaltet, als es natiirlich verlauft, dadurch
nimmt er dasjenige wahr, was da im Atmungsstrom als
Geistiges darinnen ist, jenes Geistige, wodurch wir unse-
ren astralischen Leib haben, und wodurch wir wiederum
in eine hohere Welt, als die Atherwelt ist, hineinragen.
Fur uns sind diese Obungen die richtigen - denn die
Menschheit schreitet vorwarts — , die ich in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» geschildert habe.
Aber Sie sehen, uberall kann man hinweisen auf die kon-
kreten Vorgange, welche dem zugrunde liegen, was die
Aufienwelt so phantastisch findet, wenn in der Anthropo-
sophie davon gesprochen wird, der Mensch bestehe nicht
aus dem physischen Leib allem, sondern aus physischem
Leib, atherischem Leib, astralischem Leib und Ich. Wir
werden davon dann das nachstemal reden. Aber diese
Dinge sind nicht aus den Fingern gesogen, diese Dinge sind
audi nicht erspekuliert, sondern durch ein sorgfaltiges For-
schen, das gerade die naturwissenschaftliche Methode wei-
terfuhrt bis an den Menschen heran, bis an das Gesamt-
wesen des Menschen, zustande gekommen — allerdings ein
Forschen, das davon abhangig ist, dafi man die mensch-
lichen Erkenntnisfahigkeiten immer mehr und mehr er-
hoht.
Worin besteht also die Imagination, durch die man in
die Atherwelt und in das eigentliche Atherleben eindringt?
Diese Imagination besteht darin, daft man nicht nur bis in
die Sinne hineinverfolgt die Vorgange, die durch die Sinne
erst nach riickwarts gestolSen sind und dann wiederum bis
an die Nervenendigungen nach vorne gestofien werden
konnen, sondern daft man dasjenige, was aus dem Univer-
sum, aus dem Kosmos, von gleicher Art wie die Sinnes-
wahrnehmungen ist, aber jetzt der Ubersinnlichen Welt an-
gehort, daft man das gewahr wird, wie sonst nur die Erin-
nerungen.
Wird man die weltschopferischen Krafte gewahr, wie
man sonst die Erinnerungen wahrnimmt, dann hat man
imaginatives Wesen, dann erlebt man das Atherwesen der
Welt. Wird man gewahr hinter der Sprache dasjenige, was
nun nidit vom Kehlkopf nach vorne hinausgeht, sondern
von der anderen Seite aus dem Universum, aus dem Kos-
mos hereinspricht, aber an dem Kehlkopf verstummt, dann
wird man durch Inspiration eine weitere Welt gewahr, der
wir mit unserem dritten menschlichen Organismus, mit dem
astralischen Leibe angehoren.
Dabei zeigt sich allerdings ernes. Hier in der physisch-
sinnlichen Welt haben wir auf der einen Seite die physischen
Vorgange und auf der andern Seite die moralischen Im-
pulse, die aus unserem Innern aufsteigen. Die stehen so
nebeneinander, daft heute schon die Theologie gerne mochte,
daft die Sinnenwelt nur sinnlich aufgefaftt werden sollte,
und fur die moralische Welt eine ganz andere Erkenntnis-
art da ware. In dem Augenblick, wo man bis zur Inspira-
tion vorriidkt, wo man nicht nur in der Welt lebt, in der
man spricht vom Kehlkopf vorwarts, sondern wo man in der
Welt lebt, die da durch unseren ganzen Menschen hindurch
spricht, aber am Kehlkopf verstummt, weil wir da das Tor
vorschieben, wenn wir die auftere Sprache erlernen, so daft
wir die auftere Sprache als ein Ersatzmittel gegen die Him-
melssprache erleben - in dem Augenblick, wo wir uns in
diese Welt hineinleben, die nun am Kehlkopf aufhort, dann
erleben wir den Inspirationsinhalt der Welt, dann erleben
wir die Geheimnisse der Welt, und dann erleben wir nicht
blofi eine Natur, an die die moralischen Impulse niciit her-
ankonnen, sondern wir erleben hinter dem natiirlidien Da-
sein eine Welt, wo Naturimpulse, Naturgesetzmafiigkeiten
und moralische GesetzmafSigkeiten ineinander verwoben
sind, wo sie eins sind. Wir haben den Schleier gehoben und
haben eine Welt gefunden, in der Moralisches und Physi-
sches ineinanderklingt. Und wir werden sehen, daft das die
Welt ist, in der wir im vorirdischen Dasein waren, bevor
wir zur Erde heruntergestiegen sind, in die wir wieder ein-
treten, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen
sind.
DAS ANSCHAUUNGSERLEBNIS DER
DENKTATI GKEIT UND DER
SPRACHTATI GKE IT
Dornach, 20. April 1923
Ich bin in den letzten Vortragen auf das Wesen des Men-
schen so eingegangen, dafi ich glauben kann, die Betrach-
tungen, die da angestellt worden sind, konnen audi fiir die-
jenigen verehrten Besucher verstandlich sein, die uns jetzt
die Freude machen, zum Lehrerkurs hier zu sein. Und ich
habe im Beginne dieser Betrachtungen ja schon bemerkt,
dafi das, was ich sage, in vieler Beziehung fiir die «erleuch-
teten Anthroposophen» eben eine Art Wiederholung sein
mufi. Nun mochte ich heute in diesen Betrachtungen inso-
fern fortfahren, als ich nach einer kurzen Wiederholung
wesentlicher Punkte iibergehen werde zu dem, was sich
dann an den vorigen Vortrag anschliefit.
Ich habe bemerkKch gemacht, wie der Mensch fiir die
aufiere Anschauung, fiir dasjenige, was der Sinnesbeobach-
tung gegeben ist, was dann der Verstand aus den Sinnes-
beobachtungen vielleicht auch mit Hilfe des Experimentes
kombinieren kann, wie der Mensch fiir all das zunachst
nur seinen physischen Leib offenbart. Zugrunde liegt nun
diesem physischen Leibe das, was man den Ather- oder
Bildekrafteleib nennen kann, eine feinere Menschheitsorga-
nisation, gewissermafien ein zweiter Mensch im Menschen.
Wie kommt man zu einer wirklichen Anschauung dieses
zweiten Menschen? Es ist - das mufi immer wieder betont
werden - eigentlich gar nicht einmal so besonders schwie-
rig, zu einer wirklichen Anschauung dieses zweiten Men-
schen zu kommen, die ebenso giiltig vor einem steht wie
das, was die Sinne beobachten und was der Verstand kom-
binieren kann. Man mufi nur - weil der Mensch in der heu-
tigen Zeit nicht so stark, wie das in friiheren Zeitraumen
der Menschheitsentwickelung der Fall war, in dem Gedan-
kenelemente selber lebt, sondern sich in dem Gedanken-
element mehr einem passiven Verhalten hingibt und Ein-
driicke erwartet von der Sinneswelt -, man muE nur durch
Obungen dieses Gedankenelement verstarken. Gewift, der
Mensch hat auch heute Gedanken, aber er kann kaum zu
einer wirklichen Einsicht in die Wesenhek des Denkens, der
Denktatigkeit kommen, weil er ganz und gar gewohnt ist,
in seine Gedanken sogleich einflieften zu lassen, wenn er er-
wacht, die aufieren Sinneseindriicke; weil er eigentlich nur
auf diese aufteren Sinneseindriicke etwas gibt. Er kommt
dadurch zwar dazu, fur seine Gedanken einen Inhalt zu
haben, namlich den aufteren Sinnesinhalt; aber er kommt
nicht dazu, die eigene Tatigkeit des Denkens zu fuhlen, zu
empfmden. Dies wird fiir den heutigen Menschen eben
durch solche Obungen erreicht, wie ich sie besprochen habe
zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?».
Solche Ubungen verlangen vom Menschen, dafi er gewis-
sermafien sich mit seinem ganzen Wesen in die Denktatig-
keit hineinversetzt, daft er sich hingibt mit aller inneren Ge-
walt dem Denken, und dafi ihm bei diesem Denken dann
gleichgiiltig ist, was die aufteren Sinne ihm uberliefern, daft
er also ganz bewuftt nur in der Denktatigkeit lebt.
Helfen kann einem viel zu dieser inneren Denkiibung,
wenn man sich einmal mit Mathematik beschaftigt hat,
namentlich mit Geometrie. Diese Denktatigkeit, die man
in der Geometrie auszuiiben hat, braucht man nur - ich
mochte sagen durch einen machtigen Ruck in das eigene
Wesen - in ihrer Selbstandigkeit, in ihrer Bildhafligkeit, in
ihrem inner en Leben und Weben zu erfahren, dann hat
man schon, wenn man ein Dreieck aufzeichnet, eben ein
Erleben der Aktivitat des Denkens. Sie konnen ja allerdings
ein Dreieck auf die Tafel zeichnen. (Es wird gezeichnet.)
Aber ist das ein Dreieck? Das, was auf der Tafel stent, ist
kein Dreieck, das ist eine grofie Anzahl von Kreidekliimp-
chen, die da an der schwarzen Tafel kleben, die man sogar,
wenn man ein hinreichend starkes Mikroskop hatte, ab-
zahlen konnte. Das ist ja kein Dreieck. Es ist ein Unsinn
zu glauben, dafi da auf der Tafel das Dreieck ist. Das Drei-
eck konnen Sie nur in Ihrer Seele haben, in dem Gedanken,
den Sie sich an der Hand dieser Kreideklumpchen, die da
an der Tafel kleben, machen. Und wenn Sie auch absehen
von den Kreideklumpchen, die an der Tafel sind - Sie kon-
nen meinetwillen recht oft diese Tafelbeschmiererei mit
Kreide gemacht haben -, dann konnen Sie, ohne dafi Sie
eine Tafel haben, wenn Sie einf ach sitzen oder stehen, selbst
ohne einen Finger zu bewegen, blofi in Gedanken die
Vorstellung des Dreiecks haben, und dann konnen Sie ver-
folgen, wie Sie - aber alles nur in Gedanken - hier anfan-
gen einen Strich zu ziehen, dann einen zweiten, dann einen
dritten. Sie konnen leben in dieser inneren Tatigkeit, ohne
daift Sie irgend etwas da aufien machen. Sie konnen immer
mehr und mehr solche tJbungen machen, insbesondere auch
kompliziertere Obungen. Zum Beispiel denken Sie sich ein-
mal, Sie haben hier noch einmal die Tafel beschmiert mit
roten Kreideklumpchen und beschmieren sie jetzt mit gru-
nen Kreideklumpchen. Und jetzt mache ich noch einmal
die Schmiererei, und Sie machen meinetwillen das Folgende:
Sie haben sich an diesen beiden Figuren veranschaulicht,
was Sie innerlich machen sollen, und jetzt stellen Sie sich
vor, schnell nur, geradeso, wie Sie vorhin das Dreieck in
Gedanken gezeichnet haben: das Rote wachst in das Griine
hier hinaus, hort hier auf, und das Griine schiebt sich unter
dem Roten durch, so dafi aus dieser Figur diese Figur ent-
steht, und diese Figur aus jener - blofi im Denken. Da ha-
ben Sie das Rote in der Mitte, das Griine ringsherum. Jetzt
stellen Sie sich vor: das Rote wachst, das Griine zieht sich
zusammen. Nun haben Sie vor sich den griinen Kreis zu-
sammengezogen, das Rote hier herum, das rote Rad; jetzt
wiederum umgekehrt: das Rote schiebt sich herein, das
Griine dehnt sich aus, und das lassen Sie abwechseln, ganz
in rhythmischer Folge, indem innerlich ein Kreis ist, auften
ein Rad: rot, grim; griin, rot; rot, griin; griin, rot. Sie
stellen sich das vor, ohne dafi Sie irgendwie notig haben,
etwas aufierlich zu tun. Da werden Sie allmahlich gewahr
werden, da£ Denken heifk: geradeso innerlich etwas tun,
wie etwas aufierlich tun heiftt, seine Hand gebrauchen,
seinen Arm gebrauchen. Wenn Sie Ihren Arm gebrauchen,
das spiiren Sie. Nun miissen Sie spiiren lernen, was es heifk:
die Gedankenkrafle gebrauchen. Wenn Sie Ihre Arme ge-
brauchen und spiiren, so erleben Sie Ihren physischen Leib.
Wenn Sie anfangen, in dieser Weise Ihre Gedanken zu ge-
brauchen, so spiiren Sie Ihren zweiten Menschen, Ihren
Atherleib, Ihren Bildekrafteleib. Sobald Sie wirklich das
so weit gebradit haben, dal5 Sie sich nur einen Ruck zu ge-
ben brauchen, um iiberzugehen vom Armbewegungen-Spii-
ren, Beinbewegungen-Spiiren zum Spiiren der innerenDenk-
krafte, in diesem Augenblicke erleben Sie Ihren zweiten
Menschen, Ihren Athermenschen, Ihren Bildekraflemen-
schen. Aber Sie erleben ihn so, daft er eigentlich ganz aus
Gedanken gewoben ist. Und in diesem Augenblick wird
Ihnen zugleich Ihr ganzes Erdenleben wie gegenwartig. Wie
in einer einzigen Oberschau sehen Sie Ihr ganzes Erden-
leben zuriick bis in die erste Kindheit hinein.
Was Sie da als den zweiten Menschen erleben, ist eben
nicht ein Raumesleib, ist ein Zekleib. Und man kann, das
sagte ich schon in diesen Vortragen, wenn man den phy-
sischen Menschen zeichnet, dann hineinzeichnen diesen Zeit-
leib. Aber es ist nur eine Phase festgehalten, also so, wie
wenn man eine Phase des Blitzes festhalt. Dieser Bilde-
krafteleib lebt nicht imRaume;er lebt nur fur einen Augen-
blick im Raume. Im nachsten Augenblick ist er etwas an-
deres. Er ist in fortwahrendem Fluktuieren, in fortwahren-
der Veranderung. Und diese Veranderung erlebt man als
das Lebenstableau.
Aber zu gleicher Zeit damit erlebt man, dafi man nun
sich als einen Teil des ganz en Universums fuhlt, dafi man
nicht mehr der Meinung ist, man sei in seiner Haut abge-
schlossen, sondern dafi man selbstverstandlich zu der Mei-
nung kommt, man fluktuiere innerhalb des ganzen Uni-
versums, man ist eigentlich nur eine Welle im atherischen
Universum.
Und man bekommt noch andere Anschauungen iiber die-
sen zweiten Menschen. Man bekommt noch die Anschau-
ung, da£ er fortwahrend das Bestreben hat, die physische
Materie, die man in sich tragt, in ihr Nichts aufzulosen. Ich
habe in diesen Tagen zu einer Anzahl von Ihnen in einem
anderen Zusammenhange gesagt: Die physische Materie,
der physische Stoff driickt; dasjenige, was im Atherischen
lebt, saugt, bringt das, was den Raum erfiillt, aus dem
Raum heraus, saugt alles auf. Und wir leben eigentlich in
unserem Erdenleben fortwahrend in diesem Wechselspiel.
Wir ernahren uns, bringen dadurch in uns physische Ma-
terie hinein. Diese physische Materie stromt durch die Er-
nahrung ein Stuck in unseren Leib hinein, richtet da allerlei
Prozesse, Vorgange an, die im Sinne dieser physischen Ma-
terie orientiert sind. Wenn wir Sauerkohl essen, so benimmt
sich der Sauerkohl zunachst so — indem er ein Stiick hinein-
geht in unseren Organismus — , wie er eben nach seinen
chemischen und physischen Eigenschaften als Sauerkohl sich
benehmen kann. Wenn wir Milch trinken, benimmt sich die
Milch nach Milchesart. Aber das wird der Milch und dem
Sauerkohl bald ausgetrieben. Da beginnt der Atherleib
seine Tatigkeit und hat das Bestreben, nun das Milchsein
und Sauerkohlsein auszuloschen, so dafi ein fortwahrender
Kampf in uns ist zwischen Sauerkohlsein und Milchsein
einerseits und dem Ausgeloschtwerden von Sauerkohlsein
und Milchsein. Dieser Kampf ist da, und er spielt sich ab.
Es zeigt sich das Vorhandensein dieses Kampfes in dem,
was der Mensch absondert, und in demjenigen, was als
Bildekrafte, als ubersinnliche Menschheitsorganisation,
nach dem Kopfe hin wandert. Genau ebensoviel, wie wir
absondern durch die verschiedenen Absonderungsorgane,
verwandelt sich nach der anderen Seite in negative Materie,
in negativen Stoff, der als saugendes Prinzip in unserem
Nervensystem, insbesondere in unserem Gehirn lebt. Und
niemand kann den Menschen kennenlernen, der nur auf
den physischen Leib hinschaut, denn da lernt man sozu-
sagen nur von der Peripherie herein ein Stiick der Vor-
gange kennen, die im menschlichen Organismus sind. Da
lernt man ein Stiick dieser Vorgange kennen, die langs des
Ernahrungstraktes verlaufen. Und dann lernt man er-
kennen dasjenige Stiick, das sich durch Schweifi oder durch
Sonstiges absondert. Aber fiir alles solches Absondernde,
das heifit ins Grobmaterielle Verfallende, ist der andere
Pol da, das, was sich nach dem Nervensystem als das Athe-
rische hinzieht. Fiir alles das, was wir als aufiere materielle
Substanz absondern, geht in uns Atherisches hinein. Dieses
Atherische, das wirbelt und wellt und webt in unserem
atherischen oder Bildekrafleleib, der uns in der Weise, wie
ich es beschrieben habe, ganz durchsetzt.
Und sich selbst lernt man, wie ich schon angedeutet habe,
als diesen zweiten Menschen dadurch kennen, dafi man be-
achtet, wie die Erinnerungskraft, das Erinnerungsvermogen
sich verandern kann. Im gewohnlichen Leben nehmen wir
die aufieren Eindrikke wahr. Sie setzen sich nach innen zu
fort in den Gedanken, in den Vorstellungen, und stocken
dann. Wir konnen sie wieder hervorrufen. Aber wenn wir
sie wieder hervorrufen, dann kommen wir mit unserer
inneren Kraft nur bis zu den Nervenendigungen. Wenn wir
also das Auge betrachten, wenn wir eine aufiere Wahrneh-
mung machen, so stofien wir durch die Nervenendigungen
des sich im Auge ausbreitenden Sehnervs hindurch bis in
die Blutzirkulation des Auges. Dadurch entsteht die Wahr-
nehmung. Wenn wir uns blofi erinnern, so stolen wir nur
bis zu dem Ende des Nerven im Auge, bis da, wo der Nerv
gewissermafien auslauft. Wir stofien nicht durch die Ner-
venendigungen durch bis ins Blut mit unserem atherischen
oder Bildekrafteleib.
Wenn wir dann das Denken verstarken, dann ist es so,
als ob wir nicht blofi jenen Ruckstofi erfahren wiirden, den
wir in der gewohnlichen Erinnerung haben, wo wir erst die
Wahrnehmung aufgenommen haben, sie zu Vorstellungen
umgebildet haben, die dann in uns stocken, zuriickgestofien
werden; sondern wenn wir, gewissermafien von riickwarts
herkommend, noch dasjenige aufnehmen, was atherisch in
der Welt ist, dann stofien wir mit diesem atherischen Ge-
dankeninhalt der Welt in unserem Organismus gerade so
weit vor, wie wir sonst mit den Erinnerungen, die aber nur
Reminiszenzen des Lebens sind, vorstofien. Dann eignen
wir uns eben ein Bewulksein von dem atherischen Gesche-
hen in der Welt an, dann leben wir in dem Athergeschehen
der Welt drinnen. Und derjenige Mensch, der sich in dem
Athergeschehen der Welt erlebt, der erlebt sich, wenn ich
das skizzenhaffc aufzeichnen soil, so: Da ist das Atherge-
schehen der Welt in mannigfaltigster Weise (gelb). Sie miis-
sen es sich konfiguriert denken. Da webt und lebt alles
drinnen. Und dann erlebt sich der Mensch in diesem Ather-
geschehen. Es wird sonderbar da aussehen, aber es ist so -
was ich hier aufzeichne (rot), mufi man so auffassen -: die
Fufie, die Beine bemerkt man kaum. Man erlebt nun das
Athergeschehen so, daft man gewissermaften an einem
Punkte aus diesem Athergeschehen herauswachst. Man er-
lebt das Athergeschehen bis zu seinen Nervenendigungen
hin. Das geht durch den Riicken durch und geht bis zu den
Nervenendigungen des Vorderleibes, und man ist so der
letzte Auslaufer der Atherwelt. So nimmt sich das gegen-
iiber der gegenwartig vorhandenen Atherwelt aus. Man
nimmt die Atherwelt durchaus so wahr, dafi, wenn man
sich da so hinausgedrangt sieht wie in eine letzte Ecke des
Athergeschehens, das letzte Snick noch in einen hereinragt
und bei einem dann dieses Athergeschehen aufhort. Kurz,
man lebt sich auf diese Weise in das Athergeschehen der
Welt ein.
Und es ist wirklich wahr: Es ware gar nicht so schwierig
zu erreichen, wenn die Menschen nur in der gegenwartigen
Zeit die Neigung hatten, sich, wie ich es beschneben habe,
in die Denktatigkeit selbst einzuleben.
Man kommt ja am leichtesten dazu, sich in diese Denk-
tatigkeit selbst einzuleben, wenn man das, was in meiner
«Philosophie der Freiheit» enthalten ist, richtig durchlebt.
Dort ist zum Beispiel hingewiesen auf dieses Denkerleben
fiir die ethische, fiir die moralische Welt. Qualitativ ist es
dasselbe, was ich da beschrieben habe. Und wenn man in
der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» studiert,
so kommt man darauf, was eigentlich dieses Athererleben,
dieses Bildekrafteerleben ist.
Das nachste Erleben kann dann so entstehen, dafi man
nicht blofi die Denktatigkeit ergreift, sondern dafi man die
Sprachtatigkeit ergreift, dafi man sich zur Anschauung der
Sprachtatigkeit erhebt. Hier kann man sogar bei der ganz
gewohnlichen Sprachtatigkeit des alltaglichen Lebens be-
ginnen. Nur mufi man es mit der Sprachtatigkeit ebenso
weit bringen wie mit der Denktatigkeit. Mit der Denk-
tatigkeit mul$ man es so weit bringen, dafi die Sinne schwei-
gen, dafi man nur aktiv im Denken lebt, dafi man von den
Sinnen nicht beeindruckt wird. Mit der Sprachtatigkeit
muE man es dazu bringen, dafi man vieles auszusagen hat,
daft man nicht Worte-arm, sondern Worte-reich ist, dafi
man furchtbar vieles zu erzahlen hat, aber auch nach Will-
kiir fiir eine gewisse Zeit der Obung alles verschweigen
kann. Ich weilS, dafi das fiir manche Menschen eine aufierst
starke Zumutung ist; aber fiir das Erkennenlernen des drit-
ten Menschen ist das durchaus notwendig. Man mufi ge-
radezu verstehen, was das heifit: Man hat alle Vorberei-
tungen innerlich dazu gemacht, dafi einem das Wort aus der
Zunge herausfahren sollte; aber man lernt schweigen, aktiv
schweigen. Passiv schweigen lernen, wenn man in einem
leeren Raum ist - natiirlich nicht in einem luftleeren, son-
dern in einem menschenleeren Raum - wo man zu nieman-
dem etwas zu sagen hat, blofi passiv schweigen lernen, das
hilft nichts, sondern aktiv mufi man schweigen lernen.
Nun konnen Sie sagen: Da wird man ja ein recht lang-
weiliger Kerl werden, wenn man unter den Menschen her-
umgeht und sich im Schweigen ubt, das heifit, sich vor die
Menschen hinstellt, und statt dalS man ihnen etwas erzahlt,
sie anschweigt. Nun will ich durchaus nicht leugnen, dafi
das, so wenig erfreulich es in sozialer Beziehung ware, sogar
in bezug auf das geistige Vorwartskommen aulSerordentlich
viel Fruchtbares erbringen konnte. Ja, es konnte schon
ganz f ruchtbare Resultate lief ern, wenn zum Beispiel irgend-
ein Mensch in eine Gesellschafl; ginge, wo man gewohnlich
nicht schweigt, und wo er auch sonst nicht gewohnt ist, zu
schweigen, und er nun anfangt zu schweigen. Er redet
nichts, trotzdem er ungeheuer viel weifi, und eigentlich aus
demselben, was er da weifi, friiher immer furchtbar viel ge-
schwatzt hat. Ich sage, man konnte das tun; aber man
braucht es nidbt aufierlich zu tun, und es wird, trotzdem es
fruditbar sein konnte, dennoch wiederum in bezug auf ho-
here Intentionen nidit allzuviel liefern. Es handelt sich
vielmehr darum, dafi man den ganzen Vorgang, den ich
beschrieben habe, innerlich macht, dafi man alle Veranstal-
tungen zum Reden macht, aber es innerlich nicht zum Re-
den kommen laftt.
Sie werden besser verstehen, was ich meine, wenn ich
Ihnen zum Beispiel sage, dajR man ja im gewohnlichen Le-
ben gar nicht wirklich denkt. Man denkt zum Beispiel iiber
Mathematik, wenn man ein Dreieck in der Weise macht,
wie ich es vorhin beschrieben habe; man denkt insbeson-
dere, wenn man solch absonderliche Dinge macht, fiir die
es in der Sprache keine Worte gibt. Aber wenn man nur in
den Dingen denkt, die so landlauflg unter den Menschen
heute leben, so denkt man eigentlich nicht wirklich, denn
in diesem Denken vibrieren fortwahrend die Sprachorgane
mit, wenn auch so leise, dafi man es nicht hort. Das Den-
ken der Menschen heute, wo sie so wenig das Denken lie-
ben, dem nichts Aufterlich-Sinnliches entspricht, ist gar kein
wirkliches Denken. Es ist nur ein seelisches Weben in Wort-
schatten. Man priife sich nur einmal, und man wird sehen,
wie dieses seelische Weben in Wortschatten vorhanden ist.
Wenn man nun in der Lage ist, seinen Kehlkopf wirklich
auch innerlich vollstandig zur Ruhe zu bringen und den-
noch die innerliche Tatigkeit in der Seele ausubt, die sonst
der Kehlkopfbewegung zugrunde liegt, wenn also die
Obung, aus den Worten herauszukommen, eine ganz inner-
liche bleibt, wenn man mit der Sprachf ahigkeit mit anderen
Worten dasselbe macht, was man vorher mit der Denk-
tatigkeit gemacht hat, die eine umgewandelte Erinnerungs-
f ahigkeit ist - da stoftt man nur bis zu den Nervenendigun-
gen, jetzt ubt man die Sprachtatigkeit nur bis zum Kehl-
kopf aus, gerade bis zu dem Punkte, wo er anfangen will
zu sprechen — , dann bildet sich nach und nach eben das-
jenige aus, was ich in der letzten Zeit in den offentlichen
Vortragen «das tiefe Schweigen der menschlichen Seele» ge-
nannt habe. Namlich, es nicht zum innerlichen Reden kom-
men zu lassen, heifit, das tiefe Schweigen der Seele aus-
bilden.
Das tiefe Schweigen der Seele muft man so verstehen:
Denken Sie sich, Sie sind in einer Stadt, vielleicht nicht
gerade in Basel, sondern in London oder in einer noch
tosenderen Stadt. Sie sind im lauten Tosen drinnen. Jetzt
entfernen Sie sich von der Stadt. Das Tosen wird schwacher.
Sie gehen weiter, und das Tosen wird immer schwacher. Sie
kommen vielleicht in die einsame Stille des Waldes. Sie
sagen: es ist ganz ruhig innen und auEen. Es wird einen
Punkt geben, wo die Ruhe Null eintritt, also die Nullruhe
eintritt. Erst ist das Gerausch, jetzt wird es ruhiger, nun
kommt die Nullruhe. Nun kann das aber weitergehen. Und
dafi es weitergeht, daft man nicht nur jene Ruhe hat, wo
die aufiere Welt audi in der Seele schweigt, sondern daE
man das tiefe Schweigen bekommt, das kann eben ein Er-
gebnis dieses Sichenthaltens der Worte sein, trotzdem man
all die innere Tatigkeit, die es zu den Worten bringen
kann, ausiibt, nur nimmt man den physischen Leib nicht in
Anspruch. Die einzelnen Obungen habe ich in dem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» be-
schrieben. Da merkt man dann, dafi es noch etwas mehr
gibt als die Nullruhe. Und ich habe in den off entlichen Vor-
tragen einen trivialen Vergleich gebraucht, ich habe gesagt:
Denken wir, einer habe ein bestimmtes Vermogen. Er gibt
davon aus; da hat er weniger. Er gibt weiter aus, da hat
er wieder weniger. Endlich hat er Null. Ja, jetzt gibt er
weiter aus, da macht er Schulden, da hat er noch weniger
als Null. Und so geht es weiter. Die Mathematiker haben
ja da die negativen Zahlen eingefiihrt -6 -4 -202468
usw. So konnen Sie sich audi vorstellen, dafi die Nullruhe
iibergeht in das Negative, in dasjenige, was stiller als die
Stille, ruhiger als die Ruhe ist. Das konnen Sie in der Seele
herstellen.
Dann aber, wenn auf diese Weise die aufiere Welt nicht
nur schweigt, sondern mehr tut als schweigen, wenn die
Reaktion der Seele iiber die Nullruhe hinausgeht in das
Negative des aufieren Tonens und Lautens, dann beginnt
aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus der Geist zu
sprechen, und dann nehmen wir unseren dritten Menschen
wahr, den wir dann den astralischen Menschen nennen.
Ausdriicke sind gleichgultig, es ist eine Terminologie, man
konnte ihn auch anders nennen. Dieser astralische, dieser
dritte Mensch, den werden wir gewahr, wenn wir bei dem
tiefen Schweigen der Seele ankommen, und aus dem tiefen
Schweigen der Seele heraus das andere, das Geistige tont,
was das entgegengesetzte Tonen des physischen Tonens
ist. Und dieser astralische Leib fiihrt uns in jeder Beziehung
weiter als der blolte atherische Leib. Um das zu verdeut-
lichen, lassen Sie mich etwas Kosmisches anfiihren.
Der heutige physische Forscher oder Astronom, iiber-
haupt der heutige Naturwissenschafler, was tut er? Er er-
forscht Naturgesetze. Er beobachtet und gewinnt dadurch
Naturgesetze; oder aber er experimentiert und gewinnt da-
durch Naturgesetze. Jetzt hat er sie, diese Naturgesetze; sie
sind seine Wissenschaft, sie geben ihm dasjenige, was in den
Dingen liegt. Mehr sollte er eigentlich nicht sagen. Aber
jetzt fangt er an, auf seine Naturgesetze stolz und hoch-
miitig zu werden und tut jetzt eine Behauptung, die er
eigentlich gar nicht tun konnte, namlich: dafi diese Natur-
gesetze im ganzen Universum gelten. Er sagt, wenn ich auf
der Erde in meinem Laboratorium etwas erforscht habe,
und wenn die Bedingungen ebenso hergestellt werden konn-
ten auf den fernsten Sternen des Weltenalls, von denen das
Licht so und so viele Lichtjahre braucht, um zur Erde zu
kommen — die Menschen geben ja vor, dafi sie sich bei die-
sen Dingen etwas vorstellen konnen — , so wiirden, wenn
eben dort die Bedingungen ebenso hergestellt werden konn-
ten, die Naturgesetze selbstverstandlich dort auch gelten,
denn diese Naturgesetze sind eben von absoluter Giiltig-
keit.
Ja, aber so ist es nicht. Wenn hier eine Lichtquelle ist, so
leuchtet sie in der Umgebung zunachst stark. In weiterer
Verbreitung ist die Lichtstarke wesentlich geringer; wenn
wir noch weiter gehen, noch geringer, und wenn wir ganz
weit gehen, wird sie lichtschwach. Es nimmt da die Licht-
starke mit dem Quadrate der Entfernung ab. Das ist so
beim Licht. Und das ist kurioserweise auch so auf der Erde
bei Naturgesetzen.
Was Sie auf der Erde als Naturgesetze konstatieren, das
wird immer ungiiltiger, je weiter Sie sich von der Erde ent-
fernen. Nicht wahr, es ist ja furchtbar, so etwas auszuspre-
chen, und vor dem geregelten Naturforscher mufi man eben
ein wirklicher Idiot sein, wenn man so etwas ausspricht,
selbstverstandlich. Das versteht man ja ganz gut, denn
wenn man zu diesen Dingen kommt, so kann man sich sehr
leicht in die Seele eines gegenwartigen Naturforschers hin-
einversetzen. Nur das Umgekehrte ist nicht der Fall: er
kann sich nicht in die Seele des Geistesforschers hineinver-
setzen. Wie der Naturforscher zu alledem kommt, was er
behauptet, das weilS der Geistesforscher sehr gut, nur eben
das Umgekehrte ist nicht der Fall. Daher sind auch zumeist
die Kritiken iiber die Geistesforschung, die von naturfor-
scherischer Seite ausgehen, von jener Seite ja vollstandig
berechtigt; aber sie besagen weiter nichts, als dafi sidi der
Naturforsdier bei den Aussagen des Geistesforschers nichts
denken kann. Das mufi man ihm aber glauben, denn das ist
so. Er kann sich eben nidits denken. Er mufi eben zuerst ein
Geistesf orscher werden, wenn man iiberhaupt mit ihm pole-
misieren will. Daher ist alles Polemisieren mit demjenigen,
der ein Naturforsdier bleiben will und sich nichts denken
kann bei den Ergebnissen der Geistesforschung, etwas ganz
Vergebliches.
Nun, das beziiglich des Lichtes wird ja der Naturforsdier
zugeben - das ist ja natiirlich sein eigenes Resultat - be-
ziiglich der Naturgesetze wird er es nicht zugeben. Aber
schon beziiglich des Lichtes mufi der Geistesforscher eine
Einschrankung machen. Sehen Sie, der Naturforscher sagt,
wenn das Licht da ausstrahlt, so nimmt seine Lichtstarke
immer mehr und mehr ab, eben je weiter man hinaus-
kommt, und zuletzt wird es so, daft man die Lichtstarke
von der Null nicht mehr unterscheiden kann. Aber sehen
Sie, eine solche Behauptung ist genau ebenso gescheit, wie
wenn einer sagt: Ich habe hier einen Ball, der 1st elastisch;
den driicke ich jetzt ein. - Nun, in Wirkiichkeit hat der Ball
dann das Bestreben, wie Sie wissen, nach der anderen Seite
auszuschlagen. Die Elastizitat treibt die Oberflache hin und
her. Nun sagt einer: Das kann ja gar nicht sein; wenn ich
da iiberhaupt etwas Elastisches einbiege, so mulS das immer
weiter und weiter sich biegen; nur wird es zuletzt hier so
schwach, dafi man es nicht mehr sieht, nicht mehr wahrneh-
men kann. -Aber es ist eben nicht so. Das Elastische schnellt
wieder zuriick. Geradeso ist es mit dem Licht. Das Licht
breitet sich ja nicht so aus, dafi man sagen kann: da drau-
fien ist es so schwach, dafi es schon bald in die Finsternis
hineinkommt, aber es breitet sich immer weiter aus. Das
ist eben nicht wahr. Es breitet sich nur bis zu einem gewis-
sen Punkte, bis zu einer gewissen Kugelschale aus, und dann
schnellt es zuriick. Und indem es zuriickkommt, sieht es
nur der Geistesf orscher, nicht der Naturf orscher. Denn wenn
das Licht seine Elastizitat erschopft hat und zuriickschnellt,
kommt es als Geist, als "Obersinnliches zuriick. Da wird es
dann vom Naturforscher nicht wahrgenommen. Es strahlt
kein Licht aus, das nicht an eine gewisse Grenze kommt,
wieder zuriickstrahlt und als Geist zuriickkommt. Aber
dasjenige, was idi Ihnen hier fiir das Licht sagen mochte, ist
auch fiir die Naturgesetze so. Die Naturgesetze nehmen in
bezug auf ihre Giiltigkeit ab, je weiter ich da in die Um-
gebung hinauskommen wiirde. Aber das geht nur bis zu
einer gewissen Kugelschale; dann kommt alles wieder zu-
riick. Dann aber kommen die Naturgesetze als sinnvolle
Gedanken zuriick. Und das ist der Weltenather.
Der Weltenather hat nicht eine radial ausstrahlende Be-
wegung in bezug auf die Erde, sondern eine hereinkom-
mende Bewegung, eine von alien Seiten herankommende
Bewegung. Aber das, was in dieser Einstrahlung auf die
Erde lebt, das sind uberall sinnschopferische Gedanken.
Eine Gedankenbildekraftewelt ist zugleich der Welten-
ather. Aber noch einen Haken hat dieses. Wenn ich hier auf
Erden Gedanken so fasse, wie man sie fafit, dafi man zu
Naturgesetzen kommt, da sind die Gedanken so hiibsch
eben in Linien gebildet, wenn ich mich figiirlich ausdriicken
darf, dafi man dann sagen kann: es gibt eine gewisse Kon-
stanz des Stories, eine Konstanz der Kraft. Es gibt einen
Brechungsexponenten der Lichtlehre und so weiter. Man
formuliert durch Gedanken dasjenige, was im Materiellen
lebt. Wenn die Gedanken aber zuriickkommen, wenn man
es erlebt, wie die Gedanken im Weltenather leben, da sind
sie nicht solche logischen Gedanken und nicht solche Ge-
danken mit scharfen Konturen, da sind sie Bildgedanken,
Bilder, Imaginationen.
In diesen Dingen erlebt man ja gerade gegeniiber dem
heutigen Geistesleben ganz merkwiirdige Dinge. Ich habe
wiederum zu einigen von denen, die hier sitzen, vor einigen
Tagen gesagt: Uber den Weltenather sind ja im Laufe der
letzten vierzig, fiinfzig Jahre Theorien iiber Theorien oder
Hypothesen meinetwillen geformt worden. Der Welten-
ather wurde von einigen als starrer Korper, von anderen
als flussiger Korper auf gef a£t, von anderen als Weltengas,
als etwas, was in einer Art von wirbelnder Bewegung lebt
und so weiter. Aber was geschieht denn da, wenn man
solche Hypothesen auf stellt? Wenn man solche Hypothesen
aufstellt, dann fahrt man eben mit dem Denken so fort,
wie man dieses Denken gewohnt worden ist an den sicht-
baren Naturwesen und Naturvorgangen. Aber das, was
einem da zuruckkommt, das hat ja langst aufgehort in
solche Gedanken sich fassen zu lassen, welche die Natur-
gesetze formulieren. Was da zuruckkommt, ergreift man
nur, wenn man anfangt, in Bildern zu denken, imaginativ
zu denken. Man mochte sagen: Der Inhalt, die Formulie-
rung unserer Naturgesetze nimmt mit dem Quadrat der
Entfernung an Gultigkeit ab, bis zu einer gewissen Kugel-
schale hin. Dann haben die Naturgesetze iiberhaupt aufge-
hort zu sein. Da verwaschen sie sich alle ineinander, da
verschwimmen sie ineinander, und da kommen sie wieder-
um zuriick, aber jetzt als Bilder; in Formungen, in Gestal-
tungen kommen sie zuriick.
Und nun schaut man, wenn man eben in solche Lage des
Schauens gekommen ist, wie ich es vorhin beschrieben habe,
die Welt atherisch an, das heifit in Bildform, und man mulft
sich das Gestandnis machen: Jetzt siehst du fur die Weile,
wahrend du in diesem Atherischen lebst, nichts von deinem
physischen Leib, aber es ist dir auch das Denken verdunstet,
das du in der gewohnlichen Welt anwendest. Jetzt ist es so,
wie wenn das Universum iiberall zuruckstrahlte, Bilder
schickte, Imaginationen schickte. So daE man anfangt, das
logische Denken m plastisch-malerisches Denken iiberzu-
fiihren, wenn man den Ather begreifen will. Daher wird
es ganz selbstverstandlich, dafi der Ather nicht begriffen
werden konnte von alien den Hypothesen, die ihre Rech-
nungen von dem Standpunkte hier anstellten; denn bis da-
hin, wo der Ather ausstrahlt, haben alle Rechnungen und
all das Zeug, das man iiber die physischen Naturerschei-
nungen macht, ihre Bedeutung verloren. Da findet gar nicht
das Ausstrahlen mehr statt, sondern das Hereinkommen,
und da kommt nicht dieses Denken herein, das man hier
im gewohnlichenBewufitsein anwendet, sondern da kommt
ein Denken herein, das im Grunde genommen nur in der
Kunst lebt, aber in der Kunst audi nur eben in irdischer
Weise.
So paradox das ist, was ich Ihnen jetzt sagen mufi, es ist
Wahrheit einfach fur denjenigen, der die Welt durchschaut.
Denken Sie sich, ich mache eine Holzplastik, und mache
diese Holzplastik in der Form, in der Gestaltung eines
Menschen; also meinetwillen einen Menschen forme ich. Ich
mache diese Holzplastik in der Form, in der Gestaltung
eben recht menschenahnlich. Sagen wir, es gelingt mir wirk-
lich, die auEere Formung so zu bekommen, wie die aufiere
Formung des Menschen ist. Nur das eine bringe ich als Pla-
stiker nicht zustande: dafi der Raum ausgesaugt wird. Ich
bringe als Plastiker es nur zustande, die physische Materie
zu bemeistern. Konnte ich an der Stelle des Raumes, wo ich
diese Holzplastik mache, auch die Athergesetze des Welten-
alls in Tatigkeit bringen, das heifit wiirde dieses tiefe
Schweigen aufierlich eintreten, wiirde die negative Ruhe,
nicht blofi die Nullruhe da sein, wiirde nicht blofi Raum
da sein, sondern etwas, wo auch noch der Raum heraus ist,
dann wiirde zwar aus meiner Holzplastik nicht der Mensch
entstehen, aber etwas Pflanzenahnliches. Die Holzplastik
bleibt nur eine Plastik, weil eben nur mit dem Physischen
gerechnet wird, also blofi der Abdruck der Form gemacht
wird, weil nicht auch dasjenige, was der Form eigentlich
eigentumlich ware, gemacht wird, das Aussaugen des Rau-
mes. Das kann eben nicht geschehen, sonst wiirde meine
Holzplastik ein wachsendes Gebilde sein. So miissen Sie
sich klar sein dariiber, dafi Sie mit einem gewohnlichen
kiinstlerischen Denken, mit einem gewohnlichen kiinstle-
rischen Empfinden allerdings nicht an die Atherwelt heran-
kommen, weil dieses Herankommen an die Atherwelt et-
was ist, wo man nicht nur in den Raum etwas hineinschaut,
sondern wo man den Raum ergreift, so dafi der Ather den
Raum leer macht. Und dann erlebt man das Lebendige in
diesem ausgesaugten Raume, oder eigentlich besser gesagt,
in dem Aussaugen des Raumes. Es mufi eben ein ganz an-
deres Denken eintreten, wenn man zu diesen hoheren Wel-
ten hinaufkommen will.
Und dann, wenn man das andere noch erlebt hat, was ich
Ihnen gesagt habe, das tief e Schweigen der Seele, dann tritt
noch etwas anderes ein. Da erleben Sie, wie die Gestaltun-
gen, die Athergestaltungen aus dem Weltenall an Sie her-
ankommen. Aber zu gleicher Zeit erleben Sie in den Ather-
gestaltungen empfindende Geistwesen. Es kommen jetzt
nicht nur Athergestaltungen, sondern wirkliche Geistwesen
der sogenannten hoheren Hierarchien an Sie heran. Sie er-
leben als Geist unter Geistern. Sie erleben eine wirkliche
geistige Welt. Die kommt mit diesem Riickstrahlen heran;
iiberall wo die Athergestaltungen an uns herankommen,
erscheint die geistige Welt. Das Physische ist hinausgegan-
gen, kommt in Athergestaltungen zuriick. Mit den Ather-
gestaltungen konnen aber jetzt Geistwesen zuriickkommen.
Nur, wenn Sie sich jetzt fragen: Wo kommen denn die her -
da hat das «Wo» keine raumliche Bedeutung mehr. Die
raumliche Bedeutung haben Sie dadurch, dafi sie von der
Peripherie des Weltenalls herkommen, sie kommen von
alien Seiten des Weltenalls her, weil sie im Weltenather sich
tragen lassen. Der Weltenather gibt ihnen ein raumliches
«Wo»; dieses raumliche «Wo» ist nun aber ein Von-au£en-
Herankommen.
Diese zwei Substantialitaten, die ich auf diese Weise in
der Welt entdecke, das Bildekraftmafiige, das mir in Ather-
gestaltungen entgegenkommt und mich iiberflutet, und das-
jenige, was in dem als Geist- Wesenhaftes lebt, die eignet
slch der Mensch an, indem er aus dem vorirdischen Leben
in das irdische Leben heruntersteigt und sich ausfiillt mit
etwas, was er nun in sich zusammenhalt mit einem Teil der
unendlichen Bildekraftwelt - unendlidi imrelativen Sinne,
namlich nur so weit, als das Universum reicht - und ange-
fullt selbst mit dem astralischen Leib, mit demjenigen, was
da hereinkommt, und was ein «Wo» nur durch den Ather
hat.
Wir tragen in uns den physischen Leib, der aus den phy-
sischen Ingredienzien der Erde besteht. Wir tragen in uns
den Atherleib, der eigentlich uns zukommt aus den Weiten
des Kosmos, und wir tragen innerhalb dieses Atherleibs den
Astralleib, der Geist aus dem Geist des Kosmos ist. Wir
grenzen dasjenige, was unbestimmt, grenzenlos erscheint
fur das Universum, in uns ab.
Und wenn wir nun noch hohere Ubungen machen, wo
wir nicht blofi bis zum tiefen Schweigen der Seele kommen,
sondern wenn wir dieses tiefe Schweigen noch durchdrin-
gen und in unserem eigenen Wollen aufwachen, wie wir
sonst nur im Denken, im Vorstellen aufwachen, dann er-
leben wir unsere vierte Menschlichkeit, unser Ich. Und von
diesem Erleben des Ich will ich dann morgen um dieselbe
Zeit zu Ihnen sprechen.
DIE PHYSISCHE WELT
UND DIE MORALISCH-GEI STIGEN IMPULSE
VIER STUFEN DES INNEREN ERLEBENS
Dornadi, 21. April 1923
Wir haben in den letzten Betrachtungen uns damit beschaf-
tigt, wie dem Menschenwesen aufier dem physischen Leib
der atherische und der astralische Leib innewohnt. Und wir
haben audi darauf hingewiesen, wie der atherische oder
Bildekrafteleib erfafit werden kann, wenn der Mensch sich
bewufit wird des inneren Lebens des Denkens. Wenn der
Mensch sich so dieser inneren Lebendigkeit des Denkens
bewufit wird, dafi er in diesem Denken leben kann, audi
wenn er nicht von aufieren Sinneswahrnehmungen beein-
druckt wird, und wenn dieses Denken nicht dadurch ange-
regt wird, dafi es die aufieren Sinneswahrnehmungen kom-
biniert, sondern der Mensch sich aufrafft, aus der reinen
inneren Kraft, ohne die Anregung, die das Denken sonst
hat durch die aufieren Sinneswahrnehmungen, ein eigenes,
in ihm bestehendes Weben und Wellen des Denkens zu er-
leben, dann kann dieser Bildekrafteleib erfafit werden.
Dieses Erleben des Denkens ist zu gleicher Zeit das Er-
leben der atherischen Welt. Und ich habe ja gestern ausge-
fiihrt, wie dann, wenn man durch ein solches inneres Auf-
raffen und Denken, das eigentlich gar nicht so schwer zu
erreichen ist, sich in seinem zweiten Menschen fiihlt, man
erlebt, dafi man in diesem zweiten Menschen eine Art von
Zeitleib hat, etwas, was nicht so in Ruhe im Raume abge-
schlossen ist, wie der physische Leib, sondern etwas, das
fortwahrend fluktuiert, das fortwahrend in Bewegung ist,
das nur fur einen Augenblick raumlich angeschaut werden
kann, und audi da kaum in Konturen bestehend. Aber die-
ser Zeitleib, der enthiillt sich selber in seinem Erleben als
das Lebenstableau, das uns Menschen unsere ganze bishe-
rige Erdenlaufbahn als eine Einheit vor das Seelenauge
stellt.
Nun ist es im Grunde genommen ein recht seelisch-gei-
stiger Vorgang, in dem man da lebt, wenn man so durch
innere Erfassung des Denkens in das Atherleben des Uni-
versums sich hinein begibt. Man fiihlt in diesem imagina-
tiven Weben und Leben der Seele, das zum Erleben des
Atherischen wird, nicht jene innere Schattenhaftigkeit, die
das Seelenleben des gewohnlichen Bewulkseins hat, man
fiihlt nicht mehr das Traumhafte, das das Seelenleben des
gewohnlichen Bewufkseins hat. Man fiihlt sich auch nicht
mehr so abgeschlossen von der Welt, wie im physischen Leib,
wo man sich in seiner Haut abgeschlossen fiihlt. Man fiihlt
die auftere Welt in sich einstromen, das eigene Wesen in die
Welt ausstromen. Man fiihlt sich als ein bewegtes, und
mit der Welt sich bewegendes Glied des ganzen athe-
rischen Universums. Aber immerhin, das, was man da er-
lebt, hat gerade etwas von einem stark bangemachenden
Unwirklichen. Wahrend sich der Mensch durch Gewoh-
nung in seinem physischen Leib feststehend auf der Erde
fiihlt, empfindet er in dem Erleben im Atherischen eine ge-
wisse Unsicherheit seines eigenen Daseins. Er fiihlt sich
hinausgehoben iiber die physische Welt und noch nicht fest
begriindet in der geistigen Welt.
Dieses Fest-begriindet-Sein in der geistigen Welt tritt aber
ein, wenn von dem strebenden Menschen das erreicht wird,
was ich gestern hier genannt habe: das tiefe Schweigen der
Seele. Der Mensch mufi dahin kommen, diejenige Kraft, die
er sonst braucht als eine modifizierte Atemkraft, in Ge-
mafiheit dessen, was ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten?» beschrieben habe, nicht dazu zu ver-
wenden, urn im Atmungsprozefi die aufieren Worte der
aufieren Sprache erstehen zu lassen, sondern er mufi das,
was in Worten iiberfliefkn will, zuriickhalten. Aber er mull
dennoch innerlich jene Tatigkeit entfalten, die sonst in die
Worte ausflielk, er mufi die innerlichen Anstrengungen ma-
chen, wie sonst zum Lautreden, und dadurch muE er zum
innerlichen Schweigen gelangen. Und wenn die Seele nicht
nur bis zum Schweigen gleich Null kommt, sondern noch
unter das Schweigen gleich Null hinuntergeht zu dem nega-
tiven Schweigen, zu dem, was unter das Niveau des Schwei-
gens im Erleben hinuntersinkt, wenn wir uns gleichsam
nicht selbst iibertonen in unserem Geistigsein durch die
Krafte, die in den Atem hineinwollen, indem gesprochen
wird, und wir dennoch innerlich den Impuls zum Sprechen
entwickeln, aber das Sprechen zuriickhalten, bevor es den
Kehlkopf ergreifen will, wenn wir das Sprechen also zu-
riickhalten und dennoch innerlich die Sprachf ahigkeit ent-
wickeln, so gelangen wir nicht blo£ zu einer innerlichen
Stille, sondern zu etwas, was eben das tiefe Schweigen der
Seele ist. Zu diesem tiefen Schweigen der Seele gelangen
wir, das sich zu der Entf altung der Sprache, der Worte, die
aulterlich in der physischen Welt ertonen, nicht nur so ver-
halt, wie die Null, sondern wie die negative GroiSe. Dann
tont aus diesem tiefen Schweigen heraus das, was uns die
geistige Welt, was uns, um ein altes Wort zu gebrauchen,
der Logos aus dem Universum herein ofTenbaren will. Dann
sprechen nicht wir, dann sind wir das Instrument gewor-
den, durch das der Logos hier spricht. Und dann werden
wir gewahr unseren eigenen astralischen Leib in uns und
jene astralische Welt, von der ich gestern gesprochen habe.
Diese astralisdie Welt ist eine wesentlich andere, als die
Welt, die man durch die Sinne und den kombinierenden
Verstand im gewohnlichen Bewufitsein erlebt.
In dieser Welt der Sinne und des kombinierenden Ver-
standes im gewohnlichen Bewulksein nehmen wir in derber
Dichtigkeit die stofflichen Dinge und stoff lichen Vorgange
wahr, welche den Raum erfiillen, welche, wenn ich mich
zwar ungenau, aber popular ausdriicken will, auf unsere
Sinne drucken, so dafi wir sie eben sinnlich wahrnehmen
konnen. Wenn wir auf der einen Seite gewissermafien
stehen haben fur unser Erleben durch die Sinne und durch
den kombinierenden Verstand die derb stofflichen Dinge
und Vorgange der Aufienwelt, dann stehen auf der andern
Seite die unwirklichen Gedanken, die unwirklichen Emp-
findungen, wie wir sagen, jene unwirklichen Gedanken und
unwirklichen Empfindungen, uber die zu alien Zeiten phi-
losophierende Menschen gestritten haben, wie sie sich zu
der Wirklichkeit verhalten. Der Mensch, der nur des ge-
wohnlichen Bewufkseins sich bedient, mochte sozusagen
immer, wenn vor seiner Seele blofi Gedanken und Empfin-
dungen auftauchen, irgendwo in der stofflichen Welt mit
seinen Handen anfassen, um sich des realen Daseins zu
versichern.
So steht also auf der andern Seite das Dasein in den Ge-
danken und Empfindungen, das nicht sogleich als ein reales
wirkt, und aus diesen Gedanken und Empfindungen heraus
kommt ja fur den Menschen, gewissermafien herausflutend,
die moralische Welt, die Welt der moralischen Impulse.
Wenn der Mensch die Welt in ihrer Zweiheit so anschaut -
einmal das derb Materiell-Konkrete, was fur ihn zunachst
das Wirkliche ist, dann die in ihrer Wirklichkeit zweifel-
haflen Gedanken und Empfindungen, welche die morali-
schen Impulse enthalten so hat es fur ihn etwas, man
mochte sagen, Bedriickendes, wenn er nun hinschaut und
naturwissenschaftlich bewiesen findet, dafi durch die Erhal-
tung von Materie und Kraft das aufierlich Wirkliche eine
gewisse Ewigkeit hat, dafi aber das, was sich als moralische
Weltordnung heraushebt aus den blofien Gedanken und
Empfindungen, dann vernichtet wird innerhalb eines ge-
wissen grofien Friedhofes im materiellen Dasein, der ja aus
der hypothetischen Verfolgung der Naturerscheinungen
unbedingt hervorgeht. Es steht vor dem gewohnlichen Be-
wufksein eben als eine Zweiheit da die materielle Welt auf
der einen Seite, die moralisch-geistige Welt auf der andern
Seite, und der Mensch steht innerhalb dieser Welt, oder
eigentlich dieser zwei Welten, die so wenig miteinander zu
tun haben. Er steht darinnen, er ist mit der einen Seite
seines Wesens iibergeben der materiellen Welt, in welcher
seine Ernahrungsvorgange vor sich gehen, in welcher aus
den Ernahrungsvorgangen heraus sich seine Triebe erheben,
in welcher seine Sinne Eindriicke empfangen, in welcher
sein Verstand die Sinneseindriicke kombiniert. Der Mensch
wird sich bewufit, dafi er dieser materiellen Welt angehort,
er wird sich aber audi bewuftt, dafi seine Menschenwiirde
nur erfullt ist, wenn fur ihn eine reale Bedeutung hat, was
an moralisch-geistigen Impulsen ihm aus den in bezug auf
ihre Wirklichkeit strittigen Gedanken und Empfindungen
erfliefit.
Da tritt an den Menschen des gewohnlichen Bewufitseins
die Forderung heran, den physischen Korper, durch den er
in die physische Welt eingegliedert ist, zu erfiillen mit dem,
dessen Wirklichkeit ihm zweifelhafl erscheinen mull. Er
sieht, wie in der auEeren Natur nirgends zur Herrschaft
gelangt, was in den Impulsen des Moralisch-Geistigen ge-
geben ist. Da sieht er die Steine, die nach ehernen Gesetzen
ihre Vorgange bewirken, da flielk in dieses Geschehen in-
nerhalb der mineralischen Welt nichts von den moralisch-
geistigen Impulsen hinein. Da sieht er die Pflanzenwelt in
ihrer sanften Stille, er sieht sie zu ihrem bluhenden Dasein
aufgerufen durch das neutrale Sonnenlidit und die neutrale
Sonnenwarme, und er wird audi da nicht gewahr, wie die
moralisdien Impulse irgendwie hineinstromen sollen in die
weckende Warme der Sonne, in das weckende Licbt der
Sonne, das die Pflanzendecke der Erde zur Entfaltung
bringt.
Und endlich, er sieht hin auf das dritte Reich des Natiir-
lichen, auf die Tierheit, mit der er seiner physischen Orga-
nisation nach selber so viel gemein hat, und er muft sich
sagen: In der Tierheit ist das Moralische in solche Formen
hineingegangen, daft es nicht mehr als Moralisches erscheint.
Da iibt das Raubtier die Grausamkeit, ohne daft man ein
Recht hat, das als Grausamkeit auch im moralischen Sinne
zu bezeichnen, weil das Tier hinuntergegangen ist unter
dasjenige Niveau, wo der moralische Impuls als ein mo-
ralisch-geistiger Impuls bezeichnet werden darf. Und dann
schaut der Mensch wohl auf seine eigene physisch-mate-
rielle Natur hin und findet, daft er mit einem Teil seines
Wesens ebenso hinuntergegangen ist. Dennoch steht vor
ihm die Forderung, wenn er seine voile Menschenwiirde
erfullen will, in diese heruntergesunkene Wesenheit, in
sich selber einzufiihren die moralischen Impulse. Da gibt
es innerhalb des gewohnlichenBewufttseinskeineMoglich-
keit, einen harmonisc
…[truncated]